Jeeeneee.eeeeef 2 3) Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. N — — Leih- und Jeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fäiguahne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Losepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uspchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 f———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 3ht. 5 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganze en verpflichtet. 7. kuslatnezenl. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4]2 —,— — — 1— 1. * „ ——————— Eine grönländiſche Geſchichte 1 der Jugend und dem Volke erzählt von Ottokar Schupp. Mit vier Abbildungen. Wiesbaden. Julius Niedner, Verlagshandlung. 1875. Philadelphia bei Schäfer und Koradi. J. „Lieber Leſer, was ſagſt du zu einer Reiſe nach Grönland?“ „Grönland? Hu! Da friert es Einen, wenn man nur den Namen hört.“ Da haſt du vollſtändig recht. Es iſt kalt dort; und gewiß iſt es viel angenehmer zwiſchen Palmen zu wandeln, als in gebrechlichem Kahne zwiſchen Eisbergen zu ſchwimmen. Auch mag es ſchöner dort ſein, wo die Citrone blüht, wo in balſamiſch warmen Lüften unter einem ewig heiteren Himmel, der in tiefſter Bläue ſtrahlt, eine fröhliche Menſch⸗ heit lacht und ſingt, als in dem eiſigen Nacht⸗ und Nebel⸗ land, wo das Rennthier dürftiges Moos zu ſeiner Nah⸗ rung aus dem Schnee herausſcharrt und der halbver⸗ hungerte Eskimo in dumpfiger Erdhütte ſeinen Wallfiſchthran trinkt. Allein ſelbſt dieſer öde Norden hat ſeine wunder⸗ baren Reize und Du wirſt es nicht bereuen, mir gefolgt zu ſein. Schon in alter Zeit haben die kühnen Normannen, die in wilder Abenteuerluſt mit ihren erbärmlichen Booten alle Meere durchkreuzten, es nicht verſchmäht, gerade in Grönland eine blühende Colonie zu gründen. Auch jetzt in unſeren Tagen bewährt wieder der Norden ſeine mag⸗ netiſche Kraft. Nicht umſonſt weiſt die Magnetnadel die Schiffer nach dem Norden hinauf. Jedes Jahr dringen wohlausgerüſtete Schiffe in die Eisregionen, um die geheim⸗ nißvollen Wunder des Nordens zu ergründen. Die Nord⸗ polfahrten werden faſt zur Leidenſchaft. Man wäre leicht verſucht zu glauben, es läge dort, wohin die Magnetnadel zeigt, in Nebel und Eis der märchenhafte Magnetberg, der willenlos alle Schiffe an ſich zieht, die in ſeinen Bereich kommen. Ich dächte, wir ließen uns darum auch einmal von dem Magnetberg des Nordens anziehen. Wenn dir es zu kalt iſt, lieber Leſer, magſt du während des Leſens Pelz⸗ handſchuhe anthun oder noch beſſer Dich hinter den geheizten Ofen ſetzen. Dort hinter dem warmen Ofen läßt ſich ſchon das Donnern der Eisſchollen und das Brüllen der auf Eisblöcken ſchwimmenden Seehunde mit einer gewiſſen Gemüthsruhe anhören. Grönland heißt auf Deutſch Grünland. Warum die Normannen, welche das Land zuerſt entdeckten, ihm nun gerade dieſen Namen gaben, weiß kein Menſch. Denn daſſelbe liegt ſo zu ſagen ganz jenſeits des Polarkreiſes und kommt verzweifelt wenig Grünes dort vor. Man hat gemeint, die Normannen hätten bei dem Namengeben den Zweck gehabt, mehr Anſiedler nach ihrer Colonie zu locken. Aber die Leute damals wußten wohl auch ſchon, 5 daß, wo Eisberge gedeihen, keine Citronen wachſen und wenn ſie auch noch nicht ſo allgemein leſen und ſchreiben konnten, wie jetzt, ließen ſie ſich doch kein x für ein u machen. Viel eher iſt es möglich, daß die Normannen anfäng⸗ lich im Gegenſatz zu den ewigen Gletſchermaſſen im Innern des Landes den ſüdlichen und weſtlichen Küſtenſtrich nur „Grünland“ nannten, weil dort im Sommer beſonders in den von kahlen Inſeln gegen die rauhen Stürme geſchützten Meerbuchten oder Fyords die Sonne ein ſpär⸗ liches Grün hervorzubringen pflegt. Später nannte man das ganze Land ſo, wie zuerſt blos die Küſte geheißen hatte. Wie geſagt, iſt es nur möglich, daß es ſo iſt. Behaupten kann es Niemand. Doch genug hiervon! Wir wollen endlich zu unſerer Erzählung kommen. Dieſelbe beginnt in einer jener grünen Meerbuchten oder Fyords. Es iſt Juni, alſo die Zeit, wo Stürme und der Sonne Gluth, die jetzt Wochen lang nicht mehr untergeht, die erſchrecklichen Eis⸗ und Schneemaſſen des Winters in Be⸗ wegung geſetzt haben. Auf dem Meere herrſcht ein wildes Drängen und Wogen. Die unendliche Eisdecke des ellendick zugefrorenen Oceans folgt donnernd, knirſchend und dröhnend den ein⸗ zelnen Meerſtrömungen theils an den Felſen und Klippen Grönlands zerſchellend, theils weit hinaustreibend in die — 6— offene See. Dazwiſchen ſchieben ſich Eisberge, die durch die Gletſcher des Binnenlandes gebildet aus den nördlichen Fyords hervorkommen und alle Buchten und Meere des Nordens bevölkern, aber auch noch weit im Süden oft genug den harmloſen Reiſenden erſchrecken. Auch am Lande iſt die oft bergetiefe Schneemenge in Fluß und ſtürzt ſich in reißenden Gießbächen brauſend die ſteilen Felswände hinunter und wogt als ein gewaltiges Gewäſſer über unzählige Felsblöcke ſchäumend und toſend dem Meere zu. Jetzt zugleich mit dem Abgehen des Schneees zeigt ſich durch die heißere Sonne hervorgelockt ſchon ein Blümchen in geſchützter Felsſpalte. Die einzigen Bäume, die vorkommen, knorrige Birken, Fichten, kaum zwei Ellen hoch, graue Weidenſtumpfe und der niedrige Wachholder ziehen ihr grünes Gewand an. Mitten durch aber blühen einzelne Geſträuche wie die Berghimbeere, Speierling und Blaubeere, deren zahlreiche Früchte für den Nordländer das einzige, heimiſche Compot abgeben, während die Thalſohle ſich mit einem zarten Graswuchs bekleidet, die allerdings kaum irgendwo eine gewiſſe Ueppigkeit erlangt, ſondern mehr einem grünen Sammetgewand gleichet. Dieſes Sproſſen und Grünen geſchieht aber wie geſagt nur, ſo wenig es in der That iſt, in den vor den entſetz⸗ lichen Nordſtürmen geſchützten Buchten, die dann mitten in der grauſigen Schnee⸗ und Eiswüſte liebliche Oaſen bilden. Unſere Bucht von Alters her die Pfingſtbucht genannt, war eine der wärmſten und ſchönſten. Sie hätte, wie ſie ſo im Glanze der Juniſonne dalag, einem Maler einen prächtigen Stoff zu einem Landſchaftsbild geboten. Vorn plätſcherte das tiefblaue Meer des Fyords, auf dem ſich ſonderbar geſtaltete Eisberge tummelten, und brandete wider das niedrige grüne Ufer einer ziemlich großen, mit Gras, Moos und Gebüſch bewachſenen Fläche, die ſich mehr im Hintergrunde in ein Bachthal und längs des ſich zur Rechten noch weiter erſtreckenden Fyords verlor. Das Ganze wurde eingerahmt von weit in das Meer hinausgehenden ſchroff zackigen Felſen, die ſich nach dem Lande immer mehr erhoben, bis ſie in einem mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Gipfel endigten, der mit ſeinem weißglänzenden Haupte in das ſeltene Grün hinab⸗ ſtarrte. Hinter ihm erhoben ſich aber noch mehr ſolcher weißen Häupter, die neugierig noch höher das Haupt erhoben, um zwiſchen den andern hindurchzuſehen. Und hinter dieſen drängten ſich immer noch mehr herbei, die ſich ordentlich auf die Zehen ſtellen mußten, um nach Etwas zu ſehen, bis ſie ſich weiterhin in nebelhafter blauer Ferne verloren. An der geſchützteſten Stelle der kleinen Ebene lag die deutſche Miſſionsſtation Pfingſtthal. Sie beſtand aus einem langen geräumigen, roth angeſtrichenen Gebäude mit einigen Nebengebäuden, um die ſich eine große Anzahl von Erdhütten, die Wohnungen der Eskimos, gruppirten. Zu der Zeit, wo wir die Bucht betraten, lag eine — 8— eigenthümliche Stille über dem Thale, trotz der Nähe der menſchlichen Wohnungen. Der Norden hat überhaupt etwas Stilles und Starres, und es beſchleicht das Gemüth des Menſchen leicht ein banges, ungewohntes Einſamkeits⸗ gefühl. Indeſſen war es diesmal hier die Stille der Nacht. Denn es war Nacht in Grönland, wenn auch die Sonne noch ſchien. Jedoch verlor dieſelbe allmählig ihren Glanz. Die Mitternachtsſtunde nahete. Die Sonne glich in dieſem Augenblicke nur noch einem feuerrothen Balle, der nahe am Horizonte hinſchwebte und ohne Strahl Berge und Meer und die ihn umgebenden Wölkchen in prachtvolle Purpurgluth tauchte. Das währte eine kleine Weile. Dann wurde nach und nach der rothe Ball wieder feuriger und ſandte wieder ſeine hellleuchtenden warmen Strahlen der Erde zu. Zugleich mit dieſen erſten Strahlen begann auch das Leben in der Natur. Ganze Schaaren von Möven ſchweiften über das Meer hin, mit ihrem häßlichen Ge⸗ krächze ehi, hi, hä hä die Luft erfüllend, während zahl⸗ reiche Schneeammern ihr einfaches Morgenlied zu trillern ſuchten. Stunden vergingen. Die Sonne ſtieg immer höher. Noch hatte ſich kein Leben in den Wohnhäuſern gezeigt. Da erſchallte von einem Felsvorſprunge, der weit in das Meer hineinging, dreimal ein lauter an den Bergen wieder⸗ hallender, menſchlicher Ruf. Es war das Signal eines — Wachtpoſtens, der dort verſteckt gelegen hatte. Durch den Ruf allarmirt begann das helle Glöckchen in dem hölzernen Thurme des Miſſionshauſes zu läuten, worauf aus den Erdhütten eine Menge von Eskimoweibern und Kindern, zum Theil nur halbbekleidet, hervorſtürzten und nach dem Ufer eilten. Auch aus dem Miſſionshaus traten verſchiedene europäiſch gekleidete Männer und Frauen heraus, unter denen beſonders ein hochgewachſener Mann mit einem feinen, edlen, aber bleichen Geſichte, hervorragte. Auf einmal ſtieß die ganze am Ufer verſammelte Menge ein ſich mehrmals wiederholendes weithin tönendes Freudengeſchrei aus. Bald zeigte ſich die Urſache dieſes Schreies. Denn es erſchien an der Grenze der Bucht eine ganze Flotte von Kähnen. Es waren die Eskimo⸗Männer der Niederlaſſung, die von einer eine ganze Woche dauernden Seehundsjagd heimkehrten. Jetzt eilten die jubelnden Weiber und Kinder im Laufe wieder nach den Hütten, um mit Stangen, Hacken und Riemen zurückzukehren. Sie hatten nach grönländiſcher Sitte bei der Landung die Jagdbeute in Empfang zu nehmen. Hier hörte nämlich die Männerarbeit auf. Hier fing nach ihren Begriffen die Weiberarbeit an. Auch der Grönländer hat ſeinen Stolz. Unter tauſen⸗ derlei Gefahren und mit einer unglaublichen Ausdauer und Anſtrengung erlegt er kühn und liſtig die Thiere, die ihm Nahrung und Kleidung geben. Dann bringt er — 10— ſie auch noch bis an das Ufer, wo ſeine Hütte ſteht. Aber damit hat er ſeine Pflicht erfüllt. Jetzt rührt er ſie mit keinem Finger mehr an. Das völlige Heimſchaffen, das Ausweiden, das Gerben, Nähen der Felle, das Trocknen, Aufbewahren und Kochen des Fleiſches kommt den Weibern zu. Eine gewiſſe Berechtigung dazu liegt auch vor, da in den Eislanden die Frauen vom Spinnen, vom Stricken, vom Bleichen, vom Gärtnern, vom Melken und Buttern vollſtändig dispenſirt ſind. Und gern thun die Grönlän⸗ derinnen die ſchwierigſte Arbeit, wenn nur der Mann aus der ſtürmiſchen eistreibenden See oder aus den Schnee⸗ Einnöden wieder glücklich heimkehrt. Denn in keinem Lande der Erde iſt die Frau ſo hilflos dem Elende und dem Hungertode Preis gegeben, wenn der Ernährer und Hausvater ſtirbt, als in Grönland, wo der kahle, kalte Boden Nichts trägt und nur Mannesmuth und Mannes⸗ kraft den Schrecken trotzen kann, die mit der Erwerbung der Lebensmittel verbunden ſind. Da ſtand nun ſchon die ganze Schaar dieſer Weiber am Ufer erwartungsvoll in das Meer hinausblickend und in ihrer Freude ein rührendes Bild darbietend, ſo wenig anmuthsvoll in der That ihr Anblick war. Die eingeborenen Grönländer ſind ein häßlicher, kleiner unterſetzter Menſchenſchlag mit flachen, breiten, gelben und ausdrucksloſen Geſichtern, die weder durch die kleinen, ſchwarzen, ſchief ſtehenden Augen, noch durch das kurze 4 11— Stumpfnäschen, noch durch den großen, wulſtigen Mund eine bedeutende Verſchönerung empfangen. Auch ihre Kleidung iſt mehr zweckentſprechend, als maleriſch. Sie beſteht aus nichts als Pelz und iſt bei Männern und Frauen faſt dieſelbe: Pelzſtiefel, Pelzſtrümpfe, Pelzhoſen und Pelzjacke. Die Frauen haben zwar einen Vorzug, da ſie an Stiefeln und Jacken bunten Lederbeſatz und ſonſtige Verzierungen tragen, allein ſie ſind im Grunde noch un⸗ ſchöner, als die Männer, weil ſie durch die unbequeme Tracht einen wackelnden vorgebeugten Gang erhalten. Beſonders aber ſind die alten Weiber widerwärtig mit ihren abgemagerten, mißgeſtalteten Körpern, ihren breiten, gelben, mit unzähligen Falten bedeckten Geſichtern, mit ihren durch Schnupftabak beſchmierten Naſen, ihren roth⸗ geränderten Augen und ihren ſtruppigen, ungeordneten grauen Haaren. Die Grönländer empfinden ſelbſt oft ein Grauen vor ihren eigenen Großmüttern, zumal wenn dieſe zänkiſch ſind. Nach ihren alten Sagen ſollen ja die Gewitter, d. h. Blitz und Donner durch zwei an den Himmel verſetzte alte Weiber, die ſich um ein Stück altes Fell zerren und ſtreiten, hervorgebracht werden. Unſere Schaar hatte alles Unſchöne ihrer Nation. Auch waren einige jener Urbilder von Häßlichkeit vorhanden, die durch die mangelnde Toilette und den Schmutz, der zu den berechtigten Eigenthümlichkeiten der Grönländer gehört, noch ſchrecklicher wurden. Trotzdem ruhete das Auge des — 12— hochgewachſenen, bleichen Mannes mit einer großen Herz⸗ lichkeit auf dieſen abſtoßenden Geſchöpfen und beobachtete tief gerührt alle Aeußerungen ihrer von liebender Sehnſucht und Erwartung brennenden Herzen. Er war der Vorſteher des Miſſionshauſes, der Miſſionar Robert Lymann, ein Mann von bedeutenden Gaben und tiefem Gefühl, der aber, ſo hoch er auch über dieſen Geſchöpfen ſtand, das ſchmutzige, häßliche Völkchen um ihn her wirklich liebte. Die Flotte der Seehundsjäger war während deſſen immer näher angekommen. Die langen, ſchmalen, leicht⸗ gebauten Boote der Grönländer ſchoſſen unter ihrer äußerſt geſchickten Leitung wie Pfeile durch das Waſſer. Es mögen wohl auch kaum in der Welt leichtere Boote zu finden ſein, als dieſe Fahrzeuge, die ſie Cajaks nennen. Sie haben den doppelten Zweck zu tragen und getragen zu werden. Wie oft muß der Grönländer ſein Boot weite Strecken über das Eis auf dem Kopfe weiterſchleppen, bis er es wieder an eisfreien Stellen in das Meer laſſen kann. Der weſentliche Beſtandtheil dieſer Boote iſt Seehunds⸗ haut, die über dünne Holzrippen geſpannt iſt. Nur in der Mitte des etwa achtzehn Fuß langen, aber äußerſt ſchmalen und niedrigen Fahrzeugs iſt eine ſolide aus Holz gearbeitete kreisförmige Oeffnung. Darin ſitzt der Schiffer ziemlich beengt und handhabt ſein doppel— ſchlagendes Ruder„Pattik“ genannt. Mit dieſem Ruder muß er ſich fortbewegen, ſteuern und zugleich im Gleich⸗ —-— gewicht halten, indem jede falſche Bewegung das Boot umſchlägt. Es gehört viel Geſchicklichkeit, lange Uebung und ganz beſonderer Muth dazu, um auf ſolchem gefähr⸗ lichen Fahrzeug ſich mitten zwiſchen die Eisſchollen auf die hohe ſturmbewegte See hinauszuwagen. Aber die Grön⸗ länder wachſen in ihrem Cajak groß und iſt ihnen derſelbe ſo unentbehrlich, als dem Jäger die Flinte und dem Fiſcher das Netz. Außer dem Cajak beſitzen die Grönländer noch ein größeres Fallboot, den„Umniak“, oder Weiberboot, das zu gebrauchen übrigens der Mann für eine Schande hält. Es dient zur Meerfahrt der Weiber und Kinder und zum Transport ſchwerer Laſten. Als die Flotte in Gehörweite gekommen war, hörte man von dorther deutlich den Ruf:„Ceporkak!“„Ceporkak!“ Kaum hatten die auf dem Ufer harrenden Frauen und Kinder den Ruf vernommen, als ſie unter Zeichen der höchſten Freude wild umherſprangen und tanzten und auch„Ceporkak!“„Ceporkak!“ riefen. Das Wort„Ceporkak“ bedeutet, daß ein Wallfiſch ge⸗ fangen worden ſei und mit ihm reicher Ueberfluß an Thran und Fleiſch in das Dorf kommen würde. Noch tanzten die Alten und Jungen und überboten ſich in dem Ruf:„Ceporkak“, als ſchon die erſten Cajaks am Ufer anlegten und nun alle Aufnerlſamteit in An⸗ ſpruch nahmen. Die neuen Ankömmlinge wurden von allen Seiten umringt und mußten erzählen. Kaum hatten dieſe aber einige Mittheilungen gemacht, als der Name„Harald“ auf allen Lippen war und alle Augen ſich auf Herrn Lymann, ihren verehrten Miſſionar richteten. Herr Lymann wurde neugierig.„Was iſt es mit meinem Sohne Harald?“ fragte er. Es iſt ihm doch kein Unglück geſchehen? Sonſt müßte ich es bereuen, daß ich ſeinen unverſtändigen Bitten nachgegeben und ihn die Seehundjagd habe mitmachen laſſen.“ „Nein. Er iſt heil und geſund,“ ſagte Einer der friſch angekommenen Grönländer. Bald wird ſein Anblick dein väterliches Auge erfreuen. Dort fliegt ſein Cajak, wie eine Möve im Sturm. Er iſt ein berühmter Held ge⸗ worden. Er war der Erſte auf der Seehundsjagd und er iſt es geweſen, der den Ceporkak erſchlagen hat.“ „Das hat doch unmöglich der Knabe allein thun können?“ fragte Herr Lymann.„Dazu iſt das Thier zu gewaltig.“ „Nein nicht ganz allein,“ erwiederte der Grönländer. „Der große Jäger„Hans Egede“ hat ihm geholfen, aber nur Weniges.“ „Hans Egede?“ wiederholte der Miſſionar in unmuthi⸗ gem Tone. Eine finſtere Wolke beſchattete ſein edles Ge⸗ ſicht.„So iſt der unfolgſame Junge doch wieder in der Geſellſchaft dieſes leichtſinnigen, gottvergeſſenen Menſchen geweſen, obwohl ich es ihm ſo ſtrenge verboten hatte?“ X — 15— Die Wolke wich auch nicht von der ſonſt heiteren Stirne des Miſſionars, ſelbſt als er ſeinen Sohn in allem Glanz der Jugend und Schönheit daherkommen ſah. Die Er⸗ ſcheinung des Knaben war ſonſt dazu angethan, im Vater⸗ ſtolz allen Zorn und Aerger vergeſſen zu laſſen. Sein von Geſundheit ſtrahlendes Geſicht umrahmt von goldenen Locken glich der aufgehenden Morgenſonne und ſeine hohe kraft⸗ volle Geſtalt ragte unter ſeinen zwerghaften Geſellen hervor, wie eine ſchlanke Buche aus Deutſchlands Wäldern, die man unter die Zwergbirken Grönlands verſetzt hatte. Doch was galt dem frommen Vater Kraft, Jugend und Schönheit, wenn die Seele krankte? Schon hatte der Miſſionarsſohn beinahe das Ufer erreicht, da erſcholl ein allgemeiner Schrei des Entſetzens. Auch Herr Lymann wurde bleich. Ein morſcher Eisberg, den ſchon lange das Waſſer und die Wärme benagt hatte, ſtürzte in dem Augenblick, als Harald unter demſelben dahinfuhr, raſſelnd und krachend auseinander. Hochauf ſchäumten die Waſſerwogen von den in's Meer ſtürzenden Eismaſſen. Der Jüngling nebſt ſeinem Cajak und ein dicht hinter ihm rudernder Grönländer waren in der Tiefe verſchwunden. Es vergingen einige Augenblicke voll verzweifelnder Herzensangſt, dann erſchien plötzlich wieder das goldige Haupt des Miſſionarſohnes. Er hatte den mit unterge⸗ gangenen Grönländer am Schopf und zog ihn im Schwim⸗ men mit ſich. — 16— Es iſt kaum glaublich, daß die Grönländer, die auf ihren Fallbooten ſo gefährliche Meerfahrten unternehmen, nicht ſchwimmen können. Aber es iſt ſo. Der Grön⸗ länder hat eine wahre Waſſerſcheu, obwohl ihm bei ſeinem Schmutz hin und wieder ein Bad recht gut thäte. Als man die Beiden wieder emportauchen ſah, waren genug Cajaks zur Hand, um den Schiffbrüchigen zu helfen. Aber Harald gab nur den geretteten Grönländer ab; er ſelbſt verſchmähete übermüthig jede Hilfe und ſchwamm allein zum Ufer hin, das er bald waſſertriefend betrat. Freudig und ſtolz ging er auf ſeinen Vater zu, den er ſchon von der See aus erblickt hatte, ſich im Bewußtſein ſeiner Thaten eines zärtlichen Empfanges gewärtigend. Aber Herr Lymann empfing den Knaben, der, obwohl er erſt ſechzehn Jahre zählte, ihm ſchon bis an die Stirne reichte, ernſt und gemeſſen. „Die Stunde“ ſagte er„in der du ſchwerer Todes⸗ gefahr nur wie durch ein Wunder entronnen biſt und in der du ein Menſchenleben gerettet haſt, iſt nicht geeignet zum Schelten. Wir wollen vielmehr mit deiner Mutter, die dich ängſtlich erwartet, für deine Rettung Gott Dank ſagen. Doch du biſt wieder mit Hans Egede zuſammen geweſen, wiewohl ich es dir verboten hatte.“ Haralds Wangen bedeckte hohe Schamröthe, und obgleich jetzt die aufgeregte, dankbare Menge ihn bewundernd von allen Seiten umdrängte und ihm zujauchzte, ging er ge⸗ beugten Hauptes dem Miſſionshauſe zu. II. Einige Tage ſpäter finden wir Harald in dem wohl mit Büchern ausſtaffirten Studirzimmer ſeines Vaters des Miſſionar Lymann ſcheinbar ſtark mit Lernen beſchäftigt. Der Schein iſt durchaus für ihn. Denn ſeine Hände ſind ſehr mit Tinte beſchmiert. Selbſt ſeine Naſe hat einige Flecken abgekriegt. Die Haare ſind durch das öftere nach⸗ denkende Aufſtützen des Kopfes in große Unordnung ge⸗ rathen und einige zerkaute Federn liegen umher. Alſo in dieſer Hinſicht fehlte es nicht an Spuren ſeines Fleißes. Allerdings waren dieſelben in ſeinen Heften und Büchern nicht ſo ſehr bemerkbar. Das Heft wenigſtens, das vor ihm lag, trug noch keine friſche Schrift, war dagegen bös mit rother Tinte bemalt und ſtand unter der zuletzt geſchriebenen Seite von ſeines Vaters Hand darunter bemerkt:„21 Fehler! Schänd⸗ lich ſchlecht! Iſt genau corrigirt nochmals abzuſchreiben!“ Harald ſtarrte mit trotzig aufgeworfenen Lippen einige Augenblicke in das Heft hinein, dann ballte er es grimmig zuſammen und ſchleuderte es in die Ecke des Zimmers. Mit den Zähnen knirſchend brummte er vor ſich hin: Schupp, Im Eiſe. 2 „Ich möchte nur einmal wiſſen, was mir all' der gelehrte Krimskram nützen ſoll. Mit ſämmtlichen lateiniſchen Brocken lenkt man noch keinen Cajak oder Hundeſchlitten und mit aller Mathematik fängt man keinen Seehund.“ Doch nach dieſem Wuthausbruch wieder beilenkend fügte er hinzu: „Ich werde das Heft wieder holen müſſen, um meinem braven Vater nicht wehe zu thun.