* — “ — Wiederklaͤnge von Leben und Kunſt. Von Friedrirh Taun. Zweiter Theil. ———————ꝛ— Leipzig, 1828. Verlag von Joh. Ambr. Barth. 8* 1. F inſter, wie der Verdruß ſelbſt maas der Mahler Ti⸗ paldo ſeine Wohnſtube mit großen Schritten, von Zeit zu Zeit zur offenen Thuͤre hinaushorchend. Gott Lob! rief er, als ein raſcher Mannstritt die Treppe heraufkam. Nun werde ich wenigſtens erfahren, woran ich bin.— Der Graf von Altenberg, welcher dieſen Vormit⸗ tag wieder zum Uebermahlen ſeines Portraͤts ſitzen wol⸗ len, hatte in der Nacht nach der Reſidenz abreiſen muͤſ⸗ ſen und Tipaldo den neuen Farbenreiber nach Thuͤr⸗ men geſchickt, zu hoͤren, ob es vielleicht der Baroneſſe gelegen ſey, ihrem Bilde einige Stunden zu widmen. Nun, Bromberger? rief ſeine Ungeduld dem Bo⸗ ten zu, als dieſer noch die letzten Stufen der Treppe zuruͤckzulegen hatte. Die Antwort beſtand in einem Kopfſchuͤtteln. Und warum kommt ſie nicht? Weil ſie krank iſt. II. 1 — 2— An Launen vermuthlich, an verfehlten Wuͤnſchen, dem alten, unheilbaren Uebel aller Weiber? Dasmal nicht!— ſprach Bromberger und zwar in franzoͤſiſcher Sprache.— Ein verfehlter Wunſch kann freilich dahinterſtecken; denn wer wuͤnſchte nicht lieber geſund zu ſeyn, als im Bette ausharren zu muͤſ⸗ ſen? Sie liegt in wilden Phantaſien. Man ſoll ihr durchaus denſelben Mantel herbeiſchaffen, von dem ein Paar Narren vor Gericht ausgeſagt haben, daß es der lebendige Tod geweſen. Ein naͤrriſcher Menſchenſchlag dieſe Weiber! auch im geſunden Zuſtande! Oft ſchreien ſie ſogar nach dem Tode, juſt mitten im hoͤchſten Ueberfluſſe des Wohlſeyns und wenn ſie ihn dann nur von Weitem erſt heranklappern hoͤren, ſo kennen ſie keinen Schatz weiter, als das Leben und gaͤben den ſuͤ⸗ ßeſten Geliebten um ein Paar Stuͤndchen Verlaͤnge⸗ rung dieſes Lebens hin, das ſie vielleicht unmittelbar vorher am liebſten auf Einmal mit ihm vertaͤndelt haͤtten. Starr ſah Tipaldo Brombergern an. Das ſind ja— ſprach er— zwei ganz neue Entdeckungen, die ich an dir mache, erſtens, daß du einmal ordentlich reden, und dann, daß du franzoͤſiſch reden kannſt. Es iſt wohl gar deine Mutterſprache? —„— Im eigentlichen Verſtande. Denn meine Mutter iſt franzoͤſiſcher Abkunft und weil ihr ganzes Leben ein fortdauerndes Sprechen war, ſo mußte ich natuͤrlich ihre Sprache beſſer in den Kopf bekommen, als die dem Vater zugewachſene deutſche. Knickerte er doch ohnehin mit Worten beinahe noch mehr als ich und mußte er ſich auch zum Franzoͤſiſchen bequemen, wenn er, der fuͤr das Deutſche ganz ungelehrigen Mutter nicht Alles zehn Mal erlaͤutern wollte. Tipaldo's anfaͤnglicher Verdruß war uͤber dieſer Erzaͤhlung beinahe ſchon ganz verſchwunden. Bei ſei⸗ ner außerordentlichen Zufriedenheit mit dem Farbenrei⸗ ber, auch in Nuͤckſicht vieler ſonſtiger Eigenſchaften, hatte er zeither immer fruchtlos ſich beſtrebt, die Sprach⸗ werkzeuge deſſelben in Gang zu bringen. Allerdings gab es auch manche unausſtehliche Eigenheit an ihm. So war er bisher gar nicht zur Vertauſchung des durch ſein Ungewohntes laͤcherlich werdenden Anzuges mit einem gewoͤhnlichen zu bewegen geweſen, auch wich er in vielen Stuͤcken von der Art und den Wuͤnſchen der uͤbrigen Menſchen voͤllig ab. Das ſchoͤnſte Bette ver⸗ ſchmaͤhte er, um auf bloßen Strohe zu liegen. Außer Brod und Gemuͤſe verwarf er alle Lebensmittel. Hier⸗ durch wurde Tipaldo beſonders irre in ihm und hielt 1* es fuͤr Ziererei, begriff jedoch durchaus nicht, worauf ſie abzwecke. Bald aber uͤberzeugten ihn mancherlei Ver⸗ ſuchungen, denen er den Menſchen unterwarf, daß Grundſäͤtze ihn zu dieſer Beſchraͤnkung gebracht hatten. Er gehoͤrte auch zu den wenigen Perſonen, die nicht wiſſen, wie alt ſie ſind; denn er war zweifelhaft, ob ſeine Geburt in das Jahr 1793 oder in das darauf⸗ folgende falle. Nicht einmal uͤber den Geburtsort war er im Klaren. Nur ſo viel glaubte er, daß er im fran⸗ zoͤſiſchen Reiche und zwar im Departement der Vendee das Licht zuerſt erblickt haben moͤchte. Willſt du gemahlt ſeyn? fragte ihn Tipaldo, der ſchon laͤngſt den Vorſatz gefaßt hatte, eine Stunde ſei⸗ ner Muſſe an dieſes Dieners pikante Geſichtsbildung zu wenden. Das klingt beinahe— lachte Bromberger— wie das Wort, welches mir neulich vorgekommen iſt, als meine Neugier in der Kirche einer Kindtaufe bei⸗ wohnte. Willſt du getauft ſeyn? fragte der Geiſtliche. Und obſchon der kleine Schreihals ſeine Unluſt uͤber die Ceremonie in gar haͤßlichen Toͤnen ausſprach, ſo traten doch ſeine Pathen fuͤr ihn in's Mittel mit einem lauten Ja. Ich habe zum Gluͤck keine Pathen, die fuͤr mich antworten und ich ſelber wuͤrde nur Nein antworten muͤſſen, weil mein eines, lebendiges, Geſicht mir bis⸗ weilen ſchon zuviel iſt. Wenn euch indeſſen daran liegt, mein Herr ſo bin ich dazu bereit. Freundlich bat ihn der Mahler, der grade eine auf den Rahmen geſpannte Leinwand vorraͤthig hatte, da⸗ rum, und vielleicht hauptſaͤchlich mit deshalb, weil die jetzige, biher an dem Menſchen gar nicht geah⸗ nete Geſpraͤchigkeit, ihn zugleich hoffen ließ, manche Auskunft uͤber ſein Herkommen und ſein fruͤheres Le⸗ ben auf dieſem Wege nebenbei zu erhalten. Alles gelang nach Wunſche. Nach einigen Fragen von Tipaldo's Seite begann Bromberger freiwillig alſo: Das Beſte wird wohl ſeyn, wenn ich euch uͤberhaupt etwas von dem mittheile, was ich uͤber mich ſelber weiß. Der Tod meiner Mutter erfolgte in Paris, wie ich etwa ſieben bis acht Jahr alt war. Es gab viel Noth bei der Leiche, die mein Vater verlaſſen, weil, er ſich vor Verfolgungen hatte fluͤchten muͤſſen. Ein aus⸗ gebrochenes Complott gegen das Leben des erſten Con⸗ ſuls, oder vielleicht auch ſchon des Kaiſers, war zufaͤl⸗ lig in dem Hauſe, welches wir mitbewohnten, geſchmie⸗ det worden und er in Verdacht der Mitſchuld gerathen. In der Folge wies ſeine Unſchuld ſich eben aus, als er, einer neuen Anklage halber, abermals die Flucht ergrei⸗ — 6— fen mußte. Wohin er gekommen, iſt mir nie bekannt worden. Einer ſeiner Bekannten, der eine kleine Stelle in einem Buͤreau verwaltete, gab mir Aufenthalt, Nahrung und Kleider zur Nothdurft, doch was man Erziehung nennt, war von dem Manne nicht zu er⸗ warten, der, ein vormaliger Offiziant im Hauſe der abweſenden Koͤnigsfamilie, ſich waͤhrend der Graͤuel der Schreckensperiode nur dadurch gerettet, daß er den Namen eines verſtorbenen Kopfabſchneiders angenom⸗ men hatte. O Herr, die ungeheuern Frevel, von de⸗ nen dieſer Mann mir erzaͤhlte, mußten wohl meine Jugend mit der Verachtung erfuͤllen, die mir noch im⸗ mer fuͤr ein Leben beiwohnt, das man zur damaligen Zeit ſchaͤndlich genug war, durch die heilloſeſten Bu⸗ benſtuͤcke gleichjam dem Tode abzukaufen, welcher ſein Blutpanier allenthalben aufpflanzte. Mein fruͤher Wi⸗ derwille gegen dieſes Daſeyn gab auch Veranlaſſung, daß ich die Unwiſſenheit allem Wiſſen vorzog. Es duͤnkte mich die himmelſchreiendſte Haͤrte, daß die Natur den Menſchen, den ſie ganz ohne ſein Verlangen aus dem Nichts heraus in das beduͤrfnißvolle Leben ſtoße, daß die ihn nicht einmal mit ſo viel einfacher Nahrung fort⸗ dauernd verſorgt, als er zu ſeiner Erhaltung bedarf. Erinnerungen an ſchreckliche Ereigniſſe, wofuͤr das Kind noch gar nicht Bewuſtſeyn genug gehabt hatte, um ihre ganze Schwere erfaſſen zu koͤnnen, begleiteten ſchon den Knaben, gleich ſchwarzen, blutigen Schatten und erleichterten ihm oft den Glauben an das Unglaub⸗ liche, das man ihm berichtete. Am feſteſten hielt mein Gedaͤchtnis das Geſicht eines wuͤtenden Ungeheuers, obſchon ich zur Zeit, wie ich zum erſten Mal es erblickte, kaum drei bis fuͤnf Jahr alt geweſen ſeyn kann. Ein wahrhaftes Schreckensgeſicht mit ſeinen hervorſtehenden Backenknochen. Die dicken Lippen ſchienen von dem Blute ſo aufgeſchwollen, nach dem ſeine kleinen ſchwar⸗ zen Augen duͤrſteten, die tief aus herabhangendem Haarbuſchwerke wie aus einem Hinterhalt hervorfun⸗ kelten. Bei einem Bilde, das mir ſpaͤterhin vorkam, auf dem unter andern ein Haupt zu ſehen war, wel⸗ ches Schlangen ſtatt des Haares wild umringelten, fiel mir ſogleich jener Kopf wieder ein und ich fragte mich im ganzen Ernſte, ob ſein ſchwarzes Haar nicht viel⸗ leicht ebenfalls Schlangen geweſen waͤren, denn grade ſo wirrte es ſich durcheinander. Jener Unhold hielt ei⸗ nen Mann von einnehmendem Aeußern an der Bruſt, den aber die Noth tief heruntergebeugt hatte. Er klagte dem Volke ihn an, daß es ihn zerreißen ſollte, weil er durch die Verzweiflung zu dem Wunſche aufgereizt worden war, ein Koͤnig moͤchte der unſeligen Unord⸗ dnung ein Ziel ſetzen. Verraͤther, alles Verraͤther! ſchrie der Kerl, als die Menſchen Mitleid zeigten mit dem armen Rentier und drohete im Davonlaufen noch, ihren Hals unter das Henkerbeil zu liefern. Denſelben Elen⸗ den erblickte ich nachher wieder beim Kroͤnungszuge des Kaiſers in deſſen Livree und ſein Blick ſagte, daß der ſcheußliche Tiger nur im Aeuſſern gebaͤndigt war. Als Juͤngling beſtaͤtigte ſich mir das Heilloſe im menſchlichen Geſchicke immer mehr. Jetzt hoͤrte ich erſt recht und ſtaunte und zitterte. Was war alle Kunſt und Wiſſenſchaft und Rechtlichkeit werth in einer Welt, welche ihre ſchoͤnſten Zierden mit dem Blutgeruͤſte be⸗ lohnte? Und ſtatt des ungluͤcklichen Phantoms, wofuͤr der Wahnſinn grade das edelſte, Blut vergoß, ſtand, wie der furchtbarſte Hohn, ein prachtvoller Kaiſerſtuhl da und der ſeinen Sitz einnehmende war der naͤmliche Rieſe an Geiſt, welcher dem einen und unheilbaren Freiſtaate, den er in eiſerne Feſſeln ſchlug, an der Spitze der verblendeten Heere, die heiligſte Treue ge⸗ ſchworen hatte! Mein Entſchluß nichts zu ſeyn und zu werden in einer Welt, die ſelber nichts, und noch weniger werth war, als nichts, befeſtigte ſich mehr und mehr. — — — 9— Mit zunehmendem Alter ruͤckten ihre Schauer mir immer naͤher. Die Conſcription ſtreckte ihre Tiger⸗ kralle aus nach mir. Ich bebte beim bloßen Gedan⸗ ken, ihr folgen zu muͤſſen. Wahrlich, nicht aus ſchaͤndlicher Feigheit! Aber bei meinen Anſichten von dem ganzen Unweſen, welches man trieb, wuͤrde ich mich haben verachten muͤſſen, haͤtte ich nicht mein Aeußerſtes thun wollen, ihr zu entrinnen. Mit Huͤlfe eines dem neuen Herrſcher gehaͤſſigen vormaligen Hof⸗ mahlers des hingerichteten Koͤnigs, gelang es mir, als Farbenreiber, mich in ſeiner Wohnung verſteckt zu halten. Der Gedanke, dem ihm verhaßten Fuͤr⸗ ſten einen ruͤſtigen Kaͤmpfer zu entziehen, gewaͤhrte ihm Freude genug, um die Gefahr zu verachten, welche auf den Fall des Herauskommens ihn be⸗ drohte. Aber da er mir gut war, ſo fuͤrchtete er ſich davor doch um meinetwillen. Er war naͤmlich uͤber⸗ zeugt, daß ich den Schwur, den ich gethan, halten wuͤrde, mich eher ſelbſt zu erſchießen als mir den Eid zu den Adlern des Kaiſers abnoͤthigen zu laſſen. Schon beim Eintritt in den Dienſt des guten Alten faßte ich den Grundſatz, fuͤr ein Leben, das ich ver⸗ achtete, ſo wenig als moͤglich zu thun, und mich von ihm auch ſo unabhaͤngig, als moͤglich zu machen. — 10— Ein Hauptmittel hierzu war das Verſchmaͤhen jeder andern als der geringſten, einfachſten Nahrung und der Entſagung jedes Genuſſes, der uͤber das zur Selbſterhaltung Nothwendige hinausgeht. Noch nie hatte ich Urſache das zu bereuen. Wenn ich nach Ausrottung jenes Regentenſtammes, welcher mit ei⸗ ſernen Wurzeln im Boden des ganzen Welttheils be⸗ feſtiget ſchien, wie keiner, die vielen, in ſeinen Stra⸗ len ſich Wohlbefindenden, dem nachherigen Elende groͤßtentheils erliegen ſah, da war es mirr die kraͤf⸗ tigſte Beruhigung, aus dem ſelbſt gewaͤhlten Elende nie herausgegangen zu ſeyn. Noch in der Folge hat es mich dadurch beſonders begluͤckt, daß ich jeden Herrn der mir nicht gefiel, ſogleich wieder aufgeben konnte, weil mir ſtets ſo viel uͤbrig blieb, um mein geringes Beduͤrfnis zu befriedigen. Und doch kam ich vor Kurzem aus Ueberdruß am Dienen der zuweilen recht wunderlichen Herren, gaͤnzlich herunter. Da perkaufte ich denn, weil es auf den Sommer losging, das ein⸗ zige Hemde das ich noch anhatte, ziemlich gut. Haͤtte ich doch ohnehin die Zeit, waͤhrend der es gewaſchen wurde, ſolches entbehren muͤſſen und kam viel billi⸗ ger dazu, wenn ich mich tagtaͤglich im Fluſſe ſelbſt badete, als wenn ich fuͤr das Hemdenwaſchen noch — 11— Geld wegwarf. Die Eil, die ich uͤbrigens zeigte, in eure Dienſte zu kommen, war eine nothwendige. Mein letzter Herr ſtand mir naͤmlich durchaus nicht an. Gleichwohl wollte er mich wider Willen in ſei⸗ nem Dienſte behalten und verhinderte, daß ich einen Paß bekam. Ohne dieſen, wie ich davon gegangen war, hatte ich keine Zeit uͤbrig, mein Unterkommen bei dem Manne zu finden, deſſen Aufruf ich in den Zeitungen geleſen hatte. Denn ſchwerlich wuͤrde ich in dieſer Kleidung ſo weit gekommen ſeyn, haͤtte nicht die Dunkelheit der Nacht meine Wanderung beguͤnſtigt. 2. Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hatte Tipaldo zuletzt die Kreide, mit welcher er Brombergers Geſicht auf die Leinwand brachte, auf ein neben ihm ſtehendes Tiſchchen gelegt, und den Mann mit wahrhaftem Wohlbehagen betrachtet. Jetzt aber bei ſeinem Inne⸗ halten ſprang er auf, fiel ihn um den Hals und ſprach: Und ſo viele Tage nun ſchon konnteſt du dieſe Aufklaͤrungen mir vorenthalten, die mich zu dei⸗ nem Freunde machen; guter, lieber Junge? Vor Allem bitte ich dich jetzt nur um Ablegung dieſes Anzugs, der dir bei jedem der dich nicht kennt, das — 12— ſchlimme Anſehen eines affektirten Menſchen giebt. Kleider ſollen die Deinigen werden dafuͤr, ſo gut ſie ein billiger Menſch nur verlangen kann. Nichts davon, mein Herr, wenn ich bitten darf. Aber, mein Himmel, die Weiber, denke doch nur an die! Je mehr ſich mein Auge in dein Geſicht hineinfindet, deſto weniger begreife ich, wie ich ſo viel treffliche Linien zeither daran uͤberſehen konnte. Die verwuͤnſchte Kleidung that es ganz allein. Du ris⸗ kirſt in ihr nicht einmal eine Frau zu bekommen, was in deinen Jahren doch gewiß ein penibler Ge⸗ danke iſt.— Nein Herr!— antwortete er, recht aus Herzens⸗ grunde. Nach meinem Grundſatze, nur ſo viel dem Leben ſchuldig zu werden, als zu deſſen Erhaltung Noth thut, ſind grade die Weiber fuͤr mich ein ganz verbotener Artikel. Zum Gluͤck hat mir ihre Eitel⸗ keit, ihr Flatterſinn, ihre Untreue, ihre Doppelzuͤn⸗ gigkeit ſchon in der fruͤheſten Jugend die Sache, bei meiner Diaͤt, ſo leicht gemacht, daß mich jetzt ſelbſt die ſchoͤnſte, treueſte und tugendhafteſte, ſchwerlich in die Falle locken wuͤrde. Und was dieſe Kleidung be⸗ trifft und den Verdacht der Affektation, der daraus gegen mich zu ſchoͤpfen waͤre, ſſo laßt das immer. — 13— Ich ſtehe nun einmal auf dem Fuße mit der Welt und mit mir, daß mich ihr Urtheil weder beugen noch freuen kann. Madam Marbach trat jetzt in großer Haſt herein und warf ſolch einen Schwarm der bitterſten Vor⸗ wuͤrfe uͤber den Mahler aus, weil er dem Vicomte zur Flucht behuͤlflich geweſen, daß Bromberger fuͤr ſchicklich hielt, ſich zu entfernen. Reden ſie doch! ſprach ſie dann. Verantworten ſie ſich doch, Herr Tipaldo!— Kaum aber oͤffnete er den Mund, ſo unterbrach ſie ihn wieder. Daher ſchwieg er von Neuem und ließ das Urtheil, als eines großen Vergehens gegen ſie uͤberfuͤhrt und ein⸗ geſtaͤndig, uͤber ſich ergehen⸗ Und— fuhr ſie dann fort— das leergewordene Quartier unten, bekommt der Haſenfuß von einem Poeten nicht, den ſie mir empfahlen. Ich habe es dieſen Morgen an einen Andern vermiethet. Tipaldo wendete ein, daß ja die Vermiethung an Thorn ſchon wirklich erfolgt ſey. Wenn zehnmal— antwortete ſie— ich gebe es ihm nicht, und will doch ſehen’, wer mir das freie Schalten mit den Wohnungen in lmeinem eigenen Hauſe verwehren ſoll; das will ich ſehen!— Und— — 14ñ— ſo ſprach ſie immer erhitzter weiter— ihrem Farben⸗ reiber ſagen ſie, daß wenn er ein vernuͤnftiger Menſch ſeyn will, er auch wie ein ſolcher ausſehen ſoll. Die Schande faͤllt ja nicht allein auf ſie, ſondern auch auf mich, wenn es herauskommt, daß ſolch ein Lump in dieſem Hauſe geduldet wird, wo ich von jeher auf Ordnung und Reinlichkeit gehalten habe. So halb als Narr, halb als Bettler, leide ich den Patron nicht einen Tag laͤnger, und riebe er ihnen ihre Farben noch einmal ſo ſchoͤn. Mit dieſen Worten eilte die Zornige hinweg. Haſt du's mit angehoͤrt? fragte der Mahler den Farbenreiber. Alles; zu meiner großen Zufriedenheit! antwor⸗ tete er. Was koͤnnte wohl meinem Urtheile uͤber die Weiber zu beſſerm Belege dienen als dieſes zornige Ungethuͤm. Alt oder jung, vornehm oder geringe, ſo ſind ſie alle, verſteht ſich mit denjenigen Modifica⸗ tionen, welche Stand und Erziehung ihnen an die Hand geben. Die Unvernunft, welche die Gemeine herauspoltert, ſucht nur bei der Wohlerzogenen den Schein der Vernunft zu uſurpiren. Es verdrießt ſie, daß ihr dem Vicomte durchhalft, euch zum Poſ⸗ ſen haͤlt ſie daher dem Dichter, den ihr zum Abmie⸗ ther ihr verſchafftet, das gegebene Wort nicht, weil ſie euch damit zu aͤrgern glaubt und ſchreit dann, die Kleinigkeit ihrer fruͤhern Zuſage ganz vergeſſend, druͤber auf, daß man ihr das Schalten im eigenen Hauſe verwehren wolle. Und weil ſie auch euch zu⸗ frieden weiß mit meiner geringen Arbeit, ſo moͤchte ſie aus meiner Halsſtarrigkeit gern den Vortheil zie⸗ hen, mich euch zu nehmen. Das aber ſoll ihr nicht gelingen. Um dieſen Preis gebe ich jene Halsſtarrig⸗ keit auf und laſſe mir einen andern Anzug gefallen. Nur ganz geringe und hoͤchſt einfach laßt ihn ſeyn, darum bitte ich.. Als Tipaldo ihm dafuͤr freundlich die Hand ge⸗ druͤckt hatte, beſprachen ſie noch das Naͤhere der neuen Kleidung. Einen Rock verſchmaͤhte Bromberger durchaus, zumal im Sommer und da Tipaldo, der mit ihm ohngefaͤhr von Einer Statur war, grade ein Hauswams und Beinkleider uͤbrig hatte, wovon ihm die grobe Beſchaffenheit des aus Misverſtaͤndnis vom Schneider gewaͤhlten Tuches zum eigenen Ge⸗ brauche nicht angeſtanden, ſo machte ſich die Sache von ſelbſt. Vergebens aber verlangte der Mahler, daß ſein Farbenreiber in dieſer verbeſſerten Geſtalt bei ihm am Tiſche miteſſen ſolle. Nein,— ſagte er— nur nothgedrungen und euretwegen ging ich von meiner Art und Weiſe im Punkte des Anzugs ab, begehrt nicht mehr von mir, mein Herr. Ich eſſe mit eurer Barbara nach wie vor. Sie ſcheint ihre Abneigung gegen mich aufge⸗ geben zu haben. Bromberger ſagte hiermit offenbar viel zu wenig. Seit Barbara ſeine ausgezeichnete Reinlichkeit ken⸗ nen gelernt, hatte ſie vielmehr ein Auge auf ihn ge⸗ worfen. Aber nichts bewies wohl beſſer, ſeinen Wei⸗ berhaß, als daß er auch gar keine Aufmerkſamkeit auf eine Perſon zu richten ſchien, welche ihm die groͤßte bewies. Das braune, rothwangige Maͤdchen von achtzehn Jahren und einem uͤppigen Wuchſe, hatte eine recht gute Nummer im Hauſe. Tipaldo nannte ſie gewoͤhnlich, ſeinen lebendigen Rembrand, wegen der Aehnlichkeit, welche das Maͤdchen, dem Umriſſe und Kolorit nach, mit den von dieſem Kuͤnſt⸗ ler dargeſtellten beſas. Sie hatte ihm auch ſchon mehrmals zum Mahlen ſitzen muͤſſen. Nicht Rembrand— ſagte er das eine Mal zu ihr— Hoͤllenbrand vielmehr moͤchte ich dich nennen, wegen der Glut, die aus den braunen Augen her⸗ uͤberflammt durch die kohlſchwarzen Wimper, ohne — 17— dieſe im mindeſten zu verſengen. Denn dein benga⸗ liſches Feuer erſtirbt unter meinem dummen Pinſel! Barbara fing jedoch an uͤber den Beinamen zu weinen, worauf er ihr etwas in die Hand druͤckte, mit der Bitte, daß ſie von ſeiner Uebereilung mit dem Schimpfworte, keiner Seele einen Laut ſagen moͤchte und nahm ſich ſeitdem gewaltig in Acht ein ungehoͤriges Wort, vor denen er in der Regel nie ſicher war, gegen ſie herauszulaſſen. Jetzt eilte Tipaldo in Aldenheim's Wohnung, ihn zum Zuruͤcktreten von der Miethe des untern Stock⸗ werks zu bewegen. Allein er war verreiſt. Nun ging er zu dem im Zweikampfe verwundeten Thorn, die⸗ ſen auf die Umſtaͤnde in Anſehung des dem ihm ge⸗ gebenen Worte zuwider an einen Andern vermiethe⸗ ten Quartiers aufmerkſam zu machen. Thorn's Hef⸗ tigkeit ließ ihn nicht ausreden. Er berief ſich auf Tipaldo, als Vermittler und Zeugen des ihm von Frau Marbach gegebenen Verſprechens und meinte, daß er ſein Recht ſchon durchſetzen werde, und muͤſſe, da die Ausſicht aus dieſem Quartiere die beſte in ganz Langenhof ſey, ein Dichter aber auf dergleichen ſchoͤne Anregung von auſſen weit mehr zu ſehen habe, als ein Mahler, der nicht einmal Landſchafter ſey. II. 2 — 18— Nicht einmall achte Tipaldo in ſeinem Ver⸗ druſſe ſpoͤttiſch auf und eilte hinweg. 3. Voll Unmuths uͤber einen großen Laͤrm in der Nacht, der ihn aus dem Schlafe geweckt hatte, ſetzte Tipaldo am Morgen eben die Farben auf ſeine Pa⸗ lette, als Madam Marbach, noch im voͤlligen Nacht⸗ anzuge hereineilte. Ach Gott, lieber Tipaldo, ſie haben doch recht gehabt, ich haͤtte mich nicht einlaſſen ſollen mit die⸗ ſem Aldenheim. Wem waͤre aber auch eingefallen, daß er dergleichen im Schilde fuͤhrte? Was denn? fragte der Mahler, der bei dem er⸗ ſten die Farben gleichguͤltig wie zuvor aus den Bla⸗ ſen auf die Palette druͤckte, bei den letzten Worten aber ploͤtlich mit einem Uebermaſe von Haſt und Heftigkeit aufhorchte und in ſeinem Thun innehielt. Denken ſie nur, Tipaldo, vorige Nacht, grade halb zwei Uhr wird auf Einmal ganz furchtbar an der Hausglocke geriſſen. Das kann ich mir ſehr lebhaft denken; denn es — 49— koſtete mich meinen ganzen Schlaf!— fiel der Mah⸗ ler ein— Weiter aber, weiter!— Ich ſelber machte mich ſogleich auf die Fuͤße und herunter mit der Barbara nach dem Wagen, der vor dem Hauſe hielt, um vor den Ankommen⸗ den meine ganze Herzensmeinung ohne Ruͤckhalt aus⸗ zuſchuͤtten. Und ſiehe da, wer iſt's? Mein neuer Miethsmann, der doch hier im Orte wohnt und den ich gar nicht vermuthen konnte. Vor Erſtaunen von meiner und vor uͤbergroßer Artigkeit von ſeiner Seite gingen mir alle Worte aus und er beſchwor mich nur, eiligſt ſeine Wohnung aufſchließen zu laſſen. Ich oͤffnete ſie nun auf der Stelle ſelber, und er und noch einer in einem Mantel ſo eingehuͤllt, als ob wir jetzt eine Kaͤlte haͤtten von fuͤnf und zwan⸗ zig Graden, wie im vergangnen Winter, die fallen vor lauter Eile die Treppe hinauf, mehr als Einmal. Die Pferde aber vor dem Wagen, das ſah ich erſt, als ich wieder hinunterkam, den Koffer heraufſchaf⸗ fen zu laſſen, die waren wie aus dem Waſſer gezo⸗ gen. Der Kutſcher wendete nachher alle Muͤhe an, ſie hinweg zu bringen, umſonſt, ſie konnten nicht weiter, ſo hatte man die armen Thiere par force gejagt.— Da ſprengt auf Einmal ein Reiter um 2*† — 20— die Ecke, heran nach dem Wagen. Wem gehoͤrt das Fuhrwerk? fragt er haſtig. Der Kutſcher entſchul⸗ digt ſich mit Unwiſſenheit und beruft ſich auf den weggegangnen Herrn, nach einem der obern Fenſter ſchauend, das ſich eben geoͤffnet hatte. Aldenheim ſelbſt, der herunterſah, kam eiligſt herzu, riß den Rei⸗ ter auf die Seite und nach einer langen leiſen Ver⸗ handlung, die Anfangs gar nicht zum Schluſſe kom⸗ men wollte, trat er zu meiner Laterne, nahm einige große Goldſtuͤcke aus ſeiner Boͤrſe, und druͤckte ſie dem Reiter in die Hand, worauf dieſer ſich bewegen ließ, unverrichteter Sache wieder davonzuſprengen. Mich aber beſchwor nunmehr Aldenheim bei allem was mir heilig ſey, keinen Laut gegen irgend einen fremden Menſchen davon zu thun, daß Jemand in ſeinem Quartiere oben wohne. Die Sache war mir zu ſchnell uͤber den Hals gekommen, um mich ſo⸗ gleich recht faſſen und beſinnen zu koͤnnen, daher ver⸗ ſprach ich ihm das und er eilte fort. Der Kutſcher hatte inzwiſchen die Pferde auch Schritt vor Schritt mit dem Wagen weiter gebracht. Mir aber fiel im Heraufſteigen bei jeder Stufe dieſe Geſchichte immer ſchwerer auf's Herz. Ich ging zwar wieder zu Bette, konnte jedoch kein Auge mehr zuthun vor Todesangſt. — 21— Man ſpricht jetzt ſo viel von Umtrieben gegen die Regierungen, von heimlichen Verſchwoͤrern. Denn um geringere Dinge wuͤrde Aldenheim doch gewis der Thor nicht geweſen ſeyn, das ſchoͤne Geld ſo wegzu⸗ werfen. Ach, du großer Gott, wenn mein armes Haus noch gar zur Hoͤle ſolcher Verbrecher werden, wenn mein unſchuldiges Kind durch Unterſuchung und Konfiskation vielleicht um das ganze Bischen kommen ſollte, deſſen Erwerb mir und meinem gu⸗ ten ſeligen Manne ſo ſauer geworden iſt! Sehen ſie wohl, liebe Marbach— ſprach Tipaldo — ſo beſtraft ſich die Wortbruͤchigkeit. Haͤtten ſie nicht das Stockwerk, ganz zur Ungebuͤhr, dem recht⸗ maͤſigen Abmiether entzogen, ſo waͤre das Alles nicht dahin gekommen. Ach Gott, ich gebe ihnen ja recht und habe es in dieſen langen Morgenſtunden mehr als hundert⸗ tauſendmal bereut. Aber die Strafe waͤre doch auch gewis allzugrauſam. Helfen ſie mir daher mit einem guten Rathe, was ich anfangen ſoll. Vor allen Dingen, gute Marbach, ſeyn ſie ruhig. Mein Wort darauf, daß es lange nicht ſo ſchlimm iſt, als es ihnen ausſieht. Meinen ſie, guter, lieber Tipaldo?— ſprach die — 22— Frau und die Thraͤne, welche ihr das Auge ſchon beſchleichen wollte, loͤſte ſich als voͤllige Freudenthraͤne von ihrer Wimper uͤber dieſe troͤſtende Zuſprache ei⸗ nes Mannes, der in ihren Augen ſehr verſtaͤndige Anſichten von den meiſten Dingen hatte. Ich werde mich ſogleich auf den Weg zu Alden⸗ heim machen, um uͤber die Bewandnis Nachricht ein⸗ zuziehen. Die Frau dankte ihm inbruͤnſtig, und ſchon ſtand er, eine halbe Stunde nach ihrem Weggehen, vdllig angekleidet da, ſeine Zuſage zu erfuͤllen, als Alden⸗ heim ſelbſt herein und in tiefſter Bewegung an ſei⸗ nen Hals ſtuͤrzte. Er kam ebenfalls um Tipaldo's Rath zu flehen. Der jetzige Bewohner der von ihm ermietheten Woh⸗ nung war nicht, was er ſchien, es war die Gattin eines ziemlich angeſehenen Staatsbeamten, welche durch Aldenheim entfuͤhrt worden. Als dieſes Geſtaͤndnis uͤber des letztern Lippen ging, rief Tipaldo aus: Unbeſonnener, wie kamſt du zu ſolchem Ungluͤcke?. Durch mein Herz, durch mein fuͤr ſchoͤne Weib⸗ lichkeit und Tugend gluͤhendes Herz— antwortete der junge Mahler in italieniſcher Sprache, der er — 23— gewoͤhnlich gegen Tipaldo ſich zu bedienen pflegte.— Waͤhrend meines letzten Aufenthalts in der Reſidenz, fertigte ich das Portraͤt der, mit Reizen hochbegabten Frau. Ihr gefuͤhlvoller Blick mußte mein ganzes Gemuͤth aufregen. Die Roͤthe, welche das eine Mal ihre Augenlieder entſtellte, trieb mich zu der Frage, ob ihr etwas fehle. Und nun hielt ſich das finſtre Geheimnis nicht laͤnger in ihrer Bruſt. Unter Schluch⸗ zen geſtand ſie mir, wie der Mann, von dem ſie haͤtte glauben muͤſſen, ſie wuͤrde ihn fuͤr ſein ganzes Leben begluͤcken, ihr das ihrige zur Hoͤlle machte. Sie denke jedoch Alles, Alles zu erdulden, da ſie an mir einen theilnehmenden Freund gefunden, in deſſen Bruſt ſie ihr Leid ausſchuͤtten zu duͤrfen hoffe. Nur verſicherte ſie ſich zuvor auf das Feierlichſte meines Geluͤbdes, nie Geſtaͤndniſſe oder Forderungen an ſie zu thun, welche den Rechten ihres Gemahls im Min⸗ deſten zu nahe traͤten. Eine bloße, in dieſem Falle gewiß verzeihliche Seelenliebe ſollte zwiſchen uns ſtattfinden, um ihr ein Leben zu verklaͤren, in deſſen dumpfer Stickluft ſie außerdem umgekommen ſeyn wuͤrde.— Als hier Aldenheim ſchmerzlich inne hielt, murrte erſt Tipaldo kopfſchuͤttelnd und ſagte dann: Die rein⸗ — 24— ſinnliche Liebe gleicht dem Apfel, den die Schlange im Paradieſe bot, nach dem Genuſſe deſſelben verſchloß ſich der ſelige Aufenthalt dem erſten Menſchenpaare fuͤr immer. Die reingeiſtige Liebe aber iſt nur allzuoft jene Schlange ſelbſt.