——y— ——= bliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun — den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.- 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wk. Pf „ 3*. 31 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ — 2 — 1 Deutſche Bibliothek. Sammlung auserleſener Original⸗Romane. Unter Mitwirkung von Ludwig Bechſtein, Adolf Glaßbrenner, F. G. Kühne, F. Kürnberger, Hermann Kurz, Hermann Marggraff, Theodor Mügge, Wolfgang Müller, Otto Müller, Otto Roquette, Leopold Scheſer, J. V. Scheffel, Georg Schirges, Lud. Storch, E. Willkomm u. a. m. Neunter Band. Erich Randal. Hiſtoriſcher Roman— aus der Zeit der E wherung Finnlands durch die Ruſſen im Jahre 1808“ von Theodor Mügge. ☛ S dddSEes.— Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1856. 1 5 8 1 1 1 ſterrieth ſt 1 O Druck von Aug in Frankfurt a. M. Erich Randal. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit der Eraberung Finnlands durch die Ruſſen im Jahre 1808 von Theodor Mügge. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie 1856. ERERBxNᷓ Das Recht der Ueberſetzung in's Engliſche behält Verfaſſer vor. Druck von Aug. Oſterrieth in Frankfurt a. M. Erſter Theil. Erſtes Kapitel. An einem ſchönen Septembertage des Jahres 1807 ſegelte ein kleiner Lugger, der aus den Scheren von Stockholm kam, über den Bottniſchen Meerbuſen und näherte ſich, als es Abend werden wollte, dem weit zerſtreuten Gewirr größerer und kleiner Eilande und Fels⸗ klippen, welche unter dem Namen„Aland⸗Inſeln“ bekannt ſind. Da⸗ mals war eine bewegte Zeit auf Land und Meer. Die ſchwediſche Hauptſtadt lag voll Soldaten, welche nach Süden und Weſten zogen, denn klägliche Nachrichten waren aus Pommern eingelaufen. Stral⸗ ſund war von den Franzoſen erobert, der Feldmarſchall Toll hatte auch Rügen an den Marſchall Brune übergeben müſſen, die ganze ſchwediſch⸗deutſche Provinz befand ſich ſomit in den Händen der Fran⸗ zoſen und zahlloſe Gerüchte liefen umher, daß dieſe ſiegreichen Feinde ſchon dabei ſeien, die däniſchen Inſeln zu beſetzen, Kopenhagen von den Engländern zu befreien und dann in Schweden einzudringen.— Der König Guſtav Adolph der Vierte war krank vor Zorn und Aerger aus Rügen zurückgekehrt und lag in Karlskrona danieder, was aber mehr Gelächter und Spott als Theilnahme in Stockholm bewirkte. Eben war auch die Nachricht eingetroffen, daß Kopenhagen ſammt der Flotte von den Engländern erobert worden ſei und obwohl man dies Schickſal den Dänen aus alter Erbfeindſchaft von Herzen gönnte, ſtimmten doch viele in das Geſchrei über die engliſche unerhörte Ge⸗ waltthat und Schandthat, das bald in ganz Europa wiedechallte.— Die Geſellſchaft jedoch, welche in dem kleinen Lugger der finniſchen Küſte entgegenfuhr, ließ ſich von aller dieſer Trübſal nich anfechten. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. — 2— Sie hatte einen fröhlichen Tag verlebt ohne ſich um andre Dinge, als um ihr vergnügliches Beiſammenſein zu kümmern. Das Wetter blieb ſchön und hell, nur wurde der Wind mit der Abendnähe ſchwach und trieb das flinke Boot langſam noch vorwärts, während die Sonnen⸗ kugel rothfunkelnd ihre Bahn beſchleunigte, die See mit ihrer Gluth übergoß und den unermeßlichen Halbkreis dunkelnder Küſten und Kuppen in Gold und Feuer tauchte. Der kleine Lugger glitt noch eine Zeit lang näher an die äußerſten Vorpoſten dieſer nackten und verworrenen Maſſen, welche, aus dem Schooße des Meeres aufſteigend, ihre rothen Arme und Köpfe in den glänzenden Himmel ſtreckten und den Schiffern zu winken ſchienen, dann aber fielen ſeine hohen lateiniſchen Segel zuſammen, die Raaen ſchwankten an den Maſten und das Fahrzeug taumelte nach rechts und links, ohne ſich weiter vorwärts zu bewegen. Am Bord befanden ſich drei junge Herren und eine ſchöne junge Dame, welche gemeinſam eine Luſtreiſe nach Abo und weiter in's finniſche Land machen wollten. Der älteſte der Herren war der Baron Arwed Bungen, die Dame ſeine Schweſter Ebba. Ihr Vetter, Guſtav Lindſtröm, Lieutenant in der königlichen Marine, hatte den Lugger und die Mannſchaft geſtellt; der vierte endlich war ein ruſſiſcher Graf, Alexei Serbinoff, welcher ſeit längerer Zeit in Stockholm verweilte und durch den ruſſiſchen Geſandten Alopäus mehreren edlen ſchwedi ſchen Familien befreundet wurde. Mit dem Baron Bungen ſtand er im innigen Verhältniß und da er zugleich als ein feuriger Verehrer des ſchönen Fräuleins galt, mochte er um ſo lieber die Einladung an⸗ genommen haben, beide Geſchwiſter nach Finnland zu begleiten, zu einem Edelmann und Verwandten, der lange ſchon dieſen Beſuch erwartete. Als das Boot nicht weiter vorwärts wollte, befanden ſich die drei Herren auf dem ſchmalen Hinterdeck, wo ſie unter Scherz und Ge⸗ lächter den Lehnſtuhl der jungen Dame umringten. Die Diener, welche ſie auf die Reiſe mitgenommen, waren zwei Tage zuvor mit dem Marktſchiff nach Abo gefahren und ſollten dort ihre Herrſchaften anmelden. Die Herren hatten es übernommen, die Dame zu be⸗ ſchützen, zu bedienen und zu unterhalten, und da man am Abend wenigſtens in Satingo oder in einem andern guten Hafenplatz zu 1*—* —— landen dachte, auch überzeugt war, am folgenden Tage in Abo zu ſein, vermehrte dies Alles die heitere Reiſeluſt der kleinen, ganz auf ſich ſelbſt gewieſenen Geſellſchaft. Das milde ſommerliche Wetter und der leichte günſtige Wind hielten alle Unannehmlichkeiten einer Seefahrt entfernt. Man konnte fortgeſetzt auf dem Verdeck bleiben, das Mittagsmahl dort aus den mitgenommenen Vorräthen halten und in zwangloſer Freiheit ſich allen Einfällen guter Laune überlaſſen. Erſt als das kleine Schiff immer matter fortſchlich und endlich ſeine Flügel ganz hängen ließ, während die Inſeln zurückzuweichen ſchienen, unterbrachen einige ernſthaftere Betrachtungen die unbekümmerte Munterkeit. Ein kühlerer, feuchterer Hauch wehte über das Waſſer und in duftiger Ferne bildete ſich eine Nebelbank, die am weſtlichen Horizont leiſe heraufſtieg. Die junge Dame legte den Mantel um ihre Schul⸗ tern und beobachtete einige Minuten lang aufmerkſam das Meer, die fallende Sonne und die beleuchteten Landſtücke. Ihre ſtolzgewölbte Stirn paßte zu den großen dunkelblauen Augen voll Geiſt und Leben, welche das ganze Geſicht beherrſchten. Ein muthwilliges Lächeln ſchwebte um ihre Lippen, raſche Bewegungen zeigten von leichter Er⸗ regbarkeit ihrer Empfindungen und der geſammte Ausdruck ihrer Züge war ein glücklicher und wohlthuender. Ich bin der Meinung, ſagte ſie, nachdem ſie ihre Beobachtungen beendigt hatte, daß wir ſtatt vorwärts rückwärts gehen. Wo bleibt Satingo, mein tapferer Admiral, und was bedeutet dies Geſchaukel unſeres Linienſchiffes? Der Seeoffizier gab keine ſehr troſtreiche Antwort. Der Wind iſt viel zu ſehr nördlich geworden um den Strich auf Satingo halten zu können, erwiederte er. Wir befinden uns weit davon und werden von der Deining geſchaukelt, während keine Kraft mehr in unſern Segeln iſt. Somit treiben wir zurück, weil die Strömung aus allen dieſen Inſelkanälen uns entgegen kömmt.. Und welche Folgen, mein lieber Vetter Guſtav, werden deine weiſen und wahren Belehrungen für uns haben? Der Seemann bemühte ſich nachdenklich umßerzuſchauen und ſagte dann: Wir werden eine Sommernacht auf dem Meere umherſchwimmen 1* und wenn es morgen, wie ich aus den Windſtreifen vermuthe, ſtart aus Norden bläst, ſtatt in Abo in Guſtavsvärn oder in Ekenäs landen. Eine Sommernacht, wie dieſe, in ſo vortrefflicher Geſellſchaft wachend und faſtend zu verleben, iſt ſo verlockend, daß ich nichts da⸗ gegen einzuwenden habe, rief Ebba, die ſich ſchalkhaft verbeugte. Wie maleriſch ſind dieſe feurigen und roſigen Inſeln, die, in der Ferne betrachtet, ſehr viel paradieſiſcher ausſehen, als es in der Nähe der Fall ſein mag. Trotz der Scherze, welche dieſen Aeußerungen folgten, waren die Ausſichten auf die Nacht doch nicht beſonders einladend. Der kleine Lugger bot geringe Bequemlichkeiten, Feuer ließ ſich nicht anmachen. Die Kajüte konnte allein der jungen Dame eine Schlafſtätte bieten. Es wäre ſehr fatal, ſagte Baron Arwed endlich, wenn wir mor⸗ gen nicht in Abo anlangten. Wagen und Pferde würden uns ver⸗ gebens erwarten, unſer ganzer Reiſeplan würde zerſtört ſein; auch hat es wenig Angenehmes in dieſer Nußſchale ſchlechtes Wetter zu erleben. Das Lachen würde dir vergehen, du übermüthiges Mädchen. Nichts Warmes zum Mittag haben, nicht einmal vier oder fünf armſelige Schüſſeln,, ſiſt ein ſchrecklicher Gedanke, erwiederte ſie mit komiſchem Ernſt. Das hat gar nichts zu ſagen, fiel der Seemann ein. Wenn man in ſolchem Loch von Kajüte eingeſperrt wird, vor Uebel und Weh nicht den Kopf aufheben kann und bald in die Wolken fliegt, bald in Ab gründe ſtürzt, vergeht alle Sehnſucht nach irdiſchen Genüſſen. Still, ſtill! winkte ſihm Ebba zu. Siehſt du nicht, wie Graf Serbinoff bei dem Gedanken daran ſchon erblaßt? O! ſagte der junge Cavalier lächelnd, wir Ruſſen ſind allerdings nicht für dies unbeſtändige, treuloſe Element geboren, dennoch verſuchen wir es, bis es gelingt es zu beherrſchen. Wo wir feſtſtehen können, ſei es im Eis und Schnee des Nordens oder unter dem Sonnenbrand der Steppe, wird uns ſo leicht Niemand übertreffen; für das Salzwaſſer jedoch, ſo hat ſchon Peter der Große geſagt, taugen die Ruſſen nicht, obwohl— Nun? fragte das Fräulein, als er inne hielt. Obwohl aus jedem Ruſſen Alles gemacht werden kann, was der Czar befiehlt, rief Arwed lachend. . — 5— Nein, obwohl Peter der Große ſelbſt bewieſen hat, daß ein kräf⸗ tiger Wille Alles vermag, erwiederte Serbinoff. Man muß ſein Ziel nur immer feſt verfolgen, dem Glücke vertrauen und alle Mittel be⸗ nutzen, fuhr er mit einem vielſagenden Blick auf die ſchöne Dame fort, ſo wird man ſiegen und überwinden. In unſerer gegenwärtigen Lage ſcheint es mir daher das Beſte zu ſein, wenn Herr Lindſtröm, unſer Admiral, die Segel ganz einziehen und ſeine Mannſchaft zu den Rudern greifen läßt. Es kommt mir vor, daß wir eines jener Ei⸗ lande dann erreichen könnten, ehe uns die Nacht völlig überfällt. Der junge Seemann geſtand lachend ein, daß dies auch ſeine Ab⸗ ſicht geweſen und daß er nur zu ſeiner Beluſtigung allerlei Beſorgniſſe aufgeſtellt habe. Auf ſeinen Wink fielen die Segel und vier lange Ruder ſetzten das Boot in Bewegung. Seid ohne Furcht, ſagte er dann, in einer Stunde werden wir Land haben. Alle dieſe kleinen Inſeln beſitzen gute Hafenplätze und unſere Ruder bringen uns bald an irgend einen ſichern Ort. Wohin aber? fragte Arwed. Wer weiß es? erwiederte Lindſtröm. Dort in der nebligen Tiefe, die Inſel mit der Doppelſpitze, iſt wahrſcheinlich Kokar, die größte von allen, und wenn es möglich wäre dahin zu gelangen, träfen wir beim Voigt oder Schreiber ein gutes Nachtquartier, allein wir werden auf einer der nähern Landbrocken bei einem Fiſcher oder Kathenmann wenigſtens einen Heuſack und einen Feuerherd finden. Das ernſthafte Schweigen des Barons wurde mit einem Ausbruch allgemeiner Luſtigkeit auf ſeine Koſten beantwortet und während deſſen näherte ſich das Boot langſam den ſchwarzen Punkten, die in großer Zahl aus der See aufſtiegen. Waldleiſten wurden ſichtbar, einzelne hohe Bäume ſtanden auf Hügelkronen und ſchwebten in der violetten Bläue der durchſichtigen Luft und deren falbem Schimmer; dann aber wurden die dunkelnden Schleier, welche ſich leiſe darüber deckten, im⸗ mer feſter und dichter. Nähe und Ferne verſchmolzen darin und end⸗ lich lag Alles eingewickelt in denſelben lichtloſen Mantel der Nacht; nur die Ruder ſchlugen Funken aus dem Waſſer. Jemehr die Fin⸗ ſterniß zunahm, um ſo mehr ſtockten auch die Geſpräche der Reiſenden, alle Gedanken richteten ſich auf den Ausgang ihrer Irrfahrt und alle — 6— Augen ſtrengten ſich an, etwas von einer nahen Küſte zu erkennen oder andere ähnliche Entdeckungen zu machen, welche, als ergötzliche Täuſchungen erkannt, die Munterkeit belebten. Was iſt das! rief endlich Serbinoff. Ich ſehe einen hellen Schein. Alle betrachteten den matten Punkt, der bald klarer wurde, bald wieder verſchwand.— Es iſt ein Licht, ſagte der Seeoffizier, das in einem Hauſe brennt, und grade aus laufen wir in eine Bucht ein. Ich erkenne deutlich rechts und links die Schatten der Hügel, welche ſie einfaſſen. Wahrlich, das Schickſal meint es gut mit uns! rief Baron Arwed nach einer langen Beobachtung. Es iſt wirklich ein Licht und vor uns liegt ein Haus, in welchem ein höher civiliſirtes Weſen ſeinen Wohnſitz nahm, da die Fiſcher umher dergleichen Luxus nicht treiben, ſondern ſich von ihren Herdfeuern leuchten laſſen. Und Arwed wittert ſchon die Behaglichkeit dieſer höheren Civili ſation, lachte ſeine Schweſter. Er riecht die wohlthuende Nähe eines guten Bratens und fühlt die behagliche Wärme eines Dunenlagers voll weicher Kiſſen. Der Baron ließ ſie ſpotten, er wußte, daß jeder damit zufrieden war, als das Boot ein Pfahlwerk berührte, an welchem einige Fiſcher⸗ kähne lagen. Benige Minuten ſpäter ſtiegen die vier Reiſenden erwartungsvoll ein ſteiles Ufer hinauf, das ſie zwanzig oder dreißig Fuß hoch auf einen ziemlich ebenen Platz führte. Das Licht, das noch immer leuchtete, gab ihnen an, wohin ſie ſich zu wenden hatten, und bald befanden ſie ſich an einem Gehege, das einige Bäume, Strauchwerk und Gras enthielt; hinter dieſem aber lag das Haus, deſſen Anblick, ſo weit es ſich erkennen ließ, ihre Erwartungen bedeu⸗ tend herabſtimmen mußte. Es war ein unbedeutendes Balkenhaus, nicht viel anders wie die Wohnungen der Bauern und Fiſcher im Norden gewöhnlich ſind; allein es hatte doch ein oberes Stockwerk, das den allermeiſten Hütten dieſer Art fehlt, und eben aus einem der kleinen viereckigen Fenſter in der Höhe ſchimmerte das Licht herab. So viel war jedenfalls gewiß, daß es das Beſte blieb, nicht unfruchtbar zu philoſophiren, ſondern ſo bald als möglich Einlaß zu begehren, und dies Befühl begleitete die praktiſche Entſchiedenheit des See⸗ ———ꝗ 2 „ —— 2ͤ— offiziers, der ohne langes Bedenken die Thüre ſchüttelte und ſein lau⸗ tes Hollah! hören ließ. Nach einigen Augenblicken ſchon zeigten ſich die guten Wirkungen. Das kleine Fenſter wurde geöffnet und Jemand, der ſich herausbeugte, fragte, wer da ſei? Vier Leute von einem Boot, die um Aufnahme bitten, rief Lind⸗ ſtröm zurück. Der Eigenthümer ſchien ſich zu bedenken. Meine lieben Freunde, ſagte er dann mit ſanfter Stimme, dies Haus iſt dürftig und klein, es kann Euch wenige Gaſtfreundſchaft gewähren. Wir ſind auch mit Wenigem zufrieden, verſicherte Lindſtröm. Wer ſeid Ihr denn? fragte die Stimme nach einem neuen Beſinnen. Macht nur auf! ſchrie der Seemann ungeduldig. Wir wollen Euch unſern Faden ſchon abſpinnen. Meine lieben Freunde, erwiederte der Eigenthümer in derſelben bittenden Weiſe, ſtört nicht meinen Frieden. Ich bin ein alter Mann, ein beinahe achtzigjähriger Greis. Solltet Ihr es nicht wiſſen, ſo ſage ich Euch, ich bin der Pfarrer Axel Jönsſon. Wenn Ihr ein Boot in der Bucht habt, ſo bleibt bei dieſem. Es iſt eine milde Nacht, in welcher der Menſch keines Hauſes bedarf. Alle Wetter! rief der Offtzier lachend, er hält uns für Land⸗ ſtreicher oder Freibeuter. Ehrwürdiger Herr, ſagte ſein Verwandter, der es für Zeit hielt ſich einzumiſchen, Ihr Rath wäre ohne Zweifel der richtigſte und beſte, wenn wir gewöhnliche Seeleute wären. Dies iſt jedoch nicht der Fall, obenein aber begleitet uns eine Dame, welche wir Ihrer Obhut und Hilfe empfehlen. Eine Dame, wiederholte der Geiſtliche, und es ſind keine gewöhn⸗ lichen Seeleute? O, ja— jal ich höre es an ihrer Sprache. Warten Sie einen Augenblick, ich will thun, was ich kann. Das Licht verſchwand, dann knarrten die Stufen einer Treppe, harte Schritte polterten darauf. Es lebe die Schönheit! rief Serbinoff. In dem entlegenſten Winkel der Erde wird ihr gehuldigt. Selbſt dieſer alte zähe Prieſter empfindet ihre Macht und eilt herbei, ihr ſeine Thür zu öffnen. . — 3 Dafür, erwiderte Ebba, will ich auch die Erſte ſein, ihm zu dan⸗ ken, und die Kappe ihres Mantels vom Kopf nehmend, trat ſie auf die Schwelle, eben als die Thür ſich aufthat. Der Lichtſchein fiel in ihr anmuthiges Geſicht, allein die Wirkung entſprach nicht ihren Er⸗ wartungen. In ſeinen groben langen Rock gehüllt, ſtand der alte Prieſter, das Licht vor ſich ausgeſtreckt, und ſtarrte das ſchöne Fräulein an, als erblickte er etwas Schreckliches. Klein und ausgedörrt von Geſtalt, fiel ſein langes weißes Haar bis auf ſeine Schultern nieder. Doch in ſeinen faltigen verwitterten Zügen ſchien das Blut lebendig zu werden und ſeine weit geöffneten Augen blieben vor Beſtürzung oder Erſtaunen ſo unbeweglich, als er ſelbſt. Wir haben Sie erſchreckt, ehrwürdiger Herr, ſagte Ebba. Vergeben Sie unſer ſtörendes Eindringen. Wir kommen von Stockholm, fiel ihr Bruder ein, die Nacht hat uns überraſcht. Ich bin der Kammerherr Baron von Bungen. Dieſe Dame iſt meine Schweſter. Dieſe Herren ſind meine Freunde. Ge⸗ währen Sie uns ein Obdach, Herr Jönsſon, wir werden Ihnen dank⸗ bar ſein. Der Greis verbeugte ſich und während er ſeine Gäſte beleuchtete, wurde ſein Geſicht mild und demüthig. Er zweifelte nicht daran, daß ſie die ſeien, für die ſie ſich ausgaben. Ihre Geſtalten und Mienen ſagten ihm eben ſo wohl, wie ihre modiſchen Kleider, daß ſie zu der oben ſtehenden Geſellſchaft gehörten. Die Herren in ihren weiten Ueber⸗ würfen von niederländiſchem Tuch mit großen Stahlknöpfen, den klei⸗ nen Hüten, um welche eine Goldſchnur lief, und den gebundenen zu⸗ ſammengerollten Haaren, ſahen eben ſo ungewöhnlich vornehm aus, wie die ſtolzblickende junge Dame in ihrem reichbeſetzten kurzen Mantel. Sein ſtarres Erſtaunen machte einer bittenden Freundlichkeit Platz und indem er ſein Wohnzimmer öffnete, ſagte er: Halten Sie mätnem Alter die Unbehilflichkeit zu Gute und ſeien Sie willkommen in mei⸗ nem armen Hauſe. Alles, was es bieten kann, ſoll Ihnen gern zu Dienſten ſtehen. So leuchtete er voran und die Gäſte folgten ihm nach. Geſchäftig zündete er noch ein ſchmales Licht an, das er auf einen Drahtleuchter ſtellte, und beantwortete dabei die Fragen, welche an ihn gerichtet wurden. ——.— ——·——————— 2 6 Haben Sie keine Familie, Herr Jönsſon? fragte Arwed. Ich wohne allein hier mit einer Magd, die mit mir alt geworden iſt, erwiderte er. Ein Streckchen davon ſtehen ein paar andere Woh⸗ nungen, welche gute Nachbarn inne haben. Dann muß es einſam genug hier ſein, fuhr Arwed fort. Auch Rei⸗ ſende und Verirrte wie wir, werden nicht oft bei Ihnen anſprechen. Lange Zeit iſt vergangen, ſehr lange Zeit, wiederholte der Greis mit ſeinem ſanften Lächeln, ſeit Fremde hier einſprachen. Dieſe kleine Inſel liegt zu entfernt von der Straße, welche Schiffe und Boote gewöhnlich berühren. Erlauben Sie, daß ich jetzt gehe und meine Dienerin benachrichtige. Sie hört ein wenig ſchwer und wird in ihrer Kammer ſitzen, ohne etwas von Ihrer Ankunft zu wiſſen. Wir wollen ſorgen, was wir Ihnen vorſetzen können, aber— es ſchien ihn etwas zu überkommen, woran er bis jetzt noch nicht gedacht hatte, und während er verlegen vor ſich niederblickte, fuhr er leiſer fort: Sie werden Nachſicht haben müſſen, es wird wenig ſein— ſehr wenig, denn unſer Leben iſt genügſam; doch, fuhr er muthiger fort, Sie werden in der Hütte der Armen keine reichbeſetzte Tafel ſuchen. Ein wenig Hammelfleiſch, ein paar Fiſche, auch Brod— ich glaube nicht, daß Karina mehr in ihrem Schranke beſitzt; nein, ich glaube wirklich nicht. Er bot ſeine kleinen Vorräthe mit liebenswürdiger Güte an, während Arwed's Augen durch das Zimmer ſchweiften. Es war niedrig, ſeine Holzwände ſchienen einmal blau angeſtrichen, was freilich ſchon lange her ſein mußte. Allein es ſah doch reinlich darin aus. Ein Tiſch von Fichtenholz ſtand in der Mitte, ſchwerfällige Stühle aus demſelben Stoff und ein großer brauner Schrank bildeten das übrige Geräth. An den Wänden, nahe der Decke, liefen Bretter hin, auf denen Bündel trockener Pflanzen und Kräuter lagen; auf dem Schrank aber ſtand die Bibliothek des Pfarrers, eine beſcheidene Zahl dunkler und vergilbter Bücher und Hefte. Alle dieſe Schätze muſterte der Kammerherr mit ſcharfen raſchen Blicken; ſie beſaßen jedoch weit we⸗ niger Anziehungskraft für ihn, als die Reihe Taſſen, Gläſer und Geſchirre, welche er über dem niedern Herd in der Ecke neben der Thür entdeckte. Irre ich nicht, rief er erheitert, ſo erblicke ich dort ein Ding, das wie eine Theekanne ausſieht? 4 — 10— Ess iſt eine ſolche, erwiederte der Pfarrer, der ſie mit dienſtfertiger Haſt herunter holte. Als ich zum letztenmal in Abo war, ja damals vor fünfzehn Jahren, als unſer glorreicher König Guſtav die große, Berathung der Geiſtlichkeit in Abo über Kirchenverbeſſerung halten ließ und Biſchof Wallquiſt, der Staatsſecretär, ſelbſt zu uns kam, damals habe ich ſie gekauft. Allein, fuhr er ſich beſinnend zögernd fort, Thee, meine lieben Herren, nein, damit wird es nichts ſein. Meine guten Nachbarn bringen mir zur Winterzeit wohl dergleichen vom Krämer aus Satingo mit, doch jetzt— ich fürchte wirklich— er lächelte demüthig vor ſich hin. Sorgen Sie nicht darum, ehrwürdiger Herr, fiel Ebba ein. Wir ſind mit Thee und Speiſen hinlänglich verſorgt. Alles, was wir be⸗ dürfen, beſchränkt ſich auf heißes Waſſer. Herrliches, wohlſchmeckendes, ſüßes Waſſer beſitze ich in Fülle! rief der alte Prieſter voller Freude, daß er etwas zu geben hatte, das er rühmen konnte. Durch Gottes Güte haben wir einen ſo ſchö⸗ nen Quell in der Nähe, wie er weit umher nicht gefunden wird. Karina ſoll den großen Keſſel ſogleich aufſetzen. Als er ſich mit die⸗ ſem Verſprechen entfernt hatte, brach die Beluſtigung der Geſellſchaft über die verſchwenderiſche Großmuth des Pfarrers und über ihre eigenen Bedrängniſſe los. Auf mein Wort! lachte der Baron, der alte Graf Ferſen, der die beſte Tafel in ganz Stockholm führt, hätte uns ſeine feinſten Weine nicht lüſterner empfehlen können. Welch ein Glück, daß der glorreiche König Guſtav die finniſche Geiſtlichkeit nach Abo berief, ſiel Serbinoff ein. Würden wir ſonſt eine Theekanne hier gefunden haben? Ein prächtiger alter Burſche! rief der Seeofftzier. Bei dieſem vortrefflichen Waſſer und der geſunden Luft dazu, iſt er ausgetrocknet wie ein October⸗Häring. Richten wir uns ein, ſagte Arwed, und lege ein Jeder Hand an's Werk, um dieſe Hütte in einen Feenpalaſt zu verwandeln.— Ich hoffe, unſere Abenteuer werden uns noch lange Stoff zum Lachen geben. 4 und ſtarr in die Nacht hinaus, als wolle er Eulen fangen. — 11— Dienen wir unſrer ſchönen Gebieterin und erfüllen wir ihre Be⸗ fehle, erwiederte Serbinoff. Sollen wir die Seſſel, Decken und Geräthe aus dem Lugger holen? Den Speiſekorb nicht zu vergeſſen, rief Arwed. Und die Flaſchen vor allen Dingen! fügte Lindſtröm hinzu. Unter Lärm und Gelächter wurde Serbinoff's Vorſchlag ver⸗ worfen und mit dem Frohſinn der Jugend und der übermüthigen Sicherheit des Reichthums, der ſich daran ergötzt, einmal des Spaſſes wegen die Entbehrungen der Armuth zu theilen, der Beſchluß gefaßt, ſich mit den vorhandenen Bequemlichkeiten zu begnügen. Die jungen Männer vereinigten ſich, den breiteſten dieſer plumpen Holzſchemel mit Seegraskiſſen zu polſtern, dann führten ſie Ebba im Triumph zu dieſem Throne der Schönheit und nun eilte Lindſtröm in die Bucht hinab und kehrte von zwei Männern begleitet zurück, welche den Korb mit allen Reſten des Schiffsproviants, ſammt Weinflaſchen und Arrak trugen.— Bald war die Tafel geordnet und als Alles bereit war, ſchleppte die taube Magd einen Eiſenkeſſel voll dampfen⸗ den Waſſers herbei, das jubelnd empfangen, ſich nach wenigen Minu⸗ ten in Thee, Grog und Punſch verwandelte. Die Theekanne, Gläſer und Taſſen des Pfarrers und ſeine grob bemalten irdenen Teller, welche manches Jahr in ihren ſtillen Winkeln ein beſchauliches Da⸗ ſein verträumt hatten, wurden zu ihrem Erſtaunen herunter geholt und zum Klingen und Springen genöthigt; endlich aber erhöhte Karina abermals die Luſt, welche ſie nicht begreifen konnte, durch einen hölzernen Korb voll harter Brodkuchen und eine Schüſſel voll geräucherter Flundern und Makrelen. Ueber alle dieſe Leckerbiſſen waltete das ſchöne Fräulein als ſorgſame Wirthin und die arme Hütte, die trüben Binſenlichte, ſammt allen andern Schattenſeiten dieſer Irrfahrt waren vergeſſen. Erſt nach einiger Zeit fiel es der frohen Geſellſchaft ein, daß der greiſe Hausherr bei ihrem Mahle fehlte.— Ein⸗ ſeltſamer alter Kauz i*ſt es jedenfalls, ſagte der Seemann. Als ich aus der Bucht zurück⸗ kehrte, ſtand er oben in ſeiner Kammer am Fenſter und ſah ſo ſtill — 12— Er iſt chriſtlich arm und demüthig, meinte der Kammerherr, und hat aus Beſcheidenheit ſich zurückgezogen. Schwerlich hat er jemals in ſeinem Leben andern Beſuch gehabt, als von Fiſchern und ähnlichen Burſchen. Er ſcheint zu der Klaſſe von Narren zu gehören, ſpöttelte Ser⸗ binoff, die mit der beſten Laune Alles genießen, was der Herr ihnen gegeben, und ihm ſo dankbar dafür ſind, daß ſie ein patriarchaliſches Alter erreichen. Ebba nahm ſich des verlachten Greiſes an. Er ſieht ſo ehrwürdig und gut aus, ſagte ſie, daß ich gewiß bin, er kann uns Alle mit ſei⸗ nen Tugenden beſchämen. Wenn er uns erzählen wollte, was er ſein langes Leben über gethan, würden wir dies ein reiches und thatenvolles nennen müſſen, dem jeder nacheifern ſollte, ſo viel er vermag. Ein neues Gelächter antwortete ihr. Wir wollen ihn rufen laſſen, erwiederte Arwed, er wird wenig genug zu erzählen wiſſen. Du ſollſt erfahren, kleine Schwärmerin, wie er ſein eintöniges Daſein hinge⸗ bracht hat; allein ich ſage es dir im Voraus, es wird nichts darin ſein, was ſelbſt für dich des Bemerkens werth wäre. Unſer Beſuch, fuhr er dann fort, ſoll aber wenigſtens für ihn, ſo lange er noch lebt, ein Quell freudiger Erinnerungen bleiben. Wir wollen ihn ſpeiſen und tränken, und wollen ihn achten und ehren, wie ſein Alter und ſeine Tugenden es verdienen. Geh' hin, Guſtav, und bitte ihn, unſer Mahl und unſre Geſellſchaft zu theilen. Ich will ihn in aller Höflichkeit aus ſeinem Neſte holen, lachte der Seemann, vielleicht weiß der alte Burſche uns dafür mit einigen alten Geſchichten und Schnurren aufzuwarten. Bald darauf kehrte er mit dem Pfarrer zurück, den r in der obern Kammer vor einer Kiſte gefunden hatte, in welcher er umher ſuchte. Als der Greis die Thür öffnen hörte, richtete er ſich auf und ſteckte etwas in ſeinenTaſche, das Lindſtröm nicht erkennen konnte. Beſcheiden dankte er 1 die Einladung und ging hinab zu ſeinen Gäſten, die ihn zuvorkommend empfingen. Arwed rückte ihm ſelbſt einen Stuhl an ſeine Seite, der junge Offizier miſchte ihm ein großes Glas Portwein, Serbinoff ſchob die Flaſche mit dem Arrak vor ihn — — — — 132— hin und Ebba bot ihm Thee und Speiſen, auch dankte ſie dabei mit herzlichen Worten für ſeine Güte und ſeinen Beiſtand. Wenn die muntern Herren jedoch die Meinung hegten, mit dieſem demüthigen alten Mann ſich beluſtigen und Scherze treiben zu können, ſo hatten ſie ſich geirrt. Er war mild und furchtſam in ſeinem We⸗ ſen, lächelte ſanftmüthig zu ihren Aeußerungen, die ihn heimlich auf⸗ ziehen ſollten, zu ihren Witzeleien, deren Sinn er vielleicht nicht ver⸗ ſtand; allein was er ſagte blieb immer verſtändig und ohne zu wollen, gab er manche Antworten, welche treffend genug ihn vertheidigten. Da⸗ bei ſah er ſich von der ſchönen Dame unterſtützt, die zu ſeinem Bei⸗ ſtand immer bereit war, und deren Blicke und Mienen ſo viele Theil⸗ nahme und Wohlwollen ausdrückten, daß er mit dankbarer Freudigkeit oft lange ſeine Augen auf ihr ruhen ließ. Sie leben jedenfalls geraume Zeit ſchon an dieſem abgelegenen Orte? fragte der Kammerherr nach einer Weile. Länger als ein halbes Jahrhunderk, antwortete er. Wie haben Sie dieſe Abgeſchiedenheit ertragen können? fuhr Arwed fort. Sind Sie hier geboren? Auf Notö, einer anderen kleinen Inſel, welche näher an der fin⸗ niſchen Küſte liegt. Aber Ihrem Namen nach, ſind Sie nicht vom finniſchen, ſondern von gutem ſchwediſchen Blut, fiel der Offizier ein. Alle Menſchen ſind Gottes Kinder, erwiederte der alte Mann ſanft lächelnd. Ich freilich bin von ſchwediſcher Abkunft, wie manche Andre, die hier wohnen. Seit die See einſt dieſe große Einſpülung bildete und mehr als tauſend kleine Fels⸗ und Landbrocken übrig ließ, haben ſich nach und nach viele ſchwediſche Familien hier angeſiedelt. Die Ureinwohner der Alandinſeln ſind alſo nicht von ſchwediſchem Stamme? fragte Serbinoff. Nein, mein Herr, es ſind Finnen, und por der Zeit Erich des Heeiligen ſollen dieſe Inſeln ein eigenes freies Reich gebildet haben. Einen Seeräuberſtaat, ſagte Arwed. Es waren die ärgſten Räu⸗ ber in der Oſtſee, und dieſe zahlloſen Felsneſter und Schlupfwinkel ganz dazu geſchaffen, um ſich und ihre Beute zu verbergen. — 14— Zu ihnen kam jedoch auch die heilige Lehre Chriſti am früheſten und machte ſie beſſer und menſchlicher, fiel der alte Pfarrer ein. Als in Finnland und Carelien noch Jahrhunderte lang blutgierige Heiden hausten, wurde hier das göttliche Wort ſchon gepredigt, und die frommen Könige Schwedens bauten Kirchen und Bethäuſer. Auch die kleine Kirche, welche mir anvertraut iſt, ſtammt aus dieſer eifri⸗ gen Zeit. Dafür, lachte Arwed Bungen, haben dieſe frommen Könige auch immer die Alandinſeln als eine Art Kammergut betrachtet, mit deren Einkünften ſie ihre Prinzen ausſtatteten. Ein treuer und anhänglicher Sinn i*ſt überall zu finden, erwiederte der Geiſtliche. Große Herren aus reichen und mächtigen Familien ſind auf dieſen meiſt ſehr dürftigen kleinen Landſtückchen nicht ange⸗ ſeſſen, doch niemals hat es hier Verräther gegeben, die mit den Lan⸗ desfeinden ſich eingelaſſen und ihres Königs Macht und Leben be⸗ droht hätten. Der Kammerherr lächelte und blickte ſeinen Freund Serbinoff an, der einen ſcharfen Blick auf den alten Mann warf. Der junge See⸗ mann aber rief lebhaft: Es iſt wahr, unſre beſten Matroſen kommen von den Alandinſeln, und wo es je gegolten hat zuzuſchlagen, ſind ſie immer mit voran geweſen. So rauh und unfruchtbar dieſe Klippen⸗ gewinde ſind, ſteckt doch ein Schatz für uns darin. Was ſollten die guten Hausfrauen in Stockholm anfangen, wenn die kecken Burſchen nicht ihre Küche mit den beſten Fiſchen und ihre Oefen mit dem beſten Holze verſorgten? Arwed unterbrach dies Geſpräch, das ihm nicht zu behagen ſchien, mit der Frage an den Pfarrer, ob er immer ſo allein gelebt habe? O, nein! erwiederte dieſer ſanftmüthig den Kopf ſchüttelnd, ich hatte eine liebe gute Frau, hatte auch zwei ſchöne Kinder. Der Herr hat ſie zu ſich genommen, und ich warte nun, bis er mich wieder mit ihnen vereint. Erzählen Sie uns etwas aus Ihrer Lebensgeſchichte, Herr Jönsſon, ſagte der Baron. Alt wie Sie es find, müſſen Sie Manches zu berich⸗ ten wiſſen. ———. — —— auf wurd gewar Schu und bei fung Auß kom es Gote habe imm f rie — 15— Mein Leben, erwiederte der Greis demüthig, iſt ſo ſtill verlaufen, daß ich wenig davon zu erzählen weiß. Mein Vater war Kirchenmann in Notö, meine Mutter trieb einen Kramhandel, ich ſelbſt hatte von jung auf die Sehnſucht, einmal ein Diener Gottes zu werden, und ich wurde darin beſtärkt durch den alten Pfarrer in Notö, der mich lieb gewann und mich unterrichtete. Mit ſeiner Hilfe gelang es mir die Schule in Abo zu beſuchen, während deſſen aber rief ihn der Tod ab, und ſeine Tochter, mit der ich aufgewachſen, fand eine Zufluchtſtätte bei meiner Mutter. Als ich mein Studium beendigt und meine Prü⸗ fung beſtanden hatte, machte es ſich, daß ich bald auf dieſer entlegenen Außeninſel mein jetziges Amt erhielt. Es war ein geringes Ein⸗ kommen damit verbunden, darum meldeten ſich wenige Bewerber, allein es genügte, daß ich meine liebe Natta hierher führen konnte und Gottes Güte war mit uns. Zwanzig Jahre voll Glück und Frieden habe ich hier mit ihr verlebt. Niemals haben wir Noth gelitten, immer hat der Herr uns Zufriedenheit und Herzensſtille geſchenkt. Und wie ertrugen Sie es, als Ihnen dies Glück genommen wurde? fragte Ebba voll mitleidiger Theilnahme. Warum wurden Sie nie an einen andern beſſern Platz verſetzt? rief Arwed zu gleicher Zeit. Ich hatte es einigemale verſucht, erwiederte der Pfarren, allein es gelang mir nicht. Später als Natta und meine Kinder mich ver⸗ laſſen hatten und man mir eine andere Stelle anbot, ſchlug ich dieſe aus. Wohin ſollte ich gehen? Ich mochte mich nicht mehr von dieſem armen Hauſe trennen, das all mein Glück geſehen hatte, und dann, mein liebes Fräulein, ſagte ich mir, daß ich Gottes Schickungen ſtand⸗ haft ertragen müſſe, als ein Mann und als ein Chriſt, gehorſam Seinem Willen und andern Mühſeligen ein Beiſpiel.— Und gnädig hat Er mich geleitet auf allen meinen Wegen! fuhr er freudig fort.— Noch bin ich rüſtig bis in mein hohes Alter. Wenn Seine Hand mich ſchlug hat ſie mich auch geſegnet und mir manche Freude geſchenkt. Meine Gemeine liebt mich wie einen Vater, die Geplagten wie die Glücklichen kommen zu mir und öffnen mir ihre Herzen, in Freude und Leid ſuchen ſie mich. So gehen meine Tage hin. Zur Sommer⸗ zeit erfreut mich mein Gärtchen und mein kleines Feld. Ich kenne jede —— —— — 16— Knospe und jeden friſchen Halm und meine Augen ſind noch ſo klar und ſtark, daß ich manche Schrift und manches Blatt leſen kann, welche ich mir für den Winter aufſpare. Aber fühlen Sie nicht dennoch zuweilen die Qualen der Einſamkeit, die Ungeduld der Ermüdung, die Unzufriedenheit mit ſolcher Abgeſchieden⸗ heit von aller Welt? fragte der Baron. Muthig im Glauben und geduldig im Vertrauen ſollen wir Alle ſein, ſagte der Greis mit ſeinem ſtillen Lächeln. Wer aber in dieſem einſamen Lande wohnt, wo die Meiſten mit einer harten Natur und harten Schickungen um ihr täglich Brod ringen, der darf nicht zwei⸗ feln und nicht verzagen. Nein, ich habe niemals Ermüdung und Ver⸗ laſſenheit empfunden. Wenn mein Herz ſeine ſchwachen, ſchweren Stunden hatte, habe ich es aufgerichtet durch Glauben und Vertrauen. Die in der großen Welt leben, ſetzte er mild hinzu, umringt von vie⸗ len andern Menſchen, mancher irdiſchen Hilfe nahe, die wiſſen nicht wie in Einſamkeit und Verlaſſenheit der Glaube an Gottes allmäch⸗ tige Nähe ein Hort iſt, der ihnen große Kraft verleiht. Ich kann es wohl denken! rief der Kammerherr, und um ſeine Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln. Dieſer Glaube hat von jeher Wunder gethan, dennoch aber muß ein ſtrebſamer, geiſtigregſamer Menſch in ſolcher Lage oft nicht wiſſen, was er beginnen ſoll, und an der Eintönigkeit eines ſolchen Daſeins verzweifeln. Nicht wiſſen, was er beginnen ſoll? erwiederte der alte Pfarrer lebhafter, denn der ſtarke Wein regte ihn an. O! mein lieber Herr, ich habe ſehr viel zu thun, kein Tag vergeht mir ohne Arbeit. Wenn das Wetter es erlaubt, beſuche ich meine Nachbarn weit umher auf allen den kleinen Inſeln, wo oft nur eine Familie oder auch zwei oder drei wohnen. Zur Winterzeit kommen ſie zu mir und der Ver⸗ ſammlungsort für Alle iſt dann die Kirche, welche ein halbes Stünd⸗ chen von hier am Strande liegt. Dort ſehen und ſprechen ſich dann alle fernen und nahen Freunde, da wird berathen und abgethan, was Jeder dazu aufſparte, und wenn das Wetter nicht gar zu wild iſt, die Schneeſtürme und das eiſige Meer nicht gar zu arg wüthen, bleibt ſo leicht Keiner zu Haus. U einan niß ſ lahte 6 gitt armer let manch dem Lande als ſ lichen Wich w auf ner ſam und — 17—. Und was thut der Herr Pfarrer, wenn die Schollen draußen an⸗ einander raſſeln und berſten, oder Schnee und Eis, Nebel und Finſter⸗ niß ſich zu einem ſchrecklichen Brei zuſammenrühren und das Tages⸗ licht kaum eine Stunde dauert? lachte der Seemann. Ei, mein lieber junger Herr, ſagte der alte Mann, auch dann gibt es nicht ſelten viel für mich zu thun. Es kommt wohl, daß ein armer Leidender mich begehrt, der unter Schmerzen auf ſeinem Lager liegt, und ich mache mich auf und habe unter Gottes Schutz wohl manches Mal in Nebel und Nacht bei dem Krachen des Eiſes und dem Donner der See einen ſchlimmen Weg zurückgelegt. In dieſem Lande gibt es auf viele Meilen keinen Arzt, ſo thue ich denn auch als ſolcher was ich vermag. Und damit, fuhr er fort, ſeine freund⸗ lichen Augen hell und groß aufmachend und glückſelig lächelnd, habe ich manchen Troſt und manche Hilfe gebracht. Sehen Sie dort oben auf den Brettern die Kräuter und Pflanzen, welche ich in der Som⸗ merzeit ſammle. Durch Gottes Hilfe gedeiht auch hier allerlei Heil⸗ ſames, das kranken Menſchen wohl thut. Meine gute Karina reinigt und trocknet die Blätter, Blumen und Wurzeln und wir bereiten daraus Wundbalſam und Froſtſalbe, Mittel gegen Fieber und Glieder⸗ ſchmerzen. Da laufe ich an guten Tagen, ſuche umher in Wald und Felsſpalten, die Kinder begleiten mich, helfen mir und ich lehre ſie Manches verſtehen und begreifen, was ſich ihren jungen Gemüthern einprägt. So vergeht meine Zeit ſehr ſchnell und das iſt mein Leben. Arm und gering zwar, allein wir können ja nichts thun, als getreu⸗ lich erfüllen, wozu uns der Herr beſtimmt hat. Nein, ehrwürdiger Mann! rief Ebba bewegt, von dieſer Herzens⸗ milde, Ihr Leben iſt weder arm noch gering zu achten, denn es iſt der edelſten Menſchenliebe geweiht. Welche Entſagung, welche Opfer⸗ freudigkeit gehören dazu! Keine große Sache iſt es, fuhr ſie lebhaft fort, wenn wir den Bedrängten von unſerm Ueberfluß geben, Sie aber, der Sie Ihr ganzes Daſein den Armen und Verlaſſenen weihen, Sie gehören zu den Helden der Menſchheit, deren Thaten Niemand kennt, die aber dennoch in Gottes Buch leuchtend aufgezeichnet ſtehen. Sie reichte ihm in ſchöner Begeiſterung ihre Hände und der alte Prieſter blickte demüthig und beſchämt und doch mit Innigkeit ſeine D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 2 — 18— Freundin voll dankbarer Liebe an.— Ihr Bruder winkte dem Grafen Serbinoff zu und griff dabei nach ſeinem Glaſe. Stoßen wir darauf an, rief er, daß dieſer ehrwürdige Held noch lange beglückt und be⸗ glückend weiter lebe, bis die ganze Menſchheit, frei und erlöst von allen Plagen, den großen Bruderbund der Liebe geſchloſſen hat. O! ſagte der Greis, indem er den feurigen Wein trank und ſeine Augen glänzend aufhob, mein Werk wird bald vollbracht ſein, aber ich werde nicht ſterben ohne den Glauben mitzunehmen, daß die Men⸗ ſchen beſſer werden. Ein vortrefflicher Glaube! rief Baron Arwed. Die gläubigſten Menſchen aller Zeiten haben dafür geſchwärmt, bis jetzt ſind die Fort⸗ ſchritte aber noch immer wenig merklich geblieben. Nicht unmerklich, nicht gering ſind dieſe Fortſchritte, beſter Herr, antwortete der alte Mann freudig. Nein, nein, leſen wir nur in alten und neuen Geſchichten, wie jedes Jahrhundert, jedes Geſchlecht weiter gekommen iſt. Unter meinen Augen habe ich es bemerken können, wie das Licht der Aufklärung, die das Licht der Wahrheit iſt, an Helligkeit zunimmt, wie Aberglauben und Gewalt ſich vermindern. Ja, was noch vor dreißig Jahren von den Mächtigen ſtraflos verübt wurde, kann jetzt nicht mehr vorkommen. Gewiß nicht! lachte der Kammerherr mit dem bitterſten Spott. Sonſt würde unſer geiſtvoller und frommer König, welcher ſo eben den verruchten Franzoſen und ihrem teufliſchen Kaiſer Pommern über⸗ laſſen müßte, nicht ſo herrlich und gerecht regieren. Doch was küm⸗ mere Sie die Welthändel, Herr Jönsſon, Ihr ſtilles und wohlthätiges Leben hat glücklicher Weiſe nichts damit zu ſchaffen. Was fragen Sie nach Reichstagen, nach Preßfreiheit, nach Verboten und Befehlen, die unſer gnädigſter Herr erläßt, um uns vor der ſündhaften Peſt revolutionärer Gedanken zu bewahren. In Ihre Verborgenheit dringt nichts davon. Gewalt und Verbrechen der Mächtigen kennen Sie nur vom Hörenſagen. Der alte Mann ſah ſinnend vor ſich nieder und ſtützte ſein weißes Haupt in ſeine Hand, bis er aufblickte und ſeine Augen auf Ebba ruhen ließ. Er betrachtete ſie faſt mit demſelben Ausdruck, wie da⸗ mals, als er ſie zuerſt ſah. In ſeinem Gemüth ſchienen Erinnerungen *. 8 dwun Laun nähe ſeine zu nem bre und Gc Grafen darauf und be⸗ Bst von d ſeine n/, aber eMen⸗ ubigſten te Fort⸗ r Herr, nur in eſchlecht emerken heit iſ mindern. s verübt Spott eben den n über⸗ as küm⸗ ſthätiges fragen gefehlen, ten Peſ tt dringt Sie nur — 19— zu arbeiten, die ihm Kummer und Furcht machten, und ſeine Hände zuſammenfaltend ſagte er leiſe: Dennoch habe ich dieſe Gewalt einſt dicht in meiner Nähe geſehen und wohl muß es Gottes Wille ſein, der Sie zu mir geführt hat und ſolche Worte in Ihren Mund legt. Ja, Sie mußten kommen, ich wußte es, als ich dies unvergeßliche Geſicht erblickte. Einige Minuten lang blickten die Herren ihn und ſich ſelbſt ver⸗ wundert an, als ſie den alten Pfarrer ſo reden hörten. Ihre fröhliche Laune gab unwillkürlich einer ernſteren Stimmung Naum, als ſie ihn näher anſchauten. Etwas Geheimnißvolles und Geſpenſtiſches lag in ſeinen Augen, die in ihrer Starrheit die Gedanken des alten Mannes zu begleiten ſchienen und ſich mit Schrecken vor dem füllten, was ſei⸗ nem innern Schauen ſich zeigte. Wenn ich Sie recht verſtehe, ſagte Arwed, das Schweigen unter⸗ brechend, ſo iſt Einer unter uns, deſſen Geſicht Sie an Vergangenes und Erlebtes erinnert und, täuſche ich mich nicht, ſo muß es meine Schweſter ſein, Herr Jönsſon.. Der Pfarrer nickte ihm zu ohne zu ſprechen. Aber es iſt unmöglich, daß Ebba jemals früher in Ihre Nähe gekommen ſein kann, fuhr der Baron fort, denn ſie macht zum erſten Male eine Reiſe übers Meer. Ich weiß, daß es unmöglich iſt, erwiederte der Pfarrer, denn was ich Ihnen erzählen will, hat ſich vor mehr als dreißig Jahren, alſo zu einer Zeit zugetragen, wo dieſe junge edle Dame noch nicht ge⸗ boren war. Dennoch habe ich ſie geſehen, wie dies jetzt geſchieht; dieſelbe feine und ſchlanke Geſtalt, daſſelbe edle und liebliche Geſicht, Zug für Zug wie damals, wo ihre Augen mich voll Angſt und heißer Liebe anblickten, als ich ihre Hand in die Hand ihres Gatten legte. Wie? Ein Ehebündniß wurde geſchloſſen? fragte Arwed ungläubig und verwundert.— Wo, Herr Jönsſon? Hier auf dieſer Inſel? Auf dieſer Inſel, in tiefer Nacht und unter Umſtänden, die mich lange Zeit mit Kummer und Entſetzen erfüllten, antwortete der alte Mann. Ein Abenteuer! rief der junge Offizier, die Gläſer füllend. Heraus damit, wir hören Alle gern dergleichen. 2* — 20— Erzählen Sie, Herr Jönsſon, ſagte Serbinoff lächelnd. Sie haben uns gut vorbereitet, um ſchreckliche Dinge zu erfahren. Ja, ja, murmelte der Greis vor ſich hinblickend, es ſoll geſchehen. Niemand würde es ſonſt erfahren, und ſeine Augen zu Ebba auf⸗ hebend fuhr er fort: Ihnen will ich es erzählen, deren Anblick mich ſo lebhaft an jene ſchreckliche Nacht erinnert und deren Erſcheinen in meiner Einſamkeit mir den Glauben gibt, daß ich thue was ich ſoll. So wahr mir Gott helfe! es iſt Alles ſo geſchehen, wie ich ſage, und noch weiß ich, daß ich an jenem Abend einen Spaziergang auf die hohen Felsklippen gemacht hatte und dort die Sonne in das blutig rothe Meer tauchen und verſchwinden ſah. Es war kalt, denn es war am dritten November des Jahres 1772. Nach langen Regentagen war leichter Froſt eingetreten, doch lag kein Schnee, wohl aber hing der Himmel voll grauweißlicher Wolken, die der hohle Wind in dunkle Wände zuſammenjagte. Das Jahr 1772 war das erſte Regierungsjahr König Guſtav's nach der Revolution, ſagte der Seemann. Richtig, fuhr der Pfarrer fort. Am 24. Auguſt hatte der junge ₰ König in Stockholm den Reichsrath gefangen geſetzt, deſſen Gewalt zerſtört und ſein königliches Anſehen hergeſtellt. Eben damals ge⸗ langten die ausführlichen Berichte, Proclamationen und Schriften über dies Ereigniß auch in meine Abgeſchiedenheit, und es war viele Freude über die That des Königs bei den armen Leuten; denn die neue Re⸗ gierung verſprach eine gute und gerechte zu ſein, die Laſten zu erleich⸗ tern, nirgend Gewalt und Unrecht zu dulden. Die Herrſchaft des hohen Adels aber, der im Reichsrathe ſaß und Land wie König regierte, war nicht beliebt; man hoffte jetzt von dem jungen, ritter⸗ lichen Fürſten eine neue glückliche Zeit. Die nicht gekommen iſt, fiel Arwed ein. Gott weiß es, nein! antwortete der Greis. Mögen die es ver⸗ antworten, von denen man ſagt, daß ſie alles Gute hinderten, die mit Ränken und Verleumdungen den König umgarnten, ſich gegen ihn verſchworen und ihr Vaterland den Feinden verriethen. Damals aber glaubte der größte Theil der Menſchen, der junge kühne Fürſt werde Schweden groß und glücklich machen, und was man von ſeiner e haben ſchehen. da auf⸗ ick mich ſcheinen was ich ch ſage, ng auf z blutig es war entagen er hing dunkle uſtav's r junge Gewalt als ge⸗ en über Freude ue Re⸗ erleich⸗ ft des König ritter⸗ Güte, ſeinem Edelmuth und ſeiner Luſt zu allem Guten und Rechten erzählte, mußte die immer hoffenden Gemüther der Menſchen er⸗ greifen. So ſaß ich denn auch an jenem Abende lange an dem Schranke dort und las, wie König Guſtav ſein Reich neu ordnete und verwal⸗ tete. Wie er viele alte Mißbräuche abſchaffte, den Bedrückten zum Recht half gegen ihre Dränger, wie kein Bittender ungehört von ihm ging und wie er in der Mutterſprache zu Jedermann ſprach, was ſeit dem großen Karl kein Schwedenkönig mehr gethan hatte. Mein Herz war freudig geſtimmt, und die Wehmuth meiner Seele verſchwand ſeit langer Zeit zum erſten Male vor den Gedanken an die freudigen Hoffnungen meines Landes und Volkes. Kaum war ein Jahr vor⸗ übergegangen, ſeit ich meine arme Natta begraben hatte. Ich war ein einſamer Mann, allein ich vergaß meinen Kummer über die frohe Hoffnung, noch eine Zeit zu erleben, wo die Menſchen auf eine höhere Stufe der Geſittung treten, Gott ähnlicher, gerechter und beſſer ſein würden. Während ich dieſen— ach! ich weiß wohl— träumeriſchen Be⸗ trachtungen nachhing, war es ſpät geworden und draußen heulte ein Sturm, unter deſſen Stößen das Haus knarrte und ächzte. Ich hörte— den Donner der See, die ihre Wogen an die Klippen warf, und er⸗ kannte dankbar mein Glück, in Sicherheit vor der Wuth der Ele⸗ mente zu ſein. Plötzlich war es mir als würde hart an meine Thür gepocht, und es war keine Täuſchung, denn die Schläge wiederholten ſich; deutlich hörte ich auch meinen Namen rufen. Ich meinte nicht anders, als daß ein Fiſcherboot ſich vor dem Sturme in die kleine Bucht geflüchtet habe, und die Männer darin, erſtarrt von Kälte und harter Arbeit, Obdach bei mir ſuchten. Eilig ging ich hinaus und öffnete; kaum aber war dies geſchehen, als ein fremder Mann herein⸗ trat, dem mehre Andere folgten, welche Laternen trugen. Der Fremde war in einen Pelzrock gehüllt, deſſen aufgeſchlagener Kragen dicht um ſein Geſicht gebunden war; allein es war kein Schaafpelz, wie dieſer gewöhnlich bei unſern Landleuten iſt, ſondern von koſtbarer Verbrämung. Auf ſeinem Kopfe ſaß ein kleiner Hut mit breiter Goldtreſſe, den er tief in die Stirn gedrückt hatte. Sein — 22— Anblick ſchreckte mich, ehe ich jedoch etwas äußern konnte, ſagte er im rauhen Tone: Sind Sie der Pfarrer Axel Jönsſon? Ja, mein Herr, erwiederte ich. Ich will mit Ihnen ſprechen, folgen Sie mir, fuhr er fort, und bei mir vorübergehend trat er in dies Zimmer. Auf dem Heerde dort glimmte noch das Feuer, und indem er ſeinen einen Fuß auf den Rand ſetzte, die Kohlen zuſammenſtieß und die Gluth anfachte, beugte er ſich nieder und wärmte ſeine Hände. Einer der Leute, die ihn begleiteten, kam ebenfalls herein, ſetzte eine Flaſche auf den Tiſch und entfernte ſich. Der Herr ſah aus wie ein Kriegsmann. Gewaltig groß und kräftig war ſein Körper und ſeine funkelnden Augen jagten mir Furcht ein. Von ſeinem Geſichte konnte ich wenig erkennen, nur daß es harte ſtrenge Züge hatte, die dem rauhen und befehlenden Tone ſeiner Stimme entſprachen.— Ich ſtand überraſcht, ohne zu wiſſen, was ich von dieſem ſeltſamen Beſuche zu erwarten hatte; da aber einige Zeit verging, ohne daß er Miene machte, mich anzureden, ordneten ſich meine Gedanken. Wahrſcheinlich, ſagte ich, ſo freundlich ich konnte, haben Nacht und Sturm Sie überfallen. Was meine ſchwache Hilfe vermag, ſteht gern zu Ihren Dienſten. Laſſen Sie das, unterbrach er mich, ehe ich enden konnte. Nehmen Sie zwei Gläſer von dem Brett da, öffnen Sie die Flaſche und ſchenken Sie ein. Ich wagte nicht ihm zu widerſprechen; ſchweigend that ich, was er begehrte. Als es geſchehen war, trat er an den Tiſch, nahm das eine Glas und deutete auf das andere. Trinken Sie! ſagte er. Auf Ihr Wohl, mein Herr! ſprach ich mich verneigend. Es war ſtarker ſüßer Wein, derſelben Art, wie dieſer hier vor mir ſteht. Er rollte wie Feuer durch meinen Leib. Noch ein Glas! rief er mit derſelben harten Stimme und mit ſo befehlenden Blicken, daß meine Weigerung davor verſtummte.— Nehmen Sie, es iſt kalt draußen; Sie müſſen warm werden, fuhr er fort. Ohne Zweifel, ſagte ich, nachdem ich getrunken hatte, liegt ein Schiff in der Nähe, mein Herr, das unter dieſer Inſel Schutz geſucht hat. — 22— Ich erhielt keine Antwort, denn er ging nach dem Herd und e er im kehrte erſt nach einigen Minuten wieder zu mir zurück. Sind Sie jetzt geſtärkt und erwärmt genug, um mir zu folgen? fragte er, indem er vor mir ſtehen blieb und mich anſah. t, und Ich ſoll Ihnen folgen, mein Herr? fragte ich. Wohin? Heerdt Um ein heiliges Amt zu verrichten. duß auf Iſt es ein Kranker oder Sterbender, der mich begehrt, war meine anfacht, Antwort, ſo bin ich immer ſtark gaug, um ſeinem Rufe zu folgen. ute, die Um ſo beſſer! rief er nach einem kurzen Bedenken, während ſein en Tiſch Geſicht ſich wie zu einem Lachen verzog. Kleiden Sie ſich an, ich gewalti gebe Ihnen zehn Minuten Zeit dazu. Nehmen Sie Alles mit, was rjagten nöthig iſt, um eine Trauung zu verrichten. en, nur Eine Trauung? fragte ich. Wo ſoll dieſe geſchehen? hlenden In der Kirche, erwiederte er. Das Brautpaar erwartet Sie. hne zu Ich ſah ihn voller Erſtaunen an. Wenn ich eine ſolche heilige te; da Handlung unter ſo beſondern Umſtänden vollziehen ſoll, antwortete ureden, ich endlich, ſo muß ich erwarten, daß Sie dazu die nöthigen Befehle undlich meiner kirchlichen Obern beſitzen. meint Er ſchlug an ſeine Hüfte, daß es klirrte. Hier iſt mein Befehl! ſchrie er auf, dem Sie Folge leiſten werden. Seien Sie verſtändig, Nehmen fügte er dann gelaſſener hinzu, und fügen Sie ſich ohne Widerrede, he und ſo wird Ihnen kein Leid geſchehen, im Gegentheil, ich werde Sie reichlich belohnen. Sie haben nichts weiter zu thun, als die Trauung was er wie es Brauch iſt zu verrichten. Weigern Sie ſich nicht länger, es s eine würde Ihnen nichts helfen; fragen Sie auch nicht weiter, jedes Wort iſt überflüſſig und gefährlich. s war Er ſah ſo finſter und ingrimmig aus, daß ich ihm das Schlimmſte Er. zutraute, und da ich ohne Schutz war, aller Gewaltthat preisgegeben, , ſuchte ich nicht länger durch offene Weigerung, ſondern durch Darſtel⸗ mit ſo lung der Schwierigkeiten ihn zu erweichen. . Wenn ich Ihren Willen auch erfüllen wollte, begann ich, ſo bin rfont ich doch ohne allen Beiſtand. Der Kirchendiener liegt krank danieder, t din die Kirche iſt öde und dunkel. Der Weg dahin bei Sturm und 2chuß Nacht ſehr beſchwerlich. „. 1 3 3 — 24— Es iſt Alles bereit, für Alles geſorgt, unterbrach er mich. Sie werden Beiſtand finden, ſo viel Sie bedürfen. Eilen Sie jetzt und ziehen Sie Ihren Kirchenrock an. Sie gingen wirklich? fragte Ebba, die aufmerkſame Stille unter⸗ brechend. Ich ging, erwiederte der Pfarrer, denn was ſollte ich thun?— Nach einigen Minuten war ich bereit und folgte ihm hinaus, wo die Männer mit den Laternen warteten und uns begleiteten. Der Mond, unter Wolken verborgen, die in wilder Haſt über den Himmel jagten, verbreitete ein neblichtes, mattes Leuchten. Ein heftiger Wind fegte über die Klippen und brachte feine hagelartige Schneekörner, die er in unſere Geſichter warf. Dazu begleitete uns das Brauſen der See, welche ihre weißköpfigen Wogen ſtürmiſch übereinander ſtürzte. Als wir an den Strand gelangten, wo der Weg zur Kirche hinläuft, be⸗ merkte ich in der Ferne mehrere ſchwankende Lichter, und ich zweifelte nicht, daß ſie an den Maſten eines großen Schiffes brennen mußten, das zwiſchen den beiden Inſeln Anker geworfen hatte. Ich wagte jedoch keine Frage; denn er hatte mir ſtreng zu ſchweigen geboten. In ſeinen Pelz gehüllt, ging er vor mir her ohne Wort und Laut, wie einer der ſchrecklichen Rieſen, die unter dem Meere wohnen und nächtlich heraufſteigen, um dieſe Inſeln zu durchwandern, ehe die Sonne auf⸗ geht, die ſie in Fels verwandelt. Als wir die Düne erreicht hatten, hinter welcher die Kirche liegt, ſah ich jedoch noch weit helleres, nähe⸗ res Licht; denn das Gotteshaus war erleuchtet und ſchimmerte weithin durch die Nacht. Voll ängſtlicher Neugier erreichte ich es. Nein, es war kein Traum, es war Wirklichkeit und Wahrheit, obwohl mein Kopf davor ſchwindelte. Der alte Leuchter, welcher in der Mitte hängt, und von Sten Sture, dem frommen Reichsverweſer, hierher geſchenkt ſein ſoll, war mit Kerzen beſteckt; auch auf dem Altare brannten dieſe; allein noch mehr als dies Alles, überraſchte und entſetzte mich die Ver⸗ ſammlung, in welche ich trat. Denn alle Bänke waren mit Men⸗ ſchen gefüllt. Lautlos ſaßen ſie da, graue, düſtre Schatten, ihre Ge⸗ ſichter in Kappen verborgen, ihre Leiber in dunkle Röcke gehüllt. Alle, die ich erkennen konnte, trugen um ihre Hüften kurze Schwerter, unter⸗ in?— wo die Mond, jagten, d fegte die er fft, be⸗ veifelte nußten, wagte eboten. Laut, ächtlich ie auf⸗ hatten, nähe veithin — 25— mehrere auch hatten Piſtolen in den Gürteln. Ich zweifelte nicht, daß dies das Seevolk von dem großen Schiffe ſei; aber ein Zagen ergriff mich, denn in welche Hände war ich gefallen?— War dies eine Rotte Räuber oder waren es Kriegsleute und wohin gehörten ſie? Friede war damals überall, und die Jahreszeit viel zu ſpät, um zu glauben, daß ein königlicher Kreuzer draußen liege. Meine ängſtlichen Gedanken wurden von dem Herrn unterbrochen, der mich hieher geführt hatte und der Anführer dieſer Männer ſein mußte; denn ich ſah wohl, wie alle vor ihm wichen. Treten Sie an Ihren Platz, ſagte er dicht an meinem Ohr. Thun Sie Ihre Pflicht, doch hüten Sie ſich vor Allem, was nicht dazu gehört. 4 Die Reihen der Männer, welche den Kirchgang füllten, bffneten ſich auf ſeinen Wink; dennoch aber blieb ich ſtehen, als ich wenige Schritte gethan. Mein Haar ſträubte ſich und mein Herz ſtand ſtill vor Furcht und Bangen. 5 Was ſahen Sie? fragte Arwed. 2 Eine Gruft, ein offenes Grab! murmelte der alte 8 der mit dem Entſetzen ſeiner Erinnerungen in die Geſichter ſeinsk erregten Zuhörer blickte. Der Boden im Kirchengange war tief aufgewühlt, die ſchweren Steine, welche ihn bedeckten, auf einen Haufen zuſammen⸗ gelegt. Hauen und Hacken, welche dieſe tiefe Grube geſchaffen hatten, lagen auf der andern Seite, ſammt Trümmer, Schutt und Sand, welche mühſam herausgeſchaufelt waren. Warum war dißs geſchehen? Für wen war dieſe ſchreckliche Gruft beſtimmt? Indem i dies dachte, hob ich die Augen auf und ich erhielt eine Antwort, die in meinem geängſtigten Herzen wiederhallte. Auf der vorderſten Bunk, dicht an dem Altare erblickte ich das Brautpaar. Welch ein Anblick war das! Umringt von den düſtern, harten, in ihre Kappen gehüllten Männern, ſah ich einen jungen Mann von edlen, ernſten Geſichtszügen. Er war ſehr bleich, doch auf ſeiner hohen Stirn lag ſtalze Furchtloſigkeit oder Verachtung, und ſeine Augen blickten kühn wenben umher. Seiner Kleidung nach mußte er von hoher Ge* ſein, denn ſein Rock beſtand aus röthlich ſchimmerndem Sammet, bedeckt mit goldener Stickerei. Sein Haar war gepudert und gebunden, eine funkelnde Nadel hielt die Schleife ſeines Halstuches und an ſeinen Fingern mich opferte, dieſen Unglücklichen helfen würde?— Ohne ein Wort — 26— ſteckten mehrere Ringe. Wie der Anblick dieſes unglücklichen Mannes mich aber auch ergriff, noch viel mehr rührte und ängſtigte mich die junge Frau, welche an ſeiner Seite ſaß. So voller Reiz der Jugend und Schönheit glaubte ich nimmer eine geſehen zu haben. Weiße ſchwere Seide umfloß ihren ſchlanken Leib, in ihren dunkelblonden Locken ſteckte ein Gewinde von blitzenden Steinen, darüber ſaß die grüne Brautkrone und der lange Schleier von ſilberdurchwirktem Stoff. In dem Augenblick, wo mich ſtarke Arme ergriffen und mir vorſichtig über die Gruft halfen, ſchlug ſie ihre Augen zu mir auf, und es war mir, als fülle ſich ihr ſchönes Geſicht mit unaus⸗ ſprechlicher Angſt und Noth. Gleich darauf aber wandte ſie den Kopf zu ihrem Geliebten, und ihre Mienen drückten nun die zärt⸗ lichſte Liebe und eine Begeiſterung aus, welche über alle Schrecken triumphirte. Ich war ſo verwirrt und betäubt von dem, was ich ſah, daß ich keines Wortes mächtig die beiden Geſtalten mit gefalteten Händen und ſtarren Blicken anſchaute. Sie kamen mir vor wie Engel des Lichts, die von Dämonen gepeinigt wurden, und waren ſie nicht Märtyrer für den ſchönen Glauben ihrer Seelen? War dieſe Gruft nicht für ſie beſtimmt? Sollte nicht eine entſetzliche Gräuelthat an ihnen verübt werden? Eine blutige Geſchichte entſprang mit Gedanken⸗ geſchwindigkeit in meinem Gehirn. Man hatte ſie hieher geſchleppt— wer, o Allmächtiger! wer es that, wußteſt du allein.— Man ver⸗ höhnte ſie, wie der Heiland einſt verhöhnt wurde mit der Krone von Dornen, indem man ſie vor den Altar ſchleppte, den Segen der Kirche über ihren Bund ſprechen ließ, um ſie gleich darauf zu erwürgen. Gerechter Gott! rief Ebba. Was geſchah? Ich ſah die verhüllten Wachen mit blanken Schwertern zu ihren beiden Seiten ſtehen und ich wollte meine Stimme erheben, als der grimmige Mann, der mir gefolgt war, meinen Arm zuſammen preßte und mit ſolcher Wildheit mich bedrohte, daß ich verſtummte. Was konnte ich Einſamer, Schwacher, gegen mehr als hundert Bewaffnete thun? Wie konnte ich hoffen, daß mein Widerſtand, auch wenn ich Mannes mich die Jugend Weiße elblonden ſaß dle hwirktem und mir mir auf, unaus⸗ ſie den die zärt Schrecken daß ich Händen gel des je nicht e Gruft lthat an edanken⸗ leppt— dan ver one von gen der auf zu u ihren als der preßte Was affnete enn ich Wort — 27— ſtreckte der Fremde den Arm nach dem Altare aus, an welchem ich meinen Platz einnehmen ſollte, und ich fand dort Alles bereit, die Decken gelegt, das Crucifix zwiſchen die brennenden Kerzen geſtellt. Bibel und Gebetbuch davor aufgeſchlagen. So begann ich denn nach den Vorſchriften der Kirche die Trauung und richtete meine heißen Bitten zu dem Gewaltigen, der allein hel⸗ fen konnte, dies Paar in ſeinen gnädigen Schutz zu nehmen, es vor ſeinen Feinden zu bewahren, und ihm Glück und langes Leben zu verleihen. Alles war ſtill. Die düſtern Geſtalten verſchwanden vor meinen Blicken; ich ſah nichts, als die beiden Liebenden, welche Hand in Hand vor mir ſaßen, ſelig lächelnd und ihres Sieges gewiß. Mit entzücktem Tone hörte ich ihr Ja! durch die Kirche klingen und als ſie die Ringe wechſelten, ſtrahlten ihre Augen wie in überirdiſcher Verklärung. So neigten ſie ſich, um den Segen zu empfangen und ich erflehte ihn aus inbrünſtiger Tiefe; aber wer will Gottes Wege ermeſſen, wer will zweifeln, wenn er unerhört bleibt?— Kaum hatte ich das letzte Wort geſprochen, als ich von mehreren dieſer verkappten Männer umringt und hinaus geführt wurde, wo mich ihr Anführer ſchon erwartete. Sie können jetzt in Ihr Haus zurückkehren, ſagte er, vorher jedoch geloben Sie in meine Hand unverbrüchliches Stillſchweigen über Alles, was hier geſchah. Beſinnen Sie ſich nicht, fuhr er in drohendem Tone fort, es möchte Sie gereuen! Geloben Sie mir, mit Nie⸗ manden darüber zu ſprechen, auch keinerlei Nachforſchungen anzuſtellen. Nur wenn Sie mein Verlangen erfüllen, werden Sie dieſen Ort ver⸗ laſſen. Lebendig! flüſterte eine Stimme mir zu und ſchaudernd ſah ich auf die dunkeln Geſtalten, welche wenige Schritte von uns ſtanden, wie ich meinte dazu beſtimmt, mir die Rückkehr unmöglich zu machen. Ein Stoß von einer dieſer Klippen in die brüllende See und Alles war gethan. Niemand hätte viel nach dem Verſchwundenen gefragt, oder wenn mein zerſchellter Leichnam aufgefunden wurde, hätte man den einſamen trübſinnigen Pfarrer als einen Verunglückten, oder als Selbſtmörder begraben. — 28— Ich leiſtete den Eid, und als es geſchehen war, drückte er ein ſchweres Päckchen in meine Finger. Nehmen Sie dies, ſagte er, aber hüten Sie ſich, Ihr Wort zu brechen. Ich würde Sie finden, wo es auch ſein möchte.— O, mein Herr! erwiederte ich flehend. Gott, der Alles ſieht und weiß, er ſieht auch uns. Haben Sie Mitleid, erbarmen Sie ſich! Fort! unterbrach er mich mit wilder Heftigkeit, fort! Sehen Sie ſich nicht um, wenn Sie leben wollen!— Er ſtieß mich von ſich und als ich einige Dutzend wankende Schritte gemacht hatte, hörte ich ein verworrenes Geſchrei, das aus der Kirche kam.— Gott, mein Gott! rief ich in meiner Herzensangſt, meine Arme zu dem nächtlichen Himmel ausſtreckend und auf meine Knie ſinkend, ſchütze ſie, rette ſie, du Hort aller Verfolgten! Ein Schrei, noch wilder, noch entſetzlicher, drang in mein Ohr und ich ſprang auf und lief wie im Wahnſinn davon, ohne mich zu beſinnen, ohne anzuhalten, bis ich endlich inne ward, daß ich weit von meiner Wohnung umherirrte! Der Sturm hatte mir meinen Hut genommen, Schnee fiel dicht auf mich nieder, als ich endlich, Fieber⸗ glut in allen Adern, mein Haus erreichte. Es war mir, als hörte ich durch das Brauſen der See den Donner der abgefeuerten Kanonen, aber von dem Schiff war nichts zu entdecken, als ich nochmals hin⸗ aus auf die Klippen lief und endlich warf ich mich auf mein Lager, verzweiflungsvoll meine Hände ringend, hadernd mit dem Allerbarmer, voll Zorn und Scham gegen mich ſelbſt, daß ich ſo ſchwach und elend war. Und Sie thaten nichts zur Entdeckung des Frevels? fragte Ebba nach einer langen ſtummen Stille. Drei Tage lang lag ich in meinem Bett, ſagte der Greis de⸗ müthig, dann raffte ich mich auf und ging zur Kirche. Der Sonntag war gekommen, ich mußte mein Amt verwalten; dieſer Gang war einer der ſchrecklichſten, den ich je gethan. Zitternd trat ich über die Schwelle des Gotteshauſes. Meine Augen irrten ſcheu und ſuchend umher, doch nichts war zu entdecken. Die großen Steine lagen noch da, wo ſie immer gelegen, jede Spur von dem, was hier geſchehen, war ſorgfältig entfernt. Es war als hätte ich geträumt. er ein r, abet wo es iht und h! en Sie ich und ich ein Gott! htlichen ette ſie, in Ohr nich zu ch weit en Hut Fieber⸗ örte ich anonen, als hin⸗ Lager, barmer, ch und Ebba eis de⸗ ponntag g war ber die ſuchend n noch ſchehen,. Wiſſen Sie auch gewiß, daß es kein Traum war? fragte Serbi⸗ noff lächelnd. Ich befand mich allein mit dem alten Kirchendiener, fuhr der Pfarrer fort, ohne dieſe ungläubige Einſprache zu beachten, und ich ſuchte meine verſtörten Sinne zu ſammeln. Nur zu gut wußte ich, daß ich das Alles erlebte, zu gut, daß ich wirklich ſah, was ich ge⸗ ſehen, und wenn ich etwa noch hätte zweifeln mögen, ſo erhielt ich ein anderes Zeichen der Beſtätigung. Als ich an den Stühlen ſtand, auf denen das unglückliche Paar geſeſſen, ſchimmerte hinter der Leiſte derſelben etwas Weißes hervor und als ich es aufhob, erkannte ich einen Handſchuh von zarter Feinheit. Ich habe ihn bewahrt bis auf dieſe Stunde, und er ſowohl wie die Rolle mit den Goldſtücken, der Blutlohn, den ich niemals anrühren mochte, ſind Zeugen der Wahrheit. Das iſt entſetzlich! rief Ebba. Sie beſitzen den Handſchuh noch? Hier iſt Beides, erwiederte der Greis und aus ſeiner Taſche nahm er einen Beutel, aus welchem er zunächſt einen vergilbten Frauenhandſchuh, mit Silberfäden geſtickt, hervorzog, dann eine Pa⸗ pierrolle, die zermürbt in ſeiner Hand auseinander brach und eine Anzahl Goldſtücke auf den Tiſch fallen ließ. Alle ſtarrten von Grauen ergriffen darauf hin. Holländiſche Ducaten, ſo wahr ich lebe! rief der junge Offtzier. Eine ſchmale, kleine Hand hat zu dieſem Handſchuh gehört, ſagte Serbinoff. 3 Das Fräulein hatte ihn aufgenommen und ſtreifte ihn an ihre Finger. Er paßt, als gehörte er dir, bemerkte ihr Bruder. Legen Sie ihn fort, ſagte Serbinoff. Wir haben in Rußland den Glauben, daß es Unglück bringt, ein Kleidungsſtück von Einem anzulegen, der gewaltſam um ſein Leben kam. War es denn ſo? Ermordete man ſie wirklich? Wenn ſich Alles ſo verhält, wie dieſer würdige Herr uns mittheilt, iſt allerdings wenig daran zu zweifeln, war ſeine Antwort. Wer that es? Wer wagte ein ſo grauenvolles Verbrechen? — 3o— Was das Erſte anbelangt, ſagte der Graf, ſo ſcheint allerdings eine mächtige Perſon den Befehl dazu gegeben zu haben, der von dem Befehlshaber eines Kriegsſchiffes vollzogen wurde. Kein Offizier wird ſich zu ſolcher Schandthat gebrauchen laſſen* fiel Lindſtröm ein. Wenigſtens wohl kein ſchwediſcher, verbeſſerte der Baron. Und dieſe Unglücklichen— wer konnten ſie ſein? fragte Ebba. Müſſen es denn Unglückliche geweſen ſein? erwiederte Serbinoff. Weit eher glaube ich, daß es Staatsverbrecher waren, die vielleicht den Zorn einer hohen Perſon beſonders reizten und deren Rache auf ſich zogen. 4 Einer ſolchen Rache iſt nur eine Frau fähig, flüſterte lächelnd der Baron. Ich glaube zu verſtehen, was Sie andeuten, antwortete Serbinoff. Katharina die Zweite war eine große Herrſcherin, ihre Leiden⸗ ſchaften waren eben ſo gewaltig, allein ſie war immer großmüthig; nie hat man gehört, daß ſie ſich an einem treuloſen Geliebten rächte. Mit Alexei Orloff oder Gregor Potemkin war freilich weniger zu ſpaßen, und unmöglich wäre es nicht, daß einer dieſer allgewaltigen Männer eine treuloſe Geliebte und ihren Buhlen auf dieſe Weiſe ſtrafte. Allein, warum mit dem zärtlichen Paar bis an dieſe ent⸗ fernte, fremde Küſte ſchiffen? In welcher Sprache redete der Prende mit Ihnen, Herr Jönsſon? Er ſprach ſchwediſch, ſagte der Pfarrer. Das iſt kein Beweis, fiel Lindſtröm ein. Sie ſelbſt verſtehen ja ſchwediſch, und im ruſſiſchen Heere befinden ſich manche Offiziere finniſcher Abkunft, beſonders auf der Flotte, denen das Schwediſche Mutterſprache iſt. Die übrigen Leute haben Sie nicht ſprechen gehört? Alle waren ſtill und ſtumm, erwiederte der Greis. Allein das Brautpaar antwortete doch ein deutſches Ja, fuhr Serbinoff fort, und würde man einen kirchlichen Act hier vollzogen haben, wenn ſich beide nicht zu der hier herrſchenden Landeskirche be⸗ kannten!? Dieſe Gründe waren triftig genug, dennoch überzeugten ſie weder den Kammerherrn noch ſeine Verwandten. Es iſt unmöglich, ſagte Arwed, daß bei unſern Zuſtänden, auch fünfunddreißig Jahre zurück⸗ geblick ben E It Jahr holn Angehe 4’ berſcha hil de Er war er aber w jener nicht in ihr dert, weſen G varf die Im der erdings i dem laſſen, ba binoff. elleicht he auf Baron. kbinoff. keiden üthig; rächte. ger zu altigen Weiſe ſe ent⸗ Fremde hen ja ffizier ediſche ehört? fuhr llzogen he be⸗ we der ſ agte urück — 31— geblickt, eine ſolche Gewaltthat verborgen bleiben konnte. Was glau⸗ ben Sie ſelbſt davon, Herr Jönsſon? Ich weiß es nicht, erwiederte der demüthige Mann. Wohl ein Jahr lang und darüber ließ ich mir aus Abo die Zeitung von Stock⸗ holm ſchicken, doch umſonſt forſchte ich darin, ob eine Familie ihre Angehörigen vermiſſe, oder irgend eine Andeutung mir eine Spur verſchaffen könnte. Es war Alles vergebens. Eine ſolche Andeutung mußte ſich finden, fiel Arwed ein. Wenn die Ermordeten nur einigermaßen zu den obern Ständen gehörten, war es unmöglich, daß ſie ſpurlos verſchwinden konnten. Vielleicht aber waren es Dänen, fuhr er nachdenkend fort. Was konnte zu jener Zeit des däniſchen Abſolutismus und ſeiner blutigen Hofkabalen nicht geſchehen. Wenn man nicht wüßte, daß die ſchöne Mathilde in ihrem Kerker ſtarb und Struenſee's Kopf auf einem Pfahl vermo⸗ derte, könnte man glauben, es ſei die unglückliche Königin ſelbſt ge⸗ weſen. Ein banges Schweigen folgte ſeinen Worten. Die ärmlichen Lichte warfen ihren flackernden, düſtern Schein auf den Handſchuh und auf die verſtörten Geſichter.— Thaten Sie denn niemals etwas, das Ihnen Gewißheit verſchaffen konnte, was in der Kirche geſchah? fragte der junge Seemann endlich. Was ſollte ich thun? erwiederte der Pfarrer. Nicht Furcht vor dem was mir geſchehen konnte war es, das mich abhielt die Gruft anzurühren, welche jene Unglücklichen bedeckte, ſondern Furcht neues Unheil heraus zu fordern, das leichter Unſchuldige als Schuldige tref⸗ fen konnte. Wer dieſe That auch anſtiftete, ein mächtiger Gebieter auf Erden war er gewiß, den ſchwerlich ein Geſetz, das Menſchen ge⸗ macht, erreichen konnte. So ſtellte ich Gott die Rache anheim, der den Miſſethäter längſt wohl vor ſeinen Richterſtuhl geladen hat, um ſein Urtheil zu ſprechen. Das Grab wurde ſomit niemals aufgedeckt? Niemals eine Nach⸗ forſchung angeſtellt? fragte Ebba. Wie hätte ich die ſchweren Steine heben und unbemerkt eine Un⸗ terſuchung ausführen können? erwiederte der Geiſtliche. Und was— ſetzte er ſeufzend hinzu— was konnte es helfen? Dann fordere ich Euch auf, Ihr Herren, ſagte das Fräulein, nicht von hier zu gehen, bis wir Alles erforſcht haben. Bravo! rief der junge Seemann auſſpringend, gleich auf der Stelle wollen wir an's Werk. Vier rüſtige Bootsleute werden die Steine bald fortſchaffen;z ein paar Eishacken liegen in dem Lugger; Schaufeln liefert uns der Herr Jönsſon, ſo haben wir was wir brauchen. Die Bedenken gegen dieſen Vorſchlag waren bald überwunden. Das Schaurige und Grauſige dieſer nächtlichen Unterſuchung eines Verbrechens, das ſo lange verborgen geblieben, reizte durch das Ge⸗ heimniß, welches darüber ſchwebte, die jungen Gemüther noch mehr auf, und wenn auch der bedächtige Baron Arwed die romantiſche Erregt⸗ heit ſeiner Schweſter und ſeines Verwandten nicht theilte und ihre Empfindungen ihm weit ablagen, ſo hatte er andere Gründe, um nicht dagegen zu ſein. Es war ein unterhaltendes Abenteuer, deſſen Entdeckung Aufſehen machen mußte. Der König ſelbſt konnte ſich dafür intereſſiren, und daraus ließen ſich vielleicht Vortheile ziehen, die Herr von Bungen zu benutzen dachte. Er ſtimmte daher ein unter der Bedingung, daß der ehrwürdige Pfarrer nichts dagegen habe, da ſein Beiſtand und ſeine Erlaubniß nothwendig ſeien. Was Sie thun wollen, erwiederte der demüthige Greis, werde ich nicht hindern. Hat der Herr Sie zu mir geführt, damit ich Ihnen dieſe traurige Begebenheit mittheile, ſo wird ſein Wille auch weiter geſchehen, und wenn ich bedenke, daß morgen am Tage ein Zulauf von Neugierigen ſtattfinden würde, ſo ſcheint es mir beſſer, die Unter⸗ ſuchung in der Stille der Nacht zu beginnen. Damit war die Einigung erreicht und eine halbe Stunde genügte für den jungen raſchen Seemann, um die Schiffsmannſchaft mit Hacken und Spaten zur Stelle zu ſchaffen. Der Pfarrer rüſtete ſich, ſeine Gäſte zu begleiten und Ebba war nicht zu bewegen, von dem nächtlichen Zuge abzuſtehen, wie ſehr auch Serbinoff in ſie drang. Warum wollen Sie ſich dieſer Expedition anſchließen, ſagte er, die in keinem Fall etwas Erfreuliches bietet. Muß man denn immer nur dem Erfreulichen zueilen wollen? erwiederte ſie. — EC genehnn ohne d Mann verdiro Ic Pillen dafß wi gtlt dypen uns de 8 doß A der M angehe (in pu ſie ei hinm laſſen jett Sie um rntſch 8e i Auger lein, nicht er Stelle ie Steine Schaufeln en erwunden. ung eines das Ge⸗ mehr auf, Erregt⸗ und ihre nde, um deſſen e ſich ehen, die in unter habe da werde ich ch Ihnen ich weiter Zulauf e Unter⸗ — 33— So viel man irgend kann, ja, war ſeine Antwort. Das Unan⸗ genehme und Widerliche drängt ſich uns von ſelbſt genugſam auf, ohne daß wir ihm zu entgehen vermögen. Ich wollte, dieſer alte Mann hätte uns mit ſeiner halb vergeſſenen Geſchichte verſchont, ſie verdirbt uns den Abend und die Nacht, vielleicht noch manchen Tag. Ich bin ihm dankbar, ſagte Ebba, und glaube, was er von dem Willen einer höhern Macht ſagt. Denn, iſt es nicht mehr als Zufall, daß wir zu ihm kamen? Iſt es nicht ſeltſam, daß ich mit jener un⸗ glücklichen Frau Aehnlichkeit genug beſitze, um ſeine lang geſchloſſenen Lippen zu öffnen, und glauben Sie nicht, daß jene höhere Macht uns dazu beſtimmt hat, dies Verbrechen zu enthüllen? Serbinoff lächelte ungläubig. Ich hoffe und wünſche, ſagte er, daß Alles, was Sie denken, ſich nicht erfüllt, und bin noch immer der Meinung, uns nicht mit Dingen einzulaſſen, die uns ſo wenig angehen. Was haben wir davon, wenn wir wirklich in einer Grube ein paar Gerippe finden? Am beſten immer dann noch, wir ſcharren ſie ein und machen es wie dieſer würdige Paſtor, der die Rache dem Himmel überläßt. Sollen wir uns mit einer Criminalgeſchichte ein⸗ laſſen? Herr Erich, Ihr ritterlicher Vetter, befindet ſich wahrſcheinlich jetzt ſchon in Abo, um ſein großmüthiges Verſprechen wahr zu machen, Sie mit finniſcher Herzlichkeit zu empfangen. Kümmern wir uns alſo um die Gegenwart und um die Zukunft; doch ich ſehe, meine Gründe fruchten nichts; wenn jedoch meine Bitte Ihnen etwas gilt, theures Fräulein Ebba, fügte er ſchmeichelnd hinzu, ſo ſtehen Sie wenigſtens von dem Vorhaben ab, uns zu begleiten. Nacht, Kälte, Aufregung und Schrecken könnten Sie krank machen. Eben erſchien der Geiſtliche in ſeinen Mantel gehüllt, den großen Kirchenſchlüſſel und ſeine Laterne in der Hand. Nein, erwiederte Ebba entſchloſſen, ich gehöre nicht zu den Furchtſamen und Schreckhaften. Es iſt mir ſo, als müßte ich gehen und ich will es thun, was meine Augen auch ſehen mögen. Es war eine ſchöne, ſtille Nacht. Die Sterne funkelten matt am Himmel, tiefe Ruhe und Dunkelheit lagerten auf Land und Meer. Der Pfarrer mit der Laterne ging voran, die Uebrigen folgten ihm erwartungsvoll und ſtumm ihren Gedanken nachhängend. Zuweilen D. B. 1X. Erich Randal, v. Th. Mügge. 3 — 34— nur, wenn aus den Lerchen⸗ und Birkenbüſchen ein Nachtvogel plötzlich mehrt aufflatterte, ſchracken ſie zuſammen und wenn der Luftzug dürres vorder Geblätter um ihre Füße raſcheln ließ, folgten ihm ihre ſcheuen vervoll Blicke nach. dieſe E 1 Der Weg war nicht weit und nicht beſchwerlich. Von der hüge⸗ lehnten ligen Bodenerhebung führte er an den ſandigen Strand hinunter, Maſt über welchen phosphoriſch leuchtend die langen Meerwellen rollten; W dann traten hinter einem dünenartigen Wall die Umriſſe der kleinen un Kirche hervor. Es war ein wetterſchwarzer uralter Bau, welcher Jahr⸗ die bla hunderte überdauert hatte. Auf der thurmartig vorſpringenden Spitze erwarte G drehte ſich ein roſtiges Fähnlein, das mit heiſerem Geknarr den ſel⸗ ih üb tenen Beſuch empfing. Der Pfarrer öffnete die enge Thür, und ſeine Gott Laterne aufhebend verbreitete er einen geſpenſtiſchen Schimmer über ändern 3 eine Anzahl verdunkelter Holzbänke und Sitze, welche eben ſo alt und brad, 6 zermürbt zu ſein ſchienen, wie dies niedere Gotteshaus. Langſam ging Süre er den ſchmalen Gang zwiſchen den Bänken herauf und hinter ihm Mann 4 polterten die ſchweren ſchallenden Schritte der Bootsleute, die nicht und S 1 wußten, was hier geſchehen ſollte, doch gehorſam den Befehlen ihres Offiziers gefolgt waren. Die alte Kirche war leer von allem Schmuck, es w 3 nur auf dem Altare im Hintergrunde ſtand ein vergoldetes hölzernes auf 3 Bild des Heilandes am Kreuze, und von der Decke herab ſchimmerte Mat der verblindete Armleuchter, den der alte Mann in ſeiner Erzählung den, erwähnt hatte. Die Blicke richteten ſich auf ihn und flogen forſchend gr durch den dunkeln öden Raum, welcher mit dumpfiger Luft gefüllt rüll war. Ein Grauen aber lief durch alle Herzen, als der Pfarrer un jetzt ſtehen blieb, wo der Gang vor dem Altare mündete, und ſeine eüen Laterne niederhaltend mit dem Finger vor ſich hindeutete.— Hier iſt d es, ſagte er mit hohler Stimme. Dies iſt die Stelle! ir d Einige Minuten lang betrachteten Alle ſchweigend den verhängniß⸗ ſcher vollen Platz. Er unterſchied ſich durch nichts von dem übrigen Theil tinen des Fußbodens. Ueberall war dieſer mit ziemlich großen und unregel⸗ Vat mäßigen Rollſteinen von Granit bedeckt, die durch langen Gebrauch bchl abgeſchliffen und eingedrückt, ſeit der Zeit hier zu liegen ſcheinen, wo die fun erſten Erbauer ſie mit frommem Eifer herbeigeſchafft und feſt gefügt bin hatten. Das Schauerliche dieſer ſchweigenden Betrachtung wurde ver⸗ 25 plötzlich dürres ſcheuen r hüge⸗ inunter, rollten; kleinen er Jahr Spitze den ſel⸗ nd ſeine er über lt und n ging er ihm e nicht n ihres chmuck, ölzernes zmmerte üählung rſchend gefüllt farrer ſeine ier iſt ngniß Theil regel brauch go die gefügt vel 3⁵ mehrt durch das leiſe Geflüſter des alten Geiſtlichen, der auf die vorderſten Stühle deutend ſeine Darſtellung jener ſchrecklichen Nacht vervollſtändigte. Dort ſaß das unglückliche Paar, ſagte er, und dieſe Bänke waren mit ihren Verfolgern gefüllt. Neben dieſer Gruft lehnten ſie lautlos mit ihren Werkzeugen, um den letzten Schrei der Angſt mit Schutt und Geſtein zu erſticken. Welch Brautbett! welch Sterben! murmelte Ebba. Und dort ſtanden ſie um den Sitz der Opfer in dichten Reihen, die blanken Schwerter in ihren Händen, den Wink ihres Anführers erwartend, und jedes meiner Worte, jedes Gebet, jeder Segen, den ich über ſie ausſprach, brachte ſie ihren Mördern näher. O, mein Gott! welch Entſetzen erfüllte mich, der ich dies Alles ſah, ohne es ändern zu können, der ich in Todesangſt endlich mein letztes Amen ſprach, während ſie ſich innig umfaßt hielten und verklärt über alle Schrecken triumphirten. Hier war es— hier ſtand der entſetzliche Mann, und ich ſehe ihn noch, wie er dieſe Unglücklichen voll Wuth und Hohn anſchaute, weil ſie ſeinen Qualen trotzten. Der Kammerherr ließ ſeine Uhr repetiren, dieſe ſchlug zwölf Male, es war Mitternacht. Vorwärts denn, ſagte er. Reißt die Steine auf und zögert nicht länger.— Auf ſeine Anweiſung gebrauchten die Matroſen ihre Werkzeuge, und bald hoben ſich die Platten und wur⸗ den zur Seite gerollt. In kurzer Zeit war eine Oeffnung gemacht, groß genug, um die Schaufeln zu handhaben, welche Sand und Ge⸗ röll ohne Beſchwerde aufhoben, und je weiter die Grube ſich vertiefte, um ſo höher ſtieg die ängſtliche Erwartung derer, die am Rande ſtehend hinunterblickten. Die Laterne des Pfarrers leuchtete zu dieſer Arbeit und ſchickte ihr düſteres Licht aus dem Schacht herauf in die übergebeugten Ge⸗ ſichter. Ein dumpfes Gemurmel, dann und wann unterbrochen von einem lautern Schall, den ein fallender Stein oder ein antreibendes Wort erregten, lief an den Wänden des Gebäudes hin und prallte hohl davon zurück. Mit heißen Augen blickte die junge Dame nach⸗ ſinnend in die Finſterniß, und aus den fernen Ecken und Winkeln ſchienen Schatten zu ſchlüpfen, die ſich zu langen Reihen nebelhafter Weſen ſammelten, welche auf den knarrenden Bänken ſich niederließen. 3* 8 — 36— Es war ihr, als verkörperte ſich die ganze ſchreckliche Erzählung des alten Mannes, als ſähe ſie vor dem Altare einen Schleier wehen und eine ſchöne junge Geſtalt richtete ſich auf und wandte den Kopf nach ihr hin, während ihre Arme einen Mann an ſich preßten, der ſeine ſtolzen Augen voll Schmerz und Liebe zu ihr erhob. Sie wußte wohl, daß dies Alles ein Spiel ihrer erregten Phantaſie ſei, und jene Geſtalten ſich nach den Vorſtellungen bildeten, die ſie von ihnen er⸗ halten hatte; dennoch aber überließ ſie ſich lange Zeit dieſen Täu⸗ ſchungen. Sie ſah die breite Stirne des Verlorenen, ſeine feſten ſtarken Züge, die verachtende Kühnheit auf ſeinen zuſammengepreßten Lippen, den Kummer und den Zorn, welche finſtere Schatten über dies edle Geſicht jagten. In ihrem Herzen glühte ein ſeltſames überwäl⸗ tigendes Bangen und Sehnen, und weit ihre Augen öffnend, erkannte ſie in ſeinen Armen ſich ſelbſt, die voll Muth und Zuverſicht mit dem Geliebten ſterben wollte. Alexei Serbinoff legte ſeinen Arm um ſie, denn ſie lehnte ſich an ihn, und leiſe ihre Hand drückend, beugte ſich der hohe ſchöne Mann zu ihr nieder und beobachtete ſie forſchend und lächelnd, als erriethe er, was ihre Gedanken beſchäftigte. In dem Augenblicke jedoch, wo er ſie anreden wollte, drang ein Geſchrei aus der Grube und einer der Arbeiter, der ſeine Hacke fortgeworfen hatte, ſprang beſtürzt dar⸗ aus hervor. Das Grauſen, das dieſer Schrei und dieſe Flucht ver⸗ breiteten, war lähmend und erſtarrend. Die Laterne lag umgeſtürzt, ſie war im Erlöſchen, keiner der übrigen Arbeiter aber hob ſie auf. Alle hatten ſich ſo weit als möglich zurückgezogen. Haarſträubendes Entſetzen ſchien auch über ſie gekommen zu ſein, und nur der Zuruf ihres Offiziers hielt ſie ab, ihren Kameraden zu folgen. Was gibt es da? rief Lindſtröm hinunter. Ein Arm, Herr, ein Kopf! antwortete der Matroſe zaghaft. Hat er dich gebiſſen, du Narr? fuhr der Seemann fort. Halt die Laterne hoch. Nimm deine Hacke, ſchlag die Erde an der Seite fort. Was iſt das? Ein Strick, Herr, und hier— hier! Was noch? Zr ner, de Di ſie, eine Lichte nur all hatten. Ban unglück blik ff Schwve mir u d auf der junge Ihte) Ceute Womie giiſen Gott Tüch — deſe ein he in der 3 habe theile Lung ung des den und pf nach r ſeine wußte jene nen er⸗ Täu⸗ feſten reßten r dies erwäl⸗ kannte ſt mit ich an Mann rriethe z, wo d einer 1 dar⸗ ſt ber⸗ ſtürzt, eauf. bendes Zuruf — 37— Zwei Menſchen mit Stricken zuſammengebunden! riefen die Män⸗ ner, deren Muth ſich nicht vermehrte. Die Lebenden blickten ſchaudernd auf dieſe Todten. Da lagen ſie, eine braune halb verzehrte Maſſe, ihre Umriſſe von dem ſchwachen Lichte umſpielt, ihre Glieder noch halb von Schutt bedeckt und doch nur allzu deutlich erkennbar, auf welche entſetzliche Weiſe ſie geendet hatten. Baron Arwed fand zuerſt die Sprache wieder. Wir müſſen dieſe unglücklichen Reſte herausſchaffen laſſen, ſagte er. Das iſt kein An⸗ blick für dich, Ebba. Gehen Sie, Serbinoff, führen Sie meine Schweſter fort. Herr Jönsſon wird Sie begleiten. Ueberlaſſen Sie mir und Guſtav die Sorge, alles Weitere zu thun. Der Pfarrer ſaß mit gefalteten Händen und geſenktem Haupte auf den Steinen neben der Gruft und ſchien eben ſo wenig wie die junge Dame geneigt zu ſein, dieſer Anordnung Folge zu leiſten. Ihre Blicke folgten dem jungen Offizier,[der, da er ſah, daß ſeine Leute zögerten Hand anzulegen, ſelbſt in die Grube ſprang und deſſen Worte nun laut zu ihnen heraufſchallten. Er hatte die Laterne er⸗ griſſen und beleuchtete den ſchrecklichen Fund in der Nähe. Bei Gott! rief er, ſie ſind mit Hals und Bruſt zuſammengeſchnürt. Tüchtige getheerte Schiffsbänder ſind es, aber— eine Pauſe folgte — die angſtvoll Athmenden ſahen, wie Ler eine der Hacken nahm, dieſe gebrauchte, dann ſie wegwarf’, mit, den Händen zufaßte und in ein helles anhaltendes Lachen ausbrach, das wie hölliſches Hohngelächter in der finſtern Kirche wiederhallte. Im erſten Schrecken glaubte Arwed Bungen, ſein armer Vetter habe plötzlich vor Entſetzen den Verſtand verloren, und ſein Wahnſinn theile ſich den Schiffsleuten mit, die ihren Offizier mit kräftigen Lungen unterſtützten.* Herr des Himmels! ſchrie er, von dem grellen Gegenſatz der Ex⸗ treme im äußerſten Grade beſtürzt, was iſt geſchehen? Ein abermaliges Gelächter antwortete ihm. Faßt an! faßt an! hörte er unten rufen. Olaf, hierher ſund laß ſie nicht zerbrechen. Zwei allerliebſte Geſichter, ſo wahr ich lebe! Jetzt auf mit ihnen— hoch!— und im ſelben Augenblick ſtiegen zwei Körper aus der 38 Gruft hervor, ſtreiften an Arwed hin, der vor ihnen die Flucht ergriff, und fielen vor dem Fräulein und dem alten Pfarrer nieder. Halt ein! ſchrie Lindſtröm zugleich, indem er aus der Grube ſprang und ungemäßigt weiter lachte. Verdammt will ich ſein, wenn ich jemals einen tolleren Spaß erlebte! Stiert mich doch nicht ſo wild an. Da liegen die Gemordeten, das zärtliche Pärchen. Weine, Ebba, weint Alle; aber nein, zu Odin mit den verruchten Mördern! Lacht, lacht! es iſt das Einzige und Beſte, was wir thun können. Er ſtieß mit dem Fuß an die Geſtalten und hielt die Laterne darüber. Seht Ihr es denn noch nicht? fuhr er in derſelben Weiſe fort. Zwei Puppen ſind es, aus Segeltuch zuſammengenäht, mit Werg ausgeſtopft und mit Reefbänder übereinander geſchnürt. Wo zum Henker! Pfarrer Jönsſon, wo ſind die lieblichen Augen und alle die koſtbaren Schönheiten? Schock Tonnen Teufel! Wer iſt hier zumeiſt angeführt? Wer iſt der, der ausgelacht werden muß? Und es war und blieb ſo, wie der Offizier ſagte. Es waren zwei ausgeſtopfte Puppen von menſchlicher Größe, die ſich in dem trocknen Sande dieſer Gruft gut genug erhalten hatten. Der jähe Umſchlag vom Furchtbaren zum Lächerlichen wirkte überwältigend auf Alle. Nach einigen Minuten war das Trauerſpiel zur Poſſe ver⸗ wandelt, das Entſetzliche wurde verſpottet, die hochherzige Begeiſterung, Pfarrer brach eine Fluth von Hohn und Vorwürfen zuſammen, welche er mit ſeiner geduldigen Demuth ertrug, ohne ſich zu vertheidigen. Schweigend und mit gefalteten Händen ſtand er an dem Rande der Gruft, nachdenklich bald dieſe, bald die ausgeſcharrten Körper be⸗ trachtend. Er allein ſchien, was er ſah, noch immer nicht begreifen zu können, und wenn Einer in dieſer Geſellſchaft ſeine Zweifel theilte, ſo war es ſicher nur Ebba Bungen. Sind dieſe elenden Puppen nicht etwa hingelegt, um andere Nachforſchungen zu hindern? ſagte ſie, und liegen die nicht tiefer be⸗ graben, welche wir ſuchen? Nein, nein! erwiederte Lindſtröhm. Wir ſind bis auf den Fels⸗ boden gekommen, darunter iſt nichts als der harte Stein.— 2 Die Arwed daß die welche⸗ Mi Augen mir gen Seh dente m aft j vergnü in die beſchri Wechſe M lebende N welche hier ten „ dies grauenvolle Verbrechen zu enthüllen, verlacht, und über den alten greiſe auf( ſie in laßt Glas c Flucht nieder. Grube n, wenn nicht ſo Weine, rdern! Laterne e Weiſe ht, mit ct. Wo und alle iſt hier waren in dem der jähe d auf ſſe ver⸗ ſterung, n alten welche — 39— Die Komödie iſt aus und wir können nach Haus gehen, fiel Arwed ein. Meinen Sie es nicht, Herr Jönsſon, oder glauben Sie, daß dies eine Leichenſteingruppe für die armen Schlachtopfer iſt, welche Tyrannei und Willkür der Gewaltigen hier ſchlachteten? Mein theurer Herr, erwiederte der alte Mann ſanftmüthig, meine Augen ſehen, was dieſe Grube enthält, und eine große Angſt iſt von mir genommen; dennoch aber weiß ich das Räthſel nicht zu löſen. Sehr ſchwer kann es nicht mehr ſein, lachte der Baron. Ich denke mir, ein luſtiger Kapitän, der eine eben ſo übermüthige Geſell⸗ ſchaft junger Taugenichtſe am Bord hatte, machte ſich ein Faſtnachts⸗ vergnügen auf Ihre Koſten. Ein paar ausgeputzte Puppen wurden in die Kirchenſtühle geſetzt und Sie dann herbeigeholt, wie Sie es beſchrieben haben. Hätten Sie ſchärfer hingeſchaut, hätten Sie die Wechſelbälge erkennen müſſen. Mein lieber gnädiger Herr, ſagte der alte Mann, es waren lebende Menſchen, die dort ſaßen. Nun gut, fiel Serbinoff ein, ſo gehörten ſie zu der Geſellſchaft, welche die Rollen unter ſich vertheilte und endlich dieſe Stellvertreter hier verſenkte. Wir können nichts Beſſeres thun, als ſie ihrer geſtör⸗ ten Ruhe zurückliefern und mit gutem Humor davongehen. Machen Sie ein luſtiges Geſicht, alter Herr! ſchrie Lindſtröm, den greiſen Prieſter ſchüttelnd. Eine Rotte ſo luſtiger Jungen, wie je auf Salzwaſſer ſchwamm, hat Sie ins Gebet genommen. Werft ſie in das Loch, ſo ſchnell Ihr könnt, rief er ſeinen Matroſen zu, und laßt uns gehen. Friede ſei mit ihren Seelen! Bei einem heißen Glas Punſch ſoll Alles vergeben und vergeſſen ſein. Axel Jönsſon lächelte ſanftmüthig und ließ ſich fortführen. Gerne, ſagte er, will ich denen vergeben, die mir ſo vielen Kummer machten; dennoch aber, fügte er leiſe flüſternd hinzu— dennoch—. Er ſchwieg ſtill, denn die Herren lachten allzu übermüthig. Fröhlicher geſtimmt, als ſie gekommen waren, wanderten ſie den Strand entlang, und als ſie das Haus des Geiſtlichen erreicht hatten, wurde Karina's eiſerner Keſſel nochmals in Bewegung geſetzt, bis Wein und Luſt ein Ende nahmen. — 10— Ein lichter Streif dämmerte im Oſten, als die Bootsleute erſchienen und berichteten, daß ihre Arbeit beendet und Alles in Ordnung ge⸗ bracht ſei. Sie wurden belohnt und fortgeſchickt, dann ſagte Arwed: Ich glaube, daß wir ſämmtlich mit dem Ende unſeres Abenteuers zufrieden ſein und leichten Herzens einige Stunden ſchlafen können. Auch Sie, ehrwürdiger Herr, werden fortan vergnügt die alten Steine im Kirchengange betrachten. Eines aber ſcheint mir dringend nöthig, um nicht boshaften Menſchen Stoff zu Spöttereien zu liefern. Schweigen wir unverbrüchlich über die Begebniſſe dieſer Nacht und geloben wir uns, Niemanden ihre Geheimniſſe zu ofſenbaren. Zum Henker ja! rief der junge Offizier, wenn es in Stockholm bekannt würde, daß wir eine Nacht lang toll und wild eine alte Kirche durchwühlten, um gräßlich ermordete Menſchen zu finden, und zuletzt ein paar jämmerliche Graspuppen fanden, würde es an Hohn⸗ gelächter nicht fehlen; obgleich die Narren ſchwerlich klüger geweſen wären, als wir. Serbinoff miſchte ſeine luſtigen Bemerkungen ein. Man gibt ſich zwar heut zu Tage viel mit Geiſterſeherei ab, ſagte er, indem er lächelnd nach dem Fräulein blickte, und romantiſche Naturen glauben an geheimnißvolle Mächte, an Ahnungen, Beſtimmungen und andere göttliche Zeichen. Dieſen hohen Mächten müſſen wir beſonders dank⸗ bar für die Lehre ſein, welche ſie uns ertheilten, und gewiß nehmen wir uns künftig in Acht, mehr von ihnen zu halten, als ſie ſelbſt es thun. Während er dies ſagte, bemerkte er, daß Ebba heimlich mit dem alten Geiſtlichen ſprach, und er zweifelte nicht daran, daß ſie ihn trö⸗ ſtete und noch immer nicht zu den Bekehrten gehöre. Er ſah auch, wie ſie den fatalen Handſchuh nahm und einſteckte, und lachend rief er ſeinem Freunde zu: Ihr ſeid ein ſeltſames Volk! Trotz Eures kalten Landes habt Ihr eine zu heiße Phantaſie, die immer Euer Unglück geweſen iſt. Man nennt Euch die Franzoſen des Nordens, und auf dieſen Titel ſeid Ihr ſtolz. Wer wollte auch die vielen großen Eigenſchaften leugnen, welche damit verbunden ſind, aber die Fantaſterei klebt Euch auch damit an und alle Prophetenſtimmen gehen daran verloren. ſchienen ng ge⸗ Arwed: nteuers önnen. Steine röthig, jefern. und kholm ee alte „ und Hohn⸗ weſen öt ſich em er lauben andere dank⸗ eehmen 4½ ſelbſt dem trö⸗ auch, rief pures Euer dens, jelen 8 die 3 men ——— — 41— * Was wollen Sie mit dieſen geiſtreichen Anmerkungen behaupten? fragte der Baron. Daß wir morgen einen langen Tag vor uns haben, erwiederte Serbinoff, und den Reſt der Nacht nicht unnützer Weiſe verplaudern ſollen. Zu Bett denn und ein fröhliches Erwachen! Mögen alle gute Geiſter Ihren Schlaf behüten, Fräulein Ebba, und alle roman⸗ tiſche Geſpenſter verſcheuchen! Unter Scherzen und Gelächter ſuchten die Gäſte ihre Lagerſtätten, welche der Pfarrer ihnen bereitet hatte, ſo gut er es vermochte, und ſie ſchliefen, bis die Sonne hell in ihre Fenſter ſchien, das Rauſchen der Bäume ſie aufweckte, und der Seeoffizier mit lautem Halloh! ſie zur Eile trieb, weil der feinſte Wind, den es geben könne, ſie erwarte. Nach einer Stunde waren ſie am Bord des kleinen Luggers, der, als er die Bucht hinter ſich hatte, ſeine großen Segel weit auf⸗ bauſchte und einen Schaumſtreifen durch die dunkelblauen Wellen zeichnete. Bis an den Strand hinab hatte der gute, friedliebende Greis die Scheidenden begleitet, Niemand aber hatte heut noch ein ſpöttelndes Wort für ihn. Der Abſchied war ein herzlicher und dank⸗ barer. Seine Segensworte ſchallten ihnen nach, und als das Boot dem fernen Inſelgewirr zuflog und darin endlich verſchwand, erblickten ſie, ſo lange dies möglich war, auf der hohen Klippe ſeine dunkle, unbewegliche Geſtalt. Bweites Kapitel. Am Nachmittage lag Abo vor den Reiſenden. Der Wind war fortgeſetzt günſtig geblieben, das Wetter ausnehmend ſchön, die Fahrt angenehm; dennoch wurde ſie ermüdend durch die Eintönigkeit des Charakters aller dieſer Eilande, welche immer denſelben Wechſel von 2 8.+—— — 42— niedern Felswänden und Lagern, Hügeln, Buchten, flachen Ufern, Schluchten voll dunklem Wald und kleinen grünen Thälern zeigte. Da und dort wurden Bauern⸗ und Fiſcherhäuſer ſichtbar, und zu⸗ weilen ſchob ſich eine Gruppe derſelben dichter zuſammen. Eine etwas großartigere Natur begann jedoch erſt näher an der finniſchen Küſte, und dieſe ſelbſt trat zuletzt mit Vorgebirgen und ſteil aufſteigenden Landzungen, hinter welchen ſich höhere Berge blicken ließen, vor die Augen der ſeemüden Geſellſchaft. Als dieſe den Sund von Rimito erreichte, mehrten ſich die kleinen und größeren Fahrzeuge, welche dem⸗ ſelben Ziele entgegen gingen. Ein Fluß mündete zwiſchen Hügel⸗ ketten und vor ihm ankerten eine Anzahl Handelsſchiffe unter ver⸗ ſchiedenen Wimpeln und Flaggen. Klippen, welche kaum aus dem Waſſer ragten, zeigten an, daß die Fahrt gefährlich werde und die großen Schiffe nöthige, nicht weiter den Fluß heraufzugehen, ſondern ihre Ladungen hier außen zu löſchen und einzunehmen. Auf der Landſpitze, wo Meer und Land zuſammenſtießen, lag ein gezacktes Gemäuer, das der Seeoffizier die Feſtung Abohuus nannte, und vor ihr ſchwankten mehrere Kanonenboote und flache Fahrzeuge der Scheeren⸗ flotte langſam auf und ab, die Buge gegen den abfließenden Strom gewandt, der raſch ſein Waſſer in den weiten Seekeſſel trieb. Es iſt der Aurajoki, ſagte Lindſtröm, und dort liegt die alte Schwedenſtadt Erich's des Heiligen, der meines Erachtens ſehr wohl gethan hätte, auch dem Fluſſe einen guten ſchwediſchen Namen zu geben. 4 Noch viel beſſer wäre es geweſen, erwiederte Arwed, wenn er der Stadt ſelbſt einen guten Hafen hätte verſchaffen können. De Bach oder Fluß iſt jedoch dazu weder breit noch tief genug. Abo wird niemals zu einer großen Handelsbedeutſamkeit kommen können. Jedoch verſorgt es das Land, und wie unter den Blinden der Einäugige König iſt, ſo iſt es der Mittelpunkt alles geiſtigen und materiellen Lebens und Strebens der Finnen. 4 Man hat wenig für dies weite Gebiet bisher gethan, wie ich glaube, ſagte Serbinoff. Jahrhunderte lang, war Arwed's Antwort, iſt es wie eine Erobe⸗ rung behandelt worden, dann hat es das Schickſal gehabt, das Colo⸗ —;ÿÿ: Ufern, geigte. d zu⸗ etwas Küſte, enden r die imito — 43— nien und abgetrennte Provinzen gewöhnlich trifft. Man läßt ſie von Gouverneuren regieren, fordert hohe Abgaben und Laſten, benutzt alle vorhandenen Mittel ſo viel man kann, kümmert ſich jedoch nicht um Gedeihen und Fortſchritte mehr, als durchaus nöthig iſt. Die Finnen ſind nun überdies eine eigenthümliche Menſchenrace. Wären ſie ſchwediſchen Stammes, ſo würden ſie wenigſtens ſo weit ſein, wie unſere Bauern. Eigenſinnig ſein wie ein Finne, iſt bei uns zum Sprichwort geworden. Sie hängen an alten Gebräuchen und Sitten ſo feſt, wie an ihrer ſchrecklichen Sprache. Im Innern des Landes wird dieſe allein geſprochen, und ſo viele Mühe man ſich auch gege⸗ ben hat, durch Kirche und Schule ihre Bekehrung ins Schwediſche zu vollenden, ſo gibt es doch große Diſtricte, wo es ſchwer wird, ſich verſtändlich zu machen. Denken Sie ſich nur ein Land, das nach der Schätzung wenigſtens 5 bis 6000 Ouadratmeilen groß iſt, dabei faſt ans nördliche Eismeer reicht, mit Wäldern, Sümpfen, einer unermeß⸗ lichen Menge großer und kleiner Seen und mit Wüſteneien gefüllt, die oft ſo gut wie gänzlich unbekannt und unerforſcht ſind, und Sie werden eingeſtehen müſſen, daß die Civiliſation der einen Million Menſchen, welche auf dieſem mächtigen Raume wohnt, große Schwie⸗ rigkeiten findet. Die Sprache iſt ganz verſchieden von der ſchwediſchen? fragte Serbinoff weiter. So verſchieden ſelbſt in ihren Dialecten, erwiederte Arwed, daß der Finne aus dem Süden den aus dem Weſten oder Norden kaum verſteht. Es iſt auch auf dieſem Boden in alter Zeit ein Völker⸗ treiben und Völkerwandern geweſen, fuhr er fort. Die allerrohſten Menſchenzeiten ſpiegeln ſich darin ab. Hirtenſtämme, verdrängt aus milderen Ländern, ſuchten in dieſen Sümpfen und Wäldern Zuflucht; doch auch ſie wurden ihnen ſtreitig cht von Savolaxern, Carelern und ähnlichen liebenswürdigen Weſen in Thierfellen und Helmen, aus ihren ſtruppigen Haaren geflochten. An den Südküſten und im Oſten vermiſchten ſie ſich, im Norden 3 der uralte finniſche Stamm rein und wandert dort noch jetzt mit ſeinen Rennthieren auf und ab, während ſüdwärts nach und nach mit ſchwediſcher Beihilfe die Civili⸗ — 44— ſation Fortſchritte machte, an der Küſte Städte entſtanden, der Acker⸗ bau in Aufnahme kam und ſchwediſche Einwanderer ſich feſtſetzten. Auch der ſchwediſche Adel kam und hat einen finnländiſchen Adel gebildet, ſagte Serbinoff lachend.. Es gibt große, reiche Güter genug in Finnland! rief Lindſtröm dazwiſchen. Viele alte Familien ſind hier angeſeſſen. Er hat Recht, ſiel Arwed ein. Durch die Kriegszüge kam ein kriegeriſcher Adel herüber, der großen Grundbeſitz erhielt und reich wurde. Sie werden ſich davon überzeugen können. Dieſe Finnländer, wie ſie ſich gern nennen, ſind ſehr ſtolz auf ihr Vaterland. Wie alle Schweden, ſagte Ebba, und indem ſie auf eine Kirchen⸗ ſpitze deutete, auf welche eben ein heller Sonnenblitz fiel, fügte ſie hinzu: Dort liegt Abo und ſein berühmter alter Dom! Ihr Bruder beſtätigte es. Bei einer Wendung des Fluſſes kam die Stadt zum Vorſchein, überragt von gelben, nackten Hügeln, die den Hintergrund ſchloſſen, während an den Ufern, im Thale und an den aufſteigenden Lehnen ſich Häuſerreihen hinzogen.— Abo iſt jetzt eine neue und eine ruſſiſche Stadt mit geraden, breiten Straßen, nie⸗ drigen Häuſern und Bauwerken von Stein, nachdem der große Brand vom Jahre 1827 faſt nichts übrig gelaſſen hatte, als verkohlte Trüm⸗ merhaufen; zu jener Zeit aber, wo der kleine Lugger den Aurajoki hinaufſegelte, an dem rechten Ufer hinfuhr, deſſen Abhänge ſich mit den Gärten und Wohnungen der Kaufleute, der Beamten, der Uni⸗ verſitätsprofeſſoren und mancher reichen Einwohner bedeckten, und end⸗ lich an dem Bollwerke des innern Hafens landete, waren die engen Straßen mit alten hohen Holzhäuſern beſetzt. Ein lebendiges Ge⸗ wimmel von kleinen Laſt⸗ und Luſtfahrzeugen aller Art füllte den Fluß, ein Menſchengewühl die anſtoßenden Kais. Abo verſorgte Stockholm und zu Zeiten halb Schweden mit Korn und Fleiſch ſammt allerlei Producten, welche Ackerbau und Viehzucht, Wald und Jagd liefern, und immer waren Hunderte kleiner Schaluppen und Boote beſchäftigt, hin und her zu fahren, Güter zu holen und zu bringen, dabei auch den Verkehr mi. den großen Handelsſchiffen zu vermitteln, welche nicht durch die Klippengewinde des Fluſſes bis vor die Stadt kommen konnten. Männer und Weiber in weißen und blauen Jacken, rothe 45 oder braune Mützen auf den dicken Köpfen, oder auch ihr langes Haar in ſtrehnig geflochtenen Doppelzöpfen weit über den Rücken hängend, führten die Ruder, und zwiſchen ihnen hin flogen die leichten Jollen der Matroſen. Aus den Packhäuſern wurden Waarenballen auf und niedergewunden und über die Pflaſterſteine raſſelten viele kleine zwei⸗ rädrige Karren, beſpannt mit eben ſo kleinen Pferden, welche vom Lande herein Vorräthe gebracht hatten und deren Eigenthümer dafür andere eingekaufte und eingetauſchte gute Dinge mit nach Haus nahmen. Es war ein Markttag geweſen, der die Geſchäftigkeit erhöhte und mancherlei Beſuch aus größerer Ferne herbeiführte. Viele Landleute in weißen, kurzen Röcken oder graublauen Jacken, blondhaarige, rüſtige Geſtalten, liefen läͤrmend umher. Ihre Weiber und Mädchen prang⸗ ten in weiten Faltenſchürzen und rothen Strümpfen, und zwiſchen dieſen Gruppen ſtrichen Soldaten in blauen und gelben Uniformen, Dragoner und Jäger mit aufgeſchlagenen und ſpitzen Hüten, ſchwarz⸗ röckige Studenten und geiſtliche Herren in Schnallenſchuhen und ſeidenen Zwickelſtrümpfen. Junge Offiziere äugelten nach den Fräulein hin, das unter ſeiner Kappe hervor lebhafte Blicke auf alle Gegenſtände rich⸗ tete und mit ſeinen Begleitern eben ſo lebhafte Worte wechſelte, end⸗ lich luſtwandelten Damen und Herren zwiſchen geſchäftigen Handels⸗ leuten, ehrbaren Bürgern und kräftigen Seemännern, Kinder ſchrien halbtrunkenen, zankenden und ſingenden Bauern nach, kurz es war der Lärm eines thätigen Hafenplatzes, der freilich keine Weltbedeutung be⸗ ſaß, aber doch ein ganz anderes Bild bot, als die öde Stille, welche jetzt dort herrſcht. Als das Boot zuletzt ſich einer Landungsſtelle näherte, erblickte Arwed, durch ſein Glas ſchauend, ſeinen wartenden Diener, neben dieſem aber ſtand ein junger Mann, in welchem er ſogleich ſeinen Verwandten vermuthete.— Da iſt Erich! rief er, es iſt Alles in Ordnung. Wir werden morgen gleich weiter können; doch, auf mein Wort! er ſieht ſchmuck aus, unſer halbwilder Vetter. Sie wiſſen, Serbinoff, daß dieſer junge Mann uns noch niemals in Stockholm be⸗ ſucht, und alle unſere Einladungen ausgeſchlagen hat. — Er hält es mit dem heimathlichen, ländlichen Stillleben und ver⸗ achtet Kunſt und Wiſſenſchaft, erwiederte Serbinoff. — 46— Das will ich nicht behaupten. Er hat in Abo ſtudirt, ſoll ſogar eine Art Gelehrter ſein, denn er hat ſich, wie ich von anderer Seite gehört habe, viel mit Alterthümern und allerhand Forſchungen über Finnland beſchäftigt. Auch ſoll er Muſik und Sprachen treiben und mehrere derſelben vortrefflich ſprechen, wie denn überhaupt die Finnen ein vorzügliches Geſchick dafür beſitzen. Die Finnen, ſagen Sie, antwortete Serbinoff. Ihr Vetter iſt doch 1 jeden Falls von reinſter ſchwediſcher Abkunft. Das iſt er allerdings, erwiederte der Baron, aber ſeines Vaters Schweſter hat einen Mann geheirathet, der ſicher mehr finniſches als ſchwediſches Blut in ſeinen Adern hatte. Einen Oberſten Waimon, der in engliſchen Kriegsdienſten und lange in den amerikaniſchen Co⸗ lonien war. Eine Art Abenteurer, deſſen Nachkommen in der Nähe von Halljala leben und von denen mein Vetter Erich, als von ſeinen liebſten Freunden ſpricht. Aber ſehen Sie da! Ebba iſt raſcher als wir dabei, unſern Vetter zu bewillkommnen. Wirklich hatte das Fräulein, von Lindſtröm begleitet, ſchon das Boot verlaſſen und Beide eilten auf den jungen Mann zu, der ihnen entgegen kam. Serbinoff richtete ſeine Blicke auf ihn und eine un⸗ muthige Empfindung ſtieg in ihm auf. Der Fremde war ungemein kräftig und dabei doch zierlich von Geſtalt. Ohne übergroß zu ſein, beſaß er eine ſtattliche Leibeslänge. Seine Bruſt war außerordentlich breit, dennoch aber ſein Wuchs ſchlank und biegſam. Nie hatte Ser⸗ binoff ein Geſicht geſehen, das ihn ſo eigenthümlich, obwohl nicht eben in angenehmer Weiſe, feſſelte. Er ſelbſt war, was körperliche Vor⸗ züge anbelangt, ein Mann, der es mit Vielen aufnehmen konnte und ſeines Uebergewichtes ſich bewußt blieb. Vielleicht zum erſtenmale in ſeinem Leben empfand er jetzt einen gewiſſen Neid gegen einen andern Mann, wozu freilich kommen mochte, daß dieſer ein Verwandter Ebba's war.— Sein Haar war roth, aber von jenem goldigen Roth, wie es Tacitus an den Ureinwohnern des Nordens ſchildert, ſeine Geſichts⸗ züge männlich feſt ausgeprägt und gebräunt vom Leben in Luft und Sonnenſchein; wie Sonnenſchein ſchimmerten auch die hellen durchſich⸗ tigen Augen, welche einen feurigen und ſtolzen Geiſt ankündigten. ſogat Seite über und innen doch aters 3 als mon, Co⸗ Nähe einen als — 47— Alexei Serbinoff war nahe genug, um zu hören was Ebba ſprach und was er anwortete. Endlich, mein lieber Erich! rief ſie ihm die Hände entgegenſtreckend und ihre Stirn nach der Sitte zum Kuſſe bietend, endlich ſind wir zur Stelle. Da iſt mein Bruder Arwed, und dies iſt Guſtav Lindſtröm. Wie die Vorſtellungen täuſchen können, fuhr ſie ihn betrachtend fort. Ich hatte mir nach Ihren Briefen ein ganz anderes Bild von Ihnen gemacht. Der finniſche Edelmann, der die Stirn ſeiner ſchönen Couſine mit ſeinen Lippen berührte, hörte lächelnd an, was ſie ſprach, dann antwortete er mit einer höflichen Verneigung: Das kommt daher, weil ich nicht Erich bin. Als Ihr Schreiben uns Ihre nahe Ankunſt meldete, war Erich auf einer Reiſe begriffen. So wurde mir das Glück zu Theil, Sie in Abo zu empfangen. Und wer— wer ſind Sie denn? fragte Ebba überraſcht, indem ſie ihre Hände zurückziehen wollte. Ich bin Otho Waimon, ſagte er. Sie ſollen mir Ihre Hand nicht entziehen, Couſine Ebba, meiner Kühnheit nicht zürnen; ich mache, wie Erich ſelbſt, meine Rechte als ein Verwandter und Freund geltend. Seine bittende Höflichkeit wirkte eben ſo verſöhnend wie ſeine männlich ſichere Haltung. Er wechſelte mit dem Offizier einige be⸗ willkommnende Worte, und Arwed, der inzwiſchen herbeigekommen war, entfernte mit weltmänniſchem Geſchick ſogleich jede Verlegenheit, die etwa aus dieſer Verwechſelung zurückbleiben konnte. Er umarmte den jungen Mann, freute ſich ſeiner unverhofften überraſchenden Bekanntſchaft, nannte ihn Freund und Vetter, lachte über den Irrthum ſeiner Schweſter, zog dieſe ins Geſpräch, und ſtellte den Grafen Serbinoff als einen intimen Freund vor, der Finn⸗ land und finniſches Leben kennen zu lernen wünſche, ein liebenswür⸗ diger Cavalier und ein eben ſo ausgezeichneter Jäger ſei. Nach einigen Scherzen darüber fragte er dann, ob der Herr Reiſemarſchall auch für einen gaſtlichen Empfang geſorgt habe, und auf die Ant⸗ wort deſſelben, daß die beſten Zimmer des beſten, das heißt des ein⸗ zigen Gaſthauſes zum ſchwediſchen Löwen ,ſchon ſeit geſtern von ihm mit Beſchlag belegt wurden, bat er ihn erfreut, ſeiner Schweſter den — 48— Arm zu reichen, befahl ſeinem Diener, was zu befehlen war, und folgte mit Serbinoff den Vorangehenden nach. Nun, das iſt meiner Treu luſtig genug, ſagte er zu dieſem, daß wir den Sperling für die Droſſel hielten, aber was thut's. Es ſcheint ein rühriger friſcher Burſch zu ſein, der uns wenigſtens gut unterhalten und verſorgen wird. Sie hatten nicht weit zu wandern, denn das Gaſthaus befand ſich in der Nähe, ein großes altes Gebäude, in deſſen untern Räumen Bauern und Schiffer zechten und ſangen, und auf deſſen mit Ziegel⸗ ſteinen gepflaſterter Flur ein Gewirr von Fäſſern, Kiſten und Kaſten wild durch einander lag, umlagert von den Gruppen ihrer Eigen⸗ thümer: Marktleute der verſchiedenſten Art mit Frauen und Kindern, bellenden Hunden und aufflatternden Hühnern, ſammt anderm Feder⸗ vieh, das aus verſchiedenen Tonarten den Lärm vermehrte. Gaſthöfe waren damals im ganzen Norden eine ziemlich unbe⸗ kannte Sache, ſie haben ſich überhaupt erſt in neueſter Zeit und in den größten Städten in etwas verbeſſerter Geſtalt eingerichtet. Damals konnte man lange umherſuchen, um zu einem Nachtquartier zu kom⸗ men, das der fremde Reiſende höchſtens bei dem Poſthalter fand, der ihm vielleicht ſein eignes Bett abtrat. Nach Abo kamen aber doch zu⸗ weilen Leute, die keinen Gaſtfreund und keine Empfehlung beſaßen, welche ihnen ſolchen auf der Stelle verſchaffte, und deßhalb gab es hier einen Gaſthof, der einige größere und kleinere Kammern zu ver⸗ miethen hatte. Nachdem das Labyrinth von Menſchen, Thieren und Geräthen glücklich überwunden war, erkletterte die Geſellſchaft eine ſteile, ſchmale Treppe, welche ſie in das obere Stockwerk des Hauſes brachte. Das Ge⸗ bäude war geräumig genug, um einen breiten Mittelgang zu geſtatten, der die verſchiedenen Gemächer trennte, unter denen die größten mit der Ausſicht auf Fluß und Hafen von Otho Waimon in Beſitz ge⸗ nommen waren. Sie hatten allerdings faſt leere Wände und boten nicht die geringſten Bequemlichkeiten, welche man jetzt von der aller⸗ gewöhnlichſten Herberge fordern würde, allein ſie ſahen doch freundlich aus, denn ſie waren reinlich gehalten, nach der Landesſitte mit Tannen⸗ nadeln beſtreut, und die ſinkende Sonne ſchickte ihr rothes Licht durch die geöffneten Fenſter. i, und meiner für die Burſch d. befand käumen Biegel⸗ Kaſten Eigen⸗ ndern, Feder⸗ unbe⸗ und in damals kom⸗ d, der ich zu⸗ eſaßen, gab es u ber⸗ räthen hmale Ge⸗ atten, nmit 6 ge⸗ boten aller⸗ lich nen⸗ durch — 49— Es thut mir leid, ſagte der junge Mann entſchuldigend, daß ich Ihnen kein beſſeres Quartier bereit halten konnte; da wir jedoch morgen früh weiter wollen, glaubte ich, daß es am beſten ſein würde, wenn ich Sie bäte, damit vorlieb zu nehmen. Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, erwiederte Arwed lachend, und weil wir eben nichts Beſſeres haben, begnügen wir uns ſehr gern mit dem, was zu erreichen iſt. Eine vortreffliche Ausſicht, fuhr er fort, indem er an ein Fenſter trat, hoffentlich macht ſich die Ein⸗ ſicht noch beſſer. Gewiß gibt es doch einige Betten und Decken in dieſem vortrefflichen Hauſe. Ich zweifle nicht daran, erwiederte Otho, daß Sie gute weiche Betten erhalten. Und nach den verſchiedenartigen Dämpfen und Dünſten zu ur⸗ theilen, welche von unten zu uns aufſteigen, ſcheint es mir, als gäbe es auch eine Küche hier? „Ich habe dafür geſorgt, daß, was überhaupt zu bekommen iſt, auf Ihrem Tiſche nicht fehlen wird, ſagte Otho. Eine beſſere Neuigkeit können Sie uns nicht mittheilen, rief der Baron erfreut, denn wir haben frugale Tage verlebt, und ſehnen uns nach den finniſchen Fleiſchtöpfen. Dann erlauben Sie mir, erwiederte der junge Mann höflich, daß ich den Wirth antreibe, ſeine Pflicht zu thun. Noch einen Augenblick, mein beſter Couſin! rief der Baron ihm nach, ich muß mich doch nach Ihrer Familie erkundigen. Ich weiß, daß Ihr Vater Erich's Tante heirathete, und ich dadurch die Ehre habe, mit Ihnen verwandt zu ſein. Ihre Familie iſt eine aus Eng⸗ land oder Schottland eingewanderte. Nein, mein Herr Couſin, erwiederte Otho höflich, meine Familie iſt eine echt finniſche, die von den älteſten Zeiten an im Lande war. Aber ſich in Kriegsdienſten vielfach verdient gemacht hat, fiel der Baron ein. Auch das nicht, ſagte der ſtarrköpfige Waimon. Mein Vater war allerdings ein Kriegsmann, mein Großvater aber hat Handel getrieben, und meine übrigen Vorfahren, ſetzte er lächelnd hinzu, waren Bauern im Tavaſtlande und in Savolax. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 4 — 50— Als er ſich entfernt halte, zuckte Baron Arwed ſpöttiſch die Schul⸗ tern. Seine Schweſter hatte ſich in ein Nebengemach zurückgezogen, er war mit ſeinem Freunde allein. Dieſer junge liebenswürdige Vetter, der uns plötzlich aus den Wolken fällt und durchaus ein Bauer ſein will, ſagte er, ſcheint durchdringende Verſtändigkeit zu beſitzen. Doch auf Reiſen muß man genügſam ſein, und unſer Eintritt in Finnland i*ſt ſo übel nicht; auch iſt es ein von vielen achtbaren Leuten gerühm⸗ ter angenehmer Aufenthalt. Es gibt vortreffliches Wild in dieſen Wäldern, dazu die ſchönſten Lachsforellen und Bläulinge in der Welt, nicht minder ſind die finniſchen Köche wegen ihrer Torten berühmt. Guſtav der Dritte wußte das zu würdigen; er hat häufig Abo be⸗ ſucht. Ueberhaupt haben unſere Könige ſich immer gern nach Finnland begeben und nicht etwa des Betens und Faſtens wegen, wie der hei⸗ lige Erich, mein theurer Serbinoff. Er fuhr fort, in dieſer Weiſe über die Annehmlichkeiten einer in finniſcher Weiſe wohlbeſetzten Tafel zu ſprechen, während Serbinoff wenig davon zu hören ſchien, denn er hatte ſein Taſchenbuch hervor⸗ gezogen, in welchem er umherblätterte. Die Gaſtfreundſchaft in Finnland ſteht aber auch auf einer noch höheren Stufe, als ſelbſt in Schweden, fuhr Arwed auf und abgehend fort. Die Ritterſitze und Schlöſſer des Adels ſind ſelten leer von Freunden und Gäſten geweſen, ſo lange die alte gute Zeit im Lande war. Guſtav der Dritte, der vielgeliebte und vielgehaßte, hatte ſeine getreueſten Anhänger unter dieſen vergnügungsluſtigen, heitern, allen Freuden der Tafel und allen Lebensgenüſſen nachjagenden finniſchen Herren. In Schweden wurde er verflucht und verachtet, in Finnland vergaß man, daß er den Adel gedemüthigt, das Land in Schulden geſtürzt, das Volk verknechtet hatte, denn wahrlich, liebenswürdiger, verführeriſcher konnte Phöbus Apollo ſelbſt nicht ſein. Jetzt freilich hat ſich Manches auch in dem luſtigen Finnland geändert, allein es iſt immer noch viel davon übrig geblieben, und wenn Erich Randal auch nur der Schatten ſeiner Vorfahren iſt, wird er uns genug zu ſchaffen machen. Wir werden wohlthun, einige Erkundigungen einzuziehen, ſagte— Serbinoff aufblickend; aber nehmen Sie ſich in Acht. 4. Schul⸗ ogen, er Vetter, uer ſein Doch 4 innland erühm⸗ dieſen Welt, rühmt. bo be⸗ innland er hei⸗ n einer 3 erbinoff hervor⸗ er noch bgehend eer von Lande (e ſeine „allen niſchen nnland hulden rdiger, rlch a G landal ug zu agte 3 — 51— Vor wem? fragte Arwed.. Vor dieſem rothhaarigen Burſchen.. Arwed lachte. Ihnen ſcheint er nicht zu gefallen? ſagte er. Im Gegentheil, erwiederte Serbinoff, er gefällt mir ſo gut, daß ich um ſeine Freundſchaft mich bewerben werde. Das wird Ihnen nicht ſchwer fallen bei dieſem da, der ſo viele Natürlichkeit und Einfalt beſitzt. Ich müßte mich ſehr irren, ſagte Serbinoff, oder er fühlt ſich von uns Beiden nicht ſehr angezogen. Von mir nicht ſchon um deſſentwegen, weil ich ein Ruſſe bin. Das ſchadet jedoch nichts, wir werden uns dennoch näher kommen. Wenn man Zwecke verfolgt, muß man alle Steine und Stöcke zu benutzen ſuchen, und dabei ſind die härteſten und un⸗ biegſamſten oft die beſten. Seien Sie freundlich zu ihm, auch wenn das Abendeſſen nicht beſonders ausfällt. Menſchen wie dieſer, keck, kräftig und eingebildet, verachten nichts mehr als ſogenannte Ver⸗ weichlichung. Da kommt er, laſſen Sie mich mit ihm reden. Otho trat wieder herein und Graf Serbinoff ſchlug ſein Buch zu und ging ihm mit gewinnender Freundlichkeit entgegen. Nun, begann er, ihm die Hand reichend, ich ſehe es Ihnen an, Sie bringen keine erfreulichen Nachrichten aus der Küche. In der That, nein, erwiederte der junge Mann verlegen lächelnd. Das ganze Haus iſt noch voller Gäſte, und was das Uebelſte iſt, dieſe haben ſämmtliche Vorräthe aufgezehrt. Der Kammerherr konnte ſich nicht enthalten, trotz der Warnungen ſeines Freundes, ſeinen Unwillen merken zu laſſen. Sie hätten gleich Hand darauf legen ſollen, ſtatt ſich mit Verſprechungen zu begnügen, ſagte er verdrießlich. Was ſoll denn nun geſchehen? Serbinoff und Ebba, welche eben wieder hereintrat, lachten über dieſen Aerger und verſuchten einige Vorſchläge, wie man dem Hunger⸗ tode entgehen könne. Otho dagegen ſah ihn mit einem Blicke an, der allerdings etwas von der Verachtung enthielt, die ihm Serbinoff pro⸗ phezeit hatte. Beruhigen Sie ſich, ſagte er hierauf, ich denke, daß ich dennoch mein Verſprechen halten kann; wenn nicht hier im Hauſe, ſo doch an einem andern Ort. 3— 4* — — 52— Darf ich fragen, Herr Waimon, fiel Graf Alexei ein, ob Sie in Abo bekannt ſind? Ich bin ziemlich gut darin bekannt, war die Antwort. Dann wiſſen Sie vielleicht, fuhr Serbinoff fort, indem er ſein Taſchenbuch wieder herausnahm, wo ein gewiſſer Samuel Halſet wohnt. Dieſer Name ſchien die Verwunderung des jungen Mannes zu erregen. Sam Halſet, ſagte er, der Großhändler, wenn Sie den meinen. Ohne Zweifel iſt es derſelbe. Ich habe einen Brief an ihn, für den Fall, daß ich Geld nöthig hätte. In unſerer jetzigen Verlegenheit wäre es vielleicht ſo übel nicht, ſeine Bekanntſchaft noch heute zu machen, und die finniſche Gaſtlichkeit, welche ſo viel gerühmt wird, auf die Probe zu ſtellen. Es trifft ſich wie eine Schickung, erwiederte Otho, denn ich kam, um Ihnen denſelben Vorſchlag zu machen. Halſet iſt mit mir ver⸗ wandt, er war ein genauer Freund meines Vaters und wird die Ehre, Sie in ſeinem Hauſe zu ſehen, hoch anſchlagen. Iſt es Ihnen gefällig, ſo ſende ich meinen Diener zu ihm, und während deſſen be⸗ nutzen wir den Tagesreſt, den Dom von Abo zu betrachten. Esdiſt das einzige alte Baudenkmal der Stadt, die keine andere Merkwürdig⸗ keit beſitzt. Alle waren damit einverſtanden, des Kammerherrn Geſicht erhei⸗ terte ſich wieder. Thun Sie das, mein lieber Couſin, ſagte er bei⸗ ſtimmend, es iſt gewiß das Beſte. Der Dom iſt ſehr alt, lieber Ser⸗ binoff, er ſtammt aus der früheſten Zeit des Chriſtenthums und wenn es weiter nichts iſt, ſo kommen wir doch aus dieſer Höhle. Ich habe einmal etwas über dieſe merkwürdige Kathedrale geleſen, es ſoll man⸗ cherlei Sehenswerthes darin ſein. Wenn Erich hier wäre, erwiederte der junge Mann, ſo könnte er Ihnen ein beſſerer Führer ſein als ich. Ich verſtehe nichts von dem drei⸗ oder vierfach verſchiedenen Bauſtyl darin, doch iſt er voll alter Denkmäler und Andenken der Vergangenheit, welche anziehend genug für Fremde ſind.* O, richtig, ſiel Arwed ein, es iſt die Grabſtätte für viele be⸗ rühmte Perſonen und Familien aus dem finniſchen Adel. Ich erinnere h „ 2 4 — — — — ———-——.— 2 ob Sie in n er ſein tel Halſet annes zu meinen. ihn, für rlegenheit heute zu mt wird, ich kam, nir ver⸗ wird die s Ihnen eſſen be⸗ —Geſt rkwürdig⸗ t erhei⸗ er bei⸗ der Ser⸗ dd wenn ch habe U man⸗ unte er on dem l alter genug tele be⸗ rinnere — 53— mich, daß auch die Randal's dort eine Art Kapelle haben, und da wir zu ihnen gehören, iſt es ſchicklich, daß wir unſern todten Ver⸗ wandten einen Beſuch abſtatten, wenn wir ſo nahe bei ihnen ſind. So verließen ſie das lärmende und dumpfige Haus, und Niemand kümmerte ſich um ſie; denn die Gaſtſtuben und die Flur waren noch immer voll ſchreiender, trinkender und ſingender Menſchen. Mitten darunter ſaß auf einem Kaſten an der Thür ein junger Burſch in blauer Jacke und ſchwarzer, eckiger, feſt auf dem Kopfe liegender Mütze. Die Jacke war mit dichten Reihen kleiner blanker Knöpfe beſetzt, um den Hals trug er ein grellfarbig buntes Tuch und an der Seite hing ihm in einer Lederſcheide ein Meſſer mit langem Horngriff. Auf Otho's Wink ſprang er aus der Gruppe von Mäd⸗ chen und luſtigen Burſchen hervor, welche er vortrefflich unterhalten haben mußte; denn ihre lachenden und erhitzten Geſichter hingen an ſeinem Munde und ſeinen hellen Augen. Er ſtellte raſch das Glas fort, das er in der Hand hielt, und betrachtete, während Otho mit ihm ſprach, deſſen Begleiterin mit Blicken, in denen Neugier, mit einer gewiſſen Schelmerei gemiſcht, ſich unverkennbar kund gab. Die fremden Herren verſtanden nicht eine Sylbe von dem, was ihr Führer mit ihm verhandelte; denn es waren völlig fremdklingende Laute, welche damit endeten, daß der junge Menſch ſeinen Freunden und Bekannten auf den Tonnen, Kiſten und Packen ein paar eben ſo un⸗ verſtändliche Worte zurief, die mit einem allgemeinen Geſchnatter und Gelächter beantwortet wurden, worauf er mit einem Satze aus dem Hauſe ſprang und davon eilte. Iſt dies Ihr Diener? fragte Arwed, und ſeine Schweſter fragte 2* zu gleicher Zeit, ob er in finniſcher Sprache geſprochen habe? Otho bejahte Beides. Sie ſprechen alſo dieſe Sprache? fuhr Ebba fort. Beſſer als jede andere, erwiederte er, denn es iſt meine eigentliche Mutterſprache.), Das dürfen wir nicht gelten laſſen, erwiederte das Fräulein. Finnland iſt ein ſchwediſches Land, und die ſüße ſchwediſche Sprache ſoll nicht von Ihnen verleugnet werden. 6 — 54— Ich verleugne ſie auch nicht, erwiederte der junge Mann; doch denken Sie nicht gering von unſerm uralten Erbe. Sie iſt die Sprache des Geſanges und der Dichtkunſt. Wiſſen Sie, womit mein Diener Jem dieſe ganze Geſellſchaft unterhielt, die ihm ſo luſtig zu⸗ lachte und zuwinkte und ihn gewiß ſehr ungern davon gehen ſah? Er beſang den Markt, das prächtige Wetter und alle Herrlichkeiten und Schönheiten, welche hier beiſammen waren, allein es fehlte gewiß auch nicht dabei an Spöttereien; denn dieſer Hang zur Satyre bildet immer die beſte Würze zur allgemeinen Beluſtigung. Herr Jem iſt ſomit ein Naturdichter, ſagte Ebba. Und dabei ein netter Burſch, der wohl im Stande iſt, den Mäd⸗ chen die Köpfe zu verdrehen, fügte Arwed hinzu. 3 Wir haben von beiden keinen geringen Vorrath, erwiederte Otho wohlgefällig umherblickend. Sehen Sie alle dieſe Landleute an, ob nicht die meiſten ſchlanke, kräftige und tüchtige Geſtalten ſind. Er hätte uns eigentlich bitten können, ihn zunächſt zu betrachten, flüſterte der Kammerherr ſeiner Schweſter zu, indem ſie weiter gingen. Wie ſteht es denn mit Ihnen? fragte er laut. Haben Sie auch etwas von der poetiſchen Nationalbegabung abbekommen? Sehr wenig, antwortete Otho, ich vermuthe jedoch beinah, daß der unbekannte Stammvater meines Geſchlechts ein berühmter Dichter geweſen iſt. Sie müſſen wiſſen, fuhr er zu dem Fräulein gewandt fort, daß der verehrteſte und erſte der alten Götter meines Volks kein wilder Gott der Schlachten und des Krieges war, ſondern ein ſchöner Jüngling voller Abenteuerluſt, der mit ſeiner Harfe die Welt durchzog und viel Merkwürdiges erlebte, ehe er von dem Chriſten⸗ gotte überwältigt wurde. Dieſer Gott des Geſanges, der Dichtkunſt und des belebenden Feuers hieß Wainemonen. Ich glaube daher, daß mein Name eine Ableitung davon iſt und mein Urvater ihn auf würdige Weiſe erwarb. Vielleicht auch, ſagte Serbinoff, war dieſer liebenswürdige Gott ſelbſt ihr Stammvater, eben ſo wohl, wie ſchon manche berühmte Familie ihre Abſtammung von Jupiter oder Odin herleitete. Möglich, lachte der junge Finne, in dieſen Ton einſtimmend, jeden⸗ falls iſt es meine Pflicht, mich ſolcher Abſtammung würdig zu zeigen. “ ——;——, n; doch iſt die it mein ſtig zu⸗ n ſah? chkeiten gewiß bildet Mäd⸗ Otho n, ob achten, ingen. e auch , daß Dichter ewandt Volks rn ein Welt riſten⸗ tkunſt daher, in auf Gott ühmte jeden⸗ eigen. — ⁵⁵— An dem ufer des Fluſſes geſellte ſich Lindſtröm zu ihnen, der ſeine Schaluppe in Sicherheit gebracht hatte und nun vergnügt be⸗ theuerte, daß er vier Wochen lang ganz vergeſſen wolle, daß es Salz⸗ waſſer in der Welt gäbe. Er hing ſich an Waimon's Arm und ließ ſich von dieſem das Paradies beſchreiben, nach welchem er trachtete. Er wollte reiten und jagen, fiſchen und tanzen und das alte Schloß Halljala wo möglich auf den Kopf ſtellen. Nach einem Wege durch mancherlei krumme und enge Gaſſen der alten Stadt, die nichts Einladendes enthielten, näherten ſie ſich dem Dome, einem unförmigen alten Bauwerk aus Backſteinen. Ein nie⸗ deres Portal bildete den Eingang, und durch die hohen trüben Fenſter fiel das rothe Abendlicht herein und beleuchtete die Fahnen und Wappenſchilde, verroſtete Helme und verdunkelte Bilder, welche an Pfeilern, Altären und in den Seitenkapellen aufgehängt waren. Dieſer erſte chriſtliche Tempel Finnlands war ſchon ſeit Jahrhun⸗ derten der Begräbnißplatz für ſehr viele Geſchlechter des finniſchen Adels. Statuen von Marmor und Erz lagen hinter roſtigen Gittern, und mancherlei goldiger Schmuck und verſtäubte Pracht dämmerte aus den Ecken und Niſchen. Ich denke, wir empfinden ſämmtlich einigen Ueberdruß an Nach⸗ forſchungen in alten Kirchen, lächelte der Kammerherr, und geben uns mit ihnen ſo wenig als möglich ab. Sie ſelbſt haben wohl hier keine Ahnen aufzuſuchen, Herr Waimon? Nein, erwiederte Otho. Meine Ahnen haben zwar ſehr wahr⸗ ſcheinlich auch dieſen Dom bauen helfen, allein als überwundene Sclaven und um die Steine herbeizuſchleppen. Ihre Gebeine ſind im Urwalde oder in den heiligen Kreiſen Jumala's, des Weltengottes, Staub ge⸗ worden. Wo iſt die Kapelle der Freiherren Randal? fragte Arwed. Hier, erwiederte der junge Mann, indem er ein Gitter öffnete. Was ich von dieſen Denkmälern weiß, will ich Ihnen mittheilen.— Das Marmorbild eines gewaltigen Ritters in voller Rüſtung lag auf einem Sarkophag von demſelben Stoff; ihm zur Seite aber befand ſich die Geſtalt einer Dame, in eine lange faltige Robe gehüllt, einen gezackten Spitzenkragen um den Hals und Armbänder um ihre Hände, — 56— welche zum Gebet über ihre Bruſt gefaltet waren.— Dies iſt der Freiherr Hompus Randal, ſagte Otho, und neben ihm ſehen Sie ſeine Gemahlin Signa. Er kam mit Birger Jarl nach Finnland und hat die Heiden in Taraſtland und Carelien ſo tapfer ausgerottet, daß er großen Beſitz am Pajäneſee empfing und dort das feſte Schloß Halljala erbaute. Einer ſeiner Enkel, Erich, Karl Knudſon's Feldherr und des Königs Statthalter, ließ dieſe Denkmäler von einem italie⸗ niſchen Meiſter anfertigen. Jene ſchwarzen Säulen dort nahm Klas Randal den Ruſſen ab, als er mit Karl dem Neunten nach Nowgorod gezogen war. Bei ihm liegt ſein Sohn Thomas, der unter Guſtav Adolph die finniſche Brigade nach Deutſchland führte, und hier in der tiefen Gruft ruht eine lange Reihe ſeiner Nachkommen. Ein edles Haus, ſagte Arwed, nach einigen Minuten ſchweigender Betrachtung. Man ſage was man will; dem Todten iſt es freilich gleichgiltig, ob er unter einem Mooshügel oder unter einem Marmor⸗ block liegt, die aber, welche lebendig daneben ſtehen, haben denn doch einige Unterſchiede zu machen. Ein ſolches Andenken weckt den Stolz der Enkel. Es ſagt ihnen, daß vor Jahrhunderten ſchon ihre Vor⸗ fahren geachtet und bedeutend aus dem großen Haufen hervorragten und daß ſie zu den Erſten und Angeſehenſten gehörten, deren Namen und Thaten noch jetzt im Munde des Volkes fortleben. Wenn das wahr wäre, erwiederte Otho lächelnd, wenn das Volk die Thaten derer kennte und bewahrte, denen Bildſäulen und koſtbare Grabmäler errichtet wurden, ſo möchte die Ehrfurcht vor den Mächti⸗ gen und Gewaltigen nicht beſonders dadurch vermehrt werden. Was ſollen die jetzt Lebenden daran loben oder preiſen, daß dieſer Mann aus Marmor Tauſende ſeiner Mitmenſchen gemartert und ge⸗ ſchlachtet hat; dieſer andere da, der es mit Karl dem Neunten hielt, ſeinen rechtmäßigen König und ſeine Freunde und Verwandten ver⸗ rieth, um ſich mit deren Gütern zu bereichern? Wer weiß noch etwas davon? Die Gaffer gehen gedankenlos vorüber, das Grab verhüllt Grauſamkeit und Schande. Wie man aber auch über Menſchen und Menſchenwerth denken mag, fuhr er lebhaft fort, als der Baron ſchwieg, ſo iſt es doch ein gutes Zeichen, daß das ärmliche Kreuz der Gerechten oft länger aus⸗ 1 N 4 —,——— iſt der e ſeine nd hat daß er Schloß ldherr talie⸗ Klas gorod uſtav n der ender eeilich mor⸗ doch Stolz Vor⸗ agten amen Volk tbare ichti⸗ Was jeſer ge⸗ ielt, ver⸗ was üllt ken ein us⸗ . -— 57— hält, als der ſtolzeſte Marmor. Sehen Sie dort die verwitterte Tafel in der Wand. Jeder Bettler wird Ihnen ſagen wer dort liegt und mit Ehrfurcht den Namen ausſprechen, während er von allen dieſen Statuen nichts weiß. Wer iſt es? fragte Ebba. Ein Weib, von der man nichts Großes weiß, als daß ſie mit unwandelbarer Treue an dem Mann hing, der ſie geliebt, und den ſie niemals verrieth und verließ, als die Erſten und Größten ihn ver⸗ ließen, verriethen und mordeten. Katarina Mönsdotter liegt dort, eine Frau aus dem Volk, ein armes Soldatenkind, das Erich der Vier⸗ zehnte auf den Thron erhob, von dem er heruntergeſtürzt wurde durch die, denen man Statuen errichtet hat. Der Kammerherr war durch dieſen Widerſpruch gereizt und be⸗ leidigt, um ſo mehr, da er bemerkte, daß ſeine Schweſter dem rück⸗ ſichtsloſen Sprecher wohlwollend zunickte. Serbinoff gab ihm jedoch ein heimliches Zeichen, nicht weiter zu ſtreiten, und um dies zu ver⸗ meiden, ſagte er: Sie haben unzweifelhaft Recht. Die Nachwelt iſt zwar nicht immer ein gerechter Richter, allein dennoch der einzige, der den Verkannten und Verſchmähten zum Rechte hilft und die Mäch⸗ tigſten nicht verſchont. Was kümmert mich die Nachwelt und was hat man von ihren weiſen Urtheilen, rief Lindſtröm, der ſich jetzt auch einmiſchte, beſon⸗ ders wenn man zu denen gehört, die weder ein Kreuz noch einen Stein von ihrem Daſein auf Erden hinterlaſſen. Wer weiß etwas von den vielen Millionen Weſen, die Jahr aus Jahr ein kommen und gehen? Für guten Ankergrund muß man ſorgen und ſein Schiff flott halten in allen Stürmen. Iſt es zum Wrak geworden, ſo iſt es gleichgiltig, wo die Trümmer ihr Ende nehmen. Sehr wahr! ſagte Serbinoff. Marmor und Erz zerfallen in Staub, aller Nachruhm verweht; dagegen ſind alle Lebendigen ohne Unterſchied darauf angewieſen, für ihr Wohlbefinden zu ſorgen, ſo lange ſie fühlen und empfinden, und darum dächte ich, wir thäten dies auch, denn es wird finſter in dieſem alten Gemäuer und die Geſpenſter wachen auf. Die alten Gräber umher gaben aus ihrem Dunkel die Worte zurück, Niemand hatte jedoch bemerkt, daß ein kleiner gelenkiger Mann in die Kirche getreten und nahe herangeſchlichen war, der jetzt plötzlich zu ſprechen begann. Erſchrecken Sie nicht, meine beſten Herren und gnädiges Fräulein, ſagte er, indem er ſeinen Hut abnahm und ſich mit einer Schwenkung gegen Alle verbeugte. Ich bin durchaus kein Geſpenſt, ſondern ihr unterthäniger Diener, Samuel Halſet.— Von Ihnen, Vetter Otho, fuhr er dann ohne Unterbrechung fort, war es in keinem Falle gut gethan, daß Sie nicht ſofort dieſe edlen und willkommenen Gäſte mir zuführten. Das Gaſthaus genügt wohl als Nothbehelf, wenn ein Reiſender ganz ohne Freunde iſt, allein an einem Markttage und obenein für eine vornehme Dame aus Stockholm iſt es nicht zu empfehlen. Iſt denn der alte Sam ſo heruntergekommen, daß man ſeine Schwelle vermeiden muß, Otho Waimon? Ich ſage, wir wollen einen Gang machen, der Dir nicht gefallen ſoll. Aber Friede, Herr, Friede! denn ich bin ein friedlicher Mann und ein dankbarer Mann, darum bin ich ſelbſt gekommen, weil der Schelm, Jem, mir ſagte, es wären fromme Leute aus Stockholm im Dom, welche ſich hungrig beten wollten, damit ſie meinem Abendeſſen alle Ehre anthun könnten. Er fing herzlich zu lachen an und rief dazu: Ich hoffe ſomt meine beſten Herren, daß der Burſche wenigſtens darin Recht hat, daß Sie Luſt zum Eſſen mitbringen; aber es war nicht Recht, Otho, nein, es war nicht Recht! Mein Haus iſt groß genug, und es nuß gut gemacht werden durch eine lange Einkehr. Ich wollte Ihnen keine Beſchwerde verurſachen, ſagte der junge Mann, da wir morgen früh unſern Weg fortſetzen. Keine Beſchwerde verurſachen? rief der Kaufmann, iſt das finniſche Sitte? Und morgen früh weiter reiſen, obenein ins Tavaſtland hin⸗ auf, ohne in Abo auszuruhen? Das geht nicht an, meine lieben Herren; es bringt kein Glück, aus der Stadt des heiligen Erich zu gehen, ohne ſich darin umgeſchaut zu haben. Aber die Leute von den Bergen und Seen glauben, es ſei bei ihnen am ſchönſten in der ganzen Welt. Bleiben Sie ein paar Tage bei uns, edles Fräulein, 4 — 8h zudi, es gibt noch mancherlei Gutes hier unten, und meiner Mary könnte di nichts Lieberes geſchehen, als das gnädige Fräulein zu bedienen. ih u Seine freundliche Einladung fand von allen Seiten den verdienten Dank, aber auch beſtimmte Ablehnung, da die Weiterreiſe nicht län⸗ ulei, ger verzögert werden könne. Samuel Halſet ließ ſich jedoch ſo leicht ökung nicht befriedigen. Während er mit ſeinen Gäſten die Kirche verließ, 3 thr bemühte er ſich, ſeine Verlockungen zu erneuen, und zählte ihnen alle dtho, Herrlichkeiten auf, welche in Abo zu ſehen waren. gut Sie müſſen die neuen Anlagen beſuchen, den botaniſchen Garten, n die Univerſität und die ſchönen Ausſichten vom Hafen. An Geſell⸗ P enl ſchaften fehlt es uns nicht, wir haben viele junge Herren und Damen und von feinen Sitten. Offiziere und Regierungsmänner, Gelehrte und it zu Kaufleute und dazu an die dreihundert Studenten. Abo iſt immer man eine Stadt geweſen, wo es munter hergeht, um ſo mehr in dieſer I fröhlichen Zeit. riede Warum nennen Sie dieſe Zeit fröhlich? fragte Arwed. barer Ei, mein beſter Herr Baron, erwiederte der Kaufmann, weil man mnir ſich ſo wohl darin fühlt. Erſt heut ſind Nachrichten gekommen, die eſch beſonders große Freude erregen. Der König iſt glücklich zurück aus nthun Pommern. Iſt es nicht wahr? Und die deutſche Provinz iſt in den Händen der Franzoſen, Stral⸗ ſeni 2 ſund ihnen übergeben. Es iſt ein Vertrag geſchloſſen worden, daß baf, auch Rügen geräumt wird, alſo hat das gräuliche Blutvergießen ſein ho, Ende erreicht. nuß Es iſt jedoch kein Friede geſchloſſen worden, ſagte der Kammerherr. m 6 Die Engländer ſind noch immer unſere Verbündete. mg 16 Dem Himmel ſei DankV rief der kleine Handelsherr luſtig lachend, iich hätten wir dieſe Engländer nicht, ſo ginge uns der letzte Verbündete, bin⸗ das Meer, aus dem Sack. Der Kaiſer von Rußland hat mit den ehen Franzoſen Frieden gemacht. In Tilſit haben ſie ſich umarmt; Na⸗ u poleon hat mit Alexander in einem Zelte geſchlafen. Ganz Deutſch⸗ d 1 land iſt den Franzoſen nun untergeben, das ganze Europa bis auf der England. 3 ein, und bis auf Schweden, ſagte Ebba. 4* — 60— Es iſt wahr, es iſt wunderbar richtig! nickte Halſet. Es iſt ein energiſcher Mann, unſer König. Ganz wie Karl der Zwölfte, nur daß er noch keine Schlachten gewonnen hat. Eh, es wird ſchon kommen, fuhr er pfiffig blinzelnd fort, es geht Alles gut, Alles vortrefflich!. Wir lieben unſer Vaterland und ehren unſern König, der dem Napoleon nicht nachgeben will. Darum lob' ich ihn, ſagte Lindſtröm. Ein Schwedenkönig hat wahrlich nicht nöthig, ſich vor dem Franzoſen zu bücken. 3 Recht ſo! lachte der alte Herr, es iſt eine Freude zu ſehen, wie ſtolz er iſt, Iſt es wahr, Herr Kammerherr, daß am Hofe kein franzöſiſches Wort mehr geſprochen werden darf? Es iſt allerdings wahr, erwiederte Arwed. Sehr gut, ganz wie es ſein muß, damit wir das Ausländiſche ablegen, rief Halſet. Somit, meine werthen Gäſte, laſſen Sie uns echte Schweden bleiben. Treten Sie ein in mein beſcheidenes Haus und möge es Ihnen darin geſallen. Mit dieſem Wunſche öffnete er eine Gitterthür, welche zu einem Vorgarten führte, hinter dem ein anſehnliches Gebäude lag, mit ei⸗ nem Balkon verſehen, der auf Säulen von Holz ruhte und mit breiten Fenſtern, deren mehrere hell erleuchtet waren. Ein Diener, der einen blitzenden Doppelleuchter trug, kam ihnen entgegen und die breite Treppe hinauf leitete Samuel Halſet das Fräulein, der er ſeinen Arm bot, in das obere Geſchoß, wo ſeine Tochter die Fremden erwartete. Mary Halſet hatte ſich zu dieſem Empfange mit Seide und Gold geſchmückt, aber ihr erſter Anblick war wenig geeignet, ſie für die Tochter ihres Vaters zu halten. Der kleine bewegliche Mann in ſeinem braunen Klappenrock, dem runden freundlichen Geſicht, den blauen lebhaften Augen darin und dem weißlichen Haar, das einen dicken Puderſtrich quer über ſeine Stirn gezogen hatte und an beiden Seiten ſeines Kopfes zwei gewaltige Wulſten bildete, war ganz ver⸗ ſchieden von ſeiner blaſſen und ſchwarzen Tochter, die ſo ernſt und ſchweigſam ſchien, wie er munter und beweglich. In ihren Zügen lag etwas Finſteres und Verſchloſſenes. Dichte Augenbrauen von beſonderer Breite gaben ihr ein faſt männliches Anſehen und paßten 3 1I h — 6— zu den dunkeln Augen, deren durchdringender Blick nichts Ange⸗ nehmes hatte. Ihr Vater ſtellte ſie ſeinen Gäſten vor, die es an üblichen Be⸗ grüßungen und höflichen Worten nicht fehlen ließen, ohne dadurch eine vermehrte Belebung der ſtillen ſchwarzen Geſtalt bewirken zu können. Mary Halſet führte das Fräulein zu dem Ehrenplatze auf dem großen hochbeinigen Sopha, der im Zimmer ſtand, fragte nach ihrer Reiſe in kalter förmlicher Art und ließ Ebba ſprechen und erzählen, während ſie dieſe aufmerkſam muſternd betrachtete. Um die übrigen Gäſte ihres Vaters ſchien ſie ſich gar nicht zu kümmern. Es ſtand eine gedeckte Tafel in dem großen Zimmer; auf ſilbernen Armleuchtern brannten viele Kerzen und die ſauber mit franzöſiſchen Tapeten be⸗ deckten Wände, wie alle Einrichtungen des Hauſes zeigten an, daß Samuel Halſet ein wohlhabender Mann ſei. Nach der Sitte reichte einer ſeiner Diener Wein und Backwerk umher, um das Willkommen im Hauſe zunächſt zu trinken, dann nöthigte der verjüngte Handels⸗ herr zum Platz nehmen an ſeinem Tiſche, und vertheilte ſeine Er⸗ munterungen nach allen Seiten. Dem Kammerherrn und dem ruſ⸗ ſiſchen Grafen theilte er ſeine Tochter zu, er ſelbſt nahm das Fräulein in Beſchlag und nun begann ein Mahl, mit dem Arwed ſehr zufrieden ſein konnte, denn es fehlte nichts um dies zu bewirken. Wir leben in einfach bürgerlicher Weiſe, ſagte Halſet ſich ent⸗ ſchuldigend, und haben keine Umſtände machen können, aber wenn wir auch durch die Gnade unſeres verehrten Königs von mancherlei leicht⸗ ſinnigen franzöſiſchen Gerichten befreit worden ſind, welche ſonſt wohl mit franzöſiſchen Schiffen auch zu uns kamen, ſo haben wir doch noch einige Ecken und Winkel in unſern Kellern, wo alte beſtaubte Fran⸗ zoſen verborgen lauern, denen wir als gute Patrioten die Hälſe brechen müſſen. Seine Weine aus Bordeaux und der Champagne wurden damit eingeführt und der luſtige Handelsherr hatte immer neue Scherze in Bereitſchaft, um die gute Laune ſeiner Gäſte anzuregen. Dabei war er gut unterrichtet, ſowohl über das, was in der Welt vorging, wie über nahe liegende Angelegenheiten, und Alles was er ſagte gab ſich bündig und verſtändig. — 62— Die Reiſe, welche von ſeinen Gäſten am nächſten Tage gemacht werden ſollte, war ein Gegenſtand, über den er längere Zeit ſprach und Otho Waimon mit Neckereien überſchüttete. Es iſt ein vortreff⸗ liches Land da oben, rief er endlich, aber die Menſchen darin haben von je her wenig getaugt. Die alten Tavaſten waren hartnäckige eigenſinnige Leute, und die neuen ſollen nicht beſſer ſein. Dabei ſtieß er mit Otho an und warnte ſeine Nachbarin ſich vor ihm zu hüten. Glauben Sie, daß ich es nöthig habe? fragte Ebba. Halſet betrachtete ſie mit ſchelmiſchem Augenzwinken. Meiner Treu! ſchrie er, ich glaube es. Sie haben etwas in Ihrem Geſicht, was ſo ausſieht als liebten Sie ein raſches Pferd, einen jähen Pfad und einen wilden Buſch, und hat er Sie erſt dort oben, ſo wird er Ihnen ſo viele romantiſche Schönheiten zu koſten geben, daß Glück dazu gehört, um ſich den Kopf von Schwindel frei zu halten. Sein Lachen erhielt den gutmüthigſten Ausdruck durch ſeine Ge⸗ berden, aber Ebba bemerkte doch, daß Otho ſich Zwang anthat, um ſeine Gleichgiltigkeit und Freundlichkeit zu behaupten. In ſeinen Augen loderte zuweilen ein Feuer auf, das eine ganz andre Antwort gab, wie ſeine Lippen, welche betheuerten, daß noch Niemand Schaden ge⸗ nommen, den er geführt. Iſt das Land denn ſo wild und gefährlich? fragte der Kammerherr. Es iſt meiſtentheils eher ein edler Garten zu nennen, erwiederte der junge Mann. Aber, wie ich ſagte, bewohnt von den Nachkommen der allergrim⸗ migſten Heiden, fiel Halſet ein, die noch jetzt voller Einbildungen ſtecken und ſich nicht einmal entſchließen können, die chriſtliche ſchwe⸗ diſche Sprache zu ſprechen, ſondern lieber bei der altfinniſchen bleiben, welche ſie weit über alle andern ſtellen. Nichts iſt natürlicher für den Finnen, als daß er ſeine Sprache liebt und ehrt, erwiederte der junge Mann. Thäte das ein Jeder, und meinte es aufrichtig und ehrlich mit ſeinem eigenen Blut, ſo würde Manches beſſer ſein, was ſchlecht iſt. Genug, genug! rief Halſet lachend, wir wollen nicht darum ſtreiten. Unſere werthen Gäſte werden bald ſelbſt erfahren, wie es in den emacht ſprach rtreff⸗ haben räckige Dabei ihm — 62— Thälern und Bergen an Pajäneſee hergeht und da ſie ſich nicht zu⸗ rückhalten laſſen, wüßte ich Keinen, der ihnen ein beſſerer Gefährte ſein könnte, als Otho Waimon. Damit brach er das Geſpräch ab und winkte einen Diener herbei, der eine große Schale voll ſtarken Punſch vor ihn hinſtellte, welcher nach dem Landesgebrauch den Schluß des Mahles machen ſollte. Pfeifen wurden umhergereicht, die Damen ſtanden auf und überließen es den Herren, ungeſtörter über Politik und was ſie ſonſt wollten zu plaudern. Die Thüren des Balkons wurden geöffnet und die beiden jungen Mädchen traten in die milde Nacht hinaus. Ein lauer Wind fächelte durch die Bäume, der Himmel hing voll großer funkelnder Sterne und unter ihnen lag die Stadt in Dunkel und Stille. Nur auf dem Fluſſe blitzte da und dort ein Licht von einem Schiffe, ein Boot mit einer Leuchte am Maſt zog raſch den Strom hinab und in der Ferne verhallte der Geſang von Männern, ihr Rufen und Lachen. Wie ſchön iſt es hier! ſagte Ebba, um das Schweigen zu unter⸗ brechen. Sie werden morgen gutes Wetter haben und bedürfen es auch, erwiederte Mary. Sind die Wege beſchwerlich? Es ſind zum Theil enge felſige Straßen zwiſchen hohen Bergen. Sie kennen alſo das Land? Ich habe eine Zeit lang darin gelebt. Wo? In Halljala? Wenigſtens in der Nähe. Dann kennen Sie auch meinen Verwandten Erich, ſagte das Fräulein. Sie müſſen mir von ihm erzählen, denn ich habe ihn nie⸗ mals geſehen. Ich weiß wenig von ihm, erwiederte ſie. Er muß ein Sonderling ſein, der in ſeinem Hauſe ein eigen⸗ thümliches Leben führt. Was ich von ihm gehört habe, ſagte Mary, berechtigt mich zu glauben, daß er ſehr edel und groß denkt. — 61— Sie ſahen ihn alſo öfter? fragte das Fräulein nach einem kleinen Schweigen.— Ja, er kam häufig zu uns— zu der Familie Waimon. Dort lebten Sie. Die Familie wohnt nicht weit davon? Nicht weit. Aber auch auf dem Lande? Es gibt dort keine Städte, nur Kirchſpiele, zerſtreute Häuſer und Höfe oder Güter. Herr Waimon beſitzt ein ſolches Gut? Ein kleines Gut, das ihm gehört, ſeit ſeine Mutter todt iſt. Wie heißt es? Louiſa. Nach einer Frau benannt. Nach ſeiner Mutter. Herr Otho Waimon iſt deren einziger Erbe? Nein. Er hat alſo noch mehrere Geſchwiſter? Eine Schweſter. Wie heißt ſie? Louiſa. Iſt ſie ſchön? fragte Ebba nachſinnend. Davon iſt nichts zu beſorgen, erwiederte Mary im faſ böhnend ſcharfem Tone und indem ſie von dem Geländer zurücktrat, fügte ſie hinzu: Der Wind wird heftiger, das gnädige Fräulein könnte ſich erkälten. Iſt es Ihnen gefällig, ſo gehen wir hinein. Die kurzen, gewaltſam abgepreßten Antworten und das ganze Be⸗ nehmen dieſer ſchweigſamen Jungfrau waren nicht geeignet, in Ebba die Luſt zu vermehren, dieſe Unterhaltung fortzuſetzen. Eine wider⸗ willige Empfindung regte ſich in ihr, und ohne den Faden von neuem aufzunehmen, blieb ſie eine Zeit lang neben ihrer ſtummen Nachbarin ſitzen und überlegte, was ſie von ihr gehört hatte. Während deſſen war die Unterhaltung der Herren weit lebhafter geweſen und hatte mit Hilfe der feurigen Getränke an Zwangloſigkeit zugenommen. Sie erzählten von Stockholm, von dem Könige, der ſich ſelten dort ſehen laſſe, und jetzt wohl bald wieder bei dem Manne ———— kleinen er und höhnend ügte ſie nie ſch „Be⸗ ze D Ebba wider⸗ neuem ichbarin ebhafter eſigket der ſcc Manne -— 65— verweilen werde, dem er ſein ganzes Vertrauen ſchenke, nämlich bei dem alten Feldmarſchall Toll. Die höhnenden Witzeleien in der Haupt⸗ ſtadt, Toll habe den König in der Taſche und laſſe ihn nur heraus, wenn er ein neues lächerliches Kunſtſtück vor ganz Europa produciren ſolle, wurden mit andern ähnlichen Geſchichten nicht vorenthalten. Serbinoff allein blieb zurückhaltend. Es iſt wunderbar, was Alles aus einem Menſchen werden kann! rief der Handelsherr endlich, indem er ſeine ſchlauen Augen umher⸗ blitzen ließ. Ich habe den berühmten Feldmarſchall gekannt, als er noch ein kleiner Landrichter war, den man ſeiner luſtigen Streiche wegen abſetzte. Im Jahre 1772 aber, wo er Guſtav dem Dritten bei der Revolution half, wurde er ein großer Herr, und das muß man ſagen, er hat das Allermeiſte dazu gethan, daß das Ritterhaus gedemüthigt wurde und endlich Keiner mehr etwas in Schweden zu ſagen hatte, als der herrliche ritterliche König. Daher auch behaupten manche Leute, erwiederte Arwed, daß, wenn Guſtav der Dritte dieſen berühmten General nicht kennen gelernt hätte, er noch ſehr lange regiert haben würde. Fiel der General nicht während der Regentſchaft in Ungnade? fragte Serbinoff. Er zumeiſt und zunächſt, ſagte der Kammerherr. Als Guſtav der Dritte auf dem Maskenballe im Opernbauſe von Stockholm, am 10. März 1792, von dem fanatiſchen Narren Ankerſtröm nieder⸗ geſchoſſen wurde, bat er auf ſeinem Sterbebett noch ſeinen Bruder, den Regenten, alle ſeine Günſtlinge in ihren Stellen zu laſſen, ganz beſonders aber bat er für Toll und empfahl ihn als den Getreuſten der Getreuen. Kaum aber ſaß der Herzog Karl in dem königlichen Stuhl, ſo wurde Toll mit allen Andern abgelohnt und die Wirthſchaft des Freiherrn Reuterholm begann. Die Freimaurer und Wunder⸗ thäter verbreiteten ſich über Schweden, der Stein der Weiſen ſollte gefunden werden, die Sterne ſollten Gold und Seligkeit verſchaffen, auf der ſchwediſchen Erde aber ging es um ſo nichtswürdiger her. Unglücklicher Weiſe regierten die Sterndeuter und Propheten nur vier Jahre lang, rief Halſet, ſonſt wären wir ſämmtlich ſelig geworden, da bekanntlich kein Reicher das Himmelreich erlangt. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 5 — 66— Glauben Sie denn jetzt außen bleiben zu müſſen? fragte Arwed lachend. Da unſer glorreicher König den alten Toll wieder hervorgeholt hat, ſobald er zur Regierung kam und dieſen tapfern und berühmten General, der niemals eine Schlacht gewonnen, als ſeinen erſten Rath⸗ geber hält, ſo ſind meine Hoffnungen wieder gewachſen, erwiederte der luſtige Handelsherr. Dem Himmel ſei Dank dafür, daß wir endlich die barbariſche deutſche Provinz los ſind, und der Himmel ſegne Finn⸗ land, das ſo glücklich iſt, von dem Kriegslärm nichts zu ſehen und zu hören! Es ſind wenige Soldaten in dieſem Lande? fragte Serbinoff den jungen Waimon, der neben ihm ſaß. Nur die eingetheilten Regimenter, antwortete dieſer; im Ganzen vielleicht neun⸗ bis zehntauſend Mann. Wir hätten gar keine nöthig, ſagte Halſet, denn wer wollte Finn⸗ land etwas anhaben 2 Die es möchten, haben ſich oft ſchon die Finger daran verbrannt, rief Lindſtröm.. 4 Es iſt Alles in beſter Ordnung, fuhr der Kaufmann fort. Die Flotte liegt abgetakelt in den Häfen und die jungen Seeoffiziere machen Reiſen in die finniſchen Wälder, um Bären zu fangen. Aber weckt den ſchwediſchen Löwen nicht auf, es iſt kein Spaßen mit ihm! Wart nur ein Weilchen, ſagte Lindſtröm, in das Gelächter ein⸗ ſtimmend, es wird ſich wohl noch etwas zuſammenbrauen, wo die— ſchwediſche Flotte ſich wieder einmal zeigen kann. In Karlskrona ging das Gerede, daß der König unſern Admiral Olaf Cronſtedt zum Commandanten in Sweaborg ernannt hat. Das iſt ein Name und das iſt ein Mann, bei dem jedem Schweden das Herz hüpft, denn wo wäre ein ſchwediſches Herz, das dabei nicht an die Sverkſundbucht dächte und an den 19. Juli 1790. Wenn es jemals wieder den verdammten— Still! rief Arwed ihn unterbrechend.) Ei was, lachte der junge Mann ſich beſinnend, ich will Niemand * beleidigen, aber wenn in Finnland und Schweden vom Reichsfeinde agte Arwed ervorgeholt berühmten ſten Rath⸗ iederte der vir endlich gne Finn⸗ ſehen und binoff den n Ganzen ollte Finn⸗ verbrannt, fort. Die tere machen Aber weckt zm! chter ein⸗ . wo die ona ging thedt zum ame und pft, denn ſundbucht teder den Niemand chefeltde — — 67,— die Rede iſt, gibt es kein Kind, das nicht wüßte,, wer damit ge⸗ meint wäre. Laſſen Sie ihn, ſagte Serbinoff, denn er ſpricht die Wahrheit und warumt ſollte er ſein patriotiſches Gemüth nicht erleichtern? Jahr⸗ hunderte lang haben die beiden Nationen ſich bekämpft. Ich ſtoße mit Euch an, ihr Herren, daß die Ruſſen nie wieder die Finnen ſich gegenüber ſehen mögen. Die Gläſer klangen und nach einer Auswechſelung freundlicher Worte verwickelte ſich der junge Offizier in ein langes Geſpräch über die berühmte Veſte Sweaborg, über deren Unüberwindlichkeit und über die Flotte in ihrem Hafen, welche den beſten und bedeutendſten Theil der geſammten ſchwediſchen Scheerenflotte ausmachte. Er gerieth dabei in Streit mit ſeinem Verwandten, der es tadelte, daß ein Admiral zum Befehlshaber einer Feſtung gemacht werde, auch in Streit mit Otho, welcher kürzlich in Sweaborg geweſen war und Klagen über allerlei Mängel gehört hatte. Mitten in dieſer lebhaften Unterhaltung ſtand Graf Serbinoff auf und nachdem er mit Halſet einigemale auf und niedergegangen war, traten Beide auf den Balkon hinaus und blieben unter deſſen Thür ſtehen. Es iſt mir lieb, Herr Halſet, ſagte Serbinoff hier mit gedämpfter Stimme, daß der günſtigſte Zufall mich zu Ihnen führte. Auf jeden Fall würde ich nicht aus Abo gegangen ſein, ohne Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Ich war von Ihrer Ankunft im Voraus benachrichtigt, erwiederte der Kaufmann, wußte auch, daß Waimon Sie und Ihre Begleiter erwartete, und würde mich bei Ihnen eingefunden haben, ſelbſt wenn der trotzige Burſche Sie nicht zu mir gebracht hätte. Daß der Gaſt⸗ halter im Löwen gar nichts für ihn aufgehoben hatte, fügte er leiſe lachend hinzu, geſchah, weil ich es ſo wollte. Hängt es ſo zuſammen? verſetzte Serbinoff. Herr Waimon ſchien ungern genug Ihrer Gaſtfreundſchaft entgegen zu kommen. Halten wir uns nicht bei ihm auf, fiel Halſet ein. Ich kann Ihnen mit wenigen Worten ſagen, warum er und ſeine geſammte Sippſchaft mir aus dem Wege gehen. Sein Vater war mein Jugend⸗ freund, es beſteht auch Verwandtſchaft zwiſchen uns. Wir paſſen 5*. — 68— jedoch nicht zuſammen, ſo iſt Trennung in unſere Freundſchaft ge⸗ kommen. Ich habe meinen Freund, den Baron Bungen, begleitet, ſagte Ser⸗ binoff, um Finnland kennen zu lernen und mit einflußreichen, klugen Männern Verbindungen anzuknüpfen. Einfluß hat dieſer junge Mann wohl ſo wenig wie Rang und Anſehen Sagen Sie das nicht, erwiederte Halſet. Unter dem Landvolk im Tavaſtland gibt es keinen der bekannter wäre als er, denn in Künſten und Geſchicklichkeiten, welche ſolche rohe Menſchen lieben, iſt er Allen voran. Dazu kommt ſeine Verwandtſchaft mit dem Freiherrn Randal, der noch mehr gilt, denn das Volk läuft zu ihm wie zu einem Wun⸗ derthäter, obwohl er weit eher ein Narr genannt werden müßte. Iſt er reich? fragte Serbinoff. Was, reich! antwortete Samuel Halſet, indem er ſeine Stirn in Falten zog. Viel haben die Waimons nie beſeſſen, aber auch nichts gethan, um ihr Gut klug und ordentlich zu mehren. Sie ſind ſo wenig reich, wie Erich Randal, obwohl dem ein großes Beſitzthum gehört. Für Ihren Zweck kann jedoch nichts beſſer ſein, als Sie hal⸗ ten ſich an den Freiherrn. Sie ſind jung und fein gebildet, er iſt eine Art Gelehrter, ſanftmüthig und gutherzig, Sie werden ſchon ſehen; leichtgläubig, wenn man ſein Herz aufregt, und großmüthig, was man ſo nennt. Es iſt eine alte Familie, eine der älteſten und angeſehenſten, auch eine der reichſten, wenn Großvater und Vater beſſer gewirth⸗ ſchaftet hätten und dieſer Haus zu halten verſtände. Ihre Mittheilungen ſind mir ſehr ſchätzbar, ſagte Serbinoff, ich werde ſie zu benutzen wiſſen. Sehen Sie ſich die Menſchen und die Dinge an, fuhr Halſet ſort. Ich denke, der junge gelehrte Herr wird Ihnen gefallen, und wenn Sie meine Hilfe brauchen können, ſo komme ich. Ich werde es nicht vergeſſen. Zunächſt, Herr Halſet, ſagen Sie mir jedoch, ob ich Geld von Ihnen bekommen kann, wenn ich es brauche? Geld, ſo viel Sie haben wollen, Herr Graf. Und ob ich meine Briefe durch Sie befördern laſſen kann, fuhr Serbinoff leiſer flüſternd fort.— haft de⸗ gie Ser⸗ klugen ge Mann volk im Künſten r Allen Randal, Wun⸗ ze aik. Stirn in h nichts ſind ſo eſitzthum Sie hal⸗ ger iſt in ſehen; was man ſehenſten, gewirth⸗ noff, ic ſet fort. ad wenn gen Sie 1 ich 66 n, fuhr “ — 69— Darauf bin ich vorbereitet, antwortete der Handelsherr, indem er in ſeine Taſche griff und ein ſchmales Stück Papier herausholte. Stecken Sie das ein, es iſt die Adreſſe eines Mannes, dem Sie Alles was Sie wollen unter meiner Aufſchrift übergeben können. Es wird ſicher in meine Hände gelangen. Und nun erzählen Sie mir etwas über die Stimmung hier in Abo? Was denkt man von den letzten Vorgängen? In Pommern? Man gönnt es ihm von ganzem Herzen und gönnt ihm noch mehr. Dem Könige. Er hat alſo auch hier wenige Freunde? Wie kann der Freunde haben, der weder die Wahrheit hören noch das Rechte und Richtige jemals thun will? Jede Woche bringt beinahe irgend eine verkehrte Handlung, irgend einen Vorfall oder Befehl, der Aerger oder Lachen erregt. Das Volk auf dem Lande ſelbſt und die untergeordnete arbeitende Klaſſe erzählt ſich ſchon von ſeinen Toll⸗ heiten und ſchimpft wenigſtens auf den Krieg und auf unnöthige Laſten und Plackereien. Und die Beamten, die Soldaten? Wenn er es verſtände, ſich eine Partei zu machen, wie es ſein Vater verſtand, ſagte Halſet, wenn er ſo liebenswürdig, geiſtreich und lieder⸗ lich wäre, wie der es war, ſo würden ihm die Schweden Manches ver⸗ zeihen; allein der ſteife Hochmuth, der ſeine Gebote und Befehle für göttliche Gebote hält und keinerlei Einſicht zugänglich iſt, ſein pedan⸗ tiſches Weſen, ſeine Frömmelei und ſein in Narrheit ausartender Eigen⸗ ſinn, Alles zuſammen kann nur abſchrecken und erbittern. Ich habe ihn kennen lernen auf dem Reichstage vom Jahre 1800 und ſpäter bei Deputationen. Gewalt und Willkür gegen alles Recht und, was noch ſchlimmer iſt, gegen alle geſunde Vernunft, ſetzten damals durch, was der König und ſein böſer Geiſt Toll wollten; doch damit nicht genug, wurden die, welche für ihr gutes Recht männlich ſich erhoben hatten, obenein vor das Hofgericht geſtellt, um als Empörer und Hochverräther geſtraft zu werden. Seit jener Zeit wußte jeder, was er zu erwarten hatte. Eine Willkürwirthſchaft zehnmal ärger als zu ſeines Vaters Zeuſbn. Handel und Wandel zerſtört, Druck und Elend überall.— Alte Geſchichten, Herr Graf, alte Geſchichten! unterbrach —y— — 10— er ſich, wir könnten lange dabei ſtehen bleiben. Sehen Sie umher, hören Sie ſelbſt, es wird Ihnen nichts verborgen bleiben. Unzufrie⸗ dener Adel, unzufriedene Beamte, mißmuthige Offiziere, Sorgloſigkeit, ſchlechte Wirthſchaft und Unordnung überall. Ich höre von Ihnen, erwiederte Serbinoff, was ich in Stockholm von vielen Seiten vernahm, und was ſpeciell der Kammerherr Bungen mir beſtätigte. Der Kammerherr! fflüſterte Halſet leiſer, indem er ſeine grauen Augenbraunen in die Höhe zog und pfiffig lächelnd nach dem Tiſche ſah. Er gehörte früher zur franzöſiſchen Partei, nun zur ruſſiſchen, was jetzt freilich daſſelbe iſt. Sein Vater war einer der Lieblinge Guſtav's des Dritten, und wenn der jetzige König ihn nicht zurückgeſetzt hätte— Er iſt ganz mein Freund, fiel Alexei ein. Seinen Einleitungen verdanke ich es, in beſter Weiſe Finnland beſuchen zu können. Und ſeine Schweſter— ein ſchönes Fräulein! erinnert mich— hm! hm! murmelte Halſet mit einem pfiffigen Lächeln auf den ruſſiſchen Grafen. Sie wird neues Leben in das alte Schloß bringen. Die ſchwediſchen Damen treiben gern Politik und haben manchen harten Kopf ſchon mürbe gemacht. Dieſe da ſcheint mir wohl geeignet, auch eine Rolle zu übernehmen, wenn ſie will. Wir wollen erwarten, was geſchieht, ſagte Serbinoff. Die Politik der Frauen folgt mit ſeltenen Ausnahmen immer dem Zuge ihres Herzens. Eine feine Bemerkung, rief Halſet, viel Glück auf den Weg! Ro⸗ mantiſch genug iſt es an dem Pajäneſee, zu den ſchönſten arkadiſchen Scenen ausgerüſtet. Sie werden dieſe durch Ihre Gegenwart verherrlichen, wenn 19) darum bitte. Gewiß, aber noch Eines, ehe Sie gehen. Sie werden mit dem Adel in der Umgegend bekannt werden. Verſäumen Sie es nicht, oder ver⸗ anſtalten Sie es ſo, daß der Freiherr Wright dabei nicht fehlt. Das iſt ein Mann, den Sie brauchen können. Er wird dazu bereit ſein, Ihnen zu dienen. Die beiden Herren kehrten zu ihren Freunden zurück, und nach einiger Zeit wurden die letzten Gläſer geleert.— Muß denn geſchie⸗ e umher, Unzufrie⸗ gloſigkeit tockholm Bungen grauen Tiſche en, was Guſtav's hätte— keitungen mich— ruſſiſchen n. Dte en harten net, auch e Poltit ge ihres deg! R⸗ kadiſchen venn ich em Adel der ber⸗ t. Das eit ſein, nd nach geſchie⸗ — 71— den ſein, ſagte Halſet, ſo wollen wir von unſeren edeln Gäſten doch nicht ohne die Hoffnung Abſchied nehmen, ſie bald wieder zu ſehen. Bleibt der Herbſt ſo gut, wie er ſich anläßt, ſo kommen wir bald nach Halljala hinauf; ich bringe meine Tochter mit, und die frohen Tage ſollen dann ſobald kein Ende nehmen. Die herzlichſten Grüße, mein lieber Otho, die aller herzlichſten Grüße, an alle meine theuern Freunde, aber was ich geſagt habe, dabei bleibt es. Hüte ſich Jeder vor ihm, denn er iſt ein Finne, und keinem Finnen darf man trauen. Nach einer Reihe ähnlicher Abſchiedsſcherze erfolgte endlich der Auf⸗ bruch, den der Diener des Großhändlers mit einer Stocklaterne er⸗ öffnete. So behütet erreichte die Geſellſchaft das Wirthshaus, das jetzt ſo ſtill und dunkel war, wie die ganz in Nacht gehüllte Stadt. Drittes Kapitel. — Am nächſten Morgen, als der Tag dämmerte, waren Pferde und Wagen bereit. Otho Waimon und ſein flinker Diener Jem vertheil⸗ ten das Gepäck und trafen alle nöthigen Anordnungen. Die Wagen waren leicht und ſchmal, mit hohen Rädern und flachen Sitzen, denn, obwohl bis nach Tavaſtehuus eine ziemlich breite und gute Straße führte, kannte man doch damals in Finnland keine andere Wagenart, als zweirädrige Karren oder feſt auf den Aren liegende Halbwagen, welche außer einem ſchützenden Hinterdeck ſehr geringe Bequemlichkeiten boten.— In einem ſolchen Halbwagen, welcher zwei Sitze hatte, nah⸗ men die vier Reiſenden Platz, vorn aber auf einem vorſpringenden Brett ſetzte ſich Otho in eigener Perſon als Führer und Lenker des Fahrzeugs. Ihm nach folgte dann ein Karren mit dem Diener des Barons und der Dienerin ſeiner Schweſter und hinter Beiden ſaß Jem auf Koffern und Kaſten und ließ ſeine Peitſche luſtig knallen. — 72— Die Fahrt nach Tavaſtehuus währte den ganzen Tag über und je länger ſie dauerte, je höher ſtieg das Land auf und jemehr ent⸗ faltete ſich der eigenthümliche Charakter deſſelben. Anfangs lief die Straße nördlich an der Küſte hin und die Blicke der Reiſenden ſchweif⸗ ten über das Meer in der Tiefe zu ihrer Rechten und über die un⸗ ermeßliche Inſelmenge, welche aus bleichen Nebeln aufſtieg und darin verſchwand. Endlich durchbrach die Sonne alle Hüllen und im Thale lag die rauchende Stadt: vor ihr der blaue ſtrahlende Seeſchild mit eißen Segeln bedeckt und von hohen Vorgebirgen eingefaßt, lanbwärts dagegen winkten höhere Berge, hellgrüne Abhänge, Waldleiſten und die wohlgepflegten Gärten und Fruchtfelder fleißiger Menſchen. In den Schooß dieſer Berge zog die Straße hinein und oft ging es ſteil an Wänden hin, deren Granitmaſſen faſt ſenkrecht abfielen; oben jedoch dehnte ſich dann das Land zu Ebenen aus, welche wellig ſich an neue Berge ſchloſſen, und dieſer Boden war von großer Fruchtbarkeit, denn überall wurde eine reiche Ernte eingebracht. Wenn der Weg an den Rändern dieſer Ebenen hinführte, blickten die Reiſenden zuweilen dicht neben ſich in Thäler hinunter, maleriſch mit Felſen beſetzt, an denen dichter, ſchöner Wald hing, während ihr Grund mit dem üppigſten“ Gras bedeckt war. Rothbraune und bunte Heerden weideten dort, Glockengeläut und Geſchrei der Hirten ſchallte zu ihnen auf und miſchte ſich mit dem Rauſchen und Brauſen eines Baches, der aus tiefem Gerinn ſeinen Schaum aufſprützte und endlich wohl einen jähen Sprung von Fels zu Fels machte. Ueberall war das Land hier auch beſſer bewohnt als die ſchwediſchen Herren es gedacht hatten. Nicht allein lagen manche kleinere und größere Häuſerzeilen am Wege, die den Kern der Kirchſpiele bildeten und aus deren Mitte die Kirche auf erhöhter Stelle hervorragte, über die Felder zerſtreut und an Ge⸗ B hängen und Waldſäumen konnte man noch viele einzelne Höfe von ſehr verſchiedener Größe entdecken. Alle dieſe Häuſer waren von Balken erbaut und rothbraun gefärbt, bald langgeſtreckt, mit einer Reihe unregelmäßiger kleiner Fenſter verſehen, bald dürftig und niedrig; zuweilen aber erhob ſich darunter ein ſtatt⸗ liches Pfarrhaus oder ein großer Ritterſitz mit hohem Dach und breitem Vorhof, umringt von Gärten und weit hinlaufenden Aeckern. ———————— über und nehr enk⸗ lief die ſchweif⸗ die un⸗ d darin Thale zild mit noöwärts en und n. In es ſteil jedoch i neue t, denn an den en dicht a denen wpigſtm n dort, uf und der aus mjühen er auch Nicht e, die Kirche n Ge⸗— en ſehr ſärbt, ſehen, ſtatt⸗ eitem — ,— Sollte man es glauben, rief Lindſtröm erſtaunt, daß ein Land ſo tief im Norden wie dieſes ſo vortreffliche Früchte aller Art tragen kann. Selbſt Weizen, der in Schweden nur auf einigen Stellen fortkommt, wird hier in Feldern gezogen, die man nicht abzuſehen vermag. Wie mag es zugehen, daß ſolche Frucht hier zum Wachſen und Reifen gelangt? Die Gelehrten, erwiederte Otho, ſuchen mancherlei Gründe dafür auf. In dr Menge der Gewäſſer, in der Nähe des Meeres und in der Weſt⸗ und Südküſte finden ſie die Urſachen größerer Wärme und glücklicheren Gedeihens. Ich halte dafür, daß, weil alle dieſe Thäler und Ebenen ſich meiſt gegen Süden öffnen und ſenken, weil Wald und Berge ſie nordwärts ſchirmen und weil unſer Boden häufig ein fetter von Pflanzenerde durchdrungener iſt, lohnt er auch gedeihlich des Menſchen Fleiß. Und das haben die alten Tava⸗ ſten ſchon in früher Zeit gewußt, fuhr er fort, denn als alles innere Land noch Wildniß war und nur Hirten und Jäger darin umherzogen, bauten ſie ſchon Korn und Gerſte, regierten den Pflug, und hatten, wie die alten Schriften ſagen, ein Land inne, das einem großen Garten glich. Mit einem Garten läßt es ſich noch heut vergleichen, ſagte Ebba freundlich. Sie haben den ſchönſten Theil noch nicht geſehen, antwortete er. Noch ſind wir nicht in dem Gebiete der Seen, die eine ſo eigenthüm⸗ liche Schönheit Finnlands bilden. Ich hoffe, mein Vaterland wird Ihnen noch beſſer gefallen, wenn wir Tavaſtehuus hinter uns haben und der edle Pajäne uns ſeine klaren Fluthen entgegenrollt. Die Begeiſterung in ſeinem Geſichte war eine natürliche, und ſtand ihm eben ſo gut wie Alles, was er that. Ueberhaupt konnten die Reiſenden mit ihrem Führer zufrieden ſein und ſie waren es auch, nur der Kammerherr hatte ſichtlich kein beſonderes Gefallen an deſſen Weſen, das zu ſeinem eigenen ſo wenig paßte. Die raſchen und rückſichtsloſen Antworten, das ſtolze Behaupten ſeiner Meinungen und die kecken Widerſprüche, welche dieſer junge Menſch gegen Alles erhob, das ihm nicht behagte, hatten von Anfang an bei dem Baron ein Mißbehagen bewirkt, das, wie immer, gegenſeitig war. Otho ließ es —— jedoch an Höflichkeit und Aufmerkſamkeit nicht fehlen. Er kannte jeden Berg, jeden Bach, jeden Weg und jedes Thal, und während er Land und Menſchen ſchilderte, von Sitten und Gebräuchen erzählte, und ſich den heiterſten Plaudereien überließ, lenkte er die feurigen Roſſe mit vollendeter Geſchicklichkeit oft dicht an gefährlichen Tiefen vorüber oder Anhöhen hinab, die in geſtrecktem Galopp zurückgelegt wurden. Dem Kammerherrn wurde zu Zeiten ängſtlich dabei, und ſeinen Begleitern mochte es heimlich eben ſo gehen, allein Otho beruhigte ſie, ehe ſie zu Worte kamen. In unſern Bergen fahren wir raſch, ſagte er. Pferde und Wagen ſind dazu geſchaffen, ſelten oder nie kommt ein Unglück vor. Die Pferde ſelbſt ſorgen dafür; ſie gehen vorſichtig abwärts, ſo lange ſie eine Gefahr wittern, und greifen erſt dann aus, wenn ſie gewiß ſind, wohlbehalten unten anzukommen. Mitten in Nacht und Nebel finden ſie ihren Weg; man kann getroſt ihnen die Sache allein überlaſſen. Darum genügt auch ein Kind, das meiſt den Reiſenden mitgegeben wird, und unſere Damen nehmen un⸗ beſorgt die Zügel in die Hand und machen oft tagweite Fahrten ohne alle Begleitung. Iſt das Land ſo ſicher? fragte der Graf. Sie werden finden, erwiederte der junge Mann, daß viele Thüren keine Schlöſſer haben. Aber die Naubthiere? Unter dieſen, ſagte Otho lachend, haben die zweibeinigen von je an den Finnen den meiſten Schaden gethan, und werden von ihnen auch zumeiſt gefürchtet. In unſern Wäldern gibt es viele Bären und Luchſe, das Ellen ſchweift in den großen Sümpfen von Savolax im Norden umher, Wölfe ſchickt uns Rußland beſonders zur Winterzeit oft in ganzen Schaaren, darum nennt ſie das Volk auch wohl ge⸗ meinhin die Ruſſen. Von Allen aber iſt nichts zu beſorgen, denn man kennt ſie und hier in dieſen angebauten Gegenden kommt ſolch wildes Gethier ſelten mehr vor. Wie? rief Lindſtröm, ſollen wir keine Bärenjagden machen? Nur Geduld, antwortete ſein Freund, es wird auch daran nicht fehlen, zunächſt jedoch wollen wir in Somero, das vor uns liegt, ein friedliches Mahl halten. te jeden er Land e, und n Roſſe vorüber vurden. ſeinen ruhigte raſch, er nie e gehen fen erſt ommen. getroſt n’, das ten un⸗ en ohne Thüren mvon je in ihnen ren und lax im enterzeit vohl 98 , denn nt ſolch 7 an nicht —— So geſchah es, und zur Ueberraſchung der Reiſenden brachte Jem eine Kiſte herbei, welche Herr Halſet am frühen Morgen vor der Abreiſe geſchickt hatte. Sie war mit Wein und Speiſen gefüllt, und erregte keine geringe dankbare Zufriedenheit mit dem vorſorglichen Geber. Ein höchſt liebenswürdiger alter Herr! ſagte der Baron. Dieſer Portwein iſt der beſte, den es geben kann. Er beſitzt, wie ich meine, ein eben ſo großes Vermögen, als guten Geſchmack. Sam Halſet gilt als der erſte und reichſte Großhändler in Abo. Womit treibt er Geſchäfte? fragte Lindſtröm. Vornehmlich mit Getreide. Er kauft von den Gütern, macht Vor⸗ ſchüſſe auf die Ernten, beſitzt ſelbſt mehrere Schiffe und bedeutende Grundſtücke. Ohne Zweifel iſt er ein angeſehener Mann im Lande? Wie es nicht anders ſein kann, wenn man reich iſt, antwortete Otho. Warum nennen Sie ihn Sam? wollte Ebba wiſſen. Es iſt eine Abkürzung ſeines Namens in der Volksſprache. Und dieſe Tochter iſt ſein einziges Kind? Er hat kein anderes. Irre ich mich nicht, begann Serbinoff, ſo hörte ich von ihm, daß er mit Ihnen verwandt ſei. Hat er es erwähnt? ſo darf ich nicht nein ſagen. Er iſt alſo ein Finne, da Sie dies von ſich ſelbſt behaupten. Ohne Zweifel, erwiederte Otho lächelnd. Und ſeine Tochter jedenfalls eine reiche Erbin, rief der See⸗ offizier. Schade, daß ich nicht in Abo bin, ich würde verſuchen, ihr die Zunge zu löſen. Ich glaube kaum, daß es dir gelingen würde, erwiederte der Kammerherr. Sie müſſen dieſe ſchweigſame Dame ja beſſer kennen, als wir, Herr Waimon. Iſt ſie immer ſo ſtumm und einſylbig? Immer der Gegenſatz zu ihrem Vater. Weiß es Gott! Sie haben Recht, aber bei alledem iſt dieſer Gegenſatz intereſſant genug. Ich hoffe, Sie ſelbſt empfinden etwas davon. — 6— Meine Empfindungen, erwiederte der junge Mann aufſtehend, be⸗ ſchränken ſich darauf, daß wir noch einen langen Weg nach Tavaſte⸗ huus haben, und unſere Pferde warten. Mit dieſer ſcherzenden Antwort entfernte er ſich, aber es war deutlich genug, daß er Fragen überhoben ſein wollte, die ihm nicht behagten. Ich will jede Wette verlieren, ſagte der Kammerherr ſpöttiſch lachend, wenn er ſich nicht vergebens angeſtrengt hat, dieſem ſchwarzen Bilde Empfindungen beizubringen. Geſtern Abend ſchon habe ich be⸗ merkt, wie er über den Tiſch fort zuweilen ſie voll ſchmachtender Be⸗ trübniß anſah, und wie ſie ihn dafür mit Blicken belohnte, ſo kalt und hart wie finniſcher Granit. Dann mußt du jedenfalls ein aufmerkſamer Beobachter geweſen ſein, erwiederte Ebba. Warum denn nicht? lachte er. Wenn der alte luſtige Papa ſie mitbringt, ſoll es meine Aufgabe ſein, mit Guſtav um die Wette mich ihrer anzunehmen, für den Fall ſich keine beſſere Beſchäftigung für mich findet. Geſprochen wie ein Cavalier, der verdient hätte, zur Zeit Guſtav des Dritten ein würdiger Gefährte Armfeld's und des berühmten Ge⸗ folges geweſen zu ſein, das den Zug nach Italien mitmachte, ſagte Ebba. Ein Zug nach Finnland iſt vielleicht noch lohnender, mein Schweſterchen. Aber da kommt unſer Reiſemarſchall. Alles iſt in Ordnung. Wir jagen, wenn auch nicht durch Citronenhaine, doch dem Glück entgegen. Citronenhaine waren allerdings hier nicht zu finden, aber Serbi⸗ noff, der Italien kannte, verſicherte, daß manche dieſer lieblichen Land⸗ ſchaften einen italieniſchen Charakter beſaßen, und dies, fügte Otho hinzu, ſei ſchon häufig von Reiſenden behauptet worden. Eine Hoch⸗ ebene dehnte ſich weit hin aus, von den ſchönſten Abwechſelungen be⸗ gleitet. Bald wurde ſie von Thälern durchſchnitten, die äußerſt frucht⸗ bar ſein mußten, und dann hoben ſich mächtige Felſen und Berglagen mitten darin empor und rundeten ſich um klare runde Seebecken, an deren Ufern Mühlen und mannigfaches Gebäu ſtanden. Der Wald n, be⸗ abaſte⸗ s war n nicht öttiſch varzen ch be⸗ r Be⸗ ſo kalt eweſen pa ſie Wette tigung Guſtav en Ge⸗ „ſagte mein iſt in h dem Serbi⸗ Land⸗ Otho — ,— zog in Büſchen und langen Strecken auf den Höhen hin und über ihn hinaus ſtarrte nacktes Geſtein. Ungeheure Blöcke lagen zuweilen chaotiſch über einander geſtürzt, plötzlich aber verſchwand alle dieſe Wildheit vor einer milden, ſchönen Natur, welche der rege Menſchen⸗ fleiß ſich unterthan gemacht hatte. Jenſeits Tamala zog die Straße dann auf ein neues Bergplateau, durchſtickt von unzähligen zerſtreuten Höfen und Häuſern, und Waimon nannte viele bei ihren fremd⸗ klingenden Namen. Sie ſehen daran, ſagte er, daß in das Innere des Landes die ſchwediſche Bevölkerung ſehr wenig eingedrungen iſt. An den Küſten klingt Alles ſchwediſch. Dort haben ſie die Städte erbaut und ihnen germaniſche Namen gegeben, ſich auch in vielen von ihnen gegründeten Colonien feſtgeſetzt; je weiter aber hinauf, je mehr verſchwindet der Schwede und ſeine Sprache. Die Beamten und was zu ihnen gehört ſind aber doch Schweden, ſagte der Kammerherr. Nur das gewöhnliche arme Volk iſt bei ſeiner eigenſinnigen Unwiſſenheit geblieben. Die Beamten, die Richter, die Prieſter und wer überhaupt zu den Herrſchenden und Angeſehenen gezählt ſein möchte, erwiederte der junge Mann, ſpricht ſchwediſch und iſt meiſt auch Schwede, oder möchte es ſein; denn nicht wenig eitle Thoren gibt es, hier wie über⸗ all, die ſich von Volk und Vaterland losſagen, um zu ſcheinen, was ſie nicht ſein können. Die Regierung aber, berichtigte Arwed, macht keinen Unterſchied zwiſchen Finnen und Schweden. Alle haben gleiche Geſetze, gleiche ſtandesmäßige Privilegien, und was im Mutterlande Schweden als Recht gilt, gilt auch in Finnland. Seit Guſtav Adolph's und Chriſtinen's Zeit, erwiederte Otho dies beſtätigend, haben Unterſchiede und Verfolgungen nach und nach aufgehört. Finnland erhielt damals ſchwediſches Recht, und edle Män⸗ ner, wie Graf Peter Brahe, nahmen ſich der Verlaſſenen an. Es galt nicht mehr für Schande und Unehre, ein Finne zu ſein. Einzelne Familien kamen durch Handel und Kriegsdienſte empor, andere lernten etwas auf der neu geſtifteten Univerſität in Abo und auf den Schu⸗ — 1— len, allein eine Verſchmelzung der beiden Nationalitäten hat doch nicht ſtattgefunden und wird auch nimmer erfolgen. Warum kann es nicht geſchehen? fragte Serbinoff. Weil's ander Blut und ander Fleiſch iſt, ſagte der junge Mann, und weil die Finnen immer noch etwas von dem uralten Geiſt ihrer Väter haben. Dort liegt Tavaſtehuus, fuhr er dann fort, viele Menſchenalter lang der chriſtliche Vorpoſten im Lande der freien Heiden. Mancher Prieſter iſt von hier ausgezogen mit Kreuz und Schwert, ohne wieder heimzukehren; mancher fromme Ritter ſchlachtete zur Ehre Gottes die tapfern Kinder Jumala's in ihren Schlupfwinkeln am Pajäneſee und es hat lange gedauert, ehe ſie überwältigt wurden. Sie müſſen ſich von meiner Schweſter Louiſa davon vorſingen laſſen. Sie kennt einige alte Lieder von ganz merkwürdigem Klang und Inhalt, die obenein eine Art Familieneigenthum ſind, denn einer meiner Vorfahren, der ein großer Häuptling und Kriegsführer war, ſpielt darin eine Rolle. Ei, ſagte Arwed ſpöttelnd, ſo gehört Ihre Familie alſo doch zu dem älteſten Landesadel. Wenn es bei den Finnen einen Adel gegeben hätte, ſo wäre es wie Sie ſagen, lachte Waimon, allein da haben Sie gleich einen wichtigen Unterſchied meines Volkes mit allen andern Völkern. Es gab nie einen Fürſten, nie einen Adel bei ihm, ja, wir haben in unſerer Sprache nicht einmal einen Ausdruck dafür. Alle Finnen waren unabhängige, freie Männer, die Keinen über ſich dulden mochten. Das iſt eben nichts Beſonderes, mein lieber Freund, antwortete Arwed, denn alle rohen Volksſtämme haben in den Anfängen ihres geſellſchaftlichen Verbandes mehr oder minder auf, ähnlicher Stufe geſtanden. Auch in Schweden waren es in den früheſten Zeiten die Bauern, welche den König wählten, und wenn er ihnen nicht gefiel ihn wieder abſetzten, auch wohl tödteten. Bis dies in ſpäteren Zeiten der Adel übernahm, fiel Otho ein. Sei es, wie es ſei, König wie Adel haben die Finnen erſt durch ihre Herren, die Schweden, erhalten und es war ein Geſchenk, das meinem Dafürhalten nach uns ſchlecht genug bekommen iſt. 1———— —— —— ſc nicht Mann, t ihrer enalter ancher wieder tes die e und en ſich einige benein äre es einen n. Gs ben in Finnen ochten. ortete ihres Stufe en die gefel o ein. durch „das Aufrichtigkeit gehört jedenfalls auch zu den finniſchen Tugenden, ſagte der Kammerherr ſtolz lächelnd. Wir haben Manches lernen müſſen, erwiederte Otho, doch immer noch nicht gelernt, unſere Meinung zu verbergen. Wenn man jung iſt hat man gern das Herz auf der Zunge. Was immer beſſer iſt als wenn, wie das finniſche Sprichwort ſagt, Hyji das Herz verzehrte. Sie müſſen wiſſen, daß Hyji der Gott der Falſchheit und der Lüge iſt. Eine Antwort des Barons wurde unterdrückt, denn Serbinoff miſchte ſich ein, indem er die Schönheit des Thales pries, das ſich vor ihnen öffnete, und auf die maleriſchen Fernſichten aufmerkſam machte, welche ein Schloß im Hintergrunde und einige kühn geformte Bergſpitzen gewährten. Es war in der That ein breites reizvolles Thal, das zwiſchen zwei waldigen Hügelketten hinzog. Das Schloß mit ſeinen gewaltigen Thürmen und zackigen Mauerkronen ſchaute düſter und gebietend auf die langgeſtreckte Stadt, welche in einer breiten mit Weiden und Birken beſetzten Straße ſich ausdehnte. Freundliche Häuſer ſtanden zu beiden Seiten und von oben ſahen die grünen Berge neugierig herein. Vor manchen Thüren befanden ſich Vorplätze, mit Steinen ausgelegt und mit Bänken beſetzt, auf welchen die Hausbewohner arbeitend und ſchwatzend beiſammen ſaßen. Schmucke Dirnen mit farbigen Miedern und langen blonden Doppelzöpfen arbeiteten am Brunnen und ſchwatzten lachend mit Soldaten von der Schloßbeſatzung; als aber die Wagen daherrollten und den Staub hinter ſich aufwirbelten, ſtand Mancher auf und grüßte freundlich die reiſenden Leute. Dies Schloß iſt alſo noch eine Feſtung und wohlbewacht, fragte Serbinoff, als er die Zugbrücken und Schildwachen ſah. Ehemals war es ein Bollwerk für die ſchwediſchen Eroberer, er⸗ wiederte Otho, jetzt hat es ſicher nicht viel zu bedeuten, obwohl es von Kanonen und Soldaten vertheidigt wird. In Finnland gibt es nur eine ſtarke Veſte, das iſt Sweaborg, ſagte Lindſtröm, das Gibraltar des Nordens, wie man es mit Recht nennt. Unſer ganzes Land iſt eine Feſtung, meinte Otho. Mit ſeinen Wäldern, Felſen, Seen und Sümpfen iſt es unüberwindlich. — 0— Und doch iſt es öfter ſchon erobert worden, erwiederte der Graf lächelnd. Ich meine dies auch nur, wenn die Vertheidiger danach ſind, fuhr der junge Mann fort. Was helfen alle Mauern und Wälle, wenn es an Muth und Geſchick dahinter fehlt, oder wenn Verräther darinnen ſind. Hier in dieſem alten Schloſſe liegen Waffen genug. Es iſt ein Waffenplatz für Kriegsvorräthe. Warum gibt man die Gewehre nicht dem Volke, warum übt man es nicht, da doch ſeit Jahren Krieg iſt? Man hat die meiſten Soldaten aus dem Lande gezogen, um ſo mehr ſollte man daran denken, das Volk wehrhaft zu machen. Das paßt jedoch nicht zu dem Soldatenweſen, wie es jetzt iſt. Sind die Bauern nicht gute Schützen und mit Büchſen und Ge⸗ wehren zur Jagd verſehen? fragte Serbinoff. Einzelne wohl, ſagte Otho, allein bei weitem nicht Alle. Der Bauer hat überhaupt keine Zeit zu jagen; zur bloßen Luſt thut er es ſelten. Die meiſten ſind zu arm, zu abhängig und zu arbeitſam. Wenn ein Volk für ſeine Rechte und ſeine Unabhängigkeit einſtehen ſoll, muß es dazu ausgebildet werden, das hat man hier jedoch nie⸗ mals gethan und thut es auch jetzt nicht, obwohl man es nöthig genug hätte. Oftmals iſt es vorgeſchlagen worden, den Finnen eine ganz militäriſche Organiſation zu geben. Hätte Guſtav der Dritte länger gelebt, ſo wäre es vielleicht dazu gekommen, jetzt iſt nicht daran zu denken. Was gilt nicht jetzt in Stockholm für revolutionär, gefährliche Neuerung und franzöſiſchen Unfug! Die Wagen hielten vor der Thür des Kaufmanns, welcher zugleich Poſthalter war, und in ſeinem netten Hauſe fanden die Reiſenden alles zu ihrer Aufnahme bereit. Das Erſte aber, womit der dienſt⸗ fertige Wirth ſie überraſchte, war ein Brief, den er Otho überreichte und den dieſer ſogleich erbrach. Ein Schreiben von Erich, ſagte er, und hier iſt ein anderes an den Herrn Kammerherrn Bungen. Er iſt zurück in Halljalahaus und hat, wie er ſchreibt, Pferde nach Hormola geſchickt, damit, wenn es den Herrſchaften beliebt, ſie morgen den Weg von da ab zu Noſſe machen können. Die Fahrſtraße wird eng und führt durch Sumpf und Dickicht, es gibt jedoch einen ſchönern Weg auf den Höhen am der Graf ſind, fuhr ille, wenn r darinnen Es iſt Gewehre ren Krieg um ſo Das und Ge⸗ Der ſt thut er arbeitſam. einſtehen jidoch nie⸗ thig genug eine ganz itte länger daran zu grfährlihe r; gleich Reiſenden er dienſt⸗ üͤberreichte ndercs an haus und wenn es zu Noſſe Sumpf öhen am — 81— Pajäne, der grade auf das alte Schloß zuführt und zu den ſchönſten gehört, den man nehmen kann. Dann wählen wir dieſen und ſteigen in den Sattel, ſagte Ebba. Ich hoffe, daß wir Alle damit zufrieden ſind. Otho ſchaute ſie freundlich an. Es geht über manchen ſchroffen Kamm, ſagte er, und Sie wiſſen was Sam Halſet Ihnen gerathen hat. Ich weiß auch, erwiederte ſie, daß Sie ihm antworteten, noch Niemand habe Schaden genommen, der Ihnen vertraute. Und das iſt Wahrheit! rief er, indem ſeine Augen aufleuchteten. Wenn Sie nicht zu ermüdet ſind, ſo möchte ich Ihnen den einzigen Punkt zeigen, um welchen Tavaſtehuus wirklich den Ruf ſeiner Schön⸗ heit verdient. Der Kammerherr hatte den Brief geleſen und faltete ihn zu⸗ ſammen. Erich ſchreibt mir, daß er unglücklicher Weiſe zu einer Ge⸗ ſellſchaft eingeladen war, auf ein Gut, das dem Freiherrn Wright gehört, als unſer Schreiben anlangte; daß er ſomit ſeinem Freunde Otho herzlich danke, daß dieſer den Brief erbrach und ſofort nach Abo fuhr. Man hat ihn jedoch benachrichtigt und er i*ſt zurückgekehrt und hat der Familie Wright auf ein andermal unſern gemeinſamen Be⸗ ſuch verſprochen. Das iſt alſo die nothwendige Reiſe, Herr Waimon, von der Sie uns ſagten? Es iſt allerdings eine Reiſe, antwortete Otho, denn man braucht einen Tag jenſeit des Pajäne, um nach Liliendal zu dem Freiherrn Wright zu kommen. Wir ſind Ihnen großen Dank ſchuldig, fiel Ebba ein, und dieſer vermehrt ſich durch jeden neuen Beweis Ihrer Güte. Ich bin nicht müde und gewiß gehen wir Alle gern und ſehen was Sie uns zu zeigen haben. Darin hatte die junge Dame ſich jedoch getäuſcht. Ihr Bruder erklärte ziemlich mürriſch, keine Luſt zu ſpüren, ſich noch mehr zu ermüden und Serbinoff wollte ihn nicht allein laſſen als er hörte, daß eine Berghöhe erſtiegen werden müſſe. Nach einer längeren Unterhandlung, welche Otho geduldig abwartete, ließ ſich Ebba nicht zurückhalten, mit ihm und Lindſtröm allein zu gehen, obwohl ihre Hartnäckigkeit die üble Laune des Kammerherrn vermehrte. Kaum war dieſer mit ſeinem D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 6 — 2— Freunde allein, als er ſeinen Mißmuth auch nicht länger zurückhielt und ihn lebhafter äußerte als es ſonſt ſeine Gewohnheit war. Ich muß geſtehen, ſagte er, dieſer junge vorlaute Menſch wird mir in einem Grade unbequem, daß ich ſehr froh ſein werde, wenn wir von ihm befreit ſind. Alles was er ſpricht iſt mir zuwider und was er thut, hat einen ſolchen Grad von Anmaßlichkeit und Selbſt⸗ genügſamkeit, daß es unerträglich iſt. Serbinoff ſaß am Tiſche und ſchrieb in ſein Taſchenbuch. Sie haben ganz recht, erwiederte er ohne ſich ſtören zu laſſen, allein Sie können ihn nicht los werden, und da dies nicht geſchehen kann, denn er iſt der intimſte Freund Ihres Vetters, ſo thun Sie wohl, ſich an dieſe Großſprechereien und Albernheiten zu gewöhnen. Ich beluſtige mich daran, im Uebrigen iſt er ſehr nützlich und hat eine Menge Bemerkungen gemacht, welche ſehr gut zu brauchen ſind. Ich werde mancherlei von ihm erfahren, und werde ihn benutzen, wie er benutzt werden muß. Man muß nicht immer das hören wollen, was man gern hört, beſter Freund, vielmehr die unangenehmſten Menſchen ſogar zuweilen aufſuchen, um aus dem was ſie vorbringen ſich ein Urtheil zu bilden. Darf ich fragen, welches Urtheil Sie ſich aus dem Geſchwätz dieſes rohen und übermüthigen Burſchen gebildet haben? Ich habe es hier niedergeſchrieben, erwiederte Alexet, hören Sie zu: Es gibt in Finnland eine ſogenannte Volkspartei, die allerlei fantaſtiſche Träume über Nationalität und nationale Freiheit hat. Dieſe Partei haßt die Schweden ebenſo ſehr wie die Ruſſen, iſt jedoch jedenfalls nicht ſtark, da das Volk auf einer zu untergeordneten Bil⸗ dungsſtufe ſteht, um was die Führer wollen zu begreifen. Indeß ge⸗ hören zu dieſen nicht allein geborne Finnen, ſondern auch Schweden, welche, ihren Urſprung verleugnend, ſich als Finnen betrachten und Finnland ſelbſtändig, frei, am liebſten wohl zur Republik machen möchten. Iſt das Ihr Ernſt? fragte Arwed verwundert lachend. Mein vollkommener Ernſt, erwiederte der Graf. Es gehört zu dieſer nationalen Partei gewiß ein guter Theil jener eingebornen Schweden, welche ſich, wie ſie ſelbſt ſagen, gern und mit Stolz Finnen nennen. zurückhielt ar. enſch wird de, wenn wider und d Selbſt⸗ ch. Sie llein Sie n, denn , ſich an beluſtige ie Menge Ich werde er benutzt was man hen ſogar in Urtheil Geſchwät bören Sie ie allerlei iieit hat⸗ iſt jedoch eten Bil⸗ Indeß g⸗ Schweden, chten und k machen zu dieſer Schweden, nennen. — 83— Die jedoch, ſo viele ich deren kenne, nichts weniger als Republi⸗ kaner ſind. Das mag ſein, antwortete Serbinoff kaltblütig, allein, mein Freund, ſelbſt die Schweden haben republikaniſche Anlagen genug und dieſer heißblütige junge Menſch, der Ihnen erwiederte, daß, wenn zuerſt die Bauern die Könige beſeitigten, welche ihnen nicht gefielen, der Adel dies Geſchäft ſpäter übernommen habe, hat damit beſtätigt, was ich behaupte. In eurer blutigen Geſchichte waren von jeher die Könige abhängig vom Volks⸗ oder vom Adelswillen. Mit dem Adel im Bunde, unterdrückten ſie die uralte Gleichheit und Freiheit. Kühnen Regenten gelang es dann wohl, ſich wieder auf das Volk oder auf ihr Schwert oder auf beide zu ſtützen, den Adel zu bändigen und ziemlich unbeſchränkt zu herrſchen. In Karl dem Zwölften erreichte dieſe königliche Gewaltherrſchaft ihren Gipfel; als er in den Lauf⸗ gräben vor Fredrickshall ſein Ende fand, bemächtigte ſich der Adel der Regierung und nahm Rache für das, was er erduldete. Damals bracht ihr mit dem Königthum und gabt ſeinen getreuen Dienern und Gehilfen eine furchtbare Lehre, als ihr Karl's Miniſter und innigſten Freund, den Grafen Görz, hinrichten ließet. Bis Guſtav der Dritte auftrat, habt ihr dann eine republikaniſche Patricierwirthſchaft getrieben, wie dieſe je in Rom, Venedig, Florenz oder in einer andern mittel⸗ alterlichen Republik möglich wurde. Wäret ihr, ich meine der ſchwe⸗ diſche Adel, klüger und einiger geweſen, ſo hätte eure oberſte Herrlich⸗ keit länger dauern können, allein geldgierig und ehrgeizig bekämpfte der Adel ſich ſelbſt, beneidete ſich um Anſehen und Stellen, haßte ſich mit aller Wuth des Parteihaſſes und verkaufte ſich und ſeinen Einfluß an Frankreich und an Rußland. Dieſe Herren Reichsräthe und ihr An⸗ hang, dieſe Parteien der Hüte und der Mützen, haben es Guſtav dem Dritten leicht gemacht, mit ihnen fertig zu werden, denn er konnte ſich bald einen Anhang ſchaffen und war gewiß, daß das Volk auf ſeiner Seite ſtand und Beifall klatſchte, als er der ausſaugenden re⸗ publikaniſchen Adelswirthſchaft ein Ende machte. Er hat es aber nicht hindern können, erwiederte der Kammerherr, daß, als er unbeſchränkter Herr zu ſein glaubte, und im Jahre 1780 Rußland angriff, ſeine eigenen Generale und Oberſten ihm den Ge⸗ 6* — 8— horſam aufkündigten, weil er einen auswärtigen Krieg nicht ohne Zu⸗ ſtimmung des Reichstags anfangen durfte und es dennoch gethan hatte. Das iſt wirklich geſchehen, erwiederte Serbinoff lachend, und Rußland wird dieſen trefflichen pflichtgetreuen Offizieren immer dankbar ſein müſſen, denn der ganze Feldzug und die ganze Ueberraſchung Rußlands gingen dadurch verloren. Vielleicht wäre es wirklich möglich geweſen, daß- ein ſchwediſches Heer damals bis nach Petersburg vordringen konnte. Die Verſchwörung der Generale und Oberſten, oder der ſogenannte Angelabund, zerſtörte alle Pläne. Aber, mein Freund, was war die Folge davon? Der König demüthigte den Adel gänzlich. Im Jahre 1772 hatte er ſein Werk halb gethan, im Jahre 1789 machte er es beſſer. Er warf euch ſeine Sicherheitsacte auf den Tiſch und ließ zum Ritterhauſe hinauswerſen und in die Gefängniſſe ſtecken, wer ihm widerſtand. Von dieſer Zeit an war er unbeſchränkter König, und wie ging es den Thoren, welche den Angelabund geſtiftet hatten, offenen Ungehorſam ausübten und ſich doch nicht mehr zu thun trauten? Sie wurden als Hochverräther zum Tode verurtheilt, hingerichtet, ver⸗ bannt, in Kerker geſchleppt. Niemand wagte es mehr, ſich auf Landes⸗ rechte und Privilegien zu berufen. Aber zu dieſen Gewaltthaten klatſchte das Volk nicht Beifall, ſagte Baron Arwed, und ihnen hat Guſtav der Dritte ſeinen Tod zu danken. Ein Fanatiker mordete ihn, der ſeinen Lohn dafür auf dem Schaffot empfing, deſſen That die Abneigung des Volks gegen den Adel ver⸗ mehrte und der nichts bewirkte, als eine Befeſtigung der königlichen Macht. Wohin hat es dieſe jetzt in Schweden gebracht? Dahin, ſagte der Kammerherr leiſe lächelnd, daß ein Blödſinniger ſchalten und walten kann, wie es ihm beliebt. Sehr wahr! Beſſer alſo jedenfalls, wenn man bei Zeiten daran denkt, ſich zu retten und mit Leuten zu verbinden, welche Verdienſte zu würdigen wiſſen, antwortete Serbinoff in derſelben Weiſe. Was jedoch die Volkspartei in Finnland betrifft, fuhr er lauter fort, ſo iſt dieſe von ganz anderer Art. Ihr Republikanismus ſtammt aus den Ideen der franzöſiſchen Revolution, den Ideen der Menſchenrechte, der Gleich⸗ heit und dem übrigen Unſinn. Wir würden ſchöne Tiraden hören, wenn wir dieſem Waimon den Mund öffnen wollten, ich zweifle aber hne Zu⸗ n hatte. Rußland müſſen, gingen n, daß konnte. enannte var die Jahre e er es ud ließ er ihm g, und offenen rauten? et, ber⸗ Landes⸗ ll, ſagte danken. Schaffot del ver⸗ niglichen inniger daran enſte zu jedoch ſt dieſe Ideen G leich⸗ hören le aber gar nicht daran, daß der Gebieter von Halljala, Ihr edler Vetter, noch viel verderbter iſt, wie dieſer hier. Meinen Sie? antwortete Arwed, mechaniſch aus ſeinem Nachſinnen aufblickend. Würde Herr Otho ſonſt mit ſolcher Verehrung und Bewunderung von ihm ſprechen? Dieſer junge Fant iſt viel zu ungeſtüm und kurz⸗ ſichtig, um etwas Anderes verehren zu können, als Vorbilder in wel⸗ chen er ſich ſelbſt geläutert und geheiligt wieder findet. Ich täuſche mich gewiß nicht, wenn ich vorausſehe, daß wir verwirrte Köpfe finden und mit harten Steinen mahlen ſollen. Das käme allerdings unerwartet, ſagte Arwed. Sie wiſſen, ich kenne ihn nicht, und eine Reihe Jahre ſind vorübergegangen, wo wir uns nicht um einander kümmerten. Sein Vater war ſo ergrimmt über den Gewaltſtreich Guſtav des Dritten vom Jahre 1772, daß er nie wieder nach Stockholm kam. Mein Vater im Gegentheil ſchloß ſich der Partei des Königs an und gewann deſſen Gunſt. Als die Verſchwörung der Generale, eben jener Angelabund, gegen Guſtav zu Stande kam, waren mehrere Verwandte der Randals darin verwickelt; einer derſelben, der Oberſt Freiherr Häſtenſkö, wurde ſogar hingerichtet. Damals reiste mein Vater im Auftrage des Königs nach Halljala, denn der Angelabund hatte in den unzufriedenen Familien viele An⸗ hänger, und wäre es zu einer Unterſuchung gekommen, würde mehr als ein Kopf gefallen ſein. Der König dagegen war großmüthig oder klug, er wollte nichts davon wiſſen. Mein Vater kam voller Verdruß von dieſer Reiſe zurück, und obwohl ich damals noch ein halbes Kind war, erinnere ich mich, daß er in ſeinem Aerger äußerte, der König habe keine ſchlimmeren Feinde als die Sippſchaft in Halljala, welche niemals anders werden würde.— Seit jener Zeit hörte jede Verbin⸗ dung zwiſchen uns auf, und erſt im letzten Jahre, als Otho's Mutter, die Schweſter des alten Freiherrn Randal, ſtarb, wurden wieder Briefe gewechſelt. Sie hatte Ebba einige Schmuckſachen vermacht, Geſchenke unſerer Mutter, denn ſie lebte in ihrer Jugend längere Zeit in unſerem Hauſe. Bald nach ihrem Tode ſtarb Erich's Vater und auch er hin⸗ terließ Ebba ein Erbe, nämlich einen Heimat, das heißt einen finniſchen Meierhof. — 86— Was bewog ihn zu ſolchem köſtlichen Geſchenke? fragte Alexei. 1 Es iſt nichts, ſo viel ich weiß, als eine kleine Inſel im Pajäneſee, u erwiederte Arwed; ich glaube jedoch, der alte Herr hat ſich von der Romantik ſeiner Jugend dabei überfallen laſſen. Meine Mutter war ſeine erſte Liebe und jene Inſel ſoll ſie beſonders reizend gefunden haben. Dies Paradies alſo, wo er mit der Mutter geſchwärmt, hat er der Tochter vermacht! rief Serbinoff ſpottend. Ein Andenken an ſelige Stunden; vielleicht aber hatte er dabei noch eine andere Abſicht. Die beiden Herren blickten ſich an und verſtanden ſich. Möglich wäre es wohl, ſagte der Kammerherr, daß er auch daran dachte, indeß d verſichere ich Sie, daß der Briefwechſel zwiſchen meiner Schweſter und Erich zwar freundſchaftlich und verwandtſchaftlich betrieben wurde,— keineswegs jedoch eine Spur wärmerer Theilnahme enthält. Was mich betrifft, ſo wiſſen Sie, daß ich nur Ihrem Wunſche nachkam, als ich dieſen Beſuch einleitete, den wir jetzt ausführen. Wofür ich Ihnen immer von Neuem dankbar bin, erwiederte Alexei.— Er ſtellte ſich einen Augenblick ans Fenſter, ſah hinaus und trommelte an die Scheiben, dann ging er bis an die Thür, öffnete dieſe ein wenig und kehrte um.— In dieſen verdammten Holzhäuſern iſt man niemals ſicher allein zu ſein, ſagte er mit gedämpfter Stimme. Ein Wort noch ehe wir abbrechen. Sie wiſſen, wie hoch ich Ihre Schweſter verehre und welche Hoffnungen ich hege. Laſſen wir uns jedoch Zeit, alle Verhältniſſe zu überblicken, und beſchließen Sie dann in voller Freiheit was Ihnen nöthig ſcheint oder nothwendig wird. Antworten Sie nichts darauf, wir müſſen etwas älter werden, um dieſen Gegenſtand wieder aufzunehmen, und jetzt laſſen Sie uns die Spaziergänger aufſuchen. Während dieſer vertrauten Mittheilungen zwiſchen den beiden Freunden hatten Ebba und ihre Begleiter die Stadt verlaſſen und die waldige Anhöhe erſtiegen, welche ſich zur Linken erhob. Ein anmuthiger Weg führte zunächſt zwiſchen Gärten und Fruchtfelder hin, dann ver⸗ engte er ſich zu einem Fußpfad, der ziemlich ſteil und in mannigfachen Windungen um zerſtreute Blöcke und vorſpringendes Geſtein aufwärts führte. Die Stadt und das alte Schloß lagen bald tief unter ihnen Alexei. Pajäneſee, ſich von 2 Muͤtter gefunden hat er ken an Abſicht. Möglich indeß eſter und n wurde, mich als ich 7 rwiederte z binaus r, öffnete lzhäuſern Stimme. ich Ihre wir uns Sie daun wird en, um ns die beiden und die uthige nn bet— gfachen fwärts eihnen — 87— und dies gewährte mit ſeinen hohen, runden Thürmen, Halbmonden und gewölbten Thoren manchen feſſelnden Anblick. Sind Sie niemals in Stockholm geweſen? fragte Ebba. Nicht in Schweden, nicht in Stockholm, erwiederte Otho. Auch mag ich Beides niemals ſehen. Sie müßten es dennoch beſuchen, gab das Fräulein zurück, denn Stockholm iſt der Sammelplatz der Bildung, der Kunſt, der Wiſſen⸗ ſchaft und aller Cultur unſeres Landes. Ich will von allen dieſen ſchönen Dingen nichts wiſſen, lachte Otho, denn was haben Sie uns Gutes gebracht? Sind die Menſchen dadurch beſſer geworden, iſt die Welt glücklicher? Glauben Sie, daß die Bewohner der Städte an Weisheit und Tugend der ganzen übrigen Menſchheit vorleuchten? Die Städte erſchlaffen und verweichlichen. Was iſt Bildung?! Die Verfeinerung des Lebens, der Durſt nach Genuß, die Verachtung der einfachen Sitten, die Schwelgerei des Reichthums und die Gier nach Geld und was Geld verſchaffen kann. Griechenland und Rom ſind untergegangen, als die Bildung dort ſo weit gelangt war, daß die alte Kraft und Freiheitsluſt an der gebil⸗ deten Entnervung ſtarb. Wir leſen hier auch den Tacitus, Couſine Ebba. Erich iſt ſo gelehrt wie der beſte Profeſſor. Ich habe im Winter ebenfalls Zeit genug meine Naſe in allerlei Bücher zu ſtecken und meine kleine wohlunterrichtete Schweſter Louiſa iſt ein ſo lieblicher Elf, wie er je im Mondſchein über Heiden tanzte. Dennoch iſt wenig Gefühl für Bildung in uns Allen. Es wird Ihnen wunderbar zu Muthe werden bei ſolchen Wüſtenbewohnern, doch wir werden Alle ſorgen, Ihnen ſo viele Freude zu machen, wie wir es vermögen. Sein Geplauder blieb trotz der kecken Widerſprüche neckend und harmlos, und ſeine Augen leuchteten ſo lebhaft, daß Ebba ihm gerne in derſelben Art antwortete und unter lachend geführtem Streite über die Vorzüge der Bildung, der feinen Sitte und der ſchwediſchen Civi⸗ liſation der Hügelkamm erſtiegen wurde. Oben war dieſer gekrönt von mächtigen Fichten und durchwachſen von dichtem Gebüſch, bis plötzlich daraus hervortretend das Fräulein auf einem Felſenaltan ſtand, der über einer faſt ſenkrechten Wand mehrere hundert Fuß hoch hing. Es war, als ſei ein Vorhang aufgezogen worden, ſo überraſchend — 88— breitete ſich ein ſchönes Panorama vor den Beſchauern aus. Am Fuß des Granitfelſens zog ein klares Waſſer hin. Stadt und Schloß glühten im Abendſchimmer; die grüne breite Gaſſe des Thals, gefüllt mit Menſchenleben mannigfacher Art, lag lieblich ausgeſtreckt, voll Frucht und Gebeihen. Zur Linken ſchweiften die Blicke über ein weites Land mit ſolchem Wechſei mannigfacher Scenerie gefüllt, daß jeder empfängliche Sinn davon berührt werden mußte. Wald und Fels, Schlucht und Ebene, Land und See miſchten ſich wunderbar. Ein Gewimmel von kleinen Thälern ließ ſich bis in die Ferne verfolgen, unterbrochen von Flächen, in denen der roſige finniſche Granit die letzten Sonnenſtrahlen auffing. Eine unermeßliche Zahl großer und kleiner Seen durchſtickte das farbenvolle Gewand mit Silberbändern und hielt es mit Silberfäden zuſammen, bis alles Licht und aller Schmelz ſich in nebelumhüllten Bergen verlor, die ihren tiefgeſchweiften Bogen um den Hintergrund ſpannten. O, das iſt ſchön! rief Ebba nach einigen ſtillen Minuten und ihre Augen überſchauten entzückt dies reiche Bild, ihre Lippen lächel⸗ ten unter dem Eindruck dieſer edeln Natur, welche ſo friedlich und ſo glücklich die Nacht erwartete. Selbſt der junge Seeoffizier mußte in dieſen Ausruf einſtimmenz obwohl er zuletzt meinte, daß das Schönſte in der Welt doch immer das Meer bleibe, wenn man nichts ſähe als Himmel und Waſſer, gefielen ihm dennoch dieſe Seeſpiegel aus⸗ nehmend. Wir haben Seen genug, ſagte Otho, die den Meeren wenig nach⸗ geben und auf welchen Stürme zuweilen toben, welche ſich Ihre volle Achtung erwerben würden. Hinter den Bergen dort, liegt der Pajäne; auf mehr als zwanzig Meilen ſtreckt er ſeine Arme und Buchten nach allen Seiten aus. Morgen werden wir ihn ſehen, möge er Ihnen gefallen und Ihr Aufenthalt an ſeinen Ufern Ihnen ein bleibendes frohes Angedenken ſein. Er verbeugte ſich vor der jungen Dame, an welche er dieſe höf⸗ lichen Worte richtete, als wollte er beweiſen, daß es ihm trotz aller Spötterei über die Nachtheile der Bildung doch nicht an weltmän⸗ niſchem Weſen und Formen fehle, als er aber Ebba's muthwilliges Lächeln bemerkte, fügte er hinzu: Und das iſt ehrlich gemeint, ſchöne An Fuß d Schloß , gefüllt eckt, voll in weites daß jeder nd Felz, ar. Ein erfolgen, ranit die ößer und erbändern ind aller chweiften iten und n lächel⸗ H und ſo mußte in Schönſte chts ſähe egel aus⸗ nig nach⸗ gre volle Pajäne; ten nach Ihnen feibendes iſe hüf⸗ tt aller eltmän⸗ williges „ſchöne Couſine. Erich erwartet Sie voller Freude und meine Schweſter Louiſa wird die Zeit kaum hinbringen können, bis ſie Ihnen ent⸗ gegenfliegt. Ich bin Ihnen dankbar für ſo viele Güte, aber ich begreife doch nicht, Couſin Otho, erwiederte Ebba, daß eines ſchwediſchen Mädchens wegen ſo viele Freude bei Ihren Verwandten ſein könnte. Sie wollen mich für das ſtrafen, was ich gegen Schweden gefrevelt, rief er lachend, doch was geht das uns an? Ihre Mutter war, die Jugendfreundin meiner Mutter. Dürfen wir uns nicht freuen, wenn Sie zu uns kommen, und haben die Kinder nicht ein gewiſſes Recht, die Freundſchaft ihrer Eltern wieder aufleben zu laſſen? Gewiß, das haben ſie, ſagte das Fräulein, und indem ſie ihm die Hand reichte fuhr ſie fort: Wir wollen gute Freundſchaft halten, Couſin Otho, bei allem ehrlichen Streit zwiſchen uns, und, obwohl es in Schweden viele weit ſchöneren Gegenden und Naturſchönheiten gibt, als dieſe ſind, die Schweden mir auch weit beſſer gefallen als— mit Ihrer nachſichtigen Erlaubniß ſei es geſagt— alle Finnen, welche ich bisher geſehen und nicht geſehen habe, ſo finde ich doch Finnland weit ſchöner als ich dachte und die Menſchen darin, obwohl Barbaren, weit gebildeter und freundlicher, als ſie ſelbſt es gelten laſſen wollen. Haben Sie Dank, erwiederte er, und nehmen Sie meine Ver⸗ ſicherung, daß wir Alles verſuchen wollen, um Ihr Urtheil noch mehr zu unſern Gunſten umzuwandeln. Gut, mein ſchöner Herr. Ich dagegen werde nicht aufhören, meine Urtheile zu vertheidigen. Damit erklären Sie mir alſo den Krieg. Es iſt mir, verſetzte ſie, als würde dieſer wenigſtens bald zwiſchen uns ausbrechen. Wohlan denn! rief er übermüthig, wir wollen den Kampf nicht fürchten und dennoch Freunde ſein. Doch ſetzen wir uns in Frieden diesmal noch auf dieſe Bankz ich habe öfter ſchon hier ausgeruht und immer that ich es gern. Es war ein Sitz nahe an dem Abſturz errichtet, dort ſaßen die drei Pilger längere Zeit und Otho bezeichnete ihnen den Weg, den ſie morgen einſchlagen würden. Er nannte die Seen und die fernen — 90— Berge, von denen manche ſich ſteil und ſpitz erhoben, endlich aber ſprach er von ſeinem eigenen Leben und von Vielem, was damit zu⸗ ſammenhing. Wir wohnen, ſagte er, wie Sie ſehen werden, auf einem kleinen Gute, eigentlich nichts weiter als ein großer Bauernhof oder Heimat, der an der Seebucht, dem Schloſſe Halljala gegenüber liegt, und dies iſt faſt zu jeder Zeit ſchnell zu erreichen. Mein Vater hat den Hof gekauft, er hat dort gelebt, ich bin auf ihm geboren worden und habe dieſe ſüße Heimat nie verlaſſen. Das iſt auch ein uralt ſchwediſch-germaniſches Wort von ſchöner Bedeutung, erwiederte Ebba, daß der Wohnſitz jeder Familie, ihr Feld und Haus, Heimat genannt wird. Hätten die Schweden nur nicht ſo Vielen dafür die Heimat ge⸗ nommen, als ſie das Wort nach Finnland brachten, erwiederte er. Ich wenigſtens bin ihnen dankbar, ſagte Ebba, denn wenn es nicht geſchehen wäre, würde ich nicht hier bei Herrn Otho Waimon ſitzen, auch würde dieſer alle Kunſt und Wiſſenſchaft verſpottende junge Herr nicht gezwungen worden ſein, ſchwediſch zu lernen, um nach Abo in die Schule geſchickt zu werden. Was das anbelangt, rief Otho lachend, ſo bin ich nicht allzu lange dort geweſen, denn ich konnte es nicht aushalten und lernte blutwenig. Aber meine Mutter, Couſine Ebba, war ja ſelbſt von Ihrem Blut, und dieſe theure Mutter wurde meine liebſte Lehrerin Von ihr weiß ich das Meiſte, das ich achte und hoch halte. Sie war alſo eine gelehrte Dame. Gelehrt! antwortete er ſpottend; muß man denn gelehrt ſein, um viel zu wiſſen? In der Zeit ihrer Jugend hielt man nicht viel vom Lernen. In Stockholm hatte man ihr etwas von dem dort üblichen franzöſiſchen Geplapper angewöhnt, und zwiſchen Halljalahaus und Louiſa wandelt noch heutigen Tages ein altes Geſpenſt umher, das ihr allerlei grauſame Künſte beibrachte, als da Leſen und Schreiben ſind. Ihm habe ich und meine Schweſter ebenfalls zu verdanken, was wir beide davon wiſſen. Alſo mit Zöglingen der Geiſter haben wir es zu thun, Guſtav, ſagte das Fräulein zu dem jungen Offizier. lich aber amit zu⸗ kleinen Helmat, und dies hat den worden ſchöner ihr e er. wenn es Waimon ſpottende nen, um t allzu nd lernte elbſt von Lehrerin ein iel vom üblichen aus und er, das ſchreiben en, was n, um G iſtab/ — 91— 44 Es wird ein alter Schulmeiſter ſein, von der Art, wie ſie auch bei uns zu Lande hin und her wandern, war Guſtav's Antwort. Getroffen! fuhr Otho fort. Ein alter Schulmeiſter, ein alter Vagabond, der ſein Leben lang hin und her irrte, und noch jetzt keine Ruhe in ſeinen Beinen hat. Meine Mutter lernte von ihm viele Sagen und Geſchichten, von denen er voll ſteckt, und lernte die finniſche Zither ſpielen. Alle dieſe Kunſt und Wiſſenſchaft iſt auf uns übergegangen, wenigſtens auf meine Schweſter. O! Alles was ſie that war gut, Alles was ſie ſagte war mir Geſetz. Ihr Wollen und Walten war wie Gottes Walten, und wer ihr nahe kam, der ehrte ſie. So von meiner Mutter erzogen, bin ich ein einfacher Landmann, ein Heimatmann geworden, der auf ſeinem Stückchen finniſcher Erde leben und ſterben will, und das ſoll immer mein höchſter Wunſch ſein. Ihr Vater lebt nicht mehr? ſagte Lindſtröm. Er ſtarb, antwortete Otho, als ich kaum zwölf Jahre alt war, nun hat ſich dieſe Zahl mehr als verdoppelt. Als er ſo alt war wie ich jetzt bin, ging er außer Landes in fremde Kriegsdienſte nach England, und kehrte aus den amerikaniſchen Colonien zurück, eben als dieſe ihren Freiheitskampf begannen. Mein Großvater war damals geſtorben. Mein Vater wollte ſein Erbe verkaufen und nach Amerika zurück⸗ kehren, allein es kam anders mit ihm. Er lernte meine Mutter ken⸗ nen, blieb im Lande, warf den Degen fort und wurde ein Bauer. Die Leute ſagen, daß ich ihm an Geſtalt und Weſen gleiche, und das freut mich; denn Alle, die ihn kannten, loben ihn noch und lieben ihn. Erich, der einige Jahre älter iſt als ich, weiß mehr von ihm, und wenn er von ihm ſpricht, geſchieht es mit einer Hochachtung, die er wenigen Menſchen ſchenkt. Unſer Vetter Erich ſcheint ſehr ſtolz zu ſein. Stolz, ſagte Otho, ja das iſt er, ſehr ſtolz, aber mild und wär⸗ mend wie Frühlingsſonnenſchein. Meiner Mutter edler Geiſt iſt auf ihn übergegangen; er hat ihre Ruhe, ihre ſanftmüthige Entſchloſſen⸗ heit. Sie werden ihn kennen lernen, und dann vielleicht werden Sie mir Recht geben.— Er hielt inne, und nachdem er einen Augenblick lang lächelnd in ihr Geſicht geſchaut, ſtand er auf und mahnte an die Rückkehr. 2— Sehen Sie wie die Nacht aus der Tiefe ſteigt und mit ihren dunkelblauen Armen an dem Felſen aufklettert! rief er aus. Täglich kämpft der Gott alles Lebens, Wainemonen, mit dem ſchwarzen Adler, dem er die Eier nahm und daraus Sonne, Mond und Sterne ſchuf. Die Flügel des ungeheuren Vogels bedecken dann den Himmel und löſchen alles Licht aus. Zuweilen ſcheint es, als müſſe der Gott er⸗ liegen, allein ſeine Harfe und ſeine Lieder, ſeine helle Stimme und die feurigen Pfeile ſeiner Augen verſcheuchen immer wieder das Un⸗ gethüm. So ſteht es in unſern alten Sagen. Laſſen Sie uns gehen, Couſine Ebba, der böſe Mahtlainen möchte kommen, ehe wir es den⸗ ken, und ein ſchwediſcher Fuß iſt nicht dazu gemacht, um leicht und ſicher ſelbſt über dieſe Geſenke zu gleiten. Ich werde Ihnen beweiſen, daß ein ſchwediſcher Fuß ſich vor den ſteilſten und beſchwerlichſten Pfaden nicht fürchtet, erwiederte Ebba. Sie ſollen Gelegenheit genug dazu bekommen, ſagte er, jetzt aber ſtützen ſie ſich auf mich. Sie ſchlug es aus und folgte ihm ſteile Stufen hinab, welche in den Fels gehauen, über glatte Lager abſchüſſig niederliefen. Zuweilen ſtand er ſtill und ſtreckte ihr die Hand entgegen, ſie nahm dieſe jedoch nicht an. Herr Samuel Halſet hat mich zu eindringlich vor Ihrem Beiſtande gewarnt, rief ſie ihm zu, und ich bin gewohnt, mir immer ſelbſt zu helfen. Das höre ich gern, erwiederte er. Selbſt muß man ſich helfen, aber rufen Sie den böſen Sam nicht an, ſein Rath war niemals gut. Da kommt Ihr Bruder und ſein ruſſiſcher Freund. Sie laufen Beide als gäbe es Heldenthaten zu verrichten. Im Augenblick ſtrau⸗ chelte das Fräulein, doch Otho hielt ſie in ſeinen Armen feſt, trug ſie über das glatte Rollſtück fort und führte ſie dann ſicher hinab, eben als Serbinoff und der Kammerherr unten anlangten. ber mit ihren . Däglich zen Ahler, erne ſchuf. mmel und Gott er⸗ imme und das Un⸗ ns gehen, t es den⸗ leicht und h vor den Ebba. jetzt aber welche in Zuweilen ſeſe jedoch or Ihrem nir immer ich helfen r niemals die laufin ic ſtrau⸗ eſt, trug er hinab, — 932— Viertes Kapitel. Am nächſten Morgen wurde die Reiſe fortgeſetzt und die Wagen verfolgten nun eine nördlich laufende Straße, die in das bergige Land des Pajäne führte. Die Fröhlichkeit der Reiſenden unterſtützte der ſchöne Tag, welcher hell und warm dies Land beſchien, deſſen romantiſcher Reiz ſich vermehrte, je weiter ſie es kennen lernten. Die Hügelgewinde ſtiegen höher auf, felſige Gipfel und mächtige Steinmaſſen ſprangen kühn daraus hervor, die Fruchtfelder und Ebenen aber wur⸗ den kleiner und durchbrochener und der Wald, welcher die Höhe be⸗ deckte, begann nach und nach auch in die Thäler niederzuſteigen. Ohne den Charakter der fruchtbaren Landſchaft aufzuheben, erhielt dieſe immermehr ihr eigenthümliches Gepräge, dieſen ſonderbaren Wechſel von Wildheit, hervorgebracht durch jähen Fels und düſtre, dichte Wälder, durch brauſende Waſſer, welche in tiefen Betten über zahlloſes Geſtein ſchäumten und durch ein wunderbares Gemiſch von ſteilen Höhen und eben ſo ſteilen Senkungen, welche ſich endlos folg⸗ ten. Je weiter in's Land hinein, je länger dauerten dieſe Unterbre⸗ chungen und je enger wurde die Straße, welche zuweilen durch lange Hohlwege führte, zuweilen von dichtem Wald eingeſchloſſen wurde. Gigantiſche Tannen, Eſchen und Birken ſtreckten ſich nicht ſelten dar⸗ über hin und brachten eine Dämmerung hervor, die mit dem blen⸗ denden Sonnenſchein der offenen Stellen wechſelte. Langes Moos füllte dann die Ritzen und Spalten der Steinlager, und das Waſſer, welches davon niedertropfte, durchweichte den Boden, der unter den Hufen der vorüberjagenden Roſſe zerſpritzte. Das Alles iſt nur ein Anfang, ſagte Otho, als der Baron von den finniſchen Sümpfen ſprach. Wer dieſe kennen lernen will, muß ſie jenſeits des Pajäne in Savolax und Carelien ſuchen. Jene gro⸗ ßen, oft viele Meilen langen und breiten Sümpfe ſind von anderer — 94— Art als dieſe Pfützen. Wer Muth und Luſt hat, eine Heerde Ellen⸗ hirſche zu ſehen oder gar mit ihnen anzubinden, fügte er mit einem ſchalkhaften Seitenblick auf das Fräulein und den Seemann hinzu, der muß ſich darauf gefaßt machen, naſſe Füße und den Schnupfen zu bekommen. Ich denke mich vor dieſen finniſchen Vergnüglichkeiten zu bewahren, erwiederte Baron Arwed. Alles wilde und halbwilde Gethier iſt mir zuwider, und ich habe niemals begreifen können, wie man Tage lang ſich abmühen kann, um ein armſeliges Geſchöpf endlich zu tödten, oder ſich gar von ihm tödten zu laſſen. Aber das Ellen gibt vortreffliche Braten, ſagte Lindſtröm. Dann wollen wir uns einen ſolchen verſchaffen, ohne uns zu er⸗ kälten, antwortete Arwed. Unſer Vetter Erich iſt wahrſcheinlich ein eben ſo großer Jäger, wie Sie, Herr Waimon? Sie täuſchen ſich, erwiederte Otho lachend. Erich theilt ganz Ihre Anſicht. Er jagt nicht? Nein. Das freut mich von ihm zu hören. Doch nicht etwa aus Liebe zur Bequemlichkeit oder aus Scheu vor Wind und Wetter, ſondern weil er alles Blutvergießen haßt und jedes lebendige Weſen bei ihm Schutz findet. Er iſt alſo, wie es ſcheint, ein frommer Chriſt, ſagte Serbinoff. Sind das nur fromme Chriſten, die das Blutvergießen haſſen, er⸗ wiederte Otho, ſo gibt es deren wenige auf Erden. Wie ſoll man denn die nennen, die das Blut ihrer Mitmenſchen in Strömen ver⸗ gießen; glorreiche Fürſten, die ihre Unterthanen haufenweis ihrem Ehrgeize, ihrer Eroberungsſucht oder ihren eigenſinnigen Launen ſchlachten. Auf dieſe kecke Frage erfolgte keine Antwort. Die heiden vor⸗ nehmen jungen Herren lächelten, endlich aber ſagte der Kammerherr: Allerdings iſt der Krieg der furchtbare Bruder der Jagd und die Jagd ein grauſames, rohes Vergnügen. Bah! rief Waimon, ſeine Peitſche ſchwingend, daß der Knall von Fels und Wald wiederhallte, während er zugleich ſeine Roſſe bän⸗ ——— eerde Ellen⸗ rmit einem nann hinzu, Schnupfen bewahren, hier iſt mir Tage lang zu tödten, om. uns zu er⸗ heinlich ein ganz Ihre aus Scheu n haßt und Serbinof haſſen, el⸗ ſoll man zmen ber⸗ eis ihrem Launent 1 eiden vor⸗ mmerherr: und die ſenall von hãn⸗ b doſſe — 95— digte. Jagd und Krieg ſind auch Gottes Werke, und ſo lange es wilde Thiere gibt, und Menſchen gibt, die ſich dazu gebrauchen laſſen, auf Wink und Befehl andere Menſchen zu morden, wird es mit bei⸗ den kein Ende nehmen. Und dies wird vermuthlich ſo lange dauern, ſagte der Baron ſpot⸗ tend, bis die Wölfe mit den Schafen auf die Weide gehen, und die Menſchen wieder in paradieſiſcher Unſchuld neben ihnen wandeln. Oder, erwiederte Otho, eben ſo luſtig, bis die Schafe endlich ſo klug werden, ſich zuſammenthun und die Wölfe todt beißen, auch die Menſchen es mit ihren Wölfen eben ſo machen. Eine glückliche Ausſicht, mein lieber Waimon, lachte Arwed, aber wer ſollte meinen, daß Sie in dieſen Wäldern und Sümpfen zu ſolchen Weltanſchauungen kommen können. Danach zu urtheilen, dürfte die Stimmung im finniſchen Herzogthum überhaupt nicht ſehr günſtig über unſere jetzigen Zuſtände lauten. Kummer und Thränen ſind überall zu finden, antwortete Otho, denn mancher Mutter Kind iſt in die Regimenter geſteckt, die nach Deutſchland oder gegen die Dänen marſchirten und kehrt wohl nimmer zurück. Die Steuern und Abgaben wachſen, die Armuth nimmt zu, Land und Volk kommen zurück und Alles das warum? Sind wir von einem Feinde bedroht worden? Nein, man hat ſich einen Feind ge⸗ ſchaffen. Weil der König den Kaiſer der Franzoſen nicht mein lieber Bruder nennen will, weil er ſich in den Kopf geſetzt hat, dieſer Na⸗ poleon Bonaparte ſei das ſiebenköpfige Ungeheuer der Offenbarung Johannis, deſſen Peſtilenz er ein Ende machen müſſe, darum müſſen Schweden und Finnen ſeit Jahren hergeben, was ſie haben. Herr Waimon gehört, wie wir merken, zur franzöſiſchen Partei, ſagte Serbinoff, und dieſe iſt wahrſcheinlich hier ſtark genug vertreten. Ich bin meine eigene Partei, erwiederte Otho. Im Uebrigen iſt es wahr, der König hat Wenige, die ihm anhängen. Die es am meiſten thun ſollten, denen er Gutes gethan hat, die meinen es am Uebelſten mit ihm. Auf Dankbarkeit, Couſin Otho, darf kein Menſch, am wenigſten aber ein König rechnen, ſagte das Fräulein. — 96— Und warum nicht? fragte er. Dankbar iſt ſelbſt das Thier für Wohlthaten und hängt mit Treue ſeinem Herrn an, warum ſoll der Menſch allein Güte mit Bosheit vergelten? Aber das iſt auch nicht der Fall. Der bei weitem größte Theil der Menſchen iſt beſſer als man ſagt, und es gibt Beiſpiele genug, die das beweiſen. Sehen Sie den Burſchen dort hinter uns, den Jem. Er iſt ſehr arm, doch nicht um eine Tonne voll Speziesthaler würde er mich verrathen. Ich habe ihm einmal einen Dienſt geleiſtet, als Einer, der weit über ihm ſteht, aber doch ein Schelm iſt, ihn in Schande vringen wollte; dafür habe ich ihn gewonnen mit Leib und Leben. Man ſollte nun denken, Fürſten, die ſo viel Lohn und Ehre zu bieten haben, müßten die allertreuſten Freunde und Diener beſitzen. Wenn es nicht der Fall iſt, was kann die Urſache ſein? Ich will Ihnen ſagen, wie meine Mutter urtheilte, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt. Fürſten, ſagte ſie, ſind Weſen, welche ſich von der übrigen Menſchheit abgetrennt haben, dafür trifft ſie die Nemeſis, ſelten oder nie einen Freund zu finden. Ihre Günſtlinge, die ſich um ſie drängen, ſind ihre Schmeichler und die Werkzeuge ihres Willens; treu bleiben ſie nur, ſo lange die Sonne des Glücks ihren gnädigen Herrn beſcheint, den ſie verlaſſen und verrathen, ſobald der Himmel ſich verfinſtert, oder eine andere aufgehende Sonne ihnen mehr Lohn verſpricht. Der Baron zuckte verächtlich mit den Lippen und über ſein kaltes, blaßes Geſicht flog ein Ausdruck feindlichen Hohns; allein Serbinoff ließ ihn nicht zu einer Antwort kommen. Es ſcheint mir zweifelhaft, ſagte er lächelnd, ob die Fürſten oder ihre Umgebungen bei dieſer Charakteriſtik übler fortkommen, jedenfalls aber hat Herr Waimon die Lehren ſeiner Frau Mutter gut behalten und König Guſtav, der, wie man ſagt, die Deutſchen und die Finnen zumeiſt lieben ſoll, hat we⸗ nigſtens bei Ihnen nicht auf Anerkennung dafür zu rechnen. Er liebt die Deütſchen und Finnen mehr als die Schweden, rief Lindſtröm, weil dieſe unterthäniger gehorchen. Der ſtolze, ſchwediſche Freiheitsſinn hat allerdings ſchon ſchöne Proben ſeiner Kraft und Stärke abgelegt, antwortete Otho lachend. Mit ſeiner Hilfe ſind wir Alle dahin gekommen, daß es keinen andern Thier für um ſoll der auch nicht beſſer als Sehen Sie doch nicht Ich habe ihm ſteht, afür habe n, Fürſten, llertreuſten was kann ir er fort, en, welche ifft ſie die zünſtlinge, euge ihres lücks ihren ſobald der nen mehr ſin kaltes, Serblnoff weifelhaft bei dieſer üimon dir der, wie „hat wk⸗ den, rief eü ſchönt lachend. n andern — 97— Willen im Reiche gibt, als den Königswillen. Was aber Finnland und die Liebe der Finnen betrifft, ſo weiß ich wahrlich nicht, warum dieſe ſo anhänglich ſein ſollte. Dies iſt ein erobertes Land, für deſſen Wohlfahrt wahrlich von je an, ſo wenig als möglich geſchah. Seit Jahrhunderten ſind wir beſtändig in Gefahr geweſen, einem andern Herrn zuzufallen, denn Rußland und Schweden haben von uralter Zeit an um dieſe Beute geſtritten. Erſt als Karl der Neunte die Ruſſen vom Ladogaſee jagte und das ganze Becken des finniſchen Meer⸗ buſens, bis an die Polengrenzen, in Beſitz nahm, war es endlich ent⸗ ſchieden, daß wir ſchwediſch blieben, und bis zu Peter des Großen Zeit war die Schwedenherrſchaft geſichert. Von da ab geht der Kampf von Neuem an. Finnland wurde erobert, ſieben Jahre lang war es eine ruſſiſche Provinz, bis es Peter im Frieden von Nyſtädt im Jahre 1721 an Schweden zurückgab. Er begnügte ſich mit Lievland, Eſthland, Ingermannland und Karelien, aber er behielt die Schlüſſel von Finnland, Wiborg und Kexholm, und überließ es ſeinen Nach⸗ folgern ſich mehr zu holen. Das ausgeplünderte, verbrannte, ver⸗ wüſtete Land, in welchem kaum noch zweihunderttauſend Menſchen dem Tod entronnen waren, fiel den alten Beſiegern der Finnen wieder zu. Seit dieſer Zeit jedoch ſind die Schweden der bedrohte Theil ge⸗ worden. Da Sie die Geſchichte Ihres Landes und Volkes ſo gut kennen, ſagte Graf Alexei, werden Sie zugeſtehen müſſen, Herr Waimon, daß die Beherrſcher Rußlands keinen Angriff auf Finnland weiter machten. Nein, erwiederte Otho. Der Krieg von 1741 war einer, den die Finnen der übermüthigen Adelspartei zu danken hatten, die in Schwe⸗ den unter franzöſiſchem Einfluß regierte. Die Ruſſen ſollten abge⸗ halten werden, ſich in den öſterreichiſchen Erbfolgekrieg zu miſchen, dafür wurden mit franzöſiſchem Golde die Taſchen der ſchwediſchen Reichsräthe gefüllt, welche zur franzöſiſchen Partei hielten, während ruſſiſches Gold die ruſſiſche Partei fütterte. Jedenfalls, lächelte Serbinoff, wäre dieſe Fütterung allgemein wohlthätiger geweſen, wenn der Krieg dadurch vermieden wurde. Um uns ohne Blut zuletzt zu verkaufen durch euren erdrückenden Einfluß, ſagte der junge Mann, um dem ganzen Schwedenreiche end⸗ D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 7 — 98— lich daſſelbe Schickſal zu bereiten, das dem Polenreiche ein Ende ge⸗ macht hat.— Die ſchwediſchen Reichsherrn wollten das abgetretene Stück Finnland und Wiborg wieder erobern, das war für die Finn⸗ länder genug, ihre Kriegsluſt und Tapferkeit anzufachen. Und was war das Ende? fragte Alexei. Ach, erwiederte Waimon lebhaft, die Kaiſerin Eliſabeth benutzte damals zuerſt ein Zaubermittel, das von wunderbarer Wirkung geweſen ſein würde, hätten die Finnen daran glauben können. Eliſabeth's Manifeſt forderte das finniſche Volk auf, ſich von dem ſchwediſchen Joche zu befreien, und der ruſſiſchen Hilfe und Großmuth zu ver⸗ trauen. Sie ſchilderte mit brennenden Farben alles Unrecht und alle Gewalt, welche die Finnen ertragen hätten von den Feinden und Ver⸗ derbern ihres alten Stammes, und bot ihnen an, unter ruſſiſchem Schutz künftig ein eigenes Reich in vollkommener, politiſcher Unab⸗ hängigkeit zu bilden; einen freien Staat mit jeder beliebigen Re⸗ gierungsform. Das war allerdings verlockend, genug ſagte der Graf, und zu ver⸗ wundern bleibt es, daß es keinen Anklang fand. Durchaus nicht, denn man kannte die zu gut, die ſolche ſchöne Dinge faſt umſonſt feil boten, antwortete Otho mit freimüthiger Un⸗ erſchrockenheit. Hat man nicht ſpäter daſſelbe Spiel mit den Polen geſpielt? Hat dieſelbe grauſame Politik nicht die leichtgläubigen Grie⸗ chen damit mehr als einmal zum Aufſtande getrieben, wenn es zum Kriege gegen die Türken ging, und hat man ſie nicht immer zuletzt der fürchterlichſten Rache der Türken überlaſſen, wenn ſie nichts mehr nützen konnten? Dieſe Zeiten ſind jetzt vorüber’, llächelte Serbinoff ohne gereizt zu ſcheinen. Gottes Gnade, fuhr Otho fort, hat den Finnen eine tüchtige Portion Mißtrauen und Zähigkeit mit auf den Weg gegeben, dadurch wur⸗ den ſie vor den Folgen arger Liſt bewahrt. Zum Ueberfluß machte der ſchwediſche Reichsrath ein Gegenmanifeſt bekannt, in welchem ruſſi⸗ ſches Weſen und Treiben erbaulich dargeſtellt wurden. Eines aber er⸗ reichte Rußland damals dennoch. Von Bewaffnung des finniſchen Volkes war in Stockholm nicht mehr die Rede. Im Gegentheil, alle n Ende ge⸗ abgetretene rdie Finn⸗ ith benutzte ng geweſen Cliſabeth's chwediſchen ih zu ver⸗ t und alle n und Ver⸗ ruſſiſchem her Unab⸗ bigen Re⸗ und zu ber⸗ llche ſchöne thiger Un⸗ den Polen igen Grie⸗ . es zum mer zulttt ichts mehr gereizt zu A g Portion irch wuͤr⸗ ß machte em ruſſ⸗ — 99— Waffen wurden den Finnen fortgenommen, und als General Löwen⸗ haupt, der würdige Reichstagsmarſchall und Oberfeldherr, von dem es unentſchieden geblieben iſt, ob er mehr Verräther oder Verrathener war, ſein Heer den Ruſſen überliefert hatte, eroberten dieſe zum andernmale ganz Finnland ohne Widerſtand zu finden. Was jedenfalls für das finniſche Volk das Beſte war, bemerkte Alexei. Wenigſtens wurde dies jetzt nicht wie von Peter des Großen Soldaten, gemordet und gebraten, ſagte Otho; auch wurden nicht Tauſende, wie damals, als Leibeigene nach Rußland geſchleppt, wo ihre Nachkommen noch jetzt zu finden ſind, ſondern die Kaiſerin ſtreute Wohlthaten aus, weil ſie Finnland ſchon als ihr Eigenthum betrach⸗ tete. Alle Finnen, welche in dem gefangenen, ſchwediſchen Heere dienten, wurden mit Güte oder Gewalt nach Haus geſchickt, den fin⸗ niſchen Bauern wurde Getreide geſpendet, am Beſten aber kamen die Feſtungscommandanten fort, welche über Hals und Kopf die ihnen anvertrauten Plätze den Ruſſen überlieferten, wie auch die pflichtge⸗ treuen Beamten, welche ſich nicht genug beeilen konnten, in demüthigen Briefen an die Kaiſerin dieſe als ihre erhabene Beherrſcherin an⸗ zurufen. Iſt das wahr? Alle dieſe Schande wahr! rief das Fräulein. Niemand wird es leugnen können, ſagte Otho. Manche hohe Offiziere, Herren aus vornehmen alten Familien, aus ſchwediſchen Familien, verkauften und verhandelten ſich den Ruſſen und dieſe führten eine halb ruſſiſche, halb finniſche Verwaltung ein. Ganz Finn⸗ land ward ruſſiſche Provinz und ſchwur der Kaiſerin den Eid der Treue. Von der verſprochenen Selbſtändigkeit und Unabhängigkeit war natürlich nicht mehr die Rede.. Aber um ſo mehr von der Milde und Großmuth, erwiederte Ser⸗ binoff, mit welcher die Kaiſerin im Frieden zu Abo abermals Finn⸗ land zurückgab, das ihr Niemand mehr entreißen konnte, und nur den Landſtrich bis zum Kymeneſtrom behielt, welcher noch jetzt die Grenze bildet. Das waren, erörterte Otho, allerdings nur zweihundert Quadrat⸗ meilen finniſches Land, welche abermals verloren gingen, allein mit 1 97 100 ihm wurden alle ſchwediſchen Grenzfeſten Nyſlott, Friedrichshavn und Willmanſtrand abgetreten. Finnland lag jetzt, jedem ruſſiſchen Ein⸗ fall Preis gegeben, als ſichere Beute da. Man hat dafür geſorgt, ihnen einen anderen harten Biſſen in den Weg zu werfen, rief der junge Offizier. Sweaborg iſt nicht vergebens ſeit jener Zeit aufgebaut, und viele Millionen Thaler dafür verwandt worden. Die Großmuth der Kaiſerin war auch nicht weit her, ſagte Waimon. Ihr Verwandter, der Herzog Adolph Friedrich von Holſtein, mußte zum Thronfolger ernannt werden, und über dies hatte ſie ſchwere Kriegsverwicklungen mit den größten europäiſchen Mächten zu fürchten, welche Einſpruch gegen die Eroberung thaten, die abermals weiter vor⸗ bereitet, auf beſſere Zeiten verſchoben wurde. Sie müſſen gerecht ſein, Herr Waimon, lächelte der Graf, und eingeſtehen, daß, wie Rußland dieſen Krieg nicht verſchuldete, es auch in dem letzten Kriege von 1788 der angegriffene Theil war. Mit Freuden will ich das beſtätigen, antwortete Otho. Guſtav der Dritte war ehrgeizig genug, um den Plan zu faſſen, das Stück Finnland wieder zu erobern, das Rußland abgeriſſen hatte. Er fing an in Schweden durch ſein zügelloſes Leben und ſeine Verſchwendun⸗ gen verhaßt zu werden; durch Kriegsruhm dachte er das Mißvergnü⸗ gen zu erſticken, und für ſolchen Ruhm ihrer Könige ſind die Schweden von je an ſo empfänglich leichtſinnig geweſen wie die Franzoſen. Zu⸗ dem dachte er Geld dadurch zu bekommen, denn Katharine hatte Feinde genug, die vor ihrer Argliſt bangten, und eben damals war ſie in den Türkenkrieg verwickelt. Gutes hatte der Schwedenkönig auch von ihr nicht zu erwarten. Wenn ſie mit Polen und Türken fertig war, konnte er wohl denken, daß Finnland an die Reihe kommen würde. So brach er denn, wie es eroberungsluſtige Fürſten thun, und wie es die größten ſeines Jahrhunderts Ludwig der Vierzehnte und Friedrich von Preußen gethan haben, die Gelegenheit vom Zaun, um über den verlegenen Nachbar herzufallen. Wäre er der Mann danach geweſen, ſo hätte es ihm glücken können, Petersburg zu erobern und Kronſtadt zu zerſtören, ſtatt deſſen ſpielte er Komödie in ſeidenen Kleidern und rothen Schuhen, umringt von ſeinen Sängern und luſtigen Freunden, shavn und ſchen Ein⸗ ſen in den vergebens verwandt Waimon. mußte ſchwere fürchten, veiter vor⸗ Graf, und 2, es auch . Guſtab das Etück Er fing ſchwendun⸗ lißvergni⸗ Schweden zoſen. Zu⸗ atte Feinde var ſie 1 auch von rtig war, en würde. nd wie es Friedrich über den geweſen, eronſtadt dern und Freunden, 101 die mit ihren tollen Poſſen den Unwillen und Ckel aller ernſten, ver⸗ ſtändigen Männer erregten. Unter dieſen ernſten Männern verſtehen Sie ohne Zweifel die Oberſten des Heeres, welche ſich gegen den König verſchworen, ſagte der Kammerherr. Das waren die ſchlimmſten Verſchwörer wahrlich nicht, erwiederte der junge Mann. Es waren Männer darunter von reinem Charakter, die ihr Vaterland innig liebten, und der König handelte gegen die Landesgeſetze, wie es ſeine Art war. Er durfte ohne Zuſtimmung der Reichsſtände keinen Krieg führen. Die Oberſten waren daher im Rechte, wenn ſie der Verfaſſung treu blieben und ihm zeigten, daß auch ein König die Geſetze heilig halten muß. Wäre er ein großer Fürſt und Feldherr geweſen, wie die alten eiſernen Waſa's, ſo wür⸗ den ſeine Generale bei alledem ihm willig gefolgt ſein, oder wäre er ein Mann geweſen, wie Karl der Elfte, ſo kühn und ſchlau, ſo hätte er wie dieſer gewußt, wie man vom Reichstag erlangen kann, was man will; aber dieſer König war von Allem etwas und darum nichts Ganzes. Leichtſinnig und ſorglos, nichts achtend und nichts glaubend, umringte er ſich mit einer Rotte Günſtlingen und Lieblingen, welche zehnmal ſchlimmer waren, als die Oberſten vom Angelabunde. Men⸗ ſchen, die ſeine Ausſchweifungen theilten, die das Land in Schulden und Noth ſtürzten, das Volk herunter bringen halfen, ihn ſelbſt aber dennoch verriethen, ſobald ſich die Gelegenheit dazu bot. Solche Beſchuldigungen, antwortete der Kammerherr, beruhen ge⸗ wöhnlich auf Verleumdungen und Uebertreibungen. Die unverſtändige, einſichtsloſe Menge glaubt gar zu gern, was ſie nach ihrem Geſchmack findet. Wer Karl den Elften, dieſen Tyrannen und rohen Bauer, loben kann, der freilich muß Guſtav ſchmähen, deſſen feiner Geiſt und liebenswürdige künſtleriſche Natur ihm nicht behagen können. Alles was wir an Kunſtbildung und Kunſtverſtändniß, an Politur und geiſtiger höherer Entwicklung beſitzen, iſt Guſtav des Dritten Werk. Er unterſtützte Gelehrte, Dichter und Künſtler, er ſammelte Kunſtwerke und wiſſenſchaftliche Schätze, liebte und förderte Geſang, Muſik und dramatiſche Kunſt, ſo daß nach langen Zeiten zum erſten⸗ 102 male wieder der ſchwediſche Name mit Achtung und Anerkennung in Europa genannt wurde. Karl der Elfte, ſagte Otho lachend, wird ein Tyrann genannt, weil er dem Adel und dem Reichsrath auf die Finger klopfte, aber der Bauer nennt ihn heut noch den Bauernkönig, denn dem Volke that er Gutes und die Landesgeſetze hat er niemals verletzt. Guſtav der Dritte. hat Reichsrath und Adel ebenfalls hart mitgenommen und ihnen die Ge⸗ walt entriſſen; aber der Unterſchied zwiſchen ihm und Karl iſt der, daß Bauer und Bürger ihn zuletzt eben ſo verabſcheut haben, wie der Adel, denn trotz ſeiner Genialität und liebenswürdigen künſtleriſchen Natur preßte er das Land aus, und ſchonte und ſcheute nichts, wo er ſich Geld verſchaffen konnte, um es in Schwelgereien und verſchwen⸗ deriſchem Tand zu verpraſſen. Ja, er ſchämte ſich nicht, das Volk durch den Branntwein gänzlich zu demoraliſiren, denn er verkaufte jeder Hütte das Recht, dies Gift zu brennen, und an dieſer Brannt⸗ weinpeſt krankt Schweden ſeitdem und wird ſich kaum je wieder davon erholen. Wiſſen Sie, fuhr er lebhaft fort, indem er ſich zu dem geärgerten Baron umwandte und ihn mit ſeinen kühnen Augen furchtlos anſchaute, ſeit wann in Schweden das allgemeine Verderben begonnen hat? Seit dem Tode oder dem Morde Karl's des Zwölften, alſo ſeit beinahe einem Jahrhundert. Von jener Zeit an, als der Reichsrath und die Adelsparteien ſich der Regierung bemächtigten, wurde Alles käuflich und es geſchahen die ſchändlichſten Dinge; nicht von der unvernünfti⸗ gen Menge, ſondern von denen, die ſich rühmen, mit Verſtand und Einſicht beſonders geſegnet zu ſein. Wer hat früher etwas von ſchwe⸗ diſchem Verrath, von Verkäuflichkeit, Beſtechlichkeit und ſo nichtswür⸗ diger Entartung gehört, wie ſie in jener Zeit ſchamlos zum Vorſchein kamen? In jedem Kriege brachten ſeitdem die Verräther mehr Un⸗ glück über uns, als die Waffen der Feinde, und iſt es in dem letzten Kriege etwa anders geweſen? Hat Guſtav der Dritte mit aller ſeiner ritterlichen Genialität ſes hindern können, daß beſtochene ruſſiſche Spione ihn umgaben, oder daß Menſchen, die er mit Wohlthaten überhäufte, Alles, was er that, den Ruſſen verriethen? Liefen nicht auch diesmal wieder hohe Beamte und Offiziere, feine Leute von Bildung und Kunſtgefühl, geſchmückt mit Titel und Orden, zu dem erkennung in genannt, weil er der Bauer at er Gutes Dritte hat nen die Ge⸗ arl iſt der, en, wie der nſtleriſchen nichts, wo verſchwen⸗ das Volk r verkauſte er Brannt⸗ ieder davon geärgerten s anſchaute, hat? Seit ſeit beinahe tth und die les käuflich nvernünfti⸗ erſtand und von ſchwe nichtswür⸗ Vorſchein mehr Un⸗ dem letzten aller ſeiner e ruſiiche Wohlthaten jefen nicht Leute von — 103— Feinde über? Erſt vor wenigen Tagen habe ich einen Mann geſehen, den Oberſt Jägerhorn, welcher jetzt zur Beſatzung von Sweaborg ge⸗ hört, deſſen Bruder, ein Liebling des geiſtvollen Königs, ihn ver⸗ rieth und zu den Ruſſen endlich deſertirte, ſammt andern Herren in goldgeſtickten Sammetröcken. Wenn ich nicht zu der gedankenloſen, leichtgläubigen Menge gehörte— er lachte auf und vollendete nicht, was er ſagen wollte.