“ — 1 . 8 4 3 * 9 4 “ 14 4 8 * „ * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 SEduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ieſehedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſo wird.. 41. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 24 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Mohat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 PFf. 2 Nk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 2 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe t auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen g der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————-———— ——— ——————— G 8 Luſtige Erzaͤhlungen, von . Friedrich Laun.— Zweites Baͤndchen. —9— 7 AAN S, n 4 1. Der Grundſatz. II. Die ſe Kunftlehebes Berlin, 1807. — I. Der Grundſatz. Das erſte Kapitel. 5 Geht mich nichts an, durchaus nichts, mei⸗ ne Liebe!“ rief der Amtmann Trick, als er ſich vor einer Supplikantin in die Stube ſeiner Frau retirirt hatte, noch einmahl hinaus. Aber er hat mich doch ſo entſetzlich behandelt! lamentirte es von außen. „Und wenn er Sie todtgeſchlagen haͤtte, Ihr Mann, ich koͤnnte Ihr nicht helfen. Meint Sie, daß das Amt ſich mit ſolchen Kindereien abgiebt? In's Konſiſtorium, dahin gehoͤrt dergleichen.“ Aber ich ſage Ihnen ja, daß ſeine Schweſter dem Herrn Probſt die Wirthſchaft fuͤhrt, und daß ich darum dort kein Recht finden werde. So ſuche Sie's wo anders. Ich meines Orts will weder von des Herrn Probſts Wirthſchaft, noch von Ihrer Wirthſchaft etwas wiſſen!... A 2 4 4 — Das hat ſie nun von der Heirath aus purer, hel⸗ ler Liebe!“ ſetzte der Amtmann noch hinzu, indem er die Thuͤre heftig zuſchlug; und die weibliche Stimme wehklagte die Treppe hinunter, Das zweite Kapitel. „ Gleich mit dem fruͤhen Morgen faͤngt doch die Aergerniß an!“ rief der Amtmann, nachdem er ein Paarmal auf und ab gegangen war.„Iſt ſie zur Hausthuͤre hinaus, Riekchen?“ Ja, da geht ſie, antwortete die Amtmaͤnnin. Es war doch die Henſeln? „Freilich. Sie will von ihrem Manne.“ Nun das iſt zu arg! Erſt trotzt und trotzt ſie mit den Eltern, bis die Heirath geſchehen darf; und kaum iſt ſie bei ihm, ſo will ſie auch wie⸗ der weg. Drum, was ich immer geſagt habe: nur keine Ehe aus Liebe! „Sprich, was ich dir immer geſagt habe, Riekchen; denn bei mir iſt der Grundſatz jung geworden. Ich weiß noch gar wohl, daß Du damals, wie ich Aktuarius hier im Amte war, einen gewiſſen Faͤhnrich mir recht gerne vorgezo⸗ gen haͤtteſt!“ Ein jedes hat ſeine unverſtaͤndigen Augenblicke. Wenigſtens kann niemand ſagen, daß wir Beide uns aus Liede geheirathet haͤtten. „Nein, niemand. Du brauchteſt eine Verſor⸗ gung, weil Dein Vater krank wurde; und ich er⸗ bot mich, die Verſorgung zu werden.“ 1 Weil mein Vater Dir die Adjunktur verſchaff⸗ te, ſetze huͤbſch hinzu. „Auch das. Wir hatten alſo Beide einen nuͤtz⸗ lichen Zweck bei der Sache, und handelten nicht in den Tag hinein, wie heut zu Tage die jungen Leute gemeiniglich.“ Das dritte Kapitel. Ja wohl! ſeufzte die Amtmaͤnnin. Dein ver⸗ ſtorbener Bruder, zum Beiſpiel gleich, deſſen Kin⸗ der unverſorgt ſeyn wuͤrden, wenn wenn wir uns ihrer nicht angenommen haͤtten. So viel weiß ich, ſie ſollen mir nicht mit ſo'was kommen. „Nein, ich enterbte ſie auf der Stelle.“ Sie wiſſen's auch, und denken nicht daran. „Wo ſtecken ſie denn ſchon am fruͤhen Mor⸗ gen?“ Karl hat'was im Buſche zu beſorgen, und da hat ihn Malchen begleitet. „Gute Kinder! wie eintraͤchtig ſi ſie uerden!— 6 Sonſt gab's immer etwas zwiſchen ihnen; aber ſeit einiger Zeit ſind ſie Ein Herz und Ein Sinn.“ Ueberhaupt hat ſich das Zaͤnkiſche durchaus gelegt. Wenn ich bedenke, was der Karl ſonſt Stadtſchreibers Tinchen verirte. Jetzt ſagt er ihr guten Tag, und guten Weg. Und ob er ſie gleich nicht recht leiden mag, ich weiß das gewiß⸗ ſo bringt er doch ganze Sonntage auf Spazier⸗ gaͤngen mit ihr zu, bloß Malchen zu Gefallen, die nun einmal Tinchen allen andern Maͤdchen vorzieht. „Und in der Oekonomie, das muß ich dir ſagen, verſteht er das Seinige gewiß, und kann eine Frau darauf nehmen, ſobald er will.“ Ich daͤchte, ich höoͤrte ſie alle Beide auf dem Saale. „Ja, ſie ſind es.“ Das vierte Kapitel. Was hat denn die Henſel ſchon gewollt, liebe Tante? Sie gieng ja mit lautem Weinen aus dem Hauſe! ſagte Malchen, als ſie ihren Knix noch nicht ganz vollendet hatte. „Euch Beiden,“ erwiederte der Onkel,„meine alte Lehre einſchaͤrfen, daß Heirathen aus Affena⸗ — liebe nichts taugen. Ja, verwundert euch nur! Die Henſeln will von ihrem Manne. Nun, nehmt euch alle Beide in Acht. Daß ihr mir nicht einmal ſagt: Onkel, ich liebe den und den, oder die und die, und kann gar nicht mehr leben, ohne den oder die. Dann waͤre es gleich mit uns aus. Ich enterbte euch, und ihr duͤrftet mir nicht einmal laͤnger in der Stadt bleiben.“ Mache mir nur das Maͤdchen nicht ohne Noth zu weinen! rief die Amtmaͤnnin verdrießlich. Kannſt ihr ja nichts nachſagen. „Deshalb eben haͤtte ſie nicht Urſache zu wei⸗ nen.“. Du faͤhrſt ſie aber auch an!.. Komm zu mir, Malchen. „Daß Dich mit Verzaͤrteln!“ rief der Amt⸗ mann.„Was haſt du denn ſchon im Buſche gemacht, Karl?“ Ich wollte den neuen Holzanſlug an jener Seite einmal beſehen. „Heute ſchon ſo weit geweſen, und Malchen auch?“ Ja. „Allein, oder in Geſellſchaft?“ Ja, allein wuͤrde die eben mit mir ſo weit ge⸗ hen! Da muß allemal Stadtſchreibers Tinchen dabei ſeyn. 8 — Das fuͤnfte Kapitel. . (Warum Dir nur das gute Maͤdchen ein ſolcher Dorn im Auge iſt! lachte Malchen, und wiſchte ſich die ſtehen gebliebene Thraͤne ab. Warum? fragte Karl. Am Ende glauben die Leute, daß ich und Stadtſchreibers Tinchen — Das kommt denn etwa dem Onkel zu Ohren; der wird boͤſe, und— Hier ſtockte Karl, und hielt ſein Tuch vor die Augen. „Daruͤber brauchſt Du Dir keine Sorge zu machen,“ ſagte der Onkel.„So leichtglaͤu⸗ big iſt unſereins noch nicht. Das ſieht man wohl.“ Wie muß ich denn thun? ſagte Malchen. Kann ich denn etwa den Aktuarius Wolf beſſer leiden, als Du Tinchen! „Apropos, der Aktuarius!“ fiel der Onkel ein. „Wenn's ihm gluͤckt, ſo wird er mir vielleicht ad⸗ jungirt. Er hat einen wichtigen guten Freund in der Reſidenz, und verdient ihn auch. Ich glau⸗ be, er iſt dieſen Morgen abgereiſt.“ Vor einer Stunde, erwiederte Karl. Wir ha⸗ ben ihn noch geſprochen. Das koͤnnen Sie leicht denken, ſagte Malchen mit halb unterdruͤcktem Lachen. Denn bis auf —— 9 — den letzten Augenblick muß der Kark auch gewiß ſeinen vortrefflichen Aktuarius bei ſich haben.