Noth aus Ueberfluß. Ein komiſcher Roman von Fr. Laun. Seitenſtuͤck zu dem Romane: der Liebhaber . ohne Geld. 6 Zweiter Theil. 5 9„ ⸗ Berlin, 1824. In der Schuͤppelſchen Buchhandlung. 1. Das Feenſchloß. Ir meinem Leben war mir noch keine ſo prachtvolle Anſtalt dieſer Art vorgekommen. Weiter, meinte ich aber, duͤrfe denn doch der offenbare Irrthum von meiner Seite nicht benutzt werden. Ich fragte daher ernſtlich, ob dieſes glaͤnzende Haus auch wirklich ein Gaſthof waͤre. Allerdings! antwortete ein eleganter Herr, der an den Wagen trat und bat demuͤthigſt, daß ich nur ganz unbeſorgt ſeiner Leitung vertrauen moͤchte. Mich ganz ſicher zu ſtellen vor kuͤnftigen Verlegenheiten, aͤuſſerte ich hierauf, daß ich ein bloſſer Privatmann, Namens Richter ſey und durchaus nicht wiſſe, wodurch mir in dieſer Stadt ein ſo feierlicher Empfang habe werden koͤnnen. II. A Aber auch nach dieſer Eroͤffnung dauerte der tiefe Reſpekt des artigen Mannes fort. Er verſicherte mich, daß er von Allem unter⸗ richtet, auch Alles ſo in der beſten Ordnung ſey, und flehte nur, daß ich mich einzig und allein ſeiner Fuͤhrung uͤberließe. unter ſolchen Umſtaͤnden duͤnkte mich gar nichts weiter zu thun, als auszuſteigen und dem uͤberaus zierlichen Fuͤhrer zu folgen. Ich ſtaunte die koſtbar, ſinnreich und ge⸗ ſchmackvoll eingerichteten Zimmer des erſten Stockwerks, wohin er mich brachte, lange an. Ich glaubte mitten in der Wirklichkeit, die angenehmen Einrichtungen einer hoͤchſt lie⸗ benswuͤrdigen Fabelwelt vor mir zu ſehen; ich glaubte in einem Feenſchloſſe Aufnahme gefunden zu haben. 2. Die Fee. Das bekraͤftigte ſich immer mehr. Als —; —;ÿy —— ich mein Staunen dem Fuͤhrer aͤuſſern wollte, und mich daher nach ihm herumwendete, war er verſchwunden. Statt deſſen aber oͤffnete ſich die Thuͤr des Nebenzimmers und die Fee ſelber trat herein. Die ſuͤße Freundlichkeit, mit welcher die hohe, jugendlich ſchoͤne Geſtalt im Lilienge⸗ wande eines Engels, dem dieſe Erſcheinung auch im Uebrigen glich, mir entgegen trat, gehoͤrte dazu, um vom Gefuͤhle meiner Un⸗ wuͤrdigkeit nicht ganz gedemuͤthigt zu werden. Der auf mir liegende Reiſeſtaub und dieſe im reinſten Lichte glaͤnzende Geſtalt! Achſel⸗ zuckend that ich einen Blick auf meinen An⸗ zug, aber ihr freundliches Laͤcheln nahm mir bald jedes Bedenken aus der Seele. Aller⸗ dings ſtoͤrte mich der Umſtand gewaltig, daß nur ein Misverſtaͤndnis mich hierher gebracht haben koͤnne. Gleichwohl gelang es mir nicht, nur ein Wort gegen ſie daruͤber fallen zu laſſen, aus Furcht, daß ich mich hierdurch ſelbſt aus A 2 ihren Augen verweiſen und das ganze Zauber⸗ reich zerſtoͤren moͤchte. 3. Der Wagen. Aufrichtig zu ſeyn, ſo war es ſchwerlich Liebe, was fuͤr die Dame in mir emporwogte. Es war ein hoͤheres Gefuͤhl, das es bis zur Liebe gar nicht kommen ließ. Denn es lag allzuviel uͤberirdiſcher Glanz in dem ſo wuͤr⸗ deyollen und doch ſo anmuthigen Weſen. Eine aͤltere Dame, ihr offenbar unterge⸗ ordnet und dennoch praͤchtiger gekleidet, als ſie ſelbſt, erſchien hierauf. Dieſe Bejahrte zeigte ein beſonderes Talent, uͤber alle Dinge zu ſprechen und dabei, wie abſichtlich, mein Verhaͤltnis zu dem Hauſe, in dem ich mich pefand, ganz unberuͤhrt zu laſſen. Ohne weifel haͤtte ich mich noch beſſer be⸗ funden, wenn die aͤltliche Dame ganz weggeblie⸗ ben waͤre. Angenehm erhielt ſich jedoch un⸗ 5 ter ihrer Leitung das Geſpraͤch ebenfalls. Wie im Fluge wurden alle Gegenſtaͤnde er⸗ faßt und ihnen gemeiniglich ihre heitre Seite abgewonnen.— Endlich kommen ſie doch! rief ſie freudig aus, als jetzt ein Wagen in's Haus fuhr. „ 4. Das Ungewitter Nunmehr, mein Prinz— ſo ſagte die Dame laͤchelnd zu mir— nun wird ihr In⸗ kognito doch nicht laͤnger zu behaupten ſeyn. In demſelben Momente noch trat ein be⸗ jahrtes, anſehnliches Paar in's Zimmer. Wie groß aber wurden ſeine vier Augen, als es mich erblickte. Wie ploͤtzlich entwickelte ſich das Ungewitter, deſſen nahes Wetterleuchten dieſe Augen noch kaum angedeutet hatten. Wer ſind ſie? donnerte der Fuͤrſt von Im⸗ merhauſen— denn er ſelbſt war die Haͤlfte 6 des Paares— mich ſo heftig an, daß ich da⸗ durch voͤllig aus dem Gleichgewichte gerieth. Vergebens ſuchte ich ihm die Umſtaͤnde mitzutheilen. Sein Zornfeuer loderte auf. Er ſprach von ausgezeichneter Genugthunng, welche er haben, von einer beiſpielloſen Strafe, die ſolch ein unerhoͤrter Frevel finden muͤſſe. 5. Die drolligen Schutzengel. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nicht ſo viel finſtre Geſichter auf mich gerich⸗ tet geſehen. Ich weiß auch bis dieſe Stunde nicht recht, wie ich aus dem prachtvollen Schloſſe unverſehrt hinweggekommen bin. Die Leute, die ſo ganz wider meinen Willen mir zu Surrogaten fuͤr die Wagenpferde gedient hatten, warteten vermuthlich unten im Hauſe auf ein Douceur fuͤr dieſen ungeforderten Dienſt. Da ſie hoͤrten, daß der ſo eben zu ihrem großen Erſtaunen mit Gensd'armen 7 Abgefuͤhrte nur ein falſcher Prinz geweſen ſey, bewieſen ſie ſich noch weniger menſchlich⸗ als vorhin. Meine Aeußerung, daß ich we⸗ der ein aͤchter, noch ein falſcher Prinz ſey, brachte ſte vollends in Harniſch. Ich haͤtte das viel fruͤher erklaͤren muͤſſen, meinten ſie und ſtuͤrmten grimmig auf die Gensd'armen ein, welche große Noth hatten, meine Schutzengel zu werden. Drollige Schutzengel. 6. Böſe Beiſpiele. Im Staatsgefaͤngniſſe, das, wie ich hoͤrte, der Ort war, wohin man mich, wegen des herandraͤngenden Getuͤmmels, mehr trug, als fuͤhrte, lag der Staub fingerdick. Man ſchien auf Staatsgefangene kaum noch eingerichtet. Vor zwanzig Jahren war der letzte gekoͤpft worden, wie ich vom Hofprofoß hoͤrte, der dieſes Gefaͤngnis mit zu beſorgen hatte. So gar ſchlimm, dachte ich denn doch, 8 koͤnne es ſchwerlich mit mir werden. Das machte auch, daß ich eine ziemlich ruhige Nacht in dem fuͤr mich neu rigeſchli genen Bette verlebte. Am Morgen fand ich Unterhaltung in den Namen, welche an der Wand mit Blei⸗ ſtift geſchrieben ſtanden. Auch Verſe waren haͤufig dabei. Leider, fanden ſich in dieſen in der Regel mehr Gedankenſtriche, als Ge⸗ danken. Das Grauſamſte aber an dem Zeit⸗ vertreibe war der Umſtand, daß auch kein ein⸗ ziger, der ſeinen Namen an die Wand ge⸗ ſchrieben hatte, anzutreffen, bei dem nicht die Todesart, ſo er ausgeſtanden, nebſt dem To⸗ destage bemerkt geweſen waͤre. Enthauptet, gehenkt, geraͤdert, geviertheilt u. ſ. w. hies es, den und den. Mit Rothſtein war allezeit die furchtbare Kataſtrophe, wie es ſchien, von of⸗ fizieller Hand, dazu geſchrieben. Boͤſe Bei⸗ ſpiele! Von Rechtswegen, das ſagte ich mir 9 zwar zum Troſte, konnte mich kein ſolches Schickſal treffen, wie aber, wenn es von Un⸗ rechtswegen geſchah? Der kleine Herr uͤber Leben und Tod hatte mich ja doch in ſeiner Gewalt!— 7. Erläuterung. Durch den ſehr geſchwaͤtzigen Profos er⸗ fuhr ich bald den Zuſammenhang meiner geſt⸗ rigen Begebenheiten. Schon ſeit vierzehn Tagen war ein Prinz erwartet worden, wel⸗ cher Abſichten auf die Hand der ſchoͤnen Prin⸗ zeſſin hatte. Alle Abende hatte man umſonſt geharrt. Endlich wurde der Fuͤrſt von Im⸗ merhauſen das ſatt. Das heitre Wetter lockte ihn auf ein nahgelegenes Luſtſchloß. Dort dachte er die Nacht mit ſeiner Gemalin zu⸗ zubringen. Doch hatte er den Fall der An⸗ kunft des fremden Prinzen nicht vergeſſen und gehoͤrig aufzupaſſen angeordnet. So viel wußte 10 man ſchon, daß der Prinz im ſtrengſten In⸗ kognito nach dem Gaſthofe fahren wollte. man wußte auch, daß ein Mohr in ſeinem Dienſte ſtand. Zum Ungluͤcke nun muß ich nicht nur auch einen Mohren,ſondern zufaͤllig ſogar eine der ſeinigen ziemlich gleiche Livree haben. Daher zweifelte kein Menſch, daß ich der Prinz ſey und ſogleich ging ein Kourier nach dem Luſtſchloſſe an das abweſende Fuͤr⸗ ſtenpaar ab. 8. Das Hauptverbrechen. Mein Hauptverbrechen— ſo ſagte mir daher auch der redſelige Mittheiler dieſer ſchaͤtzbaren Nachrichten— mein Hauptverbre⸗ chen, und die einzige Urſache, weshalb er fuͤr meine Perſon zittre, ſey das Ungluͤck, daß der Fuͤrſt meinetwegen von ſeinem Luſt⸗ ſchloſſe nach der Reſidenz ſich zuruͤckbemuͤhen muͤſſen. Er habe ſo eben im Schlafrocke neben II ſeiner Gemahlin ſitzend, geruht, die Schoͤnheit der laͤndlichen Natur zu bewundern, als der Kou⸗ rier mit der Nachricht von der Ankunft des Prinzen gekommen. So ſey er denn ohne alle Urſache genothigt worden, aus der Kom⸗ moditaͤt ſeines Schlafrockes wieder heraus und ſogar nach der Stadt zu fahren. Umſonſt ſuchte ich dem Profoß begreiflich zu machen, daß das ja doch nicht mein Ver⸗ brechen genannt werden koͤnne. 9. Mohrentücke. Nach dem Verhoͤr, das bald darauf an meinem Aufenthaltsorte ſelbſt erfolgte, wurde mir um Vieles beſſer. Ich ſah wenigſtens, daß man die gewoͤhnlichen Formen dabei beobach⸗ tete. Allein dazwiſchen tretende Umſtaͤnde reg⸗ ten doch bald meine Beſorgniſſe von Neuem auf. So kam der Profoß mit der Nachricht zu mir, daß mein in der Stadtvogtei ſitzender 12 Mohr ein Verſtaͤndnis mit der Tochter des Vogts angeknuͤpft habe. Solch eine Behauptung mußte mich wohl empoͤren. Nach der ruͤhmlichen Treue dieſes Schwarzen gegen die gleichfarbige Geliebte, nach ſeinem ruͤhrenden Vorſatze noch im ſelbſt⸗ gewaͤhlten Tode mit ihr vereint zu bleiben, er⸗ klaͤrte ich das gradezu fuͤr die ſchaͤndlichſte Verlaͤumdung des ehrlichen Afrikaners. Hm— ſagte der Profoß kopfſchuͤttelnd — mit dem Afrikaner iſt es nichts. Das iſt vielmehr einer von den ſeltenen Mohren, die ſich weiß waſchen laſſen. Mit dieſen meinen Augen habe ich ihn eben ſo geſehen. Der Menſch ſieht jetzt faſt weißer aus, als wir beide zuſammengenommen. Der Profoß wurde abgerufen und ich konnte vor Staunen nicht zu mir ſelbſt kom⸗ men. Lange Zeit zweifelte ich noch immer an der Wahrheit ſeiner Erzaͤhlung. Wenn ich aber bedachte, wie ich ſchon bei der Annahme 13 des Menſchen ſeine viel edlere, als die ge⸗ woͤhnliche Mohrenbildung bewundert hatte, ſo gerieth ich freilich auch auf den Gedanken, daß Lelio doch wohl ein Betruͤger ſeyn moͤchte. 10. Fernere Beunruhigung. 3 Die in mir aufſteigende Beſorgnis wurde durch eine neue Beunruhigung vermehrt. Der Profoß brachte naͤmlich einen ganz un⸗ bekannten Menſchen herein. Kaum hatte die⸗ ſer mich in's Auge gefaßt, ſo ſagte er auch: Ja wohl, ja wohl, das iſt der naͤmliche! Acht Tage und Naͤchte blieb mir viel zu viel Zeit, daruͤber nachzudenken, was das raͤthſelhafte Wort bedeuten koͤnne. Waͤre mir nur wenigſtens der Profoß ge⸗ blieben, ſo wuͤrde ich das ſchon durch ſeine Schwatzhaftigkeit erfahren haben. Allein eine Krankheit, welche den Schwaͤtzer auf das La⸗ ger warf, beraubte mich dieſes Troſtes, und 14 der Menſch, den man an ſeine Stelle ſetzte, war die Tuͤcke und Verſchloſſenheit ſelbſt. 41. Aufſchluß. Um ſo unerwarteter kam mir eines Abends, bei ſchon eingetretenem Dunkel, die Ankuͤndi⸗ gung meiner Freiheit und die Nachricht, daß ein Wagen bereit ſtehe, mich auf das Schloß zu holen. Sie haben— mit dieſen Worten em⸗ pfing mich der Fuͤrſt ſelbſt recht freundlich— ſie haben mehr Unfaͤlle in meinem Laͤndchen erlebt, als wohl noͤthig geweſen waͤre. Schon nach dem erſten Verhoͤre wuͤrde ihre Entlaſ⸗ ſung erfolgt ſeyn, haͤtte die zufaͤllig an das Licht gekommene Unaͤchtheit ihres Mohren, die einige Fragen an ſie zur Folge haben mußte, ſolche nicht verſpaͤtet. Nach der Ankunft der ſo⸗ genannten Ehefrau jenes ſogenannten Mohren, welche durch ein freiwilliges Bekenntnis alle 15 Zweifel hob, wurde zwar ihre Befragung uͤberfluͤſſig; allein mein Kabinetskourier, der ſie zufaͤllig auf ſeiner letzten Reiſe als Staats⸗ gefangenen hatte transportiren ſehen, zeigte das an und veranlaßte ſo eine Erkundigungs⸗ einziehung bei der Behoͤrde, wohin ſie durch Gensd'armen gebracht worden waren. Jetzt wiſſen wir, wer ſie ſind, und ich bedaure, daß ſie hier ſolche unannehmlichkeiten erleben mußten. 12. Die Todesarten. Gelegentlich kam nun auch heraus, daß die vor zwanzig Jahren geſchehene Enthaup⸗ tung meines letzten Vorgaͤngers im Staats⸗ gefaͤngniſſe nichts weiter war, als eine Fabel, womit man den Geſpenſter fuͤrchtenden Profoß bange zu machen geſucht hatte. Seit vielleicht einem halben Jahrhunderte war gar Niemand dort verhaftet geweſen, und vor dieſer Zeit 16— hatte es hauptſaͤchlich zu einem Zuͤchtigungs⸗ orte fuͤr die damals exiſtirenden Hofnarren gedient. Die unter die Namen an der Wand mit Rothſtein geſchriebenen Todesarten, ruͤhr⸗ ten auch von einem dergleichen luſtigen Ra⸗ the her. Zum Andenken an die laͤngſt ver⸗ ſchollene Hofnarrenſchaft waren ſie ſtehen ge⸗ laſſen worden. 43. Der ſchwarze Herr Urian. Die Prinzeſſin kam auch. Es gereichte mir zu einer großen Genugthuung, daß grade ſie die Vorſprecherin geweſen war und meine Einladung an den Hof veranlaßt hatte. Der Prinz, deſſen Stellvertreter ich, wider Wil⸗ len geweſen, war zugegen, bereits mit ihr verlobt und der Abend, den ich hier zubrachte, recht anmuthig. Die luſtigen Seiten meiner Begegniſſe in Immerhauſen dienten der Tiſchgeſellſchaft zur 17 zur Erheiterung. Bei dieſer Gelegenheit er⸗ fuhr ich, daß mein Mohr kein anderer Menſch geweſen war, als jener Luft, Diſtels fruͤherer Spiesgeſelle. Sich den Nachforſchungen der Aeltern der von ihm entfuͤhrten Perſon zu entziehen, war er auf den Einfall gerathen, zu Benutzung eines zufaͤllig gefundenen Moh⸗ renpaſſes ſein und ſeiner Geliebten Geſicht zu ſchwaͤrzen. Kein Menſch dachte im mindeſten daran, daß er und ſie, das von der Gerechtig⸗ keit allenthalben verfolgte Liebespaar ſeyn koͤnn⸗ ten, ſo gut hatte der auf alle Gaunerſtreiche trefflich Eingeuͤbte beide Geſichter zu faͤrben gewußt. Obſchon es dem Vogt zu Immerhauſen allerdings aufgefallen war, daß der Gefangene die den Mohren eigenthuͤmliche unverlierbare Krauſe des Haares durch ſehr forgfaͤltiges Aufwickeln des ſeinigen zu bewirken ſuchte, ſo wuͤnde man doch daruͤber, als uͤber eine Ab⸗ weichung von der Regel hinweggegnngen ſeyn. II.. B 18 Allein die eigene Friyolitaͤt ward an ihm zur Verraͤtherin. Zwar hatte er die Schwaͤrze ſeines Geſichts, der er gewoͤhnlich alle Mor⸗ gen mit einer dazu bereiteten Farbe nachhalf, als ihm im Gefaͤngniſſe dieſe abging, mit Ruß aus der Ofenroͤhre am Morgen recht gluͤcklich herzuſtellen gewußt, aber nicht daran gedacht, daß kein Gummi bei der Hand war, um damit dem Abfaͤrben vorzubeugen. Und ſo fiel dem Leichtſinnigen ein, der huͤbſchen Tochter des Vogts, als ſie ihm das Fruͤhſtuͤck brachte, ein Paar Kuͤſſe aufzudruͤcken. Das dadurch geſchwaͤrzte Geſicht des Maͤdchens, deſſen langes Ausbleiben im Gefaͤngniſſe des Mohren, dem Vater ſchon Argwohn erregte, fuͤhrte hierauf zur naͤhern Unterſuchung dieſes truͤgeriſchen Mohrenantlitzes und brachte Al⸗ les an's Licht. Seine Geliebte, die Umſtaͤnde vernehmend, war daruͤber in der erſten Eifer⸗ ſuchtswuth ſo boͤſe geweſen, daß ſie alles of⸗ fenbart und in die Heimath ihrer Aeltern 19 zuruͤckverlangt hatte. Dorthin war er eben⸗ falls geſchafft worden. Daß der freiwillige Tod und das Zuſammenbinden an einander nur eine Spiegelfechterei geweſen, um dem Wirthe im goldenen Sporen Staub in die Augen zu ſtreuen, und bei mir unterzukommen, deſſen Gutmuͤthigkeit, wie er aus Erfahrung wußte, ſich trefflich mißbrauchen ließ, verſtand ſich von ſelbſt. Zum Ueberfluſſe hatte es die ſo⸗ genannte Elka auch ausdruͤcklich ausgeſagt. Bei der jetzigen Betrachtung und dem Zuſammenhalten aller Umſtaͤnde, aͤrgerte ich mich deſperat uͤber meine Leichtglaͤubigkeit und Nuͤhrung, als er die Fabel von ſeiner grau⸗ ſamen Behandlung auf dem Meere erzaͤhlte. Das war indeſſen auch nicht zu laͤugnen, daß er ſeine Unwahrheiten ſehr natuͤrlich vorzu⸗ bringen wußte. Schwerlich, meinte ich, wuͤrde irgend einer ſeiner Bekannten bei dem Fran⸗ zoͤſiſch und gebrochenen Deutſch, in dem er — B 2 20 ÿq ſich ausdruͤckte, den ſaubern Herrn Urian entdeckt haben. 44. Der Stadtſchreiber. Dergleichen verdruͤßliche Abenteuer muß⸗ ten mich wohl ernſtlicher als jemals auf den Gedanken einer ſolidern Lebensart zuruͤckfuͤhren. Nirgends ſchien mir dieſe recht erreichbar, als am Arme einer verſtaͤndigen Frau. Gegen die Unannehmlichkeiten, bei denen ich mir wie verwahrloſt vorkam, ſchuͤtzte mich doch, allem Vermuthen nach, die Ehe, auch wenn ſolche nur aͤußerſt mittelmaͤſig ausfiel. Allzuſchlimm konnte ſie, meines Erachtens kaum ſich ge⸗ ſtalten, da ich, nicht von Leidenſchaft ge⸗ blendet, im Stande war, die Vernunft an meiner Statt waͤhlen zu laſſen. Bei aller Vorliebe fuͤr die hieſige Gegend und ohngeachtet des immer gehegten Wun⸗ ſches, in dieſer Stadt meinen feſten Auf⸗ 21 enthalt zu nehmen, fuͤhlte ſich doch eines Abends mein Auge durch die bekannte, rei⸗ zende Lage des Staͤdtchens Muͤhlheim maͤchtig angezogen. Ich hatte nur die Abſicht gehabt durchzureiſen, wurde aber um ſo mehr zum Bleiben geneigt, da dem Gaſthofe zur Sonne keine Eigenheit eines vorzuͤglichen Hauſes die⸗ ſer Art abzugehen ſchien. Der Rame Mehlwurm unter mehrern obrigkeitlichen Anſchlagezetteln, reizte meine Neugier. Nach allen, uͤber ihn eingezogenen Erkundigungen war der dortige Stadtſchreiber dieſes Namens mein vormaliger Mitreiſender ſelbſt. Nur eins machte mich durchaus irre in dieſer Vermuthung. Er galt naͤmlich fuͤr einen beſonders gelehrten, geiſtreichen, gefuͤhl⸗ vollen, mit Einem Worte auſſerordentlichen Mann. Zu all dieſen Eigenſchaften hatte ich nie einige Anlagen in ihm verſpuͤrt. Um ſo mehr trieb es mich, zu wiſſen, woran ich war. Ich eilte zu ihm. 15. Der Talisman. Ein niedliches, angenehmes Weibchen, das den Zuſtand der guten Hoffnung, in dem ſie ſich befand, nicht mehr haͤtte verlaͤugnen koͤn⸗ nen, trat mir entgegen und fuͤhrte mich in die Studierſtube ihres Gatten. Es war wirk⸗ lich mein alter Fußreiſender. Und welche treffliche Veraͤnderungen entzuͤckten mich an V dem Manne! Sein ganzes voriges, unſaube⸗ res Weſen hatte aufgehoͤrt. Es ſchien eine ordentliche chemiſche Verwandlung ſeiner Na⸗ tur hier eingetreten. Er rauchte nicht mehr. Er hatte ſich ſogar ſeinen vormaligen Nektar, das Bier, oder daß ich's kurz mache, Alles hatte er ſich abgewoͤhnt, was ſeine Frau nicht leiden konnte. Sie war die Tochter eines ſehr reichen, folglich auch ſehr angeſehenen Fabrikanten in Muͤhlheim. Wahrlich, die Ehe hatte ſo viele Wunder 23 an dem Menſchen bewirkt, daß es einen wohl reizen mußte, durch ſie ebenfalls in die Schule genommen zu werden. Allerdings kam im Laufe des Geſpraͤchs, welches wir drei mit einander fuͤhrten, zuwei⸗ len der Talisman zum Vorſchein, durch den das Wunder bewirkt worden war. Allein das Pan⸗ toͤffelchen, worin es beſtand, wurde von ſo zar⸗ ter Hand gefuͤhrt und gewoͤhnlich von Blicken begleitet, welche das Ding voͤllig unfuͤhlbar machten. Dazu verſicherte das allerliebſte Weibchen mit einer Miene, ſo ernſt, daß wohl auch Mehlwurm ſelbſt daran glauben mußte, es gaͤbe nicht Ein Haus in der Stadt, ja vielleicht keines in der Welt, wo der Mann eine ſo unumſchraͤnkte Herrſchaft ausuͤbe, als das ihrige. Aber grade darein ſetze ſie ihr Gluͤck und haͤtte auch nie einen Andern zum Gatten haben moͤgen, als der ſeine, von der weiſen Natur dem Manne verliehene, geiſtige Uebermacht gehoͤrig zu benutzen verſtehe. 