— Kam es nicht zu jenen Ge⸗ ſtaͤndniſſen und Forderungen? Dazu kam es allerdings nicht— ſprach der junge Mahler mit unterdruͤcktem Seufzer. Aber— fiel Tipaldo ein— die bekannte Hab⸗ ſucht der Liebe, wußte ihren Curſus, durch Umgehung dieſer Dinge, zu vollenden, heh? Nur weiter aber! Da ſie— fuhr Aldenheim fort— von einer Schei⸗ dung nichts wiſſen wollte, ſo mußten wir uns endlich nothwendig trennen. Denn ich war meiner Blicke und Gefuͤhle, auch im Beiſeyn ihres Gemahls, nicht laͤn⸗ ger maͤchtig. In den letzten Wochen wechſelte ich von hieraus Briefe mit ihr. Einer davon gerieth, trotz al⸗ ler Vorſicht in des Staatsraths Haͤnde. Es kommt zu einem ſtuͤrmiſchen Auftritte zwiſchen ihm und ihr, und keine Zuflucht bleibt ihr vor den Mishandlun⸗ gen des Abſcheulichen, als bei Verwandten von ihm, welche ein Gut in hieſiger Gegend bewohnen. Hier aber findet die Aermſte eine eigentliche Hoͤlle. Schau⸗ dernd vor der Beſchreibung, welche mir ein Brief davon macht, hielt ich es zunaͤchſt fuͤr die heiligſte Pflicht ſie zu befreien. Das iſt nun gelungen. Al⸗ lein, obſchon ein nachgeſendeter Verfolger durch Geld gewonnen wurde, ſo wird die Spur ſich doch wie⸗ derfinden und was dann? Verehrter Freund, nur dasmal verlaßt mich nicht mit eurer Unterſtuͤtzung in der ſchwierigſten Lage meines ganzen Lebens. Denkt euch die Ungluͤckliche, wie ſie aufgeloͤſt in Schmerz uͤber die auf ſie hereingebrochene, troſtloſe Verwirrung—— Das Alles— fiel Tipaldo ein— kann ich mir leicht denken. Das Noͤthigere daher zuerſt. Wie die Sachen ſtehen, duͤrften gar Steckbriefe—— Sichtbar ſank Aldenheim bei dieſem Worte in ſich ſelbſt zuſammen. Seyd ihr den— fragte Tipaldo— ſeyd ihr ent⸗ ſchloſſen, ſie zur Frau zu nehmen? Gott, welche Frage! das iſt ſo viel, als ob ich den Himmel verſchmaͤhen koͤnnte, deſſen Allerheilig⸗ ſtes mir geoͤffnet wuͤrde. Strebt doch meine ganze Seele einzig nach dieſem Punkte hin. Wohlan— ſprach er— wenn ihr mich zum Vermittler wollt, ſo reiſe ich noch heute zu ihrem Manne, ihm Vorſtellungen im Namen der Frau zu thun, die ich aber zuvor freilich ſelbſt ſprechen muͤßte. Sie wird noch bei der Hauswirthin ſeyn, der ich ſie eben erſt empfohlen und ſo viel noͤthig war, die Umſtaͤnde angezeigt habe. Da kam, von der Entfuͤhrten geſendet, Madam Marbach, ihre Sache dem Mahler Tipaldo an's Herz zu legen. Ihrer Aeuſſerung nach, war die Staatsraͤthin Himm, ſo hieß die Dame, die wuͤr⸗ digſte, trefflichſte Frau unter der Sonne und eine Verwendung ihretwegen die Pflicht jedes Mannes, dem Sinn fuͤr Recht und Gerechtigkeit beiwohne. Aldenheim that ihr Tipaldo's bereits gefaßten Entſchluß kund, und ſie eilte zu der Bedraͤngten, dieſe auf ſeine baldige Ankunft vorzubereiten. Der junge Mahler ſprach nun mit wahrer inne⸗ rer Genugthuung. Nehmt ab aus dem Intereſſe dieſer Frau an meiner theuern Aurelie, daß ich ge⸗⸗ wis nicht zuviel ſagte zu ihrem Lobe. Wenn man in dieſer kurzen Zeit ſchon ſo gewaltig eingenommen wird, fuͤr eine ganz Unbekannte—— Auf dieſen Grund, guter Aldenheim baut mir ja keine Prachtgebaͤude! Die meiſten, auch guten, Weiber werden von jeder ſchluchzenden Ehebrecherin, — 22— die ſich mit Fagon in ihre Arme zu werfen weiß, ohngefaͤhr ſo ſprechen, wie Madam Marbach von euerm Herzblaͤttchen, waͤhrend ſie im Allgemeinen den Ehebruch als das Heilloſeſte ausſchreien, und wenn die troſtloſe Frau ihr Vertrauen einer Andern zugewendet, dieſe wie eine Ausſaͤtzige behandelt haͤt⸗ ten. Rechnet das zu den interreſſanten Widerſpruͤ⸗ chen in der weiblichen Natur uͤber die man aber auch nicht zu hart abſprechen muß, weil ſie großen Theils in dem Gefuͤhlsuͤberſchwange ihren Grund ha⸗ ben. Ihn gehoͤrig zu leiten, dazu gehoͤrt freilich in der Regel, ein Mann, was allerdings aber diejenigen Frauen nicht zugeben werden, welche durch derglei⸗ chen ihre Selbſtſtaͤndigkeit gefaͤhrdet glauben. Tipaldo ging mit ſeinem jungen Freunde zu der Staatsraͤthin Himm. Kaum vermochte er ſein Er⸗ ſtaunen daruͤber zu maͤßigen, daß Aldenheim, ein Mahler, beſondere Reize in einem Geſichte hatte fin⸗ den koͤnnen, deſſen Unregelmaͤſiges faſt in die eigent⸗ liche Haͤßlichkeit ſich verlor. Nichts, als das Auge, das allerdings eine ſehr heftige Sprache fuͤhrte, ſchien den Zauber hervorgebracht zu haben. Die Frau gefiel ihm nicht und das war eine Art von Troſt fuͤr den wohlgeſinnten Mann. Er glaubte aus ihrem Geſichte, und den, wie es ſchien, ihr ſehr gelaͤufigen Anſtrengungen der Blicke, auf ein Weſen ſchließen zu muͤſſen, das den Mann, den es verlaſſen, auch ſchwerlich hatte begluͤcken koͤnnen, und daß hierdurch das Unheil, welches ſein lieber Al⸗ denheim an ihm peruͤbt, anſehnlich vermindert wuͤrde. Dazu war es gewis mehr von der koketten Frau, als von Aldenheim ausgegangen. Allerdings erwar⸗ tete er auch fuͤr dieſen kein Heil durch die Frau. Von anderer Seite betrachtet, war ihm das ſogar lieb. Denn ſo durfte er vielleicht hoffen, ihn kuͤnftig ganz von ihr befreit zu ſehen, was ihm als das Beſte fuͤr den jungen Mann erſchien, wenn es nicht viel⸗ leicht gar gelang, das getrennte Paar wieder zu ver⸗ einigen, was ihm das Allerbeſte duͤnkte. Aldenheims Leidenſchaft gab hierzu freilich ſeine Stimme noch nicht. Die Entflohene aber ſchwankte auffallend zwi⸗ ſchen ihm und dem verlaſſenen Gatten. Das erhellte beſonders aus den Worten, welche ſie zuletzt noch mit Tipaldo allein redete. Offenbar war in ihr weit mehr ein Streben nach baldigſter Wiederbefeſtigung ihrer erſchuͤtterten Exiſtenz, als Liebe zu Aldenheim. Sie ſuchte ſolche nur unter den Titel eines grauſa⸗ men Gebots fruͤherer Pflicht gegen Tipaldo zu ver⸗ — 29— kleiden, welcher von ihrem jetzigen Geliebteu unbe⸗ ſchraͤnkte Vollmacht zu Ausfechtung des boͤſen Strei⸗ tes, freilich unter der Vorausſetzung erhalten hatte, daß er die Gerechtigkeit ſeiner Anſpruͤche auf die ge⸗ raubte Ehefrau bei den Verhandlungen nie aus den Augen verlieren wuͤrde. Ehe Tipaldo die Reiſe antrat, brachte er auch noch eine gute Ausgleichung wegen des ſtreitigen Quartiers zu Stande. Wie uͤberhaupt in dieſer An⸗ gelegenheit, hatte Aldenheim ſich mit dem Ermiethen der neuen Wohnung ebenfalls uͤbereilt. Seine jetzige reichte, wenn auch eine Frau hinzukam, voͤllig fuͤr ſein Beduͤrfnis hin und der Wirth derſelben, dem er von der vorhabenden Veraͤnderung zu ſpaͤt geſagt, wollte ihn der Verbindlichkeit durch einen Vertrag nicht entlaſſen, der ihn noch mehrere Jahre an das vorige Haus feſſelte. So raͤumte denn Madam Marbach der Staatsraͤthin fuͤr jetzt ein Zimmer von ihrer eignen Wohnung ein und hiermit zugleich das Hindernis gegen Thorns Einziehen hinweg, wel⸗ ches dieſer, der erſte Ermiether des von dem Vi⸗ comte verlaſſenen Quartiers, ohnehin nicht anerken⸗ nen wollte. Am dritten Tage nach der letzten Gartenerleuch⸗ tung zu Langenhof konnte die Baroneſſe wieder ein wenig auſſer dem Bette bleiben. Aber das volle Be⸗ wuſtſeyn zu dem ſie zuruͤckgelangt war, wollte ihr auch keinen Troſt gewaͤhren. Die hoͤchſte Unzufriedenheit mit den Ereigniſſen ward ihr durch die hoͤchſte Un⸗ zufriedenheit mit ſich ſelbſt unertraͤglich. Eine Haupt⸗ urſache zu der letztern war ihr Verfahren an Al⸗ phonſinen und die wahrhafte Verwahrloſung, deren ſie ſich gegen die Treffliche ſchuldig fuͤhlte, zumal bei dem Gedanken an Eulaliens Betragen zu Langenhof, von dem ſie am letzten fuͤr ſie ſo ſchrecklich enden⸗ den, dortigen Abende erfahren hatte. Eben durch dieſen Gedanken auf das tiefſte nie⸗ dergeſchmettert, meldete man ihr das Liebespaar, von deſſen gerichtlicher Ausſage in Anſehung des Man⸗ nes im Mantel ſie gehoͤrt hatte. In Hoffnung mit ſcharfſinnigen Fragen den Leuten das Geſtaͤndnis ab⸗ zulocken, daß ſie durch die eigene Einbildungskraft konnten getaͤuſcht worden ſeyn, hatte ſie ſelbſt mit ihnen zu ſprechen gewuͤnſcht. Vergebens; beide er⸗ klaͤrten ſich noch immer zur Ablegung des furchtbar⸗ — 31— ſten Eides bereit, daß an eine Taͤuſchung hier gar nicht zu denken ſey und daß das Grauen, welches bei ihrem Blicke in die ſchwarzen Augenhoͤhlen des Geſpenſtes ſie uͤberfallen, und bei der fuͤrchterlichen Eiskaͤlte, womit der Schneeglanz des Todtenſchaͤdels ihre Seele erſtarrt habe, noch in der Erinnerung, allen Muth fortzuleben ihnen benehme, zumal Abends, wo das leiſeſte Geraͤuſch ſie mit einer graͤnzenloſen Furcht vor der Naͤhe der unheimlichen Erſcheinung erfuͤlle. Ein noch waͤhrend der Anweſenheit dieſer Leute in den Hof fahrender Wagen lockte die Freifrau an's Fenſter. Kaum haͤtte das ploͤtzliche Hervortreten des Geſpenſtes erſchuͤtternder auf das Paar einwirken koͤnne, als auf die Gutsherrin der Anblick des aus⸗ ſteigenden Amerikaners. Das Alleinſeyn mit ihm, wenigſtens auf Augenblicke, wo moͤglich, verzoͤgernd, bat ſie die im Fortgehen begriffenen Leute noch ein wenig zu bleiben. Je unklarer es in der Bruſt der Baroneſſe aus⸗ ſah um ſo ſchneidender fuͤhlte ſie ſich von der Klar⸗ heit im Blicke des Eintretenden getroffen. Nach der, eine große Befangenheit darlegenden Bewillkommnung machte ſie ihren Gaſt mit jener raͤthſelhaften Er⸗ — 32— ſcheinung in Langenhof bekannt und ſobald er, durch ſie aufgefordert, ſich naͤher mit dem Paar auf den Gegenſtand eingelaſſen hatte, ſuchte ſie ein einſames Zimmer auf, um fuͤr die erſte wichtige Unterredung mit dem Manne, dem ſie nicht Wort gehalten und die Vorwuͤrfe, welche ihres Erachtens, nicht ausblei⸗ ben konnten, wenigſtens etwas geſammelt zu ſeyn. Bei ihrer nachmaligen Ruͤckkehr begegneten ihr die Fortgehenden. Zu ihrer groͤßten Verwunderung, ſchien die zuvor in den Leuten aufgeſtiegene Zaghaf⸗ tigkeit ſie wieder verlaſſen zu haben. Unſtreitig ver⸗ dankten ſie dies der troͤſtenden Zuſprache des ehrwuͤr⸗ digen Hudſon. Leider, glaubte ſie, einer aͤhnlichen Zuſprache von ſeiner Seite nicht werth zu ſeyn. Wohlwollend kam er der Eintretenden entgegen. Gnaͤdige Frau— begann er, ihr ſeine Hand rei⸗ chend— ich weiß bereits, was die offenbare Scheu ihrer Blicke vor mir bedeutet und freue mich ſie da⸗ von erloͤſen zu koͤnnen. Als ich erfuhr, daß die Vor⸗ ſteherin des Stiftes zu Wehrenberg zu ihnen gereiſet ſey, befuͤrchtete ich auch ſchon das nunmehr Geſche⸗ hene. Das Fraͤulein von Longueville beſitzt ein ſel⸗ tenes Talent auf die Herzen der Menſchen zu wir⸗ ken, ein, bei ihrer Geſinnung, hoͤchſtgefaͤhrliches Talent. — 33— Der Geſichtspunkt, aus dem ſie ihnen Alphonſinens ploͤtziche Entfernung aus dem Stifte vorgeſtellt ha⸗ ben mag, wuͤrde allerdings Beachtung und die Vor⸗ ſtellung Beruͤckſichtigung verdienen, wenn das Fraͤu⸗ lein eine beſſere Perſon waͤre. So aber freilich—— Gott ſey Dank— rief hier die Baroneſſe dem Achſelzuckenden zu— fuͤr die wahrhaft himmliſche Milde, die mich eines Geſtaͤndniſſes und einer Ent⸗ ſchuldigung uͤberhebt, deren Unzureichendes doch nicht zu vermaͤnteln geweſen waͤre. Ja, ſie hat mich be⸗ ſuͤrmt, dieſe gefaͤhrliche Perſon, mit allen Waffen, die ihr zu Gebote ſtanden. Davon kein Wort wei⸗ ter, wenn ſie mir ſolches erlauben. Nur darum be⸗ ſchwoͤre ich ſie, daß ſie mir ein Mittel zu Rettung der guten, trefflichen Alphonſine an die Hand geben, zu ſchleuniger Rettung. Dieſe iſt bereits gewis. Wie? rief die Baroneſſe und ihre Blicke leuch⸗ teten in himmliſcher Klarheit— Iſt ſie vielleicht ſchon unterweges? Ach, wie ſehnen ſich dieſe Arme nach dem guten, lieben, herrlichen Geſchoͤpf! Kopfſchuͤtternd ſprach Hudſon: Der Rettung, welche ſie meinen, bedarf es nicht. Sie traͤgt die Rettung vor jedem Frevel, vor jedem Unrecht, wel⸗ II. 3 — 34— ches ihr angeſonnen werden koͤnnte, in der eigenen Bruſt. Ich komme ſo eben von ihr und habe mich deſſen voͤllig uͤberzeugt. Es koſtete Muͤhe, ein Allein⸗ geſpraͤch mit ihr zu erhalten. Zum Gluͤcke ſtanden mir bei der Verweigerung Drohungsmittel gegen die Longueville zu Gebote. Nach jenem Geſpraͤch iſt es mir ſogar lieb, daß Alphonſine dorthin zuruͤckkehrte. Sie beſitzt eine Charakterfeſtigkeit, durch welche ſie mir hoͤchſtehrwuͤrdig erſcheint. Gewis werden Verſu⸗ chungen uͤber ſie kommen, aber ſie wird ſolche beſte⸗ hen, ſiegreich beſtehen, deß bin ich gewis. Und was fehlte der frommen, Gott ergebenen Seele wohl noch, als eben Verſuchung? Wenn nur nicht etwa doch? Wer kann ſich ſo feſt auf ſein ſchwaches Menſchenherz verlaſſen! ſeufzte die Baroneſſe und ihr Auge ſuchte den Boden. Wer es— antwortete der Amerikaner mit fro⸗ her Zuverſicht— wer es in feſte Grundſaͤtze gezwun⸗ gen hat, oder ſolches immer hinaufkehrt nach dem Strale von oben, wie Alphonſine. Als ich ſie aus dem Stifte hierherbrachte, war ihre Seele zu voll von Betruͤbnis uͤber den Verluſt der innig geliebten Lehrerin, um ſich mir genuͤglich aufſchlieſſen zu koͤn⸗ nen. Nun aber kenne ich ſie und fuͤrchte durchaus nichts mehr. Wenn nur nicht vielleicht die religioͤſe Richtung ſie zum Schleier, zur Heuchelei hinfuͤhrt, und wenn von dieſer Seite dann—— Nimmermehr!— rief Hudſon mit Waͤrme. Eben weil es wahrhaft religioͤſe, heilige Richtung iſt, welche ihr Herz an den Himmel bindet. Gehoͤren ſie auch den Froͤmmern an, zu denen man die verſtorbene Stiftsvorſteherin rechnete? Im Weſen gewis, weniger in der Form. Mit Einem Arme druͤcke ich den Glaͤubigen dieſer Art, mit dem andern eben ſo herzlich den an die Bruſt, der vielleicht das Feuer anbetet. Denn auch der letz⸗ tere meint damit nicht die ſichtbare Flamme, ſondern den alles belebenden Geiſt, fuͤr deſſen Bild er ſie achtet. So ſind ſie vielleicht nicht einmal ein Chriſt? Ich bin es, und unſtreitig in der heiligſten Be⸗ deutung des Wortes. Das Chriſtenthum ſtellt grade darum die hoͤchſte Moral auf, weil es nicht damit in die leere haltloſe Luft hinauffaͤhrt, gleich der Phi⸗ loſophie der Schule, ſondern ſie tiefer ſtellt, wie die Beduͤrfniſſe und Leidenſchaften des ſchwachen Men⸗ 3 † — 36— ſchen ſolches erheiſchen. Bei Allem, was er thut, ſoll der Menſch Gott, den ewigen Vergelter, im Auge behalten. In der Moral, wie in der Politik, iſt die Eroͤrterung deſſen, was ſeyn ſollte, an ſich allerdings zu loben. Bei der Anwendung aber muß zuvor ein Ausgleichen deſſelben mit der menſchlichen Schtwaͤche erfolgen. Rouſſeau's vortrefflicher Geſellſchaftsvertrag hat in Frankreich Hunderttauſende ermordet, weil der Wahnſinn nicht das todte Maas nach dem Bedarfe des Lebens einzurichten, ſondern ſolches, wie er es vorfand, in das lebendige Fleiſch zu draͤngen ſuchte. Die Baroneſſe fragte hierauf, was er von den Mittheilungen denke, welche ihm durch das Braut⸗ paar aus Langenhof geſchehen ſeyn wuͤrden. Ich glaubte— antwortete er— den Urſprung dieſer Geiſterſeherei in dem gewoͤhnlichen Aberglauben der Landleute, verbunden vielleicht mit irgend einer Anklage des Gewiſſens zu erkennen, und richtete bald mein Befragen danach ein. Die Liebe der Leute ſtreitet mit dem Gebote der beiderſeitigen Aeltern, welche in der Mittelloſigkeit der Kinder, offenbar mit Recht, vor der Hand noch ein Hindernis an ihrem gemeinſchaftlichen Fortkommen erblicken. Ein Mann im Mantel zu jetziger Jahreszeit, mit einem vielleicht — 37—: ſehr blaſſen Geſichte, konnte ihnen ſo, gar leicht als die Strafe vorkommen, die ihrem Ungehorſame auf dem Fuße folgte. In ſolchen Faͤllen treibt die Phan⸗ taſie ihre Schoͤpfungskraft oft in's Ungeheuere und die Haͤlfte der Geſpenſter ſind gewis auf aͤhnliche Weiſe aus dem Zuſammenfließen von Furcht und Schuld, in denen entſtanden, denen ſie vorkamen. Und gaͤbe es Erſcheinungen dieſer Art, was ich be⸗ zweifle, was koͤnnten ſie wohl dem reinen Bewuſt⸗ ſeyn anhaben, zumal wenn der Glaube an eine uͤber Allem waltende Vorſehung ſolches leitet?— Verehrter Mann— ſprach die Baroneſſe— wollte der Himmel, ſie koͤnnten immer in meiner Naͤhe ſey! Ihre Anſichten, ihre Troͤſtungen tragen das Gepraͤge des Wahren und Guten ſo uͤberzeugend an ſich; ihre Miene, der Ton ihrer Stimme, drin⸗ gen wie Balſam in ein verwundetes Herz.—— Entweder es war der Tod ſelbſt, welcher der Ba⸗ roneſſe an jenem bangen Abende auf dem Fuße folgte und ihr fruͤher ſchon den Namen Helena ſo ſchauer⸗ lich zurief, oder es mußte der lebende Welter ſeyn. Das Schwanken der beunruhigten Frau zwiſchen dieſen beiden Erlaͤuterungen hatte die Fieberphantaſie in ihr hervorgebracht. Jetzt nach dem Geſproͤche mit — 38— Hudſon duͤnkte ihr der Tod ſelbſt, in einem gewoͤhn⸗ lichen Mantel, eine bloſe Laͤcherlichkeit und gegen Welters Anweſenheit ſprach der mit dem Stempel von Rom bezeichnete Brief, deſſen Datum viel zu neu war, als daß er die Reiſe von dorther gemacht haben konnte. Ließ ſich doch in dem blaſſen Manne eben ſo gut ein Kranker denken, deſſen koͤrperlicher Zuſtand, auch im Sommer, ſolch eine Bekleidung erheiſchte. Nur uͤber das Helene, Helene! und die Moͤglichkeit ſeines ſo deutlichen Klanges, blieb ſie in Ungewisheit mit ſich ſelbſt. Sollte das Wunderbare der Einbildungskraft ſo weit gehen koͤnnen, um ih⸗ rem Ohre ſeinen Ton mit ſolch einer Wahrheit nach⸗ zubilden? Die Ankunft der ſie beſuchenden Graͤfin brachte ſie jetzt ploͤtzlich von allem weitern Nachdenken hier⸗ uͤber ab, doch wahrlich nur um ſie von anderer Seite deſto tiefer niederzuſchmettern. Bei den Erkundigun⸗ gen nach dem Geſundheitszuſtande der Baroneſſe hatte die Graͤfin, aus Beſorgnis ihn zu verſchlimmern, ihr keine Nachricht von der ſchon am Morgen nach je⸗ nem beſchwerlichen Abende erfolgten Abreiſe ihres Ge⸗ mahls geben laſſen. Als ſie aber jetzt derſelben, wie einer ihr inzwiſchen unfehlbar bekannt gewordenen — 39— Sache gedachte, erſchrak ſie auch um ſo heftiger, wie der davon tiefergriffenen Dame ploͤtzlich das Blut aus dem Geſichte wich, ihre Augen die Sehkraft ver⸗ loren und ſie unmittelbar darauf, ein ſtarres Mar⸗ morbild, mit großer Anſtrengung nur, in ihren Ar⸗ men vor dem Fall auf den Boden ſichern konnte. Das Entzuͤcken Tipaldo's ſeinen geliebten Alden⸗ heim des Steckbriefs uͤberhoben zu wiſſen und uͤber⸗ haupt die guͤnſtigſten Nachrichten fuͤr ihn und die Entfuͤhrte aus der Reſidenz zu bringen, hatten den bejahrten Mahler veranlaßt, ſich auf ein Pferd zu werfen und die Nuͤckkehr moͤglichſt zu beſchleunigen. Ja, ſie bringen Troſt; ihre Miene kann das nicht laͤugnen! Das waren die Worte, mit denen die Staatsraͤthin den bei ihr Eintretenden zu bewillkom⸗ men eilte. Allerdings! ſprach er. Ueber den einzelnen, glaͤn⸗ zenden Punkten ihres fruͤhern Verhaͤltniſſes mit dem Herrn Staatsrathe hat dieſer die neueſten Ereigniſſe ganz vergeſſen und ſtreckt mit groͤßter Sehnſucht ſeine Arme nach einer Vergangenheit aus, von der ſie ihm kuͤnftig eine Art Suͤrrogat werden zu geben haben. — 40— Alſo wirklich, der Gute! rief ſie hocherfreut. Ja— ſagte Tipaldo— die ehrliche Haut von Manne iſt ganz auſſer ſich vor Tüilheit beim bloßen Gedanken an ihre Ruͤckkehr. Gut denn; ich werde der Pflicht folgen; ich werde gehen, ſogleich, wenn es ſeyn kann. Und ſie, wack⸗ rer Mann der ſo viel ſchon fuͤr mich that, thun ſie auch das noch, troͤſten ſie meinen armen, inniggelieb⸗ ten Aldenheim, ſagen ſie ihm, daß mein Herz blutet unter der Hand der harten Nothwendigkeit, daß es bluten wird bis zum letzten Hauche meines kummer⸗ vollen Lebens! Alles, Alles ſoll puͤnktlich geſchehen! ſprach Tipaldo, und uͤberredete ſie dann, ſich den Abſchied zu erſparen, ohne Aldenheim wiederzuſehen, zuruͤckzukehren, weil er von daher die groͤßten Einwendungen beſorgte. Es ward auch ſogleich nach Fuhrwerk geſchickt. Aber— ſprach ſie jetzt— nicht einmal eine Zeile von meinem Gemahl, worin er mich ſeiner ganzen Verzeihung ſelbſt verſicherte? Eine Zeile nicht nur— antwortete Tipaldo— ſondern einen ganzen, langen Brief. Hier iſt er; ich hatte ihn nur vergeſſen. Allein der Brief brachte die Dame ploͤtzlich auf — 41— andere Gedanken. Vei der unbezwinglichen Leidenſchaft fuͤr ſie, welche daraus hervorleuchtete, waren dem ſchwer beleidigten Gatten doch auch einige Vorwuͤrfe entſchluͤpft, welche ſie anderes Sinnes machten. Nein!— rief ſie aus.— Da er ſolch einen Ton ſich erlauben kann, ſo leiſte ich feierlich auf den Titel einer Staatsraͤthin Verzicht, heiße kuͤnftig Madam Aldenheim ſchlechtweg und betrete ſeine Schwelle nie wieder. Ihr Geliebter kam dazu und nun erſt ging Tipal⸗ do's Verdruß recht an. Denn nachdem ſie ihren fruͤ⸗ hern Entſchluß, zurüͤckzukehren, als die grauſamſte Ent⸗ ſagung geſchildert hatte, ſtimmte ſie in Aldenheims Verſicherung der unmöglichkeit des Aufgebens ihres Vereins auf das Heftigſte ein. Da nun einmal die Sache alſo ſtand, war Tipaldo wenigſtens dadurch eini⸗ germaſen zufrieden geſtellt, daß der verlaſſene Ehemann, ſeinem Rathe gemaͤs, um feurige Kohlen auf ihr Haupt zu ſammeln, ihr die vollkommene Verzeihung, ſogar auf den Falz zugeſtand, wenn ſeine Einladung zur Ruͤckkehr vergebens ſeyn ſollte. So konnte doch eine gerichtliche Verfolgung nicht wohl eintreten. 3 Die Stirne voll ſchwerer, druͤckender Gedanken, trat einsmals gegen Abend der Amerikaner in den Schloßgarten zu Langenhof, die Beſitzerin aufzuſuchen, welche dahin ſollte gegangen ſeyn. Die verkuͤnſtelte An⸗ lage des Gartens widerſtrebte ſeinem graden, einfachen Sinne. Jeder geſunden Natur eine freie Entwicke⸗ lung wuͤnſchend, jammerten ihn die kraftvollen Straͤu⸗ cher und Baͤume, welche die Gaͤrtnerſcheere ihrer ſchoͤn⸗ ſten Bewegung beraubt und zu nichtsſagenden Waͤn⸗ den umgeſtaltet hatte. Gleichwohl verkannte er nicht, daß die Umſtaͤnde, unter denen dieſe Schoͤpfung her⸗ vorgeſtiegen war, der Sache ſehr das Wort redeten und daß durch die Wiederbelebung des alten Gar⸗ tens, etwas Beſſeres geſchehen, als wenn damals der verſtorbene Langenhof mit Aufopferung alles noch Vorhandenen etwas Neues haͤtte erſchaffen wollen. Dieſes Reſullat ſeiner Betrachtung ſchien ihm den langſamen, ſchweren Schritt zu befluͤgeln. Als er den Mittelgang durchwandelt und die Graͤfin nicht gefunden, fragte er einen Arbeiter, wohin er ſich wohl nach ihr zu wenden haͤtte. Da trat ſie eben zur Feldthuͤre wieder herein. Freundlich, aber nicht hei⸗ — 43— ter, lag ihr Blick auf einigen Vergißmeinnicht in ih⸗ rer Hand. Kaum gewahrte ſie den Greis, ſo ver⸗ doppelten ſich ihre Schritte. Willkommen, Herr Hudſon! Wie geht es mit ihrer Wirthin? Sie wiſſen doch von der Ohnmacht, worein ſie neulich verfiel, als ich bei ihr war? Es i*ſt ſehr zu beklagen, daß ſie ſolchen Zufaͤllen unter⸗ worfen ſeyn muß! Denn wenn ich ſie auch wieder recht wohl verließ, ſo buͤrgt doch unter dieſen Um⸗ ſtänden nichts fuͤr die Dauer des Wohlſeyns. Zum Theil— verſetzte der Amerikaner— mag freichlich die Schwachheit, von welcher die Baroneſſe manchmal angewandelt wird, die ſchlimme Frucht der voruͤbergegangenen ſchlimmen Tage ſeyn. Zum Theil aber ſind auch wohl an den Zufaͤllen dieſer Art neu⸗ ere Ereigniſſe Schuld. Die Baroneſſe hat mir hier⸗ uͤber ihr Vertrauen geſchenkt und mich mit einer Bitte an ſie beehrt. 1 Ihre Gewaͤhrung ſey im Voraus ihnen zugeſi⸗ chert, wenn ſie meine Kraͤfte nicht uͤberſteigt. Der Herr Graf von Altenberg hat ihr, wie ſie wiſſen, ſein Portraͤt in derſelben Groͤße, wie er ſich bei einem hieſigen Mahler abbilden laͤßt, als eine Zierde fuͤr ihre Wohnung zugeſagt. Sie will darauf — 44— Verzicht leiſten, wuͤnſcht aber dagegen die Erlaubnis von ihnen, ſich ein kleineres, bloßes Bruſtbild der Art, wie der Mahler eins fuͤr ſie in Arbeit hat, fer⸗ tigen laſſen zu duͤrfen. „Hier konnte die Graͤfin ihre Empfindlichkeit nicht bezwingen, daß Tipaldo das verrathen haben mußte, was ſie ihm als Geheimnis anvertrauet hatte. Hud⸗ ſon uͤbernahm ſeine Entſchuldigung durch Darſtellung der Umſtände und die Graͤfin ſprach: Dieſer Wunſch der Baroneſſe gehoͤrt offenbar zu denen, deren Ge⸗ waͤhrung ich mir nicht anmaaſen darf, ohne meinem Gemahle zu nahe zu treten. Er verſprach ihr ſein Portraͤt in ganzer Figur fuͤr eine Wand ihres Zim⸗ mers. Sie moͤchte ſtatt deſſen gern ein Bruſtbild, in doppelten Sinne, naͤmlich zugleich ein Bild, das ſich an der Bruſt tragen laͤßt. Da das Portraͤt ſo⸗ nach eine ganz andre Beſtimmung hat, als das von meinem Gemahl ihr verſprochene, ſo ſcheint mir, weil es ſein Bildnis iſt, auch ſeine Einwilligung dazu nicht zu umgehen. Finden ſie, Herr Hudſon, daß es gut und ſchicklich ſey, wenn ich nach den, auch mir bekannten Ereigniſſen, die Bitte dem Gra⸗ fen Altenberg ſelbſt vorlege, ſo werde ich damit nicht anſtehen. Nein, gnaͤdige Graͤfin— ſprach der Amerikaner — ſie haben mich ſo eben ganz uͤberzeugt von der gewaltigen Verſchiedenheit zwiſchen dem Zwecke des Gemaͤldes, welches der Graf ihr zuſagte und desjeni⸗ gen wonach die Wuͤnſche der Frau von Gruͤnau ge⸗ hen. Wie die Sachen jetzt noch ſtehen, halte ich ſo⸗ gar die Abſicht derſelben mit ſeinem Portraͤt gegen die Rechte ſeiner Gemahlin ankaͤmpfend. Indeß—— fuhr er fort— waͤre es nicht vielleicht gut—— Dieſer Garten, von deſſen Wiedergeſtaltung durch ih⸗ ren verſtorbenen Herrn Gemahl ſie ſelbſt mich un⸗ terrichteten, fuͤhrte mich vorhin auf eine Idee, die ich ihnen mittheilen muß. Was im Allgemeinen nicht rath⸗ ſam ſeyn wuͤrde, dazu rathen bisweilen doch die beſon⸗ dern Umſtaͤnde. Wuͤrden ſie, meine Gnaͤdige, im An⸗ ſchauen eines neuen Gluͤckes des Herrn Grafen von Altenberg nicht vielleicht noch gluͤcklicher ſeyn, als jetzt? Das wuͤrde ich, Herr Hudſon, bei Gott, ich wuͤrde das!— erwiederte ſie und ein wahrhaft liebendes heiliges Feuer blickte aus ihren Augen, ihr Geſicht mit einem rothen Morgenſcheine uͤberhauchend. Der Weg aber auf den ſchon die Baroneſſe hindeutete, ſcheint mir nicht dahin zu fuͤhren. Meine Gruͤnde habe ich ihr dargelegt. — 46— Ich kenne ſolche— erwiederte Hudſon.— Allein darin muß ich der Frau von Gruͤnau doch beiſtim⸗ men, daß eben die Leidenſchaft, wenn eine aͤhnliche ihr entgegen kaͤme, ein kraͤftiger Kitt werden koͤnnte fuͤr das gebrochene Innere. Und Frau Graͤfin, der jetzige Verein mit dem Grafen, kann doch wahrlich auch, weder ihm noch ihnen Befriedigung gewaͤhren! Wiſſen ſie das ſo gewis? fragte ſie, und ihr Auge ſchmuͤckte ſich mit dem feuchten Schimmer der Wehmuth, welche auch der Ton zu erkennen gab. Koͤnnten nicht, grade ſeit unſerer Entfernung von einander, die Herzen ſich naͤher gekommen ſeyn, als zuvor. Fragt es ſich doch, ob unter den ſogar man⸗ nichfachen Geſtalten des menſchlichen Gluͤckes das ſich an keinen Typus bindet, dieſe nicht vielleicht die ein⸗ zige, uns zutraͤgliche ſey. Dagegen— ſagte der Amerikaner und ſeine Rede ſchien von der Innigkeit des Gefuͤhls zu verſtum⸗ men, aus der die Liebe der Graͤfin zu ihrem Gemahl ſo eben die leuchtendſten Blicke warf— dagegen— fuhr er dann mit geſenkten Auge fort— ſpricht wohl, was den Grafen betrift, beſonders ſein—— leidenſchaftliches Wohlwollen gegen die Baroneſſe. Herr Hudſon— verſetzte die Graͤfin— ich glaube — 47— Zeugin geweſen zu ſeyn, wie ſein, mir gar nicht ver⸗ heimlichtes Wohlwollen eben den Charakter der Leiden⸗ ſchaft annahm. Es war im Thuͤrmener Park. Maͤch⸗ tig forderte das Auge der Baroneſſe das ſeinige heraus. Dann ſah ich auch, wie die Hochergluͤhende ſeine Hand zum Munde fuͤhren wollte und er hierdurch faſt ge⸗ noͤthigt war, ſein Geſicht an das ihrige zu drucken. Erſtaunt trat der Amerikaner zuruͤck. Das Alles weiß ich aus dem eigenen Munde der Frau von Gruͤ⸗ nau. Aber eben daß ſie nichts davon geſehen zu haben ſchienen, iſt zeither der Troſt der Baroneſſe geweſen. Woraus ſchloß ſie, daß es mir unbekannt geblieben? Aus ihrem Betragen, aus der Fortdauer ihrer Guͤte gegen ſie. Dieſes mein Betragen ruhte auf dem feſten Vor⸗ ſatze, dem Gange dieſer Angelegenheit kein Hindernis entgegen zu ſtellen. Gnaͤdige Frau, ſollte ein weiterer Fortſchritt in der Wendung, welche die Sache bereits genommen hat, nicht auch ihre beſondere Zufriedenheit zum Ziele ha⸗ ben koͤnnen? Es giebt in ihrer Naͤhe einen, nach uͤbereinſtmmender Meinung, im Ganzen ſehr wackern und liebenswuͤrdigen, wenn ſchon vom Leichtſinne nicht frei zu ſprechenden Mann, der ſie anbetet. Wie wenn — 418— im Hintergrunde, der, vielleicht nicht ganz erfreulichen, Ereigniſſe, auch ihnen ein neuer Tempel der Liebe ſich auferbaute, in dem unter ihrer Leitung, zugleich die rechte Richtung fuͤr den Lebenspfad jenes jungen Man⸗ nes gewonnen wuͤrde? Ich verſtehe ſie, Herr Hudſon— erwiederte die Graͤfin.— Sie ſcheinen mich ihrer Achtung werth zu halten, wodurch, frage ich ſie daher, wodurch reizte ich ſie zu einer Vorausſetzung, die, waͤre ſie gegruͤndet, mich vor mir ſelbſt erniedrigen wuͤrde? Der Vicomte, denn dieſer iſt doch wohl gemeint, iſt weder ein Mann fuͤr meine Jahre, noch fuͤr meine Frauenwuͤrde. Wenn er beſſer ſeyn wird, als jetzt, kann er vielleicht noch mit ſeinen ſonſtigen loͤblichen Eigenſchaften ein junges Maͤdchen gluͤcklich machen. Mich aber hat bei dem Ge⸗ danken an ihn, die Regung der Liebe nie anwandeln koͤnnen.. 86— Verzeihung, gnaͤdige Graͤfin, und den waͤrmſten Dank, deſſen mein Herz faͤhig iſt. Nicht aus dieſem kam jene Vorausſetzung—— O nein, nein— rief ſie mit finſterm Eifer— ich weiß beſſer woher, ich weiß—— Laſſen ſie, darum bitte ich inſtaͤndig, die Sache auf ſich beruhen. Aber mein Dank gilt der Erhaltung — 49— meiner fruͤher ſchon gefaßten Vorſtellung von ihnen. Die Bilder dieſer Art ſind zu ſelten, als daß man nicht jeden truͤben Anhauch von ihnen hinwegwuͤn⸗ ſchen ſollte. Der Graf ſelbſt— fuhr die Dame fort— ſcheint der in ihm erweckten Leidenſchaft ſich mit aller Macht entziehen zu wollen. Die Herzlichkeit, womit er am Morgen ſeiner ploͤtzlichen, nicht aus der Reſidenz er⸗ forderten, Abreiſe, von hier auf mein Bedauern, zu mir ſagte: Beſſer, daß ich gehe, als bleibe! uͤberredet mich davon. Mein Benehmen kann vielleicht dazu beigetragen haben. Aber wahrlich, wider Wiſſen und Willen. Der ſchwache Menſch hat den Ausdruck ſei⸗ nes Geſichts und ſeiner Haltung nicht immer in der Gewelt. An Klagen oder Ermahnungen von meiner Seite kein Gedanke. Schon die Moͤglichkeit, daß viel⸗ leicht die Stoͤrung in ihr durch eine Verbindung mit ihm gehoben und Altenberg ſo an ihrer Hand gluͤck⸗ lich werden koͤnnte, wuͤrde mich davon zuruͤckgehalten haben; denn was moͤchte mir wohl theurer ſeyn, als ſein wahres Gluͤck? Alein ſchon dei der Gruͤnau An⸗ kunft am Abende vor ſeiner Abreiſe bemerkte ich, wie er ſie vermied, wie er den fremden Beſuch als bloſen Vorwand brauchte zur fortdauernden Entfer⸗ II. 4 — 30— nung von ihr. Was nachher vorfiel, ihre ganz ver⸗ lorene Haltung nach der ſogenannten Erſcheinung, brachte vielleicht den Entſchluß, ſich ihr zu entziehen zum voͤlligen Durchbruche, einen Entſchluß, der mich beſonders befremdete, wenn ich ihn mit dem Mittage zuſammenhielt, den wir ganz allein verlebten und wo ich ſchon darauf gefaßt war, die an ihm ungewoͤhn⸗ liche Befangenheit, ſich in ein offenes Geſtaͤndnis ſei⸗ nes Herzenszuſtandes aufloͤſen zu ſehen. Ja— ſagte der Amerikaner und ſein Auge druͤckte große Theilnahme aus— und doch iſt der Graf mit dieſem Entſchluſſe noch nicht los von der Gruͤnau. Am erſten Mittage zu Langenhof in ihrem Veiſeyn, gnaͤdige Graͤfin, hat er in der Folge des Wunſches der Baroneſſe, wenn ihr damals ſchon ſehr kranker Curator ſterben ſollte, einen andern ſo wackern Mann zu erhalten, auf den Todesfall ſich ſelbſt dazu erbo⸗ ten. Dieſer Todesfall ſcheint nahe und ſie des fe⸗ ſten Vorſatzes zu ſeyn, ſein Erbieten nicht aus der Hand zu laſſen. Halten ſie die Ergreifung einer Maasregel hiergegen fuͤr zweckmaͤſig und thunlich? Nein!— antwortete die Graͤfin. Eine Leiden⸗ ſchaft, wie die von der die Baroneſſe beherrſcht wird, wuͤrde in jedem Hinderniſſe in jedem Rathe dagegen nur neuen Brennſtoff finden, auch iſt der Graf zu weiſe und umſichtig, um nicht auf alles das ſelbſt zu verfallen, was ſich gegen ein Buͤndnis mit ihr ſagen ließe. Ja, waͤre ſogar der Fall denkbar, ihm eine Anſicht zu zeigen, auf die er vielleicht nicht hin⸗ geriethe, ſo wuͤrde doch ſchon das, was ich vorhin ſagte, die Moͤglichkeit ſeines Gluͤckes durch ſie, mich von jeder Gegenwirkung zuruͤckſchrecken. Das ſchwimmende Auge der Graͤfin, die Vergis⸗ meinnicht, welche ihrer Hand entſchluͤpften, ein inne⸗ rer Mangel an Lebensluft, der ſich in zuweilen ver⸗ lautenden Athemzuͤgen kundthat, Alles deutete darauf, daß ihre Gefuͤhle und Gedanken ſo eben in der Re⸗ ſidenz ſeyn mochten. Indem Hudſon die Bluͤmchen aufhob und ihr zuruͤckgab, ſagte er: Dem ſchoͤnen Namen Vergismein⸗ nicht haͤtte kaum eine groͤßere Schmach wiederfahren koͤnnen, als daß man damit ein ſo hinfäͤlliges Pflaͤnz⸗ chen bezeichnete. Zwei Vergismeinnicht aber kenne ich, welche die Kraft dieſes Namens gewis im gan⸗ zen Umfange auf jeden ausuͤben werden, deſſen Auge die Pracht ihrer Bluͤte vergoͤnnet wurde, ihr Geiſt, gnaͤdige Frau, und ihr Herz! Moͤge das letztere wenigſtens— erwiederte die 4*† — 52— Graͤfin— ihre gute Meinung von ihm nie ver⸗ ſcherzen! 