“ Das ſechſte Kapitel. Schon wieder Naſenbluten? rief Malchen Karln hintennach, wie dieſer jetzt ſein Tuch noch viek feſter als vorhin vor's Geſicht hielt, und, als brennte ihm der Kopf ganz und gar, zur Thuͤre hinaus eilte. Und das kommt dir ſo laͤcherlich vor? ſagte die Tante. Es iſt mit dem Naſenbluten gar nicht zu ſpaßen. Ich weiß Leute die daran geſtorben ſind. Nun Tantchen, ſo weit iſt es wahrhaftig noch nicht mit Karln! verſetzte ſie lachend Davon verſteht die Mamſell Naſeweis viel! Er hat den Unfall ſehr oft. „Und,“ ſetzte der Amtmann ſehr bedeutend hinzu,„gewoͤhnlich— es wird euch ſonderbar vorkommen, aber ich habe es bemerkt—„gewoͤhn⸗ lich wird er davon uͤberfallen, wenn man ihm ſeine Abneigung gegen Tinchen vorhaͤlt, Wie das zugeht, begreife ich freilich nicht. Ich wer⸗ de aber einmal unſern Doktor fragen. Wer weiß denn, ob nicht vielleicht gerade ſeine Naſennerven 10 ſo reitzbar ſind, daß ſie von gewiſſen unangeneh⸗ men Dingen auf dieſe Weiſe afficirt werden?“ Das ſiebente Kapitel. „Haſt Du etwa auch Naſenbluten?“ fuhr der Amtmann fort, als Malchen ihr Tuch ebenfalls vor die Augen hielt. Da hieße es recht, die Strafe folgt auf dem Fuße nach! ſagte die Tante. Nein, Naſenbluten nicht! antwortete Malchen. Es flimmerte mir nur ſo vor den Augen. Nun iſt es ſchon wieder gut. „Was das heut zu Tage fuͤr weichgebackne Menſchen ſind!“ rief der Onkel.„Naſenbluten! vor den Augen flimmern! Da lobe ich mir unſere Zeiten, Riekchen! Nicht wahr?“ Ja wohl! erwiederte die Tante.— Aber, Malchen, fuhr ſie fort, ſage mir nur, wie ſteht es denn eigentlich mit dem Aktuarius und Tinchen? Immer heißt's, wenn die Rede auf ſie faͤllt, auch gleich: der Aktuarius, der Aktuarius! Iſt er denn mit ihr verſprochen? oder was iſt es mit ihm? 11 — Das achte Kapitel. Hm 1 antwortete Malchen hierauf etwas lang⸗ ſam, hm!—— Verſprochen nun wohl eben noch nicht. „Wie wollte das auch ſeyn!“ erwiederte der Amtmann.„Bis jetzt hat er ja noch keine Frau ernaͤhren koͤnnen, und den Freund in der Reſi⸗ denz hat er auch erſt ſeit Kurzem. Aber das wird ſo eine von den verliebten Schleppereien ſeyn, die den Henker nicht taugen, die euch Maͤdchen in's Gerede bringen, und wenn ſie ja noch zur Hoch⸗ zeit fuͤhren⸗ auch die Scheidung gleich hinterher.“ Leidet's denn der Vater? fragte die Tante. Ach ja! gab Malchen zur Antwort. „Im Grunde, ſprach der Onkel,„ſollte man bei ſolchen Gelegenheiten die Leute warnen, wenn ſie ſelbſt nicht hell genug ſehen.“ Das thun Sie doch beileibe nicht, lieber On⸗ kel! bat Malchen. „Trage keine Sorge!“ lachte der Onkel;„ich werde es ohnedies nicht thun. Ja, wenn mein Herr Bruder der Stadtſchreiber ein anderer Mann waͤre! Aber, iich kenne ihn; er nimmt durchaus keine Lehre an, und wuͤrde bitterboͤſe werden, wenn ich die Sachen beſſer durchſchaut haben wollte, als er.“ 3 12 Das neunte Kapitel. Was iſt denn der Aktuarius uͤbrigens fuͤr ein Menſch? fragte die Tante. „Ein recht braver Menſch,“ antwortete der Onkel,„das muß man ihm laſſen. Er verſteht auch ſeine Sachen. Aber freilich kein Vermo⸗ gen.“ 3 Und im Umgange, Malche Deshalb erkundigen Sie 1 lieber bei Tin⸗ chen oder bei Karln einmal, liebe Tante. Sie wiſſen wohl, daß ich gegen ihn eingenommen bin. „Eigentlich, ſagte der Amtmann,„ſollte der Aktuarius manchmal zu uns gebeten werden, Riekchen. Einem jungen Manne, der mir ſo treu⸗ lich in meinem Berufe beiſteht, dem ſollte man auch beweiſen, daß man Gefallen faͤnde an ſeiner Geſellſchaft, wo es nichts zu arbeiten gaͤbe.“ So habe ich immer gedacht, erwiederte die Tante, und ich kann kaum die Augen aufſchla⸗ gen, wenn ich ihm begegne. Der Menſch muß ja Hahrhaftig glauben, ich waͤre dran Schuld, und verſtaͤnde nicht ein Bischen Lebensart. Und da iſt niemand Urſache als Malchen. Die hat mich noch neulich ſo lange gebeten, bis ich ihr verſprechen mußte, den Aktuarius nie wieder ein⸗ zuladen. Ueberhaupt kommt mir manches an ihr V . recht ſonderbar vor. Wenn, zum Beiſpiel, auch ein anderer junger Menſch da iſt, der ſein Augen⸗ merk auf ſie zu richten ſcheint, ſo ſpricht ſie kaum mit ihm. Ich bin doch ebenfalls jung geweſen, und weiß, daß ein Maͤdchen ſich ſonſt gern mit jungen Leuten unterhaͤlt, in allen Ehren, verſteht ſich. Die aber ſcheint eine ordentliche Abneigung vor den jungen Maͤnnern zu haben. „Iſt das wahr, Malchen?“ fragte der Onkel. Doch Malchen haͤtte um alles in der Welt nicht ſagen koͤnnen, daß es wahr waͤre, und eben ſo wenig, daß es nicht wahr waͤre. „Es wird ſich, denke ich, alles finden!“ ſprach der Onkel;„und es iſt beſſer, als wenn Du eine Wahl ohne uns getroffen haͤtteſt. Nochmals, liebes Kind— denn dergleichen kann nicht zu oft wiederholt werden:— verſuche das nicht! Ich bleibe bei meinem Grundſatze, daß Vater und Mutter, oder die ihre Stelle vertreten, den Kin⸗ dern die Ehegenoſſen ausſuchen müſſen. Die ſe⸗ hen mit nuͤchternem, unbefangenem Auge, und das gehoͤrt dazu.“ Das zehnte Kapitel. „ Apropos„“ fing die Tante an:„weil wir denn einmal von ſolchen Dingen reden, haſt du unſern neuen Herrn Diakonus ſchon geſehen, Malchen?“ — Nein. „Nicht ſo gleichguͤltig, mein Kind; de.m wer kann wiſſen! Ich habe Dir's noch gar nicht ge⸗ ſagt. Wie er neulich ſeinen Beſuch machte, Du war'ſt gerade bei Tinchen, fragte er gleich zu † allererſt nach Dir, und kam immer darauf zuruͤck. Ich aͤrgerte mich recht in der Seele, daß Du ſo lange ausbliebſt. Er hat wieder kommen wollen; aber wer weiß, ob ihn nicht nunmehr ſchon eine Andre weggefiſcht hat.“ Meinetwegen! „Das ſag nicht, Malchen! Der Herr Diako⸗ nus iſt eine guke Partie, und ich wuͤßte ja wahr⸗ haftig meiner Freude kein End, wenn ich Dich 24 hier in der Stadt als Frau Diakonuſſin ſaͤhe. und es iſt dir ein gar allerliebſter Mann, ſo hoͤflich und artig! Und ein rechter Redner! Wenn du ihn nur ſehen wirſt. Nicht zu jung, und nicht zu alt, kurzum, gerade wie er ſeyn muß.“ 4 Das elfte Kapitel.* Weil indeſſen Malchen wenig dran lag, ob der 4 neue Diakonus jung oder alt, ſchoͤn oder haͤßlich war, ſo hatte ſie die Tante immer fortreden laſſen, +— —— 6 13 und ſich ganz ruhig in's Fenſter geſtellt.— Mein Gott! rief ſie mit Einem Male; was kommt denn da fuͤr ein alter, langer ſchwarzer, ausge⸗ trockneter Geiſtlicher auf das Haus zu? „Du meine Guͤte!“ rief die Tante;„wo haſt Du denn die Augen? Das iſt ja eben der neue Herr Diakonus. Aber wie unſereins noch ausſieht, und auch Du, Mann! Den Sonntagsſchlafrock we⸗ nigſtens zieh geſchwind an.“ Der Onkel that hierauf fuͤr ſeinen Anzug, was er in der Geſchwindigkeit konnte, die Mama eben⸗ falls. Malchen ſtand betroffen daneben, und wur⸗ de von Beiden hart angelaſſen, daß ſie den neuen Diakonus nicht beſſer betrachtet haͤtte. Das zwoͤlfte Kapitel. Das iſt wohl Ihre wertheſte Mamſell Tochter? fragte der Herr Diakonus nach tauſend Entſchul⸗ digungen von ſeiner Seite, daß er ſo fruͤh ſid⸗ re, und eben ſo vielen, daß er alles ſo unordents lich finde, von der andern Seite. „Bruderstochter,“ antwortete der Amtmann, „aber ſo gut wie die unſrige.