24 Und in der That, das liebe Weibchen ſah bei dieſen Worten grade ſo aus, als ob auch nicht der mindeſte Zweifel gegen die Wahrheit derſelben in ihr aufſteigen koͤnne. Ach, auf der Stelle haͤtte ich mich unter die Obhut ſolch eines angenehmen Pantͤffel⸗ chens begeben wollen, wenn mir ein zweites Exemplar von dieſer Frau vorgekommen waͤre. 16. Die Grundſätze. Und wer wußte, ob der Wunſch nicht in Erfuͤllung ging. Wenigſtens mußte mir wohl der Mund waͤſſern nach einer jungen Perſon, ungefaͤhr ihres Alters, das heißt, von etwa neunzehn bis zwanzig Jahren, welcher nach Allem was ich hoͤrte, nichts fehlte, als ein Odyſſeus der dieſe(jedoch noch unverheira⸗ thete) Penelopeia von der Ueberlaſt ihrer vie⸗ len Freier befreiete. Ich ſelbſt wuͤrde mich freilich zu ſolch einem Helden nicht haben auf⸗ 25 werfen koͤnnen; allein die Frau Stadtſchrei⸗ berin Mehlwurm ernannte mich vorlaͤufig ſchon dazu. Sie hatte auch große Hoffnung, daß ich, Kraft ihrer Empfehlung, wuͤrde zu Gna⸗ den angenommen werden. Ein Einziges ſtand mir, ihrer Meinung nach, entgegen. Ihre Freundin hatte naͤm⸗ lich Grundſaͤtze von auſſerordentlicher Feſtigkeit. Ich horchte hoch auf, als ſie dies ſagte, da dergleichen doch natuͤrlich eher gut, als nicht gut war. Einer dieſer Grundſaͤtze ſey hauptſaͤchlich gegen meine oͤkonomiſche Lage gerichtet. Ich ſuchte meiner neuen Freundin zu verſichern, daß dieſe ſo gar ſchlimm ge⸗ wiß nicht waͤren und rief ihren Gatten zum Zeugen an. Eben weil ſie nichts weniger, als ſchlimm iſt— meinte da die Stadtſchreiberin, mit bedenklicher Miene— Joſephine Leßner hat, bei ihrem eigenen, großen Vermoͤgen ſich vor⸗ genommen, nur einem ganz Unbemittelten 26— ihre Hand zu geben. Sie achtet es fuͤr Pflicht, ſo viel ſie nur vermag, mit darauf zu ſehen, daß die Guͤter in der Welt gleicher vertheilt werden. Am wenigſten will ſie da⸗ her ſelbſt dazu beitragen, noch groͤßere Reich⸗ thuͤmer auf Eine Familie zu haͤufen. Dieſer Umſtand war ſehr uͤberraſchend fuͤr mich. Was mußte dieſe, nach der Stadt⸗ ſchreiberin Schilderung uͤberaus reizende, Jo⸗ ſephine uͤber die Welt und das Gleichgewicht der Verhaͤltniſſe in derſelben nachgedacht ha⸗ ben; welch ein erhabenes Gemuͤth mußte ihr eigen ſeyn, daß ſie auch ſogar ſolche Ruͤck⸗ ſichten nehmen wollte! Uebrigens verſicherte mich meine Rathge⸗ berin, ſie werde gewiß alle Kraͤfte aufbieten, ihre Freundin bei mir in dieſer Hinſicht eine Ausnahme machen zu laſſen. 17. Der Beweis. Der folgende Abend war zu meiner Be⸗ ——’ 27 kanntwerdung mit Joſephinen beſtimmt. In⸗ deſſen hatte ich meinen ganzen Verſtand zu⸗ ſammen genommen, um den Tag dazwiſchen Erkundigungen uͤber die geruͤhmte Dame ein⸗ zuziehen. Alle ſielen guͤnſtig aus. Es blieb mir kein Zweifel, daß ſie eins der vollkommen⸗ ſten Geſchoͤpfe Gottes ſey. Ihre Erſcheinung uͤbertraf noch mein Er⸗ warten. Geiſt und Gefuͤhl blickten ſo reizend aus ihrem Geſpraͤche, daß man kaum begriff, wie ſie in dem beſchraͤnkten Kreiſe der kleinen Stadt zu ſolcher Ausbildung hatte gelangen koͤnnen. Ich ſuchte ihr naͤher zu ruͤcken und erfreute mich ungemein an ihrer ganzen Art und Weiſe. Eine kleine Landpartie am folgenden Mor⸗ gen, blos mit ihr und der Stadtſchreiberin, ſollte mich zum Ziele fuͤhren. Je feſter meine Hoffnung hierauf losſteuerte, deſto empfindli⸗ cher verletzte mich die bald ſich offenbarende Conſequenz meiner Dame. Denn als bei Ge⸗ te, welches offenbar auf den feſteſten Grund⸗ 28 legenheit der foͤrmlichen Werbung, meine vor⸗ theilhaften Vermoͤgensumſtaͤnde mit zur Spra⸗ che kamen, ſagte ſie: Leider, ſetzt mich mein laut bekannter Grundſatz, einzig einem Mittel⸗ loſen meine Hand vorzubehalten, auſſer Stand, auf ihren Antrag einzugehen. Die Art, mit der ſie dann auch die Guͤte ihres Grundſatzes auseinanderſetzte, that mir nur noch weher. Sie fuͤhrte damit, meines Erachtens, den herrlichſten Beweis fuͤr ihr reiſliches Nachdenken uͤber den Gegenſtand und fuͤr ihre Herzensguͤte zugleich. 18. Troſtloſe Reflexionen. In meinem ganzen Leben hatte ich die Grauſamkeit des Beſitzes eines großen Ver⸗ moͤgens noch nicht ſo bitter empfunden. Machte nicht grade dieſer ungluͤckliche Beſitz, daß ich auf ein haͤusliches Gluͤck Verzicht leiſten muß⸗ 29 pfeilern ruhte? Denn nichts ſo wenig, als der Trug der Leidenſchaft hatte mein Ver⸗ langen nach der liebenswuͤrdigen Joſephine aufgeregt. Die Beſchreibung ihrer reellen Vorzuͤge durch des Stadtſchreibers Gattin war die ſchoͤne Einleitung geweſen. Drauf ward ich Zeuge, daß die Lobrednerin eher zu wenig, als zu viel, von ihr geruͤhmt hatte. Ihre Wohlgeſtalt kam dazu. Sie war ſo einneh⸗ mend, daß mein Herz gegen die Dispoſition meiner Vernunft in Anſehung dieſer Perſon gar keinen Widerſpruch vorbringen konnte. Die Buͤrgſchaft fuͤr mein kuͤnftiges Gluͤck lag, wie ich glaubte, in der ganzen Weiſe der Wahl, in dem ſeltenen Zuſammentreffen guͤnſtiger Verhaͤltniſſe, und von einem ſo ſichern, ſo ganz unfehlbaren Gluͤcke, ſollte ich nun durch die elenden Zeichen eines eingebildeten Gluͤckes, durch—— mein armſeliges, großes Vermoͤgen, ausgeſchloſſen werden! 1 19. Ewig dein! Die Stadtſchreiberin hatte mir zu viel Theilnahme bezeigt, als daß ich ihr meinen ganzen, unſeligen Zuſtand und dieſe Reflexi⸗ onen daruͤber im erſten einſamen Augenblicke nicht haͤtte an's Herz legen ſollen. Ganz er⸗ altirt von dem Eifer, mit dem es geſchah, eilte ſie hinweg, Joſephinen zu bekehren. Vergebens aber verſprach ich mir etwas von ihrer Beredſamkeit. Selbſt troſtlos, kehrte ſie zu dem Troſtloſen zuruͤck. Endlich jedoch ſtel mir ein Gedanke ein, ein koͤſtlicher, wie ich meinte. Joſephine war voller Enthuſiasmus fuͤr die Sache der im Aufſtand gegen den Großherrn begriffenen Grie⸗ chen. Sie hatte ſchon in der Gegend Bei⸗ traͤge zu Unterſtuͤtzung derſelben geſammelt. Ich ſelbſt war laͤngſt durch mein Herz dieſem muthigen Volke zugetrieben worden. Ich be⸗ — 31 griff gar nicht, daß ich meine ganz eigentliche Beſtimmung bis dahin nicht hatte einſehen koͤnnen. Noch ſpaͤt am Abende eilte ich zu ihr, erklaͤrend, daß ich meine ganze Habe zur Aus⸗ ruͤſtung eines Huͤlfskorps fuͤr die Griechen an⸗ zuwenden gedaͤchte. O jetzt erſt erſchien mir Joſephine in ih⸗ rem vollen Glanze, in ihrer wahren Hoheit. Was ich kaum noch hoſſte, geſchah. In der Freude ihres maͤchtig ſchlagenden Herzens um⸗ armte ſie mich und ſprach: Ja, mein Freund, ſo bin ich dein, nur dein, und ewig dein! 20. Der Herzenswärmer. Ach, ich war im dritten Himmel. An dem Buſen der Vollkommenheit ſelbſt hatte ich gelegen; an einem Buſen, der ihrer ganz wuͤrdig war. Im Rauſche hiervon wurde das Raͤhere feſtgeſetzt. Anfangs blieb es zwei⸗ 3² felhaft, ob Joſephine perſoͤnlich an dem Kam⸗ pfe mit Theil nehmen ſolle, zu dem ich mit den Streitluſtigen zu eilen dachte. Nach reif⸗ licher Erwaͤgung wurde das jedoch verneint. In Kurzem war Alles in's Werk geſetzt. Als ich meiner erhabenen Verlobten die große Zahl der Mannſchaft ſchriftlich anzeigte, welche ſich auf mein Auffordern gemeldet hatte, um mit mir nach Griechenland zu gehen, erhielt ich einen Brief von ihr, ſo geiſt⸗ und ſeelen⸗ voll, daß er ſchon darum gedruckt werden ſollte, weil vielleicht die nothwendige Ewigkeit einer wahren, einzig auf Tugend gegruͤndeten Liebe, noch nie ſo einleuchtend bewieſen worden. Ich wußte keinen beſſern Platz fuͤr den Brief⸗ als in meiner Bruſttaſche. Ich durfte ja nur an ihn denken, ſo erwaͤrmte er mir auch das Herz, das im Laufe meiner kriegeriſchen Un⸗ ternehmung gar manchmal mit menſchlicher Kaͤlte zu kaͤmpfen hatte, und dabei ſelber zu erſtarren drohte. 21. 21. Das Zuſammenſchmelzen. Die meiſten der zu mir in Dienſt gegan⸗ genen Freiwilligen geftelen mir auf die Laͤnge nicht ſonderlich. Schon die kleinen Reiſemuͤh⸗ ſeligkeiten, worauf wir hier und da ſtießen, konnten Viele muthlos machen. Der Sporn eines großen Theils meines Korps zu ſeinem Enthuſiasmus fuͤr die chriſtliche Sache war hauptſaͤchlich die Arbeitsſcheu geweſen. Nur ſehr Wenige belebte ein recht guter, den Zweck unſeres Vorhabens klar durchſchauender Geiſt. Anfangs dachten wir von Marſeille aus nach Hydra zu ſegeln. Allerlei Umſtaͤnde aber noͤthigten uns dieſen Plan aufzugeben und nach Ancona zu reiſen, wo wir uns einſchifften. Meine Hoffnung auf den Nutzen des Un⸗ ternehmens ſelbſt ſchmolz mit jedem Tage kleiner zuſammen. II. C — 22. Gefecht. In Korfu wollte ſie mir ſchon gaͤnzlich ausgehen. Hier trafen wir auf mehrere, von den griechiſchen Inſurgenten zuruͤckkehrende, Auslaͤnder, deren Misvergnuͤgen uͤber das Fehl⸗ ſchlagen aller ihrer Erwartungen den ſchlimm⸗ ſten Eindruck auf meine Mannſchaft hervor⸗ brachte. Ein Theil der letztern ſchloß ſich auch wirklich an ſie an, um reuevoll nach der ver⸗ laſſenen Heimath zuruͤckzukehren. Die mei⸗ ſten der mir Bleibenden machten es nur dar⸗ um nicht wie ſie, weil ſie, theils nach ihrer fruͤhern, glorreichen Prophezeihung der eige⸗ nen kuͤnftigen Tapferkeit, ſich ſcheueten den Verwandten und Freunden wieder vor Augen zu treten, theils auch weder in die aufgegebe⸗ nen, alten Verhaͤltniſſe zuruͤckkonnten, noch ſonſt wußten, was ſie beginnen ſollten. Auf jeden Fall aber bereueten ſie bald nach⸗ her gewiß, daß ſie doch nicht gegangen waren. Es mislang naͤmlich unſerm Schiffe, die Haͤ⸗ fen von Morea zu erreichen. Dort herum⸗ ſchwaͤrmende, tuͤrkiſche Kaper, machten uns die Fahrt dermaſen unſicher, daß wir nach oftmaligem Ausweichen endlich doch in's Hand⸗ gemenge mit einem davon geriethen. Nach⸗ dem das Gefecht eine Zeitlang unentſchieden geblieben war, ruͤckten die Feinde mit uͤber⸗ aus glaͤnzenden Vorſchlaͤgen zur Anſtellung bei der tuͤrkiſchen Armee heraus. Die große Mehr⸗ zahl ließ ſich wirklich davon einnehmen und ging zu ihnen uͤber. Verrathen durch ſie, buͤßte ich auch meine ganze, anſehnliche Baar⸗ ſchaft ein. Wir Andern waͤren verloren geweſen, haͤtte nicht die Annaͤherung einer befreundeten Flagge den Feind beſtimmt, mit der bereits zuſam⸗ mengerafften Beute ſich zu begnuͤgen und ei⸗ ligſt davon zu ſegeln. C 2 23. Knappes Reiſegeld. Bis auf das Wenige, was ich aus Vor⸗ ſorge zur kuͤnftigen Ruͤckreiſe nach dem Va⸗ terlande, in Korfu gelaſſen, war ich meines mitgenommenen Gutes voͤllig entledigt, mit⸗ hin nunmehr ganz geeignet zur Verbindung mit Joſephinen. Gleichwohl wuͤnſchte ich ihr doch einen ſelbſt erkaͤmpften Lorbeerzweig mit⸗ zubringen. Die, welche ſich von den tuͤrki⸗ ſchen Verſprechungen nicht hatten blenden laſ⸗ ſen, ſtrebten ebenfalls nach Unterkommen beim griechiſchen Heere. Allein auf dem Schiffe, dem wir unſere Rettung verdankten, machte man uns wenig Hoffnung zur Erfuͤllung die⸗ ſes Wunſches. An Menſchen, hies es, fehle es den Inſurgenten weit weniger, als an Waf⸗ fen und Unterhalt fuͤr dieſelben. Und ſo ge⸗ ſchah es, daß man mit Vorſtellungen, denen ſich die Vernunft durchaus nicht abſprechen 37 ließ, unſere Anſicht der Dinge voͤllig be⸗ kaͤmpfte. Nichts haͤtte uns erwuͤnſchter kommen koͤnnen, als ein eben nach Korfu ſegelndes Schiff, welches uns dahin mitnahm. Das auf mich allein berechnete Rei⸗ ſegeld in die Heimath wollte natuͤrlich ſehr eingetheilt ſeyn, wenn es fuͤr neun Per⸗ ſonen ausreichen ſollte. Die Ueberfahrt nach Marſeille war ſchon ſo koſtſpielig, daß von dem Reſte nur noch eine Fußparthie ſich be⸗ ſtreiten ließ. 24. Steigerung des Genuſſes. Dieſe ſogar, war nicht moͤglich, ohne Entbehrungen, wie ſie vielleicht vormals in den Zeiten der Kreuzzuͤge ein Todſuͤnden Ab⸗ buͤßender auf ſeiner Pilgerung nach Palaͤſtina freiwillig unternahm. Der Unterſchied zwi⸗ ſchen einem ſolchen und uns beſtand nur darin, 38 daß wir uns keiner dergleichen Suͤnden ſchul⸗ dig wußten, auch die Nothwendigkeit ein ziem⸗ lich herbe ſchmeckendes Surrogat ſeines freien Willens war. Und um wie viel gluͤcklicher war ich noch dabei, in Vergleichung mit meinen armen Rei⸗ ſegefaͤhrten, welche insgeſammt nicht wußten, wie ſie den abgeriſſenen Faden ihres heimath⸗ lichen Lebens wieder anſpinnen ſollten. Meine Entbehrungen waren zwar zuweilen außeror⸗ dentlich groß. Allein ein recht raffinirter Wol⸗ luͤſtling haͤtte ſich leicht zu ihnen aus freien Stuͤcken verſtehen konnen, um durch ſie den nachherigen Genuß in den Armen einer ſo liebenswuͤrdigen, mit Gluͤcksguͤtern uͤberhaͤuf⸗ ten, Braut wie Joſephine war, die ich mir durch Aufopferung meines Vermoͤgens eben erſt verdient hatte, auf das Hoͤchſte zu ſtei⸗ gern! 25. Intendirte Vergiftung. Hier muß ich wieder einmal eine gewal⸗ tige Schwaͤche eingeſtehen. Bei meiner Reiſe nach Griechenland hatte ich, neben der Hoff⸗ nung fuͤr die Sache meiner Mitchriſten zu fechten, auch noch die gehegt, Lesbien dort vielleicht wieder zu ſehen. Nicht, als haͤtte ich Luſt gehabt, in irgend eine Verbindung wieder mit ihr zu treten. Die Verbindung mit einer Giftmiſcherin, das ſey fern von mir! Aber grade, nachdem ich nur allzugut wußte, wie ihr Inneres beſchaffen war, grade nun wuͤnſchte ich noch einmal die Klarheit dieſes Auges wiederzuſehen. Es war mir immer, als muͤſſe ein bloſer Blick in ſolch ein trug⸗ volles Paradies, dieſelbe Wirkung auf mich aͤuſſern, wie Lesbiens Chocolade auf den Mil⸗ lionaͤr. Und ich bekenne ganz offen, das eben wuͤrde mir recht geweſen ſeyn. Denn genau Neuem bekaͤmpfen mußte. Welch ein Augen⸗ 40— genommen, was will man noch von der uͤbri⸗ gen Welt erwarten, wenn unter ſo klaren, ſchuldloſen Augen die Holle ſelbſt ſich ver⸗ bergen darf? 26. Der abgehende Lorbeer. Der Wunſch an ſolch einem Blicke zu ſterben war ein offenbarer Verrath an den Rechten meiner Verlobten auf mich. Das ſagte ich mir beſonders auf dem Ruͤckmarſche. Schon unterweges ſchwelgte ich, nach den mannichfachen Laſten und Entbehrungen des Tages, am Abende gern in den ſchoͤnen Bil⸗ dern von Joſephinen Leßner, mit denen mich meine Phantaſie zu erfreuen wußte. Ach, ich ſah dieſe geiſt⸗ und ſeelenvolle Penelopeia, wie ſie in meiner Abweſenheit die vielen Freier, welche unſtreitig bemuͤht waren, mein Bild in ihrem Herzen zu verwiſchen, immer von 41 blick, wenn ihr Odyſſeus zu ihr hereintrat. Zwar mußte ich geſtehen, daß mir der Lorbeer des Homeriſchen Helden gaͤnzlich abging. Dar⸗ an waren jedoch einzig die Umſtaͤnde ſchuld. Uebrigens kam ich wenigſtens aus dem Vater⸗ lande des alten Odyſſeus und des neuen. 27. Alles erwünſcht. Die Sonne war ſchon ziemlich hinter den Bergen als ich in Muͤhlheim anlangte. Aus Delikateſſe wollte ich mich dem Auge meiner Braut vor allen Andern zeigen, daher machte ich einen ziemlichen Umweg zu Vermeidung des Mehlwurmſchen Hauſes, auch waͤhlte ich, um nicht etwa, von der haͤufig am Fenſter arbeitenden Joſephine, vor dem Eintreten in ihr Zimmer geſehen zu werden, meinen Weg durch die alte Lindenallee des Gartens. O, das Schickſal erfuͤllte meine leiſeſten Wuͤnſche. In der Stadt, im Garten, im 4² Hausflur, auf der Treppe, im Vorgemache, kein Menſch, der zwiſchen mich und Joſephinen auch nur mit einem Gruſſe getreten waͤre. Das Einzige ſollte mir nun noch gewaͤhrt werden, ſie naͤmlich in ihrem Zimmer allein zu finden, damit die Freude des Wiederſehens durch kein fremdes Auge auch nur im minde⸗ ſten beſchraͤnkt werden moͤchte! So dachte ich, nach leiſem Pochen die Thuͤr eroͤffnend, und ſie war wirklich allein. 28. Der Wegweiſer. Joſephine ſtand vor dem, der Thuͤr ge⸗ genuͤber haͤngenden Spiegel, zu irgend einem Feſte, wie es ſchien, an ihr bereits vom Per⸗ ruͤquier⸗ Artiſte gefertigtes Haar die letzte Hand legend, vermuthlich um ihm den Reiz der Nachlaͤſſigkeit zu ertheilen. Wie aber jetzt mein Spiegelbild vor ihr erſchien, ſo war es nicht anders als liefe eine 43 Maus oder Ratte unvermuthet ihr uͤber das Fuͤßchen. Denn ſie ſties einen entſetzlichen Schrei aus, und ſtatt das Original des Spie⸗ gelbildes aufzuſuchen und in ſeinen Armen deſto ſuͤßer von dem gehabten Schrecken aus⸗ zuruhen, eilte ſie auf das benachbarte Sopha, mit beiden Haͤnden ihre Augen bedeckend, um nur das, mit Fleiſch und Blut angethane Geſpenſt nicht zu ſehen, das an der Thuͤr ſtehen blieb, von ihrem Schreie zum Weg⸗ weiſer erſtarrt, deſſen ausgeſtreckte Arme nicht mehr wußten, ob ſie die Braut umfaſſen, oder uͤber den eigenen Kopf zuſammenſchlagen muͤßten. 29. Meine unverſchämtheit. Mein Kind, mein liebes Kind! Was wi⸗ derfaͤhrt dir denn? Mit dieſen Worten trat ein junger, wohlgebildeter Herr im eleganten Hausrocke zur Seitenthuͤr herein. 44 Mein Erſtarren wurde hierdurch zur voͤl⸗ ligen Verſteinerung. Von einer Reiſe im ſteten Kampfe mit Entbehrungen aller Art kommend, war mein Ausſehen allerdings nicht das ſauberſte. Im Auge der Liebe, hatte ich geglaubt, wuͤrde grade dies mir nur zu einer Verklaͤrung mehr gereicht haben. Wo aber fand ich hier das Auge der Liebe? Mich, als die wahrſchein⸗ liche Urſache von Joſephinens Schrecken, er⸗ blickend, kam der junge Elegant haſtig auf mich zu. Wie kann man— fragte er— ſo unverſchaͤmt ſeyn, ungemeldet und in ſolch einem Aufzuge ſich hier herein zu wagen? Aber ſogar die Hitze dieſer Anrede ver⸗ mochte nicht, meine eingefrorenen Worte auf⸗ zuthauen. 30. Folglich. Still, ſtill, um Gotteswillen! rief Jo⸗ 45 ſephine aufſpringend und mit alſo vorgehalte⸗ ner Hand, als ob ich die Sonne waͤre, deren Stral ſie, noch nach dem ſchon erfolgten Un⸗ tergange, fuͤrchte, eilte ſie zu dem Anredner, ihm etwas in's Ohr zu fuuͤſtern. Gott— rief ſie dann, mir zugekehrt, aber immer noch die Hand uͤber den Augen — ich habe ſie als einen Todten beweint! Das ſah beinahe wie eine Art von Ehre aus, die ſie mir bewieſen. Warum jedoch hatte ſie es gethan? Dieſe Frage ſchluͤpfte auch end⸗ lich in der That mir von der Lippe. Ach— erwiederte ſie— die Zeitungen, und eine Menge muͤndlicher Geruͤchte ſtimm⸗ ten darin uͤberein, daß die den Griechen zu Huͤlfe geeilten Fremden insgeſamt umgekom⸗ men. Sie waren auch ein ſolcher, folglich 8— 31. Der ſeltſame Fall. Ich mußte geſtehen, daß meine, offenbar 46 an einen Andern ſchon verheirathete, Braut ihre Vernunftſchluͤſſe mit einer Leich⸗ tigkeit, ich moͤchte ſagen, Leichtfertigkeit, be⸗ handelte, uͤber die ich am meiſten haͤtte er⸗ ſchrecken koͤnnen, nicht ſowohl ihretwegen, als des Vermoͤgens halber, das ich ihren ver⸗ wuͤnſchten Grundſaͤtzen muthwillig geopfert hatte. Unſere wechſelſeitige Lage war ſo, daß ich unter uns dreien allein im Stande wuͤrde geweſen ſeyn, etwas Vernuͤnftiges ſagen zu koͤnnen. Ich erſparte es ihnen aber und mir. Verzeihen ſie ja, lieber Richter!