“ Langſam ſtand er auf, noch langſamer bückte er ſich nach dem Heft und langſam ſtrich er das zerknitterte Papier wieder glatt. Aber, als er einmal in der Arbeit war, flog ſeine Feder nur ſo über das Papier dahin, und im Nu war er fertig. Er hatte einen trefflichen Kopf zum Lernen. Wenn nur Neigung und Talent bei ihm zuſam⸗ mengetroffen wären. Haſtig arbeitete er auch jetzt einmal im Gang noch weiter. Ein lateiniſcher Schriftſteller lag vor ihm, aus dem er mit Hülfe eines dicken in Schweinsleder gebundenen Wörterbuchs in's Deutſche zu überſetzen ſuchte. Aber bald ergriff ihn bei dieſer Arbeit, als ihm eine ſchwierige Stelle zu ſchaffen machte, wieder die alte Ungeduld. „O hätte doch den alten Schwätzer Cicero ein Eisbär aufgezehrt, ehe er die erſte Rede gehalten hätte“ rief er. „Dann könnte man jetzt ſeine Zeit beſſer verwenden, als an ſeinen verſchimmelten Sätzen ſich die Zähne ausbeißen.“ Trotz dieſes Schmerzensſchreies machte er ſich doch wieder an die Arbeit, aber es mußte eine fatale Stelle ſein. Denn er kam nicht darüber weg. Zuletzt riß denn — 19— auch der letzle ſchwache Faden ſeiner Geduld. Er nahm den ſchweinsledernen Band, den er gerade in den Händen hatte, und warf ihn mit aller Wucht wider die Wand und ließ ihm ſämmtliche Bücher folgen. „Es mag kommen, was da will“, ſagte er mit dem Fuße aufſtampfend,„ich lerne Nichts mehr, abſolut nichts mehr.“ Da öffnete ſich die Thüre von dem Nebenzimmer her und eine ſanfte Stimme ſprach von dort aus in verweiſen⸗ dem Tone:„Aber Harald! Lieber Harald!“ Doch Harald hörte nichts in ſeiner Aufregung, ſondern nicht zufrieden damit, daß ſeine Bücher halbverſtümmelt in dem Zimmer herumlagen, malträtirte er ſie noch mit Fußtritten. Eines derſelben, das er mit der Spitze ſeines Stiefels gefaßt hatte, flog ſogar der Inhaberin jener ſanften Stimme, die jetzt auf zwei Stöcke geſtützt in das Studirzimmer hereingehinkt kam, mitten in's Geſicht. Ein tiefer Seelenſchmerz durchzuckte die feinen leidenden Züge der Frau. „Kind!“ ſagte ſie,„womit habe ich das um dich ver⸗ dient?“ „Mutter, Mutter, vergieb mir!“ rief der beſtürzte Jüngling, indem hohe Schamröthe ſeine Wangen bedeckte und eine Thräne in ſeinem Auge ſtand. Die Frau hatte offenbar ihren kranken Füßen in der Beſorgniß um ihr Kind zu viel zugemuthet. Sie vermochte nicht mehr zu ſtehen. „Harald hilf mir, ſonſt muß ich fallen,“ vief ſie ängſtlich. 2* EEEEarrçccch EE= — 20— Ihr Sohn war herzugeſprungen und hatte die ſchwere Frau ſtark, wie ein Mann, auf ſeine Arme genommen, um ſie nach ihrem Lehnſeſſel, ihrem gewöhnlichem Aufent⸗ haltsort hinzutragen. Während er aber die theure Laſt trug, fühlte er tief und ſchmerzlich, wie ſchwer er ſich an ihrem treuen Herzen verſündigt habe. Leidenſchaftlich, wie er war, ſtürzte er, als ſie ſaß, vor ihr auf die Kniee und ſein Geſicht in ihrem Schoos verbergend, weinte er laut. „Nicht wahr, Mutter, ich bin ein Erzböſewicht?“ „Nein“, erwiederte ſie, ſein Lockenhaar ſtreichelnd.„Ein Böſewicht biſt du nicht, aber ein unbeſonnener, trotziger Knabe, der ſich gegen alle beſſere Einſicht verſchließt und alle wohlmeinenden Rathſchläge verachtet.“ „Dein Vater iſt ein Mann von großer Menſchenkenntniß, von viel Lebenserfahrung und wahrer Weisheit. Derſelbe verſteht beſſer, was dir gut iſt, als du ſelbſt. Er hat dir aber ſchon tauſend Mal geſagt, du ſolleſt deine leiden⸗ ſchaftliche Neigung zur Jagd bekämpfen, weil alles leiden⸗ ſchaftliche Weſen zu nichts Gutem hinführt. Er hat dich mit milden und ſtrengen Worten vor dem Umgang mit Hans Egede gewarnt, weil er bei all ſeiner Geſchicklichkeit und ſeinen Gaben ein ſpöttiſcher Menſch iſt ohne Grund⸗ ſätze und Religion. Er hat dir auf das Liebevollſte zuge⸗ redet, du möchteſt vor allen Dingen einmal etwas Tüch⸗ tiges lernen, weil die Jugend die Zeit zum Lernen iſt. Du könnteſt ſpäter immer noch einen Beruf ergreifen, 4 — 21— welchen du wollteſt. Allein du hörſt nicht auf die Worte deines Vaters und ſiehſt nicht die Thränen deiner Mutter.“ „Ach wie könnten wir glücklich ſein, wie wollte ich meine körperlichen Schmerzen und meine Unbeholfenheit geduldig ertragen, wenn du dich nur fügen wollteſt, lieber Harald.“ Harald entgegnete, indem er ſich aus ſeiner bisherigen Stellung erhob:„Das Jagen an ſich kann doch keine Sünde ſein, liebe Mutter, ſonſt hätte Gott hier Korn⸗ felder wachſen laſſen und die Grönländer nicht allein auf den Erwerb der Jagd hingewieſen, dann würde auch gewiß nicht der Vater die geſchickteſten und eifrigſten Jäger loben und die läſſigen zu größerem Fleiß und zu größerer Ausdauer antreiben. Warum iſt nun bei mir unrecht, was bei Anderen recht iſt, warum tadelt der Vater an mir, was er bei Anderen lobt?“ „Willſt du nichts weiter werden, als ein Seehunde fangender Grönländer?“ fragte Frau Lymann. „Warum nicht?“ meinte Harald.„Seehundfangen iſt viel ſchöner als lateiniſch Lernen.“ „Das iſt eines deiner unbedachtſamen Worte, Harald“, — ſagte die Mutter in einer gewiſſen Entrüſtung. Du ſelbſt wäreſt der unglückſeligſte Menſch, wenn du beim Worte genommen würdeſt und zu einem halbwilden Eskimo⸗ leben verdammt würdeſt. Gott weiſt jedem Menſchen ſeine Stellung auf Erden an. Du biſt durch deine Geburt als Deutſcher und Chriſt und durch deine Gaben und die — ꝗM⁴ůD-—— — 22— Gelegenheit, dieſelben auszubilden, zu Höherem berufen. Es wäre ein erſchreckliches Unrecht von Dir, wenn Du dieſe koſtbaren Geſchenke Gottes mit Füßen treten würdeſt, ſtatt ſie zum Heile Deiner armen Menſ chenbrüder zu verwenden.“ „Hans Egede hat auch nicht viel gelernt, wenigſtens nicht aus Büchern“ antwortete Harald.„Ich glaube, er kann noch nicht einmal ſo viel Lateiniſch, als ich. Thut aber derſelbe nicht ſehr viel Gutes, indem er den Grön⸗ ländern jagen hilft und indem er ihnen zeigt, wie ſie ihre Jagdbeute beſſer verwerthen können und indem er ſie aus ſeinen Vorräthen, wenn Hunger entſteht, ſpeiſt? Hat er nicht auf dieſe Weiſe ſchon Hunderte vom Hungertode er⸗ rettet? Könnte ich nicht auf ähnliche Weiſe mein Theil Gutes thun?“ „Immer und ewig Hans Egede!“ ſagte ärgerlich die Mutter.„Hans Egede geht Dir bald über Vater und Mutter und Du vergiſſeſt noch wegen ſeiner das Gottes⸗ gebot:„Du ſollſt Vater und Mutter ehren.“ „Wie oft muß es Dir geſagt werden: Hans Egede kann nie Dein Vorbild ſein. Er mag auch ſeine guten Seiten haben, aber im Grunde iſt er ein zweideutiger Menſch, der nicht einmal ſeinen richtigen Namen führt. Ueber dem Manne ſchwebt ein Geheimniß, das das Tages⸗ licht ſcheut. Es iſt mir immer, als ſei er nur zu uns in das Eisland gekommen, um ein von dem wilden Feuer ungezügelter Leidenſchaften und ſchrecklicher Gewiſſensqualen durchwühltes Innere hier unter Gletſchern und Eis⸗ 1 8 1 bergen abzukühlen. Aber ein ſo in ſich zerriſſener Cha⸗ rakter voll gefährlicher Abgründe und Untiefen darf kein Umgang für ein empfängliches Jünglingsherz ſein.“ „Der Vater hat Recht, wenn er, wie er gedroht hat, Dich lieber mit dem nächſten Schiffe nach Deutſchland ſchickt, als Dich noch länger in ſo gefährlicher Nachbar⸗ ſchaft zu wiſſen.“ „Diesmal nimmt es Dein Vater entſchieden ernſt und auch ich werde kein gutes Wort mehr für Dich einlegen. Ich ſehe ein, daß längeres Zaudern Schwäche iſt. Ich will lieber über eine kurze leibliche Trennung nach Deutſchland weinen, als darüber, daß Du uns geiſtig auf immer ver⸗ loren gehſt.“ Die gute Mutter hatte ſelten mit ſolcher Entſchiedenheit zu ihrem Sohne geredet. Einen deſto tieferen Eindruck machten deßhalb ihre Worte auf denſelben. Eine Weile ſtand er ſinnend da. Dann küßte er ſie auf Mund und Wangen und ſagte:„Ich werde thun, was ich kann.“ Darauf ging er wieder in das Studirzimmer und ſuchte die eben noch ſo mißhandelten Bücher wieder zuſammen, um ſeine Aufgaben von Neuem wieder in Angriff zu nehmen. Einige Stunden arbeitete er jetzt mit wirklichem Eifer, bis allmählig wieder ſeine Energie zu erlahmen begann und ſeine Gedanken anfingen, die Bücher zu verlaſſen und über die Meereswellen hinzuflattern, wie die luſtigen See⸗ möven draußen, die er ſah. Er nahm ſeines Vaters Fern⸗ — 24— rohr und ſaß nun da das Spiel der Wogen beobachtend und träumeriſch in unermeßliche Fernen hinausſchauend. Vor ſich ſelbſt und ſeinem anklagenden Gewiſſen ent⸗ ſchuldigte er ſich, er ſähe nach ſeinem Vater aus, der heute von einer Holzexpedition zurückkehren wollte. Dieſe Holz⸗ expeditionen wiederholten ſich den Sommer öfters und währten immer mehrere Tage. Man mußte jedes Mal ziemlich weit fahren, indem die ſpärlichen Weiden und Birken erſt kräftig genug zum Fällen wurden, wenn man tiefer in die Fyords hineinkam. Die Miſſionare hatten dabei ihre rechte Arbeit. Auf die an ſich etwas trägen Grönländer war nicht viel zu rechnen. Der Holzbedarf war aber in dem entſetzlichen Winter bedeutend, für den ſpärlichen Baumwuchs ſogar faſt zu viel, ſo daß noch Kohlen von Europa hergeſchafft werden mußten. Weiter im Norden Grönlands hatte man es bequem, indem der Polarſtrom maſſenhaft Treibholz den Küſten zuführt. Harald war ſonſt ein thätiges, ja faſt weſentliches Mitglied dieſer Holzexpeditionen geweſen. Diesmal mußte er zur Strafe zu Haus bleiben. Sein Vater hatte ihm, weil er den folgenden Tag nach dem Seehundsfang trotz des wiederholten Verbots wiederum mit Hans Egede zu⸗ ſammengekommen war, Stubenarreſt gegeben. So ſaß er da im ſeltſamſtem Widerſtreit der Gefühle. Sein Herz erfüllt mit jugendlicher Thatenluſt ſehnte ſich von den verleideten Büchern hinweg nach der Freiheit der — 25— Winde und der Wogen wie ein Vogel, der im dumpfen Käfig gefangen ſitzt und nach Luft und Sonnenſchein ſchmachtet. Auf der andern Seite aber hielt ihn die Scheu vor ſeinem Vater und die Liebe zu ſeiner Mutter. Man konnte indeſſen im Voraus berechnen, daß der kindliche Gehorſam dem rebelliſchen Herzen unterliegen würde. Denn war es nicht bereits eine halbe Niederlage des Gehorſams und ein halber Sieg ſeines ſtürmiſch ver⸗ langenden Herzens, da er ſein ſehnſüchtiges Auge mit dem Fernrohr bewaffnete? Doch noch ſchlimmer war es, als plötzlich am Ufer der Bucht zwei Seehunde auftauchten, prachtvolle Exemplare, die einem das Herz im Leibe lachen machten und die ſich ganz in der Nähe auf einem Felſen niederließen, um ſich dort zu ſonnen. Als Harald ſie erblickte, war er nicht mehr Herr ſeiner Gefühle. Die Jagdluſt bekam die Oberhand. Nach ſeinem Ermeſſen wäre es eine Art Verbrechen geweſen, ſich eine ſo günſtige Jagdgelegenheit entſchlüpfen zu laſſen. Er wäre ſich vorgekommen wie Einer, dem eine gebratene Taube in den Mund fliegt und der nicht zubeißt. Die beiden Robben konnten übrigens auch zur Jagd gar nicht beſſer liegen. Eine Felswand verbarg nach der Bucht zu den ungemein ſcheuen Thieren jede Bewegung des Jägers und auf dem faſt unhörbar durch die Wellen ſchneidenden Cajak konnte man bequem bis auf Schußweite herankommen. Nur die ausgezeichnete ſonnige Lage des Felſens mochte — 26— die ſonſt ſo vorſichtigen Geſchöpfe verführt haben, eine minder freie Stellung einzunehmen. Sonſt rutſchen dieſelben mit ihren höchſt unvollkommenen, mehr zum Schwimmen als zum Gehen eingerichteten Beinen auf eine Eisſcholle oder einen höheren Felsblock, wo ſie mit ihren prächtigen, großen Augen nach allen Seiten Umſchau halten können. Ihr runder Kopf iſt dann in ſteter Bewegung, und zwar, um nicht blos mit dem Geſicht, ſondern auch mit dem merkwürdig ſcharfen Gehör und Geruch nach den zahlreichen Feinden auszuſpähen und im Falle der Gefahr im Waſſer zu verſchwinden. Die armen Grönländer, die in ihren Bedürfniſſen hauptſächlich auf den Seehund angewieſen ſind, haben mit den klugen Thieren ihre liebe Noth. Der Seehund iſt dem Grönländer ſein Alles und macht derſelbe das Leben ſo hoch im Norden allein möglich. Er erſetzt den Acker, den Wald und die Heerde. Sein Fleiſch iſt das tägliche Brot des Grönländers, ohne das er Hungers ſterben müßte. Aber nicht blos Nahrung, ſondern auch Kleidung, ſogar Licht, Feuerung, Zeltdächer, Schiffswände, Taue, Nähgarn, ja Fenſterſcheiben muß der koſtbare Körper des Seehundes den Menſchen liefern. Aus ſeinem Fell macht der Grönländer Schuhe, Strümpfe, Hoſen, Decken, Röcke; er baut daraus ſeine Boote und ſeine Zelte und greift dem Seiler in's Handwerk, indem er daraus unzerreißbare Riemen ſchneidet. Der Speck des Seehundes muß in den langen Winternächten zugleich die — 27— finſtere Hütte erleuchten und erwärmen. Die Sehnen des Thieres dagegen geben vorzüglichen Zwirn und die Gedärme Fenſterſcheiben. Kein Wunder, daß der Grönländer weder Liſt noch Anſtrengung ſcheut, um dieſe ihm ſo nothwendigen Thiere zu erlegen. Selbſt der grauſige, nordiſche Winter hält ihn nicht zurück. Da ſteht er oft vom Eisſturm umſauſt ſtundenlang unbeweglich vor einem Luftloch auf der Lauer, das der Seehund ſich im Eiſe macht, weil er alle fünf Minuten Luft ſchöpfen muß; oder er ſpringt, den Cajak umgeſtürzt auf dem Kopfe, von Eisſtück zu Eisſtück, um den Streifen offenen Meeres zu erreichen, den die ſtarke Küſtenbrandung nicht zufrieren läßt; oder er kriecht auf Händen und Füßen einen mit einem weißen, dem Schnee gleichenden Zeuge umhängten Schlitten vor ſich herſtoßend nach dem arglos auf dem Eis lagernden Seehund zu. Die geſpannte Flinte ruht mit ihrer Mündung auf der Lehne des Schlittens, während der Jäger ſeine Beute durch ein Loch in dem weißen Zeuge ſcharf im Auge behält. So rückt er, um das Thier nicht aufmerkſam zu machen, langſam— langſam vor, bis er endlich unbeobachtet in Schußweite gekommen iſt. Im Frühjahr iſt es leichter, dann kommen die Seehunde völlig an's Land, um ihre Jungen zu gebären und zu hüten, da dieſelben in den erſten zehn Tagen nicht ſchwimmen können. Es werden in der Zeit viele Thiere nutz⸗ los erſchlagen, wie denn der Grönländer überhaupt weder — 28— Etwas zu Rath zu halten weiß, noch für kommende Noth⸗ zeiten genügend ſorgt. Harald war aufgeſprungen. Er konnte nicht mehr ſitzen bleiben. Vor Aufregung rötheten ſich ſeine Wangen und blitzte ſein Auge. Anfangs dachte er zu ſeiner Mutter zu gehen und ſie um Erlaubniß zu bitten, die Thiere zu jagen. Dann überlegte er, daß dieſelbe viel zu feſt an den Geboten ſeines Vaters hinge, als daß ſie auf ſein leidenſchaftliches Verlangen Rückſicht nehmen würde. Er ſann darum auf einen Weg, ohne Vorwiſſen ſeiner Mutter aus dem Hauſe zu ſchlüpfen. Das Studirzimmer hatte nur einen Ausgang und dieſer führte durch ſeiner Mutter Zimmer. Daran war alſo nicht zu denken. Aber das Fenſter war, obwohl im zweiten Stock, nicht ſehr hoch von der Erde, und wenn er ſich auf das Vordach über der Hausthüre niederließ, war ein Sprung nicht mehr gefährlich. Das einzige, was ihm noch Bedenk⸗ lichkeiten erregte, war, daß ſeine Mutter, die an derſelben Seite des Hauſes am Fenſter ſaß, aufmerkſam werden und ihn zurückrufen könnte. Er ſpähete deßhalb durch die nur angelehnte Thüre nach ihr hin und fand zu ſeinem Entzücken, das er recht kindiſch in etlichen Bocksſprüngen und Geſichterſchneiden kund gab, daß ſie feſt eingeſchlafen war. Die arme gequälte Frau, die Nachts vor Schmerzen nicht ſchlafen konnte, fand öfters bei Tag einige Stunden zu ungeſtörtem Schlummer. Nun hielt den jungen Nordlandsjäger Nichts mehr. — 29— Raſch nahm er ſeines Vaters Büchſe von der Wand und gewandt und kühn, wie er war, ſchwang er ſich zum Fenſter hinaus und ſtand einen Augenblick ſpäter wohlbe⸗ halten unten. Dann durchmaß er im ſchnellſten Laufe leicht⸗ füßig wie ein Hirſch die das Miſſionshaus von der Meeres⸗ bucht trennende Ebene und ſprang in einen der dort lagernden Cajaks. Der Cajak war vollſtändig zur Jagd ausgerüſtet das heißt im Vordertheile des Schiffchens befand ſich eine Harpune mit etwa drei Ellen langem hölzernem Schafte und einer ſcharfen eiſernen mit Widerhaken verſehenen Spitze, an der wiederum ein zwanzig Ellen langer Riemen und an deſſen Ende eine Sechundsblaſe befeſtigt war. Außerdem enthielt der Cajak noch zwei Lanzen und das Ruder. Harald handhabte das ſo ſchwierige Geſchäft des Ruderns mit einer Geſchicklichkeit, die kaum ein eingeborener Grön⸗ länder beſaß. Faſt lautlos ſchoß ſein Kahn über die glatte Meeresfläche, in weitem Bogen ſeine Beute umkreiſend. So näherte er ſich bis auf etwa dreißig Schritte den ſich in aller Sicherheit ſonnenden Thieren. Je näher er aber kam, deſto langſamer und bedächtiger ruderte er. Noch war er nicht im Geſichtskreis der Seehunde ange⸗ langt, aber jetzt mußte es geſchehen. Er that einige kräftige Ruderſchläge, die ihn wie ein Blitz vor die überraſchten Thiere brachten. In demſelben Augenblicke ſtand er hoch aufgerichtet, aber feſt wie eine Mauer, die Büchſe im An⸗ ſchlag in ſeinem höchſt unſicheren Fahrzeug, das allerdings bei der geringſten falſchen Bewegung zweifellos umge⸗ ſtürzt wäre. Ein Blitz und ein Knall und eines der mächtigſten Thiere wälzte ſich röchelnd im Blute, während das andere im höchſten Maße erſchreckt der See zuſtürzte. Doch ehe der runde Leib des fliehenden Robben im Waſſer ver⸗ ſchwand, ſaß ihm die von der ſicheren Hand Haralds ge⸗ ſchleuderte Harpune im Rücken, d. h. eigentlich nur die Harpunenſpitze, denn der hölzerne Schaft der Harpune geht durch eine eigene Vorrichtung nach dem Wurf los und wird wieder aufgefiſcht, da die Grönländer keinen Ueberfluß an ſolchen Schäften haben. Der Seehund ging jetzt blitzſchnell in die Tiefe und zog den an der Harpunenſpitze befeſtigten Riemen raſend ſchnell nach, ſo daß Harald kaum raſch genug die am Ende des Riemens befeſtigte Blaſe in’s Meer ſchleudern konnte. Dieſe Blaſe hat einen doppelten Zweck, einmal das verwundete Thier, das Anſtrengungen macht die Blaſe auch in die Tiefe zu ziehen, zu ermatten, und dann dem Jäger die Richtung anzugeben, die der Robbe auf ſeiner Flucht einſchlägt. Für Harald war es bei ſeiner Rudergewandtheit ein Leichtes, der auf den Wellen tanzenden Blaſe zu folgen, obwohl das erſchreckte Thier mit aller Kraft dem offenen Meere zuſteuerte, um der ihm ſo gefährlich gewordenen Bucht zu entgehen. — 321— Der Seehund iſt ein guter Taucher. Gewöhnlich ſchöpft er nur alle fünf Minuten Athem. Wenn er dagegen verfolgt wird, kann er eine Viertelſtunde unter Waſſer bleiben, bis ihn das Bedürfniß nach Luft wieder an die Oberfläche treibt. In dieſer Zeit ſchleppt er die Jäger oft weit genug mit ſich fort. Harald war bereits der tanzenden Blaſe bis an das Ende der Bucht gefolgt, als er an den beſſeren Bewegungen derſelben merkte, der Seehund würde jetzt aufſteigen. In der That wurde auch nach wenigen Augenblicken der dunkele Körper deſſelben unter dem Waſſer ſichtbar. Wie der Blitz war Harald an ſeiner Seite und ſtieß ihm die Lanze in die Flanke. Das Meer röthete ſich von dem aus der Wunde ſtrömenden Blut, aber das mächtige Thier war noch nicht bis auf den Tod getroffen. Nochmals ging es in die Tiefe, nochmals tanzte die Blaſe und Harald war nochmals genöthigt zu folgen. Jetzt ſchlug der todtwunde Seehund eine Richtung ein, die der ganzen Jagd eine andere Wendung geben konnte. Er nahm ſeinen Weg der Küſte zu, wo ſich zwiſchen einer Inſel und dem Feſtlande ziemlich viel Eis aufgeſtaut hatte. Erreichte er dieſes aus kleinen Schollen beſtehende Packeis, das weder durchfahren noch überſchritten werden konnte, wäre die koſtbare Beute wahrſcheinlich dem Jäger verloren ge⸗ weſen. Allein unſer Robbe hatte ſchon zu viel Blut eingebüßt. In ſeiner Ermattung mußte er ſchon einmal öfter Athem ſchöpfen. Alſo lange, ehe das ſchützende Eis ihn aufnahm, — 32— erſchien er wieder an der Oberfläche, um von Haralds kräf⸗ tiger Fauſt den Todesſtoß zu erhalten. Mit triumphirenden Blicken betrachtete Harald ſeine Beute. Einen ſolchen coloſſalen Seehund hatte er kaum je erlegt. Raſch und geſchickt befeſtigte er an der Seite des todten Körpers, um denſelben vor Untergang zu bewahren, die zur Jagd ſo weſentliche Blaſe und führte durch den an ſeinen Cajak befeſtigten Riemen ſeine Jagdbeute im Schlepptau mit ſich. Bisher hatte Harald im Eifer der Jagd ſich nicht nach der Gegend umgeſehen. Jetzt entdeckte er, und zwar mit Vergnügen, daß er ſich ganz in der Nähe von Hans Egedes Beſitzung befand. Dieſelbe lag nur durch einen Felſen getrennt kaum ein Paar hundert Schritte entfernt auf der vorhin erwähnten Inſel. Sollte er nicht einen kleinen Abſtecher dahin machen, um dieſem Manne, der allein ein richtiges Verſtändniß dafür hatte, ſein eben beſtandenes Jagdabenteuer zu er⸗ zählen? Das konnte nach ſeiner Berechnung ſo gefährlich nicht ſein. Bis ſein Vater von der Holzexpedition zurück⸗ kam, ja vielleicht ehe ſeine Mutter vom Schlaf erwachte, war er wieder daheim. Allerdings war ein ſolcher Beſuch eine Kränkung für ſeine Eltern und wenn er verrathen wurde, ſtieg ſeines Vaters Zorn bis auf das Aeußerſte. Aber hatte ſein Vater ihm nicht auch verboten, auf die Jagd zu gehen? Wie, ſollte er nun ſeine Jagdbeute mit heimbringen und ſeinen Fehltritt ſelbſt angeben? Da war es doch beſſer zu Hans Egede zu fahren um demſelben — 33— den Seehund zu überbringen und ihn zu veranlaſſen, auch den andern abzuholen. Ja, je mehr man es überlegte, es ging gar nicht Anders. Harald fuhr zu Hans Egede. III. Als Harald den vor ihm liegenden Felſen umſteuert hatte, ſah er ſich einem anderen Felſen gegenüber, der nur durch einen ſchmalen Waſſerſtreifen von dem erſten getrennt war. Beide ziemlich weit in's Meer vorgeſchoben, bildeten das natürliche Eingangsthor zu der Inſel, die ſcheinbar im Innern lauter ſolche Felſenriffe barg, von denen dieſe zwei als Wachtpoſten hinausgeſchickt erſchienen. Und ſie vertheidigten in der That gar wohl die ihnen an⸗ vertraute Inſel gegen die anſtürmenden Meereswogen, die