— Wenn's wieder ſo kommt, fuhr er ſtatt deſſen fort, werden Sie ſehen, was geſchieht. Das unverſtändige Volk wird, wie immer, bereit ſein, Gut und Leben für ſeine gnädigen Herren in die Schanze zu ſchlagen, die Verräther aber werden eben ſo wenig fehlen, und es kann Einem zuweilen vorkommen, als ſeien ſie ſchon da und in voller Arbeit. Damit endete dieſe Unterhaltung, welche der Baron nicht länger fortſetzen mochte. Sein bisheriges Lächeln war einem ärgerlichen Ernſt gewichen, und eine Wolke von Zorn lag in den kleinen tiefen Falten über ſeinen Augen. Der Weg ſenkte ſich ziemlich ſteil in ein Thal hinab, das einen feſſelnden Anblick gewährte, und es dem hilf⸗ reichen Serbinoff leicht machte, durch einige bewundernde Ausrufungen und Fragen die Aufmerkſamkeit ſeiner Reiſegefährten dieſen Land⸗ ſchaftsbildern zuzuwenden. Ein Kirchſpiel drängte ſich in der Mitte des Thals zuſammen, und ſtreckte ſeine rothen, freundlichen Häuſer von dort aus weit über den reichen Anbau; jenſeits aber ſtiegen hohe Felſen auf, eingefaßt von einem mächtigen Waldgebiet, das den gan⸗ zen Horizont begrenzte. Nur zur Rechten ſchimmerte in der Tiefe ein breites Gewäſſer. Da iſt der Pajäne! rief Otho, und hier unter uns liegt Hor⸗ mola, wo wir raſten werden. Dort das Haus vor der Kirche iſt die Poſthalterei; aber wahrlich, da ſtehen die Pferde ſchon, Erich's Pferde, welche uns erwarten, und was iſt das— ich dachte es wohl— da ſteht er ſelbſt, um ſeine Gäſte zu empfangen. Alle Augen richteten ſich auf das Haus, an deſſen Breitſeite meh⸗ rere Pferde mit tief gebeugten Hälſen ihr Mahl zu halten ſchienen, während nicht weit von ihnen auf einem der großen Steine an der Thür ein Mann ſaß, der mit ſeinem Stocke Linien oder Worte auf den Boden malte. Es ſchien eine Zeit lang, als beachtete er das — 104— Rollen der Wagen nicht, denn erſt als dieſe ziemlich nahe waren, ſah er auf und nach einem langen prüfenden Blicke erhob er ſich von ſeinem Platze und that einige Schritte, indem er ſeinen Hut abnahm und die Winke und Grüße ſeiner Verwandten erwiederte. Neugierig wurde er von dieſen angeſchaut, allein ohne Zweifel waren ſie ſämmtlich in ihren Erwartungen getäuſcht, denn dieſer letzte Sprößling des alten ritterlichen Geſchlechts hatte nichts von der Helden⸗ länge und kriegeriſchen Stärke ſeiner Väter, welche im Dome zu Abo ſchliefen. Ebba hatte ſeinen Briefen nach wenigſtens einen jungen, lebhaften Mann vermuthet, und die Bewunderung und Liebe, mit welcher Otho von ihm erzählte, ſetzten in ihren Vorſtellungen ein Bild zuſammen, dem dieſer vielbelobte Vetter in keinem Zuge glich. Ihrem Bruder und ſeinem Freunde erging es jedoch nicht beſſer. Arwed konnte ſich nicht enthalten, Serbinoff zuzuflüſtern: Gut, daß wir ihn haben, ſo werden wir endlich dieſe ſchwatzende Elſter los, aber daß der die Jagd nicht liebt, oder in irgend einer Art gefährlich werden kann, glaube ich gern. Sie ſprangen aus dem Wagen und der Kammerherr zunächſt umarmte den Freiherrn. Mein theurer Erich! rief er, wie lange habe ich mich nach dieſer Stunde geſehnt. Ich mache von meinem Rechte Gebrauch, dich Freund und Vetter zu nennen, und hier iſt meine Schweſter Ebba, eben ſo entzückt, wie ich ſelbſt, dich endlich zu ſehen, hier ſind Graf Serbinoff und Guſtav Lindſtröm. So haſt du uns Alle, beſter Vetter, doch unſer erſtes Wort muß ein herzlicher Dank ſein, daß du ſo weit von deinem Hauſe uns erwarteſt. Umringt von den hohen kräftigen Geſtalten dieſer jungen Männer ſah der Freiherr noch kleiner und zarter aus, als er war. Sein Ge⸗ ſicht hatte ſcharfe feſte Züge, das braune Haar fiel reich ohne Band und Puder auf eine hohe, eckig harte Stirn, unter welcher zwei klare tiefliegende Augen einen eigenthümlichen Schimmer ſanftmüthiger Freund⸗ lichkeit verbreiteten. In damaliger Zeit trugen die jungen Herren vom Adel entweder glänzende Kleider von Sammet und Brokat oder ſie waren mit Spornſtiefeln, Jagdrock, Waidmeſſer und aufgeſchlagenem Treſſenhut verſehen, und hätte Erich Randal in dieſer Tracht ſeine Verwandten empfangen, ſo würde ſein Aeußeres mehr Beifall gefun⸗ waren, ſah er ſich von uut abnahm ne Zweifel dieſer letzte er Helden⸗ Dome zu n jungen, Liebe, mit ein Bild ich. Jhrem Arwed ß wir ihn aber daß ich werden zunächſt lange habe iem Nechte Kit meine zu ſehen, iſt du uns icher Dank Mä nner hl agenem icht ſeine U gefun⸗ — 105— den haben. Statt deſſen erſchien er ſchwarz und einfach, eher wie ein Dorfkaplan, denn wie ein Freiherr gekleidet. Sein Hut hatte weder eine Goldſchnur noch eine Borde, es war ein breitgekrämpter niedriger finniſcher Bauernhut, und was noch ärger war, er trug nicht ein⸗ mal Reitſtiefeln, ſondern ſeine Füße ſteckten in Schuhen mit dicken Sohlen. Als er ſeine ſchöne Muhme auf die Stirn küßte und ihre Hand feſthielt, wurde die Freude in ſeinem Geſicht und in ſeinen Augen heller und lebendiger. Alles, was ich über das Glück ſagen könnte, Sie hier zu ſehen, begann er dann, würde immer hinter dem, was ich empfinde, zurückbleiben. Leider war es mir nicht vergönnt, Sie von Abo aus in mein einſames Haus zu begleiten, ſo will ich denn verſuchen, Sie ſo lange als möglich darin feſtzuhalten, als einen theuern vielgewünſchten Gaſt. Seine Stimme klang äußerſt wohllautend, und ſein Lächeln ver⸗ ſchönte das ſcharfe ſtarke Geſicht. Die höfliche Gemeſſenheit ſeines Weſens hatte etwas ſchulmeiſterlich Bedächtiges, das er ſelbſt dann nicht verlor, als Serbinoff mit der Gewandtheit und Feinheit, die ihm eigen war, ſeinen Beſuch entſchuldigte, und Lindſtröm mit ſeemänni⸗ ſcher derber Fröhlichkeit ſich einmiſchte. Wir wollen dein altes Schloß ſo laut und luſtig machen, wie es je in ſeiner Jugend geweſen ſein mag, rief der junge Offtzier. Wir wollen tanzen und ſchmauſen, jagen und trinken, bis du froh ſein wirſt, uns wieder heim zu ſchicken. Dieſer Tag, mein lieber Guſtav, wird niemals kommen, erwiederte Erich. Lindſtröm ſah ihn übermüthig an. Mag es gemeint ſein, wie es will, fuhr er fort, ich bin damit zufrieden. Aber du biſt ein gelehrter Mann, wie ich gehört habe, und ſiehſt, bei meiner armen Seele, auch darnach aus. Solche Herren lieben Ruhe und Stille. Nach dem Kleide darf man nicht urtheilen, verſetzte Erich lächelnd. Du ſollſt mit dem Keller und der Küche meiner Einſiedelei zufrieden ſein. Wein und Jagd werden uns nicht ſehlen. Vortreffliche Ausſichten! fiel Arwed ein. Der liebenswürdige Ein⸗ ſiedler hat doch gewiß auch dafür geſorgt, daß die Schönheit ſeinem einſamen Herde nicht fehlt. — 106— Sie kommt mit dir, antwortete Erich, indem er Ebba anblickte, darum iſt dieſer Tag mir ein dreifach geſegneter. Was ich bis jetzt davon in meiner Nähe beſaß, ſiehſt du dort. Sie waren dem Hauſe zu gegangen, aus welchem ſo eben Otho hervorſprang, der an ſeiner Hand ein junges Mädchen führte, das noch auf der Grenze erſter Jungfräulichkeit zu ſtehen ſchien. Ihr ſchlanker Körper in Mieder und Jäckchen gehüllt, war elfenartig leicht und das roſige, friſche Geſicht ſchimmerte glückſelig unter dem kleinen Strohhut mit flatternden rothen Bändern, der wie ein Vogelneſt auf ihrem Kopfe ſaß, von welchem reiche Flechten in ihren Nacken fielen. Dies liebliche Geſchöpf, das wie ein Maitag ausſah, der alle Blüthen aufweckt, lief mit einem Freuden ſchrei auf Ebba zu, ſchlang ſeine Arme um ſie und betrachtete ſie mit Blicken, welche vor Liebe und Freude funkelten. Es iſt meine Schweſter Louiſa, ſagte Otho. Und du biſt Ebba! rief Louiſa. Wie biſt du ſchön, wie liebe ich dich! Dulde es, daß wir dich verehren und habe mich auch ein wenig lieb. Das will ich, theure Louiſa, das will ich recht von Herzen, er⸗ wiederte Ebba, überraſcht und gerührt von dieſem Empfange, an dem die Herren ſich lächelnd ergötzten. Aber Louiſa ließ ſich dadurch nicht ſtören. Sie plauderte erzählend und betheuernd weiter, wie ſie, ſeit ihr Bruder fortgereist ſei, keine Ruhe gehabt, wie ſie über die See⸗ bucht gefahren ſei noch am ſpäten Abend, als Erich zurückgekommen, und wie ſie vor Freude und Glück ganz närriſch geworden, als ſie hörte, daß ſie ihn hierher begleiten ſolle. Erich ſteigt ſelten zu Pferde, ſagte ſie, er geht lieber, aber ich beſitze ein Pferd, mein Bruder hat es mir geſchenkt und abgerichtet. Es iſt ſo ſicher und klug, daß es niemals ſtrauchelt und irrt. Du ſollſt es reiten, meine ſchöne liebe Ebba, dort ſteht es ſchon mit ſeinen Muſchelzäumen und wartet auf dich. Jetzt aber komm, du mußt ausruhen und ſpeiſen von dem, was da iſt. Die kurze Zeit, welche die Reiſenden verweilten, um auszuruhen und ſich zu erfriſchen, reichte hin, um im freundlichen Beiſammenſein das Fremde eines erſten Begegnens zu überwinden. Die gewandten da anblickte, ich bis jetzt eben Otho ährte, das ien. Ihr ariig leicht im kleinen lneſt auf ken fielen. der alle „ſchlang vor Liebe wie liebe auch ein rzen, er⸗ man dem urch nicht ſie, ſeit die See⸗ kommen, als fii Pferde, uruhen nenſein andten 107 Formen der beiden Herren, welche daran gewöhnt waren, ſich im Gewühl eines vielgeſtaltigen Lebens zu bewegen, halfen eben ſowohl dazu, wie die anregende und vertrauliche Weiſe, mit welcher Ebba ſich ihrem Vetter zu nähern wußte, der trotz ſeiner Beſcheidenheit und Einfachheit bald ein günſtiges Urtheil hervorrief. Was er ſagte war verſtändig und ſeine Unterhaltung nicht ohne Reiz. Seine ungekün⸗ ſtelte Höflichkeit trug den Ausdruck der Herzensgüte, und an ſeiner Freude über den Beſuch ſeiner Verwandten konnte Niemand zweifeln, der in ſein lächelndes Geſicht ſah. Noch mehr als mit ihm beſchäftigten und vergnügten ſich Alle mit der liebenswürdigen Louiſa, welche nicht wußte, wie und wodurch ſie ihre Herzensgefühle den lieben Gäſten recht deutlich machen ſollte. Sie verſprach ihnen alle mögliche Luſt und Herrlichkeit, Waſſerfahrten und kleine Reiſen, Feſte und Beſuche, und ihre, Erzählungen und drollige Aeußerungen wurden von den Liebkoſungen unterbrochen, mit denen ſie ſich an Ebba zurückwandte. Die Pferde waren inzwiſchen durch Otho's Fürſorge in Bereit⸗ ſchaft geſetzt, und als die Wagen mit den Dienern die Fahrſtraße eingeſchlagen hatten, welche nach Halljala führte, mußte Ebba das ſchöne graue Thier beſteigen, das Louiſa ſelbſt herbeibrachte. Es war von der echten nordiſchen Bergrace, deren unermüdliche Ausdauer und Sicherheit berühmt genug ſind. Seine ſchlanken, ſchwarzen Füße, der ſchwarzborſtige Kamm auf dem ſchön gebogenen Hals und die feurigen Augen unter dem dichten Haarbüſchel auf ſeiner Stirn kündigten einen ſtolzen und muthigen Renner an. Louiſa klatſchte jubelnd in die Hände, als ſie die ſchwediſche Dame keck und gewandt im Sattel ſitzen und die rothen mit Schlangenmuſcheln beſetzten Zäume ergreifen ſah, dann hob ſie Otho auf den Rücken eines wilden Ponys, und nun bewegte ſich der Zug der Reiter raſch durch das üppig grüne Thal. Eine Zeit lang folgten ſie dem Laufe eines Baches, und nichts konnte anmuthiger ſein, als an dieſem ſonnenhellen Tage, unter dem ſchön⸗ ſten Himmel, in milder, erfriſchender Luft über einen blumenvollen Grund frohgelaunt dahinzujagen. Bald aber ſtiegen vor den Reitern ſteile Waldhügel auf und zwiſchen dieſen öffnete ſich eine Schlucht, durch welche der Bach im immer ſchnelleren Sturze dem See zueilte. Ein Pfad lief ſchmal daran hin und über nacktes, naſſes Geſtein ſtieg — 108 er jäh hinauf bis zu dem Waldgebiet, wo Tannen und Lärchenbäume ſich mit zahlloſen Wurzeln um mächtiges Steingetrümmer klammerten. Die Pferde konnten hier nur einzeln gehen, ihr Hufſchlag widerhallte auf dem nackten Fels, mit kräftigen Sätzen halfen ſie ſich über die hochkantigen Lager⸗ und Rollſteine fort. Erich Randal war als Führer an der Spitze geblieben, und wenn ſein Vetter Arwed heimlich über ihn gelacht hatte, wie er ſehr wenig ritterlich ſtolz im Sattel ſaß, ſo mußte er dagegen eingeſtehen, daß der junge Freiherr mehr körperliche Gewandtheit beſaß, als er ihm zutraute. Er ſprang plötzlich aus den Bügeln auf einen Felsblock, ließ ſein Pferd reiterlos laufen und ſtieg mit Hilfe ſeines Stockes ſehr ſchnell und ohne Anſtrengung bis auf die Berghöhe. Das iſt die beſte Art zu reiſen für mich, ſagte er, als er endlich neben Ehba herging, und hier haben Sie gleich ein Beiſpiel der eigenthümlichen Beſchaffenheit unſeres Landes. Fruchtbare ſchöne Thäler und plötzlich mitten darin ſteile Granitmaſſen, ungeheure über einander gerollte Felsſtücke, Bergwälder und dieſe unendliche Zahl großer und kleiner Seen, welche alle Tiefen ausfüllen. Aber es iſt keine großartige Natur, erwiederte Ebba, indem ſie ſchelmiſch nach Otho blickte. Nein, erwiederte Erich, gewaltige Gebirge mit Gletſchern und gigantiſchen Felsſpitzen gibt es in ganz Finnland nicht. Sie finden hier mehr idylliſche Reize, murmelnde Bäche, üppige Thäler und Matten, deren Gras⸗ und Blumenſchmuck oft wunderbar reich und ſchön ſind. Unſere Berge kommen von Norwegen herüber. Von den Quellen der Tana ſtreicht ihre Hauptkette, die Maanſelkberge, durch Oſterbottnien und wirft ihre drei großen Arme nach Oſten, Weſten und Süden. Ueber zwölfhundert Fuß ſteigt kein Gipfel auf und hier in Tavaſtland erreichen die höchſten kaum ſechshundert Fuß. Für beſcheidene Anſprüche iſt das immer genug, lachte Ebba. Wir ſind auch damit zufrieden, liebe Muhme, ſagte Erich. Hätten wir Gletſcher und hohe Gebirge, ſo würde Finnland ſo unfruchtbar ſein, wie ein großer Theil Schwedens und Norwegens; ſtatt deſſen aber ſind unſere Berge faſt überall mit Wald bedeckt und unſere ürchenbäume klammerten. widerhallte ſch über die und wenn ſehr wenig tehen, daß s er ihm Felsblock, es Stockes er endlich iſpiel der re ſchöne geure über liche Zahl indem ſie chern und Sie finden äler und reich und gon den e, durch „Weſten und hier bba. „Hätten fruchtbar tt deſſen unſere 109 Thäler und Ebenen liefern bis in den hohen Norden noch mancherlei Getreide. Eine harte Natur, antwortete die junge Dame, bringt auch harte und kräftige Männer hervor, die ſo leicht nicht verweichlichen. Erich lächelte ſanftmüthig. Darauf hin, entgegnete er, möchte ich dennoch wünſchen, daß auch die rauhen und unfruchtbaren Theile un⸗ ſeres Landes, die großen Sümpfe und die mit Kieſeln und Muſchel⸗ ſand bedeckten Flächen die gütige Natur unſeres ſchönen Tavaſtlandes annähmen. Es iſt alſo nicht überall ſo wie hier? fragte Serbinoff. Nein, gewiß nicht, ſagte Erich. Leider gibt es noch viele Ein⸗ öden und Wildniſſe, obwohl der größte Theil des Landes eines guten Anbaues fähig iſt und es nur an Menſchen fehlt, die den Segen ausbeuten möchten.— Vielleicht auch an einer Regierung, die es verſtände, dieſe Schätze zu heben, fiel Arwed ein. Auch daran allerdings, war Erich Randal's Antwort. Wenn die Regierung den Aufſchwung des Ackerbaues kräftig unterſtützte, wenn ſie Anſiedler ermunterte, in den Städten die Induſtrie belebte, wenn ſie für gute Einrichtungen, gute Straßen und Canäle ſorgte, mittelſt welcher die Syſteme unſerer Seen, wie die Natur ſie ſchon geordnet, verbunden und geregelt würden, ſo könnte dies Land einen nie geahn⸗ ten Aufſchwung nehmen. Aber dazu gehört viel Geld, Herr Randal, ſagte Serbinoff. Allerdings Geld, doch noch mehr Wohlwollen, Fürſorge und Weisheit, und dieſe haben leider zu ſehr und zu lange uns gefehlt. Der Krieg hat Finnland immer wieder von Neuem entvölkert, zer⸗ ſtört, was mühſam kaum geſchaffen ward, und während die Regierung immer größere Forderungen ſtellte, bemühte ſie ſich zu wenig, auch die Hilfsquellen des Landes zu vermehren, um ſeine Bewohner in den Stand zu ſetzen, in Zeiten der Noth den Staat zu unterſtützen, ohne dabei ſelbſt zu verarmen oder zu verkümmern. Während dieſes Geſpräches waren ſie über den Bexgrücken fort⸗ gezogen, und jetzt öffnete ſich der Wald und zeigte zu ihren Füßen das große unabſehbare Seebecken des Pajäne, eines der mächtigſten 1 — 110— unter allen finniſchen Gewäſſern. Meerartig dehnte der See ſich aus und kaum waren an der gegenüberliegenden Seite die hohen waldigen Gewinde zu erkennen, welche ihn umringten. Große und kleine In⸗ ſeln, bald felſig und zackig, bald fruchtbar ausgebreitet und mit ein⸗ zelnen Häuſern und Hütten beſetzt, unterbrachen die tief blaue ſchim⸗ mernde Fluth. Da und dort ließ ſich ein Fiſchernachen ſehen, doch nirgend ein Segel, nirgend ein Schiff und nirgend ein belebter Ort. Einſam zwiſchen den granitnen Mauern und Klippen wogte das be⸗ wegliche Element, das ſonſt ſo gern die Menſchen anlockt. Es iſt allerdings ſo, ſagte Erich auf eine Bemerkung ſeines Ver⸗ wandten über dieſe Stille, kein Ort von einiger Bedeutung findet ſich hier; denn nirgend wird Handel getrieben, der die Menſchen vereinigt und zur gemeinſamen Thätigkeit antreibt. Der Pajäne iſt über fünf und zwanzig Meilen lang und bis vier Meilen breit. Er iſt mit reichen und fruchtbaren Thälern umgeben, welche ſich gegen den See öffnen; unermeßliche Wälder bedecken dieſe Berge, und ſeine Waſſer verbinden ſich mit einer Reihe anderer großer Seen, bis ſie endlich dem Kymeneſtrom zufließen, der jetzt unſere Grenze gegen Rußland bildet. Der Kymene führt dieſen ganzen Waſſerreichthum in fünf Armen ins Meer. Wäre der induſtrielle Sinn geweckt, ſo würde unſer Holzhandel, welcher immer mehr abnimmt, mit Hilfe dieſer flüſſigen Straßen raſch zunehmen. Schiffe würden in dieſen großen Becken erſcheinen und die Getreidemaſſen hinunterführen. Dieſe ge⸗ waltigen Bergfeſten würden das ſchönſte Bauholz liefern, freilich aber müßten Canäle und Schleuſenwerke gebaut werden; denn es fehlt uns nicht an Waſſerfällen und Hinderniſſen, welche zunächſt wegzu⸗ ſchaffen ſind. Sie ſcheinen mit allen dieſen Verhältniſſen ſehr genau bekannt zu ſein, ſagte Serbinoff. So viel ich es vermochte, erwiederte Erich, habe ich mich zu be⸗ lehren geſucht. Haben Sie niemals große Reiſen gemacht, wie dies der finniſche Adel gern thut? fragte das Fräulein. Ich habe nur Finnland, mein nächſtes Vaterland, bereist. 2 Ser ſich aus en waldigen kleine In⸗ nd mit ein⸗ laue ſchim⸗ ehen, doch lebter Ort te das be⸗ ines Ver⸗ findet ſich zvereinigt über fünf r iſt mit den See ne Waſſer ie endlich Rußland in fünf ſo würde lfe dieſer n großen Dieſe ge⸗ llich aber es fehl wegzu⸗ kannt zu zu be⸗ finniſche — 111— Und nirgend in der Welt iſt es ſchöner! rief Louiſa. Gottes Paradies kann nicht ſchöner ſein, wie es am Pajäne iſt. Und wo iſt es am Pajäne am ſchönſten? fragte Serbinoff. An der Halljalabucht, antwortete ſie, ohne ſich zu bedenken. Sie werden mir Recht geben müſſen, wenn Sie dieſe ſehen. Dann müſſen wir eilen, ſagte er, denn wer möchte nicht ſo ſchnell als möglich im Paradieſe wohnen. Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung und mehrere Stunden lang währte dieſer Luſtritt an den Ufern des herrlichen Sees, der den lieblichſten Wechſel ſeiner maleriſchen Umgebungen und Fernſichten bot. Bald eilten die muthigen Roſſe mit ihren frohen Reitern durch ſchöne Gründe und Thäler, bald durch lange Felſengaſſen, unter dem Gemurmel klarer Bäche oder unter dem Rauſchen der Waſſerfälle, die aus Bergſpalten und Wald hervorbrachen; bald wieder ging es ſteile Hügel hinauf über ungeheure Blöcke und Steinmaſſen, die von Giganten übereinander gewälzt ſchienen. Der See verſchwand zu Zeiten hinter Vorgebirgen und Klippen, dann trat er von neuem hervor und zeigte ſich in überraſchenden Verwandlungen. Hier verengte er ſich und zeigte deutlich die weiten lachenden Auen der jenſeitigen Ufer und dann wieder reichte ſein Waſſerſpiegel bis an den ſinkenden Horizont, der darin niedertauchte. Gleich den Fjorden des Nordens ſchickte er ſeine Arme tief in klippige Wände, welche ihn nackt und kühn um⸗ ringten, doch nicht lange und die Reiter gelangten zu klaren, ſchönen Buchten, die von weit hängenden Birken und hohen Laubbäumen träumeriſch eingeſchloſſen in tiefer Ruhe lagen. Endlich lief der Weg durch eine mit dichtem Tannenwald bedeckte Halbinſel, und Otho bemerkte, daß dies der eigentliche Charakter des finniſchen Landes ſei. Hier freilich iſt es Spaß und Spiel, ſagte er, aber noch gibt es in dem geſegneten Finnland Pfade, welche oft viele Meilen lang durch undurchdringliche Wälder und Sümpfe laufen und nur von den leichten raſchen Füßen unſeres Volkes betreten wer⸗ den können. Da die Finnländer ſo raſche Füße beſitzen, erwiederte Ebba ſpöt⸗ tiſch, ſo müſſen es vortreffliche Tänzer ſein. — 112— Wir ſind von unſeren ſchwediſchen Freunden mit vielen vortreff⸗ lichen Dingen beſchenkt worden und haben nach ihrer Pfeife uns dre⸗ hen gelernt, erwiederte er, allein zum Tanzen haben ſie uns bei alledem nicht bringen können. Merkwürdig genug iſt es, fügte Erich Randal hinzu, daß ein dem Geſange und der Dichtkunſt ſo ergebenes Volk wie die Finnen gar keine Neigung zum Tanz beſitzt. Es gibt keinen Nationaltanz, keine Feſtlichkeit, wo junge Leute ſich ſchwenken möchten. Man ſollte meinen, erwiederte Ebba, indem ſie nach Otho blickte, daß es ſolchen jungen Leuten an Tact und Gefühl mangelt. Oder ſie fürchten ſich vor dem Schwindel, verſetzte er raſch.— Oder es iſt Furcht vor der ſchwediſchen Pfeife, ſagte Serbinoff. Sollen wir keinen Ball haben! rief der Seemann. Schöne Louiſa, ich kann's nicht glauben, und was ſoll aus Ebba werden, der beſten Tänzerin in Stockholm! Wenn Sie den Freiherrn Wright beſuchen, fiel Otho ein, werden Sie Ihre Sehnſucht zu Genüge ſtillen können, Couſine Ebba. Die jungen Offiziere aus Swartholm und Helſingfors beſitzen ſo viel Tact und Gefühl, daß ſie vom Abend bis zum Morgen damit ausreichen, und die ruſſiſchen Herren aus den Grenzplätzen, welche man häufig dort antrifft, geben ihnen darin nichts nach. Vielen Dank für dieſe frohe Nachricht, mein lieber Couſin, er⸗ wiederte ſie. Ich verliere die Hoffnung nicht, daß die Bildung in Finnland Fortſchritte macht. Heh, Erich, rief der Kammerherr, du haſt uns noch nichts von dem Freiherrn Wright erzählt. Wohnt er weit von dir? Ziemlich weit, jenſeits des Pajäne, in der Nähe von Heinola. Er iſt ein entfernter Verwandter meiner Mutter. 4 Du ſtehſt alſo in fortgeſetzter Verbindung mit ihm? So lange meine Mutter lebte, ſagte Erich, war dies mehr der Fall als jetzt. Er beſucht mich jedoch zuweilen, und da ſeine Tochter ſo eben in ſein Haus zurückkehrte, konnte ich ſeine Einladung nicht ausſchlagen. Ohne Zweifel eine junge reizende Tochter? fragte Arwed lächelnd. ielen vortref⸗ feife uns dre⸗ n ſie uns bei zu, daß ein ie die Finnen Nationaltanz, Otho blickte, gelt. rraſch. Serbinoff. ſchöne Louiſg, n, der beſten ein, werden Ebba. Die ſo viel Tact it ausreichen, man häuffg Couſin,(r⸗ Biddung in z nichts bon zeinola⸗ br hes meht der ſeine Tochle adung nihi wed lacheln⸗ 113 Eine Wittwe. Sie heirathete vor einigen Jahren einen Herrn Gurſchin, welcher damals ruſſiſcher Civilgouverneur in Willmanſtrand war. Später hat ſie mit ihm in Petersburg gelebt und jetzt iſt er geſtorben. Iſt ſie Ihnen bekannt, Serbinoff? fragte der Kammerherr? Dem Namen nach, erwiederte Alexei gleichgiltig. Die ruſſiſche Grenze iſt, wie es ſcheint, nicht weit von dem Land⸗ ſitze des Freiherrn? Man kann in einem halben Tage bis an die ſchönen Waſſerfälle des Kymene gelangen. Commandirt der Freiherr nicht das Regiment Nyland Dragoner? fragte Lindſtröm. Der Oberſt iſt ſein Bruder, ſagte Erich. So bald es meinen lieben Gäſten gefällig iſt, wollen wir nach Liliendal fahren. Dort aber liegt mein ſtilles altes Haus vor uns und heißt Sie willkommen. Die Waldhöhe öffnete ſich vor ihnen und unten ſchimmerten See und Land weit aufgethan. Der Pajäne bildete hier einen ſeiner gro⸗ ßen Waſſerknoten; mit einer tiefen breiten Bucht drängte er ſich in ein ſchönes von Bergen umringtes Thal. Vor den Reiſenden aber lag auf dem Abhange ein alterthümliches Bauwerk, von einem hohen runden Thurme überragt. Nach einer Viertelſtunde ritten ſie durch das gewölbte Thor, über welchem das Wappen der Freiherrn Randal aus verwitterndem Stein hervorſah. Fünftes Kapitel. Mit einigem Sinn für die Reize eines ländlichen Aufenthalts und mit Gefallen an einem Wohnhauſe, das noch manche Spuren einer längſt vergangenen Zeit an ſich trug, konnten ſich die Gäſte des Freiherrn wohl bei ihm behagen. Auf dem erhöhten Boden, der ſich zur Bucht des Pajäne hinabſenkte, ſtand das Schloß mit hohem D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 8 114 ſchwarzen Dach und ſchaute noch immer gebietend über Land und See. Der älteſte Kern war durch den Anbau niederer Flügel ver⸗ größert worden und durch das Abbrechen der feſten Mauern an der Südſeite hatten die letzten Beſitzer Gärten geſchaffen, welche bis zum See hinunterreichten. Landwärts dagegen ſtanden die alten Schutz⸗ wehren noch und ſchloſſen mit dem hohen runden Thorthurm einen geräumigen Hofplatz ein, in welchem die Wirthſchaftsgebäude des jetzi⸗ gen adligen Gutes Halljala ſtanden. Ausgedehnte Felder bezeugten, daß dies kein unbeträchtlicher Grund⸗ beſitz ſei. Eine weite Landſchaft öffnete ſich zur Linken und zeigte im Hintergrunde das Kirchſpiel Halljala mit ſeinen zahlreichen zer⸗ ſtreuten Häuſergruppen und Höfen, welche das ganze Thal füllten. Zur Rechten ſchweifte der Blick über die Waſſerſpiegel des mächtigen Pajäne auf Wälder und Berge, die in kühner Nacktheit ſpitze Gipfel in den Himmel ſtreckten, ſüdlich aber dehnte ſich die breite ſchöne Seebucht aus und jenſeits derſelben ſchimmerten zwiſchen den Ein⸗ ſchnitten der hohen Ufer lichtgrüne Auen und unter Bäumen verſteckte Menſchenwohnungen. Erich Randal hatte für ſeine Gäſte ſo viel er konnte geſorgt und ihnen die beſten Zimmer ſeines Hauſes eingeräumt. Im Anfange dieſes Jahrhunderts wußte man jedoch ſelbſt in den größten Städten Europas noch nicht viel von dem Luxus an Geräthen und Bequem⸗ lichkeiten, welche jeder nur einigermaßen Bemittelte ſich jetzt zu ver⸗ ſchaffen weiß; in dieſem entlegenen Norden war daher um ſo weniger auf mehr als das Nothwendigſte zu rechnen. Dennoch fanden ſich zum Erſtaunen des Grafen Serbinoff hier mancherlei Gegenſtände von alterthümlicher Pracht und nicht unbedeutendem Werthe. Er ſah Teppiche, welche einſt ſehr koſtbar geweſen ſein mußten, Marmortiſche mit geſchnörkelten Beinen, Armſtühle mit verblichenen Damaſtbezügen von flandriſchem Gewebe, einen großen Spiegel ſogar und einige Schränke bedeckt mit kunſtvollem Schnitzwerk, wie es das ſechszehnte Jahrhundert in größter Vollkommenheit hervorgebracht hat. Vergebens ſann er darüber nach, wie dies Alles hiehergekommen ſei. Am nächſten Morgen vereinigte ſich die Geſellſchaft in der großen Halle des Schloſſes, welche als Wohn⸗ und Familienzimmer wahr⸗ — d und l ver⸗ m der zum ſchutz⸗ einen jeti⸗ rund⸗ zeigte zer⸗ llten. tigen ipfel chöne Ein⸗ ſteckte und fange ädten uem⸗ ver⸗ niger ſich nde ſah iſche ügen nige hnte bens ſen ahr⸗ — 115— ſcheinlich ſeit den älteſten Zeiten gedient hatte. An den Wänden hingen alte Familienbilder in ſchwarzen Rahmen, ritterliche Geſtalten in Harniſch und Spitzenkrauſe, und zwiſchen ihnen prangten ungeheure Hirſchgeweihe, vielleicht noch Theile ihrer Jagdbeute, welche ſie einſt mit Händen von Fleiſch und Bein ſelbſt hier aufhängten.— Der letzte Sprößling dieſes kriegeriſchen Geſchlechts, der ſeinen Vätern ſo unähnlich war, kam ſeinen Gäſten mit derſelben Einfachheit und ſanf⸗ ten Freundlichkeit entgegen, mit welcher er ſie geſtern empfing, und führte ſie zu dem Eichentiſche, wo das Frühſtück bereit ſtand. Ein flinkes Mädchen in dunklen Faltenröcken und rothen Strümpfen brachte mit einem Knir eine Silberplatte herein, auf welcher der Kaffee dampfte, und hinter ihr erſchien ein ſtämmiger alter Burſche in ſeinem finniſchen kurzen weißen Nocke mit Schüſſeln voll Fleiſch und Backwerk, ſammt Flaſchen und Gläſern in Fülle. In dem un⸗ geheuren Kamin brannte ein mächtiges Feuer von großen Holzſcheiten, dabei aber war die Thür geöffnet, welche nach dem Garten führte und weite Fernblicke auf die ſonnenhelle Landſchaft erlaubte. Zu beiden Seiten fiel das Licht durch zwei hohe Bogenfenſter herein, deren oberer Theil aus farbigem Glas und prächtiger alter Glas⸗ malerei beſtand. Otho und ſeine Schweſter haben mich geſtern Abend ſchon ver⸗ laſſen, ſagte Erich, und ſind an ihren eigenen Herd zurückgekehrt. So muß ich denn allein verſuchen, meine lieben Gäſte mit dieſer Einſamkeit zu verſöhnen. Eine prächtige Einſamkeit, erwiederte Arwed, obwohl ich, aufrichtig geſagt, ſie nicht für immer theilen möchte. Man muß für das Leben eines Landmannes erzogen ſein und Neigung dazu haben, war Erich's Antwort. Sind Sie denn ſo erzogen worden, und ſtimmen Ihre Neigungen ſo ſehr damit überein? fragte das Fräulein. O, gewiß! erwiederte er. Ich wüßte in Wahrheit nicht, was ich Anderes ſein ſollte.- Sie haben in Abo ſtudirt und hätten, wie es gewöhnlich ſunge Cdelleute thun, in den Staatsdienſt eintreten ſollen. 8* — 116— Ich habe allerdings die Schule in Abo beſucht, verſetzte er; allein meine Studien beſchränkten ſich auf einige Wiſſenſchaften, welche mir beſonders zuſagten. Mein Lebenslauf, fügte er mit ſeinem ſanften Lächeln hinzu, iſt überhaupt mit wenigen Worten erzählt. Meine Mutter verlor ich ſchon ſehr früh, meines Vaters Schweſter, die Tante Louiſa, welche mit dem Oberſten Waimon, Otho's Vater, ver⸗ heirathet war, erzog mich nun mit ihren eigenen Kindern. Mit Otho gemeinſam beſuchte ich dann die Schule in Abo, bis ich zu meinem Vater zurückkehrte, der meine Unterſtützung nöthig hatte. Und nun wohnen und leben Sie hier ganz allein? Ich habe Geſellſchaft an Otho und ſeiner Schweſter, habe auch einige Freunde in der Nähe und bin immer beſchäftigt. Seltſames Leben für einen jungen Edelmann! rief Arwed lachend. Seine Väter haben an Königstafeln geſeſſen, ſind die Erſten voran in jedem Kampfe geweſen und haben den Staat regieren helfen. Er regiert den Pflug, verachtet Schwert und Jagdſpieß und unterhält ſich lieber mit Bauern als mit ſchönen Frauen. Den letzten Vorwurf verdiene ich nicht, erwiederte der Freiherr, indem er auf Ebba blickte; aber meine Vorfahren werden es mir verzeihen, wenn ich ihrem Beiſpiele nicht folge und, wie mein Vater es gethan, lieber als ſchlichter Landmann zufriedener und glücklicher lebe, als es die Meiſten unter ihnen geweſen ſind. Bei dieſer Vertheidigung erblaßte der Sonnenſchein, welcher in die Halle fiel, und die alten Bilder an den Wänden ſchienen zürnend auf ihren ſchwachherzigen Enkel zu ſehen. Sagen Sie mir doch, Herr Randal, fragte Graf Serbinoff, der das prächtige Farbenſpiel der gemalten Fenſter betrachtete, woher dieſe köſtliche Arbeit ſtammt, die ich nicht genug bewundern kann. O, ſagte Arwed, wenn die alten tapferen Freiherren dort ebenſo gedacht hätten, wie unſer friedlicher Vetter, würden dieſe merkwürdigen Fenſter ſo wenig Schloß Halljala geſchmückt haben, wie Teppiche aus Flandern, venetianiſche Spiegel und künſtlich geſchnitzte deutſche Schränke. Sie werden wiſſen, lieber Freund, daß während des dreißigjährigen Krieges die ſchwediſchen Heere bis über den Rhein und in die Niederlande vordrangen. Manche Stadt und manches V z allein lche mir ſanften Meine er, die er, ver⸗ Mit ich zu te. e auch achend. voran Er terhält reiherr, 6 mir Pater iclicher jer in irnend 9 der woher n. ebenſo digen e aus utſche d des Rhein nches — 117— Schloß fielen in ihre Hände, und die ſchwediſchen Offiziere fanden darin ſo Vieles nach ihrem Geſchmack, daß ſie ſich nicht wieder davon trennen konnten. Während des langen Krieges beſuchten nun die Frauen regelmäßig ihre Männer in den Winterquartieren und nahmen zum Frühjahr alle die ſchönen Sachen mit nach Haus, welche ihre fleißigen Ehemänner geſammelt und aufgeſpeichert hatten. Es iſt un⸗ glaublich, welche Menge alter Koſtbarkeiten und Geräthe der verſchie⸗ denſten Art auf dieſe Weiſe in ganzen Schiffsladungen nach Schweden gekommen ſind, wo ſie ſich noch zum Theil in den Schlöſſern und Familienhäuſern vorfinden. Damals befehligte nun auch ein Oberſt Randal eine finnländiſche Reiterbrigade und, wie Sie bemerken, hat er als verſtändiger Hausvater für ſich zu ſorgen gewußt. Mit den Ledertapeten aus irgend einem deutſchen Fürſtenſchloſſe hat er ſeine Zimmer bekleiden laſſen, ein flandriſcher Graf hat vielleicht die Teppiche, Tiſche und Seſſel geliefert, ein reicher Bürger aus Augs⸗ burg oder Regensburg die ſchönen Schränke, und ſeine Dragoner packten dieſe herrlichen Fenſter aus irgend einer bayeriſchen oder böh⸗ miſchen Abtei mit geübter Sorgfalt ein; denn ſie ſind vortrefflich er⸗ halten angekommen. Iſt das wirklich ſo geſchehen? fragte Serbinoff, in das Gelächter, das dieſe Erklärung erregte, einſtimmend. Es iſt Alles ſo geſchehen, erwiederte Erich, eben darum aber be⸗ ſtärken mich dieſe im Kriege zuſammengeraubten und übel erworbenen Dinge in meinen Vorſützen, ein friedlicher Landmann zu bleiben. Du verabſcheuſt alſo wohl Krieg und Blutvergießen? fragte der Seeoffizier, welcher bisher ſich eifrig mit den Schüſſeln und Flaſchen beſchäftig hatte. Von ganzem Herzen, lieber Vetter Lindſtröm. Was ſollen wir aber thun', wir Soldaten? Sollen wir davon⸗ laufen, wenn es zur Schlacht geht? Das wäre ohne Zweifel das Beſte, was ihr thun könntet, ſagte Erich. Ich würde es jedenfalls ſo machen. Ein anhaltendes Gelächter, begleitet von Spöttereien, antwortete darauf. Niemand dachte daran, daß Erich Randal größeren Muth 118 bewies, als diejenigen, welche an ihre Tapferkeit glaubten. Ebba blickte ihn unmuthig an und ſagte dann ſtolz lächelnd: Ich bin zwar kein Mann, Couſin Erich; dennoch würde ich vor den Feinden meines Vaterlandes niemals davonlaufen.— Und das ſagt er Angeſichts ſeiner Ahnen in dieſem Saale, wo gewiß oft ihre Schwerter klirrten und ihre Hörner ſchallten, fiel der Kammerherr ein. Hängſt du im Ernſte ſolchen arkadiſchen Träumen nach, während ganz Europa in Waffen ſteht und der Schlachtendonner von der deutſchen und däniſchen Küſte leicht einmal bis in dieſe Berge dringen könnte? Ich glaube nur, er weiß von dem Allen wenig oder nichts. Zeitungen kommen wohl nicht hierher, oder du liest ſie nicht? Ich kann es nicht leugnen, ſagte Erich, daß Zeitungen eine un⸗ bekannte Sache in meinem Hauſe ſind. Die Reichszeitung von Stock⸗ holm kommt zwar zu unſerem Propſt, dem Doctor Ridderſtern in Halljala, da aber nichts darin ſteht, als was die Regierung zu ſagen erlaubt, mag ich um ſo weniger damit zu thun haben. Es iſt allerdings kläglich, die Wahrheit erfährt man nicht, er⸗ wiederte Arwed; denn die Preſſe iſt ſo gut unterdrückt wie jede freie Bewegung. Weder ein franzöſiſches noch ein deutſches Blatt darf mehr ins Land, ja die unſchuldigſten Bücher werden mit Beſchlag be⸗ legt. Ich kann aber doch nicht denken, Erich, daß du ſo gänzlich ohne Antheil an den Zuſtänden deines Vaterlandes fortlebſt. Gewiß nicht, verſetzte der Freiherr. Ich beklage von ganzem Herzen die unglücklichen Vorgänge, von denen ich höre; allein da ich nichts daran zu ändern vermag, ſo denke ich ſo wenig als möglich daran. Du beſchäftigſt dich mit angenehmeren Gegenſtänden. Das thue ich wirklich, ſagte Erich freundlich. Und was verſtehſt du darunter? Ich habe, wie du ſiehſt, kein unbedeutendes Hausweſen, fuhr der Freiherr fort. Darin gibt es fortgeſetzt zu thun und zu beſſern. Meine Wälder erſtrecken ſich weit hinauf am Pajäne, ich beſchäftige viele Leute mit Holzfällen; denn ich habe einen Holzhandel angefan⸗ gen und bin mit Handelsleuten in Borga in Verbindung getreten. Seit Jahren habe ich auch eine Baumſchule angelegt und? Obſtbaum⸗ Ehba ich vor e, wo el der äumen donner dieſe Allen er du e un⸗ Stock⸗ rn in ſagen , er⸗ freie darf 9 be⸗ anzlich anzem d ich aran. r der ſſern. iftige fan⸗ eten. aum⸗ — 119— zucht über die ganze Umgegend verbreitet. Mein Vater ſchon beſaß das Vertrauen vieler ſeiner ländlichen Nachbarn. Die Bauern und kleinen Leute kamen von weit und breit zu ihm, um ſich Rathaund Beiſtand in ihren Unternehmungen und Sorgen zu holen. Auch dieſe Erbſchaft iſt auf mich übergegangen, und macht mir Freude; denn ich ſehe, daß ich manches Gute dadurch bewirke. Eine ſehr edle und lohnende Thätigkeit, welche ich gewiß nicht tadeln will, antwortete Arwed; allein das ſoll doch nicht ausſchließen, daß ein Mann deines Standes und deiner Anſprüche ſich um Sachen kümmert, welche zu ſeinen Pflichten gehören. Meine Pflichten, mein lieber Arwed, lächelte Erich Randal, unſerer aller Pflichten ſind, wie ich denke, die, daß wir unſer Leben für uns ſelbſt ſowohl wie für unſere Mitmenſchen ſo nützlich und freundlich machen, wie wir es vermögen.— Er ſtand auf, und ohne daß der ruhige und ſanfte Ausdruck aus ſeinem Geſichte verſchwand, legte ſich ein ernſterer Schatten darauf. Ich bin unfähig, mich mit Politik und was ſich damit verbindet, einzulaſſen, fuhr er fort, dafür gibt es kluge und ehrgeizige Männer genug in Schweden. Aber denken Sie nicht daran, Couſin Erich, ſagte das Fräulein, daß Sie ein geborener Staatsmann ſind, ein ſchwediſcher Freiherr, der im Ritterhauſe ſeinen Platz und ſein Recht zu behaupten hat? Daran denke ich wirklich nicht, liebe Muhme Ebba, erwiederte er, denn es würde mir wenig Freude gewähren im Ritterhauſe zu ſitzen, weil ich im Voraus davon überzeugt bin, dort eine ſehr klägliche Rolle zu ſpielen. Gott tröſte uns! rief das Fräulein mit großer Lebhaftigkeit; welche Rolle haben Ihre Väter dort geſpielt? Es muß hier in der Nähe irgend einen Gegenſtand geben, ſpottete der Seeoffizier, bei dem es ihm beſſer gefällt. Ein Gegenſtand, der ihn feſſelt, wie Armide den kühnen Rinald, ſagte der Kammerherr. Und der ihn alles Andere vergeſſen läßt, fügte das Fräulein lächelnd hinzu. Erich machte dieſen Neckereien ein Ende, indem er die Hand ſeiner Muhme ergriff, und dieſe in einen Nebenſaal führte. Sehen Sie — 120— hier, ſagte er, das iſt der Gegenſtand, der mich feſſelt, und dem ich gern meine Zeit widme, wenn meine Arbeiten es zulaſſen. s war ein Bücherſaal mit großen Schränken, welche eine bedeu⸗ n Bände enthielten. Neugierig betrachteten die Verwandten dieſen Schatz, der zum Theil aus den Werken großer Naturforſcher und aus Geſchichtswerken der Engländer, Franzoſen und Deutſchen beſtand. Daneben fanden ſich Ausgaben der alten Claſſiker und die Werke der Dichter Schwedens und der modernen Nationen. Auf einem Tiſche lag Alerander von Humboldt's vor wenigen Jahren in Paris erſchienenes berühmtes Buch über Amerika, und auf anderen Tiſchen, auch auf den breiten Fenſterbrettern, ſtanden ein paar Erd⸗ und Himmelskugeln, ein großes Fernrohr und mehrere andere den Beſchauern unbekannte Inſtrumente. Endlich fanden Sie große Mappen mit getrockneten Pflanzen, und Kaſten mit allerhand Geſtein gefüllt. Das iſt ja eine wahre Hexenküche! rief der Kammerherr lachend. Haſt du das Alles ſelbſt zuſammen geſucht? Mit nicht geringer Mühe, erwiederte Erich. Es ſind Pflanzen, welche in Finnland wachſen, und Steine und Mineralien, welche un⸗ ſer Boden aufzuweiſen hat. Manches darunter iſt ſehr merkwürdig, fuhr er freundlich erklärend fort. Dies iſt Marmor von ſeltener Schönheit, der, wenn wir an Induſtrie zunehmen, für viele kunſtvolle und theure Gegenſtände benutzt werden könnte; eben ſo würden unſere Eiſen⸗ und Kupfererze zu Anſehen gelangen, um ſo mehr, da die Finnen ein ganz beſonderes Geſchick von alter Zeit her für Eiſenar⸗ beiten haben. Die Pflanzen aber werden, wenn man weiß wie und wo ſie am beſten wachſen und gedeihen, noch leichter nützlich, denn nichts befördert überhaupt die allgemeine Wohlfahrt eines Volkes ſo ſehr, als die Kenntniß der Natur, welche uns lehrt, wie wir ſie benutzen ſollen. Alſo mit ſolchen Mittel beſchäftigſt du dich, um die Menſchen zu beglücken und aufzuklären, rief der Kammerherr ſpottend, und glaubſt damit mehr zu bewirken als mit Reichsrath und Politik. Bücher, Pflanzen und Steine ſollen das Vaterland aus aller Noth retten! Die Kenntniß der Natur wird wenigſtens mehr dazu thun als ſämmtliche Neichsverſammlungen bisher gethan haben, erwiederte Erich. ——— —— em ich bedeu⸗ andten orſcher utſchen ad die einem Paris ſchen, und auern mit hend. nzen, un⸗ irdig, ſtener tvolle nſere die mar⸗ und denn olkes ſie zu ubſt her, en! als ich. — 121— Wenn die geiſtigen Kräfte der Menſchen geweckt werden, fügte er mit ſeinem ſanften Lächeln hinzu, werden die tyranniſchen Fürſten und ihr Anhang von Willkür und Gewalt von ſelbſt verſchwinden. Die eingige Sicherheit menſchlicher Wohlfahrt liegt darin, daß gemeinſame Bildung und Geſittung nach und nach von ſich abthun, was rohe Zeiten ge⸗ ſchaffen haben. Alles, was Erich Randal weiter ſagte, beſtärkte ſeine Verwandten darin, daß er ein eigenthümlicher Sonderling ſei, der ſich in ſeiner Abgeſchiedenheit ſeltſame Grillen in den Kopf geſetzt habe. Aber er war doch ſo gutmüthig und von ſo ſanfter Gemüthsart, daß es Ver⸗ gnügen machen konnte ihn anzuhören, um darüber zu lachen und zu ſpotten, andererſeits hatte ſeine immer gleiche Höflichkeit und Ruhe etwas, das eben ſo wohl Achtung abnöthigte, als ſeine Kenntniſſe, wenn dieſe überhaupt in einer Zeit Achtung verſchaffen konnten, wo die höheren Stände noch immer geringſchätzig genug darüber dachten. Ein Gefühl dieſer Geringſchätzung gegen einen Mann, der ſo we⸗ nig wie ein Freiherr dachte und handelte, hatte ſich ohne Zweifel Allen eingeprägt, und würde ſich noch mehr geltend gemacht haben, wenn nicht die Diener und die Gutsangehörigen Erich Randal's ihrem jun⸗ gen Herrn einen hohen Grad von Ergebenheit bewieſen hätten, der deutlich zeigte, wie ſehr ſie ihn verehrten. Er führte ſeine Gäſte in der Umgegend umher, bis in das Kirchſpiel hinab, an manchen kleinen Häuſern borüber, und überall kamen die Bewohner mit freundlichen Geſichtern und Grüßen und dem unverkennbaren Ausdruck der Zu⸗ neigung herbei, um ihn zu ſehen und mit ihm zu ſprechen.— Von dem hochliegenden Kirchplatz aus war das ganze Thal zu überblicken, und wie ein reicher großer Garten dehnte es ſich bis an die fernen Berge aus. Die Häuſer von Balken erbaut trugen meiſt Dächer mit Raſenſtücken bekleidet, welche mit ihrem lichten Grün und blauen und rothen Blumen eben ſo viele kleine Gärten bildeten. Am Fuße der Höhe aber, auf welcher die Kirche lag, ſtand ein großes wohlgebautes Haus, und eben trat ein ſtattlicher Herr daraus hervor, der hinauf⸗ blickte, als er die Stimmen hörte, ſich aber ſogleich wieder zurückzog, ohne die Fremden bemerken zu wollen. 122 Seiner ſchwarzen Tracht und ſeinem Anſehen nach war es der Geiſtliche des Ortes; er war zugleich auch der erſte Menſch, der, wie es ſchien, wenige Höflichkeit beſaß. iſt der Propſt Ridderſtern, ſagte Erich lächelnd, er gehört zu einer alten Familie. Ich müßte mich irren, erwiderte Arwed, oder dieſer geiſtliche Herr iſt ſtolzer als der Freiherr Randal. Wie unſere Geiſtliche zuweilen ſind, verſetzte Erich. Sie bilden einen mächtigen Stand, der große Rechte und Vorrechte beſitzt, wichti⸗ gen Einfluß ausübt, und es nicht gerne ſieht, wenn man ſich dieſem nicht unterwirft. Wir müſſen ihm unſeren Beſuch machen, ſagte der Kammerherr, da er nicht zu uns kommen will. Nach allen Regeln der Etikette, fügte Ebba hinzu. Und Sie werden einen Mann finden, der Ihnen gefallen wird, antwortete Erich. Er beſitzt viele Weltkenntniß, und hat dieſe auch auf Reichstagen und Concilien geltend gemacht. Sie ſtiegen den Hügel hinab und erreichten einen Weg, der mit Vogelbeerbäumen beſetzt war, die voll rother Dolden hingen. Das Pfarrhaus lag hinter einem geräumigen Vorplatz groß und behaglich, und trug alle Zeichen der Sauberkeit und des Wohlſtandes. Eine Dienerin empfing die Fremden an der Thür und begleitete ſie in ein ſchönes, mit allen Bequemlichkeiten ausgeſtattetes Zimmer; hier erſchien bald darauf der Propſt, der in Eile ſeinen weißen Kragen ange⸗ legt hatte. Eine ſelbſtbewußte Würdigkeit lag in ſeinem langen Geſicht, deſſen harte, kalte Züge maſchinenartig von Freundlichkeit belebt wurden. In gewählten Worten drückte er ſein Vergnügen über den Beſuch aus, nöthigte zum Sitzen, dankte dem Freiherrn für die Ehre, welche er ihm verſchaffte, und war bald im Geſpräch über die Reiſe der Gäſte und über die neueſten Weltereigniſſe, welche er weit beſſer kannte als ſein unkriegeriſcher und unpatriotiſcher Nachbar. Nach einigen Minuten erſchien die Dienerin mit Zuckergebackenem und gutem, franzöſiſchen Wein, und ihr folgte die kleine runde Frau des Propſtes in einer thurmhohen Haube mit grellen Bändern nach es der er, wie ört zu Herr bilden vichti⸗ dieſem erherr, wird, auch r mit Das aglich, Eine in ein rſchien angk⸗ deſſen u. In aus, ihm und ſein kenem Frau nach — 123— der neuſten Mode, begleitet von mehreren halberwachſenen Töchtern, die ſo ſchnell als möglich in ihr Beſtes geſteckt und herausgeputzt waren. Die Geſpräche wurden nun allgemein. Die Damen befreundeten ſich leicht, denn die kleine runde Frau war in Stockholm erzogen worden, und wußte viel davon zu erzählen und zu fragen, ihre Kinder zu rühmen und von ihrem älteſten Sohn zu ſprechen, der als Jäger⸗ Fähnrich zur Beſatzung von Sweaborg gehörte. Der Propſt vervollſtändigte dies, indem er bemerkte, daß der Oberſt von Jägerhorn, der das Regiment commandire, ein Verwandter ſei, und daß er die Freude gehabt habe, dieſen lieben Freund erſt kürzlich bei ſich zu ſehen. Der Kammerherr dachte bei dieſem Namen an die Aeußerungen des jungen Waimon, und erklärte ſich im Stillen, wo dieſer den Oberſten geſehen habe. Er blickte Serbinoff an, allein dieſer verſicherte eben der Frau Propſtin, daß ihr Zuckergebäck von unnachahmlicher Vortrefflichkeit ſei, und um ſeinerſeits auch etwas zu thun, rühmte Baron Arwed die Vortrefflichkeit des Weines, den man von ſolcher Güte ſelten, ſelbſt in Stockholm finde. Damit verſorgt mich mein ſehr werther Freund Halſet, antwortete der Propſt, indem er den Namen ſcharf betonte, allein ich fürchte, daß wenn man in Stockholm fortfährt unſeren einzigen wahren und natür⸗ lichen Bundesgenoſſen als ärgſten Feind zu behandeln, wir bald dies ſchöne labende Getränk gänzlich entbebren müſſen. Ich höre mit Vergnügen, ſagte Arwed, daß auch Sie, mein hoch⸗ würdiger Herr, die Meinung theilen, welche in Schweden ſo allge⸗ mein iſt. Glauben Sie denn, erwiederte der Geiſtliche ſtolz lächelnd, daß wir in Finnland nicht dieſelben patriotiſchen Gefühle haben? Die Schweden ſind die Franzoſen des Nordens! Der große Napoleon ſelbſt hat dies von uns geſagt, und in ſeinem berühmten Briefe an den König hat er es auf's tiefſte bedauert, daß die edle ſchwediſche Nation, ſie, welche unter allen Völkern den Franzoſen am nächſten ſtehe, gegen Frankreich kämpfe, das ſeit den älteſten Zeiten die Schweden als Brüder betrachtet⸗ Im Munde dieſes ſteifwürdigen Herrn klang die Berufung auf den nordiſchen Franzoſentitel, der freilich damals ein Lieblingswort der — 121— meiſten Schweden war, lächerlich genug, und in Serbinoff's Augen ſchimmerte ein Spott, den er nicht ganz unterdrücken konnte.— Bei der franzöſiſchen Lebendigkeit der ſchwediſchen Nation, ſagte er, und deren feurigem Geiſte läßt ſich wohl erwarten, daß eine Aenderung der bisherigen Politik erfolgt. Propſt Ridderſtern hob ſeinen langen Kopf auf und richtete die kalten Augen auf den Grafen. Sie haben vielleicht ſchon gehört, ſagte er, was ich heut erſt durch eine Mittheilung aus Abo erfuhr. Der Kaiſer von Rußland, Ihr Kaiſer, mein Herr, der zum Heile der Welt ein ſo inniger Freund des größten aller Menſchen, des Kaiſers Na⸗ poleon, geworden iſt, hat eine dringende Aufforderung an ſeinen Schwager, unſern König, ergehen laſſen, das Bündniß mit England aufzugeben und Frieden mit dem glorreichen Helden Europa's zu ſchließen. Der Kaiſer Alexander, erwiederte Serbinoff, iſt ein ſo edler und hochbegabter Fürſt, daß es das Ziel ſeiner Wünſche ſein wird, dieſen Frieden zu vermitteln. Ich zweifle auch nicht, fügte er hinzu, daß der König dieſe innigen Wünſche wohl aufnehmen werde, da das ganze ſchwediſche Volk dieſen Frieden für ein Glück hält. Der Propſt zuckte die Achſeln und lächelte in ſeiner mechaniſchen Weiſe. Gott möge es geben! rief er ſalbungsvoll, wir in Finnland wünſchen gewiß am meiſten die Segnungen des Friedens, denn der Krieg verwildert die Gemüther und vermehrt nicht allein Armuth und Verbrechen, ſondern er begünſtigt auch Sittenloſigkeit und Gott⸗ loſigkeit. Sie bewohnen aber doch ein wohlhabendes, ſchönes Land, ſagte der Kammerherr, und ſo weit ich die Menſchen darin bis jetzt ge⸗ ſehen habe, ſcheinen ſie mir aufgeweckt und gutmüthig zu ſein. Die Finnen ſind im allgemeinen ein Volk das manche gute Eigen⸗ ſchaften beſitzt, erwiederte der Propſt, allein ſie haben immer noch zu viel von dem ſtörrigen und widerſetzlichen Geiſte ihrer Väter in ſich, und wie jene in Zucht und Ordnung gehalten werden mußten, ſo iſt dies ihnen auch jetzt noch beſtändig nöthig. Ah, ich merke, lachte der Kammerherr; auch hier gibt es Klagen über Unglauben, Neuerungen und über die Böcke unter den Schafen. AN——— 125 Böſe Beiſpiele thun dabei leider ſehr viel, antwortete der Geiſt⸗ liche, und dies Volk, das zum Spott und zur Verachtung mehr als zu ſehr geneigt iſt, glaubt allzugern, was ſeinem Leichtſinn zuſagt. Sie werden länger bei uns verweilen, und es wird mir immer Vergnü⸗ gen gewähren, Sie in meinem armen Hauſe zu ſehen, um Ihnen meine Hochachtung zu beweiſen. Er ſtieß mit ſeinen Gäſten an, und das Geſpräch wandte ſich auf andere Gegenſtände, aus welchem ſich ergab, daß der Propſt ein ſehr bedeutendes Einkommen durch große Ländereien beſaß, dabei reiche Kirchenſteuern bezog, dennoch aber nicht damit zufrieden ſchien.— Nach einiger Zeit endete der Beſuch mit der höflichen Einladung, ihn bald zu erneuen, und indem der Geiſtliche Erich die Hand reichte, fügte er hinzu: Sie wiſſen, mein lieber Freiherr, daß ich Urſach habe nicht zu Ihnen zu kommen, um ſo aufrichtiger werden Sie mir will⸗ kommen ſein, denn es iſt gewiß mein Wunſch, Ihnen zu beweiſen, daß ich Ihr Freund bin. Nur die Gottloſen ſind mir zuwider. Die Spötter und Verächter ſollſt du meiden, ſagt der Apoſtel. Warum will er nicht zu dir kommen? fragte der Kammerherr, als ſie ſich aus dem Bereich des Pfarrhauſes befanden. Otho's wegen, antwortete Erich. Der Propſt machte ſchon vor Jahren Zehntenrechte an dem Gute geltend, das Otho jetzt gehört, und wurde damit abgewieſen. Dann gab es noch andere Gründe, fügte er lächelnd hinzu, welche die gegenſeitige Abneigung vergrößerten. Ein junger Menſch, Jem Olikainen, der jetzt Otho's Diener iſt, wurde von dem Propſte eines Vergehens beſchuldigt, das ihn in's Zuchthaus ge⸗ bracht haben würde. Otho trat jedoch für ihn auf, und bewies die Grundloſigkeit des Verdachts; bald darauf erſchien ein Spottgedicht, wie es hier gewöhnlich geſchieht, wenn etwas vorkommt, das Aufſehen erregt; denn Sie müſſen wiſſen, daß dies die gewöhnliche Art der Rache unter den Finnen iſt. Sie rächen ſich nicht mit Meſſerſtichen, nicht mit Brand und Mord, ſondern ſie beſingen ihren Feind und geben ihn dem allgemeinen Gelächter preis, was oft mit mehr Witz und Feinheit geſchieht, als man es einfachen Landleuten zutrauen ſollte. 126 Eine vortreffliche, gemüthliche Sitte! rief der Kammerherr. Es erſchien alſo ein Spottgedicht auf den Propſt und der Verfaſſer des⸗ ſelben war Herr Otho Waimon. Wenigſtens glaubte Herr Ridderſtern, daß er damit gemeint ſei, und daß Otho es gemacht habe. Seit dieſer Zeit hat ſein Widerwille gegen meinen Vetter ſich gehäuft, und einen Theil davon auch auf mich übertragen. Er ſieht aus wie ein echter Pfaffe, rief der Seeoffizier, und ich gönne es ihm von Herzen, wenn Otho ihn derb gepeitſcht hat. Er ſoll uns das Lied vorſingen, Ebba, damit wir auch darüber lachen können. Am Nachmittage fuhren ſie über die Seebucht zunächſt nach der Inſel, welche Ebba als Vermächtniß erhalten hatte. Erich wollte ſei⸗ ner Couſine ihr Eigenthum übergeben. Er ſelbſt führte den kleinen Kahn, der eben groß genug war, die Geſellſchaft aufzunehmen, und regierte die beiden Ruder mit mehr Geſchicklichkeit und Kraft, als ihm zugetraut wurden. Der ſchöne See lag ſpiegelklar und ruhig, in bedeutender Tiefe noch ließ ſich ſein röthlicher Felſengrund erkennen, und die Schaaren flüchtiger Fiſche verfolgen, welche vor der Menſchen⸗ nähe davon eilten. Die Tiefe Bläue des Himmels, der über dieſem weiten Waſſerbecken hing, vermehrte deſſen ungetrübten Reiz und herrlich ſäumte ſich daran das grüne, reiche Waldgebiet, von Sonnen⸗ glanz und Sommerluft in weichen, warmen Armen getragen. Dieſe Seen, ſagte Erich, nehmen uns freilich einen großen Theil fruchtbaren Boden, aber ſie geben unſerm Lande dafür ein eigenthüm⸗ liches romantiſches Gepräge, zugleich auch Speiſe vollauf, denn es wimmelt darin von den ſchönſten Fiſchen aller Arten. Wären dieſe Seen nicht vorhanden, ſo würde uns das Beſte fehlen. Man ieht an ihnen, wie merkwürdig dieſe Schöpfung iſt. Ganz Finnland iſt aus Granit gemacht, auf dieſem liegt die fruchtbare Pflanzenerde, welche Millionen Jahre nöthig hatte, ehe ſie ſich zu ſolchen Lagern anſam⸗ meln konnte. Ueberall aber bricht durch Wald und Feld dennoch der Fels hervor, und dieſe Seen liegen in tiefen Schaalen von Granit, welche, wie die alten Sagen melden, den Göttern einſt als Trink⸗ ſchaalen dienten, und dazu auch von ihnen geſchaffen und geformt wurden. mi Es des⸗ t ſei, rwille hauf d ich ſoll nnen. h der e ſei⸗ feinen und als 9, in nnen, ſchen⸗ ſeſem und nnen⸗ Theil füm⸗ es dieſe t an aus elche ſam⸗ der mit, ink⸗ rmt 127 Nur ſchade, ſiel Ebba ein, daß das finniſche Waſſer ſo ſanft⸗ müthig iſt, wie das finniſche Blut. In unſerer Natur wechſelt häufig die Ruhe mit plötzlicher Leiden⸗ ſchaft, erwiederte Crich. Wenn der Sturm von den Luhangabergen über den Pajäne rast, würden Sie Ihre Meinung ändern. Aehnlich ſieht es mit den Menſchen aus. Nur Sie, Couſin Erich, machen eine Ausnahme. Sie haben Recht, erwiederte der Freiherr lächelnd. Ich bin, wie ich glaube, unveränderlich derſelbe, auch werde ich es bleiben. Er ſtieß den Kahn an's Land, denn die Inſel war erreicht, und bot Ebba ſeine Hand. Hier iſt Ihr Beſitzthum, ſagte er, wo unſere Eltern einſt glückliche Tage verlebten, die ihrer Freundſchaft gewidmet waren. Möge alles Glück wiederkehren und Sie begleiten, theure Ebba. Lange habe ich mich auf dieſe Stunde gefreut, wo ich Ihnen dieſe Ruheſitze und Plätze zeigen würde, die meinem Vater immer ſo werth geweſen ſind und nun für mich neuen Reiz erhalten. Es iſt Alles erhalten, wie es war, und Einer iſt noch unter den Lebendigen, der Ihnen von Ihrer Mutter und von alten Zeiten erzählen kann. Er leitete ſie den Weg hinauf, durch deckendes Gebüſch und unter hohen Bäumen fort, bis ſich ein ſchöner Raſengrund zeigte, der, ein Oval bildend und von Laubholz ſaſt ganz umſchloſſen, nur an einer Seite ſich öffnete. Im Hintergrunde lag unter tief hängenden Birken ein Haus ganz mit leuchtender Birkenrinde bekleidet und mit einem kleinen Vordach verſehen, das, von weißen Säulen getragen, zierlich und einladend ausſah. Immergrün rankte an den hellen Fenſtern auf und Sonnenſchein fiel auf die flüſternden langen Zweige der Birken, die ſich vor ihnen neigten und ihrer jungen Herrſchaft leiſes Will⸗ kommen entgegen rauſchten. Still und ſchön ſah der nordiſche Meierhof in ſeinem waldum⸗ ſchloſſenen Frieden aus. Die abgeſchloſſene Ruhe umher, und nur da, wo dieſer Kreis ſich öffnete, ein weiter Blick über den See fort auf Wälder und blaue Berge, erregten Empfindungen und Gedanken in Ebba, denen ſie ſchweigend ſich überließ, während ihre Augen mit feuchtem Glanz umherſchauten. 128 Plötzlich drückte ſie ihres Vetters Hand, und als ſie in ſein klares freundliches Geſicht ſah, lächelte ſie ihm zu, wie nie vorher. Das Alles iſt alſo mein! rief ſie aus. O! wie ſchön iſt es hier, wie danke ich Ihnen, lieber Erich. Meine Mutter hat hier gewohnt und iſt glücklich geweſen. Sie muß glücklich geweſen ſein, denn was kann ein Menſch mehr vom Glück verlangen, als eine Heimat voll Frieden und treue Herzen, die ihn bringen und theilen. Dank, tauſendmal Dank! Auch ich will hier wohnen, wie meine Mutter. Sie werden zu mir kommen, wie Ihr Vater kam. Louiſa wird meine Freundin ſein, wie ihre Mutter meiner Mutter Freundin war. Schöne heitere Tage ſollen uns vereinigen, ſo lange— ſo lange menſchliches Geſchick es uns erlaubt, ſetzte ſie leiſer hinzu. Erich hielt ihre Hand feſt, ſeine Augen ruhten auf ihr, es war, als ſprächen Freude und Kummer zugleich daraus. Wir müſſen nicht daran denken, erwiederte er, daß Glück enden kann, nur ſo kann man es rein genießen. Arwed und ſeine Begleiter traten jetzt aus den Gebüſchen hervor und ſchon von weitem rief der Kammerherr: Das iſt wahrlich ein allerliebſter Aufenthalt; ſo recht gemacht, um an die Märchen von wilden Waſſerfeien zu glauben, die mit ſolchen Paradieſen aus den Fluthen aufſteigen, arme Sterbliche verlocken und mit ihnen dann zehntauſend Klafter tief verſinken. Wäre es ein Unglück zu nennen, wenn kryſtallne Mauern ſich plötzlich um uns aufthürmten? fragte Ebba. Sie iſt ſchon angeſteckt von den idylliſchen Träumen, die über dieſer Zauberinſel ſchweben, lachte Arwed. O! ich kann mir wohl denken, daß unſere Mutter ihrer Zeit hier auch im Sonnen⸗ und Mondenſchein geſchwärmt hat, aber nach einer Anzahl kurzer Erden⸗ tage iſt ſie doch wieder nach Stockholm gefahren und leider niemals zurückgekehrt. Sie hatten ſich dem Hauſe genähert, auf deſſen Schwelle ſie einen alten Mann entdeckten, der ſich damit beſchäftigte, aus abgeſchälten buntgefärbten Weidenruthen einen Korb zu flechten. In ſeinem grau⸗ weißen ſackartigen Rock ſaß er da, ohne ſich ſtören zu laſſen, und ſeine breitſchulterige, gekrümmte Geſtalt ſah ſo ungefügig aus, daß klares Das wie t und kann rieden dmal erden undin eitere eſchick war, nicht man hervor ch ein 3 von s den dann n ſch übet wohl „ und Erden⸗ lemals einen — 125— der Kammerherr, als er ihn erblickte, ſeine Spötterei fortſetzte, und ſeiner Schweſter zurief, daß dort ſchon ein dienender Gnom oder Waſſermann ſie erwarte. Es iſt der alte Schulmeiſter Lars Normark, ſagte Erich, derſelbe Mann, von dem ich Ihnen erzählte, daß er Ihre Mutter gekannt hat, denn er war der erſte Lehrer meiner Eltern ebenſowohl, wie er der meine geweſen iſt. Während Erich ſprach, ſprang plötzlich ein ſchöner gelb und bunt geſprenkelter Hahn, der neben dem Greis geſeſſen haben mußte, auf ſeine Beine, reckte den Hals, ſchlug mit den Flügeln und ſtieß ein gellendes Hahnengeſchrei aus. Lars Normark richtete zugleich ſeinen Kopf in die Höhe und legte ſeine Arbeit bei Seite. Es war ein dicker mächtiger Kopf, den er auf ſeinen Schultern trug. Schneeweiße Augen⸗ brauen ſaßen über ſeinen runden Augen, welche ſchlau und ſchelmiſch umherblickten, und als er ſeine breitgeränderte grobe Filzkappe abnahm, zog ſich um ſeinen Schädel ein Kranz eben ſo weißer Haare. Guten Tag, Erich Randal, ſagte er, der Anrede zuvorkommend, und ohne aufzuſtehen, ſind das deine Gäſte? Feine Herren, willkom⸗ men in Halljala, und eine feine Dame. Gott behüt's, Fräulein, Gott behüt's! Sei ſtille Hans, ducke dich, mach' dein Compliment vor den Herrſchaften. Ja, Lars, erwiederte der Freiherr, während der Hahn gravitätiſch ſich verneigte, hier ſind meine längſt erwarteten Freunde und meine Muhme Ebba Bungen, die ihr Eigenthum in Beſitz nehmen will. Friſches Blut! rief der Schulmeiſter, der das Fräulein mit ſeinen runden hellen Augen ſchelmiſch anſchaute; ſtolzes ſchwediſches Blut. Das alte Herz lacht auf, wenn man es anſieht. Gott behüt's, Fräu⸗ lein Ebba, gebt dem alten Lars Eure weiße Hand. Er ſtreckte ſeine knochige dicke Tatze aus und nickte ihr zu, indem er den Mund bei⸗ nahe bis an die Ohren öffnete und ein Gebiß zeigte, das einem Wolf Ehre gemacht hätte.— Che! ſagte er, die Finger der jungen Dame feſthaltend, bringt das Glück zurück nach Halljala⸗Schloß, ſchönes Fräulein, daß es wieder einmal luſtig darinnen hergeht, der alte Lars in der Halle am Feuer ſitzen kann, ſeine Pfeife pfeifen läßt und ſeine Fibeln aus dem Sack holt. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 9 130 Ich will thun, was ich vermag, guter Lars, erwiederte Ebba, eben ſo wohl über dieſen drolligen Auftritt lachend, wie ihre Begleiter. Es kann ſein, Hans, antwortete der Alte ſeinem Hahn zunickend, es kann aber auch nicht ſein. Der Menſch ſagt oft, ich will, und er will nicht; ja ſpricht der Mund, und das Herz ſagt nein. Das Wort iſt nichts als ein Hauch, und Eure Augenbrauen ſind zuſammen⸗ gewachſen, ſchöne Dame, ſo war es bei Eurer Mutter auch.— Aber macht, daß Ihr hinüberfahrt nach Louiſa, ſie warten dort auf Euch und das finniſche Blut iſt ein heißes Blut, der finniſche Wind ein falſcher Wind. Gott behüt's, daß ich ein echter Schwede bin! Alles iſt echt und feſt an dem alten Lars. Fahr' fort mit deinen Gäſten, Erich Randal. Es hängen Windwolken über dem See und Wind iſt deine Sache nicht, Freiherr Erich. Der Hans meint es auch ſo. Eh', Hans, hab' ich Recht? Das iſt ein ſonderbarer alter Burſche! rief Arwed. Mein alter Freund Lars iſt über achtzig Jahre alt, ſagte Erich, doch in Gemüth iſt er noch jung und immer bereit, ſeine gute Laune zu beweiſen. Sein Rath, nach Louiſa hinüber zu fahren, iſt jedoch jedenfalls gut, denn leicht könnte es ſein, daß der Wind ſich aufmacht. Dies alſo, liebe Muhme Ebba, iſt Ihr freies Eigenthum, und wenn Sie es bei ſchönen Tagen bewohnen wollen, können wir alle Ein⸗ richtungen dazu treffen. Er führte ſie in den wenigen Gemächern umher. Sie waren mit Matten belegt, die Wände mit neuen Tapeten bekleidet, welche er aus Abo kommen ließ, und was er an paſſenden Geräthen beſaß, hatte er ſchon herüberſchaffen laſſen. Tiſche und Stühle, von Weidenruthen zierlich geflochten, erklärte Erich als Arbeiten des alten Künſtlers, der auf der Schwelle weiter ſchaffte, ohne ſich mehr um den Beſuch zu küm⸗ mern. Das Lob und den Dank des Fräuleins nahm er kopfnickend in Empfang und ſagte dann zu ſeinem Hahn: Es ſteht Alles wieder ſo, Hans, wie damals und ſie ſchlug eben ſo in die Hände, als ſie es ſah und dankte dem guten Lars, der noch nicht der alte Lars war. Regen kommt nach Sonnenſchein und es vergeht Alles in dieſer Welt. Macht fort, Ihr Herren, und Gott behüt's, ſchönes Fräulein. e Chba, egleiter. unickend, und er as Wort ſammen⸗ — Aber uf Euch ind ein Alles Gäſten, Wind iſt o. Eh,, e Erich, te Laune ſt jedoch ufmacht. ad wenn lle Ein⸗ rren mit er aus er ſchon zierlich der auf zu küm⸗ fnickend wieder als fie rs war. dieſer räulein 131 Ich will Euch das Haus bewachen; wenn Ihr wiederkommt, ſollt Ihr's fertig finden. Seht zu, wie es Euch gefällt im finniſchen Land. Gut, mein lieber Lars, erwiederte Ebba, ich nehme an, was du mir verſprichſt, und hoffe, wir werden uns beſſer befreunden, als es jetzt geſchehen kann. Mach dein Complimeut, Hans, ſagte Lars, und indem der Hahn ſich duckte, nahm er ſelbſt ſeine Kappe ab. Morgen iſt auch ein Tag, rief er, und nach morgen kommen viele Tage. Kommt bald wieder und vergeßt es nicht. Es iſt echt ſchwediſch Blut in mir und in dem Hans da. Sie ſchieden froh gelaunt von dem alten Mann, der ruhig ſitzen blieb und ſein Geflecht wieder aufnahm. Der Hahn war auf ſeine Schulter geflogen und krähte ihnen gellende Abſchiedsgrüße nach, die ihr Gelächter vermehrten. Wo ſtammt dies alte Original denn eigentlich her? fragte der Kammerherr. Iſt er wirklich von ſchwediſcher Abkunft, wie er ſich rühmt? Die Unterſuchung dürfte ſchwierig werden, erwiederte Erich. Sein Vater ſoll in Normark gewohnt haben. Seine Mutter iſt aber ſicher ein finniſches Mädchen geweſen. Den Krieg vom Jahr 1742 machte er als ein junger Burſche in einem finnländiſchen Regimente mit, und focht tapfer in der blutigen Schlacht von Willmannſtrand, wo viertauſend Finnen und Schweden einen ganzen langen Sommertag über gegen die dreifache Zahl Ruſſen kämpften, bis endlich kaum tauſend Mann entkamen. Er iſt jedoch glücklich mitentkommen, lachte Arwed. Lars erzählt von ſeinen Abenteuern wunderbare Geſchichten, fuhr Erich fort; gewiß iſt, daß, als das ſchwediſche Heer in Helſingfors die Waffen ſtreckte, auch Lars zu den finniſchen Soldaten gehörte, welche der ruſſiſche Marſchall Lascy nach Haus ſchickte. Seit dieſer Zeit wurde er ein Schulmeiſter, wie ſein Vater einer geweſen ſein ſoll; das heißt, er lief von Hof zu Hof durch das ganze Tavaſtland und lehrte die Kinder den Katechismus, auch wohl etwas leſen, daneben aber erzählte er ihnen die ſchönſten und wunderbarſten Geſchichten und Sagen, denn ſein Kopf ſteckt ganz voll davon, wie auch von alten Liedern, meiſt aus der Heidenzeit, die ſich im Volk erhalten haben, 9* 132 Otho's Mutter und mein Vater waren ſeine beſonderen Freunde und ſeine Zuneigung zu ihnen hat ſich auch auf uns übertragen. Er lebt alſo bei Euch als ein altes Erbſtück. Er kommt und geht, wie es ihm gefällt, ſagte Erich, denn er iſt überall willkommen. Den alten Schulmeiſter Lars, oder den Pfeifer von Normark, wie ſie ihn häufiger noch nennen, kennt jeder hier im Lande und keine Hochzeit und kein Feſt kann geſchehen, wo er nicht dabei wäre. Mit ſeinem Hahn! rief Lindſtröm. Hat man je gehört, daß ein vernünftiger Menſch mit einem Hahn umherzieht! Den beſitzt er ſchon ſeit vielen Jahren, und das Thier unterſtützt ihn bei ſeinen luſtigen Streichen. Im Grunde iſt es alſo ein Poſſenreißer und Landſtreicher, ſagte Serbinoff. Man muß es nicht ſo hart beurtheilen, erwiederte Erich. Er kann auch verſtändigen Rath geben in ſeiner Weiſe. Die Bauern hören auf ihn wie auf ein Orakel, und da er an viele Orte zu vie⸗ len Menſchen kommt, iſt er zugleich eine Art wandernder Zeitung, aus der ſie allerlei Neuigkeiten und gute Lehren erfahren. Seltſames Land! rief der Graf lachend, wo man die Zeitungen verbietet und dergleichen zweibeinige frei umherlaufen läßt. In Rußland würde man es ihm nicht geſtatten? fragte Ebba. Ich glaube kaum. Weil Lars dort ein Leibeigener ſein würde, ſagte der junge Offi⸗ zier. Hier aber iſt er ein freier ſchwediſcher oder finniſcher Mann ſo gut wie wir Alle, und das iſt ein Glück und ein Recht, das uns noch Niemand angetaſtet hat und auch nicht antaſten wird. Das Eiland war bald betrachtet, denn es enthielt nichts als das Haus und die ſchönen Baumgruppen, welche dies umgaben. Erich führte ſeine Freunde daher bald zu dem Kahne zurück und fuhr mit ihnen über die Bucht nach dem jenſeitigen Ufer, wo Waimon's Be⸗ ſitzung lag. Als das Fahrzeug ſich eine Strecke vom Ufer entfernt hatte, ſchallten plötzlich die Klänge einer Pickelpfeife ihnen nach, und ſie erblickten den Schulmeiſter auf einem Felsblock am Ufer ſitzend, den Hahn auf ſeiner Schulter und an ſeinen Lippen die Pfeife, welche er mit Geſchicklichkeit zu brauchen verſtand. Er blies ein Lied, das de und er iſt er von Lande wäre. aß ein erſtützt ſagte „. Er Bauern zu vie⸗ eitung, ttungen bba. Offt Mann. 48 And als das Erich ühr mit 7s Be entfernt 6, und ſitzend/ welche 1 d, das Ebba ſehr gut kannte, ein altſchwediſches Lied, das ſie von ihrer Mutter gehört und gelernt hatte und das in Smoland ein Volkslied war.— Ihr Bruder kannte es auch und erzählte Serbinoff die Ge⸗ ſchichte der Entſtehung des Liedes. Wo es nur der alte Taugenichts gehört haben mag, lachte er. Ich glaube beinahe, er hat es von der Zeit her behalten, wo es meine Mutter hier ſang. Meine Mutter war eine Smoländerin, und Ebba iſt dort in Wärend geboren. Smoland iſt noch romantiſcher, mein lieber Erich, als Finnland, es iſt berühmt durch ſeine Felſen, Wälder, Seen und Waſſerfälle, und Wärend iſt der Kern aller Romantik. Darum ſind die Smoländer auch ſehr ſtolze, trotzige Burſche, die ſich rühmen, von den alten Rieſen, den früheſten Bewohnern Schwedens, abzuſtammen, ſich beſſer dünken als alle anderen Leute, immer ihr Meſſer an der Seite tragen und in dem Rufe ſtehen, ihr Vaterland über Alles zu lieben. Auch die Mädchen daſelbſt ſollen dieſelben Tugenden beſitzen. Man ſagt ihnen nach, daß ſie die ſchönſten im ganzen Reiche ſind, dabei eben ſo ſtolz und tapfer als die Männer, und daß ſie alle Zweifler beſchämen, die es wagen, Frauentreue zu verläſtern und nicht daran zu glauben; denn die Weiber von Wär⸗ end ſind im ganzen Norden als über alle Maßen treu berühmt. Ich weiß nicht, fuhr er lachend fort, ob dieſer Ruf noch jetzt ſeine volle Kraft hat; allein er iſt wenigſtens wohlberechtigt erworben wor⸗ den. Denn es begab ſich einſt, daß die Dänen, unſere lieben Nachbarn, in Wärend einen Beſuch machten, als alle Männer nordwärts gezo⸗ gen waren, wo ſie den Feind erwarteten. Schlau wie immer hatten die Dänen die tapferen Smoländer fortgelockt und glaubten nun plündern und brennen zu können, wie es ihnen gefiele; allein was geſchah! die Mädchen von Wärend bewaffneten ſich und zogen unter Führung einer tapferen Jungfrau, welche Blenda hieß, den Dänen entgegen, ſchlugen ſie und befreiten das Land. Aber ach! Blenda's Geliebter, der Hauptmann der Feinde, fiel im Kampfe von ihrer Hand, und ſomit konnte ſie dann als treue Braut nichts Anderes thun, als ſich auf ſeiner Leiche ſelbſt zu erſtechen, um mit ihm in einem Grabe zu ruhen. — 131— So lautet dieſe rührende Sage und darum nennen ſich die Mäd⸗ chen von Wärend noch heute Blenda's Schweſtern. Darum haben ſie auch heute noch die Sitte und das Recht, den Streitgürtel mit dem Meſſer darin zu tragen, und wenn das Vaterland in Gefahr geräth, ſind ſie berufen, zu den Waſſen zu greifen und als Heldinnen auszuziehen, was ſie jedoch zeither unterlaſſen haben. Ebba antwortete nichts auf die muthwilligen Scherze, welche die Erzählung ihres Bruders begleiteten. Sie ließ ihre Hand nachſinnend und lächelnd in das Waſſer ſinken, das den Bord des kleinen Kahnes umſpielte. Nimm dich in Acht! rief Arwed, daß deine Hand nicht plötzlich von einem Raubfiſche weggeſchnappt wird. Eher, ſagte Ebba aufblickend, mag ſie verloren gehen, ehe ein Mädchen aus Wärend ſie einem Feinde ſeines Vaterlandes reicht. Ein Windſtoß zog, als ſie dies ſagte, plötzlich über die Bucht hin und kräuſelte das Waſſer, das unruhig ſich aushöhlte. Erich arbeitete aus aller Kraft, und das Schwanken des Kahnes reichte hin, um alle Aufmerkſamkeit darauf zu richten; denn die Wellen fin⸗ gen an zu ſchlagen, der breite Pajäne nahm eine düſtere Färbung an. Alle Wetter! rief der Kammerherr, der alte Gaukler hatte alſo doch Recht mit ſeiner Warnung. Was fangen wir an? Erich iſt nicht ſtark genug, um gegen den Sturm zu kämpfen. Erich gab darauf keine Antwort, aber ſeine Kraft verdoppelnd gewann der Kahn bald eine vorſpringende Landſpitze und den Schutz des Ufers, und endlich erreichte er wohlbehalten einen Landungsplatz, in dem Augenblicke, wo oben auf der Höhe Otho mit ſeiner Schwe⸗ ſter erſchien, die unter freudigem Rufen ſich näherten. Unter Scherzen über den Spuk des Sees und über Erich's Stärke legten ſie den kurzen Weg zurück, der zu dem Wohnhauſe der Geſchwiſter führte, das nicht viel beſſer als ein großes Bauernhaus ausſah und ſich von dieſem im Aeußern nur dadurch unterſchied, daß die Baumſtämme, aus denen es erbaut war, noch eine Bekleidung von übereinander gelegten ſchmalen Brettern hatte, deren grauweißer Anſtrich ihm beſondere Sauberkeit verlieh. Rund umher lag ein großer Garten, mit Blumen, Obſtbäumen und Gemüſepflanzungen Näd⸗ zaben mit efahr innen e die mend ahnes ötzlich ſe ein Bucht Erich reichte fn⸗ 9 an. alſo h iſt pelnd Schutz plat chwe rich s ſe der nhaus .u idung veißer ein ungen — 135— verſehen. Feldſtücke und Wieſenflächen dehnten ſich dahinter aus und zogen bis zu waldbedeckten Bergen fort. Eine Anzahl Hütten ſtand näher und ferner unter weißleuchtenden Birken und auf den Raſen⸗ gründen weidete zerſtreutes buntgeflecktes Vieh, das ſein Glocken⸗ gebimmel hören ließ. Das Haus des finniſchen Gutsherrn war geräumig und wohnlich, doch in ſeinen Einrichtungen ſehr einfach. Die weißen Dielen mit Tannennadeln beſtreut, die Wände, ſtatt mit Tapeten bedeckt, mit Oelfarbe beſtrichen, die Geräthe von dem feſten Holz der nordiſchen Birke kunſtlos gefertigt. Doch nicht in dieſen niedrigen Stuben, ſon⸗ dern im Garten und im Schatten und Schutze des Hauſes bewirthete Louiſa ihre Gäſte, wo die ſchönſte Ausſicht nach allen Seiten hin frei war. Das alſo iſt Ihr Eigenthum, mein lieber Waimon, ſagte der Kammerherr. Ein ſchöner Beſitz, wenigſtens dem Anſehen nach, und ziemlich bedeutend. Es iſt nicht allzuviel, erwiederte der junge Mann; allein es ge⸗ nügt mir, um nach meinem Geſchmack zu leben. Ich glaube nicht, daß Sie den Geſchmack unſeres Vetters theilen, fuhr Arwed fort; ich meine, Sie beſitzen keinen Bücherſaal zur Erholung. Meine Erholungen ſind von anderem Schlag, antwortete Otho. Ich will Ihnen auf der Stelle zeigen, wie es damit ſteht. Er führte die Herren in ein Zimmer, an deſſen einer Wand eine Anzahl ver⸗ ſchiedenartiger Angelruthen, Fiſchſpeere, Netze und Geräthe lagen und ſtanden, wie ſie zum Fiſchfange gebraucht werden, dann öffnete er einen Schrank an der anderen Seite, in welchem mehrere Gewehre, Büchſen und Piſtolen hingen, endlich eine Thür, hinter welcher in der daranſtoßenden Kammer verſchiedene Sättel und reich beſchlagenes Zaumzeug bewahrt wurde. Alſo Jäger, Fiſcher und Reiter, ſagte Arwed, und Alles, wie ich überzeugt bin, in größter Vollkommenheit. Wie es ſich für einen Mann paßt, der ſein Leben zwiſchen Seen und Wäldern hinbringt, ſagte Otho, und von frühſter Jugend an da rauf hingewieſen ward. Mein Gut hat wenig fruchtbaren Acker, 136 mein Vater ſchon trieb hier Viehzucht und Pferdezucht, verkaufte ſeine Thiere weit umher, handelte ein und ſtand mit den Kaufleuten in Verbindung, die nach Stockholm, nach Wiborg und Petersburg unſer Fleiſch und unſere Roſſe ſchicken. Und ſolchen Handel treiben Sie ebenfalls? Otho beſtätigte es. Seine großen Weiden begünſtigten ſeine Unternehmungen, und ohne Rückhalt erzählte er, wie er ſeine Geſchäfte betreibe, magere Thiere einkaufe und ſie fett nach der Küſte ſchicke, ſeine Pferde verhandle und die beſten beſitze, welche zu haben ſeien. Zur Bekräftigung führte er die Herren in ſeine Ställe und zeigte ihnen einige der ſchönſten Thiere, die von dem Kammerherrn ſowohl, wie von Serbinoff ſehr gelobt wurden. Serbinoff war ein Kenner, und was er von der Pferdezucht verſchiedener Länder erzählte, von den Vorzügen der verſchiedenen Racen und von ſeinen eigenen Ge⸗ ſtüten, die er auf ſeinen Gütern im ſüdlichen Rußland beſaß, hatte großen Reiz für Otho. Die beiden jungen Männer, ſo verſchieden ſie auch waren, beſaßen dennoch Aehnlichkeit genug, um eine Zunei⸗ gung zu empfinden, welche aus ihren verwandten Eigenſchaften ent⸗ ſprang. Beide waren von großer ſchöner Geſtalt, beide liebten männ⸗ liche Uebungen und beſaßen ohne Zweifel Geſchicklichkeit darin. Das feine gewandte Weſen des Grafen war doch zugleich ein offenes und freies, und aus ſeinen Mittheilungen erfuhr Otho, daß Serbinoff noch jetzt Capitain in der Reitergarde ſei und als ſolcher den Feldzug von 1805 und die Schlacht bei Auſterlitz, als Adjutant des Generals Buxhövden mitgemacht habe. Sein Vertrauen wuchs dadurch, weil ſeine Theilnahme ſich vermehrte, und Serbinoff hatte ſichtlich daſſelbe Wohlgefallen an ihm. Noch ehe ſie zurückkehrten, ſprach ſich dies in der Einladung Otho's aus, ſobald der Graf es wollte, mit ihm einen Ritt durchs Land oder einen Jagdzug an den oberen Pajäne zu machen, wo dieſer mit ſeinen Fortſetzungen in die Wildniſſe von Sa⸗ volax tritt, überhaupt aber recht oft nach Louiſa zu kommen und ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen, was Serbinoff mit Freundlichkeit und Dank annahm. Als ſie dann wieder in den Garten traten, wo Erich mit den beiden jungen Mädchen zurückgeblieben war, ſahen ſie, daß die Geſell⸗ te ſeine uten in zunſer ſeine eſchäfte ſchicke, ſeien. zeigte ſowohl, KRenner, e, von en Ge hatte ſchieden Zunei⸗ en ent⸗ männ⸗ Das tess und erbinoff Feldzug eenerals „ weil aſſelbe dies in einen äne zu zin Sa⸗ nd ſeine lichkeit it den geſell⸗ — 137— ſchaft ſich vermehrt hatte. Ein alter Herr ſtieg ſo eben von ſeinem Pferde, das ſo kräftig und breitbruſtig war wie er ſelbſt, und neben ihm ſprang von einem kleinen muthigen Thiere ein junger Menſch, in dem ſich der Jüngling noch mit dem Knaben ſtritt. Der alte Herr in ſeiner feſten Haltung, ſeinem blauen zugeknöpften Rocke, dem dicken Zopfe, zu welchem ſein Haar zuſammengebunden war, und dem ſtarkknochigen Geſicht ſah unverkennbar ſoldatiſch aus; der Knabe an ſeiner Seite in blonden Haaren, leicht gerötheten Wangen, leicht beweglich und elaſtiſch, hätte einem Künſtler zum Bilde eines Gany⸗ med dienen können. Serbinoff ſowohl wie der Kammerherr blickten mit Wohlgefallen hin, wie er anmuthig und behend, gleich einem ge⸗ ſchickten Voltigeur, mit einem kecken Satze aus dem Sattel war und gleich darauf die kleine Louiſa haſchte und küßte, wie er in Erich's Arme flog und vor dem fremden Fräulein ſich ſittig verbeugte. Der alte Herr ging langſam hinter ihm her und ſtützte ſich auf einen Stock, denn er hinkte; aber ſeine Stimme hatte keinen Schaden gelit⸗ ten, ſie ſchallte kräftig genug herüber, begleitet von ſeinem markigen Lachen, als Otho's Schweſter ihm entgegenlief und beide Arme um ſeinen ſtarken Körper ſchlang. Holla! rief der alte Herr, du Elf', du kleiner Nix, mein ſonnig Mädchen, willſt den alten Invaliden gefangen nehmen? Haſt ihn ſchon erobert, er läuft dir nicht mehr fort. Und da iſt ja der Ge⸗ lehrte. Oho! Erich Randal! Er hat ſeine Bücher vergeſſen, der gelehrte Herr, um in einem ſchönern Buche zu leſen. Mit dieſer artigen Wendung nahm er den dreieckigen abgeſchabten Hut von ſei⸗ nem grauen Haar und begrüßte das fremde ſchwediſche Fräulein. Es iſt der Major Munk, ſagte Otho, ein alter tapferer Soldat, der auf einem Gütchen, eine Stunde aufwärts am Pajäne, ſein In— validengehalt verzehrt. Mein Vater war ſein Freund. In der Schlacht in der Wiborger Bucht ſprengte er ſich mit ſeiner Bomben⸗ ſchaluppe in die Luft, um nicht in die Hände der ſiegenden Ruſſen zu fallen. Er wurde jedoch lebend und faſt unbeſchädigt gerettet und konnte die Schlacht im Svenksſund, ſechs Tage ſpäter, ſchon wieder mitfechten, wo er jedoch übler fortkam; denn ſein Bein wurde lahm geſchoſſen. Der Knabe i*ſt ſein jüngſter Sohn Magnus, ein prächti⸗ 138 ger Wildfang. Ich denke, der Major wird Ihnen gefallen, er iſt ein ſehr ehrenwerther gradherziger Mann. Sie waren während der Aufſchlüſſe in den Garten getreten, wo der alte Soldat ihnen die Hände ſchüttelte und freundliche Worte ſagte. Ich bin von Lomnäs herübergekommen, begann er, weil ich gehört hatte, Sie ſeien endlich bei uns angelangt, und weil ich neu⸗ gierig war, was uns Stockholm diesmal ſchickt. Sie müſſen wiſſen, meine lieben Herren, fuhr er lachend fort, daß es ein altfinniſches Wort iſt, aus Stockholm kommt nichts Gutes; doch ſie machen es zu Schanden, und es iſt mir eine wahre Freude, daß Sie dem Ge⸗ lehrten da unter die Bücher gefahren ſind. Oho! Erich Randal, jetzt heißt es ein finnländiſcher Freiherr ſein, wenn eine ſchöne Couſine im Hauſe iſt; aber der alte Invalide muß ihm Unterricht geben. Bei Odin's Bart, es iſt kein Feuer mehr in der Jugend! Mit ritterlicher Galanterie reichte der alte Soldat dem Fräulein ſeinen Arm und führte ſie zu dem Ehrenſitze im Schatten des Hauſes, wo ſich Alle bald um die große Tafel vereinigten, auf welcher Louiſa ihre Gäſte mit duftigem Kaffee, ſchönen Früchten und dem ſchönſten Waizenkuchen bewirthete. Die Stunden verrannen während dieſes fröhlichen Beiſammenſeins ſehr ſchnell, denn jeder trug dazu bei, ſie zu verkürzen, und bald gab das heitere Geplauder zwiſchen Louiſa und Magnus, in welches ſich Serbinoff und Ebba miſchten, Gelegen⸗ heit zu Scherz und Lachen, bald wieder wurden ernſtere Geſpräche zwiſchen den Herren angeknüpft, welche auf Landesverhältniſſe und Zuſtände und auf die großen Weltbegebenheiten Bezug hatten, die da⸗ mals ſo gewaltige Erſchütterungen bewirkten. Otho ſorgte dann dafür, daß es ſeinen Gäſten an ſüßem feurigen Punſch und Grogg, dieſen im Norden ſo allgemein beliebten Getränken, nicht fehlte und auf die Mitte des Tiſches ſtellte er eine blanke Schaale, gefüllt mit fein geſchnittenem Tabak, ſammt weißen kurzen Tonpfeifen, die unter dem Namen„holländiſche Pfeifen“ in ganz Europa geſchätzt und verbreitet waren. Der Major war auch gleich dabei ſich in dichte Wolken zu hüllen, nachdem er vorher das Kraut mit Kennerblicken unterſucht und, wie er bemerkte, ſich überzeugt hatte, daß es nicht von Erich Randal's Gewächs ſei. et iſt 1, wo Worte il ich neu⸗ viſſen, ſſches en es Ge⸗ jjetzt e im Bei ulein uſes, ouiſc inſten dieſes ſe ouiſa⸗ egen räche und da⸗ rigen nken, aale, eifen, chätzt dichte licken von — 139— Sie wiſſen doch, ſagte er mit einem ſchelmiſchen Blitzen ſeiner grauen Augen, daß der Gelehrte da ein Tauſendkünſtler iſt, der alle mögliche Kunſtſtücke verſucht. Bald glaubt er, daß aus unſern Wieſen und Seen Eiſen gewonnen werden kann, genug, um gewaltige Schmelz⸗ öfen anzulegen und Dannemora's Gruben die Spitze zu bieten, bald hat er Marmorbrüche entdeckt, die Italiens Marmor überflüſſig machen, und dann wieder bringt er neue Pflanzen zum Vorſchein, Früchte aller Art, Bäume, wie ſie nur in Deutſchland fortkommen; endlich aber hat er auch ſogar Amerika den Rang abgelaufen, denn er hat unſer glückliches Finnland mit Tabak beſchenkt, wie dieſer, ſeiner Mei⸗ nung nach, in Virginien und Cuba nicht beſſer zu finden iſt. Gott bewahre aber jeden Chriſtenmenſchen vor ſeiner Freigebigkeit! rief er herzlich lachend, denn ein ſchrecklicheres Gewächs hat der gute finniſche Boden noch niemals aufwachſen laſſen. Es iſt Verleumdung! erwiederte Otho zum Schutze ſeines Freundes, auf deſſen Koſten gelacht wurde. Vielen Leuten ſchmeckt Erich's Tabak vortrefflich, in manchen Gärten wird er gepflanzt und ich weiß einen gewiſſen Major, der es ganz heimlich eben ſo gemacht hat. Ja, Ihr Beide, ſagte der Invalide drohend, Ihr, die Ihr ſo un⸗ ähnlich ſeid wie Milch und Blut oder wie Feuer und Waſſer, paßt dennoch zuſammen wie der Stahl zum Stein. Der übermüthige Burſche hier, der das wildeſte Wetter nicht ſcheut und ohne Noth kein Buch in die Hand nimmt, preist und rühmt Alles, was der Gelehrte da ausheckt, als ſtamme es von Gott Vater ſelbſt her. Was er ausheckt, erwiederte Otho, iſt immer noch etwas geweſen, das gut war und Ehre brachte und dabei hat er nicht allein ſeinen geſunden Kopf, ſondern auch geſunde Füße behalten. Wart', du Böſewicht! ſchrie der Major, willſt du mir mein lah⸗ mes Bein vorwerfen? Gewiß nicht, ſagte Otho, ich meine nur, es bringt nicht allein Ehre, für ſeinen König ſich lahm ſchießen zu laſſen, ſondern auch Ehre, für ſein Volk Rüben zu bauen und Tabak zu pflanzen, dabei aber immer munter auf den Füßen zu ſein. Major Munk ſah mit einem grämlichen Blick auf ſeinen zer⸗ ſchoſſenen Fuß und ſagte dann lebhaft: Ich würde es dennoch wieder 140 thun, wenn das Vaterland in Gefahr geriethe und Ihr, die Ihr dar⸗ über lacht, Ihr würdet es eben ſo machen. Das Herz kehrt ſich mir um, wenn ich höre, wie es jetzt zugeht. Wie die deutſche Provinz verloren gegangen iſt und die Franzoſen in Stralſund ſitzen. Geben Sie ſich zufrieden, ſpottete der Kammerherr, allem Anſchein nach werden ſie dort nicht ſitzen bleiben. Denn ſobald die Engländer das Meer räumen, wozu ſie ſo eben Anſtalt treffen, nachdem ſie die däniſche Flotte genommen haben, werden die achtzigtauſend Franzoſen leicht auf die däniſchen Inſeln überſetzen und wenn der Winter den Sund mit Eis bedeckt, eben ſo leicht in Schweden einen Beſuch machen. Da wird man ſie empfangen, wie es ſich gehört! rief der Major. Wie ich glaube, mit offenen Armen, als längſt erwartete Freunde, lachte Arwed. In Stockholm iſt man ganz entzückt von dem Ge⸗ danken franzöſiſchen Beſuch zu bekommen. Schämt Euch! ſagte der alte Soldat, ſchämt Euch! Ein Feind in Schweden und wenn es die himmliſchen Heerſchaaren wären und Gott Vater ſelbſt commandirte ſie in eigener Perſon, kann von ſchwediſchen Männern nimmer mit offenen Armen empfangen werden. Man meint in Stockholm, die Franzoſen ſeien niemals des ſchwe⸗ diſchen Volkes Feinde geweſen, antwortete der Kammerherr. Seit den älteſten Zeiten waren ſie Schwedens Bundesgenoſſen. Der König, ſagt man, führt Krieg mit ihnen, ſo auch einige ſeiner Generale und Günſtlinge, Männer wie Toll und Armfeld, ſammt einem paar Dutzend anderer guten Leute; das geſammte Volk dagegen ſei voller Wider⸗ willen gegen dieſe Feindſchaft. Das iſt ein ſpitzfindiger Unterſchied! ſchrie der alte Soldat. Mit wem mein König Krieg führt, der iſt des Volkes und Landes Feind, und wenn es auch anders gewünſcht werden möchte, Gott beſſer's! ſo hilft es doch Alles nichts. Es iſt und bleibt der Feind; dringt er in's Land, ſo muß er geſchlagen werden, ſo lange ein Arm aushält. Wenn das möglich wäre, antwortete der Kammerherr, ſo bliebe es freilich das Beſte; allein übermächtige Feinde muß man ſich nicht auf den Hals ziehen und das Land nicht durch ſolche Kriege in Noth und Schaden bringen. Wo war ein Grund dazu,— ſo raiſonnirt man in Stockholm— um mit Frankreich in Krieg zu gerathen? Wo 141 war die Macht, es mit Erfolg zu können, und wo war der Geiſt und die Feldherrnkunſt, welche dazu gehören? Haß gegen den großen Mann, der an der Spitze Frankreichs ſteht, ſagt man, hat den König dazu verleitet. Er allein wollte ihn nicht als Kaiſer anerkennen, als ganz Deutſchland nichts dagegen zu ſagen wagte. Beinah zwei Jahre lang verließ er Schweden, um in Deutſchland am Rhein zu leben und die deutſchen Fürſten gegen Napoleon zu verbünden. In unſerm Vaterlande wurden inzwiſchen die letzten Reſte alter Freiheit unter⸗ drückt, während er Pläne ſchmiedete, wie Frankreich wieder unter die Herrſchaft der Bourbons zurückgebracht werden könnte. Wie es ihm dabei erging, haben wir genugſam erfahren. Leider hatte Niemand eine größere Meinung von ſeiner Macht, als er ſelbſt, darum wurde Manches ſchlimm, was er gut machen wollte. So ſchickte er ſeinen Adjutanten nach Paris, um Napoleon zu befehlen, den Herzog von Enghien frei zu laſſen, aus Furcht vor dem Zorn des Schwedenkönigs, aber der unglückliche Herzog wurde darum nur um ſo ſchneller er⸗ ſchoſſen. Der Moniteur machte ihn für ſeinen Franzoſenhaß endlich öffentlich lächerlich, damit kam er nach Schweden zurück und wurde mit den bitterſten Spöttereien empfangen.— Statt aber davor zu erſchrecken, danach zu fragen, was durch des Volkes Mund Gottes Stimme ſei, zog er nach Pommern in den Krieg, den das Volk ver⸗ fluchte, und wie wurde dieſer Krieg geführt?— ſo jammervoll un⸗ fähig und unwürdig, daß der Ausgang nicht zweifelhaft ſein konnte. England, das überall dem großen Napoleon Feinde aufſtachelt und ſie mit ſeinem Golde bezahlt, hat auch den kleinen König von Schweden beſtmöglichſt benutzt und gibt ihm dafür jährlich einige hunderttauſend Pfund, die Gott weiß wo bleiben. So ſteht es, Major Munk, das hört man auf allen Gaſſen, und wo iſt bei dem Starrſinn des Königs auf Aenderung zu hoffen, da er auf nichts hören will, als auf ſeinen Willen. Der Major ſtützte ſich nachdenkend und betrübt auf ſeinen Krück⸗ ſtock. Hat er denn keine treue Männer, die es redlich mit ihm meinen? fragte er. Die Männer, mit denen er ſich umringt, ſind mit wenigen Aus⸗ nahmen die unfähigſten, die es geben kann, ſo wird behauptet, oder —y——yy x 142 es ſind Günſtlinge und Höflinge, welche Alles gut heißen, was der Herr befiehlt, oder endlich ſolche, die ihn noch mehr antreiben. Man darf nur die Namen Zibeth, Ugglas, Wachtmeiſter, Roſenblad oder Toll ausſprechen, um in ganz Schweden Spott und Verwünſchungen zu hören. Die fähigſten Männer haben ſich zurückgezogen, um nicht mehr zu ſehen, was ſie doch nicht ändern können. Mit Unrecht, ſagte der Major. Der Adel hat zwar viele Urſach, um dem Könige zu zürnen, wo es aber ſo ſteht, wie jetzt in Schweden, iſt es dennoch ſeine Pflicht dem Lande zu helfen, wie er kann. Da iſt keine Hilfe möglich, erwiederte der Kammerherr. Manche, die ihre Dienſte angeboten haben, ſind zurückgewieſen worden und wer ſich nicht in alle Launen und Gebote des Königs ſchicken kann, iſt überhaupt unmöglich. Sind Sie denn nicht auch in des Königs Dienſten? fragte Munk. Ich gehöre ebenfalls zu den Unmöglichen, ſagte Arwed Bungen lächelnd. Mein Vater, das iſt bekannt genug, war einer der treuſten Diener Guſtav des Dritten, bis an ſein Lebensende. Ich habe bei ſeinem königlichen Sohne weniger Glück gehabt. Im auswärtigen Amte, wo ich eine Zeit lang arbeitete, bin ich überflüſſig geworden und in die Nähe Seiner Majeſtät gelange ich ebenfalls nicht mehr, da ich nicht genug bewandert in der Bibel bin, um die Auslegungen der Offen⸗ barungen Johannis zu begreifen. Was ſoll es denn aber werden? fragte der alte Soldat. Was will der König jetzt beginnen? Irgend eine neue Thorheit, meinen die Leute in Stockholm, ant⸗ wortete der Kammerherr. Es gibt keine, die er nicht fertig brächte. Ein Blick voll Unwillen drang unter den grauen Wimpern des Majors hervor. Es iſt jammervoll, daß es dahin kommen kann, ſagte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. Auch ſein Vater hat Gewalt und Unrecht begangen und hat es auf ihn vererbt; dennoch war er ein anderer Mann. Sein Vater war ein kluger Mann, ſagte der Kammerherr. Ein ritterlicher König, dem Sie ja auch gedient haben, Major. 143 Der Invalide antwortete nicht, er ließ ſeine Pfeife ſo gewaltig dampfen, daß er wie in Wolken ſaß.— Nun, fuhr Arwed fort, viel⸗ leicht kommt uns das Heil bald von einer andern Seite. Sie wiſſen doch, daß Kaiſer Alexander mit dem großen Napoleon Frieden und Freundſchaft geſchloſſen hat. Es unterliegt auch keinem Zweifel mehr, daß Rußland nächſtens mit England offen brechen wird, um ſich ganz auf Seite der Franzoſen zu ſtellen. Die Engländer haben ihre Bar⸗ barci ſo weit getrieben, Kopenhagen zu verbrennen und die däniſche Flotte zu rauben. In Stockholm herrſcht die größte Entrüſtung darüber, denn ſo wenig wir auch die Dänen lieben, iſt es doch empö— rend wie dies hochmüthige brittiſche Krämervolk keine Gewalt ſcheut, um alle Meere zu beherrſchen und alle Völker zu unterjochen. Kaiſer Alerander kann auf keinen Fall länger zuſehen, wie Dänemark be⸗ handelt wird und wie die engliſchen Flotten und Heere die Oſtſee als ihr Eigenthum betrachten. In Stockholm wollte man daher wiſſen, daß vor wenigen Tagen der König einen Brief ſeines Schwagers, des Kaiſers Alexander, erhalten hat, der ihn dringend einladet, das eng⸗ liſche Bündniß aufzugeben, mit Frankreich Frieden zu ſchließen und gemeinſam mit Rußland und Dänemark, kraft der noch beſtehenden Verträge über die nordiſche Union, die Oſtſee von dem engliſchen Uebermuth zu befreien. Aber der König will nicht, ſagte der Major. Ich weiß es nicht, verſetzte der Kammerherr, allerdings beſorgt man, daß bei dem ſtarrſinnigen Haſſe des Königs gegen Napoleon und die Franzoſen die eindringlichſten Vorſtellungen nichts fruchten werden. Nun, Gott helfe ihm, daß er dabei bleibt! rief der alte Soldat, ich will's von ganzem Herzen hoffen. Es thut nichts, wenn Sie anderer Meinung ſind, Baron Bungen, fuhr er fort, indem er den Kammerherrn anblickte, ich will Ihnen ſagen, warum ich meine Mei⸗ nung habe. Es iſt noch nie etwas Gutes aus Rußland und Däne⸗ mark für uns gekommen und wird auch niemals geſchehen. Darum ſollte ich meinen, es könnte keinen Schweden geben, der von dort her Heil für ſein Vaterland erwarten kann. — 144— Baron Arwed hätte dieſe herbe Aeußerung wahrſcheinlich durch eine Spötterei vergolten, die ſchon in ſeinem Geſicht zu leſen war, es mochte ihm jedoch nicht unlieb ſein, daß er nicht dazu gelangte, denn Serbinoff näherte ſich mit Louiſa und Otho und der Sohn des Majors eilte ihnen voran in das Haus und kehrte gleich darauf mit einem Inſtrument zurück, das Form und Anſehen einer kleinen Harfe hatte. Louiſa wird uns einen Geſang zum Beſten geben, ſagte Otho, Graf Serbinoff beſteht darauf, und ich ſagte Ihnen ſchon, Couſine Ebba, daß ſie einige alte Lieder weiß, die aus der Heidenzeit ſich fort⸗ geerbt haben. Singe uns das Lied von Lully, deinem tapfern Ahn⸗ herrn, mein Schweſterchen, und von der Mütze des Biſchofs Heinrich. Louiſa nahm die Harfe in ihre Hand und ihre feinen Finger flogen über die Saiten. Sanft klingende und verhallende Töne be⸗ gleiteten ihre liebliche weiche Stimme, allein es war nicht der alt⸗ finniſche Volksgeſang, den ihr Bruder gefordert hatte, ſondern nach den erſten Accorden neigte ſie ſich grüßend und lächelnd und begann in ſchwediſcher Sprache ein Lied, dem alle ihre Gäſte beifällig horchten. Sie ſang, wie hier aufgeſchrieben ſteht: Seid willkommen! ſeid willkommen! Am Pajäne iſt es ſchön. Wo die blauen Wellen ſchlagen, Wo aus Wald die Felſen ragen, Zum Pajäne müßt ihr gehn. Seid willkommen! ſeid willkommen! Am Pajäne ſteht mein Haus. Tretet ein, ihr lieben Gäſte, Nehmt, wir geben euch das Beſte, Scherz und Luſt, Geſang und Schmaus. Seid willkommen! ſeid willkommen! Am Pajäne wohnt das Glück. Nimmer mögt ihr von uns ſcheiden, Laßt die Welt mit ihren Freuden, Zum Pajäne kehrt zurück. durch a, es denn lajors einem hatte. Otho, ouſine fort⸗ Ahn einrich. Finger ne be⸗ r alt nach begann vrchten. — 145— Herrlich, mein Mädchen, herrlich! einen wackern Sang haſt du für unſere Freunde gemacht, rief Otho, als ſeine Schweſter die Harfe ſinken ließ, Ebba's Hände drückte und ſich an ſie ſchmiegte, daß das Fräulein mit innigen Blicken ſie küßte. Und Dank, fiel Arwed ein, unſeren wärmſten und lebhafteſten Dank der lieblichen Sängerin für ihre Einladung in dies gaſtliche Haus. Wird der Fremdling auch immer darin willkommen ſein? fügte Serbinoff hinzu, indem er ſich lächelnd zu ihr neigte. Louiſa heftete ihre leuchtenden Augen auf den ſchönen, großen Mann. Machen Sie den Verſuch, ſagte ſie, ich fürchte nur, daß wir den vornehmen Herren aus der großen Welt zu wenig zu bieten haben. Meine Schweſter hat wohl Recht, meinte Otho, unſere Herrlich⸗ keiten ſind bald erſchöpft; das ſoll uns jedoch nicht abhalten, uns zu bemühen, ſo viel zu geben als wir vermögen. Freilich, fuhr er neckend fort, indem ſeine Augen Ebba ſuchten, wir ſind unbehilfliche Barbaren, und unſer armſeliges Land voll Wälder, Seen und Sümpfe läßt ſich nicht mit andern ſchöneren vergleichen. Aber wir wollen doch fröh⸗ lich ſein, nach finniſcher Art. Lieder ſingen und Blumen winden ver⸗ ſteht Louiſa, und wer mit mir zu Pferde ſteigen und ein Gewehr in die Hand nehmen will, die Angel oder den Fiſcherſpeer, und am Abend ein volles Glas, der ſoll von Allem das Beſte haben, das ich beſitze. Dieſe Aufforderung fand von allen Seiten Dank und Antwort. Wer nicht mit uns jagen, lachen und trinken will! rief Lindſtröm, der kann mit Erich in Halljala ſtudiren. Oder mit Ebba in Arkadien leben, fügte der Kammerherr hinzu. Doch weder Ebba noch Erich befanden ſich nahe genug, um dies zu hören. Sie waren den Gartenweg hinabgegangen, und betrachteten von einer freien Stelle aus den abendlichen Himmel, der ein anziehen⸗ des Schauſpiel bot. Er ſchien den friedlichen und glücklichen Ver⸗ heißungen zu verſpotten, welche Louiſa's Geſang füllten, denn wie Kriegs⸗ und Feuersgluthen loderte es im Weſten und verbreitete ſich weit über das Firmament. Ein ungeheurer Brand ſchien Halljala in D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 10 — 146— Flammen zu ſetzen; Felder und Wälder hüllten ſich in funkelnde Gewänder und die Waſſer des großen Sees ſchienen Blut geworden.— Lange ſchaute Ebba in dieſe wunderbare und ſchreckende Pracht, bis ſie endlich leiſe vor ſich hin ſagte: Iſt das der Friede, der uns hier er⸗ wartet? Verkündigt ſich ſo das Glück, das am Pajäne für uns blüht? Der Friede, der uns Glück gibt, wohnt in uns, antwortete Erich's Stimme neben ihr.— Sie blickte in ſeine klaren Augen, die mit tröſtender Macht ſie anſchauten; lächelnd und beruhigt reichte ſie ihm ihre Hand. Sechstes Kapitel. Einige Tage lang war das Wetter ſtürmiſch und regneriſch, ſo daß Erich Nandal's Gäſte ſich wenig außerhalb des Schloſſes zeigen konnten. Nur Serbinoff und Lindſtröm ließen ſich nicht abhalten, die Geſchwiſter in Louiſa aufzuſuchen, der Kammerherr aber ſchrieb in⸗ zwiſchen abwechſelnd Briefe, oder er ſaß vor dem großen Kamin in der Halle und ſtarrte in die lodernden Flammen, dachte über ſeine Pläne und Abſichten nach und horchte zuweilen mit einem halb lauern⸗ den, halb pfiffigen Lächeln nach dem Bücherſaale hin, aus welchem Erich's und Ebba's Stimmen ſich hören ließen. Ebba Bungen hatte mehr gelernt, als die meiſten jungen Damen ihres Standes. Die Zeiten der Königin Chriſtine waren zwar vorüber, wo Gelehrſamkeit eine Modeſache am ſchwediſchen Hofe geworden war, und die Hofdamen ſich lateiniſch unterhielten; Ebba's Kenntniſſe be⸗ ſchränkten ſich darauf, daß ſie franzöſiſch und engliſch verſtand, auch ein wenig zeichnete und mancherlei Dichterwerke gelefen hatte. Die Vorzüge eines guten Gedächtniſſes wurden bei ihr von den Vorzügen einer gebildeten Urtheilskraft und einer regen Phantaſie überragt, wo⸗ durch ſie mit großer Lebendigkeit Alles zu ergreifen und ſich anzu⸗ eignen verſtand. Während es draußen regnete, ſaß ſie bei Erich und funkelnde orden.— t, bis ſie hier er⸗ z blüht? te Erich's die mit ſie ihm eriſc ſ ſes zeigen alten, die chrieb in⸗ Kamin in iber ſeine b lauern⸗ 3 welchem Damen vorüber/ aden war, triſt be⸗ 147 durchblätterte mit ihm ſeine Bücher, ſtritt mit ihm über die Größe der Dichter, tadelte ſeine Vorliebe für Shakespear, ſpottete über ſeine Bewunderung der deutſchen Poeten, und behauptete mit patriotiſcher Standhaftigkeit, daß nichts in der ganzen Welt ſich mit Dalin, mit Kelgrén und mit Bellmann vergleichen laſſe. Das ſind die Folgen, ſagte Ebba endlich, wenn man ſich um ſein Vaterland nicht bekümmert und ſo wenig Antheil an deſſen Schickſale und Ereigniſſe nimmt. Ich will wetten, Vetter Erich, Sie wiſſen nicht einmal, daß unſere junge Poeten ſo eben in Upſala einen Sängerbund geſtiftet haben, und daß der junge Atterbom dieſen ge⸗ gründet hat? Ich weiß in der That nichts davon, verſetzte er. Und Sie wiſſen auch nicht, daß Eſaias Tegnér den erſten Preis in Gothenburg mit ſeinem Liederkranz gewonnen hat? Das weiß ich wirklich ebenfalls nicht, ſagte er lächelnd. Und was wiſſen Sie denn von dem Schatz unſerer alten Volks⸗ lieder und Sagen? Sehr wenig, liebe Muhme Ebba. Ein ſchönes Bekenntniß! rief ſie aus. Mit den Deutſchen, den Italienern, den Engländern und Franzoſen iſt der ſehr gelehrte Herr vertrauter, als mit den Dichtern und Schriftſtellern ſeines eigenen Volkes und Landes. Es kommt daher, erwiederte der Freiherr, weil wir in Finnland viele eigene Sagen und Lieder haben und weil die weſtlichen großen Nationen uns, wie in vielen Dingen, ſo auch in der Dichtkunſt voraus ſind. Das ſollen Sie nicht ſagen, Vetter Erich! rief ſie ſtrafend. Nie⸗ mand iſt uns voraus, und ſelbſt wenn es ſo wäre, dürfen wir es nicht zu⸗ geben. Ich ſehe wohl, fuhr ſie dann fort, daß ich dazu beitragen muß, Ihren Stolz auf das ſchwediſche Vaterland lebendiger zu machen, und das will ich thun, ſobald ich in meinem Eigenthum wohne. Kommen Sie dann zu mir, ſo wollen wir leſen und ſtreiten, bis ich Sie über⸗ zeugt habe. Ich werde Ihnen Vieles gern glauben, liebe Muhme Ebba, er⸗ wiederte er. 10* Alles ſollen Sie mir glauben, ſagte ſie. Ich werde nicht eher aufhören, bis Sie ganz gläubig geworden ſind. O! antwortete er mit ſeiner wohlklingenden, weichen Stimme, ich fühle ſchon jetzt eine Anwandlung dazu. Baron Arwed bog ſich zurück. Er konnte bemerken, daß Erich ſeine Hand auf die Hand ſeiner Schweſter gelegt hatte, welche er an ſeine Lippen zog, und leiſe nickte er vor ſich hin, als ſie im fröhlichen Ton fortfuhr: Ihre Anwandlungen, Vetter Erich, nehme ich dankbar, als von guter Vorbedeutung und auf Abſchlag an. Glauben Sie, daß das böſe Wetter anhalten wird? In dieſer Jahreszeit pflegt es zuweilen lange anzuhalten. So wollen wir die Anwandelungen möglichſt gut benutzen, ſagte Ebba, und uns darin ſtärken, indem wir recht viel beiſammen bleiben. Der Bücherſaal wird uns die beſte Gelegenheit geben, und wenn Sie Ihre Freundin mit ſeinen Schätzen bekannt machen wollen, wird ſie gern Ihre dankbare Schülerin werden. Es wird mir große Freude machen, wenn Sie mir erlauben, recht viel bei Ihnen zu ſein, antwortete er. Beſtimmen Sie, liebe Muhme, womit wir unſere gemeinſamen Studien beginnen wollen. Ebba machte ihm den Vorſchlag, mit ihr Hume's engliſche Ge⸗ ſchichte zu leſen, welche ſie früher ſchon einmal angefangen hatte. Er war bereit dazu, aber er wandte ein, lieber einige der beſten Dich⸗ terwerke zu wählen. Bleiben wir bei Hume, erwiederte ſie, ich liebe die engliſche Ge⸗ ſchichte, weil dieſe ſo manche Aehnlichkeit mit der ſchwediſchen bietet. Freiheitsliebende Männer treten darin zahlreich auf, welche mit Gut und Blut ſich der Tyrannei widerſetzen und nicht verzagen, ſich nicht in einen fernen ſtillen Winkel zurückziehen, wenn ihre Rechte und die Rechte ihres Volkes bedroht werden. Laſſen Sie uns die Abſchnitte über die Geſchichte der Stuart's leſen, Vetter Erich. So phantaſielos trocken dieſer Geſchichtſchreiber auch iſt, ſo wunderbar ergreifend ſind doch ſeine ſcharfen Urtheile und ſeine Schilderungen einzelner berühm⸗ ter Männer, welche ſo furchtlos herrlich von ihm aufgefaßt und dar⸗ geſtellt werden. eher e, ich Erich er an hlichen nkbar, Sie, b ſagte leiben. n Sie and ſie n pecht Muhme, he Ge⸗ 1 hatte. n Dich⸗ 149 Es iſt ein ſehr düſteres, blutiges Gemälde, antwortete Erich, gefüllt mit allen Gräuelthaten des politiſchen und religiöſen Fanatismus. Aber was war das Ende! ſiel Ebba ein. Das Volk verjagte ſeine Peiniger und befeſtigte ſeine Rechte. Mit Hilfe eines fremden Prinzen, der ſeinen nahen Verwandten plötzlich überfiel, nachdem er durch allerlei Künſte ihn bis zum letzten Augenblick getäuſcht hatte. Für Recht und Freiheit, rief das Fräulein, mag auch ein fremder Fürſt einem unterdrückten Volke willkommen ſein. Doch dieſer Prinz verließ England nicht wieder, er wurde König darin, fuhr Erich fort. Im Uebrigen haben Sie Recht, Muhme Ebba. England entſchlüpfte der Tyrannei der Stuart's nur dadurch, daß der ſtaatskluge Statthalter von Holland ſich des bedrängten proteſtantiſchen Volkes annahm. Hätte er dies nicht gethan, ſo würde mit Hilfe der Soldaten und Beamten England ganz demſelben Abſolutismus ver⸗ fallen ſein, den Ludwig des Vierzehnten Beiſpiel über den größten Theil Europa's brachte. Laſſen Sie uns alſo ſehen, was der Skep⸗ tiker Hume darüber ſagt. Ich für meinen Theil glaube jedoch, daß es in England mit der Freiheit des Volkes noch immer ſehr mißlich ausſieht, und auch überall damit ſo lange übel beſtellt ſein wird, bis es gelingt, die Menſchen überhaupt menſchlich beſſer und geiſtig freier zu machen. Ich habe es! flüſterte der Kammerherr vor ſich hin, als ſie im Bücherſaal an zu leſen fingen. Er hat mir auf den rechten Weg geholfen. So geht es, auf dieſe Weiſe läßt es ſich machen. Lange Zeit überließ er ſich ſeinem Nachſinnen, endlich aber wurde er durch die Vorſtellungen, welche ihn überkamen, ſo erfreut, daß er in den Bücherſaal ging, an der Unterhaltung und Beſchäftigung Theil nahm und ungemein liebenswürdig und fröhlich war. Am Abend, als er mit ſeiner Schweſter ſich allein befand, da Erich ſeine Hausgeſchäfte abthat, nahm er die Stunde wahr, um ihr vertrauliche Mittheilungen zu machen. Nun, ſagte er nach der paſſenden Einleitung, wir ſind zwar erſt kurze Zeit hier, doch immer ſchon lange genug, um uns auf ein Ur⸗ theil einzulaſſen. Wie biſt du zufrieden, Ebba? — 150— Sehr gut, erwiederte ſie. Das heißt kurz und bündig geantwortet. Wie gefällt dir Erich? Mehr als ich dachte. Das klingt delphiſch orakelhaft. Wir wollen keine Umſchweife machen, Ebba. Mir iſt etwas gewiß geworden. Was iſt dir gewiß geworden? Etwas, das ich ſo eben auch in deinen Augen leſe, kaum alſo noch zu ſagen brauche, obwohl ich es thun will. Er beugte ſich zu ihr hin und ſagte leiſe: Es wird wenige Zeit hingehen, ſo wird Erich Randal dich fragen, ob du immer in Finnland oder beſtimmter geſagt in Halljala wohnen möchteſt. Das Fräulein ſchwieg einige Augenblicke. Wenn er fragt, werde ich ihm Antwort geben, ſagte ſie dann. Das heißt, ich ſoll erwarten, bis es geſchieht, erwiederte der Kammerherr, und im Ganzen genommen iſt das ſehr vernünftig; in⸗ deß will ich dir einige Andeutungen geben. Das ſonderbare Geſchenk, das dir hier gemacht wurde, iſt, wie ich jetzt klar einſehe, nicht ohne Abſicht dargebracht. Es hat dir Gelegenheit geben ſollen, dich nach Halljala zu bringen, da Erich ſchwerlich nach Stockholm gekommen wäre, um deine Bekanntſchaft zu machen. Der alte Randal hatte in ſeinem Herzen immer noch einen Funken Jugendliebe aufbewahrt, und da unſere Mutter ſeine Neigung unbelohnt ließ, hat er mit einer ge⸗ wiſſen Schwärmerei in grauen Haaren den Gedanken genährt, ſihre Tochter möge einſt ſeinen Sohn dafür beſſer belohnen. Sprich mit Ernſt und Achtung von ihr und von ihm, Arwed, ſagte das Fräulein. Mit aller möglichen Achtung, fuhr ihr Bruder in demſelben ſpöt⸗ telnden Ton fort'; warum ſollte ich es auch nicht? Wir ſitzen in ſeiner Halle, wo er wahrſcheinlich oft ſeinen Eingebungen nachhing, und ich habe nichts dagegen, wenn ſie ſich erfüllen, im Fall du ſelbſt nichts dagegen haſt. Als er keine Antwort erhielt, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: Erich's Vermögen iſt, trotz aller ſeiner Sonderbarkeiten, immer noch kein geringes; ſeine Familie gehört zu den älteſten und beſten, er iſt der letzte Zweig eines großen Stammes. Körperlich beſitzt er zwar keir ich nach kommen hatte in 1 und ner ge⸗ t, ſihre Arwed/ en ſpöt⸗ in ſeiner und ich ſt nichts Stimme imme T beſten/ er zuat 151 keine beſonderen Vorzüge; allein wenn eine kluge feine Frau aus dem Bauern einen Freiherrn macht, wenn ſie die Verirrungen ihm aus⸗ treibt, wird auch ſeine geiſtige Befähigung ihr Erſatz dafür bieten. Wir befinden uns in Zeiten und Verhältniſſen, wo ein Mann wie Randal, dem ſo bedeutender Grundbeſitz gehört und dem das Volk umher anhängt, eine Rolle in der Welt ſpielen kann. Es wird ſo nicht bleiben, wie es jetzt iſt. Ereigniſſe werden kommen, müſſen kommen, die Schweden von Grund aus erſchüttern, und dabei kann man nicht im Winkel ſitzen und Bäume pflanzen oder Steine ſammeln. Was ſind es für Ereigniſſe, die du kommen ſiehſt? fragte das Fräulein. Davon laß uns für jetzt noch ſchweigen, antwortete er. Wer kann wiſſen, wie weit die Thorheiten dieſes Königs ihn und uns noch bringen. Erich hat ſehr edle Eigenſchaften. Er iſt großmüthig, doch ſchwach und ohne Chrgeiz. Ueber einen ſolchen weichen und furchtſamen Charakter kann eine Frau mit kühnem und lebhaftem Geiſt große Ge⸗ walt erlangen, und ich müßte mich ſehr irren, fügte er lächelnd hinzu, wenn du nicht auf dem beſten Wege dazu wäreſt. Lies und ſtudire mit ihm, rege ſeinen Verſtand und ſeine Phantaſie auf, führe einige Zeit, wenn du willſt, ein Schäferleben mit ihm auf dem Liebeseiland dort im See und erfülle endlich, was ſein Vater vorbereitete, im Fall du es kannſt; aber, Ebba, ſieh dich vor. Du biſt keine Frau, die in dieſem fernen Winkel der Erde, in dieſem alten Hauſe, wo Hompus Randal's Geiſt umherwandelt, leben und ſterben kann. Mache dir keine phantaſtiſchen Illuſionen. Du wirſt es nicht thun, denn du biſt zu klug dazu. Warum, erwiederte ſie, in die Flammen des Kamins ſchauend, ſollte ich hier nicht leben können? Scherze nicht, ſagte er, ich weiß, daß du es nicht kannſt und nicht willſt. Wie du dich nicht erniedrigen wirſt, keinen gemeinen Men⸗ ſchen, keinen Bauern lieben wirſt, ſo wirſt du auch nicht mit einem ſolchen in Dunkelheit und Vergeſſenheit leben. Du biſt für die erſten Kreiſe des Landes erzogen und gehörſt ihnen an. Iſt dein Vermögen auch nicht bedeutend, ſo wird deine Zukunft doch immer eine glän⸗ 152 zende ſein; denn du wirſt deine Wahl darnach treffen können. Serbinoff— Er murmelte den Namen zwiſchen ſeinen Lippen und ſchwieg ſtill, als ſeine Schweſter ihm einen ſchnellen ſtolzen Blick zuwarf. Der Kammerherr horchte nach der Thür hin und fuhr dann fort: Ein paar Worte nur noch, da wir Zeit haben. Ich habe über Ser⸗ binoff nichts zu ſagen, was du nicht wüßteſt; aber ich bin überzeugt, daß es nur von dir abhängt, ob du Stockholm mit Petersburg ver⸗ tauſchen willſt. Was ſagſt du dazu? Nichts, erwiederte ſie. Nichts? lächelte er. Dein Herz wäre alſo bis jetzt ganz unbe⸗ theiligt, ganz frei geblieben? Es iſt wenigſtens mein freies Eigenthum. Ganz recht, ſagte er; aber Niemand darf ſein Eigenthum ver⸗ ſchwenden, Jeder muß es vielmehr ſo nützlich wie möglich anlegen.— Wir wollen in einiger Zeit weiter darüber ſprechen, Ebba, jetzt nur ſoviel: Sieh zu, ob der Schloßherr von Halljala deiner würdig iſt. Iſt es der Fall, will ich mit Freuden ihn umarmen; wenn aber nicht, fügte er ihr in's Ohr flüſternd hinzu, ſo bleibt dir eine andere beſſere Wahl. Er konnte in dem Geſicht ſeiner Schweſter keine Antwort leſen, obwohl er ſie mit diplomatiſcher Kunſt beobachtete; aber er ſah mit geheimer Genugthuung, daß von dieſer Zeit an Ebba's Freundlichkeit und Zutraulichkeit zu Erich ſich verdoppelte, und während der näch⸗ ſten Tage, die an Unfreundlichkeit dem erſten wenig nachgaben, ließ er ſie ſo viel als möglich allein mit ihm, um ihre vertrauliche An⸗ näherung nicht zu ſtören. Und dies Beiſammenleben hatte Zeit, ſich feſter zu geſtalten, denn Serbinoff und Lindſtröm kehrten ſo ſchnell nicht zurück. Otho hatte ſie in ſeinem Hauſe feſtgehalten, und erſt als das Wetter ſich beſſerte, fanden ſie ſich wieder ein, begleitet von den Geſchwiſtern und einem Gefolge anderer Freuden, als die, welche der Bücherſaal bisher gegeben hatte. Die Halle des alten Schloſſes klang jetzt von fröhlichem Gelächter und luſtigen Einfällen, der alte Major Munk kam mit ſeinem Sohne ſammt einigen Gäſten aus der Nähe; ſo daß die Diener des Hauſes, erſtaunt über die ungewohnte bönnen. d ſchwieg warf. ann fort: ber Ser⸗ lberzeugt, urg ver⸗ n unbe⸗ zum ver⸗ legen.— jett nur ürdig iſt. ber nicht, re beſſere ort leſen, ſah mit undlihket der näh⸗ en, ließ iche An⸗ geit, ſch d ſcrul und erſt leltet bon t, welche Schloſſes der alte aus der gewohuie 153 Geſelligkeit, ſich ihre Vermuthungen mittheilten, welche mit dem ſchö⸗ nen Fräulein aus Stockholm und ihrem jungen Herrn in naher Ver⸗ bindung ſtanden. Es iſt richtig, ſagte der alte Olaf in der Küche zu der Haus⸗ hälterin Ulla. Zu Odin will ich gehen, wenn's nicht wahr iſt! Zu Odin will ich gehen, heißt in Finnland ſo viel, als in an⸗ deren Ländern: der Böſe ſoll mich holen, und iſt eine der landes⸗ üblichen kräftigen Betheuerungen. Die Haushälterin ſtemmte daher den Arm in die Seite, ſah den alten Diener boshaft an und ant⸗ wortete: Wenn Odin dich wollte, hätte er dich längſt; aber was ſoll wahr ſein? Ch, ſagte Olaf grinſend, wahr ſoll ſein, daß der erſte Schnee vielleicht noch nicht gefallen ſein wird, ſo wirſt du ganze Schüſſeln Weizenkuchen mit Honig backen, und es werden nicht Bratſpieße genug in deiner Küche ſein und nicht Feuer genug auf dem Herde, um all die Braten fertig zu machen, die Erich Randal, Gott ſegne ihn! von dir verlangen wird, Ulla. Meinſt du wirklich, fragte die ſtämmige Frau, daß es mit ihm und mit dem ſchwediſchen Fräulein dahin kommen wird? Und als Olaf mit geheimnißvoller Miene ihr zuwinkte, fügte ſie hinzu: Stolz und ſchön genug ſieht ſie aus, um in Schloß Halljala zu befehlen, wonach ſich manche Dame ſchon vergebens geſehnt hat; aber wenn es eine Finnländerin wäre, wäre es doch beſſer. Es iſt aus Stockholm noch nie viel Gutes nach Finnland gekommen. Das Sprichwort war allgemein genug, und der Anklang blieb nicht aus; denn die Hausleute, welche ſich neugierig umherſtellten und horchten, gaben beiſtimmende Zeichen. Allerlei Zweifel miſchten ſich ein und allerlei Urtheile wurden gefällt, die jedoch ziemlich ein⸗ ſtimmig günſtig für das Fräulein lauteten, deren Glück übermäßig geprieſen wurde. Denn ein höheres Glück als das, welches Ebba nach⸗ geſagt wurde, ſchien den Dienern Erich Randal's nicht denkbar. Wenn aber das ſchwediſche Fräulein auch mit Hilfe ihrer Freund⸗ lichkeit und Schönheit ſo ziemlich Gnade in den Augen der Diener⸗ ſchaft des Freiherrn fand, ſo ging es ihren Begleitern keineswegs eben ſo gut. Mit finniſcher Freimüthigkeit und finniſcher Spottluſt — 154— machten ſie ſich über den Kammerherrn her, der in ſeiner herriſchen Weiſe ihr Wohlwollen nicht beſonders erworben hatte; der ruſſiſche Graf aber war ihnen, ſchon weil er ein Ruſſe war, Gegenſtand tiefer Abneigung, wenn ſie auch eingeſtehen mußten, daß er wie ein Hirſch auf ſeinen Beinen ſei und wie ein Luchs biegſam und gelenkig um⸗ herſpringe. Weit größeres Lob und allgemeine Zuſtimmung wurde dann dem jungen Seeoffizier zu Theil. Das ſei Einer, meinten die hübſchen Mädchen mit den langen blonden Flechten und rothen Bän⸗ dern, der das Herz auf dem rechten Flecke habe und die Zunge wie ein Wieſel zu gebrauchen wiſſe. Der thue nicht, als ſei er vom Himmel gefallen, und nur dazu da, daß andere gute Leute ſich vor ihm bücken und ſeine Hände küſſen ſollten. Der lache und ſcherze mit Jedem, wiſſe Jedem Etwas zu ſagen oder zu fragen, wobei man lachen und freundlich ſein müſſe, und fluchen könne er, ſo prächtig fluchen, ſo viel Schock Tonnen voll Teufel in einem Athem, daß man nichts Luſtigeres in der Welt hören könnte. Nach vielem Hin⸗ und Herreden, Zweifeln und Einwänden aller Art kam der Rath in der Küche aber doch immer wieder zu dem Schluſſe, daß es allerdings eine ernſte Sache mit ihrem jungen Herrn ſei. Denn, ſagte Olaf, hat je Einer ihn ſo geſehen, wie ich ihn jetzt geſehen habe? Hat je Einer ihn geſehen, daß er Stundenlang bei einem Mädchen ſitzt und Beide leſen aus einem Buche und ſtreiten und drücken ſich die Hände und ſehen ſich an und lachen, bis ſie ſich wieder ſtreiten? Und Herr Erich, der bei aller ſeiner Sanftmuth Etwas an ſich hat, das dem wildeſten Burſchen die Mütze vom Kopfe nimmt, der läßt ſich ſchelten, als müßte es ſo ſein, und es ſcheint ihm beſonders zu gefallen, wenn ſie ihn ſo recht ſtolz mit den funkelnden Augen anſieht. Hochmüthig iſt ſie, ſagte Hela, die Stubenmagd, den Kopf trägt ſie im Nacken, und beſſer wäre es immer, es wäre finniſches Blut in ihr. Geſtern, als es ſo heftig regnete, ging ſie in Sturm und Guß in den Garten bis an den See, um zu ſehen, ob der Pajäne Wellen ſchlagen könnte. Herr Erich mußte mit, er mochte wollen oder nicht, aber der langnaſige Kammerherr war der Klügſte, der blieb am Feuer ſitzen und lachte, was er lachen konnte, als ſie Beide triefend wieder⸗ rriſchen niſiſche d tiefer Hirſch ig um⸗ wurde tten die Bän⸗ ge wie er vom ſich vor ſcherze hei man prächtig aß man den aller zu dem en Herrn ihn jett lang bei ſtreiten zſe ſch anftmuth tze vom und es mit den ajf tig G Blut in und Guß e Wellen der nicht, um Fellr d wieder⸗ — 155— kamen. Es wäre ſchön geweſen, meinte ſie; alle Berge voll düſtrer Nebel, nur ſo da und dort eine lichte Stelle, wo man die ſchäumen⸗ den Wellen ſehen konnte. Herr Erich hat zu thun gehabt, ſie ab⸗ zuhalten, ſich in den kleinen Kahn zu ſetzen, und der Kammerherr lachte noch mehr und rief: das macht ſie immer ſo, das nennt man — ja ich weiß nicht mehr, wie er es nannte, ich denke, er ſagte, es wäre römiſch. Römiſch oder ruſſiſch! brummte Olaf, aber es paßt ſich nicht für uns; und wenn ich es machen könnte, wollte ich ihr einen anderen Bräutigam verſchaffen. Meiner Treu! einen, der ſich nichts daraus macht, wenn ſie römiſch würde und im wilden Wetter ins Waſſer oder in die Luft führe. Es wäre ihm recht, in Odin's Namen! es wäre ihm recht. Ulla und ihre Untergebenen mochten wohl wiſſen, wen er damit meinte. Sie nickten ſich zu und ihre Geſichter drückten ihren Beifall aus. Wer weiß denn aber auch, ob es wahr iſt, ſagte die Haus⸗ hälterin bedächtig. Die ſchwediſchen Herrſchaften ſind die Gäſte des gnädigen Herrn Erich's. Es ſind lauter Vettern und Muhmen, die vertraulich zuſammen umgehen, wie's Verwandte thun; aber bis zum Heirathen iſt immer noch weit ab, und ein altes Sprichwort ſagt: ein Huhn legt dem andern nicht gern ſein Ei ins Neſt. Sie haben ihre Heimlichkeiten zuſammen, meinte Olaf, mit wich⸗ tiger Miene umhernickend, ich habe allerlei davon gehört. Damals, zur Zeit, wo der ſelige alte Herr noch jung war— nuh! es iſt wer weiß wie lange her— muß in Schloß Halljala ein luſtig Leben ge⸗ weſen ſein. Es iſt ſchade, fuhr er fort, daß der Schulmeiſter nicht hier iſt, der könnte uns davon erzählen. Wo ſitzt der denn wieder, fiel Ulla ein, ich habe in Ewigkeit nichts von ihm gehört. Kaum jedoch hatte ſie dies geſagt, ſo wollte eine höhere Macht ihre Sehnſucht ſofort befriedigen; denn plötzlich ließ ſich draußen vor der Thür ein helles Pfeifen hören und dazu ſtimmte ein Hahn aus vollem Halſe ein. Da iſt er! ſchrie die ganze Geſellſchaft, und ſo war es. Die Thür ging auf und es zeigte ſich die kurze ſtämmige Geſtalt Lars Normark's, der einen kleinen Querſack über der Schulter und in der — 156— Hand einen tüchtigen Dornſtock trug, auf welchem ſein Hahn ſaß, der luſtig mit den Flügeln klappte und ſeine wohlbekannten Freunde mit Gluckſen und Halsausſtrecken bewillkommnete. Der rothe Kopf des Schulmeiſters, in welchem ſich die ſchelmiſchen blauen Augen nach allen Seiten drehten, nickte inzwiſchen eben ſo lebhafte Grüße, und er hatte genug zu thun, um alle Hände zu ſchütteln und alle Fragen zu beantworten. Der Hahn ſprang von dem Stocke auf den Tiſch, wo er gravitätiſch auf und nieder ſpazierte und mit ſeinem Schnabel auf das Holz ſchlug, indem er den Futter ſuchenden Ton ſeines Geſchlechts hören ließ. Haſt Recht, Hans, ſagte Lars Normark, es wird immer ſchlechter in der Welt. Ehrliche Leute finden überall leere Tiſche, denn es ſorgt Jeder für ſich. Gib's ihnen deutlich zu verſtehen, was du meinſt, mein Junge. Gib's ihnen aus dem Grund deiner Gefühle. Der Hahn fuhr geduckt und emſig hin und her, als wollte er Etwas entdecken, was nicht zu finden war. Dann nahm er ſeine Pfote und kratzte ſich den Kopf, was allgemeines Gelächter erregte. So iſt's verſtändlich! rief der Schulmeiſter. Du kannſt nichts finden. Es wird ſich noch Mancher auf Erden hinter den Ohren kratzen, dem der Magen weh thut und der auf ſeinem Tiſche nichts bemerkt. Aber es kommt, Hans, es kommt Alles, man muß nur Geduld haben und warten können. Siehſt du wohl, wie ſie laufen und das Beſte für dich bringen. Faſſ' zu, alter Hans, faſſ' zu, und laß dir nichts fortnehmen, was du haſt. Es ſoll ſich Keiner nehmen laſſen, was er mit Händen und Zähnen feſthalten kann, weder Menſch noch Vieh. Mit dieſer weiſen Lebensregel legte der Schulmeiſter ſein Bündel und ſeinen Stock ab und ſetzte ſich an den Tiſch, der in Eile mit mancherlei eßbaren Dingen beſetzt worden war. Die Haushälterin hatte ihren Speiſeſchrank geöffnet. Olaf hatte eine große Flaſche voll ſüßem ſtarken Bier geholt, andere hilfreiche Hände brachten Brod und Branntwein herbei, ſo daß nach wenigen Minuten Lars Normark ganz behaglich hinter einem Haufen trefflicher Lebensmittel ſaß, welche ſein Hahn getreulich bewachte und gelegentlich mit ihm theilte. Es war auch verwunderlich anzuſchauen, wie dieſer ſeltſame Kamerad, deſſen ſaß, der unde mit elmiſchen eben ſo zände zu aang von ſpazierte n Futter ſchlechter denn es was du Gefühle. wollte er er ſeine erregte⸗ nſt nichts en Ohren ſche nichts muß nur ſie laufen ſ zu und er nehmen er Meyſſch in Bündel ölle mit uußhältiin laſche ual Brod und mark gand velche ſein Es wan deſſen ad 157 Geſchlecht ſonſt ſehr einfach lebt, nichts verſchmähte, was ſein Herr ihm zuſchob, und nicht allein Fleiſch und Fiſch verſchlang, ſondern zur größten Beluſtigung aller Zuſchauer wohlgefällig ſeinen Schnabel auch in das Bier tauchte und von dem Branntwein koſtete. Der Teufel ſteckt in dem Thierel ſchrie die hübſche Hela. Iſt es nicht Hexerei, daß ein unvernünftiges Vieh, das auf den Hof gehört, ſolche Gelüſte haben kann? Lach' ſie aus, Hans, lach' ſie Alle aus! antwortete der Schulmeiſter und der Hahn ſtimmte eine Art Gelächter an, indem er ſich auf ſeine Zehen ſo übermüthig, als ihm möglich, aufrichtete. Es iſt mit den Thieren wie mit den Menſchen, was ſie aus ſich machen, das ſind ſie, fuhr Lars fort. Ich habe mehr als Einen gekannt, Mädchen, der auf dem Hofe geboren wurde und dazu beſtimmt ſchien, in einem Hof⸗ winkel zu ſterben, aber es wurde ein Biſchof oder ein Freiherr und ein großer Herr daraus. Biſt eine ſchmucke Dirne, Hela, trotz deiner Wollröcke und deiner nackten Beine. Wenn Einer käme, ſtreifte dir ſeidene Strümpfe auf, feine Schuhe mit rothen Hacken, und ein Kleid dazu, das bis auf die Erde reichte, ſetzte ein Hütchen mit Bändern auf deine Zöpfe und zöge dir weißes Leder über deine rothen Hände, was würden die Leute ſchreien? Der Teufel iſt in die Hela gefahren, wie kann der unvernünftige Matz vom Hofe ſolche Gelüſte haben? Ein ſchallendes Gelächter folgte auf Hela's Koſten, die roth bis an die Ohren wurde, nur der Schulmeiſter blieb ernſthaft.— Siehſt du wohl, Hans, ſagte er, ſo geht es in der Welt. Was nicht ſo iſt, wie die Menſchen es gewohnt ſind, da ſteckt allemal der Teufel darin. Du haſt deinen geſegneten Verſtand gebraucht, darum biſt du herauf gekommen und kein ordinäres Vieh geblieben; macht es Alle ſo, ſo wird's lauter Freiherren und Fräulein in Finnland geben. Und warum ſoll's denn auch nicht ſo ſein? rief er ſeine ſchalkhaften Augen umher werfend, kommt der Eine etwa mit einem ſeidenen Rocke auf die Welt und der Andere in Lumpen gewickelt? Weinen rettet nicht aus Gefahr, Klagen nicht aus böſen Tagen. Scharf iſt des Fleißigen Werkzeug, aber des Thoren Meſſer bleibt ſtumpf, und wer Weizen⸗ kuchen eſſen will, der ſehe zu, daß er ſich Körner ſammelt. Körner, Hans, ſüße Körner, damit es an Hochzeitskuchen nicht fehlt. — 158— Nachdem der Schulmeiſter dieſe Sprichwörter voll altfinniſcher Weisheit zum Beſten gegeben, that er einen langen Zug aus dem Bierkrug und ſein Hahn lachte dazu hell auf. Meinſt du denn, Lars Normark, fragte Olaf mit der pfiffigen Bedächtigkeit eines Mannes, der eine gewichtige Frage thut, die er ſich längſt beantwortet hat, meinſt du denn wirklich, daß nächſtens Hochzeitskuchen in Halljalaſchloß gebacken wird? Was meinſt du, Hans? ſchrie der Schulmeiſter ſeinen Famulus an. Sage es ihnen, was du meinſt. Der Hahn ſchüttelte ſein Gefieder und wackelte mit dem Kopf, während er ſich niederduckte und aufblies. Er ſagt nein! rief die Haushälterin vergnügt in die Hände ſchlagend. Ei du Schelm! fuhr Lars fort, willſt du klüger ſein als ein Freiherr. Gleich ſpring' auf deine Beine und tanze den Hochzeitstanz. Er zog ſeine Pfeife hervor und begann eine luſtige Weiſe anzu⸗ ſtimmen, kaum aber war er im Zuge, als die Thür ſich aufthat und Erich Randal mit allen ſeinen Gäſten hereintrat. Die Töne waren bis in die Halle gedrungen, und auf dem Hofe hielten Diener die geſattelten Roſſe, denn eben wollte die Geſellſchaft dem alten Major einen Beſuch machen; als jedoch die Klänge der Pickelflöte die An⸗ weſenheit des Schulmeiſters anzeigten, erinnerten dieſe Ebba an den wunderlichen alten Mann, und Louiſa rief, daß ſie ihn ſehen und ihm ſagen müſſe, wie lieb ſie ihn habe. Als die Herrſchaften hereintraten, wichen die Mägde achtungsvoll zurück, Lars Normark aber zog nicht ſogleich ſeine Pfeife von den Lippen. Er blies mit vermehrter Kraft weiter, bis der Vers zu Ende war, und dann, eben als Louiſa ihn erreichte und mit fröhlicher Stimme: Guten Tag, alter Lars, guten Tag, lieber Lars! rief, zog er ſeinen breitkrämpigen Hut von dem glänzenden nackten Schädel und blickte das ſchöne Mädchen mit großer Freude und Zärtlichkeit an. Behüt's Gott, du ſchmuckes Fräulein! ſagte er, biſt du auch hier und denkſt an den alten Lars? Freilich, Lars, antwortete ſie, und da ich dich hörte, bin ich ge⸗ kommen, um mit dir zu zanken. Wo biſt du geweſen, als es ſo böſes Wetter war? inniſcher us dem pfffige , die er nächſtens Famulus n Kopf, ſchlagend. als ein eitstanz. ſe anzu⸗ that und ne waren tener die en Majot die An⸗ g an den und ihm tungsvoll von den zu Ende fröhlicher riff, zog Schädel ceit ar auch hier n ich oe⸗ ſo böſes 159 Regentropfen haben noch niemals einen Menſchen todtgeſchlagen, mein Töchterchen, lachte der alte Mann. Ich und der Hans, wir laufen darunter fort. Aber ſeht den Schelm da. Es iſt heidniſch finniſch Weſen in ihm. Gott behüt's! daß wir vom echten ſchwediſchen Korn ſind, Freiherr Randal, Gott behüt's! Der Ausruf galt ſeinem Hahn, welcher nicht ſobald Otho erblickt hatte, als er mit einem Satze vom Tiſch auf deſſen Schultern flog, ſeinen Kopf an ihn drückte und ihm alle nur möglichen Beweiſe ſeiner Zuneigung ertheilte. Otho ſtreichelte ihm dafür das glänzende Gefieder, und gab ihm in finniſcher Sprache allerlei Liebesnamen, welche Hans mit dem größten Wohlgefallen zu hören ſchien. Alle beſchäftigten ſich jetzt mit dem klugen Thiere, und als es herauskam, daß er eben einen Hochzeitstanz tanzen ſollte, rief der Kammerherr: Den müſſen wir ſehen; allein wir haben hier zwei junge Damen, und es fragt ſich, welcher von beiden es zunächſt gel⸗ ten ſoll. Er warf ſeiner Schweſter einen ſchalkhaften Blick zu und Ebba ſagte lächelnd: Der Hahn iſt ja in alter Zeit ſchon ein Prophet ge⸗ weſen. Willſt du zu meiner Ehre den Tanz machen, kluger Hans, ſo laß dich erbitten. Augenſcheinlich aber hatte das ſtörriſche Thier keine Luſt dazu, und als Erich ihm ermunternde Vorſtellungen machte, ſchmiegte er ſich nur um ſo dichter an Otho und ſchüttelte trotzig den Kopf, was zu vielem Gelächter und luſtigen Bemerkungen Anlaß gab. Wir ſind ſomit von ihm verworfen, ſagte Ebba, er zieht Louiſa vor. Ol du abſcheuliches Thier! rief das kleine Fräulein. Komm her, Hans, komm zu mir, thue es um meinetwegen. Der Hahn blieb jedoch ſo eigenſinnig wie er war und rührte ſich nicht, als aber Serbinoff ſich einmiſchte und nach ihm greifen wollte, gerieth er in Zorn. Seine rothen Augen rollten, er ſtieß ein kampf⸗ luſtiges Geſchrei aus und ſeine Halsfedern ſträubten ſich grimmig auf. Er will von Euch Allen nichts wiſſen, ſagte Otho. Jetzt, Hans, zeige Ihnen, daß ich allein dein Vertrauen beſitze, und wenn du Prophetengabe haſt, ſo laß mir dieſe zu Gute kommen. Nimm deine Pfeife, Lars, der verſtändige Hans wird ſich nicht länger weigern. — 160— Und ſo geſchah es, denn kaum hatte der Schulmeiſter begonnen, als der Hahn auf den Tiſch flog und ohne ſich länger nöthigen zu laſſen ſeinen Tanz begann. Er hob und ſetzte ſeine Füße nach dem Tact, drehte ſich rechts und drehte ſich links, neigte ſich vor Otho, breitete ſeine Flügel aus und zog ſie wieder zuſammen, blickte zu ihm auf und nickte dazu, verdrehte die Augen und machte die wunderlich⸗ ſten Sprünge, zum unendlichen Ergötzen der Hausleute und unter dem Gelächter der Herrſchaften, bis das Lied zu Ende war und Hans ein helles Freudengeſchrei anſtimmte. Auserwählter des Götterboten! rief der Kammerherr, wir werden ſehen, ob die Propheten lügen. Nun zunächſt für eine ſchöne junge Braut geſorgt, beſter Freund, oder iſt dieſe ſchon vorhanden und braucht nur aus der Verborgenheit hervorzutreten, um uns zu über⸗ raſchen. Man kann eher zu einer Braut kommen, als zu einem Pferd, ſagen die Finnen, antwortete Otho, und da unſere Pferde draußen warten, finden wir vielleicht auch die Braut darauf. Ein ſehr feines zartes Sprichwort, lachte Arwed, aber ein Wort zur rechten Zeit, wenn wir noch nach Lomnäs wollen. Sie nahmen Abſchied von dem Schulmeiſter, der von Erich ein⸗ geladen wurde, in Halljala zu verweilen. Das Geſinde drängte ſich an die Thür, ſah die Herrſchaften aufſteigen und aus dem Hof ſprengen, Lars aber blieb ſitzen und vor ihm ſaß ſein Hahn, den er nachdenkend in Bekümmerniß anſchaute. Haſt es nicht anders machen können, Hans, ſprach er zu ihm, du würdeſt es ſonſt gethan haben. Wainemonens Stimme ſpricht aus Wind und Wellen, aus Bäumen und Thieren zu dem Men⸗ ſchen, aber ſie verſtehen ihn nicht mehr. Da fliegen ſie hin auf ihren ſchnellen Roſſen und lachen über dich. Junge, ſchöne Leiber, junge, ſtarke Glieder. Doch ehe ein Jahr um iſt, werden ſie in Hiſi's Armen liegen. Meinſt es ſo, Hans, meinſt es ſo? Keiner wird den Hochzeitstanz tanzen, nur er allein, meinſt du ſo? Ilmareinen webte einen dunkeln Schleier von Duft um ihre Köpfe. Ich ſah ihn flattern, wie Spinnenfäden am Herbſtabend umſchlang er ſie. Haſt es gonnen, lgen zu ch dem Otho, zu ihm derlich⸗ unter d Hans werden le junge den und u über⸗ 1 Pf erd, draußen in Wort z ihm, e ſpriht in Men⸗ hin auf 7 N— 161— geſehen, Hans, waren es die ſchwarzen Fäden aus Tuomala, dem Reiche der Schatten? Der Hahn nickte ernſthaft dazu, und Lars Nor⸗ mark legte ſeine Hand auf ihn, und murmelte ſeinen Kopf ſenkend: In Tuomala gehen wir Alle ein. Jumala's Frieden erwartet alle ſeine Kinder. Siebentes Kapitel. Das alte Schloß Halljala blieb zwar der Sammelplatz für die Gäſte des Freiherrn, den größten Theil ihrer Zeit verlebten dieſe je⸗ doch jenſeits des Waſſers in dem einfachen Hauſe am See, wo ſie immer willkommen waren, und Lieder, Luſt und mannigfache Zer⸗ ſtreuungen fanden. Auf Otho's ſchnellen Pferden durchſtreiften ſie das Land, oder er führte ſie mit Angeln und Netzen in den See hinaus zum fröhlichen Fiſchfang, oder ſie zogen mit ſeinen grauen Hunden in Erich Randal's Wälder zur Jagd, und ihre Hörner ſchallten durch das Thal von Halljala zum Aerger des Propſtes Ridderſtern, der jedesmal ſich in ſein Haus flüchtete und dafür ſorgte, daß ſich ſeine Familie nicht blicken ließ, wenn die Jagdgenoſſen vorüber kamen.— An anderen Tagen führte Louiſa ihre Freunde wohl zu einer der nackten Felsſpitzen, welche aus der großen Hügelkette aufragten, die einen weiten Halbkreis um die Seebucht bildete, und es begann ein luſtiges Steigen und Klettern um den Preis, der Erſte zu ſein. Seltſamer Weiſe geſchah es dabei, daß Erich Randal, wenn er wollte, von Niemand übertroffen wurde. So kühn, gelenkig und ſtark ſeine Gegner waren, ſo thaten ſie es ihm dennoch an Ausdauer und Ueber⸗ windung großer Schwierigkeiten nicht gleich; doch nur in beſonderen Fällen, oder wenn Ebba ihn dazu aufforderte, verſtand er ſich dazu, an einem Wettkampfe Theil zu nehmen und Andern den Sieg ſtrei⸗ tig zu machen. Oft, wenn die Geſellſchaft an einem ſchönen Waſſer⸗ fall oder an einer der Waldeinſamkeiten am Pajäne lagerte, wurden D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 11 — 162— von den jungen Männern Kampfſpiele aufgeführt, bei denen Ebba und Louiſa, als Preisrichter, Kränze und Sträuße, welche ſie gewun⸗ den, an die Sieger vertheilten. Bei allen dieſen Spielen, welche es auch ſein mochten, fand es ſich, daß Otho und Alexei Serbinoff zwei ſich völlig würdige Gegner waren, die in Kraft und Gewandtheit, wie in künſtleriſcher Ausbildung derſelben, Keiner dem Andern wichen. Schien Serbinoff von noch ſtärkerem Gliederbau, ſo war Otho dafür noch beweglicher. Verſtand jener regelrechter mit dem Schwert zu fechten, oder gelang es ihm, einen Stein weiter zu ſchleudern, ſo war dieſer Meiſter mit der Kugelbüchſe und in den Springſpielen, die von der finnländiſchen Jugend überhaupt viel geübt wurden. Auch Lind⸗ ſtröm zeigte ſich voll Kraft und Ruhmesluſt, und dieſe drei jungen Männer, die Repräſentanten drei verſchiedener Volksſtämme, thaten häufig bei dieſen olympiſchen Feſten ihr Beſtes für die Ehre ihrer Stammesgenoſſen und für den Beifall der Zuſchauer. Der Kammer⸗ herr betrachtete ihre Anſtrengungen gewöhnlich von einem dichten Moospolſter aus durch ſein Lorgnon und beſpöttelte die ungebührlichen Erhitzungen. Der junge Magnus Munk dagegen bedauerte nichts ſchmerzlicher, als daß er noch nicht groß und alt genug ſei, um ſich mit ſolchen Widerſachern meſſen zu können. Vergingen die Tage fröhlich, ſo waren die Abende noch angeneh⸗ mer. An Otho's gaſtlichem Tiſch gab es keine ſeltnen und köſtlichen Speiſen, allein ſelbſt der verwöhnte Kammerherr fand immer Einiges, das ihm behagte, und dazu kam die heitere Geſelligkeit als beſondere Würze. Otho hat nicht umſonſt ſeine Schweſter einen Elf oder Nix genannt, Louiſa verdiente in der That dieſe Namen. Mit Jedem wußte ſie zu ſcherzen und zu lachen, Jedem etwas Freundliches und Gutes zu ſagen, und wenn die feine behende Geſtalt die Gäſte um⸗ ſchwebte, ordnend und dienend, immer bereit zu heiterſter Regſamkeit, war es wirklich, als berührten ihre Füße kaum den Boden und als tanze ſie auf den Sonnen⸗ und Mondſtrahlen, die den Schmelz ihrer Augen und ihre roſige Haut ſo wunderbar durchſichtig machten. Einen beſondern Reiz jedoch erhielt die kleine Louiſa noch durch ihren ſüßen Geſang und durch den Schatz alter Lieder, welche ſie auf der Zither zu begleiten wußte. Die finniſche Kandele iſt ein ziemlich ten Cbba e gewun⸗ vwelche es noff zwei vandtheit, n wichen. tho dafür hwert zu ſo war „die von uch Lind— rii jungen te, thaten hre ihren Kammer⸗ m dichten kbührlichen ete rihhte um ſich angeneh⸗ d käſtlichen er Einiges, beſondere oder N Rit Jedem diches und Gäfte um Regſam ket, en und als ümaßß ihte din de lche ſie uu ein ienli — 163— unvollkommenes Inſtrument. Beſpannt mit fünf dünnen Saiten er⸗ regte ſie, als die ſchwediſchen Herren ſie zuerſt ſahen, das ſpottende Lächeln des Kammerherrn. Ich bin doch neugierig, flüſterte er Ser⸗ binoff zu, was die kleine Hexe aus dieſem Ding, daß nicht viel größer als eine Violine iſt, mit ihren Fingerchen herausquälen wird; aber zu ſeinem Erſtaunen klangen die ſanften Töne und Accorde äußerſt angenehm und paßten vortrefflich zu Louiſa's Geſang. Das iſt das älteſte Inſtrument, das wir in Finnland haben, ſagte Otho. Wainemonen, unſer Apollo, hat dieſe Zither erfunden und ſeine göttlichen Finger rührten zuerſt ihre Saiten mit ſolcher wunder⸗ vollen Macht, daß die wilden Thiere begierig aus den Wäldern kamen, die Lüfte ſtill ſtanden und das Meer unbeweglich blieb, um den Gott zu hören, der ſelbſt ſo gerührt von ſeiner Erfindung war, daß Thränen aus ſeinen Augen rollten. Und ſo entſtanden, wie es in den Sagen weiter heißt, die Perlen, welche noch jetzt zuweilen in unſeren Seen gefunden werden. Leider, erwiederte Arwed, iſt dieſe ſchöne Zeit jetzt vorüber. Alles noch ſo rührende Sentiment bringt nichts hervor, als laues Waſſer. Wainemonen, fuhr Otho fort, ſuchte lange vergebens nach einem Menſchen, der ſeine Kandele ſpielen konnte. Die harten ſcharfen Griffe der Hirten brachten keine reinen Töne hervor. Darum ſchnitzte der Gott aus dem weißen Holze der Bergfichte ſchmale Stäbchen, mit denen noch jetzt unſere Landleute meiſt die Drähte ſchlagen; wer aber zu den Auserwählten gehört, dem führt Wainemonen noch immer die Finger und legt beſonderen Zauber in ſeine Hand. Er würde nicht vergebens nach ſeinem Herrſcher im Reiche der Töne geſucht haben, fiel Serbinoff ein, wenn er gehört hätte was wir hörten. Lieblicher, ſüßer hat Wainemonen ſeine Lieder ſelbſt nicht ſingen können. Doch die Thiere der Wildniß kommen nicht mehr, lachte Louiſa, und die Wellen des Pajäne ſtehen nicht ſtill Aber die Herzen ſtehen ſtill rief Alexei Serbinoff, das hat der Gott nicht bewirken können. Das war nicht die einzige Schmeichelei, welche der ruſſiſche Graf dem kleinen ſinniſchen Fräulein ſagte. Er zeigte ſich ihr beſonders 11* — 164— zugethan und je mehr dies deutlich wurde, um ſo mehr ſchien er ſich vor Ebba zurückzuziehen, der er ſo lange gehuldigt hatte. Zwiſchen ihm und Otho wurde die Befreundung dabei immer inniger, was wohl zum guten Theil davon herrühren mochte, daß beide die perſönlichen Eigenſchaften hochſchätzten, welcher jeder von ihnen an dem Andern bemerkte, und wie hätte Otho auch nicht Zuneigung für einen Mann empfinden ſollen, der ſo ſtark, ſo kühn und gewaltig war, als er ſelbſt. Dabei unermüdlich rüſtig im Ertragen von Beſchwerden, vor keinem Wagniß erſchreckend, immer bereit zur Jagd, zum Streit und zu jeder männlichen Luſt. Dabei aber war Serbinoff auch weit umher ge⸗ weſen in Krieg und Gefahren und wie in ſeinen tiefblauen Augen eine unerſchütterliche Entſchloſſenheit blitzte, ſo lag doch darin auch wieder ſo viel Feines, Kluges und Einnehmendes, daß Otho nie einen Menſchen geſehen zu haben glaubte, der ihn ſo angeregt und ein⸗ genommen hatte. Daß es ein Ruſſe ſein mußte, wunderte ihn noch mehr. Er war mit angeſtammtem Mißtrauen gegen Alles was Ruſſe hieß geboren worden, auch hatten ſämmtliche Ruſſen, die er bisher geſehen, nichts daran geändert. Das ſlaviſche Geſchlecht hatte ihm bisher eben nur ſeine wenig einladenden Geſtalten und rohen Geſichter gezeigt, welche gegen die ſchlanke Gliederung und die edleren Formen des finniſchen Volks unvortheilhaft abſtachen. Jetzt ſah er an Alexei Serbinoff plötzlich ein Menſchengebild, das einen faſt idealiſchen Eindruck auf ihn machte. So ritterlich, ſo ſchön geformt hätte er niemals einen Ruſſen geglaubt, und dieſer heitere kühne Mann kam ihm mit allen Zeichen der Freundſchaft entgegen; er empfand ohne Zweifel ganz daſſelbe Wohlgefallen an ihm. Es währte nicht lange, ſo fand ſich eine Gelegenheit, wo Otho freimüthig ſeinem neuen Freunde geſtand, was in ihm vorging. Ser⸗ binoff ſprach davon, daß er in einiger Zeit abzureiſen gedenke, daß es ihm aber leid thun würde, wenn es bald geſchehen müſſe. Und was könnte Sie dazu bewegen? fragte Otho. Die Verhältniſſe, erwiederte der Graf. Ich bin, wie Sie wiſſen, nicht mein eigener Herr, ſondern noch immer im Dienſte meines Kaiſers.. me zien et ſich Zwiſchen „was wohl perönlichen em Andern ennen Mann ger ſelbſt. vor keinem d zu jeder umher ge⸗ uen Augen darin auch o nie einen und ein Er war eß geboren then, nichts e eben nur eigt, welche 23 finniſchen ngebid das ih, ſo ſcun eſe r hellen tentgegen; hm. t, wo Oho / zua. Eer⸗ rging. 6 es enke, daß — 165— Sie werden alſo wieder nach Stockholm zurückkehren? fuhr Otho nach einem Schweigen fort. Das glaube ich nicht, war die Antwort, indeß hängt Alles von dem Verlauf der politiſchen Ereigniſſe ab. Mein Couſin, Graf Ro⸗ manzoff, hat die Abſicht, einen Diplomaten aus mir zu machen; meinen Neigungen nach bin ich jedoch lieber Soldat. Rußland hat ja ſoeben Frieden mit den Franzoſen geſchloſſen, meinte der junge Finne. Was thut das? antwortete Alexei. Langer Friede iſt jetzt unmög⸗ lich und wenn es wahr iſt, was man ſich erzählt, wenn Napoleon zu dem Kaiſer Alexander in Tilſit geſagt hat: wir Beide, mein Herr Bruder, ſind beſtimmt Europa zu theilen und es zu beherrſchen, wer⸗ den wir noch Krieg in Hülle und Fülle haben. So leicht und ſcherzend der Ton war, in welchem er dies hinwarf, ſo machte es doch auf Otho einen ernſten Eindruck. Er ſchwieg nach⸗ denkend ſtill, Serbinoff aber fuhr nach einigen Augenblicken fort: Rußlands Aufgabe iſt es, den großen ſlaviſchen Volksſtamm zu ver⸗ einen und die Türken aus Europa zu jagen, wohin ſie nicht gehören. Aſien iſt ihre Heimat, in Europa ſind ſie fremde Eroberer und werden es bleiben, bis ſie wieder hinaus geworfen werden. Sie wiſſen dies auch ſelbſt ſo gut, daß ſie nicht einmal in europäiſcher Erde ſich gern begraben laſſen. Und aus dem Türkenreich ſoll dann ein Ruſſenreich werden, ant⸗ wortete Otho. Wo bleiben die Griechen, denen das Land eigentlich gehört und die doch wahrſcheinlich auf ihre Auferſtehung hoffen? Stehen ſie denn nicht von den Todten auf, ſagte Serbinoff, wenn wir ſie aus dem Joch ihrer Eroberer und Unterdrücker erlöſen? Ruß⸗ land herrſcht über fünfzig Volksſtämme, es iſt jedoch weit entfernt, ihnen ſeine Sitten, ſeine Geſetze, ſeine Einrichtungen oder gar ſeine Religion und ſeine Sprache aufzuzwingen. Im Gegentheil, es ſchützt und unterſtützt die Eigenthümlichkeiten der Nationalitäten, ob aber der Regent, der Kaiſer oder König, aus ruſſiſchem oder germaniſchem Blute entſproßte, das, lber Freund, iſt im Grunde doch ziemlich einerlei, obenein wenn der Landesherr doch ein Fremder iſt, wie zum Beiſpiel in Finnland. Sehen Sie nach dem ruſſiſchen Finnland, nach — 166— Wiborg hin. Ich glaube nicht, daß die Einwohner dort ſich unglück⸗ lich fühlen, ja ich möchte behaupten, daß ſie nicht geneigt ſind, unter ſchwediſche Herrſchaft zurückzukehren. Es war das erſtemal, daß Serbinoff über politiſche Verhältniſſe ſprach, undger brach auch bald davon ab, da Otho einſylbige Antworten gab, welche deutlich zeigten, daß er mit ſeinen Gedanken zurückhielt. Was der Graf behauptete, war mannigfach anzufechten. Allerdings hatte der ruſſiſche Theil des finniſchen Landes viele Vortheile, geringe Abgaben, verbriefte Rechte erhalten und die alterthümlichen Geſetze und Einrichtungen nicht verloren; bei alledem blieb der tiefverwurzelte Haß gegen die Nuſſen in der Volksmaſſe auch jenſeit des Grenzſtroms rege genug und eben dadurch, daß ein Theil der Finnen unter ruſſiſche Herrſchaft gekommen und von ſeinen Brüdern losgeriſſen war, hatten ſich Abneigung und Mißtrauen noch mehr geſchärft. Ein ſo freiheits⸗ liebender und von ſeines Volkes unterdrückten Rechten überzeugter feuriger junger Mann, konnte Serbinoff's Behauptungen, ſo weit dieſe Finnland betrafen, nicht zugeben, allein er war höflich genug, oder vorſichtig genug, lieber zu ſchweigen und nur mit einigen Worten zu erwiedern, daß Fremdherrſchaft überhaupt ſchwerlich einem Volke, ſo lange es nicht verknechtet ſei, gefallen könne. Ich gebe Ihnen recht, verſetzte Serbinoff; wenn jedoch ein Volk nicht ſelbſtändig ſein kann, wenn es zu ſchwach und zu klein iſt, oder her⸗ untergekommen, wie die Polen, zerſtückt und zerſpalten wie die Deut⸗ ſchen, oder wenn es von je an als Provinz erobert und von einer ſchlechten Regierungswirthſchaft danach ausgebeutet wurde, ſo iſt es jedenfalls beſſer, ſich einem großen mächtigen Staate anzuſchließen. Ein ſolcher Staat beſitzt wenigſtens die Mittel Gutes zu thun, alle Kräfte anzuregen und ſtatt zu vernachläſſigen und auszuſaugen, öffnet er ſeinen Unterthanen zahlreiche Hilfsquellen. Es iſt ein Glück, mein lieber Freund, einer großen Nation anzugehören, die nach allen Seiten hin ſchützen, befördern und belohnen kann; doppeltes Unglück aber muß es genannt werden, in einem verarmten kleinen Staate geboren zu ſein, der einmal eine große Rolle in der Giſchichte geſpielt hat, von dieſen Erinnerungen immer noch gepeinigt wird, und immer noch den äußeren Schein ehemaligen Glanzes erhalten will. Die Folge davon unglück⸗ d, unter thältniſſe intworten rrückhielt. lllerdings „geringe Geſetze rwurzelte enzſtroms eruſſiſche r, hatten freiheits⸗ verzeugier weit dieſe nug, oder Worten zu Volke, ſo Volk nicht oder her⸗ die Deut⸗ von einer ſo iſt 6g uſchließen. bun, all en, öffnet zlück mein leen Etitn aber muß gloren zl hat, von t noch den oge daxe — 167— ſind übermäßige Ausgaben, ein Ueberheben, das bis zur Lächerlichkeit ausarten kann und deſſen Sünden zumeiſt auf das Volk zurückfallen, das für den Leichtſinn und die Verblendung ſeiner Fürſten büßen muß.— Ihre Familie, Herr Waimon, hat nun nicht einmal, wie ich glaube, an dem Glück der in Schweden lange herrſchenden Adels⸗ kaſte Theil genommen. Ihr Vater war nicht im Dienſte des Staates? Nein, erwiederte Otho. Mein Vater war in engliſchen Dienſten und kehrte aus Amerika nach Schweden zurück, eben als Guſtav der Dritte zum Thron gelangte. Er lernte den König noch als Kronprinz kennen und wie man mir geſagt hat, war er eine Zeit lang viel in deſſen Nähe, während des erſten Jahres ſeiner Regierung. Als der König jedoch die Soldatenrevolution machte und mit Hilfe der jungen Offiziere und einer Anzahl Männer meiſt von ſchlechtem Ruf, ſeine eigene Gewaltherrſchaft an Stelle der Gewaltherrſchaft des Reichsraths ſetzte, verließ mein Vater Hof und Hauptſtadt, verzichtete auf jede Anſtellung und Gunſt, und kam hierher in ſein eigentliches Vaterland, wo er auf dem Gute lebte, das er uns hinterlaſſen hat und ein Bauer wurde, wie ſeine Vorväter geweſen ſind. Ihr Vater muß ein entſchloſſener, und wie ich denke, beſonders begabter Mann geweſen ſein, da er nicht allein ſolche Beſchlüſſe faſſen, ſondern auch die Schweſter eines Freiherrn heirathen konnte. In⸗ zwiſchen iſt es ſelten, daß ein Soldat ſein Schwert in einen Spaten verwandelt und in Ruhe damit den Boden umgräbt. Sie haben Recht, ſagte Otho, denn nach Allem, was ich hörte, iſt mein Vater wirklich nur durch ſeine große Liebe zu meiner Mutter an dieſer Scholle feſtgehalten worden. Mehrmals wollte er das Land verlaſſen und vielleicht hinderte ihn nur ſein frühzeitiger Tod daran ⸗ Und Sie, lächelte Serbinoff, der Sie der Sohn eines tapferen und ehrgeizigen Soldaten ſind, haben Sie denn ſo große Luſt auf Ihrer Scholle zu leben und zu ſterben? Ich bin dafür geboren, antwortete der junge Mann, will aber doch nicht leugnen, daß zuweilen das Blut meines Vaters ſich in mir regt. Ich möchte Ihnen einen Vorſchlag machen, ſagte Alexei. Treten Sie in ruſſiſche Dienſte, Sie ſollen darin willkommen ſein. Mehr als ein kühner talentvoller Soldat hat in Rußland die höchſten Ehren — 168— und die höchſten Stellen erworben. Wir fragen nicht nach Abſtam⸗ mung und Ahnen, wir fragen nach den Verdienſten. Es iſt lächerlich, zu glauben, Geburt berechtige an die Spitze geſtellt zu werden; Bil⸗ dung, Kenntniſſe, Geſchicklichkeit ſtehen bei uns höher als aller Zufall, ererbter Adel und Reichthümer. Wenn Sie wollen, wird es Ihnen nicht fehlen. Ich bin ſo vertraut mit dem General Buyxthövden, daß es mir leicht ſein wird, Ihnen einen Platz in ſeiner Nähe zu verſchaffen, unter ſeinen Ordonnanzoffizieren; dort werden Sie bald den Krieg lernen und ſich auszeichnen können. Auf mein Wort, Herr Waimon, ich müßte mich ſehr irren, oder Sie werden raſch Ihr Glück machen und wer weiß welchen hohen Rang einnehmen, denn in Ruß⸗ land gibt es keine Schranken für den befähigten Geiſt. Ueberlegen Sie das, lieber Freund. Otho hatte dieſe verlockende Einladung nachdenkend angehört, als Serbinoff ſchwieg erwiederte er: Ich will mir keine Bedenkzeit aus⸗ bitten, Herr Graf, ſondern Ihnen ſogleich antworten. Mein Vater hatte im Jahre 1788, als das ſchwediſche Heer ſich gegen Guſtav den Dritten empörte und die Generale und Oberſten mit den Ruſſen einen Waffenſtillſtand abſchloſſen, einigen Antheil daran gehabt. Ihre Kaiſerin lud ihn dafür ein, nach Rußland zu kommen und ihr zu dienen, allein mein Vater ſchlug es aus, obwohl er wußte, daß das Rache⸗ ſchwert über ſeinem Haupte ſchwebte. Ich kann niemals einer Fürſtin Treue ſchwören, ſagte er, die meines Vaterlandes gefährlichſte Feindin iſt, auch kann ich ſelbſt kein Ruſſe werden, denn ich bin ein frei⸗ geborener freiheitsliebender Mann, der an Menſchenrechte und Volks⸗ rechte glaubt. So ſchlug es mein Vater ab, und ſeine Gründe ſind meine Gründe. Ich bin mit der Abneigung gegen Rußland, ruſſiſches Weſen und ruſſiſche Sitten aufgewachſen; vergeben Sie mir, daß ich dies ſo offen ausſpreche. Verwundert bin ich über mich ſelbſt, daß ich einen Ruſſen achte, vertraue, ihm meine vollſte Zuneigung weihe. Denn das thue ich, Graf Serbinoff, und bekenne, daß ich noch nie⸗ mals einem fremden Manne mit ſolcher Freundſchaft angehangen habe, wie Ihnen. Und dieſe Freundſchaft, antwortete der Graf lächelnd, indem er Otho's Hand nahm und ſie herzlich ſchüttelte, iſt doch nicht im Stande, Abſtam⸗ ücherlic, n; Bi⸗ rufal, s Ihnen thöbden, Nähe zu ie bald t, Herr ir Glück in Ruß⸗ eberlegen ört, als it aus⸗ m Vater uſtav den Ruſſen bt. Ihre udienen, 3 Rache⸗ Fürſtin Feindin ein frꝛi⸗ Volls⸗ nde ſind ruſſiſches daß ich daß ich g weihe noch nie⸗ gen habe⸗ indem er nSäiande 169 die Macht der Vorurtheile zu zerſtören? Sind wir nicht ein großes Volk, das größte und mächtigſte in der Welt? Gehört uns nicht die Zukunft? Gehört uns nicht die Herrſchaft über Europa? Ich ſage Ihnen, auch Frankreich, auch dieſer Heros Napoleon wird zuletzt vor uns in den Staub ſinken. Und iſt es denn ſo verwerflich, einem ſol⸗ chen Volke anzugehören, der Diener eines Herrn zu ſein, in deſſem Reiche die Sonne nie untergeht?— Sind wir aber etwa Barbaren, wenn wir die vielen Millionen verſchiedenartiger Menſchen nach ihren Zuſtänden behandeln? Rußland iſt ein jungfräuliches Land, das in das moderne Culturleben erſt eintritt, doch ſeine ungebrochene Kraft mitbringt, um ſich ſeinen eigenen Weg über Schutt und Trümmer verlebter Staaten und Völker zu bahnen. Gehen Sie nach Petersburg, beſter Freund, ſehen Sie was dort geſchieht; ſehen Sie den großen liebenswürdigen Beherrſcher dieſer ungeheuern Länder, die ihm unter⸗ worfen ſind, überzeugen Sie ſich, daß wir keinen tyranniſchen, launen⸗ haften Herrn haben wie er in Schweden, Ihrem Freiheitslande, thront, der jeden guten Rath von ſich ſtößt, kein Geſetz achtet, das er nicht macht, keiner Vernunft Gehör gibt und in frömmelnder Fantaſterei Verderben über ſein Volk bringt. Gehen Sie hin, lieber Waimon, ſehen Sie ſich den Kaiſer an, der von dem Republikaner Laharpe er⸗ zogen wurde, ſehen Sie ſich die Ruſſen an, und beurtheilen Sie, ob Sie wirklich einen Haufen ſtumpfſinniger Sclaven finden. Unſere Ruſſen, fuhr er fort, haben ſo viel Verſtand von ihrem Schöpfer bekommen, daß ſie Alles lernen können und zu Allem ge⸗ ſchickt ſind, was man von ihnen verlangt. Leibeigenſchaft und Peitſche ſind freilich ſchreckliche Namen, allein, wie lange iſt es denn her, daß in Frankreich dieſe Dinge nicht mehr beſtehen, und in Deutſchland be⸗ ſtehen ſie noch, in dem aufgeklärten Preußen ſind die Bauern hörige Leute, welche der Stock in Ordnung hält. Es wird eine Zeit kommen, mein Freund, wo auch in Rußland nur freie Leute wohnen, die der Peitſche nicht mehr bedürfen. Die Morgenröthe dieſer Zukunft iſt ſchon angebrochen, ſie wird den Vorurtheilen gegen Rußland ein Ende machen. Warum ſollen edle freiheitliebende Männer nicht für die Fortſchritte der Menſchheit Hand an's Werk legen helfen? Warum ſollen ſie nicht für ein Volk arbeiten, das kräftig nach oben ſtrebt? — 170— Warum ſich nicht ein neues Vaterland ſuchen, wenn das alte verrottet und undankbar iſt? Gehört der Menſch denn nicht der Menſchheit, ge⸗ hört er nur einem beſtimmten Stamme an, von dem er, wie ein Blatt oder wie ein Baumzweig, ſich nicht losreißen kann ohne zu ver⸗ dorren? Bedenken Sie das Alles wohl. Rußland bietet kühnen, ſtreben⸗ den Männern ein weites Feld für den höchſten Ehrgeiz. Wir werden öfter noch davon ſprechen können, und vielleicht ändern ſich Ihre An⸗ ſichten. Ich wünſche es ſehr, weil ich Ihre Freundſchaft mit aufrich⸗ tiger Freundſchaft vergelte. Während die jungen Männer unter ſolchen Geſprächen auf der Jagd nach den Schaaren von wildem Geflügel umherſchweiften, das zur Herbſtzeit die Gewäſſer des Pajäne bedeckte, waren Ebba und Louiſa meiſt beiſammen in dem Hauſe am See oder auf der Inſel, wo Erich Randal ihnen Geſellſchaft leiſtete.— Louiſa hörte neugierig, was ihre Freundin ihr aus der großen Welt erzählte, die ſie nicht kannte, und ſie vergalt es durch Mittheilungen aus ihrem Leben, daß ſo ſtill und einſam vergangen war. Der Mittelpunkt aller Geſchichten Louiſa's war ihre Mutter, und voll begeiſterter Liebe ehrte ſie den heiligen Schatten, der immer noch über dieſen Räumen ſchwebte. An jenem Tage, wo Otho mit ſemen Freunden jagte, hatte ſie Ebba in die Zimmer ihrer Mutter geführt, und ihr die Reliquien gezeigt, welche darin bewahrt wurden. Alles war noch ſo erhalten wie bei ihrem Leben, und obwohl mehr als ein Jahr ſeitdem verfloſſen, lag noch auf dem Tiſche eine angefangene Ar⸗ beit neben welken Blumen; auf dem großen Schranke am Fenſter ihre Bücher mit angeſteckten Zeichen ſammt beſchriebenen Blättern und einem Schreibzeug, daneben aber lehnte eine der großen Harfen, wie ſie das Volk gewöhnlich hat, und Jouhi⸗Kandele nennt. Wer nicht wußte, daß die Eigenthümerin dieſer einfach ausge⸗ ſchmückten Gemächer auf immer von ihnen geſchieden war, hätte ge⸗ meint, ſie ſchlafe hinter den weißen Vorhängen des Bettes. Mit leiſen Schritten, als fürchte ſie die Schlummernde zu wecken, ging Louiſa ihrer Freundin voran, und mit gedämpfter Stimme ſprach ſie zu ihr und zeigte ihr alle die Schätze theuerer Erinnerungen, alle die Stellen, errottet wo der letzte Abſchied, der letzte Kampf ſtattgefunden, und die letzten heit, ge⸗ Worte der Liebe und des Segens ihr und Otho geworden waren. wie ein Deine Mutter, theure Louiſa, muß eine vortreffliche Frau geweſen ſein, zu ber⸗ ſagte Ebba. O! daß ſie noch lebte und ich um ihren Segen bitten könnte. Leider bin ich, als meine Mutter abgerufen wurde, noch zu ſtreben⸗ jung geweſen, um von ihr etwas über jene Zeit zu erfahren, wo werden innige Freundſchaft ſie mit deiner Mutter vereinte. Aber hat ſie denn hre An nicht oft davon geſprochen, hat ſie dir nichts von Chriſtina Bungen aufrich⸗ erzählt, und einen Segen für mich hinterlaſſen? Nur an jenem letzten ihrer Tage, wo ſie meinem Vetter den auf der Schmuck übergab, welchen ſie für dich beſtimmt hatte, ſprach ſie von ten, das dir und deiner Mutter. Dort auf dem Stuhle ſaß Erich's Vater, öba und wir alle um ihn her und Lars in der Ecke dort, hielt die Harfe in er Inſel, ſeinen Händen, welche dann und wann leiſe klang.— Sie ſprach ſo eugierig, feſt und klar wie in guten Tagen zu uns, ordnete was geſchehen ſollte, ſe nicht und vertheilte nach der Sitte Angedenken für alle ihre Freunde. Troſt ben, daß und Liebe waren auf ihren Lippen.— Dann befahl ſie mir den Schrank dort zu öffnen und ein Fach aufzuziehen, das ſie mir be⸗ tter, und zeichnete. Als ich nicht damit fertig werden konnte, mußte Lars mir met noch helfen. Er nahm das rothe Käſtchen heraus, und ſie lächelte ihm nit femen leiſe zu, als ſie es öffnete und die Goldgehänge und blitzenden Steine r geführt, betrachtete. Du kennſt das, mein alter Freund, ſagte ſie, und weißt 11 Alles was ſie bedeuten. Darauf gab ſie Erich das Käſtchen und bat ihn, als ein es an Ebba Bungen in Stockholm zu ſenden, der Tochter ihrer liebſten naene Ar Freundin. Das war das erſtemal, daß ſie deinen Namen nannte. Fenſter Erich erfüllte dieſen Auftrag erſt nach einiger Zeit, ſagte Ebba. tern und Ich erhielt das Vermächtniß deiner Mutter zugleich mit der Nachricht virn wie vom Tode ſeines Vaters und was dieſer für mich hinzu gefügt. men Es war eine ſchwere Zeit, antwortete Louiſa. Erich's Vater ſtarb 6 aug„meiner Mutter ſchnell nach, und vermehrte unſere Betrübniß. Damals ach ege⸗ war Mary Halſet bei uns, und ihr Vater kam und machte uns viel hin in zu ſchaffen. M Bei dem Namen Halſet ſiel Ebba das finſtere, einſylbige Fräulein ing wihr aus Abo ein. Ich habe dieſe Mary Halſet kennen gelernt, auch ihren br J Vater, ſagte ſie. Warum machte er euch zu ſchaffen? die o — 172— Höre, ſagte Louiſa, ich bin aus dem Ganzen nie recht klug ge⸗ worden, und Mary iſt ein ernſtes Mädchen, ſie hat mir niemals ihr Vertrauen geſchenkt, auch war ich zu jung vielleicht dazu. Sam Halſet i*ſt unermeßlich reich, ſie ſagen, er ſei der reichſte Mann in ganz Finnland. Mein Vater war mit ihm verwandt, und zwiſchen ihnen ſoll ein Ver⸗ ſprechen geweſen ſein, wie dies häufig bei uns iſt, Halſet's Tochter ſollte meines Bruders Frau werden. Otho wurde auch nach Abo ge⸗ than, um in Sam’s Schreibſtube zu ſitzen, aber dafür iſt er nicht ge⸗ ſchaffen. Eher würden alle rothe Felſen im Tavaſtlande Schreibfedern werden und der Pajäne zu einem Tintenfaſſe, ehe er hinter den Rechenbüchern alt würde. Es dauerte kein Jahr, ſo war er wieder hier, und was dann geſchehen iſt, weiß ich nicht, doch Halſet kam öfter, und längere Zeit lebte Mary bei uns. Als meine Mutter von uns geſchieden war und Erich's Vater auf ſeinem Bette lag, kamen ſie beide wieder, und es entſtand ein großer Streit. Ein Streit? fragte Ebba. Worüber ſtritten ſie? Das kleine Fräulein öffnete ſchlau ihre ſchimmernden Augen. Ja, worüber ſtritten ſie, ich kann es dir nicht ſagen, aber es war ein böſer Streit. Halſet forderte Geld von Erich's Vater, und weißt du was ich glaube? Was glaubſt du? Ich glaube, er wollte Mary ſollte Erich heirathen, denn ſie hatte ihn gern, viel lieber als Otho. Als ſie bei uns wohnte, habe ich es bemerkt. Und er? fragte Ebba leiſe. O! Erich iſt zu jedem Weſen gut, fiel ſie ein. Er iſt immer mild und ſanftmüthig. Dann wundert es mich, erwiederte das Fräulein, daß er die lie⸗ benswürdige Dame ausgeſchlagen hat. Du kennſt ihn nicht, ſagte Louiſa. Seine Güte zwingt Andere nach ſeinem Willen zu thun, man kann ihm nicht widerſtehen. Es i*ſt gar eigenthümlich mit ihm, ſie beugen ſich Alle, auch Sam Halſet hat ſich gebeugt. Er hat ſeinen Wunſch, wenn er dieſen wirklich hegte, aufgegeben und ſich mit Erich verſöhnt. 3 ug ge⸗ als iht Halſet anland. in Ver⸗ Tochter lbo ge⸗ cht ge⸗ bfedern eer den wieder ſet kam ter von men ſie en. Ja, war ein veißt du ſie hatte habe ic immer die lie⸗ t Andere hen. 6s m Halſtt ufgegeben Verſöhnt, das weiß ich nicht, antwortete Louiſa, den Kopf ſchüt⸗ telnd. Er iſt nicht wieder bei uns geweſen, obwohl er öfter in der Nähe war. Dann wohnte er bei dem Propſt in Halljala; Mary hat ihn niemals wieder begleitet. Da dein Bruder, wie du mir ſagſt, eigentlich für Mary beſtimmt war, ſagte Ebba, und ſolche Verſprechungen immer heilig gehalten werden, wundert es mich, wie eine ſo eigenthümliche Löſung ſtattfinden konnte. Ich weiß es nicht, erwiederte Louiſa, doch Otho iſt ſtolz, und um alle Schätze der Welt würde er Mary nicht nehmen. Du kannſt es glauben, fuhr ſie fort, er hat es mir ſelbſt geſagt, als ich ihn fragte, was daraus werden würde. Nichts, antwortete er. Sam Halſet iſt ein alter Gauner, Mary aber mag mich nicht, und wie könnte ich daran denken, um ein Mädchen zu werben, die kein Herz für mich hat? Möchteſt du jemals einen Mann nehmen, nur weil er reich oder vornehm wäre? Und darauf ſagteſt du gewiß, daß du dies niemals thun würdeſt, fiel Ebba ein. Ich ſagte, daß ich es wie meine Mutter machen würde, die nach ihrem Herzen gewählt hat, und mein Vater war kein Freiherr, ein finniſcher Mann, ohne Reichthum und Namen. Hat denn dies ſtolze freiheitliebende Herz keine Wahl getroffen? fragte Ebba, indem ſie das ſchöne Kind umarmte. Louiſa machte eine abwehrende Bewegung und ſah ſo ſchelmiſch dabei aus, daß Ebba lachte. Einige Vorbereitungen dazu ſind doch wohl ſchon getroffen, forſchte ſie. Es gibt einen jungen Herrn, den du gern ſiehſt, und ich kenne Einen, der nirgend lieber iſt, als bei dir. Eine dunkle Röthe überflog das liebliche Geſicht des kleinen Fräu⸗ leins. Was du nicht Alles weißt, rief ſie, indem ſie ſich an Ebba's Hals warf, aber ich weiß auch Etwas, das ich verrathen könnte. Alle Leute in Halljala erzählen ſich davon, und meinen, lange werde es nicht mehr dauern. Was meinen Sie? Daß in Schloß Halljala die Hochzeitskerzen bald brennen werden, und eine Braut unter der Krone geht, flüſterte Louiſa zärtlich zu ihr auf. — 174— Ebba neigte ſich zu ihr nieder, ihre Küſſe ſchloſſen ihr den Mund. Plötzlich wurden Hufſchläge unten laut, und Stimmen ließen ſich hören. Ebba glaubte das rauhe Halloh des Majors zu vernehmen. Da kommt er! rief ſie. Erich iſt es nicht, erwiederte Louiſa. Nein, aber der, den du erwarteſt. Sie eilten an das Fenſter. Ein Reiter hielt unten, doch nicht der alte, grauhaarige Invalide, nicht ſein blonder Sohn, ſondern Ser⸗ binoff, dem der Wind durch die ſchwarzen glänzenden Locken fegte, als er grüßend ſeine Kappe ſchwenkte und ſeine feurigen Augen hinauf blickten. Hinter ihm kamen ſeine Jagdgenoſſen, die im Triumpf einen Hirſch ſchleppten, der ihre Beute geworden war. Ihr frohes Geläch⸗ ter und ihr Geſchrei miſchte ſich mit dem Bellen der Hunde und dem Jubel der Hausleute, welche den glücklichen Jägern helfend entgegen⸗ ſprangen. Louiſa riß ſich los und flog die Stufen hinab, ſinnend folgte ihr Ebba nach. Achtes Kapitel. Der Garten des Propſtes Ridderſtern zog an dem Hügel hinauf, auf welchem die Kirche ſtand, und von dort aus ließ ſich der See nach allen Seiten hin überblicken. Eine Geisblattlaube bildete ein ſchönes geſchütztes Plätzchen und in dieſer ſaß Herr Ridderſtern, ſeine Pfeife rauchend und in einem Briefe leſend, als er Schritte in der Nähe hörte. Er warf einen Blick durch das Geblätter und entdeckte den fremden ruſſiſchen Herrn, aber er ließ ſich dadurch nicht ſtören. Seine buſchigen Augenbrauen dichter zuſammenziehend, vertiefte er ſich anſcheinend noch mehr in ſeiner Beſchäftigung und hörte erſt auf, als Serbinoff vor ihm ſtand. Mund. en ſch nehmen. h nicht n Ser⸗ 1 fegte, hinauf pf einen Geläch⸗ nd dem ngegen⸗ ſonnend binauf⸗ der See ldete ein en, ſeine te in der ſ entdeckte t ſtören. e auf⸗ dl 175 Wenn Sie mir verzeihen wollen, daß ich Sie unterbreche, ſagte der Graf mit ſeiner geſchmeidigen Höflichkeit nach der erſten Begrü⸗ ßung, ſo nehme ich bei Ihnen Platz. Ich muß bekennen, antwortete Herr Ridderſtern, indem er nach ſeiner Gewohnheit ſeine Stirn in Falten zog und ſehr würdig aus⸗ ſah, daß ich Sie ſchon ſeit einiger Zeit erwartet habe. Vergeben Sie mir dieſe Verzögerung, fiel der Graf ein. Ich ſehnte mich täglich danach, Sie wiederzuſehen, denn nichts kann mir angenehmer ſein als Ihre Belehrungen; allein ich wünſchte dies Glück allein zu genießen und mußte daher abwarten, bis ſich die Gelegen⸗ heit günſtig zeigte. Der Propſt lächelte beifällig. Heut alſo fand ſich dieſe günſtige mir ſo ſchmeichelhafte Gelegenheit, ſagte er. Ja. Die beiden jungen Damen ſind in der Obhut des Freiherrn, Herr Otho Waimon aber hat mit meinen Freunden den Major Munk aufgeſucht. Ich habe mich davon los gemacht und denke dies zu benutzen. Zunächſt, Herr Propſt, berufe ich mich auf die Empfeh⸗ lung Ihres Freundes Halſet. Kann ich Ihnen Briefe übergeben, welche ſicher in ſeine Hände gelangen? So ſicher, als wenn Sie ſelbſt der Ueberbringer wären. Serbinoff zog ein Päckchen aus der Taſche und übergab es dem Geiſtlichen. Ich vertraue es Ihrer Güte an, ſagte er, und verſichere dagegen, daß ich dieſe niemals vergeſſen werde. Haben Sie Nachrich⸗ ten aus Abo erhalten? Ich leſe ſo eben einen Brief meines lieben guten Halſet, antwor⸗ tete der Propſt. Er ſchreibt mir, daß er bald uns in Halljala beſu⸗ chen will. Auch eine Neuigkeit ſteht darin, welche von Stockholm herübergekommen iſt. Der König ſoll in einen erbitterten Briefwechſel mit ſeinem Schwager, dem Kaiſer Alexander, gerathen ſein und deſſen Anerbieten, ihn mit dem großen Napoleon auszuſöhnen, in heftiger Weiſe abgelehnt haben. Er ſoll ſogar Willens ſein, es mit Ihrem edlen Kaiſer eben ſo zu machen, wie mit dem Könige von Preußen, als dieſer ſich mit Napoleon verſöhnte. Damals ſchickte er den ſchwarzen Adlerorden nach Berlin zurück, jetzt ſoll der Annenorden nach Petershurg geſandt werden. — 176— Dergleichen läßt ſich wohl vorausſehen, erwiederte Serbinoff lä⸗ chelnd. Ich bedaure dieſe Hartnäckigkeit, die zu ſeinem und Schwe⸗ dens Unglück ausſchlagen muß. Wie denkt die Geiſtlichkeit in Finn⸗ land darüber? Sie denkt, ſagte der Propſt, ſeine Hände faltend, wen der Herr züchtigen will, den ſchlägt er mit Blindheit. Sehr wahr, ehrwürdiger Herr! Die vornehmſten Stützen jedes Thrones ſind Geiſtlichkeit, Adel und Heer, und nur ein Blinder wird dieſe Stützen ſchwächen und unſicher machen. Ganz anders denkt und verfährt unſer erhabener Kaiſer. Sehen Sie hinüber nach Wi⸗ borg in das ruſſiſche Finnland. Die Einkünfte der Geiſtlichkeit ſind dort vermehrt, ihr Anſehn iſt befeſtigt worden. Alle Privilegien ſind verbürgt. Es gibt wenige Geiſtliche, welche nicht mit Orden und Gnaden bedacht wären. Der Kaiſer iſt ein großmüthiger, weiſer und von Gott geſegneter Monarch, ſagte der Propſt in ſeiner ſalbungsvollen Art. Er weiß ſeine Freunde und Diener zu ſchätzen und zu belohnen, erwiederte Serbinoff, und unter den gegenwärtigen Umſtänden, wo es leicht ſich begeben könnte, daß außerordentliche Ereigniſſe einträten, würde es Niemand bedauern, der dieſer Großmuth und Weisheit vertraute. Der Propſt nickte ihm beifällig zu. Ich habe von meinem lieben Freunde Halſet ſchon vernommen, ſagte er dann, daß Sie Finnland kennen zu lernen wünſchen, um ſich von allen unſeren Verhältniſſen zu unterrichten. Was ich dazu beitragen kann, um Ihr Vorhaben zu unterſtützen, ſoll mit Freuden geſchehen, Herr Graf. Wahrſcheinlich aber werden meine Urtheile vielſach von denen abweichen, welche Sie bis jetzt hörten; denn im Schloſſe zu Halljala, oder in Louiſa, ſind Anſichten und Grundſätze heimiſch, wie ſie nicht von mir getheilt werden können. Serbinoff drückte ihm verbindlich die Hand. Ich bin nicht hierher gekommen, Herr Ridderſtern, war ſeine Antwort, um verdorbene Naturphiloſophen oder wilde Aufſchößlinge und deren Schwärmereien und Prahlereien zu hören. Weit lieber ſind mir verſtändige klar⸗ blickende Männer von Welterfahrung, welche ohne alle Phantaſie die Dinge betrachten, wie dieſe ſind. noff la⸗ Schwe⸗ in Finn⸗ der Herr een jedes der wird rs denkt ach Wi⸗ keit ſind gien find den und geſegneter belohnen, en, wo es en, würde vertraute. em lieben Finnland wältniſſen rhaben zu rſcheinlich elche Si tiſa, find r hethelt zt hierhe vetdotbene vä rmarele dige llar antaſie di 177 Wir ſind ganz eines Sinnes, verſetzte der Geiſtliche erfreut, und ich ſehe, daß ich nicht nöthig habe, Sie vor Ihrer Umgebung zu warnen. Um ſo mehr werden Sie mich verbinden, wenn Sie mir Ihre Anſichten über das, was wahr und falſch iſt, offen mittheilen, ſagte Graf Alexei. Was Finnland im Allgemeinen betrifft, ſo iſt das Volk, wie ich ſchon von Ihnen hörte, zum Ungehorſam geneigt und moraliſch verwildert. Allerdings iſt dies hier der Fall, wo es dazu aufgehetzt wird, war die Antwort, tiefer hinein in die großen Einſamkeiten des Nor⸗ dens iſt es folgſamer und demüthiger, auch der Kirche anhänglicher. Die Eroberung Finnlands iſt eigentlich niemals ganz vollendet wor⸗ den. Man hätte die Sprache ausrotten, die alten Sitten und Ge⸗ bräuche zerſtören müſſen. Die ſchwediſche Bevölkerung blieb jedoch an den Küſten und in dem nördlichen Theile des Landes ſtecken, das Innere ließ ſie wie es war. Der Adel gründete Ritterſitze, aber ſeine Bauern und Pächter verharrten in ihrer finniſchen Starrſinnig⸗ keit und Wildheit. Dazu kamen die vielen Kriege und endlich das ſogenannte Licht der Aufklärung. Alle Leibeigenſchaft wurde aufgeho⸗ ben, ſchwediſches Recht eingeführt, zwiſchen Finnen und Schweden ſollte kein Unterſchied mehr ſein, und obwohl die Schweden ſich bis auf dieſe Stunde ihres Blutes rühmen und die finniſche Abkunft ein Makel iſt, den keine ſchwediſche Familie gern duldet, kam es doch da⸗ hin, daß manche Finnen ſich aus dem Bauer⸗ oder Krämerſtande höher aufſchwangen, ihre Söhne ſogar in Aemter und Würden brachten, oder wohl gar, wie es in Halljala geſchehen iſt, mit den Töchtern des Adels ſich verheiratheten. Das iſt aber doch gewiß ein ziemlich ſeltener Fall, fiel Ser⸗ binoff ein. Allerdings ein ſeltener Fall, über welchem auch jetzt noch ein ge wiſſes Dunkel ſchwebt, lächelte Herr Ridderſtern. Denn der Obriſt Waimon erſchien plötzlich hier mit der Dame, die ſeine Gattin geworden war. Wie meinen Sie das? Woher kam er mit ihr? fragte Alexei D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge 12 178— Ich habe, was ich davon weiß, viel ſpäter gehört, fuhr der Propſt fort, denn ich habe den Oberſten nicht mehr gekannt; von Halſet weiß ich jedoch, daß die Heirath in Stockholm erfolgte, und ſeinen Aeußerungen nach wurde die Familie dadurch überraſcht. Man hat mir erzählt, daß der Freiherr Randal, der Vater des jetzigen, aufs innigſte dieſen Schwager geliebt habe, wandte Ser⸗ binoff ein. Das mag wohl ſein, verſetzte der Propſt, denn ſie paßten zuſam⸗ men, und die Frau des Oberſten bildete die beſte Vermittlung. Sie haßten Alle die Regierung und den König, verließen niemals ihre Beſitzungen, nahmen aber ſo lebhaften Antheil an dem Aufſtande von 1788, daß ein Prozeß gegen ſie eingeleitet wurde, der ihnen Güter und Leben gekoſtet hätte, wenn er nicht niedergeſchlagen worden wäre. Ich glaube, daß ſie dadurch nicht gebeſſert wurden, lachte der Graf. Gewiß nicht. Ein großer Theil des finnländiſchen Adels hat ſeine Abkunft in ſo weit vergeſſen, daß er ſich gern Finnen nennt und eine beſondere Nationalität beanſprucht. Manche lernen die finniſche Sprache, und in ſolchen Köpfen iſt der Gedanke aufgewacht, Finnland ſei keine Provinz des ſchwediſchen Reichs, welche man beliebig regieren und verwalten könne, ſondern wenn nicht größer ſo doch reicher als Schweden ſelbſt, dabei von einem ganz von jenem verſchiedenen Volke bewohnt, das wohlberechtigt ſei, ein eigenes Reich oder doch ein Nebenreich zu bilden. Ich habe davon gehört, ſagte Serbinoff. In Halljala⸗Schloß ſind dieſe Anſichten von den Eltern den Kin⸗ dern überliefert worden, ſie ſind damit aufgewachſen und haben ſie zu verbreiten geſucht. Tavaſtland iſt der reichſte Theil Finnlands, die Bauern ſind aber trotz deſſen meiſt arm und verkommen, nur in Hall⸗ jala ſind ſie wohlhabend und übermüthig geworden. Als der Oberſt Waimon ſich in Louiſa niedergelaſſen hatte, fingen die Umtriebe an, um aus dem abergläubiſchen Landvolke freie denkende Menſchen zu bilden, wie ſie es nannten. Nicht allein Laſten wurden den Bauern abgenommen, ſondern auch Grund und Boden billig verkauft und verſchenklt. Man ließ Leute aus der Fremde kommen, welche den r Proyſt on Halſet d ſeinen gater des dte Ser⸗ zuſam ng. Sie nals ihre tande von ten Güter den wäre. lachte dei hat ſeine nennt und e flnniſche Finnland — regieren reicher als nen Volie doch ein den Kin ben ſie lands, die tin bal⸗ der Oberſt ntriebe an, enſchen z en Bauetn kauft und welche den — 1— Ackerbau beſſer verſtanden, neue Geräthſchaften zur Beſtellung mit⸗ brachten, neue Arten zu ſäen und zu ernten. Die Erdtoffel wurde aus Deutſchland eingeführt, Bauernſchulen wurden angelegt, Unter⸗ ſtützungen erhielten Alle, die ſich darum bemühten, und große Geld⸗ ſummen wurden verſchwendet, um allerlei Verbeſſerungen in Gang zu bringen, Mühlen zu bauen, Wege in die Wälder zu bahnen. Und die Bauern fanden, daß es ihr Vortheil ſei. Der finniſche Bauer iſt ſo eigenſinnig wie ein Stier, bei alledem aber hat er Verſtand genug, um zu begreifen, was ſein Vortheil iſt. Hier war es obenein kein ſchwediſcher Freiherr, ſondern ein Mann ſeines Stammes, der ihm zeigte, wie es gemeint ſei. Der Freiherr ſelbſt, der ſolchen Schwager beſaß, ſtieg damit in ihrem Vertrauen, und ſeine Schweſter, des Oberſten Frau, wurde faſt abgöttiſch von ihnen verehrt; denn ſie ging in die Hütten, beſchenkte die Kinder, be⸗ lehrte die Weiber und ſang finniſche Lieder auf der Zither, was jeden Finnen glücklich macht. Ich habe es ſelbſt geſehen, wie ſie in dieſer Art ihr Weſen trieb und dabei von ihren Kindern ſowohl, wie von einem Landſtreicher unterſtützt wurde, der in dem ganzen Tavaſtlande bekannt iſt. Sie meinen den alten Schulmeiſter? Denſelben. Vertrauen Sie ihm niemals, fordern Sie ihn zu keinem Dienſte auf und ſuchen Sie ihn eben ſo wenig durch Beloh nungen zu gewinnen. Es iſt ein läſterlicher Schelm, immer bereit Unfug anzurichten und Poſſen zu treiben, hinter denen ſich ſeine Bos heit verbirgt. Kaum hatte der Propſt dies geſagt, als eine helle Stimme ſich hören ließ, die eines jener Volks⸗ und Bauernlieder ſang, an denen Finnland ſo reich iſt. Ueber der Laube, auf der Höhe des Hügels, lief dicht an dem Gartengehege ein Fußſteig, auf welchem der Sänger daherkam, welcher endlich durch das Geblätter erblickt werden konnte und kein Anderer war, als Lars Normark ſelbſt. Er trug ſeinen Ranzen auf der Schulter und hielt ſeinen Knotenſtock in der Hand Rund und roth ſchaute ſein ſchlaues Geſicht unter dem groben niedri gen Hut aus dem weißen Kittel hervor und blickte in den Garten hinab. * 180 Spricht man vom Böſen, ſo iſt er nicht weit, murmelte Herr Ridderſtern. Länger als ein halbes Jahrhundert zieht der Kerl ſchon umher, ohne ſein Ende zu finden. Lars war ſtehen geblieben, als habe er dieſe anzügliche Bemerkung gehört. Ohne ſeinen Geſang zu unterbrechen, muſterte er die Laube und wiegte ſeinen dicken Kopf. Plötzlich aber wechſelte er die Sprache und ſtatt der finniſchen Worte brauchte er ſchwediſche, in welche er ſein Lied überſetzt hatte. Serbi⸗ noff ſowohl, wie der Propſt verſtanden genau, was er ſang: Ich war noch jung, ich war noch klein, Da fiel der Ruſſe ins Land. Er nahm die Kuh, er nahm das Schwein, Nahm Alles, was er fand. Meinen Vater hat er geſchlagen todt, Meine Mutter hat er verbrannt. Die Bäche fließen ſo blutig roth, Roth iſt der finniſche Sand. Lauf in den Wald zu dem wilden Thier, Du armer Knabe, flieh. Bär und Wolf haben Mitleid mit dir, Ein Ruſſe hat es nie. Die Meſſer nehmt und wehrt ihn ab, Das Heulen laßt jetzt ſein. Der Sumpf hat Raum für manches Grab, Werft Ruſſ' und Verräther hinein. Länger wollte Herr Ridderſtern nicht zuhören. Er ſtand auf, trat aus der Laube und ſah mit ſtrenger Miene zu dem Schulmeiſter hinauf, der ſeinen Hut vom Schädel riß und vergnügt den geiſtlichen Hirten angrinste. Gott behüt's, hochwürdiger Herr! ſchrie er, es geht nichts über einen feinen Octobertag und ein fröhlich Geſicht. Gott behüt's! und während er ſprach, kroch der Hahn aus dem Querſack, ſetzte ſich auf den Gartenzaun und fing ein helles Ge⸗ krähe an. te Hetr erl ſchon ben, als ſang zu en Kopf. Worte Serbi und auf, ulmeiſter eſtlichen eer, 66 Ggeſcht zus dem les Ge⸗ 181 Richtig, Hans, gibſt dein Wort auch dazu, fuhr Lars lachend fort. Das Wetter iſt fein und die Geſichter ſind froh; denn die Ernte iſt geſegnet eingebracht im ganzen Tavaſtland und der Preis iſt heuer gut, darum wird's weiße Kuchen und fette Braten vollauf geben. Haſt du nichts Beſſeres zu thun, rief der Propſt hinauf, als hier zu ſtehen und mir die Ohren vollzuſchreien. Wirklich, Herr, ſagte Lars, ich weiß nichts Beſſeres, als das edle Lied vom Jahre 1714 zu ſingen. Es iſt allerlei Gerede im Lande. Die Hexen fliegen durch die Luft, man hört's rauſchen an allen Orten und vom Berge Tyrian Wuori iſt der alte Gott Turri aus gezogen und trompetet und paukt alle Nächte, daß den Leuten die Haare aufrecht ſtehen. Aber es iſt gut ſchwediſch Blut in mir und in dem Hans. Gott ſei Dank! echt ſchwediſches Blut! Geh deiner Wege und ſtöre mich nicht länger, ſagte Herr Ridderſtern. Und nächſter Tags wird's ein Feſt in Halljala geben, fuhr der Schulmeiſter fort. Es gibt Bärenfleiſch in dem Keſſel, Propſt, die fette Zeit iſt da. Und indem er ſeinen Hahn auf die Hand hüpfen ließ, ſang er dazu: Kommt und ſchmaust vom Waldesapfel, Otho ladet euch zum Feſte. Sieh', Telervo Tapio's Tochter Bringt die honigſüßen Händchen. Mielikki ſtreicht den Mund ihm, Jumala gönnt euch das Beſte. Damit zog der Schulmeiſter weiter und wartete nicht ab, was dem grimmigen Stirnrunzeln des Propſtes folgen möchte, der ihm eine Zeitlang nachblickte und dann zu ſeinem Gaſte zurückkehrte.— Was ſang das alte Geſchöpf von Otho und Tapio's Tochter mit honig⸗ ſüßen Händchen? fragte Serbinoff. Er beſtätigt, was ich Ihnen mittheilte, erwiederte der Geiſttliche, daß das Heidenthum in Finnland niemals ganz überwunden wurde; denn bei Allem, was die Finnen thun, rufen ſie auch jetzt noch ihre — 132— alten Götter an, und ſie haben zahlloſe Geſänge zu ihren verſchiede⸗ nen Feſtlichkeiten, zu Ernten, Hochzeiten und Kindtaufen, die ganz heidniſch lauten. So haben ſie auch noch ein heidniſches Bärenfeſt, das jeden Herbſt gefeiert wird. Irgendwo im Walde iſt eine Bären⸗ höhle entdeckt, und ſie ziehen hinaus, fangen und tödten den Bären unter den ſeltſamſten, unſinnigſten Gebräuchen und Geſängen. Hiſi, der finniſche Teufel und Schirmherr aller wilden Beſtien, wird darin angerufen. Mielikki und Tapio ſind Waldgötter; Jumala, der Welten⸗ ſchöpfer, ſpielt auch ſeine Rolle. Die Götter ſind überhaupt zahllos, Ausgeburten des rohſten Aberglaubens, der die meiſten Finnen noch immer beherrſcht. Sie werden ſehen, wie es zugeht; denn Ihre Freunde werden dabei nicht fehlen. Aber was hat Otho damit zu thun? fragte der Graf. Wiſſen Sie noch nicht, erwiederte Herr Ridderſtern, daß das fin⸗ niſche Volk dem Bären dieſen Namen gibt? Otho heißt eigentlich Breitſtirn und iſt ein beſonderer Ehrenname für Menſchen, welche an Gewalt und Rohheit dem Bären gleichkommen. Es iſt gut, daß Herr Otho Waimon dieſe Erklärung nicht hört, ſagte Serbinoff lächelnd. Möchte er ſie hören, ich würde nichts davon zurücknehmen. Wie ich Sie vor dieſem Landſtreicher gewarnt habe, ſo warne ich Sie vor ſeinen Beſchützern. Sie werden inne werden, daß ich Recht habe, ich kenne ſie Alle. Hörten Sie, was der alte Kerl von den Ruſſen ſang? Es wird eine Zeit kommen, wo er nicht mehr dergleichen ſingen wird, ſagte Alexei. Solche Lieder vernimmt man ſeit einiger Zeit mehr als je. Dabei ſoll der finniſche wilde Jäger, der Gott Turri, der, wenn dem Lande Krieg und Unglück droht, nächtlich durch die Lüfte mit allerlei Kriegs⸗ lärm zieht, ſich wieder hören laſſen. Wenn es auch wahr iſt, daß ein Theil des Adels anders denkt, ſo iſt es doch eben ſo wahr, daß von manchen Seiten der Ruſſenhaß gefliſſentlich angefacht wird, der in dem Volke von alter Zeit her feſtſitzt. Die dies thun, ſind größ⸗ tentheils Schweden; dort aber— er deutete nach dem See hin— ſind es Finnen, die von einem freien Finnland träumen, die finniſche * erſchiede die gan ärenfeſt, Bären⸗ n Bären n. Hiſſ rd darin Welten⸗ zahllos, nen noch nn Ihre das fin eigentlich velche an cht hört, en. Wie Gie bot cht habe, 1 Ruſſen 1 ſingen e. Dabei m Lande i Kriegs⸗ 183 Sprache zur Landesſprache erheben möchten, und aus dieſem ſchmutzi⸗ gen heruntergekommenen Stamm ein Volk bilden wollen. Ein erhabener Gedanke, ſagte Serbinoff, der aber leider wenig Segen bringt. Herr Otho wird verehrt und Herr Erich iſt eine Art Heiliger dabei geworden; wenn aber Halſet zufaſſen wollte, wie er es könnte, würde dem Freiherrn wenig übrig bleiben; denn er treibt es noch ärger als ſein Vater. Herr Halſet kommt, wie Sie mir ſagten, bald? fragte der Graf. Ich denke ja. Er macht außerordentliche Getreideeinkäufe in die⸗ ſem Jahre und ſeinen Schreiben nach hat er Lieferungen für die Regierungsmagazine in Helſingfors übernommen. Eben in dieſer An⸗ gelegenheit verweilt Oberſt Jägerhorn jetzt in Abo und wird mich bei ſeiner Rückreiſe wieder beſuchen; denn ich habe die Ehre, mit dem Oberſten verwandt zu ſein. Herr von Jägerhorn iſt, wie ich vernommen habe, einer der aus gezeichnetſten Offiziere in der finniſchen Armee, ſagte Serbinoff. Ein kluger, einſichtsvoller Mann, erwiederte der Propſt, dabei von großer Welterfahrung und Menſchenkenntniß. Der Oberſt gehört zur Beſatzung von Sweaborg? Er commandirt die Jäger von Nyland. Es würde für Ihre Abſichten gewiß recht gut ſein, wenn Sie Jägerhorn kennen lernten, und gerne würde ich dazu beitragen. Ich danke Ihnen, hochwürdiger Herr, von ganzem Herzen, erwie⸗ derte Serbinoff. Mit Freuden nehme ich Ihren Beiſtand an, den ich hoch zu ſchätzen weiß. Die vertrauliche Unterredung zwiſchen den beiden Herren wurde von jetzt ab längere Zeit leiſer fortgeführt und erſt beendet, als der Propſt den Grafen bis auf die Höhe begleitet hatte.— Wenn Sie mich beſuchen wollen, ſagte Herr Ridderſtern, können wir uns hier oben öfter finden. Aber noch eine Frage. Iſt es wahr, was ſich die Leute umher in ihrer neugierigen Geſchwätzigkeit erzählen, daß Fräulein Ehbg Bungen Halljala nicht wieder verlaſſen wird? — 184— Ich bin der Vertraute dieſer jungen Dame nicht, erwiederte Ser⸗ binoff; allein es könnte wohl ſein, daß die Geſchwätzigkeit Recht behielte. Es iſt finniſche Art ſo, fuhr der Geiſtliche fort. Auch für Sie hat man ſchon geſorgt. Auch für mich? Das iſt erfreulich! Der Propſt lächelte ihm vertraulich zu. Nun, ſagte er, es iſt ſo übel nicht gemeint; die kleine Louiſa iſt ein artiges Kind. Doch nehmen Sie ſich in Acht, mein theurer Herr. Wovor? Vor wem? Vor Nebenbuhler. Sie haben einen ſolchen, der ſehr erzürnt über Ihre Anweſenheit iſt. Wen meinen Sie? fragte Serbinoff ernſthafter als es nöthig ſchien. Sollte es Ihnen entgangen ſein, daß der junge Herr Magnus Munk das nächſte Recht auf Louiſa zu haben glaubt? Ich will es wahrlich dem Jungen nicht ſtreitig machen, rief der Graf lachend, obwohl er zunächſt an die Ruthe denken ſollte. Die Kinder ſind zuſammen aufgewachſen, ſagte Herr Ridderſtern, und man hat immer angenommen, daß ſie einmal ein Paar geben würden. Der Major hat es ſich feſt in den Kopf geſetzt, und gewiß war es auch immer der Wunſch der Familie. Wir haben noch nicht von dieſem alten Soldaten geſprochen. Er iſt von anderem Schnitt als die Fantaſten dort, und doch iſt er ihnen ähnlich genug. Seinen Schwager, den Oberſten Häſtenſkoe, ließ Guſtay der Dritte erſchießen, als einen der Hauptanſtifter des Angelabundes. Heſtenſkoe war auch ſo ein Schwärmer, der mit Waimon und Randal innig befreundet war. Munk focht tapfer für den König, als jedoch der Krieg zu Ende ging, nahm er ſeinen Abſchied und zog auf das kleine Gut Lomnäs. Seit dieſer Zeit hat er in beſtändigem Streit mit den Waimons und Nandals gelebt, hat ihre Grundſätze bekämpft und verſpottet; iſt aber dennoch ihr getreuſter Nachbar und täglicher Geſellſchafter geblieben. Alles, was der König thut, vertheidigt er, wenn er auch darüber flucht und ſchimpft. Schweden geht ihm über Alles und Rußland— rie Ser it Recht für Sie es iſt ſo wnehmen erzürnt 3 nöthig Magnus rief de dderſtern, ar geben nd gewiß och nicht Schnitt Seinen ſchießeln, aar auich reundet Krieg z ine Gut mit den pft und lägliche ldigt er hm über N— 185— Wünſcht er zur Hölle, ſiel Serbinoff lachend ein. Ich weiß auch dies zu ſchätzen, würdiger Herr, und mich danach zu richten. Man muß jedem Narren ſeine Kappe laſſen, ſo auch dieſem vortrefflichen Major, dem ich niemals zumuthen werde, anders zu ſein, wie er iſt. Er verabſchiedete ſich, und zwiſchen den Espenbüſchen, welche den Fußſteig einfaßten, gelangte er bald an das Seeufer in die Nähe des Schloſſes. Der Abend goß ſein letztes Licht über das Thal von Halljala und deckte roſigen Frieden über alle die kleinen längs den Berglehnen zerſtreuten Hütten. Ueber dem See ſtand der Mond in reiner Himmelsbläue, aus welcher ein mattes Gefunkel die erſten leiſe zitternden Sterne ankündigte. Der See lag in tiefer Ruhe ausge ſtreckt wie ein ſchlafender Rieſe unter ſeinem erzenen Schild. Lichte Säume hingen an den nackten Berghäuptern von Lugano, und an den Spitzen der hohen Bäume auf der Inſel in der Bucht bildete das Geblätter goldig rothe Kränze. Serbinoff blieb einen Augenblick ſtehen und betrachtete Thal und See. Man hätte glauben können, daß er nicht unempfindlich gegen dieſe Reize ſei; doch ſeine Gedanken beſchäftigten ſich mit ganz an deren Dingen. Der Propſt iſt ein kluger Mann, murmelte er endlich vor ſich hin, der ſeinen Vortheil erkennt; mit dieſen Herren Republi kanern aber muß man eine andere Sprache ſprechen, wie ſie ihren Thorheiten angemeſſen iſt. Speck gibt es für alle Mäuſe. Hat doch die Kaiſerin Eliſabeth ihn ſchon zu bereiten verſtanden, und hat es doch ſchon damals Dummköpfe gegeben, die ſich daran fingenz warum alſo nicht jetzt, wo die Franzoſen ihre Feuerbrände ausgeſtreut haben. Ich werde ein Republikaner ſein, den Keiner übertrifft, fuhr er lachend fort; fehlt es mir etwa an republikaniſchen Tugenden? Bin ich nicht der Freund und Gefährte eines finniſchen Pferdehändlers, eines philoſophiſchen bäueriſchen Dorfjunkers und der Günſtling einer Dorfſchönheit, die meinetwegen einen Schuljungen und einen Schiffs fähnrich zurückſetzt? Er beluſtigte ſich mit dieſen Vorſtellungen, bis er in den Garten des Schloſſes gelangte und von der Inſel herüber die Töne einer Querpfeife, begleitet von dem Geſange einer weiblichen Stimme, herüberſchallten. — 186— Eine Zeit lang hörte Serbinoff dieſer Muſik zu. Die Ruhe war ſo groß und die Luft ſo rein, daß ihm nichts davon entging. Das Mondlicht fiel heller glänzend auf den See, und es war ihm, als ſtiegen die Nixen aus ihren Korallengrotten und flüſterten ihre Zau⸗ berlieder in ſein Ohr.— Endlich als der Geſang verhallte, trat er in einen der ſchmalen Kähne, und wohlvertraut mit dem Gebrauch der Ruder glitt das kleine Fahrzeug ſchnell durch die Fluth. Kein falſcher Schlag und kein Geplätſcher verriethen ihn, bald befand er ſich im Schatten der hohen Bäume der Inſel, und unbemerkt landete er an der Stelle, wo die Steintreppe hinauf führte. Nach einigen Minuten ſchlich er durch die Büſche bis in die Nähe des Maierhäus⸗ chens, deſſen Thüren weit geöffnet waren, und auf deſſen Herde ein helles Feuer brannte. Vor dieſem ſaß der Hahn, ſeinen Hals in die Federn zurückgezogen, und ſchaute philoſophiſch ernſthaft in die Flamme, ein weiſer Denker, der ſich nicht an das luſtige Gelächter des Leicht⸗ ſinns kehrte, der draußen im Mondſchein ſeine ſchwermüthigen Be⸗ trachtungen verſpottete. Denn auf der Schwelle, wo dies feine Him⸗ melslicht durch die Zweige und Dolden der Ebereſchenbäume rieſelte, und ſich mit dem Feuerſchein des Herdes vermiſchte, ſtand Louiſa, den philoſophiſchen Hahn anſchauend, dem ſie allerlei Spöttereien zurief, welche er nicht im Geringſten beachtete. Dann trat ſie heraus, blickte über den Raſengrund fort, und zu den Sternen hinauf. Der Mond beleuchtete ihr Geſicht, und glänzte an ihrem reichen Haar, das bis auf den Rücken niederrollte. Ueber ihre Schulter hing an einer breiten Silberborte die Kandele, und ihre Finger berührten die Saiten, daß ſie leiſe klangen. So ſchön war ihr Lächeln, ſo lieblich zart und ſchön ihr Geſicht und ihre Geſtalt, daß Serbinoff es nicht wagte, hin⸗ ter dem Baume, der ihn verbarg, ſeine Hand hervorzuſtrecken, um ſie feſtzuhalten.— Wirklich, ſagte er in ſich hinein, ſie haben ſo unrecht nicht, dies reizende Kind mit einem Sylph zu vergleichen. Die erſte Liebe in ſein Herz zu bringen, iſt entzückend zu denken. Louiſa ging bei ihm vorüber, doch plötzlich wandte ſie ſich um; ihr ſcharfes Ohr hatte ein Geräuſch gehört. Wer iſt da? rief ſie. Wer kann es ſein? Ein Unwillkommener! antwortete Serbinoff, indem er hervortrat. uhe war g. Das hm, als zpre Zau⸗ trat et Gebrauch Kein efand er landete einigen nierhäus⸗ derde ein s in die Flamme, 3Leicht gen Be ne Him e rieſelte, niſa, den en zurief heraus, uf. Der zaar, das an einer Satten, aart und gte, hin 1 um ſie ſ untech Die erſt ſic um; rief ſie zerbinoff — 187— Sie— Siel rief Louiſa mit ſtrahlendem Geſicht ihm ihre Hände entgegenſtreckend. Ich dachte es, doch wie grauſam Sie ſind. Wiſſen Sie nicht, wie lieb wir Sie alle haben? Alle, Louiſa? fragte er, ihre Hände nehmend und küſſend. Gibt es keine Ausnahme? Ich weiß keine, antwortete ſie treuherzig. Mein Bruder Otho ſprach heut noch ſo viel zu Ihrem Lobe und ich— Nun Sie, meine theure Louiſa? O, ich— ich ſtimmte ihm bei, lachte ſie fröhlich. Da Sie es wiſſen wollen, Herr Alexei, ſo hören⸗Sie es noch einmal. Ja, ich ſtimmte ihm bei. Das iſt das Schönſte, das ich hören kann, antwortete der Graf, nur zweifle ich. Woran zweifeln Sie? ſiel ſie ein als er ſchwieg. Ich zweifle, ab ich immer ſo beglückt ſein werde. An ſeinen Freunden ſoll Niemand zweifeln, rief ſie ihm zu, ſondern wie es in unſeren alten finniſchen Liedern heißt: Ilmareinen ver⸗ trauen— das iſt der Gott der Luſt, des Glücks und der Hoffnung, Herr Alexei. Ilmareinen muß man anrufen, der die Herzen lenkt und keine Falſchheit duldet; jeden Abend aber muß man den Mahiſets Geſchenke geben, dann flüſtern ſie Nachts denen, die Böſes an uns thun wollen, gute Gedanken ein. Eine vortreffliche Einrichtung, um ſeine Feinde in Freunde zu verwandeln, lachte Serbinoff. Aber wer ſind dieſe lieblichen Weſen, welche ihren Schützlingen ſo koſtbare Dienſte leiſten? Stille, ſtille! flüſterte Louiſa ihm geheimnißvoll zuwinkend. Die Ma⸗ hiſets ſind überall; es ſind die kleinen Unterirdiſchen. Im Walde tanzen ſie ihre Ringeltänze, im Mondſchein baden ſie im Wieſentau und durch die Häuſer trippeln ſie bei Nacht, holen Milch und Brod und Früchte, die man für ſie hinſtellt, und bringen Glück dafür hinein. Wen ſie lieben, dem erfüllen ſie alle Wünſche, und wer ſich Abends nach allen Winkeln neigt und mit dem Spruch, den ſie gern hören, ihnen ſeine Bitten zuflüſtert, dem dienen ſie dafür. In Freude und Glück gehen ſeine Tage hin, alles gedeiht unter ſeiner Hand, und Niemand kann ihm Leid zufügen. Und dieſe guten Mahiſets ſind die Freunde meiner ſchönen Freun⸗ din, ſomit kann ich mich auch auf ſie verlaſſen, ſcherzte Serbinoff weiter. O, gewiß! rief Louiſa. Wer in ihrem Schutze iſt, an dem haben die böſen Capeetas keinen Theil mehr. Vor denen alſo muß man ſich hüten? fragte er. Gar ſehr! Wenn Hiſi, der Gott der Finſterniß und des Schreckens, durch die eiſigen Wälder und Nebel ſeiner gräulichen Wohnung ſchreitet, entſtehen die Capeetas aus dem Dampfe ſeines Athems. Wie Schneeflocken wirbeln ſie durch die Lüfte, bis an den Mond auf, doch kein Auge kann ſie ſehenn In die Bruſt der Menſchen dringen ſie und winden ſich um ihre Herzen. Daraus entſtehen die böſen Vor⸗ ſätze, die Lügen und alle Uebel;z wen aber die guten Mahiſets be⸗ ſchirmen, dem dürfen ſie nicht nahen. Und meine kleine Freundin Louiſa iſt immer von dieſen guten Mahiſets umringtv; ſie erfüllen alle ihre Bitten. Louiſa blickte mit einem entzückten Lächeln zu ihm auf. Wirklich, flüſterte ſie, heut erſt habe ich ſie angerufen, und ſie haben ſich gnä⸗ dig gezeigt. Welche Gnade war es denn, die ſie ſo freigebig gewährten? Ich will es Ihnen ſagen, Herr Alexei. Als Sie mit meinem Bruder gingen, war es mir nicht lieb. Ich hätte gewünſcht, Sie wären bei Ebba und bei mir geblieben. Und ich rief zu den Mahiſets und ſagte: Geht ihm nach und behütet ihn. Leiſe, ihr lieben Kleinen, ſchleicht euch an ſein Ohr und flüſtert ihm zu, daß er zurückkehren möge, weil wir ihn erwarten. Und als ich es hinter dem Baum rauſchen hörte, da riefen feine Stimmen mir zu: Er iſt da, wir haben deine Wünſche erfüllt? Das haben die guten Mahiſets gethan, Herr Alexei, und ich danke euch ſchön dafür, ich danke euch! Während ſie ſich im Kreiſe voll ſüßer Demuth neigte, überkam den ſtolzen, ungläubigen Mann eine wunderbare Rührung. Er, mit ſeiner rechnenden Schlauheit, ſeinem Spott und ſeiner Verachtung gegen einfältiges Weſen, abgehärtet vor allen Gefühlseindrücken, er ſtand vor dem Kinde, das in ſeiner Unſchuld ihm ſein Herz aufthat, zag⸗ dhaft wie ein Anfänger. Er wußte, daß er nur den Arm auszu⸗ ſtrecken brauchte, und dieſe lieblichen Lippen hätten ſich ſeinen Küſſen en Freun off weiter dem haben Schreckens, Wohnung Athems Rond auf, n dringen zöſen Vor nhiſets be ſen guten Wirklich, ſich gnä rten? tt meinem nſcht, Sie Mahiſets n Kleinen, rückkehren Baum da, wi 66 gethan, hat, zag⸗ in auszu⸗ en Küſſen — 189— nicht geweigert. Das ſüße Geheimniß des Lebens, das Geheimniß der Liebe ſchwebte um ihren lächelnden Mund, es leuchtete aus ihren Blicken, die ſo wonnig ſchalkhaft ihn betrachteten, daß eine Empfindung tugendhaften Mitleids, vielleicht zum erſtenmale in ſeinem Leben, ihn anwandelte. Ahnungslos über die reine Freude ihres Herzens empfand Louiſa ein nie empfundenes Glück in der Nähe dieſes Mannes, ohne zu wiſſen warum, und ohne zu unterſuchen woher es kam. Serbinoff hätte mit einem Schlage die Binde von ihren Augen reißen, die Gluth der Leidenſchaft durch ihre Adern jagen können, allein er ſcheute da⸗ vor zurück in der Anwandlung ſeines Gewiſſens, eben ſo ſchnell jedoch ſagte ihm auch ſeine Klugheit, daß es thöricht, ſelbſt gefährlich ſein würde, ein Liebesabenteuer mit einem kaum zur Jungfrau herange⸗ reiften Mädchen zu beginnen, deren Freunde und Verwandten die Ent⸗ deckung gewiß nicht ſpaßhaft finden würden. Wäre Louiſa älter und klüger geweſen, hätte er ſich weniger beſonnen, aber er bedachte viel zu gut, daß Unterricht dazu gehört, um eine ſchuldloſe Seele zur Verſtellung und Lüge abzurichten. Er brach daher die Art der bisherigen Unterhaltung ab, und er⸗ zählte ihr, daß er ſich von ſeinen Begleitern getrennt habe und zurück⸗ gekehrt ſei, weil er ſich ermüdet fühlte. Es waren vielleicht die guten Mahiſets in meinen Beinen, fügte er lachend hinzu, vielleicht aber auch zu enge Schuhe. Nachdem ich von dieſen mich befreit, bin ich nun hier friſch und munter eingetroffen, angelockt von dem Geſange, der mir den Weg zu dieſer glücklichen Inſel zeigte. Lars Normark iſt gekommen, antwortete Louiſa, und Ebba ver⸗ langte von ihm, daß er das alte ſchwediſche Lied blaſen mußte, das ihre Mutter ſo oft geſungen hat. Und wo iſt Fräulein Ebba? Mit Lars iſt ſie nach der Spitze der Inſel gegangen. Da iſt es ſchön. Es liegt ein hoher Stein dort, von ihm ſchaut man weit über den Pajäne hinaus. Wir wollen gehen und ſie aufſuchen, ſchlug Serbinoff vor, und zuſtimmend eilte ſie voraus. Wie ein Elf ſchwebte ſie vor ihm her, neckend und lachend, während der Wind leiſe ihr Haar bewegte, ihre — 190— Gewänder die kleinen Füße umſpielten, welche kaum den Boden zu berühren ſchienen, und die Zither unter ihren Fingern klang. Serbinoff erinnerte ſich eines Märchens, das er einmal geleſen hatte, von einem Königsſohne, der in einem Zauberwalde verirrt, von der Tochter des Magiers gerettet wurde, die ſingend vor ihm herzog, und alle die Ungeheuer einſchläferte, welche zu beiden Seiten auf ihn zufuhren, und ihn zerreißen wollten. Als er aus dem Walde war, fiel er vor ihr nieder, flehte ſie an ihm zu folgen, und ſeine Königin zu ſein. Und ſie that es und floh mit ihm. Alexei lächelte bei ſeinen Gedanken, und ſeine Blicke verfolgten das liebliche Geſchöpf. Er überlegte, was ihm dabei weiter einfiel, und murmelte vor ſich hin: Der Königsſohn heirathete eine Prinzeſſin, wie es ſich ſchickte, und die Tochter des Magiers lief zuletzt in den Zau⸗ berwald zurück, wo ſie von den Ungeheuern zerriſſen wurde. Das war das Ende der Geſchichte, die aber jedenfalls ihre ſchönen und rührenden Seiten hat.. Als er dies ſagte, kehrte Louiſa zu ihm um und zog ihn in den Schatten der Bäume. Die Klippe lag vor ihnen und der weite und unbegrenzte See dehnte ſich in dämmernde Fernen aus, die wie Träume ſich auf ihn legten, und ihn bewegungslos machten. Von dem Steine herab ſtieg Ebba begleitet von einem Mann, der mit ihr Hand in Hand ging, und bald von Serbinoff erkannt wurde. Es iſt Erich, flüſterte Loniſa. Ganz heimlich iſt er gekommen. Wir wollen ihn nicht ſtören, ſagte Serbinoff. Langſam kamen die beiden näher heran, und blieben an der Bie⸗ gung des Weges ſtehen. Ebba blickte nach dem See zurück. Das iſt der ſchönſte Platz, den es gibt! rief ſie laut. Lars hat mir ge⸗ ſagt, daß es der Lieblingsaufenthalt meiner Mutter war, auch der meine iſt es. An dieſer Stelle hatte Ihre Mutter von meinem Vater Abſchied genommen, theure Ebba, antwortete Erich mit ſeiner ſanften, tiefen Stimme. Auch wir wollen dort Abſchied nehmen, wenn wir ſcheiden müſſen, fiel das Fräulein ein. Boden zu g. nal geleſen erirrt, von hm herzog, en auf ihn Balde wan ne Königin verfolgten einftel, und nzeſſin, wie den Zau erde. Das bönen und ihn in den weite und wie Träume dem Steine ör Hand in ekommen. n der Bie 9 Daß rück. 1 hat mir ge 1 auch der 9 bſchied ter Abſch 4„ tieſen uften/ den müſſe — 191— Aber was ſie ihm verſprach hat ſie nicht gehalten, fuhr er fort. Sie iſt nicht wieder zurückgekehrt. Sind wir armen Menſchen denn immer ſo die Herren unſeres Schickſals, daß wir halten können, was wir verſprochen? erwiederte ſie. Drängt ſich zwiſchen unſeren Willen und deſſen Erfüllung nicht oft die Gewalt der Verhältniſſe, der nichts zu widerſtehen vermag? Klagen Sie meine Mutter nicht an, Erich. Sie würde Wort gehalten haben, ein fremder Wille zwang ſie zu vergeſſen und zu gehorchen. Ich klage nicht an, theure Ebba, antwortete er, ich habe Ihnen Alles geſagt, was ich darüber denke. Mein Vater hat ſeine Jugend liebe treu bewahrt; offen habe ich Ihnen geſtanden, was ſein letzter Wunſch war. Möge der Himmel geben, daß die Gewalt der Verhält⸗ niſſe ſich nicht auch zwiſchen uns ſtellt. Das fürchte ich nicht, ſagte ſie, wenigſtens können es nicht Ver hältniſſe ſein, unter denen meine Mutter litt. Ich werde mich nie mals zu einer Verbindung zwingen laſſen, die meinen Neigungen ent gegen iſt. Verkaufen und verhandeln laſſe ich mich nicht, wäre der Preis auch noch ſo hoch und verlockend. Da ich nichts zu bieten habe als mich ſelbſt, entgegnete er mit ſeiner freundlichen Ruhe, ſo bleibt nur übrig zu erforſchen, ob ich im Stande bin, Ihre Neigung zu gewinnen. Ich achte Sie, lieber Erich, ich ſchätze Sie ſehr hoch, der guten und edlen Eigenſchaften wegen, die Sie im⸗ſo reichen Maße beſitzen, fiel ſie warm und lebhaft ein. Haben Sie Dank für dies freundliche Urtheil, erwiederte er. Geben Sie mir Zeit, fuhr ſie fort, um noch mehr hinzuzufügen. Ich werde warten, antwortete er ſanftmüthig lächelnd, und werde Ihr getreuer Freund bleiben, theure Ebba, mag Ihre Entſcheidung auch gegen mich ausfallen. Glänzende Vorzüge werden Sie nie an mir entdecken, allein auch keinen erborgten Schimmer. Dieſe letzten Worte ſchienen das Fräulein zu einer ſchnellen Antwort zu bewegen. Glanben Sie mir, ſagte ſie, daß mein Herz ſehr ruhig bei ſolchen glänzenden Vorzügen bleibt. Ich weiß den äußern Schein gut genug von dem innern Werth zu unterſcheiden und habe lange genug in der großen Welt gelebt, um Anſtrich und Politur darin — 192— kennen zu lernen. Nein, Erich, ich weiſe Alles, was Sie andeuten könnten, von mir zurück. Ich bin nach Finnland gekommen, frei von geheimen Wünſchen oder Hoffnungen; es gab Niemand, der mir dieſe eingeflößt hätte. Und auch hier erwachten dieſe nicht? fragte er leiſer. Hier! Was ſoll ich Ihnen ſagen— das iſt eine grauſame Frage! die ich mit nein beantworten muß. Ein lautes Hahnengeſchrei ſchallte von dem Häuschen her, und mehrere Stimmen ließen ſich hören. Das iſt Otho, ſagte Erich. Ihr Bruder iſt mit ihm zurückgekehrt. Wir wollen ihnen entgegengehen. Serbinoff trat mit Louiſa aus dem Verſteck hervor. Ihre Abſicht, Ebba zu überraſchen, war vereitelt worden. Der Inhalt des Geſprächs, das ſie mit angehört hatten, war von der Art, daß Beide fühlten, es ſei unmöglich geweſen, es zu unterbrechen, oder ſich jetzt als unfrei⸗ willige Zeugen zu ſtellen. Zwar hatte Louiſa nicht Alles verſtanden, allein dennoch genug, um zu wiſſen, warum es ſich handelte; Serbi⸗ noff dagegen wußte um ſo beſſer, daß Ebba's letzte Antworten Bezug auf ihn ſelbſt hatten, und daß ſie in einer Weiſe gegeben wurden, die ihm wenig ſchmeichelhaft war. Ein ſchönes Abenteuer haben wir zuſammen beſtanden, lachte er, indem er Louiſa's Arm in den ſeinen legte. Was thun wir jetzt damit? Wir müſſen thun, als wüßten wir nichts davon, antwortete ſie. Meinen Sie? Und müſſen am Ufer fortgehen, damit man nicht bemerkt, daß wir hier waren Sie haben Recht, meine kleine Freundin, ſagte Serbinoff, der ſich über ihre Antworten freute. Wir müſſen uns geloben, darüber zu ſchweigen und nichts zu verrathen. Können Sie das? Ihre Augen hefteten ſich betheuernd auf ihn. Ich kann ſchweigen, erwiederte ſie, denn es würde Erich und Ebba gewiß unlieb ſein, wenn ſie erführen, daß wir ihre Geheimniſſe anhörten. Liebesgeheimniſſe, flüſterte Serbinoff, ihre Hand an ſich drückend, find die zarteſten und heimlichſten auf Erden. Die Blume der Liebe blüht nur im Verborgenen. n könnten geheimen eingeſlößt me Frage! her, und rückgekehr re Abſich Geſprächs ühlten, es us unftei verſtanden, lte, Senbi rten Bezug en wurden lachte ei, 999 jeßt dami zwortete ſi nerkt daß et ſich off, der darüber F k ſchweigen 1 ſein, unlieb ſei 193 Louiſa! rief Otho mit ſtarker Stimme, und durch die Büſche fliehend antwortete ihr Freudengeſchrei. Serbinoff folgte langſam nach. Nun wir werden ja ſehen, ſagte er, ob dies Elfenkind nicht auch einige der üblichen Tugenden anderer Evastöchter beſitzt. Ein guter Anfang iſt jedenfalls gemacht. Neuntes Kapitel. Am zweiten Tage darauf wurde das Herbſtfeſt oder Bärenfeſt ge⸗ feiert; alle rüſtigen jungen Männer von Halljala verſammelten ſich dazu, frohlockend und jauchzend in übergroßer Freudigkeit, ſobald der Morgen anbrach, denn es galt zunächſt den Feſtbraten aus dem Walde zu holen, den feiſten Bären, der dabei nicht fehlen durfte. Auch Erich Randal war mit ſeinen Gäſten bereit, ſich dem Zuge anzuſchließen. Otho mit Louiſa fehlten nicht. Mitten unter dem Männerhaufen aber ſtand der Schulmeiſter Lars, ſeinen Querſack auf dem Rücken, ſeinen Knotenſtock in der Fauſt und den Hahn auf ſeinem Arm, von wo aus dieſer, ſeine Federn putzend und muthig umherblickend, von Zeit zu Zeit einen hellen Schrei hören ließ. Die meiſten der Anweſenden betrachteten das kluge Thier mit Vergnügen und lachten ihm allerlei neckende Fragen über das Glück des Tages zu, manche aber ſahen ihn auch ſcheu und ernſthaft darauf an, und ihre Mienen drückten genugſam aus, daß ſie wenigſtens irgend einen Kobold oder dergleichen darin vermutheten. Die Verſammlung war übrigens wohl geeignet, die neugierige Aufmerkſamkeit der fremden Gäſte zu erregen. Die Männer trugen faſt ſämmtlich ihre dicht auf dem Haar liegende ſchräge Mütze oder Pitnilka, darüber den breiten niedrigen Hut. Ein kurzer Wollenrock flatterte über ihrer Knopfjacke, und die weiten blauen Hoſen waren an den Halbſtiefeln feſtgebunden, welche nach finniſcher Sitte um die Knöchel geſchnürt wurden. Meiſt waren es kräftige, gelenkige Geſtalten, manche darunter vom ſchönſten D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 13³ — 194— Ebenmaß und einnehmenden Geſichtszügen. Ihre lichten Augen drück⸗ ten Schelmerei, ihre hohen Stirnen Verſtand aus und ihre langen Piken und ſcharfen Beile wurden ſo gewandt von ihnen geſchwungen, daß nicht leicht Einer es beſſer machen konnte. Doch nicht allein Männer befanden ſich in dieſer Schaar, welche ſich auf dem Schloßhof ſammelte, auch Weiber und Mädchen ſtell⸗ ten ſich ein mit allerlei Scherz und Gelächter und guten Wünſchen, welche ihren Helden Muth machen ſollten. Mehr als eine trug auf ihren langen Zöpfen eine ſeidene Mütze mit bunt geſticktem Deckel und um ihren Hals ein ſeidenes Tuch von leuchtender Farbe. Das knappe Mieder von Baumwolle war mit rothen Bändern geſchnürt, und die ſelbſtgeſponnenen dunklen Röcke mit zackigen rothen Kanten gerändert. Es ſah gar nicht übel aus, wie ein paar hübſche Dirnen in dieſer ſchmucken Tracht umherſprangen, ihre weißen Zähne zeigten und mit mehr Gewandtheit, als ſonſt dem Landvolk eigen, ſich ihren Verfolgern zu entwinden wußten. Im Allgemeinen jedoch waren auch hier die Männer bei weitem ſchöner, als das weibliche Geſchlecht. Lars Normark hatte inzwiſchen einen Bekannten getroffen, mit dem er ſich länger einließ, als mit anderen, und welcher auch von den Uebrigen ſich merklich unterſchied. Wie es ſelbſt unter Lappen und Hottentotten junge feine Herren gibt, die ſich durch Geſtalt und Tracht auszeichnen und die Bewunderung aller Schönen zu erwerben wiſſen, ſo auch hier Jem Olikainen, Otho's luſtiger Diener, der Löwe von Halljala, mit welchem Keiner im Kirchſpiel ſich meſſen konnte. Sein jugendliches Geſicht, ſeine ſchlanke Geſtalt und die feurigen tief⸗ blauen Augen verſchafften ihm jedoch nicht allein den Preis, mehr noch die ländliche Koketterie, welche er zur Schau trug. Seine Mütze war von Sammet mit Seidenſchnüren beſetzt, ſein Hut ſaß ſchief darüber und im Bande ſteckte eine Auerhahnfeder; an ſeinem Jäckchen blitzten die Knöpfe wie Silber, und im Gürtel trug er zwei Meſſer mit glänzenden Griffen. Dazu ſchwang er einen doppelſchneidigen Speer, auch hing über ſeiner Schulter eine buntverzierte Ledertaſche, aus welcher der geſchnitzte Griff eines Beils hervorſah. Nun, Vater Lars, rief er den Schulmeiſter an, einen ſchönern Tag zum Bärenfeſte kann es nicht geben. Haſt du den lieben Honig⸗ gen druck⸗ hre langen ſchwungen, nar, welche chen ſtil⸗ Wünſcn, trug auf em Deckel arbe. Das geſchnürt, zen Kanten he Dirnen gne zeigten ſcch ihren waren auch Geſchlcht n, mit dem ch von den Lappen und und Tracht ben wiſſn, Lüwe bon nte Sein en Ueſ⸗ reis, meht zeine Nüte ſaß ſchief in Jäctchen ſ rig oli Me zue digen elſchneidig ndertaſch ſchönern — 195— ſchmauſer geſehen? Hat er dir nicht Grüße für mich aufgetragen? Iſt es etwa ein Liebchen, wie das Schoßhündchen Tapiolama's, der Valdgöttin, oder gehört er wohl gar zu den Schatten, mit denen Turri, der wilde Jäger, nächtlich vom Savolax über den Pajäne jagt? Bei unſerem Mütterchen! Lars Normark, ich wünſchte, er käme grade her aus Hiiſi's Wäldern, denn ich habe meinem ſüßen Schätz⸗ chen Fulla ſein zuckerſüßes Händchen verſprochen. So halt es auch, antwortete der Schulmeiſter. Was meinſt du dazu, Hans, wird unſer Gevatter ſich nicht freuen, den tapfern Jem in ſeinem Hauſe zu ſehen? Wird er ihn nicht an ſein Herz drücken und ihm die ſüßen Pfötchen ſchenken? Iſt er nicht ſo ein ſchmuckes Hühnchen, wie keines im ganzen Tavaſtlande umherſchreit? Der Hahn nickte gravitätiſch und ſtieß dabei eine Art Gelächter aus, das von dem ganzen Kreiſe ſchallend wiederholt wurde. Jem ſah ein wenig roth darein, aber er warf ſeinen Hut auf das andere Ohr und den Arm in die Seite ſtemmend, ließ er ſich nicht irre machen. Ich will des Gevatters Vorſänger ſein, rief er, und will ihm eine Einladung bringen, wie er ſie noch nicht gehört hat. Siehſt du wohl, Hans, lachte Lars Normark, ſiehſt du wohl! Sagen's nicht die wüſten Savolaxer und die Spitzbuben in Oſter⸗ botten, daß die feinſten Leute im Tavaſtlande wohnen, die das Gras wachſen hören, und denen die Kühe immer Milch geben? Er ver⸗ zerrte ſein rothes dickes Geſicht voll luſtigſter Spottſucht und ließ die runden blauen Augen über den ganzen Bauernſchwarm fliegen. Die Tavaſtländer galten in Finnland weit eher als übermüthige, leicht⸗ gläubige Menſchen, denn als beſonders weiſe, und Lars verfehlte nicht, ſeinen Lieblingsausruf auch diesmal hinzuzufügen: Schwediſches Blut, echt ſchwediſches Blut! ſchrie er. Gott ſei Dank, Hans, daß wir beide das echte Blut haben! Seine Freunde in Halljala nahmen ihm den Spott ſo übel nicht. Hier oben am Pajäne, wo das Land dicht an Savolax und das eigentliche Finnland ſtreifte, wohnte ein hartes ſtol⸗ zes Geſchlecht, das ſich nicht mehr zu dem Süden rechnete, in welchem die Menſchen weichlicher, und mit allerlei Narrheiten begabt ſein ſoll⸗ ten. Sie hatten auch genug zu lachen und ſich zu freuen, als der alte Luſtigmacher fortfuhr: Gebt Acht, Nachbarn und gute Freunde, 13* — 196— was ſich begeben wird, wenn wir vor des Gevatters Haus kommen. Sobald er ſeine kleinen freundlichen Augen aufthun wird und Jem Olikainen kommen ſieht, wird er vor Erſtaunen nießen und ſchreien. So ein Federhütchen hat er noch nie geſehen, ſo ein feines Jäckchen möchte er ſelbſt anziehen und in ſolche weite Höschen möchte er für ſein Leben gern ſeine Beine ſtecken. Ich will ſie ihm anziehen helfen! rief Jem, und will ſie ihm zu⸗ knöpfen, ſetzte er hinzu, indem er an ſeine Pike ſchlug. Alle Wetter, Hans, ſiehſt du wohl! ſchrie der Schulmeiſter unter dem allgemeinen Gelächter. Es wohnen viele kluge Leute im Tavaſt⸗ lande, aber dieſer hier fängt den Mondſchein in Säcken. Den Ge⸗ vatter beſieht er ſich erſt in der Nähe, wenn die ſüßen Tätzchen nicht mehr drücken und das ſüße Mündchen nicht mehr ſprechen kann. Falſch, Vater Lars, deine Rede iſt eine Mühle ohne Rad! fiel Jem ein. Habe ich es nicht geſagt, daß ich des Gevatters Vorſänger ſein will? Dicht an ſeinem ſüßen Mündchen will ich's ihm in die Ohren flüſtern, was ich von ihm halte. Nein, Jem, nein! rief neben ihm eines der hübſchen Mädchen, das ſollſt du nicht thun; um meinetwegen ſollſt du nicht. Wenn die Honigtatzen von rothem Gold wären, möchte ich ſie nicht haben. Recht, du Leckermäulchen, recht, du Honigherzchen, lachte der alte Lars. Laß ihn nicht von deiner Seite, damit ſeine blanke Jacke keinen Fleck und ſein hübſches Geſicht kein Loch bekommt. Das Mädchen warf einen bittenden Blick auf den alten Spötter und dann einen ängſtlichen auf ihren jungen geputzten Schatz, allein dieſer ließ ſeine kecken Augen um ſo muthwilliger blitzen. Laßt es mich nur ſehen, das Schoßhündchen, rief er, durch Verſchieben geht die Zeit verloren und viele Worte macht ein Thor. Da kommt Herr Erich Randal, fertig ſind wir Alle. Laß dich nicht erſchrecken, meine Fulla, mit meinem Stabe will ich ihm die Zähne ſtochern. Ein nied⸗ liches Geſchöpf wird es ſein, nicht größer als eine Gans; artig wird es mir folgen, bis es zu deinen Füßen ausruht. Aber Fulla ſchien trotz dieſer prahleriſchen Verheißungen des tapferen Jem ihre Sorge nicht los zu werden. Sie mochte keine wei⸗ tere Einrede verſuchen, denn ſie ſah wohl ein, daß dieſe fruchtlos s kommen und Jem d ſchreien. es Jäckchen ſchte er für ie ihm zu eiſter unter im Tabaſt⸗ den Ge chen nicht kann. Rad! fel Vorſänger iym in die n Miͤchen, Wenn die haben. hte der alte gacke keinen een S pötter — 197— bleiben würde, doch ihre Lippen klemmten ſich ſchmerzlich zuſammen und ihre Hände falteten ſich über der Schürze, denn ſie wußte, daß ihr Geliebter ſich in keine geringe Gefahr begeben wollte. Des Bären Vorſänger ſein hieß ſo viel, als die Ehre des Angriffs auf ſich neh⸗ men, und an ſeiner Höhle zunächſt das alte Lied anzuſtimmen, mit dem der wilde Geſelle an das Tageslicht herausgelockt wurde. Einen ſolchen Kampf allein zu beſtehen, brachte zwar nicht geringen Ruhm, allein es gehörten Glück und Geſchicklichkeit dazu, um Sieger zu bleiben, und jedenfalls war es ſicherer, wenn, wie es gewöhnlich ge⸗ ſchah, die Maſſe der Spießträger über den grimmigen König der nor⸗ diſchen Wälder gemeinſam herfiel. Das arme Mädchen behielt jedoch keine Zeit, um auf ein Mittel zu denken, den aufgeregten Jem Olikainen in ſeinen Entſchlüſſen wankend zu machen; denn der abſcheuliche Pfeifer ſchlug ihn auf die Schulter und brachte eine neue ärgere Neckerei vor, welche ſeinen Ehrgeiz noch mehr aufregen mußte. Der Hahn miſchte ſich auch hinein, indem er ein entſetzliches Kriegsgeſchrei anſtimmte, und im Schloß öffneten ſich die Thüren; der Freiherr mit allen ſeinen vornehmen Gäſten und Nachbarn trat heraus, was den Lärm nicht wenig vermehrte. Otho Waimon's große graue Hunde bellten und heulten, Pferde wurden herbeigeführt, viele Stimmen ſchrien durcheinander, und die Schaar der Jäger drängte ſich um die Vortreppe, wo Erich Randal dem alten Lars ankündigte, daß er diesmal ſelbſt bei dem Bärenfang zugegen ſein wolle. Es iſt recht ſo, Freiherr Erich, antwortete der Alte. Dein Vater hat oft genug den Jagdſpieß in ſeine Hand genommen und iſt der Erſte geweſen, der Hiiſi und Tapio um Glück anrief. Glaubſt du, daß Damen uns begleiten können? fragte Erich. Warum denn nicht? erwiederte der Schulmeiſter. Es iſt echt ſchwediſches Blut in uns, Gott behüt's, ſchönes Fräulein! Echt ſchwe⸗ diſches Blut, wie es ſein muß. Kommt und ſeht die Felſen von Kor⸗ pilar, bis dahin können Euch vier gute Beine tragen; ſteht es dann Euren eigenen beiden nicht an, weiter mitzuwandern, ſo bleibt und windet Kränze für Otho's ſüßes Haupt. Er wird es zu Euren Füßen legen, und da ſteht Jem, der unerſchrockene Jem, der geſchwo⸗ 198 ren hat, den brummenden Schelm ſo zahm und fein zu machen wie ein Schoßhündchen. Was ſagſt du, alter närriſcher Lars? rief Ebba lachend, indem ſie nach Otho hinblickte. Sie werden heut meinen Namen von vielen Liebkoſungen und Schmeicheleien gefeiert ſehen, verſetzte dieſer; aber ich verwahre mich vor allen Verwechſelungen. Er wiederholte ihr, was Herr Ridderſtern ſchon dem Grafen Serbinoff darüber mitgetheilt hatte, daß Otho der finniſche Lieblingsname für den Bären ſei, der eigentlich Kouwon heiße, doch in allen Liedern und Jagdgeſängen Otho genannt werde. Und danach hat man Sie getauft, mein armer Vetter? fragte ſie ſpöttiſch. Dieſen echt finniſchen Ehrennamen hat man mir auf den Weg gegeben, erwiederte er. Ein barbariſcher Name! Laſſen Sie ihn nicht zu Schanden wer⸗ den, fuhr ſie übermüthig fort. Ein herrlicher Name! rief Louiſa, an ihren Bruder aufſtrebend, indem ſie das dichte, leicht geringte Haar von ſeiner Stirn wiſchte. Er iſt ganz für ihn paſſend; denn kühn und ſtark iſt er, wie Otho es ſein muß, und ſeht ſeine breite Stirn, ſeht, ſeht, wie ſeine Augen funkeln! Kampfluſtig, wie es ihm geziemt! fiel Ebba ein, indem ſie ihn anblickte und über den Unmuth ſpöttelte, den ſie in ſeinem Geſichte zu entdecken glaubte. Ich begebe mich heut in Ihren Schutz, Vetter Otho; denn was ich ſonſt auch glauben mag, ſo glaube ich doch, daß ein Otho mich vor dem andern zum allerbeſten beſchirmen wird. Die Pferde wurden herbeigeführt, die Damen ſchwangen ſich auf, und ihre Begleiter folgten ihrem Beiſpiele; nur Erich Randal, geſtützt auf ſeinem Bergmannsſtocke, blieb ſeiner Sitte getreu und wanderte rüſtig neben den Reitern her. Bald jedoch mußten dieſe ſich ſagen, daß Erich ſchneller und leichter fortkomme wie ſie; denn als das Thal von Halljala hinter dem Jagdzuge lag, ſtieg dieſer die ſteilen Wald⸗ hügel hinauf, in deren Gewinde manche Hinderniſſe ſzu bewältigen blieben. Aus allen Häuſern und Hütten aber liefen Weiber und Kinder herbei, oder ſie ſchrien den Jägern Glückwünſche nach— und nachen wie end, indem ungen und wahre mich Rüderſtern Otho der „Kouwon nt werde. fragte ſie den Weg nden wer zufſtrebend, en wiſchte⸗ wie Otho ine Augen em ſie ihn m Geſcchte 6, Petter doch, daß vird. ſcch auf, al, geſtütt wanderte ſich ſagen, z das Thal len Wald⸗ bewältigen eiber und — und ſ— 199— auf dem freien Platze hinter der Kirche ſchienen allerlei Anſtalten zu einem Feſte getroffen zu werden. Männer, welche die Jagd nicht mitmachten, trieben dort Pfähle in den Boden, die durch Ketten von Laub und Tannenzweigen verbunden wurden, andere bereiteten Sitze und Tiſche, noch andere gruben ein Loch und legten es mit Steinen aus, wie zu einer gewaltigen Feuerſtelle. Daneben ſtand ein ſpitziger hoher Pfahl, der ganz mit Feldblumen umwunden war, auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite aber lagen Holzvorräthe bei mächtigen Keſſeln und Töpfen. Der Kammerherr wäre ohne Zweifel am liebſten zu Haus geblie⸗ ben; theils jedoch fürchtete er die Spöttereien, theils die langweilige Einſamkeit. Er hatte ſich daher dem Zuge mit dem feſten Vorſatze angeſchloſſen, in richtiger Entfernung der Erlegung des Bärs zuzu⸗ ſehen, und es nicht wie der närriſche Lindſtröm gemacht, der ein paar lange finniſche Jagdſpieße mit ſich ſchleppte. Dieſe Vorbereitungen, bemerkte er, als ſie an dem Platze vorüber⸗ ritten, ſehen aus, als würde hier die Abendſonne eine ſchmauſende und zechende Geſellſchaft beleuchten. Es iſt Alles zum Empfange des theuren Otho eingerichtet, erwie⸗ derte Erich. Wenn, was freilich häufig der Fall iſt, frühzeitig Schnee fällt, ſo muß das Bären⸗ und Herbſtfeſt in einem Hauſe gefeiert werden; iſt jedoch, wie in dieſem Jahre, das Wetter ſchön und mild, ſo geſchieht es mit noch größerer Luſt im Freien. Und das bedeutet Glück! rief Louiſa dazwiſchen. Das nächſte Jahr wird ein ſchönes reiches Jahr ſein. Alle Speicher werden ſich füllen, alle Bäume voll Früchte hängen, alle Wünſche erhört werden! Sackamieli, die Göttin der Liebe, ſagte Erich, ſchweift in ſolchen Jahren, wie es in den alten Liedern heißt, leichtfüßig umher. Unter ihren Füßen ſproſſen Blumen auf, und ſie ſammelt dieſe in ihrem Gewande und wirft ſie hartherzigen Mädchen zu, die dann nicht län⸗ ger widerſtehen können. Wahrſcheinlich hat die liebenswürdige Sackamieli auch dieſen Pfahl mit Blumen bekleidet, und Heil dem, der daran feſtklebt! fiel Baron Arwed ein. — 200— Falſch gerathen! lachte Louiſa. Dieſer Pfahl iſt für Otho be⸗ ſtimmt. Sein Kopf ſoll darauf geſteckt werden, wenn er ihn nicht behütet. 4 Man muß immer den Kopf auf der richtigen Stelle behalten, ſagte Ebba mit einem Seitenblick auf ihren ſchweigſamen ernſthaften Nachbar. Was meine Sorge ſein wird, murmelte Otho Waimon vor ſich hin. Und was ſoll dann mit dem prächtigen Kopf des Herrn Otho geſchehen? fuhr der Kammerherr fort. Ei, er wird gekocht, und jeder Finne wird Ihnen ſagen, daß es nichts Köſtlicheres in der Welt gibt, als wenn er mit ſeinem ſüßen Mäulchen und den allerliebſten Ohren aus dem Keſſel voll Erbsſuppe hervorſieht. Ein helles Gelächter und andere Scherze auf Otho's Koſten folg⸗ ten, während der Jagdzug an den Höhen aufſtieg und das Waldgebiet erreichte. Die Bauernſchaar in ihren weißen Röcken zog fröhlichen Muthes voran. Die ſchlanken rüſtigen Männer, hoch von Körperbau, kräftig und doch leicht gegliedert, kletterten an den Bergkanten empor, und maleriſch genug ſah es aus, als ſie zwiſchen Bergfichten und Sonnenſchein ſich fortbewegten. Sie ſchwangen ihre Spieße, und der Wald tönte von einem Geſange, den der Schulmeiſter auf ſeiner OQuerpfeife dann und wann begleitete. Ich muß geſtehen, ſagte der Kammerherr, daß dieſe finniſchen Bauern ein ſchönes und ſtarkes Geſchlecht ſind, und begreife die Vor⸗ liebe, welche Guſtav Adolph, Karl der Zwölfte und andere kriegeriſche Fürſten für die finniſchen Regimenter hatten, obwohl, was Ausdauer anbelangt, dieſe von jeher mehr den Schweden zugeſprochen wurde. Es hat auch den Finnen niemals daran gefehlt, antwortete der junge Waimon, und wenn über die finniſche Unbeſtändigkeit geklagt wurde, lag die Schuld an denen, die es nicht verſtanden, wie man mit Finnen umgehen muß. Und wie muß man denn mit den finniſchen Helden umgehen, da⸗ mit ſie die Dauerbarkeit nicht verlieren? fragte Ebba. Oiho be⸗ ihn niche behalten, ernſthaften mon vor ern Otho I, daß es iemm ſüßen Erbsſuppe ſten folg⸗ Valdgebiet froͤhlichen rperbal, en empor, hten und — und der nuf ſeiner finniſchen die Vor⸗ riegeriſch Ausdauer wurde. ortete der eit gellag wie man ehen, da⸗ 201 Man muß Vertrauen zu ihnen haben, ſagte Otho, muß ſie nicht in ihren Rechten kränken und verſpotten; muß glauben, daß ſie warme Herzen für Freundſchaft, Treue und Ehre beſitzen. Die Finnen müſſen tapfere Männer ſein, erwiederte Serbinoff, als Keiner antwortete, da ſie, mit dieſen Bohnenſtangen bewaffnet, einen Bären angreifen, der, wenn er von ſtarker Art iſt, ſich nicht allzuſehr davor zu fürchten braucht. Sie werden bald ſehen, wie man mit ihm fertig wird, verſetzte Otho. Man hat das finniſche Volk von alten Zeiten her entwaffnet, ihm keine Feuerwaffen geſtattet, ſogar zu öfteren ſelbſt die Schwerter und Meſſer verboten, angeblich, um zu verhindern, daß ſie in Trunk und Leidenſchaft nicht ihre Feſte zu Schlachtfeldern machten; in Wahr⸗ heit aber, weil man fürchtete, das Volk könnte aufſtehen gegen ſeine Herren. Als Peter der Große in Finnland einfiel und die Finnen erbarmungslos gebraten und geröſtet wurden, hatten ſie in ihrer Ver⸗ zweiflung nichts als dieſe Bohnenſtangen, ihre Schlingen und ihre Hunde. Damit wehrten ſie ſich, ſo gut ſie konnten. Auch im Jahre 1743 fing der Krieg damit an, daß das finniſche Volk auf Befehl⸗ des ſchwediſchen Reichsraths wehrlos gemacht wurde, ſtatt es aufzu⸗ rufen gegen den Feind, und noch iſt den Finnen meiſt nichts weiter geblieben als Beil und Spieß, während die Jäger in Savolax und Carelien häufig noch Pfeil und Bogen gebrauchen. Dadurch, fuhr er fort, hat man es dahin gebracht, daß jährlich viele tauſend Pſerde, Rinder, Ziegen, Hausthiere aller Art von den wilden Beſtien zerriſſen werden, und trotz des wunderbaren Ueberfluſſes von köſtlichem Gras und Heu der Viehſtand in Finnland ein erbärmlicher iſt, weil es un⸗ möglich wird, die reißenden Thiere zu verfolgen und auszurotten. Wer zu viel anklagt, beweist wenig, ſagte der Kammerherr lächelnd. Seit Guſtav des Dritten Zeiten hat Finnland nicht mehr über Unrecht zu klagen. Es iſt mit Sorgfalt damals Alles geſche⸗ hen, was geſchehen konnte. Unter der jetzigen Herrſchaft geht freilich Finnland wie Schweden zu Grunde. Wenn man gerecht ſein will, verſetzte Otho, ſo hat Finnland über den jetzt regierenden König am wenigſten zu klagen. Er that, was er konnte, iſt öfter auch ſelbſt hier geweſen und hat die Liebe der 202 Bauern erworben, die ihn als einen Mann ehren, der kein Unrecht der Mächtigen dulden will. Aus Haß gegen die Schweden hat er es gethan, fiel Ebba ein. Deutſche und Finnländer hat er immer vorgezogen. Der Freiheits⸗ ſinn der Schweden geſiel ihm niemals. Otho unterdrückte die Antwort, welche er geben wollte; aber ſie war in ſeinem Geſichte deutlich genug zu leſen. Als der König vor fünf Jahren hier im Lande war, ſagte er, ſprach er in Tavaſtehuus zu den Bauern: Keinem meiner Unterthanen ſoll Unrecht geſchehen. Niemand, wer er auch ſei, ſoll ſich unterſtehen, die Geſetze zu ver⸗ achten. Ich ſelbſt ſtehe unter dem Geſetz. Schöne Worte, lachte der Kammerherr. Als Guſtav der Dritte im Jahre 1776 das neue Hofgericht in Waſa einführte, fuhr Otho fort, ſagte er zu den Räthen: Berück⸗ ſichtigt die Vorrechte des Adels; leidet es aber nicht, daß der Bauer unterdrückt werde.— Ein ſolcher Widerſpruch war unlösbar und änderte ſehr wenig; erſt ſeit zwanzig Jahren kaum hat ſich das Land gehoben, weil es beſſer unterſtützt wurde, weil Männer im Lande ſelbſt aufſtanden, die, wie Erich's Vater, Hand ans Werk legten, nach Gerechtigkeit ſtrebten, Einöden urbar machten, Sümpfe trockneten, den Ackerbau verbeſſerten, die Induſtrie belebten und die ökonomiſche Ge⸗ ſellſchaft gründeten, die in wenigen Jahren für des finniſchen Volkes Wohl mehr gethan hat, als alle Könige zuſammengenommen. Das Schweigen, welches dieſer trotzigen Rede folgte, wurde von Erich Randal's milder Stimme unterbrochen. Wir dürfen die Ver⸗ gangenheit nicht mit dem Maßſtab unſerer Anſprüche meſſen, ſagte er. Manches iſt zu verſchiedenen Zeiten für unſer Vaterland geſche⸗ hen; allein es blieb ungenügend und ging verloren in den vielen Kriegen und Leiden, welche Finnland immer wieder heimſuchten. Wer die Geſchichte unſeres armen kleinen Volkes durchblättert, muß er⸗ ſtaunen über ſein endloſes Unglück; eben ſo wohl aber muß er er⸗ ſtaunen über den Muth und die Geduld, mit welchen das Schwerſte ertragen wurde. Viele hundert Jahre lang war kaum eine Heim⸗ ſuchung überwunden, und die Wüſten belebten ſich wieder, ſo folgte ein neuer, alles aufkeimende Leben vernichtender Stoß. Faſt kein Unrecht jbba ein. Freiheits⸗ aber ſie ünig vor aſtehuus zeſchehen. zu ver⸗ ericht in Berück⸗ r Bauer bar und das Land m Lande ten, nach eten, den iſche Ge⸗ in Volks 4 urde bon die Ver n, ſagte d geſche⸗ en vielen ten. Wer muß ei⸗ 203 Geſchlecht wurde alt in Finnland, ohne Krieg und Kriegesnoth zu erfahren, und daher kommt es, daß unſer Vaterland noch jetzt weniger bevölkert iſt, als vor alten Zeiten, daß man noch jetzt viele ver⸗ laſſene Höfe findet, über welche Wald wächst und von deren Eignern Niemand mehr weiß. Dieſer ſpärlichen Bevölkerung würden auch die Feuerwaffen wenig helfen, um die Schaaren gefräßiger Raubthiere zu vertilgen. Wie ſollte dies da geſchehen, wo oft viele Meilen Wald, Sumpf und Einöde zwiſchen wenigen menſchlichen Wohnungen liegen? Erſt wenn Finnland einmal von dauerndem Frieden beglückt iſt, wenn es zahlreiche Bewohner ernährt, wenn die fruchtbaren Aecker davon Zeugniß geben, dann werden die wilden Thiere, wie überall, ſo auch hier, der fortſchreitenden menſchlichen Cultur weichen. Und dies zu bewirken, ſetzte er lächelnd hinzu, muß unſere Aufgabe blei⸗ ben, um deſſentwegen laſſe ich mich gern auch einen Bauer nennen; denn wenn der Freiherr ein Bauer iſt, werden die Bauern endlich Freiherren ſein, was ich von ganzem Herzen wünſche. Das Gewinde hoher felſiger Hügel und Felſenmaſſen rückte näher heran und ſah wild und öde auf die Jägerſchaar herunter. Der ſchmale Weg, der durch dieſe Bergwälder führte, wandte ſich jetzt dem Pajäne zu, der mit ſeinem tiefen Becken dieſe Felſen ſpaltet und nach Norden hin ſich mit anderen Seen und Gewäſſern verbindet. Bis hierher hatte deutlich genug die menſchliche Hand da und dott ſich ſichtbar ge⸗ macht und durch Niederbrennen des Waldes Raum für neuen Anbau geſchaffen. Ganze Strecken waren mit gefällten Stämmen bedeckt, die reihenweiſe neben einander lagen, andere ſtanden voll abgeſtorbener Bäume, welche rund um ihre Rinde tief eingehauen ihr verdorrtes Gezweig ſenkten, während an einigen Orten der Boden ſchon umge⸗ graben und beſtellt war, und nur die hervorragenden Baumſtubben bewieſen, daß vor nicht langer Zeit auch hier das grüne Walddach luſtig rauſchte. Der Kammerherr machte eine Bemerkung darüber, und Erich ſagte erklärend: So macht man es in Finnland um Ackerland zu bekommen. Es iſt eine gräuliche Holzverwüſtung von alter Zeit her daraus ent⸗ ſtanden, denn ſchonungslos ſind die ſchönſten Wälder niedergebrannt worden, und höchſtens hat der Bauer Theer und Pottaſche damit ge⸗ — — 204 wonnen. Jetzt hindert man die Verwüſtung ſo viel es angeht; hier habe ich, wie Sie ſehen, die Stämme fällen laſſen, um ſie auf mei⸗ nen Sägemühlen zu Balken und Brettern zu ſchneiden. Das muß koſtſpielig ſein und keinen großen Gewinn bringen, be⸗ merkte Serbinoff. Es würde reichlichen Gewinn bringen, wenn wir Kanäle für un⸗ ſere Seen und Schleuſenwerke hätten, um die Waſſerfälle zu vermei⸗ den, und eine leichte Verbindung mit der Küſte. Dahin muß es doch endlich kommen, und Finnland wird dann ſeinen Reichthum verwerthen können. Ich habe dieſe Induſtrie begonnen, um zu zeigen, daß es geht, wenn ich auch gegen große Schwierigkeiten kämpfe. Ich gebe vielen Menſchen Arbeit, lehre ſie, wie ſie es machen müſſen, und helfe ihnen, wenn ſie es nachmachen wollen. Daher iſt es natürlich, ſagte Ebba mit einem warmen Lächeln, daß alle dieſe armen Leute mit ſolcher Liebe Ihnen zugethan ſind, Vetter Erich. Es iſt ſchön, ein Wohlthäter der Hilfsbedürftigen zu ſein; ich begreife es, warum Sie Ihr Glück darin ſuchen und finden, und wünſchte andere wilde und trotzige Herren, die ſo gern ſtreiten und hadern, beſäßen etwas von Ihrem milden Sinn. Wahrlich, Sie ähneln dem alten Pfarrer Jönsſon in Ihrer Menſchenliebe. Jönsſon? fragte Erich. Kennen Sie einen Pfarrer, der ſo heißt? Der Kammerherr warf ſeiner Schweſter einen Blick zu, der ihr zu ſchweigen gebot. Es gab einmal einen alten Geiſtlichen in Schweden, ſagte er, der für die Bauern väterlich ſorgte, und den ſie dafür wie einen Heiligen verehren. Der heilige Erich iſt aber ein Freiherr und kein Pfarrer, und— was iſt das? Wer kommt dort? Es war der Schulmeiſter Lars, der an der Biegung des Weges ſtand. Sein Hahn krähte laut den Reitern entgegen. Hier gehts hinauf, ſagte er, und es iſt ein ſanfter angenehmer Weg für jedes Weſen mit zwei geſunden Füßen. Baron Arwed blickte nach der Bergwand, welche ſteil in die Höhe ſtieg, und er fühlte ein Mißbehagen in allen Gliedern. Gibt es denn keinen Weg, auf dem ein Pferd gehen kann? fragte er. Was meinſt du dazu, Hans? fragte der Alte ſeinen Hahn, der gar nichts darauf antwortete. Es iſt echt ſchwediſch Blut in ihm, für un⸗ vermei⸗ es doch rwerthen daß es Ich gebe und helft Lächeln, zan ſind, fügen zu d finden, n ſtreiten rlich, Sie o heißt? er ihr zu Schweden, afür wie herr und 6 Weges ier gehte für jedes die bihe 88 dem ahn, der in ihm, 205 rief er, darum vertraut er auf ſich ſelbſt. Gott behüt's! ſchöne Dame, willig genug ſind zwei Füße, wenn ſie vorwärts wollen. Des Men⸗ ſchen Seele hat Flügel und nimmt den Körper mit, ſagen die Finnen. Kommt, kommt! ſchlagt's dem Otho nicht ab, er wird euch dafür ſein Herz ſchenken. Es iſt unmöglich anders in dieſe Felſen zu gelangen, ſagte Erich. Selbſt der beſte Reiter würde es kaum wagen, da hinauf und hinab zu klimmen. Bleiben Sie lieber hier, Couſine Ebba, oder kehren Sie mit Louiſa nach Halljala zurück. Allein das Fräulein ſprang in ſeine Arme und rief fröhlich lachend: Um Otho's Herz muß ich es verſuchen, und will nichts ſcheuen, um es zu erobern. Die Pferde wurden nun unter der Obhut eines Knaben gelaſſen und Lars Normark ſtieg voran und führte die Nachfolgenden in einen Spalt der Felſen aufwärts, wo dieſe am Bequemſten gangbar ſchienen. Ein Waſſer kam von oben, und plätſcherte über Gerölle und Blöcke, welche, über einander geſtürzt und verwittert, mit Moos, Flechten und Birkengebüſch bewachſen waren. Bald wurde der Spalt ſo ſchmal, und ſo jäh, daß es Mühe koſtete, weiter zu kommen. Serbinoff hob Louiſa von Stein zu Stein, aber Ebba wies Waimon's Beiſtand zurück, und wandte ſich an Erich, auf den ſie ſich ſtützte, während Lars zuweilen ſeinen langen Wanderſtab Beiden zureichte, an dem ſie ſich hinauf und weiter halfen. Länger als eine Viertelſtunde währte das angeſtrengte Steigen, und mehr als einmal blieb der Kammerherr athemlos ſtehen und verwünſchte dieſe entſetzliche Jagdparthie. In meinem Leben gebe ich mich nicht wieder dazu her! rief er aus, als er endlich oben ſtand, und bei alledem iſt es ein abſcheulich Land. Wenn es noch hohe Gebirge wären wie bei uns in Schweden, doch nein, Hügel ſind es, an denen man ſich abmüht, weil ſie ſteil wie Mauern in die Höhe gehen, und auf ihnen liegen arme Wüſten. Ebba hatte ihren Hut abgenommen, und ließ den Wind durch ihre Locken wehen. Der Kammerherr hatte Unrecht mit ſeinen Anklagen, denn auf dieſen Felſen war es ſchöner als man es erwarten durfte. Hohe Bergtannen beſetzten in voller Herrlichkeit den weiten welligen Plan, der ſich in unbekannte Fernen verlor. Wie Klipßen in einem — 206— wogenden Meere ragten ungeheure Felsſtücke aus dem grünen Walde auf, und ſtiegen da und dort bis über die Spitzen der Bäume. Manche dieſer Klippen waren kahl und von phantaſtiſcher Geſtalt, andexe hingen ſchief und gebeugt, als wollten ſie jeden Augenblick zuſammenſtürzen, und doch trugen ſie auf ihren Scheiteln rieſige Stämme, welche manches Jahr ſchon dort geſtanden hatten. Waldwieſen, die vom Sonnenglanz überſtrahlt wurden, durchſetzten und trennten dies Felſenmeer, und gaben ihm einen Schimmer idylliſcher Lieblichkeit, der um ſo über⸗ raſchender wirkte. Die tiefgrünen Flächen waren auch noch immer mit mancherlei Herbſtblumen durchſtickt, welche im verſchiedenartigſten Farbenſchmelz ſchimmerten. Kein rauher Wind hatte ſie zerriſſen, kein Fuß hatte ſie zertreten; lautlos friedlich lag dieſe Einſamkeit, als gehörte ſie einem anderen beſſeren Himmel an. Daß hier ein grim⸗ miger Räuber hauſen ſollte war nicht zu vermuthen, kein von Ge⸗ ſtrüpp umwucherter Verſteck war zu bemerken, kein Thier hatte ſeine Spuren hinterlaſſen. Nur von einigen hohen Bäumen kam das Girren wilder Tauben, und der Luftzug brachte dann und wann einen Ton mit, den Otho für das Geſchrei des Auerhahns erklärte.