— ſprach ſie dann, fuͤr ihren ſonſtigen Verſtand einfaͤl⸗ tig genug, und juſt ſo, wie wenn man Je⸗ mand unverſehens auf den Fuß getreten hat. Was uͤbrigens in meinen Kraͤften ſteht— fuͤgte ſie hinzu— will ich gewiß thun, um ihnen einige Entſchaͤdigung zu geben. Das ſchien mir einer von den ſeltenen Faͤllen, in denen man beim Umgange mit Menſchen die Hoͤflichkeit aus den Augen ſetzen . 47 darf. Daher kehrte ich dem neuen Ehepaare ſtillſchweigend den Ruͤcken und machte nur, daß ich aus dem Hauſe und zu Stadtſchrei⸗ bers hinuͤber kam. 32. Der reiche Mann. Du weißt ſchon? fragte Mehlwurm, nach dem erſten Gruſſe mit theilnehmender Hand⸗ reichung. Sieh daraus, wie gut es war, daß du meinen Rath befolgteſt und ein ſo huͤb⸗ ſches Kapitaͤlchen heimlich retteteſt! Wirklich hatte ich und zwar einzig auf ſeinen Antrieb, eine Summe, die mir und den kuͤnftigen Meinigen ein ſorgenfreies, ja ſogar recht angenehmes Leben ſicherte, in die Haͤnde eines nordiſchen Kaufmanns niedergelegt, fuͤr deſſen Ehrlichkeit Mehlwurm buͤrgte. Ich fiel dieſem, aus Dankbarkeit, wegen der mir nun ſo ſehr zutraͤglichen Vorſichtsmaasregel um den Hals. 48 Die Stadtſchreiberin erſchien. Ach— ſagte ſie, da ſie wahrnahm, daß mirr bereits Alles bekannt war— wer haͤtte das von die⸗ ſem, fruͤher ſo conſequenten, Maͤdchen denken ſollen?— Am Scheine, als ob ſie nur dar⸗ um den Baron Iſtler heirathe, weil ſie um⸗ gekommen waͤren, ließ es Joſephine zwar auch nicht fehlen. Sie legte ſogar einige Zeit lang ſchwarze Kleidung um ſie an, und das wenige Tage nachdem der Baron von ſeinen Reiſen zuruͤckkehrend in unſere Stadt gekommen war. Augenſcheinlich hatte ſie großen Eindruck auf ihn gemacht. Allein da war lauter Trauer und Betruͤbnis um ſie her. So ſchoͤn ihr aber auch das Schwarz zu Geſichte ſtand, ſo eilte ſie doch ziemlich damit, es wieder abzulegen. Und heute war das geſchehen und morgen fuhr ſie ſchon als Braut mit dem Baron in der Stadt herum. Sie koͤnnen denken, daß ihr die Nachrede uͤber ſolch ein unwuͤrdiges Betragen um ſo weniger geſchenkt wurde weil ſie —— 49 ſie bis dahin immer die ſtrengſte Sittenrichte⸗ rin geſpielt hatte. Das aber ſetzte man we⸗ nigſtens voraus, daß ihr von ihrem Tode die gewiſſeſte Nachricht zugekommen waͤre. Und nun findet ſich, daß ſie geſund und wohl ſind. Ueberhaupt iſt ſie bei ihrer Verheirathung auch dem Grundſatze ganz treulos geworden, den ſie fruͤher nur allzu prahleriſch vor ſich her trug. Denn der Baron ſoll ſo reich ſeyn, daß er unſere Stadt, was ich aber freilich nicht glaube, durchaus mit harten Thalern koͤnnte pflaſtern laſſen. Noth aus Ueberfluß. So weit war ich in meiner Geſchichtser⸗ zaͤhlung gekommen, als die ganze Szene im Nu ſich aͤnderte. In der letzten Zeit hatte die Hauswirthin, und mehrere mit ihr, faſt bei jedem Viertel, das die benachbarte Uhr ſchlug, unruhig geaͤußert: Wo ſie nur bleiben II. D 50— muͤſſen! Da erhob ſich nun ploͤtzlich ein Ge⸗ toͤſe auf dem Saale und unmittelbar nachher ſtroͤmte das grade Gegenſtuͤck zu der zeitheri⸗ gen beiahrten Verſammlung in einer ziemli⸗ chen Parthie junger und halbjunger Herren und Damen zur Thuͤr herein. Ach Gott— klagte man— war das eine Kaͤlte! Wir ſind bald erfroren in den offenen Wagen! Sie kamen von einer froͤlichen Weinleſe. Mit ihnen kehrte das Leben in die Geſell⸗ ſchaft zuruͤck, und es bedurfte meiner Ge⸗ ſchichtserzaͤhlung nicht weiter. Nur der Höoͤflichkeit wegen, fragte mich die Hauswirthin freundlich, ob ſie noch lange dauere. Nein! antwortete ich. Der Reſt hat faſt gar kein Intereſſe, daher ich ſolches fuͤglich ih⸗ nen erlaſſe. Uebrigens glaube ich in dem Vor⸗ getragenen hinlaͤnglich dargethan zu haben, daß man auch durch Ueberfluß in gewaltige Ver⸗ legenheit und Noth gerathen kann, zumal 51 wenn die gehoͤrige Anwendung deſſelben ver⸗ fehlt wird. 34. Aehnlichkeit. Das Zuziſcheln der um das Kaminfeuer verſammelten Neuangekommenen, galt offen⸗ bar mir, einem ihnen insgeſamt voͤllig Unbe⸗ kannten. Ich erwiederte die Aufmerkſamkeit, welche man meiner Perſon bezeigte. Beſon⸗ ders wurde die eine der jungen Damen der Zielpunkt meiner Blicke. Solche Aehnlichkeit zwiſchen zwei Menſchen hatte ich nie gefun⸗ den, als zwiſchen Clotilden, der Tochter vom Hauſe und derjenigen, welche ich in meinem vormaligen Wahlbuͤchlein die Namenloſe ge⸗ nannt und nie wieder geſehen hatte. Dieſelbe konnte ſie gleichwohl unmoͤglich ſeyn. Schon das weit lichtere Haar Clotildens widerlegte dieſe Vermuthung. Noch mehr aber der au⸗ genſcheinliche Unterſchied des Alters. Die D 2 5³² Namenloſe war zur damaligen Zeit gewiß ſchon ihre achtzehn Jahre alt geweſen, dieſe hingegen ſchien noch jetzt kaum etwa deren ſechszehn zu zaͤhlen. 35. Verſtohlene Beſchäftigung. Mit jedem neuen Blicke auf ſie kam es mir mehr vor, als eine Schickung von oben, daß ich ſo wunderbarer Weiſe in dieſe Geſell⸗ ſchaft gerathen und gleichſam die neue Aus⸗ gabe einer Perſon kennen lernen mußte, nach der ich mich lange fruchtlos umgethan und fuͤr welche mir ſonach der Himmel Erſatz geben wollte. Das Herz ihrer Mutter war mir offenbar vom Anfange an, ordentlich ent⸗ gegengeflogen. Das Fluͤſtern, welches jetzt wieder zwiſchen ihr und der Tochter ſtattfand, hatte, das war gewiß, mich zum Gegenſtande, und wenn ſchon nach ihm des Maͤdchens zu⸗ vor mir nicht ungern entgegenkommende Blik⸗ 53 ke, augenſcheinlich ſchuͤchterner geworden, ſo war doch dieſe Schuͤchternheit keinesweges Folge neuentſtandener Abneigung. Vielmehr bemerkte ich deutlich, daß ihr Auge ſich noch immer mit meiner Perſon recht gern beſchaͤf⸗ tigte. 36. Wie am Schnürchen. Es ſah mir grade aus, als moͤchte Ma⸗ dam Melz meine, lange Zeit gar nicht ver⸗ heelte, Aufmerkſamkeit auf Clotilden gewahr werdend, ohngefaͤhr ſo zu ihr geſagt haben: Das, Toͤchterchen, waͤre vielleicht ein Mann fuͤr dich, und als ob das vieldeutige Woͤrtchen Mann, in dieſer Beziehung aus der Mut⸗ ter Munde, dem Anſtand liebenden Maͤdchen auf Einmal eine gewiſſe Haltung zum Geſetze gemacht haͤtte. Ich ſtellte mich um ſo weni⸗ ger, als naͤhme ich das wahr, weil eben hier⸗ durch die kleinen, fuͤr mich ſehr ſchmeichelhaf⸗ 54 ten, Diebſtaͤhle, welche ihr Blick an dieſer Haltung heimlich beging, immer kecker wur⸗ den. Endlich aber wendete ich mein ſcheinbar im tiefſten Nachſinnen begriffenes Geſicht, ſo ploͤtzlich hinuͤber nach ihr, daß ich einen der 6 ſchoͤnen, verſtohlenen Blicke voͤllig einfing. Die Glut, welche da in ihr aufſtieg, konnte mir die in ihr vorausgeſetzte— Neigung will ich nicht ſagen, vielmehr, um mich des behutſamſten Ausdrucks zu bedienen,— ihren gaͤnzlichen Mangel an Abneigung gegen mich, nur beſtaͤtigen. Noch mehr Beſtaͤtigung erhielt die Sache bald darauf dadurch, daß ich an der, inzwiſchen im Nebengemache zu Stande ge⸗ kommenen Tafel von Madam Melz zum Nach⸗ bar ihrer Tochter Clotilde foͤrmlich ernannt wurde. Nach dem ploͤtzlichen Ueberfalle, der ih⸗ rem, ſich ganz unbeobachtet glaubenden Blicke von meinem Auge widerfahren war, mußte unſer anfaͤngliches Geſpraͤch freilich etwas un⸗ 55 fruchtbar ausfallen. Die beſſere Rede fand ſich jedoch und zuletzt ging Alles wie am Schnuͤrchen. 37. Das offene Geſtändnis. Nach Tiſche, als ich mit den andern maͤnnlichen Theilnehmern der Geſellſchaft im Rebengemache, meinen Hut ſuchte und jeder den ſeinigen fand, nur ich nicht, wendete ich mich deshalb an einen Bedienten. Der aber ſagte, daß Madam Melz den Hut an ſich ge⸗ nommen. Sie kam eben dazu. Nein, nein— ſprach ſie— ſie bleiben. Das waͤre gegen alle Abrede. Ihre Wohnung im Hauſe iſt bereits eingerichtet. Nur dann duͤrfen ſie wieder fort, wenn ſie ihnen nicht gefallen ſollte. So ſehr mich das auch wundern mußte, ſo wenig konnte ich das Erbieten bei dem Wohlwollen, der noch recht angenehmen Mut⸗ ter, und ich kann hinzufuͤgen, ihres Toͤchter⸗ 56— chens ebenfalls, ablehnen, und daſſelbe war mir auch aus andern Gruͤnden angenehm.— Bis auf mich, den mit einheimiſch Ge⸗ wordenen, hatten bald alle Fremden das Haus wieder verlaſſen. 1 Ich bin im Augenblick wieder hier! ſprach jetzt Madam Melz, Clotilden, die eben gute Nacht genommen, in's Nebenzimmer folgend. Herr NRichter— ſo begann die zu mir Zuruͤckkehrende— mein Mann hat mich, ich geſtehe es offen, mit ihrer Werbung um die Hand meiner geliebten Clotilde, wahrlich, nicht auf das angenehmſte uͤberraſcht. 38. 87 Erbieten. Je unguͤnſtiger dieſe Einleitung fuͤr meine kaum gefaßten Hoffnungen lautete, um ſo mehr lag mir daran, ihr zu erkennen zu geben, daß - hier, ſo wie uͤberhaupt mit meiner Einfuͤh⸗ rung in ihr Haus, ganz offenbar ein großer 57 Irrthum obwalten muͤſſe, und daß ich ſchon darum nicht wohl um ihrer Tochter Hand haͤtte anhalten koͤnnen, weil mir vor Clotil⸗ dens Eintreten, von der Eriſtenz dieſes rei⸗ zenden Kindes noch nicht das mindeſte bekannt geweſen ſey. Kaum aber oͤffnete ich den Mund zu die⸗ ſer Erlaͤuterung, ſo ſprach ſie: Keine Unter⸗ brechung, wenn ich bitten darf. Hoͤren ſie mich vielmehr ganz aus. Dafuͤr erbiete auch ich mich nachher die aufmerkſamſte Zuhͤrerin deſ⸗ ſen zu werden, was ſie mir etwa zu ſagen haben. Sie ſprach das aber in ſolch einem Tone, daß es Beleidigung geweſen waͤre, wenn ich mich nicht in ein, an ſich ſo billiges Verlan⸗ gen gefuͤgt haͤtte. . 39. Irhre Einwilligung. Die geringe Erwartung— fuhr Madam 5⁸ Melz fort— ruͤhrte, wenn ich ganz aufrich⸗ tig ſeyn ſoll, von der allzu wenigen Ruͤckſicht her, welche mein Mann auf diejenigen Eigen⸗ ſchaften zu nehmen pflegt, die das Auge eines jungen Maͤdchens, wie Clotilde, ihrem kuͤnf⸗ tigen Gatten wohl anſinnen moͤchte. Dazu kam, daß mein guter Mann ihr geſtern in der Oper einen als den Werber um ihre Hand von Weitem gezeigt hat, der ihr ganz ab⸗ ſcheulich erſchienen iſt. Ihre Perſon, Herr Nichter, hat dieſen Umſtand heute hinlaͤnglich widerlegt. Ohnſtreitig wurde Herr Melz in der Oper durch ſein uͤberaus bloͤdes Auge ge⸗ taͤuſcht und ihr ſo ein ganz Unrechter gewie⸗ ſen. Genug, um kurz zu ſeyn, ihr heutiges Erſcheinen hat Alles wieder gut gemacht. Meine Einwilligung ſollen ſie haben, und wenn ich nicht ganz irre, auch von meiner Tochter keine abſchlaͤgliche Antwort erhalten. Nach den ſelt⸗ ſamen Schickſalen, welche ſie, zum Theil al⸗ lerdings durch eigene Schuld, betroffen, iſt 59 wohl um ſo gewiſſer zu erwarten, daß ſie fuͤr ihren kuͤnftigen Lebensweg die thunlichſte Vor⸗ ſicht anwenden werden. 40. Mancherlei Bilder. So wohl auch die wahrhaft uͤberraſchende Hoffnung auf die Hand der ſo angenehmen Tochter eines,(ſo viel ließ ſich aus Allem abnehmen), uͤberaus reichen, angeſehenen Ban⸗ quiers, mir that, ſo war es mir doch unmoͤg⸗ lich, das hier eintretende, offenbare Misver⸗ ſtaͤndnis unberuͤhrt zu laſſen. Nachdem ich daher meinen Dank fuͤr ihr ſo ehrenvolles Zu⸗ trauen ausgeſprochen, entdeckte ich, auf welche Weiſe ich von ihrem Gatten, ohne im minde⸗ ſten die Veranlaſſung zu wiſſen, am Arme ge⸗ faßt und ihr vorgeſtellt worden war. Da er⸗ ſchrak ſie denn nicht wenig, uͤber die mir von ihr geſchehenen Eroͤffnungen. Uebrigens ver⸗ ſprach ſie mir, auf mein Bitten, halb und 60 halb, zu uͤberlegen, ob doch vielleicht ihre Toch⸗ ter die meinige noch werden koͤnne. Der Umſtand, daß das mir zum Schlaf⸗ gemache angewieſene Zimmer, meine vormalige Wohnſtube war, trug mit den mancherlei Bil⸗ dern, die er in mir erweckte, ohnſtreitig das Meiſte zu der Schlafloſigkeit bei, an der ich die ganze Nacht zu leiden hatte. 41. Herr Liegner. Der folgende Vormittag war ziemlich ver⸗ ſtrichen, ehe ein Menſch nach mir fragte. Mit dem Fruͤhſtuͤcke hatte man mich jedoch nicht vergeſſen. Endlich brachte mir Madam Melz ſelber den Aufſchluß uͤber meine, ganz zufaͤl⸗ lige Einfuͤhrung im Hauſe. Ihr Gatte, nach⸗ dem er angekuͤndigt, daß er den von ihm em⸗ pfohlenen, iungen Mann, welcher Abſichten auf Clotilden hatte, aus dem Gaſthofe abho⸗ len werde, war dann auch wirklich ſchon mit — 61 dieſem in ſein Haus gekommen. Hier nun bittet er ſeinen Begleiter ein Augenblickchen zu verweilen, bis er ein einziges Wort in's Comptoir geſagt habe. Aber das Wort hat ſchon eine Stunde gedauert und Herr Melz kommt nicht zuruͤck. Da oͤffnet der Wartende endlich die Comptoirthuͤr und fragt nach ihm. Die Antwort heißt, daß der Prinzipal ſchon lange, ſehr lange die Schreibſtube wieder ver⸗ laſſen habe. Das verdrießt nun den jungen Herrn Liegner um ſo mehr, da er fuͤr den empfindlichen Luftzug im Hauſe, mit Kleidern nicht viel beſſer bewahrt iſt, als ich. So kehrt er in ſeinen Gaſthof zuruͤck, um dieſen Mor⸗ gen erſt wieder zu kommen, und ſich Aufſchluß zu erbitten. Je weniger ſein Aeuſſeres ihn empfiehlt, deſto uͤblere Aufnahme findet er auch bei Madam Melz, zu der er in der Ab⸗ weſenheit ihres Gemals gefuͤhrt wird, mit der Empfindlichkeit uͤber das, was ihm am Abend widerfahren. Madam Melz aͤußert ganz 62 trocken, daß ihr voͤllig unbekannt ſey, warum ihr Gemal ihn umſonſt habe warten laſſen und bittet ihn, ſeine Erkundigung danach bis zur Ruͤckkehr des Herrn Melz zu verſparen. 42. Steigen der Hoffnungen. Oder— hiermit wendet ſich Madam an ihre dazu kommende Tochter, dieſer den Vor⸗ fall erzaͤhlend— kannſt du vielleicht Auskunft geben? Nicht die mindeſte! ſagt Clotilde, um ſo unartiger, da Herr Liegner wirklich der naͤm⸗ liche iſt, der ihr ſchon von Weitem in der Oper ſo wenig gefallen wollte. Die Art, mit der das Maͤdchen darauf uͤberhaupt ihm den Ruͤcken kehrt, und ſich entfernt, ſcheint die Flamme ſeiner Neigung zu ihr auszuldſchen. Denn ohne alle Umſtaͤnde verlaͤßt er das Haus. Der Vorfall war von recht ſichtbarem Nutzen fuͤr mich. Madam Melz ſchwor, daß — 63 dieſer Grobian nimmermehr der Gatte ihrer geliebten Clotilde werden ſolle, und verſprach mir nun auch um ſo gewiſſer, zu ſehen, was fuͤr meine Abſichten auf Clotilden zu thun ſey. Wie es auch gekommen) daß ihr Gemal Herrn Liegner im Flure fruchtlos warten laſ⸗ ſen, ſo habe ſich dieſer in ſeiner uͤbeln Laune daruͤber, wie ſie eben vernommen, gegen die Comptoirbedienten ſchon ſo ungeſittet ausge⸗ laſſen, daß Herr Melz, wenn das ihm hinter⸗ bracht werde, viel zu ſtolz ſey, um dem Men⸗ ſchen den Namen ſeines Schwiegerſohnes zu⸗ zugeſtehen. Dabei verbarg mir Madam gar nicht das aͤuſſerordentliche Steigen, das meine Hoffnun⸗ gen auf die Hand ihrer Tochter annehmen Fonnten. 43. Der alte Raffel. Aber mein Gott— rief ſie jetzt und der 64 Schreck trieb ihr alles Blut in's Geſicht— ſie haben ſich's nicht einmal bequem machen koͤnnen bei uns. Ueber den geſtrigen Wirr⸗ warr iſt mir's ganz entfallen, ihre Sachen her⸗ beiholen zu laſſen. Und ſie boͤſer Mann ſor⸗ gen auch ſo wenig fuͤr die eigene Bequemlich⸗ keit, um meinen Fehler nicht ſelbſt durch un⸗ ſere Dienſtleute zu verbeſſern! Verehrteſte— erwiederte ich ſchuͤchtern— leider, bin ich meinem Koffer zwei ganze Mei⸗ len vorausgeeilt und habe von Sachen nur ſo viel grade in dieſer Stadt, als ſie an mir ſehen. Wie mich geſtern Abend ihr Herr Ge⸗ mal unten am Hauſe ergriff und— durch die Bloͤdigkeit ſeines Auges, von der ſie mir ſagten, erklaͤrt ſich Alles leicht— mich fuͤr den Herrn hielt, den er ſo lange hatte war⸗ ten laſſen, da ſah ich mich nur um, ob ich den Hausmann, den alten Raffel, wenn er noch lebt, etwa entdeckte, um bei dieſem ein Nachtquartier zu erlangen. 44. 44. Beſtätigung. Auf die Frage woher ich den alten Haus⸗ mann kenne, gab ich die Umſtaͤnde naͤher an. Jetzt erſchrak Madam Melz ordentlich vor Freude. Nun meinte ſie, da ich derſelbe Mann ſey, von deſſen Bevollmaͤchtigten ihr Gemal das Haus gekauft habe, ſey ſie voͤllig uͤberzeugt, daß er mir Clotildens Hand nicht verweigern werde. Drauf begleitete ich ſie zu dieſer. La⸗ chend berichtete ſie ihr, daß ich in gar keinem fremden Hauſe, ſondern in meinem vormali⸗ gen Eigenthume ſey. Der herzugerufene alte Raffel gerieth ganz auſſer ſich vor Vergnuͤgen, mich wieder zu ha⸗ ben, meinte, ich ſey drei Koͤpfe groͤßer gewor⸗ den, ſeit er mich nicht geſehen und beſtaͤtigte uͤbrigens Alles, was ich uͤber die Art und II. E Unterpfand feſtſas⸗ 66 Weiſe meiner Erziehung vom ſeligen Onkel geſagt hatte. 2 45. Das Uunterpfand. Ich ſpeiſete mit Mutter und Tochter al⸗ lein. Die Froͤhlichkeit war ganz zu Hauſe. Aber— ſo fing jetzt meine wahrſchein⸗ lich kuͤnftige Frau Schwiegermutter an— daß wir nur nicht die Abholung ihres Koffers ver⸗ geſſen. Zwei Meilen von hier, ſagten ſie? Wo denn aber? Zwei von unſern Pferden ſtehen leider, ohnedies ſchon mehrere Tage muͤſſig. Ich ſchicke einen Wagen danach und durch die muthigen Rappen bekommen ſie ihre Sachen bei guter Zeit hierher. Nur um den Namen des Ortes bitte ich. Leider, mußte ich geſtehen, daß es damit noch nicht gethan war; daß vielmehr mein Koffer in den drei Linden zu Braunſtadt, als 67 46. Leichtſinn. Aber mein Himmel— ſprach hier Ma⸗ dam Melz und ihre ganze Geſichtsfarbe ver⸗ aͤnderte ſich— das zeugt ja, warlich, von ei⸗ nem Leichtſinne, der—— Das Kopfſchuͤtteln, das die Ausfuͤllung der hier noch fehlenden Worte vertrat, hieß auf deutſch offenbar: der einer Mutter wohl das gerechteſte Bedenken gegen ſolch einen Schwiegerſohn erwecken muß. Ich aͤußerte, daß ſie allerdings Recht habe, wenn ſie mich des groͤßten Leichtſinns be⸗ ſchuldige. Doch berief ich mich zugleich auf mein bereits abgelegtes Geſtaͤndnis der Art und Weiſe deſſelben. Seit jener Zeit, bis zu der ſie meine Geſchichte vernommen, ſey auch zum Gluͤck nicht Eine Handlung da, die fuͤr eine Fortſetzung jenes Leichtſinns gelten koͤnne. E 2 47. Die böſe Nachricht. O mein Herr— erwiederte ſie— ein Mann, der noch eine Summe beſitzt, wie die, von der ſie zuletzt ſagten, daß ſie bei einem nordiſchen Kaufmanne geborgen ſey, handelt allezeit leichtſinnig, wenn er es ſo weit kom⸗ men laͤßt, um ſeinen Koffer als Unterpfand in einem Gaſthofe zuruͤcklaſſen zu muͤſſen. Oder wiſſen ſie einen angemeſſenern Namen dafuͤr als Leichtſinn, daß ſie nicht bei Zeiten ſich in den Stand ſetzten, ſolch einer Erniedrigung uͤberhoben zu ſeyn? Verzeihen ſie, Madam, auch dafuͤr ſorgte ich und zwar bei Zeiten. Eben von Braun⸗ ſtadt aus wendete ich mich mit einem Briefe an Mehlwurm, ihn um Beſchleunigung der Sendung einer Summe bittend, nach der er an jenen Banquier bereits geſchrieben hatte. Die lange ausbleibende Antwort ſchon that — 69 mir großen Schaden in der Meinung des Wirths der drei Linden, weil mir inzwiſchen alle Baarſchaft ausgegangen war. Und end⸗ lich, als der lang erſehnte Brief von Mehl⸗ wurm anlangte, enthielt er die grundboͤſe, durch gedruckte Beilagen nur allzuſehr ver⸗ buͤrgte Nachricht, daß das uralte, hoͤchſtrecht⸗ liche und gewiſſenhafte Handelshaus, wider alles Vermuthen, gebrochen, und durchaus nichts da ſey, zur Befriedigung der anſtuͤr⸗ menden Glaͤubiger. 