“ Ja ſo, es iſt wahr! Bin außerordentlich er⸗ freut, Sie kennen zu lernen, Malchen verneigte ſich. 16 Err fuhr ſodann fort, ſie mit freundlichen Redensarten zu unterhalten, und ſie fuhr fort⸗ ihm das durch Verneigungen zu erwiedern, von denen man nicht recht wußte, ob ſie freund⸗ lich oder unfreundlich waren. Und als der Herr Diakonus ging, und der Amtmann und die Frau Amtmaͤnnin ihn begleiteten, konnte er das vers ſtaͤndige und beſcheidne Betragen ihrer lieben Nichte nicht genug bewundern, und ſagte vorlaͤu⸗ fig, daß er naͤchſteus wiederkommen, und den Gegenſtand mit Onkel und Tante weiter beſpre⸗ chen wolle. Das dreizehnte Kapitel. Nun, Malchen, iſt das nicht ein recht geſcheid⸗ ter Mann? fragte die Tante. Aber Malchen gab gar keine Antwort drauf. Denn wenn er auch noch einmal ſo geſcheidt ge⸗ weſen waͤre, und dabei nicht ein Paarmal ge⸗ ſcheidter ausgeſehen haͤtte, ſo wuͤrde er doch kei⸗ nen Eindruck auf ſie gemacht haben. Vor einem halben Jahre nicht einmal, geſchweige ſeitdem der Aktuarius— Doch ſtill, ſtill! Alles zu ſei⸗ ner Zeit. „Und was er noch draußen zu deinem Lobe geſagt hat, liebes Kind!“ ſetzte der Onkel hinzu. g— — 4. . Und— fiel die Tante ein,— was er naͤch⸗ ſtens Deinetwegen mit uns ſprechen wird! Nun, ich will heute noch nichts ſagen, als das: Du biſt ein recht gluͤckliches Maͤdchen. und in Malchens Koͤpfchen, das ſonſt ſo leicht und frei von den runden Schultern in die Welt hinein laͤchelte, waren ſo viele Thraͤnen ge⸗ ſtiegen, daß es ganz ſchwer geworden war und von einer Seite nach der andern ſchwankte. Gleich⸗ wohl durfte ſie die Thraͤnen in Gegenwart des Onkels und der Tante nicht wohl herauslaſſen; daher ergriff ſie die erſte beſte Gelegenheit, etwas hinauszuraͤumen, um nur allein mit ſich und ih⸗ rem thraͤnenſchweren Koͤpſchen ſeyn zu koͤnnen. Das vierzehnte Kapitel. Allein jedoch war ſie auch in ihrem Stuͤbchen nicht; denn eben als die Thraͤnen anfingen, in Gang zu kommen, trat Karl herein. Der aber mochte ſie immer ſehen.„Kannſt Du denken, Karl,“ redete ſie ſelber ihn an,„daß ich den haͤßlichen Diakonus werde heirathen ſollen?“ Das waͤre viel! „Da iſt nichts zu lachen; es iſt wahrhaftig voͤlliger Ernſt.“ Luſtige Erzaͤhlungen II. B 18 Ja, ja, ich lache nur uͤber die Augen, die ein Gewiſſer dazu machen wird. Augen machen! Du bildeſt Dir alſo ein, daß ich den Diakonus wirklich nehmen werde? Wid anders, wenn es volliger Ernſt iſt? „Du ſpaßeſt ſehr zur Unzeit.“ Bloß damit ich Dir den unzeitigen Spaß ab⸗ gewoͤhne. Was das vorhin wieder war! Wie leicht haͤtte ich mich nicht verrathen koͤnnen, als ich durch deinen Scherz hinausgejagt wurde. Daß ihr Maͤdchen doch alles uͤbertreiben muͤßt! Jetzt wieder. Wozu die uͤbermaͤßige Betruͤbniß? „Wozu? Weißt Du denn nicht, wie der On⸗ kel iſt und die Tante, und wie ſie mir zureden, und Tag und Nacht keine Ruhe laſſen werden. Du haͤtteſt nur die Einleitung zu dem allen mit anhdren ſollen!“ Das habe ich gethan. Ich war in der Ne⸗ benſtube, und die iſt, wie du weißt, nur durch einen bloßen Verſchlag von der andern Leſthiedene „Und kannſt ſo ſprechen?“ Und Du kannſt ſo troſtlos ſeyn? Giebt Dir denn der Onkel nicht ſelber das beſte Mittel ge⸗ gen dieſe Heirath an die Hand? — —2 Das funfzehnte Kapitel. Hier muß ich doch aber, ehe ich's vergeſſe, ein Paar Worte uͤber Karln einſchalten, damit meine lieben Leſerinnen im voraus wiſſen, was ſie an dem Menſchen haben. Mir ſelber iſt er zwar in mei⸗ nem ganzen Leben noch nicht vor die Augen ge⸗ kommen; aber lang muß er ſeyn: denn die Mannsperſonen im Staͤdtchen hießen ihn Amt⸗ manns langen Karl. Huͤbſch muß er ebenfalls geweſen ſeyn: denn von den Frauenzimmern wur⸗ de er immer der ſchoͤne Karl genannt. Daruͤber gab es nun manchmal einen kleinen Streit zwi⸗ ſchen den Frauenzimmern und ihren Liebhabern, welche gemeiniglich Mannsperſonen waren, und ihn alſo bloß den langen Karl geheißen haben woollten. Darin hingegen kamen Mannsperſonen und Frauenzimmer uͤberein, daß Amtmanns Karl im Grunde des Teufels Vorlauf waͤre; denn in ſeiner fruͤhern Zeit geſchah kein Schabernack im Staͤdtchen, woran Karl nicht Antheil genommen haͤtte. Hiermit waͤren denn die Leſerinnen zur Noth⸗ durft befreidigt. B 2 20 Das ſechszehnte Kapitel. In dieſem neuen Kapitel wende ich mich an mei⸗ ne braven Leſer. Es thut mir zwar in der See⸗ le weh, daß ich den Leſerinnen nicht mehr ſagen konnte; aber ich darf es die Leſer deſſen ungeach⸗ tet nicht entgelten laſſen. Ich weiß nun einmal mehr von Malchen, als von Karln, und pflege in ſolchen Faͤllen eher das zu ſagen, was ich nicht weiß, als daß ich Dinge verſchweigen ſollte, die mir wirklich bekannt ſind. Malchen hatte ein Paar ſo feurige, braune Augen, daß man, wenn man ſie nur anſah, gleich fuͤrchten mußte, ſie brennten einen durch. und durch. Und es war ein ganz unverwuͤſtli⸗ 3 ches Feuer darin, das ſogar im Waſſer noch fort⸗ brannte. Denn ſogar vor einem halben Jahre un⸗ gefaͤhr, wie ſie einem Gewiſſen das Herz zu einer immerfort gluͤhenden Kohle brannte, damals ſtan⸗ den ihr die beiden ſchoͤnen Augen ganz voll Waſſer. So feurig nun Malchens braune Augenin die weite Welt, und ſeit einem halben Jahre zuweilen auf einen einzigen Fleck in der ganzen weiten Welt ſahen, ſo ſauft gingen zwei ſchmale braune Bogen uͤber ihnen hin, welche ganz außerordentlich huͤbſch von dem zarten, weißen Geſichtchen abſtachen, und von einer Farbe mit den ſeidnen Loͤckchen waren, hinter denen die beiden Augen bisweilen die Leu⸗ te ein wenig belauſchten. — — 21 Das uͤbrige von dem Maͤdchen im folgenden Kapitel. 7 Das ſiebzehnte Kapitel. —— Eine Naſe hatte das arme Malchen freilich nicht. Aber das war kein Ungluͤck; denn ſie hatte, ſtatt der Naſe, ein unvergleichlich huͤbſches, und trotzi⸗ ges Naͤschen. Und der Meunſch ſoll noch gebo⸗ 3 ren werden, welcher dem huͤbſchen, trotzigen Naͤs⸗ chen haͤtte gram ſeyn moͤgen. Die vollen, friſchen, rothen Lippen haͤtte mir . ſicher auch keiner ſtehen laſſen, wenn ihm von ih⸗ nen ein Kuß angeboten worden waͤre. Allein Mal⸗ chens Lippen pflegten ihre Kuͤſſe niemals anzu⸗ bieten. Mit dem einzigen Aktuarius Wolf, von dem Onkel und Tante wußten, daß Malchen ihn wie die Suͤnde haßte, ſoll ſie zuweilen darin eine kleine Ausnahme gemacht haben. Mit einem einzigen Menſchen, aber, was will das ſagen? Auch machte ſie mit dem die Ausnahme nur, wenn kein Menſch etwas davon merken konnte. Da rede ich indeſſen zu viel: denn zwei Men⸗ ſchen gab es, die es auch merken durften; und das waren ihr Bruder Karl und Stadtſchreibers Tinchen. — 22 Das achtzehnte Kapitel. 