— Zur Rech⸗ ten hob ſich in der Ferne eine andere nackte Felſenmauer auf, deren rothe Farbe faſt blutig ausſah. In ihrer viereckigen Form erſchien ſie wie ein ungeheures mit Thürmen beſetztes Schloß, deren Zinken und Zacken ſich drohend kühn in der klaren Luft abzeichneten. Auf Ebba's Frage antwortete Louiſa: Das iſt Lully's Burg. Weit ſieht man von ihr nach allen Seiten hin; alte, grauſame Sagen werden von dem Orte erzählt. In dieſem Augenblicke erhoben Otho's Hunde an ihren Leinen ein heftiges, kurzes Gebell, und riſſen mit Gewalt ihren Führer fort. Alle Aufmerkſamkeit richtete ſich auf ſie. Ihre Naſen ſuchten auf der Erde umher, die langen Schweife peitſchten ihre Weichen, ihre Augen unter dem ſtruppigen Haar blitzten wild und feurig, und Ebba deutete auf einen braunen Hügel, der wie eine Hütte hinter den Bäumen hervorſah. Der Kammerherr fuhr erſchrocken zurück, und war im Begriff die Flucht zu ergreifen, als Otho ihn feſthielt. Der Bär iſt noch nicht da, lachte er, aber er iſt hier geweſen, und zwar vor ganz kurzer Zeit, was meine Hunde recht gut wiſſen. Die Hütte dort wird von Jalde auf, ſche dieſer ggen ſchief zen, und manches nenglanz eer, und ſo über h immer nartigſten zertiſſen nkeit, als in grim⸗ von Ge atte ſeine s Girren inen Ton zur Rech⸗ ff, deren zerſchen n Zinken en. Auf Weit ſicht werden Leinen hrer fort. 1 auf der re Augen eutete aulſ hervorſi m Begrif ſſt noch urzer von nz wird — 207— einem Staate fleißiger Republikaner bewohnt, denen er ſeinen Beſuch gemacht, doch nach der Sitte großer Herren ihnen und ihren Kindern übel mitgeſpielt hat. Sehen Sie da, fuhr er fort, es iſt ein Ameiſenhaufen von der großen, braunen Art, welche in unſeren Wäldern lebt, und oft ganze Städte zuſammenbaut. Als Feinſchmecker liebt der Bär die Ameiſen⸗ eier ſo leidenſchaftlich, wie unſere Feinſchmecker Auſtern und Caviar; auch macht er ſich nichts daraus, wenn ſeine gebildete Zunge einige tauſend Ameiſen dabei mit herunter ſchluckt, deren eitronenſaurer Ge⸗ ſchmack ihm wohl behagt. Dieſer hier hat es ungebührlich arg gemacht. Die ganze Seite des Hügels hat er eingeriſſen, und nach ſeinen Füßen zu urtheilen, muß es ein gewaltiger Herr ſein. Er deutete auf die verſchiedene breite, tiefe Löcher in den trockenen Fichtennadeln, auch von den Bauern wurden dieſe mit Freudengeſchrei als die Tatzenſpuren des Bären erklärt. Er hat ſeine Morgenpromenade gemacht, ſagte der Schulmeiſter, und eine kleine Herzſtärkung zu ſich genommen. Jem, mein Junge, nimm dich in Acht, daß du keine Ameiſe für den lieben Schelm an⸗ ſiehſt, und ſie dich dafür in die Naſe beißt. Jem hatte ſeinen Speer mitten in den wimmelnden Haufen geſtoßen, der die Reſte ſeiner Eier fortzuſchleppen und zu retten ſuchte, während viele der kleinen muthigen Thiere ſich auf ihren Hinterbeinen aufrich⸗ teten, und kampfluſtig die Stange angriffen. Es iſt ein edles, merkwürdiges Thier, Hans, fuhr der alte Mann fort, indem er ſeinen Hahn feſthielt, thue ihm nichts zu Leide. So klein und ſo ſchwach es iſt, verzagt es doch niemals. Gegen den ſtärkſten und größten Feind vertheidigt es ſein Haus und ſein Leben, und hört nicht auf damit, bis es verſchlungen und zerſtampft iſt. Es iſt nichts dabei zu lachen, ihr Tröpfe. Gott ſei Dank, Hans, daß echt ſchwediſch Blut in uns iſt; lernen aber kann ein Jeder etwas davon. Zwei geſegnete Gottesgeſchöpfe gibt's in Finnland in Hüll' und Fülle, als wollte der Herr im Himmel euch abſonderlich daran zeigen, wie ihr ſein ſollt. Die Biene und die Ameiſe arbeiten früh und ſpät, ſammeln ohne Raſt und ohne Ruh, ſind klug und friedfertig, gelehrig und geduldig; wer ſie aber angreift, gegen den wehren ſie — 208— ſich unverzagt, mag es ſein wer es will, mag's ein Bär ſein oder ein Ruſſe. Lars ließ bei dem letzten Worte ſeine ſchelmiſchen Augen um⸗ her rollen, und zeigte ſein Gebiß. Die Bauern lachten mit ihm, und ihre Blicke hefteten ſich auf Serbinoff, der wohl merkte, daß von ihm die Rede ſein mußte, obwohl er nicht verſtand was der Alte ſagte. Und Ruſſen und Bären gibt's leider allzuviel für Finnland, fuhr der Schulmeiſter fort, darum wollen wir jetzt hingehen und den lieben Honigeſſer freundlich fragen, ob er nicht mit uns gehen, und andere Speiſen koſten will, als arme Ameiſeneier. Sicher ſitzt er vor ſeinem Hauſe, putzt ſein Mäulchen und wartet auf uns. Du haſt ihn ſchon dort beſucht? fragte Otho. Freilich, Herr, ja freilich! rief Lars. Geſtern erſt ſah ich ihn, ſpielte ihm ein Tänzchen, und er bat mich zu Gaſte. So müſſen wir höflich mit ihm umgehen und nichts verſäumen, damit wir ihn in ſeiner Wohnung treffen. Wo liegt dieſe? Dort oben vor uns, hinter dem hängenden Horn. Ein mächtiges, wie ein Horn gebogenes Felsſtück überragte den Wald, welcher den Geſichtskreis umzog. Blöcke und Trümmer bedeck⸗ ten den Boden und bezeugten die ſeltſamen Zerſtörungen und Zer⸗ klüftungen, welche hier in Zeiten, von denen Niemand etwas weiß, ſtattgefunden haben, und über deren Urſprung, ob durch Feuer oder durch Waſſer, die Gelehrten ſich noch immer die Köpfe zerbrechen. Je näher an dem ſteilen Bergkamme, um ſo gewaltiger und chaoti⸗ ſcher wurden die über einander geworfenen Rollſteine und Felſenſplitter, und nicht ohne Mühe und nur mit Hilfe ihrer Begleiter gelang es den beiden jungen Damen, dieſen zu folgen und die Höhe zu er⸗ reichen, auf der abermals eine von vielen Trümmern beſäete Ebene ſich ausbreitete. Serbinoff widmete dabei ſeine Dienſte ohne Unterlaß der kleinen ſchnellen Louiſa, während Erich Randal von Ebba be⸗ ſchäftigt wurde, und den Kammerherrn zu tröſten hatte, der nur aus Beſorgniß, allein zu bleiben und ärgeren Gefahren zu begegnen, unter fortgeſetztem Klagen und Schmähen ſich weiter bewegte. Otho Waimon befand ſich, von Lindſtröm begleitet, bei dem Jägerhaufen. Er hatte ſeine Hunde freigelaſſen, die jetzt ein wildes Gebell erhoben und über das Geſtein ſetzend voran eilten. in oder ein Augen un⸗ t ihm, und aß von ihm lte ſagte. nland, fuhr den lieben und andere vor ſeinem h ich ihn, verſäumen, eerragte den mer bedec⸗ und Zer⸗ ewas weiß, Feuer oder . zerbrechen⸗ und chaott iſenſplitte gelang es zhe zu i⸗ ſaete Ebeni re Unterlaß Gbba be⸗ er nur als nen, unter ho Waiman Er hatte und ile — 209— Dieſe entſetzlichen Hunde werden uns den Bären auf den Hals hetzen, rief der Baron in ſeinem Aerger. Oder er wird ſich, wenn er ſie hört, ſo ſchnell als möglich davon machen, lachte Ebba. Keines von beiden, ſagte Erich. Wo er auch ſein mag, im Fall er nicht in ſeinem Lager iſt, wird er, ſobald er das Gebell der Hunde hört, dahin zurückkehren. Das iſt ſehr dumm von ihm, meinte Arwed. Er fühlt ſich am ſicherſten in ſeinem Hauſe und kämpft am tapferſten auf deſſen Schwelle. Es geht ihm alſo wie manchen Anderen, ſcherzte Ebba mit einem Blick auf Erich. Er muß in ſeiner Wohnung angegriffen werden, wenn er ſeinen Feinden die Stirn bieten ſoll. Und er hat wohl Recht, lächelte der Freiherr ſanftmüthig. So lange er es vermeiden kann, liebt er den Frieden und iſt in ſeiner Art ein Philoſoph, der gern ein ſtilles und beſchauliches Leben führt. Denn wie ein Eremit lebt der Bär von Wurzeln, Beeren und Honig, und nur in ſeiner Noth greift er nach Fleiſch. Wie das einladend klingt, lachte das Fräulein, und welch benei⸗ denswerthes Loos! Sechs Monate im Jahre verträumt er, die andern ſechs Monate brummt er lieblich und ſanftmüthig umher. Aber, Vetter Erich, auch die Träumer und Philoſophen werden nicht mehr geduldet, auch ſie werden verfolgt und gehetzt; man fragt nicht nach ihren friedlichen und ſanftmüthigen Tugenden. Dieſe ſind auch nicht beſonders groß, fiel Arwed ein. Haben wir nicht eben erſt geſehenz, mit welcher Seelenruhen dieſer weiſe Ein⸗ ſiedler den ganzen Ameiſenhaufen verſchlungen hat, und hat uns Waimon nicht obenein geklagt, daß in Finnland jedes Schaaf und jeder Stier zittern muß? Ein vielſtimmiges Geſchrei machte dieſem Geſpräch ein Ende und beeilte die Schritte der Zurückgebliebenen. Als ſie ſich dem Felſenhorn näherten, ſahen ſie wie die Bauern in ihren weißen Kitteln von allen Seiten zuſammenliefen, während das Bellen der Hunde mit größter Heftigkeit aus dem Walde herüberſchallte. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 14 — 210— Ich wette, ſie haben den Meiſter Braun beim Pelz! vief der Kammerherr. Gewiß nicht, ſagte Erich. Otho's Hunde ſind von der trefflichſten Art und viel zu klug und gewandt, um ſich mit einem Tatzenſchlage niederſtrecken zu laſſen. Ein ſolcher Hund wird bei Erbſchaftstheilungen in Finnland der beſten Milchkuh gleich geachtet, die Erben ſtreiten ſich eifrig darum. Sehen Sie dorthin, fuhr er fort, indem er in die Ferne deutete, wo auf einem felſigen Abhange ſich ein eigenthümliches Schauſpiel entwickelte. Ein mächtiges Thier von dunkler Farbe zeigte ſich auf dem Rande des Felſen und blieb einige Minuten lang ſitzen. Um ihn her flogen die beiden Hunde wie Blitze, bald hier bald dort, wild bellend und immer bereit, ſich auf ihren Feind zu ſtürzen, eben ſo ſchnell aber zurückfliehend, wenn dieſer eine Bewegung machte. Der Bär ſchien nicht viel auf den Lärm zu geben. Er ſchaute bedächtig nach allen Seiten um, leckte ſeine Tatzen, betrachtete die Menſchenhaufen unter den Bäumen mit ſtoiſcher Gleichgiltigkeit und putzte ſich weiter. Plötz⸗ lich war Alles verſchwunden. Das dunkle Ungethüm rutſchte mit wunderbarer Schnelle von dem ſteilen Abhang nieder, die Hunde mußten einen weiten Umweg machen und die Jäger fielen mit einem neuen Geſchrei ein und dehnten ſich zu einer langen Linie aus, welche den Raum zwiſchen den Felſen füllte. Es war ein keſſelartiger Grund von geringer Breite, der zwiſchen den jähen Steinmaſſen lag, die ihn faſt ganz einſchloſſen. Zwei hohe Fichten, umringt von jungem Aufſchuß, wuchſen darin; eine dritte ſchien vom Sturm vor Jahr und Tag niedergeriſſen zu ſein. Sie lag wie ein gefallener Rieſe mit ungeheuern zerſchmetterten Gliedern auf dem Grunde, den ſie zerquetſcht hatte. Ihre Wurzeln hatten ein Loch gewühlt und dies verlor ſich unter dem Felſen, welcher ſich dar⸗ über hinbeugte. Ohne Zweifel war dort das Lager des Einſiedlers, der ſich jetzt darin verbarg, und einen geſchützteren Aufenthalt konnte es kaum geben. Die Hunde ſtanden heulend mit hoch geſträubtem Haar davor, allein ſie hüteten ſich wohl, auch nur einen Schritt weiter den Weg hinab zu thun, der zwiſchen den Baumwurzeln ſicht⸗ lich den Eingang bildete, und wie dem klugen Räuber in dieſem 31 die der trefflichſten ratzenſchlage tstheilungen ſtreiten ſich er in die nthümliches dem Rande her flogen bellend und ſchnell aber Vär ſchien nach allen aufen unten eiter. Poöh rutſchte mit die Hunde n mit einem aus, welche der zwiſchen Zrei hol eine drädt ſem. en Gliden, hatten ki n h cher ſich dar Einſſedlers übalt konnte geſräutte inen Schritt Si 211 Schlupfwinkel überhaupt beizukommen ſei, leuchtete dem Kammerherrn am allerwenigſten ein. Er zog ſeinen Operngucker aus der Taſche und betrachtete den Spalt unter dem Felſen mit Aufmerkſamkeit. Ich bin der Meinung, ſagte er dann, daß wir abziehen müſſen, wie wir gekommen ſind, und daß für diesmal der verhängnißvolle Pfahl vergebens mit Blumen ge⸗ ſchmückt wurde. Das Loch geht tief und ſchief unter dem Fels fort, und hätten wir es auch ſtatt mit finniſchen Bauern mit den beſten Jägern Curopas zu thun, ſo würden wir ſchwerlich etwas ausrichten. Geben Sie nur Acht, antwortete Waimon, ob dieſe dummen Bauern ihre Sache nicht beſſer verſtehen, wie die beſten Schützen. Mit dieſen elenden Bohnenſtangen? Mit dieſen finniſchen Piken, die oft ſchon wildere Thiere bändigten. Lars Normark ſtand inzwiſchen mitten in dem Haufen und vor ihm ſtand Jem; auf der Schulter ſaß ihm ſein Hahn und in der Hand hielt der Schulmeiſter einen langen, wohl einen fingerdicken Strick, den er aus ſeinem Querſack gezogen hatte. Er wand dieſen Strick langſam und bedächtig um den Arm des jungen Burſchen, und indem er Ring an Ring legte, die Bauern aufmerkſam zuſchauten und beide umſtanden, ſang Jem mit kräftiger Stimme ein Lied, das die ſchwediſchen Herren und Damen freilich nicht verſtanden, dem ſie aber verwundert zuhörten, da es eine eigenthümlich klagende und bit⸗ tende Melodie hatte. Das Lied war, wie Erich ſagte, ein uraltes fin⸗ niſches Jagdlied, durch welches die Götter zur Hilfe gerufen wurden, und es lautete alſo: In den Wald bin ich gewandert, Wo Geſchäfte meiner harren. Mielicki, Waldeswirthin, Komm und ſteh' an meiner Seite, Und du ſchöne Tochter Tapio's Nimm jetzt an den Strick die Hunde. Leiſe geh' zu Otho's Lager, Streichle leiſe ihm die Ohren. Um die hellen Augen binde, Um ſein Haupt ihm Seidentücher; Se 14* — 212— Hülle ſeine ſüßen Tatzen Feſt in deine weichen Schleier. Auf die Zähne ſtreich' ihm Honig, Auf die Schnauze weiche Butter; Daß er nicht den Jäger ſpüre, Meinen Athemzug nicht höre, Wenn in ſeinen Hof ich trete An des edlen Otho Thron. Während deſſen hatte der Schulmeiſter ſein Geſchäft beendigt. Der Hahn ſtieß einen hellen Schrei aus, der ganze Haufe der Jäger hatte den Arm des tapfern Burſchen befühlt, der von der Hand bis an den Ellnbogen nun dicht umwunden war, und ſie lobten und gaben guten Rath, bis der Schulmeiſter auf Jem's Schulter klopfte und ihn beifällig am Ohr zupfte. Jetzt, mein Junge, ſagte er, laß uns ſehen, was du kannſt; zeige den ſchwediſchen Herren und dem Ruſſen da, daß du ein finniſcher Mann biſt. Zeig' ihnen, was ein finniſcher Spieß und ein finniſches Beil bedeuten, und ſchau her, wie der Hans dir zunickt und zuruft. Er würde es nimmermehr thun, wenn er nicht wüßte, daß Mielicki deine Hand hielte. Der Hahn war auf den umgeſtürzten Baum geflogen, dort ſchlug er mächtig ſeine Flügel und wiederholte ſein helles Kriegsgeſchrei. Während deſſen reihten ſich die Bauern hinter Jem, die Hunde waren an die Leine gelegt und zurückgeführt, und zum nicht geringen Er⸗ ſtaunen und heimlichen Lachen der fremden Gäſte bewegte ſich der Zug feierlich bis an den Eingang zur Burg des edlen Otho, wo Alle ihre Hüte abzogen und mit freundlichen Mienen ſich neigten und beugten, während ſie denſelben Geſang anſtimmten, den Jem zuerſt allein vorgetragen hatte. Buaron Arwed hatte ſich inzwiſchen längſt einen geſicherten Platz auf einem hohen Felsblock ausgeſucht, wohin auf ſeine Einladung auch Erich und die beiden Fräulein folgten. Der Baron überblickte durch ſein Glas den Schauplatz und ſagte dann beluſtigt: Du haſt keinen Gefallen am Blutvergießen, Ebba, ich auch nichtz, aber ich denke, wir können Beide ganz ruhig ſein. Es iſt allerdings ergötzlich und romantiſch genug, dieſe heidniſchen Jagdlieder und ſeltſamen ur⸗ ◻—* beendigt. der Jäger r Hand bis lobten und ilter kopfte gte en, laß 1 und dem n, was ein au her, wie rmehr thun, dort ſchlug riegsgeſte zunde waren geringen 4 egte ſch. Otho, wo neigten und em zlerf 213 weltlichen Gebräuche im neunzehnten Jahrhundert mitten im finniſchen Walde zu genießen, aber ich denke, auch die Bären haben etwas von dem modernen Unglauben unſerer Zeit eingeſogen und kehren ſich nicht mehr weder an Cötter, noch an Zauberſprüche. Der Bär liebt die Muſik und hört gern Geſang, erwiederte Erich. Dies mag die Urſache ſein, daß er ſich bewegen läßt, beidem leicht zu folgen. Der Geſang hatte inzwiſchen ein Ende genommen, nur Lars, der ihn auf ſeiner Pfeife begleitete, fuhr fort, die ſanfte ſchmeichelnde Melodie weiter zu blaſen. Es klingt wirklich ganz verlockend, ſagte Serbinoff, der jetzt eben⸗ falls ſich zu den Zuſchauern geſellte, aber Herr Otho hat ein hartes Herz. Er ſchlägt ſeine Arme darüber und es hilft kein Flehen und Beſchwören. Er warf dabei einen Blick auf den Bauernkreis, hinter welchem Otho Waimon mit gekreuzten Armen ſtand, ohne ir⸗ gend eine Theilnahme zu äußern. Plötzlich fuhr der Hahn mit dem Hals vor, als wollte ſer auf einen Feind ſpringen, und in demſelben Augenblick ſragte aus dem Felſenſpalt ein mächtiger Kopf, der ſeine kleinen funkelnden Augen nach allen Seiten wandte. Der Hahn machte ſeine kriegeriſche Bewe⸗ gung ohne ſich weiter zu rühren und ohne aufzuſchreien, eben ſo ſchweigſam und unbeweglich blieben alle die menſchlichen Zeugen. Die fremden Gäſte ſchwiegen aus Ueberraſchung oder aus Furcht, die Jäger, weil ſie wußten, daß es nöthig ſei, nur die Pickelflöte brachte noch lieblichere, ſüßere Töne hervor und die runden blauen Augen des alten Schelms füllten ſich mit dem wohligſten Behagen. Der Bär wackelte eine Zeit lang her und hin, als ob er zweifel⸗ haft ſei, wie er ſich benehmen ſollte. Er betrachtete die Geſtalten ſeiner Verfolger aufmerkſam bedächtig, und einmal verſchwand ſogar der haarige dicke Kopf wieder; doch eben als der Baron ein Gelächter aufſchlagen wollte, zeigte er ſich von Neuem und ihm nach folgte der ganze mächtige Körper. Der Jägerkreiss an der Grube wich bei ſeinem Erſcheinen zurück und in den meiſten Geſichtern drückte ſich Erſtaunen und Beſorgniß aus, denn dies gewaltige Thier üübertraf alle Erwartungen. Es war kein Bär von der ſchwächeren — 214— ſchwärzlichen Art, ſondern er gehörte der braunen ſtarken an, die an Wildheit, Größe und Kraft jener bei weitem überlegen iſt. Seine un⸗ geheuren Tatzen bezeugten, daß die Tage ſeiner Jugend vorüber waren, und als er den langen Rachen öffnete, weil Jem mit kühnen Schrit⸗ ten näher trat, wies er ihm deutlich genug die zolllangen untadel⸗ haften Zähne. Jem ließ ſich jedoch davon nicht irre machen, er verbeugte ſich zierlich und lieblich und begann einen neuen ſchönen Geſang, den der Bär mit klugem Kopfdrehen wohlgefällig anhörte. Wackerer Otho, Waldesapfel, Ol du lieber, ſchöner, fetter, Sicher biſt du es zufrieden, Daß ein tapf'rer Mann dich ſucht. Bitte dich, zieh' ein die Krallen, Berg' im Zahnfleiſch deine Zähne, Denn du willſt mich nicht verwunden, Willſt nicht ſchaden deinem Gaſt. So, nun rühre dich, mein Otho, Komm, du ſüßer Honigtatzer, Komm, und laſſ' mit dir mich ſprechen. Rühr' dich leiſe wie das Birkhuhn, Komm, und laſſ' dich von mir ſtreicheln, Streicheln, wie ein ſchlummernd Gänschen— Halt, mein Otho, halte ſtill! Während dieſes Geſanges war der Bär vor den Gang, der zu ſeinem Lager führte, herausgekommen, und hatte ſich am Eingange niedergeſetzt. Drei Schritte vor ihm ſtand Jem mit vielen Compli⸗ menten und ſanftem Lächeln, während er den ſcharfen Spieß mit bei⸗ den Händen umfaßt und bereit hielt. Das ungeheure Thier hielt ſeinen Rachen weit offen, ſeine ſchwärzliche Zunge ſtreckte ſich über die Hauzähne, er blinzelte mit den kleinen liſtigen Augen und nickte dazu. Die ängſtlichſte Erwartung feſſelte, alle Zuſchauer, alle Augen richteten ſich auf dieſen ſeltſamen Auftritt, deſſen anſcheinende harm⸗ loſe Friedlichkeit plötzlich ſich in grauſame Feindſchaft und Mordluſt n, die an Seine un⸗ ber waren nen Schrit⸗ en untadel beugte ſich g, den der ng, der d — 215— verwandelte. Denn bei den letzten Worten ſeines Geſanges ſprang Jem auf den edlen Gevatter los, offenbar in der Abſicht, ihm ſeine Pike in die Seite und wo möglich bis in's Herz zu bohren; allein es zeigte ſich jetzt erſt, welch ein hinterliſtiger, tückiſcher Geſelle dieſer biedere Otho war. Statt ſtill zu halten, wie ein ſchlummernd Gänschen, und von den Zauberliedern eingeſchläfert zu ſein, parirte er, gleich dem geſchickteſten Fechter, den Stoß mit einer ſeiner Vordertatzen und verſetzte der Waffe einen ſolchen Schlag, daß ſie zur Seite flog. In demſelben Augenblick aber war es auch um den armen Jem geſchehen. Das Ungethüm ſtand auf ſeinen Hinterbeinen, umarmte den unglück⸗ lichen Jäger, der nicht ſchnell genug zurückſpringen konnte, mit ſolcher Innigkeit, als wollte es ihn erdrücken, und während er ein ſchreckliches Gebrüll ausſtieß, bedeckte er ihn mit dem heißen Dampfe ſeines Athems. Eben ſo ſchnell war jedoch die Hilfe da. Otho Waimon, aus ſeiner theilnahmloſen Ruhe aufgeſchreckt, riß dem jungen Lindſtröm, welcher ganz betäubt vom Schrecken neben ihm ſtand, das Beil aus der Hand und mit einem Sprung war er neben ſeinem unhöflichen Namens⸗ vetter, mit einem Schlag nach deſſen gewaltigem Kopf bewirkte er, daß der Bär ſeine Beute fallen ließ und auf ſeine Vorderfüße niederfiel. Ein Blutſtrom ſprang ihm zwiſchen Auge und Ohr auf, aber der Kopf eines Bären wird nicht von einem ſchwachen ſchmalen Beile ge⸗ ſpalten. Im nächſten Augenblick rannte er in raſender Wuth auf ſeinen neuen Feind an, richtete ſich dicht vor ihm auf, that einen Tatzenſchlag nach ihm, der Otho niedergeſchmettert hätte, wenn er nicht durch eine blitzſchnelle Wendung der Gefahr entgangen wäre. Doch entſetzlicher ließ ſich kaum ein Anblick denken, als dies blutige brüllende Ungeheuer, und der kühne Mann vor ihm, den es weit überragte. Das Gebrüll des Bären wurde jedoch von einem Schrei übertönt, der von dem Felsſtücke kam, auf welchem Ebba ſtand. Bleich wie der Tod, ihr Geſicht voll entſetzlicher Angſt und doch voller Ent⸗ ſchloſſenheit, ihre Arme vorgeſtreckt, war ſie im Begriff ſich auf den Kampfplatz zu ihren Füßen zu ſtürzen, als Erich ſie feſthielt, und während dieſer Zeit war der Kampf ſelbſt ſchon entſchieden. Statt ihrer hatte Serbinoff den Sprung gethan und eben als Otho mit 216 ſeinem Beile dem Bären die Tatze durchhieb, mit welcher er einen neuen Schlag nach ihm führte, durchrannte ihn Serbinoff mit Jem's Lanze. Der ungefüge Körper ſtürzte zuſammen. Zehn andere Speere der her⸗ beikommenden Jäger drangen in ſeinen Leib. Da lag er ausgeſtreckt, ſo lang er war und zuckte zum letzten Male. Mitten unter die Stangen und die ſchreienden Männer aber flog der Hahn, ſetzte ſich auf den ſchweigſam ruhenden Kopf des erlegten Feindes und fing ein helles Triumphgeſchrei an. Dieſer Einfall des klugen Hahnes weckte die allgemeine Luſt und das Gelächter der Sieger. Alles war gut abgegangen. Der ſchönſte, ſtärkſte Bär, welcher im ganzen Lande ſein mochte, lag hier als ein fetter Braten. Die Bauern geriethen in den höchſten Jubel, ſchwenkten ihre Hüte und tanzten um den lieben Otho, der, als ein ſtiller Mann, jetzt geduldig ihre Schmeicheleien in Empfang nahm. Zur Seite ſaß der alte Schulmeiſter und hielt auf ſeinem Schoße den blaſſen Jem, deſſen Schläfe und Bruſt er mit Branntwein rieb und dabei mit ſei⸗ nem Hahn ſprach, der ihn wieder aufgeſucht hatte. Es iſt Alles in Ordnung, Hans, ſagte er, du wirſt es ſehen, in einer Viertelſtunde wird Jem ſo munter auf ſeinen Beinen umher⸗ ſpringen, als ſei nichts vorgefallen. Ich fühle, wie unter meiner Hand ſein Herz ſchlägt und fühle mit meinen Fingern, daß nichts an ſeinen Rippen zerbrochen iſt; doch hört der Schelm ſchon Alles, was ich ſage, hält's aber für gut, ſeine Augen noch zuzuſchließen, obwohl er keine Urſach dazu hat. Haſt wie ein tapferer Mann deine Sache begonnen, Jem, mein Kind, nur das Glück war nicht mit dir, und das Glück, Hans, kann Keiner ſich geben oder nehmen. Niemand ſoll über dich lachen, Jem, und es wird's auch Keiner thun, der geſehen hat, wie du es machteſt. Haſt auch Keinem Dank zu ſagen unter allen den ſchreienden Burſchen, die wie Holzklötze ſtanden, als es Zeit geweſen wäre, drauf los zu ſpringen. Haſt alſo nichts von ihnen zu beſorgen, Jem, kannſt es ihnen zurückgeben mit reichlichen Zinſen, und wir wollen dir beiſtehen, ich und der Hans. Verdient Niemand Dank hier, als der ſchon mehr als einmal bei dir ſtand, wo eine ſchwarze Hand über deinem Kopf war. Nicht der Ruſſe etwa, mag Hiiſi ihm dafür einen Lohn geben! Frage den Hans, mein Kind, frage den Hans. Der Ruſſe war nicht nöthig, Otho Waimon hätte es allein rer eien m's Lanze. re der her⸗ ſeſtreckt, ſo angen und ſcweigſam geſchrei an. Luſt und t ſchönſte, er als ein ſchwenkten ler Mann, Seite ſaß ſeen Jem, mit ſei⸗ ſehen, in en umher⸗ einer Hand an ſeinen 6 ich ſage, l er keine begonnen das Glüch über dich hat, wit allen den 1 geweſen u beſorgen, und wit — 217— gethan. Gerade durch's Gelenk war dem Gevatter ſein ſcharfes Beil gefahren, hatte alle Sehnen zerſchnitten; ſanft wie ein Lämmchen fiel er nieder, als der ruſſiſche Fuchs ihm auch einen Biß verſetzte. Wer iſt ſchlauer als ein Fuchs, ſchlauer als ein Ruſſe? Trau ihm nicht, Jem, trau ihm Niemand. Jetzt aber hebe endlich dein Geſicht auf und laß es dir nicht nehmen, dem Gevatter den Kranz aufzuſetzen. Laß es dir nicht nehmen, mein Kind, ſeinen Kopf in deinen Topf zu ſtecken und die beſten Stücke in Fulla's Erbsſuppe zu ſchneiden. Der Schulmeiſter hatte fortgefahren, Jem's Bruſt und Arme zu reiben, während er ihm dieſe Ermahnungen zuflüſterte, deren letzte offenbar am beſten wirkte. Denn Jem ſchlug plötzlich ſeine Augen auf, reckte ſich, ſchüttelte ſich, verzog ſeinen Mund, lachte und ſprang auf ſeine Beine. Ohne ein Wort zu verlieren, aber mit einem ſchlauen Blick auf ſeinen alten Freund, nahm er den Kranz von Zweigen, Gras und Feldblumen, welcher neben Lars lag, und in der nächſten Minute war der fette Waldesapfel damit geſchmückt. Als Sieger neigte ſich der tapfere Burſche mit allerlei komiſchen Drehungen vor dem ſtillen bekränzten Schläfer und begann mit lauter Stimme zu ſingen: Sei geprieſen du, Jumala! Hoher Schöpfer, dich verehr' ich, Weil du mir den ſchönen Otho Gabſt, die edle Waldeszier. Du mein einz'ger, beſter Otho, Süßes Goldchen, Blinzelauge, Zürne über meinen Scherz nicht, Diesmal nur vergieb ihn mir. Komm, verlaß dein ſchlechtes Lager, Dieſes Bett von Fichtennadeln Und von armem Heidekraut. Komm, und ruh auf rothen Polſtern, Ruh auf ſeidenweichen Betten, Unter meines Hauſes Giebel In dem feinſten Kämmerlein. Auf, mein Otho, auf! und flattre Durch die Luft, wie Birkenblätter, Wie das Eichhorn ſpringt am Eichbaum, So, du ſchöner, folge mir. 218 Das that der ſchöne Otho nun zwar nicht, obwohl er durch einen Rundgeſang nochmals dazu eingeladen wurde, allein aus Stangen war zu gleicher Zeit eine Art Schleife für ihn gemacht worden, und in gar kurzer Zeit folgte er unter Jubel, Gelächter und neuem Geſang den Jägern, die ihn mit vereinten Kräften zogen, hoben und an manchen Stellen trugen, bis er nicht ohne mancherlei Mühen glücklich aus den Felſen herunter geſchafft war, wo ein Wagen ſchon ſeiner wartete. Der Freiherr mit ſeinen Gäſten folgte dem Zuge nach, doch dieſe nahmen an der bäueriſchen Luſt, welche nun dem Siege folgte, wenig Antheil mehr. Als Serbinoff den blutigen Spieß von ſich warf, war das erſte, was er that, Otho zu umarmen und einige herzliche lebhafte Worte auszurufen, welche noch lebhafter und dankbarer erwiedert wurden. Die beiden jungen Männer betrachteten ſich einige Augenblicke lang voller Freudigkeit, dann drückten und ſchüttelten ſie ihre Hände und Waimon ſagte in innigem ſtarken Tone: Das war ein Dienſt, den ich Ihnen nie vergeſſen will, Graf Serbinoff. Nichts war es, eine Kleinigkeit, mein beſter Otho, antwortete Serbinoff. Für ſeinen Freund thut man andere Dinge. Auf dem Schlachtfelde erprobt ſich die Waffenbrüderſchaft. Wo es auch ſein mag, im Leben und im Sterben, verſetzte Otho mit jugendlicher Begeiſterung, wir wollen als Freunde beiſammen⸗ ſtehen. Louiſa warf ſich in ihres Bruders Arme. Mich darfſt du nicht vergeſſen! rief ſie zärtlich. Ich gehöre mit in den Bund. Wir Alle! fiel der Kammerherr ein. Es iſt eine alte nordiſche Sitte, die Waffenbrüderſchaft und die Schutzgelöbniſſe. Einer ſchützte des Anderen Haupt gegen jede Gefahr und übergab ſich allen Höllen⸗ göttern, wenn er je in Zorn und Streit ſein Schwert gegen den Freund zöge. Niemals, bei Gottes Thron! niemals! rief Otho, Arm und Augen zum Himmel aufhebend. Vortrefflich! ſchrie der Kammerherr, mir iſt zu Muthe als lebten wir im achten oder neunten Jahrhundert. Aber unſere Freundſchafts⸗ rch einen ngen war und in Geſang und an glücklich en ſeiner doch dieſe te, wenig das erſte, te Worte nde und den ich itwortete Auf dem zte Otho ſammen⸗ du nicht nordiſche t ſchützt Höllen⸗ gegen den 8e9 nd Augen, s lebten ndſchafts⸗ — 219— ſchwüre müſſen, wie in alter Zeit, auch mit einem vollen Becher be⸗ ſiegelt werden, nach dem ich einiges Verlangen ſpüre. Da ziehen die Heiden ſchon mit dem Bären ab und der Hahn ſitzt obenauf und ſtimmt ein Hexenlied an. Kann man etwas Romantiſcheres erleben, als dieſen homeriſchen Kampf? Komm endlich herunter vons dem bemoosten Steine, Ebba, und da du poetiſche Gaben haſt, ſo dichte eine Ode auf die Waffenbrüder in den Felſen von Korpilar. Auf den ſüßen Herrn Otho, ſagte Ebba ſich verbeugend, welcher trotz aller Klugheit doch den Kopf nicht auf der rechten Stelle behielt. Sie ſprang von dem Steine und hatte ihre fröhliche Laune reich⸗ lich wiedergefunden. Ich lobe mir die Friedfertigen und Vorſichtigen, fuhr ſie fort. Darum will ich auch nichts mit dem Bund der Waffen⸗ brüder zu ſchaffen haben. Schützen werde ich mich ſelbſt, ſollte ich jedoch des Schutzes benöthigt ſein, ſo habe ich einen tapferen Ritter an meiner Seite, der ohne mit Beilen und Spießen um ſich zu hauen und zu ſtechen und ſeine Mitgeſchöpfe zu beleidigen, jeden Feind zu Schaam und Einſicht bringen wird. Ihre Neckereien wurden durch andere erwiedert und bald war, was erſchreckt und geängſtigt hatte, unter Scherzen und Fröhlichkeit ver⸗ ſchwunden. Die gefahrvollen Auftritte, welche zu einem ſchlimmen Ende führen konnten, dienten jetzt dazu, das Gelächter zu vermehren, die Helden zu bewitzeln, ihre Abenteuer in Poſſen zu verwandeln, und weil Alle dabei mithalfen, waren ſie ſämmtlich auch davon beluſtigt. Schneller, als ſie es dachten, befanden ſie ſich an der Schlucht, von welcher aus der Jagdzug in dieſe Wildniß drang und hier erwartete ſie neuer Stoff zu übermüthiger Laune; denn der edle Honigtatzer mußte auf ſeiner Schleife über Hals und Kopf in die Tiefe rutſchen und nahm ein halbes Dutzend Jäger mit, welche von den hohen Hügelrändern herabkollerten, dennoch aber glücklich unten anlangten. Ob es auch Beulen und geſchundene Glieder gab, der Feſtjubel wurde dadurch nicht erſchüttert, ja er ſtieg immer höher, denn das Beſte, das fette leckere Mahl, ſollte erſt kommen. Der Bär wurde auf den wartenden Wagen gelegt und feſtgebunden. Lars Normark ſtand vor ihm und blies ſeine Pfeife, rund umher gingen die Jäger, welche 220 immer neue Geſänge in Vorrath zu haben ſchienen und auf dem edlen Otho ſpazierte der Hahn mit den ſtolzeſten Siegerſchritten umher. Der Zug hatte jedoch, gefolgt von den Reitern, kaum die Höhen von Halljala erreicht, als eine Menge Volk aus dem Kirchſpiel, Männer, Weiber und Kinder, ihm entgegenſtrömte. Alle prangten in ihrem beſten Putz; die rothen Tücher der Mädchen flatterten mit farbigen Bändern im Verein. Die Männer hatten Laub und Tan⸗ nenſträuße an ihre Hüte geſteckt und blieſen ihre kleinen krummen Kuhhörner, in deren entſetzlichen Lärm ſich wildes Jauchzen und Schreien miſchte. Alle ſtürzten auf den Zug los, an deſſen Spitze Jem mit ſeiner Lanze ging, die er ſtolz freudig ſchwenkte. Fulla, das große hübſche Mädchen, das weit vorn unter den Erſten lief, ſchlug entzückt ihre Hände zuſammen, als ſie ihren Geliebten unter dieſem Panier erblickte. In ihres Herzens Seligkeit rief ſie unaufhörlich ſeinen Namen und wäre ihm rückſichtslos um den Hals gefallen, wenn nicht ein halbes Dutzend Hände ſie an den Röcken zurückgezogen hätten. Denn das Feſt duldete ſolche Zudringlichkeit nicht. Es hatte ſeine beſtimmten heiligen Gebräuche, die Niemand unterbrechen durfte. Zunächſt gab es ein neues langes Zwiegeſpräch oder vielmehr neuen Geſang zwiſchen Jem und einem Manne, welcher den Haufen der Neugierigen anführte und dabei that, als wiſſe er gar nicht, was geſchehen ſei. Er ſtellte ausforſchende Fragen, die Jem mit kläg⸗ lichen Mienen, Achſelzucken und Seufzen beantwortete. Anfangs be⸗ hauptete er, Alles ſei fruchtlos ausgefallen, dann, als der Frager ſehen wollte, was auf dem Wagen ſei, Jumala habe den Jägern eine Otter geſchenkt. Als auch das nicht geglaubt ward, berichtete er, es ſei ein Schneehuhn, dann ein Auerhahn, hierauf ein Luchs; doch als Alles nichts half, und die Menge den Kreis der Jäger zu durchbrechen begann, ſang er zuletzt mit heller Stimme: Keine Otter, noch ein Luchs iſt's, Seht ihn hier, den Freudenſpender! Wie ein Waldesnebel ſchwebt er; Kurz der Fuß, das Knie gebogen Rund die Naſe wie ein Knäuel. Otho iſt's im Feſtgewande! dem eͤlen en umher. die Höhen Kirchſpiel, prangten terten mit und Tan⸗ krummen en und ſen Spitze 5 den Erſten gten unter aufhörlich en, wenn een hätten. atte ſeine ufte. vielmehr n Haufen nicht, was mit klä⸗ fangs he⸗ er Frager Jägern berichtete n Luchs; Jäger ii 221 Ein Jubelruf, von welchem Berg und Thal widerhallte, folgte dieſer Aufklärung, und er wiederholte und verdoppelte ſich, als der edle Otho in nächſter Nähe betrachtet wurde. Die lieblichſten Schmeichel⸗ worte, die zärtlichſten Namen wurden an ihn verſchwendet, und wie beſeſſen ſprangen und tanzten die Jungen und Alten um ihn her, befühlten und ſtreichelten ihn mit lüſternen Blicken.— Die ganze Ceremonie des Empfanges, der Befragung, der Verleugnung der Beute und deren Entdeckung hatte den Bauernhaufen unendlich belu⸗ ſtigt, den Kammerherrn dagegen entſetzlich gelangweilt. Er wünſchte von Herzen, daß der abgeſchmackte Spaß ſein Ende erreichen möchte; allein wie ſehr ſah er ſich getäuſcht! Der Zug ſetzte ſich zwar in Bewegung und erreichte endlich die Feſthütte auf dem Dorfplatze, doch hier ging die ſonderbare Mummerei erſt recht an. Die ganze Bevöl⸗ kerung war dort verſammelt und mit unendlichen Knixen, Verbeugun⸗ gen und anderen Ehrfurchtsbezeugungen wurde der edle Otho empfan⸗ gen.— Der beliebteſte Sänger und Dichter des Kirchſpiels kam mit der Zither herbei und empfing den werthen Gaſt mit ſo zierlichen ſchönen Verſen, begleitet von ſo zärtlichen Grimaſſen und Bücklingen, daß auch die, welche ſeine Worte nicht verſtanden, herzlich mitlachen mußten. Dann wurde der arme Honigtatzer aufgerichtet und in höf⸗ licher Weiſe eingeladen, näher zu treten, was ein halbes Dutzend kräftige Männer glücklich bewerkſtelligeen. Dabei ſang der jubelnde Chor in arger Luſt und Spötterei: Näher, näher, edler Otho. Aus dem Wege da, ihr Kinder, Fort, ihr Weiber, von der Thüre, Weichet vor dem kühnen Helden, Weichet vor dem ſtolzen Mann. Fürchte, Otho, nicht die Weiber, Die beſtrumpften Mützenträger. In den Winkel muß ſich ſchmiegen, Was da Weib heißt, wenn ein ſolcher Tapfrer Mann in's Zimmer tritt. Aber wo blieben die rothen Polſter und weichen Decken, welche man dem Dulder verſprochen hatte? Der Kammerherr ſah durch ſein 222 Glas über die Köpfe des Volkshaufens fort, welcher die Bank um⸗ ringte, auf welcher Herr Otho ausgeſtreckt lag, und er ſah, wie der Schelm Jem eine mächtige Art ſchwang und das breitſtirnige Haupt vom Rumpfe trennte; er ſah, wie ein ganzes Rudel dieſer blond⸗ haarigen blauäugigen Böſewichte ſich auf den Vielgetäuſchten warf, ihm das Fell abzog, ihn zerſtückte, und er blieb ſo lange, bis er ſah, daß der ungeheuere Kopf in den großen Keſſel geſteckt wurde, der, mit der entſetzlichen Erbsſuppe angefüllt, ſchon über dem Feuer bro⸗ delte. Dabei ſang die Geſellſchaft faſt ohne Aufhören; in ihren Ge⸗ ſichtern malte ſich die heftigſte Begier nach dem bratenden, kochenden und ſchmorenden Bärenfleiſch, und aus Grauen vor dem Gedanken, an dieſem Kannibalenmahle Theil nehmen zu müſſen, lief Herr Arwed Bungen auf und davon und verbrachte den Reſt des Tages lieber ganz allein in dem alten Schloſſe. Als es ſpät und finſter war, und er in ſeinem Bette lag, trat Serbinoff endlich herein und ſetzte ſich bei ihm nieder. Nun, theurer Alexei, rief ihm der Kammerherr ent⸗ gegen, ich danke dem Himmel, daß ich Sie lebendig wiederſehe. Poſſen! ich habe mit anderen gefährlicheren Feinden ſchon ge⸗ kämpft, antwortete Serbinoff. Bei Auſterlitz hieb ich einen rieſen⸗ haften franzöſiſchen Küraſſier vom Pferde, der Alles vor ſich nieder⸗ mähte und zehnmal grimmiger war als dieſer finniſche Bär. Beſter Freund, verſetzte Arwed lachend, dieſer Büär war Ihnen im Leben allerdings nicht übermäßig gefährlich, denn der tolldreiſte Burſche hatte ihm die Tatze weggehauen, und Sie brauchten nur zu⸗ zuſtechen; allein im Tode, Serbinoff, im Tode wurde er fürchterlich. Haben Sie von der ſchrecklichen Erbsſuppe gegeſſen? Sie ſchmeckte vortrefflich! ſagte der Graf. Auch kann ich es den alten Göttern nicht verargen, wenn ſie in ihrem Paradieſe Bären⸗ köpfe und Zungen beſonders liebten. Aber dieſe Schmauſerei war wundervoll. Von dem ganzen Bären, ſo lang und fett er war, ſind nichts als die Knochen übrig geblieben. In Euren Sagen, die in der Edda ſtehen, welche ich einmal zu meinem Vergnügen durchblät⸗ terte, habe ich von einem Eſſen geleſen, welches der Gott Thor mit Rieſen hielt, die Alles verſchlangen, was aufgetragen wurde, zuletzt ſogar auch die Schüſſeln, Teller und Tiſche, das fiel mir bei dieſem ant um⸗ wie der ge Haupt r blond⸗ en warf, is er ſah, rde, der, euer bro⸗ hren Ge⸗ kochenden Gedanken, err Arwed ges lieber war, und ſetzte ſich therr ent⸗ ehe. ſchon ge⸗ en rieſen⸗ h nieder⸗ Ihnen im tolldreiſte nur zü⸗ abterlich — 223— Feſte ein. Zum Nachtiſche wurde ein Fiſch aus dem Pajäne herbei⸗ geſchleppt, ein Wels, größer als ein Stör. Vier Männer trugen ihn auf Stangen, doch auch dies Ungeheuer folgte dem Bären ſpurlos nach, und noch jetzt nagen ſie geſchäftig an Knochen und Gräthen. Welche thieriſche Gefräßigkeit! Bah! erwiederte Serbinoff, indem er ſich auf die Bettſeite ſeines Freundes lehnte, was kann ein Volk Beſſeres thun, als ſich den Ma⸗ gen füllen. Die ganze Glückſeligkeit dieſes Lebens liegt im Genießen, und es genießt ein Jeder in ſeiner Weiſe. Gönnen wir dieſen armen Leuten auch ihr Theil, und ſeien wir zufrieden, wenn ſie in ſolchen Genüſſen noch Glück und Zufriedenheit finden. In Gottes Namen! rief der Kammerherr, nur verſchone man uns damit. Ich begreife nicht, wie Sie dabei aushalten konnten. Ich, verſetzte Serbinoff, habe dabei mancherlei gelernt. Ich habe ge⸗ ſehen, daß dies Volk ein kindliches und gutmüthiges iſt, daß es aus rüſtigen abgehärteten Männern beſteht, die vortreffliche Soldaten liefern können. Habe auch geſehen, daß die Weiber und Mädchen nicht halb ſo hübſch ſind, als die jungen Burſchen; denn beiläufig geſagt, nicht ein halbes Dutzend leidliche Geſichter habe ich unter dem ganzen Haufen entdecken können. Sie verderben ihre Geſichter durch harte Arbeit und den Rauch in den Hütten, die gewöhnlich keine Schornſteine haben, erwiederte der Kammerherr, dabei auch durch die abſcheuliche Badſtube, welche ſich in jedem Hauſe befindet. Serbinoff lachte. Ich bin in mehreren geweſen, habe mich umher⸗ führen laſſen und dabei erfahren, daß die Weiber Tage lang darin zubringen, die Männer ebenfalls, alle im natürlichen Zuſtande. Länd⸗ lich ſittlich, theurer Freund; und wenn etwas meinen Glauben ver⸗ ſtärken könnte, daß Finnland zu Rußland gehört und der große Tſchudiſche Volksſtamm ohne Ausnahme uns zunächſt verwandt iſt, ſo müßten es dieſe Badſtuben ſein, welche man ganz ebenſo bei allen ruſſiſchen Bauern findet. Merkwürdig genug, ſpottete der Kammerherr, und obenein ein ganz neuer Beweis. Unſere Bauern leben beſſer, fuhr Serbinoff fort. Otho hat mir erzählt, daß der allergrößte Theil des Volks den Sommer über kaum — 224— etwas Anderes genießt als ſaure Milch mit Buchweizengrütze, ſammt den unvermeidlichen Fiſchen; im Winter aber Buchweizengrütze und Waſſer. Dennoch, erwiederte Arwed leiſer, glaube ich nicht, daß ſo leicht ein Finne mit dem beſſergenährten ruſſiſchen Bauer tauſchen möchte. Allerdings nein; aber Niemand wird ihn danach fragen, und un⸗ ter den Flügeln des Adlers wird es ihnen bald beſſer gefallen als unter den Klauen des Löwen. Ein ſo kindliches Volk, ſo heiteren Gemüths, ſo genügſam, bis auf die entzückenden Stunden ihrer feſt⸗ lichen Gefräßigkeit, dabei jedoch nicht ohne Verſtand, bedarf nur guter Rathgeber, zu denen es Vertrauen beſitzt. Ich habe mit Vergnügen vernommen, wie viele poetiſche Anlagen, Lieder, Geſänge und Dichter es hat. In meinem Leben habe ich nichts Abgeſchmackteres geſehen! rief Arwed. Dies ganze Bärenfeſt iſt ein Poſſenſpiel der albernſten Art und daß die Finnen ſeit Jahrhunderten ſolche Narrheiten treiben, iſt der beſte Beweis ihrer kindiſchen Denkweiſe. Haben wir nicht auch Maskenſpiele und Feſte genug, die noch viel kindiſcher und thörichter ſind? erwiederte Serbinoff. Hier gilt es doch wenigſtens einem guten Braten, der den geſchmackvollen Hinter⸗ grund bildet. Für mich war dies Feſt aber überdies ein Quell für andere nützliche Erfahrungen, fuhr er fort, als der Kammerherr ſchwieg. Ich weiß jetzt, daß mein theurer Waffenbruder und Freund Otho von allen jungen Leuten weit umher, bis über den Pajäne hinaus, hoch verehrt wird; daß er mit Hilfe ſeiner Reiſen und ſeines Pferdehandels überall Freunde unter dem Landvolk beſitzt, und daß ſeine heutige Heldenthat bald zehn Meilen in der Runde erzählt und beſungen werden wird. Sie hätten dabei ſein müſſen, Arwed, um einen Sängerkampf zu ſehen. Ein paar fremde Bauern aus Savolax hatten ſich eingefun⸗ den, und als die Fäſſer voll Bier und ſtarker Getränke, welche der Freiherr geliefert, gehörig wirkten, ſetzten ſie ſich den heimiſchen Dich⸗ tern gegenüber, Knie an Knie und Naſe an Naſe. Die lieblichſten Geſänge, Runen, wie man ſie nannte, entſtrömten ihren Lippen, da⸗ bei ſchlugen ihre zarten Finger die Laute oder Kandele, und zur ze, ſammt grütze und iß ſo leich n wöchte. , und un⸗ fallen als o heiteren ihrer feſt⸗ nur guter Vergnügen nd Dichter hen! rief rnſten Art reiben, iſ „die noch ier gilt es en binter⸗ ne nützliche Ich weiß von allen ch verehrt ls üͤberall Heldenthat rden wird. rkanpf l eingefun⸗ welche der — 225— Abwechſelung pfiff der alte Schelm, der Schulmeiſter, auf ſeiner ſchril⸗ lenden Pfeife und ließ ſeinen teufliſchen Hahn tanzen. Die Beſtie ſprang auch heut auf mich los, als ich ihr zu nahe kam, wofür ich ihr den Dank ſchuldig bleiben werde. Ueberhaupt, mein Freund, neh⸗ men Sie ſich in Acht, ſowohl vor dem abſcheulichen Thiere, wie vor dem glatzköpfigen alten Burſchen. Der Propſt ſagt, er ſei der ärgſte Schelm in ganz Finnland, und ich bin gewiß, daß er Recht hat. Der Kerl ſieht aus wie ein Spion und hat alle Eigenſchaften dazu. Verſchlagen, anſcheinend ſorglos, ein Spaßmacher und Umhertreiber, beobachtet er genau und mißtraut uns. Was die Sänger betrifft, ſo ſangen ſie unter unendlichem Jubel von den Thaten, Leiden, Schick⸗ ſalen und Freuden des edlen Otho, witzelten und ſpotteten, verherr⸗ lichten den heutigen Kampf und begeiſterten ſich für ihren jungen Helden, meinen Waffenbruder, der ganz beſonders zärtlich von dem luſtigen Jem geprieſen wurde. Jeder Diener preist ſeinen Herrn, ſagte Arwed. Bei dieſer Gelegenheit habe ich auch gehört, warum Herr Rider⸗ ſtern mit Waimon ſo arg verfeindet iſt und mancherlei Spott ertragen mußte. Auch diesmal ſollten Spottlieder auf ihn geſungen werden, als die Köpfe voll waren; allein Otho hinderte es. Sein Vertrauen zu mir iſt ſo gewachſen, daß er mich vor dem habgierigen Pfaffen warnte, der ein gewiſſenloſer, zu allen ſchlechten Streichen fähiger Menſch ſei. Zu ſolchen Titeln kann man ſehr leicht bei dieſem Fantaſten kommen, fiel der Kammerherr ein. Was hat er ihm gethan? Geld gefordert? Auch das; allein die Hauptſache ging Otho e igentlich wenig an. Der Propſt hat einen Sohn, der jetzt in Sweaborg bei ſeines Vetters Regiment als Junker ſteht, dazu hatte er eine Magd im Hauſe, das artige Mädchen, Fulla, die wir als Jem's Geliebte heut kennen lernten und hübſch genug fanden, um ſie anzuſchauen. Daſſelbe that auch der junge Herr Ridderſtern; allein da er in einem Hauſe mit ihr wohnte, war es ganz natürlich, daß er dabei nicht ſtehen blieb. Eines Abends ſpät oder in der Nacht ſcheint er, gewiß in den beſten Abſichten, in ihr)e Kammer gerathen zu ſein. Was ihm dort D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 15 — 2260— geſchah weiß Niemand, aber es iſt gewiß, das es ihm übel bekam. Er ſchrie jämmerlich um Hilfe, denn er wurde von einem Geſpenſt be⸗ arbeitet, das ihm den Hals umdrehen wollte. Zufällig ſaß der wür⸗ dige Propſt noch bei ſeinen frommen Studien, oder wie anderſeits be⸗ hauptet wird, mit dem edeln Sam Halſet bei einer vortrefflichen Flaſche Wein. Die Herren liefen mit Lichtern herbei und überraſchten das Geſpenſt, das zwar eiligſt durch das Fenſter entſchwebte, und nach Geſpenſterart verſchwand, jedoch deutlich als Jem Olikainen erkannt wurde. Dem armen jungen Herrn war das Geſicht ſchrecklich zerſchlagen, und der mit Recht entzürnte Vater machte eine Kriminalklag⸗ anhängig gegen den groben Spitzbuben, welcher nächtlich in ſein Haus einbrach und von ſeinem Sohn ertappt und feſtgehalten wurde. Ohne Zweifel würde Jem das Zuchthaus kennen gelernt haben, wenn ſich Otho Waimon nicht eingemiſcht hätte, der unter Beiſtand des Freiherrn ſich des Burſchen nicht allein annahm, ihn ſchützte, und zu ſeinem Diener machte„ſondern dem Propſt auch dermaßen zu Leibe ging, daß dieſer ſeine Klage zurücknehmen mußte und ſeinen Sohn ſchnell nach Swea⸗ borg ſchickte. Damit aber noch nicht genug, wurde die ganze Geſchichte in Verſe gebracht, und unſer theurer Freund hatte vielfaches Aerger⸗ niß zu verdauen, welches bitterlichen Groll in ſeinem chriſtlichen Herzen urückließ. Sie beluſtigen ſich daran, Serbinoff, ſagte Arwed, allein dieſe Geſchichte hat auch ihre ernſte Seite. Sie beweist, wie rückſichtslos dieſer hitzköpfige Finne iſt, der einem bäueriſchen Tölpel zur Liebe die größte Schmach über eine angeſehene Familie bringt. Dieſe Rückſichtsloſigkeit hat meinem geliebten Waffenbruder ſeinen Heldenruf verſchafft, antwortete der Graf. Eben um deſſentwegen hängen ihm die jungen Leute mit Leib und Leben an, während das weiſe Alter ſich mehr zu dem ehrbaren, ruhigen Freiherrn Erich hin⸗ gezogen fühlt. Mit dieſen beiden, mein lieber Freund, kann man, wie ich überzeugt bin, bei vorkommenden Fällen, ſehr bedeutend auf den geſammten Bauernſtand einwirken. Doch wie am beſten ſie für ſolche Fälle gewinnen? fragte der Kammerherr eben ſo leiſe, wie Serbinoff dieſe letzten Worte geſpro⸗ chen hatte. bekam. Er eſpenſt be der wür⸗ erſeits be⸗ hen Flaſche ſchten das und nach en erkannt eerſchlagen, anhängig us einbrach ne Zweifel ſich Otho iberrn ſich em Diener daß dieſer nach Swea⸗ e Geſchichte ges Aerget⸗ chen Herzen allein dieſe rücfſchtolos 1 Liebe die uder ſeinen deſſentwegen fragte der orte geſpio — 227— Eine kleine Pauſe trat ein. Es ſcheint mir faſt Zeit zu ſein, ſagte der Graf dann, daß Sie Ihrer Schweſter einige vertraute Er⸗ öffnungen machen. Sie werden dies in einer Weiſe thun, wie es ſich für eine romantiſche Stimmung ſchickt. Unſere liebenswürdige Freundin ſchwärmt für Schwedens alten Glanz und Größe, ſie haßt den König, der Alles was ſie liebt zertritt und zerſtört. Wohlan denn, nähren Sie den Haß und die Schwärmerei; zeigen Sie ihr was geſchehen muß, um alle ſchönen Träume zu erfüllen. Und dann? fuhr Arwed fort. Weiter nichts, ſagte Serbinoff. Sie haben doch geſehen, wie Ihre Schweſter heut in auffallender Weiſe den ritterlichen Freiherrn be⸗ günſtigte. Meinen Sie, daß Erich eine Flamme in ihrem Herzen entzündet hat? Flamme entzündet? wiederholte Alexei leiſe lachend. Poſſen! So wenig wie dieſe Wand Feuer ſchlägt, oder dieſer Tiſch lebendig wird, ſo wenig iſt dieſer Naturphiloſoph im Stande, ein Weiberherz in Flam⸗ men zu ſetzen. Es iſt eben ſo lächerlich, ihn verliebt zu denken, wie leidenſchaftlich geliebt. Käme es blos darauf amg auf das Herz meine ich, auf Leidenſchaft oder verborgene Flammen,ſe ntbihte ich behaup⸗ ten, daß es einen anderen Gegenſtand gibt, dereit eher— Er brach ab, und fuhr ſich zu dem Bett niederbeugend fotte Doch wie dem auch ſein mag, beſter Freund, zweifeln Sie nicht daran, Fräulein Ebba hat ſchon ihre Entſchlüſſe gefaßt, eben ſo wohl, wie der Stoiker, den der Herr in ſeiner Weisheit als Freiherr Randal ſchuf. Ihre Schweſter weiß, daß ſein Vater ihm das Verſprechen abnahm, ihr ſeine Hand anzubieten; ſie weiß auch, daß Ihre Mutter dies alte Schloß verließ, und ihre Zuſage brach, bald und für immer dahin zurückzukehren. Woher wiſſen Sie das ſo beſtimmt. Ich weiß noch mehr, fuhr Serbinoff fort. Fräulein Ebba hat Ihrem Vetter bekannt, daß ſie nach Halljala gekommen ſei, ohne irgend eine Flamme im Hexzen, und daß ſie um keinen Preis ſich verkaufen oder verhandeln laſſen werde, wie ihre Mutter dies gethan. Sie ſind Schuld, Serbinoff, wenn Ebba ſolche Aeußerungen wagt, ſagte der Kammerherr, indem er ſich aufrichtete. Hätten Sie meinem Rathe gefolgt, ſich meiner Schweſter erklärt. 15* — 228— Sprechen wir nicht davon, fiel Alexei ein; ich glaube nicht an Erhörung, nachdem ich vernahm, in welcher Art ich beurtheilt wurde. Ihre Schweſter iſt entſchieden, dem Freiherrn ihre Hand zu reichen, und die Schuld ihrer Mutter zu verſöhnen. Wenn ſie das Lamm zu einem Tiger machen kann, wie dies von ihr gehofft wird, müſſen Sie ihr helfen. Nach einem neuen Schweigen ſagte Arwed: Sie ſind ſehr groß⸗ müthig, Serbinoff; ich habe dieſe Tugend ſchon öfter an Ihnen be⸗ wundert. Beunruhigen Sie ſich nicht darüber, erwiederte der Graf, ſeine Hand auf Arwed's Hand legend, wir werden ſehen, ob mein Calcul das richtige iſt. Sie wiſſen, was ich Ihnen in Tavaſtehuus ſagte, ich kann es noch einmal wiederholen: Ihre Schweſter iſt mir theuer, theuerer als ich es Ihnen ſagen kann. Zwiſchen uns aber liegen Brandungen und Klippen, welche fortgeſchafft werden müſſen, wenn unſer Schiff nicht ſtranden und verſinken ſoll. Und eine dieſer Brandungen iſt die kleine ſchelmiſche Louiſa? Schaumflocken dieuder Wind verweht. Ein artiges Kind! Ein artiges Kind, aallerdings, ſagte der Kammerherr, allein Kin⸗ der beſitzen uft lebhafte Einbildung. Sie ſind Louiſa's erklärter Günſt⸗ ling geworden. In den finnländiſchen Prärien aufgewachſen, iſt ſie leichtgläubig wie alle halbwilden Weſen dieſer Art. Das würde nicht meine Schuld ſein. Glauben Sie nicht, fuhr Arwed fort, daß ſie in ihren unſchuldigen Träumereien ſich ſchon zuweilen ganz ernſthaft einbildet, immer bei Ihnen zu ſein, und zuletzt in Petersburg mit Ihnen als Gräfin Serbinoff einzuziehen? Ich möchte wohl wiſſen, lachte Alexei leiſe, welches Geſicht mein Onkel machen würde, wenn ich ihm eine finniſche Hexe als Nichte in's Haus brächte. Sie wiſſen doch, daß die Finnen bei uns unmäßig verachtet und zugleich gefürchtet werden, denn ſie gelten ſämmtlich als Teufelskinder und Hexenmeiſter. Verſpotten Sie meinen Rath nicht, mein Freund, verſetzte der Kammerherr. Sehen Sie ſich vor bei dem was Sie thun. Ihr nicht an ilt wurde u reichen, Lamm zu üſſen Sie ehr groß⸗ hnen be⸗ aaf, ſeine in Calcul ſagte, ich etheuerer andungen r Schiff 3 Gräfin ſcht mein ls Nichie unmäßig nülich 1ls ſetzte der n. I 229 theurer Waffenbruder mit dem Bärennamen und der Bärenſtirn möchte bei gewiſſen Dingen keinen Spaß verſtehen. Vielen Dank, ſagte Serbinoff im leichtfertigen abweiſenden Tone. Ich werde, wie ich hoffe, in jeder Art mit ihm fertig werden. Er hat mir ewige Freundſchaft gelobt, Brüderſchaft bis in den Tod, allen Rachegöttern ſich überantwortet, wenn er je von mir abfallen könne. Dieſen habe ich feſt, mein lieber Arwed. Ich habe ſeine Seele, wie es in den alten Zauberbüchern heißt, ſie ſoll mir nicht entkommen.— Halten Sie jetzt den Anderen, Ihren Vetter, und gewinnen Sie Ihre Schweſter dafür; ich werde nicht verfehlen Sie zu unterſtützen. Jeden⸗ falls werden wir noch einige Zeit hier bleiben. Es iſt entſetzlich langweilig, gähnte der Kammerherr. So ſchlafen Sie, Schlaf iſt das beſte Mittel gegen Langeweile, lachte Serbinoff. In einigen Tagen wird Halſet komffien; wie ich hoffe, bringt er ſeine Tochter mit. Die dunkeläugige Zügfrau Mary kann Ihnen Gegenſtand beſſerer Unterhaltung werden. Gute Nacht, mein Freund, träumen Sie von ihr! Behntes Kapitel. Das Bären⸗ und Herbſtfeſt hatte zur Folge, daß die Geſellſchaft im Schloſſe Halljala von dieſer Zeit an ſich noch beſtimmter in Grup⸗ pen theilte, welche bei allem einigen Zuſammenſein ſich doch erkennlich abſonderten. Serbinoff ſuchte, mehr als je, ſeine Freunde in Louiſa auf, Lindſtröm dagegen ſchloß ſich dem alten Major Munk an, und befreundete ſich mit deſſen Sohn Magnus, welcher ihm im Alter am nächſten ſtand. Beide bildeten die eifrigen und ergebenen Zuhörer des Invaliden, wenn er von den glorreichen Tagen erzählte, an denen er mitgeholfen, Beide begeiſterten ſich für ihres Vaterlandes Ruhm und „EChren, und für den ſoldatiſchen Geiſt, der aus dem alten Krieger ſprach. Der Kammerherr endlich blieb meiſt bei ſeiner Schweſter und — 230— Erich Randal, welche ihre Studien in der Bibliothek fortſetzten, an welchen Arwed häufig Theil nahm, weil er nichts Beſſeres zu thun wußte, theils auch, um Ebba in ihren Streiten mit dem philoſophiſchen Vetter zu unterſtützen, und ihr bei der Arbeit zu helfen, dieſen unbe⸗ hilflichen Landjunker mit den Zuſtänden in Stockholm bekannt zu machen und ſein Pflegma zu erſchüttern.— Das Wetter blieb bis in den November hinein ſo ſchön, wie es die älteſten Leute ſich nicht erinnern konnten, und dieſe ungewöhnliche Gunſt des Himmels gab eben ſo wohl Anlaß zu manchen Jagden und Feſtlichkeiten in der Umgebung, wie zu fortgeſetzten Ausflügen über den See und in die Berge. Louiſa hatte ihrer Freundin ihr ſchönes graues Roß dazu über⸗ liefert, und häufig erblickten die Leute im Kirchſpiel das fremde Fräu⸗ lein, bald von dem Freiherrn begleitet, bald von Serbinoff und Otho, oder mit allen ihren Freunden vereint, auf den Hügelkämmen hinſtrei⸗ fend und in den Waldſäumen verſchwindend. Zuweilen aber ſah man ſie auch allein, und wenn ſie durch das Kirchſpiel ritt, ſtanden Männer und Frauen an ihren Thüren und betrachteten die ſchlanke Geſtalt, das feine Geſicht, das lange Kleid mit den blitzenden Knöpfen, und den Hut mit dem grünen Schleier, voller Bewunderung und Theilnahme. Bei ihnen ſtand es feſt, daß die ſchwediſche Dame ihre gge Herrin werden ſollte, und kein ſchöneres Loos auf Erden tennte es geben, als in der Halle von Halljala zu wohnen und zu gebieten. Sie iſt es aber auch werth! riefen ſich die Nachbarn zu, wenn ſie vorbeiritt, und die tiefen Knixe und Grüße mit holdem Lächeln und Kopfneigen beantwortete.. Der Pfeifer hat Recht! ſagten die Männer. In ganz Tavaſteland iſt kein Fräulein, das ſich mit ihr vergleichen könnte, doch es ärgert ſich Keiner ſo ſehr darüber wie der Propſt. Seht da, wie er von ſeiner Thür geht, und thut, als ſähe er ſie nicht kommen. Ein helles Gelächter entſtand auf Koſten des Geiſtlichen, und einer der trotzigen Burſchen fing das Spottlied zu ſingen an, das auf Ridderſtern und ſeinen Sohn gemacht war. Er hörte es nicht, und das Fräulein trieb ihr Roß die Hügelwand hinauf, an welcher Kirche und Pfarrhaus ſtanden. Die ihr nachſahen konnten bemerken, — 231— daß ſie oben eine Zeit lang wartete und umblickte, dann aber ihrem Bien, än edlen Thiere ſeinen Lauf ließ, daß es mit großer Schnelle ſie den z zu thm Bergen von Korpilax zutrug. ſophiſhe Die kann reiten! ſchrien ſie ihr nach, beſſer noch wie Otho Wai⸗ ſen unbe⸗ mon's Schweſter! Wo iſt die kleine Louiſa heut? Wo iſt der Ruſſe? kannt zu Wo iſt der junge luſtige Offizier und der vornehme Herr mit dem blic di Glaſe ſtatt der Augen, dem der Wind durch die Backen geht?— ſch nicht Heda Jem! Jem Olikainen! was ſind das für Sachen? Wo iſt dein mels gah junger Herr? wo ſind ſeine Gäſte? n in der Jem kam die Straße herauf, ſeinen breitkrämpigen Hut auf dem die Berge rechten Ohr, die weiten blauen Hoſen ſtutzerhaft um die Knöchel feſt daßu über⸗ gebunden. Ein Kreis von Neugierigen bildete ſich um ihn, denen er mde Fräͤu⸗ viele luſtigen Fragen ſo luſtig beantwortete, daß ein ununterbrochenes und Otho, Gelächter entſtand.— Mein Herr iſt ſeit zwei Tagenain Savolax, n hinſtrei⸗ ſagte er, um ſeine gute Laune zu ſuchen, die ihm davongelaufen iſt. aber ſeh Warum iſt ſie ihm davon gelaufen? fragte Einer. t, ſtanden Aus Aerger, weil Jem ſo geſchickt den Bären gefangen hat! ſchrie die ſchlanke ein Anderer und der ganze Kreis lachte. Jem ſtimmte gemüthlich ein. n Knöpfen, Aber warum laßt ihr das ſchwediſche Fräulein ſo allein reiten? trung und erkundigte ſich ein Wißbegieriger. Dame ihre Frage die dort, ſagte Jem, indem er zur Kirche hinaufdeutete, auf Erden wo auf dem Fußpfad eben die hohe Geſtalt des ruſſiſchen G nen und R ſichtbar wurde, den der Kammerherr begleitete. Am Propſtes, ſtanden die beiden Herren ſtill und blickten hinab. Es daulertet , wenn fi nicht lange, ſo lüfteten ſie ihre Hüte. Der Propſt ſtieg die Stufen icheln und herauf und begrüßte ſie, dann nöthigte er ſie ohne Zweifel bei ihm einzutreten, denn ſie folgten ihm nach und gingen in dem Garten d vaſteland auf und ab, bis ſie im Pfarrhauſe verſchwanden. h6s argert Die Bauern machten ihre Gloſſen über den Beſuch, und ſpotteten rvon ſelner über die beiden Herren. Was haben Sie bei dem Propſt zu ſuchen, meinten ſie, der ſich vor ihnen ſchmiegt, wie ein Vielfraß vor dem lcen, und Hühnerſtall? B n, dab Habt Ihr geſehen, ſagte Jem, wie er Papiere aus ſeiner Taſche 1 s richt holte und ſie ihnen zeigte? Es ſind wahrſcheinlich wieder Neuigkeiten 9 welche aus Schweden oder Abo angekommen. Wir wiſſen es aber auch ſchon. en bemerken — 232— Was weißt du für Neuigkeiten? fragten viele Stimmen, und Jem wurde noch enger umringt. Ich will's euch mittheilen, fuhr er fort. Neulich ſtand ich dicht dabei, als Herr Serbinoff mit meinem Herrn ſprach. Die Franzoſen haben alles Land erobert jenſeit der See; haben die Deutſchen ge⸗ ſchlagen und die Ruſſen. Das iſt Recht! ſchrien ein paar freudige Stimmen. Und die Schweden ſind über's Waſſer gejagt, es hat ſich Keiner vor dem Franzoſenkaiſer, der Appolio heißt, halten können. Der ganze Kreis ſchwieg, und Jem fuhr fort: Nun iſt der König nach Stockholm zurückgekommen und hat geſchworen, er wollt' nicht raſten, bis alle Franzoſen und der Appolio in Stücke gehauen wären, und hat durch's ganze Land geſchickt, daß neue Mannſchaft zuſammen⸗ kommen ſoll. Die Bauern ſahen ſich beſorgt an, als wollten ſie erforſchen, wer von ihnen wöhl daran kommen müſſe; es war jedoch Niemand, dem man Luſt dazu anmerkte. Während deſſen aber, fuhr Jem fort, haben die Engländer die däniſche Stadt Kopenhagen in Brand geſchoſſen, ſind hineingekommen und haben alle däniſche Kriegsſchiffe nach England geſchleppt. Die Geſichter erheiterten ſich. Darum werden wir nicht böſe ſein, ttutul ein weißköpfiger Alter. Die Dänen haben uns immer in die 4 gebiſſen, wenn unſer König gegen die Ruſſen auszog. Das hat Herr Otho auch geſagt! lachte Jem, aber jetzt iſt es noch anders gekommen. Der Franzos hat mit dem Ruſſen Frieden geſchloſſen, und der Ruſſenkaiſer hat nach Stockholm geſchickt und dem Könige, der doch ſein Schwäher iſt, ſagen laſſen, er möchte es ebenſo machen. Darauf haben ſie ſich Beide gezankt, und der Ruſſe hat dem König geſagt, er müßte es thun, es ſei ein alter Contract da, die Engländer nicht in der See hier herum zu dulden, und die Engländer ſeien Räuber, ſie hätten die däniſche Flotte geſtohlen. Darauf iſt der König noch wilder geworden, hat ſeinen ruſſiſchen Orden ſich abgeriſſen, an den Ruſſenkaiſer geſchickt, hat ihm ſagen laſſen, er möchte ihn nicht mehr an ſeinen Rock binden, und der Nuſſe hat's ebenſo gemacht, hat ſein ſchwediſches Kreuz eingepackt , und Jen nd ich dich Franzoſen utſchen ge⸗ ſich Keiner der König wollt nicht uen wären, zuſammen⸗ ſchen, wer nand, dem zländer die kommen pt. böſe ſein, ner in die tzt iſt es n Frieden und dem es kbenſo Kuſſe hat entract da und die geſtohlen ruſſiſchen im ſagn und der tungepatt — 233— und ſich davor bedankt. Es iſt ein fürchterlich Geſchrei darüber entſtanden. Und was hat der König gethan? Hat er Frieden gemacht? frag⸗ ten die Eifrigſten. Eher, hat er geſagt, ſollten ganz Schweden und Finnland zu Grunde gehen, ehe er mit dem Appolio Frieden machte; denn der ſtamme vom Teufel aus der Hölle. Und hat ſich hingeſetzt und hat gleich ein neues Bündniß mit den Engländern gemacht, die mit einer großen Flotte und vieler Mannſchaft ihm zu Hilfe kommen wollen. Die Bauern ſahen ſich nachdenklich an. Daß Schweden und Finnland zu Grunde gehen ſollten, war ihnen nicht beſonders tröſtlich. Viele Laſten hatten ſie ſchon zu tragen, und mancher junge Mann wurde ſeit Jahr und Tag fortgenommen und unter die Soldaten geſteckt. Was wird denn nun das Beſte ſein? fragte Einer, der ſich nach⸗ denklich hinter den Ohren kratzte. Ich will's dir ſagen, Peder! ſchrie eine helle Stimme. Sie blickten Alle um; da ſtand der Schulmeiſter mit ſeinem Hahn im Sack, und gleich war er mitten im Kreiſe, der Hahn auf ſeinem Arm. Der alte Landſtreicher ſtützte ſich auf ſeinen Dornenſtock mit bei⸗ den Händen und ſah mit ſeinen runden Augen unmäßig pfiffig umher Gehſt nach Haus, Peder, begann er, ziehſt deinen neuen Rock an, ſteckſt deine Taſche voll Weizenflaben, und machſt dich auf den Weg, bis du nach Stockholm vor's Schloß kommſt. Da gehſt hinein und ſtellſt dich vor den König. Sagſt ihm: Herr König, ich bin ein finniſcher Mann aus Halljala. Wir haben gehört, daß du dich mit deinem Schwager, dem Ruſſenkaiſer, zankſt und willſt Schweden und Finn⸗ land darüber untergehen laſſen. Dazu aber haben wir keine Luſt, iſſen lieber Weizenfladen, ſaure Milch und Fiſche, ſo lange und ſo wiel wir können, und haben viele Jahre über genug zu thun, um gus der Noth zu kommen, unſere Aecker zu verbeſſern und allerlei nützliche Dinge zu lernen von dem guten Schulmeiſter Lars Normark. Das Gelächter brach aus; doch Lars Normark ließ ſich nicht flören: Alſo thue uns den Gefallen, Herr König, und laß Finnland nicht untergehen. Mach's mit deinem Schwager aus, wie du willſt, — 234— nehmt Beide Jeder ein Schwert und ſeht zu, wer leben bleibt. Was, zum Teufel! haben wir damit zu thun, wenn ihr euch ſtreitet? Was geht es uns an, daß der Eine von euch die Franzoſen haben will, der Andere die Engländer? Schlagt euch, ſo langenihr Luſt habt; wir aber ſind friedliche ſtille Leute, die ruhig leben und arbeiten wollen. Laß uns alſo ungeſchoren, Herr König, nicht eine Hand wollen wir für dich rühren; aber wenn's dir ſchlecht gehen ſollte, komm zu uns nach Halljala. Sollſt willkommen ſein, ſollſt Karpfen und Wels eſſen, und kommſt du zum nächſten Herbſt, Herr König, ſoll Jem Olikainen dir einen fetten Bären fangen. Das helle Gelächter wurde allgemein. Die Luſtigſten ſchrien dem Peder zu, er ſolle ſich gleich zur Reiſe bereit machen; allein der junge Bauer nahm demüthig ſeinen Hut ab und ſagte bittend: Ich bin zu arm, zu jung und zu dumm dazu, ſolche Botſchaft auszurich⸗ ten. Keiner kann das beſſer, als der weiſe Schulmeiſter ſelbſt; ſollte er aber meinen, der König möchte ihn dafür aufhängen laſſen, ſo mag der Hahn hinfliegen, der klüger iſt als wir Alle. Was meinſt du, Hans, fragte der Alte, willſt es thun? Der Hahn ſchüttelte den Kopf. Meinſt es geht nicht? fuhr er fort. O! es ginge wohl, willſt du ſagen, wenn die Menſchen klüger wären und alleſammt zu den Königen ſo ſprächen, wie Peder es thun ſollte. Der Hahn ließ ſein zuſtimmendes Gluckſen hören.— Was ſoll's denn aber werden, Hans? fragte ſein Herr.. Der Hahn ſchlug ſeine Flügel, ſträubte ſeine Halsfedern und ſtieß ein trotziges Geſchrei aus. Krieg! wie es immer war, Krieg! rief der Alte. Und ſo wird es immer kommen, Hans; haſt Recht, ſo wird es kommen. An ein⸗ ander fahren werden ſie mit ihren Schiffen und Schaaren. Todt⸗ ſchlagen werden ſie ſich wie das wilde Gethier; aber die Könige wer⸗ den ſäuberlich am Leben bleiben. Es ſchad't nichts, Hans, es ſchad't nichts! Wir Beide haben ſchwediſch Blut, ſehen die Sache mit an wie tapfere Leute. In Sweaborg geht's luſtig zu, kommen Soldaten und Kanonen alle Tage, und jenſeit des Kymen wimmelt's ſchon von Koſaken mit langen Bärten und Huſaren, die wie Silber blitzen. Kr K leibt. Was reitet? Wat haben wil, ⸗Luſt habt und arbeiten eine Hand gehen ſollte llſt Karpfen derr König ſchrien dem jallein der ittend: It ft auszurich ſelbſt ſollte n laſſen, ſo 235 Es ſchad't nichts, Hans, haben ſie öfter ſchon angeſchaut und haben uns nicht davor gefürchtet. Bei der Erwähnung der Ruſſen waren die Geſichter wieder ernſt⸗ hafter geworden. Meinſt du wirklich, fragte ein greiſer Mann, daß es zu einem Kriege kommen könnte? Der Hans ſagt's, antwortete Lars, ich glaub's nicht; denn es iſt keine Woche her, ſo ſah ich in Borgo eine große Zahl Kanonen von Eiſen und Kriegsmunition, viele Wagen voll, die ſollten den Ruſſen zugeſchickt werden, weil's ihnen daran fehlte. Es iſt Manches dumm in der Welt; aber ſo dumm werden ſie in Stockholm doch nicht ſein, und den Ruſſen das Pulver und die Röhre liefern, wenn's zum Kriege gehen will. Bewahr uns Gott vor den Ruſſen! riefen einige Stimmen. Bewahrt euch ſelbſt vor den Ruſſen! erwiederte der Schulmeiſter. Habt ihr nicht Arme an dem Leib, habt ihr nicht Piken und Meſſer genug? Habt ihr den Jem Olikainen nicht, der ſich vor keinem Bären fürchten thut? Der Scherz erheiterte die Geſichter abermals; Jem aber rückte ſeinen Hut trotzig über die Stirn und ſtreckte ſeinen nervigen Arm gus. Laßt die Ruſſen nur kommen!! ſchrie er. Wir werden dann ſehen, wo ich bin und wo der Pfeifer ſein Lied bläst und ſein Hahn dazu ſchreit, Recht ſo, mein Kind! lachte der Alte. Biſt ein tapferer Burſch, mag ein Bär vor dir ſtehen oder ein Ruſſe, und haſt noch immer geſunde Füße gehabt, wenn du aus einem Fenſter ſpringen oder über die Korpilaxfelſen laufen wollteſt. Komm, Hans, komm! er geht uns ans Leben. Der arme Jem konnte nichts machen, er mußte in das Gelächter inſtimmen. Der Schulmeiſter aber ging mit ſeinem Hahn davon und weit durch das Thal ſchallte ſeine Pfeife von einem alten Kriegs⸗ liede, deſſen Melodie er anſtimmte. Während dies geſchah, war das ſchwediſche Fräulein längſt auf ihrem raſchen Pferde in den Bergen verſchwunden, durch welche ein einziger Weg nördlich hinlief, der jäh auf und abſteigend bald über 236 hohe Hügel, bald in tiefe Gründe führte, die von dichteſtem Walde umſchloſſen und bedeckt waren. Leichter Froſt hatte den Boden feſt gemacht, und wo die belebende Sonne nicht hindrang, lag der Reif weiß und dicht auf den langen niedergedrückten Gräſern. Ebba überließ ſich ihren Gedanken, während der Weg ſich auf⸗ wärts wand bis zu der Höhe der felſigen Bergkette, welche die nörd⸗ liche Grenze des Tavaſtlandes bildet. Sie hatte an dieſem Morgen ein Geſpräch mit ihrem Bruder gehabt, das wohl geeignet war, ſie zu beſchäftigen. Der Kammerherr hatte ihr einige Eröffnungen ge⸗ macht, über welche ſie nachſann, und es dem grauen Roſſe anheim⸗ gab, nach ſeinem Gefallen den böſen Pfad hinanzuſteigen. Einige Male nur ſchaute ſie zurück, weil ſie Erich Randal erwartete, der ihr nachfolgen wollte; doch als ſie die Höhe erreicht hatte, und der Frei⸗ herr nirgend zu erblicken war, that ſie keinen Einſpruch, als das edle Thier einen Seitenpfad einſchlug, der zu dem Kamm des Bergzuges führte. Tief unter ihr lagen die Thäler, linkwärts dehnte ſich der Waſſerſpiegel des Sees aus, und zwiſchen den Einſchnitten ragte Hall⸗ jala's hoher Thurm hervor. Dunkle Wolken lagerten ſich über ihm, während die Berge ſonnig glänzten und die bewegungsloſe Geſtalt der ſchönen Reiterin von dem hellen Lichte beſtrahlt wurde. Ihr Schleier flatterte in der ſcharfen Luft; lautloſe Stille herrſchte in dem weiten Gebiet, das ihre Augen überblicken konnten; ein unermeßliches Gewirr von rothen Felſen und dunklem Wald, der leblos ſchwer daran hing und zahlloſe Linien und Ecken bildete. Er kommt nicht, ſagte ſie nach einem langen Schweigen. Er hat mich vergeſſen, warum ſoll ich darüber zürnen. Vergeſſen werden iſt das Schlimmſte nicht, das uns begegnen kann. Sie blickte in den Kranz düſtrer Wolken, die über Halljala hingen, und flüſterte halb⸗ laut vor ſich hin: Wie eine Dornenkrone ſehen ſie aus, und doch will ich dieſe auf mein Haupt ſetzen, und wäre es glühender Stahl, unter dem Hirn und Herz verdorrten. Gleichviel, Arwed hat Recht. Große Zwecke verlangen feſten Willen, und das Herz iſt nichts als der Sitz aller Schwächen, die uns erniedrigen und verächtlich machen, wenn wir dieſem Götzen unſer Leben opfern. teſten Wahe n Boden feſ lag der Rei deg ſich auf che die nörd ſem Morgen net war, ſi fnungen ge⸗ toſſe anheim gen. Einige reete, der i nd der Frei ls das edͤle 8 Bergzuges bnte ſich der u ugte hal⸗ ch über ihm dloſe Geſtal wurde. Ihr ſie in em unermeßliche eblos ſchwer n. Er hat werden ſſ licke in den iſterte hal⸗ 3, und doch ender Suul bat Necht Iuitis al lich macen 237— Sie wandte den Kopf und blickte nach der andern Seite hin, wo iben die Sonne mit voller Macht eine Reihe gewaltiger Felſen be⸗ leuchtete, welche hoch aus der Waldnacht aufſtiegen. Es war daſſelbe Felſenſchloß, das ſie ſchon einmal geſehen und das damals ihr von Louiſa als Lully's Burg genannt wurde. Heut lag es näher vor ihr, getrennt durch einen tiefen wohl meilenbreiten Grund, über wel⸗ chen ein Bergſattel lief, der wie eine Brücke zu dieſem ſeltſamen Granitbau führte. Je länger Ebba es betrachtete, je mehr erſchien ss ihr als ein rieſenhaftes Werk, von jenen fabelhaften Kindern der Racht aufgeführt, die in dieſem ſagenvollen Norden ſo viel Seltſames und Ungeheuerliches geſchaffen haben. Als ſie die Altane und Bogen, die zackigen Mauern und die fühnen Wölbungen betrachtete, fühlte ſie lebhaftes Verlangen, dieſe Wunder näher zu beſchauen, und ihre Gedanken wurden eben ſo ſchnell zur That, als ſie vor ſich einen der Pfade bemerkte, die in Finnland häufig die dichteſten und finſterſten Wälder und die wildeſten Einöden durchkreuzen. Bei ihren zahlreichen Streifereien in Otho's oder Erich's Geſellſchaft hatte ſie manchen dieſer engen Steige kennen gelernt, welche gewöhnlich entfernte und entlegene Höfe oder Thäler verbinden, und ſtatt der Krümmungen und Windungen der Landſtraße, gerade⸗ nus, ohne Hinderniſſe zu beachten, durch Sümpfe und Dickichte, jähe filſen hinauf und hinab, dem Ziele zuführen. Auch hier lief ein plcher über den waldigen Bergſattel und Ebba zweifelte nicht, daß er zu Lully's Burg leiten mußte. Daher war ihr Entſchluß auch ſogleich gffaßt, und wenige Minuten ſpäter eilte ihr Roß zwiſchen Wänden ioher Tannen hin, wo alle Ausſicht ſchnell verſchwand. Es gehörte uihr als der gewöhnliche Muth eines jungen Mädchens dazu, um ſicht bald an Umkehr zu denken, denn wenn dieſe wilde Einſam⸗ tit ſchon Furcht aufwecken konnte, ſo war der Pfad ſelbſt keineswegs in bequemer und gefahrloſer. Bald ſenkte, bald hob er ſich, bald fiegen Felslager aus dem Schutt auf, bald verlor ſich dieſer in Ampfſtellen, die ein verrätheriſcher Moosteppich bekleidete. An man⸗ Jen Orten drängte ſich der Wald ſo dicht zuſammen und ſperrte den Ifud mit einem Gewirr von Wurzeln, Aeſten und Zacken, daß viel Cewandtheit nöthig war, um unverletzt durchzukommen, an anderen — 238— Stellen aber verſchwanden die Bäume vor dem mächtigen Geſtein, das in ſteile Tiefen niederſank. Unten ruhte das Auge auf den Spitzen rieſiger Fichten, durch deren geheimnißvolles Rauſchen der dumpfe Ton eines Waſſerfalles drang, welcher nicht entdeckt werden konnte. Eine Schlucht mit zahlloſen grünen Federbüſchen gefüllt, die kaum handhoch ſchienen, in Wahrheit jedoch die ſchönſten Maſten lie⸗ fern konnten, dehnte ſich weit aus bis an den fernen Horizont. Nicht ohne ein banges Gefühl vermochte Ebba dort hinunter zu ſchauen, ſchnell jedoch war die Lichtung verſchwunden, und ihr Ohr verfolgte den klagenden Ruf der Schneehühner, welche in der Ferne aus dem Dickicht ſchlüpften und ſchon ihr weißes Winterkleid angezogen hatten, ihr Auge wandte ſich einer weit vorgebeugten gewaltigen Birke zu, zwiſchen deren wirrem Geäſt zwei blitzende Sterne ſie anſtarrten. War es Täuſchung oder Wahrheit, daß ein langgeſtrecktes katzenartiges Thier dort lauernd lag, war es ein Luchs mit weißer Kehle oder die Hyäne des Nordens, der braune ſchlanke Vielfraß. Sie konnte es nicht er⸗ kennen, denn das Roß ſchnaubte auf, ein Schauder lief über ſeine Haut und das Gebiß zwiſchen den Zähnen bäumte es hoch in die Luft, und rannte dann in geſtrecktem Galopp mit ſeinem Reiter durch Geröll und Gebüſch. Es war zu des Fräuleins Gunſten, daß der Pfad keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr bot, auch wehrte ſie dem raſchen Thiere nicht, ſeine Kraft und Ansdauer zu zeigen. So wich der Wald denn nach kurzer Zeit zu beiden Seiten und vor ihr lagen die hohen Steine, welche Lully's Burg bildeten. Sie hatte rich⸗ tig vermuthet, daß der Pfad in dieſe Veſte führen müſſe, aber er ging ſo eng und ſteil zwiſchen den natürlichen Mauern in die Höhe, daß ſie lange vergebens nach einem andern bequemeren Weg ſuchte. Ueberall jedoch ſtiegen die Felſen ſenkrecht und bahnlos auf und ihre dunkelrothe Farbe wurde von der Sonne glänzender und ſaftiger ge⸗ macht. Es blieb nichts übrig, als dem Pferde zu geſtatten, dieſen einzigen Zugang hinaufzuklimmen, der eine Zeit lang zackig und ge⸗ wunden, dabei kaum breit genug war, das unerſchrockene Fräulein ohne Hinderniß durchzulaſſen, dann aber dehnte er ſich allmälig weiter zu einer Gaſſe und zu einem Thale aus, das zwiſchen den hohen Granitwällen ruhte. Noch war der dichte Grasteppich hier unverſehrt tigen Giſte Luge auf de Rauſchen d ntdeckt werde n gefüllt, n Maſten! orizont. Nch r zu ſchauk r verfolgte d z dem Dilit n hatten, te es nicht lif über ſii s hoch ind ſeinem Ni Gunſten,d auch wehrie zu zeigen. en und vor Sie hatte n müſe, abe in die bi ren Wi ſ s auf und und ſafget — 239— noch trugen Ellern und Weiden ihre Blätter und zwiſchen ihnen mur⸗ melte ein klarer Quell. Der Himmel glänzte blau darüber und ſein belebendes Licht vergoldete nach allen Seiten dieſen ſchönen einſamen Grund und ſeine Schutzwehren. 1 Verwundert und freudig betrachtete Ebba dies neu entdeckte Land. Die Luft, welche ſie athmete, war ſo rein und köſtlich, die Ruhe umher ſo wohlthuend, der Frieden dieſer Einſamkeit ſo einladend für die Unruhe in ihr, daß ein ſehnſüchtiges Gefühl ſie überkam, als ſie das Pferd an einem Orte anhielt, wo die Felſen faſt einen Kreis bildeten, in deſſen Mitte eine ungeheure Eiche ihr wunderbar knorri⸗ ges Geäſt ausſtreckte. Eichen ſind ſelten in Finnland, namentlich ſo weit gegen die Mitte des Landes. Nur vereinzelt findet man ſie, dann aber zuweilen in ſolcher Kraft und Majeſtät, als hätten die Wald⸗ götter alle ihre Zaubermittel daran geſetzt, wenigſtens einen dieſer ſtolzen, edlen Bäume groß zu ziehen, um unter ſeinem Laubdache zu wohnen. Die Eiche, vor welcher Ebba Bungen ſtand, war von hohem Alter. Die meiſten ihrer Zweige hatten Stürme zerbrochen, mit denen ſie Jahrhunderte über gekämpft hatte. Von langen Bartmooſen um⸗ hangen ſtand ſie wie ein greiſer Rieſe nackt und zerfetzt am Wege, allein ihr Haupt trug noch einen wundervollen Blätterſchmuck, ſo voll und reich, wie in den Tagen ihrer Jugend. Dicht unter dem mächtigen Stamm, umklammert von großen Wurzeln, lag ein vierkantiger Stein, von anderen aufrecht ſtehenden Steinen eingefaßt, welche ohne Zweifel von Menſchenhänden einſt hierher geſtellt wurden. Geſtrüpp und Halme hatten ſich darum ge⸗ rankt, deutlich aber ließ ſich noch immer erkennen, daß eine beſtimmte Ordnung dabei befolgt ward. Es muß ein Opferplatz ſein, der aus den Heidenzeiten ſtammt, ſagte Ebba, als ſie den Kreis betrachtete. Der Altar Jumala's, des Herrn des Himmels und der Erde, antwortete ihr eine Stimme, die unter dem Opferſtein hervor zu kommen ſchien. Einen Augenblick ſchwieg das Fräulein, überraſcht und erſchrocken, dann aber verwandelte ſich ihre Beſtürzung in Gelächter. Jumala 240 ſendet mir aus ſeinem Himmel einen Heiligen, den ich näher betrach⸗ ten muß! rief ſie aus, und bei dieſen Worten trieb ſie ihr Pferd an und entdeckte Otho Waimon, der an der andern Seite in einer Ver⸗ tiefung ſaß, und den Rücken an den Opferſtein lehnte. Neben ihm lag ſein Gewehr und ſeine Reiſetaſche, aus welcher er einige Vorräthe genommen hatte und ſein Mahl hielt. Grüß Sie Gott! mein heidniſcher Vetter, rief ſie ihm entgegen, indem er aufſtand. Ich komme zur rechten Zeit, um Theil zu nehmen. Hoffentlich hat der liebenswürdige Beherrſcher der Wälder, Tapio, welcher verirrten Wanderern gedeckte Tiſche ſchickt, für mich mitgeſorgt. Das hat er gethan, erwiederte Otho, denn er ſpeist auch die, welche nicht an ihn glauben. Zugleich hob er ſie vom Roſſe, ließ dies laufen, da er ſicher war, daß es ſich nicht entfernen würde, und nach wenigen Minuten ſaßen ſich Beide gegenüber. Er zerſchnitt mit ſeinem Jagdmeſſer die Speiſen und ſchöpfte mit ſeinem Becher das klare Quellwaſſer, als ſie dürſtete. Vortrefflich! rief Ebba von dem Waſſer nippend. Habe Dank, guter Tapio, für deinen Nektar! Wie lange waren Sie in den Hallen Ihrer Götter, Couſin Otho? Sie haben mich diesmal nach Savolax begleitet, erwiederte er, und meine Geſchäfte geſegnet. Ich glaube es nicht, verſetzte ſie. Ich glaube vielmehr, daß Sie ſeit zwei Tagen in den unterirdiſchen Hallen Jumala's unter dieſen Steinen ſaßen und Weisheit lernten. Weisheit iſt allen Sterblichen nöthig, ſagte er. Jumala's Geiſt ruht auf Ihnen, Couſin Otho! rief ſie ihm ſpöttiſch zunickend. Fahren Sie fort und entdecken Sie mir, was er Ihnen weiter vertraute. Wenn Sie es wüßten, würden Sie davor erſchrecken. Ich erſchrecke ſo leicht nicht, fuhr Ebba muthwillig fort, nicht einmal vor Barbaren, die lieber in Wäldern und Sümpfen umher⸗ ſchweifen, als civiliſirten Weſen Geſellſchaft leiſten. Was ſagte der weiſe Jumala alſo? Er ſagte mir, daß ein Jeder ſich hüten ſolle, ein Opfer der Ci⸗ viliſation zu werden. her betrach r Pferd a einer Ver Neben ihm ze Vorräth N entgegen, zu nehmen T, Tapio mitgeſorgt t auch die ſicher war ſaßen die Speiſen ſie dürſtete Habe Dank den Hallen wiederte ei⸗ t, daß unter dieſen f ſie ihm 1 „ was et air, m 241 Ein leichtſinniger Gott! rief Ebba lachend, der alſo ſpricht und ſich ſelbſt nicht behüten könnte. Der vor Opfern warnt, dicht an ſei⸗ nem verwitterten Altare, wo es greulich genug oft hergegangen ſein mag. Jumala war ein milder Allvater, dem man Blumen, Honig, Erſtlingsfrüchte und Aehren bot, erwiederte Otho. Die barbariſchen Finnen haben niemals blutige Opfer gekannt, während die hochbegab⸗ ten Schweden in Odin's heiligem Hain jährlich zwölf Jungfrauen ſchlachteten. Jetzt ſchlachtet man die Opfer in noch größerer Zahl und auf verſchiedene andere Weiſe, fiel das Fräulein ein, bei alledem aber muß man nicht verzagen und ſich nicht ſchlachten laſſen. Wie ſehen die Steine dort ſo roth aus, als flöſſe Blut an ihnen nieder. Sie heißen auch die Blutſteine, antwortete Otho Waimon, und dieſes Thal wird das Thal des Todes genannt. Und dieſe ganze Steinmaſſe heißt Lully's Burg? Ja. Dieſe Eiche die Hompuseiche, oder auch die Eiche des Gerichts. Hat der alte Häuptling hier Gericht gehalten und Recht geſprochen? fragte Ebba. Wie ein Chriſt und wie ein Ritter, antwortete Otho finſter lächelnd, indem er einen ſtolzen Blick auf den Baum warf. Als Birger Jarl ſeinen Feldherrn zurück ließ, um das Tavaſtland zu erobern, zogen ſich die bedrängten Heiden endlich hierher zurück, wo Jumala verehrt wurde. Hierher brachten ſie Alles, was ihnen lieb war, ihre Koſtbar⸗ keiten, ihre Weiber und Kinder, endlich ihre eigenen Leiber, ſo viel deren übrig geblieben. Lully Wainemonen war ihr Held und ihr Häuptling und er vertheidigte dies heilige Thal mit Tapferkeit. End⸗ lich aber drangen dennoch die Männer in Eiſen gehüllt herein, und dort an jenem Felſen wurde ſo viel Blut vergoſſen, daß kein Regen und kein Schnee die rothe Farbe jemals wieder abwaſchen konnte. Hier an dem Altare Jumala's wurde der letzte Kampf gekämpft. Hompus Randal erſchlug den Häuptling Lully. Sterbend wurde Lully auf dieſen Opferſtein geworfen und verbrannt; um ihn her hingen an allen Zweigen und Aeſten der Eiche ſeine Freunde und Brüder, zur Ehre Gottes aufgeknüpft, und um deſſentwegen trägt der Baum bis D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 16 — 242— auf dieſe Stunde noch des Richters Namen und heißt die Eiche des Gerichts. Ebba hatte ſchweigend zugehört. Das iſt eine fürchterliche Ge⸗ ſchichte, ſagte ſie endlich, obenein wenn ſie Jemand von ſeinen Vor⸗ fahren an dieſer Stelle erzählt. Aber danken wir Gott, Couſin Otho, daß mildere Sitten die Menſchen gebeſſert haben, und ſprechen wir nicht verächtlich von der Cioiliſation, die doch allein im Stande iſt, uns vor ähnlichen Thaten zu behüten. Die Menſchen ſind nicht beſſer geworden, verſetzte Otho, nur ihre Götzen haben ſich geändert. Dieſe zu befriedigen ſcheuen ſie noch jetzt weder Mord, noch jedwede Schande. Und dennoch ſind Sie ſelbſt ein Beiſpiel dafür, daß eine beſſere Zeit gekommen iſt, ſagte ſie. Der fürchterliche Hompus Randal, der ſein Schwert in Lully's Blut tauchte, hat es durch all ſein Wüthen nicht hindern können, daß ſein Urenkel Lully's Enkel auf's herzlichſte liebt, und beide ſo innige Freunde ſind, daß der Eine gern für den Andern ſein Leben hingeben würde. Das würde ich! rief Otho, indem er ſeine Augen glänzend auf⸗ ſchlug, das würde auch Erich thun, leichter und freudiger noch als ich. Ich will Ihnen Recht geben, fuhr er fort, wenn auch nur bedingungs⸗ weiſe, denn auch in jenen Zeiten, wo Hompus und mein Urvater lebten, opferte man Gut und Blut für den Freund. Allein der Menſchenwerth iſt höher geſtiegen. Vor einem Menſchenalter noch würden Sie dem finniſchen Bauer Ihre Hand nicht gereicht haben, wie Sie dies jetzt thun, und Serbinoff, wäre er mit Peter des Gro⸗ ßen Heer vor hundert Jahren nach Finnland gekommen, würde weit eher geneigt geweſen ſein, mich röſten oder todtprügeln zu laſſen, als mich Freund und Bruder zu nennen. Die ruſſiſche Civiliſation hat doch noch einige dunkle Stellen, denen man nicht allzuviel trauen darf, ſagte das Fräulein lächelnd und zu ihm aufblickend. Sie iſt nicht ſo abgeſchliffen, als manche, die ſich höher und beſſer dünkt, erwiederte er; allein ein ſo großes Reich, ein ſo mächtiges ur⸗ kräftiges Volk hat eine Zukunft, wie kein anderes. e Ciche des terliche Ge ſeinen Vor tt, Couſin nd ſprechen im Stande e, nur ihre e noch jetz äin beſen tandal, der in Wüthen 3 herzlichſte ern für den änzend auf⸗ och als ich hedingunge⸗ in Urvater Allein der nalter voch icht l aben, denen tellen, den eInd und zu r und beſſe ,8 Ur ichtiges ¹ 243 Sie ſprechen davon, ſagte ſie, als fühlten Sie Luſt, daran Theil zu nehmen. Wenn es ſo wäre, antwortete er, würde ich nur dem Beiſpiele anderer Männer folgen, die in Rußland ſich wohl befinden. Niemand ſoll ſein Vaterland aufgeben, um auf fremder Erde das Glück zu ſuchen, antwortete ſie mit größerem Ernſt. Was iſt Glück? rief Otho dagegen, und was hält mich ab, es zu ſuchen, wo ich es finde? Mein Vater zog auch in ferne Länder unter Palmen und Menſchen mit broncener Haut. Und er kehrte zurück, wie ein irrender Vogel, der ſein Neſt im Norden ſucht, fiel das Fräulein ein. Wie lange iſt es denn her, Vet⸗ ter Otho, ſeit Sie mir ſtolz erklärten: Auf meinem Hofe will ich leben und ſterben, als ein freier Mann, ohne meine Scholle zu verlaſſen. Ich ſagte das, ja, war ſeine Antwort, doch ſeit jener Zeit habe ich anders ſehen und denken gelernt. Im ruſſiſchen Heere befinden ſich viele tapfere Männer, die, von Tyrannen verfolgt, dorthin flüchteten, wo ein Fürſt, den die edelſten Eigenſchaften zieren, ſie in ſeinen Schutz nimmt. Wer hat Ihnen das geſagt? fragte ſie. Ohne Zweifel, Serbinoff. Er iſt ein Ruſſe und liebt Rußland, das wird ihm Niemand ver⸗ denken; aber Sie, Couſin Otho, Sie ſind ein Schwede. Ein Finne, fiel er ein, ein Kind des unglücklichen Stammes, den jeder gern ſein eigen nennen möchte, um ihn als Heloten zum Holz⸗ hauen und Waſſerſchleppen zu gebrauchen. Manche Schweden ſind ſchon in ruſſiſche Dienſte getreten, kein Ruſſe aber hat je einem anderen Herrn gedient. Wahrſcheinlich, antwortete das Fräulein, hat Ihnen Serbinoff auch dies gerühmt; aber kann es nicht auch daran liegen, daß ein in der Civiliſation ſo tief ſtehendes Volk keine Männer beſitzt, die in anderen Ländern willkommen wären. Die Schweden, welche ſich zu Ruſſen machten, waren meiſt entartete Söhne ihres Volkes. Können Sie mit dem ruſſiſchen Rock ſich ein ruſſiſches Gewiſſen anſchaffen? Sie haben eine üble Meinung von den Ruſſen, und doch iſt Ser⸗ binoff Ihnen ſo lange befreundet, und an Ihrer Seite zu uns ge⸗ kommen. 16* 244 Graf Serbinoff iſt der Freund meines Bruders. Unleugbar be⸗ ſitzt er durchdringenden Verſtand und iſt in den Kreiſen des hohen ruſſiſchen Adels erzogen. Er iſt ſo tapfer wie offenherzig, ſo friſch und kräftig an Körper wie an Geiſt, ſagte er in warmem Ton. Ebba blickte nachſinnend vor ſich nieder. Iſt das Alles denn Ihr Ernſt, lieber Otho, fragte ſie endlich, als er ſchwieg. Könnten Sie wirklich die Abſicht haben, uns zu verlaſſen? Das wäre eine traurige Nachricht. Ihre Stimme war weich geworden, alle Spottluſt daraus ver⸗ ſchwunden. Als er in ihre Augen ſah, die fragend und mit eigen⸗ thümlichem Ausdruck auf ihm ruhten, fühlte er einen heißen Strom in ſeinen Kopf dringen. Für wen traurig? lachte er rauh auf, indem er r ſich unſicher ab⸗ wandte. Wer würde ſich darum betrüben? Wir Alle, erwiederte ſie, und ſomit auch ich. Wirklich, auch Sie! Tauſend Dank, Couſine Ebba. Ein Barbar, wie ich, kann das kaum erwarten. Ein Barbar, wie Sie, kann nur darüber ſpotten, erwiederte Ebba. Otho hielt ihre Hand feſt, es war ihm als fühle er dieſe leiſe zittern, im nächſten Augenblick aber befreite ſie ſich, und fuhr im fröhlichen Tone fort: Sie werden wenigſtens doch noch einige Zeit bei uns aushalten, und den Winter über uns Geſellſchaft leiſten. Arwed hat geſtern beſchloſſen, nicht nach Stockholm zurückzukehren. Und Sie, Couſine Ebba? Ich— nun, ich werde Erich's Wünſche erfüllen, und ebenfalls hier bleiben. Wir werden in einigen Wochen den Freiherrn Wright beſuchen, geſtern kam eine neue, dringende Einladung. Sie müſſen uns dahin begleiten. Das Haus des Freiherrn ſoll im ſeinſten Ge⸗ ſchmack eingerichtet und immer voll edler Gäſte ſein. Sie können ſich dort auf die Petersburger noblen Kreiſe vorbereiten. Die Tochter des Freiherrn, Madame Conſtanze Gurſchin, muß außerordentlich liebens⸗ würdig ſein. Sie hat mir ein Briefchen im eleganteſten Franzöſiſch geſchrieben. Sie ſprechen doch franzöſiſch, Couſin Otho? eugbar be⸗ des hohen an Körper denn Ihr unten Sie traurige araus bet⸗ mit eigen⸗ hen Strom aſicher ah⸗ in Barbat, derte Chba. dieſe leiſe fuhr im ge Zelt bei n. Arwed ebenfalls rn Wrlght Sie müſſen inſten Ge⸗ kännen ſch vochter des c liebens⸗ zuanzäſſſh — 245— So ſchlecht wie es einem Barbaren zukommt. Aber Sie haben Recht, ich will mich bemühen, zu den gebildeten Menſchen gezählt zu werden. Und was machen wir mit meiner armen Louiſa; fuhr das Fräulein fort, wenn Sie unter die Ruſſen gehen? Doch ſie hat einen brüderlichen Freund an Erich, und eine ſchweſterliche Freundin an mir. Bei uns in Halljala ſoll ſie wohnen, wenn Sie keinen an⸗ deren Plan mit ihr haben. Sie alſo— Sie werden in Halljala wohnen? fragte er. Sobald wir aus Liliendal zurückkehren, wo wir bis Neujahr zu bleiben gedenken. Und dann? Still, Couſin Otho, wir wollen nicht in die Zukunft forſchen. Otho Waimon blickte ſie ſinnend an. Sein Geſicht röthete ſich höher und ſeine Augen ſchimmerten im lichten Glanz. Endlich nahm er ihre Hand und ſagte im feſten freundlichen Tone: Ich wünſche Ihnen Glück, Couſine Ebba! reiches endloſes Glück, es wird nicht ausbleiben. Warum glauben Sie das? Weil ich Erich kenne. Weil es keinen beſſeren Menſchen auf Er⸗ den gibt. Das iſt ein gefährlicher Ausſpruch, erwiederte ſie. Aber ſchweigen wir davon. Gott weiß allein, was geſchehen wird. Doch Sie, lieber Otho, werden Sie immer mein Freund bleiben? Immer mir Glück wünſchen? 3 Ihr Freund; ja, gewiß! Und niemals an meiner innigen Theilnahme zweifeln? Ich will mich bemühen, daran zu glauben. Dann verſprechen Sie mir, unſer Zuſammentreffen und unſer Ge⸗ ſpräch geheim zu halten. Ich verſpreche es. Und noch Eines. Auch ich will Niemand ſagen, daß Sie ein Ruſſe werden wollen, nur thun Sie nichts, ohne es mir mitzutheilen. Sie ſollen nichts thun, Otho! fuhr ſie lebhafter fort; ich will nicht, daß Sie dieſem Serbinoff allein glauben, ihm allein Vertrauen ſchen⸗ ken. Ich verlange es von Ihnen, ja ich— ich! und wenn ich auch — 246— nur eine Schwedin bin, ſo da— ſehen Sie mich an, ich befehle Ihnen, daß Sie mir gehorchen. Sie reichte ihm die Hände hin, und ihr ſchönes, ſtolzes Geſicht neigte ſich zu ihm mit einem Ausdruck ſo inniger Güte und Be⸗ ſorgniß, dem er nicht widerſtehen konnte. Haben Sie mir nicht ſchon einmal in Tavaſtehuus verſprochen, fuhr Ebba fort, daß wir trotz alles Streites und aller Trennungen treue Freunde bleiben wollen. Ein wunderbares Entzücken überlief ihn, kaum vermochte er es zu bezwingen. Das habe ich verſprochen! rief er ihre Hände an ſeine Lippen drückend und an ſein Herz legend, und niemals ſollen Sie mich umſonſt daran mahnen. Ja, theure Ebba, ich will Ihnen glau⸗ ben. Möge, wie es in unſeren alten Liedern heißt, unter jedem Ihrer Schritte Blumen aufſproſſen. Von ganzem Herzen, Amen! antwortete ſie, indem ſie ihm ihre Stirne zum Kuſſe bot, und nun—ol da iſt Erich! fuhr ſie fort indem ſie ſich umwandte und den Pfad hinabblickte, auf welchem Erich Ran⸗ dal ſich näherte. Vielleicht hatte er die vertraute Stellung und Um⸗ armung der beiden geſehen, denn er ſtand nahe bei ihnen und einige Augenblicke hinter den Weidengebüſchen ſtill. Dann jedoch kam er ſo ruhig und freundlich heran, wie er immer war. Sie haben mich in große Sorge verſetzt, liebe Ebba! rief er ſchon von Weitem; überall ſuchte ich Sie, und nur durch Zufall gerieth ich endlich auf den Gedanken, daß Sie in Lully's Burg' ſein würden. Alſo nicht durch eine geheime Ahnungahierher getrieben? fragte ſie lächelnd. In Wahrheit, nur durch einige Spuren Ihres Pferdes. Ein Hofmann ſind Sie nicht, Vetter Erich, lachte das Fräulein. Welche ſchmeichelnde Antwort hätten Sie mix geben können. Ich will auch niemals, weder ein Hofmann noch ein Schmeichler ſein, beſte Muhme Ebba, antwortete er, ſeine großen blauen Augen freundlich auf ſie heftend. Wahrheit ſoll immer zwiſchen uns walten, einfache, ungeſchminkte Wahrheit. Was dieſe auch bringen mag, iſt immer leichter zu ertragen, als alle aufgeputzte Täuſchung. ehle Ihnen zes Geſich und Be verſprochen, Trennungen te er es zu de an ſeine ſollen Sie ihnen glau⸗ edem Jhrer e ihm ihre fort indem Erich Ran⸗ a und Um⸗ und einige voch kam ei ief er ſchon gerieth ich rden den? fragie 247 Nach einigen Erklärungen, welche Otho über ſein Zuſammen⸗ treffen mit Ebba an dieſem Orte gab, und einigen Zwiſchenreden, welche das Fräulein hinzufügte, ſagte Erich: Wir werden auf lange Zeit nicht wieder hier beiſammen ſein, denn bald wird das Thal und alle Thäler und Tiefen unter Schnee und Eis begraben liegen. Sehen Sie die düſteren Wolken, welche ſich dort nordwärts zuſammenballen? Sie werden über uns hinfahren, wenn wir nicht eilen uns in Sicher⸗ heit zu bringen. Welche düſteren Wolken uns auch erwarten, verſetzte Ebba lächelnd, ſo wollen wir doch niemals die Sonne vergeſſen, welche dahinter ſcheint. Es iſt ſchon manche Nacht und mancher Winter gekommen, Vetter Erich, und immer iſt es wieder Tag und Frühling geworden. Habe ich nicht Recht, wenn ich auf dieſen Stein zeige, und dann euch Beide betrachte, daß wir vertrauen und hoffen ſollen? Erich legte ſtatt der Antwort, ſeinen Arm um ſeinen Freund, und drückte ihn an ſich: Biſt du denn ſo hoffnungslos, mein Otho, ſagte er, und gibt es etwas, das ich für dich thun könnte? Ich bin nicht hoffnungslos! rief Otho, indem er Erich's Umarmung erwiederte, und nichts kannſt du für mich thun, als immer feſt auf mich bauen, wie es deine Art iſt. Dieſer Stein ſpricht zu uns lau⸗ ter, als Himmelsſtimmen es thun könnten, daß wir einig ſein und uns anhängen ſollen bis in den Tod. Und dabei will ich mit einſchlagen, ſagte Ebba, indem ſie lächelnd ihre Hand auf die beiden Hände legte. Höre mich, du Geiſt Lully's, wenn du uns umſchwebſt, und gib uns ein Zeichen, daß du gerächt und verſöhnt biſt. In dem Augenblicke beugte ſich die Eiche unter einem Windſtoß, der über die Felſen in das Thal ſtürzte. Die Blätter wirbelten hoch auf, plötzlich folgte ein Krachen, und. die Krone des alten Baumes brach und fiel auf den Opferſtein. Erſchrocken ſtanden die drei Geiſterbeſchwörer und blickten das Wunder und den kahlen abgeſtorbenen Rieſen an, bis Ebba ein fröh⸗ liches Gelächter hören ließ. Nun ſage Niemand mehr, rief ſie, daß es keine Dinge zwiſchen Himmel und Erde gibt, von denen unſere Gelehrten ſich nichts träumen laſſen, Ich verſtehe dieſe Antwort, Die 248— blutige Eiche hat aufgehört zu leben, die nach uns kommen werden nichts mehr von ihr ſehen. Der letzte Enkel des grimmen Hompus liegt in den Armen des letzten Enkels Lully's; ihre Liebe hat den Haß verſöhnt! Erich betrachtete das abgebrochene Holz und ſagte dann: Es iſt morſch und mürbe, lange hätte es auf keinen Fall mehr gehalten, doch ſeltſam genug iſt der Zufall, der eben jetzt es zu unſeren Füßen ſchleu⸗ derte. Auf dieſe Weiſe ſind alle Wunder entſtanden. Ungläubiger! rief das Fräulein. Nichts iſt zufällig was geſchieht, Alles beſtimmt ſich nach Nothwendigkeiten. Ich glaube daran, daß die alten Götter zu uns geſprochen haben, und laſſe mir keine Erklärung des nüchternen Verſtandes gefallen. Wir werden ſchon ſehen, wie dieſe brechende und ſtürzende Krone noch ausgelegt werden kann; ob Glück, ob Unglück uns damit angekündigt wurde. Da aber dies ein Altar des Weltenherrn iſt, ſo will ich ihm ein Opfer bringen. Sie nahm einige Blätter der Eiche, Gras und Halme wand ſie zuſammen, und legte ſie auf den Stein. Allvater Jumala! rief ſie, ihre Hände faltend und ihre Augen aufhebend, ſei uns gnädig. Schütze uns vor unſeren Feinden und gib uns Glück und Frieden. Zunächſt, ſagte Erich, mag der alte Gott, der Blumen und Gras ſo lieb hat, uns auf einige Stunden noch vor Schnee bewahren. So gib, Jumala, daß uns wenigſtens heut keinerlei Fährniſſe mehr bedrohen, fuhr Ebba, ihre Bitten erneuernd fort. Ich fürchte ſehr, fiel Otho ein, der ſeinen Reiſeſack zuſammen⸗ gepackt und ſein Gewehr aufgenommen hatte, daß Jumala uns dieſe Gunſt verſagen wird, denn ſehen Sie dort hinaus— er deutete die Felſengaſſe fort— erkennen Sie noch die Spitzen der Korpilarberge? Ein düſterer Schleier, welcher ſich immer weiter ſenkte, verhüllte alle Ausſicht. In wenigen Minuten, fuhr Otho fort, werden wir in glänzende Silberflocken eingehüllt ſein, und nicht eher werden dieſe aufhören zu fallen, bis ganz Tavaſtland zwanzig Fuß tief dar⸗ unter liegt. Otho hat Recht, fügte Erich hinzu, wir haben keine Zeit zu vex⸗ lieren, wenn wir dieſen Schneeſäulen ungefährdet entkommen wollen. men werden nden Hompue ebe hat den an: Es ehalten, doch ißen ſchleu as geſchielt an, daß die e Erklärung ſehen, wit en kann; obh ber dies ein ngen. Sie zuſammen, ühre Hände ltze uns vor n und Gras vahren. hrniſſe mehr zuſammen⸗ 1 uns dieſe deutete die rpilarberge — 249— In wenigen Stunden find alle Hohlwege verweht, und unſer Rückzug dann nicht ohne Gefahr. Ebba gab eine muthwillige Antwort, daß ſie allen Gefahren an der Seite der Weisheit und der Kühnheit trotze, welche weder vor Bären, noch vor Ruſſen erſchräcken; allein ſie war doch zufrieden, als Grich ihr Pferd herbeibrachte und ſein eigenes dazu, das hinter den Weidenbüſchen ſich zu ſeinem Kameraden geſellt hatte, während Otho zu einem der überhängenden Felſen eilte, der ſein kräftiges Thier verbarg. Es war hohe Zeit; denn kaum hatte der Zug ſich in Bewegung geſetzt, als ein Flockengewimmel auf ihn niederfiel, und noch hatte er nicht den engen Zugang des Felſenſchloſſes erreicht, ſo bedeckte das weiße Leichentuch das Thal, das eben noch ſo grün und ſommerlich geweſen.— Vorſichtig ſtiegen die klugen Roſſe hinunter, und vor ihnen lagen nun die weiten Gewinde der Korpilaxberge; doch wenig ließ ſich davon erkennen, Alles hatte ſich verändert. Der Himmel war nächtlich düſter, ein dumpfes Brauſen und Heulen ſtieg aus den Wäldern und Schluchten auf, der Sturm peitſchte den Reitern Eis⸗ körner und dichte Wolken feinen Schnees entgegen, den er wirbelnd durch die Lüfte trieb. Eine ſo plötzliche Umwandlung der Natur und der Anblick dieſer drohenden Einöden mußte erſchrecken.— Vielleicht thäten wir beſſer, ſagte Ebba, noch ein wenig zu warten. Nicht einen Augenblick, antwortete Otho. Der Winter tritt mit tinem Schneeſturm ein, und nur zu gut kennen wir dieſe Zeichen; er wird Tage lang andauern. Noch vermögen wir den Weg zu finden. Fürchten Sie nichts, folgen Sie mir nach. Nur voran! rief das Fräulein; voran, mein tapferer Vetter! Sie werden ſehen, daß echt ſchwediſches Blut den Schnee nicht fürchtet. Otho zögerte nicht, und bald befanden ſie ſich auf dem Pfad des Vergſattels, wo die Bäume ihnen größeren Schutz gewährten. Anfangs ging es raſch vorwärts, bald jedoch langſamer und bedäch⸗ tger, und ohne die genaue Kenntniß, welche der Führer von jedem Hinderniß, jedem Stein und jeder Vertiefung beſaß, wäre es kaum möglich geweſen, dieſe zu vermeiden. Dann und wann wühlte ein 250— Windſtoß die Schneemaſſe auf und fegte ſie in Haufen zuſammen. Aus dem Geflimmer der blitzenden Kryſtalle ſah Ebba zuweilen dicht neben ſich in eine jähe Tiefe hinab, und ihre erſtarrenden Fin⸗ ger griffen in die eisbedeckten Mähnen ihres ſchnaubenden Roſſes. Ein einziger Fehltritt, ein Gleiten der Hufe hätte ſie hinabgeſtürzt; aber ein nordiſches Pferd gleitet und fällt nicht. Voller Vertrauen blickte ſie auf Otho, wie er aus den weißen Nebeln auftauchte, zu⸗ weilen neben ihr war und ein tröſtendes Wort ſagte, das ſie mit einem Scherz beantwortete, zuweilen nach Erich umblickte, der den Schluß machte, und ihn erwartete oder ihm zurief, nicht zurückzubleiben. Endlich war der Bergſattel zurückgelegt, und die hohen umdüſter⸗ ten Felſen traten hervor, Schneewände hatten ſich ſchon an ihren Seiten feſtgeklammert, an anderen Orten der Sturm ſie fortgeriſſen; ſchwarze Zacken und Spitzen ſtarrten aus den blendenden Gewändern. Müſſen wir dort hinauf? fragte Ebba, als ſie ſah, daß Otho daran emporzuklimmen begann. Wir müſſen hinauf, antwortete er; denn unten iſt der Weg ſchon im Schnee verweht. Wir würden ſtecken bleiben, wollten wir es wagen. Dann in Gottes Namen! Echt ſchwediſches Blut fürchtet ſich auch vor den Felſen nicht! rief das Fräulein mit neuem Muthe. Aber dieſe hohe Bergebene, über welche es jetzt fort ging, war zwar vom Schnee ſo ziemlich entblößt; doch mit ſchneidender Kälte drang der Sturm auf die Reiter ein. Vor den feinen Eisnadeln half kein Schleier und kein ſchützendes Gewand; immer grauer und ſchwerer ſenkte ſich der Himmel, immer dunkler und ungewiſſer ver⸗ ſchmolzen Nähe und Ferne. Die Nacht brach herein, obwohl es noch Tag ſein ſollte, und durch ihre Schatten huſchten die Schatten ſonder⸗ barer flüchtiger Geſtalten, welche in weiten Kreiſen und Sprüngen lautlos die Reiter umjagten. Eine Zeitlang glaubte Ebba, daß ihre Augen, von den Eisnadeln ſchmerzend und geblendet, ſie täuſchten, bis ſie deutlicher dieſe dunklen Geſpenſter erkannte. Was iſt das? fragte ſie. Wölfe! erwiederte Otho verächtlich. Der erſte Schnee hat ſie hervorgelockt, ſie wittern Roßfleiſch und Beute. t n zuſamme bba zuweile rrenden Fi nden Roſee hinabgeſtüng er Vertraue ftauchte, zu en umdüſter on an ihr fortgeriſſe Gewänden Otho darg er Weg ſche pllten wir fürchtet ſi n Muthe. rt ging, we dender Kält en Eisnadel „arauer un gewiſſer ber wohl es woc natten ſonder ad Sprünge den Eünadtt dieſe dunke hnee hat 251 Die Ruſſen alſo ſind an unſeren Ferſen, lachte das Fräulein mit Aufbietung aller Kraft. Werden wir ihnen entrinnen? Bald wird das ganze Rudel uns nachheulen wie hölliſche Teufel, ſagte Otho; aber beſorgen Sie nichts, es wird ihnen nichts helfen, wir werden wohlbehalten bleiben. Echt ſchwediſches Blut fürchtet auch die Ruſſen nicht! rief ſie, krampfhaft die Zügel haltend. Dort in der Tiefe vor uns liegt Halljala, ſagte Otho. Nur eine Stunde noch und wir ſitzen in der Halle und lachen über unſere Abenteuer. Wir lachen! Wo iſt Erich? Ich ſehe Licht! Hier bin ich, antwortete die tiefe ſanfte Stimme des Freiherrn. Wo ſehen Sie Licht, liebe Ebba? Um mich her, dort— da! Flammen, oder ſind es die Augen der Wölfe? Er war bei ihr in dem Augenblick, wo hinter ihnen ein entſetz⸗ liches Geheul begann, und dicht vor den Reitern antwortete ein kla⸗ gendes heiſeres Gewinſel. Der Schnee leuchtete genug, um einen großen Wolf zu erkennen, welcher auf ſeinen Hinterbeinen ſaß und ſeinen weiten ſpitzen Rachen ſteil aufhob, ohne weichen zu wollen. Ebba ſah, wie das gewaltige Thier ſich zuſammenduckte, als ſei es im Be⸗ griff einen Sprung zu machen. Sie wollte aufſchreien, lachen, rufen: ſch fürchte mich nicht! aber ein lähmendes, tödtendes Gefühl über⸗ lam ſie. Plötzlich zuckte ein Blitz, ein heftiger Knall rollte ihm nach. Der Wolf ſtürzte zuſammen, das graue Roß ſetzte über ihn fort. Ebba's Hände griffen umher, ihr Körper wankte, ſie wäre gefallen, wenn Erich ſie nicht unterſtützt und feſtgehalten, Otho die Zügel des ſcheuen Renners ergriffen hätte. Was beginnen wir nun? rief er in zorniger Verzweiflung. Es war zu viel für ſchwediſches Blut. Niemals zuviel, niemals! antwortete ſie ſich erholend, indem ſie zu lachen verſuchte. Sie haben beſſeres Vertrauen zu mir, Vetter Erich. Iſt der Wolf todt? Er wird nicht wieder nach Ihnen ſpringen, liebe Muhme Ebba. 25²2 So mag es allen Ruſſen gehen! Laſſen Sie die Zügel los, kleinmüthiger Couſin Otho. Wohin jetzt mit uns? Reden Sle, weiſer und beſonnener Erich. Hier iſt die Schlucht, erwiederte Erich, dort geht es hinab. Gleich ſind wir auf der Straße und haben Halljala vor uns. In wenigen Minuten waren ſie unten. Das Wolfsgeheul ver⸗ hallte in der Ferne, die Pferde liefen raſch die Höhe hinauf, als plötzlich ein Lichtſchimmer ihnen entgegenglänzte. Dort liegt ein Haus! rief das Fräulein freudig auf. Ein Wagen liegt dort, der nicht weiter kann, antwortete Otho. Neben ihm ſteht ein Menſch mit einer Laterne, die er nach uns zurückwendet. Er hatte mit ſeinen ſcharfen Augen den Gegenſtand richtig er⸗ kannt, welcher bald erreicht wurde. Es war ein Wagen von neuer Art mit einem bequemen bedeckten Sitz. Der Mann daneben, welcher eine große Pelzmütze über Kopf und Ohren gezogen und ſich ſelbſt in einen Pelz gehüllt hatte, war ſo dick beſchneit, daß er wie eine Schneepuppe ausſah. Als die Reiter dicht herankamen, hielt er ſeine Laterne hoch zu ihnen auf: So wahr ich lebe! ſchrie er, es iſt der Freiherr Randal, ſammt meinem lieben Vetter Otho, und das edle Fräulein Bungen! Habe ich es Ihnen nicht geſagt, hüten Sie ſich vor ihm? Iſt aber dennoch ein Glück für uns, Freiherr Randal; denn wir bleiben ſtecken in dem verdammten Schnee, der uns über⸗ fallen hat. Herr Halſet! ſagte Erich verwundert, als er ihn erkannte. Wir wollen Hilfe herbeiſchaffen. 3 Recht ſo! rief der Kaufmann aus Abo, aber ſchnell, Herr Erich. Es iſt nicht um den alten Sam, der hält es aus; doch in dem Kaſten da ſitzt mein Mädchen, meine Mary.— Zeige dich, Mary, ſtecke den Kopf heraus, rief er, mit der Laterne hineinleuchtend. Bah! Freiherr Randal, ſollt ſie morgen näher betrachten. Heidniſches, hundiſches Wetter! Wir wollen uns ausruhen in Halljala, Gaſtfreundſchaft anſprechen. Schafft ein paar friſche Pferde herbei, die uns durch den Schnee ſchleppen. ie Zügel Reden er eht es hin r uns. lfsgeheul e hinauf, wortete Ot er nach un d richtig e een von neu neben, welch und ſcch ſtl er wie ein gielt er ſiin er, ds ſſtd und das ed hüten Sbe ſit iherr Rande er uns übe 253 Aber die Wölfe! ſagte Ebba. Es ſind Wölfe in der Nähe. Kenne ſie, ſind meine alten Freunde, lachte Sam. Mit meiner Laterne da halt' ich ich mir ein ganzes Schock vom Leibe. Sie ſetzen ſich höchſtens im Kreiſe umher und ſingen ein Klagelied über die ſchlechte Zeit. Damit kann ich ihnen ebenfalls dienen. Nirgend Geld im Lande, nirgend Chrlichkeit. Fort, Herr Erich, es kann Alles nichts helfen. Jeder muß ſehen, wo er bleibt. Reiten Sie zum Propſt heran. Er erwartet uns und wird uns beiſpringen. Sie ſollen bald in Halljala ſein, ſagte der Freiherr. Ich komme morgen zu Ihnen, bedanke mich für alle Höflichkeit! ſhrie der Handelsherr ihnen nach. Gute Nacht, hochedles Fräulein! Ein kalter Ritt; doch was thut's, wenn das Herz warm iſt. Wickle nich ein, Mary. Gott verdamm' den Nordwind, er bläst durch Nie⸗ ien und Rippen. Wickle dich ein, Mary, es hält nichts wärmer als Fuchspelz und Marder. Haſt du das Püppchen geſehen, wie es im Sattel ſaß mit Kaſtorhut und Schleier? Ein ſtattlich Bild, ein feines Fräulein. Wollen morgen ein Wort mit ihr reden, ſie hat einen ge⸗ ſheidten Zug im Geſicht. Halt das Herz warm, Mary; laß ſie rei⸗ ien, wir holen ſie doch noch ein. Aber da kommen meine alten Be⸗ fannten. Hoho! ſechs, acht, ein ganzes Dutzend. Höllengeſindel, ſuſtige Burſche. Heißa! nur heran, immer näher und laßt euch be⸗ ſchauen. Er ſtellte ſich an den Kopf ſeines ſchweißnaſſen Pferdes, ließ die keterne nach allen Seiten blitzen und lachte den Wölfen nach, als ſie ſgeu davor in die Dunkelheit flohen. Ein finniſcher Wolf, ſagte er, iſt wie ein finniſcher Bauer, ein uſtelliger kecker Burſch, dem es nicht an feinen Gaben fehlt; aber ſerie abergläubiſche Einfalt verdirbt Alles. Nur wenn der große deufe beiſammen iſt und der Hunger in den Eingeweiden nagt, iſt's ſcfährlich mit ihnen umzugehen. Setzt euch, ihr Dummköpfe, ſetzt zuh und ſtimmt eine herzhafte Melodie an. Dieſe Einladung wurde bereitwillig angenommen, die Wölfe heul⸗ ſ rund umher einen ſchrecklichen Geſang; allein es währte nicht ſnge, ſo kamen Männer mit Pferden und Fackeln aus dem Thale — 254— herauf. Propſt Ridderſtern befand ſich bei ihnen. Trotz des Wetters hatte der geiſtliche Herr ſich ſelbſt aufgemacht, ſeinem Gaſt zu helfen und ihn zu empfangen, und dies geſchah mit vieler Herzlichkeit unter Umarmungen und Freudengeſchrei. Elftes Kapitel. Sam Halſet's Beſuch in Halljala war offenbar kein freudiges Ereigniß, weder für den Schloßherrn, noch für Otho Waimon. Ebba hatte es ſchon daran merken können, daß Otho das Ende der Unter⸗ haltung bei dem Begegnen am Abend nicht abwartete, ſondern weiter ritt und erſt im Thale wieder von den beiden Nachetlenden eingeholt wurde.— Jetzt glaube ich es ſelbſt, ſagte er, als das Fräulein ihm vorwarf, daß es wenig höflich ſei, eine Dame und obenein eine Ver⸗ wandte ohne Beiſtand zu laſſen— daß die Hompus⸗Eiche zerbrochen wurde als Warnungszeichen, daß Unheil uns erwarte. Welches Unheil kann Herr Halſet mitbringen? fragte ſie. Erinnern Sie ſich, was ich Ihnen ſchon einmal von dieſem Manne ſagte: es iſt am beſten, wenn man ihn weder hört noch ſieht. Erich ſchwieg dazu, und nach einigen anderen Fragen, welche in der⸗ ſelben Weiſe von Otho beantwortet wurden, hielt ſie es für das Beſte, den Gegenſtand nicht weiter zu berühren. Sie dachte an das, was ſie durch Louiſa's Mittheilungen erfahren hatte, und fühlte den alten Widerwillen gegen die Tochter des alten Kaufmanns dabei erwachen. Auch bei dieſem neuen Begegnen hatte Mary ſich ſonder⸗ lich benommen. Kein Wort, kein Gruß war aus der düſteren Wagen⸗ ecke laut geworden, wo ſie ſitzen blieb, ohne ſich blicken zu laſſen. Von einer ſolchen Vermehrung des gaſtlichen Kreiſes in Halljala ließ ſich daher allerdings wenig Gutes erwarten. Am folgenden Morgen kam Arwed Bungen zu ſeiner Schweſter, die er zärtlich umarmte und beſorgt um ihr Wohlbefinden fragte. in freudihe umon. Et der Unte den eingehe gräulein in ein eine W chhe zerbrot ſie. ieſem Mand noch ſic elche g für d — T de chie an 4 nd fühlie d fmanné dh ſih ſolde lan Wur ken zu uaſe G halhab 9 „Scthweſ fragt finden 25⁵ Ich bin voller Freude, ſagte er, daß das Abenteuer ſo glücklich ab⸗ gelaufen iſt, und zufrieden, daß der Schnee ihnen überhaupt ein Ziel ſetzt. Guſtav Lindſtröm muß uns verlaſſen. Er hat Befehl erhalten, ſich auf der Stelle in Sweaborg einzufinden, was er dort ſoll, weiß ich nicht. Der Oberſt Jägerhorn iſt geſtern bei dem Propſt ange⸗ kommen und wird ihn mitnehmen. Ein ſehr gewandter Mann, der Oberſt, wir werden ihn heut noch ſehen. Du haſt ihn alſo ſchon geſehen? fragte Ebba. Mit Serbinoff. Wir machten einen Beſuch bei dem geiſtlichen Herrn. Traurige Nachrichten aus Stockholm, Ebba. Der König gibt nicht nach. Das ließ ſich vorausſehen. Allerdings ließ es ſich vorausſehen, erwiederte er, eben wie ſich vorausſehen ließ, daß er alle dringenden Vorſtellungen, den Reichstag zu berufen, abgewieſen hat. Aber laſſen wir jetzt die Politik bei Seite. Ich hoffe, wir werden einige frohe geſellige Tage verleben, da Halſet und ſeine Tochter endlich eingetroffen ſind. Sie wurden ſomit erwartet? Ich denke wohl; denn ich hörte den Propſt davon ſprechen. Es fft ärgerlich, daß Otho's Unbeſonnenheiten ſolche Zerwürfniſſe herbei⸗ geführt haben. Das wird jedoch Herrn Ridderſtern nicht abhalten, ſeine Gäſte zu begleiten. Ich denke, Halſet wird den Frieden ver⸗ mitteln helfen. Ich fürchte, das Anſehen dieſes würdigen Kaufmanns iſt nicht be ſonders groß in Halljala, erwiederte das Fräulein. Meinſt du? lächelte der Kammerherr. Nun, wir wollen abwar ſen, was er zu Stande bringt. Jedenfalls iſt es mir lieb, daß er ſier iſt, dabei zugleich auch lieb um deinetwegen, da ſeine Tochter zu ſeiner Unterhaltung beitragen wird. Ich glaube kaum, daß ich darauf zu rechnen habe, ſagte Ebba. Sie iſt zurückhaltend, fiel er ein; allein man ſagt mir, daß ſie außerſt liebenswürdig ſein kann. Ueberdies hat ihr Vater nichts an ihrer Erziehung geſpart. Mehrere Sprachen ſpricht ſie mit größter Fertigkeit, und ihre Kenntniſſe ſind ſo bedeutend, daß dieſe ſelbſt von den gelehrten Herren in Abo bewundert werden. 2⁵6 Was will dieſe gelehrte Dame hier in der Wildniß? Du weißt ja, daß ſie früher ſchon hier lebte, erwiederte der Kammerherr, und mit unſerm philoſophiſchen Vetter allerlei Studien trieb. Im Ernſt, Ebba, ich möchte dir einige Bemerkungen darüber mittheilen. Die ich nicht hören mag, war ihre raſche Antwort, welche in ſo entſchiedenem Tone erfolgte, daß Arwed ſchwieg. Gut, ſagte er, ſich bedenkend, ich will nicht weiter davon ſprechen, vielleicht haſt du ſelbſt auch etwas von Familienangelegenheiten vernommen, die früher hier abgehandelt wurden. Halſet iſt zu klug, um die Verhältniſſe nicht richtig zu erkennen. Nur um Eines bitte ich dich, Ebba, und for⸗ dere es um ſo mehr, da es dein eigener Vortheil bedingt. Fräulein Ebba blickte ihn fragend an. Dein Vortheil iſt es, fuhr ihr Bruder fort, wenn wir mit Halſet und ſeiner Tochter uns freundlich ſtellen. Seine Beziehungen zu Erich ſind, wie ich weiß, von ſolcher Art, daß er, wenn er wollte, ihm große Verlegenheiten bereiten könnte. Halſet muß daher bei guter Laune erhalten werden. Leuten ſeiner Art, reich und anmaßend auf ihr Geld, muß man ſchmeicheln; überdies iſt er angeſehen, beſitzt wichtige Verbindungen und kann uns treffliche Dienſte leiſten, wenn Ereigniſſe eintreten, die wir vorausſehen müſſen. Ich bitte dich alſo, tritt ſeiner Tochter freundlich entgegen. Bewirb dich um ihre Freundſchaft, ſo wird ſie auch aufthauen. Vielleicht gelingt dir dies Wunder beſſer als mir, ſagte ſie. Arwed blickte ſie ſelbſtgefällig lächelnd an. Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt, antwortete er dann. Durchkreuze nur jetzt nicht meine Abſichten, ſondern unterſtütze mich; doch nun mußt du dich ſchmücken, denn wir werden bald das Haus voll Gäſte ſehen. Adieu, Ebba! du haſt einen ſo klaren Verſtand, daß ich nichts weiter hinzufüge. Nach einigen Stunden war die große Halle in der That gefüllt mit den verſchiedenen Gäſten des Freiherrn. Lindſtröm hatte den alten Major und deſſen Sohn mitgebracht, Otho kam in Begleitung ſeiner Schweſter und des Grafen Serbinoff, zuletzt erſchienen der wiederte rlei Stud ngen darüt welche in agte er, ſc zaſt du ſel früher hi ältniſſe nit da, und for cheil iſt es Tochter un ee ich weiß gerlegenheite alten werden muß ma Verbindunge intreten, N einer Tocht ſo wird te ſie wollen ſehen rr jetzt nic d dic nußt du 1 Adien ſehen. richts wüin That gefül n hatte d n Begleinmd u 1 rſchienen 1 — 257— Propſt und ſeine Gattin, welche ihren Vetter, den Oberſten Jäger⸗ horn, ſammt Halſet und ſeiner Tochter mitbrachten. Der Oberſt war in Halljala nicht unbekannt. Stattlich und leb⸗ zaft ſchritt er daher und begrüßte den Freiherrn mit der Höflichkeit ines Weltmannes. Sein ſoldatiſches Weſen wurde durch die Beweg ichkeit ſeines Körpers gemildert, ſein Geſicht beſaß friſche Farben, und ſeine klugen Augen, welche mit einem Blick Alles zu ſehen ſchienen, machten den Eindruck, daß ſie einem befähigten Mann ungehörten. Ebba hörte und ſah weniger jedoch auf ihn, als auf Mary Hal⸗ ſet, die an ihres Vaters Arme neben ihm ſtand und, einige Augen⸗ blicke lang zunächſt von Louiſa in Beſchlag genommen, mit aller ihr eigenen liebenswürdigen und ungeſtümen Herzlichkeit umarmt und ge⸗ küßt wurde. Haben wir dich endlich wieder, beſte Mary! rief das kleine Fräu⸗ lein. Aber wie blaß ſiehſt du aus! du biſt doch nicht krank geweſen? Warum trägſt du ein ſchwarzes Kleid? O! damals, als du bei uns wohnteſt, ſtanden das finniſche Jäckchen und Mieder dir weit beſſer. Das mußt du wieder anziehen, liebſte Mary. Wir laſſen dich nicht eher fort, bis du wieder roth biſt und lachſt. Mary beugte ſich zu ihr nieder, und es war, als ſollte ſich ſo⸗ 1 gleich Louiſa's Wunſch erfüllen. Das bleiche Geſicht röthete ſich und everſchönte ſich zugleich durch ein Lächeln, welches die ſtrengen Lippen „ öffnete. Komm her, Mary! rief ihr Vater, wir müſſen vor allen Dingen uns bei dem Freiherrn Randal bedanken, daß er uns den Wölfen nicht ganz überließ, ſondern für uns ſorgte, auch heut uns erlaubt, ſeine Gäſte zu ſein. Große Ehre für uns, Freiherr Randal, große Ehre! Haben lange darauf gewartet, haben uns lange nicht geſehen. Er hielt Erich's Hand dabei feſt, ſchüttelte dieſe und ſah ſo gut⸗ müthig freuudlich aus, daß man glauben konnte, er meine es wirklich ſo. Erich zog ſeine Hand endlich fort und reichte ſie der ſchweigſamen Jungfrau. Es iſt wahr, ſagte er, wir haben uns lange nicht ge⸗ ſehen. Seien Sie mir in meinem Hauſe freundlich willkommen, D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 17 — 258— Er erkundigte ſich nach ihrem Wohlſein, ihrer Reiſe, dem Un⸗ gemach, das ſie geſtern überſtanden, und Mary antwortete abwechſesndnd mit ihrem Vater, der nach ſeiner Art ſcherzte und ſpöttelte. Ebba beobachtete ſie genau; allein ſie konnte keine Erregtheit in ihrem Ge⸗ ſicht oder in ihren Antworten bemerken. Erich's theilnehmende Freundlichkeit änderte nichts an ihrer ruhigen Kälte, welche höflich gleichgiltig bei allen Fragen blieb, und keine Macht ſchien dieſe gro⸗ ßen dunklen Augen feurig und lebendig machen zu können. Dennoch kam Bewegung und Ausdruck hinein, als Erich ſie zu Ebba führte. Hier iſt meine Muhme, die Sie ſchon kennen und die ſich freuen wird, Sie zu begrüßen. Mary that ihre Augen auf und eine feindliche Glut loderte darin, ein ſtolzer, faſt drohender Blick begleitete die Verbeugung, welche ſie dem ſchwediſchen Fräulein machte, der ſicher nicht unbeantwortet ge⸗ blieben wäre, hätte Ebba nicht in demſelben Augenblick ihren Bruder bemerkt, der ihr leiſe zunickte. Ihr heiteres Geſicht erhielt dadurch ſein feines und gefälliges Lächeln zurück, und jene Ueberlegenheit, die ſicher und geſchickt Miß⸗ ſtimmungen zu beherrſchen, und widerſtrebende Gefühle zu beſchwich⸗ tigen weiß. Die ſchöne vornehme Dame hatte dies früh gelernt, denn ſie war in Schulen des Lebens erzogen worden, wo ächelt, wen man haßt, und wo die Sprache als Mittel gilk, Vedanken zu deie bergen. Bei alledem hatten ihr natürlichen edlen Eigenſchaften ſich memals bis zur Heuchelel abgeſchliffen, ihr offener Chäralfer wä mer der Tüge fern geblieben⸗ üm, mit welchem ſie n ſelten die Wahrheit vertheidigte, wurde oft genug von Arwed getadelt. Als ſie jetzt die Tochter des alten Kaufmanns mit Herzlichkeit empfing, und trotz deren einſylbigen Antworten fortfuhr warm und lebhaft zu ſprechen, übte ſie ſich eben ſo wenig in der Verſtellungskunſt. Das leidende Ausſehen des jungen Mädchens, die krankhafte Bläſſe ihres Geſichts und ein Zug tiefer Schwermuth darin regten ihr Mitgefühl auf. Sie unterhielt ſich ſo lange mit ihr, bis der Oberſt Jägerhorn und Arwed näher traten, und obwohl kein Zeichen andeutete, daß ihre Theilnahme Mary günſtiger geſtimmt habe, nahm ſie ſich vor, ihres Bruders Wünſchen fortgeſetzt nachzukommen. , dem! abwechſeh telte. E ihrem Ge heilnehmen velche höflit n dieſe gi Dennec Ebba führte ſich freuen derte darin welche ſi uwortet ge gren Bruder d gefällige ſhickt M l Lüßul lerut, deul chelte wenn deen zu bel. ſhaften ſch E war in d genndelt dit enpfing lebhaft 3 kunſt. das Zläſſe ihns rMägeflhe Jägerhorn te, daß ihte ibrat vor, ihre L— ñ—— —259——;:— — — Oberſt Jägerhorn belebte den geſelligen Kreis durch ſeine Mit⸗ theilungen und die Lebendigkeit ſeiner Unterhaltung. Er beſchäftigte die Damen mit luſtigen Begebniſſen und Anekdoten, und da er im reichen Maße das beſaß, was die Schweden Quickheit, die Franzoſen Esprit nennen, die Leichtigkeit nämlich, durch glänzende und über⸗ raſchende Rede und Einfälle zu feſſeln und zu gefallen, rief er bald fröhliches Lachen, bald allgemeines aufmerkſames Zuhören hervor. Für die Herren brachte er die neuſten politiſchen Vorgänge mit, welche mancherlei Bemerkungen bewirkten, die der Oberſt jedoch nicht ver mehrte, ſondern höchſtens einmal durch ein ſarkaſtiſches Mienenſpiel, oder durch einen beiſtimmenden Wink beſtätigte. Der König war wirklich wieder nach Schonen gegangen, und ſaß dort bei ſeinem alten Vertrauten, dem Feldmarſchall Toll. Von Hel⸗ ſingborg aus hatte er die engliſche Flotte geſehen, welche ſiegreich aus Kopenhagen heim ſchiffte, und die gefangene däniſche Flotte mitnahm. Von der engliſchen Armada wurde der König feſtlich mit Kanonen donner begrüßt, und die engliſchen Admirale ſtiegen an's Land und tafelten mit ihm. Von den Unterhaltungen und Toaſten, welche bei dieſer Gelegenheit gepflogen und ausgebracht ſein ſollten, erzählte man die gehäßigſten und lächerlichſten Dinge. Dem Könige wurde es in Dänemark nicht allein zum Verbrechen gemacht, daß er ſeine Freude über das Fortſchleppen der däniſchen Schiffe und die theilweiſe Ver⸗ nichtung der däniſchen Hauptſtadt geäußert hatte, ſeine eigenen Unter⸗ thanen nannten dies Barbarei und Blödſinn, verſpotteten ihn als eng⸗ liſchen Vaſallen und lachten ihn aus, weil er geſagt haben ſollte, Paris ſowenig als Petersburg lägen weiter von Stockholm, als die ſchwediſche Hauptſtadt von jenen Städten. Oberſt Jägerhorn erzählte dies und vieles Andere als böswillige Erfindungen. Das Uebelſte iſt, ſagte er dann, daß die Dänen dadurch im hohen Grade gereizt wurden, und allerlei Zwiſtigkeiten ſchon aus⸗ gebrochen ſind, welche weitere üble Folgen haben können. In Däne mark hemmt man die ſchwediſchen Poſtverbindungen, und in Norwegen ſammeln ſich Soldaten; dabei hat der däniſche Geſandte in Stockholm angefragt, ob es wahr ſei, daß Seine ſchwediſche Majeſtät mit den Engländern gemeinſame Sache machen und Seeland beſetzen wolle, 17* — — 260— worauf ihm die Antwort geworden iſt, daß, wenn der König es nö⸗ thig gefunden hätte, Seeland zu beſetzen, dies geſchehen ſein würde. Man möge Seine Majeſtät nicht in die Lage bringen, es zu bereuen, daß er nicht anders gehandelt habe. Bravo! rief der alte Major Munk, das heißt wie ein Schweden⸗ könig geantwortet. Die Aufregung iſt dadurch natürlich noch höher geſtiegen, fuhr Jägerhorn lächelnd fort. Jedenfalls wäre es beſſer geweſen, wie manche Leute glauben, wenn der König den engliſchen Antrag wirklich ange⸗ nommen und Seeland beſetzt hätte, wodurch Dänemark vollſtändig ge⸗ lähmt, und der Sund frei erhalten worden wäre. Und warum iſt dies nicht geſchehen, mein lieber Oberſt? fragte der Propſt Ridderſtern mit größter Sanftmuth. Man ſagt, Feldmarſchall Toll habe es dem Könige widerrathen, antwortete Jägerhorn, weil man dadurch ohne Zweifel ſofort in einen Krieg mit Rußland verwickelt worden wäre. Nur keinen Krieg mit unſerem beſten Nachbar! ſchrie Sam Halſet, mit aller Welt Krieg, nur nicht mit unſeren lieben Freunden jenſeit des Kymene. Der alte Toll iſt ein geſcheidter Burſche, grund ge⸗ ſcheidt. Den Napoleon ließ er beleidigen, ſo viel es unſerem glorreichen König beliebke, dabei konnten höchſtens die deutſchen Länder verloren gehen, allein nur nicht unſere allerbeſten Freunde in Petersburg, die durch kein Waſſer von uns getrennt ſind. Und es wird auch nicht geſchehen, der alte Toll leidet es nicht, er hält ſeinem Guſtav Adolph die Finger feſt. Wenn der Däne zu bellen anfängt, ſteht der Ruſſe allezeit dahin⸗ ter um zu beißen, murmelte der alte Invalide, ſeinen Krückſtock auf⸗ ſtoßend. Sapperment! ein Schwedenkönig wird ſich nicht fürchten, ſeine Sache durchzuſetzen. Wenn der General Toll wirklich die Beſetzung Seeland's gehindert hat, ſagte Otho lebhaft, ſo hat er abermals ſeine Unfähigkeit bewieſen. Ich verſtehe vom Kriegshandwerk nichts, aber auch den größten Laien muß es einleuchten, welche Vortheile damit verbunden ſind, und wer ſo handelt, wie dieſer König, der muß entſchloſſene, furchtloſe Schritte thun, oder er verdient den Hohn, der ihn verfolgt. önig es ſein wünde zu bereuen n Schweden tiegen, fuh , wie manche irklich ange llſtändig ge berſt? fragt widerrathen, ort in einen Sam Halſet unden jenſet , grund ge n glorreich nder verlore rreburg, de d auch ni uſtav Wolph ezeit dahin⸗ ſtock auf⸗ rchten, ſein '6 gehinden it wriſn rößten oim und wer / nd 14, ſeſe Strit 261 Ihre Meinung hat leider Anhänger genug, erwiederte Jägerhorn, der ſich nach dem kecken Sprecher umwandte; ein treuer Unterthan Sr. Majeſtät darf jedoch dergleichen nicht hören. Meine Meinung, Herr Oberſt, iſt eine ganz andere, ſiel Otho ein. Ich glaube, daß, wenn der König Männer in ſeiner Umgebung hätte, die ihm Achtung abzwängen und deren Talente und Treue er ſchätzen müßte, Manches anders und beſſer ſein würde. Ich kann nicht unterſuchen, wie die Männer beſchaffen ſind, denen Se. Majeſtät jetzt Vertrauen ſchenkt, ſagte Jägerhorn mit ſeinem ſarkaſtiſchen Lächeln. Ich muß glauben, daß die höchſte Weisheit auch die beſte Wahl getroffen hat. Im Uebrigen, mein junger Herr, iſt es leicht geſagt, was Sie da behaupten, doch außerordentlich ſchwer ausgeführt. Die trefflichen furchtloſen Männer wachſen eben ſo wenig auf den Bäumen, wie man einem ſouveränen Monarchen Miniſter und Räthe aufzwingen kann, welche er nicht mag. Wir Soldaten ſtehen weit von aller Politik und Hofgeſchichte. Wir erfüllen unſere Befehle und haben mit der Verantwortlichkeit nichts zu thun. Es iſt ein unantaſtbarer Grundſatz, daß der Soldat nicht denken darf. Der alte Major ſchoß einen Blitz unter ſeinen dicken grauen Augenbrauen hervor auf den Oberſten, welcher gar nicht danach ausſah, als glaube er was er ſagte. Es iſt richtig! rief er, Denken ſoll ein Soldat nur daran, wie er ſeines Königs und ſeines Landes Feinde beſiegt. Es haben's aber Manche vergeſſen, und Niemand ſah es ihnen an, was in ihnen ſaß. Dieſe derbe Aeußerung machte, daß Erich Randal das Wort nahm, um keinerlei Zwiſt entſtehen zu laſſen. Die meiſten Anweſenden wußten es, daß der Bruder des Oberſten Guſtav den Dritten ver⸗ rathen hatte und zu den Ruſſen geflohen war, wo er, zum General gemacht und reich belohnt, noch lebte. Jägerhorn ſelbſt jedoch blieb völlig unbefangen. Wahr und gewiß, beſter Major, verſetzte er lächelnd, wir haben traurige Beiſpiele zu beklagen, die man ſich nur aus der Zerrüttung unſerer Verhältniſſe erklären kann. Es wird aber nicht mehr vorkommen! rief der Invalide, indem er treuherzig ſeine Hand dem Oberſten hinſtreckte und eine gewiſſe Be⸗ ſchämung über ſeine Rückſichtsloſigkeit zu fühlen ſchien. Die ſchwediſche — 262— Soldatenehre wird's niemals mehr dulden und Ehre Seiner Majeſtät! Er hat Einen an die Spitze geſtellt, vor dem jeder Schwede, der ihn nennen hört, an den Hut greift. Olaf Cronſtedt! einen beſſeren Namen gibt's nicht im Lande. Iſt er da, Oberſt. Iſt er in Sweaborg angekommen? Der Admiral iſt ſeit einiger Zeit bei uns, erwiederte Jägerhorn, und Se. Majeſtät hat gewiß die richtige Wahl getroffen, er konnte keinen ausgezeichneteren Commandanten des Landesbollwerks ernennen. Hoffentlich, fügte er mit einem Blick auf Otho hinzu, werden diesmal die Läſterer ſchweigen. Eh! laßt ſie ſchwatzen, wie ſie es verſtehen, lachte der Invalide. Olaf Cronſtedt's Ruhm und Ehre ſtehen feſt wie unſere Felſen. Habe ich doch ſelbſt ſchon gehört, wie man's getadelt hat, daß ein Admiral zum Feſtungscommandanten gemacht wurde. Auch in Stockholm hat es Aufſehn erregt, allein in Sweaborg liegt ja ein ſehr bedeutender Theil der ſchwediſchen Flotte, erwiederte der Oberſt, und ein Linienſchiff iſt auch eine Art Feſtung. Es liegen an hundert und vierzig der beſten und größten Schiffe der Scheerenflotte in Sweaborg, ſagte Lindſtröm. Wenn der Sieger von Svenskſund noch eine Empfehlung bedürfte, fuhr Jägerhorn fort, ſo würde dieſe unfehlbar der Ausſpruch des Admirals Platen ſein können, den ich ſelbſt in Abo ſagen hörte, als man einige Bedenken äußerte: Gebt Cronſtedt den Oberbefehl in Finn⸗ land, gebt ihm dreißigtauſend Mann und ſeine Scheerenflotte, ſo wird kein Feind uns das Land jemals nehmen. Gott ſegne den alten Platen dafür! rief der Invalide. Er ſelbſt weiß am beſten, was Fechten heißt. Holla! ſchrie er, ſeinen Krückſtock aufſtoßend, laßt ſie kommen und wären ihrer ſo viel wie Sand am Meere. Olaf Cronſtedt wird ſie fegen. Die göttliche Vorſehung wird ſich unſerer erbarmen, ſagte Herr Ridderſtern, ſeine Hände faltend, daß wir kein Blutvergießen erleben. Bah, Propſt! bah, Mann! ſchrie der Major. Blut muß vergoſſen werden, iſt vergoſſen worden, ſo lange die Welt ſteht. Aber glorreich muß es fließen und eine gerechte Sache muß es ſein. Möchte Swea⸗ borg ſehen, habe es lange nicht geſchaut. ſei er Maſeſtä ede, de h nen beſſeren n Sweahe Jä gerhor ,er konnit s ernennen den diesmal er Inbalide Felſen. Hab ein Admira Sweaborg erwiedert ößten Schiff ung bedürſte sſpruch dee 1 hörte, alc fehl in Fim ſo wird ott kfl Er ſelbſ en Frückſtot Sand ann „ſagie Herr eßen. er uß vergoſſe lber gloreit gte Swed leben — 263— Die Feſtung wird mit größtem Eifer in beſten Kriegszuſtand ge⸗ ſetzt, fuhr Jägerhorn fort. Mangelt's nicht an Pulver und Blei! rief der Invalide, und habt hr für ein Stück Brod geſorgt, ſo könnt ihr Jahre lang hinter euren Felſenwällen liegen und die Narren auslachen, die ſich abplagen hinein zu kommen. Ich kenne Sweaborg, war da wie es aufwuchs, habe die Arbeiten oft angeſtaunt und gedacht: Gnade Gott dem, der es wagt ſeine Gebeine hierher zu bringen. Wie in Abraham's Schooß ſitzt ihr drinnen und ſo lange Sweaborg aushält, iſt Finnland nimmer verloren. Hunger allein kann's machen, Herr. Hunger allein. Daß der uns nicht den Magen angreift, lachte Jägerhorn, dafür hat Herr Halſet Sorge getragen. Er hat die größten Lieferungen übernommen. Und ausgeführt, Herr, ausgeführt! antwortete Sam Halſet. Ich bin fertig mit Allem, ehe Schnee gefallen iſt. Habt eure Magazine voll, bis unter die Decken. So ſcheint es doch, als ob man in Stockholm mißtrauiſch gewor⸗ den iſt, bemerkte der Kammerherr. Nur die nothwendige Vorſicht wird beobachtet, erwiederte darauf der Oberſt. In Betracht deſſen, glaube ich, iſt der Admiral Willens, noch einen Theil der Flotte aus Sweaborg nach Abo oder Stockholm zu ſchaffen. Weil es an Seeleuten fehlt, wird jeder herbeigerufen, der zum Handwerk gehört, und dies iſt die Urſach, daß ich morgen auch den jungen Herrn da ſeinen ſchönen Couſinen und allen ſeinen Freunden entreißen werde. Nichts kann mir lieber ſein, Herr Oberſt, als auf's Meer hinaus und auf's Hinterdeck eines tüchtigen Seeboots, ſagte Lindſtröm. Der hat das rechte Zeug um ein Mann zu werden, wie ihn Schweden braucht, rief der greiſe Soldat wohlgefällig, aber warum wollt ihr denn die Flotte in die Winterſee hinausjagen? Wo könnte ſie beſſer verwahrt ſein, als in dem unüberwindlichen Hafen von Sweaborg! Der Oberſt zuckte die Achſeln. Wir thun, was uns befohlen wird, antwortete er. Der Kriegspräſident Cederſtröm hat, wie ich hörte, dem — 264— Admiral die Weiſung gegeben; von den Schiffen fortzufchaffen, was ſich fortſchaffen läßt. Brör Cederſtröm! lachte der Invalide grimmig; ja, das iſt der rechte Held, um Olaf Cronſtedt zu ſagen, was er thun ſoll. Brör Cederſtröm, der, wie es ſchon zu Guſtav des Dritten Zeiten hieß, zwar einen hübſchen Kopf hat, nur leider nichts darin als Dünkel und Einbildung. Der Generallieutenant war Guſtav des Dritten Günſtling und iſt des jetzigen Königs Majeſtät Miniſter und erklärter Liebling, verſetzte Jägerhorn. Inzwiſchen glaube ich kaum, fügte er hinzu, indem er in den hellen Himmel blickte, daß die Befehle des Kriegspräſidenten aus⸗ geführt werden können. Wenn wir Froſt behalten, muß die Flotte in Sweaborg bleiben. Froſt behalten wir, rief der Major vergnügt, ich fühl's an meinen Beinen. Der Schnee geht nicht wieder fort. Es dauert keine Woche, ſo wird er bis unter die Dächer liegen. Dann darf ich nicht länger verweilen, ſagte Jägerhorn, denn ich kann nicht abwarten bis die Schlittenbahn fertig iſt. Wir haben in Sweaborg alle Hände voll zu thun bei der verſtärkten Beſatzung und den Einrichtungen für den Vertheidigungszuſtand. Aus dem Norden kommen zudem noch mehrere Regimenter. Der alte Soldat ſah ſuchend umher, Serbinoff hatte jedoch mit Louiſa die Halle verlaſſen, die Frau Propſtin beſchäftigte die anderen Damen am Kamin, wo Sam Halſet ſich behaglich wärmte und Erich Randal dabei am Knopfloch feſthielt.— Iſt es denn wahr, murmelte der Invalide, daß die verdammten Moskowiter ſich regen? daß Koſaken⸗ regimenter in Willmanſtrand und Huſaren in Fredriksham eingerückt ſind und daß es in Wiborg von grünen Röcken wimmelt? Jägerhorn ſchüttelte den Kopf und lächelte dazu. Es iſt aller⸗ dings wahr, ſagte er, die ruſſiſchen Beſatzungen ſind verſtärkt worden. Der Krieg mit den Franzoſen iſt aus, das ruſſiſche Heer muß ver⸗ theilt werden, Garniſonen bekommen. Die Zeitumſtände ſind aber nicht danach, die Corps zu ſchwächen oder aufzulöſen, wer weiß denn, wie bald ſie wieder gebraucht werden? So ſind denn auch nach dem ruſſiſchen Finnland ein paar Brigaden geſchickt, die in Petersburg ſchaffen wae das iſt d ſoll. Vri Zeiten hie Dünkel mm tling und i g, verſet indem er ſidenten aue die Flotte ſ mn meinen keine Woche orn, denn ic zir haben i geſatzung un dem Norden te jedoch mi die anderen uund Grich murmelte daß Koſaken eingerüch gs iſt aller ärkt worden r muß bet e ſind abe weiß denn nach dem . geteräbung — 265— Parade machten und dort keinen Raum mehr fanden. Von einem ruſſiſchen Heere in Finnland iſt jedoch bis jetzt nicht die Rede. Der General Buxhövden, welcher in Wiborg commandirt, hat höchſtens lber zehntauſend Mann zu verfügen. Aber es ſollen ſeit einiger Zeit mehrere andere hohe Generale und Offiziere in den ruſſiſchen Grenzplätzen ſein, häufig auch über den Kymene kommen und in unſer Land hinein reiten und fahren. Sollen wir ihnen das Vergnügen wehren, uns mit ihrem Beſuche zu erfreuen? erwiederte der Oberſt. Es ſind nicht mehr Offtziere da, als es ſich den Umſtänden nach paßt. Ein einziger iſt kürzlich hinzu⸗ gekommen, General Suchtelen, ein höchſt liebenswürdiger feingebildeter Mann, von großen Verdienſten, den ich perſönlich kennen gelernt habe. Eh, Freiherr Randal, das wäre ein Mann für Sie! ſchrie Sam Halſet vom Kamin. Ein Holländer, ein gelehrter Profeſſor, den die Kaiſerin Katharina mit großen Ehren nach Petersburg rief, als er in Amſterdam ſeiner freien Meinungen wegen verfolgt wurde. Ich habe ihn kennen gelernt, letzten Monat in Fredriksham, wo er die Feſtungs⸗ werke beſichtigte, und habe ihn wiedergeſehen in Sweaborg, wo er dem Admiral ſeine Aufwartung machte. Kommen die Ruſſen ſelbſt bis dahin? fragte der Major erſtaunt. Warum ſollen Sie nicht kommen? lachte der Kaufmann. Es iſt gut wenn ſie kommen, ſie können ſich die Sache betrachten und Johann Suchtelen verſteht's aus dem Grunde. In Holland hatte er große Waſſerbauten und Feſtungsbauten geleitet, in Rußland wurde er an die Spitze vom ganzen Kriegsbauweſen geſtellt, wurde Chef der Artillerie und Ingenieurſchule und es regnete Gold und Gnaden auf ihn. Der Schwarze möge ihn holen! brummte der alte Invalide. Ich thät's nicht, wenn ich Commandant von Sweaborg wäre; ließe keinen Ruſſen in meine Wälle. Olaf Cronſtedt fragt nichts danach, glaub' es wohl; denkt, es iſt mir einerlei, ſeht das Ding von vorn und vinten an, will euch ſchon pfeffern, wenn es euch gefallen ſollte. Wüßte ich aber, daß es ſo kommen würde, wüßte ich es, Oberſt Jägerhorn— Er führe gleich ſelbſt mit nach Sweaborg, der alte Haudegen! ſchrie Sam Halſet. — 266— Damit iſt es nichts, ſagte Munk an ſeinen Fuß ſchlagend, ich ſtehe nicht mehr feſt auf meinen Beinen. Habe aber einen Sohn da, meinen Magnus, den müßtet Ihr mitnehmen, Oberſt Jägerhorn. Es iſt recht! rief Sam, ſeine Hände reibend. Hätt' ich einen Sohn, ich machte es eben ſo. Doch hier ſteht Otho Waimon, der zieht mit allen Bärenjägern aus Tavaſtland und Savolax euch zur Hilfe, ſobald ein Ruſſe ſich in Finnland blicken läßt. Dabei würden die Fuchsjäger wohl beſſere Dienſte thun, verſetzte Otho, inzwiſchen theile ich die Geſpenſterfurcht nicht. Ein ſo mächtiger, in ganz Europa bewunderter Fürſt, wie der Kaiſer Alexander, voller Ehre und Edelmuth, der ſein Volk aufklären will und freiheitsliebende geiſtvolle Männer in ſein Land und um ſeine Perſon ruft, wird nicht ſeinen armen Nachbar und Schwager wie ein Räuber hinterrücks bei Nacht und Nebel überfallen. Das kann man allerdings nicht denken, fügte Jägerhorn hinzu; überdies ſteht der Winter vor der Thür. Der König will nichts von Frieden mit Napoleon wiſſen, fuhr Otho Waimon fort, der Kaiſer Alexander aber hat es dem Franzoſenkaiſer verſprochen, ſeinen Schweager nachgiebig zu machen. Fürſten und Miniſter zanken ſich häufig in ihren diplomatiſchen Noten, vertragen ſich aber auch wieder und werden die beſten Freunde ehe man es ſich verſieht. Couſin Otho ſpricht, als wäre er ein ruſſiſcher Diplomat, oder als ob ein ſolcher wenigſtens ihn in die Staatsgeheimniſſe von Peters⸗ burg eingeweiht hätte, ſagte Ebba lächelnd. Serbinoff iſt allerdings meine Quelle, verſetzte der junge Mann lebhaft, und warum ſollte ich ihm nicht glauben, was ſo einfach und natürlich iſt. Sie haben Recht! rief der Kammerherr, ich ſtimme d·eſer Meinung völlig bei. Die Diplomaten zanken ſich, Papier und Federn ſind willig, der König iſt hitzig und eigenſinnig, der Federkrieg endet jedoch jedenfalls, wenn es hoch kommt, eben ſo, wie im vorigen Jahre der Streit Sr. Majeſtät mit dem Könige von Preußen wegen der Be⸗ ſetzung von Lauenburg.„Da Sie, mein Herr Bruder, auf alle meine Gründe nicht hören wollen, ſchrieb der Preußenkönig zuletzt, müßte ſchlagend, it nen Sohn gerhorn. itt ich ei non, der ziet ch zur Hiſ verſetzte Othe mächtiger, ander, boll eiheitslieben ft, wird nich interrücks be rhorn hinzi en, fuhr Ol Franzoſenkaiſe Fürſten un en, vertrage ten ehe man diplomat, od ſe von Peters ne Man einfach u 1 u jeſer Mein — 267— ich Ihnen eigentlich den Krieg erklären; das werde ich jedoch nicht thun, denn es ſcheint mir unnatürlich und verwerflich. Ich beſchränke rnich daher darauf, Ihnen mein aufrichtiges Bedauern auszudrücken, Sie micht überzeugen zu können, daß Sie Unrecht haben, und verbleibe Ihr getreuer Freund und Couſin, Friedrich Wilhelm.“ Mit dieſer Wendung, welche allgememen Beifall fand und Be⸗ ruhigung brachte, endete das ernſthafte Geſpräch und machte einer geſelligen Unterhaltung Platz, bis die gaſtliche Tafel des Freiherrn die Fröhlichkeit noch mehr erhöhte. Die würdige Haushälterin hatte Alles, was ſie vermochte, für die Ehre des Hauſes aufgeboten, und an Fleiſch, Fiſch und Speiſen das Beſte geliefert, was zu erreichen war. Die größten finniſchen Leckerbiſſen an ſüßen Torten und feinem (Gebäck durften nicht fehlen und der alte Olaf ſchleppte aus dem Keller ſtaubige Flaſchen in bedeutender Zahl herbei. Baron Arwed hatte es in gelungener Weiſe veranſtaltet, neben Mary Halſet ſeinen Platz zu nehmen, und während dieſes langen Mittag⸗ mahles und dem Reſte des Tages ſah man ihn angelegentlich mit der Tochter des alten Handelsherrn aus Abo beſchäftigt, welcher wohl damit zufrieden ſchien, denn zu verſchiedenen Malen ſtieß er mit dem Kammerherrn an, erzählte ihm luſtige Geſchichten, lud ihn zum Be⸗ ſuche ein, ſobald Zeit und Umſtände es erlaubten, und wurde immer heiterer gelaunt, je mehr er aß und trank. Mary ſelbſt blieb auch wicht unempfindlich vor den Artigkeiten ihres Verehrers, der alle ſeine Gaben zu Hilfe rief, um den ſchwermüthigen Ernſt aus ihrem Ge⸗ ſcht zu bringen und dieſe blaſſen Lippen geſprächig zu machen und zum Lachen zu zwingen. Theilweis wenigſtens gelang ihm dies zur Verwunderung ihres Vaters, der ſich vergnügt die Hände rieb und mit ſeiner krähenden Stimme ihr zurief: Sagt' ich es nicht, Mary. Es iſt ein glückliches Leben in Halljala, und ſitzt ſich gut hier in dem alten Schloſſe. Blühſt wie eine Roſe, Kind; ſtoß an mit dem Herrn Bungen, ſtoß an! Auf daß es immer Glück bringe in ſeiner Kähe zu ſein, und daß in dieſer edlen alten Halle immer frohe Gäſte ſeiſammen ſitzen mögen. Der Trinkſpruch wurde freudig aufgenommen, und Sam Halſet lef mit ſeinem Glaſe zu Erich hinüber, der neben Ebba ſaß. Daß — 268— der alte Stamm der Randal immer neu grüne und blühel ſchrie er, und neuer Segen einziehe, neuer Segen, Freiherr Unter Kranz und Krone! rief der alte Invalide mit einem zärt⸗ lichen Wink auf ſeinen Liebling. Es lebe die Schönheit! fügte Serbinoff hinzu, deren Wunder alle Wunder überdauert. Der Krieg ſoll leben! ſchrie der junge Offizier. Braut bleibt das Schwert. Hüte dich vor ihrer Umarmung, drohte Ebba. Mag ſie mich mit ihren eiſernen Händen umklammern, lachte Lindſtröm, immer ſoll es in Ehren geſchehen. Ich lebe und ſterbe mit ihr! Für Schwedens Ruhm, für Schwedens Ehre! fiel Major Munk ein. Die Hand her, Magnus. Lieber todt, als ein Verräther an Ehre und Vaterland. Willſt es immer halten, mein Sohn? Ja, Vater, und ich möchte es beweiſen können, antwortete der Knabe mit dem Ungeſtüm ſeiner Jugend. Eine edle, hochherzige Seele! rief der Propſt, wohnt in ihm. Auch mein Sohn Paulus ließ ſich nicht abhalten, das Schwert um⸗ zugürten und auszuziehen, um von den Lorbeeren ſeines ruhmvollen Vetters Jägerhorn vielleicht ein Blättchen zu erhaſchen. Ich habe die Freude zu hören, daß er ſich Lob und Achtung erwirbt und zweifle nicht daran, daß Ihnen, Major, dieſelbe Freude bevorſteht. Der alte Soldat dankte, aber er machte ein grämlich Geſicht dazu und wandte ſich ab, als wollte er nichts weiter von dem hören, was die Frau Pröpſtin zur Verherrlichung ihres Erſtgeborenen rühmte, der eben zum Junker befördert worden war, und einen ſo thaten⸗ durſtigen Brief geſchrieben hatte, daß die Freudenthränen über die Backen der guten Mutter rannen. Der feſtliche Tag in Schloß Halljala wurde, als der Abend kam, durch ein unerwartetes Ereigniß beglückt, denn plötzlich erhob ſich vor der Thür die Muſik Lars Normark's, und es war ein luſtiger Tanz, den ſeine Pickelflöte aufſpielte. Der alte Landſtreicher hatte auch richtig berechnet, welche Wirkung ſein Inſtrument hervorbringen würde, denn Die treueſte hel ſchre einem zurt Wunder a Die treueſ mern, lach abe und ſtern Major Mun r an Ch e d antwortete! ohnt in ihrr Schwert un es ruhmvoll ach habe 1 öt und zweif d u 5 Dl Geſicht daß — 269— kaum klangen die Töne herein, als die jungen Herren eine elektriſche Wirkung ſpürten. Wir müſſen tanzen! rief Lindſtröm, einen Abſchiedstanz machen. Herbei mit dem Muſikanten; er ſoll aufſpielen, was er kann. Der Schulmeiſter wurde im Triumph hereingebracht. Sein dickes rundes Geſicht ſah lachend aus der großen runden Pelzmütze hervor, in welcher ſein kahles Haupt geborgen war. Ei, meine edlen Herren und Damen, ſagte er, ich will's gern thun. Schöneres können meine Augen niemals ſehen, als die alte Halle hier voll geputzter, froher Gäſte. Gott behüt's, Fräulein, Gott behüt's! Eure Mutter verſtand es auch und Lars Normark ſpielte ihr auf. Echt ſchwediſch Blut will tanzen, es verſteht kein Finne was xechts davon. Fragt den Herrn Halſet danach, ob's ihm je in den Beinen gejuckt hat. Gott ſei Dank, daß ſchwediſch Blut in uns iſt; kein Finnenblut, kein Lappenblut. Was meinſt du dazu, Hans? Aus ſeinem Sack kam ein leiſes Gluckſen, ohne Zweifel ſteckte ſein Hahn darin, und mit einem Geſicht voll Schelmerei ſetzte er ſich ohne Umſtände am Kamin nieder und rollte ſeine luſtigen blauen Augen furchtlos durch die Halle, wo ſie an Halſet's Geſicht haften vlieben. Der Großhändler war ſo ſpaßhaft geſtimmt, daß er den Aus⸗ fall des Schulmeiſters, welcher offenbar auf ihn gemünzt war, nicht unbeachtet ließ. Du biſt immer noch derſelbe, du alter Narr, ſagte er, und könnteſt tauſend Jahre alt werden, würdeſt dich nicht verändern. Seht, Sami, verſetzte Lars, das iſt der Unterſchied zwiſchen uns. ſch ändere mich nicht, Ihr ändert Euch dafür alle Jahre. Ich bin ſer Schulmeiſter geblieben, habe nichts als den Hans und meine Bfeife. Ihr ſeid ein reicher Herr geworden. Wer hätte es denken ſollen, als Ihr mit dem Karren durch's Land fuhret. Bleib mit den alten Geſchichten fort! rief der Kaufmann. Bleib ſort! Und ſeid ein echter Schwede geworden, lachte Lars, der's gemeine Ninniſch verlernt hat. Sei ſtill, du alter Sünder, fiel Halſet ein. Reiß deine Poſſen da, wo ſie willkommen ſind. 270 Ihr habt Recht, Sami, antwortete der Schulmeiſter, Ihr ſeid ein vornehmer Herr geworden, der einen Orden hat, einen langen Titel dazu, und eine ſtolze Tochter. Gott behüt die Jungfrau vor allem ſchlechten finniſchen Blut! Der Kaufmann wandte ſich von ihm ab. Er lachte zwar und meinte, ein ärgerer alter Schelm ſei nicht auf Erden, aber boshaft blinzelnd drückte er dabei ſeine Augen zuſammen und ſein Geſicht war dunkelroth. Im letzten Jahre noch hatte er ſich in Stockholm um den Titel eines Commercienraths beworben, und allerlei Mittel angewendet, auch zu einem Orden zu kommen, beides aber war fehlgeſchlagen. Der alte Bettler mußte es von Otho oder Erich erfahren haben, und unverſchämt, wie er war, trieb er ſeinen Spott damit. Seinen Grimm darüber verſchloß Sam Halſet in ſich, und nach einigen Augenblicken merkte Niemand etwas davon, aber indem er Erich Randal und Otho umfaßte und lachend rief, ſie müßten Beide tanzen oder er wollte es ſelbſt thun, gelobte er ſich heimlich, ſie ſowohl wie dieſen alten Landſtreicher breit zu treten, wie und wo er es thun konnte. Der Ball, welcher in der Halle in fröhlichſter Weiſe begann, war allerdings ein ſeltſamer. Otho ſetzte ſich zu dem Schulmeiſter und begleitete deſſen Flöte mit Hilfe einer alten Harfe, welche in Erich's Bücherſaal unter den Reliquien des Hauſes aufbewahrt wurde. Der Kreis der Damen vermehrte ſich durch die halberwachſenen Töchter des Propſtes, aber nach und nach wurde die Luſt ſo groß und all⸗ gemein, daß ſelbſt der Invalide ſeinen lahmen Fuß vergaß, die runde Frau des hochwürdigen Propſtes Ridderſtern ergriff und ſich mit ihr herumzudrehen verſuchte. Der Glanzpunkt des Abends jedoch trat ein, als Eobba mit ihrem Bruder einen der graziöſen Tänze ausführte, welche damals in den feinſten und erſten Kreiſen der Hauptſtadt üblich waren. Eine Menu⸗ ette mit allen den zierlichen Drehungen und Wendungen, wie dieſe jetzt nicht mehr geſehen werden. Lars verſtand einen ſolchen Tanz zu blaſen, und verwundert und erfreut ſahen alle Gäſte mit ungetheiltem Beifall auf dies edle Paar, als plötzlich ein Schrei die Muſik. „Ihr ſeid ei n langen Ti frau vor all chte zwar u „aber boshe in Geſicht w kholm um d tel angewende fehlgeſchlage een haben,! ch, und m aber indem n Beide tanze ſie ſowohl n vo er es t ſ begann, C Hulmeiſter u ſche in Cric t wurdt. 1 hſenen Töcht roß und C naß, die runt d ſich mit — 271— unterbrach und eine heftige zornige Stimme mehrere von Wuth er⸗ ſtickte, beleidigende Worte ausſtieß. Der Tanz hörte auf, und die aufmerkſame Stille verwandelte ſich in lebhafte Unruhe und Beſtürzung. Die große Halle war nur un⸗ vollkommen von einem Dutzend Lichtern und dem Feuerſchein des Kamins erhellt, einige Augenblicke lang blieb es daher ungewiß, was vorgegangen ſei, und was dieſer Auftritt zu bedeuten habe. Man ſah den knahenhaften Magnus mit geballter Fauſt und verzerrtem Geſicht vor Serbinoff ſtehen, der ſeine Ueberraſchung zu bemeiſtern und ſeine mächtige Geſtalt in das nöthige Gleichgewicht zu ſetzen ſuchte; denn allem Anſchein nach, war er von einem Stoß oder Schlag getroffen worden, der ihn zurückgeworfen hatte. Magnus ſtand zwiſchen ihm und Louiſa, welche er an der Hand feſthielt und ſeine flammenden Augen drückten einen leidenſchaftlichen Grad von Zorn und Ent rüſtung aus. Bei alledem hatte es etwas mehr Lächerliches als Schreckliches, den ſchlanken Knaben vor dem gewaltigen Serbinoff in einer Stellung zu erblicken, als wollte er ihn von Neuem anfallen. Wie David Muth hatte, dem Rieſen Goliath zu trotzen, ſo ſtand das Kind furchtlos vor dem Grafen, der ihn mit einer Hand zu Boden geſchlagen hätte, wenn dies ſeine Abſicht geweſen wäre. Allein Alexei Serbinoff gab ſich nicht damit ab. Ein einziger entſetzlicher Blick voll dämoniſcher Rach hier traf den ohnmächtigen Gegner, dann folgte ein verächtliches Lächeln, mit welchem er noch einen Schritt weiter zurücktrat, um denen Platz zu machen, die erſchrocken ihm zur Hilfe eilten. Der alte Major und Otho waren zunächſt auf dem Platze. Was iſt das, Magnus? nef der Invalide. Tritt zurück und fort mit deiner Hand da. Ich will nicht leiden, Vater, daß in meiner Gegenwart eine Dame heleidigt wird, antwortete der Knabe, indem er zögernd dem Willen ſünes Vaters folgte. Eine Dame beleidigt? Alle Wetter! nein— eine Dame darf nie bileidigt werden, ſchrie der greiſe Mann. Aber wer iſt beleidigt? VWodurch?— Louiſa?— Von wem? Von ihm! antwortete Magnus mit neuer Leidenſchaft, wobei er zuf Serbinoff deutete.— — 272— Bei Odins Bart! was hat er ihr gethan? Rede, Magnus! Her⸗ aus mit der Sprache. Wer Männer anſchuldigt, muß es beweiſen. Was war es? Er hat ſie umarmt und hat ſie geküßt, murmelte Magnus. Hat ſie feſtgehalten und geküßt. Louiſa hatte ſich zu Ebba geflüchtet und ihren Kopf in den ſchützenden Armen der Freundin geborgen, jetzt aber richtete ſie ſich auf, wandte ſich um und ſagte von dunkler Röthe überfloſſen: Es iſt nicht wahr. Mir iſt nichts geſchehen. Ich bin von Niemand beleidigt worden. Du biſt nicht beleidigt worden? fragte Otho. Wer ſollte mich beleidigen? antwortete ſie. Graf Serbinoff ſprach mit mir über Ebba's Tanz, plötzlich ſtürzte ſich Magnus auf mich, ſtieß Serbinoff zurück, auch mich zurück, daß ich aufſchrie. Thörichter Knabe! ſagte Otho entrüſtet, du weißt noch wenig, was ſich ſchickt. Eine tüchtige Lehre würde dir dafür gehören. Magnus ſtand mit weit offnen, flammenden Augen. Er ſah Louiſa ſtarr an und fragte mit Heftigkeit: Sagſt du, daß ich lüge, Louiſa? Du lügſt! erwiederte ſie. Er antwortete nicht, aber die Röthe verſchwand von ſeinem Geſicht. Es iſt das erſte Mal in ſeinem Leben, ſagte der Major, doch gleichviel, ſie muß es am beſten wiſſen. Bitt' um Vergebung, Magnus. Beug' dein Knie vor Louiſa und ſchaff' dir Verzeihung von dem Herrn Serbinoff. Aber der Knabe war nicht dazu zu bewegen. Er ſtand verſtockt bei allen Ermahnungen. Als Serbinoff ſich ihm näherte und ihm großmüthig die Hand entgegenſtreckte, wich er weit zurück und ſagte zornig ſtolz: Sie haben mich zum Lügner gemacht, ich will es bleiben, nur erniedrigen will ich mich nicht. Rechenſchaft ſollen Sie mir geben; Rechenſchaft, wie ſie ein Edelmann fordern kann. Seine Ausforderung hatte ein allgemeines Gelächter zur Folge. Der gewaltige Serbinoff dehnte ſich in ſeiner ganzen Höhe aus und antwortete ſcherzend: Gut, mein lieber Magnus, ich nehme Ihre Er⸗ klärung an, Sie ſollen Genugthuung haben, doch warten wir, bis die Zeit dazu gekommen ſein wird. Nagnus! ß es beweſ Magnus. d den ſchützent auf, wand ſt nicht we gt worden. erbinoff ſpre nus auf mit t noch wen vore Er ſah Lou 7 Kouiſ lüge, Loli d von ſeine Major, de Magni bung, de hung bon hund ſtand verſto berte und i rück und ſa rill es blit Sie mir gel wall hter zur b Höhe allb- h 6 4 ehme Ihn dit wil,1 warten W 273 Schickt ihn nach Jericho, bis ihm der Bart gewachſen iſt! ſchrie der Schulmeiſter. Was meinſt du, Hans. Muß er nicht fort?— Der Hahn war aus ſeinem Sack gekrochen, ſah mit neugierigen Augen auf die Verſammlung und begann ein helles beiſtimmendes Geſchrei, das von Lachen und Beifall begleitet wurde. Der unangenehme Auftritt wurde durch Erich's Bemühungen und durch die Beihilfe aller ſeiner Gäſte ſo ſchnell als möglich beſeitigt. Man ſcherzte und ſpottete darüber, jeder ſuchte in ſeiner Weiſe ſich damit zu beluſtigen und von Neuem begann der Tanz, von Neuem erzählte Halſet luſtige Geſchichten und lief bald mit dem Major am Arme umher, bald mit Serbinoff und dem Kammerherrn, allein es war dennoch ein Mißbehagen in die Geſellſchaft gekommen; welches ſelbſt dann nicht ganz überwunden wurde, als die großen Silberbowlen voll feuriger dampfender Getränke von den Dienern des Freiherrn hereingetragen wurden. Der alte Soldat zog endlich den Oberſten Jägerhorn in eine Ecke und redete heimlich mit ihm. Morgen in der Frühe wollen Sie fort? fragte er. Sobald der Tag graut, Major. Und geraden Weges auf Sweaborg? Geraden Weges ohne Aufenthalt. Wollen Sie einem alten Kameraden einen Dienſt leiſten, Oberſt? Mit tauſend Freuden. Fahren Sie morgen zu mir herüber nach Lomnäs. Ihr Weg geht nahe vorbei. Wollen Sie? Ich will, Major, aber— 4 Was Sie da ſollen?— Haben Sie in Ihrem Regimente Platz für einen ſonſt wackern Jungen, wenn er auch eben ein Lügner ge⸗ nannt wurde? Ihr Sohn, Major Munk? Nehmen Sie ihn mit, ſagte der Invalide, ſeine buſchigen weißen Augenbrauen zuſammenziehend, indem er Jägerhorn's Hände preßte. Er darf nicht länger hier bleiben. Er iſt noch ſehr jung, verſetzte der Oberſt zögernd. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 18 274 Er wird älter werden, Oberſt. Was der Schulmeiſter ſagte, hat ſeine Richtigkeit. Er muß fort, bis ihm der Bart gewachſen iſt, dann mag er zuſehen, wie ſeine Sache ſteht. Ob der Lügner auf ihm ſitzen bleibt.. Aber Major, lächelte Jägerhorn, wir Alle können uns den Zu⸗ ſammenhang denken. Unſer kleiner Freund hat eiferſüchtige Launen; doch Graf Serbinoff iſt von ſo hoher Geburt, daß er gewiß nichts zu fürchten hat. Mag ſein! rief der greiſe Soldat rauh, und zwiſchen ſeinen Zäh⸗ nen murmelte er vor ſich hin: vielleicht um ſo ſchlimmer! Fort muß mein Magnus, ſetzte er dann hinzu; denn mit ſeinen frohen Tagen iſt es hier vorbei. Er wird auch gern zuſtimmen. Wollen Sie ihn haben, Oberſt? Wenn Sie ihn mir geben wollen, ja. Um welche Zeit? Um acht Uhr. Er ſoll fertig ſein. Die Peſt über alle Weiber! Ich hätte es nicht geglaubt, daß ſie ſämmtlich ſich gleich wären. Abgemacht, Oberſt. Gott beſſer's! Kein Wort mehr, Keinem ein Wort. Ein Glas noch auf Schwedens Ehre und jedes wackeren Mannes Ehre. Dann iſt es Zeit. Er führte ihn an den Tiſch, wo es an vollen Gläſern nicht fehlte. Bald darauf aber war der Invalide mit ſeinem Sohne ver⸗ ſchwunden. Trotz Finſterniß und Schneetreiben war er auf und davon. Bwölftes Kapitel. Am nächſten Morgen ſaß Erich Randal vor einem Haufen Rech⸗ nungen und aufgeſchlagenen Briefen an ſeinem Schreibtiſche in der Bibliothek. Vor ihm ſtanden niedergebrannte Lichte, welche bewieſen, daß er lange ſchon gearbeitet haben mußte; ſein nachdenkendes Geſicht r ſagte, bat wachſen iſ Lügner a ns den Zu ige Launa gewiß nich ſeinen Zät For muſ Ich hätte acht, Dbef n Glas noc „ Dann i er. 1ct Gläſern nich Sohne ve und davon zaufen Rh ſſche in! che temiſ geſch endes Geſ — 275— wurde von Zeit zu Zeit von dem Feuerſchein der großen Holzſcheite beleuchtet, die in dem Ofen brannten, und mehr als einmal ſchien hn eine Unruhe zu überkommen, die ihre Schatten auf ſeine Züge warf, doch bald wieder vor dem Lächeln verſchwand, welches verſöhnend darin zurückkehrte. Er ſchrieb Zahlen und Bemerkungen auf ein Blatt, verglich und rechnete und ſchien damit endlich zufrieden zu ſein. Jetzt aber wandte er ſich nach der Thür um, legte ſeine Feder fort und ſtand auf; denn der, welcher angeklopft hatte und hereintrat, var ein Fremder— es war Samuel Halſet. Der Kaufmann erſchien eingehüllt in ſeinen großen Pelz, die Zobelmütze mit breiten Klappen über Kopf und Ohren gezogen. Ehl rief er, die Hand des Freiherrn ſchüttelnd, da bin ich; bringe ſcharfe Kälte und warme Freundſchaft mit, Freiherr Randal. Wir werden einen langen Winter aushalten müſſen, prophezeihe es Ihnen. Haben zu lange bei gutem Wetter gelebt, ſind damit über die ge⸗ wöhnlichen Regen und Schlackenſtürme hinausgekommen; daher wird es jetzt frieren in einem Zug weit über Weihnachten hinaus, vielleicht bis März oder April hinein, oder bis zum Mai, bis die Schnee⸗ ſchmelze da iſt. Er warf ſeinen Pelz, da er keinen anderen Platz fand, auf den großen Tiſch über die Bücher hin, welche dort lagen, betrachtete dieſe einen Augenblick, und fuhr dann lachend ſort. Es ſieht ſchrecklich gelehrt noch immer hier aus, Freiherr Randal. Hätte beinahe gemeint, die ſchöne Couſine aus Stockholm würde den ganzen Bücherkram aus⸗ fegen und Haubenſtöcke oder Kantenkragen in die guten Schränke ſetzen. Meine Couſine Ebba, erwiederte Erich, beſchäftigt ſich gern auch mit Büchern und leiſtet mir oft dabei Geſellſchaft. Sam Halſet that ſeine runden Augen auf und zwinkte ſie zu⸗ ſammen. Es iſt eine Seltenheit bei jungen Damen von ſo vornehmer Art, und iſt um ſo mehr zu verwundern, weil das gnädige Fräulein zu Pferde ſitzt im Sturm und Wetter, tanzt und ſingt, wie es nicht beſſer geſchehen kann. Wird eine Lücke ſein für die jungen Herren in Liliendal, für den Oberſten Wright, der ein Kenner iſt, und für den Herrn Serbinoff, den es zumeiſt angeht. 18* 276 O! ſagte Erich, glauben Sie das, Herr Halſet? Halſet rückte einen Stuhl neben ihn an den Schreibtiſch, ſetzte ſich gemächlich nieder und legte ſeine Beine über einander. Ob ich's glaube? fragte er pfiffig blinzelnd, warum ſollte ich es nicht thun? Erſt in letzter Woche habe ich von Stockholm eine Anfrage bekom⸗ men, wie es denn mit der Verlobung ſtehe? Scheint eine abgemachte Sache zu ſein, Freiherr Randal. Meinen da drüben, der Herr Graf wäre einzig nach Finnland gekommen, um das ſchöne Fräulein nicht zu verlaſſen. Mit aller Aufmerkſamkeit konnte Halſet keine Veränderung an dem Freiherrn entdecken, der ihn ruhig anhörte und vor ſich hin lächelte. Eh, fuhr er fort, iſt aber auch ein feiner Herr von der rechten Sorte. Seine Familie gilt viel beim Kaiſer in Petersburg, und reich iſt er, allmächtig reich. Bergwerke im Ural und an die hundert tauſend Seelen. Eine ſchnurrige Sache, die Seelenrechnung! Ihre Couſine, Freiherr, gehört dagegen nicht zu den Goldfiſchen, die in Stockholm überhaupt ſelten ſind. Wir haben Alles in Schweden und in Finnland, nur kein Geld. Geld iſt ſelten bei uns, habe ich Recht, Herr? Er lachte ſcharf auf und rieb ſeine dicken Hände. Allerdings haben Sie Recht, erwiederte Erich ſanftmüthig. Ich ſelbſt, Herr Halſet, bin ein Beiſpiel für die Wahrheit. Sie haben kein Geld, eh! rief der Kaufmann; ich auch nicht. Leere Taſchen, Herr, leere Taſchen! es kann nicht anders ſein. Er ſtützte ſich auf den Ellenbogen, legte ſeine Hand unter ſein Kinn und beugte ſich nach vorn, indem er den Gutsherrn betrachtete. Haben Sie mich erwartet, Freiherr Randal? fragte er. In Wahrheit, nein, ſagte dieſer; da Sie jedoch gekommen ſind, iſt es mir lieb, Sie zu ſehen, um mit Ihnen über unſere beiderſeitige Angelegenheit offen zu ſprechen. Ich bin's gerne zufrieden, erwiederte Halſet; denn ich liebe ein offnes Wort, will auch nicht damit zurückhalten. Unſere beiderſeitige An⸗ gelegenheit aber beſteht darin, daß ich hier in meiner Taſche eine Reihe verbriefter Pfand⸗ und Schuldſcheine habe, zuſammen lautend auf ein Capital von mehr als vierzigtauſend Bankthalern, die ich E s nicht the frage belon e abgemac er Herr 6 Fräulein ni ränderung 0 vor ſich errechnun lldfiſchen, n Schwe „habe! Hände. müthig— ch auch nit 6 ers ſein. kommen fſi beiderſeit tbe ein 9 derſeitige9 r Laſcht dic lern/ 4 mmen laale — 277— nach und nach Ihrem Vater vorſtreckte, dazu ein Papier über zehn⸗ tauſend, das heut gezahlt werden ſoll. Für welche ich mich verbürgt habe, fügte Erich hinzu. Das thaten Sie, nahmen es auf eigene Schultern, und ich war's ufrieden bis auf dieſe Stunde, fuhr Halſet fort. Es iſt jetzt die Zeit gekommen, wo ich mein Geld flüſſig machen muß. Sie haben mir verſprochen, mich niemals zu drängen, erwiederte Erich in ſeiner ruhigen Weiſe. Ich habe es verſprochen und thue es auch nicht, verſetzte Halſet. Als Ihr Vater ſtarb, verlängerten wir die Zahlungsfriſt auf ein Jahr. Das Jahr iſt um, Freiherr Randal. Damals gelobten Sie, wenigſtens einen Theil vom Capital zurückzugeben. Ich werde Wort halten, ſo viel ich es vermag, ſagte Erich. Sie wwiſſen, daß ich Holzgeſchäfte begonnen habe, die mir Gewinn bringen; auch aus der Ernte dieſes Jahres bin ich im Stande, Ihnen Abzah⸗ lungen zu machen. Halſet lachte. Von alledem werde ich wenig bekommen! rief er. Ihr Holzhandel iſt eine faule Speculation, es kann nichts Gutes dabei herauskommen. So lange keine geregelte Waſſerſtraße da iſt, koſtet er mehr als er einbringt, und was ſoll Ihnen von der Ernte übrig bleiben, wenn Sie überall geben, den Leuten Vorſchüſſe machen, Straßen bauen laſſen, Wald roden laſſen, viele Arbeiter beſchäftigen, die davon leben? Alles das koſtet Geld, Herr, viel Geld, und dazu kommen Ihre Neuerungen, Ihre Luſt, Tagedieben zu helfen, die es Ihnen nicht lohnen. Sie thun mir Unrecht, antwortete Erich. Mein Vater hat unſer Beſitzthum damit weſentlich verbeſſert; ich fahre fort, es zu thun, in ver Gewißheit, daß die guten Früchte nicht ausbleiben. Ich verkenne das Gute nicht, fiel Halſet ein; aber es ſorgt Jeder in der Welt für ſich zunächſt; geſchieht das nicht, verkehrt ſich das Richtige ins Falſche. Wo die Herren groß und reich ſind, ſind die Bauern arm, heißt es in dem alten Sprichwort; aber wo es reiche Zauern gibt, kommen die Herren herunter. Die Bauern in Halljala verden alle Jahr übermüthiger. Wie ſoll der Herr reich werden, der hnen ſein Gut mit vollen Händen zureicht? — 278— Mein lieber Herr Halſet, ſagte Erich, wir werden über unſere Grundſätze nicht ſtreiten wollen. Das heißt, was Sie thun, geht mich nichts an, oder ich verſtehe es nicht, erwiederte der Kaufmann. Ich will's zugeben, Freiherr Randal; doch mein Geld ſoll dabei nicht länger mitſpielen. Die Sache iſt, daß ich es brauche, große Lieferungen gemacht habe, von der Re⸗ gierung auch kein Geld bekommen kann, aber meine Verpflichtungen erfüllen muß. Die Summen, welche Sie von mir zu fordern haben, ſind ſo be⸗ deutend nicht, um Ihnen viel zu helfen, war Erich's Antwort. Ueber⸗ dies haftet ja meine ganze Habe dafür. Es nützt wenig in ſolcher Zeit! ſchrie Halſet. Wer dem Könige borgt, ſollte meinen, er hätte einen, ganzen Staat als Sicherheit; was kann es helfen, wenn der Staat immer unſicherer wird. Die Engländer ſchicken monatlich hunderttauſend Pfund Sterlinge, die pünktlich ausgezahlt werden, dazu kommen alle Landeskaſſen, doch die ſind leer bis auf den Boden. Eine neue Grundſteuererhöhung wird eben wieder ausgeſchrieben, die Bank hat hergeben müſſen, was ſie noch an Reichsgeldern beſaß; wir aber können bei alledem nichts be⸗ kommen. Muß alſo jeder Kaufmann ſein Geld zuſammenhalten. Der Grundbeſitz verſchwindet nicht, erwiederte der Freiherr, und was mir gehört, iſt groß ſgenug, um[Ihnen keine Beſorgniß zu erregen. Der Grundbeſitz verſchwindet nicht, ein ganzes Land noch weniger, ſagte Halſet; allein die Beſitzer könnten verſchwinden, und wenn ein Staat nicht untergeht, ſo könnten doch, wie dies ſchon öfter ſich be⸗ geben, die Regierer ein Ende nehmen. Durch Staatsſchulden iſt ſchon mehr als einmal ein dicker Strich gemacht worden, und die neuen Herren haben dann beſtimmt;: geht hin und laßt euch von dem alten bezahlen. Alte Geſchichten, Herr! Jeder muß ſehen’, wo er bleibt, wenn ein Gewitter am Himmel ſteht. Sind die Wolken denn ſſo ſchwarz vor Ihren Augen? fragte Erich. Wir können aufrichtig ſprechen, denn wir ſehen die Sache von einer anderen Seite an, wie die Herren mit Degen und Orden, verſetzte 1 über u er ich berſe ben, Freih en. Die Sah von der) gerpflichtun n, ſind ſo he twort. Uebe Freiherr, Ä Beſorgniß noch wenig un l fter ſich Au iſt ſch lden iſt und die nen 279 Halſet. Der König gibt nicht nach, iſt nicht der Mann dazu; hat aber auch den Geiſt nicht danach, um große Gefahren zu beſtehen. Unordnung iſt überall, Unzufriedenheit dazu, Haß und Geſpött tauſend⸗ mal mehr als Vaterlandsliebe. Wenn es dem Könige ſchlecht geht, lachen ſie darüber in Stockholm; wenn er unvernünftig handelt, freuen ſie ſich. Seine Günſtlinge werden verachtet, die er liebt, ſind verabſcheut. Dem Grafen Ugglas haben ſie neulich eine todte Eule an ſeine Thür genagelt und einen Zettel daneben mit einem Wort⸗ ſpiel auf ſeinen Namen. Die erſte ſollte ſo lange geſchlagen werden, bis das Ganze zum Letzten würde, nämlich Uggla, die Eule, zum Aas.— Glauben Sie, daß das die Ruſſen nicht wiſſen? Glauben Sie, daß man in Petersburg nicht genau kennt, wie es in Stockholm und im ganzen Lande ausſieht? Wenn's der Adel allein wäre, möchte es noch gehen; allein auch in den Städten, Stockholm voran, iſt keine Spur mehr von Achtung oder Liebe, und ſelbſt unter den Bauern, die ſonſt immer dumm genug ſind, feſt zu glauben und wenig zu denken, iſt das Elend ein Bekehrer geworden.— Wenn nun die Ruſſen darauf beſtehen, der König ſoll die Engländer aus der Oſtſee jagen helfen, ſoll ihnen ſeine Häfen ſperren, wie es in der nordiſchen Neutralität geſchrieben ſteht, was wird dann geſchehen? Die nordiſche Neutralität iſt ja von Rußland ſelbſt aufgegeben worden; es hat ſich zuerſt mit England verbündet. Aufgegeben wohl, aber nicht aufgehoben, fiel Halſet ein. Die Verträge beſtehen noch, können alle Tage wieder in Bewegung ge⸗ bracht werden. Ein Adler thut, was er will, ein Sperber, was er muß, ſagt ein altes Sprichwort. Dreißigtauſend Ruſſen liegen von Wiborg bis Fredriksham, andere dreißigtauſend ſind nahe dabei. Wenn's den Nuſſen einſiele, den ſchwediſchen Sperber zu zwingen, daß er thue, was er ſoll, würde es nicht genug ſein, mit ſechszig⸗ tauſend Mann bis Abo und weiter hinauf, bis nach Oſterbotten, ja hinüber bis nach Schweden, bis nach Stockholm ſogar, zu kommen? Wenn eine ſolche blutige Gewaltthat wirklich von dem ruſſiſchen Kaiſer beabſichtigt würde, ſagte Erich, könnte es allerdings geſchehen. Gewaltthat! lachte Halſet. Bei hohen Herren gibt's keine Ge⸗ waltthaten, ſie nennen es Politik, Klugheit, beklagenswerthe Nothwen⸗ 280 digkeit, wenn ſie Land und Volk in ihre Taſchen ſtecken. Was den⸗ ken Sie, Herr? Denken Sie nicht, daß es in Stockholm eine mächtige Freude ſein wird, wenn die Ruſſen in Finnland einfallen, und die Schweden ſo lange jagen und todtſchießen, bis der letzte am Boden liegt? Es könnte wohl ſein, daß es auch ſolche Verblendete gäbe, ſagte Erich. Verlaſſen Sie ſich darauf, fuhr Halſet fort. Der Haß gegen den König iſt ſo hoch geſtiegen, daß Alles, was ihm zu Leide geſchieht, mit Jubel aufgenommen wird. Wenn die Nachricht käme, Cronſtedt hat Sweaborg den Ruſſen überliefert, würden Viele vor Luſt tanzen, weil's dem Herrn in Haga ſo ein rechtes Herzleid machen müßte. Es würde ihnen bald ſelbſt leid werden, antwortete Erich. Wenn ein ſolches Unglück käme, würde Finnland verloren ſein. Das würde es ſein, verſetzte der Kaufmann, aber alles Leidwerden käme zu ſpät, denn herausgeben thun's die Ruſſen nimmer mehr. Der Leichtſinn iſt groß, Freiherr Randal, es kann es Niemand leug⸗ nen. Sorge jeder darum für ſich. Was würden Sie thun, Herr, wenn uns die Schickung träfe? Was ich thun kann, Herr Halſet. Das heißt, Sie würden die Ruſſen als Ihre Feinde betrachten. Ich bin kein Kriegsmann, erwiederte Erich Randal, um, wie ein ſolcher an die Grenzen zu ziehen, nur mein Leben und mein Eigen⸗ thum liegt mir ob zu ſchützen, wenn ich es vermag. Sollten die Ruſſen wirklich einen Einfall in Finnland wagen, ſo würden meines Landes und Volkes Feinde ganz natürlich auch meine Feinde ſein. Eine ſolche Antwort habe ich von Ihnen erwartet, lachte der Kauf⸗ mann ihm zunickend, und eben um deſſentwegen ſehe ich nach meinem Gelde. Kündige Ihnen alſo meine Pfandbriefe, Freiherr Randal, und wie es darin geſchrieben ſteht, ſoll, von heut ab, binnen drei Monaten ſpäteſtens das Geld gezahlt werden. Ich nehme Ihre Kündigung an, erwiederte Erich, da Sie es ſo wollen. Die zehntauſend Bankthaler aber, die mir heut ein Jahr nach un⸗ ſerem Uebereinkommen gezahlt werden ſollen. Wie ſteht es damit? Liegen ſie bereit, Freiherr Randal. Was den mächtig n, und die Zoden liegt! gäbe, ſagt gegen der eſchieht, me ronſtedt hat nzen, weils etrachten. m, wie ein rin Eigen⸗ Collten die den meines e ſein der Kauf meinem ndal, und „Monaten ¹ 6 ſl Sie 46 . nach n 4 63 damit — 281— In Wahrheit, nein, ſagte Erich, indem er nach ſeiner Berechnung griff, welche vor ihm lag. Ich habe Ihren Beſuch nicht ſofort ver⸗ muthet, habe daher verſchiedene Forderungen noch nicht eingezogen. Eh! rief Sam Halſet, Forderungen auch an den großmächtigen Herrn Otho. Im Gegentheil, antwortete der Freiherr. Mein Vetter hat For⸗ derungen an mich zu machen, da ſeiner Mutter Erbe zum Theil in meinen Händen iſt. Der Kaufmann wog ſeinen Kopf aus der linken in die rechte Hand und verzog ſein Geſicht zu einem angenehmen Grinſen. Wir wollen kurz und beſtimmt zum Ziele kommen, ſagte er. Mein Geld ſt fällig, ich könnte ſofort Richter und Schreiber anrufen, will's ſedoch nicht thun, um alter Freundſchaft willen und— um Mary's willen, Freiherr Randal.— Still, fuhr er fort, als Erich ſprechen wollte, hören Sie mich bis an's Ende. Wir wiſſen beide, was geſchehen ſt zu jener Zeit, als Mary hier war. Der junge Herr Erich war ihr leber geworden, als jeder andere Mann, und ich will's nicht unter⸗ ſuchen, was er dazu beigetragen hat. Nichts, Herr Halſet, was mir zum Vorwurf gereichte, antwortete Cyich. Gut, will glauben es machte ſich von ſelbſt, wie es bei der Ju⸗ zend geſchieht, fuhr der Kaufmann ſort, aber es war die Urſach, daß ich mit Ihrem Vater ſprach, und die Folge war, daß ich mein Mädchen mit mir fortnahm. Mein Vater wünſchte eine ſolche Verbindung nicht, ſagte Erich ſenftmüthig. Er hatte ſeine Gründe. Hatte Gründe, gut! rief Sam. Wollte nichts mit dem Krämer in Abo zu thun haben; ſagte es mir iws Geſicht, ich ſei kein Mann fir ihn, meine Tochter keine Frau für einen Sohn. Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen, Herr Halſet, fiel Erich⸗Ran al ein, indem er ihm verſöhnlich die Hand bot. Mag ſie ruhen, kommen wir auf die Gegenwart. Mary iſt nicht pieder ſo froh geworden wie ſie war, Freiherr Randal. Ein Kummer ſt in ihrem Herzen, ein Schmerz auf ihren Lippen, ihre Gedanken ind immer noch bei dem Manne, der ihr der Beſte ſchien. — 22— Sie ſagen, was mich tief betrübt, murmelte Erich, ſeinen Kopf ſenkend. Ich hätte dem ſtolzen Freiherrn bald zeigen können, was der Krämer in Abo bedeutet, aber ich that's nicht! fuhr Halſet im ſcharfen Tone fort. Ich verſchloß, was ich dachte, in mir, lachte dazu, gab noch⸗ mals Geld, als er es brauchte, und wartete meine Zeit ab. Als er ſtarb kam ich und ſprach mit Ihnen, nahm alle Ihre Einrichtungen an, ſteckte Ihre Verſchreibungen ein und fuhr nach Haus. Als ich von Mary mit Ihnen ſprach, ſah ich wohl, wie es in Ihnen kämpfte; that deßhalb keine Frage mehr, kam nach Abo ohne Gruß und Wort. Wir müſſen davon abbrechen, Herr Halſet, ſagte der Freiherr, in⸗ dem er aufſtehen wollte. Nein, verſetzte Halſet, ſitzen Sie ſtill, wir müſſen jetzt weiter davon ſprechen. Das Jahr iſt um, ich bin da, und Mary iſt da. Es iſt mein einzig Kind, Freiherr Randal. Ich bin alt, will Mary glück⸗ lich wiſſen ehe ich ſterbe; will einen Schwiegerſohn haben, wie er mir gefällt. Wenn ich Alles hoffen dürfte, Herr Halſet, entgegnete Erich mit ſichtlicher Ueberwindung, dürfte ich doch nicht hoffen, Ihren Wünſchen zu entſprechen. Warum nicht? fragte Sam. Ich kenne Sie beſſer wie Sie denken. Ihr Kopf iſt klar und ruhig. Sie haben einen Gott geſegneten Ver⸗ ſtand bekommen, nur die Leitung fehlt, die richtige Leitung. Und dieſe Leitung würde ich von Ihnen empfangen, ſagte Randal ſanftmüthig lächelnd. Will's glauben, ja, und ſie iſt Ihnen nöthig, Freiherr, wenn Sie nicht untergehen wollen in Sturm und ſchlimmer Zeit. Wo ſoll's hinaus mit dem Weſen, das hier getrieben wird? Eine Hand muß da ſein, die halten hilft. Meine Hand wird's thun, ſo alt ſie iſt, und Mary's Hand dazu. Das ſind Ihre wahren und einzigen Gründe nicht, erwiederte Erich. Sam Halſet lachte. Nicht? rief er, was denn?— Es iſt ein Blick bei Ihnen, der bis in's Innere geht, iſt eine ſchätzenswerthe Gabe an einem ſo jungen Manne. Will's Ihnen ſagen, was ich denke, ch, ſeinen nnen, wat alſet im ſche dazu, gab n ab. Als er ſ nrichtungen . Ass ich n kämpfte; und Wort, eer Freiherr, tt weiter da iſt da. Es l Mary glt hen, wie et! anete Eric aorm Wünſ wie Sie den 9 ſegneten ¹ itung. „ ſagte Ran n, ſud herr, wenn Wo ſo „Hand mt „iſt, alt ſie 283 offen ſagen, Freiherr Randal. Es ſteht in meinem Kopfe feſt, Sie ſollen mein Schwiegerſohn werden; meine Mary ſoll in Halljala Schloß wohnen, wo ſie hinausgeworfen wurde. Ich habe es nicht vergeſſen, Herr, daß ich ein ſchwer beleidigter Mann bin. Habe die hochmüthigen Worte nimmer vergeſſen, die Ihr Vater mir zugeworfen, und die Men⸗ ſchen drüben in Louiſa, alt und jung. Meine Mary ſoll darum hier ein⸗ ziehen und Schloßfrau ſein, Erich Randal's Frau; Sam Halſet, der Krämer aus Abo, ſein Schwiegervater. Der Triumpf in Halſet's Geſicht heftete ſich an ſeinem lauernden Nachen feſt. Es wird geſchehen, fuhr er drohend fort, denn es muß geſchehen, Freiherr. Der alte Sam hat Geld genug um Halljala zum eſten Ritterſitz in Finnland zu machen; Geld genug, alle die Pläne auszuführen, an denen Sie zu Grunde gehen, und Macht genug, um alles Unheil abzuwenden, das bald hereinbrechen wird. Dennoch kann es nicht geſchehen, ſagte Erich mit leiſer, feſter Stimme. Kann nicht geſchehen? fragte Halſet. Eh! meinen Sie? Und Mary— er legte ſeine Hand um Erich's Arm und beugte ſich zu ihm hin— Sie lieben, meine Mary! Ich weiß es. Und wenn Sie tauſendmal nein ſagten, ich weiß es dennoch! Eine Minute lang antwortete Erich Randal nicht darauf. Seine Augen ſenkten ſich nieder, eine heftige Gemüthsbewegung, von der nichts ſichtbar wurde als das leiſe Zucken ſeines Arms, den Halſet feſt hielt, mußte überwunden werden. Als dies geſchehen war, ſagte er in ſeiner ruhigen Weiſe: Wir ſind in eine ſeltſame Lage gerathen, Herr Halſet, die mich nöthigt, Ihnen mehr zu vertrauen als meine Abſicht ſein konnte.— Ich fühl's mit Ihnen, verſetzte Sam. Oeffne Ihnen mein Herz bis auf die Nieren, und möchte es ſo mit keinem Anderen thun. Es iſt aber nothwendig, Herr, es muß geſchehen. Ich muß Ihnen ſagen, wie es bei mir und Mary ſteht, was das Mädchen hofft und was ich will. Mary hofft nichts, antwortete Erich. Niemals hat ſie Ihnen ge⸗ ſtanden, daß ihr Herz mir anhängt, noch weniger würde ſie je mit dem zufrieden ſein, was Sie mir als ihre Wünſche eröffnen. — 284— Ehl rief Halſet, woher wiſſen Sie das? Weil ich Mary kenne, weil ich weiß, daß ſie ſtolz und edel denkt; weil wir uns getrennt haben, Herr Halſet, mit dem Bewußtſein, daß dieſe Trennung eine dauernde ſein muß. Und was iſt die Urſache, Herr? Wo liegt der Grund? In den Verhältniſſen, ſagte Erich. Ich werde mich mit meiner Couſine Ebba vermählen, Herr Halſet. 3 Ich glaube es nicht! rief Sam boshaft grinſend, und indem er ſeine Hand ausſtreckte fügte er hinzu: Ich will eine Wette mit Ihnen machen, daß nichts daraus wird. Könnte auch nur zu Ihrem Un⸗ heil ſein. Herr Halſet, fiel Erich in einem Tone ein, der eine eigenthümliche Macht ausübte, ich verbiete Ihnen, von meiner Couſine das Geringſte zu ſagen, das mir nicht gefällt. Ein höhnendes Lachen ſchwebte in Halſet's Geſicht. Meinen un⸗ terthänigſten Diener vor dem ſchönen Fräulein, ſagte er, nachdem er ſich beſonnen hatte. Meinetwegen mag es aller Tugenden Inbegriff ſein, allein Tugend ohne Geld iſt der Glückliche ohne Hemd. Was wollen Sie mit einer Frau machen, Freiherr Randal, die in dies leere alte Schloß leer einzieht? Beſſer leer, antwortete Erich ihn ſtreng anblickend, als mit Gold beladen, das mit Wucher und Betrug erworben wurde. Halſet richtete ſich auf, ſeine Augen erhielten einen helleren Glanz. Oho! rief er, kommt der Ton daher, junger Herr? Sind ähnliche Worte, die einmal eine Frau gegen mich gebrauchte, deren Sinne nie recht beiſammen waren. Otho's Mutter, meine unvergeßliche Tante, gebrauchte dieſe Worte gegen Sie, Herr Halſet, fuhr Erich fort, um ihren Sohn zu verthei⸗ digen, als er es nicht länger in Ihrer Nähe aushalten konnte. Laſſen Sie uns ſchweigen. Ich verſpreche Ihnen alle Mittel zu ergreifen, um in kurzer Zeit Ihnen gerecht zu werden. Verſprechen und nicht halten, das iſt Eure Art, Ihr Herren! ſagte der Kaufmann erbittert. Einen Stier faßt man bei den Hörnern, einen Mann bei ſeinem Wort, Freiherr Randal. Hier ſtets geſchrie⸗ ben, am 15. November ſpäteſtens zu zahlen, wenn es gefordert wird, ch mit mein nd indem tte mit Ihn u Ihrem U eigenthümlit das Geringſ als mit Go lleren Glan nd abnlich 285 und dafür zu haften mit allem beweglichen und unbeweglichen Gut. In einer Woche kann ich die Pfändung bewirken, würde Aufſehen ge⸗ nug machen. Ich biete Ihnen aber nochmals Freundſchaft und Ge⸗ meinſchaft an, biete es Ihnen an aus reinem Herzen und meines Kindes wegen. Mein Vater, ſagte Erich aufſtehend, hat mir jede Verbindung mit Ihnen unmöglich gemacht, indem er mir das Verſprechen abnahm, um meine Muhme Ebba zu werben. Thorheit! rief Halſet. Denken Sie nach, Freiherr Randal, ob's nicht bitter Thorheit wäre. Das Weib in Louiſa, die Narrheiten ge⸗ nug ihr Leben über trieb, hat zuletzt auch noch dieſe angeſtiftet. Kein Wort mehr! rief Erich, und eine zornige Glut ſammelte ſich ün ſeinen Augen. Mein Vater und Alle, die Sie kannten hatten Recht, wvenn ſie nichts mit Ihnen zu ſchaffen haben wollten. Zwingen Sie mich nicht dazu, Ihnen noch mehr darüber zu ſagen; es thut mir leid, daß es ſo weit gekommen iſt. Stille! Freiherr Randal, ſtille! fiel Halſet ein, der ſein Geſicht plötz⸗ lich zu einem gutmüthigen Lachen zwang, wir wollen uns nicht weiter erhitzen. Was ich zu ſagen hatte, aufrichtig und von Herzen, habe ich geſagt, ſehe aber ein, es muß jeder von uns ſeinen eigenen Weg gehen.— Er nahm ſeinen Pelz und zog ihn an, nahm ſeine hohe Zobelmütze uund band dieſe feſt. Es iſt alſo nichts mit meinem Gelde, Herr? fragte er, als er fertig war. [Geben Sie mir nur einige Wochen Zeit, ſagte Erich, ſo will ich es zahlen. Meine Verhältniſſe können Ihnen keine Sorge machen. Wenige Jahre werden hinreichen, mir ſolche Vortheile zu ſichern, daß Halljala den doppelten Werth hat. Gut, antwortete Halſet freundlich, ich will warten, das heißt bis morgen, länger nicht. Morgen die zehntauſend Bankthaler, Freiherr, wie es Recht iſt, und in drei Monaten das Uebrige. Es thut mir wahrlich leid genug, daß es ſo weit mit uns gekommen iſt, fügte er ſinzu; aber es geht nicht auders. In Tavaſtehuus ſitzen Gericht und Kichter, die in drei Tagen hier ſein können. Sie haben das Recht dazu, ſagte Erich ruhig, ich erkenne es an; doch warum wollen Sie mich in ſolche üble Lage bringen? Das — 286— würde wenig großmüthig ſein, Herr Halſet, um ſo mehr, da Ihr Geld Ihnen ſicher werden ſoll. Großmüthig? lachte Halſet vergnügt. Soll ein Wucherer groß⸗ müthig ſein? Ein Krämer in Abo hält ſein Wort, Herr, Handel und Wandel dulden keine Freundſchaft. Ehe er weiter reden konnte, wurde er durch Serbinoff unterbrochen, der die Thür nach der Halle öffnete und plötzlich vor ihm ſtand.— Unſer würdiger Freund hat Recht, ſagte er. Er iſt ein Mann von ſtrengen Grundſätzen, die unter Kaufleuten ſo heilig ſind, wie gött⸗ liche Gebote. Verzeihen Sie mir dieſe Unterbrechung, Herr Randal. Ich habe unfreiwillig die letzten Sätze Ihrer Unterredung mit Herrn Halſet angehört und biete als beiderſeitiger Freund meine Vermitte⸗ lung an. Herr Halſet verlangt auf der Stelle von Ihnen Geld; mir macht es das größte Vergnügen, damit auszuhelfen. Weigern Sie ſich nicht, ſo geringe Dienſte von mir anzunehmen, theuerer Freund; nur ver⸗ zeihen Sie meine Zudringlichkeit. Ein Edelmann iſt dem andern verwandt, fügte er franzöſiſch hinzu, und kann nicht dulden, daß ein Krämer auf ſeinen Uebermuth trotzt. So fein und in ſo herzlicher Weiſe, wie Serbinoff ſeine Hilfe anbot, konnte Erich Randal dieſe um ſo leichter annehmen. Sie leiſten mir einen großen Dienſt, den ich nicht abſchlagen kann, ſagte er. Herr Halſet hat gerechte Forderungen, und ſicher bin ich im Stande, alle meine Verpflichtungen zu erfüllen, wenn ich nur Zeit dazu behalte. Ich werde Ihnen dieſe verſchaffen, ſo lange es Ihnen beliebt, erwiederte der Graf. Zunächſt erlauben Sie mir, die fällige Summe zu decken, für alles Uebrige leiſte ich Bürgſchaft und will Ihnen die Mittel anweiſen, ſich von ihm zu befreien.— Sie verlangen alſo ſogleich den Betrag des Schuldbriefes, welchen Herr Randal ausge⸗ ſtellt hat? fragte er, indem er ſich zu Halſet wandte. Ja, Herr, erwiederte der Kaufmann, offenbar übel gelaunt über dieſe Einmiſchung. Ich verlange ſie, weil der Verfallstag da iſt. Sehr recht, Herr Halſet, ſagte Serbinoff; aber würden Sie auf meine Bitte nicht vielleicht einen Wechſel von mir dagegen annehmen, 3 s mehr, da Tucherer gu r, Handel! f unterbroch ihm ſtand. ein Mann! noff ſeine 6 nehmen. 5 en kann, r bin ich 287 ſahlbar auf der Stelle in Stockholm bei dem Herrn von Alopäus, Geſandten meines Kaiſers. Halſet zögerte eine Minute lang, als beſönne er ſich, gleich darauf ſchien er ſeine Meinung zu ändern. Ich bin es zufrieden, Herr! er⸗ wiederte er, indem ſich ſein Geſicht aufklärte. Wechſel auf Stockholm find mir willkommen. Dann ſind wir ſchnell einig, fuhr Alexei Serbinoff fort. Holen Sie den Schein heraus, würdiger Freund, auf der Stelle ſollen Sie den Wechſel haben. Er ſetzte ſich an den Tiſch, ergriff einen Papierſtreifen und ſchrieb, während Sam ein großes braunledernes Taſchenbuch hervorzog, unter eüner Anzahl Papiere ein beſtimmtes auswählte, hineinblickte und es mif den Tiſch legte.— Es ſoll unſere Freundſchaft, wie dieſe jetzt iſt und bleibt, nicht ſtören, Freiherr Nandal, ſprach er dabei; denn bän ich gleich kein Freund von Großmuth im Geſchäft, wo das Mein end Dein in Betracht kommt, ſo doch in allen anderen Dingen dienſt⸗ fertig, wie es ſein muß, zu Mitmenſchen und Chriſten. Es braucht in Jeder ſein Geld in ſolcher Zeit mehr noch als ſonſt. Hoffe, Sie haben das Einſehen dazu, und ſoll mich freuen, Sie in Abo bei mir nn ſehen, oder nächſtens in Liliendal; denn ich gehe von hier hin⸗ unter nach Helſingfors, und Freiherrn Wright's Haus iſt eines, wo man gern ausruht. Iſt ein Mann, wie man ihn ſelten ſieht, der Freiherr und ſeine Tochter— eh! ſtrecken Sie die Hand her, Herr Erich, iſt auch eine alte Freundin, die wohl im Stande wäre, Halljala muf einen anderen Fleck zu bringen. In dieſer unverſchämten Weiſe, ohne im Geringſten verlegen über ſeine Lage zu ſein, bot er Erich ſeine Hand, welche dieſer nachgiebig eimmahm. Ich will ſehr gern vergeſſen, Herr Halſet, was zwiſchen ums geſprochen wurde, ſagte er, und bitte Sie, daſſelbe zu thun. Bin's zufrieden! lachte Halſet. Wollen Beide vergeſſen, nur nicht, diß in drei Monaten, von heut ab, mein Geld auf dem Tiſch legen ſoll. Hier iſt Ihr Wechſel, ſagte Serbinoff. Nehmen Sie ihn hin, was wher die weiteren Zahlungen betrifft, ſo wird der Freiherr Randal nahrſcheinlich ſchon vor der Verfallszeit Ihnen den Betrag überliefern. 288 A Um ſo beſſer, ſagte Halſet, das Papier einſteckend, ich bin immer bereit dazu. Jetzt aber, meine lieben Herren, iſt meine Zeit um. Propſt Ridderſtern wartet nicht gern mit dem Früßſtück, und Many hat einen Beſuch bekommen, eben als ich ſie verließ. Der Heir Kammerherr brachte Bücher, welche er ihr geſtern verſprochen hat, und das Fräulein Schweſter wollte auch bald erſcheinen. Ein edler Herr und ein feines Fräulein! Hohe Gnade für einen alten Krämer und Wucherer, rief er herzlich lachend, daß ſolche Herrſchaften ſo weit ſich herablaſſen. Aber Friede in's Haus, Freiherr Randal. Friede und Freundſchaft zwiſchen uns und ein fröhliches Wiederſehen!— Damit entfernte ſich Sam Halſet. Ein ſeltſames altes Geſchöpf, ſagte Serbinoff, doch ohne Zweifel ein Menſch, vor dem man ſich hüten muß; denn er hat ganz das Anſehen eines ſchlauen Speculanten, der kluge Rechnung mit unver⸗ ſchämter Anmaßung verbindet. Er iſt reich, erwiederte Erich, und iſt es durch unabläſſiges Stre⸗ ben nach Geld und Gut geworden. Meinem Vater hat er bedeutende Summen vorgeſtreckt und ihm manche Dienſte gefeatet, wobei er frei⸗ lich beſondere Zwecke verfolgte. Gegen Andere V er hart geweſen, und zu manchem Beſitz iſt er in einer Weiſe gekommen, die von Wucherei und Gaunerei ſich nicht gut unterſcheiden läßt. Um deſſent⸗ wegen haftet auch mancher Vorwurf auf ihm. Fluch und Thränen, wie nach einem alten Worte Otho einſt ihm ſagte, und es gibt wohl auch Familien außer der meinigen, welche ſich von ihm ſo viel als möglich zurückgezogen. Ich kann mir denken, verſetzte Alexei, daß edle Naturen nicht mit dieſem Manne in nähere Verbindung treten mögen. Fort mit ihm, beſter Freund, Sie müſſen ſich von ihm ablöſen, und dazu will ich getreulich helfen. Vielen, großen Dank, erwiederte Erich, ihm die Hand drückend. In wenigen Wochen werde ich meinen Schuldſchein von Ihnen zurück⸗ fordern. Doch, was thun Sie da? Serbinoff nahm das Papier, das vor ihm lag, und riß es in Stücke. Sie werden doch nicht glauben, ſagte er, daß ich ein Unter⸗ pfand haben will, wie dieſer alte Gauner. Zahlen Sie mir das 289 Geld, wann und wie es Ihnen beliebt; aber reden wir nicht mehr bon einem ſo geringen Dienſte, den ich Ihnen mit wahrer Freude leiiſtete Er wandte das Geſpräch auf den eingetretenen Winter und auf ſie Reiſe, welche ſie gemeinſam machen wollten, um einige Wochen ſueng in dem gaſtlichen Hauſe des Freiherrn Wright zu verweilen, Ein eͤle umd erklärte dabei, daß er nicht wieder nach Halljala zurückkehren ten Kräme verde. ften ſo wei Das wird uns Allen ſehr nahe gehen, ſagte Erich. Vielleicht al. Frid indern Sie doch noch Ihren Vorſatz. 41 1 Wem könnte es näher gehen, als mir ſelbſt! verſetzte Serbinoff; illein ich kann es nicht ändern. In Wiborg befindet ſich gegenwärtig och ohne. General Burhövden, dem ich nothwendig mich vorſtellen muß; wäre hat ganz dies aber auch nicht der Fall, ſo würde ich vieler Angelegenheiten g mit un wegen mich nach Petersburg begeben müſſen. Dann laſſen Sie uns wenigſtens hoffen, daß wir uns bald wieder⸗ abläſſiges ſehen at er boeut Gewiß, mein theurer Freund, rief der Graf, mit freundſchaftlicher vobei er Wärme Erich's Hand nehmend, wir ſehen uns wieder! Verlaſſen 9 hart ger Sie ſich darauf. Mein Herz witd mich hierherziehen, ſobald ich es umen, die mibglich machen kann zt Un di Er wich dem fragenden Blicke des Freiherrn aus und ſtrich und Thr⸗ lächelnd das Haar von ſeiner Stirn. Ich hoffe, fuhr er dann fort, 5 3 giht: dß, wenn ich wiederkomme, der Schloßherr von Halljala nicht einſam un viel nahr in ſeiner Halle ſitzt, daß meine erſten Worte freudige Glück⸗ alinſche für ihn und ſeine junge ſchöne Gattin ſein werden. . u Mögen Sie Recht haben, mag es ſo ſein! antwortete Erich. get ni Ein beneidenswerthes Loos, fuhr Serbinoff fort; doch Niemand iſt 1 dnu u nirdiger dafür als Sie, Niemand wird ſein Glück ſo zu bewahren niſſen. Glauben Sie mir aber auch, daß Niemand innigeren Antheil dwran nehmen kann, als ich es thue. „nd drl hand dnen Sie vermehren meinen Dank durch dieſe Verſicherung, antwortete 3 Crich. urd 1i. Es gab eine Zeit, ſagte Serbinoff lächelnd, wo ich ſelbſt mancherlei h e lünſche hegte, ſie iſt vorübergegangen und nichts davon geblieben, 3 of ri D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 19 als meine freudige und innige Verehrung, die mich dauernd beglücken wird. Brechen wir ab davon, ich höre Stimmen in der Halle. Fräulein Ebba iſt zurückgekehrt, ihre Verwandten ſind bei ihr. Welche liebliche Erſcheinung iſt Louiſa! Ein Zauber der Unſchuld umgibt ſie, der ſo göttlich iſt, daß alle irdiſche Leidenſchaft davor verſinkt. Sie traten in die Halle, wo Ebba mit dem Kammerherrn und Louiſa mit ihrem Bruder ſich ſo eben an den Kamin geſetzt hatten. Draußen fing der Schnee wieder an zu treiben, vor ihnen aber loder⸗ ten die Flammen hell auf und verbreiteten die angenehme Wärme des lebendigen Feuers.— Kaum waren die erſten Begrüßungen er⸗ folgt und Louiſa hatte einen der großen Lehnſeſſel herbeigezogen, auf welchen Serbinoff, dem Winke ihrer Augen folgend, ſich niederließ, als ein Bote einen Brief des Major Munk hereinbrachte, den er Erich übergab. 4 Was ſchreibt der alte Herr? fragte Ebba, als ſie in Erich's Geſicht Ueberaſchung bemerkte. „Ich thue Euch Allen hiermit zu wiſſen,“ las der Freiherr,„daß mein Sohn Magnus heut in der Frühe nach Helſingfors abgereist iſt mit Oberſt Jägerhorn und ſeinem Freunde Lindſtröm. Er ſchickt Euch ſeine Grüße, und ich mache es ebenſo.— Bengt Munk.“ Ein Schweigen folgte dieſer Mittheilung, Niemand mochte über den Knaben ſprechen; aber Erich Randal ſah in Louiſa's Augen ſtatt des Bedauerns eine Freude ſtrahlen, welche er ſich wohl zu erklären wußte. Der Kammerherr allein nahm das Wort. Er ſaß mißmuthig vor dem Feuer und ſah auf das Schneetreiben hin. Es wird eine etwas kalte Reiſe ſein! rief er ſpottend, die dem albernen Jungen das Blut abkühlt; auch lobe ich den raſchen Entſchluß des Majors. Nach ſeinem ungebührlichen Betragen konnte er uns nicht mehr gut unter die Augen treten, um ſo mehr, da er ein verſtockter Sünder und Lügner blieb. Das Drillen wird ihm gut thun, und ich denke, wir Alle ſind froh, daß er fort iſt. Dem alten guten Manne wird es einſam in ſeinem Hauſe ſein, ſagte Ebba. Sein ganzes Herz hing an dem ſchönen Knaben. —— 291 Er opfert ihn auf dem Altar des Vaterlandes, lachte Baron Arwed, mit dieſem wärmenden Gedanken wird er ſich erheitern. Aber geht es uns denn beſſer? fuhr er ärgerlich fort. Wir ſitzen hier auch einſam im Hauſe, und wer weiß, wann wir hinauskommen? Was werden wir beginnen? fragte er ſich dehnend, und wie lange werden wir aushalten müſſen? Wir haben gemeinſam der Jungfrau Mary Halſet einen Beſuch gemacht, ſagte Ebba zu Erich, indem ſie nach ihrem Bruder blickte. Sie war ſehr liebenswürdig, das heißt ſehr ſchweigſam, und ſehr geiſtreich im Zuhören oder in weiſer Selbſtvergeſſenheit. Arwed iſt ganz entzückt davon; ſeine Unruhe, bei uns aushalten zu müſſen, iſt daher leicht zu erklären. Wenn Sie eine Finne wären, fügte Otho hinzu, als der Kammer⸗ herr den Muthwillen ſeiner Schweſter unbeachtet ließ, würden Sie nichts lieber ſehen als dies Schneewetter, das Brücken über alle Seen und Schluchten baut, Wege über alle Sümpfe ſchlägt und Finnlands ganze Natur umwandelt. Wer kann ſich in dieſe Schneewüſten hinauswagen! rief Arwed. Man bricht ein, verſinkt und kommt elend um. So lange der Schnee fällt, ſagte Otho, ſitzt jeder Finne gern mmit Weib und Kind und Knecht und Magd in ſeiner Badſtube und geht höchſtens einmal hinaus, um ſich in dem weißen, feinen Mantel abzukühlen. Zugleich aber ſchärft er ſeinen Jagdſpeer, ſchleift ſein Beil und ſchraubt einen neuen Stein auf ſein altes Gewehr, wenn er ein ſolches etwa beſitzt. Vom Geſimſe herunter holt er aber vor ullen Dingen zwei lange ſchmale Bretter, vorn in die Höhe gebogen. Sorgfältig benagelt er ſie, wenn ſie ſchadhaft ſind, mit Seehunds⸗ „der mit Otterfell und erneut die Riemen, mit denen er dieſe vor⸗ rrefflichen Schuhe an ſeine Füße feſtbinden will. Du meinſt die Schneeſchuhe, welche auch in Rußland üblich und ſelbſt in unſerer Armee eingeführt ſind, fiel Serbinoff ein. Unſere Soldaten aus Carelien und dem hohen Norden ſind gewandte Schnee⸗ ſchuhläufer und werden eigen dazu geübt, in ganzen Bataillonen und Colonnen zu manövriren. 1 19* — 292— Ohne beſondere Uebung verſtehen es unſere Bauern vielleicht noch beſſer, fuhr Otho ſort. Sobald der Kimmel klar iſt und der Schnee eine Kruſte bekommt, laufen ſie auf den zehn Fuß langen Brettern über die tiefſten Schluchten und höchſten Abhänge. Der Schnee liegt oft bis zwanzig, dreißig Fuß hoch, alle Tiefen ſind vollgeweht, auf den eigenen Beinen würde jeder Wagehals einbrechen und verſinken, die Bretter aber laſſen dies nicht zu. Blitzſchnell fliegt der Schnee⸗ läufer über die glatte Ebene und ſteigt mit Hilfe ſeines Spießes und des ſtachlichen Fells unter ſeinen Sohlen ſteile Höhen hinauf. Das iſt die Zeit, um Ellen, Rennthier und Hirſch zu jagen. Ihre ſpaltigen Hufe helfen ihnen nichts, ſie brechen durch und wühlen mühſam durch die weiche Maſſe, die wie Wüſtenſand ſie umringt und begräbt. Niemand weiß dies beſſer, als der Wolf, der mit dem Menſchen um die Wette ſie jagt, ſie ereilt und zerreißt. Das weiß auch der Luchs, wenn er ſeinen breiten langbehaarten Füßen vertraut und in windſchnellen Sätzen über die Schneefelder fliegt, die ihn beſſer tragen als lange ſchlanke Beine. Das weiß der Vielfraß eben ſo gut, der aus ſeinem Schlupfwinkel hervor plötzlich dem geängſtigten Thier in den Nacken ſpringt und ihm langſam dieſen und die Ohren, ſeine höchſten Lecker⸗ biſſen, abnagt. Ein entſetzliches Vergnügen! rief der Kammerherr. Hören Sie auf davon, lieber Freund. Man ſpricht ſo viel von der Grauſamkeit der Menſchen, geht es aber unter den Thieren, ja in der ganzen Natur nicht noch weit ſchrecklicher her? Erich hat mir erſt neulich erklärt, daß die meiſten Thiere und Pflanzen unfehlbar den Hungertod ſterben, da ihre Ernährung, wenn ſie alt werden, ihnen unmöglich wird. Und der Hungertod iſt ein ſehr ſchlimmer Tod, lachte Serbinoff. Es iſt ernſthaft genug zu denken, ſagte Arwed, daß dieſe Schöpfung, welche doch von einem barmherzigen und liebenden Weſen herſtammen ſoll, dazu beſtimmt iſt. Wenn Gott ſelbſt ſo grauſam verfährt, was ſoll der Menſch thun? Er ſoll der Vernunft, di und daran erkennen, daß er hat den Menſchen ſo ausgerüſtet, e ihm gegeben, Ehre machen, ſagte Ebba, beſſer ſei, als Thiere und Pflanzen. Gott daß er Grauſamkeit verachten und ſein T winder 4 d züchſten A Hören Elt mkei auſa Grauſd 293 ſein Alter ſchützen kann. So ſoll er das Geſchick der Thierwelt über⸗ winden, gerecht und gut und göttlich ſein. Leider iſt dies ein etwas langer Weg, verſetzte Otho. Die vernunft⸗ begabten Weſen handeln oft noch ſchlimmer, als Luchs und Vielfraß. Aber wer hat je die Grauſamen geprieſen? fragte Ebba. Immer hat die Geſchichte den Gerechten und Guten ihre Kränze gereicht. Nachdem ſie gekreuzigt und verbrannt waren, lachte Arwed.„Ich bin daher dafür, daß jeder gute Chriſt vor allen Dingen ſich vor Hunger und Schaden behüte und immer lieber Vielfraß ſei, als Rennthier, oder um ruſſiſch mit Ihnen zu ſprechen, Serbinoff, lieber der Knutenmeiſter als der Geknutete. Dem Ruſſen wir Niemand Grauſamkeit vorwerfen können, ant⸗ wortete der Graf. Er haßt die Feinde ſeines Landes und Kaiſers nicht mehr, als er muß. Er tödtet ſie, aber er quält ſie nicht. Jeder Ruſſe, faſt ohne Ausnahme, iſt milden Herzens und zur Fröhlichkeit geneigt. Unſere Religion befiehlt uns barmherzig zu ſein, weil Gott barmherzig iſt. Otho drückte ihm freudig die Hand. Du kannſt keine Grauſamkeit begehen, weil du zu ſtolz und großmüthig dazu biſt, rief er lebhaft aus. Unter ſolcher Männer Leitung müſſen die Ruſſen ein großes edelgeſinntes Volk werden. Zur Zeit Peter's des Großen freilich haben fie ärger als die wildeſten Thiere in Finnland gehaust, doch zwiſchen dem Damals und Jetzt liegt ein Jahrhundert. Nein Freund, antwortete Serbinoff, eigenthümlich lächelnd, wir ſind im Grunde noch immer dieſelben; doch die größte Tugend unſers Volkes iſt der Gehorſam. Dadurch ſind wir allen andern Völkern überlegen und darum werden Rußlands Fahnen in jedem Kampfe ſieg⸗ eich ſein, ſein Reich und ſeine Macht fortgeſetzt wachſen. Der Kammerherr bemerkte in dem Geſicht ſeiner Schweſter wie ruch in Otho's Augen etwas, das ihm nicht gefiel. Rußland, ſagte tr, iſt in unſerm jetzigen Unglück der Hort aller Bedrängten und die Zuflucht aller Unterdrückten. Alexander und Napoleon ſind die Schutz⸗ ferren Europa's gegen die übermüthigen Engländer wie gegen tyran⸗ niſche Fürſten und deren Gewaltthaten. Ich ſehne mich darnach, bei ſem Freiherrn Wright vielleicht noch mehrere unſerer vortrefflichen, 1 ½ — 294— feingebildeten Nachbarn kennen zu lernen, die bis nach Italien ihre unüberwindlichen Adler trugen und doch dabei— geſtehen wir es ein— die liebenswürdigſten Geſellſchafter ſind. Wie lange müſſen wir noch warten, beſter Otho, ehe die Wege brauchbar werden? In zwei Wochen ſpäteſtens werden wir auf der ſchönſten Schlitten⸗ bahn über den Pajäne durch das Land fliegen, erwiederte Otho, und in zwei Tagen können Sie dann alle Ihre Sehnſucht ſtillen. So haben wir Zeit, es uns möglichſt bequem zu machen, ſagte Baron Arwed, indem er ſich behaglich ausſtreckte, die Füße über das Kamingitter legte, die Arme auf die Stuhllehnen und den Kopf in die Polſter drückte. Dreizehntes Kapitel. Der Propſt erwiederte die Artigkeiten des Schloßherrn von Hall⸗ jala durch eine Einladung, bei der er ſeine Abneigung gegen Otho Waimon ſo weit überwand, daß auch auf dieſen und ſeine Schweſter ſeine Gaſtfreundſchaft ſich ausdehnte. Mancherlei Rückſichten bewogen ihn dazu, denn Serbinoff lebte mit den Geſchwiſtern fortgeſetzt in inniger Freundſchaft und jener ſtörende Unfall, den die wachſame Eiferſucht des jungen Munk herbeigeführt hatte, ſchien nur dazu gedient zu haben, die gegenſeitige Anhänglichkeit noch mehr zu be⸗ feſtigen. Es konnte Niemand verborgen bleiben, daß der vor⸗ nehme Gaſt ſich lebhaft mit dem kleinen Fräulein vom See beſchäf⸗ tigte, und wahrſcheinlich gab es außer dem Kammerherrn noch Andere, welche nicht daran zweifelten, daß Magnus kkeine Lüge geſagt hatte. Aber der unglückliche Knabe war verlacht und vergeſſen, oder man gedachte ſeiner nur mit Spöttereien und der alte Invalide ſaß in ſeinem einſamen Hauſe, ohne ſich blicken zu laſſen. Niemand fühlte Luſt dazu, ihn in den Wolken von Tabaksrauch aufzuſuchen, in welche er ſich und ſeinen Aerger und Kummer einhüllte. Am fet un Alexei ſcherzte Wahlge ergößlich iſten i Jſalſchaft 1Tdort unc dchenden daus, n. ungewiſſ war da 8 Schweſ Alerei ſes Nie ſein M zugleic ikünme ſſc wil ſteſtüts M dandel ſcnfte ſtdung Nu un von 50 gegen 2 ne Schlwe ſchten bewoh fortgeſett wach ſe ——oWö:ö:]ỹBOD—ꝗỹODVOꝗꝗOỹOBD—— 295 Am wenigſten hatte Louiſa Luſt dazu, die, während es draußen faſt unausgeſetzt ſchneite, in heiterſter Weiſe glückliche Tage lebte. Alexei Serbinoff war bei ihr, beſchäftigte ſich mit ihr, lachte und ſherzte mit ihr von früh bis ſpät und hörte mit unermüdlichem Wohlgefallen ihre Plaudereien, ihren Geſang und ihre unſchuldigen ergötzlichen Einfälle. Wenn er ihr dagegen von den Feſten und Pa⸗ ſiſten in Petersburg, von dem Glanz und der Pracht der hohen Ge⸗ ſllſchaft, von all dem Reichthum und den Genüſſen erzählte, welche hort unaufhörlich ſich aneinander reihten, lauſchte ſie darauf mit la⸗ henden Augen. Ihre lebhafte Einbildung malte alle dieſe Wunder zus, nur zuweilen überkam ſie mit dem Staunen davor auch eine ungewiſſe Angſt, welche Serbinoff durch ſeine Betheuerungen fort⸗ ſherzte, daß alle Pracht und Herrlichkeit doch nur leerer Tand blieben, ſie ein Soldat, wie er, verachte. Sein natürliches Weſen, ſeine Einfachheit und Offenheit waren vohl geeignet, dieſe Verſicherungen zu unterſtützen. Otho ſelbſt hax dabei häufig zugegen und betrachtete dann den Freund und ſeine Schweſter mit Blicken, aus denen ſeine geheimen Wünſche ſprachen. Alexei Serbinoff hatte ſein ganzes Vertrauen gewonnen, er verhehlte 6 Niemand, daß er ihn bewunderte und ſich ihm unterordnete. Als in Muſterbild männlicher Kraft und Tüchtigkeit ſtand er vor ihm, ugleich aber ihm überlegen an Weltkenntniß und Verſtand. Unbe⸗ limmert um ſeine Schweſter überließ er ſie ſeinem Freunde und gab ſch willig den frohſten Gedanken hin, daß keine edlere Hand Louiſa ſeſthützen und behüten könnte. Mit ganz andern Augen ſah dagegen der Kammerherr dieſen landel des Grafen an. An dem Abend, wo der Propſt die Geſell⸗ ſheft in ſeinem Hauſe vereinigte, hatte er mit Serbinoff eine Unter⸗ adung. Nun, lachte der Graf, als er Arwed fein gekleidet im Kammer⸗ Urmſchmuck und einem Orden im Knopfloch hereintreten ſah, morgen ritt Mary Halſet nach Tavaſtehuus und mit einigen Umwegen werden ur ſie im Ballſaale zu Liliendal wieder finden. Sie wollen nicht ſo Ene warten und ſind unwiderſtehlich, mein Freund; ich ſehe Sie 2 Sieger zurückkehren. — 296— Im Ernſt, erwiederte Baron Bungen, indem er ſich niederſetzte, ich will nicht warten und eben darum muß ich mit Ihnen reden. So fangen Sie an, ſagte Alexei, ich werde inzwiſchen meinen Anzug beenden. Wie weit ſind Sie in Ihren Bewerbungen gekommen? So weit dies überhaupt iſt bei einer Dame, die ein ſo ſtilles und leidenſchaftsloſes G üth beſitzt. Glauben Sie denn, daß hinter dieſen dunkeln Augen kein Feuer brennt? fragte Serbinoff. Ein ausgebrannter Vulkan vielleicht, erwiederte der Kammerherr, mir jedoch einerlei, ich werde ihn nicht wieder in Thätigkeit ſetzen. Die Hauptſache iſt für mein Ziel nicht unmittelbar ſie, ſondern ihr Vater. Iſt er mit meinem Antrage zufrieden, ſo bedarf es nur einer beſtimmten Erklärung. Halſet iſt der Mann nicht, Widerſtand zu dul⸗ de. Dies gegen die Außenwelt gleichgiltige Mädchen wird ſich auch gewiß nicht widerſetzen. Erzeigen Sie mir alſo den großen Dienſt, den ich von Ihnen erwarte. Nehmen Sie die Gelegenheit wahr und ſpre⸗ chen Sie mit Halſet. Sie haben Einfluß auf ihn, führen Sie meine Sache. Zum ruſſiſchen Commercienrath habe ich ihn ſchon gemacht, ſagte Serbinoff leiſe und lachend, den Annenorden habe ich ihm auch zu⸗ geſichert, ſobald Buxhövden in Abo einzieht; was ich ihm jetzt ver⸗ ſprechen ſoll, damit er ſeine Tochter zur Baronin Bungen macht, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, daß es keiner allzugroßen Verſprechungen dazu bedarf, antwortete der Kammerherr. Möglich, mein Freund, aber dieſer alte Schlaukopf verlangt von ſeinem Schwiegerſohn keine Titel, ſondern reelle Eigenſchaften. Be⸗ ruhigen Sie ſich, fuhr er fort. Sie haben meinem und künftig auch Ihrem Kaiſer ſo wichtige Dienſte geleiſtet und werden dieſe fernerhin leiſten, daß Halſet zufrieden geſtellt ſein wird. Ich werde Ihren Wunſch erfüllen nnd zweifle nicht an dem Erfolg; bedenken Sie jedoch noch einmal Alles, ehe wir handeln. Halſet iſt reich, er wird Orden und Titel bekommen, vielleicht ſogar den Adel, wenn er will; abet ſeine ſchlechten Eigenſchaſten wird er nicht los. Ehrenvoll wird ſein Ruf niemals ſein; Hochachtung kann er ſelbſt von denen nicht erwar⸗ er Kammert rhätigteit ſe ſee, ſondern rf es nur 297 ten, die ihn brauchen, und ein Finne bleibt er, hervorgegangen aus den unterſten Schichten der Geſellſchaft. Wenn das ein Anſtoß ſein könnte, verſetzte der Baron, ſo würden wir jede Verbindung mit ſeinen Verwandten ebenfalls vermeiden müſſen. Ihre intime Freundſchaft mit den Waimon's ließe ſich nicht rechtfertigen, und wenn etwa gar dieſe ſo weit ausartete, daß Graf Serbinoff vergäße, daß er mit Finnen zu thun hat— Sie ſorgen zu viel um mich, mein Freund, fiel Serbinoff lächelnd ein, ich werde das niemals vergeſſen. Und dennoch drückt mich eine böſe Ahndung, die ich nicht zu über⸗ winden vermag, ſagte der Kammerherr. Ich habe heut Nacht einen Traum gehabt, einen wahrhaft teufliſchen Traum. Sie flohen vor dieſem Finnen, der wie ein Tiger hinter Ihnen her war und auch ſo aus⸗ ſah, als ob er Sie zerreißen würde. Ich werde niemals vor ihm fliehen, verſetzte Serbinoff, doch auch nicht vor dem ſüßen Kinde, das mir ſo viele zweckmäßige Zerſtreuun⸗ gen bereitet. Armes Kind! Es dauert mich, flüſterte Arwed. Schonen Sie Ihre Sentimentalität, ſagte Graf Alexei, alle Un⸗ ſchuld iſt Heuchelei. Dieſe Kleine hat in einigen Wochen ſo viel ge lernt, das es ohne angeborenes Talent ein Wunder ſein würde. Sie iſt plötzlich zu der Kunſt gekommen, zu täuſchen, auf Ausflüchte zu ſinnen, ihren Bruder und ihre Freunde zu betrügen, und mit dreiſter Stirn zu lügen. Als der alberne Junge bemerkte, daß ich ſie geküßt hatte, und tölpelhaft auf mich los fuhr, war ich bange, daß ſie uns verrathen könnte; allein, ſie hat ſich bewunderungswürdig benommen, und ſeit dieſer Zeit bin ich überzeugt, daß nichts zu beſorgen iſt. Sie wird mir immer anhängen, und ich werde dafür ihr Beſchützer bleiben, nachdem ich ſie erzogen habe. Laſſen Sie uns abbrechen und gehen, um Ihnen ähnliche Freuden bei Ihrer Auserwählten zu bereiten. Nach einer Stunde waren die Gäſte des Propſts damit beſchäftigt, ſich in behaglicher Weiſe allen Genüſſen ſeiner Gaſtfreundſchaft zu überlaſſen, welche ihnen in reichſter Weiſe geboten wurden. Herr Rid⸗ derſtern hatte nichts geſpart, um den Abſchiedsſchmaus für ſeinen Freund Halſet ſo herrlich als möglich zu feiern. Ein paar Amtsbrüder aus 298 der Umgegend waren mit ihren Familien, trotz des Schneewetters, ge⸗ kommen, denn die Braten und Torten der Frau Propſtin hatten ſolchen Ruf, daß man wohl etwas Ungemach darum ertragen konnte; der Amtsvoigt und der Landrichter ließen ſich auch nicht vergebens bitten, mit Frauen und Kindern zu erſcheinen, ſo daß das Haus gefüllt war, und ein gutes halbes Dutzend würdiger Herren, mit ſtattlichen Schul⸗ tern und wohlgepflegten Leibern ſich an den Tiſch ſetzen konnten, um ſich ihren Punſch oder Toddy zu miſchen. Unter den ungeheuren Dampfwolken ihrer Pfeifen ſprachen ſie mit vielem Ernſt über die neueſten Welthändel, über den König und über die ſchrecklichen Aus⸗ ſichten. Der Propſt, Halſet, und ab und zu auch der Kammerherr und Graf Serbinoff erzählten ihnen mancherlei ſeltſame Dinge. Bald war es luſtig anzuhören, was Se. Majeſtät für wunderliche Einfälle hatten, bald wieder lief ein gelinder Schauder dabei über die Rücken der wackeren Männer und mit Kopfſchütteln und Seufzen wurden Fragen laut, was denn zuletzt aus ſolchen himmelſchreienden Zuſtänden herauskomme, was aus Land und Volk werden ſolle?— Die vornehmen Herren wurden mit beſonderer Hochachtung betrachtet und gehört, und der ruſſiſche Graf mit ſeiner feinen Höflichkeit und Freundlichkeit gewann alle Herzen. Nicht allein die Herzen der Männer, denen er über die ſogenannten ruſſiſchen Rüſtungen, von denen ſchreckende Gerüchte ſich verbreiteten, den beſten Troſt gab, ſondern auch wohl noch mehr die Herzen der Damen, weil er dieſen ſeine vorzügliche Aufmerkſamkeit zuwandte. Allen wußte er etwas Angenehmes und Schmeichelhaftes zu ſagen, und ſo unwiderſtehlich war ſeine Kunſt der Unterhaltung, daß er ſelbſt längere Zeit die ſchweigſame Jungfrau Mary Halſet zum Reden brachte neben welcher Ebba ſich vergebens abgemüht hatte. Bald mit dieſer plaudernd und lachend, bald ſich an Mary wen⸗ dend, und in geſchickter Weiſe ihre Antworten zu neuen Fragen und Einfällen benutzend, gelang es ihm ein Geſpräch zu entwickeln, das ſich hauptſächlich auf das Haus und die Familie des Freiherrn Wright bezog, in welcher ſie Alle bald wieder ſich zuſammenfinden ſollten. Ihr Vater iſt ein alter Freund des Freiherrn? fragte Ser⸗ binoff Mary. NA ſeinen chen Aus⸗ ammerher nge, Bald Einfälle 299— Mein Vater, antwortete ſie, kennt weniger ihn wie den Oberſten, einen Bruder, der in Abo uns oft beſuchte. Ein giltiges Zeugniß für den feinen Geſchmack des Oberſten, ver⸗ ſetzte Serbinoff, der mir nicht umſonſt gerühmt wurde. Sein feiner Geſchmack, erwiederte ſie mit einem Lächeln, das über das blaſſe ernſte Geſicht leuchtete, wird von meinem Vater beſſer be⸗ urtheilt werden können. Oberſt Wright iſt als unübertrefflicher Wein⸗ kenner allerdings ſehr berühmt. Es war das erſtemal, daß Ebba eine Spötterei von ihr hörte, und die Art, mit welcher ſie damit Serbinoff's zweideutiges Compli⸗ ment zurückwies, gefiel ihr ganz beſonders. Heimlich drückte ſie ihr die Hand dafür, während Serbinoff die Bemerkung machte, daß ein ſolcher geiſterfüllter Herr und deſſen joviale Laune immer das beſte Beiſpiel für ſeine Freunde ſeien. In der That, ſagte Mary Halſet, ihre dunkeln Augen auf ihn richtend, iſt der Geiſt, welcher aus ſolchen Launen ſpricht, immer noch manchem anderen Geiſte vorzuziehen, der weit verderblicher auf ſeine Umgebungen wirkt. Am beſten alſo, ſo wenig Geiſt als möglich beſitzen! rief er mit ſeiner geſchmeidigen Bosheit. Am beſten, erwiederte ſie, vor dem falſchen Geiſte ſich mit dem iltfinniſchen Sprichworte zu behüten: Klugheit lernſt du auch von dem Böſen, aber das Gute nur von dem Gerechten. Ein langer, lächelnder und doch faſt drohender Blick fiel auf Sam Halſet's Tochter, die ihn unerſchrocken erwiederte. Da Sie die Familie Wright kennen, fragte Ebba, iſt Ihnen gewiß auch Conſtanze Gurſchin bekannt, die eben ſo ſchön als geiſtreich ſein ſoll. Ich habe ſie früher geſehen, als ſie in Abo erzogen wurde, ant⸗ wortete ſie; dann habe ich ſie vor einiger Zeit angetroffen, da ſie als Wittwe zu ihrem Vater zurückgekehrt war. Und was ſagen Sie von ihr? Ein Urtheil zu fällen oder zu beſtätigen vermag ich nicht, ant⸗ wortete Mary. — 300— Was ich von ihr in Petersburg gehört habe, ſagte Serbinoff, läßt Ungewöhnliches erwarten. Madame Gurſchin glänzte dort in den erſten Kreiſen, und verſammelte eine Schaar ſchwärmeriſcher Verehrer um ſich. Und das will etwas bedeuten, ſetzte Mary Halſet hinzu, ohne einen Zug ihres pedantiſchen Ernſtes aufzugeben, wenn ſie ſolche Dinge an dem Orte vollbrachte, von dem heut zu Tage aller Geiſt und das Licht der Welt ausgeht. Serbinoff entfernte ſich, und that, als hörte er dieſe Antwort nicht. Er ging auf Sam Halſet los, der eben allein, mitten in dem großen Zimmer ſtand, nahm ihn beim Arm, und führte ihn mit ſich fort in ein anderes Nebengemach. Sie wollen uns alſo durchaus verlaſſen? fragte er, als er ſich mit ihm auf ein Sopha geſetzt hatte, von dem aus die Geſellſchaft zu überblicken war. Ich habe hier nichts mehr zu ſuchen, verſetzte Halſet, nachdem Sie mir großmüthig meine Anweiſungen bezahlt haben. Sie haben mich vortrefflich unterſtützt, erwiederte Alexei verbindlich, nun ſchmollen Sie nicht weiter. Was wollen Sie überhaupt mit einem Schwiegerſohn, der ſo wenig für Sie paßt? Wählen Sie einen ande⸗ ren, der Ihre edeln Eigenſchaften und Abſichten beſſer zu würdi⸗ gen weiß. Glauben Sie denn, ſagte Halſet in ſeiner Weiſe grinſend, daß ich beſondere Sehnſucht nach jenem da verſpüre? Ich möchte manchen vor⸗ ziehen, aber ich habe einmal den Wunſch ihm meine Tochter zu geben, weil mancherlei Gründe dafür ſprechen. Darf ich nach dieſen Gründen mich näher erkundigen? Erſtens, begann Halſet, weil Mary ihn liebt. Sollte dies ſich in der That ſo verhalten? lächelte Serbinoff. Verlaſſen Sie ſich darauf. Sie liebt ihn, ſo wunderlich dies ſcheinen mag, trotz deſſen, daß er weder ſchön noch reich iſt. Liebt ihn auch nicht um deſſentwegen, weil er Rang und Titel hat. Es i*ſt ein ſeltam Mädchen, meine Mary, Herr Graf, gerade ſo ſeltſam wie er, eigenſinnig und voller Einbildungen. Ich unterlaſſe es dies zu beſtreiten, ſagte Serbinoff, auch iſt die ſogenannte Liebe eine ſo außerordentliche himmliſche Erfindung, daß kein an Gs brer um ſ zu, ohne ein che Dinge Geiſt undd s er ſich m Zeſellſchaft nachdem E nſend, daß manchen be u geben — 301— Sterblicher ſich vermeſſen darf ſie zu erklären. Ich beſtreite jedoch, Herr Halſet, daß Sie als ein kluger Mann und calculirender Haus⸗ vater von dieſer Herzensneigung beſondere Notiz genommen haben wür⸗ den, wenn nicht andere gewichtigere Gründe dafür vorhanden wären. Sie haben's getroffen! lachte Halſet, der ſeinen Kopf wie eine Schild⸗ kröte unter den hohen Kragen ſeines Rockes zurückzog. Ich hätte mich den Teufel um ihre Liebe gekümmert, wär's mir nicht ſelbſt in's Blut gegangen. Ich will Ihnen einfach ſagen, wie die Sache ſtand. Ingar Waimon, Otho's Vater, kannte mich von jung auf, war mein Vetter, half mir mit Geld durch ſeines Vaters Hand, daß ich Handel anfan⸗ gen konnte. Als er aus Amerika wiederkam, gab er eine bedeutende Summe aus ſeinem Erbtheil her, womit ich mein Haus in Abo kaufte. Lange Zeit ging es gut mit uns, und als er ſtarb, blieb ein Ver⸗ ſprechen ſtehen zwiſchen unſeren Kinder.— Daraus wurde nichts durch den unbändigen Sinn des Jungen, und weil's ſeine Mutter ſo wenig wollte, wie er und Alle. Es war ein trotzig Weib, Herr, eine Art Heilige, dabei ſo tugendhaft grob wie Heilige ſind. Sagte mir den Kauf auf, weil ſie trotz aller meiner genauen Rechnungen meinte, ich hätte nicht ehrlich gegen ihren Mann, meinen beſten Freund, verfahren, auch weil ich mancherlei Landgüter an mich gebracht, deren Eigen⸗ thümer meine gerechten Forderungen nicht erfüllen konnten. In⸗ zwiſchen hatten ſie ſelbſt von mir geborgt; der alte Freiherr, bedeutende Summen, ohne es wieder zahlen zu können. Das Uebrige weiß ich aus Ihren Erzählungen, ſiel Serbinoff ein. Sie machten dem Freiherrn den Antrag, ſein Sohn ſolle an Otho's Stelle treten, und wurden abgewieſen. Richtig, ich wurde abgewieſen, nickte ihm Halſet zu, neulich erſt nochmals abgewieſen; bei alledem bleibt's dabei, was ich gelobt und geſchworen. Eide ſind in neueſter Zeit eine Waare geworden, die immer mehr an Gewicht verliert, lächelte der Graf. Keine andere als Mary ſoll in Halljala Frau ſein, ſagte Halſet. Es wird endlich ſo geſchehen, ich bin deſſen gewiſſer als je. Wenn Herr Erich ſeine ſchöne Couſine aus Stockholm heirathet? Er wird ſie nicht heirathen, antwortete Sam. 302 Wer wird ihn daran hindern? Halſet ſah ihn mit ſeinen ſchlauen Augen in's Geſicht. Sie wer⸗ den's hindern, ſagte er kaltblütig. Und wenn Sie dies wirklich annehmen könnten, wird er darum Ihren Vorſchlägen williger entgegen kommen? Ich will Ihnen meine Meinung ſagen, Herr Serbinoff, erwiederte Sam, indem er näher rückte und ihm gemüthlich zunickte. Sie ſpie⸗ len jetzt Ihr Spiel mit ihm und den leichtgläubigen Narren und Kindern, die zu ihm gehören. Darin miſche ich mich nicht, wünſche Ihnen guten Er⸗ folg, wenn Ihr Spiel aber verloren geht, Herr, ſo machen Sie es eben ſo. Ueberlaſſen Sie es mir dann in meiner Weiſe, das Conto zu ſchreiben. Ein ſehr bündiger Vertrag zwiſchen uns, Herr Halſet, gegen den ich im Grunde nichts einzuwenden habe. Nur eine Bemerkung erlauben Sie mir, an welche ich eine Frage knüpfen werde. Wenn, was Sie mein Spiel nennen, verloren geht, ſo wird das Ihrige gewiß nicht ge⸗ wonnen werden. Der Mann, welcher Ihnen jetzt ſchon ſagt, daß er um keinen Preis mit Ihnen in eine verwandtſchaftliche Verbindung treten will, der, wie ich vermuthe, dieſer Ueberzeugung ſelbſt die zärtlichen Neigungen ge⸗ opfert hat, welche er empfand, wird dann noch viel weniger ſich dazu verſtehen. Das iſt ganz gewiß! rief Halſet vergnügt grinſend. Ich bin auch ganz damit einverſtanden, Herr Graf, und will verdammt ſein, wenn ich ihm dann noch einen Finger reichen möchte. Serbinoff ſah ihn forſchend an. Iſt Halljala ſo viel werth? fragte er nach einem kurzen Schweigen. Es iſt ein mächtiger Beſitz, antwortete der Kaufmann, kommt er in die rechten Hände, kann's der reichſte in Finnland werden. Große Wälder, Herr, wunderbar fruchtbarer Boden, dazu mancherlei Anlagen, die gezeigt haben, was daraus zu machen iſt. Es iſt ein gewiſſer Verſtand in Erich Randal's Kopf. Manches Ding hat er ausgedacht und angefangen, das der Klügſte nicht beſſer machen könnte, und es iſt eine Wahrheit, daß Halljala jetzt ſchon doppelt ſo viel werth iſt, als zu ſeines Großvaters Zeiten. Und wenn eine geordnete Regierung Finnland verwaltet und alle Hilfs⸗ quellen öffnet, wird Halljala zehnmal höher im Preiſe ſteigen, ſagte Alexei Serbinoff. in H H or da wird er dar off, erwieder Sie ſp und Kinder nen guten E Sie es eben zu ſch eibe d kung erlaube na treten vwil Neigungen g dazu berſtehen ich bin audh ſein„wenn ſit erth? fragt kommt! don. Groß iAnlage 303 Richtig, Herr, im Fall die Hand da iſt, die es verſteht. Kommt aber ein Krieg über das Land, ſo werden große Güter zum Spottpreis zu haben ſein. Wenn ſomit vielleicht Herr Samuel Halſet zufällig eine bedeutende Forderung an das Gut Halljala zu machen hätte, flüſterte der ruſſiſche Graf lächelnd, ſo läßt ſich vermuthen, daß, im Fall der Freiherr kein Geld auftreiben könnte, der Herr Commerzienrath es ſehr billig er⸗ ſtehen würde. Halſet kniff ſeine pfiffigen Augen zuſammen, ſchüttelte jedoch den Kopf dazu. Es iſt dennoch falſch calculirt, Herr, antwortete er, falſch aus allerlei Gründen. Kommt es zum Kriege, ſo wird die ruſſiſche Re⸗ gierung es diesmal ſicherlich eben ſo machen wie früher ſchon zu Zeiten Peter's des Großen und der Kaiſerin Eliſabeth. Der Kaiſer wird Huldigung verlangen als Landesherr und wird Jeden als Hochverräther erklären, der ſich weigert oder gar Widerſtand leiſtet. Glauben Sie, daß der philoſophiſche und tugendhafte Schloßherr von Halljala dahin gelangen könnte? Ich habe die Meinung, es könnte ſo ſein, erwiederte Sam, und in dieſem Falle würde das ganze reiche Gut eingezogen werden. Um die Treue eines würdigen und verdienſtvollen Freundes damit zu belohnen. Ich möchte mich doch lieber nicht ganz beſtimmt darauf verlaſſen, ſagte Herr Halſet, eine Prieſe aus ſeiner goldenen Doſe ſchnupfend. Nicht daß ich dächte, große Herren vergäßen ihre Freunde am leichteſten, wenn ſie dieſe nicht mehr brauchen, fuhr er ſchelmiſch blinzelnd fort, der alte Sam wird noch öfter nöthig ſein, wie ich denke; allein es gibt andere Leute, welche man nicht vergeſſen darf, und die neue Re⸗ gierung wird ſo klug ſein, Landesrechte und Privilegien zu ſchützen; ſomit auch Halljala den rechtmäßigen Erben nicht vorenthalten, welche Anſprüche darauf zu machen haben. Wer iſt der nächſte Erbe? fragte der Graf. Otho Waimon? Es wäre der nächſte ohne Zweifel, verſetzte Sam, allein wenn wir doch einmal vertraulich allerlei Vermuthungen und Möglichkeiten be⸗ denken, liegt es wahrlich nahe genug, den tollköpfigen Burſchen unter den Hochverräthern obenan zu ſehen. Wenn es nicht ſo iſt, um ſo beſſer, 304 Herr Graf. Er macht mir bei alledem die geringſte Sorge; müſſen zu⸗ ſehen, wer Recht behält. Aber da ſind die Wright's, die von Mutterſeite mit Erich Nandal verwandt ſind, und gibt's in Finnland keine Sipp⸗ ſchaft, die ihm nahe ſteht, ſo gibt's ſchwediſche Familien, mit hohen Gönnern und Freunden. Sie ſehen klug und weit in die Zukunft, ſagte Serbinoff vor ſich hinſinnend, dennoch könnte es ſein, daß Sie Unrecht behielten. Nehme ich ſelbſt an, daß der Freiherr Randal ſeine wahren Vortheile und meine freundſchaftlichen Bemühungen verkennt, mein theurer Freund Otho auch nicht, wie ich hoffe, in meines Kaiſers Dienſte tritt, ſo ſind doch beide noch weit davon, das Volk aufzuwiegeln und als Hoch⸗ verräther verurtheilt zu werden. Der Freiherr Erich iſt ein viel zu friedliebender, wohldenkender Landmann, Otho aber haßt die Schweden und ihre Herrſchaft weit mehr, als die Ruſſen. Ich ſehe daher nicht ein, wie ſeine nahen Anſprüche Ihnen ſo geringe Sorgen machen können. Halſet grinste ihn an. Wenn Alles ſo wäre, erwiederte er, würde ihm immer noch übrig bleiben, ſeine eheliche Geburt zu beweiſen. Wie? fragte Serbinoff erſtaunt, iſt die zweifelhaft? Wenn's einmal erforderlich würde, den Beweis zu liefern, könnte ein arges Geſchrei entſtehen, fuhr Sam fort. Als Otho's Mutter geſtorben war, hat ſich kein Trauſchein unter der Nachlaſſenſchaft ge⸗ funden und da der Freiherr, ihr Bruder, bald darauf ihr nachfolgte, war Niemand, der danach gefragt werden konnte. Als Sie allein, ſagte der Graf. Richtig. Sie haben mich auch gefragt, aber ich wußte nichts. Ich meine dennoch, lächelte Serbinoff, daß Sie wohl einige Aus⸗ kunft geben könnten. Meinen Sie nichts, ſagte Sam Halſet, ich habe vergebens Nach⸗ forſchungen gemacht. So viel iſt gewiß, daß die Heirath hier nicht ſtatt fand. Sie kamen an als Mann und Frau und weil die Sache Aufſehen machte, wurde Mancherlei davon geſprochen, doch Niemand konnte in ihre Karten ſehen. Einmal ſprach ich mit Ingar Waimon darüber, machte einen Spaß von dem Gerede, that es aber nicht wieder. Er hatte etwas an ſich, das ſein Sohn von ihm geerbt hat, einen Æ fern, könni az Mütte 0' Mutt ſſenſchaft 9 2 nachfolgte — 305— Blick, der bis in Leber und Zwergfell reicht. Kein Wort ſprach er, kehrte ſich um und ging hinaus. Sollte der Freiherr Randal ein ſolches Verhältniß geduldet haben? fragte Serbinoff, das, wäre es ohne Prieſterbund geſchloſſen worden, doch ſpäter noch kirchlich beſiegelt werden konnte? Ich weiß es nicht, fiel Sam ein, kümmere mich auch nicht darum, halte mich lediglich daran, daß kein Document vorhanden iſt. Nie⸗ mand kennt den Prieſter, der die Trauung verrichtete, Niemand die Kirche und Keiner lebt, der Zeugniß geben kann. Sollte es jemals zu einer Rechtsfrage kommen, würden alle ſeine Anſprüche damit zu Boden fallen. So wollen wir uns bis dahin beruhigen, ſagte Serbinoff und uns zu erfreulicheren Dingen wenden. Da Erich Randal die Hand ver⸗ ſchmäht, welche Sie ihm bieten, Otho ihrer unwürdig iſt, ſo weiß ich einen andern mit Vorzügen reich begabten Mann, der ſich glücklich ſchätzt, wenn Sie ihm Ihre Gunſt und Ihre Tochter zuſagen wollten. Sie brauchen den Namen nicht zu nennen, erwiederte Sam. Ihre Rede iſt deutlich genug; muß Ihnen auch bekennen, daß ich ſie erwartet habe. Ich will Ihnen eben ſo deutlich meine Meinung darüber ſagen. Ich habe nichts dagegen, ſehe es gern und freue mich darüber, kann jedoch kein entſcheidendes Wort ſprechen. Laſſen Sie uns gemeinſam abwarten, wer Recht behält. Kommt es ſo wie ich denke, ſo trifft Alles zuſammen, was ich wünſchen kann.— Wir haben ein langes Geſpräch gehalten, Herr Graf, drinnen fangen die jungen Leute zu ſanzen an, dabei dürfen Sie nicht fehlen. Ich wiederhole alſo nur noch einmal, was ich zum Anfang ſagte. Ich hab's gelobt und ge⸗ ſthworen, keine Andere ſoll Schloßfrau in Halljala ſein, als Mary. Denke auch iſt klar und verſtändlich. Kammerherr Bungen iſt ein Mann, der zugreifen wird, wenn die richtige Zeit kommt, er hat die ſeſten Anſprüche darauf. Sam Halſet wird ihm nicht fehlen. Achte und ſchätze ihn, alles Andere wird ſich finden. Damit ſtand er auf. Serbinoff war befriedigt. In meines Freundes Namen danke ich für Ihre Antwort, ſagte er. Baron Arwed wird fortfahren zu beweiſen, wie ernſtlich ſein Beſtreben iſt, Ihnen und dem Fräulein zu gefallen, und wie es auch kommen möge, ſo wird er doch immer durch die D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 20 — 306— Gnade des Kaiſers ein Schwiegerſohn ſein, der Ihnen Ehre und Freude macht. Propſt Ridderſtern zeigte ſich an der Thür und hinter ihm ließen ſich die dünnen, ſcharfen Töne eines verſtimmten Claviers hören. Da⸗ mals war die Kunſt, dergleichen Inſtrumente zu bauen, noch ſo ziem⸗ lich in den Anfängen und in dies äußerſte Thule hatte ſich überdies nur ein Klapperkaſten der ſchlechteſten Art verirrt, der aber dennoch viel bewundert und angeſtaunt wurde. Weiß lackirt ſtand er auf vier hohen ſteifen Beinen und die älteſte Tochter des Propſtes zeigte, was ſie von ihrer Mutter erlernt, in einigen altherkömmlichen Tanzmelodien, welche trotz der falſchen Griffe und Mißtöne doch mit Entzücken ge⸗ hört und von allgemeinem Beifall begleitet wurden. Lange dauerte es nicht, ſo wirbelte was ſich drehen mochte im Kreiſe herum und Niemand durfte ſich ausſchließen; ſelbſt die geiſtlichen Herren konnten der Verſuchung nicht, widerſtehen. Nach einiger Zeit aber, als die Luſt am lauteſten war, entfernte ſich Erich Randal von dem Tanzplatze und durch die Zimmer gehend ſtand er in dem letzten ſtill. In dem dämmernden Dunkel bemerkte er am Fenſter gelehnt eine ſchwarze ſtille Geſtalt, die bewegungslos blieb, als er näher tretend ihre Hand berührte. Mary, ſagte er leiſe, darf ich noch einmal dich aufſuchen? Warum mich aufſuchen? fragte ſie. Um ein offenes Wort mit meiner Freundin zu ſprechen. Gib mir deine Hand, theure Mary. Gottes Segen ſei mit dir! Meine Hand kann ich nicht geben, ſagte ſie, ihre Finger zurück⸗ ziehend. Nicht deine Hand, Mary? Was wünſcht der Freiherr Randal von ſeiner unterthänigen Die⸗ nerin? fragte ſie mit kalter feſter Stimme. Arme Mary! antwortete er, wie ſchwer muß es dir werden, mich ſo zu ſtrafen. Hat die Vergangenheit keine beſſeren Erinnerungen für mich?. Was will der Freiherr Randal mit der Vergangenheit und deren Erinnerungen, ſagte ſie. Vor ihm liegt eine Zukunft, an welche allein er ſich erinnern ſoll. Weil dem ſo iſt, darum müſſen wir derg dan n Tanzmelon it Entzücken Lange dal iſe herum Herren kon! war, eni Zimmer ge⸗ Dunkel bem un bewegung ſprechen. dir naer zul Finger kerthänigen dp werdel 1 Gein 307 vergeſſen, daß es einmal eine Mary Halſet gab, die thörichten Ge⸗ danken nachhing. Wenn wir vergeſſen könnten, was wir wollten, entgegnete Erich, würde Vieles auf Erden anders ſein. Auch du kannſt es nicht; du willſt mein Gedächtniß aus deinem Herzen reißen, doch immer wieder wird es kommen und dich bitten mild und gütig zu ſein. Freiherr Randal, antwortete ſie mit der beſtimmten Schärfe, welche an ihren Vater erinnerte, wir müſſen zu einem Verſtändniß kommen, da dies das letzte Mal ſein wird, wo wir allein zuſammen treffen. Ich laſſe unerörtert, was an Freundſchaft, oder wie wir es nennen mögen, einſt zwiſchen uns beſtand. Mein Vater hat in ſeiner Weiſe verfahren, als er ſich herbeiließ, Ihnen eine Verbindung zwiſchen uns wiederholt vorzuſchlagen.— Sie haben mir erklärt, was Sie daran hinderte. Zunächſt Ihre Mißachtung meines Vaters, dann Ihres eigenen Vaters Willen und Gebote.— Einem Mann, der ein Kainszeichen auf meiner Stirn erkennt, werde ich niemals anhängen können. Ich gab Ihnen Recht und thue dies noch jetzt. Ich zürne nicht, ich haſſe nicht; ich bekämpfe Alles, was mich antreiben konnte, Verachtung mit Verachtung zu bezahlen; allein zwiſchen uns kann keinerlei Gemeinſchaft mehr ſein. Darum, Herr Erich Randal, wünſche ich Ihnen Glück zu Allem, was Sie beginnen, und danke Ihnen für Ihre Höflichkeit. Sie weiſen meine Theilnahme ab, erwiederte Erich ſanftmüthig und ich gehorche Ihrem Befehle; doch aufzuhören Ihr Freund zu ſein, das vermag ich nicht. Meine Couſine Ebba— Mein gnädiger Herr, fiel die Jungfrau mit ſcharfem Tone ein, meine letzte eindringliche Bitte iſt die, Ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß ich von allen Freundſchaftsbeweiſen unbeläſtigt bleibe. Sie waren hart gegen mich, jetzt ſind Sie grauſam gegen ſich ſelbſt, ſagte Erich. Das Fräulein ſucht Sie, fuhr Mary fort. Gehen Sie zu ihr, tröſten Sie ſie. Ich glaube nicht, daß Sie Urſach haben, länger hier zu verweilen. Mehr als je und dennoch haben Sie Recht, antwortete er. Leben Sie wohl, liebe Mary, einſt vielleicht rufen Sie den Freund zurück. 20* — 308— Sehen Sie dort hinauf, da ſteht ein Stern. Wenn Sie zu den Sternen aufſehen, möge Ihnen immer eine Stimme zurufen: Erich Randal vergißt mich nicht.! Zwiſchen den düſtern Wolken funkelte der helle Stern in ihre Augen, als ſie das Geſicht an das kalte Glas drückte und ſeine Strahlen ſprühten ſonnenartig in den großen heißen Tropfen, die zwiſchen ihren Wimpern hingen. Eine Gluth füllte ihr Herz, daß es zerſpringen wollte, ein triumphirender Schrei zitterte durch ihre Seele, während ein verzweifelndes Lachen um ihre Lippen zuckte. Wo ſind Sie denn, beſtes Fräulein Mary? rief Baron Arwed. Ich ſuche Sie überall. Es ſoll ein deutſcher Walzer getanzt werden. Lieben Sie den? Ganz beſonders, erwiederte ſie, ihre Augen trocknend. So machen Sie mich glücklich, indem Sie meinen Arm annehmen. Alles, was ich zu Ihrem Glücke beitragen kann, beglückt mich ſelbſt, erwiederte Mary, und ganz erſtaunt über dieſe Antwort, führte er ſie freudig in den hellen Saal. Vierzehntes Kapitel. Endlich war der Tag gekommen, an welchem die Reiſe nach Liliendal begonnen werden konnte. Der Schneefall hatte aufgehört, die Schlittenbahn war gut, der Himmel klar und alle Anſtalten ge⸗ troffen, um den langen Weg in möglichſt kurzer Zeit zurückzulegen. An beſtimmten Stellen erwarteten friſche Pferde die Reiſenden und dieſe ſelbſt beſaßen einen Ueberfluß von guten Pelzen und Schutz⸗ mitteln gegen die Kälte, welche überdies keineswegs empfindlich war. Ihre nordiſchen Leiber waren daran gewöhnt, ein ſtrenges Klima zu ertragen und ſich wohl und heiter dabei zu fühlen, in dieſer Jahres⸗ zeit aber, wo die ſcharfe reine Luft alle Nerven ſtählt, wo der Him⸗ mel ſo wolkenlos blau erſcheint, wie zu keiner andern Zeit, die Sonne Re kaulege rückzu 1 ſenden u — „d Ech —A.