48. Drückendes Bewußtſeyn. Das Mitleid trat hier an die Stelle des Unwillens bei Madam Melz. Sogleich ſchickte ſie nach ihrem Curator, uͤber die Sache mit ihm zu ſprechen. Eine halbe Stunde ſpaͤter fuhr der dienſtfertige Mann ſchon in der Mel⸗ ziſchen Equipage nach Braunſtadt, die Einloͤ⸗ 79 ſung des Koffers zu bewirken, brachte dieſen auch noch am Abende von da zuruͤck. Inzwiſchen hatte meine neue Goͤnnerin, und hoffentlich baldige Frau Schwiegermut⸗ ter, mich mit allerlei Ermahnungen und Fra⸗ gen in die Preſſe genommen. Unter andern war ihr unbegreiflich, warum ich, da doch mein verſtorbner Vater, wie deſſen Bruder, ohne allen Zweifel manchen angeſehenen Freund in der Stadt gehabt, nicht lieber bei einem von dieſen meine Zuflucht geſucht, als bei dem alten Naffel. Darauf gab ich ihr zur Antwort, daß das druͤckende Bewußtſeyn meiner ganz ſinnloſen Handlungsweiſe mich abgehalten, in den jetzi⸗ gen Umſtaͤnden einem der zahlreichen Freunde unſeres Hauſes unter die Augen zu treten. Das Geſtaͤndnis, ein ſo auſſerordentliches Ver⸗ moͤgen in der kuͤrzeſten Zeit auf eine, zum Theil ganz ſinnloſe, Weiſe durchgebracht zu haben, das in meiner Lage ſich gar nicht un⸗ ——ÿ—ÿ—x—ꝛ—ꝛ—— » terdruͤcken ließ— ſagte ich ihr— wuͤrde mich zu tief vor mir ſelber erniedriget haben. 49. Neuer Aufſchwung. Madam Melz druͤckte mir ihr Wohlge⸗ fallen daruͤber aus, daß ich wenigſtens dieſes Zartgefuͤhl nicht verloren haͤtte. Der Um⸗ ſtand— fuͤgte ſie hinzu— daß noch Nie⸗ mand in hieſiger Stadt, ſelbſt der alte Raf⸗ fel nicht, von ihren ungluͤcklichen Verhaͤltniſ⸗ ſen unterrichtet iſt, kann ihnen von gutem Nutzen ſeyn. Der Abend wurde recht vergnuͤgt unter uns hingebracht. Die wahrhaft muͤtterlichen Lehren, welche Madam Melz mir von Zeit zu Zeit ertheilte und die ganze Art ihres Um⸗ gangs mit mir und Clotilden, deutete auf eine recht reizende Perſpektive fuͤr mich hin. Wie haͤtte ich am Abende zuvor, als ich in dem nur allzuluftigen Anzuge unten am ——, 1 72 vormals mir zugehorigen Hauſe vor Froſt klapperte, auch nur die Moͤglichkeit denken köͤnnen, daß ein Nichtshaber wie ich, ſchon in ſo kurzer Zeit die Ausſicht auf die Hand der Tochter des nunmehrigen, uͤberaus rei⸗ chen Beſitzers dieſes Hauſes erlangen und daß ſonach das durch mich ſelber zertruͤmmerte Gluͤck meines Lebens ſo ſchnell den bewundernswuͤr⸗ digſten, neuen Aufſchwung gewinnen koͤnne? 50. Projekt. Am folgenden Morgen uͤberraſchte mich die guͤtige Hauswirthin, als ich eben mit dem Auspacken meines Koffers beſchaͤftigt war. Sie bezeigte ihre Freude uͤber die mir noch zuge⸗ hoͤrenden, vorzuͤglichen Anzugsſtuͤcke und ſagte dann: Nichts koͤnnte ihnen beſſer zu Statten kommen, als dieſe Sachen. Hoͤren ſie, wel⸗ chen Plan ich darauf baue. Vor allen Din⸗ gen muͤſſen ſie, und zwar, wo moͤglich noch 73 dieſen Vormittag, ſo viele Beſuche bei den Bekannten ihres ſeligen Herrn Vaters und Oheims als ſie koͤnnen, abthun. Mein Stadt⸗ wagen ſteht immer zu ihren Dienſten. Na⸗ tuͤrlich wird bei der Art, in der ſie auftreten, Jedermann den gluͤcklichen Erben eines auſ⸗ ſerordentlichen Vermoͤgens in ihnen voraus⸗ ſetzen. Dieſe, ihrer Zukunft uͤberaus guͤnſtige, Hypotheſe duͤrfen ſie nicht im mindeſten ſtoͤ⸗ ren. So wird man ihnen bald uͤberall mit offenen Armen entgegen kommen. Zu den da⸗ bei noͤthigen, kleinen Ausgaben ſteht ihnen meine Kaſſe offen. Uebermorgen, wenn mein Mann zuruͤckkommt, ſtecken dann ohne allen Zweifel bereits eine Parthie Einladungskar⸗ ten aus den angeſehenſten Haͤuſern an ihrem Spiegel. Schon hierdurch wird die Art, wie ſie ganz unbefugt ſich die Einfuͤhrung in unſer Haus gefallen lieſſen, entſchuldigt. Einem jungen Manne in ſo guͤnſtigen Verhaͤltniſſen, — 74 als die ihrigen Jedermann erſcheinen, verzeiht man einen ſolchen Scherz recht gern, welcher einem in ihrer wirklichen, kritiſchen Lage uͤber⸗ aus uͤbel genommen werden wuͤrde. Sie duͤr⸗ fen ſogar recht bald den Ernſt durchblicken laſſen, der dieſem Scherze zum Grunde gele⸗ gen haben koͤnnte. Hier gab mir Madam Melz auf recht feine Weiſe zu verſtehen, daß ich vorgeben ſolle, Clotildens Reize, die ich zufaͤllig bemerkt, haͤt⸗ ten hauptſaͤchlich den Wunſch, im Hauſe be⸗ kannt zu werden, in mir erzeugt. Daß ich an der Hausthuͤr geſtanden, ließe ſich ebenfalls ſehr leicht aus dieſem Wunſche erklaͤren. Sie meinte, der Erſatz jenes ungehobelten haͤßli⸗ chen Freiers durch den einzigen Erben des reichen Mannes, welcher das Haus vormals beſeſſen, werde ihrem Gemale viel eher er⸗ freulich, als unangenehm ſeyn. 51. Der fromme Betrug. Eine Hauptbedingung— fuhr Madam Melz fort— wuͤrde jedoch immer ſeyn, daß mein Mann weniger als irgend Jemand, eine Ahnung auch nur von einer Verminderung ihrer vormaligen Gluͤcksumſtaͤnde erhielte. Herr Melz ſetzt faſt Alles in den Beſitz des Reich⸗ thums und wuͤrde gewiß nie leicht eine ſeiner Toͤchter einem Unbemittelten geben. Ein wah⸗ rer Abſcheu aber koͤnnte ihn wohl vor einem anwandeln, der durch eigene Schuld, wie ſie, aus einer beneidenswerthen Lage in eine mit⸗ leidswuͤrdige verſank. Allerdings mache ich mich, indem ich um die eigentlichen Umſtaͤnde weiß und ihm ſolche verheimliche, eines offen⸗ baren Betruges ſchuldig. Der Himmel aber, hoffe ich, wird mir ſolchen verzeihen, da es meines Erachtens ein frommer Betrug iſt. Zudem reicht das feſtgeſetzte Heirathsgut mei⸗ 75—— ner Tochter Clotilde hin, um davon allein die Koſten einer anſtaͤndigen Haushaltung be⸗ ſtreiten zu koͤnnen. Es iſt ein eiſernes Kapi⸗ tal, folglich gegen die Angriffe, ſelbſt des leichtſinnigſten, hinterliſtigſten Gatten, voll⸗ kommen geſichert. 52. Der Doktorhut. Dazu kommt— fuͤgte Madam hinzu— daß Clotilde ihnen nicht abgeneigt ſcheint und ich des Maͤdchens baldige Verheirathung hauptſaͤchlich wegen der unſerm Hauſe nahe bevorſtehenden Veraͤnderung, von Herzen wuͤn⸗ ſchen muß. Herr Melz beſitzt naͤmlich noch eine Tochter aus ſeiner erſten Ehe. Wie es zuweilen geht, ſo konnte ſich meine Clotilde ſchon als Kind mit allen Menſchen eher ver⸗ tragen, als mit dieſer Aurelie, ihrer Stief⸗ ſchweſter. Damals— hier ſeufzte die Spreche⸗ rin ziemlich tief— damals nahm Herr Melz —— —— —— 77 noch bisweilen einige Ruͤckſicht auf meine Wuͤn⸗ ſche, daher entfernte er Aurelien. Es ging aber dann ſo wenig mit ihr, als hier. Drum verheirathete er ſie. Leider ſchlug die Ehe ſehr ungluͤcklich aus. Vor Kuͤrzem ſtarb je⸗ doch ihr Gatte, und Herr Melz, deſſen Theil⸗ naͤhme an Aurelien ſo groß geworden iſt, daß er daruͤber mich und ſeine zweite Tochter faſt ganz vergißt, konnte die Sehnſucht nach der Abweſenden nicht unterdruͤcken. Seine jetzige Reiſe iſt im Grunde blos ein Triumphzug, den er Aurelien in dieſes Haus bereitet. Voraus⸗ ſehend, daß ihr kuͤnftiger Aufenthalt in dem⸗ ſelben, aus mancherlei, zum Theil recht ſchlim⸗ men, urſachen, nicht viel Gutes ſtiften werde, wuͤnſcht er nun Clotilden ſo bald als moͤg⸗ lich einen Mann zu geben, um dann mit de⸗ ſto groͤßerer Gemaͤchlichkeit eine vortheilhafte Parthie fuͤr die verwitwete Tochter aus der erſten Ehe abwarten zu koͤnnen. Daß er in der Wahl eines Gatten fuͤr meine arme Clo⸗ 78 tillde nicht ſchwierig iſt, davon zeugt der an⸗ genehme Herr, zu deſſen Repraͤſentanten der Zufall ſie ernannte. Ich bin uͤberzeugt, daß Herr Melz meiner guten Clotilde in Kurzem einen Andern aufdringen wuͤrde, und daß auch das arme Maͤdchen ſich zur Annahme einer ganz verhaßten Hand entſchlieſſen koͤnnte, um nur wieder aus der Gemeinſchaft mit Aure⸗ lien zu gerathen. Aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, halte ich es denn fuͤr einen from⸗ men Betrug, wenn ich dem offenbaren Un⸗ gluͤcke meines geliebten Kindes dadurch zuvor⸗ komme, daß ich ihnen auf jene Weiſe zur Hand meiner Clotilde zu verhelfen ſuche. Uebrigens, Herr Richter, ſetze ich allerdings voraus, daß ſie nicht anſtehen werden, ihr wenigſtens den Doktorhut an den Altar mit⸗ zubringen. Auf die Summe, welche er koſtet, ſoll es mir nicht ankommen. Da ich das ſtrengere Examen bereits uͤber⸗ ſtanden, ſo war dies mir ſehr leicht. Auch fand 2 79 ich die Forderung, mich den Geſchaͤften kuͤnf⸗ tig zu widmen, nicht nur billig, ſondern auch meiner eigenen Neigung ganz angemeſſen. Das zeitherige Vagabundenleben fing ſchon ſeit ei⸗ niger Zeit an, mich voͤllig anzuekeln. 53. Glückliche Progreſſen. Mit meinen Beſuchen und der Aufnahme, welche ihnen widerfuhr, ging es ganz, wie meine guͤtige Rathgeberin mir vorausgeſagt hatte. Die bedeutendſten Namen der Stadt prangten auf den Viſiten⸗ und Einladungs⸗ karten an meinem Spiegel. Haͤtte ich treulos an meiner Goͤnnerin handeln wollen, ſo wuͤrde es mir, dem fuͤr ſteinreich Geachteten, ein wah⸗ res Kinderſpiel geweſen ſeyn, eine weit ſcho⸗ nere und vornehmere Braut, als Clotilden, in der Geſchwindigkeit zu erſchnappen. Das aber kam mir nicht in den Sinn. Und mit Herrn Melz, der drei Tage nach⸗ 8⁰ her gegen Mittag zuruͤckkehrte, ging es voll⸗ ends ganz allerliebſt. Er konnte von ſeinem Lachen gar nicht zuruͤckkommen, als er hoͤrte, wer ich war, und daß er einen ſtockfremden Menſchen auf ſolche Weiſe in ſein Haus ein⸗ gefuͤhrt hatte. Die Sache war ſo zugegangen: Allerdings hatte er nur ein Wort im Comtoir ſagen und dann wieder hinausgehen wollen, um Herrn Liegner ſeiner Gemahlin vorzuſtel⸗ len. Aber eine Menge unerwarteter, vor ſei⸗ ner nahen Abreiſe noch zu berichtigender Dinge, welche auf der Schreibeſtube mit Einem Male auf ihn eindrangen, brachten ihm bald den drauſſen Wartenden aus den Gedanken. Herr Melz, durch die Hinterthuͤr wieder hinausge⸗ gangen, fand erſt in den Niederlagen, dann im Keller Manches anzuordnen, bis er end⸗ lich, auf ſeinen Fehler ſich beſinnend, den Wartenden zu holen kam und mich, der ich ſchwarz gekleidet war, wie Liegner, als dieſen, ſeiner Frau zur Aufnahme empfahl. Von 81 Von Seiten des Hausherrn ſchien nun vollends gar kein Hindernis gegen mein Buͤnd⸗ nis mit Clotilden einzutreten, vielmehr der gute Mann, nach der Abſchilderung, die ihm von Herrn Liegner gemacht wurde, mit dem Tauſche, den er ſo ganz unwillkuͤhrlich getrof⸗ fen, auſſerordentlich zufrieden. Unter anderm ſcherzte er viel daruͤber, daß ich grade in mein vormaliges Zimmer gewieſen worden. Es liege hierin, meinte er, ſo etwas von Schickung, wie man, durch die Schauſpiele verwoͤhnt, heutzutage gern anzunehmen pflege. Uebrigens hatte er ſeine verwitwete Tochter noch nicht bei ſich, ſondern erwartete ſie erſt Nachmit⸗ tags mit einer Freundin, auf deren Gute ſie unterweges abgetreten und in der letzten Nacht geblieben war. 54. Mein Willkommenſeyn. Herr Melz befand ſich ordentlich gluͤck⸗ II. F 83³ lich durch meine Naͤhe allein. Wo es nur ir⸗ gend eine Gelegenheit gab, druͤckte er mir die Hand, oder kuͤßte mich wohl auch. Mittags,⸗ als ich zwiſchen Madam und Clotilden ſitzen ſollte, nahm er mich durchaus in Beſchlag⸗ Seine liebe Frau, meinte er, ſey meiner nun ſchon ſo lange froh geworden, daß er wohl mit Recht darauf antragen duͤrfe, mich eben⸗ falls ein wenig zu genießen. An ſeine andere Seite aber muͤſſe ſich nothwendig Madam ſetzen; denn er koͤnne wohl ſagen, daß er ſich nach ihr ſehr zuruͤckgeſehnt habe. Das Huſten, worein Madam Melz mit einem von ihm abgewendeten Blicke kopfſchuͤt⸗ telnd ausbrach, ſah mir ziemlich aus, wie der Sinn der Worte: Welch eine beiſpielloſe Zaͤrt⸗ lichkeit! Zur Tochter aber ſagte der Vater ſeelen⸗ vergnuͤgt: und du, Clotilde, wirſt unſtreitig auch nicht unzufrieden ſeyn, daß ich dich an der Seite unſeres neuen Freundes laſſe, der 83 um deinetwillen deines Vaters bloͤde Augen ſo artig zu benutzen wußte Uebrigens, guter, lieber Herr Richter— ſagte er dann, meine Rechte in ſeine beiden Haͤnde nehmend— waͤre das luſtige Stuͤckchen, wodurch ſie ſo auf Einmal in mein Haus gelangten, und uͤber das ich lachen muß, ſo oft ich daran denke, auch nicht eben noͤthig geweſen. Ein Mann, wie ſie, braucht nirgend, wie eine verbotene Waare, eingepaſcht zu werden. Auf dem gera⸗ deſten Wege wuͤrde ich ſie eben ſo willkommen geheißen haben. 55. Das öffentliche Geheimnis. Als wir vom Tiſche aufſtanden, war ſchwer⸗ lich noch ein Menſch im Hauſe, der nicht ge⸗ wußt haͤtte, daß ich ſo gut, als Clotildens Braͤutigam ſey. Durch die aus⸗ und einge⸗ hende Dienerſchaft, der es ſehr leicht werden mußte, die Geſinnungen ihrer Herrſchaft gegen F 2 84 mich aus Worten und Mienen richtig zu deuten, war die Sache offenbar ſchon auf die Schreibe⸗ ſtube gelangt. Denn als der Buchhalter beim Rapportiren eines unverhoft eingetretenen Er⸗ eigniſſes grade mit dem Deſſert hereinkam und ſich auf ſeines Prinzipals Bitte ſetzen und mit⸗ trinken mußte, unterließ er nicht, auf mein Wohlſeyn zuerſt anzuſtoßen, obſchon ich den Menſchen noch nie zuvor geſehen hatte. Und grade dieſe wohlgemeinte Sottiſe wurde recht gut aufgenommen. Unter vielem Lachen ruͤhmte Herr Melz, wie ich in's Haus gerathen war, und ohne allen Zweifel wuͤrde im Fortgange des Geſpraͤchs das bereits oͤffentlich gewordene Geheimnis meiner, von den Aeltern ſehr be⸗ guͤnſtigten, Abſichten auf Clotilden, unter froͤhlichem Glaͤſerklange von ſeiner Seite ſelbſt gradezu ausgeſprochen worden ſeyn, haͤtte nicht ein Geſchaͤft Hausherrn und Buchhalter ſo eben auf das Comptoir gerufen. 56. 4 Wiederſehen. Madam und Clotilde waren, vielleicht mit beſonderer Ruͤckſicht auf das baldige Hoch⸗ zeitfeſt, auf den Jahrmarkt gegangen, als ein Reiſewagen vorfuhr. Weil mein Zimmer grade in Ordnung gebracht wurde, ſo ſtand ich noch an einem Fenſter des gemeinſchaftlichen Ge⸗ machs, wo wir geſpeiſt hatten. Auf baldiges Wiederſehen, ſagte eine Dame aus dem Wa⸗ genfenſter zu der eben Ausgeſtiegenen, deren Trauerſchleier mir, als ſie in die Hausthuͤr ſchluͤpfte, keinen Zweifel ließ, daß es die aͤl⸗ teſte Tochter ſeyn moͤchte, die Herr Melz zu⸗ ruͤckgeholt hatte. Nicht lange darauf, trat ſie in's Zimmer. Niemand hier findend als mich, wollte ſie nach einer leichten Verbeugung ſchon wieder hin⸗ aus. Dann ſchien ſie mich noch einmal in's Auge zu faſſen und blieb. Ich naͤherte mich, 86 ihr zu ſagen, daß ohnſtreitig die Frau vom Hauſe mit ihrer Tochter bald wiederkommen werde. Da ſprach ſie: Ja wohl, ſie ſind es! Zu⸗ gleich ſchlug ſie ihren Trauerſchleier zuruͤck und vor mir ſtand die naͤmliche, welche ich ſo lange fruchtlos geſucht und in meinem Wahl⸗ buͤchlein mit dem Namen der Namenloſen be⸗ zeichnet hatte. 57. Innigkeit. Allerdings hatten Zeit, und vielleicht auch Harm, der jugendlichen Friſche dieſes Geſichts ein wenig geſchadet. Aber eben durch den Mangel an Farbe, durch den Schmerz, der aus dem ſchoͤnen Auge mit zu leuchten ſchien, war ein noch hoͤheres Intereſſe hineingekom⸗ men, und die zarten Lilien deſſelben hob das Schwarz der Kleidung auf das gluͤcklichſte heraus. 87 Wie verzaubert ſtand ich vor der Dame, die ein ganz eigenes Befremden bei meiner Erſcheinung in dieſem Zimmer anzuwandeln ſchien, welches wie mein Auge mich wenigſtens uͤberreden wollte, ihr das Athemholen erſchwerte. um Vergebung mein Herr— begann ſie jetzt— iſt ihr Name Liegner? Mit meinem ſchnellen Verneinen ſtand ſogleich ihr ganzes Geſicht in neuem Glanze da. Ich bitte nochmals um Vergebung! ſprach ſie, aber mit einer voͤllig veraͤnderten Art, mit einem, durch ein, ſogar dem Auge ſichtbares, inneres Frohlocken, hervorgehauchten, unend⸗ lichen Liebreize. Ich freue mich auſſerordentlich des ſo ganz unverhoften Wiederſehens! rief ſie dann, und ich erwiederte den Ausruf mit ſolcher In⸗ nigkeit, daß ſie in die volle Wahrheit der Sache wohl keinen Zweifel ſetzen konnte. Mein Herz war durch ihr ploͤtzliches Daſeyn, und durch die Art ihres Benehmens dergeſtalt ge⸗ 88 2 oͤffnet, daß an kein Zuruͤckhalten der uͤberſtroͤ⸗ menden Freude ſich denken ließ. Ohne mein Zuthun wogte mir die Geſchichte meiner Ge⸗ fuͤhle fuͤr ſie, meiner, durch ihre ganze jetzige Weiſe neu aufgeweckten Sehnſucht nach ihr, uͤber die gluͤhenden Lippen. Das volle Herz lag mir unſtreitig ganz unverholen in den weit⸗ geoͤffneten Augen. 58. Beruhigendes Geſtändnis. So ſchloß ſich denn auch das ihrige ge⸗ gen mich immer weiter und weiter auf. Sie hatte ebenfalls ſehr beklagt, mich nie wieder⸗ geſehen zu haben. Daß es nicht geſchehen war, ging uͤbrigens ganz natuͤrlich zu. Auf einer Luſtreiſe mit der bejahrten dicken Mam⸗ ſell hatten ſich die Penſtonaͤrinnen nur kurze Zeit in der Univerſitaͤtsſtadt aufgehalten, und der Tag, an dem ich ſie vor dem Kaufmanns⸗ gewoͤlbe anredete, war der letzte geweſen. Bald 89 nachher hatte hauptſaͤchlich die Stiefmutter ihre Heirath mit einem Gutsbeſitzer betrieben, dem ſie leider, auch nicht eine liebenswuͤr⸗ dige Seite abgewinnen konnte. Auf dem ganz entlegenen Gute war die Arme, ihrer Verſiche⸗ rung nach, wie lebendig begraben. Nun rief ſein Tod ſie zwar in's Leben zuruͤck, denn auf dem Gute hielt ſie es nicht aus, aber nur in ein Leben bei der boͤſen Stiefmutter, und noch viel boͤſern Stiefſchweſter, welche letztere in⸗ deſſen, Gott Lob, einen gewiſſen Herrn Lieg⸗ ner heirathen wuͤrde. Das ſey auch der Grund zu ihrer Frage geweſen, ob ich dieſen Namen fuͤhre. Sie dankte, wie ſie ſagte, dem Him⸗ mel, daß das nicht der Fall ſey. Unmoͤglich haͤtte ſie zu dem Gatten dieſer Stiefſchweſter ein Herz faſſen koͤnnen, auch wenn ich ſolcher geweſen waͤre. 59. Original und Kopie. Wer ſieht nicht, daß ich, der Stellvertre⸗ 90—— ter jenes Liegner, mich in einer ſehr kriti⸗ ſchen Lage befand. Sie war ſolches um ſo mehr, da Clotilde, ohngeachtet der friſchen Zugend, welche ſie vor Aurelien voraus hatte, durch dieſe ungemein verdunkelt wurde. Beide Stiefſchweſtern aͤhnelten ihrem Vater auſſer⸗ ordentlich. Mir ging es uͤbrigens, als ich Clotilden zuerſt ſah, wie einem Kunſtfreun⸗ de, welcher durch die gute Kopie des Bildes eines alten Meiſters aus der Zeit des hoͤchſten Flors der Malerkunſt, das er kennt und laͤngſt gern wiedergeſehen haͤtte, erfreut wird. Im Au⸗ genblicke, wo es geſchieht, gewaͤhrt ihm auch ſolch eine Kopie Befriedigung. Allein ſobald dann wieder das Original vor ihm erſcheint, und die ganz eigene, dem Kopiſten unerreichbare Magie darin ihn anſpricht, ſo findet ſich jene Freude an dem nachgemachten Bilde, gar ſehr beeintraͤchtigt. Clotilden moͤchte ich daher mit der wohlgelungenen Kopie der Madonna des Naphael in der Dresdener Gallerie verglei⸗ ——— 91 chen, welche mir in B. vorgekommen iſt und deren friſchen Farbenglanz ich gern vergaß, als ich ſpaͤterhin wieder vor dem herrlichen Urbilde mich befand. 60. Der Liebling. Madam Melz und Clotilde kehrten zu⸗ ruͤck. Der Empfang der Trauernden war ſo kuͤhl als die Freude, welche Aurelie uͤber die⸗ ſen Wiederverein zu erkennen gab. Herr Melz erſchien darauf ebenfalls. Aber je mehr er ſich's angelegen ſeyn ließ, die wech⸗ ſelſeitigen Gefuͤhle der Damen gegen einan⸗ der zu befeuern, deſto mehr ſchienen ſie abzu⸗ ſterben. Beſonders gab Aureliens offenbare Theilnahme an meiner Perſon der Frau vom Hauſe, auch Clotilden, ein Aergernis, waͤhrend Herr Melz ſeine Luſt hieran gar nicht unter⸗ druͤcken konnte. Er ſagte mir auch, als die drei Damen mit einander hinausgegangen wa⸗ 9 2—xãxãqxq- ren, ganz unverholen, daß, ob er ſchon keine ſeiner beiden Toͤchter vor der andern vorziehe, er doch Aurelien, wegen ihrer beſondern Gut⸗ muͤthigkeit einen Mann goͤnne, der ihr Er⸗ ſatz leiſte fuͤr das ungluͤckliche Leben im Hauſe des verſtorbenen. Offenbar wuͤrde er mir noch weit lieber als ſeine Tochter Clotilde, ſeinen Liebling Au⸗ relien, zur Frau gegeben haben. 