donnernden Eisſchollen und die gefährlichen Eisberge, indem Alles an ihrem harten Stein und ihren ſcharfen Kanten zerſchellte und zertrümmerte. Harald wurde der Eingang nicht beſtritten. Er fuhr ungeſtört auf ſeinem Cajak die ſchmale Meeresſtraße entlang, deren dunkele in ewigem Schatten liegende Gewäſſer mit hohlem Schalle wider die glatten, ſtarren Felswände auf beiden Seiten brandeten. Schupp, Im Eiſe. 3 Dieſer finſtere unheimliche Durchgang währte übrigens nur etliche Minuten, worauf ſich nach einer ſcharfen Biegung gewißlich die geſchützteſte, wärmſte und grünſte Bucht des ganzen Nordlandes im heiterſten Sommerlichte vor Harald ausbreitete. Wie draußen aber auf dem Meere zwei Felſenrieſen das andringende, kältende Eis abwehrten, ſo ſtanden auch hier auf der Landſeite ſolche Felswächter, um dieſe Perle des Nordens gegen alle verheerenden Stürme und Wetter zu ſchützen. Die kleine Fläche zwiſchen der Seebucht und den um⸗ gebenden Felswänden war mit einem viel üppigeren Gras⸗ wuchs bedeckt, als man ihn ſonſt in Grönland antraf. Dafür weideten aber auch dort etliche Kühe, eine ganze Ziegenheerde, und mehr abſeits einige gezähmte Rennthiere. Das Haus des Hans Egede lag auf dem ſonnigſten Fleck der Inſel ziemlich dicht an der Bucht. Es war höher und bedeutender, als das Miſſionshaus in der Pfingſt⸗ bucht. Seine Grundmauern waren Ueberreſte der alten Normannenbauten, die auch bereits dieſe liebliche Inſel gekannt hatten. Allein auch die andern Mauern zeichneten ſich durch beſondere Dicke aus. Dabei ſchützten dreifache Thüren und Fenſter gegen die alles durchdringende Kälte im Winter. Die liebliche und warme Lage des Hauſes wurde er⸗ höht durch einen ganzen Wald von Bäumen ringsum, unter denen ſich ſogar Fichten und Lärchen befanden. Auch — 35— ein Garten war angelegt mit Salat und einigen ſchnell wachſenden nicht allzu zärtlichen Kräutern und Gemüſen und in demſelben ein kleines Gewächshaus, worin ſeltenere Blumen und Gemüſe gezogen wurden. Die ganze Anſiedlung war ſo, daß ſie kaum einen grönländiſchen Eindruck gemacht hätte, wenn nicht in dem Hafen der Bucht neben einem ſegelfertigen nach europäiſcher Art gebauten Cutter mehrere Cajaks bemerkbar geweſen wären und wenn nicht eine Anzahl Grönländer unter Leitung von zwei Matroſen beſchäftigt geweſen wären eine Menge zuſammengekuppelter Grönländiſcher Hunde in den Cutter einzuſchiffen. Der Herr dieſer Herrlichkeiten, Hans Egede, ſaß während deſſen in ſeinem von Sonne und Luft durchſtrömten Zimmer, ſich in einem amerikaniſchen Schaukelſtuhle wiegend, eine duftige Havanna⸗Cigarre rauchend und ſchweren Portwein trinkend. Das Gemach hatte, obwohl jetzt voll Sonnenſchein, einen entſchieden winterlichen Anſtrich. Ein rieſiger Thon⸗ Ofen füllte faſt ein Viertel des Zimmers, deſſen Wände ſtatt mit leichten Tapeten mit Pelzwerk bedeckt waren. Die Stubendecke hatte der Hausherr in ſeiner eigenthümlichen Laune mit lauter Flügeln erlegter Vögel verzieren laſſen. Doch ſo verſchiedenartigen Thieren auch die Pelze und Flügel angehörten und ſicherlich nur zufällige Jagdtrophäen Hans Egedes darſtellten, ſo kunſtvoll und ſymmetriſch 3* — 36— waren alle geordnet und Decken und Wände bildeten in ihrer Art Kunſtwerke. Aus den Pelzwänden ragten eine Menge Rennthier⸗ geweihe und Stoßzähne von Fiſchen, Wallroſſen und anderen Thieren, an denen eine prachtvolle Sammlung von allen möglichen Waffen hing. Hans Egede war allein in ſeinem Zimmer bis auf zwei wolfsartige Hunde, die auf Bärenfellen ſchlummerten und bis auf einen bleichen Grönländiſchen Jungen, der ſonſt kränklich eine ungemeine Begabung für Muſik ent⸗ wickelte und eben einer großen Ziehharmonika wunderbar ſüße und ergreifende Melodieen entlockte. Indeſſen mußte der Grönländiſche Knabe doch nicht die Zauber in der Muſik beſitzen, wie ſie der jüdiſche Knabe David dem Saul gegenüber beſaß. Denn ſeine beſten und lieblichſten Weiſen vermochten die finſtere Wolke nicht zu verſcheuchen, die das ſchöne, energiſche Geſicht Hans Egedes beſchattete. „Vorbei, vorbei!“ murmelte derſelbe, indem eine unbe⸗ ſchreibliche Qual ſeine Züge verzerrte.„Auf immer be⸗ graben zwiſchen Schnee und Eis.“ Er ſtürzte haſtig einige Gläſer Wein hinunter und winkte barſch dem Knaben, er ſolle ſein Spiel einſtellen. In demſelben Augenblicke hörte man durch das offene Fenſter Haralds jugendlich helle Stimme. „Ach Harald!“ rief Hans Egede raſch auffpringend, während auf ſeinem eben noch ſo troſtlos niedergeſchlagenen Geſichte eine freudige Bewegung ſichtbar wurde. — 37— Erſt als Hans Egede aufrecht ſtand, merkte man, wie hoch und ſtattlich ſeine Geſtalt war und wie untadelhaft ſein Wuchs. Sein Anzug halb grönländiſch, halb europäiſch war ebenſo bequem, als kleidſam und paßte ſowohl zu ſeiner kühnen, kräftigen Erſcheinung, als auch zu der wilden Umgebung, in der er lebte. Dagegen lag Etwas in ſeinen ſonſtigen Manieren und ſeiner ganzen Art ſich zu geben, das nie in rechten Ein⸗ klang kommen wollte mit ſeiner neuen nordiſchen Heimath. Es war etwas angeboren Vornehmes und gehörte eher in den Salon und in die höhere europäiſche Geſellſchaft als in die Nähe des Nordpols unter Eisbären. Er war darum von ſeinem erſten Auftreten in Grön⸗ land an ein Räthſel geweſen, das alle zu löſen ſuchten undnicht löſen konnten. Es bildete ſich um ihn ein ganzer Sagen⸗ kreis, der durch ſeine kühnen Jagdabenteuer fortwährend friſche Nahrung erhielt. Er wurde der Held für alle phantaſtiſchen Erzählungen der Eingeborenen in den langen Winternächten. Natürlich mußte ein ſolcher Mann auf einen ſo kühnen, phantaſiereichen Jungen wie Harald eine unwiderſtehliche Anziehungskraft üben, zumal wenn man die herzliche Zuvor⸗ kommenheit Hans Egedes gegen Harald bedenkt, begleitet von den bequemſten Umgangsformen. „Es iſt gut, daß Sie kommen, Harald“, ſagte Hans Egede dem Eintretenden die Hand bietend. Ich hätte wahrhaftig gegen unſere Abſprache heute zu Ihnen geſchickt. — 33— Sie mußten doch meinen neuen Cutter bewundern und die vorzüglichen Hunde, die mir mein grönländiſcher Freund „Utokak“ zugeführt hat.“ „Jetzt trinken Sie noch ein Glas Wein und ſtecken ſich eine jener leichten Cigarren an und dann ſchreiten wir ſofort zur Beſichtigung.“ Harald war weder an ſtarke Getränke, noch an Rauchen gewöhnt bei der einfachen Erziehung, welche er zu Hauſe genoß. Beide Genüſſe hatte ihm ſogar ſein ſittlich ernſter Vater ſtreng unterſagt. Aber das Verbotene reizt und faſt noch mehr das Ver⸗ langen des Knaben einen Mann vorzuſtellen, wozu man neben dem Bart als ganz nothwendig das Rauchen und Trinken rechnet. Harald hatte in Beidem ſeit der kurzen Bekanntſchaft mit Hans Egede ſchon ganz ſchöne Fortſchritte gemacht. Anfangs war er ſchüchtern, obwohl er es für eine Schmach anſah, Hans Egede gegenüber, der ihn förmlich als einen Erwachſenen behandelte, Cigarren und Wein zurückzuweiſen. Jetzt leerte er ſein Glas Wein und rauchte die ihm gebotene Cigarre mit demſelben Anſtand, als wenn er es Jahre lang getrieben hätte. Auch diesmal nahm er das ſchon Gewohnte an und einige Minuten darauf ſchritten Beide von den zwei Hunden begleitet der Meerbucht zu. Die Grönländer, welche ihnen begegneten, ſchauten den hohen, ſchlanken Geſtalten der beiden Jäger, die im Ver⸗ gleich zu ihren eignen, kurzen plumpen Körpern ſo ganz anders gewachſen waren, mit erneueter Bewunderung nach und ſogen begierig den Qualm der duftigen Cigarren ein. Auch die Grönländer wiſſen im Tabak einen Unterſchied. Sie ſind alle leidenſchaftliche Raucher, Männer und Frauen und Kinder. Um aber den Genuß nicht zu ſparſam zu haben, rauchen ſie, beſonders die Weiber, ohne Rohr direct aus den Pfeifenköpfen. Die Beſichtigung des Cutters nahm nicht viel Zeit weg, denn er war nicht gar groß, aber beſonders ſtark und ziemlich ſchmal gebaut, ſo daß er ſich vortrefflich zu einer Fahrt in den mit Eis gefüllten nordiſchen Meeren eignete. Auch die Hunde waren bald angeſehen. Der grönlän⸗ diſche Hund hat viel Eigenthümliches. Er gleicht am meiſten von allen Hundarten dem Wolfe. Er bellt auch nicht, ſondern heult nur. Den Grönländern iſt er zu ihren Schlittenfahrten unentbehrlich und bildet eigentlich ihr einziges Hausthier. Aus dieſem Grunde behandeln indeſſen die Grönländer ihre Hunde nicht gerade beſonders gut. Dieſelben müſſen viel⸗ mehr Tag und Nacht, Sommer und Winter ſelbſt bei der ent⸗ ſetzlichſten Kälte im Freien zubringen. Auch an Nahrung leiden ſie Mangel. Der Grönländer hat meiſtens ſelbſt nichts zu reißen und zu beißen und füttert grundſätzlich ſeine Hunde nicht. Sie müſſen ſich ſelbſt„ranzioniren“, wie man früher vom Militär ſagte, und ſich mit den Abfällen von den nicht — 40— gebrauchten Eingeweiden, Haut und Knochen ſättigen. Im Winter verſchlucken dieſe hungrigen Thiere alles was ihnen vorkommt, ſelbſt Muſcheln, Holz und altes Tauwerk. Sie lagern auf dem Dache ihres Beſitzers und haben unter ſich einen Anführer, oder wie man ihn nennt Baas, der ſie einigermaßen in Ordnung hält. Zum Baas wirft ſich immer der Stärkſte unter ihnen auf. Nachdem er dieſe Stärke jedem thatſächlich bewieſen hat, ſchlichtet er alle Streitigkeiten, d. h. er nimmt gewöhnlich zur Strafe den ſtreitigen Knochen ſelbſt an ſich und bei Schlittenfahrten beißt er die Faulen und Unruheſtifter. Er iſt dadurch von einem bedeutenden Nutzen für den Beſitzer und wird entſchieden begünſtigt. Altert der Baas, ſo beſteht einer der jüngeren Hunde, der ſich in ſeiner Kraft fühlt, den Kampf mit dem alten Baas. Bleibt er Sieger im Streit, iſt er von der Stunde an Baas. Der alte Baas thut aber um keinen Preis einen Dienſt mehr, ſondern zieht ſich gramerfüllt in eine Ecke zurück und ſtirbt.. Hans Egede hatte alles gezeigt und Harald hatte alles mit großem Beifall aufgenommen. So war ihr Geſpräch immer eingehender geworden, während ſie am Ufer der Bucht hinſchritten, um die Jagdbeute Haralds zu be⸗ ſchauen. „Sehen ſie, Harald!“ ſagte Hans Egede,„den Cutter habe ich mir mit vieler Mühe und großen Koſten erworben, um alte Ideen von mir zu verwirklichen. Wenn ich früher —41— eine Rennthierjagd mitmachte, haben mich die koſtbaren Fleiſchmaſſen gejammert, die unnütz verloren gingen. Stets wurden eine Menge Thiere von den Eskimos erlegt, welche wegen Mangels an Transportmitteln auf der Stelle liegen blieben und eine Beute der Hunde und Vögel wurden. Später ſind oft dieſelben Leute wegen Mangels an Lebens⸗ mitteln am Hungertode geſtorben, die einige Monate vorher den Ueberfluß nicht zu bewältigen wußten. Das muß anders werden. Mit ihren Cajaks und Umiaks und ihren Hundeſchlitten iſt natürlich nichts anzu⸗ fangen bei bedeutendem Transport und größerer Entfer⸗ nung. Mit meinem Cutter dagegen will ich ihnen behilf⸗ lich ſein, das erlegte Wildpret zu bergen und zu benutzen, bis ſie ſelbſt beſſere Transportmittel haben. Weiter liegt noch unbenutzt ein unendlicher Reichthum in den ganz mit Vögeln und Vogelneſtern dicht bedeckten Vogelbergen und Felſeninſeln, wo man Viertelſtunden weit kaum den Fuß hinſetzen kann, ohne Vögel und Eier zu zertreten. Sie haben ja, lieber Harald, bei ihren Holzfahrten oft genug dieſes Naturwunder angeſtaunt. Einen ſolchen Schatz von koſtbaren Federn, trefflichem Gänſebraten und Eiern gibt es in der ganzen Welt nicht, wie an dieſen kahlen Felswänden, die ja von Weitem wie mit einer Fels⸗ decke belegt erſcheinen. Die armen Eskimo verſtehen ſich aber weder auf den Werth der Eiderdaunen, noch auf das zum Theil ſchmack⸗ — 42— hafte Vogelfleiſch, das ſie vollſtändig verſchmähen und richten oft unter den Eiern nur eine recht dumme Ver⸗ wüſtng an. Auch hier muß etwas geſchehen. Die Eskimo müſſen die Güter ihres Landes zu verwerthen lernen. Doch dieſe Pläne laſſe ich für diesmal bis zu einer ſpäteren Fahrt. Dagegen möchte ich bei der jetzigen Reiſe tiefer in den Norden hineindringen. Ich nehme deshalb vorzüglich die Hunde und die Hundeſchlitten mit. Sie ſollen neben dem, daß Sie das erlegte Wildpret dem Cutter an Bord bringen, wo das Schiff wegen des Eiſes nicht vorwärts kann, uns weiter bringen. Man fabulirt in neurer Zeit ſo viel von dem offnen Polarmeer. Ich muß einmal zuſchauen, ob ich etwas ent⸗ decke. Auch brennt mein Jägerherz, einen Moſchusochſen zu erlegen, von dem ich viel gehört, aber den ich noch nirgends erblickt habe.“ „O könnte ich mit!“ rief Harald mit blitzenden Augen. „Das wird eine wundervolle Fahrt werden.“ Seine Pulſe klopften voll wilder Abenteuerluſt. Wollen ſie nicht mit von der Parthie ſein, Harald?“ ſagte Hans Egede mit einem Anflug von Verſtimmung den Reſt ſeiner Cigarre in's Meer ſchleudernd.„Ich hatte auf Sie gerechnet.“ t„Ob ich will? rief der Jüngling ganz Feuer und Flammen.„Gott ich will ja, aber ich darf, ich kann nicht. — 13— Sie wiſſen es. Nur verſtohlen iſt es mir möglich, hierher zu kommen. Um wieviel weniger bekomme ich die Erlaub⸗ niß zu ſolcher Reiſe.“ „Was hat nur ihr Herr Vater gegen mich?“ ſagte ſinnend Hans Egede.„Ich muß wohl Ihnen zu lieb ein⸗ mal ſeinen Gottesdienſt beſuchen, Harald. Obwohl ich mein Leben lang kein Kirchgänger war uud mir eigentlich das ganze Miſſionsweſen zum Eckel iſt. Harald erröthete vor Unmuth. Dieſe Sprache galt noch in Grönland nicht. Sein Leben lang hatte noch der Knabe nicht ſo leichtſinnige Worte über Kirche und Miſſion ſprechen hören, und hätte nicht an die Möglichkeit geglaubt, daß ein Menſch ſo ſprechen könnte. Sein Jagdgenoſſe hatte bisher niemals Gelegenheit gehabt, ſolche Gegenſtände bei ihren Unterredungen zu berühren. Sie hatten ſtets über Jagdangelegenheiten verhandelt. Harald ſchaute darum Hans Egede mit großen zornigen Augen an. Wie konnte nur ſein Held, den er über alles verehrte, alſo reden? Hatte er nicht ſogar mit dem An⸗ griff auf die Miſſion auch ſeinen Vater angegriffen? „Nein nicht daraus, daß Sie nicht in die Kirche gehen,“ ſagte er noch in ſeiner zornigen Wallung„machen meine Eltern Ihnen einen Vorwurf, ſondern ſie ſagen,„Ihr Name Hans Egede ſei nicht Ihr wahrer Name und Sie hätten auch ſonſt noch Etwas zu verbergen.“ Die Wirkung dieſer Worte auf Hans Egede war eine — 44— merkwürdige. Er wurde todtenbleich im Geſicht und rang mühſam nach Faſſung. Harald erſtaunte erſt, dann aber bereute er bitter ſeine unbedachtſame Rede. „Wie heißt ihr Herr Vater mit ſeinem Zunamen und aus welcher Gegend Deutſchlands ſtammt er?“ fragte Hans Cgede, der ſich wieder erholt hatte, mit barſcher Stimme. „Sie wiſſen“, fügte er darauf ſich mäßigend hinzu, „daß man in Grönland nicht viel nach Namen fragt, ändern die Eskimo doch den ihrigen oft mehrmals im Leben. Ich kenne Ihren Herrn Vater nur als den Miſſionar von Pfingſtthal und Sie als Harald, des Miſſionars Sohn.“ „Mein Vater heißt Robert Lymann“ antwortete Harald und wurde an der Nordküſte Deutſchlands auf einer Gräflich Seebachiſchen Beſitzung geboren, wo ſein Vater Gräflicher Rentmeiſter war. Zuletzt ſtand er als Pfarrer in einem Pommeriſchen Städtchen, deſſen Namen ich aber vergeſſen habe.“ Die Wirkung dieſer Worte auf Hans Egede war noch auffallender, als vorhin. Er wurde womöglich noch bleicher und über ſein Weſen verbreitete ſich eine Starre, als hätte ihn der Schlag gerührt. Harald blickte ganz erſchreckt auf und wollte um Hilfe rufen, als die Starre ſich zu löſen begann und einer tiefen Niedergeſchlagenheit Platz machte. Eine Thräne perlte in Hans Egedes Auge. „Leben Sie wohl, Harald!“ ſagte er dieſem die Hand reichend.„Ihr Vater hat Recht. Wir gehören nicht zu⸗ ſammen. Sie waren meinem Herzen theurer, als Sie glauben. Aber es darf nicht ſein. Wir ſcheiden für immer.“ Nach dieſen Worten ſchritt Hans Egede, ohne ſich um⸗ zuſehen, gefolgt von ſeinen Hunden ſeinem Hauſe zu. Harald blickte ſeinem bisherigen Freunde mit höchſter Verwunderung und tiefer Trauer nach. Er wußte zu dem ganzen Auftritt keine Erklärung zu finden. Er rief einigen Grönländern, die den erlegten Seehund auf das Land zogen und fuhr dann in tiefem Sinnen dem Miſſionshauſe zu. Dort hatte während ſeiner Abweſenheit die Rückkehr der Holzexpedition ſtattgefunden, aber Harald war ſo in Gedanken verſunken, daß er erſt die Ankunft der Holzflottille merkte, als er mitten durch dieſelbe ans Land fuhr. Ganz unvorbereitet ſtand er plötzlich vor ſeinem Vater, der ihn mit zornigen Augen betrachtete. Wo kommſt Du her?“ fragte er in ſtrengem Tone.„Deine Mutter beklagt ſich, Du hätteſt Dich, während ſie ſchlief, heimlich entfernt. Wo kommſt Du her? Antworteſt Du nicht?“ Harald war vor Verlegenheit purpurroth geworden. Sollte er lügen? Nein, mochte daraus entſtehen, was da wollte, er log nicht. „Von Hans Egede,“ ſagte er ſeinen Vater offen anſehend. Den Vater ergriff ein furchtbarer Zorn. Er faßte nach dem nächſten beſten Stock. Aber er ſchlug nicht; mit faſt übermenſchlicher Kraft bezwang er ſich. — 46— „Gut“ ſagte er mit noch vor Aufregung zitternder Stimme.„Du haſt es nicht anders gewollt. Die Ent⸗ ſcheidung iſt da. Du gehſt nach Deutſchland. Schon morgen Früh fahren wir. Zufällig liegt ein däniſches Schiff ſegelfertig im Julianehaab, das nur auf günſtigen Wind wartet, um auszulaufen. Mir thut nur Deine arme Mutter leid. Aber Du haſt kein Herz für ſie.“ Harald erbleichte. Er hatte noch eben auf ſeinem Cajak durch die Bucht daherſchwimmend davon geträumt, daß er am Ende doch die Nordfahrt Hans Egedes mit⸗ machen könne. In jugendlicher Phantaſie hält man Alles für möglich und überwindet die größten Schwierigkeiten. Noch ehe er in die Bucht einlief, hatte er den Plan fertig, wie er ſeines Vaters Einwilligung erlangen und denſelben mit Hans Egede ausſöhnen wollte. Er ſah ſich bereits im Hundeſchlitten hinter den Rennthieren und Moſchusochſen drein. Das war nun allerdings ein Sturz aus allen Himmeln, dieſe feſte, entſchiedene Ankündigung: „Morgen nach Deutſchland!“ Deutſchland war Harald der Inbegriff des troſtloſeſten Schulzwangs und des ſtrengſten Studirens, wo es nur neue Ausgaben von Cicero und allen ſonſtigen lateiniſchen und griechiſchen Claſſikern regnete und lauter Grammatiken und Lexicas aus dem Erdboden wachſen und wo Jagd⸗ abenteuer zu den Unmöglichkeiten gehören. Ganz gebrochen wankte er heim. Stumm ſaß er lange Zeit neben ſeiner Mutter, bis er in ein lautes Schluchzen — 4?— ausbrach. Aber auch die Mutter war feſt in ihrem Entſchluß. Ohne Troſt und Hoffnung ſuchte er zuletzt ſein Lager auf. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Die aben⸗ teuerlichſten Pläne und Entwürfe kreuzten in ſeinem Hirn.„Nur nicht nach Deutſchland!