—— 4 309 mit Diamantglanz leuchtet ohne zu wärmen und die Natur in ihren unermeßlichen ſilbernen Gewändern, wie in einem ſchönen Feierkleide ſchlafend liegt, ſind die Bewohner des Nordens voller Luſt und Ge⸗ ſchmeidigkeit, voller Lob auf ihr Vaterland, und voll trotziger ſelbſt⸗ bewußter Kraft, um die Verweichlichung des Südens und der Süd⸗ länder zu verſpotten. Die ſchmalen Schlitten, nur mit einem Pferd in breiter Gabel beſpannt, haben höchſtens für zwei Perſonen Platz, von denen eine die Zügel handhaben muß. So geſchah es auch hier, denn Otho eröffnete mit dem Kammerherrn Bungen den Zug. Der Freiherr Erich Randal ſorgte für Ebba's Sicherheit; Serbinoff, in allen Künſten wohl erfahren, führte Louiſa ihnen nach und den Schluß machten die Diener der Gäſte. Eine ungeheure viele Meilen lange glänzende Ebene dehnte der Pajäne ſich aus, mit ſeinen Eisſpiegeln, auf denen die Sonnenſtrahlen wunderbar abprallten, lund der glatten, köſtlichen Schneebahn, auf welcher die Roſſe pfeilſchnell dahin jagten. Auf dem erſtarrten Rücken des gewaltigen Sees wollte die Geſellſchaft den größten Theil ihrer Reiſe bis nach Heinola hinab zurücklegen; ehe ſie jedoch dieſen fröh⸗ lichen Zug begann, blieb ihr übrig, dem alten Freunde in Lomnäs, deſſen Thür ſie faſt berührten, einen Abſchiedsbeſuch zu machen. Der Invalide hatte ſich faſt gar nicht mehr in Halljala blicken laſſen. So lange das Wetter böſe war, ſaß er in ſeinem Hauſe, das in einem der kleinen Thäler lag, welche ſich gegen den Pajäne öffnen, und als der Himmel klar wurde, ſprach er zwar einige Male im Schloſſe vor, doch nur, um bald wieder aufzubrechen. Es war eine Verſtimmung in ihm, die er nicht zu bewältigen vermochte; eines Falte ſaß zwiſchen ſeinen weißen Augenbrauen und ſie ging nicht fort, er konnte den alten, ſpottenden und doch herzlichen Ton nicht wieder⸗ finden. Daß er den Sohn fortgeſtoßen hatte, der der Troſt ſeines ein⸗ ſamen Alters war, ging ihm tiefer, als er es ſich ſelbſt geſtehen mochte, und der Anblick des Menſchen, um deſſentwillen es dahin ge⸗ kommen, rief eine unwillkommene Erinnerung in ihm wach, die jeden⸗ falls auch durch das Verhalten ſeiner ſo lange geliebten Freunde ge⸗ ſchärft wurde. Denn Otho hing an dieſem Ruſſen ſo feſt, daß er 310 noch immer auf den Knaben ſchelten mochte und den alten Major es deutlich genug merken ließ; ſein Lieblingskind aber, die kleine Louiſa, wich ihm aus, zog ſich zurück und Keiner fragte um Nachrichten aus Swea⸗ borg, Keiner ſprach von Magnus, um jede weitere Erörterung zu vermeiden. Ein Brief von Guſtav Lindſtröm war jedoch noch vor der Abreiſe eingetroffen, der, mit einer ganzen Reihe kräftiger Seemanns⸗ ausdrücke verbrämt, gemeldet hatte, daß ſeine Berufung unnütz ge⸗ weſen ſei. Der Froſt habe den Hafen geſperrt, noch ehe das Geringſte geſchehen konnte. Ueber hundert und vierzig Schiffe aller Art lägen feſtgefroren, an Fortbringung dieſer Flotte ſei alſo nicht mehr zu denken. Magnus Munk ſei nun ein Jägercadett in Jägerhorn's Re⸗ giment geworden und müſſe tapfer ſich drillen laſſen; ſechstauſend Mann lägen in der Feſtung und in Helſingfors und in Borgo, auch kämen fortgeſetzt Verſtärkungen an, und, wie man ſage, ſollten alle Regimenter in Finnland zuſammengezogen werden, um gegen den Kymene vorzugehen. Aber verdammt ſeien alle Landratten und ver⸗ dammt der alte Klingſpor, der Generalſtatthalter in Finnland ſei, dabei jedoch noch immer in Stockholm feſt ſitze. Am Schluſſe hatte Guſtav ſeine Freude ausgedrückt, in Liliendal alle Langeweile zu ver⸗ geſſen.„Ich habe den Freiherrn Wright hier geſehen,“ ſchrieb er, „auch ſeine Tochter, Frau von Gurſchin. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ſie mir gefallen, aber ſonſt ſind es prächtige Leute. Die Gur⸗ ſchin iſt ein wundervolles Weib, Keiner kann ihr widerſtehen. Admi⸗ ral Cronſtedt, ſo ausgetrocknet er iſt, wie ein Schiff, das allen ſeinen Theer verbraucht hat, ſetzt ſeine neueſten Wimpel und Segel auf, wenn ſie auf ihn los ſteuert. Der Admiral wird auch nach Liliendal kommen, was hier irgend dazu gelangen kann, bleibt ſicher nicht zu⸗ rück; wer weiter noch dort iſt, weiß ich nicht. Sicher finden wir Ruſ⸗ ſen, Bekanntſchaften der Gurſchin aus Petersburg, es ſoll häufig der⸗ gleichen Beſuch dort anzutreffen ſein. Wie es jenſeits des Kymene hergeht, weiß Keiner; an Krieg aber glaubt kein Menſch, doch Garde⸗ Koſaken und Huſaren habe ich ſelbſt geſehen, als ich neulich in An⸗ jala war, und verdammt will ich ſein, wenn Alles in Richtigkeit iſt!“ Dieſer Brief des treuherzigen Seemanns gab viel zu lachen. Serbinoff las ihn ſelbſt und machte allerlei luſtige Bemerkungen, und — 311— als am Morgen der Abreiſe die Schlitten vor dem Hauſe des alten Majors hielten und dieſer erfreut ihnen entgegen hinkte, lief Louiſa faſt wie ſonſt freudig in ſeine offenen Arme und klammerte ſich um ſeinen Hals. Nachrichten von Magnus, mein Väterchen! rief ſie ihm zu, gute Nachrichten. Er iſt wohlauf und muß Schildwacht ſtehen. Was haſt du für ihn zu beſtellen, wenn wir ihn ſehen? Was ſollen wir ihm — bringen? ler Att lg Bring' dich ſelbſt, Herzenskind, bring dich ſelbſt! ſchrie der alte Soldat freudenvoll, indem er ſie küßte. Ehl verlierſt den Muth ſchon? Herein, meine lieben Freunde; ihr dürft nicht von mir gehen, ohne eänen Abſchiedstrunk. Borgo, Er führte ſie in ſein kleines Haus und ließ in Eile herbeibringen, ſollten a was er beſaß, um ſeine Glückwünſche damit zu ſegnen. Die ſchlichte m gegen d Wohnung zeigte überall, daß Major Munk keinen Ueberfluß von den undt Gütern dieſer Erde beſaß, wie die Menſchen ſie erſehnen, aber zur Sommerzeit mochte es doch wohl hier freundlich und behaglich aus⸗ ſehen. Sanfte Höhen faßten das Thal ein, die weißen Stämme an weile zu b den Abhängen bewieſen, daß überall Birkenwald ſich ausbreite, und 4 ſchrieb der Bach, welcher jetzt unter dem Schnee begraben lag, mußte einen 8 nich hole heſonderen Reiz gewähren. Der alte Soldat deutete dies an, als er 4 d Gu Louiſa nochmals väterlich küßte und ſeine Hände auf ihren Kopf Anr legte.— Ich will dich erwarten, mein liebes Kind, ſagte er, will „len ſelr lören, was du mir für Nachrichten mitbringſt. Wir wollen nicht von 7 Vel al alten Geſchichten ſprechen, wirſt den alten Vater nicht wieder ſo lange lier allein laſſen. Bring' mir Grüße von Magnus, mach's mit ihm wie „ Ih mit mir, du lieber Nix. Er wird auch wieder kommen, der arme ſiche rir g Funge wird dir zeigen, wie ein ſchwediſcher Mann ausſieht und wir . werden wieder an dem Waſſerfall ſitzen; wirſt wieder rufen: Es iſt 4 gur doch nirgends ſchöner in der ganzen Welt, als bei dir, Vater Munk! Go Louiſa hörte dem alten Invaliden lächelnd zu. Sie ſah ihn ſtarr ſabei an, bis ſie endlich, wie von Bangigkeit überwältigt, eine Be⸗ 2tnrkel wegung machte, als wollte ſie ſich entfernen, dann aber ihn um ſo 4 ſeſter hielt, während Thränen ihre Augen füllten. 312 Haſt Furcht, mein Töchterchen, vor der weiten Reiſe? lachte der Major. Wirſt mir viele ſchöne Sachen erzählen können, wenn wir uns wiederſehen, und kein Menſch auf Erden wird dich lieber er⸗ warten, wie ich es thue zu aller Zeit. Stoß an, mein Nirchen, ſtoßt Alle an, meine lieben Freunde. Auf ein frohes Wiederſehen, und daß mir Keiner den alten lahmen Soldaten in Lomnäs vergißt, mag's auch noch ſo hochhergehen bei den vornehmen Herrſchaften. Für Jeden hatte der Major noch einen Scherz beim Abſchiede, und Ebba ſagte er etwas in's Ohr, indem er auf Erich deutete, was ſie mit einem Handſchlag bekräftigen mußte. Dann ſtellte er ſich auf ſeine Schwelle, ſchwenkte ſeine Pelzmütze und brachte ein letztes kräf⸗ tiges Lebehoch aus. Bringt gute Nachrichten heim! rief er. Guten friſchen Tabak, Erich, extra gute Blätter, um die Friedenspfeife zu ſtopfen. Bring' dein finniſch Herz zurück, Otho Waimon, damit Satan keinen Theil an dir habe. Die Ruſſen, murmelte er in ſich hin, die mag er ohne alle Ausnahme bei lebendigem Leib holen, den dort— er blickte auf Serbinoff, der ſeine Dame in die Pelze wickelte— den vor allen andern! Von dieſem letzten Abſchiedswunſche des Invaliden hörten die Reiſenden nichts mehr. Ihre Pferde flogen dem Pajäne zu und bald befanden ſie ſich auf der glänzenden, glatten Ebene, bald donnerten die Hufe ihrer ſchnellen Thiere über Eisblinken, deren Gekrach den Kammerherrn ſo ängſtlich machte, daß er Otho Waimon fragte, wie tief das Waſſer hier ſei? Wenigſtens vierhundert Fuß! rief Otho lachend, und darüber lie⸗ gen auf's höchſte ſechs oder acht Zoll Eis. Es kommt zuweilen vor, daß die ganze gefrorne Decke in eine wellenförmige Bewegung geräth, und es ſcheint mir beinahe, als fühlte ich eben jetzt ein ſolches Schwanken unter uns. Um des Himmels Willen! ſchrie Baron Arwed, ſo halten Sie an. Im Gegentheil, je raſcher, je ſicherer fahren wir! erwiederte der junge Mann, indem er das feurige Pferd antrieb. Seien Sie ohne Sorge! finniſches Eis iſt ſo zähe, wie finniſche Haut. Der Kammerherr mußte ſich fügen, allein er verwünſchte mehr als einmal an dieſem Tage die Unbeſonnenheit dieſes ſtarrköpfigen mach nach dich ſicht finniſchen Bauers, der ohne alle Rückſicht ſeinem Eigendünkel folgte. nen, wen Es geſchah aber dennoch kein Unglück, denn mit größerer Sicherheit ddich lieber und genauerer Kenntniß dieſer ſeltſamen Landſtraße von Eis konnte Nirchen Miemand ausgerüſtet ſein. Auch war Otto Waimon diesmal kein ſo n, und übler Geſellſchafter, als bei der Reiſe von Abo. Er ſtritt nicht und rnachte keine groben Bemerkungen, weit eher war er ſchweigſam und en. nachdenkend, antwortete, wenn er gefragt wurde, einſylbig oder gar nicht, häufig aber auch wieder fröhlich und geſprächig, ſo daß er er⸗ ich deutete, ſichtlich den verſchiedenſten Stimmungen unterworfen war. Der Tag verging in angenehmer Weiſe durch die Gemeinſamkeit der Reiſenden, welche in ihren Schlitten ſich dicht folgten, und unter frohen Zurufen und kleinen luſtigen Abenteuern die verſchiedenen Plätze erreichten, wo ſie raſten, ihre Pferde wechſeln und ſich erfriſchen konnten. Auf der breiten, freien Bahn ging es dann wieder mit ver⸗ doppelter Schnelle weiter und die Berge und Wälder der hohen Ufer flogen zu beiden Seiten reißend ſchnell vorüber. Die Eintönigkeit der Natur in dieſem endloſen weißen Schleppkleide wurde dadurch weniger ermüdend und ganz leblos blieb die ungeheure Fläche nicht, denn zu⸗ weilen kamen lange Schlittenzüge zum Vorſchein, die mit Holz und rnit Heu beladen, von Bauern in dicken Schaafpelzen und hohen Pelzmützen geführt wurden und um ſie her jagten, als der Abend ſich näherte, dunkelfarbige Thiere in weiten Kreiſen, die flüchtig ſcheu bald ren Gekta in den Wäldern verſchwanden, bald wieder daraus hervorbrachen. non ftagte, Die Schlitten mit Heu und Holz, unſern beiden Hauptproducten, — beladen, ſagte Otho, gehen in die Küſtenſtädte hinab, denn der ber Winter iſt die Zeit, wo es unſern Bauern allein möglich wird, in en a8 leichter Weiſe mit Hilfe der Seeſpiegel und der vortrefflichen feſten gera Eisbahn darauf ſo weit von Haus zu fahren. Sind die beiden Meerbuſen hes S erſt zugefroren, dann geht dieſer Handel und das Wanderleben unſerer Bauern erſt recht an. In alten Zeiten zogen ſie zur Sommerzeit in halten ihren ſchnellen Schiffen aus, um fremde Küſten zu verheeren, jetzt gat ihre Abenteuerluſt ſich friedlich umgekehrt. Aus den verwegenen geien El Seeräubern ſind unerſchrockene Handelsleute geworden, welche über den vottniſchen Meerbuſen Karavanenzüge durch die Eiswüſte machen, und — 314 eben ſo über den finniſchen Buſen bis nach Petersburg und Reval gelangen. Seit es ein ruſſiſches Finnland gibt, fügte Serbinoff hinzu, iſt dieſer Winterhandel ein ſehr einträglicher geworden. Viele tauſend finniſche Schlitten kommen nach Petersburg und nehmen manchen blanken Rubel mit zurück. Der wachſende Wohlſtand in Wiborg und im ganzen Lande hat eine ſeiner Hauptquellen in dieſem Verkehr, wozu dann freilich auch kommt, daß die Regierung unausgeſetzt Sorge trägt, alle Verbindungen zu erleichtern, gute Straßen zu bauen und durch Kanäle den mächtigen Saima⸗See und deſſen reiche Waſſer⸗ ſtraßen mit dem Ladoga und dem Meere in Zuſammenhang bringt. Gegen dieſe Bemerkung ließ ſich nichts einwenden, denn es war bekannt genug, daß Rußland wirklich große Mittel anwandte, um den Unterſchied ſeiner Sorgfalt für Finnland gegen die ſchwediſche Sorg⸗ loſigkeit einleuchtend zu machen; aber die Rede betraf einen Gegenſtand, den man nicht weiter berühren mochte. Gibt es auch Wölfe in dem geſegneten Rußland? fragte Ebba, als der Graf ſchwieg, und lachend fügte ſie hinzu: Es iſt vielleicht Ihrer aufgeklärten Regierung noch nicht ganz gelungen, dieſe wider⸗ ſpenſtigen Unterthanen zum Gehorſam zu erziehen; allein eine höhere Civiliſation iſt ihnen jedenfalls ſchon eingeimpft, wie dieſen abſcheu⸗ lichen finniſchen Wegelagerern, die uns am hellen Tage umſchwärmen. Sagen Sie das nicht, Couſine Ebba, fiel Erich ein. Sie haben ſelbſt ſchon erfahren, daß die finniſchen Wölfe friedliche Thiere ſind, und unſere Bauern laſſen es ſich nicht nehmen, daß, wenn ein Un⸗ glück vorkommt, ein ruſſiſcher Wolf es angerichtet hat. Welch ungerechtes Mißtrauen gegen die Vorkämpfer der Zukunft! rief das Fräulein. Alle Wölfe ſind tückiſch und hinterliſtig, ſehen aber ſo unſchuldig aus, als könnten Kinder mit ihnen ſpielen, ſagte Otho. Darum müſſen ſich alle Kinder vor ſolchen unſchuldigen Gefährten wohl behüten, ſagte Ebba. Sie thun es dennoch nicht, fuhr Otho fort. Es kommt vor, daß kleine Mädchen Wölfe aus den Häuſern jagen, wo ſie ſich zuweilen einſchleichen. ———— E—— 315 Wenn ſie ſie fortjagen, und die Wölfe ſich fortjagen laſſen, mag z angehen. Ich möchte jedoch behaupten, ein ruſſiſcher Wolf iſt licht ſo liebenswürdig, ſeine Jagd leichthin aufzugeben. Allerdings nein; man hat Beiſpiele, daß Kinder zerriſſen wurden. Uber ſeltſam genug iſt es, was man von den großen Zuſammen⸗ lünften der Wölfe auf dem Eiſe erzählt. Gewiß iſt, daß im Winter ie Seen ihre beliebteſten Tummelplätze ſind, und ganze Schaaren out oft beiſammen getroffen werden, was ſich aus den Schlittenzügen und aus der freien Umgebung, die jede Gefahr ſchon von weitem tigt, erklären läßt. Dagegen behaupten die Bauern, welche über den jwniſchen Meerbuſen fahren, daß dort zuweilen wahre Reichsverſamm⸗ ungen abgehalten werden. Aus Finnland und Rußland treffen die Abgeordneten in Maſſen ein, ſetzen ſich nieder, ſtecken die Köpfe zu⸗ ſunmen und beginnen geheimnißvolle Unterhandlungen, welche ganze Gegenſtau Rächte anhalten. Wahrſcheinlich verhandeln ſie über die beſten Mittel zur Erhaltung fraate E lwer guten Conſtitution, meinte der Kammerherr. E fl vielle Oder ſie verhandeln über eine gemeinſame Reichsverſchmelzung, e. dieſe wi ſetzte Ebba hinzu. ein eine hit Oder ſie debattiren über Auswanderung und Freizügigkeitsrechte, — abſc ſogte Erich; denn man will bemerkt haben, daß nach dieſen Conferen⸗ zun immer einige ruſſiſche Anſiedler nach Finnland kamen. um Familienverbindungen anzuknüpfen und höhere Cultur zu verbreiten, lachte das Fräulein. So viel iſt ſicher, daß es wilde ſtarke Geſellen ſind, vor deren fſemden Sitten man ſich zu hüten hat, verſetzte Otho. Wenn die Lauern eine ſolche Verſammlung bemerken, fahren ſie ſogleich alle iyre Schlitten in einen Kreis zuſammen, die Pferde nach innen, und ſünden dann rund umher Feuer an. So iſt die Aufklärung alſo das beſte Mittel, um ſich vor dem Wolfe zu behüten! rief Ebba. Daher wünſche ich, daß ein Jeder ſch das merke, der in Dunkelheit umherirrt. Serbinoff hatte nur mit wenigen ſcherzenden Zwiſchenworten ſich mmt d in dies Reiſegeplauder gemiſcht, aber er flüſterte dafür mit ſeiner ſee ſich I Rachbarin und lachte mit ihr. — 316— Fürchten Sie ſich auch vor dem ruſſiſchen Wolf? fragte er leiſe. Warum ſollte ich ihn fürchten, wenn Alexei bei mir iſt? ant⸗ wortete ſie. Ja, Alexei wird dich vor allen Wölfen behüten, vor allen, die dich mir entreißen wollen, murmelte er. Wir müſſen vorſichtig ſein, Louiſa. Vertrauen Sie Keinem, als mir allein. Sie lächelte ihm zu, Ihre Augen glänzten durch die Dämmerung des Abends, der ſein rothes Licht um die weißen Berghäupter band. — Wir werden in Liliendal viele Menſchen finden, die uns beoh⸗ achten, fuhr er fort. Das wird uns größeren Zwang auflegen. Ruhig, theure Louiſa— ich werde Mittel finden, damit wir ungeſtört uns entſchädigen können. Sie war erfreut über ſeinen Troſt. O! das wünſche ich ſehr, ſagte ſie. Die vielen fremden Menſchen werden mich peinigen. Otho geht es ebenſo. Hat er mit Ihnen noch etwas geſprochen, was ich nicht weiß? fragte Serbinoff. Nicht viel, ſagte ſie. Er iſt ſeit einiger Zeit viel ſtiller und in ſich gekehrter, als früher. Heut früh nahm er mich in ſeine Arme und küßte mich; aber er war ſehr ernſthaft dabei. Ich fragte ihn, warum er mich ſo ſorgend betrachte? Gehſt du denn gern mit uns nach Liliendal? antwortete er. Ich ſagte ja, er gehe ja auch dahin, und Alexei ſei mit uns. Da lachte er, nickte mir zu und ſah mich ſo wunderlich an, daß ich meinen Kopf an ſeine Bruſt drückte. Ich möchte lieber hier bleiben, rief er endlich; aber es muß ſo ſein, und wer weiß denn, Louiſa, ob wir wieder zurückkehren? Es wird uns doch kein Unglück begegnen? ſagte ich erſchrocken. Auch was wir Glück nennen, kann es ja ſein, antwortete er. Möchteſt du nicht auch aus dieſer Hütte, um eine glänzende Dame zu werden, die einen Palaſt bewohnt? Es wird dir gefallen, wenn du in Liliendal das bunte Leben ſiehſt. Wo du biſt, Otho, da will ich auch ſein, ſagte ich, und er— Er! fiel er ein und faßte mit beiden Händen meinen Kopf, armes Kind, nimm dich in Acht! Glaube nicht zu viel! die Dämme rahäupter! die uns wang aufl t wir unge wünſche ich ſch nicht i ſtiller und 1.19 9 H in ſeine ach fragte Sagte er das? murmelte Serbinoff. Iſt er nicht unſer lieber treuer Freund? ſagte ich ihm. Das iſt er, antwortete er, ein edler ſtolzer Freund, dem ich ja elhhſt vertraue. Wir werden ſehen, Louiſa, weſſen Hand uns leitet. 58 könnte jedoch ſein, daß wir uns trennen müßten, daß ich weit fortginge und dich zurückließe. In weſſen Schutz ſollſt du dann leiben? Als er dies ſagte, wurden wir unterbrochen. Jem rief ihn hin⸗ uus, und wie er zurückkehrte, kamen Sie mit ihm; Alles war gut! Er bat mich nur noch, freundlich gegen den alten Vater Munk zu ſiin, und Sie ſtimmten ihm bei. Alles wird ſich gut geſtalten, erwiederte Serbinoff. Ich hoffe, heure Louiſa, daß in kurzer Zeit Ihr Bruder mir Gelegenheit gibt, im mein ganzes Herz zu öffnen. Bis dahin wollen wir uns gedul⸗ den. Wenn es aber ſo ſein ſollte, wenn er fortginge und Sie urrückließe, ſoll Niemand Sie ſchützen als ich. Kein Anderer als Ihr Freund Alexei. Ich ſehe ein Licht! rief Ebba, und mit dieſem Ausrufe zugleich ſugte Otho: Es ſind die Lichter von Heinola, die uns einladen, un⸗ ene Plätze am warmen Herde und am gedeckten Tiſche einzunehmen. Das waren erfreuliche Ausſichten für Baron Arwed, der dadurch in die verſöhnlichſte Laune geſetzt wurde. Die Dunkelheit war jedoch ſhon vollſtändig und Nebel verdichteten ſie noch mehr, ehe der kleine det erreicht wurde, welcher am immer ſchmaler werdenden Ende des Prjäne liegt. Am nächſten Morgen fuhren die Schlitten dann ſüdwärts weiter ſegen die Küſte hinab, überſtiegen den Bergzug, melcher ſich öſtlich nßen den Kymene zieht und jagten durch die langen tiefen Thäler, eeren maleriſche Wildheit ſelbſt von ihrer winterlichen Decke nicht zenz eingehüllt wurde. Noch war der Froſt nicht ſo ſtark, um die gewäſſer bis auf den Grund frieren zu laſſen; noch brausten Bäche don Felſen herunter und ſprangen über Blöcke und Trümmer, die den dem Sprühregen in ungeheure Eispyramiden und Säulen ver⸗ wendelt waren. Eisgewölbe hatten ſich über die fallenden Waſſer ſe ildet, und in ſeltſamer Weiſe ziſchte und kochte die bewegliche —.— 318 Maſſe in dieſen erſtarrten Schalen, welche mit unwiderſtehlicher Macht ſie immer dichter umſchloſſen, um endlich den letzten lebendigem Tropfen zu tödten. Schwarze endloſe Wälder hingen auch hier vom jähen Bergen in die Thäler hinab. Doch dieſe zeigten mit ihren dichter ſtehenden Hütten, daß die Bevölkerung beträchtlicher ſei als im inne⸗ ren Lande. Zugleich war es nicht zu verkennen, daß Menſchen ſchwe diſcher Abkunft ſich zwiſchen den Finnen angeſiedelt hatten. Denn aus dem hohen Schnee, welcher die Dächer bedeckte, ragten verſchie deutlich Schornſteine auf, welche ihre Rauchſäulen in die Luft ſchickten während an den meiſten anderen Gebäuden der Qualm aus den verſchiedenen Löchern und Ritzen über Fenſtern und Thüren ſich ſeinen Weg ſuchte. Damals war der Schornſtein noch viel mehr, als es gegenwäriig der Fall iſt, das untrügliche Zeichen, daß eine ſchwediſche Familtt ſich unter ihm eingeniſtet habe; denn, wie der niederſächſiſche deutſche Bauer noch jetzt den Rauch durch Haus, Tenne und Stall ſtreichen läßt, die ſich ſämmtlich unter ſeinem Dache vereinigen, damit daß Vieh beſſer freſſe, das Futter um ſo ſchmackhafter werde, das Fleiſch beſſer räuchere, Thier und Menſch beſſer gedeihe, und was der vielen guten Gründe mehr ſind, durch welche er ſich hartnäckig den Schorn⸗ ſtein vom Leibe hält und ſeine ſächſiſche Abkunft unangetaſtet bewahrt: ſo auch der Finne, der eine angeſtammte Verachtung gegen jene fremde ſchwediſche Sitte und eine eben ſo innige Zuneigung für Un⸗ ordnung und Unreinlichkeit beſitzt, trotz ſeiner Badſtuben und der da⸗ mit zuſammenhängenden Gewohnheiten. Die Reiſenden konnten vielfach bemerken, wie arm und unwiſſſend der allergrößte Theil dieſes Volkes ſei, wie elend ſeine Hütten neben den mancherlei großen Schlöſſern und Häuſern, welche den reichen Baronen des Landes und den geiſtlichen Hirten gehörten, und doch war auch hier der Menſchenſchlag ein ſchöner und kräftiger. Prächtige Männergeſtalten wickelten ſich aus den dicken Pelzen und ſprangen in ihren flatternden Wollröcken den Reiſenden entgegen. Eine beſondere Gelenkigkeit war an ihnen zu bemerken; höflich und geſprächig waren ſie Alle. Wenn das helle Feuer von dem Herde aufloderte und die Geſellſchaft vor den hochſchlagenden Flammen ſich wärmte, bis die ——.— 319 neuen Pferde kamen, vergaßen ſie den Rauch und die blinden, kleinen, zerbrochenen und verklebten Fenſter über die Freundlichkeit, mit wel⸗ cher ihnen jeder mögliche Dienſt geleiſtet wurde; aber der Unterſchied zwiſchen den Zuſtänden des Landvolks in Halljala machte ſich überall geltend. Selbſt der Kammerherr konnte nicht umhin, Erich Randal zu fragen, ob denn die Leute auf ſeinen Beſitzungen wirklich früher in demſelben Elend gelebt hätten, und als der Freiherr verſicherte, daß es vor ſeines Vaters Zeiten wohl noch ärger dort ausgeſehen, wagte er nichts gegen die Lobſprüche einzuwenden, welche ſeine Schweſter für Erich im reichſten Maße hatte. Der Weg, welcher an dieſem Tage zurückgelegt werden ſollte, war bei weitem nicht ſo groß, als am vorhergehenden; dennoch kam der Abend heran, denn Berge und Thäler wechſelten beſtändig, und ver⸗ ſchiedene Male mangelte es an Pferden. In mehreren kleinen Orten wurden Soldaten gemuſtert, in anderen ſtanden Kanonen und Wagen⸗ reihen an der Straße. Auf Befragen hörten die Reiſenden, daß rnehrere Regimenter in der Gegend lägen, die, ſeit einigen Tagen von Weſten her eingetroffen, die Beſatzungen der Grenzlinie verſtärken ſollten. Der kriegeriſche Lärm und das Ungewöhnliche dieſer winter⸗ lichen Soldatenzüge hatten die Einwohner wohl erſchreckt; allein der Glaube war auch hier allgemein verbreitet, daß es nichts zu bedeuten habe. Uebereinſtimmend verſicherten die Bauern, die großen Herren zankten ſich wieder einmal, daher würden arme Leute durch Schnee und Eis gehetzt. Die Ruſſen aber dächten nicht daran, über den Kymene zu kommen bei ſolcher Winterzeit, wo es in Finnland nichts zu holen gäbe, und der König würde ſich mit ſeinem Schwager ſchon wieder vertragen. Was der Verſtand der Verſtändigen nicht ſieht, lachte der Baron, was findet in Einfalt das fromme Gemüth! Wo ſoll Krieg herkommen in dieſem Lande ohne Städte, ohne Hilfsmittel, voller Wüſten, obenein jetzt im Winter, wo in einer Nacht das ganze Heer erfrieren müßte. Mit dreifachen Pelzen wäre ich ein todter Mann. Krieg führt man nicht mit Kammerherrn und Baronen, antwortete Otho. Nordiſche Soldaten aber ſcheuen den Winter nicht, und ohne Zweifel iſt es wahr, daß Finnland in dieſer Zeit leichter anzugreifen 320 iſt als im Sommer. Alle unſere Seen ſind dann feſte Straßen, alle Flüſſe ſind gefroren, das ganze Land iſt ein breiter Weg, der nach allen Seiten hin betreten werden kann. Dazu kommen die unendliche Menge von Fußſteigen und Pfaden, welche nach allen zerſtreuten Höfen führen. Ja, wirklich, rief er umherſchauend, es iſt ein Irrthum zu glauben, der Winter ſei uns ein beſonderer Schutz. Iſt die Schnee⸗ decke erſt feſtgefroren, trägt ſie Reiter und Kanonen mit aller Sicher⸗ heit. Wenn ein entſchloſſener Feind ſich gehörig vorgeſehen hat, kann es ihm glücken, und wäre ich ein General, der Finnland erobern wollte, würde ich mich vor Schnee und Kälte am wenigſten fürchten. Es ſteckt am Ende noch ein berühmter Feldherr in unſerem ſcharf⸗ blickenden Vetter! lachte Arwed. Feldherrn behalten aber gewöhnlich ihre Gedanken für ſich, fiel Ebba ein. Er erobert Finnland eines ſchönen Winters, ſagte Serbinoff, und proklamirt die finniſche Republik. Und am Pajäne wohnen wir dann Alle, flüſterte Louiſa. Sie ſetzten ihre Reiſe fort, und bald darauf lag Liliendal vor ihnen, hellſchimmernd und neu, ein ſtattlicher Landſitz, deſſen lange Fenſterreihen von der Sonne überglüht wurden. Erwartungsvoll hin⸗ gen alle Blicke an dem großen, ſchloßartigen Bau, der ſich über einem breiten, anſcheinend viel bewohnten Thale erhob. Nicht weit davon lag der Häuſerhaufen eines Städtchens, viele zerſtreute Höfe waren bis in weite Ferne zu erkennen, und dieſer geſammte Beſitz gehörte dem Freiherrn. Er iſt wohl ſehr reich? fragte Arwed. Wirklich reiche Familien haben wir kaum noch in Finnland, er⸗ wiederte Erich. So groß der Bodenbeſitz auch ſein mag, ſoll doch die Zeit erſt kommen, wo er bedeutenden Werth erhält; bei wachſenden Bedürfniſſen aber und unbeſchränkter Gaſtfreiheit ſinkt die Wohlhaben⸗ heit häufig weit eher, als ſie zunehmen könnte. Was Erich andeutete wurde bald genügend verſtanden, als die Reiſenden vor dem Schloſſe anlangten und in den Hof einfuhren, der einen bedeutenden Raum umſchloß. Gärten ſchloſſen ſich unmittelbar daran, welche zur Sommerzeit überall berühmt waren. Ein hohes Treibhaus ließ ſeine Glaskuppeln ſehen, nirgend war ein Wirthſchafts⸗ — 321— gebäude in der Nähe des prächtigen Herrenhauſes zu entdecken, dies ſelbſt aber wurde durch Säulen verziert, die einen großen Balcon mit tergoldeter Umgitterung trugen. Als die Schlitten vor den Stufen der breiten Freitreppe anlangten, ſprangen ein halbes Dutzend reich zekleidete Diener herbei, Puder im Haar, ſtattliche Zöpfe und Locken ſinten und an den Seiten.— In wenigen Minuten befanden ſich ſie Gäſte in der Vorhalle, wo in zwei mächtigen mit Marmor ver⸗ ſeerten Kaminen helle Feuer brannten, und hier kam ihnen der Be⸗ jtzer des Schloſſes entgegen, an ſeinem Arme eine ſchöne, geſchmückte Dame, die mit anmuthiger Lebendigkeit auf Ebba zueilte, ſie umarmte, üßte und mit wunderbarer Schnelle ihr in franzöſiſcher Sprache hre Freude und ihr Entzücken, ſie endlich hier zu ſehen, ausdrückte. Fünfzehntes Kapitel. War der erſte Empfang im Hauſe des Freiherrn Wright ein aus⸗ nehmend herzlicher geweſen, ſo ließen die nachfolgenden Tage eben ſo wenig eine Abnahme der Aufmerkſamkeiten merken, wenn auch nach und nuch die Zahl der Gäſte ſich vermehrte. Das Schloß, ſo groß es war, biſaß keine unwohnlichen Räume, wie Hompus Randal's düſterer Bau, auch keine Hallen mit verblindeter und vermoderter Pracht, keine aus dem deißigjährigen Krieg herkommende, zuſammengewürfelte Geräthe. Der Freiherr hatte ſein Schloß vor einigen Jahren umgebaut und noch mehr vergrößert. Deutſche Arbeiter hatten dabei geholfen und aus Jetersburg hatte ſeine Tochter, Frau von Gurſchin, erſt im letzten Eommer eine Auswahl prächtiger Geräthe aller Art, franzöſiſche Jolſterarbeiten, ausgelegte feine Mobilien, Broncen, Seidenbehänge und Stiickereien, ſammt engliſchen Fabrikaten herüber geſandt, denen ſie ſelbſt eüdlich nachfolgte. Alle Gemächer des Schloſſes waren daher in neuer und geſchmackvoller Weiſe ausgeſtattet, und dieſe ſteigerte ſich bis zum D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 21 322 ausgeſuchten Luxus. Staunend über alle dieſe Wunder, von denen ſie bisher nichts ahnte, ging Louiſa darin umher; kaum wagte ſie die vielen herrlichen, blitzenden Dinge zu berühren, kaum die blumen⸗ vollen Teppiche zu betreten, und mit Entzücken ſtand ſie vor großen Bronceuhren, vor farbenſchimmernden Kronleuchtern von Glas und Gold, vor köſtlich gemalten Vaſen und vergoldetem Porzellan. Der Freiherr war ein kleiner, ſchmaler Herr, der in ſeiner Jugend lange im Auslande und an Höfen lebte, bis er ſich hierher zurückzog. Ein gewiſſes hofmänniſches Weſen ſchimmerte auch jetzt noch durch ſeine Manieren, und ſeine Augen hatten einen leichtfertigen Ausdruch von Unbeſorgtheit und Gitelkeit, Eigenſchaften, welche ſich auch in ſeinen Geſprächen deutlich genug erkennen ließen. Seine Frau wan todt, dies hinderte ihn jedoch nicht, ſein Haus fortgeſetzt zum Sammel⸗ platz zahlreicher Freunde und Gäſte zu machen, und ſeitdem ſeine Toch⸗ ter als Wittwe zu ihm zurückgekehrt war, wurde Liliendal nicht mehr leer von Beſuchen. Bei den eigenthümlichen Verhältniſſen, welcht während der letzten Monate eintraten, kamen in dieſem Schloſſe Män⸗ ner zuſammen, deren Begegnen man leichter auf einem Kampfplatze, als in einem ſtrahlenden Ballſaale vermuthen durfte, die aber nichts deſto weniger mit zuvorkommender Geſelligkeit hier verkehrten. Frau von Gurſchin hatte unter den Garderegimentern, welche in das ruſſiſche Finnland eingerückt waren, zahlreiche Bekannten, die ſonſt in Peters⸗ burg in ihren Kreiſen erſchienen; es war daher natürlich genug, daß dieſe ritterlichen Offiziere ihre Freundin in Liliendal aufſuchten. Ander⸗ ſeits war die ſchöne, junge Wittwe auch die Nichte des Dragoner⸗ oberſten Wright, und mit dieſem Oheim erſchienen manche andere, ſchwediſche Kriegsmänner im Hauſe ihres Vaters. Oberſt Jägerhorn kam, wenn er in Sweaborg verweilte, ſehr häufig, und als die Veſte auf den ſieben Inſeln im Meere immer ſtärkere Beſatzung erhielt, Admiral Cronſtedt als ihr Commandant eintraf, das kriegeriſche Leben umher immer regſamer wurde, gab es auch in Helſingfors mancherlel Luſtbarkeiten, bei denen Frau von Gurſchin nicht fehlte. Die Beſucht und Feſte im Schloſſe Liliendal wurden dadurch noch mehr befördert, und eben als die Verwandten aus Halljala eintrafen, fanden ſie Vor⸗ ffertigen Au bältniſſen, w ſem Schloſſe 1” nem Kampft die aber verkehrten. bereitungen zu einem glänzenden Balle und langanhaltenden Gaſtereien, bei denen diesmal der Admiral ſelbſt erſcheinen ſollte. Es hatte jedoch noch Zeit damit, und für die nächſten Tage konnte die ſchöne Dame ziemlich ungeſtört ſich mit ihren neuen Umgebungen bofreunden und beluſtigen. Sie that dies auch mit aller der liebens⸗ würdigen Laune aus der Fülle einer immer heiteren und ſorgloſen Herzlichkeit, die ſich bis zur Ausgelaſſenheit ſteigern konnte, und bald im natürlichſter Weiſe zur vertrauten Annäherung gelangte. Conſtanze Gurſchin hatte den lebhaften, leichten Sinn ihres Vaters, und reizen⸗ der konnte nichts ſein, als ihr muthwilliges Geplauder, ihr Lachen, ihre witzigen Einfälle und Spöttereien, die ſie mit den verſöhnlichen Blitzen ihrer großen, feurigen Augen begleitete. Sie war klein von Geſtalt, ihr Geſicht voll und fleiſchig, und wie ihre ganze Gliederung üppig gerundet, aber die Schönheit ihrer Arme und Hände wurde da⸗ durch noch mehr erhöht, und die kleinen Füße verloren nichts an Zier⸗ lchkeit. Sie war in dem Alter der vollſten Reife aller weiblichen Vorzüge, und ihre Fülle mochte zu bedenken geben, daß die Stunde der Umkehr nahe ſei, allein noch war dieſe nicht da, und noch warf ihre außerordentliche Beweglichkeit und geiſtige Regſamkeit einen enmuthigen Zauber über ſie, dem ſo leicht ſich Niemand entziehen konnte. Mit Ebba in die Beziehungen vertrauter Freundſchaft zu treten üeß ſie ſich Anfangs beſonders angelegen ſein, bald jedoch mußte ſie bemerken, daß die Gegenſätze ſo verſchiedener Naturen weit eher ſich übſtoßen als anzieyen mochten. Statt deſſen beſchäftigte ſie ſich mit Louiſa, und wie es nicht anders ſein konnte, mit dem Kreiſe der Män⸗ ſer, aus denen ſie ihren Hofſtaat immer zu bilden wußte, und immer inen ſolchen nöthig hatte. Ebba Bungen war nicht weniger erregbar els Conſtanze Gurſchin, ihre muthwillige Laune gab ſich gern zwang⸗ oſer Fröhlichkeis hin, ihre Empfindungen belebten ſich raſch und ihre Gedanken folgten unbedenklich dem Zuge jeder Bewegung, allein ſie neß ſich davon doch niemals fortreißen, und bald gab es eine Grenze, worüber hinaus ſie der gefallſüchtigen Frau nicht folgen mochte, und nicht folgen konnte. Nach dem erſten Tage ſchon machte ſich dies Bewußtſein auch bei ven beiden Damen bemerklich. Frau von Gurſchin fühlte, daß etwas 21* — 324— zwiſchen ihnen ſei, das ſich nicht überwinden laſſe, und ſie ſcherzte darüber zunächſt mit ihrem Bekannten und Verwandten, Erich Randal, als ſie mit dieſem in dem großen Gewächshauſe umherging, wo ſie mit ihm die mancherlei fremden Pflanzen und Blumen betrachtete, welche ſein beſonderes Intereſſe erregten. In ihren großen Sammet⸗ mantel gewickelt, der mit dem koſtbarſten Zobelpelz verbrämt war, ging ſie neben dem Freiherrn her, der ihr beredt viele dieſer Gewächſe bei ihren gelehrten Namen nannte, und von Linné, Buſſon, Juſſieu, Decandolle und Humboldt ſprach, während ſie ihn verſpottete und aus⸗ lachte, als das einzige Mittel ſich nicht zu langweilen. Warum haben Sie in Halljala keine Treibhäuſer? fragte ſie end⸗ lich. An einem würdigeren Orte könnten dieſe nicht ſtehen. Ich werde auch dazu kommen, antwortete Erich freundlich, denn ich denke ſchon lange daran. Sobald ich irgend Zeit und Mittel dazu beſitze, werde ich mich an die Ausführung machen. Wie ich glaube, iſt Ihre Zeit gegenwärtig durch andere fremd⸗ artige Gewächſe in Anſpruch genommen, ſagte Frau von Gurſchin, und Sie finden die Beſchäftigung mit dieſen jedenfalls äußerſt an⸗ ziehend. Erich Randal hob ſeine blauen tiefſchimmernden Augen zu ihr auf und lächelte ihr zu. So muß es wohl ſein, ſagie er, ich will es nicht leugnen. Seit wir uns nicht ſahen, lieber Erich, haben Sie, wie ich mich überzeuge!, in Ihren gelehrten Höhlen die intereſſanteſten Studien ge⸗ macht, ſpottete ſie weiter; auch zweifle ich nicht, daß die liebe Couſine Ebba Ihnen dabei Geſellſchaft leiſtete. Ebba beſitzt wirklich Neigung zum Lernen und zu den Büchern, verſetzte er. Sie hat mir oft Geſellſchaft geleiſtet, und wir haben manche freudige Stunde zuſammen verlebt. 4 Auf Abſchlag der freudigen Stunden, die noch kommen ſollen, fiel ſie ein. Welche himmliſche Ausſicht für Sie, theurer Erich. Viele ſchöne lange Winter werden Sie dann in ungetrübter Seligkeit vorübergehen ſehen, und welche Studien werden erſt beginnen, wenn die Gewächshäuſer fertig ſind. Ich wünſche Ihnen auf's herzlichſte Glück zu allen Genüſſen, die Ihnen bevorſtehen. und Ich darf dieſe Glückwünſche zwar noch nicht annehmen, erwiederte er mit ſeiner gewöhnlichen Sanftmuth, allein ich will doch geſtehen, daß ſie mit meinen Wünſchen übereinſtimmen. Nur Geduld, blöder Couſin, lachte die ſchöne Frau, es wird ſich Alles zu Ihrer Freude erfüllen. Meine liebe Ebba ſpricht von Ihren Lugenden wie von einem Heiligen. Sie müſſen ſpäter jedenfalls zur miſſiſchen Kirche übertreten, um canoniſirt zu werden; aber ich freue mich aufrichtig über Ihre Wahl. Trefflicher, paſſender konnte keine ſein. Meine ſinnige Freundin wird in den Einſamkeiten am Pajäne wie eine gütige Fee umherwandeln. Ihr werdet Beide ein gott⸗ ergebenes, tugendhaftes Leben führen, und ſogar eine Sünderin, wie ich bin, in euren Gebeten nicht vergeſſen. Mit verſtellter Demuth hing ſie ſich dabei an ſeinen Arm und brach dann in luſtiges Lachen aus. Machen Sie kein ſo vergebungsvolles Geſicht, heiliger Erich, fuhr ſie fort, ich bin durchaus ernſthaft. Ebba iſt unendlich liebenswürdig, echt ſchwediſch liebenswürdig, verſtändig, und varum paßt ihr ſo vortrefflich zuſammen. Aber was haben Sie uns weiter für allerliebſte Geſchenke mitgehracht? Ich meine damit nicht den geiſtvollen Kammerherrn, auch nicht meinen alten Bekannten aus Betersburg, an den ich keine Kritik ſu legen wage. Ich meine die beiden halbwilden Geſchwiſter aus den Wüſten von Savolax, unſere cheuren Verwandten, in deren Adern das Blut Wainemonen's, des iinniſchen Apollo's, rollt. Nein, in voller Wahrheit, fuhr ſie fort, ch bin Ihnen dankbar dafür und wir Alle. Da iſt Naivetät, Leben, Feuer, Phantaſie. Was ſeid ihr dagegen mit eurem ſchwediſchen ſalten Blut, mit euren ewig frierenden Herzen! Ich glaube nicht, daß man den ſchwediſchen Herzen dieſen Vor⸗ wurf machen kann, erwiederte Erich. O! Ihr ſeid kalte Fantaſten, lachte die ſchöne Frau. Ihr könnt uch für eure Einbildungen opfern, könnt die thörichtſten Tollheiten uushecken und dafür ſchwärmen, könnt für eure eigenſinnigen Launen nugendhaft ſein und Verbrechen begehen, die leichtfertigſten Streiche und große Thaten verüben; nur muß Alles hübſch mit Gründen belegt werden, Alles wohl bedacht und mit den beſten Beweiſen verſehen ſein. Das iſt die Natur des Nordens, ſagte Erich. X. „„ ſrl. — 326— Falſch! rief Conſtanze Gurſchin, der Norden thut ees nicht; es liegt in euren phantaſieloſen Köpfen. Euer Stamm iſt dem Ver⸗ trocknen nahe. Ich denke, erwiederte der Freiherr, indem er die lebhafte Frau lächelnd anſchaute, daß Sie ſelbſt den beſten Beweis geben, wie es uns an Phantaſie nicht fehlt. Ich— o, ich! antwortete ſie, ich lehne dieſe ſchmeichelhafte Ein⸗ ladung ab, ich gehöre nicht zu euch. Hätte mein Schickſal mich nach Stockholm geführt, gütiger Himmel! was würde aus mir geworden ſein. Vielleicht hätte ein geiſtreicher Kammerherr mich beglückt, und ohne Zweifel wäre ich dann eben ſo gedankenreich, gelehrt und liebens⸗ würdig geworden, wie ich jetzt Gelegenheit habe, mich an den edelſten Beiſpielen zu bilden. Aber der Wille Gottes und ſeiner Heiligen führten mich nach Petersburg, und was konnte dort Anderes aus mir werden, als ein ſündiges, nach allen Lebensgenüſſen ſtrebendes Welt⸗ kind. In dieſem großartigen Gewühl, im Mittelpunkt eines Welt⸗ lebens, umringt von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit, Macht und Größe aller Art, von den ungeheuerſten Glückswechſeln und den aben⸗ teuerlichſten Menſchenſchickſalen, fließt ein Leben dahin, ehe man ſich darauf beſinnen kann, was walr, was falſch ſei. Täglich neue Hoff⸗ nungen, täglich neue Freuden, überhaupt täglich etwas Neues. Und täglich neue Täuſchungen und neue Qualen, ſagte Erich. Armer philoſophiſcher Freund! wie ſehr täuſchen Sie ſich. Nichts Quälenderes iſt mir von dieſem ſchrecklichen Lande geblieben, als die Sehnſucht, ſo bald als möglich wieder in ſeinen Labyrinthen umher⸗ zuirren, und keine Stunde länger, als ich muß, will ich in dieſem finniſchen Paradieſe bleiben. Sie müſſen bleiben? fragte Erich. Von den Verhältniſſen und den Wünſchen meines Vaters gezwun⸗ gen, fuhr ſie fort, und glücklicher Weiſe gibt es doch wenigſtens auch hier jetzt einige Abwechſelungen, durch den Streit zwiſchen dem Hohen⸗ prieſter aller Lächerlichkeit in Stockholm und dem Heros unſerer Zeit, dem erhabenen Kaiſer Alexander, herbeigeführt. In nächſter Woche werden Sie über die Vorzüge zweier Völker urtheilen können, mein weiſer Couſin. Wir erwarten aus Frederiksham Beſuch von General — 327— Suchtelen, der in ſeinem Stabe eine Auswahl liebenswürdiger Offi⸗ ſiere mitbringt, darunter einen Dolgorucki, einen Panin und Andere nns den höchſten Kreiſen. Aber auch Admiral Cronſtedt wird kommen, und die Blüthe ſeiner Schweden ſoll einen edlen Wettkampf beginnen, das heißt einen Wettkampf im Tanzſaale und um die Gunſt der Schönen, die dort zu erobern ſind. Ein eigenthümliches Vorſpiel zu ernſteren Kämpfen, erwiederte Erich nachdenklich. Auf keinen Fall wird viel daraus werden; auch dürfen Sie nicht ſo entſetzlich ernſthaft dabei ausſehen, fiel Frau von Gurſchin ein. Es iſt ritterlich ſchön, wenn die Gegner trinken, lachen, tanzen, dann alber, wenn die Stunde da iſt, zu den Schwertern greifen. So war es in den alten chevaleresken Zeiten; für diesmal jedoch werden hoffentlich tapfere Männer auch klug ſein und nach ſchwediſcher Sitte wohl überlegen, was ſie thun. Jeder ſehe, wo er bleibe, heißt es im alten Sprichwort. Mein Vater und mein Oheim ſcheinen nicht daran zu glauben, daß es viele heißblütige Narren gibt, die einen Aderlaß nöthig haben. Jedenfalls werde ich im nächſten Winter in Peters⸗ burg ſein und gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie dort zu finden, Couſin, an Ebba's Seite botaniſirend und neue tiefſinnige, große Wahrheiten entdeckend. Trotz Ihrer philoſophiſchen Gleichgiltigkeit werden Sie mir dabei zugeben müſſen, daß auch die Philoſophen zu⸗ weilen zu Poeten werden. Philoſophen wie Poeten ſind noch niemals in den Genüſſen der Welthauptſtädte und an Kaiſerhöfen ſonderlich gediehen, ſagte Erich Randal lächelnd. Ohne Eines von Beiden zu ſein, werden meine Nlugen doch ſchwerlich jemals den modernen Heros Alerander erblicken. Dann iſt er, wie ich erwarte, ſo artig und kommt zu Ihnen, um ſeinen finniſchen Diogenes kennen zu lernen, lachte die übermüthige Frau. Verlaſſen Sie ſich darauf, ſo wird es geſchehen. Aber viel⸗ leicht haben Sie Recht. Bleiben Sie ein Philoſoph und handeln Sie vanach. Halten Sie alle ſtörenden Ereigniſſe weit von ſich abz denn jelig ſind die Friedfertigen, und Wohlgefallen hat der Herr an den Geduldigen. Dort kommt ein Mann, dem ich andere Dinge zutraue, Einer, der in Petersdurg ſich beſſer gefallen wird. — 328— Mit dieſen Worten deutete ſie durch ein Fenſter hinaus, und Erich Randal ſah Otho und Serbinoff in einiger Entfernung zwiſchen den Bäumen. Es gehörte zu den Vorzügen der Einrichtungen dieſes Schloſſes, daß auch ſeine nächſten Umgebungen ſorgfältig vom Schnee geſäubert und die Wege mit Kiesſand beſtreut waren. Serbinoff trug ſeine goldgeſtickte prächtige Uniform. Sein ſcharf gekrümmter türki⸗ ſcher Säbel in rother Scheide hing an einer reichen Borte, ſeine hohe kräftige Geſtalt, in das knappe Kleid gezwängt, ließ alle Formen auf's Vortheilhafteſte hervortreten. Neben ihm ging Otho, in ſeinem geſchnürten Pelzrock nicht weniger ſtattlich, und wohlgefällig ruhten die Augen der ſchönen Wittwe mit Kennerblicken auf ihm. Wenn dieſe Beide in den Petersburger Salons erſchienen, ſagte ſie nach einer ſchweigenden Betrachtung, will ich wetten, unſer wilder Vetter trüge den Sieg davon. Und hier kommt unſere ſüße kleine Louiſa, die wie eine verzauberte Prinzeſſin umherwandelt und die un⸗ begreiflichen Wunder anſtaunt. Ein lieblicheres Kind habe ich nie geſehen, ſie entzückt mich mit ihren Einfällen, ihren Fragen und ihren köſtlichen Bemerkungen. Das ſind Menſchen für uns, Couſin Erich. Voller Poeſie, voller Feuer, voller Einbildungskraft. Es iſt be⸗ neidenswerth, ſie in die Welt zu führen, und dieſe Knospe in die Botanik des Lebens einzureihen, damit ſie nicht unbekannt zwiſchen Felſen und Dornen verblüht. Louiſa ſprang in das Gewächshaus und eilte mit einem Freuden⸗ ruf ihrer Gönnerin entgegen, ſchlang ihre Arme um ſie mit Küſſen und Fragen, bewunderte den Putz der ſchönen Frau, blickte mit Stau⸗ nen und Freude in ihre glänzenden Augen und in ihr Geſicht und ſagte ihr dann, was ſie dachte, mit ſolcher unbefangenen heiteren Offenheit, daß Conſtanze Gurſchin laut lachend ſie dafür mit den zärtlichſten Liebesnamen und mit Scherzen überſchüttete. Während dies geſchah, war Otho Waimon mit ſeinem Freunde weiter gegangen und zwiſchen den Tannen, die ihr Geäſt bis dicht am Boden ausbreiteten, verſchwunden. Sie führten ein Geſpräch, bei dem ſie endlich ſtillſtanden und es beendeten, ehe ſie zurückkehrten, um nicht darin geſtört zu werden. d habe ich ragen und i Couſin G Ich reiſe heut Abend, ſagte Serbinoff, und gehe, wie ich dir ſchon mittheilte, nach Wiborg, um mich dem Grafen Burxhövden vor⸗ zuſtellen. Gern will ich Alles thun, was du wünſcheſt, und aufrich⸗ tig freue ich mich, daß du zu einem Entſchluſſe gekommen biſt. Der General, den ich genau kenne, und der mit meiner Familie innig ver⸗ bunden iſt, wird mit Freuden meine Bitte bewilligen. In wenigen Wochen, lieber Otho, wirſt du in ſeiner Nähe ſein und bei mir, in rneiner Nähe, was mich auf's Innigſte beglückt. Ich ſehe ein, erwiederte Otho, ſeine Hand drückend, daß ich fort rnuß. Ich will, ich muß! ſetzte er mit Nachdruck hinzu, indem er vor ſich niederblickte. In Serbinoff's Geſicht ſchimmerte ein eigenthümliches verſtecktes Lächeln. Da du mußt, ſagte er, ſo brüte auch nicht länger über die Schmerzen einer Trennung, welche dir wohlthun ſoll. Ich fühle dein Leid mit dir, ja, ich möchte dir die Erfüllung deiner Herzenswünſche gönnen; denn Ebba— Nenne den Namen nicht! rief Otho, raſch aufblickend, ich werde ihn vergeſſen. In ihrer Nähe mag ich nicht leben, kann ich nicht leben! Darum thuſt du Recht, zu gehen und zu handeln, wie ein Mann handeln muß, ſagte Sexbinoff. Du wirſt ſie vergeſſen und ſie wird dich vergeſſen, um ſo eher, da es zweifelhaft iſt, ob ſie je ernſthaft an dich gedacht hat. Glaube, was du willſt, fuhr er fort; allein vergiß nicht, daß ſie ihre Wahl getroffen hat. Ein Weib, das liebt und bei alledem doch einem Andern ihre Hand reicht, iſt wahrlich kein Gegenſtand, um ſich allzu ſehr um ſie zu betrüben. Außerdem, fuhr er fort, ſind alle Verhältniſſe dir entgegen. Vertraue jetzt dem Glück und dem Muth. Wirf dich in den großen Strom, ich will dich ſchwimmen lehren. In wenigen Jahren wirſt du andere Anſprüche machen können; andere Weiber werden dir entgegenkommen. Du wirſt wählen können und wirſt willkommen ſein. Glaube mir, eine Zu⸗ kunft winkt dir zu, die dir Ehren und Reichthümer verheißt. Ergreife fie und frage nicht. Zunächſt einen Tod in Ehren! murmelte Otho düſter vor ſich hin. — 330— Denke nicht daran, erwiederte Serbinoff. Wer beſtimmt iſt zu leben, den verſchonen die Kugeln. Es gibt Auserwählte, die eine höhere Macht beſchützt, denen kein Tod nahen kann. Ich glaube, daß du zu dieſen gehörſt. Etwas in mir ruft mir zu, daß es keine Ge⸗ fahr gibt, aus der du nicht glücklich hervorgehen wirſt. In Otho's Augen flammte es feurig auf. Es iſt mir ſo, ſagte er, als müßte ich es glauben.. Dein Vaterland braucht einen Befreier, fuhr Serbinoff fort. Der unfähige Mann auf Schwedens Thron ſtürzt in ſein Verderben. Wenn es je eine Zeit gab, um an Befreiung Finnlands von ſchwedi⸗ ſchem Joche zu denken, ſo iſt dieſe jetzt gekommen. Glaube nicht, daß dies leere Worte ſind, daß die Tage der Kaiſerin Eliſabeth ſich wiederholen können, daß Alexander euch täuſchen wird, wie ſie es that. Finnlands Selbſtſtändigkeit wird ſo geſichert werden, wie die große Katharina die Zweite dies ſchon beabſichtigte und den Oberſten des Angelabundes feierlich zugeſagt hatte. Hätten dieſe thatkräftig gehandelt, wie die Kaiſerin es forderte, hätten ſie die finniſche Fahne erhoben, Finnland als freien Staat proclamirt, ſo wäre Guſtav der Dritte verloren geweſen. Mein Vater wollte es, ſagte Otho, wollte mit Erich's Vater und Anderen den Volksaufſtand organiſiren, aber die meiſten erſchracken davor, mißtrauten der Kaiſerin, die Tartaren, Griechen und Polen niemals Wort gehalten, vielmehr ſie zu Grunde gerichtet hatte. Dies Mißtrauen eben verſchaffte dem Schwedenkönig den Sieg über ſchwache und furchtſame Verſchwörer, fiel Serbinoff ein. Wer ſich in ſolche Gefahren begibt, muß nichts ſcheuen und nichts fürchten. Aber, was auch geſchehen iſt, die Zeiten haben ſich geändert. Alexander iſt der großmüthigſte, edelſinnigſte Fürſt, begeiſtert für menſchliche Freiheit und Menſchenrechte, Lerne die Männer kennen, die ihn um⸗ geben und an der Spitze ſeiner Heere ſtehen, und du wirſt erfahren, welch Geiſt der Ehre in ihnen wohnt, wie unmöglich Treuloſigkeiten ſind. Des Weltfriedens wegen, für das Heil der europäiſchen Nationen, hat er ſich mit Napoleon verſöhnt und verbündet, ſollte dieſer jemals ſich als Unterdrücker zeigen, ſo wird Rußland ihn abermals bekämpfen. Was wird Rußland für Finnlands Freiheit verlangen? beſtimmt i vählte, d Ich glaube dieſe thatkrif „ntſche F finniſche d zre Guſtat 45 VPater ſten erſch 4 C echen und. Ich bin natürlich nicht im Stande, dir zu ſagen, was die Ab⸗ ſichten unſerer Regierung ſind, aber von eurer Klugheſt, eurer Ent⸗ ſchiedenheit wird jedenfalls das Meiſte, wenn nicht Alles abhängen. Kommt es zum Kriege, und ich zweifle kaum mehr haran, nachdem ich gehört habe, daß der eigenſinnige Mann in Stochholm auf keine Vorſtellungen achtet, Jeden beleidigt, der in ſeine Näh geräth, unſern feinen klugen Geſandten Alopäus, des Kaiſers Günſtling, mit aus⸗ geſuchten Beleidigungen überſchüttet, ſogar gedroht hat, ihn nach tür⸗ kiſcher Manier feſtſetzen zu laſſen. Kommt es alſo zum Krieg, dann rnuß Finnland zeigen, daß es ſein Joch abſchütteln will. Was dein Vater wollte, muß dann geſchehen. Ein Volksaufſtand muß erfolgen, vatriotiſche Männer müſſen an die Spitze treten, die Ruſſen müſſen als Befreier empfangen werden. Mit ihnen vereint werden die Finnen gegen ihren Unterdrücker kämpfen. Auf dieſe Weiſe ſichert ihr euch eben ſo wohl das Wohlwollen und die Dankbarkeit des Kaiſers, wie ihr ſelbſt das Heft in der Hand behaltet. Kein Volk kann verlangen, daß Fremde ihm die Kaſtanien aus der Aſche holen, auf daß es ſich nur an den gedeckten Tiſch ſetzen darf, um ſie zu verſpeiſen. Zeigt euch als Männer, erwerbt euch die Güter, nach denen ihr ſtrebt, er⸗ weckt Achtung bei denen, die in Verſuchung gerathen könnten, euch als ein mit ihrem Blute erobertes Gut zu betrachten. Bei Gott! du ſprichſt wahr, rief Otho. Unſere Freiheit muß mit Thaten, mit unſerm Blut erworben werden. Das hat uns bisher ge⸗ fehlt. Wir müſſen zeigen, daß wir frei zu ſein verdienen! Und wer vermöchte das beſſer zu beweiſen, als du, erwiederte Alexei Serbinoff. In Tavaſtland und Savolax hängt die Ju⸗ gend dir an. Sprich mit dem Grafen Buxhövden, ſage ihm offen, was du denkſt, was du erwarteſt. Es iſt ein tapferer 1 edler Mann, er wird deine Hoffnungen unterſtützen, wird deine Wünſche theilen und beleben und in Petersburg Bahn brechen. Ich wiederhole dir noch einmal: Alles kommt darauf an, kühn und entſchloſſen zu handeln. Ich bin entſchloſſen, ſagte Otho. Ich will mich in die Nähe des Generals begeben, ſobald du mir dazu die Einwilligung bringſt. Ich will als Freiwilliger bei ihm bleihen, wenn er mir Zuſagen leiſten 4 8 △☛ 4 4 2₰ 7 4 49 1.. 1 kann, und ich will ihm mein Wort verpfänden, daß, wenn er mir Waffen liefert, ich binnen vier Wochen drei oder viertauſend Finnen zu⸗ ſammenbringen will, die an Tapferkeit Niemand nachgeben. Bis dahin aber kein Wort, Serbinoff, auch nicht zu dieſem Wright und ſeinem Anhang. Ich glaube wohl, ſetzte er langſamer hinzu, daß er und manche andere ſchwediſche Junker und Ritter für Rußland zu haben ſind, allein ſie bringen euch nichts mit, als ſich ſelbſt. Es ſind leicht⸗ ſinnige verdorbene Menſchen, Verſchwender und Wüſtlinge, in Schul⸗ den verſunken, die ſie los ſein möchten, und gierig nach neuen Mit⸗ teln für ihre Lüſte. Kein Finne rührt für ſie eine Hand. Traut ihnen nicht, ſie ſelbſt ſind ohne Treue und Glauben. 9 Ich weiß Alles, erwiederte Serbinoff, aber wie gefällt dir die ſchöne Wittwe Gurſchin? Ein gefährliches, glänzendes Spielzeug. Glücklich der, dem es ſich an den Hals hängt! Sie iſt voller Geiſt, voller Capricen; es laſſen ſich mit ihr Monate, Jahre vielleicht, wonniglich verleben. Für einen Anfänger, der in die Welt eingeführt ſein will, iſt ſie ein Schatz, dabei gutmüthig, großmüthig, mit vielen köſtlichen Eigenſchaften ausgeſtattet. Man wird ſich niemals bei ihr langweilen; das iſt die große Gefahr bei allen Frauen. Otho ging ſchweigend neben ihm. Ich habe keine Ruhe, ſagte er, um Beobachtungen über Weiber zu machen. Meine Schweſter Louiſa wird von ihr bevorzugt. Louiſa iſt ein Kind. Ein liebenswürdiges vom Himmel ſtammendes Kind! rief Alexei, und indem er Otho's Hand feſter drückte, ſagte er: Es iſt Zeit, daß wir ein vertrautes Wort reden. Ich bin zu lange in der Nähe deiner Schweſter geweſen, um nicht von dem Zauber umſtrickt zu werden, mit dem ſie jedes Herz bindet. Du haſt bemerkt, wie ich mich deſſen nicht erwehren konnte, und haſt dazu geſchwiegen. Ja, Serbinoff, erwiederte Otho Waimon, ich ſah, daß ſich Louiſa zu dir wandte, ich ſah auch, daß du ſie lieb hatteſt, und ich ſchwieg dazu, weil ich mich deſſen freute, weil ich wußte, daß ich dir ver⸗ rw trauen konnte. 9 Ich danke dir für dies edle Vertrauen, ſagte Serbinofft, doch ich 9 muß dir mehr bekennen. Ich muß dir geſtehen, daß ich deine Schweſter liebe, daß ich glaube, ſie erwiedert meine Neigung, daß aber in mei⸗ men jetzigen Verhältniſſen manche Schwierigkeiten zu überwinden blei⸗ .a ben, um meine Wünſche wahr zu machen. 8 4 Ich verſtehe, was du andeuteſt, erwiederte Otho. Louiſa liebt dich k umſ rnit allem Feuer einer unſchuldigen Seele. Du mußt am beſten wiſſen, was du kannſt und willſt. Meine Schweſter iſt arm, wie ich, ein Mädchen aus dem Volk, finniſches Blut in ihren Adern, unwiſſend, unbekannt mit der Welt, ohne den Verſtand, um je darin als klug — und fein zu glänzen. Ich tadle dich nicht, Serbinoff, wenn du davor ach neun; zurück weichſt. Vielleicht war es dieſe kindliche Süße, dieſe fremdartige d. Traut Natürlichkeit, die dich entzückte, vielleicht hängſt du ihr an mit der Sehnſucht und den Qualen, die man Liebe nennt. Dann aber reiß ſie gefällt di aus deiner Bruſt und werf ſie von dir. Du biſt ein edler, ſtolzer Mann, du wirſt ein Kind vergeſſen, das dir auf deinen Wegen nicht folgen kann. Louiſa, die jetzt nur noch in Träumen lebt, wird weiter träumen, bis die Zeit ihre Bilder verblaßt. ahre iiel Du ſetzeſt Manches voraus, was ſich nicht mehr vergeſſen läßt, Welt eingef erwiederte Alexei. it bi Ich ſetze voraus, ſagte Otho, daß du als Mann, wie ich dich niemals bi⸗ kenne und verehre, nichts gethan haſt, was dich bleibend und bindend an Louiſa feſſeln müßte. Ruhe, ſagi Keine Gelöbniſſe, die ich nicht erfüllen könnte, ſagte Serbinoff. Mein Schweſtet Wille iſt nicht ſo leicht zu beugen, ich gebe nichts auf, was ich zu halten vermag. Es würde thöricht ſein, wollte ich dir nicht geſtehen, daß I rif Al Hinderniſſe zu beſiegen ſind, ehe ich zu dir ſagen kann, lege Louiſa's zs iſt Zeit, Glück und Zukunft in meine Hände. Ich bin Soldat, wer weiß, ob Nähe dei die Kugel nicht ſchon gegoſſen iſt, die wich treffen ſoll; auch gehöre ktt zu wern ſch einer Familie an, welche Hochmuth genug beſitzt, um ihn zur ich mich d Schau zu tragen; endlich bin ich Lon vielen Rückſichten und Ver⸗ hältniſſen gebunden, die in meiner Stellung, meinem Stande und dui ſch B meinen Verpflichtungen zur Geſellſchaft wurzeln. Doch ich habe den dith ſt Muth, alle zu überwinden. Ich blicke in die Zukunft voll freudiger 44 d Hoffnungen. Du wirſt mir dabei helfen, mein Freund, mein Bruder! Die Schweſter Otho Waimon's, des kaiſerlichen Generals, des Führers und Befreiers Finnlands, wird ſelbſt meinem vortrefflichen Oheim ge⸗ 4 334 nügen. Mit Stolz wlrd er ſie in ſein Haus führen, mit Freuden ſie dem Hof vorſtellen. So, theurer Freund, ſo ſehe ich in die Ferne und erwarte, was da kommen wird, mit der Gewißheit einer glück⸗ lichen Löſung. s Er legte ſeinen Arm um Otho und zog ihn an ſich. Du kennſt jetzt meine Entwürfe, fuhr er dann fort, die wir vereint in die Hand nehmen wollen. Sobald ich aus Wiborg—zukkehre, nehmen wir weitere Verabredungen. Finnland wird in der nächſten Zeit kein Auf⸗ enthalt für Damen ſein, der einzige Ort für ſie wäre Abo, wenn es von unſeren tapferen Schaaren beſetzt wird. Ich hätte ſchon jetzt Luſt, dir vorzuſchlagen, auf keinen Fall Louiſa nach Haus zurückzuſchicken, wohin ſie gewiß auch ohne dich nur betrübt gehen würde. Sage lieber, ohne dich, antwortete Otho lächelnd. Doch, wo ſoll ich ſie bewahren, wenn nicht— bei ihr, bei Ebba und bei Erich. Weißt du denn, fragte Serbinoff, wie ſich die Verhältniſſe ge⸗ ſtalten können? Ich hoffe und erwarte, daß der Freiherr Randal für unſere Sache gewonnen wird. Ich hoffe, daß Arwed auch ſeine Schweſter in ein richtiges Verſtändniß der Dinge, wie dieſe ſind, verſetzt. Vergiß aber nicht, daß es Schweden ſind, die den König zwar auf's bitterſte haſſen, doch immer Schweden bleiben. Wenigſtens ſie, dieſes ſtolze Fräulein, das mehr politiſchen Fanatismus beſitzt, als zehn Männer zuſammen. Ihr darf man nicht trauen. Denn die Weiber ergreifen Alles, ſo auch die Staats⸗ und Volksangelegenheiten, mit dem Herzen, und kümmern ſich wenig um die Combinationen des Verſtandes. Sie lieben und haſſen nach ihren Gefühlen, darum ſind ſie gefährliche Feinde, und darum iſt es nöthig, mein Freund, daß die Schweſter Otho Waimon's in Sicherheit gebracht wird, um nicht etwa nach Stockholm zu wandern, als nahe Verwandte eines Rebellen. Es iſt möglich genug, erwiederte Otho nachſinnend, daß Ebba mir zürnen und mich verabſcheuen wird. 3 Wir können Louiſa in den Schutz der Frau von Gurſchin geben, ſagte Serbinoff. Jedenfalls, ſetzte er hinzu, als er keine Beiſtimmung bemerkte, wollen wir dies noch näher überlegen. Viele edle Familien werden nach Petersburg gehen, deine Schweſter wird dort am Beſten aufgehoben ſein. Zunächſt, mein Freund, beobachte unverbrüchliches Schweigen gegen Jeden, ganz beſonders aber gegen deine grauſame Geliebte. Ich habe Ebba gelobt, nichts zu thun, ohne es ihr mitzutheilen, ſagte Otho. Du wirſt es ihr mittheilen, da du es gelobt haſt, doch nicht eher, bis ich wieder hier bin. Dann tritt vor ſie hin und ſage ihr Lebe⸗ wohl! Du wirſt einſehen, daß ich Recht habe. Otho mußte es zugeben und Serbinoff ſchüttelte ihn lächelnd. Raffe dich jetzt auf, ſagte er, ſei heiter, fort mit aller Vergangenheit, vor dir liegt eine große Zukunft. In unſerer Lage müſſen wir die Kunſt lernen, eine eiſerne Maske vor Alles zu ſtecken, was in uns vorgeht. Da geht die Gurſchin mit meiner lieblichen Louiſa. Wie gern wäre ich bei ihr, wie viel Ueberwindung koſtet es mich, davon abzu⸗ ſtehen. Eile du zu ihnen, ſei liebenswürdig, galant; ein junger Feld⸗ herr muß auch den Damen gefallen. Und jetzt lebe wohl! wir werden uns vielleicht nicht mehr allein ſehen. Otho entfernte ſich und Serbinoff ſchlug einen andern Weg ein, ſchaute dem Gehenden nach und brach einen kleinen Tannenzweig ab, mit dem er in den Schnee hieb, der von dem Geäſt der Bäume auf⸗ ſtäubte. Er ſchien mit dem Erfolg ſeiner Beſtrebungen ſehr zufrieden zu ſein, denn ex blickte, indem er ſich ſeinen Gedanken überließ, freu⸗ dig umher, und in dem Glanz ſeiner Augen lag unverkennbar her⸗ vorbrechender Spott.— Ich ſagte es ja, murmelte er endlich vor ſiy hin, dieſe Leimruthen ſind trotz ihres Alters immer noch mit der⸗ ſelben Kraft begabt, um ſolche Vögel zu fangen. Der arme Junge hat ein gutes Herz, und ſeine unglückliche Liebe könnte mich beinahe rühren. Burhövden wird ihn jedenfalls brauchen können, und wenn endlich alle Luftſchlöſſer zuſammenſtürzen, wollen wir gemeinſam ein Klagelied anſtimmen. Er lachte und ſchlug ſtärker umher. Staub iſt Alles! rief er, vergeſſen wird Alles. Täuſchung iſt das Grundgeſetz im Himmel und auf Erden. Aber wer weiß, was noch zuletzt wahr wird. Die Gurſchin ſoll den kleinen Nix in die Schule nehmen und — 336— ihm ihre irdiſchen Künſte lehren. Ich will mit ihr ſprechen. Sie mag ſich dafür ſchadlos halten an dieſem finniſchen Herkules. Rauh, leiden⸗ ſchaftlich, feurig, die ungeſtüme Naturkraft ungezügelt. Das iſt ein Leckerbiſſen für ſolche Weiber! Sechszehntes Kapitel. Serbinoff war fort, und Frau von Gurſchin hatte viele Mühe, um die Thränen aus Louiſa's Augen und den Kummer von ihren Lippen zu bringen. Sie war jedoch ſo voll unerſchöpflicher Laune und voll ſüßer Tröſtungen, daß das kleine Fräulein gar nicht an⸗ ders konnte, ihres Herzens Freudigkeit mußte zurückkehren. Frau von Gurſchin war ſo ganz ihre Vertraute geworden, daß ſie Ebba und alle Andere darüber vernachläßigte, und ſie wußte ſelbſt nicht wie es kam, aber die Scheu, welche ſie vor ihrer ſonſt ſo ſehr geliebten Ebba empfand, vermehrte ſich mit jedem Tage. Sie hatte ein dunkles Geühl, daß Ebba ſie tadle, ſie wurde unruhig, wenn ſie mit ihr ſprach, und die klaren tiefblauen Augen auf ihr ruhten. Ein magnetiſches Gefühl der Einwirkung einer abſtoßenden Kraft, die auf ſie drückte, machte, daß ſie ſo ſchnell als möglich ſich davor zurückzog, um zu Conſtanze Gurſchin zu eilen, wo ſie Alles ſagen konnte was ſie dachte, wo ſie von Serbinoff plaudern, lachen, ſingen, und dabei prächtige Geſchichten über das Leben und Treihen in der großen Welt hören konnte, die ihr ganz beſonders gefielen. Da Louiſa mit äußerſt einfachen und ländlichen Kleidern nach Liliendal gekommen war, mußte eine kunſtfertige Kammerjungfer der Frau von Gurſchin ſich alsbald dabei machen, ihre Garderobe zu än⸗ dern, zu beſſern und zu vermehren. Zu dem großen Balle und den Feſtlichkeiten im Schloſſe, welche immer näher rückten, behielt ſich die ſchöne Beſchützerin eine beſondere Ueberraſchung vor; denn heimlich ließ ſie für ihren Liebling einen koſtbaren Anzug anfertigen, und wie V V ſie ge Kind dalen ir an dons unbede Gewän aud d dagts derer handen Lo iner Ungeh Jahle blite bekan atte diele N ummer von ſchöpflicher L zar nicht ückkehren. den, daß ſie wußte ſelbſt r ſonſt ſo dem Tagk. wurde unn n Augen all ainer abfoße als möglic d ſie A jartigen, 10 D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge.— 22 ſie gegen ihre vertraute Dienerin behauptete, verdiente dies reizende Kind dieſe Bevorzugung vollkommen, denn ſie zeigte ein wunderbares Talent für den Putz, und hatte die köſtlichſten Einfälle, wenn ſie mit ihr am Toilettentiſch ſaß, und alle Herrlichkeiten der zahlreichen Car⸗ tons muſterte. Frau von Gurſchin widmete dieſen Studien einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Zeit. Sie beſaß eine Fülle der prächtigſten Gewänder, reichen und auserleſenen Schmuck, Alles, was eine Dame aus den erſten Kreiſen bedarf, im Ueberfluß, und ſie liebte es, zu jeder Tageszeit damit zu wechſeln, obwohl für jetzt noch immer wenige Bewun⸗ derer und noch weniger Kenner in dieſem finniſchen Schloſſe vor⸗ handen waren. Louiſa ſtaunte dieſe immer neue Pracht mit der kindlichen Freude einer Indianerin an, denn der Werth dieſer Dinge war für ſie nicht ungeheuerlicher, wie für jene das Halsband von Glasperlen. Die Zahlen, welche Frau von Gurſchin ihr zuweilen nannte, wenn ſie die blitzenden Steine und Perlen entzückt bewunderte, blieben für ſie un⸗ bekannte Größen; ſie klatſchte vor Freude in ihre kleinen Hände, wenn ſie die ſchöne Frau ſo wundervoll glänzen ſah, und verglich ſie mit den Feen und Geiſterköniginnen, welche Jumala's Paradies ſo reichlich nufzuweiſen hatte. Conſtanze Gurſchin nahm ihre Schmeicheleien wohl⸗ zefällig an. Die Bewunderung dieſes Kindes machte ihr um ſo größeres Vergnügen, weil ſie wußte, daß ſie gänzlich ungeheuchelt war, daneben ließ ſie ſich von ihr vorſingen und vorplaudern von der Heimath, von dem Leben in Halljala, von ihrer Mutter, vom alten Schulmeiſter Lars, ſeinem Hahn und ſeiner Pfeife, und endlich auch Viel und Man⸗ herlei von Erich Randal, von Ebba und ihrem Bruder Otho, dem ſie mit übermäßiger Verehrung zugethan war. Erich iſt beinah wie der alte Gott der Finnen, wie Jumala, ſagte kouiſa lächelnd. Alle Menſchen wußten nur Gutes von ihm, und er ſiebte ſie alle. Er war ein friedliches, immer zum Wohlthun geneig⸗ ies Weſen, das Segen um ſich her verbreitete, allein die Menſchen rahten ihm ſich dennoch mit Ehrfurcht und ſtanden vor ihm mit Scheu im Herzen. Otho aber iſt wie der ſchöne, Freude bringende Gott Wainemonen, der in goldenen Locken und blauen Augen in alle Hütten einzog, und wo er ſeine Kandele erklingen ließ, umringten „ A — 338— ihn die Mädchen, führten ihn an der Hand und jauchzten und ſprangen. Otho nimmt es auch gewiß nicht übel, wenn die hübſchen Mädchen ihn eben ſo behandeln, wie den liebenswürdigen Wainemonen, ſagte Conſtanze. Otho lacht und ſcherzt gern mit Allen, ſagte Louiſa, aber— ſie lächelte geheimnißvoll. Nun aber— er hat noch Keine ausgezeichnet? Du haſt noch nie bemerkt, daß er verliebt war? Nein, antwortete ſie, gewiß nein! Es iſt noch nicht lange her, als ich es mit anhörte, wie Serbinoff ihn neckte, ob es nicht bald Zeit ſei, daß an eine Hausfrau gedacht werden müſſe. Er wollte keine, fiel Conſtanze ein. Er nahm die Zither und) ſang ein Lied auf die Liebe, die an Weib und Hütte feſtſchmiedet. Solche luſtige Spöttereien gibt es manche in unſerer Sprache. Er ſoll es mir vorſingen, ſagte Frau von Gurſchin. Und dann ſprang er auf und rief⸗Ich tauge nichts für die Liebe am Herdfeuer. Niemals werde ich ein Weib nehmen; die Ungeduld würde mich in ihren Armen verzehren. Er fürchtet ſich vor der Langweiligkeit, lachte die ſchöne Frau; ich kann es ihm nicht verdenken. Wir wollen ihm beweiſen, daß er Un⸗ recht hat, kleine Louiſa. Neu müſſen wir immer dieſen ungenügſamen Männern bleiben. Es iſt ein ſtrebender Geiſt in deinem Bruder, der ſich mit dem Gewöhnlichen nicht begnügt. Wir wollen ihn mit uns nach Petersburg nehmen, Louiſa, dort wird er ruhig werden, denn Unruhe, die nie aufhört, iſt Ruhe, iſt der Zuſtand, der allein ſich für denkende Weſen ſchickt. Wenn man feſt und ſchwer mit den Sohlen an der Erde klebt, kann man ſehr gut, ſehr verſtändig, ſehr liebens⸗ würdig in ſeiner Art ſein, aber Flügel werden dieſer Verſtändigkeit niemals wachſen. Man kann dabei alt und ſehr gelehrt werden, wie unſer theuerer Erich, und Erdäpfel für tauſendmal trefflicher zum Wohl der Menſchheit halten, als goldige ſüße Pomeranzen, auch kann man tugendhaft, ſchön und liebreizend ſchwärmen, wie unſere treffliche Ebba, und dennoch, mein beſtes Kind, bleibt dieſe ehrbare, edle Natur ſte d jauchten hübſchen M Jainemonen viſa, aber— — aſt noch Du ſhhöne Fral ſſen, daß en n ungenügſe em Bruder n ihn mit a; die Unge über alle Maßen langweilig, wie ein Schulmeiſter, deſſen Weisheit be⸗ ſtändig an ſeiner Naſenſpitze hängt und von ſeinen Lippen träufelt. Louiſa hörte aufmerkſam andächtig zu. Sie verſtand nicht Alles, aber ſie verſtand doch ſo viel, daß ihre bewunderte Freundin Erich und Ebba für abgeſchmackt langweilig erklärte, und manche andere Spöttereien hinzu fügte, die den Kammerherrn lächerlich machten, bis Frau von Gurſchin ſie endlich nach allerlei neckendem Geplauder in ihre Arme zog, ſie ſtreichelte, küßte, ihre Locken ſtrich und ihr dabei zuflüſterte: Sie ſind Alle zum Entſetzen langweilig, mein ſüßes Herz, man weiß nicht was man mit ihnen anfangen ſoll. Du kleine Louiſa, du und dein Bruder, ihr ſeid die einzigen Blumen in dieſer Wüſte. Und Serbinoff, antwortete Louiſa flehend. O, du Schelm! ja, Serbinoff; du haſt Recht, der fehlt uns dabei. Er wird wieder kommen, und dann wird es hoffentlich hier nicht mehr lange dauern. Ihr müßt mit mir nach Petersburg, Serbinoff kommt dann auch, und welch glückliches Daſein wollen wir genießen. Louiſa kniete zu ihren Füßen, Conſtanze Gurſchin wickelte die Locken des ſchönen Kindes ſpielend um ihre Finger. Sie erzählte ihr von den Feſten und Freuden in den großen Paläſten ſo Vieles, und erzählte von Serbinoff, der zu den erſten und glänzendſten dieſer glän⸗ zenden Jugend gehöre, zu den Bewunderten und Bevorzugten durch ſeine tapferen Thaten, durch ſeinen Geiſt, durch ſeine Geſtalt, durch ſeine Geburt und ſeinen Reichthum, bis Louiſa's Augen leuchteten, ihre Wangen glühten und ihre kleinen Hände ſich krampfhaft freudig zuſammenfalteten. Sie ſah Alles wie in einem Zauberſpiegel. Der Geliebte, den kein anderer Mann erreichte, gegen den ſie alle in den Staub ſanken, wie herrlich ſtand er mitten in dieſer wunderbaren Welt. Keine Furcht war in ihrem Herzen; ein ſüßer heiliger Glaube füllte es ganz aus. Sie wußte nichts von einer Kluft zwiſchen ihm und ihr, ſie kannte keine Gefahr. Keine Ahnung ſagte ihr, daß ein ſol⸗ ſcher Mann lügen und heucheln könnte, daß ihre armſelige unſchulds⸗ volle Anbetung in der Welt, der er angehörte eine Lächerlichkeit ſei, und ſie ſelbſt höchſtens eine Spielerei, mit der ein ſo ausgezeichnetes Mitglied der hohen Geſellſchaft ſeine müßigen Stunden ausfüllte. 22* — 340— Der Freiherr Wright hatte ſeinen Bruder, den Oberſten, inzwiſchen ſchon ſeit einigen Tagen erwartet, und endlich traf dieſer von Swea⸗ borg ein und brachte Sam Halſet ſammt ſeiner Tochter mit, indem er zu gleicher Zeit die nahe Ankunft des Admirals Cronſtedt und einer bedeutenden Zahl ſeiner Offiziere ankündigte. Der Oberſt war eine Anzahl Jahre jünger als ſein Bruder, ein ſtolzblickender Soldat von ſteifer Haltung, der ſeinem ganzen Weſen nach nicht beſonders zuvor⸗ kommend und einnehmend ſchien. Er umarmte ſeinen Bruder, drückte Erich Randal mit einigen höf⸗ lichen Worten die Hand und warf einen noch viel kälteren und meſſenden Blick auf Otho Waimon, als dieſer ihm vorgeſtellt wurde. Sein Geſicht erheiterte ſich jedoch, als der Kammerherr hereintrat, dem er entgegen ging und in wärmerer Weiſe begrüßte. Ich habe von Ihrer Anweſenheit ſchon durch Freund Halſet gehört, Baron Bungen, ſagte er, und bin ſehr erfreut darüber. Sie haben ſich von der Wirthſchaft in Stockholm los gemacht, und haben ſehr recht daran ge⸗ than, denn es muß ein ſchlechtes Ende nehmen. Was man ſchlecht nennt iſt häufig gut, erwiederte Arwed. Sie treffen in's Schwarze. Bei meiner Ehre! mitten in's Schwarze, rief Oberſt Wright. Nach den mageren Kühen Pharaonis werden die fetten kommen. Wenn ſolche Männer dies ſagen, entgegnete Arwed, wird es wenige Zweifler geben. Der Oberſt lächelte geſchmeichelt. Es gibt Männer, die noch beſſer und klarer ſehen, fuhr er fort. Auf mein Wort! Wir haben es ſämmt⸗ lich nöthig, die Augen weit aufzuthun; beſonders wir in Finnland, denn über unſere Köpfe wird der Topf umgeſtülpt. Wir ſollen den Brei ver⸗ ſchlucken, den ſie uns im Stockholmer Schloß eingerührt haben. Es iſt allerdings ein etwas heißes Gericht, ſagte Arwed. Von dem uns ſo bald nicht Kehle und Magen heilen würden, wenn wir es genießen müßten, ſagte der Freiherr Wright. Kommt es zum Kriege mit Rußland, und werden wir als Feinde behandelt, ſo ſind wir ſämmtlich ruinirt. Das ſeid ihr auch ohne dies, murmelte Otho vor ſich hin. Oberſt war fender Soldat beſonders z lmit einigen! viel kälteren vorgeſtellt wur rr hereintrat, gch habe! Baron Bung ſich von rrecht daran te Arwed. in's Schwe onis werden wird es we Die Gäſte wurden von dem Freiherrn eingeladen, am Tiſche Platz zu nehmen, der mit Wein und Speiſen bedeckt war. Eben kam Hal⸗ ſet auch, der ſofort das Wort ergriff und die letzte Aeußerung, die er gehört, in ſeiner praktiſchen Art beantwortete. Sieht hier es nicht danach aus, als ob der Hunger ſchon an der Thür ſitzt, Freiherr Wright, ſchrie er. Kein ſchwhereres Silbergeſchirr iſt in ganz Finn⸗ land als in Liliendal zu finden⸗ Könnte für die Herren Koſaken kei⸗ nen heiligeren Tag im Kalender geben, als der, wo ſie dar Armuth hier ein Ende machen könnten. Mit ſolchen Scherzen und Grüßen führte er ſich ein, und für jeden hatte er ein luſtig Wort, bis er endlich Erich Randal und dem Kam⸗ merherrn unter die Arme griff und ſie an den Tiſch führte. Das Weiſeſte, was wir thun können, ſagte er, iſt, daß wir den Herren Koſaken nichts übrig laſſen als die leeren Schüſſeln und Flaſchen; im Uebrigen ſind's höfliche Leute, wenn ſie nichts finden, und dafür iſt in Finnland ſeit langen Zeiten beſtens Picud Nur in Halljala gibt's volle Kammern, Kiſten und Kaſten völl verſchimmelter Speziesthaler, Seiden⸗ mützen und Franzentücher vollauf. Um des Himmels Willen, laßt die Koſaken nicht nach Halljala kommen. Erich wird es ihnen ſchon auseinander ſetzen, wie unſchicklich und unmoraliſch das Stehlen iſt, ſagte Arwed. Auf mein Wort! ja, lachte der Oberſt, unſer gelehrter Vetter könnte ihnen Vorleſungen halten; allein ich fürchte, daß dieſe Burſche um nichts beſſer ſind als jener verdammte ungläubige Sultan Omer, der mit der großen alexandriniſchen Bibliothek ſeine Oefen heizen ließ. Sie würden ein Feuer machen, das vielleicht über dem Hompusthurm zuſammenſchlüge. Es iſt daher jedenfalls am beſten, Vetter Randal, wenn wir es nicht dazu kommen laſſen. Das Beſte wird ſein, daß es uns wohl geht und wir lange leben auf Erden! rief Halſet. Trinke Ihnen zu, Freiherr Randal, auf eine gute geſegnete Zukunft, wo Handel und Wandel geſchützt ſind, Jeder weiß, was ſein iſt, und das Privilegium ſeiner Rechte nimmer ange⸗ ttaſtet wird. Ein goldener Spruch, auf mein Wort! fiel der Oberſt ein. AL 342 v y Die verdammten Neuerungen, ſagte ſein Bruder, zerrütten unſere Wohlfahrt. Wo iſt noch Schutz für den Adel und für Alle, die Privilegien zu bewahren haben? Hätte der König Reichsrath und Sctänden ihre politiſchen Rechte nur zerriſſen, ſo wär's zu ertragen, . weenn er ſie anderweitig ſchützte und entſchädigte. Statt deſſen aber greift er überall ein, will den Bauern helfen, wie er ſagt. Keiner d ſoll im Lande Vorrechte haben, das Geſetz ſoll für Alle ſein. m Das heißt, Alle ſollen hergeben, was ſie haben, lachte Sam. 4 Ein Volk von Bettlern entſpricht vielleicht am beſten dem Grund⸗ — ſatz der Gleichheit, ſpottete Arwed. Leider iſt es wahr, daß der 6 Landesadel abſichtlich zurückgeſetzt und beleidigt wird, und eine größere Thorheit kann es nicht geben. Guſtav der Dritte war klüger. Er hielt, ſo viel er konnte, den Grundſatz abſoluter Regenten feſt, den Adel an ſich zu ziehen und zu belohnen, einen glänzenden Hofhalt zu führen, Aemter und Würden dem Adel zuzuwenden und durch mate⸗ rielle Vortheile ſich ſeiner Treue zu verſichern. Es war ein frohes bewegliches Leben, und wer dem Könige Dienſte leiſtete, konnte dar⸗ auf rechnen, auch Dankbarkeit zu finden. Seinen Günſtlingen und ſeinen Creaturen hat er Brocken hinge⸗ d worfen, verſetzte der Freiherr[Wright; aber den Adel, als erſten Stand im Staate, hat er herabgewürdigt, dem Bürger und Bauern — zu gefallen, die denn auch immer anmaßender und nichtsnutziger ge⸗ woorden ſind und zuletzt noch ärger über ihn ſchrieen als wir. Seht nach Rußland hinüber, da werden die Privilegien geſchützt. Da hat „Jeder ſein geſichertes Recht. Ich will uns nicht zu Ruſſen machen, Gott bewahre mich davor! wir ſtehen auf einer anderen Stufez allein Jeder ſoll Schutz haben in dem, was ihm gehört. Der Bauer ſoll ein Bauer bleiben, der Edelmann ein Edelmant, und dazu iſt dort eine mächtige Hand, die über Allen ſchwebt und Ordnung hält. Ordnung und Zucht, daran u esi rie der Se⸗ ſein Glas leerend. gierung thätig iſt, ſorgt und ſchafft, den Adel mit hac di und Geſchenken hilft und das Land heraufbringt. Wie der Grundwerth zerrütten und nd für Alle 1 Statt deſſen er ſagt. K beſten dem Guu 3 wahr, daß , und eine gri war klüger. nten feſt, „den Hofhalt nd durch u ein fre a war ſete, konnte: „ Brocken hin Apel, als ei raer und Bal nichtsnutzige als wir. alle Jahre ſteigt, wie in den Städten Kaufleute und Fabrikanten be⸗ günſtigt werden, Jeder ſich durch ſein Privilegium geſichert fühlt. Es iſt eine mächtige Regierung, ſagte Halſet, der es nicht an Kräften und Mitteln fehlt, mit vollen Händen Gutes zu thun. Was hülft alles Schreien über Freiheit und Recht! Das beſte Recht und die beſte Freiheit bleibt es immer, wie ein König von Frankreich ein⸗ mal geſagt hat, daß Jeder ſeinen Topf voll hat und gute Dinge darin kochen und braten. Es iſt eine gute Regierung, die dafür ſorgt und es beim alten Recht läßt, und nichts an dem ändert, was unſere Väter erworben haben, ſprach der Freiherr. Otho Waimon hatte bisher ſchweigend zugehört; jung und reizbar, wie er war, konnte er jedoch ſeinen Widerſpruch nicht länger zurück⸗ halten. Für immer läßt ſich nichts feſthalten, begann er, und was nicht vorwärts kann, wird rückwärts müſſen. Privilegien haben noch mniemals Gutes geſtiftet, ſie erſtarren, ſtatt zu beleben, und helfen den Kaſtengeiſt befördern, der die Entwicklungen der Völker zu Boden drückt. Der Oberſt zog die breiten Augenbrauen zuſammen und warf dem Sprecher einen finſteren Blick zu, welcher ihm zu ſchweigen be⸗ fahl; allein Otho ließ ſich dadurch nicht im Mindeſten ſchrecken. Mit furchtloſer Offenheit ſah er den barſchen Offizier an und fuhr dabei fort: Mag es den Finnen, die jetzt unter ruſſiſcher Herrſchaft leben, immerhin wohler gehen als früher; die Sehnſucht, mit ihren Lands⸗ leuten wieder vereinigt zu ſein, wird ſie darum doch nicht verlaſſen. Es iſt recht! ſchrie Sam Halſet, daran liegt's. Vereinigt muß Finnland wieder werden. Nuſſen wollen wir nicht werden, mit der gkücklichen Ausſicht, daß nuch bei uns nichts geändert werden kann, fügte Otho hinzu. Aber, mein Beſter, lachte der Kammerherr übermüthig auf, was wollen Sie denn aus dem Bauern machen? Einen freien Menſchen, der werden mag, wozu er Geſchick und zuſt hat, Freiherr, Kammerherr, Oberſt oder Miniſter. Vielleicht ſogar Staatsoberhaupt, Regent, Präſident oder der⸗ pleichen. 344 Auch das, ſagte Otho. Mancher Bauer iſt ſchon ein guter König geworden, kein König aber jemals ein guter Bauer. Eh! ſchrie Sam Halſet, ich werde es erleben, daß König Otho der Erſte ſeinen Thron beſteigt. Wünſchen Sie das nicht, antwortete Otho lachend, meine Regie⸗ rung würde Ihnen wenig gefallen. Glaub's! ſagte der Kaufmann; allein ich würde den Troſt haben, daß ſie nicht lange dauert. Wenn wir Zeit hätten, uns mit Fantaſtereien aufzuhalten, würde ſich der Spaß fortſetzen laſſen, fiel Freiherr Wright ein; jedoch bei dem Ernſte unſerer Lage können wir dergleichen nur mißbilligen. Rußland droht uns mit einem Angriff, wer weiß, was geſchieht? Der Adel muß auf Alles gefaßt ſein, er muß das Landesſchickſal wohl bedenken. Zu beklagen iſt es daher, daß von mancher Seite ſo viel gethan worden iſt, um den Bauern anmaßend zu machen und ſolche Schattenſpiele hervorzurufen, wie ſie uns eben gezeigt wurden. Was Sie Schattenſpiele nennen, iſt wohl geeignet, bald einmal Fleiſch und Bein zu werden, verſetzte Otho. Wenn es zu einem Kriege kommt, muß nicht der Adel allein das Landeswohl bedenken, ſondern mit ihm der Bauer und das ganze finniſche Volk. Das iſt auch eine von den verdammten neumodiſchen Redensarten! rief der Oberſt. Das Volk! Was heißt Volk? Lumpiges Geſindel! Sein Blut und ſeine Knochen ſind bis jetzt immer nothwendig geweſen, um die Kriege der Könige zu führen, verſetzte Otho. Dafür iſt es da! ſchrie der Oberſt rauh. Dafür iſt es nicht da, erwiederte Otho unerſchrocken. Das Geſicht des Offiziers färbte ſich zornig. Ich will doch Jedem rathen, ſich nicht um Dinge zu kümmern, die er nicht verſteht, ſagte er. Was des Vaterlandes Wohl betrifft, darum muß ſich Jeder küm⸗ mern, denn es iſt ſeine Pflicht, entgegnete der junge Mann. Vaterland! dummes Zeug! rief Oberſt Wright. Alles Geſchrei iſt keine Haſelnuß werth und die Schreier dazu. Wir hier an der Grenze, wir ſind das Vaterland. Meine Dragoner mit ihren eiſernen, nur mißbil 5, was geſch as Landesſch ma ncher E d zu machen ezeigt wun t. bald eil es zu ki ndeswohl beden Volk. chen Redensal viges Geſi mer nothwe „Otho. Ellen werden die Röcke anmeſſen, die für uns paſſen. Volk! oho! alter Kuckuksruf! Dafür, Oberſt Wright, dürfen Sie es wohl ſchwerlich im Ernſt erklären, ſagte Erich Randal mit ſeiner ſanften und feſten Stimme. Gehören Sie doch ſo gut zum Volke, wie ich und wir Alle. Volk und Vaterland ſind heilige Namen, die kein Menſch vergeſſen darf, wenn er nicht ſein edelſtes Menſchengut fortwerfen will. Ihre Dra⸗ goner werden das ebenfalls begreifen und wie ich überzeugt bin, auch wiſſen, daß ſie ein Vaterland haben. Sie werden getreulich dafür ihr Leben laſſen, wenn dies nöthig wird, gewiß aber nicht für Rußland fechten. Verräther an Volk und Vaterland werden! fiel Otho ein. Wer ſagt das? rief Oberſt Wright heftig aufſtehend; gleich dar⸗ auf aber ſetzte er ſich wieder nieder, und, ſeinen langen halb ergrau⸗ ten Backenbart ſtreichelnd, fuhr er rauh lachend fort: Ich bin kein Gelehrter, Vetter Randal, frage nichts nach aller Federfuchſerei, eben ſo wenig nach Franzoſengedanken von Freiheit und Gleichheit. Wir werden ſehen, was zuletzt geſchieht, wenn die Ruſſen uns wirklich auf den Leib fallen ſollten. Meine Dragoner werden dann thun, was ich thue und meine Offiziere thun, und die Bauern werden thun, was thre Herren ihnen befehlen. So muß es ſein, das iſt Zucht und Ordnung. Die aus den Menſchen Maſchinen macht, nach Ihrer Meinung, ſagte Erich, was ein bedauerlicher Irrthum iſt. Wir werden ſehen, verſetzte der Oberſt. Es wird Alles kommen, wie es kommen muß; noch aber ſind wir nicht ſo weit. Leben ja auf dem Friedens⸗ und Freundſchaftsfuße mit unſeren nuten Nachbarn! ſchrie Halſet. Und hier in meinem Hauſe ſoll kein Streit darüber ſein, Ihr Herren, ſprach der Freiherr. Wir wohnen in Liliendal auf einer eutralen glücklichen Inſel. Morgen kommt General Suchtelen von frederiksham, er hat es mir geſchrieben; von der anderen Seite aber wmmt unſer lieber Freund Cronſtedt. Frohe Tage wollen wir ver⸗ ſeben. Gott bewahre uns vor allem Schaden und laſſe alle unſere Wünſche erfüllen. Stoßt an, Ihr Herren, ſtoßt an! Finniſches 346 Der Streit war damit beendet; als aber nach einiger Zeit ſich! Baron Arwed entfernte, um Mary Halſet ſeine Huldigungen darzu⸗ bringen, gingen Erich und Otho mit ihm. Der Freiherr Wright blieb bei ſeinem Bruder und Sam Halſet ſitzen;z bald waren ſie in einer vertraulichen, leiſe geführten Unterredung begriffen. Wer hat dieſe Narren eben jetzt hierher geführt? fragte der Oberſt, als die Thür ſich geſchloſſen hatte. Der dieſen Namen zumeiſt verdient, antwortete der Freiherr, dieſer trotzige Burſche, dem der echt finniſche dicke Kopf auf ſeinen Schultern ſitzt wie einem Bären, iſt freilich ungeladen gekommen; doch Graf Serbinoff hat mir geſagt, daß er ihn zu brauchen denke. Unſinn! murmelte der Oberſt. Das iſt eine Brut, von der nichts Gutes zu erwarten iſt. Sein Vater ſchon war halb toll, wollte den Angelabund zum Losſchlagen treiben, eine finniſche Republik erklären laſſen. Der hier iſt ſicher noch hirnverwirrter. Mag wohl ſo ſein, lachte Halſet. Es gibt aber Mittel, den wil⸗ deſten Falken abzurichten. Drei Kugeln und ein ſechs Fuß langes Loch auf der Heide wür⸗ den das Beſte für ihn ſein, antwortete der Offizier.— Iſt es wahr, daß er eine hübſche Schweſter hat? Ei wohl, verſetzte Sam. Und iſt er nicht ſelbſt ſo ſtattlich ge⸗ baut, daß manche feine Dame in Petersburg Wohlgefallen an ihm fin⸗ den könnte? Laßt Jedem ſein Spiel und ſeine Freuden, ſagte der Freihert Wright. Gibt es nicht auch leinen gewiſſen Baron hier, der bis an die Treppe hinunter lief, um Mary Halſet aus dem Schlitten zu heben? Richtig, ſagte der Kaufmann, denke auch, daß er Mary noch an⸗ dere Treppen hinauf hilft. Es iſt alſo ernſthaft gemeint, fuhr der Freiherr fort. Ich habe nichts dagegen, erwiederte Halſet. Der arme Kammerherr iſt in Stockholm gänzlich in Ungnade gefallen, ſagte der Freiherr Wright. Iſt es nicht ſo? Iſt ſo, antwortete Sam Halſet; ich denke jedoch, wird bald einen anderen Herrn finden, der es beſſer mit ihm meint. Sein Vater war h einiger Je Huldigungen d r Freiherr N bald waren fragte der O der Freiherr auf ſeinen Sch ommen; doch denke. grut, von der! alb toll, wolle „Republik ert er Mittel, den auf der Heide: — es r.— Iſt es bſt ſo ſtattli efallen an ihm 4 F ſagte der I 7„r bit ter, der d in Gnaden bei König Guſtav, hatte manche Aemter und Würden; parte aber nichts, lag nicht in der Art. Es iſt verteufelt wahr, Halſet, lachte der Freiherr, auch in meiner Art muß es liegen. Geld iſt mir durchaus nöthig. Herzog Karl, der Regent, ſtieß den Vater bei Seite, fuhr Halſet ſort, ohne auf dieſe Aeußerung zu achten, bis der neue König ans Regieren ſum, der machte den Sohn zum Kammerherrn und ſchickte ihn ins aus⸗ wärtige Amt zum alten Kanzler Ehrenheim, wo er die Kunſt lernen ſolllte, den feinſten Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen. Alle Welt glaubte, würde nächſten Tages ein Herr Geſandter zum Vor⸗ ſthein kommen; allein mit dem ſteifen Kanzler konnte der junge Waron ſo wenig fertig werden, wie mit dem ſteifen Könige. Sie mochten ihn Beide nicht leiden, und zum Unglück wurde es bekannt, daß er häufig im Hauſe des ruſſiſchen Geſandten ſei. Endlich auch kum Graf Serbinoff nach Stockholm, mit dem ſteckte er noch öfter beiſammen. Der König ließ ihm den Umgang verbieten, der Kanzler leß ihm aufpaſſen. Plötzlich kommt Nachricht aus Petersburg vom Geſandten Stedingk, das ruſſiſche Cabinet wiſſe auf's Haar, was in der Stochholmer Kanzlei geſchieht, habe Abſchriften von allen Noten, kenne jede geheime Verhandlung bis auf den Grund; es müſſe alſo Jemand da ſein, dem es Vergnügen macht, unſere lieben Freunde ſo gult zu unterrichten. Darauf ſchreibt eines Tages der alte Kanzler am den Herrn Baron Bungen in aller Höflichkeit, er habe nicht nöthig, ſch wieder in die Kanzlei zu bemühen, und kaum hat er's geleſen, lwingt ein Bote ein königlich Handbillet aus Haga ohne alle Höflich⸗ ſrit, worin Se. Majeſtät ſagt, er brauchte keine weiteren Dienſte von ſem Herrn Baron. So war es alſo, nickte der Freiherr. Eine Ungerechtigkeit! Eine ſchreiende Gewalt! ſagte Halſet. Der junge Herr konnte ſch nun ungeſtört ſeiner Freundſchaft überlaſſen und reiste endlich niit dem Grafen Serbinoff hierher, um ihm bei ſeinen finniſchen Studien zu helfen. Und es werden einträgliche Studien ſein, lachte Freiherr Wright. Der Himmel wird ſie ſegnen, verſetzte Halſet. 348 Graf Serbinoff iſt ein Adjutant des Generals Buxhövden, wie Sie mir ſagten? fragte der Oberſt. Ein Couſin des Kanzlers Romanzow, antwortete ſein Bruder. Conſtanze kennt ihn von Petersburg. Ein glänzender, mit allen Tugenden und Vorzügen geſchmückter junger Herr. Die Laſter nicht zu vergeſſen! grinste Halſet dazwiſchen. Bah! weiß wohl, ein Kapitän in der Reitergarde hat Oberſtenrang, und ein Oberſt iſt niemals laſterhaft. Große Gaben, Oberſt Wright, große Gaben! Haben ihn nach Stockholm geſchickt zum Beobachten am Hofe und in der vornehmen Geſellſchaft und hat da Wunderdinge ge⸗ than, der junge Herr. Herr von Alopäus hätte es nicht zu Stande gebracht ohne ihn, wenn der galante liebenswürdige Graf nicht alle Thüren zu öffnen verſtand. b Mit goldenen Schlüſſeln, Freund, die paſſen in alle Schlöſſer. Mit aller Arten Schlüſſel, Freiherr. Gold hatte er genug, fehlie nicht daran; denn es iſt keine knauſerige Regierung da drüben; gibt aber dennoch mancherlei Pinſel, die ſolche Schlüſſel verachten. Eine miſerable Welt, Oberſt, viel Dummheit, viel blauer Dunſt darin; gehört Kunſt dazu, um jeden Narren an ſeiner Kappe azu faſſen, Gelang ihm aber wunderbar. Die Weiber hatte er alle in der Taſche, und wer die zu faſſen weiß, dem glückt es, Mondſchein in Säck zu fangen. Eine iſt ihm doch daraus entwiſcht, ſagte Wright, und obenein die Schweſter ſeines vielgetreuen Freundes. Halſet nickte lachend vor ſich hin. Ein ſtattliches Fräulein! vief er, ſeine Naſe voll Tabak ſtopfend, echt ſchwediſches Blut, wie der alte Spitzbube, der Schulmeiſter, ſagt. Riſſ' ihm die Augen aut, wenn ſie wüßte, was geſchehen ſollte; ſtieße den eigenen Bruder von ſich mit Fluch und Schande, könnte ſie es denken, er hülfe die Ma⸗ ſchen zum Netze machen. Bin neugierig darauf, was endlich aus dem Ei werden wird, wenn's die Sonne beſcheint. Weiber ſollen nichts dabei mitreden, wo es ſich„um Männerwerle handelt, ſagte der Oberſt. Und ſind dennoch oft die Hauptperſonen, antwortete Halſet mit einem ſchlauen Blicke. Fädeln die Fäden ein, bitten und ſchmeicheln⸗ M U oha ſohg ol als Burhöbden vortete ſein B inzender, mit t. et dazwiſchen. berſtenrang, un Lerſt Wrigkt, zum Beobachten da Wunderdin es nicht zu E rige Graf nith in alle Schlöſ te er genug, ng da drüben iſſel verachten. blauer Dunſt A r Kappe er alle in der Nnöſchin in? Tright, und d iches Fräulein 3 1 im die Auge⸗ an alt vomte nicht zweifeln, daß dies einem klugen oder ſchlauen Manne ge⸗ — 949— ſaben die Gabe, ausgetrocknete Herzen wieder weich zu machen, eiſerne Köpfe zu ſchmelzen, wie Butter am Feuer. Die beiden Wright's blickten ſich an, der Freiherr ſah vergnügt umd ſchelmiſch aus. Ich glaube wirklich, ſagte er, ohne Conſtanzen ſätten wir den Admiral niemals hierher gebracht. Sie wird auch weiter helfen. Aber Geld, Halſet, Geld! Dieſe Feſte koſten viel. Laßt es koſten, was es will, Freiherr, antwortete der Kaufmann. Kann Ihnen mit Freuden alle Vorſchüſſe machen, die Sie wünſchen. Der Freiherr Wright ſchien über dieſe Zuſicherung ſehr erfreut. Er ſchüttelte Halſet's Hand und ſagte halblaut zu ihm gebeugt: Die Puwoclamation iſt fertig. In Petersburg iſt ſie gedruckt und an Burrhöpden geſchickt. Conſtanze hat ein Exemplar davon bekommen, phald Jägerhorn hier iſt, ſoll es in ſeine Hände gelangen. Siebzehntes Kapitel. Faſt zu gleicher Zeit langten die verſchiedenen vornehmen Gäſte um derentwillen in Schloß Liliendal ſo viele glänzende Ein⸗ ichtungen getroffen wurden. Der Tag war dunkel, und, wie es in ſiſer nördlichen Breite zu dieſer Jahreszeit geſchieht, die Nacht thon mit der zweiten Nachmittagsſtunde eingetreten. Ehe jedoch die inſterniß ſich verdichtete, erſchienen in einer Reihe Schlitten die niſiſchen Offiziere. Als ſie Mäntel und Pelze abgeworfen hatten, ſah nan meiſt junge und ſchöne Männer, die in ihren reichen und glänzen⸗ de Uniformen einen äußerſt vortheilhaften Eindruck machten. Nur ſe General, dem ſie in den Saal folgten, war ein betagter Herr von ſemahe ſechszig Jahren; allein dies Alter hatte ihm von ſeiner Küſtigkeit wenig genommen. Seiner kräftigen breiten Geſtalt man⸗ ſete es nicht an Gelenkigkeit. Die Artillerieuniform mit breiten geldenen Achſelſchnüren ſtand ihm gut, und wer in ſein Geſicht ſah, m., — 350— hörte. Seine Augen blickten gewinnend freundlich und feſt umherg ſein ſchlichtes blondes Haar, das ſeine Farbe noch nicht verändert hatte, lag kurz abgeſchnitten auf einer hohen Stirn; ein äußerſt feines Lächeln füllte die tiefen Falten, welche zu beiden Seiten von der geraden ſtarken Naſe zum Munde niederliefen. General Peter⸗ Suchtelen machte mit ſeinen vielen gewandten Verbeugungen und dem. höflichen Wortreichthum, in welchem er dem Freiherrn Wright ſeinen⸗ Dank ausdrückte, mehr den Eindruck eines Hofmannes, als einen Soldaten, obwohl er als ſolcher im ruſſiſchen Heere hochgeſchätzt wurde und erſt ſpäter auch als Diplomat noch mehrfache Dienſtee leiſtete. In Finnland verdiente er ſich die Sporen dazu; denn die geheimen Unterhandlungen mit manchen Offizieren im ſchwediſchen Heere, mit adeligen Herren, Beamten und Prieſtern gingen zum Theil durch ſeine Hände. Die Krone aller dieſer Vorbereitungen zur Er⸗ oberung Finnlands blieb jedoch die Unterhandlung mit dem Befehls⸗ haber des mächtigen ſchwediſchen Bollwerkes, dem Manne, zu welchem. alle Schweden einen eben ſo unbedingten Glauben hatten, wie zu den. Felſenwällen, welche ihm anvertraut waren. General Suchtelen hatte dem Admiral in Sweaborg einen höflichen Beſuch ſchon vor einigen Monaten gemacht, jetzt, wo die Sachlage ſich ernſter geſtaltete, konnie ein freundſchaftlicher Verkehr nicht mehr gut ſtattfinden; allein der Zufall machte es weder unmöglich noch anſtößig, daß ein Zuſammen⸗ treffen in einer Famtlie ſich ereignete, die nach beiden Seiten hin ein vermittelndes Band bildete. Frau von Gurſchin war die Wittwe eines ruſſiſchen hohen Beamten, Oberſt Wright, ihr Oheim, ein ſchwe⸗ diſcher hoher Offizier. Noch ſchienen die geſpannten Verhältniſſe zwiſchen den beiden verwandten Höfen nicht von der Art zu ſein, um nicht noch immer an Erhaltung des Friedens glauben zu dürfen. In Stockholm wenigſtens glaubte man daran ganz beſtimmt, trotz einiger Warnungen des Geſandten in Petersburg; denn bei aller Freundlichkeit, ſchmeichel⸗ hafter Auszeichnung und Liebenswürdigkeit des Kaiſers Alexander war der vorſichtige Baron Stedingk mißtrauiſch geworden durch die enormen Maſſen Kriegsmaterial und Vorräthe aller Art, welche in das ruſ⸗ ſiſche Finnland geſchickt wurden. Seine vertrauten Berichte hatten jedoch keine andere Wirkung, als daß das kleine finniſche Heer ſich ar jer Grenze beobachtend zuſammenzog. Höchſtens waren es 12,000 Mann, von denen die Hälfte in Sweaborg lag, die andere Hälfte ſegen den Grenzſtrom Kymene vorgeſchoben wurde. In, Schweden Führte ſich kein Fuß, nicht ein Mann an Verſtärkung kam nach Finn⸗ land herüber; eine ſeltſame verblendete Sicherheit wiegte den König iir, der alle Macht, welche er beſaß, in Schonen und an Norwegens Grenze feſthielt, überzeugt, daß Dänen und Franzoſen ihn weit näher bedrohten, als ſein Schwager, der Ruſſenkaiſer, der ja noch vor we⸗ nigen Monaten mit ihm gemeinſam gegen die wälſchen Teufelskinder ſefochten und ihm die freundſchaftlichſten Briefe geſchrieben hatte. dieſer blinge Glaube ging ſo weit, daß wirklich noch während des Labinetsſtreites den Ruſſen Kanonen ſammt Pulver und Kugeln ge⸗ liefert wurden, mit denen ſie bald darauf Sweaborg beſchoſſen, und wie der König den ganzen ruſſiſchen Grenzſpektakel für leere Demon⸗ tration hielt, womit Alexander ſeinem neuen Freunde Napoleon Sand in die Augen-ſtreuen wolle, ſo thaten es ſeine Miniſter, ſeine Offi⸗ ſiere und alle ſeine Günſtlinge. Weil, die Ruſſen ihr Finnland ſtark heſſetzten, ſchien es ſchicklich, auch das ſchwediſch⸗finnländiſche Heer auf jie Beine zu bringen und einige Tauſend Mann der Ehre wegen zu igen; mehr jedoch zu thun, ſich bis an die Zähne zu bewaffnen, alle Kraft des Landes aufzurufen, wurde als thöricht verlacht. Der König hette dabei noch einen Grund, es nicht zu thun; denn er hätte die Reichsſtände beru en müſſen, und das wollte er nicht. Er, der ſich vorgenommen hatte, die Revolution zu bändigen, der von ſeinem Va⸗ ir den Gedanken geerbt, er ſei dazu berufen, die vertriebene Königs⸗ fenilie wieder nach Frankreich, nach Paris zu führen und den Thron dr Lilien von Gottes Gnaden wieder aufzurichten, er konnte unmög⸗ lih unzufriedene Stände verſammeln, welche ohne Zweifel den heftig⸗ ſtin Widerſpruch erhoben hätten. Frieden mit Frankreich war das goße Loſungswort in Schweden geworden. Napoleon wurde vergöt⸗ tet. Je mehr der König dieſen der Hölle entſtiegenen Apolio ver⸗ uſſcheute, den die Offenbarung des heiligen Johannes ſchon vor ſo zielen Jahrhunderten ankündigte, um ſo mehr liebten ihn ſeine Schwe⸗ jen; je hartnäckiger er jede Unterhandlung mit dieſem von Gott ver⸗ werfenen Weſen verweigerte und mit ſeinem Schwager, dem Kaiſer, 352 ſich immer heftiger überwarf, um ſo einſtimmiger wurde er dafür verlacht und ein Narr genannt, von dem man alle nur mägliche Tollheiten erzählte. Der Schwedenkönig, wie er ſich ſelbſt am liebſten hieß, blieb dagegen nicht unempfindlich; doch nicht um nachzudenken, und nachzugeben, ſondern um noch weit heftiger, erbitterter und hals⸗ ſtarriger zu werden. Seine Männer und Diener mußten ſeine Lau⸗ nen oft empfinden, und das hatte auch der empfunden, den er bald⸗ darauf eben ſo willkürlich zum Befehlshaber von Sweaborg erhoben. Alle dieſe Generale aber dachten nicht daran, daß die Felſenfeſtung jemals angegriffen werden könne, nachläſſig genug wurde der Befehl erfüllt, wenigſtens für vier Monate ausreichenden Proviant anzuſchaffen. Sam Halſet, der große Getreidehändler in Abo, öffnete bei dieſen Gelegenheit ſeine Magazine und kam öfter nach Sweaborg. Er kaufte bis an die Grenze hin und darüber hinaus Vorräthe ein, und da der Verkehr nirgend gehemmt war, erſchien er auch in Frederiksham und in anderen Küſtenplätzen. Mancher ruſſiſche General wurde mit ihm bekannt, und mancher ſtattliche Offizier reiste in ſeiner Kaleſche ine ſchwediſche Land hinüber. Ueberhaupt entwickelte ſich ein lebhafter freundſchaftlicher Verkehr zwiſchen den ſich gegenüberſtehenden ſchwedi⸗ ſchen und ruſſiſchen Schaaren. Es war beinahe ſo, als läge eine gewiſſe Abſichtlichkeit darin, kameradſchaftliche, fröhliche Beſuche und Feſte zu veranſtalten und in liebenswürdigſter Weiſe mit einander umzugehen. Im ruſſiſchen Heere, das zum Theil aus Garderegimentern be⸗ ſtand, dienten edle junge Herren aus den erſten und reichſten Fami⸗ lien des Landes, dazu kamen mancherlei Fremde, welche Aufnahmt und Beförderung gefunden. Die langen Kämpfe der Ruſſen in Deutſchland, Italien, am Rhein und an der Donau hatten einen rit⸗ terlichen Geiſt der Offiziere erzeugt. Das ruſſiſche Heer enthielt den geiſtreichſten, thätigſten, lebendigſten Theil des großen Volkes; Alles, was Kraft und Muth, was Ehrgeiz und Leidenſchaft beſaß, warf ſich in dieſen großen Strom, der zu allem möglichen Glück und aller möglichen Ehre führte. Alle die wilden, übermüthigen, ausſchweifen⸗ den Männer, welche ſich in Petersburg herumtummelten, ſchmückten ſich gern mit glänzenden Uniformen und rangen nach Ruhm und iger wunde er Nalle nuren ich ſelbſt am l ſt um nachzud erbitterter und! mußten ſeine funden, den er ESweaborg ent aß die Felſenft g wurde der B viant azuſh ho, öffnete bei weaborg. Er tbe ein, und d Frederiksham eeral wurde mi ſeiner Kaleſche e ſch ein lebt berſtehenden ch ſo, als lägt röhliche Beſuche Weiſe mit nimentern zardere⸗ tfe der Ruſt elne z reichſten d 353 Orden, oft mit beiſpielloſer Kühnheit und Tapferkeit. In Liliendal befand ſich daher ein Kranz von edlen Namen und herrlichen Geſtal⸗ ten, und dieſer wurde nach einer Stunde nicht wenig vermehrt, als abermals eine Anzahl Schlitten den Schloßhof füllte und beim Fackel⸗ ſchein die ſchwediſchen Gäſte des Barons daraus hervorſprangen. Auch im ſchwediſchen Heere und im finniſchen Theile deſſelben befand ſich ein großer Theil des jungen Landesadels, und von frühen Zeiten an ſind die Schweden als körperſchöne Männer berühmt gewe⸗ ſen. Ihre Uniformen waren freilich weit weniger prächtig und kleid⸗ ſam als die ihrer Nebenbuhler, und eben ſo wenig konnten ſie in Gewandtheit der Formen ſich mit Jenen meſſen, die in den Sälen der ruſſiſchen Hauptſtadt Unterricht darin erhalten hatten; allein ihre hohen, ſchlanken und kräftigen Geſtalten, ihre friſchen Ge⸗ ſichter und die muthvoll blitzenden blauen Augen gaben ihnen andere Vorzüge. Die beiden Generale kamen darin überein, daß ſie dies Begegnen as ein vollkommen unerwartetes und überraſchendes erklärten und mit ihrer Verwunderung ihr Vergnügen ausdrückten, ſich in ſolcher Weiſe wieder zu ſehen. Keiner der Umſtehenden hätte daran zweiſeln mögen, wenn er den tapferen Admiral Cronſtedt betrachtete, in deſſen lungem, trocknem Geſicht ſich ein Widerſtreben ausdrückte, als wäre es ihm am liebſten, tauſend Meilen weit davon zu ſein.— Graf Olaf Cronſtedt ſchien ein ausgewetterter alter Seemann zu ſein, krochig und feſt, wo man ihn anfaſſen mochte. Sein Haar war ge⸗ pudert und gebunden, er trug den Körper gerade und ſteif, und in dm verlegenen Lächeln, das ſeine harten Züge weder verſchönte noch erweichte, ließ ſich wenig von der kaltblütigen, unerſchütterlichen Sicher⸗ heit erkennen, die er bei manchen Kriegsthaten bewieſen hatte. Der Aomiral war jedoch von dem Oberſten Jägerhorn begleitet, der es nät Suchtelen und allen Ruſſen an Gewandtheit der Formen auf⸗ nehmen konnte, und unter deſſen Beihilfe bald die üblichen gegen⸗ ſätigen Höflichkeiten in Fluß gebracht waren. Die Vorſtellung wurde dinn allgemein, und als Frau von Gurſchin mit Ebba hereintrat, gffolgt von Sam Halſet's Tochter und Otho's Schweſter, belebte die riterliche Galanterie der jungen Offiziere bald den ganzen Saal. D. B. IX Erich Randal, v. Th. Mügge. 23 354 Alle bedienten ſich hierbei der franzöſiſchen Sprache, welche als Verſtändigungsmittel für ſo verſchiedene Nationalitäten auch hier ihr Vorrecht behauptete. Die ruſſiſchen Herren redeten dieſe Sprache mit größter Fertigkeit, auch bei den Schweden war ſie ſeit alten Zeiten die Sprache der höheren Geſellſchaftskreiſe, die Finnen endlich, welche unter allen Völkern Europa's wohl das meiſte Sprachtalent beſitzen, zeigten ſich nicht weniger vertraut mit ihr. Die ſchöne Frau von Gur⸗ ſchin war bald mit den beiden vornehmen Offizienen in die munterſte Unterhaltung verwickelt, um welche ſich ein Dll der glänzenden Herren ſchaarte, welche ſie mit ihren Blicken und ihrem Lächeln feſt⸗ hielt. Ebba wurde von dem jungen Fürſten Dolgoruki beſchäftigt, der ſich als Serbinoff's beſter Freund ankündigte, ihn vor wenigen Tagen erſt geſehen hatte und viel von ihm zu erzählen wußte. Baron Arwed brachte ſeine Huldigungen dem Gegenſtande ſeiner Berechnung und ließ ſich von der unzerſtörbaren Ruhe dieſer ſpröden Jungfrau nicht ab⸗ halten, ſeine launigen Fragen und witzigen Antworten fortzuſetzen, wenn er auch mit geheimem Verdruß bemerkte, daß Mary's Augen bald auf Otho hafteten, der von einem ſchwediſchen Seemann aus dem Gefolge des Admirals feſtgehalten ward und welcher kein anderer war, als Guſtav Lindſtröm, bald zu Erich Randal hinüberſchauten, der ſoeben von dem Freiherrn Wright dem ruſſiſchen General vorgeſtellt wurde. Arwed hatte ſeinen ungeſtümen luſtigen Vetter eilig abge⸗ ſchüttelt, um ſich der Dame, welcher er zu gefallen wünſchte, zu nähern; er hatte gehofft, daß ſeine erneute Aufmerkſamkeit ihr Wohlwollen er⸗ wecken würde und daß ſie überhaupt mit freundlicheren Empfindungen nach Liliendal gekommen ſei, allein er ſah ſich darin getäuſcht. Mary Halſet ſchien noch ernſter und in ſich gekehrter zu ſein. Mitten in dieſer glänzenden lebhaften Geſellſchaſt ſtand ſie ohne Zeichen der Theilnahme und häufig beantwortete ſie ſeine Anreden mit ſo leeren ſtarren Blicken, als habe ſie nichts davon gehört. Während dies geſchah, begab es ſich an der anderen Seite des Saales, daß Louiſa raſch durch die Gruppen der Offiziere eilte, um zu ihrer Beſchützerin zu gelangen. Neugierig und erſtaunt blickten die jungen Herren auf dies ſchöne Kind, das ihre Theilnahme in hohem Grade rege machte, denn ſeine zarte Formen ſowohl, wie die prache, welce aten auch hie dieſe Spratt e ſeit alten gi nen endlich, u achalent beſt n in die munte lder glänzen ibrem Lächeln ruki beſchäftig, vor wenigen d. te. Baron A. erechnung und aungfrau nicht worten fortzuſt daß Mars! Seemann all r kein anderer inüberſchauten, General borg Vetter eilig Ä ttee ei vünſchte, zu na Wohlwollen ren Empfindu 2Ae c a getäuſcht.) ein. Mit obne geichm „den mit ſo! Frau von G Au ein wenig fantaſtiſche Tracht mußte alle Blicke auf ſich ziehen. Ihre langen glänzenden Haare mit Korallenſchnüren durchflochten, hingen nach finniſcher Sitte weit über den Rücken nieder. Ein rothes Band mit einem Goldgehänge ſchmückte ihre Stirn und das weiße einfache Kleid, in reichen Falten niederfallend, erhöhte den Reiz ihrer lieblichen Erſcheinung. Die furchtſamen Blicke ihrer großen bittenden Augen begleitete ſie mit einem Lächeln, das ihr ſelbſt Muth machen ſollte, unter ſo viele fremde ſtolze Männer zu treten; plötzlich aber tauchte ſich ihr ganzes E.ſcht in dunkle Röthe und gleich darauf ſtrahlte es hell und freudig darin auf. Sie ſtreckte ihre Hand aus und ließ ſie wieder ſinken. Magnus! rief ſie laut, und einen Augenblick ſchien es, als wollte ſie auf den jungen Mann, der in der Tracht eines Junkers der finniſchen Jäger drei Schritte entfernt von ihr ſtand, loseilen, gleich aber ſtand ſie wieder ſtill und verbeugte ſich, wie es Sitte war. Magnus Munk war in ähnlicher Weiſe überraſcht. Als er ſeinen Namen rufen hörte, wie in der alten frohen Zeit, ging der Ton ihm ſo tief durch's Herz, daß er alle Vergangenheit vergaß; allein es war in der nächſten Minute damit vorbei. Er ſah Louiſa zurücktreten und als ſie ſich verbeugte, machte er es eben ſo. Um ihn her ſtanden Offiziere, das Soldatenweſen hatte ihn ſchon gelehrt, was ſich ſchickt, und mehr noch that's ein Weh, das in ſeiner Bruſt aufwachte. Es geht dir wohl, Louiſa? fragte er. Mir geht es ſehr wohl, antwortete ſie. Auch habe ich deinen Vater geſprochen und ihm verſprochen, dir ſeine Grüße zu bringen, wenn ich dich antreffen würde, was ich freilich faſt nicht erwartete. Das erwarteteſt du nicht, ſagte Magnus, und er lächelte, obwohl es ihm ſchwer wurde. Er richtete ſeine Augen auf ſie, Louiſa be⸗ merkte, daß er magerer und bläſſer geworden ſei. Du ſiehſt nicht ganz munter aus, begann ſie nochmals und es überkam ſie eine Furcht, als er ſie ſo ſonderbar ſtarr darauf anblickte. Ein anderer junger Mann trat jetzt herbei, auch ein Junker von demſelben Regiment, aber größer und ſtärker als Magnus Munk. Wahrhaftig, rief er, es iſt meine kleine ſüße Nachbarin], Louiſa. Welch Glück, Sie hier zu ſehen, und wie groß ſind Sie geworden, 23*† — 356— dabei aber doch noch der allerliebſte kleine Elf, wie Sie immer ge⸗ nannt wurden. Es war der Junker Ridderſtern, der in dieſer Weiſe ſich ein⸗ miſchte und Magnus zurückdrängte. Er fragte und lachte, erkundigte ſich nach Neuigkeiten aus Halljala, erzählte dabei, daß er ſeinen Ver⸗ wandten, Oberſt Jägerhorn, hieher begleitete, der auf ſeine und Lind⸗ ſtröm's Bitten auch den kleinen Magnus mit aufpacken ließ. Nun wollen wir auf's tapferſte tanzen, ſchöne Louiſa, ſagte er, wollen nicht darnach fragen, was mein Papa etwa dagegen einzuwenden hätte. Ich bitte um die Ehre, morgen Ihr Tänzer zu ſein. Trotz des wüſten und anmaßlichen Tones, in welchem der Junker redete, war Louiſa doch freundlicher zu ihm als zu Magnus, der ſchweigend zuhörte. Ohne ſich wieder an ihn zu wenden, ging ſie endlich fort und kaum ſtreifte ihr Blick über den armen Knaben hin, der mit ſeinen Augen ſie verfolgte, bis er ſab, daß Frau von Gur⸗ ſchin ſie umarmte und küßte und alle die großen und glänzenden Herren ſich mit ihr beſchäftigten. Auf mein Wort, kleiner Magnus! ſagte Ridderſtern, ihn auf die Schulter drückend, ſie iſt ſo hübſch geworden, daß ich mich verlieben werde. Aber wie ſiehſt du denn aus! Als ob du mich verſchlingen wollteſt, mein Sohn. Magnus antwortete ihm nichts, er ſuchte die Thränen zu verber⸗ gen, die unwillkürlich in ſeine Augen drangen. Es war ihm, als müßte er hinaus in die Schneewüſte laufen und ſein Herz auf das Eis drücken. Eben zur rechten Zeit ſuchte ihn Lindſtröm und führte ihn zu Erich und Ebba. Sei froh, lieber Magnus, ſagte er ihm, Serbinoff iſt nicht hier, du wirſt ihn nicht ſehen. Der ſchwarze Herr hole alle Ruſſen! Blanke geputzte Burſche ſind es, geſchniegelt wie Kätzchen, aber ihre Krallen ſtecken in den Scheiden. Sieh die ruſſiſche Hexe da, Magnus. Nimm dich in Acht vor ihr, mein Junge. Den alten Admiral wickelt ſie um ihre Finger, und ſchau' den Otho an, wie er um ſie her iſt und wie ſüß er ausſieht, als reichte ſie ihm Zuckerkuchen.— Oho! da brechen ſie auf, um ſich an den Tiſch zu ſetzen. Meiner Treu! ſie hängt ſich dem alten Seehund an den Arm, aber Otho bleibt ihr von der anderen Seite. Ich ſage dir, Magnus, wir müſſen — — auch dabei ſein, und verdammt will ich ſterben, wenn das Alles Zu⸗ fall iſt! An der Tafel des Freiherrn ging es fröhlich her und den Reſt des Abends über gab es abwechſelnd mancherlei heitere Luſt. Welche verſchiedene Gegenſtände aber auch zur Unterhaltung dienten, die Po⸗ litik und die Fragen, welche damit zuſammen hingen, Alles was ir⸗ gend einen Mißton hervorrufen konnte, blieben ſtreng ausgeſchloſſen. Schweden und Ruſſen ſaßen in bunter Reihe und beſtrebten ſich um den erſten Rang in gegenſeitiger Zuvorkommenheit. Die beiden Gene⸗ rale hatten ihre Plätze getrennt genommen, jedenfalls mit einiger Abſichtlichkeit, und während die beiden Freiherren Wright neben dem General Suchtelen ſaßen, ſah Frau von Gurſchin den Admiral an ihrer Seite und an der andern den Oberſt Jägerhorn. Um jeden An⸗ laß zu einer Störung abzuſchneiden, wurden ſelbſt die Trinkſprüche vermieden, weder des Königs in Stockholm noch des Kaiſers in Peters⸗ burg gedacht, nur der Freiherr Wright trank auf das Wohl ſeiner Gäſte, und ſein Bruder, der Oberſt, ließ die Hoffnung leben, daß der Beſuch in Liliendal Jedem zu ſolcher Freude gereichen möge, wie er dieſe empfinde. Als die Naſe des tapferen Oberſten endlich bedenklich röther wurde und die Weinlaune ſich überhaupt an manchen Orten merklich zu regen begann, erhob ſich Frau von Gurſchin und beendete damit die Tafelvergnüglichkeiten. Nach nordiſcher Sitte hörten jedoch die Genüſſe damit nicht auf, denn nun erſt wurden die Schenktiſche in verſchwen⸗ deriſcher Fülle mit heißen und kalten ausgewählten dunkeln und hellen Getränken beſetzt. Das Gläſerleeren unter den herzlichſten Glück⸗ wünſchen wurde daher zwiſchen Ruſſen und Schweden noch eine Zeit lang auf's eifrigſte fortgeſetztt, dann aber bildete ſich ein aufmerk⸗ ſamer Zuhörerkreis in dem Saale, denn Conſtanze Gurſchin hatte ſich bewegen laſſen, ihre Meiſterſchaft in Spiel und Geſang zu zeigen. Frau von Gurſchin brachte aus Petersburg einen äußerſt koſtbaren wiener Flügel herüber, den ſie vollkommen beherrſchte und alle Hörer entzückte. Ohne Zweifel war weder in Finnland noch in Schweden damals ein ähnliches Inſtrument vorhanden, und die meiſten Anweſenden hatten nie ein ſolches geſehen, nur in Rußland konnten — 358— ſie bezahlt werden; aber die ſchöne Frau that noch mehr. Sie ſang, nachdem ſie ein ſchweres, brillantes Opernſtück geſpielt hatte, Volks⸗ lieder, und zwar abwechfelnd, bgld ſchwediſche, bald ruſſiſche, zum Wohlgefallen der jungen Dfjage die ihr den uugemeſſenſten— dafür bezeugten. Ich nehme es an, ſage ſe⸗ endlich lachend, daß 9 Verken mich ohne Ausnahme als ihrk unterthänige Angehörige betrachten, und thue dies um ſo lieber, da ich nicht wüßte, für was ich mich ent⸗ ſcheiden ſollte. Soll ich mich auf die Seite Schwedens oder Rußlands ſtellen, es würde eine ſchwere Wahl werden. Ich ziehe es daher vor, beide Nationen zu vexeinigen und daraus für mich einen Geſammt⸗ ſtaat zu bilden. Ruſſiſch⸗ſchwediſch oder ſchwediſch-ruſſiſch ſoll ſomit immer mein Vaterland ſein. Aber es gibt hiet jan noch eine Nationalität, ſagte General Such⸗ telen. Würden Sie nicht euch dieſe mit Ihrem Reiche verbinden und uns ein finniſches Lied vortragen? Conſtanze ſchlug ihre Augen zu Otho auf und antwortete lebhaft: Davon verſtehe ich nichts. Es gibt allerdings eine finniſche Sprache und ſie iſt ſo drollig und eigenthümlich wie Volksſprachen ſind, allein aus der guten Geſellſchaft iſt ſie verbannt oder vielmehr niemals dort eingedrungen. Die Finnen ſelbſt ſind immer lieber entweder Schweden oder Ruſſen geweſen und, wie ich denke, mit allem Rechte. Man hat mir geſagt, fuhr General Suchtelen fort, daß faſt jeder Finne ein Improviſator ſei, der zu ſeiner Zither ſchöne Geſänge zu dichten verſtehe. Hier haben Sie einen ſehr kenmnißreichen und liebenswürdigen finniſchen Herrn, rief Frau von Gurſchin, der, wie ich vernommen habe, in dieſer edlen Kunſt ein Meiſter iſt. Er wird auf unſere Bitten uns gewiß eine Probe nicht verſagen. Alle Blicke richteten ſich auf den jungen Mann, der wohl ſchon vorher manche Augen auf ſich gezogen hatte. So viele herrlich aus⸗ geſtattete Männer hier vereinigt waren, ſtand Otho Waimon doch Keinem nach. Ohne irgend einen Schmuck zu tragen, ohne durch Pracht oder Feinheit modiſcher Kleider zu glänzen, glänzte er durch mancherlei Vorzüge, welche dies Alles und mehr erſetzten. Sein Kopf mit den A ruſſiſche, ze enſten Vei daß faſt ju e Geſänge ber zwürdig c vernonn 5 auf uu 2— 359— großen dunkelblauen Augen, ſein goldiges Haar, das in dichten Locken und Ringen auf ſeine Stirn fiel, und dieſe Stirn ſelbſt, ſo edel ge⸗ wölbt und kühn geformt, konnten nicht gleichgiltig betrachtet werden. Dabei lag der Ausdruck ſtolzer Feſtigkeit in allen ſeinen Zügen und doch waren dieſe mild und äußerſt klar. Ein Schatten wie von Trauer oder Kummer breitete ſich darüber aus und verſchmolz ſich mit dem Lächeln, das dieſe düſtere Anwandelung zu überwältigen ſuchte. Otho war in den letzten Tagen viel in Frau von Gurſchin's Nähe geweſen. Sie hatte ihn zu ihrem Begleiter auf ihren Spazier⸗ gängen in das Pflanzenhaus und im Gange des Parks gemacht, hatte ihn in ihre Zimmer gerufen, wenn ſie allein war, und ihn bevorzugt im geſellſchaftlichen Umgang. Trotz der Ankunft der vornehmen Gäſte hatte ſie auch heute ihm manche Zeichen ihrer Gunſt geſchenkt, ihm zugelacht, ihn herbei gewinkt, lächelnde, muthwillige Fragen an ihn gethan und bedenklich über ihre Stirn geſtrichen. Er war, als er nach Liliendal kam, ſchon nicht mehr der fröhliche, unbefangene Mann, der er geweſen, allein während ſeines Aufenthalts hatte er ſich noch weit mehr geändert. Eine Unruhe ſchien ihn zu beherrſchen, welche ſich durch die ſtärkſten Gegenſätze äußerte. Zuweilen war er ſtumm, ſcheu und wie von Phantomen geängſtigt, die ihn umringten, dann wieder wurde er in hohem Grade lebhaft, geſprächig, zum Scherz mufgelegt, als wollte er gewaltſam Alles was ihn drückte von ſich werfen. Er war zu den muthwilligſten Aeußerungen aufgelegt, Frau ton Gurſchin fand dieſe Natürlichkeit allerliebſt und blickte mit eben ſo vielem Vergnügen in ſeine flammenden Augen, wie ſie gern hörte, was er in wilden Bildern und Gedanken zum Beſten gab. Nur war (8 ſchade, daß ihn ſobald wieder dieſe fröhliche Laune verließ und er dann wohl in unruhiger Haſt davon lief, eben wo ſie an der beſten Stelle ungelangt war. Auch an dieſem Tag war Otho in derſelben wechſelnden Stim⸗ mung, froh mit den Fröhlichen, zutraulich gegen die ruſſiſchen Herren, leſonders freundlich und geſprächig zu dem jungen Fürſten Dolgoruki, jer ihm einige mit Bleiſtift geſchriebene Zeilen von Serbinoff mit⸗ ſebracht hatte, welche gute Nachrichten enthalten mußten, denn die ihn 360 beobachteten ſahen, wie ſein Geſicht ſich heller röthete und ſeine Augen einen eigenthümlichen Glanz erhielten. Dann ging er mit dem Fürſten eine Zeit lang durch den Saal und dieſer fand ſicher Wohlgefallen an ihm. Mehrmals kehrte er zu Otho zurück und bei Tiſche ſaß er neben ihm, trank und lachte mit ihm, und rüttelte ihn aus ſeinem Nachdenken. Jetzt, als Frau von Gurſchin ihn als einen Dichter ſeines Volks zu einer Probe ſeiner Kunſt aufforderte, wußte er wohl, was der ge⸗ heime Spott in ihren Mienen bedeutete. Erſt an dieſem Morgen hatte er mit ihr über die finniſche Sprache geſtritten. Er hatte ſie gerühmt und ihre Schönheit in Scherz und Ernſt vertheidigt, während ſie eine Sprache, die von einem kleinen, armen und halbwilden Volke geſprochen werde, das kaum eine Schrift aufzuweiſen habe, und deſſen gebildete Männer ſich immer einer anderen Zunge bedienen mußten, um ſich verſtändlich zu machen, als barbariſch verlachte. Conſtanze verſtand ſelbſt genug Finniſch, um ihre Spöttereien dadurch zu unter⸗ ſtützen, daß ſie manche Begriffe des civiliſirten Lebens aufzählte, für welche die finniſche Sprache keine Worte hat, weil jene Dinge erſt von den Eroberern des Landes mitgebracht wurden, und ſie verglich damit die ruſſiſche Sprache, deren Reichthum, Biegſamkeit und Feinheit ſie übermäßig pries. Wer ruſſiſch ſpricht, hatte ſie ihm geſagt, den verſtehen ſechszig Millionen Menſchen. Er kann von der chineſiſchen Mauer bis nach Deutſchland, vom Eismeere bis an's ſchwarze Meer und in den Kau⸗ kaſus reiſen, überall wird ſein Wort vernommen. Wenn Rußland erſt Konſtantinopel in ſeinem linken Arm hält, und Kopenhagen in ſeinem rechten, umklammert es ganz Europa, und es wird gar nicht ſo lange dauern, bis Rußlands Sprache alle anderen Sprachen über⸗ flüſſig macht. Da Rußland ein Weltreich aufbaut, wird ſeine Sprache auch Weltſprache ſein. Ruſſiſch ſollen Sie lernen, Herr Otho, je eher je lieber, ich will Ihre Lehrerin werden. Louiſa war fortgelaufen, und kehrte jetzt mit einer Kandele zurück, die ſie ihrem Bruder reichte und ihm dabei ſagte: Laß uns nicht zu Schanden werden, nicht verſpotten, Otho. Es den wen als er u ſtarker muthete zahlreich wie die alle We Mann zugend geiſteru füllte? Accorde hald a ſch m war ſchütt — 361— Es fiel mancher lächelnde Blick auf das ärmliche Inſtrument mit den wenigen zitternden ſchwachen Saiten, aber Otho nahm es, und als er mit ſeinen Händen darüber fuhr, brachte er Töne hervor, welche ſäärker und anmuthiger klangen, als die meiſten der Zuhörer es ver⸗ mutheten. Wie er in dem glänzenden Kreiſe ſaß, hell beſtrahlt von zahlreichen Wachskerzen, mußte Ebba an den Gott Wainemonen denken, wie dieſer einſt göttlich ſchön und ſtark durch dies Land wanderte, und alle Weſen folgten ihm und ſeinen Geſängen. War dies nicht auch ein Mann in goldigen Locken? Funkelten in ſeinen Augen nicht Glück und Jugendluſt, ſchimmerte auf ſeiner Stirn nicht eine edle himmliſche Be⸗ geiſterung, die Alle, die ihn ſchauten, mit Freude und Sehnſucht er⸗ fällte? Otho ſaß ſinnend, während er jene langhallenden, langſamen Accorde aus den Saiten lockte, die den Geſang der Finnen begleiten, bald aber klangen die Töne heller und friſcher. Sein Geſicht hob ſich mit einem fanften Ausdruck auf, das Lächeln um ſeine Lippen war ein ſchmerzlich⸗ſchönes, und ſeine Locken pon der hohen Stirn ſchüttelnd, hob er dieſe auf und ſchien ſeine Umgebung zu vergeſſen. Seine tiefe Stimme war rein und von ſolchem Umfange, daß, als er ſeinen Geſang begonnen, Alle davon überraſcht waren, und obwohl die Meiſten ihn nicht verſtanden, hörten ſie ihn gern, und fühlten etwas von der Begeiſterung, die ihn ergriffen hatte. Die Lieder der Finnen kennen den Reim nicht. Wenn ſie in der Form kunſtvoll ſein ſollen, beſchränken ſie ſich auf gleiche Zahl der Sylbenpaare und Wiederkehr gleicher Buchſtaben, Aſſonanz und Allite⸗ jation; bei den Improviſatoren aber ordnet ſich die Form ganz der Fantaſie unter, welche den Strom ihrer Eingebungen frei walten läßt, ehne die Faſſung ſonderlich zu beachten. So war es auch mit dem biede, das Otho erfand und bildete, und das er mit abwechſelnd lang⸗ ſamer und lebhafter Muſik begleitete. Hier iſt Otho Waimon, ſo begann er in der herkömmlichen Weiſe ialler finniſchen Dichter, der bereit iſt einen Geſang zu ſingen. Hört hn an, meine Freunde, ſchenkt ihm eure Augen und eure Ohren, öffnet uure Herzen und laßt dieſe freudiger klopfen, wenn es ihm gelingt euch zu rühren. Hört, o hört! was ich euch berichte, traurig iſt es, kla⸗ — 362— gend und traurig, doch hoffet, meine Freunde, hoffet, daß der Schmerz ſich in Freude verwandelt. Es lebte einſt eine Jungfrau, groß war ſie und ſchön. Ihr Ge⸗ ſicht war lieblich wie Frühlingsblüthen, ihr Körper hoch und ſtolz, wie unſere Tannen. Ihre Wangen waren den Roſen gleich, ihre Züge voll Güte, und was ſie ſprach war Wohlklang. Alles wußte ſie ſüß zu ſagen, ſüß und ſcharf doch zugleich. Niemand konnte ſie ſehen ohne ſie zu lieben, und dennoch— wunderbares Schickſal!— alle ihre Ge⸗ ſpielen vermählten ſich, ſie allein fand keinen Gatten. Einſam blieb ſie lange Jahre ihren Wünſchen überlaſſen; da, ol Tag des Jammers! kamen Fremde über das Meer. Sie drangen in das Haus der Jungfrau; ungerührt von ihrem Flehen banden ſie ihre Glieder, zogen ſie ihre Meſſer, ſchnitten ſie ihr die Zunge aus. Weinend lag ſie auf ihren Knien, ſchreiend nach dem Retter, der ſie erlöſen und heilen ſoll. Weinend noch liegt ſie lange, kalte Tage, lange trühe Nächte, hoffend auf den ſtarken Gatten. Ihre Thränen rollten fort und fort; auf zum Himmel ſchaut ſie, flehend um Gerechtigkeit. Wollt ihr wiſſen, wie dieſe arme verlaſſene Jungfrau heißt? Man nennt ſie die finniſche Sprache! Andere tanzen leicht und glücklich durch die Welt. O! ſie haben weniger Werth als dieſe, die ſo reich iſt und ſo ſchön, ſo hold und doch ſo tief in Leid. Theure Sprache meiner Väter! wie lange wirſt du umherirren durch Sturm und Nebel? Wie lange wird deine zitternde Hand vergebens an verſchloſſene Thüren klopfen? Wie lange wirſt du bange Klagen ſeufzen, die in Nacht und Eis verwehen. Biſt du eine Bettlerin, ſchöne Jungfrau? Biſt du ein verſtoßenes Kind, das vergebens nach Erbarmen ruft? Weine nicht länger, raffe dich auf. Hebe deine ſtolze Stirn empor, blicke ſie an mit deinen klaren blauen Augen. Laß ſie ſchmähen, ol ſie kennen dich nicht. Wie ſüß du biſt, wie herrlich deine Stimme den Wald wach ruft, die Sonne und die Vögel, die Fiſche im See, das Wild im Buſch. Laß ſie ſchmähen, komm zu mir, komm an meine Bruſt! Ich liebe dich mehr als ich ſagen kann. Treu will ich ſein zu aller Zeit; nie und nim⸗ mer will ich dich verlaſſen! Ass Ot in die an ließ er öiden an, kouiſa ſch ten Dame deſchwiſter Ju d neue Ge Ferne g 3 giment taf pü beſetz Fe ſtlicht bereinig gelant bfflg. den ru ſedt, chm duch 1 i d. ſc reich ſſ Sprache me nd Nebel! oſſene 1 „ in Nacht 363 Als Otho Waimon bei dieſen letzen Worten ſeines Geſanges mäch⸗ gg in die Saiten griff, ſprangen ſie unter ſeinen Fingern, und lang⸗ um ließ er die Harfe und den Kopf ſinken. Er ſtarrte die zerriſſenen ſäden an, ſeine Stirn wurde blaß, eine Ahnung kam in ſeine Seele. kouiſa ſchlug ihr)e Arme um ſeinen Hals, ſie weinte. Alle die frem⸗ ien Damen und Herren blickten theilnehmend und beſorgt auf die heſchwiſter. Achtzehntes Kapitel. Zu dem großen Balle vermehrte ſich die Geſellſchaft durch viele ſeue Gäſte, welche ſowohl aus der Umgegend, wie aus weiter berne geladen, daran Theil nehmen wollten. Die Muſik des Jäger⸗ iegiments aus Sweaborg war dazu verſchrieben worden, und raf pünktlich ein, in dem großen Schloſſe blieb nun kein Raum unbeſetzt, und bis zum Abend hatten ſämmtliche Theilnehmer dieſer Feßtlichkeiten hinreichend zu thun, um für die Vorbereitungen zu ſorgen und ihre Anzüge in Bereitſchaft zu ſetzen. Der gaſtliche Freiherr ſuchte ſeinen Gäſten die Stunden ſo viel uls möglich zu erheitern und zu verkürzen. In dem großen Gewächs⸗ ſauſe wurde ein Frühſtück eingenommen, bei welchem die Janitſcharen⸗ muſik aufſpielen mußte. Da eine Anzahl junger, hübſcher Damen nun jeeſammen war, und die Mittagstafel ſchon einen glänzenden Kreis bereinigte, fanden die jungen Offiziere noch weit mehr Gelegenheit ſich zalant zu beweiſen und ſie thaten dies ohne Zweifel mit dem beſten Erfolg. Die ſchwediſchen Damen ſchienen ſich bei weitem weniger vor den ruſſiſchen Uniformen zu ſcheuen, wie der tapfere Admiral Cron⸗ ſtddt, der dem General Suchtelen auswich, ſo viel dies immer ſich lun ließ, auch die anderen Ruſſen vermied, dagegen wie geſtern ſo nch heute von Frau von Gurſchin gefeſſelt wurde. Um ſo mehr war der Oberſt Wright um die fremden Gäſte beſchäftigt, und längere 364 Zeit nach dem Frühſtück ſah man den General Suchtelen mit dem Oberſten Jägerhorn und Herrn Sam Halſet im Freien auf dem ſchnet⸗ befreiten Raume auf und nieder gehen. Der Oberſt entfernte ſich je⸗ doch ſehr bald, und Halſet's Gelächter, ſeine krähende Stimme, und die Art, wie er heftig mit den Händen umherfocht und Geſichter ſchnitt, zeigten genugſam, daß er luſtige Geſchichten erzählen müſſe. Zu heim⸗ lichen Unterhaltungen war auch hier weder Zeit noch Gelegenhei Durch alle Gänge ſtreiften die Cavaliere und Damen umher, in allen Zimmern ſaßen ſie, aus allen Räumen hörte man ihre Stimmen, und als endlich das Mittagsmahl vorüber gegangen war, brach die Finſter⸗ niß herein, und man trennte ſich, um zum Balle auszuruhen. Selbſt Erich Randal hatte Sorge getragen, wie ein Mann ſeines Standes zu erſcheinen. Seine bequeme einfache Tracht mußte einem feinen, nach franzöſiſcher Art geſchnittenen Rock weichen, der ſeiden⸗ geſtickt und mit großen goldrandigen Perlemutterknöpfen beſetzt war. So geſchmückt in Schnallenſchuhen und Seidenſtrümpfen, ſein Haar gebunden und den Galanteriedegen an der Seite, trat er bei Ehba⸗ ein, die ihn lächelnd ſtaunend empfing. Faſt ſchien es, als hätten Beide ihre äußere Erſcheinung vertauſcht, denn ohne allen Schmuck, nur eine ſchöne Blume im Haar, trat Ebba ihm entgegen. War es ihr ſilbergraues Gewand, oder war es wirklich ſo, er fand ihr Ge ſicht bleich und trübe. Was fehlt Ihnen? fragte er. Soll ich Sie verlaſſen? Beiſtand rufen? Sie ſollen bleiben, erwiederte ſie. Es iſt mir lieb, daß Sie bei mir ſind. Der Druck ihrer Hand und die Innigkeit in dem Tone ihrer Worte drangen warm zu ſeinem Herzen. Mögen Sie immer ſo zu mir ſprechen, theure Ebba, antwortete er, indem er ſeine freundliche Augen zu ihr aufhob. Sie ſchwieg eine kleine Weile. Sind das Ihre Wünſche geblieben, Couſin Erich? fragte ſie dann. Können Sie daran zweifeln? war ſeine Antwort. Und haben Sie Alles wohl geprüft? Ich glaube, daß ich es gethan habe. ditſe Let iiſe zu er Wihren M Win acheln denn ei ſch enbr. Veſten Fri in llos— Ausdru Ei wiede ieden was ur 36⁵ uchtelen Sie blickten ſich an, eine hellere Farbe trat in ihre Züge. Kennen auf dem die mich auch, Erich? fragte ſie. Ja, ſagte er ſanft lächelnd. Ich denke in einem offenen, ſchönen huche zu leſen. Und was ſagt Ihnen die Schrift? müſſe. Zu Daß ich glücklich ſein werde, wenn ich Ihnen ganz vertraue. Sie muß Ihnen mehr ſagen, oder ich— ich muß es thun, fiel ſöha ein, und ihre Blicke drückten die Energie aus, die ſie erfüllte. re St ih will Ihre Wünſche erfüllen, Erich. Was Sie iſt dem Buche brach d neknes Lebens leſen, ſoll treu gehalten werden. Wie ich Sie ehre zzuruhen ind achte, ſo will ich Sie lieben, was meine Mutter Ihrem Vater ncht ſein konnte, das will ich Ihnen ſein. Theure, edle Ebba! antwortete er, als ſich ihr Kopf zu ihm neigte, und ihre Arme auf ſeinen Schultern ruhten, Gott weiß es! Sie ſollen pfen neſe Liebe nimmer bereuen. Alles, was ein Menſch thun kann, um mpfen, ſei ſe zu erwerben, ſoll unabläſſig von mir erſtrebt werden.— Er küßte at er be hren Mund und ihre Stirn, ſie ließ es ſtill geſchehen. n es, alh Wir werden Glück und Leid tragen, fuhr ſie dann mit einem allen E lächeln fort. Wir werden unſer Loos erfüllen, wie es auch fallen entgegen. noge. Ich gebe Ihnen vertrauend meine Hand, Erich, denn ich weiß, r fandi s gibt keinen beſſeren Mann, der ſie nehmen könnte. Und was iſt zenn ein Menſchenleben? Eine Spanne Zeit! Was kann eine Men⸗ ſtenbruſt Größeres, Höheres in ſich tragen, als das Bewußtſein, dem Beſten zu gehören! b, daß E Friede und Freude blühen unter den Schritten der Lieblinge Ju⸗ mala's, und wer ihnen naht iſt geſegnet, ſagte Erich, indem er mit ihren Ansdruck tiefer Empfindung ihre Hände drückte. r ſo Sie ſchüttelte den Kopf. Wir werden manche böſe Tage erleben, freundlich mwiederte ſie, manche Stürme, ich ſehe ſie kommen; aber wer Glück und Frieden liebt, darf auch den Streit nicht ſcheuen. Sehen Sie nicht, nſche wns uns nahe bevorſteht, Erich? Wenigſtens nichts, was mit Gewißheit zu ſehen wäre. Sprechen Sie mit meinem Bruder, antwortete Ebba. Sagen Sie ilm, daß ich in Halljala mit Ihnen wohnen will, ſo lange es Gott 366 gefällt. Er wird mit ſeinen Glückwünſchen Ihnen antworten, daß Halljala bald kein Ort ſein wird, um eine Hochzeit zu feiern. Sie glauben, daß der Krieg ausbricht? Er wird ausbrechen, fiel das Fräulein ein. Merken Sie es nicht an dieſem Schloſſe, an dieſen Gäſten? Die Unzufriedenheit mit der Willkürwirthſchaft des Königs und ſeiner Unfähigkeit iſt ſo allgemein, daß ſelbſt in den Regimentern kaum mehr der Gehorſam ſich erhalten läßt. Wir werden vielleicht noch einige Zeit warten müſſen, lieben Erich, ehe wir ein friedliches Leben in Halljala beginnen können, doch um ſo beglückter wird es dann ſein. Auch der Freiherr Randal wind in dieſen Strömen ſein Recht und ſeines Volkes Rechte vertreten und vertheidigen helfen. Mit ſtolzer Freude werde ich ihn meinen Gatten nennen, mit allen Kränzen ihn ſchmücken, die ich für ihn winden kann. Und bis dahin? fragte Erich wie mit leiſem Vorwurf. Ich bleibe bei Ihnen, fuhr ſie fort, ich will nicht aufhören Sit zu mahnen, Ihr Vaterland nicht zu vergeſſen. Ich ſtehe zurückh Erich, denn Schweden hat beſſere und höhere Anſprüche; Alle ſeine Söhne müſſen ſich vereinigen, um es aus den Händen der Tyrannei zu befreien. Dann will ich einem freien Manne angehören. Erich ſtand nachſinnend vor ihr. Ueber ſeine klaren Augen ſchien ein Schleier zu ſinken, den er zu bewältigen ſuchte. Ich fürchte, ſagte er, daß, was Sie fordern, ſchwer ſich erfüllen wird. So ſcheint es, ja— doch Hilfe iſt oft näher als man denkt. Erinnern Sie ſich, was wir einſt ſprachen, als wir gemeinſam Humes engliſche Geſchichte laſen? Die Holländer kamen und erlösten Eng⸗ land von den tyranniſchen Stuart's. Und jetzt meinen Sie— Jetzt werden die Ruſſen kommen und Schweden von den Waſas befreien, die keine Waſa's mehr ſind. Das können Sie glauben, Ebba? Sie hörte nicht darauf. Mit den Holländern verband ſich der engliſche Adel, fuhr ſie fort, und das Heer vereinigte ſich mit ihnen. Selbſt die Günſtlinge des Tyrannen verließen ihn. Seine erſten Offiziere, ſeine nächſten Verwandten, gingen zu dem Befreier über. 63 Und handelt, nopfert, müßten auch da loffen, Tnünftige tvie lan uman um WPogen Vunft in We hatte. Glaube N geword daß er Mann Fahne Vater ſchich eih N horou witd dem 6 denn 1 T rickel fahre dunet — 367— anwworde Es war ſo, ſagte Erich Randal, ſie verriethen ihn Alle. zu feier Und ſo wird es wiederum geſchehen. Ein Mann, der ſinnlos handelt, der kein Recht achtet, der Schweden ſeinen ſtarrſinnigen Launen T,n Et a pfert, der da glaubt, er allein habe zu gebieten, alle Andern aber iedebet 1 müßten blind gehorchen und ſich unterwerfen, mögen Land und Volk nuch darüber zu Grunde gehen, der kann nicht auf dauernde Treue ae F ſoffen; denn der Tag muß kommen, wo der Widerſtand der Ver⸗ “ nünftigen ſtärker wird, als ſein geſetzloſer Wille. Geben Sie Acht, wie lange es noch dauern wird. Hören Sie auf die Sprache, welche man um uns her führt. Ich meine, wir ſind nahe daran, wo der Bogen in ſeiner Hand zerbricht. Glauben Sie, daß die Zuſammen⸗ zunft in dieſem Schloſſe ganz abſichtslos iſt? Welche Abſichten— Erich Randal hielt ein, als er dies geſagt hatte. Wenn es ſo wäre, ſetzte er hinzu, dann freilich müßte aller Glaube an Treue und Ehre aufhören. Warum? antwortete ſie. Soll ein General, ein in Ehren alt zewordener Soldat, ein Mann von altem Adel, nicht daran denken, haß er kein Bedienter in königlicher Livree, ſondern ein ſchwediſcher Mann iſt? Soll er für die Befreiung ſeines Volkes nicht ſeine Fahne erheben und gemeinſchaftliche Sache mit denen machen, die ſein VLaterland befreien wollen? Das hat allerdings mehr als ein General gethan und die Ge⸗ Ich fürcht ſcichte hat ſeinen Verrath zu rechtfertigen verſucht, antwortete der Freiherr. als man Nicht verſucht, Couſin Erich, ſie hat ihn gerechtfertigt. Marl⸗ einſam! borough iſt trotz deſſen der große Mann geblieben und Olaf Cronſtedt rlöste wird den Lorbeer der Unſterblichkeit erringen, wenn er den Krieg, mit dan die Ruſſen uns drohen, in dieſer Weiſe zum Segen umwandelt. Erich blickte ſchweigend auf ſie hin. Haben Ihre Muthmaßungen oon den! dum wirklich mehr für ſich als Ihre Wünſche? fragte er dann. Nichts weiter, als was Arwed mir andeutete. Dann, theure Ebba, laſſen Sie uns abwarten, bis wir die Ent⸗ band ſt wickelung klarer vor uns ſehen. Die Unzufriedenheit mit dem Ver⸗ . 5 n fohren des Königs iſt allgemein, aber noch berechtigt uns nichts an⸗ 1 zinehmen, daß ſo furchtbare Ereigniſſe nahe ſein können. — 368— Thatkräftige Männer führen Ereigniſſe herbei, fiel ſie ein. Der Freiherr Wright und ſein Bruder haben ihre Freunde, wie ich denke, nicht umſonſt hier um ſich verſammelt. Sind das denn die Männer, welche Schweden und Finnland frei machen können? fragte er traurig lächelnd. Für das Rechte zu ſtreiten, mangelt es mir nicht an Muth, aber mit Unbeſonnenheit oder leicht⸗ ſinniger Schlechtigkeit habe ich nichts zu thun, liebe Muhme Ebba.— Ich will morgen mit Ihrem Bruder ſprechen, will ihm Alles ſagen, was ich denke und meine. Warum wollen wir uns mit Vorſtellun⸗ gen quälen, die bis jetzt doch nur Nebel und Schatten ſind? Ich überlaſſe mich dem Glücke, das Sie mir verkündigten. Ich vertraue Ihnen, theure Ebba, vertrauen Sie auch mir. In ſeinen Blicken lag eine überzeugende Gewalt, der Ebba nicht widerſtehen konnte. Ich glaube Ihnen, ſagte ſie, ihm ihre beiden Hände reichend. Was das Schickſal uns bringt, Erich, wir wollen es muthig tragen. Während des ruhigen Geſpräches, das nun folgte, in welchem Erich Randal ſeine Grundſätze und die Anſchauungen darſtellte, welche er von ſeinem Leben und ſeinen Pflichten gewonnen und die Hoff⸗ nungen damit verknüpfte, einer freundlichen Zukunft entgegen zu gehen, befand ſich Otho Waimon bei Frau von Gurſchin, welche ihn zu ſich beſchieden hatte. Sie war ſo reich und köſtlich geſchmückt, und ſah ſo bezaubernd ſchön aus, daß Otho unter dem Eindrucke, dem er ſich unterworfen fühlte, überraſcht ſtehen blieb. Sie haben gewünſcht, gnädige Frau, ſagte er, als ſie ſich näherte, daß ich bei Ihnen eintrete. 7 Ich wollte Sie ſehen, Herr Waimon, antwortete ſie erfreut lächelnd über ſeine Verwirrung, die ſie richtig zu deuten wußte. Ich wollte mit Ihnen plaudern, ehe der Ball beginnt; ganz im Vertrauen als Ihre Freundin. Setzen Sie ſich zu mir, wir haben noch Zeit. Sie führte ihn zu der ſeidenen Ottomane und ſchmiegte ſich in die weichen Polſter. Zunächſt wollen wir von Ihrer Schweſter ſprechen, ſagte ſie. Wenige Tage noch, und die Feſte von Liliendal werden ein Ende haben, meine liebliche Louiſa darf mich jedoch nicht ſo bald verlaſſen. 25 si ford üleiben d Denn Demn mweil mei din Hal ſoenug be⸗ ſäch ganz ſcabe, hat Bempagn vreten. S hreclich ii um? dat mir Wlüch ho ſthr eig Ma Dtho, en ha Es ſoetgehe ſals 31 wort he dn der Vnſchli wollen, Alein u werren, M Wi e d0 buiſn thti rie ich onme 8.8 369 Ich fordere Ihre Einwilligung, daß ſie einige Zeit noch bei mir Pleiben darf, und dulde keinen Widerſpruch. Dennoch muß ich ihn erheben, begann Otho. Erich— Dennoch müſſen Sie ihn einſtellen, fiel Frau von Gurſchin ein, weil meine Gründe ſtichhaltiger ſind. Unſer theurer Couſin Erich wird in Halljala wenig Zeit haben, da er mit ſeiner eigenen Angelegenheit ſerug beſchäftigt iſt. Die liebenswürdige Ebba wird ihn zurückbegleiten, ſch ganz unter ſeinen Schutz ſtellen, denn, wie ich vernommen ſabe, hat der ehrbare Kammerherr die Abſicht, mit Herrn Halſet und Lompagnie nach Abo zu reiſen, um wo möglich in das Geſchäft zu neten. Sie ſehen ſo grimmig aus, Herr Waimon, als hörten Sie hreckliche Dinge. O wehl! da fällt mir etwas ein. Tauſendmal bitte h um Verzeihung, Ihnen ſolche Schmerzen bereitet zu haben. Man aat mir einmal erzählt, daß Sie eine gewiſſe Anwartſchaft auf das blück hatten, dieſe unterhaltende, fröhliche Jungfrau Mary auf immer zhr eigen zu nennen. Man wird Ihnen dann auch geſagt haben, Madame, antwortete dtho, daß dieſe Anwartſchaft auf Glück längſt ein Ende genom⸗ nen hat. Es iſt möglich, fuhr ſie lachend fort, gewiß dagegen, daß Louiſa ſergehen würde, im Fall ſie die Freuden des Brautpaares in Halljala 1s Zuſchauerin mitgenießen müßte. Denken Sie ſich, wie luſtig es urt hergehen wird, wenn die beiden gelehrten Perſonen Tage lang u der Bibliothek ſitzen und ſich mit Studien beſchäftigen. Es iſt un⸗ merſchlich, das arme regſame Kind zu ſolchen Freuden verdammen zu nollen, die ihm das Leben koſten können. In Ihrem ländlichen Hauſe, aletn und ſich ſelbſt überlaſſen, können Sie Louiſa doch nicht ein⸗ ſerren, was bleibt alſo übrig, als ſie in meine Obhut zu geben. Major Munk bleibt übrig, ſagte Otho. Wie? rief Conſtanze Gurſchin lachend, der alte Stelzfuß, der in dr Hütte von Lomnäs wohnt, deſſen Sohn hier umher läuft und aAuiſa aus allen Ecken und Winkeln anſtiert, wie ein Toller? Sie aeſtigt ſich vor dieſem Burſchen, der in die Kaſerne gehört, und nſe ich weiß, hat er ſich gegen den Grafen Serbinoff ſo albern be⸗ wmmen, daß er fortgeſchafft werden mußte. Was wollen Sie denn, D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 24 3 370 Herr Waimon? Wollen Sie Ihre Schweſter in Lomnäs räuchern laſſen, bis dieſer Junge kommt und ſie heimführt. Haben Sie keine anderen Ausſichten für Louiſa? Iſt kein beſſerer Mann da, der fin meine liebliche kleine Freundin Alles wagen möchte? Sie müſſen mir ſie laſſen. Darf ich fragen, was Sie noch zu erinnern haben? Ge⸗ falle ich Ihnen nicht? O, Madame! was kann ich darauf erwiedern! rief der junge Mann lebhaft aufblickend, während ſein Geſicht röther wurde. Nun denn, fuhr ſie ihre feurigen Augen auf ihn richtend ſon, wenn Sie nicht dennoch größeres Vertrauen in Ihre geiſtvolle Freundin Ebba ſetzen— Das iſt nicht meine Meinung! ſtieß er mit der Beſtimmtheit her⸗ vor, die in dem Tone ſeiner Sprache lag. Und wenn es, was wir zwar noch nicht berührten, doch, wie ih glaube, beide vorausſetzten, Ihr Entſchluß iſt, nicht in Ihre Einſam⸗ keit am Pajäne zurückzukehren. In der That! antwortete er, ich habe vergeſſen, daß meine Eni⸗ ſchlüſſe— Er ſchwieg und blickte ſie fragend an. Ich weiß auch wahrlich nichts davon, lachte die ſchöne Frau, allein was meine Ohren nicht hörten, das ſahen meine Augen. Graf Ser⸗ binoff iſt Ihr inniger Freund. Er ſpricht von Ihnen mit Bewunde⸗ rung; er wünſcht nichts ſehnlicher, als immer in Ihrer Nähe zu ſein. Mit dieſer Kenntniß wurde es mir nicht ſchwer, weiter zu ſchließene und was Louiſa mir vertraute, vervollſtändigte mein Wiſſen ſehr ber deutend und erhöhte den Antheil, welchen ich für Sie Beide hege. Wie vermöchten wir ſolchen Antheil zu verdienen, ſagte Othe⸗ und er küßte dabei die reizende Hand, die ſie ihm reichte. Weil Ihr Beide Günſtlinge des Himmels ſeid, antwortete ſie⸗ Blumen, die wahrlich nicht auf dieſen dürren Boden gehören Sie müſſen fort von hier. Wenn Sie es nicht wollten, würde ich in Sier dringen. Ich würde Sie bitten und beſchwören, Ihrer Freundin zu glauben und ihr zu folgen. Zu folgen? wiederholte Otho. Nach Rußland, nach Petersburg, fuhr ſie fort. Das iſt der Platz wohin Sie gehören. Was wollen Männer von ſolcher Kraft und 1 ühnhe pum i dn Sie ſagte i wenn i entzcken dieſen Nnblick in wird Tiſe herrl Phahe ſei mirdei Warum, Widniß ſan den Ott ecelche; ſhiſetzt def. Sie ſdaß ich In ſdorthin man be Mordene dtol, 1 t aß er die ger nremde dlnen len or tträgl ſhoce WUti neſgru r Beſtimmt daß mein ſchöne Frall Augen. Gid enen mit 3 arer Nähe weiter zu ch 1 Wiſſen — 321— kühnheit, von ſolcher lebendigen Phantaſie, ſolchem geiſtigen Reich⸗ hum in dieſen Sümpfen und Wüſten? Als ich Sie geſtern betrachtete, da Sie mit dichteriſcher Begeiſterung die finniſche Sprache beſangen, ſugte ich mir: welchen Platz würde Otho in Rußland einnehmen, wenn ihm von ſeinen Freunden der Weg gebahnt würde? Es war ntzückend, in Ihr Geſicht zu ſehen, entzückend, dieſen Schmerz und ſieſen Zorn mitzufühlen. Es gibt Männer, Herr Waimon, deren Anblick uns überwältigend zuruft: ſtellt dieſen hin, wohin ihr wollt, wird an ſeiner Stelle ſein; aber je größer der Wirkungskreis, um p herrlicher wird er glänzen, und ſoll das nicht unſeres Lebens Auf⸗ ſabe ſein. Nützt ein Baum, der mitten im Urwalde wächst? Jeder würde ihn anſtaunen, allein Niemand kennt ihn, Niemand ſieht ihn. Darum, mein ſchöner jugendlicher Baum, wollen wir Sie aus dieſer Wildniß in einen edlen großen Garten verſetzen, damit ein Jeder ſich in den Blüthen freuen möge. Otho hörte mit der Unruhe der Demuth die Lobeserhebungen, telche Frau von Gurſchin ihm ſo reichlich zuwarf, und ihn dabei fort⸗ ſeſetzt ſo verlockend anſchaute, daß ſein Blut heiß durch alle Adern ſef. Sie machen mich ſtolz, ſagte er, und doch faßt mich die Furcht, ſaß ich auf fremder Erde nimmer ausdauern kann. In Rußland, ſagte Frau von Gurſchin, iſt Niemand fremd. Wer ſorthin kommt, hat nichts von der Anmaßung zu empfinden, welche nan bei Engländern, Franzoſen und ſelbſt bei den kleinen Völkern des Vordens antrifft; jene eitle Selbſtüberſchätzung, welche man National⸗ ioß getauft hat. Der Ruſſe verlangt von dem Fremden nichts, als aiß er ſich ihm anſchließen, ſich bei ihm gefallen, daß er Rußland del gewinnen ſoll. Er thut dafür, was er vermag. Er weiß, daß die Irenden ihm in vielen Geſchicklichkeiten überlegen ſind, daß er von inen lernen kann, und er achtet ſie dafür, liebt ſie und geſteht ihnen urt große Vortheile zu. Wer hat die meiſten der hohen Aemter und anräglichen Würden inne, wer anders als die Fremden. In der Alette wie in den Heeren ſind dieſe die beſten Anführer; auch die Uiniſter und hohen Räthe des Kaiſers ſind zum guten Theil fremden lrſprungs und iſt der Kaiſer nicht ſelbſt von fremdem Stamme, war 24* 372 die von allen Ruſſen angebetete Katharina nicht eine Deutſche? Dech wie die Ruſſen dies vergeſſen, vergeſſen die Fremden gern und ſchnell, daß ein anderes Land ſie gebar. Das heilige Rußland wird inh Vaterland; ſie hängen daran mit aller Stärke, und werden Ruſſen mit Leib und Leben. Das iſt ſeltſam, ſagte Otho. Es iſt natürlich, antwortete Conſtanze, denn wo könnte es beſſer ſein! Ueberall ſind ſie die Erſten, die Vorgezogenen, die Begünſtig⸗ ten. Freuden, Reichthum, Glück und Genüſſe kommen ihnen überall entgegen. Es iſt ein ſeltſames Land, ein ſeltſames Volk, mein lieher Freund, das ſie kennen lernen werden; allein es wird Ihnen ſo gehen wie mir und Allen. Sie werden es lieb gewinnen und nicht wieher verlaſſen können. So ſagt Serbinoff auch, verſetzte Otho. Es iſt das größte Bell Europa's der Zahl nach, dem die Morgenröthe der Civiliſation at aufgeht. Laſſen Sie dieſe Morgenröthe bleiben', wo ſie will, lachte Frau von Gurſchin. Die Sonne der Civiliſation beſcheint längſt die Ge⸗ ſellſchaft, welche in Rußland die berechtigte Menſchheit bildet. Es geht dort her wie am Himmel, mein Lieber. Der Czar verbreiten das erhaltende Licht; eine Zahl großer und kleiner Sterne leuchten neben ihm als Planeten. Firſterne und Nebenſonnen gibt es nicht⸗ Kometen dagegen ziehen zahlreich umher, erlöſchen jedoch oft plötzliche Das ganze übrige Firmament bildet eine dunkle Maſſe, die höchſ nützlich und zu allen möglichen Dingen anwendbar iſt, auch durchaut ſo bleiben muß. Die leibeigenen Seelen, murmelte Otho. Man muß ſomit ein Stern ſein! rief Conſtanze, um am Himme zu ſchweben, und dahin will ich Sie verſetzen. Was nützt Aufflärung oder Morgenröthe, oder mit welchem ſchönen Namen man es ſonf nennen will, einem Volk, das gebraucht werden ſoll, um Rußlandt Weltherrſchaft zu begründen? Sein Gehorſam und ſeine Demut würden ſich verlieren, es würde für die großen Zwecke ſeiner Beherr ſcher nichts mehr taugen, wenn es denken und, wie die modernen Weiſen ſagen, ſich zu Bürgern eines ſogenannten freien Lande! ihen müthige ſſin könn dieſe M tiemus a Ddas geft Nein, Weil necden ſe [Neerbur üſen Vien die iden aſſat uund Kan ſtfetiſce Unterwü ſumme wil, lt t längſt ſcheit bilden der Czar! ner Sterne ennen gibt, jedoch oft Maſſe, di ſſt, auch d — 3,3— nachen wollte. Mein Gott, welche Thorheit! Man muß dieſe ſemüthigen Naturkinder ſehen, um zu erkennen, daß ſie nichts Anderes ſin können. Wie wollte man die Türken aus Europa jagen, wenn jieſe Millionen ſtumpfſinnige Weſen nicht mit dem nöthigen Fana⸗ ſernus auf die fanatiſchen Söhne Mohamed's gehetzt werden könnten? das gefällt Ihnen nicht, wie ich bemerke? Nein, es gefällt mir gar nicht, ſagte Otho. Weil Sie die neue Welt noch nicht begreifen, erwiederte ſie. Sie nerden ſehen lernen und dann beſſer verſtehen. Kommen Sie nach getersburg, ich will Ihre Führerin ſein. Peter der Große hat die Ruſſen aus Horden der Steppe zu einem Volke gemacht. Er hat Unen die Civiliſation mit Gewalt über Kopf und Leib gezogen; aber ſen aſiatiſchen Kern hat er weder mit Frack und Puder, noch mit Spitzen und Kanten zerſtören können. Die aſiatiſche Prachtluſt, die Luſt an ſſatiſchen Genüſſen iſt den Ruſſen geblieben, und aſiatiſch iſt die Unterwürfigkeit der Maſſe gegen die Befehle ihrer Harren, dieſe furmme Erfüllung aller ihrer Gebote. Die große Kathecina hat dies ſchtig erkannt. Sie hat das Volk gelaſſen, wie es war, und mit gegeiſterung hat es ihr angehangen, obwohl ſie für die franzöſiſche Revolution ſchwärmte und ſich dafür von den franzöſiſchen leicht⸗ läubigen Narren als ein Wunder der Aufklärung anbeten ließ. dl! ſie war aufgeklärt. Sie hat gelebt wie Semiramis, wunder⸗ ſar herrlich. Sie hat Rußland mit einem Leben erfüllt, das nicht nider vergehen wird. Sie liebte den Glanz, die Pracht, die Genüſſe ni eine Aſiatin und war doch geiſtig fein und regſam dabei wie ine Pariſerin. Ihr Enkel herrſcht jetzt über Rußland, und er iſt ion ihrem Blut. Genuß und Geiſt müſſen ſich verbinden. Kraft, Math, Talent und Schönheit geben Recht, Alles zu erobern, was auf Erden zu erobern iſt. Rußland iſt ein Zauberland für die, welche au geboren ſind, alle Zauber zu löſen. Wir wollen die Binden ion Ihren Augen nehmen, mein Freund, Sie ſollen ſehen lernen, zi ſollen das Leben verſtehen lernen. 3 Eine wunderbare Gluth lief durch Otho's Herz, als ſie ihre zand darauf legte und ihm zulächelte. Er faſtte danach hin und aegte ihre Finger; plötzlich beſann er ſich, und erſchrocken ließ er ſie — 374— los. Seine Bewegungen ſchienen die ſchöne Frau zu ergötzen. Sie lachte dazu, und ihre dunklen Augen bohrten ſich auf ihn ein. Kommen Sie her, ſagte ſie, ich will gleich den Anfang machen, Sie in die Schule zu nehmen. Der Kaiſerin Katharina gewährte es be⸗ ſonderes Vergnügen, ihrem bevorzugten Lieblinge die Halstuchſchleiſe zu binden und für ſeinen Schmuck zu ſorgen, woran leicht Jeden dann erkannte, daß die edle Gebieterin darauf bedacht war, ihn Golt und Menſchen wohlgefälliger zu machen. Halten Sie alſo ſtill, meim ſchöner Herr, ich will verſuchen, der großen Kaiſerin zu gleichen. Bei dieſen Worten deutete ſie auf ein Kiſſen, das auf dem Tep⸗ pich lag, und er folgte ihrem Winke, kniete vor ihr nieder und fühlie mit einem wonnigen Schauer den Hauch ihres Athems über ſeint. Stirn wehen.— Halten Sie den Kopf höher, lachte ſie, noch höher, ſo— jetzt ſehen Sie mich an.— Ihre feinen Finger zogen die Schleife auf und banden ſie; als er den Kopf wandte, rückte ſie ihn gerade und nickte ihm zu. Stillgehalten, mein Herr Otho, ganz ſtill fuhr ſie ſchackhaft fort, ich verlange ſo willigen Gehorſam von Ihnen, wie eine Kaiſerin von ihrem Unterthan. Wo der Gehorſam ſo ſüß iſt, will ich immer mit Vergnügen ge⸗ horchen, antwortete er. Vortrefflich! rief Conſtanze, Sie machen Fortſchritte, wir werden weiter gehen können. Eine feine Stickerei an Ihrem Colleret. Kein Petersburger Elegant kann ſie beſſer haben. Iſt es Louiſa's Arbeitt Meiner Mutter Arbeit, erwiederte Otho, und es war, als wollte er aufſtehen. Halt, mein Herr, halt! rief Frau von Gurſchin, noch ſind wit nicht fertig, noch fehlt der Schmuck; doch hier iſt er ſchon. Sie zog eine Brillantnadel aus ihrer Buſenſchleife und ſteckte ſie ihm an. Dieſe Nadel, ſagte ſie, ſollen Sie tragen zum Andenken an Conſtanze Gurſchin und als Pfand für dieſe Stunde. Conſtanze! ſagte er, die Sylben ihres Namens langſam flüſternd. Da fühlte er ihre Locken an ſeinem Geſicht, ihre Arme um ſeinen Nacken und einen brennenden Druck auf ſeinen Lippen. Gleich darauf hörte er Stimmen draußen auf dem Gange, und aus dem Saale tönte die Muſik. 0 die auchen ihr Alle rnachen, Polanz ſdie an 9 Guͤrſche nicht jedoch Pruder l und n z mund d ſ ſchin ſiichmüc Gewan Klnder Imehr zäpfe üliner eerſchü (beſtal tüte Nr t nit de var dißte 375 Zum Tanz! rief ſie lachend; laſſen Sie uns gehen, mein tapferer bavalier. Wir finden uns bald wieder, morgen, heut noch— mer⸗ nal in Sie auf. O, da iſt unſere liebenswürdige Ebba! valri Die Thür wurde geöffnet. Ebba ſtand an Erich's Arme dort, Halstut eben ihr Mary Halſet, von dem Kammerherrn begleitet. Ueunzehntes Kapitel. no Alles war aufgeboten, um dies Feſt zu einem glänzenden zu — nachen, und die ſtattlichen Säle des Schloſſes ſtrahlten von Licht⸗ llanz und ſchön geſchmückten Frauen. Es war wohl keine darunter, jie an blitzenden Steinen und reichen Gewändern ſich mit Conſtanze dhun Gurſchin meſſen konnte, doch manche, die an Jugend und Schönheit nicht zurückſtanden. Unter allen die lieblichſte und roſigſte erſchien wuri ſdoch Louiſa endlich neben ihrer Beſchützerin, begleitet von ihrem 4 Bruder und dem Fähnrich Ridderſtern, der ſich zu ihnen geſellt hatte ertte, wir! und mit hartnäckiger Unverſchämtheit ſein Necht alter Bekanntſchaft uud der Zuſage vom vorigen Tage geltend machte. Frau von Gur⸗ ſhin hatte ihre Abſichten erfüllt, ſie hatte Louiſa als eine Dame ge⸗ ihrnückt und alle kindliche Ländlichkeit von ihr abgeſtreift. Ein weites Gewand von röthlichem Silberflor, Feſtons von Blumen und Atlas⸗ ſändern und goldener Schmuck um Hals und Arme ließen nichts mhr von dem Kinde der finniſchen Berge erkennen. Die langen zipfe waren verſchwunden, ſie hatten ſich zum Theil in eine Fülle te ſie läner Locken verwandelt, oder waren zu einem künſtlichen Geflecht ſerſchürzt, auf dem ein reiches Diadem befeſtigt war. Die zierliche Geſtalt wurde dadurch vergrößert, und wohl ließ ſich in ihrem Geſicht angſam ſe Freude bemerken, welche ſie über die erſtaunten Blicke empfand, Arme ut denen ſie von ſo vielen Augen gemuſtert wurde. Ihre Eitelkeit a. Glitt wer geweckt, und das dunkle Verlangen, zu gefallen, angefacht. Sie 1 vußte, was dies Anſchauen ihr ſagte; die großen Wandſpiegel warfen an Collerct ouiſa 5 1 — 376— ihr Bild zurück, und ihr Ohr vernahm leiſe Worte, die ſie gut genug verſtand. Selbſt Ebba hatte ihr zugelächelt und ſie geküßt, ſelbſt in ihren Blicken war ein Bekenntniß liebevoller Bewunderung, und Sam Halſet hatte ſeine Augen weit aufgeriſſen und geſchrien, es ſei er⸗ ſtaunlich, was Flittern und Zindel aus einem Menſchen machem könnten. Louiſa wollte Niemanden gefallen als ihm, der weit fort war; aber es war ihr doch lieb, ſolchen Beifall zu finden, lieb, daß Lindſtröm bei ſieben und ſiebenzig Schock Teufeln ſchwor, ſie ſei die Allerſchönſte, die er je geſehen, und der Fähnrich Ridderſtern zehnmall ſein Wort darauf gab, keine Prinzeſſin, und wäre es eine aus denn Mohrenlande, könnte reizender ſein, denn von Helſingfors bis Abo gäbe es kein Fräulein, das im Stande ſei, ſich mit ihr zu vergleichen. Nur einer ſtand tief im Saale, halb verborgen hinter einer Säult, der nahte ſich ihr nicht, und als ſie nach ihm hinblickte, bemerkte ſie, daß er traurig und düſter ſein Geſicht abwandte, als wolle er ſſe nicht anſehen. Es war Louiſa lieb, daß Magnus ſich von ihr zurück⸗ zog, und doch that es ihr weh. Sie hätte ihn gern verſöhnt, allein ſie fürchtete ſich davor. Ihre Gedanken waren bei Alexei. O! warum war er nicht hier! Was würde er ſagen, wenn ſie ſo vor ihn hin träte? Wie würde ſein Auge leuchten, wenn er hörte, was die ſchä⸗ nen jungen Offiziere flüſterten? Magnus war der Einzige, der finſtere Blicke auf ſie warf, und wie unverſtändig, trotzig benahm er ſich, wie ſtierte er aus der Ferne ſie an und lief davon, ſtatt freund⸗ lich und artig zu ſein. Da ſchmetterte die Muſik einen luſtigen deutſchen Walzer, und der Fähnrich Ridderſtern führte ſie in die Reihen und war ſo leicht auf ſeinen Füßen wie ein Reh am Pajäne. Tanz auf Tanz folgte, Der junge Fürſt Dolgorucki löste den ſchwediſchen Fähnrich ab, und noch immer ſtand Magnus Munk hinter dem Pfeiler und ſah auf ſie hin, ſo daß der Fürſt es bemerkte und lächelnd nach ihm fragte. Er heißt Magnus, ſagte ſie. Sein Vater iſt unſer Freund. Und er verdient dieſen Namen doch nicht minder? Aber er iſt kein Freund unſeres Freundes Serbinoff, fiel ſie ein Dann keine Gnade für ihn! rief der junge Fürſt, und wie er lachend nach Magnus hinblickte, ſah er ihn dunkel erröthen und lachte noch mehr T frohe lebhaf ſcch di ſchung der r herrer ralh zuwei Gurſe der de heffli wann ihm nem zerb glau mir 377 Die älteren Herren umſtanden den Tanzplatz und betrachteten das frohe glänzende Treiben, oder ſie bildeten Gruppen und waren in lebhafter Unterhaltung begriffen; der größere Theil auch zerſtreute ſich durch die Zimmerreihe, wo Spieltiſche ihrer warteten und Erfri⸗ ſchungen aller Art geboten wurden. Admiral Cronſtedt ſowohl wie der ruſſiſche General Suchtelen wandelten auf und ab, bald von Herren und Damen begleitet, bald in den verſchiedenen Kreiſen ſtehend, welche ſich um ſie verſammelten. Die vornehmen Gäſte wechſelten zuweilen höfliche Worte, und Beide unterhielten ſich mit Frau von Gurſchin, die von zahlreichen Anbetern umringt war. Otho Waimon, der den Tanz ſo wenig liebte, wie er im Stande war, ſich mit ſo trefflichen Tänzern zu meſſen, hatte ſich zurückgezogen; doch dann und wann wurde er von den ſchönen Augen ſeiner Freundin geſucht, die ihm lebhafter folgten, als er mit Ebba zuſammentraf, welche an ſei⸗ nem Arme durch den Saal ging. Wir haben uns in den letzten Tagen wenig geſehen, ſagte ſie. Sie waren zu ſehr beſchäftigt, Couſin Otho. Da Sie mich nicht bemerkten, erwiederte er, muß ich glauben, daß Ihre Augen Ihren Gedanken folgten. Sie mögen Recht haben, verſetzte Ebba lächelnd. Es gibt viel zu denken in dieſem Schloſſe. Glauben Sie an Ahnungen, lieber Otho? Ich bin ein Finne, lächelte er, darum bin ich abergläubiſch. Erinnern Sie ſich, als die Hompuseiche über unſerem Kopfe zerbrach? Ich erinnere mich wohl daran, ſagte Otho. Glauben Sie noch, daß es ein unheilvolles Zeichen war? Sie haben es damals anders gedeutet. Ich bin ängſtlich geworden, ſagte ſie. Ich habe geträumt, ich glaube mit offnen Augen. Ich ſah den alten Hompus leibhaft vor mir ſtehen, geſtern, nachdem Sie die finniſche Sprache beſungen hat⸗ ten. Er lachte in ſeinen grauen Bart, ſah Sie an und lachte noch Hohnvoller. Warum erzählen Sie mir dies Geſicht, Couſine Ebba? 378 Weil Hompus ſich darauf zu mir wandte, und mir in's Ohr ſagte: Endlich habe ich ihn. Er wird nicht wieder mit Erich zurückkehren; Ihr werdet ihn nicht wiederſehen. Weßhalb wählen Sie für das, was Sie ſagen wollen, eine Geiſter⸗ beſchwörung? Um den Geiſt der Wahrheit und der Erkenntniß in Ihnen auf⸗ zurütteln, flüſterte ſie ihm zu. Sie ſind in Gefahr, Otho! In welcher Gefahr? Ebba blickte ihn forſchend an. Was tragen Sie da für eine herr⸗ liche Nadel? Nie habe ich ſie bisher geſehen. Es iſt ein Geſchenk, ſagte er, und mit trotziger Beſtimmtheit fügte er hinzu: Ein Geſchenk von Conſtanze Gurſchin, das ſie mir zum Andenken gab. 1 Und was haben Sie ihr dafür geſchenkt? Otho erröthete. Nichts, erwiederte er ſtolz, was für Sie Intereſſe haben könnte, Couſine Ebba. Ihr ſtrafender Blick heftete ſich ſo feſt auf ihn, daß ſeine Unruhe größer wurde. Ich will nicht dagegen ſtreiten, antwortete ſie, doch ſagen Sie mir, ob Hompus Randal Recht hat; ob es wirklich wahr iſt, daß Sie ent⸗ ſchloſſen ſind uns zu verlaſſen? Wer hat Ihnen das geſagt? Soll ich es wiederholen? Eine Geiſterſtimme!— Was hat Otho Waimon mir einſt verſprochen? Haben Sie mir nichts mitzutheilen aus alter Freundſchaft? Ich weiß in Wahrheit nicht, ſagte er, ob ich recht thun würde, auf täuſchende Geiſterſtimmen zu antworten. 3 Gott behüte Sie vor allen Täuſchungen, Couſin Otho, und laſſe Sie zur rechten Zeit immer das Rechte erkennen! Ich denke, er hat mich vor Täuſchung bewahrt, erwiederte er, und mich vor kläglichem Wahn behütet.— So danken Sie ihm dafür, und Gott behüt's! wie der alte Lars ſagt: Es iſt ein Glück, daß das echte ſchwediſche Blut in mir iſt, das Alles ertragen kann. Aber noch Eines, Couſin Otho, ehe Sie von mir gehen. Der alte grimmige Hompus wird dennoch nicht Recht hehalte ſeines niſcher Un komme Wer Sie, Er wi Guͤrſch Stund ben w wor z2 Ste T n's Ohr ch zurücktelr n, eine Geiſ in Ihnen a Otho! 1 für eine eſtimmtheit f s ſie mit; rSie Inn ſeine Um — = G 379 behalten. Am Pajäne wollen wir unſeren Freund erwarten, wenn er ſeines Glückes im fremden Lande überdrüſſig iſt, und wieder ein fin⸗ niſcher Bauer ſein will. Und dieſer Tag wird kommen, Couſin Otho, er wird ſicherlich kommen, fuhr ſie leiſe fort, indem ſie ihn feſt und klar anſchaute. Wer weiß, wie bald; denn ein ſtolzer, freiheitsliebender Mann wie Sie, kann nicht lange in Banden liegen, die ſeiner unwürdig ſind. Er wird ſie zerreißen. Und nun gehen Sie. Dort ſteht Conſtanze Gurſchin und erwartet Sie, und hier kommt Erich, dem ich vor zwei Stunden geſagt habe, daß ich in Halljala mit ihm leben und ſter⸗ ben will. Ohne ſeine Antwort abzuwarten ging ſie Erich entgegen, und Otho eilte fort. Seine Bruſt war voll Blut, er athmete ſchwer, der bittere Hohn in ihm brachte ein Lachen auf ſeine Lippen, als er hinüber blickte, wo Frau von Gurſchin leiſe winkend ihren Kopf neigte. Es war ihm unmöglich, dieſem Zeichen zu folgen; um alle Seligkeit hätte er jetzt nicht mit ihr reden mögen, und eben begann die Muſik wie⸗ der. Er irrte durch die Nebenzimmer; ein Büfet ſtand dort mit feu⸗ rigen Weinen und Getränken beſetzt. Haſtig griff er nach vollen Gläſern und leerte ſie, eine andere Glut loderte in ihm auf, und veiter durch große ſtille Räume lief er mit ſich ſelbſt redend, und ſeine Hände ballend.— Plötzlich hörte er Schritte hinter ſich, ein Gewand rauſchte, ein zitternder Schauder miſchte ſich mit den Flam⸗ men in ſeinem Blut. Das war ſie, ſie ſetzte ihm nach. Conſtanze! murmelte er, indem er ſich umwandte, doch ſeltſamer Irrthum!— Mary Halſet ſtand vor ihm, ſo blaß und kalt wie der Todesengel, in deſſen Nähe alle Wünſche und alles Leben zerrinnen.— Fragend und erſtaunt ſah Otho die Jungfrau an. Ich habe dich geſucht, ſagte ſie. Ich muß dich ſprechen. Es iſt lange her, Mary, ſeit mir das nicht mehr geſchah, ant⸗ wortete er. Gleichviel, erwiederte ſie. Folge mir nach. Wohin? Folge mir nach, wiederholte ſie. Wenn du ein Mann biſt, fürchte dich nicht vor einem Mädchen, die an deinen Mannesmuth glaubt. 380 Er widerſetzte ſich nicht mehr; raſch und leiſe führte ſie ihn durch mehrere Zimmer fort, bis in ein völlig dunkles, das ſie mit einem Schlüſſel öffnete, und es dann wieder verſchloß. Otho's Fuß ſtieß an ein Bett. Wer wohnt hier? fragte er. Mein Vater, ſagte ſie, und an der Wand forttappend öffnete ſie eine Nebenthür und zog ihn herein. Du biſt in meiner Kammer, fuhr ſie fort, indem ſie den Schlüſſel umdrehte. Was ſoll ich hier? flüſterte er. Warte, ſagte ſie eben ſo leiſe. Kein Laut darf dich verrathen, hüte dich vor jedem Geräuſch. Ich höre ſie kommen. Wen? Mary antwortete nicht. Die Thür wurde aufgeſchloſſen, feſte Schritte ließen ſich hören. Jemand ſetzte einen Armleuchter hart auf den Tiſch, der Lichtſchein drang durch kleine Fugen und Ritzen. Wir können uns doch hier ganz ungeſtört unterhalten? fragte eine ſanfte aber tiefe Stimme. Fortfahren, wo wir heut früh aufhörten, antwortete ein anderer Mann im helleren Ton. Wo iſt Halſet? Er iſt am Spieltiſch und ſeine Tochter tanzt. Eine Stille folgte. Haben Sie mit ihm geſprochen? fragte der Erſte darauf. Ja, antwortete der Andere. Er wird kommen? Er wird kommen, doch ſeien Sie nachſichtig. Es hat Mühe gemacht, ihn hierher zu bringen, noch mehr Mühe, ihn zu dieſer Unterredung zu beſtimmen. Was rathen Sie alſo? begann der Erſte wiederum, nachdem er nochmals geſchwiegen hatte. Keine Bedingungen, kein Drängen. Nur allgemeine Vorſtellungen, alles Uebrige überlaſſen Sie mir. Er mag ſelbſt ſeine Bedingungen machen. Welche es auch ſein mögen, ſie ſind bewilligt. Darüber können wir ſpäter verhandeln, erwiederte der Andere. Im Uebrigen gibt es nur eine Art, die dieſen zähen ſtolzen Baum fällen kann. Wir Was N ſcheinn en! fragte 4 be gemad „ U nterredll 381 Welche meinen Sie? Er hat nur eine Leidenſchaft. Betrachten Sie ſein Geſicht. Er iſt geizig. Gold alſo! Viel Gold. So viel, daß alle Bedenken darin zerſchmelzen. Glauben Sie, daß wir ſparen wollen? fragte der Erſte lächelnd. Wir wiſſen genau, was davon abhängt. Ich habe gänzlich freie Hand. Was meinen Sie zu einer Million? Noch zu wenig? Nun denn, zwei Millionen, fuhr er fort, als ſein Begleiter wahr⸗ ſcheinlich ein verneinendes Zeichen gemacht hatte. Das läßt ſich hören, wenn— ſie ſicher ſind, flüſterte dieſer jetzt. Jede Bürgſchaft ſoll ihm gewährt werden, jedes Pfand dafür, das er verlangt. Kein Zweifel alſo, aber— alles Geld der Erde würde nicht aus⸗ reichen, ihn zu einem Schritt zu bewegen, wenn nicht auch Mittel gefunden werden, die der Welt gegenüber ihn decken. Wir decken und ſchützen ihn gegen Jeden, ſagte der Erſte im be⸗ ſonders feſten und höheren Tone. Das iſt nicht genug. Ihm gewiß nicht genug. Was ſchlagen Sie vor? Er muß ſich ſelbſt vertheidigen können, erwiederte der Andere ſo leiſe flüſternd, daß er kaum gehört wurde. Der König hat ihn be⸗ leidigt. Er nahm ihm willkürlich die einträgliche Stelle des General⸗ adjutanten für die Flotten. Ich habe Ihnen geſagt, er habe nur eine Leidenſchaft, das iſt falſch. Er iſt rachſüchtig bis zum Aeußerſten; er haßt den König, und kann es ihm nimmer vergeſſen. Dieſer Haß wird uns helfen. EEr wird uns helfen; aber es gibt Menſchen, die, was ſie auch immer thun mögen, eine Rechtfertigung vor ſich ſelbſt haben müſſen. Der Glaube muß ihnen bleiben, daß ihre Handlungen nothwendig waren, gegen Vorwürfe müſſen ſie ſich mit einigen Gründen vertheidigen können und— wer Schimpf auf ſie werfen will, muß es nicht beweiſen können. Sie haben Recht, vollkommen Recht! ſeine Ehre muß bewahrt bleiben, fiel der Erſte ein. Mir ſcheint dies jedoch keine ſehr ſchwie⸗ rige Aufgabe. Gegen Meinungen iſt nichts zu machen, doch Beweis darf Niemand führen, und an Vertheidigern wird es ihm nicht fehlen — 382— Was aber die perſönliche Sicherheit betrifft, ſo gibt es ja Friedens⸗ ſchlüſſe genug, bei denen man durch einen Artikel die vollſtändige Am⸗ neſtie und Niederſchlagung jeder Unterſuchung für alle diejenigen aus⸗ bedungen hat, welche etwaiger Vergehen angeklagt waren. Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach die Unterhaltung. Es iſt Wright, murmelte der Eine der Beiden; er gibt uns das Zeichen. Der Oberſt bringt ihn her. Da ſind ſie ſchon. Wiederum wurden Schritte gehört, und gleich darauf trat Jemand her⸗ ein, deſſen Stimme die geſpannte Erwartung vermehrte, mit welcher Otho in ſeinem Verſteck ſtand. Es war, wie er nicht zweifeln konnte, Admiral Cronſtedt, den er vernahm. Alle ſeine Ahnungen erhielten dadurch Gewißheit. Man hat mir geſagt, General Suchtelen, begann der Admiral, daß ich Sie hier finden würde, und ich komme Ihnen Lebewohl zu ſagen. Ich will mich niederlegen. Morgen in der Frühe kehre ich nach Hel⸗ ſingfors zurück. Tief beklage ich es, mein theurer Admiral, daß die Umſtände mir nicht geſtatten Sie begleiten zu können, erwiederte Herr von Suchtelen. Hoffen wir daher, daß es uns bald vergönnt ſein möge, offener und herzlicher uns wieder zu finden, als es hier geſchehen konnte. Es iſt trübſelig genug, antwortete Cronſtedt, daß wir um ein paar freundliche Worte zu wechſeln uns hier verbergen. Immer aber beſſer hier uns ſehen, als vor den Wällen Sweaborg's. Und dennoch wird es geſchehen, Excellenz, ſagte Suchtelen. Ich fürchte ſehr, daß ich Sie dort beſuchen muß, bitte aber mich gnädig zu empfangen. Ein Gelächter folgte dieſen Worten. Bei der jetzigen winterlichen Kälte, rief der Herr, welcher die Unterhaltung mit dem General ge⸗ führt, dürfte ein heißer Empfang doch jedenfalls der angemeſſenſte ſein! Mein lieber Oberſt Jägerhorn, fiel Herr von Suchtelen ein, darauf müſſen wir allerdings gefaßt ſein, aber wollte Gott, wir könnten es abändern, und tapferen Männern großes Leid erſparen. Wem wird damit gedient? fragte der Oberſt Wright, der den Admiral begleitet hatte. Um weſſen Trotz und Starrſinn ſollen wir unſer Blut verſpritzen? Finnle nen g Pich Schm den ſi T tief H hohe Sie denkt Män Zu meſſ genn Ill gen 383 Der König iſt der unverantwortliche Herr, antwortete Jägerhorn, während Cronſtedt ſchwieg. Ja, unverantwortlich ſind ſeine Handlungen, fuhr Wright fort. Finnland ſoll es jetzt kennen lernen, wie es die deutſche Provinz ken⸗ nen gelernt hat. Still, Oberſt Wright, das ſind haſtige Worte. Wir werden unſere Pflicht thun, wie es ſich ziemt, ſagte der Admiral; mögen wir auch Schmerz dabei empfinden. Ich hoffe jedoch noch immer, daß die Wol⸗ ken ſich wieder zerſtreuen. Dieſe Hoffnungen ſollen uns begleiten, mein theurer Admiral! rief Herr von Suchtelen. Unter allen Verhältniſſen wird ſich niemals der hohe Grad von Hochachtung und Verehrung verringern, den ich für Sie empfinde. Ich darf wohl ſagen, daß das ganze ruſſiſche Heer ſo denkt; jedes Herz ſich dort bei dem Gedanken beunruhigt fühlt, gegen Männer, die wir brüderlich lieben, das Schwert ziehen zu müſſen. Cronſtedt neigte ſich ſtumm, aber Oberſt Jägerhorn erwiederte: Zu lange haben die beiden Nationen in zahlloſen Kämpfen ſich ge⸗ meſſen, um nicht gegenſeitig ſich zu achten. Auch bei uns iſt Trauer genug, wenn der lange Friede gebrochen werden ſollte. Meine lieben Herren, verſetzte der General, machen wir uns keine Illuſionen. Wenn der König dem, wie ich glaube, gerechten Verlan⸗ gen des Kaiſers nicht nachgibt, ſo iſt der Krieg unvermeidlich. Sagen Sie das mit ſolcher Beſtimmtheit, General, fragte Cronſtedt? Ja, ich ſage Ihnen aufrichtig, was ich denke, und verhehle Ihnen nicht, daß nach den Nachrichten, wie wir dieſe haben, kein Zweifel daran ſein kann. Kaiſer Alexander hat bei den Verhandlungen in Tilſit mit Napoleon ein Uebereinkommen abgeſchloſſen, den König auf jeden Fall zu bewegen, von dem Bündniß mit England abzulaſſen, und wenn er ſich deſſen weigert, ihn dazu zu zwingen. Auf jeden Fall Krieg alſo, rief Oberſt Wright, denn Niemand wird ſich einbilden, daß König Guſtav nachgibt. Leider uͤein, ſagte Jägerhorn halblaut; lieber läßt er Finnland verloren gehen. Derz Kaiſer Napoleon wird und kann eine dauernde Eroberung Finnlands, die ſchlimmſten Falls möglich wäre, nicht zugeben, begann 384 der Admiral und er ſprach damit aus, was am ſchwediſchen Hofe ſo⸗ wohl, wie in ganz Schweden die allgemein verbreitete Meinung war. Der Beſitz der finniſchen Küſten und Häfen verſchaffte Rußland in der Oſtſee ein eben ſo entſchiedenes Uebergewicht, wie der Beſitz der Krim im ſchwarzen Meere. Noch bedauerte man es, in Paris ſo⸗ wohl wie in London, die Vernichtung des Tatarenſtaates und den argen Frieden von Kainardſche nicht gehindert zu haben, wie viel weniger alſo würde die Napoleon'ſche Staatsweisheit es zulaſſen, daß die Oſtſee und Finnland in Rußlands Hände fielen? Zeitungen und Schriften hatten darüber mancherlei zu Tage gefördert, und nicht wenig trug dieſer Glaube zu der Sicherheit in Stockholm bei. Des Königs Anhänger lachten darüber, daß die Ruſſen Finnland erobern wollten und ſelbſt die den König haſſende Partei, welche den Angriff und die Eroberung rachſüchtig wünſchte, damit der ſtarrſinnige Mann endlich gedemüthigt werde, dachte doch nicht daran, daß die Ruſſen das Land behalten könnten. Mochten die Ruſſen gründlich ſiegen, Finnland mußte ja doch zuletzt auf Napoleon's Befehl an Schweden zurückgegeben werden. Meine Herren! ſagte General Suchtelen, wir find hier allein und können ein offenes vertrautes Wort ſprechen, wie Soldaten es thun dürfen. Was die Diplomaten aushecken, geht uns nichts an; allein ich möchte meine Ehre dafür verpfänden, daß Finnland, wenn es an⸗ gegriffen und erobert werden ſollte, nicht zurückgegeben wird. Zwei Male iſt es geſchehen, zum dritten Male nicht wieder! ſoll der Reichskanzler geſagt haben, und, wie man mir erzählt hat, iſt darüber mit dem Kaiſer Napoleon im Voraus Alles abgemacht worden. Napoleon hat die Einverleibung Finnlands bewilligt. Ueberdies koſtet ein Krieg viel Geld, und wer ſoll dies bezahlen? Wir haben ſechszigtauſend Mann zwiſchen Frederiksham und dem Ladogaſee, eben ſo viele ſtehen weiterhin bereit. Und, wie wir erfahren haben, iſt ein ganzer Wagen voll.-Annen⸗ orden in Wiborg angekommen, fügte Jägerhorn lächelnd hinzu. Die Lage iſt ernſthaft, fuhr der General fort. Ich will es Ihnen nicht leugnen, daß alle Mittel vorbereitet ſind, um, wenn es ſein muß, den Krieg mit äußerſtem Nachdruck zu führen. Wa Bei Go Elend Das pfern ſeiner b Schwede gehen. Er lu thun J venit Rußlan ſdieſen lias Ver dgethan „Krieg ſſtreiten zzu änd 1te chten dielen ech mit b robern woll Angriff und Mann en auſſen das L Finn en, den zurückgege hier allin oldaten es l ichts anz Al d, wenn eh 1 vid. oieder l4t iſt dar mat won att. Ueben „ 7 Wir hu Ladogaſ ſoll —— 385 Was haben wir dagegen aufzuweiſen? fiel Oberſt Wright ein. Bei Gott! wer ſein Vaterland liebt, muß darauf bedacht ſein, das Elend von ihm abzuwenden. Das Vaterland verlangt allerdings nicht, daß man ſich blind ppfern ſoll, ſagte Jägerhorn, Jeder muß nach ſeinem Gewiſſen und ſeiner beſten Ueberzeugung handeln. Eine ſchwere Hand drückt auf Schweden, wird ſie fortgenommen, ſo wird auch dieſe Zeit vorüber⸗ gehen. Er blickte dabei Suchtelen an, der lächelnd nickte. Wer Uebles zu thun geneigt iſt, ſagte der General, thut jedenfalls am wenigſten, je weniger Mittel er dazu behält. Mit der ſchwediſchen Nation wird Rußland keinen Krieg führen, es weiß, daß ſie ſchuldlos an allen dieſen Vorgängen iſt und daß, wenn es in ihrer Macht ſtände, gewiß das Vernünftige geſchähe. Von unſerer Seite wird daher auch Alles gethan werden, was möglich iſt, um die Leiden zu mildern, die der Krieg mit ſich bringt. Es macht keine Freude, gegen Männer zu ſtreiten, welche man lieber umarmen möchte. Je eher daher das Unglück vorübergeht, um ſo willkommener wird es für uns Alle ſein. Der Admiral ſtand auf vom Tiſche. Wir vermögen nichts daran ſu ändern, ſagte er, unſer innigſter Wunſch muß es aber ſein, den techten Weg zu finden zum Heile unſeres armen Landes, das aus ſo dielen Wunden blutet. Dazu möge Gott uns Allen helfen! Und ſo berlaſſe ich Sie, mein General; mag, wenn wir uns wiederſehen, der dunkle Himmel heller geworden ſein. Suchtelen drückte ihm herzlich die Hand. Ein Held, wie Sie es ind, Excellenz, ſagte er, erkennt immer den rechten Weg. Wer ſo hich in Ehren ſteht, hat nicht nöthig, nach Ruhm zu geizen. Der ſcönſte Ruhm bleibt, wie ich denke, der Ruhm der Tapferkeit, die nit beſonnener Weisheit in inniger Vereinigung lebt. An dieſem Lorbeerkranz auf Ihrem Haupte wird niemals der Neid nagen. Möge er immer neue Blüthen treiben. Dies wünſchen jederzeit ſelbſt Ihre Finde, unter denen Sie ſo viele warme Freunde und aufrichtige ewunderer haben. Nach einigen anderen gewechſelten Höflichkeiten ſchieden ſie. Der Amiral ging zuerſt. General Suchtelen blieb mit dem Oberſten O. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 25 — 386— Wright einige Minuten über allein, und Beide ſprachen leiſe. Nur als ſie den Anderen folgten, ſagte der Oberſt lauter: Meine Offi⸗ ziere denken wie ich, dieſelbe Stimmung iſt in anderen Regimentern. Alles wird raſch und leicht gehen; iſt Sweaborg unſer, ſo iſt die Sache für immer entſchieden. Ja, wenn es unſer iſt, erwiederte der General. Bis dahin aber, mein theurer Oberſt, werden noch im günſtigſten Falle Monate ver⸗ gehen, und wer weiß— Der Oberſt murmelte Etwas, aus dem nur der Name Jägerhorn hörbar war. Er iſt ſehr geſchickt, Sie haben Recht, ſagte Suchtelen darauf; er wird nicht ablaſſen. Wie die Spinne im Netz von ihrer Beute nicht abläßt, murmelte der Oberſt. Im Uebrigen wird meine Nichte Conſtanze ihm tapfer beiſtehen. In nächſter Woche wird ſie nach Helſingfors fahren und dort einige Zeit ihren Wohnſitz nehmen. Vortrefflich! erwiederte der General. Frau von Gurſchin iſt eben ſo liebenswürdig, wie voller diplomatiſcher Talente. Der Dank des Kaiſers wird nicht ausbleiben. Jetzt aber laſſen Sie uns gehen, man möchte uns vermiſſen. Sie entfernten ſich, und nach einigen Minuten war es finſter und ſtill. Otho Waimon ſtand regungslos an der Wand der Kammer, betäubt von dem, was er gehört, und erdrückt von den Trümmern aller ſeiner Hoffnungen und ſeines Glaubens, die über ihm zuſammen⸗ brachen. Verachtung, Zorn, Schrecken und bitterer Schmerz ballten ſich in ſeiner Bruſt zuſammen. Verrath und Feigheit ſah er am Arbeitsſtuhl ſitzen, um ſein Vaterland den Ruſſen zu überliefern. Die Erſten, die Höchſten waren dabei thätig. Schweden waren es, Soldaten, die in niederträchtiger Ehrloſigkeit Finnland und ihren eige⸗ nen König verrathen wollten; was die Geſchichte von ſolchen Dingen erzählte, war diesmal noch übertroffen. Und Alles war Lüge, Alle Täuſchung. Eine ruſſiſche Provinz ſollte Finnland werden, in der die Privilegien blühten, bis endlich Alles ruſſiſch war. Die Wright's Halſet, der Adel, die Prieſter, das waren die Gehilfen dazu, un Weiber halfen, dieſe Gurſchin, die man aus Petersburg abgeſchick finniſ Väter höbeſ beſtre bezal chen liiſt r: Meine d ren Regimene mſer, ſo i Bis dahin alle Monate Name Jägen Suchtelen den abläßt, murn ſtanze ihm i gfors fahren Gurſchin ſſ Der Dan e uns gehen war es fini and der 4u mn den Trim r ihm zuſem Schmerz t ſch 1 ghei „ au überl ſen zu cweden und ihrn — 387— hatte, um die Intriguen verlockender zu machen.— Eine ingrimmige Wuth durchtobte ihn. Er tappte nach der Thür und ſtieß einen wil⸗ den Fluch aus, als es ihm nicht gelang, dieſe zu öffnen. Mary Halſet ſtand neben ihm. Wohin willſt du? fragte ſie. Den Verräthern die Larve abreißen, ſagte er. Ich habe ſie dir gezeigt, Otho Waimon, denn ich kannte ſie und wußte von ihren Plänen, erwiederte Mary; aber ich wußte nicht, daß du dich und mich fruchtlos verderben würdeſt. Wir ſind Beide von finniſchem Blut. Beſonnenheit und Klugheit ſoll das Erbe unſerer Väter ſein. Was würde es dir helfen, wenn du ein Geſchrei er⸗ höbeſt? Du würdeſt als ein Verleumder behandelt, beſchimpft und beſtraft, vielleicht müßteſt du es auf der Stelle mit deinem Leben bezahlen. Du haſt keinen Zeugen. Du biſt ein Zeuge. Ich kann kein Zeugniß geben, das meinen Vater treffen müßte, fuhr Mary fort; wollte ich aber auch, es würde wenig helfen. Wel⸗ ches Gewicht könnten meine Ausſagen gegen ſo mächtige Männer haben, in deren Gewalt wir uns Beide befinden? Wahr! wahr! rief Otho, aber wo iſt ein Weg, den ich gehen kann? Hörteſt du nicht, erwiederte Mary, daß dieſer Ruſſe ſagte, es könnte noch Monate dauern, ehe ſeine Argliſt glücken, ehe Sweaborg in ſeine Hände fallen würde? So ſagte er, ja. Dann bleibt noch Zeit, ihn darin zu hindern. Du mußt nach Stockholm, Otho Waimon, das iſt der Weg, der allein helfen kann. Du mußt zu dem Könige gehen, mit dem Könige ſprechen. Ihm ſagen, was du weißt, ihn auffordern, Finnland zu retten. Ich ſoll den Schwedenkönig aufſuchen! rief Otho, überraſcht von dem Gedanken. Willſt du ein Ruſſe werden? fragte ſie. Nein, niemals! murmelte er haſtig. Bei Gott! ich will nicht.— Ich will nach Stockholm, will bis in ſeine Königsburg dringen, ihm zuſchreien, daß er verrathen iſt. Wie kann es aber geſchehen?(fügte er bedächtiger hinzu; wir ſind weit davon. 25* — 388— Alle die kleinen Häfen an der Küſte haben um dieſe Zeit noch freies Meer und Verbindungen mit Schweden, erwiederte Mary. Geh nach Ecknäs, nach Hangö oder Finby, überall wirſt du Fiſcherböte treffen. Haſt du Muth, dein Vaterland vor den Ruſſen zu ſchützen, ſo darfſt du nicht an den Pajäne zurückkehren. Ich kann fort, zu jeder Zeit, noch in dieſer Nacht, antwortete Otho. Du haſt Recht, was geſchehen ſoll, muß ſchnell geſchehen. Hier gibt es Pferde und Schlitten genug, die mich raſch an die Küſte und weiter bringen. Gute Nacht, Mary, habe Dank! Du biſt ein entſchloſſenes Mädchen. Ich bewundere dich mehr, wie ich es je gethan. Lebe wohl! Warte noch, Otho Waimon, antwortete ſie. Wo reden nicht hilft, müſſen Thaten ſprechen,ſagt unſer Sprichwort. Ich rede nicht mehr, aber nimm dies, du wirſt es brauchen. Sie legte eine ſchwere Börſe in ſeine Hand, er nahm ſie an. Auch dafür danke ich dir, kluge Mary. Haſt du mir noch Etwas zu ſagen? Nichts, Otho. Du biſt ein finniſcher Mann von hellem Geiſt und großer Stärke. Gott ſchirme dich und helfe dir bei Allem, was du thuſt! Leiſe verließ er ſie. Erhitzt von den Vorſtellungen, die ihn be⸗ ſchäftigten, irrte er durch die Räume, ſuchte ſeine Gedanken zu ordnen und ſeine Entſchlüſſe zu faſſen. Die Muſik ſchallte aus der Ferne; endlich trat er heran, Conſtanze ſchwebte in den Armen eines ruſſiſchen Offiziers an ihm vorüber. Die großen Steine ihrer Hals⸗ kette warfen glänzende Strahlen, ſie lächelte, als ſie ſeine hohe Ge⸗ ſtalt an der Thür lehnen ſah. Plötzlich verließ ſie ihren Tänzer und kam zu ihm. Was gibt's? fragte ſie. In welcher Geſellſchaft waren Sie? Wer hat Sie gelangweilt? Böſe Geiſter, die mir geſagt haben, nichts ſei wahr in der Welt, nicht einmal die Wahrheit, antwortete er. Es nimmt Alles ein Ende, Lüge wie Wahrheit, lachte Frau von Gurſchin, ſo auch dieſer Ball. Ich habe genug daran und möchte alle dieſe Steine und Flittern von mir werfen, um Troſt in Ihrz ich ger N ihn de hinrol tegeg 4 den mach ſeine 389 e Zeit voch f Ihr zerriſſenes Herz zu bringen, mein empfindſamer Freund. Wenn Nary. Geh ich gehe, folgen Sie mir, wir müſſen den böſen Feind beſchwören. iſcherböte nif Mit einem brennenden Blick, der über ihn hinflog, überließ ſie ten, ſo darſ ihn den Qualen, die ihn folterten, dem Blut, das wild durch ihn hinrollte, dem Hohn, der dieſe zärtliche Einladung verachtete, und dem Nacht, anwa Gefühl tiefer Entrüſtung, das alle Regungen ſiegend überwand. ſchnell geſchet Fort von hier! folge dir, wer da will, ſagte er, als er durch die aſch an die Gallerie ging, die in den Vorſaal und zu den Treppen führte. O, nk! Du biſ Ebba! „wie ich Als er den Namen ausſprach, öffnete ſich die Thür vor ihm. Ein Herr, in einen weiten Mantel gewickelt, die Pelzmütze über die reden nich! Ohren gezogen, trat herein und breitete ſeine Arme aus. rede nicht me Otho! rief er. Glück und Segen! Du biſt der Erſte, der mir begegnet. Alles tanzt, Herr und Knecht.— Es war Serbinoff. J Du biſt wieder da? fragte Otho, mechaniſch ſeinen Kuß duldend, den er nach ruſſiſcher Sitte erhielt. Ja, da bin ich und komme zur rechten Zeit, um mich warm zu machen; denn es iſt eine Nacht für euren teufliſchen Hiiſi, um aus ſeiner Eishölle heraufzuſteigen und ſich wohl auf Erden zu fühlen. Ich bin da, mein Bruder, und bringe dir gute Nachrichten mit, die en, die ihn du auf der Stelle hören ſollſt. Graf Buxhövden wünſcht dich zu e Gedanken ſprechen. Er erwartet dich in Wiborg. Reiſe, ſobald du kannſt, challte aut morgen ſchon. den Armen Ich werde reiſen, erwiederte Otho. Aber glaubſt du, Serbinoff, eine ihter H daß es ehrlich gemeint iſt?. ſeine hohe! Welche Frage? welche Zweiſel! Ich habe dem General Alles ren Tänzet! mitgetheilt, du wirſt ihn vorbereitet finden. Er wird dir Vorſchläge machen. Den Aufſtand vorzubereiten, wird deine Aufgabe ſein. Waffen, Geld, alle möglichen Unterſtützungen werden dir nicht fehlen. Und ich ſelbſt? Mache deine Bedingungen, fordere, du wirſt offene Hände und offene Augen finden. Du wirſt der Führer der Schaaren ſein, welche ir folgen, danach muß ſich dein Rang richten. Mit dem Patent als lachte Fü jaiſerlicher Oberſt, fügte er noch leiſer hinzu, wird man dir entgegen 4 ommen. Sei klug, mein Freund, ſo kannſt du mehr erlangen. fft waren — 390— Und Finnlands Freiheit, ſagte Otho, argliſtig lächelnd. Serbinoff blickte ihn durchdringend an. Darüber, verſetzte er, haben wir ſchen verhandelt, Buxhövden wird dir mehr davon ſagen. Man theilt die Haut nicht eher, ehe das Wild erlegt iſt, tapferer Oberſt Waimon. Sehr wahr! rief Otho, wir wollen warten. Zunächſt ſorge für dich, und laß mich ſorgen. Aber wie haſt du deine Tage verlebt? Voller Vergnüglichkeit, wie ich denke. Wie ſteht es mit der Gurſchin? Sie hat mich nach Petersburg eingeladen. Ich gratulire! lachte Serbinoff. Ruhe aus in ihren weichen Ar⸗ men, wenn es in Finnland nichts mehr für dich zu thun gibt. Sie wird alle deine Noth himmliſch vergelten.— Aber jetzt rede von Louiſa, ſtille meine Sehnſucht. Meine Schweſter tanzt mit deinem Freunde Dolgoruki. Ich muß ſie überraſchen. Komm, Otho, daß ich mich ausſchäle, ich will Vieles noch von dir hören. Heut nicht, antwortete Otho. Wo willſt du hin? Warum verläßt du mich? Ich muß dich verlaſſen, Serbinoff; aber du— ich bleibe dein Freund, ich glaube an dich! Was ſoll das ſein? rief Serbinoff. Höre doch, Otho! Otho hörte nicht.— Was hat er vor? Was iſt geſchehen? ſagte Graf Alexei ihm nachblickend. Wäre es möglich, daß ein Ver⸗ dacht— Er iſt eiferſüchtig! lachte er, die Gurſchin hat ihn toll ge⸗ macht. Um ſo beſſer, entkommen darf er uns nicht. Ich fühle ein wirkliches Verlangen nach meinem kleinen Nix, zunächſt zu ihr, dann werde ich erfahren, was dieſem dicken finniſchen Kopf widerfahren iſt. — Heda! ihr da!— Diener ſprangen mit Lichten herbei, Serbinoff folgte ihnen die Treppe hinauf in ſein Zimmer. ſchhelnd. ber, verſetzt nehr dabon rlegt iſt, tayf Bwanzigſtes Kapitel. Aber wie haſt denke. Wieſ Die Januarſonne des neuen Jahres 1808 beleuchtete das Haus 8 des alten Majors und funkelte über die blendenden und unermeßlichen Schneemaſſen, welche das kleine Thal von Lomnäs bedeckten. Die hren weichen! Tannen und Birken lagen halb darin begraben, von den Hütten am thun gibt. E Seeſtrande ſahen nicht viel mehr als die Dächer hervor, und an den r jetzt rede! Bergen umher hatten die Winterſtürme Wände des nordiſchen Wüſten⸗ ſandes zuſammengeweht. Der Invalide ſtand hinter dem Fenſter, cruki hauchte das Eis daran fort und ſchaute durch die Oeffnung auf den h mich auöſch weiten Pajäne hinaus, der ein wunderbar ſchönes Winterbild lieferte. Wer hätte es ſo malen und bilden wollen, wie der große Künſtler, dem alle Kunſt ſeine Geheimniſſe abzulauſchen und nachzuahmen ſucht! Schatten und Licht, Farben und Fernſichten waren von ſolcher Herr⸗ jich bleibe d lichkeit, daß ſelbſt der greiſe Soldat eine andächtige Bewunderung da⸗ vor fühlte. Die Wälder und Felſen glänzten im Sonnenlicht, und Obo! über die weite Silberſchale des Sees deckte ſich ein röthlicher Hauch, ſi geſc der Widerſchein des Himmels, der abendwärts in Glut aufloderte. 4 uß ein 1 Man konnte glauben, die leuchtende Kugel zerflöſe darin, ſo weit. 9 ün toll, nach allen Seiten ſchickte ſie ein Meer von Licht aus, und wie in 6 fühle Regenbogenfarben, durchſichtig grün und roth, ränderte ſich das Fir⸗ 11 r, 1 mament darum, ehe es ſeine tiefe Bläue annahm. So ſtanden denn ſ 4 rn viele Berge und die Bäume darauf als ſchwebten ſie in dem ſonnigen u eſhe Duft, und unter ihnen lagen Spalten und Schluchten voll grauer terbei, Schatten. Die Thäler öffneten ſich vor dem farbenvollen Schimmer, hohe Felſenſpitzen aber leuchteten in wahrhaft himmliſcher Klarheit, während die Tiefe unter ihnen ſich in Nacht und Eis begrub. Der alte Soldat ſtand lange und betrachtete das zauberiſche Blendwerk und dann ſchüttelte er den Kopf und ſagte vor ſich hin: — 392— Wenn man es anſieht, iſt es von ſonderbarer Macht und Gewalt; es überkommt den Menſchen dabei, daß er ſeine Hände falten und den preiſen muß, der ſolche Dinge erſchaffen konnte. Aber es i*ſt doch ſchöner noch, wenn die Sonne nicht allein ſtrahlt, ſondern wenn ſie auch wärmt; denn all der Glanz da und die Glut und Pracht be⸗ deuten doch nichts weiter als bitterliche Kälte. Die wird kommen, ich meine, wie ſie ſelten uns heimſucht. Und wer ſagt uns denn, fuhr er nachdenkend fort, ob es jemals wieder Frühling wird? Ob nicht einmal ein ewiger Winter bleibt, wo es für immer aus iſt mit allem Leben und Lieben? Es wird ja ſo ſchon, wie die Gelehrten meinen, immer kälter in dem alten müden Erdkörper, und die Zeit wird kom⸗ men, wo kein Baum mehr grün wird in Finnland, keine Blume mehr blüht, kein Feld mehr Frucht trägt. Eis und Schnee werden die ein⸗ zigen Früchte ſein, daran kein menſchlich Herz mehr warm werden mag. Er legte ſeine Hand auf die Herzensſtelle und lachte ſinnend vor ſich hin. Alter Kamerad! murmelte er, biſt auch müde, und doch noch immer hoffnungsvoll. Mußt fort und fort an den Frühling denken und wirſt warm dabei. Was willſt du denn noch vom Leben? Ei, warum denn nicht! ſchrie er, mit dem Krückſtock aufſtampfend, habe ich denn nicht mein Stück Hoffnung, um daran zu zehren, und legt ſich nicht jeder Menſch damit in ſein Grab, hoffend, daß der ewige Gottesfrühling ihn wieder aufwecken werde?— O! du mein kleines liebes Thal, ich möchte dich noch nicht miſſen. Wie der alte Baum dort über dem Waſſerſturz hängt, ſich mit zähen Wurzeln an dem Geſtein feſtklammert, nicht in die Tiefe hinab will, ſondern dar⸗ auf wartet, daß Eis und Schnee ſchmelzen und der Bach ihm wieder Leben bringt, ſo warte ich auch auf's friſche Grün und ſitze hier und ſinne und träume von junger Zeit. Warum ſoll ſie denn nicht endlich kommen? Warum ſoll ich mein Glück nicht noch mit meinen alten Hän⸗ den faſſen? Mein Magnus, meine Louiſa! Wenn die Kinder ein⸗ mal hier wohnen werden beim alten Vater Munk. Großvater Munk! Du dort oben, der die goldenen Wolken ſchafft, nichts von allen dei⸗ nen Schätzen verlange ich von dir, nichts von aller deiner Herrlichkeit, das allein gib mir noch, das allein, und dann mache mit mir, wie es dir gefällt. Er der rott Fimmer trs Kr. ſagte er ſanden ſutes 3 ſſtander i hätt Ales ka t Sol Als tar ihn üimme glich be ’ nicht ſo ſin ſeine üer mif ſrr ſchri Geſinde 1 Duerbe Er hier, h wauf di dvon me Er WMoree angene dien, ch dund we anne er tnnhen. Er elunn ſ teten, — 393— dt und Gen Er nahm ſeine Mütze ab und über ſein weißes langes Haar fiel dunde ſulm m der rothe Glanz des Himmels in ſein Geſicht. Das kleine arme Tlr G it et Zimmer war davon erfüllt, und der alte Soldat legte ſeine Hände ondem wem ſ in's Kreuz auf ſeinen Stock und blickte in das helle Licht. O, ja, 1 und Prahtie ſagte er, du haſt es vielmals gut mit mir gemeint, haſt mir beige⸗ vird kommen, ſtanden in mancher Noth; ſo will ich deinen Sonnenſchein als ein uns denn, ſin zutes Zeiches nehmen. Steh meinem Magnus bei, wie du mir bei⸗ rird? Ob nit geſtanden, und mein Kind, mein Töchterchen Louiſa— Ich wollte, 1 us iſt mit aln ich hätte eine Nachricht von ihr; ich wollte, o, du Gott! der du ſelehrten minn Alles kannſt, du brächteſt ſie dem alten Vater Munk auf einem dei⸗ Zeit wir un. ner Sonnenſtrahlen und legteſt ſie in ſeine Arme. ine Blume me Als er dies ſagte, hörte er eine Schlittenglocke in der Nähe. Es werden die ir war ihm zu Muthe, als müßte Louiſa kommen, als habe er ihre m werden mn Stimme gehört, und der mächtige Herr, den er angerufen, wolle ihm ſinend wu gleich beweiſen, wie gnädig er ſeine Bitte angehört. Aber es war lide, und doh nicht ſo. Ein Schlitten kam den Pajäne herauf, darin ſaß ein Mann n den Frühlin in ſeinen Pelz dicht eingehüllt. Nach einigen Augenblicken verſchwand cch vom Leben der mißmuthige Ernſt der Täuſchung aus dem Geſichte des Majors; auſſtampfen ir ſchrie hell auf, humpelte nach der Thür, ſchrie nochmal nach ſeinem an zu zehrn geſinde undz, weil's ihm zu langſam ging, ſchob er ſelbſt Riegel und pfind, daß d Duerbaum fort, denn die Schlittenglocke läutete ganz nahe. 9) du m Erich Randal! rief er, noch ehe er damit fertig war, ich bin ſchon gi der al firr, habe dich ſchon erkannt. Freude in mein Haus, Erich! ich habe n Wurzeln a uf dich gewartet manchen ſchönen Tag, bin aber immer vergebens 1 orden dar ion meinem Ausguck in den Ofenwinkel gewandert. im wieder Er umarmte den Freiherrn, der ihm grüßende und dankende z lier un Lorte ſagte, zog ihn in die Stube, wo der mächtige Steinofen eine hr ndlh ugenehme Wärme verbreitete, ſchrie nach Erfriſchungen und Geträn⸗ t nic ſm. ſchob Stühle an den Tiſch, drückte den Freiherrn in den breiteſten un weichſten und ſah ſo freudig aufgeregt aus, als wiſſe er nicht, ſas er zum beſten anfangen ſolle, um ſeinem Herzen Luft zu nahen. en alten Han je Kinder( ven dan Erzähle, erzähle! ſchrie er endlich. Wie ging's? Wie war's? er benli Denn ſeid Ihr zurückgekommen? Wo iſt mein Pathchen, mein Töch⸗ mit mir, 7 nicen, meine kleine Louiſa? Wo ſind ſie Alle? — 394— Wir ſind geſtern zurückgekommen, antwortete Erich. Stern und Brand! fiel der Major ein. Ihr ſeid hier vorüber gefahren und habt den alten Invaliden nicht herausgeklopft? Wir haben den Küſtenweg genommen, ſagte Erich, und ſind über Tavaſtehuus nach Halljala zurückgekehrt.. Was? was? fragte Munk verwundert. Das iſt ein langer Weg. Wir waren in Helſingfors, fuhr Erich fort. Habt meinen Magnus beſucht? rief der Major. Wie geht es dem Jungen? Wie ſitzt ihm der Ehrenrock des Königs? Wie ſieht er aus? Es geht ihm leidlich wohl, ſagte Erich. Er war in Liliendal, kehrte mit ſeinem Oberſten aber bald in den Dienſt zurück. Ein Soldat muß den Waffendienſt allen anderen Dienſten vor⸗ ziehen, lachte der alte Mann. Bravo, Magnus, bravo! Selbſt das Nirchen konnte ihn nicht feſthalten? Warum haſt du mir das Kind nicht mitgebracht, Erich Randal? Louiſa iſt überhaupt nicht mit uns zurückgekehrt, Freiherr zögernd. Munk ſah ihn verwundert an. Sie iſt in Liliendal zurückgeblieben, fügte Erich hinzu, oder beſſer geſagt, bei unſerer Couſine, bei Frau von Gurſchin, die ſich jest wahrſcheinlich in Wiborg befindet. Schock Tonnen Teufel! fuhr der Major grimmig au ſie in Wiborg? Wo iſt Otho? Ich weiß es nicht, erwiederte Erich. Du weißt es nicht? Nein, Otho verließ uns ganz unerwartet. Am Morgen nach einem Feſte und Balle war er verſchwunden. Sein Brief, den er für mich zurückgelaſſen, enthielt wenige Zeilen, wonach er eine nothwendige Reiſe angetreten;z wann er davon zurückkehren werde, laſſe ſich nictt beſtimmen. Louiſa ſolle uns nach Halljala folgen, er ſelbſt hoffe urs dort anzutreffen.. Der Major ſchwieg eine Zeitlang. Er ſah finſter vor ſich hn und beugte ſich auf ſeine Hände. Und warum haſt du das Kird nicht mitgebracht? fragte er endlich, ohne aufzublicken. antwortete der f. Was thut rich. ſeid hier ver geklopft! rich, und find ſt ein langer por. Wie g z462 Wl dönigs? war in t zurück. deren Dienſten rabo „ odet H hinzu iſchin, die f Am Marge an Biief, den n t er eine non laſſe ltſt l erde, 3 er ſe „ jinſter un 1 hiſt d icen. Lilie Selbſt — 395— Weil es nicht mit uns gehen wollte, erwiederte Erich, und weil einige beſondere Umſtände eintraten, die es mir unmöglich machten, darauf zu dringen. Der Major richtete ſich heftig auf, ſeine Augen funkelten den Freiherrn an. Ich hätt's nimmermehr gethan, brummte er ingrim⸗ mig. Habe immer gehört, daß dieſe Gurſchin ein leichtfertig Weibs⸗ bild ſein ſoll; hätte dir darum mehr Einſicht zugetraut, Erich Randal, mehr Feſtigkeit. Otho's plötzliches Verſchwinden, antwortete Erich, fand an dem⸗ ſelben Morgen ſtatt, wo Admiral Cronſtedt mit ſeinem Gefolge und vielen anderen Gäſten Liliendal verließ. Anfangs glaubten wir, es ſei ein Scherz, Otho habe einen der Herren, die er kennen gelernt, begleitet und werde bald zurückkehren. Dies meinte auch Graf Serbinoff. Der Nuſſe war alſo auch noch da! rief Munk. Es waren mehrere ruſſiſche Offiziere unter den Gäſten. Als aber die Weihnachtstage vorübergingen und noch immer nichts von Otho gehört wurde, reisten wir Alle nach Helſingfors, in der Hoffnung, ihn vielleicht dort zu finden. Ich muß geſtehen, daß während dieſer Zeit mir jedoch ein Verdacht aufſtieg, den ich jetzt nicht mehr hege, welcher aber damals— Daß der Ruſſe und die Gurſchin wußten, wo Otho geblieben ſei? fiel der Invalide ein. Das dachte ich, ſagte Erich. Serbinoff blieb in Liliendal, als General Suchtelen mit ſeinen Offizieren abreiste, und wie er dem Freiherrn Wright und dem Oberſten als Geſellſchafter willkommen war, war er auch Conſtanzens Vertrauter. Das ſchlechte Weib! rief der Major, muß immer wenigſtens eine biebſchaft haben, wenn es nicht ein Dutzend ſein können. Aber wo ſoll Otho hingegangen ſein mit ihrer Erlaubniß? Nach Wiborg zum General Buxhövden. Und was ſoll er dort? In ruſſiſche Dienſte treten. Ein Ruſſe werden! ſchrie der alte Soldat auf. Otho? ein Ruſſe werden! Es iſt eine Lüge, ſage ich. — 396— So viel iſt wenigſtens wahr, antwortete Erich, als der Major ſich beruhigt hatte, daß Otho ſeit längerer Zeit ſich mit Gedanken trug, die, wie ich glaube, Graf Serbinoff eifrig förderte. Ich weiſt nicht, wie weit er damit gekommen iſt und welche Abſichten damit zuſammenhingen; es ſcheint jedoch, daß noch während unſeres Beſuchs in Liliendal von verſchiedenen Seiten daran gearbeitet wurde, ihn zu bewegen, nach Rußland zu gehen. Die Peſt über die Schurken! ſchrie Munk, und im bangen Tone fügte er hinzu: Iſt er denn gegangen, Erich? Hat er denn wirk⸗ lich ſeine ehrliche finniſche Haut dem moskowitiſchen Satan verkauft? Ich ſuchte von Helſingfors aus Erkundigungen einzuziehen, fuhr Erich fort; allein ich konnte nichts erfahren. Mancherlei Feſtlich⸗ keiten wurden dort veranſtaltet. Conſtanze Gurſchin glaubte, wie es mir vorkam, daß Otho in Wiborg ſei, und ich zweifle nicht daran, daß ſie auch Louiſa bei dieſem Glauben erhielt. Gewißheit war nicht zu erlangen, doch nach einiger Zeit verſicherte mir Halſet, es ſei nicht wahr, es wiſſe Niemand, wohin Otho gekommen. Der Spitzbube war alſo auch bei der Hand, brummte der Inva⸗ lide. Du hätteſt nicht nach Helſingfors gehen ſollen. Ich hatte noch einen anderen Grund als den, nach Otho zu for⸗ ſchen, ſagte Erich. Ich wollte Louiſa aus der Nähe des Grafen Serbinoff bringen; allein ich hatte mich getäuſcht. Serbinoff iſt eben⸗ falls in Helſingfors geweſen. Das hat er gewagt? ſchrie der Major. Warum? Oh! hinter dem Weibe her, oder— ſag's heraus, Erich, ich leſe das Unglück in deinen Augen. Ich darf dir nichts verſchweigen, mein väterlicher Freund, antwor⸗ tete der Freiherr betrübt ihn anblickend. Höre mit Faſſung an, was ich dir mitzutheilen habe. Nachdem eine Woche vergangen war, hielt ich es für das Beſte, nach Halljala zurückzukehren, und ich machte Louiſa mit meinem Beſchluſſe bekannt, gebot ihr, mich und Ebba zu begleiten, und ſetzte den Tag unſerer Abreiſe feſt. Während deſſen war es zu einer Erklärung zwiſchen dem Kammerherrn und Halſet ge⸗ kommen, in Folge derſelben Arwed ihn und Mary nach Abo begleiten wollte. Seine Schweſter ließ er in meinem Schutz, und ich hatte nir das anzugeh der dacht, d lber de troß der Sie lſten Ene dände Ohl a M worin daß ih nüſch liches ihren gemach U Händ ih ne hat J W ſch f lich g A das w haben Himn Kobo T und Ein ſel Jede , als der M ſcch mit Geͤd jrderte. Ich he Abſichten d unſeres Biſ tet wurde, ihn dim bangen 7 Hat er denn u Satan vert tinzuziehen, Nancherlei Feſl nglaubte, wi weifle nicht dar ewißheit war Halſet, ts ſein rummte der ³ nach Otho z Nähe des Gn gerbinof iſ Freund/ and 397 mir das Recht dazu erworben, denn Eöba hatte mir verſprochen mir anzugehören. Der Invalide nickte ihm zu und drückte ſeine Hand. Hab's ge⸗ dacht, daß es ſo kommen müſſe, ſagte er. Alles Glück des Lebens über deinen Bund! Aber was geſchah, Erich, warum blieb Louiſa trotz deiner Gebote zurück? Sie entfloh mit ihm oder mit ihr, ich weiß nicht, wie es am Rich⸗ tigſten iſt, ſagte Erich leiſe. Entfloh mit ihm— mit dem Ruſſen! ſchrie der Major, und die Hände in ſein graues Haar drückend, ſtieß ein langes klägliches Oh! aus. Man brachte mir am Morgen ein Billet unſerer Couſine Gurſchin, worin ſie in der leichtfertigen Weiſe, die ihr eigen iſt, mir mittheilte, daß ihre Angelegenheiten ſie nach Wiborg führten, und daß Louiſa ſich entſchloſſen habe, ſie dahin zu begleiten, weil ſie nicht ohne ihr lieb⸗ liches Geplauder leben könne. Louiſa ſelbſt hatte hinzugefügt, ſie hoffe ihren Bruder dort zu finden. Ich glaube wohl, daß man ihr dies gewiß gemacht hatte. Und Niemand machte ſich auf ſie zurückzuholen? Sie aus den Händen dieſes Weibes, dieſes Ruſſen zu befreien? O, warum war ich nicht da! Warum bin ich nicht jung! Wo war Magnus? Was hat Magnus gethan? Magnus hat Louiſa wenig mehr geſehen, ſagte Erich. Er hielt ſch fern von ihr, und hatte Recht es zu thun, denn er mußte deut⸗ lich genug bemerken, daß er ein unwillkommener Gaſt war. Armer Knabe! murmelte der alte Mann. Er hat ein ſtolzes Herz, dus wird ihn tröſten, aber, oh! wie iſt es möglich, welche Künſte laben den Sinn des Mädchens verdorben, der ſo ſchuldlos war wie Fimmelslicht. Gibt es Zauberei, Erich Randal? Gibt es Hexen und (Kobolde, denen auch der Beſte nicht widerſtehen kann? Wecke die Leidenſchaften, antwortete Erich traurig vor ſich hinblickend, ind du weckſt die feindlichen Mächte, welche Gewalt über uns haben. ein alter Philoſoph hat geſagt, daß in den Herzen der Frauen, wenn ſe lieben, die erhabenſten Tugenden aufblühen, doch neben dieſen auch jde Schlechtigkeit und jede Sünde.— Wir wollen nicht zu hart ur⸗ — 398— theilen, mein Vater, denn wer möchte den Stab über die brechen, für die ſo viele Stimmen in uns reden. Vielleicht iſt es auch ſoz viel⸗ leicht hat ſie Otho gefunden, oder wer weiß, was zwiſchen ihm unde Serbinoff verabredet wurde. Ein inniges Zuſammenleben hat lange ſchon zwiſchen ihnen beſtanden, Louiſa hatte Theil daran. Man konnie nicht zweifelhaft ſein, daß Serbinoff mit wachſender Freundſchaft ihnen zugethan war, und wiſſen wir denn, wie weit dieſe reichte? welche Ver⸗ ſtändigungen ſtatt fanden? Tröſte mich nicht damit, Erich Randal, tröſte auch dich nicht da⸗ mit, antwortete der greiſe Mann. Zwiſchen gut und ſchlecht kann niemals ein Bündniß in Ehren geſchloſſen werden. Verlockt hat er ſie, der freche Ruſſe, und ihr habt es geſchehen laſſen, ihr habt ge⸗ ſchwiegen. Mit einemmale wird ein Menſch nicht ſchlecht; es gelt langſam, Schritt für Schritt, ehe er heucheln und lügen lernt. O! damals, als ſie ohne Zaudern Magnus zum Lügner machte, damals ſchon war es zu ſpät.— Schande! Schande! Ich will den Namen nicht mehr hören, will ihn nicht mehr ausſprechen. Gott wollte, ich verlernte das Denken daran. Sage raſch, Erich, was du noch zu ſagen haſt, die Zeit zum Aendern und Beſſern iſt vorbei. Ein ſchwerer Kummer beugte den Nacken des Majors. Er ſaß mit den Händen auf ſeinen Stock geſtützt und den Kopf darauf ge⸗ legt, und hörte zu, was ſein junger Freund berichtete. Nur zuweilen fuhr er auf, ſah grimmig umher, und beſänftigte ſich wieder, indem er leiſe vor ſich hin murmelte: Wie war es denn möglich? O, 68 iſt aus mit meinem Hoffen und Wünſchen! Dul! Herr Gott dort oben, was bringſt du mir Unheil ſtatt Segen. Erich erzählte, daß er nach dem Empfange des Billets ſofort ſich überzeugt habe, daß er ohne Mittel ſei Louiſa zurückzubringen, denn dieſe war weit fort, als er ihre Abreiſe erfuhr. Baron Bungen ſo⸗ wohl wie Halſet ſchienen darum gewußt zu hahen, ſie vertheidigten und entſchuldigten das Geſchehene mit allen mäßlichen Gründen, daß Serbinoff aber dabei geweſen ſei, und die beiden Frauen begleitete ging eben ſo wohl aus den Erkundigungen hervor, welche Erich ein⸗ gezogen, wie aus dem Auftritte, den Magnus Munk am Abend der Flucht erlebte. Von Unruhe und Eiferſucht ohne Zweifel angetrieber ſtand! Guͤrſch dort welche nen A! fein F irbehe der G dung Läger ndere Eile zurüc Beſo beab hier mac bela Hel tön Vi ber ruſ die La ein — — 399. ſtand Magnus an jenem Abend vor dem Hauſe, in welchem Frau von Gurſchin mit Louiſa wohnte, als zwei Männer ſich näherten, welche dort hinein wollten. Plötzlich wurden ſie von einer Laterne beleuchtet, welche Magnus unter ſeinem Mantel hervorzog, und er erkannte in dem einen den Fähnrich Ridderſtern, in dem anderen Serbinoff. Am Tage zuvor hatte Admiral Cronſtedt den Befehl erlaſſen, daß rihte: wem kein Fremder ſich ohne Anmeldung und Erlaubniß der oberſten Mili⸗ 4* tärbehörde in Helſingfors aufhalten ſolle. Es waren Nachrichten von auch dich Ui der Grenze eingetroffen, daß unter den ruſſiſchen Truppen viel Bewe⸗ t und ſchlh gung ſei, und eine Menge Koſaken und Dragoner mit Artillerie und Perlit Jägern dicht an dem Kymene ſtänden. General Klercker hatte mit liſen, ihr he anderen Offizieren die Stellungen der Ruſſen beobachtet, und dann in t ſchlecht; d Eile Boten an alle Regimenter geſchickt ſich zu vereinigen, und was dlügen lernt zurück war an ſich zu ziehen. Zum erſtenmale tauchte eine ernſthafte r machte,d Beſorgniß auf, die Ruſſen möchten wirklich einen Einfall in Finnland will den) beabſichtigen. Vom Lande her flüchteten viele Leute in die Stadt, um Gott woll hier ihr Habe und Gut beſſer zu ſichern; andere wohlhabende Familien 6, was du n machten ſich auf den Weg nach Abo, weil ſie beſorgten, Sweaborg könnte borbei. belagert werden, und wenn die Ruſſen ſich dann des wenig befeſtigten „ Majors. E Helſingfors bemächtigten, welches unter den Kanonen der Feſtung liegt, Kopf dar könnten die Schweden ſelbſt wohl die Stadt in Feuer aufgehen laſſen. te. Nur 1 Vielerlei Gerüchte über ruſſiſche Spionen und Verräthereien waren 170 wieder, verbreitet, als daher Magnus Munk ſeine Laterne aufhob und den nöglich!— ruſſiſchen Kapitän vor ſich ſah, rief er ihm zu: Wie kommen Sie in zerr Gott dieſe Stadt? Halt, Herr! Sie müſſen mich begleiten. Er hatte aber noch nicht das letzte Wort geſprochen, als ſeine allets ſoft Laterne in Stücke geſchlagen und ausgelöſcht wurde. Er ſelbſt erhielt zubruuge einen Stoß, daß er rückwärts über in den Schnee ſtürzte, und als er oeron Bu aufſprang, erwiſchte er eben noch den einen der Beiden beim Rock⸗ Bu zipfel unter der Fhür des Hauſes. Es war jedoch nicht Serbinoff, bert 2 Gründ ſondern Ridderſtertt der jetzt gepackt und geſchüttelt wurde, während hen umn dieſes Ringens aber erſchien eine andere, dritte Perſon auf dem Kampf⸗ en 6 platze, der Oberſt Jägerhorn, welcher ebenfalls Frau von Gurſchin we ün beſuchen wollte. Der Oberſt befreite ſogleich ſeinen Verwandten, den Runt 4 Fähnrich Ridderſtern, welcher obwohl viel größer als Magnus dennoch von — 100— dieſem beſiegt worden war und einige derbe Fauſtſchläge davon getra⸗ gen hatte. Auf ſein Befragen erzählte Magnus, daß er ſo eben den Grafen Serbinoff geſehen und erkannt habe, allein Ridderſtern beſtritt es und behauptete, daß er den Baron Bungen hierher begleitete, der von dieſem verrückten Burſchen angefallen worden ſei. Oberſt Jägerhorn lachte. Du biſt in Wahrheit ein toller Chriſt, ſagte er, dem der Graf Serbinoff beſtändig im Gehirn umherſpuckt. Geh nach Haus und ſchlafe aus, morgen wollen wir weiter ſprechen. Ich ſchwöre es Ihnen zu, mein Oberſt, antwortete Magnus, es war der Graf, den ich feſthielt. Was hat ein ruſſiſcher Offizier in dieſer Feſtung zu thun?. Das weiß ich allerdings eben ſo wenig wie du, antwortete Jäger⸗ horn, allein ich befehle dir jetzt nicht nach Haus, ſondern auf die Haupt⸗ wache zu gehen, und dort bis morgen früh zu bleiben. Dann wollen wir deine Ausſage näher unterſuchen. Der Major hatte ſeine Stirn düſter gefaltet. Kehrt! marſch! brummte er. Der Junge mußte gehorchen. Was geſchah weiter? Am nächſten Morgen war Conſtanze Gurſchin abgereist und Ser⸗ binoff mit ihr. Oberſt Jägerhorn ließ Magnus kommen, nachdem dieſer noch einen Tag auf der Wache zugebracht, und ertheilte ihm einen derben Verweis wegen ſeines unziemlichen Betragens gegen den Fähnrich Ridderſtern. Baron Bungen hatte ihn verſichert, daß er bei dem Fähnrich geweſen ſei, als Magnus plötzlich auf Beide anlief. Von Serbinoff war keine Spur zu entdecken, der Oberſt drohte daher dem Kadetten mit ſtrenger Strafe, wenn er je wieder ſich ſolchen Toll⸗ heiten überlaſſe. Armer Magnus! ſeufzte der Invalide. Aber der Oberſt hatte Recht, wie? Kammerherr Bungen ähnelt dem Ruſſen zwar ſo wenig, wie ein Ziegenbock einem Fuchs, dennoch aber— Jägerhorn muß Recht haben. 3 Er urtheilte nach den Zeugniſſen, die ihm abgelegt wurden, den⸗ noch halte ich dafür, daß Magnus ſich nicht täuſchte. Wie dem aber auch ſein mag, lieber alter Freund, es bleibt uns nichts mehr übrig, als die Thatſachen zu nehmen wie ſie ſind. Cs Scheln Leuten bageſſe glruben trträun iger fo Wer ſi geworde Bel ſorgen, nir get deit au ſit glau ſhgen ſſchrieb ſchläge dabon g daß er ſo eben Ridderſtern beſ er begleitete, der t ein toller C Gehirn umherſpe wir weiter ſpret ortete Magnus uſſiſcher Offizie antwortete Jäg dern auf die Hau en. Dann wol Kehrt! man geſchah weitet! abgereist unde kommen, nahd und ertheiltei etragens gegelen Hert, daß er Bede anlief f Varj drohte d ſch ſolchen dor Oberſt der Verr nar ſo wenig erhorn muß N jat wurden/ 1 Wgie dem d t uhn „ 5ts mt. ichts — 401— Es bleibt uns nichts mehr übrig als ein tüchtiger Fluch auf alle Schelme, und der richtige Glaube an den alten Gott, der ehrlichen Leuten beiſteht! rief Munk. Mag er ſich erbarmen über die, die uns vergeſſen hat. O, du armer, alter Thor! der es noch immer nicht glauben kann, der immer noch denkt, es ſei doch Alles erfunden und erträumt.— Er rieb ſich ſeine furchige Stirn, und fuhr dann kräf⸗ tiger fort: Was ſoll nun werden? Was willſt du thun, Erich Randal? Wer ſieht nach dem Gute am Pajäne? Wer forſcht, was aus Otho geworden iſt? Bevor das Frühjahr kommt, iſt für Otho's Eigenthum wenig zu ſorgen, erwiederte Erich. Was geſchehen konnte, iſt heut ſchon von mir gethan. Ich habe ſeinen Hausleuten geſagt, daß er noch einige Zeit ausbleiben werde, eben ſo Louiſa. Was aber ihn ſelbſt betrifft, v glaube ich faſt eine Spur gefunden zu haben, wenn ich auch nicht ſagen kann wohin dieſe führt. In Sijundo, jenſeit Helſingfors, be⸗ ſchrieb uns der Poſthalter einen Reiſenden, der eben zu der Zeit, wo Otho verſchwand, bei ihm eintraf, und den Weg nach Ecknäs in Be⸗ gleitung einiger Soldaten einſchlug. Alle ſeine Angaben trafen ſo ge⸗ nau zu, daß wir voller Hoffnung dieſe Spur verfolgten, allein wir onnten nichts weiter erfahren. Soldaten waren ſeit jener Zeit häufig urchgezogen, mancherlei Reiſende beſchrieb man uns, Keiner war darunter, der er ſein konnte. Was hätte er auch dort zu ſuchen? fragte der Invalide vor ſch hin. Halſet mit ſeiner Tochter und Arwed begleiteten uns, fuhr Erich ſoft. Sie haben es übernommen, überall nachzuforſchen, und wollen uuns Nachricht geben, ſobald ſie etwas erfahren. Jeder Menſch kehrt zum Staube zurück, aus dem er genommen, ſote der greiſe Mann, und der ſtärkſte Menſch iſt doch nur ein Ge⸗ ib aus vergänglichem Stoff. Ich habe Manchen gekannt, der ſeinen Koof ſo ſtolz trug wie ein urewiges Weſen, plötzlich war alle Herr⸗ ſcléeit am Ende. Das wollen wir nicht von Otho denken, erwiederte Erich. Ich kalee die Hoffnung feſt, daß wir ihn wiederſehen, dann werden wir nfehren, was ihn fortgetrieben. Nein, daß er heimlich uns verließ, 8. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 26 — 4⁰2— muß einen beſondern Grund haben, und kein anderer bleibt übrig, als einer, der mit den Ereigniſſen, die ſich vorbereiten, in Verbindung ſteht. Meinſt es alſo doch, daß er in's ruſſiſche Lager gegangen iſt? fragte Munk. Otho iſt ein Finne und ſein Kopf iſt heiß. Sein Vater war bereit Gut und Blut für Finnlands Freiheit herzugeben, er iſt es nicht minder. Wie er denkt, denken Manche, und wenn er ſeine Stimme erhebt, wird ſie weithin gehört werden. Wäre das möglich? fragte der alte Soldat, indem er ſich aufrichteie. Nicht zum erſten Male haben die Ruſſen alle Mittel ange⸗ wandt, den Finnen glauben zu machen, daß ſie unter ihrem Schußze einen eigenen Staat bilden könnten. Du weißt ſelbſt, mein lieber Freund, was bei Angela geſchah, du weißt auch, wie Otho's und mein eigener Vater daran Theil nahmen; wie Otho's Mutter, meint Tante, dafür wirkte, wie viele edle Familien damals in dem geheimen Bunde verwickelt wurden. Ob ich es weiß! rief der Major mit düſterer Stirn. Es war ein fluchwerthes Beginnen und dennoch— wer trägt die Schuld daran! Der das Unrecht durch anderes Unrecht auslöſchte, der Eide und Schwüre für nichts achtete, der ſtatt des Volkes Rechte zu ſchirmen, ſein Recht über Alles ſetzte. Aus ſolcher Saat kann keine gute Frucht wachſen, fuhr er fort, Sünde erzeugt Sünde, Gewalt endet in Gewalt.— Aber was willſt du daran beweiſen, Erich Randal? Wer hat dir geſagt, daß Otho ein Verräther an ſeinem Vaterlande ſein will? Was ich andeutete, beſchränkt ſich nur auf Vermuthungen, ant⸗ wortete Erich, mehr weiß ich nicht zu ſagen. Ich, vermuthe, das Serbinoff ihn drängte und ich zweifle nicht, daß er alle möglichen Mittel dazu anwandte. Meinſt du denn, fragte der Invalide, daß die Moskowiter wirklic Ernſt machen? Von Vielen wird es geleugnet, von Wenigen auch jetzt noch geſ glaubt, erwiederte der Freiherr, ohne Zweifel aber haben ſie eine groft Macht beiſammen, und wenn es ihre Abſicht iſt, den König durch Gewalt zum Nachgeben zu zwingen, ſo wird das kleine Heer, das General Klercker zuſammenzieht, nicht im Stande ſein, ſie aufzuhalter. rer bleibt übrig n Verbindung ager gegangn Sein Vater geben, er iſ und wenn er n er ſich aufti alle Mittel unter ihrem E ſelbſt, mein! wie Othos ys Mutter, — 1 ls in dem gei en keine gllk d 9 Gewult endet in 12 Wer dal 4 athungen, erm r 2 vermuit, gh. p 3e, u 6 er alle Noskowit uch ſett ſoch 1 Auh, baben ſie Köndg den No⸗ kleine 9 ſi auſg 4 das ſein, 403 Oho! ſchrie Munk ſtolz umherblickend, oftmals ſchon waren wir gering an Zahl und haben geſiegt. Der Landſturm heraus, jeder Mann an ſeinen Platz. Für's Vaterland muß jeder ſein Leben laſſen. Ruf deine Bauern zuſammen, Erich Randal, wir wollen ihnen das Kriegshandwerk beibringen. Mancher alte Offizier wohnt im Lande, dem es gehn wird wie mir, wie dem alten Schlachtroſſe, wenn es die Trompete hört. Wir haben keine Erlaubniß dazu, ſagte Erich, ſelbſt wenn wir es wollten. Schock Tonnen! ſchrie der greiſe Soldat, muß man denn bei allem was man thut um Erlaubniß fragen? Man hat uns daran gewöhnt und erſt neulich haben die Voigte ſtrenge Befehle der Regierung erhalten, darauf zu achten, daß keine Aufregung entſtehe, das Volk in Zucht und Gehorſam gehalten werde. Die Peſt über den Unſinn! fiel der Major ein. Es iſt dem Könige ein Vortrag gehalten worden, fuhr Erich fort, ob es nicht Zeit ſei, zehntauſend Mann nach Finnland zu ſchicken und mit den Waffen, die in Tavaſtehuus und Abo liegen, Freicompagnien za bilden. Es hat dem Könige jedoch nicht beliebt, dies zu geſtatten, nur einen Kriegsplan hat er ausgearbeitet, nach welchem, wenn die Ruſſen angreifen, das Heer zurückgehen ſoll, bis in den hohen Norden, bis nach Oſterbotten und nach Torneo. Der Invalide hörte ingrimmig zu. Er trommelte mit den Fingern aaf den Tiſch vor Ungeduld und Unruhe und fing halblaut einen Geſang an, ein Volkslied aus alter Zeit und wohlbekannt: Der junge Held, Karl der Zwölfte, In Rauch und Staub er ſtand, Er zog ſein Schwert vom Gürtel, Seinen Hut er feſte band. Es beißt der ſchwed'ſche Degen, Kommt her und prüft ihn genau. Gebt Platz, ihr Moskowiter, Friſchen Muth, ihr Burſche blau! so ſingt das Volk noch heut von ſeinem Helden Karl, rief er dann. der kannte nicht das Rückwärtsgehen, wenn der Moskowiter vor ihm 26* — 4⁰4,— war. Der Teufel hole den Kriegsplan! Wir wollen es nicht leiden, N Erich Randal, daß Finnland den Ruſſen in die Hände fällt. Wil ſis der König es nicht vertheidigen, wollen wir es thun, ſo gut wig nn können. A Sollte es dahin kommen, verſetzte Erich, ſo würde unſer Wider⸗ d n ſtand ein ſehr unfruchtbarer und verderblicher ſein. du Willſt du dich unterwerfen? fragte Munk. igen, So weit ich dies muß, ja. ſüir Ein Ruſſe werden? ſchrie der Invalide auf. Willſt du etwa ſü wenn dein Freund Otho mit einer Bande ruſſiſcher Schelme zurüch M kommt, gemeinſchaftliche Sache mit ihm machen? Finniſche Republl une ausrufen, bis euch der Mund geſtopft wird, ob mit Blei oder mi hm Silber? 6 Major Munk, ſagte Erich, ſeine klare Augen auf den erzürnten 9. Greis heftend, überlege noch einmal deine Worte. L Der Alte ſtreckte die Hände nach ihm aus. Trag's nicht nac erſih rief er verſöhnlich, ich habe es nicht ſo gemeint. Es iſt möglich, do d du Recht haſt, es iſt ſogar wahrſcheinlich, aber wer kann es mit ſoleuht cher Ruhe bedenken? Du biſt ein kalter Mann, Erich, ein imme r wohlüberlegter Mann, trotz deiner jungen Jahre. Ich, der ich Schni n. auf meinem Kopf trage, habe mehr Feuer in meinem Herzen. Wat h willſt du beginnen, wenn die Moskowiter einbrechen? hd So viel als möglich diejenigen ſchützen, welche Anſprüche zu machn a haben, daß ich ſorge und helfe, wie ich es wermag, ſagte Eri. ler Trifft uns Unheil, ſo müſſen wir ſuchen es abzuwenden oder zu er⸗ ed leichtern. In den Schreckniſſen und Leiden eines Krieges, der unſn he armes Volk überfällt, müſſen wir retten was zu retten iſt. Dann wäre es am Beſten den Ruſſen zu dienen, und als Lom zu bitten, daß keinem Menſchen in Halljala ein Leid geſchieht? ful der Invalide mit neuer Bitterkeit ein. Das ſind wiederum Worte, die du nochmals bedenken mußt, Vam Munk, ſagte der Freiherr ſanftmüthig lächelnd. O, zum Teufel! ſtampfte der Major, ich kann deinen Weg nict gehen, Erich. Kein Moskowiter ſoll mich um Gnade bitten höret Keiner ſoll je ſagen, ich habe mich vor ihm gedemüthigt. nte, — pollen es nicht Hände fällt s thun, ſo gut w würde unſer Whe ff. Wilſt du ir ſcher Schelme ran 2 Finniſche Rey b mit Blei ode n auf den etzint Es iſt mögich,n wer kann es m 14 eln ns m, brih, n, ach, der ih Eit neinem Henzen aen? hen vermag/ ſagte vermag en ode auwend 4Kriegrs, d Irttten iſ. t und geſie ienen/ n Leid i bedenken u E funn deintn ka tirr Gnade 1 müthit „Arſprütt zu 1 4 erdenz gefällt's uns auch noch ſo ſchlecht, in ſolcher Noth darf ihn Keiner ſitzen laſſen. Stoß an, Freiherr! ſtoß an! daß Gott ihn er⸗ 405 Iſt denn die Demuth eine Sünde, wenn ſie uns vor Gewalt ſchützt? ſagte Erich, oder iſt Unterwerfung Feigheit, wenn wir dadurch uns und vielen Leidenden zu helfen vermögen? Fällt der Feind in's Land, ſo mußt du mir verſprechen, Major, daß du zu uns nach Hall⸗ jmla ziehen willſt. Ueberhaupt ſollteſt du ſchon jetzt dein einſames Haus aufgeben und uns Geſellſchaft leiſten. Von allen, die mit mir gingen, iſt Keiner zurückgekehrt, als Ebba. Lebe mit uns, lieber Vater Munk. Laß uns am Herde in meiner Halle gemeinſam hoffen, 3 Troſt und Frieden finden. Der greiſe Soldat war jedoch nicht zu bewegen, Erich's Vorſchlag anzunehmen. Er drückte ihm ſeinen Dank aus, verſprach oft herüber zu kommen und nachzuſchauen, aber wohnen wollte er nicht da, wo in ſo kluger, kaltherziger Mann ihn alle Tage von Neuem ärgern vürde. Dann wird Ebba mit ihrer patriotiſchen Glut dich aufrichten und . erſöhnen, ſagte Erich. ups ittt Der Major blieb bei ſeinem Willen. Gott ſegne ſie! ſagte er, iber es iſt doch auch eine von den Neumodiſchen, Feuer und Flamme für Schweden, aber blind vor Haß gegen den König und es könnte ſen— er ſchüttelte heftig den Kopf und ſchlug auf den Tiſch. Es hilft doch Alles nichts! ſchrie er auf, König iſt er einmal, unſer aller 11 ädiger Herr, und ſteht an der Spitze. Wer die Spitze haßt und werachtet, kann's nicht ganz redlich mit dem Ganzen meinen, und Gott biſer's! Erich Randal, aber was er befiehlt muß in Ehren gehalten leuchten möge, daß er tapfere Herzen finde und ſelbſt ein Herz in ſich habe, wie Karl der Zwölfte, wie es von dem in dem Liede heißt: Einen gegen Zehn er ſtellte, Der zorn'ge Waſaſohn, Es floh, den er nicht fällte, Gab Jedem ſeinen Lohn. Drei Kön'ge wollten ihn zwingen, Mit Waffen und mit Witz, Er warf ſie alle nieder Sein Schwert war Gottes Blitz. 406 Und ſo muß es wiederkommen! rief er innehaltend. Karl des Zwölften Geiſt wird in ihn fahren und wer dann nicht bei ihm ſteht und hilft, ſo lange ein Arm aushält, der verdient, daß er ein Ruſſe werde und die Knute über ihn komme!— Laß mich hier in meinem alten Hauſe, mein Sohn, laß mich hier mit meinem Kummer und meiner Einſam⸗ keit. Wir müſſen ertragen, was über uns verhängt wird, und Gott hilf! daß es nicht allzu ſchwer werden mag. Verzweifeln wollen wir nicht, denn die alte Liebe und Treue ſoll uns bleiben, und nun ſetze dich her, Freiherr Randal, und nimm dein Glas und ſtoß darauf an, daß es Frühling werden möge und die lieben Vögel wiederkehren, die uns verlaſſen haben. Als es dunkel zu werden begann ſchied Erich von dem alten Freunde und bald lag Halljala vor ihm. Die hohen hellen Fenſter der Halle leuchteten ihm entgegen, freudig lächelnd betrachtete er ſie, und das hohe alterthümliche Haus, um deſſen Zinnen noch ein matter Abendſchimmer ſchwebte. Er empfängt mich, um mir zu ſagen, daß es noch nicht Nacht geworden iſt in meiner Väter Erbe, murmelte er. Wenn es mäglich iſt, ſoll es niemals Nacht darin werden. Wir wollen den Morgen heraufbeſchwören und uns des Tages freuen. Ein heller Hahnenſchrei antwortete darauf, und dicht bei ihm an dem Gemäuer ließ ſich die Stimme des Schulmeiſters hören. Haſt es gehört, Freiherr Erich, was der Hans dazu ſagt? lachte Lars. Er ſchreit dir ſeinen Morgengruß zu; es iſt aber eigentlich ein Abend⸗ ſegen, man kann's nehmen wie man's will. Es wird immer wieder Morgen, Erich Randal, mag die Nacht noch ſo finſter ſein; wer aber Augen danach hat, der ſieht wie Katzen und Hähne am beſten in der Finſterniß. 3 Wo kommſt du her, Lars? fragte Erich. Komme alleweil von Louiſa herüber, antwortete der Schulmeiſter. Die Sonne flimmerte in alle Fenſter, ſchien aber dennoch Nacht zu ſein. Der Freiherr ſchwieg, Lars ging neben dem Schlitten her. Was ſagſt du dazu? fragte Erich endlich. Was ſagt der Hans dazu? erwiederte Lars, indem er ſeinen Schaaf⸗ pelz lüftete, nnter welchem ſein wunderlicher Begleiter im Sacke ſaß. Es war immer deine Freundin, Hans, haſt das luſtige Nixchen immer Manſe inein daube ct Nu ſind Luc und deb aus Eri Karl des Zvüſf hm ſteht und n Ruſſe wende neinem alten h nd meiner Ein ggt witd, und weifeln wollen iben, und nun ſtoß darauf el wiederkehren ich von dem ohen hellen Fe⸗ d hetrachtete er n noch ein m mir zu ſagen, th Erbe, murmt arin werden. Tages freuen. ¶ z iöm id dich bei ihn ſſters hören. 72 lachte Lar 1 4 4 Ab gentlich ein W wird immer we 6 407 lieb gehabt. Wird's wiederkehren, wo jetzt der Wind durch ſtiille Kammern fährt? Wirſt du jemals wieder ſitzen und hören, wenn die Kandele unter ihren Fingern klingt, als käm's aus Wainemonen's goldnem Garten? Der Hahn ſtieß einen leiſen klagenden Ton aus. Nicht? nicht? fuhr Lars fort. Glaub's dir, Hans, glaub' es. Menſchenglück iſt wie eine Schale von Glas, kommt ein Sprung hinein, gibt's nimmermehr den alten Klang. Wenn der Falk eine Taube holt, bleibt keine Feder im Neſt zurück. Es wird eine kalte Nacht werden, Freiherr Erich; ſorge, daß dein Feuer nicht ausgeht. Haſt du nichts von Otho gehört? fragte Erich. Nichts, Hans, nichts, ſagte der Schulmeiſter. Wir waren beide weit durch Savolax hinauf bis Idenſalmi, haben nichts von ihm vernommen, nichts im ganzen Tavaſtelande. Fragten uns dort viele Leute nach Neuigkeiten, und was Otho Waimon dazu meinte? Ob's wahr ſei, daß die Ruſſen kämen. Putzten auch an ihren Gewehren herum, ſprachen davon, Otho habe ihnen in's Ohr geſagt, es könnte bald kommen, daß ſie die Büchſen brauchen würden. An der Grenze von Nyſchlott und von Willmansſtrand herauf, brachten reiſende Krämer Nachrichten von den Moskowitern. Mit Reitern und Kanonen ſtehen ſie da umher, ſind ihrer viele Tauſende. Was wollen ſie dort oben im Lande? fiel Erich nachdenklich ein. So ſind es zwei Heere, die ſie aufgeſtellt haben? Das eine am Kymene und das andere am Saimaſee. Seit wann ſind ſie in Nyſchlott? Seit einer Woche oder ſo etwas, ſagte Lars. Das ſieht wahrlich aus, als wollte es Ernſt werden. Glaubſt du denn, Freiherr Erich, lachte der Schulmeiſter, daß die Ruſſen ſpaßen; es thut keiner etwas umſonſt. Harte zähe Männer ſind es, wie die Luchſe ſchlau und fürchterlich. Haſt du noch nie den Luchs geſehen, Freiherr Erich, wie er ſich ſtreckt und windet, ſich putzt und leckt und das manierlichſte Thier ſcheint, das Gott zu Stande gebracht hat, bis es plötzlich ſeinen Sprung thut und ſeine Krallen aus den Scheiden fahren. Wo haſt du den ruſſiſchen Grafen gelaſſen, „ECrich Randal, den Alle lobten und liebten, nur der Hans nicht. — 408— Es iſt Niemand mit mir nach Halljala zurückgekehrt, als meine Couſine Ebba, ſagte Erich. Gott behüt das ſchöne Fräulein, Gott behüt's! ſchrie Lars. Halt das Glück feſt, Freiherr Erich, es iſt eine herrliche Sache, um's echt ſchwediſche Blut. Es iſt eine feine Dame, ihre Mutter war auch ſo und ich habe es mit meinen Ohren gehört, wie dein Vater ſagte, keine Andere wünſchte er dir. Habe es auch gehört, wie er Sam Halſet ausſchalt und ſchwor, ſo lange ſein Sohn Abſcheu habe vor Unehre, ſolle er nimmer einer Brut anhängen, die ehrlicher Leute Fluch ſei. Es iſt Licht in der Halle, antwortete Erich, der auf des Schul⸗ meiſters Rede nicht zu achten ſchien. Ebba wird mich längſt erwarten, Major Munk hielt mich lange feſt. Auch er wußte nichts von Otho und ich muß dir geſtehen, alter Lars, daß ich in ſchweren Sorgen um ihn bin. Iſt es denn wahr, fragte der Schulmeiſter, was der Propſt aus⸗ ſprengt, daß Otho mit einem ruſſiſchen Weibe nach Rußland ge⸗ laufen iſt? Ich glaube es ſo wenig, wie du es glauben wirſt, erwiederte Erich. Und der Hans glaubt's noch weniger als wir beide, lachte Lars. Aber der Probſt erzählt weiter, daß der ruſſiſche Graf Otho's Schweſter mitgenommen habe und daß ſie mit ihm heimlich davon gelaufen ſei. Das wirſt du eben ſo wenig glauben, ſagte Crich, wie ich es thue. Gott verhüt's! daß wir es beide jemals glauben müſſen, Freiherr Erich, erwiederte Lars; aber wo hat man je gehört, daß in Finnland ein Ruſſe willkommen war? Auf dieſen Vorwurf ſchwieg Erich Randal ein Weilchen, bis er im bekümmerten Tone ſagte: Ich kann das Aergſte immer noch nicht denken, denn Serbinoff iſt ein Mann von edlen Eigenſchaften. Doch wo iſt Otho geblieben? Welches Schickſal hat ihn getroffen? Laß ihn laufen, Freiherr, gräme dich nicht um ihn! rief Lars. Ein Finne fällt wie eine Katze, immer auf ſeine Beine, und der Hans hat ihm den Hochzeitstanz aufgeführt, als er's keinem Andern thun wollte. Halt du nur dein Glück feſt, Freiherr Erich, und ſorge dafür, daß de Hoch nch, Ha Der ſahte aum nicht die iummt n werden, iommt m Was ii ſhen Was Mas dei Hauſe h diraus; ab und ich rich den Ha Seiten. du liebe gib mit der Pr Veiden uund w' Ei Eb bhurmes Haupt weckte auf, d ter war auch gater ſagte, ki er Sam Halſ abe vor Unehr ute Fluch ſe auf des Schll längſt erwant ichts von O. ren Sorgen i er Propſt a G Rußland virſt, erwiedn de, lachte La iho's Schwet 5 en gelaufen ie ich es i' nijſſen, Freihe lanlal unle 5 in Finl ilchen, bih rtter noch V ſcaften⸗ 1 roffen? bn! rief k und der Andern ſorge duftt, 409 die Hochzeitslichter brennen, heut lieber als morgen. Meinſt du nicht, Hans? Meinſt du nicht, daß es wohlgethan wäre? Der Hahn in ſeinem Sack knurrte ärgerlich und Lars Normark lachte auf. Gott behüt's! ſchrie er, glaubſt du Narr, es ſei noch nicht die rechte Zeit? Mancher wartet und wartet und die rechte Zeit kommt nimmermehr. Ein Fiſch, wenn er gefangen iſt, muß auch gegeſſen werden, ſagen die Finnen, und ein Mann, der ein rechter Mann iſt, kommt mit einem guten Schlag weiter als mit tauſend guten Worten. Was ſoll ich denn thun, alter Lars? fragte Erich lächelnd, denn ich ſehe wohl, daß du mir Rath geben willlſt. Was du thun ſollſt, Freiherr Erich? antwortete der Schulmeiſter. Was dein Vater hätte thun ſollen, als er ein Mädchen in ſeinem Hauſe hatte und meinte, die rechte Zeit ſei noch nicht da, eine Frau daraus zu machen. Geh morgen hin zu dem Propſt, mach's mit ihm ab und dann geh hin zu ihr und ſprich: Was kommen wird, weiß ich nicht. Es kann ſein, der wilde Jäger bringt uns die Ruſſen über den Hals, es kann auch ſein, Noth und Tod fahren an von allen Seiten. Bei alledem bin ich da, und Keiner ſoll's mir wehren, dich zu lieben und zu küſſen, ſo lange es immer geſchehen kann. Alſo gib mir deine Hand, kein Anderer ſoll ſie haben. Komm mit mir, der Prieſter wartet auf uns und, ſo wahr ſchwediſches Blut in uns Beiden iſt, Freiherr Erich, ich ſage dir, ſie wird deine Hand nehmen und wird dir folgen. Sie wird mir folgen, murmelte Erich halblaut. Eben fuhr der Schlitten durch das düſtre Thor des Hompus⸗ thurmes und aus ihm hervor rauſchte ein Nachtvogel, der über Erich's Haupt hinſtreifend, einen langen gellenden Schrei ausſtieß. Der Hahn reckte zu gleicher Zeit den Hals aus dem Sack und krähte muthig auf, daß es unter der Wölbung widerhallte. Wen eine Eule empfängt, dem iſt Jumala gnädig, ſagte Lars und gibt ihm Weisheit, und wem der Hahn ſchreit, dem ſteht Ilmareinen bei und gibt ihm liſtige Gedanken. Dies rief er hinter Erich her, deſſen Pferd ſchnaubend in den Hof rannte und dem er langſam folgte. Lichter leuchteten aus der Thür des Hauſes und als der Hahn nochmals ſein Geſchrei anſtimmte, — 4¹⁰0— hätten die Diener über den alten Pfeifer beinahe ihren Herrn ver⸗ geſſen. Jeder freute ſich, daß Lars Normark da war. Alle wollten Neuigkeiten hören, Alle hatten viel zu fragen und viel zu erzählen. Als Erich Randal der Halle zuging, war ſein Kopf voll Ge⸗ danken, mit denen ſich ein banges verwirrendes Gefühl miſchte. Seine feſten Schritte wurden langſamer, je näher er der Thür kam und zögernd ſtand er davor ſtill und legte die Hand auf ſein Herz, das heftiger klopfte, als er ſeit langer Zeit es gefühlt hatte. Was der Schulmeiſter geſprochen und der Rath, den er ihm zuletzt ertheilte, be⸗ traf etwas, was er ſelbſt ſich ſchon oft geſagt hatte. Wenn er Ebba beſtürmte, würde ſie dann nicht darin willigen, ihm zum Altare zu folgen, und gab es nicht Gründe genug, die ein raſches Handeln recht⸗ fertigten? Lars Normark hatte eine Unruhe in die philoſophiſche Ruhe des jungen Mannes gebracht, die er vergebens ganz zu bewältigen ſtrebte. Sichere dein Glück, Freiherr Randal! klang es in ſeinen Ohren und dabei überkam es ihm plötzlich, daß er an Otho denken mußte und an Halſet's Tochter, indem er durch den finſtern Gang ging und leiſe die Thür öffnete. Ebba ſaß vor dem großen Kamin, das Geſicht auf das Feuer gerichtet, das niedergebrannt aus dem Haufen verkohlter großer Holz⸗ ſtücke und glimmender Aſche in dunkelrothen Flammen aufflackerte. Die Lichter, welche auf dem Tiſche in der Mitte der Halle ſtanden, bildeten kleine trübe Punkte, von grauen Schattenkreiſen umgeben, durch welche dann und wann ein blitzartiges Leuchten des Kaminfeuers zuckte, das in alle die finſteren Ecken und Winkel des Gewölbes drang⸗ und die düſtern Bilder an den Wänden ſammt den gewaltigen Elch⸗ geweihen erkennen ließ. Einige Minuten lang betrachtete Erich ſeine junge Verwandte, die nichts von ſeiner Nähe bemerkte. Sie hatte ihre Hände vor ſich in den Schooß gefaltet und ihre großen offenen Augen ſchauten regungslos in die ſprühenden Funken, welche von dem Herde aufflogen und verloſchen. Als der Feuerſchein heller über ihr Geſicht zitterte, bemerkte Erich, daß ſich ihre Lippen bewegten, als ſpräche ſie leiſe mit ſich ſelbſt. Es war ihm, als könnte er ein ſchmerzliches Lächeln erkennen und jetzt ſenkte ſich ihr Kopf nieder, das lockige lange Haar ſiel wie ein Schleier darüber hin und unter 2 m her mutmel Eri ſtweige wandte. dm ſie Eni umen Er lange von me Du ſſe ein. Ee D d muß ſie ra berelt Kiſſe ſie ih hande gut; 1 d wachſe bin i ſchau Kaſte lager G dinge dir, t daue 3 w. ohir hren Hern e*. Alle wol zu erzaͤhlen Kopf voll( lmiſchte. Si Thür kam w ſein Herz, aatte. Was ett ertheilte Wenn er Git zum Altare Ha I loſophiſche R zu bewältt ng es in ſei an Otho dent finſtern Ge auf dasd er großet h nen aufflat Halle ſten reiſen umg. ndeln rit — 41— ihm hervor ſtieg ein Seufzer auf, der wie von Geiſtern weiter ge⸗ murmelt, in allen Bogen und Fugen ſich zu vervielfältigen ſchien. Erich's Augen ruhten voll mildem Ernſt auf ihr. Zögernd und ſchweigend ſtand er auf der Schwelle bis Ebba ſich nach ihm um⸗ wandte. Ihre Mienen erheiterten ſich, als ſie ihn erblickte, und in⸗ dem ſie ihm entgegenging, ſtreckte ſie ihre Hände nach ihm aus. Endlich biſt du zurück, lieber Erich, rief ſie ihm zu. Sei will⸗ kommen! Erich Randal küßte ihre Stirn. Unſer alter Freund hat mich ſo lange aufgehalten, ſagte er. Ich konnte ihn nicht verlaſſen, da ich ihn von meinen Mittheilungen betrübt und zornig ſah. Du ſiehſt, wie es mir ſcheint, ſelbſt betrübt und bleich aus, fiel ſie ein. Es iſt kalt, erwiederte er. Mich friert. Das darf nicht ſein, wenn du bei mir biſt, ſagte ſie lächelnd, dann muß ich dich erwärmen, und indem ſie ihn zum Herde führte, warf ſie raſch neue Holzſtücke auf die Glut, rückte ſeinen Seſſel dicht heran, bereitete eine Pelzdecke davor aus, und nöthigte ihn in die weichen Kiſſen, mit denen ſie den breiten Stuhl polſterte. Schnell bereitete ſie ihm ein heißes Getränk, reichte ihm was zu ſeiner Erfriſchung vor⸗ handen, ordnete und fragte endlich, ob ſie es auch Alles recht und gut mache. Wie eine ſorgſame Hausfrau, erwiederte er dankbar. Ich muß mich einüben, verſetzte ſie, damit ich den Pflichten ge⸗ wachſen bin, die einſt von mir gefordert werden. Mit Frau Ulla bin ich heut durch alle Vorrathskammern gewandert, und habe Heer⸗ ſchau gehalten über ſämmtliche Töpfe und Fäſſer und Kiſten und Kaſten. Wir ſind in der That ſo gut verſorgt, das wir eine Be⸗ lagerung aushalten könnten. Sie ſetzte ſich neben ihn, legte ſeine kalten Hände in ihre warmen Finger, und lehnte ſich vertraulich an ſeine Schulter. Wie danke ich dir, theure Ebba, ſagte er liebevoll zu ihr hinblickend, daß dein Ver⸗ trauen ſo groß zu mir iſt. Zu wem ſollte ich größeres Vertrauen haben, antwortete ſie, und wohin ſollte ich gehen, wenn du mir kein Plätzchen an deinem Herde — 412— geben wollteſt? Ich wüßte in Wahrheit kaum, was zu beginnen wäre, wenn ich nicht etwa auf mein Eigenthum, mitten im Eiſe des Pajäne, mich zurückzöge. Wird es dir in dem alten Schloſſe nicht zu einſam, ſagte Erich, und bei dem einzigen Mann darin? Ich möchte dich ſo gerne recht froh und glücklich wiſſen, liebe theure Ebba, recht viel für dein Glück thun können. Ich bin glücklich, Erich, ſo viel ich es ſein kann, erwiederte ſie, und erkenne dankbar deine große Güte und Liebe.. Ich wollte, ſagte er, ſie freundlich anſchauend, dein Bruder wäre bei uns, und könnte meine Bitten unterſtützen. Von Arwed habe ich heut, als du fort warſt, einen Brief durch den Propſt Ridderſtern erhalten, fiel Ebba ein. Der würdige Herr leiſtete mir mit ſeiner Ehehälfte Geſellſchaft und Beide fragten mich, ob ich es nicht vorziehen würde, in ihrem Hauſe mich einzurichten, wo es nicht allein wohnlicher ſei, wie in dieſen düſtern Thurmgewölben, ſondern wo auch weiblicher Beiſtand mir immer zu Dienſten ſtehe. Und was haſt du darauf geantwortet? Ich habe ihnen erklärt, daß es mir bei dir ſehr gut gefiele, und daß ich dich niemals, um noch ſo gute Geſellſchaft verlaſſen würde. Wirklich, das haſt du gethan? Niemals willſt du mich verlaſſen! wiederholte Erich, und ſeine Augen leuchteten auf. Ebba nickte ihm zu. Niemals, ſagte ſie, dazu bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen. Meine edle, liebe Ebba! und wenn ich— er hielt einen Augen⸗ blick inne, denn aus der Küche herüber ſchrillte Lars Normark's Pfeife, und es war ihm, als hörte er den alten Vagabond ſchreien: Sichere dein Glück, Freiherr Randal, jetzt iſt es Zeit!