61. Martern. So fand ich mich denn durch die naͤm⸗ liche, welche ich lange Zeit fruchtlos aufgeſucht hatte, nunmehr, da ſie ganz unerwartet wie⸗ der zum Vorſchein kam, gewaltig in der Klemme. Wie ſehr aber auch mein partheiiſches Herz mich Clotilden abtruͤnnig zu machen ſuchte, ſo konnte meine Ehrlichkeit ſich doch nicht dazu verſtehen. Auf dem Wege nach meinem Zimmer, war 93 ich eben in ſo tiefen Gedanken, daß Madam Melz, Trotz der Enge des Corridors, in dem wir zuſammentrafen, gewiß nicht von mir be⸗ merkt worden waͤre, wenn ſie mich nicht an⸗ geredet haͤtte. Sie fragte mich, ob ich denn, wie es ſcheine, ihre Stieftochter ſchon zuvor gekannt. Darauf rief ich ihr meine zwei fluͤch⸗ tigen Szenen mit der ſogenannten Namenlo⸗ ſen in's Andenken zuruͤck. Das Licht des Wandleuchters, unter dem es geſchah, wurde an mir zu einem recht grau⸗ ſamen Marterinſtrumente. Madam Melz wußte das zu benutzen. Das argwoͤhniſche Forſchen ihres Auges entflammte mein Geſicht; es zer⸗ malmte mein wankendes Herz. 62. — Steigende Läſterungen. Madam Melz kehrte mit mir um. Es iſt — ſagte ſie beim Eintreten in mein Zimmer— es iſt uͤberaus laͤcherlich von der Perſon, daß 94 ſie eitel genug ſeyn kann, ihren gar gewaltig herunter gekommenen Reizen neben der vollen kraͤftigen Jugend Clotildens auch nur einige Wirkung zuzutrauen. Daß das aber der Fall iſt; daß ſie alles anwendet, auf ihr Herz, lie⸗ ber Richter, Eindruck zu machen, das faͤllt in’s Auge. Sind ſie hier, Muͤtterchen?— Mit die⸗ ſer Frage oͤffnete Clotilde die Shi und trat zu uns. Pfui— rief ſie aus— uͤber ſolche ab⸗ ſcheuliche Coketterie. Warlich, jeder Blick der Entarteten macht mich ſelbſt erroͤthen, wegen des Ungluͤcks, ihre Schweſter zu ſeyn. In dieſem Sinne entſpann ſich ein Geſpraͤch zwiſchen Mutter und Tochter, bei dem ich gar nicht wußte, was ich anfangen ſollte, da es mir unmoͤglich war, in die immer ſteigen⸗ den Laͤſterungen uͤher die arme Wittwe ein⸗ zuſtimmen. 63. Förmliche Spaltung. Abends uͤber Tiſche kam zwiſchen den Schweſtern ein ſehr unmanierlicher Zank zu Stande. Bei dieſem zeigte ſich's, wie ſehr Aurelie Clotilden an Klugheit uͤbertraf. Denn meine Verlobte vergaß ſich bis zum Schim⸗ pfen, waͤhrend die Trauernde bei ihren An⸗ griffen immer den Vater bat, ſich ihrer anzu⸗ nehmen, weil es ihr ja unmoͤglich ſey, ſo ent⸗ ſetzliche Gemeinheiten zu erwiedern. und dies eben brachte Clotilden zuletzt dermaſen auf, daß ſie, einer Furie gleich, das Zimmer verließ und Madam Melz, mit dem grimmigſten Blicke auf Aurelien, ihrem Schos⸗ kindchen aͤngſtlich nacheilte.“ Troͤſtend geleitete bald darauf der Vater ſeinen Liebling in das dieſem beſtimmte Ge⸗ mach, mit der Bitte, daß ich noch ein wenig verweilen moͤchte. 64. Gerechte Furcht. Das Nachdenken, dem ich einige Zeit uͤberlaſſen blieb, hatte wenig Troͤſtliches. Die⸗ ſelbe Klippe, an der ich ſo oft geſcheitert war, ſchien wieder aus den ſtuͤrmiſchen Wogen her⸗ vorzutreten. Meine zeitherige Noth entſtand gemeiniglich aus dem Ueberfluſſe. Und nun, nachdem dieſer mir, gleichſam mit der Wur⸗ zel ausgerottet war, wuchs er mir doch, aber freilich in ganz anderer Geſtalt, wieder zu. An der Hand eines dieſer beiden Maͤdchen haͤtte ich vielleicht gluͤcklich werden koͤnnen. Da muͤſſen nun aber zwei zugleich da ſeyn, welche mir beide gut ſind, deren jede, ohn⸗ ſtreitig ſchon darum brennt, mich zu heirathen, weil ſie dadurch einen Haupttriumph uͤber ihre feindliche Schweſter feiert.— Ohne Aureliens Dazwiſchentreten waͤre ich mit Clotilden zu⸗ frieden geweſen. Vielleicht waͤre ſogar die ab⸗ —— ☛ — 4* 97 abſcheuliche Gemeinheit, in der ſie ſich mir darſtellte, niemals zum Vorſchein gekommen, die ihr nun fuͤr immer in meinen Augen ſchadete. In der That, der letzte Auftritt hatte dem Maͤdchen mit Einem Male alle Vortheile aus der Hand gewunden, welche ihr das Recht der Prioritaͤt auf mich zuſprach. Es hatte Aureliens Vorzuͤge vor ihr auf eine Weiſe vermehrt, wodurch mir Clotilde dergeſtalt in Schatten gerieth, daß mich vor der Verbin⸗ dung mit ihr nunmehr, um ihrer ſelbſt wil⸗ len, gerechte Furcht anwandelte. 65. Umgeſtaltung. Eben recht tief in das traurige Gefuͤhl verſunken, daß das Maͤdchen nur ungluͤcklich werden koͤnne an meiner Hand, erwachte ich, wie aus einem tiefen Traume von dem freund⸗ lichen Zurufe des zuruͤckkehrenden Herrn Melz. II. G 9⁸ Er begann: Glauben ſie gewiß, lieber Richter, ich theile ihr Aergernis und ihren Verdruß. Ich ſetze mich ganz an ihre Stelle. Meine juͤngere Tochter hat, durch die vorige Selbſterniedrigung, alle Anſpruͤche auf die Achtung eines ſo gebildeten Mannes, als ſie ſind, verwirkt. Iſt ihr bereits von ihnen ein foͤrmlicher Antrag geſchehen? Ich verneinte das. Deſto beſſer! verſetzte er. Uebrigens haͤtte ich, als Vater des unartigen Kindes, ſie auch von ihr losgeſprochen, wenn ſolch ein An⸗ trag, den ſie bei meinen und meiner Frau ſichtbaren Geſinnungen gegen ſie, wohl un⸗ ternehmen konnten, wirklich ſtattgefunden. Offenbar gab die Freude uͤber meine Stim⸗ mung, oder vielmehr Verſtimmung, dem Manne einen Grad von Beredſamkeit, bei dem es ihm leicht wurde, mich uͤber meine Geſinnungen fuͤr Aurelien auszuforſchen. Gute Nacht, Herr Schwiegerſohn! — 99 ſagte er endlich, umarmte mich mit Herzlich⸗ keit und ging, wie es ſchien darum ſo eilig hinweg, weil er ſeiner Aurelie noch vor Schla⸗ fengehen das Reſultat unſeres Geſpraͤches mit⸗ theilen wollte. 8 Mehr betaͤubt, als beruhigt, legte ich mich nieder. 66, Frage. Am Morgen weckte mich ein Bedienter, Er uͤberbrachte ein Billet von Madam Melz. Aus dem Eingange ſchon ließ ſich abnehmen, daß noch am Abende Eroͤffnungen gegen ſie von Seiten des Hausherrn uͤber meine kuͤnf⸗ tigen Verhaͤltniſſe ſtattgefunden hatten. Un⸗ dank und Treuloſigkeit waren die gelindeſten Worte darin, und der Schluß lautete, daß ich vor Tages Anbruche das Haus verlaſſen moͤchte, weil es ſonſt zu hoͤchſt unangenehmen Auf⸗ tritten kommen koͤnnte. G 2 100 Ich glaubte um ſo weniger von dieſem Rathe Gebrauch machen zu duͤrfen, da im ganzen Briefe des Herrn Melz mit keiner Silbe gedacht war, und ich, nach der troͤſtli⸗ chen guten Nacht, die er dem kuͤnftigen Schwiegerſohne gewuͤnſcht hatte, auch dann ſein Haus nicht ohne Abſchied verlaſſen zu koͤnnen meinte, wenn er ſogar durch Ma⸗ dam voͤllig gegen mich eingenommen worden. Ja, in dieſem Falle duͤnkte mich das Bleiben um ſo rathſamer, weil ich ihm doch Manches, vielleicht abſichtlich zu meinem Nachtheile ver⸗ kehrt Vorgeſtellte, aus anderm Geſichtspunkte zeigen konnte. Hatte ich mich aber je im Leben verrech⸗ net, ſo war es diesmal. Nachdem ich auf meine wiederholte Frage, ob Herr Melz auf⸗ geſtanden ſey, endlich ein Ja zur Antwort erhalten, ließ ich mich bei ihm melden. Wie ein Raſender empfing er mich. An Vorſtel⸗ lungen nicht zu denken. Er fragte mich, wie 101 ich, nachdem ich in der kuͤrzeſten Zeit ein ſo anſehnliches Vermoͤgen durchgebracht habe, nur noch wagen koͤnne, innerhalb der Thore mei⸗ ner Vaterſtadt wiederzuerſcheinen? 67. Rath. Madam, das ſah ich nun wohl, hatte den rechten Fleck zu treffen gewußt. Uebrigens verfehlte die Frage, Trotz der Unartigkeit, mit der ſie geſchah, ihre Wirkung doch nicht auf mich. Die unlaͤugbare Wahrheit in ihr demuͤthigte mich ſo tief, daß ich wirklich ſchon im Begriff ſtand, zur Hinterthuͤr des Hauſes hinauszuſchleichen und ſo den naͤchſten Weg gus der Stadt zu gewinnen. Da kehrte aber eben der alte Raſſel die Gaſſe und fragte ver⸗ wundert: Schon ſo fruͤh auf, Herr Richter? — Und was iſt ihnen denn widerfahren? fuͤgte er dann, mir in das verſtoͤrte Geſicht ſchau⸗ end, ſo erſchrocken hinzu, daß mir im Augen⸗ 1⁰² blicke Niemand einſtel, der meines ganzen Vertrauens wuͤrdiger war, als dieſer theilneh⸗ mende Greis. Ich entdeckte ihm daher meine ungluͤckliche Lage und daß meine Nuͤckkehr in die Vaterſtadt eigentlich nur ihm gegolten habe. Wirklich hatte ich ihn um die Darleihung ſo vielen Geldes anſprechen wollen, als zu Einloͤſung meines Koffers und zum Etabliſſe⸗ ment als Doktor der Rechte, mir noͤthig war. Ich erzaͤhlte ihm, auf welche Weiſe ich mei⸗ nem Vorſatze abtruͤnnig geworden und daß ich nun wieder ganz auf dem Punkte ſtehe, als an jenem Abende, wo ich ſeinetwegen den Kopf in das Haus hineinſteckte, aus dem man mich eben verwieſen hatte. Sogleich ſchaffte er Rath, indem er mich fuͤr das Erſte nach einem benachbarten Gaſt⸗ hofe fuͤhrte, der ſeinem Schwiegerſohne zuge⸗ hoͤrte. —— 103 68. Zwiſchen zwei Stühle. Auf meine Bitte beſorgte Raffel zunaͤchſt die Erſtattung der Koſten fuͤr meinen Koffer an Madam Melz und uͤberbrachte mir dieſen ſelbſt. Zugleich erzaͤhlte er mir, daß beide Toͤchter vom Hauſe, Aurelie und Clotilde, ihn bei Seite genommen und ſich angelegent⸗ lich nach mir erkundigt haͤtten. Er glaube— ſprach er— daß mir ſogar bei Clotilden, die Gnadenthuͤr noch gar nicht verſchloſſen ſey, wenn ich vielleicht zu ihr umkehren wolle. Uebrigens— fuͤgte er hinzu— genau ge⸗ nommen, kann ich ihnen nur Gluͤck wuͤnſchen, daß ſie ſich da ſo zwiſchen zwei Stuͤhle ge⸗ ſetzt haben, wie man zu ſagen pflegt. Der Zwieſpalt in dieſem Hauſe, haͤtte gewiß auch auf ihre Ehe hoͤchſtnachtheilig eingewirkt, und was nutzt aller Reichthum der Welt, wenn man dabei nicht froh werden kann? 1⁰4 69. Die Grilte. Der Mann hatte mir hiermit ſo ganz aus dem Herzen geſprochen, daß ich ſeine wackere Hand mit Freuden ergriff. Schon als mein Gedanke, Clotilden zu heirathen, durch keinen an ihre, mir damals wie fuͤr immer verſchwundene, Schweſter geſtoͤrt wurde, ſchon da neckte mich, mitten in der Vorſtel⸗ lung meines kuͤnftigen Gluͤckes eine—— Grille will ich's nur nennen, die, einer Mucke gleich, je heftiger ich ſie von mir ſcheuchte, immer wieder deſto empfindlicher auf mich einſtach. Es war die, daß ich dem Vermo⸗ gen der kuͤnftigen Gattin weder etwas Aehn⸗ liches, noch auch nur ein lohnendes Gewerbe gegenuͤber zu ſtellen hatte. Wenn ich nun auch als Doktor der Rechte mich niederließ, wie lange waͤhrte es nicht, ehe ich eine Prarxis gewann, deren Ertrag ſich mit dem Einkom⸗ 105 men meiner Frau einigermaſen vergleichen ließ? Jahre konnten daruͤber hingehen, und binnen dieſer Zeit betrachtete mich Herr Melz gewiß als einen, den er und ſeine Tochter in Compagnie zum Manne gemacht hatten. Der verwuͤnſchte Sinn dieſes gemeinen Aus⸗ drucks, den ich nicht immer blos aus dem Munde des eigentlichen Poͤbels vernommen, konnte, ſchon beim Gedanken daran, mein Blut zum Sieden bringen. Mich ſollte Nie⸗ mand zum Manne machen; ich wollte es durch mich ſelber ſeyn! 70. Meine Liebe, Waͤre eigentliche Liebe zu Clotilden in mir geweſen, ſo haͤtte ich allerdings vielleicht gemeint, mag der Alte denken und reden, was er will; allein meine Liebe zu ihr beru⸗ hete auf nichts weiter, als dem ſimpeln Triebe zum Eheſtande, der ſich, meines Erachtens, 10⁰6 durch eine Perſon von ihrem Aeuſſern recht angenehm realiſiren ließ. Und, aufrichtig zu ſeyn, mit Aurelien, obſchon ſie mir offenbar beſſer geſiel als Clotilde, war es ganz der⸗ ſelbe Fall. Auch zu ihr trieb mich die Lei⸗ denſchaft ſo wenig, wie zu Mamſell Joſephi⸗ nen Leßner, der ich Thor genug geweſen war, mich im eigentlichen Verſtande aufzuopfern. Allein ich fuͤhlte wohl, daß ich in meinem Leben nur Einmal wahrhaft geliebt hatte, und ſeitdem der Gegenſtand meiner Liebe ſich ſo ganz unwuͤrdig bewieſen, zur eigentlichen Leiden⸗ ſchaft der Liebe niemals wieder gelangen wuͤrde. 71. Das Billet und der Reiſende. Raffel verließ mich, um, wie er ſagte, das Noͤthige zu beſorgen. Zwei Stunden ſpaͤter kam er mit Wechſeln auf noch einmal ſo viel Geld, als ich von ihm begehrt hatte. Das wuͤrde mir ja nur die kuͤnftige Wieder⸗ 107 erſtattung erſchweren! ſprach ich, das uͤber meine Bitte hinausgehende ernſtlich zuruͤck⸗ weiſend. Alein er erwiederte: Grade dieſes Wort buͤrgt mir fuͤr ihren aufrichtigen Wil⸗ len, es wiederzugeben. Um ſo mehr aber dringe ich in ſie, ſich die volle Summe gefal⸗ len zu laſſen. Der ganze Verluſt derſelben wuͤrde mir und den wohlverſorgten Meinigen zu gar keiner Beſchwerde gereichen, und ſie koͤnnten doch wohl in Faͤlle kommen, das Mehr zu beduͤrfen, das ich ihnen aus gutem Herzen darbiete. Zugleich bringe ich hier ein Billet. Dann melde ich ihnen einen Reiſenden mit Auf⸗ traͤgen an ſie von einem gewiſſen Stadtſchrei⸗ ber in Muͤhlheim, glaube ich. Raffel fuͤgte daruͤber ſeine beſondere Freude hinzu, daß wirklich meine Abſicht ſchon vor der Ankunft in meiner Geburtsſtadt dahinge⸗ gangen, ihn aufzuſuchen. Denn die Nach⸗ frage jenes Reiſenden bei ihm beweiſe es. 108—— 72. Mein Stolt. Das Billet war von Aurelien. „Hoffen Sie, lieber Richter!“ lautete es.„Ohne Zweifel wird noch heute Alles ausgeglichen, Alles gut werden. So ſehr auch mein Vater gegen ſie eingenommen wor⸗ den, ſo kenne ich doch ſeine Zaͤrtlichkeit fuͤr meine Perſon. Ich denke Ihnen das Wort ſo zu reden, daß mir die Erlaubnis, die Ih⸗ rige zu werden, nicht fehlen kann.“ „Aurelie.“ Sie hat Recht! bekraͤftigte der Alte, dem ich das Billet zu leſen gab. Ihr Vater thut Alles, was ſie will. Nein,— rief ich aus— und wenn auch ſte und er wollen, ſo will doch ich nicht, durchaus nicht. Sprich nur, guter Raffel, du habeſt mich nicht wieder geſehen; ich ſey abgereiſt, oder was du willſt. Da kein Pet⸗ 1 109 ſchaft auf das Siegel des Billets gedruͤckt iſt⸗ ſo darfſt du es nur wieder zumachen und ihr ſolches zuruͤckgeben. Auch abgeſehen von mei⸗ nen, vorhin dir geaͤuſſerten, Gruͤnden gegen die Heirath einer der beiden Maͤdchen, leidet es mein Stolz nicht, wieder in Verhaͤltniſſe mit einer Familie zu treten, aus der ich ſo ſchnoͤde hinweggewieſen wurde. 73. Das Rathſamſte. Die Freude ſtieg immer heller aus dem Geſichte des alten Raffel auf, als ich das ge⸗ ſagt hatte. Brav, lieber Herr Richter! ſprach er. Es gefaͤllt mir doppelt, da die aͤltere Tochter des Herrn Melz zwar gewiß viel feiner als die juͤngere, aber dieſe doch, wenigſtens vor der Hand noch, immer beſſer iſt, als ſie. Nimmermehr haͤtte Madam Melz es uͤber den Herrn gewonnen, ſeinen Liebling aus dem 1 10 Hauſe in eine entfernte Penſionsanſtalt zu ſchaffen, wenn nicht die damals Vierzehnjaͤh⸗ rige ſchon Verbindungen mit Maͤnnern ge⸗ habt haͤtte, die—— etwas weit gingen. Nun kann ſie ſeitdem, zumal da ſie nachher auch geheirathet hat, freilich ganz anders ge⸗ worden ſeyn. Indeſſen—— Indeſſen— fiel ich dem hier Stockenden in's Wort— iſt es doch gewiß das Rath⸗ ſamſte, irgend einem Andern die Pruͤfung ih⸗ rer Beſſerung zu uͤberlaſſen. 74. Das Dorher n. Ach— fuhr der Alte fort— uͤberhaupt die Weiber, die heutigen Weiber! Und frei⸗ lich— fuͤgte er ſeufzend hinzu— die Maͤn⸗ ner, leider, auch! Ihretwegen aber, Herr Richter, will ich jetzt nur bei den Weibern ſtehen bleiben. Zu meiner Zeit gab es doch guch welche, und recht muntere und luſtige —— —— 111 Weiber. Nun mag es allerdings bisweilen Verlaͤumdung ſeyn, was man heutzutage man⸗ chen Weibern nachſagt. Da iſt zum Beiſpiel Madam Melz. Von der ſprechen ſie, ſie dok⸗ tere zu viel. Wahr iſt's freilich, der geheime Obermedizinalrath, wenn er einmal gar nicht weiß, wo ſein Famulus, der Doktor Neiz ſteckt, ſo darf er nur zu uns in's Haus ſchik⸗ ken. Es kann aber freilich auch ſeyn, daß ihr Geſundheitszuſtand eine ſtete, aͤrztliche Huͤlfe noͤthig macht. Wiewohl man ihr nichts eben anſieht. Ich entgegnete, daß ich nur einen ganz alten Mann als Arzt bei Madam Melz ge⸗ funden. Richtig— ſagte er— das iſt der geheime Obermedizinalrath. Blos darum aber beſucht er ſie ſelbſt, weil ſein Famulus hat verreiſen muͤſſen. Da kommt er eben zuruͤck! rief er, auf einen ſehr beſtaubten Reiter deutend, der auch wirklich vor dem Melziſchen Hauſe ab⸗ ſtieg. 11²— 75. Die projektirte Vekehrung. Der Fremde, welcher nach mir gefragt hatte, erſchien und haͤndigte mir einen Brief ein. Nach der eben mit angehoͤrten Abhand⸗ lung uͤber die Weiber, machte dieſer großen Eindruck auf mich. Der Brief war naͤmlich nicht von Mehlwurm, ſondern von ſeiner Frau, hinter dem Ruͤcken ihres Mannes ge⸗ ſchrieben, wie ſie ſelbſt ſagte. Es ſtand darin von einer unbezwinglichen Sehnſucht nach mir und dergleichen; mit Einem Worte, von Dingen, welche des alten Raffels Rede ganz zu beſtaͤtigen ſchienen. Nimmermehr haͤtte ich dieſer ehrbaren Frau ſo etwas zugetraut. Zugleich wies ſie mich auf die gute Reiſegelegenheit mit dem Ueberbringer nach Muͤhlheim, welchen Ort ich ja ohnehin beruͤhre, wenn ich meinen Vor⸗ ſatz, Doktor zu werden, ausfuͤhren wollte. Mehl⸗ Mehlwurm dauerte mich, und ich kann wohl ſagen, noch mehr die arme Frau, fuͤr deren erſten Fehltritt ich dieſen Brief achtete. nebrigens nahm ich die dargebotene Gelegen⸗ heit zur Reiſe um ſo lieber wahr, weil ſie ſo⸗ gleich ſollte angetreten werden. Die Bekeh⸗ rung der Stadtſchreiberin von Irrthuͤmern, durch die ſie doch am Ende das Beſte, die Gemuͤthsruhe, einbuͤßte, war einer meiner vorzuͤglichſten Rebenzwecke bei dieſer Reiſe. 76. Einleuchtende Nothwendigkeit. Es gab auf ihr wenig Intereſſantes und nur einigermaſen Bemerkenswerthes, wenn ich einen Auflauf am folgenden Mittage in einem Dorfe ausnehme. Die Veranlaſſung geſchah durch einen jungen Mann, der gro⸗ ßen Laͤrm vor einem Hauſe erhob, in das man ihn nicht einlaſſen wollte. Weil man deshalb Thuͤr und Fenſterladen des Erdgeſchoſſes ver⸗ II. H 8 114— ſchloſſen, ſo hatte er eben eine Leiter herzu⸗ geholt, um in das obere Stockwerk einzuſtei⸗ gen. Durch die weiblichen Noth⸗ und Huͤlfs⸗ rufe und Vorſtellungen von daher aber war ein ziemlicher Theil der Dorfbewohner auf die Beine gebracht worden. Der Wirth des Gaſthofs, an deſſen Fen⸗ ſter wir das Schauſpiel abwarteten, erzählte uns, daß das Haus einem Paare zugehoͤre, welches ſich nicht habe heirathen ſollen. Grade durch das Verbot aber ſey ſeine verliebte Toll⸗ heit aufgereizt worden. Es habe eine Entfuͤh⸗ rung ſtattgefunden, und als man die Herum⸗ ſtreifenden endlich ergriffen, moͤge dem Paͤar⸗ chen die gegenſeitige Neigung zwar ziemlich ausgegangen geweſen, aber in der von allen Seiten ſehr verdruͤßlichen Hoffnung auf De⸗ ſcendenz, ein Umſtand eingetreten ſeyn, der die Nothwendigkeit einer geſetzlichen Verbin⸗ dung dem zornigen Vater, wie der verfuͤhr⸗ ten Tochter, einleuchtend gemacht habe. — 115 77. Nothgedrungene Verhaftung. So weit war der Wirth mit ſeinem Be⸗ richte gekommen, als man den uͤberaus unge⸗ berdigen jungen Mann, die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, voruͤberbrachte. Schleunig zog ich mich bei der Entdeckung, daß es kein anderer Menſch, als der vormalige Mohr, Herr Luft, war, vom Fenſter zuruͤck. Mir fehlte die Luſt zu einem Geſpraͤche mit dem Taugenichts, das er gewiß frech genug gewe⸗ ſen waͤre, ſogleich anzuknuͤpfen. Der Vater ſeiner Frau, der ſogenannten Elka, hatte das Paar, wie ich nun hoͤrte, zur Poͤnitenz einſt⸗ weilen, auf das Bauerguͤtchen verwieſen, wo ſie zeither mit einander wohnten. Allein die uneinigkeit war allzugroß. Am Tage zuvor ſollte er mit ſo abſcheulichen Drohungen ge⸗ gen ſeine Frau das Haus verlaſſen haben, daß dieſe, als er bis jetzt ausgeblieben, ſich ſcheue⸗ . 