7. Auf den Fall der verweigerten Erlaubnis zur Fertigung eines zweiten Miniaturbildes, hatte der Amerikaner von der Baroneſſe die Bitte an Tipaldo uͤbernommen, ſeine ihr verſprochene Copie vom gro⸗ ßen Portraͤt des Grafen baldmoͤglichſt zu fertigen, ſo weit dieſes unter den eingetretenen Umſtaͤnden ſich thun laſſe und ihre Einwendungen gegen die Aehn⸗ lichkeit zu vergeſſen. Bei Hudſon's Eintreten wendete der Mahler ſein mit einem Bilde, woran er eben arbeitete, ver⸗ decktes Geſicht, durch die Unterbrechung offenbar we⸗ nig erbaut, herum und wurde nur noch finſterer, als er die Zuͤge jenes Kunſtveraͤchters wieder erkannte. Anfangs ſchien er ihn ſitzend, in ſeinem ganzen Mah⸗ lerſtolze erwarten zu wollen. Dann aber ging er ihm doch mit den Worten entgegen: Kommen ſie mich zu bekehren, oder erwarten ſie ihre Bekehrung von mir? Beides wird hier vielleicht beſſer wegfallen,— antwortete Hudſon— und richtete ſeinen Auftrag aus. 1 Herr— ſagte der Mahler, der ihn nicht aus dem Auge gelaſſen hatte— es geht mir mit ihnen, wie es mir noch mit Niemanden erging. Herzlich gern moͤchte ich ihnen ſo gram ſeyn koͤnnen, wie ſolches dem Muſikdirektor gelingt und doch trium⸗ phirt ihr gutes Geſicht uͤber meinen feſteſten Vor⸗ ſatz. Menſchen, fuͤr die Mahlerei ſo geboren, wie ſie, die ſollten wahrlich anders denken von einer ſo erhabenen Kunſt. Aber, mein Himmel— verſetzte der Amerikaner — kann ich denn dafuͤr, wenn die Umſtaͤnde und meine Neigung mich ſo gewaltig nach andern Din⸗ gen hintrieben, daß ich daruͤber den ſchoͤnen Genuß ihrer Kunſt entbehren mußte? Hierauf nicht hoͤrend, fuhr Tipaldo fort, ihn zu betrachten, zog ihn in ein beſſeres Licht, ſah ihn bald von dieſer, bald von einer andern Seite an und ſagte dann: Ja, Herr, und haͤtten ſie von Kaiſern und von Paͤpſten Freibriefe, gegen alle Anſpruͤche der Mahlerei auf ihren Kopf, ich reſpektirte ſie doch nicht. Er muͤßte mir auf die Leinwand und ſie duͤrfen mir wahrlich nicht eher aus dem Zimmer, bis ich die Zuſage erhalte, daß ſie mir naͤchſtens ſitzen wollen. Meinetwegen denn, wenn es ſey muß! ſprach Hudſon lachend. Das war ein Wort, Herr!— Bromberger! Der Farbenreiber eilte herein. Du biſt kein ſonderlicher Menſchenfreund, Brom⸗ berger. Was aber ſagſt du zu dieſem Geſichte? Muͤßte man nicht noch ſchlechter ſeyn, als der ſchlech⸗ teſte, wenn man dem eine Schlechtigkeit zutrauen koͤnnte? Lange ſtand der Menſch dem Amerikaner ſprach⸗ los und ſtaunend gegenuͤber. Immer mehr ſchien er in den Geſichtszuͤgen ſich zurechtzufinden. Kennſt du vielleicht gar ſchon dieſen Herrn? fragte Tipaldo. Nur wie aus boͤſem, finſtern Traume her. Ja, ja, ich muß noch klein„ ſo klein geweſen ſeyn, als ihr mir vorkamet. Des obern Theils eures Geſichts aber erinnere ich mich nunmehr genau. Den untern verdeckte ein ſtarker Bart. Ach, Gott, wie fuͤrchtete ich mich vor euch, mein Herr! Trugt ihr nicht eine große rothe Jakobinermütze? Allerdings!— antwortete der Amerikaner fran⸗ zoͤſiſch, wie er angeredet worden.— Nach euerm je⸗ zigen Alter muͤßt ihr waͤhrend meines Aufenthalts —— in Paris noch ein uͤberaus junges Kind geweſen ſeyn. Danket Gott, mein Sohn, der euer Wachs⸗ thum behuͤtete, daß es alſo gediehen iſt. Das war eine ſchlimme Pruͤfungszeit fuͤr ein, im Ganzen doch recht achtungswuͤrdiges, Volk. Auf eine treffliche Saat der Liebe, war der giftige Mehlthau der Lei⸗ denſchaft, des Haſſes, des Ehrgeizes und der Hab⸗ ſucht, der Kurzſichtigkeit und der Ohnmacht gefallen und ich freue mich allezeit, eine Pflanze aus jener Periode als geſunden Stamm wiederzufinden. Nur allzuviele davon ſind dem Untergange anheimgefallen. Aber du fuͤrchteteſt dich vor mir? That ich jemals dir etwas zu Leide? Blos das eine Mal und dann ſah ich euch nie wieder. Zuvor hattet ihr mir nur alles Gute ge⸗ than. Doch ehe ich euch naͤher kennen lernte, ſchreckte mich euer Anſehen, die wild zuſammengezogenen Au⸗ genbrauen ſo, daß ich allezeit aufſchrie, wenn ich euch erblickte, und mich gewoͤhnlich hinter dem Wagen, der im Hauſe ſtand, verſteckte, ſobald ich von der Thuͤr aus, euch aus der Ferne kommen ſah. Be⸗ ſinnt ihr euch nicht mehr des Kleinen, den ihr ein⸗ mal hinter dem Wagen hervorzoget und ſeines Schrei⸗ ens und Straͤubens, als ihr ihn auf den Arm nahmet? Freilich beſinne ich mich nunmehr. Wir wurden indeß, denke ich, bald gute Freunde. Ja wohl. Immer wartete ich dann auf eure Heimkehr an der Hausthuͤr, denn immer gab es et⸗ was in eurer Taſche fuͤr mich. Zuletzt aber verfuhrt ihr doch noch recht feindſelig gegen mich. Mich nichts, als des gewohnten Guten verſehend, kam ich das eine Mal auch auf euch los. Da riefet ihr: Hinweg Natterbrut! und ſtießet mich von euch, daß ich laut aufweinte.— Ach, wie lange— ſprach der Amerikaner— hat mich ein tiefer Schmerz uͤber dieſe Grauſamkeit gegen eine freundliche Kinderſeele fortdauernd begleitet! Aber du ſaheſt wohl einen andern Mann, auch in rother Muͤtze, mir auf dem Fuße folgen. Seinetwegen ge⸗ ſchah's. Dein Vater war ſehr verdaͤchtig worden und ich, der einzige Schutz einer Familie aus London, welche wegen der großen Hinfaͤlligkeit ihres Oberhaupts an einen Ort gebunden wurde, wo ihr alle Tage der Tod durch Henbers Hand drohete. Meine Buͤrgſchaft dafuͤr, daß ſie in Philadelphia zu Hauſe ſey, war ihre Rettung. Aber einzig unter der Maske eines jener Ungeheuer konnte ich den bereits in großen Verdacht Gerathenen dieſe Rettung erkaufen. Der Tyrannen⸗ knecht, welcher damals mit mir in's Haus trat, fing ſchon an, mir ſelbſt zu mistrauen. Um deines Vaters willen, uͤber den ſeine Galle ſo eben gegen mich ſich ergoſſen hatte, mußte ich dich verlaͤugnen. Denn ein⸗ zig meiner Warnung verdankte es dein Vater, daß man am folgenden Tage jenes Haus vergebens nach ihm und den Seinigen ausſuchte. Es freut mich dop⸗ pelt, daß ich ſo auch noch Gelegenheit finde, dir Auf⸗ ſchluß zu geben uͤber jene boͤſe Behandlung, nach der ich dich niemals wiederſahe. Der Himmel ſegnete meine wahrhaft bittern Anſtrengungen. Nachdem der kranke Englaͤnder ſo weit geneſen war, um die Reiſe wagen zu koͤnnen, erhielt ich ſelbſt Auftrag, die ver⸗ daͤchtige Familie auf ein amerikaniſches Schiff zu ſchaffen. Statt zuruͤckzukehren aber, wie man erwar⸗ tete, benutzte ich die ſchoͤne Gelegenheit zur eigenen Rettung aus dem furchtbaren Ungewitter, wovon das ſchoͤne Frankreich verheert wurde. Obſchon das Meer, bald nach unſerer Abfahrt in heftige Unruhe gerieth, ſo fuͤhlten meine Freunde ſich doch auf den tanzenden Waſſerwogen unendlich gluͤcklicher, als in dem wider⸗ waͤrtigen Menſchengebraus, dem ſie entronnen waren. Von Herzen theilte ich ihre Gefuͤhle und es war hoher Genuß fuͤr mich, die Umriſſe der franzoͤſiſchen Kuͤſte — 58— immer ungewiſſer werden zu ſehen, bis ſie endlich ganz meinen Blicken verſchwanden— Es mag eine furchtbare Bluttaufe geweſen ſeyn — rief Tipaldo— welche die heidniſchen Franzoſen obendrein nicht eben zu Chriſten gemacht zu haben ſcheint. Die Bemerkung, das dieſe Nation eine der grauſamſten ſeyn moͤchte, iſt doch wohl gegruͤndet genug. Schwerlich, mein Herr! Die groͤßere, und ge⸗ ringere Grauſamkeit der Maſſe, welche man zuſam⸗ men eine Nation nennt, beruht allezeit, auf dem groͤßern oder geringern Grade ihrer allgemeinen Cul⸗ tur. Und wie viele Nationen giebt es in Europa, welche ſich hierin mit Frankreich meſſen koͤnnen? Bei den ſo mannichfach verwickelten Umſtaͤnden und Einwirkungen, wie ſie in Frankreich ſtattfanden, D wuͤrde vielleicht gar manches Volk im aͤhnlichen Falle noch ſchrecklichere Beiſpiele aufzuweiſen haben. Im Allgemeinen geben die Toͤne der Menſchenbruſt ganz denſelben Wiederhall in den Urwaͤldern Penſylvaniens, G G welche nur noch der nackte Fuß des Wilden betrat, wie in den Ueberreſten einer ſchoͤnern Zeit, die aus Palmyra's durch Barbaren entheiligten Ruinen me⸗ lancholiſch hervorblickt und wie in den glaͤnzenden * Palaͤſten der Hauptſtadt Frankreichs. In Stuͤrmen wie ſie dort ſich erhoben, wo Alles aus ſeinen Ufern tritt, und die Blindheit zuͤgelloſer Leidenſchaften uͤber ein unermeßliches Feld hintaumeln kann, da werden wohl allenthalben Schreckniſſe hervorgehen, an deren Möoͤglichkeit der Menſch im Zuſtande der ruhigen Vernunft lieber zweifeln moͤchte, will er nicht zuruͤck⸗ ſchaudern vor ſeiner eigenen Natur. Kraͤftig ſchuͤttelte der Mahler dem Manne die Hand. Ich glaube— ſagte er— daß ſie recht haben, Herr Hudſon, verkuͤmmern ſie mir aber nur auch mein Recht nicht, ſolche Koͤpfe auf die Leinwand zu bringen. Bromberger, bedinge du dir es aus bei ihm, als Entſchaͤdigung fuͤr dein Hinwegweiſen, als du noch ein ſchuldloſes Kind wareſt.— Unter dieſen Reden machten beide Tipaldo und der Farbenreiber ſo freundlich Anſtalt zu dem Werke, daß Hudſon kaum wußte, wie er auf den Stuhl zu ſitzen kam, wohin man ihn haben wollte. Es klopfte. Der Muſikmeiſter Senner trat her⸗ ein. Aber ſein ſchon drauſſen anhebender jovialer Ton erſtarb ihm auf der Lippe beim Anblicke des Muſikfeindes, wofuͤr er faͤlſchlich den Amerikaner hielt und aus dem offenen Munde ſeines um mehrere — 60— Zoll in die Laͤnge gewachſenen Geſichts brach ein Seufzer, der, dem finſtern Auge nach, das unmittel⸗ bar nachher auf ſeinen guten Bekannten fiel, weit mehr als dem Fremden, dem Mahler galt, weil er ſich bis zur Darſtellung ſolch eines Kunſtveraͤchters herabgelaſſen hatte. Schmollt, wie ihr wollt, Meiſter,— ſagte Ti⸗ paldo auf italieniſch zu ihm— haltet mir's jedoch nicht fuͤr ungut, wenn ich das Eiſen hier ſchmiede, weil es warm iſt. Das iſt ein Kopf, dergleichen dem Mahler nicht alle Tage vor die Hand kommen, und ein Herz wohnt darunter, welches ihm bei mir fuͤr jede kuͤnftige Laͤſterung meiner und eurer Kunſt im Voraus Verzeihung auswirkte. Meine Herren— ergriff hier der Amerikaner das Wort— halten ſie mich darum keiner Laͤſterun⸗ gen ihrer Kuͤnſte faͤhig, weil meine Bildung, leider, nicht ſo weit ging, um mir ein Urtheil uͤber ſie an⸗ maſen zu duͤrfen. Ich achte alles Tuͤchtige in Wiſ⸗ ſenſchaft und Kunſt und in jedem Fache, was nuͤtzen oder erfreuen kann. Und ſo denke ich, wird bei un⸗ ſerer naͤhern Bekanntſchaft das Misbehagen unſeres derſten zuſammen verlebten Mittags, uns noch kuͤnftig in der Erinnerung zur beſondern Ergoͤtzlichkeit gereichen ⸗ — 61— Nach der Einleitung, welche Tipaldo dieſen Wor⸗ ten gegeben, ſchienen ſie ſchon jetzt den guͤnſtigſten Eindruck auf den Tonkuͤnſtler gemacht zu haben. 8. Der voruͤbergegangene Sommer hatte mancherlei Veraͤnderungen in Langenhof herbeigefuͤhrt. Nach Einloͤſung des Wechſels, welcher den Vicomte ver⸗ trieben hatte, kehrte er zuruͤck, jedoch nur um bald darauf ſeiner Beſtimmung, dem fernern Studium der Landwirthſchaft im Auslande, nachzugehen. Die Graͤfin entzog ſich zwar keinesweges dem Auge der Menſchen, allein ſie gab ſich dem Betriebe des Auf⸗ baues eines Vorrathhauſes, im Fall einer kuͤnftigen Theuerung, das noch vor dem Winter vollendet ſeyn ſollte, ſo ſehr hin, daß ſie wenig Zeit behielt zu Ge⸗ ſellſchaften im Hauſe und Garten, oder wenigſtens dieſen Betrieb und die mancherlei dabei von ihr uͤber⸗ nommenen Beſorgniſſe zum Vorwande eines ſtillern Lebens gebrauchte. Der Scheidung der entfuͤhrten Staatsraͤthin von ihrem Gemahle hatte dieſer zwar großen Widerſtand entgegengeſetzt, allein ſie geſchah endlich doch und Aldenheim buͤßte nach einigen Wochen ſeiner Ehe, die hohe Anſicht von ſeiner nunmehrigen Gattin voͤl⸗ lig ein. Als ſie dieſes immer deutlicher inne ward, ſo erregte es ihre Empfindlichkeit um ſo mehr, da ſie ſich ebenfalls mit weit groͤßeren Vorſtellungen von dem Gluͤcke an ſeiner Hand geſchmeichelt hatte und ihr der Hauswirthſchaft nur ſehr oberflaͤchlich, mit weniger Kenntnis gewidmetes Leben zog ſich meiſtens unter Sehnen, Gaͤhnen, ja wohl zuweilen gar Thraͤ⸗ nen, hin, weil beſonders auch die mehrſten Frauen in Langenhof und der Umgegend ſo wenig Gefallen an der gefallſuͤchtigen Zierpuppe fanden, als ſie an ihnen. Die Reitertruppe war laͤngſt ſchon genoͤthigt ge⸗ weſen, ihre Rechnung anderwaͤrts zu ſuchen, zumal da der erſte Edelſtein derſelben, Signora Allori ſich bewogen geſehen, in den Privatſtand zuruͤckzutreten. Aus dem Hiebe, der dem Dichter Thorn, ihretwegen durch jenen Studenten beigebracht worden, zog zwar der Handlungsdiener Biſam, welcher den Salto mor⸗ tale aus ſeinem Geſchaͤftskreiſe in das Nichts, ihr zu Liebe gemacht hatte, ebenfalls keinen Vortheil, ſon⸗ dern lediglich ſein tapferer Vertheidiger. Nicht lange aber, ſo begab ſich dieſer in ſeine Heimath. Thorn's — 63— Herzenswunde ſchien zugleich mit der im Arme ge⸗ heilt zu ſeyn, und da ein guͤnſtiger Zufall des Hand⸗ lungsdieners Vater, der ihn zu enterben dachte, ohne vorher teſtirt zu haben, ploͤtzlich aus dieſer Zeitlichkeit abrief, und der junge Mann hierdurch Vermoͤgen in ſeine Hand bekam, ſo entſchloß ſich die verwaiſte Sig⸗ nora, einer ſo hoffnungsvollen Perſon das Wenige zu widmen, was ſie an Liebe etwa noch uͤbrig behal⸗ ten hatte. Er glaubte ſich dadurch in die Wonnen des tuͤrkiſchen Paradieſes verſetzt zu ſehen und fand vier Wochen ſpaͤter ſein ordentliches Bewuſtſeyn in einem Krame von Italienerwaaren wieder, zu deſſen Unternehmung ihn die nunmehrige Madam Biſam anfeuerte, die ihn dabei allerdings zuweilen merken ließ, daß ſie ſich vom Pferde auf den Eſel geſetzt habe, aber doch durch ihre Reize der neuen Wirth⸗ ſchaft einen großen Zufluß von Gaͤſten verſchaffte, was die recht elegante Einrichtung des hierzu erkauf⸗ ten Hauſes allein, in ſo kurzer Zeit ſchwerlich be⸗ wirkt haben wuͤrde. Noch eine Zeitlang nach des Grafen Altenberg Abreiſe hatte Hudſon mehr in Langenhof, als in Thuͤrmen zugebracht. Hauptſaͤchlich Brombergers we⸗ gen. Es fand ſich naͤmlich, daß da die Geburt dieſes — 64— jungen Mannes in eine Zeit fiel, wo man in Frank⸗ reich die Taufhandlung an den Kindern haͤufig ver⸗ gas, oder mit Abſicht verſaͤumte, derſelbe noch nicht einmal foͤrmlich in den Bund der Chriſten aufgenom⸗ men war. Er hatte der Sache einmal, als eine Cu⸗ rioſitaͤt, gedacht. Hudſon freuete ſich ſehr, daß man deshalb offenbar zuweilen mit Fingern auf ihn wies, denn ſo glaubte er, werde der Sonderling vermuth⸗ lich um ſo eher der Nothwendigkeit der Taufe ſich unterwerfen. Allein es koſtete dem Amerikaner doch nicht wenig Muͤhe, ihn dazu zu uͤberreden, weil Bromberger alle Gruͤnde, welche dieſer ſein Goͤnner ihm vorlegte, fuͤr unzureichend erachtete. Vielleicht waͤre es ihm auch voͤllig mislungen, haͤtte nicht ei⸗ nes Abends, beim Hinaufgehen der ganz finſtern Treppe, eine Perſon, welche Brombergern nachkam, ihm ein Papier in die Hand gedruͤckt. Weigern ſie ſich der Taufe nicht laͤnger, mir zu Ge⸗ fallen! ſtand darauf und zwar in ſo niedlich, fei⸗ nen, mehr regelmaͤſig, als mit Fertigkeit geſchriebenen Buchſtaben, wie gewoͤhnlich nur weibliche Haͤnde ſie hervorbringen.— Er verſchwieg damals dieſe Inſi⸗ nuation gegen Jedermann, aber der beſte Beweis ihrer kraͤftigen Wirkung iſt, daß er am folgenden Morgen ganz fruͤh zu Hudſon eilte, ſich nunmehr zur Taufe bereit zu erklaͤren. Pathenſtelle vertraten die Graͤfin, Tipaldo und der Amerikaner. Nur dieſe Handlung ſchien der Zweck vom laͤngern Aufenthalte des letztern in Langenhof geweſen zu ſeyn. Denn ſchon am Mit⸗ tage ſah man ihn in ſeinem hochaufgepackten Wagen hinwegfahren. Auch Thorn hatte ſich ungemein veraͤndert. Seine Bekanntſchaft mit der nunmehrigen Madam Biſam war ſchon in der Reſidenz gemacht und dort zu ei⸗ nem Zwiſte zwiſchen ihn und Theobalden Veranlaſ⸗ ſung geworden. In großer Spannung mit dem Maͤd⸗ chen hatte er die Stadt verlaſſen und damals voll Unmuths den Entſchluß gefaßt, lieber die vorhabende Heirath ganz aufzugeben, als ſein Leben mit Feſſeln zu belaſten, welche ſeiner geiſtigen Kraft Nachtheil bringen koͤnnten. Sein Zuruͤckjagen nach Langenhof, wo er die inzwiſchen dort angelangte Allori aufzuſuchen verſprochen hatte, und das nachherige Anſchließen an ſie im Garten des Gaſthofes und beim Herumreiten, war daher bei weitem weniger eine Handlung ſeines freien Willens, als des großen Verdruſſes, der ihn beherrſchte und des Trotzes gegen die gewoͤhnlichen, von ihm aber als gemein und eines Dichters unwuͤrdig II. 5 — 66— betrachteten Verhaͤltniſſe, welchen jener Verdruß in ihm erzeugte. Das Reizende des Umgangs einer ſchoͤ⸗ nen Perſon, die weit nachgiebiger gegen ſeine Wuͤnſche war, als die Braut, die ſchoͤnen dunkeln Augen der Italienerin, welche allezeit, ſobald die Zeugen fehlten, die uͤppigſten Stralen uͤber ihn ausgoſſen, die vollen Lippen, die wie ein Becher des hoͤchſten irdiſchen Ge⸗ nuſſes vor ihm ſtanden, und Alles was ihn gluͤcklich machen konnte, darzubieten ſchienen, waͤhrend Theo⸗ balde ihm Alles zu verweigern pflegte, das mochte frei⸗ lich fuͤr den Augenblick ſeine Sinne mit einem Nebel umzogen haben, welcher den Entſchluß gaͤnzlich mit der Braut zu brechen, vollends in ihm befeſtigte. Aber ſeine wirkliche Liebe fuͤr Theobalden hatte den Nebel ſchon zerſtreut, als die Folge davon in jener Ausforderung ſich zeigte, welcher er, hauptſaͤchlich der Braut wegen, ſo gern uͤberhoben geweſen waͤre. Grade das, was er im zeitherigen Umgange mit dieſer ver⸗ mißt und bei der Allori in ſo reichlichem Maaſe gefun⸗ den hatte, ſagte ihm, daß es ein Frevel geweſen, auch nur eine Vergleichung zwiſchen der jungfraͤulichen und der koketten, Allori anzuſtellen. Um ſo entſetzlicher mußte es ihm ſeyn, daß der Vater der Braut von ſei⸗ ner Verbindung mit der Reiterin und dem Duell gehoͤrt, — 67— auch deshalb ſeine Einwilligung in die Verbindung der Tochter mit ihm foͤrmlich zuruͤckgenommen hatte. Nach langem fruchtloſen Briefwechſel mit ihm und Theobalden war Thorn endlich ſelbſt in die Re⸗ ſidenz gereiſt um in Perſon das durchzuſetzen, was ſein Herz ſo ſehnlich wuͤnſchte. Inzwiſchen hatte auch Oſten der Sekretaͤr der Graͤfin allmaͤhlich eine Schauſpielertruppe, beſſer als die zeitherige, mit vieler Muͤhe zuſammengebracht, von welcher ſich Langenhof und die ganze Umgegend fuͤr den Winter die Abkuͤrzung manches Abends verſprach. Wie lebendig es aber auch in den Beſitzungen der Graͤfin Altenberg geworden war, grade ſo veroͤdet lag das ſchoͤne Herrenhaus zu Oberthuͤrmen da. Im ganzen erſten Stockwerke verſchloſſen Laͤden die Fen⸗ ſter; denn die Freifrau hatte ſich, unmittelbar nach dem Ableben ihres Geſchlechtsvormundes in die Re⸗ ſidenz gewendet, wo Geſchaͤfte und Neigung ſie feſt⸗ hielten. Auf ihre Erinnerung an ſein Verſprechen uͤbernahm der Graf von Altenberg dieſe Vormund⸗ ſchaft, allein ſein neuerlich ſehr erweiterter Geſchaͤfts⸗ kreis noͤthigte ihn, bei der Thaͤtigkeit, welche die ziemlich verwickelten Angelegenheiten der Baroneſſe 5* — 68 erheiſchten, ſehr bald wieder zur Abgabe der Sache an einen geſchickten Rechtsgelehrten. 9. Nicht wiſſend, daß er an dem eben in ſeine Mah⸗ lerſtube getretenen Muſikmeiſter Senner einen Be⸗ obachter hatte, ſaß Tipaldo vor einem auf die Staf⸗ felei geſtellten alten Bilde, bald den Kopf ſchuͤttelnd, bald ſich vor die Stirne ſchlagend. Was fehlt euch denn? fragte Senner, nachdem er dem Dinge lange Zeit ſchweigend zugeſehen hatte, Der Verſtand— antwortete der Mahler— wei⸗ ter gar nichts. Reitet mich doch geſtern der Bewuſte, daß ich dieſes Bild kaufen muß. Wahrhaftig? erwiederte Senner. Und heute fragt ihr euch, allem Vermuthen nach, wo ihr da die Au⸗ gen hattet? Denn an dem alten, verroſteten Geſichte iſt, wahrlich, auch gar nichts ſehenswerth. Nichts? rief Tipaldo, und der Mund ging ihm auf, wie einem ſtaunenden Kinde. Nichts ſeht ihr und ich ſtehe blos darum fruͤh und ſpaͤt davor, um mich deſto eher todt zu aͤrgern, daß ich, nachdem es ſchon vor dreihundert Jahren ſolche Rieſen von Mah⸗ — 60— kern gegeben, auf die unvernuͤnftige Idee gerathen mußte, ebenfalls in die hoͤchſte und herrlichſte der Kuͤnſte ohne allen Beruf, mit hineinzupfuſchen. Aber Gortt im Himmel, Senner, ſo betrachtet nur einmal das hier und das! Dabei benetzte er mit einem feuch⸗ ten Schwamme einige ſtark nachgedunkelte Theile des alten Gemaͤldes und erwartete dann, daß, gleichwie die Farben hierdurch deutlicher hervortraten, er auch das Verſtaͤndnis uͤber die Schoͤnheit des Bildes in Senners Geſichte wuͤrde aufgehen ſehen. Alles je⸗ doch fruchtlos. Wahrhaft unwillig aber wollte der Mahler wer⸗ den, als Senner ihm die Vorzuͤge ſeiner eigenen Ge⸗ maͤlde vor jenem alten in's Licht zu ſtellen ſuchte. Spaͤterhin fuhr er ſeufzend alſo fort: Dieſes verwuͤnſchte, liebe, alte Bild ſetzt mich wieder einmal auf eine ganz heilloſe Weiſe in meinem Beſtreben uruͤck, ein beſſerer Mahler und ein beſſerer Menſch zu werden. Seht nur die Menge angefangener Koͤpfe, die hier herum ſtehen. Wo ſoll mir denn der Muth herkommen zu ihrer Vollendung, wenn ich ſolch ein vollendetes Gemaͤlde immer vor Augen habe. Gluͤcklicher Sterblicher, ihr koͤnnt den Himmel nicht genug danken, daß er euch das neideswerthe Heil ver⸗ liehen hat, kein Mahler zu ſeyn; beſonders kein Por⸗ traͤrmmahler. Denn ſie ſind diejenigen, welche die Suͤnden der Welt zu tragen haben. An meinen hie⸗ ſigen Waͤnden leitet ſich wieder dieſelbe Galerie von Schlachtopfern meines ungluͤcklichen Pinſels ein, die ſchon aus der Heimath mich verſcheuchte. Sind es doch ohnehin gewoͤhnlich grade die heilloſeſten Geſich⸗ ter, welche von mir gemahlt ſeyn wollen. Und ich Bedauernswerther bin immer blind genug, ihr Heil⸗ loſes nicht ſogleich gehoͤrig zu durchſchauen. Wenn ich aber dann vor ihnen ſitze, ihr ganzes Weſen ſo recht einzuſaugen in mich, ſo ſtraͤubt ſich mein In⸗ neres und es bangt mir mit jedem Momente mehr vor der aus Augen, Mienen und Formen hervortre⸗ tenden Heilloſigkeit. Die Finger erſtarren; der Pin⸗ ſel will nicht fort. Da brachte dieſen Morgen der duͤrre Marquis Delaporte ſeine dicke Frau Gemahlin wieder zu mir, die ich geſtern gezeichnet hatte. Die Ahnung qaͤlte mich bereits, daß die Sache ſchlecht G nähes wuͤrde. Und ſiehe da, es bewaͤhrte ſich. Das Huͤbſcheſte grade an ihr ſind noch die liebeſiechen Augen. Obſchon ſie aus der Hoͤhle ſchauen, wie bei dicker Luft der Mond aus dem ſogenannten Hofe, ſo koͤnnten doch ſie allein einigen Geiſt und Zuſammen⸗ — 71— halt in das viele, breit auseinander gegangene Fleiſch dieſes Geſichts bringen. Aber ließ ſie mich wohl et⸗ was ſehen von ihnen als die Augenlieder? Nicht etwan aus uͤbergroßer Scheu und Beſcheidenheit. Aus bloßem Wohlgefallen an dem eigenen Embonpoint ſchien ſie die Blicke ſtets dahin zu ſenken, hatte auch, vermuthlich um es im vollen Glanze erſcheinen zu laſſen, an der Bruͤſſeler Spitze, welche um daſſelbe herumging, immer etwas zu ziehen und zu ordnen. Endlich riß mein Geduldfaden. Ich fragte, ob ſie vielleicht als bußfertige Magdalene gemahlt ſeyn wolle. Bei ruhiger Ueberlegung misbillige ich freilich die Frage ſelbſt. Aber ſo aufgebrauſt wie es geſchah, wuͤrde Madam wohl ſchwerlich daruͤber ſeyn, haͤtte nicht zum Ungluͤck ihr Leben große Aehnlichkeit mit jener Heiligen vor der Buße gehabt. Ihr Gemahl, ſeine Schadenfreude nur halb bezwingend, ſuchte mich zu entſchuldigen. Ich haͤtte, ſagte er, mit meiner Frage gewis keine ungebuͤhrliche Anſpielung beabſich⸗ tigt. Vermuthlich wuͤrde ich dadurch nur ihre nieder⸗ geſchlagenen Augen haben emporrichten wollen. Sie warf dafuͤr dem Marquis den Reſt der zu meiner Vernichtung beſtimmten Blicke zu. Nun iſt es mir zwar recht lieb, von dieſer Kundſchaft auf Einmal wieder erloͤſt zu ſeyn; allein auch die Paar ſchoͤnen Stunden, die ich bereits an fie verſchwendete, aͤrgern mich uͤber die Maſen. Dann rennt der lange Do⸗ maͤnenkammerpraͤſident mir faſt das Haus ein, daß ich ſein ſchauderhaftes Geſicht vollenden ſoll. Ich kann aber in die ſtarre Fuͤhlloſigkeit dieſer Augen nicht hinein ſehen, ohne an den zeitlichen Tod und die ewige Verdamnis zu denken. Warum ſoll ich's da thun? Und die Szenen, die ich mit folchen Per⸗ ſonen erlebe, ſind noch lange nicht das Schlimmſte in meiner Mahlerlaufbahn. Denn nun ſoll ich wie⸗ der Andere portraͤtiren, bei denen mein willfaͤhriges Auge gar nicht zeitig genug zur Arbeit kommen kann. Wenn ich ſie aber angefangen habe und mit jedem meiner Blicke auf ſie, die Natur immer groͤßer und gewaltiger aus ihnen heraustritt, als wolle ſie ſagen: O du tihͤoͤrige Unverſchaͤmtheit, ſo gehe doch in dich und ſtrebe nicht nach Unmoͤglichem! Dann wird mir vollends abſcheulich zu Muthe. Wahrlich ich muß mich fuͤr den ungluͤcklichſten Portraͤtmahler in der Welt halten. Koͤnnte ich doch beinahe ſaͤmmtliche zu mahlende Subjebte in zwei Haͤlften theilen: in ſolche nämlich, die ich nicht mahlen will, und in ſolche, die ich nicht mahlen kann!— Und wenn uns nun noch — 73— koͤſtliche Gemaͤlde vorkommen, wie das, iſt's dann ein Wunder, daß einem aller Appetit zu weitern Verſuchen vergeht? Wofuͤr ich meinen lieben Gott noch einmal in der Ewigkeit danken werde, das iſt der Umſtand, daß ich von Vollendung der beiden dort ganz losgeſprochen ſcheine. Denn der Graf und dieſe Gruͤnau gehoͤren auch zu denen, an deren or⸗ dentlicher Nachbildung ich verzweifeln muß. Aber ihr wart in der Reſidenz, Senner, wie ſteht es denn mit den Beiden und fuͤr's Erſte mit der Scheidung des Grafen von unferer Graͤfin? Es ſcheint— antwortete der Muſikmeiſter— damit ohngefahr ſo weit zu ſeyn, als im vorigen Sommer, wo er die Baroneſſe hier kennen lernte. So waͤre wohl dieſe Frau dem geliebten Manne nur darum, mit Aufopferung ihrer ganzen Lebens⸗ gewohnheit nahe geruͤckt, um mit ihm voͤllig ausein⸗ ander zu kommen? Neu wenigſtens wuͤrde der Fall gar nicht ſeyn. Hier, lieber Tipaldo, iſt er gewis nicht eingetre⸗ ten. Bei den Soireen der Baroneſſe ſpielt der Graf allezeit die erſte Rolle. Auſſer in Geſellſchaft aber ſcheinen ſie einander nicht zu ſehen. Die Baroneſſe — 74— lebt noch dort, wie die Sache hier anfing, gleichſam von dem Lichte, das ihr aus ſeinem Auge zufließt. Ein mageres, verdrießliches Leben!— agte Ti⸗ paldo kopfſchuͤttelnd.— Am meiſten thut mir's dabei um die gute Idee leid, welche ich von der Vernunft und den Einſichten des Grafen faßte. Statt den Verhaͤltniſſen die noͤthige Geſtalt zu geben durch einen kraͤftigen Eingriff, oder mit andern Worten, durch baldigſte Scheidung von einer Frau, die„bei all ih⸗ ren uͤbrigen Verdienſten, ihn denn doch verlaſſen hat, quͤlt er zwei Weiber—— vielleicht langſam zu Tode. Wer iſt daruͤber nicht einig mit mir, daß an ſich, ſeine jetzige Gemahlin ſeine ganze Liebe ver⸗ dienen wuͤrde? Aber ſie entzog ſich derſelben freiwil⸗ lig und begab ſich ſo alles Rechtes uͤber ſeine Lei⸗ denſchaft zu jener Klage zu fuͤhren. Ueberhaupt wie hoch ich auch die wackere Schutzherrin von Langen⸗ hof achte, ſo paßte ſie doch weit weniger zu meinem Naturell als die Andere. Zwar naͤhern ſich die Zuͤge der Graͤfin dem Ideale viel mehr, als die Geſichts⸗ linien der Baroneſſe. Es iſt aber etwas allzuruhiges, ich moͤchte ſagen, ſteinernes in ihr und ſie daher der Skulptur zu uͤberlaſſen, die eben darum aus ihr eine recht wuͤrdige Frauengeſtalt herausbringen koͤnnte. 5 — 275— Die Mahlerei wendet ſich an die Gruͤnau. Welch ein Auge voll ewigen Wechſels, voll Liebesluſt und Liebesſchmerz, ein Auge, an dem ich die etwas zu ſtarke Vertiefung ſogar, um keinen Preis hingeben moͤchte. Ich ſagte, die Mahlerei; doch ſtatt dieſer moͤchte ich lieber den Mahler ſelbſt nennen. Denn wie wollte ſeine arme Kunſt die Honigſuͤßigkeit des Lichtes ausdruͤcken, das offenbar aus den Wogen des uͤppigen Buſens mit jedem Pulsſchlage ſichtlich her⸗ auf in ihren Blick getrieben wird? Nein, ich tadle den Grafen offenbar, daß er dieſes Zauberlicht nicht ohne allen Verzug zum Anzuͤnden einer zweiten Hy⸗ mensfackel gebraucht, die ſeinen Lebenspfad gewis freundlicher erhellen und erwaͤrmen wuͤrde, als der kalte Mondſchein der erſten, der nicht einmal bis zu ihm hinſchimmert. Die Phantaſieen, welche der lie⸗ benswuͤrdigen Gruͤnau nachgeſagt werden, koͤnnen, ihm unmoͤglich im Ernſte zum Anſtoß gereichen. Sie ſtammen aus der dunkeln, ſchwermuͤthigen Nacht ih⸗ res jetzigen Lebens und werden, wie alle Geſpenſter, dem klaren Tage weichen, den ſeine Liebe uͤber ſie herauffuͤhren kann. Und der kurioſe Graf quaͤlt auch ſich mit dieſem ſo ganz unfruchtbaren Zoͤgern. Denn manchmal ſchon, wenn ich ihn und ſie hier beiſam⸗ — 76— men ſah kam er mir ohngefaͤhr vor, wie die Kinder Iſrael, als es ihnen in der Wuͤſte nach den Fleiſch⸗ toͤpfen Aegyptens geluͤſtete.