— wenn ich Alles be⸗ denke, warum willſt du mein Glück noch länger verzögern, warum mir nicht geſtatten, als dein Gatte der Erſte unter Allen zu ſein, der, was auch kommen möge, das Recht hat, dich zu ſchützen und mein Haus zu deinem Hauſe zu machen. Lies dieſen Brief, ſagte ſie, und du wirſt finden, wie Arwed über unſere Zukunft denkt. 4 6 und le 4 Stund Veſeh ſo ſch Brief welche ſchnel Zunä natür du g ſchen ander nicht gere Ere und Bor kon beginnen win im Eiſe d „ ſagte Gith ſo gerne ut für dein Glic erwiederte ſe Bruder wan n Brief durd würdige Hen fragten mic nurichten, wo urmgewölben, iſten ſtehe. gefeele, um ſen würde. nich verlaſſn ich feſt eni⸗ enen Augen narks Vfiſt jen: Sichen ich Alles b ern, wand len zu ſt ſchüten un 5 lber Arve — 413— Sie reichte ihm ein aufgeſchlagenes Papier hin, Erich nahm es und las: „Geſtern ſind wir in Abo eingetroffen, und da in einer halben Stunde ein Eilbote nach Tavaſtehuus geht, der dem Commandanten Befehl bringt, das Schloß ſchleunig in Vertheidigungszuſtand zu ſetzen, ſo ſchreibe ich raſch an dich, meine liebe Ebba. Halſet wird meinen Brief in einen andern einſchließen, den er an den Propſt richtet, und welcher ſogleich nach Halljala befördert werden ſoll. So wirſt du denn ſchnell zu den Nachrichten kommen, die ich dir mitzutheilen habe. Zunächſt von mir ſelbſt, liebe Schweſter, du wirſt meinen Egoismus natürlich finden. Ich hoffe der Erfüllung meiner Wünſche entgegen zu gehen, wenn ich auch nicht ſagen kann, daß nichts mehr zu wün⸗ ſchen übrig bleibt. Die liebenswürdige Mary hat ſich weſentlich ge— ändert; es iſt eine andere Stimmung über ſie gekommen. Man kann nicht behaupten, daß ſie viel geſprächiger geworden ſei, allein ſie iſt an⸗ geregter, freundlicher und intereſſirt ſich ganz beſonders für die politiſchen Ereigniſſe. Heut bei'm Frühſtück hat ſie ein langes Geſpräch mit mir und ihrem Vater darüber geſührt, ob es noch möglich ſei, in einem Boote über den bottniſchen Meerbuſen und nach Stockholm zu kommen, oder nicht? Auf den Inſeln gibt es vielleicht noch Wagehälſe, die mitten durch Eisfelder, Schollen und halbgefrorene Wellen den Weg verſuchen, aber vom Herüberbringen von Soldaten oder Kriegsmitteln iſt keine Rede, ehe nicht der ganze Golf feſtes Eis trägt. Dann wäre es freilich nicht ſchwer, eine Armee nach Finnland zu ſchaffen, allein abgeſehen davon, daß keine vorhanden, Alles in Unordnung und Auflöſung iſt, würde es, wie ich meine, auch nichts helfen. Halſet hat Nachrich⸗ ten aus Stockholm. Es geht vortrefflich. Herr von Alopäus kann ſich nicht mehr im Schloſſe zeigen, und beinahe ebenſo geht es dem däniſchen Geſandten, dem guten Grafen Moltke. Um ſo größer iſt ihr Anſehen in der Geſellſchaft. Eine ganze Reihe neuer luſtiger Anekdoten und Charakterzüge bringe ich dir mit, denn ich komme wahrſcheinlich bald und komme nicht allein. Unſer theurer Freund Halſet, deſſen Zuneigung zu mir täglich wächst, hat in Tamerfors bedeutenden Beſitz und große Niederlagen von Flachs und Getreide. Von dort aus gehen wir nach Halljala, und ich denke, es ſoll eine — 414— Brautreiſe ſein, die freilich etwas kalt ausfallen könnte. Ich bringe dir meine Mary, denn bis dahin werde ich dies ſagen können; was ich weiter mit Halſet beſprochen, ſollſt du gleich hören, zunächſt nur einige Worte über den wilden Burſchen, unſeren liebenswürdigen Couſin vom Stamme der Kinder Jumala's. Nicht eine Spur haben wir von ihm aufgefunden, und auf jeden Fall beruhen die Beſchrei⸗ bungen des Poſthalters auf Irrthum. Meine Meinung iſt daher immer noch dieſelbe, daß Serbinoff, trotz ſeines Leugnens, mehr von ihm wußte, als er zugeben wollte, und daß eine gewiſſe ſchöne Dame, welche ſich ganz beſonders für ihn intereſſirte und, als er plötzlich verſchwunden war, nicht die geringſte Beſtürzung zeigte, vielmehr ſich darüber beluſtigte, die Hand im Spiele hatte. Sie hat ihn, wie ich denke, nach irgend einem Arkadien in Sicherheit gebracht und wird ihn jetzt bewachen, wie Armide den geliebten Rinald. Eine luſtige Geſchichte, auf Ehre! wir werden künftig noch darüber zu lachen haben.— Hieraus erklärt es ſich, daß der kleine Nix ſo furchtlos über Otho's Schickſal war und ſo freudig ihrer Protectorin und— Serbinoff folgte. Denn dieſer war in Helſingfors bei der Gurſchin, was ich jetzt nicht mehr verbergen will, da ich ihn ſelbſt geſehen habe. Wir können ſomit gänzlich über das Schiickſal dieſer glückſeligen Ge⸗ ſchwiſter getröſtet ſein. Zu ihrer Zeit werden ſie ſchon wieder zum Vorſchein kommen und mancherlei ſüße Geheimniſſe ausplaudern kön⸗ nen, wenn ſie wollen. Es iſt gewiß, daß Otho ſeinen Freund Ser⸗ binoff an jenem Ballabend geſprochen hat, eben ſo gewiß, daß er mit der reizenden Gurſchin ein geheimes Geſpräch hatte, worauf er ſich entfernte und nicht mehr erblickt wurde. Halſet macht darüber Be⸗ merkungen wie ein Satyr; aber ſelbſt Mary hat es geſehen und zweifelt erſichtlich nicht daran, daß die ſchöne Fee Conſtanze ihn in ihrem Harem auf einer Inſel der Seligen verwahrt. Los iſt man ihn damit für längere Zeit, und allen republikaniſchen Fantaſtereien iſt durch zwei weiße Arme ein Ende gemacht.— Was nun dich be⸗ trifft, meine Ebba, ſo hat deine Romantik dich in den Kreuzbogenbau des edlen Hompus zurückgetrieben, wo es äußerſt lebhaft und luſtig hergehen muß. Du biſt deinem Willen gefolgt, ich ließ es geſchehen; bei näherer Betrachtung aber iſt es doch nothwendig, mit der Lebens⸗ nmn darü ladur jetzt ſagf e ſchöne Dmm als er plößt „vielmehr tt ihn, die icht und wie Eine luſti ber zu lache ir ſo furh ctorin und der Gurſch t geſehen hab ſlückſelgen 6 zen wieder zunn laudern k Freund Si h, daß er m er ſit orauf darüber 3 geſehen und ſtanze ihn i Los iſt n ntaſteren Far — 415— proſa Abrechnung zu halten. Der Mann deiner Wahl iſt ein ſolches Muſterbild jedweder Tugend, daß ich ihm zehn Schweſtern anvertrauen wollte, wenn ich ſie hätte; allein der Welt gegenüber müſſen wir da⸗ für ſorgen, daß die einzige, welche ich beſitze, bald als Frau in der Halle von Halljala ſitzt. Ohne uns weiter auf Ausführungen ein⸗ zulaſſen, wollen wir alſo beſchließen: die Verlobung wird ſofort ver⸗ öffentlicht, wenn ich mit Mary und Halſet bei euch bin, was in eini⸗ gen Wochen der Fall ſein wird, und gleich hinterher ſoll die Doppelheirath ſtattfinden. Bis dahin aber findet es Halſet ſo paſſend, wie ich es finde, daß du deine Wohnung bei Propſt Ridderſtern nimmſt, im Fall du es noch nicht gethan haben ſollteſt. Halſet hat darüber an den würdigen Geiſtlichen geſchrieben, du wirſt ſeiner Ein⸗ ladung jedenfalls Folge leiſten, weil es ſchicklich und recht iſt, und jetzt lebe wohl, der Courier iſt da.“ Erich ließ das Blatt ſinken und blickte ſeine Verwandte an. Was ſagſt du dazu? fragte ſie. Ich kann nicht ſagen, daß Arwed Unrecht hätte, erwiederte er. Willſt du mich aus deinem Hauſe treiben? fragte Ebba. Gewiß nicht, war ſeine Antwort. Aber dein Bruder wünſcht es. Er hält es für ſchicklich, fiel ſie im ſtolzen Tone ein. Mit einem Male nachträglich iſt ihm dieſer Gedanke gekommen. O! was iſt ſchicklich, was nennen die Menſchen ſo? Er, der ſeinem theuren Freund Halſet nachläuft, ihn alle Tage höher ſchätzt, findet nicht das geringſte Bedenken, alle Mittel anzuwenden, um Mary's Hand zu erobern, nach ihrem Herzen aber— ſie hielt inne und heftete ihre Augen auf Erich: oder glaubſt du, daß Mary auch ein Herz für ihn haben kann? Wie es mir ſcheint, erwiederte der Freiherr, ohne eine Unruhe zu zeigen, hat dein Bruder Halſet's Gunſt gewonnen, und in Finnland kommt es häufig vor, daß die Ehen nicht nach Herzensneigungen, ſon⸗ dern nach dem Willen der Eltern geſchloſſen werden. Die Verhältniſſe bedenkend, Vortheile, Rang, Stand, Geld und wie die herelichen Dinge weiter heißen, rief Ebba. Wo wäre das nicht in der Welt! Leidenſchaften bringen Unheil, Thorheiten der Herzen haben zahlloſe Thränen fließen ſehen. — 416— Wenn es wahr iſt„ was Arwed über Otho ſagt, antwortete er, ſo hätten wir ein trauriges Beiſpiel davon. Doch ich glaube es nicht. Warum nicht? rief ſie. War er nicht Thor, nicht leidenſchaftlich genug dazu? Je heller ein Feuer brennt, um ſo ſchneller wird es Aſche, und was glaubt man nicht Alles von eines Menſchen Herrlich⸗ keit, der morgen ſchon zeigt, daß er doch nur aus ſchlechtem Thone gemacht wurde. Aſche, Erich, nichts als Staub und Aſche; alle dieſe glänzenden Funken ſind im nächſten Augenblicke ſchwarz und todt. Warum alſo ängſtlich fragen, was nach dieſer guten Leute Meinung ſich ſchickt oder nicht ſchickt? Ich will bei dir bleiben, will nicht zu dem ſteifen, falſchen Propſt. Und wenn Arwed kommt? Sie reichte ihm die Hand hin. Du ſagſt es ja, daß er Recht hat, lächelte ſie. Meine theure Ebba! Meine Geliebte! Ebba legte den Kopf auf ſeine Schulter. Du biſt gut! ant⸗ wortete ſie aus tiefer Bruſt, du biſt voll Ruhe und Frieden mit dir ſelbſt. Ich werde glücklich ſein an dieſem einſamen Herde. Er blickte in ihre Augen, ein Feuer loderte tief darin. Leiſe zog er ſie an ſich, und die ſanfte Milde und Ruhe ſeines Geſichts ſchien eine magiſche Gewalt zu üben. Sagte ich dir nicht ſchon einmal, begann er mit ſeiner klaren tiefen Stimme, daß das Glück, auf das wir hoffen, in uns ſein muß. Und ein Leben iſt kurz, fiel ſie tiefathmend ein. Ein Menſchen⸗ leben iſt wie der Funke dort— ein Augenblick. Dennoch iſt es lang genug, um ſchön oder qualvoll zu ſein. Schön und frei— frei von Qualen ſoll es uns vergehen, Erich. Frei von Qualen, theure Ebba, frei von Unfreiheit. Wahrheit und Liebe heißen die Erlöſer, nach denen dieſe Welt ſchmachtet, mag ihr Reich zu uns kommen! Wahrheit und Liebe! wiederholte Ebba ungeſtüm laut, und indem ſie ihren Verlobten umfaßte, fügte ſie ſtolz und begeiſtert hinzu: Wahrheit und Liebe ſollen uns vereinigen. Amen! Amen! guter, liebevoller Freund. t, antwortete glaube es nit ht leidenſchaft ſchneller wind tenſchen Hertl ſchlechtem T Aſche; alle d warz und n/ Leute Mein Als Otho Waimon in jener Ballnacht Liliendal verließ, hatte er vill nictn einige nothwendige Kleider in ſeinen Reiſeſack gepackt, mit welchen er“ 4 3 unbemerkt aus dem Schloſſe entkam. Im Flecken, der im Thale lag, fand er vor dem Güäſtegivergaard, deſſen Eigenthümer, wie gewöhn⸗ 1 lich, zugleich Poſthalter war, Schlitten und Pferd, welche Serbinoff Einundzwanzigſtes Kapitel. ß er Reat , di en gebracht hatten, eben bereit zurückzukehren. Es koſtete ihn nicht viel Ueberredung, den Bauern dazu zu bewegen, ihn bis zur nächſten . Poſt auf die Küſtenſtraße hinabzubringen, wo er ſich weitere Beför⸗ ün e derung zu verſchaffen dachte. Die Nacht war kalt, doch Otho hüllte aiden ni ſich in ſeinen Pelz, zog die Mütze von ſchwarzem Lammfell über die he. 1„ Ohren und verſank in Betrachtungen, die ihm bald heiß genug mach⸗ im. di leen.— Was er an dieſem Abend erfahren, erſchien ihm wie ein Geſchts ſti Traumgebild, und wenn er nicht ſicher gewußt hätte, daß er die ſchon einmn ſcharffunkelnden Sterne über ſich ſähe und dies ein Schlitten ſei, den glück, auf di ein ſchnaubendes Pferd pfeilſchnell über die verſchneiten Thäler und . Berge führten, würde er geglaubt haben, die argen tückiſchen Capeetis kin Munſhen ſäßen ihm in Ohren und Augen. Doch es war ſo, er konnte nicht . zaran zweifeln. Fortgeriſſen von einem kühnen Entſchluſſe, den ein zu ſein. Mädchen ihm eingegeben, die wunderbarer Weiſe ſich plötzlich in ſein rgehen, En Schickſal miſchte, um ihn aus den Schlingen eines anderen Weibes it. Wahrhei zu reißen und ihn dafür in ein gefährliches Abenteuer zu verwickeln, machtet, mdh latte er Schweſter und Freunde heimlich verlaſſen, vielleicht auf Rimmerwiederſehen. t, und indm Er dachte darüber nach, welche Verwirrung und welche Sorge ſein eiſert bin Verſchwinden am nächſten Morgen hervorrufen würde; aber alle ſeine lmen! gun, Vorſtellungen wurden überwältigt von Zorn und Scham über die perſchiedenen Täuſchungen, denen er ſich überlaſſen und die nun zer⸗ D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 27 418 riſſen vor ihm lagen. Ob Serbinoff ihn betrogen hatte, ob er um dieſe verrätheriſche Schurkerei wußte, wagte er nicht zu entſcheiden. Seine verehrende Liebe für den Mann, den er ſo lange als ein herr⸗ liches Gottesgebild angeſtaunt und feſt darauf vertraut hatte, ſträubte ſich mit Heftigkeit, Falſches und Schlechtes von ihm zu glauben. Sein finniſches Mißtrauen zerſtäubte an dem edlen Eifer, mit dem ſein Herz den Freund vertheidigte; er hätte noch an ihm feſtgehalten, wären ihm auch beſſere Beweiſe dafür geworden, daß er betrogen ſei⸗ Serbinoff theilte, wie er meinte, ſein eigenes Schickſal. Er hatte ge⸗ hofft und geglaubt wie er ſelbſt. Seine Freiheitsliebe, ſeine kühnen Gedanken, ſeine Erwartungen auf die Zukunft der Menſchheit, ſein ſtolzer Glaube an Recht und Gerechtigkeit konnten keine Heucheleien ſein. Was diejenigen wollten, die das Heft in Händen hielten, die Lenker und Leiter ſeines Vaterlandes, daran hatte er ſicher keinen Theil, und faſt that es ihm leid, daß er dem treuen Alexei nicht Alles geſtanden, was er erfahren, daß er ihn nicht zum Mitwiſſer ſeines Geheimniſſes und zum Rathgeber gemacht hatte. Jetzt war es zu ſpät, doch er zweifelte nicht, daß Serbinoff denſelben Abſcheu, den⸗ ſelben Zorn empfunden haben würde, ja, daß er ihm beigeſtimmt, nach ſolchen Entdeckungen den Weg zu gehen, auf welchem er ſich jetzt befand. Aber o! welch ein Weg war das! Was wollte er thun? Zum Schwedenkönige nach Stockholm fahren, ihm ſagen: Dein tapferſter, kühnſter General, deine und Schwedens erſte Stütze, er hat dich verrathen, wie Judas ſeinen Herrn verrieth, doch um beſſeren Preis! Otho Waimon war verſtändig genug, um trotz ſeines heißen Blutes einzuſehen, wie gefährlich ſein Unterfangen ſei und wie zweifel⸗ haft der Erfolg. Welche Beweiſe brachte er denn mit? Wer war er, der den hochverehrteſten Mann im ganzen Lande eines der ärgſten aller Verbrechen, des Verraths am Vaterlande, anklagen durfte? Wenn es ihm gelang, ſelbſt bis in das Königsſchloß, ja bis an des Königs Ohr zu dringen, welchen Glauben ſollte er dort finden und welcher Lohn erwartete ihn? Doch, was auch geſchehen mochte, er war entſchloſſen dazu, entſchloſſen trotz ſeiner innerſten Abneigung gegen Finnlands Beherrſcher und trotz der Gewißheit, daß ſes damit für immer mit ſeinen eigenen Hoffnungen und Entwürfen vorbei ſei. hatte, ob er cht zu eniſch ange als ein! aut hatte, ſtea ihm zu glau Eifer, mit ihm feſtgehal aß er betrogen ſal. Er halt liebe, ſeine k „Menſchheit, keine Heuchet nden hielten, e er ſicher kei rreuen Alerei! cht zum Mim tte. Jetzt wan elben Abſcheu, rihm beigeſtin llchem er ſih lte er tbun? 3 Dein tapfen üte, er hal voch um beſſ trot ſeines und wie zo mit! Wer eines der d anklagen dn „za a bis 9 fdit fiin ſchehen nohh Auns 3 hü 419 Die Ueberzeugung, daß er dieſe Hoffnungen vergebens genährt hatte, wirkte jetzt dazu mit, ihn noch hartnäckiger zu machen, auf jeden Fall hin ſein Abenteuer zu wagen. Sein Zorn und ſein Abſcheu vor der Ruſſenherrſchaft waren ſo groß, wie ſie bei einem Finnen ſein konn ten, der von Jugend auf gehört, was ſein Volk von den Einfällen und Eroberungen ſo grimmiger Nachbarn gelitten. Sein feuriges Blut empörte ſich bei dem Gedanken, ruſſiſcher Unterthan, ein Ruſſe zu werden. Nie war ihm dies ſo ſchmachvoll, ſo herunterwürdigend vorgekommen, und daß die hochmüthigen, leichtſinnigen adligen Herren die Hand zu dem verrätheriſchen Spiele boten, daß es unter den Schweden von Namen und Rang auch diesmal ſo elende Verſchwörer gab, das vermehrte ſeinen Haß zund ſein Verlangen, ihre Plane zu vernichten. Eine Ahnung ſagte ihm, daß ein Netz von Verräthereien über Finnland ausgeworfen ſei, daß ſeit langer Zeit ſchon ruſſiſches Gold und große Verſprechungen die Eroberung vorbereitet hatten, und wie weit mußte man damit gekommen ſein, wenn man ſich an ſolche Männer machen konnte, wie der Admiral. Halſet fiel ihm ein, der Kammerherr, Propſt Ridderſtern und der ganze prieſterliche und adlige Anhang. Der Gedanke an Serbinoff warf einen neuen Blitz auf das Mißtrauen im tiefen Grunde ſeiner Seele und ſeine Hände ballten ſich entſetzt davor zuſammen. Er dachte an Ebba. Hatte Sie ihn nicht gewarnt? Er dachte an Erich, der in ſeiner ſchweigſamen Milde zugeſehen hatte, wie er ſich immer feſter an den Ruſſen hing und da für ihn vernachläſſigte. Auch Erich hatte Serbinoff wie einen Freund behandelt, auch er war ihm zugethan. War er auch beſtochen? Wartete er auch auf Gold und Annenorden, von denen Oberſt Jäger⸗ horn ſprach? Gehörte er zu den Betrügern, oder zu den Betrogenen? Nein, nein! murmelte Otho lheftig, er nicht und Ebba— in ihr wohnt der alte ſtolze Schwedengeiſt, die alte große Zeit ihres Volkes. Den König haſſen ſie ſämmtlich, ihn möchten ſie vom Throne ſtürzen, um ſich darauf zu ſetzen. Mag er ſein, wie er will, immer noch iſt er beſſer als dieſe verdorbene ſittenloſe Adelskaſte, die ſchlimmer iſt als alle andere Tyrannei. Ich will hin zu ihm, ich will nicht raſten, bis ich vor ihm ſtehe, und ich fürchte mich nicht. Ich will ihm Alles ſagen, was ich denke. Wie ein freier Mann will ich zu ihm 27* — 220— ſprechen, und wenn ſeine Höflinge es nicht wagen, ihm die Wahrheit zu ſagen, ſoll er ſie von einem finniſchen Bauern hören. Was iſt das vor uns auf der Straße? fragte er den Schlitten⸗ lenker, als er eine ſchwarze bewegliche Maſſe erkannte. Reiſende, wie ich denke, Herr, ſagte der Bauer. Und dort liegt das Poſthaus? Ja, Herr, ja!— Es brennt Licht darin. Ein ſchwacher Mondſchein leuchtete in das Thal hinab und ließ in einiger Entfernung einen Schlitten erkennen, ſeitwärts aber leuch⸗ tete ein Feuer, das auf dem Herde eines Hauſes brennen mußte. Fahr ſo ſchnell du kannſt, ſagte Otho, damit wir den Gaard zu⸗ erſt erreichen. Der Schlitten flog pfeilſchnell den Hügel hinab, und bald war der andere Schlitten erreicht, welcher ſich mehr Zeit nahm. Auf dem Untergeſtell bemerkte Otho einen großen breiten Kaſten, unter dem Vordach ſaßen Leute, die ihre Köpfe vorſtreckten, als Otho an ihnen vorbeizukommen ſuchte. Ihr da! ſchrie eine Stimme(nſtig hinterher, fahrt etwas lang⸗ ſamer. Ihr habt Zeit genug dazu. Wenn man dicht am Poſthauſe iſt, erwiederte Otho, hat man am wenigſten Zeit, obenein wenn Andere denſelben Weg nehmen. Sie ſind ein aufrichtiger Herr, lachte der Fremde, und ich will Ihnen gerne Platz machen, denn auf jeden Fall werden wir uns wiederſehen. Wo? Nicht etwa im Himmel, lachte der Mann. Nein, Herr, damit, denke ich, hat es noch Zeit für uns Beide. Ich werde Ihnen mit vielem Vergnügen eine glückliche Reiſe wünſchen, wenn ich beim Poſt⸗ hauſe vorbeifahre. Wie? fragte Otho. Gibt's keine Pferde dort? Nicht ein Pferdeſchwanz iſt ſeit drei Tagen mehr hier. Die Jäger von Nyland ſind vorgeſtern hier durchgekommen. Geſtern ſchon habe ich vergebens Vorſpann gefordert. Otho ſtieß einen landesüblichen Fluch aus. Was iſt da anzu⸗ angen? rief er dann. Ich muß fort. an ihm die Wahr ören. er den Schlit te. lhinab und wärts aber lei ennen mußte. ar den Gaard und bald war! nahm. Auf d aſten, unter d s Otho an ſ fahrt eiwat ſc tho, hat man nehmen. de, und ih werden wit! en, Herr, dei werde Ihnen n ich beim nehr hier 2n, Geſtem 44 iſt da 4 421 Muß iſt ein bitter Kraut; aber was nicht geht, geht nicht, war die Antwort. Der Gäſtegiver hat ein gutes Zimmer für Reiſende, und die Nacht iſt kalt genug, um ein warmes Kiſſen lieber zu haben als einen heißen Trunk. Vielleicht ſchafft Olaf Skild Ihnen morgen früh doch ein Pferd. Er iſt ein guter Junge, der ſich Mühe gibt. Mag er verdammt ſein, wenn er mich nicht gleich weiter ſchafft! Sachte, Herr, ſachte! rief der Fremde zurück, wer wird ſeinen Athem umſonſt fortgeben! Es iſt überall jetzt ſo auf der Straße. Dafür gibt's Krieg, Herr. Wohin wollen Sie denn? Nach Ecknäs oder auch nach Finnby, ſagte Otho, ich habe an bei⸗ den Orten Geſchäfte. Ja ſo! antwortete der Mann mit dieſem Lieblingsausdruck aller Schweden, dann trifft es ſich gut, wenn Sie durchaus fort müſſen und mit mir fahren wollen. Mein Weg geht eben nach Ecknäs hinab. Otho bedachte ſich nicht lange. Wenn Sie mich mitnehmen wol⸗ len, bin ich Ihnen zum größten Dank verpflichtet. Der Mann bog ſich weiter vor und ſchrie nach dem Kaſten hin⸗ auf: Holla! Korporal Spuf! Korporal Spuf! Hier! brüllte eine mächtige Baßſtimme aus der Tiefe des Kaſtens. Was ſoll's, Feldwebel Roth? Haſt du Platz noch neben dir, Korporal Spuf? fragte der Feldwebel. Nicht ſo viel, daß ein Koſak ſeine Naſe hineinſchieben könnte, antwortete die rauhe Stimme zurück. Schon gut, Korporal Spuf, ſagte der Feldwebel, willſt dich nicht ſtören laſſen. Haben Sie viel Gepäck, Herr? Nichts als einen kleinen Mantelſack. Dann iſt es noch beſſer! fuhr der Feldwebel fort, den legen wir für's Erſte unter unſere Füße. Ich bin vom Regiment Björneborg, habe die Regimentskiſte voll Schuhe gehabt und fahre jetzt nach Eck⸗ näs, um mehr zu holen. Das heißt, ſo viele, wie da ſind, fügte er hinzu, und Odin ſoll mich holen! wenn das halbe Regiment ordent⸗ liches Schuhwerk an den Beinen hat, im Fall es losgeht mit den Satansruſſen! Aber ſteigen Sie ein, Herr. Ein Soldat muß — 122— ſich nicht lange beſinnen. Friſch gewagt und unverzagt, ſo wird der Ruſſe zum Teufel gejagt! Nach wenigen Minuten war die Umladung geſchehen. Otho be⸗ lohnte den Bauern reichlich, der vergnügt ſofort umdrehte, ohne bis an's Poſthaus zu fahren, weil er vorſichtig erwog, daß er dort viel⸗ leicht gewaltſam von einem reiſenden Offizier oder Beamten feſtgehal⸗ ten und mit Schlitten und Pferd weiter benutzt werden möchte, was den beſtehenden Rechten nach und in dieſer Zeit zumal, wohl geſche⸗ hen konnte. Otho klemmte ſich dagegen auf eine enge Bank, die für zwei Perſonen ausreichte und von dem Feldwebel und dem Schlitten⸗ lenker bereits eingenommen wurde. Da der Feldwebel jedoch ein langer dünner Mann war, der Andere dagegen ein Burſche, kaum über die Kinderjahre hinaus, auch Jeder ſich ſo viel als möglich zu⸗ ſammenzog, ſo ging die Einſchachtelung glücklich von Statten, und der Feldwebel rieſ lachend, daß nicht allein, wie es ſchon in der Bibel ſtehe, der geduldigen Schafe viele in einen Stall gingen, ſon⸗ dern daß ſie ſich auchſganz wohl darin befänden; denn bei ſolcher lieb⸗ lichen Morgenluft ſei nichts beſſer, als eng zuſammenzurücken, und kein General könnte behaglich wärmer ſitzen als er. Dabei ſtreckte er ſeine langen dünnen Beine aus, ſo weit er es vermochte, warf Stroh und Decken darüber hin und wickelte ſich und Otho damit ein. Hier⸗ auf legte er ſich auf den harten Sitz zurück, zog ſeine Pelzkappe über die Naſe und trällerte ein Lied vor ſich hin, das von Korporal Spuf unterbrochen wurde, der ſich plötzlich oben im Kaſten hören ließ. Heda, Feldwebel! Millionen Schock Tonnen Teufel! Halt an! Hier iſt der Gaard. Hier iſt das Neſt. Warum anhalten? antwortete der Feldwebel, und er ſang ruhig weiter: Es iſt eine jammervolle Hütte, Dort einzukehren iſt nicht meine Sitte, Nichts iſt zu haben, nichts von Gottes Gaben, Nichts als Waſſer, verdammter Trank, dich will ich nicht haben! Das iſt ein Lied von Bellmann, ſagte er, Sie müſſen aber doch ſehen, Herr’, daß ich Recht habe. Heda, Ule Skild! komm heraus aus deiner Höhle! ſo wird der n. Oiho bte, ohne bi er dort die nien feſtgeb möchte, wa wohl geſche Bank, die füt dem Schlitte bel jedoch Burſche, kaun s möglich ſ Statten, und ſchon in de gingen, ſen bei ſolcher rücken, und abei ſtreckte te, warf Sin mmit ein. Hie Pelzkappe üben Korporal Spuü hören ließ. fel! Halt al wehte ung ruhi 423 Komm heraus, Ule! Höllenbrand! Wallfiſch! ſchrie der Korporal, und bringe mit, was du haſt. Ich habe Durſt für ſieben und ſieben⸗ zig Schock Tonnen eingeſalzener Seehunde. Der Poſtbauer kam mit einem Feuerbrande und dies war wirklich Alles, was er bringen konnte. Nicht einen Tropfen Trank als Waſſer hatte er im Hauſe, Alles war aufgezehrt durch die vorüber⸗ ziehenden Soldaten, und heut hatte das Canajabataillon die letzten Reſte vertilgt. Seine Pferde waren fort, er wußte nicht, wann und wie er ſie wiederſehen würde. Jeden Satz ſeiner Erzählung, jede Klage und jede Entſchuldigung beantwortete der tapfere Korporal Spuf mit einem anderen neuen unermeßlichen Fluch. Er entwickelte ein wunderbares erfindungsreiches Talent dafür, indem er den Kopf aus dem Kaſten ſteckte, und Otho konnte nicht ohne Lachen dem Streite zuhören, der ſich zwiſchen ihm und dem Feldwebel entſpann, während der Poſtbauer ſeinen flammen⸗ den Holzſcheit in die Luft hielt und die beiden Soldaten beleuchtete. Der Korporal war ein ſtämmiger Mann mit runden Augen, dicken Backen und einem ungeheuren Munde, den ein paar dickauf⸗ geworfene breite Lippen bildeten. Er ſah aus wie Einer, der ſich nicht lange nöthigen läßt anzufaſſen und dareinzuſchlagen, wo es etwas der Art zu thun gibt. Seine gewaltigen Schultern und der Bullen⸗ beißerkopf zwiſchen dieſen gaben ihm etwas Unförmiges, aber er war raſch in ſeinen Bewegungen und ſchien zornigen reizbaren Gemüths zu ſein. Der Feldwebel bildete dazu das gerade Gegentheil. Jetzt erſt, wo Ule Skild's Fackel ihr Licht über ihn ausgoß, ſah Otho, wie mager und lang Alles an ihm war. Bruſt, Hüften, Hals und Kopf bildeten faſt dieſelben Linien, das ſchmale Geſicht war weit vorgeſcho⸗ ben, der Mund außerordentlich klein, die Naſe lang und ſpitz, gerade⸗ aus in die Welt reichend, und die Stirn niedrig und flach, doch mit gewaltig breiten Augenbrauen verſehen, unter denen zwei kleine Augen wie Fuchsaugen lagen. Die Schelmerei darin war unverkennbar, ein Gemiſch von Verſchlagenheit und Verſtellungskunſt, die ſich dem gan⸗ zen Geſicht mittheilte und bald die ernſthafteſten Blicke und Falten, bald das ſonderbarſte Grinſen und Lachen bewirkte. 424 Stille, Korporal Spuf, ſtille! rief er vorwurfsvoll in die Flüche ſeines würdigen Kameraden. Wie kann ein chriſtlicher Korporal ſo heidniſch ruſſiſch fluchen? Zumal am Sonntag, denn wir haben Sonntag, Korporal Spuf. Der Korporal ſtieß ſtatt aller Antwort einen neuen noch ärgeren Fluch auf alle Sonntage und alle chriſtlichen Korporale aus, wobei der Feldwebel ſeine Stirn runzelte und ſeinen Augen den Ausdruck tiefen Abſcheus gab.— Pfui, Spuf! pfui! elender gottloſer Korporal vom Regiment Bjüörneborg, ſprach er kopfſchüttelnd, was wird aus dir werden, wenn du von deinen Sünden nicht abläßt? Haben wir nicht geſchworen, das erſte unter allen Regimentern im finniſchen Heere zu ſein und zu bleiben; wird der Herr uns aber auch nur einen Ruſſen in die Hände geben, wenn du ſeinen Sabbath entheiligſt, ſündiger, verdammter Spuf? Der Teufel ſoll mich ſiebenhundert und ſieben und ſiebenzig Male holen und dich dazu, Feldwebel, wenn ich nicht zwei Ruſſen mit Eins auf mein Bajonnet ſpieße! ſchrie Spuf. Wenn es Maikäfer wären, wenn es Bratwürſte wären, oder But⸗ terkuchen, grauſamer und blutdürſtiger Korporal Spuf, ſo wollte ich es glauben, ſagte der Feldwebel gelaſſen. Was ſchnappſt du mit dei⸗ nen Lippen, Spuf? Haſt du einen Ruſſen zwiſchen deinen Zähnen? Ich wollte, ſchrie Spuf, daß ich dich und alle Ruſſen und ganz Rußland zwiſchen meinen Zähnen hätte. Pfui, SpufW! ſagte der Feldwebel ſtrafend, wer wird ſich ſo muth⸗ willig den Magen verderben. Ach! mein Magen. Schock Tonnen, mein Magen! brüllte der Korporal. Ich habe keinen Magen mehr, es iſt nichts da, als ein Abgrund zu Eis gefroren. Wollte ich dich verſchlucken, Feldwebel, du führſt wie auf einer Rutſchbahn in die Tiefe, und kämſt mit zer⸗ brochenen Gliedern unten an. Der Feldwebel verbarg ſeine Luſtigkeit ſo gut er konnte. Ich danke dir, Korporal, für deine guten Abſichten, ſagte er würdevoll, aber ich mag die Parthie nicht mit machen. Was in aller Welt hat denn deinen Schlund und Magen zu einem Gletſcher gemacht? —— voll in die R icher Korporal denn wir ha uen noch ärge rale aus, we gen den Ausn pttloſer Koryen „, was wird au ßt? Haben ni m im finiſh zaber auch n bbath entheill d ſibenzig Mu Ruſſen mit ins Gären, oder 891 uf, ſo wollei ppſt du mit dei „„ inen Zähnen Ruſſen und gen id ſcch ſo m nen! brüllte ger Ats da, als Faldwilbel kämſt mit „ 1 er konnt würdebo gelt bat d uch 1, 425 Thau ihn auf, Ule, Schlingel, Ungeheuer! ſchrie Spuf, indem er ingrimmig die Fauſt gegen den Bauer ballte. Du mußt Branntwein ſchaffen, oder ich wärme mich an deinem Blut, und brate deine Leber. Ja ſo! rief der Feldwebel äußerſt erſtaunt. Thue ihm nichts, Spuf, warte bis wir ein paar Ruſſen zum Frühſtück braten. Branntwein kann alſo deinen Abgrund erweichen? Warum ſagſt du mir denn das nicht gleich, mein lieber Freund? Hier, Korporal, hier, tapferer Spuf, vom Regiment Björneborg, mit dem langen Bajonnet. Zum unausſprechlichen Vergnügen des Korporals zog er eine dicke Korbflaſche unter der Bank hervor, und Spuf that ſeine mächtigen Kinnbacken auf, und ſchloß ſie nicht eher wieder, bis die Flaſche um ein gutes Theil leichter geworden war. So! ſchrie er dann, angenehm grinſend und ſich ſchüttelnd, jetzt geht es wieder menſchlich in mir zu. Feldwebel, du biſt der geſcheidteſte Feldwebel in der ganzen Armee. Jetzt mag's kommen, wie es will, ich weiche nicht von deiner Seite. Den Ruſſen wollen wir es zeigen, was Feldwebel Roth und Korporal Spuf bedeuten. Und jetzt packe dich Ule, Verräther, elender Wicht! der weder Schnaps noch Pferde hat, wenn Korporal Spuf kommt. Packe dich, Bauer, ſchäme dich, und komm mir nicht wieder vor's Geſicht. Damit zog der Korporal ſeine Decke über den Kopf, und ver⸗ ſchwand in dem Kaſten. Der Bauer wünſchte ihm lachend, daß er die Augen offen behalten möge, und Spuf antwortete mit einem Hurrah, das der Feldwebel mit Peitſchenhieben auf die Pferde begleitete, die im Galopp davon jagten. Sie mögen es wohl nicht gewohnt ſein, Herr, mit Soldaten und Bauern durch Nacht und Schnee zu fahren, lachte er, aber was ſagt ein altes Sprichwort: Wer unter den Wölfen iſt muß mit heulen. Das Sprichwort iſt mir wohl bekannt, erwiederte Otho, nnd Nacht und Schnee ſind wir eben ſo wenig fremd. So ſehen Sie allerdings aus. Ich habe es bei Ule's Fackel ge⸗ ſehen. Sind vielleicht ſelbſt ein Soldat? Otho verneinte es. Es könnte ſein, daß ich bald einer würde, fügte er hinzu. 426 Ja ſo! ſagte der Feldwebel, wenn die Ruſſen kommen. Sie glau⸗ ben es alſo? Ich glaube es ganz gewiß. Ich auch, antwortete der Feldwebel, obwohl es manche Offtziere gibt, die es durchaus nicht denken können, und Leute genug im Lande, die den Kopf ſchütteln und die Hände ringen. Und was thun die Soldaten? Schütteln ſie auch die Köpfe? Es kommt wohl auch vor, meinte der Feldwebel, denn manche alte Herrn blieben lieber zu Haus hinter dem Ofen. Der Feldmarſchall Klingſpor ſitzt noch immer in Stockholm und es heißt, er ſoll gar nicht kommen. Wo will er denn auch jetzt noch über das Meer. Glauben Sie nicht, daß man noch hinüber kann? Wenn man nicht eine Eisſcholle iſt, wie Korporal Spuf von ſich behauptet, geht's nicht an. Es gibt doch kühne Schiffer genug an den Küſten. Es möchte dem Kühnſten, denn doch um etwas zu kühn ſein, Herr. Spuf fürchtet ſich nicht vor einer ganzen Heerde Koſaken, ſo eine Eis⸗ ſcholle aber, die das beſte Boot durchſchneidet, glatt, wie mit einem Meſſer geſchnitten, iſt ſchlimmer als alle Ruſſenſäbel. Otho ſchwieg ein Weilchen, dann ſagte er: Treiben die Leute in Ecknäs nicht Handel mit Stockholm? Handel genug, Herr, und wo es Geld zu verdienen gibt, ſcheuen ſie keine Gefahr. Noch in letzter Woche iſt ein Lugger herüber ge⸗ kommen, und hat uns eben die Schuhe gebracht, deren Reſte ich ab⸗ holen ſoll. Sie ſchicken uns nichts aus Stockholm, weder Mannſchaft noch Geld, weder Pulver noch Montur, ſo hat es denn Peder Stahl unternommen, uns wenigſtens die Schuhe herüberzuholen ſammt einem paar Kiſten mit engliſchen Gewehren, damit iſt er glücklich angelangt. Neue Gewehre für das Regiment? Korporal Spuf nähme keines davon in die Hand, wären auch die Ruſſen ihm dicht an den Hacken, lachte der Feldwebel. Er verachtet die engliſchen Flinten mit den ſchlechten kurzen Bajonnetten, die ſich wie Blei biegen, über alle Maßen, denn's Regiment Björneborg hat zwei Fuß lange Bajonnette auf den alten ſchwediſchen Musketen; wie wollte er ſonſt zwei Ruſſen auf einmal ſpießen? anna Sr gler manche Offazer genug in Lan denn manche a der Feldmarſche ißt, er ſoll gu das Merr I Spuf von ſt 1. 1 kühn ſein, Hen. kn, ſo eine Eis wie mit einen zen die Leul un giöt, ſchunn gger herüber d m Reſte ic 6 eder Mannſchef mn Peder Sta n ſammt einen clich angelange die wären auch— Er vera ſ , die nett 4 gjömbor. Musketenz wie 427 Das dürfte überhaupt dem tapferen Korporal wohl ſchwerlich ge⸗ lingen. Das wird er thun, verlaſſen Sie ſich darauf, ſagte Feldwebel Roth mit ſolcher Ueberzeugung, als zweifle er nicht im Geringſten daran. Ueberhaupt, Herr, ſo gering unſere Zahl iſt, fechten werden wir, denn es iſt Mancher dabei, der wie Spuf denkt, und es machen wird wie er. Ich freilich, fuhr er ſich behaglich ausſtreckend fort, ich habe zu lange Beine von meinem Schöpfer bekommen, um nicht an's Aus⸗ reißen zu denken, wenn es mir zu hart und bunt hergeht. Und wenn es anu's Fechten geht, beſorge ich, hat Korporal Spuf zu tief in die Flaſche geſehen, und ſchläft, wie er es jetzt thut. Da irren Sie, erwiederte Roth, er ſchläft niemals, wenn er einen warmen Magen hat. Holla, Korporal SpufW! ſchläfſt du? fragte er an den Kaſten klopfend. Erbärmlicher Feldwebely! ſchrie der Korporal, indem er einen kräf⸗ tigen Fluch folgen ließ, gib deine Flaſche her, dann ſtecke dich und deine langen Beine in den Regimentskaſten, wenn wir in Ecknäs an⸗ kommen, will ich dich herausholen. Sehen Sie wohl, lachte der Feldwebel, er iſt auf ſeinem Poſten, und nie habe ich einen Mann geſehen wie dieſen, ſo unermüdlich, ſo wachſam und ſo nüchtern, wenn es nämlich ſo ſein muß. Nach einiger Zeit nahm Otho das Geſpräch wieder auf, indem er nochmals über die Möglichkeit zu ſprechen begann, von Ecknäs aus nach Schweden hinüber zu kommen, und Erkundigungen über den Schiffer einzog, der letzthin erſt noch die Fahrt gewagt hatte. Damals, ſagte der Feldwebel, ging es noch, weil die Eismaſſe überall im Treiben war, jetzt aber halten ſicher ſchon Eisbänke die Küſten beſetzt, und dann iſt nichts mehr zu machen. Wollen Sie denn hinüber, Herr? fuhr er fort. Aus Ihren Reden möchte ich es vermuthen. Ich will, ja. Müſſen Sie, Herr? 4 Ich muß. Es ſteht diel auf dem Spiel. Verlieren Sie lieber Ihr Geld als Ihr Leben, junger Herr, ſagte der Feldwebel. 428 Es handelt ſich nicht um Geld, erwiederte Otho, ſondern um Glück und Unglück vieler Menſchen. Der Feldwebel ſchwieg ein Weilchen, dann rief er plötzlich: Ja ſo! Wie heißen Sie denn, lieber Nachbar? Ich könnte Ihnen irgend einen Namen nennen, verſetzte Otho, Sie würden damit zufrieden ſein, allein ich ziehe es vor, Ihnen auf⸗ richtig zu ſagen, daß ich Gründe habe, zu verſchweigen wer ich bin. Ja ſo! antwortete der Feldwebel noch einmal. Sie haben auf jeden Fall recht, Herr Otho Waimon. Wie? fragte Otho erſtaunt. Sie kennen mich alſo? Ich habe Sie im vorigen Jahre in Raumo geſehen, antwortete der lange Soldat herzlich lachend, und wer Sie einmal geſehen hat, ver⸗ gißt Sie ſo leicht nicht wieder. Auf der Stelle erkannte ich Sie, ſo⸗ bald ich Ihr Geſicht ſehen konnte, daher war ich auch gleich bereit, Ihnen zu dienen, ſo viel ich es vermochte. Und das will ich auch jetzt thun, Herr Waimon, fuhr er fort, denn wenn Sie es wünſchen, habe ich Ihren Namen vergeſſen, und wenn Sie durchaus über's Waſſer müſſen, ſo will ich verſuchen, Ihnen beizuſtehen, oder Korpo⸗ ral Spuf ſoll Ihnen beiſtehen, denn Per Stahl iſt ein Vetter von ihm, und ein Mann, ſo ziemlich von derſelben Sorte. Und Sie, Feldwebel Roth, ſind auch ein Nyländer? Nein, Herr. Ich bin ein Nordlandsmann, aus Trullö. Dann hat das altfinniſche Spüchwort auch diesmal Recht, daß die ſchlauſten und raſcheſten Finnen in Oſterbotten wohnen. Dank Ihnen, Herr! lachte der Feldwebel, Sie machen es gnädig mit mir. Das alte Sprüchwort ſagt: Aus Oſterbotten kommen alle Lügner, Schelme und Räuber, aber ich denke Ihnen zu beweiſen, daß auch ehrliche Leute dort geboren werden. In beſter Einigkeit wurde die Reiſe fortgeſetzt, und wenn Otho Waimon nicht ſo vielerlei ſorgenvolle Gedanken mit ſich getragen hätte, würden ihm die Stunden froh und leicht genug vergangen ſein. Der Feldwebel beſaß unerſchöpflich gute Laune, und wußte den Korporal Spuf ſo unabläſſig mit der Erfindung neuer Flüche und ſonderbarer Einfälle zu beſchäftigen, daß ſein mageres Geſicht faſt nicht aus dem luſtigſten Grinſen kam. Korporal Spuf war jedoch keinesweges ein — ötho, ſondem rplötzlich: In 7, verſette O. vor, Ihnen a en wer ich bin Sie haben alſo? en, antwortete geſehen hat, h nnte ich Sie, nuch gleich berti das will ich al Sie es wünſcze durchaus über hen, oder Korge t ein Vetter de Trullö. zmal Recht, d vohnen. nachen es ten kommen u beweiſen, d gnäh und wenn 3 getragen fi ngen ſein.— te den Korpol und endetn jnicht aus. „ 3 feinesweht 429 Dummkopf. Er vergalt den trockenen Witz ſeines Freundes oft mit den treffendſten Spöttereien, und gab nebenher die Beſchreibungen der Heldenthaten zum Beſten, welche er begehen wollte, wobei ihm der Feldwebel einhalf und widerſprach, daß das Streiten und Lachen kein Ende nahm. So verging der Tag, welcher ſonnenhell kam und verſchwand, wäh⸗ rend der Schlitten durch die Thäler und Hügel eilte. Je näher die Reiſenden dem kleinen Seeplatze kamen, um ſo leichter waren Pferde zu bekommen, bis ſie endlich am ſpäten Abend durch die Reihen klei⸗ ner rother Holz⸗ und Balkenhäuſer fuhren, die das beſcheidene Ecknäs bildeten, in welchem ungefähr tauſend Menſchen damals beiſammen wohnten. Otho hatte während dieſer Reiſe nicht allein das Wohlwollen des langbeinigen Feldwebels erworben, der ihm alle mögliche Liebe bewies, ſondern auch Korporal Spuf war ſein Freund geworden und behaup⸗ tete mehr als einmal, mit den fürchterlichſten Flüchen, daß es im ganzen Regiment Björneborg keinen ſchöneren Grenadier gäbe, als dieſer junge Herr ſein würde. Jammer und Schade ſei es, daß ein ſolcher Mann ein Handelsmann wäre, und— Korporal Spuf rief ſiebenundſiebenzig Schock Tonnen Teufel zur Hilfe— nichts Beſſeres in der Welt könne geſchehen, als wenn er allen Kram von ſich würfe, und in's glorreiche Regiment Björneborg einträte. Feldwebel Roth ſtimmte ihm lebhaft bei, und Otho verſprach, ſobald er aus Schwe⸗ den zurückkomme, und ſobald es richtig ſei mit dem ruſſiſchen Kriege, Björneborg's Fahne und lange Bajonnette aufzuſuchen. Hierauf be⸗ arbeitete der Feldwebel ſeinen Kameraden, auf dies Verſprechen hin, dafür ſorgen zu helfen, daß der Handelsmann, wie Otho ſich genannt hatte, nach Schweden hinüberkomme, damit er um ſo ſchneller zurück⸗ kehre und unter ſeine Fuchtel als Rekrut eintreten möge. Spuf riß ſeine runden Augen weit auf, und ſeine mächtigen Kinn⸗ backen öffneten ſich von einem zum anderen Ohre, wobei er äußerſt ſchlau und ſpöttiſch ausſah. Feldwebel, du biſt der allergeſcheidteſte Feldwebel in der ganzen Armee! ſchrie er. Wenn der Burſche einmal fort iſt, werden wir ihn ſchwerlich wiederſehen, aber Odin ſoll mich 430 ſelig ſprechen, wenn ich ihm bei alledem nicht helfen will, ſo viel ich irgend kann. Und dies Verſprechen hielt der tapfere Spuf, denn kaum war der Schlitten vor dem Gaard in der Stadt angelangt, als er Otho an den Hafen hinabführte, und an eine der beſten Holzhütten pochte, welche dort die letzte Häuſerreihe bildeten. Eine rauhe Stimme beantwortete das Pochen, dann wurde die Thür geöffnet, und der flackernde Holzſpan beleuchtete einen Seemann, dem allerdings wenig fehlte, um ſo auszuſehen, wie ſein Vetter der tapfere Korporal. Langes gelbes Haar fiel bis auf ſeine breiten Schultern, und ſeine braune, harte Haut, ſeine tiefgefurchten Züge deuteten auf ein Leben, das unter Ertragung großer Beſchwerden hin⸗ gegangen war. Nachdem die beiden Verwandten in der engen, entſetzlich heißen Stube eine Menge Flüche gewechſelt hatten, die ihr Handſchütteln und andern Liebkoſungen begleiteten, und nachdem der Schiffer eine volle Flaſche herbeigeholt und ein Glas ohne Fuß, das Korporal Spuf drei⸗ mal auf einen Zug leerte, kam es zu dem Vortrage des Anliegens; doch ſchon nach dem erſten Verſtändniß ſchüttelte Peder Stahl ſeinen dicken Kopf. Es geht nicht! brummte er, Otho finſter anblickend. Wer, zum Donner! ſeid Ihr denn, daß Ihr in's Verderben rennen wollt? Es iſt ein Herr, Per Stahl, der deine groben Tatzen voll Speciesthaler ſchütten will, ſagte der Feldwebel. Ich ſchenke ſie ihm! rief der Schiffer, die Hände in ſeine Taſchen ſteckend. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ſie verdiene! Willſt du kein Geld verdienen, du Sohn von einem Haſen, fiel der Feldwebel ein. Millionen Schock! wenn der Herr in Trullö wäre, Zehn für Einen thäte ich ihm ſchaffen. Wenn er aber hinüber⸗ geht nach Finnby oder Tenala, findet er auch, Leute genug, die ſeine Speciesthaler gerne annehmen. Mag er es thun, geht zu Hiiſi! ſchrie der rauhe Mann, und ſein dunkles Geſicht zog ſich zorniger zuſammen. Per, biſt ein Narr geworden? fragte Korporal Spuf. en will, ſo bie enn kaum war als er Otho ütten pochte, welc dann wurde te einen Seeman te ſein Vetter! auf ſeine bret iefgefurchten 3 „Beſchwerden hi entſetzlich heiße Handſchütteln un Schiffer eine vol unf dren rporal Spuf die ge des Anliegene eder Stahl ſeine fend. Wer, il ennen wollt? oben Taten de in ſeine Taſch erdiene! inem Haſen, herr in Trul n abe hinüt er a m die ſei genug, d ci Mann, un 431 Drei Nächte lang hat eine Katze vor meiner Thür geſchrien, mur⸗ melte der Schiffer. Ein ſchwarzes Teufelsthier, ich hab's geſehen; wußte wohl, es würde etwas kommen, nun iſt es da. Ich will Euer Geld nicht, mag's thun, wer Luſt hat. Ich zwinge Euch ſo wenig, wie einen Anderen, ſagte Otho. Hin⸗ über muß ich und hoffe, hier oder anderswo ein paar Männer zu finden, die mir beiſtehen. Geht nach Finnby, Herr, lachte der Feldwebel, da gibt's Leute, die ſich nicht fürchten, wenn auch alle Katzen in der Welt ihnen ihr Teufelslied vorheulen. Sieben und ſiebenzig Schock Tonnen! ſchrie Korporal Spuf, ich will dein Vetter nicht mehr ſein, Per. Wieviel ſetzen Sie daran, Herr, wenn ich Ihnen Boot und Boots⸗ mann ſchaffe? fragte der Feldwebel. Was gefordert wird, will ich zahlen, ſagte Otho. Hundert Bankthaler! rief Spuf. Mehr, wenn es nicht genug iſt. Noch fünfzig dazu, ſagte der dürre Feldwebel. Der Korporal riß die blauen runden Augen auf. Einen fürch⸗ terlichen Schlag that er auf den Tiſch, ſagte kein Wort dazu, aber mit unermeßlicher grimmiger Verachtung ſtierte er Per Stahl an, in deſſen Geſicht augenſcheinlich die Gier nach ſo bedeutendem Geldgewinn mit ſeinen Beſorgniſſen rang. Wollt Ihr zweihundert Bankthaler geben? fragte er endlich trotzig auffahrend, indem er ſeine Hand ausſtreckte. Otho ſagte unbedenklich ja, ſchlug ein, und der Handel war ab⸗ gemacht. Korporal Spuf umarmte ſeinen Vetter mit einigen un⸗ ermeßlichen Flüchen, und der Feldwebel flüſterte ſeinem Schützling in's Ohr, daß er keinen anderen Fährmann gefunden haben würde, wenn es Per nicht gethan hätte. Aus ſeiner Unentſchloſſenheit war dieſer, nachdem er eingewilligt hatte, zur entſchloſſenen Willfährigkeit gelangt, ſogleich an's Werk zu gehen, und kaltblütig ſchilderte er die Gefahren, welche zu beſtehen waren. — 432— Seit zwei Tagen, ſagte er, haben wir Weſtwind gehabt, der die meiſten Eisbänke und Schollen in den bottniſchen Wiek getrieben hat. Wäre es das nicht, möchte ich's nicht um tauſend Thaler thun. Gehört Ihr zu denen, Herr, die, wie das finniſche Volk ſagt, Jumala am Gürtel hält, ſo werden wir hinüberkommen, als wär's Mitt⸗ ſommerzeit; iſt's nicht ſo, werden uns Euer hübſches Geſicht und Eure jungen ſchlanken Glieder ſo wenig helfen, wie mein zähes Leder. Es wird uns Keiner wiederſehen, Herr, daran denkt und überlegt's, ehe Ihr das Geld auf den Tiſch legt. Guter Freund, antwortete Otho lächelnd, ich habe nichts mehr zu überlegen. Hier iſt dein Geld, gewagt muß es werden. Ob Jumala uns beiſteht, wiſſen wir nicht; doch wir ſelbſt wollen uns tapfer bei⸗ ſtehen und thun, was Männer thun müſſen. Und jeder Mann muß an ſein Glück glauben! rief der Feld⸗ webel. Wer, zum Henker! möchte Soldat ſein, wenn er nicht dächte, ſchießt, ſo viel ihr Luſt habt, ich komme doch davon! Was meinſt du, Korporal Spuf? Werden wir uns jemals von den Ruſſen fan⸗ gen oder todtſchießen laſſen? Der Korporal war gegen ſeine Gewohnheit ernſthaft. Er warf einen ungeheuren Ballen Kautabak aus ſeiner rechten in die linke Backe, ſah vor ſich hin und ſchüttelte den Kopf. Wir ſpießen ſie Alle, grinste der Feldwebel, indem er ihm die lange Korbflaſche zuſchobp, oder— wir laufen davon, Spuf! Was? He 2 So lange wir laufen können, murmelte Spuf, indem er die Flaſche an den Mund ſetzte. Aber es iſt nichts daran gelegen, Vetter Per, ob das Glück will, oder nicht will. Die Hauptſache bleibt, daß ein Mann ſich nicht fürchten thut, weder vor den Ruſſen, noch vor den Eisſchollen, und wie ein braver Kerl immer ſeinen Feind anfaßt, wo er ihn faſſen kann, bis es eben nicht länger gehen will. Und dann iſt doch Alles gut, Vetter Per, dann können wir dreiſt oben anklopfen beim heiligen Peder, deinem Namensvetter. Sieben und ſiebenzig Schock Tonnen! er ſoll dem Korporal Spuf das Himmelsthor ſo weit aufmachen, als käme ein Feldmarſchall, oder ich laufe Sturm. gehabt, der iek getrieben id Thaler dh ſagt, Jum 6 ls wär's M 5 Geſicht nein zähes Led t und überlegt enichts mehr en. Ob Jumal uns tapfer be rief der Feld⸗ f der F er nicht dächt n! Was meinſ den Ruſſen fa. tbaft. Er wa . ten in die lint and anfaßt, ell. Und daun oben anklopfe und ſieben „lathor ſo — 433— Platz da vor dem tapferen Korporal Spuf vom Regiment Björne⸗ borg und ſeinem langen Bajonnet! ſchrie der Feldwebel. Haſt Recht, Korporal Spuf: Wir wollen tapfer dafür ſorgen, daß wir allezeit an die Himmelspforte donnern können und Petrus geſchwind herbei⸗ läuft und aufmachen muß. Otho hatte während dieſer luſtigen Unterhaltung ſeine Brieftaſche geöffnet und mit ſeinem Bleiſtifte ein Blättchen beſchrieben, das er zuſammenfaltete und es dem Feldwebel hinreichte, als dieſer endlich mit ſeinem Kameraden an die Rückkehr in den Gaard dachte, weil die Flaſche leer war. Otho ſollte bei dem Schiffer bleiben, der in einigen Stunden ſchon mit ihm aufbrechen wollte, um eine der kleinen vor der Küſte liegenden Inſeln zu erreichen, wo, wie Per ſagte, freies Waſſer ſei und ein Boot ſie erwarten würde. Es könnte doch ſein, daß ich nicht wiederkäme, ſagte Otho zu dem Feldwebel, und in dieſem Falle bitte ich Sie, dieſen Zettel an den Freiherrn Erich Randal in Halljalaſchloß am Pajäne gelangen zu laſſen. Ja ſo! nickte der dürre Soldat, den Brief einſteckend. Esziſt eine Sache auf alle Fälle. Kann's geſchehen, ſoll's geſchehen; aber es iſt mir ſo, als ſehen Sie nicht danach aus, Herr, um ein naſſes Grab zu finden, und, aufrichtig geſtanden, es ſollte mir herzlich leid thun. Mir auch! brummte Spuf. Es wäre ein Verluſt für's Regiment Björneborg. Wenn ich lebendig bleibe, erwiederte Otho, indem er den beiden Soldaten die rauhen Hände drückte, ſollt Ihr gewiß von mir hören; kommt aber keine Nachricht von uns, dann ſchickt den Zettel nach Halljala.. Unter vielen gegenſeitigen Freundſchaftsbeweiſen fand endlich der Abſchied ſtatt, der nur den Schiffer unempfindlich ließ, welcher ſich damit beſchäftigte, die Goldſtücke zuſammenzupacken, die ihm Otho aufgezählt hatte; denn es war ausbedungen, volle Zahlung ſogleich zu leiſten und keine Anſprüche zu erheben, wenn etwa umgekehrt werden müßte. Was ein Menſch thun könne, verſprach Per zu thun, und Spuf hatte mit einem fürchterlichen Fluch und Schlag geſchwo⸗ D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge⸗ 28 — 434— ren, daß, was Per ſage, ſo gut ſei, als ſage es Gott ſelbſt. Der kräftige ſtierköpfige Mann ſah auch nicht ſo aus wie Einer, der auf Lüge ſinnt. Seine Abneigung gegen das Unternehmen ſchien über⸗ wunden zu ſein. Er packte ſeine beſten Habſeligkeiten und ſein Geld in ein Bündel, um es, wie er vor ſich hin brummte, Einer anzuver⸗ trauen, der es ein Troſt ſein würde, wenn er wiederkäme. Dann ent⸗ fernte er ſich damit, indem er ſeinen Gaſt erſuchte, inzwiſchen auf ſei⸗ nem Lager zu ſchlafen, bis er zurückkehrend ihn wecken würde. Und dies geſchah, ehe Otho es dachte. Er hatte nach manchem Sinnen ſeine Augen geſchloſſen und glaubte auf dem harten Sack voll Seetang kaum entſchlummert zu ſein, als Per's rauhe Stimme ihn aufrütteltc. Jetzt vorwärts, Herr, ſagte der Schiffer, nehmt, was Euch gehört, und laßt uns laufen, ich bringe gute Nachrichten. Vor Hangö Udd iſt kein Eis feſt, überall freies Waſſer, und der Wind ſteht ſteif in Süd⸗Oſt, jagt fort, was wir nicht brauchen können. Er hüllte ſich in ſeine dicke Kalmuckjacke, zog drei Mützen über ſeine Ohren, band die ölgetränkte Kappe darüber feſt und ſteckte ſeine Laterne an. Otho war ſchnell bereit, und lange noch funkelten die Sterne am Himmel, während die beiden Männer über Eis und Schnee den Inſeln zuſchritten, welche durch eine feſte Brücke jest mit dem Lande verbunden waren. Als der Morgen kam, ſtiegen ſie über eine felſige Zunge, und jetzt zitterten die erſten Sonnenſtrahlen auf einer weitwogenden welli⸗ gen Fläche, die den röthlichen Glanz des Himmels auffing. Es war das Meer, das ihnen entgegenrollte und ſchäumend an Klippen und Geſtein aufſprang. Unter der Höhe lag eine Hütte, und einige Män⸗ ner ſchoben ſo eben mit vereinten Kräften eine Fiſcherſchlup von dem hohen Ufer einer kleinen Bucht, ſetzten die Segel und beſorgten die Ausrüſtung. Das iſt unſer Fahrzeug? fragte Otho. Ja, Herr, antwortete der Schiffer. In einer halben Stunde wer⸗ den wir auf blauem Waſſer ſchwimmen. Und ehe dieſe Zeit ablief, ſaß Otho auf der tiefen Bank der Schlup vor dem Steuer, das Per regierte, und zu beiden Seiten neben — Mitzen über d ſteckte ſeine funkelten die Eis und ücke jetzt mit zunge, und n welli⸗ del Gs war ſelippen un Män⸗ ur von dem beſorgten die 135— ihm hin liefen die langen Leinen, an denen das Vorderſegel befeſtigt war. In der Hütte war ein Topf voll heißem Mehlbrei bereit ge⸗ weſen; ein Korb voll harten Brodkuchen, ein Steinkrug voll Brannt⸗ wein, ein anderer voll Waſſer ſtanden auf dem Tiſch als Reiſe⸗ vorräthe. Es zeigte ſich, daß Per den Sohn des Fiſchers voraus⸗ geſchickt hatte, um alle nöthigen Anſtalten zu treffen; allein zur Theilnahme an der Fahrt war keiner der Männer zu bewegen. Sie ſprachen eine Zeitlang beiſammen, ſahen Himmel, Luft und Meer an und ſchüttelten die Köpfe, bis Per von dieſer Berathung zurückkehrte und mit unerſchütterlicher Ruhe erklärte, daß er es allein ver⸗ ſuchen wolle, wenn der Herr zu ſeinem Beiſtande bereit ſei. Wenn er die Abſicht hatte, den jungen Reiſenden dadurch zum Aufgeben ſeiner Entſchlüſſe zu bewegen und ſein Geld verloren zu geben, war er im Irrthum. Otho ſagte ſogleich ſeine Hilfe zu und verſicherte,, nicht unbekannt mit der Führung eines Bootes zu ſein. Die Männer ſchwiegen, blickten auf ſeine jugendliche Rüſtigkeit, ſahen Per an, grinsten und kopfſchüttelten, hatten aber nichts dagegen, als der Herr ihnen eine ihrer dicken Jacken und eine Kappe abkaufte, dann Ruder und Leinen ordnen half und endlich mit Per vereint die Schlup abſtieß, welche, ſowie ſie aus dem Einſchnitt war, ihre Segel aus den Gaitauen wickelte und weſtwärts gegen die Landſpitze von Hangö Udd fortſchoß. Der friſche Wind war ſo günſtig, daß Per, je weiter das kleine Schiff hinauskam, um ſo wohlgefälliger nach Maſt und Himmel blickte und mit geheimen Vergnügen die Thätigkeit ſeines Bootsmannes betrachtete, der mit Tauen und Segeln umzu⸗ gehen wußte, als ſei er dafür geboren. Per hatte dem Fiſcher zwanzig und zuletzt dreißig Thaler geboten, wenn er ihn begleiten wollte, jetzt hatte er die Hilfe umſonſt und obenein, wie es ſchien, beſſere, als Jener ſie ihm geben konnte. Der junge Menſch hier war ſo aus⸗ gewettert wie irgend ein Seemann, dabei friſch auf ſeinen Beinen und gelenkig wie ein Affe. Als eine Unordnung im Vorderſchiff entſtand, wo eine der Segelſchoten ſich um eine Stange wickelte, ſprang er wie ein Tanzmeiſter über die Duchten und hatte in einem Augenblicke die Ordnung hergeſtellt. Per rechnete daher, daß ein ſolcher Mann, wenn es ſein müßte, ſo tapfer arbeiten und aushalten 28* — 436— würde wie er ſelbſt, und wenn's glückte, wenn er ihn hinüberſchaffte, war's zugleich ein großmüthiger Herr, der das Geld nicht achtete. Zwanzig gute ſchwediſche Meilen Waſſer lagen zwiſchen Hangö und der Süderarmsleuchte, blieb aber der Wind ſo fein, ſo ließen ſie ſich bis morgen ſchaffen, und im ſchlimmſten Falle lagen ja die Alands⸗ inſeln wie ein ungeheures Netz zur Rechten, wo Zuflucht zu finden war, wenn's an's Umkehren ging. An der äußeren Leiſte dieſes tauſendfältigen Inſelgewirres dachte Per ſeine kleine Schlup zu halten, am Abend irgendwo ein Obdach zu ſuchen und dann bis zur nächſten Nacht in den Stockholmer Scheeren zu ſein, wo er mehr als ein gutes Plätzchen kannte. Sein lederhartes gelbgraues Geſicht bekam einen Schimmer von Zärtlichkeit, als er ſah, wie ſchnell das flinke Schiff den Leuchtthurm von Hangö hinter ſich ließ, und vergnügt lachte er auf, als die Schlup in die Wölbungen hoher Wellen ſtürzte, die der Südoſt von den ruſſiſch⸗deutſchen Küſten vor ſich her jagte. Ueber die Buge der Schlup ſprangen dann und wann hohe Waſſer⸗ ſtrahlen, die in zahlloſe Tropfen zerſplitterten, das kleine Schiff an⸗ packten, daß es zitterte, und es auf die Seite warfen, daß es tief niedertauchte; aber das Meer war frei von Eis, ſo weit das Auge reichte. Nur zuweilen hob ſich auf dem Kamm einer mächtigen Woge eine ſpitz aufſtarrende, zerbrochene, im Sonnenglanz ſunkelnde Maſſe, die eben ſo ſchnell wieder verſchwand und welche Per mit langen feſten Blicken betrachtete. Die Luft war hell, der feuchte Athem des Windes deutete auf mildes Wetter, weißliche krausgezogene Streifen liefen über den Himmel fort, ohne jedoch irgendwo ſich dichter zuſammenzuziehen. Dabei wurde die friſche Morgenkälte, je weiter der Tag heraufkam, um ſo milder; die Sonne, welche oft in dieſen Brei⸗ ten kalte Strahlen zu haben ſcheint, verbreitete einen warmen Hauch, und das Spritzwaſſer, das an den Planken des Boots niederfloß, fror nicht daran feſt. Alles das waren Zeichen, die Per Stahl's Wohl⸗ gefallen vermehrten. Er ſchnitt ſich ein neues Stück Kautabak, faßte nach dem Branntweinkrug und unterhielt ſeinen Gefährten mit Erzäh⸗ lungen über ſeine Seereiſen, welche zuweilen gefahrvoll genug ver⸗ laufen waren. erſchaffte, wachtete. ngö und n ſie ſich Alands⸗ zu finden te dieſes halten, nächſten als ein ht bekam das flinke vergnügt n ſtürzte, zer jagte. Waſſer⸗ Sciif an⸗ aß es tief das Auge mächtigen ſunkelnde Per mit er feuchte negezogene 4 dichter weiter der iſen Brel nen Hauch erfloß, ftot gs Wohl⸗ abak, faße nit Etza per enug! gen — 437— Heut, ſagte er dann, wollen wir es beſſer machen, Herr. Südoſt⸗ wind iſt meiſt immer ein ſtarker und falſcher Wind, müſſen ihm aber dennoch vertrauen, ſo viel wir immer können. Es ziehen die Alands⸗ inſeln in einem weiten Bogen von Hangö bis nach Eckenö hinauf, darin hin muß die Schlup laufen, um uns in ein feines Nachtquar⸗ lier zu bringen. Sind dann gerade vor den äußerſten Außeninſeln an dem Alandshaf und haben morgen nach Söderarm hinüber einen leichten Weg zu machen. Otho war ganz damit einverſtanden, und während die Sonne ſo hoch ſtieg, wie ſie kommen konnte, und dann immer weiter und raſcher ihren ſchmalen Bogen gegen den Südweſten beſchrieb, vergingen die hellen Tagesſtunden den Reiſenden ſchnell genug. Der Schiffer ge⸗ hörte, wie die meiſten Männer ſeines Standes, nicht zu den Ge⸗ ſprächigen. Sein Leben war in Einſamkeit oder in Geſchäften und Arbeiten vergangen, wo Schweigen nothwendig wird. Alle dieſe Küſtenfahrer waren bei Zeit und Gelegenheit auch Schmuggler, und Per erzählte mit Wohlbehagen von ſeinen Fahrten nach Lübeck und Stralſund, von deutſchen Waaren und deutſchem Branntwein, von Küſtenwächtern und Schlupfwinkeln, und wie er alle dieſe Inſeln, Klippen und Buchten in Nacht und Nebel ſo genau zu finden wiſſe, wie ſeine Hütte in Ecknäs.— Dazwiſchen aber verging oft lange Zeit, wo die beiden Reiſegefährten kaum ein Wort wechſelten, und die Stille nur von dem Rauſchen des Windes im Takel⸗ und Segel⸗ werk der Schlup und dem ziſchenden Ton unterbrochen wurde, mit dem die langrollenden Wogen zuſammenſanken, wenn ihre ſchaumigen Kämme ſich gegeneinander wie weiße Drachen aufbäumten und ſich verſchlangen. Otho's Blicke hingen an dieſem eintönigen und ermü⸗ denden Spiele feſt, das ſich immer von Neuem wiederholte. Nur zuweilen, wenn eine Welle, mächtiger als viele, das kleine Boot wie eine Nußſchale hoch aufhob, um es heftiger in das tief unter ihr aus⸗ gehöhlte Thal zu ſchleudern, ſuchten ſeine Augen weit umher und kehrten unbefriedigt zurück. Kein anderes Boot, kein menſchliches Weſen, kein Weſen der Schöpfungstage überhaupt, war zu entdecken. Eine weite öde Waſſerwüſte miſchte ſich überall mit dem Horizont, nur zur Rechten lagerten in der Ferne die zahlreichen Inſeln und s Klippen der Alandsgruppe, vom Schnee eingehüllt, der ſie zu weißen Punk⸗ ten und Eisballen machte, die ſtarr und todt aus der brandenden See ragten. Als die Sonne faſt den Horizont erreicht hatte, bemerkte Otho, daß die Schlup ſich von dieſer eiſigen Inſelkette weiter als bisher entfernte und ihren nordweſtlichen Lauf mehr nach Süden änderte. Per zog die Schoten ſeiner Segel ſtraffer an und legte die Schlup näher an den Wind. Warum thuſt du das? fragte der junge Mann. Thät' ich's nicht, antwortete der Schiffer, liefen wir zu weit nörd⸗ lich. Vor uns liegen die Hafinſeln. Seht Ihr die drei ſpitzen Berge? Otho ſah nichts; aber er bildete ſich endlich ein, es wäre ſo und er täuſche ſich, da Nebel auf dem Waſſer lag, der ſich dichter und „ dichter ausdehnte und hohe weißglänzende Felſeninſeln bildete, die von dem Abendlicht beſtrahlt wurden. Nach wenigen Minuten verblaßten alle Farben, und zu verkennen war es nicht mehr, daß der Nebel mit wunderbarer Schnelle zunahm, während der Wind ſchwächer zu werden ſchien. Wir werden die Hafinſeln nicht erreichen, ſagte Otho. Müſſen ſie erreichen, antwortete Per mürriſch. Holt noch einmal feſter an, Herr. Das Fockſegel wurde ſo feſt als möglich angeholt, doch nach we⸗ nigen Minuten flatterte es von Neuem. Es faßt den Wind nicht mehr, ſagte Otho. Er iſt weſtlicher gegangen, antwortete Per, aber er wird wieder in den alten Strich fallen, wenn die Sonne herunter iſt. Die See ging in hohen Wellen und warf die Schlup zur Seite, bis ſie wieder dem Steuer gehorchte. Ein letztes bleiches Licht heftete ſich an eine ferne Inſel, die deutlich geſehen werden konnte. Willſt du nicht lieber darauf zuhalten? fragte Otho nach einer Weile. Wir müßten an die drei Meilen zurück, erwiederte der Schiffer. Sitzt ſtill, Herr, und ſorgt nicht. Ehe wir dahin kämen, haben wir die Hafinſeln. Aber der Nebel, begann Otho nochmals. Biſt du deiner Sache gewiß? Per murmelte ein ärgerliches: Ja, Herr! und fügte dann einen Fluch hinzu, der dem tapferen Korporal Ehre gemacht haben würde; denn weite Eine See ohne ſtöß maſſ wie am gen Punk⸗ Seeragten. rkte Otho, als bisher anderte. ie Schlup weit n örd⸗ dichter und te die von erblaßten der Nebel hwächer zll noch einmal nach we — 4390 denn ſtatt nach dem Süden umzukehren, ſprang der Wind ſichtlich weiter und weiter um, und blies von Schwedens Küſten herüber. Eine düſtere Wand ſchien ſich dabei entweder vom Himmel auf die See zu ſenken oder umgekehrt von der See zum Himmel aufzuſteigen; ohne Zweifel waren dies keine niedere Nebelbänke, die von den Wind⸗ ſtößen auseinander gejagt werden konnten, ſondern trübe ſchwere Wolken⸗ maſſen, die mit wunderbarer Schnelle alles Licht auslöſchten. Was iſt das? ſagte Otho nach einiger Zeit. Die Segel flattern wieder. Wir ſtoßen auf. Treibeis, antwortete Per. Zündet die Laterne an, Herr. Es fällt Schnee, fuhr Otho fort, und wenn ich in den Bergen am Pajäne wäre, wollt' ich ſagen, es kommt ein Sturm. Ein paar Eiskörner, wer wird's achten, murmelte der Schiffer. Aber der Wind iſt offenbar ein ganzer Weſtwind mit einem Strich nach Norden geworden, fiel Otho dringender ein. So machen wir einen Schlag oder zwei, ſagte Per hartnäckig. Wir müſſen dicht an der Hafinſel ſein. Seht dort hin, Herr, ſeht vor Euch. Könnt Ihr ein Licht erkeunen? Die Dunkelheit war vollſtändig, eben aber als die Schlup in die Höhe gehoben wurde, ließ ſich in der Tiefe des Horizonts ein heller Schein erkennen. Es war als ob eine Fackel brannte, oder ein Baum, aus deſſen Aeſten feurige Streifen in den Himmel flackerten, dann ſtürzte die Schlup von dem Waſſerberge hinab, und nichts war mehr zu ſehen. In der nächſten Minute jedoch ſtand ſie wiederum auf dem Gipfel einer anderen Woge, und während dieſer kurzen Zeit war die Fackel zu einer Feuersbrunſt geworden, die wild auseinander lief, als verzehre und verſchlinge ſie eine ungeheure Stadt. In der dunkel⸗ rothen Glut liefen lichte zuckende Schlangen umher, und Blitze ſtiegen daran auf wie Raketen, die in den düſter mächtigen Himmel geſchleu⸗ dert wurden.— Und Woge auf Woge hob und ſenkte das kleine Schiff, und bei jedem neuen Steigen wechſelte der fürchterliche Brand. Bald ſchien er ſich ganz in lodernde Flammen auflöſen zu wollen, bald wurden die Blitze nach allen Seiten hin geworfen, und Feuer⸗ maſſen drehten ſich wunderbar, wie Räder zuſammen, die aus zahl⸗ loſen feurigen Fäden beſtanden; bald wieder flogen farbige, ſeltſam — 440— krauſe Geſtalten aus dem Brande auf, huſchten geiſterhaft über den Himmel fort, und verſchwanden. Dann ſank plötzlich alle dieſe lichte Lohe in dunkelrothe Glut zuſammen, um gleich darauf von Neuem mit vermehrter Kraft den ganzen nordweſtlichen Horizont zu überſtrahlen. Die beiden Männer wußten längſt, was dieſer Brand zu bedeuten hatte, daß es kein irdiſches Feuer ſei, ſondern eines jener wunderbaren unerklärlichen Phänomene, die man Nordlicht heißt, und zwar eines der ſchönſten und größten, die es geben konnte. Die Wellen ſpiegelten die geheimnißvolle Glut zurück, ihre ſchäumenden Kämme trugen deren rothen Abglanz. Durch die dunklen Thäler des Meeres fuhr der Schimmer glüher Blitze, und auf dem Geſicht des Schiffers malten ſie ſein ſtieres Schrecken und Bedenken, die Beſtürzung, von der er über⸗ fallen war, und die kaltblütige Verachtung von Gefahren, die der be⸗ herzte Mann, wohl oft ſchon beſtanden hatte. Nordlichte, wie dies eines war, bringen häufig heftige Stürme mit ſich, und Otho zweifelte nicht daran, daß ein ſchreckliches Wetter nahe ſei. Der Wind kam in raſchen hohlen Stößen, welche ſtärker und ſtärker wurden, und führte ſtarke Eiskörner mit ſich, die wie Schrot⸗ kugeln in die Geſichter ſchlugen und erſtarrend bis auf die Haut drangen. Dabei fror das Waſſer, das über die Buge ſpritzte, augen⸗ blicklich, und überdeckte Wände und Boden des kleinen Bootes mit Eis. Die Taue waren ſteif, und gingen nicht mehr durch die Kloben. Ein einziger heftiger Stoß genügte, um das Boot zum kentern zu bringen. Wahnſinn wäre es geweſen, es noch länger an dem Wind halten zu wollen, dem es nicht mehr gewachſen war. Per wußte ohne Zweifel, daß ſein Begleiter recht hatte, als dieſer ihm im befehlenden Tone zurief, auf der Stelle die Schlup zu wenden und vor Wind laufen zu laſſen. Zeige jetzt, ſchrie er ihn an, ob du wirklich der Mann biſt, in Nacht und Nebel deinen Weg zu finden. Ob du dies Waſſer wie deine Hand kennſt. Wenn der Wind uns treibt, müſſen wir an eines dieſer Eilande gelangen. Herum mit dem Steuer, und die Segel los oder wir ſind verloren. Der Schiffer gehorchte, und Otho ſprang trotz der Dunkelheit und ver Glätte des Eiſes, das alles Holzwerk überzogen hatte, gelenkig in's Vorderſchiff, um das Segel des Fockmaſtes zuſammenzuziehen. Trotz des wi die in denn e energiß helfen fühlte er mi allerle die L paar Abfer Fall ben ten. wem nicht eine eine 75 ◻☛ ber den ſe lichte eem mit trahlen. bedeuten n deren ihr der lten ſie rüber⸗ der be⸗ ne mit r nahe er und Schrot⸗ Haut augen⸗ t Eis. Ein eingen. — 441— des wilden Wetters und der tobenden See, umringt von Gefahren, die in jedem Augenblick mit Vernichtung drohten, war er unerſchrocken, denn er gehörte zu den Männern, die, je größer die Noth, um ſo energiſcher ihr Widerſtand leiſten, und um ſo entſchloſſener ſich zu helfen ſuchen. Seinen Pelzrock hatte er längſt abgeworfen, die Kälte fühlte er nicht, ſein Blut ſtrömte heiß durch alle Adern, und während er mit Heftigkeit und größter Kraft das Segel zurückriß, fielen ihm allerlei Gedanken ein, was zur Rettung geſchehen könne. Noch brannte die Laterne zu Pers Füßen, in ſeinem Reiſeſacke lagen obenauf ein paar Piſtolen, und vielleicht ließen ſich dieſe gebrauchen, um durch ihr Abfeuern einen Menſchen zur rechten Zeit aufmerkſam zu machen, im Fall das Boot in der Nähe einer der zahlloſen kleinen Inſeln getrie⸗ ben wurde, welche hinter ihnen lagen, und unmöglich weit ſein konn⸗ ten. Der Weſtſturm mußte die Schlup raſch darauf los treiben, wenn es nur gelang ſie über Waſſer zu halten, und wenn es glückte, nicht vorher zu erſtarren. Per konnte an einem guten Strand irgend einen Platz finden, eine Bucht, um zu landen, und ein Zufluchtsort, eine Hütte würde dann auch ſich entdecken laſſen. Daneben aber fiel ihm ein, mehr als einmal von dem ſchrecklichen Schickſal ſolcher verſchlagenen, umherirrenden Bootegehört zu haben, deren Mannſchaft in Sturm und Kälte Tage lang umhergeworfen, unermeßliche Leiden erduldet, bis die Männer erfroren gefunden wurden, verhungert, verſchmachtet, oder Einer noch am Leben, der ſterbend von ihren Qualen erzählte. Die Angſt zuckte durch ſeinen Kopf. Er konnte das Segel nicht bewäl— tigen, es war ſteif wie ein Brett. Er blickte nach Per hin. Bei dem Glimmen der Laterne ſah er ihn die Branntweinflaſche an dem Mund, und in der Luft heulte der Sturm, ſchlug in die flackernden Segel wie mit Donnerkrachen, und ſchüttelte die Maſten, daß ſie wank⸗ ten. Die See war wild durchwühlt und im Aufruhr. Der Gang der Wellen hatte ſich durch die Sturmſtöße geändert. Statt nördlich zu rollen, wurden ſie jetzt gegen die finniſchen Küſten, oſtwärts, gejagt. Die zwiefachen Kräfte bewirkten einen Kampf der Waſſer gegen die Waſſer, welche ſich anfielen, wie hungrige Raubthiere, mit ihren weißen Zähnen die ungeheuren Leiber zerfleiſchend. Unter dem Donner der See, unter dem Krachen, mit welchem Eisſchollen und zermalmte Eis⸗ 2422— blöcke an einander geſchleudert wurden, unter dem Heulen, das von Dämonen herzukommen ſchien, die aus der Tiefe aufgeſtiegen, über den Häuptern der verlaſſenen Männer ſchwebten, ihnen den Tod an⸗ zukündigen, mitten unter Nacht und Schrecken taumelte die Schlup von Woge zu Woge, von Tiefe zu Tiefe, und immer wieder erhob ſie ſich ohne zermalmt zu werden. Alle Anſtrengungen Otho's, das Segel niederzureißen, blieben fruchtlos; plötzlich aber faßte ein ungeheurer Stoß das ſteifgefrorene Linnen, brach den Vormaſt mitten durch, warf ihn vorn über und ſchlug vom Hintermaſt die Raa herunter, indem er das Segel daran zu gleicher Zeit in Fetzen zerriß.— Im Augenblick, wo dies geſchah, glaubte Otho, daß Alles vorüber ſei. Bei dem Brechen und Fallen der Maſte wurde er niedergeriſſen, als er ſich aber lebendig fühlte, als er ſah, daß die Schlup ſich nochmals aufrichte, kehrte ſein Muth⸗ zurück. Es lag ein Beil unter der Steuerbucht; er rief dem Schiffer zu, es herauszuholen, um die Taue zu durchhauen, an denen Maſt und Segeltrümmer noch feſthingen. Per aber blieb ſitzen ohne ſich zu rühren; Otho hörte ihn ſchreien und lachen. Als er auf ihn zueilte, hielt ihm Peder die Branntweinflaſche entgegen. Trink' und ſei luſtig! ſchrie er. Heut haben wir Julafton, Weihnachtsabend. Seht doch wie die Chriſtbäume brennen! Seht da, wie die Lichter in Ecknäs angeſteckt werden! Biſt du toll geworden, Mann! rief Otho entſetzt und ſchüttelte ihn. Kleine Karina! Schätzchen! ſchrie Per, ich bringe dir eine Kette mit, eine Kette von Gold. Julafton, meine ſüße Dirne, Julafton! Steck deinen Baum an. Siehſt du ihn, da da! Ohne ſich aufzuhalten eilte Otho zurück, denn Leben und Sterben hing daran, daß die Schlup von den Trümmern frei werde. Mit einem Dutzend kräftiger Schläge war Alles gethan; erleichtert und frei flog das kleine Schiff wieder über die Berge und Abgründe, aber vergebens ſchaute Otho in die Nacht aus, nichts konnte er entdecken. Als Per nach den Chriſtbäumen ſchrie, glaubte er ſelbſt einen bellen Lichtſchein zu erkennen, allein es war Täuſchung, er war ver⸗ ſchwunden. Zuweilen zünden die Bauern in dieſer Nacht Feuer an. Doch wer wollte bei ſolchem Unwetter daran denken. Vielleicht war — es Fenſt Angſe feſt. Nord hinter teten führ ſein mei Aug da aus Eri nich Laß nich W teten ſich ſein Geſicht. an ſein Hau geſtreichelt. I wo ſie Louiſa an ihre Bruſt geſagt; ihr S euren Bund er meines Segens g Das fiel ihm Augen. Es war als Louiſa traurig vor den ausſtrecken. Mutter, Erich wird Louiſa ſchütz nicht aus, ein anderer dräd Laß mich nicht ſo enden! ſchüßs nicht ſterben, ich muß noch leben! Die Schlup ſtürzte, als er dies ſagte, von einey W erhielt einen Schlag, der ihren ganz zen Körper dirchſch war auf eine Eisſcholle geſtoßen; Otho glitt von dr Bank, und raffte ſich auf. Das Knattern und Krache! zund umbek höhte ſeine Beſtürzung. Wir ſind auf Eis gerathen, Per! ſchrie er 7 Schiffer zu, und von Neuem auf die Bank ſpringend hielt er die Laterne ſo hoch, als grauen⸗ Schollen Land. Huſch, lugen leuchten Tgeriſſen, lange hen Blitze zuckten die Katze! brüllte mim her! Komm her! Stern von einer langen erte, die Planken brachen. Bugen: Wir werden zer⸗ Arwortete der Schiffer, der ju⸗ 1 Ider Ton, ein dumpfer Schrei folgte, dann war Alles Tturm raste weiter. Die treibenden Eismaſſen donnerten n; ein zlüher Nordlichtblitz fuhr bis in den Zenit des Him⸗ beleuchteis ven Kampf der Wogen und Schollen, die Maſten und Bretter, welce zwiſchen ihnen trieben, und verſchwand. g ſie in grauen⸗ Schollen erloſch, iſt 82 danes SiS Green vVellow- Gey ανα —.———ℳ—-—n Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. fa Leih- und Leſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. d 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe —hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2 1— 7 8 9— 1„„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene’, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ----õ——————= Erich nandal. hu e Zweiter Theil. Erſtes Kapitel. Arel Jönsſon, der greiſe Pfarrer, ſaß an ſeinem Tiſche auf der Ofenbank mit dem Rücken an den wärmenden Freund ſeines Alters gelehnt. Es war einſam in der großen niedrigen Stube und der alte Pfarrer ſchien in ſeinen Gedanken verſunken. Trübe flackerte ſeine kleine Lampe, die mit Fiſchfett getränkt war, über das ſanfte ſtille Geſicht, in welchem ein Lächeln ſchwebte, mit dem er auf einen ſelt⸗ ſamen Gegenſtand blickte, der vor ihm ſtand. Ehmals war dies ſicher⸗ lich ein großer Tannenzweig geweſen, doch ſeit der Zeit, wo er grün und friſch im Walde ſtand, mußte mancher Tag vergangen ſein. Morſch und verdorrt ſtreckte er jetzt das dürre Geäſt aus, an dem kaum noch eine der vergilbten in Staub zerfallenen Nadeln haftete. Ein Chriſt⸗ baum war es geweſen und zu des Hauſes Freude hatte er einſt am Weihnachtsabend herrlich geglänzt, denn noch waren um den Stamm, welcher aufrecht auf einem Brette ſtand, von Holz und Draht viele lange Arme befeſtigt, die als Leuchter gedient hatten, und noch hingen auf den dürren Reiſern verblaßte zermürbte Seidenbänder, Streifen von Goldpapier und an einigen Fäden die Reſte kleiner Bilder, bunte Steine, Glasperlen und Muſcheln. Der greiſe Prieſter blickte den armſeligen, verwitterten Chriſtbaum zärtlich an und indem er ſeine Hände zuſammenfaltete, füllten ſich ſeine Augen mit unbeſchreiblicher liebevoller Wehmuth und Rührung. Draußen tobte das püde Wetter; das hölzerne Haus knarrte und ächzte mus und wie die kleine Flamme der Lampe unruhig hin und her geworfen wurde von dem Zugwinde, der durch die Ritzen der Fenſter drang, ſchien es zuweilen, als wankten die Balken ihr nach und der ganze Bau geriethe in eine wellenförmige Bewegung. Axel Jönsſon achtete nicht darauf, daß die Sturmſtöße mit donnerartigem Gepolter den Schlott herunter fuhren, er ſchien es auch nicht zu hören wie die Teller und Taſſen auf den Brettern über dem Herde klangen, wie die große Zinnſchüſſel in der Mitte die Theekanne anſtieß, als wollte ſie dieſe ermahnen, vorſichtig zu ſein und nicht noch weiter ſeitwärts zu rutſchen, und wie die Bündel trockener Kräuter und Wurzeln auf dem Schranke und an den Wandleiſten mit einander raſſelnd flüſterten, daß ſolch grau⸗ ſiger Winter den Menſchen mancherlei Wunden und Schmerzen bringen müſſe und ſie dann helfen und heilen würden. Der alte Mann blieb lange bewegungslos in ſeinen Betrachtungen, bis ſein Geſicht immer heller und freundlicher wurde, und dann ſtand er auf, ging an den Schrank, öffnete die Kaſten und nahm allerlei heraus. Ein großes weißes Linnentuch breitete er über den Tiſch, ſetzte den dürren Chriſtbaum in die Mitte, holte kleine bunte Lichter aus einem Schubfach und beſteckte damit die Leuchter. Hierauf immer lebendiger und heiterer lächelnd, trug er mancherlei Gaben herbei, die er an verſchiedenen Seiten des Tiſches aufſtellte, Da waren Aepfel und Watzenkuchen, da gab es Strümpfe und Schuhe, Handſchuhe und Wolltücher. Ein dickes warmes Kleid und eine mit Pelz beſetzte ſchöne Kappe wurden beſonders über einen Stuhl gebreitet und allerlei Schürzen und Jacken nebſt Anderem, was zur Weihnachtsbeſcheerung gehört, folgte nach. Vieles befand ſich darunter was Kindern Freude macht und Alles ordnete der Greis, theilte es ein und blickte dann und wann nach der Nebenthür, als warte dort ein froher Schwarm, der auf ſein Zeichen freudig ſchreiend hereinſtürzen werde. Und als er hin und her eilend endlich mit ſeinem Werke fertig war und mit innigem Lächeln es überblickte, zündete er die Lichter an, daß der helle Weihnachtsglanz die düſtere, ſtille Stube überſtrahlte. Die Fenſter funkelten davon, die düſteren Ecken ſchimmerten wie voll Sonnenſchein und dieſer lag auf dem Haupte des Greiſes, der lächelnd um ſich ſchaute und ſeine Arme ausgebreitet hatte, als wolle er die den igen epfel und höne erlei rung eude dann 449 Glücklichen, für die er den Weihnachtstiſch bereitet, liebend an ſein Herz ziehen. Aber Arel Jönsſon wurde nicht traurig, als es ſtill und einſam um ihn blieb. Die Wuth der Elemente ſchien ſich zu vermehren. Die See brüllte an den Klippen und der Sturm bog und rüttelte an dem Hauſe, als erregte der Glanz und die Luſt drinnen ſeinen tödtlichen Grimm. O! ſagte Arxel Jönsſon mit ſeiner ſanften Stimme, ich danke dir, mein Herr und Gott! daß du wiederum mich dieſen glück⸗ ſeligen Tag erleben ließeſt. Ich danke dir, Allmächtiger, für ſo viele Gnade und ſo viele Freude. O! ſegne viele, ſegne alle Menſchen, wie du mich geſegnet haſt. In dem Augenblick wurde die Thür geöffnet und Karina, die alte taube Magd, zeigte ſich auf der Schwelle. Komm näher! komm näher, meine liebe, treue Freundin! rief der gute Pfarrer. Ich erwartete dich, wollte dich holen. Sieh hier, gute Karin, das iſt dein. Der warme Rock wird dir gefallen und die Pelzmütze wird dich ſchützen; dazu die Schürzen und die Winterſtiefeln und der Tuch dort. Freue dich, liebe Karin, es iſt Alles dein und ſieh doch, ſieh doch— auch einen Latz für den Sonntag habe ich dir ausgeſucht. Die alte Frau hielt die Hand feſt, welche er ihr gereicht hatte. Thränen floſſen über ihr hartes Geſicht, das ſie mit der freien Hand bedeckte. Ach, Herr! rief ſie ſchluchzend, allein, gang allein, iſt die arme Karin bei dir. Allein! antwortete er und ſeine Augen ſchlugen ſich auf und es glühte und glänzte darin. Nein, Karin, nein! ſagte er mit ſanfter Feſtigkeit, wir ſind nicht allein, denn die ſind unter uns, die wir lieben. Sieh doch hier, ſieh den Tiſch, iſt das nicht der Platz, wo meine liebe Natta ſonſt immer am Weihnachtsabend ſaß? Hat ihre Hand nicht den Baum dort geſchmückt? Sind das nicht noch die Bänder, welche ſie daran knüpfte? Und dort, Karin, dort ſteht der Seſſel, auf dem ſie ſo gern ſaß, da ſteht das Nähkäſtchen, das ſie ſo lieb hatte.— Er legte ſeinen zitternden Finger auf den Kaſten und auf eine halb vollendete Arbeit daneben.— O, nein! fuhr er fort, Gottes Güte währet ewiglich! Ich ſehe meine liebe Natta noch immer bei mir, ich D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 29 — 450— ſehe meine lieben Kinder, meinen Arel, meine Margareth, wie ſie um dieſen Tiſch ſprangen voll Luſt und Glück, wenn die hellen Lichter brannten, und wie würden ſie ſich freuen, gute Karin, wenn ſie alle die ſchönen Sachen ſähen, wenn ſie jubelnd damit durch dies Zimmer tanzen könnten, wie ſie es ſo oft gethan haben. Ach, Herr, es iſt Alles vorbei, Alles! ſeufzte die Magd. „JZegliches hat ſeine Zeit, Karin, ſagte der Greis und ſeine Stimme aufhebend ſprach er mit Salomonis Worten: Geboren werden und ſterben, pflanzen und ausrotten, tödten und heilen, bauen und ein- reißen, weinen, lachen, klagen, tanzen, Steine ſammeln und Steine ſtreuen, Herzen fernen von Herzen; ſuchen, verlieren, behalten, weg⸗ werfen, ſchweigen und reden, zerreißen und zunähen, lieben und haſſen, Streit und Frieden, Alles, Alles hat ſeine Zeit!— Aber wo ein Menſchenherz iſt, gute Karin, das voll von Liebe und Güte war, das lebt von ſeiner Liebe bis in Ewigkeit; das lebt von den Erinnerungen ſeines Glückes und fürchtet keinen Schmerz und kein Scheiden. Freude iſt in mir, denn ich weiß ja, daß meine Lieben ſich freuen und bei mir ſind ihre ſeligen Geiſter. Ich ſehe ſie, wie ſie lächelnd mich anſchauen und wenn ich ſchlafe, flüſtern ſie mir zu: es iſt Alles recht, was du thuſt. Morgen werden die armen Inſelleute kommen und ihre Kinder werden kommen. Ich werde ihnen viele Freude be⸗ reiten, denn ich werde ſie mit dem beſchenken, was ich einkaufte und meinen lieben Kindern geſchenkt hätte. In ihrem Namen theile ich meine Gaben aus und nächtlich ſteigen ſie dann vom Himmel und freuen ſich mit mir. Ach! ſagte die alte Frau, das ganze Jahr über ſparſt du, Herr, und darbſt in deinen alten Tagen, um am Chriſtfeſt uns Alle zu beſchenken.. Mich beſchenke ich, Karin, mich ſelbſt, fiel Arel Jönsſon freudig ein. Ich hole den alten dürren Baum dann hervor und was fällt mir Alles bei ſeinem Anblick ein!— Ich ſehe ihn wieder grün und friſch, wie er war, und ſehe mich in meiner Kraft und Jugend. Wie viele ſchöne herrliche Erinnerungen kommen dabei in mein Gedächtniß, wie viele Stimmen reden zu mir mit Engelszungen. Bin ich denn nicht glücklich, meine arme Freundin? Iſt es nicht ein großes wunder⸗ Alles mmen de be und le ich reudig fällt n und Wie chtniß⸗ denn under⸗ — 451— bares Glück, Freude und Liebe verbreiten zu können, und Freude und Liebe in ſich zu tragen.. Ja, Herr, ja! rief die Magd ihre Hände faltend und ihn mit gläubiger Ehrfurcht anblickend. Die Leute ſagen, du ſeieſt ein Engel Gottes, der Allen hilft, die ihn anrufen. Der Herr ſegnet mich, daß er durch meine ſchwachen Hände Gutes thun läßt, und manche Mühſeligen und Leidenden ſendet er zu mir, antwortete der Greis. Das iſt ſeine höchſte Huld, die er einem ſeiner Geſchöpfe angedeihen laſſen kann.— Aber was war das? fuhr er aufhorchend fort: war es der Sturm, der an unſere Fenſter ſchlägt, oder war es der Knall eines Feuergewehrs? Hörteſt du nichts, Karina? Aber ach! du kannſt es nicht hören, arme Karin. Karina verſtand überhaupt, was ihr Herr zu ihr ſprach, mehr an den Bewegungen ſeiner Lippen aus langjähriger Gewohnheit und mit Hilfe ihrer Augen, als mit den dicken Ohren. Als ſie jedoch ſah, daß er ans Fenſter lief und gleich darauf ſich wieder umwandte, hörte ſie deutlich wie er laut und heftig ausrief: Es muß ein Menſch ſein, der in Noth iſt. Ich habe den Blitz eines Gewehres geſehen; das war kein Nordlichtzucken. Laß mich hinaus, Karin. Wo iſt die Laterne, ſchnell die Laterne! Hinaus? ſchrie die Magd. Biſt du beſeſſen, Herr?! Du ſollſt nicht hinaus. Der Wind weht dich von den Klippen. Eis und Schnee fallen vom Himmel. Du ſollſt nicht hinaus, die Trollen reiten auf Nebel und See, die böſen Hexen, die aus den⸗Abgründen ſteigen. Schäme dich, Karin! antwortete der Greis. Es iſt ein Menſch in großer Gefahr. Vielleicht ein Boot, das von Schweden herüber kommt. Niemand iſt in Gefahr, fiel Karin ein, indem ſie ihn an dem Pelzmantel feſthielt, den er umgeworfen hatte. Kein Boot wagt ſich jetzt hinaus, überall iſt treibendes Eis, alle Häfen und Buchten liegen voll. Die Hexen ſind es, Herr, oder der Teufel ſelbſt, der dich verlocken will. Du ſollſt nicht gehen. Herr Jeſu Chriſt! ſteh' uns bei. Freilich iſt es kaum zu denken, daß ein Boot in ſolcher Nacht auf dieſer wilden eiſigen See ſein ſollte, ſagte der Pfarrer. Dennoch aber 29 ½ 452 muß es ſo ſein. Gott ſei den armen Menſchen gnädig! Wenig ver⸗ mag ich zu helfen. Aber ich will bis an die Bucht hinabgehen. Ich will, wenn es möglich iſt, meine Laterne an das Pfahlwerk. feſt⸗ binden; ich will thun, was ich vermag, um den Unglücklichen bei⸗ zuſtehen. Als Karina ſah, daß ihr Herr ſich nicht hindern ließ, ſondern die Laterne anzündete und ſeine Pelzkappe feſtband, ſchrie ſie entſchloſſen, daß, wenn er umkommen wolle, ſie auch nicht länger leben möge, und da Arxel Jönsſon hierauf keine Antwort gab, ſondern das Zimmer verließ und den Riegel von der Hausthür ſchob, warf ſie ihr Tuch über den Kopf und folgte ihm nach. Viel fehlte nicht, ſo wäre der gute Pfarrer beim erſten Schritt, den er hinaus that, zu Boden geworfen worden, ſo heftig wüthete der Sturm. Mühſam hielt er ſich aufrecht, unterſtützt von Karina, die neben ihm herging und ihn vorwärts ſchob, dabei aber um Gottes Barmherzigkeit flehte, daß er umkehren möchte, um ſich nicht den Tod zu holen. Wir ſtehen Alle in Gottes Hand, Karin, antwortete der Greis; laß uns die Stufen hinabſteigen, aber falle nicht, denn es iſt ſehr glatt und oben auf der Klippe iſt es wirklich unmöglich, ſich aufrecht zu erhalten. Während er die alte Dienerin zu ſtützen ſuchte, war dieſe eben ſo ſehr darauf bedacht, ihn zu beſchirmen, doch Axel Jönsſon hatte trotz ſeines hohen Alters eine ungewöhnliche Rüſtigkeit behalten und zu dieſer geſellte ſich ſein freudiges Gottvertrauen, daß er vollbringen müſſe, was der Herr von ihm begehre. Er, der die Sterne zählt und die Grashalme, hatte einen Schiffbrüchigen in ſeine Nähe geführt, deſſen Hilferuf in ſein Ohr geſandt und um ſeines Lebens Preis mußte er gehen und erforſchen, ob es keine Täuſchung ſei, ob er nicht etwas thun könne, ſeinen Mitmenſchen in ihrer Noth beizuſtehen. Der Himmel war voell undurchdringlicher Finſterniß, die mit ſchwarzen Händen Meer und Land b deckte. Nur das Toben der Wellen, das Raſſeln und Brechen der Eismaſſen, welche gegen die Klippen geſchleudert wurden, um daran zermalmt zu werden, ließ allein erkennen, wo die naſſe Tiefe begann. Schneeſtaub und Eis⸗ 453 körner wurden mit fürchterlicher Gewalt von dem Winde gepeitſcht, vor deſſen ſchneidender und erſtarrender Kälte Axel Jönsſon ſich feſter in ſeinen Pelz zu wickeln ſuchte. Vorſichtig beleuchtete er die großen Steine, über welche man in die Bucht hinab kommen konnte und ſtieg von einer Stufe auf die andere, während Karin ihn am Gutt feſt⸗ hielt und ihm nachfolgte. Der Sturm hatte Eis und Waſſer hoch in die Bucht hineingetrieben und die Magd ſchrie ihrem alten Herrn kläglich zu, doch um Gotteswillen nicht bis an das Pfahlwerk vorzugehen, wo das Waſſer hinaufſpielte und die Kälte den Boden mit ſpiegelblankem Eis überzogen hatte. Es iſt keine Menſchenſeele hier! jammerte ſie, und wo ſollte auch eine herkommen? Jeſus Chriſtus! ſieh wie die Schollen ſich über einander gewälzt haben, wie ein Wall von Eis dort ſteht, über den die Brandung fortgeht. Heiliger Olaf, behüte uns! der Sturm wirft die Schollen über unſere Köpfe. Komm herauf, Axel Jönsſon. Komm herauf, Herr, der Giſcht fliegt über dich hin und macht dich naß. Hilf uns, Gott, hilf uns! er iſt nicht mehr bei Sinnen. Der Teufel hat ihn. Herr, Herr! du mußt umkommen in dieſer Nacht. Dieſe letzten Worte beendet mit einem fürchterlichen Schrei ſtieß Karin hervor, als ſie den Prieſter trotz aller Warnungen, ſeine Leuchte hoch aufgehoben, auf das Pfahlwerk zuſchreiten ſah, an welchem zur guten Jahreszeit die Fiſcherboote feſtgelegt wurden. Jetzt waren dieſe hoch am Lande geborgen und wie die Magd es ſagte, hatte ſich überall eine glatte Eisdecke gebildet, über welche Jönsſon muthig fortſchritt und ſeine Begleiterin trotz aller Ausbrüche ihres Aergers und ihrer Angſt ihm folgte.— Wohin willſt du denn, Herr? ſieh doch das Toben des Sturms, ſchrie ſie unermüdlich. O Herr! ſo halt doch ein. Siehſt du nicht wie die großen Schollen auf uns zugetrieben werden? Wie mit einem Meſſer werden ſie die Pfähle zerſchneiden. Da liegt er! antwortete der Pfarrer. Siehſt du ihn? Nimm die Laterne, Karin; da liegt er! Der Sturm hatte die ineinandergetriebenen Eisſtücke am Ein⸗ gange der kleinen Bucht zerriſſen und dieſelbe ungeheuere Woge, welche dies bewirkte, warf Blöcke und Schollen dem Lande zu. Bei dem Scheine ſeiner Laterne ſah Jönsſon vor ſich ein großes Eisſtück, — 454— auf welchem eine dunkele Maſſe lag, die ihm ein Menſch zu ſein ſchien. In ſeiner Angſt und ſeiner Liebe ſchleuderte er Karin's Hände, welche ſich an ihn feſtklammerten, mit Gewalt von ſich, drückte ihr die Leuchte in die Finger und kroch hinter den Pfählen hinab bis an den Fels, wo in demſelben Augenblick die Scholle über eine andere ſchon dort abgela⸗ gerte hinſtürzte. Waſſer, Schaum und Schlamm rollten darüber fort und würden den ſchwarzen Körper mit ſich fortgewaſchen haben, wenn der Pfarrer ihn nicht feſtgehalten und zu ſich hingezogen hätte. Ja, es war ein Gottesgeſchöpf, es war ein Gebild von Fleiſch und Bein, aber ohne Gefühl, ohne Bewegung, vom eiſigen Waſſer ſchon erſtarrt, und er hielt es zitternd an ſich gedrückt, während neue Trümmer, Schollen und Waſſerſtröme über die Stelle ſtürzten, wo er es gefunden hatte. Was ſollte er beginnen mit dem Leichnam des Unglücklichen? Ein Schauder durchlief ihn, eine entſetzliche Angſt füllte ſein Herz: Karina hielt die Laterne hinunter. Jeſus, Gottes Sohn! ſchrie ſie, als ſie die Geſtalt erblickte, die ihr Herr mit Aufbietung aller Kraft aufzuheben ſuchte. Laßt ihn liegen, er iſt todt, längſt todt! Unglück bringt es, Einen anzufaſſen, deſſen Seele die Hexen haben. Hilf mir, ſagte der Greis unerſchrocken, er lebt noch. Ich habe ihn ſeinen Arm aufheben, ſeinen Kopf zucken ſehen. Faß an ſeine Schultern, ſeine Glieder ſind noch geſchmeidig. Und ohne abzuwarten, ob die alte Magd ihm beiſtehen würde, ſuchte er den Körper an dem Pfahlwerk emporzurichten, wo Karin, die ihre Laterne niedergeſetzt hatte, ihn ergriff und glücklich feſthielt. Aber ſei es, daß dieſe heftige Bewegung den Reſt des Leben in dem Verunglückten zu einer letzten Anſtrengung brachte, oder der ohnmächtige Zuſtand dadurch von ihm wich, daß der gute Pfarrer ſogleich ſeinen Pelzmantel über ihn warf; er ſchien zu erwachen als dies geſchah und ſtand auf ſeinen Füßen, wobei er nach der Laterne griff, die Karina an einen der Pfähle gehängt hatte. Da iſt das Licht! rief er mit gebrochener dumpfer Stimme. Holla! Per! Einige andere unverſtändliche Worte folgten, zugleich machte er eine Bewegung als wolle er ſeine Füße gebrauchen. EScttütze ihn, Karin! rief der Greis. Komm, armes Kind, komm! Gottes Gnade hat dich und mich geführt. Hier ſind die Stufen. Nimm n ſeine warten in dem hatte, 1 45⁵ alle deine Kraft zuſammen. Es ſind nur wenige Schritte. Halte ihn ja feſt, liebe Karin. O! wie iſt die Huld des Herrn ſichtbar an dieſem Mann! Jetzt haben wir glücklich die Gefahr überwunden. Pflege ſoll dir werden. Hier iſt Sicherheit für dich, mein Sohn. Nur hier herein, hier iſt es warm, und herunter mit den Kleidern, in mein Bett. Geh, gute Karina, eile! Mache heiße Steine, heißes Waſſer. Gott wird uns beiſtehen, daß wir dies Leben erretten, das dem Tode verfallen war. Alle dieſe tröſtenden und hoffenden Ausrufungen brauchte der gute Pfarrer nach und nach, während er unter beſtändigem Beiſtande ſeiner alten Dienerin den Seemann bis an ſein Haus und endlich bis in ſein Zimmer brachte. Es gelang dies ziemlich gut, denn obwohl Otho manche ſchwankende und ungewiſſe Schritte machte, ſo kam er doch vorwärts und ſprach ſelbſt einige verſtändliche Worte. Kaum aber hatte er die Thür der Stube erreicht, aus der wärmere Luft ihm ent⸗ gegenſtrömte, als er taumelnd die Augen ſchloß und nur mit großer Mühe in einen der Holzſeſſel gelegt werden konnte. Aller Muth und alle ſtandhafte Menſchenliebe des greiſen Prie⸗ ſters gehörten dazu, um ſeinen Schützling von den naſſen halb gefrorenen Kleidern zu befreien und ihn in ſein Bett zu bringen, das er willig dazu hergab. Der Chriſtbaum brannte noch hell und beleuchtete den jungen Mann, der, erſchöpft von ſo großer Noth, regungslos lag, als werde er nie wieder erwachen. Aber der erfahrene Greis fühlte den leiſen Schlag ſeines Herzens und mit verdoppelter Haſt vermehrte er ſeine Anſtrengungen. Kiſſen und Decken wurden ſchnell durchwärmt, die ſtarren Glieder rieb er mit wollenen Tüchern, was ſein Haushalt an Mitteln beſaß, an Thee, Tropfen und wärmenden Getränken brachte er herbei und flößte es ihm mühevoll ein, während Karina heiße Steine an die Fußſohle des Kranken legte und andere auf deſſen Leib. Es iſt ein Fiſcher, murmelte die alte Magd, als ſie ihm die dicke Jacke abzog. Jung iſt er auch, doch ich kenne ihn nicht. Wer er auch ſein mag, antwortete Axel Jönsſon, Gott hat ihm wunderbar geholfen. Aber dieſe Wäſche iſt beſſer, als Fiſcher ſie be⸗ ſitzen, fuhr er fort, und die Geſtalt dieſes Jünglings iſt von unge⸗ wöhnlicher Art. Allein was haben wir jetzt darnach zu fragen? Er iſt — 256— ein Unglücklicher, dem wir Beiſtand leiſten, mehr iſt uns nicht zu wiſſen nöthig. Daß uns am heiligen Weihnachtsabend ſolch Unheil begegnen muß, jammerte die alte Magd. Wir haben einen Todten im Hauſe. Ein Weihnachtsgeſchenk von Gott! erwiederte der Greis dankbar lächelnd. Hat er nicht meinen lieben alten Weihnachtsbaum geſehen? Hat ſein Licht ihm nicht geleuchtet? O! mein Herr, du Gewaltiger! ſo lohnſt du mir!— Eile, gute Karin, eile ſo ſehr du kannſt. Lege mehr Holz auf dein Feuer, wir müſſen wärmende Kräuterumſchläge machen, damit kein Froſt in ihm bleibt. Dieſer Jüngling wird zum neuen Leben erwachen, deß ſei gewiß. Ich will ihm jetzt von den ſtär⸗ kenden Tropfen reichen, die wir aus dem Wachholder ziehen. Gehe, Karin, hole auch meinen neuen Pelz, daß wir ihm Alles geben, was wir haben. Nach mehreren Stunden fruchteten die Bemühungen des guten Pfarrers, denn nachdem er alle ſeine Mittel angewandt und nicht aufgehört hatte, mit vorſichtiger Geduld dem Kranken beizuſtehen, wurde deſſen Körper warm und gerieth nach und nach in einen Schweiß, den Jönsſon ſo viel er vermochte unterſtützte. Alle ſeine Decken und Pelze verwandte er dazu und ſeine Gaben an Thee und Tropfen, welche er Otho einzuflößen wußte, halfen nicht wenig dabei mit. Während der ganzen Nacht ſaß der greiſe Mann an dem Bett ſeines Schützlings und mit ſüßer Freude beobachtete er deſſen Athem⸗ züge, welche immer länger und kräftiger wurden, bis die Röthe des Lebens ihm auf Stirn und Wangen auftauchte. Er legte ſeine Hand auf die Fülle des blonden Haares und blickte ihn voll mitleidsvoller Liebe an. Ach! ſagte er ſanftmüthig, wie herrlich biſt du anzuſchauen, mein armes Kind, und wie würden die dich lieben um dich trauern, wenn du in der fürchterlichen Tiefe zermalmt lägeſt? Hatte ich nicht auch einen Sohn und er war ſchön und jung und ſtark wie duz dennoch riß ihn die finſtere Hand von meinem Herzen und troſtlos, ach! geſchlagen von Schmerzen, ſaß ich hier an ſeinem Lager. Du aber wirſt erwachen, mein Kind, und deine Mutter wird nicht um dich weinen. Du wirſt zu ihr zurückehren, und wirſt ihre Liebe vergelten. Es liegt etwas in deinem Geſicht, das zu mir ſpricht, als ſeiſt du mir hekannt und Gottes Güte in dir. und b 3 ſ —, ht zu muß, mkbar ſehen? e und dabei n Bett Athem he des Hand zvoller chauen, rauern, h nicht zie duz -oſtlos, Du um dich rgelten⸗ fiſt du — 457— Eben ſchlug Otho die Augen auf, blickte verwundert um ſich her und blickte den Greis an. Ich bin noch am Leben? fragte er leiſe. Ja, mein Sohn, du lebſt, ſagte der Greis. Ihr wart es, Ihr zogt mich von der Eisſcholle? Gott war es, der mich zu deiner Hilfe ausſchickte, antwortete Axel Jönsſon.. Habet Dank, mein Vater; vielen Herzensdank! murmelte der Kranke ſeine Hand ausſtreckend. Der alte Mann legte dieſe ſanft unter die Decke zurück; dann drückte er ihm die Taſſe an die Lippen und Otho fiel in die Kiſſen und ſchlummerte weiter, bis der Morgen kam. Allein dieſer Morgen brachte nicht, wie der Pfarrer vermuthet hatte, ſeinem Schützling größere Stärke und klareres Denken, denn er lag im heftigen Fieber und dies ſteigerte ſich in der nächſten Zeit ſo gefahrvoll, daß mehr die außerordentliche Lebenskraft des jungen Mannes als die Geſchicklichkeit des Arztes ihn vom Tode errettete. Das Beſte was Jönsſon thun konnte beſtand in ſeiner treuen Pflege, unterſtützt von den wenigen Arzeneien, die er dem Kranken zu reichen vermochte. So vergingen viele Tage, wo der gute Pfarrer abwechſelnd mit Karina bei Otho wachte, ihm kühlende Getränke reichte, ſeinen glühenden Kopf mit feuchten kalten Binden bedeckte und ihn in den Betten feſthielt, wenn er in ſeinen Phantaſien aufſpringen und nach Stockholm wollte.. Vielfach hörte der Greis den Irrereden des Leidenden zu, aus denen er ſeltſam verworrene Dinge erfuhr, welche er ſich nicht zu erklären wußte. Er hörte den Kranken zuweilen Namen nennen, die ſeine Aufmerkſamkeit erregten. Häufig rief er nach Serbinoff, den er auffor⸗ derte, ihm beizuſtehen, ihm betheuerte, daß er ihm vertraue, und ihn beſchwor, nimmer von ihm zu laſſen. Dann wieder folgten wirre Träume, in denen er mit Perſonen verkehrte, von denen der arme Prieſter nie etwas gehört hatte, bis er in Angſt und Aufregung von ſeinem Lager zu ſpringen verſuchte, um mit dem Könige zu ſprechen. Was er von Ruſſen und Finnen, von Admiral Cronſtedt und dem Oberſten Jägerhorn, von Ueberfall und Verrätherei, von den Wrights, von Conſtanze Gurſchin und von vielen andern Menſchen und Ver⸗ f . — 458s hältniſſen erzählte, hielt der alte Mann für krankhafte Ausgeburten ſeines tobenden Gehirns, hervorgerufen durch die drohenden Zeitver⸗ hältniſſe; ſo viel aber wurde ihm bald gewiß, daß dieſer junge Mann kein gewöhnlicher Fiſcher ſein könne. Weder ſeine Hände, noch ſein Geſicht ſahen darnach aus, noch paßte ſeine Sprache dazu. In ſeiner Taſche hatte Jönsſon eine Geldbörſe mit werthvollem Inhalt gefunden, abwechſelnd ſprach er in ſeinen Phantaſien gutes Schwediſch, aber auch Finniſch, von dem der Pfarrer genug verſtand um zu erkennen, daß dieſer Jüngling ein geborener Finne ſein müſſe. Zuweilen aber redete er auch in unverſtändlichen Lauten, von welchen Jönsſon annahm, daß es Franzöſiſch ſei, und da alle Leute aus den obern Volksklaſſen damals gern und gut Franzöſiſch ſprachen, ſo ſchien es ihm nicht zwei⸗ felhaft, daß er es mit einem jungen Edelmann, wahrſcheinlich mit einem Offizier zu thun habe, der mit wichtiger Botſchaft nach Stock⸗ holm geſchickt worden ſei. Wahrſcheinlich war das Boot, in welchem er den gefährlichen Uebergang verſuchte, umgeſchlagen, oder vom Eiſe zertrümmert worden, und dies beſtätigte ſich durch die Trümmer von Maſtſtangen und Brettern, welche in den nächſten Tagen zwiſchen den Klippen gefunden wurden. Wie wenig von Neugierde geplagt aber auch der gute Prieſter war und wie liebevoll großmüthig er dieſelbe unermüdliche Pflege jedem Verunglückten zugewandt haben würde, ſo wuchs dennoch der innige Antheil, den er an ſeinem Schützlinge nahm, immer mehr. War Ser⸗ binoff, den er ſo oft herbeirief, nicht jener ruſſiſche Herr, der vor einigen Monaten erſt hier übernachtet hatte? Seine Zweifel wurden umgeſtoßen als der Kranke auch den Namen Ebba murmelte, den Kammerherrn, ihren Bruder, an ſeinem Lager zu ſehen glaubte und ziemlich verächtlich und ſpöttiſch von ſeinen Bewerbungen um eine Dame ſprach, mit welcher ſich der Kranke überhaupt viel zu ſchaffen machte. Ja gewiß, dieſer junge Mann mußte mit den ſchwediſchen Herrſchaften in Verbindung ſtehen, welche an jenem merkwürdigen Abend hier ein Obdach ſuchten, und wie wunderbar war dieſe Fügung. Noch immer dachte Arel Jönsſon mit Freudigkeit an das ſchöne junge Fräulein, das ihm ſo viele Theilnahme und Huld bewieſen, noch immer dachte er auch an das ſeltſame Abenteuer, das durch ihren Beſu von grübe löſan ihn er ar er zu ſo v nicht dame liche ſo ü urten tver⸗ Nann geſter edem nige Ser Se und eine. affen ſchen — 4⁵59— Beſuch hervorgerufen wurde, und an das Ende deſſelben, wodurch er von ſo großer Sorge befreit ward. Lange Zeit hatte er darüber ge⸗ grübelt, ob die übermüthigen Herrn mit ihrem Spott und ihrer Auf⸗ löſung des Räthſels auch wirklich Recht gehabt, und wie viele Zweifel ihn auch dabei überkamen, er gab ſich doch zuletzt gefangen. Jetzt wo er am Lager dieſes von der See ausgeworfenen Jünglings ſaß, hatte er zuweilen wunderliche Anwandelungen. Die alten Erinnerungen, welche ſo viele Jahre lang in ſeinem Gedächtniß hafteten und noch immer nicht daraus verſchwinden wollten, wurden ſonderlich lebendig. Wie damals, als er das fremde Fräulein erblickte, ihm ſogleich die unglück⸗ liche Frau mit ſolcher Klarheit vorſchwebte, daß er davor erſtarrte, ſo überkam es ihn jetzt zuweilen, als gleiche dieſer Jüngling dem Manne, den er in jener furchtbaren Nacht in der Kirche unter den Schwertern ſeiner Mörder fand. Wenn der Kranke in ſeinen Phantaſien die Augen öffnete, wenn Zorn und Kummer ſein Geſicht füllten und ſeine hohe Stirn ſich auf eine eigenthümliche Weiſe zuſammenzog, glaubte er, daß er dies ganz ebenſo damals geſehen habe. Mit aller Kraft wehrte er dieſe Einbildungen von ſich ab und ſchob ſie den Aeuße⸗ rungen des Kranken zu, die ihn zu ſolcher Selbſttäuſchung verleiteten; doch immer wieder kam er darauf zurück und je mehr er ſich ſelbſt ſchalt und kopfſchüttelnd ſich ſelbſt belächelte, um ſo begieriger wurde er danach, nähere Auskunft über ſeinen unglücklichen Gaſt zu erhalten. Zuweilen führte dieſer halb verſtändliche Geſpräche mit dem ſchönen Fräulein, und was er ſagte rührte und bewegte den alten Mann innig genug. Er glaubte zu verſtehen, daß eine heftige und unglückliche Leidenſchaft ihn beherrſche, und daß er dieſe verberge, weil er keine Erhörung gefunden. Die Art wie der Kranke ihren Namen aus⸗ ſprach, der Schmerz in ſeinem Geſicht, die Angſt, welche ihn peinigte, und die wilden Träume, in denen er ſich umherwarf, flößten dem weichherzigen Mann viel Mitleid ein. Bald ſah er ſie in Gefahren und er ſuchte ſie daraus zu befreien, bald wurde ſie von Räubern fortgeſchleppt, mit denen er kämpfte, oder ſie ſollte, wie es dem Pfarrer ſchien, von ihrem eigenen Bruder zu etwas gezwungen werden, was ſie nicht wollte, und er vertheidigte ſie gegen dieſen. Immer aber 460— folgte dieſen Phantaſien eine tiefe Traurigkeit und die leidenſchaftlichen Ausbrüche eines großen Schmerzes. Armer Knabe! ſeufzte der alte Mann, wenn es ihm gelungen war dieſen erſchöpfenden Raſereien ein Ende zu machen, welch hartes Schick⸗ ſal hat dich getroffen! Der er ſeine Liebe ſchenkte, ſie wendet ſich von ihm und gehört einem Anderen an. Manche Schmerzen hat der Herr auch mir geſchickt, doch vor dieſem Kummer hat er mich gnädiglich be⸗ wahrt. Alle die ich liebte haben auch mich geliebt. Meine theure Natta hätte um aller Schätze der Welt und aller irdiſchen Hoheit willen niemals von mir abgelaſſen. Ruhe aus, mein Kind, ruhe aus und vergiß dein Weh. Gieße deinen Frieden über ihn, du himmliſcher Vater, gieße die Kraft deines Glaubens in ſein wundes Herz! Nach einigen Wochen endlich wurden die Fieber leichter und an Stelle der heftigen Aufregung verfiel der Kranke in anhaltend langen und tiefen Schlaf, der die entſcheidende Kriſis für ſeine Herſtellung bildete. Der gute Pfarrer ſchaffte Alles herbei was ihm möglich war um den Geneſenden zu ſtärken, allein in dieſer wilden und einſamen Abgeſchiedenheit gab es weder gute Speiſen, noch Wein, noch Kraft⸗ ſuppen und belebende Getränke. Trotz deſſen erſetzten die Jugendkräfte das Fehlende und als der Januar ſein Ende erreichte, konnte Otho ſich aufrichten und in längeren Geſprächen mit dem liebenswürdigen Greis ihm ſeinen Dank und ſeine Bewunderung darbringen. Als er dies zuerſt that, wandten ſich ſeine Blicke aber auch ſogleich auf Luft und See hinaus und ſeine erſte Frage war, ob es möglich ſei nach Schwedens Küſten hinüber zu kommen? Es würde jetzt noch weniger möglich ſein, mein lieber junger Freund, erwiederte Jönsſon, als damals, wo Sie dies Wageſtück ver⸗ ſuchten. Jetzt ſind die meiſten Meeresſtraßen zwiſchen den Inſeln und die zahlloſen Canäle und Buchten zwar feſt zugefroren, aber die breite See, bis zur ſchwediſchen Küſte iſt noch immer voll Schollen und Treibeis, das, wenn es heut auch zuſammenfriert, morgen wohl ſchon von Stürmen wieder aufgeriſſen wird. Auch die verwegenſten Männer auf dieſen Inſeln würden es nimmer wagen, eher den Uebergang zu verſuchen, ehe ſie nicht ihre Schlitten über das Eis bringen können. noch zürne liegt was 8 ſtend — 466 Aus den Erkundigungen, welche Otho angeſtellt hatte, wußte er, wie der Pfarrer ihn aufgefiſcht und daß mit dem zertrümmerten Boote auch ſein unglücklicher Gefährte umgekommen ſei. Wenn der gierige Mann, der mein Geld allein verdienen wollte, noch einen oder zwei tüchtige Bootsleute mitgenommen hätte, ſagte er zürnend, ſo würden wir ungefährdet hinüber gekommen ſein. Jetzt liegt er bei den Rieſen und Nixen und ich ſitze hier ohne zu wiſſen, was ich beginnen ſoll. Zunächſt, mein junger Freund, ſagte der gute Prieſter, der trö⸗ ſtend ſeine Hände drückte, müſſen Sie geſund werden. Und wie lange kann das dauern? rief Otho ſich haſtig aufrichtend. Ich bin geſund, ehrwürdiger Herr. Ich will aufſtehen. Der Greis hielt ihn mit ſanfter Gewalt feſt. Wenn es wirklich der Fall wäre, erwiederte er, würden Sie leicht in Verſuchung ge⸗ rathen, durch Ihre Ungeduld neue Leiden über ſich zu bringen. Es werden noch einige Wochen vergehen, ehe das Eis im Bottniſchen Meerbuſen eine ſichere und feſte Decke bildet. Wir haben zwar einen ſtrengen Winter, doch tritt die ſtärkſte Kälte bei uns wie überall in dieſem Norden erſt im Laufe des Februarmonats ein. Dann wird man von dieſen Inſeln aus nach den Küſten von Finnland wie nach Schweden hinüber ſicher gelangen. Sie werden Ihren beſorgten Freun⸗ den eben ſo wohl Nachricht geben können, wie Sie ſelbſt Ihre Reiſe fortſetzen mögen und gerne werde ich ſelbſt Ihnen zu Beidem allen Beiſtand leiſten. Bis dahin, mein lieber Freund, haben Sie Geduld. Geduld! ſeufzte Otho, Geduld! und er ſchloß ſeine Augen und murmelte vor ſich hin: So lange es Menſchen gibt, gibt es den bit⸗ tern Zwang, den man Geduld nennt. Alles Unrecht, alle Qual ſoll mit Geduld getragen werden. Alle Schickungen kommen von Gott, ſagte der Greis ſanftmüthig; ohne ſeinen Willen fällt kein Sperling vom Dache, kein Zweig vom Baume, und was er zuläßt durch ſeinen allmächtigen Willen, ward mit Weisheit erwogen. Glauben Sie das, mein Vater? fragte Otho, indem er ihn mit heißen Blicken anſchaute und ein finſtres Lächeln über ſein Geſicht flog. — 462— Ja, mein liebes Kind, das glaube ich, erwiederte Jönsſon, und auch Sie, alle Menſchen müſſen es glauben, wenn ſie auch in ihrer Schwäche nicht erkennen können, was der Herr thut zu ihrem Beſten. Unterwerfen müſſen wir uns dem göttlichen Willen; ach! was hülfe uns auch unſer Trotz und unſer Murren. Demüthig und ſtark ſollen wir tragen was uns auferlegt wird und dem Herrn vertrauen, der über den ärmſten Wurm wacht. Nein, mein Vater, antwortete Otho erregt, ich kann Ihren from⸗ men Glauben nicht theilen, ich kann nicht demüthig ſein. Wenn ein Gott ſich um jeden Wurm kümmerte, wenn er das Gerechte beſchützte, das Gute gegen das Schlechte ſchirmte, ſo müßte ich nicht hier liegen. Und, fuhr er fort, wenn ich es allein wäre; aber ſeht auf die Schickſale aller Menſchen, ſeht, was die Geſchichte Euch erzählt; lest, wenn Ihr leſen könnt, wie die Gerechten von je an gelitten haben, wie viel Elend, wie viel Unglück jeden Erdentag ausfüllen; wie viele unerhörte Gräuel aller Art noch jetzt geſchehen, ohne daß ein Gott ſich der Zertretenen erbarmt. Und er, der am Kreuze ſtarb, erwiederte der Prieſter leiſe ſtrafend, er ſagte: Dein Wille geſchehe, mein Vater! Seinen Geiſt, den kein irdiſches Leid antaſten konnte, gab er in die Hände Gottes. Otho warf ſich heftig auf ſeinem Lager. Ich bin kein Heiliger und kein Märtyrer, rief er aus. Ich widerſetze mich dem Leid, das mir geſchieht, ſo lange ich es vermag, halte nicht meine linke Wange hin, wenn meine rechte einen Streich erhalten hat. Und was, mein liebes Kind, ſuhr Jönsſon in ſeiner Milde fort, was hat dies trotzige Selbſtvertrauen Ihnen geholfen? Ich weiß es wohl wie menſchliche Kraft und Stärke aufſchreit gegen die Hand des Herrn, wie unbändiger Sinn ſich nicht beugen will vor dem Gewal⸗ tigen, den kein Flehen und kein Wüthen rührt, wenn er ſeinen Willen vollzieht. Kann nichts ihn rühren, wie Sie ſagen, antwortete Otho, dann wahrlich müſſen wir um ſo mehr ſuchen uns ſelbſt zu helfen. Und wo wäre denn Hilfe anders als bei ihm? verſetzte der Greis demüthig; wo wäre Troſt im Unglück, als in ſeinem Glauben. 2 ver. lest, ben, viele Gott fend, kein Greis 463 Mein Troſt, fiel der Kranke ein, iſt der, gethan zu haben was ich vermochte, und dieſen Troſt will ich feſt halten, ſo lange ich lebe. Ihr Gemüth, mein junger Freund, erwiederte Jönsſon, iſt erbit⸗ tert über den Unfall, den ſie erlitten, dennoch haben Sie mehr Urſach als viele Menſchen, um mit tiefer Dankbarkeit den Herrn zu preiſen. Ihr Boot zertrümmerte dicht an dieſer Inſel, es gelang Ihnen, auf eine Eisſcholle zu ſpringen und ſich darauf zu erhalten. Die Wogen ſchleuderten dies Eisſtück gerade in die Bucht, wäre es ſeitwärts an eine der Klippen gerathen, ſo würde es zermalmt worden ſein. Ich aber mußte bei Ihrer größten Noth an ein Fenſter treten und ſehen, wie Sie Ihr Geſchoß abfeuerten, und eine göttliche Stimme rief mir zu hinabzueilen, damit ich im rechten Augenblick Ihnen Beiſtand zu leiſten vermöchte. Das haben Sie gethan, ehrwürdiger Herr, das danke ich Ihnen! fiel Otho ein, doch ach! was iſt vereitelt durch dieſen unſeligen Schiff⸗ bruch. Warum mußte es geſchehen, um Unheil zu beſtärken.. Mein liebes Kind, ſagte der Greis, ich habe noch nicht gefragt, was Sie zu dem gefahrvollen Unternehmen trieb, Sie haben mir nichts anvertraut. Aus Ihren Aeußerungen während Ihrer Krankheit ver⸗ nahm ich jedoch ſo viel, daß Sie ein Offizier im königlichen Heere ſein müſſen, der mit wichtiger Botſchaft nach Stockholm geſchickt wurde. Dieſe Botſchaft iſt ſo wichtig, antwortete Otho beunruhigt, daß des Königs Heil und meines Vaterlandes Zukunft davon abhängt. Was kann ich jetzt thun? Was ſoll ich beginnen, um meine Sendung zu erfüllen? Auf Gott vertrauen! antwortete der Prieſter. Wenn es ſein Wille iſt, daß Ihr Werk glücken ſoll, ſo wird es geſchehen trotz aller Noth und Schrecken; wäre Er dagegen, was hülfe es Ihnen, wären Sie auch mit den Flügeln des Adlers ausgerüſtet? Ach! rief Otho den Kopf ſchüttelnd, ich bewundere Ihren ſtarken Glauben, mein Vater, aber was hilft mir Troſt, der mich nicht heilt und über das eiſige Meer ſchafft. Ich bin dem Tode entronnen, doch wenig beſſer daran. Undankbarer Mann, lächelte der gute Pfarrer; ſelbſt die Engel iſſen nicht, was des Meiſters Weisheit bezweckt, aber ſie find gehor⸗ 5 464 ſaun ſeinen Befehlen und das ſollen Sie auch ſein. Er hat Sie errettet und hierher geführt, auch weiter wird Er helfen und wenn ich nicht zu ſagen vermag warum es geſchehen iſt, ſo zweifle ich doch nicht daran, Er hatte ſeine Zwecke dabei und ſicher war es das Beſte und Heilſamſte, das Sie erfahren konnten. Otho war von der frommen Zuverſicht des greiſen Mannes ge⸗ rührt, und obwohl er anderer Meinung blieb, mochte er doch nicht. länger widerſprechen. Die ehrwürdigen Mienen des Greiſes drückten ſeine innige Ueberzeugung aus, in ſeinen Augen ſchimmerte die in⸗ brünſtige Wahrheit, mit welcher ſeine Seele gefüllt war, und liebevoll warnend und bekehrend ſchaute er den Zweifler mit der treuen Sorg⸗ falt eines Vaters an. Während der folgenden Tage und bis Otho endlich aufſtand und ſeine wiederkehrenden Kräfte zu gebrauchen ſuchte, wurden dieſe Ge⸗ ſpräche häufig fortgeſetzt, und ſie hatten nicht ſelten daſſelbe Ziel und Ende, wie das ſo eben erwähnte. Die Ungeduld des jungen Mannes ließ ſich nicht durch die Hinweiſungen auf die Weisheit ſeines Schöpfers ſo leicht unterdrücken; er war nicht aus dem Thon gemacht, der ſich geſchmeidig biegen und kneten läßt, und je ſtärker er ſich fühlte, je raſcher ſein Blut wallte, um ſo heftiger wurde ſein Verlangen, dieſe Hütte und dies eisbedeckte Eiland zu verlaſſen. Dazu zeigte ſich jedoch noch immer keine Möglichkeit. Aus den Fenſtern des hochliegenden Hauſes konnte Otho weit über das Meer blicken, und wohin immer das Auge reichte, nirgend war eine Bewegung zu bemerken. Der alte Pfarrer beſaß unter den wenigen Habſeligkeiten, die er ſein Eigenthum nannte, doch etwas Seltenes, nämlich einen guten Thermometer, und in dieſem war das Queckſilber einige Tage lang bis auf dreißig Grad geſunken. Bei ſolcher grauſamen Kälte, die ſelbſt auf dieſen Inſeln nicht allzu⸗ häufig iſt, zweifelte doch Jönsſon nicht mehr, daß der ganze Meerbuſen feſt zugefroren ſei, allein damit war noch nicht die Abreiſe nahe. Schneemaſſen hatten ſich auf dem Eiſe gelagert. Hier waren ſie vom Winde zuſammengehäuft, dort kahl abgefegt und wie Berge und Thä⸗ ler konnte man dieſe endloſen Hügelketten verfolgen, die mit jedem Sturme ſich veränderten. Dies war jedoch nicht die einzige Schwit⸗ rigte/ welche ſich einem verwegenen Wanderer entgegenſtellte, weit — 465— ſchlimmer war das Eis ſelbſt, wo es unbedeckt lag. Der Spiegel des Meeres friert nicht ſo glatt wie ein Teich oder Fluß, ſondern ſeine Oberfläche wird von Schollen, Blöcken und Eisfeldern bedeckt, die wild durcheinander geſchüttelt, zerbrochen, zerborſten und über einander ge⸗ ſchleudert, ſo lange ſich bekämpfen und gegen einander aufbäumen, bis ſie endlich mitten in ihrer Arbeit erſtarren. Die rollende Woge ver⸗ liert ihre Macht vor der vernichtenden Kälte der Luft. Das vorquil⸗ lende Waſſer wird der Kitt, um das krachende in Eis verwandelte Ele⸗ ment zuſammenzuleimen, und keine Gewalt vermag es dann, die Schol⸗ len und Blöcke wieder zu trennen. Aber hoch und ſpitz, mit ſcharfen Kannten, ein Gewirr von mächtigen Scherben, bilden ſie dann eine Brücke, auf der das Fortkommen faſt unmöglich iſt. Die feſteſte Sohle iſt bald zerſchnitten, der beſte Fuß kann nicht darauf ausdauern, der kräf⸗ tigſte Mann ermüdet an dieſen Klippen und Untiefen. Nur wenn der Schnee hart wird und feſtfriert, bilden die Schlittenzüge der Inſelbe⸗ wohner nach und nach eine Straße. Harte kühne Männer bahnen ſich dann Wege durch dieſe Eiswüſte, welche ſie in Nacht und Nebel zu finden wiſſen; doch daran war jetzt noch nicht zu denken. Ingrimmig blickte Otho jeden Morgen auf die funkelnden chaotiſchen Spitzen und Trümmer und hörte zornig die Erklärungen ſeines alten Freundes an, welche ſchreckend genug lauteten. Es iſt nicht ſelten, daß auch der Kun⸗ digſte verunglückt und ehe der Geneſende nicht vollkommen hergeſtellt war und in ſicherer Begleitung die Reiſe machen konnte, wäre es Thorheit geweſen, dieſe zu beginnen. Die Bewohner der benachbarten Inſeln brachten gern ihr Holz und ihre getrockneten Fiſche nach der ſchwediſchen Hauptſtadt und zögerten gewiß nicht damit, ſobald es ihnen thunlich ſchien; bis dahin ſollte Otho ſich gedulden, und er wußte, daß er nicht anders konnte, er fühlte auch, daß er großen Anſtrengungen noch nicht gewachſen ſei. So widerſtrebend die Naturen der beiden Männer waren und ſo verſchieden ihr Weſen und ihr Sinnen— der Eine faſt an der äußerſten Grenze des menſchlichen Daſeins, der Andere jung an Jahren, Dieſer mild geſinnt, demüthig, fromm und gütig, der Andere ſtolz, feurig und leidenſchaftlich— ſo wurden ſie doch bald durch zärtliche Freundſchaft vereinigt. Nie hatte Otho einen Greis geſehen, der die Eheſurh und D. B. IX, Erich Randal, v. Th. Mügge. —— 466— Liebe, welche ihm gezollt wurde, ſo ſehr verdiente. Immer bereit, immer opferfreudig und ſich ſelbſt vergeſſend, war ſein ganzes Daſein dem Wohlthun gewidmet, und wie Otho ſelbſt ihm ſein Leben dankte, ſo fand er bald, daß es kaum Einen unter allen ſeinen Nachbarn gab, der ihm viel weniger ſchuldete. Als die Kanäle zwiſchen den Inſeln zufroren, kamen von vielen der felſigen Landſtückchen in der wilden See Männer und Frauen, um bei ihrem unermüdlichem Freund Rath und Hilfe zu holen. Bald waren es Krankheiten, in denen er Bei⸗ ſtand leiſten ſollte, bald waren es häusliche Sorgen, Zwiſtigkeiten in den Familien oder die bittre Noth des Lebens. In dem ſchlechten kalten Sommer waren Buchweizen, Hafer und Gerſte, die gewöhnlichen Nahrungsmittel, nicht zum beſten gerathen und damals war der Kar⸗ toffelanbau noch überall gering. Doch Keiner ging ungetröſtet und hilflos von des guten Pfarrers Thür. Er theilte aus und brach ſein Brod mit Allen, die hungrig kamen, und als ſeine Vorräthe zu Ende gingen, als Karin gar zu ſehr ſchalt und die Reſte feſthielt, da gab Otho einige Goldſtücke aus ſeinem geretteten Beutel und Jönsſon hielt eine Verſammlung in der Kirche und bewog Manchen dort, etwas von ſeinem Winterbedarf herzugeben, kaufte von Anderen für Otho's Geld ein und fürchtete nicht Eis, nicht grimmige Kälte, um die Hungern⸗ den zu ſpeiſen und die Darbenden zu erquicken. Seit dieſer Zeit war das Verhältniß des Jünglings zu ſeinem alten Pfleger noch inniger geworden. Dieſer hatte den Fremoling lieb gewonnen, als gehöre er zu ihm. Er empfand Freude bei ſeinem An⸗ blick, Freude über den edlen Geiſt, der aus ihm ſprach, Freude noch mehr über die Herzensgüte, welche, trotz aller ſtolzen und heftigen Worte, aus ſeinen Handlungen leuchtete. Otho hatte ihm mitgetheilt, daß er ein Finne ſei, ihm auch ſeinen Namen genannt und ihm einige allge⸗ meine Kenntniß über ſich gegeben; allein, da er den Pfarrer, in Be⸗ treff ſeines Offizierranges, bei deſſen Annahme ließ, und über die Ge⸗ heimniſſe ſeiner Sendung ihm nichts offenbarte, ſo blieben ſeine Mit⸗ theilungen doch immer lückenhaft und wurden abſichtlich von ihm ſo viel als möglich vermieden. Jönsſon bemerkte recht gut, in welche Unruhe ſein Gaſt gerieth, ſobald eine Frage deſſen Vergangenheit be⸗ rührte. Er ſah deutlich, daß Otho nicht darüber ſprechen wollte, daß bereit, Daſein dankte, n gab, Inſeln wilden d Rath r Bei⸗ eiten in Hlechten nlichen er Kar⸗ jet und ich ſein u Ende da gab n hielt as von 3 Geld ungern⸗ ſeinem ng lieb n An⸗ de noch Worke, daß er e allge⸗ 4 A — 4672— es ihm Qual machte ausgeforſcht zu werden, und er vermied es ſchon nach den erſten Tagen. Ebenſo zögerte er, nach Ebba zu forſchen und ihm mitzutheilen, was hier in dieſer Stuga und in der kleinen Strand⸗ kirche ſich begeben, denn als zufällig einmal der Name Ebba genannt wurde, ſah er, wie eine plötzliche Glut Otho's Geſicht bedeckte, und dann wurde dies finſter und ſtill, und es dauerte einige Zeit, ehe der Eindruck überwunden war. Ah! ſagte der alte Mann ſeufzend zu ſich ſelbſt, er muß vielen tiefen Herzenskummer um dies ſtolze Mädchen leiden. Die Krankheit hat ſeine Reizbarkeit erhöht und ehe ſeine Ner⸗ ven ſich nicht wieder kräftigen, werde ich ihm nichts von ihr erzählen, nicht nach ihr fragen, ſie nicht rühmen, was ich doch thun müßte, wenn ich von ihr ſpräche. Nach einigen Wochen endlich war Otho im Stande, ſich in guten Stunden hinaus zu wagen und die Klippen zu beſteigen, von denen aus er die unermeßlichen Eiswälle des Meeres beſſer überblicken konnte, aber dieſer Anblick vermehrte ſeine Unruhe. Als er von einem dieſer Spaziergänge zurückkehrte mit der Gewißheit, daß er noch immer warten müſſe, ſetzte er ſich trübſinnig an dem Herde nieder, wo ihn Jönsſon ein Weilchen betrachtete, ehe er ihn anredete. Der Feuerſchein, der das Geſicht des jungen Mannes beleuchtete, zeigte deutlich, welche verſchiedene Empfindungen ihn beherrſchten. Der Ausdruck von Kraft und Kühnheit in ſeinen Zügen verdoppelte ſich zuweilen und mit Aufmerkſamkeit und großer Theilnahme ſah der Greis die zornige und heftige Beweglichkeit in ſeine Mienen, mit noch größerer Theilnahme aber den Kummer und die Traurigkeit, welche häufig damit wechſelten. Er blickte liebevoll zu ihm hin und näherte ſich ihm endlich, indem er tröſtend zu ihm ſprach. Bald, ſagte er, werden Ihre Prüfungen ein Ende nehmen, mein lieber junger Freund, denn jeden Tag hoffe ich Nachricht zu erhalten, daß die Schlittenreiſen über das Eis begonnen haben. Dann werden Sie mich verlaſſen und mit Gottes Hilfe erfüllen, was Ihnen aufgegeben wurde. Ich wollte, erwiederte Otho, daß ich mich nicht von Ihnen trennen müßte. Das müſſen Sie, mein Kind, antwortete der gute Pfarrer. Was wollten Sie auch mit Ihrer Jugendluſt und Ihrer Sehnſucht auf dieſem ärmlichen Stückchen Erde beginnen? 8 f 30* — 468 Könnte ich nicht auch hier mein Feld beſtellen, meine Netze werfen, mein Boot lenken und in meiner Hütte in Frieden ſchlafen? ſagte Otho mit dem Ausdruck der Unzufriedenheit mit ſich und ſeinem Looſe. 3 Das könnten Sie, wenn Sie dazu geboren wären, verſetzte der Greis ſanftmüthig; da dies aber nicht der Fall iſt, würden Sie weit mehr noch mit dem Willen Gottes hadern, als Sie es jetzt ſchon thun. Ein ſo ſtolzer, von dem Ehrgeiz und dem Drange nach dem wechſel⸗ vollen Glück dieſer Welt beherrſchter Mann, wie Sie, mein junger Freund, fügte er dann lächelnd hinzu, kann nicht in dem Frieden einer Hütte gedeihen. Er muß hinaus in das Getümmel des Lebens, muß nach deſſen Schätzen ringen, mit deſſen Leiden und Freuden kämpfen. Schon nach wenigen Wochen ſehnen Sie ſich fort von hier, und wie bald werden Sie den alten, müden Pfarrer vergeſſen haben. Glauben Sie, daß ich das jemals könnte? fragte Otho, ſeine Augen aufhebend und ſeine Hände ausſtreckend. Nein, mein Kind, nein! antwortete Jönsſon mit Innigkeit. Sie werden mich nicht vergeſſen, ſo wenig, wie ich ſelbſt dies vermöchte. Vielleicht ſogar werden Tage kommen, wo dieſe arme Hütte Ihre Sehnſucht erregen wird. O! das wird ſie, rief Otho aus. Denn ich fühle es ſchon jetzt. Zuweilen iſt mir ſo heimiſch hier, als könnte ich immer bleiben, oder als hätte meine Mutter mir eine wunderbare Geſchichte von ihr und dem ehrwürdigen Greis erzählt, der darin wohnt und den auch ſie ge⸗ liebt hat. Vielleicht, antwortete Jönsſon ſanftmüthig lächelnd, hat wirklich ſchon eine Stimme zu Ihnen von dem armen alten Gottesdiener ge⸗ ſprochen. In meinen Träumen vielleicht, wenn dieſe mir das patriarchaliſche Glück eines guten Menſchen malten, deſſen ganzes Weſen Liebe und Frieden iſt, ſagte Otho. Vor wenigen Monaten, fuhr der Greis fort, ſaß an derſelben Stelle, auf demſelben Stuhle, auf dem Sie jetzt ſitzen, eine junge edle Dame, die, ſo ſtolz und hochgeartet ſie war, dennoch ein warmes gütiges Herz beſaß, das mir viele Theilnahme ſchenkte. Sie kam mit ihre verfen, ſagte einem te der weit thun. echſel⸗ zunger einer „muß mnpfen. d wie Augen Sie öchte. Ihre jetzt. „oder r und e ge⸗ irklich er ge⸗ aliſce e und nſelben zunge armes m mit ¼ 1 469 ihren Freunden von Schweden herüber, um in Finnland Berwandte zu beſuchen. Ich denke ihrer mit Liebe und Segen. Eine Dame war hier? fragte Otho. Wiſſen Sie ihren Namen? Ja, erwiederte Jönsſon. Sie nannte ſich Ebba Bungen. Wie ich glaube, iſt ſie Ihnen nicht unbekannt. Ebba! rief Otho von einer jähen Röthe übergoſſen. Sie haben Recht, ich kenne ſie, fügte er ruhiger hinzu, doch niemals hat ſie ihren Beſuch auf dieſer Inſel erwähnt. Weder ſie noch ihr Bruder, noch ein Anderer, der zugegen geweſen ſein muß. Dann haben ſie Alle ihre Verſprechen treu gehalten, Niemanden von dem, was ſie hier erlebten, etwas mitzutheilen, erwiederte der Pfarrer. Und was gab es denn ſo Geheimnißvolles? Warum gelobten ſie ſich Verſchwiegenheit? Sie kamen hieher, erwiederte Jönsſon, weil ihr Boot von ſeinem Wege abgekommen war, und als die junge Dame mir entgegentrat, erſchrack ich vor ihrem Anblick, daß ich zitterte. Nun, lächelte Otho, zum Erſchrecken ſieht meine Muhme Ebba nicht aus. Es iſt ein edles Gebild! So ſchön und lieblich, wie Gottes Huld wenige ſeiner Geſchöpfe ſchmückt. Otho ſchwieg einige Augenblicke, während er vor ſich hin in das Feuer blickte. Was konnte Sie alſo zum Zittern vor einem Mädchen bringen, das allen Augen gefällt? fragte er, als Jönsſon nicht wei⸗ ter ſprach. Das iſt eine lange, wunderliche Geſchichte. Ich glaubte eine Er⸗ ſcheinung zu erblicken, die aus dem Grabe kommend mich aufſuchte. Doch der Herr ſchickte mir dieſe lieben Gäſte zu, um eine große Laſt von mir zu nehmen. Ebba trug dazu bei? Ihr verdanke ich, daß mein Schlaf nicht mehr beängſtigt wird, und meine einſamen Stunden ſich nicht länger mit ſchrecklichen Er⸗ innerungen füllen. Voll feuriger Liebe für das Gerechte rief ſie ihre — 470— Begleiter auf, nicht eher von dannen zu gehen, bis die Wahrheit er⸗ forſcht ſei. Sie ſetzen mich in Erſtaunen, ſagte Otho. Auch Serbinoff hat mir von dieſen Vorfällen niemals etwas mitgetheilt. Der ruſſiſche Graf ſchien mit dem Herrn Baron in inniger Freund⸗ ſchaft zu ſein und aus einigen Aeußerungen glaubte ich annehmen zu können, daß die junge Dame ein Herzensbündniß mit ihm ge⸗ ſchloſſen habe. Darin irren Sie! antwortete Otho lebhaft, indem ſein Geſicht ſich von Neuem röthete. Das erfreut mich, verſetzte Jönsſon. Gerne will ich es glauben, denn dieſer ruſſiſche Herr, obwohl ſicher von großer Klugheit und herr⸗ lich anzuſchauen, jagte mir Furcht ein, wenn ich daran dachte, er könne dieſen Schatz rauben und verderben. Sie urtheilen hart über ihn. Serbinoff iſt mein Freund; ein edler trefflicher Mann, den ich ſehr hoch ſchätze. Thun Sie das? ſagte der gute Pfarrer ſanftmüthig. Iſt er Ihr Freund und Sie haben ihn erprobt? O! dann zürnen Sie nicht auf mich, mein liebes Kind. Ich bin ein unerfahrener Greis, deſſen Leben unter ſchlichten Menſchen vergangen iſt und welcher immer nur nach den Eindrücken urtheilte, die ſein Herz empfing. Die Fehler und Schwächen meiner armen und unwiſſenden Nachbarn erregen mein Be⸗ dauern und den Wunſch, beſſere Einſicht, Liebe und Erkenntniß des Guten bei ihnen zu wecken; ein ſolcher vornehmer Herr aber, der klüger und einſichtiger iſt als ich es bin, erſchreckt mich, wenn ich be⸗ merke, daß ihm die Milde des Herzens fehlt. Es iſt wohl nicht der Fall, fuhr er ſchüchtern ſort, ich täuſche mich durch meine geringe Bekanntſchaft mit der Welt, in welcher die Schärfe des Verſtandes am meiſten gilt und gelten muß, aber wir ſind doch Weſen, die von Gott ein geheimes Fühlen erhalten haben, daß wir die erkennen, die zu unsegehören. Die Stimme in unſerm Herzen, fuhr er ſauftmüthig lächelnd fort, iſt Gottes Stimme und ſie ſprach zu mir, als ich Sie erblickte, mein lieber junger Freund. Als ich zuerſt in Ihr blaſſes Angeſicht ſah, fühlte lich, daß ein verwandtes Weſen bei mir ſei; ff hat reund⸗ nehmen hm ge⸗ ſicht ſich glauben, d herr⸗ r könne nd; ein er Ihr icht auf en Leben ur nach ler und ein Be⸗ niß des er, der ich be⸗ nicht der geringe erſtandes die von nen, die ftmüthig. ich Sit f blaſſts mir ſe — 471—. daſſelbe Gefühl empfand ich bei dem Anblicke des edlen Fräuleins, ſobald mein Erſchrecken ſich verloren hatte. Warum aber erſchracken Sie? fragte Otho, und was geſchah hier? Darf ich es nicht wiſſen? Sie ſollen es wiſſen, antwortete Jönsſon. Setzen Sie ſich her zu mir, ich will Ihnen nichts verſchweigen. Und er legte Otho's Rechte in ſeine Hände und lächelte ihm freundlich zu. Sie werden nicht lachen und ſpotten über die Noth, welche mich viele Jahre lang gequält hat, ſagte er, auch nicht darüber lachen, daß es mir noch jetzt zuweilen vorkömmt, als habe das grauenvolle Ereigniß dennoch Statt gefunden, wie ich es geſehen, und die klugen Auslegungen der edlen Herren ſeien falſch. Was es auch ſein mag, verſetzte Otho, ich werde nicht über etwas ſpotten, das den ängſtigen konnte, den ich von ganzem Herzen liebe und verehre. Jönsſon drückte ihm dankbar die Hand, dann begann er ſeine Ge⸗ ſchichte faſt in derſelben Weiſe, wie er ſie in jener Nacht Ebba und ihren Freunden mittheilte, und mit wachſender Theilnahme hörte Otho zu, ohne durch eine Frage den Pfarrer zu unterbrechen. Von Zeit zu Zeit aber wuchs das Erſtaunen in ſeinen Mienen und ſeine Augen hefteten ſich ausdrucksvoll an die Lippen des alten Mannes. Eine dunkle Röthe bedeckte ſeine Stirn und endlich ſtützte er ſeinen Kopf in beide Hände und ſchien in Nachdenken zu verſinken. Erſt als Jönsſon erwähnte, wie er den Handſchuh im Kirchſtuhl entdeckt, der ihm beſtätigte, daß er nicht geträumt, fuhr Otho auf und fragte haſtig, wo dieſer Handſchuh ſei? Als ein Andenken, ſagte der Pfarrer, hat ihn das Fräulein mit⸗ genommen. Sie allein zweifelte an der Wahrheit unſerer Entdeckung und auch mir drängte ſich viel Widerſtrebendes auf. All zu gewiß wußte ich, daß ich dieſe angſterfüllten Menſchen wirklich ſah, und un⸗ glaublich ſchien es mir, daß dies Alles nichts geweſen ſein ſollte, als ein Poſſenſpiel. Dennoch muß es wohl ſo ſein, fügte er leiſer hinzu, denn der Inhalt der Gruſt läßt keine andere Deutung zu. Wer kann das wiſſen? rief Otho. Wie ſah der Handſchuh aus? War er weiß? 472 Es war ein weißer, langer Handſchuh von ſehr feiner Art. Mit Silberfäden geſtickt, welche Schlangenlinien und Kreuze bildeten? So war es in der That, ſagte Jönsſon. Am oberen Ende mit weißem Pelz beſetzt? Damit war er beſetzt. B3 er gehörte zur linken Hand. Sie haben den Handſchuh alſo doch ſchon geſehen, mein Kind? Nein! ſagte Otho, dieſen nicht, aber den andern, der zu dem Paare gehört, den habe ich geſehen. Mein Gott! wie kann das ſein, wo iſt hier der Zuſammenhang! Sehen Sie mich an, Herr Jönsſon. Bin ich dem Manne ähnlich, den Sie damals ſahen? Erinnern Sie ſich ſeiner nicht mehr? Sagen Sie mir die Wahrheit! Beruhigen Sie ſich, antwortete der Greis, erſchrocken über ſeines Gaſtes Heftigkeit. Wenn ich Sie anblicke, eben jetzt, wo Ihre Augen rollen, Ihre Stirn ſo düſterfaltig ſich zuſammenzieht, ſo könnte ich glauben, es wäre wahr, was mich ſchon öfter überkommen. Doch, wie ließe ſich das erklären? Wer ſollte jener unglückliche Mann ge⸗ weſen ſein? Mein Vater! erwiederte Otho aus tiefer Bruſt. Ihr Vater! verſetzte der Pfarrer ungläubig und verwirrt; was bringt Sie auf ſolche Muthmaßung? Welche Schickſale hätten Ihren Vater in dieſe Lage gebracht? Otho blickte ins Feuer ohne zu antworten. Jönsſon nahm theil⸗ nehmend ſeine Hand, er war beunruhigt über die Einbildung ſeines Freundes, die er für gefährlich und für Folge ſeiner Krankheit hielt. Wir dürfen uns nicht von unſerer lebhaften Theilnahme täuſchen laſſen, ſagte er. Sie ſind ſehr aufgeregt, ruhen Sie aus. Ihr Puls ſchlägt ſo ſieberhaft, daß ich beſorgt werde. Beſorgen Sie nichts, erwiederte der junge Mann, ich bin voll⸗ kommen geſund und weiß genau was ich ſage. Aber ich wiederhole Ihnen, daß ich den Handſchuh, der zu dem von Ihnen gefundenen paßt, geſehen habe, und ich fürchte, mein Vater und meine Mutter waren die Unglücklichen, deren Ehe Sie einſegneten. Kreuze ind? zu dem as ſein, önsſon. ern Sie ſeines Augen nte ich Doch, mn ge⸗ ; was Ihren theil⸗ ſeines thielt. laſſen, ſchägt n voll⸗ derhole ndenen Mutter — 473— Er ſprach mit ſolcher Ueberzeugung, daß der Pfarrer ihm Glau⸗ ben ſchenken mußte. Prüfend blickte er ihn an und ſeine Hände faltend rief er aus: Wenn Gottes Wille es ſo gefügt hätte, daß er Sie hieher leitete durch Nacht und Tod, um dies Geheimniß zu löſen, wer möchte dann noch an ſeiner Allmacht zweifeln? Aber ſagen Sie mir, was Sie zu dieſer Vermuthung bewegt? und was dieſe unterſtützen und rechtfertigen kann? Ebba, erwiederte Otho, ſoll meiner Mutter ungewöhnlich ähnlich ſehen, als dieſe jung war. So ſagt Lars Normark und daſſelbe habe ich von einem Verwandten, von Samuel Halſet, gehört. Was den Handſchuh aber betrifft, von dem ich ſpreche, ſo befand ſich derſelbe im Beſitz meiner Mutter. Als ich noch ein Knabe war, blieb ich einſt allein in ihrem Zimmer und zog an ihrem Schreibſpind ei⸗ nen Kaſten auf, hinter welchem ein anderer verborgen iſt. Als ſich dieſer öffnete, weil ich zufällig die Feder entdeckt, durch welche er auf⸗ ſprang, fand ich einen Handſchuh darin, den ich auf meine rechte Hand ſtreifte und neugierig betrachtete.— Er war mit Silberfäden ſchön geſtickt, oben mit Pelz verbrämt, und noch beſchäftigte ich mich damit, als meine Mutter mich überraſchte. Ich fragte ſie, ob der Handſchuh, den ich nie geſehen, ihr gehöre und wo der andere ſei? Er iſt mein, antwortete ſie, indem ſie mich küßte, der andere iſt ver⸗ loren, Gott weiß wo. Lege ihn fort, ich mag ihn nicht ſehen, und doch möchte ich ihn nicht miſſen.— Das ſagte meine Mutter und nachdem ſie den Handſchuh einige Minuten lang betrachtet hatte, war es, als ſchaudre ſie davor. Mit einer heftigen Bewegung warf ſie ihn in den Kaſten und verbot mir, dieſen jemals wieder zu öffnen. Und was wiſſen Sie mehr? fragte Jönsſon, als Otho ſchwieg. Mehr weiß ich nicht, aber dieſer Handſchuh iſt noch vorhanden und kein Zweifel, daß er zu jenem gehört. Mein liebes Kind, verſetzte der gute Pfarrer bedenklich, wie ſollte ich darüber entſcheiden können? Allein wenn es auch wirklich ſo wäre— es wäre ſeltſam, allerdings, doch noch immer nicht bewieſen, daß Ihre Mutter, Ihr Vater— daß dieſe beide Ihnen theure Menſchen die⸗ jenigen geweſen ſein müſſen, welche ich in den Händen grauſamer Feinde fand. Vielleicht erinnern Sie ſich noch anderer Umſtände, fuhr 474 er fort, ais Otho eine ungeduldige Bewegung machte, welche Ihre Muthmaßungen beſſer unterſtützen. Waren die Lebensverhältniſſe Ihrer Eltern der Art, daß Sie denken könnten, es ſei möglich, daß Haß und Rache, ein mächtiger, unmenſchlicher Feind, ſie bis hieher ver⸗ folgten? Ich weiß von den früheren Lebensverhältniſſen meiner Eltern gar nichts, erwiederte Otho. Sie wiſſen nichts? Nein. Ich weiß nur, daß nach dem Tode meiner Mutter, bei der Ordnung der Hinterlaſſe nſchaft, ſich ergab, daß die Trauung meiner Eltern nicht in Halljala ſtattgefunden hat.— Im Kirchenbuche war nichts darüber zu finden und weitere Forſchungen bewieſen, daß meine Eltern verheirathet nach Halljala kamen. Wo die Trauung vollzogen wurde, ließ ſich nicht entdecken. Es iſt kein Trauſchein darüber vor⸗ handen. Kein Trauſchein? antwortete der Pfarrer Das iſt nicht gut, da es Fälle geben kann, wo der Beweis rechtmäßi ger Geburt nöthig wird. Ich hoffe nicht, daß man dieſe jemals antaſtet, ſagte Otho ſtolz, aber Sie ſehen, wie durch dieſe Thatſache meine Vermuthungen ſich vermehren müſſen. Wo lebte Ihr Vater, ſagte der Greis nachdenkend, und in welchem Jahre war es, als er nach Finnland kam? Ich vermuthe, daß er meine Mutter in Stockholm kennen lernte und wahrſcheinlich kam er von dort mit ihr nach Halljala. Es iſt gewiß, daß er längere Zeit ſich in Stockholm aufhielt, da er im Heere des Königs Anſtellung ſuchte. Allein er verließ Schweden, nachdem Guſtav der Dritte ſeine königliche Macht gewaltthätig erweiterte und ſeit dieſer Zeit, ſeit dem Jahre 1773, wohnte er am Pajäneſee. Was Sie ſagen, beängſtigt mich! In jener Zeit war es, wo ge⸗ ſchah, was ich Ihnen erzählte, und dennoch— wer könnte es gewagt haben, Ihren Vater und ſeine edle Braut ſo grauſam zu verfolgen? Ach! mein liebes Kind, ich weiß nicht, was ich dünuben was ich Ihnen rathen ſoll. he Ihre ſe Ihrer aß Haß er ver⸗ ern gar bei der meiner he war meine ollzogen er vor⸗ ut, da nöthig o ſtolz, gen ſch velchem lernte Es iſt Heere achdem te und e. wo gk⸗ gewagt olgen? Ihnen — 475— Auf jeden Fall will ich verſuchen, in Stockholm etwas über meines Vaters Schickſale zu entdecken. In Stockholm, ja gewiß in Stockholm! rief der alte Mann er⸗ freut über dieſen Ausweg. Sie werden dort Menſchen finden, die ihn gekannt haben und von ihm zu erzählen wiſſen. Ich kenne Niemand, ſagte Otho, weiß nicht an wen ich mich wen⸗ den ſoll. Warten Sie, warten Sie, erwiederte Jönsſon, mir fällt etwas ein, was Ihnen nützlich ſein kann. Freilich bin auch ich gänzlich unbekannt in der großen Stadt, doch zur Zeit, als der Kirchentag in Abo ge⸗ halten wurde, lernte ich einen jungen Offizier dort kennen, der vielen guten Sinn hatte ſich zu belehren, und dem ich Alles mittheilte, was ich ſelbſt über finniſche Geſchichte und Poeſie wußte. Wir wohnten in demſelben Hauſe und haben manchen Abend beiſammen geſeſſen. Seit jener Zeit ſah ich ihn nicht wieder, allein vor einiger Zeit las ich in der Reichszeitung vom Jahre 1805, die der gute Mann, der Krämer aus Sartingo, mir zuſchickte, daß mein junger Freund, o! damals war er jung— in Stockholm wohnt, wo er eine Zeitung ſchreibt, denn er hat das Soldatenkleid abgelegt. Wie iſt ſein Name? fragte Otho. Er heißt Jöran Adlerſparre, antwortete Jönsſon. Es ſtand in dem Blatte, daß die Regierung die Zeitung nicht länger dulden wolle und der Hofkanzler Zibet ſie verboten habe, denn der Rittmeiſter Adlerſparre ſei ſeit dem Reichstage von Norköping immer ein Feind der Regierung geweſen. Ich will ihn aufſuchen, ſagte Otho. Vielleicht hilft er mir mein Wild jagen. Wollen Sie mir einen Brief an ihn mitgeben? Gerne will ich es thun, herzlich gerne, mein liebes Kind. Jöran Adlerſparre hatte ein warmes, edles Herz; er wird Ihnen beiſtehen, ſo viel er immer vermag. 8 Und wenn es möglich iſt, will ich die Wahrheit herausbringen. Ich will wiſſen, ob mein Vater der Verfolgte war und wer ihn mißhandelte. Freudig und bereit ſollen wir zu allem Rechten und Guten ſein in jeder Stunde, erwiederte der Greis ſanftmüthig, doch die Liebe nicht vergeſſen. — 476— Die Liebe nicht vergeſſen! rief Otho. Was habe ich mit der Liebe zu ſchaffen, ich muß für andere Dinge leben. Aber, was iſt das? fuhr er fort, indem er aufſtand und an ein Fenſter eilte. So wahr ich lebe! Die Schlittenzüge haben begonnen. Das Geſchrei mehrerer Menſchen, ſchallte vom Meere herauf und unter den Klippen bewegte ſich ein Schlittenzug, bepackt mit Heu, Holz und allerlei Waaren, geführt von rüſtigen finniſchen Fiſchern und Bauern, welche beſchäftigt waren, ein Feuer auf dem Eiſe anzuzünden und dabei zu raſten. Ich will mit ihnen ſprechen, ich will ſie begleiten, ſagte Otho voller Freude, indem er hinaus eilte, und der alte Pfarrer faltete ſeine Hände und flüſterte traurig: Es muß ſo ſein, denn wer kann die Wolke halten, die über den Himmel zieht, wer den Jüngling, den ſein feuriges Herz in das ſtürmiſche Lebensmeer treibt?! Wende dich nicht von ihm, o Herr!— Schütze ihn und mache ihn glücklich! fügte er mild lächelnd hinzu, wenn auch mein Auge ihn nimmer wieder ſieht. Bweites Kapitel. — Und es weiß kein Menſch, was aus ihm geworden iſt, ſagte die Haushälterin im Schloß Halljala, Frau Ulla, zu dem Propſt Ridder⸗ ſtern, der vor ihr ſtand in ſeinen weiten„koſtbaren Pelz gehüllt. Es geht Alles verkehrt jetzt in der Welt zu, hochwürdiger Herr, denn hat man je gehört, daß es im März ſo kalt war, wie in dieſem Jahre? Die Bäume erfrieren bis in die Wurzeln, die Vögel fallen todt aus der Luft. Birnen und Aepfel wird man im nächſten Herbſt gewiß zählen können, und wie es mit der Ernte werden ſoll, weiß Gott allein⸗ Lars Normark ſagt, es wird werden wie 1789, wo kein Halm fortkam und die Gewäſſer brachen ſich neue Wege, ſchwemmten das Land fort, noch rüſſiſ ihm dürfe Feind aber Leid I die g jeder wort dern hewa ( . IW iſt ei und ihm. nich frag 4 er Liebe iſt das? do wahr auf und uu, Holz ern und uzünden ho voller te Hände Wolke feuriges n ihm, ächelnd ee die idder⸗ t. Cs in hat ahre? t aus gewiß lllein ⸗ voon dem Herrn Offizier Lindſtr'm aus Sweaborg gekommen. 477 daß es ein Jammer war, und dabei tobte der Krieg und das Waſſer war blutig roth, die Noth nahm viele Leute fort. Der Propſt hörte geduldig zu bis ſie ſchwieg, nur als ſie den Schulmeiſter erwähnte, zog er die Stirne zuſammen. Der Herr ſtraft die Sünder, ſagte er dann, und ſeine Hand ſtreckt ſich auch jetzt wie⸗ der über uns aus; denn es iſt allerdings ein harter Winter, Frau Ulla, und der Krieg wird über uns kommen mit feurigen Ruthen. Ach! mein Jeſus! vief die Haushälterin, ſollte es denn wirklich wahr ſein, daß die Ruſſen ſchon ins Land gefallen ſind und alle Kin⸗ der ſchlachten und braten.. Der Propſt ſchüttelte mit würdigem Ernſte den Kopf. Wir wiſſen noch nicht mit Gewißheit, erwiederte er, ob es ſich beſtätigt, daß ein ruſſiſches Heer in Finnland eingerückt iſt und ob unſere Leute ſich vor ihm zurückgezogen haben. Gottes Wille wird geſchehen, Frau! Doch dürfen wir uns tröſten, daß die Ruſſen keine ſo wilde und grauſame Feinde jetzt ſind, wie vor hundert Jahren. Es ſind tapfere Männer, aber von mildem Sinn, und ihre Anführer laſſen nicht zu, daß denen Leid geſchieht, die ſich ihnen nicht widerſetzen. Alſo iſt es nicht wahr, daß ſie brennen, rauben und morden, fiel die Haushälterin getröſtet ein, und was Lars Normark erzählt, daß jeder ehrbaren Frau die Haut davor ſchaudert, iſt auch nicht wahr? Der alte Herumtreiber iſt eine Schande für unſer Kirchſpiel, ant⸗ wortete Herr Ridderſtern. Er hat die Bauern mit Hilfe einiger an⸗ dern Burſchen ſeines Schlages aufgewiegelt, daß ſie, wie ich höre, ſich bewaffnet haben. Ja, hochwürdiger Herr, ſagte Ulla, das haben ſie gethan. Lars iſt einmal ſelbſt Soldat geweſen und verſteht noch etwas vom Hauen und Schießen, und dann iſt Jem Olikainen da, der hält's ganz mit ihm. Seit Herr Otho Waimon nicht mehr zu Haus iſt, hat Jem nichts mehr zu thun. Weiß denn der Freiherr nicht, was aus ſeinem Vetter geworden? fragte der Propſt. Nicht ein Wort weiß er. Ich hab's in letzter Woche erſt mit an⸗ gehört, wie er mit dem Major darüber ſprach. Es war ein Brief — 478— Was ſchrieb der denn? lächelte der Propſt, ſeine Hand auf ihre Hand legend. Das will ich Ihnen genau ſagen, verſetzte Ulla, geſchmeichelt von dieſer Herablaſſung; ſehen Sie, hochwürdiger Herr, ich weiß es nicht, aber der Major ſtampfte mit ſeinem Stock auf und ſchrie und fluchte, wie er immer thut, wenn er ſich ärgert. Es iſt alſo keine Spur von ihm aufzufinden, ſchrie er. Das Weib ſitzt mit dem armen, lieben Nixchen in Wiborg mitten unter den verdammten Ruſſen, und jetzt iſt der Lindſtröm auch fort nach Abo! Ich will nichts mehr hören, nichts mehr ſehen, will mich begraben laſſen, damit es ein Ende hat mit aller Noth. Der arme Major! feuzfte der Propſt. Sein Sohn macht ihm auch wenige Freude. Und es war ein guter Knabe, ſagte Ulla, den Jeder gerne anblickte; wie er aber damals dem fremden vornehmen Grafen ins Geſicht ge⸗ ſchlagen hatte, mußten die Kapetis ihm ins Gehirn gekrochen ſein. Ich beklage den unglücklichen Vater, fuhr Ridderſtern ſeufzend fort, aber ſagt mir doch, liebe Frau Ulla, ob der Freiherr und— ja wie ſoll ich ſagen, lächelte er— ſeine Braut, Fräulein Ebba Bungen, ſeine Couſine, zuweilen noch von dem Grafen Serbinoff ſprechen, der ihnen ſehr nützlich ſein könnte, wenn die Ruſſen kommen ſollten. Denn ich habe erfahren, daß er bei dem ruſſiſchen Obergeneral als Adjutant iſt und ſein Kaiſer ihn zum Oberſten ernannt hat. Sie ſprechen nicht von ihm, ich habe es wenigſtens nicht gehört, ſagte Ulla, nur der Major ſchrie neulich, er möchte den ſchlechten Kerl noch einmal vor ſich haben, um ihm auf gut ſchwediſch zu ſagen, was er von ihm dächte. Das könnte ſich wohl ereignen, lächelte Herr Ridderſtern. Der Major haßt Alles was ruſſiſch iſt, fuhr die Haushälterin fort, ſpuckt aus wenn Einer das Wort nennt, und hat ſogar ſeine Juchten⸗ ſtiefeln fortgeworfen, weil ſie ruſſiſch riechen. Aber mit Lars Normark und Jem Olikainen und einem paar alten Soldaten aus der Umgegend hält er gute Freundſchaft und hilft ſogar die Bauern exerciren, die ſich lange Piken anſchaffen mußten, wenn ſie keine Gewehre hatten. 9 2 telnd, it l ſtreng weit Wund Volks N damit gewiß danze Vate weſen berro nicht da w Fran von rief den hoch ter zu haf mas ihr ſeh auf ihre helt von es nicht, fluchte, pur von „lieben jetzt iſt n, nichts hat mit acht ihm nblickte; ſicht ge⸗ ein. ſeufzend — ja Bungen, hen, der n. Denn ldjutant gehört, en Kerl en, was — 479— Ich habe von dem Unweſen gehört, murmelte der Propſt kopfſchüt⸗ telnd, und Einiges davon ſogar mit anſehen müſſen. Die Regierung iſt klüger als dieſe thörichten Männer. Sie hatte noch vor Kurzem ſtreng geboten, daß jeder ſich ruhig verhalten ſollte, allein es iſt ſo weit gekommen, daß ihre Befehle alle Kraft verloren haben. Ein Wunder nur, daß der Freiherr ſelbſt ſich nicht an die Spitze dieſer Volksbewaffnung ſtellt. Na, lachte Frau Ulla, was das anbelangt, ſo hat's gute Wege damit. Herr Erich iſt die Sanftmuth ſelbſt und nimmt ohne Noth gewiß kein Gewehr in die Hand. In ſeiner Stube hängt freilich eine ganze Reihe von Büchſen und Flinten, große und kleine, aber von Vaters und Großvaters Zeiten her, und wenn Herr Otho nicht ge⸗ weſen wäre, der fürs Putzen und Einſchmieren ſorgte, wären ſie längſt verroſtet und verkommen. Seine Gewehre hat Herr Erich den Bauern nicht gegeben, aber aus Louiſa und Lomnäs haben ſie genommen was da war. Nimmermehr hätt's Erich Randal zugelaſſen, wenn's das Fräulein nicht durchaus ſo gewollt hätte. Ich glaube es gern, ſagte der Propſt vor ſich hin. Die Dame iſt von unbeſonnenem und heftigem Gemüth. Beſſer und verſtändiger iſt das edle Fräulein als viele Andere! rief Ulla eifrig. Länger als zwei Monate wohnt ſie nun hier mit dem herzliebſten Bräutigam und geſegnet ſoll der Tag ſein, wo der hochwürdigſte Herr Propſt ihre Hände zuſammen legt. Es fehlt wei⸗ ter nichts mehr, fuhr ſie geſprächig fort, als der geiſtliche Herr ohne zu antworten ſeinen Augen einen Ausdruck des Unwillens gab, wahr⸗ haftig! es fehlt nichts mehr, denn eine Hausfrau kann es nicht beſſer machen, wie ſie. Für den Herrn Erich ſorgt ſie, als wäre es ſchon ihr Eheherr, und nach Küche und Vorrathskammer kann Keine eifriger ſehen, als ſie es thut. Ich freue mich, Frau Ulla, unterbrach ſie der Propſt, daß deine junge Herrſchaft ſo vieles Lob bei dir findet. Jeder, der ſehen kann, muß ſie loben! rief Ulla. Da ſitzen ſie beiſammen in der großen Halle und im Bücherſaale einen Tag wie den andern, und es iſt in Beiden ein Herz und eine Seele. Herr Erich 480 liest mit ihr in ſchönen Büchern, oder er liest ihr vor und ſie arbeitet dabei an feinen Arbeiten, wie vornehme Damen es verſtehen. Und immer ſind ſie allein? fragte der Propſt. Gott behüt's! antwortete die Frau, der Major kommt oft genug, und wenn's Wetter darnach iſt, fahren ſie im Schlitten zu ihm oder nach Louiſa hinüber, um dort nach Haus und Wirthſchaft zu ſchauen. Und dann arbeitet Herr Erich wohl auch im eigenen Hauſe umher, ſieht nach Allem was ſein iſt, und das Fräulein begleitet ihn; wenn's aber ſo hell draußen iſt wie heute, gehen ſie über den harten Schnee nach der Inſel hinüber, und Lars Normark geht mit, ſammt ſeinem Hahn. Wie die Engel im Himmel leben ſie Beide, hochwürdiger Herr, und das liebe Fräulein ſingt auch wie ein Engel ſo ſchön. Wir ſtehen oft Alle vor der Halle und hören zu wenn ſie es thut.— Aber, ſagte ſie abbrechend und ſich an den Geiſtlichen wendend, warum ſind Sie denn ſo lange nicht zu uns herübergekommen? Es iſt eine wahre Gottesfreude, mit anzuſehen, wie das Glück in dem alten Schloſſe wieder eingezogen iſt. Der Propſt gab keine Antwort darauf.— Briefe ſind in der letzten Zeit nicht angelangt? fragte er. 6 Wo ſollen denn Briefe herkommen? rief Ulla. Die Poſt aus Tavaſtehus iſt ja ſchon ſeit länger als einer Woche ausgeblieben. Das Soldatenweſen bringt Alles in Unordnung. Und wo iſt der Freiherr? Frau Ulla. Wo er iſt? Da kommt er eben, und Gottes Segen über den lie⸗ ben Engel an ſeiner Seite! Gottes Segen auch über ihn, denn einen beſſeren Herrn gibt's nicht im ganzen Lande. Wie ſie blüht, wie eine junge Roſe mitten im Winterſchnee, und wie die leichten Füße ſchrei⸗ ten können. Gott behüt's! ſagt Lars Normark, es iſt echt ſchwediſch Blut darin. Das Fenſter in dem Stübchen der Haushälterin ſchaute nach dem Garten, und vom See herauf ſah der Propſt den Freiherrn kommen. An ſeinem Arm führte er das Fräulein, und Beide blieben auf der Höhe des Gartens ſtehen und ſchauten über die winterliche Landſchaft hinaus und in den ſtrahlenden Himmel, der darüber hing. Die Kälte hatte Ebba's Geſicht geröthet, aber dem Propſt kam es vor, als ſei arbeitet genug, jm oder ſchauen. umher, wenn's Schnee t ſeinem ger Herr, ir ſtehen er, ſagte ind Sie e wahre Schloſſe rletzten oſt aus en. Das en lie⸗ meinen zie eine ſchrei⸗ wediſch ach dem ommen. auf der noſchaft Kälte als ſei 481 dies Geſicht nicht mehr ſo jugendlich lebhaft und friſch wie früher. Auch Erich Randal ſchien ihm graufarbiger und magerer geworden zu ſein, und wie ſie Beide ſtanden, Ebba ihre Hand auf Erich's Schulter legte und mit der andern in die Ferne deutete und den Kopf ſchüttelte, lächelte Herr Ridderſtern, eine innere Freude machte ihn warm. Sie ſcheinen doch nicht allzuglücklich zu ſein, murmelte er, und ich denke, es wird bald noch mehr Kopfſchütteln geben. Meine Mittheilungen werden ihnen die Geſichter noch etwas länger und ernſt⸗ hafter machen. In dieſem Selbſtgeſpräch wurde er durch einen gewaltigen Lärm unterbrochen, der aus der Küche kam und ihm äußerſt unangenehm war. Er konnte nicht daran zweifeln, daß die gellenden Töne der Querpfeife, welche er hörte, von Lars Normark herrührten, dem elenden alten Vagabond, der jetzt hier zu Haus war; zu dieſem Ge⸗ pfeife ſangen aber auch ein paar mißtönende Stimmen das abſcheuliche Volkslied: Der Ruſſ' iſt da, nehmt euch in Acht, ihr Finnen greift zur Wehr! und plumpe Füße ſtampften dazu und zu den letzten Worten: Haltet Wacht! gebt Acht! haltet Wacht! als ſollte das Haus einſtürzen, worauf ein mächtiges Geſchrei folgte, ein Hahn dazwiſchen krähte und das Singen, Stampfen und Pfeifen von Neuem begann. Das geht ja wirklich ſehr luſtig hier zu, ſagte Herr Ridderſtern böſe lächelnd. Man ſollte beinahe meinen, mitten unter Heiden zu ſein. Ich will mit dem Freiherrn ſprechen, Frau Ulla, aber ich fürchte vor⸗ her taub zu werden. Mit dieſen Worten öffnete er die Thür, welche nach der Küche führte, und blickte ſtolz und ſtrafend hinein, bereit dem Unfug ein Ende zu machen; allein er war doch ſo überraſcht von dem, was er ſah, daß er ohne ſeine Stimme zu erheben nicht weiter ging, obwohl er ſich ärgerte, daß die luſtigen Vögel ſich von ſeinem Anblick nicht einſchüchtern ließen. Der Erſte, auf den ſeine Augen fielen, war der Hahn, der nach der Melodie des Marſches, den ſein Herr blies, die Beine tactmäßig ausſtreckte und wie ein Soldat mit langem Hals und feſtem Tritt voranmarſchirte. Hinter ihm her kam Lars mit der Pfeife und neben an ſtolzirte Jem Olikainen, der ein Gewehr, ſteif angezogen an der Schulter, hielt und aus vollem Halſe dazu ſang. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 31 182— Dies that er jedoch nicht allein, ſondern ihn begleitete eine dritte Per⸗ ſon, die Herr Ridderſtern voll mißtrauiſcher Verwunderung betrachtete. Denn es war dies ein Fremder von höchſt ſeltſamer Geſtalt. Gewaltig breitſchulterig und dabei kurzbeinig, dabei ſo raſch auf dieſen ſtämmigen Beinen, daß er damit das meiſte und fürchterlichſte Geſtampfe hervor⸗ brachte und ſich rechts und links wie ein Kreiſel wandte. Sein Kopf war ſo dick, rund und roth wie ein Kürbiskopf, oder wie ein rieſen⸗ hafter Nußknacker. Von oben bis unten hüllte ihn ein langer, grauer Mantel ein, und unter dieſem trug er einen Schafpelz. Von ſeiner Stirn war wenig zu ſehen, weil eine dicke Wollmütze dieſe faſt bis an die Augen bedeckte, über ſeine Schultern aber liefen zwei breite Riemen, und an dieſen hingen eine Patrontaſche und ein kurzer Säbel, neben welchem ein ungemein langes Bajonet ſteckte. Dies ſonderbare Weſen mußte ein Soldat ſein und in ſeiner Ver⸗ muthung wurde der Propſt durch den Anblick eines Zweiten beſtärkt, der in ähnlicher Weiſe bekleidet und bewaffnet, ſich auf die Bank an den Herd geſetzt hatte, wo er zwei außerordentlich lange Beine gegen das Feuer ausſtreckte, ſein dürres ſchmales grinſendes Geſicht dagegen dem Hahn und dem Aufzuge zuwandte, der ihm außerordentliches Ver⸗ gnügen zu machen ſchien. Während deſſen war der Hahn in ſeinem gravitätiſchem Marſche ganz in die Nähe des Geiſtlichen gelangt, der zornig ſeinen Fuß auf⸗ hob und ihn von ſich ſtieß. Was ſind das für Poſſen! rief er vor⸗ tretend, indem er ſich zu dem Schulmeiſter wandte. Was ſind das für fremde Leute? Höre auf mit deinem Pfeifen und Schreien, und bring' das unvernünftige Thier fort; ich befehle es dir! Der Hahn ſchien nicht übel Luſt zu haben, ſich wegen des empfan⸗ genen Stoßes zu rächen. Er ſtand ſo ſtolz herausfordernd vor dem Propſt wie ein beleidigter Junker, hob trotzig ſein Haupt zu ihm auf, ſchüttelte den rothen Kamm gegen ihn und ſchrie ihm drohende Worte zu, die, wenn ein Ueberſetzer ins Menſchliche ſich gefunden hätte, gewiß arg genug gelautet haben würden. Lars ließ ſeine Querpfeife zwar auf die Anrede des Geiſtlichen ſinken, aber doch nicht eher, bis die Strophe beendet war, und dann antwortete er dem Hochwürdigen nicht, ſondern er ſprach zu ſeinem Hahne: Komm her, Hans! rief er ſeinen Arm e Per⸗ achtete. waltig migen hervor⸗ Kopf rieſen⸗ grauer ſeiner aſt bis reite Irzer 483 ausſtreckend, auf den das kluge Thier hüpfte, es iſt die ſchönſte Tugend in der Welt die Großmuth, und es iſt die erſte chriſtliche Tugend ſanft⸗ müthig und geduldig zu ſein. Millionen Schock Tonnen! ſchrie der dicke Soldat, Feldwebel, haſt du je ein ſolches Ding geſehen. Ein Ruſſe will ich werden, wenn's ein richtiger Hahn iſt. Alle Tage könnt' er ins Regiment eintreten, ſo gut macht er ſeinen Marſch. Haſt Recht, Korporal Spuf! antwortete der Feldwebel, wir wollen ihn mitnehmen und dem Kapitän vorſtellen. Und's Tractement nehme ich in Empfang, lachte Lars. Haben die Kugeln ſchon pfeifen hören, was ſagſt du, Hans? Bei Willmanns⸗ ſtrand, wo Männer rechts und links fielen, daß der Fluß ſich verſtopfte und nicht weiter fließen wollte. Was meinſt du, Hans, ſollen wir's noch einmal wagen? Der Hahn nickte und kollerte, daß es wie ein helles Ja klang. Gut, Hans, gut! fuhr der Schulmeiſter fort. Wird's aber auch wieder ſo her gehen, wie damals. Zogen damals viele Bauern aus mit Senſen und Piken und die Prieſter voran, es wollte Keiner ein Ruſſe werden, hochwürdiger Herr. Macht's auch ſo, wenn Ihr es könnt. Es iſt echt ſchwediſch Blut in mir und in dem Hans, Propſt von Halljala. Ich mag das nicht unterſuchen, ſagte Ridderſtern, überhaupt will ich dir keine Rede ſtehen, aber, fügte er mit einem Blick auf den Hau⸗ fen der jungen Männer hinzu, der ſich in der Küche geſammelt hatte, wahrſcheinlich von Neugierde bewogen, um die Soldaten zu ſchauen, bei deinem weißen Haar und deinem hohen Alter ſollſt du mehr Ver⸗ ſtand beſitzen, und über deine Mitmenſchen kein Unglück zu bringen ſuchen. Gott möge die Waffen unſeres Heeres ſegnen, damit dies den Feind von uns abhalte, wenn es aber geſchehen ſollte, daß dieſer in unſer Thal dränge, wäre es Thorheit und Sünde ſich ihm zu wider⸗ ſetzen. Thorheit, weil wir ihn nicht beſiegen würden, Sünde aber, weil wir ſeine Rache auf uns lenken und ihm Weib und Kind, und Alles was wir haben, preis geben. Millionen Schock! rief Korporal Spuf, indem er den Propſt wild anblickte. Was ſagſt du dazu, Feldwebel? 31* 484 Ich ſage, daß der Hahn mehr Muth hat als der Propſt, antwor⸗ tete dieſer. Und wenn der Propſt es auch nicht thut, wird der Hans voran marſchiren, und die Männer von Halljala werden ihm lieber folgen, als es der hochwürdige Herr jemals von ſich ſelbſt ſagen kann, lachte Lars. Wenn er mit uns gehen wollte, ging ich lieber mit den Ruſſen, fiel Jem halblaut ein. Doch Furcht ſoll er uns nicht einjagen. Es wackeln ſo ſchon Manchem die Kinnladen, wenn er an Weib und Kind denkt. Der Propſt that, als höre er dieſe ſchnöden Antworten nicht, er wandte ſich an den Feldwebel und befragte ihn über ſeine unerwartete Ankunft. Feldwebel Roth erklärte dem Geiſtlichen, daß er mit Kor⸗ poral Spuf abgeſchickt worden ſei, um aus Waſa die Verſtärkungs⸗ mannſchaften für das Bataillon abzuholen, welche ſich dort geſammelt hatten, und daß dieſe Mannſchaften in einer Stunde ſpäteſtens aus Luoveſi eintreffen würden und in Halljala untergebracht werden müßten. Und wohin wollen Sie von hier aus weiter gehen? fragte Herr Ridderſtern. Das Regiment ſtand in Heinola, ſagte der Feldwebel, und dahin bin ich beordert. Ich will jedoch hier ausruhen auf einige Tage bis ich nähere Nachrichten eingezogen, und dann den Pajäne hinab gehen, wenn ich weiß, wohin ich mich wenden ſoll. Wie viele Mannſchaften haben Sie bei ſich? fragte der Propſt. Der Feldwebel ſagte, daß es ſechzig Mann wären. Und es iſt Keiner dabei, der ausreißen thäte und hinter den Ofen kröche, wenn er hörte die Ruſſen ſeien da, brummte Spuf, indem er den Pfarrer grimmig anſah. Sechzig vom Björneborg Regiment! rief Lars, und dazu einhun⸗ dert flinke Burſche von Halljala, die nehmen's auf mit dreimäl ſo vielen Ruſſen. Waren bei Willmannsſtrand nur viertauſend Finnen; an die zwanzigtauſend Grünröcke gegen uns, und konnten uns doch nicht zwingen. antwor⸗ s voran folgen, „lachte Ruſſen, en. Es eib und nicht, er rwartete it Kor⸗ rkungs⸗ gammelt ns aus werden te Hert d dahin age bis gehen, opſt. — 485— Bis die Retirade los ging, fiel Jem ein, dabei machte Lars den Anfang. Biſt im Irrthum, antwortete der Schulmeiſter. Den Anfang mach⸗ ten die Anführer, wie's gewöhnlich geſchieht, und da du Hauptmann von der Freicompagnie in Halljala biſt, haſt du die Pflicht, zuerſt da⸗ vonzulaufen; das wird auch ſo kommen, mein Kind. Gerade ſo, wie du vor dem Bären deinen Sprung machteſt. Schweig' doch endlich ſtill davon, ſagte Jem ärgerlich. Ach! ich wollte weder Hauptmann noch Korporal ſein, wenn ein Anderer hier wäre, der's beſſer machen würde, wie irgend ein Menſch in Halljala und in ganz Finnland. Aber Gott weiß es, ob je ein Auge ihn wieder ſieht, denn was ſie heimlich ſich erzählen und es unter die Leute bringen, iſt doch nichts als Lüge und Bosheit, um ihn zu ſchänden. Er blickte da⸗ bei nach dem Propſt hin, ballte die Fauſt und ſchrie zornig: So we⸗ nig Sterne vom Himmel fallen, ſo wenig wird Otho Waimon jemals ein Ruſſe werden. Die das ſagen ſind Schelme und Verräther, und wer's behaupten will, dem will ich, Jem Olikainen, beweiſen, daß er ein Lügner und Verleumder iſt. Hörſt du wohl, Hans, hörſt du wohl? fiel der Schulmeiſter ein. Die Sanftmuth iſt eine herrliche chriſtliche Tugend, aber was denkſt du von einer Lüge, Hans? Meinſt du, daß ein Lügner ein frommer Chriſt ſein kann? Daß ein Verleumder ſeinen Mitmenſchen Gutes thut und dafür in den Himmel kommt? Der Hahn ſaß auf dem Tiſch, ſchlürfte aus dem Branntweinglaſe des Korporals und ſchlug, als ſein Herr ihn befragte, ein Hohngeläch⸗ ter auf, in welches Korporal Spuf aus vollem Halſe einſtimmte. Feld⸗ webel! ſchrie er, dies Vieh muß in Björneborg's Regiment. Sieben⸗ undſiebenzig Schock Tonnen, er muß ſeine volle Ration haben. Und Jeder ſoll haben was er verdient! rief Jem. Jedem Mann ſeinen Lohn und jedem Hund ſeinen Strick; wie es im Sprichwort heißt. Wer aber ſagt, mein lieber junger Herr habe ſein Vaterland verrathen, iſt ſelbſt ein Verräther, und wer da ſagt, ſeine Schweſter, die Gott ſegne! das Herzenskind, die Keiner ſehen konnte, ohne daß ihm das Herz im Leibe lachte— o, in aller Hexen und Trollen Na⸗ 7 486 men! ich wollte, ich könnte Jeden krumm und lahm ſchlagen, der da ſagt, mit einem Ruſſen ſei ſie davon gelaufen. Der Propſt befand ſich in großer Verlegenheit. Er ſah, daß er der Gegenſtand dieſer unverhüllten groben Angriffe war, auf welche er ſich nicht vertheidigen mochte, es aber auch nicht konnte, denn, daß aus ſeinem Hauſe ſich die gehäſſigen Nachrichten über Otho und ſeine Schweſter verbreitet hatten, war nicht abzuleugnen. Es war ihm da⸗ her ſehr erwünſcht, als der Feldwebel ſeine Stimme erhob und Jem fragte, ob ſein junger Herr etwa Herr Otho Waimon geweſen? Das war er und das iſt er noch, antwortete Jem. Es wäre möglich, Korporal Spuf, daß er Recht hätte, ſagte der Feldwebel. Spuf ſchüttelte ſeinen dicken Kopf. Es iſt der allergrößte Verluſt, den's Regiment Björneborg je erlitten hat, brummte er. Aber Schock Tonnen! es iſt nicht anders. Weißt du etwas von Otho Waimon zu erzählen, Feldwebel, ſagte Lars Normark, ſo laß uns nicht warten. Sage uns vor allen Dingen, ob er wirklich nach Rußland gegan⸗ gen iſt, fiel Jem ein. In ein anderes Land iſt er freilich gegangen, antwortete der dürre Soldat, doch Ruſſen gibt's da nicht. Habe ich nun Recht! ſchrie Jem mit blitzenden Augen. Iſt es nicht Schande und Lüge, iſt es nicht erfunden, um Otho Waimon zu verleumden? Was wiſſen Sie von dieſem jungen Manne, der ſeit mehren Mo⸗ naten ſich entfernt hat, ſagte der Propſt, ohne ſeinen beſorgten Freun⸗ den eine Nachricht zugehen zu laſſen? Siehſt du wohl, Hans, pie ein beſorgter Freund ausſieht? rief der Schulmeiſter. Otho Waimon iſt ein echter Finne, Feldwebel, und der kommt, wie das Sprichwort ſagt, glücklich bis Konſtantinopel und findet ſich doch wieder nach Haus. Daran halte feſt, alter Vater, verſetzte Roth. Was ich darüber weiß, will ich dem Freiherrn Randal mittheilen. Meine Soldaten müſſen untergebracht werden, dazu ſoll er mir helfen; dafür will ich ihm eine agte der Verluſt, Schock „ſagte gegan⸗ dürre Iſt es on zu (Mo⸗ Freun⸗ 7 wef dwebel, tinopel we t, müſſen h ihm — 487— eine Nachricht bringen, von der ich wünſchte, ſie wäre beſſer als ſie iſt. Und was iſt es, was Sie mir zu ſagen haben? fragte Erich Ran⸗ dal, der mit Ebba hereingetreten war. Der Kreis der Bauern und Diener öffnete ſich vor ihm; Alle ſchwiegen, als er vor den beiden Soldaten ſtand. Der Feldwebel ver⸗ beugte ſich und ſah nach dem Korporal hin, der mit grämlicher Miene die hübſche Dame anſtarrte, und ſeine mächtigen Schultern in die Höhe ziehend brummte: Ich wollte, ich hätte niemals Per Stahl dazu be⸗ redet. Aber geändert kann's nicht werden, alſo mach's kurz, Feldwebel, und thue dein Maul auf, haſt es ja ſonſt immer bereit genug. Der Feldwebel holte eine große Brieftaſche aus ſeinem Mantel und zog ein Papier daraus hervor. Dies bringe ich Ihnen, ſagte er, von einem Herrn, der es mir übergeben hat. Und es trifft ſich eben jetzt⸗ daß ich nach Halljala komme, ſonſt wäre es ſo leicht wohl nicht in Ihre Hände gelangt. Von Otho! rief Erich, als er einen Blick auf die Handſchrift warf. „Ich hoffe,“ las er laut,„daß ich eher wieder bei Dir bin, ehe Du dieſe Zeilen empfängſt, wenn es aber nicht ſein ſollte, ſo werden ſie Dir wenigſtens ſagen, wo ich geblieben bin. Ich ſchreibe dies in Eckenäs, auf dem Wege nach Stockholm; ein erfahrener Schiffer wird mich über das Meer bringen. Ich hoffe wohlbehalten zu landen, dann ſollſt Du bald mehr hören. Trifft mich ein Unglück, ſo ſorge für Louiſa. Deiner brüderlichen Sorge und Liebe übergebe ich ſie, bis zum Wie⸗ derſehen, mein Freund, mein Bruder. Dein getreuer Otho.“ Lautlos hörten Alle zu, bis der Freiherr geendet hatte. Was zhaben Sie dieſen Zeilen hinzuzufügen? fragte er den Feldwebel. Ja ſo! ſagte dieſer, ich ſoll noch etwas hinzufügen. Nun, um es kurz zu machen, Freiherr Randal, ich bin vor zwei Wochen mit dem Korporal hier wieder in Eckenäs geweſen, und Peder Stahl war noch immer nicht zurück. Der ganze bottniſche Wiek iſt jetzt zugefroren und es gehen Schlittenzüge herüber und hinüber, keiner aber hat den armen Per mitgebracht. So meinen Sie, daß ein Unglück geſchehen ſein kann? fragte Erich mit leiſer banger Stimme. 488 Ja ſo! antwortete der Feldwebel, ein Unglück. Ich habe es nicht geſagt, aber die Leute in Eckenäs erzählen, daß am Abend, wo der junge Herr mit Peder Stahl ſich auf den Weg machte, ein fürchter⸗ liches Unwetter in der See getobt habe. Es war gerade am Chriſt⸗ abend, wo das große Nordlicht aufzog, das in ganz Finnland geſehen wurde und ſo viele Menſchen erſchreckte. Es gab einen Sturm hinter⸗ her, daß die Leute meinen, kein Boot hätte ausdauern können. Es kann einen Zufluchtsort gefunden haben. Ja ſo! einen Zufluchtsort, fuhr der Feldwebel fort, das wäre allerdings möglich; allein das Wetter wechſelte mit fürchterlicher Schnelle und wenn das Boot irgend einen Schutz gefunden hätte, meinen die Leute in Eckenäs, ſo würde längſt eine Nachricht gekommen ſein. So glauben Sie, daß Beide todt ſind?! Ich? Ja ſo! ſagte der dürre Feldwebel, ich mag's nicht glauben So oft ich's auch gehört habe, es will mir nicht in den Kopf und dem Korporal Spuf geht es eben ſo. Wir haben den jungen Herrn lieb gewonnen und fürs Regiment Björneborg, ſetzte er mit einem blinzelnden Blick auf den Korporal hinzu, den er auch jetzt nicht unterdrücken konnte, iſt es ein harter Verluſt. Ein harter Verluſt! rief Erich Randal mit ausbrechendem Schmerz. O! das iſt es für uns Alle, Alle, die ihn kannten, Alle, die ihn liebten, werden lange daran zu tragen haben. Der tiefe kummervolle Ton ſeiner Worte rührte ſelbſt den Kor⸗ poral Spuf. Er fuhr mit der Hand über ſein Geſicht und brummte ärgerlich: Es war eine Fügung, daß er ſich nicht warnen und halten ließ. Damit muß ſich jeder Menſch tröſten. Fort müſſen wir Alle, der Eine heut, der Andere morgen. Es kann Keiner ſagen, er bleibt übrig. Mit dieſem rauhen Troſte blickte er die junge Dame an, die vor ihm ſtand und ihre großen offenen Augen auf ihn heftete. Sie ſchien am meiſten gefaßt bei dieſer Schreckensnächricht, und als der Korporal geendet hatte, war es als ſchwebte ein Lächeln um ihre Lippen. Erich reichte ihr ſeine Hand und führte ſie fort, der Propſt folgte ihnen nach, die Zurückbleibenden aber, überließen ſich ihrer mitleidigen Theilnahme, denn Otho hatte viele Freunde und ſein unglückliches Ende rührte 1 alle ihr de mernd Hand und i E. llla weiß, balten Ander trocken twenig im E einem A liegt geiſter ſtimm der( wie Kön ſah, war, Mun inme wein Wt n ohne ich nien nicht vo der ircher⸗ Chriſt⸗ geſehen hinter⸗ wäre chnelle ꝛen die 1. auben f und Herrn einem nicht zmerz. te ihn Kor⸗ mmte alten Alle, bleibt e vor ſchien poral Erich nach, ahme, kührte 489 alle Herzen. Frau Ulla vergoß helle Thränen und ihre Mägde kamen ihr dabei zu Hilfe. Alle hatten zu loben und erinnerten ſich jam⸗ mernd wechſelſeitig, wie der junge Herr von Louiſa immer raſch bei der Hand geweſen, Jedem zu helfen, der Hilfe nöthig hatte, wie muthig und wie klug, wie ſchön und wie ſtark er war. Es wird ſo bald nicht wieder ſo Einer geboren werden, rief Frau Ulla, die Augen an ihrer Schürze trocknend. Herr Erich wurde ſo weiß, wie das Papier in ſeiner Hand, er konnte es vor Zittern kaum halten; denn wie einen Bruder hat er den armen Herrn Otho geliebt. Anderen geht es wohl nicht ſo nahe, fuhr ſie fort, die behalten ihre trockenen Augen und rothe Backen; aber das Fräulein hat ihn ja auch wenig gekannt, ſie weiß nicht, wie die Kinder aus Louiſa und die hier im Schloſſe zuſammen aufgewachſen ſind, als wären es Aeſte aus einem Stamm. Ach! der ſchönſte unter allen, der die Krone am Baume war, er liegt verdorrt! ſeufzte Jem Olikainen und von der poetiſchen Be⸗ geiſterung ſeines Volkes ergriffen, hob er Hände und Augen auf und ſtimmte eine jener Todtenklagen an, die in Finnland an den Bahren der Geſchiedenen gedichtet und geſungen werden. War er nicht ſchneller wie der junge Hirſch? War er nicht milder wie der Thau der Sommernacht? War er nicht muthiger wie der König der Wälder? begann Jem in weichem bangen Tone. Wer ihn ſah, vertraute ihm, wer Sorgen hatte, ging zu ihm, wer in Gefahr war, der fand Hilfe bei ihm. Sein Auge war wie die Sonne, ſein Mund war des Troſtes voll, ſeine Stirn voll Weisheit, ſein Arm immer bereit, ſein Herz das Herz eines Freundes. Wer hat ihn weinen ſehen in kummervoller Zeit? Wer hörte ihn klagen in einer Noth? Wer ſah ihn fliehen vor einem Feind? Wer weiß von ihm was einem Manne nicht ziemt? O! daß er von uns gegangen iſt, ohne wiederzukehren. O! mein Herr, du meine Seele, warum durfte ich nicht bei dir ſein; warum haſt du den armen Jem verlaſſen, der niemals dich verlaſſen wollte! Dieſe traurigen Worte wurden von dem Schluchzen der Weiber und dem leiſen Gemurmel der Männer begleitet, nur der Schulmeiſter ſaß auf der Bank vor dem Feuer und er ſchüttelte den grauen Kopf, 490 indem er mit ſeinem Hahn ſprach. O du Narr, ſagte er, tanze nie⸗ mals wieder und ſchäme dich, ſchäme dich, Hans, es iſt aus mit uns Beiden. Nach Kipomäki wollen wir wandern zu dem Hügel der Qualen; in die Gruben wollen wir ſteigen, wo die Plagen und die Schmerzen wohnen. Du ſtreckſt deinen Hals aus und ſiehſt mich trotzig an. Siehſt du hinunter nach Tuonala und kannſt ihn nicht finden? Der Hahn ſträubte ſeine Federn auf und that einen freudigen Schrei und der Schulmeiſter zog ihn an ſich und murmelte liebkoſend: Ich will's glauben, Hans. Wir wollen warten und hoffen; doch wenn er nicht wiederkehrt, dann, du armer Narr, wird's dochonicht lange dauern, und wir ſind bei ihm. Wir ſuchen und finden ihn doch, Hans. Erich hatte inzwiſchen Ebba in die Halle zurückgeführt und hier erſt, als er allein war, ergriff ihn die Gewalt der Schmerzen, gegen welche er vergebens rang. Er lehnte ſich an den Kamin und ſeine Hände über ſein Geſicht deckend, überließ er ſich dem Kummer, der ihn überwältigte. Was iſt es denn mehr, ſagte Ebba, endlich das Schweigen unter⸗ brechend, als der Ruf in das unbekannte Land, der eine Stunde früher kam als es Zeit ſchien. Es iſt noch Keiner übrig geblieben, Erich, darin liegt ein großer Troſt. Alle unſere Philoſophie, antwortete der Philoſoph ſeufzend, kann den menſchlichen Schmerz in ans doch nicht betäuben. Unſer menſch⸗ liches Leid trifft unſer Herz. O! Ebba, Otho war auch dein Freund. Gemeinſam werden wir lange um ihn klagen. Selig find die Todten! antwortete ſie mit ſanfter feſter Stimme, denn alle Erdennoth iſt von ihnen genommen. Er war jung, er liebte das Leben, er hing mit ſeiner Jugend, ſeinen Hoffnungen, ſeinen feurigen Wünſchen daran, erwiederte Crich. Selig ſind die Lebendigen, Ebba, die ihres irdiſchen Glückes ſich freuen, die ein reiches ſchönes Leben durchleben, von Liebe und Freundſchaft begleitet. Und er war kühn, ſtark und treu, wie Wenige. Sein Herz war ſo muthig, ſeine Seele ſo frei und ſtolz. Was er liebte war der Liebe würdig. Edel war ſein Denken und ſein Handeln, denn vor keinem Opfer, keiner Ueberwindung bangte er. Recht und Unrecht hatten keinen beſſeren Richter und vor ihm lag die Zukunft wie ein hbereint Demü und g E dodl — der F leider richtet und er ve die 9 ( fried Schr allei ſo pl 3 fuhr Auft erwa wei hat dure anze nie⸗ mit uns geblieben, nd, kann menſch⸗ Freund. Stimme, Jugend, te Eric. h freuen, eundſchaft gein Herz war der denn bor Urrecht t wie ein 494— langer Sonnentag. Wie viel Gutes und Edles konnte er noch ſchaffen, wie viel Liebe konnte er ſinden, wie viel Glück und Frieden! Hat ihn denn das Glück von uns getrieben, ſagte Ebba mit ſchmerzlicher Schärfe, indem ſie ihre Hände faltete, oder welche finſtere Macht hat uns getrennt. Frieden war nicht in ihm und Glück— Ol wenn er Glück zu hoffen hatte, warum half es ihm nicht! An Stelle des Freiherrn antwortete der Propſt, welcher ſo eben hereintrat: Die Wege Gottes, ſagte er ſalbungsvoll, ſind unerforſchlich. Demüthig müſſen wir uns unterwerfen, denn er weiß am beſten was uns gut iſt. Er weiß am beſten was uns gut iſt, flüſterte Ebba tonlos. Der Tod löſcht Alles aus, auch die Sehnſucht. Ich habe noch immer gemeint, es könnte ein Irrthum ſein und der Feldwebel möchte ſich getäuſcht haben, fuhr Herr Ridderſtern fort, leider aber haben meine Fragen nur zu ſehr beſtätigt, was er be⸗ richtete. Der Feldwebel hat den Herrn Otho ſchon früher geſehen, und dieſer hat ihm auch ſeinen Namen genannt; hartnäckig jedoch hat er verſchwiegen, weßhalb er in dieſer Jahreszeit und mit ſolcher Eile die gefährliche Reiſe machen wollte. Erich Randal konnte die Neugier des Propſtes eben ſo wenig be⸗ friedigen. Ich zweifle nicht, ſagte er, daß es Otho war, denn ſeine Schriftzüge beweiſen es eben ſo wohl, wie der Inhalt jener Zeilen; allein ich bin außer Stande die Urſache zu entdecken, weßhalb er uns ſo plötzlich verließ und was ihn nach Stockholm getrieben hat. Ich glaube nicht, daß Herr Waimon in Schweden Verwandte hat, fuhr der Propſt fort, vielleicht aber reiste er, um einen beſonderen Auftrag zu erfüllen; denn wie der Feldwebel behauptet, hat er einmal erwähnt, daß er den⸗König ſehen und ſprechen würde. Wenn Otho dies nicht im Scherz etwa ſagte, antwortete Erich, weiß ich nicht, wie es anders zu deuten wäre. Verwandte und Freunde hat er in Stockholm nicht; Aufträge und Empfehlungen könnte er nur durch den Kammerherrn Bungen erhalten haben, was ich nicht glaube. Nein, gewiß nicht, verſetzte der Propſt. Baron Arwed weiß nichts von ihm, eben ſo wenig ein Anderer, dem dieſe Nachricht ſehr ſchmerz⸗ lich ſein wird. — 492— Wie es mir ſcheint, ſagte Erich, als der Propſt ſchwieg, haben Sie Nachrichten erhalten. Verſchiedene und äußerſt wichtige Nachrichten, antwortete Herr Ridderſtern, die ich Ihnen mitzutheilen kam. Die Ruſſen ſind über den Kymene gegangen! Nach einem augenblicklichen Schweigen rief Erich, betroffen über dieſe folgenſchwere Mittheilung: Iſt das wahr?! Jetzt, in dieſer furcht⸗ baren Winterkälte beginnt der Krieg? Wann ſoll es geſchehen ſein? Am 23. Februar, erwiederte Herr Ridderſtern, es iſt völlig gewiß. Ich habe vor einer Stunde einen Brief von Halſet empfangen. Die Schweden ſind zurückgedrängt und haben den Paß bei Borgo auch nur mit wenigen Schüſſen vertheidigt. General Klerker ſetzt ſeinen Rückzug fort. Graf Buxhövden hat ſogleich ein Corps abgeſandt, das Sweaborg belagern ſoll; er ſelbſt mit ſeiner Hauptmacht dringt gerade auf Abo los, und wie Halſet ſchreibt, ſtecken die Schweden wie ein Fiſch im Netze, denn ein zweites Corps Ruſſen geht durch Savolax ins eigentliche Finnland und wird die Schweden von Norden ab⸗ ſchneiden, denn es wird eher dort ſein als ſie. Wo befindet ſich Herr Halſet? Iſt er in Abo? Nein, ſagte der Propſt, er iſt mit ſeiner Tochter und in Begleitung des Herrn Kammerherrn gegenwärtig in Tavaſtehus. So nahe bei uns iſt dein⸗Bruder, fuhr Erich gegen Ebba ge⸗ wandt fort. Sie haben Briefe erhalten; darf ich fragen, ob kein ſolcher für uns eingeſchloſſen war? Herr Ridderſtern verneinte es. Halſet hat allein an mich geſchrieben und wie Sie denken können, ſehr flüchtig, denn in Tavaſtehus iſt die Verwirrung ſehr groß. Gerüchte ſagen, daß Koſacken ſchon in der Nähe ſeien. Die kleine ſchwediſche Garniſon will das Schloß ver⸗ theidigen; ein Theil der Einwohner iſt daher entflohen, obwohl Graf Buxrthöyden eine Proclamation erlaſſen hat, die Jeden für ſein Leben und Eigenthum beruhigen könnte. Hat Herr Halſet Ihnen dieſe Proclamation geſchickt? fragte Ebba. Der Propſt ſchwieg, ein wenig verlegen über dieſe Frage und die Blicke, welche ſie begleiteten. Nein, ſagte er dann, ich glaube auch nicht, daß ſie in Tavaſtehus verbreitet wurde, da es die Schweden noch ſollen hat; a bezahle und haben Herr, den, d R. nicht das U aber! in Ta Nreu ſeine Bun Freu ſort, menſ Beſſ Gat anſe hin Leid emp woll haben Herr d über n über furcht⸗ ſein? gewiß. . Die o auch ſeinen dt, das gerade bie ein avolar b⸗ n al leitung bha ge⸗ ob kein hrieben iſt die in der ß ver⸗ gl Graf m Leben e Ebba. und die be auch cweden 4— 193— noch beſetzt halten. Halſet hat mir nur davon geſchrieben. Die Ruſſen ſollen ſo ſtrenge Mannszucht halten, daß Niemand etwas zu fürchten hat; auch ſollen ſie mit baarem Gelde Alles was ſie brauchen reichlich bezahlen. Nur verlangen ſie, daß Jedermann ſich friedlich verhalte, und Halſet ſchreibt daß jede Bewaffnung der Bauern ſchreckliche Folgen haben würde. Gebrauchen Sie darum Ihr Anſehen, mein gnädiger Herr, damit kein Unglück entſteht. Die Waffen müſſen abgelegt wer⸗ den, dann können wir ruhig und friedlich die Ruſſen erwarten. Nuhig und friedlich können wir den Feind, der uns ins Land fällt, nicht erwarten, Herr Ridderſtern, erwiederte Erich, aber wir müſſen das Unvermeidliche ertragen und der Gewalt uns unterwerfen. Noch aber wiſſen wir ja nichts Gewiſſes. Da Herr Halſet und mein Vetter in Tavaſtehus ſind, dürfen wir hoffen, ſie bei uns zu ſehen. Ich glaube, daß dies in den nächſten Tagen geſchehen wird, ſagte der Propſt, und der Herr Baron meinen lieben Freund Halſet begleitet, da ſeine Anweſenheit nöthig ſein dürfte. Hat Ihr Lächeln eine beſondere Bedeutung, hochwürdiger Herr? Das hat es allerdings, verſetzte der Propſt, und da es etwas Freudiges iſt, will ich es nicht verſchweigen. Samuel Halſet bringt ſeine Tochter mit, und hat mich dazu auserſehen, den Segen über ihren Bund zu ſprechen. Mit Arwed! Der Herr Baron hat ſich die väterliche Zuneigung meines edlen Freundes in ſolchem Grade zu erwerben gewußt, fuhr Ridderſtern fort, daß Halſet in den Stürmen dieſer Zeit, wo die Ungewißheit menſchlicher Schickſale jedem verſtändigen Mann einleuchtet, nichts Beſſeres thun zu können glaubt, als ſeiner Tochter einen würdigen Gatten und getreuen Schützer zu geben. Er hat Recht, ſagte Erich, indem er nach Ebba hinüberblickte, die anſcheinend theilnahmlos vor dem Kamin ſaß. Wollte Gott, fügte er hinzu, unſere Freunde kämen in ein Haus, das nicht von ſo ſchwerem Leid heimgeſucht wäre, und wir könnten ſie mit ſo frohen Geſichtern empfangen, wie ſie es wünſchen müſſen. Der Propſt heftete ſeine ſcharfen Augen auf den Freiherrn, als wollte er deſſen Gedanken leſen, und obwohl Erich's Geſicht weder 191 Beſtürzung noch Ueberraſchung ausdrückte, ſagte er mit tröſtlicher Salbung: Jungfrau Mary's glückliche Wahl wird dazu beitragen, Ihren Kummer zu beſänftigen. Wie Halſet mir ſchreibt, iſt es Baron Bungen's inniges Verlangen, daß auch das gnädige Fräulein ſich ent⸗ ſchließt in den Bund der heiligen Ehe zu treten. Die ſteife Verbeugung des Geiſtlichen, welche er gegen den Baron machte, blieb unerwiedert, ſein verbindliches Lächeln konnte Ebba's ſchweig⸗ ſamen Ernſt nicht zerſtreuen, Herr Ridderſtern wandte ſich daher wie⸗ der zu dem Freiherrn, der ſeine Andeutungen beſſer aufnahm: Ich freue mich dies von Ihnen zu hören, ſagte er, obwohl ich Arwed's Stillſchweigen nicht begreife. Sie wiſſen, hochwürdiger Herr, daß wir Arwed's Beſuch längſt erwarten. Als er den Herrn Halſet nach Abo begleitete, wollte er bald zu uns zurückkehren. Aus Wochen ſind Monate geworden und obenein hat er unſere Briefe zuletzt nicht mehr beantwortet. Ich ſollte meinen, erwiederte der Propſt, der Herr Baron hätte von Abo aus Beſtimmungen getroffen— Die wir nicht befolgt haben, fiel Erich ein. Arwed wünſchte, als ſeine Rückkehr ſich verzögerte, daß Ebba in Ihrem Hauſe wohnen möchte. Erörtern wir dies nicht weiter, ſagte Herr Ridderſtern. Die edle Braut wünſchte in der Nähe des Bräutigams zu bleiben. Wir muß⸗ ten dies allerdings bedauern, und vielleicht that dies ſelbſt Baron Bungen. Doch darüber läßt ſich nicht mehr rechten, fuhr er fort, die innige ewige Vereinigung am Altare des Herrn iſt ja nahe, und wie betrübend auch die Nachrichten über das unverhoffte Ende Ihres Ver⸗ wandten ſind, ſo iſt doch auch dabei die Hand Gottes zu erkennen, welche züchtigt, um uns Gutes zu thun.. Sie waren Otho's Freund nicht, Herr Propſt, ſagte Erich mit ernſter Würde, mir aber iſt ein Bruder heimgegangen. Ich war ſein Freund nicht, weil ich es nicht ſein konnte, antwor⸗ tete Herr Ridderſtern. Mag er in Frieden ruhen und der Herr ihm ein milder Richter ſein! Nur an Ihre Zukunft, lieber Freiherr, dachte ich, als ich Gottes Hand bei dieſem Todesfalle erkannte. Herr Wai⸗ gänglih mon war von ungeſtümer Sinnesart, ruhigen Vorſtellungen wenig zu⸗ 3 G 1 1 1 I — ſellſt i daß er ſchreckit Ich ſchmerzl gute S du wenn. Erichs die beſ mit G. bon g Geiſt! Freiher ich den Halten dats Man g chen, Halle fe hü ſtafe 6 af, aur falſ Er 4 wir ſchei Freu für — 495— glicher gänglich. Er würde Ihnen noch vielen Kummer bereitet, Sie vielleicht nan, ſelbſt in ſein Schickſal verwickelt haben; denn ich zweifle nicht daran, Baron daß er die Bauern im ganzen Lande umher aufgewiegelt und zu den ent⸗ ſchrecklichſten Thaten Anlaß gegeben hätte. Ich vermiſſe ihn, wir Alle werden ihn vermiſſen! ſeufzte Erich Baron ſchmerzlich. Was ihn auch nach Schweden getrieben hat, es muß eine weig⸗ gute Sache geweſen ſein. 823 rie Troſt und treue Freunde werden Ihnen Beiden zur Seite ſtehen, . 36 wenn Ihre Verwandten bei Ihnen ſind, ſagte der Geiſtliche, indem er wed's Erich's Hände drückte. In dieſer Zeit der Schrecken und der Angſt iſt „daß die beſonnenſte Klugheit nöthig, um ſchwerem Unglück zu entgehen, doch mach mit Gottes Hilfe werden wir daraus entkommen. Halſet iſt ein Mann fnd von großer Erfahrung, weit geachtet und bekannt, Baron Bungen mit nelr Geiſt und Wiſſen gerüſtet. In ihrer Nähe wird uns wohl ſein, theurer 1 Freiherr. Wir werden gemeinſam das Rechte und Vernünftige thun, und bätte ich denke Ihnen zu beweiſen, wie gern ich Ihnen Freund und Beiſtand bin. Nur keine unüberlegte Handlungen, fuhr er föort, als Erich ſchwieg. als Halten Sie den Major davon ab; verbieten Sie dem alten Vagabond Aer Lars Unfug zu treiben, und nehmen Sie Jem Olikainen und ſeiner h) Mannſchaft die Gewehre ab. Hier wurde der Propſt von dem Lärm einer Trommel unterbro⸗ . e chen, die im Hofe geſchlagen wurde, worauf ein Hurahgeſchrei aus der muß⸗ Halle folgte. Da ſind die Soldaten ſchon! ſagte er. Es wäre beſſer, aron ſfee hätten uns mit ihrem Beſuche verſchont, jetzt müſſen wir ſie fort⸗ „ die ſchaffen, je eher je lieber. wb Er entfernte ſich aus der Halle, und als er hinaus war ſtand Ebba Ver⸗ auf, legte ihre Arme auf Erich's Schultern und blickte ihn nachdenkend nnen, rraurig an. Es geht etwas vor, ſagte ſie, ich ſehe es kommen. In den ffalſchen Augen dieſes Prieſters ſteht eine gräuliche Geſchichte geſchrieben. h mit Err freut ſich über Otho's Ende, er kann den Hohn nicht verbergen, und wwir— Arwed hat nicht geſchrieben, Halſet kommt mit ihm. Wo er er⸗ twor⸗ ſcheint, bringt er Unheil. Ich habe eine Ahnung, daß Otho ein Prophet war. rihm Was er auch bringen mag, antwortete Erich mit ſeiner ruhigen dachte Freudigkeit, er ſoll uns gerüſtet finden, immer das zu thun, was ſich Wai⸗ für uns ſchickt. g zu⸗ 496 . That ; Was ſtehen. Drittes Kapitel. 4,7 Fremde — M. Oiho. Das alſo iſt das Schloß von Stockholm, das Wunderwerk, von 8 dem ich ſo viel gehört habe, ſagte Otho Waimon, als er vor dem At mächtigen Gebäude ſtand, und lächelnd fügte er hinzu: Ich habe es 3c mir allerdings noch größer und ſchöner gedacht, weil es Ebba gar zu G ſehr rühmte. Aber ſchön iſt es dennoch, und geſchmackvoller nach u meinem Sinn, als gewöhnlich dieſe Steinklumpen aufgebaut werden. · Er ſtand vor der Seite des königlichen Hauſes, welche auf den Hafen ſchaut, und die allerdings die anmuthigſte und zierlichſte iſt. Die vor⸗ fuhre ſpringenden Pavillons und die breite Terraſſe zwiſchen ihnen, wie der 14 italieniſche Charakter des ganzen Bauſtyls ſagten ihm beſonders zu, und waren auch nach Guſtav's des Dritten Geſchmack geweſen, wäh⸗ rend die anderen Seiten des großen Vierecks lange gerade Linien bil⸗ 3 den. Die Vorgärten dieſer italieniſchen Seite, welche zur Sommerzeit G ſo freundlich ſind, lagen jedoch jetzt, wie ganz Schweden, tief unter mant dem Schnee, der von der Terraſſe ſorgſam abgefegt war. Oben ſchrit⸗ G enge ten Wachen auf und nieder, und Otho hatte auf ſeiner Wanderung ſt um das Schloß wohl bemerkt, daß alle Eingänge und Höfe mit Sol⸗ berg daten verſchiedener Art beſetzt waren. Als er aufmerkſam hinauf ſah, ſchritt ein Herr bei ihm vorüber, der einen ſcharfen Blick auf ihn wer warf, welcher eben ſo feſt von ihm erwiedert wurde. Es mochte dem Herrn wohl Geſtalt und Geſicht des jungen Man⸗ nes auffallen, welche zu dem bäueriſchen Schaafpelz und der dazu ge⸗ d b „hörigen Pelzmütze nicht recht zu paſſen ſchienen. Der Herr ſelbſt war dn von gewaltiger Länge und hatte ein eigenthümlich ſtrenges, gebietendes 4 Anſehn, eine eckige hohe Stirn und ſtolzblickende Augen, deren fun⸗ kelnde Schärfe jedoch, indem er Otho anſchaute, plötzlich einen dn freundlichen Ausdruck erhielten. Er ſtand ſtill, denn er mochte dem Fremdling anmerken, daß dieſer Luſt hatte ihn anzureden, und in der 4 di von dem be es zat zu r nach veerden. Hafen evor⸗ ie der rs zu, wäh⸗ bil⸗ nerzeit unter ſchrit⸗ derung Sol⸗ ſah, f ihn Man⸗ zu ge⸗ ſt wat ttendes n. fun⸗ einen 2 dem in der 497 That geſchah dies auch; Otho trat ihm näher und ſagte höflich: Was ſind das für Soldaten, mein Herr, die dort auf der Terraſſe ſtehen. Sie ſind von den Leibküraſſieren des Königs, antwortete der Fremde. Man ſieht es an ihrem Silberputz, daß es Garden ſind, ſagte Otho. Unſere Regimenter ſehen einfacher aus. Sie ſind fremd hier? fragte der Herr. Ich bin ein Finne, war die Antwort. Ich höre es. Und wahrſcheinlich erſt kurze Zeit in Stockholm. Geſtern angekommen, ſagte Otho. Ueber das Eis? Es iſt alſo feſt? Feſt und ſicher. Sie ſind aber doch kein Bauer, der Holz oder Heu gebracht hat, fuhr der Herr lächelnd fort. Holz oder Heu, nein; aber ein finniſcher Bauer bin ich bei alledem, erwiederte Otho in derſelben Weiſe. Zum erſtenmale bei uns wie ich denke. Wie gefällt es Ihnen? Ehrlich geſtanden ſchlecht genug, ich hätte es mir ſchöner gedacht, antwortete Otho in ſeiner offenen Weiſe. Die innere Stadt mit ihren engen Gaſſen, hügelig und winkelig, und obenein voll Schnee und Eis, iſt ſchlechter als Abo. Tauſendmal lieber bin ich in meinen Heimats⸗ bergen, in freier Luft. 1 Sie haben Recht, ſagte der Herr. Die Städte ſind Gefängniſſe, wer nicht darin wohnen muß, thut wohl ſie zu fliehen. Das will ich auch, ſobald ich den König geſprochen habe. Der Herr blickte ihm in ſeiner eirnehimͤegen ſcharfen und lächeln⸗ den Weiſe ins Geſicht. Sie wollen den König ſprechen? fragte er dann. Das will ich, und bitte Sie mir zu ſagen, ob er im Schloſſe iſt, 4 wenn Sie es wiſſen. 1 Der Herr behielt den hellen Glanz in ſeinen Augen, und dieſer verſtärkte ſich, je länger er Otho muſterte. Er ſuchte offenbar zu er⸗ forſchen, wer dieſer Fremdling ſei, und wußte nicht recht, was er aus D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 3² 498 ihm machen ſollte.— Wiſſen Sie auch, ſagte er endlich, daß es nicht ſo leicht iſt vor den König gelaſſen zu werden? Man muß zunächſt durch Wachen und Wachtmeiſter dringen, ehe man zum Hofmarſchall oder Ceremonienmeiſter gelangt, muß dieſem Herrn ſein Anliegen vortragen und ſeine Entſcheidung abwarten. Das werde ich nicht thun, fiel Otho ein. Einen anderen Weg gibt es nicht. Warum wollen Sie dieſen nicht einſchlagen? Weil, was ich dem Könige zu ſagen habe, er allein erfahren ſoll. Es ſind alſo Geheimniſſe? fragte der Herr mit einem gewiſſen, mitleidigen und beluſtigten Lächeln. Ja, mein Herr, ſagte Otho, es ſind Geheimniſſe von Wichtigkeit für den König. Die Antwort ſchien einigen Eindruck zu machen. Sie ſehen nicht danach aus, als ob Sie geringfügigen Dingen Wichtigkeit beilegten, erwiederte der Herr mit größerem Ernſt, auch ſind Sie, wie ich merke, ein Mann von Bildung, trotz des Bauernpelzes, den Sie tragen. Wollen Sie mir Vertrauen ſchenken, ſo können wir gemeinſam über⸗ legen, was am beſten zu thun ſein wird. Ich habe kein Bedenken, ſagte Otho, Ihnen mitzutheilen, daß ich Waimon heiße und einen Hof am Pajäneſee beſitze. Igſt das Alles? Ja, Alles. Mein Vater war der Oberſt Ingar Waimon. Oberſt Waimon, ſagte der Fremde nachſinnend. Haben Sie ihn gekannt? fragte Otho lebhaft. Nein, ich weiß nichts von ihm. Aber der Sohn eines Soldaten erregt immer meinen Antheil. Wo haben Sie Ihre Wohnung ge⸗ nommen? Wer ſind Ihre Freunde? Ich habe keine Freunde hier, kenne keinen Menſchen und was meine Wohnung anbelangt, ſo bin ich bis jetzt bei den Bauern ge⸗ blieben, welche mich nach Stockholm geführt haben, da es kein Gaſt⸗ haus in Stockholm gibt. Das iſt in der That ein Beweis, daß wir in der Nähe des Nord⸗ pols liegen, und Fremde bei uns eine Seltenheit ſind, lachte der rieſige Herr. Er wickelte ſich feſter in ſeinen großen Blaufuchspelz und zeigte N gewiſſ Lapie ben„ Bs d Umſt Jüne Wai glück nich Sie, und ſeine daß nan nicht mächſt rſchall liegen dieſen ſoll viſſen, tigkeit nicht egten, nerke, — 499— beim Aufſchlagen, daß er einen mit Gold geſtickten Rock trug. Haben Sie denn auch keine andere Kleider als dieſe? fragte er dann. Nichts weiter, ſagte Otho. Alles was ich beſaß iſt bei einem Schiffbruche verloren gegangen. Und keine Empfehlung, keine Bekanntſchaften? Nein. Doch ja, eine Empfehlung habe ich mitgebracht an einen gewiſſen Herrn Rittmeiſter. Er griff in die Taſche und holte ein Papier heraus, aus deſſen Umſchlag er ein Briefchen, aus gelbem gro⸗ ben Papier beſtehend, nahm. An den Rittmeiſter Jöran Adlerſparre. Bis jetzt aber hat mir noch Niemand ſagen können, wo er zu finden iſt. Der Herr griff nach dem Papier, las die Aufſchrift, öffnete ohne Umſtände dann die Falten und blickte hinein. Alter ehrlicher Axel Jönsſon! rief er freudig laut. Sie können wohl denken, Herr Otho Waimon, daß dieſe Empfehlung in die rechten Hände gelangt iſt. Ein glücklicher Zufall, in der That! Denn ich lebe ſeit mehreren Jahren nicht mehr in Stockholm, wo man mich vergeſſen hat. Ich bin wie Sie, ein Landmann, baue meinen Kohl in einem abgelegenen Winkel, und kam wie Sie, hierher, um den König zu ſprechen in meinen und ſeinen Angelegenheiten. Als ich Sie zuerſt ſah, gefielen Sie mir ſo gut, daß ich meine Augen nicht abwenden konnte. Es muß etwas vom ſoge⸗ nannten höheren Willen dabei geweſen ſein, daß wir uns begegnen ſollten. Otho war äußerſt erſtaunt und erfreut. Ja, meiner Treu! rief er, ich glaube ſelbſt daß es etwas iſt, was man eine Gottesfügung nennt! Ich fange an zu glauben, daß ich Glück bei meinem Unter⸗ nehmen habe. Wollen Sie mir jetzt ſagen, was Sie hierher getrieben hat? fragte der Rittmeiſter Jöran Adlerſparre. Otho ſchüttelte den Kopf. Sein neuer Beſchützer, ſo freundlich er auch war, flößte ihm doch nicht das Vertrauen ein, um ſich ihm ganz zu überlaſſen. Jöran Adlerſparre war ungefähr fünfzig Jahre alt und ſein Geſicht trug noch die Spuren früherer Jugendſchönheit; ſeine Züge aber waren hart und ſtolz und ſeine Augen mit ihrem leuchtenden, unſtäten Feuer erinnerten Otho, daß dieſer Mann, wie er gehört, das Haupt einer politiſchen Partei geweſen ſei, die von der Regierung verfolgt wurde. Sein finniſches Mißtrauen hielt es daher 32* 500 für räthlich, ihm vor der Hand nicht allzuviele Offenherzigkeit zu zeigen. Verzeihen Sie mir, ſagte er, wenn ich ſo lange ſchweige, bis ich den König geſprochen habe. Ich halte mich dazu verpflichtet. Der Rittmeiſter nickte lächerlnd. So wollen wir ſehen, was ſich dafür thun läßt, erwiederte er. Es iſt wahrſcheinlich eine politiſche Mittheilung, die Sie dem Könige zu machen haben? Ich denke ja. Und bezieht ſich auf die Verhältniſſe in Finnland? Auf Finnland, ja. Sie haben alſo eine Sendung übernommen in Angelegenheiten Ihrer Landsleute. Es betrifft allerdings unſer Aller Wohl. Adlerſparre ließ ſeine Augen feuriger blitzen. Verlangt ihr Waffen, Soldaten, einen tüchtigen General, ſagte er, der alte Marſchall Kling⸗ ſpor muß ja ſchon bei euch angelangt ſein. Nehmen Sie ſich in Acht, mein junger Freund! Der König kann ſolche Forderungen nicht ver⸗ tragen. Was er thut und beſchließt iſt wie von Gott beſchloſſen und Frevel, wenn ſeine Unterthanen es nicht eben ſo finden wollen. Ein höhniſches Zucken bewegte ſeine Lippen, Otho erwiederte jedoch, daß wenn die Finnen Forderungen machen wollten, ſie ihn nicht ge⸗ ſchickt haben würden. Aus eigenem Antriebe komme er her, um dem Könige etwas anzuvertrauen, das er erfahren habe und von Wichtigkeit für Finnlands Schickſal ſei. Adlerſparre ſchwieg einige Augenblicke. Alſo Liebe zu Ihrem Vaterlande trieb Sie über das Wintereis, begann er darauf. Ich traue es Ihnen zu, Sie ſehen aus wie ein Mann, der für ſein Vater⸗ land etwas wagt, was andere kluge Leute vielleicht Narrheit oder. Verbrechen nennen. Ich denke und fühle wie Sie, Herr Otho Wai⸗ mon, das Vaterland hat heilige Rechte an uns. Meines Volkes Chre iſt meine Ehre, meines Volkes Wohl mein Wohl! Sie wiſſen Näheres über die ruſſiſchen Pläne und wollen ſie dem Könige mittheilen. Die Frage wurde ſo plötzlich und mit ſolcher Beſtimmtheit gethan, daß Otho davon überraſcht eine beiſtimmende Antwort gab. Dies und Anderes weiß ich, ſagte er, fragen Sie mich nicht weiter darum. Buuer Fölger ich ni Uebri weilen lichen G und lich Aufe ten dann wirk gen ſage ein zu bis ſich ſche aten ffen, ing⸗ lcht, ver und doch, ge⸗ dem gkeit grem Ich ater⸗ oder Wai Ehre heres ethan⸗ und rrum⸗ — 501— Helfen Sie mir, daß ich in dieſen Palaſt gelange. Gott weiß es, ob nicht Alles doch ſchon verloren iſt. Ich will es verſuchen, ſagte der Rittmeiſter, und vielleicht iſt der Bauernrock Ihnen behilflicher als trügen Sie Stern und Band. Folgen Sie mir nach, und da es Ihnen nicht an Muth fehlt, darf ich nicht ſagen, fürchten Sie ſich nicht vor dem Hofgeſchmeiß. Im Uebrigen wird es beſſer ſein, wenn wir unſere Bekanntſchaft einſt⸗ weilen aufgeben; denn meine Freunde, ſetzte er mit ſeinem eigenthüm⸗ lichen Lächeln hinzu, können auf Hofgunſt nicht rechnen. Er ging die Terraſſe hinauf, blieb aber faſt auf jeder Stufe ſtehen und that Fragen, durch welche er, ehe Beide oben anlangten, ſo ziem⸗ lich Alles über die Reiſe des jungen Mannes und deſſen erzwungenen Aufenthalt bei dem guten Pfarrer Jönsſon erfuhr.— Ihre Neuigkei⸗ ten ſind durch den unglücklichen Schiffbruch alt geworden, ſagte er dann. Was Sie bringen muß ganz beſonderer Art ſein, doch, da wir wirklich noch nichts von den Ruſſen wiſſen— Und nichts von Sweaborg, fiel Otho ein. Ich habe Erkundigun⸗ gen eingezogen, ſo viel ich vermochte, und glaube, was ich dem Könige ſagen werde, wird ihm eben ſo neu wie überraſchend vorkommen. Nur nichts von Admiral Cronſtedt, murmelte der Rittmeiſter, der eine beſondere Gabe zu beſitzen ſchien, nach allen Seiten hin zu rathen. Cronſtedt, fügte er mit dem höhnenden Zug um ſeine Lippen hinzu, iſt einer von den Heiligen, die Niemand anrühren darf. Sonderbar genug, daß dieſer König, der keinem Menſchen traut, eben ſo blind⸗ gläubig an ihm hängt wie alle Anderen; dennoch aber— er brach ſeine Bemerkung ab, die er mehr mit ſich ſelbſt ſprechend machte, und fuhr laut fort: Wir dürfen hier nicht ſtehen bleiben, auch ſchlägt es eben elf Uhr. Damit beginnt die Audienz, wenn der König von Haga herein kommt, wie dies heute der Fall iſt. Und wenn man ihm jede Tugend abſprechen mag, ſo bleibt ihm doch die der Pünktlichkeit. Hö⸗ ren Sie das Trommeln auf der Hauptwache? Was hat das zu bedeuten? Daß der König ſoeben gekommen iſt, ſagte Adlerſparre. Wir wollen gehen, es werden viele Andere ſchon warten. Ich will den Ceremonienmeiſter und Adjutanten, den Oberſt Mellin, auf Sie auf⸗ 50² merkſam machen, das iſt Alles was ich thun kann. Stellen Sie ſich an der Thür ſo auf, daß er Sie bemerken muß. 1 Bei den Wachen vorüber gelangten ſie zu einem großen Portal im Schloßhofe, aus welchem ſo eben ein ſchwerfälliger alter Wagen mit vier dampfenden Pferden beſpannt, in welchem der König gekom⸗ men war, ſich entfernte. Eine Schaar Leibgrenadiere ſtand auf dem viereckigen, geräumigen Hofe und wurde von Offtzieren beſichtigt. Der König, ſagte der Rittmeiſter, hält jeden Tag eine Muſterung oder Wachtparade ab, und wehe dem Verbrecher, der in den Gamaſchen eine Falte hat, oder dem eine Haarſpitze nicht ſo ſitzt, wie es als dienſt⸗ mäßig in dem Reglement ſteht. Doch was geht das uns an, ſagte er lachend. Es iſt teufelmäßig kalt, die armen Burſche werden entſetzlich frieren, denn Pelze ſtehen eben nicht im Reglement.— Bleiben Sie hier ſtehen, mein junger Freund, und danken Sie Gott, kein Leibgre⸗ nadier Sr. Majeſtät zu ſein; immer aber iſt das noch beſſer, als zu ſeinen Lieblingen zu gehören. Mit dieſen Worten verließ Jöran Adlerſparre den jungen Aben⸗ teurer, der in der Nähe des Portals, neben der Treppe, ſtehen blieb und zu den hohen Fenſtern hinaufſchaute, hinter welchen er viele Men⸗ ſchen in Uniformen und geſtickten Röcken erblickte. Nach einigen Mi⸗ nuten erkannte er auch den Rittmeiſter, der auf ihn nieder ſah und ihm zunickte, als wollte er ſich überzeugen, daß er auf ſeinem Poſten ſei. Ein unmuthiges Gefühl, das ſeine Unruhe überwältigte, regte ſich in Otho. Er hätte davonlaufen mögen, und doch ſagte ihm ſeine Klugheit, daß er das nicht dürfe. Denn er ſah wohl ein, daß ſein Beſchützer Recht hatte, und zu dem Könige zu gelangen, wirklich nicht ſo leicht war, wie er es ſich gedacht. Der Mann, den er in ſo glück⸗ licher Weiſe aufgefunden, durfte auch nicht beleidigt werden; dennoch gefiel ihm deſſen Benehmen nicht allzuſehr. Das höhnende Lachen in dem ſtolzen, harten Geſicht hatte nichts Wohlthuendes für einen ſo offenen, einfachen Jüngling, der allerdings von Vielem, was er ſah, unangenehm berührt wurde. Die Menſchen, welche an ihm vorüber gingen, ſtarrten ihn neugierig an, betreßte Diener liefen hin und her und ſchrien ihm zu aus dem Wege zu gehen; ein paar Offtziere wie⸗ ſen m prächt Geſtalt dings grollen Das n nweil d meinen dort he dienſtf daß je hoffte weſen, Gotte rief e mich G dinter Herr dara Mit und ſchm Glei dieſen ſäeg lerie Ein Dee die wur und an — 503— ſen mit Fingern auf ihn und riefen einem Andern entgegen, daß hier ein prächtiger Rekrut für die Leibgrenadiere zu ſehen ſei. Mit ſeiner hohen Geſtalt, ſeiner breiten Bruſt und dem männlichen Geſicht, war er aller⸗ dings ſelbſt in dem Bauernpelz eine auffallende Erſcheinung, und grollend drehte er den Herren den Rücken zu und ſagte zu ſich ſelbſt: Das muß ich mir Alles gefallen laſſen, weil ich ein Bauer bin und weil der Rock, nicht der Mann hier etwas gilt. Hätte ich Borten an meinen Hoſen und Mehl in meinem Haar, wie die ausgedörrten Burſche dort hinter den Scheiben, wie würden alle dieſe Tagediebe ſich bücken und dienſtfertig aus dem Wege ſpringen. Wird's jemals wohl dahin kommen, daß jeder Mann nach ſeinem Werthe gilt, wie meine arme Mutter hoffte? Was ſagt Lars Normark: Betrug iſt ſchon im Paradieſe ge⸗ weſen. Das Menſchenweſen bringt's ſo mit ſich, alſo betrügt nur in Gottes Namen weiter.— Aber länger halt ich's hier nicht mehr aus! rief er ärgerlich. Kommt's nicht bald, ſo lauf' ich hinein und melde mich ſelbſt, allen den gaffenden Narren zum Trotz. Er blickte dabei nach den Fenſtern hinauf, wo ſoeben viele Köpfe hinter den Scheiben auf ihn niederſchauten und ihn anlachten. Ein Herr mit einer großen Perrücke, zu beiden Kopfſeiten dickwulſtige Locken daran, und über die Bruſt ein breites gelbes Band, ſtand in der Mitte der einen Gruppe, neben ihm der Rittmeiſter, der mit ihm ſprach und das Gelächter wahrſcheinlich erregte. Der Herr war dürr und ſchmal, und Otho merkte ſogleich, daß es der Hofmarſchall ſein müſſe. Gleich darauf winkte ihm der Herr, und getroſten Muthes folgte er dieſem Zeichen, indem er in das Portal ging und die Stufen hinauf⸗ ſtieg. Ein paar Trabanten mit großen Stöcken ſtanden vor der Gal⸗ lerie, zu welcher die Treppe führte, und Otho würde ſchwerlich hier Eingang gefunden haben, wenn nicht mit ihm zugleich ein betreßter Diener angelangt wäre, der ihm gebot hereinzutreten. Otho folgte dieſem Befehl, und als die Flügelthür des Empfangszimmers geöffnet wurde, ſtand er vor einem Halbkreis vornehmer Herren, die ihn lächelnd und neugierig anſtarrten und die gute Abſicht zu haben ſchienen, ſich an einem tölpelhaften Bauer zu beluſtigen. Beſcheiden nahm der junge Mann ſeine Pelzmütze ab und ließ ſein langes, dunkelgoldiges Haar über ſeine Schultern fallen. Sein 504 Anſehen war vortheilhaft. Der Ceremonienmeiſter, Oberſt Mellin, ſtreckte ſeinen ſchwarzen Amtsſtab aus und ſagte, indem er auf den Eintretenden deutete, zu einem ſchönen, freundlich blickenden Herrn in Generalsuniform, der neben ihm ſtand: Das iſt ja ein prächtiger Burſche. Gewachſen wie eine finniſche Tanne. Den könnten Sie brauchen, Adlercreutz. Die Länge thut's nicht, antwortete der General. Dieſe verteufelten Franzoſen ſind klein wie Grashüpfer, und doch ſchlägt Napoleon damit die Welt zuſammen. Der Hofmarſchall mit dem gelben Ordensbande, Herr von Silver⸗ ſparre, nahm eine Priſe aus ſeiner goldenen Doſe und verzog dabei ſein dürres, langes Geſicht, als wollte er lächeln. Die Herren ſprachen franzöſiſch, und Herr von Silverſparre antwortete in dieſer Sprache: Schweigen Sie, General, das iſt ein Name, der hier nicht ausgeſpro⸗ chen werden darf. Du, mein Sohn, fuhr er hierauf ſchwediſch fort— du verſtehſt doch ſchwediſch? Ja, Herr, antwortete Otho. Aber du biſt ein Finne? Ein Finne, Herr. Und von echtem Gepräge, ſagte der Hofmarſchall, ſich zu dem Ceremonienmeiſter wendend. Blaue, feurige Augen, gelbes Haar, eine Haut von merkwürdiger Friſche, trotz des Rauches in ihren abſcheu⸗ lichen Hütten. Wo biſt du her, mein Sohn? Aus dem obern Tavaſteland vom Pajäneſee. Den König willſt du ſprechen? Das möchte ich. Was willſt du denn bei ihm? Dein Herz ausſchütten? Ja, Herr, das möchte ich. Der Hofmarſchall hatte ſeine Frage ſchon ſpöttelnd gethan, bei der Antwort brach das Gelächter los, aber es geſchah faſt ohne gehört zu werden, denn nicht weit davon war der König. Es iſt wohl eine ſehr traurige Geſchichte? fuhr der Hofmar⸗ ſchall fort. Ja, Herr. Traurig genug für Jeden, der ein Herz hat, was freilich den Meiſten hier zu fehlen ſcheint. A Antwo an und Bauer Ja unm geben wünd bitte llin, den in tiger Sie elten amit lber dabei nchen ache: pro⸗ t— dem eine heu⸗ bei thört mar w as — 505— Alle Wetter! rief Herr von Silverſparre, halb beluſtigt von dieſer Antwort, halb überraſcht. Er blickte den jungen Abenteurer ſchärfer an und ſagte darauf: Haben wir es denn wirklich mit einem finniſchen Bauer zu thun? Biſt du was du vorſtellen willſt? Ja, Herr, ein Bauer bin ich, nichts mehr, nichts weniger, verſetzte Otho; doch darauf kommt's hoffentlich nicht an, da ich nichts erbitten will, oder Prioilegien geltend mache. Ich wünſche nur den König zu ſprechen. Die Antwort und die Sprache beſtärkten den Hofmarſchall, daß er keinen Bauer vor ſich habe. Wie heißen Sie? fragte er. Das werde ich dem Könige ſagen, antwortete Otho. Aber, ich glaube, der Herr Ceremonienmeiſter wird Sie dem Kö⸗ nige nicht anmelden, verſetzte Herr von Silverſparre, wenn er nicht weiß, welches Ihr Anliegen iſt. Worüber wollen Sie denn vor Sr. Majeſtät Ihr Herz ausſchütten? Ueber etwas, was ich keinem Andern ſagen will. In dieſem Falle bin ich bereit, es allein zu hören, erwiederte Oberſt Mellin. Auch Sie, mein Herr, werden es nicht erfahren. Es iſt alſo jedenfalls wohl ein höchſt wichtiges Geheimniß? ſagte der Hofmarſchall fein lächelnd, indem er nach dem Kreis der Umſte⸗ henden blickte, der ſich ausnehmend beluſtigte. Mag es ſein, was es will, entgegnete Otho, deſſen Geſicht ſich immer unmuthiger röthete, gewiß aber iſt es nichts, was Ihnen das Recht geben könnte, Ihren Scherz mit mir treiben zu wollen. Kein Finne würde einen Mann verhöhnen, und wäre es auch nur ein Bauer, der bittend zu ihm kommt und Beiſtand in einer gerechten Sache fordert. Dieſe Zurechtweiſung des mächtigen Hofmarſchalls machte, daß die lachenden Geſichter plötzlich ernſthaft wurden. Herr von Silverſparre allein verzog ſein Geſicht noch ſpottluſtiger, und indem er ſeine Doſe öffnete, zuckte er die Achſeln und ſah in bedeutſamer Weiſe nach der Thür. 5 Sie wiſſen nicht was hier Sitte und ſtrenges Gebot iſt, ſagte der General Adlercreutz, welcher bisher geſchwiegen hatte. Man kann den König nicht ſprechen, ehe Se. Majeſtät nicht vorher unterrichtet iſt, was man von ihm will. Das iſt eine ſehr ſchlechte Einrichtung, erwiederte Otho unerſchrocken, denn auf dieſe Weiſe wird der König nur hören, was ihm gefällt, oder was ſeine Umgebungen für paſſend befinden. Der General ſah aus, als wenn ihm die Antwort außerordentlich gefiele. Sein Blick auf den Hofmarſchall und den Ceremonienmeiſter hatte etwas Boshaftes, zugleich aber winkte er Otho zu und ſagte zu⸗ traulich: Hier darf Niemand ſich zum Beurtheiler aufwerfen, junger Mann, ſondern Jeder muß gehorchen. Der Herr Oberſt Mellin kann Ihnen keinen Zutritt zum Könige gewähren, wenn Sie ihm nicht ſagen, wer Sie ſind und was Sie wollen. Da ich aber auch in der Nähe Sr. Majeſtät bin, ſein Generaladjutant, ſo kann ich es eben⸗ falls übernehmen, wenn Sie meine Dienſte vorziehen. Es iſt doch wahr! rief Otho, indem er ſeiner natürlichen Heſtig⸗ keit ſich überließ. Könige ſehen nicht mit eigenen Augen, und hören nicht mit eigenen Ohren; das iſt ihr Unglück und das Unglück der Völker. Gehen Sie zu Ihrem Herrn. Melden Sie ihm, ein finniſcher Bauer bitte um Gehör. Was er zu ſagen habe, wolle er ihm allein mittheilen. Ich habe den Glauben, daß er mich nicht fortweiſen läßt. Die unerhörte Art dieſes Benehmens brachte Schrecken und Aerger über die Zuhörer. Ein Menſch, der nichts war, ein Menſch in einem Bauernpelze und einer Troddelmütze, wagte Aeußerungen und ſtellte Forderungen, welche die größten Herren im Lande nicht gethan hätten. Das unwillige Gemurmel über dieſe Frechheit machte dem anfänglichen Er⸗ ſtarren Platz; nur dieſer junge Menſch ſelbſt ſah ſo ſtolz und unbefangen aus, als habe er gar keine Ahndung, wie unſchicklich er ſich benommen. Niemand ſchien jetzt noch ein wohlwollendes Mitleid für ihn zu em⸗ pfinden, als der General, welcher lächelnd den Kopf ſchüttelte und freundlich fortfuhr: Sie kennen den Gebrauch nicht, der hier herrſcht, ich wiederhole Ihnen alſo nach einmal: Niemand darf Sr. Majeſtät eine ſolche Meldung machen. Es wäre gegen das Reglement. Otho dachte daran, was Adlerſparre vom Reglement geſagt hatte. Kann man denn Alles nach Vorſchriften abmeſſen? rief er unmuthig. Wenns Unglück hereinbricht, muß das auch reglementmäßig kommen? Ich danke Ihnen, Herr, Sie meinen es gut mit mir; aber lieber will ich hingehen, woher ich gekommen bin. er de Siei de zu einen wat ei zwiſchen markig Seine vermeh drückt Stiefe trat n Adler — 507— Fben wurde die Thür mit Geräuſch geöffnet und vor dem Herein⸗ er ſiden zog ſich der ganze Kreis zurück. Alle verbeugten ſich unter⸗ 55 er neue Ankömmling war ein alter Herr mit weißen Haaren, die zu einem mächtigen Zopf gebunden, lang über ſeinen Rücken fielen. Es war ein gewaltiger Körper, der ſich ein wenig vorn überbeugte, und zwiſchen den breiten Schultern ſaß ein Kopf, mit dickem rothen Geſicht, markigen, faltigen Zügen und einer Stirn von außerordentlicher Breite. Seine Augen leuchteten groß und lebhaft, die vielen rothen Adern darin vermehrten jedoch den Ausvruck reizbarer Heftigkeit, der ihm aufge⸗ drückt war. Er trug Generalsunif n. dicke goldene Achſelſchnüre, hohe Stiefeln mit Sporen und einen Fedrryet in der Hand. Als er herein⸗ trat machte ſein Kopf eine kleine Neigung gegen den Generaladjutanten Adlercreutz.— Der König iſt doch ſchon hier? ſagte er. Ja, Excellenz, war die Antwort. Wer iſt bei ihm? fragte der alte Herr. 3 Der Hofkanzler, erwiederte Adlerkreuz mit gedämpfter Stimme, der Kanzeleipräſident und Excellenz Cederſtröm. Der alte General hatte inzwiſchen die Anweſenden überblickt. Er ſah den Rittmeiſter Adlerſparre im Hintergrunde und that einen Schritt auf ihn zu, indem ſein groteskes Geſicht freundlicher wurde. Sie ſind hier, Rittmeiſter? ſagte er, das iſt gut. Ich will Sie ſelbſt dem Könige vorſtellen. Habe ihm ſchon geſtern davon geſprochen. Majeſtät war erfreut über Ihren Entſchluß. Sie können der Erfüllung gewiß ſein. Adlerſparre verbeugte ſich, ſeine glänzenden Augen hefteten ſich auf den alten General, der verſtehen mußte, was ſie ihm ſagten. Beſorgen Sie nichts, murmelte er, aber begleiten Sie mich in das Cabinet. Ich mag nicht warten bis Zibet und Ehrenheim fertig ſind. Der Mann, der ſich dies vermaß, wandte ſich um und ſah gerade vor ſich den ſonderbaren Gaſt in dieſem Raum, der kein hochzeitlich Kleid anhatte. Was iſt das? fragte er. Ein junger Menſch, der vorgibt ein finniſcher Bauer zu ſein, ſicherlich aber keiner iſt, antwortete Adlercreutz franzöſiſch. Er ver⸗ 3506 ſchweigt ſeinen Namen wie ſein Anliegen, will aber dennoch durchaus den König ſprechen. Wozu ich gute Gründe habe, antwortete Otho ebenfalls frrnſſc die der König anerkennen wird. Ein ſeltſamer Bauer, der franzöſiſch ſpricht! rief der General lachend. Wer, zum Henker! ſitzt eigentlich darunter? Indem er dicht zu ihm heran trat, ſah er ihn ſcharf an, hob dann das rieſige rothe Geſicht auf, und es war als ob er zurückprallte. Oho! Wie? rief er. Sie heißen Waimon? Otho Waimon. Ingar Waimon's Sohn, iſt es nicht ſo? Mein Vater hieß Ingar, ¹. Oberſt in engliſchen Dienſten. Er iſt todt. Todt, ſeit langer Zeit. Ich habe davon gehört, ſagte der Herr, indem er Otho ſtarr anblickte als ſuche er in ſeinem Geſicht alte Erinnerungen. Ihre Mut⸗ ter aber? Sie iſt im letzten Jahre von uns gegangen. Auch todt— wir ſterben Alle! murmelte der Herr, ohne ſeine Augen abzuwenden. Sie haben meine Eltern gekannt? Der General nickte eine Anzahl Male vor ſich hin, wie in Gedanken. Und wer ſind Sie, mein Herr? Ich heiße Toll! * Felddmarſchall Toll! rief Otho, und als er den Namen ausſprach, fühlte er eine Anwandlung des Abſcheus und Zornes, mit denen er oft genug den gefürchteten und gehaßten Günſtling des Königs geſchmäht hatte. Feldmarſchall Toll! wiederholte der alte General, und in dem rothen grimmigen Geſicht zuckte ein übermüthiges verächtliches Lachen, als wüßte er, was in der Seele des Finnen vorging. Was treibt Sie denn hierher? fragte er. Ich weiß es ſchon, Sie wollen den Kö⸗ nig ſprechen. Was iſt es? Eine eigene Angelegenheit? Nein. Was den König angeht. 81 er di Sie l E. folgte Thür Ar Thür monier chen, rathur Stim wand und klopft Rittm das k an ei leſen mit flüg fern mit der aſch ben welch Ger übe er N Nac Nre ſtär eine ken. dem hen, reibt Kö 509 Was den König angeht? Er heftete die Augen auf ihn, als wolle er die Wahrheit erforſchen. Wenn es Se. Majeſtät angeht, ſollen Sie ihn ſprechen. Kommen Sie, wir wollen ſehen, was zu machen iſt. Er ging den Saal entlang, und Otho folgte ſeinem Wink, ebenſo folgte der Rittmeiſter Adlerſparre, der, als der Feldmarſchall die Thür erreicht hatte, leiſe ſagte: Nehmen Sie ſich in Acht! An den Saal ſtieß ein kleines Cabinet, aus welchem eine andere Thür weiter führte. Niemand, weder der Hofmarſchall noch der Cere⸗ monienmeiſter hatten dem Willen des allmächtigen Mannes widerſpro⸗ chen, der ohne eine Anmeldung zu begehren, den König in ſeiner Be⸗ rathung mit ſeinen Miniſtern unterbrechen wollte.— Eine harte laute Stimme ſchallte durch die Thür; als er die Hand auf den Drücker legte, wandte er den Kopf zurück und ſah den Abenteurer noch einmal ſo raſch und finſter an, als hänge an ſeinem Blick eine ſchwere Drohung, dann klopfte er, indem er zugleich die Thür offen ließ, als er hinein trat. Der Rittmeiſter ſtand vor Otho, welcher über deſſen Schulter fort neugierig in das königliche Zimmer blickte. Ein alter Herr ſaß ſteif und würdig an einem Tiſche, auf welchem viele Papiere lagen, und ſchien darin zu leſen; an der andern Seite ſtand ein kleiner ausgetrockneter Mann mit dürrem vergilbten Geſicht, welches die große Perrücke mit Tauben⸗ flügeln noch häßlicher machte. Er ſchien im Begriff zu ſein, ſich ent⸗ fernen zu wollen, denn er ſchloß eine große Maroquinmappe, die mit Schriftſtücken gefüult war. Vor dieſem Tiſche, in der Nähe der Fenſter, ſah Otho einen General in Uniform, der ſeine Brief⸗ taſche in der Hand hielt, und darin etwas bemerkte, was Bezug ha⸗ ben mochte auf die laut geſprochenen Worte eines vierten Anweſenden, welcher an den Tiſch gelehnt zu ihm ſprach. Als der Feldmarſchall hereintrat, wandte dieſer Herr ſich nach dem Geräuſch um, und wie dies geſchah, ließ vermuthen, daß er unwillig über eine unerwünſchte Störung ſei; kaum aber hatte er geſehen, wer er war, als er mit großer Freudigkeit des Tones rief: Mein lieber Marſchall! Es iſt mir ſehr erwünſcht, Sie zu ſehen. Wir haben Nachrichten, daß die Dänen rüſten. In Norwegen haben ſie bei Fredrikshall fünf Regimenter zuſammengezogen und ſammeln Ver⸗ ſtärkungen. Ich beſtimme ſo eben, daß eine Weſtarmee gebildet wer⸗ — 3ào den ſoll. Cederſtröm ſoll alle Mittel anwenden, die Regimenter raſch zuſammenzubringen. Aus Schonen ſollen keine Truppen fortgezogen werden, aber die aus dem Norden was da iſt. Wir müſſen dem Feinde zuvorkommen. Majeſtät, ſagte Toll, finden in Ihrer Weisheit immer das Beſte, und wenn nicht etwa in Finnland— Nichts da! rief der König, in Finnland ſteht Alles gut. Stedingk ſchreibt mir aus Petersburg, er ſei endlich hinter die ruſſiſchen Schliche gekommen. Tagtäglich läßt man Soldaten bei ihm vorübermarſchiren mit Sack und Pack, Artillerie und Munitionscolonnen, aber er hat herausgebracht, daß es immer dieſelben ſind, die zur Nachtzeit wieder in die Stadt einrücken. Die Ruſſen thun uns nichts, Marſchall, aber die Dänen! die Dänen, die den Erzfeind der Menſchheit hinter ſich haben. Otho ſtand regungslos und blickte den König an. Guſtav der Vierte blieb noch immer an dem Tiſch, die linke Hand aufgeſtützt, mit der Rechten, während er ſprach, einige abgemeſſene Bewegungen machend. Er war noch nicht dreißig Jahre alt, ziemlich groß, ſchlank und wohl⸗ gebaut; das lange regelmäßige Geſicht, die gerade lange Naſe und die hohe ſteile Stirn der Oldenburger fehlten ihm nicht. Otho erinnerte ſich an ein altes Bild Karl's des Zwölften, das in Halljala hing, und er fand, daß dieſer ſpäte Abkömmling dem großen Ahnherrn ähn⸗ lich ſehe. Inzwiſchen wandte ſich der König um und ſah zunächſt den Rittmeiſter ſtehen. Wer iſt da? fragte er mit ſeinem rauhen Organ. Majeſtät, fiel Toll ein, ich bitte um die Gnade, Ihnen zwei Män⸗ ner vorſtellen zu dürfen. Der eine iſt der Rittmeiſter Adlerſparre— Näher! ſagte der König.. Adlerſparre trat herein, machte drei tiefe Verbeugungen und richtete ſich dann militäriſch auf. Der König kam ihm entgegen, blieb vor ihm ſtehen und ſah ihn eine Minute lang mit ſtolzer Miene an. Sein Geſicht hatte äußerſt unbewegliche, harte und kalte Züge, die tiefen Mundwinkel und feſtgeklemmten Lippen deuteten auf den eiſernen Starrſinn, der ſo viele Leiden über dieſen unglücklichen Fürſten ge⸗ bracht hat. Wie er langſam vorſchritt, den Kopf in den Nacken, ſteif und für e 1 von i Es ka Anſch Sünde gäge ſchmol macht wurde 1 einen ner! Mien biegſe Aber ſehlie druch war und wie 1 er a hrec jet ein. wil daß dech am 511 und feierlich, konnte man ihn eher für einen ſpaniſchen Granden, denn für einen ſchwediſchen König halten. Otho hatte Zeit ihn zu beobachten, da der König wenige Schritte von ihm verweilte, aber es war als bemerke Guſtav Adolf ihn nicht. Es kam dem jungen Finnen vor, als wolle der Gebieter ſein höchſtes Anſehn gegen den Rittmeiſter geltend machen, oder ihn für begangene Sünden ſtrafen und einſchüchtern, ehe er ihm ein gnädiges Antlitz zeige, und er hatte es richtig errathen; denn nach einigen Minuten ſchmolz der Ernſt in den harten Zügen des Königs, eine Art Lächeln machte ſeine Lippen weicher und die ſtarr geradeaus blickenden Augen wurden beweglicher. Adlerſparre ſtand ſoldatiſch aufgerichtet ohne ſich zu regen und einen Augenblick lang konnte der neugierige Zuſchauer die beiden Män⸗ ner vergleichen. Sie ſahen ſich ähnlich in dem düſtern Ausdruck ihrer Mienen und unwillkürlich überkam Otho der Gedanke, daß in Un⸗ biegſamkeit und Hartnäckigkeit Keiner dem Anderen weichen würde. Aber aus den Augen des Rittmeiſters leuchtete Etwas, das dem Könige fehlte. Es leuchtete ein Feuer darin, das ſeinem Geſicht den Aus⸗ druck eines entſchloſſenen Charakters gab, und ſein ſchöngewölbter Kopf war edel und kühn gebaut, während der König mit matten Augen und ſteilaufſtrebender Stirn ausſah, als ob es ihm ſowohl an Geiſt, wie noch mehr an Charakter fehle. Wenn der dort König von Schweden wäre, murmelte Otho heim⸗ lich ſich zu, ſtände es beſſer um uns, und mit Aufmerkſamkeit hörte er an, was vor ihm geſchah. Rittmeiſter Adlerſparre, ſagte der König, das Schweigen unter⸗ brechend, Sie wollen wieder in meinen Dienſt treten. Ja, Majeſtät, antwortete der Rittmeiſter, ich halte es für Pflicht, jetzt, wo der Feind Schweden bedroht, Ihnen meine Dienſte anzubieten. Sie ſind ein Mann von Geſinnung, das ſchätze ich, fiel der König ein. Sie haben ſich cue er Armee und von mir zurückgezogen. Ich will nicht darauf eingehen, was Sie dazu bewog, aber ich freue mich, daß Sie zu mir zurückkehren. Ich will das Rechte und Gute. Ge— rechtigkeit gegen Alle! das iſt mein Grundſatz und— ehrlich währt am längſten! Ja gewiß, ehrlich währt am längſten! 512 Indem der König ſeinen Lieblingsſpruch wiederholte, klopfte er mit der Hand auf ſeine Bruſt und ſah den Rittmeiſter wohlwollend an. Ich danke Ihnen, Herr Adlerſparre, fuhr er dann fort, Sie ſollen mir willkommen ſein. Es wird ein Weſtheer gebildet, ich brauche tüchtige Offiziere. Sie ſind ein ſolcher, ich weiß es, darum ernenne ich Sie zum Major; das Uebrige wird der Kriegspräſident, General Ceder⸗ ſtröm, anordnen. In dem Augenblick, wo Adlerſparre ſich verbeugte und einige dan⸗ kende Worte ſagte, ſah Guſtav Adolf über ihn fort und ſeine Augen hefteten ſich auf Otho. Er that als erblicke er ihn erſt jetzt und ſagte freundlicher, als er bisher geweſen: Ein Finne! Komm her zu mir. Was führt dich nach Stockholm? Dieſer junge Mann iſt, wie er ſagt, gekommen, um Ew. Majeſtät Mittheilungen zu machen, welche er keinem Andern anvertrauen will, begann der Generalgouverneur von Schonen. Wo iſt Oberſt Mellin? fragte der König. Verzeihung, Majeſtät, antwortete der alte General, dem Ceremonien⸗ meiſter wollte er ſeine Geheimniſſe nicht ſagen, ſomit— Es iſt reglementswidrig! rief der König im ſcharfen Tone. Warum wollteſt du dem Herrn mit dem ſchwarzen Stabe nicht gehorchen? fuhr er gegen Otho gewandt fort. Er hat dir ohne Zweifel geſagt, wie die Vorſchriften lauten. Das hat er gethan, erwiederte Otho, ich hatte jedoch Gründe nicht zu gehorchen. Ihr Finnen habt immer Gründe, wenn ihr thun wollt was euch beliebt, ſagte der König die Lippen verziehend. So ſage mir denn, junger Mann, was du für Gründe hatteſt? Zunächſt, verſetzte Otho, glaubte ich nicht, daß man für wahr halten würde, was ich erzählen ſollte, dann aber fürchtete ich auch die Folgen für mich ſelbſt. Vorſichtig, wie ein echter Finne! Wie heißt du? Otho nannte ſeinen Namen. Der Herr Marſchall, fuhr er fort, kannte meinen Vater, den Oberſten Waimon. Oberſt Waimon? fragte der König ſich an Toll wendend. 4 3 Oberſ land E jeſtät daß m verewi u N eiſolg T Auge beſon ¹ pelz? 3 lebe ſein, Sod mein mach und Nan der den wan uns ſeſt A — 513— Ja, Majeſtät, erwiederte dieſer. Sein Vater war der verſtorbene Oberſt Waimon, der eine Schweſter des Freiherrn Randal in Tavaſt⸗ land geheirathet hat. Er lebte in Stockholm während der erſten Regierungszeit Sr. Ma⸗ jeſtät Guſtav's des Dritten, fuhr Otho fort. Man hat mir geſagt, daß mein Vater, der aus engliſchen Dienſten zurückgekehrt war, von dem verewigten Könige gern geſehen wurde und in deſſen Dienſte treten ſollte. Und warum iſt dies nicht geſchehen? Mein Vater verließ den Hof und Stockholm, als die Revolution erfolgte, ging nach Finnland und wurde ein Bauer. Des Königs Geſicht verdüſterte ſich, die Falte zwiſchen ſeinen Augen zog ſich zuſammen; der Marſchall winkte hinter ihm dem Un- beſonnenen zu, ſtill zu ſchweigen. Und wie kommt der Sohn des Oberſten Waimon in dieſen Bauern⸗ pelz? fragte der König. Ich bin ein Landmann, Majeſtät, verſetzte Otho unerſchrocken, lebe auf meinem Gaard am Pajäneſee und würde noch heut dort ſein, wenn ich nicht von beſonderen Umſtänden angetrieben wurde, nach Stockholm zu reiſen, um den König zu ſprechen. So ſprich! ſagte der König befehlend. Hier ſind Viele, die es anhören werden. Meine Miniſter können Alles hören was mich angeht. Hier iſt mein Kanzeleipräſident, der Freiherr Ehrenheim, fuhr er fort, als mache es ihm Vergnügen, mit dem unerfahrenen Landmann zu ſcherzen und ihn in Verlegenheit zu ſetzen mit hohen Titeln und vornehmen Namen. Dort ſteht der Hofkanzler, Freiherr Zibet, und jener Herr iſt der Kriegspräſident Cederſtröom. An Adlerſparre ſchien er nicht zu denken, der noch auf ſeinem Platze ſtand und, da er nicht entlaſſen war, nach den Regeln der Etiquette nicht eher ſich entfernen durfte. Wir ſind begierig zu hören, lächelte der König, was Herr Waimon uns Neues vom Pajäeſ and Daß Finnland verloren iſt, Herr König, antwortete Otho mit feſter ſtarker Stimme, wenn Sie nicht eilen es zu retten. Eine ſolche Antwort hatte der König ſo wenig erwartet, wie ſeine Miniſter, die bisher ſich wenig um das Geſpräch ihres Herrn mit dem D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 33 514 jungen Bauer bekümmerten. Jetzt legte der alte Miniſter des Aus⸗ wärtigen, der Freiherr Ehrenheim, die Papiere nieder, in welchen er las, und wandte ſich auf ſeinem Stuhle um, der Miniſter des Innern, Freiherr Zibet, ließ die Mappe fallen und der Kriegsminiſter ſteckte ſeine Brieftaſche ein. Was wißt Ihr davon! rief der König. Ich weiß, Majeſtät, daß Finnland den Ruſſen verkauft worden iſt, fuhr Otho fort. Ein ruſſiſcher General, General Suchtelen, hat vor meinen Ohren erzählt, daß Napoleon— Der König ſtampfte heftig mit dem Fuße auf. Daß Napoleon im Frieden zu Tilſit dem Kaiſer Alexander ſeine Zuſtimmung ertheilt hat, es zu erobern und eben dieſer General fügte hinzu, daß es niemals wieder aus den ru ſſiſchen Händen entkommen ſollte. Wem ſagte er das? Einem ſchwediſchen Offizier, einem Oberſten des Königs, dem Oberſten Jägerhorn. Jägerhorn? murmelte der König, zweifelnd ob das wahr ſein könne und inne haltend, indem ſeine Augen in Otho's Geſicht umherſuchten. Weiter! rief er dann, wo war es? Im Hauſe des Freiherrn Wright und gleich darauf kam der Oberſt Wright herein, der nicht beſſer iſt, als Jägerhorn. Wright, ſagte der König den Kopf ſchüttelnd. Ich gab ihm das Regiment. Wie iſt das möglich? Die Ruſſen geben Geld, das iſt beſſer für? Leute, die viel brauchen, verſetzte Otho. Sweaborg iſt zwei Millionen wert th. General Such⸗ telen bot ſie Jägerhorn an und dieſer machte ſich anheiſchig, dafür den Admiral— Halt! ſchrie der König mit größter Heftigkeit. Biſt du ein Wahn⸗ ſinniger, oder ein Schelm?! Keines von beiden, antwortete der junge Mann, indem er ſich ſtolz aufrichtete und ſein Geſicht dunkel g ühte. Ich ſage die Wahr⸗ heit. Oberſt Jägerhorn erbot ſich, den Admiral dahin zu bringen, die Feſtung den Ruſſen zu überliefern, denn ſeine Geldgier und ſeine Rachſucht ſeien größer als ſeine Chre. 3 genan In de uId J Meine 3 d den K mals Chren wie e geſſen gewo 1 weiſe T nuch aller ſchin noch nar zu dich üben als wan 515— Der dürre grämliche Miniſter, welchen der König Freiherr Zibet genannt hatte, hob ſeine mageren Arme auf und faltete ſeine Hände. In dem faltiggrauen Geſicht des alten Staatsmannes malten ſich Schmerz und Beſtürzung. Großer Gott! meine Ahndung erfüllt ſich, ſagte er. Meine Warnung iſt vergebens geweſen! Der König wandte ſich nach ihm um, feſt und würdevoll hob er den Kopf auf. Ihr habt mich gewarnt, Zibet, erwiederte er, und da⸗ mals ſprach ich, wie ich jetzt ſpreche: Ich habe Cronſtedt in Rang und Ehren erhöht; wenn er ſich gekränkt fühlte, habe ich es gut giee wie er aber auch gegen mich geſinnt ſein mag, er wird ght geſſen, daß er ein Schwede iſt und daß er die Schlacht im Svenskſund 2. gewonnen hat.*) Und wieder Otho anblickend, fuhr er fort: Wo ſind deine Be⸗ weiſe? Ich habe keine anderen als mein Wort, antwortete dieſer. Du lügſt! rief der König und die Hand heftig ſchüttelnd ſchrie er noch lauter: Ich will dich ſtrafen, wie du es verdienſt, öffentlich, vor aller Welt ſollſt du ſterben! Wie wagſt du es, den Admiral zu be⸗ ſchimpfen, meine Oberſten, Männer von reiner Ehre!— Aber mehr noch beſchimpfſt du den Kaiſer, meinen Schwäher, einen großen Mo⸗ narchen, daß er heimtückiſch mir mein Land rauben wolle. Wer hat dich zu dieſer Nichtswürdigkeit gedungen? Bekenne die Wahrheit! Ich laſſe dich in Ketten werfen! Sprich! Bekenne! In plötzlicher Wuth, wie ſie dieſen unglücklichen Fürſten öfter überkam, legte er die Hand an den Degen und verzerrte ſein Geſicht als wollte er eine raſche That an dem Manne begehen, der ohne zu wanken und ohne zu zucken vor ihm ſtand. Majeſtät! ſagte der Marſchall im mahnenden und bittenden Tone, indem er ſich näherte; der alte Kanzler eilte ebenfalls herbei, der Freiherr Ehrenheim ſtand ſteif von ſeinem Stuhle auf. Eben wurde die Thür des kleinen Vorzimmers geöffnet; der General adjutant Adlercreutz zeigte ſich am Eingange. *) Eigene Worte des Königs. 316 Was wollen Sie? fragte der König, ihn finſter anblickend, indem er die Hand ſinken ließ. Ein Adjutant des General Klerker, Graf Lövenkron, iſt ſo eben eingetroffen, antwortete Adlercreutz. Von Klerker! rief der König, der kommt zur rechten Zeit, herein mit ihm. Jetzt werden wir die Wahrheit hören.. Der Offizier, welcher vor der Thür ſtand, trat herein. Seine Kleider ſchienen lange nicht geſäubert, er kam aus dem Schlitten, der im Schloßhofe hielt. Die erſten Worte des Königs, als er ihn ſah, waren: Wo ſind die Achſelſchnüre. Warum fehlen die Achſelſchnüre? Der Offizier ſtammelte eine Entſchuldigung. Nicht dienſtmäßig! murmelte der König. Was bringen Sie? Die Ruſſen, ſagte der Adjutant, ſind am 21. Februar an drei Stellen über den Kymene gegangen. Ein tiefes Schweigen folgte.— Ohne Kriegserklärung! ſchrie der König plötzlich laut auf. Ha! Er drückte die Hand an ſeine hohe Stirn und ließ ſie wieder fallen, indem er ſeine Aufgeregtheit zu be⸗ zwingen ſuchte. Fahren Sie fort, ſagte er. General Klerker wurde zuerſt bei Forsby angegriffen, berichtete der Adjutant. Wir zogen uns von Stellung zu Stellung zurück, nach den Befehlen Ew. Majeſtät und des Kriegsplans wie auch bei der großen Uebermacht des Feindes. Wie ſtark iſt er? fragte der König. Nach der Ausſage einiger Gefangenen führt General Burthöpden an der Küſte auf Abo zu ein Heer von dreißigtauſend Mann. Ein anderes Heer, das in Savolax unter General Toutchkoff eingedrungen iſt, ſoll zwanzigtauſend Mann betragen. Dies Heer iſt beſtimmt, uns den Rückzug nach dem Norden abzuſchneiden und dringt in Eilmärſchen vorwärts. Eine dritte Heerſchaar endlich, zehntauſend Mann ſtark, iſt für die Belagerung von Sweaborg beſtimmt. Im Ganzen alſo ſechszig⸗ tauſend Ruſſen, während wir ihnen im freien Felde kaum ſechstauſend entgegen ſtellen können. 1 Luft, ſeines wand er m ſchaft hochhe Ur Ic alls das Gott find iſt Sie dem eben rein eine der ſind pden Ein⸗ ungen uns rſchen f, iſt ſszig⸗ uſend — 517— Der König hörte nicht darauf. Seine Augen ſtarrten in die leere Luft, unbeweglich blieb er einige Minuten lang, bis die harten Züge ſeines Geſichts von Schmerz erweicht ſchienen. Das thut ein Ver⸗ wandter an mir, ein Freund, Alexander! ſagte er klagend als ſpräche er mit ſich ſelbſt. Wie lange iſt es her, daß ſeine Briefe von Freund⸗ ſchaftsbetheuerungen überſtrömten? Und ſie nennen ihn einen edlen, hochherzigen Mann, der für alles Große und Gerechte ſich begeiſtert? O! wie iſt das möglich, wenn er gerecht iſt, wenn er ein Chriſt iſt?! Ich bin betrogen, meine Herren, ſchändlich betrogen! ſchrie er plötzlich aus ſeinem Selbſtgeſpräch auffahrend, aber ehrlich währt am längſten! das will ich beweiſen. Finnland ſoll mir Niemand entreißen. Bei Gottes Thron! Gut und Blut will ich daranſetzen. Meine Finnen ſind treu, ich ſelbſt will ihnen beiſtehen. Karl's des Zwölften Schwert i*ſt noch nicht verroſtet. Der Schwedenkönig iſt noch da.