9 2 116 te, ihn wieder aufzunehmen. Bei dieſer Ge⸗ legenheit hatte er laut von ihrer Ermordung und vom Abbrennen des Guts geſprochen, ſo daß man gendoͤthigt geweſen war, ihn zu ver⸗ haften. 78. uneinigkeit mit mir ſelber. Als ich in den Vormittagsſtunden vor dem Mehlwurmſchen Hauſe in Muͤhlheim ausſtieg, lag die Stadtſchreiberin im Fenſter, wie es ſchien, auf mich wartend. Ihr freundliches Entgegenkommen, ihre Milde und die aͤuſſerſte Nettigkeit ihres Morgenanzugs machten mich, oben beim Empfange mit mir ſelber uneins. Ach, wie gruͤndlich hatte ich mich unterwe⸗ ges, waͤhrend des Schlafes meines Reiſege⸗ faͤhrten, auf eine recht nachdruͤckliche Ermah⸗ nung gegen die Fallſtricke des eigenen Her⸗ zens vorbereitet und nun ſtellte das meinige offenbar dergleichen gegen mich ſelber auf. 117 Die angenehmen Blicke der jungen Frau ſchmolzen mir jedes Wort von der Lippe weg, mit dem ich ihre Sehnſucht nach mir hatte vernichten wollen. Zwar beharrte ich ſtandhaft bei dem Vor⸗ ſatze, meiner Sehnſucht nach ihr gewiß nicht den Zuͤgel ſchießen zu laſſen. Aber ſogleich auf der Stelle mit dem Hammer des Geſetzes an ihr ſchlafendes Gewiſſen zu ſchlagen, deſſen waͤre ich nimmermehr faͤhig geweſen. Solch eine zarte Frau wollte zarter angefaßt ſeyn, zumal im jetzigen Zuſtande der guten Hoff⸗ nung, der zwar natuͤrlich ihren Wuchs nicht verbeſſerte, aber doch ihrer Figur einen ganz eigenthuͤmlichen Reiz verlieh. 3 79. Bittre Empfindung⸗ Es war ein beſonderes Gluͤck, daß ich weder mein etwas genaͤſchiges Herz losließ⸗ noch den Vorſatz, der Stadtſchreiberin die 118 Moral zu leſen, in Ausfuͤhrung brachte. Denn kaum hatte ſie auf meine Frage nach ihrem Manne, geantwortet, daß er unter ein Paar Stunden ſchwerlich vom Rathhauſe zuruͤckkeh⸗ ren werde, ſo fuͤgte ſie hocherroͤthend hinzu: Was muͤſſen ſie wohl gedacht haben, lieber Richter, wegen des tollen Briefs, den ich ih⸗ nen ſchreiben konnte? Ich bin auch eigentlich gar nicht die Verfaſſerin. Mein eben recht muthwilliger Mann hatte den ſeltſamen Ein⸗ fall, mir ihn Wort fuͤr Wort, ſo in die Fe⸗ der zu diktiren.— Es iſt eine ganz eigene Sache um die menſchliche Eitelkeit. So misfaͤllig mir auch jener Brief in der That geweſen war, in dem die Stadtſchreiberin, wie es ſchien, eine ge⸗ waltige Schwaͤche fuͤr mich kundthat, ſo bit⸗ ter empfand ich's doch im damaligen Augen⸗ blicke, daß dieſe Schwaͤche einzig in meiner Einbildung gelegen hatte. 80. Neue Heirathsgelegenheit. Verzeihen ſie ja— fuhr ſie fort und fuͤg⸗ te, weil ich vielleicht nicht ſehr verzeihungs⸗ luſtig ausſah, noch hinzu: Dafuͤr will ich ih⸗ nen auch nun eine recht intereſſante Neuigkeit mittheilen: Joſephine kann noch immer die Ihrige werden. Ich dankte verbindlichſt. Vielleicht nur— verſetzte ſie— weil ſie es auch fuͤr einen Scherz halten, wie mein Brief war. Nichts weniger. Und nun er⸗ zaͤhlte ſie mir ausfuͤhrlich, daß nach einer Menge unangenehmer Vorfaͤlle, theils von Joſephinens Eigenſinn, theils von des Ba⸗ rons wirklicher Perfidie veranlaßt, die Schei⸗ dung des Paares bereits eingeleitet und der 1 Baron deshalb ſo eben verreiſt ſey. Joſephine ſuchte uͤbrigens, nach der Stadt⸗ ſchreiberin Verſicherung offenbar ihre, in der 120 letzten Zeit ganz in Vergeſſenheit gerathene Freundſchaft auf das eifrigſte wieder zu er⸗ neuern. Sie uͤberlief ſie alle Tage, machte ſich ein ordentliches Geſchaͤft daraus, ihre Wuͤnſche fuͤr mein Gluͤck jederzeit recht nach⸗ druͤcklich auszuſprechen, hatte auch ſogar ſchon zu erkennen gegeben, daß ja wohl ihr fruͤhe⸗ rer, ungluͤcklicher Irrthum wegen meines To⸗ des kuͤnftig ganz zu verwiſchen ſeyn duͤrfte. Mit recht herzlicher Billigung druͤckte die Stadtſchreiberin mir die Hand, als ich moͤg⸗ lichſt beſtimmt erklaͤrte, daß dieſes Verwiſchen. eine pure Unmoͤglichkeit ſey, wenn darunter vielleicht eine Heirath zwiſchen mir und der Scheidenden gemeint ſeyn ſollte. 81. Die Gaunerin. Ein Wagen, der jetzt vor die Hausthuͤr raſſelte, lockte uns an's Fenſter. Eine Dame ſchluͤpfte eben in's Haus. Mein Reiſeanzug 121 eignete ſich wenig zum Erſcheinen vor Da⸗ men, die in ſo glaͤnzenden Wagen anlangten. Allein die Stadtſchreiberin beſtand darauf, daß ich mich durchaus nicht zuruͤckziehen duͤrfe und eilte der Kommenden entgegen. Ich wußte nicht was ich denken ſollte. Zwar widerſprach das blonde Haar, und die gleichen Augenbraunen der Vermuthung, daß es Ranthia ſeyn koͤnne, allein Stimme und Ausſprache waren voͤllig die ihrigen. Sie lo⸗ gen, das war gewiß. Die Feſtigkeit und Ru⸗ he, mit welcher die Dame meinem offenba⸗ ren Staunen, ja Erſchrecken gegenuͤberſtand, bezeugten das. Nein, die mir als Marcheſe Orelli vorgeſtellte konnte jene Perſon unmoͤg⸗ lich ſeyn. Ein Zug drauſſen an der Klingel und die Stadtſchreiberin eilte hinaus. Ich war mit der Marcheſe allein. Noch ein Paar Augen⸗ blicke weidete ſich dieſe ganz offenbar an mei⸗ ner Unfaͤhigkeit, auch nur ein Woͤrtchen her⸗ 122— vorzubringen. Dann aber brach ſie ploͤtzlich in ein Lachen aus, welches mir wohl den letz⸗ ten Zweifel an ihrer Identitaͤt mit jener Gau⸗ nerin benehmen mußte. 82. Rechtfertigung. Das Wort Gaunerin entſchluͤpfte mir nur; ich nehme es zuruͤck. Der Eingang ih⸗ rer Mittheilungen ſchon mußte mich ſehr em⸗ pfaͤnglich fuͤr das Nachfolgende machen. Mit Recht begann ſie naͤmlich mit ihrer Rechtfer⸗ tigung wegen des ſchweren Verdachts, der uns auseinander gebracht hatte. Leider, war ich, wie ſich nun fand, gewiſſermaſen die Veran⸗ laſſung zu jenem Verdachte geweſen. Als ich Lesbien im Gaſthofe durch das Schluͤſſelloch belauſchte, dann in ihr Zimmer hineinwuͤthete und ſie mich von ihrem Spiele mit jener Puppe unterrichtete, hatte der Kellner durch die offengebliebene Zwiſchenthuͤr das Spiel 123 lange beobachtet, ehe er die Lichter hineinſetzte. Durch ihn war das dem Oberkellner hinter⸗ bracht worden. Dieſer kannte die Beſtimmung von dergleichen Gliederpuppen. Laͤngſt durch des nachher vergifteten Millionaͤrs Vermoͤgen zur Hinwegraͤumung deſſelben angereizt, hatte er ſchon fruͤher die Abſicht, des Pflanzers of⸗ fenbare Vorliebe fuͤr Lesbien, als einen Man⸗ tel fuͤr ſeine boͤſe That zu gebrauchen. Er warf daher heimlich das Gift in die Schoko⸗ lade, welche Lesbia dem Alten zubereitete, als dieſe auf einen Augenblick davon hinwegge⸗ gangen war. Die Puppe, welche ſich nachher unter den Sachen der Verhafteten vorfand, und das Experiment mit derſelben, von dem der Lichter bringende Kellner Zeuge geweſen, ſchien die offenbarſte Beſtaͤtigung der verab⸗ ſcheuungswuͤrdigen Lebensart der Leute, bei denen ſie gefunden wurde. 124— 83. Friedensſtiftung. Als Nanthia dies eben bemerkte, fuͤhlte ich mich zu der Frage gedrungen: Wie ſie nur auf ſolch ein Spielwerk, wie jene Puppe, habe verfallen koͤnnen. Es war, ſo entdeckte ſie mir, ganz zufaͤllig geſchehen. Der Gaſt⸗ wirth einer kleinen Stadt, in deſſen Hauſe ſie, kurz vor meinem Zuſammentreffen mit ihnen, einmal uͤbernachteten, hatte bei einer oͤffentlichen Verſteigerung, auf die Puppe ge⸗ boten und ſolche richtig erhalten. Aber ob⸗ ſchon es nur eine Kleinigkeit war, was er dafuͤr gegeben, ſo zankte doch ſeine Frau auſ⸗ ſerordentlich uͤber das unnuͤtz weggeworfene Geld. anthia, den am ganzen Orte unbe⸗ kannt ſcheinenden Zweck von dergleichen Glie⸗ derpuppen kennend, achtete es fuͤr gefaͤhrlich, das Ding in einem Gaſthofe zu laſſen, wo ohnſtreitig nur allzubald einmal Jemand ein⸗ — 125 treffen und die hier uͤberfluͤſſige Sache, um Misbrauch damit zu treiben, erkaufen koͤnne, ſtiftete durch die Wiedererſtattung des ausge⸗ gebenen Geldes Frieden zwiſchen ihm und ſei⸗ ner Frau und nahm die Puppe mit ſich. 84. Das harmloſe Spiel. Waͤhrend eines hartnaͤckigen Augenuͤbels des Maͤdchens, in dem Panthia mit dem Arz⸗ te auf alle Weiſe zu vermeiden ſuchte, daß Lesbia nicht uͤber Buͤcher gerieth, fehlte es ihr einmal an allem Zeitvertreibe. Ihr Un⸗ muth deshalb gab Veranlaſſung, daß die Pup⸗ pe herbeigeholt und das gefaͤhrliche Spiel mit ihr als Scherz verſucht wurde. Die Sache ergoͤtzte auch die Kranke dergeſtalt, daß ſie ſich mehrmals damit beſchaͤftigte. Froh, einen Zeitvertreib fuͤr ſie gefunden zu haben, der die Augen weniger angriff, als das Leſen, ließ Panthia das ſehr gern geſchehen. Uebrigens 126 offenbarte ſie Lesbien nicht einmal, wozu der⸗ gleichen Puppen angewendet wuͤrden, und wenn ſie ihr die Nothwendigkeit vorſtellte, ſich ja nicht bei dieſer Puppe von fremden Augen uͤberraſchen zu laſſen, ſo gab ſie dazu einzig den Grund an, daß ein erwachſenes Frauen⸗ zimmer ſich ſchaͤmen muͤſſe, beim Puppenſpiele betroffen zu werden. Auch nach jener Augenkrankheit ſuchte Lesbia dieſes Spiel manchmal in muͤſſiger Stunde wieder vor, und es war zu harmlos, als daß Kanthia es ihr haͤtte wehren moͤgen. Nach jenem Abende aber, wo ſie Lesbien und mich zuſammen mit der Gliederpuppe be⸗ ſchaͤftigt gefunden, dachte die erfahrne Frau recht ernſtlich daran, ſich der Puppe zu ent⸗ ledigen. Bei Perſonen, die ihrer unſtaͤten Le⸗ bensart nach, leichter als viele Andere in Ver⸗ dacht gerathen koͤnnen, war es wohl moͤglich, daß, beſonders in ſo mistrauiſcher Zeit, auf irgend eine Veranlaſſung, ihre Sachen ein⸗ — 127 * mal unterſucht und dabei die Puppe gefun⸗ den wurde. Der Beſitz einer ſolchen war zu verdaͤchtig. Zwar hatten bei ihrer Verhaftung zu— g die Richter die Beſtimmung ſolch ei⸗ ner Puppe durchaus nicht gekannt; denn es war gar keine Frage wegen derſelben geſche⸗ hen. Daß das aber anderwaͤrts auch ſo ſeyn 1 wuͤrde, darauf ließ ſich gewiß nicht rechnen. 5„ 5 85. Der eigentliche Verbrecher. Das zweite große Raͤthſel, warum ſie, bei ihrer Unſchuld, doch die Flucht mit Lesbien ergriffen, hatte ſie mir gewiſſermaſen ſchon nach der eben erwaͤhnten Verhaftung mitge⸗ theilt. Es fanden ſich naͤmlich Punkte in ih⸗ rem Leben, woruͤber ſie anſtehen zu muͤſſen 4 glaubte, Erlaͤuterung zu ertheilen. Uebri⸗ gens war ihr und Lesbien die Flucht durch den Frohn gradezu angeboten worden. Je⸗ ner Oberkellner naͤmlich hatte ihn aus Be⸗ 128 ſorgnis, daß die Ausſagen der ſchuldlos Ver⸗ hafteten und der Umſtand, daß bei ihnen nicht eine Spur von dem, dem Ermordeten entwendeten vielen Golde ſich auffinden ließ, doch wohl am Ende auf den wahren Thaͤter hinleiten duͤrften, mit einer bedeutenden Sum⸗ me dazu erkauft. Die Ausſage des damali⸗ gen Oberkellners, durch den, als nachherigen Beſitzer eines eigenen Gaſthofs in Muͤhlheim, ſeitdem aͤhnliche Verbrechen veruͤbt worden, und der jetzt eben hier vor Gerichte ſtand, hatte uͤber Alles keinen Zweifel mehr uͤbrig gelaſſen. 86. Der untergegangene Stern. Und Lesbia— nur mit Muͤhe hatte ich bis dahin die Frage nach ihrem Schickſale unterdruͤckt— Lesbia, wie geht es ihr? Recht wohl!— antwortete Kanthia. Aber, ſtatt des ſchweren Steins, der mir hier⸗ 129 hiermit vom Herzen genommen wurde, fuͤhlte ſich dieſes bald darauf durch den Gedanken ganz zerſchmettert, daß bei meinem jetzigen Zuſtande unſere beiden Lebenswege kaum noch eine Verbindung geſtatteten. Sie iſt— berichtete Fanthia weiter— die Verlobte eines jungen, wohlhabenden Man⸗ nes und die beſte Hoffnung auf ihr kuͤnftiges Gluͤck an ſeiner Seite vorhanden. Die Sinne vergingen mir bei dieſer Nach⸗ richt. Klarer als jemals fuͤhlte ich nun, daß ich den Gedanken an Lesbien, als ich ſie fuͤr jene Verbrecherin halten mußte, immer nur mit Muͤhe von mir entfernt und daß ich nie ein anderes Maͤdchen im eigentlichen Ver⸗ ſtande des Worts geliebt hatte. Ach, ich fuͤhlte, daß mit ihrem Verluſte der Stern meines irdiſchen Gluͤckes mir fuͤr immer untergegan⸗ gen war. .. J 87. Der Glaube. 3 Genau genommen, konnte ich mir weni⸗ ger als bei allen andern Maͤdchen meiner Be⸗ kanntſchaft, Rechnung daruͤber ablegen, was mich eigentlich ſo feſt an Lesbien feſſelte. Ihre Schoͤnheit allerdings auch mit. Aber die mei⸗ ſten Andern waren ebenfalls ſchoͤn, manche ſolches noch weit mehr. Ihr Geiſt?— Auch der nicht. Obſchon die Natur ſie in Anſe⸗ hung dieſer koͤſtlichen Gabe durchaus nicht ver⸗ wahrloſet hatte, ſo glaͤnzten doch Andere von meiner Bekanntſchaft dadurch weit mehr, als dieſe Lesbia, der uͤberdies die geſellige Bil⸗ dung fehlte, wodurch im Leben der Glanz des Geiſtes erſt recht hervorſpringen kann. Ihr Herz? An der Guͤte deſſelben hatte ich frei⸗ lich nicht eher den mindeſten Zweifel gehabt, als bis die ungluͤckſeligen Umſtaͤnde, welche den ſtaͤrkſten Verdacht einer Abſcheulichkeit auf — 131 ſie ladeten, mich um allen Glauben an ſie bringen mußten. Seit dieſer Zeit ſah ich wohl ein, daß es nichts, als ein heiliger Glaube an die Guͤte ihres Herzens geweſen war, was mir bis da⸗ hin fuͤr eine, auf Gruͤnden beruhende, Ueber⸗ zeugung gegolten hatte, ein Glaube, der mich in dem Augenblicke ſelbſt zu vernichten drohte, als er auf Einmal wie der unſeligſte Irtthum vor mir daſtand. Mit Einem Worte, die An⸗ ziehkraft, welche Lesbia fuͤr mich hatte, lag durchaus nicht in irgend einer ihrer beſondern Eigenſchaften, ſie lag in ihrem geiſtigen und koͤrperlichen Ganzen. Es war das Unerklaͤr⸗ bare des Wunders, oder der eigentlichen Liebe, was mein Auge nach dem ihrigen zog. Ein Paradies voll unendlicher Schoͤnheit ging mir auf, wenn mein Blick ſich in den ihrigen ſtill verſenkte, und die zauberreiche Zukunft an ihrer Seite, wie der halbdurchſichtige Ne⸗ J 2 133 bel eines reizenden Fruͤhlingsmorgens mich aus der Ferne anlaͤchelte. Ach, mit dem Verluſte des Glaubens an ſie hatte ich freilich Alles verloren gehabt. Wenn aber ſchon das jetzige Wiederfinden die⸗ ſes Glaubens, bei reiner Betrachtung haͤtte wohlthun muͤſſen, ſo konnte doch mein Sinn unmglich hierzu gelangen, da der Gedanke, daß ſie nicht mein werden ſollte, mir die Anſicht der Sache verwirrt und verdunkelt hatte⸗ 88. Der einzige Genuß. Die Stadtſchreiberin, welche mich und Panthien abſichtlich ſo lange allein gelaſſen zu haben ſchien, trat jetzt mit ihrem Gatten herein. Aber ſein Scherz ſtimmte ſo wenig zu den Wogen meines Gemuͤths, daß ich nur zu thun hatte, um ihn nicht mit Unartigkeit zuruͤckzuweiſen. 1 13³ Ueber Tiſche war mein Geiſt dann allein mit anweſend, wenn Kanthia die Rede auf ihre und Lesbiens Schickſale brachte. So ſchmerzlich mich auch das Andenken an die mir Verlorene beruͤhrte, ſo war doch dieſer Schmerz noch das Einzige, was mir einigen Genuß gewaͤhrte. 89. Mädchenr aub. Ohne beſondere Beunruhigung auf der Reiſe, hatten die beiden Frauenzimmer das Ziel ihrer Wuͤnſche, Griechenland, erreicht. Es war auch Ranthien gelungen, diejenige Frau noch am Leben zu finden, welche ihr uͤber ihre Herkunft Nachricht ertheilen konnte. anthia, oder vielmehr Camilla, Marcheſe Orelli, war naͤmlich im fuͤnften Jahre bei einer Landung von Seeraͤubern im Genueſi⸗ ſchen, vom Gute ihrer Aeltern einmal in der Nacht mit hinweggenommen worden. Anfangs e. 134 hatte man einzig die Abſicht gehabt, ſie den reichen Aeltern gegen ein ungeheueres Loͤſe⸗ geld zuruͤckzugeben. Allein die Nachricht, daß Schiffe zur Verfolgung der Korſaren im An⸗ zuge waͤren, trieb dieſe auf das Schleunigſte aus der Gegend und nach mehrern mit gutem Erfolge fuͤr ihr ſchaͤndliches Gewerbe bewirk⸗ ten Landungen an andern Kuͤſten kehrten ſie auf eine ziemlich ganz veroͤdete griechiſche In⸗ ſel zuruͤck, wo ſie ihre Niederlage hatten. 90. Die Pflanzſchule. Der groͤßere Ernſt, den man zur damali⸗ gen Zeit auf die allmaͤhlige Ausrottung der, Meer und Land immer frecher beunruhigenden Korſaren anwendete, machte das ſtrafbare Hand⸗ werk ſo gefahrvoll, daß die Bande, in deren Haͤnden Camilla geblieben war, eine Zeit lang von der zeither gewonnenen anſehnlichen Beute ruhig zu leben beſchloß. Allein theils vermin⸗ 135 derte ſich doch das Eigenthum der Raͤuber zuſehend, theils plagte ſie die Langeweile all⸗ zuſehr. Daher gingen von Zeit zu Zeit kleine Fahrzeuge nach der Nachbarſchaft ab, um ſich bald hier, bald da mit Landraͤuberei zu be⸗ ſchaͤftigen. Der Stamm dieſes unwuͤrdigen Vereins blieb auf der Inſel, und das Haupt deſſelben, ein Neapolitaner Namens Girotti, war beſonders dafuͤr beſorgt, eine eigentliche Pflanzſchule fuͤr ſeine fluchwuͤrdige Betrieb⸗ ſamkeit anzulegen. Sie beſtand theils aus den Kindern der Raͤuber, theils aus ſolchen, welche man ihren Verwandten geſtohlen hatte. Of⸗ fenbar ging Girotti's Zweck dahin, das Hand⸗ werk kuͤnftig in einigen Hauptſtaͤdten Euro⸗ pa's, ſo umfaſſend als moͤglich zu betreiben. 91. Der unterricht. Zum Gluͤcke war Camilla, welche in Fan⸗ thia umgetauft worden, der Liebling einer 136 gewiſſen Helena, einer Perſon, die uͤber die Wirthſchaft und Kuͤche der Raͤuber die Ober⸗ aufſicht fuͤhrte und wegen ihrer Kenntniſſe und Erfahrungen in dieſem Fache ein großes Anſehen zu erhalten gewußt hatte. Sie nahm daher die Kleine in Beſchlag, um, wie ſie ſagte, ſolche zu ihrem kuͤnftigen Beiſtande in Wirthſchaftsangelegenheiten heranzuziehen. So geſchah es, daß, waͤhrend alle uͤbrige, zum Theil noch recht kleine Kinder, von Zeit zu Zeit mit zu Schiffe mußten, um das zu er⸗ proben, was ſie in Diebeskuͤnſten und Gau⸗ nereien jeder Art gelernt hatten, Camilla, auch als ſie ſchon erwachſen war, immer ihr zur Seite bleiben durfte, die niemals die In⸗ ſel verließ. Vom methodiſchen Unterrichte aber in dem nichtswuͤrdigen Gewerbe konnte ſo⸗ gar die alte Helena ſie ſo wenig losmachen, als die harten Zuͤchtigungen ihr erſparen, wenn ſie ſich ungelehrig gezeigt hatte. Ich will— hatte Girotti geſagt— daß jeder Zoͤgling ge⸗ 137 hoͤrig lerne, auf eigene Hand in der Welt fortzukommen. Zugleich hatte Camilla in der vielgeltenden Helena eine Schutzpatronin, ge⸗ gen die Begierden der Raͤuber. Keiner durfte dem Maͤdchen auch nur mit Antraͤgen nahen. 