8 Doch von Stadtſchreibers Tinchen werde ich nicht viel reden duͤrfen. Und das wegen meiner Frau; denn die hat noch allemal, wenn ich von Tinchen anfing, geſagt, ich muͤßte in das Maͤdchen ver⸗ liebt ſeyn. Wer aber laͤßt ſich gerne dergleichen von ſeiner Frau nachſagen? zumal unter Umſtaͤn⸗ den, wie hier. Denn wuͤrde meine Frau laut damit, ſo kaͤme vielleicht Amtmanns Karl'n da⸗ von etwas zu Ohren, und ich haͤtte nur meine Noth mit ihm. Karl naͤmlich will durchaus nicht haben, daß ſich jemand in Tinchens blaue Au⸗ gen verlieben ſoll, ob ſie gleich einem jeden der ſie anſieht, ohne daß ſie's wollen: vergiß mein nicht! zufliſtern. Auch in Tinchens goldne Haa⸗ re will er, daß ſich keine Seele verlieben ſoll, wenigſtens keine maͤnnliche Seele. Eben ſo we⸗ nig ſollen ſich die maͤnnlichen Seelen in Tinchens. rundgeformte, durchſichtige Halstuͤcher verlieben; ja, was ſage ich die maͤnnlichen Seelen! nicht einmal die maͤnnlichen Augen ſollen das. Er⸗ fuͤhre aber Karl vollends, daß eine maͤnnliche Seele gar noch tiefer bei Tinchen gegangen waͤre, und ſich in ihr weiches Herzchen verliebt haͤtte, (wie meine Frau von mir behauptet): ſo waͤre er vielleicht gar nicht wieder gut zu machen. — Darum will ich auch nicht das geringſte von Tinchen und ihrem ſchlanken Wuchſe ſagen. Wer ſie kennt, der ſieht das alles ja ohnedies; und wer ſie nicht kennt, dem ſage ich nur ſo viel, daß Karl Tinchen durchaus nicht leiden mochte, oder wenigſtens, daß der Onkel und die Tante davon uͤberzeugt waren. Das neunzehnte Kapitel. Bei Karl'n mochte es nunmehr anderthalb Jahr ſeyn, daß ſich dieſer Haß gegen Tinchen angefan⸗ gen hatte. Daß aber Malchen den Aktuarius Wolf ſo ſehr haßte, war kaum ſeit einem halben Jahre, und gleich in den erſten Wochen, daß der Aktuarius aus der Reſidenz in dieſes Amt ver⸗ ſetzt worden war, ging ihr Haß gegen ihn an. Daruͤber mußte man ſich ebenfalls verwundern; denn wenn der Aktuarius Wolf auch nicht gera⸗ de ein ſchoͤner Mann war, ſo hatte er doch ein recht bedeutendes Geſicht, eine huͤbſche Figur, und einen recht heitern Geiſt. In ſeinem Betragen war er ebenfalls weder roh noch fade, und Amt⸗ mann's konnten es ſich ſelber nicht erklaͤren, wie die Abneigung in ihren beiden Kindern gegen ein Paar Leute, wie Tinchen und der Aktuarius, ſo groß geworden war. Denn wenn Karl und Mal⸗ 1 chen von einem kleinen Spaziergange nach Hauſe kamen, brachten ſie auch allemal Klage mit. Karl klagte daß doch Tinchen immer dabei ſeyn muͤßte; und Mlachen klagte: daß doch der Aktuarius im⸗ mer dabei ſeyn muͤßte! Und der Onkel verdachte es nur ſeinem Herrn Bruder, dem„ſuperklugen Herrn Stadtſchreiber, wie er ihn oft nannte, daß er ſich die Sache zwi⸗ ſchen ſeiner Tochter und dem Aktuarius ſo gefal⸗ len laſſen koͤnnte. Daß aber wirklich eine Sache zwiſchen dieſen beiden Perſonen ſtatt faͤnde, mein⸗ te der Onkel, das muͤßte wohl ein Blinder ſogar inne werden; und die Tante meinte es mit. Das zwanzigſte Kapitel. „ Giebt dir denn nicht der Onkel ſelber das beſte Mittel gegen dieſe Heirath an die Hand?“ frag⸗ te Karl ſchon im vierzehnten Kapitel. Weil nun in dieſem Kapitel weder Antwortt noch ſonſt et⸗ was ſteht, ſo muß ich ihn die Frage hier wie⸗ derholen laſſen.—„Beſinne Dich nur. Malchen!“ fuhr Karl fort. Und als dennoch nichts heraus⸗ kommen wollte, ſagte er:„Wo Du nur Deine uͤbrigen Gedanken haben mußt! Ein großer Theil davon mag freilich in der Reſidenz herumſchwaͤr⸗ men; ober auch mit den uͤbergebliebenen koͤnnteſt Du noch einſehen, daß wir die Abſichten des On⸗ kels an ſeinen eigenen Grundſaͤtzen ſterben laſſen muͤſſen. Verſtehſt Du noch immer kein Deutſch? Rein heraus! kannſt Du Dich denn verliebt ſtellen in den Diakonus, bis uͤber die Ohren ver⸗ liebt?. Jeettzt fielen Malchen freilich die Schuppen von den Augen; zugleich aber ſchauerte ihr ordent⸗ lich die Haut. Verliebt? rief ſie; in den haͤßli⸗ chen Menſchen? Nein, Karl; das durchaus nicht! „Meinetwegen, ſo heirathe ihn lieber gar, wenn dir das beſſer gefaͤllt! ſagte Karl, und ging verdrießlich hinaus. Das ein und zwanzigſte Kapitel. Doch kaum hatte er eine ganz kleine Weile in ſeiner Stube geſeſſen, als Malchen ebenfalls hin⸗ ein kam. Noch boͤſe, Kark? fragte ſie, als er ſie nicht bemerken wollte, und fuhr da zu mit der kleinen Hand uͤber ſeine Backe. „Boͤſe bin ich weiter nicht; aͤrgern muß man ſich wohl uͤber dergleichen.“ „Sey nur wieder gut; ich will's ja ganz nach 26 Deinem Kopfe machen. Aber wie fange ich es an?“ Als ob ein Maͤdchen ſich nicht beſſer auf ſol⸗ che Streiche verſtaͤnde!... Er will naͤchſtens wiederkommen: ſagte er nicht ſo? Leider! „Leider? Das iſt ja recht gut; deſto eher wer⸗ den wir ihn los. Warte nur, ſchon heute will ich Dich vexiren, heute uͤber Tiſche, daß Du's weißt!“ Wenn ich mich nur nicht verrathe! „Dafuͤr ſtehe ich,“ ſagte Karl lachend.„Ich weiß ja wohl, hm! hm!—“ Wir duͤrfen uns auch weiter kein Gewiſſen daraus machen; denn wenn Leute ſo verkehrte Begriffe vom Heirathen haben, wie der Onkel und die Tante, ſo muß man alles dagegen anwenden, damit nur kein uugluͤck herauskommnt.“— Malchen fand das ſo uͤb eraus wahr, daß ſie gar keinen Skrupel mehr daruͤber zu haben ſchien. — 8 Das zwei und zwanzigſte Kapitel. Bei dem allen wurde Malchens Geſicht uͤber Ti⸗ ſche wie die pure, helle Gluth, als Karl ein Woͤrtchen vom neuen Djakonus fallen ließ, und — dazu huſtete, und ſie anlachte. Der Onkel und die Tante ſahen hierauf Malchen ebenfalls an, und ſie haͤtte vor lauter Angſt vergehen moͤgen, da Karl ſagte: Wie roth ſie gleich wird, wenn man den Diakonus erwaͤhnt! Ja verſchweige nur mir ſolche Dinge; ich merke ſie doch! „Ha ha ha ha!“ lachte der Onkel recht aus Herzensgrunde.„Es iſt ein Blitzjunge. Das⸗ mal waͤre ich nicht von ſelber darauf verfallen. Sie that ja heute fruͤh, wie er da war, gar nicht ſo. Aber Du haſt recht Karl, Du haſt wahr⸗ haftig Recht!“ Ich begreife nicht. Malchen, ſagte die Tante, warum Du es laͤugnen willſt. Es iſt eine annehm⸗ liche Partie, und keine die aus einer albernen, ſo⸗ genannten Liebe entſteht. Du ſiehſt ein, daß Du gut verſorgt wirſt, und ich freue mich, Malchen, daß Du ſchon jetzt ſo vernuͤnftig denken lernſt. In Deinen Jahren, zu meiner Schande geſtehe ich's, war ich noch nicht voͤllig bis dahin. Das drei und zwanzigſte Kapitel. Das Einzige, fing Karl wieder an, wuͤnſchte ich denn doch: daß ſich Malchen nicht allzu ſehr gegen den Diakonus verriethe. Ich meine, daß ſie nicht auf das erſte Wort gleich die Einwilli⸗ gung giebt, ſondern ſich erſt einige Bedenkzeit ausbittet. „Das verſteht ſich ja von ſelbſt!