— Wo haben Sie das Heer verlaſſen? Bei Askela, antwortete der Adjutant. Im beſten Zuſtande? Voller Entſchloſſenheit mit Ehren zu ſterben. Nur— Was noch? fragte der König. Nur in dem Regimente Nyland Dragoner iſt es vorgekommen, ſagie der Offizier zögernd, daß einige Offiziere die Fahnen verlaſſen haben. Wer? Der Oberſt Wright iſt mit zehn ſeiner Offiziere zu den Ruſſen entflohen, doch ſeine Verſuche, das Regiment mitzunehmen, ſind ge⸗ ſcheitert, kein Mann hat ſich dazu bewegen laſſen. Guſtav Adolf ſchwieg, aber er blickte langſam zu Otho hinüber, als wollte er ſich an dieſen wenden; ehe es jedoch dazu kam, wurde er von anderen Gedanken ergriffen. Er winkte Adlercreutz und dem Adjutanten zu, ſich zu entfernen. Die Adern an ſeiner Stirne ſchwollen auf, die zornige Glut kehrte in ſein Geſicht zurück, die Hände auf den Rücken gelegt, ſchritt er auf und nieder. Dieſer Verrath wurde lange vorbereitet, ſagte er dabei. Ich bin von Verräthern umgeben, von Spionen umringt. Dieſer Herr Alopäus— Freiherr Ehrenheim! rief er dem Miniſter des Auswärtigen zu, ſchreibt ihm, heut noch,— hier— 4 — 518— gleich auf der Stelle. Er ſoll ſein Haus nicht verlaſſen, nicht einen Schritt oder, bei Gottes Thron! ich will ihm ein feſteres Quartier anweiſen. Majeſtät, antwortete der ſteife alte Mann mit einer würdevollen Verbeugung, halten Sie zu Gnaden, wenn ich unterthänigſt bemerke— es iſt dies ein Schritt— Der ungewöhnlich iſt, der den Herren Geſandten nicht gefallen wird, fiel der König ein. Aber haben dieſe Leute das Privilegium, unge⸗ ſtraft Schandthaten zu begehen? Hat dieſer Herr von Alopäus nicht bis auf dieſe Stunde gelogen und geheuchelt, während er meine Unter⸗ thanen verführte und Verräthereien anzettelte! Fallen die Ruſſen nicht wie Räuber in mein Land? Weiß ich nicht, daß ſie alle Verräther beſchützen? Georg Sprengporten und andere Verbrecher, die ich ver⸗ gebens von ihnen forderte. Weiß ich etwa nicht, daß Herr Alopäus keine Mittel ſcheute, eine ruſſiſche Partei aus meinen Feinden zu bil⸗ den? Denken Sie an den Baron Bungen! Nein, Ehrenheim, ich will es nicht dulden. Ich will dieſen ſchlauen Ruſſen feſthalten, will der Welt ein Beiſpiel an ihm geben, an ihm und an ſeinen Helfershelfern, den Dänen! Alle Couriere ſollen aufgefangen werden, vor aller Men⸗ ſchen Augen will ich zeigen wie man mich behandelte. Ich will nichts hören, Ehrenheim, thut, was ich Euch befehle. Gott iſt mein Zeuge, ich bin ein ſchwer gekränkter Mann, aber ich zage nicht: ehrlich währt am längſten! Mit langſamen feierlichen Schritten ging er durch das Zimmer, als bedächte er was er befohlen; dann ſagte er trotzig beſtimmt: Es bleibt dabei. Auf mein königliches Wort! es ſoll ſo ſein. Was aber dich betrifft, fuhr er fort, indem er ſeine Stimme milderte und Otho anſah— Major Adlerſparre, Euch übergebe ich dieſen jungen Mann, Ihr ſollt mir für ihn haften, bis ich ihn von Euch fordern laſſe. Er ſtand vor Adlerſparre ſtill und legte die Hand auf deſſen Arm⸗ Ihr ſeid mein Freund auch nicht geweſen, ſagte er, aber verrathen habt Ihr mich nicht, verrathen könnt Ihr mich nicht. Ich weiß es, Major. Es gibt noch Schweden von alter Art, die ihrem Könige treu ſind. Männer, Majeſtät, die Ihren Schmerz mit Ihnen fühlen! ant⸗ wortete Adlerſparre bewegt. inen rtier llen Der König blickte ihn dankbar an. Gott züchtigt mich, ſagte er ſeufzend. Er zeigt mir, daß ich auch ein ſchwacher ſündiger Mann bin. Alexander war mir an eine höhere Macht; ich hielt ihn für den von Gott geſo der Völker und nun muß ich ſehen, daß ich gegl hofft habe. Das thut wehe, das iſt ein Menſchheit geht. Gott iſt mein Zeuge, i gethan! Er legte die Hand auf ſeine Bruſt die überzeugende Macht der Wahrheit; es war Niemand, der zweifelte. Einige Augenblicke darauf winkte er Adlerſparre, ſich zu ent⸗ fernen und trat zu ſeinen Miniſtern an den Tiſch. Der Major be rührte Otho's Arm und flüſterte ihm zu, ihm zu folgen. Als ſie die Thür erreicht hatten, ſchallte die harte rauhe Stimme des Könige r, ir ein hohes Vorbild. Ich glaubte an ihn, wie ndten Retter ubt und ge⸗ an ihm ſo daran ihnen nach. Niemand kann mir nun noch rathen nachzugeben, wo ich in mei⸗ nem Lande überfallen bin! rief er mit Heftigkeit aus. Bei Gottes Thron! wie mein Vater ſagte, ſage auch ich. Hand ſoll e verdorren, ehe ich die Erniedrigung meines 3 gibt Elende, welche lieber die Ruſſen in Stockholm ruſſiſchen Miniſter hier, der mir Geſetze vorſchreibt, ehe ſie ihrer ſchänd⸗ lichen Pläne, ihrer Rachgier und ihren Verräthereien entſagten. Aber meine Krone ſoll man mir eher abreißen, ja zerſchlagen ſoll man dieſe Krone Guſtav Adolß's, die ich fleckenlos bewahrt habe, ehe ich mich unterſchreibe. Gs hen und einen erniedrigen laſſe!*) Adlerſparre ſchob ſeinen Begleiter hinaus und füh eine Seitenthür in den Corridor, ohne den Verſammlungsſaal zu berühren. ihn durch *) Eigene Worte des Königs. 520— Viertes Kapitel. Nach einigen Stunden ſaßen ſie Beide in einem behaglichen Zimmer an einem Tiſche, der mit Speiſen und gefüllten Flaſchen bedeckt war. Adlerſparre hatte für ſeinen jungen Freund, an welchem er lebhaften Antheil nahm, Kleider geſchafft, die deſſen Aeußeres mit Mode und Sitte mehr in Einklang brachten und den finniſchen Bauer in einen großſtädtiſchen Herrn aus der guten Geſellſchaft verwandelten. Der ſchlaue ſcharfblickende Mann, mit ſeiner kühnen Männlichkeit in Geſtalt und Wort, wie mit der Freundlichkeit ſeines Lobes und Beiſtandes, hatte Otho's Mund geöffnet, denn dieſer hatte ihm nicht allein nun Alles erzählt, was ſich in Liliendal zugetragen, ſondern auch ſein ei⸗ genes Leben, ſeine Familienverhältniſſe, ſeine Freundſchaſt mit Ser⸗ binoff und endlich auch, als die Rede auf Axel Jönsſon kam, ſeine Abenteuer auf dem Eilande, ſammt jener ſchauerlichen Erzählung des alten Pfarrers, welche er ſelbſt mit den Schickſalen ſeiner Eltern ver⸗ knüpfte. Jöran Adlerſparre hörte die Auseinanderſetzungen, Folge⸗ rungen und Schlüſſe Otho's aufmerkſam an, ohne deßwegen ſeine gaſtronomiſchen Beſchäftigungen zu unterbrechen und er leiſtete darin Dinge, die ſeinem rieſenhaften Körper angemeſſen waren. Schüſſeln unnd Flaſchen leerten ſich unter ſeinen Angriffen, und Otho ſprach und aß längſt nicht mehr, als der Major noch immer ſein Glas füllte und wieder füllte und ſeinen Teller mit Speiſen bedeckte, die er ver⸗ ſchwinden ließ, ohne aus ſeinem Nachſinnen aufzuwachen. Ich bin nahe daran, ſagte Otho, an Wunder zu glauben, denn nicht allein, daß ich Sie, Herr Adlerſparre, treffen mußte, auch den Feldmarſchall Toll führte mein gutes Glück herbei. Er hat meine Eltern gekannt, ja er muß ſie genau gekannt haben, denn er erkannte mich an der Aehnlichkeit mit meinem Vater. ——— daß daß der beſſere O ſagie geſch bring ſeben, ( ſpött hat gier kenn wird ſiten ausc R gele Bi we A- an jede on beg we u' — 521— Der Major hatte ſich in den Stuhl zurückgelehnt. Wohl möglich, daß Sie Recht haben, verſetzte er; aber iſt es nicht auch ein Wunder, daß dieſer König niemals die rechten Männer finden kann? Wäre das der Fall, ſo könnte er ſich auf Guſtav Adolf's unbefleckte Krone mit beſſerem Rechte berufen. Otho ging auf dieſe Antwort ein. Es hat mir von ihm gefallen, ſagte er, daß er nicht raſten will, bis er die Räuber aus ſeinem Lande geſchlagen hat. Laßt ihn nach Finnland kommen, ſeine Garden mit— bringen und ein paar tauſend tüchtige Arme obenein, ſo ſollt Ihr ſehen, daß die Finnen nicht zu Haus bleiben werden. Er wird nicht kommen, murmelte Adlerſparre, und mit ſeinem ſpöttelnden Lächeln ſetzte er hinzu: Das Schwert Karl's des Zwölften hat er allerdings in ſeinem Hauſe, aber der Geiſt fehlt, der es re⸗ gierte. Geben Sie Acht, Herr Waimon, was ich Ihnen ſage. Sie kennen das Leben hier nicht und die Menſchen noch weniger. Morgen wird Alles wieder ſo ſein, wie es geſtern war. Er wird in Haga ſitzen, diplomatiſche Noten ſchreiben, Verordnungen erlaſſen, Kriegspläne ausarbeiten, Inſtructionen für Generale und Commandanten, aber das Richtige und Rechte wird er nimmermehr thun. Er hat mancherlei gelernt, weiß zu ſprechen und weiß die Feder zu handhaben. Die Bibel kennt er nicht allein, er kennt auch die Geſetze, hat viel geleſen, weiß in der Literatur Beſcheid und hat ſogar Zeitungsartikel gemacht. Aber wenn es ihm nicht an Kenntniſſen fehlt, nicht an Verſtand, nicht an Muth und Leidenſchaft, ſo fehlt es ihm an etwas, was nicht nur jeder König, ſondern jeder Menſch haben ſoll. Es fehlt ihm an Be⸗ ſonnenheit, an Einſicht, an dem Geſchick guten Rath zu hören und zu beachten. Seine Zeit kennt und verſteht er nicht, ſein Volk eben ſo wenig. Weil er ſich erhaben dünkt über Alle, meint er auch der Weiſeſte zu ſein, und wenn ich ihn beklage, daß er bei vielen guten Eigenſchaften keine guten Rathgeber, die rechten Männer nicht finden kann, ſo ſehe ich doch ein, daß dies unmöglich iſt. Sie ſind jetzt wieder ſein Diener geworden, ſagte Otho, möchten Sie damit auch einer der Männer werden, die er braucht. Das leuchtende, falſche Lächeln zuckte über Adlerſparre's düſteres Geſicht. Er nahm mich gnädig auf, verſetzte er, weil es ihm gefiel, 522 daß ein Mann meines Schlages, der ſo lange ihm gegenüber ſtand, ſich unterwarf und um Wiederanſtellung ſich meldete. Er ſetzte auf ſeine Rechnung, was auf Rechnung meines Vaterlandes und der Zu⸗ kunft gehört. Eitle Selbſtüberſchätzung und frömmelnde Fantaſterei ſind die Grundzüge ſeines ganzen Weſens. Genug, Herr Waimon, fuhr er fort, Sie werden ſehen, daß ich Recht habe. Viele heftige verwirrende Dinge werden geſchehen. Er hat ſogleich damit den An fang gemacht, da er den ruſſiſchen Geſandten verhaften ließ, andere Mißgriffe werden folgen. Nicht Einer iſt in ſeiner Nähe, der An⸗ ſehen genug hätte, ihn davon abzuhalten. Der alte Ehrenheim ſtand blaß und ſtarr, als er hörte, er ſolle dem Ruſſen Alopäus ankündigen, was in der That unter civiliſirten Völkern unerhört iſt, allein er that es dennoch, ſtatt zu erklären: Dazu laſſe ich mich nicht gebrauchen. Der verknöcherte Zibet würde noch ganz andere Dinge auf ſeines Ge⸗ bieters Befehl vollbringen, der Kriegsminiſter Cederſtröm die wider⸗ ſinnigſten Anordnungen ausführen, ſelbſt wenn er der Mann wäre, ſie beſſer beurtheilen zu können. Und ſo ſind ſie Alle, fuhr er fort, in dem er lachend ſein großes Glas leerte. Ich kenne ſie genau, denn ich habe Jahre lang mit allen Waffen ſie bekämpft, bis ſie mir Feder und Tintenfaß genommen und mich gezwungen haben, ein Pächter zu werden. Ich hatte das Schreiben aber herzlich ſatt, denn was half es, ihnen zu beweiſen, daß Alles, was ſie thaten, nichts werth ſei. Wenn ſie beſſer wären, könnten ſie nicht auf ſolchen Stellen ſtehen. Der König iſt der Einzige, der hier befiehlt, Alle, die um ihn her ſtehen, ſind nichts als ſeine Schreiber, die nur durch Demuth und Gehorſam ſich in Amt und Brod erhalten können. Und er hat ſich eine vor⸗ treffliche Heerde von Dummköpfen, ſteifleinenen Maſchinen und gierigen, eigennützigen Glücksrittern zuſammengebracht, die Alles thun, was er von ihnen verlangt, und ſo lange treu bei ihm aushalten werden, bis einmal der Tag kommen wird, wo— Hier hielt Jöran Adlerſparre ein, und hob ſeinen Kopf auf, den gefährliche Gedanken anzufüllen ſchienen. Es iſt ſchade, ſagte er dann mit dem alken Lächeln, daß Sie dieſe Miniſter und Günſtlinge nicht näher kennen, den liebenswürdigen Juſtizminiſter Wachtmeiſter, den Reichsdroſt, ein koſtbarer Reiches Troſt! oder den vortrefflichen Finanz⸗ mini den Fröl dien Herr den und dinn habe und land Ver * miniſter Ugglas, deſſen Scharfſinn ſelbſt der letzte Thaler in Schwe⸗ den nicht entgeht, oder den geiſtreichen Staatsſecretär Roſenblad, der Frömmſte und Stillſte aller Frommen und Stillen im Lande, der uns die wahre chriſtliche Wiſſenſchaft und Aufklärung bringt. Sehr ſchade, Herr Otho Waimon, daß Sie dieſe würdigen Männer nicht kennen, die man ſo unwürdig als Heuchler und Schelme verleumdet, verſpottet und verachtet, Sie würden vielleicht eine beſſere Meinung über ſie in Finnland verbreiten können.. Ich wollte, daß ich erſt wieder in Finnland wäre! Das, mein junger Herr, wird allerdings einige Schwierigkeiten haben, antwortete der Major. Schwierigkeiten? Glauben Sie, daß das Eis aufgeht? Nein, lachte Adlerſparre, das Eis liegt feſt und könnte Garden und Jemtländiſche Regimenter, ſammt Reitern und Kanonen nach Finn⸗ land hinübertragen; aber ich müßte mich ſehr irren, oder man wird den Verſuch machen, Sie hier zu behalten. Wer wird dieſen Verſuch machen? Der König, ſagte der Major, und wenn Sie den Beruf fühlten, ihm dienen zu können, wird Ihr Glück gemacht ſein. Er hat Sie in ſeiner Heftigkeit beleidigt, das thut ihm ſicher leid, denn er iſt ehrlich und rechtlich genug, um es zu fühlen. Ich ſah es ihm an, daß er Ihnen eine Entſchuldigung ſagen wollte; wer ſein Geſicht kennt, wird aber auch nicht zweifelhaft geweſen ſein, daß dies ſehr wohlwollend für Sie ausſah. Er wird Ihnen, wenn er Sie rufen läßt, eine Entſchädigung anbieten, vielleicht einen Platz in ſeiner Leibwache, in der Trabanten⸗ garde, oder ſonſt für Sie ſorgen. Beunruhigt ſtand Otho auf. Das Einzige, was ich wünſche, iſt, ſo ſchnell als möglich wieder nach Haus zu kommen, ſagte er. Was ich übernommen, habe ich erfüllt. Jetzt ſind die Ruſſen in Finnland, vielleicht ſcon an dem Pajäne, Gott weiß, wie und wo ich meine Freunde finde! Und meine Schweſter! fügte er erregter hinzu, was kann aus ihr und aus Allen geworden ſein. Sie find ja mit den Wright's, mit Halſet und der ganzen Ver⸗ rätherrace bekannt und verwandt, antwortete der Major, üb rdies er⸗ zählten Sie mir von Ihrer Freundſchaft mit dem Grafen Serbinoff. 521— Der wird Ihre Freunde hinlänglich ſchützen. Ich kenne dieſen Ruſſen, er iſt ſo ſchlau wie gefährlich. Was mich bei den Klagen des Königs zumeiſt rührte, erwiederte Otho, war ſein tiefer Schmerz um ſeinen verlornen Glauben zu ſeinem Freunde Alexander. Ja, Herr Adlerſparre, ich konnte das mit ihm fühlen, denn mit Serbinoff geht es mir gerade ſo. Auch ihn bewun⸗ derte ich wie ein höheres Weſen, und wenn ich jetzt bedenke— Jetzt fürchten Sie, daß es Ihnen geht wie dem armen König, fiel Adlerſparre ein. Die Ideale ſtürzen zuſammen und es bleibt nichts übrig, als die ſchaamvolle Gewißheit, betrogen zu ſein. Wenn es wahr iſt! rief Otho, ein düſteres Feuer in ſeinen Augen. Darauf machen Sie ſich gefaßt, ſagte der Major kaltblütig. Ser⸗ binoff hat hier umherſpionirt und in Finnland ſicher daſſelbe Hand⸗ werk getrieben. Er hat ſich dazu mit dem Baron Bungen verbündel; einem charakterloſen Menſchen, der gemeine Streiche gemacht hat und aus dem Dienſt gejagt wurde. Seine Schweſter iſt ein geſcheidtes Mädchen, er ein abgefeimter Taugenichts. Beide ſind lange in Toll's Haus geweſen. Er hat ſich ihrer angenommen, als ihr Vater ſtarb, der, wie der Feldmarſchall, zu den Creaturen Guſtav's des Dritten gehörte. Gleiche Brüder, gleiche Kappen! fuhr er verächtlich fort, aber, Sie ſchauen wie betäubt darein. Kopf in die Höhe, Herr Waimon. Sehen Sie denn nicht, daß das Teufelspack dieſen finniſchen Brei ge⸗ meinſam einrührte und Sie mit in den Keſſel ſtecken wollte? So wahr ich lebe! ich zweifle nicht daran, daß Ihr Freund Serbinoff einer der Hauptſpitzbuben iſt, ganz würdig dieſer Jägerhorn, Georg Spreng⸗ porten, Wright und wie die Elenden weiter heißen. Sie haben dem alten Cronſtedt Gold gezeigt, und dafür iſt er zu haben, obwohl es der König noch immer nicht glauben will, weil er ſich einmal in den Kopf geſetzt hat, Cronſtedt kann dergleichen nicht thun. Aber er ſo⸗ wohl wie— der Major wandte den Kopf nach der Thür, Otho war ans Fenſter getreten, weil er das Gekling eines Schlittens hörte, der vor dem Hauſe hielt und helle Laternen an beiden Seiten trug. Er ſah einen Herrn, der ſich aus ſeinen Pelzen wickelte, und deſſen Schritte telte, der g will morg Regi Al — 525— ene gleich darauf im Hauſe gehört wurden. Eben, als Adlerſparre das letzte Wort ſagte, ſtand der Fremde ſchon im Zimmer. rie Er ſowohl wie ich, wiſſen die Leute zu überraſchen, Major Adler⸗ em ſparre, begann er. 4 hm Excellenz! rief Adlerſparre aufſpringend. m⸗ Es war der Feldmarſchall Toll, der dem Major die Hand ſchüt⸗ telte, ohne Otho zu beachten. Ich ſahre hier vorbei, fuhr er fort, der König ſchickt mich auf der Stelle nach Schonen zurück, darum will ich Ihnen Lebewohl ſagen, und im Vertrauen mittheilen, daß Sie morgen ſchon den Befehl erhalten werden, ohne Aufenthalt zu Ihrem Regiment zu gehen. dn Iſt ſolche Eile nöthig, Excellenz, daß Sie ſogleich abreiſen? fragte Adlerſparre. er⸗ Se. Majeſtät glaubt es, alſo gehorche ich, war die Antwort. d⸗ Uebrigens iſt es keine Frage, daß wir in den nächſten Tagen die el/ däniſche Kriegserklärung bekommen. Alopäus ſitzt im Arreſt, dem nd däniſchen Geſandten iſt anbefohlen worden, ſich ruhig zu verhalten. tes Sämmtliche Geſandten haben nämlich auf ſeinen Antrieb ſofort Proteſt bs gegen die Verhaftung ihres Collegen eingelegt. Der König kehrt ſich nicht daran, aber die Dänen werden uns dafür um ſo ſchneller auf ten den Hals kommen. Dänen, Franzoſen und Norweger. Der Teufel zer, iſt los! Darum ſchnell auf unſere Poſten, Major. on⸗ Und was wird aus Finnland, aus Sweaborg? Finnland wird ſich ſchon helfen. Marſchall Klingſpor muß jetzt hr bei dem finniſchen Heere ſein. Er bringt des Königs Pläne mit, alle Vorräthe zu verbrennen und zu verwüſten, Pferde, Vieh und Menſchen mitzunehmen und den Ruſſen nichts zu laſſen als eine Wüſte. Dann werden dieſe bald nicht weiter können und Sweaborg wird von Cron⸗ 63 ſtedt vertheidigt werden, bis das Eis aufgeht. Iſt das Meer erſt frei, ſo kommt unſere Flotte und die engliſche kommt. England ſchickt den . uns auch ein Heer, wir dürfen es nur fordern. So bald der Früh⸗ var ling da iſt, werden wir mit den Ruſſen ſchon fertig werden, Major. der Und bis dahin ſoll keine Verſtärkung über das Eis gehen? Abo, die Er Landeshauptſtadt, ſoll nicht beſchützt, die prächtige, dort liegende Schee⸗ tte renflotte nicht vertheidigt werden? 3 1 5263 8 Nach dem Willen Sr. Majeſtät ſoll nichts geſchehen, ſagte der Feldmarſchall, und, wie ich glaube, kann nichts geſchehen, denn eine Hilfleiſtung über das gefrorene Meer würde die größte Anſtrengungen erfordern. Finnland iſt jeder Anſtrengung werth! fiel Otho ein, der ſich nicht länger ſtill verhalten konnte. Oho! rief der alte Marſchall, es iſt noch Jemand hier. Richtig, der junge Herr aus Finnland, ich hatte ihn vergeſſen. Nun, Herr Waimon, Sie haben den ſinniſchen Bauernpelz abgeſchüttelt und wahr⸗ haftig! jetzt ſehen Sie ganz aus wie Ihr Vater. Bei meiner armen Seele! man könnte denken, er ſei es ſelbſt. Sie beſtätigen mir zu meiner Freude damit, daß Sie meinen Vater näher gekannt haben, gnädiger Herr, ſagte Otho. Sehr gut habe ich ihn gekannt, antwortete Toll. Es war damals im Jahre 1772, wo er aus Amerika kam und König Guſtav ihn feſt⸗ halten wollte für ſeinen Dienſt. Wenn nichts daraus geworden iſt, hat er ſelbſt Schuld daran. Er kam über das Waſſer mit aller⸗ hand wilden Ideen, wie ſie damals Mode wurden, und wollte wieder fort in die neue Welt, als es hier nicht ſo ging, wie er dachte. Daran wurde er durch ſeine Heirath behindert, verſetzte Otho. Meine Mutter hing zu feſt an der finniſchen Erde, weil ſie meinte, es gäbe da auch genug für den rechten Mann zu thun. Es war eine Dame von Charakter, die niemals den Muth verlor, erwiederte der alte General mit dem ſpitzbübiſchen Lächeln. Sie kannten gewiß auch meine Mutter? unterbrach ihn Otho. Das ſchöne Fräulein Randal. Hab's gekannt ehe der Oberſt kam. Dann ſagen Sie mir, Herr Feldmarſchall, ob Sie vielleicht bei der Verheirathung meiner Eltern zugegen waren. Ein Diener hatte Licht in das Zimmer gebracht. Otho trat bei ſeiner Frage, von den Empfindungen, die ſich lebhafter in ihm regten, getrieben, ſo raſch auf den Marſchall zu, daß dieſer ſich davor zurück⸗ zog. Das dicke rothe Geſicht ſtarrte den jungen Mann überraſcht an,“ und es war, als beſänne er ſich darauf, was er antworten ſolle, oder als wiſſe er nicht, was dieſe Frage zu bedeuten habe. dal me — 527— Was meinen Sie damit? rief er aus. Ich! Was wollen Sie damit behaupten? Nichts weiter, als daß ich Sie dringend bitte, mir zu ſagen, ob meine Eltern ſich in Stockholm verheiratheten? Wiſſen Sie das nicht? Nein, Herr Marſchall, Niemand weiß es. Kein Menſch kann mir ſagen, wo die kirchliche Segnung erfolgte. Und danach fragen Sie mich? Da Sie meine Eltern kannten, hoffte ich allerdings von Ihnen Nachricht zu erhalten, ob hier die Vermählung ſtatt fand. Mein Gedächtniß iſt ſchlecht, ſagte der Marſchall, nachdem er einige Augenblicke geſchwiegen hatte, ich erinnere mich vieler Vorfälle nicht mehr, wenn dieſe nicht beſondere Wichtigkeit für mich haben. Laß doch ſehen, es iſt mir ſo, als hätte ich davon gehört. Aber nein, ich kann's nicht behaupten. Eine ſonderbare Geſchichte! Niemand weiß, wo die Trauung geſchah. Das iſt kein Spaß, Herr Waimon, dabei handelt es ſich um eheliche Geburt. Er ſah den jungen Mann ſpot⸗ tend an. Haben Sie denn keine Notiz gefunden, nichts in der Hinter⸗ laſſenſchaft? Nichts, verſetzte Otho; allein durch Zufall bin ich zur Kenntniß beſonderer Umſtände gelangt, die mich vermuthen laſſen, daß meine Eltern wahrſcheinlich auf einer der kleinen Inſeln an unſerer Küſte von einem alten Pfarrer getraut wurden, der gewaltſam dazu ge⸗ zwungen ward. Nicht möglich! Das klingt ja wie ein Märchen. Es iſt Wahrheit, antwortete Otho. Daß Sie nichts von der Ver⸗ heirathung in Stockholm wiſſen, beſtärkt mich in meiner Ueberzeugung. Wie aber ſoll ich die Wahrheit aufdecken? Wie die Menſchen finden, welche ſich dabei betheiligten? Sie würden ihnen gewiß dankbar ſein, heh? Dankbar! rief Otho, wofür? Für die Niederträchtigkeiten, welche dieſe Elenden an meinen Eltern begingen? Wenn ich ſie jemals auf— finde, mag der Anführer dieſer Banditen geweſen ſein, wer er will, er ſoll mir Rede ſtehen. Leider, fügte er ruhiger hinzu, iſt ſo viele — 528— Zeit vergangen, daß ich fürchten muß, ich komme auch im glücklichſten Falle zu ſpät. Ich will Ihnen die ſeltſame Geſchichte erzählen. Dank Ihnen, Herr Waimon, ich habe leider keine Zeit ſie anzuhören, fiel der Marſchall ein. Suchen Sie nur fleißig, vielleicht glückt es doch, und wenn Sie die Verbrecher haben, halten Sie ſie feſt. Ein tugend⸗ hafter Sohn muß belohnt werden.— Ein hohnvolles Grinſen ſpielte um ſeine breiten fleiſchigen Lippen. Das Beſte aber iſt, Sie bleiben hier, fuhr er fort. Es iſt heut Abend noch eine Nachricht gekommen. Die Ruſſen ſind in Tavaſtehus, haben das Schloß genommen und Proclamationen ausgeſtreut. Alle Finnen ſollen dem Ruſſenkaiſer Treue ſchwören und ſich ruhig verhalten, wer es nicht thut wird todt⸗ geſchoſſen. Dem Ruſſen Treue ſchwören werden Sie nicht, und ruhig verhalten werden Sie ſich auch nicht; ich ſehe es Ihnen an, Sie haben heißes Blut, Ihr Vater war auch ſo. Er miſchte ſich in viele Dinge, wo es beſſer geweſen wäre, er hätte es nicht gethan. Bleiben Sie alſo hier, der König wird für Sie ſorgen; oder gehen Sie mit dem Major da zur Weſtarmee. Nach Finnland will ich, dahin gehöre ich! ſagte Otho. Dann macht's wie es Euch beliebt, erwiederte der Feldmarſchall im derben Tone. Sagt's ihm rund heraus, daß Ihr ſeine Gnade nicht brauchen könnt. Zum Henker mit vermoderten Geſchichten! wir haben mit uns genug zu thun. Und nun lebt wohl, Major Adler⸗ ſparre. Macht es wie ich, macht daß Ihr fortkommt. Ich ſage es Euch noch einmal, der Teufel iſt los! Er ſchüttete den großen Pelz über ſeine Schultern, drückte den Hut in ſeine Stirn und ging hinaus. Gleich darauf war er im Schlitten und Adlerſparre kehrte zurück und legte ſeine Hand auf Otho's Schulter, der nachdenkend den Feldmarſchall abfahren ſah. Das war ein merkwürdiger, unerwarteter Beſuch, ſagte der Major. Er, der ſonſt ſo ſtolz iſt und ſo übermüthig, vor dem ſich Alle bis auf die Schuhſpitzen beugen, er kommt hierher, um uns die neueſten Neuigkeiten zu bringen. Doch deßwegen kam er nicht; er wollte Sie noch einmal ſehen. Mich? Meinen Sie? fragte Otho lebhaft. Ich möchte mich dafür verbürgen, fuhr Adlerſparre fort, daß er von Ihren Eltern mehr weiß, als er ſagen will. ichſten hören, doch, ggend⸗ ſpielie leiben umen. und nkaiſer todt⸗ ruhig haben dinge, n Sie t dem rſchall Gnade ¹ wir Abler⸗ age es te den er im d auf n ſah. er. Er, auf die geiten ſehen⸗ daß er — 520— Wenn ich das wüßte! Der Gedanke überkam mich auch! rief der junge Mann. Ich will— Was wollen Sie? verſetzte der Major, indem er ihn feſthielt. Ich will ihm nach! Halt! Wenn Sie ihn wirklich noch erreichen könnten, es würde Ihnen gewiß nichts helfen. Wiſſen Sie nicht, daß dieſer Mann eben ſo gefürchtet iſt durch ſeine Schlauheit, wie durch ſeine Rachſucht Womit wollen Sie ihn denn zwingen, den Mund zu öffnen, wenn er dazu keine Luſt hat? Und was könnten Sie gegen ihn thun, ſelbſt wenn er Theil an der Sache hätte, der Sie nachſpüren? Wäre das möglich? murmelte Otho. Ich weiß es nicht, verſetzte der Major, doch jedenfalls iſt für jetzt nichts zu machen. Toll iſt der mächtigſte Mann in Schweden, jeder falſche Schritt würde Sie verderben. Immer muß man Anfang und Ende berechnen, mein junger Freund, ehe man handelt, und nie muß man etwas beginnen, was man nicht gewiß iſt zu vollbringen. Er ging in dem Zimmer auf und ab als er dies ſagte, und um ſeinen Mund ſpielte das falſche Lächeln, während ſeine Augen einen düſteren, unheimlichen Ausdruck erhielten.— Er hat übrigens Ihnen noch zu guter Letzt eine Falle geſtellt, begann er nach einem Weilchen. Ich glaube nicht, daß es ſein Wunſch iſt, der König behielte Sie in ſeiner Nähe, ich meine vielmehr er wünſcht, daß Sie recht bald nach Finnland zurückkehren, da Sie mich nicht begleiten wollen, was ich gern ſehen würde. Ich weiß, Sie wollen nicht, und Toll weiß es auch; ſein Rath aber, dem Könige kurzweg zu erklären, daß Sie ſeine Gnade nicht mögen, iſt ein ſchlechter Rath, denn Guſtav Adolf iſt ſo eigenſinnig, daß er auch bei ſeinen Wohlthaten keinen Widerſpruch ertragen kann. Ich werde aber dennoch thun, was der Marſchall rieth, ſagte Otho⸗ Weil Sie ein Finne ſind, lachte Adlerſparre. Inzwiſchen haben Sie Zeit zum Ueberlegen. Es war ein harter Tag für Sie, ruhen Sie aus, ſchlafen Sie, während ich arbeite, denn ich habe viel zu thun, um meine Angelegenheiten zu ordnen. Er ſetzte ſich an den Tiſch und war bald damit beſchäftigt, Briefe zu ſchreiben, während Otho ſeiner Aufforderung nachkam und ſich auf D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 34 530 dem Bett im Nebenzimmer ausſtreckte. Durch die offene Thür konnte er dem Major ins Geſicht ſehen und eine Zeit lang hefteten ſich ſeine Augen und Gedanken mit Theilnahme auf die hohe feſte Stirn, auf dies eiſerne, harte, ſtolze Geſicht, das dann und wann ſeinen Ernſt und ſeine Strenge noch zu vermehren ſchien. Endlich aber verwirrte ſich ſein Denken; andere Bilder und Geſtalten drängten ſich in ſeinen Kopf, dann plötzlich war es mit allem Denken und Sinnen vorbei. Der bewußtloſe, ſeltſame Zuſtand, den jedes Weſen braucht um zu leben, drückte ſeine müden Augen zu und befreite ihn von allen Sorgen. Wie lange er geſchlafen hatte als er ſeine Augen wieder öffnete, war ihm unbekannt. Es dünkte ihm, daß er ſich eben erſt nieder⸗ gelegt habe und noch fiel der Lichtſchein aus dem Nebenzimmer auf ſein Bett, nur waren die Lichter ſelbſt nicht mehr zu ſehen und eben ſo wenig ſein Beſchützer Adlerſparre. Nach einigen Augenblicken, in denen er ſich ermunterte, hörte er leiſes Sprechen und aufmerkſamer horchend konnte er unterſcheiden, daß es zwei Stimmen waren, zwei Männer eine Unterredung führten. Bewegungslos blickte er nach den Fenſtern und es kam ihm vor, als miſche ſich ein leiſes Tagesgrauen mit dem nächtlichen Dunkel. Sie werden ſomit nach Karlſtad gehen, mein lieber Adlerſparre, hörte er ein wenig lauter ſagen, und dort wahrſcheinlich ſchon einen Oberbefehlshaber antreffen. Und was wird aus Finnland, beſter General. Will der König wirklich nichts thun? fragte Adlerſparre. Nichts vor dem Frühjahr, war die Antwort. Dann ſollen die Garden hinüber und er ſelbſt wird ſich auf den Weg machen. Bis dahin aber ſind die Ruſſen im Beſitz des ganzen Landes und das kleine Heer aufgerieben. Was iſt zu thun! rief der Andere lebhafter. Er iſt der Herr, alle Gewalt iſt bei ihm, Widerſpruch nicht möglich. Wir haben ihm geſtern noch unterthänigſt vorgeſtellt, daß der alte Klingſpor ſo wenig zum Oberbefehl in ſolcher Lage paßt, wie Klerker. Sie müſſen hinüber, General Adlercreutz, Sie ſind der Mann, der dort fehlt, ſagte der Major. konnte ſeine n, auf Ernſt rwirrie ſeinen vorbei. um zu orgen. öffnete, nieder⸗ ter auf d eben en, in kſamer „ zwei ch den grauen eſparte, 1 einen König Garden es und r, alle geſtern ig zum nn, der — 531— Es iſt möglich, daß ich es beſſer machte, erwiederte der General⸗ adjutant; lange genug und bis vor kurzem bin ich ja in Finnland geweſen, und wenigſtens fehlt es mir nicht an gutem Willen dazu, mein Beſtes zu thun. Es iſt einige Ausſicht, daß der König mich ſchickt, entweder mich oder Armfeld. Doch Armfeld iſt ein Finne und der König iſt mißtrauiſch gegen den finniſchen Adel. Was aber auch geſchehen mag, mein lieber Adlerſparre, mit leichtem Herzen kann Nie⸗ mand gehen, der die Perſonen und Zuſtände kennt, welche er hier zurückläßt. Daran iſt nichts zu ändern, murmelte Adlerſparre. Nichts, ſagte der General, Sie haben Recht. Ueber Finnland hat ſich der König beruhigt; Gott weiß es, was ihm dieſe Sicherheit gibt, wenn es nicht der unglückliche Gedanke i*ſt, daß Finnland ihm nicht zu nehmen ſei, ihm bei jedem Frieden doch zurückgegeben werden müſſe. Sie theilen dieſen ſo allgemein beliebten Gedanken nicht? „Nein. Ich war geſtern bei dem Herzog, fuhr er leiſer fort, und ich fand ihn ſehr lebhaft gegen ſeine Gewohnheit. Ich erzählte ihm die Nachrichten, welche der junge Finne uns gebracht hat, und er nahm die Pfeife aus dem Munde, ſah mich ſtier an und lachte dann grim⸗ mig auf. Ich habe es lange ſchon gewußt, ſagte er, ſo wird es ge⸗ ſchehen. Die deutſchen Provinzen ſind verloren gegangen, wir werden ſie niemals wieder bekommen; ſo wird auch Finnland verloren gehen. Gebt euch keine Mühe weiter, ihr werdet es doch nicht ändern können. Ich kann nicht denken, ſagte Adlerſparre in einem Tone als lache er, daß Sie, General, auf dieſe prophetiſche Laune des Herzogs be⸗ ſonderes Gewicht legen. Irgend ein Zeichendeuter, irgend ein altes Weib, oder eine kabbaliſtiſche Berechnung hat ihm dazu verholfen. Als er das ſagte, fuhr Adlercreutz fort, fügte er noch etwas hinzu, das für mich allerdings größeres Gewicht hatte. Erinnert Ihr Euch wohl, fragte er mich, an das Geſicht, das Karl der Elfte in der Nacht vom 16. zum 17. December im Jahre 1676 gehabt hat? Ich habe davon gehört, mein gnädigſter Herr, erwiederte ich ihm, aber die darüber vorhandene Aufzeichnung niemals geſehen. Er ging an einen Schrank, wühlte darin umher und zog endlich ein Papier heraus. Das lest, Adlercreutz, ſagte er, da werdet Ihr 34* n 532 ſehen, wie Alles kommen wird. Unter der ſechsten Regierung ſoll es geſchehen, die auf Karl den Elften folgte, nun dabei ſind wir jetzt. Krieg, Blut, Mord und Auflöſung des alten Schwedenreichs, bis das Geſicht ſich erfüllt hat. Und er gab Ihnen das Papier? fragte Adlerſparre. Er gab es mir und hier iſt es, antwortete der General. Mag man glauben davon was man will, es iſt merkwürdig genug; ich will es Ihnen vorleſen. Otho hörte ein Papier rauſchen, dann las der General: „Ich, Karl der Elfte, heute König von Schweden, war die Nacht zwiſchen dem 16. und 17. December 1676 mehr als gewöhnlich von einer melancholiſchen Krankheit geplagt. Ich erwachte um halb zwölf Uhr, da ich meine Augen von ungefähr auf das Fenſter warf und gewahr ward, daß ein heller Schein aus dem Reichsſaale leuchtete. Ich ſagte da zu dem Reichsdroſt Bjelke, der bei mir im Zimmer war: Was iſt das für ein Schein im Neichsſaal? Ich glaube, da iſt Feuer. Er antwortete mir: O nein, Ew. Majeſtät, es iſt der Schein des Mondes, der gegen das Fenſter glitzert. Ich ward vergnügt über dieſe Antwort, und wandte mich gegen die Wand, um einige Ruhe zu ge⸗ nießen, aber ich wurde unbeſchreiblich ängſtlich, wandte mich hin und her und ward den Schein wieder gewahr. Ich ſagte noch einmal: Was iſt das für ein Schein? Dort kann es nimmer richtig zugehen, worauf der große und geliebte Reichsdroſt Bjelke erwiederte: Es iſt nichts Anderes als der Mond. Aber in demſelben Augenblick trat der Reichsrath Bjelke herein, um ſich zu erkundigen, wie ich mich befände. Ich fragte da dieſen wackeren Mann, ob er irgend ein Unglück oder Feuer im Reichsſaal gewahr geworden? Er antwortete da nach einer kleinen Weile: Nein, gottlob! das iſt nichts. Es iſt der Mondſchein, der verurſacht, als wäre Licht im Reichsſaale. Ich war wiederum be⸗ friedigt, aber, indem ich meine Augen nochmals dorthin warf, ward ich gewahr, daß es ausſah, als gingen Menſchen in dem Saale umher. Ich ſtand alsdann auf, nahm meinen Schlafrock und ging an das Fenſter und öffnete es, wo ich gewahr ward, daß es darin ganz voll von Lichtern war. Da ſagte ich: Gute Herren, da geht es nicht rich⸗ tig zu. Ihr verlaſſet euch darauf, daß der, welcher Gott fürchtet, ſich ſoll es r jetzt. is das Mag h will as der Nacht ch von zwölf rf und te. Ich r war: Feuer. in des dieſe zu ge⸗ in und inmal: gehen, Es iſt rat der fände. f oder einer ſchein, im be⸗ ward umher. an das nz voll t rich⸗ tt ſcch — 5353— vor nichts in der Welt fürchten muß; ſo will ich nun hingehen und erfahren, was es ſein kann. Ich beſtellte da bei den Anweſenden, herun⸗ ter zu gehen zum Kaſtellan, um ihn zu bitten mit den Schlüſſeln herauf zu kommen. Als er heraufgekommen war, ging ich im Gefolge der Männer zu dem geſchloſſenen heimlichen Gang, der über meinem Zim⸗ mer iſt, zur Rechten von Guſtav Erichſon's Schlafzimmer. Als wir dahin kamen befahl ich dem Kaſtellan, die Thür zu öffnen, aber aus Bangigkeit bat er um die Gnade, ihn damit zu verſchonen. Ich bat darauf den Reichsdroſt, aber er weigerte ſich deſſen. Ich bat darauf den Reichsrath Oxenſtierna, dem nie vor etwas bange war, die Thür aufzuſchließen, aber er antwortete mir: Ich habe einmal geſchworen, für Ew. Majeſtät Leib und Blut zu wagen, doch nie, dieſe Thür auf⸗ zuſchließen. Nun begann ich ſelbſt beſtürzt zu werden, allein ich faßte Muth, nahm ſelbſt den Schlüſſel und ſchloß die Thür auf, da wir das Zimmer, dann ſogar den Fußboden, überall ſchwarz bekleidet fanden. Ich, nebſt meiner ganzen Geſellſchaft, wir zitterten ſehr, doch gingen wir zur Thür des Neichsſaales, wo ich dem Kaſtellan wieder befahl, dieſe Thür zu öffnen, und ſo die Anderen auch, doch Alle baten ſich die Gnade aus, ſie damit zu verſchonen. Ich nahm darum auch hier ſelbſt die Schlüſſel und öffnete die Thür, doch als ich meinen Fuß hineinſetzte, zog ich ihn vor Beſtürzung haſtig zurück. Ich ſtutzte ſo ein wenig, aber dann ſagte ich: Gute Herren, wollt ihr mir folgen, ſo werden wir ſehen, wie es ſich hier verhält; vielleicht, daß der gnä⸗ dige Gott uns etwas offenbaren will. Sie antworteten Alle mit bebenden Stimmen: Ja! Wir gingen da hinein. „Allzuſammen wurden wir einen großen Tiſch gewahr, von ſechzehn würdigen Männern umgeben. Alle hatten große Bücher vor ſich, unter ihnen aber ſaß ein junger König von ſiebenzehn oder achtzehn Jahren mit der Krone auf dem Haupt und dem Scepter in der Hand. Zu ſeiner rechten Seite ſaß ein langer, ſchöner Herr von ungefähr vierzig Jahren, ſein Angeſicht verkündigte Ehrlichkeit. Zu ſeiner Linken ſaß ein alter Mann, der ſiebenzig Jahre alt ſein mochte. Es war beſon⸗ ders, daß der junge König mehrmals den Kopf ſchüttelte, da alle dieſe würdige Männer mit der einen Hand hart auf die Bücher ſchlugen. Ich wandte dann meine Augen von ihnen fort und ward ſogleich neben — 534— dem Tiſch Richtblock bei Richtblock und Henker gewahr, alle mit auf⸗ geſtreiften Hemdärmeln, und hieben einen Kopf nach dem anderen ab, ſo, daß das Blut längs dem Fußboden fortzuſtrömen anfing. Gott ſoll mein Zeuge ſein, daß mir ſehr bange war. Ich ſah auf meine Pan⸗ toffeln, ob etwa einiges Blut auf ſie gekommen wäre, aber das war nicht der Fall. Die, welche enthauptet wurden, waren meiſt junge Edelleute. Ich warf meine Augen dann weg und ward hinter dem Tiſche in der Ecke einen Thron gewahr, der faſt umgeſtürzt lag, und daneben ſtand Einer, der ausſah, als ſollte er Reichsvorſteher ſein. Er war ungefähr vierzig Jahre alt. „Ich zitterte und bebte, indem ich mich zur Thüre zurückzog und laut rief: Welche iſt des Herrn Stimme, die ich hören ſoll? Gott! wann ſoll dies geſchehen? Es wurde mir nicht geantwortet. Ich rief wiederum: O, Gott! wann ſoll dies geſchehen? Aber es wurde mir nicht geantwortet; allein, der junge König ſchüttelte mehrmals den Kopf, während die anderen würdigen Männer hart auf ihre Bücher ſchlugen. Ich rief wieder ſtärker als zuvor: O, Gott! wann ſoll dies geſchehen? So ſei denn großer Gott, ſo gnädig, und ſage, wie man ſich dann verhalten ſoll? Da antwortete mir der König: Nicht ſoll dies geſchehen in deiner Zeit, ſondern in der Zeit des ſechsten Herrſchers nach dir. Und er wird ſein von eben dem Alter und Geſtalt, wie du mich ſiehſt, und der welcher hier ſteht, offenbart, daß ſein Vormund ausſehen wird, wie dieſer. Und der Thron wird gerade in des Vor⸗ munds letzten Jahren in ſeinem Fall ſein durch den jungen König und ſeine Diener; aber der Vormund, der während ſeiner Regierung den jungen König verfolgt, wird ſich dann ſeiner Sache annehmen und wird den Thron ſtärker befeſtigen, daß nie zuvor ein ſo großer König in Schweden geweſen und ſpäter kommen wird, und daß das ſchwediſche Volk in ſeiner Zeit glücklich werden wird, und er wird ein ſeltenes Alter erreichen. Er wird ſein Reich ohne Schulden und mehre Millionen in der Schatzkammer hinter ſich laſſen. Aber ehe er ſich auf den Thron befeſtigen kann, wird ein großes Blutbad kommen, daß nie dergleichen im ſchwediſchen Lande geweſen und auch nimmer wieder werden wird. Gib du ihm als König im Schwedenlande deine guten Vermachungen. tauf⸗ en ab, tt ſoll Pan⸗ s war junge er dem , und ſein, og und Gott! ch rief de mir aes den Bücher U dies ie man ct ſoll riſchers wie du ormund 3 Vor⸗ König gerung nehmen gooßer daß ds vird ein mehre tr ſch ten, daß wieder e guten — 535— „Und als er dies geſagt verſchwand Alles, und allein wir mit un⸗ ſeren Lichtern waren noch da. Wir gingen mit dem allergrößten Er⸗ ſtaunen, wie Jedermann ſich vorſtellen kann, und als wir in das ſchwarze Zimmer kamen, war es auch weg und Alles in ſeiner ge⸗ wöhnlichen Ordnung. Wir gingen da hinauf in meine Zimmer und gleich ſetzte ich mich die Ermahnungen zu ſchreiben*) in Briefen, ſo gut ich konnte. Und Alles dies iſt wahr, dies bekräftige ich mit mei⸗ nem leiblichen Eide, ſo wahr mir Gott helfe. Karl der Elfte, heute König in Schweden. „Als auf der Stelle gegenwärtige Zeugen haben wir Alles gefehen wie Se. königliche Majeſtät es aufgezeichnet hat, und bekräftigen es mit unſerem leiblichen Eide, ſo wahr uns Gott helfen ſoll. Karl Bjelke, Reichsdroſt; U. W. Bjelke, Reichsrath; A. Oxenſtierna, Reichsrath; Peiter Granslén, Kaſtellan.“ Nun, was ſagen Sie dazu? rief Adlercreutz, als er zu leſen aufhörte. Ich habe von dieſem Märchen ſchon vor Jahren gehört, antwortete Adlerſparre, obwohl auch ich erſt jetzt eine Abſchrift des Documents ſehe, das ſo ängſtlich im Archiv bewahrt werden ſoll. Iſt es aber nicht ſonderbar, daß der Herzog mir das mittheilt? Der Major lächelte und machte eine kleine Verbeugung. Sie meinen, ich ſei ſein beſonderer Günſtling, fuhr der General lebhaft fort, und ich will nicht leugnen, daß Se. königliche Hoheit der Großadmiral mir ſehr gnädig iſt; mehr aber noch iſt er ja Ihnen gewogen, Adlerſparre. Sie wiſſen, wie lebhaft er ſich für Ihre Wieder⸗ anſtellung verwandte, Toll und Ehrenheim dafür intereſſirte, und wie viele Schwierigkeiten es bei dem Könige machte, der Anfangs nichts davon hören wollte. Ich weiß es, erwiederte Adlerſparre mit ſeiner tiefen, harten Stimme. Er ſchlug es zweimal ab— vielleicht hatte er Recht! 6 ten liegen verſiegelt im Archiv, *) Die Ermahnungen Karl's des Elf eleſen und wieder verſiegelt. und werden von jedem Könige erbrochen, g. — 536 Dafür hat er Sie, ſtatt zum Oberſtlieutenant, wie der Herzog es wollte, zum Major ernannt, doch ſorgen Sie nicht. Sie werden kei⸗ nen Monat bei der Armee ſein, ſo wird das Oberſtlieutenantpatent nachkommen. Ich bin zufrieden und kann warten, ſagte Adlerſparre. Ich habe, fügte er hinzu, in meinem Schlupfwinkel Ohludden, wie die Spötter in Stockholm ſagen, Jahre lang von ſaurer Milch gelebt und bin da⸗ bei ein Philoſoph geworden, das heißt, ein Menſch, der genügſam und geduldig ausharrt. Nun, wir werden ſehen, was wahr daran iſt, und wohin wir damit kommen. Sie, der immer frohe, heitere, liebenswürdige General, müſſen ſich in dieſe fromme, ſtrenge Nüchternheit, wie man ſie jetzt im königlichen Hauſe führt, ſchlechter gefallen, wie ich, der ich dennoch froh bin, raſch fortzukommen, um in ein ödes Winterlager geſchickt zu werden. Bei Gott! Sie haben Recht, Rein Freund! rief Adlercreutz. Ich will aufathmen, wenn ich wirklich nach Finnland geſchickt werde. Hier fängt der Boden mir unter den Füßen zu brennen an. Wir gehen ſchlimmen Zeiten entgegen. Sind dieſe nicht ſchon ſchlimm genug? Feinde überall. Ruſſen, Franzoſen, Dänen und Norweger vor und hinter uns, kein Geld vor⸗ handen, überall Unordnung und Verwirrung. Der ſchlimmſte Feind des Königs iſt er ſelbſt, antwortete Adler⸗ ſparre. Sie ſagen leider das Richtige. Was er heute will, wird morgen umgedreht, was ihm morgen beliebt, iſt in der nächſten Woche eine Thorheit. Es fehlt jetzt nur noch, rief er lachend, daß er unſere ein⸗ zigen Freunde, die Engländer, beleidigt, wozu die beſte Ausſicht vor⸗ handen iſt. Welche Ausſicht? Er hat geſtern den engliſchen Geſandten rufen laſſen, ein Heer und eine Flotte gefordert, zugleich aber das Verlangen hinzugefügt, daß Beide unter ſeinen unmittelbaren Befehl geſtellt werden müßten. Der Geſandte wies ihn an ſeine Regierung, rieth jedoch von der letzten Forderung ab und machte Bemerkungen darüber, die den König in den heftigſten Zorn verſetzten. Herr Thornton iſt dagegen nicht der Mann, 3og es en kei⸗ tpatent habe, ppötter in da⸗ n und , und ürdige eman der ich erlager Ich Hier ruſſen, d vor⸗ Adler⸗ torgen eine eein⸗ t vor⸗ Heer t, daß Der letzten in den Mann, 537 ſich beleidigen zu laſſen, und wenn der alte Ehrenheim nicht dazwiſchen geſprungen wäre und beſänftigt hätte, würde der Engländer, wie er gedroht, ſich von allen Geſchäften zurückgezogen haben, bis ſeine Re⸗ gierung entſcheide.. Er wird zuletzt alle Welt beleidigen, murmelte Adlerſparre, und keinen Freund mehr haben. Wenn ſie ihn Alle verlaſſen, rief der General, einen treuen Freund behält er doch, die Königin! Aufrichtig geſagt, wenn ich ſie ſehe, iſt mir als ſtände ein verſöhnender Engel an ſeiner Seite. So ſanft, ſo ſchön und gut, wie ſie iſt, muß man glauben, daß der Mann, den ſie liebt, auch dieſe Liebe verdient, und hat er nicht auch manche edle und große Eigenſchaften? Ein warmes Herz für menſchliche Leiden, einen ſcharfen Verſtand, das Rechte zu erkennen, lebhaftes Rechtsgefühl, zu lebhaft, zu einſeitig vielleicht in vorgefaßten Meinungen; unglückſelig nur iſt dieſer troſtloſe Eigenſinn, der auf keine Vorſtellungen achtet. Das wird ſein Verderben ſein, murmelte der Major. Die Königin macht gut, ſo viel ſie vermag, fuhr Adlercreutz fort, ſie bittet für Jeden, der hart behandelt wurde. Sie kennen doch die Geſchichte mit dem Grafen Cederſtröm, der in Pommern ein Bein ver⸗ loren hat und neulich um Erlaubniß nachſuchte, ſich aus Paris ein künſtliches Bein kommen zu laſſen, wie man dieſe dort verfertigt. Der König ſchlug es ab, weil alle franzöſiſchen Waaren in Schweden ver⸗ boten ſeien. Das charakteriſirt den Mann! ſagte Adlerſparre. Er iſt für dieſen ſtarrſinnigen Haß gegen Alles, was franzöſiſch heißt, und für den Eigenſinn, daß, was er verboten hat, auch Jedem, ohne Ausnahme, verboten bleibe, durch das laute Geſchrei über ſeine Tyranei beſtraft worden. Seine Feinde im Lande haben ſich dadurch vermehrt; jetzt hat die Königin durch ihre Bitten erreicht, daß Ceder⸗ ſtröm das Bein kommen laſſen darf. 5 Nun es zu ſpät iſt für ihn, ſagte der Major. So wird alle Einſicht für ihn zu ſpät kommen. Err hat Kinder, antwortete Adlercreutz. Wenn ein Volk leidet, denkt es an die Zukunft und wartet. Der Kronprinz iſt ein Knabe von vielen Fähigkeiten, der das Beſte hoffen läßt. — 538— Mein lieber Freund, erwiederte Adlerſparre mit rauhem Lachen, die Hoffnung auf die Kronprinzen iſt ein verkommenes Märchen, nicht mehr werth, als Karl's des Elften geſpenſtiſches Geſicht. Man muß nicht daran glauben, ſondern ſeine Hoffnungen auf beſſere Gründe ſtützen, als auf Kinder, die erſt Männer werden ſollen. Es trat eine kleine Stille ein, dann hörte Otho ſeinen Beſchützer ſagen: Wir müſſen auch dabei geduldig und vorſichtig ſein, theurer General. Unſer Vaterland fordert Männer, und wenn nichts wahr iſt, was in dieſem Geſicht ſteht, ſo iſt doch das wahr, daß der Thron im Fall begriffen iſt, und das alte Schwedenreich ſeiner inneren Auflöſung entgegen geht. Wenn ich Ihnen rathen darf, geben Sie dies Papier dem Herzog zurück und ſprechen Sie nicht von ſeinem Inhalt. Der Herzog wird es Ihnen ſpäter danken, ich ſelbſt werde mich heut noch bei ihm verabſchieden und über dieſe Sache mein Wort anbringen. Ich habe mir ſchon daſſelbe vorgenommen, entgegnete der General, und ſtimme Ihnen bei. Dem Könige wird es nicht lieb ſein, wenn dieſe Geſpenſtergeſchichte in Stockholm bekannt wird, und wenn ich auch überzeugt bin, daß dies nicht zu vermeiden iſt, ſo mag ich doch als Generaladjutant nicht dabei betheiligt ſein. Eben ſo wenig darf es der Herzog ſein, ſagte Adlerſparre. Auch er nicht, das iſt meine Meinung; deßwegen habe ich dies Papier Niemanden gezeigt als Ihnen, von dem ich weiß, daß Sie des Herzogs beſonderes Vertrauen beſitzen. Es“ſt zwiſchen dem alten Herrn und ſeinem königlichen Neffen böſes Blut genug, man braucht es nicht zu vermehren. Seit einiger Zeit ſehen ſie ſich faſt nicht mehr, und wenn es geſchieht, pflegt es nicht ohne einige ſpitzige Redensarten von beiden Seiten abzugehen. Kann das anders ſein, erwiederte der Major, wo ſo verſchiedene Eigenſchaften ſich entgegenſtehen? Der König iſt die Sparſamkeit ſelbſt, lachte Adlercreutz, der Her⸗ zog war immer ein Verſchwender, immer in Geldverlegenheiten und in Schulden. Der König beſitzt den nüchternſten Verſtand, des Her⸗ zogs Kopf iſt trotz ſeiner ſechzig Jahre noch voll romantiſcher Schwär⸗ merei. Sein meiſtes Geld hat er verthan mit Roſenkreuzern, Freimaurern, achen, nicht muß ründe hützer heurer wahr Thron meren n Sie ſeinem werde Wort eneral, wenn un ich h doch 1 dies iß Sie n dem 1 man c faſt ſpitzige ijedens — 539— Alchemiſten, Geiſterbeſchwörern und Wunderthätern aller Art, um Gold und Univerſalmittel für ſeine Unſterblichkeit zu machen, und dabei hat er das Unglück gehabt, ſo liſtigen Betrügern in die Hände zu fallen, daß er noch an ihren Unſinn glaubt und daß die Erinnerung an ſeine Regentſchaftszeit noch immer Schrecken, Gelächter und Abſcheu hervorrufen. Dennoch aber, antwortete Adlerſparre, haben die Propheten ihm verſprochen, daß eine Krone, ehe er ſtirbt, auf ſein Haupt kom⸗ men ſoll. Wiſſen Sie auch, ſagte der General mit gedämpfter Stimme, daß der König davon unterrichtet iſt? Wie ich meine, iſt ffeit dieſer Zeit die Abneigung zwiſchen Onkel und Neffe noch mehr gewachſen. Um ſo mehr iſt es nöthig, daß des Herzogs Name nicht mit dem Bekanntwerden dieſer Phantaſie des elften Karl's in Verbindung kommt, verſetzte der Major. Die Anſpielungen auf den guten Vormund, der die ſchlechte Regierung ſeines Neffen in Ordnung bringt, damit er Schweden beglückt, wie es nie geweſen, ſind zu verfänglich und hand⸗ greiflich, um nicht die übelſte Deutung zuzulaſſen. Ich habe den Herzog bei alledem ſehr lieb, ſagte Adlercreutz, denn er iſt mild von Gemüth, weiß Freunde zu ſchätzen und iſt großmüthig, dabei weder kleinlich noch eigenſinnig. Der König wird es ihm aber nie verzeihen, daß er ſeinen Vater, Guſtav den Dritten, ſo unbrüder⸗ lich haßte, daß er deſſen Mörder ſogar entwiſchen ließ, und nur An⸗ kerſtröm den Henkern überlieferte. Auch um deſſentwegen hat der Herzog Vorſicht nöthig, mur⸗ melte der Major. Was Sie irgend thun können, um ihn zu einem guten Verhältniß mit dem Könige zu bewegen, verabſäumen Sie nicht. Auch darin ſind wir derſelben Meinung, antwortete der General. Ich habe dem Herzog ſchon öfter, wie ich denke, gute Nachrichten ge⸗ geben, wie es in dem Cabinette des Königs ausſah, und habe ih geſtern erſt dringend gerathen, bei der jetzigen Lage der Dinge, ſich dem Könige zu nähern. Sie haben wohl daran gethan, flüſterte Adlerſparre, der Herzog muß am Hofe erſcheinen. Einfluß wird er niemals dort gewinnen können, 510 allein er muß ſich ſehen laſſen. Schade doch, daß Sie Stockholm bald verlaſſen. Nun, Freund! rief der General fröhlich, wer weiß, wie bald ich wieder hier bin. Es gehört nicht ſehr viel dazu, in Ungnade zu fallen, und ſchwerlich werden ſie mich wie Cronſtedt dann zum Commandanten in Sweaborg machen. Kein ſchwediſcher König wird jemals wieder einen Commandanten in Sweaborg ernennen, ſagte Jöran Adlerſparre dumpf vor ſich hin. Schande über uns, wenn es wahr iſt! Glauben Sie denn Alles, was der junge Menſch berichtete? Ich glaube ihm Alles, war die Antwort des Majors, denn ſein Mund iſt keiner Lüge fähig, und iſt denn nicht ſchon Vieles, was er ankündigte, eingetroffen? Leider ja. Ich wollte er hätte gelogen, und ſtatt den Burſchen hier abzuholen, wollte ich, daß ich commandirt wäre, ihm ſechs Kugeln durch den Kopf jagen zu laſſen. Das iſt ein ſehr freundlicher Wunſch, den ich nicht vergeſſen werde, murmelte Otho leiſe vor ſich hin. Was in Finnland noch zu retten iſt, werden Sie retten, General, ſagte Adlerſparre. Und was iſt noch zu retten? Schwedens Ehre! Unſer alter Ruf der Tapferkeit. Nein, Adlerſparre! rief der General, ſprechen Sie nicht ſo ver⸗ zweifelt, noch iſt nicht Alles verloren. Wenn man in Stockholm mich nicht im Stich läßt, mich nur halbweg ſo unterſtützt, wie ſie es ver⸗ ſprechen, denke ich die Ruſſen aus Finnland zu jagen, ſelbſt wenn Cronſtedt ein Verräther ſein ſollte und Sweaborg ihnen überliefert würde. Bei ſolcher Noth, fuhr er lebhaft fort, wird auch der König⸗ endlich von ſeinen eigenſinnigen Grillen ablaſſen. Die Gefahr wird ihm Kraft geben, er wird ſich von Ugglas, von Roſenblad, von Ihrem alten Feinde Zibet und von allen den Pedanten, Heuchlern, Frömmlern und Speichelleckern befreien, die ihn jetzt umlagern. Nein, wir dürfen nicht zu finſter in die Zukunft blicken. Es iſt ein altes Volk und ein alter Thron. Wanken beide, wollen wir ſie aufrichten helfen, und wenn wir auch unzufrieden ſind, es kann doch wieder beſſer werden. 541 Mein Leben will ich daran ſetzen um Guſtav Adolf's und Schwedens ud Ruhm und Ehre! Aber nun muß ich fort, unterbrach er ſich indem d ic er aufſtand, der Tag bricht an, und mein Weg iſt weit. Der Finne düen ſchläft, wie ein ſatter Wolf. Ich muß ihn wecken. anten Er ging raſch auf das Nebenzimmer los. Adlerſparre blieb ſitzen und murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen: Schwachkopf! Der General ſtand an Otho's Lager ſtill, der es für Zeit hielt, anten 4 1; in die Augen zu öffnen und ſich aufzurichten. Ale Sind Sie munter? fragte Adlercreutz, als er die Bewegung be⸗ 1 merkte.. 3 Ganz munter. Was gibt's? ſn Stehen Sie raſch auf und machen Sie ſich bereit, mich zu be⸗ 85 gleiten. Wohin? wenn ich fragen darf. 1 Zum Könige nach Gripsholm, ſagte der General. Er hat mir ugeh aufgetragen, Sie zu ihm zu bringen. Weiter weiß ich nichts. . Der Major kam mit einem Lichte herein und beſtätigte was der erde⸗ General ſagte. General Adlercreutz iſt ſchon ſeit einer Stunde bei mir, fügte er hinzu, wir wollten Sie nicht eher wecken als nöthig, bis der netl Tag angebrochen. Kleiden Sie ſich warm, heizen Sie aber auch von Innen ein; hier iſt Thee und Arak. Der Weg nach Gripsholm iſt weit und eine ſchreckliche Kälte draußen. Wenn es in Finnland eben ſo friert, und ich zweifle nicht daran, wird das Blut, ehe es aus den ber⸗ MVunden fließt, zu Eis werden. mich Um ſo beſſer, antwortete Otho, ſo werden die Todten nicht wiſſen, ver⸗ daß ſie todt ſind, und wie die Lebendigen weiter fechten. wenn Apdblercreutz blickte ihn wohlwollend an. Die jugendliche Rüſtigkeit ſlefert des jungen Abentheurers ſchien ihm ebenſo zu gefallen, wie dieſe muthi⸗ König gen Worte, und während Otho ſich bereit machte, ihm zu folgen, ſprach ihm er mit ihm weiter und ſchien ſich an ſeinen raſchen Antworten zu ver⸗ alten gnügen.* und Wir müſſen nun ſcheiden, ſagte Adlerſparre endlich, und aufrich⸗ ürfen tig, mein lieber Waimon, es thut mir leid, daß wir nicht länger bei⸗ d ein ſammen bleiben können. Aber ich weiß, daß es nicht ſein kann, doch „und werden wir, wie ich hoffe, uns nicht zum letztenmale geſehen haben. erden. — 542— General Adlercreutz wird mit Ihnen aber wohl eher zuſammentreffen, denn ſehr wahrſcheinlich geht er ſchon in den nächſten Tagen ebenfalls nach Finnland, um die Ruſſen zu ſchlagen, wo er ſie findet. Wenn es nicht dennoch Armfeld an meiner Stelle thut, fiel der General lachend ein. Aber ſollte ich nach Finnland reiſen und Herr Waimon— doch davon wollen wir vor der Hand ſchweigen, unter⸗ brach er ſich, denn zunächſt hat Se. Majeſtät über uns Beide zu be⸗ ſtimmen. Er warf ſeinen Pelzrock um und horchte auf die Straße hinaus. Ich habe meinen Schlitten hierher beſtellt, er wartet auf uns. In drei oder vier Stunden müſſen wir in Gripsholm ſein. Nehmen Sie Abſchied von Adlerſparre, und Gott gebe uns Allen ein frohes Wiederſehn! Fünftes Kapitel. Die raſchen Pferde brachten den Schlitten bald aus den tief ver⸗ ſchneiten Straßen der ſchwediſchen Hauptſtadt auf dem Weg nach dem alten Schloſſe Gripsholm am Mälarſee, dem Lieblingsaufenthalte Guſtav Adolf's des Vierten, wo die Königin, die königlichen Kinder und der Hof verweilten und wohin der König ſelbſt bei Winterzeit ſich häufig zum Aerger der Stockholmer Wochenlang zurückzog. Während der Schlitten durch das Hügelland fuhr, der Tag hell heraufſtieg und Morgenſonnenſchein über die ſchneeigen Thäler und niederen Felſen blitzte, welche den Mälarſee und ſeine zahlloſen Buchten umſäumen, unterhielt der General ſeinen Reiſegefährten mit Schilderungen des Hofes und der Haupiſtadt und mit manchen Bemerkungen über den König, vor deſſen Antlitz Otho bald nochmals erſcheinen ſollte. Gu— ſtav der Vierte ließ ſich ſo wenig wie möglich in Stockholm ſehen, deſſen prächtiges Schloß, in welchem ſein Vater ſo gern gelebt und ſo viele glänzende Feſte gefeiert hatte, er nicht leiden mochte. Lieber wohnte er in dem kleinen, ärmlichen Haga, oder in Gripsholm, das in der reffen, nfalls el der Herr unter⸗ zu be⸗ Straße f uns. en Sle rſehn! ij ver ich dem enthalte Kinder eit ſich ährend eg und Felſen ſäumen en des T den e. Gü⸗ 3 ſehen, und ſo — wohnie in der übe — 533— ſchwediſchen Geſchichte mehr als einmal eine blutige Rolle geſpielt hat. In die Oper, wo ſein Vater den tödtlichen Schuß empfing, ſetzte er niemals ſeinen Fuß, auch war er kein Freund von Feſten und rauſchen⸗ den Vergnügungen, von Prunk und Völlerei, ſondern überaus mäßig und ohne Leidenſchaften, ſtreng in ſeinen Sitten, fern von allen den leichtſinnigen und luſtigen Vergnüglichkeiten, denen ſein Vater ſich oft in zügelloſer Weiſe ergab. Das gefällt mir ſehr von ihm zu hören, antwortete Otho auf die Mittheilungen ſeines Begleiters. Wenn er weder Wein noch Weiber, weder üppige Schmauſereien noch ſybaritiſches Leben liebt, wird er nicht in Verweichlichung untergehen. Davon iſt er wirklich weit entfernt, lachte Adlercreutz. Sein Va⸗ ter hat ihm eine ſpartaniſche Erziehung gegeben. Er wurde täglich von ſeiner Geburt an in eiskaltem Waſſer gebadet, und dadurch hat ſich ſein Körper ſo abgehärtet, daß er die ſtrengſte Witterung nicht zu fühlen ſcheint. Vortrefflich für einen König, der vielleicht gezwungen iſt, mitten im härteſten Winter gegen den Feind zu marſchiren. Ein Mann wird jedoch darum nicht ſchlechter, wenn er es vorzieht, bei ſolchem Winter ſich in ſeinen Pelz zu wickeln, fuhr der General fort, und da wir nicht Alle ſpartaniſch erzogen werden, iſt es für Manchen zuweilen doch etwas empfindlich, ſich als Spartaner gebährden zu müſſen. Aber was iſt das! rief er aus indem er zurückblickte. Der König kömmt, ſo wahr ich lebe! Er muß dieſe Nacht in Haga geſchla⸗ fen haben, ich erfuhr nichts davon. Doch, ſo macht er es häufig. Plötzlich wird Befehl gegeben, dies und das zu thun, worüber gewöhn⸗ liche Menſchen erſtaunen, zuweilen auch ihre unterthänigſten Vorſtellun⸗ gen zu machen wagen, aber Se. Majeſtät iſt von ſolcher Willenskraft, daß er ſehr ſelten von dem abläßt, was er einmal beſtimmte. Fahre zur Seite, rief er dem Roſſelenker zu und halte ſtill. Wir müſſen ausſteigen, Herr Waimon, und Sr. Majeſtät unſere Ehrfurcht beweiſen, wie es Vorſchrift und Sitte iſt. 4 Was iſt Vorſchrift und Sitte? Sie müſſen Ihre Mütze abnehmen und ſich dreimal tief verbeugen, wenn der König vorüberfährt. Ich muß es ebenfalls thun, obwohl ich — 544— als Soldat meinen Hut auf dem Kopf behalten darf. Kein Miniſter, keine Excellenz iſt davon ausgenommen und ich kann Sie verſichern, daß es manchem alten dicken Herrn ſchon ſehr ſauer wurde, ſich bei großer Hitze oder Kälte aus Wagen oder Schlitten zu wälzen, um ſchwitzend oder zähnklappend, baarhäuptig die drei Reverenzen zu machen. Das iſt eine knechtiſche, lächerliche Sitte, für Türken oder Ruſſen gut genug, ſagte Otho, doch nicht für freie Männer. Denken Sie darüber, wie Sie wollen, mein Lieber, aber ſteigen Sie raſch aus. Der König iſt nahe und er hält ſtreng auf pünktliche Befolgung der Gebote. Otho ſtellte ſich neben den General in den tiefen Schnee und Adlercreutz, der ſeinen Pelz abgeworfen hatte, verneigte ſich, bis ſein breiter Oberkörper eine faſt wagerechte Linie bildete, während der hart⸗ näckige junge Finne zwar ſeine Mütze abnahm, aber dabei nur den Kopf grüßend bog und de. König anſchaute. Guſtav Adolf fuhr und ritt ſtets außerordentlich raſch. Seine vortrefflichen Pferde jagten auch diesmal blitzſchnell auf der glatten Bahn daher; er ſelbſt ſaß mit einem Adjutanten in dem offenen Schlit⸗ ten und trug nur einen gewöhnlichen Offiziermantel, der obenein zu⸗ rückgeſchlagen war und die Uniform der Leibgarden ſehen ließ, in welche er ſich gekleidet hatte. Das ſteile, ernſthafte Geſicht wandte ſich den beiden getreuen Unterthanen zu und mit einer Handbewegung war er vorüber, doch Otho hatte bemerkt, daß eine Falte ſeine Stirn ver⸗ düſterte, als er ihn anblickte, und faſt ſchien es, als wollte er einen Befehl geben, ſo drohend warf er den Kopf auf. Das erſte Wort, das Adlercreutz ſagte, war ein echt ſchwediſcher Fluch, der Otho an den alten Major Munk erinnerte, dann lachte er wie gewöhnlich, warf ſeinen Pelz über die Schultern und hüllte ſich ein. Warum, zum Teufel! Herr Waimon, haben Sie ſich nicht gebückt? fragte er. Iſt Ihr Kreuz von finniſchem Granit gemacht, oder ſitzt eine Eiſenſtange darin? Ich wette darauf, der König wird Sie darüber befragen. Dann werde ich ihm antworten, daß ich in Verbeugungen niemals Unterricht erhalten habe, das ganze Verlangen mir aber widerlich iſt und unpaſſend vorkommt. iniſter, ſichern, ſch bei n, un en zu Ruſſen ſteigen nktliche ee und bis ſein r hart⸗ ur den Seine glatten Schlit⸗ nein zu⸗ welche ſch den war er rn ver⸗ er einen wediſcher lachte er ülte ſih gbück 1 ſibt eine gefragen. niemals auich iſ 545— Und hierauf wird Se. Majeſtät ſehr zornig werden und Sie dies empfinden laſſen. In Gottes Namen! ſagte Otho, von ſeiner Gnade kann ich über⸗ dies keinen Gebrauch machen. Keinen Gebrauch? Ein König hat viel zu geben! lachte der General. Blitzende Röcke, Orden, Titel, Geld. Es wäre doch gar nicht ſo übel, wenn Herr Otho Waimon in der Rangordnung raſch aufſtiege. Ich verlange nach keinem anderen Rang, Herr General, als den ich ſchon beſitze, antwortete der junge Mann, auch nach keinem anderen Titel, als der mir geworden iſt. Und welchen Rang und Titel beſitzt Herr Waimon? Den Nang eines finniſchen freien Mannes, der auf ſeinem freien Erbe lebt, und den Titel, den mein Vater mir hinterlaſſen, des Vol⸗ kes Freund und Helfer zu ſein. Adlercreutz ſchwieg darauf, aber dieſe Antwort ſchien ſein Wohl⸗ wollen zu vermehren. Nach einiger Zeit leitete er das Geſpräch auf Finnland und bald war er überzeugt, daß dieſer junge Mann eben ſo gut alle Zuſtände und Verhältniſſe darin kannte, wie er von dem Lande ſelbſt die genauſte Auskunft zu geben vermochte. Mit Offen⸗ heit ſprach Otho über die Fehler und Mängel der Regierung, über die grenzenloſe Vernachläſſigung des Volks und über die Urſachen, warum die Ruſſen leichtes Spiel haben würden, um eben ſo wohl zu verlocken und zu beſtechen, wie das Volk ſelbſt niederzuhalten und zum Zuſchauen zu bewegen. Der General hörte lange aufmerkſam zu, ver⸗ vollſtändigte was er wiſſen wollte durch ſeine Fragen, und ſagte zu⸗ letzt: Sie ſind kein guter Schwede, Herr Waimon, leugnen Sie es nicht. Nein, ich geſtehe es Ihnen gern zu. Aber Sie ſind ein wackerer Mann und ein heißblütiger finniſcher Patriot, das iſt mir genug! Damit werden Sie aber in Stockholm nicht durchkommen. Ich will auch nicht durchkommen. Ich will nach Finnland zurück, meinem Volke und Vaterlande beiſtehen, damit, wenn ich es ändern kann, es nicht ruſſiſch werde. Aber wenn der Widerſtand nichts hilft. Was dann? D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 3⁵ 546— Niemals will ich ein Ruſſe ſein! Lieber das Land meiner Väter verlaſſen, lieber, wie mein Vater, übers Meer wandern. Adlercreutz drückte Otho's Hand. Noch ſind wir nicht ſo weit! rief er lebhaft und fröhlich. Wer weiß, wie es kommt. Schwediſche und finniſche Tapferkeit haben oft ſchon die Wage heruntergezogen, wo ſie in die Höhe ſchnellte. Wenn ich nach Finnlaud gehe und Sie nicht hier zu halten ſind, ſoll's mir eine Freude ſein, wenn Sie Adler⸗ ſparre's Ausſpruch befolgen und mich begleiten. Wir wollen gemein⸗ ſam für Finnlands Freiheit vom Ruſſenjoch fechten; beſſer bleibt's doch immer, Herr Waimon, mit Schweden vereinigt und mit Schwedens Rechten und Freiheiten gleichgeſtellt. Ich habe von dieſen Freiheiten und Rechten nicht die beſten Be⸗ griffe bekommen, ſagte Otho. Nicht? lachte Adlercreutz. Nun, Ihnen aufrichtig zu geſtehen, ich auch nicht; allein darum wollen wir doch noch nicht ans Auswandern denken. Wir behalten immer noch Zeit genug dazu. Wer weiß, was uns die Zukunft bringt, was ſich ändern kann! Da liegt Gripsholm vor uns, fuhr er fort, Sie ſind ein Mann, Herr Waimon, den man nicht warnen darf, ſich vor Unvorſichtigkeiten zu hüten, oder ſich nicht einſchüchtern zu laſſen. Handeln Sie mit finniſcher Klugheit, im Uebrigen aber iſt es ſo übel nicht, wenn der König einmal eine andere Sprache hört und ein freier Mann vom Pajäneſee jagt den Hofgeſichtern Entſetzen ein. Er lachte muthwillig auf und während deſſen eilte der Schlitten dem alten Schloſſe zu, das am Ende einer Seebucht des Mälar auf einem flachen Strand liegt, umringt von tiefen Gräben, über deren Brücke die Reiſenden durch ein gewölbtes Thor in den Schloßhof ge⸗ langten.— Das Schloß war neu angeſtrichen und ausgebaut von Guſtav dem Dritten, der viel Geld darauf verwandte, um ihm den mittelalterlichen Charakter zu nehmen. Nur die mächtigen Thorgewölbe und die ungeheueren Thürme mußte er ſtehen laſſen, in deren Kerkern mehr als ein ſchwediſcher König gefangen ſaß. Auf dem Schloßhofe ſtand ein Bataillon der Leibgarden aufmarſchirt und raſch ſtieg General Adlercreutz aus, denn der König ſelbſt wurde erwartet, um die Sol⸗ daten zu muſtern. Er war in ſeinen Zimmern, auf dem Hofe zitterten ndern was zholm man nicht t, im l eine gt den hlitten n auf deren of ge⸗ t von zm den die Grenadiere und ihre Anführer vor Kälte, denn es war ihnen nicht erlaubt, Mäntel anzulegen. Die Soldaten in ihren ſchönen Uniformen mit großen Silberknöpfen, auf denen das königliche Wappen geprägt war und die Offiziere in Hüten mit Straußfedern verziert, ſahen präch⸗ tig aus, doch ſie waren halb erfroren und konnten kaum mehr Degen und Gewehre halten. Sehen Sie wohl, ſagte Adlercreutz, das kommt davon, wenn man nicht ſpartaniſch erzogen wird. Sollten Sie in die Leibgarde oder Trabantengarde eintreten, ſo ſorgen Sie ja dafür, ſich ſpartaniſch ab⸗ zuhärten. Er führte ihn dabei eine Steintreppe hinauf, durch verſchiedene Gänge, an denen Wachtpoſten ſtanden, die vor dem General ihre Waffen präſentirten, dann öffnete ein dickbetreßter Wachtmeiſter einen Saal, und Adlercreutz winkte Otho ihm zu folgen. In einem hohen Kamin brannte ein breit loderndes Feuer, alle Wände waren mit den lebensgroßen Bildniſſen vieler Biſchöfe, Reichsräthe und Herren bedeckt, die in ihren dunklen Rahmen von dem Schein der Flammen überzittert wurden. Dies iſt der Saal der Räthe, ſagte Adlercreutz, indem er ſeinen Fuß auf das Kamingitter ſtellte und ſeine Hände wärmte. Wir wollen hier einige Augenblicke verweilen, und einen Adjutanten erwarten, der uns melden kann. Gripsholm enthält eine berühmte Gemäldegalerie, Herr Waimon, mehr als zweitauſend Bilder, lauter Portraits be⸗ rühmter und bekannter Männer und Frauen, die Schweden ſeit den älteſten Zeiten hervorgebracht hat. Dort geht es in den Königsſaal, wo Sie alle Bilder der Könige, ſammt ihrer Frauen und Kinder finden; hier im Saale der Räthe ſind die berühmteſten Miniſter und Diener jener langen Herrſcherreihe zuſammengeſtellt. Guſtav der Dritte hat die Bilder ordnen und in verſchiedene Säle vereinigen laſſen. Wenn Sie einmal berühmt werden, Herr Waimon, kommen Sie auch hierher. Ich denke, daß Sie, Herr General, darauf weit eher Anwartſchaft haben, erwiederte Otho. Meinen Sie? fragte Adlercreutz. Wer weiß, wie meine mue ausfallen und was Se. Majeſtät dazu ſagt. Vielleicht iſt es mit mein 35* — 348 Ruhme vorbei, ehe es gemalt wird. Es gibt hier manche Geſichter, bei denen man nichts Gutes denkt. Verräther, Empörer, Menſchen, die ihren Kopf auf den Henkerblock gelegt haben. In ſolcher Geſell⸗ ſchaft aufgeſtellt zu werden, iſt nicht ohne Bedenken, Herr Waimon. Hat denn nicht mancher wackere Mann ſchon ſein Haupt auf den Block gelegt und iſt Verräther und Empörer genannt worden, ſagte Otho. Die Nachkommen ehren trotz deſſen ſein Andenken, während ſie die Tyrannen, welche ihn verdammten, verachten und verfluchen. Wir Chriſten haben überdies das beſte Beiſpiel an unſerem Religions⸗ ſtifter, um zu beweiſen, was es ſagen will, dem Henker überliefert zu werden, wenn man Wahrheit und Recht vertheidigt. Wahr, Herr Waimon, wahr iſt jedes Ihrer Worte! antwortete Adlercreutz lebhaft, und indem er ſeine Augen auf die Flamme heftete, ſetzte er mit gedämpfter Stimme hinzu: Wahrheit und Recht! dafür mag ein Mann ſterben können; was ihm auch geſchieht, die Geſchichte wird ſeine Ehre retten. Bei dem Knarren einer Thür im Hintergrunde, blickte er auf und ging dann ſogleich einem Herrn entgegen, der in den Saal trat und raſch dem Ausgange zuſchritt. General Armfeld! rief er aus, und bei dieſen Worten, welche durch den weiten Raum ſchallten, wandte ſich der Herr um und blieb ſtehen. Sie waren bei dem Könige, Excellenz? fragte Adlerereutz. Ja, Herr General, erwiederte Armfeld, mit tiefer markiger Stimme. Und verlaſſen uns ſo ſchnell? fuhr Adlercreutz fort. Ich reiſe in einer Stunde nach Karlſtad. Der König hat mich zum General der Weſtarmee ernannt. Mein Wunſch, in Finnland zu ſechten, da ich ein Finnländer bin, iſt abgeſchlagen worden. Und wer wird nach Finnland geſchickt werden? Sie, General— wenn Sie es noch nicht wiſſen ſollten! ant⸗ wortete Armfeld. Otho blickte neugierig auf den Mann, von dem er oft ſchon im Guten wie im Böſen Vieles gehört hatte. Moritz Armfeld war über fünfzig Jahre alt, aber noch war von ſeiner vielgerühmten männlichen Schönheit, die ihm einſt den Ruf des ſchönſten Mannes ſeiner Zeit erworben hatte, genug übrig geblieben, um die Augen der Menſchen ortete fteie, dafür hichte und und und aandte mme. mich nland aut⸗ on im rüber alichen r gelt nſchen — 549— zu feſſeln. Welche merkwürdige Schickſale hatte dieſer Mann erlebt! Guſtav's des Dritten Liebling und erſter Günſtling bis zum Tode des Königs, wollte der ſterbende Monarch ihn auch an die Spitze der Re⸗ gentſchaft ſtellen, aber die Feder fiel aus ſeiner erſtarrenden Hand, in⸗ dem er ſich anſchickte das Decret zu unterzeichnen. So wurde dennoch der verhaßte Herzog von Südermannland Regent, und einer der erſten Acte ſeiner Macht war der, daß er dem Günſtling ſeines Bruders alle Aemter und Würden nahm und ihn als Geſandten nach Neapel ins Exil ſchickte. Bald aber wurde ihm der Prozeß gemacht. Als Landesverräther ward er gebrandmarkt und ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt, die ſchöne Gräfin Rudenſkiold, ſeine Geliebte, mit abgeſchorenem Haar an den Pranger auf offenen Markt geſtellt und dann ins Spinn⸗ haus gebracht; und nun verfolgten Mörderdolche Armfeld durch Italien und durch den ganzen Orient, bis er an Katharina's Hofe in Petersburg eine Freiſtätte fand, denn vergebens verlangte der Herzog von Süder⸗ mannland ſeine Auslieferung. Und dieſer Mann, beſchimpft wie kein Zweiter, ſtand jetzt wiederum in den Königsſälen Stockholms, bekleidet mit Würden, Sternen und Ordensbändern. Denn kaum hatte Guſtav der Vierte die Regierung übernommen, ſo rief er ihn zurück, vernichtete das über ihn gefällte Urtheil, gab ihm Ehren und Aemter wieder und der Oheim Herzog mußte es ſehen, daß der von ihm geächtete Arm⸗ feld ſeinem Neffen näher ſtand als er ſelbſt. Hoch und ſchlank von Geſtalt, beſaß dieſer merkwürdige Mann bei grauenden Haaren noch viel von der Anmuth, die ihn den Frauen gegenüber zum unwiderſtehlichen Sieger gemacht hatte. Fürſtinnen und Prinzeſſinnen hatten ſich ihm unterworfen, doch an Allen hatte er treulos wie Alci⸗ biades gehandelt. Als General, als Staatsmann und in allen ernſten Dingen konnte er niemals großen Ruf und Ruhm erwerben, aber ſein Witz, ſein Geiſt, der Zauber ſeines Umganges waren eben ſo aner⸗ kannt, wie ſeine Sitten gefürchtet wurden und Männer von ſtrenger Moral ſie verdammten. Sein liebenswürdiger Leichtſinn hatte Guſtav den Dritten gefeſſelt, bei deſſen ſtrengem und hartnäckigem Sohn ein Mann wie Armfeld nicht dieſelbe Stelle einzunehmen vermochte, dennoch aber bevorzugt wurde, weil der König in ihm ein Werkzeug für ſeine Pläne ſah, weil er ſeines Vaters gemißhandelter Freund war und weil er den Kaiſer der Franzoſen, das neunköpfige Thier der Offenbarung, eben ſo glühend haßte, als Guſtav Adolf ſelbſt. Als die beiden Generale beiſammen ſtanden, die beiden Heerführer, welche der König eben gegen Ruſſen und Dänen ausſenden wollte, fing Otho's Herz an zu ſchlagen. Eine innere Stimme ſagte ihm, daß dies nicht die Männer ſeien, um ſo gewaltige Thaten zu vollbringen, wie die alten ſchwediſchen Feldherrn, die Banner, Horn und Troſten⸗ ſohn ſie vollbracht hatten. Der hohe, ſtolzblickende Baron hatte eine Wolke von Groll auf ſeiner Stirn und blickte mißgünſtig auf den unterſetzten, breitſchultrigen Adlercreutz, der erreicht hatte, was er wünſchte, und ſein Vergnügen darüber nicht ganz verbergen konnte. Sie werden nach Finnland geſandt werden, General Adlercreutz, fuhr Armfeld fort, der König hat es mir ſelbſt ſoeben geſagt, und ich bin gewiß, fügte er mit einem gallichten Lächeln hinzu, indem er ſich geſchmeidig verbeugte, Sie werden wie Cäſar darauf antworten: Ich kam, ſah und ſiegte! Meinen unterthänigſten Dank, Excellenz, für Ihre gute Meinung, erwiederte Adlercreutz, doch bin ich ein Anfänger, der als Feldherr erſt die Sporen verdienen ſoll. Sie dagegen haben der Welt ſchon Ihren Namen bekannt gemacht, darum wehe den Norwegern! Armfeld's Züge verdüſterten ſich bei dieſen ſchmeichelnden Worten. Er erkannte den Spott recht gut, der darin ſteckte, denn im vorigen Jahre hatte er in Pommern gegen die Franzoſen commandirt und we⸗ nig Ruhm nach Hauſe gebracht. Ehe er jedoch eine Antwort geben konnte, that ſich die Thür abermals auf, und auf der Schwelle ſtand der König, der in ſeiner harten, ſteifen Weiſe die beiden Generale an⸗ blickte und anredete, welche, als ſie ihren Herrn ſahen, ſich militäriſch gerade ſtellten. Armfeld! rief Guſtav Adolf, Ihr ſeid noch hier? Ja, Majeſtät, antwortete der General. Kommt noch einmal herein, da Ihr noch nicht fort ſeid, fuhr der König fort. Auch Ihr, Generalmajor Adlercreutz. Wo iſt Euer Be⸗ gleiter? Er wandte ſich gegen den Kamin und ſah Otho dort ſtehen, worauf er zurück trat und die Generale ihm folgten. 4 5 rung, ührer, vollte, daß ingen, oſten⸗ eine f den das er te. creutz, nd ich r ſich Ich nung, t erſt Ihren porten. origen d we⸗ geben ſtand e an⸗ täriſh gr der r Be⸗ ſteehen, — 551 Adlercreutz winkte Otho, ſich ihm anzuſchließen. Das Nebenzimmer war klein und dunkel, doch es öffnete ſich auf eine Gallerie, in wel⸗ cher Adjutanten, Offiziere und Hofleute ſich befanden. Der König trat jedoch aus dieſem Cabinet durch eine andere Thür in ſein Arbeits⸗ zimmer, begleitet von den Generalen, welchen Otho nicht weiter zu folgen wagte. Als er in das königliche Zimmer blickte, ſah er den Freiherrn Ehrenheim an einem großen Marmortiſche ſtehen, von wel⸗ chem der König ein Papier nahm, das aufgeſchlagen dort lag, ſich damit gegen Armfeld umwandte und es ihm entgegenhaltend ausrief: Lest das, Armfeld, und ſagt mir Eure Meinung darüber. Einige Minuten vergingen, bis der General mit bewegter, lauter Stimme erwiederte: Wenn Ew. Majeſtät glauben können, daß ein unlauterer Gedanke in mir iſt, ſo nehmen Sie mir den Degen wieder, den ich Ew. Majeſtät Gnade verdanke. Nein! antwortete der König. Ich denke Ihr wißt, was Ihr meiner Gnade zu danken habt. Meines Vaters Freund wird kein Verräther ſein. Tauſendmal eher mein Leben laſſen! rief Armfeld. Der König ſtand, wie es ſeine Gewohnheit war, in ſteifer Hal⸗ tung den Kopf in den Nacken, feierlichen Ernſt in ſeinen ſtrengen Blicken, die er nach oben richtete. Gott wird mit uns ſein, ſagte er, er wird uns helfen! Ich habe Sie Beide auserſehen, meine Herren Ge⸗ nerale, Schweden gegen ſeine Feinde zu ſchützen. Sie werden mein Vertrauen rechtfertigen, ich weiß, daß ich mich auf Sie verlaſſen kann. Er reichte ihnen die Hände, welche ſie küßten, und fuhr dabei fort: Soeben hat mir der Freiherr Ehrenheim dieſe ruſſiſche Depeſche, vom Grafen Romanzoff an den Herrn von Alopäus gerichtet, gebracht. Ich bin erfreut darüber, ein ſolches Document in Händen zu haben, das ich vor den Augen der ganzen Welt veröffentlichen will, um zu zeigen, welche Pläne gegen mich geſchmiedet wurden. Dieſe Depeſche iſt aufge⸗ fangen worden, und ich habe ſie erbrochen, obwohl Ehrenheim mir rieth, es nicht zu thun, ſondern ſie im Reichsarchiv bis zum Frieden verwahren zu laſſen. Ich habe recht gethan, Freiherr Ehrenheim! rief er heftiger, indem er auf ſeine Bruſt ſchlug, vor Gott und allen Fürſten Europa's will ich es verantworten. Schmachvoll genug, daß es mein eigener — 3 552 kaiſerlicher Schwager iſt, der mir ohne Kriegserklärung ins Land faällt, um es zu erobern, ohne irgend einen gerechten Grund dazu, deß iſt der Himmel mein Zeuge! Damit aber noch nicht genug, ſchreibt der Miniſter Romanzoff an den Geſandten Alopäus, wie hier ſteht:„Suchen Sie durch alle Mittel einflußreiche und bedeutende Männer zu bewegen, die Sache des Königs zu verlaſſen und ſich uns anzuſchließen. Ganz beſonders erwünſcht wäre es, wenn der General Armfeld zum Abfall bewogen werden könnte, er dürfte Urſach haben dies zu thun.“ Das iſt eine Infamie! ſagte Armfeld. Ruhig, General, antwortete Guſtav Adolf. Mir iſt mehr geſchehen wie Ihnen; aber ich klage nicht, ich vertraue auf Gott. Fielen auch noch zehn Noten dieſer Art in meine Hände, und ſtände darin, Arm⸗ feld und Adlercreutz dürſten nach meinem Thron und Blut, es würde doch nicht meinen Willen ändern. Ihr ſeid General der Weſtarmee, Armfeld, und werdet es bleiben, ſo lange ich es befehle. Ihr, Adler⸗ creutz, werdet den Marſchall Klingſpor unterſtützen und Chef ſeines Generalſtabes ſein. Mit dieſen ſtolzen Worten reichte er dem General nochmals die Hand zum Kuſſee, als der Generaladjutant Melin hereintrat und ſeinen ſchwarzen Stab vor dem Könige ſenkend meldete, daß Se. königliche Hoheit, der Herzog von Südermannland, ſoeben im Schloſſe ange⸗ langt ſei. Mein Oheim! rief Guſtav Adolf erſtaunt. Das iſt ein ſeltener Beſuch. Seine Stirn verdüſterte ſich mehr noch als gewöhnlich und ſeine kalten Augen rollten lebhafter; nach einigen Augenblicken jedoch nahm ſein Geſicht die ſtolze, ſtrenge Würde wieder an, welche er für unerläßlich hielt. Lebt wohl, Armfeld, ſagte er, ich will Euch nicht länger aufhalten. Und wie ich Euer gnädiger König bleibe, ſo hoffe ich bald auch von Euch Dinge zu hören, die mich freuen. Geht in die Gallerie, Adlercreutz, und wartet dort, Sie aber, Freiherr Ehren⸗ heim, dictiren Sie inzwiſchen dem Cabinetsſecretär Wetterſtädt meinen Befehl an den däniſchen Grafen Moltke, ſofort Stockholm zu ver⸗ laſſen. Der weißhaarige Miniſter machte eine ſtumme, tiefe Verbeugung 4 * und warf einen ausdrucksvolleu, bangen Blick auf ſeinen Herrn, den dieſ fällt, deß iſt bt der zuchen wegen, Gang Abfall ſchehen auch Arm⸗ würde armee, Adler⸗ ſeinen igliche ange⸗ eltener h und jedoch r für nicht hoffe eht in Phren⸗ meinen u ber⸗ zugung ,, den dieſer nicht beachtete. Dann entfernte ſich Ehrenheim nach einer Seite in die Kanzelei, die Generale aber zur anderen Hand in die Gallerie, aus welcher, eben als ſie den Eingang erreichten, der Herzog von Süder⸗ mannland ihnen entgegentrat. Der Ceremonienmeiſter, Oberſt Melin, öffnete die Thür und der Herzog ging hart an den beiden Generalen vorüber, die ſich ehrfurchts⸗ voll neigten. Ein leiſes Lächeln begleitete ſeinen Gruß, den Adlercreutz erhielt, über Armfeld ſah er fort, als ſei er nicht vorhanden; hierauf ſchritt er auf den König zu, der ſteif, den Kopf im Nacken, in der Mitte des Zimmers ſtand, und eher mit befremdender Kälte als mit Zuvorkommenheit ſeines Vaters Bruder und ſeinen ehemaligen Vor⸗ mund empfing. Der Herzog war kleiner als der König, damals ſechzig Jahre alt, von rüſtiger breiter Geſtalt, feſten ſtarken Geſichtszügen, welche durch ungewöhnlich große Augen belebt wurden und einen gewiſſen freund⸗ lichen und gutmüthigen Ausdruck erhielten. In ſeiner Erſcheinung lag etwas Plumpes und Gewöhnliches; man ſab es ihm an, daß er ohne Thatkraft war, denn ſeine Züge waren ſchlaff und ſeine Augen matt, obwohl es ihnen nicht an einem ſchlauen Ausdruck fehlte. Dies war der Mann, welcher Schweden vier Jahre lang regiert hatte, und dem man nachſagte, daß er ſeinen Neffen nicht weniger haſſe, als er deſſen Vater gehaßt hatte, und von dem es bekannt war, daß er den größten Theil ſeiner Zeit mit Tabakrauchen und mit dem Studium allerlei Geheimſchriften über Freimaurerei, egyptiſcher Wahrſagerei, Aſtrologie und anderer gefährlichen ſchwarzen Künſte verbringe. Der Herzog reichte dem Könige ſeine Hand hin und begrüßte ihn mit einigen glückwünſchenden Worten, die Guſtav Adolf erwiederte, ohne von ſeinem feierlichen Ernſt abzulaſſen. Ich kann mir denken, ſagte der Herzog, daß mein Beſuch Ihnen unerwartet iſt, mein Neveu, allein Sie wiſſen von mir, daß ich nur in dringenden Fällen von meinem Rechte Gebrauch mache, Sie zu jeder Zeit zu ſprechen. Sie ſind mir immer willkommen, antwortete Guſtav Adolf, eben jetzt aber um ſo mehr, da ich in unerhörter Weiſe überfallen werde und genöthigt bin, mich urd Schweden mannhaft zu vertheidigen. 55l Wir hätten früher wohl Gelegenheit gehabt, uns der ruſſiſchen Freundſchaft für immer zu verſichern, begann der Herzog, aber der König ließ ihn nicht weiter reden. Die Hindeutung auf jenen bekann⸗ ten Beſuch des Königs und ſeines Vormunds in Petersburg, um Ka⸗ tharina's Enkelin zu heirathen, der damit endete, daß Guſtav Adolf plötzlich abreiste und die große Czarevna in Wuth und Scham zu⸗ rück ließ, brachte ihn auf. Ich glaube, ſagte er, rauh die Worte hervorſtoßend, daß ich nicht nöthig habe, daran gemahnt zu werden. Sie berufen ſich auf Ihr Recht, mich zu ſprechen. Was iſt es, das Sie zu mir führt? Die Lage des Reichs, Ihre eigene Lage, antwortete Karl von Südermannland mit überlegener Ruhe. Ich habe für Beides geſorgt, fuhr der König fort. Jeder Schwede muß mit mir die Schmach empfinden, die uns angethan wird, und den letzten Blutstropfen, den letzten Thaler daranſetzen, um ſie abzu⸗ waſchen.. Das wird Jeder thun, verſetzte der Herzog, allein, ehe man dies Aeußerſte verſucht, wird man ſich fragen müſſen, ob ein ſo ſchreckliches Unglück nicht abgewandt werden kann. Es kann nicht abgewandt werden! erwiederte der König. Nicht ohne tiefe Demüthigung, ohne Unrecht und Gewalt zu ertragen. Das Alles wäre abzuwenden, wenn Sie ſich zur Nachgiebigkeit entſchlöſen, fiel der Herzog ein. Der Friede mit Frankreich zieht den Frieden mit Rußland und Dänemark von ſelbſt nach ſich. Still! rief der König, indem er mit dem Fuß aufſtampfte, was er immer that, wenn ſein Zorn ihn übermannte. Das Geſicht des Herzogs röthete ſich, ſeine großen Augen machten ſich weit auf; er lächelte, aber ſeine breiten Lippen zuckten dabei zuſammen. Ich bitte Sie nicht heftig zu werden, mein Neveu, ſagte er; leugnen aber kann Niemand, daß der Kampf, in welchen Schweden jetzt geſtürzt wird, einer iſt, der ſeine Kräfte bei Weitem überſteigt. Rußland hat ſechzigtauſend Mann in Finnland einrücken laſſen, und wenn wir auch an die Verräthereien nicht glauben wollen, die dort im Werke ſind, ſo iſt es dennoch unmöglich, das Land zu behaupten. be rüſſiſchen aber der n bekann⸗ um Ka⸗ ſtav Adolf ſcham zu⸗ die Worte u werden. ſt es, das Karl von r Schwede wird, und ſie abzu⸗ man dies ſhecklches ig. Nicht agen. chgebißfei zitht den e, was ei Herjegs heelte dber 5⁵5⁵ Oft ſchon iſt es behauptet worden. Mein Vater hat es gethan! Ich werde mich nicht ſchrecken laſſen! unterbrach ihn der König, indem er mit großen Schritten bis an den Tiſch ging. Sprechen Sie mir nicht von Frieden. Eher will ich Hand und Haupt verlieren, ehe ich mich alſo ſchänden laſſe!— Der Herzog blickte nachſinnend auf ſeinen Hut, den er in der Hand hielt. Ich ſehe leider, begann er mit gedämpfter Stimme, daß Alles, was ich zu ſagen wüßte, Ihnen eben ſo unangenehm ſein würde, wie es fruchtlos geſprochen wäre. Ich erkenne das Unrecht und die Gewalt vollkommen, die Alexander verübt. Er will Finnland um jeden Preis, wir liefern es ihm in die Hände. Nicht wir! nicht ich! rief der König. Ich will das Rechte, ich haſſe die Sünde. Gott iſt mein Zeuge, daß ich ein ehrlicher Mann bin! aber was Recht iſt, muß⸗Recht bleiben, und keine Macht der Welt ſoll mich zwingen, einen Strohhalm breit von meinem Rechte aufzugeben! Herzog Karl zuckte leiſe die Achſeln. Auch die Klugheit hat ihr Recht, ſagte er. Niemand darf ſich ihr entziehen. Darum, mein Neveu, bitte ich Sie inſtändig, laſſen Sie dieſe walten. Klugheit, antwortete Guſtav Adolf rauh und mit meſſendem Blick, iſt oft Feigheit und führt zum Verrath an der eignen guten Sache. Aber wohin, ſagte der Herzog warnend, führt zu großes Selbſt⸗ vertrauen? Nicht auf mich, auf Gott vertraue ich! fiel der König ein, und indem er auf ſeine Bruſt klopfte, ſetzte er diesmal ſeine Lieblingsworte hinzu: Ehrlich währt am längſten! Er wird mich nicht untergehen laſſen! Dann wenigſtens, fuhr der Herzog dringend fort, verſchlimmern Sie nicht durch allzugroße Heftigkeit Ihre Lage. Sie haben den ruſſiſchen Geſandten verhaften laſſen. Das iſt gegen das Völkerrecht. Ich that's, verſetzte der König, und noch mehr; den däniſchen Geſandten werde ich zu meinem Hauſe hinauswerfen. Mit Escorte laſſe ich ihn über die Grenze bringen. Unmöglich! rief der Herzog erſchrocken, das werden Sie nicht thun! — 556— Mit allen Intriguanten, allen heimlichen Aufpaſſern und Ver⸗ räthern werde ich kurzen Proceß machen. Ich kenne die Menſchen, die hinter meinem Rücken Pläne ſchmieden, aber, bei Gottes Thron! wer ſie auch ſein mögen, ſie können ſich in Acht nehmen. Der Herzog wechſelte die Farbe, denn der König ſah ihn ſtarr da⸗ bei an; gleich darauf aber hob Karl von Südermannland den Kopf auf und antwortete mit ruhiger Stärke: Ich bin Ihr nächſter Ver⸗ wandter, mein Neveu, und bin ein alter kinderloſer Mann, der nicht lange mehr zu leben hat. Was ich ſage, gibt mir die Sorge für Ihr Wohl und für das Wohl meines Vaterlandes ein, und dieſe befiehlt mir Sie zu warnen. Hören Sie auf die Stimme Ihres Volkes, hören Sie die Stimmen treuer Diener und Freunde. Schließen Sie Frieden mit Rußland, ehe ein unglücklicher Krieg die letzten Kräfte Schwedens verzehrt, und glauben Sie mir, daß Niemand williger Blut und Leben für Sie und Ihr Heil opfern möchte, als ich dazu bereit bin. Wie Sie dies öfter ſchon gethan haben! ſagte der König hart, und indem er einen Schritt näher trat und vor dem Herzog ſtehen blieb, fügte er hinzu: Als mein Vater in der Wiborger Bucht von der ruſſiſchen Flotte eingeſchloſſen wurde, wer war es, der ihm rieth, einen Frieden um jeden Preis abzuſchließen? Mein Vater aber antwortete: Keinen ſchimpflichen Frieden, wir müſſen fechten und ſiegen oder ſter⸗ ben! Und das ſage ich auch und will es halten, bis zum letzten Tage. Die Erinnerung an die Wiborger Bucht, wo Herzog Karl aller⸗ dings für Capitulation und Unterwerfung geſtimmt hatte, trieb ihm das Blut in den Kopf. Mein Bruder, ſagte er, war bei alledem ein Mann, der guten Rath nicht von ſich wies und bei hoher Energie weit entfernt von eigenſinniger Hartnäckigkeit. Ich freue mich über Ihr Urtheil, entgegnete Guſtav Adolf. So lange mein Vater lebte, hat er dergleichen nicht von Ihnen gehört. Ich wollte, ich könnte ihn aufwecken aus ſeinem Grabe! rief der Herzog ſchmerzlich erregt, damit er ſehen könnte, was aus uns ge⸗ worden iſt. Der König preßte ſeine Lippen zuſammen, die Adern ſchwollen auf ſeiner Stirn, mit großer Mühe ſuchte er ſich zu beherrſchen; einige Minuten lang aber konnte er keine Worte finden. Endlich war er ſo und Ver⸗ iſchen, die gron! wer ſtarr da⸗ den Kopf ſſter Ver⸗ der nicht e für Ihr eſe befiehlt kes, hören ie Frieden Schwedené und Aeben hart, und ben blieb, t von det rieth, einen antwortete: oder ſter⸗ tzten Tage. darl aller⸗ trieb ihm lledem ein ; t nergzie wiit „ Adolf⸗ 9* thört be! rif der us uns ge ſchwollen ben; einigt 1 war er — 557 weit mit ſeiner feierlichen Würdigkeit, ſagen zu können: Ich danke Ihnen, königliche Hoheit, für Ihre Bemühungen, verbitte mir aber in Zukunft Alles, was nicht Ihre Sache iſt. Ich bin König in Schwe⸗ den; wehe dem, der meine Krone anrührt! Die Heftigkeit, mit welcher er ſprach und den Arm, den er aufhob und zornig ſchüttelte, machte, daß der Herzog beſtürzt zurücktrat und mit lauter Stimme rief: Es rührt Niemand Ihre Krone an, Majeſtät, am wenigſten ich, der ich berufen bin, dieſe zu vertheidigen! Indem er dies ſagte, hörte er hinter ſich das Rauſchen eines Ge⸗ wandes, und eine ſanfte Stimme, die einige leiſe Worte flüſterte. Als er umblickte näherte ſich ihm eine junge, ſchöne Dame, von hoher, ſchlanker Geſtalt, deren Geſicht außerordendlich blaß war und deren Augen bittend und bewegt auf ihn blickten. An jeder Hand führte ſie ein Kind. Einen Knaben von acht oder neun Jahren und ein Mäd⸗ chen, welches einige Jahre jünger war. Die Königin! murmelte der Herzog ſich tief verbeugend. Friederike Dorothea verſuchte zu lächeln, als er ihre Hand küßte. Sie neigte den Kopf gegen ihren finſteren Gemahl, der ſeine Arme gekreuzt, unbeweglich blieb, ſelbſt gegen ſeine Kinder, die er ſehr liebte und welche zu ihm laufend, ihn Papa nannten und ſeine Kniee um⸗ faßten. Die Königin war eine deutſche Prinzeſſin, die Tochter des Herzogs von Baden, und damals noch nicht ſechsundzwanzig Jahre alt. Die Schweden, welche die Deutſchen haßten, da ihr König dieſe beſonders bevorzugte, liebten doch dieſe ſanfte, gütige, immer milde und groß⸗ müthige Frau, die wie ein Engel der Verſöhnung neben dem heftigen, gebieteriſchen Gatten ſtand. Hätte Friederike Dorothea größeren Ehr⸗ geiz und ſchärferen Verſtand beſeſſen, wäre ſie, wie manche Königin vor ihr, ein politiſcher Charakter geweſen, ſo würde es ihr vielleicht gelungen ſein, den König weiſer und einſichtiger zu machen, ſie würde ihn beherrſcht oder eine unglückliche Ehe geführt haben. Statt deſſen war ſie auch gegen dieſen hartnäckigen Mann die weiche, unterwürfige Frau, die mit ihren Thränen und Bitten zuweilen ihm etwas abrang, weil er ſie nicht weinen ſehen mochte, aber ihr Herz war voll ſcheuer 1 Furcht vor Unglück, das ihr Kopf ahnte, und in ihrem Geſicht lag — 558— ein Zug des Leidens und Duldens, das im reichſten Maße ihr zu Theil werden ſollte.. Thränen hingen auch jetzt in ihren ſchönen, bangen Augen, als ſie die dunkel geröthete Stirn des Herzogs von Südermannland und die düſteren Falten um den Mund des Königs erblickte. Sie zitterte davor, denn unbekannt war es ihr nicht, welche Abneigung zwiſchen den beiden Verwandten beſtand und was von dem Herzog erzählt wurde. Der König hatte oft heimlich zu ihr über ſeine Feinde, über Jakobiner, Atheiſten und Verräther geklagt, und es mochte wohl dabei vorgekom⸗ men ſein, daß er den Namen des Herzogs damit vermiſcht hatte, der auf Frieden und Verſöhnung mit Napoleon Bonaparte drang. Der Inſtinct einer liebenden Frau ſagte ihr, daß Karl von Südermannland nicht als Feind ihres Gatten aus Gripsholm gehen durfte, daß es zu keinem offenen Bruch zwiſchen Oheim und Neffen kommen, vielmehr Beide verſöhnt werden mußten. Und von dieſem Gedanken getrieben faßte ſie die Worte auf, welche der Herzog zuletzt geſprochen, indem ſie ſeine Hände feſthielt und mit flehenden, ausdrucksvollen Blicken auf ihre Kinder deutete. Ja, mein theurer Oheim, ſagte ſie, beſchirmen Sie meinen Guſtav, deſſen edles Herz ſo viel zu leiden hat; beſchützen Sie auch meine Kinder, die ihre Bitten für Sie zu Gott richten. Madame, antwortete der Herzog gerührt, was könnte ich anders thun und was dürften Sie anders von mir erwarten?! Auf dieſem Kinde— er legte ſeine Hand auf den Kopf des Knaben— ruhen ja auch meine Hoffnungen, die Hoffnungen des ganzen Landes, und mein Neffe— er ſah zu dem Könige hin— wo Fetnde ihn bedrohen, wo er zu leiden hat, wer könnte ihm näher ſtehen, als ich! Haben Sie Dank! innigen Dank und Segen! flſterte die ſchöne Königin.— Sie hob den Knaben auf, und ihren flehenden Augen folgend, nahm ihn der Herzog in ſeine Arme und die kleine Prinzeſſin ſtrebte an ihm empor. Dieſe Kinder, Madame, ſind ja auch meine Kinder, fuhr er dann bewegt fort. Was könnte ich wünſchen oder hoffen, ich, der ich alt bin und deſſen Leben bald verronnen iſt, als daß mein Haus, dies königliche Haus von Schweden, groß, glücklich und mächtig bis in Ewigkeit blühe. Und dieſe Kinder ſichern unſere Zu⸗ kunft. Sie ſelbſt, Madame, ſo jung, ſo ſchön und allgeliebt, mein zu Theil n, als ſie und die je zitterte zwiſchen alt wurde. Jakobiner, vorgekom⸗ hatte, der ng. Der mannland daß es zü vielmeht getrieben n, indem licken auf beſchirmen beſchüten ichten. ich anders Luf dieſn — ruhen ndes, und bedrohen, die ſchönt den Augen ⸗Prinzeſſn auch maint nſen den en iſt, 4 di md unſere 3 liebt/ mein — 559— Neffe in der Blüthe ſeines Lebens. Ich bin ein alter Baum ohne Zweige, allein mein Herz iſt noch warm und jung. Ich fühle, Ma⸗ dame, ich fühle tief, daß ich vereinſamt und verlaſſen bin. Der König, welcher bisher in ſeiner Unbeweglichkeit verharrte, war milder geworden. Die Liebe, welche der Herzog ſeinen Kindern be⸗ zeigte, ſchien ihn zu erweichen, die Klagen des greiſen Oheims erweck⸗ ten ſein Mitleid; er empfand eine gewiſſe Reue über die Härte, mit welcher er ihn behandelt hatte.— Was iſt die Urſach? fragte er ſo verſöhnlich, als ihm dies möglich war. Mißtrauen! antwortete der Herzog den Knaben küſſend, der ſeine Arme ihm um den Hals geſchlungen hatte. Das ſoll nicht ſein! rief der König, indem eine der edlen Einge⸗ bungen, die ihn zuweilen überkamen, ihn fortriß, wir wollen dies Miß⸗ trauen auf immer verbannen, mein Oheim, es ſoll fortan nicht mehr vorkommen. Ich will Ihnen den Beweis geben, daß ich keine Spur davon in mir trage. Stehen Sie mir bei mit Rath und That. Da⸗ mit Schwedens Feinde beſiegt und der Friede möglich werde, ernenne ich Sie zum Oberbefehlshaber des geſammten Heeres. Der Herzog ließ den Kronprinzen an ſich nieder gleiten, denn der König breitete ſeine Arme aus, und neben den beiden erſten Männern im Reiche ſtand die Königin, deren Freudenthränen auf ihre Kinder fielen. Nach einigen Minuten ſagte der König: Morgen, mein Oheim, will ich unſere herzliche Vereinigung öffentlich feiern. Ich will ein Feſt in Stockholm geben und dort verkündigen, daß Sie den Ober⸗ befehl übernommen haben. Wir wollen vertrauungsvoll in die Zukunft blicken, denn Gott wird mit uns ſein und wird dieſe Stunde ſegnen. Begleiten Sie jetzt die Königin und bleiben Sie bei ihr, ich komme, ſobald ich hier noch einige dringende Geſchäfte abgemacht habe. Wir wollen unſere Herzen ausſchütten, und dieſer Tag ſoll niemals von uns vergeſſen werden. Der Herzog antwortete mit einigen ähnlichen betheuernden Worten, dann folgte eine nochmalige Umarmung, hierauf reichte der Herzog der Königin ſeinen Arm und Guſtav Adolf begleitete ſie bis zur Thür, wo er umkehrte und eine Zeit lang mit großen Schritten lebhaft auf und nieder ging. — 560— Otho hatte in dem kleinen halb finſtern Cabinet alle dieſe Vor⸗ gänge mit angehört, auch zum Theil mit angeſchaut, denn die Thüre war nicht ganz geſchloſſen, ſondern nur angelehnt. Er wagte es nicht den Platz zu verlaſſen, denn er wußte nicht wohin er ſich wenden ſollte; da er aber ein unfreiwilliger Zeuge dieſer Auftritte geworden war, ſagte ihm ſein Verſtand, daß er am beſten thun würde ſich ganz ruhig zu verhalten, und einen günſtigen Zeitpunkt abzuwarten, um unbemerkt in die Gallerie zu entſchlüpfen, denn angenehm konnte es dem Könige nicht ſein, wenn er erfahren ſollte, daß er nicht allein geweſen. Dieſe Hoffnung ging jedoch nicht in Erfüllung, denn plötzlich in ſeinen Schritten inne haltend, ſagte der König vernehmlich: Ich glaube es nicht! Nein, ich glaube es nicht! und bei dieſen Worten ſtieß er die Thür auf, und erblickte Otho Waimon, der ihr gerade gegen⸗ über ſtand. 2 Er ſchien davon überraſcht, aber er ſchwieg. Erkannt hatte er ihn ſogleich. Treten Sie herein, ſagte er, indem er ſelbſt zurücktrat, ſtehen blieb und ihn mit ſeinen unbeweglichen Blicken betrachtete. Furchtlos hielt der junge Mann dieſe Blicke aus, obwohl des Königs Geſicht ſtreng ausſah und ſich noch mehr verfinſterte. Er liebte es, wenn ihm die Zeichen ſcheuer Ehrfurcht und Unterwürfigkeit gezollt wurden, unſer Finne aber hatte etwas in ſeinem Weſen, als ſei er durchaus nicht von dem Grauen vor der Majeſtät ergriffen. Wie lange ſtanden Sie dort 2 fragte der König in ſeiner rauhen haſtigen Weiſe. Seit General Adlercreutz mich hineintreten hieß, antwortete Otho. Der König ſchwieg wieder ein Weilchen. Sie hörten, was hier vorging? fragte er dann. Ja, Majeſtät. Der König drehte ſich um, ging durch das Zimmer ans Fenſter und ſah in den Schloßhof hinab. Eine peinliche Stille herrſchte. Die Lage war äußerſt unangenehm für den Wartenden, obwohl er ſich damit beruhigte, daß er nichts Böſes begangen habe. Die Zeiten waren vorbei, wo man die zufälligen Entdecker von Staatsgeheim⸗ niſſen oder was dafür gelten konnte, auf immer beſeitigte, auch hatte ſeſe Vor⸗ die Thüre ees nicht h wenden. geworden ſich gang teen, um konnte es icht allein lötzlich in ch glaube n ſtieß er de gegen⸗ hatte er zurücktrat, teete. bwohl des ſterte Er würfigkei eſen, als hiffen. er rauhen lete Otho⸗ was hier ns Feuſſter berrſchte obwohl 3 geiten geheim⸗ hatte Die Die ate auch er keine Geheimniſſe gehört, ſondern nur einer Familienſcene beige⸗ wohnt, die freilich nicht für die Oeffentlichkeit beſtimmt war. Eben ſo plötzlich, wie der König ſich von ihm gewandt hatte, kehrte er wieder zurück. Sie haben eine gefahrvolle Reiſe gemacht, ſagte er, um mir Nachrichten zu bringen, die ſich wenigſtens zum Theil beſtätigt haben. Gott möge es verhüten, daß der andere Theil eben ſo zur Wahrheit wird. Thun läßt ſich nichts mehr. Sweaborg i*ſt eingeſchloſſen. Ich habe die Nachricht erhalten, daß General Such⸗ telen es belagert. Dann iſt Sweaborg verloren, ſagte Otho. Nichts iſt verloren, wenn es Gottes Wille nicht iſt, daß es ſo ſein ſoll! fuhr der König fort und ſeine Augen wandten ſich ſeitwärts, wo an der Wand auf einem Tiſche ein Crucifix ſtand, vor welchem eine aufgeſchlagene Bibel lag.— Ich bin Ihnen, Dank ſchuldig, fuhr er fort, denn ich erkenne Ihre treue Anhänglichkeit an mir. Wollen Sie in meine Dienſte treten? Nein, Majeſtät, verſetzte Otho, ohne ſich zu bedenken. Nicht? fragte der König, der gereizt durch jeden Widerſpruch war, um ſo mehr durch den ſo kurz entſchiedenen eines jungen unbedeuten⸗ den Mannes, dem er wohl thun wollte. Warum nicht? Ich will Sie in meine Trabantengarde aufnehmen. Ich habe eine Schweſter in Finnland, für welche ich ſorgen muß, ſagte Otho, auch manche Andere, die nicht wiſſen, was aus mir ge⸗ worden iſt. Man kann Ihre Verwandten benachrichtigen, fiel der König ein, wenn das Ihr Grund zur Ablehnung iſt. Ich glaube, daß ich Eurer Majeſtät beſſere Dienſte in Finnland leiſten kann, als ich es hier vermöchte, entgegnete Otho. In Tavaſt⸗ land und Savolax denke ich in kurzer Zeit eine gute Zahl tapferer Burſche um mich ſammeln zu können, die ihr Ziel nicht verfehlen. Das Volk aufrufen! ſagte der König im ſcharfen Tone. Ein Volkskrieg muß es werden, Majeſtät, wenn die Ruſſen aus Finnland wirklich noch einmal herausgeſchlagen werden ſollen. Dafür habe ich Soldaten, ſagte Guſtav Adolf. Jakobinerwirthſchaft will ich nicht im Lande haben. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 36 562 Wenn die Finnländer Waffen gehabt hätten, verſetzte Otho, und in den Waffen geübt worden wären, wie es in dieſem Grenzlande nöthig war, würden die Ruſſen nicht ſo oft ſchon das Land erobert und die Bevölkerung ermordet haben. Wir bedürfen einer militäri⸗ ſchen Organiſation; daß dieſe uns nicht gegeben wurde, iſt der ſchwere Fehler aller ſchwediſchen Regierungen geweſen, der jetzt leicht den ganzen Beſitz koſten kann. Der König ſchwieg, wahrſcheinlich vor Erſtaunen über eine Sprache, die er vielleicht nie in dieſer Weiſe, am wenigſten aber von einem Manne ohne jeden Rang und Stand, gehört hatte. Hätten unſere Bauern die Gewehre erhalten, welche jetzt in Tavaſtehus den Ruſſen in die Hände gefallen ſind, fuhr Otho, ohne ſich ſtören zu laſſen, fort, ſo könnten unſere Berge für lange Zeit der Schauplatz eines hartnäckigen Krieges werden, der uns die größten Vortheile böte. Und noch jetzt kann dies geſchehen, wenn das Volk unterſtützt wird. Die Ruſſen werden nicht wagen gegen den Norden vorzugehen, wenn ſie wiſſen, daß in ihrem Rücken der Volksaufſtand von allen Seiten losbricht. Hätten wir nur Waffen und Pulver genug, ſo wollte ich meinen Kopf darauf verpfänden, daß die Feinde lange mit uns zu ſchaffen haben ſollten. Volksaufſtand! murmelte der König mit finſterer Stirn; er konnte kein unangenehmeres Wort hören. Der Bauer gehört an den Pflug, Aufrührer hängt man auf. Wer ſein Vaterland vertheidigt, iſt kein Aufrührer, ſagte Otho, der ganz zu vergeſſen ſchien mit wem er ſprach, und um zu den Waffen zu greifen, wenn ſeine heiligſten Rechte bedroht ſind, iſt jeder Mann geboren. Das finniſche Volk hat noch niemals Aufruhr ge⸗ ſtiftet, aber es liebt ſeine Freiheit und haßt Gewalt und Unterdrückung. Still! rief der König mit dem Fuß ſtampfend, indem er den Verwegenen zornig anblickte, der dieſe verpönten Worte auszuſprechen wagte. Schändliche Lehren, fuhr er fort, bringen ganz Europa in Schmach und Schande. Ich dulde ſie nicht und rathe Jedem ſich vor Anſteckung zu hüten. Sie ſind ein Verwandter des Freiherrn Randal, wie man mir geſagt hat. Er iſt ein Jakobiner, ein Menſch, der Un⸗ zufriedenheit ausſtreut, Widerſetzlichkeiten begeht und dazu aufreizt. — 563— Mein Vetter iſt ein ſehr edler, aufrichtiger Mann, fiel Otho un⸗ erſchrocken ein, aber freilich Ungerechtigkeiten duldet er nicht und ſchützt Jeden davor, den er ſchützen kann. Man hat ihn bei Ihnen verleumdet, Majeſtät. Still! rief der König noch einmal und noch zorniger. In meinem Lande geſchehen keine Ungerechtigkeiten, doch ich kenne dieſe Familie; von je an hat ſie an allem Schlechten Theil genommen. An Ver⸗ rath, ſogar am Angelabunde. Das iſt allerdings wahr, allein— was Otho weiter ſagen wollte, wurde ihm durch eine Bewegung des Königs abgeſchnitten, der ſeinen Arm aufhob und ſchüttelte und im rauhen Tone ſagte: Da Sie meine Gnade nicht annehmen, ſo thun Sie, was Sie wollen, aber hüten Sie ſich, Volksaufſtände anzuzetteln. In die Regimenter ſollen die Leute gehen, ſollen Soldaten werden, denen man vertrauen kann. Meine Garden werden zum Frühjahr nach Finnland marſchiren, große Leute können auch bei ihnen eintreten. Otho ſtand ſtumm. Es überkam ihn die troſtloſe Gewißheit, daß Finnland verloren ſei. Das einzige Mittel, es zu retten, lag in den entſchloſſenſten Anſtrengungen mit Aufbietung aller Kräfte und Mittel und unter dieſen waren Volksaufſtände und die Errichtung von Freiſchaaren gewiß nicht zu verwerfen. Statt deſſen hörte er die heftigen Drohungen des Königs, der auch jetzt nur Aufruhr und franzöſiſches Revolutionsweſen fürchtete und mit blödſinniger Stumpf heit von ſeinen Garden das Beſte erwartete, bei denen langgewachſene Burſche ſich melden konnten. Was wollen Sie alſo thun? fragte Guſtav Adolf milder. Wollen Sie bei mir bleiben? Ich paſſe nicht hierher, allergnädigſter Herr. Ich will Ihnen wohl, fuhr der König fort, Sie ſollen befördert werden. Ich bin kein Undankbarer, ſagte Otho lebhaft. Wollte Gott, ich könnte für Ew. Majeſtät jemals etwas Rechtes thun, doch hier bleiben kann ich nicht. Warum nicht? Weil ich doch bald meinen Platz räumen müßte. 36* — 564— Wie meinen Sie das? fragte der König mit einem ſchwachen Lächeln, das ſelten in ſein hartes Geſicht trat. Ich bin ein freier Mann, Majeſtät, erwiederte Otho, indem er ſich ſtolz aufrichtete, nicht gewohnt zu thun, was mir widerſtrebt. Der König trat würdevoll zurück und hüllte ſich in ſeine feierliche Kälte. Sclaven halte ich nicht, ſagte er, Ungehorſam aber dulde ich nicht, mag ihn verſuchen, wer da will. Gehen Sie! Er machte eine Bewegung mit der Hand nach der Thür, welche in die Gallerie führte, und Otho verbeugte ſich dreimal nach der Vorſchrift, welche er gelernt hatte. Er war im Herzen froh, daß er ungnädig entlaſſen wurde, denn hätte ihm der König ſeine Hand ge⸗ reicht, ſo würde es ihm unmöglich geweſen ſein, dieſe zu küſſen, ob es auch alle Miniſter und Generale thaten. Bei der dritten Ver⸗ beugung öffnete er die Thür und mit einem tiefen Athemzuge trat er in die Gallerie, welche mit Generalen, Räthen und Hofleuten gefüllt war. Adlercreutz hielt ihn am Arm feſt, ſah ihn an und ſagte: was hat es gegeben? Sie haben ſeinen Dienſt ausgeſchlagen. Sehr gut! Sie ſollen mir Alles erzählen; aber warten Sie hier, bis ich zurückkomme. In einer Stunde reiſen wir. Sechstes Kapitel. Was haben wir heute für einen Tag 2 fragte Major Munk, der bei Erich Randal dicht an dem mächtigen Feuer ſaß, das in dem Kamine loderte. Ich glaube es iſt heut der elfte März, fügte er hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten. Es iſt der elfte März, erwiederte der Freiherr. „WDer Veteran ſchwieg, ſtützte beide Hände auf den Krückenſtock und ſtierte in die Flammen. Er ſah aufgeregt und roth im Geſicht aus, denn vor ihm ſtand ein mächtiges dampfendes Glas, und der Theekeſſel brodelte über dem Feuer, dennoch aber war der alte Inva⸗ n lide während der letzten Monate viel magerer und älter geworden. Tiefe lange Falten lagen ſchwer auf ſeiner Stirn, die Naſe trat ſcharf hervor und ſeine Augen ſchienen ſich noch weiter unter die borſtigen grauen Wimpern zurückgezogen zu haben. Seit drei Tagen haben wir nun nichts mehr gehört, ſeit dem Schießen, das von Süden herkam, ſprach er vor ſich hin. Sind die Ruſſen in Tavaſtehus oder iſt es ein blinder Lärm geweſen? Schock Tonnen! ich wollte, daß ich fort könnte auf geſunden Beinen. Es ſollte Keiner von mir ſagen, der alte Munk ſitzt da und wärmt ſich, während der Feind im Lande iſt. Ich hoffe heut noch Nachricht zu bekommen, wie es in Tavaſtehus ſteht und was wir zu befürchten haben, erwiederte Erich. Der Major fiel in ſein Nachgrübeln zurück, das nach kurzer Zeit ſich laut zu äußern begann. Feldwebel Roth und Korporal Spuf ſind ein paar tüchtige Burſche, ſagte er, die jeder Offizier in ſolcher Zeit ſich wünſchen kann. Der Feldwebel iſt geſtern zurückgekommen von ſeiner Streiferei. Iſt über den Pajäne fort bis nach Guſtav⸗ Adolfſtadt geweſen; kein Menſch weiß etwas da vom Regiment Björne⸗ borg, aber Alles iſt voll Schrecken und Angſt. Es iſt als ob jeder Ruſſe der Teufel ſelbſt wäre, ſo zittern die Haſenfüße und oh! oh! — der Major ſeufzte tief auf— es iſt Keiner da, der ihnen Cou⸗ rage machen könnte, denn der Eine, der es vermöchte, der liegt bei den Rieſen und Trollen in der tiefen See. Aber es ſind doch tüchtige Burſche, der Feldwebel und der Kor⸗ poral, fuhr er nach einem Weilchen fort. Auf eigene Hand haben ſie ſich eingerichtet und fangen es kriegsmäßig an, wie es ſein muß. In Halljala, ſagt der Feldwebel, ſollten wir Nachricht finden vom Regiment, da keine angelangt iſt, bleiben wir hier, bis ſie kommt, wenigſtens ſo lange es angeht. Und haben ihre Mannſchaften exercirt, Patronen gemacht und Kugeln gegoſſen; haben auch den Jem Olikainen zum Soldaten gemacht und die Bauern zugeſtutzt. Gehangen will ich ſein! wenn es nicht ein tüchtiges Fechten gibt, im Fall die Ruſſen ſich bei uns ſehen laſſen, und dann ſind wir auch dabei, Erich Randal. Gott ſeicHank! daß meine Hände nicht lahm geſchoſſen ſind. 8 Vor Plünderern und Geſindel werden wir uns ſchützen, lieber Freund, ſagte der Freiherr. Doch ſo weit es angeht, laß uns — 566— heut die Leiden, welche uns treffen können, vergeſſen, denn du weißt ja, daß wir meinen Vetter Arwed erwarten und vielleicht— er hörte Stimmen und Schritte auf dem Gange und wandte ſich danach um, allein es war nur der Schulmeiſter Lars Normark, der jetzt eintrat und hinter ihm zeigte ſich die lange ſchmale Geſtalt des Feldwebels.* Lars Normark nahm ſeine Pelzkappe ab und athmete wohlgefällig die wärmere Luft ein. Guten Abend, Freiherr Erich, ſagte er, und auch du, Major. Es gibt nichts Schöneres in der Welt als die alte Halle in Halljala. Im Sommer iſt ſie kühl, zur Winterzeit aber ſitzt man darin, wie in Wainemonen's Garten. Haſt den großen Ofen heizen laſſen, Freiherr, weil's der Kamin nicht mehr allein ſchaffen konnte. Alles iſt gut zu ſeiner Zeit. Wär' nicht das echte ſchwediſche Blut in uns, in mir und in dem Hans, ich glaube wir wären längſt zu Stein gefroren. Damit ſetzte er ſich an dem Ofen nieder und legte den Sack neben ſich, in welchem ſein Hahn leiſe gluckste. Meinſt es auch ſo, Hans? fragte er lachend. Wir haben es aber viel beſſer noch wie die Ruſſen in Tavaſtehus, und zehnmal beſſer wie die dummen Finnen, die in die Kälte hinein gelaufen ſind und das warme Haus kam ihnen nicht nach. Sind die Nuſſen alſo wirklich im Beſitz des Schloſſes? fragte Erich den Feldwebel, der, während Lars ſprach, geſchwiegen hatte. Ja, gnädiger Herr, antwortete der lange Soldat. Lars Normark hat es in Padisjok von Leuten erfahren, die es mit angeſehen haben. Es ſteht ſchlimm mit uns; Hals über Kopf geht es rückwärts, und ich kann mir auch denken warum. Wir ſind zu ſchwach zum Wider⸗ ſtande und wenn dieſer auch verſucht werden ſollte bei irgend einer feſten Stellung, kommt die andere Colonne der Ruſſen, die durch Savolax vordringt, faßt uns im Rücken, ſchneidet uns ab und es wird eine Capitulation daraus, wie im Jahre 1742. Sie haben es ſchlau an⸗ gefangen, die Herren Moskowiter. Ohne Kriegserklärung ſind ſie gekommen und wie eine Maus ſitzen wir in der Falle. Der alte Marſchall Klingſpor iſt in Tavaſtehus mit dabei geweſen, hat befoh⸗ — 567— len, Alles im Stich zu laſſen, nur fort und rückwärts. Er muß die neuſte Ordre aus Stockholm mitgebracht haben. Schock Tonnen! ſchrie der Major, ſo könnte es ſein, daß wir die verfluchten Ruſſen, ehe wir es uns verſehen, am Halſe hätten. Das könnte wohl ſo kommen, meinte der Feldwebel, und darum erlaube ich mir, dem gnädigen Herrn zu berichten, daß ich meine Mannſchaft aus dem ganzen Kirchſpiel zuſammenziehe und bis morgen ins große Wirthſchaftshaus unterbringen möchte. Und weil ich der Erlaubniß dazu gewiß bin, habe ich dem Korporal Spuf befohlen, die Leute in aller Stille zuſammen zu bringen. Recht ſo! ſagte der Major. Wenn der Feind in der Nähe iſt, müſſen alle beiſammen ſein. Und morgen in der Frühe, fuhr der Feldwebel fort, wollen wir weiter umſchauen und bei Zeiten an die Retirade denken. Jem Olikainen und eine Anzahl junge Leute werden über die Korpilarberge hinausſchauen, wie's drüben im Lande ausſieht. Fortlaufen wollt ihr? fragte der Major. Wenm's Zeit iſt, Major, iſt's das Allerbeſte, das ein Mann mit geſunden Beinen thun kann, ſagte der Feldwebel lächelnd. Gefangen⸗ nehmen läßt Korporal Spuf ſich nicht und mancher trotzige Burſche denkt eben ſo. Die Ruſſen aber fragen in ſolchen Fällen wenig da⸗ nach, wen ſie vor ſich haben, ob's ein Weib iſt oder ein Greis, alſo iſt's beſſer wir verſchieben's auf ein andermal und laufen dem General nach. Erich ſchüttelte dem wackeren Feldwebel die Hand und bat ihn, zu thun, was er für Recht hielt. Es wäre Thorheit, ſagte er, wenn Sie abwarten wollten, bis die Ruſſen da ſind. Schützen und helfen können Sie uns nicht; friedliche Leute entwaffnen am beſten einen übermüthigen Feind durch Ergebung in unabänderliche Zuſtände. Es wird noch Alles gut gehen, Hans, rief der Schulmeiſter vom Ofen her, denn es iſt klug, warm in ſeinem Sack zu ſitzen, wenn der Sturm draußen bläst. Mußt bei Leibe keinen Schrei thun, Hans, wenn ein Ruſſe an deinen Hals faßt. Der Feldwebel ging hinaus, Munk ſaß erbittert ſtill, eben tras „Ebba herein, begleitet von dem Propſt, bei deſſen Anblick das Geſicht 3 des alten Soldaten noch finſterer wurde. — 568— Viele Neuigkeiten, lieber Freiherr! rief der Geiſtliche ſchon von der Thür her. O! Major Munk, ich bin erfreut, Sie zu ſehen. Tavaſtehus iſt von den Schweden verlaſſen worden; wir werden die⸗ ſen unglücklichen Krieg ein ſchnelles Ende nehmen ſehen, und Gott ſei Dank! von ſeinem Elende verſchont bleiben. Nichtswürdiger Pfaffe! murmelte der alte Soldat. Es iſt eine vollſtändige Flucht, fuhr Herr Ridderſtern fort, und wo ſoll dieſe aufhören? Die Ruſſen benehmen ſich überall menſchlich, ſie thun Niemanden etwas zu leide, bezahlen Alles, was ſie brauchen. Hier ſind die Proclamationen des Grafen Buxthövden. Leſen Sie, Freiherr, es wird feierlich zugeſichert, daß kein friedlicher Menſch be⸗ ſchädigt werden ſoll. Er zog einige Papiere hervor, welche Erich entfaltete. Das eine enthielt die Proclamation des ruſſiſchen Feld⸗ herrn an die ſchwediſchen Soldaten, das andere war die Proclamation an das finniſche Volk. Lies laut, was der Ruſſe den ſchwediſchen Soldaten ſagt! forderte Munk, und Erich las:„Soldaten! Ungern ſieht mein allergnädigſter Kaiſer ſich wider ſeinen Willen gezwungen, ſeine Truppen in Finn⸗ land einrücken zu laſſen.“ Ungern! Wider ſeinen Willen? Warum thut er es denn! ſchrie der Major. „Es hat den künftigen Beſitz Finnlands, die Erhaltung des Frie⸗ dens und der Ruhe ſo wie das Glück der Finnen zum Zweck.“ las Erich weiter. Dieſes Glück, unſeren Frieden, will er alſo durch ſeinen Einfall ſchützen! lachte Munk erbittert. Lüge und Verleumdung! aber echt ruſſiſch. „Um dies auszuführen und euch zu verſichern, daß wir euch nur Gutes thun wollen, hat mein Kaiſer mir befohlen, nicht auf euch zu ſchießen, wenn ihr nicht eure Freiheit vergeſſend und den Frieden ver⸗ achtend, zuerſt anfangt gegen uns feindlich zu handeln, was ihr zu unſerem Mißfallen ſchon verſucht habt. Ich mache euch dieſen Befehl Sr. kaiſerlichen Majeſtät bekannt, die finniſche Nation Seines auf⸗ * ichtigen und wahren Wohlwollens für das finniſche Land verſichernd und verbürge euch, Soldaten, daß ihr an den Gnaden Sr. kaiſer⸗ lichen Majeſtät Theil habt.“ n A — 569— Der Teufel hole ſeine Gnade! ſchrie der Major, wüthend mit ſeinem Stock aufſtampfend. Kein ſchwediſcher Soldat verlangt Gnade von ihm.. „Ihr guten Finnen, die ihr zu dem Heere dieſes Landes gehört, ſeid aufs tiefſte zu beklagen. Ihr ſollt eure Familien, eure Ver⸗ wandten verlaſſen, und für eine ungerechte Sache in den Tod gehen.“ Was ſoll das heißen? fragte Munk, indem er ſich aufrichtete. „Soldaten! mein allergnädigſter Kaiſer hat mir befohlen, denje⸗ nigen von euch, der freiwillig ſeine Waffen uns überliefert, frei in ſeine Heimath gehen zu laſſen, oder an jeden anderen Ort, wohin es ihm beliebt; außerdem aber für jedes Gewehr zwei Rubel, für jeden Säbel oder andere Waffe einen Rubel, für jedes Pferd aber zehn Pubel zu bezahlen. Wer von euch ſollte wohl die Ruhe ſo wenig lieben, daß er nicht jede ungerechte Aufforderung zum Kriege zu un⸗ terdrücken ſuchte, um ſich unter dem Schutze meines allergnädigſten Kaiſers ein glückliches und friedliches Leben zu verſchaffen.“ Steht das wirklich ſo da und der Name des Generals darunter? fragte der alte Soldat mit weit größerer Ruhe, als er bisher ge⸗ zeigt hatte. Es ſteht Buxthöpden darunter und dieſe Proclamation iſt in Lo⸗ viſa gegeben, erwiederte Erich. Dann mag es ein Denkmal ewiger Schande für dieſen General bleiben, fuhr Major Munk mit Würde fort. Was iſt nichtswürdiger für den Soldaten, als ſeine Fahne zu verlaſſen? und hier fordert ein Feldherr dazu auf, bietet Lohn für Verrätherei an Vaterland und König, bietet ſeines Kaiſers Gnade für das ſchimpflichſte Verbrechen. Im Kriege, mein lieber Major, ſagte Herr Ridderſtern die Achſeln zuckend, iſt Alles erlaubt. Keine Schurkerei! keine Niederträchtigkeit! rief der Major. Ehre bleibt Ehre! ſo gegen Freund wie Feind. Nichts iſt ſo ſchlecht wie dies, nichts zeigt beſſer, welch barbariſches Volk dieſe Ruſſen ſind. Aber ich ſage euch, es wird ihnen nichts helfen. Vergebens werden ſie ihre Rubel ausbieten, kein Finne wird ſie haben wollen. Leſen Sie doch auch die andere Proclamation, fiel der Propſt lächelnd ein, ſte wird vielleicht beſſere Meinungen erregen. 1v. — 50— „Gute Nachbarn und Bewohner des ſchwediſchen Finnlands!“ begann Erich Randal.„Mit dem größten Leidweſen ſieht mein er⸗ lauchter Herr und gnädiger Monarch ſich gezwungen, ſeine Truppen unter meinem Befehle in euer Land einrücken zu laſſen.“ „Es iſt dem Kaiſer um ſo ſchmerzlicher, dieſe Maßregel ergreifen zu müſſen, als Se. Majeſtät der edlen Empfindungen der Finnen für uns, wie des aufrichtigen und freiwilligen Vertrauens auf Ruß⸗ lands Schutz gedenkt, welche die finniſche Nation beim Anfange des letzten Krieges auf eine ſo muthige Art offenbarte, als der König von Schweden ohne die geringſte Urſache und im offenen Widerſpruch mit eurer Verfaſſung, einen eben ſo ungerechten als unerwarteten Anfall auf unſere Grenzen that.“ Die finniſche Nation war es nicht, die den Angelabund ſtiftete und ihren König verrieth! rief der alte Mann ſchmerzlich. O! ſo rächt ſich das alte Unrecht noch jetzt, ſo wird es von den Ruſſen benutzt! „Statt ſich mit meinem Kaiſer zu den friedlichen Bemühungen vereinigen zu wollen, las Erich weiter, wodurch die Ruhe hergeſtellt werden ſollte, deren Europa ſchon ſo lange beraubt iſt und welche es nur von dem Bündniſſe der beiden mächtigſten Staaten Europa's er⸗ warten kann, entfernt ſich der König von Schweden nicht nur immer weiter von dieſem edlen Zwecke, ſondern verbindet ſich noch enger mit dem Feind der allgemeinen Ruhe, mit England, deſſen Unterdrückungs⸗ ſyſtem und unerhörtes Benehmen gegen meines Kaiſers innigſten Bun⸗ desgenoſſen, den Kaiſer der Franzoſen, von Sr. kaiſerlichen Majeſtät nicht mit Gleichgiltigkeit angeſehen werden kann. „In Erwägung dieſer Gründe alſo, verbunden mit dem, was mein Kaiſer der Sicherheit ſeiner eigenen Staaten ſchuldig iſt, ſieht. er ſich gezwungen, euer Land als Pfand in ſeinen Schutz zu neh⸗ men, um ſich eine angemeſſene Genugthuung damit zu verſchaffen, wenn der König von Schweden fortfährt, die billigen Friedensbedin⸗ gungen des Kaiſers der Franzoſen nicht anzunehmen.“ Dafür alſo will er ſich Finnland als Genugthuung nehmen! rief der Major voller Bitterkeit. Wo iſt Gottes rachte Hand! Wer kann das hören ohne Zorn und Zittern. 1 das iſt etwas 571 „Gute Nachbarn und Bewohner Finnlands, bleibt ruhig, friedlich und furchtlos in euern Wohnungen. Wir kommen zu euch nicht als Feinde, ſondern als Freunde und Beſchützer, um euern Zuſtand glück⸗ licher zu machen, indem wir dadurch die Macht erhalten, von euerm Lande die Uebel zu entfernen, deren unfehlbare Opfer ihr im Fall des Krieges ſein würdet.“ „Laſſet euch nicht verleiten, die Waffen gegen uns zu ergreiſen, oder die mir anvertrauten Truppen zu beleidigen. Wer in dieſem Punkte fehlt, hat ſich ſelbſt die Folgen beizumeſſen. Anderſeits wer⸗ den alle die, welche ſich durch ihren guten Willen auszeichnen, die väterliche Sorgfalt des Kaiſers für das Wohl des Landes zu unter⸗ ſtützen, ſich ſeines hohen Schutzes und Wohlwollens würdig machen.“ Und an ſolchen vielgetreuen, eifrigen, eingepfändeten Unterthanen wird es gewiß nicht fehlen, lächelte Ebba mit einem Blicke auf den Propſt. „Da Se. kaiſerliche Majeſtät wünſcht, daß Alles, was das Land betrifft, ſeinen gewöhnlichen Gang gehen ſoll nach euern Geſetzen, Sitten und Gebräuchen, welche unverletzlich gehalten werden ſollen, ſo lange wir genöthigt ſind in dieſem Lande zu bleiben, ſo beſtätige ich hiermit jeden öffentlichen Beamten, ſowohl im Civil als Militär, in ihren Aemtern und Beſtallungen, mit Ausnahme derjenigen, welche als geborne Schweden ihre Aemter mißbrauchen könnten, um das Volk zu verführen und zum Schaden des gemeinen Beſten es zum Irrthum verleiten.“ Alſo weggejagt, wer nicht nach der ruſſiſchen Pfeife tanzt! ſchrie Munk. „Was den ruſſiſchen Soldaten geliefert wird, ſoll auf der Stelle mit baarem Gelde bezahlt werden. Für die Lieferungen ſollen Ueber⸗ einkünfte zwiſchen unſeren Commiſſarien und denen des Landes abge⸗ ſchloſſen werden, und um euch einen Beweis der hohen Fürſorge mmeeines kaiſerlichen Herrn zu geben, hat er befohlen, daß überall Ma⸗ gazine errichtet werden ſollen, aus denen der bedürftige Theil der Landesbewohner ehen ſowohl wie„unſere Soldaten ihren Unterhalt ziehen können.“ Hörſt du wohl Hans, lachte Lars Normark leiſe in den Sack, uns. Gott ſegne den guten Kaiſer, daß er uns * — 52— nicht vergißt! Der Hahn antwortete mit einem vergnügten Gluckſen. CErich Randal fuhr inzwiſchen fort:„Da ſich jedoch verſchiedene Fragen erheben können, deren Entſcheidung in guter Nachbarlichkeit ein gegenſeitiges Vertrauen und einträchtige Beſprechung erfordert, ſo werdet ihr hiermit angewieſen, ſo bald als möglich und nach der bei euern Reichstagen üblichen Ordnung aus jeder eurer Provinzen De⸗ putirte zu ſchicken, welche ſich nach der Stadt Abo zu begeben haben, um über Alles, was zum Wohl des Landes beitragen kann, zu be⸗ rathſchlagen.“ Ein ruſſiſcher Reichstag! ſagte Ebba. „Das Großherzogthum Finnland ſoll folglich von dieſem Augen⸗ blick an und einſtweilen wie alle übrigen eroberten Provinzen des ruſſiſchen Reichs angeſehen werden, welche unter der Regierung der Vorfahren Sr. Majeſtät und jetzt unter ſeinem Scepter einer glück⸗ lichen Ruhe mit Erhaltung aller ihrer Privilegien, freier Religionsübung, Rechte, Immunitäten u. ſ. w. genießen, die ſie von jeher beſeſſen haben und noch bewahren. Die gewöhnlichen Auflagen der Krone werden künftig ohne Zuſchlagſteuern allein nach dem alten Kataſter erhoben, mit Ausnahme deſſen, was für Beſoldung der Beamten ver⸗ anſchlagt iſt, das ſo bleibt wie es iſt.“ „Gegenwärtiges ſoll allen denen, die es angehen kann, zur Richt⸗ ſchnur dienen, die nicht allein hierin, ſondern auch in allem Andern ſich nach dem zu richten und dem zu gehorchen haben, was in den Ukaſen Sr. kaiſerlichen Majeſtät künftig etwa befohlen werden mag.“ Und dieſe kaiſerlichen Befehle werden nicht ausbleiben! rief Munk ſchmerzlich ſeine Hände zuſammenſchlagend. Zur ruſſiſchen Provinz wird Finnland offen erklärt, in Abo ſoll ein Reichstag Huldigung leiſten. Iſt es möglich, ſo alle Wahrheit zu verdrehen, ſo ſchamlos vor den Augen der ganzen Welt Verrath und Gewalt als Recht und Pflicht zu preiſen? Woher iſt dies ſchmachvolle Papier gekommen, Propſt Ridderſtern? Wer hat es Ihnen zugeſtellt? Ich, Major, ich gab es ihm! antwortete Sam Halſet, indem er hereintrat und die Thür offen ließ. Da ſind wir, Freiherr Randal, hoffe, kommen Ihnen als erwünſchte Gäſte. Eh! nur herein, fuhr er, ſich umwendend, fort. Es iſt angenehm hier, ah und da iſt ſſſen. tedene ichkeit t, ſo er bei De⸗ aben, u be⸗ lugen⸗ en des g der glück⸗ bung, eſeſſen Krone aaſter n ber⸗ Richt⸗ Andern in den mag.“ Munk rovinz leiſten. ot den Pllich Propſt dem er dandal, uhr er, da iſt — 573— Mary, Fräulein Ebba nnd noch Einer— er fing an⸗zu lachen und deutete auf pelzumhüllte Geſtalten, welche jetzt ſichtbar wurden. Arwed! rief Ebba, ohne ſich von der Stelle zu rühren, wo ſie neben Erich ſtand.— Meine Herzensſchweſter, mein lieber Erich! ſagte der Baron. Er ließ Mary frei, die er am Arm führte, und eilte ſeinen Verwandten zu. Gott ſei Dank! daß wir bei euch ſind, mit euch vereint in dieſer ſchlimmen Zeit. Er umarmte und küßte Ebba, dann Erich, während Halſet mit dem Propſt flüſterte und von Neuem ſchrie: Die beſte Ueberraſchung kommt noch. Wo iſt er denn? Was gibt es denn? Alle Wetter! ich bin ſteif gefroren. Aber das Herz iſt warm und ſaß da nicht der Schulmeiſter am Ofen? Wo iſt er hingekommen, der alte Tau⸗ genichts? Wart, he! Da iſt er endlich! Klirrende Schritte begleiteten dieſen Ausruf und alle Augen hef⸗ teten ſich auf den hohen Mann, der raſch hereintrat. Ein lichtgrauer großer Mantel hüllte ihn ganz einz er hielt den Kragen vor ſein Ge⸗ ſicht, doch es war nicht nöthig, daß er ſich verhüllte. Es war Serbinoff. Der Graf hob lachend den Kopf auf, warf Hut und Mantel ab und ſtand in dem glänzenden Waffenkleide der kaiſerlichen Garde vor dem Freiherrn. Ihr Freund, mein lieber Randal, der ſich innig freut, Sie wieder zu ſehen, rief er, Erich's Hände ſchüttelnd, der aber leider ſchon die traurige Nachricht vernommen hat, die das jähe Ende eines Mannes betrifft, der uns Beiden ſo theuer war. Es gibt ein Weſen auf Erden, antwortete Erich, das unendlich⸗ mehr noch davon leiden wird. Wahr, ſagte Serbinoff, ich mag nicht an Louiſa's Schmerz denken. Wo iſt ſie? Unter der Fürſorge innigſter Liebe, welche allein jetzt Troſt über ſie bringen kann, erwiederte der Graf. Er wandte ſich an Ebba und küßte ihre Hand. Möge niemals das Schickſal Sie von Ihren Freunden trennen, fuhr er fort, möge es Ihnen den erhalten, der für Sie lebt und Ihnen alles Glück der Erde gewähren möchte, das iſt der Wunſch mit dem ich Ihnen nahe, meine ſchöne Freundin. — 574— Ich würde Ihnen danken, Graf Serbinoff, erwiederte ſie, wenn wir nicht Feinde ſein müßten. Niemals! rief er lebhaft. Was geht uns der Krieg zwiſchen den zwei Reichen an. Unſere menſchlichen Gefühle ſind anderer gött⸗ licherer Natur, ſie erheben uns über dies Ringen roher Kräfte. Und wie lange wird es dauern, fuhr er lächelnd fort, ſo wird der Friede wiederkehren, und wie nach einem Gewitter jede Blume ſchöner blüht, wird auch dies Land neue und ſchönere Blüthen treiben. Die ſchönſten Blüthen, die es für jetzt treiben kann, krähte Sam Halſet dazwiſchen, wird uns der Freiherr Randal zeigen. Wir ſind heut von Tavaſtehus gekommen, Freiherr Erich, haben den Grafen Serbinoff unterwegs aufgefunden und mitgenommen. Beim Propſt ſind wir kaum ein halbes Stündchen geweſen, haben ihn vorausge⸗ ſchickt, das Haus auf unſere Ankunft vorzubereiten, wozu dem wür⸗ digen Freund, wie es mir ſcheint, keine Zeit geblieben iſt. Jetzt alſo laßt uns zunächſt die Kälte aus Magen und Gliedern treiben und das erſte Glas ſoll getrunken werden, daß morgen Propſt Ridderſtern ſein geiſtliches Kleid anzieht und die Verlobung proclamirt von Fräu⸗ lein Ebba Bungen und Mary Halſet mit den hochgeborenen Herren Erich Randal und Arwed Bungen. Ehe! das iſt es doch, weßwegen wir gekommen ſind, und dann fort mit uns nach Abo, wo ich, Sa⸗ muel Halſet, beſchloſſen habe, eine Doppelhochzeit zu feiern, wie es ſo bald noch nicht geſchah, auch ſo bald nicht wieder ſein wird. Du hörſt es, Ebba, wie es mit mir und meiner geliebten Mary ſteht, fiel der Baron ein. Der treffliche Papa hat meinen Bitten nach⸗ gegeben und zu euch ſind wir gekommen, um gemeinſam Verlobung und Hochzeit zu halten. Küſſe ſie, Ebba. Küſſe meine Mary und nimm ſie in deine Arme als Freundin und Schyeſter. Mary Halſet ſtand geduldig und ſchweigſam bei dem Baron und doch war etwas in ihrem Geſicht, das dieſer ſcheinbaren Ergebung widerſprach. Seit Ebba ſie nicht geſehen hatte, waren ihre Züge noch ſchärfer geworden und trugen von Nachgiebigkeit nichts an ſich. Ihre kalten Augen blickten energiſch feſt und um die blaſſen Lippen ſchwebte ein verächtlich ſtolzes Lächeln. Auf Erich Nandal ſchienen ſich dieſe Blicke feſtzubohren und ſie beſaßen einen eigenthümlichen Zauber, denn — 8 4 4 wenn n den gött⸗ Und Friede blüht, Sam r ſind Jrafen Propſt zusge⸗ wür⸗ t alſo 1 und rſtern Fräu⸗ Herren wegen Sa⸗ wie es Mary nach⸗ obung h und ) und gebung e voch Ihe hwebit dieße denn — 575— es war als verſtände der Freiherr was ſie ihm ſagten und als beant⸗ worte er ſie durch die Ruhe, mit welcher er ſeine Stirn aufhob und Mary anblickte. In Abo, ſagte Erich, werden wir keine Hochzeit feiern können, da allem Anſchein nach die Stadt in Feindeshand fallen wird. General Chepeleff hat es wahrſcheinlich ſchon beſetzt, ſagte Ser⸗ binoff, ſollte es noch nicht der Fall ſein, wird es in wenigen Tagen geſchehen. Und warum die Freunde und Brüder unſeres Freundes Serbinoff Feinde nennen! fiel Baron Arwed ein. Alle Verſtellung muß endlich auf⸗ hören, wir müſſen uns verſtändigen, einig ſein. Die grenzenloſe Thor⸗ heit des Königs hat es dahin gebracht, daß der Kaiſer durch ſeine Heere Finnland vor den Engländern ſichern mußte, jetzt iſt nichts mehr daran zu ändern. Finnland iſt ſchon halb erobert, in kurzer Zeit wird kein Schwede mehr darin ſein. Wer kann ſich noch darüber täu⸗ ſchen, wer will noch glauben, daß er etwas ändern könnte? Eine große Zahl Männer, aus den beſten Familien, unſre Vettern, die Wright's, viele andere Herren von Adel, viele Prediger, Beamte, Offi⸗ ziere, die Magiſtrate der Städte, reiche Grundbeſitzer und Großhändler haben dies eingeſehen, an den Grafen Burthövden geſchrieben und Schutzbriefe und Schutzwachen für ſich und ihre Bauern und Ange⸗ hörigen erhalten. Wer wollte ſich nicht unterwerfen, nicht vernünftig bedenken, daß gar nichts Beſſeres übrig bleibt. Auch ich bin bereit, mich der Nothwendigkeit zu fügen, antwortete Erich. Alſo reiſen wir nach Tavaſtehus, wo General Burthövden geſtern ſein Hauptquartier genommen hat! ſchrie Halſet, ſtellen uns dem Ge⸗ neral Buxthövden vor und bitten ihn zur Hochzeit. Ein prächtiger Mann, der Graf, ein wahrer Cavalier! Er ſchlägt nichts ab und es iſt möglich, daß der Admiral auch dabei iſt. Suchtelen holt ihn dazu ab. Ich will eine Wette machen, die Gurſchin tanzt wieder mit ihm die Polonaiſe! Mein lieber Randal, begann Serbinoff, indem er Erich's Hand nahm und herzlich drückte, wenn Sie aufrichtig ſein wollen, müſſen Sie mehr noch als manche Ihrer Freunde mit dem jetzigen Umſchwung der Dinge zufrieden ſein. Für Sie kommt jetzt die Zeit, in welcher — 576— Sie Ihre menſchenfreundliche Aufgabe zu löſen vermögen. Sie wollen die Lage des Volks beſſern, wollen es heranhilden, wollen es mit nütz⸗ lichen Arbeiten beſchäftigen, ſeine materiellen Verhältniſſe beſſern, um es verſtändiger und einſichtiger zu machen. Ohne bedeutende Unter⸗ ſtützung und Hilfe der Regierung iſt dies unmöglich und was haben Sie von der ſchwediſchen Regierung jemals zu erwarten 2 Sie ſelbſt haben über Ihre Kräfte hinaus ſich beſtrebt; was würde die Folge ſein, wenn Sie nicht mit denen gehen wollen, die helfen können? Rußland iſt reich, der Kaiſer ein edler Mann, er will was Sie wollen, ſein Volk glücklich machen. Zwei Millionen Rubel liegen bereit, um ſofort die Grundbeſitzer zu unterſtützen. Ich habe ſelbſt den Plan geſehen, Landbanken anzulegen, wie in Wiborg eine ſolche ſchon gegründet iſt, und ich weiß, wie ſehr Sie ſolche Hilfsanſtalten längſt herbeigewünſcht haben. Erich Randal! ſagte der Major von ſeinem Sitz am Feuer, wo er ſich bisher nicht gerührt hatte, du biſt ein finniſcher Freiherr! Aber das nicht allein, fuhr Serbinoff fort; glauben Sie mir, theurer Freund, nichts wird verabſäumt werden, das Landeswohl zu heben. Was die Proclamation, welche hier auf dem Tiſche liegt, be⸗ trifft, ſo werden alle Rechte, alle Geſetze, alle Einrichtungen, heilig ge⸗ halten werden, und grade Ihre lebhaften Wünſche nach guten Land⸗ ſtraßen, Canälen, großen gemeinnützigen Bauwerken, werden ſich im reichſten Maße erfüllen. Bei Gott! dem Kaiſer iſt es nicht darum zu thun, ſeine Einkünfte zu vermehren. Er wird euch Laſten ab⸗ nehmen, er wird mit vollen Händen geben, denn wenn er Finnland beſitzen will, denkt er allein an große politiſche Zwecke, die eure Häfen, eure Küſten ihm ſichern ſollen. Wenn ihr zum ruſſiſchen Weltreich gehört, iſt das etwa Schande und Schmach? Glück und Frieden werdet ihr darin finden, mehr Glück, mehy wahres menſchliches Heil als mein armer Freund Otho ſich von dem Phantaſiebilde ſeiner finni⸗ ſchen Republik träumte. Was aber Sie ſelbſt betrifft, mein Freund, ſo nennen Sie mir Ihre Wünſche, ich verbürge mich dafür, daß ſie erfüllt werden. Ich habe Einfluß genug, Ihnen dies zuzuſichern. Graf Buxthövden wird Sie mit Freuden empfangen und wenn ein Mann ſeinem Vaterlande wahren, weitreichenden Nutzen verſchaffen kann, ſo vermögen Sie dies jetzt zu thun. 1 9e Land⸗ h im arum ab⸗ land 8 577— Erich Randal! ſagte der Major von ſeinem Sitze mit ſtärkerer Stimme, denk' an deinen Namen! Männer in unſerer Lage, fiel Arwed mit einem ſcharfen Blick auf den Invaliden ein, der ſeinen Kopf tief niederbeugte, und ganz theil⸗ nahmlos zu ſein ſchien, müſſen ſich von aller Gefühlsſchwärmerei fern halten. Beſinne dich nicht länger, lieber Erich. Auch ich ſage dir, denke daran, daß du ein Finne biſt, daß du viel zu verlieren haſt. Bei Gott! du haſt viel zu verlieren, und kannſt ohne die größte Ver⸗ blendung nicht zweifelhaft ſein, was du thun mußt, denn Finnland iſt auf immer für Schweden verloren. Jetzt noch ein Schwede ſein wollen, für Schweden ſich opfern wollen, wäre eine Thorheit, welcher nur der fähig ſein würde, der zur rechten Zeit dich verlaſſen hat. Wenn er hier wäre! rief Ebba zürnend, er würde dir Antwort gében. Da er es nicht kann, ſo thue ich es. Du ſelbſt ein Schwede, du verleugneſt dein Vaterland! Davon nachher, antwortete der Baron, ohne ſeine Schweſter an zuſehen. Rede, Erich, was du thun willſt? Gehorchen, verſetzte der Freiherr. Ich werde dieſe Proclamation befolgen, ſo weit es in meinen Kräften ſteht. Du wirſt nach Abo kommen? Wenn ich dazu gewählt werde, ja. Es iſt keine Wahl nöthig, ſagte der Baron. Nicht bloße Depu⸗ tationen ſollen erſcheinen, man erwartet die angeſehenſten Männer, die Reichstagsmitglieder. Dann werde ich meine Pflicht erfüllen. Ich merke worauf dies hinaus will, lachte Arwed. Du willſt thun, was unumgänglich nöthig iſt, was du nicht verweigern kannſt ohne empfindſamen Schaden, aber ſo iſt nicht gemeint, mein lieber Vet⸗ ter. Manche werden gehorchen, weil ſie müſſen; die neue Regierung will jedoch ihre Freunde und Anhänger kennen lernen, die Leute, auf welche ſie zählen kann, und denen ſie dafür ihre Auszeichnungen und Wohlthaten zuwendet. Biſt du denn ein ſo getreuer Anhänger dieſer neuen Regierung, fragte Erich, und haſt du Wohlthaten von ihr empfangen? D. B. IX. Erich Nandal, v. Th. Mügge. 37 578 Baron Arwed richtete ſich ſtolz auf und ſammelte in einem augen⸗ blicklichen Schweigen ſeine ganze Kaltblütigkeit. Ich habe die wich⸗ tigſten Gründe zu Beidem ja! zu ſagen, begann er. Der König hat mich perſönlich beleidigt. Er hat mich zurückgeſetzt, entlaſſen, verfolgt, alle Dienſte vergeſſen, die mein Vater ſeinem Vater leiſtete. Ich habe keine Urſach mich nach ihm und nach Schweden zu ſehnen, keine Ur⸗ ſach mich mit Anhänglichkeit an ihn brüſten zu wollen. Ich habe keine Pflichten gegen ihn zu erfüllen, darum bin ich in die Dienſte des Kaiſers getreten, der jetzt mein allergnädigſter Herr iſt, und mich zum Civilgouverneur dieſer Provinz ernannt hat. Die beſten Männer des Landes, fuhr er fort, ſind längſt von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Finnland nur unter Rußlands Herrſchaft glücklich, reich und geachtet werden kann. Hier iſt Herr Halſet, der ſo undank⸗ bar wie ich behandelt wurde; hier iſt Propſt Ridderſtern, einer der geachtetſten Geiſtlichen, ſie werden mir beipflichten. Du, Erich, der mir ſo nahe ſteht, dem ich die Zukunft meiner Schweſter anvertrauen will, du darfſt die Wahrheit nicht verkennen. Unſere Wege dürfen ſich nicht trennen. Fordere nichts von mir, was ich nicht erfüllen kann, ſagte Erich Randal mit ruhiger, feſter Stimme. Das geſchieht auch nicht, verſetzte Arwed. Ich ſordere von dir, daß du mich nach Tavaſtehus, ſpäter nach Abo begleiteſt, dem General Buxthövden dich vorſtellſt und durch dein Beiſpiel einwirkſt, daß die väterlichen Abſichten des Kaiſers für das finniſche Volk nicht getrübt werden. Das heißt, ich ſoll mich für einen eifrigen Anhänger Rußlands erklären. Wir wiſſen, daß es hier unruhige Köpfe gibt, fuhr Arwed fort, daß die Bauern aufgewiegelt ſind, daß man ihnen Waffen gegeben hat, ſo viele aufzutreiben waren. Glücklicher Weiſe fehlt der un⸗ beſonnene Hitzkopf, der ihr Anführer ſein könnte, Jeder aber mag ſich in Acht nehmen, gerechte Rache auf ſich zu ziehen. 8 Wenn es eine gerechte Rache gibt, ſo muß ſie dich treffen, ant⸗ wortete Ebba. Graf Serbinoff hat wie ein Nuſſe geſprochen, dazu — 579— en⸗ hat er ein Recht; du aber, der du ein Schwede biſt, du ſprichſt wie ich⸗ ein Verräther! hat Thörichtes Mädchen! rief Arwed zürnend; doch gleichviel, fügte gt er kalt hinzu, auf Weiberurtheile muß ich gefaßt ſein. abe Du wirſt auf andere Urtheile gefaßt ſein müſſen, verſetzte ſie. Ur⸗ Jetzt erſt erkenne ich alle Fäden deiner Schande. Ja, Schande! Schande! abe die dich verfolgen wird. Sage ihm, Erich, daß du ihn verachteſt, wie iſte ich es thue. und Ich hoffe er wird vernünftiger ſein, wie du, ſagte Arwed kaltblü⸗ ſten tig lächelnd. Ich verzeihe dir deine romantiſchen Grillen. Erich aber ung iſt zu einſichtig, um die Lage ſeiner eigenen Angelegenheiten nicht zu lch, bedenken. nk⸗ Und dabei habe ich auch ein Wort mitzuſprechen, ihr Herrn, fiel der Sam Halſet ein, der bisher neben dem Propſt am Ofen ſtehend, ge⸗ der müthlich die Entwicklung angehört hatte. Wie ſieht es mit meinem uen Gelde aus, Freiherr Randal? Das iſt auch eine Frage, die hierher ffn gehört. Zu Neujahr ſollte die ganze Summe zahlbar ſein, ich ließ es — anſtehen und es meldete ſich Niemand, der mir mein Geld ins Haus rich gebracht hätte. Damals gab es einen Helfer in der Noth, der vor dden Riß trat, ich denke aber, die Zeiten ſind vorbei, eh! dir, Dieſe Zeiten ſind nicht vorbei, Herr Halſet, ſagte Serbinoff. Ich eral bin bereit, jede Bürgſchaft zu übernehmen, wenn Herr Randal dies de wünſcht. Doch dies iſt kaum nöthig. Die Hilfskaſſe zur Unterſtützung übt der großen Grundbeſitzer, welche der Kaiſer zu errichten befohlen hat, wird augenblicklich jede Summe zahlen, welche Sie von ihr fordern. Laß dich nicht verlocken, Erich Randal! rief der Major aufſtehend. Nicht um alles irdiſche Wohl und Weh darf ein Mann von ſeiner CEhre laſſen. Ich werde meine Ehre niemals in Gefahr bringen, antwortete der Frei⸗ 3 herr. In ſolcher Kriegsnoth iſt es unmöglich Geld zu beſchaffen, ich wenig⸗ ſtens bin außer Stand dazu; allein es iſt unverloren, und wenn es ſein muß, mag mein Eigenthum Ihnen zufallen, Herr Halſet. Um den Preis, dem eindringenden Feinde mich beizugeſellen und ihn zu unter⸗ ant⸗ ſtützen, kann ich keine Hilfe annehmen. dheh 37* 580— Der Kaiſer von Rußland iſt Finnlands Herr und Herrſcher, fiel Arwed ein. Die Ruſſen ſind leine Feinde, ſie ſind die Freunde und Brüder der Finnen. 4 So mögen es diejenigen nennen, die in Rußlands Sold und Dienſten ſind und gemeinſame Sache, offen oder heimlich, mit ihnen machen. Ich richte nicht über dich, Arwed, doch folgen kann ich dir nicht. In das Unvermeidliche ſchicke ich mich, Freund und Genoſſe derer zu ſein, die mein Vaterland angreifen, um es zu erobern, iſt mir unmöglich. Es wird dir Alles nichts helfen, du wirſt dich darin finden müſſen, ein ruſſiſcher Unterthan zu werden. Wenn ich es werden muß, werde ich es ohne Vorwurf ſein. Vorwürfe! rief der Baron, fürchteſt du dieſe etwa?— Er blickte höhniſch lächelnd ſeine Schweſter an.— Wer ſollte dir Vorwürfe ma chen, die wir nicht beſchwichtigen könnten? Mein Gewiſſen! Meine Ehre! So? Oh! das ſind freilich zarte Dinge. Doch ich, der ich eine andere Wahl getroffen, wir Alle, deine Verwandten, die Wright's, Herr Halſet, der Propſt, manche tapfere Offiziere, edle Männer von klarem Verſtande und ruhigem Nachdenken— wir beſitzen ſomit keine Ehre, kein Gewiſſen! Wenigſtens müſſen dieſe ſehr verſchieden von den Vorſtellungen ſein, welche ich darüber habe. So? verſchieden! das iſt nicht zu leugnen, ſie ſind nicht die Er⸗ gebniſſe verwirrter Hirngeſpinſte, philanthropiſcher Phantaſien und repu⸗ blikaniſchen Unſinns, wie dieſe hier ſeit langer Zeit getrieben wurden. Ich habe geglaubt, du ſei'ſt geſcheidter geworden, die Augen ſeien dir end⸗ lich aufgegangen, und deine zerrütteten Vermögensverhältniſſe, verbun⸗ den mit den jetzigen Gefahren, hätten dich zum Manne gereift, der zu handeln verſteht, wie es einem Manne geziemt. Du irrſt, erwiederte Erich mit ſanfter Feſtigkeit. Meine Grund⸗ ſätze ſind ſo unverkäuflich, wie ich ſelbſt. Unverkäuflich! murmelte Arwed; gut, ich ſehe, daß diejenigen Recht haben, die mir vorherſagten, es ſei verlorene Mühe dich zu retten, aber ich will dann auch nichts weiter mit einem Verblendeten zu ſchaffen fiel und und nen dir toſſe iſt ſen, lichte ma eine Herr arem. ihre, gen haben, der in den Abgrund ſtürzen muß, welcher vor ihm liegt. In deine Verbindung mit meiner Schweſter habe ich gewilligt, weil ich mich in deine Einſicht täuſchte, doch hier iſt der Scheideweg für uns. Entweder, du gehſt nach Tavaſtehus, ſtellſt dich zur Dispoſition des Grafen Buxthövden und wendeſt deine Dienſte für deinen Kaiſer und für dein Vaterland an, oder aber— Er ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann lächelnd: Dahin wirſt du es nicht kommen laſſen, ich will das fatale Wort nicht ausſprechen. Sei vernünftig, Erich. Kei nem Menſchen kann das Glück günſtiger ſein. Ehren, Auszeichnun⸗ gen, Geld, Rang, eine liebende Braut, die heiterſte, freudigſte Zukunft erwarten dich. Und dies Alles wird er ausſchlagen, fiel Ebba ein. Rede, Erich Randal, ſage ihnen, daß es keinen Preis gibt, der dich zum Ver⸗ räther macht. Ich danke dir, theure Ebba, erwiederte der Freiherr. Dringe nicht weiter in mich, Arwed; warum willſt du es auch thun? Laß mich in meiner Zurückgezogenheit unangefochten, die mich wie viele Andere ſchützen wird. Ich bin ein unbedeutender Mann! Das biſt du nicht, erwiederte der Baron. Du haſt Anhang umher, das Volk ſieht auf dich, ſelbſt für den Adel iſt dein Beiſpiel von Fol⸗ gen. Die Unruheſtifter glauben an dir einen Stützpunkt zu finden, und in dieſen Schlupfwinkeln von Gebirgen und Seen möchten ſich leicht gefährliche Rotten einniſten. Darum mußt du offen dich für den Kaiſer erklären und ſeine Fahne auf den Hompusthurm ſtecken, damit das ganze Land weiß, der Freiherr Randal hat ſeines Kaiſers Sache ergriffen, bei ihm iſt kein Schutz zu finden. So wenig ich an Empörung denke, die eine Thorheit wäre, ſo we⸗ nig kann ich gegen meine Ueberzeugung handeln, ſagte Erich mit großer Beſtimmtheit. Nicht! rief Arwed; nun denn, ſo gehe deinen Weg und trage die Folgen. Von einer Verbindung mit meiner Schweſter kann nicht mehr die Rede ſein; alle und jede darüber beſtehende Verabedung erkläre ich hiermit für aufgehoben. Du magſt es thun, ich nicht! ſagte Ebba. — 592 Ich thue es im Namen meiner Familie, deren Haupt ich bin, er⸗ wiederte Arwed; zugleich aber auch, als Gouverneur des Kaiſers, ver⸗ hafte ich dich, Freiherr Erich Randal, im Namen Sr. Majeſtät! Du verhafteſt mich? fragte Erich erſtaunt, doch ohne zu erſchrecken. Um welches Vergehen? Du haſt dich ſelbſt einen Feind der Feinde deines Vaterlandes ge⸗ nannt, und bei den gegenwärtigen Kriegsereigniſſen darf man keinen Mann ſolcher Sinnesart in dieſer gefährlichen Landesgegend unter einer aufrühreriſchen Bevölkerung laſſen, die ihm ſo ergeben iſt. Schon ſind einige ähnlich denkende Edelleute und Grundbeſitzer nach Wiborg ge⸗ ſchafft worden, um dort aufbewahrt zu werden. General Buxthövden mag beſtimmen, was mit dir geſchehen ſoll. Iſt das wahr, Graf Serbinoff? fragte Erich. Zweifeln Sie nicht daran, erwiederte dieſer. Es iſt nothwendig zu unſerer Sicherheit. Laſſen Sie es nicht zu dieſem Aeußerſten kommen. Aber Sie hören, wie weit ich davon entfernt bin, mich gegen jede nothwendige Unterwerfung aufzulehnen. Ihre Unterwerfung, Freiherr Randal, iſt allerdings jetzt eine Noth⸗ wendigkeit, und Sie heben dieſen Umſtand hervor, lächelte Serbinoff doch das Kriegsglück iſt wandelbar. Möglich, daß die Schweden noch einmal vordringen, bis an den Pajäne gelangen, bis nach Halljala, dann fällt die Nothwendigkeit Ihrer Unterwerfung fort. In meinem Hauſe wollen Sie mich verhaften? Ich muß Ihnen erklären, erwiederte Serbinoff, daß Baron Arwed außer dem Rechte auch die Macht dazu hat. Wir ſind nicht allein gekommen. Einige Schwadronen reitender Grenadiere, Jäger und Garde⸗ koſaken begleiten uns. Eine Abtheilung Grenadiere hat Ihr Haus um⸗ zingelt und hält alle Ausgänge beſetzt, eine andere Abtheilung iſt ſo eben dabei, die Leute vom Regiment Björneborg aufzuheben, welche, wie wir wiſſen, im Kirchſpiele zerſtreut liegen; zugleich werden die Bauern entwaffnet werden. Es ſoll ihnen nichts geſchehen, verlaſſen Sie ſich darauf, die ſtrengſte Mannszucht wird auch hierbei befolgt werden. Nur einem dieſer kriegeriſchen jungen Helden will ich Gele⸗ genheit verſchaffen ſich auszuzeichnen. Und dann gibt es hier noch er⸗ ver / icken. ge⸗ einen einer ſind gk⸗ vden endig rſten jede doth noffz noch jala, rwed llein erde um⸗ ſt ſo elche, die aſſen folgt gele⸗ noch — — — 583— einen Anderen, einen ſehr verwegenen alten Burſchen, der, wie ich ge⸗ hört habe, die Gegend umher ſeit langer Zeit aufgewiegelt und fried⸗ liche Leute in Schrecken geſetzt hat. Und da iſt er ſchon! rief er ſich unterbrechend, denn plötzlich klang Lars Normark's Pfeife, anſcheinend dicht vor der großen Thür⸗, die aus der Halle nach dem Garten hinaus führte. Jetzt war dieſer Aus⸗ gang wohl verwahrt, um die Winterkälte abzuhalten, als aber dei Pfeife ſo friſch ſich hören ließ, öffnete Sam Halſet die ſchwere Doppel⸗ pforte. Iſt der finniſche Ruſſenmarſch von 1718, lachte Halſet. Kenn’' das Ding, iſt ein Lieblingsſtückchen des alten Schelms. Er hat eine vortreffliche Naſe; weiß was ihm gut thut. Komm' herein, Lars, müſſen mehr von dir hören. Der Propſt zog die Thürflügel zurück, der Schulmeiſter ſtand auf den breiten Stufen der Vortreppe und blies ſeinen Marſch, ohne ſich ſtören zu laſſen. Die dunkle, ſchwerfällige Geſtalt wurde vom leuch⸗ tenden Mondſchein umglänzt, der mit wunderbarer Klarheit in die Halle drang. Ein wolkenloſer, lichterfüllter Himmel, durchſtickt mit zahlloſen Sternen, hing über dem unermeßlichen Raum, der bis an die Luganoberge und an die Felſen von Korpilax ſich erkennen ließ. Mit ihren Spitzen und Zacken glänzten dieſe zauberiſch aus dem Dunkel der Thäler hervor und in die Nacht der rieſenhaften Tannen im Garten ſchien das blendende Licht niederträufelnd gegen Schatten⸗ geſtalten zu kämpfen. Von zahlloſen Schneekryſtallen funkelte es mit Demantglanz und warf einen ſtrahlenden Schild über die weiten Eis⸗ felder des Sees. Eine Minute lang unterbrach Niemand den greiſen Pfeifer. Der Anblick dieſes Nachtſtücks war überwältigend groß, ſeine tiefe Ruhe von keinem Windhauch, keiner Bewegung unterbrochen; nichts umher als der geiſterbleiche Frieden dieſer lebloſen Natur, der kalte tödtende Luftſtrom, den ſie in die Halle ſchickte und die unbewegliche Geſtalt des Greiſes auf der Schwelle. Komm herein! ſagte Serbinoff. Was thuſt du hier? Was ſoll dein Gepfeife bedeuten? — 581 Es iſt ein Todtenmarſch, Herr, erwiederte der Alte, er hat Man⸗ chen ſchon zum Tode aufgeſpielt. Und noch einmal die Verſe anſtim⸗ mend marſchirte er vorwärts in die Halle hinein. Sobald er jedoch einige Schritte gethan hatte, ſtand er ſtill und blickte zurück. Halt da! rief der Graf, zum Umkehren iſt es zu ſpät. Sieh dich vor; du ſiehſt, der Weg iſt dir verſperrt. So war es allerdings, denn Gewehre klirrten und eine Anzahl Soldaten hatte ſich plötzlich auf der Treppe aufgeſtellt. Ein Offizier war an ihrer Spitze. Sie kommen zur rechten Zeit, ſagte Serbinoff. Iſt Alles geſchehen? Der Offizier beſtätigte es. Das Haus iſt beſetzt, ſagte er, Be⸗ waffnete haben wir nirgend gefunden. Nicht?— Wo ſind deine Kameraden, Lars Normark? Wo ſind ſie, Hans? fragte der Schulmeiſter an ſeinen Pelz klo⸗ pfend. Ich meine, ſie ſind klüger wie wir; eh, meinſt du nicht? Hab' ich es dir nicht geſagt, Freiherr Randal, es wird eine kalte Nacht werden; aber das echte ſchwediſche Blut hält's aus. Meinſt du nicht, Hans, meinſt du nicht? Höre auf mit deinen Narrheiten, und antworte, oder ſieh dich vor, ſagte Serbinoff. Es iſt ein Schelm! ſchrie Halſet. Als wir kamen ſaß er dort am Ofen, gleich darauf war er verſchwunden. Thue deinen Mund auf, alter Freund. Wo haſt du deinen geliebten Jem Olikainen fuelaſſen⸗ Haſt ihn in Sicherheit gebracht? Kannſt es ihnen ſagen, Hans? erwiederte der Alte. Weißt es nicht, biſt vom echten ſchwediſchen Blut. Ihr müßt die fragen, Herr, die vom finniſchen Stamme ſind, wie Jem; denn es iſt ein verſchmitztes laſterhaftes Volk, Sam Halſet weiß es am beſten, und hier ſteht der Propſt, der Vieles ſchon von ihm zu leiden hatte. Er verleugnet ſeine Frechheit auch jetzt nicht! ſagte Herr Ridder⸗ ſtern. Ich bin überzeugt, er hat den Böſewicht Jem gewarnt. Ich will dir dein Handwerk legen! rief Serbinoff. Es iſt eine üble Sache, Hans, ſagte Lars bedenklich den Kopf ſchüttelnd, aber alt genug ſind wir beide und Ruhe wird uns gut thun. Nan⸗ tim⸗ und dich ppf — 585— Hinaus mit ihm! fuhr Serbinoff fort. Sperrt ihn irgendwo ein, dem Hahn dreht den Hals um. Wird dein Spießgeſelle Jem nicht gefunden, ſo wollen wir mit dir Gericht halten. Mit welchem Rechte halten Sie dieſen alten Mann feſt? fragte Erich Randal. Darüber habe ich Ihnen keine Rechenſchaft zu geben, erwiederte Serbinoff. Iſt das der Schutz und die Sicherheit, die man uns verſpro⸗ chen hat? Unruheſtifter und Aufrührer können dergleichen nicht verlangen. Es wird auch gegen ſolche Willkür und Gewalt Recht zu finden ſein, verſetzte Erich ruhig. Meinen Sie meine Willkür? fragte der Graf ſtolz. Wir alle haben Ihnen Freundſchaft geboten, Sie ſtoßen dieſe von ſich. Dieſe Freundſchaft war von je an berechnet, wie ich ſehe, aber es wäre vergeblich jetzt darüber zu klagen. Sehr wahr und ſehr weiſe, ſagte Serbinoff lächelnd. Sie ſind jetzt nicht in der Lage, Rechenſchaft von mir zu fordern, ſpäter bin ich jederzeit bereit dazu. Und Sie ſollen mir dieſe geben, erwiederte Erich Randal. Und mir, Herr, und mir! rief Major Munk. Wohin haben Sie das unglückliche Mädchen geſchleppt, was iſt aus Louiſa geworden? Ihr prahlt mit Ehre, wo iſt eure Ehre? Schande über Sie! Schande über euch Alle. Serbinoff hatte mit einer raſchen Bewegung an den Griff ſeines Säbels gefaßt, doch eben ſo ſchnell ließ er ihn wieder los. Es iſt nicht der Mühe werth, darauf eine Antwort zu geben, antwortete er im verächtlichen Tone. Ein ſchwachſinniger Greis kann mich ſo wenig wie meine Freunde beleidigen. Doch hüten Sie ſich, Herr Munk, das iſt ein guter Rath, den ich Ihnen dafür gebe. Sitzen Sie ruhig in Ihrer Hütte zu Lomnäs und wagen Sie es nie, ſich in meine Ange⸗ legenheiten zu miſchen. Ich habe wohl Anderes gewagt! verſetzte der Invalide und ſage es Ihnen noch einmal: Rechenſchaft ſollen Sie geben über jedes Haar auf Louiſa's Kopf mir und meinem Sohne, den Sie verleumdet haben. — 586— Ein jäher Blick voll Hohn und Haß antwortete ihm; äußerlich kalt wandte Serbinoff ſich dann zu den Soldaten an der Thür. Nehmt dieſen alten Bettler und ſperrt ihn ein! rief er ihnen zu. Du, mein Freund Arwed, wirſt mit den Damen wohl für dieſe Nacht die Gaſtfreund⸗ ſchaft des Herrn Ridderſtern beanſpruchen, der Freiherr Randal bleibt hier, bis ich ihn morgen nach Tavaſtehus begleiten laſſe. Ich werde nicht von Erich weichen! ſagte Ebba, indem ſie von Mary Halſet ſich entfernte und zu ihrem Vetter eilte. Du haſt kein Recht über mich. Dulde es nicht, Erich, aber ach! es iſt zu ſpät! Habe ich es nicht geſagt, Freiherr Erich, ſchrie der Schulmeiſter von der Thür zurück. Warte nicht, bis es zu ſpät iſt! Sein Vater war auch ſo, Hans, aber das echte ſchwediſche Blut leidet keine Schande! Der Schulmeiſter wurde an den Armen gepackt und hinausgeſtoßen. Arwed aber trat vor ſeine Schweſter und ſagte im drohenden Tone: Du wirſt nicht wollen, daß ich Gewalt brauche, wie ich dies thun müßte, wenn du mich dazu zwängeſt. Du wirſt in Mary's Geſell⸗ ſchaft und der meinigen nach Abo reiſen, weiter verlange ich nichts von dir. Bei dem Freiherrn Randal kannſt du nicht bleiben, er iſt ein Gefangener. Du wirſt einſehen, daß ich dich nicht hier laſſen kann. Erich ſelbſt wird mir beipflichten müſſen. Verlange nicht, daß ich deine unrühmlichen Handlungen vertheidigen ſoll, erwiederte Erich. Geh, theure Ebba, ſie würden dich mißhandeln, doch vertraue mir, ich werde immer deiner werth ſein. Das heißt immer ein Phantaſt bleiben! Das heißt niemals zu dir herabſteigen! Und niemals aus den Schulden kommen, ein Bettler werden, fiel⸗ Halſet grinſend ein. Beſſer ein Bettler als ein Wucherer und Betrüger! Haha! ſchrie Halſet ſeine Hände reibend, dank Ihnen, Freiherr Nandal! Iſt ein Ehrentitel aus ſolchem Munde; aber ich bin ein chriſtlicher Mann, wünſche Ihnen dafür langes Leben und gute Ge⸗ ſundheit, um anzuſehen, wie es dem Wucherer geht und ſeinem Kinde, dem Halljala gehören wird. fiel. — 587— Elender! rief Erich und eine glühende Röthe flog über ſein Geſicht. Fort und verlaßt mich! fuhr er mit gewaltſamer Ruhe fort. Beſäße ich die Mittel dieſer ſchändlichen Gewaltthaten mich zu widerſetzen, ich würde ſie nicht dulden. Ich unterwerfe mich, weil ich muß, Graf Serbinoff aber ich proteſtire gegen Ihr Verfahren! Ich glaube nicht, verſetzte Serbinoff die Achſeln zuckend, daß ſich dadurch das Geringſte verändert. Als er dies ſagte fielen im Garten dicht hinter einander mehrere Flintenſchüſſe. Was iſt das?! ſchrie der Oberſt auf. Auch ein Proteſt, aber von beſſerer Wirkung, antwortete Munk. Führt die Damen in das Pfarrhaus und erwartet mich dort! rief Serbinoff. Die Grenadiere drangen fliehend wieder in die Halle. Lars Normark war nicht mehr in ihrer Gewalt. Baron Arwed zog ſeine Schweſter halb gewaltſam fort, der Propſt faltete ängſtlich ſeine Hände, als abermals eine Musketenſalve dröhnte, die vom Hofe herzukommen ſchien. Unter den Tannen im Garten begann es ſich zu regen, hinter den Lerchenbäumen hervor fuhren ein paar lichte Blitze; eine Kugel flog an Serbinoff's Kopf hin und durchbohrte Hompus Randal's düſtres Bild an der Wand, von der es mit dem ſchweren Rahmen herunter ſtürzte. Wir ſind verloren! murmelte Arwed erblaſſend. Hier können wir nicht hinaus, ſagte Serbinoff gelaſſen; werft die Thüren zuz löſcht die Lichter aus. Vorwärts, Grenadiere! Ich glaube, dieſe Bande iſt ſchon ins Schloß gedrungen. Gibt es keinen anderen Weg, der uns hinaus bringt? Mir nach! rief Sam Halſet. Ich kenne das alte Gebäude. Durch die Galerie in den Seitenflügel und von dort in den Graben hinunter müſſen wir. Er eilte mit dem einzigen Lichte, das noch brannte, voran. Das wilde Geſchrei vieler Stimmen ſchien jetzt von allen Seiten zu kommen. Flintenſchüſſe kreuzten ſich, bald einzeln abgefeuert, bald in größerer Zahl. Wir ſind überfallen! ſagte Serbinoff. Wo iſt der Freiherr Randal? Er erhielt keine Antwort, aber er ſah wie die Soldaten den Major ergriffen und trotz ſeines Widerſtandes ihn fortſchleppten. Der Offi⸗ — z588— zier, welcher die Soldaten geführt hatte, war der letzte. Bei dem Feuerſcheine erblickte er den Freiherrn am Kamin ſtehen, ergriff ihn am Arm und zog ihn fort. Mit einer heftigen Bewegung befreite ſich Erich von ihm. Sie müſſen folgen, vorwärts! rief der Ruſſe, indem er ſeinen Degen zückte. Im nächſten Augenblick war dieſer in Erich's Gewalt, im folgen⸗ den ſtürzte der Offizier mit durchbohrter Schulter und einem Schrei zu Boden. Blut! ſagte Erich Randal, ſeine Augen auf ihn richtend, doch ge⸗ recht vergoſſen, in gerechter Sache. Im Gange draußen krachten Schüſſe, Weibergeſchrei miſchte ſich mit dem Klirren der Waffen, mit Flüchen und Geſtöhn, doch zwiſchen dem verworrenen Getobe ließen ſich die ſtarken, ſchrillenden Laute einer Pickelpfeife hören. Noch ſtand Erich auf den Degen des verwundeten Ruſſen geſtützt, als die Halle ſich mit Männern füllte, welche ſowohl von der Gartenſeite wie durch die Thüren eindrangen, welche in das Innere des Schloſſes führten. Allen voran fiel Korporal Spuf, der in der einen Hand einen brennenden Holzſcheit hielt, in der anderen ſeine be⸗ rühmte Waffe mit dem langen Bajonnet, das eine dunkelrothe Farbe angenommen hatte. Der lange Feldwebel erſchien von einer anderen Seite und Jem Olikainen ſprang mit ſeiner noch dampfenden Büchſe herein, ihm nach Bauern und Soldaten, ſchwarz von Pulverrauch und mit Blut beſpritzt, das zum Theil aus ihren eigenen Wunden floß. Der Schulmeiſter allein hielt nichts in der Hand, als ſeine Pfeife und ſeinen dicken eiſenbeſchlagenen Stock. Auf, Freiherr Randal! rief Lars als er ſeinen Herrn erblickte. Hebe deinen Kopf auf, noch biſt du kein Ruſſe geworden. Noch haben ſie dich nicht fortgeſchleppt und hier ſind tapfere Hände genug, die dir helfen wollen Gut und Blut vertheidigen. Die Fackeln warfen ihr rothes Licht in Erich's Geſicht und um⸗ wirbelten ihn mit Qualm und Dampf.— Millionen Schock Tonnen! ſchrie Korporal Spuf, indem er über den ruſſiſchen Offizier ſtolperte, hat der Freiherr uns ſchon geholfen, aber ſchlechte Arbeit gemacht. Kein Ruſſe iſt mehr im Schloſſe, wenigſtens kein lebendiger, und ſen — 5so ewig will ich braten, wenn einer wieder hereinkommt, ſo lange ich darin bin Es iſt ſchade, daß Herr Otho nicht ſehen kann, Korporal Spuf, wie dein Bajonnet ſich putzt, ſagte der Feldwebel, der auch jetzt ſeinen Spaß nicht laſſen konnte. Losgemacht haben wir Sie, Freiherr Randal, aber zu Ende ſind wir noch nicht, und es wird nicht lange dauern, ſo haben wir, was an Feinden vorhanden iſt, auf dem Hals. Mein Rath wäre daher, wir trollten uns raſch davon über den See fort in die Korpilaxberge und ließen ihnen das leere Neſt. Nein, antwortete Erich, beſonnen umherblickend, ehe wir die Berge erreichten, würden wir verloren ſein, da der ganze Troß aus Reitern beſteht. Wir müſſen dieſe Räuber angreifen und ſchlagen, oder uns vertheidigen bis der Mond untergeht, wenn wir ihnen entkommen wollen. Rette ſich wer da will, ich will mein Haus nicht eher verlaſſen, bis es über meinem Kopfe wankt und bricht. Dieſe Worte, mit eigenthümlicher Ruhe und Kraft geſprochen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Korporal Spuf ſchrie mit aller Kraft ſeiner Lungen, daß der Freiherr Recht habe. Ehe der Mond nicht von dieſem elenden hellen Himmel verſchwunden iſt, können wir nicht fort, ſchrie er. Wenn wir nur noch einhundert von unſeren langen Bajon⸗ netten hier hätten, ſollten die Satanskinder aus Halljala hinaus, ſo wahr ich Spuf heiße und dies hier der klügſte Feldwebel in Björneborg's Regiment iſt. Wenn wir Pulver und Kugeln aus deinen Flüchen machen könnten, tapferer Korporal Spuf, antwortete der Feldwebel, ſo ginge es viel⸗ leicht, daß wir in dem alten Schloſſe aushielten. Dennoch aber iſt's richtig, daß es ein Segen wäre, wenn deine breite Hand den Mond zudecken könnte, und Alles in Alles gerechnet kann's nicht ſchaden, wenn der Freiherr Randal ſein Haus wie ein Mann vertheidigt. Ja, Herr! rief Jem Olikainen, befiehl was du willſt, wir wollen bei dir aushalten. Hörner und Trompeten und das Wirbeln einer Trommel unter⸗ brachen den Kriegsrath. Sie kommen! ſagte Erich, aber ſie ſollen uns bereit finden. Nehmt was ich an Waffen habe. Für unſere — 590— Freiheit, für unſer Leben wollen wir ſtreiten gegen unmenſchliche Feinde und Verräther. Mit Kaltblütigkeit und Ueberlegung theilte Erich, als er das Amt des Anführers der kleinen Schaar übernommen hatte, dieſe in ver⸗ ſchiedene Abtheilungen, welche er dem Feldwebel, dem Korporal und Jem Olikainen übertrug. Aus der Bibliothek wurden die Gewehre geholt. Piſtolen, Hirſchfänger und Jagdſpieße, ſo viele ſich dort noch befanden, unter Bauern und Hausgeſinde vertheilt. Ein kleiner Pul⸗ vervorrath erregte die beſondere Freude des Feldwebels. Wenig mehr als hundert Männer ſtanden endlich in den Gemächern und hinter den Fenſtern des Hauſes vertheilt und erwarteten den Feind. Die Thüren waren feſt und ſchwer, die Fenſter zum Theil mit Eiſen⸗ ſtangen verſehen, es ließ ſich daher ein hartnäckiger Widerſtand leiſten, allein es blieb keine Zeit die Vorkehrungen dazu zu vermehren; denn kaum hatten die Schützen ihre Plätze eingenommen, als der Angriff ſchon erfolgte. Unter dem Klange ihrer Hörner und mit furchtbarem Kriegegeſchrei drangen die Ruſſen in den mondhellen Hof, und er⸗ wiederten das Feuer aus den Fenſtern des Hauſes von dem Hompus⸗ thurme, den ſie bald in Beſitz genommen hatten, und aus den Ge⸗ bäuden und Ställen, welche den Raum umſchloſſen. Bald konnte die eingeſchloſſene kleine Schaar bemerken, daß ſie es mit einem weit ſtärkeren Feinde zu thun hatte. Die Koſaken, Jäger und Grenadiere der Garden beſtanden aus ausgeſuchten Soldaten, die in allen Kriegen Ruhm erworben hatten. Ohne darauf zu achten, daß der Schnee ſich an mancher Stelle roth färbte, und mehr als einer in ihren Reihen lautlos niederſtürzte, ſprangen ſie in dichten Haufen die Vortreppe hinauf, wo ihre Aexte und Kolben die Thüre zu zerſplittern ſuchten. Dieſe Gefahr verdoppelte jetzt den Widerſtand der Vertheidiger. Ihre Kugeln flogen aus allen vorſpringenden Fenſtern in den dichten Hau⸗ fen der⸗Angreifer, doch plötzlich geſchah etwas, das dieſen in eine un⸗ erwartete Flucht trieb. Frau Ulla hatte in der Küche einen mächtigen Keſſel heißer Mehlſuppe bereitet; da begab es ſich, daß der dürre Feldwebel denſelben an dem einen Henkel faßte, den anderen aber hielt der Schulmeiſter und Beide ſtiegen die wurmſtichige unterſte Treppe hinauf, wobei der Feldwebel freundlich dem Korporal zunickte. Im — 591 nächſten Augenblicke erſcholl ein entſetzliches Gebrüll vom Hofe her, ein Jammergeheul der Verbrannten und Fliehenden, denen ein wildes Siegesgeſchrei derer folgte, die darüber frohlockten. Einige Minuten laug ſchien es, als habe der Feind die Luſt verloren, einen neuen Angriff zu wagen. Der ganze Hof war leer, nur aus dem alten Thurm knallten vereinzelte Schüſſe, jetzt jedoch fiel ein rother Schein in das blaue Mondlicht. Durch die Fenſter der Ställe und Speicher leuchtete es auf, an zwanzig Orten zugleich zeigte ſich dies rothe Licht, und nach wenigen Minuten huſchte es von Ort zu Ort, zerſprengte die Scheiben und wirbelte dunkele, finſtere Dampfſäulen auf, die der Luftzug gegen das Haus trieb. Korporal Spuf that einen fürchterlichen Fluch, als er den Kolben ſeines Gewehrs fallen ließ und ſeine Hände über deſſen ſchwarzen Lauf beugte. Feldwebel! brummte er, du biſt der geſcheidteſte Feld webel in der Armee und haſt nicht daran gedacht, daß die Mord⸗ brenner uns wie Mäuſe braten. Laßt doch wenigſtens das arme Vieh aus den Ställen! ſchrie der alte Olaf, ſeine Hände ringend. O, Herr! Herr! ſie verbrennen was Leben hat, und da geht der große Speicher ſchon in Flammen auf. Wir ſind verloren, Herr! Wir ſind Alle verloren! Erich Randal blickte in das Feuermeer, das bald aus allen Fenſtern aufſchlug und an den großen Holzgebäuden aufkletterte, die mit Heu, Stroh und Getreide gefüllt waren. Er ſah, daß keine Rettung möglich war. Das brüllende Vieh in ſeiner Todesnoth, die praſſelnden Flammen, welche Feuergarben über ſein Haus warfen, das Geſchrei der Weiber, die weinend und betend auf den Knieen lagen, Angſt und Schrecken in vielen Geſichtern, auf anderen Wuth und wilde Entſchloſſenheit; endlich von Außen ein Feind, der jetzt durch Flammen und Rauch ſeine Kugeln hereinſchickte, und dieſer dunkele erſtickende Rauch ſelbſt, der durch alle zerſchmetterten Fenſter in das Gebäude drang, dies waren die Beſtandtheile des entſetzlichen Bildes, das ſich dem Freiherrn darbot. Rettet euch, ſagte er zu ſeinen Dienern, in wenigen Minuten wird es unmöglich ſein, hier länger auszudauern. Das Feuer wird Halljalahaus ſelbſt ergreifen. Viele brennbare Stoffe liegen in den 592 oberen Räumen aufgehäuft. Flieht nach dem Garten hinaus, noch wird es möglich ſein. Feldwebel, ſchrie Korporal Spuf, jetzt denke an deine langen Beine. Ich ſehe nichts mehr, ich höre nichts mehr. Alles in der Welt kann meine Leber ertragen, zehn Ruſſen ziehe ich durch meine Naſenlöcher ein, doch dieſer fettige Qualm iſt nicht zu genießen. Und darum, tapferer Korporal Spuf, antwortete der Feldwebel, ſcheint es mir am beſten, wir ziehen einen kühlen Spaziergang im Mondſchein dieſer angenehmen Wärme vor. Es geht nicht länger, Freiherr Randal. Angreifen können uns die Ruſſen von dieſer Seite zwar nicht mehr, aber ſie werden warten bis Rauch und Flamme uns heraustreiben und inzwiſchen uns jede Ausſicht auf Flucht abſchneiden. Ich kann's auch länger nicht hier aushalten, ſeufzte Jem Oli⸗ kainen. Das Gebrüll und Geſtöhne des armen Viehes iſt ſchlimmer wie das Gebrüll der ruſſiſchen Teufel, die uns gerade ebenſo um⸗ kommen laſſen. Vor dem Verbrennen fürchte ich mich nicht, meinte der Feldwebel, indem er ſeinen Karabiner lud, aber ich fürchte Korporal Spuf hält es nicht aus. Darum fort mit uns, es iſt die höchſte Zeit. Noch iſt's möglich, daß wir uns durchſchlagen mit dem letzten Pulver und dem letzten Blei in unſeren Taſchen. Stimm' den Ruſſenmarſch an, Schulmeiſter! ſchrie der Korporal. Braucht's Bajonnet, ihr Leute, vorwärts marſch! Die Halle, in welche ſich alle Vertheidiger zurückgezogen hatten und ſammelten, klang von dem Lärm der Querpfeife, doch Lars Nor⸗ mark blies ganz leiſe. Möchte den Nuſſen nicht den Weg zeigen, ſagte er, und jetzt hört, was der alte Lars räth, der bei Willmanns⸗ ſtrand gefochten hat. Haltet zuſammen und folgt mir und dem Hans nach. Am See hin zieht der Waldſtreif bis in die Berge hinauf, dahin können ſie mit ihren Pferden nicht hinterher. Im Wald aber weiß der Finne beſſer fortzukommen, als der Ruſſe, der nicht laufen kann. Keiner nimmt auf den Feldwebel! ſchrie Spuf; doch was hilft's, wir müſſen's verſuchen. Wo iſt Erich Randal, unſer Herr? fragte Jem. — noch ngen mder neine hebel, im nger, Seite uns eiden, Oli⸗ mmer um⸗ ebel, hält Noch und voral. gatten Nor⸗ igen, unns⸗ Hans mauf, Wald ulct züfl, — 593— Hier bin ich, erwiederte Erich, der in die Halle trat, Feuer und Ruſſen ſind in meinem Hauſe. Zu beiden Seiten dringen ſie ein, und dort ſeht ihr ſie vor uns. Wir müſſen uns den Weg frei machen! Mit dem Degen in der Hand ſprang er die Stufen hinab, Alle, die um ihn waren, folgten ihm nach. Der Mond hatte ſich hinter die Berge geſenkt, aber noch beleuchtete er das hohe alte Haus, über deſſen Firſten ſich eine mächtige Flammenſäule wälzte. Der Hompusthurm ſah wie ein glühender Rieſe aus; das Feuer ſchlug aus allen ſeinen Fenſtern, während ſein Kopf im weißen Lichte glänzte. Einen Augenblick wandte Erich ſich zurück und betrachtete das Haus ſeiner Väter. Die ſchöne Glasmalerei der Fenſter in der Halle war zerſchmettert, Alles, was ſein geweſen, was er ſorgſam gepflegt, der Vernichtung geweiht. Ein Gedanke kam ihm an den Tag, wo er mit Ebba ſtand und Halljala vom glühen Himmelslichte ſo beleuchtet ſah, als verzehre es ein ungeheuerer Brand. Das hatte ſich jetzt erfüllt und mit ſchmerzlicher Gewalt rief er aus: Alles iſt verloren, aber nicht mein Frieden, nicht mein Recht! Als er dies ſagte donnerte eine Gewehrſalve und hundert Kugeln ſlogen aus der Baumſchule, die Erich angelegt, auf die kleine Schaar. Eine Jägercompagnie hatte ſich dort aufgeſtellt und erwartete die Fliehenden. In der nächſten Minute waren dieſe mit ihren Feinden in eine ringende Maſſe verſchmolzen. Der Freiherr war der Erſte ge⸗ weſen; ſchneller noch als der Feldwebel ſprang er mitten unter die Ruſſen und dieſem nach ſprang Korporal Spuf mit dem langen Ba⸗ jonnet. Ein verwirrtes Geſchrei erſcholl aus dem Pulverdampf, ein⸗ zelne rothe Blitze zuckten darin, Röcheln und Stöhnen folgten ihnen nach, dann ſtoben dunkle Geſtalten, die zum Theil ihre Waffen von ſich ſchleuderten, nach allen Seiten fort und ein anderer dunkler ſchweigender Haufe lief eilig gegen das Seeufer hinab, in der Rich⸗ tung, wo die Waldleiſte ſich gegen die Berge hinzog. Als der Pulver⸗ dampf ſich verzog, lagen wohl an vierzig menſchliche Körper auf dem Schnee und die hochſchlagenden Flammen des alten Schloſſes leuchte⸗ ten in verzerrte Geſichter und in weit offene auf ewig erſtarrte Au⸗ gen. Noch aber hatte der Trupp den Waldſtrich nicht erreicht, als hinter ihm her eine lange Linie Reiter jagte, Schüſſe knallten noch D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 38 — 594— einmal, Hörner und Trompeten ſchmetterten, aus dem brennenden Schloſſe eilten zahlreiche Grenadiere den Reitern nach und dieſen voran ſprengten Offiziere, an deren Spitze Oberſt Serbinoff ſich befand. Die zunehmende Dunkelheit ließ nicht erkennen, was am Seeufer vorging, allein, wenn es den Reitern auch gelungen war, die Flüch⸗ tigen von dem rettenden Walde abzuſchneiden, ſo hatten ſie dieſe doch ſicher nicht Alle fangen oder niederſäbeln können. Ein heftiges Feuer räumte manchen Sattel, reiterloſe Pferde liefen im vollen Lauf zurück und als die Grenadiere anlangten, war es zu ſpät. Die Flucht der Entkommenen ließ ſich lange verfolgen, denn aufſprühende Blitze leuch⸗ teten aus dem Walde die ſteilen Hügel hinauf und der Widerhall der Schüſſe prallte von den Schluchten der Luganoberge zurück. Eine Stunde mochte vergangen ſein, ehe das Feuer ſich des ganzen Schloſſes bemächtigt hatte. Das hohe alte Gebäude, das Hompus Randal einſt erbaute, bildete eine ungeheure Fackel, die in den näch⸗ tigen Himmel loderte. Weit umher war Berg und Thal davon be⸗ leuchtet, die Kirche auf der Höhe ſpiegelte ihr goldenes Kreuz, das Symbol des Gottes der Liebe, im blutigen Widerſchein, und Tages⸗ helle breitete ſich bis an die Ufer des Sees über die Kampfſtätte aus. Aber der Lärm war verſchollen; eine Anzahl Ruſſen umſtand das brennende Haus, ein paar Koſaken ſaßen wie lebloſe Gebilde auf den kleinen Pferden, ſchauten in die weite Schneewüſte hinaus und ver⸗ folgten mit ihren Augen ein lebendiges Weſen, das allein zwiſchen den Büſchen und Bäumen zu dem Serufer hinabeilte. Zuweilen ſtand die dunkle Geſtalt ſtill und beugte ſich zu dem eiſigen Boden nieder; dann lief ſie flüchtiger weiter, bald nach der einen, bald nach der an⸗ dern Seite, und wenn die Feuerſäule gewaltiger aufſprühte, war deutlich zu erkennen, daß es ein Weib war, deren weite Gewänder im Winde flatterten. 1 Ja, es war ein Weib, das über Leichen irrte, über Sterbende, deren mattes Stöhnen ſie antrieb, mit prüfenden Blicken in entſtellte Geſichter zu ſchauen und dann raſtlos, wie von Angſt und Entſetzen gejagt, zu entfliehen, bis ein anderer Unglücklicher ſie zu neuen frucht⸗ loſen Verſuchen antrieb. Endlich gelangte ſie zu der Stelle, wo die Finnen auch die nachſetzenden Reiter überwältigt hatten. Hohe und nenden voran gefand. Seeufer Flüch⸗ ſ doch Feuer zurück ht der leuch⸗ derhall ganzen ompus näch⸗ on be⸗ „das Lages⸗ e aus. d das uf den d ber⸗ wiſchen ſtand neder; r an⸗ „war et im rbende, nſtellte ntſetzen frucht⸗ vo die und — 595— einzeln ſtehende ungeheure Bergſichten breiteten hier ihr Gezweig py⸗ ramidaliſch aus und hüllten ſich in düſtere Schattenkreiſe, die vom zuckenden Feuerſchein zuweilen überwältigt wurden, der mit glühem Lichte bis unter das tief hängende Gezweig drang. Dort, unter einem dieſer rieſigen alten Stämme ſank die dunkle Geſtalt nieder und erhob ſich nicht wieder. Ein grimmiger Windſtoß ſchüttelte den Wald, eine Flammenſäule, die bis in den Himmel zu reichen ſchien, ſtieg aus dem brennenden Schloſſe auf und jagte den feurigen Dampf weit über den Pajäne fort. Die Augen der Koſaken hingen ſtarr an dem Waldſaume. Da ſaß das Weib auf dem roth leuchtenden Schnee und hielt in ihren Armen einen lebloſen Körper. Sie drückte ein bleiches blutiges Haupt an ihre Bruſt und hüllte deſſen erſtarrte Glieder in ihren Mantel. Ohne Klage ſah ſie zum Himmel auf; mit einem langen wilden Blick auf die hohen Klippen von Korpilax, welche noch im Silberglanze des Mondes ſich über die Nacht erhoben, irrten ihre Augen umher wie nach Rettung ſuchend, und plötzlich mit verzweiflungsvoller Entſchloſſen⸗ heit umfaßte ſie den bewußtloſen Mann und ſuchte ihn aufzuheben und fortzutragen. Die heftige Bewegung und der Schmerz, den er empfand, rüttel⸗ ten den Verwundeten aus ſeiner Ohnmacht. Er ſchlug ſeine Augen auf, ſie belebten ſich, verwundert, fragend, ſtaunend. Ein Lächeln zit⸗ terte um ſeine Lippen: Geliebte! Du biſt bei mir! flüſterte er. Sie antwortete mit einem Schrei des Entſetzens. Der wunde Mann glit aus ihren Armen, doch ſie raffte ihn auf und ihn feſt umſchließend und mit ihrem eigenen Körper deckend, ſtreckte ſie Arm und Haupt den Koſaken entgegen, welche, ihre Lanzen geſenkt, in vol lem Laufe ihrer Roſſe heranſprengten. Der gellende furchtbare Schrei hallte weit durch das Thal und trieb einen in Pelz eingehüllten Herrn zur größten Eile, der ſo eben auf der Brandſtätte angelangt war. Halt! rief er den Koſaken nach, haltet ein! und als er athemlos näher kam, fuhr er fort: Mary! Um des Himmels willen! Ich ſuche Sie, Ihr Vater, wir Alle. Was thun Sie hier? Statt der Antwort wandte ſie ihm die blutige Geſtalt in ihren Armen zu. Erich! ſchrie er auf. Der Unglückliche! Er iſt todt! 38* — — — 596— Er lebt, antwortete ſie. Geben Sie den Pelz her! Er iſt erſtarrt vor Kälte, ſein Blut gerinnt. Holen Sie Leute herbei, befehlen Sie dieſen Barbaren, daß ſie ihn nicht ermorden, ihn in das Haus des Propſtes tragen. Wir wollen für ihn thun, was wir vermögen, ſagte Arwed. Aber dies iſt kein Platz für Sie, theure Mary. Ich habe ihn nicht aus den Händen ſeiner Feinde retten können, antwortete ſie mit der unbiegſamen Feſtigkeit, welche der Baron kannte, ich werde ihn nicht verlaſſen. Erich! Ewig geliebter Mann, wache auf! wache auf! Ein donnerähnliches Krachen begleitete ihre Worte. Halljalaſchloß ſtürzte zuſammen, das wilde Geſchrei der Ruſſen drang aus dem Meer von Qualm und feuriger Lohe. Siebentes Kapitel. Serbinoff hatte ſich nach dem kleinen Gute Louiſa, wo er vor Monaten mit Otho und ſeiner Schweſter glückliche Tage verlebt An der Spitze eines Reiterzuges kehrte er von der nächt⸗ lichen Verfolgung zurück und nahm Beſitz von dem einſamen Hofe, der gänzlich verlaſſen ſchien, denn die Dienſtleute waren, erſchrocken üͤber den Brand jenſeits des Sees und den Lärm des Gefechtes, dar⸗ aus entflohen. Erſt als er die Thür einſtoßen ließ, fand er in einem Winkel des Geſindezimmers eine alte Frau, die auf ihren Knien um ihr Leben bat und in ihrer Angſt halb wahnſinnig lange Zeit den fremden Offizier weder erkannte, noch mit Jammern aufhörte, obwohl der Graf alle möglichen Beruhigungsmittel verſuchte. Endlich gelang es ihm, und ſie erinnerte ſich des Gaſtes, den ihre junge Herrſchaft ſo lieb gehabt. Ihre Verzweiflung ſchlug in Entzücken um. Sie faßte wenigen hatte, begeben. nach Serbinoff's Händen, bedeckte dieſe mit ihren Küſſen, küßte den t vor dieſen ppſtes Aber nnen, unnte, auf! ſchloß dem er vor verlebt nächt⸗ Hofe, Hrocken , dat⸗ weinem ien un eit dem obwohl gelang rrſchaft e faßte te den Saum ſeines Rockes, lachte und ſchrie ihm Segenswünſche zu, die er gleichgiltig ſich gefallen ließ, denn er war an ſolche unterwürfige Huldigungen gewohnt. Wo iſt mein junger Herr! ſchrie die Frau dann aufſpringend und umherſchauend, als müſſe es einer der Offiziere ſein, die den Oberſten begleiteten. Wo der gnädige Herr iſt, muß ja Herr Otho auch ſein, fuhr ſie fort. Zuſammen verließen ſie dies Haus und todt iſt er nicht. Lars Normark ſchwört darauf, er würde wieder kommen. Ach! ſprecht doch, gnädiger Herr, ſprecht doch, wo iſt mein liebes kleines Fräulein! Sie ſagen, ſie wäre mit dem gnädigen Herrn gegangen.— O! Herr, laßt mich mein Fräulein ſehen. Gott ſegne ſie! Gott ſegne den gnädigen Herrn! Tauſend Jahre lang mag er glücklich leben! Serbinoff ſah ſie in einer Weiſe an, daß ſie verſtummte und zit jernd wieder nach ſeinem Rocke griff. Dein Herr iſt ſo wenig hier, wie dein Fräulein, erwiederte er. Warte die Zeit ab, ſo werden ſich deine Wünſche erfüllen, doch jetzt mache Feuer an, bringe herbei, was du an Lebensmitteln haſt. Niemand ſoll dir und jedem, der hier wohnt, ein Haar krümmen. Morgen will ich dich beſchenken und dir eine Sicherheitskarte hier laſſen, unterzeichnet von dem Obergeneral und von mir, daß kein Soldat, wer er auch ſei, dies Haus betreten oder ſich hier einquartieren darf. Solche Sicherheitskarten wurden in dieſem Kriege ſowohl für Häuſer wie für große Beſitzungen ausgetheilt, wenn ſie den Anhängern der Ruſſen gehörten. Für heut galt dies Verſprechen jedoch nicht. Serbi— noff's Reiter zogen ihre Pferde in Otho's Ställe und bald waren die untern Räume des Hauſes mit Huſaren und Jägern gefüllt, welche mit wunderbarer Geſchwindigkeit alles Genießbare vertilgten und dann auf dem Fußboden ausgeſtreckt, die glühend heißen Oefen umlagernd, eben ſo ſchnell einſchliefen. Serbinoff hatte ſich in die oberen Zimmer begeben, wo einſt Louiſa's Mutter gewohnt hatte, und welche bis zum Augenblick eben ſo ausſahen, wie einſt Ebba ſie gefunden hatte. Bald flackerte ein helles Feuer auf und durch den niedrigen Raum verbreitete ſich eine wohlthuende Wärme. Mit ſchweren klingenden Schritten ging der hohe Mann auf und ab und lächelte über die friedliche Stille, die ihn um⸗ — 598— gab. Blank und ſauber war Alles umher. Sein Diener brachte ihm ſeine Reiſekaſette herein, ſteckte zwei Wachslichter auf kurze Silber⸗ leuchter und kam dann mit Thee, dem duftigſten und feinſten, der in Petersburg zu haben war. Nachdem Serbinoff ſich erwärmt hatte, ſtreckte er ſich auf dem Divan aus und ſchlürfte den belebenden Trank. Der große Schreib⸗ ſchrank von Eichen, glänzend mit Wachs gebohnt, ſpiegelte den Licht⸗ glanz zurück; die Armſtühle ſtanden um den Tiſch, als werde eine Geſellſchaft erwartet. In der Ecke am Fenſter lehnte eine große Harfe und gegenüber an der Wandſeite ſchimmerten die weißen Vor⸗ hänge des Bettes, in welchem die Wittwe des Oberſten Waimon ihr Leben geendet hatte. Wie oft hat mein Liebchen hier fröhlich gelacht, murmelte Serbi⸗ noff. Wie oft wohl hat ſie den kleinen Kopf in dieſe Kiſſen geſchmiegt und in ihren Träumen meinen Namen geflüſtert. Bei Gott! ich wollte, ſie wäre hier. Ich wollte, daß ich in ihren Armen vergeſſen könnte, daß es ein Morgen gibt. Welcher Teuſel iſt es denn, der uns verleitet, gegen uns ſelbſt zu wüthen? Warum verlange ich nach einem Weibe, das mich nicht mag, und nach wenigen Wochen mir zur Laſt und Plage ſein wird? Warum will ich dieſe ſüße Roſe von mir abreißen und zertreten, die mir allein blüht, und um keine Seligkeit im Him⸗ mel und auf Erden von mir laſſen würde. Aber ich will! rief er mit Heftigkeit. Ja, ich will, weil dieſe ſtolze widerſpänſtige Frau mir gehören ſoll! Er ſprang von dem Sitze auf, ſein Blick fiel in den Spiegel. Von Kälte und Anſtrengung war die Haut ſeines Geſichts aufgeſprungen, ein Baumzweig hatte es blutig geriſſen, ſein Rock war zerfetzt, Staub, Schmutz und Rauch bedeckten ſeine Kleider. Er lachte rauh auf. Ein ſchöner Bewohner dieſes Paradieſes! fuhr er fort. Mein Säbel iſt ſchartig, meine Hände roth. Leichen und Sterbende liegen auf dem öden Schneebett draußen, die vielleicht noch manches Jahr froh gelebt hätten, wenn ich ſie nicht hierher geführt. Wie friedlich iſt es hier und hat Louiſa nicht recht, wäre es nicht wonniglich, allen Ehr⸗ geiz, alle Gier nach Glück und Genuß in dieſen armen kleinen Raum einzuſchließen. Ihr Vater hat ruhelos die Welt durchjagt, um in die⸗ — 599— ſem elenden Bauernhof zu enden, und ihre Mutter, dieſe angebetete Mutter, nahm den Bauer zum Mann und hat hier gehaust zum Schrecken des würdigen Propſtes, des ehrlichen Halſet und aller an⸗ derer Schurken und Narren.— Da ſteht ihre Harfe noch. Es ſoll mich nicht wundern, wenn ich von einer finniſchen Carmagnole auf⸗ geweckt werde, oder wenn dieſer ſelige Geiſt drohend über meinem Haupte ſchwebt, der ich ihm den Sohn in den Tod gejagt und die Tochter—. Er vollendete ſeine freche Rede nicht, denn es rauſchte in dem finſteren Winkel und dröhnend ſtürzte die Harfe um, deren Saiten dumpf und klagend klangen. So furchtlos Serbinoff auch war, erſchrack er doch vor dieſem zu⸗ fälligen Ereigniß. Einige Minuten lang blieb er ſtehen, die Augen auf die Harfe geheftet, dann nahm er ein Licht und leuchtete darauf hin. Das Inſtrument war zerbrochen, er ſtieß es mit dem Fuße zur Seite. Ein wurmſtichig Stück Holz, ſagte er, werth, daß es in Trümmer fiel, den Händen nach, die es einſt zu beleben wußten und Staub geworden ſind. Er beleuchtete die Bücherreihe auf dem Schrank. Meiſt fand er Dichterwerke ſchwediſchen und franzöſiſchen Urſprungs, auch deutſche darunter; Rouſſeau's Emil war mit vielen Zeichen verſehen. Er ſchlug das Buch auf, mit feiner Handſchrift waren zahlreiche Randbemerkungen darin gemacht. Er durchblätterte es, bis er bei einer lange verweilte, welche ihm beſonders auffiel.„Meine theuren Kinder! lautete ſie, ihr werdet glücklicher ſein als eure Mut⸗ ter, denn die einfache Natürlichkeit eurer Gefühle und euer ſtilles Leben wird euch vor den Verirrungen eurer Herzen ſchützen. Keine blendende Verdorbenheit wird euch locken, kein eitles Trachten euch in Schuld und Sünde treiben. Meine ſüße Louiſa! du wirſt fern von Pracht und Schimmer einen Mann mit deiner Liebe beglücken, der ſo natürlich gut und reines Herzens iſt, wie du ſelbſt. Laß dich niemals von eitler Hoheit blenden, wie ich geblendet wurde, ehe ich den Mann fand, euern Vater, meine Kinder, vor dem aller Trug verſchwand. Wenn Magnus Munk einſt dein Lebensgefährte iſt, mein theures Kind, wenn ihr in Frieden und Stille hier wohnt und glücklich ſeid, dann lies die Jugendgeſchichte deiner Mutter, die ich als mein be⸗ ſonderes Vermächtniß für dich aufgeſchrieben. Sie liegt in meinem — 600— Schrank, links unter dem verborgenen Fach in dem Käſtchen. Du wirſt ſehen, mein geliebtes Kind, wie nahe ich tiefem ſittlichem Ver⸗ derben war und wirſt dich doppelt glücklich preiſen, daß dein lieber Magnus dich in ſeinen ſchützenden Armen hält. Nichts, mein Kind, haben wir mehr zu fürchten, als unſere Citelkeit, nichts iſt gefähr⸗ licher, als die Schmeicheleien eines Mannes von hohem Range und ſtrahlenden Eigenſchaften, nichts aber herrlicher, als alle Lüge von ſich abwerfen, allen falſchen Flitter, den die Menſchen anbeten, um den ſie ſich verkaufen, nichts beglückender, als dem Geliebten anhän⸗ gen, mit dem, ſei es in der Hütte zu wohnen, mit ihm alle Noth des Lebens zu theilen, die einzige irdiſche Seligkeit iſt, die es gibt.“ Und was hat ſich von allen dieſen Schwärmereien erfüllt! rief Serbinoff lachend. Sonderbar, daß ſie dies Kind vor Gefahren warnt, welche dennoch in dieſe Wüſte eingebrochen ſind. Sehr wahr⸗ ſcheinlich aber bin ich der Erſte, der dieſe Epiſtel liest und ich will dafür ſorgen, daß kein Anderer ſich daran erbaut. Er faßte das Blatt und riß es aus dem Buche. Sagte ich es nicht, fuhr er dabei fort, daß dieſe angebetete Mutter ein überſpanntes Weib geweſen ſein muß, die ihre Kinder ſo thöricht toll erzog, wie ſie ſelbſt war. Hätte ſie ihnen die Köpfe klar gemacht, bei Gott! es wäre beſſer für ſie geweſen. Aber was hat ſie denn erlebt? Irgend ein Serbinoff muß auch ihr begegnet ſein, bis der würdige Oberſt— der Teufel hole ihn!— als Cherubim zwiſchen dieſe Eva und die Schlange ſprang und dies Paradies für ſich eroberte. Ich bin faſt neugierig, wie es dabei herging. Dies iſt offenbar der Schrank, von dem hier geſchrie⸗ ben ſteht. Er blickte in das zerriſſene Blatt. Links unter dem ge⸗ heimen Fach in dem Käſtchen liegen die Bekenntniſſe dieſer ſchönen Seele. Bei aller Liebe Seligkeit! ich ſehe den Finger Gottes, der mich leitet. Es gibt keinen Zufall, ſagen die Weiſeſten, Alles, was geſchieht, geſchieht nach Nothwendigkeiten— und ſomit bin ich ge⸗ rechtfertigt, wenn ich thue was ich ſoll, Entdeckungen mache, dieſen Schrank öffne, den Kaſten ſuche und die Geheimniſſe dieſer Schwär⸗ merin leſe, da Louiſa ſie nicht leſen wird, nicht leſen darf, weil ihre Verbindung mit dem einfältigen Knaben Magnus niemals ſtatt finden wird. Du Ver⸗ lieber Kind, gefähr⸗ und e von 1, um anhän th des 1 t! rief ffahren wahr h will e das dabei en ſein Hätte für ſie ff muß el hole ſprang wie es eſchrie⸗ im ge⸗ ſchönen es der / 6, was ich ge⸗ dieſen / 9 schwäl⸗ eil ihre ſtatt — 601— Er drehte den Schlüſſel um, der im Schloſſe ſteckte und legte die Klappe zurück. Es war einer jener alten ſchönen deutſchen Schränke, an welchen die Schnitzkunſt des ſiebenzehnten Jahrhunderts noch jetzt zuwei len Bewunderung erregt. Kunſtvolle Blätterranken liefen an den Seiten hinauf, die Wände enthielten Medaillons, auf welchen Scenen aus der Bibelgeſchichte dargeſtellt waren. Der innere Raum zeigte eine bedeutende Menge großer und kleiner Kaſten, ſämmtlich mit kunſtvollem Schnitzwerk überlegt, das vortrefflich gearbeitet und gut erhalten war. Serbinoff zog verſchiedene Kaſten auf, die, größten theils leer, ihm wenige Gegenſtände zur näheren Betrachtung boten; vergebens aber ſuchte er lange nach dem geheimen Behälter, welcher in der Note erwähnt wurde. Endlich entdeckte er einen kaum merk⸗ lichen Einſchnitt, der den Knopf einer Feder verbarg, die zurückge drückt, in der Tiefe des Schrankes einen Kaſten öffnete, welcher hinter anderen verſteckt war. Da iſt er! ſagte Serbinoff, indem er ihn hervorzog, aber was iſt das! Mit dieſen Worten zog er einen Hand⸗ ſchuh heraus, auf den er kaum ſeine Blicke gerichtet hatte, als er erſtaunt ausrief: Bei Gott! das iſt der zweite zu dem, den Jönsſon uns ge⸗ zeigt hat. Ich habe eine Ahnung gehabt, als Halſet mir erzählte, Niemand wiſſe, wo dies würdige Paar getraut wurde. Wo iſt das Käſtchen unter dem Kaſten? Das kann wichtiger werden, als es den Anſchein hatte. Er verſuchte den Kaſten herauszunehmen. Doch erſt nachdem er eine Leiſte mit Hilfe eines anderen Federdruckes zur Seite gehoben hatte, gelang ihm dies, und nun zeigte ſich darunter eine zweite klei⸗ nere Aushöhlung, die ein Päckchen Papiere enthielt, das mit einer Schnur gebunden und an beiden Seiten geſiegelt war. Serbinoff zog es hervor. Auf dem Umſchlag ſtand mit derſelben Handſchrift wie die der Randbemerkungen geſchrieben:„Dieſe Blätter gehören meiner Tochter Louiſa. Sie allein ſoll ſie leſen, doch nicht eher bis ſie einſt mit Magnus Munk verheirathet iſt, oder das zwanzigſte Jahr er⸗ reicht hat.“ Trotz dieſes heiligen Befehls werde ich mir dennoch die Freiheit nehmen, mich nicht daran zu kehren, ſagte Serbinoff, und an den Tiſch zurückkehrend warf er die trockenen Blumen, welche darauf lagen, — 602— in einen Winkel, ſtreckte ſich auf den Sopha aus und kümmerte ſich nicht darum, daß ſeine Sporen ſchonungslos den mürben Damaſt zerhackten. Er zerriß Schnur und Siegel mit ſolcher Gewalt, daß eine Anzahl engbeſchriebener Blätter um ihn herflog, ſchnell packte er dieſe zuſammen und nach einigen Minuten war es todtenſtill in dem Gemach. Serbinoff ſchien, je länger er las, um ſo größere Theil⸗ nahme zu empfinden. Einige Stunden vergingen, ehe er geendet hatte, und ſeine Mienen drückten abwechſelnd Erſtannen, Spott, Verachtung und doch auch zuweilen edlere Empfindungen aus, die ſich ihm halb unwillkürlich aufzudrängen ſchienen. Endlich behielt er das letzte Blatt in der Hand und ſah lange darauf hin. Bei allen Heiligen des Himmels! rief er, es gibt nicht viele Weiber, die wie dieſe Frau gehandelt hätten. Schwärmexei macht Märtyrer und Helden, ja vielleicht iſt es wahr, daß nichts Großes ohne ſie auf Erden geſchehen kann; aber Louiſa ſoll dieſe Geſchichte niemals leſen, nie davon erfahren. Sie könnte an ihren Sünden verzweifeln. Er ſprang auf und ging um⸗ her, dann lehnte er ſich über den Tiſch und blickte die Blätter an. Es iſt Narrheit, für Tugend zu ſchwärmen, murmelte er vor ſich hin, bei hohen Gefühlen ſchlecht zu leben, göttliche Abſtammung ſich anzu⸗ dichten und göttlichen Träumen nachzuhängen; aber wenn man dieſe Thorheiten auch verachten muß, kann man doch nicht umhin ſie anzu⸗ ſtaunen. Eine merkwürdige Frau! ich wollte daß ich ſie gekannt hätte; aber nein, ſie würde mich innerlich noch mehr angewidert haben, wie ihr Sohn, und ich fürchte, daß ſie klüger war, als er. Sein heißer Kopf iſt zur Ruhe gebracht, ich habe nichts mehr von ihm zu beſor⸗ gen; auch das iſt gut. Der langweilige Philoſoph in Halljala wird als Mörder geächtet und verfolgt werden. Dies Mädchen alſo, Louiſa⸗ Waimon!— Er ſchwieg und ſagte dann leiſe vor ſich hin: Sie könnte die Erbin der großen Herrſchaft ſein, wenn nicht— Hier hielt er inne, denn die Wachen, welche das Gebäude um⸗ ringten, begannen ein lautes Geſchrei. Gleich darauf ſchnaubten Pferde und eine wohlbekannte Stimme fragte: Wo iſt der Oberſt Serbinoff? Wo iſt der Graf Iwan? Führe mich zu ihm. Wecke ihn auf oder halt! es wird nicht nöthig ſein, er hat Licht. e ſich amaſt „ daß kte er dem heil⸗ tienen auch ürlich n der mels! andelt iſt es aber Sie um⸗ ran. hin, anzll⸗ dieſe anzll⸗ gätte; wie heißer eſor⸗ wird ouiſg — 603— Serbinoff nahm die Papiere und den Handſchuh, wickelte beide zuſammen in den Umſchlag und band den Faden darüber. Das Paket blieb auf dem Tiſche liegen, den Schrank ſchloß er, und eben war er damit fertig, als Arwed Bungen eintrat. Vas bringſt du mitten in der Nacht? rief ihm Serbinoff ent⸗ gegen. Ich ſehe es dir an, daß es nichts Gutes iſt. Wie geht es den Damen? Was gibt's? Der Baron ſtellte ſich an den Ofen, deſſen hohe Eiſenthüren Iwan auf ſeinen Befehl öffnete und ſo viel Holz als vorhanden war hineinwarf. Eine ſchreckliche Kälte! ſagte er. Ich glaube nicht, daß die Schelme, die deinem Schwerte ent⸗ kommen ſind, den Morgen erleben werden. Und ich vermuthete, erwiederte Serbinoff lachend, daß du keinen allzu großen Kummer darüber empfinden wirſt, wenn auch nicht Einer davon am Leben bleibt. Einer, verſetzte Baron Bungen, ohne umzublicken, iſt am Leben, und allem Anſchein nach wird er auch nicht davon laſſen wollen. Wer? fragte Serbinoff ihm näher tretend. Du meinſt— Erich Randal, meinen geliebten Vetter. Er lag am See, einen Hieb über den Kopf, eine Kugel in ſeiner Schulter, halb erfroren. So habe ich ihn gefunden. Serbinoff ging die Stube hinauf und kehrte zurück. In deiner Stelle, ſagte er, hätte ich ihn nicht gefunden. War ich es denn? murmelte Arwed die Zähne zuſammendrückend. Es gibt finſtere Mächte, Serbinoff, eine ſchadenfrohe Hölle, der es Freude macht, uns zu höhnen. Mary war plötzlich verſchwunden, ich ſuchte ſie, man hatte ſie aus dem Hanſe des Propſtes nach dem Schloſſe laufen ſehen. Als ich mich nähere, höre ich ein Geſchrei. Koſaken ſtürzen auf ein Weib los, die eine blutende Leiche in ihren Armen hält. Sie iſt es, ſie hat den Elenden gefunden, fordert Schutz und Hilfe für ihn und ich muß meinen eigenen Pelz hergeben, muß zähne⸗ klappernd davonlaufen, damit er fein ſäuberlich ins Haus getragen wird. Serbinoff konnte nur mit Mühe ein autes Lachen unterdrücken. Das iſt hart, ſagte er, aber' welcher Teufel treibt dich ihr nachzulaufen. Die Koſaken hätten wahrſcheinlich ihre Lanzenſpitzen nicht aufhalten laſſen. Inzwiſchen, da er ſchwer verwundet iſt und beinahe ſchon — 601— Leiche war, wird er uns den Gefallen thun, in den Armen der Liebe zu enden. In den Armen der Liebe wird er leben! rief Arwed ingrimmig. Spotte nicht, Serbinoff. Sie hat ihn mit ihren Küſſen, ihren Thrä⸗ nen bedeckt. Sie ließ ſich nicht abhalten, es mir, ihrem Vater, mel⸗ ner Schweſter, uns Allen ins Geſicht zu ſchreien, daß ſie ihn liebe, noch liebe, daß ſie mit ihm ſterben wolle. Das kalte, lebloſe Geſchöpf war toll geworden; toll, Serbinoff, vor wahnſinniger Liebeswuth. Sie klammerte ſich an ihn wie eine Naſende; nur durch flehende Bitten, durch Nachgiebigkeit, durch Verſprechungen und Schwüre, daß Alles geſchehen ſolle, um ihm zu helfen, ihn zu ſchützen und zu retten, iſt es möglich geworden, ſie zu beruhigen. Und was habt ihr gethan? Der Oberarzt der Grenadiergarde hat ihm die Kugel aus der Schulter gezogen und den Kopf verbunden. Er hält die Wunden zwar für ſchwer, aber nicht unmittelbar lebensgefährlich. Erfroren iſt er auch nicht; heftiges Reiben und Wärme haben alle ſeine Glie der geſchmeidig gemacht. Hundert Andere wären in dieſer ſchrecklichen Nacht umgekommen, er wird am Leben bleiben. Um ſo ſchlimmer für ihn, ſagte Serbinoff. Als Hochverräther und Empörer verurtheilt, kann er kein Gegenſtand der Furcht für dich ſein. Ich kann ihn nicht verurtheilen laſſen, murmelte der Baron, ohne alle Mittel anzuwenden, ihm Gnade zu verſchaffen. Ueberdies wird er der Gegenſtand allgemeiner Theilnahme werden; Viele werden ſich für ihn verwenden, unſer Verfahren angreifen, und Mary Halſet— meine Schweſter— verdammt ſei die Hand, die ihn nicht beſſer traf! Verdammt die Narrheit, die ihn aufſuchte und fand! Ich hätte nie geglaubt, ſagte Serbinoff, daß dieſer häßliche Burſche im Stande ſei, eines Weibes Herz in ſolchem Grade zu verwirren. Es iſt eine fatale Entdeckung, mein Freund, ſolche aufopfernde Liebe bei einem Mädchen zu bemerken, das man ſoeben heirathen will, was kann man jedoch gegen Thatſachen thun? Du wirſt dich nicht davon ſtören laſſen, ſondern ſie benutzen. Schlummerte dieſer ſtoiſche Philoſoph, der den Tod wie ein Weiſer betrachtet, unter den Tannen er Liebe rimmig. n Thräͤ⸗ er, mel ebe, noch öpf war h. Sie Bitten, 8 Alles tten, iſt aus der Wunden C rfroren e Glie recklichen verräther ürcht füt on, ohne ies wird rden ſich alſet— „Burſche verwirren. nde Liebe ben will dich nicht e ſtoſſche Tannen — 605— am See, ſo würde das gewiß für ihn und uns Alle das Beſte ſein, da es jedoch nicht der Fall iſt, müſſen wir uns damit tröſten, daß er ſich in unſerer Gewalt befindet, und auch das hat ſein Gutes! Mor⸗ gen, oder ſo bald es angeht, ſchicken wir ihn ins Hauptquartier. General Buxthövden wird über ihn beſtimmen, ein Kriegsgericht iſt ja überdies ſchon ernannt. Pflege ihn, ſei zärtlich, tröſte ihn, laß es an nichts fehlen. Zeige der theuren Mary, daß dein Herz voll Schmerz und Mitleid iſt, für alles Uebrige laß mich ſorgen. Auch deiner Schweſter wird ſolche Milde wohlthun. Ich weiß nicht, wie tief ſie davon herührt wird, daß plötzlich eine Nebenbuhlerin um die⸗ ſen gefährlichen Mann ihr in den Weg läuft, aber jedenfalls mußt du ſie ſchonen und zu verſöhnen ſuchen. Ich glaube beinahe, ſie wird großmüthig genug ſein, einem ſo hochherzigen Mädchen, das den undankbaren Geliebten unter den Todten aufſucht, dieſen abzu treten, und ihren Bund inniglich zu ſegnen, wenn nicht etwa Sam Halſet und du ſelbſt Einſprache erheben. Ich begreife nicht, fiel Arwed unmuthig ein, was dich zu ſolchen ſpöttiſchen Bemerkungen treibt. Vom erſten Augenblick, wo ich Erich ſah, war er mir zuwider, jetzt aber haſſe ich ihn von ganzem Herzen. Ich muß mich von ihm befreien, und was meine Schweſter betrifft— er hielt inne und drehte ſich gegen Serbinoff um. Wenn es noch immer dein Wunſch iſt, Ebba deine Hand zu reichen, ihr Herz zu ge⸗ winnen, ſo gebe ich dir mein Wort darauf, ſie ſoll einwilligen. Mein Wunſch und mein Wille iſt es, zweifle nicht daran, unter⸗ brach ihn Serbinoff. Ich weiß, welche Abneigung ich zu bekämpfen habe, um ſo mehr reizt es mich. Bei allen Heiligen! bei meiner Ehre! Arwed, ich will dies ſtolze Herz haben. Du mußt ſie mir geben, ja, ſie muß gehorchen! Sie wird gehorchen, antwortete der Baron. Zunächſt nur fort mit dieſem Träumer, an den ſie ſich gehängt hat. Nicht mit ihrem Herzen, ſagte Serbinoff lächelnd, ſondern weit eher, wie ich glaube, im Kampfe gegen ihr Herz, das rebelliſch ſich wider ihren Kopf empörte. Der liegt todt, dem ſie es gern gegeben hätte, während verſtändiges Nachdenken ihr ſagte, daß ſie ihre auf⸗ kelmende Neigung unterdrücken müſſe, weil dieſe ihrer unwürdig ſei. — 606— Schweigen wir davon, murmelte Arwed Bungen. Gut, ſchweigen wir davon. Die Sache iſt vorüber, von Otho ſind wir erlöst, deine Schweſter iſt zu der Gleichgiltigkeit des Unglücks ge⸗ langt. Sie wird ſich beruhigen; durch deine Güte und meine zärtliche Aufmerkſamkeit gewonnen werden. Inzwiſchen haſt du Recht, daß Erich Randal verſchwinden muß. So laß ihn verſchwinden. Gewaltſam? Nein, mein Lieber, erwiederte der Oberſt. Das wäre heut gegangen, morgen geht es nicht mehr. Nie würde Mary, nie Ebba ein ſolches Experiment verzeihen. Sie würden uns Mörder nennen, andere Leute thäten es vielleicht auch; überdies iſt mit Gene⸗ ral Burthövden nicht zu ſpaßen. Er hat bei Todesſtrafe jede Ge⸗ waltthat verboten, und der Freiherr Randal iſt kein gemeiner Kerl, der unbeachtet in einem Winkel auf der Heide vermodern kann. Wir werden, fuhr er fort als Arwed ſchwieg, in loyalſter Weiſe verfahren. Die mobile Colonne, welche ich jetzt führe, muß ihren Weg fortſetzen, bis die Vereinigung mit General Tutſchkoff hergeſtellt iſt. So⸗ bald dies geſchehen ſein wird, kehre ich ins Hauptquartier zurück. Dahin geht ihr jetzt mit dem Gefangenen. Eine Wache ſoll euch begleiten, ich werde dem General Bericht erſtatten, und was bei Burthövden auch geſchehen mag, er muß dieſen Empörer, der mit den Waffen in der Hand gefunden wurde, verurtheilen. Er wird ihn begnadigen, ſagte der Baron. Das wird dein weiſer Vetter ohne Zweifel ſelbſt vereiteln, erwie⸗ derte Serbinoff. Für dieſe Gnade müßte er alle ſeine Irrthümer ab⸗ ſchwören, und wäre ihm dies möglich, ſo hätte er es heut unter beſſeren Bedingungen thun können. Glaubſt du, daß er morgen anderen Grund⸗ ſätzen anhängen wird? Nein, aber— Aber, fiel Serbinoff lachend ein, man läßt ihm dennoch vielleicht das Leben und Mary Halſet hört nicht auf ihn anzubeten. Nun, mein lieber Freund, warum willſt du ihr dies unſchuldige Vergnügen nicht gönnen! Wenn dein Vetter als Hochverräther verurtheilt wird, ver⸗ liert er Alles, was er beſitzt, ſogar ſeinen Namen. Man gibt ihm dafür eine Nummer, ſetzt ihn in eine Kibitke, führt ihn ſechs⸗ oder tho ſind ücks ge⸗ zärtliche t, daß as wäre ry, nie Mörder Gene⸗ de Ge⸗ r Kerl, Weiſe n Weg . So⸗ Dahin gleiten, thövden ffen in erwie⸗ er ab⸗ geſſeren Grund⸗ elleict mein Rricht „ ver⸗. t ihm oder 4 — 607— achttauſend Werſte weit in irgend eine angenehme Gegend an der Lena oder am Jeniſei in Sibirien oder er verbringt ſein philoſophiſches Daſein in irgend einer Goldwäſche im Ural. Iſt er erſt dort, ſo iſt er auch vergeſſen. Wer wird ihn jemals zurückrufen? Dazu gehören beſondere Wege und Mittel. Mein Onkel, meine Familie, ich ſelbſt, wir wer⸗ den Alle dafür ſorgen, daß es niemals geſchehen kann. Aber auch, wenn nach Jahren vielleicht wirklich eine Begnadigung erfolgte, was wäre daran gelegen? Während dieſer Zeit ſind deine Verhältniſſe ge⸗ ordnet, ein namenloſer Bettler kann nichts mehr daran ändern. Sa⸗ muel Halſet iſt nicht der Mann, die Liebestollheit ſeiner Tochter zu dulden. Sehr möglich, daß er jetzt vielleicht noch einmal ſpeculirt, ob nicht dieſer Freiherr, den er haßt und der ihn verachtet, nicht doch noch zuletzt ſein Schwiegerſohn werden könnte. Darauf mußt du ge⸗ faßt ſein. Aus Haß und Hochmuthskitzel zugleich wird er es wünſchen, ſobald aber Erich Randal ein verlorener Verbrecher bleibt, wird er ihm Fußtritte geben helfen. Mary gehört dem Herrn der Baronie Halljala und wem wird dieſe zufallen? Mir, wie ich hoffe, ſagte Arwed Bungen, ſchon in Folge des Ver⸗ wandtſchaftsgrades. Darin kannſt du dich täuſchen, verſetzte Serbinoff. Wenn Otho noch lebte, würde er dies beſtreiten können, und ſeine Schweſter— Sie haben keine giltigen Rechte, unterbrach ihn der Baron. Vollkommen giltige Rechte, denn ſie ſind aus legitimer Ehe ent⸗ ſproßen. Wer kann das beweiſen? Ich, ſagte Serbinoff,— wenn ich es wollte. Ich habe die Beweiſe dafür gefunden, ſie ſind in dieſem Packet enthalten. Eine dunkle Röthe trat auf Arwed's Stirn. Er lächelte ungläu⸗ big und blickte das Papier und ſeinen Freund durchdringend an. Wenn dies wirklich der Fall iſt, erwiederte er, warum hat ſich kein Trauſchein⸗ gefunden? Es iſt eine ſeltſame Geſchichte. Sie haben ſelbſt niemals erfahren, an welchem Ort die Trauung geſchah, wurden auch durch beſondere Umſtände verhindert, Nachſtellungen anzuſtellen. Lies dieſe Papiere, ** —— — 608— wenn du willſt. Es liegt auch ein Handſchuh dabei, ganz dem ähn⸗ lich, den wir bei Jönsſon gefunden haben. Ha! rief Arwed, indem er die Hand auf das zuſammengebundene Manuſeript legte. Was iſt deine Abſicht? Dir zu dienen und deine Schweſter zu heirathen. Und Louiſa Waimon? fragte der Baron leiſe. Das Kind! was ſoll es mit Halljala thun? Ich werde immer für Louiſa ſorgen, auch wenn deine Schweſter— meine Gemahlin 6 d 1ſ geworden iſt.* Und Niemand weiß, wo ſie getraut worden? Niemand— du wirſt dich überzeugen, wenn du dieſe Bekennt⸗ niſſe liest. Mit einem raſchen Griff faßte Arwed Bungen das Päckchen und im nächſten Augenblick ſchleuderte er es in den Ofen. Ich will nichts davon wiſſen, nichts hören, ſagte er. Das iſt Alles, was ich thun kann. Serbinoff lachte laut. Richtig und energiſch gehandelt! rief er aus. Dort iſt es am beſten aufgehoben; was wir wiſſen, wiſſen wir allein. Gute Nacht, Arwed, ich bin müde! Im Himmelbett der ſeli⸗ gen Frau Mutter, die ſo gut für uns geſorgt hat, will ich dankbar vom Glück unſerer Zukunft träumen! Achtes Kapitel. Faſt im äußerſten Norden Finnlands, nahe dem Ende des bottniſchen Meerbuſens, liegt der kleine Ort Sikajocki. Das Meer macht dort eine tiefe Einſpülung, an deren Nordſeite die Stadt Uleaborg liegt. Die Ufer ſind flach und zerriſſen, viele kleine Ströme kommen in tiefen Betten aus dem hinterliegenden Hochlande, das mit düſterem. im ähn bundene immer emahlin Zekennt ſen und ch will , was rief er en wie er ſeli⸗ dankbar niſchen tt dort liegt „,n in en ſteren⸗ — 600— Wald und Schluchten bedeckt iſt; wenige Holzhütten und Bauernhöfe ſind über dies öde Gebiet zerſtreut. Jetzt lag Alles unter Eis und Schnee begraben, aber eine ſeltſame Lebendigkeit regte ſich mit den erſten Sonnenſtrahlen, welche auf dieſe unermeßlichen Schneefelder und auf das gefrorene Meer fielen. Dunkle bewegliche Maſſen von Men⸗ ſchen und Pferden zogen von Uleaborg her an der Küſte hin und gegen das Thal des Sikajocki. Die Sonne blitzte auf einen Wald von Stahl, und der Morgenwind führte den Schall von Trompeten mit ſich, denn jenſeit des Sikajockt um das Dorf Revolax und an den Waldleiſten und Höhen wimmelte es nicht minder von Soldaten, die ihre Fahnen mit dem Doppeladler luſtig im Winde flattern ließen. Im Norden des eisbedeckten Fluſſes flatterte der ſchwediſche Löwe und eine Strecke von Revolax lag Pavola, eine geringe Häuſergruppe, vor welcher auf einer Anhöhe eine Batterie Sechspfünder aufgefahren war, von Offizieren umgeben, die durch ihre Gläſer nach Revolax hinüber⸗ ſchauten. Das kleine ſchwediſche Heer, bis in dieſen äußerſten Norden zurück gedrängt, war ſeit einigen Tagen erſt nicht weiter geflohen und hatte den Ruſſen bei Sikajocki ein glückliches Gefecht geliefert. Seltſameres ließ ſich kaum denken, als dieſe Schaaren, welche hinter den Hügeln vor Pavola ſich ſammelten. Niemand würde ſie für Soldaten ge⸗ halten haben, wenn nicht ihre Waffen Zeugniß dafür gegeben hätten. Keine Uniform war zu ſehen. In Nennthier⸗, Wolfs⸗ und Schafs⸗ pelze doppelt und dreifach eingehüllt, boten dieſe Geſtalten den un⸗ förmigſten Anblick. Viele Köpfe ſteckten in Pelzkappen, die Füße in Pelzſtiefeln, oder ſie waren mit Pelz und Wolllappen umwickelt, ſo viel deren jeder aufzutreiben vermochte. Selbſt die Geſichter wurden durch Pelzmasken geſchützt, in ähnlicher Weiſe, wie dies die Lappen zur Winterzeit thun. Um zu ſehen hatte man Löcher darin für die Augen geſchnitten und ein Loch zum Athmen für den Mund. Eis⸗ zapfen hingen daran nieder, Reif und Eis überzog das lange Haar, wo es unter Kappen und Binden hervorſah, über die Pelze aber tru⸗ gen dieſe Soldaten der Schneewüſte Säbel und Patrontaſche geſchnallt und in ihren pelzgedeckten Händen hielten ſie die langen ſchwediſchen Gewehre, das einzige Stück an ihnen, welches blank und rein gehalten D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 39 610— ausſah, mit bloßen Händen aber häufig nicht angefaßt werden konnte, weil die Finger ſogleich Froſtblaſen von dem kalten Eiſen erhielten⸗ So beſchreiben Augenzeugen das finniſche Heer im Winter 1808, während es ſechs Wochen lang vom Kymene bis in dieſen hohen Norden zurück⸗ gewichen war, fortgeſetzt von den Ruſſen verfolgt, die immer an ſeinen Hacken, immer im Begriff es zu umringen und zu vernichten, doch niemals den tödtlichen Schlag ausführen konnten. Ueberall hatten die Schweden zerſtört, was ſich zerſtören ließ, fortgeſchleppt, was ſie fort⸗ zuſchleppen vermochten. Bei mehr als dreißig Grad Kälte wurden Gefechte geliefert, viele Nächte im Freien überdauert, unter über⸗ menſchlichen Anſtrengungen der Rückzug fortgeſetzt und endlich auch die Vereinigung mit der Brigade des General Cronſtedt bewirkt, der aus Savolax entkommen war. Der König von Schweden hatte, als er dem alten Marſchall Klingſpor den Befehl gab, Finnland in eine Wüſte zu verwandeln, gemeint, daß es den Ruſſen unmöglich ſein würde, weit in das Land zu dringen, allein, er hatte ſich geirrt. In Rußland war mit größter Umſicht und jeder möglichen Sorgfalt die Eroberung Finnlands vorbereitet worden. Magazine wurden in dem ruſſiſchen Finnland angelegt. Eine zahlloſe Menge Fuhrwerk aller Art, mit Ochſen beſpannt, die als Schlachtvieh dienen ſollten, ſtand bereit große Vorräthe dem Heere nachzuſchleppen; in Finnland ſelbſt aber lagen längſt angekaufte Getreide⸗ und Heumaſſen, die Sam Halſet und ſeinen Gehilfen gehörten. Endlich aber waren auch die Ruſſen nordiſche Krieger, geſchickter oder doch geübter noch, als Finnen und Schweden, um die furchtbare Strenge eines ſolchen Winters zu er⸗ tragen. Ihre Regierung hatte ſie aufs ſorgfältigſte ausgerüſtet, mit- doppelten Pelzen verſehen und mit reichlicher Nahrung verſorgt. Da⸗ bei aber wurden ſie von Offizieren geführt, die auf den größten Schlacht⸗ feldern Europa's gefochten hatten; kriegskundige, unerſchrockene Män⸗ ner, begeiſtert für ihren Kaiſer und für Rußlands Ruhm, voller Vertrauen auf Sieg, bereit das Aeußerſte zu wagen, und ſicher, daß die tapferen, auserleſenen Schaaren, welche ihnen folgten, mit dieſen halbverhungerten, elend bewaffneten, an allem Nöthigen Mangel lei⸗ denden Feinden bald fertig werden würden. werden ten Eiſen während zurück⸗ m ſeinen en, doch atten die ſie fort⸗ wurden ter über⸗ lich aucht wirkt, der hatte, als d in eine lich ſein rt. In Sorgfalt urden in Fuhrwerk n ſollten, Finnland die Sam auch die s Finnen s zu er ſtet, t. 2⸗ Schlacht⸗ Min⸗ Da⸗ ene mit. 611 Und halb verhungert, in Lumpen und Fetzen, Schmutz und Elend aller Art eingewickelt, waren dieſe dem Tode und der Gefangenſchaft entkommenen Reſte des finniſch⸗ſchwediſchen Heeres. Hinter dem Hügel, auf welchem die Kanonen ſtanden, marſchirten verſchiedene Soldatenhaufen; an ihrer Spitze zunächſt ein zuſammengeſchmolzenes Regiment, welches ſoeben ſeine Gewehre, die außerordentlich lange Bajonnette hatten, in Pyramiden zuſammengeſtellt. Die Soldaten liefen umher ſich zu erwärmen, und als einer darunter den Pelz⸗ lappen von ſeinem Geſichte nahm, gehörte dies ohne Zweifel dem tapferen Korporal Spuf an. Aber ach! wie ſah der würdige Spuf aus. Von ſeinen rothen, dicken Backen waren nur Falten übrig ge⸗ blieben; die kleinen Augen hatten ſich bedeutend vergrößert, die ge⸗ waltigen Lippen erſchienen ſchmaler und die herkuliſchen Schultern ſelbſt waren zuſammengeſchrumpft. Wenn aber auch Alles ſich an ihm kläglich geändert hatte, ſo war ihm doch die Baßſtimme treu ge⸗ blieben und er gebrauchte ſie, um einen unermeßlichen Fluch an ſeinen Freund, den Feldwebel, zu richten, der ſich ihm näherte und äußerſt anmuthig grinste. 3 Der Feldwebel ſah ganz eben ſo aus, wie er immer ausgeſehen, doch dies eben ſchien den Korporal ſo heftig zu ärgern. Feldwebel! ſchrie er, du biſt der geſcheidteſte Feldwebel in der ganzen Armee, aber alle Koſaken ſollen auf mich reiten, wenn du dich nicht dem Satan verkauft haſt. Pfui, Korporal Spuf! ſagte der Feldwebel, wie kannſt du ſolche Gottesläſterung ausſprechen. Wer möchte uns Beide wohl kaufen, wie wir ausſehen? Der Teufel ſelbſt hat ſicherlich keine Luſt dazu, ſonſt würde er uns längſt geholt haben, wie manchen anderen guten Burſchen. Korporal Spuf nickte mit ſeinem ſchweren Kopf und mit unver⸗ kennbarer Wehmuth blickte er auf die dünnen Knochen ſeines Kame⸗ raden. Kreuz Element! murmelte er, dieſer Feldwebel hat doch einigen Verſtand hinter ſeinem dünnen Naſenbeine. Da ſteht Alles, was vom edlen Regimente Björneborg übrig geblieben iſt. Fünfzehn⸗ hundert Grenadiere waren es und Ruſthalls Bataillon dazu macht zweitauſend voll, die ſich vor keiner Hölle voll Teufel fürchten thaten. Was iſt nun noch davon vorhanden, elender Feldwebel? Kaum ſechs⸗ hundert mägen es ſein, die das Bajonnet noch halten können. Ha⸗ 39* — 612— ben's aber etwa die Ruſſen gethan, du lachender Strich? Wär's Re⸗ giment Björneborg noch wie es war, kein Moskowiter ſollte uns heut davonkommen! aber in Schnee und Eis ſind ſie verſunken, erfroren liegen ſie und verhungert in allen Gräben, und in Wald und Süm⸗ pfen; elendig umgekommen vor Mattigkeit und Fieber auf dieſer ſiebenundſiebenzig Schock Mal verfluchten Retirade. Burſche waren's, drei Ruſſen hatten in jedem Platz, und dennoch— wie mürbe Aepfel vom Baume ſind ſie gefallen, und die Uebriggebliebenen klappern in ihren Knochen, man kann's meilenweit hören, wenn ſie ſich bewegen. Nur dieſer erbärmliche Feldwebel iſt geblieben wie er war. Ihm kann kein Froſt Blaſen ziehen, kein Ruſſe an den Leib kommen; denn Alles iſt Schatten und Wind an ihm. Ich will's mit ſiebenundſiebenzig Schock Tonnen voll Eiden beſchwören, daß er ſich unſichtbar machen kann und eigentlich gar kein menſchlicher Feldwebel iſt, ſondern ein Schatten mit langen Beinen, der dem Regiment Björneborg zum Aergerniß ge⸗ reicht, weil er nichts von unſerem Hunger und Durſt, unſerer Müdig⸗ keit und Noth empfindet. Die Soldaten, welche ſich um Beide geſammelt hatten, ſtimmten ein Gelächter an, das bald noch mehrere herbeizog, denn wo der Feldwebel war und der Korporal, gab es immer luſtige Geſchichten. So geſchah es auch diesmal, denn der Feldwebel reizte durch ſeine Spöttereien über das unnütze Fleiſch und Fett und ſeine Glückwünſche, daß von dem tapferen Spuf bald nichts mehr übrig ſein werde, als ein verſchrumpfter Sack, der einſt einen Magen vorſtellte, den Kor⸗ poral zu den merkwürdigſten neuen Flüchen und boshaften Beſchul⸗ digungen, über welche der Feldwebel in kanibaliſcher Ruhe ſeine Bemerkungen machte. Höre an, chriſtlicher Korporal Spuf, ſagte er endlich; haſt du niemals Gott angerufen, dir eine Portion Fleiſch abzunehmen, um dich leichter und geſchickter zu machen? Ich weiß, du haſt es gethan, und jetzt willſt du dich darüber beſchweren, daß der Herr deinen from⸗ men und gerechten Wunſch erfüllt hat? Du lügſt, elender Feldwebel! ſchrie der Korporal. Dummer wie ein Tavaſteländer müßte ich ſein, hätte ich jemals wünſchen ſollen dir ähnlich zu werden. s Re⸗ s heut rfroren Süm dieſer aren's, Aepfel zern in wegen. kann Alles ebenzig n kann ſchatten iß ge Müdig mmien wo der Hichten. ſeine ünſche, d, als 1 Kor⸗ eſchul⸗ ſeine baſt du en, um gethan, from⸗ ger wie ſallen — 613— Ganz recht, fuhr der Feldwebel gravitätiſch nickend fort, im Ta⸗ vaſteland war's, vielleicht kam's eben daher über dich. Es iſt noch gar nicht lange her, oder wär's möglich, daß ich's geträumt hätte, Korporal Spuf, daß wir Beide aus einem brennenden Schloß liefen, mitten in einen Ruſſenhaufen hinein. Wie wir wieder herauskamen, weiß ich nicht, aber es gab da in der Nähe einen See und Wald zog an ihm hin bis in Berge und Klippen. Wie ich umſchaute, ſah ich eine ganze Wolke Koſaken und Huſaren in weißen Pelzen hinter uns und vor uns, und ich lief, was meine langen Beine laufen konnten. Es iſt nicht wahr! ſchrie Spuf. Ich hab's geſehen, Grena⸗ diere, wie er den Rittmeiſter herunterſchoß und um ſich ſchlug rechts und links. Spaß! grinste der Feldwebel, aber es kam mir ſo vor, daß wie ich unter den alten Tannen die letzte Patrone in den Lauf ſtampfte, Korporal Spuf daherrannte und hatte auf ſeine Schultern einen Todten aufgeladen. Todt war er nicht, brummte Spuf; er konnte nur nicht weiter laufen und liegen wollt' ich ihn nicht laſſen. 3 Und da kam dicht hinter ihm her ein Koſak, und es war ein Glück, daß der Kerl vom Pferde ſtürzte, gerade wie er mit ſeinem Zahnſtocher unterſuchen wollte, was Spuf zu Abend geſpeist hatte. Lüge nicht, windbeuteliger Feldwebel! ſchrie der Korporal. Es war eine Schande ſeine letzte Kugel an einen lumpigen Koſaken zu verſchwenden. Aber der tapfere Spuf ſtürzte dennoch zu Boden, lachte der Feld webel. Ich meinte, der Koſak hätte ihn ins Bein gebiſſen, und ich ſprang herbei, um ihn näher zu beſchauen. Er puſtete und ſtöhnte, weil der Todte auf ihm lag, dem das brennende Schloß gehört hatte, ein kleines dünnes Männchen, wie eine Feder ſo leicht, und ich nahm es ihm ab und legte es unter die tiefen Tannenzweige, ſo konnte der tapfere Spuf aufſpringen und ſich erholen. Rühme dich nicht damit, Feldwebel, murmelte Spuf. Es war ein wackerer Herr, wir hätten ihn nicht liegen laſſen ſollen. 2 — 614 Nun ging's in die Berge hinein, fuhr der Feldwebel fort, hinter uns her die ruſſiſchen Jäger und Grenadiere, vor uns ſteile glatte Wände. Auf Händen und Füßen gab's zu klettern, und wer nicht etwas in ſich hatte vom Luchs und Wolf, der kollerte in die ruſſiſchen Kugeln und Bajonnette. Da war's eben, wo der chriſtliche Korporal Spuf zum lebendigen dreifachen Gott ſchrie, er möchte ihm helfen und ihn von ſeinem Fett befreien, damit er laufen könne wie wohl gebildete Menſchen. Schweig ſtille, du elender Feldwebel! ſchrie Spuf. Es war eine fürchterliche Nacht. Nicht die Hälfte von uns kam am Morgen in Kuvasmäki an und wenn ſeine dürren Hände mich nicht zehnmal feſt gehalten hätten, läg' ich fett und rund jetzt im ſanften Schlaf, weich gebettet, ſtatt daß ich hier in Haut und Knochen umher klappern muß und weder Fuchs noch Wolf an mir eine Mahlzeit halten kann. Ich ſehe auch nicht ein, lachte der Feldwebel, ob's nach der Na turgeſchichte durchaus ſo ſein muß. Feldwebel, antwortete der Korporal ernſthaft, es bleibt Keiner von uns Allen übrig und Mancher, der jetzt hier lacht, wird ehe der Abend dunkelt, in einem Wolfsmagen ſich beſſer befinden, als in freier Luft. Es iſt aber unredlich und regt mein Gewiſſen auf, wenn ich denke, daß man ſeinen Mitgeſchöpfen noch zuletzt Ekel und Verachtung ein⸗ flößen ſoll. Wenn die Wölfe dich finden, Feldwebel, werden ſie nach den erſten Biſſen die Schwänze einziehen und heulend davonlaufen; mir war's aber immer ein Troſt zu denken, wie ſchön es ſein würde, wenn ſie um mich her ſäßen, die Lippen leckten, mich zärtlich an ſchauten und vor Luſt ſchreien thäten: Seht den Korporal Spuf, kann’s etwas Lieblicheres auf der Welt geben? Damit iſt es nun vorbet, leichtſinniger Feldwebel, und all' meinen Kummer verdanke ich dir! Ein ſchallendes Gelächter belohnte den Korporal, der Feldwebel⸗ aber zog mit wehmüthigem Geſicht unter ſeinem Pelze die bekannte Korkflaſche hervor, umfaßte dieſe mit beiden Händen und antwortete demüthig: Sollteſt du, ehrwürdiger Spuf, mir nicht meine Sünden vergeben, wenn ich dir verſpreche, daß dir dein Kummer durch mich gründlich geheilt werden ſoll? hinter glatte nicht ſiſchen rporal helfen Mit einem raſchen Griff bemächtigte ſich Spuf der Flaſche und, indem er ſie mit Innigkeit betrachtete, ſtrahlte ein ſonnenvolles Lächeln aus ſeinen Augen und glättete ſeine Falten. Gib her, verruchter Feldwebel! ſchrie er dabei. Laß ab von Gütern, die du nicht zu ſchätzen weißt. Ja, ich will dir vergeben, in der Erwartung, daß du noch recht oft Reue über deine Verbrechen fühlſt und meine Leiden zu lindern ſuchſt. Ich verſpreche es dir, heiliger Spuf! ſagte der Feldwebel feierlich. Rund und fett ſollſt du wieder werden, ſobald der Frühling kommt. Wir werden die Ruſſen jagen, tapferer Korporal, denn eine neue Zeit bricht an. Ein Hurrah für den General Adlercreutz! ſchrie Korporal Spuf, ſeine Flaſche ſch wingend. Ich will dir verzeihen, Feldwebel, und will dich umarmen, wenn wir wieder an den edlen Pajäneſee gelangen, wo es ein wonniglich Leben im guten Schloſſe Halljala war, das ich niemals vergeſſen werde. Oho! fuhr er fort, und da iſt noch Einer, der es nimmer ver⸗ geſſen thut. Holla! Lars Normark, alter Burſche, komm' hierher! und mit rothem Geſicht lief der Korporal mit der Flaſche einem an⸗ deren Soldatenkreiſe zu, wo es luſtig herzugehen ſchien und aus welchem die Pfeife des Schulmeiſters erſchallte. Der Feldwebel und die Grenadiere vom Regiment Björneborg folgten ihm nach und ſahen wie der Haufen auseinander wich und der Hahn neben dem Schulmeiſter marſchirte, dem ein Bauerntrupp folgte, Jem Olikainen als der Erſte voran. Der Hahn krähte und marſchirte mit ausgeſtreckten Beinen in Parade nach dem Takte des Ruſſenmarſches, den Korporal Spuf über alle andere Muſik auf Erden ſetzte. Er ſprang daher auch zugleich an die andere Seite und brüllte aus aller Kraft ſeiner Lungen die Melodie, indem er dabei in die Hände klatſchte. Die Soldaten hatten ihre ſchönſte Luſt daran und als der Kor poral ein wenig Branntwein in ſeine Hand goß und der Hahn ſich nicht zum Trinken nöthigen ließ, entſtand ein ſolcher Jubel, daß die Offiziere vom Hügel herunter kamen und erſtaunt und lachend den greiſen Pfeifer und ſeinen gelehrigen Schüler beſchauten. 616 Endlich kam auch ein Kriegsmann herbei, von kerniger Geſtalt, finſteren ſtrengen Zügen, raſch und hart in Allem, was er that. Es war der Oberſt Döbeln, der das Regiment commandirte und kein Freund von ſolchen Auftritten war; hinter ſeinen buſchigen Augen⸗ brauen hervor blitzte er den Schulmeiſter an und rief ihm dann mit ſeiner rauhen Stimme zu: Biſt du ein Zigeuner, ſo zieh' auf den Jahrmarkt. Packe dich fort mit dem unnützen Vieh! Lars Normark begegnete den grimmigen Blicken des Oberſten, vor denen ſo leicht keiner Stand hielt, unerſchrocken genug. Ich denke, wir ſtehen Beide ſchon mitten darauf, Oberſt, ſagte er, und es wird nicht lange dauern, ſo werden wir die Würfel klappern hören. Gehe ihnen aus dem Wege ſo weit du kannſt! verſetzte Döbeln. Fort mit dem Hahn und fort mit dir! Eh, Hans! lachte Lars Normark, warum ſollen wir es nicht thun? Es möchte Mancher gerne mit uns tauſchen, liefe davon und ließe es ſich nicht zweimal ſagen, wenn er nur dürfte. Aber gräm' dich nicht, Hans. Unnütz iſt Vieles in der Welt, was man nicht dafür hält, das Nützlichſte aber wird zumeiſt verachtet. Wer biſt du denn, du alter Naar? fragte der Oberſt. Was du ſagſt, Herr, ein alter Narr und ein unnützes Ding in der Welt, nämlich ein Schulmeiſter, antwortete Lars Normark. Der grimmige Oberſt zog die Augen dichter zuſammen, aber der Feldwebel faßte an ſeinen Hut und begann: Mit des geſtrengen Herrn Oberſten gnädiger Erlaubniß möchte ich berichten, daß der alte Mann zu den Bauern hier gehört, die mit uns und der Colonne des Generals Cronſtedt vor drei Tagen bei der Armee angekommen ſind. Ich muß aber auch ſagen, daß wir wohl ſämmtlich gefangen worden wären oder todt lägen, wenn er nicht das Land ſo genau gekannt hätte. Und der Hahn iſt kein unnützes Vieh, brummte Korporal Spuf; es iſt Vernunft in ihm. Schock Tonnen Mal wollt ich verdammt ſein! wenn's nicht ein vernünftiges Weſen iſt, ſo gut wie ich und der Oberſt. Wenn wir ſchliefen, ſtand er auf ſeinem Poſten, und es iſt ſo wahr, wie es Ruſſen gibt, die dort von allen Seiten auf Revolax los marſchiren, daß er die Koſaken witterte, mochten ſie noch ſo leiſe Geſtalt, jat. Es und kein Augen⸗ dann mit auf den Oberſten, ug. Ich und es n hören. Döbeln. ht thun? nd ließe im' dich tt dafür Ding in k aber der ſtrengen der alte nne des en ſind. n wären itte lSrufj nt ſein! und der d es iſt Revolar ſo leiſe 617 kommen, und daß er uns geweckt und herausgeſchrien hat, wie der beſte Mann in Björneborg's Regiment. Oberſt Döbeln's Geſicht heiterte ſich auf. Der Korporal war ihm ein alter Bekannter und wohl gelitten. Steht es ſo, ſagte er, dann müſſen wir den Schulmeiſter und den Hahn belohnen. Sind das die Bauern von Halljala, die bei uns bleiben ſollen, bis der General weiter über ſie beſtimmt? Ja, Herr, antwortete Jem Olikainen. Brauche uns nach deinem Willen; ich denke, du ſollſt ſehen, daß wir Schützen ſind. Ich glaube es dir, ſagte der Oberſt wohlgefällig. Die Männer aus den Bergen von Tavaſteland und Savolax wiſſen ihr Ziel zu treffen. Willſt du dabei ſein, alter Schulmeiſter, wenn ich dir ein Gewehr geben laſſe? fragte er, indem er ſich zu Lars Normark wandte. Dabei will ich ſein, verſetzte dieſer, aber dein Gewehr behalte. Womit willſt du denn die Ruſſen ſchlagen? Mit meiner Pfeife, lachte der Alte. Wenn ſie den Ruſſenmarſch hören und den Hans dazu, laufen ſie Alle davon. Nun in Gottes Namenl! ſagte der Oberſt. Schlag du ſie in dei⸗ ner Art, ich werde es in meiner Weiſe thun. Feldwebel, trag' die ganze Mannſchaft ein in die Muſterrolle und den Hahn dazu. Hat er ſich wie ein Björneborgsmann benommen, muß er auch zum Re⸗ giment gehören. Hurrah! ſchrie Spuf, haſt du es gehört, Feldwebel. Kamerad Hans ſoll leben und der Pfeifer von Normark daneben! Mitten in das luſtige Hurrahgeſchrei, mit dem der Hahn umringt, geſchmeichelt und geſtreichelt wurde, tönte die markige Stimme des Oberſten, der zu den Waffen rief. In wenigen Augenblicken über⸗ wältigte der militäriſche Gehorſam Lärm und Lachen, nur die Waffen klirrten; ſchweigend und raſch bildete ſich eine lange Linie kampfbe⸗ reiter Männer, hinter welcher die kleine Schaar der Bauern ſtand. Lars Normark hatte den neuen Grenadier von Björneborg's Regiment in ſeinen Sack geſteckt, aus welchem deſſen buntgeſprenkeltes Haupt neu⸗ gierig hervorſchaute und es ganz ſo machte, wie alle anderen Köpfe, die ſich einem Reitertrupp zuwandten, welcher aus Pavola herkam und ſich den Hügeln und den dahinter aufgeſtellten Soldaten näherte. — 618— Jeht wird's losgehen, ſagte der Feldwebel zu Korporal Spuf. Da kommt der ganze Generalſtab. Siehſt du den General Adlercreutz? So rund ſieht er aus, wie du jemals ausgeſehen haſt, heruntergekom⸗ mener Korporal Spuf. Elender Feldwebel! verſetzte der Korporal, was lügſt du wieder. An der Spitze reitet der alte Marſchall Klingſpor, und der ſieht ſo vertrocknet aus, wie er immer war. Aber der hinter ihm kommt, den ſieh an, Spuf, der thut's, der iſt der Rechte, ſprach der Feldwebel. Haſt du noch niemals gehört, wie man's macht, wenn ein vornehmer Herr nichts taugt? Taugt der Korporal Spuf nichts, wird er abgeſetzt; taugt aber ein Miniſter nichts, gibt man ihm einen Rath an die Seite, der für ihn denkt, und wenn's mit einem General nicht gehen will, bekommt er auch ſeinen Rath, das heißt einen Generalſtabschef, der das Heer comman dirt und der Puppe den Namen läßt. So ſteht's mit dem Adler⸗ creutz; jeder Lieutenant weiß es, und nun paß auf, Spuf. Du wirſt ſehen, wie ſie Alle zu ihm laufen, und der alte Klingſpor weiß es ſelbſt am beſten, wie er nichts mehr zu bedeuten hat. Der greiſe mehr als ſiebenzigjährige einäugige Marſchall ritt inzwiſchen mit ſeinem Gefolge an dem Hügel hinauf, während ſein Generalſtabschef ſich dem Oberſten Döbeln und einigen anderen Offizieren näherte, welche die verſchiedenen Regimenter befehligten, die ſich hier geſammelt hatten. General Adlercreutz konnte allerdings Soldaten mehr Vertrauen einflößen als der weißhaarige, gebeugte Mann, der dem Namen nach an der Spitze des Heeres ſtand. Der Tag von Sikajocki hatte zuerſt den Schweden und Finnen neuen Muth eingehaucht, denn bis dahin waren ſie geflohen. Jeder wußte, daß Adlercreutz dieſen Sieg ge⸗ wonnen, während Klingſpor ſchon daran dachte, Finnland ganz auf⸗ zugeben, und nun ſprengte Adlercreutz daher auf ſeinem dunkelmäh⸗ nigen feurigen Renner; er ſelbſt in der Blüthe der Manneskraft, ſtark von Körper, kriegeriſch, lebhaft ſein Blick, ein Lächeln auf ſei⸗ nen Lippen und der Ausdruck des Selbſtvertrauens in allen ſeinen Zügen. Als Oberſt Döbeln bei ihm war, neigte er ſich ihm die Hand ſchüttelnd nieder und ſagte ohne das glückliche Lächeln zu ver⸗ lieren, das ihm immer zu Gebot ſtand: Sweaborg hat capitulirt! Spuf. ereutz? gekom wieder. leht ſo 8, der gehört, Taugt tiniſter denkt, r auch uman Abler wirſt iß ſ viſchen lbschef welche zatten. rrauen nach — 619— Der rauhe Döbeln fuhr zurück wie von einer Schlange gebiſſen. Es iſt wahr, fuhr Adlercreutz fort, die Nachricht iſt ganz ſicher. Die Capitulation iſt am 5. April zwiſchen dem General Suchtelen und dem Admiral Cronſtedt abgeſchloſſen worden. Wenn bis zum 3. Mai kein Erſatz da iſt, wird die ruſſiſche Fahne auf allen Forts wehen. So iſt noch Erſatz möglich, ſagte ein großer Offizier, der neben Döbeln ſtand. Nein, Oberſt Sandels, erwiederte Adlercreutz, es iſt Alles ſehr klug verabredet worden. Bis zum dritten Mai iſt das Meer niemals bei Sweaborg offen und bei dieſem harten Winter wird es viel län⸗ ger dauern, ehe freies Waſſer kommt. Um aber für alle Fälle ſicher zu ſein, iſt den Ruſſen ſofort das Fort Langörn überliefert worden. Was hat den Admiral dazu bewogen? fragte Sandels. Vielleicht, daß ſieben Mann unter den 6000, die Sweaborg be⸗ ſetzt halten, von ruſſiſchen Kugeln getödtet wurden, erwiederte Adler⸗ creutz, vielleicht auch, wie er ſelbſt in ſeinem Brief an den König ſagt, weil es an Mühlen fehlte, um das viele vorhandene Getreide zu mahlen; oder es müßte denn ſein, daß Oberſt Jägerhorn dem Admiral noch andere Gründe beibrachte. Das iſt ein fürchterlicher, ſchandvoller Verrath! rief Döbeln. Finnland iſt verloren! Verrath, ja, fiel Sandels ein; doch verloren iſt Finnland noch nicht. Noch leben wir und können es wieder nehmen. Recht, Sandels! ſagte Adlercreutz, was wir an Hoffnungen haben, iſt bei uns. Wir müſſen dieſe Ruſſen ſchlagen, ſo iſt nichts verloren Buxthöyden hat in Abo die Huldigung ſeines Kaiſers bei Strafe des Hochverraths befohlen. Verräther zeigen ſich überall, aber auch viele treue Herzen. Das Land wird aufſtehen, ſobald wir ihm nur helfen können. Siegen wir, ſo nehmen wir auch das Berg⸗ und Seegebiet, Tavaſteland und Savolax wieder. Und dort iſt der Brigadier San dels mit ſeinen Savolaxjägern ſo recht zu Haus. Endlich wird man doch in Stockholm aufwachen. Iſt nur der Sommer erſt da, ſo haben wir Hilfe zu erwarten. Der König hat feſt zugeſagt, ſich an die Spitze der Garden zu ſtellen, und wie es auch ſonſt in Stockholm — 620— ſtehen mag, Finnland darf nicht verloren gehen; Leib und Leben müſſen wir dafür laſſen. Er hielt inne, denn ein Reiter näherte ſich im vollen Lauf ſeines Roſſes. Mein Adjutant, Lieutenant Waimon, ſagte er. Das iſt ein junger Mann, auf den ich große Hoffnungen ſetze. Durch ihn erfuhren wir zuerſt den Einfall der Ruſſen und was im Werke war. Der König hat ihn auf meine Bitte mir mitgegeben und zum Offizier er⸗ nannt. Wenn es zum Volkskriege kommt, iſt das ein Mann für Sie, Oberſt Sandels. In dem Augenblick erreichte Otho den General. Er trug eine weiße Binde um ſeinen Arm. Adlercreutz betrachtete dieſe mit Be⸗ ſorgniß und deutete auf eine rothe Stelle, welche daran ſichtbar wurde. Es iſt nichts, mein General, ſagte Otho. Koſaken ſchwär⸗ men bis jenſeit des Sikajocki; einer derſelben iſt meinem Pelze ein wenig zu nahe gekommen, was er künftig nicht wieder thun wird. Der unbeſorgte Ton paßte zu der kraftvollen Geſtalt und dem friſchen Geſicht des jungen Mannes. Selbſt Döbeln blickte ihn wohl⸗ gefällig an. Oberſt Sandels trat zu ihm hin und drückte ihm die Hand. Unſere Colonnen ſind an ihren Plätzen? fragte Adlercreutz. Ja, mein General, erwiederte der Adjutant. Alle Höhen und das rechte Ufer des Sikajocki ſind beſetzt; die Brücke nach Braheſtad iſt in unſerer Gewalt. Dann an unſere Arbeit, meine Herren, ſagte Adlerereutz. Wir müſſen Revolar nehmen und Butaloff, der darin ſitzt, vernichten. Werden wir geſchlagen, ſo iſt Uleaborg unſer letzter Rückzug. Denken wir nicht daran! Ich hoffe, wir machen den Herren Tutſchkoff und Bulatoff einen Strich durch die Rechnung und eſſen heut Abend in Braheſtad, morgen in Carleby. Machen Sie es wie Waimon, binden Sie Alle weiße Tücher um den Arm. In dieſen verdammten Pelzen kann ein Freund den andern ermorden, ohne ihn zu kennen. Er wandte ſein Pferd, um dem Marſchall nachzureiten, als ein jauchzendes Geſchrei ihn feſthielt, das in ſeiner Nähe entſtand. Otho Waimon war vom Pferde geſprungen und von Männern umringt, die ſich zum Theil auf die Knie geworfen hatten, um ſeine Kleider zu berühren und zu küſſen, während andere entfernter ſtehende ihre nd Leben ruf ſeines as iſt ein erfuhren ar. Der ffzier er Nann für trug eine mit Be⸗ ſcchtbar ſchwär⸗ Pelze ein wird. und dem in wohl⸗ ihm die ercreutz. zhen und Braheſtad 6. Wir rnichten. Denken koff und Abend in binden en Pelzen als tin / „Ot umringt, Kleider nde ihre — 621— Hände nach ihm ausſtreckten. Ueber Alle fortragend war aber die groteske Geſtalt eines alten Mannes ſichtbar, von deſſen Arm ein ſchreiender Hahn plötzlich auf die Schulter des Lieutenants flog und mit Gluckſen, Schmeicheln und Geſchrei ſich an ihn drückte. Lars Normark aber griff zu ſeiner Pfeife und blies das Lied vom ſchönen Pajäneſee und mitten darin umfaßten ihn zwei Arme und als er lachen wollte, wurden ſeine Augen naß. Die Pfeife fiel ihm aus den Fingern in den Schnee; dafür griffen ſie nach Otho's Kopf, hielten dieſen feſt, und der greiſe Mann ſchaute ihn zärtlich an und küßte ihn, wie ein Vater den verlorenen Sohn küßt. Dann ſchrie er glückſelig dem Hahn zu: Haſt es ihnen wohl geſagt, Hans, und ich wußte es ja, er konnte nicht verloren gehen. Seinen Hochzeitstanz muß er tanzen, ehe es ein Ende hat mit Wainemonen's Sonnenreich. Lars! wie iſt es möglich, und du, Jem, auch du! rief Otho. Mein Herr, mein lieber Herr! antwortete Jem weinend. O! nun- iſt Alles gut, nun kann Alles noch beſſer werden. Schock Tonnen Element! ſchrie Korporal Spuf, er iſt es wirklich, Feldwebel. Und hier ſteht's Regiment Björneborg, mit den langen Bajonnetten. Und hier bin ich, tapferer Spuf, lachte Otho, indem er dem Kor⸗ poral die Hand ſchüttelte, um mein Verſprechen wahr zu machen. Bleib bei uns Lieutenant, antwortete Spuf, und wir wollen dir zeigen, was das lange Bajonnet thut. In dem Augenblick fiel ein Kanonenſchuß in der Ferne, dem gleich darauf ein heftiges Geknatter, dann ein rollendes Feuer folgte. Auf eure Poſten, meine Herren! rief Adlercreutz. Der rechte Flügel geht vor. An euch iſt es, Revolax zu nehmen. Geſtatten Sie mir, mein General, dieſen Angriff mitzumachen, ſagte Otho. Ich erlaube es Ihnen, erwiederte Adlercreutz. Unter den Augen ſolcher Männer wie Sandels und Döbeln iſt ewiger Ruhm zu er⸗ werben. Hier iſt ein Freiwilliger, Oberſt Döbeln. Mit der Fahne, Freund, oder auf der Fahne. Ohne Glück kein Soldat. Glück ſei mit dir! Er winkte Otho einen letzten Abſchied zu, und dahin flog ſein Renner dem alten Marſchall entgegen, der von dem Hügel zurück⸗ — 622 kehrte. Dicke Wolken Pulverdampf wälzten ſich über den Spalt, in welchem der Sikajocki unter Eis lag. Fliehende Koſaken, reiterloſe Pferde und eine lange bewegliche Linie dunkler Geſtalten, die aus dem Dampf hervor jenen nach in das glänzende Schneefeld drang, waren die erſten Zeichen der beginnenden Schlacht. Nur wenig will ich jetzt von dir hören, alter Lars, ſagte Otho. Was iſt in Halljala geſchehen? Oh! antwortete der Schulmeiſter, du fängſt von hinten an ſtatt von vorn. Könnte Hompus Randal aufwachen, er würde es nicht glauben, daß Feuer ſeinen Bau ſo zerfreſſen konnte. Alſo niedergebrannt von den Ruſſen. Und Erich und— Ebba— Sie ſind vermählt? Nicht?! Was wurde aus ihnen? Ich hatte es ihm wohl geſagt: Sichere dein Glück, Erich Randal, noch iſt es Zeit! fuhr Lars fort, aber er that's nicht; denn er iſt kein Mann, der den Stier gleich friſch an den Hörnern faßt. Nun aber wird's nicht mehr geſchehen, denn es iſt zu ſpät für alle Zeit. Todt! rief Otho ſeine Hände ballend. Fortgeſchleppt nach Abo, ſagte Lars. Hab's erfahren, denn drei Tage nach dem Brande war ich noch einmal in Halljala, weil Jem Olikainen ohne ſeine Fulla nicht weiter wollte. Major Munk hat ſie nach Lom⸗ näs genommen und die alte Ulla dazu. Sie haben den Major frei gelaſſen, als Halljala in Aſche lag. Die Ruſſen aber waren noch da. Erich Randal hatten ſie fortgeſchafft, krank und wund wie er war, und der Kammerherr hatte ſeine Schweſter genommen und hatte ſie nach Tavaſtehus gebracht. Der Propſt fuhr mit Halſet nach Abo, um ſich einen Orden zu holen, im Pfarrhauſe aber lag der ruſſiſche Oberſt, der das Schloß verbrannt hat und Erich Randal gefangen ſetzte, weil er kein Ruſſe werden wollte. Der wird jetzt das Fräulein heirathen. Heirathen, wer? Die Leute aus dem Pfarrhauſe haben's geſagt; der Kammerherr will's ſo haben. Hat laut genug geſchrien, nimmermehr ſollte ſeine Schweſter einen Hochverräther nehmen, der jetzt ein Bettler geworden ſei. Und die Ruſſen haben ihn zum Gouverneur von Tavaſtehus ge⸗ macht; darauf iſt der ruſſiſche Oberſt gekommen und der Propſt hat Spalt, in reiterloſe aus dem g, waren gte Otho. man ſtatt es nicht Cb ba— Nandal, riſt kein Nun aber re Tage Olikainen ach Lom ajor frei noch da⸗ er war, hatte ſie h Abo, ruſſiſche gefangen Fräulein umerbenn lite ſeine eworden hus ge⸗ uſt hat — 623— ſeiner Frau erzählt, der wird's und kein anderer; war auch längſt eine abgemachte Sache. Es iſt echt ſchwediſches Blut in ihm, Otho Waimon! Welcher Oberſt? fragte Otho wie betäubt ihn anſtarrend. Es iſt eine luſtige Frage, Hans, die er thut, ſagte Lars. Einer der ſagen mochte: ſieh mich an, ich bin dein Herr und Gott, und er hätt's ihm geglaubt. Ha! murmelte Otho und ſeine Augen öffneten ſich weit und glühend. Wo iſt meine Schweſter? Siehſt du wohl, Hans, er fragt doch auch nach ihr! rief der Schul meiſter, aber wer ſoll ihm Antwort geben? Weißt du es nicht, Otho Waimon, weißt nicht, wo du ſie gelaſſen haſt? Ein ruſſiſches Weib, ſagen ſie, hat den lieben kleinen Nix nach Wiborg fortgeführt, Andere ſagen, ein ruſſiſcher Graf ſei's geweſen, dem ſie nachlief. Erich Ran dal konnte ſie nicht halten; der Kummer lag auf ſeinem Geſicht, wenn er ihren Namen hörte. Otho preßte den Arm des Greiſes zuſammen. Schweig! ſagte er mit gewaltſamer Ruhe, ich habe genug gehört. Bleibe ich lebendig, ſo will ich dich weiter fragen. Und wenn es wahr iſt— dann!