92. Zerſtreuung. Die mannichfachen, Jahre lang in der Gegend veruͤbten Verbrechen hatten die Naͤu⸗ ber furchtbar gemacht, aber ihre Liſt den ei⸗ gentlichen Schlupfwinkel immer zu verbergen gewußt. Endlich wurde derſelbe durch einen jungen Mann verrathen, den ſie fuͤr einen der Ihrigen geachtet hatten. Dennoch erhielt Girotti noch Zeit genug Kunde davon, um mit ſeinem Geſindel dem Strafgerichte fuͤr den Augenblick ſcheinbar zu entrinnen, das uͤber die Bande hereinzubrechen drohte. Es ſchien ihm das Rathſamſte, ſich einſtweilen zu vereinzeln. Eine Parthie wendete ſich daher 138 hier, die andere dorthin. Camilla fuͤhrte das Schickſal mit Helenen, Girotti und mehrern der Tollkuͤhnſten, nach gar mancher Zwiſchen⸗ landung, auf die Inſel Scio. 93. Die eigene Schuld. Wenige Tage nach der Landung daſelbſt, als Camilla mit Helenen allein war, ließ dieſe den ganzen Unmuth uͤber ihr furchtbares Ver⸗ haͤngnis aus. Hauptſaͤchlich klagte ſie dar⸗ uͤber, daß ſie es ſelbſt verſchuldet hatte. Gi⸗ rotti naͤmlich war vor Jahren als ein vor⸗ nehmer Reiſender nach Metelin, ins Haus ih⸗ rer Aeltern gekommen, zu einer Zeit, wo dieſe ſie eben durchaus an einen Mann verheira⸗ then wollten, den das Maͤdchen nicht leiden mochte. Unter ſolchen Umſtaͤnden, wurde es dem ſchlauen Fremdlinge leicht, ſich durch Theilnahme das Vertrauen des Maͤdchens zu erwerben. Seine Vorſtellung, daß einzig die 139 Flucht ſie von dem verhaßten Braͤutigam be⸗ freien werde, fand um ſo eher Eingang in ihr Herz, weil dieſes ſich zu dem wohlgebaue⸗ ten Neapolitaner und ſeinem Liebesantrage hinneigte. Seiner Verſicherung nach, wollte er, wenn ſie entflohen ſeyn wuͤrden, von ei⸗ ner benachbarten Inſel aus, Unterhandlun⸗ gen mit ihren Aeltern anknuͤpfen, denen der Erfolg ſchwerlich fehlen koͤnne, da das Anſe⸗ hen und die Ncichthuͤmer ſeiner Familie ih⸗ nen gewiß zur Befoͤrderung gereichten. Aber die Arme ſah ſich nur allzubald auf das Schrecklichſte getaͤuſcht. Sie ſah, daß der Mann, welcher ſie auf dem Schiffe ſchon mit Girotti getrauet hatte, nichts weniger als ein Prieſter, ſondern ein Raͤuher, und daß der Raͤuberhauptmann ihr Gemal war. Den Zorn ihrer Aeltern ſcheuend, glaubte ſie den Gedanken an eine Flucht aus ſo furcht⸗ barer Gemeinſchaft gar nicht verfolgen zu koͤn⸗ 140 nen und fuͤgte ſich in die ungluͤcklichen Ver⸗ haͤltniſſe.. und was— ſo hatte ſie damals auf Scio troſtlos ausgerufen— was ſoll endlich noch daraus werden? Alles ſagt mir, daß ſte eben wieder hier auf ein ſo tollkuͤhnes als ruchlo⸗ ſes Unternehmen, auf eine Brandſtiftung aus⸗ gehen. Was wird noch das Ende ſeyn, als der Untergang durch den Arm der Gerechtig⸗ keit? Wahrlich, der Fehltritt aus dem Hauſe der Aeltern, zu dem mich einzig ihr gewalt⸗ ſames Schalten mit meiner Hand verleiten konnte, wird auf die entſetlichſte Weiſe an mir gerochen!— 94. Rertungsgedanke.⸗ Du aber, meine Kanthia— mar ſie fort⸗ gefahren— was verſchuldeteſt du, um in das Geſchick der Verbrecher verflochten zu wer⸗ den? Deinen Aeltern als Kind geraubt—— —— 141 Die Ruͤckkehr einiger Naͤuber unterbrach das Geſpraͤch. Als ſie aber wieder hinweg waren, wollte Helena den Aufſchluß auf an⸗ dere Zeit verſparen. Der Gedanke ſchleuni⸗ ger Rettung war naͤmlich aufgeſtiegen in ihr, bei der Thaͤtigkeit, welche ſie vom Fenſter aus im benachbarten Hafen entdeckte. Sie eilte dahin und brachte bald die frohe Nach⸗ richt zuruͤck, daß mit Tagesanbruch ein Schiff auslaufe, worauf ſie die Aufnahme fuͤr ſich und fuͤr Fanthien bereits bedungen habe. 95. Gewaltſamkeit. Allein ihre Hoffnung, in Abweſenheit der Raͤuber mit mir zu Schiffe zu gehen, dauerte nicht lange. Girotti ſelbſt kam und ſprach: Heute darf Niemand muͤſſig ſeyn unter uns. Du, Helena, wirſt gegen Morgen ein gutes Mahl bereit halten, und du, Fanthia, mußt endlich auch einmal zeigen, daß du kein un⸗ 14² nuͤtzes Glied biſt. In Kurzem wird die Flam⸗ me aus mehrern Haͤuſern aufſteigen. Dort giebt es zu ſchaffen, auch fuͤr dich. Kannſt dich zum Retten und zur Huͤlfeleiſtung bereit ſtellen. Waͤhrend wir Andern zugreifen wo es uns vorkommt, wird man deinem ſchuldlo⸗ ſen Aeuſſern das Beſte ſelbſt anvertrauen! Umſonſt verwendete Helena ſich, daß er Panthien nicht der damit unſtreitig verbun⸗ denen, großen Feuersgefahr ausſetzen moͤchte. Aber ſpottend rief er, es werde wohl end⸗ lich Zeit, daß das unnuͤtze Ding auch einmal ſaͤhe, was Gefahr ſey, und mit dieſen Wor⸗ ten ſchleuderte er ſie am Arme vor ſich hin. Schluchzend lief Helena ihr nach, doch der Grimmige zog ſeinen Dolch, ihr augenblick⸗ liches Bleiben und tiefe Stille gebietend. 96. Entſchluß. Furchtbar— ſo erzaͤhlte Fanthia hier — 143 weiter— erleuchtete ſchon, als ich an der Hand des Entſetzlichen um die Ecke des Hau⸗ ſes trat, die Flamme in einiger Ferne einen großen Theil der Gegend. Aus dreien der an⸗ ſehnlichſten Haͤuſer ſchlug ſie zugleich empor und je naͤher wir kamen, deſto lauter und herzzerreiſſender wurde das Klagen der ihres Obdachs und ihrer Habe ſich beraubt Se⸗ henden. Hierhin! ſo ſchnaubte Girotti mich an. Die brennende Treppe hinauf! Der Schein der Huͤlfe, die du ihnen bringſt, wird dir bei den Thoren Vertrauen erwirken. Somit ſties er mich gradezu nach den Flammen hin. Wahrlich, ich war feſt entſchloſſen, das Vertrauen der Ungluͤcklichen zu verdienen. Ich war entſchloſſen, wirklich zu retten und Ein Schickſal mit den Abgebrannten zu thei⸗ len, mochte auch werden daraus, was da wollte. Nur keine Ruͤckkehr zu den Un⸗ menſchen. 97. Der ſchleunige Sprung. Das offene Zimmer, worein ich bald ge⸗ rieth, enthielt ſchon keine lebende Seele mehr, jedoch manchen Schatz an Gold und Edelſtei⸗ nen. Die Unordnung, in der Alles durchein⸗ ander lag, verrieth, daß man bereits auf ein eiliges Zuſammenraffen der Guͤter gedacht, in der Verzweiflung uͤber die nahe Gefahr aber vielleicht das Beſte grade, vergeſſen hatte, um nur das Leben davonzubringen. Wenig⸗ ſtens ſchien der reiche Schmuck, der aus ei⸗ nem offenſtehenden Kaͤſtchen funkelte, um ſo mehr ein Hauptgegenſtand der beabſichtigten Rettung geweſen zu ſeyn, da er uͤberaus leicht mit hinwegzunehmen war. Ich ergriff ihn und wollte zuruͤck. Kein Gedanke daran. Die Flamme wogte bereits uͤber die ganze Laͤnge und Breite der Treppe furchtbar hin. Ich mußte weiter, um wo moͤglich irgendwo noch ein 145 ein Seil oder aneinander zu knuͤpfende Tuͤ⸗ cher zu finden, woran ich mich aus einem der Fenſter hinablaſſen konnte. Vergebens aber durchirrte ich eine Menge Gemaͤcher des weit⸗ laͤufigen Gebaͤudes. Troſtlos ſchauete ich aus einem Fenſter nach dem andern, in die Tiefe vor der mir grauete, als auf Einmal ein noch ſtaͤrkeres Grauen mir das Haar emportrieb bei der Flamme, die mir entgegenpraſſelte. Kein Ausweg weiter, als ein ſchleuniger Sprung aus dem Fenſter. 98. Seligkeit. Mit emporgerungenen Haͤnden wendete ich mich eben zum Himmel um ein gluͤckli⸗ ches Gedeihen, als mein Auge im voͤllig ſchon brennenden Nebengemache ein Kind entdeckte, das, vermuthlich von der Waͤrterin auf die bloße Erde hingelegt und dann bei zunehmen⸗ der Gefahr dort vergeſſen worden. Es mochte II. K 146— geſchlummert haben und ſchlug jetzt, ohne Zweifel beunruhigt von dem immer zunehmen⸗ den Rauche mit Einemmale die klaren blauen Himmelsaugen auf. Sogleich ergriff ich das liebe, herrliche Geſchoͤpf. Sein unendlich ſuͤ⸗ ßes Laͤcheln, als es aus der flammenden, frem⸗ den, unheimlichen Umgebung ſich in meinem Arme vermuthlich geborgen glaubte, gewaͤhrte mir, mitten in der augenſcheinlichſten Todes⸗ gefahr, eine ganz eigene Seligkeit. 99. Die höhere Hand. Leider, nur auf einen Augenblick. Mit dieſem Kinde ging mir ja auch die letzte Aus⸗ ſicht, der Sprung aus dem Fenſter, verlo⸗ ren. Ich konnte ihn nicht wagen, ohne die heilige Unſchuld der Zerſchmetterung auszu⸗ ſetzen. Hier aber es huͤlflos dem Flammen⸗ tode Preis zu geben? Eher wuͤrde ich mich ſelbſt in den Feuerſtrom hineingeſtuͤrzt haben! 147 Inbruͤnſtiger als zuvor, rief ich den Himmel an. Und wahrlich, er ſendete mir Staͤrke her⸗ ab. Es war, als ergriffe eine hoͤhere Hand mit Macht meinen bebenden Arm, als fuͤhre ſie mich zuruͤck in das brennende Gemach nach einer Tapetenthuͤr, deren metallenes Schloß ich im Scheine der Flamme leuchten ſah. Ich eilte darauf hin und eroͤffnete ſie. Wer be⸗ ſchreibt mein Entzuͤcken, als eine noch ganz unverletzte Treppe hier vor mir liegt. Das hoͤchſtens ein Jahr alte Kind, wie ein eben erſt mir zugeſprochenes theures Eigenthum feſt an mein Herz preſſend, eile ich mit ihm hinab in den geraͤumigen Hof. Das hereinſtroͤmende Volk, mich fuͤr die fluͤchtende, junge Mutter haltend, machte mir Platz aus dem Hauſe, und der Flammenſchein, der bis hinunter nach dem Hafen ſich erſtreckte, diente mir zum Wegweiſer dahin. Nach des Kindes Verwandten jetzt zu fra⸗ gen, haͤtte in einem Augenblicke, wo Girotti K 2 148 und ſeine Spießgeſellen gewiß allenthalben in der Naͤhe lauſchten, mich allzuleicht in die Haͤnde der Verabſcheueten zuruͤckbringen koͤnnen. 100. Neues Hindernis. Ein guͤnſtiger Zufall fuͤhrte mich grade zu dem Schiffe, wo Helena unſere Abreiſe be⸗ dungen hatte. An meiner Beſchreibung er⸗ kannte man ſie ſogleich wieder, doch war ſie ſelber noch nicht angelangt. Uebrigens ſollte wegen des Kindes, das ich mitbrachte, und von dem Helena natuͤrlich keine Ahnung hatte haben koͤnnen, der ganze Vertrag mit ihr wie⸗ der aufgehoben werden. Entweder— ſagte der Schiffspatron im hoͤchſten Zorne— moͤch⸗ ten wir beide, Helena und ich, bleiben wo wir waͤren, oder das Kind zuruͤcklaſſen. Die Ueberlaſt ſolches Geſchreies wollte er ſich und ſeinen Paſſagieren nicht aufladen. Und wirk⸗ lich machte der barſche Ton und das finſtre 149 Geſicht des Mannes, daß die erſchrockene Kleine bitterlich zu weinen anfing und gar nicht zu beſchwichtigen war. Keine Wahl fuͤr mich, als ſelbſt zuruͤck bleiben, wenn das Kind nicht mitſollte. Denn wo nur in dem wilden, durch das entſetzliche Feuer veranlaßten Gewirr vor Tagesanbruch ſeine Verwandten auffinden? Und es fremden Menſchen anvertrauen! Alles eher als das. Der koͤſtliche Augenblick ſeiner Rettung ſelbſt, wuͤrde mir ja zum ewig nagenden Wurme an meiner Seele geworden ſeyn, wenn ich das huͤlfloſe Weſen unbekannten Menſchen zuruͤck⸗ laſſen, wenn ich nie vielleicht erfahren ſollen, was aus ihm geworden, oder wenn ich gar endlich die Nachricht erhalten haͤtte, daß es auf dieſem Wege ſeinen Untergang gefunden! 101. Heil und Misgeſchick. Zum Gluͤck verlieh die Gefahr, welche 150 die Kleine und mich zugleich bedrohte, mir Worte, und meinen, von Thraͤnen halberſtick⸗ ten Worten Kraft. Mich fuͤr des Kindes Mut⸗ ter ausgebend, umfaßte ich die Kniee des Zornigen. und es gelang mir, mitten durch des Mannes Zorn ſein Herz zu treffen. Ja, er ſelber ſuchte mich nun zu beſchwichtigen und fragte mit dem Auge ringsherum, ob es wohl nicht jedem Andern eben ſo unmoͤglich geweſen waͤre, dem Schiffe dieſe beſchwerliche Geſellſchaft un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden zu erſparen. Leider erfuhr ich aber nur allzubald nach dieſer mir geſchehenen Gunſt das groͤßte Mis⸗ geſchick in meiner Lage. Helena blieb aus, ohngeachtet ſie das fuͤr unſere Fehrt Bedungene bereits abgetragen hatte. Das Schiff ſegelte endlich ohne ſie ab und ich, achtzehn Jahr alt, und ohne alle Erfahrung, ſtand mit einem einjaͤhrigen Kinde in der Welt ganz allein. 151 402. Verkauf und Einkauf. Nur allzubald bedraͤngte mich ein Umſtand, an deſſen Unertraͤglichkeit ich im Sturme der Ereigniſſe noch gar nicht gedacht hatte. Ich und das Kind waren mit durchaus keiner Waͤſche und Kleidung verſehen, als derjeni⸗ gen, die wir auf dem Leibe trugen. Lange ließ ſich die Sache nicht aushalten, das war gewiß. Da fiel mir denn das aus dem Brande gerettete Schmuckkaͤſtchen ein. So wenig ich auch Kennerin von Juwelen war, ſo hatte ich unter den Raͤubern doch manche ſchoͤne Edel⸗ ſteine geſehen und oftmals gehoͤrt, wie ſehr mit der Groͤße derſelben ihr Werth anwachſe. Der Schmuck, den ich bei mir hatte, enthielt mehrere Steine ſo groß, wie ich deren nie⸗ mals geſehen. Die auſſerordentliche Schoͤn⸗ heit der goldenen Faſſung ließ mich den, al⸗ lerdings nicht ſehr richtigen Schluß auf den 192 ſehr hohen Werth des Schmuckes machen. Ein Stein davon konnte mir vielleicht zu ſo viel Geld verhelfen, um dafuͤr etwas Waͤſche zu erhalten. Gleichwohl wagte ich nicht als Beſitzerin des Ganzen aufzutreten, weil ich den Verdacht zu erwecken fuͤrchtete, daß ich auf unerlaubtem Wege dazu gekommen ſey. Da⸗ her wartete ich den Augenblick ab, wo Nie⸗ mand mich zu bemerken ſchien, um ein Stein⸗ chen aus einem der Ohrringe auf ſolche Weiſe loszumachen, wie ich ſolches oft von Girotti wahrgenommen hatte. Ich ging damit zu dem in dergleichen Dingen wohlerfahrenen Schiffs⸗ patron und fragte, was der Stein wohl werth ſey. Der Mann machte ſolche Augen daruͤber, daß ich von dem ganzen Schmucke, und haupt⸗ ſaͤchlich von den Hauptſteinen deſſelben, auſſer⸗ ordentlich viel erwarten mußte. Obſchon ich nur ein unverhaͤltnismaͤſig geringes Gebot vorausſetzen konnte, ſo ließ ich ihm doch den Stein dafuͤr ab und erkaufte dann mit einem 2 1⁵³ Theile des Geldes, von einigen der Mitrei⸗ ſenden Waͤſche und ſonſt zum Anzuge noͤthige Dinge. 103. Neuer Handel. Ein ander Mal vielleicht— fuhr die Mar⸗ cheſe fort— das Detail dieſer Reiſe zur See, wie die Nachricht von meinem nachherigen Fortkommen auf dem Lande. Sie insgeſamt mit dem Hauptſaͤchlichſten bekannt zu machen, muß ich jetzt mit der Zeit, die mir dazu bleibt, ſparſam umgehen. Kurz vor der nahen Landung in Genua, wohin das Schiff beſtimmt war, bot ich dem Schiffsherrn einen zweiten Stein zum Ver⸗ kauf an. Wie Leute ſeiner Art gewohnt ſind, ſo glaubte er verſuchen zu muͤſſen, ihn noch wohlfeiler an ſich zu bringen als den erſten. Ich ließ ihm ſolchen auch, unter der Bedin⸗ gung, daß er in Genua mir, da ich, ſo fuͤhrte 154 ich an, leider, in der Eil, mit der ich mich zu Scio aus dem Feuer gerettet, nebſt mei⸗ nen Reiſeſachen, den Paß vergeſſen, einen andern und auch Unterkommen verſchaffen ſol⸗ le. Entzuͤckt von dem gemachten, vortheil⸗ haften Handel verſicherte er mich, daß er Cre⸗ dit genug beſitze, um dergleichen zu bewirken, hielt auch, als wir anlangten, damit Wort. 104. Fortdauerndes Reiſen. Ach,— fuhr die Marcheſe ſeufzend fort — wie manche bittre Erfahrung, wie viele, herzdurchſchneidende Demuͤthigungen wuͤrden mir erſpart worden ſeyn, haͤtte ich damals ge⸗ wußt, wie nahe ich dem Gute lebte, das mei⸗ nen Aeltern zugehoͤrte, und von dem ich hin⸗ weggeraubt worden war! Leider, aber hatte Helena, die ſich mir erſt am Tage vor mei⸗ ner Abfahrt aus Scio, als von Allem hier⸗ auf Bezug habenden unterrichtet, zu erken⸗ — 15⁵ nen gab, mir die noͤthigen Eroͤffnungen auf dem Schiffe thun wollen, das ſie, leider, nicht wieder betreten. Ohngeachtet der Verwandt⸗ ſchaft der Sprachtoͤne, die ich als ein Kind von fuͤnf Jahren gehoͤrt hatte, mit denen, welche in Genua zu meinem Ohre kamen, wurde mir es doch bald zweifelhaft, ob nicht auch eine andere Gegend Italiens mich ge⸗ boren. Viele Jahre lang reiſete ich daher in groͤßern und kleinern Orten der verſchiedenen Laͤnder dieſer Zunge herum, ohne irgend eine Spur meiner wirklichen Heimath aufzufinden. 105. Furcht vor Rache. Mein Hauptaugenmerk blieb immer die Kleine, bei der ich Mutterſtelle vertrat. He⸗ lenens Geburtsorte Metelin, dem alten Les⸗ bos, zu Ehren, hatte ich das Kind, deſſen Namen ich nicht wußte, Lesbia genannt. Im⸗ mer betrachtete ich mich fuͤr nichts anders, 156 als die Verwalterin ihrer Habe, welche ſchon allein durch den Schmuck aus dem brennen⸗ den Hauſe ihrer Verwandten, mehr als blos bedeutend war. Wie es dem Kinde reicher Aeltern ziemt, ſo hatte ich die Kleine im fein⸗ ſten Linnen gefunden und ſorgte daher auch dafuͤr, daß ſie immer alſo gehalten wurde. Auch in Sprach⸗ und andern Kenntniſſen ließ ich ſie, aber ſtets in meinem Beiſeyn, unter⸗ richten. Ueberhaupt blieben wir immer fern von der großen Welt. Mein Hauptzweck be⸗ ſtalthe darin, ſie den Ihrigen in einer recht vollkommenen Geſtalt und eben ſo unverdor⸗ ben zuruͤckzugeben. Deshalb ließ ich es nicht an Erkundigungen fehlen und wuͤrde vor Al⸗ lem gern mit ihr nach Griechenland geeilt ſeyn. Zuvor jedoch mußte ich wiſſen, wie es mit Girotti und ſeiner abſcheulichen Bande ſtand, und ob ſie noch immer in jenen Gegen⸗ den ihre Bubenſtuͤcke veruͤbte. War dies der Fall, ſo ließ ſich das Unternehmen durchaus —— 1⁵7 nicht wagen, bei den mannichfachen Verbin⸗ dungen, welche der ſchlaue Girotti mit ange⸗ ſehenen Perſonen zu unterhalten verſtand. Ich mußte fuͤrchten, mit Lesbien zugleich ein Opfer ſeiner unverſoͤhnlichen Rache zu werden, oder, im Fall es der Macht der Wahrheit aus mei⸗ nem Munde gelang, ihn vor dem Auge der Gerechtigkeit in das gehoͤrige Licht zu ſtellen, die arme Helena vielleicht mit zu verderben, der ich doch eigentlich meine Rettung durch das Schiff zu verdanken hatte. 106. Sehle r. Lesbia war eben zwoͤlf Jahr geweſen, als wir an einem kleinen Orte Neapels ein gro⸗ ßes Bedraͤngnis erfahren mußten. Allerdings wuͤrde ich den Beſitz der Kleinen um Vieles haben erhoͤhen koͤnnen, wenn ich die Steine insgeſamt nach und nach verkauft und das daraus Geldſte gegen Verzinſung untergebracht 15⁵8 haͤtte. Allein aus Vorſicht wagte ich das nicht, ich hatte vielmehr den Schmuck ganz aus der Faſſung gebrochen und die einzelnen Steine in kleinen Kaͤſtchen an verſchiedene Orte, die einen hier, die andern dort vergra⸗ ben und mir die Stellen immer genau aufge⸗ zeichnet und von dieſen, Niemand als mir ver⸗ ſtaͤndlichen, Verzeichniſſen ebenfalls ſtets eine Parthie Exemplare an heimlichen Plaͤtzen ver⸗ borgen. So war ich wenigſtens vor einer Einhuße des Ganzen, oder auch nur eines gr Theils davon, ziemlich geſichert, wenn auch einzelne Steine vielleicht durch zufaͤlli⸗ ges Umhauen eines Baumes, oder Umgra⸗ ben des Bodens verloren gingen. Nur darin hatte ich einen Fehler begangen, daß die Groͤße der Steine nicht gehoͤrig bemerkt worden. 1907. Günſtige Vermuthung. Durch nicht vorherzuſehende Ausgaben 159 vom Gelde entbloͤßt, reiſete ich eben nach einem Wald zu dem naͤchſten Steine, worauf mein Verzeichnis mich hinwies. Und dieſes war grade der Mittelſtein, der, meinem Vorſatze gemaͤs, kuͤnftig einmal Lesbien oder ihren Ver⸗ wandten in Natur hatte zuruͤckgeſtellt werden ſollen. Gendthigt, den Stein in's Geld zu ſetzen, bin ich kaum mit ihm in das Gewoͤlbe eines Juweliers getreten, ſo laͤßt dieſer auch die Sache der Obrigkeit melden, und ich wer⸗ de daruͤber befragt, wie ich zu dem koͤſtlichen Kleinode gekommen ſey. Ich ſtocke vor Schrek⸗ ken bei der geforderten Antwort. Sie faͤllt durchaus ungenuͤgend aus. Indeſſen wirft doch der auſſerordentliche Werth einigen glaͤn⸗ zenden Wiederſchein auf meine Perſon. Man haͤlt mich, ich weiß nicht warum, fuͤr die Unterhaͤndlerin irgend einer erlauchten Dame, die ſolch einen Stein beſitzen ſoll, und ihn vielleicht heimlich zu verkaufen gedacht haben koͤnne. Allerlei Fragen, die mir. geſchehen, 160 weiſen hierauf hin und dieſe guͤnſtige Ver⸗ muthung traͤgt unſtreitig bei, daß ich mit Auszeichnung behandelt werde. 108. Der gefährliche Mann. Die Kuͤrze der Dauer dieſes Irrthums war jedoch vorauszuſehen, da man nicht un⸗ terließ, Erkundigungen daruͤber einzuziehen; weshalb denn meine Lage recht bald noch viel ungluͤcklicher zu werden drohte. Als ich nach einem Verhoͤre eben wieder in die Saͤnfte ſteige, in der man mich aus Schonung alle⸗ zeit holen ließ, bemerkte ich einen wohlgeklei⸗ deten Mann, der forſchende, ſinſtere Blicke auf mich wirft. Ich erſchrecke um ſo mehr, da ich ihn ſogleich als einen erkenne, der mich bei den Raͤubern gefunden hat, und derienige 3 war, der durch Anzeige des Naubneſtes auf der Inſel die Bande aus ihrem langjaͤhrigen Schlupfwinkel verſcheuchte. 