“ erwiederte der Onkel. Ja, ſagte Karl bedenklich, ich traue ihr da⸗ rin wirklich nicht. Ei, Malchen! was Karl redet! verſetzte die Tante. Darauf antwortete denn das arme bedraͤngte Malchen mit einem bloßen Kopfſchuͤtteln, und nahm alsdann gar einen Vorwand aufzuſtehn und die Stube zu verlaſſen. Du mußt ſie auch immer vexiren! ſagte die Tante verdrießlich zu Karln. Glaubſt Du’s denn— 2 3 Ci wohll antwortete Karl, und erzaͤhlte vie⸗ le Sachen, die alle nicht vorgefallen waren, zum Beweiſe. „Wir werden's ja ſehen!“ ſagte der Onkel. „Zu bedeuten hat es gewiß nichts. Denn un⸗ ſer neuer Herr Diakonus ſcheint zwar ein ſehr braver Mann zu ſeyn; aber daß ſich ein Maͤdchen wie deine Schweſter ordentlich in ihn verlieben ſollte: danach ſieht er mir wahrhaftig nicht aus.“ J nun! nun! murmelte Karl. Aber der Amtmann ſah ihn mit einer finſtern Miene an⸗ und ſagte:„Poſſen!“ * — 29 Das vier und zwanzigſte Kapitel. 8 Nicht ausgeſchlafen, Malchen?“ fragte Karl, als ſie den andern Vormittag in ſeine Stube kam. Ach, der fatale Diakonus kommt mir nicht aus den Gedanken! „Das wird ihm gerade recht ſeyn!“ Ja, wenn er nur wuͤßte!— Geht mein Traum aus, ſo haben wir ihn bald hier. „Davon nur herzhaft, Malchen, um Dein ſelbſt willen.“ Wenn doch die ganze Geſchichte ſchon gluͤcklich vorbei waͤre! „Kommt Zeit, kommt Rath! Ich habe unſern beiden Alten ſchon geſtern einen Floh in'’s Ohr ge⸗ ſetzt; Du darfſt nur deine Haͤnde nicht in den Schooß legen. Auf den Abend denke ich... Doch ſieh einmal, Malchen! Da haſt Du deinen Traum ſchon.“ Wahrhaftig! rief ſie voller Verdruß. Doch veraͤnderte ſie den Ton ganz und gar, und ſprang in des Onkels Arbeitsſtube, und ſchrie, wie voller Freude: Der Diakonus! der Diakonus! Und der Onkel, dem das Geſchrei unvermu⸗ thet kam, fuhr vor Schrecken vom Stuhle auf, zerbrach ſeine thoͤnerne Tabackspfeife, und ſagte: „Biſt Du denn toll geworden? Was das fuͤr ein Spektakel iſt!“ —**. Was giebt's denn? fragte die Tante im Her⸗ eintreten.— „Dumme Streiche giebt es. Ich ſitze hier aber meinen Akten, und da kommt ſie mit einem Mal hereingeſchrieen: der Diakonus, der Diako⸗ nus! daß ich noch an allen Gliedern zittre.“ Das fuͤnf und zwanzigſte Kapitel. Ah, gehorſamſte Dienerin! ſagte die Tante, als jetzt der Diakonus wirklich erſchien. Der Onkel gruͤßte ihn auf aͤhnliche Weiſe; aber mit Malchens Vorſatze ihn vor allen andern freundlich zu gruͤſ⸗ ſen, wollte es nicht fort. Da ſie ſich dem ſchwar⸗ zen Menſchen ſo nahe ſah, war es ihr gerade, als muͤßte ſich ihr Herzchen bei jedem freundlichen Worte umwenden; und wenn ihr Karl nicht heim⸗ lich in's Gewiſſen geredet, und von da aus ihr Herz befeſtigt haͤtte: wer weiß, ob ſie dann die niedergeſchlagenen Augen losgeworden waͤre. Das allerfatalſte war ihr, daß der Diakonus ihre Freundlichkeit wohl zehnfach erwiederte. Am Ende kam es wirklich dahin, daß er um Malchens Hand anhielt. Und ſie that jetzt ſo uͤber die Maaßen freundlich, daß der Onkel ſel⸗ der ſie beim Aermel zupfen zu muͤſſen glaubte, 31 und ihr von der Bedenkzeit etwas in's Ohr zi⸗ ſchelte. Die foderte Malchen denn. Der Diakonus ging fort, und man begleitete ihn bis zur Trep⸗ pe. Malchen allein ging die Treppe mit ihm hinunter, und ſchien eine Heimlichkeit mit ihm abzuthun. Das ſechs und zwanzigſte Kapitel. „ Und der Onkel ſagte kein Wort, als Malchen zuruͤckkam, und die Tante ſagte kein Wort. Erſt als Karl wieder in die Stube trat, ging das Re⸗ den los. Es muß heraus, ſagte er: Du haſt Dich ſchlecht benommen gegen den Diakonus, Malchen Weggeworfen haſt Du Dich, daß ich's geradezu ſage. Und ich werde mich allemal ſchaͤmen muͤſ⸗ muͤſſen, wenn ich daran denke. Nun, nur nicht alles gleich gar zu arg ge⸗ macht! verſetzte die Tante. Bloſzgegeben haſt Du Dich freilich, Malchen, das iſt rvahr. „Wohl hat ſie das!, erwie derte der Onkel. Aber deswegen muß man niaht mit der Thuͤr in's Haus fallen, wie der Karl! fuͤgte die Tan⸗ tee hinzu. Wenn Sie nur wuͤßten, was ich weißl fliſter⸗ te ihr Karl in's Ohr. 9 Run, was denn? Ich habe die Heimlichkeit auf der Treppe und unten im Hauſe mit angehoͤrt! Sie ſollen hernach alles erfahren. Waͤhrend der ganzen Zeit aber ſtand Malchen am Fenſter, und freute ſich, daß das, was zwi⸗ chen Karl'n und ihr verabredet worden war, ei⸗ nen ſo guten Fortgang zeigte. Sie that auch gar nicht, als ob ſie's bemerkte, daß die Tante Katl'n in das Zimmer daneben winkte, und daß der On⸗ kel mit allen Beiden hinausſchlich. —⸗—— Das ſieben und zwanzigſte Kapitel. Nun fragte die Tante im Nebenzimmer. „Ich ging doch noch vor dem Diakonus die Trepde hinunter,“ erwiederte Karl. Ja. Weiter! „Er und ſie ſahen mich nicht, und beſtellten daher einander auf den Abend in den Garten.“ Warum nicht gar! „Ich muͤßte falſch gehoͤrt haben. So viel ſſt gewiß, daß Malchen ſagte: Abends nach acht Uhr kommt keine Seele mehr in den Garten.“ Du haſt ſicher falſch gehoͤrt.. A „Das wird ſich ausweiſen. Wenn wir Mond⸗ ſchein behalten⸗ ſo koͤnnen Sie ſich ſelber uͤber⸗ 33 zeugen. Denn der Diakonus iſt wohl in ſeinem altmodiſchen Rocke und in ſeinem dreieckigen Hute nicht zu verkennen. Geht ein Maͤdchen von Mal⸗ chens Statur mit ihm in dem Garten herum, nun ſo wiſſen Sie auch wer es iſt. Sie koͤnnen's hier aus dem Fenſter mit anſehen.“ „Bis jetzt iſt mir das alles noch ſehr unwahr⸗ ſcheinlich!“ ſagte der Onkel. Das meine ich auch! fuͤgte die Tante hinzu. Denn der Herr Diakonns muß doch gemerkt ha⸗ ben, daß keine abſchlaͤgige Antwort von uns Bei⸗ den zu befuͤrchten iſt; und er ſollte ſich ſo ver⸗ geſſen, und Ich glaube es nimmermehr. „Wenn ſie nun aber, verſetzte Karl, Beide ſo verliebt in einander waͤren, daß ihnen dies al⸗ les zu lange waͤhrte? „Schnickſchnack!“ rief der Onkel. Indeſſen beſchloß man doch, ſich zum Ueberfluſſe von dem Ungrunde des Argwohns, den Karl hatte, am Fenſter zu uͤberzeugen. Das acht und zwanzigſte Kapitel. „ Wohin?“ fragte die Tante, als ſich Malchen gegen Abend zum Ausgehen ankleidete. Luſtige Erzaͤhlungen II. C Zu Tinchen. „Das jmmerwaͤhrende Gelaufe! Bleib huͤbſch zu Hauſe, wie ich in meiner Jugend!“ So laſſen Sie ſie doch! ziſchelte Karl. Mer⸗ ken Sie denn nichts? Wenn Sie noch heute hin⸗ ter die Schliche kommen wollen, ſo muͤſſen Sie ihr auch nicht die Gelegenheit abſchneiden. „Nun ſo geh dasmal!