— 10, In der Reſidenz war der ganze Tag ſchon durch die grauen Novembernebel zur Nacht umgewandelt worden, um ſo duͤſterer, da die ſchoͤnſte Eigenſchaft der Nacht, ihre Stille, nicht mit herbeikam, vielmehr der mannichfache Laut des verſchiedenen Gewerbes nur greller und widerwaͤrtiger geworden ſchien unter dem Einfluſſe des finſtern Himmels. Die Baroneſſe von Gruͤnau, beinahe vergangen vor Unmuth und Truͤbſinn, hatte ſehnlichſt auf den Abend gehofft, wo ſie Geſellſchaft erwartete, der Kerzenglanz ihrer Wohnung der Finſternis von auſſen ſpottete und ein Paar Worte mit Altenberg ihr Entſchaͤdigung ver⸗ ſprachen fuͤr das viele Geſchwaͤtz, welches ſie anhoͤren und wozu ſie ſelbſt Beitraͤge liefern mußte. Aber mit dem nahenden Abende verwandelte ſich ihr Ver⸗ langen nach Geſellſchaft in offenbaren Widerwillen. Liebe Luiſe— ſagte ſie zu dem Fraͤulein von Herbſt, einer Geſpielin ihrer Kindheit, welche, ſeit zwei Mo⸗ — 77— naten verwaiſt, als Geſellſchafterin bei ihr lebte und ihr volles Vertrauen genoß— laß eilig Alles abſagen fuͤr dieſen Abend. Ich bin krank, ſehr krank, ſo we⸗ nigſtens mag es heißen. Nur ſchnell, ſchnell! Das letzte Gebot ſtieß ſie mit ſolcher Haſt gegen die Zoͤgernde heraus, daß dieſer nichts uͤbrig blieb, als ſogleich Anſtalt zu Erfuͤllung ihres Begehrens zu treff3en. 1 Aus dem tief nach den Schornſteinen herabhan⸗ genden Gewoͤlk ſchlug endlich gegen Abend ein ge⸗ waltiger Regen an die Fenſter, dazu heulte der Sturm ſo ſchauerlich, daß die Baroneſſe zum Pianoforte eilte, um dieſe Toͤne, wo moͤglich durch eine rauſchende Opernouvertuͤre zu uͤberbieten. Eben ſtuͤrmte ſis noch in die Saiten als man Licht brachte. Und wie ſie jetzt ſich umſah, ſtand in einiger Entfernung, mit Zagen auf die Gelegenheit zur Anrede wartend, ihre Nichte Alphonſine da. Ihr ganzer Anzug zeugte, daß ſie zu Fuße gekommen und Sturm und Regen getrotzt hatte, um nur vor An⸗ bruch der Nacht das geſuchte anſtaͤndige Unterkom⸗ men zu finden. Gott,— ſo rief die Baroneſſe ſchmerzlich aus— mein liebes, mein innigſtgeliebtes Kind! und alles — 78— Wehrens von Seiten Alphonſinens nicht achtend, ſchloß ſie die voͤllig Durchnaͤßte feſt in ihre Arme. Dann rief ſie die Jungfer, um nur ſogleich durch andere Kleider das Fraͤulein vor den Folgen des ge⸗ wagten Schrittes zu ſchuͤtzen und bat Louiſen, ihr ebenfalls darin beizuſtehen. Als Alphonſine nach der noͤthigen Umkteidung wieder mit der Baroneſſe allein war, ſprach ſie: Du wirſt ſehr ungehalten ſeyn, Tante, daß ich mich dem Stifte durch heimliche Flucht entzogen habe. Aber ich konnte nicht anders. Wie ſie dabei den Kopf ſchuͤttelte, fielen ein Paar Thraͤnen aus ihren ſchoͤnen Augen, offenbar in die Mitte des Herzens der ihr wohlwollenden Verwandten. Sey nur nicht boͤſe! fuhr das Fraͤulein fort. Aber, mein Kind— verſetzte die Baroneſſe— was konnte denn dich ſo ploͤtzlch zu ſolch einem Schritte veranlaſſen. Dem letzten Briefe nach, ſtreb⸗ teſt du noch nicht hinweg und der iſt doch kaum acht Tage alt. Ach, dieſe Briefe, beſte Tante, wie tief ſchaͤme ich mich ihrer und welche Muͤhe koſtete mich jeder, ſo kurz er auch war! Allein keiner blieb von der —„ Vorſteherin ungeleſen und doch ſollte ich, das ver⸗ langte ſie ſelbſt, dich nicht ohne Nachrichten laſſen. Was aber machte dir den Aufenthalt unertraͤglich? Forſche nicht weiter, beſte Tante. Ein ſchwerer Eid band meine Zunge und belaſtet mein Herz. Glaube mir nur, daß ein laͤngeres Bleiben mit mei⸗ ner Pflicht unvertraͤglich war. Ja, meine geliebte Tochter— ſprach die Baro⸗ neſſe— ich glaube dir. Wer moͤchte deinem from⸗ men Auge den Glauben verweigern? Tauſendmal ſchon bereuete ich, dich von mir gelaſſen zu haben und haͤtte nicht der Amerikaner mich uͤber deinen Aufenthalt in jenem Stifte beruhigt, ſo wuͤrdeſt du laͤngſt wieder an dem Herzen ausruhen, deſſen Schlaͤge dir von nun an mehr als je gewidmet ſind. So hielt alſo der unreine Geiſt Eulaliens deine Feder durch einen Schwur in Banden? Und vielleicht ſchlang ſie ſolche um dich, nachdem du ſchon hingeriſſen durch die Entartete—— Nein, Gott ſey Dank! rief Alphonſine mit In⸗ brunſt aus. Erſt als ſie jenen Eid mit großer Hin⸗ terliſt mir entlockt hatte, wagte ſie den frommen Schleier vor meinen Augen von ſich zu thun. Al⸗ lein auch der Glanz der Sophismen durch die ſie — 80— mich vom Wege des Heils abzulenken ſuchte, ver⸗ blendete mich nicht und je inniger die Zuneigung war, welche ſie mir zu erkennen gab, deſto ſchleuni⸗ ger glaubte ich ihr entfliehen zu muͤſſen. Erlaß mir vor der Hand die Mittheilung der beſondern Umſtaͤnde⸗ Koͤnnte daraus ein erſprießliches Reſultat hervorgehen, dann wuͤrde ich das Widerwaͤrtige derſelben ſchon jetzt, wo Alles mir noch ſo nahe ſteht, gewis nicht ſcheuen. Bei den Verbindungen jedoch, welche die Schlauheit der Stiftsvorſteherin ſich zu verſchaffen wußte, ſteht ſie nunmehr eiſenfeſt in dem Verhaͤlt⸗ niſſe, welches Anfangs alle Augenblicke aufhoͤren zu muͤſſen drohete, Uebrigens ließ ich ihr eine ſchrift⸗ liche Warnung zuruͤck, die meinen Ruf ohnſtreitig vor den Verfolgungen dieſer Rachſuͤchtigen ſichern wird⸗ Die Baroneſſe zog Alphonſinen immer von Neuem in ihre Arme. Geliebtes Herz— ſprach ſie— es war mein Schutzgeiſt, den ich in dir gleichſam von mir geſtoſſen hatte. Deſto unzertrennlicher wollen wir ſeyn von nun an. Ganz deutlich fuͤhle ich, daß das zeither im Leben ſo ſchmerzlich von mir Vermißte, mit dir nunmehr mir zuruͤckgegeben iſt. Und magſt du auch der Schwäͤche d·ch entſinnen, deren ich, vor deinem erſten Scheiden aus meinen Armen, ſchuldig — 31— wurde, mag auch durch ſie unſer nachheriges Verhaͤlt⸗ nis gelitten haben. Betrachte mich von nun an, als deine aͤltere Schweſter und Alles iſt hergeſtellt. Darauf erzaͤhlte ſie ihr von ihrer ſo ſeltſamen Un⸗ behaglichkeit den ganzen Tag uͤber, dann von der wie⸗ der abgeſagten Geſellſchaft und betrachtete dieſe letzte Grille als eine Art von hoͤherer Eingebung, weil ja doch auſſerdem der erſte Abend mit der Heimgekehrten ihr durch die Fremden ohnfehlbar gewaltig wuͤrde ver⸗ kuͤmmert worden ſeyn. Sodann wies ſie Alphonſinen Zimmer an, mit der Bitte, Alles, was ſie darin zu ihrer Gemaͤchlichkeit vermiſſe, Luiſen zu entdecken, welche ſich ihrer Wuͤnſche gewis eifrigſt annehmen werde. Wirklich glaubte die Baroneſſe in dieſer Nichte grade zur rechten Zeit, gleichſam ein Geſchenk des Him⸗ mels erhalten zu haben, womit ſie gegen ſich ſelbſt ſicher geſtellt werden koͤnne. Durch ihre Leidenſchaft fuͤr den Grafen, die grade um ſo maͤchtiger wurde, je mehr ſie ſolche bei ſeiner Zuruͤckhaltung, in ſich zu verſchlieſſen gezwungen war, auf die hoͤchſte Stufe des Mismuths gerathen, dachte ſie den verlorenen innern Halt im Anlehnen mie fromme Alphonſine wieder zu gewinnen und von dem gefaͤhrlichen Umgange mit II.. 6 — 32— jenem heißgeliebten Manne ſich immer mehr loszu⸗ machen. Kaum aber hatte ihr jetziges einſames Nachdenken hieruͤber, die Fluͤgel ihres neuen Muthes recht kraͤftig emporgehoben, ſo geſtaltete ein von Luiſen begangener Misgriff die Sache ganz anders. Luiſe, wohl wiſſend, was der Verſtimmung der Freundin ihrer Kindheit zum Grunde lag, hatte das Abſagen der Soiree auf den Grafen nicht mit erſtrecken zu duͤrfen geglaubt und eben das ganz Unerwartete ſeines nunmehrigen Erſcheinens breitete ploͤtlich ſolch eine Fuͤlle von Gluͤck uͤber die ihn Liebende aus, daß Wangen und Augen ſich ihr ganz unwillkuͤhrlich entzuͤndeten. Das neue luüftige Gebaͤude einer Zukunſt in der auf den Grafen von Altenberg ſo gut wie gar nicht mehr gerechnet war, loderte ſo im erſten Blitzſtrale ſeiner von dem Zauber, in dem die Baroneſſe erſchien, freundlich beruͤhrten Augen wie ein leichtes Kartenhaus auf. Die in Bei⸗ den ploͤtzlich empor wallende, waͤrmere Stimmung nebſt den Erinnerungen aus der fruͤhern gemeinſchaft⸗ lichen Vergangenheit, welche zugleich in ihnen aufſtie⸗ gen, griffen fuͤr's Erſte hemmend in die Unterhal⸗ tung ein. Der Graf nahm einige auf dem Tiſche aufge⸗ — 83— ſchlagen liegende Zeitſchriften zur Hand und ſprach: Critiken von Schriften aus dem Gebiete des Schoͤnen, wie ich ſehe. Finden ſie bei dieſer Lektuͤre Genuß, meine Freundin? Den ſuchte ich nicht einmal. Wohl aber ging mein Wunſch dahin, eine ſichere Leitung durch den unermeßlichen Strom der neuen Literatur zu gewin⸗ nen. Vergebens. Wahrheitsliebe, bei klarer Anſicht uͤber den zu beſprechenden Gegenſtand, ſollte doch wohl die erſte Grundlage aller Critik ſeyn. Wie ſelten aber ſtoͤßt man hierauf. Haß oder Liebe gegen die Auto⸗ ren haben groͤßtentheils ihre Werke in Beſchlag ge⸗ nommen und erheben ſie oft eben ſo unſinnig, als ſie ſolche herunterſetzen. Und dieſe Liebe und dieſer Haß,— erwiederte laͤchelnd der Graf— geht zuweilen von der beſtimm⸗ ten Schule aus, welcher der Critiker zugethan iſt, oder gar nur von dem ihm angenehmen oder wider⸗ waͤrtigen Namen des Verlegers. Grade darum muß man freilich eine aͤchte, ſachkundige und unbefangene Critik um ſo hoͤher ſchaͤtzen, je ſeltener ſie iſt. Sie werden aber gewis in der Flut der Beurtheilungen noch ſeltener auf eine ſolche treffen, als in der Flut der ſchoͤnen Literatur auf ein Werk, das ihnen zu⸗ 6*† ſagt. Und um ſelber partheilos zu erſcheinen im Urtheilen muß man auch zugeſtehen, daß eben in dieſer Literatur die Critik am ſchwierigſten ſeyn moͤchte. Jenes Maas, welches dem Beurtheiler in allen Zweigen der Wiſſenſchaft zu Gebote ſteht, fehlt ihm im Gebiete der ſchoͤnen Kuͤnſte faſt gaͤnzlich, wenigſtens grade fuͤr das eigentliche Schoͤne darin. Der Graf verbreitete ſich weiter uͤber den Ge⸗ genſtand und rieth der Baroneſſe im Allgemeinen ſich dem Meere der Literatur ohne ſolch einen Pilo⸗ ten anzuvertrauen. Und— ſagte er— ſollten ſie auch recht oft auf ihnen misfaͤllige Dichtungen ſto⸗ ßen, ſo wird grade dann eine Novelle von Tieck, wie deſſen Gemaͤlde, oder die Katakomben von Jacobs, oder irgend ein anderer Meiſter in die⸗ ſem Fache ihnen zu noch hoͤherm Genuſſe gereichen. Sie werden ſich daran erfreuen, wie ſo mancher wun⸗ dervollen Stelle im Walter Scott, die dann einen beſonders tiefen Eindruck auf uns macht, wenn uns dieſer Dichter zuvor durch duͤrre Sandſteppen und wuͤſte Haide hindurchfuͤhrte. Die Rede kam auf Schillers Geiſterſeher, welchen die Baroneſſe fuͤr den vollkommenſten unter den deutſchen Romanen erklaͤrte. Der Graf glaubte, ———— ſo vorzuͤglich auch er den Geiſterſeher finde, ihn durch die Wahlverwandtſchaften, doch weit uͤber⸗ troffen zu ſehen, hauptſaͤchlich darum, weil dieſe zur Vollendung gediehen waͤren, und ein unvollendetes, abgebrochenes Kunſtwerk, ſeiner Anſicht nach, durch⸗ aus nicht mit dem vielbewunderten Torſo in Ver⸗ gleichung gezogen werden koͤnne, wie neuerlich bei aͤhnlicher Gelegenheit zuweilen geſchehen ſey. Jetzt wuͤnſchte die Graͤfin uͤberhaupt des Grafen Urtheil uͤber Schiller zu vernehmen. Auf mein Urtheil— antwortete er— wuͤrde wenig ankommen. Rufen ſie ſich aber das Gedicht in's Andenken zu⸗ ruͤck, wodurch Goͤthe den Hingang dieſes Unſterbli⸗ chen verherrlichte und ſeine Groͤße wird ihnen im vol⸗ len Glanze erſcheinen. Eine Vergleichung zwiſchen dieſen beiden Heroen der deutſchen Literatur, worauf Frau von Gruͤnau nunmehr antrug, lehnte der Graf voͤllig ab, weil der weſentlich verſchiedenen Natur leider, durch eine ſolche nur Unrecht geſchehen koͤnne. Schiller— ſagte er— gleicht meines Erachtens, dem gewaltigen Flam⸗ menſtrome eines Vulkans, der im erhabenen Dunkel der Nacht zum Himmel ſtrebend, mit ſeiner Pracht einen weiten Umkreis zauberiſch beleuchtet; Goͤthe — 86— dem klaren und doch unergruͤndlichen Himmel, der am Tage die Welt und deren Geſchoͤpfe in die mannich⸗ fachſten Farben kleidet und bei Nacht, im ſtillen Wunderglanze der Sterne zugleich ſeine und die all⸗ gemeine Unſterblichkeit verkuͤndiget. Die ganze Seele der Baroneſſe ſchien ſich in des Grafen hochbegeiſtertes Auge fluͤchten zu wollen, ſo innig hing dabei ihr Blick an dem ſeinigen. Was aber— fragte ſie dann,— was iſt ihr Ur⸗ theil uͤber den ſo hochgeachteten Byrone Achſelzuckend antwortete der Graf: Ich kenne ihn zu wenig und ließ mich, vielleicht ganz mit Unrecht, durch dieſes Wenige von ihm zuruͤckſchrecken. Auch darin traf ich auf den erhabenen Goͤtterblitz des Ge⸗ nie's. Der jedoch reicht mir nicht hin bei einem Dichter, an dem ich mich erfreuen will. Meiner An⸗ ſicht nach, ſoll die Poeſie, wenn nicht eine Verſoͤh⸗ nung des Menſchen mit dem Leben ſtiften, doch kei⸗ nesweges gradezu und abſichtlich ihn mit ihm ent⸗ zweien, vielmehr auch dann, wo ſie das Nichtige deſ⸗ ſelben beleuchtet, ihm zugleich den Pfad zeigen, der von dem Leben ausgeht zu allem Wahren und Heiligen. Byron iſt zu tief mit ſich ſelbſt zerfallen, und bei allem Zauber ſeiner Gemaͤlde tragen ſie doch nur zu — — 82.— deutlich dieſen niederſchlagenden Stempel an ſich. Keine Poeſie aber darf niederſchlagend einwirken, ohne zugleich zu erheben, wo nicht immer zum Unendli⸗ chen, doch zur reinen Freude, zur Beruhigung, welche, wie ſehr ſie auch dem Irdiſchen verwandt ſcheinen moͤgen, ihre Nahrung ebenfalls aus dem heiligen Bo⸗ den der Unendlichkeit ziehen. Was fehlt ihnen, theure Freundin? fragte der Graf, mit Innigkeit ihre Hand erfaſſend, als eben zwei Thraͤnen ihr uͤber die Glut der Wangen floſſen. Soll ſich unſerer— erwiederte ſie— der Schmerz nicht bemeiſtern, wenn auch das goͤttliche Feuer des Genie's vom irdiſchen Unheil geſtoͤrt werden darf. Immer theilnehmender ruhete Altenbergs Auge auf der Dame, obſchon ihre Antwort ihn keineswe⸗ ges befriedigte. Altenberg— rief ſie aus— ſie vernichten mich mit ihrem forſchenden Blicke. Wie kann ſich ihm die traurige Wahrheit entziehen, daß auch mein ganzes Weſen zerfallen i*ſt mit ſich ſelbſt? Ach, ſchon dadurch wurde ja ſchon ihr Herz zuruͤckgeſchreckt von mir, wie von jenem Dichter. Wie moͤgen ſie das beweiſen, verehrte Gruͤnau? ſprach der Graf mit einer Waͤrme, wozu das in — 88— voller Leidenſchaft gluͤhende Auge der reizenden Frau, das bittre Leid, welches ihren, wieder ganz in ſein Anſchauen verſenkten Blick durchzuckte, ihn auffor⸗ dern mußte. Und nun erwaͤhnte ſie, aber nur mit verhuͤll⸗ ten, halben Worten und ſchwacher Hindeutung, ihm aber deutlich genug, die Schauer, welche durch ſein ploͤtzliches Verſchwinden von Laugenhof im vorigen Sommer uͤber ſie gekommen, und von dem bis da⸗ hin die ganze Zeit uͤber keine Rede geweſen war. Sie beruͤhrte, aber noch weit leiſer, den an ſeinem letzten dortigen, ihr ſo unheimlichen Abende mit der Graͤfin erlebten Auftritt, nebſt dem am Morgen zu⸗ vor mit ihm ſeldſt, wo er geaͤuſſert, daß ſie auf dem jetigen Fuße nicht ſtehen bleiben koͤnnten und ſie die Einleitung zur Aenderung bei ſeiner Gemahlin z8z treffen uͤbernommen hatte, Mit leidenſchaftlicher Heftigkeit preßte hier der Graf ihre Hand tief in ſeine Lippen. Es kann auch nicht ſo bleihen; begann er. Einzig die ſeltſame Ver⸗ kettung der Umſtaͤnde—— doch Alphonſinens Her⸗ eintreten verhinderte die Erlaͤuterung. Altenberg er⸗ blickte die junge Schoͤnheit zum erſten Male. Ob⸗ ſchon der Eindruck, den ſie auf ihn hervorbrachte, — 89— ſeine Leidenſchaft nicht im mindeſten anſprach, ſo war er doch uͤberaus ſtark und maͤchtig. Frauenwuͤrde und Frauenunſchuld war ihm nie in ſolch einem hin⸗ reißenden Glanze erſchienen. Die Wogen, welche ſein Inneres vor ihrem Erſcheinen geſchlagen hatte, ebne⸗ ten ſich im Anſchauen ihres geiſtigen und koͤrperlichen Ebenmaaſes immer mehr. 1 Jetzt erſt gelangte er zum Ausdrucke ſeines Be⸗ fremdens, keine Geſellſchaft weiter anzutreffen. Die Baroneſſe ſchob die Schuld auf ihren Spleen, ver⸗ heelte auch nicht, daß ihm die Abſagung mitgegolten, wegen deren Unterlaffen— fuͤgte ſie ihm in's Ohr hinzu— ſie Louiſen recht boͤſe ſeyn wuͤrde, wenn ſie ihr nicht dafuͤr nunmehr ewigen Dank ſchuldig waͤre. Das Gefuͤhl dieſen Dank in dem Sinne der Baroneſſe gar nicht verdient zu haben, beunruhigte den Grafen. Er hatte ihr naͤmlich, als Alphonſine ihn unterbrach, die Beſorgnis vortragen wollen, daß das Herz ſeiner Gemahlin durch naͤheres Zuſammen⸗ ziehen der Verhaͤltniſſe zwiſchen ihm und der Gruͤ⸗ nau allzutief verletzt werden moͤchte. Obſchon die Graͤfin ſich daruͤber nicht ausgeſprochen, ſo hatte doch in ihrem Benehmen am letzten Nachmittage ſeines Aufenthaltes zu Langenhof eine große Befangenheit — 90— gelegen, die ihn darauf hinwies, auch zu dem frem⸗ dern Betragen gegen die Baroneſſe am Abende und ſeiner ploͤtzlichen Abreiſe veranlaßte. Statt des be⸗ ſtimmten Wunſches die Gruͤnau zu beſitzen, den dieſe ſeiner durch Alphonſinens Dazwiſchenkunft nicht zur Vollendung gebrachten Rede unterlegte, mochte ihm fuͤr jetzt nur noch die Nothwendigkeit eines Entweder — DOreer, einleuchten, welches er nunmehr mit der Baroneſſe ſelbſt von allen Seiten in Erwaͤgung zu ziehen dachte. Nach dem das Reſultat ausfiel, mußte eine gaͤnzliche Trennung von ihr oder von ſeiner Ge⸗ mahlin die Folge ſeyn. Nach der innigen Dankbarkeit in der letztern Zu⸗ fluͤſterung ſchien die Gruͤnau zu ſolch einer Erwaͤ⸗ gung ihm gar nicht geeignet, daher ſtieg nun der Vorſatz in ihm auf, ſich der Sache allein zu unter⸗ ziehen und ihr das Ergebnis ſodann ſchriftlich vorzu⸗ legen, wenn es, wie er beinahe vorausſah, fuͤr ſeine Gemahlin und gegen die Liebende ausfallen ſollte. Hoͤchſt demuͤthigend haͤtte fuͤr die Baroneſſe der Gedanke ſeyn muͤſſen, wie der mit Alphonſinens An⸗ kunft in ihr aufgeſtiegene Muth zu Bekaͤmpfung ih⸗ rer Leidenſchaft, ſo ploͤtzlich wieder gewichen und ſie zur voͤlligen Sklavin derſelben geworden, aber eben — 91— dieſe Sklaverei war ihr unter den irrigen Voraus⸗ ſetzungen, von denen ſie ausging, ein Zuſtand voll des ſuͤßeſten Zaubers. Durch ihn hoffte ſie endlich doch noch das Gluͤck zu erreichen, welches zeither ſich ihr immer entzogen hatte, ſo bald ſie ſich ſolchem am naͤchſten geglaubt hatte. 11. Welch ein Abſtand aber von den freundlichen Ausſichten, welche der Baroneſſe in ihre Traͤume ge⸗ folgt und mit ihr dann wieder aufgeſtanden waren, fand ſich ſchon am folgenden Abende. Ein ſchwerer Krankheitsanfall hatte den Grafen auf das Lager ge⸗ worfen. Auf die nur zufaͤllig zu ihr gelangte Kunde davon war ſie, aus Beſorgnis, daß die fremden Men⸗ ſchen, welche ihn umgaben, ſich ſeiner Beduͤrfniſſe nicht ſorgfaͤlttg genug annehmen koͤnnten, Nachmit⸗ tags zu ihm geeilt, hatte ihn ſchlafend gefunden und ſas, aus dem fortdauernden Schlummer Hoffnung auf eine gluͤckliche Wendung ſeines Uebels ſchöͤpfend, noch am Adende ſpaͤt neben dem Grafen. Endlich ermunterte er ſich. Iſt ſie gekommen? fragte er haſtig, doch wie noch im Traume und ehe ſeine Augen aufgingen. Seine Frage guf ſich beziehend, antwortete die Baroneſſe mit hocherfreuetem Herzen: Ich bin bei ihnen, wertheſter Freund. Unwillkuͤhrlich ſchien mit dieſem Tone ein Seuf⸗ zer ſich von ſeinem Munde zu loͤſen, dann ſchlug er die Augen auf. Jene Frage ging ſeine Gemahlin an, der er wegen dieſes von den Aerzten als nicht unbedeutend geachteten Krankheitsanfalls ſogleich einen reitenden Boten zugeſendet hatte. Aber aus Miene und Ton der Frau von Gruͤnau abnehmend, daß ſie der Frage eine ihr willkommenere Auslegung ge⸗ geben, konnte er der innig Theilnehmenden in dieſem Augenblicke unmoͤglich durch eine Berichtigung weh⸗ thun. Sie fand ſich jedoch von ſelbſt mit dem Ein⸗ treten des aus Langenhof zuruͤckgekehrten Boten, wel⸗ cher die Nachricht brachte, daß die Graͤfin von Al⸗ tenberg am Tage zuvor eine Reiſe angetreten habe, von der man vermuthe, ſie ſey nach dem fuͤdlichen Frankreich oder Italien gerichtet. Das duͤſtere Verſtummen der Baroneſſe, nach der fruͤhern Redeluſt, deutete ihre Gefuͤhle hinreichend gn. Doch trug ihr Benehmen lange den Charakter des ſtilleen Duldens. Zületzt indeſſen koniite ſie, nach⸗ dem Altenbergs wiederholtes lautes Anerkennen ihrer beſondern freundſchaftlichen Guͤte ſie wiedet etwas mit ihrem Zuſtande ausgeſoͤhnt hatte, den Vorwutf nicht unterdruͤcken, daß ihre Theilnahme ganz ohne Kunde von der Krankheit eines ſo werthen Freun⸗ des gelaſſen worden⸗ Vier Tage hatte der Graf nunmehr im Bette zugebracht und die Baroneſſe ſich ſeiner Pflege mit ſolch einer Sorgfalt unterzogen, daß er wohl auf das Tiefſte davon geruͤhrt werden mußte. Am vierten Abende, wo er wieder aus aller Gefahr war, und ſie eben ſeine Vorleſerin machte, oͤffnete ſich ploͤtzlich die Thuͤr. Seine hereintretende Gemahlin hielt in ihrem Vorſchreiten einen Augenblick an, eilte dann aber nur um ſo ſchneller auf den Kranken zu. Von Langenhof aus hatte man ihr eine Staffete nachge⸗ ſendet, nach deren Ankunft ſie ſogleich die Reiſe zum Gemahle eingeſchlagen. Mit beſonderer Freude vernahm ſie aus dem Munde des eben erſcheinenden Arztes, daß der Pa⸗ tient in Kurzem Bett und Zimmer wieder werde verlaffen koͤnnen. Den aufrichtigſten Dank ſagte die — 94— Graͤfin der Baroneſſe fuͤr die große Aufmerkſamkeit, mit der ſie ſich des Kranken angenommen. Sie laſen eben, wie ich ankam— ſprach ſie dann. — Ich bin doch neugierig, was ſie zum Vorleſen gewaͤhlt haben, liebe Gruͤnau. Mit Laͤcheln griff ſie dabei nach dem auf dem Tiſche aufgeſchlagen liegen⸗ den Buche. Allein die hocherroͤthende Baroneſſe hielt feſt die Hand auf daſſelbe und erwiederte: Grade das Gewicht, welches ſie auf die Wahl der Lektuͤre zu legen ſcheinen, beſte Graͤfin, noͤthigt mich, ſie zu⸗ vor mit der Veranlaſſung zu derſelben bekannt zu machen. Wunderlich genug, war ſchon neulich ein⸗ mal die Rede auf dieſes Buch zwiſchen dem Grafen und mir gekommen. Er behauptete, daß ich ſeinen Inhalt nicht hinreichend erwogen, weil es mich we⸗ niger, als ihn befriedigte und da er vorhin auf meine Frage, welche Lektuͤre er wuͤnſche, mir die Beſtim⸗ mung derſelben allein uͤberlies, ſo waͤhlte ich dieſes von ihm ſo hochgeachtete Werk dazu, theils um ihm zu gnuͤgen, theils aber auch, um dadurch vielleicht Gelegenheit zu erhalten, meine Meinung daruͤber zu berichtigen. Hierauf uͤbergab die Baroneſſe das Buch der Graͤfin. Kaum hatte dieſe geſehen, daß es die Wahlverwandtſchaften waren, ſo legte ſie ſol⸗ ches ſtillſchweigend wieder hin und fuͤhrte das Ge⸗ ſpraͤch, mit offenbarer Abſicht, ſogleich auf einen an⸗ dern Gegenſtand uͤber. Die Graͤfin Altenberg dachte die unterbrochene Ausfuͤhrung ihres Reiſeplanes nunmehr voͤllig auf⸗ zugeben und ließ ſchon auf den folgenden Morgen die Pferde zu ihrer Ruͤckkehr nach Langenhof beſtel⸗ len. Ihr Gemahl bedauerte, daß die boͤſe Nachricht ſeines Unwohlſeyns daran Urſache ſeyn muͤſſe. Nur an der Unterbrechung iſt ſie Schuld! ant⸗ wortete ſie. Kaum angefangen, war mir die Reiſe auch ſchon zuwider. Sie ſollte den Zweck haben, mich auf Einmal aus den mannichfachen Geſchaͤften des letzten Sommers ganz herauszureißen. Nur all⸗ zubald aber fuͤhlte ich, daß ich hierzu den falſcheſten Weg eingeſchlagen. Dieſelben Geſchaͤfte, von denen ich mich entfernen wollte, erfuͤllten mir fortdauernd den Kopf und beunruhigten mich nur um ſo mehr. Der Gedanke nach meiner Ruͤckkehr doch vielleicht Vieles gar nicht in meinem Sinne ausgefuͤhrt zu ſehen, war eine mit jeder Stunde, die ich mich von der Heimath entfernte, immer druͤckender werdende Laſt. Was mir an Arbeit fehlte, wurde mir an — 96— Mismuth uͤcberreichlich erſetzt und ich begreife nicht, wie ſo manche, der Thaͤtigkeit gewohnte Perſonen dadurch daß ſie dem taͤglichen Kreiſe derſelben ſich entziehen, ein Beſſerbefinden erreichen koͤnnen. Am qualvollſten war mir freilich die Ruͤckreiſe. Die Ge⸗ fahr, in der ſie ſchwebten, ließ Tag und Nacht nicht ab von meiner Seele. Um ſo groͤßer iſt nun aber auch die Beruhigung, mit der ich nach Langenhof zuruͤckkehren kann. Die Bakoneſſe kam eben an, als die Graͤfin in den Wagen ſteigen wollte. Die Umarmung, nach welcher dies nunmehr geſchah, ſchien von beiden Sei⸗ ten ſehr innig, aber nicht ohne großen Schmerz zu ſeyn. Ein ganzes Meer von duſtern Gedanken hatte das Auge des Grafen dergeſtalt getruͤbt, daß er ſeine in's Krankenzimmer tretende Pflegerin anſah, ohne ſich deſſen bewuſt zu werden. Erſt mit ihrem Gruſſe, ſchien er wieder aus den Wogen aufzutau⸗ chen, welche ein peinliches Spiel mit ihm getrieben hatten. Die Baroneſſe argwohnte, daß die Abgereiſtẽ ſich verletzende Anſpielungen auf ſein Verhaͤltnis mit ihr —— erlaubt habe; doch glaubte ſie jede Aeuſſerung dar⸗ uͤber unterdruͤcken zu muͤſſen. Dem Arzte wich beim Angriff des Pulſes ſeines Kranken, die Freude, mit der er ankam, wieder aus dem Geſichte. Er fand ſein Blut ſo ungewoͤhnlich ſtuͤrmiſch, daß er fruͤhere, bereits ausgeſetzt geweſene Arzneimittel von Neuem anordnete, auch die Beobach⸗ tung eines ſtrengern Regimes fuͤr den Mittagstiſch, als am Tage zuvor und Maͤſigung im Sprechen verlangte. Das aufgeſchlagene Buch vom Tage zu⸗ vor noch auf dem Tiſche bemerkend, druͤckte er ſogar den Wunſch aus, daß der Patient ſeine ſehr erhitzt ausſehenden Augen nicht ſelbſt damit anſtrengen, ſon⸗ dern ſich vorleſen laſſen moͤchte. Dieſes ſey vielleicht ſogar noch beſſer als voͤlliges Nichtsthun und Nichts⸗ ſprechen, weil dadurch die Gedanken an einen fremden Gegenſtand gefeſſelt wuͤrden, welche auſſerdem einer ungebundenen und nachtheiligen Regſamkeit ſich hin⸗ geben koͤnnten. Ich weiß aber doch nicht—— ſagte, als der Arzt ſich entfernt hatte, die Baroneſſe, zaghaft nach den Wahlverwandtſchaften greifend— ob unter den eingetretenen Umſtaͤnden grade dieſes Buch—— Allerdings— verſetzte der Graf ihr Bedenken II. 7 billigend— koͤnnte grade dieſes gefuͤhlvolle Werk der Krankheit eher in die Hand arbeiten, als ſolche be⸗ ſaͤnftigen. Vielleicht faͤnden ſie in meiner kleinen Buͤcherſammlung etwas die Gefuͤhle minder Aufre⸗ gendes. 123 Die Baroneſſe blieb lange beim Suchen danach im Nebenzimmer. Ihre lebhafte Sorge die einge⸗ tretene Stoͤrung in der begonnenen Geneſung des ge⸗ liebten Freundes durch irgend etwas zu unterhalten, oder gar eine neue zu veranlaſſen, machte ſie aͤuſſerſt zaghaft in der Wahl. Endlich brachte ſie eine Mappe mit Handſchriften herein, die ſie unter den Buͤchern gefunden und wovon einige kurze Saͤtze ſie angezogen hatten. Lächelnd ruhte des Grafen Auge auf den Papieren.. Seit geraumer Zeit ſchon— ſagte er— fiel beim Suchen nach Buͤchern mein Blick zuweilen auf dieſe Mappe, ohne Antheil aber, weil ich den Inhalt ganz vergeſſen hatte und irgend eine rechtswiſſenſchaftliche, hiſtoriſche oder ſtatiſtiſche Ausarbeitung darin vermu⸗ thete, die aus den Tagen meiner Jugend herruͤhrend, — 99— mir bei meinen jetzigen Verhaͤltniſſen, Kenntniſſen und Anſichten, nur wenig Intereſſe darzubieten ver⸗ ſprachen. Uud nun fuͤhrt mir ſo der Zufall aͤſthe⸗ tiſche Verſuche in die Haͤnde, welche unſtreitig gro⸗ ßentheils ſich uͤberlebt haben. Die Jugend ſtellt gern Paradoxen auf und moͤchte unter anderm auch am liebſten den Ruf einer großen Menſchenkennerin da⸗ vontragen. Einen ziemlichen Theil dieſer einzelnen Saͤtze hat ſicher ſchon die Erfahrung widerlegt, an⸗ dere widerlegen ſich vielleicht von ſelbſt. In ſo fern auch das Schiefe zuweilen darum ſehr gut iſt, weil es Stoff verleiht zum Dienſte der Wahrheit, wenn es beleuchtet wird, ſo koͤnnen manche dieſer Aphotis⸗ men wohl noch jetzt ihr Nuͤtzliches haben. Im Durchblaͤttern der Papiere ſties der Graf auf einen Bogen mit der Ueberſchrift: Das Gluͤck. Der Gegenſtand— ſprach er— wuͤrde nicht uͤbel ſeyn, wenn die Ausfuͤhrung nur leidlich waͤre. Ich enthalte mich uͤbrigens alles Urtheils daruͤber, da die Sache meinem Gedaͤchtniſſe voͤllig entſchluͤpft iſt. Wol⸗ len ſie aber dem Aufſatze die Ehre ihn zu leſen wie⸗ derfahren laſſen, ſo wuͤrden ſie mich durch ihren Vor⸗ trag deſſelben beſonders verbinden. Es iſt etwas ganz Eigenes um das uͤber intereſſante Gegenſtaͤnde in fruͤ⸗ 5* — 100— herer Zeit Niedergeſchriebene, das man voͤllig aus dem Andenken verlor, wie ich dieſen Aufſatz. Zeit und Erfahrung haben ſeitdem oft nicht nur unſere Vor⸗ ſtellungen, ſondern ſogar die geiſtige Form, aus denen ſie hervorgehen, voͤllig umgearbeitet. Zuweilen uͤber ihre, gewoͤhnlich aus Beſchraͤnkung der Anſicht, oder zu einſeitiger Betrachtung herruͤhrende Kühnheit ſtau⸗ nend, koͤnnen wir uns ſo wenig mehr in ſie hinein⸗ finden, daß uns der Glaube ſchwerfaͤllt ſie jemals alſo gehabt zu haben. Gleichwohl beſteht noch immer eine geheime Verwandtſchaft zwiſchen ihnen und uns und ſtoßen wir zufaͤllig auf ſie ohne zu wiſſen, daß ſie einſt aus unſerm Geiſte hervortraten, geht es uns mit ihnen, wie mit alten Jugendbekannten, deren Geſichtszuͤge unſer Gedaͤchtnis aufbewahrte, waͤhrend die Beziehungen ihm fremd wurden, in denen ſie vormals zu uns ſtanden. Nicht ſelten finden wir beim laͤngern aufmerkſamen Anſchauen, dieſe Geſichts⸗ zuͤge allmaͤhlig immer deutlicher wieder, ſo daß zu⸗ letzt das ganze Verhaͤltnis ſo vor uns aufſteigt, als ſey grade durch die Beiſeiteſtellung deſſelben, ſolches deſto friſcher in allen Farben und Eigenthuͤmlichkei⸗ erhalten worden. Und grade in der naͤmlichen Weiſe erſcheint bei ſorgfaͤltigerer Betrachtung oft ploͤtzlich — — 101— wieder die ganze alte Gedankenreihe, die uns zu der fruͤhern Ausarbeitung fuͤhrte, kraftvoll und bis auf die kleinſten Einzelheiten und Uebergaͤnge wieder vor unſerm daruͤber erfreueten Geiſte. Laſſen ſie hoͤren, Verehrte, ob es mit dieſem Aufſatze auch der Fall ſeyn moͤchte. Er hat offenbar die Maͤhrchenform, ſagte die Ba⸗ roneſſe beim Ueberblicken des Anfanges und las: Es war einmal ein kleiner Junge, der hatte ei⸗ nen Vater und auch eine Mutter. Es war ein Blitz⸗ junge, wie dieſe meinten. Denn Alles, was ihm vorkam, zog er zu ſeinem Munde, und wenn er merkte, daß es nicht eßbar war, ſo aß er's auch nicht. Anfangs glaubte er, die ganze, große Welt drehe ſich um ſeine kleine Perſon herum, wie ein Koͤnigreich um ſeinen Koͤnig, und ſey ſeinetwegen da, und er ſey der Mittelpunkt von Allem und die Urſache, wa⸗ rum Alles geſchehen muͤſſe, oder nicht. Und da ſchrie er heftig, wenn einmal die Welt oder ein Mit⸗ glied der Welt anders wollte, als er. Auch ſchrieb er lange Zeit die Fehler, welche, ſeines Erachtens vor⸗ kamen, keinesweges ſeinem Syſteme zu, ſondern der dummen Welt, daß ſie ſeinem Syſteme nicht gehoͤrig nachlebte. Mit Einem Worte, der kleine Blitzjunge gab die ſchoͤnſte Hoffnung, ein recht großer Philoſoph zu werden. Und ein Engel war er auch an Schoͤn⸗ heit, wie die Aeltern meinten. Denn er war ziem⸗ lich grade gewachſen und ſchielte auch nicht. Kurz er ſah ganz wie die meiſten andern Kinder aus. Ewig Schade,— ſagte daher der Vater einmal,— daß ein ſo vollkommener Junge nicht dazukommen kann, Land und Leute zu regieren. Das wuͤrde ein Koͤnig wer⸗ den, der ſich gewaſchen haͤtte. Ja wohl, ſeufzte die Mutter— die Krone muͤßte ihm ganz unver⸗ gleichlich ſtehen! Weil nun der Kleine von ſo raren Vollkommen⸗ heiten war, ſo entſchloſſen ſie ſich auch, ihn Narchen zu heißen. Aus oberwaͤhnten Syſteme wuchs Rarchen bald heraus, und hatte hierin den Vorzug vor manchem Philoſophen, welcher das ſeine wie die Schnecke ihr Haus, und zwar oft lebenslang, mit ſich herumtraͤgt. Als Rarchen ſchon viertehalb Schuh lang war, ſo ging er eines Tages an ſeines Vaters Hand drau⸗ ßen im Walde. Da flog ein Schmetterling vor ihm auf, und riſch ließ er des Vaters Hand los und lief dem Schmetterlinge nach. Aber der flog immer ſchneller und ſchneller, bis er endlich gar dem Rar⸗ — 103— chen gus den Augen war. Nun kam Rarchen trau⸗ rig zuruͤck und ſagte: Vater, warum konnte ich nur den ſchoͤnen Schmetterling nicht haſchen, der doch ge⸗ wis meine groͤßte Freude geweſen waͤre? Weil— antwortete der Vater— der Schmetter⸗ ling Fluͤgel hat und du keine! Es giebt aber ein Sprichwort, mein Sohn, das heißt: Langſam kommt auch nach! Doch will das Ding verſtanden ſeyn, weil ſonſt uͤbel nur aͤrger werden koͤnnte. Waͤreſt du ganz langſam und leiſe hinter dem Schmetterlinge hergegangen und haͤtteſt, wenn er ſich auf ein Bluͤm⸗ chen geſetzt, deinen Hut daruͤber geworfen, vielleicht waͤre er dir dann in die Haͤnde gerathen. Beinahe mit allem Gluͤck in der Welt iſt es alſo. Es erfor⸗ dert gemeiniglich weniger Haſt als Behutſamkeit, um es in ſeine Gewalt zu bringen. Vater— fragte nun der Kleine—. was iſt denn eigentlich das Gluͤck? Das Gluͤck, mein Sohn,— antwvortete der Va⸗ ter und huſtete lange— das Gluͤck iſt— eben das Gluͤck. Hm— ſagte Rarchen befremdet.— Wie ſieht es denn aus, das Gluͤck? Das kann ich dir ſo eigentlich nicht ſagen. Es — 104— iſt aber ein Ding, das einem das Leben angenehm macht. Allem Vermuthen nach, waͤre jener Schmet⸗ terling fuͤr jetzt dein Gluͤck geweſen. Kaum hatte der Vater ausgeredet, ſo kam auch der ſchoͤne Schmetterling zuruͤck. Seiner Worte ein⸗ gedenk, ſchlich nun Rarchen leiſe an ihn hinan„ und wie ſich das Thierchen eben im Rauſche ſeines Gluͤckes auf einem Blumenkelche wiegte, warf er den Hut uͤber die Blume und ſagte dann, als der Schmetterling in ſeiner Hand zappelte, hocherfreut, zum Vater; da hab' ich es, da hab' ich das ſchoͤne Thierchen. Sein Auge ward trunken in den Farben der glaͤnzenden Fluͤgel. Kaum aber mochte ein Stuͤnd⸗ chen verfloſſen ſeyn, ſo gefiel ihm der Schmetterling viel weniger als zuvor. Dazu kam, daß der Fluͤgel⸗ ſtaub ſich inzwiſchen merklich abgeflattert hatte. Vater,— fagte daher Rarchen, bei der Nuͤckkehr in's Haus— der Schmetterling wird immer weniger ſchon in meiner Hand; ob ich ihn wohl davon flie⸗ gen laſſez Ich wenigſtens an deiner Stelle wuͤrde es thun! — ſprach der Vater. Kaum war das Wort aus ſeinem Munde, ſo ge⸗ — 105— noß auch der Schmetterling ſchon die wiedererlangte Freiheit. Vater,— ſagte jetzt Rarchen— das Gluͤck iſt ein dummes Ding. Es nuttt ſich einem unter den Haͤnden ab, und was hat man nachher davon? Die Erinnerung!