“ hieß es immer. Auch ſein Vater ſchlief nicht. Trotz ſeiner Ermüdung ſchrieb er die ganze Nacht Briefe. Das Wohlergehen ſeines einzigen Kindes lag ihm ſchwer auf dem Herzen. Aber als Herr Lymann am nächſten Morgen zur Ab⸗ reiſe wecken wollte, fehlte Harald. Er war trotz alles Suchens nicht zu finden. IV. Eis und Schnee haben in unſern gemäßigten Zonen nichts beſonders Schreckhaftes. Wenn es auch manch⸗ mal tüchtig ſchneit und Berg und Thal fußtief mit zarter Schneehülle bedeckt iſt, ſo iſt dieſes wohl für Wanderer und Fuhrwerk ein gewiſſes Hinderniß, aber im Allgemeinen wird dadurch nur die Schlittenluſt geweckt, der Schneeball formt ſich in der Hand des Muthwillens und rieſige Schneemänner wachſen über Gartenzäune und Hofmauern hinweg. Das Eis vollends iſt ſogar ein Gegenſtand der Sehn⸗ — 48— ſucht für unſere ſämmtliche Jugend, die mit Schmerzen die glatte Eisbahn erwartet, um ihre Gewandtheit im Schlittſchuhlaufen zu erproben. Auf der anderen Seite iſt es ein Gegenſtand der Speculation geworden, da das Eisbedürfniß, zumal während des Sommers, bei uns von Jahr zu Jahr wächſt und jedesmal ein gewiſſes Jammern und Klagen eintritt, wenn der Winter in der Eispräpa⸗ ration etwas nachläſſig iſt. Schon ganz anders iſt das Verhältniß auf unſeren Hochgebirgen und Alpen, wo die erſchrecklichen Schneeſtürme manches Menſchenkind begraben haben, wo die Lawinen don⸗ nern und die Gletſcher ihre verheerenden, eiſigen Zungen bis in das grünende, blühende Thal herunterſtrecken. Je weiter man aber nach Norden vordringt, werden Eis und Schnee zu einer furchtbaren Naturgewalt, der an Macht und Schrecken nichts auf Erden mehr gleich kommt. Sturm, Feuer und Waſſerfluth haben auch ſchon manche Verheerung in der Welt angeſtiftet, aber das Toben des Sturmes legt ſich, die Feuersgluth erliſcht und die Waſſerwogen verlaufen ſich. Dagegen was dort im Norden einmal das Eis mit ſeinen erſtarrenden Armen umfaßt hat, das iſt für immer dem Tod und der Ver⸗ nichtung geweiht. Unermeßliche Länderſtrecken ſind durch das Eis in Wüſten verwandelt und der Cultur des Menſchen entzogen. Hier erlahmt der erfindungsreiche Menſchengeiſt. Gegen die unheimliche Macht des Eiſes iſt jeder Widerſtand vergeblich. Unerbittlich erſtarrt alles in Todesſchlaf. Die ganze Natur mit ihren unerſchöpflichen Kräften, Keimen und Trieben ſchläft. Es iſt wie in dem wunderlieblichen Märchen vom Dornröschen, das merkwürdigerweiſe ſeinen Urſprung aus dem hohen Norden ableitet, wo ja auch Alles, Schloß, Thiere und Menſchen, in erſtarrenden Zauberſchlaf fällt. Aber vergeblich harren dieſe Eiswüſten des erlöſenden Sonnenſtrahls. Hier nahet kein Erlöſer, wie in dem holden Märchen. Gewiß gewähren die Wüſten Aſiens und Afrikas, wo ewig die Gluthſonne des Südens auf dem kahlen, öden Sande brütet, einen troſtloſen Anblick; aber ſelbſt die Sahara iſt nicht ſo entſetzlich troſtlos, als die Eiswüſte Grönlands, die vielleicht einen ganzen ſechſten Erdtheil— man kennt ja die Grenze Grönlands nicht— bis auf einige ſchmale Küſtenſtriche füllt. Wo ein Quell in der Sahara fließt, lockt die belebende Sonne bald einen wunderbaren Zaubergarten aus dem Sande hervor. Wer kennt nicht die mit ſchattigen Palmen und üppigem Grün bewachſenen Wüſteninſeln, die Oaſen? Und es giebt keinen Theil der Wüſte, den nicht der Menſch auf dem Rücken des breithufigen Kameels durchſtreift hat. Aber auf dem an zweitauſend Fuß dicken Binnenland⸗Eis Grönlands wird nie ein Pflänzchen grünen, und ſelbſt die größte menſchliche Kühnheit hat es noch nicht gewagt, mehr wie einige Stunden in den Schrecken dieſer Eiswüſte ein⸗ Schupp, Im Eiſe. 4 zudringen. Selbſt der ſüdlichſte Theil Grönlands iſt noch nicht quer von Weſten nach Oſten oder umgekehrt über⸗ ſchritten worden. Bis zu den Wolken hinauf wären die Eismaſſen durch Schneefall und Nebel geſtiegen, wenn nicht Gott für einen Ableiter geſorgt hätte. Auch dieſe Macht hat ein gewiſſes Maß. Sie muß ſich wieder ſelbſt zerſtören, um nicht in den Himmel zu wachſen. Durch den furchtbaren Druck des eigenen Geavichtes und durch noch von der Viſſenſchaft genauer zu ergründende Urſache kommt in die ungeheuren Gletſcher⸗ maſſen eine Art von Fluß. Es fließen allerdings für das Auge nicht ſichtbar, aber dennoch in fortwährender Bewe⸗ gung dieſe Eiſe durch die natürlichen Thalſenkungen des Gebirgs, oft Granitblöcke mit ſich führend, in das Meer. Aber ſie fließen als Eis und nicht um im Waſſer zu ſchmelzen, ſondern um als Eisberge aus dem Meeresgrund wieder aufzutauchen und weiter zu ſchwimmen. Die bekannten Eisberge, die ja ſelbſt unſeren Küſten oft einen Gruß aus der kalten Heimath bringen, ſind nichts anderes, als der natürliche Abfluß der unermeßlichen Nord⸗ land⸗Eiswüſte. Da wir auf das Meer zu ſprechen kommen, müſſen wir geſtehen, daß daſſelbe nie in ſolchem Grade, wie das feſte Land dem erſtarrenden, vernichtenden Einfluß des Eiſes erlegen iſt. Davor bewahrten es gnädig ſeine 51— Strömungen und Stürme. Im Gegentheil hat ſich faſt alles Naturleben des Nordens in das Meer geflüchtet. Doch übt das Eis immerhin auch dort ſolche Gewalt, daß ſchon ein gutes Theil Muth dazu gehört, ſelbſt auf dem beſten Schiffe ſich in die Eisregion hineinzuwagen, und daß bis jetzt das Eis eine unüberwindliche Schranke den kühnſten und ausdauernſten Nordpolfahrern entgegenſetzte und es noch Niemand gelungen iſt, die nördlichſten Meere zu befahren. Wenn die ſchützenden Strahlen der Sonne in der grauſigen nordiſchen Nacht zu verſchwinden beginnen, dann iſt es Zeit für das Schiff, den Süden oder ſonſt eine ſchützende Stelle aufzuſuchen, wenn daſſelbe nicht von den un⸗ widerſtehlichen Armen des Eiſes feſtgehalten und erdrückt werden ſoll. Die ſchützenden Strahlen der Sonne begleiteten auch das Schiff Hans Egedes auf ſeiner abenteuerlichen Nord⸗ fahrt. Ganz gegen die Gewohnheit eines grönländiſchen Sommers, wo es wohl einen Tag warm iſt, aber ſchon den andern Tag ein Eisſturm aus Norden daherfährt, wehete ſtändig ein warmer Südwind und brachte den Cutter raſch ſeinem Ziele näher. Auch mit dem Eis hatte man wenig oder gar nicht zu kämpfen. Ganze Eisfelder waren nirgends mehr ſicht⸗ bar und ſelbſt das ſogenannte Packeis, das der Schifffahrt ſehr hinderlich iſt, war ſo morſch geworden, daß es leicht durchſegelt werden konnte. 4* — 52— Dagegen glitzerte und blitzte noch überall das zackige, oft wunderlich geſtaltete Ufereis im hellen Sonnenſchein, aber ohne im Geringſten zu hindern. Vielmehr ſchuf es mit ſammt dem tiefblauen Meer und den fernen nebel⸗ haften Eisrieſen des Feſtlandes ein prachtvoll ſchönes, einzigartiges Bild. Als einer der größten Bewunderer dieſes Bildes lehnte an dem Bug des Schiffes Hans Egedes Harald der trotzige Flüchtling aus dem Elternhauſe, den wir hier wiederfinden. Wenn ihm auch ſchon bittere Reuegedanken über ſeine ſchnelle unverantwortliche That gekommen ſein mochten; im Augenblicke drückte ſein Geſicht keine Reue aus. Sein wie das Meer tiefblaues Auge leuchtete im Gefühle der Freiheit und friſcher Thatenluſt. Hier war es doch ganz anders, als daheim in der engen Klauſe bei den verhaßten Büchern. Seine Bruſt hob ſich, wenn er an Alles dachte, was er leiſten wollte. Das waren doch Thaten, die hatten noch Werth. Was wollten dagegen lateiniſche Vocabeln oder fehlerfreie Exer⸗ citien heißen. Mit wahrem Behagen ſog er die friſche, reine Morgen⸗ luft ein, die kaum bemerkbar die Meereswellen kräuſelte und mit ſeinen blonden Locken ſpielte. Als aber jetzt der verkrüppelte grönländiſche Muſik⸗ knabe, der auch die Fahrt mitmachte, auf ſeiner Harmonika friſche, luſtige Weiſen zu ſpielen begann, röthete ſich Ha⸗ ralds Geſicht in wahrer Begeiſterung. Ob er wohl von — 535— den alten kühnen Normannenhelden träumte, die ähn⸗ lich wie Hans Egede und er ſo manche abenteuerliche Nordfahrt unternommen hatten? „Jetzt gefällt mir Ihr Geſicht wieder, Harald“, ſagte Hans Egede herantetend und ihm auf die Schulter klopfend. „Das war eine troſtloſe Jammermiene, die Sie die Zeit her zum Beſten gaben. Ich bereuete faſt Ihren Bitten nachgegeben und Sie mitgenommen zu haben. Jetzt blitzt doch wieder der alte Thatendurſt aus Ihren Augen, und Sie haben wieder das friſche, freudige Weſen, das mir Sie immer ſo lieb gemacht hat. Es iſt ſo, wie ich Ihnen geſtern ſagte: Immer vor⸗ wärts muß der Menſch ſchauen. Das, was hinter ihm liegt, muß für immer abgethan ſein, ſonſt kann kein Glück beſtehen. Die dummen Erinnerungen ſind nur da, um den Menſchen zu plagen.“ „Sehen Sie da drüben den wilden Gießbachz, der das Eisgebirge herunterſchäumt, ſo muß unſer Leben dahin⸗ brauſen. Auch der Bach ſchaut nicht zurück. Ruhelos ſtürmt er vorwärts, ſich Bahn brechend durch alle möglichen Hinderniſſe und Abgründe, bis ſeine Fluthen im weiten Ocean verſchwinden.“ Dieſe Anſichten mit einer gewiſſen wilden Energie von Hans Egede mehr in einzelnen Sätzen hervorgeſtoßen, als fließend geſprochen, verfehlten auf Harald, in der Stimmung, in welcher er war, ihren Eindruck nicht, obwohl er inſtinkt⸗ — 1— mäßig fühlte, daß nicht alles darin richtig ſein konnte. In der That war es eine höchſt gefährliche Lebensanſchau⸗ ung, aber ſie bildete den lebendigen Ausdruck deſſen, was in dem Innern jenes räthſelhaften Mannes vorging. Von böſen Erinnerungen getrieben, fand er nur in kühnen, waghalſigen Unternehmungen einige Beruhigung und Selbſtvergeſſenheit. Die Bucht, in welcher Hans Egede, nachdem das erſte Ziel der Reiſe erreicht war, ſeinen Cutter anlegen ließ, glich vollſtändig einem Landſee. Der ſchmale Meerarm, durch welchen man eingefahren war, wurde durch Felſen verdeckt, die eine ſchmale, hohe Wand bildeten zwiſchen dem Meer und einer weiten, grünen Ebene. Hinter der Felswand in der Ebene dehnte ſich aber das bis dahin eingeengte Waſſer nach allen Seiten hin aus und beſpülte hauptſächlich zwei Thalflächen, die durch einen ſchmalen Bergrücken von einander geſchieden wurden, der allerdings kaum tauſend Fuß hoch auf ſeiner Kante ewigen Schnee und Eis trug, alſo der Eisregion angehörte. Dagegen waren die Seitenwände des Bergrückens mit zahlreichem, wenn auch niedrigem Gebüſch bedeckt, das luſtig grünte und blühete. Selbſt hier in Nordgrönland hatte die nicht mehr unter⸗ gehende Sonne dem Boden ſeinen geringen Ertrag abge⸗ lockt. Die Birken und Sträucher waren freilich kaum Fuß hoch und das Gras der Wieſen höchſtens Hand breit, aber das Grün, ſo arm es war, gab dem übrigen großar⸗ tigen Bilde etwas Liebliches, Anheimelndes und hauchte der nordiſchen ſtarren Einöde ein Weniges von Leben ein. Harald jauchzte über den reizenden Anblick, als ſie in die Bucht einfuhren, und brach in lauten Jubel aus, als er gar in der fernen Thalebene ein graſendes Rennthier erblickte. Seine ganze Jagdleidenſchaft erwachte. Am liebſten wäre er ſofort gelandet. Uebrigens wurde ſeine Geduld nicht lange auf die Probe geſtellt. Er hatte einen würdigen Genoſſen in Hans Egede ſelbſt, der auch kein Mann des Säumens und des Wartens war und den nur ſeine männliche Erfahrung und Umſicht einigermaßen mäßigte. Kaum hatte man das Ufer erreicht und einen guten Ankergrund für den Cutter gefunden, ſo wurden die nöthigen Vorbereitungen zu Jagd getroffen, und der erſte Ausflug begann. Auf dem Cutter zurück blieb nur der verkrüppelte Knabe und eine grönländiſche Frau, der Hans Egede einige Begriffe von europäiſcher Kochkunſt beigebracht hatte, und die während der Zeit die Pfannen rüſtete für den künftigen Braten. Das Rennthier iſt wie im ganzen Norden auch einhei⸗ miſch in Grönland, kommt aber daſelbſt im Gegenſatz von Lappland, wo es Hausthier iſt, nur wild vor und merk⸗ würdiger Weiſe nicht im Süden, ſondern in den nördlichen Gegenden dieſes Landes. Es iſt an Geſtalt kleiner als das Norwegiſche und erreicht höchſtens die Höhe eines — 56— Kalbes, trägt aber Männchen wie Weibchen daſſelbe ſtatt⸗ liche ſchaufelartige Geweihe. Im Sommer nährt es ſich zum Theil von Gras, zum Theil von dem ſogenannten Rennthiermoos, im Winter ganz von Moos, das es aber erſt mit ſeinem dafür ge⸗ ſchaffenen Geweihe aus dem Schnee hervorſchaufeln muß. Die Jagd auf daſſelbe iſt ungemein ſchwierig, in ſo großen Rudeln dieſes Wild auch an der Weſtküſte Nord⸗ grönlands gefunden wird. Durch ſeinen außerordentlich feinen Geruch und Gehörſinn beſitzt es eine wunderbare Witterung für Gefahr und bei ſeiner Scheue und Schnellig⸗ keit wird es faſt zur Unmögligkeit ihm beizukommen. Doch für ſolche Leute, wie ſie eben den Cutter ver⸗ ließen, gab es keine Unmöglichkeiten auf der Jagd. Die größere Schwierigkeit hatte für ſie nur größeren Reiz. Unſere Jäger, die anfangs dem Thal entlang gegangen waren, verließen daſſelbe bald, da dort ihr Anblick allzu blos geſtellt war, wenn wirklich, wie Harald vorhin geſehen hatte, Rennthiere vorhanden ſein ſollten und ſtiegen dafür die Seitenwände des früher erwähnten Bergrückens hinan. Uebrigens geſchah auch hier ihr Vorgehen mit der größten Vorſicht. Sie traten nur auf Moosbewachſene Stellen, um ihren Fußtritt unhörbar zu machen und ſuchten ihre Bewegungen möglichſt hinter hervorragenden Fels⸗ ſtücken zu decken. So waren ſie nach unendlichen Mühen und immer höher die Bergwand hinanſteigend bis an die erſte Biegung gelangt. — 57— Dort wurde Halt gemacht um zu berathen und etwa Zurückgebliebene zu erwarten. Man hatte bis jetzt nichts weiter entdeckt. Das ge⸗ ſehene Thier war und blieb verſchwunden. Das Thal ſchlug dagegen von dieſer Stelle aus eine andere Richtung ein und eine hohe, ſteile Felswand verſperrte jede weitere Ausſicht. Was war zu thun? In die Ebene hinunter durfte man um keinen Preis, aber auch die Felswand durfte nur mit ungemeiner Vorſicht erſtiegen werden. Denn direkt hinter ihr konnte die Heerde weiden. Man ließ Harald gewähren, der unſtreitig der Gelenkigſte und der Gewandteſte von Allen bereits im Begriffe war, die ſchwierige Aufgabe zu unternehmen. Faſt unhörbar erklimmte derſelbe die glatte Höhe, die wenig genug Raum bot, den Fuß aufzuſetzen. Endlich glücklich angekommen, ſchaute er durch einen Stein gedeckt unter der höchſten Spannung der Zurückge⸗ bliebenen in das ſich öffnende Thal. Aber es war nichts. Er konnte nichts bemerken. Ganz auf die Felsplatte hinauf⸗ ſpringend theilte er dieſe verdrießliche Kunde ſeinen Ge⸗ fährten mit, die jetzt einer nach dem andern nachkamen. „Und doch ſind Sie dageweſen“ ſagte Hans Egede, durch ein ſcharfes Fernglas ſchauend.„Ihre Spur iſt deut⸗ lich zu verfolgen.“ „Ha da ſind Sie ja. Sehet nur dort hinter dem Erd⸗ wall die auf⸗ und niedergehenden Geweihe.“ Der angedeuteten Richtung folgend, ſahen es Alle. — 58— Es war kein Zweifel mehr. Eine Rennthierheerde war entdeckt. Aber wie ſollte man nun den ſcheuen Thieren beikommen, ohne daß ſie ſich durch ſchnelle Flucht jeder Verfolgung entzogen? Selbſt wenn man ungeſehen und ungehört in Schußweite hätte ſchleichen können, mußten die thranduftenden Grönländer den allzufeinen Naſen der Rennthiere alles ver⸗ rathen. Aber eben die Grönländer wußten Auskunft. Mit den Eigenthümlichkeiten dieſer Thiere wohl vertraut, hatten ſie, da ſie einmal die Heerde hatten, auch bald ihren Wechſel d. h. den Pfad, den die Rennthiere zum Ueber⸗ gang von einem Weidplatz zu dem andern wählten. Dieſer Pfad lief nicht allzuweit von ihrem jetzigen Standorte, an einer Felsparthie vorbei, wo die Jäger die ſchönſte Deckung finden konnten und die vorbeieilenden Thiere höchſtens in Schußweite vor ſich hatten. Es war alſo einfach, nur dieſen Punkt unbemerkt von ihnen zu erreichen, während Utokak als der Erfahrenſte und Zuver⸗ läſſigſte der Grönländer die weidenden Thiere in großem Bogen umgehen ſollte, um ſie nach der Stelle hinzutreiben, wo die Jäger verborgen lagen. Der ganze Plan gelang vortrefflich. Die Jäger hatten noch nicht lange ihre Stellung eingenommen, als ſie ſchon Unruhe und Bewegung unter den Thieren bemerkten. Und bald kamen dieſelben auch daher, anfangs eine dunkele Maſſe, die ſich in Blitzesſchnelle über die Ebene hinbewegte, dann unterſchied man ſchon das Getrabe und die mächtigen Geweihe, die ſie tief in den Nacken zurückgebeugt trugen, und jetzt waren ſie da, ein ganzes Gewirre von Hörnern und großen ſcheuen Augen und dunkelen Körpern, aber jetzt blitzten auch aus den Felſen heraus etwa ein Dutzend Gewehre, und etwa ein Dutzend der Thiere ſtürzten zuſammen. Die Grönländer ſchießen vortrefflich, wiſſen überhaupt mit Schußwaffen gut umzugehen. Kaum waren die Schüſſe gefallen, als die Heerde, die einen Augenblick ſtutzte, nach allen Richtungen auseinander⸗ platzte und ſich in der Ebene verlor. Nur Harald und Hans Cgede, die doppelläufige Flinten hatten, vermochten noch einen Schuß zu thun, allein nur Hans Egede mit Erfolg. Der übrige Theil des Tages ging mit dem Transport nach dem Cutter, und dem Ausweiden der Thiere hin, bis alle ein ſtattliches Mahl vereinigte. Aber die Grön⸗ länder verſchmäheten den duftigen Braten und verzehrten lieber blos die Rennthiermägen, die nebſt ihrem ganzen Inhalt ihnen für den größten Leckerbiſſen galten. Am folgenden Morgen wurde ſchon wieder ein Aus⸗ flug unternommen und ſo knallte die Büchſe der Jäger noch Wochen lang zwiſchen den einſamen Felſen. Manch⸗ mal mußte man mehrere Tage unterwegs ſein und über⸗ nachtete im Freien. Die Beute war eine anſehnliche, obgleich die Jagd — 60— ſelten noch ſo ergiebig wurde, wie ſie am erſten Tage ge⸗ weſen war. 3 Doch war es im Ganzen eine fröhliche Zeit voll friſcher Bewegung und heiterer Abwechſelung und meiſtens von ſchönem Wetter begleitet. Da, auf einmal ganz unvermuthet gebot eines Morgens Hans Egede:„Vorwärts! die Anker gelichtet. Es iſt Zeit für unſere Nordexpedition, wenn wir noch zu einem Ziele kommen wollen. Das Eis iſt jetzt auch bis zum höchſten Norden geſchmolzen. Die Sonne hat das Ihrige in dieſen Wochen gethan.“ Einige Stunden darauf hatte der Cutter ſeinen ſchützenden Hafen verlaſſen und fuhr in eisfreiem Meere nordwärts. Die Sonne, welche in dieſen Gegenden ja Monate lang nicht mehr untergeht, ſondern Tag und Nacht ſcheint, hatte in dem Meereiſe arg aufgeräumt, doch begegneten ihnen gleichſam als Mahnungen, daß es nicht ganz aus der Welt verſchwunden ſei, hier und dort mächtige Eis⸗ blöcke, die wie Eisberge im Kleinen erſchienen. Sonne, Luft und Brandung hatte denſelben genug zuge⸗ ſetzt und ſie zu den ſonderbarſten Geſtalten abgewaſchen, daß ſie bald wie rieſige Blumentiſche, bald wie Gänſe und Adler und Drachen, bald wie Marmorſtatuen des Alterthums erſchienen, und zugleich im reinſten Blau oder Grün erglänzten. Auch ſonſt kamen jetzt immer mehr ſchlimme Anzeichen des Nordens. Der Nebel, der in den — 61— nordiſchen Gegenden ſo heimiſch iſt, daß in alter Vorzeit der ganze hohe Norden das Nebelland hieß, und der bis jetzt wunderbarer Weiſe unſere Reiſenden verſchont hatte, lagerte ſich Tage lang in ſeiner völligen Dichte und Un⸗ durchdringlichkeit auf das Meer. Dabei wurde es bereits kalt, ſo daß der Niederſchlag des Nebels fror und Wanten, Ragen und Taue des Schiffes mit einer Eiskruſte über⸗ zogen wurden. Als der Nebel ein wenig wich, fiel der erſte Schnee, der allerdings noch nicht ernſtlich gemeint war, denn man ſtand erſt Anfangs Auguſt, der aber ge⸗ rade, weil er mit Regen und Wind gepaart war, den Aufenthalt auf dem Deck höchſt ungemüthlich machte. Noch immer hatte der Cutter ſeinen Curs nach Norden eingehalten, aber das ging bald auch nicht mehr. Nord⸗ ſtürme und das ſich mehrende Eis nöthigten Hans Egede an der Küſte vor Anker zu gehen. Man war an der Eisgrenze angekommen, wo auch die Sonnengluth die Bande des Eiſes nicht zu ſprengen ver⸗ mochte. Jetzt wurden die Schlitten und die Hunde hervorgeholt. Sie ſollten das Schiff erſetzen. Da das Meer verſchloſſen war, ſuchte man auf dem Lande weiter zu kommen. Wo ebene Bahn iſt, kann es übrigens auch kaum ein ſchnelleres Fuhrwerk geben, als auf Hundeſchlitten. Man fährt darauf, wenn ſie auch mit einer ziemlichen Laſt beladen ſind, etwa drei deutſche Meilen in einer Stunde, alſo faſt ebenſo ſchnell als auf unſeren Eiſenbahnen. — — 4 1 — 62— Gewöhnlich werden acht Hunde vorgeſpannt, die aber nicht voreinander, ſondern alle beinander herlaufen, indem ſie mit gleich langen Riemen am Schlitten befeſtigt ſind. Der Schlitten ſelbſt iſt merkwürdig urwüchſig, ähnlich wie unſere Handſchlitten, nur noch einfacher. Zwei dicke, etwa ſechs Fuß lange und einen Fuß hohe Bretter ſind durch eine Anzahl Querhölzer miteinander verbunden. Die Querhölzer werden aber um der Gelenkig⸗ keit und Biegſamkeit des Schlitten willen nicht in den Seiten⸗ brettern feſtgeſchraubt, ſondern mit Riemen angebunden. Weiter ſind noch zur Lenkung zwei Stangen von etwa drei Fuß Höhe am Hintertheil des Fahrzeuges angebracht, und werden einige Felle zum beſſern Sitzen über die Quer⸗ hölzer gelegt und der Schlitten iſt fertig. Anfangs ging die Fahrt nicht übel. Es war wieder helles Wetter eingetreten und der Weg ziemlich eben. Aber ſpäter kam Nebel und zugleich hohe abſchüſſige Berge, Eisſpalten und Abgründe. Die Gefahr lag nahe, daß die einzelnen Schlitten ſich unter einander verloren. Utokak wagte Hans Egede Vorſtellungen zu machen und ihn zur Umkehr zu mahnen. Aber Hans Egedes ſtrenges Geſicht wurde bei den Worten des Grönländers noch ſtrenger und härter. „Vorwärts!“ rief er, die lange Schnur ſeiner kurz⸗ ſtieligen Peitſche über die Hunde hinſchwingend, daß die⸗ ſelben keuchend fortſtürzten. Es war ein mühſeliges Vorwärtsdringen. Bei jedem — 65— Bergabhang mußten die Hunde hinten an den Schlitten geſpannt werden, wo die treuen Thiere die Fahrt ſo hemmten, daß der Schlitten ganz ſicher ging. Zuletzt wurden wegen der Menge von Riſſen und Schlünden im Eis die Schlitten völlig untauglich und mußten mehr ge⸗ tragen werden, als daß ſie trugen. Menſchen und Thiere kamen von Kräften. Die Grön⸗ länder wurden verdrießlich, weil ſie keinen Nutzen dieſer Quälerei erkannten. Auch Harald verlor die Spannkraft ſeines Weſens. Alles ſehnte ſich nach der Heimkehr. Aber Hans Egedes eiſernes Geſicht blieb unbewegt.„Vorwärts!“ rief er. Und weiter ging es. Aber die Grönländer zeigten ſich widerwillig und muthlos. Ihr Aberglaube war rege ge⸗ worden. Eines Nachts waren durch Luftſpiegelung drei Sonnen am Himmel zugleich erſchienen, ein Phänomen, das im höchſten Norden nicht zu den Seltenheiten zählt, welches aber dieſe Südgrönländer noch nicht beobachtet hatten. Doch war ihre Furcht nicht ganz grundlos, denn ein grauſiger Schneeſturm brach los und drohete Alle zu be⸗ graben. Drei Tage mußten ſie an einem Platze liegen. Jetzt dachte man, auch Hans Egedes Widerſtandskraft ſei gebrochen. Aber„vorwärts“ lautete ſein Commando. Mit abergläubiſcher Furcht ſahen die Grönländer zu dem ungewöhnlichen Manne auf. Es war ihnen nicht übel zu nehmen, denn ſelbſt Harald ſchien Hans Egedes Benehmen 64— etwas Dämoniſches zu haben. Wollte der ſchwache Menſch der Naturgewalt trotzen? Vorwärts ging es wieder durch den friſch gefallenen Schnee, der in der Ebene recht hübſch geweſen wäre, aber in den Bergen, Eisſpalten und Schlünden höchſt gefährlich war, da er dieſelben dem Auge des Reiſenden entzog. „Vorwärts!“ hatte wieder Hans Egede gerufen. Auf ein⸗ mal ſah er Haralds Schlitten, der direct vor ihm fuhr, vor ſeinen Augen in der Tiefe verſchwinden. Ein lauter Jammerſchrei wurde von unten herauf hörbar. Wie der Blitz ſtand Hans Egede am Rande des Ab⸗ grundes, wo der Unglückliche verſunken war. Er ſtarrte in eine weite, tiefe Eisſpalte, auf deſſen Grunde ein dunkeles Häuflein ſichtbar wurde. An Rettung ſchien nicht mehr zu denken. Hans Egede war furchtbar erſchüttert. Sein Geſicht wurde leichenblaß und ſeine Zähne klapperten wie im Fieberfroſt. Verzweifelnd raufte er ſich das Haar und rief wie wahnſinnig:„Mörder, Mörder! Welch' entſetz⸗ liches Verhängniß treibt mich?