“ ſprach die Tante, finſter genug⸗ Bleibſt Du denn hier, Karl? fragte Malchen. Und der entſchuldigte ſich mit wichtigen Dingen, die er auswaͤrts noch abzumachen haͤtte. Allein die wichtigen Dinge, die er. angab, waren die Urſache nicht, ſondern die wichtigen Dinge wel⸗ che er nicht angab, die ich aber nunmehr aus⸗ plaudern darf. Bei Stadtſchreibers Tinchen lag naͤmlich ein alter Ueberrock vom neuen Diakonus, und ſeine Peruͤcke und ſein Hut ebenfalls. Ein Burſche des Diakonus, welchem dieſer den Dienſt aufgekuͤndigt, hatte Karl'n dieſe Kleidungsſtuͤcke fuͤr Geld und gute Worte auf Borg gegeben, weil er wußte, daß der Diakonus dieſen Abend nicht ausgehen wuͤrde. 3⁵ Das neun und zwanzigſte Kapitel. Malchen, ſiehſt du wohl die Alten oben am dun⸗ keln Fenſter? fragte Karl, als er nach acht Uhr in des Diakonus Anzuge in den Garten kam, wo Malchen ſchon eine Weile auf ihn gewartet hatte. Du mußt aber auch huͤbſch zaͤrtlich mit mir thun.(Dazu ſchlang er ſeinen Arm um die Schweſter.) So ungefaͤhr wie mit dem Aktuarius, oder, wo moͤglich, noch zaͤrtlicher. Denn alte Leute haben ſchwache Augen, und wenn wir die Farben nicht ſtark auftragen, ſo werden ſie unſe⸗ re ganze Zaͤrtlichkeit nicht inne.—— „Es wird, es wird!“ ſagte Karl nach einer kurzen, aus lauter Zaͤrtlichkeit zuſammengeſetzten 2 Pauſe. Hoͤrſt du den Onkel murmeln?— Jetzt gehen ſie gar vom Fenſter weg.— Sie werden herunterkommen.— Da haben wir ſie im Garten! Nun wird es Zeit auf Sicherheit zu denken. Ei⸗ nen Schrei, Malchen, und dorthin! Ich ſpringe hiier uͤber die Mauer, und laſſe den Hut zuruͤck⸗ fallen. Der Amtmann kam wirklich, fuͤr ſeine poda⸗ griſchen Beine ſehr geſchwind, herbei; allein von dem falſchen Diakonus war nichts mehr zu ſe⸗ hen als der Hut. Und der wurde auch mitge⸗ nommen.. B. C 2 36 Das dreißigſte Kapitel. Auf deine Stube, ehrvergeßnes Kind! ſagte die Tante, als ſie hinaufkam, wohin ſich Malchen waͤhrend der Zeit geſchlichen hatte. „Und zwar den Augenblick!“ fuͤgte der Onkel hinzu. Das aber war gerade die Strafe, welche Mal⸗ chen ſich gewuͤnſcht hatte.— Hab ich recht gehabt oder nicht? fragte Karl, der die falſche Kleidung bis auf den Hut wieder abgegeben hatte, gleich beim Eintreten, als er den Onkel und die Tante voller Mißvergnuͤgen da ſitzen ſah. Keine Antwort. Da liegt ja wohl gar der Hut vom Herrn Diakonus? ſprach Karl. 3 „Der Hut wird ihm theuer zu ſtehen kommen!“ rief der Onkel, indem er auf den Tiſch ſchlug und aufſtand.„Morgen mit dem fruͤheſten ſoll er mir hierher, der ſaubre Herr Diakonus! Und wenn er nicht kommt, wenn er nicht kommt, ſo ſoll er ſchon ſehen! Ich will ihm weiſen, was es heißt, ehrbare Maͤdchen verfuͤhren!“ 32 Das ein und dreißigſte Kapitel. Der Herr Diakonus wunderte ſich zwar ſehr, als der Onkel ſchon fruͤh nach ihm ſchickte, wie er noch im Bette lag; noch viel mehr aber wun⸗ derte er ſich uͤber die Art, wie es nachher im Amthauſe mit ihm hergieng: denn ſeine tiefen Buͤcklinge beim Hereintreten konnten den Onkel zu nichts als einem leichten Kopfnicken bewegen. „Kennen Sie den Hut, Herr Diakonus?“ fing der Amtmann an. Nun, das muß ich ſagen! rief der Diakonus, und ſchlug voll Verwunderung in die Haͤnde. „Was muͤſſen Sie ſagen? Mein Gott, daß hier eine Polizei iſt, die man nicht beſſer wuͤnſchen koͤnnte. Kaum hat man mir den Hut geſtohlen, ſo erhalte ich ihn auch ſchon aus den Haͤnden der Gerechtigkeit wieder. „Schnickſchnack! Damit kommen Sie mir nicht! Das iſt eine alberne Entſchuldigung. Hat Ihnen etwa auch den Rock jemand geſtohlen, den Sie jetzt anhaben?“ Wie verſtehn Sie das, Herr Amtmann? „Keine ſolche Ausfluͤchte weiter, ich bitte mir's aus! Da haͤtten ſich wohl noch wahrſcheinliche⸗ re auffinden laſſen. Es mag ſeyn, daß unſer Ort nur klein iſt. Aber ſo dumm ſind darum unſre Diebe, Gott Lob! noch nicht, daß ſie Huͤ⸗ 38 te ſtehlen ſollten, ſo abgenutzt und zerriſſen, wie der! Und kurz, Herr Diakonus, der Streich in meinem Garten macht Ihnen wenig Ehre.“ In Ihrem Garten, Herr Amtmann? Daruͤ⸗ ber verlange ich eine Erklaͤrung. „öErklaͤrung! Erklaͤrung!— Seyn Sie froh, wenn ich nicht laut werde. Schaͤmen ſollten Sie ſich, in's Herz hinein ſchaͤmen! Das iſt alles, was ich Ihnen ſagen will. Und nun gehorſa⸗ mer Diener.“ So ausdrucksvoll auch die Bewegung war⸗ mit welcher der Amtmann ſein:„gehorſamer Die⸗ ner!“ ausſprach, der Herr Diakonus wollte doch noch ein Wellchen bleiben und ſich nach den Ur⸗ ſachen dieſer Behandlung erkundigen. Allein der Amtmann fing ſo arg an zu toben, daß der Dia⸗ konus ſeines Lebens nicht mehr ſicher zu ſeyn glaubte, und die erſte Gelegenheit nach der Stu⸗ benthuͤre benutzte. Das zwei und dreißigſte Kapitel. Malchen aber war mit ihrem Bruder in der Ne⸗ benſtube, und ſie hatte ſich die Thraͤnen, welche von ihrem unterdruͤckten Lachen herruͤhrten, noch nicht abgetrocknet, als der Onkel hexreintrat. 39 Und gleich nahm ſie die betruͤbteſte Miene von der Welt an. „Weine immer, weine!“ ſprach der Onkel. „Wahrſcheinlich hat die Mamſell mit angehoͤrt, wie ihr Galan abgefertigt worden iſt. Beſſer jetzt geweint, als nachher!“— Es war jedoch wirklich recht gut, daß der Dn⸗ kel ſogleich wieder fortgieng; denn Malchen hatte ihre Miene ſchon gar nicht mehr in der Gewalt. Und ſie umhalſte Karl'n einmal nach dem an⸗ dern fuͤr den guten Rath, den er ihr gegeben, und den treulichen Beiſtand den er ihr geleiſtet hatte. Am meiſten verdroß die Geſchichte die Tante. Die hatte ſich ſchon auf den geiſtlichen Verwand⸗ ten ſo ſehr gefreuet, daß es ihr aͤußerſt ſchwer wur⸗ de, ihn ſo auf Einmal wieder zu verlieren. Da⸗ her war ſie auch den ganzen Morgen noch nicht zum Vorſchein gekommen, und wurde erſt gegen Mittag von ihrer Migraine verlaſſen. Das drei und dreißigſte Kapitel. „ Schon willkommen, Herr Bruder 14 rief der Onkel Nachmittags dem Stadtſchreiber entgegen. 40 4 Wie biſt Du denn einmal auf den geſcheidten Einfall gerathen, mich zu beſuchen?“ Es iſt wirklich lange her, ſagte die Tante. Wir haben immer geſehen, und geſehen; aber wer nicht kam, das war der Herr Stadtſchrei⸗ ber. Wie das nun geht, Frau Amtmaͤnnin: im⸗ mer Arbeit und Sorge. Du wirſt das gewahr, Herr Bruder. „Ja wohl.“ „Auch heute,“ fuhr der Stadtſchreiber fort, „waͤre ich vielleicht nicht da, wenn mich nicht etwas Außerordentliches zu Dir fuͤhrte. Was haſt du denn mit unſerm neuen Diakonus vorge⸗ habt? Er kam zu mir, und beſchwerte ſich ſehr uͤber Dich. Du.. „Ach ich, ich!“ fiel der Amtmann ein. „Von ihm fange an, und dann von mir; denn er hat alles veranlaßt. Und wenn er noch ſo unverſchaͤmt iſt, die Sache in der Stadt auszu⸗ tragen, ſo ſoll er ſehen, was entſtehen wird.“ Nun, nun, Herr Bruder, Herr Bruder, nur nicht gleich obenaus! Wie er mir geſagt hat, ſo weiß er nicht die geringſte Urſache von Deinem veraͤnderten Benehmen. Und gewiß, alles was er ſagte, hatte einen ſolchen Schein von Wahr⸗ heit, daß ich ihm Recht geben mußte. „Recht geben!“ rief der Amtmann, und lach⸗ te voll Erbitterung auf. 4* Nur gelaſſen, gelaſſen!— Man merkt doch gewoͤhnlich den Leuten an, was ſie im Schilde fuͤhren. „Du und merken! Dann haͤtteſt Du gewiß laͤngſt gemerkt, warum der Aktuarius Wolf gleich⸗ ſam der Schatten von Deiner Tochter iſt. Doch ich will nichts ſagen.