— ſagte der Vater, und Rar⸗ chen ſann daruͤber nach, bis er einſchlief. Am folgenden Morgen ging Rarchen wieder in den Wald. Es flogen viel Schmetterlinge um den Knaben her. Allein er hatte an dem geſtrigen genug und dachte: Ein Ding, das einem das Leben nicht laͤnger angenehm macht, i*ſt es ſchwerlich werth, daß ich meinen Hut danach auswerfe. Gleichwohl muß es, daͤchte ich, dauerhaftere Dinge dieſer Art geben. Aber, wo ſind die? Narchen zerbrach ſich eben noch daruͤber den Kayf da kam tapp, tapp, ein alter Mann mit ſchloß wei⸗ ßem Haar und langem Barte daher gehuſtet, der den Stab in ſeiner Hand zu Stuͤtzung des zuſammen ge⸗ kruͤmmten Ruͤckens nicht wohl entbehren zu koͤnnen ſchien. Da dachte Rarchen: Der Mann iſt meiner Treue alt genug, um klug zu ſeyn, den will ich einmal um das ſogenannte Gluͤck fragen, denn was mir mein Va⸗ — 106— ter daruͤber ſagte, hat mich, mit Ehren zu melden, nicht kluͤger gemacht. Aber obſchon Rarchen ſich dem Greiſe in den Weg ſtellte, ſo achtete der doch nicht darauf, ſondern ſchob den Knaben auf die Seite, und ging ruhig ſeinen Pfad weiter fort. Lieber Greis,— hiermit faßte ihn daher Rarchen beim Aermel— verzeihe mir, wenn ich dich in deinen Betrachtungen ſtoͤre. Du haſt dir aber gewis manchen Wind unter die Naſe gehen laſſen, der mir nuͤtzen koͤnnte. Ich moͤchte naͤmlich nur von einer gewiſſen Sache etwas Wind haben. Ich moͤchte wiſſen, wo mein Gluͤck aufzufinden waͤre? Der Greis betrachtete ihn hierauf lange mit großen Augen. Dein Gluͤck— ſagte er endlich— das mußt du ſelber ſuchen, lieber Knabe. Sollteſt du's noch nicht gefunden haben? Kann ſeyn, daß es geſchehen iſt, guter Greis. Ge⸗ ſtern aber glaubte ich's in der Geſtalt eines Schmetter⸗ lings zu erwiſchen. Allein der Schmetterling verlor gar bald alles Anſehen ſo ſehr, daß ich mich ſeines Beſitzes wieder entledigte. Liebes Kind— verſetzte der Greis— der Schmet⸗ terling iſt warlich das beſte Bild des Gluͤckes, wel⸗ — 107— ches die Menſchen gemeiniglich begehren, denn ihr Gluͤck iſt fluͤchtig, wie er. Außer der Ruhe des Her⸗ zens kenne ich nur Ein Gluͤck, welches bleibt. Spaͤt oder fruͤh wird es auch das Deinige werden! Rarchen verlangte natuͤrlich eine naͤhere Beſtim⸗ mung dieſes Gluͤckes. Allein der Greis war ver⸗ ſchwunden, wie nach kurzem Nachſinnen, ſein Auge wieder empor ſah. Hans Haſenfuß! dachte da der Knahe. Wenn du mir nichts weiter ſagen konnteſt, als das, ſo haͤt⸗ teſt du dir deinen Bart nicht erſt ſo lang und weiß werden zu laſſen gebraucht! Rarchen wuchs uͤber die ſogenannten Flegeljahre gluͤcklich hinaus. Wie er nach der Meinung ſeines Vaters und ſeinet Mutter ein Wunderkind geweſen war, ſo war er auch nachher ein Wunder von einem Zierbengel. Dem Gluͤcke war er wieder in allen Verhaͤltniſſen nachgegangen. In tauſend und mehr Geſtalten glaubte er's auch immer vor ſich herhuͤpfen zu ſehen. Wenn er's aber in der Hand hatte, ſiehe da, ſo war's allemal keine Waare auf die Dauer ge⸗ macht, ſondern nur leidiger Flitter⸗ und Troͤdelkram, und platzte entzwei, wie eine Seifenblaſe. — 108— So war er nun aus einem kleinen Blitzjungen ein erwachsner Menſch geworden. Die alte Krank⸗ heit, ein bleibendes Gluͤck zu erangeln, konnte er uͤbrigens noch immer nicht los werden. Eines Tages ging er in den Wald, wie damals, wo er den erſten Schmetterling erhaſchte. Der Va⸗ ter aber war nicht mit ihm. Die glaͤnzendſten Schmetterlinge flogen um ihn herum. Allein, er dachte ihrer nicht einmal. Da ſtieß ihm ein Haͤuf⸗ lein Maͤdchen auf, welche in froͤhlichen Spielen ſich umhertummelten. Es waren viele, gar viele Maͤd⸗ chen. Er wußte laͤngſt, daß ſeine Mutter vor Zeiten auch ein Maͤdchen und ſein Vater ein junger Menſch geweſen und daß dergleichen Perſonen ſich bisweilen zu heirathen pflegen und ſogleich fiel ihm ein, daß nun fuͤr ihn in der ganzen Welt auch kein Heil weiter ſey, als das Heirathen, und zwar das Heira⸗ then eines dieſer Maͤdchen, welches Schoͤnchen ge⸗ nannt wurde. Das endlich,— ſagte er ſich— das iſt das ein⸗ zige, bleibende Gluͤck fuͤr mich. Ich muͤßte ja auf den Kopf gefallen ſeyn, wenn ich's nicht einſaͤhe und auf der Stelle danach mich umthaͤte. Das Erſte war, daß er dem Maͤdchen Rede angewann. Dabei — 109— aͤberzeugte er ſich, daß ſie nicht nur die einzige Schoͤn⸗ heit, ſondern auch der einzige Verſtand und das ein⸗ zige Herz in der ganzen weiten Welt ſey, und daß alle andere Maͤdchen nicht werth waͤren, den Namen Maͤdchen zu fuͤhren, da ſie ihn fuͤhrte. Er ſagte ihr das Alles, und ſie fand auch an ihm, daß er der einzige Menſch unter der Sonne ſey, und daß ſie, beide vereint, ein ſeliges Goͤtter⸗ oder wenigſtens ein wonniges Erdenleben erwarte.— Da fanden ſich Schwierigkeiten von Seiten der Aeltern. Da weinten Rarchen und Schoͤnchen uͤber himmelſchreiendes Unrecht Tag und Nacht. Das ging den Aeltern zu Herzen und Rarchen und Schoͤnchen wurden ein Paar, ein hoͤchſtgluͤckliches Paar. Jeder neue Tag aber ſchien dem Gluͤcke eine Bluͤthe abzu⸗ ſtreifen. Als im Laufe des neunten Monats die erſte Frucht erſchien, da ward ſchon das ganze bei⸗ derſeitige Gluͤck in dieſe allein geſetzt. Rarchen geſtand ſich auch diesmal, das gehoffte Gluͤck nicht gefunden zu haben, und daß vielleicht ſelbſt die Frucht ſeine Wuͤnſche danach nicht voͤllig erfuͤlle. Die Buͤcher der Weiſen fielen ihm in's Auge. O Himmel,— ſprach er— daß ich ſolch ein Thor — 110— ſeyn mußte, um im Sichtbaren nach dem zu ſuchen, was mir Noth thut! Nur dem Unſichtbaren, dem Unvergaͤnglichen kann ein dauerndes Gluͤck entſprin⸗ gen.— Und nun warf er ſich uͤber die Wiſſenſchaf⸗ ten her. Allein je tiefer er hinein kam in ſie, deſto kla⸗ rer ward ihm auch deren Unergrundlichkeit, und er ſagte: Wie viel Zeit habe ich nun dem Genuſſe des kurzen Lebens geraubt, um mir eine Zuflucht im bo⸗ denloſen Meere zu ſuchen? Meine Geſtalt iſt daruͤber verfallen, mein Vart weiß geworden, wie der Bart jenes Greiſes, der mir ein beſtaͤndiges Gluͤck weiſ⸗ ſagte, von dem ich nun ziemlich gewis bin, daß es nicht zu erlangen ſteht! Wohlan, ſo ſoll wenigſtens dieſe Neige des Lebens genoſſen werden! Darin viel⸗ leicht grade beſteht das bleibende Gluͤck, von dem der Alte dem Knaben ſagte, daß er's erreichen wuͤrde. Drauf ſammelte der Greis Weib und Kinder und Enkel um ſich her, und war erfreut, endlich doch einmal den rechten Weg zum Gluͤcke gefunden zu haben. Die Seinigen erhoͤhten ſeine Freude durch ihre Liebeserweiſungen, ſo, daß er zu ihnen ſagte: In euch fuͤhle ich nun endlich, mein Gluͤck ge⸗ funden zu haben, und will bei dieſem Gedanken gewis — 111— verharren, ſo lange die Goͤtter mir das Leben friſten. Ich denke, daß ſie mich noch eine Zeitlang damit hegnadigen werden! Der Greis hatte ſich geirrt, aber doch auch das einzige bleibende Gluͤck, welches ihm geweiſſaget war, gefunden. Denn am folgenden Morgen knieeten die Seinigen weinend um den ſanft und fuͤr immer Entſchlummerten her.— Ja— ſagte laͤchelnd der Graf, als die Vorle⸗ ſerin das Blatt aus der Hand legte— ich kenne die Situation jetzt voͤllig, welcher dieſes Maͤhrchen ſein Daſeyn verdankt. Eine jener Taͤuſchungen, worein die Jugend ihr Gluͤck zu ſetzen pflegt, hatte mich grade recht empfindlich getroffen. Uebrigens iſt das Gluͤck, welchem man mit Leidenſchaft nachjagt, alle⸗ zeit ein falſches, da das wahre im Frieden des Her⸗ zens beſteht, welcher durch Leidenſchaft nur erſchuͤt⸗ tert, nie befeſtiget werden kann. Bei einem naſſen Glanze, den er im Auge der Vorleſerin wahrnahm, fragte Altenberg mit Theil⸗ nahme, ob vielleicht ein oft ſie heimſuchendes boͤſes Kopfweh ſich wieder eingeſtellt habe. Allerdings, leider! ſeufzte ſie. Dann, liebe Gruͤnau, bitte ich ſie, ihre Guͤte des Vorleſens fuͤr heute aufzugeben. Ich kenne dieſen Schmerz aus eigener Erfahrung und weiß, daß er durch Anſtrengung der Augen nicht nur verſtaͤrkt und verlaͤngert werden, ſondern ſogar dadurch entſtehen kann. Ueberhaupt— fuhr der Graf fort— iſt das Auge eins der gefaͤhrlichſten Werkzeuge des Men⸗ ſchen. Am meiſten bewaͤhrt ſich dies in den Jahren der Kindheit und beſonders in denen, welche dieſer folgen. Das Auge iſt vorzüglich den Taͤuſchungen durch die Leidenſchaft am zugaͤnglichſten. Auch aus andern einzelnen Gliedern ſaugt der jugendliche Blick nicht ſelten den gefaͤhrlichen Funken der Liebe ein, ein ſchoͤner Fuß, ein ſchoͤner Wuchs, ein ſchoͤner Mund, wirken oft wie ein Zaubertrank. Aber der ſtaͤrkſte und dauerndſte Rauſch durch das Auge kommt auch aus dem Auge. Ein einziger kurzer Blick und Gegenblick feſſelt oft zwei Weſen auf ewig an ein⸗ ander.. Die heftige Thraͤnenflut erſt, welche hier uͤber das Geſicht ſeiner Freundin ſtuͤrzte, zeigte dem Gra⸗ fen, welch einen großen Mißgriff er eben gethan hatte, mit der Vermuthung, daß von dem Gefuͤhl eines koͤrperlichen Schmerzes das Auge der Baroneſſe uͤber⸗ —-— 1132— gelaufen ſey, und dann vorzuͤglich mit ſeiner darauf folgenden Bemerkung uͤber das Gluͤck, welche ganz offenbar die Dame bis in's Innerſte ihres Lebens traf. Das Eintreten des graͤflichen Gaͤrtners machte, daß ſie dem Fremden ihre tiefe Bewegung zu ent⸗ ziehen, ſich an das Fenſter begab. Aber ein kleiner mit dem Manne gekommener Hund folgte ihr da⸗ hin und ſprang ſo lange freundlich bellend an ſie hinan, bis ſie ihm ihre Aufmerkſamkeit ſchenkte. Du hier, Fripon? fragte ſie und der Hund wußte auf dieſe Nennung ſeines Namens gar nicht mehr, auf welche Weiſe er ihr ſeine Freude bezeigen ſollte. Der Hund, lieber Mann— ſprach die Baroneſſe zum Gaͤrtner— iſt auf meinem Gute zu Hauſe. Ohnſtreitig hat ihn der Aufſeher des Parks, dem er zugehoͤrt, einmal mit in die Stadt gebracht und das Thier ſich von ihm verlaufen. Entſchuldigen ſie, Baroneſſe— unterbrach ſie der Graf— der Hund gefiel mir, daher wendete ich mich an den Eigenthuͤmer und erkaufte ihn von ihm fuͤr meinen Garten. Dasmal— ſprach Frau von Gruͤnau, als ſie endlich wieder mit dem Grafen allein war— dasmal II. 8 — 114— ſind ſie mir unbegreiflich, lieber Altenberg. Auf Thuͤr⸗ men zog Alles immer den Beſitzer des Hundes auf, daß er dieſes durch ſein ſtetes, die Ohren zerreißendes Bellen ganz verhaßt gewordene, unanſehnliche Thier durchaus nicht abſchaffen wollte, und ſie konnten ſich entſchließen, aus Wohlgefallen an ihm, ihn fuͤr ihren Garten zu kaufen! Eine den Grafen ganz ungewoͤhnliche Befangenheit war diesmal an ihm ſo wenig zu verkennen, daß der Baroneſſe dadurch die Sache nur noch auffallender wer⸗ den mußte. Derſelbe ſchwarz und gelbe Hund war es auch geweſen, welcher, wie ſie und der Graf im Park zu Thuͤrmen durch die Laube kam, mit ſeinem Herzu⸗ ſpringen und Bellen die Naͤhe ſeines damaligen Herrn verkuͤndigte.— Nachmittags fand der Arzt den Patienten um Vie⸗ les beſſer, als am Morgen und die darauf folgende Nacht hatte ihn wieder voͤllig in das Gleis der Gene⸗* ſung gebracht, ſo daß am Tage nachher Frau von Gruͤ⸗ nau ihm nur noch einen kurzen Beſuch machte und beim Abſchiede laͤchelnd ſagte, daß ſie ihn nunmehr, wie ſonſt, in ihrer Wohnung bald zu ſehen hoffe. Acht Tage mochten ſeit der Geneſung des Grafen verfloſſen ſeyn, als einemals nach wiederholten Verſu⸗ chen der Baroneſſe, ihrer Nichte naͤher zu ruͤcken, welche beſonders an dem Gedanken der Frau von Gruͤnau, daß Alphonſine Zeugin ihrer fruͤhern Schwaͤche geweſen, geſcheitert waren, endlich den beiden Frauen die Herzen gegen einander ganz aufgingen. Auch die paͤter eingetretene beſondere Theilnahme der Baroneſſe fuͤr den Grafen Altenberg konnte dem ſcharfſichtigen Auge ihrer Nichte unmoͤglich verborgen geblieben ſeyn und nach reiflicher Erwaͤgung glaubte die Freifrau durch eine ganz offene Mittheilung der Lage der Um⸗ ſtaͤnde bei Alphonſinen nur gewinnen zu koͤnnen. Die dankbare Waͤrme, mit welcher dieſe ihr Geſtaͤndnis aufnahm, bewaͤhrte die Richtigkeit ihrer Anſicht. Al⸗ phonſinens Urtheile nach, war es fuͤr die Tante ſo⸗ wohl, als fuͤr den Grafen das Beſte, ſich mit ein⸗ ander geſetzlich zu verbinden und die dahin fuͤhrenden Schritte durch ſeine Scheidung von der jetzigen Ge⸗ mahlin zu thun. Auſſer ſich vor Freude uͤber dieſe Billigung einer Perſon von ſolch einer innern Wuͤrde, dankte ſie der Nichte mit heißen Thraͤnen und ruͤhmte, 8* — 116— daß hierdurch wieder die Haltung ihr gewonnen ſey, welche ſie nun ſchon ſo lange in ſich vermißt haͤtte. Wenn aber auch die Baroneſſe ſich ſelbſt uͤberre⸗ dete, daß die Alphonſinen gemachte Darſtellung ihres Gemuͤthszuſtandes ſowohl, als der ganzen aͤuſſern Lage der Dinge. der Wahrheit durchaus gemaͤs ge⸗ weſen, ſo hatte ſie doch dabei einen nicht unwichtigen Umſtand mit Stillſchweigen uͤbergangen und einen andern hinzugefuͤgt, welcher, obſchon ſie auf das Fe⸗ ſteſte daran glaubte, doch durchaus nicht ſtattfand. Der erſte beſtand in ihrer Weltern gegebenen unbe⸗ ſonnenen Zuſage, daß nur er, oder Niemand ihre Hand erhalten ſolle. Sie hatte dieſe Zuſage darum gegen die Nichte ganz unerwaͤhnt gelaſſen, weil ſie durch Welters letztes ſchriftliches Geſtaͤndnis, daß aus ſeinem Vereine mit ihr kein Gluͤck fuͤr beide hervor⸗ gegangen ſeyn wuͤrde, ſich von derſelben gewiſſerma⸗ ſen losgeſprochen achtete. Alphonſine haͤtte dieſe letz⸗ tere Meinung gewis eben ſo wenig getheilt, als ge⸗ meint, daß bei dem nun einmal gegebenen Worte, durch welches ihre eheliche Verbindung mit dem Gra⸗ fen den Charakter des Unrechtmaͤſigen erhielt, ſie faͤ⸗ hig ſeyn koͤnne, in derſelben gluͤcklich zu werden und ihn gluͤcklich zu machen. Der andere nicht minder — 117— bedeutende Umſtand, den ſie Alphonſinen ausfuͤhrlich und mit allen Zeichen der Wahrſcheinlichkeit verſe⸗ hen, dargelegt hatte, war die von ihr vorausgeſetzte unerlaubte Verbindung der Graͤfin von Altenberg mit einem jungen Manne. Und durch dieſe Voraus⸗ ſetzung mußte natuͤrlich Alphonſine auf den Gedan⸗ ken gerathen, daß fuͤr die jetzige Graͤfin von Alten⸗ berg, wenn eine in ſolcher Verbindung lebende Frau üͤberhaupt Beruͤckſichtigung verdiene, die Scheidung ebenfalls wuͤnſchenswerth ſeyn muͤſſe. Durch dieſe Eroͤffnungen von Seiten der Tante, ſchloß ſich derſelben das Innere der Nichte auf Ein⸗ mal wie von ſelbſt auf. Unter verſchiedenen jungen Geſellſchaftern, welche Zutritt bei der jetzigen Stifts⸗ vorſteherin zu Wehrenberg fanden, nannte ſie auch den Vicomte Cheruͤbin, von dem ſie, mehrern Um⸗ ſtaͤnden nach, geglaubt haben wuͤrde, ſie ſelbſt ſey der Gegenſtand ſeines Strebens, haͤtte er ſich ihren reli⸗ gioſen Meinungen und Anſichten nicht einige Mal mit ganz eigentlicher Bosheit gegen uͤber geſtellt, weshalb er ihr auch, ihrer Verſicherung nach, voͤllig zuwider geworden. Wenigſtens— entgegnete die Baroneſſe— hat die Longueville in der Nacht vor deiner letzten Abreiſe — 118— von Thuͤrmen, welche ſie, wie du dich erinnern wirſt, mit mir in Langenhof zubrachte, dort an dieſen Che⸗ rüͤbin mehr einen Veraͤchter, als Verehrer gefunden. Auſſerdem— verſetzte Alphonſine— wuͤrde auch ein ſo wohlgeſtalteter Mann ſchwerlich ſo froſtige Aufnahme, als ihm von ihr wiederfuhr, haben er⸗ warten duͤrfen. Seine Ankunft im Stifte leitete ſich folgendermaſen ein. Ich oͤffnete grade zufaͤllig das Fenſter, als er eben vor der gegen uͤber liegenden Poſt, wo er abgetreten war, anſpannen ließ. Aber ploͤtzlich wurden die Pferde wieder abgenommen und hineingefuͤhrt und er kam heruͤber. Die Vorſteherin, nach der er fragte, ließ ſich verlaͤugnen. Allein er beſtand darauf, ſie erwarten zu muͤſſen. Mit Stolz trat ſie auf dieſes vernommene Wort ſogleich aus ihrem Zimmer und begehrte zu wiſſen, worin ſein Verlangen an ſie beſtehen koͤnne. Nur halb ſchien ſie durch ſeine heimlichen, unſtreitig eine Bitte um ihre Verzeihung enthaltenden Reden wieder mit ihm ausgeſoͤhnt, der nun ihr in's Zimmer folgte und die Erlaubnis des Wiederbeſuchs erſt nach wiederholten Bitten von ihr errang. Nur wenige Worte ſprach er in dieſen Tagen mit mir, aber ſein Auge ſuchte gewoͤhnlich uͤberall ſo unverkennbar nach meiner Per⸗ — 119— ſon, daß ich mich durch ſein Aufmerken zuweilen ſo⸗ gar verletzt fuͤhlte, zumal da ſolches haͤufig nach fri⸗ volen Aeuſſerungen uͤber religioͤſe Gegenſtaͤnde ge⸗ ſchah, womit er ohne Zweifel weit weniger mich be⸗ leidigen, als um den Beifall der Vorſteherin buhlen wollte. Wenn es anging, ſo entzog ich mich gewis allezeit baldmoͤglichſt ſeiner Gegenwart. Vielleicht war dies auch Urſache, daß er, ohngeachtet er noch hatte bleiben wollen, einmal ploͤtzlich fortreiſete, ohne zuvor von der Longueville Abſchied zu nehmen, was dieſe von Neuem ſehr gegen ihn erbitterte. Die Baroneſſe ſprach hierauf: Ich ſagte dir wohl noch gar nicht, liebe Alphonſine, daß dieſer Cheruͤbin (denn es iſt ohne allen Zweifel der naͤmliche!) jener heimliche Guͤnſtling der Altenberg iſt? Das Roth, welches hier mit Einem Male aus dem zarten Geſicht Alphonſinens leuchtete, entging ihrer Tante ſo wenig, als das dumpfe Erſtarren, worein, wie bei ploͤtzlich ausbrechendem Unheil, ihre Augen verfielen. Was eben ganz ſichtbar in dir vorgeht, mein in⸗ niggeliebtes Kind— ſprach Frau von Gruͤnau— ſagt mir, daß der ſchoͤne Vicomte deinem Herzen naͤher ſtand, als du glaubteſt, es ſagt mir, daß ich dir weh gethan habe, recht ſchmerzlich weh. Gleich⸗ wohl bereue ich's nicht. Dieſe bittre Arznei kam vielleicht grade noch, bevor das Uebel bei dir Wurzel faſſen konnte. Aber, theure Tante— entgegnete die Hoͤchſtbe⸗ troffene— entdeckte ich dir denn nicht meinen Wi⸗ derwillen gegen den Vicomte, nicht, daß ich ihn ver⸗ mied, wo es nur gehen wollte, und daß unſtreitig meine Abneigung ihn zu der ſchnellen Abreiſe bewog? Das wohl, gutes Kind, doch waͤhrend ſeine Spoͤt, tereien dein frommes Herz ſo verletzten, daß es ſich von ihm abwendete, ſprach doch, wider deinen Wil⸗ len eine Stimme in ihm zu ſeinem Vortheile, eine Stimme die dir vielleicht noch nicht einmal recht ver⸗ nehmlich geworden. Sein Verhaͤltnis zur Graͤfin von Altenberg wird hoffentlich ihre Kraft erſticken, wenn deine Religioſitaͤt allein ausreichen ſollte, vor der Nei⸗ gung zu ihm dir kuͤnftig Schutz zu gewaͤhren. Die unwillkuͤhrlichen Gefuͤhle dieſer Art muͤſſen im Keime erſtickt werden, wenn ſie nicht am Ende triumphiren ſollen, ſogar uͤber unſern beſten Willen. Und grade dieſer von Alphonſinen ſelbſt noch nicht erkannte Funke der Leidenſchaft in ihrem bis dahin nur hoͤherer Liebe gewidmeten Herzen, befeſtigte — 121— das geiſtige Band zwiſchen Tante und Nichte um Vieles. Frau von Gruͤnau fuͤhlte ſich gedrungen, ihr um den Hals zu fallen. Sie lag noch eben wei⸗ nend an dieſem, als der Mann in'’s Zimmer trat, welcher vielleicht hauptſaͤchlich der ſorgfaͤltigen Pflege der Baroneſſe ſeine ſo baldige Wiederherſtellung ver⸗ dankte. Willkommen!— rief ſie, ſich von der Nichte losmachend, und reichte dem Grafen die Hand ent⸗ gegen. Ihr Geſicht glaͤnzte in Thraͤnen, welche ſein dankbares Herz verwundeten. Da er gewis wußte, was er ihr galt, ſo beſorgte er auch, durch ſeine fort⸗ dauernde Zoͤgerung, den Schritt zu thun, den ſie von ihm zu erwarten ein Recht zu haben glaubte, ſelbſt der Quell dieſer Wehmuthsthraͤnen zu ſeyn und ſah die Szene zu der er gekommen war, fuͤr die Mit⸗ theilung an, welche die Varoneſſe ſo eben von den Umſtaͤnden, die ihr die Ruhe raubten, im Ueber⸗ ſchwange der Gefuͤhle ihrer naͤchſten Verwandten ge⸗ than hatte. Die eigene Art, womit die jugendliche Schöͤnheit ihn diesmal betrachtete, beſtaͤrkte ihn in ſeiner Ver⸗ muthung. Wenn auch aus dem Munde der Baro⸗ neſſe ſchwerlich ſeine Anklage gegen die Nichte her⸗ — 122— vorgegangen war, ſo hatte Frau von Gruͤnau die Um⸗ ſtaͤnde doch auf jeden Fall nach der einſeitigen Anſicht einer in der Geſchichte ſtark Betheiligten vorgetragen, ſo daß gewis auch ohne ihr abſichtliches Darzuthun, ja ſogar wider ihren Willen, ein Schatten auf ſeine Handlungsweiſe fallen mußte. Am druͤckendſten war ihm bei ſeiner ſonſtigen Sinnesſtaͤrke der Umſtand, daß er von aller Schuld in dieſer Sache ſich nicht freiſpre⸗ chen konnte. Wenn auch offenbar die Leidenſchaftlichkeit der Baroneſſe das ſtill in ihm glimmende Feuer fuͤr ſie angefacht hatte, war er doch dagegen mehrere Mal nicht genug auf ſeiner Hut geweſen. So haͤtte, ohne die Dazwiſchenkunft des gelben und ſchwar⸗ zen Huͤndchens im Park zu Thuͤrmen, ſeine Verbin⸗ dung mit ihr vielleicht ſchon im erſten Anfange einen Charakter angenommen, bei dem das Band zwiſchen ihm und ſeiner Gemahlin ſchlechterdings nicht aufrecht zu erhalten war. Fand denn aber nicht eben bei die⸗ ſem ſo ſeltſamen Bande das Ueberwallen der Gefuͤhle hinreichende Entſchuldigung in ſeiner Natur und einer aus den ſchoͤnſten Jugendtagen in ſein maͤnnliches Alter mit uͤbergegangenen Kraft und Friſchheit? Allein dieſe Entſchuldigung war kein Troſt fuͤr ihn, der reinſten Unſchuld gegenuͤber, wie ſolche aus Alphonſinens Auge — 123— ihn anſtralte. Der Stral verwirrte ihn vielmehr der⸗ geſtalt, daß ihm alle Geiſtesfreiheit daruͤber verlo⸗ ren ging Als er hinweg war konnte Alphonſine auch ihrer Tante das Geſtaͤndnis nicht zuruͤckhalten, daß der Graf nach ihrer Schilderung ihr weit ſchoͤner vorge⸗ kommen, als ſeine Perſon ihr erſchienen ſey, aber die Baroneſſe beſchwor ihre Nichte, doch ja nicht die Unbeholfenheit, welche ihr dasmal ſelbſt aufgefallen, dem Manne, ſondern einzig ſeiner kaum uͤberſtan⸗ denen Krankheit zuzuſchreiben. In wenigen Tagen ſchon entfernte den Grafen von Altenberg eine erhaltene Miſſion ploͤtzlich aus der Reſidenz. Der Hof wunderte ſich um ſo mehr dar⸗ üͤber, da die angelegentliche Art wie Frau von Gruͤ⸗ nau ſeiner in der letzten Krankteit ſich angenommen, ein naͤheres Verhaͤltnis zwiſchen ihm und ihr, gewiſ⸗ ſer als zeither, vorausſetzen ließ und er gleichwohl zur Uebernahme jener Miſſion, welche ſeine Abweſenheit auf mehrere Monate wenigſtens vermuthen ließ, ſich ſeldſt erboten hatte. Sollte gar wieder eine voͤllige Erkaltung zwiſchen den beiden ſo gut, wie fuͤr Ver⸗ lobtgeachteten eingetreten ſeyn, weil auch nicht einmal die Einleitungen zu der laͤngſt ſchon faſt allgemein — 124— beſprochenen und als nahe vorausgeſetzten Scheidung von ſeiner Gemahlin geſchahen. Man ſuchte das zu erfragen und zu erhorchen. Die Zimmer der Frau von Grüͤnau wurden nicht leer von Freundinnen, welche dieſe Abſicht zu ihr fuͤhrte. Die Wißbegier der Meiſten war allzugroß, um nicht bei der Verſchloſſenheit der Baroneſſe uͤber dieſen Punkt, zuweilen in die unglaublichſte Indis⸗ cretion zu verfallen, welche der Gruͤnau um ſo em⸗ pfindlicher ſeyn mußte, je weniger ſie ſelbſt mit der Bereitwilligkeit Altenbergs zu ſeiner jetzigen Reiſe zu⸗ frieden war. Was ihrem Munde nicht abzulocken ſchien, das ſuchte man von Louiſen zu erfahren, wen⸗ dete ſich auch, weil dieſe Schlaue ganz im Sinne der Baroneſſe handelte, an Alphonſinen mit dem Anliegen.. Dieſe Zudringlichkeit machte der letztern den Auf⸗ enthalt in der Reſidenz ſo zuwider, daß ſie den Wunſch gegen ihre Tante ausſprach, ſich nach Thuͤr⸗ men zuruͤckziehen zu duͤrfen. Du haſt hiermit— ſagte die Baroneſſe— nur meinem eigenen Verlangen Worte gegeben. Mich ſelber draͤngt die Ueberlaſt der hieſigen Geſellſchaft nach der Stille hin, wo wir ganz unſer ſeyn koͤnnen. — 125— So wurden denn noch am naͤmlichen Tage die Reiſeanſtalten vorbereitet und als am folgenden Mor⸗ gen die Sonne hinter den kahlgewordenen Bergen hervorſtieg knarrte ſchon auf das Blaſen des Poſtil⸗ lons der Schlagbaum am auſſern Stadtthore in die Hoͤhe. In zwei ſtark bepackten Wagen verließen ſie die Reſidenz. 14 Zu Langenhof waren inzwiſchen mancherlei, zum Theil ziemlich unerwartete Veraͤnderungen eingetreten. Nachdem der Mahler Aldenheim ſeinen gewaltigen Misgriff in der Wahl einer Ehefrau immer beſſer einſehen und ſein Haus durch ihren darin herrſchen⸗ den finſtern Geiſt, mit jedem neuen Tage mehr haſ⸗ ſen gelernt hatte, lebte er faſt die ganze Zeit in Ti⸗ paldo's Wohnung, ſchlug hier ſein Attelier auf und gewann das Herz dieſes bejahrten Freundes noch be⸗ ſonders dadurch, daß er auf Tipaldo's Vorſtellungen aus ſeiner zeitherigen Manier im Mahlen voͤllig herausging. Ein zweites Wunder ſtellte Bromberger dar. Nach langem, hartnaͤckigen Widerſtande gegen ſeine — 126— Civiliſation fing er an ſeinen Anzug immer mehr zu veraͤndern, ſo daß er unvermerkt aus einem hoͤchſt⸗ gemeinen Anſehen ein recht elegantes gewann. Den Mahler Tipaldo aber ſuchte ein beſonderes Kreuz in einer gegen ihn angebrachten Denunciation heim, welche auf ſein fruͤheres Leben einen Schatten warf. Man beſchuldigte ihn naͤmlich, daß er, betruͤ⸗ geriſcher Umtriebe wegen, ſeinen Namen von Zeit zu Zeit zu aͤndern pflege. Die Graͤfin, an welche dieſe Denunciation gerichtet war, legte zwar kein ſonderli⸗ ches Gewicht darauf, weil ſie von der Marquiſe De⸗ laporte herruͤhrte und durch jenen Kammerpraͤſidenten, den Tipaldo durchaus nicht hatte mahlen wollen, ab⸗ gefaßt worden, die, jetzt in der Reſidenz lebend, waͤh⸗ rend ihres Aufenthalts zu Langenhof eine Verbin⸗ dung mit einander angeknuͤpft, welche Jedermann Anſtoß gab mit Ausnahme des Marquis Delaporte, der nie zufriedener erſchienen war. Zu großem Befremden der Graͤfin erblaßte Ti⸗ paldo auffallend bei der gehaͤſſigen Anzeige und ſagte dann mit Achſelzucken: Ich bin der Mann nicht, Jemand unrecht zu geben, wenn er recht hat, und wuͤrde doppelt unrecht handeln, wenn ich dieſem Grund⸗ ſatze treulos werden wollte gegen eine Perſon, die — 127— wohl ohnehin aͤußerſt ſelten nur, recht haben mag. Meine Name, ihnen kann ich's geſtehen, iſt eigent⸗ lich Tippel*), leider aber hatte ich mich unter ihm auf eine Menge Portraͤts eingelaſſen, die alle nicht fertig wurden und mir daher von den lebendigen Ori⸗ ginalen großen Verdruß, ja ſogar gerichtliche Verfol⸗ gung zugezogen. So wußte ich mir denn nicht an⸗ ders zu helfen als durch einen Paß auf den Namen den ich jetzt fuͤhre und den ein Freund mir verſchafte. Unter ihrem Schutze wiſſen ſie ſelbſt, lebte ich hier, zwar nicht ſo gut, als der Menſch es zu wuͤnſchen pflegt, aber doch ungeneckt von den gottloſen Leuten, mit deren Geſichtern mein Pinſel nichts weiter wollte zu ſchaffen haben. Wenn aber auch natuͤrlich die Graͤfin uͤber die Sache hinging, ſo fanden ſich doch nur allzubald mehrere jener lebendigen Originale in Langenhof ein, den Mahler durch die Forderung, ſie fertig zu ma⸗ chen, in die Enge zu treiben. Endlich bot ihm hierzu noch Aldenheim um ſo bereitwilliger ſeine Huͤlfe an, da herauskam, daß der Unfall, der Tippeln hiermit *) Glitts Erzählungsabende im** Bade, herausge⸗ geben von dem Verfaſſer, erwähnen ſchon dieſes Mahlers in der Geſchichte: Ich und mein Bruder⸗ — 128— betraf, von deſſen Reiſe in ſeiner Liebesangelegenheit herruͤhrte, auf welcher er von einem ſeiner alten Por⸗ traitglaͤubiger erkannt worden war⸗ Es war grade am Abende nach dem Weihnacht⸗ feſte als Aldenheim in Tipaldo's Attelier mit Ein⸗ packen des letzten der reklamirten Gemaͤlde ſich be⸗ ſchaͤftigte. Aldenheim— ſo ſagte deſſen alter Freund— ihr habt wahrhaftig Großes gethan an mir, hauptſaͤchlich auch durch das Verſprechen, euch mit euerm Pinſel der uͤbrigen unvollendeten Fratzen ebenfalls anzuneh⸗ men, nach denen etwa noch Nachfrage geſchieht. Denn ſo kann ich doch wieder der mir angeborenen Freiheit den Namen Tippel zu fuͤhren, friſchweg genießen, ohne die Beſorgnis deshalb vor Gericht gezogen zu werden. Auch der ſchlechteſte von den Aeltern ererbte Name kommt jedem der ihn nicht mehr fuͤhren darf, wie ein verlorenes Paradies vor. Durch euch habe ich's wieder erobert und wuͤnſche nichts ſehnlicher da⸗ fuͤr, als daß jenes vertrackte Liebesparadies, welches ich euch auf euer Bitten, leider, erobern mußte, um es zu einer eiskalten duͤrren Winterlandſchaft gewor⸗ den, euch baldmoͤglichſt wieder verloren gehen moͤchte⸗ Wer weiß, was geſchieht! erwiederte Aldenheim und die Hoffnung laͤchelte aus ſeinem Blicke. Ich hoͤre von Zuſammenkuͤnften, die an beiden Weih⸗ nachtsfeiertagen auf der Straße nach Thuͤrmen, zwi⸗ ſchen einem Fremden und einem mir nur allzube⸗ kannt gewordenen Frauenzimmer ſtattgefunden haben und werde Nachricht erhalten ſo bald meine Woh⸗ nung etwa kuͤnftig ihr Schauplatz werden ſollte, was bei meinem Vermeiden derſelben, der ſicherſte fuͤr ſo etwas ſcheinen koͤnnte. Profeſſor Tippel— denn ſo mag er von nun an heißen, nachdem er ſich dieſes Namens wieder bei allen Gelegenheiten bediente— wuͤnſchte ſeinem Freunde Gluͤck dazu, falls der Verehrer im Stande waͤre, dem Gegenſtande ſeiner Liebe ein Etabliſſement dar⸗ zubieten. Das glaube ich vorausſetzen zu duͤrfen, erwiederte Aldenheim. Denn die Liebe meiner Frau iſt bei ei⸗ nem guten Rechenmeiſter in die Schule gegangen und wird ſchwerlich einen Menſchen von geringern Verhaͤltniſſen und Einkommen zu ihrem Gegenſtande machen. Unſtreitig hat ſie tauſend Mal ſchon den Einfall bereut, aus der Gemahlin eines wohlhabenden Staatsraths die Frau eines titelloſen Mahlers gewor⸗ II. 9 — 130— den zu ſeyn, wohin es auch gar nicht gekommen waͤre, haͤtte ſich ihr Stolz nicht durch den letzten Brief des von ihr geſchiedenen Mannes allzutief gekraͤnkt ge⸗ funden. Hinter dieſes Geheimnis ſeyd ihr alſo ebenfalls ge⸗ kommen, guter Aldenheim? lachte Tippel. Aldenheims Burſche erſchien eiligſt, ihm etwas in's Ohr zu ſagen und ging wieder nach erhaltener In⸗ ſtruction., Das Maͤuschen iſt bereits in der Falle! frohlockte der junge Mahler. Nun, ich werde traͤtabel genug ſeyn. Nur moͤchte ich, da man ein heimliches Fortge⸗ hen zu beachſichtigen ſcheint, zuvor manche mir zugehoͤ⸗ rige Ringe und Sachen von Werth zuruͤckhalten, an denen ihre beſondere Neigung zu dergleichen ſich ver⸗ greifen koͤnnte. Die ſpaͤtere Reklamation wuͤrde nur verdrießliche Weitlaͤufigkeiten verurſachen. Der Gluͤckwunſch, den Tippel ihm auf den Weg gab, realiſirte ſich. Zwar fiel die bereits mit dem Rei⸗ ſepelze angethane Madam Aldenheim in Ohnmacht, als ihr Gatte hereintrat und den Herrn im Mantel, wel⸗ cher ihr Geſellſchaft leiſtete, kraͤftig am Arme faßte. Allein da man ſie ungeſtoͤrt auf dem Sopha liegen — 131— ließ, kam ſie ſehr bald wieder zu ſich. Augenſcheinlich deutete Alles auf eine Flucht. Aber, mein Gott— ſagte Aldenheim, als es ihm gelungen war, dem heimlichen Freunde ſeiner Frau den Mantel vom Geſichte zu ziehen,— warum wende⸗ ten ſie ſich denn nicht lieber gradezu an mich ſelber, um ihre vormalige Frau Gemahlin wieder zuruͤckzuha⸗ ben? Laͤngſt aus der ungeheuern Verblendung heraus, in der ich die Gerechtigkeit ihrer Wuͤnſche verkennen konnte, haͤtten ſie mir den kleinſten Wink geben duͤr⸗ fen, von der Fortdauer derſelben und mit umgehender Eilpoſt wuͤrden ſie vollſtaͤndig befriedigt worden ſeyn. Die inzwiſchen herangetretene Madam, welcher die Thraͤnen unaufhaltſam uͤber das Geſicht ſtuͤrzten, ſagte hierbei hohnlachend: Sie machen es ganz recht, Herr Aldenheim, daß ſie ſich ſo bereitwillig zeigen. Sie wiſſen ſchon, daß ihr Widerſtand vergebens ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde. Und glauben ſie ja nicht, daß ich mich etwa gekraͤnkt fuͤhle durch ihre affektirte Gleich⸗ guͤltigkeit uͤber meinen jetzigen Schritt. Nichts weni⸗ ger. Ueberhaupt kraͤnkt mich nichts, gar nichts, als daß ich jemals Thoͤrin genug ſeyn konnte, von den ſchmeichleriſchen Honigworten eines ausgelernten Ver⸗ 9* — 132— fuͤhrers mein Herz dem ewig geliebten Gemahle aͤb⸗ wendig machen zu laſſen! Vor Schluchzen konnte ſie hier nicht weiter re⸗ den und verlies mit dem Staatsrathe das Haus. Durch Correſpondenz zwiſchen ihm und Alden⸗ heim, gelangte ſchon nach anderthalb Stunden die Sache zum voͤlligen Abſchluß. Der Mahler, herzlich froh, den fernern herben Folgen der fruͤhern Unbe⸗ ſonnenheit mit Einem Male zu entrinnen, willigte in alle Vorſchlaͤge des Staatsraths in Anſehung der Scheidungseinleitung und als Tippel hierauf erſchien, vom Ausfall der Sache zu hoͤren, ſtuͤrzte Aldenheim mit dem Ausrufe, daß er ganz neugeboren ſich fuͤhle, an den Hals des theuern Freundes, dem er dann unter vielem Lachen den Hergang mittheilte. Ich nehme herzlichen Theil, wackerer Aldenheim, — ſagte Tippel.