“ Doch ſo wahnſinnig auch ſeine Worte lauteten, waren doch ſeine Thaten höchſt vernünftig und ſachgemäß. Er hatte ſeinen Schlitten quer über einen Theil des Eis⸗ ſpaltes gelegt, der enger war als derjenige, wo ſich der Unfall ereignet hatte, und hatte, nachdem er ſämmtliche Riemen, deren er habhaft werden konnte, an einander ge⸗ — 65— knüpft hatte, dieſelben an dem quer gelegten Schlitten gebunden, um an dieſem Taue ſich hinabzulaſſen. Dann hatte er noch den Grönländern den Befehl ertheilt, ſobald er rufe, ihm Riemen und ein Fell nachzuwerfen, und war hierauf hinabgeklettert. Mit Zittern und Zagen nahete er unten glücklich an⸗ gekommen dem leblos daliegenden Häuflein. Für den erſten Augenblick ſchienen es lauter Leichen zu ſein. In der That lagen auch ſämmtliche Hunde todt neben dem zerſchmetterten Schlitten, aber Harald athmete noch. Ein freudiges Gefühl durchbebte Hans Egede. Mit ſeiner Rieſenkraft hob er leicht und ſorgſam den Betäubten auf, wickelte ihn in das nachgeworfene Bärenfell und dieſes an dem herunterhängenden Riemen befeſtigend, gab er den Grönländern oben ein Zeichen, daß ſie die Laſt hinauf⸗ ziehen ſollten. Auf ähnliche Weiſe wurde er ſelbſt ſpäter hinaufge⸗ ſchafft. Nachdem man dem Verunglückten einigen Wein einge⸗ flößt und ihn mit demſelben angeſtrichen hatte, kam er zu ſich und ſchlug zu großer Befriedigung Hans Egedes die Augen auf. Auch ſprach er mit matter Stimme einige Worte. Aeußerlich war er wenig verletzt. Dagegen ſchienen bei näherer Unterſuchung Arm und Beine entweder ge⸗ brochen oder verrenkt. Er konnte ſie nicht gebrauchen. Vielleicht hatte das Gehirn, vielleicht das Rückkreuz eine Schupp, Im Eiſe. 5 — 66— tüchtige Erſchütterung erlitten, vielleicht alles zuſammen. Wer konnte es ſagen? Der Kranke ſchlief faſt augenblick⸗ lich wieder ein. Hatte Hans Egede mit Ungeſtüm vorwärts getrieben, ſo trieb er jetzt rückwärts. Doch war die Rückfahrt unendlich ſchwieriger, als die Hinfahrt. Ein Hund ſtürzte nach dem anderen, um nicht wieder aufzuſtehen. Die meiſten Schlitten mußten zurück⸗ gelaſſen werden. Dadurch mangelte es zuletzt an Lebens⸗ mitteln. Völlig erſchöpft mit einem Schlitten, auf dem der Kranke lag, und der, da die Hunde fehlten, abwechſelnd von den Grönländern, aber meiſtens von Hans Egede ſelbſt gezogen wurde, langte man endlich am Cutter an. Harald war ſelten während der Fahrt zum Bewußtſein gekommen. V. Hans Egede hatte ſich in ſeinem Leben am allerwenigſten mit Medicin beſchäftigt. Bei ſeinem kerngeſunden Körper kannte er Gebrechen und Krankheit kaum dem Namen nach und hatte das ſeltene Glück, nie Doctor und Apotheker, wie man ſich ausdrückt, näher kennen gelernt zu haben, noch hatte er je einmal ein ſogenanntes Doctorbuch in die Hand bekommen. — 67— Trotz dieſes mangelnden Wiſſens vom Krankſein er⸗ kannte er doch, daß Haralds Zuſtand nicht unbedenklich ſei. Es mußte eine innere Verletzung oder Erſchütterung vorliegen, die vielleicht zu böſem Ende führte. Eine inner⸗ liche Angſt trieb den ſonſt ſo kühnen Mann hin und her. Auch bei den Grönländern fand er keinen Troſt. Die⸗ ſelben haben, da ſie wenig krank werden, faſt gar keine mediciniſchen Kenntniſſe. Utokak zwar, der trotzdem, daß er Chriſt geworden war, noch voll heidniſchen Aberglaubens ſtack, vertraute ſeinem Herrn mit geheimnißvoller Miene an, daß die ganze Krankheit Haralds nichts wäre, als ein Schlummer⸗ geiſt, der unten in der Eisſpalte geſeſſen und in den Knaben gefahren ſei, aber Hans Egede konnte ſich doch nicht in dieſe Anſchauung hineinleben. Ihn trieb es viel⸗ mehr die Anſicht eines erfahrenen Arztes zu hören und ſo ſchnell wie möglich in die ſüdlichen Colonieen zurückzukehren. Aber wie ſollte das geſchehen? Die Eismaſſen an der Küſte hatten ſich während ihrer Abweſenheit bedeutend ver⸗ mehrt und der Cutter lag bei ihrer Rückkunft völlig von Schollen eingezwängt in der Bucht. Außerdem weheten widrige Winde und hinderten die Ausfahrt. „Wir werden den Winter hier zubringen müſſen“ meinte Utokak.„Die Hunde ſind fort und der Cutter wird einfrieren.“ „Schweig, Du Unglückseule!“ donnerte Hans Egede ihn mit einem grimmigen Blicke anſehend. 5* — 68— Nur der Gedanke an die Möglichkeit vom Eis wirklich feſtgehalten zu werden und den armen Knaben hilflos ſterben müſſen zu laſſen, konnte den thatkräftigen Mann zum Wahnſinn bringen. Er verſuchte mit Stangen den Cutter aus der Bucht herauszuarbeiten, aber vergebens. Ein ſtärker ſich erhebender Wind trieb jedesmal, wenn der Verſuch zu gelingen ſchien, das Schiff wieder zurück. Es war zum Verzweifeln. Endlich nach langem Harren und nachdem die Unge⸗ duld Hans Egedes den höchſten Grad erreicht hatte, fing ein ſcharfer Nordoſtwind an zu wehen, der die Be⸗ mühungen der Geplagten einigermaßen unterſtützte. Nach furchtbaren Anſtrengungen kamen ſie aus der Bucht heraus und erreichten ein Stück offenes Meer. Letzteres zog ſich aber ſtatt nach Süden, wohin ſie ja wollten, direct nach Weſten. Im Süden ſtarrte ihnen eine ganze Wand von Eisſchollen entgegen, die dicht an⸗ einander gereiht, wie eine Linie aufmarſchirter Truppen ihnen jeglichen Durchgang zu wehren ſchienen. Hans Egede ſteuerte nun, ſchon zufrieden, nur eisfreies Meer zu haben, immerfort dem Weſten zu. Die Berge des Feſtlandes verſchwanden zum wahren Entſetzen der Grönländer, die nur Küſtenreiſen gewohnt waren. Hans Egede meinte aber eher in der offenen See, als an der Küſte freies Fahrwaſſer zu bekommen. Seine Be⸗ rechnungen täuſchten ihn auch nicht. Als gegen Abend hin — 69— die Sonne aus dem Nebelgewölk des Himmels einige Augenblicke hervortrat, ſah er, wie weithin im Süden das klare offene Meer erglänzte und wie nur der Küſte ent⸗ lang ſich eine ſtarre Eiskante hinzog. Hans Egede ſtieß ein lautes Hurrah aus, in das ſeine Grönländer luſtig einſtimmten. Endlich kam ja die Erlöſung aus den Umarmungen des Giſesh die ihm immer fataler zu werden anfingen. Nur noch ein vielleicht eine halbe Meile breiter Damm von Eisſchollen trennte den Cutter von der freien Fahrt nach Süden und dort durchzudringen war keine Hexerei mehr, zumal die Schollen kleiner und handlicher wurden und das Segeln erlaubten. Man wandte ſofort das Schiff nach Süden. Aber o Schrecken! Kaum hatte der Cutter die Hälfte des Eisdammes zurückgelegt, als der Wind, der ſchon gegen Abend immer ſchwächer geworden war, ganz auf⸗ hörte. Die Segel fielen ſchlaff an den Raaen und Stangen herunter. Das Schiff ſtand ſtill und gehorchte nicht länger dem Steuer. Eine ahnungsvolle, dumpfe Niedergeſchlagenheit be⸗ mächtigte ſich Aller. Es konnte in dem Augenblick nichts Entſetzlicheres geſchehen. Hans Ggede erlitt wahre Tantalusqualen.„Eine Mützevoll Wind“ hätte das Schiff wenigſtens aus dem verhängnißvollen Eiſe heraus in das offene Meer gebracht, wo die Gefahr eines längeren Verzugs nicht ſo augen⸗ — 70— ſcheinlich war. Aber wo war dieſe Mütze voll Wind? Alles Ausſchauen half nichts. Kein Lüftchen hob die ſchlaffen Segel. Das Schiff ſtand wie angenagelt. Da lag nun das langerſehnte offene Meer, die freie Bahn nach Süden. Die Entfernung mochte kaum eine Viertelmeile betragen und doch war daſſelbe ſo unerreichbar, als wenn es tauſeud Meilen entfernt geweſen wäre. Der Unmuth und die innere Qual gaben Hans Egedes Geſicht noch etwas Starreres und Härteres, als es ſchon an ſich hatte, ſo daß es wie aus Erz und Stein gegoſſen erſchien. Mit dieſem ſteinernen Geſicht, das nur den innern Schmerz verhüllte, ſah er ſtundenlang und unverwandt in den Nordhimmel hinein, der bereits ganz die gelbe Farbe angenommen hatte, die man dort mit dem Namen„Eis⸗ himmel“ bezeichnet. Er wartete, ob irgend eine Zugluft ſich rege, aber es regte ſich nichts. Es war dunkel geworden. Denn die Nacht kam ſchon frühe. Die Mitternachtsſonne war längſt dahin. Man näherte ſich mit Rieſenſchritten der fürchterlichen, nordiſchen Winternacht. Hans Egede ſtand noch immer und ſtarrte nach derſelben Richtung, obgleich die Kälte, die ſchon bei Tage nicht un⸗ bedeutend geweſen war, ſich ſeit Eintritt der Nacht fort⸗ während ſteigerte. Auf einmal glänzten im Nordweſten gelbbläuliche Strahlen, ähnlich wie ein Garbenbüſchel am Himmel und — 21— beleuchteten auch kurz das ſteinerne Geſicht Hans Egedes, um das ein ſchrecklicher Hohn zuckte, Hohn über ſich ſelbſt und ſein Geſchick. Dieſer leuchtende Garbenbüſchel war das erſte Nord⸗ licht in dieſer Jahreszeit und zugleich ein ſicheres Zeichen des eintretenden Winters. Eine Hoffnung der Rückkehr nach der andern ſchwand. Es war wieder dunkel geworden am Himmel. Hans Egede ſchauderte vor Froſt zuſammen und ſtieg hinunter in die Cajüte, wo Harald auf einem warmen Lager von Bärenfellen noch immer im betäubten Halbſchlummer lag. Dort ſetzte er ſich neben Harald und verſank immer mehr in düſtere, trübe Gedanken. Seine Hand ruhete auf der glatten, jugendlichen Stirne des Knaben und ſpielte mit deſſen Locken. Eine heiße brennende Thräne ſtand in ſeinen Augen. Schlafen konnte er nicht. Als der Morgen dämmerte, ſtieg er hinauf auf das Deck, um das Wetter zu prüfen. Kaum war er oben, als zu ſeinem Entzücken ein friſcher Windzug daherkam und die Segel ſchwellte. Aber was war das? Der Cutter bewegte ſich nicht. Ein leiſer Angſtſchrei ertönte von den Lippen Hans Egedes. Er nahm eine der herumliegenden Stangen und ſtieß an der Seitenwand des Cutter hinunter. Seine ſchlimme Ahnung war richtig. Er traf ſtatt auf Waſſer, auf klingendes Eis. Das Schiff war eingefroren. —— 3 6 — 729— Noch einmal erwachte die ganze ungeheure Energie dieſes ſeltſamen Mannes. Er rief ſeine Grönländer herbei. Und nun wurde wahrhaft Uebermenſchliches geleiſtet durch Stoßen und Warben, um das Schiff los zu bekommen und freie Bahn zu gewinnen. Aber der friſche Wind brachte eine ſolche Kälte, daß ihnen das wieder gewonnene freie Waſſer unter den Händen gefror, und als ſie den Abend todtmüde hinſanken, waren ſie nicht weiter, als ſie am Morgen geweſen waren. Man konnte ſich nicht mehr täuſchen, das Schiff ſaß feſt im Eis. Dieſe Gewißheit, die zur widerſtandsloſen Ergebung und zur völligen Unthätigkeit verdammte, übte auf Hans Egede eine faſt betäubende Wirkung. Wenn noch ein Funke eines Hoffnungsſtrahles geleuchtet hätte, wären ſeine Geiſtes⸗ und Körperkräfte in der höchſten Spannung geblieben, aber ſo erſtarrte er in der ſtarren hoffnungsloſen Umar⸗ mung ſelbſt zu Eis. Er, der Thätigſte, Feurigſte von Allen, der ſonſt alles leitete, führte und regierte, ließ jetzt unthätig alles ge⸗ ſchehen. Er ſaß da Tage⸗ und Wochenlang finſter brütend, nur ſeinen Kranken beobachtend, während die Grönländer unter Anführung des Utokak Anſtalten zur Ueberwinterung machten. Sie umgaben zunächſt den ganzen Cutter mit einer mehrere Fuß dicken Mauer aus Schnee, der bereits in reichlichen Mengen zu fallen begann und in dieſer Weiſe 75 aufgeſchichtet die Schiffswände vor den rauhen Nordſtürmen ſchützte und die innere Wärme beſſer zuſammenhielt, als die beſte Mauer. Dann errichteten ſie von den übrigen Rennthierfellen und Stangen über dem Deck ein niedriges Dach, das ſie mit Waſſer tränkten, welches augenblicklich gefror und letzteres mit den Schneewänden vereinigte. Einen beſſeren Mörtel, als daraufgeſchüttetes Waſſer gab es in dieſem Eislande nicht. Auch die Schneewände ſelbſt waren durch ſolchen Eismörtel verbunden und feſt gemacht worden. Ein beſonderes Gewicht legten ſie noch auf den Zugang zu dem Innern des Cutters. Statt Thüren, die ſtets zu viel Kälte einließen, errichteten die Grönländer durch Schnee⸗ wände wie bei ihren eignen Häuſern einen langen niedrigen gedeckten Gang, der faſt durchkrochen werden mußte. Das Innere erleuchteten und erwärmten ſie nach ihrem heimiſchen Gebrauch mit etlichen Thranlichtern. Dieſe Thranflammen, die in Lampen von Weichſtein, der ſich im Feuer härtet, an einem Stück Asbeſt oder Steinflachs ziemlich rauchlos und hell brennen, dienen dem Grönländer zum Leuchten, zum Kochen und Heizen. Da ſie Tag und Nacht brennen, erwärmen ſie die von jedem Luftzuge ab⸗ geſchloſſenen Räume oft in dem Grade, daß es nicht aus⸗ zuhalten iſt. Lebensmittel für den Winter waren durch das einge⸗ pöckelte und getrocknete Rennthierfleiſch genügend vorhanden. Uebrigens wurden derſelben auch noch jeden Tag mehr, — 72— indem die Grönländer ihrem Lieblingsgerichte dem thran⸗ reichen Seehundsfleiſch jeden Tag nachgingen und noch manchen Seehund einfingen. Auch wurden viele Eisbären geſchoſſen, die über das Eis hinüberſpazierten und durch den Geruch des Rennthierfleiſches angezogen dem Cutter Beſuche abſtatteten. Aber die Gronländer ließen die kühnen, trotzigen Ge⸗ ſellen ihre ſchwarzen Schnautzen, die grell gegen den ſonſt ſchneeweißen Pelz abſtachen, nicht in die Fleiſchfäſſer hinein⸗ ſtecken, ſondern brannten ihnen, wenn ſie mit vorgeſtrecktem, langem Halſe dahertrabten, eins auf das Fell, und ſalzten lieber deren eigne koſtbaren Schinken in die Fleiſchfäſſer. Auch ſogenannte Polarfüchſe, die im Gegenſatz zu ihren Brüdern im Süden entweder blaue oder weiße Pelze tragen, verführte ihr ſcharfer Geruch das Dach des Cutters zu beſteigen, von wo ſie jedoch die ſicheren Schüſſe der Grönländer herunterholten. So fehlte es nicht an Fleiſch, an Pelz und Thran und für die Winterquartiere ſchien in jeder Art gut geſorgt. Aber der Bau hatte doch ein gar unſicheres Fundament. Das ſollten ſie noch im Laufe des November erfahren. Die große Winternacht war ſchon angebrochen und die Sonne hatte für Monate Lebewohl geſagt, da brach plötz⸗ lich ein grauſiger Orkan los, der zuerſt den Maſt des Cutters zerſchmetterte, dann aber auch das ganze Küſten⸗ eis aufbrach und in Strömung brachte. Auch das Eisfeld, worin der Cutter eingefroren ſtack, — 75— war losgebrochen und ſchwamm auf einmal frei in's Meer, natürlich ohne Steuer und Richtung, wohin daſſelbe eben Wind und Strömung trieben. Die Grönländer machten gar verlegene Geſichter. Das Ding ſchien ihnen nicht ganz geheuer, wenn auch die Scholle dick und groß genug war, um ſie zu tragen; denn dieſelbe war meilenbreit und ellendick und glich einer völligen Inſel. Sie wären doch lieber dort, wo ſie lagen, vor Anker geblieben, bis die Sonne ſie wieder herausge⸗ ſchienen hätte. In der That war es auch nicht ganz geheuer. Man wußte ja nicht, wohin die Scholle trieb und ebenſowenig, ob nicht durch die furchtbaren Eispreſſungen, da Scholle an Scholle nach den Felſen der Küſte zudrängte, das Eis zerbarſt und alles zerſtörte und mit in den Unter⸗ gang zog. Uebrigens je ängſtlicher und verlegener die Geſichter der Grönländer wurden, deſto heiterer wurde Hans Egede und deſto kühner blitzten ſeine Augen. Es war doch wieder eine Bewegung da, ein Vorwärtskommen. Auch hatte ſich ſelbſt ohne ärztliche Hilfe der Zuſtand Haralds weſentlich gebeſſert. Gott ſchien die Gebete ſeiner frommen Eltern, die ſich daheim um ihr einziges Kind abängſteten, erhören zu wollen. Sein Geiſt war doch wenigſtens wieder friſch, wenn auch der Körper noch ſchwach war. Er begriff ganz die gefährliche Lage, in der ſie ſich befanden. — — — 76— „Ich traue unſeren Grönländern ſchlecht“, ſagte eines Tages Hans Egede zu ihm.„Ich glaube, daß dieſelben uns nächſtens im Stiche laſſen werden. Was es dann werden wird, weiß ich nicht. Noch hält ſie der Vorrath an Seehundfleiſch und die Ungewißheit, ob ſie an der Küſte eine Unterkunft finden. Hier bei uns wird es ihnen nachgerade unheimlich.— „Geſtern, als wir uns auf unſerer Schollenfahrt der Küſte auffallend näherten, ſteckten ſie die Köpfe zuſammen, und einen ſah ich, wie er unterſuchte, ob man nicht über die ſich an einander drängenden Schollen das Land ge⸗ winnen könne. Sie fürchten, wir werden eines Morgens durch das Zuſammenpreſſen des Eiſes zu Brei gedrückt aufwachen.“ Harald hatte ein gefälliges Lächeln auf den Lippen über die ſcherzende Schlußbemerkung ſeines Freundes und in Hans Egedes Geſicht ſpiegelte ſich das Gefühl der Ueber⸗ legenheit über ſeine Grönländer und eine gewiſſe Verach⸗ tung lag in der Art, wie er den Rauch ſeiner friſch an⸗ gezündeten Cigarre von ſich blies; da begann plötzlich direct unter ihnen im Eiſe ein eigenthümlich unheimliches Knarren, Pfeifen, Knirſchen und Dröhnen. Bald klang es wie das Kreiſchen von Thüren in ihren Angeln, bald wie ein Durcheinander vieler Menſchenſtimmen, bald wie das Bremſen eines Eiſenbahnzuges. Hans Egede war leichenblaß aufgeſprungen.„Wir —— ſind verloren“, rief er. Auch Harald hatte ſich aufge⸗ richtet, fiel aber matt wieder zurück auf das Lager. Allmählig beruhigte ſich indeſſen wieder das unheim⸗ liche Treiben in der Tiefe und Beide athmeten wieder auf. „Ein Glück war es“, ſagte Hans Egede,„daß Keiner der Grönländer zugegen war; ſie flüchteten noch in dieſer Stunde und überließen uns unſerem troſtloſen Schickſal. Ich glaube übrigens bald ſelbſt, daß ſie mit ihren Be⸗ fürchtungen nicht ganz Unrecht haben.“ Harald ſchwieg, aber man ſah es ſeinem blaſſen, abge⸗ magerten Geſichte an, daß ſein Geiſt arbeitete. Er rang mit einem hochherzigen Entſchluſſe. „Hans Egede!“ ſagte er endlich.„Es wäre Schade um einen Mann wie Sie, wenn Sie ſo elendiglich um das Leben kämen. Noch iſt Rettung möglich. Retten Sie ſich ſammt den Grönländern. Fragen Sie nicht nach mir. Sie können mir doch nicht helfen, wenn es zum Unter⸗ gang kommen ſollte. Warum Alle opfern? Es iſt an einem Opfer genug.“ „Wenn Gott mich retten will, ſo hat er in ſeiner Weisheit noch Mittel und Wege genug, will er aber mich umkommen laſſen, ſo habe ich es als gerechte Strafe für meinen Ungehorſam reichlich verdient.“ „O Gott mein Vater, meine arme, arme Mutter!“ Der Gedanke an ſeinen eignen Tod und den Schmerz ſeiner Eltern, das er Beides verſchuldet hatte, preßte ihm bittere Thränen aus. Er weinte und ſchluchzte laut. Die —— 78— Krankheit hatte ihn ſchwach wie ein kleines Kind gemacht, aber auch Reuegefühlen zugänglicher. Hans Egede war bei dem Vorſchlag Haralds hoch roth im Geſichte geworden, theils aus Unmuth, theils aus Schaam, da er an Vergangenes dachte. „Halten Sie mich für einen Schurken, Harald“, rief er,„daß Sie mir ſolchen Vorſchlag machen? Iſt das der Eindruck, den ich auf Sie gemacht habe, daß Sie meinen, ich könnte einen Genoſſen und Freund in der Noth ver⸗ laſſen? Wenn ich zehn Leben zu verlieren hätte, ſtatt meines elenden Daſeins, das ich ſchon oft genug im Be⸗ griffe war abzuſchütteln, würde ich doch keinen Augenblick ſchwanken, ſie in dieſem Falle hinzugeben. Nein Harald, das war ein kindiſcher Gedanke, den Sie hatten. Wir retten uns entweder zuſammen, oder ſterben zuſammen. Und wenn ein Opfer gebracht werden ſoll, dann ſterbe ich. Das hat doch wenigſtens noch einen Sinn— oder viel⸗ leicht eine Sühne“— fügte er leiſer hinzu, daß ihn Harald nicht verſtehen konnte. In dieſem Augenblicke ſtürmten einige Grönländer herein und verkündeten, daß klaffende Riſſe und Spalten auf der Scholle ſichtbar würden. Dieſe Nachricht beunruhigte Hans Egede ſehr, aber man ſah es weder ſeinem Geſichte an, noch hörte man es an ſeinen Worten. Er lächelte vielmehr, indem er ſagte: „Laſſet doch die Eisſchollen ſich ein wenig untereinander reiben und ſtoßen, das hat nichts zu ſagen. Wir haben — 79— eben gerade ſtarken Nordweſt, der das Eis etwas mehr wider das Ufer treibt, aber das hört bald wieder auf. Gehet nur wieder hinauf, ich werde gleich kommen und nachſehen, ob die Sache von Bedeutung iſt“. Hans Egede mußte alles daran liegen, ſeine Grönländer zu behalten, ſo lange er noch auf Rettung hoffte. Deß⸗ wegen ſuchte er möglichſt die Angſt derſelben niederzuhalten, die ſchon groß genug war. Seine Abſicht gelang ihm auch ziemlich durch das unbeſorgte Weſen, das er annahm. Nur der alte Utokak, der auch mitgekommen war, ließ ſich nicht täuſchen.. Er nahm, als die anderen gegangen waren, Hans Egede bei Seite und fragte:„Herr, wäre es nicht beſſer, wir ſuchten das Ufer zu gewinnen und gingen der Küſte ent⸗ lang, bis wir auf eine Niederlaſſung ſtießen? Vorige Nacht, als Alle ſchliefen, habe ich unter uns im Eiſe Stimmen und Laute gehört, als hätten die Geiſter der Tiefe ſich etwas zu erzählen. Unſere Scholle geht zu Grunde, ehe wir uns wieder ſchlafen legen.“ „Schämt Euch mit Eurem heidniſchen Aberglauben, Utakak, durch den Ihr die anderen auch anſtecket!“ ſagte Hans Egede voll Entrüſtung. „Utokak lügt nicht“, ſagte der Alte.„Er hat den Warnungsruf der Geiſter der Tiefe gehört und ver⸗ ſtanden.“ Hans Egedes Geſicht nahm den Ausdruck eines großen Ernſtes und eines beſtimmten Entſchluſſes an.„Glaubet — 30— Ihr, Utokak“, ſagte er,„daß wir unſeren Kranken und Euren Enkel den kleinen Krüppel auf unſerer Flucht mit⸗ nehmen können? Beſinnet Euch!“„Nein“, erwiederte der alte Grönländer kurz entſchloſſen,„Die müſſen zurück⸗ bleiben. Wir können froh ſein, wenn wir anderen Geſunden in dieſer Einöde von Schnee und Eis bei Nacht und Sturm irgend eine Zufluchtsſtätte auftreiben.“ „Pfui ſchämet Euch, Alter!“ ſagte höchſt empört Hans Egede.„Um die paar Tage, die Ihr vielleicht noch zu leben habt, zu retten, wollet Ihr ſolche Schmach auf Euch laden. Das Chriſtenthum iſt auch bei Euch nur in der Haut ſtecken geblieben, Ihr ſeid nichts als ein aber⸗ gläubiſcher, heidniſcher, feiger Hund“. Da fing in der Tiefe das Eis wieder an zu bohren, und zu knirſchen.„Höret ihr nun ſelber die Geiſter? Sie geben Euch Antwort an meiner Statt,“ meinte Utokak. „Kommen Sie, lieber Herr, retten Sie ſich.“ Er faßte Hans Egede am Arm, aber dieſer ſtieß ihn entrüſtet zurück. Der Lärm in der Tiefe ward aber immer toller, ſo daß Egede erbleichte und Utokak entfloh und Harald ängſt⸗ lich nach ſeinem Freunde rief. „Ach verlaſſen Sie mich nicht“, bat er den Arm um Hans Egedes Hals ſchlingend.„Nehmen Sie mich mit hinauf. Ich bin ſchwächer, als ich glaubte. Mir iſt gar zu bang.“ „Ja es wird ſo am beſten ſein,“ meinte Hans Egede —— — 81— und hüllte Harald in einen Schlafſack, den die Europäer in Grönland zum Schutz gegen das eiſige Klima auf ihren Reiſen meiſtens bei ſich führen. 