“— Von meiner Tochter? fragte der Stadt⸗ ſchreiber. Das vier und dreißigſte Kapitel. „ Ja, ja! von weſſen Tochter ſonſt?“ Von Deiner, Herr Bruder, von Deiner. Wirklich Frau Amtmaͤnnin, bin ich ſchon immer im Begriff geweſen, Sie zu fragen, ob denn alie die Gaͤnge mit dem Aktuarius, mit Ihrer Bewil⸗ ligung geſchaͤhen. Darauf wollte ſich denn der Amtmann todtla⸗ chen.. Die Frau Amtmaͤnnin laͤchelte ebenfalls mit Kopfſchuͤtteln, und der Stadtſchreiber wurde ſo erbittert daruͤber, daß er Hut und Stock nahm und ſagte: Wenn die Leute aber auch gar nicht mehr hoͤren und ſehen, dann iſt freilich alles Re⸗ den uͤberfluͤßig. Ich empfehle mich. Das ſagte der Stadtſchreiber mit einer ſolchen 42 Heftigkeit, daß die Frau Amtmaͤnnin, welche ihn ſonſt ſicher zuruͤckgehalten haͤtte, boͤſe wur⸗ de: und ſo gut, wie ihr Mann, ſeinem Vorſatze zu gehen kein Woͤrtchen entgegenſetzte. „Daß der Menſch nur ſo blind ſeyn kann!“ rief der Onkel einmal uͤber das andre mit lautem Lachen. Das fuͤnf und dreißigſte Kapitel. Und Karl und Malchen ſaßen gegen Abend allein beiſammen, und lachten zwar ebenfalls ein we⸗ nig daruͤber, daß der Menſch ſo blind ſeyn kann; aber ganz wohl war ihnen der Umſtaͤnde wegen, doch auch nicht zu Muthe. Und noch weniger wohl wurde ihnen, als Tinchen mit ganz rothen Au⸗ gen zur Thuͤr herein geſchluͤpft kam, und erſt lange weinen mußte, ehe ſie anfangen konnte. Denkt nur, ſagte ſie dann, dieſen Nachmit⸗ tag iſt es ſo gut wie richtig geworden, daß ich den haͤßlichen neuen Diakonus heirathen ſoll! Er hat naͤmlich, weil es hier nichts mehr war, um mich angehalten, und der Vater, der voll Aerger⸗ niß nach Hauſe kam, will beweiſen, daß der Ak⸗ tuarius mich gar nichts angehe, und dringt auf die unſelige Heirath. 43 „Und Du, Tinchen?“ fragte Karl, den ſeine ganze Leichtfertigkeit verlaſſen hatte. Ich! erwiederte Tinchen aͤngſtlich; was ſoll ich denn thun? das ſagt mir nur. Das ſechs und dreißigſte Kapitel. ——— Tinchen hatte ſo laut gewehklagt, daß der Amt⸗ mann es hoͤrte, und dazu kam und ſich erkun⸗ digte. „Nein,“ ſagte er, als er die Urſache gehdrt hatte,„das gebe ich nicht zu. Ich habe Sie aus der Taufe gehoben, und bin Ihnen gut, bis auf den Punkt mit dem Aktuarius und Ihre Heimlichkeiten mit ihm. Denn ſolche Heimlich⸗ keiten duͤrfen Kinder nun einmal nicht vor ihren Eltern haben. Indeſſen kommt auch in ſolchen Dingen zuweilen die Schuld auf die Eltern und ihre Erziehung. Denn warum haben zum Bei⸗ ſpiel meine Kinder keine ſolche Heimlichkeiten? Deshalb auch weiter kein Wort daruͤber, und ich ſage noch einmal: ich gebe nicht zu, daß der Dia⸗ konus Sie bekommt. Ich will ſogleich zu Ihrem Vater, und ihm erzaͤhlen, was das fuͤr ein Herr iſt.“ Wirklich legte der Amtmann ſeine Hausklei⸗ dung ab, und zog ſich an, und war auch ſchlech⸗ 4⁴ terdings nicht von dem Vorſatze abzuhalten, Tin⸗ chen zu ihrem Vater zu begleiten. Sie ſelber fuͤrchtete eine genaue Unterſuchung des Rendez⸗ vous im Garten. Karl fuͤrchtete, und Malchen fuͤrchtete, ebenfalls. Das ſieben und dreißigſte Kapitel. Es war allemal ein ſehr ſchlimmes Zeichen, wenn der Herr Amtmann ohne Gruß nach Hauſe kam. Wenn er gar die Doſe herausnahm, und ein Paarmaal ſchweigend auf den Deckel ſchlug, war es ein noch ſchlimmeres Zeichen. Wenn er aber vollends alle Fenſter aufmachte, und mit großen Schritten auf und nieder ging, ſo war es ganz gus. Und gerade ſo machte er's, wie er von Stadtſchreibers zuruͤckkam. Die Geſchichte im Garten war naͤmlich dort zur Sprache gekommen, und alles genau unter⸗ ſucht und dargethan worden, daß der neue Dia⸗ konus durchaus nicht zu der Zeit in Amtmanns Garten geweſen ſeyn konnte, als ihn der Amt⸗ mann darin geſehen hatte. Von wem der Scha⸗ bernack geſpielt worden war, wußte er nun frei⸗ lich nicht. Allein es kraͤnkte ihn in der Seele, daß ſich die ſchoͤne Heirath dadurch zerſchlagen hatte: denn nun war es feſter als zuvor ausge⸗ 45 macht, daß Tinchen die Hand des neuen Diako⸗ nus davontragen ſollte. 5 Der Amtmann donnerte auch bald auf alles los, ſelber auf ſeine gute Frau, die mehr als je⸗ mals das Gluͤck einen Diakonus in ihre Ver⸗ wandtſchaft zu bekommen, erkannte, und als un⸗ erreichbar mit den heißeſten Thraͤnen beweinte, Das acht und dreißigſte Kapitel. Karl und Malchen uͤberlegten die ganze erſte Haͤlfte der Nacht, wie nun Tinchen wohl zu ret⸗ ten ſeyn moͤchte, und hatten am Ende doch nichts, als ein gewaltſames Mittel, herausgebracht. der Aktuarius naͤmlich ſollte Tinchen entfuͤhren, und ſo weiter. Indeſſen gehoͤrte zu dieſem Projekt derſelbe Aktuarius, der jetzt nicht da war, und man wuß⸗ te doch nicht, ob er ſich dazu verſtehen wuͤrde, wenn er kaͤme, zumal bei dem Plane, den er hatte.. Er thut's! ſagte Malchen;„mir zu Gefallen, entfuͤhrt er Tinchen gewiß. Wenn nur der mor⸗ gende Abend ſchon da waͤre! denn er kommt gewiß morgen. Der Tag verſtrich Malchen unter lauter Be⸗ trübniß, und Karl ließ ſich aus derſelben Urſa⸗ che kaum im Hauſe ſehen. Malchens Betruͤbniß hatte indeſſen auch ihr Gutes. Onkel und Tan⸗ te glaubten naͤmlich nun nichts gewiſſer, als daß ſie eine Folge von des Maͤdchens ungluͤcklicher Lie⸗ be zu dem Diakonus waͤre, und hatten ſie um ſo weniger in Verdacht wegen des Schabernacks im Garten. Das neun und dreißigſte Kapitel. Eine allgemeine Freude empfieng den Aktuarius gegen Abend im Amthauſe. Er mußte auch ſehr gute Nachrichten mitbringen; denn der Amt⸗ mann umarmte ihn einmal uͤber das andre. Und waͤhrend ſie mit einander ſprachen, legte Karl ſeiner Schweſter den Entfuͤhrungsplan noch⸗ mals ans Herz.„Wolf,“ ſagte er,„geht mit Tinchen fort: das iſt Eins. Ich ſetze ihnen nach, und hole ſie ein: Zwei; ſchreibe dem Stadtſchrei⸗ ber, daß ſeine Tochter nur dann zuruͤkkehren wolle, wenn ſie den Diakonus nicht heirathen duͤrfe: Drei. Der Stadtſchreiber thut gewiß alles, ſich die Tochter zu erhalten: Vier. Ich ſtelle mich dann, wenn ich ſie bringe, als ob ich erſt auf der Rei⸗ ſe alle ihre Tugenden kennen gelernt haͤtte, halte um ſie an, und bekomme ſie: Fuͤnf. Ein voll⸗ ſtaͤndiges Luſtſpiel in fuͤnf Akten, mit zwei Hei⸗ rathen und einem tuͤchtigen Korbe. Denn was aus Wolfen und Dir, und dem Diakonus wird, das verſteht ſich von ſelbſt.— Wenn der Aktuarius nur will! das iſt meine einzige Sorge.“ Meine wahrhaftig nicht, rief Malchen. Der thut's gewiß. Das vierzigſte Kapitel. Nicht? fragte Malchen erſtaunt, als Karl von dem Aktuarius herkam, und lange mit ihm ge⸗ redet hatte... „Nein. Wie ich fuͤrchtete. Er haͤtte, ſagt er, die ſicherſten Verſprechungen auf die Adjunktur, und duͤrfte durchaus eine ſo leichtſinnige Sache jetzt nicht unternehmen, weil ſie gewiß ruchtbar wuͤrde.