— alle ſeine Muskeln zogen ſich zuſammen— dann werde ich ihn finden! In dem Augenblick ſchallte die mächtige Stimme des Oberſten, der ſeinen Kriegern das Gewehr aufzunehmen befahl. Schließen Sie ſich der erſten Compagnie an, ſagte er zu Otho, und da dieſe wacke⸗ ren Leute aus Halljala zu Ihnen gehören, ſo übernehmen Sie deren Befehl. Jem's Augen funkelten vor Luſt. Heh, Korporal Spuf! ſchrie er, jetzt wollen wir ſehen, wer das Beſte thut. Spiel' auf, Pfeifer von Normark! laß den Ruſſen hören, daß Otho Waimon bei uns iſt. Mein Kind, ſagte der Alte bedächtig, es iſt zwar eine ſchöne Sache, wenn er in deiner Nähe ſteht, aber ein Ruſſe und ein Bär ſind doch verſchiedene Geſchöpfe und weil's nicht immer glücken möchte— Weiter konnte er nicht ſprechen, denn die Bauern ſowohl wie Spuf lachten zu laut, machten aber auch gleich wieder ernſthafte Ge⸗ ſichter, denn plötzlich ſtimmten die Kanonen auf dem Hügel ein ent⸗ ſetzliches Gebrüll an und dazwiſchen hörte man dennoch das gewaltige — 621— Commando des Oberſten, welches das ganze Regiment und die hinter ihm ſtehenden Jäger von Savolax in Marſch ſetzte. Jetzt hatte alles muthwillige Weſen aufgehört; ſchweigend be⸗ wegte ſich die Colonne wie eine lange ringelnde Schlange hinter den Hügeln fort und folgte dem Ruf ihrer Offtziere, die zum dichteren Aufrücken mahnten. In der Luft über ihren Köpfen zog dann und wann ein ziſchender Ton, der ſich immer häufiger wiederholte. Die Soldaten hatten die maskenartigen Pelzlappen von ihren Geſichtern genommen; es war ihnen heiß genug. Lange, bärtige, bleiche und knochige Geſichter wickelten ſich aus der migüllung, und tiefliegende, funkelnde Augen ſahen in die Himmelsbläue den Todesboten nach, deren furchtbare Stimmen ſie mit Grauen erfüllten. Die Batterie be⸗ ſchoß Revolar und die Angriffscolonne hatte ſich zur Seite gezogen, um beim Sturm nicht dem eigenen Feuer im Wege zu ſein. Noch ſtand ſie gedeckt hinter der Hügelkette, welche von dieſer Seite ſich näher an den Ort zog, allein nur wenige Schritte noch und die Höhen waren erreicht. Haltet euch nicht mit Schießen auf, meine Kinder, ſagte Döbeln in ſeiner rauhen Soldatenart, die ihm trotz ſeiner Strenge die Herzen gewann, kein Ruſſe iſt einen Schuß Pulver werth. Rennt ihnen die Bajonnete in die Rippen. Seht zu, wie es Korporal Spuf macht, und jetzt vorwärts, Björneborg, der ſchwediſche Löwe iſt da! Mit dem vielſtimmigen verworrenen Geſchrei: Björneborg! Schwe⸗ den! Schweden! ſtürzten die Grenadiere ſich über die Hügelwand und entwickelten ſich zu einer Linie, die unaufhaltſam gegen Revolax vor⸗ drang. Ein Hagel von Flintenkugeln und Kartätſchen kam ihr entgegen und riß breite Lücken in ihre Glieder. Oberſt Döbeln war vom Pferde geſtiegen und ſah nach den Waldleiſten zurück, welche jenſeits des Baches hinliefen. Die Jäger von Savolar ſprangen dort ſchon zwiſchen den Bäumen hervor und trieben eine Wolke feindlicher Scharfſchützen vor ſich her, die ſich nach dem nahe liegenden Weiler Händela flüch⸗ teten. Mir nach, ſchrie der Oberſt. Macht keine Umſtände, ſonſt ge⸗ winnen die Jäger uns den Preis ab, und ſeinen Degen ſchwingend mit dem weiderholten Ruf! Björneborg! Björneborg! kletterte er der Erſte über einen Wall von Schnee und Eis, der zu einer Schanze am Eingange des Orts zuſammengeſchaufelt war. die hinter gend be⸗ iinter den dichteren dann und lte. Die Geſichtern eiche und fliegende, ten nach, tterie be⸗ gezogen, koch ſtand er an den erreicht. Döbeln Herzen ionen die if macht, Schwe⸗ and und lar hol entgegen n Pferde eits des zwiſchen rſſchüen la flüch⸗ ſonſt ge wingend er der Schanze 625— Wie durch ein Wunder wurde ſein Leben erhalten, denn das Feuer einer ruſſiſchen Compagnie, welche dahinter aufgeſtellt war, hatte ihm keinen Schaden zugefügt. In wenigen Augenblicken aber war von dieſen Feinden nichts mehr zu ſehen, als ein Haufen todter und durchbohrter Körper und eine Anzahl Flüchtlinge, die ihre Gewehre von ſich ſchleuderten und zu entkommen ſuchten. Die Furie des blutigen Schlachtengottes kam über die Krieger; ſie, die das gött⸗ liche Mitleid aus den Herzen reißt und die Wuth des Tigers dafür einträufelt. Die blaſſen Geſichter glühten, in den Augen brannte ein verzehrendes Feuer; in ihrer Gier nichts mehr achtend und nichts mehr fürchtend, ſuchten dieſe Menſchen menſchliche Geſchöpfe zu erreichen, um ſie erbarmungslos zu morden. Ein entſetzliches Ge⸗ ſchrei hallte von den Häuſern zurück und wurde von Wald und Feld beantwortet. Ueberall begann ein grimmiger Kampf; aus den düſtern Dampflagern, welche die Sonne verfinſterten, brachen rothe Blitze, und der Kirchthurm von Revolax ſtieg im goldigen Glanz zum Himmel auf, ein Friedenszeichen Gottes, doch vergebens blieb ſeine ſtumme Sprache. Die Ruſſen führte ein nicht weniger tapferer Mann, General Bulatoff, welcher recht gut die Gefahr erkannte, in welcher er ſich be⸗ fand; allein ſein Feldherr, Tutſchkoff, hatte ihn hierher geſtellt, und wenn er wich, war Tutſchkoff ſelbſt verloren. Hielt er den Sturm in Revolaxr aus, ſo konnte der Feldherr Zeit gewinnen, ihm zur Hilfe zu eilen, jedenfalls war er nicht von ſeinem Rückzuge nach Braheſtad abgeſchnitten. Der ruſſiſche General ſandte daher Boten auf Boten an das Meer gegen Sikajocki hinab, um ſeine Lage zu melden und Beiſtand zu fordern, zugleich aber begeiſterte er ſeine Krieger zum tapferſten Widerſtande. Der hochgelegene Kirchhof von Revolax wurde ein blutgetränktes Schlachtfeld. Fünf wüthende Angriffe der Schweden wurden eben ſo oft zurückgeſchlagen, endlich aber ſiegte dennoch das lange Bajonnet des Regiments Björneborg, und unter den tapferen Thaten, welche hier geſchahen, erzählt die Geſchichte wirklich von dem glorreichen Korporal Spuf, daß er zwei Ruſſen auf einen Stoß durchbohrte. Bluttriefend lagen die Gräber, Blutbäche rannen durch den Schnee und langſam zog General Bulatoff die Reſte ſeiner Schaaren zurück und ſammelte ſie um das D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 40 — 626— Pfarrhaus. Seine letzten beiden Kanonen vertheidigten den Hof, ſeine Schützen die Mauer, er ſelbſt ergriff eine Fahne, pflanzte ſie neben ſich auf und rief mit kriegeriſcher Entſchloſſenheit, daß er ſich unter ihr begraben laſſen werde. Seine anderen Fahnen ließ er zerreißen und zerbrechen, damit ſie dem ſiegenden Feinde nicht in die Hände fielen, dann rief er ſeinen letzten Adjutanten und ſprach zu ihm: Suche zu entkommen, eile zu dem General Tutſchkoff und melde ihm, daß ich geſtorben bin, den Degen in der Hand.*) Zu derſelben Zeit ſprengte General Adlercreutz in das eroberte Revolax. Der Tag iſt unſer, tapferer Döbeln! rief er dem Oberſten zu, als er den blutigen Kirchhof erreichte. Unſer rechter Flügel dringt auf Braheſtad los, aber Tutſchkoff wird ſich retten. Hätte dieſer höl⸗ liſche Bulatoff nicht ſolchen Widerſtand geleiſtet, wäre Rettung un⸗ möglich geweſen. Nieder mit ihm, wir müſſen ihn haben! Das Pfarrhaus und ſein Garten waren von überlegenen Streit⸗ kräften umringt. Die ſchwediſchen Kanonen ſchoſſen vom Kirchhofe die Mauern nieder; Balken, Steine und Trümmer flogen umher und ver⸗ wundeten Viele, aber der Widerſtand blieb ein verzweifelter. Die Auf⸗ forderung, die Waffen zu ſtrecken, wurde vergebens wiederholt. Von allen Seiten angegriffen, ſchlugen die Ruſſen die Stürmenden zurück. Mit Kolben, Bajonnet und Steinen wurde ein fürchterlicher Kampf gefochten, doch noch immer flatterte die Fahne mit dem Doppeladler, noch immer durch dies entſetzliche Toben tönte die Stimme des ruſſi⸗ ſchen Generals, der im Namen Gottes, der Heiligen und des Kaiſers ſeine Krieger antrieb. Adlercreutz zog den Degen und wollte vorwärts, aber Döbeln hielt ihn zurück. Ihr Leben iſt zu viel werth, General, rief er ihm zu, Sie ſollen dem Vaterland größere Dienſte leiſten, als dieſen. Sehen Sie dort, Ihr junger Heißſporn iſt ſchon dabei, entweder den ruſſiſchen Teufel zu holen oder von ihm geholt zu werden. Er deutete auf das Thor des Pfarrhauſes, wo Otho Waimon deutlich zu erkennen war, wie er dicht gefolgt von den Bauern aus Hall⸗ *) Hiſtoriſch. dof, ſeine ſie neben ch unter zerreißen ie Hände zu ihm: elde ihm, eroberte Oberſten el dringt teſer höl⸗ tung un⸗ 1 Streit⸗ hhofe die und ber⸗ Die Auf lt. Von n zurüc. er Kanpf yelahlen des ruſſi Kaiſers eln hielt zu, Sie tben Sie ruſſiſche Waimon l⸗ 1us H0 627 jala und einer Anzahl Grenadiere, in den Hof eindrang. Wunderbar ſah der weißhaarige nackte Kopf des Schulmeiſters aus. Zu hören war nichts, aber er hielt ſeine Pfeife an die Lippen und auf ſeiner Schulter ſaß der tapfere Hahn, der ſeinen Hals lang ausſtreckte und mit den Flügeln ſchlug. Rauch und Geſchrei hinderten den Erfolg zu bemerken, doch aufgeſtachelt von dieſem Beiſpiel folgte die ganze Co⸗ lonne nach. Ehe ſie anlangte, war der Kampf ſchon entſchieden. Mit Blut bedeckt, das ihm aus Kopf und Bruſt ſtrömte, ſtand General Bulatoff noch an ſeiner Stelle. Um ihn her fielen ſeine Offtziere. Seine Augen waren dunkel, ſeine Stimme dumpf, ſeine Füße wank⸗ ten, doch ſein Muth wankte nicht. Ergib dich, General! rief Otho, indem er auf ihn eindrang und die Fahne ergriff. 8 Stirb! antwortete Bulatoff, mit ſeinem Degen einen ungewiſſen Stoß führend, indem er die Fahne feſthielt. Dabei ſank er auf den ſchlüpfrigen Boden nieder und Korporal Spuf faßte ſein Gewehr mit beiden Händen, als Otho es zur Seite ſchlug. Er ſtreckte ſein Schwert über den Gefallenen aus und ſchrie mit zorniger Kraft: Haltet ein! rührt ihn nicht an! Wie ein Held iſt er gefallen. In wenigen Minuten war der Reſt der Ruſſen entwaffnet. Gene⸗ ral Adlercreutz erſchien auf der Wahlſtatt. Otho trug ihm die Fahne entgegen; er hatte Bulatoff's erſtarrende Hände mühſam davon los gemacht, jetzt ſenkte er ſie vor dem Feldherrn. Mit ihr oder auf ihr! rief er ſiegesfreudig. Mit ihr, und Sieg zu aller Zeit! antwortete der General. Nimm den Dank, der dir gebührt!— So ihn umarmend küßte er ihn vor allen dieſen blutigen, tapferen Männern, die auf ihre Waffen gelehnt freudig zuſchauten, bis Korporal Spuf ſeine rauhe Stimme erhob,⸗ Ich hab's dir geſagt, elender Feldwebel! ſchrie er, das Regiment Björneborg hätte den Verluſt nie überwunden, wenn ihm ſein erſter Grenadier gefehlt hätte. — 628— Neuntes Kapitel. Am 3. Mai war Sweaborg den Ruſſen übergeben worden, an demſelben Tage, wo die Nachricht in Stockholm anlangte, daß Admiral Cronſtedt die Capitulation abgeſchloſſen hatte. Die Schweden, mehr als ſechstauſend Mann ſtark, zogen aus der unbezwingbaren Felſen⸗ veſte, um vor neuntauſend Ruſſen das Gewehr zn ſtrecken, und ihnen das Gibraltar des Nordens mit zweitauſenddreihundert Kanonen, großen Kriegsvorräthen aller Art und hundertvierzig Schiffen, den beſten Theil der Scheerenflotte, zu überliefern. Es war ein jammer⸗ volles Schauſpiel voll Schmerz und Klagen, voll Verwünſchungen und Thränen. Die junge Frühlingsſonne begann Schnee und Eis zu ſchmelzen, doch lag dies noch feſt zwiſchen den ſieben Inſeln und die Regimenter marſchirten, die Köpfe geſenkt, eines nach dem andern über das gefrorene Meer und ſtellten ſich vor Heſingfors den ruſſi⸗ ſchen Linien gegenüber auf. Viele Weiber begleiteten ihre Männer, beladen mit Habe aller Art, denn Jeder konnte was ſein Eigenthum war mit ſich nehmen. Die Offiziere ſchienen zum größten Theil ziemlich gleichgiltig darein zu ſehen. Viele waren froh, daß es ſo gekommen war, die Meiſten ſchon gewonnen, um in ruſſiſche Dienſte zu treten, Andere über die Ausſicht erfreut, nach Schweden zurückkehren zu können, da ihnen dies gegen das Verſprechen geſtattet wurde, wäh⸗ rend dieſes Krieges nicht mehr gegen die Ruſſen und ihre Bundes⸗ genoſſen zu dienen; aber es gab doch auch tapfere Männer genug mit gramvollen wilden Blicken, die ihre Degen gegen den gefrorenen Bo⸗ den ſtemmten und zerbrachen und mit ſchrecklichen Flüchen auf alle Verräther Griff und Scheide von ſich ſchleuderten. Der ganze Weg, den die geſangene Beſatzung zu machen hatte, war mit zerbrochenen Gewehren und Wafeenſtücken bedeckt, denn die Soldaten in ihrer — 629— Wuth zerſchlugen, was ſie dem Feind überliefern ſollten, und wenn einer unter den zweihundert und acht Offizieren ſich an ihre Spitze geſtellt hätte, würden ſie noch jetzt einen Kampf der Verzweiflung begonnen haben. Während der ganzen Zeit aber, vom 8. April ab, wo Jäger⸗ horn in Cronſtedt's Namen mit Suchtelen die Capitulation abſchloß, war alle Liſt und Gewalt angewandt, um Meuterei zu bewältigen. Die meiſten Offiziere waren einverſtanden; die Oberſten hatten die Ren 8 Capitulation mitunterzeichnet; die Verdächtigen wurden genau beob⸗ mehr achtet und Manche verhaftet, deren man nicht ſicher war. Den Syl⸗ zäſen⸗ daten wurde die Capitulation nur in kleinen Abtheilungen vorgeleſen Fhnen und die Offiziere bewieſen ihnen, daß es nicht anders gehe, der Ad⸗ rohene miral jedoch beſtens für ſie geſorgt habe. Denn die finniſchen Re⸗ * gimenter ſollten aufgelöst, die Soldaten in ihre Heimath entlaſſen ner„ werden, die Schweden zwar kriegsgefangen ſein, aber im ruſſiſchen unde Finnland bleiben bis zum Friedensſchluß. Dennoch, je näher der Tag der Uebergabe kam, um ſo mehr regten ſich Zorn und Furcht di d vor Schmach und Schande. Ein paar Offiziere erboten ſich das en n und Ruſſen überlieferte Feſtungswerk Langörn wieder zu erobern; der anden Admiral ließ es nicht zu. Neue Verhaftungen waren die Folge. ruſſi⸗ In der letzten Woche lies Olaf Cronſtedt ſich nicht mehr ſehen, aus nner, Beſorgniß, daß er ermordet würde; öffentlich war er beſchimpft worden nihum und auf Jägerhorn wurde geſchoſſen. Alles aber hinderte nicht, daß Thell die Stunde ſeiner Schande ſchlug: denn die Thore wurden geöffnet 6 ſo und er zog hinaus und überlieferte ſich und die Feſtung den Feinden ſeines Vaterlandes um Gold. Die Ruſſen zogen ein und ſtaunten kühren freudig und verwundert die ungeheueren in die Felſen gehauenen Galle⸗ wäh⸗ rien und Schanzen und die langen Reihen erzener Feuerſchlünde an. undes⸗ Der junge Fürſt Dolgorucki war unter denen, welche zunächſt dieſe furcht⸗ ug mit baren Batterien beſichtigten, und neben ihm ging der Oberſt Jägerhorn, in Bo⸗ der lächelnd bemerkte, daß fünfundzwanzig Millionen Thaler und dreißig uf ale Jahre Arbeit dazu nöthig geweſen ſeien, um dieſe Felſenfeſte zu Weg, erbauen. chenen Mit unbeſchreiblicher Verachtung in ſeinen glänzenden Augen ſchaute der ritterliche Prinz den Verräther an. Und was hat dazu gehört, 630 um dies unüberwindliche Bollwerk Schwedens in unſere Hände zu bringen? fragte er ihn, indem er ihm den Rücken zuwandte. Wie Dolgorucki dachte, dachten manche edle Ruſſen. Kaum konnte General Suchtelen den Admiral und ſeine Umgebung vor Hohn und beleidigenden Aeußerungen ſchützen, allein die Nemeſis traf doch dieſe Verräther— ſie ſind vom Fluch ihres Vaterlandes verfolgt, von jedem Redlichen gemieden, geſtorben!— Cronſtedt gab ſich das An⸗ ſehen, als wollte er nach Stockholm gehen, um ſich zu rechtfertigen, natürlich that er es nicht, und im Frieden zu Frederikshamn wurde ihm wie allen anderen Verräthern Strafloſigkeit zugeſichert. Scham und Schande aber zehrten an dem ſtolzen Mann; niemals wagte er es, die Früchte ſeines Verbrechens zu genießen. Anſcheinend arm und zurückgezogen, ſuchte er die Meinung zu beſtärken, daß er nach ſeiner Ueberzeugung handelnd vielleicht geirrt habe, doch nich für Geld ſich verkaufte; erſt nach ſeinem Tode ſind die zwei Millio⸗ nen Rubel gefunden worden, welche er erhielt. Die Nuſſen ſetzten ſich eilig in Sweaborg feſt und ſchickten ihre Gefangenen fort, allein ſie hielten was ſie verſprochen hatten, in ruſſiſcher Weiſe. Die Finnen wurden nicht in ihre Heimath entlaſſen, ſondern man wandte alle Ueberredungsmittel und Verlockungen an, um ſie zu bewegen, in die ruſſiſchen Regimenter einzutreten, und wo dieſe Künſte nicht fruchteten, fruchteten Hunger, Schläge und Gewalt. Viele Offiziere machten ſelbſt die Verführer der Soldaten und gingen ihnen mit gutem Beiſpiele voran, indem ſie in ruſſiſcher Uniform ihre Un⸗ tergebenen aufforderten, es ihnen nachzuthun. So war es auch in Jägerhorns Regiment, der ſich ſelbſt beſchei⸗ dentlich zurückgezogen hatte, da ihm, wie man ſich erzählte, hundert⸗ tauſend Silberrubel als ſein Lohn ſofort ausgezahlt wurden. Der größte Theil der Offiziere dieſes Regiments hatte den Herrn ge⸗ wechſelt, und unter ihnen befand ſich der Junker Ridderſtern, welcher in dem Rock eines ruſſiſchen Lieutenants vor der Compagnie erſchien, wo ſoeben wieder Bekehrungsverſuche gemacht wurden. Holla! kleiner Magnus, rief er dem ſechszehnjährigen Unteroffizier zu, ſei nicht länger verſtockt, ſondern werde endlich klug. Melde dich bei meinem Vetter, er legt ein gutes Wort für dich ein und du be⸗ de zu konnte zn und hdieſe „von s An⸗ ertigen, kshamn ſſichert. iemals heinend daß er ch nich Millio⸗ wihre n, in klaſſen, giſcher⸗ undert⸗ Der m ge⸗ welcher ſchien, fffzier e dich u be⸗ — 631— kommſt die ſilberne Schärpe ſo gut wie ich. Tritt vor, Unteroffizier Munk. Vorwärts, die Zeit iſt da, wo Etwas aus dir werden kann. Ein Ruſſe will ich nicht werden! ſagte Magnus. Du willſt kein Ruſſe werden? lachte Ridderſtern, biſt aber ſchon einer. Finnland gehört dem Kaiſer, alſo biſt du ſein Unter⸗ chan. Er kann dich zwingen, zu was ihm beliebt, und wenn du hartnäckig bleibſt, wirſt du als gemeiner Soldat in ein Regiment geſteckt. Die Capitulation ſagt, jeder Finne hat das Recht zu begehren, daß er nach Haus geſandt wird, und das begehre ich, erwiederte Magnus. Zu deinem Vater willſt du, der die Bauern aufwiegelt, der Schuld daran iſt, daß Halljalaſchloß niedergebrannt wurde! ſchrie Ridderſtern. Nimm dich in Acht, Junge, daß man euch nicht zuſammen aufhängt! Wer hat dir das geſagt? Was iſt mit meinem Vater? fragte Magnus erregt. Mit deinem Vater iſt nichts, als daß ihm anbefohlen worden iſt, ſich ruhig zu verhalten, wenn er nicht todtgeſchoſſen ſein will, und der mir das geſagt hat, kommt dort, wie du ſiehſt. Magnus erblaßte. Nicht weit von ſich erblickte er Serbinoff, welcher von mehreren Offtzieren begleitet ſich näherte. Die ſcharfen Augen des Grafen entdeckten und erkannten ſogleich ſowohl den jungen Ridder⸗ ſtern, wie den Sohn des Invaliden, den er jedoch nicht bemerken wollte, denn ohne ihn zu beachten, wandte er ſich an den Junker und wünſchte ihm Glück zu der neuen Uniform. Dienen Sie dem Kaiſer nur eifrig, ſagte er, ſo ſoll, auf mein Wort! kein Jahr vergehen, bis Kapitän Ridderſtern an der Spitze ſeiner Compagnie marſchirt. An Gelegenheit zur Auszeichnung wird es nicht fehlen. Ich wollte, verſetzte der Junker, daß ich unter den Augen eines ſo ausgezeichneten Offiziers fechten dürfte, wie Sie, Herr Oberſt. Wer weiß was geſchieht, ſagte Serbinoff. Ich habe den Auftrag erhalten, aus einem Theil des ehemaligen Belagerungsheeres eine Co⸗ lonne zu bilden, welche die Seen und Sümpfe in Savolax und am oberen Pajäne bewachen ſoll, denn, wie wir in Erfahrung gebracht — 632— haben, iſt der ſchwediſche General Sandels mit ſeiner Brigade ſchon auf dem Marſch dahin begriffen. Sandels iſt einer der beſten Führer in der Armee, bemerkte einer der Offtziere. Aber Ihnen nicht gewachſen, Herr Graf, ſagte der vorlaute Junker. Ich bitte Sie, mich nicht zu vergeſſen. Gut, mein junger Freund, es ſoll geſchehen, verſetzte Serbinoff; zunächſt aber wollen wir hier noch einige frohe Tage verleben. Ich erwarte morgen einige Damen, die Sie kennen. Frau von Gurſchin will nach Abo zu ihrem Vater, der jetzt dort verweilt, denn er iſt in den Ausſchuß der Stände gewählt, welcher die Huldigung des Kaiſers betreibt und das Land regieren hilft. In Begleitung der gnädigen Frau befindet ſich aber auch ein Fräulein, das zu Ihren Jugend⸗ bekanntſchaften gehört. Louiſa Waimon! Sie haben es gerathen. Die Damen haben ſich bis jetzt in Wi⸗ borg gelangweilt; es iſt Zeit, ſie und uns zu entſchädigen. Vielleicht begleiten ſie uns in die Berge und wir feiern dort Frühlings⸗ und Blumenfeſte. Doch noch Eines, mein lieber Ridderſtern. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir einige an den oberen Seen geborene und mit jenem Lande völlig vertraute Leute nennen könnten. Es müſſen Manche auch in dieſem Regiment ſein. Einer ſteht hier, Magnus Munk, ſagte der Junker; mit dem Frei⸗ herrn Randal, dem verſchollenen Otho Waimon und dem alten Herum⸗ treiber Lars Normark hat er von Kindheit an ganz Savolax durch⸗ ſtreift. Ich bin gewiß, daß er jeden Pfad durch Wald und Sumpf kennt; aber dieſer junge Herr will um keinen Preis ein Ruſſe werden, ſondern begehrt entlaſſen zu ſein. Das will ich, verſetzte Magnus, denn Ridderſtern wandte ſich zu ihm um. Ich bin ein Finne und will einer bleiben. Serbinoff ſah das bleiche Kind mit einem ſonderbaren ſtarren Lächeln an und wandte ſich dann zu einem der Offtziere, die ihn um⸗ ringten. Der Offizier ging über den großen Paatz fort, auf deſſen entgegengeſetzter Seite ruſſiſche Wachen ſtanden, und Serbinoff nahm Abſchied von ſeinem Günſtling, indem er ihn zu einem Beſuche einlud. à ade ſchon rkte einer e Junker. derbinoff; den. Ich Gurſchin er iſt in Kaiſers gnädigen Jugend⸗ in Wi⸗ Vielleicht os⸗ und Es wäre ene und 3 müſſen em Frei⸗ Herum r durch⸗ Sumpf werden, 4 ſich zu ſtarren (hn um⸗ f deſſen f nahm einlud. — 633— Kommen Sie morgen zu mir, rief er zurück, wir wollen den Damen entgegen fahren; Sie ſollen mich begleiten. Kaum hatte er ſich entfernt, als der Offizier mit einem anderen zurückkehrte, deſſen Anblick wohl im Stande war, Beſorgniſſe zu erregen. Es war ein Herr von äußerſt robuſter Geſtalt, und dem echten national⸗ ruſſiſchem Geſicht, mit hochſtehender kleiner Naſe, dicken Lippen, flei⸗ ſchigen Backen, ſchief ſtehenden Augen und ſtrohgelbem Haar. Sein großer buſchiger Backenbart hatte brandrothe Farbe und in ſeinen Blicken lag die Beſtätigung der rohen Härte, welche jeder Zug ankündigte. Iſt er das? fragte er den Offizier, und als dieſer nickte, ging er gerade auf Magnus Munk los, ſtellte ſich dicht vor ihm hin und ſah ihn furchtbar ſtier an. Kennſt du mich? fragte er im gebrochenen Finniſſch. Ja, ſagte Magnus? Wer bin ich? Der Platzcommandant von Helſingfors, Major Kruloff. Gut, verſetzte der Major. Wer biſt du? Unteroffizier Magnus Munk. Und willſt nach Hauſe gehn? Da der Herr Commandant die Päſſe für die finniſchen Soldaten auszuſtellen hat, wollte ich darum bitten— Nichts! rief der Major, geht nicht an; mußt bleiben. Kaiſer braucht dich— nichts! Aber ich mache von meinem Rechte Gebrauch, das durch die Capi⸗ tulation geſichert wurde, ſagte Magnus demüthig. Der Major beachtete dieſen Einſpruch gar nicht. Ein paar Unter offiziere waren ihm nachgefolgt, dieſe winkte er jetzt heran. Mit denen hier gehſt du, ſagte er, ziehſt kaiſerlichen Rock an. Marſch! Paſcholl! Ich gehe nicht! verſetzte Magnus, ohne ſich zu rühren. Ich will nicht in den Dienſt des Kaiſers treten. Willſt nicht? fragte der Major, indem er ſeine grüngrauen grellen Augen zuſammenkniff, daß ſie ſich unter unzähligen Falten verloren. Nein, ich bleibe bei meinem Recht. Der Major hob ſeine Fauſt auf und ließ ſie auf den Kopf des Knaben fallen, daß dieſer auf ſeine Kniee ſtürzte. Willſt jetzt noch bei deinem Rechte bleiben, du junger Hund? fragte er. — 634— Ich will bei meinem Rechte bleiben, antwortete Magnus, und wenn ich ſterben ſoll. Der Arm des rieſigen Mannes hob ſich von Neuem auf, allein er ließ ihn wieder ſinken; ein ſataniſcher Ausdruck lag lauernd und überlegend auf ſeinem Geſicht. Bringt ihn auf die Hauptwache! rief er den Unteroffizieren zu. Morgen werde ich dich wieder fragen, dann wirſt du wollen, mein Söhnchen! und auf ſeinen Wink an belden Armen feſt gepackt, konnte der arme Knabe nichts anderes thun, als ſich in ſein Schickſal ergeben. Dies Schickſal theilten manche finniſche Soldaten und Unteroſſtziere, welche durchaus nicht die ruſſiſche Uniform anziehen und dem Kaiſer ſchwören wollten. Nur die Kranken und Schwachen wurden entlaſſen, die allermeiſten zwang man mit Hunger und Schlägen, mit grauen⸗ haften Gefängniſſen und harter Arbeit. Magnus wurde auf die Hauptwache in ein kellerartiges Loch gebracht; ohne Wärme, ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Waſſer, vergingen ihm hier lange Stun⸗ den. Als die Nacht kam und Niemand ſich blicken ließ, als eiſiger Froſt ihn ſchüttelte und der Hunger an ihm zu nagen begann, ſchlug er an die Thür und alsbald erſchien ein ruſſiſcher Unteroffizier, den er um ein Stück Brod bat. Willſt du in des Kaiſers Dienſt treten? fragte der Mann dagegen, ſo ſollſt du eſſen. Wenn ihr mich die Nacht über in dieſem Keller laßt, erwiederte Magnus, ſo habe ich nichts mehr nöthig, denn ich werde erfrieren. Nach einigen weiteren Ermahnungen ſagte der Unteroffizier: Ich will dich mit heraufnehmen, aber geben darf ich dir nichts, bis du ja ſagſt. Sträube dich nicht länger, denn es kann doch nichts helfen. Der Commandant will's ſo haben, und du thuſt mir leid, junger Menſch. Er hat ſchon Andere gezwungen, wie du biſt, die jetzt in des Kaiſers Uniform auf Wache ziehen. Da war noch in letzter Woche ein Finne, groß und ſtark wie ein Rieſe, der wollte durchaus nicht heran. Jeden Tag bekam er ſeine Hiebe, es half Alles nichts. Endlich aber thaten es Hunger und Durſt. Hinter dem Gitter oben ſaß er, bekam keinen Tropfen Waſſer, und wenn er über Hunger ſchrie, wurde ihm ein Häring vorgehalten. Drei Tage hielt er aus, dann br wo g , und allein d und ) rief „dann belden 1, als fiziere, Kalſer klaſſen, rauen uf die ohne Stun eiſiger ſchlug e, den gegen, jederle n 36 ¹s du helfen, junger etzt in letzter rchaus nichts oben ſchrie, dann — 635— brüllte er, wie ein wildes Thier: Waſſer! Waſſer! macht mit mir was ihr wollt! und damit war's gut. Ein Schauder lief über den unglücklichen Knaben. Das wird kein guter Soldat ſein! murmelte er. Werden ihn ſchon gut machen, lachte der Mann. Wie ſie ihn hinausführten, nachdem er den langen grauen Rock angezogen, hob er ſeine Arme zum Himmel auf, knirſchte mit den Zähnen dazu und rollte ſeine Augen, als wollte er uns Alle verſchlingen; als ihm aber ein halbes Dutzend aufgezählt waren, wurde er vernünftig. Iſt das einzige Mittel vernünftig zu machen; laß es nicht dahin kommen, junger Menſch, ich rath' es dir. Damit führte er ſeinen Gefangenen hinauf und ſperrte ihn hinter das Eiſengitter ein, das den unglücklichen Finnen verwahrt hatte Es war ein kleiner enger Raum, abgeſchieden von der großen niedri⸗ gen Stube, in welcher die Soldaten der Hauptwache ſich aufhielten. Der eiſerne Ofen ſtand dicht an dem Gitter, die rothglühenden Plat⸗ ten ſtrahlten eine Höllenglut aus. War Magnus in dem Kellergefängniß dem Erfrieren nahe, ſo fühlte er hier bald ſich im Zuſtande des Ver⸗ ſchmachtens. Vergebens aber flehte er um Waſſer, vergebens endlich, wie um eine Gnade, wieder in den Keller gebracht zu werden. Der Unteroffizier beantwortete jede Bitte mit der Aufforderung, in des Kaiſers Dienſt zu treten, bis der Knabe zu flehen aufhörte und in der fernſten Ecke den glühenden Kopf an die Steine drückte. Eine Nacht, die nie enden zu wollen ſchien, breitete ſich über die Leiden des Gefangenen aus, aber ſeine Standhaftigkeit ließ ſich nicht durch die Qualen erſchöpfen, welche er zu ertragen hatte. Er dachte an ſeinen Vater, der ſich und ſein Schiff einſt lieber in die Luft ge ſprengt hatte, ehe er ſich den Feinden ergab, er dachte an die Lehren, welcher dieſer geliebte Vater ihm ſo oft ertheilte, in Ehren zu leben und zu ſterben, und es fiel ihm ein, wie viele edle und herrliche Män ner für Wahrheit und Recht entſetzliche Martern ertragen hatten, ohne zu wanken und zu lügen. Stärke mich, mein Gott! flüſterte er ſeine Hände falt nd, ſtärke mich, daß ich ohne Klage ende. Gib meinem Körper die Kraft meines Geiſtes, daß ich dulde ohne zu murren, daß ich meine Peiniger nicht fürchte. — 636— Aber während er ſeine Schwäche muthig überwand, füllte ſich ſeine Bruſt mit Seufzern und ſeine geſchloſſenen Augen ſchickten Thränen über ſein Geſicht. Er dachte an Louiſa. O, der hartherzige Mann, deſſen Werk es war, daß er hier eingekerkert wurde, hatte ihm größeres Weh bereitet. Morgen erwartete er ſie, morgen wollte er ſie empfan⸗ gen, und während ſie ſeine Feſte feierte, ſie in ſeinen Armen lag, wurde er vielleicht gezwungen, an Serbinoff's Thür Wache zu halten. Er preßte ſeine Hände, die im Fieber brannten, vor ſein Geſicht, um den Schrei der Verzweiflung zu erſticken, der ſich aus ſeiner tiefſten Bruſt hervorrang. Was iſt aus ihr geworden und aus mir! ſchrie es aus ſeinem tiefſten Herzen. Allmacht Gottes! was that ich dir. Sei ver⸗ flucht, auf ewig verflucht! Ich vekachte dich, ich haſſe dich. Aber dieſe wilden Worte brachten ihm bald mit dem Erſchrecken davor ſanftere Empfindungen. Traurig ſenkte und ſchüttelte er ſeinen ſchmerzenden Kopf und flüſterte dann vor ſich hin: Nein, ich will ihr niemals flu⸗ chen, ich kann es nicht. Hat ſie mich nicht lieb gehabt, ehe dieſer Nichtswürdige ſie verlockte? Ach! ſie iſt ſchuldlos, und was iſt ihr Verbrechen? Sie liebt mich nicht mehr. Kann ich ihr ſo ſehr darüber zürnen? Stände es in meiner Macht, ich würde ihr Andenken aus meiner Bruſt reißen; doch nein, o! nein, iſt es denn nicht noch jetzt ein Glück an ſie zu denken, von ihr zu träumen, von jenen Zeiten, wo ich mit ihr durch Wald und Wieſen lief, wo jeder Tag mir neue Freude brachte, jeder Morgen mich zu neuer Sehnſucht aufweckte. O! ſeufzte er, großer Herr des Lebens, laß keinen Morgen mehr für mich kommen! Aber der Morgen kam und weckte den armen Knaben aus ſeiner ohnmächtigen Erſtarrung. Die Soldaten kochten ſich ihre Mehlſuppe und brachen ihr ſchwarzes Brod, er blickte begierig durch die Gitter⸗ ſtäbe, doch keine mitleidige Hand reichte ihm einen Biſſen. Die Sonne ſchien endlich hell in die Fenſter und dieſe wurden geöffnet; ein war⸗ mer Frühlingshauch drang herein. Magnus blickte zu dem ſchönen blauen Himmel hinauf und weinte leiſe. Er dachte an den Pajäne, der jetzt wieder Wellen ſchlug, er dachte an das liebliche kleine Thal von Lomnäs und wie die Birken wieder grüne Spitzen darin trie⸗ ben, wie duftige Kräuter und Blumen die Wieſen bedeckten und wie er ſich ſeine Thränen ze Mann, größeres empfan⸗ men lag, zu halten. eſicht, um er tiefſten ſchrie es Sei ver lber dieſe ſanftere nerzenden nals flu⸗ he dieſer iſt ihr darüber nken aus noch jett Zeiten, mir nele ckte. O! für mich s ſeiner ehlſuppe Gitter⸗ Sonne ein war⸗ ſchbnen Pajäne, ne Thal in trie er wie 637— vor einem Jahre um dieſe Zeit mit Louiſa von Berg zu Berg und von Schlucht zu Schlucht gewandert; jauchzend, ſingend, in glückſeliger Jugendluſt. O! ein Jahr, ein einziges kurzes Erdenjahr, hatte ſo viel Leid über ihn gebracht. Aber dieſe Gedanken riefen nicht die Wehmuth hervor, welche ihn in der Nacht überkommen. Seine Augen brannten von heißen Schmerzen und ſeine Hände drückten ſich zuſam⸗ men. Sein alter Vater ſtand vor ihm, deſſen Augen ſchauten ihn leuchtend an; er ſchüttelte ſein graues Haar und ſtampfte mit dem Krückſtock auf. Eine Stimme, wie des greiſen Soldaten markige Stimme, tönte in ſein Ohr: Sie haben dich verrathen, Magnus Munk, aber du biſt mein Sohn, wirſt das nicht vergeſſen. Und wenn ſie alle ihre Wuth verſuchen, wanke nicht in deiner Ehre. Dein Leben iſt ja doch ein armes, zerbrochenes Leben, richte es auf durch deinen Stolz, damit eines Knaben Beiſpiel Männern vorleuchte, und nach vielen Jahren die Geſchichten deines Volks von Magnus Munk erzählen, der kein Nuſſe werden wollte, trotz aller Schmach und aller Pein, und keiner wurde. Ja! rief der Knabe leiſe, und ſeine Augen leuchteten auf vor feſter Freudigkeit, ja, mein Vater, du ſollſt nie um deinen Sohn trauern. Ich will verhungern, ich will verſchmachten, doch nimmer ſollen meine Lippen Gnade rufen. Nicht wie jener unglückliche Mann will ich um Waſſer flehen und mich dafür den Henkern verkaufen. Mögen ſie kommen, ſie ſollen mich nicht ſeufzen hören. Und bald ſollte Magnus Munk Zeugniß ablegen, ob er zum Märtyrer berufen ſei, denn als die Mittagszeit nahete, trat die Wache ins Gewehr, und nach einigen Minuten ſprang der Unterofftzier herein, ſchloß das Gitter auf und ſagte zu ſeinem Gefangenen: Der Comman⸗ dant iſt gekommen. Sei vernünftig und ſage ja, oder es geht übel mit dir! Komm heraus, er ſteht drüben in der Offizierſtube und ver⸗ langt nach dir. Magnus folgte dem Befehl, und als er vor den Commandanten trat, ſaß dieſer an dem Tiſche des wachthabenden Offiziers und vor ihm ſtand ein dampfendes Fleiſchgericht, daneben eine große Flaſche voll Wein und Backwerk ſammt anderen ſchönen Dingen.— Der Major ſah ihn an und deutete auf die Schüſſel. Willſt du eſſen? fragte er. 638 Man hat mir ſeit geſtern nichts gereicht, erwiederte der Knabe. Willſt du dem Kaiſer dienen? fuhr der Commandant fort. Wenn der Kaiſer wüßte, welche Grauſamkeiten hier in ſeinem Na⸗ men begangen werden, würde er dieſe nicht dulden. Ddeer Junge macht es wie unſere Bauern, ſagte der Major lachend in ruſſiſcher Sprache zu dem Offizier, deren Sprichwort iſt auch: Gott iſt zu hoch und der Czar zu weit!— Du haſt nichts weiter zu antworten, rief er darauf dem Gefangenen zu, als was ich dich frage. Willſt du Dienſte nehmen? Ja, oder nein? Mit welchem Rechte will man mich dazu zwingen. Die Capitu⸗ lation ſetzt ausdrücklich feſt— Der Teufel hole die Capitulation und dich dazu! ſchrie der Ma⸗ jor. Du ſollſt Dienſte nehmen, du finniſcher Hund! Und ſeine fürch⸗ terliche Fauſt ausſtreckend, ergriff er den Knaben beim Ohr und zerrte ihn an den Tiſch, aber vor Erſtaunen ließ er ihn los, als Magnus ihm einen ſo ſtarken Schlag auf den Arm verſetzte, als er es ver⸗ mochte. Sprachlos mit weit offenen Augen, in denen eine entſetz⸗ liche Wuth funkelte, ſtarrte er den Verwegenen an. Ich bin ein finniſcher Edelmann! ſagte Magnus Munk. Wie können Sie es wa⸗ gen, mich zu mißhandeln. Der Major gurgelte einen Ton hervor, der dem dumpfen Gebrüll eines wilden Thieres ähnlich war; ſein Stierhals krümmte ſich zu⸗ ſammen, als wollte er einen Sprung thun, um dieſen erbärmlichen Gegner zu zerſchmettern, doch es ſchien faſt, als übe die verzweiflungs⸗ volle Feſtigkeit, mit welcher Magnus den rieſigen Mann anblickte, denſelben Zauber aus, den Menſchen wilden Beſtien gegenüber zuweilen haben ſollen.— Der Major ließ den Arm fallen, richtete ſich auf, ſuchte ſich zu ſammeln, dachte nach und grinste ſo ſataniſch wie geſtern. Ich will dich behandeln, wie du es verdienſt, ſagte er und ging nach der Thür. Unteroffizier! ſchrie er hinaus, und was er dann in ruſſiſcher Sprache ſagte, verſtand Magnus nicht, aber es mußte etwas Schreckliches ſein; denn der Offizier der Wache, der bisher wie eine Bildſäule geſtanden hatte, näherte ſich ihm und flüſterte auf franzöſiſch: Junger Menſch, falle auf deine Knie und bitte um Gnade! Knabe. ert. einem Na⸗ or lachend zuch: Gott weiter zu dich frage. e Capltu der Ma⸗ eine fürch und zerrte 3 Magnus er es ber⸗ e entſetz⸗ bin ein ie es wa⸗ 1 Gebrüll eſcch zu bärmlichen weiflungé anblickte, zuweilen ſich auf, niſ vie und ging edann in hir tuns wie eine amzöſiſch: — 63³9— Niemals! murmelte Magnus, und der Commandant drehte ſich um und ſtrich den rothen Backenbart in die Höhe. Zum letztenmale frage ich dich, ſagte er, willſt du Dienſte nehmen? Unter dieſer Bedingung will ich dir verzeihen. So lang ich lebe, werde ich niemals ja ſagen, antwortete Magnus. Herein! ſchrie Major Kruloff und vier baumſtarke Soldaten tra⸗ ten ein, an ihrer Spitze der Prügelmeiſter oder Profoß und der Unter⸗ offizier über die Gefangenen. Gebt ihm die Padoggen und ſchlagt ſo lange bis er ja ſagt. Wir wollen ſehen, wie lange du es machen wirſt. Schändet mich, wie ihr wollt! verſetzte Magnus. Gott erbarme ſich meiner! Schande über euch, aber wer kann Anderes von Ruſſen erwarten. Dieſe letzten Worte hörte der Commandant nicht mehr, denn Magnus wurde hinausgezerrt vor die Hauptwache und in wenigen Minuten war er bis aufs Hemd entkleidet. Mit derſelben Geſchwindigkeit wurde er auf eine Bank ausgeſtreckt und an Händen und Füßen mit Riemen daran feſtgeſchnallt, dann ſetzten ſich der Prügelmeiſter und ſein Ge⸗ hilfe auf ihn und nun begannen ſie mit ſchweren, kurzen Stöcken, die den Trommelſtöcken glichen, den Körper des unglücklichen Kindes von den Schultern bis an die Fußſohlen mit geſchwinden Schlägen zu be⸗ arbeiten, ſo daß kein Fleck daran verſchont blieb. Die Haut und das darunter liegende Fleiſch wurde durch dieſe kurzen ſcharfen Schläge der vier immer im ſchnellſten Takt fallenden Stöcke im buchſtäblichen Sinne zerdroſchen. Ein entſetzlicher Schmerz marterte den armen Knaben. Ueberall bildeten ſich Blutunterlaufungen, überall ſchwarze Stellen von den zerſchlagenen und zerquetſchten kleinen Adern und Ge⸗ fäßen. Das Geſicht des Leidenden färbte ſich dunkelroth, ſeine Augen traten weit hervor. Angſt und Entſetzen ſprachen aus den umherirrenden Blicken, aber kein Schrei, kein Klagelaut kam aus ſeinem Munde. Die Henker wurden müde und noch immer wollte das Ja ihres Opfers nicht erfolgen. Der Commandant ſtand am Fenſter und ſah zu. Die Soldaten waren in Reihe und Glied, manche neugierige Zuſchauer hielten ſich in einiger Entfernung, die Meiſten aber liefen ſchnell davon um nichts von — 640— dieſen Executionen zu ſehen, welche täglich in verſchiedenſter Weiſe vor der Hauptwache aufgeführt wurden. Das iſt ein Böſewicht! fluchte Kruloff. Haben Sie je ſolche ver⸗ ſtockte, eigenſinnige Bosheit geſehen. Er wird umkommen, murmelte der Offtzier. Schlagt ihn todt! ſchrie der hartherzige Mann. Er ſoll ja ſagen oder ſterben! In dem Augenblick näherte ſich ein Wagen dem Platze. Es war ein offener Halbwagen, in welchem zwei Damen ſaßen. Mehre Reiter begleiteten ihn und ritten zu beiden Seiten. Da kommt der Oberſt Serbinoff, fuhr der Commandant fort, und das iſt Frau von Gurſchin, die Andere hat der Oberſt ſich ausgeſucht. Eine finniſche Hexe! Ein artiges Ding, wenn es nicht ſo klein und ſchwach wäre. Holla! was iſt das! Der Zug war bis in die Nähe der Hauptwache gekommen. Serbinoff ritt voran und obwohl es ihm leicht geweſen wäre, den Wagen umkehren oder über den Platz abbiegen zu laſſen, that er es nicht. Er hatte den Knaben auf der Strafbank ſogleich erkannt und mit unrühmlicher Rachluſt ſuchte er deſſen Qualen zu erhöhen. Frau von Gurſchin aber, die wohl bemerkte, was dort vorging, rief lebhaft aus: Fahre ſchnell! Sieh nicht hin, Louiſa! Bitten Sie für ihn, Prinz Dolgorucki. Gnade muß ihm unſere Nähe bringen! In dem Augenblick ſtieß Magnus einen wilden entſetzlichen Schrei aus. Es war der erſte Laut ſeiner Schmerzen, doch alle ſeine Ver⸗ zweiflung lag darin. Louiſa Waimon, die reich geſchmückt neben ihrer Beſchützerin ſaß und glückſelig lächelnd nach Serbinoff blickte, erblaßte bei dieſem furchtbaren Schrei. Allmächtiger Gott! rief ſie aus, wer iſt das? Was hat er gethan? Rette ihn! Frau von Gurſchin zog ſie auf den Sitz zurück, die Pferde eilten im Galopp weiter. Beruhige dich, ſagte ſie, Dolgorucki wird ihn erlöſen und da kommt Serbinoff ſchon uns nach. Es war ein grauenhafter Ton, eine Stimme, die mir bis ins Herz drang, flüſterte Louiſa zitternd. Frau von Gurſchin beruhigte ſie liebkoſend mit der Verſicherung, daß harte Strafen bei ſolchen halbwilden Weſen nothwendig ſeien, — geiſe vor ſche ver⸗ ja ſagen Es war e Reiter ort, und ggeſucht lein und kommen. ire, den t er es erkannt erhöhen. nng, rief Sie für n! nSchrii ne Ver⸗ neben blickte, rief ſie de eilten vird ihn bis ind cherung, ſeien, — 641— dieſer aber für diesmal davonkommen werde, und während nun die Reiſekaleſche über den großen Platz der beſten Wohnung zurollte, welche Serbinoff ſich und ſeinen Freundinnen verſchaffen konnte, fand vor der Hauptwache zwiſchen ihm und dem jungen Fürſten Dolgorucki eine nicht ganz freundliche Erörterung ſtatt. Denn kaum hatte Frau von Gurſchin den Prinzen beauftragt, dem Verbrecher Gnade zu verſchaffen, als er ſogleich dem Profoß halt! zurief und als er dann dem unglücklichen Kinde ins Geſicht blickte, glaubte er ſich bekannter Züge zu erinnern. O mein Herr! rief ihm Magnus franzöſiſch zu, nehmen Sie ſich meiner an. Aufs äußerſte erſtaunt rief der Prinz: Wie iſt das möglich?! Wie iſt Ihr Name? Magnus Munk! murmelte der Leidende. Ueberlaß ihn ſeinem Schickſale, ſagte Serbinoff zu gleicher Zeit. Warum willſt du dich damit befaſſen. Der Commandant war aus der Wache gekommen. Was hat dieſer junge Mann gethan? fragte Dolgorucki. Er hat es gewagt ſich mir zu widerſetzen, erwiederte der Major. So iſt ihm Recht geſchehen! rief Serbinoff. Er hat genug be⸗ kommen, Maijgr Kruloff. Man hat mich zwingen wollen, in ruſſiſche Dienſte zu treten, ſagte Magnus, der von ſeinen Henkern losgebunden und auf die Bank geſetzt wurde. Ich verlangte entlaſſen zu werden. Das iſt mein Verbrechen. Schafft ihn ins Lazareth und laßt ihn heilen, fiel Serbinoff ein. Komm, Freund, es kann nichts weiter geſchehen. Allerdings, Alexei Serbinoff, es kann mehr noch geſchehen und du zunächſt wirſt es nicht unterlaſſen, erwiederte Dolgorucki. Du wirſt dieſem gemißhandelten jungen Manne RNecht verſchaffen. Ich? Warum ſollte ich mich damit befaſſen? Weil es großmüthig und deiner würdig iſt. Vor dem Blick, den Dolgorucki auf ihn heftete, faltete ſich Ser⸗ binoff's Stirn. Dieſer Junge, murmelte er, hat mir Aerger genug verurſacht, um ihm einen tüchtigen Buckel voll Prügel zu gönnen⸗ Mag er jetzt laufen und den Denkzettel mit nach Haus nehmen. D. B.IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 41 Ein ſtolzes Zürnen trat in das ſchöne Geſicht des jungen Fürſten; heftig wandte er ſich zu dem Commandanten. Ich werde dem General melden was hier geſchah, ſagte er; er wird über dieſen jungen Mann entſcheiden. Ich mache Sie verantwortlich für alle Folgen, ſorgen Sie dafür, daß er jede mögliche Pflege erhält. Tugendhafter Schutzgeiſt! ſagte Serbinoff ſpottend, indem er fort⸗ ſprengte und Dolgorucki ihm folgte. Der Kaiſer braucht Soldaten, dieſe Finnen müſſen bekehrt werden und dies iſt das einzig über⸗ redende Mittel für ſie. Ich verachte es, erwiederte der ritterliche Prinz. Gott wollte, daß ich die Macht hätte, es zu hindern! Wäre ich einer dieſer Unglücklichen— In dem Augenblick fuhr mitten durch die Tageshelle ein Blitz, der eine höllenrothe Glut über Stadt, Land und Meer warf, und hinter ihm her folgte ein Knall, alsberſte die Erde und die ewigen Felſen wankten und brächen. Der Boden zitterte, das Meer ſchäumte auf, Häuſer ſtürzten zuſammen, in den meiſten Gebäuden zerſchmetterten Fenſter, Thüren und Schornſteine. Ein Heulen ging durch die Luft, ein Wirbelwind warf Menſchen und Thiere nieder und eine ungeheure ſchwarze Dampfwolke hüllte ganz Sweaborg ein. Aber dieſe Wolke war mit Verderben gefüllt. Balken und Steine, gefüllte Bomben und Granaten, Eiſenſtücke und Feuerbrände wurden enus ihr viele tauſend Schritte weit umhergeſchleudert, auf die Gebäude der Feſtung, auf die Flotte im Meeresarm, auf die Holzvorräthe und Heuvorräthe in den Höfen. An zwanzig Orten zugleich ſtiegen Flammen auf. Jammernde Menſchen ſtürzten aus allen Gaſſen, Verwundete rafften ſich auf, Männer und Greiſe, Weiber mit Säuglingen und Kindern. Soldaten aller Art liefen in wahnſinniger nach Rettung ſchreiend umher, ohne zu wiſſen wohin; während Wagen ohne Führer, Roſſe ohne Reiter in wilder Flucht Alles, was ihnen im Wege ſtand, zu Boden riſſen. Das Vorderdach der Hauptwache war zuſammengeſtürzt, der Major lag darunter begraben; viele Soldaten waren verletzt worden. Nie⸗ mand wußte, woher dieſer entſetzliche Ausbruch eines Vulkans kam, Niemand was noch folgen ſollte. Manche Soldaten in der Feſtung ſprangen in's Meer und auf treibende Eisſchollen, um ſich zu retten, Fürſten; General n Mann ſorgen er fort⸗ ooldaten, g über⸗ daß ich ichen— in Blit, uf, und en Felſen ne auf, ſetterten ſie Luft, ngeheure e Wolke Bomben iür viele iſtung vvorräthe nen auf. Kindern. Rettung eFülrer ege ſtand/ er Majet h. Nie⸗ ans kam, Feſtun u retten/ — 643— dazwiſchen riefen Hörner, Trommeln und Trompeten den militäriſchen Gehorſam wach. Generale und Oberoffiziere eilten dem Schauplatze des Schreckens zu, zagende Stimmen riefen ihnen entgegen, daß das große Pulvermagazin in die Luft geflogen ſei. 3 So kündigte ſich der furchtbare Brand an, der fünf Tage lang Sweaborg durchraſte und Alles verzehrte, was Flammen in dieſer Felſenfeſtung verzehren konnten.— Der Wächter über die Gefangenen auf der Hauptwache war aber der Erſte, der den Namen des Mannes nannte, welcher dieſe entſetzliche That vollbracht hatte. Das iſt der Finne geweſen! ſchrie er, den wir hier dürſten ließen, bis er des Kaiſers Rock anzog. Heut hat er am Pulvermagazin die Wache bezogen, ich habe ihn ſelbſt geſehen. Magnus Munk hörte von Allem, was vorging, nichts mehr. Beſin⸗ nungslos lag er auf der Bank.*) ZBehntes Kapitel. Gegen Ende des Monats Mai fuhr ein Wagen, der von Koſaken begleitet war, von Tavaſtehus nach Abo. Erich Randal, welcher ſeither als Gefangener in dem alten Schloſſe bewacht wurde, ſollte auf Be⸗ fehl des ruſſiſchen Obergenerals in die Hauptſtadt geführt werden. Er hatte an ſeinen Wunden lange niedergelegen, denn in Folge ſeiner Fortſchaffung von Halljala bei ſtrenger Kälte und im Wundfieber, war er als ein eender in Tavaſtehus angelangt, allein diejenigen, welche auf ſein e hofften und dies herbeizuführen dachten, wurden ) Magnus Munks trauriges Schickſal, wie die ähnlichen Leiden vie⸗ ler anderen Finnen, bewogen den König Guſtav Adolf, einen Brief an den Kaiſer Alexander zu richten, worin er im Namen der Menſchheit ihn be⸗ ſchwor, dieſen Grauſamkeiten ein Ziel zu ſetzen und ſeine unglücklichen Unterthanen zu ſchonen. Es erfolgte jedoch keine Antwort und änderte ſich nichts. 41* 644 dennoch getäuſcht. Erich erholte ſich und genas auch bei geringer Pflege, wenn gleich langſam; jetzt jedoch war er ſo weit hergeſtellt, daß der Befehl des Grafen Buxthövden ihm keinen Schaden mehr zufügen konnte. Danach würde freilich nicht gefragt worden ſein. Der General wollte ihn haben, das Kriegsgericht erwartete ihn, und oben⸗ ein war es nicht unmöglich, daß eine Befreiung in Tavaſtehus ſtatt⸗ finden konnte, denn nach langem Zögern hatte das ſchwediſche Heer nach dem Siege bei Revolar ſich vorwärts bewegt, und Oberſt San⸗ dels war mit ſeiner Schützenbrigade mitten durch Finnland bis nach Savolax vorgedrungen. Streifende Haufen ſollten ſchon am Saimaſee und am oberen Pajäne ſich ſehen laſſen und Gerüchte drangen ſelbſt durch die dicken Thürme des Tavaſtehusſchloſſes, daß in verſchie⸗ denen Gefechten die Ruſſen geſchlagen waren. Die Beſatzung von Tavaſtehus wurde daher verſtärkt und ſchickte nach allen Seiten Vor⸗ poſten aus. Den Ruſſen war nicht wohl zu Muthe; ſie wußten, daß das Landvolk aufſtehen würde, ſobald ſich Schweden blicken ließen. Nur der gänzliche Mangel an Waffen und an Leitung hielt die Bauern davon ab, aber es war bekannt genug, daß im innern Lande Bauernhaufen ſich zuſammenrotteten und General Buxthövden hatte ſo eben eine Proclamation erlaſſen, welche ganz anders lautete als jene erſte. Bei Todesſtrafe wurde die Auslieferung jeder Waffe an⸗ befohlen, jede Widerſetzlichkeit mit Tod bedroht und wenn der Ver⸗ brecher nicht erreicht werden konnte, ſollte ſeine Familie an ſeiner Stelle erſchoſſen werden. Der ruſſiſche Obergeneral hielt es daher für gewagt, den gefange⸗ nen Freiherrn länger an einem ſo unſichern Ort zu laſſen, und befahl ſeine Verſetzung, aber er hatte hinzugefügt, daßt er Gefangene mild behandelt und ihm jede Erleichterung geſtattet ſolle. Milde Behandlung hatte Erich ſchon ſeit längerer Zeit erfahren und er war nicht zweifelhaft, wem er dieſe verdankte. Sein Vetter hatte ihn eines Tages beſucht, ihn bedauert, getröſtet und Hoffnungen ausgeſprochen, die anſcheinend liebevoll und freundlich lauteten. Er hatte ihm mit⸗ getheilt, daß Ebba in Abo ſei, und zu ſeiner Freude ſich ein inniges Verhältniß zwiſchen ihr und Mary Halſet entwickelte; dann hatte er ſein Benehmen zu entſchuldigen und mit Gründen zu unterſtützen ge⸗ inger ſtellt, mehr Der ben⸗ ſtatt⸗ Heer San⸗ nach naſee ſelbſt ſchie⸗ von Vor⸗ daß eßen. die Lande hatte als e an⸗ Per⸗ ſeiner ange⸗ sefahl mild Milde r war eines rochen, mit niges tte er n ge“ 645 ſucht, endlich aber ſich zu jeder Hilfe bereit erklärt, um Alles auf den alten Fuß zu bringen und ſeinen irrenden Freund und Vetter mit der ruſſiſchen Regierung zu verſöhnen. Was Erich Randal darauf erwiederte, war unerſchütterlich daſſelbe, was er an jenem ſchrecklichen Abend antwortete. Arwed war gewiß, daß er niemals davon ablaſſen werde. Seine argliſtige Freude darüber ließ ſich nicht ganz unterdrücken und ohne Zweifel ſühlte Erich ſehr gut, daß ſeines Vetters bedauerliche Klagen und kummervolle Ermah⸗ nungen nichts als Heuchelei ſeien. Die ſtoiſche Milde des Philoſophen mit den Schwächen und Fehlern anderer Menſchen überwältigte die Verachtung, welche er empfand, uund ließ ihn weit mehr den Mann bedauern, der gegen ihn, gegen ſein Vaterland und gegen alles Rechte und Gute gefrevelt hatte, als er ihm zürnen konnte. Ich beklage dich, Arwed, ſagte er daher auch beim Abſchiede, denn was du auch gewinnen kannſt, du haſt weit mehr verloren, und wie ſehr du über mich ſpotten magſt, ſo gibt es dennoch Güter, die kein Menſch ungeſtraft von ſich werfen darf, mag er auch dafür den höch⸗ ſten Preis von denen erhalten, die ſie ihm abkaufen. Laß das, erwiederte der Baron lächelnd, du biſt krank, wirſt aber geſund werden. Ich will Gott bitten, daß er deine Augen klärt, ſie ſind dir durchaus nöthig, dann wirſt du mich im anderen Lichte ſehen. Liebe, Vertrauen, Ehre, Freundſchaft, Gewiſſen, ſind hohe Worte, die ich achte, aber ſie dürfen nichts Unvernünftiges von mir verlangen. Niemals werden ſie das, erwiederte Erich in ſeiner ſanften Weiſe. Alles Gute und Schöne wird wo es Menſchen gibt verſtanden und ſelbſt die Ungerechten empfinden das Gerechte. Der Baron ſtand auf und ſagte lächelnd: Das viele Sprechen iſt dir ſchädlich. Lebe wohl! Ich werde wiederkommen, wenn du dich ſtärker fühlſt. Er kam jedoch nicht wieder. Es vergingen Tage und Wochen, ehe Erich hörte, daß ſein Vetter die Provinz bereiſe, um die Behör⸗ den zu organiſiren, die verdächtigen Voigte, Landrichter und Lens⸗ männer abzuſetzen und die neue Regierung zu befeſtigen. Dagegen empfing er nach einiger Zeit ein Schreiben von Sam Halſet, das ihm meldete, er habe ſeine Forderungen beim Gerichtshofe in Ta⸗ 646 vaſtehus anhängig gemacht und dieſer die gerichtliche Beſchlagnahme und Verwaltung der adligen Herrſchaft Halljala verfügt, bis der Prozeß entſchieden ſei. Der Ton des Briefes war jedoch eher be⸗ dauerlich als unfreundlich. Halſet ertheilte dem Freiherrn den guten Rath, ſcharf darüber nachzudenken, was ihn aus dem Bankerott helfen könne, und endlich bot er ihm Geld an in ſeiner gegenwärtigen ſchlechten Lage, weil's ſein chriſtlich Gewiſſen nicht anders könnte. Alles, was Erich las, machte jedoch weit weniger Eindruck auf ihn, als zwei Worte, die am Rande des Papiers ſo klein und fein ge⸗ ſchrieben ſtanden, als ſeien ſie ohne Halſet's Wiſſen dahin gekommen. Mit kaum ſichtlichen Strichen ſtand dort geſchrieben: Denke nach! und er beugte ſich darüber hin und deckte ſeine Hand darauf, die leiſe zitterte. Ich denke nach, Mary! ſagte er leiſe während ein ſchwermüthiges Lächeln den trüben Ernſt in ſeinem Geſicht verdrängte. Seine Augen leuchteten auf, ſie flogen durch das enge Fenſter über das Thal fort, wo ſoeben der annahende Frühling mit der zauberiſchen Schnelle, die dieſem Norden eigen iſt, ſeine grünen blüthenvollen Finger überall emporſtreckte. Der Frühling kommt, flüſterte er mit ſanfter Ent⸗ ſagung, auch für mich bringt er Freude mit. Kurz darauf traf der Befehl ein, ihn nach Abo zu ſchaffen, und jetzt fuhr er von drei Koſaken begleitet der Hauptſtadt zu, welche er endlich mit bangen und ſehnſüchtigen Empfindungen vor ſich liegen ſah. Was hatte er zu erwarten. Welchen Stürmen, welchen Leiden ging er entgegen, und dennoch— war nicht in dieſer Stadt Alles, was ihm noch werth und theuer war?— Aus den Morgennebeln traten die Maſſen des alten Domes hervor, dann blitzte lichter Sonnen⸗ ſchein auf den raſchfluthenden Aurajocki, der jetzt leer von Schiffen, leer von dem Bootsgewimmel war, das ſonſt ſeinen Lärm die Hügel hinaufſchickte. Die Vorübergehenden ſahen den bleichen Gefangenen ſcheu an und eilten furchtſam weiter ohne umzublicken. Eine ſchwere Hand ſchien auf dem ſonſt ſo lauten, zu Lachen und Luſt ſo geneig⸗ ten Volke zu liegen, eine furchtbare Hand, die mit einem Griffe den keckſten Mund zum Schweigen brachte. Abo hatte eine ſtarke Beſatzung. Der General⸗Gouverneur, Graf Burthövden, ſein ganzer Stab und was zum ruſſiſchen Regierungs⸗ hwete eneig⸗ e den A— 647— apparat gehörte, befand ſich hier. Vor manchen Häuſern ſtanden Schildwachen in langen grauen Röcken mit ſtumpfnaſigen, flachen Ge⸗ ſichtern; menſchenartige Maſchinen von ſonderbarer Aehnlichkeit. Erich erinnerte ſich, wie Serbinoff einmal geſagt hatte, die größte Tugend ſeines Volkes ſei der Gehorſam, der Alles vollzieht, was befohlen werde; damit erobere Rußland die Welt! und er zweifelte nicht daran, daß alle dieſe abgerichteten Weſen Vater und Mutter auf Commando niedermetzeln würden, wie ſie ſoeben die unglücklichen Ein⸗ wohner der Stadt Waſa mit Weib und Kind auf Befehl ihres Ge⸗ nerals Demidoff erwürgt hatten, weil bei einem Gefecht mit den Schweden einige junge Burſche ihre Gewehre aus den Fenſtern abfeuerten Abo war, wie alle Städte und Feſtungen Finnlands, ohne Wider⸗ ſtand in die Hände der Ruſſen gefallen. Die Flottendiviſion von mehr als ſechszig der ſchönſten Schiffe ſaß im Eiſe feſt und wurde von den Schweden verbrannt, ehe dieſe ſelbſt entflohen. In der Feſtung lagen mehrere hundert Kanonen und viel anderes Kriegs⸗ geräth; Alles wurde den Ruſſen überlaſſen, denn die Ueberraſchung war allgemein. Was fliehen konnte, floh vor den Koſaken, die überall zum Vorſchein kamen. 3 Eben fiel helles Sonnenlicht auf das hohe Gemäuer der Cieadelle, als Erich's Blicke ſich ſorgenſchwer auf dieſe richteten. Von ihren Thürmen wehte die Fahne mit dem Doppeladler und in der Tiefe dieſer düſteren Donzons gab es manchen öden dumpfen Kerker. Am Regierungsgebäude, wo der General⸗Gouverneur wohnte, hatte der Wagen gehalten und der Koſakenunteroffizier hatte ſeine Meldung ge⸗ macht; gleich darauf aber wurde weiter gefahren, und den Koſaken geſellte ſich ein Beamter bei, der zur neuerrichteten Polizeiwache ge⸗ hörte. Er deutete dem Wagenführer an, ihm zu folgen, und ritt voraus am Ufer des Fluſſes hin, der Feſtung entgegen, welche den Gefangenen wie ſo manchen Anderen aufnehmen ſollte. Ein leiſer Schauder rieſelte durch Erichs Bruſt hin. In welche düſtere Gewölbe wollte man ihn vergraben? Die milde ſommerwarme Luft, welche er athmete, war ſo blüthenweich, und wie bedürftig war ſein halbgeneſener Leib dieſer Frühlingsſonne. Welche feuchtkalte Mauern erwarteten ihn und welch Grauen der Verlaſſenheit ſollte ihn auf⸗ — 648— nehmen?!— Er unterdrückte die bange Furcht, welche ihn überkam, durch die Feſtigkeit ſeines Willens, ungebeugt zu tragen, was er nicht zu ändern vermochte, aber dort lag an der Höhe ein Haus, unter welchem die Straße vorüber führte; Halſet's Haus lag dort, und ſeine Blicke hingen ſchon von Ferne an den grauen Säulen, die zwiſchen dem Gebüſch hervorſahen, an dem Gitterwerk der Fenſter, an dem Altan und ſeinem Eiſengeſchnörkel, und jetzt, oh!— ein weißes Ge⸗ wand, eine weiße Geſtalt war zu bemerken— Mary!— Ebba!— Wer war es? Nun war ſie verſchwunden, jetzt, wo er ihr nahte. Seine Augen dunkelten, mit gewaltſamer Anſtrengung wandte er ſich davon ab, in tiefer Troſtloſigkeit mit der Sehnſucht in ſeinem Herzen ringend und mit der Ergebung in ſeinem Kopfe. In dieſem Augenblicke aber drang eine Stimme in ſein Ohr, eine Stimme rief ſeinen Namen, die ihn vom Sterbelager aufgetrieben hätte. Was auch geſchehen mochte, er konnte dieſem Rufe nicht wider⸗ ſtehen. Mit einem Sprunge war er aus dem Karren und zwiſchen den Pferden der Koſaken lief er die Stufen hinauf, Mary Halſet entgegen, die ihre Arme nach ihm ausſtreckte. Meine Mary! O! meine Mary! rief er athemlos, ich habe dich noch einmal geſehen. Mary's Küſſe antworteten ihm. Sie ſprach nicht, aber ſie hielt ihn krampfhaft feſt und ihre Arme ſchlangen ſich um ſeinen Hals, ihre Augen ſtrahlten ihn wie Meteore an, die in dunkler Nacht durch den Himmel glühen. Und plötzlich ſchrie Sam Halſet neben ihnen: Ch, Freiherr Randal! Glück ins Haus, Herr, wünſch' Euch Glück und ſeid willkommen. Herein, Herr, herein, ehe ſich Leute ſammeln, kön⸗ nen drinnen in beſſerer Muße unſere Geſchäfte in Ordnung bringen. Ich muß fort, antwortete Erich aufſchreckend, indem er einen ſcheuen Blick nach der Straße und dem Reiſekarren warf, in welchem er ge⸗ kommen war. Aber zu ſeinem Erſtaunen ſah er die Koſaken ruhig halten und den Wagen umwenden, und der Polizeimann zog den Hut vor Sam Halſet, der ihm zunickte, und der alte Herr ſchrie noch ein⸗ mal: Komm herein! Denn es paßt ſich nicht für Mary, an eines Mannes Hals auf offener Straße zu hängen. Auch muß Verſtand in jede Sache kommen, alſo auch in dieſe, und es iſt mir ſo, Frei⸗ überkam, er nicht 3, unter und ſeine zwiſchen an dem te er ſich n Herzen ein Ohr, fgetrieben gt wider⸗ zwiſchen Halſet zabe dich ſie hielt een Hals, cht durch en Eh, ick und eln, kön bringen n ſcheuen meer ge fen ruhig den Hut noch ein an eines gerſtand „ Frei — 649— herr Randal, als fehlte der noch. Eh! laßt ſehen. Gib ihm deine Hand, Mädchen, und halt' ihn feſt; denke ſo wird's gehen. Während er dies ſagte, hatte er ſelbſt ſeinen Arm untergeſchoben und führte ihn mit Mary vereint dem Hauſe zu, dann hinein, in das große helle Zimmer. In den Polſterſtuhl mit Euch, Herr! ſchrie er dann mit ſeinem angenehmſten Grinſen, habt eine harte Reiſe gemacht und ſeht nicht gut aus. Iſt kummervoll zu ſagen und zu ſehen. Krankheit, Wun⸗ den, Sorgen, Herzenstraurigkeit und Noth um die Zukunft. Seid aber jung, Freiherr, und Jugend heilt Alles. Seid jung, und habt eine Schule durchgemacht, die Euch helfen wird. Hole Wein, Mary, ſchaff' herbei, was ihm gut thut. Pflege müſſen Sie haben, Herr, und wo wollen Sie dieſe beſſer finden, als hier? 8. Er fing an zu lachen, denn Erich blickte ihn an, wie Einer, der von Wundern träumt, und mit ſeiner krähenden Stimme fuhr er dann fort: Will Ihnen zunächſt ſagen, wie Sie hierher kommen, damit Sie ſehen, iſt Alles richtig hergegangen. Der Kaiſer hat mich zum Staats⸗ rath gemacht; iſt ein Titel, bah! wie alle Titel; hat mir den Annen⸗ orden auch an den Rock gehängt, der hängt an vielen Röcken.— Trotz der Gleichgiltigkeit, mit welcher Halſet von ſeinen erlangten Aus⸗ zeichnungen ſprach, war ſeauz Witelkeit doch nicht zu verbergen. Sie blitzte aus ſeinen Augen foriu. Das Beſte iſt, daß ich da⸗ mit auch das Vertrauenh Weneralgoutarneurs beſitze, zu Rathe ge⸗ zogen werde, wo es etwas zu rathen glbe und noch immer Sam Halſet bin, der gebraucht wird und zu helfen weiß. Graf Burthövden iſt ein Mann, der mit ſich ſprechen läßt und Freunde zu ſchätzen weiß. Iſt kein Mann von auffallendem Weſen, ſondern zur Milde geneigt, deßwegen habe ich mit ihm geſprochen. Es war kein leicht Geſchäft, Herr, denn geſorgt genug war dafür, das Kriegsgericht dort oben in Abohus gleich morgen bei der Hand zu ha⸗ ben und ein feſtes Stübchen erwartete Sie auch. Aber es ging den⸗ noch, wie ich es wollte. Das Kriegsgericht ſoll warten, bis Sie ge⸗ ſund ſind, und bis dahin müſſen wir's für immer los werden. Darum hab' ich Bürgſchaft geleiſtet für Sie, Freiherr Randal, mit Hab und Gut und Kopf und Leben. Habe dem Generalgouverneur geſagt: 650— Freiherr Randal iſt mein Verwandter durch die Waimon's, und ich will für ihn haften, weil ich weiß, daß, wenn er mir ſein Wort gibt, Abo nicht zu verlaſſen, bis ſeine Sache geordnet iſt, er nicht gehen wird, und könnte er mit einem Schritt, ſich vom Henkertod ins Para⸗ dies retten. Dankbar ſtreckte Erich ihm ſeine Hand hin. Ihre Güte, Herr Halſet, iſt unerwartet aroß gegen mich, ſagte er, aber ich gelobe Ihnen, treu zu halten, was Sie verſprochen.. Weiß das Alles! rief Halſet, aber meine Güte iſt nicht größer, wie ſie ſein muß, Freiherr; denn, was würde Mary thun, wenn ich kein zärtlicher Vater wäre?— Was habe ich geſagt, Freiherr, damals in Halljala? fuhr er fort, wo ich mein Mädchen anbot, weil ich wußte, wie es mit ihrem Herzen ſtand. O, Herr Halſet! murmelte Erich, während ſein bleiches Geſicht ſch roth färbte. Sagte damals, was ich dachte, Freiherr, ſagte, Sie liebten nenes Mary; wurde dafür beleidigt durch wildes Reden. Das edle Fräu⸗ lein aus Stockholm war eine Erbſchaft, die Ihnen beſſer dünkte. Ebba iſt noch immer meine Verlobte, Herr Halſet! verſetzte Erich in angſtvoller Heftigkeit. Wo iſt ſie? Bringen Sie mich zu ihr, ſie zunächſt muß mich hören. Wo iſt ſie? erwiederte Halſet 9 Denke bei dem, der das meiſte Recht auf ſie hat, und den nach allen Seiten hin ein Heil. Je mehr ich darüber nachgeſonnen habe, Freiherr, um ſo mehr kommt es mir vor, als könnten wir Alle Gottes Hand erkennen; denn gab es einen anderen Weg für Sie, um frei von ihr zu werden? Das alte Schloß mußte niederbrennen. Sie mußten blutig am See liegen, Mary mußte Sie finden, um ihr Herz auſſchreien zu laſſen, das ſo lange feſt verſchloſſen war. Aber Ebba, Ebba! Herr Halſet, und— ihr Bruder! murmelte Erich Randal. Meinen Sie, der könnte ſchaden? antwortete der Staatsrath trotzig lächelnd. Ich gab ihm mein Wort niemals unbedingt, kann's alſo zu jeder Zeit zurücknehmen. Was aber das Fräulein betrifft, ſo iſt ein Schreiben für Sie hier geblieben, und es freut mich aufrichtig 651 6, und ich ſagen zu können, daß es eine Dame iſt, die Jedermann hochachten Wort gibt, muß, denn es iſt etwas an ihr, das verdient's. nicht gehen Er ging an ſein Schreibpult, öffnete dies und nahm ein Papier ins Para⸗ heraus, mit dem er zurückkehrte. Leſen Sie, ſagte er, ehe Mary uns überraſcht. Hat ſein Gutes, wenn wir vorher damit fertig werden. Hüte, Herr Erich brach das Blatt auf und erkannte ſogleich Ebba's Schrift⸗ lobe Ihnen, züge.—„Ich bin im Begriff, ſtand darin, meinen Bruder zu begleiten, der im Auftrag des Generalgouverneurs nach Borgo und icht gräßer, Helſingfors reist, daher kann ich deine Ankunſt nicht erwarten. wenn ich Nicht Arwed's Drohungen oder ſeine Verſprechungen bewogen mich err, damcls dazu, ſeinem Willen zu folgen, ſondern mein freier Wille iſt es, ch wußte, wenn ich thue was ich muß. Niemand ſollte mich jemals zwingen von dir zu laſſen, mein edler Freund, doch ich ſelbſt laſſe von dir. Geſicht ſcſ Du biſt frei, Erich; Mary liebt dich. Ich achtete, ich verehrte dich, aber unſere Herzen blieben ſtill. Ich weiß, daß ich dir nichts Unbe⸗ bten meinen kanntes, nichts tief Schmerzliches ſage. Vir folgten Bkide der Pflicht doͤle Fräus dernünftiger Ueberlegung und den Verhältniſſen, die uns vereinigten ünkte. und wir wußten Beide, was wir davon zu hoffen hatten. Wenn ſetzte Erich dein Auge mich freudig anblickte, dein Lächeln den ſchmerzlichen Aus⸗ druck verlor, wenn du meine Hände an dein Herz drückteſt, wollteſt du mir dann nicht ſagen: Sei ruhig wie ich es bin, auch ohne den „ ie das Zauber, den man Liebe nennt, Pirſt du glücklich ſein.— O Erich! 1 lin en das war mein Troſt, das war mein Glaube. Auch ich hoffte auf ſo mehr dein Glück. Es war ein Bund heiliger Gelöbniſſe zwiſchen uns, , denn den wir treu erfüllt hätten. Plötzlich aber, in jener ſchrecklichen Macht, wo du blutig und halb erſtarrt vor mir lagſt, ein anderes Weib um deinen Nacken, ein anderes Weib in Schmerzen und Ent⸗ zücken an deinen Blicken hängend, der Schrei der Verzweiflung auf ihren Lippen, todtſpottende Glut in ihren Augen— ja, in jener Nacht, Erich, erkannte ich, daß zwiſchen uns ein Abgrund liege, den ich niemals ſchließen könnte. Sie liebte dich, ich nicht. Ihre Liebe war es, die dich unter Leichen und Sterbenden ſuchte, zu Ilſo Thaten bereit, welche Liebe allein vollbringt. Und das nicht allein, unnd auch du ſahſt nur ſie, nicht mich. Deine erſtarrten Lippen riefen ſo iſt ift deci nach ihr, Alles, was verſtändig lang und qualvoll aufgebaut war ufr zu ihr, ſie men; u werden? g am See zu laſſen murmelte zratb trottg — 652— ſtürzte zuſammen. Deine Liebe riß alle dieſe angekünſtelten Schran⸗ ken nieder, wie ſollte ich dieſe je wieder aufbauen! Du biſt frei, Erich, du mußt frei ſein. Mary iſt dein, du biſt ihr Eigen, ſie hat dich in Nacht und Tod erworben; nie ſollſt du ſie verlaſſen. Ich aber, Erich, ich liefere dich ihr aus, all mein Recht auf dich iſt aus⸗ geſtrichen.— Ich gehe, was mir geſchieht iſt gleichgiltig. Arwed ſagt mir, daß Serbinoff mir nur entſagt habe, weil er geſehen, wohin ich neigte und was immer ſein Wunſch geweſen. Sie lügen Beide, doch was liegt daran. Wäre ein Mann da, der mich unter den Todten aufhöbe, mein Herz würde ihm antworten. Aber der ſchläft auf ewig unter Woge und Eis, dem ich zurufen möchte: Rette mich von Jenen da! Und ſo mögen ſie mich hinnehmen, Ich will tragen was kommt und will leben, weil ich muß. Fürchte nicht für mich, theurer Erich, denke daran, wie wenig ich zu verlieren habe. Sorge für dich, wahre deine Mary vor den Drachen, die mich verſchlingen wollen. Gott möge euch ſchirmen!“ Erich ließ das Papier ſinken und blickte in Halſet's Geſicht, das ihm luſtig grinſend zunickte. Es iſt ſo! rief der Staatsrath. Sie hat es eingeſehen, was ihr Beſtes iſt, und hat nicht ein Wort dagegen geſagt, als der Baron ihr den Vorſchlag machte, mit ihm zu reiſen. Oberſt Serbinoff war hier vor einigers Zeit und es kann kein Anbeter galanter und zartfühlender ſein, wie er; kam mir vor wie ein Löwe, der ſich am Zwirnsfaden leiten läßt. Er lachte hell auf und rieb ſeine Hände. Machte aber einen ſehr guten Eindruck, der wilde Kriegsmann, fuhr er fort, und ſoll mich nicht wundern, wenn ihm nächſtens die dicken Generalstroddeln auf den Schultern ſitzen. Der Sturm auf Halljala iſt ihm hoch angerechnet, mehr vielleicht, als er's verdiente; es geht einmal ſo in der Welt her. Ein Unglück iſt es auf keinen Fall, Frau Gräfin Serbinoff zu heißen und in einem Palaſt auf dem Alexander⸗Newsky⸗Proſpect zu wohnen. Sie wird ſich tröſten, Freiherr, bin gewiß, ſie wird ſich tröſten. Meine Mary! rief Erich, denn eben trat Mary wieder herein. O, Ebba hat Recht, ich gehöre dir an und will deine Herrſchaft nie wie⸗ der abſchwören. Was ich meinem Vater gelobte iſt nun gelöst. Ebba ſelbſt ſpricht mich frei davon. Vergebung, geliebte Mary, wenn ich telten Schran Du biſt fm Eige, ſie h erlaſſen. It dich iſt aus⸗ Arwed ſag hen, wohin i en Belde, doc er den Todter gläft auf ewi ich von Jene en was komme theurer Erich ir dich, wahn wollen. Got geſccht, dal rath. Sie he Vort dagegen m zu reiſen kein Anbetet wie ein Löwe, und rieb ſeint „Friegsmann, nächſtens die Sturm auf ''s verdiente 3 auf keinen alaſt auf den ſten, Freiher, — 653— dich verließ, ich habe dafür gelitten und gebüßt. Vergebung, Herr halſet, laſſen Sie uns vergeſſen, was uns trennte. Geben Sie mir Ihr Kind, ich will es lieben und ehren und was Sie— ja. was Sie von mir begehren können in Ehren, das will ich freudig thun und erfüllen.— Halſet umarmte ihn. Still! ſtill! Baron von Halljala! rief er. Alte Geſchichten, wollen nichts mehr davon hören, fangen heut' ein neues Leben an. Habe Ihnen mein Kind geben wollen, ſchon vor Jahr und Tag und thue es noch heute wieder. Mary ſoll in Halljala als Frau am Herde ſitzen! hab's geſchworen, Herr, und will es halten. Kann's nicht mehr in der alten Halle ſein, ſoll's in einer neuen ge⸗ ſchehen, die wir bauen wollen, beſſer und prächtiger als irgend eine in Finnland, beſſer als die Wright's jemals ihr Schloß aufputzten. Bringen wir Friede und Liebe hinein, ſagte Erich, Mary küſſend, die ſich an ihn lehnte. 4 Und das richtige Nachdenken, ſetzte der Staatsrath hinzu, damit es ein feſter Bau wird. Sagen Sie mir, Herr Halſet, welche Bedingungen ich erfüllen muß, um Sie zufrieden zu ſtellen. Bedingungen? rief Halſet, ich habe keine, Freiherr Randal. Sie ſieben Mary, ich bin's zufrieden. Bleibt nur übrig für uns, Alle ſetzt die richtigen Wege zu gehen, um in Halljala endlich einträchtig ſu wohnen. Danach alſo müſſen wir trachten, doch vor allen Dingen werden Sie geſund. Mary ſoll Sie pflegen, alle Tage wollen wir beiſammen ſein, denke es wird Ihnen gut thun, Herr Erich. Und ſetzt gieb ihm deinen Arm, Mary, wollen ihn Beide führen, damit er nicht ſtrauchelt. Steht hier ein gedeckter Tiſch bereit, Freiherr, iſt werth, ſich darum zu bemühen. Alſo vorwärts, Herr, vorwärts! es wird Alles gut gehen. 5 der herein. D caft nie wie gelöst. w, 6 44 wenn — 654— Elftes Kapitel. Es war warm und grün geworden in Finnland, grün in dieſem wunderbaren Lande der Seen, der Berge und Sümpfe, die in ein ſeltſames unlösbares Gewirr verſchmelzen. Die üppigen Wieſengelände prangten wieder mit zahlloſen Blumen, die nackten rothen Felſen und ſpitzen Klippen ragten aus den jungen Trieben der Bergwälder. Flüſſe und Bäche brausten ihnen nach durch die kleinen Thäler, bis ſie end⸗ lich den Waſſerarm eines Sees erreichten und darin verſchwanden. Die Straße, welche nordwärts von Helſingfors über Hainola mitten durch die Provinz Savolax führt, bietet eine äußerſt reiche Scenerie. Oft läuft der Weg über hohe ſteile Bergrücken, welche zwiſchen großen und kleinen Seen liegen und zuweilen ſo ſchmal ſind, daß nichts als die Straße Raum darauf hat. Von dieſen hohen Punkten aus kann man meilenweit umherſchauen und auf einem derſelben, der alle an⸗ dern überragte, hielt längere Zeit ein Wagen, in welchem zwei Rei⸗ ſende ſaßen. Ein wunderbares Gewirr von Land und Waſſer lag zu ihren Füßen. Ein großer See, von zahlloſen Inſeln durchbrochen, ſchimmerte aus weiteſter Ferne und verlor ſich darin. Tauſend andere faßten ihn ein; wie kleine Demanten einen mächtig ſtrahlenden umgeben und ihr funkelndes Licht mit ſeinem Glanz vermiſchen, ſo leuchteten ſie alle vereint herauf. Fels, Wald, Thal, Berg und Schlucht ſchlangen ſich in dunklen ſchweren Ketten um ſie. Oſtwärts dehnten ſich große Wälder aus, die mit unabſehbaren Flächen abwechſelten, welche ein kahles, ödes Anſehen hatten. Der Abend war nahe, das Sonnenlicht nahm eine röthliche Färbung an und miſchte die verſchiedenſten Tinten, welche den Berggewinden ſich anſchmiegten. Alles war ſo ruhig grün und herrlich umher, als decke ein glücklicher Frieden dies kriegerfüllte n in dieſen „die in ein gieſengelände zFelſen und aälder. Flüſt bis ſie end erſchwanden tnola mitten je Scenerie. ſchen großen ß nichts als n'aus kann der alle an n zwei Rei⸗ g zu ihren 3 ſchimmert faßten ihn ngeben un zuchteten ſie t ſchlangel n ſch groß wyelche ein Sonnenlich en Tinten ſte ruhig grül ülle kriegerf — 655— Land. Geheimnißvoll rauſchte es in den hohen Bäumen, träumeriſch, weich und duftig hüllten ſich Felſen und Wälder in Decken von Dämmerlicht und ſüßen Hauch, den Millionen Blumen und Gräſer für ſie webten. Aber kein Hirt ließ ſich ſehen, keine Heerde, kein Ackerbauer, kein Haus. Unten in der Tiefe an einem Seeſtreif lagen zwei oder drei niedergebrannte Höfe, von denen nichts übrig geblieben war, als ſchwarzer Schutt und verkohltes Gebälk. Baron Arwed, der in dem Wagen ſaß, blickte einige Minuten lang durch ſein Glas for⸗ ſchend darauf hin, dann wieder ſuchte er in der kleinen Landkarte umher, die auf ſeinen Knien lag. Neben ihm ſaß ſeine Schweſter Ebba, deren Augen unverwandt ſich auf den fernen großen See. richteten. Das muß der Pajäne ſein, ſagte der Baron, und dies ſind die großen Sümpfe, welche von ſeinen öſtlichen Ufern durch Savolax lau⸗ fen. Es wird dunkel werden, ehe wir Halljala erreichen, wenn wir nicht etwa obenein uns verirren. So ſollten wir nicht länger zögern, erwiederte das Fräulein. Wir wollen auch nicht zögern, fuhr ihr Bruder fort. Poſtſtationen und Pferde gibt es hier nirgend mehr, wahrſcheinlich aber iſt dieſe Brandſtätte ein Poſthaus geweſen. Die meiſten Häuſer und Höfe ſind verlaſſen und leider iſt es wahr, daß viele Bauern dem General Sandels nachgelaufen ſind. Wir werden nirgends Beiſtand finden, wenn wir ihn brauchen. Mit ärgerlichen Mienen ſchlug er die Karte zuſammen und ſteckte ſie ein, während er zugleich ſeinem Diener, der den Wagen lenkte, zurief, vorſichtig hinabzufahren, dann aber die Pferde anzutreiben ſo viel es möglich ſei. Als dies geſchehen war, ſah er über die ſtille Landſchaft fort und ſagte dann bedenklich: Wir hätten unſere Escorte nicht in Laukas zurücklaſſen ſollen, oder du hätteſt wenigſtens dort bleiben können, um meine Rückkehr aus Halljala abzuwarten. Fürchteſt du denn eine Gefahr? fragte Ebba. Gefahr eigentlich nicht, erwiederte der Baron. Sandels iſt mit ſeinen Banden bis an den Kallaveſiſee zurückgeſchlagen und das ganze ſüdliche Savolax nun mit unſern Soldaten angefüllt. Der Comman⸗ vant von Laukas gab mir ſein Wort, daß ich bis an den Pajäne 6⁵56 keinen Menſchen finden würde, aber ich glaube, der alte Burſche wollte am liebſten ſeine Dragoner für ſich behalten. Es ſcheint in Wahrheit Alles hier wie ausgeſtorben, ſagte das Fräulein. 1 Ein ſchändliches Land und ein ſchändliches Volk! rief Arwed. So wie Sandels vordrang ſchlugen die Bauern wie Banditen jeden Ruſſen todt, den ſie erreichen konnten, und liefen dann in die Wälder, wo es Millionen Verſtecke für ſie gibt. Natürlich ließen unſere Soldaten ſich das nicht gefallen. Die Höfe wurden niedergebrannt, die Mörder⸗ rotten verfolgt, zuletzt mögen wenig übrig geblieben ſein und hier muß es wohl auch einen harten Kampf geſetzt haben. Der Wagen war von dem Bergrücken heruntergerollt und näherte ſich dem ſchwarzen Trümmerhaufen am Seeufer. Ein melancholiſches Schweigen lag auf dieſer verlaſſenen Stätte und ihrer Umgebung. Der Brand hatte die Bäume umher verdorrt und verkohlt, die nun geſpenſtiſch nackt und ſchwarz in den Abendhimmel ſtiegen. Unten lag der See zwiſchen ſteilen Felsufern, an welche er ſeine Waſſer ſchleu⸗ derte, deren eintöniges Rauſchen ſich mit dem Rauſchen der Tannen und Espen vermiſchte, welche den Saum der Ufer beſetzten. Ungeheure Steinblöcke lagen zerſtreut umher und Arwed ſagte lachend: Das muß ein lieblicher Aufenthalt für echte Finnen geweſen ſein. Vielleicht irgend ein heiliger Platz der Anbetung oder eine hei⸗ lige Grabſtätte für ihre Helden. Sieh doch, wie die Steine im Kreiſe zuſammengeſtellt ſind. Otho ſagte mir einmal, nooch jetzt fühle jeder Finne, trotz ſeines Chriſtenthums, Schauer der Ehrfurcht bei ſolchen heiligen Steinkreiſen der alten Götter und Helden. Er ſelbſt war ein viel zu arger Phantaſt, um dieſe nicht zu theilen. Schade, daß die Stätte niedergebrannt wurde, und kein lebendiges Weſen uns ſagen kann, wie ſie geheißen hat. Orjahulu! antwortete eine tiefe murmelnde Stimme. Was war das? fragte der Baron. Wo kam der Ton her?— Iſt hier ein Menſch?! Es antwortete Niemand. Baron Arwed ließ den Griff des Piſtols los, das er halb aus der Wagentaſche gezogen hatte. Du haſt es doch auch gehört, Ebba, oder war es der Wind? ſ ſche wollte ſagte das wed. So n Ruſſen er, wo es Soldaten Mäürder⸗ und hier d näherte ncholiſches mgebung. die nun jnten lag er ſchleu⸗ Tannen eed ſagte 1 geweſen tine hei in Kreiſt zt fühle urcht bei Er ſelbſt Schade, deſen uns 657— Es ſchien eine Antwort auf deine Frage zu ſein, ſagte das Fräulein. Orjahulu, habe ich verſtanden. Was ſoll das bedeuten? Du ver⸗ ſtehſt ja Finniſch? fragte er ſeinen Diener.— Iſt das ein finniſches Wort? Ja, Herr, antwortete der Mann, es heißt Verrätherpfeife. Komm hervor, du, der du mir geantwortet haſt! rief der Baron in die Brandſtätte und Steine hinein.— Es iſt dennoch nur der Wind geweſen, fuhr er fort, als ſich nichts regte. Wir wollen uns überzeugen, erwiederte Ebba. Laß uns ausſteigen. Ihr Bruder hielt ſie feſt. Fahre ſchnell! ſchrie er dem Diener zu und ſeine Blicke flogen über den Platz. Wir haben keine Zeit, Unter⸗ ſuchungen anzuſtellen. Hier kann hinter jedem Stein ein Mörder lauern. Die Pferde flogen im Galopp davon, doch keine Kugel folgte ihnen nach, wohl aber ein Geräuſch, das beinahe wie ein Gelächter klang, ganz deutlich aber ſich in helles Hahnengeſchrei verwandelte. Und ohne Zweifel rührte es auch von einem wirklichen Hahn her, denn zu ſeinem ärgerlichen Erſtaunen ſah der Baron ein derartiges Weſen auf der Spitze des Trümmerhaufens ſitzen und ſeine Flügel bewegen. Wäre es möglich! rief er aus, daß dies der Hahn des alten Landſtreichers ſein könnte? Dann liegt er ſelbſt auch dort im Verſteck. Niemand hat von ihm ſeither etwas gehört und Propſt Ridderſtern ſagte mir neulich, daß die Leute in Halljala behaupteten, ihr Liebling ſei umgekommen. Glaubſt du, Ebba, daß dies ein Streich deines guten Freundes iſt? Ebba mochte Urſache haben, ihren Bruder in ſeinen Vermuthun⸗ gen nicht zu beſtärken. Wenn es Lars Normark's Hahn war, ſagte ſie, warum ſollte er ſelbſt ſich nicht zeigen. Wahrſcheinlich iſt er nicht allein. Geſindel hält ſich beiſammen, um zu rauben und zu morden. Wenn das ſo wäre, was würde ſie halten, über uns herzu⸗ fallen? Meines Erachtens hätten wir verwegenen Männern nicht ent⸗ gehen können. Ich denke, dies iſt ein Hahn, der ſich gerettet hat, als alle ſeine Kameraden ihr Ende fanden, jetzt ſchreit er hinter uns her und verhöhnt unſere Furcht. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 42 Möglich, daß du Recht haſt, lachte der Baron. Wie ſollte auch der alte Schelm, wenn er wirklich noch lebt, ſich hierher wagen, wo es ihm ſchlecht genug gehen würde, wenn man ihn ergriffe. Ich ſehe nichts mehr von dem Thiere. Nebel ſteigen aus dem See, und hier beginnt der Sumpf, der bis an den Pajäne hinlaufen ſoll. Wenn wir Glück haben, kommen wir noch bei Tagesſchein hinüber und haben dann nur noch einen Hügelzug zu überſteigen. Siehſt du dort, Ebba, das ſind die rothen veſſ uhs ade genannt, oder das Thal des Todes, was wirklich poetiſch klingt. Wahrhaftig, wie jetzt das rothe Sonnenlicht darauf fällt, ſieht es aus, als wären ſie mit Blut übergoſſen. In der tiefſten Ferne des Horizonts ſtiegen hohe düſterrothe Berg⸗ maſſen auf, an denen dann und wann ein brennendes Licht zuckte. Wälder von unermeßlicher Ausdehnung ſenkten ſich unter ihnen in die Tiefen hinab, und die Pferde eilten ihnen entgegen durch eine jener großen tiefen Ebenen, die mit Sumpf und Waſſerlachen gefüllt ſind. Es iſt Alles ſeltſam und unheimlich in dieſem Lande, ſagte Ar⸗ wed, ſelbſt die Sümpfe ſind hier anders, wie in der übrigen Welt. Erich hat mir einmal erklärt, warum das ſo ſein muß. Ganz Finn⸗ land beſteht aus Granit, wo er nicht zu Felſen aufſteigt, liegt er unter den verwitterten Wäldern,, und wo ſich in dieſen tiefen Stein⸗ ſchalen nicht das Waſſer geſammelt hat, liegt der Moraſt darauf, der nicht austrocknen kann, weil der harte Fels kein Waſſer in den Erd⸗ körper dringen läßt. Je weiter nach Norden, um ſo flacher wird das Land, um ſo größer alſo auch die Sümpfe, welche endlich in Carelien und nach dem Eismeere hin gar nicht mehr aufhören. Aber verdammt 4* ſie ſein! wir kommen langſamer fort, als ich dachte, und wenn s ſo fort geht, werden Dünſte und Nebel bald über uns zuſammen⸗ 5 lagen, und uns lebendig begraben. Etwas früher oder ſpäter wird es gewiß geſchehen, erwiederte ſie Daß wir begraben werden, fiel er ſcherzend ein, daran iſt nicht zu zweifeln und nichts zu ändern; allein wir müſſen trachten, daß es ſo ſpät als möglich geſchehe. Und was thun Leute deiner Art nicht, um alt zu werden! ant⸗ wortete Ebba in einem Tone, der neben dem Scherz auch einen ver⸗ ächtlichen Klang hatte. te auch en, wo ſich ſehe nd hier Wenn Finn jegt er Stein uf, der n Crd ird das arelien dammi ʒ wenn unmen — 650— Diplomaten leben lange, ſagte Arwed, ein Beweis, daß ſie eine geſunde Beſchäftigung treiben, ſich nicht ärgern, nicht erhitzen, das Leben als ein Schachſpiel betrachten und wenn ſie mit ruhiger Ueber legung ihre Züge gemacht haben, zufrieden ſind und unter allen Um ſtänden mit Heiterkeit ihr Daſein genießen. Ich bitte dich, liebe Ebba, mache es auch ſo. Wir haben uns verſöhnt und du haſt mir ver⸗ ſprochen, dich meiner Leitung zu überlaſſen. Unter einer Bedingung, fiel ſie ein. Richtig, unter der Bedingung, daß ich nichts Feindliches mehr gegen Erich unternehme, im Gegentheil, ihm beiſtehen will, ſo viel ich es vermag. Ich habe dir dies mit meinem Worte verbürgt, und werde es aufs Heiligſte halten. Mit vollkommener Ruhe werde ich abwarten, was in Abo geſchieht. Ich hege keinen Zorn, keinen Haß gegen ihn, oder irgend einen Andern. Welche Pläne Halſet hat, küm mert mich nicht. Iſt Erich einſichtig genug, ſein Wohl zu begreifen, um ſo beſſer für ihn, ich werde ihm aufrichtig Glück wünſchen, und nicht mehr daran denken, was mir mißglückte. Alles Leben iſt ein. Spiel, Jeder ſucht dabei zu gewinnen, da dies jedoch für Alle un⸗ möglich iſt, müſſen Viele verlieren. Ich beklage mich nicht, wenn ich zu dieſen gehöre, meine Aufgabe wird ſein, anderswo ein glücklicheres Loos zu ziehen. Was dich aber betrifft, liebe Ebba, ſo habe ich dir auf⸗ richtig geſagt, was Serbinoff mir vertraut hat. Sobald ich meine Geſchäfte in Halljala abgethan habe, wird die Zeit da ſein, dein Glück zu ſichern. Hier unterbrach er die Unterredung, welche von den Geſchwiſtern in franzöſiſcher Sprache geführt wurde, und wandte ſich an ſeinen Diener. Kannſt du nicht ſchneller fahren, ſagte er, die Nacht wird uns überfallen. Der Diener entſchuldigte ſich mit dem ſchlechten Wege, den er obenein nicht kannte, und in Wahrheit wurde mancherlei Vorſicht nöthig, um kein Unglück zu haben. Der Wagen rollte lange Zeit durch einen moorigen Boden, der zuweilen mit Sand und ſcharfen Kieſeln abwechſelte, bald aber wieder die Räder tief einſchneiden ließ und die Huſe der Pferde mit Sumpfpflanzen umwickelte. Aus dem dunkeln Grün der öden Fläche ragten zahlloſe moosumwucherte Steine 42* 660 auf, bald kaum über den Boden emporragend, bald kantig, ſteil oder kup⸗ pig mehr oder minder große Hügel bildend, um welche Tannen und Ellern ſich mit einem unermeßlichen Wurzelgeflecht feſtklammerten. Und zwiſchen dieſer Stein⸗ und Moosſtickerei wand die Straße ſich hin, zuweilen in einem Wald von Geſtrüpp verſchwindend oder unter Bäumen, die mit Bartmoos ſeltſam behangen waren. In den Sümpfen Finnlands ſind die Nadeln der Fichten faſt eben ſo ſchwarz wie der fettig aufquellende Moor, in welchen dieſe rauhen, krüppelhaften Stämme ſich eingeſenkt haben. Verkümmert unter Schlingpflanzen und langen dürren Moosgewinden, ſtanden ſie auch hier wie Greiſe von unheimlicher Geſtalt und Farbe oder ſie verbargen ihre todten Leiber unter dem Sumpfwaſſer, das über ſie hinfloß und ſie zernagte. Aus den Dünſten, welche dieſem Boden entſtiegen, wurden nach und nach Nebel, welche endlich mehrere Fuß hoch die ganze Ebene einhüllten. Die Reiſenden auf dem Wagen konnten noch über dies ſonderbare graue dampfende Meer fortblicken, aus dem die bärtigen Bäume und die Steinkuppen ſich geſpenſterhaft bleich leuchtend erhoben, als von der Ebene ſelbſt nichts mehr zu er⸗ kennen war. Langſam nur bewegte ſich der Wagen fort, denn über Lachen und zitternden Sumpf war die Straße mittelſt Baumſtämme geführt, welche einſt dicht gereiht und mit Kies und Erde überſchüttet wur⸗ den, allein dieſe Decke war längſt zerfahren und vom Wetter fortgeſpült. Die Wege in Finnland mußten von den Gemeinden und Hofbeſitzern erhalten werden und ſo lange es Frieden war, hielten die Vögte ſtrenge auf den Straßenbau, jetzt aber hatte der Krieg alle Ordnung aufgelöst und nichts war in dieſem Jahre geſchehen. Der Wagen ſank in Löcher und da ſich häufig dieſe hölzernen Sumpfbrücken wieder⸗ holten und lange Strecken ausfüllten, ſo brach die Nacht an trotz aller Aufmunterungen des Barons und aller Flüche und Hiebe ſeines Dieners auf die ſchnaufenden müden Pferde. Nach und nach vermehrte die Nebeldecke, welche über dem Sumpfe ſchwebte, die Dunkelheit und ſtimmte den ſcheinbaren Gleichmuth des Barons in offenbaren Kleinmuth um. Er begann damtt, ſich zunächſt mit Selbſtvorwürfen anzugreifen, die zu Vorwürfen gegen den Diener und endlich zu Vorwürfen gegen ſeine Schweſter übergingen, welche mit Gelaſſenheit ſie anhörte. — 661 Wie kannſt du ſo gleichgiltig ſein, Ebba! rief er endlich ärgerlich. Es iſt doch wahrlich unangenehm und ängſtlich genug, in dieſer Lage zu ſein. Der Weg läßt ſich kaum mehr erkennen, verlieren wir ihn, ſo kann es uns das Leben koſten. Dann laß uns lieber auf dieſer Stelle bleiben bis es wieder Tag wird, was nur wenige Stunden dauern kann, erwiderte ſie. Wenn dieſer abſcheuliche Nebel nicht wäre, würden wir ſehen kön⸗ nen, fiel er ein; aber hier bleiben in dieſer Moderluft würde mich krank machen. Warum ſind wir nicht in Laukas geblieben und morgen in der Frühe gefahren? Daran hatteſt du Schuld. Es iſt unmöglich hier auszuhalten, obenein ohne die geringſte Erfriſchung. So laß uns verſuchen, ob wir nicht weiter kommen, erwiederte ſie mit derſelben Ruhe. Der Pajäne kann nicht mehr weit ſein. Propſt Ridderſtern hat gewiß auf uns gewartet und die Frau Pröpſtin die ſchönſten Torten gebacken. Du biſt boshaft genug, mich zu verſpotten. Doch was meinſt du, Ole, die Pferde werden den Weg beſſer finden wie du. Statt der Antwort ſchlug plötzlich der Wagen in ein Waſſerloch und Arwed ſchrie laut auf. Halt ein! ſchrie er, wir werfen um. Ich weiß nicht, was wir thun können. Die Kehle kann man uns ab⸗ ſchneiden, ohne daß wir das Meſſer ſehen. Hörteſt du nichts? Es geht Jemand hinter uns oder neben uns. Wer geht dort? Schweig ſtill! flüſterte Arwed; aber ehe er etwas hinzufügen konnte tauchte jetzt dicht an dem Wagen eine außerordentlich lange Geſtalt auf, die den Schrecken des Barons dermaßen vermehrte, daß er ſeine Piſtolen ergriff und beide Hähne ſpannte. Bei dem knackenden Ton ſprang die Geſtalt zurück und war verſchwunden. Du bringſt dich ſelbſt um die Hilfe, welche du nöthig haſt, ſagte Ebba. Kommt nä⸗ her, Freund, gebt uns Antwort. Wir wollen Euch dankbar dafür ſein. Es iſt allerdings wohl auch zuweilen des Dankes werth, wenn man eine Kugel durch den Hirnſchädel kriegt, antwortete die Stimme von der andern Seite des Wagens; ich verſpüre aber eben jetzt keine be⸗ ſondere Luſt dazu. — 662— Es ſoll dir nichts geſchehen, ſei ohne Furcht! ſagte Baron Bun⸗ gen beruhigter. Wer biſt du, Freund? Ein Holzſchläger, Herr. Weißt du hier gut Beſcheid? Ich habe noch immer meinen Weg gefunden. Und wohin geht dieſer Weg? Dieſer Weg? Ja ſo! wenn man ihn finden kann, führt er ge⸗ radeaus an den Pajäne. Nach Halljala? Dahin kommt man auch. Willſt du uns begleiten, ſo ſollſt du reich beſchenkt werden. Danke, Herr! aber ich möchte lieber— Ja ſo! meinetwegen denn, weil ich glaube, es ſitzt eine Dame mit bei Euch. Mit wem flüſterſt du da? fragte der Baron mißtrauiſch. Iſt noch Jemand bei dir? Mein Kamerad, Herr, und noch ein Burſch. Der wird die Pferde bei'm Kopf nehmen. He, Chriſti, tritt an die andere Seite und faß an, damit der Wagen aus dem Loche kommt und nicht wieder fällt. Haltet Euch ruhig, Herr, ſo geht Alles gut ab. Schock Tonnen! brummte eine tiefe Stimme, ein Genick iſt leicht gebrochen. Hört an, ſagte Baron Arwed. Wer ich bin, werdet ihr ſpäter er⸗ fahren; aber ich gebe euch mein Wort, daß ihr gut belohnt werden ſollt. Im Uebrigen habe ich in jeder Hand eine Piſtole; denkt alſo nicht daran, mir etwas zu nehmen, was ich nicht geben will. Ja ſo! lachte der lange Kerl, der Herr meint es ehrlich mit uns, Chriſti. Doch es würde ihm wenig helfen, wenn wir nicht ſo grund⸗ ehrliche, friedliche Leute wären. In ſolcher Finſterniß kann ein ver⸗ roſtetes Bajonnet einem durch den Leib fahren und er weiß nicht, woher es kommt. Aber ich möcht's nimmer anfaſſen und der Chriſti da kann kein Blut ſehen; vor einem rothen Tuch läuft er davon. Chriſti an der andern Seite grunzte ſeltſam dazu. Der Baron fühlte ein Zittern in ſeinen Eingeweiden. Er blickte nach allen Sei⸗ ten und machte unruhige Bewegungen, als fühlte er ſchon das roſtige Bajonnet. Wer dieſe Leute waren, ob ſie die Wahrheit ſprachen, woher Bun⸗ — 663— ſie kamen, mochte er nicht durch erneute Fragen unterſuchen. Er ſah ein, daß ihm dies nichts helfen könne, daß er ihnen glauben müſſe und daß es das Beſte ſei, wenn er keinerlei Zweifel laut werden laſſe. Er war in ihrer Gewalt und mußte abwarten, ob ſie ihr Ver ſprechen erfüllen würden; allein er fühlte ſich etwas erleichtert, als er hörte, wie ſeine Schweſter ein Geſpräch mit dem langen Burſchen begann, das eine freundliche Wendung nahm; denn nach einigen ge wechſelten Worten zeigte es ſich, daß er ſie erkannte. So wahr ich lebe, es iſt das gnädige Fräulein vom Schloſſe! rief er. Ich hab's an der Stimme gehört, dachte es auch gleich, wie der Herr nach Halljala fragte. Wo iſt der Freiherr Randal hinge bracht? Lebt er noch? Er lebt in Abo und wird, wie ich hoffe, bald kein Gefangener mehr ſein Und das gnädige Fräulein kommt dann wieder mit ihm nach Halljala und hilft ein neues Haus bauen? Das wird wohl ſo bald nicht geſchehen, fiel Arwed ein. Aber wo waret ihr denn damals, Freund, als das alte Schloß niederbrannte? Ich lief, ſo weit ich laufen konnte, mochte nichts davon ſehen, ant wortete der Bauer, und Chriſti lief mit, bis er keinen Athem mehr hatte, weil er damals noch fett war. Aber bei alledem fürchten wir uns nicht, und wenn das gnädige Fräulein uns irgend eine Sache auf zutragen hat, wollen wir es getreulich thun. Ich wollte dich nur bitten, ſagte Ebba, uns ſo wenig wie dich ſelbſt in Gefahr zu bringen. Ja ſo! rief der Mann, es hat nichts zu ſagen. Chriſti kann kein Blut ſehen, aber ein paar mächtige Schultern hat er. Einen Mann hat er einmal getragen, bis er mit ihm fiel, und wenn Ihr ihm ſagtet: ich will fort! Wie eine Feder würde er Euch aus dem Wagen heben, und trotz der Dunkelheit würdet Ihr bald weit von hier ſein. Ich will dieſe Probe nicht machen, erwiederte Ebba. Nicht? lachte der Bauer. Ja ſo! ſeid Ihr nicht ein ſchwediſches Fräulein? Chriſti läuft mit Euch bis nach Schweden. Das iſt ein weiter Weg, mein Freund, ich bleibe lieber, wo ich bin. Aber, ſind das nicht die Schatten der Berge? Und der Nebel⸗ zerrinnt, ich ſehe Sterne über uns. — 664— Wahrlich, wir ſind auf feſtem Boden! rief Arwed, und hier geht der Weg in die Höhe. Was iſt dort vor uns? Es iſt der Pajäne. In der Ferne ſchimmert ein Licht. Es muß aus einem Hauſe kommen. Lebt wohl, Herr, ſagte der Bauer. Halt! Wo ſeid ihr? Hier nehmt! Wo ſind ſie hingekommen, Ebba? Es war nichts mehr von den Führern zu ſehen, kein Geräuſch verrieth ihre Schritte.— Sie ſind verſchwunden, ohne Lohn zu be⸗ gehren? Ein Bauer iſt nicht ſo uneigennützig. Vielleicht wollte er nichts nehmen, weil er uns erkannte. Der lange Burſch ſchien eine Art Narr zu ſein, doch gleichviel, er hat uns ehrlich geholfen. Es iſt wirklich der Pajäne, dem Him⸗ mel ſei Dank, daß wir aus dieſen ſchrecklichen Sümpfen ſind! Wem jenes Haus auch gehören mag, er muß Gaſtfreundſchaft an uns üben. Nach einer Viertelſtunde war das Licht erreicht. Es kam aus einem Hauſe, das an der Oeffnung eines Thales, nicht fern vom Ufer des Sees, lag. Als der Wagen hielt, konnte Arwed durch ein Fenſter in das Innere der Wohnſtube blicken, und betroffen wandte er ſich zu ſeiner Schweſter zurück. Weißt du denn, wo wir ſind? fragte er. In Lomnäs! Dort ſitzt der Major noch bei ſeiner Pfeife. Ich möchte ihn nicht ſtören, aber die Pferde können nicht mehr fort; wir müſſen warten bis der Tag anbricht. Während er dies ſeiner Schweſter zuflüſterte, war der Invalide ans Fenſter und dann an die Thür gehinkt, die er öffnete. Er hatte Pferde ſchnauben und einen Wagen klappern hören, doch konnte er in der Finſterniß nichts erkennen. Wie er in Eile heraustrat, ſchien es, als erwarte er Jemand, und ſeine Stimme hatte etwas Zitterndes und Freudiges, als er lebhaft fragte, wer da ſei? Baron Arwed hob ſeine Schweſter von dem engen Sitz, dann ging er auf den alten Soldaten zu, der ihm die Arme entgegenſtreckte. Mein lieber Major, ſagte er. Ich und meine Schweſter, wir kommen als Bittende zu Ihnen. r geht Hauſe nmen, räuſch u be⸗ chviel, Him ſind! ft an aus vom h ein zandte ſind? feife. fort; valide hatte er in in es, und ging wir 665 Aber bei dem erſten Ton dieſer Stimme riß der Major ſich los, und wie von Abſcheu ergriffen trat er zurück und hörte das Weitere auf ſeinen Stock geſtützt an. Sie ſind es, Herr Gouverneur, Herr Baron Bungen, ſagte er dann rauh und laut. Was hat das zu be⸗ deuten? Das hat zu bedeuten, Herr Major Munk, daß ich mit meiner Schweſter aus Laukas komme, in den Sümpfen von der Nacht über⸗ raſcht worden bin, und Sie bitte, uns bis der Tag kommt Herberge zu geſtatten. Treten Sie ein, wenn es Ihnen gefällig iſt, ſagte Munk mür⸗ riſch kalt. Was dies Haus wegmüden Neiſenden bieten kann, ſteht zu Ihren Dienſten. Wir müſſen es annehmen, liebe Ebba, erwiederte der Baron, wenn dieſe Gaſtfreundſchaft uns auch nicht beſonders einladend ſcheinen mag. Der Herr Major wird ſich inzwiſchen gewiß erinnern, daß eine Dame ihn um Beiſtand bittet. Meine Hochachtung vor dem gnädigen Fräulein, verſetzte der In⸗ valide. Sie wird mir's verzeihen, wenn ich nicht freundlicher einladen kann. Wären Sie allein zu mir gekommen, meine liebe Freundin, es hätte Sonnenſchein in meine Bruſt gebracht. Das iſt aufrichtig und deutlich geſprochen, Herr Munk, lächelte Arwed, ich habe es nicht anders erwartet. Ich verſichere dagegen, daß, wenn ich nicht müßte, ich Ihre Ruhe gewiß nicht geſtört hätte. So ſind wir fertig, ſagte der alte Soldat. Richten Sie ſich hier ein. Ihre neuen Landsleute und Mitbürger, die Ruſſen, haben nicht viel Genießbares übrig gelaſſen, es wird ſich aber doch einiges noch vorfinden. Sie ſollen haben, was da iſt, nur für mich bitte ich um Entſchuldigung, Fräulein Ebba. Verlaſſen Sie uns nicht, erwiederte ſie, die Hand feſthaltend, welche er ihr reichte. Wer weiß, wann ich Sie wieder ſehe. Laſſen Sie mich wenigſtens wiſſen, wie es Ihnen geht, und hören Sie, was ich vielleicht zu Ihrem Troſte ſagen kann. Zu meinem Troſte! murmelte er, und ſeine Augen hefteten ſich auf Ebba, deren Geſicht jetzt von dem Lichte im Zimmer erhellt wurde. Er führte ſie zu ſeinem großen Lederſtuhl und nöthigte ſie mit ſanfter 666— Gewalt auf die Kiſſen. Meine liebe Freundin, ſagte er dabei, ſeit wir uns trennten, hat Gottes Hand die Zeichen des Grames auch auf Ihre Stirn gedrückt, und wie könnte es anders ſein! Schwere Prüfungen und bange Stunden ſind ja auch über Sie hereingebrochen. Ach! mein theures Kind, Sie haben mir oft gefehlt, mit Ihrem freudigen, ſtolzen Muthe. Wo waren Sie ſo lange und was führt Sie jetzt hierher zurück. Ich war in Abo bei meiner Freundin Mary Halſet, bis ich mei⸗ nen Bruder nach Borgo und Sweaborg begleitete. Sie waren in Sweaborg! rief Munk erregt. Haben Sie nichts von meinem Magnus gehört? Ich hätte geglaubt ihn hier anzutreffen, erwiederte ſie. Der Sohn des Propſtes Ridderſtern, der jetzt Offizier in ruſſiſchen Dienſten iſt, ſagte mir, daß Oberſt Serbinoff Magnus' Entlaſſung bewirkt habe. Und weiter ſagte er nichts? Nein. Der Schuft, der nicht beſſer iſt wie ſein Vetter Jägerhorn! mur⸗ melte der Invalide. Und Serbinoff ſollte ſeine Entlaſſung bewirkt haben? Er ſchüttelte den Kopf. Ich glaube es nicht. Ein Menſch, wie dieſer Serbinoff, iſt ſolcher Dinge nicht fähig. Sie ſollten milder von ihm denken, ſagte Baron Bungen. Er hat Ihnen Schutz gewährt als Halljala erſtürmt wurde und Ihnen geſtattet, ungekränkt nach Lomnäs zurückzukehren, wo Sie ſeitdem durch nichts be⸗ läſtigt wurden. Der Major beachtete dieſe Ermahnung nicht. War der Oberſt Serbinoff nicht mehr in Sweaborg, als Sie dort waren? fragte er. Er war nach Savolax mit einer Abtheilung Soldaten gegen den General Sandels aufgebrochen. Ich weiß es, ich hab's gehört, fuhr Munk fort. Bis an den Pa⸗ jäne ſtreiften die Ruſſen, und mehr als einmal zitterten meine Fenſter von dem heftigen Schießen. Seit Wochen iſt es jetzt ruhig. Sandels ſoll bis gegen Nyſchlott vorgedrungen ſein, man ſagt aber, daß eine große ruſſiſche Macht auf ihn losgehe. Der General Barkley de Tolli kommt mit mehr als zehntauſend neuen Truppen, lauter Garden, ſagte der Baron; dazu ſtoßen die bei⸗ eit win f Ihre fungen mein ſtolzen hierher h mei mur gewirkt , wie er. en den n Pa genſte andels p eine uſend bei — 667— den Colonnen unter Serbinoff und dem Prinzen Dolgorucki. Sandels wird gänzlich umzingelt und erdrückt werden, ſo ſagen die Offiziere, welche ich geſprochen habe. Barkley de Tolli iſt einer der beſten ruſſi ſchen Generale und zwanzigtauſend Ruſſen haben dreitauſend Schweden gegen ſich. Ueberhaupt, Herr Major, muß denn doch endlich bei allen Verſtändigen die Einſicht durchbrechen, daß Finnland für Schweden für immer verloren iſt. Was kann Sandels thun mit der kleinen Schaar, die er anführt? Die ſchwediſche Armee, unter dem Marſchall Kling⸗ ſpor, oder beſſer geſagt, unter dem General Adlercreutz hat nicht ein⸗ mal Abo wieder nehmen können, ſie iſt bei Waſa geſchlagen, zerſplit tert und zerſtreut worden. Und nun beachten Sie, was der König thut, der Finnland zu helfen verſprochen hat. Mit den Engländern hat er ſich erzürnt, ſo daß dieſe gar nichts unternehmen, als daß ſie die große ruſſiſche Flotte in Kronſtadt eingeſperrt halten; die ruſſiſche Küſtenflotte aber iſt der ſchwediſchen überlegen. Das iſt nicht wahr! ſchrie Munk. Wo die Nuſſen ſich zeigen, werden ſie gejagt. Streiten wir nicht, lächelte der Baron, allein was thut dieſer ſinn loſe König, um ſeinen Finnen zu helfen, die Gut und Blut für ihn laſſen? Statt eine Flotte zu ſammeln und ein tüchtiges Heer über⸗ zuſchiffen, ſchickt er ein halbes Dutzend kleiner Expeditionen aus, die da und dort landen, geſchlagen werden und ſich wieder einſchiffen müſſen, nachdem ſie nutzlos ſich geopfert haben. Ich bin jetzt ein Ruſſe, wie Sie ſagen, Major Munk, allein ſo viel Schwede bin ich immer noch, um Schmerz über dies ſtumpfſinnige Hinwürgen tapferer Männer zu empfinden. Ja, es iſt ſo, wie viele rufſiſche Offiziere meinen: Alles, was in Stockholm geſchieht, könnte in Petersburg ſelbſt nicht beſſer ausgedacht werden. Der alte Soldat ſtöhnte kummervoll. Schmach! Schmach! murmelte er. Oh! oh! wer es erleben muß. Aber wenn der Verrath nicht geweſen wäre. Sweaborg! Cronſtedt! Schande! Schande! Wer kann denn behaupten, daß Sweaborg durch Verrath verloren ging und Admiral Cronſtedt es verrieth? erwiederte Arwed, indem er dieſelben Gründe anführte, welche ſpäter General Suchtelen in ſeiner Schrift über den finniſchen Krieg öffentlich gemacht hat. Er, der mit — 668— dem Verräther unterhandelte, ſuchte die Wahrheit auf jede Weiſe zu verdunkeln, ſo daß noch jetzt Gläubige genug die ruſſiſchen Erfindungen nachbeten. Cronſtedt hat allerdings auffallend gehandelt, ſagte der Baron, aber wer kann einen Mann als Verräther anklagen, der ſein Leben mit Ruhm und tapfern Thaten füllte. Er hatte vielleicht den Kopf verloren, iſt als Admiral ein ſchlechter Feſtungscommandant ge⸗ weſen— welcher Blödſinn machte ihn dazu?— Das Geſchrei der vielen Weiber in der Feſtung, die Furcht mancher Offtziere vor harter Kriegsgräuel, irrige Vorſtellungen über die Unhaltbarkeit der Feſtung mögen dazu gekommen ſein; doch das Alles genügt nicht, um in ſo gehäſſige Anklagen einzuſtimmen. Die tiefen Falten im Geſichte des greiſen Soldaten ſpannten ſich aus und ſeine Augen funkelten vor Zorn. Stellt auf, was ihr wollt! rief er, betrügt die Menſchen, be⸗ trügt, wenn ihr könnt, ſogar die Geſchichte, die Wahrheit könnt ihr dennoch nicht zur Lüge machen. Verrath hat Finnland in eure Hände geliefert, Rußlands Waffen hätten es nimmermehr gethan. Die Verräther, Herr, ja, die Verräther. Die haben ihres Vaterlandes Fall verſchuldet. Nach einem kleinen Weichen fiel es dem Major ein, daß er das Gaſtrecht verletzt habe. Vergeben Sie, murmelte er über ſeinen Stock gebeugt, wenn ich heftig wurde. Ich bin alt, habe. altmodiſche Begriffe von Recht und Ehre, und jetzt drückt mich dreifacher Kummer nieder, denn ich weiß nicht, was aus meinem Magnus geworden iſt. Als ich Sie hörte, glaubte ich, er ſei es; ſo warte ich ſchon manche Nacht ohne Schlaf. Entſchuldigen Sie ſich nicht, Major Munk, erwiederte der Baron lächelnd, ich nehme Ihnen nichts übel. Sie ſowohl, wie Einer, den ich weiter nicht nennen mag, weil man von den Todten nur Gutes reden ſoll, was ich nicht kann, haben immer in extremer Weiſe die Verhältniſſe beurtheilt. Gut, daß er nichts davon hört, er würde es nicht ertragen kön⸗ nen, ſagte der alte Mann. Ich mache Niemanden einen Vorwurf darüber, fuhr Arwed fort; habe ich doch ſelbſt an meinem ruhigen Vetter erlebt, wohin politiſcher Haß führen kann. Wo iſt Erich? fragte der Invalide. eiſe zu dungen te der er ſein iht den it ge⸗ ei der harter feſtung in ſo te des en bor n, be⸗ int ihr Hände räther, uldet. r das Stock egriff nieder, Ils ich Nacht Baron den Gutes ſe die kön fort; kiſcher 669 Er befindet ſich in Abo unter Anklage des Hochverraths, ſoll vor ein Kriegsgericht geſtellt werden, doch beſorgen Sie nichts. Ich hoffe, daß ſein Schickſal ſich günſtig wendet. Sie können denken, Major Munk, daß nach der Kataſtrophe in jener ſchrecklichen Nacht, wo Mary Halſet ihre Leidenſchaft zu meinem unglücklichen Vetter ſo unverhüllt zeigte, ich ſowohl wie meine Schweſter, wir unſere Entſchlüſſe gefaßt haben. Halſet hat Erich in ſein Haus aufgenommen, hoffentlich wird er dort bekehrt werden. Gott woll's verhüten! rief der Major, ich denke es wird nimmer geſchehen. Sie aber, meine liebe Freundin, Sie hätten bei ihm ſtehen ſollen, wie ein guter Soldat, der vor keinem Feind ſeinen Poſten verlaſſen darf. Meine Schweſter hat ſich einen anderen Herrn gewählt, erwiederte der Baron ſtatt ihrer. Sie wird ſich mit dem Grafen Serbinoff vermählen. Mit wem? Mit Serbinoff! rief der Major. Oh! oh! was ſagen Sie da! Iſt das wahr? Ebba wird es Ihnen beſtätigen, im Fall Sie es bezweifeln ſollten, fuhr Arwed innerlich beluſtigt über den Ausdruck des Abſcheus, des Unglaubens und des Schreckens fort, der das Geſicht des alten Sol⸗ daten erfüllte. Welche Zauberkünſte verſteht denn dieſer Mann? rief Munk voller Zweifel und voller Zorn. Was hat er an Louiſa gefrevelt! Wo iſt ſie? Alle hat er betrogen, und dennoch wollen Sie ihm vertrauen, Erich vergeſſen, ihm anhängen? Sagen Sie mir, wie dies möglich iſt. In dem Augenblick ſtand Ebba von dem Stuhle auf, maſchinen⸗ artig langſam, wie von einer Macht bewegt, die zugleich eine furcht⸗ bare Laſt auf ſie legte. Ihr Geſicht war geiſterbleich, ihre Augen ſtarr auf einen Punkt gerichtet. Sie öffnete den Mund, als wollte ſie etwas ſagen, ohne daß ihr dies möglich war, ihre Hände ſtreckten ſich krampfhaft zitternd aus und ihre Füße wankten. Was iſt dir geſchehen? fragte ihr Bruder, erſchrocken über ihren Anblick. Mit ſeinen Blicken verfolgte er die Richtung ihrer Augen und Hände, aber er ſah nichts, was ihm Aufſchluß geben konnte. Auch der Major war aufgeſprungen, und plötzlich umklammerte Ebba ſeine Arme und drückte mit einem dumpfen Schrei ihren Kopf an ſeine Bruſt. 7 — 670— Rede, Ebba! rief der Baron. Mein Gott! wie ſiehſt du aus? Wie eine Sterbende. Er war hier. Da! Dortÿ! rief ſie, ſich aufrichtend. Wo iſt er? Vor dieſem Fenſter ſtand er. Ich träumte nicht— ich habe ihn geſehen! Wen? Um des Himmels Willen! beſinne dich. Wen, Ebba? Den du heraufbeſchworen haſt, ihn— Otho Waimon! Nun wahrhaftig! ſagte ihr Bruder, indem ſein Erſchrecken ſich in ein ſpöttiſches Lächeln auflöste, ich hätte nicht geglaubt, heute noch eine Geſpenſtergeſchichte zu erleben.— Er zog ſeine Uhr und fuhr in derſelben Art fort: Wir haben allerdings ſo eben Mitternacht, alſo die richtige Zeit dazu. Du biſt aber doch ſonſt zur Ueberlegung ge⸗ neigt, Ebba, und wirſt dir nicht einbilden wollen, daß dieſer unglück⸗ liche Mann aus ſeinem naſſen Grabe hierher gekommen ſei, weil ich von ihm ſprach, und obenein mit Schonung es that. Ich täuſche mich nicht, erwiederte Ebba in größter Aufregung. Dort ſtand er, den linken Arm über ſeine Bruſt gelegt, wie er es oft that, das Haar lang an ſeiner Stirn niederfallend, ſeine Augen voll Kummer und Vorwurf. Was es auch war— ich weiß es nicht— ob Schatten, ob Erſcheinung, aber kein leeres Blendwerk, nein, kein Blendwerk! Beruhe dich doch, begütigte er, helfen Sie mir, Major Munk. Wir haben mancherlei Aufregendes geſprochen, ſo kommt es zuweilen, daß einer lebhaften Phantaſie daraus ein Bild entſteht, das ſich ver⸗ körpert. Fata Morgana des Geiſtes möchte ich es nennen. Sinnes⸗ täuſchung nennen es die Aerzte. Oh, mein armes Kind! murmelte der alte Soldat, traurig ſeuf⸗ zend, den wir Beide lieb hatten, der iſt in ein Land gegangen, aus dem noch Keiner zurückkehrte! Wir müſſen Alle tragen, was uns auferlegt iſt und dürfen uns nicht ſchrecken laſſen, weder von den Todten noch von den Lebendigen. Hier wurde der Major von einem Geräuſch an der Thür un⸗ terbrochen und dieſe öffnete ſich. Ein Knabe, in Lumpen gehüllt, abgezehrt, Krankheit und Tod in den ttiefeingeſunkenen Augen wankte herein. Magnus! ſchrie der alte Mann. m u aus iſt er! geſehen! ibba? ceen ſich ute noch nd fuhr ht, alſo ung ge unglüch weil ic fregung. je er d Augen veiß eo ndwerk, Munl uweilen, ſich ver Ainnes ig ſeuf gangen, n, wis del von de hür un 1„ſſt gehüll Augel — 6711 Da bin antwortete das Kind mit ſchwacher Stimme. O! mein Vater, ich kann bei dir ſterben. Nein, nein! ſagte Munk, ihn küſſend. Gott wird es nicht zu⸗ laſſen. Du biſt erſchöpft, wo warſt du ſo lange? Im ruſſiſchen Lazareth. 4 Du warſt krank? Krank von ſchrecklichen Mißhandlungen. — Mißhandlungen? Warum? Weil ich ein Ruſſe werden ſollte; doch alle ihre Wuth konnte mich nicht dazu machen. O! mein Kind, mein Magnus! Gott ſegne dich in alle Ewigkeit! rief der Major. Gieb ihm Gnade, Herr! gieb ihm deine Krone! Ich danke dir, mein Gott, ich danke dir! Er hat herrliche Prüfung beſtanden! Bwölftes Kapitel. Während der Sommermonate wurde Erich Randal hergeſtellt, und was irgend dazu dienen konnte, geſchah durch Halſet's unverdroſſene Bemühungen, ihm jeden möglichen Beiſtand und jede Pflege zu ver⸗ ſchaffen. Am meiſten aber trug gewiß dazu bei, daß er wenig oder nichts von der peinlichen Lage gewahrte, in welcher er ſich befand, wenigſtens erinnerte ihn nichts daran. Keine Bewachung beſchränkte ſeine Freiheit, Niemand ſchien ſich um ihn zu bekümmern und, zur Vermehrung ſeiner Zufriedenheit, war Halſet ſelbſt größtentheils nicht in Abo, alſo auch nicht bei ſeinem Gaſte. Die Regierung und der General⸗Gouverneur benutzten ſeine Erfahrenheit zu vielen Geſchäften der Verwaltung, zu Ankäufen von Vorräthen, Unterhandlungen mit Magiſtraten und Corporationen, zu Geldbeſchaffungen und Errichtung einer Landbank in Borgo, die das ausführen ſollte, was Serbinoff dem Freiherrn Erich ſchon in Halljala geſagt hatte. Selten kam der Staatsrath während dieſer Zeit zum Beſuch und ſeine Geſchäfte waren dann ſo dringend, daß er meiſt nur wenige 672 Stunden in ſeinem Hauſe verweilen konnte; aber dieſe Stunden wurden freundlich verlebt. Halſet war voller Theilnahme, geſprächig und lebendig, und dabei ohne Anſpielung auf ſeines Gaſtes Geſchick. Er wieß es von ſich, als Erich einſt ihn fragte, was Graf Burthöv⸗ den endlich mit ihm thun und was überhaupt aus ihm werden ſolle? Ehl rief er, die runden blauen Augen voll Schelmerei, merke es, wird Ihnen die Zeit hier ſchon zu lang. Mary verſteht es nicht, Sie an's Haus zu feſſeln. Wäre eine ſchlimme Entdeckung. Eh! Stärkere Feſſeln kann es nicht geben, Herr Halſet, erwiderte Erich, allein ich bin geſund und an Thätigkeit gewöhnt. Glaub's nicht! fiel Halſet ein, indem er lachend den Kopf ſchüt⸗ telte. Iſt noch nichts mit der Geſundheit, aber es wird kommen. Blei⸗ ben Sie noch ein paar Wochen bei Mary, und wenn es Ihnen zu langweilig wird mit ihr in dem Gärtchen zu ſitzen und auf den Aura⸗ jocki zu ſehen, auf dem es jetzt freilich nichts zu ſehen gibt, ſo ſteigen Sie hinauf auf die Berge, gehen Sie mit Mary ſpazieren, laſſen Sie ſich von ihr unſer kleines Luſt⸗ und Landhaus zeigen. Es liegt manch ſchönes Plätzchen bis ans Meer hinaus, und es wird auch kommen, Freiherr Randal, daß wir wieder ins blaue Waſſer fahren können und der Aurajocki ſich mit vollen Booten und Kauffahrern füllt. Es hat Alles ſeine Zeit, Herr, das muß man bedenken. Und die Zeiten ändern ſich, Herr Halſet. Die Alandinſeln ſind von den Schweden erobert, die Ruſſen darauf gefangen genommen worden. Die Zeiten ändern ſich, Freiherr, es iſt eine Redensart, die ihren Sinn hat, aber oft ſcheint es auch nur ſo, und wer klug iſt, denkt nicht, es ſei Sommerzeit, wenn die Sonne einmal im Januar hinter den Wolken hervorkommt. Wenn Sie mit Mary hinaus aufs Vor⸗ gebirge gehen, flattert wohl mehr als ein ſchwediſcher Wimpel auf dem Waſſer und von der Inſel herüber. Was will das ſagen, Herr? Die Bauern in Aland ſind aufgeſtanden, ihre Prieſter an der Spitze, und auf allen Inſeln haben ſie es nachgemacht. Fort konnten die Ruſſen nicht, weil's Eis brach, ehe ſie es dachten. Mußten ſich ge⸗ fangen geben, mehr als Tauſend zu Roß und zu Fuß, aber was kann's helfen! Statt der Tauſend ſind zwanzig Tauſend aus Rußland deigen in Sie nanch mmen, Pnnen Cs ſind mmen ihren denkt hinter Vor⸗ auf — 673— gekommen, und was hat der König in Stockholm gethan? ſeine Heere? Was hat er zuſammengebracht? Was wird en — Nichts, Freiherr, gar nichts! obwohl tapfere Lep ſchlachten laſſen. Die Zeiten werden ſich ändern, Hern aber hört an wie. Nicht ein Jahr wird vergehen, ſo mehr in Finnland ſein. Iſt keine Hexerei das va nirgend iſt eine Macht da, um zu erobern, endlich wird der beſte Stab zerbrochen. holm inne werden, nur der nicht, der ve kehrt zu thun, und damit wird er Gebt Acht dann, was das Ende ſae ändern, Freiherr! Alſo gehen Sie⸗ es ruhig ab, bis Ihre Geſundheit alles klar, dann iſt's auch Zeit Nach einer Stunde reiste 0 Vaters Gebot befolgend, mit; Aurajocki bis ans Meer beglei in ſo naher täglicher Gemei Verhältniß bei aller Innigkeiz ten, an welchem Keiner zu roy genug das Bekenntniß ihre ſprachen, zu erkennen u tauſch ihrer Gedanf Zukunft zu ſpraf 674— 4 er Zauber, mit dem ſie Alles, was ſie that und ſagte, zu beleben ten unzählige neue Anknüpfungspunkte für Erich's freudige enn ſie ihm vorlas, freute er ſich an dem tiefen, rei⸗ Stimme, wenn ſie ihm zulächelte, ſah er in ein das aus ihren Augen ſich über ihn ausgoß und er elige Minute, wo er ſich in ihren Armen unter gen gefunden hatte. An jedem Tage viele Male was ſein Herz füllte, doch ſtreng gegen ſich end und was er dem Vertrauen ſchuldig dlich leidend unter den geheimen Qua⸗ K ihn nur zu oft beſtürmten, ſchloſſen ind im Beherrſchen der Gefühle, die ſtürmiſcher Leidenſchaft einnehmen Ausdruck zärtlicher Sorgfalt und ſchmerzlicher Freude, der ihn ſein Herz ihn zum Herzen der prtgeſetzt zu ſagen, was Beide rklärung, weil ſie ſich davor den Schranken der Höflichkeit ſcher Sitte viele Diener hielt, en Stunden, in denen das dieſe Stunden auch nicht, and er, daß Mary d ſich und doch d der ihnen trennten unbe⸗ beleben freudige en, rei in ein und er en unter ele Male gen ſich ſchuldig en Qua ſchloſſen hle, die nnehmen jalt und der ihn rzen der Beide h davor flichkeit er hielt, nen das h nicht, Mary nd doch r ihnen trennten unbe Lrg ſtand er auf einem Vorſprung hart über dem Meere; ein Streckchen davon ab lag ein Wirthſchaftshaus, das dazu gehörte und einer alten⸗ Dienerin übergeben war, deren Kuh und Ziegen am Berge weideten. Dorthin führte Mary ihren Freund und er folgte ihr gern, obwohl es ein ziemlich weiter Weg war. Der Tag ſchien ſo hell und klar, ſie gingen durch Buſch und Thal und als ſie endlich auf der letzten Höhe ſtanden, lag das Meer in voller Herrlichkeit vor ihnen. Aus ſeiner tiefen Bläue hoben ſich in der Ferne zahlloſe Inſeln mit gelb und röthlich ſchimmernden hohen Ufern, Boote mit weißen Segeln ſchwammen auf dem Waſſer und eben als ſie darauf hinblickten, wurde in der Feſtung eine Kanone gelöst, deren Donner über die Wellen fuhr und von den Bergwänden zehnfach zurückprallte. Die alte Frau, welche einſt Mary's Wärterin geweſen, lief jetzt herbei, mit vielen freudigen Worten und Klagen, daß ſie ſo lange Zeit ſchon vergebens auf einen Beſuch der gnädigen Herrſchaft gewartet habe. Es ging nicht an, ſagte Mary, wir hatten einen Kranken zu pflegen, doch nun iſt er geſund und hier ſiehſt du ihn, Margareth. Es iſt der Freiherr Randalz du haſt ihn früher ſchon geſehen. Freilich habe ich ihn geſehen! rief die Frau. Ei, wie iſt mir denn, ich habe auch davon gehört, daß bald eine Hochzeit ſein ſoll und Gott behüt', mein Jüngferchen, das iſt er wohl, der gnädige Herr Bräutigam! Wer weiß, ſagte Mary lächelnd. Wer weiß? fragte Margareth mißtrauiſch. Iſt er es nicht? O! was hat Klas Gullick neulich erzählt. Ja, ſo war's. Sie hätten den Freiherrn Randal gefangen genommen und dem Ruſſenkaiſer ſollte er ſich zuſchwören, oder ſie wollten ihm das Leben abſprechen. Du biſt eine Schwätzerin, Margareth! ſagte Jungfrau Halſet. Willſt du Kaffee für uns kochen? Gerne, gerne! Gleich ſoll's geſchehen! Aber geſagt hat es Klas, und gefangen ſitzen viele gute Männer dort oben in der Feſtung. Sage uns lieber, was das Schießen bedeutet? Das Schießen? O, das kann man jetzt alle Tage hören. Seht, da kommt er zwiſchen den Inſeln heraus und dort iſt noch einer Zwei weiße Vögel; ſie haben ihre Hauben auf den Köpfen und hal⸗ ten Wache hier vor dem Aurajocki. O, du meine Güte! wie war es 43* — 676— ſonſt, wo dort unter den Felſen vierzig, fünfzig ſolche ſchmucke, ſchlanke Schwäne ſchaukelten mit langen eiſernen Schnäbeln und Krallen. Jetzt iſt keiner mehr da, alle ſind verbrannt, aber die Ruſſen haben vor den beiden dort mehr Angſt wie wir. Sobald die ſich ſehen laſſen, ſchießen ſie ihre Kanonen ab und alle Boote müſſen an's Land fahren bei Leib und Leben, daß kein Finne mit ihnen ſprechen ſoll. Und unten am Strande haben ſie Wachen ſtehen, das geht meilenweit fort; ſie ſagen bis Hangö⸗Udd, aber ob es ihnen helfen thut? Es hilft ihnen doch nichts, liebſter Schatz, denn es ſind kecke Burſche, un⸗ ſere Fiſcher, und den möchte ich ſehen, der ſie feſthalten will. Sie hatte den Pavillon aufgeſchloſſen, der nichts war, als ein Häuschen von einem Gemach, das nach dem Meere zu Fenſter und Thür und einen Vorplatz hatte, der mit einem Geländer gegen den ſteilen Abhang der Schlucht verſehen war. Dann eilte ſie fort und ließ ihre Gäſte allein, die, als ſie auf jenem natürlichen Altan ſtan⸗ den, deutlich ſehen konnten, wie zwei lang und ſcharf gebaute Schiffe ſich der Küſte näherten und die Fiſcherbarken zu verfolgen ſchienen, welche vor ihnen flohen. Es waren ohne Zweifel zwei Kriegsfahrzeuge, die den königlichen Löwen von Schweden in ihrer Flagge führten, aber ſie ſchienen nicht ſonderlich gefährliche Abſichten zu hegen. Kein Schuß wurde von ihnen gethan, ſie jagten den armen Haufen kleiner Boote nur vor ſich her, der ſich unter die Kanonen einer Strandbat⸗ terie an der Mündung des Aurajocki flüchtete, und zogen dann, alle ihre großen Segel entfaltend, längs der Küſte weiter, bis ſie hinter Buchten und Vorſprüngen verſchwanden. Lange, bevor dies geſchah, brachte Margareth den Kaffee und ſo⸗ gleich nahm ſie den Faden ihrer Mittheilungen wieder auf. Da fahren ſie hin, lachte ſie, und es iſt eine Luſt zu ſehen, wie ſie alle Tage bis dicht unter die Schanzen kommen, und wie der rothe Löwe ſich gar nichts aus all' dem Geſchieße und Gelärme macht. Es ſind auch manche junge Burſche ſchon nach den Inſeln hinüber und manche an⸗ dere thäten's gern, wenn ſie nur fort könnten. Davon wiſſen die Leute in der Stadt nichts, fuhr ſie fort, aber hier draußen wird ſcharf aufgepaßt. Ehe man's denkt, ſind die Koſaken da, und Mancher iſt ſchon fortgeſchleppt worden und ſoll hmucke, n und Ruſſen hſehen s Land en ſoll. lenwelt 2 E. ee, un⸗ als ein er und en den rt und ſtan⸗ Schiffe ienen, geuge, hrten, Kein kleiner nobat⸗ „alle — 677— noch wieder kommen, von dem ſie meinten, die alte Herrſchaft ſei ihm lieber wie die neue. Es wird alſo ſo leicht Niemand ſich damit einlaſſen, Einem zu helfen, der hinüber möchte. Gewiß nicht, Liebchen, ſagte Margarethe, bei Leibe nicht! Beſonders jetzt, wo die Nächte hell ſind, aber es ſind verwegene Männer auf den Schiffen, und Verräther gibt's hier nicht, nein, die gibt's hier nicht! Na, ich wollt's Keinem rathen, der einen Flüchtling verrathen thäte, wie die zuweilen aus dem Lande kommen und ſich übers Meer zu retten ſuchen. Aber jetzt muß ich meinen Ziegen nachlaufen, die in die Schlucht hinabgeklettert ſind. Sitzt nur ſtill hier, Liebchen, und wartet bis die Sonne herunter iſt, dann kommt der Mond und leuch⸗ tet Euch nach Haus. Es iſt nichts Schöneres auf der ganzen Welt, ſagt Euer Vater, Liebchen, als das zu ſehen, und der muß es wiſſen, der iſt doch der Klügſte in ganz Finnland. Wollte Gott, daß die alte Frau Recht hätte, ſagte Erich nach einem Weilchen, indem er Mary's Hand nahm. Du zweifelſt daran, antwortete ſie, hat er es nicht bewieſen, als er dich in ſein Haus führte und in meinen Schutz gab? Möchte ich ewig von dir beſchützt ſein! rief er mit liebevoller Innigkeit. Ich lebe wie ein Narr des Glücks, tbeure Mary, wie Einer, der unermeßliche Schätze ſein nennt und doch die Angſt nicht los wird, daß Alles nur ein Traum ſei. Wir müſſen endlich von deinem Vater ſprechen, von ſeiner Klugheit, von mir, Mary, und von dir. Warum ſollten wir es thun? fragte ſie. Warum wollen wir nicht von unſerem Glücke und von unſeren Hoffnungen leben, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Mein Vater iſt ein kluger Mann, er rechnet ſcharf in ſeinen großen Büchern, und wir Beide ſtehen dort als Zahlen. Jeder Menſch iſt ihm ein Capital, das nützlich angelegt werden muß, um Vortheile zu bringen, und jedes dieſer lebendigen Capitale hat die Pflicht, eifrig zu ſtreben, daß es wachſe und gedeihe und eine Hauptſumme werde. Weiter haſt du nichts von meinem Vater zu erwarten, weiter habe ich nichts zu erwarten. Er liebt dich, ſagte Erich. — 678— Nicht mehr als dich, nicht mehr als jeden Anderen. Glaube nicht, daß eine Bitte ihn erweichen kann; glaube nicht, daß, wenn er ſich freut, ſein Herz bewegt und gerührt wird, oder wenn er zürnt, ſein Blut ſich empört. Er iſt hartgeſotten in ſeiner Schale, flüſterte Erich leiſe vor ſich hin. Er kann nicht anders, erwiederte ſie. Wie alle Menſchen ihm Zahlen ſind und Exempel, ſo iſt er dies ſelbſt zumeiſt. Er kann groß⸗ müthig ſein, nachgiebig, aufopfernd, jede Beleidigung vergeſſen, jedem Feind helfen und ihn beſchützen, wenn dies zu ſeiner Rechnung ſtimmt; doch eben ſo undankbar, eben ſo argliſtig wird er den Vertrauenden vernichten, den Freund verderben, den Bittenden jedem Elend über⸗ liefern, wenn dies zum richtigen Facit nöthig iſt. Du hoffſt weniger von ihm, als ich, antwortete Erich, dennoch aber— Täuſche dich nicht, fiel ſie ein. Er hat dir ſeine Hand noch einmal geboten, und in dieſer Hand liegt meine Hand— dafür hat er eine lange wohlgeprüfte Rechnung. O, wie gern möchte ich ſeine Rechnung dankbar unterſchreiben, geliebte Mary! rief Erich.. Und doch thateſt du es nicht, ſtolzer, kalter Mann, erwiederte ſie, ihre Arme um ihn ſchlingend. Als dein Vater todt war, bot Sam Halſet dir ſeine Hilfe und bot dir ſeine Tochter. Ein Sterbender galt dir mehr, als ich und deine Liebe. Antworte nicht, ich weiß, was du ſagen willſt. Deinen Abſcheu vor meinem Vater mußte ſein Kind ent⸗ gelten. Du riſſeſt mich aus deiner Bruſt und ſetzteſt eine Ungeliebte hinein. Solchen Frevel rächt Gott, Erich Randal, er hat dich gefun⸗ den. Was hat ſich geändert zwiſchen ſonſt und jetzt? Du liebſt mich, du haſt es vor aller Welt geſtanden. Mein Vater rechnet weiter mit dieſer neuen Zahl. Jetzt hat er dich und mich. Er weiß, daß ich tau⸗ ſendmal für dich ſterben könnte. Lebe für mich, meine Mary! ſagte Erich. Gottes Segen über dich! O, daß dein Glaube dich nie verlaſſen möge! Werde ich für dich leben können? fragte ſie, indem ſie ihn be⸗ trachtete. Unglück über uns, Erich! die Stunde wird kommen, wo nicht ſich ſein vor ihm groß⸗ edem umt; nden über mnoch — 679— mein Vater ſagen wird: Hier iſt meine Mary, nimm ſie hin, aber höre an, wofür ich ſie verkaufe. Ein ſchmerzliches Lächeln zuckte um Erich's Lippen, ſein Geſicht wurde bleich, er verſuchte mit Anſtrengung ſeine Unruhe zu bezwingen. Er kann nichts fordern, was mich entwürdigen müßte, begann er leiſe, und weil er klug zu rechnen verſteht, weil er weiß, was in Halljala vorging, ſo wird er hören, wenn ich ihm ſage— Halt ein! rief Mary ſich aufrichtend, ſprich es nicht aus. Du haſt Zeit, was du ſagen willſt, zu bedenken. Gott ſteh uns bei, Erich! aber Eines wiſſe: Ich bin nicht Ebba Bungen, die dich verlaſſen kann, denn ich liebe dich! Was auch geſchehen mag, ich liebe dich! Und eher ſollen Gottes Blitze mich zerſchmettern, eher will ich von dieſer Klippe in den Abgrund ſpringen, ehe ein anderer Mann mich berühren ſoll. Das nenne ich herzhaft geſchworen! rief eine Stimme hinter ihnen und mitten in der Thür des Pavillons ſtand ein Mann, der über die Beſtürzung des überraſchten Paares laut lachte. Er trug weite grobe Leinenhoſen, die in hohen Fiſcherſtiefeln endeten, eine blaue Jacke und um den Hals ein loſe geſchleiftes buntes Baumwollentuch. Auf ſeinem Kopf ſaß eine Kappe von Wachstaffet, welche tief in ſein Geſicht ge⸗ zogen war, das er obenein in ſeinen Händen verbarg. Trotz dieſer Vermummung erkannte ihn Erich ſogleich. Guſtav! rief er erleichtert von ſeiner Entdeckung. Iſt es möglich! Daß ich es bin? antwortete der Seemann. Auf mein Wort! ich glaube es ſelbſt. Im Uebrigen iſt es auch gewiß am Beſten, daß nicht etwa Herr Sam Halſet oder ein gewiſſer Kammerherr in der Nähe war, der, wenn ich ihn hätte, Bekanntſchaft mit der Nocke mei⸗ ner großen Raa machen ſollte, ſo wahr er mein leibhafter Vetter iſt. Aber wie kommſt du hierher? fragte Erich. Ich ſoll dir eigentlich dieſe Frage zurückgeben, verſetzte Lindſtröm, allein ich will dir dennoch ſogleich antworten. Wir haben trotz aller Strenge, mit welcher die Ruſſen Finnland abſperren, ſo daß die Luft ſelbſt von den Koſaken durchſucht wird, dennoch erfahren, daß der Baron von Halljala wie ein tapferer Mann ſich in ſeinem Schloſſe ver⸗ theidigte, bis er gefangen wurde. Die Fiſcher an der Küſte erzählen davon, daß die Ruſſen ihn neulich nach Abo gebracht haben und ihn — 680 richten laſſen wollen, und als ich jetzt eben bei einem alten Bekannten dort unten in der Schlucht ſaß, um die Nacht abzuwarten, kam ein geſchwätziges altes Weib herein und erzählte uns, daß ihre junge Herrſchaft bei ihr anlangte und einen Bräutigam mitgebracht habe, der kein Anderer ſei, als Herr Erich Randal. Da ſchien es mir denn am Beſten, ſelbſt hinauf zu klettern, und ſo kam ich gerade zur rechten Zeit, um zu hören und zu ſehen, daß das alte Weib nicht gelogen hat. Aber jedenfalls ſetzeſt du dich großer Gefahr aus. Nicht mehr, als es mein Beruf mit ſich bringt, lachte der See⸗ mann. In meiner abgeſchabten Jacke und wie ich ſonſt ausſehe, iſt nicht viel zu beſorgen; überdies haben wir manchen guten Verſteck, den ſo leicht kein Ruſſe ausmittelt, und endlich— hier ſchlug er ſeine Jacke auf und deutete auf Piſtolen und Dolchmeſſer, die er darunter verbarg— beſitze ich hier einige wirkſame Mittel, um in meine Hängematte zu kommen. Auf den Schiffen, die in der Nähe ſind? Auf der Kanonenſchaluppe, die dort eben um die Spitze ſteuert. Ich bin ihr Commandant, denn glücklicher Weiſe entkam ich der Ge⸗ fangenſchaft in Sweaborg. Nie iſt ein ſo ſchändlicher Verrath begangen worden, und daß es ein Admiral ſein mußte, iſt eine beſondere Schande für uns, denn bisher iſt wenigſtens noch niemals ein ſchwe⸗ diſcher Seemann zum Verräther an Vaterland und Ehre geworden. Wir werden's abwaſchen, Erich. Es gibt Keinen, der's nicht geſchworen hat, und dankbar bin ich dem alten Cronſtedt wenigſtens dafür, daß er mich zur rechten Zeit noch nach Abo ſchickte. Ich habe die Schiffe hier verbrennen helfen, bin dann auf die Inſeln und über das Eis nach Schweden geflohen und halte nun Wache vor dem Aurajocki, bis⸗ es Beſſeres zu thun gibt. Wird es Beſſeres zu thun geben? Die Mienen des jungen Offtziers verdüſterten ſich. Verdammt mögen die ſein, die uns wie eine Heerde Schafe bald hierher, bald dorthin hetzen und uns unnütz bluten laſſen! ſagte er zür⸗ nend. Was hat es geholfen, daß ſechs ſolcher Angriffe gemacht wurden? Ueberall wurden ſie zurückgeſchlagen, denn was wollen — unten n ein junge habe, mir zur nicht — 681 ſchwache Haufen gegen einen ſtarken Feind, der wahrlich kein feiger iſt Aber jetzt, fuhr er lebhaft fort, indem ſein Geſicht ſich erheiterte, jetzt kommt der König ſelbſt, endlich kommt er und bringt die längſt ver⸗ ſprochenen Garden mit. Wir wiſſen es ganz gewiß. Zwei Escadern find zuſammengezogen, Admiral Helmſtjerna führt die Flotte und die Ruſſen rüſten in Sweaborg. Das iſt unſere letzte Hoffnung, Erich; ſchlägt die fehl, ſo iſt's vorbei. Ich glaube ſelbſt, es bleibt dann wenig mehr übrig, als den Tod zu ſuchen. Du haſt ein langes Leben noch vor dir, erwiederte Erich. Was iſt ein langes Leben werth, wenn es kein ruhmvolles Leben iſt! rief der Seemann, indem er ſein jugendliches Geſicht ſtolz und feurig aufhob. Der Abendſchein erhöhte den Ausdruck der Kraft und Jugendluſt darin. Für mein Vaterland zu ſterben, für ſeine gerechte Sache gegen Barbarei und Knechtſchaft bin ich jeden Augenblick bereit, aber Gott behüte mich davor, daß ich den Ruſſen lebendig in die Hände falle. Nur kein Gefangener ſein! Jedem Gefangenen, jedem Flüchtling will ich gerne helfen und darum bin ich hergekommen, Erich. Du gehſt mit mir; ſobald es dunkel iſt, biſt du frei. Ich kann dich nicht begleiten, ſagte Erich, ihm die Hand drückend. Du kannſt mich nicht begleiten? Sagen Sie es ihm, Jungfrau Mary. Befehlen Sie es ihm. Befehlen darf ich ihm nichts, erwiderte Mary, aber er mag be⸗ denken, was kommen wird. Erich, ich ſehe keinen Rettungsweg für uns. Beſchütze dich vor Gewalt. Ich will nicht eher von hier gehen, bis ich dich in Sicherheit weiß. Ich werde dich nicht verlaſſen, antwortete er in ſeiner ſanften, feſten Weiſe. Hätte ich nur zwei von den achtzig Männern, die dort auf der Schaluppe ſchwimmen! rief Lindſtröm, ich wollte dich nicht länger bitten. Sieht dein Verſtand denn nicht ein, wie das Stück hier enden muß? Erzählen die armen Leute in ihren Hütten ſich etwa umſonſt, was dem Baron von Halljala geſchehen ſoll, der hundert Ruſſen ver⸗ brannt und todtgeſchlagen hat? Höre was der Mund zu dir ſpricht, der dich liebt. Sam Halſet hat eine hübſche Fliegenfalle für dich auf⸗ geſtellt, nächſtens wird er ſie zuſchlagen, ich ſehe es deutlich kommen. 682— Er wird dich fragen, ob du ein Ruſſe werden willſt, wird dir dafür die weiße Hand bieten, die du jetzt feſt hältſt, wo nicht ſo— O! ſchlag der Blitz in den alten Sam! zerreiß ſein Gewebe. Die dich liebt, will es ſelbſt ſo haben, ihren Schwur wird ſie halten. Vorwärts! in einer halben Stunde fällt die Sonne ins Meer. Ich darf nicht gehen, ſagte Erich, du würdeſt es auch nicht thun. Du darfſt nicht? Nichts ſollte mich abhalten! Warum darfſt du nicht? Weil ich mit meiner Ehre mich verbürgte. Weil Halſet gelobt hat, mit Gut und Blut für mich zu haften, weil er mir vertraute und, gleichviel warum, mich beſchützt und beglückt hat. Es iſt falſch! rief Lindſtröm. Wie der Satan hat er dich verſucht. So mag der Verſucher zu Schanden werden. Nieder mit ihm! Befreie dich von ihm und all dem Teufelszeug. Würdeſt du denn, um welchen Preis es ſei, von deiner Ehre ab⸗ fallen? fragte Erich Randal. Würdeſt du die Geliebte verlaſſen, auf ihr Haupt alle Wuth und alle Rache beſchwören? Das würdeſt du nicht thun, Guſtav Lindſtröm, ſo wenig ich es thun werde. Und warum ſoll ich fliehen, warum nicht abwarten, was mir geſchieht. Noch hat Halſet nicht zu mir geſprochen, noch weiß ich nicht, was ich zu fürchten habe. Aber wenn auch das Schlimmſte mich betrifft, wenn er mich meinem Schickſale überläßt, ſo iſt dies doch noch nicht ganz hoffnungs⸗ los. Ich werde vor Richtern mich vertheidigen können. Ich werde beweiſen, daß ich gezwungen wurde, mein Leben zu vertheidigen, daß ich ein friedlicher Mann bin, der jeder Nothwendigkeit ſich willig unterwirft. Das Geſicht des jungen Mannes verdüſterte ſich. So geh' und ſieh zu, ſagte er rauh, wohin du mit deiner Bereitwilligkeit kommſt. Was iſt das für ein Zwitterding von Mann, nicht Ruſſe nicht Schwede, nicht Fiſch nicht Fleiſch. Leb' wohl denn! Werde, wenn du es kannſt, ein guter Unterthan! Ein Mann, lieber Guſtav, will ich ſein und bleiben, der ſich beſtrebt, ohne Furcht das zu thun, was er für das Rechte und Gute hält, ſagte Erich ſanftmüthig. dafür ſchlag h liebt, rts. in t thun rfſt du gelobt rtraute erſucht, gzeug jre ab auf eſt du Und Noch ürchten er mich nungs werde daß willig hy und kommſt chwede, kannſt er ſich Gule — 683— Der Seemann wandte ſich trotzig um, aber an der Thüre blieb er ſtehen. O, zum Teufel! rief er, mein Kopf iſt heiß, er kann's nicht faſſen, und doch weiß ich, daß du Muth haſt, mehr als ich, und es iſt etwas in mir, das dich bewundert. Wie es kommen kann, weiß ich nicht, aber wenn du mich brauchen ſollteſt, ſo liegt hier unten ein Haus, darin wohnt Klas Gullik, ein Fiſcher und Lootſe. An den wende dich, ſo wirſt du mehr hören. Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er fort und nach wenigen Augenblicken verſchwand er hinter den Steinblöcken in der Schlucht. Die rothe Sonnenkugel ſchwebte auf dem Meeresſpiegel und dieſer färbte ſich davon feurig roth. Aus dem abendrothen Duft ſtiegen die Klippen und Inſeln auf und über ihnen hing ein lichtvoller flecken loſer Himmel in wunderbarer Klarheit und Ruhe. Erich blickte zu ihm auf, ſein Geſicht war voll Frieden und voll jener unwiderſteh⸗ lichen Kraft der Ueberzeugung, die alle Zweifel überwindet. Sanft lächelnd blickte er Mary an. Aus ſeinen dunklen Augen brach ein Strom heißer Liebe und göttlicher Macht. Zitternd im tiefempfundenen Glück ſtand ſie vor ihm und ohne Worte ſagte ihm ihr Anblick, was ſie gelobte und empfand. Dann ſtieg der Mond über die Berge empor, und freudig ver⸗ trauend mit dem Muthe der Gewißheit, der alles Bangen überwunden hat, kehrten ſie zurück. Als ſie den Weg erreichten, der in das Thal hinabläuft und die Stadt zu ihren Füßen lag, theils in halb durch⸗ ſichtige Nacht gehüllt, theils von glänzenden Lichtſtreifen durchſchnitten, rollte ein Wagen an ihnen hin, aus welchem plötzlich ein lautes Halt! gerufen wurde. Es war eine leichte Reiſekaleſche, und eine Dame beugte ſich daraus hervor, deren muthwillig frohe Stimme Erich's Namen nannte. Er iſt es wirklich! fügte ſie hinzu. Unſer unglücklicher Philoſoph! Und mit welchem Zögling der Natur macht er ſeine belehrenden Mond⸗ ſcheinpromenaden? Conſtanze Gurſchin! ſagte Erich. Dachte ich es doch, daß es ſo kommen müßte, fuhr die ſchöne Frau fort. Unſer gelehrter Vetter kehrt zu ſeinen Jugendſtudien zurück, welche immer für uns eine bleibende Anziehungskraft haben. Dies 681— bezeugt Ihren bildungsfähigen Geſchmack, Herr Philoſoph; nehmen Sie alſo meine heiterſten Glückwünſche. Das iſt ein unerwartetes Zuſammentreffen, liebe Conſtanze. Nicht ganz ſo wie es ausſieht, erwiderte ſie, denn eigentlich bin ich nach Abo in der Abſicht gekommen, Sie zu ſehen und Ihnen bei⸗ zuſtehen, wenn es nöthig ſein ſollte. So dankbar ich auch dafür bin, ſagte er, hätte ich doch nicht ge⸗ glaubt, Ihren Antheil in ſolchem Grade zu beſitzen. Nein, mein ſehr aufrichtiger Vetter, lachte Conſtanze Gurſchin, ich will mich auch nicht mit falſchen Federn ſchmücken. In einigen Tagen wird in Abo eine Verſammlung des finnländiſchen Adels ſtattfinden und, im Fall Sie dies noch nicht wiſſen ſollten, füge ich hinzu, daß dem Kaiſer von ihm der Eid der Treue geleiſtet werden ſoll. Mein Vater, mein Onkel und eine beträchtliche Zahl der Landbarone kommen; es werden Feſte gefeiert werden und Graf Burthöoden iſt ein ſo liebens⸗ würdiger Feſtgeber, daß er gewiß Außerordentliches darin leiſtet. Das iſt der eigentliche Zweck meines Kommens, Couſin Erich. Nebengründe ſollen Sie bald erfahren. Aber ich bin müde. Es iſt entſetzlich, ſo lange auf dieſen elenden Felſenſtraßen zu fahren, wo man unmöglich in einem bequemen Wagen fortkommen kann. Auf Wiederſehen alſo! Auf Wiederſehen, Couſine Conſtanze! Halt! noch etwas für die Fräulein Halſet. Ich habe Ihren Vater heute geſehen, er wird morgen wieder bei Ihnen ſein. Ich danke Ihnen, gnädige Frau, erwiederte Mary. Benutzen Sie die Zeit, ihm einen freudigen Empfang zu bereiten. Schade, daß Erich keine Uniform hat. Wir lieben die Uniformen in Rußland; ein uniformirter Menſch iſt erſt ein eigentlicher Menſch; die wahre Menſchheit beginnt mit ihm. Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt, um ihn auf den Feſten glänzen zu laſſen. Der Staatsrath Halſet im goldgeſtickten Rock, ſeinen Orden um den Hals, ſieht be⸗ wunderungswürdig angenehm aus. Ihr Spott ließ ſich deutlich genug erkennen. Lachend fuhr ſie fort zu ſprechen. Sobald ich kann, komme ich zu Ihnen, beſtes Fräu⸗ lein Halſet; wir müſſen uns näher befreunden! Ich bin noch immer betrübt, daß meine ſüße Louiſa mich verlaſſen hat. nehmen l. tlich bin nen bei⸗ nicht ge⸗ chin, ich Tagen utfinden daß dem Pater, nen; es liebens⸗ et. Das ngründe lich, ſo möglich n alſo! n Pater ereiten. men in Menſch was ich aatsrat ſehht be⸗ fuhr ſ z Fräu immer — 685— Wo iſt Louiſa? fragte Erich. Der Schmetterling! rief Frau von Gurſchin. Er iſt davon ge⸗ flogen, mitten in den wilden Kriegslärm hinein! Ich ſchwöre es! ganz gegen meinen Willen. Aber wer kann der Leidenſchaft wider⸗ ſtehen, die alle Gefahren verachtet. Wo iſt das unglückliche Kind? Dürfen Sie in den Armen der Liebe ſo jämmerlich darüber ſchreien, Couſin Erich. Würden Sie die Geliebte verlaſſen, würden Sie nicht Alles für das Glück opfern bei ihr zu ſein? Sie antworten nicht, aber wer nicht ſich ſelbſt und Alles, was er beſitzt, ſeiner Liebe opfern kann, der liebt nicht. Louiſa iſt der höchſten Opfer fähig! Serbinoff iſt ihr Gott, Welt, Seligkeit und Himmel. Sie hat ihn begleitet, als er mit einer Brigade nach Savolax zog, um den wilden Sandels zu jagen. Seitdem habe ich einen Brief von ihr aus Kuopio erhalten, wo Serbinoff ſich befeſtigt hatte, um den General Barkley de Tolly zu erwarten. Es muß äußerſt romantiſch ſein, mitten unter Kugeln und Mordgeſchrei an des Geliebten Herz zu liegen. Aber ich verſichere Sie, Louiſa iſt glücklich. Sie hat nicht einmal Sorge um Serbinoff, denn ſie iſt überzeugt, daß alle Kugeln von ihm abprallen. Erich murmelte einen Namen, den Conſtanze verſtand. O, lachte ſie, das wird allerdings eine äußerſt pikante Epiſode in dieſem Ro⸗ man werden. Der geiſtreiche Kammerherr und Gouverneur von Ta⸗ vaſteland hat, wie mir Serbinoff ſchreibt, ſchon einen Verſuch gemacht, ihn mit ſeiner Schweſter im Feldlager zu überraſchen. Serbinoff hat dies abzuwenden gewußt, es wird aber dennoch geſchehen und dabei kann es zu ergötzlichen Scenen und Bekenntniſſen kommen. Doch nun gute Nacht, Couſin Erich! Gute Nacht, ſchöne Jungfrau Mary! Träumt Beide von eurem Glück. Solche Träume ſind oft weit herrlicher, als alle Wirklichkeit, Dreizehntes Kapitel. Zwei Tage ſpäter traf der Staatsrath Halſet ein. Er ſaß in eiuer offenen Droſchke nach ruſſiſcher Art, war in eine goldgeſtickte Uniform gekleidet, hatte einen dreieckigen Federhut auf dem Kopf und einen Degen an der Seite, über den er beinahe gefallen wäre, als er durch den Vorgarten ſeines Hauſes ging, und mit ſeiner gewöhnlichen Le⸗ bendigkeit nach dem Balkon hinauf grüßte und winkte, wo er Erich Randal ſtehen ſah. Es war ein wunderlicher Anblick! Der kleine alte Herr mit ſeinem rothen dicken Geſicht ſteckte wie der Krebs in der Schale in dem hochaufſtehenden Kragen des Treſſenrocks und ſeine kurzen Beine ſchlotterten wie Affenbeine in den gewaltigen ſteifen Glanzſtiefeln, die bis über ſeine Kniee reichten. Ein Unbefangener hätte kaum ernſthaft bleiben können und Frau von Gurſchin's Spöt⸗ tereien waren leicht zu begreifen, aber die Erſcheinung Sam Halſet's als ruſſiſcher Würdenträger, mit dem Annenorden geſchmückt, hatte eine furchtbare Bedeutung und Erich zweifelte nicht, daß die Stunde der Entſcheidung da ſei. Er ging ſeinem Beſchützer entgegen, der ihn umarmte und mit ermunternden Ausrufungen empfing. Nun, Freiherr Randal, rief er, Sie ſehen friſcher aus als jemals, weil die Sorgen fort ſind, Herr, die Grillen, die Einbildungen. Wo iſt Mary? Denke, daß ihr die Geſellſchaft nicht weniger gut bekommen und eine Harmonie entſtan⸗ den, die ihren Klang behält. In dem Augenblicke trat Mary herein und Sam lief auf ſie zu und blieb vor ihr ſtehen. Prächtig, Kind, prächtig! ſchrie er. Blühſt wie eine Roſe im Garten Eden und war keine Schlange daran, die dein Glück ſtörte.— Er küßte ſie auf Stirn und Wange, zog ſie an ſich, um ihr zu ſchmeicheln, und wandte ſich dabei zu Erich zurück. d 9 in eiuer Uniform d einen er durch chen Le er Crich eine alte in der d ſeine ſteifen angener Spbt⸗ Halſele , hatte Stunde nd mit rieſ el, Herk, 1 1 ihr di entſtan fſe Blühſt ran/ di ſe un aurüch 687— Es iſt mein einziges, liebſtes Gut auf Erden, Freiherr Randal, ſagte er; ich bin ſtolz darauf; möchte es um keinen Preis verlieren. Nuh! nuhl fuhr er fort, es iſt nicht damit gemeint, daß ich dich für mich allein behalten will. Der zärtlichſte Vater muß ſeinen Schatz fortgeben, aber es muß Gewinn dabei ſein, für ſein eines Kind, muß er zwei wieder bekommen. Habe das heut' auch ſchon dem Grafen Buxthöyden geſagt, denn ich bin während der Nacht zurückgekommen, Mary, blieb in der Stadt in meinem alten Comptoirhauſe, und war gleich früh bei dem General⸗Gouverneur. Sie müſſen wiſſen, Freiherr, fuhr er fort, daß ich fertig bin mit der Landbank; habe ſie eingerichtet, denke beſſer, alo was bis jetzt in Wiborg und anderswo darin vorhanden war. Kaufmänniſche Grund⸗ ſätze, Handel und Geſchäft, davon wiſſen Beamte nichts; aber Graf Burthövden hat die richtige Einſicht, hat die Sache mir allein über⸗ laſſen. Sie ſind mein Mann, Staatsrath Halſet, ſagte er, habe das volle Vertrauen zu Ihnen und Ihrem Plan, und wie ich ihm heut' zeigte, was ich eingerichtet und die Vortheile zeigte, ſchrie er auf vor Freude, weil's in Petersburg gefallen wird, und gab mir ſein Wort, mir auch meine Bitten zu erfüllen. Bei dieſen Worten ſah er Erich an, nickte ihm zu und ſtreckte dann ſeine Hände aus. Es iſt Chriſten menſchen Pflicht, lachte er, an ſeine Mitmenſchen zu denken und wenn's möglich iſt, deren Bitten zu erfüllen. Denke alſo, wenn Einer zu bit⸗ ten hat, ſoll er willkommen ſein. Was ich bitte, erwiederte Erich, ſollte längſt ſchon Verbeten ſein; doch iſt jeder Menſch abhängig von den Verhältniſſen. Was vergangen, iſt Ihnen zu wohl bekannt. Nichts von der Vergangenheit, Freiherr! rief Halſet, laßt uns in die Taſche greifen und alle gute Dinge nehmen, die wir darin finden. Mit einem Worte dann, Herr Halſet, fuhr Erich fort. Geben Sie mir Mary. Immer war ſie mir theuer, jetzt liebe ich ſie, als mein einziges Lebensglück, und ſie— Weiß es! ſchrie der Staatsrath, weiß Alles, Freiherr, und ſage jetzt noch, wie ich damals ſagte: Biete Ihnen meiner Tochter Hand, Herr Erich Randal; biete ſie Ihnen mit Allem, was ich erſpart habe — 638— für mein einziges Kind. Biete ſie Ihnen, um mit einem Schlage Glück, Frieden, Freiheit und Reichthum zu finden. Dankbar nehme ich Ihre Güte an, ſagte Erich. So glücklich wie Sie mich machen, ſo glücklich ſoll meine geliebte Mary ſein. Schlag ein, Mary! ſchlag ein, mein Kind! ſchrie Halſet. Nimm ihn in deine Arme, halt ihn feſt und küß ihm den Mund zu, wenn er mir widerſprechen will. Ja, Herr, Sie ſollen erfahren, was Sam Halſet gethan. Mary's Glück iſt mein Glück. Es war das ein⸗ zige Mittel, Sie vom Untergang zu retten, und ich miſchte den Trank zur rechten Zeit. Graf Buxthövden wird kein Kriegsgericht rufen; Alles iſt vergeſſen, Alles vergeben. Es iſt keine weitere Bedingung dabei. Ehre und Anſehen kommen von ſelbſt. Die Landbank iſt da. Der Baron von Halljala kann Geld bekommen, ſo viel, evenöthig hat. Der alte Sam iſt aber auch da und hat keine Schuldſcheine mehr, aber ſeine Mary hat goldene Hände. Ich hab's dem Generalgpeberneur geſagt, würde ihm meine Kinder in einer Stunde bringen. Sitzen heut an ſeiner Tafel viele edle Gäſte, Adel, Geiſtlichkeit aus allen Landestheilen, die ihrem gnädigen Kaiſer danken wollen; Propſt Rid⸗ derſtern ſitzt auch dort, iſt Biſchof geworden. Beim heiligen Olaf und ſeinem langen Bart! er ſoll nicht eher aus Abo fort, bis er den Segen über euch geſprochen hat. Ich habe vernommen, erwiederte Erich, daß eine Huldigung des Kaiſers morgen hier ſtattfinden ſoll, Sie wiſſen jedoch, Herr Halſet— Küſſ' ihm den Mund zu, Mary! küſſ' ihn! Laß ihn keine Erwie⸗ derung machen! ſchrie der Staatsrath. Eine Huldigung der Stände iſt es nicht, Freiherr, die wird erſt folgen, wenn Friede geſchloſſen iſt. Der Kaiſer wird dann ſelbſt nach Finnland kommen; die getreuen Herren die ſich hier verſammeln, wollen nur mit ihrem Eide bekräftigen, daß ſie den Kaiſer als ihren Herrn anerkennen und auf immer mit der alten Herrſchaft gebrochen haben. Iſt das der Klugheit gemäß? fragte Erich Randal. Kann nicht das Kriegsglück ſich noch wenden, Schweden zum Sieg gelangen? Niemals wird's geſchehen, Freiherr, niemals! Wir ſind Beide keine Kriegsleute, aber der einfache Verſtand begreifts, daß kein ſchwediſcher Gou⸗ verneur hier wieder einzieht. Bald iſt der Herbſt da, dann wird die Nimm wenn u, vas Sam das ein den Trank ͤt rufen; Gedingung it iſt da. ine mehr, gcberneur „ Sißten us allen opſt Rd— igung des Halſet— e Erwie⸗ r Stände gloſſen iſ 2 getreuen ekräſtign mmet mi Kann nih tlangen — 689— Flucht angehen. Von Rußland kommen ohne Uaterlaß Heerhaufen, Kriegsbedarf und Alles, was nöthig iſt, um zu ſchlagen. Große Ma⸗ gazine werden aufgehäuft, damit kein Mangel entſtehe; die Schweden aber haben ſchon jetzt nichts, können ſich kaum mehr ernähren, gehen in Lumſpen und Lappen. Aus Schweden kommt weder Geld, noch Nahruſ, noch Kleider, noch Waffen. Laßt den Winter’ da ſein, Herr, und ſeht zu, was dann zelchiehe So wahr ich Sam Halſet bin! kein Schwede wird dann mehr in Finnland aushalten, aber über das Eis fort werden die Ruſſen dhren Weg finden. Von den Aland⸗ inſeln nach Stockholm iſt eine Reiſe von wenigen Tagen. Ich habe Nach⸗ richt von dort her. Iſt eine ärgere Wirthſchaft, als ſie je geweſen. Ohne Ordnung, ohne Verſtand, ohne Geld d, ohne Nachdruck, wüſtes Befehlen und Anordnen, ſinnlos und planlos. Nichts wird geſammelt, doch vergeudet und verſchwendet, was noch an Mitteln vorhanden. Die vernünftigen Männer werden verſchmäht, vernünftiger Rath verfolgt. So muß ein Staat herunter enman⸗ deſſen Fürſt ein Rieſe zu ſein glaubt und dabei ein Zwerg i Ich kann nicht idrſprechen ſagte Erich betrübt, aber dieſe kläg⸗ lichen Zuſtände werden ein Ende nehmen. Unglaubl ich bleibt es, daß die europäiſchen Mächte jemals zugeben ſollten, daß Rußland ſich dauernd eines Landes bemächtigt, durch welches ſeine Herrſchaft in der Oſtſes, geſichert wird. Das heißt wie ein politiſcher Mann geſprochen! lachte Hal lſet, iſt aber dennoch falſch. Hat in Europa jetzt kein Anderer zu befehlen, wie Na⸗ poleon Bonaparte allein, und theilt die Welt, der große Mann, mit ſeinem lieben Bruder Alexander, wie der Löwe. Deutſchland, Italien, Spanien und Portugal nimmt er für ſich, wird alſo doch das Stück⸗ chen finniſches Fell für den mächtigen Herrn in Petersburg übrig laſſen. Wir wollen nicht fragen, wer endlich das Beſte behält; iſt eine wunderbare Zeit, Freiherr Randal, nuh was geht es uns an! Wir ſitzen auf keinem Thron, haben nich s zu regieren, ſind beſcheidene kleine Leute, ſorgen nur für uns niu Blind aber muß der ſein, der nicht zugreift und nimmt, was er bekommen kann. So ſteht es, Freiherr. Sie wollen Mary Halſet haben? Ja, Herr Halſet, aber— D. B. IX, Erich Randal, v. Th. Mügge. 690— Kein Aber, Herr. Sie müſſen einſehen, daß mein Schwiegerſohn des Kaiſers Feind nicht ſein darf.„ Das bin ich nicht. Ich kann es nicht ändern, was geſchieht, allein— Küſſ' ihm den Mund zu, Mary, küſſ' ihn! ſchrie Halſeta Wir haben keine Zeit mehr zu bedenken, wie es beſſer ſein könnte.: Graf Buxthövden erwartet uns. Ein Regentſchaftssrath wird morgen eingeſetzt aus den Ständen, darin iſt Platz für den Baron von Hallſaka und für den Staatsrath Halſet. Eh! Herr Halſet, erwiederte Erich, ſich ſo feſt aufrichtend und mit einer Stimme ſprechend, daß Halſet ihn anhören mußte, ich bin ſchwer be⸗ drängt, erkenne meine ganze Lage und kann doch nichts daran ändern. Ehre und Gewiſſen verbieten mir auch jetzt zu thun, was ich niemals⸗ zu thun vermochte. Ich bin ein ſchwediſcher Freiherr, mein Vaterland kann ich nicht verrathen. Ich habe Eide geleiſtet, die nicht eher zu löſen ſind, bis der König ſagt: ich entbinde Euch davon. Dann erſt kann ich dem neuen Landesherrn huldigen. Komm hierher, Mary, ſagte Halſet, freundlich winkend. Ja, Vater, antwortete ſie, ohne zu zögern. Was ſagſt du dazu? Was ich Erich ſchon geſagt habe, verſetzte ſie. Er muß deinen Willen befolgen. Recht, mein Kind, das muß er. Geh, kleide dich an, ſchmücke dich, aber ſchnell, da kommt ein Beſuch. Es iſt Frau von Gurſchin, ſie will uns begleiten. Er führte ſie bis an die Thür, kehrte dann zu Erich zurück und ſchüttelte ihn am Arm. Ich kann's noch nicht glauben, daß das Ein⸗ ſehen nicht gekommen ſein ſollte, rief er lachend. Wollen die Grillen austreiben, Freiherr, iſt immer noch ein Reſt davon zurückgeblieben. Vorwärts! vorwärts! da kommt eine Dame, die es am beſten weiß, wie man leben muß, und mit dieſen Worten führte er ihn der ein⸗ tretenden ſchönen Couſine entgegen. Frau von Gurſchin ſchimmerte in Brillanten. Ihre erſten Worte waren an Erich gerichtet. Er hat kein hochzeitlich Kleid an! rief ſie, und ſieht aus, als ſollte er zu Denen geworfen werden, bei denen Heulen und Zähnklappen iſt. Ich habe einen vollſtändigen Anzug — degerſohn * allein— et. Wir 1 Gri Aaut fete und mit einer hwer be mändern. niemalé⸗ Vaterland t eher zu Dann erſt g deinen ſmick Gurſchin, lrück und das Ein⸗ e Grillen glätn ſten weiß n der ein⸗ den Worte 1¹! rief fe bel denen u Anzuh meines Vaters mitgenommen, der Ihnen paſſen wird, Couſin Erich. Wo iſt die ſröhliche Braut? Geſchwind, wir haben es mit Minuten zu thun. Mein Diener hat die Kleider ſchon abgeliefert.* Sie wer⸗ den dem Herrn Staatsrath, dem würdigen, trefflichen Schwiegervater, an Lieblichkeit kaum nachſtehen, galanter Philoſoph. Ich werde Sie nicht begleiten, Conſtanze! ſagte Erich. Nicht? Ich dachte es beinahe, lachte ſie. Was wollen Sie denn thun? Sie müſſen uns begleiten! Sie wiſſen, daß ich es nicht kann. Weil Sie Unrecht thun würden? Weil ich heucheln und falſch ſchwören müßte. Und wie ein puritaniſcher Heiliger will er ſich lieber foltern und kreuzigen laſſen. Aber, heiliger Erich, es muß dennoch geſchehen. Es darf nicht geſchehen. Ihrer Verbrechen wegen muß es geſchehen, ſagte Conſtanze Ich weiß mich unſchuldig. Nicht jener Verbrechen wegen, die das Lamm zum Tiger machten, mein blutdürſtiger Vetter, fuhr ſie fort, ſondern weil Sie zum Ver⸗ brecher gegen ſich ſelbſt werden. Mein Gott! wie kann man ſo ſchwer⸗ fällig denken. Was wird denn von Ihnen verlangt? Sie ſollen uns begleiten, ſollen dem Generalgouverneur ſagen, daß Sie ſich glücklich ſchätzen, bei ihm zu ſpeiſen, und ein paar dankende Worte hinzufügen. Nein, Conſtanze! Ich ſoll in dem Dome von Abo einen Eid lei⸗ ſten und dafür einen Orden erhalten und ein Amt empfangen. Seltſamer Philoſoph! an ſolche Nebenſachen denkt er, davor er⸗ ſchrickt er! Wonach tauſend Hände ſich ausſtrecken, was Dauſende be⸗ neiden, das macht ihm Grauen. Um wie viel weniger haben viele vortreffliche Männer oft zehn Eide geſchworen und wie Viele ſind be⸗ reit, es täglich zehnmal zu thun. Wenn es ihm noch helfen könnte, wenn er Hoffnung haben konnte, daß es in Stockholm jemals vergolten würde, fiel Halſet ein. O Poſſen! rief die ſchöne Frau, was kümmert uns eure Politik und die kopfloſe Armſeligkeit des Herrn aller Schweden. Ich weiß, daß der heilige Erich ſolche Dinge verachtet und daß alle Schätze Petersburg's ihm gleichgiltig ſind. Doch hier kommt der einzige Grund 44* — 692— aller Gründe, der ihn vernünftig machen muß; hier kommt Mary Halſet! Blicken Sie auf, Couſin Erich, was ſagt Ihnen dies reizende Geſicht? Kein Wort mehr. Wenn Sie jetzt nicht bekehrt ſind, ſo iſt Alles verloren. Geliebte Mary! ſagte Erich, ſanft zu ihr aufblickend. Du allein wirſt mir nicht zürnen. Halſet hob ſeinen Arm auf, aber ehe er ſprach, trat Mary zurück. Ruhig und kalt, wie in früherer Zeit, und faſt mit demſelben düſtern Ernſt blickte ſie den Mann an, der im Begriff war, ſie abermals ſeinen Anſichten von Recht und Pflicht zu opfern. Ein boshaftes Lä⸗ cheln ſchwebte um Conſtanze's Lippen. Das war in der That keine beſonders liebliche verführeriſche Braut. Ich zürne dir jetzt ſo wenig, ſagte ſie, wie dies je der Fall war; allein meines Vaters Wille iſt mir heilig, und wer ſeine Hand von ſich weist, muß erwarten, daß er damit auch alle Ausſicht auf meine Hand verliert. Mary, antwortete er ſchmerzlich bewegt, das kam nicht aus dei⸗ nem Herzen. Ich wiederhole dir nur was du weißt, fuhr ſie fort, was ich dir beſtimmt erklärte. Du biſt zu verſtändig, um nicht einzuſehen, daß du meinem Vater folgen mußt. Was dieſe edle Frau dir ſagte, iſt nicht minder Wahrheit. Wähle alſo, der Preis bin ich! Und nie hat die finniſche Sonne einen ſchöneren Preis beſchienen, fiel Conſtanze ein. Keine paſſendere Wahl iſt für Sie möglich, Erich! Was habe ich Ihnen neulich geſagt. Wer liebt und nicht Alles ſeiner Liebe opfern kann, der kennt die Liebe nicht. Undankbarer! haben Sie vergeſſen, was Mary für Sie gethan hat? Nie! nie! werde ich es vergeſſen! antwortete Erich, und ſeine Augen leuchteten begeiſtert auf. Doch entehrt vor mir ſelbſt würde ich ihrer nicht mehr würdig ſein. Tröſten Sie ihn doch darüber, Jungfrau Mary! ſagte Frau von Gurſchin. Sagen Sie ihm, daß er jede Vergebung zu hoffen hat. Der Freiherr Randal muß am beſten wiſſen, was ſich für ihn ſchickt, verſetzte Mary. Er muß wiſſen, was er für mich opfern kann, was ich ihm werth bin. 1 t Maxy reizende d, ſo iſ du allein zurück. düſtern abermals ftes Li⸗ at keine o wenig, Wille iſt „daß er aus dei⸗ ich dir en, daß gte, iſt ſchlenen, , G rich! g ſeiner ben Sie d ſeine ürde ich rau von hat. für ihn kann, — 693— Nun, Gott tröſte euch beide! rief Conſtanze Gurſchin ſchwankend zwiſchen Spott und Aerger; ich für mein Theil würde flehen und ſchwören, drohen und weinen, bis er mir zu Füßen läge. Recht, Mädchen, recht! ſchrie Halſet. Fall ihm um den Hals, küſſe ihn, herze ihn, bis er das richtige Einſehen hat. Nein! antwortete ſie mit aller Unbiegſamkeit ihres Charakters. Niemals ſoll er ſagen, daß meine Bitten ihn entehrten. Wähle, Erich! die Stunde iſt da. Mein Vater heißt dich willkommen, mein Herz ge⸗ hört dir, entſcheide über dich und mich! Eine Minute lang ſtand Erich Randal regungslos. Langſam hob er den Kopf auf und blickte ſeine Geliebte an. Ihr Geſicht war ſo bleich wie ſein eigenes Geſicht, doch keine Muskel zuckte darin, kein Schmerz, keine Freude waren darin zu erkennen, während alles Weh in ihm über ſie ausſtrömte. Dann näherte er ſich ihr und auf ſein Knie ſinkend, ihre Hände mit ſeinen Küſſen bedeckend, ſagte er mit leiſer trauriger Stimme: Lebe wohl, Mary, es muß ſo ſein! Es muß ſo ſein! antwortete ſie, indem ſie zurück trat. Hörſt du wohl, Vater? Es muß ſo ſein! Gottes Wille geſchehe denn! Er hat es ſo gewollt. Halſet fing ſie in ſeinen Armen auf. Du bleibſt mein Kind, ſagte er, mein liebes, gutes Kind, haſt gethan, wie Sam Halſet's Tochter thun muß, und bei Gottes Allmacht und dieſem Himmel über uns! Du ſollſt es nicht bereuen. Habe hier weiter kein Wort zu ſagen. Graf Burthövden darf nicht warten. Frau von Gurſchin hatte Erich beim Arm ergriffen und ihn an ein Fenſter geführt. Sie ſind der größte Thor, den ich jemals ſah, ſagte ſie ihm ins Ohr; ſein Sie wenigſtens jetzt vernünftig. Verbergen Sie ſich! Wenn es keinen beſſeren Ort dazu gibt, eilen Sie ſogleich in meine Wohnung und erwarten Sie mich dort. Ich danke Ihnen, Conſtanze, erwiederte er, aber ich kann und will nicht fliehen. Nun denn, ſo ſterben Sie, wie Sie gelebt haben! rief ſie zornig, indem ſie ſich entfernte, Sam Halſet's Arm nahm, der am andern Arm ſeine Tochter führte, und mit ihm das Haus verließ. — 694— Sterben wie ich gelebt habe, murmelte Erich, ja das bleibt mir allein noch übrig. Er ſann über Mary's Benehmen nach und wehmüthig ſeufzend ſuchte er ſie zu entſchuldigen. Was ſollte ſie thun, ſagte er endlich. War es nicht edel gehandelt, daß ſie mit keinem verlockenden Worte mich zu überreden ſuchte; hätte ſie es gethan— o, mein Gott! welche Noth, welche Qualen wären über mich gekommen. Sollte ſie mir beiſtimmen, mich beloben, was hätte es gefruchtet? Halſet würde ſie verdammt haben, wie er mich verdammt. Aber, fügte er leiſer hinzu, nicht mit dieſer Härte, dieſer Kälte hätte ſie von mir ſcheiden müſſen. Hatte ſie kein Wort, keinen Blick des Troſtes für mich! Iſt das ein Abſchied! ohne Erinnerung, ohne Sehnſucht! Doch nein, ſo iſt es nicht! fuhr er zuverſichtlich fort. Gottes Segen ſei mit ihr! ſie hat gethan, was ſie mußte. Ich war es, der entſagte, nicht ſie. Lebe wohl, meine Mary, lebe wohl! Zeiten gehen und Zeiten kommen. Dieſe Stunde wird mich nicht aus deinem Herzen reißen! Ich werde an dich glauben, bis all mein Lieben, all mein Hoffen mit mir begraben liegen. Nach einer Stunde war er in ſeinem Zimmer damit beſchäftigt, ſeine Habſeligkeiten zuſammen zu packen, als heftig an die Thür ge⸗ ſtoßen und dieſe geöffnet wurde. Ein Poltzeiagent trat herein, ein anderer blieb draußen ſtehen. Sie ſuchen mich, ſagte Erich. Ich bin der Freiherr Randal. Dann müſſen Sie mir ſogleich folgen. Darf ich fragen wohin? In das Gefängniß der Feſtung. Ich habe es erwartet und bin bereit. Mitnehmen dürfen Sie nichts, gebot der Agent. Gehorſam legte Erich das Päckchen auf den Tiſch. Seine Demuth bewegte den Häſcher zu einer Art Troſt. Sie werden nicht lange zu warten haben, ſagte er. Morgen iſt Feſttag, weil die Stände dem Kaiſer ſchwören, übermorgen aber wird Kriegsgericht gehalten. — gleibt mir zſeufzend er endlich. en Worte tt! welche te ſie mir würde ſie ſer hinzu, n müſſen. ſt das ein ſo iſt e l ſie hat ebe wohl⸗ n. Dieſt verde an begraben ſchäftigt Thür ge⸗ ſtehen. dal⸗ Demut lange 3” ande dem I. Vierzehntes Kapitel. Die Feſtung Abohus iſt ein altes Gemäuer. Erich der Heilige hatte zuerſt hier ein mittelalterliches Schloß erbaut, das während der Kriege des ſechzehnten und ſiebenzehnten Jahrhunderts mehrmals er⸗ obert, niedergebrannt und wieder aufgebaut wurde. Auch die Ruſſen hatten es öfter ſchon in ihrer Gewalt, doch niemals war es eine Veſte von beſonderer Wichtigkeit. Dicke Mauern und ein paar runde Thürme unterſtützten einige alterthümliche enge Baſtionen, die ein unregelmäßi⸗ ges Viereck einſchloſſen, in welchem verſchiedene Häuſer ſtanden. Auf dieſem Hofe hatte der Commandant des Schloſſes den Freiherrn er⸗ wartet und ihn dann in dem ſüdlichen Thurm einſchließen laſſen, wo⸗ hin er ihn begleitete und ſich ſelbſt davon überzeugte, daß ſein Ge⸗ ſangener ſicher verwahrt ſei. In der That würde ſelbſt ein verwegener Mann den Muth verloren haben, an ſeine Befreiung zu denken. Eine ſchmale Wendeltreppe, deren Eingang mit Schloß und Riegel verſehen und von einem Wachtpoſten behütet war, führte zu einem hohen Thurm⸗ gewölbe, das abermals ſtarke Thüren verſperrten. Ein ſtark vergitter⸗ tes, kleines Fenſter ließ Licht herein und geſtattete dabei die unbe⸗ grenzte Ausſicht auf das Meer. Der Commandant beſichtigte die Schlöſſer, Riegel, Thüren und Gitter und ehe er ging richtete er einige Fragen an Erich Randal. Er war noch jung, aber er hatte den rechten Arm bis an die Schulter verloren und über ſein mageres Geſicht lief eine breite, dunkelrothe Narbe. Gleich bei dem Empſange des Gefangenen zeigte er ſich ab⸗ ſchreckend rauh, ſein ganzes Benehmen war mitleidlos, wie es Kerker⸗ meiſtern ſolcher Art oft eigen iſt. Jetzt blieb er vor Erich ſtehen und fragte franzöſiſch: Kennen Sie mich? Der Freiherr dachte nach und erwiederte: Nein. Ich dächte, wir müßten uns ſchon geſehen haben, fuhr der Offtzier mit höhnender Miene fort. Ich weiß in der That nicht wo, war die Antwort. Gut, ſo denken Sie nach; wir werden uns kennen lernen. Da⸗ mit wandte er ſich um und ging hinaus. Erich hatte an Anderes zu denken. Er blickte aus dem engen Fenſter über die blaue See hinaus und über den Kranz der Inſeln, die bis in die weiteſte Ferne ſichtbar waren. Ein Schiff mit hohen Decken und gewaltigen Segeln kreuzte auf dem Meere, näher am Ufer aber flog eine der kleinen Kanonenſchaluppen vorüber und ſeine Hand nach ihr ausſtreckend, murmelte Erich: Wenn der ehrliche Guſtav es wüßte, er würde ſein Leben vergebens zu opfern ſuchen. Sie haben mich an einen ſicheren Ort gebracht. Der Thurm iſt ſo hoch, der Fels ſo ſteil, und ſie wiſſen nicht, ſetzte er mit einem melancholiſchen Lächeln hinzu, daß ſie weder Thürme noch Riegel nöthig hätten, um mich feſt zu halten. Die Stunden liefen hin, dem Tage folgte die Nacht, ein neuer Morgen kam und ein zweiter Sonnenwechſel. Die Zeit verging dem Gefangenen eintönig, langſam, durch nichts belebt, als durch bange Er⸗ innerungen an vergangenes Leben und verlorenes Glück, mit denen ſich ernſte Gedanken über die Zukunft und ihre Schrecken vermiſchten. Mit dieſen jedoch hatte Erich Randal ſich beſſer abgefunden, als die meiſten Gefangenen es zu thun pflegen. Es war nichts von der fieber⸗ haften Aufregung in ihm, mit der ein Angeklagter den Gang vor ſeine Richter erwartet und mit ſteigender Seelenpein ſich immer von neuem wiederholt, was er antworten, was er bekennen, wie er ſeine Unſchuld behaupten will. Von der Gerechtigkeit ſeiner Handlungen überzeugt, hatte Erich nur die einfache Wahrheit zu erzählen und ohne ſich Hoffnungen zu überlaſſen, war er überzeugt, daß wenn der Ge⸗ richtshof nur aus ehrlichen Männern beſtehe, dieſe ihn freiſprechen müßten. Auf jeden Fall aber ſah er dem Ausgang ſeines Prozeſſes mit der milden Selbſtbeherrſchung entgegen, die der Grundzug ſeines Weſens war. Keine zornige Beſchuldigung verdammte ſeine Feinde, keine Verwünſchung kam über ſeine Lippen. Die Menſchen reifen lang⸗ mengen Inſeln, hohen m Ufer e Hand ſſtab es haben oliſche n n, um neuer g dem age Er denen iſchten. als die feber ja vor r ſeine lungen d ohne er Ge prechen nzeſſts ſeines keinde, lange — 697— ſam zum Guten auf, ſagte er. Es wird eine Zeit kommen, wo ſie gerechter und beſſer ſein werden, es hat Zeiten gegeben, wo ſie weit grauſamer und ungerechter waren als ſie es jetzt ſind. Hätte ich da mals gelebt, wo die wilden Schaaren Peter's des Großen über Finn land ſich ergoſſen, ſo würde ich unter entſetzlichen Martern geendet haben. Damals genügte ja der leiſeſte Widerſpruch dazu, lebendig verbrannt, oder von Pferden in Stücke geriſſen zu werden; jetzt ſtellt man mich doch vor ein Gericht, erlaubt mir, mich zu vertheidigen, und wenn mich ein Todesurtheil trifft, werden meine Leiden raſch vorüber ſein. Ich klage nicht. Die Zeit, in der ich lebe, verurtheilt mich nach ihrer Erkenntniß, willig unterwerfe ich mich, geſtärkt durch meinen Glauben. Einſt, du großer Weltenſchöpfer, werden deine Weſen mil der und gerechter ſein, einſt werden ſie ohne Mord und Blutvergießen, ohne Knechtſchaft und Gewalt friedlicher bei einander wohnen, menſch licher ihr Erdenloog theilen, gemeinſam beſſer und geduldiger, in Freude und Leid ſich näher ſein. In ſolchen Gedanken vergaß er ſeine Einſamkeit und während der drei Tage, die er in dem Thurmgewölbe verlebte, ohne einen Men ſchen zu ſehen als den alten Soldaten, der kein Wort ſprach und auf keine Frage antwortete, war er niemals von Niedergeſchlagenheit heim⸗ geſucht, nie von ſeiner männlichen Feſtigkeit verlaſſen. Kaum drang je ein Ton durch die dicken Mauern vom Meere herauf, nur die Glocken der Stadt hörte er läuten und die Kanonen abfeuern, als dem Kaiſer von dem verſammelten Adel und der Geiſtlichkeit der Eid geleiſtet wurde. Hätte er ſich nicht zu dieſen zahlreichen und mit Ehren begabten Leuten geſellen können? Hätte er nicht thun können, was ſie thaten? Mit dieſen Dienern Gottes, mit dem hochwürdigen Propſt von Halljala, mit ſeinen ſtattlichen Verwandten, mit ſo manchen, welche berühmtere Na⸗ men führten, als der ſeine war. Wer hätte ihm fluchen, wer ihn ver achten können? Was ſchadete es ihm, wenn auf der langen Liſte derer, die man jenſeits des Meeres Verräther an Vaterland und Ehre ſchalt, auch ſein Name ſtand? Was hatte er dafür von ſich geſtoßen und wohin hatte ihn dieſe Schwärmerei geführt. Er, der das Leben ſo kalt betrachtete, der jeden Menſchen in ſeinen Schwächen entſchuldigte, er 698 G hatte unbeugſam dem, was er Recht und Gewiſſen nannte, Alles ge⸗ opfert, was das Glück ihm unverhofft zum letzten Male bot. Und noch jetzt war er ohne Reue, noch jetzt kam kein banger Wunſch nach Umkehr, keine Sehnſucht nach dem Verlornen, kein Seufzer über ſeine fanatiſche Selbſt⸗ vernichtung in ſeine Bruſt. Sanft und traurig dachte er an das, was ge⸗ ſchehen, an die, welche er liebte, aber wäre auch die Stunde noch ein⸗ mal aus der Vergangenheit zurückgekehrt, die nichts wiedergibt, er würde doch nicht anders gehandelt haben. Ohne einen Freund, ohne Hoffnung ſaß er hier und ſagte ſich, daß er auf keines Menſchen Hilfe rechnen dürfe, doch dieſe Gewißheit hatte nichts Erſchreckendes. Sie vermehrte ſeine ruhige Entſchloſſenheit, nur auf ſich und auf die Macht der Wahrheit und des Rechts zu vertrauen. Und mit dieſer Kraft ausgerüſtet, hörte er endlich auf der Treppe vor ſeinem Gefängniß das Klirren der Gewehre und die harten Schritte mehrerer Männer. Ein Commando Soldaten ſtand in der Vorhalle, ihr Offizier benachrichtigte den Gefangenen, daß er den Befehl erhal⸗ ten habe, ihn vor das verſammelte Kriegsgericht zu führen. Nach einigen Minuten ſtieg Erich in den Hof hinab. Ein Theil der Beſatzung ſtand dort unter Waffen, vielleicht dazu beſtimmt, das gefällte Urtheil ſogleich zu vollſtrecken. Als er das Haus des Com⸗ mandanten erreicht hatte, ſah er die Thüren eines großen Gemaches geöffnet, das durch Schranken getheilt war. Außerhalb derſelben ſtan⸗ den Soldaten als Zuſchauer, innerhalb ſaßen um einen Tiſch ſieben Männer. An ihrer Spitze befand ſich ein Oberſt, neben ihm ſechs Beiſitzer verſchiedener Grade, der letzte ein Grenadier. Der Eintritt des Gefangenen bewirkte ein allgemeines Schweigen. Die Wachen ſtellten ſich in einer Linie vor dem Gitter auf, aber die Thüren blieben geöffnet. Der Präſident winkte dem Gefangenen näher und ihm gegenüber zu treten, dann richtete er einige Fragen an ihn in ruſſiſcher Sprache, die von einem anderen Offtzier ins Schwediſche überſetzt wurden, welcher die Antworten hierauf wieder ins Ruſſiſche übertrug, ſo daß ſie jedem der Anweſenden verſtändlich wurden. Wie heißen Sie? fragte der Präſident. Erich Randal. Sie ſind der Baron von Halljala? 8 Alles ge⸗ noch jetzt ir, keine e Selbſt⸗ was ge⸗ noch ein gibt, er d, ohne Menſchen reckendes. auf die r Treppe „Schritte Vorhalle, hl erhal⸗ ein Theil unt, das des Com Gemaches bben ſtan ſch ſieben im ſtch chweigen aber die wediſce Kuſſſche den. Der bin ich. Sie ſind des Hochverraths gegen Ihren Herrn und Kaiſer angeklagt. Der Kaiſer iſt mein Herr nicht, antwortete der Freiherr mit feſter, voller Stimme. Der Oberſt blickte ihn düſter an. Sie ſind ein Unterthan Sr. Majeſtät, wie alle Bewohner dieſes Landes, ſagte er. Hören Sie jetzt die Anklage, welche ich in ruſſiſcher und ſchwediſcher Sprache laut vorleſen laſſen werde; bringen Sie dann vor, was Sie zu Ihrer Vertheidigung ſagen können. Auf ſeinen Wink erhob ſich der Offizier und las die vor ihm liegenden Actenſtücke, aus welchen kurz und beſtimmt hervorging, daß Erich Randal, Baron von Halljala, in der Nacht vom 9. März, als ein Detachement des Heeres Sr. Majeſtät, befehligt von dem Ober ſten Serbinoff, Adjutanten des Oberbefehlshabers, das Schloß Halljala beſetzte, einen verrätheriſchen Angriff auf die Truppen des Kaiſers ausführte. Verſteckt gehaltene ſchwediſche Soldaten vereinigten ſich dazu mit einer Bande bewaffneter Bauern, welche ſeit längerer Zeit in den Waffen geübt wurden, trotz der Proclamation des kaiſerlichen Feld herrn, die bei den härteſten Strafen jede Zuſammenrottung und jede Widerſetzlichkeit verbot. Als einer der Anführer dieſer Bande, ein Schulmeiſter mit Namen Lars Normark, der als Unruheſtifter bekannt „war, von dem Oberſten Serbinoff verhaftet werden ſollte, wurde der⸗ ſelbe von ſeinen Genoſſen mit Gewalt befreit. Zu gleicher Zeit entzog ſich der Baron Randal ſeiner Verhaftung, welche durch ſein Betragen vollkommen gerechtfertigt war, indem er den damit beauftragten Offi⸗ zier tödtlich verwundete. Eine Anzahl Soldaten des Kaiſers wurden auf den Fluren und in den Höfen des Schloſſes ermordet, bis dies nach einem verzweifelten Kampfe in Brand gerieth und von den Auf rührern verlaſſen werden mußte. An der Spitze derſelben, das Schwert in der Hand, fiel der beſagte Baron über die Abtheilungen der kaiſer lichen Truppen her, welche ihm den Weg verſperrten, und abermals wurden viele getreue Krieger Sr. Majeſtät dabei getödtet und ver wundet. Den Aufrührern gelang es zum Theil, in die Wälder zu entkommen, doch gerieth der Baron Erich Randal in Gefangenſchaft und befindet ſich, nachdem er von ſeinen Wunden geneſen, vor dieſem —= —— 700 Kriegsgericht, dem Se. Excellenz der Generalgouverneur von Finnland Graf Burthövden aufgetragen hat, über ſeine Schuld oder Unſchuld das Urtheil zu ſprechen.. Angeklagter, ſagte der Präſident, als der Offizier geendet hatte, geſtehen Sie ein, daß dieſe Schrift die Wahrheit enthält. Ich geſtehe ein, erwiderte Erich, daß die Thatſachen richtig ſind, allein die Urſachen, welche ſie herbeiführten, ſind falſch. Ohne Grund wurde ich in meinem Hauſe gewaltthätig mißhandelt, und obwohl ich betheuerte, mich friedlich allen Forderungen zu fügen, welche die Pro⸗ clamation des Grafen Burthövden enthielt, ſollte ich gezwungen werden zu thun, was mein Gewiſſen mir nicht erlaubte. Wozu ſollten Sie gezwungen werden? Mein Herr, verſetzte Erich, ich muß über Vieles ſchweigen, was allein mich betrifft, doch im Zuſammenhang mit dem an mich geſtellten Verlangen ſteht. Es iſt jedoch der Wahrheit gemäß, daß ich gezwungen werden ſollte, mich zu dem Grafen Buxthövden zu begeben, um ihm zu verſichern, daß ich ein treuer Anhänger Rußlands ſei. Das wollten Sie nicht? Nein. Würden Sie, mein Herr, wenn ein ſchwediſches Heer in Rußland einfiele, zu dem ſchwediſchen General eilen, um Ihr Vater⸗ land abzuſchwören? Der Präſident unterbrach ihn, er bemerkte, daß dieſe Antwort Eindruck machte. Sie kannten die Proclamationen des Obergenerals? fragte er. In derſelben Stunde, wo Oberſt Serbinoff bei mir erſchien, wurden ſie mir bekannt. Und Sie wußten, daß ſchwediſche Soldaten in Ihrem Hauſe ver⸗ ſteckt waren? Seit länger als einer Woche waren dieſe Soldaten in Halljala. Sie wußten nicht, wohin ſie ſich wenden ſollten; Niemand ahnte, daß eine ruſſiſche Abtheilung in unſerer Nähe ſei. Aber Sie ſagten dem Oberſten Serbinoff nichts davon. Sollte ich ein Verräther an meinen Landsleuten werden? Ich bin ein Schwede, mein Herr! Würde ein Ruſſe ſeine Freunde, die Kinder ſeines Landes, die Soldaten ſeines Kaiſers den Feinden ſeines Volkes . unland iſchuld hatte, g ſind, Grund ohl ich Pro zungen „ was ſtellten sungen n ihm eer in Vater⸗ ntwort trals? ſchien, f vel⸗ lljala. 7, daß 6 bin einder golkes — verrathen? Ich rief dieſe Soldaten jedoch nicht herbel, auch waren ſie nicht verſteckt. Ich hoffte, daß ſie entflohen ſein würden, Beiſtand konnte ich ihnen nicht leiſten. Allein Sie griffen ſelbſt zu den Waffen, befreiten ſich gewaltſam und wurden der Anführer dieſer Räuber. Ich wurde der Anführer meiner Freunde, als man mich gewaltſam aus meinem Hauſe fortſchleppen wollte; ich vertheidigte mich gegen tyranniſche Willkür. Vergebens betheuerte ich meine Friedensliebe, vergebens gelobte ich, die Proclamation getreulich zu halten. Kein Mann konnte geduldiger ſein, allein es war darauf berechnet, mich zu verderben. Plötzlich fielen Schüſſe um mich her. Der Greis, den man gefangen hatte, wurde befreit, doch auch jetzt wollte man mich nicht freigeben. Wer von Ihnen Allen, meine Herren, hätte ſich nicht ſolcher Gewalt widerſetzt, wer hätte nicht, mißhandelt und verhöhnt, wie ich es war, lieber den Entſchluß gefaßt, wie ein freier Mann zu ſterben? Ich that es, es war gerechte Nothwehr. Wo ſind die Zeugen, welche anders ſagen können! Ich vertheidigte mich, mein Haus, mein Leben und meine Freiheit. Ich bekenne, daß ich an der Spitze meiner Diener und meiner Freunde mich gegen gewaltthätige Angreifer wehrte, die mit Feuer und Schwert mich aus meinem Eigenthum trieben. Ich bekenne, daß ich ſo lange focht, bis ich be⸗ wußtlos in meinem Blute lag und jetzt ſtehe ich hier, meine Herren, vertrauend 3hen Gerechtigkeit. Prüfen Sie, was geſchehen iſt, erwägen Sie, was mir widerfuhr, und ich werde nicht Ankläger, ich werde Vertheidiger finden. Die ruhige Beſonnenheit und Würde, mit welcher Erich ſprach, und der kühne Schluß ſeiner Rede wären vielleicht im Stande geweſen, ſeine Hoffnung zu rechtfertigen, wenn eine Freiſprechung überhaupt möglich ſein konnte. Wie hätte jedoch ein ruſſiſches Kriegsgericht einen Mann freiſprechen dürfen, der nicht allein noch jetzt offen be⸗ kannte, daß er kein Anhänger des Kaiſers ſei und ſich weigerte, dieſem Treue zu ſchwören, ſondern der auch nichts Factiſches an der Anklage leugnete. Aus welchem Grunde er die Waffen ergriff und ſein Schloß vertheldigte, machte auf dies Gericht geringen Eindruck, zum Ueber⸗ 702— fluß aber trat ein Umſtand ein, der die milderen Meinungen, wenn ſolche vorhanden waren, völlig vernichten mußte. Auf einen Wink des Präſidenten trat der Commandant der klei⸗ nen Feſtung an den Tiſch und ſtellte ſich dem Angeklagten entgegen. Capitän Annenkoff, ſagte der Präſident, Sie ſind der einzige Zeuge, der hier zur Stelle iſt, und bei dem Blutbade in Halljala gegenwärtig war; ich fordere Sie hiermit bei Ihrer Ehre auf, die Wahrheit zu ſagen. Theilen Sie dem Gericht mit, was Sie davon wiſſen. Der Capitän hob ſein narbiges Geſicht auf und ſtierte den Ge⸗ fangenen an. Sie kennen mich alſo noch nicht 2 fragte er. Nein. Ich kenne Sie nicht, antwortete Erich Randal. Weil ich damals, als wir uns ſahen, meinen Arm noch hatte und dieſe Narbe mir fehlte. Auf meine Ehre! mein Oberſt, ich erkenne dieſen Mann genau wieder und rede die Wahrheit! Als wir das Schloß Halljala beſetzt hatten, wurde ich von Oberſt Serbinoff be⸗ auftragt, einen alten Schurken von Bauer in Gewahrſam zu bringen, allein kaum waren wir mit ihm hinaus, als es Kugeln regnete und ſeine Genoſſen hinter allen Büſchen vorſprangen und ihn befreiten. Wir zogen uns zurück und Oberſt Serbinoff befahl mir, dieſen Herrn hier feſtzunehmen. Ich lud ihn ein, mir zu folgen, that ihm dabei aber keinerlei Gewalt an; doch ehe ich es hindern konnte, packte er mich beim Arm, entriß mir den Degen und ſtieß ihn mir durch Schulter und Bruſt. Der Schmerz machte, daß ich zu Boden ſtürzte, und ich wagte nicht, mich zu rühren, denn er ſtand über mich hingebeugt, horchend, ob ich noch lebe. Gleich darauf ſtürzten Bauern und Soldaten in den Saal. Einer der Kerle, der voran war, ſchrie den Andern etwas zu und deutete dabei auf mich und auf dieſen Gefangenen, den ſie frohlockend umringten. Er forderte ſie auf, ihm in ein Nebenzimmer zu folgen, und ich ſah, wie er Waffen und Pulver vertheilte, meinen Degen ſchwang und ſie zum Widerſtand ermunterte. Mehr habe ich nicht zu berichten, denn eben jener wilde Kerl ſtach mit ſeinem Bajonnet nach mir, da ich mich ein wenig aufrichtete und bemühte, meinen Körper unter einem Tiſch zu verbergen. Dieſer Stich riß mir das Geſicht auf, daß ich in meinem Blute ſinnlos gefunden wurde, als endlich meine wenn er klei⸗ azgegen. einzige Halljala uf, die davon en Ge⸗ tte und erkenne wir das noff be⸗ bringen, ete und freiten. Herrn ben aber ich beim lter und in den zu und blockend folgen, G Degen nicht zu net nach Körper ſicht auf, S meine 703— Kameraden eindrangen. So iſt es geſchehen, und bei dem heiligen Namen des Erlöſers ſchwöre ich, daß dieſer Mann derjenige iſt„r über mich herfiel wie ein wildes Thier. Ich ſchwöre, daß ich es ge⸗ ſehen habe, wie er die Mörder aufreizte, ihm zu folgen, Seht hier meinen verſtümmelten Körper, das iſt ſein Werk. Gebt ihm Gerechtig⸗ keit, fragt ihn, ob er leugnen könne. Gerechtigkeit, mein Oberſt, im Namen Gottes! auch für mich und für mehr als hundert unſerer Brüder, welche dort ermordet wurden! Die Stimme des Capitäns zitterte in heftiger Aufregung; ſeine Augen hefteten ſich ſo rachedürſtig auf den Gefangenen, als wollte er ihn mit ſeinen Blicken tödten. Leugnen Sie, was Capitän Annenkoff ausſagt? fragte der Prä⸗ ſident des Kriegsgerichts. Ich leugne nichts, erwiederte Erich Randal mit derſelben Uner⸗ ſchütterlichkeit; denn ich weiß, daß das, was ich leugnen würde, nichts an Ihren Beſchlüſſen ändern kann. Haben Sie zu Ihrer Vertheidigung noch etwas hinzuzufügen? Der Gefangene verbeugte ſich und ſagte nein. Auf dies Wort erhob ſich der Präſident und mit ihm gingen die ſieben Richter in ein anſtoßendes Gemach. Erich blieb vor den Schran⸗ ken ſtehen. Niemand war dort, der ihm Theilnahme bezeigte, in keinem Geſicht konnte er Mitleid entdecken. Die Zuſchauer vor den Schranken blickten ihn mit Haß und Abſcheu an und murmelten Verwünſchungen über ihn. Traurig ſenkte er ſeinen Kopf. Er, der alle Menſchen liebte, deſſen ganzes Leben vergangen war, um Gutes zu thun, jeden Klagen⸗ den zu tröſten, jeden Mühſeligen aufzurichten, er ſah überall die Gier nach ſeinem Blute. Wie eine Rotte Wölfe würden dieſe Männer ihn zerxiſſen haben, wenn ihre Herren es geſtattet hätten. Ein ſehnſüchtiges Verlangen nach einem raſchen Ende, nach Vergeſſenheit, füllte ſeine Bruſt. Das Gericht ließ ihn nicht lange warten. Schon nach wenigen Minuten kehrte es zurück, ein Beweis, daß die Einigung der Stimmen keine Schwierigkeit gemacht hatte. Angeklagter, ſagte der Präſident, treten Sie vor. Das Kriegs⸗ gericht erklärt Sie aller Ihnen zur Laſt gelegten Verbrechen für über⸗ führt und verurtheilt Sie zum Tode des Erſchießens. Dies Urtheil — 701— ſoll ohne Aufſchub ſofort nach Beſtätigung des Generalgouverneurs vollzogen werden. Ein freudiges Gemurmel lief durch den Zuſchauerraum und rief ein mitleidiges Lächeln des Verurtheilten hervor. Wollen Sie die Gnade des Generalgouverneurs anrufen? fragte der Präſident. Nein! erwiederte Erich. Berufen Sie ſich, wie dies in gewiſſen Fällen geſtattet iſt, auf die Gnade des Kaiſers, indem Sie vielleicht wichtige Entdeckungen zu machen haben oder andere wichtige Dienſte zu leiſten vermögen? Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre Güte, ſagte Erich Randal, allein ich verzichte auf jede Gnade, die Menſchen geben können. Dann bereiten Sie ſich auf den Tod, ſagte der Oberſt, indem er aufſtand. In wenigen Stunden werden Sie vor einem höheren Richter ſtehen. Führt den Gefangenen fort! Es dunkelte bereits, als dies geſchah. Der Himmel hatte ſich mit ſchwarzen Wolken bedeckt, die abendwärts von den ſchwediſchen Küſten her ſich über Finnland wälzten. Unbeweglich lag das Meer wie unter dem Druck rieſenhafter Hände, die es zuſammenpreßten. Ein ſchwüler Luftzug wehte zuweilen darüber hin und brachte ein phosphoriſches Leuchten mit, das an den Wolkenſäumen hinlief, die ſchwer geballten Maſſen deutlich machte und mit mattem Schimmer über die Berge und Thäler der Küſte leuchtete. In den hölzernen Häuſern der Stadt wurden ſorgfältig die Fen⸗ ſter geſchloſſen, nach Feuer und Licht geſehen und die Hausgenoſſen zuſammengerufen, um bei einem Ungewitter zur Hilfe bereit zu ſein; aus dem Regierungsgebäude aber, wo die Stadt dem verſammelten Adel ein Feſt gegeben hatte, bei dem es ſehr fröhlich hergegangen, entfernten ſich früher, als es ſonſt wohl geſchehen wäre, die Gäſte und eben war es zehn Uhr, als Sam Halſet mit ſeiner Tochter nach Haus fuhr. Der Staatsrath war äußerſt munter geſtimmt, er hatte gegen ſeine Gewohnheit viel trinken müſſen, darum erzählte und ſcherzte er ohne Aufhören und war in der beſten Laune, als er Mary end⸗ lich die Stufen hinauf führte, oder vielmehr ſich von ihr führen ließ, uverneurs und rief 12 fragte iſt, auf ungen zut 2 „Randal en. indem er n Richter ſich mit Küſten bie unter ſchwüler phoriſches geballten die Berge die Fen ggenoſſen zu ſein; ammelten Fegangen die Gäſte cter nach er hatte d ſcherzl jary end ren ließ — 705— denn er ſchwankte bedenklich und ſtreckte ſich ſogleich in einem der großen Lehnſtühle aus. Iſt mir ſeit meiner Jugendzeit nicht wieder paſſirt, lachte Sam, daß meine Beine klüger ſein wollen, als mein Kopf, und mein Kopf nicht recht weiß, wie er die Beine in Reſpect hält. Thut aber nichts, Mary. Sitze jetzt hier und ſtelle die Ordnung wieder her. Setz' dich an meine Seite, Kind, habe noch ein Wort mit dir zu ſprechen. Mary ging durch das Zimmer, nahm einen Stuhl und kehrte da⸗ mit zurück. Wohlgefällig blickte er ſie an. Iſt wahrlich nicht umſonſt, daß manche Augen dir nachſchauen! rief er. Siehſt ſo friſch und herrlich aus, wie ein junger Wald, wie die Finnen ſagen. Haſt mir Freude gemacht, Mädchen, haſt Körper und Geiſt aufgerichtet, trotz alles Kummers, der dich getroffen hat. Wir müſſen tragen, was wir nicht ändern können, Vater, er⸗ wiederte ſie. Recht, Kind! Müſſen tragen, aber von uns werfen, waz eine Laſt iſt, nicht werth, daß wir darunter ſeufzen. Bin erfreut geweſen darum, daß du es konnteſt, und habe es gern geſehen, daß Frau von Gur ſchin ſich deiner in dieſen Tagen annahm. Haſt Freundſchaft mit ihr geſchloſſen, Mary?. Ja, Vater, ſoweit dies zwiſchen uns möglich iſt. Ich glaube, ſie iſt eine Frau von großer Weltklugheit und ſtarkem Willen. Sam Halſet machte ein Satyrgeſicht. Nuh, rief er, man könnte es wohl auch anders nennen, doch gleichviel! Lerne Weltklugheit von ihr, Mary. Denke, an Willen fehlt es dir nicht. Lerne, wie man das Regiment über Männer führt. Wird dir gut thun, meine ich, denn Herr Arwed Bungen hat eine weltkluge Frau nöthig zärtlicher Eheherr zu ſein. Die Augen des Vaters begegneten den Augen der Tochter. Sam Halſet lachte liſtig auf. Mary lächelte. Du haſt an ihn geſchrieben? fragte ſie. Heute, antwortete er, habe ihm Alles geſchrieben, was hier vorge⸗ fallen, und Biſchof Ridderſtern hat den Brief in die Taſche geſteckt und mitgenommen. Haſt doch nichts dagegen einzuwenden, Kind? Nein, Vater. , um ein D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 45⁵ a— 206— Bravo! ſchrie Halſet, indem er ſie umarmte, mußt einen Kuß da⸗ für haben, mein kluges Kind. Sehe, denkſt nicht mehr an den Mann, der deine Liebe ſo ſchlecht vergolten hat. Ich denke oft an ihn! antwortete ſie mit ſtarker, harter Stimme. Bah! mußt dich nicht erhitzen, nicht ärgern. Wind wird aus Süden bei Blitz und Donner plötzlich Nordwind. Mach' es wie ich, Kind. Habe weder Zorn noch Liebe für einen Narren. Betrachte ihn als eine Sache, die werthlos geworden iſt. Wenn ſie ihn morgen todt ſchießen, will ich beitragen, daß er im Dom in ſeiner Väter Gruft neben Hom⸗ pus Randal eingeſenkt wird. Iſt es gewiß, daß er nicht begnadigt wird? fragte ſie und es klang faſt, als freue ſie ſich. Wir ſind alle Chriſten, Mary, ſagte Halſet ſcheinheilig ernſthaft und ſeine Augen zukneifend, dürfen unſeren Mitmenſchen nichts Böſes wünſchen, war aber ſeine Sache, um Gnade zu bitten. Hat's abge⸗ ſchlagen, wie es zu denken war, der Narr! Ich ſtand bzim Generalgouver⸗ neur als Oberſt Konsky den Bericht brachte. Hat ſich tchaft benommen, und meinte der Oberſt, er hätte niemals ſolche Ruhe und ernſtes Weſen geſehen, ohne Trotz und ohne Schwäche. Kennen ihn Beide, Mary. Sieht biegſam aus wie ein Rohr, iſt aber kein Eichbaum ſo zäh und knorrig. 1 Hat der Generalgouverneur das Urtheil unterſchrieben, Vater? fiel Mary ein. Sorge nicht, Kind, iſt nichts daran zu ändern, erwiederte Halſet. Er thut es ungern, möchte lieber an einem Gnadenact den Finnen be⸗ weiſen, wie mild das ruſſiſche Regiment iſt. Sind aber zu ſchwere Ausſagen gemacht worden. Er muß ſterben; und ſein Vermögen wird eingezogen. 3 So mag ihm nach ſeinem Willen geſchehen. 13 Recht, Kind! er hat es verdient. Fort mit ihm. Er hat das Kiſſen gewählt, das ſein Bett ſein ſoll. Geh ſchlafen, Mary, denke an Halljala, iſt jetzt dein Eigenthum. Denke an eine frohe Zukunft, Mary. Laß eine Woche vergehen, wird dann Niemand mehr von ihm ſprechen. Arwed wird kommen, ſowie er meinen Brief erhalten hat, α — 707 Kuß da⸗ wollen frohe Tage beiſammen leben. Machſt ein freundlich Geſicht Mann, und läßt deine Augen glänzen. Ich denke an die frohen Tage, Vater. Stimme. Eh! ſehe ſie kommen, Kind und will ſie mit dir genießen. Wol⸗ 6 Slden len im neuen Schloß zu Halljala wohnen. Biſt ja mein einzig Kind, d, babe habe dich allein. als eine Ich kann auch von dir genommen werden, Vater. 4 ſchießen, Halſet hob ſeinen Kopf haſtig auf und fing dann an zu lachen. Es en dem wäre eine verkehrte Welt! rief er, möchte es aber nimmer erleben. Siehſt aus wie ewiger Frühling, Mary. Biſt doch nicht krank? und es Nein, Vater. Nicht betrübt? Auch das nicht, Vater. ennitbaf Blickſt froh in deine Zukunft? ts Böſes Mit Zufriedenheit, denn ich bin ohne Vorwurf. ts ahge⸗ Recht, Kind! haſt gethan, wie es ſich ſchickt und wirſt immer ſo algouber thun. enommen, Das iſt mein feſter Wille. V 3 Glaub's! ſchrie Halſet, haſt die Kraft dazu. Halt dich an die Marn Gurſchin, laß dir von ihr rathen, wo es zu rathen gibt. Pöh und Meinſt du, daß ich das dürfte. Darfſt es, mußt eg thun! Befehl's dir, Mary! b Pater Dann will ich deinen Befehl befolgen, und jetzt gute Nacht, Vater! Sie beugte ſich über ihn, er ſtreichelte und küßte ihre Wangen. Halſet⸗ Biſt mein Herzenskind, Mary, ſagte er zu ihr aufſchauend, und iſt nnen be⸗ Alles ſo am beſten, wie es iſt. Schreib' morgen ſelbſt ein paar a ſchwen Worte an Arwed, lade ihn ein. gen wi Ich will es thun, aber ich fürchte, er kommt nicht zu mir. Kommt zu dir, lachte Halſet, ſucht dich, wo es ſein mag. So wollen wir ſehen, ob er es wagt! antwortete ſie in frohem hat dol Tone, indem ſie ſich entfernte. on th, nn Ob er es wagt, murmelte Sam, was wagte er nicht um Halſet's zuu Tochter. Iſt endlich alſo mein Weg klar, mein Ziel erreicht. Darf von Ue 4 jetzt nur ſagen: ſchlagt mir Halljala zu, und ich habe es. Morgen alten 3 45* 708 wenn der Tag kommt gibt's keinen Freiherrn Randal mehr, ſteht aber ein neues Geſchlecht auf, mein Geſchlecht! Soll meinen Namen führen, ſollen die Halſet's von Halljala ſein. Stolz lachend ſtreckte er ſich auf ſeinem Lager aus und nur ein⸗ mal noch öffnete er die Augen als ein blendender Blitz ſein Schlafge⸗ mach erleuchtete. Ein Donnerſchlag rollte nach, es war dem Schläfer, als ſchüttelte ſich das Gebäude. Er zog die Nachtmütze über die Ohren und indem er ſeinen Kopf in die Kiſſen drückte, ſagte er vor ſich hin: Mein Haus ſteht feſt, kein Wetter reißt es ein. Derſelbe Blitz war es, der Erich Nandal aus ſeinen erſten und einſamen Betrachtungen aufweckte. Er ſaß aufdem harten Lager in ſeinem Kerker und richtete ſeiue Augen auf den flammenden Himmel, der ſich vor ihm aufthat. Durch das offene Fenſter wehte ein Strom kühler Luft herein und als die Dunkelheit zurückgekehrt, brach ſich der Schall des Donners an den öden Wänden wie Geiſterſtimmen, die darin umherirrten.— Zum letzten Male höre ich euch, ſagte er, was wißt ihr von dem großen Geheimniß des Lebens? Wohin ruft ihr mich? Wohin in der Un⸗ ermeßlichkeit dieſes Raumes ohne Grenzen wird mein Geiſt fliehen? Zu Gott! ſetzte er mit einem tiefen Athemzuge hinzu; zurück zu ſeiner ewigen Werkſtatt, zurück zu ſeinen Schöpferhänden, erlöst von allen Leiden, dankbar für all mein Glück, das mir in meiner menſchlichen Geſtalt geſchenkt wurde. Und bin ich denn gicht glücklich geweſen⸗ um dankbar zu ſein? fuhr er mit ſanfter Stimme fort; ja, glücklich im Erkennen des Guten, glücklich mit edlen mir innig verwandten Weſen, glücklich in meinem Streben, o! in Allem was ich that. Daß ich vorzeitig ſterben muß, kann das mich zum Zittern bringen? Iſt die Spanne Zeit, die uns zu leben vergönnt wird, denn ein ſo großes Gut, um nichts davon verlieren zu können? Wen hat der Tod jemals vergeſſen, wer von allen denen, die mich ausſtreichen aus dem Buche des Lebens, wird nicht ausgeſtrichen? Ich ſcheide ohne Grauen, ohne Haß. Meine irdiſchen Wünſche liegen zerbrochen vor der Schwelle der Ewig⸗ keit, nichts iſt davon übrig geblieben als Segen für die, die ich zurücklaſſe, bis auch für ſie die Stunde da iſt, wo der Staub zum Staube geht! Ein leiſes Raſſeln an der Thür machte, daß er den Kopf dort⸗ hin wandte, und eben leuchtete ein neuer heller Blitz durch das — zt aber Namen ir ein⸗ hlafge⸗ cläfer, Ohren h hin: ſamen ker und ufthat. als die an den Zum großen rr Un⸗ lehen? ſeiner allen clichen eweſen, lich in Weſen, aß ich Iſt die großes jemale Buche , ohne Ewig ücklaſſe gelt f in h daß — 709— Gefängniß und zeigte ihm deutlich eine Geſtalt, welche zunihm her⸗ eintrat..* Er ſtand auf, die Geſtalt näherte ſich ihm und plötzlich ward er von dem Strahl einer Laterne beleuchtet. Er ſah den Commandan⸗ ten Annenkoff vor ſich. Die düſteren Augen des Ruſſen, mit dem⸗ ſelben Grimm gefüllt wie vor dem Kriegsgericht, betrachteten ihn in⸗ grimmig, ein hohnvolles Zucken lief über ſeine narbigen Lippen. Sind Sie bereit? fragte er. Ja, mein Herr, erwiederte Erich. Auf Alles vorbereitet? fuhr der Kommandant fort. Das Einzige, was mir übrig bleibt, ſagte Erich, iſt, Sie um Ver⸗ gebung zu bitten. Möge mein Tod Ihren Haß verſöhnen. Still! murmelte Annenkoff. Folgen Sie mir. Er ging voran, die ſchmale Treppe hinab; halb verborgen unter ſeinem Mantel hervor beleuchtete die Laterne die Stufen; plötzlich aber wandte er ſich um den Pfeiler an der ſchweren Doppelthüre vorbei, welche den Ausgang des Thurmes in den Hofraum verſchloß, und durch⸗ ſchritt das Gewölbe bis dahin, wo eine geöffnete Fallthür in die Souterrains des Thurmes führte. Sie führen mich nicht in den Hof? fragte Erich. Nein. Eilen Sie! Wohin führen Sie mich? In den Graben. Dort alſo ſoll mein Schickſal ſich erfüllen? Ja. Der matte Laternenſchein beleuchtete die ſchmale Gallerie einer Kaſematte. Große Steine hatten ſich aus dem Mauerwerk gelöst und bedeckten den Boden. Das Gewölbe war niedrig und voll Moderluft, der Gang ſenkte ſich abwärts, zuweilen über eine Reihe zermürbter Stufen, dann machte er einen Winkel und zwiſchen zwei mächtigen Strebepfeilern hing eine ſchmale Eiſenthür in roſtigen Bändern. Dieſe Thür war nur angelehnt, zwei große Riegel, die ſie verſchloſ⸗ ſen hatten, ſah Erich daran niederhängen Annenkoff öffnete die Pforte. Ein Windſtoß wehte herein, draußen rauſchten Büſche und Ranken. Alles war finſter und ſtill. 8 8 „³— 710— Treten Sie hinaus, ſagte der Commandant. Wo hinaus? fragte Erich. Er blickte zögernd in die Dunkelheit. Hier iſt der Ort, wo man Sie erwartet. Fürchten Sie ſich? Er hob die Laterne ein wenig auf, plötzlich erloſch dieſe, ſtatt deſ⸗ ſen aber fuhr ein Blitz, der wie ein Bündel blauer und feuriger Schlangen aus dem Zenith des Himmels brach, nach allen Seiten durch das düſtere Gewölbe und ſchmetternd folgte ein Donnerſchlag nach, vor dem die Felſen zu zittern ſchienen. Erich fühlte ſich hinausge⸗ ſchoben; er hörte die Eiſenthür hinter ſich ächzen und zufallen und in dem Donner glaubte er ein Gelächter zu hören. Große Regentropfen ſchlugen in ſein Geſicht und zerſtäubten auf ſeiner glühenden Stirn; lautlos den Tod erwartend bewegte er ſich nicht, überzeugt, daß er im nächſten Augenblicke, durchbohrt von Kugeln und Bajonneten, niederſinken würde. Statt deſſen aber hörte er ein Geräuſch neben ſich; eine Hand faßte ſeinen Arm und verſuchte ihn fortzuführen. Schnell! murmelte eine leiſe Stimme in ſchwediſcher Sprache, bleibe dicht bei mir! Was ſoll mit mir geſchehen? Frage nicht, ſtill! Kein Wort! Am Grabenrand geht die Schild⸗ wacht, flüſterte der Führer. 1 Die Hand griff feſter um Erich's Arm, es war als drückte ſie dieſen krampfhaft zuſammen. Nach einem Weilchen führten Stufen aufwärts zu einem Palliſadenthor und durch dies über Felsboden und Gebüſch in ein ſteil abſchüſſiges Gerinn, wo der Regen plätſcherte. Mehr als einmal ſchlug der Himmel ſeine glühenden Augen auf und Erich Randal ſah dann ſeinen Begleiter in einen dunklen dicken Mantel gehüllt, eine Schifferkappe über ſeinen Kopf gezogen. Zuweilen war es, als folgten ihnen Schritte nach, zuweilen leuchtete ein weit zuckender Blitz und ließ die waldige Schlucht erkennen, aus deren Tiefe ein Brauſen kam, als tobe und brande das Meer dort unten. Zuweilen auch fuhr ein flammender Pfeil vom Himmelsbogen und bohrte ſich in ſchäumende Wogen ein, die in dichterer Finſterniß ſchnell wieder verſchwanden. Mit dem Rollen des Donners miſchte ſich dann das Toben des Windes, der durch die Schlucht jagte, über ihr die —-——— kelhett. 7 itt deſe euriger durch nach, ausge⸗ und in tropfen Stirn; er im rſinken Hand prache, Schldd⸗ ctte ſie Stufen n und ſcherte. uf und Mantel en war ckender efe ein mweilen te ſc wieder in das er die Waldbäume durchſauste und deren Aeſte brach. Ein Gefühl der Frei⸗ heit und neuer Lebensluſt erwachte in Erich Randal; er zweifelte nicht daran, daß er dem Tode entronnen ſei, wunderbare Ahndungen und Gedanken machten ſeine Schritte leicht.— Wer hat das für mich gewagt? rief er aus. Wie war das möglich? Er erhielt keine Antwort, aber in einiger Entfernung leuchtete ein Licht, und bald ſah er, daß es aus einer Fiſcherhütte kam, deren Thür offen ſtand. Jemand, der ſich daran lehnte, rief den Nahenden ent⸗ gegen: Sie ſind da? Habt ihr ihn? Ja, antwortete eine andere tiefe Stimme hinter Erich. Herein mit ihm, herein! Wahrhaftig, Couſin Erich, ich hätte nie⸗ mals geglaubt, daß ich Sie je ſo ſehnſüchtig erwarten würde. Conſtanze! rief er ſie anſtaunend. Sie haben mich befreit? Ich? Behüt mich Gott davor! Ich befreie keinen Hochverräther. Er wandte ſich um. Lindſtröm ſtand hinter ihm in ſeiner See⸗ mannsjacke und neben ihm der ſchwarze Führer. Conſtanze Gurſchin riß einen Feuerbrand vom Herde und hielt dieſen hoch empor, mit der andern Hand nahm ſie dem Fremden die Kappe ab, langes, dunkles Haar fiel auf deſſen Nacken. Mary! ſchrie Erich, meine Mary! und mit aller Liebe, die in ſeinem Herzen war, blickte er ſie an. Ein ſeliges Entzücken leuchtete aus ihren Augen. Mit ihren Küſſen fiel ein Strom heißer Tropfen auf ſein Geſicht. Fünfzehntes Kapitel. Der Bach, welcher das kleine Thal von Lomnäs durchſtrömt, bil⸗ dete eine Strecke aufwärts einen ſchönen Waſſerfall. Weißleuchtende Birkengehänge bedeckten die Waldleiſten und ſtiegen bis in den Grund des Thals hinab, der wie ein Blumenteppich anzuſehen war, ſo herr⸗ lich ſchimmerte die üppige grüne Matte. Da, wo die Berge ſich zu⸗ — 212— rückzogen und einen weiten Keſſel bildeten, ſprang der Waſſerfall von einem Felſenhange herunter und half das liebliche Panorama vollenden. Ueber dem Sturz lag eine Brücke von Birkenſtämmen und Birkenge⸗ flecht gemacht, und jenſeit derſelben, auf der Höhe zur Seite, ſtand eine Bank von Stein, mit Moos bedeckt und von tief hängenden Weiden beſchattet. Hierher begleitete Major Munk oft ſeinen kranken Sohn, denn es war deſſen Lieblingsplatz von früher Jugend an geweſen. Die Bank hatte dr gebaut, die Weiden hatte er gepflanzt, und oft hatte er hier mit dem Mädchen geſeſſen, deren Andenken ihn nimmer verlaſſen wollte. Auch heute, an dem ſchönen warmen Septembertage, war der In⸗ valide mit Magnus hinaus gewandert, und wie er ihn freundlich auf der Bank neben ſich ſitzen, auf den Waſſerfall ſchauen und in den blumigen Grund blicken ſah, wurde ſein Herz froher und leichter, denn aus jedem Lächeln ſeines armen Kindes keimten ihm Hoffnungen auf. Er ſah in das blaße, abgezehrte Geſicht, mit der Selbſttäuſchung eines Vaters, der jedes kleine, gute Zeichen glücklich zu deuten weiß. Die Augen des Knaben glänzten heut ſo lebhaft, ſeine Wangen hatten einen röthlichen Schimmer, ſein Athmen war nicht ſo oft von Huſten unter⸗ brochen. Der alte Mann hatte ſeit längerer Zeit ſeine geliebte Pfeife nicht mehr angeſteckt, weil der Rauch dem Kranken nicht gut that, heut jedoch blies er die blauen Wolken in die ſonnige Luft, und ſorgte dabei, daß ſie Magnus nicht beläſtigten. Wenn du ſo fortfährſt, mein Kind, ſagte er, wirſt du bald wieder einmal bis auf die Korpilarberge ſteigen können. Sieh doch, wie noch Alles blüht und duftet. Hab's von Vielen ſchon ſagen hören, daß unſere Matten mit ihren zahlloſen Blumen und deren balſamiſchen Duft ein Heilmittel für alle Krankheiten ſind, wie man's in der gan⸗ zen Welt nicht wieder findet; ſo daß die Finnen nicht in die Bäder nach Süden zu reiſen brauchen. Wir werden nicht reiſen, Vater, antwortete Magnus lächelnd. Gott weiß es! rief der Invalide. Ich möchte das Land meiner Vä⸗ ter nicht verlaſſen, auch das alte Haus dort nicht und meine geringe Habe; doch wenn's ſo ſein müßte, Magnus, wenn Finnland für im⸗ fall von allenden. irkenge⸗ , ſtand ngenden kranken geweſen. und oft nimmer der In— lich auf in den r, denn en auf. Feines Die einen unter⸗ Pfeife t that, ſorgte vieder „wie hören, ſniſchen 1 gan⸗ Bäder Vi⸗ eringe im⸗ — 213— W mer ein ruſſiſches Land würde, ruſſiſche Voigte unſere Herren würden, wenn wir uns dem neuen Herrn zuſchwören ſollten— Magnus legte ſeine kalte Hand auf ſeines Vaters Hände, welche in⸗ grimmig den Krückſtock faßten. Zürne nicht ſo ſehr, ſagte er ſanft, wir müſſen ſtandhaft unſer Leid tragen, wie ſo viele Tauſende es thun. Fort müſſen wir, Magnus, fort! rief der Major. So alt ich bin, ein Greis, ein Krüppel, dennoch würde ich längſt gelaufen ſein, um meinem Könige in ſeiner Noth beizuſtehen, wenn nicht— Wenn ich dich nicht hielte, fiel der Knabe ein, als der alte Soldat ſich ſchweigend über ſeinen Stock beugte. Gott hat es ſo gewollt, Vater, laß uns nicht verzagen. Wenn ich geſund werde und wenn der Krieg ein Ende hat, kommen auch wieder gute Zeiten. Gute Zeiten, wenn der Krieg ein Ende hat! murmelte der alte Mann. Haſt nichts von den Nachrichten gehört, die gekommen ſind. General Sandels iſt umringt worden, hat ſich durchſchlagen müſſen, waren Vier gegen Einen. Von allen Seiten wird er jetzt gehetzt, muß zurück aus Savolax, wieder gegen den Norden hin, und vom Meere her iſt auch nichts zu erwarten. Blut, nichts als Blut! ſagte Magnus ſeine Hände faltend. Wie viel Grauſamkeit und Elend, Vater, um ein armſeliges Stück Land. Wenn Frieden geworden iſt, wollen wir fleißig arbeiten und Gott wird uns Glück geben. Möchteſt du arbeiten und ein Ruſſe ſein?! fragte der Major grollend. Können ſie uns dern die Sonne nehmen, und dieſe Matten und die ſchönen Bäume? antwortet Magnus, ſich an ihn ſchmiegend. Ich möchte nimmer von hier gehen, Vater, möchte Lomnäs niemals verlaſſen! Weil du krank biſt, ſagte der Invalide. Sie haben dir das Herz in der Bruſt zerbrochen, aber es wird wieder heilen. Du haſt gezeigt, daß du ein Finne biſt, wirſt es ſein zu aller Zeit. Ein ſchwediſcher Offizier, den ſein König in Ehren hält. Niemals will ich Anderes ſein als ein Landmann! rief Magnus ängſtlich. Niemals wieder meinen ſchlichten Rock mit einer glänzenden Uniformevertauſchen. Hier möchte ich leben und ſterben, Vater; hier, wo ich jeden Baum kenne, wo ich alle Freude meines Lebens erlebt habe. Wohim ich ſehe, ſehe ich mich froh und glücklich in meinen Erinnerungen. Es gibt keinen Steg, kein Plätzchen, das mich nicht an alte ſchöne Zeiten erinnert, und dieſe Bank— o! wo in der großen, weiten Welt könnte ich ſie wieder finden! Der Invalide blickte den Knaben gramvoll an; ſeine Augen wur⸗ den naß. Sanft waren die Wangen des armen Kranken geröthet, und bittende Blicke begleiteten das ſeelenvolle Lächeln, welches ſein Geſicht ſo weich und ſchön machte, daß es unmöglich war, ihm zu zürnen. Lebe, mein Magnus, lebe und Gott mache dein Herz froh! ſagte der greiſe Mann gerührt. Ich wollte, du wärſt niemals von mir ge⸗ gangen, ich hätte dich nie von mir geſtoßen. Mit Heftigkeit hob er ſeinen Stock auf und ſtieß die Eiſenſpitze auf einen Stein, daß dieſer zerſprang. Die dich verrathen haben, dein junges Leben zerbrochen— o ſie, die all dies Elend verſchuldet, mag ſie Elend dafür verfolgen! Magnus drückte ſeine Hand ihm auf den Mund. Du ſollſt nicht anklagen, ſollſt nicht böſe ſein! bat er. Denke nicht mehr an ſie, murmelte der Major, träume nicht mehr von der alten Zeit. Ich ſollte nicht mehr an ſie denken? erwiederte Magnus, ſanft ihn anblickend, indem er ihn küßte. Wie wäre das möglich, Vater. Ich bin niemals allein hier, immer iſt ſie in meiner Nähe. Ich laufe mit ihr über die Berge, ſie ruft mich, hinter den Büſchen verſteckt; ich höre ihre frohe, liebe Stimme durch das Rauſchen des Waſſerfalls; ich höre ihre leiſen Schritte auf Moos und Geblätter. Ueberall kommt ſie mir entgegen, dort auf der hohen Brücke ſteht ſie und oh! was iſt das dort an der Waldecke. Großer Gott! Vater, da iſt ſie! Der Invalide hatte ſeufzend den Kopf in ſeine Hände gelegt, bei dieſem Aufrufe ſeines Sohnes hob er ihn auf und blickte verwun⸗ dert zu der Brücke und zu dem Wege empor, der über den Bau fort in eine Bergſchlucht führte. Steil anſteigend bog die Straße um die felſige Wand, und eben trat dort ein Mann hervor, der eine Dame an ſeinem Arme führte. Es war ein Offizier von hoher Geſtalt, die Dame klein, in einen Mantel gehüllt, ihr Geſicht von einer Reiſe⸗ hier, erlebt einen ht an oßen, wur⸗ und eſicht n. ſagte r ge⸗ ob er dieſer n— lgen! nicht mehr ſanft Gater. laufe feckt) jalls; ommt was bei wun⸗ Bau ktraße reine tſtal Reiſe⸗ — 715 kappe umſchloſſen. Als Magnus laut aufſchrie, wandten ſich Beide nach ihm um und ſahen von der Weghöhe hinunter auf die Bank am Waſſerfall. Des alten Mannes Kopf wurde dunkelrothy ſeine Augen traten groß und ſtarr hervor, er blickte auf ſeinen Sohn, der leichen⸗ blaß von der Bank aufgeſtanden war und zog ihn in ſeinen Arm, als wollte er ihn ſchützen. War es Traum, war es Wirklichkeit, aber dort ſtanden ſie Beide, von der Sonne beſchienen, die keine Ge⸗ ſpenſter duldet. Er wild verbrannt mit bärtigem Geſicht, trotzig und ohne Furcht vor Gott und Menſchen, ſie mit bangen Blicken, ſcham⸗ voll freudig zugleich, von Angſt und Sehnſucht ergriffen, und als der Invalide wie verſteint das Bild anſtarrte, hob ſie ihre Arme auf, und eine Stimme, die ſeine Eingeweide beben machte, drang in ſein Ohr. Vater Munk! O, lieber alter Vater Munk! rief ſie hinab, und— er wußte nicht, was er that— er ließ den Sohn los und ſtreckte ſeine Hände nach ihr aus. Wo war ſein Zorn, wo war ſein Fluch gegen ſie! Ein heißer Liebesſtrom ſchlug über ſeinen alten Kopf zu ſammen und begrub alle Qualen und Sorgen darin. Mein Kind, ſchrie er auf. Meine Louiſa! o! mein Kind! Ich komme! antwortete ſie, ich komme, Vater Munk! und es war der alte Jubelton. Da lag der Mantel am Boden, die Kappe flog von ihren Locken und von der jähen Böſchung ſprang ſie ſo leicht herunter, als känie ſie wie ehemals ſingend über die Berge, um am ſchönen Morgen zu ſehen, was der alte Vater Munk getrieben. Mit einem Freudenſchrei warf ſie ſich in ſeine Arme und hing an ſeinem Halſe mit ihren Küſſen und ihren Thränen. Serbinoff warf Mantel und Kappe in den Halbwagen, der ſo eben aus dem Walde kommend die Brücke erreichte. Mehrere Reiter, welche Hand⸗ pferde führten, begleiteten dieſen Wagen, der auf des Oberſten Befehl über die Brücke fort und dem Ausgange des Thals entgegenfuhr. Als dies geſchehen war, näherte ſich auch Serbinoff dem Major und ſeinem Sohne, und er lächelte, als er ſah, wie Magnus Louiſa's Hand zwiſchen ſeinen Händen hielt und wie leuchtend ſeine Augen auf ihr ruhten. Du mußt mich nicht ſchelten, Vater Munk, hörte er Louiſa ſagen, und auch du nicht, Magnus, auch du nicht! Ich habe euch nicht be⸗ — 716— trüben wollen, ich, konnte nicht anders. Otho wußte, was in mir vor⸗ ging, er würde mir nicht zürnen, wäre er hier. Ach! lieber Vater Munk ſieh wich nicht ſo traurig an. Mein Bruder iſt zu Gott gegangen, ich habe Niemand mehr auf Erden. Niemand als Alexei und dich und meinen Bruder Magnus. Sie legte ihren Kopf an die Bruſt des greiſen Mannes, der finſter darüber fort auf Serbinoff blickte. Major Munk, ſagte dieſer, ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie mich will⸗ *„kommen heißen, aber ich bitte Sie, Louiſa Schutz und Beiſtand zu geben. Wie theuer ſie mir iſt, darf ich Ihnen nicht verſichern. So lange ich lebe, werde ich ſie niemals verlaſſen. Soll Louiſa bei mir bleiben? fragte Munk verwundert. Ja, auf kurze Zeit. Ich darf ſie nicht länger den Gefahren und Mühſeligkeiten Preis geben, die mich umringen, und weiß keinen beſſern Zufluchtsort, als wenn ich ſie Ihnen anvertraue. Jetzt alſo, ohl murmelte der Invalide.. So lange wir am Kalaveſaſee uns vertheidigten, konnte ich Lonſſee beſchützen, fuhr Serbinoff fort. Nun iſt General Sandels geſchlagen, ſeine Schaaren haben ſich aufgelöst, verſprengte Haufen irren umher und ſuchen ſich zu retten, ehe ſie umringt und vernichtet werden. Einige Stunden von hier in den Bergen lagert das Regiment des Generals Dolgorucki, oder der Theil davon, den ich befehlige. Ich muß alle dieſe Schlupfwinkel durchſuchen, unmöglich kann Louiſa mich länger begleiten. Darum bitte ich Sie, verwahren Sie mir mein Kleinod, bis ich es zurückfordern kann. Wäs uns auch trennt, Major Munk, ich weiß Sie als Mann von Chre zu ſchätzen. Und in welchen Verhältniſſen teht Louiſa zu Ihnen? fragte Munk mit düſterer Stirn. 5 Sie ſollten dieſe Frage jetzt nicht thun, erwiederte Serbinoff. Es ſcheint mir Ihrem Charalter mehr angemeſſen, bei der Lage, in welcher Louiſa ſich befindet, ihr beizuſtehen, ohne ein Inquiſitor zu ſein. Der Major ſah ſeinen Liebling ſtreng und mit funkelnden Blicken an. Es war als mache er eine Entdeckung, die ſeinen Haß gegen den Verführer erhöhte. Und ſie iſt nicht Ihre Frau? ſchrie er. Sie haben nichts gethan, um Ihre Sünden gut zu machen? — 717— Erſchrocken bebte Louiſa zurück und floh an Serbinoff's Bruſt. Vor⸗ Laß mich bei dir bleiben, Alexei! rief ſie angſtvoll. Er verſtößt mich, Munt er verachtet mich. Nein, Vater Munk, ich bin nicht ſeine Frau; wie n, ich wäre das möglich! Aber er liebt mich und ich verlange nichts mehr. und Er wird mich ewig lieben, ewig werde ich ſein eigen ſein.* ſ des Vater, ſagte Magnus faſt unhörbar, Louiſa darf nicht von uns Major gehen, wir dürfen ſie nicht verlaſſen. will Ewig ſein Eigenthum! murmelte der greiſe Mann ingrimmig. 2 nd zu Nicht ſeine Frau, nicht ehrlich vor der Welt. Wenn deine Mutter So aufwachte, unſeliges Kind, dein Bruder es ſehen könnte! O! Vater Munk, antwortete ſie, vertrauungsvoll ihre Augen auf⸗ hebend, ich würde mich nicht fürchten. Ich würde ſagen, ich liebe ihn, n und und ſie würden mir vergeben. keinen Nein, nein! ſchrie Munk, ſie würden verzweifeln. Heiliger Gott! ſteh' ihr bei, gib ihr Licht in ihrer Blindheit. Weine nicht, Louiſa, ſagte Magnus, als er ſah, wie ihre Augen eoiſ ſich mit Thränen füllten; weine nicht, komm her zu mir. Ich bin Lonie dein Bruder Magnus und will es immer ſein. Gib ihr deine Hand, agene Vater. Haſt du nicht heut noch in deiner Bibel geleſen: Geh' nicht imher ins Gericht mit uns, mein hoher Herr! Gib ihr deine Hand, Vater! enden. man ſoll nicht von dir ſagen, du habeſt eine Flehende von deiner t des Thür geſtoßen, als ſie dich Vater nannte. Komm her, meine Schweſter, 34 komm, er liebt dich. a mich Er führte ſie die wenigen Schritte bis vor den alten Mann und mein als ſie niederkniete, deſſen Hand küßte und leiſe bebend fragte: Soll Major ich von dir gehen, Vater Muin, ach! ich habe dir ja nichts Böſes gethan, da brach dem Invaliden das Herz. Er hielt ihren Kopf in fragte beiden Händen und unter ſeinen grauen Wimpern rollten Thränen hervor. Armes Nixchen! murmelte er, armes Nirchen! du ſollſt nicht G⸗ von mir gehen. Schützen will ich dich und Gott der Herr mag ſich wilchet über uns Alle erbarmen! 5 d Seien Sie überzeugt, Majox unk, betheuerte Serbinoff, daß ich lt mit ewiger Dankbarkeit Ihnen bergelten werde. Weiſen Sie dieſe nicht den zurück, es können Zeiten kommen, wo ich Ihnen nützlich ſein kann. ufn Es geht mit Schweden für immer zu Ende in Finnland. Täuſchen — 718— Sdiee ſich nicht darüber, in wenigen Monaten wird Alles vorbei ſein, dann will ich meinen ganzen Einfluß geltend machen, Ihnen und Ihrem Sohn Dienſte zu leiſten, und will Ihnen Freund ſein, ſelbſt gegen Ihren Willen, ſo ſehr ich dies ſein kann. Ich thue nichts für Sie, ſagte der alte Soldat hart und ſtolz. Nur für Louiſa geſchieht es, dafür verlange ich keine Dankbarkeit. Doch Alles, was Sie ihr thun, thun Sie mir, erwiederte Serbinoff lächelnd. Wachen Sie über dies theure Kind, ſchützen Sie es wie ein Vater. Bald bin ich wieder da. Geh mit deinen Freunden, Louiſa, ich muß ſcheiden. In dem Wagen finden Sie eine Geldſumme, Major, wenn Louiſa Geld nöthig hat. Ich werde mehr ſenden, keine Summe iſt mir zu groß, an Nichts ſoll es ihr fehlen. Und jetzt lebe wohl, theure Louiſg, ſei ſtandhaft. Liebe mich, bete für mich, ich ſehe dich wieder. Ich ſehe dich wieder, Alexei! rief ſie, beide Arme um ihn ſchlin⸗ gend. Ich weiß es, daß ich dich wieder ſehe!— Ihre Augen glänzten in Begeiſterung, dann ließ ſie ihn los und ſah ihn freudig an. winkte mit der Hand zurück und ſprang zur Brücke hinauf, wo die Reiter hielten. Gleich daranf ſaß er im Sattel und in der nächſten Minute war er hinter der Biegung der Felſen verſchwunden. Bis dies geſchehen, ſtand Louiſa regungslos, dann aber wandte ſie ſich zu den Beiden um und rief mit der Lieblichkeit alter Zeiten: Nun bin ich dein Kind, Vater Munk, nun laß uns nach Haus gehen, mein Bruder Magnus! Sie gingen durch das Thal und Louiſa reichte Magnus ihre Hand, wie ſie es ſonſt immer gethan hatte, plauderte und fragte faſt wie in jenen ſchönen Tagen, die aus trüben Nebeln immer heller wiederkehrten. Einige Male ſtand ſie ſtill und blickte zurück; ihre Augen hefteten ſich dann auf die Felſen, hinter denen Serbinoff ver⸗ ſchwunden war, aber ſie ſprach nicht von ihm, auch nichts von der Vergangenheit, nichts von Allem, 2 ſie erlebt hatte. Niemand er⸗ innerte ſie daran; der Invalide ſo hl wie ſein Sohn übten die zar⸗ teſte Schonung. Es war jedoch als wäre Magnus nicht mehr krank. Sein Geſccht hatte eine friſchere Farbe, und er bemühte ſich, kräftiger zu ſcheinen, oder es war die Aufregung ſeiner Seele, die den Körper i ſein, en und „ſelbſt d ſtolz barkeit. erbinoff wie ein Louiſa, Major, Summe wohl, the dich ſchlin⸗ glänzten n. Er wo die nächſten wandte geiten s gehen, us igrr agte faſt er heller üre ück; Ih von der nand ek⸗ die zar br krank. kräftigen zeher 11 Körp auf ihren Flügeln fortführte. Er ſprach zu ſeiner Jugendfreundin mit ſo ſanfter Stimme, als müſſe jeder rauhe Laut ſie betrüben, und unterdrückte gewaltſam ſein Hüſteln, damit ſie nicht ſorgen und ihn bedauern möchte. So führte er ſie zu manchen ihrer Lieblingsplätze und lächelte beglückt, als ſie lebhafter ſeine Hand drückend ausrief: Es iſt noch immer ſo herrlich bei dir, wie es war. Längſt habe ich mich danach geſehnt. Ich bin gerne zu dir gekommen, lieber Magnus, und freue mich, daß ich dich gefunden habe. O! das iſt mir lieb, ſagte er leiſe; lieb auch, daß das Wetter ſo gut iſt. Alle Tage wollen wir wandern, wie wir es ſonſt gethan, fuhr fie fort. Morgen wollen wir durch den Wald bis auf die Schlangen⸗ ſteine gehen, wo man über alle Thäler und über den Pajäne fort, bis nach Laukas ſehen kann. So weit kannſt du nicht ſehen, erwiederte er noch leiſer, aber du kannſt nach Halljala hinüber und in die große Seebucht nach Louiſa ſchauen. Bei der Erwähnung von Halljala verſchwand die Freudigkeit aus ihrem Geſicht. Ich will nichts davon ſehen, Magnus, es hat ſich viel Trauriges dort zugetragen, ſagte ſie, wie von einer plötzlichen Angſt ergriffen. Aber wir wollen uns nicht betrüben; laß uns froh ſein, ſo viel wir es können. Ich will Alles thun, was dir Freude macht, liebe Louiſa. Und ich will es dir danken, antwortete ſie. Sieh, wie viele Blu⸗ men noch blühen. Weißt du wohl, wie oft wir lange Ketten daraus flochten, mit denen wir uns ſchmückten und uns umwanden. Ich weiß es, Louiſa, ich weiß es. Wirſt du lange bei uns bleiben? Lange? Oh, bis er kommt! Ich bleibe gern bei dir, lieber Magnus. Wie ſonſt wollen wir bei deinem Vater ſitzen, und er ſoll uns Ge⸗ ſchichten erzählen und ich will ihm alle meine Lieder ſingen, die er immer ſo gernf gehört hat. Jeden ſchönen Tag begleite ich dich, flüſterte er. Und wir fahren über den blauen Pajäne. Da iſt er! O! da iſt er! rief ſie jubelnd, denn eben öffnete ſich das Thal und vor ihnen lag der große ſtrahlende Waſſerſpiegel. Heimweh ſchien ſie zu ergreifen, 720 ſie ſtarrte entzückt darauf hin, und ſtreckte ihm die Arme entgegen; plötzlich küßte ſie den alten Mann und weinte leiſe. Er legte ſeine rauhen Hände auf ihren Kopf und ſagte tröſtend: Sei ruhig, mein Kind, der Pajäne wird dir Frieden bringen. Weißt du, Vater Munk, was ich damals ſang, als Erich Randal uns ſeine Gäſte brachte? Oh! wo ſind ſie alle. Frieden und Glück wohnten am Pajäne, ach! und nun— und nun— nun kehre ich allein zu ihm zurück! Seufzend blickte Munk ihr nach, wie ſie haſtig vorauseilte, bis an das Ufer des Sees, und dort von einem der Felsblöcke über die weit ruhenden Waſſer fort ſchaute. Auf ſeinen Sohn geſtützt folgte er ihr, der ſanft lächelnd ſeine Augen auf ſie richtete. Du haſt dich ſehr erhitzt und aufgeregt, ſagte der greiſe Mann. Ich fühle mich wohl, Vater. Biſt freudenvoll über dieſen Beſuch. Wird's ſo bleiben, Magnus? O, gewiß! rief er mit glänzenden Blicken. Ich will für ſie ſor⸗ gen. Jeden Kummer will ich von ihr entfernen. Durch allen Troſt, alle Liebe, Vater, die wir geben können, müſſen wir ſie abhalten, ſich trüben Gedanken zu überlaſſen. Unglückliches Kind! murmelte der alte Mann. Ich bin nicht unglücklich; nein, ich bin glücklich, wenn ich ſie froh ſehe, fiel der Knabe ein, und auch du wirſt beglückt ſein. Du wirſt nicht mehr einſam grollen und murren, dein Herz wird bei ih⸗ rem Geplauder aufgehen. Und was ſoll daraus werden. Dieſer Serbinoff; verflucht ſei ſein Name! Sprich ihn nicht aus, bat Magnus. Laß ſie niemals hören, was du von ihm denkſt. Verachteſt, haſſeſt du ihn denn nicht? fragte der Invalide ingrimmfg. Nein, ſagte Magnus. Ihre Seele hängt an ihm, feſter wie dieſe Felſen an ihrem Granitgrund. Ich haſſe ihn nicht, Vater; mag er glücklich ſein, damit ſie glücklich iſt. Nun denn, ſo erbarme ſich Gott über uns Alle! rief der Major voller Rührung, indem er ſeinen Sohn umarmte. Laß uns thun nach ſeinem Willen, er allein weiß, was gut iſt! tggegen; te ſeine , mein Randal Glück ehre ich bis an ie weit er ihr, Mann. agnus 7 ſie ſor⸗ Troſt, n, ſich ich ſie 1. Du bei ih⸗ di ſein n, was immig. je dieſe nag ei Major in nac — 721— Vor dem Hauſe hielt der Wagen, der Serbinoff gehörte, auf welchem ſich mehrere Mantelſäcke und Kiſten befanden. Die Hausleute, Frau Ulla an der Spitze, hatten ſich darum verſammelt und Alle liefen dem wieder gefundenen Fräulein entgegen und bewillkommneten Louiſa mit herzlichen Worten und freudigen Ausrufungen. Als ſie aber dann allein in der Küche waren, gab es viel geheimes Geziſchel und Kopfſchütteln. Frau Ulla ſah ſehr ernſthaft aus und ſagte der hüb⸗ ſchen Fulla, Jem's Geliebte, ins Ohr: Eine Schande bleibt es doch, und wenn ich der Major wäre, ich hätte ſie nimmer mehr ins Haus genommen. O, das arme kleine Fräulein, antwortete die mitleidige Magd. Sie lacht zwar und thut freundlich, aber wie ſonſt ſieht das liebe Geſichtchen doch nicht aus, und ihre Augen haben tiefe Ringe und es liegt etwas im Grunde, das Einem bis ins Herz geht. Wo iſt ſie denn ſo lange geweſen? flüſterte die Haushälterin. Bei ihrem ruſſiſchen Liebhaber, der hat ſie nun hier abgeſetzt. Und was kann noch Alles kommen? Wer weiß, was wir noch erleben! Fulla blickte ſie fragend an. Die Haushälterin nickte und verzerrte ihren Mund. Es könnte wohl einmal in Lomnäs Kindtaufskuchen zu backen ſein, ſagte ſie triumphirend. Was? ſchrie Fulla. Es iſt läſterlich geſagt, Frau Ulla. Aber wenn’s auch ſo wäre, ſetzte ſie nachdenkend hinzu, ich wollte doch im⸗ mer gern für ſie ſchaffen, was ich könnt'. Die Haushälterin machte ein böſes Geſicht und ſtand auf. Das ſchickt ſich für Eine, die nahe daran war, Kirchenbuße zu thun, ant⸗ wortete ſie, wie es ganz Halljala weiß, weil ein Mann aus ihrem Kammerfenſter ſprang, der dich obendrein hat ſitzen laſſen. Kun ſchweig ſtille! ſchrie Fulla. Er hat mich nicht ſitzen laſſen und wird's nimmermehr. Jem wird kommen und all dein giftig Ge⸗ rede wird zu Schanden werden. Darauf warte nur, ſagte Ulla. Es iſt keine Ehrbarkeit mehr im Lande. Der hochwürdige Propſt Ridderſtern, der nun Biſchof in Hel⸗ ſingfors geworden iſt, hat's vorher geſagt, daß ſie Alle in ihren Sün⸗ den umkommen würden. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 46 — 222— Es vergingen einige Tage, in denen ſich Magnus ſowohl, wie der Major bemühten, alle ihre Zuſagen zu erfüllen und mit liebevoller Aufmerkſamkeit um ihren Gaſt beſchäftigt waren. Früh ſchon ging Magnus mit ihr in das Thal hinaus und erfüllte ſeine Verſprechun⸗ gen, denn er begleitete ſie, wohin ſie es wünſchte. Er ſtieg mit ihr ſogar bis zu den Schlangenſteinen hinauf, weit aus dem Walde her⸗ vorragende Klippen, obwohl es ihm ſehr ſchwer wurde, aber er über⸗ wand die Mattigkeit, die ſeinen Körper plagte, und ſchien heiter, um ſeine Gefährtin heiter zu ſtimmen. Lange ſtand dieſe auf der nackten Spitze und blickte über die wal⸗ dige Kette fort, welche zu ihren Füßen nordwärts das Bett des Pa⸗ jäne begleitete, der ſich durch dieſe Berge drängt. Sie konnte bis in die großen Sümpfe ſchauen, wo einſt Arwed mit ſeiner Schweſter ſich verirrte, und jenſeits derſelben lagen andere Berge und Wälder, durch welche die Straße nach Laukas führt. Ihre Augen ſuchten umher, doch kein lebendiges Weſen war zu entdecken; einige Male glaubte ſie ferne Reiter zu erblicken, allein es war Täuſchung, und endlich ließ ſie ſich von Magnus hinunter führen, als der Wind gar zu heftig wehte. Eine eigenthümliche Traurigkeit überfiel ſie zuweilen und mitten im freundlichen Sprechen hörte ſie dann auf, ſenkte den Kopf und verlor ſich in ihre Gedanken. Ihre Hände fielen in ihren Schooß, ſie ſchien über etwas nachzuſinnen, das ihr Qualen bereitete, welche in ihren ängſtlichen Mienen und umherirrenden heißen Augen deutlich zu erkennen waren. Plötzlich ſprang ſie dann wohl auf ſah wild umher und ſchien entfliehen zu wollen; aber nach ſolchen Minuten, welche raſch vorüber gingen, kamen Stunden, in denen ſie mit Freudigkeit, wie in alter Zeit, lachte und ſcherzte. Magnus wand Kränze mit ihr und dieſe brachten ſie mit nach Haus und ſchmückten den Invaliden da⸗ mit, der mit ſeiner Pfeife in dem Gärtchen ſie erwartete oder unge⸗ duldig ihnen entgegen kam. Am Abend nahm Louiſa die Kandele und ſang ihre Lieder, und in der Ferne an der Thür ſammelte ſich das Hausgeſinde und hörte zu; oder ſie fuhr mit Magnus in den See hinaus, und der greiſe Mann ſaß ſinnend auf der Bank und hielt ein Ohr den Tönen entgegen, welche klagend hineindrangen und die wie der ebevoller en ging prechun⸗ mit ihr de her⸗ er über⸗ ter, um ie wal⸗ es Pa⸗ bis in ſter ſich „durch umher, glaubte endlich gar zu mäten pf und voß ſie che in lich zu umher welche digkelt nit ihr en da⸗ unge⸗ le und ſch das en Set hielt nd di — 223— Liebe und Hoffnung, wie die dunkle Angſt in der Tiefe ſeines Her⸗ zens vermehrten. Wenn Louiſa aber wieder bei ihm ſtand, ihre Hände um ſeinen Nacken legte, ihn anſchaute und ihm zuflüſterte: Vater Munk, liebſt du mich auch wieder? dann kam dieſe Liebe mit magi⸗ ſcher Gewalt über ihn und er nannte ſie ſein Nixchen, ſein Töchter⸗ chen, ſeine Roſe vom Pajäne, und ſchmeichelte ihr mit den zärtlichſten Namen. Und waren denn nicht Alle, die ſie ſahen, ihre Freunde? Hätte Einer ihr ein Leid thun mögen? Es wohnte nicht mehr die alte, ſchelmiſche Luſt in ihr, nicht die elfenartige Kindlichkeit, aber der Zauber dieſer Kindlichkeit war nicht von ihr gewichen; er umſchwebte noch ihr Lächeln, er lag in den milden frommen Augen, in den wei⸗ chen feinen Zügen, die der alte Mann niemals ohne Rührung be⸗ trachten konnte. Drei Tage lebte ſie bei ihm und während dieſer Zeit hatten ſie von Serbinoff nichts gehört, auch war kein anderer Beſuch gekommen, kein Kriegslärm hatte den Frieden geſtört; am vierten Tage aber brachte der Wind ein dumpfes Getöſe mit, das zuweilen ſtärker wurde, zuweilen aufhörte. Ein Bauer, der vorüber kam, ſagte aus, daß es in den Korpilaxbergen wild hergehen müſſe. Die Ruſſen ſeien hinter den Schweden und es ſei gewiß, daß dieſe nicht davon kommen könn⸗ ten, denn es wären ihrer zu viele Feinde. Thut nichts! ſchrie der Invalide kriegsluſtig. Sie werden ſich den⸗ noch durchſchlagen. Weißt du nicht, wer die Schweden anführt? General Roth ſoll er heißen und ſoll ein grimmiger Kerl ſein, berichtete der Mann, aber die Ruſſen werden von einem Prinzen an⸗ geführt, der heißt Dolgorucki; das hat mir ein Finne geſagt, der ein Ruſſe hat werden müſſen. Und von Laukas her warten ſie auf den⸗ ſelben, der dem guten Freiherrn von Randal ſein Schloß verbrannt hat. Hole ihn Satan dafür! ſchrie der Major. Serbinoff kommt! rief Louiſa freudig. Er wird leben und ſiegen! Schweig! antwortete Munk, ſie finſter anblickend. Geh hinein, Mädchen, ich will's nicht hören. Darfſt Blut und Geſchlecht nicht ver⸗ leugnen! Gott ſegne den General Roth, er gebe alle Feinde in ſeine Hände! 46* 7214.— Mit dieſem Wunſche ging er ſelbſt in ſein Haus, als aber nach einer Stunde das Schießen ſimmer heftiger wurde und ſich immer mehr zu nähern ſchien, gerieth er in große Beſorgniß, denn Magnus trat erſchrocken herein und theilte ihm mit, daß Louiſa nirgends zu finden ſei. Sechzehntes Kapitel. Von Igwaskola gegen das Wald⸗ und Felsgebiet am Pajäne ringelte ſich auf den engen Wegen eine Colonne raſch marſchirender Soldaten, die wie eine ſchwarze Schlange ausſah, deren Körper mit Stahlſchuppen bedeckt iſt. Die Sonne funkelte auf die Bajonnete, daß es weithin davon blitzte, und auf einige Reiter, welche ein Stück vorauf durch die Sumpfmätten ritten. Oberſt Serbinoff befand. ſich dort neben ſeinem Freunde Arwed, deſſen Schweſter ein Dutzend Schritte vor ihnen von dem hochwürdigen Herrn Ridderſtern begleitet wurde. Ebba ſaß auf dem ſchönen grauen Roß, welches einſt Otho’s Eigenthum geweſen, jetzt aber in den Stall des Civilgouverneurs von Tavaſteland gehörte, dem es Serbinoff geſchenkt hatte, als er in Louiſa mitnahm, was ihm gefiel. Der hochwürdige Herr ſaß behaglich auf ſeinem ſanftmüthigen Gaul, blickte aber zuweilen nachdenkend auf die klippigen Korpilarberge, die mit ihren blutrothen Steinmaſſen aus den Sonnennebeln hervortraten. Du haſt dich alſo wirklich von ihr getrennt? fragte der Baron ungläubig und leiſe den Oberſten. Ja, und auf immer, erwiederte Serbinoff. Schon als ich in Hall⸗ jala deine Schweſter wiederſah, war ich dazu entſchieden. Ihr ver⸗ ſpracht mir euren Beſuch, ich mußte Louiſa zuvörderſt fortſchaffen. Ebba durſte ſie nicht ſehen; auch konnte ſie mich nicht länger begleiten. Es war, wie ich ahne, ein höchſt rührender und trauriger Abſchied. er nach immer Nagnus nds zu Pajäne hirender ver mit onnete, Stück befand Duhend begleitt Oiſo uns bon Louiſa ſlich auf auf die aus del „ on t Bard in Hal Ihr vel tſchaffen zegleite Atſchie Nein, ein ſehr ruhiger, faſt freudiger. Ich zeigte ihr, daß ſie unmöglich länger bei mir bleiben könnte, und ſo zärtlich ihr Herz auch iſt, iſt es doch ſtark und voll unermeßlichem Vertrauen. Es wäre ſehr erfreulich, wenn alle Weiber ihr darin glichen. Weiber müſſen widerſprechen, müſſen ſich ſträuben, müſſen Launen haben, erwiderte der Oberſt, indem er Ebba betrachtete. Liebte mich deine Schweſter nur zur Hälfte ſo, wie mich das Kind liebt, ich würde glücklicher ſein; dennoch gibt es nichts, was mich mehr zu reizen vermöchte, als ihre Kälte, dieſe eiſige Ruhe, die mich jederzeit em⸗ pfinden läßt, daß ſie mich nicht liebt. Sie wird dich lieben lernen, ſagte Arwed ſpottend, wenn dich ſo ſehr nach Liebe verlangt. Es bleibt bei unſerer Verabredung. Ich gehe morgen nach Abo und nehme ſie mit. Doch hoffe ich, wir ſehen dich beut Abend noch in Halljala und— ich füge dort eure Hände zu⸗ ſammen. Serbinoff ſchwieg nachſinnend ſtill; nach einigen Minuten aber ſagte er: Was man am Morgen thun kann, ſoll man nicht bis zum Abzend aufſchieben. Was jedoch Louiſa betrifft, ſo mußt du mir dein Waßt geben, für ſie zu ſorgen. Sehr gern, erwiederte Arwed, nur muß ich wiſſen, wo du ſie ge⸗ Aaſſen haſt. Bei ihren Freunden, bei Major Munk. Wier rief der Baron erſtaunt lachend. Er hat ſie auf⸗ und an⸗ genommen? Laß es dir erzählen, fuhr Serbinoff fort. Beſuche ihn und beſuche ſie. Tröſte ſie, täuſche ſie, mache was du willſt, aber halte ſie hin! Wenn ſie endlich die Wahrheit erfährt, habe ich die Hoffnung, daß ihr Jugendfreund Magnus das beſte Mittel ſein wird, Balſam auf ihre Wunden zu legen. Großmüthiger Arzt! Auch dafür haſt du ſchon geſorgt. Sie wird ſich in ihr Schickſal finden, wie ſo viele verlaſſene Frauen ſich darin gefunden haben. Auch will ich kein Geld ſparen, will ihr Freund bleiben. 1 Ich werde Alles ordnen, ſagte Arwed, überlaſſe es mir, ſie ſoll dich nicht weiter beläſtigen. Ich denke dir bald zu melden, wie gut es — 726— 1 ihr geht, und finde Alles vortrefflich, was du gethan haſt. Der Major iſt ein alter Narr, er wird zärtlich wie ein Vater ſein. Der Junge iſt aus Sweaborg bruſtkrank und ſiech zurückgekommen, ſie können ſich gegenſeitig pflegen und endlich heirathen. Der Hof am Pajäne gehört ihr jetzt und iſt ein hübſcher Beſitz, um den ſie auch andere Leute nähmen. Ich glaube ſogar, der würdige Biſchof dort gäbe ſeinen erſt⸗ geborenen Sohn dazu her. Serbinoff ſchüttelte den Kopf. Ich habe an dem Knaben Manches gut zu machen, murmelte er. Das nennſt du gut machen! ſpottete Arwed. Aber du haſt Recht, immer noch iſt ſie gut genug für ihn, und wenn ich in Halljala wohnen werde, will ich gute Nachbarſchaft mit ihr halten. 4 4 Wann denkſt du dort zu wohnen? Sobald es angeht, ſobald das neue Schloß fertig Saſteht. Du. weißt, was in Abo geſchehen iſt, was ich vorausſah Der Phantaſt hat ſein Ende gefunden; es gibt keinen Baron vomt Hall aber einen Erben gibt es und der bin ich. Von allét d darf Ebba nichts wiſſen; es iſt Zeit genug, wenn ſiet in Abo er⸗ fährt. Halſet's Brief, den mir Ridderſtern mitbrachte, enthätt die driy⸗ gende Aufforderung, ſogleich zu kommen; ich zögerte, weil ich es für kluß halte, mich nicht meiner theuren Mary in ihren erſten Schmerza zen zu zeigen. Ich beſuchte dich alſo, nahm den Propſt mit, der olel zu erzählen wußte, und wünſche zunächſt, deine Sehnſucht zu befrie⸗ digen. Nun aber iſt es Zeit, auch an mich zu denken, und diesmal endlich gibt es kein Hinderniß mehr. Ehe der Winter kommt ſoll Hochzeit ſein, ſchreibꝗt Halſet, und Mary freut ſich dazu. Ich hebe dir Ebba getreulich auf. Nimm mein Wort! Ordne in Petersburg deine Angelegenheiten und es wird eine Doppelhochzeit, wie es Halſet immer. wollte und ich es von Herzen begehre. Täglich erwarte ich Nachrichten, erwiederte Serbinoff. Ich habe an meinen Oheim geſchrieben, ihm meine Abſichten mitgetheilt und um Verwendung bei dem Kaiſer gebeten. 