1 109. — 161 109. Geſchichtserzählung. Ein Schiff, das der Sturm einſt an dieſe Inſel trieb, hatte den jungen Mann mitge⸗ bracht. Hier begegnete er mir und redete mich an. Aber Helena kam dazu, holte mich ſogleich hinweg und gebot mir auf das Streng⸗ ſte, nie wieder einem Fremden Rede zu ſte⸗ hen. Offenbar hatte ſie aus dem verzehren⸗ den Feuer ſeiner Blicke auf die Leidenſchaft geſchloſſen, welche ihn wirklich fuͤr mich ent⸗ zuͤndete. Hatte doch daruͤber, wie ſich ſolches am dritten Tage ergab, der Leichtſtnnige das Schiff, zu dem er gehoͤrte, wieder abſegeln laſſen und war zuruͤckgeblieben, mich auszu⸗ ſpaͤhen. So trat er denn auch, nach Ent⸗ deckung meines Aufenthalts, eines Abends ploͤtzlich in die Wohnung der eben bei der Mahlzeit ſitzenden Raͤuber. Die ganze um⸗ gebung konnte ihm keinen Zweifel uͤber ihr II. L 162 Gewerbe laſſen, und ſogleich fragte er naͤch dem Anfuͤhrer. Girotti trat finſter vor ihn hin und er gab ſein Verlangen um Aufnah⸗ me zu erkennen. Als ein junger, ruͤſtiger Ge⸗ ſell war er dem Anfuͤhrer willkommen, zumal da aus einem Geſpraͤche mit ihm zu erhellen ſchien, daß er gute Bekanntſchaften beſitze, worauf dem Girotti immer ſehr viel ankam. Im erſten Augenblicke des Alleinſeyns mit mir, geſtand Salto, ſo hieß er, ſchon, daß er einzig meinetwegen dieſen furchtbaren Schritt thue. Ich war davon maͤchtig erſchuͤt⸗ tert. Meinetwegen! Der Menſch dauerte mich; denn er war mir durchaus zuwider. Aus Mit⸗ leid that ich was ich konnte, ihm ſolches zu verheimlichen. Ich verſteckte meine Ahneigung hinter die Strenge Helena's, der ich ſeine Aeuſſerung gegen mich mittheilte. Nur allzu⸗ bald aber ward ihm Alles klar. Bei ſeinem erſten Zuge daher, ſagte er, bevor er das Schiff beſtieg, daß ſeine Rache mich ſchon ereilen werde. 163 Wirklich betrog er den Girotti, verlor ſich bei der erſten Landung, und die Aufhebung der Raͤuber wuͤrde gewiß erfolgt ſeyn, haͤtten ſie nicht noch zuvor Wind von der Sache be⸗ kommen. 110. Die dargebotene Hand. Grade von dieſem Menſchen geſchen zu werden, mußte mir natuͤrlich den heftigſten Schauder erregen. Ich war auch kaum in's Gefaͤngnis zuruͤckgelangt, als er mir ſchon ge⸗ meldet wurde. Da bin ich, Panthia!— begann er, ſo⸗ bald wir allein waren, mit triumphirendem Blicke. Sollteſt du auch vergeſſen haben, wie ich dir Rache gelobte, ſo weiß ich's doch noch. Fuͤrchte indeſſen nichts. Ich ſehe mein Un⸗ recht ein, du warſt noch ein Kind, als ich dieſe Drohung ausſties. Ich nehme ſie jetzt zuruͤck. Vergiß aber auch nicht, daß du ganz L 2 in meinen Haͤnden biſt, und daß ich wohl Aus⸗ kunft zu geben weiß, in welchen Verhaͤltniſſen ich dich vor Jahren gefunden. In ihnen er⸗ warbſt du dir vermuthlich auch den Stein, der dich hierherbrachte.— War bei dem Abgrunde, uͤber den er mich und Lesbien hielt, war wohl etwas zu thun, als ſeine Hand anzunehmen, die er mir jetzt von Neuem darbot? 1 und kaum hatte er mein Wort, ſo wurde mir auch die Freiheit angekuͤndigt. Mit Huͤlfe ſeiner angeſehenen Bekanntſchaften ließ ſich die Unterſuchung wegen des Steines unter⸗ druͤcken. Dieſen erhielt ich auch zugleich mit meiner Freiheit zuruͤck und reiſete ſchon am folgenden Tage mit ihm hinweg. Nichts von dem entſetzlichen Leben bei dem Trunkenbolde, dem ich eine Woche ſpaͤ⸗ ter, grade in der Nacht vor meiner feſtgeſetzten Hochzeit mit ihm, mich durch die Flucht entzog. — 165 111. Geſichtsentſtellung. Um ihm ganz aus den Augen zu kom⸗ men, begab ich mich eiligſt mit meiner gelieb⸗ ten Lesbia nach Deutſchland. Aber das Un⸗ gluͤck wollte, daß wirklich eine verfolgte Ver⸗ brecherin mir taͤuſchend aͤhnlich ſah, und ich ein Paarmal durch den Steckbrief, welcher ihr nachging, in Verantwortung gezogen ward. Vollſtaͤndige Nachweiſung uͤber mein fruͤheres Leben ertheilen durfte ich nicht. Die Geſchichte mit dem Steine im Neapolitaniſchen haͤtte leicht wieder aufgeruͤhrt und ich dadurch ſchon allein feſtgehalten werden koͤnnen, wenn auch der rachgierige Salto, der ſich noch immer in dortiger Gegend aufzuhalten ſchien, nichts da⸗ von erfuhr. Ich mußte daher gewoͤhnlich den Weg der Beſtechung zu meiner Freiheit ein⸗ ſchlagen. Das gluͤckte mir allerdings ſchon ein Paarmal, aber es fragte ſich doch ſehr, 166— ob es immer ſo gut ablaufen wuͤrde. Daher entſchloß ich mich denn zu dem abentheuerli⸗ chen Aufzuge, in dem ſie mich kennen lern⸗ ten. Durch das Schwarz, womit ich meine lichten Augenbraunen faͤrbte und die dunkeln Locken, welche mein blondes Haar verbargen, ſehr veraͤndert, ſchien wirklich Niemand mich wieder zu erkennen, zumal da der falſche Bart und die Piſtolen im Guͤrtel mir ein maͤnnli⸗ ches Anſehen gaben. Als ich dieſe Maͤnnlichkeiten ſpaͤterhin wie⸗ der von mir that, glaubte ich, ihre ſchoͤne Equipage wuͤrde mich uͤber jenen boͤſen Ver⸗ dacht hinausheben. Locken und Augenbraunen wagte ich jedoch noch immer nicht wieder na⸗ tuͤrlich zu tragen. Gleichwohl beſorgte ich zu⸗ weilen, als ſey ich nicht hinreichend durch ſie entſtellt. Und ſie wiſſen ſelbſt, wie gegruͤn⸗ det dieſe Furcht war, wie man das Eine Mal das Blendwerk durchſchauete!— — 167 112. Die Räuber und Helena. Die Marcheſe fragte hier auch, ob ich da⸗ mals ihren Schreck nicht bemerkt haͤtte, als der Zug engliſcher Bereiter voruͤbergekommen waͤre. Der voranreitende Herr derſelben ſey kein Anderer, als dieſer Salto geweſen. Un⸗ ſtreitig habe Lesbia uͤber der glaͤnzenden und reichgeſchmuͤckten Jugend ſeines Gefolges ihn uͤberſehen. Uebrigens war die erneuerte Bekanntſchaft mit ihm in Neapel auch in anderer Hinſicht der Marcheſe von Nutzen geweſen. Sie hatte naͤmlich durch ihn, der ſich grade zur Zeit je⸗ ner Feuersbrunſt auf Scio befand, erfah⸗ ren, daß die Raͤuber grade damals meiſten⸗ theils ihren Lohn gefunden. Die mehreſten waren hingerichtet, Helena jedoch begnadigt und ihren Verwandten auf Metelin zuruͤckge⸗ ſendet worden. 113. Fernere Begebenheiten. Die Unruhen in Neapel und Italien uͤber⸗ haupt, verzoͤgerten allein die Reiſe der Mar⸗ cheſe und Lesbiens auf einige Jahre. Die Marcheſe gedachte naͤmlich zuvor die an ſo vielen Orten verborgen zuruͤckgelaſſenen Edel⸗ ſteine zu ſammeln und mitzunehmen; was ihr auch nunmehr gelang. Nicht ein einziger war verloren gegangen. Die inzwiſchen auf Scio vorgefallenen Graͤuel, machten jedoch, als die Marcheſe und ihr Pflegekind dort ankamen, alle Nachfor⸗ ſchungen nach Lesbiens Verwandten fruchtlos. Deſto erfreulicher war das Wiederſehen der alten Helena auf Metelin. Helena hatte die Angſt nicht groß genug ſchildern koͤnnen, welche ſte um Camillen in jener entſetzlichen Flammennacht ausgeſtanden. Sie, Girotti und Alle, waren der Meinung geweſen, ſie q 169 ſey im Feuer umgekommen. Helena's Zuruͤck⸗ bleiben erklaͤrte ſich leicht. Noch in jener Nacht ſelbſt, war ſie ſamt den Raͤubern aufgehoben worden. Durch Helenen erhielt die Marcheſe voll⸗ ſtaͤndige Kunde von ihren Verwandten im Ge⸗ nueſiſchen, auch einige von ihr aufbewahrte Kleinigkeiten, womit ſich Camilla ſogleich als das einſt geraubte Kind der angeſehenen Fa⸗ milie Orelli ausweiſen konnte. Ueber Lesbien erfuhr ſie ſo viel, daß das brennende Haus, in dem ſie gefunden worden, einem auſſerordentlich reichen Juwelier, einem Witwer zugehoͤrt habe, der bei jenem Brande mit umgekommen. Lesbia war ſein einziges Kind geweſen. Das, was Camilla uͤber ihre Herkunft vernahm, trieb ſie gewaltig nach der Geburts⸗ gegend zuruͤck. Aber die inzwiſchen mit Ge⸗ nug vorgefallenen, politiſchen Veraͤnderungen hatten ihre noch lebende Mutter bewogen, al⸗ 170 len Beſitz in der dortigen Gegend zu Gelde zu machen und ſich nach Deutſchland zu wen⸗ den. Das Gut, auf dem ſie jetzt lebte, lag kaum eine halbe Stunde von Muͤhlheim, und die alte Marcheſe konnte lange gar nicht an das Gluͤck glauben, das ihr mit der Ruͤckkehr einer ſo ſchmerzlich betrauerten Tochter wi⸗ derfuhr. 114. Vereitelte Hoffnung⸗ Iſt's erlaubt? Mit dieſen Worten trat ietzt oloͤtzlich Joſephine zur Thuͤr herein. Sie haͤtte fuͤr ihren Heſuch keine unpaſſendere Zeit waͤh⸗ len koͤnnen. Die anfaͤngliche Heiterkeit ihrer Miene erſtarrte auch auf der Stelle an dem Froſte, mit dem man ſie empfing. Sie ward davon ſo blutroth, als ob ſie eine ganze Nacht der grimmigſten Januarkaͤlte ausgeſetzt gewe⸗ ſen waͤre. Die Stadtſchreiberin verließ uns hierauf wegen einer Gevatterſchaft, zu der ſie I171I ſich noch anzukleiden hatte. Ihr Gatte wurde auf's Rathhaus gerufen und ich bat Joſephi⸗ nen wegen eines nothwendigen Geſchaͤfts zwi⸗ ſchen mir und der Marcheſe auf eine Art um Verzeihung, welche unmoͤglich Verzeihung er⸗ halten konnte und ihr auf Einmal auſſer Zwei⸗ fel ſetzen mußte, daß ein Wiederanknuͤpfen unſe⸗ res Verhaͤltniſſes mir nicht im Traume einfiel. 115. Das wahre Glück. Wohler konnte mir in der ungluͤcklichen Lage, in der ich mich nun einmal ſah, kaum werden, als durch das Alleinſeyn mit der Marcheſe, die aus meinen unzaͤhligen Fragen nach Lesbien, aus meiner ganzen Art und Weiſe leicht abnehmen mußte, daß ich noch immer nur im Gedanken an das geliebte Maͤdchen lebte. Sie geſtand mir jetzt, daß ſie ſchon bei unſerm erſten Zuſammentreffen an jenem Re⸗ 172 gentage im Wirthshauſe, den Plan gefaßt hatte, mir, wenn bei naͤherer Bekanntſchaft ſich in meiner moraliſchen Natur kein Hinder⸗ nis gefunden, die Hand ihres Lieblings ein⸗ mal kuͤnftig zuzuwenden. Der fluchwuͤrdige Gedanke, wie ſie ihn jetzt ſelbſt nannte, das ſchoͤne Kind in einen Harem zu verkaufen, war ihr nie in den Sinn gekommen. Ein feſtes Band aber zwiſchen mir und, Lesbien abzuſchlieſſen, ſagte ſte, ſey damals aus einer Menge von Gruͤnden nicht angegangen. Er⸗ ſtens haͤtte ſie ja noch gar nicht gewuſt, ob die Verhaͤltniſſe, in denen das Kind geboren war, ſich mit meiner Neigung zu ihr vertruͤ⸗ gen, und ob des Maͤdchens Verwandte mit dieſer Ehe zufrieden ſeyn wuͤrden. Ferner haͤtte nothwendig Lesbien zuvor die Wahl zwi⸗ ſchen mehrern Maͤnnern freiſtehen muͤſſen. Waͤre ſie dann noch mir vor allen Andern zu⸗ gethan geblieben, ſo wuͤrde das die beſte Pro⸗ be der Aechtheit ihrer Liebe geweſen feyn. 173 Uebrigens muͤſſe ſie es, nach der großen Ver⸗ aͤnderung, welche mit meinen Umſtaͤnden vor⸗ gegangen, fuͤr ein wahres Gluͤck achten, daß die gute Lesbia keine Verpflichtung gegen mich uͤbernommen. So bedeutend auch jener Schmuck geweſen, von dem ihr zeitheriger Unterhalt beſtritten worden, ſo habe ihn doch die koſtſpielige Reiſe ſehr geſchmaͤlert, und ein Diebſtahl, der ſie nach der Ruͤckkehr auf das feſte Land betroffen, voͤllig aufgezehrt. Nur ein Mann von Vermdͤgen oder einem bereits begruͤndeten guten Einkommen habe daher ih⸗ re Hand erhalten koͤnnen. 116. Z uviel! Es war lauter Gift, was ich aus der Marcheſe Eroͤffnungen in mich ſog, und doch konnte ich nicht aufhoͤren, ſie durch neue Fra⸗ gen zu neuen Antworten aufzufordern. Ich mußte wiſſen, in welchen Umſtaͤnden ſich Les⸗ bia's Braͤutigam befand. 174 Wenn er— antwortete ſie— auch lange, lange nicht ſo viel Vermoͤgen beſitzt, als vor⸗ mals ſie, ſo laͤßt ſich doch mit dem, was er hat, das Hausweſen einer genuͤgſamen Fami⸗ lie ohne aͤngſtliche Sorgen vor der Zukunft, beſtreiten, ſobald es nur ſicher untergebracht wird. und— das war die allerletzte Frage, die ich mir zu thun vornahm— glaubt Lesbig wirklich mit dem Manne gluͤcklich zu werden? Allerdings!— antwortete die Marcheſe. — Unter den hier eingetretenen Umſtaͤnden, darf ich es ihnen am wenigſten verheelen, daß er des Maͤdchens ganze Liebe zu gewinnen wußte. Wenn ſie— fuͤgte die Marcheſe hin⸗ zu— wenn ſie ſich vielleicht noch ein wenig hier in Muͤhlheim aufhalten und dann das junge Paaͤrchen beiſammen ſehen ſollten, ſo wuͤrde ihnen ſchwerlich ein Zweifel bleiben, daß ſein Buͤndnis auf wechſelſeitige Zunei⸗ gung gegruͤndet iſt. Das 175 Das mit anzuſehen, war mir denn doch zuviel. Ich erklaͤrte gradezu, daß ich morgen mit dem Fruͤheſten nach der Akademie reiſen werde. Ja vielleicht gar heute noch,— ſagte ich— wenn ſich Gelegenheit darbietet. 117. Die Gevatterſchaft. Unerwuͤnſchter haͤtte mir nichts kommen koͤnnen, als ein Billet vom Stadtſchreiber, worin er mich bei meiner Freundſchaft beſchwor, an ſeiner Statt dieſen Nachmittag mit ſeiner Frau Gevatter zu ſtehen, weil ein eben ein⸗ getretenes Ereignis ſeine Gegenwart auf dem Rathhauſe nothwendig mache. ungluͤcklicher Weiſe ließ ſich, wie jeder einſieht, die Sache kaum ablehnen. Es war nichts zu thun, als meine Neiſekleider eiligſt mit anſtaͤndigern zu vertauſchen, um der Stadt⸗ ſchreiberin, welche ſo eben ſchon feſtlich ge⸗ ſchmuͤckt hereintrat, nicht ganz unwuͤrdig zu erſcheinen. II. M 176 Eine halbe Stunde ſpaͤter fuhr ich mit ihr und der Marcheſe in eine benachbarte Dorfkirche, wo die Taufhandlung ſtattfinden ſollte. Das Gewimmel von Menſchen, mit de⸗ nen das Gotteshaus uͤberfuͤllt war, machte mir die Feſtlichkeit nur noch widerwaͤrtiger. 118. Der Täufling. Welch ein Blitz aber durch die Dumpf⸗ heit, die mein ganzes Weſen erfuͤllte, als jetzt der Pfarrer mit einer in einfaches Weiß ge⸗ kleideten Dame aus der Sakriſtei trat! Les⸗ bia! Aus der tiefſten Bruſt hauchte der Name bewuſtlos uͤber meine Lippen. Die Fuͤſſe zit⸗ terten mir dergeſtalt, daß meine beiden Nach⸗ barinnen am Taufſteine, mich beim Arme faſ⸗ ſen zu muͤſſen meinten. Weit mehr aber, als ihre helfende Hand, that der Blick aus Lesbiens Auge. Dieſer 177 Blick tilgte auf Einmal alle Widerwaͤrtigkei⸗ ten, des wahrlich an ſolchen nicht arm gewe⸗ ſenen Tages. Was wollte der Braͤutigam von Lesbien nun, da ſie mir dieſen Blick gegeben hatte, in dem die ganze liebende Seele des Maͤdchens lag? Was wollte ſie mit dem Braͤu⸗ tigam, nachdem uͤber mir der Himmel ihrer Liebe ſo herrlich aufgegangen war? Ergriffen, gleich den Uebrigen, von den unverkennbaren Zeichen wechſelſeitiger Her⸗ zensergießung, hielt der Pfarrer einen Augen⸗ blick inne, bevor er die heilige Handlung be⸗ gann. Lesbia ſelbſt war, wie ſich nun fand, der Taͤufling. Eine geborene Mahomedane⸗ rin, trat ſie eben foͤrmlich zur chriſtlichen Kir⸗ che uͤber. 119. Freudige Nachrichten. Arm in Arm ſchwebte ich mehr, als ich M 2 1 178 ging, mit ihr nach vollendeter Taufhandlung in das Haus der Gutsbeſitzerin, der Marcheſe Mutter, welche durch Kraͤnklichkeit verhindert geweſen, der Taufe mit beizuwohnen. Alles erhielt nun Aufklaͤrung. Der Stadt⸗ ſchreiber hatte nur den Taufzeugen abgeben ſollen fuͤr den Fall, daß meine Neigung zu Lesbien nicht fuͤr probehaltig erfunden worden waͤre. Lesbia wußte hiervon, daher die ganze Seele in ihrem Blicke, als ſie nicht ihn, ſon⸗. dern mich am Taufſteine wahrnahm. Denn ihr Herz war mir immer zugewendet geblie⸗ ben. Der Braͤutigam, deſſen die Marcheſe gedacht hatte, war Niemand geweſen als ich ſelber und ſogar der Umſtand keine Unwahr⸗ heit, daß es ein Mann von Vermdͤgen ſey. Der Kaufmann naͤmlich, bei welchem der nicht unbedeutende Reſt meiner Habe geſtanden, be⸗ waͤhrte ſeine fruͤher ſchon anerkannte Redlich⸗ keit auf die ausgezeichnetſte Weiſe. Durch einen Gluͤcksfall, den er leicht einzig zu ſei⸗ — 179 nem Vortheile haͤtte benutzen koͤnnen, ploͤtzlich wieder in eine guͤnſtige Lage verſetzt, befrie⸗ digte er ſeine ſaͤmmtlichen Glaͤubiger, und alſo auch mich. Erſt am Tage zuvor hatte der Stadtſchreiber dieſe freudige Nachricht bekom⸗ men und mir ſolche, nur auf der Marcheſe Bitte, bis dahin vorenthalten, um mich nun⸗ mehr deſto gluͤcklicher zu machen. 120. Die Prüfung. Mein Gluͤck bedurfte eigentlich keiner Er⸗ hoͤhung. Es war auch viel zu groß, um durch ſolche Dinge ſie erlangen zu koͤnnen. Indeſ⸗ ſen gereichte es mir doch zur beſondern Be⸗ ruhigung, daß ich ſo in den Stand geſetzt wurde, Lesbien, deren innige Liebe mich neu beſeelte, auch die aͤuſſern Verhaͤltniſſe annehm⸗ lich zu machen. Die herrliche Flamme aus ihrem Auge, welche mich am Taufſteine em⸗ pfing, buͤrgte mir uͤbrigens, daß ihr ein Leben 180— an meiner Hand auch dann genuͤgt haben wuͤrde, wenn ſeine aͤuſſere Schale ohne be⸗ ſondere Reize geweſen waͤre. Es verdroß mich beinahe, als nun her⸗ auskam, daß Lesbia's Vermoͤgensumſtaͤnde ſchon allein dazu hingereicht haben wuͤrden, und daß die Marcheſe ſie nur zu meiner Pruͤfung, als durch einen Diebſtahl voͤllig erſchoͤpft ange⸗ geben hatte. 121. No th. Ein Jahr iſt mir an der Hand der Er⸗ ſehnten verfloſſen. Vor drei Monaten ſtarb die Mutter der Marcheſe. Seitdem lebt letz⸗ tere bei mir in der Univerſitaͤtsſtadt, wo ich als Doktor der Rechte mich niederließ. Sie hat ſich auch jetzt, bei dem bequemen Leben, welches ihre Einkaͤnfte geſtatten, unſern rau⸗ hern Gegenden dergeſtalt acelimatiſirt, daß ihr das Abendland gar nicht mehr ſo reizlos vor⸗ kommt, als vormals. Wir ſind die beſten Freunde. Mir auf die Schulter klopfend meinte ſie erſt geſtern noch, daß die Schule der Noth mehr an mir gethan haͤtte, als alle —— 181 meine uͤbrigen Schulen zuſammen genommen, die des ſeligen Onkels mit eingeſchloſſen. Be⸗ ſonders iſt unter anderm auch mein kleiner Abſtecher nach Griechenland von recht guͤnſti⸗ gen Folgen geweſen, wegen der(ich wollte nur damals bei meiner Erzaͤhlung nicht in's Einzelne gehen) zuweilen recht mitleidswuͤrdi⸗ gen Lage auf der Nuͤckreiſe. 122. Ueberfluß. Seit meiner Verheirathung iſt mir kein einziger weſentlicher Unfall begegnet, wenn ich den Tod des alten Raffels ausnehme. Als ich ihm in dem Briefe, der die Wiedererſtat⸗ tung ſeiner kleinen Darleihe begleitete, mein neues haͤusliches Leben ganz nach der Natur abſchilderte, verſprach er mir ſeinen Beſuch im naͤchſten Fruͤhjahre gewiß. Der theilneh⸗ mende Alte wuͤrde ſich recht gefreuet haben, wenn er in Lesbien(die ich Trotz ihrer uUm⸗ taufung in Chriſtiana, noch immer am lieb⸗ ſten, ſo heiße) wieder eine Frau geſehen haͤtte, ſo gut, wie er, durch ſeine naͤchſten Um⸗ 18²— gebungen getaͤuſcht, ſie in jetziger Zeit gar nicht mehr zu finden hoffte. Uebrigens iſt's den kuͤuftigen Herren und Frauen Gevattern ſchon von mir angedeutet worden, daß wenn der Himmel, wie man wohl hoffen darf, der kerngeſunden Mutter auch ein geſundes Kind beſcheert, die Taufe ohngefaͤhr in fuͤnf bis ſechs Wochen ſtatt fin⸗ den ſoll. Und betrachte ich mir bisweilen meine liebe Frau von der Seite, ſo denke ich ſtill vor mich hin: Wer weiß, ob uns der guͤ⸗ tige Himmel nicht gar mit Zwillingen ſegnet! Wenigſtens ſchließe ich aber doch aus dem großen Vorrathe von Kinderhemdchen und Muͤtzchen und Struͤmpfchen und dergleichen, den ich neulich beiſammen ſah, daß uns ſolch ein Ueberfluß ſchwerlich in Noth herſeßen wuͤrde!— Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. ———n — y——— ““ Minnſnnnſſſſſſſſſinſſſſiſſſſſſſſiſſnſſifſſſinſnſſnſſnſſſſ 8 9 1 10 1 12 13 14 15 16 17