4 Es iſt das ein großer Sack von Bärenfell, deſſen Haare nach Innen gekehrt ſind und der nach Außen mit Seehunds⸗ fell gefüttert iſt. Oben befindet ſich eine Oeffnung zum Hineinkriechen, die aber auch, wenn es überkalt iſt, mit einer Klappe geſchloſſen werden kann. In einen ähnlichen Sack ſteckte er ſeinen verkrüppelten Muſikus und trug einen nach dem andern hinauf auf die Scholle. Die Grönländer ſtanden dort auf einem Häuflein, ſcheu und unentſchloſſen wie eine Heerde, die ihren Führer ver⸗ loren hat. Hans Cgede rief ihnen zu, ſie ſollten Lebensmittel und Waffen retten. Er ſelbſt ging mit gutem Beiſpiel voran. Die Grönländer begannen, durch das Beiſpiel ange⸗ feuert, jetzt auch das Rettungswerk, aber wer ſie genauer beobachtete, ſah, daß es mehr Proviant für die Reiſe war, den ſie zurüſteten, als daß ſie die Schiffsladung zu bergen ſuchten. Die Arbeit wurde unterbrochen, indem ſich mächtige Eisblöcke unter das Schiff hinſchoben und daſſelbe zu ver⸗ nichten droheten, dann aber hob ſich plötzlich wie von un⸗ ſichtbaren Geiſterhänden geſchoben durch die gewaltige Preſſung das ganze Schiff aus dem Eiſe heraus und ſtand Schupp, Im Eiſe. 6 — 82— nun in halbliegender Stellung zwiſchen zwei rieſigen Eis⸗ blöcken feſt. Hans Egede war ſo in den ſchaurig ſchönen Anblick verſunken geweſen, daß er auf gar nichts gemerkt hatte, was um ihn vorging. Aber, als er jetzt froh über die Rettung des Schiffes die Grönländer rufen wollte, daß ſie ihm daſſelbe noch befeſtigen halfen, ſah er, daß ſie entflohen waren. Er ſtieg auf einen Eisblock und ſah ſie noch in der Ferne, wie ſie über die Eisfelder und Blöcke dahineilten. Es war ſehr hell. Der Vollmond ſtand am Himmel und dazwiſchen zuckten einige Nordlichtſtreifen. Hans Egede wollte rufen, aber ſeine Stimme verhallte in der weiten Wüſte. Finſteren Antlitzes kehrte er zurück und ſagte in bitterem Tone zu Harald:„Die Ratten haben das Schiff ver⸗ laſſen. Wir ſind jetzt allein auf der Scholle.“ VI. Die Lage unſerer Schollenfahrer ſchien nach der be⸗ ſchriebenen großen Eiserſchütterung trotz der Flucht der Grönländer nicht viel bedenklicher geworden zu ſein, wie früher. Der Cutter war die Hauptſache. So lange der Cutter noch vorhanden war, hatten die Unglücklichen ein . — 839— ſicheres Obdach während des Winters und wenn einmal das Eis der Scholle ſchmolz, ein Fahrzeug, auf dem ſie ſich in die Heimath retten konnten. Der Cutter aber war ja mit ſammt dem Proviant den vernichtenden Umarmungen des Eiſes und dem gewiſſen Untergang wie durch ein Wunder entronnen. Doch Hans Egede machte bald zwei höchſt unangenehme Entdeckungen. Die erſte war die ſchlimmſte. Er behielt ſie darum für ſich, um die armen Knaben nicht unnöthig zu ängſtigen. Sie beſtand darin, daß er bei näherer Unterſuchung des Cutters gefunden hatte, daß derſelbe ein Leck hatte, welches nicht zu corrigiren war. Der Cutter mußte alſo, ſobald das Eis der Scholle nicht mehr Stand hielt, untergehen und ſie alle mit, wenn ſich nicht bis dahin ein anderes Rettungsmittel bot. Die zweite unangenehme Entdeckung ließ ſich nicht ver⸗ heimlichen. Denn die beiden jetzt noch übrig gebliebenen Genoſſen mußten es entweder ſelbſt ſehen, oder wenn ſie es nicht ſahen, fühlen. Das vorzügliche Schneehaus, das die Grönländer mit ſolcher Sorgfalt um den Cutter herum errichtet hatten, war bei jener Cataſtrophe der Schiffshe⸗ bung zu Grunde gegangen und unbrauchbar geworden. Einfache Schiffswände genügen aber in einem grönlän⸗ diſchen Winter nicht, um Schutz und Wärme zu gewähren. Zu allen Ritzen und Fugen, Lucken und Löchern ſuchte die Kälte ihren Weg. Man befand ſich in derſelben Lage, wie wenn Jemand bei uns in der leichteſten Sommerklei⸗ dung im eiskalten Schneeſturm ſteht. 6* — 84— Allerdings kommt erſt die eigentliche Kälte in Grön⸗ land in den Monaten Januar, Februar, März, wo ſie oft an's Fabelhafte grenzt, daß Stücke Fleiſch, die man kocht, auswendig gar werden, wenn ſie inwendig noch ge⸗ froren ſind, daß wer Metall angreift, daſſelbe Gefühl hat, als berühre er glühendes Eiſen, daß man kein Glied des menſchlichen Körpers der freien Luft mehr ausſetzen darf, ohne ſich zu gewärtigeu, das es weiß wird und abfriert. Indeſſen war die Kälte auch ſchon damals im December groß genug und unſere Schollenpaſſagiere konnten ſich nur einigermaßen wärmen, wenn ſie ſich in ihre Schlafſäcke. ſteckten. d 4 Wäre die fatale Flucht der Grönländer nicht geſchehen, dann wären mit Leichtigkeit wieder Schneemauern und ein Schneedach hergeſtellt worden. So blieb alles der Thätig⸗ keit des Einzigen, der arbeiten konnte, Hans Egedes über⸗ laſſen. Derſelbe that freilich das Mögliche, aber ohne irgend welche Beihülfe mußten die Kräfte des Stärkſten erlahmen. Sie waren dadurch aber faſt ſchutzlos der grimmigen, grönländiſchen Kälte anheim gegeben, deren Empfindlichkeit ſich verdoppelt und verdreifachte durch die ſelten ruhenden Stürme. Er ſorgte darum vorzüglich für Bedachung und überließ das Einmauern den Schneewolken, die augenblick⸗ lich wieder den ganzen Himmel umdüſterten und auch ihre Aufgabe bald ſo vollſtändig vollführten, daß der Cutter in kürzeſter Friſt faſt im Schnee begraben lag. K — 35— Hans Egede vervollſtändigte den Schutz noch von Innen durch Pelzwerk und ſo kam bald wieder eine gewiſſe Be⸗ haglichkeit in die Wohnung und man konnte nach Um⸗ ſtänden vertrauungsvoller der Zukunft entgegen ſehen. Dennoch geſchah es nicht. Es heißt wohl oft in der Welt: Der Menſch gewöhnt ſich an alles. Das iſt aber nicht wahr. An Angſt und Vorwürfe des Gewiſſens kann man ſich nicht gewöhnen. Dieſelben ſtören einen immer wieder aus der vermeintlichen Ruhe und Behaglichkeit des Lebens auf und erregen neuen Sturm unſerer Gedanken und Gefühle. Beſonders heftig aber treten beide hervor nicht in der Gefahr und Noth ſelbſt, ſondern wenn dieſelbe etwas zu⸗ rücktritt und man in der Stille und Einſamkeit recht Zeit hat nachzudenken und über ſeine Lage klar zu werden. Der wirklich Muthvolle fühlt ja inmitten der drohendſten und ſchlimmſten Verhältniſſe gerade eine gewiſſe Freudig⸗ keit und Lebensverachtung, indem er merkt, wie mit der ſteigenden Gefahr auch ſeine Kräfte wachſen und es ihm gleichgiltig wird, wie alles ausfällt, wenn er nur ſelbſt thätig mit eingreifen kann.. Anders geſtaltet ſich die Sache, wenn ein Solcher in Unthätigkeit warten und bangen muß, und hat nicht den Troſt, den Jeder hat, der in ernſter Pflichterfüllung be⸗ griffen iſt und getroſt alles Gott anheimſtellt und in demü⸗ thiger Ergebung in Gottes Willen wieder neuen Muth gewinnt. Dann kommen die dunkelen Geſpenſter der — 86— Gefahr und der Verſchuldung und legen ſich als drü⸗ ckender Alp auf die Bruſt des Geängſteten, daß er auf⸗ ſchreit nach Erlöſung. An Haralds Lager ſtand das Geſpenſt des Ungehor⸗ ſams und der Auflehnung gegen ſeine Eltern.„Mir kann es nicht gut gehen.“ ſagte er ſich. Er hatte ja vor Zeiten Sprüche gelernt wie dieſen:„Ehre Vater und Mutter mit der That, mit Worten und Geduld, auf daß ihr Segen über dich komme; denn des Vaters Segen bauet den Kindern Häuſer, aber der Mutter Fluch reißt ſie nieder.“ Hatte er noch Segen zu erwarten? Mußte ihn nicht Gottes Fluch treffen? Hieß es nicht:„Ein Auge, das den Vater verſpottet und verachtet der Mutter zu gehorchen, das müſſen die Raben am Bach aushacken und die jungen Adler freſſen?“ Harald ſchlief vor innerer Unruhe nicht viel und wenn er aufwachte, waren ihm oft Augen und Wangen von Thränen naß. Er hatte geträumt, ſeine Mutter hätte ihn geküßt oder ſein Vater hätte ihn mit dem alten Stolze und der alten Zärtlichkeit angeſchaut und ihn in liebe⸗ voller Umarmung an das treue, gute Vaterherz gezogen. Bis in die Träume hinein verfolgten den Unglücklichen die Gedanken, die ſich untereinander verklagen und ent⸗ ſchuldigen. An Hans Egedes Lager ſtanden noch dunkelere Ge⸗ ſpenſter, aber er weinte nicht. Was mochte in der Seele dieſes merkwürdigen Mannes vorgehen. Sein Mund öffnete — 87— ſich nicht zu Klagen, wie ſie bei Harald oftmals gehört wurden. Und doch litt er am Meiſten. Die unheimliche nordiſche Nacht und ihre hoffnungsloſe Lage auf der Scholle, die ſie willenlos weiterſchleppte, machte auf ihn den bedeutſamſten Eindruck. „Die Nacht iſt keines Menſchen Freund“, ſagen wir und denken dabei vielleicht an einen nicht ganz gefahrloſen Gang durch einen finſteren Wald oder an einen ſchlechten Weg, wo man ſtolpern und ſtürzen kann, oder an eine einſame Lage des Hauſes, die eher vielleicht einem Raub⸗ anfall ausgeſetzt iſt, oder wir denken an Feuer, Sturm und Waſſernoth. Aber ſind nicht alle dieſe Gefahren meiſtens nur in unſerer Einbildung vorhanden? Und wie kurz ſind die Nächte, ſelbſt die längſten December⸗ und Januarnächte. Wird es auch oft acht Uhr Morgens, bis die Morgenröthe die Spitze des Schneehügels in roſigen Schein hüllt und die erſten Strahlen der Sonne durch die Eisblumen am Fenſter in das ſchon behaglich erwärmte Zimmer blitzen, die Sonne bleibt doch nicht aus, ſie kommt doch und iſt uns ein leuchtendes Zeugniß von der Güte Gottes, die alle Morgen neu iſt. Wie anders iſt es aber da, wo Anfangs November die Sonne um die Mittagszeit zum letzten Mal erſcheint und mit mattem Strahl den Schnee⸗Eisbergen einen kalten Abſchiedskuß zuwirft, um nach Monaten im Februar erſt wieder einen blinkenden Blick auf die gräßliche Eiser⸗ ſtarrung, die ſich während ihrer Abweſenheit gebildet hat, 28 hinzuwerfen. Das iſt ſchreckliche, unheimliche Nacht, die ohne von einem Tagesſtrahl oder einem Wärmehauch unter⸗ brochen ohne Aufhören Unheil brütet und Schrecken häuft in Schnee, Eis und Sturm. Der Menſch aber liegt leben⸗ dig begraben unter Schnee und Eis in dem Licht und der Wärme ſeiner Thranlampe. Und er iſt noch froh', wenn er dort liegen darf, wenn ihn nicht der Hunger hinaustreibt bei Sternenſchein und Nordlicht den Seehund zu jagen. Die nordiſchen Nächte ſind um Vieles heller, als die unſrigen. Für die Entbehrung des Sonnenlichts iſt ein gewiſſer Erſatz gegeben. Die Sterne glänzen ganz anders 9 und der Mond gießt eine Fülle von Licht auf die blinkende Schneelandſchaft, die es eigentlich nie ganz dunkel werden läßt. Außerdem erſcheinen faſt bei jedem klaren Himmel prachtvolle Nordlichter, die bald wie eine herrliche Strahlen⸗ krone geformt ſind, bald uns wie die Falten eines rieſigen Vorhangs, der im Winde wallt vorkommen, dann wieder ihre grellen Farbenſtrahlen ſenkrecht nach der Erde zu⸗ ſchießen und oft eine ſolche blendende Helle verbreiten, daß die Sterne erſter Größe nicht mehr ſichtbar bleiben. Dennoch bleibt es immer ein unſicheres Licht und auch der einge⸗ borene Grönländer wagt ſich bei demſelben nur ungern hinaus auf die Jagd. Höchſtens, daß man Beſuche macht von Hütte zu Hütte oder kleine Reiſen mit den Hunde⸗ ſchlitten, wenn die Schneemaſſe hart gefroren iſt. Wenn nun aber noch in ſolchen Nächten auch die Be⸗ ruhigung fehlt unter Menſchen zu ſein und die Sicherheit — — 89— aufgehört hat auf feſtem Boden zu ſtehen, vielmehr man wie unſere Leidensgefährten nur von kalten Eisſchollen umgeben einſam im Weltmeer ſchwimmt, auf ungewiſſer Fluth und Sturm dahingegebener Scholle, in deren Tiefe noch immer die unheimlichen Klopfgeiſter feilen und knirſchen, ein Mann allein mit zwei hilfloſen Knaben, das ſind Lagen zum Verzweifeln, zum Wahnſinn, worunter auch das ſtärkſte Gemüth leiden muß, zumal wenn kein rechtes Vertrauen zu Gottes Hilfe da iſt und jede Stärkung von oben fehlt. Hans Egede arbeitete ſich oft aus den dunkelen dumpfen Räumen des Cutters hervor an das Sternenlicht und wenn die Windſtille es erlaubte und der Mond und das Nordlicht glänzte, ſtand er dann lange im Freien. Aber er wurde nicht erquickt und erhoben, nur niedergeſchlagener und vereinſamter kehrte er zurück. Das entſetzliche Gefühl gänzlicher Verlaſſenheit bemächtigte ſich ſeiner jedes Mal. Da war auch nicht ein Laut, der ihn traf, wenn er in dieſe in todter, ſtarrer Schönheit daliegenden Eisgegend hineinlauſchte. Nur manchmal erſchreckten ihn geſpenſtige Töne aus dem Eiſe ſelbſt, das bald wie das Wimmern und Stöhnen eines ſterbenden Kindes lautete, bald wie das Heranſchlürfen eines nahenden Mörders. Dann aber trat wieder Grabesſtille ein. Ihm ward zu Muthe wie einem lebendig Begrabenen. Wer hörte in dieſer weiten Fläche der Erſtarrung und des Todes ihren Rettungsruf? Wie Leichenhäupter blickten — 90— ihn von der eisſtarrenden Küſte her die vom bleichen Glanze des Mondes geiſterhaft beſchienenen Felſenrieſen an. Nichts wie Tod und Leichen rings umher— ſelbſt die abenteuerlich geſtalteten Eisblöcke, die ihn in nächſter Nähe umgaben. Und droben flimmerten ſo kalt, ſo unnahbar die ewigen Sterne. Schauernd ging er wieder unter Deck, aber von ſeiner Stimmung ließ er keinen ſeiner jungen Gefährten etwas merken, ſondern gab ſich luſtiger als ſonſt. Weihnachten war gekommen, jenes unvergeßlich ſchöne Feſt, das ſelbſt in Solchen, die dem Chriſtenthum fremder gegenüberſtehen, warme Erinnerungen an ver⸗ gangene fröhliche Stunden weckt, Erinnerungen, die die Bruſt ſchwellen und das Auge feucht machen. Hans Egede wußte allein die Zeit, indem er im Gegen⸗ ſatz zu den andern, die ruhig in den Tag hineinlebten, genau den Kalender regulirte. Er bewahrte aber ſein Ge⸗ heimniß, indem er ſich für ſeine Genoſſen eine kleine Ueber⸗ raſchung ausgedacht hatte. In einer entfernteren Ecke ihres Wohnraums hatte er unbeobachtet als Erſatz des Chriſtbaumes einige Rennthier⸗ geweihe ſchön gruppirt und dieſelben mit Kerzen, die noch ziemlich reichlich vorhanden waren, verſehen und einige Geſchenke dabei gelegt, darunter für Harald ein koſtbares Jagdgewehr und für den Muſikknaben ein funkelndes Gold⸗ ſtück. Dann holte er eine Flaſche Weines, die von dem früheren Vorrath allein noch übrig war, und die den — 91— Abend getrunken werden ſollte, und die Feier konnte be⸗ ginnen. Plötzlich erleuchtete zum größten Erſtaunen der beiden Knaben heller Kerzenglanz ihr Zimmer. Erſchrocken fuhren ſie auf. Aber bald folgte die Aufklärung, das Erſtaunen wich fröhlicher Rührung. Harald ſchritt zum erſten Mal ohne fremde Unterſtützung nach dem Beſcheerungsorte und drückte ſeinem zart fühlenden Freunde tief bewegt die Hand. Eine wirklich fröhliche Stimmung wollte aber nicht ein⸗ kehren. Selbſt der feurige Wein brachte ſie nicht fertig. Auch das Spiel des kleinen Grönländers verſtummte. Jeder hing bald wieder ſeinen eigenen wehmüthigen Ge⸗ danken nach. Es war kein Vergeſſen der verzweifelten Lage möglich, in der ſie ſich befanden. Und draußen wüthete zur ſchreck⸗ lichen Mahnung ein ſo furchtbarer Sturm, wie man noch keinen erlebt hatte. Schneeſtaub drang durch alle Fugen und überzog alles mit einer Eiskruſte. Alle ſaßen ſchweigend um die brennenden Lichter. Plötz⸗ lich fing Harald laut an zu ſchluchzen, während heiße Thränen ſeine Wangen herunterliefen. „Was iſt Ihnen?“ fragte erſchrocken Hans Egede. „Ach!“ erwiederte Harald,„ich kann mich nicht be⸗ wältigen. Es ſind ſchmerzliche Gedanken, die auf mich einſtürmen. Ich muß unwillkürlich einen Vergleich an⸗ — 92— ſtellen zwiſchen heute Abend und den früheren Weih⸗ nachtsabenden, die ich ſchon erlebt habe.“ „Wie freuten wir uns ſonſt immer alle auf dieſen Tag, die gute Mutter, ſelbſt der ernſte Vater, der dann jedes Mal ſo weich, ſo liebreich wurde. Welch' troſtloſes Weihnachtsfeſt habe ich Undankbarer ihnen für dieſes Jahr und vielleicht für immer bereitet!“ „Ja wenn ich die Liebe nicht wüßte, welche ſie zu mir hegen. Ich ſehe und fühle deutlich die Thränen meiner Mutter, welche ſie um meinetwillen weint. Ich ſehe das kummerbleiche Geſicht meines Vaters, der aber doch ernſt und gewiſſenhaft ſeine Pflicht thut und ganz ſowie immer ſeinen Gottesdienſt abhält. Alles lebt vor meinen Augen. Vorhin glaubte ich in dem Sturm ſogar das Miſſionsglöck⸗ chen klingen zu hören, aber es klang, wie das Todtglöckchen.“ Hans Egede ſah mit einer gewiſſen theilnehmenden Beſorgniß auf den Knaben, aber ſeine Stimme klang rauh und hart, als er ſprach: 3 „Gebärden Sie ſich nicht ſo weibiſch, Harald! Es giebt noch härteres Schickſal, als das Ihrige und wird doch ge⸗ tragen. Sie werden wieder zurückkehren in den Schooß Ihrer Familie und noch manch frohes Weihnachtsfeſt feiern und doppelte Freude wird ſein über den verlorenen Sohn, der in doppelter Beziehung wiederkehrt. Aber ich kenne einen Vater, der hat gewiß ſeinen Sohn nicht minder warm geliebt, als Sie der Ihrige geliebt hat, aber er wird ſeinen Sohn nicht wieder ſehen und der Sohn nie — 93.— ſeinen Vater. Sie werden nie wieder ein Weihnachtsfeſt zuſammenfeiern, obgleich ihr Herz vor Sehnſucht und Heimweh zu einander faſt bricht. Der Sohn ſieht nur immer ſeinen alten greiſen Vater, mit dem ſtrengen Auge und dem edlen Geſicht und der vor Alter gebeugte Vater ſitzt ſeit Jahren auf dem Lehnſtuhl am Fenſter in dem hohen Thurmgemach ſeines Schloſſes, und ſchaut auf das Meer, dorthin, wo er zum letzten Mal die Geſtalt ſeines Sohnes erblickt hat. Sie werden ſich nicht wieder ſehen. Sie wiſſen es Beide. Sie können nur noch ſterben. Weiteres Glück haben ſie nicht zu erwarten. Aber ſie tragen es, Harald, ſie tragen es.“ „O Gott! o Gott!“ ſeufzte Harald und blickte Hans Egede mit unendlichem Mitleid an. Es war das erſte Mal, daß dieſer Mann ihn einen Blick in die Vergangen⸗ heit thun ließ, welch' ein entſetzlicher Blick. „Ich meine, ſo lange es noch einen Gott gibt, dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben“, ſagte er mit etwas ſchüchterner Stimme, da er ſich auf ein Gebiet wagte, wo er nicht wußte, wie es von ſeinem Freunde aufgenommen würde.„Und ſollte die herrliche Weihnachtsverkündigung „Friede auf Erden“ nicht auch für Sie gegeben ſein? Sollte es nicht auch bei Ihnen noch zum Frieden kommen können?“ „Für mich giebt es keinen Gott und keinen Frieden, ſagte Egede barſch. Ich bin ein Ausgeſtoßener, Verdammter. Meine einzige Sühne iſt der Tod.“ — 94— Kaum hatte er dieſes Wort geſprochen, als ein furcht⸗ barer Windſtoß durch eine Lucke Schnee und Eis herunter⸗ warf und ſämmtliche Lichter auslöſchte. Zugleich donnerte und zitterte die Scholle, daß ſie faſt umſtürzten. Das Letzte ſchien gekommen. Hans Egede faßte ſeine Gefährten:„Laſſet uns zuſammen ſterben!“ rief er. VII. Im Miſſionshauſe in Pfingſtthal ging es nicht ganz ſo zu, wie es ſich Harald am Weihnachtsabend auf der Scholle vorgeſtellt hatte. Seine Mutter weinte allerdings, aber nicht allein über ihn. Wie ſelten ein Unglück allein kommt, ſo war es auch hier geſchehen. Sein Vater ging nicht wie immer ernſt und treu ſeinen Berufsgeſchäften nach, ſondern lag ſchon vor und auch nach der Weihnachtszeit ſchwer krank zu Bett. Er hatte auf einer ſeiner Reiſen um ſeines ver⸗ lorenen Sohnes, um ſeines Haralds willen, die er in ſchlimmer Jahreszeit bis zu dem nördlichſten bewohnten Ort bis Uparniwik unternommen hatte, ſich eine bedeutende Bruſtentzündung geholt, und war dem Tode nahe geweſen. Jetzt ging es beſſer, aber es war immer noch nicht gut. Der Arzt von Julianehaab hatte erſt ſeit Minuten das Haus verlaſſen und ſein Beſcheid war nicht beſonders günſtig ausgefallen. „In Grönland“ hatte er zu Herrn Lymann geſagt, „können Sie nie wieder geneſen. Sie müſſen, ſobald die beſſere Jahreszeit kommt, ein wärmeres Klima aufſuchen. „Wohin aber?“ hatte Herr Lymann mit großem Be⸗ denken gefragt. „Gehen Sie einfach zurück in Ihre Heimath,“ war die Antwort des wohlmeinenden Arztes geweſen. „Wir werden allerdings,“ hatte er fortgefahren, gar bald an dem Miſſionswerk Ihre Kraft und Treue vermiſſen, aber dürfen wir deßhalb das Opfer Ihres Lebens an⸗ nehmen? „In einer ſtillen, kleinen Gemeinde Ihrer Heimath können Sie als Pfarrer noch viele Jahre ohne irgend welche Beſchwerde in Segen wirken. Hier werden Sie den nächſten Winter nicht überleben.“ Die Rede des Arztes hatte hart geklungen, aber ſie war aufrichtig geweſen. Beide Gatten hatten wohl geſühlt, wie ſehr ſie dem Arzte für ſein offenes ehrliches Wort zum Danke verbunden wären. Sie hatten es auch ausge⸗ ſprochen. Allein, als er fort war, bemächtigte ſich beider eine große Niedergeſchlagenheit. Die gute Mutter und treue Gattin ſaß ganz aufgelöſt in Schmerz und Thränen da, obwohl ihr Thränenquell bald verſiegen mußte, wenn ſie ſo weiter weinte. Den Zuſtand ihres Gatten hatte ſie ſich nicht ſo ſchlimm — 96— vorgeſtellt. Man hofft ja ſo gern und tröſtet ſich mit eingebildeten Hoffnungen. Sie hatte geglaubt, die Gefahr ſei mit der Krankheit vorüber und die Schwäche ihres Mannes würde mit der raſch fortſchreitenden Geneſung verſchwinden. Jetzt war es ſo ganz anders, ſo troſtlos, ſo hoffnungslos. Herr Lymann drückte ein Kummer anderer Art. Nach einem furchtbaren Huſtenanfalle ſank er, die bleiche Stirn mit perlendem Schweiß bedeckt, matt und müde zurück in ſein Kiſſen und ſagte leiſe:„Es wird dann das Beſte ſein, wenn mich Gott bald heimholt. Nach Deutſchland kann ich nicht mehr zurückkehren.“ Frau Lymann blickte ſtarr vor Schrecken ihren Gatten an:„Du willſt nicht dem Rath des Arztes folgen? Du willſt ſterben und mich armes Geſchöpf ohne Troſt, ohne Hilfe in dieſer Welt voll Eis und Schnee zurücklaſſen? O Gott das kannſt, das darfſt Du nicht.