7 Was geht denn da drüben an den Korpilarbergen vor! rief Herr Ridderſtern, indem er ſich auf ſeinem dicken Pferde umwandte undgein iemlich ernſthaftes Geſicht machte. . rMaſor Junge nen ſich gehört e Leute en erſt Manches Re cht, dalljala 1 t. Du zhantaſt mehr, Dingen lbo er⸗ . drin⸗ es für Schmer⸗. her olel befrie⸗ dteomal t ſoll ebe dir deine immer ſgabe an nd um j Hen ff der nd ein — 227— Rauchſäulen ſtiegen an verſchiedenen Stellen auf und kräuſelten ſich über dem Walde, aber man hörte keinen Schall, da die Entfer⸗ nung weit und die Richtung des Windes ungünſtig war. Die Jagd fängt an, wie ich denke, verſetzte Serbinoff. General Dolgorucki hat ſein Wild feſtgeſtellt. Diesmal wird uns der verzwei⸗ felte Burſche nicht entwiſchen. Seid ihr deſſen gewiß? fragte der Baron. Wir haben die ſicherſten Nachrichten. Er ſteckt in dieſen Felſen⸗ gewinden mit wenigen hundert Leuten, wie in einem Sack, denn er iſt vollſtändig umringt. Alle ſeine Bemühungen, ſich durchzuſchleichen, ſind vereitelt worden. Dolgorucki ſitzt ihm dicht an der Kehle. General Kulneff bewacht die weſtlichen Päſſe mit 3000 Mann und ich habe ſeit drei Tagen meine Reſerven in Igwaskola bereit gehalten, um mich überall hinzuwenden, bis ich heut früh, wie du weißt, plötzlich den Befehl erhielt, bis an die Pajäneberge vorzugehen, damit dieſer gefährliche General Roth nicht etwa ſich gegen den See wenden möchte. Wer iſt dieſer General Roth denm eigentlich? fragte Ebba. Ein kühner Parteigänger, antwortete Serbinoff, und wie ich ſagen muß, ein Offizier von ausgezeichnetem Talent, der uns ſeit Monaten großen Schaden gethan hat, ohne daß wir ihn ein einziges Mal er⸗ wiſchen konnten. Mit einer Handvoll Soldaten und Bauern ſtreifte er durch ganz Savolar, bis nach Nyſchlott und ins ruſſiſche Finn⸗ land. Er hat uns vielen Schaden gethan, Magazine verbrannt, Proviantcolonnen zerſtört, in unſerem Rücken die abenteuerlichſten Dinge gewagt. Ganze Detaſchements aufgehoben, Couriere gefangen, die Verbindungen unterbrochen, die Brücken zerſtört, die Wege verwü⸗ ſtet, und das Alles ohne Unterſtützung, ganz auf ſich ſelbſt angewieſen. Warum wurde er nicht unterſtützt? Weil dies tapfere Heer überhaupt nicht unterſtützt wird. Es freut mich, ſagte Ebba, daß Sie dieſe kühne Hartnäckigkeit loben. Wie ſollte ich das nicht thun? erwiederte er, indem er ſie bedeu⸗ tungsvoll anblickte. Ich bewundere jeden ſtolzen und hartnäckigen Charakter! Dieſer General Roth würde uns gezwungen haben, alle Kraft gegen ihn zu wenden, um ihn zu beſiegen, wenn man ihm eine 3 — 728— tüchtige, wohl ausgerüſtete Schaar gegeben hätte; ſtatt deſſen aber hatte er nichts als die Soldaten, welche aus Sweaborg entliefen, und Bauern, die er aufzuwiegeln wußte. Es iſt traurig, daß ſo tüchtige Generale, wie Sandels und dieſer Roth, mit ihren tapfern Männern nutzlos verbluten müſſen. Gott mag es geben, rief Ebba, daß ſie nicht in Ihre Hände fallen! Wer ſich mir ergibt, erwiederte der Oberſt lächelnd, kann ſicher ſein, daß ich alle edlen Eigenſchaften achte. Ich verſpreche Ihnen, fuhr er fort, daß ich jeden meiner tapferen Gefangenen heut ſchonen und alle ihre Wünſche erfüllen will, die ich ihnen gewähren kann. Ich bitte zu Gott, ſagte der Biſchof ängſtlich ſeufzend, daß er uns glücklich nach Halljala gelangen läßt, Alles iſt gepackt, ich bin bereit, morgen nach Helſingfors abzureiſen. Der Herr mag verhüten, daß uns ein Unheil widerfährt! Auf dieſen frommen Stoßſeufzer erfolgte keine Antwort, denn die Aufmerkſamkeit richtete ſich auf einen Reiter, der von einem der nahen Vorhügel herab ihnen entgegen kam. Es war ein Adjutant des Ge⸗ nerals Dolgorucki, der dem Oberſten einen Brief überreichte. Ich ſoll an dieſen Waldſäumen gegen das Thal von Lomnäs hin meine Stellung nehmen, nicht weiter vorgehen, murmelte Serbinoff. Aber was iſt das? Ein Schreiben des Obergenerals Barkley de Tolly an mich! Nach eeinem Blick auf das Papier, bei dem ſeine Augen feurig ſtrahlten, rief er der Colonne, die ihm nachfolgte, den Befehl zu, Halt zu machen, und folgte dann ſeinen Begleitern den Hügel hinauf. Was iſt dir Gutes widerfahren? rief ihm Arwed entgegen. Aber Serbinoff wandte ſich zu Ebba, die mit ihres Bruders Beiſtand ſo eben von ihrem Roſſe ſteigen wollte. In einem Augenblick war er neben ihr und hob ſie in ſeinen Armen herunter. Niemand ſoll Ihnen Beiſtand leiſten, ſagte er, wenn ich bei Ihnen bin, doch nie habe ich es mit den Gefühlen gethan, die mich jetzt beſeelen. Ich empfange hier ſo eben ein Schreiben aus Petersburg, fuhr er fort. Der Kaiſer hat mich zum Generalmajor ernannt. Doch das iſt es nicht, was mich ſo freudig bewegt. Mein Oheim fügt Beſſeres hinzu. Ich habe ihm meine Herzensgeheimniſſe anvertraut; er ermu⸗ en aber en, und tüchtige Nännern efallen! n ſichen en, fuhr nen und er uns m bereit, daß uns denn die er naben des Ge näs hin erbwnoff de Tolly n frurig rfehl zu hinauf⸗ n. Aber ſtand war e oll Jhnel habe ih fuhr 7 das Beſſeri r erm — 729 thigt mich, meinem Glücke zu vertrauen. Darf ich das wagen, theufe Ebba? Ich weiß nicht, was mich in der nächſten Stunde vielleicht ſchon treffen kann, aber es wäre ſüß, wenn ich ſterben müßte, erhört, geliebt zu ſterben! Ich habe keine Zeit, viele Worte zu machen. Sie wiſſen, was ich für Sie empfinde; wollen Sie mir in dieſer letzten Stunde ſagen, daß ich glücklich ſein darf. Ebba's blaſſes Geſicht blieb unbeweglich bei dieſer überraſchenden Mittheilung, aber in ihren Augen ſammelte ſich die überlegene ruhige Würde, mit der ſie ſich zu waffnen ſchien. Sie ſprechen wahr, Graf Serbinoff, erwiederte ſie ihm, die Zeit der Worte iſt für uns vorbei. Was geſchehen iſt, kann niemals aus gelöſcht werden. Ich bin geehrt durch Ihren Antrag, aber ich kann und will nicht heucheln. Hier in Gegenwart des Biſchofs, der zu viel von uns weiß, um ihm mehr verbergen zu wollen, erkläre ich Ihnen, daß ich Ihnen meine Hand reichen will, wenn Sie dieſe ſo annehmen können, wie ich ſie zu geben vermag— ohne Herz! Ich werde auch dies Herz erwerben, fiel er ein. Ich kann dem quälenden Drängen meines Bruders, der mein Hern zu ſein glaubt, nicht anders entgehen, als wenn ich Ihren Antrag annehme, fuhr ſie fort. Bedenken Sie auch das! Und das ſagen Sie mir mit ſolcher Grauſamkeit! rief Serbinoff zwiſchen Klage und Zorn ſchwankend. Ich bin Ihnen Aufrichtigkeit ſchuldig, verſetzte ſie mit feſter Stimme. Glauben Sie, daß ich jemals vergeſſen kann, was hier geſchah? Sie ſind ein ſtolzer Mann, von großem Ehrgeiz und Selbſtvertrauen, mit ſo vielen Vorzügen begabt, die Frauen ſchätzen. Wählen Sie eine Andere, die Ihnen dankbarer iſt. Ebba! fiel ihr Bruder heftig ein, lege endlich jetzt die kindiſchen Thorheiten ab. Du haſt mir verſprochen vernünftig zu ſein, und ge behrdeſt dich nun wie eine Närrin. Ich habe ihm verſprochen zu thun, was er von mir verlangt, weil ich von ſeinen Vorhaltungen mit Ekel erfüllt war, ſagte Ebba zu Serbinoff, und ich werde mein Verſprechen halten, wenn nichts Sie bewegen kann, mich aufzugeben. Aber ich wiederhole Ihnen, was ich — 730— ſagte: Wählen Sie eine Gattin, die Ihnen ein volles, freudiges Herz mitbringt. Und wo iſt denn dein Herz? fragte Arwed zornig und hohnvoll. Etwa im Paradieſe bei dem Schatten eines Seligen? War Erich da⸗ mit beglückt? O, Erich! rief ſie ihre Stimme erhebend. Ich konnte bewundernd an ihn glauben, konnte ihm vertrauen. Der Schwärmer, der in gerechter Weiſe— er konnte nicht weiter fort fahren, denn Serbinoff unterbrach ihn. Was erwarten Sie von mir, Ebba? fragte er. Was ſoll ich für Sie thun? Was Graf Serbinoff thun muß. Fordern Sie Alles, ſagte er, nur nicht, daß ich entſagen ſoll. Bei Gottes Thron! bei meiner Ehre! ich will nicht ruhen, nicht raſten, bis ich endlich auch Ihr Herz beſitze. Es wird Ihrer Hand nachfolgen, theure Ebba. Ich nehme dieſe Hand mit der Ueberzeugung, daß ich ſie keinem Andern laſſén kann, als mit meinem Leben. Und jetzt iſt es an Ihnen, hochwürdiger Herr! unterbrach ihn Arwed, den Segen über ein verlobtes Paar zu ſprechen. Merkwürdig genug, daß es hier auf einem finniſchen Hügel im offenen Felde geſchieht. Wo es geſchehen mag, antwortete Herr Ridderſtern. Gott iſt allgegenwärtig und hört das gegenſeitige Gelöbniß. Er wird dies edle Paar ſegnen und ihre Herzen mit Liebe und Treue füllen. Serbinoff hielt Ebba's Hand feſt, der Biſchof legte ſeine Hände ins Kreuz darauf und ſchickte ſich an mit frommer Salbung ein Ge⸗ löbniß zu ſprechen, als plötzlich der Schall mehrere fernen Schüſſe ihn unterbrach. Scheu und ſtotternd blickte er ſich um und zog ſich zurück. Laſſen Sie uns eilen, meine Freunde! rief er. Gott wird mit Ihnen ſein, Graf Serbinoff. Sie werden dieſe heilloſe Rotte vernichten und am Abend bei uns in Halljala ſein, wo die liebliche Braut Sie er⸗ wartet. Wollen Sie mich freundlich empfangen, Ebba? bat Serbinoff. Empfangen, wie es ſich für mich ſchickt, erwiederte ſie mit der⸗ ſelben Kälte, und kaum gelang es ihm den Sturm zu bewältigen, der in ſeinem ſtolzen Herzen tobte. Er küßte mit einem traurigen Lächeln Herz nvoll. jda⸗ dernd veiter von 731— ihre Hände und hob ſie in den Sattel, während er einen Schwur murmelte, daß er Alles vergelten wolle. Meine Pflicht zwingt mich leider zum Scheiden, ſagte er dann, doch in wenigen Stunden ſehen wir uns wieder. Haben Sie kein Abſchieds⸗ wort für mich, geliebte Ebba? Daß Gottes Wille geſchehe! antwortete ſie, indem ſie ihn verließ. Und er wird geſchehen! rief er ihr nach. In deinen Armen, grau⸗ ſames Mädchen, will ich meinen Sieg feiern. Die Reiter folgten dem Fräulein nach und bald verſchwanden ſie im Walde, wo die Straße über ſteile Hügel und zwiſchen waldbedeck⸗ ten Felswänden aufſtieg, bis ſie den Bergkamm erreicht hatte, von wo ſie jäh durch eine enge Schlucht gegen den Pajäne abfiel. Herr Rid⸗ derſtern blickte ängſtlich ſuchend zu dem wildverwachſenen Buſchwerk auf und dann noch einmal zurück, nach den Grenadieren ſeines Be⸗ ſchützers, aber er ſagte nichts, denn eine Schutzwache dieſer Infanterie konnte den Reitern nicht viel helfen. Die Straße war ihm wohl be⸗ kannt, ſie führte gerade auf Louiſa los, und vor den Buſchkleppern, die in den Korpilarbergen eingeſchloſſen waren, konnte die Beſorgniß auch nicht allzugroß ſein, denn ſie befanden ſich weit genug davon, und auf jeden Fall waren es Finnen, die Landsleuten und obenein einem geiſtlichen Herrn kein Leid thun würden. Lange Zeit ritt Arwed neben ſeiner Schweſter her, ohne ſie an⸗ zureden. Ebba ſchien ihn kaum zu beachten, denn ſie wandte ſich nicht um, als er neben ihr war, und endlich einen Verſuch machte, das gute Vernehmen herzuſtellen. Wie ſehr haſt du mich heut wieder be⸗ trübt, begann er im weichſten Tone, und auf welche Proben ſtellſt du dabei ſowohl mein brüderliches Gefühl, wie Serbinoff's Liebe. Wäre dieſe nicht ſo leidenſchaftlich, ſie müßte ihr Ende erreichen. Dann wäre uns Beiden geholfen, war ihre Antwort. Wir müſſen langmüthig ſein, ſagte er, wie ein Kind dich behandeln, das nicht einſieht, was ihm frommt. Ich bitte dich zum letztenmale, Ebba, nimm deine Vernunft zuſammen. Serbinoff iſt eine Parthie, die kein Mädchen ausſchlagen darf. Du biſt arm, haſt keine Ausſichten, was ſoll aus dir werden? Niemals das, was du aus mir machen möchteſt. — 2532— Keine Phantaſterei! Was ſoll das Gerede über dein umherirrendes Herz? Seit einiger Zeit, ſcheint es, hat deine Empfindſamkeit bedenklich zugenommen, und zwar ſeit jenem Abend, wo deine lebhafte Einbil dung dir den Streich ſpielte, den elenden Burſchen dir vorzuzaubern, der noch immer in dir ſpukt. Schweig davon, ſagte ſie vor ſich hin. Es muß ein Ende nehmen, fuhr er fort. Serbinoff weiß beſſer wie irgend Einer, was dieſer finniſche Bauer ſich einbildete, und mit welcher Verzweiflung er anſcheinend ſeine Liebe nicht erwiedert ſah. Damals warſt du ein vernünftiges Mädchen, du wählteſt Erich und unterdrückteſt deine eigene Thorheit; was ſoll Serbinoff nun wohl denken, wenn er erfährt, daß deine Beleidigungen daraus entſpringen, daß du Herzweh um einen Schatten haſt. Du irrſt, erwiederte ſie, mein Herz iſt ruhig um ihn; auch magſt du Recht haben, daß es nichts war als ein Spiel meiner Einbildung, aber dies hindert mich nicht, zu glauben, daß eine höhere Macht mir dieſen edeln Schatten ſandte. Sein gramvoller Blick antwortete dir, und ich gelobte, mich vor deinen Planen zu retten, Serbinoff aufrichtig zu ſagen, daß ich niemals ihm gehören könne. Aber es hat dir nichts geholfen! fiel er ein. Er wird ſeine Schwüre halten. Seine Ehre wird es nicht zulaſſen, mich zu zwingen. So werde ich dich zwingen! Ich! Du ſollſt wiſſen, daß ich Macht über dich habe. Du haſt mir dein Wort gegeben, dich zu fügen, und wirſt einſehen, wie unvernünftig es wäre, es jetzt brechen zu wollen. Mache mich nicht raſend, Ebba. Treibe es nicht zum Aeußerſten. Wo iſt ein Menſch, der dir Recht geben, dir beiſtehen könnte? Jeder, der es hört, muß mir helfen, dich zum Einſehen zu bringen. Ich nicht! antwortete eine helle Stimme dicht bei ihnen. Und was meinſt du, Hans, du thuſt es auch nicht. Baron Bungen ſah erſchrocken hinauf. Die Reiter befanden ſich mitten in einem Hohlwege, der zu beiden Seiten von ſteilen mooſigen Felswänden eingefaßt war, auf welchen Brombeerranken und Ginſter⸗ büſche wucherten. Auf einem platten Steine ſaß Lars Normark, ſeinen tendes enklich Linbil nubern, beſſer nd mit t ſah. ch und wohl ringen, magſt ildung, ht mir te dir, frrichtig ſeine Macht ¹, und vollen n. Wo § er, det Und en ſih woſigel ginſtel⸗ ſeinen — e Sack um den Nacken und ſeinen Hahn auf dem Knie, der ein bei⸗ ſtimmendes Gluckſen begann und freudig ſeinen Hals aufhob. O! thue ihm nichts zu Leide! rief Ebba, als ſie ſah, wie ihr Bruder ſein Roß anhielt und nach der Satteltaſche griff, während Herr Ridderſtern im harten, zornigen Tone ſagte: Iſt der Schelm auch wieder da, ſo frech und ruchlos, wie er immer geweſen! Gott behüt's, hochwürdiger Herr, Gott behüt's! antwortete Lars. Bin wieder da, ich und der Hans. Es iſt curios, Hans, daß wir im⸗ mer da waren, wo ſie uns nicht vermutheten. Komm herunter, alter Luſtigmacher, ſagte Arwed. Du ſiehſt gar⸗ ſtig aus, biſt mager geworden und haſt deinen dicken Kopf ganz ſpitz werden laſſen. Begleite uns nach Halljala, wir wollen für dich ſorgen. Bleib', Lars, und geh'! Laß ihn gehen, Arwed. Danke, Herr! antwortete der Schulmeiſter inzwiſchen. Ich und der Hans, wir lieben die Freiheit, wenn's auch magere Koſt dabei gibt. Sage es ihnen, Hans, daß du um Alles in der Welt nicht Gouver⸗ neur oder Biſchof werden möchteſt, wie fett die Moskowiter dich auch machten. Hören Sie den gottloſen Böſewicht! rief Ridderſtern. Spaßmacher! lächelte der Baron, laß dich erbitten. Gehörſt du nicht zur Geſellſchaft des tapferen Generals Roth? Was meinſt du, Hans? fragte Lars ſeinen Hahn. Gehören wir dazu. Der Hahn nickte gravitätiſch und kollerte ein vernehmliches ja. In Gottes Namen denn, Herr. Der Hans ſagt's, alſo wird's wahr ſein. Du mußt uns mehr davon erzählen, Lars. Dein General muß ein höchſt liebenswerther, merkwürdiger Herr ſein. Wie Ihr's treffen könnt, Herr. Es liebt ihn ein Jeder, wenn's kein Schuft und kein Verräther iſt. Iſt es nicht wahr, Hans? Der Hahn beſtätigte es und Baron Bungen fuhr höflich fort: So laß dich denn erbitten und ſteige ſchnell herunter. Sieh her, ich habe hier ein Mittel, das dich gewiß zum folgſamen Mann machen würde, aber du biſt viel zu gefällig, um es anwenden zu müſſen. Er ſpannte dabei den Hahn des Piſtols, das er in der Hand hielt, und — hob es gegen den Schulmeiſter auf, der ohne zu zögern von dem Geſtein hinabrutſchte und im nächſten Augenblick auf ſeinen Beinen naeben ihm ſtand. Ei, Hans! ſagte er lachend zu ſeinem Hahn, meinſt du nicht, daß der gnädige Herr zu überreden weiß. Aber wir haben es doch noch zu bedenken, Hans, ob wir's thun können. Ich hoffe, du bedenkſt nichts mehr, mein lieber Lars, verſetzte der Baron, wenn ich dich bitte, dicht bei mir und dem hochwürdigen Herrn Ridderſtern zwiſchen unſeren Pferden zu gehen, und keinen Schritt zurück zu bleiben, damit nicht etwa dies kleine Ding hier in meiner Hand zufällig losgeht und dich zu meinem größten Bedauern verletzt. Du willſt doch? Gewiß, Herr. Meinſt du nicht, Hans, wir wollen Beide; aber unſer Herr General muß es erlauben.— Dein General? fragte Arwed beunruhigt. Wo iſt dein General? Behüt's Gott, gnädiger Herr! lachte der Alte. Habt Ihr ihn noch nicht geſehen? Da ſteht er— ſeht Euch um! Baron Arwed wandte den Kopf raſch dahin, wohin der ſchwere Stock des Landſtreichers deutete. Sein Haar ſträubte ſich plötzlich auf und ein eiſiger Schauer rieſelte vom Nacken herunter durch ſein Mark, denn da ſtand unter einer ungeheuren Fichte, die ſich weit über den Weg ſtreckte, ein finniſcher Bauer im breitkrämpigen Hut und weiten Kittel. Ein Gurt war darüber geſchnallt und in dieſem ſteckte ein kurzes breites Schwert. Aber das war es nicht, was dem Baron dies Grauen bereitete, es war die Geſtalt, das Geſicht des Mannes, der, an den Baum gelehnt, ihn unbeweglich anſchaute. Und in dem Augenblick, wo er dieſe Entdeckung machte, hörte er ſeine Schweſter einen Schrei ausſtoßen. Er hörte, wie ſie den Namen des Geſpenſtes mit zitternder erlöſchender Stimme nannte; er ſah, wie ſie ihre Arme nach ihm ausſtreckte, wie in ihrem Geſicht ſich ein Entzücken malte, ſtatt des Entſetzens, das ihre erſten Bewegungen begleitete, und über das jähe Geſtein ſprang die Erſcheinung mit der elaſtiſchen Kraft und Kühnheit, welche er an dem Lebendigen ſo oft bewundert hatte. Alles war das Werk eines Augenblicks. Alle gute Geiſter! ſchrie Herr Ridderſtern zu gleicher Zeit, hebe dich fort, Satanas! n dem Beinen meinſt haben zte der Herrn Schrüt meiner erletzt. aber neral? noch hwere h auf Matk, rie er Ramen wie ſie tzücken ; und Kraft hatte⸗ ſchrit — 35— O, mein Gott, er lebt! rief Ebb der mit raſender Wuth erfüllte. Ebba! Geliebte! Ewig geliebte! hörte er die wohlbekannte Stimme antworten, und mit dem Ruf: Verrath! hölliſcher Verrath! richtete er das Piſtol gegen den verhaßten Mann. Doch indem er es abdrückte, fiel Lars Normark's Stock mit brechender Gewalt auf ſeinen Arm. Der Schuß donnerte durch den Wald, aber die Kugel zerſchmetterte an einem Stein. Ehe Arwed Bungen noch etwas für ſich thun konnte, lag er am Boden, und wie aus dieſem hervor gewachſen, war der Weg zu beiden Seiten mit bewaffneten Männern gefüllt. a in einem Ton, der ihren Bru⸗ Siebenzehntes K apitel. In Lully's Burg, mitten in den blutig rothen Granitklippen der Korpilarberge, lagerte ein Haufen ſonnverbrannter Männer von aben⸗ teuerlicher Geſtalt. Soldaten mußten es ſein, den meiſten noch eine Jacke oder einen Rock von ſchwediſcher Farbe erkennen, aber die Reſte eines ganzen Heeres vereinigten ſich darin. Der Eine war ein Jäger, der Andere ein Grenadier, der Dritte ein Artilleriſt, der Vierte ein Huſar geweſen. Lappen und Fetzen jeder Art hatten ſich von ſo verſchiedenem kriegeriſchen Staat er⸗ halten und auf den narbigen, bärtigen Geſichtern ſaß hier ein Hut, dort ein Helm, da ein ruſſiſcher Tſchako oder eine rothbeutelige Koſaken⸗ mütze. Manche Köpfe waren mit dunkelroth getränkten, ſchmutzigen Tüchern umwunden, manche Geſichter mit breiten Pflaſterſtreifen be⸗ klebt, oder ſie zeigten Wunden, welche noch zu bluten ſchienen. Es waren rauhe abgehärtete Männer, ſichtlich von Elend aller Art heim⸗ geſucht, ſichtlich von furchtbaren Anſtrengungen erſchöpft, doch aus ihren raſch rollenden Augen leuchtete noch immer ungebrochene Kühn⸗ heit und wie die Meiſten an ihren Waffen putzten und ausbeſſerten, denn man konnte an — 736— und ihre Meſſer und Säbel ſchärften, konnte man glauben, daß ſie nicht Willens ſeien, an Ergebung in ihr Schickſal zu denken. Unter der zerbrochenen Hompuseiche lag Korporal Spuf der Länge nach ausgeſtreckt und ſchien mit halb offenen Augen zu ſchlafen. Vor ihm an dem Opferſteine kniete der Feldwebel, nicht aber um zu dem Allerhalter zu beten, ſondern um in einer kleinen Pfanne mit Hilfe einiger dürren Reiſer Brodkuchen von ſehr ſchlecht ausſehendem Mehl zu backen... Der Korporal war beinahe ſchwarz gebrannt vom Wetter mit einer Zuthat von Pulverdampf und Staub, welche ſich über ſeine Haut klebten und einen dicken Ueberzug bildeten. Seine wilden gelben Haare fielen in Büſcheln darüber hin und der Feldwebel warf einige Male einen wohlgefälligen Blick auf ihn, während das eigenthümliche Grin⸗ ſen durch ſein ſpitzes, faltenreiches Geſicht lief. Er war immer noch wie er geweſen. Seine kleinen liſtigen Augen ſchauten ſpottſüchtig umher, und die kurze Oberlippe zog ſich muthwillig dicht unter die ſpitze Naſe zuſammen, als ſeine Brodkochen fertig waren und er die Pfanne dem ruhenden Korporal vorhielt, der von dem Durſt aufge⸗ weckt wurde, ohne das Labſal zu finden; denn der Feldwebel hatte die Pfanne ſchnell wieder verſteckt. Feldwebel! brummte Spuf, indem er ſich auf die andere Seite warf, du biſt der dummſte General, der mir jemals vorgekommen iſt. Pfui, Spuf! antwortetete der Feldwebel. Wie kannſt du dich un⸗ terſtehen, deinen General dumm zu nennen, den die Ruſſen für über⸗ mäßig klug halten. Und wie kannſt du mich für den Allerdummſten erklären, da es doch ſo viele erhabene Beiſpiele von Dummheit auf Erden gibt.. Du biſt der Dummſte, wiederholte Spuf hartnäckig, und ich will dir ſagen warum. gazine zurück. Du aber ziehſt dich nicht zurück, ſondern— Ol ſieben und ſiebenzig Schock Tonnen! ſchrie er, ſich aufrichtend und die Haar⸗ ſträhnen von ſeinem Geſicht ſchleudernd, wärſt du nicht ſo zähe wie Sohlleder, ſo machte ich auf der Stelle den Antrag. Kriegsgericht zu halten und dich zu ſchlachten. Die Anderen ziehen ſich bei Zeiten auf ihre Ma⸗ ——-- 6 ſe Länge . Vor zu dem Hilfe 1 Mehl ter mit e Haut n Haate e Male e Grin ner noch ſthüc nter die er die aufge el hatte re Seite umen iſ dich un ir über umnſten thit u wic vll inr M 9 ſeh nie Hi zaͤt i geich 1 — 737— Elender Korporal! erwiederte Roth, iſt das der Dank, daß ich deine klappernden Gebeine in dies liebliche Thal in Sicherheit brachte. Iſt das etwa eine Sicherheit, Schatten von einem Feldwebel! ſchrie Spuf. Kannſt du Steine in Brod verwandeln? dies nichtswürdige Waſſer zu ſtärkendem Trank machen? Nein, Korporal Spuf, ſagte der Feldwebel würdevoll, ich bin ein guter Chriſt, kein finniſcher Hexenmeiſter; allein ich habe Gott und Gottes Sohn gebeten, uns zu helfen, und die Mutter Gottes iſt mir erſchienen und hat mir ins Ohr geſagt, daß heut Abend noch volle, ſchöne Fleiſchtöpfe und herrliche Kuchen, ſammt ganzer Fäſſer voll Meth und Branntwein, ſüß und feurig, uns laben ſollen. Feldwebel! ſagte Spuf mit der Zunge ſchnalzend, mir gehen die Augen vor Wonne über. Was hat dir die Gottesmutter geſagt? Schlagt die Ruſſen todt, ſagte ſie, oder laßt euch todt ſchlagen. In beiden Fällen wird Spuf nicht mehr über Hunger und Durſt ſchreien. Biſt ein einzig kluger Feldwebel! ſchrie Spuf, aber ich habe auch dergleichen geträumt. Die Mutter Gottes brummte mir ins Ohr: Zieht dem elenden Feldwebel die Haut ab und ſpannt dieſen über eine Trommel, ſo laufen alle Ruſſen davon. Kannſt du t a Nein, Korporal, ſagte der Feldwebe noch andere Dinge. Geh den tapferen Spuf damit ten. Wo ſein langes B ſelbſt daran ſpießen. O, Feldwebel! rief Spuf mit beiden Armen nach der Pfanne langend. Sind es friſch gebackene fette Kuchen? Gieb ſie her und dann laß die Ruſſen kommen, Korporal Spuf wird ihnen alle deine Wunder erklären. l ſanftmüthig, mir ſagte ſie hin, ſagte ſie, nimm dieſe Kuchen und ſtärke ſo wird er Wunder der Tapferkeit verrich⸗ ajonnet ſich heut zeigt, werden die Ruſſen ſich 7 Ein Soldat kam ſoeben eilig gelaufen und meldete, daß ein ruſſi⸗ ſcher Offizier, der an einen Tannenzweig ein weißes Tuch gebunden habe, ſich bei den Vorpoſten befinde. Bringt ihn her, den Moskowiter! ſchrie Spuf, ich will ihm gleich zuerſt meinen Segen geben. Was verlangt er denn? fragte der Feldwebel? Er will den General Roth ſprechen, ſagte der Soldat. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 47 738— Verſteht ihn denn ein ehrlicher Kerl? fragte der Feldwebel. Kann er denn ſeinen Mund gut finniſch oder ſchwediſch aufthun? Ja, Herr, und ſieht aus, als wäre er ein Chriſt.. So bringt ihn herauf, antwortete der Feldwebel. Heda, Korporal Spuf! Hier! ſchrie der Korporal, der den letzten Kuchen verſchlang. Laß alle unſere Leute ſich verbergen. Keiner darf ſich ſehen laſ⸗ ſen. Ich will mit dieſem Nuſſen allein ſein. Zu Befehl, Feldwebel oder General! ſchrie Spuf, indem er ſich militäriſch umdrehte. In wenigen Minuten hatte ſich der Anblick des Felſenthals ver⸗ andert. Geräuſchlos verſchwanden die lagernden Soldatenhaufen in den Grotten und Büſchen und nichts war von ihrer Anweſenheit zu bemerken. Das Thal war ſo ſtill und friedlich, als wäre es eine der glücklichen Inſeln im Weltmeere. Der Bach murmelte klar und leiſe; Gras und Blumen bewegte der ſanfte Morgenwind und wie ein Opferprieſter Jumala's ſtand der dürre Feldwebel nachſinnend vor dem Stein, unter welchem er ſeine Pfanne und zerſtreut umherliegenden Geräthe verbarg. Um ſeine Schulter warf er dann eine Art Mantel, mit welchem er ſeinen zerfetzten Rock bedeckte und in ſein Geſicht drückte er einen Federhut mit verwetterter Goldtreſſe, der einſt einem Offizier gehört hatte. So ging er dem ruſſiſchen Parlamentair ent⸗ gegen, welcher, von einigen Soldaten begleitet, ſich ihm näherte und jedenfalls beſaß er in Schritt und Geberden mehr Anſtand und Würde, als er je in ſeinen Späſſen mit Korporal Spuf gezeigt hatte. Er begrüßte den ruſſiſchen Offizier mit ſoldatiſcher Höflichkeit, die dem höflichen Benehmen deſſelben nichts nachgab. Sie ſind der General Roth, mein Herx, ſagte der Ruſſe in ſchwe diſcher Sprache. Mein Name iſt Roth, erwiederte der Feldwebel. Ich freue mich, einen ſo taferen und ausgezeichneten Offizter kennen zu lernen und ihm meine Aufträge zu überbringen. Wer gab Ihnen dieſe Aufträge? fragte Roth. Der commandirende General Dolgoruckt. 2 Und worin beſtehen dieſelben? Kann wie ein vor dem — 739— Mein Herr, ſagte der ruſſiſche Offizier, General Dolgorucki kennt Ihre Lage ganz genau. Sie haben Alles gethan, was ein tapferer Mann thun kann, allein Sie find umringt, von allen Hilfsmitteln ent⸗ blößt. Es iſt unmöglich, daß Sie uns entkommen können. Was meint alſo der General Dolgorucki? Daß Sie ihm vertrauen und unnützes Blutvergießen vermeiden mögen. Strecken Sie die Waffen, General, er bietet Ihnen die beſten Bedingungen. Kriegsgefangen müſſen Sie bleiben, in allem Uebrigen aber ſoll Ihnen Alles, was Sie fordern, bewilligt werden. Sie ſind ſehr freigebig, Prinz Dolgorucki, ſagte Roth, indem er ſich verbeugte. Der ruſſiſche Offizier ſchien einen Augenblick überraſcht zu ſein, aber er faßte ſich ſogleich. Lächelnd ſtreckte er ſeine Hand aus und ſein jugendlich ſchönes Geſicht erhielt einen äußerſt gewinnenden, herz⸗ lichen Ausdruck. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie mich kennten, ſagte er, würde ich meine Epauletten nicht abgenommen haben. Ja, mein Herr, ich bin ſelbſt gekommen, ich ganz allein Ihrer Ehre vertrauend, zum wo möglich Frieden zwiſchen uns zu ſchließen, und damit Sie ſehen, daß ich es aufrichtig meine, will ich Ihnen geſtehen, daß ich weiß, Sie ſind der Feldwebel Roth. Richtig, verſetzte Roth, mehr ſteckt nicht unter meinem Treſſenhut. Es ſteckt ein Kopf darunter, ſagte Dolgorucki lebhaft, der mehr werth iſt, als die meiſten eurer Generalsköpfe. Sachte, ſachte, ſagte der Feldwebel, in ſeiner Art grinſend. Bieten Sie mir nichts, gnädiger Herr, denn ich bin weder ein Admiral noch ein General, ſondern eben nur ein Feldwebel. Ich biete Ihnen nichts, Herr Roth, ſagte der junge Fürſt, denn ihh verachte alle Beſtechung. Meine Sache iſt es nicht, Verräther zu wachen. Wir ſind Beide ehrliche Soldaten und wollen es bleiben. Der Teufel hole dieſen Krieg! aber er iſt da und ich bin ein Gene— tal meines Kaiſers. Ich 2 tüchtige Männer, mag ſie nicht zu Lode hetzen, mag ſie nicht zur Verzweiflung bringen. Rettung iſt nir⸗ gns mehr für Sie. General Sandels iſt bis Kajana zurückgewor⸗ 47* in; Sie ſind gänzlich abgeſchnitten, dabei ohne Lebensmittel, ſelbſt„ ———O—;—;—P—— — 740 ohne Pulver und Blei, haben wenige hundert verſchmachtende Leute noch auf den Beinen. Ergebt euch alſo und nehmt Pardon an. Gerne, ſehr gerne! antwortete der Feldwebel mit vieler Sanftmuth. Ich bin ſo friedlich geſinnt wie Sie, mein General, doch hören wir wie meine Kameraden darüber denken. Korporal Spuf! rief er gegen die überhängenden Felſen hin. Hier! antwortete der Korporal, indem er aus einer der tiefen Grotten trat, und als er in der Nähe war, ſein Gewehr präſentirte. Als er den Prinzen anblickte, faßte dieſer unwillkürlich nach ſeiner Seite, denn Spuf's Augen hatten etwas von dem wilden Feuer, mit dem ein Raubthier ſeine Beute betrachtet. Korporal Spuf, ſagte der Feldwebel, willſt du dich ergeben? Ich glaub's nicht, brummte Spuf. Oho! ſieben und ſiebenzig Schock verdammter— hier hielt er plötzlich inne und ſagte im Tone der Subordination: Das Regiment Björneborg hat ſich noch niemals erge⸗ ben, General. Haben wir Pulver, Korporal? Vollauf, Herr. Kugeln? Kugeln, Knöpfe und Steine. Und Brod, Korporal Spuf. Brod und Fleiſch viele Karren voll. Strenge dich nicht an, Freund, antwortete Dolgorucki. Mancher Tag iſt vergangen, wo du kein Fleiſch geſehen haſt. Ergebt euch und ich will euch Brod und Speiſe geben. Wollt ihr nicht, ſo kann ich allenfalls bis morgen warten, dann wird der Hunger euch dazu zwingen. Moskowiter! murmelte der Korporal, wahre dein eigen Fleiſch und Blut. Dolgorucki hatte ihn verſtanden. Er ſah ihn mitleidig an. Dürſteſt du ſo ſehr nach meinem Blute, ſagte er, laß dich nicht danach gelüſten. Blickt von dieſem Felſenneſt in die Thäler hinab, da iſt kein Aus⸗ gang für euch. Meine Krieger ſind überall. Ich gebe euch drei Stunden Zeit, die weiße Fahne aufzuſtecken, weil ich euer Leben ret⸗ ten möchte. tende Leute an. Sanftmuth. hören wir ſer gegen präſentirte. nach ſeiner Mancher Ind euch und kann ich uch dazu eu . d Jleiſ U 1 rette vor, wer nicht will, bleibe ſtehen. — 741 Du ſollſt es erfahren, daß wir leben, brummte Spuf. Wir wollen es bedenken, mein gnädiger Herr, ſagte Roth, der die Hand an ſeinen Treſſenhut legte. Nehmen Sie inzwiſchen meinen Dank für ihre Menſchlichkeit. Sie ſollten nicht zögern, ſollten mich begleiten. Ich muß thun, was Ehre und Pflicht gebieten, entgegnete der Feldwebel. Wir ſind verlaſſene Leute, ich weiß es, daß Sie Recht haben. Mancher General, mancher Oberſt hat ſein Vaterland vergeſ⸗ ſen und verrathen, wir müſſen's gut machen vor Goit und Welt. Laſſen Sie uns berathen, ob wir mit gutem Gewiſſen ſagen können: da liegen unſere Waffen, nehmt ſie. Der lange dürre Mann ſprach mit ſolcher feſten Würdigkeit, daß der Prinz ihm freundlich zunickte und ſagte: So mag es ſein. Berathen Sie, und wer binnen drei Stunden ohne Waffen zu uns kommt, ſoll als Freund aufgenommen werden. Ich hoffe, Sie kommen zu mir, Herr Roth. Ich denke auch, erwiederte der Feldwebel. Und bald, fügte er leiſe hinzu. 5 Kaum hatte Dolgorucki ſich entfernt, als der Feldwebel die Blut⸗ ſteine hinaufkletterte und auf einer der höchſten Spitzen liegend, eine kurze Zeit lang in die Thäler hinabſchaute. Eben ſo ſchnell und ge⸗ wandt kehrte er zurück und währenddeſſen hatten ſich ſein ganzer Streit⸗ haufen um den Opferſtein geſammelt. Seine kleinen funkelnden Augen ſchienen die Männer zu muſtern, die ſich in Linien reihten und richte⸗ ten und deren Geſichter an ihm mit dem Ausdruck unerſchütterlichen Vertrauens hingen, voll furchtloſer Sicherheit, bereit, ihm blindlings zu folgen. Der Feldwebel ſchien auch ein anderes Weſen zu ſein, ſo ſtolz aufgerichtet ſtand er vor dem Haufen; keine Spur leichtfertiger Luſt in dem blaſſen Geſicht und doch ein Ausdruck von Unbeſorgtheit darin, ein liſtiges muthiges Lächeln in den Mundwinkeln, männliches Selbſt⸗ ... vertrauen in ſeinen Blicken. Kameraden, ſagte er, es kommt darauf an, ob ihr es noch einmal mit mir verſuchen wollt. Wer es nicht will, der Imag zu den Nuſſen hinuntergehen. Sie werden jeden gut aufnehmen, ihn weder ausplündern noch mißhandeln. Wer's annehmen will, der 1 — 742— Gut, fuhr er fort, als Keiner vortrat, ſo wollen wir ſuchen ein Loch in ihren Sack zu machen. Ich denke es ſoll ſo groß ſein, daß weder Zwirn noch Nadel hinreicht, ihn bald wieder auszuflicken. Ihr wißt, daß Otho Waimon ſich in der Nacht ſchon mit ſeinen Bauern in den Wald von Lomnäs durchgeſchlichen hat. Faſſen wir die Moskowiter bei den Ohren, ſpringt er ihnen ins Genick. Fangen wollen wir, die uns fangen wollen; wie freie finniſche Männer wollen wir leben und ſterben. Und dazu iſt es eben Zeit! rief er mit ſeinem eigen⸗ thümlichen Grinſen und ſeine Augen blitzten wie Sterne. Ich habe dem ruſſiſchen Offizier verſprochen in ſein Lager zu kommen und euch mitzubringen. Nehmt's Gewehr auf, Kameraden, wir wollen ſo geſchwind da ſein, wie er ſelbſt. Hierauf gab er ſeine Befehle kurz und beſtimmt, und nach wenigen Minuten kroch die ganze Schaar über den Blutſteinklippen fort bis wo zwei jäh abfallende Granitlager einen faſt ſenkrechten Sturz bil⸗ deten. Das Regenwaſſer vieler Jahre hatte aber ein Gerinne hier ausgewaſchen, und Männer, an große Gefahren gewöhnt, konnten wohl hinabzuſteigen wagen. Bah! ſagte ihr Anführer, als die Vorderſten zögerten, es iſt nicht ſolche Mäuſefalle, wie die Ruſſen meinen, aber einen andern Weg gibt es nicht. Lars Normark kannte ihn allein, und was Bauern thun, werden Soldaten auch wohl können. Nur vor dem Korporal Spuf iſt mir bange. Spuf gab keine Antwort; er ſah ernſthaft in die Tiefe, ſtemmte dann ſeine kurzen Beine feſt und war der Erſte voran. Sie folgten Alle nach, und obwohl der Fehltritt eines Unvorſichtigen oder Schwin⸗ delnden die ganze Kette hinabgeſtürzt hätte, kamen ſie Alle wohlbe⸗ halten unten an. Dann verſchwand der ganze Haufen ſchnell und ſpur⸗ los zwiſchen Gebüſch und Schutthaufen und kein fremdartiger Ton ſchallte aus dem Wald, auf welchen die Morgenſonne ſchien, kein Staub wirbelte auf, keine menſchliche Geſtalt konnte von den nackten Hügeln bemerkt werden, hinter denen die Ruſſen lagerten und auf welchen ihre Wachtpoſten ſtanden. Plötzlich aber zog ein wildes Geſchrei über die Thäler und mit ihm zugleich fielen die ruſſiſchen Poſten, von Kugeln durchbohrt. Alle ichen ein ein, daß Ihr wißt, min den sskowiter wir, di ür leben m eigen Ich habe und euch e ſchwind wenige Steine wurden lebendig, aus allen Büſchen und Löchern ſprangen blutdürſtende, ingrimmige Männer. In drei Schaaren getheilt und von drei verſchiedenen Seiten liefen die Finnen auf ihre Feinde, und gar nicht lange dauerte es, ſo ſah man Flüchtlinge, die nach der freien vierten Seite liefen. Der Ueberfall war ſo gut gelungen, daß die Ruſſen von einem abergläubiſchen Schrecken ergriffen wurden ſei vom Himn Ihre Gegner ſchienen aus der Erde gewachſen zu ſein oder v zu fallen, und vergebens waren alle Bemühungen der ruſſiſche General ſich in da ziere, vergebens war es, daß der junge tapfere dichteſte Gewühl warf und einige der Fliehenden niederſtieß. Er mit dem Strome fortgeriſſen und dieſer ließ ſich nicht mehr halten als plötzlich auch im Rücken der Weichenden Schüſſe fielen Bald ſchien das Gefecht vollſtändig verloren und nahe daran, in allgemeine regelloſe Flucht ſich aufzulöſen, allein nicht nur waren die rern, dieſen wurde Ruſſen zähe und geübte Krieger, welche, gehorſam ihren F noch immer folgten, als ſie raſcher und immer raſcher fliehend ſich da und dort noch einmal wandten, um ſich zu vertheidigen; ihr Muth enkam wurde noch mehr erfriſcht, als Serbinoff's Schaar ihnen entgeg und ſie unterſtützte. Serbinoff ſelbſt ſuchte an der Spitze ſeiner Gre nadiere dem hartbedrängten General Luft zu machen und durch einen 5 Bajonnetangriff die Finnen zurückzutreiben; allein nie war die Lage der Angegriffenen ungünſtiger. Der Boden ſenkte ſich gegen das Thal von Lomnäs. Von beiden Seiten ſtiegen ſteile Höhen auf, welche finniſche Schützen beſetzt hielten, ken dienten und denen große Baume und Felsſtücke zu ſicheren Ver von der Höhe hinab gegen den Engpaß, hinter welchem der fall und die Brücke lagen, ſtürmte jetzt ein Haufen wildſchreiender Männer in weißen Kitteln und breit krämpigen Bauern rhüten, der un Jaſſer aufhaltſam über Sterbende und Todte forteilte. er Wolke Pulverdampf ſtarrten geſchwärzte und blutige C r; wie der grin mige Schlachtengott der Heiden ſah Korporal Spuf's furchtbarer Kop daraus hervor, und mitten aus dem feuerſpeienden Knäuel, aus dem Geſchrei und dem Donner, welche den Zuſammenſtoß der Kämpfenden begleiteten, ließen ſich die ſchrillende Töne einer O den Hörnern und Trommeln der Ruſſen zu antworten ſchien. m Die beiden ruſſiſchen Anführer befanden ſich in dieſem Augenblick voran in den Reihen ihrer Streiter, die ſie durch ihren Zuruf er⸗ munterten und durch ihr Beiſpiel zur tapferſten Gegenwehr entflamm⸗ ten. Sie ſahen die Gefahr, welche ihnen drohte, wenn es den Finnen gelang, ſie die Höhe hinab in das Thal und gegen das Seeufer zu treiben. Jetzt galt es die äußerſte Anſtrengung, um den Bach und die Brücke zu behaupten, den Feind zurückzuwerfen und ihn zu zerſtreuen. Trotz aller Nachtheile und aller Verluſte waren ihre Schaaren noch mehr als doppelt ſo ſtark wie die ihrer Dränger; gelang es, dieſe in die Wälder zu jagen, ſo war der Weg nach Norden verſperrt und bald genug konnte der Schaden gut gemacht werden. Prinz Dolgorucki ſaß auf einem türkiſchen Schimmel, der bezaubert ſchien, denn keine Kugel hatte ihn treffen können, Serbinoff hielt die Fahne des Regi⸗ ments, die er dem ſterbenden Fahnenträger entriſſen, hoch in die Luft und ſchwang in ſeiner Rechten den Säbel. Hinter beiden Gene⸗ ralen ſchritten die Grenadiere in dichten, tiefen Reihen, die Bajonnete gefällt. Unbekümmert um die Kugeln, welche von den Höhen her⸗ unter ſie zu Boden ſtreckten, ſtürzten ſie ſich auf ihre Feinde. Viele ſahen, wie ein furchtbares Geſicht dicht vor ihrem vielgeliebten Prinzen auftauchte. Sie ſahen, wie der Schimmel ſich hoch aufbäumte, wie die Klinge des jungen Generals auf den ſchwarzen Kopf des finniſchen Teufels niederfuhr, dann verſchwand Alles in der Wolke von Pulver⸗ dampf und in dem wilden blutigen Ringen, das ſie verbarg. Verworrenes Geſchrei, zuſammenſchlagende Waffen, dumpfe Schläge der hochgeſchwungenen Säbel und Gewehre, einzelne Schüſſe, deren rothe Blitze durch den Dampf fuhren und Laute des Entſetzens, der Raſerei, der Schmerzen und der Verzweiflung füllten die nächſten Minuten, aber es war gewiß, daß die Ruſſen vorwärts drangen. Mir nach, meine Grenadiere, ſie fliehen! ſchrie Serbinoff. Es lebe der Kaiſer! Es lebe der Kaiſer! antworteten ſeine Krieger, und mit doppeltem Muthe folgten ſie ihrem kühnen Führer, der im nächſten Augenblicke die Fahne einem Offizier zuwarf, den er in ſeiner Nähe ſah und dann ſo verwegen in das Gewühl ſtürzte, als erblickte er dort einen Gegner, der ihn beſonders aufreizte. Da ſtand an der Bergſeite ein N reuen. noch eſe in und — 745— alter wunderlicher Kerl, der ſtatt zu fechten mit ſeiner Pickelflöte den Lärm vermehrte, und auf ſeiner Schulter ſaß ein lebendiges Ge⸗ ſchöpf, ein Hahn, der ein grimmiges Geſchrei erhob, als er Serbinoff erblickte.. Weißhaariger Schurke, ſchrie der Oberſt, du bläst deinen Marſch fürs Todtenreich! Er ſchwang den Säbel. Der Hahn flog ihm wüthend entgegen 7 und kollerte blutig getroffen nieder. Ohne inne zu halten, gellten die Töne der Pfeife weiter, allein im nächſten Augenblick ſtürzte der Pfeifer nieder über Pfeife und Hahn. Ein grimmiges Lachen verzerrte Serbinoff's Geſicht. Lars Nor⸗ mark lag zu ſeinen Füßen und mit einer letzten Anſtrengung brachte er einen ſchrillenden, klagenden Ton aus ſeinem zerſpaltenen Inſtru⸗ ment hervor. Hut und Wollmütze waren von ſeinem Kopf gefallen, und über ſeinem nackten Schädel funkelte noch einmal Serbinoff's Schwert, als eine andere Klinge den Hieb zur Seite ſchlug. Ein Windſtoß trieb eben jetzt den Pulverdampf fort und Sonnen⸗ ſchein beleuchtete den Kampfplatz. Von der Höhe herunter ſahen die Ruſſen eine neue Feindesſchaar, die finniſchen Schützen, ſpringen, einen langen, dürren Mann voran, deſſen Schattengeſtalt und Federhut ſie mit größerem Grauen erfüllte, als die Bajonnette ſeiner Soldaten. Das war der ſchreckliche General Roth! Sie hörten ſeinen Namen rufen, ſahen wie ihre Feinde ihm entgegenjubelten und eben jetzt, wo es am höchſten Noth that, daß ihr General ſie begeiſtere, ſahen ſie dieſen beben, zurückweichen und fliehen. Denn eben jene Hand, die den Pfeifer ſchirmte, jener Mann in finniſcher Bauerntracht, den der wimmernde Ton der Pfeife herbei⸗ gelockt hatte, ſchien Serbinoff zu einem Feigling zu machen. Er blickte ihn eine Minute lang entſetzt an, wie man ein über⸗ natürliches Weſen anblickt, in deſſen ſchrecklicher Nähe der Muthigſte verzagt. Halt ein! ſchrie Otho ihm zu. Gieb Rechenſchaft. Otho! murmelte Serbinoff, indem er weiter zurückwich. Gieb Rechenſchaft! wiederholte der Finne mit furchtbarer Stimme. Wo haſt du meine Schweſter gelaſſen?: — 746— Du lebſt, ſagte Serbinoff verwirrt. Lebſt du? Ich lebe! Wo haſt du meine Schweſter gelaſſen? Ohne Antwort zu geben wandte ſich Serbinoff um und wollte ſich entfernen. Sein Geſicht war blutlos; zum erſtenmal in ſeinem Leben fühlte er ſich von einer Furcht überwältigt, der er nicht wider⸗ ſtehen konnte. Elender! ſchrie Otho ihm nacheilend, du entkommſt mir nicht. Sieh dort hinauf. Da ſteht Ebba, die ich von dir befreite. Wo iſt meine Schweſter? Serbinoff blickte zu der Felshöhe empor. Ebba Bungen ſtand auf dem Gipfel. Auch ihren Bruder und den Prieſter Ridderſtern glaubte er zu erkennen. Sein Schwert vor ſich ausſtreckend ſtand er ſtill, ein dämoniſcher Blick voll Haß und Hohn ſiel auf Otho. Zum Teufel mit dir! ſchrie er dann, Räuber! und plötzlich von dem Alp der bleichen Furcht befreit, der ihn belaſtete, blitzten ſeine Augen mit der alten Kühnheit. Seine hohe Geſtalt richtete ſich auf. Die Adern und Muskeln an ſeiner Stirn füllten und wölbten ſich und mit blitzartiger Schnelle und Gewalt führte er einen Streich gegen ſeinen Feind, der dem Tode nicht entgangen ſein würde, wenn er weniger gewandt und weniger auf ſeiner Hut geweſen wäre. Aber mit einer Wendung entzog ſich Otho der Gefahr, und nun begann einer jener merkwürdigen Zweikämpfe, wie ſie alte Geſchichtſchreiber aus den romantiſchen Zeiten der Kreuzfahrer und des früheſten Völkerlebens melden. Das Gefecht hatte aufgehört. Die Ruſſen ſtanden in einem Halbkreis, ihnen gegenüber die Finnen und Schweden, auf dem freien Raum zwiſchen ihnen aber die beiden Männer, an deren Sieg oder Tod jetzt die Entſcheidung hing. Die ſteilen Hügel umher bildeten einen Felskeſſel, aus welchem allein eine ſchmale Schlucht zu der Brücke hinabführte, und ſo ſtill war es einige Minuten lang, daß das Rauſchen und Donnern des Waſſerfalls deutlich gehört wurde. Der weißleuchtende Birkenwald, welcher alle dieſe Höhen bedeckte, war von Sonnenſcheiu übergoſſen, über ihm hing der blaue, wolkenloſe Herbſthimmel in wunderbarer Klarheit; einige rothe nackte Klippen, die jäh und ſpitz aus dieſem ſaftigen Waldesgrün in die duftige Bläue ſtiegen, vermehrten den maleriſchen Reiz der Landſchaft. c von ſein h auf 834 n ſich treich un meiner Als Otho Waimon dem plötzlichen Anfalle Serbinoff's glücklich entgangen war, der mit einem Male Alles zu beenden dachte, vergalt er dies nicht ſogleich. Ein raſcher Sprung zur Seite hatte ihn ge rettet, und einige Augenblicke lang blieb er ſtehen, als ſuche er ſeine Kraft und ſeine Ruhe zu ſammeln. Er kannte den Gegner, mit dem er zu thun hatte, kannte deſſen Stärke und deſſen Kunſt, ſein ſcharfes Auge und ſeinen unermüdlichen Arm; er wußte, daß er verloren ſein würde, wenn er, von ſeinem Zorne hingeriſſen, ihm eine einzige Blöße böte. Serbinoff's Säbel war von vorzüglicher Güte, ſein eigenes Schwert dagegen ein altſchwediſcher Pallaſch, breit mit ſchräg ab laufender Spitze, roſtig und ſch artig, doch von dem guten Dannemora ſtahl gemacht, der den ſchwediſchen Soldaten ſo oft ihre Uebermacht ſicherte und fremdländiſche Waffen verachten half.— Indem Otho dies Alles bedachte, flogen ſeine geſchwinden Blicke zu dem Felsgipfel hinauf, auf welchem Ebba Bungen ſtand und auf ihn herunterſchaute Das war der Preis, um den er kämpſen ſollte. Ein weißes Tuch wehte in ihrer Hand, ein Hoffnungszeichen, das ihm galt. Mit ſeinem Leben mußte er um ſie werben, ſie frei machen, den Weg öffnen, der zur Freiheit führte. Und dieſer Mann, der ihn ſo ſchmachvoll betrogen hatte, ſtand zwiſchen ihm und ihr. Ein Schr nerz alter Erinnerungen war noch in ihm geweſen, plötzlich aber erhielt ſein Geſicht den furcht⸗ baren Ausdruck unerbittlicher Rachgier. Mit einem jener Zauberſchläge, die eines Menſchen Kopf und Herz mit Allem, was er erlebt und erfahren, füllen, gedachte er, was dieſer Mann an ihm gethan und wie er eben jetzt erſt verrätheriſch nach ſeinem Blute gedürſtet. Er dachte an ſeine Schweſter; Wuth lief durch ſein Hirn und füllte ſeine Adern. Louiſa! rief er, und indem er dieſen Namen in einem Tone wiederholte, vor welchem Serbinoff's Grauen zurückkehrte, drang er auf den Verderber ein. Die Schwerter klangen von den mächtigen Schlägen dieſer beiden ſtarken und kühnen Kämpfer und alle dieſe wilden mit Blut bedeckten⸗ Blut gehärteten Männer, welche ſo eben noch mit unzähmbarem Grimm ſich angefallen und erbarmungslos gemordet hatten, ſtanden beſorgt und ängſtlich, ihre eigene Gefahr, ihre eigenen W zunden ver⸗ geſſend, und verfolgten mit heißen, ſtieren Blicken, mit Zagen und — s aufjubelnder Freude jede Bewegung, jeden Hieb, jedes Zurückweichen, jedes Vorwärtsdringen, jeden kleinen ſcheinbaren Vortheil oder Nach⸗ theil ihrer Heroen. Serbinoff mit ſeiner rieſigen Geſtalt, ſeiner Kraft und Kunſt und ſeiner Ruhe, ſchien ſeinen Freunden zu verbür⸗ gen, daß er dieſen Gegner bald niederſtrecken würde, allein die Ent⸗ ſcheidung verzögerte ſich länger, als ſie dachten. Der finniſche Bauer war von nicht geringerer Kraft und von gefährlicher Ausdauer und Behendigkeit. Der Platz war ſteinig, lange Grashalmen ſchlangen ſich um die Füße der Kämpfer, aber das ſchien kein Hinderniß für Otho, um nach allen Seiten hin vor⸗ und zurückzuſpringen. Serbinoff hatte genug zu thun, ſeine Angriffe abzuſchlagen, und er begnügte ſich eine“ Zeit lang damit, indem er auf die günſtige Gelegenheit wartete, einen erfolgreichen Stoß zu thun. Dieſe Gelegenheit fand ſich, als Otho über einen Stein gleitend, der unter dem Graſe lag, auf einen Augen⸗ blick das Gleichgewicht verlor, und vornüber fallend, nicht ſchnell ge⸗ nug ſich zurück zu ziehen vermochte. Serbinoff ſtürzte ſich auf ihn, und als er ſeine ſcharfe Klinge in Otho's Leib ſtieß, erſcholl ein Jubelgeſchrei aus den Reihen ſeiner Ruſſen; doch dieſer Jubel kam zu früh. Otho's Wunde war keine tödtliche Verletzung, nur ſeine Seite war von der Spitze des Stahls aufgeriſſen worden, das Blut, welches den weißen finniſchen Linnenrock färbte, kam aus keinem edlen Gefäß. Faſt in demſelben Augenblick aber, wo er dieſe Wunde empfing, rächte er ſie durch einen Hieb auf ſeines Gegners Kopf, der an dem Lederhelm niedergleitend, deſſen Schuppenkette zerſchnitt und damit den Helm ſelbſt zu Boden ſchleuderte. Ein wilder Freudenruf von der finniſchen Seite begleitete ſeinen Fall, allein auch dieſer verhallte ohne Folgen. Das reiche glänzende Haar des Grafen flog jetzt frei um ſein Geſicht, über dies herab ſtrömte ſein Blut, und war es der Schmerz, den er empfand, oder wurde ſein Stolz durch dies Miß⸗ geſchick beleidigt, er focht von dieſem Augenblick an nicht mehr mit der kaltblutigen Ueberlegung, welche er bisher behauptet hatte. Seine Augen flammten, ſeine Lippen zuckten zuſammen und zeigten, wie der Tiger, der ſich zum Sprunge rüſtet, die Zähne. Er ſtürmte mit ſo grim⸗ miger Mordluſt auf ſeinen Feind, als wollte er ſich auf ihn werfen, um ihn niederzureißen. Seine Hiebe folgten ſich hageldicht mit furcht⸗ — 0 barer Gewalt und mit derſelben Gewalt wurden ſie erwiedert. Der weite Kreis der Zeugen ſtand lautlos, voll banger Erwartung hingen ihre Blicke an jedem Blitz dieſer leuchtenden Klingen, an jedem ſchmet⸗ ternden Klang dieſer gewaltigen Schläge, an jeder Wendung der Kämpfer, an jedem Arm, der ſich aufhob, und je gewiſſer es wurde, daß bei ſolcher Wuth ein ſchreckliches Ende nahe ſei, um ſo höher ſteigerte ſich die Theilnahme. Doch wie ingrimmig Otho Waimon auch den Grimm ſeines Geg⸗ ners theilte, blieb er dennoch beſonnener als dieſer. Beide hatten ihre Rollen faſt getauſcht, denn Otho berechnete jetzt, daß, wer von Beiden zuerſt ſeine Kräfte erſchöpfte, Unheil über ſein Haupt bringe, und während er die Streiche ſeines Gegners erwiederte, war er mit ver⸗ mehrter Vorſicht darauf bedacht, ſich zu ſchirmen. Jetzt endlich kam der Augenblick, wo Serbinoff zu ermatten begann, wo er mit An⸗ ſtrengung das Gefecht in derſelben Weiſe fortſetzte, und eben als er ſein Schwert zu einem furchtbaren Hiebe aufhob und mit ihm den Arm, ſprang Otho dicht heran und über die ſchlecht beſchützte Bruſt und Schulter des Grafen ſiel ein knirſchender Schlag, der ihn taumeln machte.. Er ſuchte ſich zu ſichern, allein es war zu ſpät. Noch ehe er eine Deckung gewinnen konnte, fühlte er Otho's Schwert in ſeinen Arm, in ſeinen Kopf dringen. Seine Hand ſank nieder, ſeine Finger öffneten ſich, ſeine Augen wurden dunkel. Ein Stoß warf den mächtigen Kör⸗ per nieder, eine blutige breite Säbelſpitze hing dicht über ſeinem Herzen. Bitte um Gnade! ſchrie ihm Otho's verhaßte Stimme zu. Gieb Antwort, wo iſt meine Schweſter! Baſtard von einem Bauer! erwiederte Serbinoff, ſei verflucht! Er machte einen jähen Verſuch, ſich aufzurichten, aber er fiel zu⸗ rück, von dem Schwerte durchbohrt, das ſich tief in ſeine Bruſt ſenkte. Bekenne, Elender, bekenne! ſchrie Otho Waimon, wo haſt du ſie, wo haſt du Louiſa?! Hier! antwortete eine Stimme hinter ihm, und ein junges Weib mit aufgelöstem lang flatterndem Haar, zerriſſen ihr Gewand, zer⸗ riſſen und blutig ihre Hände von Dornen und Geſtrüpp, eilte an 750— ihm vorüber und ſank mit einem Schrei des Jammers an Ser⸗ binoff's Sterbelager nieder. Athemlos vermochte ſie den Schrei nicht zu wiederholen, aber ſie ſchlang ihre Arme um den blutenden halb entſeelten Mann; ſie küßte ſeine Lippen mit wilder verzweiflungs⸗ voller Heftigkeit, ſie riß ſich los, um mit ihrem Halstuch die klaffende Wunde zu verſtopfen, aus der ſein Herzblut ſtrömte, und dann hob ſie die Augen voll unſäglicher Noth, voll heißer Qual und wahn⸗ ſinniger Angſt zum Himmel und zu dem Kreis der Menſchen auf, die von ihrem Erſcheinen beſtürzt und von dem, was ſie that, gerührt, nicht wagten, ſie zu hindern oder zu ſtören. Selbſt die roheſten unter dieſen rohen Männern fühlten etwas von dem grauſamen Weh dieſes armen, ſchwachen Weibes und blickten mitleidig auf ſie hin, und eben ſo regungslos wie ſie ſtand Otho, mit Zorn und Liebe ringend, ohne den Muth zu haben, ſeiner unglücklichen Schweſter beizuſtehen. Schafft Hilfe! Hilfe! ſchrie Louiſa endlich und indem ſie den ſchwe⸗ ren, bleichen Kopf ihres Geliebten in ihre Arme nahm und mit wilder Angſt in ſein Geſicht ſtarrte, auf welches der nahende Tod ſeine furchtbaren Zeichen drückte, rief ſie ihn mit den ſüßeſten Namen und ſuchte ihn mit ihren zärtlichen Liebkoſungen zu erwecken: Alexei! rief ſie, wache auf, deine Louiſa iſt bei dir! Mein Freund, mein Herr! ich ſchütze dich. Komm! komm! laß uns fliehen, ſteh' auf! ſteh' auf! Ol mein Gott, erbarme dich! Alexei! höre mich, höre mich! Es kann nicht ſein, höre mich! Und noch einmal ſchlug Serbinoff ſeine Augen auf. Sein brechen⸗ der Blick hing an dem Weibe, das er verrathen und das ihn allein liebte, allein treu war bis zum Ende. Es loderte etwas in dieſer fliehen⸗ den Seele, etwas Göttliches, ein Funke jener Allmacht, die Gott iſt und über Staub und Tod triumphirt, und ſeine Hände ſuchten ihre Hände, ſeine Lippen flüſterten ihr zu: Komm! komm! In dem Augenblick ſtieß das unglückliche Mädchen einen Schrei aus, der an den Felswänden wiederhallte, und von dem alle Herzen getroffen wurden. Entſeelt ſank der mächtige Körper in ihren Schooß, und auf ihn nieder beugte ſie ſich mit ihren Küſſen und ihrer Wahn⸗ finnsangſt, ohne ihn aufwecken zu können. Ihr Haar überflatterie den Todten, in unermeßlicher Verzweiflung umklammerte ſie ihn. 751 Arme Schweſter! armes Kind! ſagte Otho. Sei ſtandhaft, erhebe dich! Komm mit mir, komm zu deinen Freunden! Mit ſanfter Gewalt hob er ſie auf und ſie ließ dann blickte ſie in ſein Geſicht, ſtarr, als träten ſeine Züge aus tiefer Dunkelheit in immer helleres Licht. Groß und entſetzt ſah ſie ihn an, und immer entſetzlicher, grauenhafter, wie von Furien ergriffen, bis ſie mit einem neuen gellenden Schrei ihre Arme aufhob und vor ihm floh. Halt! Louiſa! Haltet ſie auf! rief Otho, indem er ihr nacheilte. Dein Bruder iſt es, der dich liebt, der dich ruft. Höre mich, halt!— aber ſie hörte nicht, und wenn ſie je den Namen einer Elfe verdiente, ſo war es jetzt der Fall, wo ſie an dem ſchmalen Rande der ſteil fallenden Felſen hinzuſchweben ſchien, während Otho Mühe und Vor⸗ ſicht nöthig hute um ihr zu folgen. Der Steg lief an der Bank bei dem Waſſerfall vorüber, und einen Augenblick glaubte Otho, daß er ſie hier erreichen würde, doch ſchon war ſie bis an die Biegung des Thales gelangt, wo dies ſich öffnete, der Gaard von Lomnäs unter der Bergwand lag, und der Bach ihm gegenüber ſein weißes Waſſer in den See rauſchen ließ.— Und eben an dieſer Stelle er⸗ es geſchehen, blickte Otho einen Mann, der vom Hauſe her der Flüchtigen entgegen kam und ſie bald erreichen mußte. Er glaubte Magnus Munk zu er⸗ kennen, glaubte zu hören, wie er ihr zurief, zu ſehen, wie er ſeine Hände ihr entgegen ſtreckte; allein ſeine Hoffnung verwandelte ſich in größeres Erſchrecken, als er bemerkte, daß ſie ſich plötzlich von ihm ab⸗ wandte und mit entſetzlicher Eile über die Rollſteine und Trümmer am Bache den niederen, narbigen Felſen zufloh, welche den Pajäne umſäumten. Otho wußte, wie tief der See dort war, ein Schauder ſträubte ſein Haar auf. Seine letzte Hoffnung ruhte auf Magnus, der dicht bei ihr war, und ſichtlich alle Kraft anſtrengte, um ſie zu erreichen. Wenige Schritte trennten Louiſa von ihm, jetzt mußte er ihr Gewand faſſen, aber nein— ſie war ihm entgangen und nun da ſtand ſie auf der Klippe. Erbarm ſich Gott! ſchrie Otho auf Beide verſchwanden vor ihm.— Als er den See erreichte, wogte dieſer hoch auf. Ringe und Blaſen bedeckten ſeine dunkle, ſchweigende Tiefe. — 2— Achtzehntes Kapitel. Die Kanonenſchaluppe des Lieutenants Lindſtröm flog im Morgen⸗ winde vor der Mündung des Aurajocki vorüber, als auf der Feſtung drei Kanonenſchüſſe fielen, denen, deutlich gehört, der Lärm der Trom⸗ meln und Hörner folgte. Gleich darauf ſah man viele Soldaten aus den Thoren eilen und nach allen Seiten hin ſich zerſtreuen. Die lan⸗ gen Wimpel des Kriegsſchiffes flatterten ihnen luſtig nach und der junge Commandant lachte und klatſchte aus aller Macht. Lauft! lauft! ſchrie er, und brecht euch die Hälſe! Seht ihre Spürhunde! ſeht die Koſaken, wie ſie daherjagen, wie ſie ſuchen und ſchnüffeln. Laßt euch peitſchen, ihr hölliſchen Schufte, euer Wild iſt verloren. Hier ſitzt es in Liebesſeligkeit und kümmert ſich nicht um eure Lanzen und Pfeile, denn ein anderer Pfeil hat dieſe Herzen durchbohrt. Er wandte ſich dabei gegen ſein Quarterdeck, auf welchem am Ein⸗ gange der Treppe Erich Randal und Mary ſaßen und wirklich nichts von dem Lärm am Lande zu hören ſchienen.— Das gilt euch, rief er ihnen zu, auf mein Wort! jetzt merken die Dummköpfe endlich, was vorgefallen iſt. Er nahm ſein Glas und richtete es auf die äußerſte Felſenlünette der Feſtung, wo mehrere Offiziere die Kriegsſchlupp be⸗ obachteten. Zeigt euch doch! rief er, verbeugt Euch, wünſcht ihnen den allerſchönſten Morgen.— Er machte ſelbſt einige Verbeugungen, ſchwenkte ſeine Mütze und fuhr dabei fort: Zerbrechen Sie ſich die Köpfe nicht, meine Herren, es ging Alles ganz natürlich und einfach zu. Da war eine gewiſſe junge Dame, dieſelbe, welche Sie hier ſitzen ſehen, in ſchwerer Herzensangſt. Sie ſuchte Rath und Hilfe bei einer andern höchſt klugen Dame, und Beide ſchloſſen einen Bund und mach⸗ ten einen Plan, der unter Beiſtand eines luſtigen Seemanns und einer gut gefüllten Goldbörſe ausgeführt worden. Die dicke Goldbörſe eines den w' orgen Feſtung ſeht die st euch ihnen zung fi ſcch die einfach r ſiten ij einer mach⸗ d einet eines — 753— alten, ſchäbigen Geizhalſes, glitt in die Taſche des ehrenwerthen Com⸗ mandanten,— ich glaube, der Spitzbube ſteht dort und wundert ſich am allermeiſten!— auch wurden demſelben wohl noch andere ſchöne Dinge, mächtiger Schutz und Beiſtand, Strafloſigkeit und geheime Zu⸗ ſtimmung des Herrn Generalgouverneurs ſelbſt zugeſagt; der luſtige Seemann aber bekam Nachricht und fand ſich pünktlich ein und der liebe Herrgott ſchickte eine dunkle Nacht und ein tüchtiges Donnerwetter, und der edle Commandant brachte den zagenden Verbrecher richtig ins Freie, und es war Alles ſo eingerichtet, daß es ausſah, als ſei die Hilfe von Außen gekommen und Alles ging vortrefflich, und da ſitzen nun die beiden höchſt glücklichen Leute, denn es kann gar nicht anders ſein, als daß die edle Dame ihren erlösten Freund begleitet und ſich nie⸗ mals von ihm trennen will, und Beide jetzt zu irgend einer glückſeli⸗ gen Inſel fahren, wo es keinen Schmerz gibt und keine Spione. Wo die Bäume ewig blühen und goldige Früchte tragen; wo die Sonne immer am blauen Himmel ſteht, wo ſie Blumenkränze winden und im Paradieſesfrieden wandeln können, wie Adam und Eva wandelten, ohne Prieſter und Richter, ohne grimmige Väter und bärtige Koſaken zu fürchten. Mary bot ihm dankend ihre Hand. Führen Sie uns wohin Sie wollen, getreuer unverzagter Freund, ſagte ſie; ohne Ihren großmüthi⸗ gen Beiſtand wäre doch Alles, was wir thaten, vergebens geweſen. Ja, Sie haben Recht. Niemals will ich Erich verlaſſen, jede Gefahr, jede Noth mit ihm theilen. Und jede Freude, meine Mary, jedes Glück! erwiederte Erich, in⸗ dem er ſie umarmte. Das Beſte aber iſt, rief der Offizier, daß alle Betrüger betrogen wurden und obenein die Koſten bezahlen müſſen. Was der Commandant Annenkoff erhalten hat, war mein Eigen⸗ thum, ſagte Mary. Mein Vater wird nichts von dem, was ihm ge⸗ hört, vermiſſen, als ſeine Tochter, ein werthloſes Gut, da er ſie nicht zu ſeinen Geſchäften verbrauchen konnte. Nur das Vermögen meiner Mutter, das ich erbte und was ich ſonſt mit Recht beſaß, habe ich mitgenommen. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 48 — 251— Verdammt großmüthig! rief Lindſtröm, ich hätte mit dieſem Va⸗ ter chriſtlich zu theilen geſucht, doch ich will's nicht tadeln. Wo fin⸗ den wir nun das Paradies, in welchem ich dies glückſelige Paar ein⸗ gehen laſſen kann? Meine Ordre lautet, mit meiner Schaluppe das Bereich der Alandsgruppe nicht zu verlaſſen, und da liegen ſie vor uns, ein großer Irrgarten mit mänandriſchen Verſchlingungen. An die tauſend kleine Inſeln, Dünen, Klippen, Felſen, Bänke und liebliche Eilande, wunderlich anzuſchauen mit ihren Sunden, Straßen und tiefen 1 gewundenen Buchten, ſo ruhig, ſchweigſam und dunkel, als ſei nie eines Menſchen Fuß in dieſe geheimnißvollen Plätzchen gedrungen. Doch ich weiß eines darunter, dahin führe ich euch. Ich weiß ein von aller Welt vergeſſenes Plätzchen, da ſollt ihr ausruhen, da wird es euch gefallen, und Hurrah! der Wind ſpringt nach Norden um, ein Gottes⸗ 3 zeichen, daß es ſo ſein ſoll. Er hatte mit dem Inſtincte eines Seemanns ſeine Segel und den Himmel betrachtet und richtig geurtheilt. Nach einer Stunde war der Wind nordweſtlich, die Schaluppe legte um, und flog alle Segel 1 voll längs der Küſte hin und zwiſchen die zahlloſe Kanäle und Inſeln d fort, welche das Meer füllen. Zuweilen ſtrichen ſie dicht am Lande vorbei, und die Leute liefen zuſammen, winkten dem Kriegsboote zu und wehten mit Tüchern und Fahnen; zuweilen auch ſteuerte das flinke, kleine Schiff mitten durch verborgene Sunde, umgeben von Wald⸗ geſenken und leuchtenden Wieſenſtrichen, wo Heerden weideten und wo es ſo ſchön und heimlich ausſah, daß Mary fragte, ob dies das ver⸗ d ſprochene Paradies ſei. Aber Guſtay Lindſtröm ſchüttelte den Kopf, und die Schlupp ſchoß durch irgend einen engen Kanal in ein neues 1 Meeresbecken, neuen Einſamkeiten, anderen friedensvollen Ein öden zu. Als aber der Mittag heran kam, wurden die Reiſenden unerwartet daran erinnert, daß ſie auf einer vom Kriege durchtobten See ſchwämmen. Ein ferner Donner ſchien zuweilen in den Bergen zu grollen, die an 6 Finnlands Küſten hinziehen, graue düſtere Wolken hingen darüber und be⸗ 3 ſtärkten eine Zeit lang ihre Vermuthung, daß die Gewitter, welche während 3 der Nacht Abo heimgeſucht, jetzt in dieſen Berg⸗ und Felsſchluchten ſich 9 entluden, Aber nach und nach erhielt das Geräuſch einen andern Klang. ſem Va Wo fin aar ein ppe das ſie vor gen. An liebliche nd tiefen nie eines es eudh Gottes egel und — 755— Es wurde zu einem unaufhörlichen Krachen und Rollen, durch einzelne ſtärkere Schläge unterbrochen, die das geübte Ohr bald nicht mehr, verkennen ließen, daß es ein heftiges Schießen ſei und eine Schlacht in der Nähe der Küſte geliefert werde. Möglich auch, daß es ein Seegefecht ſein konnte, denn der ruſſiſche Admiral Heyden hatte ſich mit einer Schiffsdiviſion verſchiedentlich ſchon von Sweaborg aufge macht und war bis an die Alandsinſeln vorgedrungen. Lindſtröm wollte abgefeuerte Breitſeiten hören und voll Kampfesluſt ließ er das Deck ſeiner kleinen Schaluppe klar machen und Alles darauf in den Stand ſetzen, um einem Feinde Widerſtand zu leiſten. Inzwiſchen lief das Boot aus den Kanälen der Inſeln in breiteres Waſſer der Küſte zu, und alle Augen und Gläſer ſtrengten ſich an, um Zeichen zu entdecken, daß man dem Schlachtfeld näher komme; allein trotz aller Mühen gelang dies nicht. Weder Rauchwolken ließen ſich er— ſpähen, noch vermehrte ſich der Lärm; im Gegentheil wurde nach und nach der Schall ſchwächer und als der Abend vorrückte ward nichts mehr gehört. So geduldig gewöhnlich Seeleute ſind, gezwungen ge⸗ duldig, da ſie wiſſen, daß Ungeduld ihnen nichts hilft, ſo ſind ſie da⸗ für um ſo geneigter, aller zurückgedrängten Leidenſchaft ſich zu über⸗ laſſen, wenn ſie eine Möglichkeit ſehen, dieſe mit Erfolg zu befrie⸗ digen. Mit einer Reihe der ſchönſten Seemannsflüche hatte Lindſtröm den ganzen Tag über verwünſcht, daß er nicht bei einem glorreichen Gefecht zugegen ſein konnte, denn daß es glorreich ſei, daran zweifelte er durchaus nicht; dann hatte er ſich wieder mit eben ſo ſchönen Schwüren getröſtet, weil doch nichts darüber gehe, Freunden zu helfen und einer Dame zu dienen, endlich aber, nachdem er ſtundenlang auf einer Planke auf und nieder gelaufen war, immer wieder die Küſte und den Himmel betrachtet, Augen und Ohren aufgemacht hatte und mit größter Anſtrengung wenig mehr ſehen und gar nichts mehr hören konnte, ſetzte er ſich zu ſeinen Gäſten und erklärte ihnen, daß er im Grunde herzlich erfreut darüber ſei, daß alle Fährlichkeiten ausgeblieben. Ich wüßte wahrlich nicht, was ich mit euch angefangen hätte, rief er aus, denn in ſolchem kleinen Dinge, wie dieſe Schaluppe, iſt kein ſicherer Zufluchtsort vorhanden, wenn Kugeln und Bomben fliegen. Alle Wetter! wir müſſen ein Gebet ſprechen, denn ich glaube wahrhaftig, 48* — 756— euretwegen hätte ich mich davongemacht, wenn ſo eine ruſſiſche Bom⸗ barde oder eine von ihren langen Hemmanas auf uns losgekommen wäre. Weiß es Gott! ich hätte es gethan, denn ich hätte es nicht übers Herz gebracht, ein glückliches Paar, dem ich ein Paradies auf Erden verſprochen, ins himmliſche Paradies mitzunehmen. Ich hoffe, antwortete Mary, daß Sie willig darauf verzichten. Ihretwegen, ſchöne Freundin, würde ich ſogar darauf verzichten, mich mit einem Ruſſen zu ſchlagen, den ich ſchon halb in der Taſche hätte. Wir wollen uns ſogleich wieder zwiſchen die Inſeln ſchleichen, wo wir geborgen ſind. Ich will euch vor allen Dingen in Sicherheit wiſſen, denn wenn ihr gefangen würdet, wenn euch ein Leid geſchähe, nimmermehr könnte ich es mir vergeben. In demſelben Augenblick rief die Wache vom Maſtkorbe her⸗ unter: Ein Segel vor uns! und mit größter Lebendigkeit ſprang der Lieutenant auf. Was iſt es für ein Segels? ſchrie er hinauf. Ich kann es noch nicht erkennen, antwortete der Mannz aber es iſt ein großes Schiff. Lindſtröm ſchrie nach ſeinem Glaſe, die Offiziere der Schaluppe verſammelten ſich um ihn und bald war das Schiff trotz des däm⸗ mernden Abends gut zu ſehen, denn es näherte ſich raſch. Seine hohen, ſchlanken Maſten wie die Fülle und Breite ſeiner Segel wieſen es als ein Kriegsſchiff aus und mit dieſer Entdeckung waren alle guten Vorſätze und Betheuerungen des jungen Commandanten vergeſſen. Es ließ ſich nicht bezweifeln, daß der Fremde bedeutend größer und ſtärker ſei, als die kleine Kanonenſchaluppe und daß er wenigſtens die doppelte Zahl Geſchütze führen müſſe, allein dies ſchien Guſtav Lindſtröm vor der Hand nicht zu beachten. Jedenfalls müſſen wir den Burſchen in der Nähe anſehen, ſagte er, und ihn fragen, was er hier auf unſerem Grund und Boden zu ſuchen hat. Es thut mir leid, beſter Erich, aber du mußt einſehen, daß es wahrlich nicht anders geht; ſomit wollen wir auf Gott ver⸗ trauen und auf ſchwediſchen Muth. Bringe deine Geliebte hinunter und tröſte ſie. Für Schwedens Ehre wird ſie auch etwas wagen wollen. ————— Bom⸗ tkommen es nicht ies auf ten. rzichten, Taſche gleichen, ſcherheit eſchähe, aber es haluppe s däm Seine r Segel g waren ndanten ꝛdeutend d daß el es ſchien n, ſagi goden zu einſchen zott bel⸗ hinunte 3 wag. Sei überzeugt, daß ſich Mary nicht fürchtet, antwortete Erich, und thue deine Pflicht. Geſprochen wie ein ſchwediſcher Mann! rief der Lieutenant freudig, und nun vorwärts. Auf eure Poſten, Kameraden! da kommt der Burſche herauf und zeigt uns ſeine Zähne. Das fremde Schiff hielt gerade auf die Schaluppe los, die ihm entgegen kam und weil nirgend im Dämmerlichte ſich eine Flagge erkennen ließ, in einiger Entfernung ihre Bugkanone abfeuerte, um den Fremden damit aufzufordern, ſich erkennen zu laſſen. Kaum war dies geſchehen, als ſich an der Gaffel ſeines Hauptmaſtes auch wirklich eine große Flagge aufrollte; doch beim erſten Blicke darauf verlängerte und verfinſterte ſich das Geſicht des tapferen Commandanten. Sieben und ſiebenzig Schock Tonnen voll Teufel! murmelte er, es iſt die Amadis, es iſt die Jacht des Königs. Macht die Lucken zu! Löſcht die Lunten aus! Die große Flagge auf den Maſt. Wie kommt die Jacht hierher? Nach wenigen Minuten war die königliche Jacht dicht vor der Schaluppe. Auf ihrem Verdeck wimmelte es von Menſchen; Offiziere mit blitzenden Achſelſtücken und Federhüten waren zu erkennen. Der König ſelbſt muß am Bord ſein, ſagte Lindſtröm etwas kleinlaut. Was hat das zu bedeuten? Er ſollte nicht lange warten, um mehr darüber zu erfahren. Eine Stimme ließ ſich hören, und nach einigen Fragen wurde ein Befehl ertheilt, welcher den Commandanten der Schaluppe ſofort an Bord der Jacht rief. Einwendungen waren dagegen ſo wenig zu machen, wie Zögerungen denkbar. Im nächſten Augenblick ſprang der Lieute⸗ nant in ſein Sternboot und nach einem paar Dutzend Ruderſchlägen ſtieg er die Treppe der Amadis hinauf. Der Befehlshaber der Jacht kam ihm entgegen. Gut, daß wir Sie hier haben, Herr Heißſporn, ſagte er, ihm die Hand ſchüttelnd. Und was ſoll ich hier, Kapitän Sjöholm? Auf des Königs Befehl, antwortete der Commandant, habe ich Sie gerufen. Nehmen Sie ſich in Acht, Lindſtröm, er iſt übel gelaunt. Das iſt nicht meine Schuld. 758 Wer weiß. Ihre Kugel pfiff ſo dicht über ihm fort, daß ein Paar von den Schreibern, die er mit ſich umher ſchleppt, um ihre Köpfe be⸗ g ſorgt wurden. hi Es gibt genug dergleichen, die keine Köpfe zu verlieren haben, mur⸗ 1 melte Lindſtröm. Aber woher kommen Sie? G Wir? Von Helſinge. Wenn Sie einige Meilen aufwärts fahren, werden Sie noch etwas von dem Brande ſehen und kopfloſe Menſchen do genug finden. ſe Dort war alſo das Gefecht. W Vorgeſtern landeten die Garden dort, ſammt Upland's und Crone⸗ borg's Regimenter, heut wurden ſie von dreifacher Uebermacht angegriffen und bei Wiais geſchlagen. Wie tapfere Männer haben ſie ſich gewehrt, ſo doch Alles ging verloren. Wäre Oberſt Lagerbring nicht geweſen, d würden Wenige zurückgekommen ſein. Sechshundert Leichen liegen dort und die doppelte Zahl iſt gefangen. Wir haben es aus der Ferne nü wohlgemuth mit anſehen können, vermochten nicht zu helfen, nicht ein⸗ 1 mal darein zu ſchießen; weil Freund und Feind in einen Haufen ge⸗ ballt waren. 1 Und der König? Ja ſo! der König. Der hatte, wie jetzt noch, die große Admirals⸗ uniform angezogen, freute ſich, daß tüchtig geſchoſſen wurde und vier⸗ d tauſend Schweden ſo lang gegen achttauſend Ruſſen aushielten. Als ij die Ueberbleibſel endlich eingeſchifft waren, feuerten wir eine Zeit lang noch auf die Koſaken, welche ihre Gefangenen forttrieben, ließen die Kugeln uns um die Ohren pfeifen und gingen dann in See. Und jetzt? Nun die Schiffe und Boote ſind hinter uns. Wir gehen nach Aland und dort können die Leibwachen ſich auf ein Tänzchen gefaßt machen. Sie ſollen die erſten geweſen ſein, die ausriſſen, ſich aller Boote bemächtigten und ihre Kameraden im Stiche ließen. ſc So machen es die ſilbergeputzten Herrn! Der König iſt wüthend. Hören Sie, wie er ſchreit. Sein geiſt⸗ c reicher Generaladjutant Boye hat den Befehl geführt, jetzt ſteht er vor d ihm mit einem Armſündergeſicht. Pa ar fe be⸗ mur⸗ ahren, enſchen grone⸗ güiffen wehrt, weſen, dort Ferne tt ein 759— Die beiden Seeleute waren inzwiſchen bis an das Quarterdeck vor⸗ gegangen, wo der König ſtand, umgeben von einem Kreis von Offi zieren, über welche ſeine hohe Geſtalt hervorragte. Laternen brannten zu beiden Seiten, ihr Licht ließ Guſtav Adolf's erzürntes, düſteres Geſicht erkennen. Was kann ein General thun, wenn ſeine Soldaten ihn feig ver laſſen, davon laufen, pfui! rief er in ſeiner harten Sprechweiſe. Ihr ſeid unſchuldig, Boye, es wäre mir nicht beſſer gegangen. Auf mein Wort! ich hätte es nicht beſſer machen können. Aber die Garde hat daran ſchuld, ſie hat ſich mit Schimpf bedeckt! Majeſtät! ſagte einer der Oberſten, die Garde hat tapfer ge fochten, nur zuletzt kam Unordnung und Verwirrung unter ſie, was die Folge hatte— Schweigt, Lagerbring! rief der König. Ich will von dieſer Garde nichts mehr hören. Wodurch ſind die Kanonen verloren gegangen, Oberſt Palm? Weil die Garde, welche ſie decken ſollte, davon lief, Majeſtät, antwortete der Artilleriecommandant. Wodurch haben wir ſo viele Gefangene eingebüßt? Oberſt Mellin? Weil die fliehende Garde ſich aller Boote bemächtigte, ſo daß vier⸗ hundert Mann ſich den Ruſſen ergeben mußten, da ihnen alle Rettungs mittel fehlten. E Seht Ihr, Lagerbring, ſo haben ſie es gemacht, rief der König, dafür gibt es keine Entſchuldigung. Fort mit dieſen Feigen! Ich will ſie auflöſen, unter die anderen Regimenter ſtecken. Majeſtät! ſagte ein junger Offizier mit zitternder Stimme, ich bin kein Feigling! Der König wandte ſich um, er ſchnaubte vor Zorn. Wer ſeid Ihr! ſchrie er. Hauptmann de Geer, von Ew. Majeſtät Leibwache. Scheert Euch zum Teufel! Fort, ich kann Euch nicht länger brau chen! fuhr der König mit derſelben Heftigkeit fort. Nach Haus hinter den Ofen mit Euch und allen Euren Kameraden. Lagerbring, Ihr ſollt meine Befehle bekommen. — 760— Majeſtät, ſagte der alte Oberſt bewegt, ſtrafen Sie die Schuldigen, welche für dies Unglück verantwortlich ſind. Laſſen Sie durch ein Kriegsgericht Unterſuchung anſtellten. Thut, was ich Euch befehle, antwortete der König ihn anfahrend. Alle ſind ſchuldig, Alle haben wie Verräther gehandelt. Fort! kehrt auf eure Poſten zurück. Wo iſt der Offizier von der Kanonen⸗ ſchaluppe? Hier, Majeſtät, ſagte Lindſtröm, indem er dem Rufe folgte. Der König ſah ihn an und faßte nach Seemannsweiſe grüßend an ſeinen Federhut, den er lüftete. Warum haben Sie auf mein Schiff geſchoſſen? Weil Ew. Majeſtät Jacht keine Flagge führte. Sie wollten mich zwingen, Ihnen meine Flagge zu zeigen? Was dachten Sie zu thun, wenn ich es nicht gethan hätte? Meine Kanonen waren bereit, Majeſtät. Ich glaube es Ihnen, ſagte der König lächelnd. Aber war der Biſſen nicht doch etwas zu groß? Nicht für meinen Hunger, Majeſtät, der ein echt ſchwediſcher See⸗ mannshunger iſt. Der König blickte ihn wohlwollend an, die Antworten gefielen ihm, er ſchien ſeinen Aerger über die Garden vergeſſen zu haben. Ihre Kugeln pfeifen ſcharf! rief er, es gibt noch immer ſchwediſche Herzen genug, die mir treu ſind. Hierher, Lieutenant Lindſtröm. 1 Der Lieutenant trat heran, legte ſeine Hand an den Hut und der König that es auch. Er ahmte alle Seemannsgebräuche nach und gebärdete ſich wie ein Admiral, der ſeinem Untergebenen Befehle er⸗ theilt. Nehmen Sie den Oberſten Lagerbring auf Ihr Schiff, ſagte er, auch was zu ſeiner Begleitung gehört, ſammt dem Kapitän de Geer von meiner„ehemaligen“ Leibgarde. Führen Sie dieſe Herren zu der Flottille von Kanonenbooten und Transportſchiffen zurück; ſuchen Sie dieſe auf, wo ſie ſich befinden möge, und ſchiffen Sie die Offiziere aus. Ich gehe nach Aland, dorthin habt Ihr zu rapportiren. Er legte ſeine Hand wieder an den Hut, Lindſtröm machte die reglementsmäßigen Begrüßungen, und der König lächelte ſehr vergnügt. Ihr bleibt bei mir, Boye, ſagte er, Oberſt Palm bleibt auch. Euch zuldigen, irch ein fahrend. Wkehrt anonen⸗ te. ßend an Schiff 2 Was war der ger See ten ihm, 1. Ihre e Herzin vergnügt Guc trifft keine Schuld, daß die Kanonen verloren gingen. Die Garden ſind davongelaufen. Knöpfe und Federbüſche ſollen ſie dafür verlieren. Nach einiger Zeit, als Lindſtröm in ſeinem Boote wartete, kam der Oberſt Lagerbring, begleitet von dem Gardekapitän de Geer, und Beide fuhren mit ihm nach ſeiner Schaluppe, während die königliche Jacht ihren Weg fortſetzte. Lindſtröm war von dem, was er ge⸗ hört hatte, betroffen und aufgeregt. Die Garden, von denen man ſo viel gehofft, waren geſchlagen. Die neue Exrpedition abermals ver⸗ eitelt und allem Anſchein nach kehrte der König mit den Reſten dieſer unglücklichen Schaaren zurück, ohne an weitere Unternehmungen zu denken. Seine Betroffenheit über dieſe Vorgänge wurden nebenbei aber auch durch die Anweſenheit Erich's und ſeiner Geliebten ver⸗ mehrt. Das Reglement verbot allen Kriegsſchiffen Frauen an Bord zu nehmen. Bei dieſem außerordentlichen Falle wäre es freilich leicht geweſen, die genügende Entſchuldigung durch Aufdeckung der Wahrheit zu finden, allein die Flucht des Gefangenen, deſſen Befreiung durch Mary und Conſtanze Gurſchin, die Mitwirkung des beſtochenen Com⸗ mandanten und ſein eigener Antheil, indem er das ihm anvertraute Schiff in einer ſtürmiſchen Gewitternacht verließ, erforderte ſtrenge Verſchwiegenheit. Das Erſte, das Lindſtröm that, als er an ſeinen Bord gelangte, war daher, daß er ſeine Gäſte verbarg und dann wieder auf ſein Deck eilte, wo der alte Oberſt Lagerbring die Wuth und Verzweiflung ſeines jungen Begleiters zu beſchwichtigen ſuchte. Dieſer ſtammte aus einer der erſten Familien des Landes, wie überhaupt die meiſten Gardenoffiziere ſich ſolcher Abkunft rühmen konnten. Zähneknirſchend erwiederte Kapitän de Geer die Tröſtungen des Oberſten mit leidenſchaftlichen Ausrufungen, und es dauerte lange, ehe er zu größerer Faſſung bewogen werden konnte. Aber auch als dies geſchehen war, lagen in ſeinen Aeußerungen Ausſprüche und Drohungen, die der Oberſt vergebens nicht hören wollte und geduldig weiter tröſtete. Sehen wir denn nicht unſer Unglück vor Augen, ſagte der er⸗ grimmte Offizier, und muß nicht endlich Muthloſigkeit und Troſt⸗ loſigkeit jeden denkenden Mann überkommen. Während wir hier mit ſechstauſend Mann landen, wird an drei anderen Stellen unſere ge⸗ -— 762— ringe Macht zerſplittert; ebenſo werden die Trümmer unſerer Flotte zerſtreut, der Eine hieher, der Andere dahin geworfen, um unſeren Untergang gewiß zu machen. Wer gar nichts vom Kriege verſteht, muß doch einſehen, daß nur ein vereinigtes Heer, unterſtützt von einer ſtarken Flotte, auf Erfolg gegen einen ſo mächtigen Feind zu rechnen hat. Es iſt nicht unſere Sache, Kapitän de Geer, endete der Oberſt, den Kriegsplan zu tadeln. Wir vollziehen, was uns aufgetragen. Und laſſen uns ſchlachten! rief der Kapitän. Sind wir nur dazu gut, und müſſen wir ſchweigen und bluten obenein, da wir be urtheilen können, wie eine Verkehrtheit der andern folgt? Stille, ſtille! ſagte der Oberſt. Sie wiſſen nicht was Sie ſprechen. Den unfähigſten Menſchen wird der Oberbefehl gegeben, fuhr de Geer fort. Ihnen, Oberſt Lagerbring, wird vor der Schlacht das Commando abgenommen und Boye erhält es, um uns ans Meſſer zu liefern. Wir werden ſo ungeſchickt wie möglich aufgeſtellt, ebenſo die Batterien. Dennoch ſind Palm und Boye unſchuldig, die Gar den ſind Feiglinge, ſie ſind entflohen, ſie werden entehrt. Ich— ich! verflucht will ich ſein, wenn ich jemals für dieſen König noch meinen Degen ziehe. 4 Der Oberſt hatte ſich entfernt, als wollte er nichts hören, dann kehrte er zurück und ſagte begütigend: Niemand wird auf die Offiziere der Garde einen Tadel werfen. Der König hat in erſter Hitze ge⸗ ſprochen, er wird das einſehen, wird einem Kriegsgericht die Unter⸗ ſuchung übertragen. O! murmelte der Kapitän, es gibt zu Viele, die es den Garden gönnen, gebrandmarkt zu werden, und wenn es zu einer Unterſuchung käme, würde es ſich zeigen, wer die Schuldigen ſind. Die Menſchen, welche den König umgeben, werden es daher zu hindern wiſſen, und er ſelbſt, der was er ſagt und thut für unfehlbare Weisheit hält, wird keinen Gerichtshof dulden, der ohne Zweifel ihm geradezu wi⸗ derſpräche. Der alte Oberſt mochte fühlen, wie viele Wahrheit darin lag. Sollte dies wirklich der Fall ſein, ſagte er, ſo muß einen Jeden ſein Gewiſſen tröſten und die öffentliche Meinung. Flotte unſeren verſteht, tzt von ind zu⸗ Oberſt, gen. ir nur bo vir be prechen fuhr de ht das Meſſer ebenſo Gar — ich! meinen „dann ffziere tte ge⸗ Unter Harden uchung enſchen, n, und t hält, zu wi n lag. geden — 763— Was hilft uns das, wenn wir mit Füßen getreten werden! rief der Kapitän hitzig. Wenn er aber dieſe Gewaltthat wagt, wenn er uns entehrt, dann— dann— Schweigen Sie, Kapitain de Geer, ſchweigen Sie! fiel der alte Oberſt warnend ein. Er hat viel gethan, um ſich alle Welt zu Feinden zu machen, murmelte der Offizier. Er hat dem Adel allen Einfluß genommen, fragt nicht nach deſſen alten Rechten und Privilegien, fragt nicht nach Reichstag und Landesrechten, ſtürzt Schweden in Schulden, nimmt Geld, wo er es findet, und ſchreibt Steuern aus ohne Bewilligung der Stände; ſtößt uns im einen blutigen Krieg, der uns Finnland koſtet, beinahe die Hälfte des ganzen Reichs, das wir durch ſeinen ſchrankenloſen Eigenſinn verlieren, der Alles thun zu können glaubt, was ihm beliebt. Und iſt das Heer etwa davor ſicher, achtet er die beſten, tüchtigſten Männer? Iſt Armfeld nicht längſt wieder vom Weſtheere entfernt und in Ungnade, wird mancher tapfere General, mancher Oberſt nicht behandelt wie ein Junge, dem man die Ruthe gibt. Machen und ſind ſeine Günſtlinge nicht Alles, und ſind dieſe Günſtlinge nicht verflucht und verachtet von aller Welt?! Der Mond muß bald aufgehen, unterbrach ihn der Oberſt, indem er über den Waſſerſpiegel fortblickte, und wenn ich recht ſehe, kommen dort die erſten Schiffe zum Vorſchein. Sie werden morgen ruhiger überlegen, mein lieber junger Freund. Nein, Oberſt Lagerbring, antwortete de Geer, ich bin ruhig, ich ſage, was alle Vernünftigen ſagen, daß dieſe Kopfloſigkeit, dieſe ſtarr⸗ ſinnige Willkür uns zu Grunde richtet. Wären von den fünfzehn tauſend Mann, die ſeit Jahr und Tag unnütz in Schonen liegen, veil der unnütze alte Toll es ſo haben will, nur zehntauſend heut hier geweſen, ſo hätten wir die Ruſſen geſchlagen, marſchirten morgen auf Abo und zerſprengten die ruſſiſche Regierung. Aber wir ſind dem Verderben überliefert. Karl des Elften Geſicht geht an uns in Er— füllung und an dieſem König. Alles i*ſt erniedrigt, ſeufzt und knirſcht über Unrecht und Gewalt, wenn er es aber wagt, dieſe auch an uns guszuüben, an der Leibwache, dann— dann iſt er verloren! fügte er mit dumpfer Stimme hinzu. — 764— Der Oberſt wandte ſich betroffen zu ihm um und ſagte im er⸗ höhten Tone: Was meinen Sie damit, Kapitän de Geer? Das ſind Aeußerungen gefährlicher Art, die ich nicht überhören darf. Erklären Sie ſich darüber! Der Gardeoffizier beſann ſich. Meine Worte ſollen nichts weiter ſagen, Herr Oberſt, erwiederte er, als daß es gewiß ſehr ſelten und, wie ich behaupten darf, nicht wohlgethan iſt, wenn ein Monarch ſeine Leibwachen ſo entehrt, wie dies uns jetzt geſchehen ſoll. Warten Sie es ab, antwortete der Oberſt, was aber auch folgen möge, ſo iſt der König unbeſchränkter Herr, und Ihre Aeußerungen, mindeſtens geſagt, unpaſſend. Friedrich der Große hat auch Regimen⸗ ter aufgelöst, die ſeiner Meinung nach ihre Schuldigkeit nicht thaten, auch Napoleon hat Aehnliches befohlen. Solchen Helden und großen Männern iſt allerdings Vieles erlaubt, was Andere nicht thun dürfen, deren Größe weniger bekannt iſt, rief der junge Mann hohnvoll lachend. Der Oberſt ſchwieg einige Augenblicke, dann trat er zu dem Ka⸗ pitän und ſagte halblaut: Ich will Ihnen einen guten Rath geben, de Geer. Sobald wir am Lande ſind, ſchicken Sie Ihren Abſchied ein und gehen Sie nach Haus. Sie ſind noch jung und wollen leben. Ich hoffe, daß alle meine Kameraden ihren Abſchied nehmen, ver⸗ ſetzte de Geer. Wer von uns könnte und wollte länger dienen! Da kommen die Schiffe, ſagte der Oberſt, laſſen Sie uns eilen und dem Licutenant Lindſtröm für ſeine Gaſtfreundſchaft danken. Nach einiger Zeit ſaßen ſie in der Jolle, welche ſie nach einer voranfahrenden großen Barke brachte, die mit Soldaten dicht gefüllt war. Andere Schiffe folgten im Schutze einiger Kanonenboote und Hemmanas, doch war es kein fröhlicher Zug. Kein Geſang, kein Ju⸗ bel tönte über die Wellen, ſchweigend zogen ſie vorüber, düſteren Ge⸗ ſpenſtern gleich, welche durch die Nacht ſchleichen und darin verſinken. Was können wir ändern, wenn die nichts ändern koͤnnten, die hoch oben ſtehen! rief der Lieutenant als er allein war. Bei Gott! ich glaube der geſchniegelte Gardiſt hat Recht. Die Leibgarde beleidigen, iſt ein weit ſchlimmeres Verbrechen, als ein ganzes Volk beleidigen, und lieber Finnland verlieren, als dieſe übermüthigen Hähnchen durch⸗ im er das ſind Irklären weiter en und, ich ſeine folgen rrungen, egimen thaten, erlaubt, iſt, rief em Ka geben, hied ein ben. en, ver⸗ ns eilen el. ch einer erſinken de hoch Gott leidigen leldigen n durch — 765— peitſchen, die, wenn es irgend angeht, ihm die Augen dafür aushacken werden. Aber ein Spaß iſt es doch und Spott genug wird es ſetzen, wenn ihnen die Treſſen abgeſchnitten werden, die ſilbernen Knöpfe und die weißen Federbüſche, die ihren ganzen Stolz herbergten und alle Mädchenherzen in Bewegung brachten. Laut lachend ſprang er die Treppe hinunter, holte ſeine Freunde aus ihrem Verſteck, erzählte ihnen alle ſeine Neuigkeiten und ver⸗ wickelte ſich in Streit mit Erich, der den König tadelte, während Lindſtröm ihn zu vertheidigen ſuchte, dabei aber kaum weniger, wenn auch gutherziger über ihn ſpottete, als der erzürnte Gardiſt. Der Abend kam inzwiſchen und Dunkelheit deckte das Meer; dann zog der Mond herauf und brachte eine jener Nächte mit, wie dieſe nur im Norden vorkommen. Wunderbar ſtrahlend hing die mächtige Kugel am Himmel und ließ ihr glänzend weißes Licht in zauberiſcher Klarheit über dies Gewimmel von Land und Waſſer ſtreifen. Lange funkelnde Wellen durchfurchten die Spiegelfläche, unter den dunkeln Wäldern leuchtete ſilberhelles Gelände, über die düſteren Vorgebirge und Felſen ſtiegen weithin ſchimmernde Spitzen auf. Der Wind blähte die Segel der Schaluppe und trieb dieſe raſch vorwärts, aber man fühlte ihn nicht. Warm und weich war ſein Wehen und oben am Himmel war Alles ſtill, unermeßlich blau und tief. Die Wogen leiſe rauſchend, das Land träumend ausgeſtreckt, das Schiff von Geiſter⸗ händen fortgeführt durch klare Meeresbecken, durch ſtille Meeresarme; kein Nebelſtreif, kein Menſchenlaut weit umher, endlich nur ein fernes Licht, das wie ein rother Stern aus der Bucht einer kleinen Inſel leuchtete. Und in dieſer Bucht landete das Boot, das die Schaluppe ausſetzte, als ſie vor dieſem Hafen war. Lindſtröm führte Erich und Mary über Steingerölle hinauf zu einem ärmlichen Hauſe in einem Gärtchen. Wo ſind wir hier? fragte Erich. Im Paradieſe, antwortete der Seemann, und dort— ſeht hin, da ſitzt der gottgeſandte Cherubin ſchon, der euch empfangen ſoll! Sie blickten durch das kleine Fenſter und ſahen einen Greis mit langem ſchneeweißen Haar. Er las in einem großen Buche und das arme Binſenlicht beleuchtete ſein ehrwürdiges Geſicht, voll Frieden und Güte. ———— — 766— Macht auf, Axel Jönsſon, macht auf! rief Lindſtröm ſo mild er es vermochte, und der Greis richtete ſeinen Kopf empor, ſah Fremde außen ſtehen und lächelte freundlich. Er nahm ſein Licht öffnete ſeine Thür und ließ ſie ein. Heil und Segen, ehrwürdiger Herr! begann der junge Offtizier zunächſt. Sie ſehen vortrefflich aus, Herr Jönsſon, alter Freund. Er⸗ innern Sie ſich jenes hübſchen Abends nicht mehr, ein Jahr iſt jetzt vorüber gegangen, wo ich mit andern guten Leuten zu Ihnen ver⸗ ſchlagen wurde? O! mein lieber Herr, Sie ſind es— und dieſe Dame! fiel Jöns⸗ ſon freudig ein, indem er ſeine Hand ausſtreckte. Nein, Herr! ſie iſt es leider nicht, ſagte Lindſtröm ihn unter⸗ brechend. Obwohl ich wollte, Sie hätten Recht, und meine Muhme Ebba wäre bei uns. Wen führen Sie zu mir? fragte Jönsſon, indem er ſein Licht aufhob. Den heiligen Erich, lachte Lindſtröm, oder— wie er auch ſonſt geheißen hat, ehe ihn die Ruſſen todtſchoſſen und ſein Hab und Gut einſteckten— den Freiherrn Erich Randal. Haben Sie nichts von ihm gehört? Ehrwürdiger Herr, ſagte Erich mit ſeiner ruhigen, gewinnenden Freudigkeit im Blick und Ton, dürfen zwei Verfolgte hoffen, an Ihrem Herde Schutz zu finden? Baron von Halljala! Erich Randal! rief der alte Pfarrer. Vieles und Gutes habe ich von ihm gehört. Zwei Verfolgte! O, wie gut iſt Gott! Er führt Sie zu mir. Treten Sie ein, meine lieben Freunde. Willkommen! willkommen! in meinem armen Hauſe! mild eä Fremde ite ſeine Offizier nd. Er⸗ iſt jetzt en ver⸗ vong Jone unter⸗ Muhme in Licht ch ſonſt Id Gut s von anenden Ihrem Vieles ie gut lieben Ueunzehntes Kapitel. Und es war ein Paradies, in welches Lindſtröm das beglückte Paar geführt hatte, es waren ſelige Tage, die Erich und Mary jetzt mit dem armen Prieſter auf dieſem ſtillen, vergeſſenen Eiland ver lebten. Bald wußten ſie Alles, was er ihnen erzählen konnte und er hörte ihre Schickſale mit der Theilnahme eines Vaters an. Er hatte Troſt und Liebe für ſie, und wie er den Finger Gottes überall er⸗ kannie, ſo hatte er auch den Glauben, daß die mächtige Hand, die Alles leitet und Alles hält, auch ihr Geſchick gütig leiten und zum Beſten wenden werde. Von ihm erfuhr Erich jetzt auch, wie Otho, in großer Gefahr einſt erhalten, nach Stockholm gelangt ſei, und Mary erzählte, was ſie ſelbſt dazu beigetragen und was damals in Liliendal vorgegangen. Das waren freudige Erklärungen, manches Andere knüpfte ſich daran und neue Hoffnungen wachten auf, daß Otho noch am Leben ſei und ſeinen Freunden einſt wiedergeſchenkt werde. Erich vervollſtändigte dagegen, was er von den Schickſalen ſeiner Tante, deren Heirath und von Otho's Vermuthungen wußte. Er hatte zwar nie etwas von jenem Handſchuh gehört und konnte nur beſtätigen, daß über jene Heirath ein Dunkel ſchwebte, das nicht auf zuklären war, vollzogen aber war ſie gewiß, denn ſein Vater hatte darum gewußt, und in ſeiner letzten Stunde hatte er davon ge⸗ ſprochen, als er darüber befragt wurde. Sie ſind getraut worden, ſagte er mühſam und abgebrochen, wo weiß ich nicht, Niemand weiß es, allein geſchehen iſt es. Darum konnte die heilige Handlung hier nicht noch einmal wiederholt werden. Seltſame Verhältniſſe zwangen uns— meine Schweſter— Ingar— beide— ein Krampf trat ein und einige dumpfe verworrene Worte waren ſeine letzten Lebens⸗ zeichen. Ich hoffe, ſagte der gute Pfarrer, daß unſer lieber Freund in Stockholm Nachrichten geſammelt hat, die ihm nützlich ſind, und Gott wird ihm gnädig ſein, daß er in Ehren auch die erwirbt, an welcher ſein Herz hängt. Denn das war das Weh, das ihn zu Boden drückte. Seine Seufzer und Klagen tönen noch in meinen Ohren, als er in ſeinen Fieberphantaſien nach ihr rief und ſie von ſich ſtieß, wenn er erwachte. Erich wußte, daß Jönsſon Necht hatte; er ſelbſt hatte die Wahr⸗ heit geahnet, als nichts mehr geändert werden konnte. Er wußte, wie Ebba in ſich verſchloſſen hielt, was ſie empfand, weil ſie einge⸗ ſehen, daß ſie ſolcher Neigung entſagen müſſen und jetzt wußte er, daß wenn Otho auch noch lebe, jede Hoffnung für ihn verſchwunden ſei. Ebba würde das für ihn thun, was Mary für mich gethan hat, ſagte er ſeufzend, aber es iſt unmöglich! Kein Ding iſt bei Gott unmöglich, mein Sohn! rief der fifrige Greis. Größeres und Wunderbareres hat er ſchon oft gethan, wo die Weiſeſten riefen: es iſt unmöglich! Eines rechten Mannes Sache iſt es, ſtandhaft zu tragen, was ihn trifft, erwiederte Erich. Otho iſt ein ſolcher Mann, ich ſorge nicht um ihn. Jönsſon nickte ihm freudig zu. Es herrſchte zwiſchen ihm und ſeinem Gaſte eine innige Einigkeit und ſeelenvolles Verſtändniß. Beide waren von mildem Sinne und großer Herzensgüte, beide ſtreng gegen ſich ſelbſt, doch nachſichtig gegen die Fehler und Schwächen aller Menſchen, beide unermüdlich, um Gutes zu thun und Gutes zu fördern und doch ſo verſchieden in den Urſachen und Gründen ihrer Hand⸗ lungen. Denn was der Eine aus der Kraft ſeines Glaubens that, nach Gottes Geboten, durchdrungen von heiliger Gotteskraft, das that der Andere um des Guten willen aus der göttlichen Macht der Ver⸗ nunft und dem ſtarken Rechtsgefühl in ſeiner Bruſt. Doch trotz dieſer Verſchledenheit waren ſie einig, voller Liebe und Vertrauen und fragten nicht nach Satzung und Schrift und was gelehrt und gelernt wird. Die ſtolze Prieſterkaſte in Schweden, welche ſo unduldſam iſt bis auf dieſen Tag, hatte keinen Theil an dieſem demüthigen frommen Greis, der nicht nach ſeiner Freunde Glauben fragte, ſie nicht bekehren eund in nd Gott welcher drückte. als er e einge⸗ er, daß nden ſei han hat, er zifrige Han, wo was ihn rae nicht ihm und — 769— wollte, aber freudig ihre Werke ſegnete, ſie wie Kinder ſegnete und liebte, da ſie hilfreich ihm beiſtanden, den armen Hüttenleuten wohl⸗ thaten und mit ihm auszogen, um die Geſchlagenen zu tröſten. Es war ein trauriges Jahr auch auf dieſen Inſeln, deren Fels⸗ boden ſo wenig ergiebig iſt. Die Theuerung war groß; der Krieg ſtörte den Erwerb, ſelbſt der Fiſchfang gab ungewöhnlich geringen Ertrag. Der Kanonendonner ſchreckte und verſcheuchte auch die Be⸗ wohner der Tiefe. Die rüſtigen jungen Leute wurden zum Dienſt auf die Flotte genommen, Manche hatten auch die Ruſſen fortgeſchleppt bei ihren Landungen, Manche waren getödtet und verſtümmelt worden, und die Weiber und Greiſe lebten in bangen Sorgen, wie es endlich mit ihnen und den Ihrigen werden ſollte, wenn der wilde Feind wiederkäme. In dies verſteckte kleine Eiland war kein Ruſſe bis jetzt gedrungen, allein ſeine Bewohner wußten nur zu gut, welche Gräuelthaten an manchen Orten geſchehen waren, wo die Barbaren Unglückliche lebendig verbrannt oder in dichten Rauch aufgehängt hatten, daß ſie erſtickten, oder ſie gebunden ins Meer warfen, aus Rache, daß die Alandsleute mit ihren Prieſtern die ruſſiſchen Be⸗ ſatzungen fangen halfen. Mary beſaß eine beträchtliche Geldſumme und mancherlei Koſtbar⸗ keiten. Gerne half ſie mit ihren Gaben den Nothleidenden; Erich aber unterrichtete die Familien, wie dieſe ihre kleinen Felder beſſer beſtellen oder nützliche Gewächſe pflanzen und ziehen könnten. In Sartingo wurde ein Erdtoffelankauf gemacht, um dieſe wohlthätige Frucht zu vertheilen und zur nächſten Saat davon aufzubewahren; bis jetzt kannte man die Erdtoffel auf dem armen Eiland nicht So ſah der gute Pfarrer manche Noth gelindert und lange Zeit ſeines Lebens hatte er ſo viele Freude nicht erlebt. Rüſtig wanderte er mit ſeinen Freunden durch Wald und Matten, wenn dieſe ihm Kräuter und Wurzeln ſammeln halfen und, begierig in ſeinem hohen Alter, hörte er an, was Crich von vielen Gewächſen zu ſagen wußte, indem er peſſen Kenntniſſe pries und bewunderte. Ol ſagte er dann oft mit iinem glückſeligen Lächeln, es wird immer ſchöner und beſſer werden auf Gottes Erde. Die Menſchen werden immer mehr lernen, ihr Geiſt wird immer weiter reifen, das wird auch ihre Herzen veredeln. D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 49 — 270— Je mehr Licht die Köpfe erhellt, um ſo mehr wird auch die Finſter⸗ niß verſchwinden und endlich wird der große Geiſt der Liebe ſeine Wohnung immerdar bei Weſen aufſchlagen, die ihn verſtehen und ihn begreifen. In ſchöner Freudigkeit gingen die Tage hin und nie empfanden die Gäſte das Verlangen, ihre Verborgenheit zu verlaſſen. Keine Sehnſucht zog ſie in das Geräuſch des Weltlebens, keine Reue ließ ſie betrübte Rückblicke auf die Vergangenheit thun. Jeder neue Mor⸗ gen brachte neues Glück für das junge Paar und neue innige Zufrie⸗ denheit für den guten Pfarrer. Was konnte es denn Schöneres für ihn geben, als dieſe Geſelligkeit mit Menſchen, welche er immer lieber gewonnen und die ihn dafür wie einen Vater ehrten. Und wie wahr und rein liebten ſie ſich ſelbſt; wie ſchön war ihr Verhältniß trotz dieſer zärtlichen Liebesnähe. Wie waren ihre Herzen vereint durch jenes wunderbare geheimnißvolle Band, das magnetiſch alle Lebensſtrömungen des fremden Lebens zum eigenen Leben macht, und nur für jenes denkt, für jenes ſtrebt und empfindet. Und wenn Arel Jönsſon ſie lächelnd gehen ſah, Hand in Hand, oder wenn ſie bei ihm in dem Gärtchen ſaßen und er bemerkte es, wie ihre Blicke ſich begegneten, wie ihr Sein und Weſen zuſammen ſtimmte, wie Erich dieſer muthigen Retterin herzinnig anhing und ſie ihn mit ruhig ſtol⸗ zer Gewißheit anſchaute, dann überkam es den Greis wie ahnungs⸗ volles Träumen aus alter Zeit. In ihm läuteten heilige Glocken, deren Klänge ſeine ganze Seele füllten, und ſeine Augen thaten ſich glänzend auf, er ſchaute lächelnd die große ſtille Geſtalt an, die ſeiner lieben Natta glich und ſo viel von ihrem Fleiß, ihrer ſorglichen Treue und ihrer ſchönen, ſtillen Ruhe hatte. Und während ſich ſeine Hände falteten und ein Engel Gottes mit roſigem Finger ſeine Stirn und ſein Herz berührte und Beide wieder jung machte, überließ er ſich ſeinen Träumen, die ihm Alles wiedergaben, was er verloren. O! er war ſehr glücklich, der greiſe Prieſter, wenn er mit ſeinen lieben Freunden durch das Eiland wanderte, wenn er ſie zu den ſchönſten und höchſten Stellen führte, zu dem Quell, der ſo ſüßes herrliches Waſſer lieferte, zu der wunderbar alten Eiche in dem kleinen Thale, die einzige auf allen dieſen Inſeln, an deren Stamm er ſo oft mit Finſter ebe ſeine und ihn npfanden . Keine Reue ließ ue Mor⸗ he Zuftie neres ſür ner lieber war ihr re Herzen nagnetiſh en macht, und wenn wenn ſie jre Blit wie Erich uhig ſol ahnunge 6 Glocken, tbaten ſih die ſeiner zen Treul ne bind tirn und eß el ſG oren.⸗ nen lih R ſchſt b henlii nen dha ſo oft m — 771— Weib und Kind geruht, und zu der ſpitzen Klippe, von der aus man bis in das Alandshaf und bis an die finniſchen Küſten ſchauen konnte. Alle Schätze der Welt hätte er nicht um dieſe freudenvollen Stunden eintauſchen mögen. So verging der Monat October und es trat immer rauheres und ſtürmiſcheres Wetter ein, das den nahenden Winter ankündigte, doch noch immer ließ Lindſtröm ſich nicht wieder blicken. Die guten Tage wurden ſelten, aber das Haus, die Herdflamme und die gemeinſame häusliche Geſchäftigkeit vermehrten das Beiſammenſein der Liebenden mit dem guten Pfarrer und gewährte ihnen in dieſer engen Beſchrän⸗ kung und unter mancherlei Entbehrungen eine Fülle neues reines Glück. Vom Kriege kam ſelten eine Nachricht, ſeit langer Zeit war kein Kanonendonner mehr gehört worden, doch ſollte König Guſtav Adolf noch immer auf Aland ſein und dort viele Generale und Män⸗ ner ſeines Hofes und ſeiner Regierung um ſich verſammelt haben. Wie es in Finnland herging wußte Niemand; endlich aber kam der Krämer aus Sartingo in ſeinem Boote und brachte allerlei Waaren und Vorräthe, welche Jönsſon bei ihm beſtellen ließ, daneben aber auch mancherlei Neuigkeiten. Der Krämer erzählte von einer blutigen Schlacht, die in der Gegend von Carleby bei Oravais geſchlagen wurde, in welcher die Ruſſen geſiegt hatten. Schweden uud Finnen ſeien darauf bis faſt an die äußerſte Gränze im Norden zurückge⸗ wichen und hätten einen Waffenſtillſtand abgeſchloſſen, um neue Kräfte zu ſammeln. Doch die Ruſſen unter dem neuen Obergeneral Kamensky ſeien viel ſtärker und ſchwediſche Offiziere hätten in ſeinem Hauſe erzählt, es ſei Alles verloren, denn von den Verluſten bei Oravais würde das finniſche Heer ſich nie wieder erholen. Es ſehlte an Allem, an Menſchen, Geld und Vorräthen, während den Ruſſen nichts fehle und ſie immer mächtiger würden. Das waren betrübte Nachrichten, die nicht verfehlen konnten, Alle traurig zu ſtimmen. Erich ſaß lange ſchweigend und bedenkend. Seine Augen ruhten zuweilen voll liebevoller Beſorgniß auf Mary, und Jönsſon verſtand, was in ihm vorging. Am Nachmittage forderte er Beide zu einem Spaziergange auf, denn der Tag war milder als viele und die Sonne barg ſich unter einem rothen Himmel, der Kälte 49* N— 772— oder Schnee und Sturm anzeigte. Er führte ſie auf die Höhe, wo das Meer nach allen Seiten und der ſchwindende Sonnenglanz zu ſehen war, in deſſen feuriges Zucken ſie bewegt ſchauten. Meine lieben Freunde, begann der alte Pfarrer endlich, wir wer⸗ den ſcheiden müſſen. Dieſer Abendhimmel mahnt mich daran, daß in wenigen Tagen das Toben unſeres Winters beginnen wird. Noch aber können Sie mich ohne Gefahr verlaſſen, um nach einer der großen Inſeln und von dort mit den Fährbooten nach Schweden zu gelangen. Wollen Sie denn, daß wir Sie verlaſſen, mein Vater? fragte Mary. O! mein Kind, erwiederte der Greis zärtlich, Sie haben mein Leben ſo ſchön gemacht wie dieſer Himmel iſt mit ſeiner ſtrahlenden Sonne; allein ich darf nicht fragen, was meine Wünſche ſind. Mary nahm ſeine Hände, die er ihr bot. Wenn Sie unſere Wünſche gewähren wollen, ſagte ſie, ſo bleiben wir bei Ihnen, bis Nothwendigkeit uns zwingt, dieſe friedliche Zufluchtsſtätte zu verlaſſen, welche für uns ein Paradies geworden iſt. Mein theures Kind! rief Jönsſon freudig und traurig zugleich, wie gern höre ich das. Aber wird dieſe arme rauhe Wildniß Ihnen nicht dennoch Schrecken einflößen? Habe ich nicht hier den Mann, mit dem ich in den villddeſten Einöden leben und glücklich ſein würde, antwortete ſie. Sie legte ihre Arme um Erich, der lächelnd ſagte: Sie hat Recht, theurer Vater. Wir wollen bei Ihnen bleiben; alle unſere Wünſche werden mit uns an Ihrem Herde ſitzen. Haben Sie keine anderen Wünſche, mein lieber Freund? fragte der Greis, und als Erich ſchwieg, deutete er vor ſich hinab, wo hinter der Düne die Spitze der kleinen Kirche ſichtbar wurde. Ein unbe⸗ ſchreiblicher Ausdruck belebte ſein Geſicht. Es war um dieſe Zeit, ſagte er, wo ich mit meiner lieben Natta dort am Altare ſtand und der Winter verging uns wie ein endloſer Sommertag. So wlll ich meine Kinder nun auch vereinigen, will ihren Bund ſegnen. Heute noch; ja, heute noch will ich es thun! Denn warum ſollte ich zögern, warum nicht den Segen über Ihren Bund ſprechen, der Ihr Glück erhöhen muß; und weiß ich denn, fügte er ſanft lächelnd hinzu, weiß e, wo anz zu r wer daß in h aber großen langen. fragte mein lenden unſere 1, bis glaſſen, gleich, Ihnen Adeſten Recht, günſche fragte hinter unbe⸗ — 773— ich denn, ob ich es morgen noch thun kann, da ich jede Stunde bereit ſein muß, daß der Herr mich zu ſich ruft. Eine Antwort erfolgte nicht, allein ſie lag in den Blicken der Liebenden, die ſich freudig anſchauten, dann dem greiſen Prieſter zu⸗ lächelten und ſich und ihn umarmten. Und als dies geſchah, flammte die Sonne zwiſchen brennend rothen Wolken auf und hüllte die Be⸗ glückten in Brautgewänder von Purpur und Gold, und über das Meer funkelten ihre Strahlen auf ein kleines Schiff, das ſo eben aus einem der nahen Inſel⸗Kanäle mit weiß glänzenden Segeln fuhr und ſich dem Eilande und der Bucht näherte. Es iſt Lindſtröm's Schaluppe! rief Mary, er erſcheint zur guten Stunde. Er wird geſandt von dem, der über Alle wacht und ohne deſſen Willen kein Sperling vom Dache fällt! antwortete der fromme Greis. Kommt, meine lieben Kinder, laßt uns ihm entgegengehen. In einer Stunde ſollt ihr auf ewig vereint ſein. Als ſie am Hauſe anlangten, ſtand der junge Offizier ſchon an der Thür. Hurrah! rief er, wie lebt es ſich im Paradieſe? Ich habe es wohl gedacht, es gefällt euch darin. Um deſſentwegen ſehnen ſich auch andere Leute danach, und fürchten ſich weder vor dem Apfel⸗ baum, noch vor der Schlange. Denn kein Paradies ohne Schlange, ſollte dieſe auch die Geſtalt eines ehrwürdigen Prieſters annehmen. Mit dieſen Worten hatte er Erich und Mary ergriffen und in das Zimmer geſchoben. Ein heller Freudenſchrei folgte ihrem Eintritt, ein verworrener Schrei der Ueberraſchung und des Glücks, und als Arel Jönsſon erſtaunt nachfolgte, umſchlangen ihn plötzlich vier Arme und vier ſtrahlende Augen blickten ihn an. Ja, es war ſo, ſie waren bei ihm; noch zwei geliebte Menſchen, die Gottes Güte zu ihm ge⸗ führt: Otho und Ebba! Als der Sturm des erſten Erkennens, die Freude des Wiederſehens ſich beruhigt hatten, begann der Austauſch ihrer Erlebniſſe. Otho hatte von Lindſtröm ſchon gehört, was ſich mit Erich und. Mary zu⸗ getragen, er war daher um ſo mehr geneigt, den Freunden willig ſeine eigenen Schickſale zunächſt mitzutheilen, was er in haſtigen Umriſſen that; als er jedoch dahin gekommen war, von dem Gefecht im Lomnäs⸗ N— 774— thale und ſeiner Schweſter plötzlichem Erſcheinen zu ſprechen, die er angſterfüllt verfolgte und nicht erreichen konnte, zitterte ſeine Stimme und verſagte ihm den Dienſt. Niemand unterbrach das Schweigen und es dauerte einige Zeit, ehe Otho mit wiedergewonnener Faſſung fortfahren konnte. Sie liegt im Garten von Lomnäs, ſagte er, unter den Roſenſträuchen, welche ſie mit Magnus einſt gepflanzt hatte. Wir konnten den armen Knaben, der ſie feſt umſchlungen hielt und mit ſeinem Leben ſeine Liebe be⸗ zahlte, nicht von ihr trennen. Sie ruhen in einem Grabe und auch Er ruht neben ihr. Er, der Mann, der ſie verdorben und verrathen hat und den ſie mehr liebte, als Alles was Liebe verdient. Gott weiß es! rief er mit leidenſchaftlicher Glut, ich leide noch wenn ich an ſie denke; gramvolle Liebe miſcht ſich mit meinen Erin⸗ nerungen. Dennoch aber war ihr Tod Wohlthat und dieſer Elende!— Nein! ich will es niemals bereuen, daß er unter meiner Hand ſtarb. Meinen armen alten Freund Lars, fuhr er dann wehmüthig fort, bet teten wir zu dem tapferen Spuf und legten den Hahn über Beide, der mit ſeinen Flügeln ſie bedeckte. Der edle junge Dolgorucki wurde ſchwer verwundet dem Propſt und Ebba's unwürdigem Bruder über⸗ geben, der große Schmerzen litt, denn Lars hatte ihm mit ſeinem Eiſenſtock den rechten Arm zerſchmettert. Er iſt hergeſtellt wie ich vernommen habe. Dolgorucki aber iſt geſtorben. Wir jedoch hatten wenige Zeit zu Trauer und Klage; kaum waren die Todten beſtattet, als wir, obwohl Sieger, eilig in die Wälder flohen. Alle unſere Ge fangene und was wir ſonſt erbeutet, mußten wir frei geben; nur eine Gefangene nahm ich mit mir, denn um keinen Preis hätte ich ſie zurückgelaſſen. Er zog Ebba dabei an ſeine Bruſt und dieſe ſagte ergänzend: Er hat mich auch mehr als einmal auf dieſer langen ſchrecklichen Flucht errettet und von neuem erworben, auch unſeren armen Freund Munk unter großen Gefahren glücklich bis zu des Marſchalls Herr und zu General Adlercreutz gebracht. Der Major hat euch begleitet? fragte Erich. Er war nicht zurückzuhalten, erwiederte Otho. Unnütz ſei es, Gräber zu bewachen, ſagte er; ſein Haß gegen Serbinoff fand auch die er timme — Zeit, e liegt ſche ſie naben, be be⸗ dauch rathen de noch Erin de!— ſtarb. tt, bet Beide, wurde über ſeinem wie ich hatten ſtattet, e Ge teine ich ſit d: Et Flucht Munk und zu ſi 66, d uuch jett noch keine Verſöhnung. Er wollte für ſein Vaterland nun fech⸗ ten, wo ihn nichts mehr davon zurückhielt, was ſollte er noch mit ſeinen Schmerzen und ſeinem Gram in dem öden Hauſe! So zog er mit uns. Alte erfahrene Ofſiziere ſind immer willkommen und wir kamen zur rechter Zeit, um das entſetzliche, vierzehn Stunden dauernde Gemetzel bei Oravais zu vermehren. Es iſt alſo wahr, daß eine blutige Schlacht verloren ging? Eine, die Finnlands Verluſt beſtegelt hat, ſagte Otho düſter blickend. Adlercreutz ſchloß darauf einen Waffenſtillſtand in Lochto und als der Marſchall Klingſpor nach Stockholm ging, folgte er ihm nach, um ver eint dem Könige Vorſtellungen zu machen, daß er Frieden ſchließe. Die Reſte des Heeres ſind unter Befehl des Generals Klerker zurückgeblie ben, allein es iſt nichts mehr zu hoffen; bald werden die Ruſſen in Schweden ſein.— Als der Waffenſtillſtand geſchloſſen war und Adler creutz ging, ging ich mit ihm. In Braheſtad aber trennten wir uns, denn Ebba erwartete mich dort und ich fand Lindſtröm und er fuhr von ihm euren Auſenthalt. Es wird dem alten Marſchall nichts helfen, dieſem eigenſinnigen, unfähigen Fürſten guten Rath zu geben. Wäre er ein Mann wie einer ſeiner großen Ahnen, ſo wäre Finnland nimmer verloren worden, allein er iſt ein Zerrbild ihrer Tugenden und ihrer Fehler und ſomit iſt mein Vaterland verloren. Nichts iſt dieſer Kampf mehr, als eine Menſchenſchlächterei, die er fortzuſetzen befohlen hat, weil er weder Muth zum Handeln, noch Kraft zum Leiden beſitzt. Geſtern iſt er von Aland nach Stockholm zurückgekehrt, nachdem er dem General Klerker den Befehl geſchickt, den Waffenſtillſtand aufzu⸗ heben und die Ruſſen anzugreifen. Bald genug wird man hören, wie viel Blut unnütz vergoſſen wurde, während er in Stockholm Parade macht und nach Willkür und Laune weiter regiert, bis es ein Ende nimmt. Denn ein Ende muß es nehmen. Mag's aber gehen mit ihm und Allem wie es will! rief er, ich habe nichts damit zu thun. Ich bin mit meiner geliebten Ebba vereint, mein treuer Jem begleitet mich mit ſeiner Fulla und ehe wir weiter beſchließen, was mit uns ge⸗ ſchehen ſoll, muß Ebba durch den Segen der Kirche mir gehören. Das iſt meine erſte Bitte an Sie, mein ehrwürdiger väterlicher Freund, legen Sie — 776— Ebba's Hand in meine Hand. Sie kennen, Sie lieben uns, mein Va⸗ ter. Sie werden keine Schwierigkeiten erheben, Sie werden uns vereinigen. Ich will es ſogleich thun, ſagte Jönsſon, denn ich muß es thun, weil ich weiß, daß ich Gottes Willen erfülle, der Sie zu dieſer Stunde mir ſendet. O! meine lieben Freunde, wie glücklich macht es mich, euer Glück zu befeſtigen. Sie aber, mein Kind, Sie, der Sie ſo heftig gegen den Herrn zürnten, erkennen Sie nun ſeine väterliche Hand, ſegnen Sie nun ſeine Weisheit? Otho umarmte ihn gerührt. Ja, mein Vater, ſagte er, wunderbar bin ich erhalten worden, und in vielen großen Gefahren hat ein mäch⸗ tiger Arm mich geſchützt. Nach einiger Zeit waren ſie Alle bereit, dem guten Prieſter zu folgen, der in ſeinem Chorgewande ſie zu der kleinen Strandkirche führte. Der Kirchendiener, welcher in der Nähe wohnte, wurde her⸗ beigerufen und Lindſtröm ging mit ihm und trug die Laterne, den Schluß aber machte Jem Olikainen und ſeine Fulla, Arm in Arm und voller Freude. Jammer und Schade! rief der übermüthige Scemann, daß ich ſo allein wandeln muß, ohne ein Herzliebchen am Arme; aber es iſt ein prächtiger Hochzeitszug und fröhlicher ſoll es dabei hergehen, wie da⸗ mals, wo wir wie toll und blind die alte Kirche nach einem unglück⸗ lichen Brautpaar durchſuchten. Als ſie die Düne und das kleine Gotteshaus erreichten, brach die Nacht eben herein. Ein letzter falber Schimmer hing am Hortzont und warf einen matten Glanz auf die ſchmalen trüben Fenſter, doch er konnte die Dunkelheit nicht verſcheuchen, welche das ärmliche Ge⸗ bäude füllte. Die Schritte der Eintretenden hallten von dem Stein⸗ pflaſter wider, und der Schein der Laterne zitterte über die mürben ſchwar⸗ zen Holzbänke, über den blinden Metallleuchter und über den Altar und deſſen alterthümliches Crucifir. Der Kirchenmann zündete die beiden Leuchter an und während deſſen plauderte Lindſtröm in ſeiner unbeſorgten Weiſe mit Ebba, welche er an die Begebenheiten jener Nacht erinnerte und auf die Stellen deutete, wo damals der Boden aufgeriſſen wurde, um die beiden Wechſelbälge ans Licht zu bringen. nein Wa⸗ rreinigen. es ihun, Stunde es mich, Sie ſo väterliche nderbar n mwäch jeſter zu andlirche rde her⸗ ne, den in Arm ich ſo ſt ei rie de unglick ach die dorizont r, doch che Ge⸗ Stein⸗ ſchwar⸗ Altar eir die ſeiner n jenet Boden ringen. — 2— Seine Stimme ſchallte durch den öden Raum und er gab ſeinen Verwandten, die dieſen Vorgängen nicht beigewohnt hatten, eine über⸗ müthige Schilderung der Angſt und des Entſetzens, mit denen Arwed die Flucht ergriff, als die beiden vermoderten Gerippe neben ihm nie⸗ derſtürzten. Sein Gelächter wurde von einem Echo aus der finſteren Tiefe der Kirche erwiedert und machte einen grauſigen Eindruck. Es war, als ob der Ton ſich verſtärkte und einen gellenden, höhnenden Klang annähme. Lindſtröm blickte verwundert Erich und Otho an, doch er ſah in ernſthafte Geſichter, welche die Erinnerungen und Ge⸗ danken wiedergaben, mit denen ſich ihre Vorſtellungen beſchäftigten. War es nicht hier an derſelben Stelle, wo die geheimnißvolle Trauung ſtatt fand, und noch immer ruhte Dunkel darauf, noch immer hatte Otho nichts erforſchen können. Waren es ſeine Eltern geweſen, deren Hände man hier gewaltſam zuſammen fügte?— Wer that es? Was bezweckte man damit? Warum tödtete man ſie nicht? Was ſollte dies Gaukelſpiel bedeuten?— Er ſetzte ſich auf dieſelbe Bank, wo ſein Vater geſeßen haben ſollte, und zog Ebba an ſeine Seite, während ſeine Blicke die Kirche durchirrten und ſeine Phantaſie ihm Alles noch einmal herzauberte, was er brauchte, um die Mittheilungen ſeines alten Freundes lebendig zu machen. Inzwiſchen hatte Arel Jönsſon Bibel und Gebetbuch aufgeſchlagen und ſich angeſchickt, die Gebräuche der alt lutheriſchen Landesreligion, wie ſie bei ehelichen Einſegnungen vorgeſchrieben ſind, zu vollziehen. Das lange, glänzend weiße Haar des guten Greiſes fiel über den dunklen Chorrock und ſein ehrwürdiges Geſicht glänzte vor Freude und Liebe, als er ſich nun an die drei jungen Paare wandte. Er nahm das Gebetbuch, trat auf die Stufen des Altars und winkte ſie glück⸗ ſelig lächelnd herbei. Meine lieben Freunde, ſagte er, laſſen Sie uns vereint unſer Gebet zu dem großen Vater im Himmel richten, der aus mancher Gefahr und Trübſal Sie hierher geführt hat, und nun das höchſte Glück des menſchlichen Lebens Ihnen gewährt, die ewige Ver⸗ einigung mit dem geliebten Weibe Ihrer Wahl. Der alte Kirchenmann murmelte dem Pfarrer etwas zu, und die⸗ ſer blickte verwundert umher. O, das iſt wahr! rief er aus, es iſt ſo 778 vorgeſchrieben. Drei Zeugen ſollen zugegen ſein, und wir haben hier nur zwei, woher ſollen wir den dritten nehmen? Der Dritte werde ich ſein! antwortete eine ſcharfe, laute Stimme, und im Halbdunkel des Kirchengangs, gerade über der Stelle, wo die Gruft ſich befand, erblickten Alle die hohe Geſtalt eines Mannes. Dieſe Unterbrechung wirkte ſo überraſchend, daß Niemand ant⸗ wortete, Niemand ſich von der Stelle bewegte. Der Fremde war in einen langen, grauen Mantel gewickelt, eine Reiſemütze von Otterfell hatte er tief über ſeine Stirn gezogen. Mit langſamen Schritten näherte er ſich, beleuchtet von dem matten Schein der Altarkerzen, und erſt, als er ganz nahe war und den Kopf aufhob, ließ ſich ſein rothes Geſicht und das ergraute Haar erkennen. Iſt es eine Erſcheinung! flüſterte Ebba, auf welche ſich dies Ge⸗ ſicht richtete, indem ſie erbleichend zurückwich. Feldmarſchall Toll! rief Otho zu gleicher Zeit. Der Marſchall wandte ſich zu ihm. Treffen wir uns hier wieder, antwortete er mit ſeinem ſtolzen, halb verächtlichen Lächeln. Keine Erſcheinung, Ebba Bungen, ich bin es, bin ein Mann von Fleiſch und Bein. Ich komme von Aland zurück, wohin der König mich ge⸗ rufen hat. Was geht hier vor? Hochzeit! Wer will Hochzeit machen? Ich! erwiederte Ebba, die ſich ermuthigte; aber als ſie dies ſagte hob Axel Jönsſon ſeine Arme auf und ſeine Hände faltend, rief er mit prophetiſcher Gewalt: Herr! du Hort der Schwachen, die zu dir rufen, du haſt erhört mein Flehen, du führſt ihn her zu mir, daß meine Augen ihn noch einmal ſchauen— führſt ihn her zu dieſer Stunde! Denn dieſer iſt der grauſame gewaltige Mann, der in jener Nacht mich zwang, nach ſeinem Willen das unglückliche Paar zu trauen. Und dieſen Platz ſoll er nicht eher verlaſſen, ehe wir die Wahr⸗ heit wiſſen! ſetzte Otho mit flammend finſteren Blicken hinzu. Der Marſchall ſchien dieſe Ausrufungen nicht zu beachten. Er blieb vor Ebba ſtehen und blickte ſie fortgeſetzt an. Du willſt dich ver⸗ heirathen, mein Kind? fragte er. Oho! davon muß ich doch auch etwas wiſſen, ich, der ich dein Vormund bin und meine Einwilligung dazu zu geben habe. Mit wem willſt du dich verheirathen? — en hier tinme, wo die s. d ant⸗ war in tterfell hritten. n, und rothes 6 Ge⸗ wieder, Kelne Fleiſch ach ge nachen? s ſagte rief er zu dii :, daß Stunde! Nacht len. Wahr⸗ Er blib ich ber⸗ 1 auich illgund — — 779— Mit ihm, den ich liebe, der mich in Noth und Tod erworben hat, antwortete ſie, Otho's Hand ergreifend. Ich kenne ihn, verſetzte der alte General. Er hat tapfer gefoch⸗ ten. Adlercreutz lobt ihn, aber wie ſein Vater iſt er ein wildes Roß, das Zaum und Zügel nicht achtet. Geben Sie mir Rechenſchaft über meinen Vater! fiel Otho ein. Wenn du dieſen Mann zu deinem Gatten wählſt, fuhr der Mar⸗ ſchall fort, wirſt du deinem Range und deinen Ausſichten auf ein glän⸗ zendes Loos entſagen müſſen. Ich trage kein Verlangen nach dem, was man ſo nennt, erwie⸗ derte Ebba. Mit ihm will ich leben und ſterben, mag es in einer Hütte ſein. Viel mehr wird es auch nicht ſein, war Toll's Antwort. Die Ruſſen haben ihn als Aufrührer geächtet, ſeinen Bauernhof am Pajäneſee ein⸗ gezogen und mit dem großen Gute Halljala vereint an Arwed Bun⸗ gen, deinen Bruder, zum Lohn für ſeine Dienſte gegeben. So wollen wir arbeiten! ſagte Ebba, indem ſie Otho umarmte. Wir werden erwerben, ſo viel wir nöthig haben. Dein eigenes Vermögen iſt klein, es hat jedoch unter meiner Ver⸗ waltung um etwas zugenommen, begann der Marſchall wieder, doch ich vergaß dir zu ſagen, daß dein Bruder als nächſter Erbe des als Hochverräther verurtheilten Barons von Halljala anerkannt wurde, weil Otho Waimon unehelicher Geburt ſein ſoll. Das iſt eine Lüge! fiel Otho heftig ein. Es iſt eine Lüge, erwiederte Toll, denn ich kann die rechtgiltige Trauung ſeiner Eltern bezeugen. Wo wurden ſie getraut? Hier in dieſer Kirche. In der Nacht vom dritten November, im Jahre 1772. So hat dieſer alte Mann Recht, als er Sie erkannte! Der Marſchall antwortete nicht. Er blickte vor ſich hin, nach einigen Minuten fing er an zu ſprechen. König Guſtav der Dritte, ſagte er, war ein geiſtvoller, heißblütiger Herr, ein Verehrer ſchöner Frauen, denen er ſeine Huldigungen brachte. Im Winter des Jahres 1771 kam ein finniſches Fräulein nach Stockholm und lebte 780— dort im Hauſe ihres Verwandten, des Baron Bungen, der einer der Vertrauten des jungen Königs war. Bei ihm lernte der König ſie kennen und ward von ihrem Geiſte, wie von ihrer Schönheit, ſo gefeſſelt, wie von keiner Anderen. Obwohl mit ſeinen politiſchen Plänen beſchäftigt, die er aufs ſtrengſte verbarg, denn ſie konnten ihm Krone und Leben koſten, ward er doch bald von Leidenſchaft umſponnen, und das ſchöne, ſtolze Fräulein nährte dieſe, wohl auch beſtärkt durch ihre Umgebun⸗ gen, denn Bungen war ſchlau und klug genug, um für ſich ſelbſt ein Netz daraus zu weben. Der König hielt ſeine Liebe heimlich, doch wer weiß, was daraus entſtanden wäre. Er war kaum fünfund⸗ zwanzig Jahre alt und wohl im Stande, ſelbſt ſeine Krone dieſer Leidenſchaft zu opfern. Da kam ein Finne nach Stockholm, der lange in Amerika geweſen, und ſein Erſcheinen machte Aufſehen. Solche Männer, kühn und regſam, konnte Guſtav brauchen. Häufig ſah man ihn in des Königs Geſellſchaft. Daher kam er auch in Bungen's Haus und wurde dort wohl empfangen. Da er als Oberſt zurückkehrte, wollte ihn der König in ſein Heer nehmen, und eine glänzende Laufbahn ſchien dieſem Günſtlinge geöffnet, doch er verdarb es bald für immer. Die Revolution wurde vorbereitet, der König hatte unerſchrockene An⸗ führer nöthig. Die Aeußerungen dieſes finniſchen Herrn waren dagegen von der Art, daß Guſtav's Mißtrauen wuchs, und als der Schlag gefallen war, erfolgte eine immer weitere Trennung, denn männlich offen, doch mit geringer Klugheit ſprach der Oberſt ſich aus. Er ver⸗ ſchwand aus dem Schloſſe, allein er verſchwand nicht aus Stockholm, und nun folgten einige Monate bis zu den letzten Octobertagen, wo der König nach und nach bis zum glühendſten Haß gegen dieſen un⸗ beſonnenen Mann gereizt wurde. Er erhielt Nachrichten, daß Oberſt Waimon ſein Nebenbuhler bei ſeiner Geliebten ſei, und überzeugte ſich endlich, daß der Sohn eines Bauers den König beſiegt hatte, denn er überraſchte ſie Beide, und das ſtolze Fräulein ſagte ihm ins Ge⸗ ſicht, wem ihr Herz gehörte. Außer ſich vor Wuth gab Guſtav der Schaar harrenden treuen Diener das Zeichen, ſie drangen ein und überwältigten den Widerſtand des Oberſten, faſt ehe dieſer bereit dazu war. Der König wollte ſie Beide tödten laſſen, Untreue und Verrath in ihrem Blute rächen; allein im Augenblicke der Ausführung ſiegte einer der ſe kennen ſelt, wie ſchäftigt, d Leben s ſchöne, imgebun⸗ elbſt ein ch, doch fünfund ne dieſer der lange Solche ſah man n's Haus e, wollte aufbahn immer. ene An⸗ dagegen Schlag männlich Er ber ockholm, en, wo ſen un⸗ Oberſt erzeugte te, denn. ins Ge⸗ iſtav der ein und jeit dazu Verrath g ſegte — 281— ſeine Großmuth, ſiegte der Geiſt in ihm, der immer groß und könig⸗ lich dachte. Im Hafen hinter dem Schloß lag ſeine Jacht. Dahin wurden die Schuldigen geführt, und nach einer Stunde hatte er ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Die Qualen, welche er gelitten und an denen er lange noch krankte, wollte er vergelten, und doch verzeihen und die Wünſche der Schuldigen erfüllen.— Die Jacht ſteuerte nach den Alandinſeln, und hier, auf dieſem weit entlegenen Eiland erfolgte die Trauung vor einer offenen Gruft. Das Brautpaar war reich geſchmückt worden, aber Schwerter und Dolche umgaben dieſe Pracht; ein ſchreckliches Ende ſchien ihnen bevorzuſtehen. Als jedoch der Prieſter, der dort ſteht, die Kirche ver⸗ laſſen hatte und alle überflüſſige Zeugen entfernt waren, ward ihnen der Wille des Königs verkündigt. Sie wurden aus Schweden ver⸗ bannt mit dem Befehl, Finnland nicht zu verlaſſen. Unter Androhung des Todes mußten ſie geloben unverbrüchlich zu ſchweigen gegen Jeden, wer es auch ſein möge, und niemals irgend eine Nachforſchung anzu⸗ ſtellen nach Kirche, Prieſter und Ort ihrer Trauung, damit jede Ent⸗ deckung unmöglich bleibe. Der König hatte davon zu befürchten, denn ſeine Feinde würden dies benutzt haben, darum wurden dieſe neu Vermählten, verhüllt, wie man ſie hierher gebracht, auch wieder auf das Schiff geführt, im innerſten Raum noch mehrere Tage ver⸗ wahrt und endlich nächtlich bei einem ſüdlich gelegenen kleinen Hafen⸗ ort ans Land geſetzt. Ich habe nichts weiter hinzuzufügen, ſagte der Marſchall nach einigen Augenblicken, als daß der Oberſt und ſeine Gattin ihre Schwüre hielten, auch hatten ſie Gründe, das Liebesverhältniß mit dem Kö⸗ nige nicht aufzudecken; dazu kam, daß Guſtav noch einmal groß⸗ müthig war, als der Oberſt und ſein Schwager Theil an der Ver⸗ ſchwörung des Angelabundes nahmen. Es hätte ihnen die Köpfe ge⸗ koſtet, aber der König ſchickte den Baron Bungen nach Halljala und ließ ihnen ſagen, er verzeihe ihnen um alter Freundſchaft und Liebe willen, doch ließe er ſie warnen, nicht noch mehr gegen ihn zu ver⸗ ſuchen. Als der König todt war, mögen wohl heimliche Verſuche ge⸗ macht worden ſein, mehr zu erforſchen; allein bald ſtarb auch der Oberſt, und ich habe nichts eher wieder von dieſer vergeſſenen Ge⸗ — 782— ſchichte gehört, bis ich im Schloſſe zu Stockholm einen jungen Mann fand, der mich daran erinnerte. Und mehr weiß ich nicht und möchte auch nicht, daß mich Jemand noch mehr fragte, fuhr er mit Nachdruck fort. Der Tod hat alle die fortgenommen, welche dabei zunächſt betheiligt waren; wer, was da mals geſchah, jetzt aus dem Grabe ziehen wollte, könnte keinen Vor⸗ theil davon erwarten, nur unnützes Aufſehn und Geſchrei für die Lärmmacher., Wo es jedoch nöthig iſt zu bezeugen, daß Oberſt Ingar Waimon mit dem Fräulein Louiſa Randal, Freiin von Halljala, ehe⸗ lich verbunden ward, dazu bin ich jederzeit bereit, und wenn es dein Wille iſt, den Sohn des Oberſten, den hier anweſenden Herrn Otho Waimon, zu deinem Manne zu nehmen, meine liebe Ebba, ſo gebe ich dir hierzu, als dein Vormund, meine Einwilligung und meinen Segen. Er küßte Ebba's Stirn und Wangen, dann wandte er ſich zu Otho und ſah ihn mit dem lauernden ſcharfen Lächeln an. Haben Sie nun noch etwas zu fragen, Herr Waimon? begann er. Nein, Herr Marſchall, erwiederte Otho ſich verbeugend, ich danke Ihnen für dieſe Mittheilung, die mich beruhigt, meine Eltern recht⸗ fertigt, meine Zweifel beendet. Ich danke Ihnen für die Verſöhnung, welche Sie mir bringen, indem Sie Ebbg's Wahl ſegnen. So fangen Sie an, Herr Jönsſon, erwiederte der Feldmarſchall, auch Sie werden jetzt beruhigt und verſöhnt ſein. Er zog ſeine große mit Brillanten beſetzte Uhr heraus und behielt dieſe in der Hand. Eine Viertelſtunde gebe ich Ihnen Zeit, ſagte er in ſo befehlend rauher Weiſe, wie er es gewohnt war und wie der gute Pfarrer es in jener Nacht gehört hatte. Ich kam in dieſe alte Kirche, da ich dicht hier vorüber fuhr, ſetzte der Marſchall hinzu, und da die Gelegenheit gün⸗ ſtig war, ſtieg ich aus, denn ſchwerlich werde ich ſie jemals wieder ſehen. Nur einige Minuten wollte ich verweilen, was ich hier finden würde konnte ich nicht wiſſen. Aber was ich ſah und hörte, erregte meine Theilnahme, und um Ebba's willen, die mir lieb iſt, that ich, was ich that. Gottes Wille war es, daß gut gemacht werden ſollte, was böſe war, antwortete Axel Jönsſon. ſen Mann Jemand t alle die was da nen Vor⸗ für die iſt Ingar jala, ehe es dein rrn Otho „ſo gebe d meinen te er ſich n. Haben er. ich danke rn recht⸗ ſöhnung, zal, nuch roße mit d. Eine d rauher in jener icht hier heit gn⸗ b ula ier finden , erregli lhat ich was höſe Faſſen Sie ſich kurz, wenn es beliebt, Herr Paſtor, verſetzte der Mar⸗ ſchall, indem er herantrat und ſeine Stelle als Zeuge einnahm. Betäubt von Allem, was er gehört hatte, befolgte der Greis dies wiederholte Gebot des mächtigen gefürchteten Herrn. Er las eilig und mit zitternder Stimme die Gebete und die Trauformel und vereinte dann die Hände der Brautpaare, indem er den Segen über ſie ſprach. Ein ernſtes Schweigen lag auf allen Geſichtern. Bangen und Scheu füllte alle Herzen, denn dieſer unerwartete Zeuge hatte die Freudigkeit daraus verſcheucht. Sein rother gewaltiger Kopf mit grei⸗ ſem Haar und feurigen Augen, ſah wie der Kopf eines Dämons aus, der aus der Nacht auftaucht. Selbſt Lindſtröm ſchien ſeine Nähe zu vermeiden, und der beherzte, fröhliche Jem ſchlug ein heimliches Kreuz und faßte ſeine Fulla feſter, als das ſchreckliche Geſicht Beide anſchaute. Kaum aber hatte der Pfarrer das letzte Wort geſprochen, als der Marſchall Ebba nochmals umarmte und Abſchied von ihr nahm. Ich wünſche dir alles Glück und alles Gute, mein Kind, ſagte er, und wünſche daſſelbe allen dieſen jungen Paaren. Was ich dazu bei⸗ tragen kann, ſoll immer gern geſchehen, und wenn Herr Otho Waimon meinen Beiſtand nöthig hat, ſei es wozu es ſei, bin ich bereit dazu. Haben Sie Dank, Herr Marſchall, antwortete Otho ſich verbeugend, ich glaube jedoch keine weitern Verbindlichkeiten Ihnen ſchulden zu dürfen. Nicht! rief der Generalgouverneur mit dem hochmüthig⸗verächt⸗ lichen Ausdruck in Stimme und Gebärde, der ihm eigen war. Ich habe es auch erwartet, ſetzte er gleichgiltiger hinzu, Jeder von uns gehe darum ſeinen eigenen Weg, wir wollen uns wenigſtens daran nicht hindern. Da ich jedoch ein alter Mann bin, der nicht weiß, wie bald ſein Ende da iſt, ſo will ich gleich nach meiner Rückkehr dein Vermögen bereit halten, Frau Ebba Waimon, und es ſoll dir in Stockholm ausgezahlt werden, ſobald du dahin kommſt. Auf zehn⸗ tauſend Bankthaler kannſt du rechnen, damit halte Haus und ſieh zu, wie es dir geht. Sollte es aber übel mit dir kommen, ſo denke daran, daß deines Vaters alter Freund— der alte böſe Toll in Backaſkog— auch dein Freund iſt. Es wird nicht übel mit mir kommen, denn ich liebe meinen Gat⸗ ten, ja ich liebe und ehre ihn und bin ſeiner innigen Liebe gewiß. 1394— Dieſe Liebe wird uns Muth und Freudigkeit geben, Alles zu tragen, was das Leben über uns bringt. Wir werden glücklich ſein, ſei es in Einfachheit und Stille; wie ſeine Mutter würde ich einen König von mir ſtoßen, um dem Bauer anzugehören. Leben Sie wohl! gnädiger Herr. Der Freund meines Vaters, der auch mir immer gütig war, wird in meiner Erinnerung dankbar fortleben. Leben Sie wohl! Der höhnende Ausdruck war aus Toll's Geſicht verſchwunden, ernſt und nachdenkend ſtand er einen Augenblick, dann legte er beide Hände auf ihren Kopf, küßte ihre Stirne und ſagte langſam: Lebe wohl! Ich glaube dir. Du wirſt glücklich ſein! Und in ſeinen Mantel ſich einhüllend, grüßte er umher, wie es große Herren zu thun pflegen, und entfernte ſich. Niemand ſprach, Niemand begleitete ihn. Einige Minuten lang blieb es lautlos und ſtill in der Kirche, bis die Thür draußen zufiel und nichts mehr gehört wurde. Er iſt fort! rief dann Lindſtröm halb laut und mit wieder⸗ erwachender Luſtigkeit und verſtärkter Stimme fügte er hinzu: Ich will gehangen ſein, wenn hier Einer iſt, dem es leid thut, und noch ein⸗ mal gehangen ſein, wenn in Schweden Trauer darum entſteht, im Fall der Teufel— ach, Verzeihung ehrwürdiger Vater!— im Fall der Herr recht bald ihn in ſein Reich abholt. Da in ſchwediſcher Sprache der böſe Feind gewöhnlich kurzweg der Herr genannt wird, ſo machte das Wortſpiel, mit welchem Lind⸗ ſtröm ſich vertheidigte und nichts veränderte, den Eindruck den er wünſchte. Und nun wacht auf aus eurer Erſtarrung, fuhr er fort, und laßt ihn ſeinem Ende entgegen ziehen, wie wir dem unſrigen! Glück, Heil und Segen wünſche ich euch aus vollem Herzen, doch nach alter Sitte laßt euch küſſen, ihr holden Frauen! Leichtfertig ſprang er nun von der Einen zur Andern, küßte ſie Alle und hatte dabei ſo viele muntere und neckende Einfälle, daß die liebefrohe Freudigkeit bald zurückkehrte. Die Hoffnungen erwachten, die Augen glänzten wieder, das Glück der nahen Zukunſt verdrängte die blaſſen Geſpenſter trüber Ahnungen, welche der alte Marſchall zurück⸗ gelaſſen hatte. Kommt, meine theuren Kinder, kommt und laßt uns gehen! rief der greiſe Pfarrer, daß mein Haus ſich mit lieben Gäſten fülle. tragen, ſei es in Pnig von gnädiger tig war, G wurden, er beide m: Lebe wie es dſprach, und ſtill twurde. wieder⸗ Ich will loch ein⸗ eht, im im Fall kurpwed im Lind den er er fort, nſtigen! en, doch küßte ſie daß n ten, di ingte die Izuric⸗ bem! rief hen! lle. — 785 Umringt von den jungen ſchönen Bräuten, führte er dieſe hinaus. Die Sterne ſtanden glänzend am Himmel, Ruhe war überall, aber durch das nächtige Dunkel ſchallten vom Meere die Ruderſchläge eines Boo⸗ tes und zwiſchen den Inſeln ſchwankten die Maſten eines Schiffes, das ſeine Laternen ausgeſteckt hatte, Bwanzigſtes Kapitel. Der Winter dieſes Jahres war ein nicht weniger harter, als der vorhergehende, aber es lag nicht ſo viel Schnee. General Adlercreutz machte dieſe Bemerkung, während er in ſeinem Zimmer in Stockholm haſtig auf⸗ und niederging und einige Augenblicke lang am Fenſter ſtehen blieb, zum Himmel aufblickte, eine Wetterfahne betrachtete, und den Sonnenſchein, der die Straßen erhellte. Der Wind hat ſich dieſe Nacht gedreht, ſagte er, wir haben Südwind.( iſt möglich, daß Thauwetter eintritt; heute iſt der dreizehnte März, es kann nicht ſo bleiben. Er wandte ſich um und indem er das Zimmer hinabging mur⸗ melte er haſtiger: Nein, es kann nicht ſo bleiben und ich bin keine Wetterfahne, die heut nach Süden zeigt, morgen nach Norden. Die Zeit iſt da, ich muß fort! Er war in voller Uniform und griff ſoeben nach ſeinem Degen, als er im Vorzimmer die Schritte mehrerer Männer hörte. Wie von einem Verdacht ergriffen blieb er horchend ſtehen und preßte die Hand um den Griff ſeiner Waffe, aber nach einem Augenblick legte er dieſe auf den Tiſch und öffnete ſelbſt die Thür. Herein! rief er, ich erkannte den Freund an ſeiner wohlbekannten Stimme. Herein, mein lieber Waimon, welch glücklicher Zufall führt Sie nach Stockholm. Und wen bringen Sie mir da? D. B⸗IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 5⁰ 786 Es war Otho, den er umarmte und neben welchem Erich Randal ſtand. Es iſt mein Vetter und beſter Freund, Erich Randal, den ich Ihnen zuführe, General Adlercreutz, ſagte Otho. Seien Sie mir Beide willkommen, erwiederte der General. Doch ehe wir etwas Weiteres ſprechen, erzählen Sie mir, ob das ſchöne Fräulein Bungen Ihre Frau geworden iſt. Sie iſt meine Frau geworden und den Winter über habe ich mit ihr, meinem Vetter und deſſen Gattin im ſchönſten jungen Eheglück gelebt. Das iſt alſo der Baron von Halljala, erwiederte Adlercreutz, in⸗ dem er Erich lächelnd anblickte, der die Tochter des alten reichen Halſet in Abo entführt hat, oder vielmehr, den ſie aus dem Kerker entführte. Es iſt vor einigen Tagen erſt beim König davon die Rede geweſen. Aber nichts Gutes, mein lieber Freiherr. Dieſer Halſet hat durch Vermittelung des ruſſiſchen Gouverneurs in Finnland eine Acte ein⸗ geſchickt, die ſeiner Tochter zugeſtellt werden ſoll, worin er dieſe enterbt, ſein geſammtes Vermögen aber dem Verräther Bungen zuwendet, als Entſchädigung für die entflohene Braut. Damit wird Arwed wohl zufrieden ſein, ſagte Otho. Wo iſt dies Schreiben? fragte Erich. In den Händen des alten Ehrenheim, wo Sie es gewiß empfangen können. Warum ſind Sie jetzt nach Stockholm gekommen, meine Herren? Weil die Alandinſeln in den Händen der Ruſſen ſind! Ganz in den Händen der Ruſſen? Ja, General. General Döbeln hat alle bedeutenden Punkte ver⸗ loren bis auf Eckerö, ſeinen letzten Zufluchtsort. Als der Brand der Magazine und Schiffe in Dagerby den Himmel röthete und der Donner der Kanonen unſer glückliches Aſyl erſchütterte, kamen Flücht⸗ linge, die uns benachrichtigten, was geſchah. Mit dreißig Bataillonen iſt der ruſſiſche Feldherr Knorring über das Eis gekommenz zwölf ſchwache ſchwediſche Bataillone war die ganze Kriegsmacht des tapferen Döbeln. Mehr als tauſend Koſaken ſchwärmten über dieſe weiten Ebenen von Kryſtall, aus denen die Granitfelſen aufragen, die ihren Schutz, das Meer, jetzt verloren haben. Alles floh jammernd, was ich Randal u, den ich al. Doch das ſchöne 2 mit Cheglüc treut, in⸗ cen Halſet entführte e geweſen. hat durch Acte ein⸗ eſe enterbt, endet, als empfangen en, meine zunkte ver⸗ Brand der e und der nen Flüche — 787— fliehen konnte, entſetzliche, barbariſche Thaten der Koſaken ſind an den unglücklichen Einwohnern verübt worden. Auch wir mußten uns zur Flucht entſchließen, nur unſer armer alter Freund Jönsſon wollte uns nicht folgen, er iſt allein zurückgeblieben. Sie haben Recht gethan, ſagte Adlercreutz. Gelobt ſei Gott, daß Sie hier ſind! Sie glauben nicht, daß Döbeln länger widerſtehen kann? Nein. Ich habe den General ſelbſt geſprochen, er muß ſich zurückziehen, raſch zurückziehen, wenn er der Uebermacht nicht erliegen will. Seine Vorhut hält Signal⸗Skär beſetzt, noch ein Schlag und er wird auf die ſchwediſche Küſte geworfen werden. Nichts hindert die Ruſſen ihm zu folgen. Und dann können wir ſie in drei Tagen in Stockholm haben, ſagte Adlercreutz tonlos vor ſich hin ſchauend. Im Norden ſind ſie ſchon herübergekommen. Wir haben Nachricht, daß General Barcley de Tolly mit 5000 Mann über den Meerbuſen gegangen und in Weſtbottnien eingefallen iſt. Wann ſind Sie hier angelangt, Waimon? In dieſer Nacht. Ich ſuchte Sie ſogleich auf, General, um Ihnen zu ſagen, was General Döbeln mir mittheilte; daß Alles verloren ſei, wenn er keine ſchnelle Unterſtützung erhält. Nächſtdem aber komme ich, um Sie zu bitten, meinem Vetter eine Audienz beim Könige zu verſchaffen. Beim Könige? Was wollen Sie bei ihm? Ihm meine Erlebniſſe ſchildern und meine Dienſte antragen, wenn er davon Gebrauch machen kann, ſagte Erich Randal. Damit iſt es nichts! rief der General. Sie ſind ihm längſt als ein Unruheſtifter, ein Jakobiner geſchildert worden. Sie haben die Bauern in Halljala bewaffnet. Ich habe ihn ſagen hören, daß Sie Ihr Unglück ſelbſt verſchuldet hätten. Um ſo mehr iſt es meine Pflicht, mich zu rechtſertigen, erwie⸗ derte Erich. Erwarten Sie nichts, fiel der General ein. Doch Sie gehören zu den alten Familien des Reichs. Er ſchwieg einige Augenblicke ſtill und begann dann wieder: Ich will Ihnen den Rath geben, den ich geben kann. Gehen Sie zum Herzog von Südermannland, ſo⸗ gleich, auf der Stelle! Sagen Sie dem Baron Ankerſwärd, den Sie 50* dort treffen werden, Sie kämen von mir. Warten Sie, bis der Herzog Sie empfängt. Erzählen Sie ihm Ihre Schickſale, erzählen Sie ihm auch, daß der König Sie Aufrührer und Jakobiner genannt hat. J Aber, ich weiß das nicht. Mein Wort darauf! Erklären Sie dem Herzog, daß Frieden geſchloſſen und die Reichsſtände berufen werden müſſen. Bei dieſer jetzigen Noth ſollte ich meinen, verſetzte Erich Randal, I daß die Berufung der Reichsſtände nicht ſo nöthig thut, als eine ein⸗ ne müthige Begeiſterung des ganzen Volks, ein Schweigen aller Partei⸗ de ſtreite, um zunächſt den Feind von Schwedens Küſte zurückzutreiben 7 und ihre Vormauer, die Alandsinſeln, wieder zu erobern. Einigkeit!— Einigkeit iſt uns nöthig! rief Adlerereutz. Dreißig em Bataillone Ruſſen werden jedoch Schweden nicht erobern. Wenn der ſi Südwind anhält, treibt dieſer ſie allein zurück.*) Aber wiſſen Sie nicht, Freiherr Randal, daß Stockholm ſeit geſtern ſich in der größten wa Aufregung befindet. Die Weſtarmee hat die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt. Unſer alter Freund, der Oberſtlieutenant Jöran Adler⸗ ſt ſparre, Herr Waimon, ſteht an der Spitze. Er kommt aus Wärme⸗ gib land mit 5000 Mann und marſchirt auf Stockholm. Seine Procla⸗ mation fordert Berufung der Reichsſtände, Entfernung der Verräther aus in der Umgebung des Königs und Umkehr von der Willkür zum Rechte. de Adlerſparre! rief Otho erſtaunt. 4 ab Das iſt offener Aufruhr, fügte Erich hinzu. Was ſoll aus W Schweden werden, wenn der Bürgerkrieg ſich mit dem äußeren thu Feind vereint! Rei Es wird kein Bürgerkrieg entſtehen, fiel der General lächelnd ein. ud Dieſer Aufſtand der Weſtarmee wird ſein ſchnelles Ende erreichen. i Aber ſoll dieſe Armee nicht Schweden gegen einen Einfall der de Dänen aus Norwegen ſchützen? Allerdings, allein die Dänen und Norweger werden nicht ein⸗ Ad fallen. Adlerſparre hat einen Wafefenſtillſtand mit ihrem General, dem Prinzen Chriſtian Auguſt, geſchloſſen. d Und was ſagt der König zu dieſem Aufruhr? das *) Was in der That auch nach drei Tagen geſchah. 6 m is der zählen nt hat. Frieden dandal, ne ein⸗ Partel⸗ treiben Dreißig in der en Sie größten fruhts Abler⸗ Värme⸗ grocla⸗ her aus Rechte. ll aus außeren nd ein. hen. all der t eln⸗ general, — — — 7899— Er will fort nach Schonen, will heut' noch Stockholm verlaſſen, um ſich mit den Regimentern zu vereinigen, die Marſchall Toll für ihn bereit hält. Was noch von den Leibwachen übrig, die er ent⸗ ehrt und aufgelöst hat, dazu die deutſchen Regimenter, die Küraſſiere, kurz Alles, was in Stockholm Waffen trägt, ſoll ihn begleiten. Die Miniſter, die Archive, der Herzog, die Prinzeſſin, es iſt eine allge⸗ meine Flucht. Aber er darf nicht fort! rief er im energiſchen Tone, denn damit iſt der Bürgerkrieg fertig, und Schweden den Ruſſen preisgegeben. Kann er bleiben, General Adlercreutz, erwiederte Erich, um die empörten Regimenter und deren Offiziere zu erwarten? Er würde ſich ihnen willenlos ergeben müſſen. Die Stirn des Generals verfinſterte ſich. Was glauben Sie denn, was er thun ſoll? fragte er. Was ein König thut, muß freiwillig und aus Ueberzeugung ge⸗ ſchehen. Zwingt ihn Gewalt, ſo wird er bald wieder ſeine Gewalt gebrauchen, um das Erzwungene zu vernichten. Ihr Freund, mein lieber Waimon, ſpricht wie der weiſe Mann in der Komödie, ſagte Adlercreutz lachend, der als der Blitz ſein Haus in Flammen ſetzte, eine Rede über die Vortrefflichkeit der Blitz⸗ ableiter hielt. Doch bei alledem haben Sie Recht, Freiherr Randal. Wir wollen ihm jede mögliche Freiheit bewahren, um freiwillig zu thun, was er thun muß. Stockholm darf er nicht verlaſſen; die Reichsſtände muß er berufen! Es wird nicht an demüthigen Bitten und dringenden Vorſtellungen fehlen, und wenn er ſich überzeugen läßt, ſoll Adlerſparre keinen Schritt weiter thun. Mein Arm ſoll der erſte gegen ihn ſein. Und wenn er ſich nicht erbitten und überzeugen läßt, General Adlercreutz? Der General wandte ſein Auge grollend und ſcheu von Erich ab, der ihn klar und feſt anblickte. Nun zum Teufel! rief er heftig aus, was meinen Sie denn, was dann geſchehen muß?— Dann, ſagte Erich, mögen alle diejenigen, welche umſonſt ihm ernſte und eindringliche Vorſtellungen machten, vor ihn hintreten und ihm ſagen, daß ſie ihn verlaſſen. Wenn ſeine Miniſter, ſeine Ge⸗ — 790— nerale, ſeine beſten Diener, ſeine eigenen nächſten Verwandten ſogar, mit dem Muthe ihrer Meinung, ohne Menſchenfurcht, voll Mannes⸗ ſtolz dies thun, dann, General, wird er nachgeben. „Adlercreutz ſah den wunderlichen Freiherrn eine Minute lang er⸗ ſtaunt an. Es wäre möglich, rief er aus, daß dieſe Rechnung richtig wäre, doch dazu ſind nicht Drei zu bewegen. Die Menſchen ſind nicht aus ſolchem furchtlosſtolzen Stoff gemacht, nicht ſo lüſtern nach ent⸗ ſagender, altrömiſcher Tugend oder Märtyrerthum, um ſolchen Weg zu wagen. Sie wagen lieber— eine Revolution! antwortete Erich, ihn feſt anblickend. Genug! rief Adlercreutz, genug! Gehen Sie zu dem Herzog, Freiherr Randal, ſprechen Sie mit ihm, ich muß fort. Ich hoffe, Herr Waimon, daß Sie mich auf meine Bitte begleiten. Wohin Sie gehen, mein General! Zum Könige! Dieſe Karte, Freiherr Randal, wird Ihnen das öſtliche Thor des Schloſſes öffnen. Dort iſt die Wohnung des Herzogs. Dank Ihnen, General. Ich kann jedoch keinen Gebrauch davon machen. Sie wollen nicht? Nein. Es könnte vortheilhaft für Sie ſein, wenn Sie heut' in der Nähe des Herzogs wären. Ich danke Ihnen nochmals, ſagte Erich Randal, aber bei einer Revolution kann ich nichts helfen. Nun ſo gehen Sie! rief Adlercreutz, und ſein offenes Soldaten⸗ geſicht erheiterte ſich voll Vertrauen. Sie wollen nicht mit uns ſein, doch Sie ſind ein ehrlicher Mann und ein Freund Ihres Vaterlandes. Meine Rolle ſteht feſt, ich kann nicht zurück und will nicht zurück. Bleiben Sie in Ihrer Wohnung bis Sie Nachricht erhalten, und ſchweigen Sie gegen Jedermann. Das iſt Alles, was ich von Ihnen fordere. In der That weiß ich ſo wenig, lächelte Erich, indem er die dar⸗ gebotene Hand des Generals ſchüttelte, daß ich leicht dieſe Bedingungen halten kann. ſogar, Nannes⸗ ang er⸗ richtig id nicht ah ent⸗ en Weg ion feſt Herzog, h hoffe, nen das Herzogs. davon — 791— Um ſo beſſer für Sie! fuhr Adlercreutz fort, indem er die un⸗ beſorgte frohe Miene annahm, welche er gewöhnlich hatte, und ſein Schwert in den Gurt ſteckend griff er nach dem Federhut, der da⸗ neben lag, und ſetzte ihn auf. Ein leichtes Klopfen an der Thür erfolgte zu gleicher Zeit und ein kluges, ſcharf geſchnittenes Geſicht ſtreckte ſich durch den Spalt. Der Körper folgte raſch nach. Es war ein Herr in Hoftracht. Staatsſecretär Lagerbring! rief Adlercreutz ihm entgegen. Der Staatsſecretär richtete ſeine durchdringenden Augen auf die Fremden und verbeugte ſich. Zwei Freunde, theuerer Lagerbring, fuhr der General fort. Mein Adjutant, Kapitän Waimon, und ſein naher Verwandter, der Frei⸗ herr Randal. Sie ſind noch nicht auf dem Schloß? fragte der Staatsſecretär. Ich ſah den Finanzminiſter Ugglas dorthin fahren und ſoeben be⸗ gegnete mir der Feldmarſchall Klingſpor. Und Sie, lieber Lagerbring, woher kommen Sie? Aus der Reichsbank, mein lieber General, wo das Collegium eben eine Verſammlung hielt. Was iſt beſchloſſen worden? Da wir den Reichsſtänden allein für das uns anvertraute Ver⸗ mögen der Bank verantwortlich ſind, erwiederte der Staatsſecretär mit ſeinem feinen Lächeln und einem Achſelzucken, ſo ſind die Bank⸗ bevollmächtigten bei der Anſicht ſtehen geblieben, daß es unmöglich ſei, den Wunſch Sr. Majeſtät zu erfüllen. Sehr wahr! rief Adlercreutz und ſein Geſicht drückte Freude über das aus, was er hörte. Sie wiſſen, Freiherr Randal, daß die Bank als Eigenthum des Landes unter Aufſicht der Stände ſteht und daß die von ihnen ernannten Bankbevollmächtigten mit ihren Köpfen für das Bankkapital haften müſſen. Der König hat nun geſtern Abend von dieſen Herren alle disponiblen Gelder und Papiere der Bank ver⸗ langt, um ſie vor den Aufrührern in Sicherheit zu bringen, wie er ſagt. Mindeſtens aber zwei Millionen Bankthaler will er haben, um ſeine Reiſekoſten zu decken und eine Kriegskaſſe nach Schonen zu bringen. — 792 So eben verfügt ſich Graf Fabian Ferſen, der Bankpräſident, zu Seiner Majeſtät, fiel Lagerbring mit demſelben feinen Lächeln ein, um Bericht zu erſtatten und um Nachſicht zu bitten. Dann müſſen wir eilen, ſagte Adlerereutz. Begleiten Sie uns, beſter Lagerbring. Nein, mein lieber General, ich bin bei Ihren Geſchäften überflüſſig; allein ich werde in der Nähe ſein, da Seine königliche Hoheit, der Herzog, mich zu ſehen wünſcht. Die beiden Herren wechſelten einige raſche Blicke, dann ſagte Adlercreutz: Sie thun wohl daran, bleiben Sie in ſeiner Nähe. Haben Sie mir noch etwas zu ſagen? Ich habe Ihnen nichts zu ſagen, erwiederte der Staatsſecretär. Die Lage der Dinge iſt ſo, daß Worte nichts bedeuten. Wir müſſen handeln! rief der General, und bei dieſen Worten nahm er den Arm des Staatsſecretärs und führte ihn die Treppe hinab aus dem Hauſe. Otho und Erich folgten ihnen nach, bald aber trennte ſich Lagerbring höflich grüßend und ſchlug eine Seiten⸗ ſtraße ein. Noch einmal, Freiherr Nandal, ſagte Adlercreutz, ſchärfe ich Ihnen ein, Ihr Haus nicht zu verlaſſen, denn es könnte ſein— er hielt einen Augenblick inne und blickte Otho an. Wenn Sie Ihren Vetter begleiten, wollen, Kapitän Waimon, mögen Sie es thun. Ich begleite Sie, mein General. Auch wenn es den Kopf koſtet? Mag er fallen! Was Sie thun iſt recht gethan. Lebe wohl, Erich! Und Ebba? murmelte Erich Randal. Ebba! ſage ihr— daß ihre Liebe mich begleitet. Er folgte dem General, der einige Schritte unruhig und raſch vorangeeilt war und nun mit ihm heimlich ſprechend über den großen Platz am Theater und über die Norderbrücke dem Schloſſe zuging. An verſchiedenen Ecken hatten ſich Menſchengruppen geſammelt, die wachſame Polizei war jedoch heute nicht aufgelegt, dieſe zu zerſtreuen, denn ſie ſelbſt befand ſich in Unruhe und Verwirrung. Die Gerüchte über den Aufſtand des Weſtheeres und über die Entſchlüſſe des Kö⸗ — 2 2⸗n — eent, zu ein, um ie und, iit, der 1 ſagte Haben ecretär. Worten Treppe , bald Seiten⸗ wohl, d raſch grchen zuging. lt, die ſreuen, erich 6 Ki⸗ — 793— nigs, Stockholm zu verlaſſen, alle Soldaten ſammt Hof, Miniſter, Regicrung und Bank mitzunehmen, fingen an, ſich in der Maſſe der Bewohner zu verbreiten. Die Bürgerſchaft war längſt unzufrieden, einzelne Anhänger des Königs fanden wenige Freunde, manche laute und heftige Aeußerung wurde gehört, aber das Volk war, an Gehorchen und Leiden gewöhnt, mehr gleichgiltig, als geneigt, Partei zu nehmen. Die thatkräftigen Feinde des Königs befanden ſich im Adel, in den höheren Ständen überhaupt und im Heere. Die entlaſſenen Garde⸗ offiziere liefen auf den Plätzen und Straßen umher; manche fein ge⸗ kleidete Herren grüßten den General Adlercreutz, oder näherten ſich, drückten ihm die Hand und wechſelten einige Worte mit ihm. In der Nähe des Schloſſes geſellten ſich auch einige Offiziere zu ihm, und dies Gefolge vergrößerte ſich noch mehr, als ein Dragoneroberſt und der Oberſt und Hofmarſchall Silverſparre am Eingange des Schloſſes ihm entgegenkamen. Wer iſt bei dem Könige? fragte Adlercreutz nach der erſten Be⸗ grüßung. So eben iſt der Herzog gekommen, erwiederte Silverſparre. Marſchall Klingſpor erwartet Sie. Wo? Im Pfeilerſaal. Laſſen Sie uns gehen. Sind ſie Alle bercit mich zu begleiten? Ja, antworteten die Umſtehenden dumpf und leiſe. Machen Sie nicht zu viele Umſtände mit Klingſpor, flüſterte Oberſt Silverſparre. Will er nicht mit uns gehen, ſo thun Sie es allein. Das Schloß iſt gut bewacht, alle Thore ſind geſchloſſen, wenige An⸗ hänger des Königs zu fürchten.“ Ich hoffe, es ſoll kein Blut fließen, murmelte Adlercreutz, wenn es— nicht das unſere iſt. Keine Unglücksgedanken, General. Wo iſt das Unglück! rief Adlercreutz, indem er ſein Haupt auf⸗ hob, als wollte er eine Laſt abſchütteln. Glückt unſer Unternehmen, ſo ſind wir die Retter des Vaterlandes; glückt es nicht, nennt man uns Hochverräther. Es wird glücken, General. Es muß glücken. 794 Auf jeden Fall, fuhr Adlercreutz mit erzwungener Heiterkeit fort, hat mein junger Freund Waimon Recht, daß ich Ausſicht habe, in die Gallerie von Gripsholm aufgenommen zu werden. Ich denke, ſagte Silverſparre, dies gute Schloß Gripsholm ſoll noch heut einen Anderen aufnehmen und ihn ſobald nicht wieder fort laſſen. Wenn es dahin kommen ſollte, ſagte Adlercreutz, indem die Hei⸗ terkeit plötzlich aus ſeinem Geſicht verſchwand, ſo ſoll Niemand uns anklagen dürfen, daß wir vorher nicht Alles verſuchten, um ihn vom Verderben zu retten. Niemand wird uns anklagen, antwortete der Hofmarſchall, der die Geſchichte unſeres Unglücks und ſeiner grenzenloſen Verblendung kennt. So ſei es denn! rief Adlercreutz im entſchloſſenen Tone. Folgen Sie mir nach, meine Herren! Er ging voran und blieb an der Treppe ſtehen, wo er den Hut abnahm, was ſeine Begleiter ebenfalls thaten, denn die Stufen herun⸗ ter kam der Herzog von Südermannland. Sein Geſicht war geröthet, ſeine Augen blickten ſcheu und düſter umher, und als er den ehrfurchts⸗ vollen Gruß der Offiziere erwiederte, zitterte ſeine Hand, welche er an den Hut legte. Indem er vorüber ging, that er einige zögernde Schritte und ſah Adlercreutz ſtarr und ängſtlich an. Königliche Hoheit kommen von Sr. Majeſtät? fragte dieſer. Ja, General. Se. Majeſtät befinden ſich wohl? Dem Anſchein nach wohl. Beharrt Se. Majeſtät bei ihrer Reiſe. In zwei Stunden, erwiederte der Herzog ſeufzend, ſoll dieſe be⸗ ginnen. Ich habe nichts daran ändern können. Er grüßte die Anweſenden, wandte ſich ſchnell um und ging wei⸗ ter, als wolle er nichts mehr hören oder antworten. Er will die Frage nicht abwarten, ob er dem König folgen werde, flüſterte Silverſparre lächelnd. Jeder gute Fechter denkt an ſeine ⸗Deckung, murmelte Adlercreutz. ——,ꝛ——-8ͤͤͤ fort, e, in nſoll rfort e Heb⸗ d uns mvom er die kennt. Folgen n Hut herun⸗ röthet, rchts⸗ er an nd ſah — 795— Er will nichts wiſſen und er darf nichts wiſſen, verſetzte Silver⸗ ſparre eben ſo leiſe, aber er läßt uns machen, und wenn wir fertig ſind— da iſt der Marſchall! Der greiſe Graf Klingſpor kam aus dem Pfeilerſaal und Adlerereutz ging ihm entgegen. In ſeinem hohen Alter hatte Klingſpor den Feld⸗ zug in Finnland durchgemacht und Kriegsruhm mit nach Haus genom⸗ men, den Adlercreutz für ihn eroberte. Er ſah kräftig und ehrwürdig aus; ſein einziges Auge hatte noch einige Lebendigkeit, der König ſchätzte ihn, und ſein ſoldatenhaftes Weſen verſchaffte ihm beim Heere, wie beim Volke Anhänger. Der alte Marſchall war aus Finnland mit der Ueberzeugung zurückgekehrt, daß Friede geſchloſſen werden müßte, wenn Schweden nicht zu Grunde gehen ſollte, aber er war übel fortgekom⸗ men, als er dem Könige die erſten Andeutungen machte. Mehr zu thun wagte er nicht, doch gehörte er ſeit dieſer Zeit zu den Mißvergnüg⸗ ten und Adlercreutz, der ihn längſt in der Hand hielt, konnte ihn leicht bewegen, an die Spitze der Verſchwörung zu treten. Jetzt aber in der Stunde der Entſcheidung, ſchien dem alten General der Muth zu fehlen. Er nahm Adlercreutz bei der Hand, führte ihn in ein Fenſter des Pfeilerſaales und ſagte mit merklicher Beſorgniß: Es iſt Alles vergebens, wir werden nichts ausrichten. Er hat den Herzog, er hat Ugglas abgewieſen. Er muß wollen, erwiederte Adl ercreutz. Wir dürfen nichts übereilen. Adlerſparre kommt in Eilmärſchen; wir müſſen ihn erwarten. Nein, Excellenz! entgegnete Adlercreutz, wir dürfen Adlerſparre nicht erwarten. Gewiß, gewiß! antwortete der alte ängſtliche General. Wir haben keine Truppen, auf welche wir uns verlaſſen können. Die deutſchen Regimen⸗ ter bedürfen nur eines Wortes des Königs, ſo thun ſie was er befiehlt. Eine ſolche Anrede darf alſo nicht erfolgen.. Und hier im Schloſſe, im Trabantenſaale, hat er eine Compagnie Trabanten, die ihm ganz ergeben ſind, flüſterte Klingſpor. Wir ha⸗ ben nichts, nicht ein Regiment, nicht ein Bataillon, nichts als ein paar Dutzend Offiziere, ein Häufchen Verſchwörer. Adlerſparre hat fünf⸗ tauſend Mann. 1796 Wir haben die allgemeine Ueberzeugung, daß es ſo nicht länger gehen kann. Nichts! nichts! ſagte Klingſpor. Adlerſparre muß uns helfen. Wie, Excellenz! murmelte Adlercreutz mit unterdrückter Heftigkeit, ſehen Sie nicht, daß wenn der König Stockholm verlaſſen darf, Alles verloren iſt. 5 Wir ſind verloren! wir! flüſterte der greiſe General. Verloren ſind wir, wenn noch vier und zwanzig Stunden vergehen, fuhr Adlerereutz fort. Was ſo Viele wiſſen, kann nicht länger ver⸗ ſchwiegen bleiben. Bei Gottes Thron! wir ſind zu weit gegangen, Nie⸗ mand kann mehr zurück. Der Marſchall gab keine Antwort, aber er ſchüttelte den Kopf als verneine er dieſen Ausſpruch. Adlercreutz trat dicht an ihn heran und flüſterte ihm ins Ohr: Glauben Sie denn, daß der König Ihnen jemals vergeben wird, wenn er erfährt, daß Sie um unſer Unternehmen wußten und ich geſtern Abend bei Ihnen die Briefe ſchrieb, die unſere Mitver⸗ ſchwornen heut hier verſammelten? Und wenn Adlerſparre wirklich kommt, wird er dann nicht der Mann ſein, nach deſſen Willen Alles ge⸗ ſchieht? Wird er den König ſchonen? Wird nicht noch viel Schlim⸗ meres geſchehen? Wir wollen nichts, als Se. Majeſtät nochmals drin⸗ gend bitten, ſeine Entſchlüſſe aufzugeben, in Stockholm zu bleiben, und die Reichsſtände zu berufen. Alle Vernünſtigen wollen daſſelbe, ganz Schweden fordert es. Weigert er ſich, ſo iſt es erwieſen, daß ſeine geiſtigen Kräfte geſtört ſind, daß eine Regentſchaft eintreten muß. Der Herzog wird ſich weigern dieſe anzunehmen, antwortete Klingſpor. Ich ſah ihn. Er war verzagt, wußte nicht was er thun ſollte. Seien Sie ohne Sorge, ſagte Adlercreutz zuverſichtlich, Lagerbring iſt bei ihm. Iſt hier Alles geſchehen, wird Herzog Karl ſich nicht länger weigern, Regent zu ſein, als nöthig iſt. Der Marſchall ſchwankte. Kein General von allen, die in Stock⸗ holm ſind, iſt damit einverſtanden und hier bei uns, begann er nochmals. Die Meiſten aber wiſſen es, ahnen es und ſchweigen, erwiederte Adlercreutz. Armfeld iſt in der Nähe. Iſt der Schlag gefallen, ſo wird ſich keine Hand für den Mann aufheben, den Keiner liebt. — länger n. igkeit, Alles gehen, r ber⸗ Rie⸗ Kopf an und emals pußten itver⸗ ömmt, ge⸗ chlim drin⸗ und ganz ſeine gſpor. rbring nicht — 7— Ich will es noch einmal verſuchen, flüſterte der alte Marſchall in ſeiner Beklommenheit. Ich will zu ihm gehen, ihn nochmals mich zu hören. Wenn er mich aber wiederum abweist— Dann ſtellen Sie ſich an unſere Spitze, fiel Adlercreutz ein, als er abbrach.. Nein, das kann ich nicht! Ich will mit dem Fuß im Grabe keinen Antheil an dieſer That haben. Macht dann, was ihr wollt. Ja, er muß nicht recht bei Sinnen ſein! Ein verächtliches Lächeln zuckte über das entſchloſſene, ſtolze Geſicht des Generals, als der Marſchall ſeine Hände zaghaft faltete und ihm voran ging. An der Thür ſtand Adlercreutz ſtill und ſeine wartenden Gefährten anblickend ſagte er tiefathmend: Die Stunde iſt da, aber Gott iſt mein Zeuge! in hundert Schlachten wollte ich mich lieber ſtürzen, als dieſen Gang thun! anflehen Einundzwanzigſtes Kapitel. Sie ſtiegen Alle die Treppe hinauf und befanden ſich in dem Vorzimmer, an welches Guſtav Adolf's Wohnzimmer und an dies ſein Schlafzimmer ſtieß. An der Thür des Vorzimmers ſtanden einige Offiziere, wie zufällig dort wartend. Adlercreutz näherte ſich ihnen und ſagte leiſe: Laßt Niemand mehr herein, auch darf ſich Niemand entfernen. Im Vorzimmer ſtand der Kriegsminiſter Tibell, der alte General Strömfeld, und der Generaladjutant Oberſt Mellin mit dem ſchwarzen Amtsſtabe. Der Finanzminiſter Graf Ugglas trat ſoeben aus dem inneren Zimmer. Des Königs harte, ſcharfe Stimme ſchallte ihm nach. Guſtav Adolf öffnete ſelbſt die Thür. Graf Ugglas blieb ſtehen und machte eine tiefe Verbeugung, als er ſah, daß der König ihm ſoweit nachfolgte. Guſtav Adolf trug wie immer Generals⸗ — 798— uniform, der Degen ſteckte an ſeiner Seite. Er ſah erhitzt aus, ſeine Augen waren entzündet, er hatte die ganze Nacht über mit ſeinen Secretären gearbeitet, Befehle geſchrieben und ſeine Papiere geordnet. Finſterer und härter konnte ſein Geſicht nicht ſein, und ſeine Stimme klang noch rauher, als dies gewöhnlich der Fall war. Auf der Stelle alſo die Bankbevollmächtigten! ſchrie er dem Mi⸗ niſter zu. Sagen Sie ihnen, daß ich in einer Stunde die zwei Mil⸗ lionen Thaler haben muß, wo nicht, werde ich ſie mir holen! Graf Ugglas verbeugte ſich wiederholt. Wer iſt hier? fragte der König, indem er nach den Offtzieren ſah. Ich bin es, Majeſtät, erwiederte der Marſchall. Sie, Graf Klingſpor! Was wollen Sie? Kommen Sie herein. Der Graf folgte dem Gebot. Der Miniſter wandte ſich um, Adlercreutz trat auf ihn zu und ſagte leiſe: Bleiben Sie hier, Sie dürfen jetzt nicht fort. Sein Blick mußte etwas Furchtbares haben. Was wollen Sie thun? fragte Ugglas erſchrocken die Hände faltend. Dem Könige Vorſtellungen machen. Er iſt in übelſter Laune. Die Bankbevollmächtigten wollen kein Geld geben. Ich zweifle nicht, daß er es mit Gewalt nimmt. Er wird es nicht nehmen. Erzürnen Sie ihn nicht noch mehr, General. Alle Ihre Vor⸗ ſtellungen werden fruchtlos bleiben. Ich glaube es nicht! verſetzte Adlercreutz mit ſolcher Gewißheit im Ausdruck, daß der Miniſter noch ſtärker zitterte. Aber es war keine Zeit, eine Erklärung zu fordern, denn die heftige Stimme des Königs, welche durch die Thür ſchallte, beendete dies Geſpräch. Alle, die im Vorzimmer waren, horchten ſchweigend. Es herrſchte eine Todtenſtille. Nein! nein! ſchrie der König, ich will nichts hören. Ich will fort! Niemand ſoll mich abhalten! Majeſtät! antwortete Klingſpor, ich flehe Sie an, gehen Ste nicht. Der Untergang des Reichs iſt unvermeidlich. Berufen Sie die Reichsſtände, ſo iſt dem Aufſtande alle Macht genommen⸗ , ſeine ſeinen ordnet. Stimme m Mi⸗ i Mil⸗ gte der re Vor⸗ wißheit enn die beendeie weigend⸗ c will Sie en Sie bi — 799— Nie, niemals! fuhr der König mit gleicher Heftigkeit fort. Wollen Sie ſich auch zu den Verräthern geſellen? Kein Wort mehr! Hüten Sie ſich! Majeſtät! ſagte der greiſe Marſchall mit einer verzweiflungsvollen letzten Anſtrengung ſeines Muthes, ich bin ein treuer Diener Ihres Hauſes, aber auch ein Diener und Sohn meines Vaterlandes und Volkes. Finnland iſt verloren, zwölf Millionen neue Schulden ſind gemacht, eine neue Neichsſteuer iſt ausgeſchrieben, ohne die Stände zu fragen. Unſere Jugend liegt im Grabe, die Landwehr iſt von Seuchen hingerafft. Das Heer geht in Lumpen. Die Engländer haben uns nicht helfen können, überall iſt Noth und Elend, Ver⸗ wirrung und Mißbrauch und das Volk ſchreit nach Frieden. Schließen Sie Frieden, Majeſtät, damit unſer altes Reich nicht untergeht! Der König ſchien wie in Betäubung dieſe unerwartete Sprache anzuhören. Starr vor Erſtaunen blickte er auf den Marſchall, jetzt aber wachte er davon auf: Still! ſchrie er aufſtampfend. Nein] nein! ich ſchließe keinen Frieden! niemals! Sie haben ſchon in Finnland ſich unterſtanden, mir ähnliche Dinge zu ſagen. Hüten Sie ſich, daß ich Ihr Benehmen nicht unterſuchen laſſe. Gehen Sie! Entfernen Sie ſich! Jetzt iſt es Zeit! ſagte Adlercreutz, denn eben öffnete der Mar⸗ ſchall die Thür. Gebeugt, denn Kopf geſenkt, ſein eines Auge zuge— drückt trat er heraus. Adlercreutz ging an ihm vorüber, die beiden Oberſten, die Kapitäne und Adjutanten folgten ihm nach. Sein Geſicht war blutlos bleich, aber ſeine Haltung ruhig und würdig. Der König ſprach kein Wort, als er dieſe große Zahl Offiziere erblickte, welche ohne Anmeldung ſich in ſein Zimmer drängten und vor ihm auf⸗ ſtellten. Niemals hatte Jemand bisher ſeinem Willen entſchleden widerſprochen, viel weniger noch ſich ihm widerſetzt. Der Zauber der Majeſtät, der ihn umgab und an welchen er ſelbſt ſo feſt glaubte, war nicht im leiſeſten getrübt und erſchüttert worden. Nur auf ſeine Winke und Gebote durften ſich ſelbſt die höchſten Würdenträger des Reichs ihm nähern, plötzlich aber drang ein Schwarm Offiziere in ſein Zimmer, von denen die meiſten eine untergeordnete Stellung, keiner eine ſehr hohe einnahm. Es war daher erklärlich genug, daß 900— der König einige Zeit lang regungslos in noch größerer Ueberraſchung ſtand, als die geweſen, in welche der Marſchall ihn verſetzt hatte. Er ließ es geſchehen, daß die Offiziere ſich in einen Halbkreis ſtellten und als General Adlercreutz vortrat und ſich verbeugte, machte er eine Bewegung mit der Hand, als fordere er ihn zum Sprechen auf. Allergnädigſter Herr! begann der General ehrerbietig, wir nahen uns mit der unterthänigſten Bitte, daß Ew. Majeſtät mir erlauben mögen, Ihnen die große Beſtürzung und die unglückliche Lage des ganzen Reichs zu ſchildern. Finnland iſt nicht allein völlig verloren und keine Ausſicht vorhanden, es wieder erobern zu können, ein ruſſi⸗ ſches Heer iſt in Schweden ſelbſt eingedrungen und General Döbeln hat die Alandinſeln aufgeben müſſen. Bald werden wir den Kanonen⸗ donner in Stockholm hören. Ein heftiges Zuſammenzucken aller Muskeln im Geſicht des Kö⸗ nigs ließ den General annehmen, daß ſeine Nachrichten nicht geglaubt wurden. Ich ſchwöre Ew. Majeſtät zu, daß dies die Wahrheit iſt! fuhr er fort. Hier iſt Kapitän Waimon, welcher in dieſer Nacht von den Inſeln kam. General Döbeln hat mit ſeiner Vorhut ſchon den ſchwediſchen Boden bei Griſſelhamn erreicht. Wollen Ew. Majeſtät den Kapitän Waimon hören, der dies Alles mit eigenen Augen ſah. Der König ſchüttelte heftig den Kopf und ſagte mit Anſtrengung: Ich will nicht, aber was wollen Sie?! Ew. Majeſtät unterthänigſt vorſtellen, daß, von äußeren und in⸗ neren Feinden bedroht, das Land in äußerſter Bedrängniß ſich befindet, und Ew. Majeſtät ehrfurchtsvoll auffordern, Stockholm nicht zu ver⸗ laſſen. Wer fordert mich auf? rief der König mit rollenden Augen. Viele wohlgeſinnte Männer. Herren vom Adel, Beamten, Sol⸗ daten, Bürger, welche zu Ew. Majeſtät durch unſeren Mund ſprechen. Wenn Guſtav Adolf aus ſeiner Verblendung erwacht wäre, hätte er ſehen müſſen, wie das Geſicht des Generals ſich mit dem Ausdruck kühner Entſchloſſenheit füllte, wie ſeine Augen funkelten und ſein kurzer ſtarker Körper ſich herausfordernd aufrichtete. Er hätte hören müſſen, wie ſeine Stimme nichts mehr von Unterthänigkeit hatte und wie darin die Gewaltthat grollte, zu der er bereit war. Aber der raſchung ite. albkreis machte hen auf. rnahen erlauben h age des verloren n ruſſt Döbeln ranonen⸗ des Kö⸗ gegloult theit iſt acht bon hon den — ſtät den ch. rengung: und in⸗ befindet, zu ver⸗ kein Leid geſchehen. ſtande, daß Sie fortan n befaſſen können. — 801— unglückliche Monarch ſah und hörte nichts davon. Seine ganze Seele war mit blinder Wuth über die Unverſchämtheit dieſer Menſchen ge⸗ füllt und je mehr er ſich von dem maßloſen Erſtaunen erholte, das ihn überfallen hatte, um ſo größer wurde ſein Zorn. Die Adern an ſeiner Stirne ſchwollen auf, ſeine Lippen zitterten. Wie könnt ihr euch unterſtehen, hier einzutreten? ſchrie er jetzt mit äußerſter Hef⸗ tigkeit. Sind Ew. Majeſtät nicht geneigt, unſere dringende Vorſtellung zu beachten? Nein! nein! und tauſendmal nein! rief der König. Dann begehre ich Ew. Majeſtät Degen und verhafte Sie im Namen der Nation! Verrätherei! ſchrie Guſtav Adolf. Ihr ſeid Alle zeitlebens un⸗ glücklich! und ſeinen Degen aus der Scheide reißend, zückte er ihn auf den General. Wir, ſind keine Verräther! Wir wollen das Vaterland retten! ſchrien die Verſchworenen wie mit einer Stimme, während Adlercreutz, ehe der König den Stoß auf ihn thun konnte, ihn unterlief und mit beiden Armen um den Leib faßte. Oberſt Silverſparre ergriff in dem⸗ ſelbigen Augenblicke des Königs Degen und drehte ihn aus deſſen Hand. Man will mich ermorden! ſchrie der überwältigte Monarch. Hilfe! Hilfe! Um Chriſti willen kommt zur Hilfe! Beruhigen Sie ſich, ſagte Adlerereutz ihn loslaſſend, es ſoll Ihnen Gebt mir meinen Degen wieder!— Verräther! meinen Degen! ſchrie der König, der von den Offizieren umringt war. Ich will euch verzeihen, aber meinen Degen gebt mir zurück. Davon kann nicht die Rede ſein, erwiederte Adlercreutz, mit ener⸗ giſcher Beſtimmtheit. Ew. Majel ſtät Geſundheit iſt in ſolchem Zu⸗ icht weiter mit den Regierungsgeſchäften ſich Und jetzt begab ſich eine unerklärbare Scene, die zu beweiſen ſchien, daß Guſtav Adolf's Gehirn wirklich in Unordnung war, oder an Er⸗ weichung litt, wie ſeine Feinde behaupteten. Eine Anzahl Kammer⸗ D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 51 — 802— diener, Schloßknechte, Trabanten, Kammerhuſaren und Wachtmeiſter rüttelten an der Thür, die nach dem Schlafzimmer des Königs führte, und ſprengten dieſe auf, da ſie verriegelt war. Sie hatten das Ge⸗ ſchrei des Königs gehört und waren durch den Corridor hereingedrun⸗ gen, mit Säbeln, Knütteln und Ofengabeln bewaffnet. Alle Offiziere zogen ihre Degen und General Adlercreutz trat dieſen Eindringlingen kühn entgegen. Was wollt ihr hier! ſchrie er ſie an. Dem König iſt nichts geſchehen. Se. Majeſtät iſt krank. Hinaus mit euch! Hinaus auf der Stelle! Dies ſagte der beim Könige beliebte, überall in hohem Anſehen ſtehende Generaladjutant, und der König ſchwieg dazu. Er ließ ſeine Vertheidiger ſich entfernen, ohne einen einzigen Hilfsſchrei zu thun. Hätte er ihn gethan, ſich losgeriſſen, ſich zu dieſen armen ergebenen Dienern geflüchtet, ſie würden ihn mit ihrem Leben vertheidigt haben und ohne Zweifel konnte die Trabantengarde im oberen Saale dann ſchnell ihnen zu Hilfe kommenz; allein Guſtav Adolf ließ dieſe Treuen ſich entfernen, ohne den geringſten Verſuch zu machen, den Verſchwo⸗ renen zu entkommen. Man hat ihm ſpäter daraus den Vorwurf gro⸗ ßer Feigheit gemacht. Er war von verzweifelten Menſchen umringt, deren Degen entblößt waren, welche jetzt entweder ihren Plan aus⸗ führen, oder auf den ſchimpflichſten Tod gefaßt ſein mußten. Er mochte in ihren Mienen leſen, daß ſie zu jeder That, ſelbſt zum Morde, entſchloſſen ſeien, und in Wahrheit konnte ein ſolcher allein ſie noch retten; aber ein kühner Mann würde es dennoch gewagt haben. Guſtav Adolf wagte es nicht, ſein perſönlicher Muth war nie⸗ mals groß geweſen. Kaum hatte dieſer Dienertroß ſich ſcheu zurückgezogen, als Adler⸗ creutz in das Vorzimmer eilte, an deſſen Thür der Ceremonienmeiſter, Oberſt Mellin, wie eine Bildſäule ſtarr vor Schrecken und Beſtürzung ſtand. Hinaus konnte Niemand, die Thür nach der Treppe wurde von Offizieren, die blanken Waffen in ihren Händen, bewacht. Adlercreutz ſtürzte ſich wie ein Tiger auf Mellin und faßte deſſen ſchwarzen Amtsſtab. Gib her den Stock! ſchrie er ihm zu. Der König hat ihn mir gegeben, nur mit meinem Leben will ich ihn laſſen! antwortete der Oberſt. htmeiſter s führte, das Ge⸗ noedrun⸗ euß trat te er ſe Hinaus Anſehen geß ſeine zu thun. ergebenen gt haben ale dann ſe Treuen gerſcho⸗ urf gro⸗ umringt, lan aus⸗ ten. Er ellſt zun ger allein f genag war nie⸗ 3 Mler⸗ enmeiſter eſtützend urde un ldlercreuib ſchwatzen wil ih — 803— Der kräftige Adlercreutz riß ihm den Amtsſtab fort und warf den Ceremonienmeiſter dabei rückwärts auf ein Sopha. Ich werde jetzt hier im Hauſe befehlen! ſchrie er. Entwaffnet den Oberſten, auch die Adju⸗ tanten dort und den Trabanten⸗Hauptmann. Gehorchen ſie nicht, ſtoßt ſie nieder! Mit dieſen Worten lief er hinaus, die Treppe hinauf und in den Saal der Trabantengarde. Erhitzt, ohne Hut, mit aufgeriſſenem Rock, trat er herein, in der einen Hand den ſchwarzen Amtsſtab, in der an⸗ deren den Säbel eines Huſaren, denn ſeinen eigenen Degen hatte er bei dem Ringen mit dem Könige verloren. Die Trabanten wußten nicht, was ſie thun ſollten. Ihr eigener Offizier war gefangen; jetzt ſahen ſie einen General vor ſich, dem gleich darauf noch eine ganze Schaar Offiziere folgte, denen ſie militäriſchen Gehorſam ſchuldig waren. Adlercreutz mit ſeinem edlen, lebhaften Geſicht, das einem Solda⸗ ten gehörte, mit ſeinen blitzenden Augen und ſeiner raſchen Kräftigkeit trat vor ſie hin und, befahl ihnen, ſtille zu ſtehen. Hört mich an, meine Freunde, ſagte er darauf. Ihr kennt mich alle und wißt, daß ich nicht lüge. Dem Könige ſoll kein Haar gekrümmt werden, meine Soldatenehre gebe ich zum Pfande! allein regieren kann er nicht länger, denn er iſt krank und dieſe Krankheit hat Schweden ins Verderben geſtürzt. Im Namen des Vaterlandes befehle ich euch, verhaltet euch ruhig. Was hier geſchieht, geſchieht zu des Königs Rettung. Verthei⸗ digen könnt ihr ihn nicht, es würde euer Untergang ſein. Das ganze Heer, das Land iſt mit uns; der Herzog von Südermannland wird die Reglerung übernehmen. Die Trabanten waren eingeſchüchtert, ſie ſchwiegen und ſtellten ihre Waffen fort, doch während Adlercreutz und der größte Theil der Offi⸗ ziere damit beſchäftigt waren, dieſe Garde zu gewinnen, machte der König einen unerwarteten Fluchtverſuch. Der alte Marſchall Klingſpor hatte in der tiefen Wölbung eines Fenſters im königlichen Zimmer allen Vorgängen beigewohnt, ohne Theil daran zu nehmen; jetzt aber, als Adlercreutz ſich entfernte, und der König ſcheinbar gefaßter mit dem Finanzminiſter Ugglas und dem greiſen General Strömfeld auf und abging, die Beide ihn zu tröſten 51* — 804— ſuchten, trat der Marſchall hervor, und näherte ſich ſeinem gefangenen Herrn. Majeſtät, ſagte er leiſe und haſtig, ein alter treuer Diener naht ſich Ihnen noch einmal. Noch iſt Rettung möglich, doch es gibt nur ein Mittel. Iſt mein Leben in Gefahr? fragte der König ängſtlich. Nicht Ihr Leben, Majeſtät, aber Ihre Krone, die für Ihren ganzen Stamm verloren gehen kann, wenn Sie ſich nicht entſchließen, augen⸗ blicklich die Stände zu berufen. Schreiben Sie ſogleich, ich verſchaffe Ihnen die Mittel dazu. Entſagen Sie der Regierung zu Gunſten Ihres Sohnes. Guſtav Adolf ſchüttelte heftig den Kopf. Er blickte voller Haß den Marſchall an, noch immer erkannte er nicht die ganze Wahrheit ſeiner Lage. Sie haben mich verrathen helfen! ſagte er mit dem rauhen, polternden Ton wie vormals. Geben Sie mir meinen Degen wieder. Gott ſteh' Ihnen bei! antwortete Klingſpor. Nichts hilft gegen dieſe verblendete Halsſtarrigkeit! und ſich entfernend eilte er fort in ein anderes Zimmer, und endlich durch die Gänge des Schloſſes zu dem Herzog von Südermannland. In dem Augenblick aber, wo Klingſpor ihn verließ, hatte der Kö⸗ nig den Degen des Generals Strömfeld aus der Scheide gezogen. Mein Degen, Majeſtät, mein Degen! ſchrie der alte Mann. Nichts da! antwortete der König, den Degen ſchwingend und ihn hoch in der Hand haltend, ſtürzte er ſich auf eine Tapetenthür und verſchwand, eben als Adlerereutz wieder hereintrat. Haltet ihn feſt! halt! ſchrie der General ihm nacheilend, indem er mit ſeinem Fuß die Thür einſtieß, welche Guſtav hinter ſich verriegelt hatte. Zwanzig Offiziere ſprangen ihrem Anführer nach und da ſie meiſt junge Leute waren, überholten ſie den kurzen dicken, Adler⸗ creutz, der außer Athem kam, als er dem Könige einige Zeit lang Trepp auf, Trepp ab verfolgt hatte. Guſtav Adolf kannte die Gänge uud Verbiegungswege dieſes weitläufigen Schloſſes beſſer als ſeine Verfolger und als auf einer Treppe einer derſelben fiel, gewann er einen ſolchen Vorſprung, daß er durch einen langen Gang in den fangenen Diener es gibt ganzen augen⸗ erſchaffe Gunſten ller Haß Gahrheit nit dem Degen ft gegen fort in ſſes zu der Kö⸗ gen. un. und ihn ür und ndem er erriegelt d da ſi Mler⸗ it lang Gänge ſs ſein wann. 3 in dan — 805— öſtlichen Flügel des Schloſſes laufen konnte, wo er eine Treppe hinabſprang und in den Schloßhof gelangte. Otho Waiman gehörte nicht zu den Verfolgern des unglücklichen Fürſten. Er, der ſchnellſte und kräftigſte von Allen dieſen jun⸗ gen Offiziere, würde den König zuerſt eingeholt haben, allein dieſe kläglichen Scenen machten einen widerwärtigen Eindruck auf ihn. Sein ſtolzes Herz empörte ſich gegen dieſe ſchreckliche Jagd. Er liebte den König nicht und konnte ihn nicht achten. Guſtav Adolf zeigte auch bei ſeiner Gefangennehmung, wie beſchränkt ſein Verſtand und wie verknöchert alle ſeine Begriffe waren, dennoch drängte ſich dem ritter⸗ lichen Charakter des jungen Finnen ein Mitleid für den verlornen König auf, der in ſeinem eigenen Hauſe von einer raſenden Meute gehetzt, von allen Seiten umgarnt, von denen zumeiſt verrathen war, die ihm zunächſt ſtanden. Dieſe düſteren und peinlichen Gefühle ſollten aber bald noch vermehrt werden, denn indem Otho in dem Gang ſtehen blieb, in deſſen Tiefe der König verſchwand, hörte er von dem Hofe herauf ein wildes verworrenes Geſchrei und als er eines der Fenſter erreichte, ſah er den verfolgten Fürſten ergriffen von einem breitſchulterigen Mann, den er mit ſeinem Degen verwundet hatte. Auch der König blutete. Er war mit der Stirn gegen einen Pfeiler gerannt und hatte ſich überdies die Schulter verletzt. Sein Geſchrei nach Hülfe war weniger männlich als kläglich. Laßt mich los! ſchrie er unaufhörlich. Rettet mich! Helft mir! Verſteckt mich! Der Mann, welcher den König umfaßte, war der Hofjägermeiſter Greiff, der ſeinem Namen Ehre machte, denn er hielt den ſchreienden und bittenden Fürſten trotz deſſen heftigſter Anſtrengung ſo lange feſt, bis die Verſchworenen ihm zu Hilfe kamen. Aber auch ein ganzer Haufe Holzträger, Bediente, Soldaten und Schloßwächter war abermals zuſammen gelaufen und ihnen ſtreckte der⸗ unglückliche Monarch ſeine Arme entgegen und rief ihnen ſein kläg⸗ liches: Helft mir! rettet mich! zu. Seht ihr nicht, daß der König krank iſt! antwortete Greiff dage⸗ gen. Seht ihr nicht, daß Seine Majeſtät im Fieber liegt und rast? Wir ſind nur zu ſeiner Hilfe hier, um ihm Beiſtand zu leiſten. — 3896— Es iſt nicht wahr! ſchrie ein alter Bedienter. Der König iſt nicht krank! Laßt uns unſeren König befreien! Im Augenblick erhielt er von einem Major einen Schlag ins Geſicht, daß er zu Boden ſtürzte. Ein halbes Dutzend Offiziere pack⸗ ten den Gefangenen bei den Armen und Beinen und trugen ihn ins Schloß, während er fortgeſetzt um Rettung ſchrie. Es war ein entſetzlicher Anblick. Das Blut lief über das blaſſe entſtellte Geſicht des Königs, ſeine Augen rollten in Todesangſt, er ſah wie ein Wahnſinniger aus. Voll Grauen vor dieſem Anblick zog ſich Otho zurück. Als er aufſchaute, erkannte er an einem der gegen⸗ überliegenden Schloßfenſter den Herzog von Südermannland, der ſeine gefalteten Hände zum Himmel erhob und in einem ſchrecklichen Seelen⸗ zuſtande zu ſein ſchien. Mehrere andere Perſonen waren um ihn be⸗ ſchäftigt und ſuchten ihn wahrſcheinlich zu tröſten. Otho bemerkte den Staatsſecretär Lagerbring, der den Herzog vom Fenſter fortführte. Auch er entfernte ſich und folgte dem Getöſe, das aus dem Innern des Schloſſes kann. Man hatte den König in einen der prächtigſten Säle des Schloſ⸗ ſes, den weißen Saal getragen, und ihn dort auf ein Ruhebett ge⸗ legt. Eine große Zahl Offiziere, zum Theil junge Lieutenants und Fähn⸗ riche, umringten ihn. Adlercreutz kam in Begleitung des Oberſten Silverſparre Otho Waimon entgegen, als dieſer die Thüre des Saa⸗ les erreichte. Der General hatte ſeine Heiterkeit wieder bekommen, man ſah ihm die Siegesfreudigkeit an. Gut, daß ich Sie treffe, ſagte er. Bleiben Sie hier, ich muß zum Herzog. Unſer Spiel iſt gewonnen; aber auf keinen Fall laſſen Sie den König noch einmal entfliehen. Dafür werden dieſe Wächter ſorgen, fiel der Hofmarſchall ein. Schnell, Adlercreutz, jede Minute iſt koſtbar. Die beiden Führer der Palaſtrevolution entfernten ſich und mit düſterer Stirn und gekreuzten Armen blieb Otho an der Thür ſtehen und betrachtete das furchtbare Schauſpiel, deſſen Zeuge er war. Alle Hoheit, aller Glanz der Majeſtät war von dem unglücklichen Fürſten abgefallen, eine einzige Stunde hatte ſie zerſtört. Er, dem bisher kein Sterblicher ohne Scheu und Ehrfurcht nahte, der nur unterthänige Diener duldete, vor dem die Mächtigſten ſich beugten, iſt nicht lag ins rre pack⸗ ihn ins — — as blaſſe ngſt, er blick zog t gtgen⸗ der ſeine Seelen⸗ ihn be⸗ erkte den atfübrie. Innern Schloſ⸗ bett ge⸗ nd Fähn⸗ Oberſten es Sar — ten, man agte er. vonnen; ehen. all cin. und mit ir ſteben rr. ſücklichen dem fr, der nur brugten, — 802— die Erſten ſchwiegen, die Stolzeſten ſich demüthigten, er lag ächzend, verlaſſen, blutend, krampfhaft zitternd in einem Winkel, und um ihn her wurde geflucht und geſchrieen, er wurde verhöhnt und mit erbar⸗ mungsloſen übermüthigen Blicken betrachtet. Dieſe Menſchen, welche vor wenigen Stunden noch vor ſeinen Winken gekrochen hätten, die nichts geſcheut und geſchont hätten, um ſeine Gnade zu gewinnen: ſie ſaßen um ihn her in den großen mit weißem goldgepreßten Sam⸗ met ausgeſchlagenen Lehnſtühlen, in ſchmutzigen Kleidern, rauchend, trinkend, ſeine krampfhaften Zuckungen und Erbrechungen belachend, die ihnen Freude zu machen ſchienen. Sie, die ſonſt nicht wagen durf⸗ ten, auch nur die Schwelle dieſer glänzenden Prachtzimmer zu betre⸗ ten, ſie ſtemmten die Füße gegen die Marmorſäulen und beſpieen die koſtbare Täfelei des Fußbodens. Dieſe Roheit aber erreichte den höch⸗ ſten Grad, als Einer aus dieſer Schaar vielleicht in einer mitleidigen Anwandlung dem Könige ein Glas Waſſer reichen wollte. Mit einem furchtbaren Blicke ſtieß es der König zurück, wahrſcheinlich vermuthete er, daß es Gift ſei. Löſen Sie mir lieber ein wenig meine Halsbinde, ſagte er mit ſchwacher Stimme, ſie thut mir weh. Der Teufel mag es thun! ſchrie der nebenſtehende Lieutenant, Jacob Cederſtröm. Spei ſo viel du willſt, du—, und hier fügte er ein gemeines Schimpfwort hinzu, vor dem ſelbſt manche Mitglieder dieſer Bande ernſthaft wurden. Der König ſchien vor dieſer Nichtswürdigkeit ſich aufzuraffen. Er warf einen ſtolzen Blick auf den frechen Menſchen und ſagte mit würdiger Faſſung: Mit ſolcher Umgebung ſollte man mich doch verſchonen. In dieſem Augenblick war Otho an das Ruhebett getreten und leiſtete dem Könige den Dienſt, welchen dieſer gewünſcht hatte. Er öffnete die Schnalle der Binde, öffnete ihm den engen Rock und ent⸗ fernte die zerriſſene Goldborte, in welcher der Degen geſteckt hatte. Guſtav Adolf ließ es geſchehen, und obwohl unter den Verſchworenen ein unwilliges Gemurmel entſtand, wagte doch Keiner eine laute Aeu⸗ ßerung. Sie wußten nicht, wer dieſer Samariter ſei. Einer aber flü⸗ ſterte ſeinen Kameraden zu, daß er mit Adlercreut in genauer Freund⸗ ſchaft ſtehen müſſe, und wie knurrende Hunde, die nicht zu beißen — 808— wagen, zogen ſie ſich noch weiter zurück, als jetzt der alte Hofkanzler Zibet hereintrat und ſich ſeinem unſeligen Herrn näherte. Schweigend, doch mit wankenden Schritten, ging er durch die Reihe der jungen übermüthigen Soldaten, die ihn hohnvoll empfingen. Seht die alte Katze, wie ſie ihr Junges ſucht! rief Einer laut genug. Einen Strick für Beide! antwortete ein Anderer, aber das verwit⸗ terte Geſicht des Hofkanzlers hatte keine Regung, weder für Schmerz noch für Zorn. Seine grauen kalten Augen richteten ſich auf den lei⸗ denden König und ſein verſteinter Kopf ſah ganz ſo aus, wie wenn er Morgens kam, um ſeinen Vortrag zu halten. Der ſchwarze Anzug, das große weiße Jabot, die Schnallenſchuhe und ſeine dick gepuderte Perrücke waren ſo ſauber und in beſter Ordnung, wie immer. Er machte ſeine ſteife gravitätiſche Verbeugung, als käme er zu der ge⸗ wöhnlichen Audienz, und ſagte mit derſelben knarrenden unbiegſamen Stimme, was er jeden Morgen ſagte, wenn er bei dem Könige ein⸗ trat: Wie befinden ſich Eure Majeſtät? O, Zibet! rief der König aus tiefer Bruſt. Es geht ſchlecht! Ver⸗ ſchafft mir ein Glas Waſſer!. Steht mir bei! Der Hofkanzler holte Waſſer und unterſtützte ſeinen Herrn mit Otho's Hilfe, daß er ſich aufrichtete, ein wenig trank und leichter athmete. Zibet! was iſt mit mir geſchehen? murmelte der König mit wil⸗ den Blicken, als glaube er furchtbar zu träumen. Was Gott über Ew. Majeſtät verhängt hat, antwortete der greiſe Staatsmann. Ein Verbrechen! Entſetzlich! Verbrechen werden beſtraft, ſo hier wie dort! ſagte Zibet. Aber wir, wir, Freiherr Zibet! Wir unterwerfen uns dem Willen des Allmächtigen und ſtehen ihm Rede. Das werde ich, ja, das kann ich! erwiederte der König mit Faſ⸗ ſung. Aber o! meine arme Frau! meine Kinder!— Und was iſt aus meinem Oheim geworden? Was haben dieſe Menſchen mit ihm ge⸗ macht? Was ſoll aus uns werden? Wie ſoll dies enden?! oftanzler die Reihe n. ner laut verwit⸗ Schmerz den lei⸗ iie wenn Anzug, gepuderte er. Er der ge⸗ legſamen iige ein⸗ t! Ver⸗ tern wät ricte mit wil tete der — — 309— Was Gott zuläßt, wird geſchehen, verſetzte der Hofkanzler fata⸗ liſtiſch wie ein Orientale. Richten Sie Ihren Muth auf, mein könig⸗ licher Herr. Zeigen Sie Ihren Feinden, daß Sie auf Gott vertrauen. Auch die roheſten Gemüther, fuhr er mit lauter Stimme fort, werden nicht vergeſſen, daß der König hier iſt. Wie Viele ſind es denn, die Ihnen keine Wohlthaten verdanken? Ach! rief Guſtav Adolf ſeufzend, lieber Zibet, jetzt erkenne ich es mit Schmerzen, daß nichts leichter vergeſſen wird, als Wohlthaten. Dieſer junge Mann hier, dem ich niemals wohlthat, er iſt der ein⸗ zige, der mir beigeſtanden hat. Sie ſind ein Adjutant des Generals Adlercreutz. Wo iſt er? Bei Sr. königlichen Hoheit dem Herzog. Bei ihm! Gehen Sie zu dem General, ſagen Sie ihm, wie man mich hier behandelt. Erſuchen Sie ihn, daß man mich wenigſtens mit ſolcher Geſellſchaft verſchont; daß man die Achtung nicht vergißt, die man mir ſchuldig iſt. O, Zibet! fuhr er fort, begleiten Sie die⸗ ſen Herrn, ſehen Sie nach meinem Oheim; ſuchen Sie ihn zu tröſten,⸗ ſorgen Sie, daß ihm kein Leid geſchieht! Alle Rührung, die dem alten Hofkanzler zu empfinden möglich war, zitterte in ſeinem ausgetrockneten Geſicht. Es war als würden ſeine Augen naß, aber Thränen hatte er nicht zu vergießen. Er wollte etwas erwiedern, und doch vermochte er es nicht, weil er wußte, daß er den Schmerz des Königs vermehrt haben würde, wenn er ſeine Gedanken ausgeſprochen. Schweigend küßte er die Hand, welche ſein unglücklicher Herr ihm reichte, und ging gebeugten Hauptes aus dem Saal, gebeugt und bald lautere, bald leiſere Worte vor ſich hin murmelnd durch die langen Gänge, ohne ſich darum zu be⸗ kümmern, ob Otho ihm folge. Endlich trat dieſer dicht hinter dem Miniſter in das Empfang⸗ zimmer des Herzogs, wo in größter Eile herbeigerufen, mehre Mi⸗ niſter, Staatsſecretäre und Präſidenten der Staatsbehörden ſich ver⸗ ſammelt hatten, die jedoch bei weitem nicht ſo zahlreich waren, wie die Generale und Offiziere aller Art. Herzog Karl von Südermannland ſtand in der Mitte dieſes weiten Kreiſes; ſeine Augen glänzten, ſeinen — 310— Kopf trug er hochaufgerichtet, aber ſeine Mienen ſchienen noch immer voller Schmerz und Unruhe. In meinen alten Tagen ſoll ich dieſe Laſt auf mich nehmen! rief er aus. Mit welchem Unglück ſucht mich Gott heim. Laßt ab! ich zittere und bebe davor. Gnädigſter Herr! ſagte Adlercreutz, das Vaterland verlangt von Ihnen dies Opfer. Ich bin zu alt, zu ſchwach! antwortete der Herzog ſeufzend, wie ſoll ich das Ruder in dieſen Stürmen halten. Der Himmel wird Ihnen Beiſtand verleihen, und die Gebete des ſchwediſchen Volks werden dieſen erflehen! fiel der Staatsſecretär Lagerbring mit frommer Salbung ein. Reichsdroſt Graf Wachtmeiſter! rief Karl, an Sie wende ich mich in meiner großen Noth. Sie ſind der erſte Mann in Schweden nach dem König, der höchſte Beamte des Reichs— ſagen Sie mir, was ich thun muß. Der alte Reichsdroſt hatte ſich in ſeinem Bett ins Schloß tragen laſſen und wohnte in Betten und Decken gehüllt dieſer Verſammlung bei. Gott ſei es geklagt, daß es dahin gekommen iſt! ſagte er, allein wenn Ew. königliche Hoheit nicht an die Spitze der Regierung treten, ſo iſt Schweden verloren. Ich beſchwöre Sie im Namen des Vater⸗ landes und Aller, die es gut mit ihm meinen, weigern Sie ſich nicht länger, die Regierung zu übernehmen. Der Herzog ſtand einige Augenblicke ſtumm, ein feierliches Schwei⸗ gen herrſchte. Nun denn, begann er, wenn es das Vaterland und ſein Heil unerbittlich und unabweisbar von mir fordern, ſo unterwerfe ich mich. Da Se. Majeſtät durch Krankheit und eingetretene Umſtände außer Stande iſt, länger zu regieren, will ich dies thun und als Reichsverweſer ſo lange die Geſchäfte leiten, bis die Reichsſtände be⸗ ſtimmen, was weiter geſchehen ſoll. Gott ſegne Ew. königliche Hoheit! riefen viele Stimmen, andere ſagten mehr oder weniger laut: Victoria! einige aber auch: Es lebe König Karl der Dreizehnte! Karl ſelbſt ſchien ſich höher aufzurichten. Ein Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen, als er nach allen Seiten hin dankte. Er wandte ſich raſch und feſt; ſein Geſicht erhielt lebhaftere Farbe. immer en! rief ab! ich ugt von nd, wie hete des ſecretär ich mich en nach it, was tragen numlung allein gdeeden, VPater⸗ ich nicht Schwel nd und terwetfe mſtände und ale inde be⸗ andere 6 lebe urichte ten. ten bin Furbe⸗ —— — 811— Vor allen Dingen, begann er, muß es meine erſte Pflicht ſein, die Bürger von Stockholm zu beruhigen und Schweden mit dem, was vorgefallen, bekannt zu machen. Eine Proclamation wird zu entwerfen ſein, antwortete eine Stimme aus dem Kreiſe. Die Sie ſogleich uns vorlegen ſollen, Fraaisſetustin Lagerbring, fiel der Herzog ein. Und die ſchon fertig iſt, flüſterte Adlercreutz in Otho's Ohr. Alles iſt abgemacht. Jetzt hinaus mit dem Reichsverweſer zu den Regi⸗ mentern. Er brach ab, denn der Hofkanzler Zibet fing an zu ſprechen.— Mein lieber Freiherr Zibet! ſagte der Herzog, auf den alten Staatsmann losgehend, auch Ihrer Dienſte bedarf ich. Ich muß unterthänigſt um meinen Abſchied bitten, erwiederte der Kanzler, ſteif ſich verbeugend, da ich in meinem hohen Alter keinem neuen Herrn mehr dienen kann. Wenn ich hier das Wort nehme, geſchieht es allein, um Ew. königliche Hoheit anzuflehen, den König vor Mißhandlungen zu beſchützen, und nun erzählte er, was er ge⸗ ſehen und gehört hatte, und was die jungen Offiziere ſich gegen den erlaubten, der, wie er mit einem ſtarren Blick auf den Herzog hinzu⸗ fügte, bis vor wenigen Stunden Aller Herr geweſen ſei. Der Unwille wurde allgemein. Das darf nicht geſchehen, rief der Herzog verlegen und dunkel erröthend. Gehen Sie zu dem Könige, Oberſt Silverſparre, bleiben Sie bei meinem unglücklichen Neffen. Ich mache Sie dafür verant⸗ wortlich, daß Alles geſchieht, was zu ſeinem Troſte geſchehen kann. Oberſt Silverſparre verließ ſogleich den Saal, als er aber bei Adlercreutz vorüberging, murmelte er ihm zu: Auf jeden Fall laßt Euch von der alten Perrücke nicht etwa noch weiter mitleidig ſtimmen. Nach Gripsholm muß der König noch in dieſer Nacht. Sage dem Herzog, er möge ſich auf mich verlaſſen. Gebt mir den Greiff mit, wir wollen gute Kerkermeiſter ſein. Der General machte ein zuſtimmendes Zeichen. Ich hoffe, ſagte Otho leiſe, daß des Königs Leben nicht gefährdet iſt. — 12 Gewiß nicht. Mein eigenes Leben würde ich wagen, wenn ich das denken könnte, erwiederte Adlercreutz. Beruhigen Sie ſich, Freund, ich habe noch immer Gutes mit ihm im Sinn. Könnten Sie daran denken, ihm nach dem, was geſchehen, die Krone wieder aufzuſetzen Niemals! Ich glaube Zibet ſelbſt iſt. überzeugt, daß er unfähig zum Regileren iſt. Aber er hat einen ſchuldloſen Sohn, und es gibt Leute— er ſchwieg, indem er ſeine Augen auf den Herzog richtete, der mit den Miniſtern und dem Grafen Klingſpor ver⸗ traulich und verbindlich ſprechend durch den Saal ging. Sie ſcheinen ſehr ergriffen von dem, was Sie erlebten, fuhr Adlercreutz fort, nehmen Sie es nicht allzuſchwer. Der elende rohe Cederſtröm und ſeine Genoſſen werden raſch vergeſſen und ſo gebrandmarkt ſein, wie ſie es verdienen;z doch glauben Sie darum nicht, daß unſer Werk ſchlecht und ungerecht war. Mag der Mann, der ſo viel Elend und Schmach verſchuldet hat, an ſeiner Schmach Buße thun; er büßt, wie es in der Bibel ſteht, auch die Sünden ſeiner Väter. Keine Hand hat ſich für ihn gerührt, keine wird ſich rühren. Sehen Sie alle dieſe Männer hier, ſeine Miniſter, ſeine erſten und höchſten Diener, ſie haben ihn ſchon verlaſſen und aufgegeben. Der alte Zibet und der alte Ehrenheim ſind die Einzigen, die ihm folgen werden, weil ſie die Einzigen ſind, die ihm wirklich anhingen. Die Anderen buhlen ſchon um des neuen Herrn Gnade durch verdoppelte Bedientendemuth; nach⸗ dem die That geſchehen, zu der ſie zu feige oder zu pfiffig waren, eilen ſie herbei, um ſie für ſich auszubeuten. Und nun gehen Sie und hören Sie, was das Volk ſagt. Hören Sie, ob Einer um ihn klagt, Einer weint. Das war es, was ich vorher wußte. Er mußte fallen, kein Gott konnte ihn retten! Täglich grub er an dem Ab⸗ grund, der ihn verſchlingen ſollte. Ein Stoß, ſo war er verloren. Sehen Sie nicht die dunklen Hände, die ihn längſt erwarteten? Und war er nicht ein Wahnſinniger? Haben wir kein Recht, ihn ſo zu nennen? Hier wurde der General, der dies Alles eilig leiſe vor ſich hin flüſterte, von dem Herzoge gerufen und gleich darauf verließ dieſer begleitet von den Häuptern der Verſchwörung und vielen andern Of⸗ fizieren das Zimmer. Auf dem Schloßhofe ſtanden ſchon Pferde für ich das Freund, ie Krone unfähig und es Herzog por ber⸗ ſcheinen utz fort, öm und in, wie er Werk tend und üßt, wie dand hat le dieſe ner, ſie und der l ſie die en ſchon l; nach⸗ waren, hen Sie um ihn er mußte dem Ab⸗ —. Schen war er mnen? ſcch hin ej dieſer ern 9f erde für — 813— ihn und ſein Gefolge bereit. Die Thore öffneten ſich jetzt zuerſt wieder und der Herzog ſprengte den Regimentern zu, welche ſich um das Schloß bis zur Schiffbrücke aufgeſtellt hatten, da ſie den König auf ſeiner Reiſe begleiten ſollten. Gerüchte von dem, was im Schloſſe geſchehen war, hatten ſich unter die Soldaten und unter die Volks⸗ menge verbreitet. Der Herzog wurde mit Jubel empfangen, mit Freudengeſchrei begleitet: ſeine kurze Anrede, daß der König krank, weiter zu regieren unfähig und er Reichsverweſer ſei, mit Begeiſterung erwiedert. Menſchen mit glücklich ſtrahlenden Geſichtern liefen an Otho vorüber, jauchzend, gedankenlos oder voll befriedigter Rache⸗ luſt. Der König iſt verhaftet! ſchrieen ſie ſich zu. Gottlob! Gott⸗ lob! antworteten die Meiſten. Seine Tyrannei iſt aus! Und kein Blut iſt gefloſſen! Gottlob! Gottlob! Der Herzog iſt Reichsverweſer! Die Reichsſtände kommen!. Der Friede iſt da! Jetzt wird es beſſer. Napoleon wird unſer Freund und Alliirter ſein. Gottlob! Gottlob! Düſter blickend und ſtumm ging Otho durch das Gewühl. Was hat dies Volk gelitten und getragen, murmelte er. Zwölf Jahre lang hat dieſer König ſinnlos gewirthſchaftet, wie es ſeiner Willkür be⸗ liebte. Kein Recht hat er geachtet; ſeinen Launen, ſeinem ſchrankenloſen Eigenwillen, ſeinem frömmelnden Fanatismus, ſeinem verblendeten Dünkel über den Umfang ſeiner abſoluten königlichen Macht Volk und Staat geopfert und dies Volk hat ſich knechten und opfern laſſen bis ein roher Soldatenhaufen, eine Hand voll Verſchwörer Allem ein Ende macht. Welche Lehre für Völker und Fürſten! Welche Lehre für die Weltgeſchichte! Was iſt göttlich, gerecht und wahr auf Erden! Endlich erreichte Otho ſeine Wohnung. Da ſaß ſeine holde Ebba ihn erwartend. So freundlich ihr edles Lächeln, ſo klar ihr Auge, ſo vwooller Frieden und Liebe ihr Geſicht. Mein Otho, rief ſie ihm entgegen, kommſt du endlich. Bange Stunden habe ich verlebt. Er fiel auf ſein Knie vor ihr nieder, blickte zu ihr heiß und heftig empor und preßte ſie in ſeine Arme. Er dachte an den unglücklichen Mann, der getrennt von der Frau, die ihm anhing, getrennt von ſeinen Kindern, von allen, die er ſein nannte, in grauſamen Qualen litt. Was iſt Hoheit, was ſind alle Kronen, alle Schätze des Ehr⸗ — 811— geizes! rief er mit leidenſchaftlicher Gewalt. Fort mit dem Blend⸗ werk! Bei dir, meine Ebba! Mit dir, o, du Geliebte! Frieden ſoll mit uns ſein! Frieden und Liebe, daß ich nie mich von dir trenne, nie dir bange Stunden mache. Sie ſah ihn verwundert an, aber alles Glück, das ihre Seele füllte, ſtrömte über ihn aus. Eben ſchmetterten draußen die Trompeten. Der Reichsherold ritt in ſeinem bunten Wappenrocke durch die Stadt und verkündete mit lauter Stimme die Proclamation des Reichsver⸗ weſers, daß wegen eingetretener Umſtände König Guſtav Adolf der Vierte aufgehört habe in Schweden zu regieren. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Und wieder war der Frühling gekommen, wieder hatte der Mai das Eis geſchmolzen, wieder kleidete er mit wunderbarer Schnelle dieſen Noeden in ſeine grünen lieblichen Gewänder, ſchmückte ſeine Felſenſtirnen mit jungen Reiſern, ſeinen düſteren Leib mit friſchen Blüthen. Und nicht mehr rollte der Donner der Kanonen über die Meereswellen, nur im hohen Norden kamen noch einzelne Kriegsſcenen vor, doch wurde nicht mehr um Finnland geſtritten, ſondern was die Ruſſen weiter dieſſeits des bottniſchen Meerbuſens vom altſchwediſchen Lande Weſterbotten behalten ſollten. In Stockholm hörte man wenig mehr davon. Der Reichstag hatte begonnen und aller Streit drängte ſich darin zuſammen, ob der Sohn des abgeſetzten Königs Erbe des Reichs ſein ſollte oder die ganze Königsfamilie in Verbannung wandern müſſe. Für den Kronprinzen regte ſich eine ſtarke Partei und eines ihrer Häupter war Adlercreutz, der Held der Verſchwörung vom 13. März; ihm entgegen aber ſtand ein noch mächtigerer Bund von Offizieren und Reichstagsherren von Adel, deren Haupt, Jöran Adler⸗ ſparre, Stockholm an der Spitze ſeiner Soldaten bewachte. Blend⸗ eden ſoll r trenne, re Seele oonpeten. de Stadt Leichsper ldolf der der Mai Schnelle ie ſeine t ftiſten lir die iegsſeenen was die wwediſchen an wenig draghe Erbe des wandem und dins vom ung d Bund bo — an Mler⸗ — ihn gelehrt, um nicht daran zu glauben. Er ſah ſein Vaterland zu — 815— Während dieſer Zeit hatten Otho Waimon und Erich Randal in Zurückgezogenheit gelebt. Es war ein Glück zu nennen, daß der Feldmarſchall Toll Wort gehalten und gleich darauf, als er von den Alandinſeln nach Schonen zurückgekehrt, Ebba's Erbtheil in Ordnung gebracht und in Stockholm niedergelegt hatte, da in der Verwirrung, welche bald darauf ausbrach, ihm dies ſchwerlich möglich geweſen wäre. Was Erich Randal betraf, ſo erlangte er bald die Gewißheit, daß alle ſeine Habe auf immer verloren ſei. Die Briefe wurden ihm ausgehändigt, in welchen Halſet ſeiner Tochter ankündigte, daß er ſich von ihr losſage und ſie enterbe. Eingezogene Nachrichten beſtätigten, daß Arwed Bungen ſich im Beſitz von Halljala befinde, welches die ruſ⸗ ſiſche Regierung ihm zugeſprochen, als nächſten Verwandten des hoch⸗ verrätheriſchen letzten Beſitzers und wegen beſonderer Verdienſte und deren Belohnung. Nichts war dem jungen Paare geblieben, als Marys kleines Vermögen, doch fürchteten ſie nicht die ungewiſſe Zu⸗ kunft. Immer blieb es genug zu einem Anfange und alle ſchienen entſchloſſen, dieſen zu beginnen, wo er ſich günſtig zeige. Manche Hoff⸗ nungen regten ſich dabei, daß eine neue beſſere Zukunft kommen müſſe, eine Zeit der Entwicklungen neuer Kräfte, des Aufſchwungs zu neuer freier Bewegung, vor welcher die alten verſteinten Einrichtungen des ſchwe⸗ diſchen Staates, die Privilegien und Vorurtheile der Klaſſen und Stände, deren es ſo viele gab, zu Boden fallen müßten. Eine neue Verfaſſung war im Werke. Es gab auf dem Reichstage feurige Geiſter, die von gleicher geſetzlicher Freiheit, von gleichen Rechten und Laſten, von einer Erhebung des geſammten Volks auf dem Boden der Frei⸗ heit ſprachen. Der Schutt der Vergangenheit ſollte fortgeräumt werden, die vier verſchiedenen Häuſer des Adels, der Prieſter, der Bürger und Bauern ſollten in einem Hauſe von Abgeordneten ſich vereinigen, die das Volk wählt, und alle die Einrichtungen wurden lebhaft angeregt. und in Clubbs und Geſellſchaften verhandelt, welche die franzöſiſche Revolution ins Leben gerufen hatte. Otho Waiman war von ſolchen Hoffnungen beſonders angefüllt, denn ſie ſtimmten mit dem zu ſehr überein, was er von Jugend auf gedacht und erſehnt, wofür ſein Vater gelebt und was ſeine Mutter — 816— einer ruſſiſchen Provinz werden, doch was konnte die Wiedergeburt und Befreiung Finnlands beſſer ſichern, als wenn das Mutterland Schwe⸗ den einer edlen Auferſtehung entgegen ging. Wenn Schweden aufblühte in junger Freiheit, wenn es alle ſeine Bürger frei und rechtsgleich machte, wenn es mit neuen, guten Geſetzen die veralteten, verrotteten erſetzte; wenn Ackerbau, Handel und Gewerbe in dieſer Freiheit ſich entwickelten, alle menſchliche Thätigkeit vom alten Zwang erlöst wurde und in die⸗ ſem harten Norden neue, nie geahnte Lebenstriebe aufkeimten, dann war auch Finnlands Wiedereroberung gewiß. Die erſte günſtige Ge⸗ legenheit mußte es von den ruſſiſchen Feſſeln erlöſen. Erich Randal unterſtützte dieſe Schwärmereien nicht. Seinem kälteren Blicke war es deutlich genug, wie wenig von allen dieſen Träumen wahr werden würde. Er ſah die Enttäuſchungen kommen, die ſeinen armen Freund treffen mußten; allein er ließ es bei ruhigen Warnungen bewenden, die Jenen darauf vorbereiten ſollten, ohne ihm ſtreitend zu widerlegen, was er doch nicht zugegeben hätte. Otho beſuchte die Clubbs und Caſinos der Offiziere, des Adels und anderer Kreiſe, er beſuchte auch öfter ſeine beiden vornehmen Freunde Adlercreutz und Adlerſparre, welche ihm noch immer wohl wollten und mancherlei Vorſchläge für ſeinen Wie⸗ dereintritt in's Heer machten, die er nicht annahm, da ſie mit ſei⸗ nen Neigungen nicht übereinſtimmten. Als jedoch die Zwiſtigkeiten zwiſchen dieſen beiden Parteihäuptern immer größer und feindlicher wurden, zog er ſich von Beiden mehr zurück, um nicht als Anhänger des Einen, oder als Zeichenträger des Andern zu gelten. Die beiden Revolutionsmacher hatten ihrerſeits mehr zu thun, als ſich viel um einen ſo gering wiegenden unzufriedenen Mann zu kümmern, wie dieſer war. Sie wurden von den bedeutendſten Perſonen des Reichstags und des Reichs geſucht, wurden mit Aemtern, Orden und Ehren überhäuft; denn Adlercreutz ward erſter Generaladjutant des Reichsverweſers, der bald als König geſalbt und gekrönt werden ſollte, und Adlerſparre ebenſo ſchnell Ge⸗ neral und Freiherr. Beiden votirte der Reichstag den Dank des Vater⸗ landes, Beiden wurden Naturalgüter als Nationalbelohnung zu Theil, was Wunder alſo, daß ſie in dem Gewühl des politiſchen Kampfes, der Parteiungen, der Hoffeſte und ihrer ehrgeizigen Entwürfe den burt und Schwe⸗ bkühte in machte, erſetzte; wickelten, din die⸗ n, dann ſige Ge⸗ Randal e war es rwerden Freund den, die was er ſinos der fter ſeine ſche ihm en Wie⸗ wit ſei⸗ ſſigkeiten rwurden, inen, oder nomacher wiegenden den von geſucht dlercteuh 1s Künig mell ge⸗ s Vater⸗ u Thel Kanpfes, nnſe de — 812— armen Finnen vergaßen, der ſich nicht mehr in ihren Vorzimmern blicken ließ. Eines Tages kam Otho beſonders freudig nach Haus und brachte Nachrichten mit, die ihm den Kopf berauſchten. Der Graf de la Gardie hatte im Adelshauſe den Antrag geſtellt, alle Standesprivilegien auf⸗ zuheben, eine allgemeine Grundſteuer einzuführen und eine allgemeine Volksvertretung einzuſetzen. Mehrere andere Barone und Grafen hatten ihn unterſtützt. Es war ein Comite ernannt worden und die jungen Herren in den Clubbs und Caſinos befanden ſich in großer Auf⸗ regung. Du haſt bis jetzt verzögert, deinen Platz im Ritterhauſe einzu⸗ nehmen, rief er Erich umarmend aus, jetzt iſt es Zeit, jetzt mußt du es thun. Der elende Regierungsentwurf, der alle die alten Vorrechte wieder erneut, wird verworfen werden; die tüchtigſten und beſten Männer werden ſich dazu vereinigen und die Stimme des Volkes wird⸗ ſie unterſtützen. Du mußt ins Ritterhaus, du mußt dabei helfen, Erich! Mein lieber Otho, erwiederte Erich Randal in ſeiner ſanften und feſten Weiſe, ich werde nicht dabei ſein, weil meine Gegenwart dem Guten nichts nützen würde. Wie kannſt du das behaupten! rief Otho zürnend. Iſt denn dieſe Verſammlung im Stande, ein Land und ein Volk mit neuem Geiſte zu beleben? fuhr Erich fort. Sind es nicht dieſel⸗ ben Elemente der Vergangenheit, dieſelben Privilegirten mit demſel⸗ ben Ehrgeiz, denſelben Verurtheilten, denſelben Leidenſchaften und derſelben Gier, das Verlorene wieder zu erobern? Glaubſt du denn, daß dieſe Revolution edle Beweggründe hätte? Waren die Männer, welche ſie gemacht und ausgeführt haben, von Ideen begeiſtert und iſt dies Volk eines, das ſo weit entwickelt iſt, um davon begeiſtert zu werden? Ehe Otho antworten konnte, pochte Jemand an der Thür und ein langer ſchmaler Mann trat herein. Ein ſchmaler ſpitzer Kopf mit klei⸗ nen Augen, die äußerſt liſtig blitzten, nickte und grinste ihnen zu. Feldwebel Roth! riefen die beiden Männer zugleich und die Frauen eilten herbei; der Feldwebel wurde mit herzlichen Grüßen und Worten empfangen. Unverändert zeigte er auch jetzt daſſelbe blaſſe, faltige Geſicht, kein Zug D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 5² . anders. Die ſchattenähnliche Geſtalt, die dem tapferen Spuf ſo viel Anlaß zum Spott gegeben, ſtand ganz wie ſie geweſen, vor den Freunden, aber in dem zerriſſenen und vielgeflickten Rocke ſchien dieſer ausge⸗ dörrte Körper doch überflüſſigen Raum zu haben. Immer hatte Feld⸗ webel Roth auf ſeinen Anzug gehalten, ſelbſt mitten in der finniſchen Wildniß und den Schrecken des Krieges, jetzt aber ſah er entſetzlich ſchäbig und heruntergekommen aus. Wo kommen Sie her? fragte Otho. Ja ſo! antwortete Roth, wo ich her komme. Ich denke geraden Weges von Umäa und von den Ufern des Skellefte, meine lie ben Herrn und Damen. Es iſt das keine ganz angenehme Reiſe durch Wälder und Sümpfe, Eis und Nebel geweſen, ſuhr er fort, indem er die Hand an ſein ſpitzes Kinn legte und ſeltſamlich grinste. Am 15. Mai lag der bottniſche Golf noch tief unter Eis und grauſame Kälte, wildes Wetter bedeckte Land und See. Seit der Capitulation bei Kalix, am 25. März, ging es uns nicht gut, Herr Otho. Man hat dieſe Capitulation eine ſchändliche Verrätherei genannt, ähnlich der von Sweaborg, und ich will nicht behaupten, daß es etwas Beſſeres war. Oberſt Palmfeld machte das Stückchen dem Oberſt Jäger horn nach und General Griepenberg unterſchrieb, wie der Admiral unterſchrieben hatte. Achttauſend Schweden und Finnen ſtreckten das Gewehr vor kaum dreitauſend Ruſſen. Wir haben genug von dieſer Schandthat gehört! ſagte Otho düſter blickend. Die Finnen wurden von den Ruſſen nach Finnland trans⸗ portirt. Viertauſend Finnen! Die armen Burſchen, die nichts fürchteten, weder die Ruſſen noch den grauſigen Winter, die in Lumpen und ohne Schuhe über Eis und Schnee liefen und gefochten hatten, wie's Kor⸗ poral Spuf nicht beſſer gekonnt hätte, ſie weinten in ihre rauhen Bärte, als ſie die Waffen zuſammenſtellen mußten, und der alte Oberſt Eck ſagte: Lebk wohl, meine braven Jungen. Kehrt zurück in eure blut⸗ beſpritzten Hütten. Gott ſei mit euch, vergeßt das ſchwediſche Vater⸗ land nicht! Und Sie, Feldwebel Roth? fragte Otho ſehr bewegt,. ſo diel reunden, ausge⸗ te Feld⸗ inniſchen riſtzlch geraden ine lie ſe durch „indem Am rauſame tulation Man ähnlich geſſeres ger Fag Adwiral kten das o düſfer trans⸗ rchteten⸗ een und 's Kor⸗ Bärte, t Edh 3 blut⸗ „Pater⸗ V ber 819 Ja ſo! ich. Nun, ich machte es, wie manche Andere. Ich lief in die eiſige Wüſte hinein, denn vor dem Gefangenwerden habe ich immer eine ſo ſchreckliche Furcht gehabt, daß ich jedesmal lieber davon lief. Ich kam auch glücklich zum Corps des Grafen Cronſtedt, aber ich ſagte es ſchon, Herr Waimon, es ging uns ſchlecht, und ging durchaus nicht länger. Die Beſten lagen todt, wie der arme Spuf, und ich habe ihn bisweilen beneidet, da er nichts mehr nöthig hatte für ſeinen immer begehrlichen Magen, allein es half doch nichts; dieweil man lebt, muß man mun ter ſein und für ſich ſorgen. Und als wir umzingelt waren am Skellefte, ſiebentauſend Ruſſen über uns herfielen und wiederum eine Capitulation unterzeichnet wurde, ſorgte ich für mich, und bin hier angekommen. Es kamen ſo einige ruſſiſche Offiziere zu mir und ſprachen allerlei, daß ihr Kaiſer die Sorge für mich übernehmen würde, wenn ich in ſeine Dienſte treten wollte, aber, ich hatte es einmal in den Beinen. Wenn ich dieſe langen Beine nicht hätte, Herr Otho, wäre ſicher noch etwas aus mir geworden! Das Vaterland, Schweden, wird für Sie ſorgen, Feldwebel Roth, fiel Otho ein. Sie haben ihm größere Dienſte geleiſtet, als mancher General. Ja ſo! das Vaterland! ſagte Roth in ſeiner Weiſe grinſend. Ich bin jetzt ſeit mehreren Tagen hier, habe erſt jetzt erfahren, daß Sie auch in Stockholm ſind. Nun ging ich zu einigen/ der vornehmen Herren, meldete mich da und da, aber die Herren Revolutionsmacher, wie wir im Norden ſie nannten, haben zu viel zu thun; vom Feldwebel Roth hatten wohl die Meiſten auch nichts gehört. Einige riethen mir nach Finnland zu gehen, denn das Land ſei doch für Schweden verloren. Ein biſſel krank und elend bin ich auch, in ein Regiment eintreten könnt' ich ſobald nicht. Sie wollten mich auch nicht haben und ein Paar gute Seelen drückten mir eine vorläufige Nationalbelohnung in die Hand. Chriſt und Herr! was iſt es gut, Herr Otho, daß der arme Spuf nicht hier iſt und bei ſeinem Hunger auf eine National belohnung wartet! Sie werden die, welche für ſie bluteten, jetzt zum Lohn auf den Bettel ſchicken, wie es immer geſchieht, rief Otho heftig aus. Davor aber wollen wir Sie bewahren. Bleiben Sie bei uns, Roth. Theilen — 820— Sie mit Ihren Freunden deren Brod. Theilen Sie deren Schickſal, wie es auch kommen möge. Ja ſo! rief der Feldwebel, und es war, als ob ſeine Augen trü⸗ ber würden, aber es ging vorüber, und ſeine Laune erholte ſich. Ich nehm's an, Herr Waimon, und wenn's jemals wieder ſo kommen ſollte, wie damals, wo wir zuſammen nach Eckenäs fuhren— es fehlte uns nicht an Speiſe und Trank und Luſtigkeit, und der arme Spuf machte es zum Beſten— ſo theile ich auch wieder mit Ihnen. Gott helf uns Alle, Herr Waimon, daß wir wieder froh ſein können und ein Ende haben, wie Major Munk. Munkl riefen ſie Alle, wie mit einer Stimme. In meinem Arm iſt er ſo ſanft geſtorben und ſo freudig, wie ein Held, ſagte Roth. Es war das letztemal, da wir die Ruſſen bei Idenſalmi ſchlugen, und da lag der alte Major, ſchrie: Sieg! Sieg! Es lebe Schweden! und wie ich ihn aufhob, ſah er aus, wie ein jun⸗ ger Bräutigam, rief: Sieg! Sieg! und war todt. Die Thränen floſſen aus allen Augen, es war feterlich ſtill. Viele Worte der Liebe und der tiefen Rührung folgten aber dann dem Andenken des tapferen Invaliden nach, von dem Roth Alles erzählte, was er wußte. Gott war mit ihm! ſagte er endlich, denn er nahm ihn fort in un⸗ ſerer letzten frohen Stunde. Von da ab ging das Unglück los. Schlag auf Schlag kam's Elend aller Art und Hunger dazu. Und es iſt eine richtige Wahrheit, meine lieben Herren und Damen, daß auch der allermäßigſte Mann von dieſer Zeit an niemals wieder ſatt wurde. Seine Anſpielungen auf Speiſe und Trank wurden verſtanden. Die Frauen führten den verhungerten Feldwebel in ihre Küche und bald war er reichlich verſorgt, getränkt und gekleidet, ſo daß er als ein an⸗ deres Weſen wieder zum Vorſchein kann. Während deſſen aber hatte Otho einen anderen Beſuch erhalten, und es war ein entſcheidender Tag für die Schickſale dieſer finniſchen Flüchtlinge geworden, wie ſie es nicht geahnet hatten. Nach einer Stunde ſaß auf derſelben Stelle, wo der Feldwebel geſeſſen hatte, der erſte Generaladjutant des Reichsverweſers, General Adlercreutz und ihm gegenüber hatte eine andere wichtige Perſon Platz genommen, General Adlerſparre, der Chef der Revolutionsarmee. Der Schickſal, ugen trü⸗ ich. Ich en ſollte, uns nicht machte es helf uns ein Ende „wie ein uiſſen bei 1 Sieg! ein jun⸗ lI. Viele Andenken er wußte. m w⸗ 3. Schlag z iſt eine auch der vurde. erſtanden. und bald ein an⸗ erhalten, finiſchen Feldwelel general en Pla mee. der 3— 2t— rieſenhafte General blickte mit überlegener Kälte auf ſeinen lebhaften Gegner, der ſichtlich beſtürzt, verdüſtert und erhitzt ausſah. Otho und Erich mit ihren Frauen waren die ſchweigſamen Zuhörer der Unterredung, welche zwiſchen den beiden Häuptern der Revolution ſtatt fand. Es iſt mir lieb, General Adlercreutz, ſagte Jöran Adlerſparre, daß ich hier unverhofft die Ehre habe, mit Ihnen zuſammen zu treffen. Ich theile dieſe Freude, General, erwiederte Adlercreutz, um ſo mehr, da ich vielleicht auf längere Zeit dieſelbe entbehren werde. Ueber Adlerſparre's markiges Geſicht lief das eigenthümliche Lächeln, das von ſeinen Augen ausging. Nun, ſagte er, ich bin hier, wie wenig man mich auch gern ſehen mag, und alles Mögliche gethan hat, mich von Stockholm entfernt zu halten. Es war bekannt genug, daß Adlercreutz, nachdem der König ge⸗ fangen, ganz beſonders darauf drang, daß die empörte Weſtarmee und ihr Anführer Halt machen und umkehren ſollten, weil ein Militär⸗ despotismus zu beſorgen ſei. Adlerſparre kehrte ſich aber nicht daran. Er zog mit ſeinen Soldaten ein, und war allerdings damit eine mächtigere Perſon geworden als Adlercreutz und die Männer der Palaſtrevolution. Ich will nicht glauben, daß es wahr ſein könnte, was man ſich erzählt, fuhr Jöran Adlerſparre fort, daß General Adlercreutz ſo unzufrieden mit dem Verlauf der Ereigniſſe in Schweden ſein ſoll, daß er die Abſicht habe, ſein Vaterland zu verlaſſen.* Es gehört nicht viel dazu, um ſoweit zu kommen! antwortete Adlercreutz, indem ſein edles Geſicht ſich dunkler röthete. Sie haben es dahin gebracht, General, daß unſere gerechtfertigte That gegen einen völlig unfähigen König ſich umwandelt in einen Act him⸗ melſchreiender Gewalt. Sie verbannen nicht allein den Schuldigen, auch ſein unſchuldiger Sohn und alle ſeine Nachkommen werden ver⸗ bannt und ihrer Rechte beraubt. Ja, antwortete Adlerſparre kalt, Sie müſſen Alle fort, es darf Keiner übrig bleiben, der an uns und an Schweden einmal zum Büttel würde, um ſeinen Vater zu rächen. Der Reichstag hat dem Gefangenen in Gripsholm den Gehorſam aufgekündigt und ſeine Ab⸗ — 822— ſetzung ausgeſprochen, er wird auch den Kronprinzen und alle Andere ihm nachſchicken. Weil Sie ſchon einen anderen Kronprinzen in Bereitſchaft haben. Sehr wahr! antwortete Adlerſparre mit ſeinem leuchtenden, hohn⸗ vollen Lächeln. Man ſagt von mir, ich hätte den neuen König in der Taſche gehabt, als ich von Carlſtad aufbrach; gewiſſer iſt es, daß ich den neuen Kronprinzen mitbrachte.. Noch hoffe ich! rief General Adlercreutz lebhaft aus, daß der Herzog ſich nicht dazu bewegen läßt, ſelbſt um einer Krone Glanz auf ſeinem grauen Kopf, ſeinen eigenen Neffen, ſeinen eigenen Stamm erblos zu machen. Er, der ſo oft geſchworen hat, dieſe Kinder als ſeine Kinder zu betrachten, wird nicht darin willigen, ſie zu enterben. Er wird darin willigen, erwiederte Adlerſparre. Er hat ſchon ein⸗ gewilligt. Die Krone könnte ſonſt leicht weder auf ſeinen Kopf, noch auf einen andern aus ſeinem Blute gelangen und Herzog Karl von Südermannland iſt ein klügerer Herr, als diejenigen, welche einen Stein hartnäckig über Waſſer halten wollen. Ein höhniſches Zucken lief durch ſein eiſenhartes Geſicht. Jeder ſollte bedenken, daß dieſer Stein ihn zermalmen kann, fuhr er ſort, wenn man ihn nicht zerklopft, da man den Hammer in der Hand hat. Glauben Sie denn, daß dieſer junge Prinz jemals vergeſſen könnte, was hier geſchah? Glauben Sie nicht, daß wenn er als Kronprinz hier bleibt, ſich bald eine Partei um ihn ſammeln wird? Und iſt dieſe Partei nicht ſchon da? Gibt es nicht Leute, wie die Grafen Gardie, Armfeld, Ruth und manche Andere, die ſich um dies könig⸗ liche Kind ſchaaren und von ihm wie von einem Heiligen ſprechen? Sollen wir uns die Contrerevolution mit ihren Galgen an den Hals binden und warten, bis ſie die Schlingen daran knüpft? Wer kann alsdann gewiß ſein, daß, was er auch thun möge, die Schlinge für ihn nicht fehlen wird! Und iſt dieſe Partei der Getreuen, wie ſie ſich nennt, nicht ſchon mit ihren pfiffigen Anſchlägen bereit, um uns das Volk auf den Hals zu hetzen. Schreien dieſe Königsmänner nicht nach einer freien Verfaſſung, nach Aufhebung aller Privilegien, aller Standesrechte, und wollen mit ſolchem Köder uns entzweien, ver⸗ wirren und ins Verderben ſtürzen. —— — 823— Sie werden ſchon dafür ſorgen, General, daß alle die alten, ver⸗ moderten Satzungen und Einrichtungen bleiben, wie ſie ſind, ant⸗ wortete Adlercreutz, erbittert grollend. Ja, dafür werde ich ſorgen, verſetzte Adlerſparre. Der Adel hat dieſe Revolution gemacht, um ſeine Privilegien zurück zu erobern, es wäre Unſinn, wollte man ſie ihm nehmen. Jeder Stand ſoll haben, was ſein war, und jeder ſoll es behalten. Zum Teufel! mit allen Freiheitstheorien, wir wollen uns die Köpfe nicht daran zerbrechen Was iſt das Volk hier? Ein roher, wüſter Haufen. Der Adel hat Schweden Jahrhunderte lang regiert, es müſſen andere Zeiten und andere Menſchen kommen, wenn dies nicht mehr ſo ſein ſoll. Für jetzt bleibt Alles wie es war und iſt. Karl der Dreizehnte wird König werden und Chriſtian Auguſt, Prinz von Holſtein⸗Auguſtenburg, Kron prinz. Das iſt ein Kronprinz, wie ihn Schweden braucht. Beide werden die Verfaſſung beſchwören, wie ſie der Reichstag macht, Nichts Anderes. 4 Denn dies iſt Jöran Adlerſparre's Wille! rief der General, indem er aufſtand. Ja, das iſt mein Wille und der Wille der großen Majorität des Reichstags. Daher wird es auch der Wille unſeres neuen Königs ſein, der immer weiß, was recht und was klug iſt. Adlercreutz unterdrückte einen Seufzer und blieb nachſinnend ſtehen. Ich bin hierher gekommen, ſagte er nach einer ſchweigenden Minnte, um mit Ihnen, mein lieber Waimon, zu ſprechen. In Frederikhamn werden die Friedensunterhandlungen mit Rußland er⸗ öffnet; wahrſcheinlich bin ich dazu beſtimmt, daran Theil zu nehmen. Allein Sie werden es, wie ich vermuthe, ausſchlagen, fiel Adler ſparre ein, und als der Generaladjutant ihn fragend anblickte, fuhr er fort: Aus alter Freundſchaft rathe ich es Ihnen, Stockholm nicht zu verlaſſen. Dieſe Friedensunterhandlungen werden peinlich ſein und was dabei herauskommt wird man einen ſchimpflichen Frieden nennen, obwohl die ſchwerſten Opfer gebracht werden müſſen, weil es nicht anders geht. Noch kann ſich Manches ändern, ſagte Adlercreutz vor ſich hin. — 824— Nichts kann, nichts wird ſich ändern. Unſere letzte Hoffnung war der Beiſtand Napoleons, ſein mächtiges, entſcheidendes Wort zu unſerer Hilfe gegen Rußland. Heute früh iſt der Oberſt Roſen von Stuttgart zurückgekehrt, wo er den Kaiſer der Franzoſen getroffen hat; aber wie iſt er aufgenommen worden! Napoleon hat ihn kaum angehört, die Stirn gerunzelt, iſt auf und abgegangen und hat dann geſagt: Ihr ſeid ein ſonderbares Volk. Zuweilen ſeid ihr tapfer wie die Tapferſten, doch plötzlich fällt es euch ein, des Krieges müde zu werden, und ihr geht nach Haus und entthront oder ermordet dafür eure Könige. Ich wünſche dem Herrn Reichsverweſer Glück, weiter kann ich nichts thun. Will er Frieden machen, ſo hat er ſich allein mit dem Kaiſer Alexander zu verſtändigen. So ſind alle Ausſichten auf franzöſiſche Hilfe vorbei! rief Adler⸗ creutz betroffen. Die Franzoſen des Nordens haben nichts von ihren lieben Herren Brüdern in Paris zu erwarten, erwiederte der General kalt ſpottend, daher müſſen wir den Ruſſen geben, was ſie haben wollen. So iſt Finnland verloren! murmelte Adlercreutz. Und die Alandinſeln ſind es auch. Nimmermehr! Die Alandinſeln nehmen wir wieder, ſobald der Sommer da iſt. Sie ſind die Brücke, um Finnland einſt zurück⸗ zuerobern.. Das weiß Alexander ſo gut wie wir, ſagte Adlerſparre. Graf Alopäus iſt hier angekommen, in aller Stille. Er bringt den feſten Entſchluß ſeines Kaiſers, keinen Frieden zu ſchließen, der ihm nicht die Alandinſeln überläßt. Für dieſen Preis willigt er darin— daß der ganze Stamm der Holſteiner ausgetrieben wird. Und für einen ſolchen Preis ſind die Alandinſeln feil! rief Adler⸗ creutz voll Zorn und Schmerz. Der General machte ein bejahendes Zeichen ohne einen Zug in ſeinem harten Geſichte zu ändern. Man hat Ihnen das Alles noch verſchwiegen, ſagte er, allein Sie werden heut noch mehr davon er⸗ fahren. Wir müſſen uns fügen, warten und handeln, wie es Staats⸗ männern geziemt. Aber Niemand kann uns zwingen, unter eine ſolche Friedensacte unſeren Namen zu ſetzen. ———.,— war iſerer tgart wie die ldler⸗ erren ttend, der lrück⸗ Graf feſten nicht daß ldler⸗ g in noch n er⸗ aats⸗ ſolche — 825— Ich habe Zeit zu überlegen, murmelte Adlercreutz. Ich kam zu Ihnen, Waimon, um Sie aufzufordern, wieder mein Adjutant zu ſein, und bin verſichert, daß der Herzog Ihnen eine militäriſche Rang⸗ erhöhung bewilligen wird. Ich danke Ihnen, mein General, erwiederte Otho mit Entſchieden⸗ heit, allein ich werde niemals mehr Soldat ſein. Adlercreutz reichte ihm mild und betrübt die Hand. So will ich nicht weiter in Sie dringen, ſagte er, denn ich weiß, daß es vergebens ſein würde, und es iſt mir ſo, als haben Sie Recht, als ſei es beſſer, weit fort in irgend einem Winkel der Welt als freier Mann ſeinen Kohl zu pflanzen. Er nahm kurzen, raſchen Abſchied und ging. Jöran Adlerſparre ſah ihm mit einem Blick unverkennbarer Geringſchätzung nach und ſagte dann wie mit ſich ſelbſt ſprechend: Da geht er hin, ein Mann voll Muth, ein tüchtiger General, ein Menſch von vielen edlen, liebens⸗ würdigen Eigenſchaften, dem nur Eines mangelt: Charakterſtärke! was er zu viel im Herzen hat, fehlt ihm im Kopfe. Zu viel leichtes Blut, zu wenig feſter Sinn, das ſind die Fehler unſeres Volks. Morgen wird er nach Frederikshamn gehen, wenn ſie es von ihm verlangen. Er wird ſich einbilden das Vaterland ruft ihn und wird ſich damit tröſten. Niemals wird er in einem Winkel ſeinen Kohl bauen, wenn es nicht in großer luſtiger Geſellſchaft geſchehen kann. Sie haben Recht gethan, ſich nicht mit ihm einzulaſſen, Herr Waimon. Er würde Sie mitgenommen haben auf den Friedenshandel und Sie hätten an⸗ ſehen müſſen, wie Finnland jämmerlich verſchachert wird, nachdem es zehnfach verrathen war. Ich will Ihnen einen anderen Vorſchlag machen. Bleiben Sie bei mir. Es wird nicht lange dauern, ſo wird der König gekrönt und der Kronprinz kommt. Ich habe den Prinzen kennen lernen, habe mit ſeiner Bewilligung den Zug nach Stockholm angetreten; er weiß, wozu er beſtimmt iſt. Bleiben Sie bei mir, ich bringe Sie in ſeine Nähe. Er, ſelbſt ein raſcher junger Mann, von großen Fähigkeiten, braucht raſche Männer, die ihm gleichen. Was kommen wird, weiß Gott allein, aber auf dieſem Prinzen ruhen große Hoffnungen; vielleicht die dreifache Krone von Schweden, Dänemark und D. B. IX. Erich Randal, v. Th. Mügge. 5³ 826 Norwegen, das einige vereinte Scandinavien. Eine glänzende Zukunft kann Ihnen nicht fehlen. Nein, General Adlerſparre, antwortete Otho mit derſelben Ent⸗ ſchiedenheit. Alles, was ich jetzt von Ihnen gehört habe, iſt nicht ge⸗ eignet meine Hoffnungen zu beleben. Mich lockt keine glänzende Zu⸗ kunft, keine Fürſtengunſt. Was ich brauche zu meinem Glücke habe ich hier. Wie mein Vater glücklich war mit der Frau, die den Bauer liebte und allen Glanz vergaß, ſo will ich wie er glücklich ſein, ein freier Mann, wenn auch ein ganz geringer. Adlerſparre ſaß einige Minuten in ſtillen Gedanken. Otho hatte Ebba umfaßt, die ihm ſtolz und zärtlich zulächelte. Ich habe auch auf meinem Hofe geſeſſen, habe gepflanzt und ge⸗ graben und Abends meine ſaure Milch getrunken, ſagte der General. Wenn Sie es aushalten können ohne Reue, dann immerhin; aber es iſt nicht ſo ſchwer ein Philoſoph in grober Jacke zu werden, als einer zu bleiben. Bedenken Sie das wohl. Was habe ich zu bedenken, geliebte Ebba? fragto er. Was muß ich thun für dein und mein Heil? Was ein Mann thun muß, der in ſich ſelbſt ſeinen Frieden finden will, ſagte ſie, der ſinken und fallen ſieht, was er für wahr und ge⸗ recht hält, deſſen Hoffnungen zerſchmettert wurden und der zu ſtolz iſt, um zu heucheln und zu lügen. Otho wandte ſeine glänzenden Augen auf Adlerſparre, welcher ohne merklich vermehrten Antheil die junge Frau anblickte. So ge⸗ hört denn zu denen, die warten, entbehren und weiter hoffen, bis ſie begraben werden, ſagte er. Ein Menſchenleben verrinnt bald, Alles Glück gehört dem Augenblick an, alle Zukunft iſt ungewiß; wer ſich darüber zu erheben vermag, der gehört zu den Weiſen.— Und noch hat es keinen Weiſen gegeben, fuhr er fort, indem er ſich erhob, der nicht endlich wie jener alte Herr in Rom ſein Tusculum über alle Hoheit und allen Glanz ſetzte. Lebt wohl! Wenn der ehemalige Einſiedler von Aludden noch etwas für euch thun kann, wird es mit Freuden geſchehen; wenn er durch euch noch einmal bekehrt wird, wird er euch nachfolgen. An der Thür blieb er ſtehen und kehrte noch ein⸗ mal zurück. Ich habe noch etwas vergeſſen, ſagte er, indem er einen 1 nde Zukunft ſelben Cnt⸗ ſt nicht ge⸗ nzende Zu⸗ Hlücke habe den Bauer h ſein, ein Otho hatte gt und ge⸗ er General n; aber(o als einer Was muß den finden hr und ge⸗ zu ſtolz iſ re, welcher e. So ge⸗ e, bis ſi ald, Alles „wer ſich Und voch erhob, der über alle ehemalige vind d ni witd, vin nod tit⸗ n er anen — 82— Brief hervorzog. Graf Alopäus, der ehemalige ruſſiſche Geſandte, iſt, wie ich ſchon ſagte, ſeit geſtern hier, morgen reist er in aller Stille wieder ab. Sein Kaiſer, der jetzt in Finnland verweilt, um ſeine neuen Unterthanen durch ſeine Huld zu gewinnen, hat ihn der Friedens⸗ verhandlungen wegen hergeſchickt, uns ſeinen Willen kund zu thun. Der Graf hat aber auch andere Briefe mitgebracht, unter anderen einen an den Freiherrn Randal. Dieſen Brief hat er mir gegeben, als ich ihm ſagte, daß ich dieſen Freiherrn kenne. Hier iſt er, Antwort will er mitnehmen, wenn ſie ihm bis heut Abend gebracht wird. Er gab den Brief an Erich, theilte ihm mit, wo der ruſſiſche Graf zu finden ſei, und entfernte ſich dann. Dieſer Brief iſt von Conſtanze Guͤrſchin, ſagte Erich das Blatt entfaltend, und als alle mit freudigen Ausrufungen ihn umringten, las er den Inhalt laut: „Da Sie glücklich nach Schweden entkommen ſind, Couſin Erich, und, wie ich erfahren habe, auch die anderen Verräther und Hochver⸗ räther ſich bei Ihnen befinden, ſo gebe ich dem Grafen A. dieſe Zei⸗ len mit, der mir verſprochen hat, ſie zu befördern. Ich halte mich nicht mit euren Verbrechen und euren Thorheiten auf, weil daran nichts mehr zu ändern iſt; aber wenn Sie wenigſtens einmal in Ih⸗ rem Leben klug ſein können, Couſin Erich, ſo iſt jetzt die Gelegen⸗ heit zum letzten Male günſtig. Der Kaiſer iſt hier und ſtreut groß⸗ müthig im reichſten Maße ſeine Gnaden aus. Bereuen Sie Ihre Sünden, bitten Sie ihn, vor ſeinem Angeſicht erſcheinen und um Vergebung flehen zu dürfen. Rechtfertigen können Sie ſich nicht, ma⸗ chen Sie keinen Verſuch dazu. Demüthigen Sie Ihren Stolz oder vielmehr Ihren Eigenſinn, ſo verſpreche ich Ihnen gute Früchte. Noch iſt nicht Alles verloren; wahrſcheinlich ſogar, daß Sie Halljala wieder bekommen, wenn Sie die Mittel und Wege einſchlagen, welche ich Ihnen öffnen werde; eben ſo wie der Hochverräther, dem Louiſa ge⸗ hörte, dort noch einmal Pferdehandel, Fiſchfang und Jagd treiben könnte. Vor allen Dingen ſuchen Sie demüthig und ehrfurchtsvoll, wie es ſich geziemt, Verzeihung zu erlangen; ich hoffe, daß dies nicht allzuſchwer ſein wird. Dann kommen Sie herüber zu uns; trotz des noch fortdauernden Krieges gibt es Verbindungen genug. Bringen 53* — 828— Sie natürlich auch die Verrätherin mit, welche mit Ihnen entfloh. Jedermann weiß jetzt, daß ſie ſchwediſche Seeleute beſtach und einen geheimen Weg in das alte Schloß benutzte, um Sie zu befreien. Der arme Commandant Annenkoff, der in Unterſuchung gerieth, iſt freige⸗ ſprochen worden und befindet ſich jetzt in Rußland, wo er durch meine Vermittlung, da mich der unſchuldige Mann dauerte, eine Stelle bei der Regierung in Moskau erhalten hat, wo er ſich gewiß gut zu nehmen wiſſen wird.— Auch der Verrätherin wird verziehen werden und ſelbſt der würdige ſchwer beleidigte Herr Sam Halſet wird ſich erweichen laſſen, wenn Sie ſich ihm unbedingt zu Füßen werfen. Wer verdient es mehr, daß Sie ihm gehorchen, als dieſer vortreffliche Schwiegervater, der Tochter und Sohn nicht allein ſegnen, ſondern auch reichen Segen hinterlaſſen und Ihnen Halljala wieder verſchaffen wird, wenn auch dieſe Herrſchaft dem Herrn Baron Arwed Bungen gegeben wurde, nachdem ſie als Vermögen eines Hochverräthers von der Regierung eingezogen ward. Die Unterſtützungskaſſe für den Adel, welche der Kaiſer ſtiftete, hat Herrn Halſet gezahlt, was er zu for⸗ dern berechtigt war, und die neue Landbank in Borgo ſtreckte dem Herrn Baron Bungen bedeutende Summen vor, welche dieſer aller⸗ dings niemals wieder herausgeben wird. Sollte nun der liebenswür⸗ dige Herr Halſet, wie ich nicht zweifle, einigen Ehrenmännern der Regierung freundſchaftlich die Hände drücken, ſo wird mit der Gnade des Kaiſers auch die Vermögensconfiscation aufgehoben werden, und Baron Arwed, wie ich verſichern kann, geneigt ſein, Halljala und Louiſa ſeinen theuren Verwandten zurückzugeben, wogegen dieſe natür⸗ lich die bei der Bank gemachten Schulden übernehmen. Das iſt ein vortreffliches Arrangement, ein anderes gibt es nicht. Schlagen Sie raſch ein, Couſin Erich, und ſeien Sie diesmal klug. Gehen Sie ſogleich zum Grafen Alopäus, ſprechen Sie mit ihm und vertrauen Sie ihm. Nach Ihrer Antwort, der Sie und Mary eine Unterwer⸗ fungspetition an den mit ſo vielem Recht erzürnten Vater beilegen werden, ſollen Sie mehr hören. Jetzt nur noch ein Wort von mir und Arwed. Er iſt leidend und erregt mein Mitgefühl. Der tölpel⸗ hafte Bauer, der ſeinen Arm zerſchmetterte, hat zwar ſeinen Lohn dafür erhalten, allein der Arm iſt dadurch nicht hergeſtellt worden. 46 entfloh. einen n. Der freige⸗ meine ille bei gut zu werden ird ſich Wer reffliche ſondern ſchaffen Bungen ers von 1 Adel, zu ſor⸗ te dem aller⸗ nöwür⸗ ern der Gnade , und a und natür⸗ iſt ein en Sit en Sie rtrauen terwet⸗ legm on mir bulpe⸗ n Lohn worden. — 829— Er iſt gelähmt und wird es bleiben. Da er nun liebende Pflege bedarf, meine Nähe ſein ſchönſter Troſt iſt und er dieſen immer zu beſitzen wünſcht, auch mein Vater und mein Onkel ihm beipflichten, ſo kann ich ſeinen Bitten nicht widerſtehen. Ich werde ihn heirathen und wir werden dann nach Petersburg gehen, ſobald wir die allge⸗ meine Verſöhnung begründet, Ihnen Halljala zurückgegeben haben. Antworten Sie alſo, glücklicher Couſin, und ſeien Sie ſo weiſe wie Ihre Freundin Conſtanze.“ Erich ließ dieſen bedeutungsvollen Brief ſinken und ſah mit ſeinem ſanften Lächeln auf Mary.— Dein Vater ruft uns zum letztenma! zurück, ſagte er, denn ſicher weiß er darum. Du wirſt dieſem Rufe aber nicht folgen, antwortete ſie. Nein, war ſeine ruhige Antwort. Kann ich demüthig um Gnade bitten, wo ich ſo lange für mein Recht litt. Welche Reihe von De⸗ müthigungen ſtünde mir bevor! Wie würde Halſet uns empfangen? Was müßte ich thun, um ihm zu gefallen? Wie mein Erbe, das man mir entriſſen, zurückerlangen? Mit welchen Menſchen ſoll ich heucheln, lügen, Judasküſſe tauſchen! Er legte ſinnend die Hände an ſeine hohe Stirne und ſagte ruhig: Ich kann nicht zurück. Was ver⸗ loren iſt, muß auf immer verloren bleiben. Gott mag mich in Guaden behüten, das nicht zu verlieren, was ich dafür gewann. Kannſt du zweifeln, erwiederte Mary, indem ſie ihre Arme um ihn ſchlang. Geh wohin du willſt, mein Freund, ich folge dir nach. In Amerika's Einöden, im fernſten Winkel der Welt, bleibe ich dein treuer Kamerad! Nach Amerika! ſagte Otho Waimon, iſt manch Verfolgter ſchon geflohen, der Freiheit und Frieden ſuchte. Hat dein Vater ihn dort gefunden! rief Ebba, hat er jenſeits des weiten Weltmeers dieſen geliebten Norden vergeſſen können, nach dem ſelbſt die Vögel, welche darin geboren ſind, immer wieder zurückkehren müſſen. Bleibe, mein Otho! bleibe, Erich. An ſeinem Vaterlande ſoll kein Mann verzweifeln. Sein Vaterland ſoll kein Mann verlaſſen, der Muth hat ihm beizuſtehen in ſeiner Noth, und tapfer auszuharren, damit es beſſer werde. Nach Wärend laßt uns ziehen, wo ich geboren wurde. Da ſtehen die hohen Tannen Finnlands, da liegen ſeine grünen — 830— Blumenmatten, da blitzen ſeine Seen und ſeine Felſen ragen in den Himmel und ſeine Waſſer brauſen daran nieder. Dort wollen wir wohnen, dort hoffen und harren, vertrauend auf Gottes Gerechtigkeit, bis die Stunde der Erlöſung ſchlägt. Und ſo geſchah es.— In dieſem innerſten Kerne des alten Schwe⸗ denlandes, in Schmolands Bergen, an dem Ufer eines ſchönen Sees, liegen zwei große Höfe von ihren Feldern umringt, von Gärten ein⸗ gefaßt nnd von Bergweiden, auf denen das gefleckte Vieh ausruht, Waſſerfälle ſtürzen von hohen Felswänden nieder, rothe, nackte Klip⸗ pen ſteigen aus mächtigen Waldketten auf, und das ſtolze trotzige Geſchlecht, das dieſe romantiſchen Thäler und Berge bewohnt, erinnert noch durch ſeine Körperſtärke und ſeinen Freiheitsſinn an die Rieſen, deren Nachkommen es ſein ſoll! In dieſen beiden Höfen am See haben Erich Randal und Mary, Otho Waimon und Ebba bis vor wenigen Jahren gelebt und noch jetzt erzählen alle ihre Nachbarn weit umher von ihnen, von ihrer Liebe und von ihrem reichen Lebensfrie⸗ den. Wie viel Gutes ſie gethan, wie mild und geſegnet ihre Hände waren, wie verſtändig ihr Rath, wie bereitwillig ihre Hilfe. Und ſie erzählen von einem alten Prieſter, der mehr als einmal fernher von den Inſeln im Meere kam, und in ſeinen weißen Locken wie ein Gottgeſandter ausſah, vor dem die Wildeſten ſich beugten. Faſt noch mehr erzählen ſie vom Schiffskapitän Lindſtröm, einem verwetterten alten Seeman, der ſchrecklich fluchen konnte, aber ein ſo unerſchrockener Bären⸗ und Wolfsjäger war, wie Otho Waimon, der es allen zuvor⸗ that. Endlich auch erzählen ſie von einem alten Feldwebel, der Mary's und Ebba's Buben, wie manchen andern Kindern das Leſen und Schreiben beibrachte, und ſo viele luſtige und ſchöne Geſchichten vor⸗ zutragen wußte, vom tapferen Korporal Spuf und vom finniſchen Kriege, daß Jedermann ihn lieb hatte, doch immer magerer und ſpitzer wurde, bis ſie ihn endlich hinaustrugen auf den kleinen Friedhof. Und dort ruhen ſie nun Alle unter den rauſchenden hohen Tannen, aber in den Höfen am See warten ihre Kinder und Enkel noch immer auf die Stunde der Erlöſung, wo Finnland frei ſein wird vom Ruſſenjoche! in den len wir htigkeit Schwe⸗ Sees, en ein⸗ usruht, Klip⸗ troßige rrinnert Rieſen, m See bis vor n weit ensfrie⸗ Hände Und ſie er von wie ein iſt noch etterten rockener zuvol⸗ Mary's en und en vor⸗ Kriege, wurde, nd dort iin den auf dit geche 1—— Coſour& Grey Control Chart s Cyan Green vellow BhBed Magenta