— Dieſe Frau gehoͤrte offenbar noch zu dem boͤſen Sauerteige euerer nunmehr gluͤcklicher Weiſe abgelegten Kunſtanſichten. Allerdings iſt die Schoͤnheit ein Licht, woran ſchon manche umherflat⸗ ternde Muͤcke ſich die Fluͤgel fuͤr immer verbrannte und der Mahler, der gewiſſermaſen Profeſſion macht vom Streben nach Schoͤnheit, muß wohl dieſem Ue⸗ bel am leichteſten ausgeſetzt ſeyn. Ihr aber, eine — 133— geiſtreiche Schoͤnheit ſuchend, wie ſie im wirklichen Fleiſche nicht vorhanden iſt, glaubtet, durch eine Ne⸗ belkappe, die ihr uͤber die feſten Umriſſe derſelben warfet, das Irrdiſche darin unſichtbar machen zu koͤn⸗ nen. Die kraftloſe Kraͤnklichkeit in Form und Farbe ward immer mehr euer Ideal. Kein Wunder, wenn euch ſolches auch im wirklichen Leben unter dieſer Geſtalt anzuziehen vermochte. Auſſerdem waͤret ihr gewis nimmermehr ſo ſehr von Gott verlaſſen gewe⸗ ſen, um dem Geſichte der nun hoffentlich bald wie⸗ der zur Staatsraͤthin avancirten Dame Reize zuzu⸗ ſchreiben, die, mit keiner einzigen regelrechten Linie verſehen, wie ein halb von der Sonne gebleichter und halb verwaſchener Lappen uͤber einen Todtenſchaͤdel kuͤnſtlich ausgeſpannt, ſich wuͤrde dargeſtellt haben, waͤren die grauen Augen, durch eine Anſtrengung, welche den Kopfſchmerz allerdings als Strgfe ver⸗ diente, den ſie ihr gemeiniglich zuzog, mit dem kaͤrg⸗ lichen Bischen Licht in ihnen, nicht allzuverſchwen⸗ deriſch umgegangen. Uebrigens beweiſt das arme Thier von Staatsrathe wieder einmal, wie wenig dem Sprichworte, durch Schaden wird man klug, zu trauen iſt. Der haͤtte doch wohl endlich einmal ru⸗ hig ſitzen oder, wenn das nicht in ſeinen Kram taugte, — 134— wenigſtens jauchzen koͤnnen, daß der Himmel ihn von der boͤſen Sieben befreit hatte. Statt deſſen raſtet er nicht, bis mit dieſer garſtigen gefallſuͤchtigen, zaͤn⸗ kiſchen und unwirthſchaftlichen Perſon, die ganze vor⸗ malige Truͤbfal wieder in ſeinem Hauſe hat.— Nun aber— fuhr er dann fort— nun ſeht mir einmal hierher, was mir der Menſch, der Brom⸗ berger, fuͤr Dinge macht, der Anfangs kaum Luſt hatte, ein ordentlicher Menſch zu ſeyn. Hierbei zeigte er ihm ſein eignes Portraͤt in Miniatur von Brombergern gefertigt. Das kritiſche Maas muͤßt ihr natuͤrlich nicht daran legen; das haͤlt es nicht aus. Wie ſtaunte ich, als ich einmal beim Nach⸗ hauſekommen den Patron uͤber ſeinem eigenen Mi⸗ niaturbilde vor dem Spiegel ſitzen ſahe. Und das zwar wenig Tage, nachdem die Taufe ihn zum Chri⸗ ſten gemacht hatte. Man ſah es dem Dinge freilich an, daß er die Kunſt von hinten angefangen und noch lernen mußte, wie man eine geſcheidte Naſe, ei⸗ nen Mund und beſonders ein gutes Auge zu zeich⸗ nen und Alles zuſammen in das rechte Verhaͤltnis unter einander und zu dem Geſichtsumriſſe zu ſtel⸗ len hat. Allein froh genug, daß er von dem ver⸗ dammten Grundſatze abging, nichts werden zu wollen, — 135— als ein Farbenreiber, ließ ich ihn gehen, und bezeigte ihm ſogar meinen Beifall uͤber ein Machwerk, wel⸗ ches, bei aller Unform, dennoch Aehnlichkeit beſas. Daß ich recht damit gethan hatte, bewies mir ſogleich ſein Spott uͤber die gewoͤhnliche Tortur, welcher die angehenden Kuͤnſtler ſeinem Ausdrucke nach, durch das Zeichnen der einzelnen Glieder unterworfen wür⸗ den, das ſich beim Mahlen ſchon finde. Kommt Zeit, kommt Rath! dachte ich. Der an ſich ſo ver⸗ ſtaͤndige Menſch wird bald genug merken wo es ihm fehlt und von ſelbſt dahin kommen. Und ganz rich⸗ tig! Vor vier Wochen etwa finde ich ihn wirklich uͤber dem Preisler, mit Nachzeichnen der einzelnen Theile eines Geſichts beſchaͤftigt. Etwas vom Prak⸗ tiſchen der Miniaturmahlerei hat er im Dienſte ſei⸗ nes erſten Herrn ſchon erlernt. So denke ich denn, daß er kuͤnftig noch ein recht tuͤchtiger Mann in die⸗ ſem Fache werden kann, was immer auch etwas iſt, da er dadurch ſein Brod zu erwerben vermag und fuͤr den Anfang des Studiums eines hoͤhern Kunſt⸗ faches doch ſchon in den Jahren zu weit vorruͤckte. In dieſem Augenblicke erſt bemerkte Tippel, daß er die Thuͤr eines Cabinets von einem Fenſter, wel⸗ ches er jedem fremden Fuße, ja jedem fremden Auge — 136— ſogar verſchloß, dasmal nur angelehnt hatte und draͤngte den nahe bei dieſer Thuͤre ſtehenden Alden⸗ heim aͤugſtlich davon hinweg, um ſie haſtig zuzu⸗ ſchlagen. Lacht ihr immerhin!— ſagte er zu dem in lautes Lachen Ausbrechenden.— Dieſes Cabinet, das ich bekanntlich ſelber fege und aufraͤume, und das eben darum, als kein Muſter der Ordnung erſcheint, iſt mir oft ſchon zum Verbrechen gemacht worden. Ehe man mich beſſer kannte, gab es mir etwas recht Furchtbares in der Idee der Menſchen und beſonders der Hausbewohner. Die Weiber die mir begegneten, machten große, weite Bogen um mich herum, zumal wenn ſie ſich fuͤr huͤbſch hielten, was gemeiniglich der Fall war. Sie fuͤrchteten, allem Vermuthen nach, ich koͤnne ſie wohl ergreifen und dort hineinſperren und umbringen. Denn manche, wenn ſie's auch nicht laut geſtand, hielt mich ſicher fuͤr eine Art von Blau⸗ bart, der darin eine Collection ermordeter Frauenzim⸗ mer haͤngen hatte. Seitdem ich nicht mehr fuͤr ſo gar barbariſch gelte, glauben einige offenbar, daß in dieſem Gemache ein weibliches Weſen wohne, dumm genug, um einem alten Krippenſetzer meines Glei⸗ chen zu Liebe, ſich bei lebendigem Leibe in ſolch ein enges Futteral einſperren zu laſſen. Andere halten mich fuͤr einen darin ſein eigentliches Weſen treiben⸗ den Goldmacher, vermuthlich darum, weil mir wie dieſer Art Menſchen gewoͤhnlich das Gold abzugehen pflegt; noch Andere— doch erlaubt mir die mancher⸗ lei ſonſtigen Muthmaſungen der Menſchen euch vor⸗ zuenthalten, da ich ohnehin auſſer Stande ſeyn wuͤrde, ſolche zu erſchoͤpfen. Genug, ich kann mich nun einmal nicht entſchließen, den Iſisſchleier von mei⸗ nem mir ſchon oft gar wohlthaͤtig geweſenen Geheim⸗ niſſe abzuziehen. Aufrichtig geſtanden— ſprach Aldenheim— waͤ⸗ ret ihr ein anderer Mann, ſo wuͤrde ich die ganze Sache fuͤr irgend eine Charlatanerie oder ſonſtige Affektation anſehen.— Das ſteht euch frei, auch wenn ich kein anderer Mann bin, nur nicht das Anſehen des Cabinets ſelber. Weil durch dieſe ſcherzhafte Antwort einige Em⸗ pfindlichkeit hindurchzublicken ſchien, ſo reizte dies Al⸗ denheims gute Laune auf. Lachend ſprach er: Ich will euch ja das ausſchließende Recht auf dieſes Ca⸗ binet und deſſen Geheimnis nicht ſtreitig machen. Noͤchte ich euch doch ſogar in meiner eigenen Woh⸗ — 138— nung ein noch weit groͤßeres Local zu eleuſiniſchen oder andern Geheimniſſen, oder wozu ihr ſonſt woll⸗ tet, abtreten. Denn, ſeltſam genug, ſeit ich wieder ehelos geworden, beengt mir grade der zu viele Raum in meinen vier Pfaͤhlen die Bruſt zuweilen gewaltig. Vor meiner Verheirathung fehlte mir das Gefuͤhl ganz, ein zu großes Quartier zu haben. Jetzt iſt mir's in ihm, wie Kindern, die ſich fuͤrchten, beſonders grauet mir vor dem Zimmer, wo meine Frau hauſete. Vermuthlich, weil ihr denkt— lachte Tippel da⸗ zwiſchen— daß noch etwas von dem Geſpenſtiſchen, das ſie an ſich hatte, ſich darin koͤnnte verhalten haben? Grade das Gegentheil,— erwiederte Aldenheim— das Leere des Zimmers peinigt mich. Es ſcheint mir ſeitdem noch einmal ſo groß geworden, als ſonſt. Mit Einem Worte, ich wuͤrde mitunter viel geben, um ein einziges Scheltwort z. B. daruͤber, daß ich Pr ochen von der ſchmutzigen Straſſe an meinen Stie⸗ feln hereingebracht, oder durch mein ſchnelles Eintreten ſie erſchreckt haͤtte. Ei— ſagte Tippel— dafuͤr iſt Rath vorhanden, mein Freund. Meldet euch, etwan acht Tage nach eu⸗ rer Scheidung bei dem Gluͤcklichen der in den Beſitz des ſo ſchmerzlich von euch vermißten Kleinods zuruͤck⸗ — 139— gelangte und ich wette mein Leben darauf, er iſt ſei⸗ ner vollkommen ſatt, tritt euch daſſelbe ab und ſo, daß ihr ſolches nimmermehr wieder durch ihn zu ver⸗ lieren Gefahr lauft. Nein— verſetzte Aldenheim— vor ſolch einer Narrheit bin ich allerdings geſichert. Allein davor gar nicht, daß, nachdem ich die erſte Frau von der Liebe erhalten habe, die zweite mir durch die Gewohnheit zugefuͤhrt werden kann. Thut wenigſtens dasmal die Augen beſſer auf, wenn dieſe Tyrannin euch das leblos gewordene Zim⸗ mer wieder beleben will. Denn eben der Gewohn⸗ heit iſt in ſolchen Faͤllen ſo wenig zu trauen, als der ſogenannten Liebe, die euch mit der erſten Frau behexte. 15. Es war bereits Schlittenbahne. Im gewoͤhnlich ſtark beſuchten Italienerkeller des Herrn Biſam ſas der Muſikmeiſter Senner ganz allein auf dem Sopha neben der ſonſt immer ſo flinken Wirthin, der aber wie einem ſterbenden Voͤgelchen, die Augen einmal nach dem andern zufielen und der Mund weiter ſich — 140— aufthat, als man in guter Geſellſchaft ſolches gern ſieht. 8 Um noch ein Viertel bitte ich!— redete Senner ſie in ihrer Geburtslandesſprache an, die letzten Trop⸗ fen aus dem Weinflaͤſchchen mit Sorgfalt ſeinem Glaſe zutheilend.— Dauert heute die Stunde laͤnger, als ſonſt, oder ſind eure Viertel noch kleiner gewor⸗ den, genug, mein Weinchronometer thut ſeine Schul⸗ digkeit nicht ordentlch, wenn eure Wanduhr dort richtig geht. Madam Biſam rief nach dem Diener in's Ne⸗ bengemach und gab ihm das leere Flaͤſchchen zur Fuͤl⸗ lung. Die Viertel— entgegnete ſie, ſich ermunternd — ſind die gewoͤhnlichen, aber eure Laune iſt es nicht. Ich koͤnnte das uͤbel nehmen. Sonſt wuͤnſcht ihr immer mit mir allein zu ſeyn!— fuͤgte ſie ſchalk⸗ haft hinzu.— Und nun ſind wir's. Statt aber mir die laͤngſt erwartete Liebeserklaͤrung zu thun, beſchwert ihr euch uͤber die Laͤnge der Zeit. Das Gaͤhnen, mit dem ihr dieſe ausmaaſet, mußte mich wohl auf den Gedanken bringen. Und wer weiß, ob die Liebeserklaͤrung nicht erfolgt waͤre, haͤt⸗ tet ihr meiner, Anfangs recht haͤufigen, Anreden nicht mit lauter kurzen Ja's und Nein's abgefertigt, — 141— die auch dem feurigſten Liebhaber zuletzt den Mund ſtopfen muͤſſen. Ihr habt recht, mein Hetr; entſchuldigt die Un⸗ artigkeit, die ich beging. Hierzu fielen die Blicke aus den ſchwarzen Augen, wenn ſchon etwas mattherziger als ſonſt, doch ſo uͤberaus lieblich, auf den bejahrten Mann, als ob er einer ihrer zahlreichen jungen An⸗ beter geweſen waͤre. Es dauerte aber auch der Laͤrm hier im Hauſe von geſtern Abend halb ſechs Uhr bis dieſen Morgen, als ſchon heller Tag war. Ein Feſt alſo wohl? Ich kehrte erſt vor drei Stun⸗ den von einer Reiſe zuruͤck⸗ Und wißt ſonach noch nicht einmal, daß geſtern Thorn's Verlobung hier gefeiert wurde? Mit wem denn, wenn ich fragen darf? Mit wem ſonſt, als mit derſelben Braut, der ich ihn leicht ganz untreu haͤtte machen koͤnnen? Mit Theobalden? Und das gute Kind ließ ſich gefallen, daß ſeine Verlobung in euerm Hauſe ge⸗ feiert wurde? Was ließe ſich wohl ein Kind nicht gefallen, das eben mit dem Marcipan einer wahrhaft idealiſchen Zaͤrtlichkeit abgefuͤttert wird? Denn das iſt gewis, ſeit ihre Verwandten nichts mehr von unſerm ge⸗ — 142— meinſchaftlichen Freunde wiſſen wollten, trachtete er einzig nach dem ſchneeweißen Wachspuͤppchen mit den roſenrothen Wangen. So konnte denn auch die Kleine, bei aller ſonſtigen Beſchraͤnktheit in dieſem Punkte, wie in andern, ſich das hieſige Local gefallen laſſen, wo ſie die Satisfaction hatte, als Koͤnigin zu er⸗ ſcheinen und mich dienend unter ihrem Hofſtaate zu erblicken. Ehe wuͤrde ich mich uͤber Kraͤnkung be⸗ ſchweren koͤnnen; allein bei Verhaͤltniſſen, wie meine jetzigen, duͤrfen dergleichen Dinge nicht zur Sprache kemmen. Die feindſeligen Augen ihrer Mutter gegen mich haben mir ſogar viel Spas gemacht, und ihren Vater, der mich anſah, als wolle er mir noch den Tert leſen, wegen der Vergangenheit, den habe ich mit einem einzigen Haͤndedrucke ſo geſchmeidig fuͤr alle meine Wuͤnſche gemacht, daß ich den guten Spieß⸗ buͤrger nunmehr um den Finger wickeln koͤnnte. Wer hat denn aber die Ausſoͤhnung zwiſchen Thorn und ihren Aeltern geſtiftet? Thorn's Ungeſtuͤm. Durch den Widerſtand gegen ſeine Beſtrebungen um Theobalden, erhielten dieſe die rechte Federkraft, ſo daß er Himmel und Hölle be⸗ wegte, die ganze Familie des Maͤdchens hierherzulok⸗ ken, und die Mutter mit Schmeicheleien, den Vater — 143— mit koͤſtlichen Weinen zu bethoͤren wußte. Wenn nur die Sache von Dauer iſt. Ich kenne Herrn Thorn. Gleich Kindern, will er gewoͤhnlich nur das, was ihm verweigert wird. Die uͤberkokette Madam Ruͤbſendorf, die vorige Woche erſt eingetroffene erſte Liebhaberin im Schauſpiel, darf halbwege etwas Grauſamkeit gegen ihn handhaben, und ſeiner Braut geht es ſicher nicht beſſer als vormals. Senner war hauptſaͤchlich im Italienerkeller, um ſogleich nach ſeiner Nuͤckkehr die gewoͤhnlich dort ver⸗ ſammelten Bekannten zu treffen und zu hoͤren, was in ſeiner Abweſenheit vorgegangen. Allein der Ver⸗ druß, daß noch immer Niemand erſcheinen wollte, hatte den ſonſt ſehr maͤſigen Mann beinahe zum Trinker gemacht; das zweite Viertel war ſchon wie⸗ der uͤber die Haͤlfte aus. Endlich kam mit Einem Male ein ganzer Schwarm in Feſtkleidern und ſehr erhobener Stimmung. Auch Profeſſor Tippel war dabei und ſetzte ſich, nach herz⸗ lichem Willkommen, neben den Muſikmeiſter. Allge⸗ mein ruͤhmte man das, eben erſt beendete, Diner bei Thorn. Man fing bereits an, der Satire auch ein Woͤrt⸗ lein daruͤber zu vergoͤnnen, als das Eintreten des — 144— Kaufmanns Hirtung, ſeines kuͤnftigen Schwiegerva⸗ ters, der Sache ein Ziel ſteckte. Als gelte es, einem geheimen Guͤnſtling zufrieden zu ſtellen, ſo eilte die ſchlaue Italienerin ſogleich dem alten Herrn entgegen, ſeine Befehle zu vernehmen. Ueberhaupt war ſie jetzt recht in ihrem Weſen und flog nach allen Seiten. Die Muͤdigkeit von der durchſchwaͤrmten Nacht ſchien ihr mit Einem Male ganz aus den Gliedern gewi⸗ chen zu ſeyn. Ich moͤchte— ſagte Senner zu ſeinem Nachbar Tippel— dieſes Weibchen mit einem Inſekte ver⸗ gleichen. Vorhin, als ich allein war mit ihr, ſaß ſie erſt lange, gleich einem huͤbſchen Schmetterlinge bei kaltem Regenwetter, die Fluͤgel zuſammengeſchla⸗ gen und wie leblos. Nur mit Gewalt brachte ich ihr endlich noch einige Bewegung bei, welche ſich je⸗ doch einzig auf ihre Sprechorgane warf. Nun aber die Luft von den Hauchen mehrerer, junger Leute und deren Feuerblicken eine recht gedeihliche Lebens⸗ waͤrme fuͤr ſie erhielt, nun felattert ſie froͤhlich hin und her und hat ein ganz anderes Anſehen erhalten. Vorhin allein mit mir,(von dem allerdings weder ihr Herz, noch ihr Beutul eine erfreuliche Ausbeute zu hoffen hat), rief ſie erſt dem Diener, mir einzu⸗ — 145— ſchenken. Jetzt, wo Alles uͤberfuͤllt iſt, fliegt ſie von einem zum andern mit vollen Flaſchen, gleichſam mit Hoͤrnern des Ueberfluſſes.. Nichts von Hoͤrnern jetzt! fluͤſterte Tippel, als Herr Biſam, ihr Gatte, hereintrat, und mit ſchwe⸗ rer Zunge uͤber Kopfweh klagte, was von dem ſtar⸗ ken Zuge in ſeinem Keller herruͤhren ſollte. Allerdings— ſo erlaͤuterte Madam das Wort dem ihr zunaͤchſt Sitzenden— allerdings hat der Kel⸗ ler einen gewaltigen Zug fuͤr meinen Mann. Das Lachen uͤber dieſe leiſe Bemerkung war or⸗ dentlich anſteckend. Es iſt gewis einmal wieder uͤber mich hergegan⸗ gen! ſagte Biſam. Wie's gefaͤllt. Ein guter Keller⸗ wirth muß auch einen guten Magen haben. Hiermit zog er ſich in den Laden zuruͤck und ſeine Frau trug dem Diener auf, ihn nur moͤglichſt bald zu Bette zu ſchaffen. Wirklich ſchien ſich dabei eine duͤſtre Wolke uͤber die Stirne der Reizenden zu ziehen. Doch heiterte ſich der Himmel recht bald wie⸗ der auf. Auf— nahm ſie Platz an dem großen runden Tiſche unß war diesmal offenbar ziemlich der Centralpunkt von dem alle Luſt ausging. II. 10 — 146— Manche freueten ſich ihrer zuweilen recht gluͤcklichen Einfaͤlle, Andere der wunderſchoͤnen Perlenreihen, zwi⸗ ſchen denen ſie hervorgingen und der uͤberaus reizen⸗ den Form der uͤppigen Lippen, durch die ſie in der Regel verſchloſſen waren, noch Andere lechzten nach Blicken aus ihren dunkeln Augen. Als ſie ſich eben einmal entfernt hatte, ſties Tippel Sennern an und ſagte ihm ins Ohr: Sie hat eine ganz beſondre Fertigkeit in der Tugend ſich nach Wunſche gemeinnuͤtzig zu machen. Waͤhrend einer ihr gegenuͤber durch einen Blick gluͤcklich wird, verſetzen zwei Haͤndedruͤcke von ihr, einer mit der Rechten und einer mit der Linken gegeben, ihre bei⸗ den Nachbarn ganz in den Himmel. Ja ich war ſchon einmal Zeuge, daß bei aͤhnlicher Gelegenheit einer der ſeinen Fuß zuweit mochte vorgeſchoben ha⸗ ben, von der Spitze ihres Fuͤßchens, ob mit Fleiß oder aus Verſehen, das weiß ich nicht, unter dem Tiſche beruͤhrt wurde. Niemand wuͤrde es bemerkt und ſie den fremden Fuß auf dem die Spitze des ih⸗ rigen ruhte, vielleicht fuͤr irgend einen todten Koͤrper, einen Flaſchenpfropf, oder dergleichen gehalten haben, waͤre der Menſch nicht mit Einem Male lauter Feuer und Flamme geworden. Da ſagte ſie aber, ihm die — 147— nothwendige Abkuͤhlung angedeihen zu laſſen: Exkuſi⸗ ren ſie, mein Herr, ich glaubte nicht, daß ihr Fuß mir ſo nahe ſtehen koͤnnte. Und ſo hatte ſie mit leich⸗ ter Muͤhe die Indiscretion ſeines Feuers, zu gtoßer Freude der Uebrigen, von ſich wenigſtens ganz abge⸗ wendet. Sie kommt mir mit ihrer gleichzeitigen Zaͤrtlichkeit gegen eine ganze Parthie Anbeter vor, wie ein Muſikus, der eine Menge Inſtrumente auf ein⸗ mal aͤuſſerſt geſchickt zu ſpielen verſteht. Uebrigens allen Reſpekt vor ihrer ehelichen Treue. Sogar Thorn, den man in den Flitterwochen des neuen Hausſtandes noch gewaltig mit ihr in Verdacht hatte, iſt, ich wollte drauf wetten, in der Hauptſache leer ausgegangen. Was ſie in verbotener Liebe vielleicht that, iſt Alles im unverheiratheten Zuſtande von ihr geſchehen, und das muß man ihr um ſo hoͤher an⸗ rechnen, weil ſie einen Mann heirathen konnte, den zu lieben verboten, oder wenigſtens nicht zu lieben, erlaubt ſeyn ſollte, wegen ſeiner ungemeinen innern Leerheit. Aus misverſtandenem Triebe, dem Uebel abzuhelfen, hat er ſich neuerlich gar noch der Voͤl⸗ lerei hingegeben, waͤhrend ſie durch eine ihrem Ge⸗ werbe aͤuſſerſt wohlthaͤtige Coketterie, Gaͤſte aller Art heranzieht und ihnen dabei zum Theil die Beutel auf 10* — 148— ſehr honette Weiſe zu leeren befliſſen iſt. Statt des Seiles, auf dem ſie vor Kurzem noch durch ihren Tanz entzuͤckte, hat ſie ſich jetzt ein bloſes Narren⸗ ſeil zugelegt. So eben— ſeht nur— haͤlt ſie dort an der Glasthuͤre Thorns kuͤnftigen Schwiegervater mit ſo großem Succeß daran, daß der gute Grau⸗ kopf, ſeiner ſechszig Jahre vergeſſend, das junge huͤb⸗ ſche Kerlchen von achtzehn, das auf der andern Seite um ſie herumfaſelt, offenbar auszuſtechen verſucht. Fruchtloſe Eitelkeiten! Die gebildete Jugend gleicht allerdings in ihrer Frivolitaͤt nicht ſelten der jungen Katze, deren Zierlichkeit auch die gewagteſten Spruͤnge entſchuldigt; die Frivolitaͤt des Alters hingegen koͤnnte man mit der ungeſchlachten Luſtigkeit des bald aus⸗ gewachſenen Kalbes vergleichen. Er muß aber frei⸗ lich im Glauben an das Gelingen ſeiner Plumphei⸗ ten beſtaͤrkt werden, da Madam Biſam ihm den Vor⸗ zug zu geben ſcheint. Die Frau— erwiederte Senner— gefaͤllt mir in der That mehr, als ich's euch ſagen kann. Was zu machen iſt aus dem ziemlich gemeinen Kreiſe, in dem ihr Leben ſich herumdreht, das macht ſie auch redlich daraus. Und koͤnnte man wohl von irgend Jemand mehr verlangen? Iſt doch uͤberhaupt das — 149— Leben ein ſo einfaches und abgedroſchenes Thema, daß Alles nur noch auf die Variation ankommt, die ihm jeder zu geben weiß! Immer mehr fuͤllte der Keller ſich an und im⸗ mer lauter wurde die Nachfrage nach Thorn, der ſchon ſehr fruͤhzeitig dort hatte ſeyn wollen. Ich wuͤßte wohl— ſagte jetzt mit vorgehaltener Hand der erſte Liebhaber im Schauſpiel, Herr Quell, dem Profeſſor Tippel in's Ohr— ich wuͤßte, wo er gewis zu finden ſeyn wuͤrde. Mein Kollege Ruͤbſen⸗ dorf faͤhrt zu Schlitten nach Windenheim. Was gilt die Wette, Herr Thorn ſitzt oder iſt wenigſtens, ſo eben bei der armen Verlaſſenen, damit ſie die Furcht vor Geſpenſtern nicht etwa anwandelt. Ein heftiger Schlag in's Geſicht, den er von ei⸗ nem jungen, auf ſein Wort lauſchenden Schnurrbarte in dieſen Augenblick davontrug, erweckte ſogleich den Fauſtkampf zwiſchen beiden und brachte die ganze Verſammlung in Allarm. Herr Hirtung ſtuͤrmte be⸗ ſonders auch auf den verlaͤumderiſchen Buben, wie er Herrn Quell nannte, ein. Es ſey wohl, meinte er, etwas ganz Gewoͤhnliches, daß ein Verlobter den Umgang ſeiner Braut, auch der intereſſanteſten Ge⸗ ſellſchaft vorziehe. Hirtungs Antrag, in die Traube, — 150— in der ſie wohnten, nach Thorn zu ſenden, wo er vermuthlich bei ſeiner Frau und Tochter ſeyn werde, wurde zu Quells großer Zufriedenheit angenommen. Leider aber ſetzte das Reſultat der Sendung ihn in Verwirrung. Thorn war, ſo lautete die Nachricht, in ſeine Wohnung gegangen, aber ſtatt unverzuͤglich zuruͤckzukehren, hatte der Bediente die Nachricht ge⸗ bracht, daß ſein Herr, ohnſtreitig durch etwas zu ſtar⸗ ken Weingenuß erkrankt, ſich in's Bette legen muͤſ⸗ ſen. Eben ſcheine er in einen recht geſunden Schlaf verfallen, der unter ſolchen Umſtaͤnden gewis das Beſte ſey. Zugleich beſchwor der Bediente Mutter und Tochter, die ihn beſuchen wollten, daß ſie dies unterlaſſen moͤchten, da man ja doch in ſolch einem penibeln Zuſtande nicht gern vor ſo hochgeachteten Perſonen erſcheine, Beide jedoch hielten fuͤr Schul⸗ digkeit ſich von ſeinen Umſtaͤnden zu uͤberzeugen. Sie ſtellten ſich auch ſpaͤterhin ein, fanden ihn noch im⸗ mer ſchlafend und blieben an ſeinem Lager ſitzen. Bevor man noch mit Erzaͤhlung der Vorfaͤlle zu Ende war, hatte Herr Quell ſich heimlich entfernt, vermuthlich, weil er die Beſchuldigungen von Hir⸗ tungs Seite ſcheuen mochte. Wirklich ſah ſich auch dieſer ſehr zornig nach ihm um, brach in eine uͤber⸗ — 151— aus bittre Critik uͤber das ſchaͤndliche Laſter der Ver⸗ laͤumdung aus, aͤuſſerte, daß ein Unfall, wie er Thorn betroffen, eine Sache ſey, die Jedermann begegnen koͤnne, und ſchien durch eine uͤberaus reichliche Be⸗ nutzung der Gaben des Bacchus dieſe Behauptung mit ſeinem eigenen Beiſpiele belegen zu wollen. 16. Ein großes Geſchrei auf der Straße erregte die Neugier der Anweſenden. Der Hausmann brachte die Nachricht herein, daß eben ein Rennſchlitten an den Eckſtein getroffen und umgeworfen ſey. Ein Theil der Geſellſchaft eilte hinaus. Da lag die aus⸗ geladene Dame noch und der Herr, welcher ſie ge⸗ fahren hatte, war kein anderer Menſch, als Thorn, wie die herbeigebrachten Lichter auſſer Zweifel ſetzten. Die Nuͤbſendorf! erſcholl es zugleich wie aus Ei⸗ nem Munde, als man der Ohnmaͤchtigen den Schleier vom Geſichte genommen hatte. Madam Biſam, welche mit der Tugend der ehe⸗ lichen Treue das Laſter des Neides und der Scha⸗ denfreude zuweilen recht gut zu vereinigen wußte, hatte Muͤhe, ein gewiſſes behagliches Lachen zu un⸗ — 152— 8 terdruͤcken, das in Betrachtung der Widerwaͤrtigkeit eines ihrer vormaligen Anbeter, den ſie vielleicht noch lieber als Herrn Biſam, wuͤrde geheirathet haben, in ihr aufſtieg. Herr Hirtung verfolgte indeß den ſeit dem Um⸗ ſturze nur Schritt vor Schritt gehenden Rennſchlitten bis zur Wohnung von Madam NRuͤbſendorf. Aber wie ſtaunte er, als hier, wo er Thorn den Text auf eine furchtbare Weiſe zu leſen gedachte, ſtatt deſſen ein ganz anderer Mann von der Pritſche ſtieg. Und in Thorns Wohnung, wo bald darauf von der zwiefachen innern Hitze ſeine Fußtritte etwas laut ertoͤnen, kommt ihm der Bediente eiligſt entgegen mit der Bitte, doch um Gotteswillen der ſchweren Krank⸗ heit ſeines ſchlafenden Herrn nicht durch Aufwecken eine nachtheilige Wendung herbeizuziehen. Zugleich er⸗ blickt Herr Hirtung wirklich ſeine Frau und Tochter im b Nebenzimmer am Bette des Kranken, nebſt einem Manne, den er fuͤr den Arzt halten muß. 1 Unter wiederholten Ermahnungen des Bedienten, — recht leiſe aufzutreten, naͤhert er ſich den Seinigen, I welche kopfſchuͤttelnd und mit allen Zeichen der Beſtuͤr⸗ h zung ihn anblicken. Des Arztes Geberde ſpricht die Bitte aus, nur ja kein Geraͤuſch zu veranlaſſen und — 153— Madam Hirtung geht mit ihrem Gatten in's Neben⸗ zimmer, dort ihre und der Tochter gegruͤndete Angſt in den befreundeten Buſen zu ſchuͤtten. Ach,— ſprach ſie— was habe ich ausgeſtanden in der Zeit, daß wie hier ſind. Und unſere gute Theo⸗ balde auch. Es ſcheint gar keine Regung mehr in ih⸗ rem armen Verlobten. Der Bediente ſagte allerdings ſogleich Anfangs, daß der Wein ſchon verſchiedene Mal ganz dieſelbe Wirkung auf Thorn geaͤuſſert und er nach uͤberſtandenem Schlafe voͤllig geſund geworden; welch ein Schlaf aber iſt das! Grade das Ruhige deſſelben muß einen wohl unruhig machen. Lange Zeit hielt ich mein Ohr ganz nahe an ſein Geſicht, doch auch nicht der mindeſte Athemzug zu vernehmen. Und das nun volle drei Stunden lang! Zwar ſoll der Zuſtand alle⸗ zeit genau derſelbe ſeyn und der Bediente fleht nur immer, daß wir ja nicht etwa das geringſte Anruͤhren wagen moͤchten, weil bei aller Tiefe des Schlafes doch mit dieſem bei dem Patienten eine beſondere Reizbar⸗ keit verbunden ſeyn ſoll, welche die gefaͤhrlichſten Fol⸗ gen nach ſich ziehen koͤnne. So habe, vor nunmehr fuͤnf Vierteljahren einmal der Arzt nur ſeinen Puls angeruͤhrt, und ſogleich ſey der Kranke emporgeſprun⸗ gen und in eine Raſerei verfallen, deren Heilung fuͤr — 154— ein wahres Meiſterſtuͤck der aͤrztlichen Kunſt geachtet werde. Gleichwohl beſtand ich wenigſtens darauf den Arzt kommen zu laſſen. Weil der aber mit Geſchaͤf⸗ ten uͤberhaͤuft iſt, ſo ſchrieb die wahrhaft gute Seele von einem Bedienten ein Billet an ihn, damit er zu meiner Beruhigung recht bald ſich einſtellen moͤchte. Nun hat zwar der aͤrztliche Ausſpruch des Bedienten Anfuͤhren vollkommen beſtaͤtigt, aber das Charlatan⸗ artige des Doktors erregt mir neue Zweifel, und da es noch zwei andre Aerzte in Langenhof geben ſoll, ſo waͤre es doch wohl gut, man holte—— Der Arzt und der Bediente, denen vom Kranken⸗ zimmer aus die ſchwere Beſorgnis der Dame nicht entgangen war, eilten jetzt herbei. Beſonders bot der erſte all ſeine Redekunſt auf, ihre Zweifel an der na⸗ hen Herſtellung des Kranken zu zerſtreuen. Was wollen ſie mehr, ſchoͤne Dame— ſagte er— als wenn ich ihnen meine ganze aͤrztliche Reputation zum Unterpfande einſetze, daß unſer verehrter Patient morgen fruͤh wieder ſo friſch und munter ſeyn ſoll, wie die Schmerle im Fluſſe. Grade das, was ſie aͤngſtigt, dieſe ſuͤße Sabbathſtille, in der er ſich befindet, muß der Kenner fuͤr das heilbringendſte aller Symptomen annehmen. Die ganze Krankheit, ſo ungewohnt ſie — 155— auch unter dieſem kalten Himmelsſtriche, leider, ſelbſt manchem bloßen Routinier von Arzte ſeyn mag, iſt nichts weiter, als die in Oſtindien ſtark graſſirende stultitia matrimonialis duplicata und muß bei rech⸗ ter Behandlung, das heißt, bei gar keiner, als der tiefſten Ruhe, ohnfehlbar den Kranken, wenn er oft davon befallen wird, zu einem mehr als hundertjaͤh⸗ rigen, jugendkraͤftigen Lebensalter fuͤhren. Alles kommt darauf an, daß die damit vergeſellſchaftete dementia malitiosa in eine amentia vituperabilis ſich ver⸗ wandele, was bei unſerm Patienten im Laufe dieſer Nacht gewis geſchieht. Das Beſte wuͤrde ſeyn, wenn ſie insgeſammt ſich jetzt entfernen wollten, weil grade die Lebensnaͤhe von Perſonen, die den Kranken am meiſten intereſſiren, ſeine, bei der anſcheinend hoͤch⸗ ſten Abſtumpfung, nur leider, allzuſehr aufgereizten Nerven in eine nachtheilige Spannung verſetzen kann. Ich danke ihnen Herr Doktor— ſagte Herr Hirtung— fuͤr ihre auſſerordentlich belehrenden Er⸗ oͤffnungen. Da dieſen zufolge gar keine Lebensgefahr fuͤr den Patienten zu fuͤrchten iſt, ſo kommt es mir, dem kuͤnftigen Schwiegervater fuͤr's Erſte zu, dem mo⸗ raliſchen Todſchlage, welcher ſo eben im Italienerkeller an ihm veruͤbt wird, nach beſten Kraͤften zu begegnen. Niemand wußte, was er damit meinte, ſeine Frau aber, wohl merkend, daß ſein Kopf fuͤr die Beine zu ſchwer geworden, eilte in einer Art von Betaͤubung, oder Inſtinkt, ihm nach, um ſeine Lei⸗ terin abzugeben, was er aber allerdings ſehr uͤbel zu nehmen ſchien. Darauf erzaͤhlte er von der ſchaͤnd⸗ lichſten der Verlaͤumdungen, wie er das Geruͤcht nannte, daß Thorn der Lenker des umgeſtuͤrzten Schlittens geweſen und die man ſo wahrſcheinlich zu machen gewußt, daß er ſelbſt, wie mit Blindheit ge⸗ ſchlagen, ihn zu erkennen geglaubt und nur erſt am Hauſe der Comoͤdiantin, die er gefahren haben ſollte, inne geworden ſey, daß ein Anderer auf der Pritſche geſeſſen. Grade an dieſem Hauſe hier! fuͤgte er hinzu in demſelben Augenblicke, als ein junger Mann im Pelzrocke heraustrat, und bei ihrem Anblicke ſogleich innehaltend, den Weg den er auf ſie zugenommen, nach der entgegengeſetzten Seite