“ „Haſt Du ganz vergeſſen, liebes Weibchen, warum wir vor Jahren unſere Heimath verlaſſen haben, um hier in Grönland zu landen? Ich wäre wahrſcheinlich nie Miſ⸗ ſionar geworden, ein ſo großes Verlangen ich auch immer verſpürte, den armen Heiden das Evangelium zu predigen. Unſere Verhältniſſe waren zu angenehm und meine Wirk⸗ ſamkeit in meiner mir anvertrauten Gemeinde eine zu geſegnete. Es war ja doch allein die furchtbare Schmach, die ſo unverdient und ſchrecklich über unſeren Namen kam, die — 97— uns vertrieb. Glaubſt du, wir würden jetzt ertragen, was wir damals nicht fertig brachten? Es iſt möglich, daß wir demüthiger und geduldiger geworden ſind, wie früher, daß das Kreuz, was der Herr uns zuſandte, unſeren ſtarren Sinn etwas fügſamer und ergebungsvoller gemacht hat, aber wird die Laſt nicht für die Länge der Zeit für uns wieder zu ſchwer werden? Ich geſtehe, ich möchte lieber hier zwiſchen den Eis⸗ bergen einſam bei den harmloſen Grönländern leben und ſterben, als noch einmal in meinem Herzen alle die Qual ausſtehen, die ich bereits empfunden habe. Täuſche dich nicht, liebes Kind! Es ſind noch dieſelben Verhältniſſe, wie vor Jahren und an einen geſegneten Wirkungskreis für mich iſt nicht zu denken. Wenn ich das noch hoffen dürfte, wollte ich gerne alle Schmach über mich nehmen um meines lieben Herrn Jeſu willen. Allein noch heute werden mich meine Herrn Amtsbrüder mit eben demſelben kalten, fremden Mißtrauen behandeln, wie da⸗ mals, als das Unglück geſchehen war. Und wo wir uns blicken laſſen, werden wie damals die Leute ſtehen bleiben und auf uns deuten und ſich in die Ohren flüſtern, daß, wir es vielleicht wie damals anhören müſſen:„Das iſt der Sohn von dem alten Rentmeiſter Lymann, der den Grafen Seebach ſo ungeheuer beſtohlen hat und ſich her⸗ nach im Gefängniß um's Leben gebracht hat.“ Wird mir auch eine entferntere Gemeinde anvertraut. Aufeinmal iſt das Gerücht in dem Ort. Man weiß nicht, Schupp, Im Eiſe. 7 — 98— woher es kam, aber es iſt da und geht wie durch ein Lauffeuer von Haus zu Haus. Von der Stunde an iſt alle meine Wirkſamkeit umſonſt. Meine Reden und meine Thaten kommen in ein falſches Licht. Man glaubt, daß ich auch ein gemeiner Dieb ſei. Alle mißtrauen mir. Selbſt die Augen der Kinder ſehen mich mißtrauiſch an. Und ich habe keinen gültigen Beweis in der Hand, daß mein innigſt geliebter Vater, der ehrwürdigſte und biederſte Mann der Welt, völlig unſchuldig an dem ihm zur Laſt gelegten Verbrechen und daß er nach ſeinen Grundſätzen völlig unfähig zum Selbſtmord nur am gebrochenen Herzen über die gräßliche Verdächtigung ge⸗ ſtorben iſt. 3 Nein, liebe Frau, unſere Heimath iſt uns verſchloſſen. Dagegen, da der Arzt mir ein wärmeres Klima anräth, will ich mich nach einer ſüdlicheren Miſſionsſtation, viel⸗ leicht auf eine Inſel in der Südſee melden.“ Nach dieſen Worten wurde der arme Mann wieder von einem Huſtenkrampf ergriffen, der ſeine ſchwachen Kräfte völlig aufzehrte. Er lag da wie ein Todter. Seine Frau legte ſanft ihre kühle Hand auf ſeine fiebernde Stirne. „Du darfſt Dich nicht ſo aufregen, Robert“, ſagte ſie. „Du biſt immer noch der alte Feuergeiſt und zu haſtig in Deinem Urtheil nnd Deinen Entſchlüſſen. Wir wollen uns alles genügend überlegen, ehe wir entſcheiden. Denn ich bin durchaus nicht Deiner Anſicht, daß die jetzige Stimmung in unſerer Heimath gegen uns noch dieſelbe ,— ſei, wie damals, als das Unglück geſchah. Die Jahre und die großen Tagesereigniſſe haben unſere Schickſale ſo in Hintergrund geſchoben, daß man ihrer kaum noch gedenkt und wenn auch, dann gewiß in ganz anderer, milderer Weiſe. Die ſchlimmſte Läſterzunge muß ja beſchämt ſtille ſchweigen vor Deiner treuen, jahrelangen Miſſionsarbeit in dieſen Eisregionen. Ich glaube vielmehr, daß wir kühn und voll Gottver⸗ trauen dem Rathe des Arztes folgen dürfen und daß Deine Stellung in der Heimath eine friedliche und ge⸗ ſegnete werden wird. Ich weiß, Du trägſt Jahre lang ein Heimweh in der Seele herum. Warum willſt Du ihm nicht nachgeben, da der Arzt Dich ſelbſt darauf hinweiſt? Mir war es früher, muß ich geſtehen, ganz gleichgiltig, wo ich war und ich fühlte mich ſelbſt hier glücklich, aber ſeit Harald fehlt und Du ſo krank geworden biſt, iſt mir dieſes Land ordentlich verhaßt geworden. Es kommt mir vor, wie ein großes Schnee⸗ und Eisgrab, das all mein Lieben und Hoffen verſchlingen will.“ Frau Lymann brach, als ſie ſo dieſes geſagt hatte, in heftiges Schluchzen aus, was ihr jedes Mal geſchah, wenn ſie nur den Nameu„Harald“ nannte. Auch Herr Lymann hatte eine große Thräne im Auge, während er mit tiefem Seufzen den Namen ſeines Sohnes, den er todt glaubte, wiederholte. „O Harald, Harald“, ſagte er, als wenn er zugegen 7*¼ 7 3 1 — 160— wäre“, warum haſt Du uns das gethan? Du liebes Kind, haſt Du denn keine Ahnung von unſerer grenzenloſen Liebe für Dich gehabt, daß Du uns ſo leichtſinnig ver⸗ laſſen konnteſt, um uns in ein Meer von Sorge und Jammer zu ſtürzen?“ Herr Lymann mußte ſeinem kummerbeladenen Herzen Luft machen, wenn es der Schmerz um den Verluſt ſeines Kindes nicht ſprengen ſollte. 1 „O Gott!“ rief er dann mit blaſſen, bebenden Lippen, das ſonſt ſo ſtrenge Geſicht naß von Thränen.„O Gott, Du lädſt viel Leid auf unſere ſſchwachen Schultern! Hilf es uns tragen!“ Als der erſte Sturm des elterlichen Schmerzes vorüber war, ſagte Herr Lymann mit tief traurigem Tone in ſeiner Stimme: „Du magſt Recht haben, theures Weib, daß ich oft zu raſch und zu ſchroff bin. Ich bin es auch vielleicht zu ſehr Harald gegenüber geweſen. Der Junge hatte keine ſchlimme Eigenſchaften. Es war vielmehr etwas Edles, Hochſtrebendes in ihm. Nur ein merkwürdiger Drang nach practiſcher Thätigkeit und eine wilde Abenteuerluſt erfüllte ihn. Als Seemann oder durch kühne Entdeckungs⸗ reiſen hätte er vielleicht Bedeutendes geleiſtet. Ich hätte jedenfalls ſeine Leidenſchaften mit mehr Weisheit behandeln ſollen und hätte dadurch die letzte ſchreckliche Wendung ſeines Schickſals vermieden. 1 Auch über Hans Egede, wie er ſich nennt, habe ich — 101— nach dem Berichte Utokaks, mich ſehr getäuſcht. Und ſo ſehr wir Urſache haben dem Manne zu zürnen, habe ich ihm in Gedanken piel abzubitten. Er hat Harald nicht zur Flucht verleitet, wie wir anfangs glaubten, ſondern hat ihn nur auf die dringenden Bitten des unbeſonnenen Knaben mitgenommen. Dagegen iſt ſein Benehmen und ſeine Aufopferung bei dem unglücklichen Sturz Haralds und bei dem Schiffbruch wahrhaft bewundernswerth. Nur ein wirklich hochherziger Menſch konnte ſo handeln wie er der lieber mit dem kranken Knaben ſterben, als ihn verlaſſen wollte in ſeiner Todesnoth. Wie beurtheilt man doch oft die Verhältniſſe ſo anders vorher und nachher. Jetzt, wo es zu ſpät iſt verlangt mein Herz nach einer aufklärenden Unterredung mit dieſem Manne, die ich bisher gefliſſentlich vermieden hatte. Es hätte ſich Manches anders geſtaltet.“ „Doch Gottes Wille geſchehe!“ ſetzte er ſeufzend hinzu. „Wir ſind und bleiben kurzſichtige Menſchen und wollen uns bemühen uns geduldig und ergebungsvoll in Gottes höhere Weisheit zu ſchicken. Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Heern ſei geprie⸗ ſen.“— Wieder brach Herr Lymann in Thränen aus, die aber durch einen friſchen Huſtenanfall unterbrochen wurden. Nachdem wieder Ruhe geworden war und der Patient eine kräftige Fleiſchbrühe, die eine Magd herein gebracht, zu ſich genommen hatte, ſagte Frau Lymann zu ihrem — 102— Manne:„Du haſt mir von Utokak und deinen ſonſtigen Erlebniſſen auf der Reiſe noch wenig erzählt, da dich ſchon den nächſten Tag nach deiner Rückkehr die ſchwere Krankheit überfiel. Ich habe Dich auch bisher nicht fra⸗ gen mögen.“ „Du weißt, liebes Kind“, begann darauf Herr Lymann, „daß uns nach vielen vergeblichen Forſchungen nach Harald endlich ganz unverhofft eine Nachricht zukam und zwar eine höchſt troſtloſe. Durch dieſe Nachricht wurde es uns, was wir allerdings ſchon längſt vermutheten, zur völligen Gewißheit, daß Harald die Fahrt auf dem Kutter Hans Egedes mitgemacht hatte. Denn es hieß ausdrücklich, Harald und Hans Cgede ſeien im Eiſe verunglückt, wäh⸗ rend ſich etliche Grönländer längs der Küſte gerettet hätten und in der Gegend von Upernawik krank lägen. Dieſe unvollſtändige und ungewiſſe Kunde konnte uns, wo es ſich um unſer einziges, geliebtes Kind handelte nicht genügen. Ich beſchloß darum unverzüglich jene Reiſe nach Upernawik, um perſönlich bei den geretteten Grönländern, die krank liegen ſollten, Erkundigungen einzuziehen. Du hatteſt am Ende ſelbſt nicht viel einzuwenden, ſo beſorgt Du um mich warſt wegen der Schrecken der Reiſe, denn dein Mutterherz lebte in Angſt und Bangen. Aber lieb Frauchen, ſo ſchreckhaft du dir auch Alles vor⸗ geſtellt haben magſt, es war Nichts gegen die Schrecken der Wirklichkeit. Es iſt kein Wunder, wenn ich todtkrank zurückgekehrt bin. Wie oft war ich verſucht die Reiſe — 103— als unmöglich aufzugeben. Solche Kälte und ſolche Unwetter ſind unbeſchreiblich. Nur mein Pflichtgefühl und deine Thränen trieben mich vorwärts in neues Unwetter und neue Kälte hinein. Gar manchmal mußten wir mitten im Schneeſturm und bei zwanzig Grad Kälte im Freien übernachten. Ein Glück war es, daß die Hunde und die Grönländer aushielten und der hartgefrorene Schnee eine gute Schlittenbahn abgab. In Uperniwik ſahen ſie mich wie ein Wunderthier an und glaubten mir kaum, daß ich die Reiſe wirklich gemacht habe.“ „Armer Mann, ſagte Frau Lymann, indem ſie zärtlich das ſchon ergrauende Haar von ſeiner hohen Stirne weg⸗ ſtrich. Gott hat fürwahr gewacht, ſonſt hätte ich auch dich noch verloren“. Von den geretteten Grönländern fand ich Niemand mehr vor als Utokak, der ſchneeblind und krank in einer grönländiſchen Erdhütte lag. Unſere grönländiſchen Hütten ſind keine Paläſte, aber ſie ſind immer noch wohnlich gegenüber der Höhle, in die ich dort auf Händen und Füßen durch einen langen Gang kriegen mußte. Sie hatte dieſelbe Bauart der unſrigen, ziemlich lang und ſchmal, die Mauern und das Dach mit Raſen und Fellen bekleidet, aber Alles war ſo niedrig und ſchmutzig, daß man kaum glauben konnte, in einer menſch⸗ lichen Wohnung zu ſein. Ich habe es gelernt in den Jahren her, grönländiſche — 104— Winterſtickluft einzuathmen, aber dort wurde ich ſchier ohn⸗ mächtig. Eine Menge Menſchen lagen in den durch die Balken gebildeten Abtheilungen des Hauſes auf ihren Prit⸗ ſchen und erhitzten und verdünſteten neben der Menge von Lampen auf eine unerträgliche Weiſe die Luft, die ja nicht einen Abzug hat. Dort lag denn auch Utokak der ſich nach übermenſchli⸗ chen Anſtrengungen nebſt neun Gefährten gerettet hatte. Zwei waren unterwegs umgekommen. Neben Utokak, der mir ſtets ein wenig verdächtig geweſen iſt, an dem alten Heidenthum zu hängen, ſaß ein grönlän⸗ diſcher Zauberer,„Angekok“ nach ihrer Sprache, der, wie er vorgab, im Begriff war das Blut Utokaks, das ganz verkältet wäre, aus ſeinem Körper heraus zu nehmen, das⸗ ſelbe abzukochen und wieder in die Adern hinein zu gießen, um ihn auf dieſe Weiſe zu heilen. Die ganze Geſchichte lief natürlich nur auf ein Scheinmanö⸗ ver hinaus, aber die ſonſt ſo vernünftigen Grönländer glau⸗ ben wirklich ſolchen handgreiflichen Lügen dieſer Schwindler. Mit Ausnahme des Angekok, der etwas ängſtlich that, wurde ich ſehr freundlich empfangen. Aber die Einladung auf das Mittageſſen, das aus fauligem Seehundsfleiſch, einem eingegrabenen Rennthiermagen und ähnlichen Lecker⸗ biſſen beſtand, mußte ich ablehnen, obwohl die Hausfrau das ſchönſte Stück Fleiſch, das auf ihrer Schüſſel, einem gegerbten Seehundsfell, etwas ſchmutzig geworden war, eigens für mich ableckte. — 105— Utokak erzählte mir nun nach und nach Alles, was ich dir bereits mitgetheilt habe und ſchloß damit, daß er ſagte:„Die Geiſter der Tiefe hatten von dem Schiff Beſitz genommen. Ich rieth Hans Egede mit nns zu fliehen, aber er war auf keine Weiſe zu bewegen den kranken Harald zu verlaſſen und ſpottete über meine Angſt. Allein ich hatte doch Recht. Denn während wir noch ſprachen, kamen die Geiſter und klopften und bohrten und zerbrachen die Scholle und hoben das Schiff bis an die Wolken empor und ließen es darauf fallen, daß kein Stück an dem andern blieb. Wir hatten kaum noch Zeit uns zu retten. Hans Egede wollte nicht. So haben ihn, wie die Andern, die Geiſter der Tiefe verſchlungen.“— Herr Lymann ſchwieg ermattet von ſeiner langen Erzählung. Seine Frau bereute faſt, ihn vielleicht über Kräften angeſtrengt zu haben, aber ſie konnte es doch nicht laſſen, wenigſtens noch eine Frage zu ſtellen. Das Schick⸗ ſal ihres Sohnes bekümmerte ſie allzu ſehr.— „Ich weiß nicht, Robert,“ ſagte ſie,„ob ſich Utokak ſelbſt über das Letzte recht klar iſt. Seine Angſt, ſcheint mir, hat ihn Dinge ſehen laſſen, die nicht vorgekommen ſind. Kann nicht dieſer Hans Cgede, der Einer der tapferſten und thatkräftigſten Menſchen iſt, die es gibt, doch noch ein Mittel zur Rettung gefunden haben?“— „Ich habe mir das auch geſagt,“ antwortete Herr Lymann“, und habe überall nachgeforſcht, ob man nichts auf dem Meere endeckt hätte, aber vergebens. — 106— Ein grönländiſcher Knabe wollte zwar in einer Mondſchein⸗ nacht einen Mann auf einer Scholle neben einer Schiffs⸗ ſtange haben ſtehen ſehen, allein als ich ihn ſelbſt ausfragte, ſagte er, er hätte ſich geirrt.“ „Sollte es denn nicht möglich ſein, daß ſich Menſchen auf dieſe Weiſe retten?“ fragte Frau Lymann.— „Niemand glaubt daran“ antwortete Her Lymann.„Und wenn du die Eiserſtarrung an der Küſte mit eigenen Augen ſäheſt, du würdeſt ſelbſt nicht daran glauben, daß hinter dieſen Eismaſſen noch warmes Leben pulſire.“ „So ſolls nicht anders ſein“, ſagte die Unglückliche in tiefſter Hoffnungsloſigkeit. „Harald, Harald!“ rief ſie in leidenſchaftlichem Schmerze und vergrub weinend ihr Geſicht in den Kiſſen des Bettes ihres Mannes. VIII. Als Herr Lymann damals in Upernawik an der Küſte geſtanden hatte, das Herz voll Sehnſucht nach ſeinem ein⸗ zigen geliebten Kinde, und die ſtarre Eiswüſte, die er ſchaute, ihm unerbittlich die Gewißheit aufdrängte, daß dahinter kein warmes Leben pulſiren könne, hatte er ſich dennoch getäuſcht. Noch pulſirte dort das Leben und ihm vielleicht näher, als er ahnen konnte, aber wie lange es noch pulſiren würde, war eine andere Frage. — 107— Jene Schrecken in der Weihnachtsnacht waren an un⸗ ſeren drei Schiffbrüchigen auf der Scholle ohne beſonderen Schaden vorübergegangen. Was ſie damals in die heftige Aufregung verſetzt und ſelbſt Hans Egede die Beſonnenheit geraubt hatte, war allerdings nichts Geringes geweſen. Der Sturm hatte mit ſeiner entſetzlichen Gewalt ihre ellen⸗ dicke Eisſcholle zerbrochen, ſo daß ſie fortan nur noch auf einem drittel ihres bisherigen Eisfeldes ſchwammen. Der Bruch hatte aber auf der entgegengeſetzten Seite der Scholle ſtattgefunden und ihr Haus war glücklicher Weiſe verſchont geblieben. Doch noch lange hatten ſie in Folge dieſes Schreckens gezittert und gebebt. Seitdem war keine ähnliche Naturerſcheinung eingetre⸗ ten, aber eine neue Angſt war über ſie gekommen. Die Scholle jetzt kleiner und rundlicher drängte jetzt von dem Küſteneis hinweg und trieb immer weiter in das offene Meer hinaus. Zugleich ſtellte ſich ein weiteres Bedenken ein. Der Thran, das einzige Ernährungs⸗ und Erleuchtungs⸗ mittel, das ſie beſaßen, ging allmählig ſeiner Neige zu. Allerdings war die liebe heißerſehnte Sonne wieder er⸗ ſchienen und die Armen hatten ihr entgegengejubelt, aber an ihren noch matten Strahlen thaute nicht einmal das gefrorne Rennthierfleiſch auf, viel weniger konnten ſie es genießbar machen. Hans Egede hieb Schiffswände und Segelſtangen zuſammen, um Brennholz zu ſchaffen. Allein er mußte in dieſer Thätigkeit vorſichtig ſein, um Harald nicht mißtrauiſch zu machen. — 108— Die beiden Jungen hielten das Schiff, da ihnen Hans Egede von ſeiner traurigen Entdeckung nichts mitgetheilt hatte, noch für ſeetüchtig und konnten in ihrer Verblen⸗ dung die Zeit kaum erwarten, wenn daſſelbe von den Ban⸗ den des Eiſes befreit, den Weg zur Heimath einſchlüge. Als Erlöſerin begrüßten ſie die immer größer werdende Wärme der Sonnenſtrahlen und freuten ſich kindiſch, daß ihr Eisblock ſeinen Cours nach Süden hatte. Hans Egede mochte ihre Freude nicht ſtören. Er trug die ganze Sorge und Angſt allein in ſeinem ſtarken, mu⸗ thigen Herzen. Er zwang ſich ſogar noch mit rieſenmäßiger Gewalt heiter und anregend zu ſein, um die Knaben bei dieſer ſchrecklichen Schiffahrt in getroſter Stimmung zu erhalten. Freilich machte er ſolche Anſtrengungen des Gemüthes nicht ungeſtraft. Er magerte ab und ſeine vorher pech⸗ ſchwarzen Haare wurden ſichtlich weiß. Die einzige Hoffnung auf Rettung, welche er noch hegte, war darauf gerichtet, daß der Eisblock vielleicht an irgend welche Küſte antriebe oder, daß ſie von einem nach Norden ſegelnden Schiffe aufgenommen würden. 38 Er hatte deßhalb auf dem höchſten Punkte des Eisblocks eine Warte errichtet, wo er bei Tage meiſtens ſtand, um mit ſeinem guten Fernglaſe Ausſchau zu halten. Dort war eine Segelſtange befeſtigt, an der augenblick⸗ lich, wenn es nöthig war, ihre Schiffsflagge in die Höhe gezogen werden konnte. An einem galgenartigen Geſtelle — 109— hatte er die Schiffsglocke aufgehängt und außerdem lagen dort noch zwei Böller, um nach Bedürfniß Nothſchüſſe zu thun.. Harald, der wieder ziemlich den Gebrauch ſeiner Glie⸗ der hatte, obwohl er noch ſehr blaß ausſah, brachte ſeine meiſte Zeit auf der Warte bei ſeinem Freunde zu. Doch mußte er auch oft bei mißlichem Wetter lange Tage unter Deck bleiben.. Jetzt hätte er gerne ſeine Bücher gehabt, ſelbſt wenn es der Cicero geweſen wäre. Er hatte einen wahren Heiß⸗ hunger nach Büchern. Aber es fand ſich nichts vor, als ein Band Weltgeſchichte, ein Geographiebuch und ein mathe⸗ matiſches Handbuch. Alle dieſe Werke, die ihm ſonſt zu⸗ wider geweſen waren, ſtudirte er jetzt mit einem Eifer, der ihm ſelbſt unbegreiflich war. Er hätte nie geglaubt, daß die Wiſſenſchaft ſo ſchön ſei und er ſolche Luſt daran be⸗ kommen könne. Die Eisſcholle trieb immer weiter nach Süden und die Sonne ſchien immer wärmer. Man konnte berechnen, daß es mit der Sicherheit unſerer Freunde die längſte Zeit ge⸗ währt hatte. Wahre Bäche geſchmolzenen Eiſes floſſen von der Scholle ins Meer. Ueberall ſickerte und tropfte es. Ganze Höh⸗ lungen und Spalten, durch die man hinunter ins Waſſer ſehen konnte, hatten ſich gebildet. Hans Egede ſaß unter Deck, eine ſeiner letzten Cigar⸗ ren rauchend, an denen er ſchon ſeit Monaten ſparte. — 110— Sein Geſicht war düſter. Denn er überlegte, daß es Zeit ſei, den Knaben die bedenkliche Lage, in der ſie ſchwebten, klar zu machen und ſann nach, ob es möglich ſei, aus den Schiffstrümmern ein Rettungsfloß zu zimmern und ob man, ehe die Scholle unterging, mit demſelben ins Meer ge⸗ langen könne. Die Möglichkeit mußte ſehr gering ſein, denn ſein Ge⸗ ſicht zog ſich in immer dunklere Falten und ſein Auge ruhete mit großer Wehmuth auf Harald, der völlig ahnungs⸗ los ganz in ſein Geographiebuch verſunken war. Der grönländiſche Knabe ſaß draußen auf der Warte, ſeiner Harmonika leiſe Töne entlockend, die der Wind weiter trug. Auf einmal aber warf er das Inſtrument haſtig zur Seite und drunten unter Deck hörten ſie laut die Schiffsglocke läuten. Der lahme Grönländer hatte ein Schiff entdeckt, das mit voller Kraft auf ſie zugeſegelt kam. Bald ſtanden Hans Egede und Harald neben dem kleinen Muſikknaben und beſtätigten freudig bewegt ſeine Ent⸗ deckung. Hoffnung und neue Lebensluſt durchſtrömte die Unglücklichen. Vor allen Dingen hieß es, ſich dem Schiffe bemerkbar zu machen. Im Nu war die Flagge aufgehißt, die hoch im Winde flatterte. Hans Egede ſchoß einen Böller nach dem andern los und die Knaben löſten ſich ab im Läuten der Glocke. — 111— Auf einmal hallte dumpf ein Kanonenſchuß von dem Schiffe zu ihnen herüber. Es war das Zeichen, daß ihre Nothſignale bemerkt worden waren. Die armen Schiffbrüchigen weinten laut vor Freude. Selbſt Hans Egede konnte ſich nicht halten. Er umarmte Harald, während ihm die Thränen in den Bart herunter⸗ träufelten. Man konnte jetzt bemerken, wie das Schiff entſchieden auf die Eisſcholle losſteuerte und als daſſelbe bis auf einige hundert Schritte herangekommen war, ſah man, wie ein Boot zur Rettung der Hilfeſuchenden heruntergelaſſen wurde und man hörte bald die Ruderſchläge der immer näher herankommenden Matroſen. Neugierig blickten dieſe auf, was ſie wohl für ein Meerwunder auf dem Eisblocke finden würden und neu⸗ gierig blickten dieſe herunter, was für ein Volk ihnen hier zu Hilfe käme. Da klang eine Begrüßung in deutſcher Sprache hinauf und in reinſtem Deutſch wurde dieſe Begrüßung von oben erwiedert. „Landsleute!“ hieß es beiderſeitig freudig bewegt. O wie beglückten dieſe trauten Klänge der Heimath unſere armen Verunglückten, die ſchon ſeit manchen Monaten keinen Laut einer anderen Stimme als der ihrigen gehört hatten und denen es ſchon eine unbeſchreibliche Wohlthat und Beruhigung war nur wieder Menſchen zu ſehen. — 112— Aber wie erſtaunten auf der andern Seite die Matroſen, als ſie in einfachen Umriſſen die Schickſale unſerer Schollen⸗ fahrer erfuhren. Eine ſolche merkwürdige Schifffahrt auf einem Eisblock hätten ſie nicht für möglich gehalten. Das Rettungswerk begann. Aber da zeigte ſich eine faſt unüberwindliche Schwierig⸗ keit. Die Eisſcholle hatte auf allen Seiten hohe nach dem Waſſer zu ausgehöhlte Wände, die nirgends eine Landung des Bootes möglich machten. Auch vermochten die Matroſen wegen der ſtarken Brandung ihr Fahrzeug nicht in der Nähe des Eisblocks zu halten. Den Schiffbrüchigen wurde ſchon bange auf ihrer Scholle. Sie machten ſich bereits mit dem Gedanken vertraut, ins Meer zu ſpringen, um ſich dann auffiſchen zu laſſen. Aber die Bootsleute hatten ſich vorgeſehen. Sie war⸗ fen Hans Egede eine Leine zu, an die ein ziemlich dickes Tau gebunden war. Letzteres befeſtigte Hans Egede mit dem einen Ende auf der Scholle, während das andere Ende im Boote angeknüpft wurde. Da war die Brücke gebaut, auf der unſere Schollen⸗ fahrer ſich retten ſollten. Mit dem kleinen grönländiſchen Knaben ging es leicht. Derſelbe wurde in ein Stück Segeltuch eingebunden. Den dadurch entſtandenen Pack verſah Hans Egede mit einer Leine und ließ ihn dann langſam am Tau niedergleiten. Hans CEgede hätte gern für Harald, der ſeine frühere Kraft doch noch nicht wiedererlangt hatte, dasſelbe Trans⸗ —— —— — 113— portmittel gebraucht. Aber Harald, der ſich an ſeine alte Gewandtheit erinnerte, ſchwang ſich kühn auf das Tau, um rittlings auf demſelben hinunter zu rutſchen. Sein Freund, der nichts Gutes ahnte, rief ängſtlich: „Bleiben Sie zurück! Es gibt ein Unglück.