einſchlug. Thorn! rief die erſtaunte Mutter Theobaldens ihm nach. Aber ſchon war er ihnen aus den Augen. Alle guten Geiſter! ſchrie Herr Hirtung, der den Eiligen beim Scheine der Laterne ebenfalls fuͤr ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn gehalten hatte. Ein Dop⸗ pelgaͤnger! Du lieber Gott, wer moͤchte dergleichen wohl an dem Manne ſeiner eheleiblichen Tochter erleben? Schweigend und in hoͤchſter, innerer Empoͤrung wendete ſeine Frau ſogleich den Schritt zuruͤck nach Thorns Wohnung. Als ſie dort ankamen, fand eben im Innern derſelben eine ſehr heftige Szene ſtatt. Da ging die Thuͤr auf und der Arzt kam ihnen an die Treppe entgegengeflogen. Profeſſor Tippel war es, der ihn herausſchleuderte. Lautſchluchzend eilte Theobalde auf die eintreten⸗ den Aeltern zu, mit Grauen, wie vor einem Ge⸗ ſpenſte, nach dem Bette des Patienten deutend, auf dem dieſer im Schlafrock und Schlafmuͤtze zu ſißen ſchien. Der Tochter Schauer ergriffen äic die dem Bette ſich naͤhernden Aeltern. Brauchen nicht bange zu ſeyn vor Anſteckung und ſonſtigem koͤrperlichen Uebel! ſprach Tippel, ſie dahin begleitend. Es iſt keine lebende Perſon, ſondern mein Gliedermann, den dieſer Galgenſtrick— dabei zeigte ſein Finger auf Thorns Bedienten— durch mein Dienſtmaͤdchen, das er auf Oſtern heirathen will, aus meinem Attelier ſich zu verſchaffen wußte. Daß ich kein Theilnehmer bin an dem Misbrauche, druͤckt — 158— wohl der Unwille, den mein Geſicht darlegen muß, zur Gnuͤge aus. Mein armes, armes Kind! rief Madam Hir⸗ tung, die ganz ſeelenlos vor ſich hinſtarrende Toch⸗ ter in ihre Arme ſchließend. Ihr Vater hatte inzwiſchen den Profeſſor getragt, ob es alſo doch wahr ſey, daß Thorn die Schauſpie⸗ lerin auf dem Schlitten gefahren. Gefahren und umgeworfen— ſprach der— dann aber entzog er ſich baldmoͤglichſt den Blicken der Bi⸗ ſamſchen Gaͤſte und der Vorreiter fuhr die Wieder⸗ eingepackte nach ihrer Wohnung. Eben dort— verſetzte der durch den Schrecken aus der fruͤhern Wein⸗Exallation Zuruͤckgebrachte— ſahen wir ihn jetzt aus dem Hauſe kommen und da⸗ vonſpringen. Ich entſetzte mich ordentlich, weil ich ihn, der doch kurz zuvor vor meinen Augen hier im Bette gelegen hatte, fuͤr einen Doppelgaͤnger halten mußte. Das iſt er auch, und ein wahrhaft entſetzlicher Doppelgaͤnger, nur wieder in einer andern Manier. Nein, ſolch ein leibhaftes Engelchen, wie die kraͤf⸗ tige, in Hinſicht auf Farbenſchmelz dem Rubens von der Natur gleichſam abgeſtohlene heilige Jungfrau, kann der bis zur Sinnloſigkeit ſinnliche Menſch hint⸗ anſetzen, wegen eines Gerippes, wie jene Zierpuppe, die jetzt in ihrem etwa fuͤnf und zwanzigſten Jahre alle fruͤhern, vermuthlich recht anlockend geweſenen Zuͤge der Luͤſternheit fuͤr ein Lumpengeld verkauft zu haben ſcheint und deren Begierde nun aus dem tief⸗ liegenden Auge wie die Mauerſpinne aus ihrem ſchwar⸗ zen Winkel, auf das Unverſchaͤmteſte nach Beute herauslangt. Das Kopfſchuͤtteln des Herrn Hirtung bezog ſich aber immer noch auf das ihm Unbegreifliche, daß ſeine Frau und Tochter nicht hatten einſehen koͤnnen, es liege kein wirklicher Kranker im Bette. Halbunwillig ſagte auf dieſe Aeuſſerung der Pro⸗ feſſor: Wenn ſie begreifen, daß ſie ſelber das Ding, das man mit dem Geſichte der Wand zugedreht und von unten in das Deckbette, von oben in die Schlaf⸗ muͤtze gehuͤllt hatte, fuͤr ihren leibhaften kuͤnftigen Schwiegerſohn anſahen, ſo duͤrfen ſie es doch ihrer Frau und Tochter wohl auch nicht verargen! Die lange Zeit aber, daß ſie hier geweſen ſind! entgegnete er. Und— erwiederte der Profeſſor— in der ſie es mit einem Fuchſe, wie dem Bedienten ihres Don — 160— Juan von Schwiegerſohne zu thun gehabt haben, der die Furcht vor den uͤbeln Folgen der Stoͤrung im Schlafe ſo in Athem erhielt, daß ſich die Damen vielleicht kaum getrauten, dem Bette recht nahe zu treten, von dem er das Licht im offenen Nebenzim⸗ mer ohnehin ſo weit als moͤglich entfernte, und dann wie ſie nun durchaus auf dem Herbeirufen eines Arz⸗ tes beſtanden, ſeinem Freunde, denſelben Taugenichts, dem ich, bei ihrer Ankunft eben das Geleite nach der Treppe gab, eine ſchriftliche Ordre, den Doktor vor⸗ zuſtellen zuſchickte? Nein, Herr Hirtung, begreiflich iſt alles Vorgefallene, bis auf die Verblendung ihres Herrn Schwiegerſohns! Nennen ſie mir den Menſchen nicht ſo! ſprach der in ſeiner Tochter Tiefgekraͤnkte. Nimmermehr werde ich mein gutes Kind an ſolch einen Nichts⸗ wuͤrdigen wegwerfen. Wahrlich— verſetzte der Profeſſor— das iſt das vernuͤnftigſte Wort, das ich den ganzen langen Abend ſie ſprechen hoͤrte. Jetzt erſt bemerkte Herr Hirtung, daß Frau und Tochter ſich bereits entfernt hatten und eilte ihnen nach. 17. Am folgenden Morgen brachte der Hausknecht aus der Traube einen Brief von Herrn Hirtung an Thorn, welcher die geſchehene Verlobung mit Theo⸗ balden fuͤr null und nichtig erklaͤrte. Thorn wollte vorlaͤufig durch den Ueberbringer ſagen laſſen, daß er noch dieſen Vormittag antworten werde, hoͤrte aber die Hirtungſche Familie ſey ſchon in der Nacht ab⸗ gereiſt. So hingeriſſen auch der junge Mann von der Coketterie der Ruͤbſendorf war, ſo fuͤhlte er ſich doch durch dieſen Ausgang der Geſchichte tief verletzt. Die Schlittenfahrt war gewiſſermaſen eine Genugthuung geweſen, die er der Schauſpielerin ſchuldig zu ſeyn glaubte. Bei dem Diner hatten die auffallenden Blicke dieſer Dame auf ihn, Theobalden zur Bezei⸗ gung einer offenbaren Verachtung gegen ſie gebracht. Als Wirth war ihm ſolch ein Benehmen ſeiner Braut, worauf ihn die Schauſpielerin ſelbſt aufmerkſam machte, hoͤchſt empfindlich geweſen, aber der Verſuch beide einander nahe zu bringen, verdarb nunmehr vollends Alles. Theobalde kehrte der gefallſuͤchtigen Dame gradezu alſo den Ruͤcken, daß dieſe beim Ab⸗ II. 11 — 162— ſchiede ihm weinend in's Ohr ſagte, einzig aus Ach⸗ tung vor ihm laſſe ſie ſolch eine abſcheuliche Behand⸗ kung ungeruͤgt hingehen. Erlauben ſie—— ſprach er. Aber ſie unterbrach ihn. Nichts weiter hier, es koͤnnte mir nur fernere Demuͤthigung und ihnen ungerechte Vorwuͤrfe zu⸗ ziehen. Ich glaube aber ein Recht zu haben, mich offen gegen ſie auszuſprechen. Koͤnnen ſie mir in einem halben Stuͤndchen einen einzigen kurzen Au⸗ genblick ſchenken, ſo werden ſie mich damit unendlich verbinden. Ich erwarte ſie dann in meiner Wohnung. Thorn erſchien in dieſer. Nicht von ſo aͤrgerli⸗ chen Dingen! ſagte Madam Ruͤbſendorf, als er ſeine Braut mit dem Mangel an Welt, der Jedermann an ihr auffallen muͤſſe, zu entſchuldigen anfing. Ich haͤtte aber einen Vorſchlag. Mein Mann iſt vor einer Viertelſtunde zu Schlitten nach Windenheim gefahren. Es wuͤrde mich ungemein ergoͤtzen, wenn wir ihn dort uͤberraſchten. Fuͤr die große Schmach, welche ihre Braut mir wiederfahren ließ, verdient ſie doch wohl, wenigſtens eine ganz kleine, Zuͤchtigung und ich wuͤßte keine beſſere, als daß ſie ihr ihre Ge⸗ genwart fuͤr ein Paar Stuͤndchen entzoͤgen. Nichts leichter, als das! ſprach ſie auf ſeine wiln⸗ — 163— faͤhrige, aber von einem Achſelzucken begleitete Miene. Ihr Bedienter ſpricht, daß ſie, unwohl geworden, ſich haͤtten zu Bette legen muͤſſen. Ein Mann kann ſchon einmal von ſich ſagen laſſen, daß er im Weine zu viel gethan und daß ihm dies zu ſchlecht bekom⸗ men ſey, um irgend einen Beſuch annehmen zu koͤn⸗ nen, zumal einen von ſeiner Braut. Waͤhrend ihr Bedienter, ohnehin ein ausgemachter Schalk, dieſe Rolle mit Geſchick exekutirt, ſitzen wir im Schlitten und lachen ein Stuͤckchen auf Koſten ihrer angebli⸗ chen Unpaͤßlichkeit. Nach zwei Stunden kommen wir zuruͤck und ſollten dann die Schlaͤge ihres ver⸗ liebten Herzens allzuheftig werden, ſo koͤnnen ſie ja noch immer als Reconvalescent vor ihrer Braut er⸗ ſcheinen und wegen der kleinen Irregularitaͤt in der Lebensweiſe um Verzeihung bitten. Dabei ſchickte Madam Ruͤbſendorf Thorns eben ankommenden Bedienten ſchon nach einem Schlitten und ehe der uͤbertaͤubte Braͤutigam noch ganz mit ſich einig war uͤber die Annahme des ihm wenigſtens pikant ſcheinenden Vorſchlags, ſaß er bereits auf der Pritſche und der Schlitten ſchnellte hinweg. Herrn Ruͤbſendorf fanden ſie allerdings nicht in Windenheim, aber ſie ließen ſich's, auch ohne ihn, 11* 1 — 164— laͤnger dort gefallen als ihr, oder wenigſtens Thorns, Wille geweſen war. Um ſo eiliger ging es auf der Heimkehr und eben dieſe Eil mochte Veranlaſſung zum Umſturze des Schlittens ſeyn, welcher die heim⸗ liche Fahrt auf einmal mitten in der dicken Finſter⸗ nis dieſes Abends an das helle Tageslicht brachte. Der Einfall mit dem Gliedermanne kam uͤbri⸗ gens nicht auf Thorns Rechnung. Er ruͤhrte einzig von ſeinem Bedienten her, der, weil Madam Hirtung und Theobalde von dem Beſuche des vermeinten Pa⸗ tienten durchaus nicht abzuhalten waren, in der Ge⸗ ſchwindigkeit auf dieſe Liſt verfiel und ſie auch gluͤck⸗ lich in Ausfuͤhrung brachte. Tauſendmal verwuͤnſchte Thorn die Frivolitaͤt, zu der er ſich durch die Schauſpielerin hatte verleiten laſſen. Empoͤrend war ihm beſonders auch der Ge⸗ danke, daß ſeine Braut ſo lange ohnſtreitig mit ge⸗ brochenem Herzen vor dem Gliedermanne geſeſſen hatte und jetzt ihm ſelber vermuthlich den Eyüuif dieſes ſo herzloſen Planes zuſchrieb. Nun Theobalde ihm verloren ſchien, ſtieg wieder einmal das ganze Weſen dieſes holden Maͤdchens vor ſeinem Geiſte auf, in einer Glorie, vor der das Bild der verlebten, gefallſuͤchtigen Schauſpielerin unmoͤglich beſtehen konnte.. Ich will wegreiten! ſchrie er endlich ſtuͤrmiſch dem Bedienten zu und jagte bald nachher auf ſeinem Rappen aus dem Hauſe durch das dicke Schnee⸗ flockengewimmel, welches die Luft ganz verfinſterte und kaum zehn Schritte weit vor ſich hinzuſehen erlaubte. In den drei Stunden eines anhaltenden ſtarken Schneiens war drauſſen vor Langenhof der Weg ſo bahnlos geworden, daß eine dem Wetter aͤhnliche Ver⸗ finſterung im Innern dazu gehoͤrte, um mit ſolcher Haſt, wie unſer Reiſender uͤber die vor ihm liegende breite Schneedecke zu jagen, welche keine Spur der Straße durchblicken ließ. Aber auch der eben Schritt vor Schritt ihm ent⸗ gegenkommende Schlitten und die Warnung der darin ſitzenden, in tiefe Trauer gehuͤllten Dame, daß der Reiter ja nur mit groͤßter Vorſicht eine Bahn ver⸗ folgen ſolle, welche ihr Fuhrwerk gemacht habe, wenn er ſein Pferd nicht aufzuopfern denke, weil auch die eben zu Schlitten Daherkommende in dem eintoͤnigen Weiß, das Felder und Graͤben mit der Straße gleich gemacht, erſt vor Kurzem, nach großem Ungemache — 166— auf dieſe zuruͤckgelangt ſey, brachte ihn blos zu einem ſtummen Danke, der aber nicht aus ſeinem jetzt nur fuͤr Einen Gegenſtand Sinn habenden Herzen kam. Wenigſtens befolgte er den wohlgemeinten Rath ſo wenig, daß er kaum im Gleiſe des Schlittens war, als er auch ſchon mit groͤßtem Unbedacht weiter ſprengte. Ein wahrhaft beklagenswerther Menſch! ſprach die Dame, die Graͤfin von Altenberg, zu ihrem hoch⸗ bejahrten Nachbar, dem Amerikaner Hudſon. Sein jetziges Thun iſt ein Bild ſeiner ganzen Handlungs⸗ weiſe. Ruͤckſichtlos in die Welt hineinjagend, nirgend Bedacht nehmend auf die ihm widerſtrebenden Hin⸗ derniſſe muß er, bei unverkennbarem Talente, ein fruͤhes Opfer ſeines Ungeſtuͤms werden, daß ſolch ein Beklagenswerther durchaus nicht zu retten ſeyn, daß er ſogar Andere, wie zum Beiſpiele ſeine Braut, das ſuͤßeſte, lieblichſte Weſen, mit hineinziehen muß, in ſeinen Ungluͤckskreis! Ihr aus blinkendem Thraͤnenflore emporblickendes Auge richtete hiermit offenbar eine Art von Vorwurf an den ſo eben mit dicken Wolken feſt verſchloſſenen Himmels. Dies— antwortete Hudſon— liegt, wahrlich, — 167— nicht an dem Geiſte, dem ihr Aufſchluß begehrendes Herz ſich eben zuzukehren ſcheint; es iſt unſtreitig die Folge der fruͤhern Lebensverhaͤltniſſe, hauptſaͤchlich einer fehlerhaften Leitung der erſten Jugendjahre. und ſogar das, wie Alles, hat in anderer Hinſicht ebenfalls ſein Gutes, Grade der vorzeitige Unter⸗ gang eines anerkannt ausgezeichneten Menſchen, durch eigene Schuld, dient zum weitumherleuchtenden War⸗ V nungsbeiſpiele. Und dergleichen Faͤlle ſoll dann be⸗ ſonders der Geiſtliche benutzen, um auf die Urſachen ſolch eines Unterganges mit Waͤrme und Behutſam⸗ keit hinzudeuten. Je groͤßer die Anlagen in dem Untergegangenen waren, deſto gewaltiger auch der Eindruck; wie ein weitlaͤufiges, mit Reichthuͤmern und Glanz verſehenes Schloßgebaͤude, welches durch naͤchtlichen Feuerausbruch in einen Aſchenhaufen ver⸗ T wandelt wird, mit Recht ein ganz anderes Aufſehen h erregt, als die Hüͤtte des Bettlers, wenn ein gleiches Geſchick ſie trift. Sollte aber ſogar— erwiederte die Graͤfin— abgeſehen von der fehlerhaften Leitung ſeines fruͤhern Lebens, in dieſem jungen Manne ſelbſt einige Schuld an dem Schickſale liegen, was ihm beinahe mit Ge⸗ wisheit vorauszuſagen iſt, was verſchuldete das tadel⸗ — 168— loſe, treffliche Geſchoͤpf, welches durch ſeine wahrhaft reine Natur und eine Erziehung, die vielleicht zwar zu wenig gethan, aber doch gewis auch nichts an ihm verdorben hat, daß es, in einen, ſeinem Weſen ganz widerſprechenden Strudel hineingezogen, ſtatt des Gluͤk⸗ kes, deſſen es vor ſo Vielen wuͤrdig geweſen, den Kelch des Ungluͤcks, vielleicht bis zur Hefe ausleeren ſoll? Des Gluͤckes, ſagen ſie, verehrte Graͤfin? Als ob das Gluͤck in einer aͤuſſern Erſcheinung und nicht vielmehr in der innern Genugthuung beſtuͤnde? Grade das, was die Welt Ungluͤck zu nennen pflegt, iſt an ſich in der Regel nichts weiter, als der Probierſtein, ob der, den es betrift, des wahren Gluͤckes faͤhig und wuͤrdig ſey. Und wenn ein Menſch, wie der er⸗ waͤhnte, eine ſolche Perſon, wie ſie ſich deſſen Braut denken, in das Geſchick das er ſich ſelber zuzog, ſcheinbar mit hineinreißt, ſo praͤgt das Beiſpiel ſich den Beſchauern gewis noch viel tiefer und lehrreicher in die Herzen. So ſollte man, ihrer Anſicht nach, nicht einmal thun, was man koͤnnte, um den Widerwaͤrtigkeiten zu ſteuern, die ein Weſen gleich dieſer Braut, im Vereine mit dieſem Braͤutigam treffen muͤſſen? Sollte — 169— man vielleicht gar, die Kraft des Beiſpiels zu verſtaͤr⸗ ken, die Schuldloſe gradezu aufopfern? Keinesweges, hochgeſchaͤtzte Freundin, vielmehr nach allem Vermoͤgen dagegen wirken. Nur, wenn, wider Verhoffen, Rettung unmoͤglich wird, das Schlimmſte ſogar, was ihr, der gewoͤhnlichen Mei⸗ nung nach, durch eine unheilvolle Verbindung begeg⸗ nen kann, ihren fruͤhzeitigen Tod, aus dem rechten Geſichtspunkte betrachten. Wir kommen eben vom Sterbebette ihres innigſtgeliebten Bruders. Seine letz⸗ ten Lebensverhaͤltniſſe ließen ihn faſt nichts zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig. Vom Alter auch nicht einmal aus der Ferne noch beruͤhrt, an der Hand einer ſo geliebten als liebenswuͤrdigen Gattin, muß ſein fruͤher Tod jeden er⸗ ſchrecken, der es ſcheut, dem Tode uͤberhaupt herzhaft in's Auge zu ſchauen. Noch ſchauerlicher wird der ganz unerwartete Griff des Schickſals, wenn man ſieht, wie unmittelbar nach ihm, das Weſen, welches vermuthlich noch dieſelben Anſpruͤche auf langes Leben machen zu koͤnnen glaubte, wie ſeine Witwe, ebenfalls zur Beute des Grabes auserſehen geweſen. Zwei wahr⸗ haft erſchuͤtternde Faͤlle fuͤr alle, mit dem Gedanken nicht hinlaͤnglich Vertrauete, daß der Juͤngſte und Friſcheſte, wie der ohnmaͤchtige Greis, dem Krieger — 170— in der Schlacht zu vergleichen iſt, dem das Leben kei⸗ nen Augenblick zu verbuͤrgen ſteht. Faſſen wir aber die Geſchichte dieſer zwei Sterbebetten aufmerkſamer in's Auge. Betrachten wir, wie das Leben der beiden, nunmehr von der Erde Verſchwundenen, gewiſſerm aſen nur Ein Ganzes ausmachte, erinnern wir uns, mit welcher Inbrunſt Euphroſyne als ſie vernommen, daß ihr Gemahl ſchwerlich zu erhalten ſeyn werde, den Wunſch ausſprach, mit ihm zugleich die Erde verlaſſen zu duͤrfen; wie eben die hohe Wahrſcheinlichkeit ſeiner Nichterfuͤllung ſie ohnſtreitig neben den geliebten Ster⸗ benden auf das Lager warf und er dann ſelbſt, beim Verſcheiden ſchon die Hoffnung faſſen konnte, daß ihr ſeligſtes Verlangen, ihm baldigſt zu folgen, Erhoͤrung finden wuͤrde. Wahrlich, gnaͤdige Graͤfin, welches groͤ⸗ ßere Heil haͤtte die Erde wohl dieſen bieten koͤnnen, die mitten aus dem vor Kurzem erſt begonnenen bluͤten⸗ reichen Sommer ihres Lebens, fuͤr immer nun vereint, einem andern zueilen durften, das beiden ihr Glaube mit unvergaͤnglichen Reizen ausſchmuͤckte? Ja, ſie haben Recht, werther Mann,— ſprach die Graͤfin ihm die Hand druͤckend. Die eben Verewigten ſind weit gluͤcklicher, als wir Alle. Hand in Hand - 171— entflohen ſie den Taͤuſchungen der dunkeln Welt, um nun ewig im Lichte der Wahrheit zu wandeln! Wunderbar wirkten dieſe Anſichten auf die fruͤ⸗ her hoͤchſt bekkommene Stimmung der Graͤfin ein. Man ſtaunte bei ihrer Ankunft in Langenhof uͤber die durch die Gewande der tiefſten Trauer und ihre verweinten Augen blickende Heiterkeit, da ihr untroͤſtlicher Schmerz in einem vorausgeſendeten Briefe die Leute ſelbſt bereits von den zwei Todesfaͤllen unterrichtet hatte.. Die dort auf ſie einſtuͤrmenden Eordolenzen ſuchte ſie mit den, durch die eigene Ueberzeugung wahrhafte Beruhigung den Theilnehmenden zuſprechenden, Wor⸗ ten freundlich abzukuͤrzen: Sie ſind beide gewiſſer gluͤcklich, als ſie ſolches je in irdiſchen Verhaͤltniſſen haͤtten ſeyn koͤnnen. Vor ihrer Abreiſe hatte die Graͤfin von Alten⸗ berg offenbar vermieden, von ihrer Gutsnachbarin auf Thuͤrmen zu ſprechen. Beide kamen blos dann zu⸗ ſammen, wenn der Zufall es veranſtaltete und da war die Befangenheit der Graͤfin gewoͤhnlich noch viel groͤßer, als die der Gruͤnau. Sie fuͤhlte das Auf⸗ fallende derſelben und brachte daher einmal gegen den Amerikaner die Rede ſelbſt darauf, die Urſache auf — 172— die Froͤmmelei Alphonſinens ſchiebend. Hudſon nahm aber das Fraͤulein maͤchtig in Schutz gegen das ta⸗ delnde Wort. Froͤmmelei— ſprach er— darf nie die wahre Froͤmmigkeit, ſondern hoͤchſtens der heuch⸗ leriſche Schein genannt werden, und der iſt grade am weiteſten entfernt von der reinen Seele Alphon⸗ ſinens. Ihre Andacht quillt aus der Tiefe des Her⸗ zens und daß die Form derſelben mit der ihrigen, gnaͤdige Graͤfin, nicht uͤbereinſtimmt, das liegt in der Verſchiedenheit der Erziehung und Bildung, vielleicht auch in noch andern Verhaͤltniſſen. Es blickte einige Schaͤrfe aus dieſer Zurechtwei⸗ ſung, daher kam die Graͤfin auch erſt wieder darauf gegen ihn zuruͤck, als ſie am zweiten Tage nach ihrer Heimkehr einen Beſuch auf Thuͤrmen abgethan hatte. Heute— ſprach ſie zu ihm— ſah ich zum er— ſten Male ganz ein, welch ein Unrecht der lieben Al⸗ phonſine durch meine Beſchuldigung der Froͤmmelei geſchah. Auch die Gruͤnau zog mich mehr an, als jemals. Sie war ſo mild, ſo innig gegen mich, welche ſie doch, wahrlich, ohne meine Schuld! als ein Hindernis an ihrem Gluͤcke zu betrachten ſcheint. Faſt glaube ich, daß er mit ihr gluͤcklich ſehn koͤnnte! — Meinen ſie nicht? Das Letzte fuͤgte ſie noch gradezu bei, da er wie gewoͤhnlich ſchon ſeit einiger Zeit uͤber dieſen Punkt mit der Sprache nicht heraus wollte. Sie kennen ja— ſagte er— meine Anſicht vom Gluͤcke, Verehrteſte. Gluͤcklich kann der Beſitz eines geliebten Mannes weder ſie, noch irgend eine Andere machen, es waͤre denn, daß dieſer Beſitz auf der Zu⸗ ſtimmung des Innern der Beſitzerin beruhete. Die von der Graͤfin bemerkte Milde und In⸗ nigkeit der Gutsnachbarin ruͤhrte uͤbrigens von einer eben wieder in ihr vorherrſchenden gewaltigen Aufre⸗ gung her, welche ſie aber Jedermann, Louiſen und Alphonſinen nicht ausgenommen, zu verbergen ſich bemuͤhete. Ein Brief, der erſte, den ſie von dem noch im Auslande ſich aufhaltenden Grafen von Al⸗ tenberg wenig Tage zuvor erhalten, hatte ſein Dank⸗ gefuͤhl gegen ſie mit großem Feuer ausgeſprochen und ſie ſich vorgenommen, bald nach ſeiner Ruͤckkehr nach der Reſidenz ſich ebenfalls dort einzufinden. 18. An die offene Thuͤre des glanzvollen Ballſaales in der Hauptſtadt gelehnt, war der heimgekehrte Graf — 174— von Altenberg von der Beſchauung der muntern Tanzjugend gar bald in jenes dumpfe Sinnen ver⸗ ſunken, fuͤr welches die aͤuſſern Erſcheinungen nicht vorhanden ſind. Er ſtarrte in den bunten Schwarm, ohne zu wiſſen, was dieſer und was er ſelbſt wollte. Denn waͤre ihm letzteres bekannt geweſen, ſo haͤtte er ſicher ſchon den, ſeiner Stimmung gar nicht zuſa⸗ genden Laͤrm, ſogleich nach aufgehobener Tafel mit der haͤuslichen Einſamkeit vertauſcht, die ihm zwar eben ſo wenig zuſagte, aber doch bequemer fuͤr ſeine Gemuͤthsverfaſſung war. 4 Waͤhrend alle uͤbrige in ſeiner Naͤhe Zuſchauende mit Schoͤnheit des Tanzes, oder der Taͤnzer vollauf beſchaͤftigt waren, fuͤhlte ſein Ohr ſich von einem Tone des Unwillens aufgereizt, ſo laut, wie er in anſtaͤndiger Geſellſchaft nur ſelten vorkommt. Er blickte zuruͤck in's Nebenzimmer, aus dem er drang. Neben vielen mit Kartenſpiel Beſchaͤftigten ſaß dort an einem beſondern Tiſche beim Toccadegli, umgeben von zahlreichen Zuſchauern, ein bejahrter Mann mit einem, der einen uͤberaus ſtarken ſchwarzen Schnurr⸗ bart trug und die Dreiſſig ſchwerlich ſchon erreicht hatte, aus deſſen wohlgebildetem, jedoch leichenblaſſem Geſichte das tiefliegende, dunkle Auge ſo eben ein — Uebermaas des Verdruſſes nach anent langen, ha⸗ gern, abgelebten Herrn hinaufwarf. Der letztere wet⸗ tete mit einem Andern auf das Gewinnen eben jenes uͤber ihn unwilligen Spielers und die Lippe zitterte ihm ebenfalls vor Zorn. Noch einige Zuͤge und er ſprach, eine Rolle Goldſtuͤcke ſeinem Nachbar auszah⸗ lend, zu dem Spielenden in großer Wuth: So, mein Herr muͤſſen ſie verlieren. Alle Umſtehende koͤnnen das bezeugen. Und— entgegnete heftig der Spieler— was waͤre mit dieſem Zeugniſſe fuͤr ſie gewonnen? Wie, wenn ich nun verlieren wolltee Bin ich vielleicht auch in dem Falle nicht Herr meines Willens? Der Andere verſetzte: Ein ſo unbeſonnener Wille—,— Herr— ſprach da der Mann mit dem Schnurr⸗ barte vom Sitze ſpringend— wiſſen ſie, daß dieſes Wort ihnen das Leben koſten kann? Das rothe Geſicht des alſo Bedrohten ward bei dieſem Worte kreideweiß. Ich frage hiermit alle Spielverſtaͤndige— ſprach er mit bebender Stimme— ob der Herr mich nicht muthwillig aufreizte. Wenn man das Toccadegli ſo verſteht, wie wir ſolches vorhin lange von ihm geſehen — 176— haben, und dann ſo ſetzen kann, wie es jetzt viel Mal hinter einander geſchehen iſt, ſo heißt das doch gewis, ſich und Andere mit Bedacht um's Geld bringen. Das laͤugne ich gar nicht! ſprach der hochentruͤ⸗ ſtete Spieler. Mit Freuden werfe ich mein Geld hin, ſie um das ihrige zu bringen und da ich merke, daß ihnen das noch nicht zureicht, ſo laſſen ſie uns einen Gang auf Leben und Tod verſuchen. Mein Herr— ſprach jetzt einer der Anweſenden — bei dem Amte, das ich bekleide, darf ich dieſen Unfug nicht ruhig mit anſehen. Ihr erſtes Aufbrau⸗ ſen ſchon paßte in keinen gebildeten Cirkel. Das nachherige augenſcheinliche Hervorrufen des Zornes eines Mannes von Auszeichnung und die Heraus⸗ forderung mit der ſie der Sache die Krone aufſetzten, machen, daß ich vor allen Dingen ein Paar Worte mit ihnen zu ſprechen habe. Vielleicht— antwortete der junge Schnurrbart mit kaltem Stolze— vielleicht koͤnnen dieſe ihnen und mir erſpart werden. Wenn ich nicht irre, ſo habe ich dort die Ehre den Herrn Grafen von Al⸗ tenberg zu ſehen. Ein Brief, auf den Fall meines Hierbleibens, an dieſen Herrn abzugeben, wird uͤber — 177— meine Perſon Aufſchluß ertheilen und das Uebrige ſich dann wohl ebenfalls finden. Hierbei zog der Spieler eine Btieftaſche hervor und nahte ſich mit dem daraus genommenen Briefe dem Grafen, ſeinem Mitſpieler die baldige Ruͤckkehr verheißend. Uebrigens hatte die geringſchaͤtzige Miene dem Manne, welcher ihn zur Verantwortung ziehen wollen, dergeſtalt imponirt, daß er den Unbekannten fuͤr eine Perſon von hohem Range hielt und ſich beſcheiden zuruͤckzog, ohne jedoch ihn, der in einem der letzten ziemlich leeren Nebenzimmer mit Alten⸗ berg im Geſpraͤche auf und niederging, aus dem Auge zu verlieren. Bald nachher kam der Graf wieder mit ihm in das Spielgemach und ſagte auf ihn deutend zu dem Aufmerkſamen: Herr Feuerberg wird bei mir woh⸗ nen, wohin ſie ſich wenden koͤnnen, wenn ſie noch irgend eine Auskunft uͤber ihn verlangen. Drauf beendigte der Unbekannte ſeine Parthie, zahlte eine bedeutende Summe in Goldſtuͤcken ſeinem Mitſpieler aus und fuhr im Wagen des Grafen von Altenberg mit hinweg. Dem Briefe des Herzogs von St. Jean zufolge, war Herr Feuerberg einer der ausgezeichnetſten Ton⸗ II. 12 - 178— känſtler, deſſen Compoſitionen ihm ohnſtreitig in Kur⸗ zem einen großen Ruf erwerben wuͤrden. Der Her⸗ zog mußte in ſehr freundſchaftlichen Verhaͤltniſſen mit ihm ſtehen, denn die Art, wie er ſeinen Freund, den Grafen, bat, ſich ſeiner anzunehmen, und ihn in ſeinen Wuͤnſchen zu unterſtüten, war uͤberaus angelegentlich. Und ohne die Unannehmlichkeit cuf dem Valle wuͤrden ſie mir den Brief gar nicht abgegeben ha⸗ ben? fragte der Graf, als er nach der Heimkehr noch in ſeiner Wohnung mit Feuerberg ſas. Da ich— antwortete dieſer— keine Veranlaſſung zum Bleiben in der hieſigen Reſidenz fand und der Brief, wie ich wußte, auſſer meiner Empfehlung kei⸗ nen Inhalt hatte, ſo waͤre die Abgabe uͤberfluͤſſig ge⸗ worden. Der ziemlich ſtarke Spielverluſt haͤtte mich aber doch vielleicht auch auſſerdem noch dazu gebracht. Nach Allem was ich hoͤrte und zum Theil auch ſogar ſah— ſprach der Graf— ſpielten ſie ein, ab⸗ ſichtlich auf Verluſt angelegtes Spiel. Mein Verdruß ſtimmte mich hierzu. Der Mann welcher auf mein Gewinnen wettete, war unausſteh⸗ lich. Sehr viele meiner Zuͤge, auch ehe ich noch darauf ausging, ihm eine tüͤchtige Geldſtrafe aufzuer⸗ —,zj— — — 179— legen, waren ihm entweder nicht recht, oder ſie muß⸗ ten ſich ſein Lob gefallen laſſen. Durch Kopfſchuͤt⸗ teln, oder Brummen, oder wohl gar ein Bravo, ſetzte er mich lange Zeit ordentlich in Verzweiflung. Dazu misgoͤnnte ich das Geld, welches er ſeinem jungen unerfahrenen Gegner abgewann, ſeiner ſehr hervorſtechenden Habſucht. Vielleicht trug ſogar der Gedanke nicht wenig bei, daß ich ſo durch ganz hirn⸗ loſes Setzen, dem Gluͤcke, das mich in der erſten Zeit auf das Unverſchaͤmteſte beguͤnſtigt hatte, entge⸗ genarbeiten konnte, ſollte es auch zu meinem groͤßten Schaden ſeyn. Denn genau genommen iſt doch das abſichtliche Laͤcheln, das einem das Gluͤck zuwirft, bei⸗ nahe noch unertraͤglicher, als das Bravo jenes wider⸗ waͤrtigen Wettenden. Ei, Herr Feuerberg, kann derſelbe Mann ſicch ſelbſt ſo widerſprechen, der kurz zuvor doch ohnſtrei⸗ tig ganz aus freiem Willen auf ein Spiel ſich ein⸗ ließ, deſſen bedeutende Hoͤhe nur bei ſehr großen Gluͤcksguͤtern auf die Dauer auszuhalten ſeyn wuͤrde? Glauben ſie nicht, Herr Graf, daß die Dauer ſolch eines Aushaltens mich kuͤmmern koͤnnte. Viel⸗ leicht iſt allein der Umſtand, daß ich ſie grade in der Nähe erblickte, an meiner Erhaltung bis jetzt Urſache. 12*¼ — 180— Denn haͤtte meine Hitze mir Verhaftung zugezogen, wer weiß, ob ich mich dann nicht dem Verhoͤre des folgenden Morgens durch den Tod in der Nacht ent⸗ zogen haͤtte. Der Graf blickte dem Manne erſtaunt in das wohlgebildete, von der Glut im Innern ſo eben hoch⸗ erleuchtete Geſicht, deſſen Auge durch die ſeltene Roͤthe deſſelben eine beſonders lebendige Kraft und Schoͤn⸗ heit darlegte. Herr Feuerberg— ſprach er, nachdem ſein Blick immer regere Theilnahme gezeigt hatte und faßte den ſeltſamen Gefaͤhrten mit Waͤrme bei der Hand— ihre Vorſtellungen von Dingen und Ver⸗ haͤltniſſen ſind ſo abweichend vom Gewoͤhnlichen, wie die Fieberphantaſieen von den Anſichten eines Man⸗ nes in ruhigem Zuſtande. Sie ſind wahrhaft krank. Letzteres gewis,— erwiederte er mit bittern Laͤ⸗ cheln— nur darin habe ich einen Vorzug vor Vie⸗ len, daß ich recht im Innerſten davon uͤberzeugt bin. Das Leben iſt die ſchwere Krankheit, an der ich leide, das elendeſte unter allen moͤglichen Spielen. Denn ſogar das ſchlechteſte, ſogenannte Spiel hat das vor ihm voraus, daß man ſich(wenigſtens in der Regel) freiwillig und mit Bewuſtſeyn darauf einlaͤßt, waͤh⸗ rend man zum Leben gezwungen wird. Sodann kann ——— — 181— bei jedem andern Spiele doch der etwas hoffen, der einigen Sinn behalten hat fuͤr das Wort Gewinn. Was aber iſt, auch nach dem beneidetſten Gluͤcke, der Gewinn am Schluſſe des Lebens? Der Tod, und kann dieſer ein troͤſtlicher Gedanke ſeyn, da er uns zum ſtinkenden Auswurfe macht, den man nur bald moͤglichſt zu verſcharren ſucht?