“ Aber es war zu ſpät. Hans Egede blieb nichts übrig als ſo ſchnell wie möglich nach zu rutſchen, um ein mög⸗ liches Mißgeſchick zu verhüten. Er kam auch wirklich noch zu rechter Zeit. Harald, deſſen Nerven durch die Krankheit noch ſehr geſchwächt waren bekam Schwindel und wäre in die Tiefe geſunken, wenn ihn nicht Hans Egede mit ſtarker Hand gepackt hätte. Dadurch verloren aber Beide ihre Stellung. Harald hatte das Tau ganz fahren laſſen und hing nur noch von Hans Egedes Rieſenarm gehalten über der Tiefe, während dieſer von unten her das Tau mit dem andern Arm und den Füßen umklammernd ſeine Rutſchparthie fortſetzte. Die Matroſen erſtaunten über die merkwürdige Kraft und Beſonnenheit des Mannes. Ein ſolches Heldenſtückchen hätte Keiner von ihnen fertig gebracht. Aber auch Hans Egedes Kräfte erlahmten. Kaum hatte er Harald den Matroſen übergeben, als er ſelbſt, um den ſich Niemand kümmerte, weil man ihm die Gewandtheit zutraute, ſich ſelbſt zu helfen, unbeholfen wie ein Sack niederſtürzte. Der Fall war nicht hoch, aber höchſt unglücklich, da 8 Schupp, Im Eiſe. — 114— dem Manne durch Ueberanſtrengung der ganze Gebrauch ſeiner Gliedmaſſen fehlte. Er hatte mit dem Rücken den Rand des Bootes getroffen und mußte ſich ſeinen Mienen und ſeiner erbleichenden Geſichtsfarbe nach bedeutend ver⸗ letzt haben. Er konnte nur mit matter Stimme reden. „Ich glaube, ich muß ſterben,“ ſagte er zu Harald, der ſich mit beſorgtem, ängſtlichem Geſichte über ihn beugte. „Für jeden Anderen wäre es ſchrecklich im Angeſichte der Rettung zu ſterben. Für mich nicht. Denn ich wüßte nicht, was ich mit meinem ferneren Leben hätte anfangen ſollen. So erhält es durch Gottes Fügung noch einen gewiſſen Werth. Denn ich durfte Sie, lieber Harald, retten und durfte durch mein Opfer eine alte Schuld ſühnen. Schon die letzten Worte brachte Hans Egede nur mit Mühe hervor. Dann ſank er in Ohnmacht. Harald hielt ihn ſchon für todt und benetzte ihn mit ſeinen Thränen. Die Matroſen dagegen, denen der Mann ſchon in der kurzen Zeit ihrer Bekanntſchaft durch ſeinen Heldenmuth theuer geworden war, ruderten auf Leben und Tod, um ihn an Bord des Schiffes zu bringen, wo ihm vielleicht noch Hilfe gebracht werden konnte. Für Harald geſchah Alles wie im Traum. Der Schmerz um den Freund hatte ihn völlig betäubt. Er wußte ſpäter nicht, wie er auf das Schiff gekommen war. Er ſchaute nur verwundert auf, als er unerwartet viele geſcheidte und gelehrt ausſehende Männer ſich mit Hans Cgede beſchäftigen ſah. — 115— Erſt ſpäter erfuhr er, daß er ſich auf einem jener Schiffe befand, die wiſſenſchaftliche Expeditionen zur Unter⸗ ſuchung des Nordens machen und die man gewöhnlich jetzt Nordpolfahrer nennt. Daß es gerade ein ſolches Fahrzeug war und nicht ein gewöhlicher Wallfiſchfänger, wie ſie auf der Scholle noch vermuthet hatten, hätte ſein Gutes haben können, wenn Hans Egede überhaupt noch hätte gerettet werden können. Denn es waren wenigſtens zwei ausgezeichnet wiſſenſchaft⸗ lich gebildete Aerzte bei der Expedition und auch noch Andere der Herrn hatten Verſtändniß der Medicin. Aber Hans Egede war nicht mehr zu helfen. Sein Stündlein war da, ſo raſch und unvermuthet es auch gekommen war. Der Aeltere der beiden Aerzte erklärte nach langer gründlicher Unterſuchung den mit großer Theilnahme Umſtehenden—(Man nahm allgemeines Intereſſe an dem Helden der Scholle)—:„Der Mann iſt verloren. Er erwacht vielleicht noch einmal zu kurzem Bewußtſein, aber nur um zu ſterben“. Wie der Arzt geſagt hatte, geſchah es. Hans Egede lag in der Kajüte des Capitäns. Er war wohl aus Rückſicht auf ſeinen Stand dahin gebracht worden. Denn der vornehme Mann war an ihm ſelbſt in dieſer troſtloſen Lage nicht zu verkennen. Aber auch gewiß in Betracht der ſchönen That, die er mit dem Tode beſiegelte. Um den Kranken ſtanden die Aerzte, noch ein anderer Naturforſcher, der Kapitän und Harald. Da ſchlug er die — 116— Augen auf. Sein ſcharfblickendes Weſen hatte ihn ſelbſt jetzt in der Todesſtunde nicht verlaſſen. Raſch überſchaute er die ganze Situation und ſagte: „Ich glaube ich befinde mich in guter Geſellſchaft, bei Männern, die die nöthige Geduld und das Verſtändniß haben, um einige Enthüllungen entgegenzunehmen, die ich geben möchte, ehe ich vor den Richterſtuhl Gottes trete.“ Der Kapitän ſtellte ſich und die anderen Herrn vom Schiff Hans Egede vor und ſagte:„Sie ſehen uns tief erſchüttert und voll Betrübniß, daß uns nur vergönnt war, ſie ſterbend auf unſer Schiff aufzunehmen. Es wäre uns natürlich ungleich lieber geweſen, wenn das Rettungswerk ganz gelungen wäre und wir auch Sie nach Ihren ſchreck⸗ lichen Schickſalen auf der Scholle als lieben Gaſt hier hätten willkommen heißen können. So ſtehen wir nur um ihr Sterbebett, allerdings voll Bewunderung für ſo viel Todesmuth, wie ſie im Augenblick zeigen und für ſo viel Opferfreudigkeit, mit der ſie dieſem jungen Menſchen das Leben gerettet haben. Unſeres Wohlwollens ſeien Sie natürlich im höchſten Grade verſichert. Gebieten Sie nur ganz über uns nach Wunſch. Die letzten Worte und der letzte Wille eines ſo hochherzigen, tapferen Landsmanns werden uns werth und theuer ſein“. „Sie täuſchen ſich über mich, meine Herren“, erwiederte Hans Egede, indem ein ſchmerzlicher Zug ſein bleiches Ge⸗ ſicht überſchattete.„Ich bin kein Held. Ich bin ein elender — 117— Abenteurer, der Ihnen ein verfehltes, ſchuldbeladenes Daſein beichten will. Sie werden ſich vielleicht nur mit mir ver⸗ ſöhnen, wenn Sie erfahren, daß mein ſtolzes, trotziges Herz, das mit Gott und Menſchen haderte, durch die letzten Schick⸗ ſale gebrochen iſt und voll Reue auf Gottes Barmherzigkeit wartet.“ „Auch möchte ich Ihre Güte nur inſofern in Anſpruch nehmen, daß ſie mir beiſtehen, ein ſchon lange beſtehendes Unrecht einigermaßen wieder gut zu machen. Mein Name iſt nicht, wie hier Harald mein junger Freund glaubt— ſein Vater kennt mich beſſer— und meine grönländiſche Umgebung,„Hans Egede“. Dieſen Namen habe ich mir nur beigelegt, weil er in Grönland öfters vorkommt und dort einen guten Klang hat, da der Wiederentdecker und der erſte Miſſionar dieſes kalten Landes alſo hieß. „Mein Name iſt Graf Seebach“. In Haralds Geſicht zeigte ſich anfangs Betroffenheit, dann ein Aufleuchten des Verſtändniſſes. Dagegen ſagte der ältere Arzt:„Jetzt glaube ich ſie zu kennen. Standen Sie nicht im Jahr 18.— als Offizier bei den Dragonern in...... 2 Ich war damals junger practicirender Arzt dort. Alle Welt ſprach aber zu der Zeit vom jungen Graf Seebach. Und ſo ſah ich ſie oft und bewunderte Sie als kühnen Reiter“. — 118— „Ja“ ſagte Hans Egede„das bin ich leider Gottes geweſen. Ich muß„leider“ hinzuſetzen, denn damals gerade bin ich in mein Unglück hineingerannt. Ich war eben nichts, wie Sie richtig ſagen, als ein waghalſiger Reiter, ein toller Spieler und ein unſinniger Verſchwender. Die Welt aber klatſchte Beifall und ich ſtürzte immer wahn⸗ ſinniger vorwärts in mein Verderben. 8 Hätte ich noch meine gute Mutter gehabt, vielleicht hätte ich ihren ſanften Worten nachgegeben, vielleicht hätte ſie vermitteln können, aber ich beſaß— ſchon ſeit Jahren nur noch einen ſehr ſtrengen Vater, der mich zwar heiß liebte, aber mich nur nach ſeinen feſten, ſtarren Grundſätzen behandelte.. 7 Mein Vater, der ja noch lebt, iſt ſehr reich. Er hatte mir auch eine bedeutende, gewiß ausreichende Zulage aus⸗ geſetzt. Keiner der jungen Officiere konnte ſich darin mit mir vergleichen. Aber dieſe Zulage war für meine ſchran⸗ kenloſe Verſchwendungsſucht eine Bagatelle. Ich häufte Schulden auf Schulden. Dieſelben wuchſen indeſſen mit der Zeit zu ſolcher Größe an, daß ich meinem Vater davon Mittheilung machen mußte. 8 Er behandelte mich milder als ich gedacht hatte. Er forderte ſämmtliche Rechnungen ein, die eine enorme Summe ausmachten und bezahlte ſie bei Heller und Pfennig, ohne mir einen Vorwurf darüber zu machen. Er ließ mir auch meine bisherige Zulage. Allein er erklärte mir und — 119— gab mir ſein Wort darauf, daß wenn ich je wieder Schul⸗ den mache, er ſeine Hand von mir abzöge. „Ich will keinen Schuldenmacher zum Sohne haben. Ein Schuldenmacher iſt ein Spitzbube“, ſagte er. O wenn ich mir dieſe Worte meines Vaters zur War⸗ nung hätte dienen laſſen! Allein ich ließ nicht nach mit meiner Verſchwendung und ſaß bald wieder ärger in Schul⸗ den, als vorher. Meine Verlegenheit war groß. Ich wandte mich ſchrift⸗ lich an meinen Vater. Er fragte mich einfach in ſeiner Antwort:„Ob ich einen Wortbrüchigen zum Vater haben wollte?“ Da ich mir ſonſt in keiner Weiſe zu helfen wußte, reiſte ich nach der Beſitzung meines Vaters. Aber mein Vater ließ mich nicht vor. Ich hatte Selbſtmordgedanken. Da erzählte mir ein alter Bedienter unſeres Hauſes — ſie hatten mich Alle ſo gern— der Rentmeiſter meines Vaters, der alte Herr Lymann hätte vor ein Paar Tagen eine bedeutende Summe Geldes eingenommen und brauche dieſelbe erſt in vier Wochen an meinen Vater abzuliefern. Mein Vater hatte hierin und in ſo manchem Andern ſeine Eigenheiten. 1 Der alte Herr Lymann— ihr Großvater, lieber Harald — war ein ehrwürdiger, frommer Greis, den alle Welt liebte und achtete. Ich liebte ihn wie einen Vater. Er that für mich gewiß das Mögliche. Aber das Geld wollte — 120— er doch nicht geben. Dazu war er doch zu gewiſſenhaft. Da zog ich eine geladene Piſtole heraus, die ich bei mir trug, und ſagte ihm: Wenn er mir das Geld nicht gäbe, würde ich mich neben ihm todtſchießen. „Ein Seebach bricht ſein Wort nicht“ rief ich. Da gab er das Geld. 4 Ich verſprach, um ihm keine Ungelegenheiten zu machen, noch vor vier Wochen die Rückzahlung, aber ich verlangte, daß er mir ſchwöre, meinem Vater Nichts von dieſer Ange⸗ legenheit zu ſagen. „ Auch ein Lymann bricht ſein Wort nicht“ ſagte er ſtolz.. Und er hat ſein Wort nicht gebrochen, aber das iſt ſein Tod geweſen. Ich hatte nämlich, die Summe in der Taſche, zuerſt wieder leichtſinnig in den Tag hineingelebt, bis mir auf einmal heiß mein Verſprechen einfiel. Aber da war es zu ſpät. Ich konnte die bedeutende Summe nicht in ſo kurzer Friſt mehr ſchaffen. Erſt acht Tage nach dem Termin reiſte ich mit dem verſprochenen Gelde in die Heimath. Dort begegnete mir ein Leichenzug. Es war der alte Rentmeiſter Lymann, den man begrub. Er hatte dem Abkommen gemäß meinem Vater jede Auskunft über den Verbleib des Geldes verweigert. Mein Vater hatte ihn darauf als gemeinen Dieb verhaften laſſen. Das hatte der ehrliche Greis nicht überlebt. — 121— Ich bin ſein Mörder. O wie oft hat ſeitdem die Geſtalt dieſes ehrwürdigen Greiſes, deſſen Noth ich in meinem Leichtſinn vergaß, an⸗ klagend vor mir geſtanden im Wachen und im Träumen. Halb wahnſinnig vor Schmerz und Reue drang ich zu meinem Vater und erzählte ihm Alles. Auf dem ehrlichen Namen des unſchuldigen alten Mannes ſollte kein Makel haften bleiben. 3 Mein Vater ſtand bei meiner Erzählung ſprachlos da vor Leid und Zorn. Er hatte den alten Rentmeiſter ſo gern gehabt und machte ſich ſchwere Vorwürfe, daß er ſo hart und ſtreng gegen ihn geweſen war. Nun mußte er erfahren, daß der alte, ehrliche Mann unſchuldig gelitten hatte, daß ſein Sohn der eigentlich Schuldige ſei. Als er ſich einigermaßen wieder geſammelt hatte, ver⸗ langte er von mir, ich ſolle mich als„Dieb“ den Gerichten ſtellen, um der Ehre des alten Lymann gerecht zu werden. Das Wort Dieb entnüchterte mich. Es wirkte auf mich wie ein kaltes Waſſerbad. So hatte ich es nicht gemeint. Ich hätte viel geopfert, aber meine ganze geſellſchaftliche Stellung aufgeben um der Ehre eines todten Mannes willen, das war zu viel verlangt. Ich wies das Verlangen meines Vaters als ungerechtfertigte Zumuthung zurück. Allein mein Vater nahm die Sache ernſt. Er wollte Gewalt brauchen und mich von ſeinen Bedienten greifen und auf das Gericht führen laſſen. Er hatte ſchon die Hand am Schellenzug. Aber ich —y 4—— legte meine Hand auf die ſeinige und ſagte:„Vater thue es nicht“.„Ja“ antwortete er.„Es muß ſein.“ „Vater bewahre mich davor, daß ich Gewalt gegen dich gebrauche“ bat ich. Wir ſahen uns lange zornig in die Augen. „Nun ſo geh' Schurke!“ ſagte er. Aber wagen Sie nicht mehr meinen Namen zu führen. Ich habe keinen Sohn mehr“. So bin ich aus dem Vaterhauſe geſchieden. Wie ich nach Grönland gekommen bin, weiß ich ſelbſt kaum. Ich ſuchte Abenteuer, Jagd und Gefahr.„Immer vorwärts!“ hieß es in mir, um zu vergeſſen. Da hat mich Gott mit den unwiderſtehlichen Banden des Eiſes umklammert, daß ich ihm ſtill hielt und hat durch die Schrecken dieſer nor⸗ diſchen Natur eine Sprache mit mir geredet, die mein ſtolzes übermüthiges Herz klein machte. Etwas freut und erhebt mich. Ich ſehe es als ein Zeichen der wiederkehrenden Gnade Gottes an, daß er mir geſtattet hat, mein Leben zu opfern zur Rettung des Enkels deſſen, den ich in den Tod getrieben habe. Aber ich ſpüre, es iſt Zeit, wenn ich noch Etwas thun will, um gut zu machen. Ich möchte jetzt ſelbſt aus innerem Antrieb dem Wunſche meines Vaters nachkommen und mich öffentlich als den wirklichen Dieb erklären. Wollen Sie, Herr Capitän, die Freundlichkeit haben und eine derartige Erklärung aufſetzen, die ich zu unterſchreiben verſuchen will und die Sie, meine Herren, beglaubigen? — 123— Man ſah wie während der Abfaſſung des Schriftſtückes die Kräfte des Kranken ſichtlich abnahmen. Nur ſeine ungewöhnliche Willenskraft hatte ihn noch aufrecht erhalten. Durch dieſe gelang es ihm auch die aufgeſetzte Erklärung mit feſter Hand zu unterſchreiben. Dann aber ſank er zuſammen. Mit matter Stimme ſagte er zu Harald, der weinend und ſchluchzend an ſeinem Bette ſaß:„Gib das Papier deinem Vater und laß ihn daſſelbe nebſt meinem Todes⸗ ſchein, den dir der Capitän ausſtellen wird, den Gerichten übergeben, daß ſie das Urtheil gegen deinen Großvater aufheben und die Wahrheit der Welt bekannt wird. Deinen Vater grüße und bitte ihn um Verzeihung und ſage ihm, Gott hätte mich begnadigt, daß ich ihm für den Vater, den ich ihm genommen den Sohn zurückſchicken könne“. Harald konnte vor Schluchzen nicht antworten. Aber auch die andern Männer, die am Bette ſtanden, waren tief ergriffen und ſchämten ſich der Thränen nicht, die ihnen über die Wangen rollten. Hans Egede oder Graf Seebach murmelte noch einige Gebete für ſich. Er war im Sterben. Dann winkte er Harald. „Grüße meinen Vater!“ ſagte er, den alten Grafen Seebach, erzähle ihm Alles und ſage ihm:„Sein Sohn ließe ihn um Vergebung bitten! Nun lebe wohl, lieber Harald! Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohl gehe und du lange lebeſt auf Erden“. — 124— „Meine Herren, ich ſage Ihnen Dank!“ Nach dieſen Worten lag er eine Weile ſtill, dann rief er:„Gott, Jeſus, Heiland Gnade!“ und war verſchieden. Einige Stunden darnach wurde ſein Sarg unter den Klängen eines einfachen Chorals in die Tiefen des Meeres verſenkt. b Darüber rollten die Wogen des Nordmeeres dem Süden zu. Ob ſie dem einſamen Vater im Schloß am Strande erzählten von ſeinem Sohne? Harald blieb noch über acht Tage an Bord des Nord⸗ fahrers, bis ſich eine Gelegenheit bot, ihn und den ver⸗ krüppelten Knaben grönländiſchen Seehundjägern zu über⸗ geben, die Beide nach der Heimath brachten. In der Pfingſtbucht entwickelte ſich faſt dieſelbe Scene, wie wir ſie am Anfange unſerer Erzählung beſchrieben haben. Eine ganze Flotte von Cajaks kam über das ſonnbe⸗ glänzte plätſchernde Waſſer der Bucht daher, während auf dem wieder grünenden Raſen eine wartende und jauchzende Menge ſtand und unter ihnen eine bleiche, hohe, edle Ge⸗ ſtalt, nur noch bleicher wie damals, und aus dem Fenſter des rothen Miſſionshauſes winkte ein weiblicher Arm mit einem Tuche und neugierig blickten noch immer die Schnee⸗ gipfel einer über den andern. Aber die Menge ſchrie diesmal nicht„Keporkak“, ſon⸗ dern ſo laut und freudig„Harald, Harald“, daß es an den Bergen wiederhallte. *& —— e —— Die Eltern waren voll zarter Rückſicht durch einen vorauseilenden Grönländer auf die Rückkehr ihres todt⸗ geglaubten Kindes vorbereitet worden. Aber es landete auch diesmal nicht ein unbeſonnener, von jugendlicher Lebensluſt überſprudelnder Knabe, ſondern ein ernſter, gereifter Jüngling, gebeugt und voll Reue über ſeine tiefe Verſchuldung.. Harald wollte ſich ſeinem Vater zu Füßen werfen. Aber dieſer fing ihn auf, umarmte und küſſete ihn. „Vater, laß mich!“ ſagte Harald.„Ich bin wie der verlorene Sohn und muß wie dieſer ſprechen:„Vater, ich habe geſündigt im Himmel und vor dir und bin nicht werth, daß ich dein Sohn heiße“. „Nun ſo will ich denn wie der Vater ſprechen“, ſagte Herr Lymann.„Bringet das beſte Kleid hervor und thut's ihm an und gebet ihm einen Fingerreif an ſeine Hand und Schuhe an ſeine Füße; und bringet ein gemä⸗ ſtetes Kalb her und ſchlachtet es, laßt uns eſſen und fröhlich ſein. Denn dieſer mein Sohn war todt und iſt wieder lebendig geworden; er war verloren und iſt ge⸗ funden. An dieſem Tage war Feſttag im Miſſionshauſe zu Pfingſtthal. Aber der ſchönſte Schmuck des Feſtes waren die Reuethränen des Sohnes und die Freudenthränen der Eltern. Der folgende Winter traf die Familie Lymann nicht mehr in Grönland. — 126— Jetzt ſind ſie bereits ſeit Jahren wieder heimiſch in der Heimath. Herr Lymann wirkt als hochangeſehener Geiſtlicher und Superintendent in ſeinem Kreiſe, Frau Lymann dagegen iſt völlig geſundet und friſch auf den Beinen. Sie pflegt ein ſpät nachgeborenes Töchterlein. Harald iſt ſeinen Eltern in jeder Weiſe unterthan und ſucht ſeinen früheren Leichtſinn gut zu machen. Er hat längſt ſeinen Cicero und noch mehr Bücher abſolvirt. Da⸗ mit aber das edle Waidwerk nicht ganz darniederliegt, hat er die Erlaubniß, in den gräflich Seebachiſchen Waldungen hin und wieder zu jagen. Harald hat nämlich dem alten Grafen den Verſöh⸗ nungsgruß ſeines Sohnes mit heimgebracht und der alte Graf hat dafür Harald ſein vereinſamtes Vaterherz ge⸗ ſchenkt und ihm ſeitdem manches Sohnes⸗Recht eingeräumt. Man ſpricht davon, der kinderloſe Graf würde ihn als Erben einſetzen. Harald aber denkt an ſolche Dinge nicht, ſondern hat Heimweh nach dem Norden. Sein ganzes Sinnen und Streben geht nach einer Nordpolfahrt. Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden. Vorräthig in allen Buchhandlungen. Thiergeſchichten. Erzählungen und Schilderungen aus dem Leben der Thierwelt. Von Dr. Karl Oppel. 40 Zogen gr. 80 mit 24 Tafeln in Tandruck.— Prachtvoll gebunden Preis 3 Thlr. Ein Werk, das nicht im trocknen Tone der Wiſſenſchaft belehren will, ſondern in der unterhaltenden und feſſelnden Form einzelner Erzählungen. Nicht das gelehrte Syſtem iſt hier die Hauptſache, ſondern die anſchauliche Schilderung, wie die Thiere leben, ihre Nahrung ſuchen, ſich vertheidigen; wie ſie die merkwürdigſten Züge von Anhänglichkeit und Dankbarkeit, von Muth und Aufopferungs⸗ fähigkeit, wie von Bosheit und Rachſucht, von Liſt und Verſchlagen⸗ heit zeigen, und wie ſie der Menſch nützt und ſich dienſtbar macht. Das Buch wird in der Hand des Lehrers wie in der des Schülers dienen, den naturhiſtoriſchen Unterricht zu beleben und anziehend zu machen, wird ein unterhaltendes und zugleich belehrendes Leſebuch für die Jugend, Familie und das Haus ſein und das Intereſſe für die Thierwelt in allen Leſern anfachen. Dazu bietet es ein reiches, jahrelang geſammeltes Material und wird ohne Zweifel manchen Leſer zu eigenen Beobachtungen anregen. 9 Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden. Robinſon der Jüngere von Joachim Heinrich Campe. N Für das Volk und die Jugend neu bearbeitet von W. O. von Horn (W. Oertel) dem Spinnſtubenſchreiber. Zweite verbeſſerte Auflage. Preis nur 15 Sgr. Die Geſpräche ſind in dieſer neuen Bearbeitung weggefallen, da ſolche doch nicht wirkten, was ſie wirken ſollten, weil erfahrungsge⸗ mäß meiſtens gerade die fähigen Kinder dieſelben bei der ſpannenden Geſchichte überſchlagen haben. Dagegen iſt das Reſultat der Geſpräche— die Belehrung— in den ungeſtörten Gang der Geſchichte verflochten, und daß dies auf religiös⸗ſittlichem Boden in richtiger Form geſchehen, dafür mag der Name des Verfaſſers eine Garantie geben. Mit vier Stahlſtichen. 20 Bogen. Elegant gebunden. Friedel. Eine Geſchichte aus dem Volksleben erzählt. Von W. O. v. Horn. Vierte Auflage. Mit 5 Stahlſtichen. Gebunden 18 Sgr. Druck von K. Schwab. Wiesbaden. 4 X AN L 1 X 8 4 3 — ſüiſ 17 18 ſinnnſnnſſnſſſſſſiſſnſſſinſnſſiſſſſſinſinſiſnſſſiſiſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 —.————