— Gleichwohl— verſetzte Altenberg— ſchienen ſie vorhin im Falle der Verhaftung, ſo leichtfertig moͤchte ich ſagen, zu dem Tode greifen zu wollen? Mit Unrecht, Herr Graf, beſchuldigen ſie meinen Vorſatz der Leichtfertigkeit. Laͤngſt haͤtte ich mir ſchon den Tod gegeben, wenn ich ſo leicht damit fertig wer⸗ den koͤnnte. Statt deſſen aber ſchwanke ich noch im⸗ mer ſinnlos herum zwiſchen einem Leben, das eigent⸗ lich jeder Nachdenkende verachten muͤßte, und dem Tode, dem man wohl, beim Lichte beſehen, eben ſo wenig Zuneigung abgewinnen kann. Waͤre ich ſo leichtfertig, als ſie glauben, warum wollte ich erſt dann die Verhaftung abwarten, um das laͤngſt mit mir in der Welt herumreiſende Pulver zu nehmen, das mir den letzten Leibſchmerz verurſachen wuͤrde? Meiner Anſicht nach zerfallen die ſaͤmmtlichen leben⸗ den Menſchen nur in zwei Hauptgattungen von Ver⸗ — 182— ruͤckten, in ſolche naͤmlich, welche verruͤckt ſind, ohne es zu wiſſen, und in ſolche, die es mit vollem Be⸗ wuſtſeyn ſind, wie ich. Die uͤbergroße Mehrzahl der erſten kann allerdings zuweilen eines ziemlichen Gra⸗ des von Gluͤck theilhaft werden, die andern aber kom⸗ men, wahrlich, nicht in den Fall, ſie darum zu be⸗ neiden, weil es ja doch nur Gluͤckliche ſind, wie ein jedes Tollhaus ſie darbietet. Als Saͤnger iſt der Gelderwerb eigentlich blos deshalb von Zeit zu Zeit meine Abſicht geweſen, damit ich's als Spieler wie⸗ der hinwerfen kann. Nur daß die Menſchen ſich ſo wenig vom Nachdenken leiten laſſen, nur das iſt Ur⸗ ſache, daß dieſe gewaltigen Lebensfreunde das Spiel nicht auf das Aeuſſerſte verabſcheuen. Ich nehme auch blos, um in dieſem Abſcheu mich recht zu be⸗ ſtaͤrken, meine Zuflucht zu ihm, welches offenbar die Karrikatur des Lebens vorſtellen kann, in der deſſen tauſend Ecken und Widrigkeiten wie das Weſen eines winzig kleinen, uͤberaus haͤßlichen Thieres unter dem Vergroͤßerungsglaſe, erſt recht zum Vorſcheine kom⸗ men. Und von allen Spielen, die ich kenne, tritt das Daͤmoniſche des ſogenannten Gluͤckes und Un⸗ gluͤcks in keinem ſo rieſenhaft hervor, als eben im Toccadegli. Beim Geklapper der Wuͤrfel im Becher hoͤre ich gleichſam das Praſſeln des Feuers unter dem mit Zauberſtoff angefuͤllten Hepenkeſſel. Der alte Volksſpruch: wenn der Wurf aus der Hand iſt, ſo iſt er des Teufels; erſcheint da recht oft, als ein Wort voll der tiefſten Bedeutung. Und zuweilen, wenn ploͤtzlich ein Wurf daliegt, der dem Spieler die gerechteſten Ausſichten auf Einmal voͤllig verſchließt oder durch eine eben ſo wenig glaubliche Gunſt, die bereits verloren geachtete Parthie ganz wider Erwar⸗ ten gerettet wird, da muß ich ordentlich aufſchauen, mich zu uͤberzeugen, ob wirklich kein ſichtbarer Teufel zaͤhnefletſchend neben mir ſtehe, ſich an dem Anerkennen ſeiner Uebermacht auf meinem Geſichte zu ergoͤtzen. Einſehend, daß irgend ein wohlthaͤtiges Einwir⸗ ken auf dieſen durch die Jugend, welche ſein Leben noch ſchmuͤckte, das Mitleid auf das Hoͤchſte anregen⸗ den Mann einer beſſern Gelegenheit aufzuſparen ſey, wenn nicht alle Muͤhe an ihm fruchtlos werden ſollte, und daß eine Bekanntſchaft damit, wie er zu ſeinem jetzigen Zuſtande gekommen war, jedem Verſuche vor⸗ angehen muͤſſe, aͤuſſerte der Graf, daß er ſich die Unterhaltung uͤber den angefangenen, intereſſanten Gegenſtand auf ein ander Mal vorbehalte, weil doch — 484— wohl der Schlaf ſeinem Gaſte fuͤr jetzt das Er⸗ wuͤnſchteſte ſeyn moͤchte. Mit Artigkeit gab der Muſiker zu erkennen, er habe ohnſtreitig ſchon jetzt in ſo ſpaͤter Stunde der Langmuth ſeines hochgeachteten Wirthes zu viel zuge⸗ muthet, da er aber zugleich merken ließ, daß ihn be⸗ reits ſeit einiger Zeit der Nachtſchlaf gaͤnzlich fliehe, und er nur die Mittagsſtunden dazu anwende, ſo erbot ſich Altenberg, wie er ſagte, ihm um ſo lieber noch Geſellſchaft zu leiſten, weil er dasmal ebenfalls zum Schlafengehen ſich noch viel zu aufgeregt fuͤhlte. Bei der Wilffaͤhrigkeit des zuverlaͤſſig hoͤchſt un⸗ gluͤcklichen Mannes auf alle ihm vorgelegte Fragen mit anſcheinender Offenheit zu antworten, gkaubte der Graf ziemlich bald ſeine Rede auf die Erkundignng nach den Schickſalen bringen zu koͤnnen, welche ihn in einem, den Jahren nach noch ſo friſchem Leben, ſchon um alle Hoffnung gebracht zu haben ſchienen. Feuerberg ſprach hierauf: Es wuͤrde uns beiden zu langweilig werden, wollte ich die Darſtellung mei⸗ ner Lebensereigniſſe uͤberall in's Umſtaͤndliche verfol⸗ gen. Die Schilderung der Hauptmomente wird hin⸗ reichen, ihnen darin die Wurzeln meiner jetzigen An⸗ ſichten zur Anſchauung zu bringen. — 185— Fuͤnf Jahr etwa mochte ich alt feyn— begann er— als ich zum erſten Male ganz eigentlich dar⸗ uͤber nachſann, warum der Haufe aͤlterer und juͤn⸗ gerer Kinder, unter dem ich aufwuchs, einen unge⸗ meinen Vorzug vor mir genoß, warum ich ungeſtraft die Zielſcheibe ihrer Bosheiten wurde, warum mich eine Behandlung nach wahrhaft tyranniſchen Geſetzen traf, waͤhrend ſie ihren zuͤgelloſen Willen faſt allein ſich uͤberlaſſen durften, warum ſie allenthalben eine guͤltige Stimme hatten, waͤhrend ich kaum um der nothwendigſten Urſachen willen den Mund aufthun durfte, ohne boͤſe Geſichter zu bekommen, oder gar geſchlagen zu werden. War etwas durch die Uebrigen verſchleppt oder zerbrochen worden, ſo ſchob man es auf mich, und die Strafe dafuͤr, welche ſie kaum beruͤhrt haben wuͤrde, ward an mir, zuweilen mit barbariſcher Strenge, vollzogen. Daß ich, obſchon am Koͤrper im Weſentlichen den andern Kindern ganz gleich, doch nur ein boͤſes Mittelding zwiſchen ihnen und dem Geſinde war, ſagte ſchon die weit geringere Kleidung, die gewoͤhnlich erſt an mich kam, nachdem ein anderer, etwas aͤlterer Knabe vom Hauſe ſie ab⸗ gelegt hatte. Bei allen Freuden der Uebrigen wurde ich gewoͤhnlich von ihnen gar ſehr verkuͤrzt und er⸗ — 186— hielt mit den kleinen Geſchenken, welche mich ohne⸗ hin weit ſparſamer als die Andern trafen, jederzeit eine finſtre Miene zur Zugabe. Allmaͤhlich kam ich hinter das Geheimnis eines mich ſo druͤckenden Unterſchieds. Es war eine Wohl⸗ that, die mir mit der Auferziehung in dieſem Hauſe erzeigt wurde. Der Krieg hatte meine Geburtsge⸗ gend verheert, und mich um das Leben meines Va⸗ ters, eines Landgeiſtlichen gebracht. Die wohlhaben⸗ don Leute, unter deren Kindern ich aufwuchs, waren in allen oͤffentlichen Blaͤttern geprieſen worden, daß ſie ſich, bei ihrer zahlreichen Familie, einer ungluͤckli⸗ chen Waiſe ſo uneigennuͤtzig und chriſtlich angenom⸗ men. Durch ſie ſelbſt mußte ich letzteres in der Folge haͤufig genug und nie ohne den Zuſatz hoͤren, wie wenig ich mich des Unglaublichen, welches man an mir thue, wuͤrdig erzeige. Bald gereichte auch der Fleiß, den man mir in der Schule vor den andern Kindern nachruͤhmte, zur beſondern Beſchwerde fuͤr mich. Aeltern und Kinder behaupteten, daß ich die Gunſt der Lehrer durch Heuchelei zu erſchleichen wiſſe und ich, an Ungerechtigkeiten ſeit den erſten Jahren meines Lebens gewoͤhnt, ſuchte mein Heil um ſo ernſtlicher in den Wiſſenſchaften, da ich einzig in — 187— ihnen Schadloshaltung fuͤr den Haß fand, mit dem meine Wohlthaͤter mich immer nachdruͤcklicher ver⸗ folgten. Der bald hintereinander eingetretene Tod der letz⸗ tern aͤnderte Alles. Statt erwarteter Reichthuͤmer fand man eine gaͤnzliche Zerruͤttung ihrer Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde. Man brachte die Kinder unter, ſo gut es gehen wollte und mir fiel nunmehr, auf der Lehrer Vorſprache, vielleicht das guͤnſtigſte Loos von allen. Ein angeſehener Mann nahm mich in ſein Haus und ſorgte mit groͤßter Sorgfalt fuͤr meine geiſtige Ausbildung. Seine Wirthſchafterin intereſ⸗ ſirte ſich beſonders fuͤr mein Fortkommen. Bei Leb⸗ zeiten meines Vaters, auf demſelben Gute als Aus⸗ geberin, wo er Prediger war, konnte ſie nicht auf⸗ hoͤren von ſeiner Liebe und Guͤte und der unglaub⸗ lichen Geduld im Ertagen einer Menge von Leiden zu ſprechen. Am ergreifendſten ſchilderte ſie ſeinen Tod. Als Beſchuͤtzer einer huͤlfloſen Familie des Orts, war er das Opfer roher Krieger und drei Tage lang vermißt, endlich in einem Keller aufgefunden worden, als ſeine Wunden ihm nur noch eine ein⸗ zige Lebensſtunde uͤbrig gelaſſen hatten. Nach mir, ſeinem Sohne, war ſein einziges Sehnen geweſen. — 188— Fruchtlos aber hatte man allenthalben nach dem zwei⸗ jaͤhrigen Knaben geſucht, bis die endlich einlaufende, falſche Nachricht, daß ein nach Beute gieriger Bar⸗ bar im Grimme uͤber das Fruchtloſe ſeiner Bemuͤ⸗ hungen mich gefunden und meinen Kopf an der Mauer zerſchmettert habe, die Augen ihm fuͤr immer erſtarrten. 3 Womit— ſo fragte bei dieſer oft wiederholten Schilderung, die Frau eines Tages, den Blick zum Himmel hinaufgerichtet— womit hatte der Mann dieſen ſo uͤberaus ſchrecklichen Schluß eines Lebens verdient, das eine Wohlthat fuͤr Alle war, die ihm nahe ſtanden? Und der Zweifel, welcher hierbei in ihrem Auge, wie eine Flamme der Hoͤlle emporzuckte, ſteht von jener Zeit an, bei allen wichtigen Momen⸗ ten meines Lebens mir in ſeiner ganzen Furchtbar⸗ keit vor dem Geiſte. Ihre Ermunterung trug hauptſaͤchlich bei, daß ich von der Rechtswiſſenſchaft, welcher ich mich zu widmen dachte, wieder abließ und meine Beſtimmung in der Gottesgelehrtheit ſuchen zu muͤſſen glaubte. Konnte ich doch wohl in dieſer den Aufſchluß uͤber das Raͤthſelhafte der menſchlichen Schickſale noch am ſicherſten zu finden hoffen. — 189— Was man gewoͤhnlich Liebe nennt, das erſtarrte kurz vor meinem Abgange nach der Akademie die Beſtrebungen nach dieſem Ziele in mir. Tiefgeruͤhrt von den Thraͤnen, in denen ich eines Abends die einzige Tochter des Hauſes antraf, drang mein inni⸗ ger Antheil an dem mir ganz unbekannten Leide eines, nach allgemeiner Meinung, mitten im Schooſe eines ſeltenen Gluͤckes aufbluͤhenden Kindes mit inſtaͤndigen Bitten mich zum Vertrauten ihres Kummers zu ma⸗ chen, in die reizende Corinna. Da ſchlug ſie ploͤtzlich mit Leidenſchaft den weißen Schwanenarm um mei⸗ nen Hals und zugleich brannte auf meinem Munde ein Kuß ihrer ſchoͤnen Lippen. Die Naͤhe meiner Abreiſe war ihr Schmerz, das geſtand ſie, und die dunkeln, liebetrunkenen Augen wurzelten dabei tief in meine Augen ein. Ich fuͤhlte, wie dieſer Moment mich ploͤtzlich zu einem andern Menſchen umſchuf. Dazu begriff ich mich ſelbſt nicht, daß ich zeither Co⸗ rinnen ſo gar wenig durchſchauet hatte. Die vielen Aufmerkſamkeiten, wodurch ſie mich auszeichnete, hatte ich demſelben Wohlwollen zugeſchrieben, welches ihr Vater mir ebenfalls bewies. Der Unterſchied zwi⸗ ſchen den eingeborenen Kindern eines Hauſes, und einem, das ſeine Aufnahme darin einzig der Barm⸗ — 190— herzigkeit verdankte, war dem Kinde ſchon ſo ſchmerzlich eingepraͤgt worden, daß er dem Juͤnglinge auch in ungleich guͤnſtigern Verhaͤltniſſen, nicht aus der Seele wich, daß ich, der großmuͤthig Ge⸗ duldete, von ſelbſt nie gewagt haben wuͤrde, die Hand nach der mit der blindeſten Zaͤrtlichkeit gelieb⸗ ten Tochter des Hausherrn begehrend auszuſtrecken. Ohngeachtet des taͤglichen Umganges mit dem ſehr wohlgebildeten Maͤdchen, hatte dieſe Enthaltſamkeit mir nicht die mindeſte Muͤhe gekoſtet. Und dazu mochte ohnſtreitig eben die offenbare Blindheit der vaͤterlichen Liebe zu Corinnen beigetragen haben, un⸗ ter der ſie zu einer hoͤchſt eigenwilligen Perſon, von, zuweilen ganz unausſtehlichen, Launen geworden war. Der nunmehr eingetretene Moment wandelte ploͤtlich auch dieſe Anſichten von ihr in mir um. Ganz unverſehens fuͤhlte ich mich in das Gebiet der Leidenſchaft hinuͤber gezogen. Die hierdurch in Co⸗ rinnen entſtehende ſelige Stille, verſah die reizende mit einem neuen, ihr zeither ganz fremd geweſenen Zauber. Die Ausgeberin kam eben dazu, als dem erſten, gleichſam bewuſtloſen, Kuſſe ein zweiter folgte, der, ohnſtreitig mit beiderſeitigem Bewuſtſeyn, unſern — —CQOCQ——— Verein fuͤr das ganze Leben gegen einander ausſprach. Die mir ſehr wohlwollende Frau bezeigte mir am folgenden Morgen ihre Unzufriedenheit daruͤber. Ich ſolle, ſagte ſie, nicht glauben, daß der Hausherr, bei. aller Guͤte fuͤr mich, mir die einzige Tochter kuͤnftig zur Gattin geben werde. Erſtens denke er, allem Ver⸗ muthen nach, viel hoͤher mit ihr hinaus und dann ſtehe meine noch ganz unbeſtimmte Zukunft, verbunden mit der voͤlligen Gleichheit meiner und Corinnens Jahre der Sache entgegen. Ich kann mir— fuhr ſie fort — allerdings einbilden, wie es dahin gekommen iſt. Laͤngſt merkte ich die Glut fuͤr ſie in Corinnen und freuete mich wahrhaft daruͤber, daß ſie abſichtlich ihr auszuweichen ſchienen. Da hat denn vermuthlich das, durch die unbeſonnene Gewaͤhrung aller moͤglichen Gril⸗ len bis in's Innerſte verdorbene Maͤdchen ihnen ſelbſt das Geſtaͤndnis gethan, welches der Auftritt, zu dem ich geſtern kam, vorausſetzte. Mein Laͤugnen, meine Verwirrung bei dieſer Vor⸗ haltung, uͤberzeugten ſie ſo wenig, als ihre darauf fol⸗ genden Abmahnungen bei mir fruchteten. Ihr Recht⸗ haben in Anſehung der vaͤterlichen Abſicht erwies ſich. Corinna's Stille im erſten Momente der Gewaͤhrung ihrer Wuͤnſche ging nur allzubald voͤllig unter in der — 192— immer gluͤhender emporflutenden Leidenſchaft. Ihr Vater kam dahinter. Noch am naͤmlichen Abende mußte ich, mit der Androhung ſeines Fluches, wenn ich nicht jedes fernere Beſtreben nach ſeiner Tochter aufgaͤbe aus dem Hauſe, auf die Univerſitaͤt. Aber dieſer Entſchluß konnte vor der Schwaͤche ſeines Her⸗ zens ſo wenig beſtehen, daß ſchon vier Wochen ſpaͤter einmal Abends ein Wagen vor meiner Studentenwoh⸗ nung hielt. Er ſelbſt war es, der mir die Tochter zu⸗ fuͤhrte und ſein beſonderes Gluͤck in der Ruͤckſichtloſig⸗ keit zu finden ſchien, mit der ſie das ihrige in meinen Armen ſuchte. Waͤhrend des dreijaͤhrigen akademiſchen Lebens hatte ich mit Huͤlfe des ernſtlichſten Studiums, Zeit genug, von dem Rauſche zuruͤckzukommen. Bei Corin⸗ nen war das jedoch nicht der Fall. Und da inzwiſchen die alte Wirthſchafterin mit Tode abgegangen und die an ihre Stelle getretene unſerm Vereine weit weniger als die vorige beſchwerlich fiel, ſo konnte, wegen Co⸗ rinnens heftiger Leidenſchaft, die Verirrung kaum feh⸗ len, deren wir unterlagen. unſer eheliches Band ſollte natuͤrlich nicht eher, als nach meiner Erlangung einer Predigerſtelle eintre⸗ ten, zuvor aber noch mein Studium auf einer auslaͤn⸗ — 193— diſchen Univerſitaͤt betrieben werden. Die Folgen un⸗ ſeres Vergehens konnten daher hoͤchſt erſchuͤtternd auf unſere Lage und meinen Ruf einwirken. Auch Corin⸗ nen quaͤlte der Gedanke Tag und Nacht. Mit wahr⸗ hafter Inbrunſt dankte ſie dem Himmel, als die Ge⸗ fahr voruͤber war. Waͤhrend meiner einjaͤhrigen Abweſenheit im Aus⸗ lande hatte Corinna's Vater, ſeiner guͤnſtigen Stellung nach, meinen und ſeiner Tochter Vortheil dergeſtalt wahrzunehmen gewußt, daß ich auf die baldigſte Ver⸗ ſorgung rechnen durfte, als ein Hindernis von andeter Seite, ein, meines Erachtens, ganz unuͤberſteigliches Hindernis ſich einſtellte. Seit einiger Zeit ſchon hatte fortdauernde Kraͤnklichkeit die Roſen von den Wangen meiner Braut hinweg geſcheucht. Der Arzt ſetzte ſeine Hoffnung auf einen ziemlich entfernten Geſundbrun⸗ nen. Die mir bevorſtehende Pruͤfung und die Schritte, welche ich wegen einer meinetwegen offengelaſſenen Stelle zu thun hatte, die ich nunmehr bis zu erfol⸗ gender Beſetzung verwalten ſollte, traten meiner Be⸗ gleitung der Kranken in den Weg. Ganz in der Stille war es jedoch ihrem Vater, dem die Tochter ſehr am Herzen lag, vermoͤge ſeines Einfluſſes, ge⸗ II. 13 — 194— lungen, dieſe Dinge zu beſeitigen. In der Hoffnung, Corinnen damit große Freude zu bereiten brachte er eines Abends die Verkuͤndigung nach Hauſe, daß auſſer der Wirthſchafterin, welche zu ihrer Reiſege⸗ faͤhrtin beſtimmt war, auch ich ſie begleiten ſollte. Aber zu ſeinem und meinem Erſtaunen ging bei die⸗ ſer Nachricht ihre Geſichtsblaͤſſe in voͤllige Todten⸗ bleichheit uͤber und aus ihrem Auge wich der Stral des Lebens ſo ganz, wie ihren vor Schrecken offen⸗ bleibenden Lippen jeder Laut ſich verſagte. Ein Ge⸗ ſchaͤft rief in dieſem Augenblicke den heftig erſchrocke⸗ nen Vater hinweg und ich blieb allein mit der im⸗ mer mehr Erſtarrenden, der die Tropfen einer unver⸗ kennbaren Todesangſt aus der Stirne traten. Meine innige Theilnahme, meine Liebkoſungen, ſuchten lange vergebens die Schrecken ihres Zuſtandes zu mildern, das Wort dieſes troſtloſen Raͤthſels hervorzuſchmei⸗ cheln. Und wie endlich ihr ſtarres Weſen ſich auf Einmal wieder gewaltſam belebte, da rollten ihre Au⸗ gen furchtbar, wie die einer Ungluͤck verkuͤndenden Seherin und ſie ſprach: Nein, du kannſt mich nicht begleiten, du grade unter Allen am wenigſten. Ich beſchwoͤre dich daher, dem Vater es auszureden, ſo gut als moͤglich und das Vorgefallene zu verſchwei⸗ gen. Verſprich mir das und du ſollſt erfahren, was mich zu Boden druͤckt. Wie haͤtte ich der armen, wahrhaft gemarterten Braut dieſes nicht ſogleich zuſagen ſollen? Statt aber nunmehr zu ſprechen, wankte ſie aus dem Zim⸗ mer, mir, der ich nachwollte, zuruͤckzubleiben winkend. Meines Erachtens gab es keine Erklaͤrung aller dieſer Umſtaͤnde, als einen Wahnſinn, in den Co⸗ rinna ploͤtzlich verfallen war. Zu dieſer gewis wenig troͤſtlichen Vorſtellung gelangte ich nach einer Vier⸗ telſtunde des peinlichſten Nachdenkens. Da ging die Thuͤr auf, durch welche ſie verſchwunden war, aber ſtatt der Zuruͤckerwarteten trat die Wirthſchafterin herein, beſtand in Corinna's Namen, auf meiner Ver⸗ zeihung alles deſſen was ich hoͤren wuͤrde, und als ich ſolche zugeſagt hatte, erfuhr ich, nach tauſend, mich immer auf grauſamere Folter bringenden Ent⸗ ſchuldigungen, daß einer meiner Bekannten, den ſie mir nannte, Corinna's Vertrauen gemisbraucht haͤtte, und ſie ihrer Entbindung in wenigen Wochen ent⸗ gegenſaͤhe. Die Reiſe in's Bad hatte einen Schleier daruͤber werfen ſollen. Hier wurde die Wirthſchafterin zum Hausherrn gerufen und ich, meiner ſelbſt nicht bewuſt, trete 13 † — 196— ſchon in die Thuͤre des als den Verführer meiner Braut Geſchilderten. Erſchrocken vor meiner Wuth, ermannt er ſich augenſcheinlich wieder an meiner Be⸗ ſchuldigung der Verfuͤhrung Corinna's. Briefe von ihr, mir vorgelegt, werfen beinahe alle Schuld auf ſie allein. Zugleich deuten ſie an, daß er nicht der einzige ihrer Guͤnſtlinge geweſen und daß durch die Wirthſchafterin, unter dem Schutze der Scheinheilig⸗ keit, mit der ſie Corinna's Vater hintergangen, die Ungluͤckliche dem tiefſten ſittlichen Verderben zuge⸗ fuͤhrt worden. Noch mehr ſo recht in der Mitte meines We⸗ fens vernichtet, als ich das Haus meines Wohlthaͤ⸗ ters verlaſſen hatte, kehrte ich nunmehr dahin zuruͤck, Hier ging inzwiſchen auch Alles wider Erwarten Co⸗ rinng's und der ſchaͤndlichen Rathgeberin. Durch die ſo ganz verfehlte Hoffnung auf den Eindruck ſei⸗ ner frohen Nachricht, war der Hausherr zum erſten Male auf einen Verdacht gerathen, zu dem ihn die anſcheinende Froͤmmigkeit der Wirthſchafterin bisher nicht hatte kommen laſſen. In dieſem Verdachte wurde er durch die mit ſeiner Tochter vorgegangene koͤrperliche Veraͤnderung, die er nun ploͤtzlich wahr⸗ nimmt, beſtaͤrkt. Sein ganz ungewohnter ſtrenger — 197— Blick beim erſten Wiederſehen auf Corinnen, bringt dieſe auf den Gedanken, daß ich in meinem Unmuthe ihm Eroͤffnungen gethan und legt ihm ſogleich von ſelbſt das Geſtaͤndnis ihrer Lage ab. Sich aber moͤg⸗ lichſt zu entſchuldigen und vermuthlich auch an mir, wegen des vorausgeſetzten Verraths durch mich, Rache zu nehmen, entdeckt fie dem Vater zugleich den fruͤ⸗ hern, verborgen gebliebenen Fehltritt. Mit den bit⸗ terſten Vorwuͤrfen werde ich daher von ihm empfan⸗ gen. Er nennt mich den Verfuͤhrer ſeines ſchuldlo⸗ ſen Kindes, der nun tragen moͤge, was er verſchul⸗ det habe. So verlaͤßt er mich. Corinna bereits durch ihres Vaters Bemerkung,⸗ daß er mich nicht wiedergeſehen, von dem Verdachte daß ich ihr Verraͤther geworden, zuruͤckgebracht, ſucht mich auf, bekennt mir, was ſie dem Vater entdeckt habe, und beſchwoͤrt mich um volle Verzeihung und Erfuͤllung der Erwartung, welche ihr Vater ſich von mir in Anſehung des Vereins unſerer Zukunft mache. Allein ihre Briefe an den mir, als den Urheber ihres Zuſtandes Genannten, und das, was ich ſonſt durch ihn uͤber ſie erfahren, waren eben erſt mit Fu⸗ rienkrallen in mein Herz gegrabene Wahrheiten, de⸗ ren Schmerz mich zu keiner Beſinnung kommen ließ. — 198— Nein— ſprach ich— lieber den qualvollſten Unter⸗ gang, als den Verein mit einer—— So verließ ich ſie. Und ſo entſetzlich der Augenblick auch war, ſo uͤberwog der folgende Morgen ſeine Schauder doch bei Weitem. Erſt nach Anbruch des Tages in einen unruhigen Schlummer verfallen, weckte mich eine ganz ungewoͤhnliche Unruhe im Hauſe, ein eiliges Kommen und Gehen und ruͤckſichtloſes Thuͤrenwerfen. Eben hatte ich mich angekleidet, ohne zu wiſſen, was ich damit, und zu wem ich wollte, nachdem der Haus⸗ herr am Abende von mir, wie von einem Ausſaͤtzi⸗ gen, mit Abſcheu gegangen war, und ſeine Tochter das, was meine Verzweiflung ihr geſagt, wohl ſchwer⸗ lich ſchon verſchmerzt haben konnte. Da trat der, in der einzigen Nacht furchtbar alt gewordene Vater zu mir herein, mit einem Geſicht, vor dem mir noch ſchaudert, wenn ich daran denke. Schlange— rief er— die ich an meinem Buſen erzog, komm jetzt, und ſiehe dein Werk! Und ſo faßte ſeine heftig zitternde Hand mich beim Arme und fuͤhrte mich vor das Bette, in wel⸗ chem Corinna's todter Leichnam lag. Durch die Lei⸗ den, welche das zu ſich genommene Gift ihr bereitet, war ihr Geſicht auf das Furchtbarſte verzogen und — 199— entſtellt. Fruchtlos waren alle Bemuͤhungen der her⸗ bei geholten Aerzte geweſen, und dem Vater, der die eigene Haͤrte gegen ſie, als die Urſache zu dem grau⸗ ſamen Entſchluſſe betrachtete und beweinte, der ein⸗ zige Troſt nicht vorzuenthalten, den die Sterbende ihm reichen konnte, hatte ſie noch vor dem Verſchei⸗ den darauf hingedeutet, daß nur meine Verweigerung ſie wieder zu Ehren zu bringen, ihr den Tod in die Hand gegeben habe. Die Namen Verfuͤhrer, Giftmiſcher, Moͤrder! begleiteten mich aus dem Hauſe, trieben mich aus der Stadt und aus meinem Geburtslande fuͤr immer. Den innern Truͤbſalen folgten die aͤuſſeren in hinreichender Zahl. Endlich nach mehreren Jahren gelangte ich doch noch in einem weit entfernten Lande zum Zwecke meines Strebens, als berufener Lehrer an heiliger Staͤtte ſtehen zu koͤnnen, wie vormals mein verewigter Vater. Aber der Unterſchied zwi⸗ ſchen meinem und ſeinem Wirken war ſo groß, als der zwiſchen meinen und ſeinen Gefuͤhlen. Verge⸗ bens pflegte mein Herz eine Zeitlang die Hoffnung die mir anvertrauete Gemeine wenigſtens zum Guten fuͤhren zu koͤnnen. Aber die kalte Moral ſprang ab von den an himmliſchen Troſt gewoͤhnten Gemuͤ⸗ thern. Zwar hielten ſie ſich an die Ordnung meines Lebens, an das Beiſpiel, das ich ihnen mit dieſem zu geben ſtrebte. Allein das Band zwiſchen ihnen und einer Vorſehung, welche zeither ihr vorzüͤglichſter 3 Troſt geweſen war, konnte der Gotteslaͤugner un⸗ moͤglich befeſtigen, da doch grade dieſes Band am gedeihlichſten auf das kindliche Herz des Volkes ein⸗ wirkt. Schon im Begriff das Amt außzugeben, deſſen Zweck ſich auch bei meinen eifrigſten Beſtrebungen nicht erreichen ließ, erwaͤrmte nunmehr die wahre, ei⸗ gentliche Liebe mein Herz. Wie ſehr auch die furcht⸗ baren Geſichte aus meiner Vergangenheit mich von Zeit zu Zeit aus den ſchoͤnſten Traͤumen aufſchreck⸗ ten, ſo faßte ich doch bei dieſer Liebe, deren Weſen ich zuvor gar nicht geahnet zu haben fuͤhlte, die Hoff⸗ nung, vielleicht noch endlich unter ihrer Leitung der Gemeine mehr, als zeither werden zu koͤnnen. Die Bahn aus dem troſtloſen Abgrunde, in dem ich weder Frieden bringen noch finden konnte, ſchien ſich jetzt mir zu ebnen. Entzuͤckend lagen die glanzvollen Hoͤ⸗ hen des Lebens bereits vor meinem erſtaunten Auge. Aber kaum denkt mein Fuß ſchon ſicher darauf zu⸗ eilen zu koͤnnen, als alles unter ſeinem Tritte zuſam⸗ — 201— menbricht, ich in den alten Abgrund zuruͤckſtuͤrze und die vor mir liegenden ſeligen Glanzgefilde in nackte, ſteile Felſenwaͤnde ſich umwandeln.— Von dieſer Zeit an verdienen die Abwechſelungen meines Lebens keine beſondere Bemerkung, als viel⸗ leicht die ungluͤckliche Sucht, trotz den nichtswuͤrdig⸗ ſten Verhaͤltniſſen fortleben zu wollen.— Erſchoͤpft hielt er hier inne. Nehmen ſie— ſagte der Graf mit freundlichem Haͤndedruck— nehmen ſie meinem waͤrmſten Dank fuͤr das Zutrauen, womit ſie mich durch dieſe Eroͤff⸗ nungen beehren. Rechnen ſie mir— fiel hier der Gaſt in's Wort — dieſes Zutrauen nicht allzuhoch an. Was ich bis dahin, ohne recht zu wiſſen warum, Niemand ver⸗ trauete, das haͤtte ich heute vielleicht jedem Andern eben ſo gut mitgetheilt, wie ihnen. Warum? das frage ich mich ebenfalls fruchtlos. Mein Dank— fuhr der Graf fort— iſt ihnen darum nicht minder gewidmet. Ich kann mir leicht denken, wie ſie durch das mannichfache Erlebte, auf ihre troſtloſen Anſichten gelangt ſind. Eins nur kann ich mir nicht denken; wie ſie naͤmlich bei ihnen behar⸗ ren koͤnnen. Ein Mann von ihrem— Gefuͤhle — 202— will ich nicht ſagen; denn allerdings haben die erlit⸗ tenen Mishandlungen ihrem Gefuͤhl eine widernatuͤr⸗ liche Richtung geben muͤſſen, aber ſchon ein Mann von ihrem Verſtande iſt zum Gotteslaͤugner durchaus nicht geſchaffen. Ich behalte mir vor, auf dieſen Punkt ein andermal zuruͤckzukommen. Fuͤr heute nur das, daß ich ihnen ein Paar Zimmer im obern Stocke zur Wohnung uͤberlaſſen kann. Ueber das Conzert, das ſie zu geben wuͤnſchen, morgen ein ein Mehreres.— Noch eine einzige Frage, Herr Feuerberg— ſagte, nach bereits genommenem Abſchiede, der Graf zu dem Fremden. Eben faͤllt mir ihre Anrede auf dem Balle wieder ein. Haben wir uns jemals zuvor ſchon geſehen? Und wo iſt das geweſen? Feuerbergs Geſicht that hierbei offenbar eine be⸗ ſchwerliche Ueberraſchung durch dieſe Frage kund. Des Grafen Blick lag eine ziemliche Weile auf ſeinem, ſich ihm entziehenden Auge, ehe die Antwort erfolgte. Das Wo thut wenig zur Sache, ſagte er, uͤbrigens ſah ich ſie, vermuthlich ohne daß ſie mich zu Geſicht bekamen. Zu Langenhof bereitete ſich inzwiſchen Thorns Hochzeit mit Theobalden ernſtlich vor, nachdem der Braͤutigam die Schwaͤche der erzuͤrnten Aeltern der Braut durch ſeine eigene hoͤchſte Misbilligung des letzten Fehlers und die feurigſten Geluͤbde wieder fuͤr ſich gewonnen hatte. Den Vermoͤgensumſtaͤnden ſei⸗ ner Aeltern nach, war er allerdings, was man eine gute Parthie zu nennen pflegt und obſchon Theo⸗ balde den letzten Vorfall ihm noch nicht vergeſſen konnte, fuͤhlten ſich doch auch ihre Bedenken durch ſeine Verſprechungen dergeſtalt betaͤubt, daß ſie ſei⸗ nen Beſtuͤrmungen um die durch ſein Betragen al⸗ lerdings verwirkte Hand wieder nachgab. Sein Vor⸗ ſchlag die Hochzeit zu Langenhof und zwar ſo praͤch⸗ tig als moͤglich zu feiern und damit gewiſſermaſen jene unſelige Schlittenfahrt, als ein hoͤchſt unbedeu⸗ tendes Hors d'Oeuvre, als einen Scherz ohne alle Conſequenz erſcheinen zu laſſen, fand Eingang bei den Aeltern der Braut, denen, ſo erboſt ſie auch uͤber die Schlittenfahrt geweſen waren, dieſe doch jetzt um ſo laͤcherlicher erſchien, da Thorn ihnen ſolche als eine ſeltſame Wette mit einem Fremden geſchil⸗ — 204— dert, die ihm eine große Geldſumme eingebracht hatte. Der angebliche Mitwettende ſollte behauptet haben, daß die Sache unausfuͤhrbar ſey, wenn Thorn nicht auf die geliebte Braut Verzicht leiſte. Auf ſoche Weiſe bekam ſein Unfug in den Au⸗ gen der geldliebenden Aeltern Theobaldens allerdings einen erfreulichern Anſtrich und als ſie in ihrer Toch⸗ ter und Thorns Geſellſchaft zuruͤck nach Langenhof kehrten, ſuchten ſie die Geſchichte dieſer erdichteten Wette ſo viel als moͤglich zu verbreiten und Thorns gute Spekulation damit, herauszuſtreichen. Wenn auch nur wenige ſo leichtglaͤubig hierin waren, als ſie, ſo ließ man ſie doch lieber dabei, als daß man ihnen widerſprach, weil letzteres die erwartete uͤberaus glaͤnzende Feierlichkeit gar vielleicht haͤtte hintertreiben koͤnnen. Madam Ruͤbſendorf war die einzige, deren Eitelkeit dem Vorgeben einen ernſtern Widerſpruch durch Etzaͤhlung der Umſtaͤnde entgegenzuſetzen, ver⸗ mocht haben wuͤrde. Allein dieſer wußte Thorn mit Geſchenken ſo gut beizukommen, daß ſie grade eine der thaͤtigſten Verbreiterinnen des Vorgebens wurde und nach einem Beſuche, den ſie ſelbſt der Braut und den Aeltern machte, nebſt ihrem Gemahle eine Einladung zur Hochzeit mit erhielt, wodurch, wie 4. 1. Theobaldens Aeltern meinten, die mancherlei, von je⸗ ner verungluͤckten Schlittenfahrt erzeugten Geruͤchte die gruͤndlichſte Widerlegung fanden.— Die Graͤfin von Altenberg wurde von der Trauer ſattſam entſchuldigt, daß ſie ihre Theilnahme dem Feſte entzog. War ſie doch noch nicht einmal in das neuerrichtete Theater gekommen, wo aber auch freilich ihr Schmerz um die beiden Letzverſtorbenen einen neuen Stachel haͤtte erhalten muͤſſen, da dort die herbe Erinnerung an ihren Verluſt um ſo le⸗ bendiger wuͤrde geweſen ſeyn, weil ſie grade beide in der mimiſchen Kunſt die Meiſterſchaft in hohem Grade erreicht hatten. Die Graͤfin verlebte dieſen Feſttag in Thuͤrmen, wo die Baroneſſe von Gruͤnau ſeit einigen Wochen in ſehr heftigem Fieber lag und Alphonſine in Folge der allzugroßen Anſtrengung bei der Pflege der verehrten Tante, ebenfalls bettlaͤgerig geworden. Sogleich beim Eintreten in's Zimmer der Gruͤnau hoͤrte ſie ihren Namen von den Lippen der eben in heftigen Phantaſien liegenden Kranken und nahm Anſtand weiter vorwaͤrts nach dem Bette zu gehen. Es war hoͤchſt ruͤhrend, ja erſchuͤtternd fuͤr ſie, wie die Leidende ſich eben mit ihr unter⸗ hielt, und welche Vorwuͤrfe ſie ihr machte, daß ſie — 206— dem Gluͤcke irhes Lebens ſo beharrlich entgegen ſtehe, da es doch gar keinen Gewinn fuͤr ſie abwerfe. Wenn auch das Uebrige, was die Kranke von andern Gegenſtaͤnden in ihren Fiebertraͤumen ſagte, gewoͤhnlich hoͤchſt verworren durch einander lief, ſo war doch in dieſen Klagen ein ziemlicher Zuſam⸗ menhang zu entdecken, weshalb der weiche bittende Ton, in dem ſie ſolche vortrug, auch auf das Tiefſte und Schneidendſte in's Herz der Graͤfin eindrang. Es ſchien ihr rathſam zu bleiben und die Ober⸗ aufſicht uͤber die Abwartung der eben in großer Hitze Liegenden zu fuͤhren, aber nur ſo, daß ſie ihr ſelbſt nicht vor Augen kam. Auch im Zuſtande des Bewuſtſeyns durfte man der Kranken keine Nach⸗ richt von ihrer Anweſenheit ertheilen. Abends beruhigte ſich uͤbrigens die Patientin wieder auſſerordentlich. Der Arzt ſchoͤpfte die groͤßte Hoffnung auf einen bedeutenden Beſſerungsfortſchritt der in Schlummer Verſunkenen fuͤr den folgen⸗ den Tag.* Es war ſchon nahe an Mitternacht, als die Graͤ⸗ fin von Altenberg erſt nach Langenhof zuruͤckfuhr. Ein ſtarkes Durcheinanderlaufen um das hellerleuchtete 5 — 207— Haus, in welchem Thorns Hochzeitfeier ſtattfand, mußte ihr Aufmerken erregen. Der Muſikchor ver⸗ lies eben das Feſt und mehrere Pferde wurden vor die Thuͤre gefuͤhrt. Fackeln kamen heraus. Zwei Herren warfen ſich auf die Pferbe. Aldenſtein und Thorn! ſagte die neben der Graͤ⸗ fin im Wagen ſitzende Kammerfrau. Der Braͤutigam alſo einer von den zwei ſo wild Davonſprengenden? fragte dieſe erſtaunt. Haben ſie auch recht geſehen? Auf die feſte Boahung, lies die Graͤfin halten. Der voruͤbereilende Haufe war offenbar im Zuſtande des groͤßten Erſtaunens. Eine beſtimmte Auskunft ließ ſich jedoch aus dem Sprachgewirr nicht heraus⸗ bringen. Da nahm die Graͤfin ihren Freund Hud⸗ ſon wahr und rief ihn herzu. Durch dieſen erfuhr ſie Folgendes: Der Tanz hatte bis nach eilf Uhr gedauert, als auf Einmal zur groͤßten Beſtuͤrzung der Aeltern Theobaldens und des Bräutigams die Braut vermißt wurde. Kein Ort im Hauſe und Garten blieb undurchſucht, bis man endlich im letz⸗ tern ein lautes Wimmern vernahm. Es ruͤhrte von dem an einen Baumſtamm feſtgebundenen Gaͤrtner⸗ II. 14 — 208— burſchen her, der ſich nach langer fruchtloſer Arbeit. endlich von einem Knebel im Munde befreit hatte. Zwei Vermummte, entbloͤſte Dolche in der Hand, hatten eine ſich heftig ſtraͤubende Dame durch den Garten geſchleppt, die der Beſchreibung nach, Niemand anders als die vermißte Braut geweſen war. Ende des zweiten Theils. Tnſnſinſſſſſ mlſl TMIIqraaaawmmmmmm ſinnſüſt 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 18 16