“ Und Malchen und Karl ſtanden in tiefen Ge⸗ danken da, und der Aktuarius kam hin, klopfte Karl'n auf die Schultern, und hob an:„Jetzt hoͤre erſt, was ich deinem Onkel ſagen werde, ehe du Muth und Kopf verlierſt.“ Darauf wendete er ſich an den Amtmann, und ſprach:„Sie wiſſen noch gar nicht, daß ich in weiblicher Geſellſchaft hierher gereiſet bin.“ Wohl gar ſchon mit der Zukuͤnftigen? fragte 43 die Amtmaͤnnin, und Malchen mußte ſich an die Wand lehnen. Das ein und vierzigſte Kapitel. — Mit meiner Zukuͤnftigen wenigſtens nicht! lachte der Aktuarius. Ein andrer Herr aber, der ſeit Kurzem erſt hier iſt, mit Einem Worte der neue Herr Diakonus, hat in der Eil vergeſſen, ſeine ſchon bejahrte Braut mitzunehmen. Sie hoͤrt, daß er darauf ausgehe, eine Andre zu heirathen, und will daher ſeinem ſchwachen Gedaͤchtniſſe durch ihre Erſcheinung zu Huͤlfe kommen. Ich werde eben zu ihm gehen, ihm die Sache ans Herz zu legen, und ihn vor dem Conſiſtorium zu warnen. „Nun, ſo iſt der neuliche Schabernack doch recht heilſam geweſen!“ rief der Amtmann voller Freude. Siehſt Du, Mutter? Und auch Du, Malchen kannſt nun ſehen, wie ſchlecht du ange⸗ kommen raareſt mit Deiner thörichten Neigung zu dem Diakonus. Drum bleibe ich doch immer und ewig dabei, daß keine Heirath aus Leidenſchaft etwas taugt.“ Der Aktuarius aber wuͤrde gar nicht gewußt haben, was er von Malchens Leidenſchaft zu dem Diakonus haͤtte denken ſollen, wenn ihm Karl nicht einige Aufklaͤrungen in's Ohr geziſchelt haͤtte. 42— Der Aktuarius ging ſodann zu dem Diakonus, und brachte es auch bald dahin, daß der in die groͤßte Angſt gerieth. Er verſprach die alte Braut zu heirathen, und wegen der neuen bot ſich der Amtmann zum Vermittler an. Der Stadtſchrei⸗ ber war freilich Anfangs ſehr erbittert; am Ende aber mußte er ſich's doch gefallen laſſen. Das zwei und vierzigſte Kapitel. Am folgenden Morgen ſchien der Amtmann gar nicht recht ausgeſchlafen zu haben. Es waͤhrte wenigſtens lange, ehe er beim Fruͤhſtuͤcke den Mund aufthat. Endlich fing er an:„Wieder ein neuer Beweis, was die verliebten Schleppe⸗ reien taugen! Nun wird der Aktuarius gewiß die Tinchen nehmen muͤſſen. Als Amtsadjunkt wird er naͤchſtens eine der beſten Partieen in der Stadt ſeyn; und wer haͤtte mehr Anſpruͤche auf ihn, als eine Verwandte des Amtmanns! Solche Dinge aber zerſtoͤren alles, Recht und Ge rechtigkeit.“ Du weißt ja aber, daß Malchen ihn nicht lei⸗ den kann! „Auch das iſt eine ſonderbare Grille,“ erwie⸗ derte er,„und die ſich, wenn Malchen geſchei⸗ der waͤre, jetzt wohl verlieren wuͤrde, da der jun⸗ Luſtige Erzaͤhlungen II, D ge Wolf ein ordentliches Einkommen erhaͤlt. Und Malchen iſt ein verſtaͤndiges Maͤdchen; denn die Geſchichte mit dem Diakonus war doch nur eine Uebereilung. Heute Abend werden wir ja ſehen, wie Tinchen und der Aktuarius mit einander ſte⸗ hen.“ Wie ſo? „Ja, ich habe vergeſſen Dir zu ſagen: heute Abend wird der Stadtſchreiber und ſeine Tochter und auch der Aktuarius hier ſeyn. Wir wollen ihn aber nicht neben Tinchen ſetzen, ſondern ne⸗ ben Malchen, und Karl'n neben Tinchen. Ver⸗ ſtehſt Du mich? Ich lachte doch, wenn mein Wunſch eintraͤfe! weiter will ich nichts ſagen. Doch zuvor, das bitte ich Dich, kein Wort da⸗ von zu Karl'n und Malchen!“ Das waͤre auch eine uͤberfluͤßige Muͤhe gewe⸗ ſen; denn Karl und Malchen lagen ſeit einigen Tagen immer eins um das andre mit den Ohren an der duͤnnen Wand des Nebenzimmers, und Malchen hatte auch jetzt wieder ihr Ohr an der Wand liegen gehabt, und huͤpfte voller Freude davon, um Karb' die Sache mitzutheilen. Dann ging es zu Tinchen, weil doch auch die darum wiſſen mußte, und Tinchen unterrichtete ihren Vater da⸗ von, damit der auf den Abend nicht thaͤte, als ob er ſchon laͤngſt etwas gemerkt haͤtte. —— ——— 51 Das drei und vierzigſte Kapitel. Und nach dem Abendeſſen zog der Amtmann die Frau Amtmaͤnnin heimlich auf die Seite, und ſprach:„Nun, hat unſer Malchen nicht mehr Verſtand, als Du ihr zugetrauet haſt? Und auch der Karl thut ja ſo allerliebſt mit Tinchen, daß er die Falſchheit ſelber ſeyn muͤßte, wenn er ſie noch immer nicht leiden koͤnnte.“ Wirklich thaten die beiden Paare uͤberaus freundlich mit einander, und vielleicht freundlicher als ſie thun wollten. „Und auch Tinchen! ſiehſt Du wohl Mama? Die hat ſich gewiß uͤber das Vexiren mit dem Aktuarius ſo ſehr geaͤrgert, daß ſie ihn gar nicht mehr anſehen will! Ich habe meine Sache heute Abend doch geſcheidt gemacht: nicht wahr, Mamachen? Ach ja, ich habe in meiner Praxis und meinem Amtmannsleben Gelegenheit gehabt, Welt und Menſchen kennen zu lernen.“ Wahrhaftig, erwiederte die Tante, ich glau⸗ be der Aktuarius faͤngt ordentlich an, der Mal⸗ chen zu gefallen! „Freilich!—8 Wenn's doch Gottes Wille waͤre! „Gewiß iſt er's.“ H 2. Das vier und vierzigſte Kapitel. Der Amtmann machte hierauf den Stadtſchrei⸗ ber aufmerkſam, und der Stadtſchreiber ſagte: Nun, was meinſt du dazu? „Ich? ich wollte, daß ſie einander ſo gut blieben. Das wuͤrde ein Paar gluͤckliche Ehen geben.“ Die zwei Paare aber hatten ihre fuͤnf Sinne zuſammengenommen und daher ziemlich al⸗ les mit angehoͤrt, was die Eltern ſagten; und der Aktuarius fing an: Wenn ich Sie nun jetzt um die Hand Ihrer Nichte baͤte, Herr Amt⸗ mann? „So wuͤrde man ja ſehen, was darauf zu antworten waͤre!“ ſprach der Onkel freundlich. „Nicht wahr, mein Schatz?“ Wohll erwiederte die Tante. Was ſagſt Du, Malchen? Ich werde Ihren Befehlen gehorchen, ſagte Malchen mit ſchwacher Stimme zwar, und feu⸗ errothem Geſicht, doch ohne alle Betruͤbniß. Waͤhrend das auf der einen Seite vorgieng, hatte ſich Karl auf der andern Seite ſchon an den Stadtſchreiber gewandt, und wegen Tinchens ebepfalls keine abſchlaͤgige Antwort bekommen. und der Amtmann und die Amtmaͤnnin beſtaͤ⸗ tigten die Sache mit tauſend Freuden. Der Stadtſchreiber aber, der ſchon lange Ahn⸗ .33 dung gehabt hatte, mußte ſich Gewalt anthun, um nicht zu lachen, als ihm Onkel und Tante von der Abneigung der beiden jungen Leute ge⸗ gen die andern beiden jungen Leute erzaͤhlten und ſich freuten, daß die Vernunft, und Grundſ3ͤtze die Sache nun endlich bei ihnen ins rechte Gelei⸗ ſe gebracht haͤtten. „Juſt wie damals bei Dir, mein Schatz!“ ſagte der Onkel zur Tante.„Weißt Du noch?“ — Das fuͤnf und vierzigſte Kapitel. Gerade am Jahrstage der beiden Hochzeiten gab es einmal einen recht vergnuͤgten Abend bei dem Stadtſchreiber. Nur zwei Leute, ein Maͤdchen und ein junger Mann, waren mit dabei, wel⸗ che in die laute Freude nicht einſtimmten, weil es in ihren Herzen wie ein ſtiller Feſttag ausſah. Und dieſe beiden Leute waren dem Amtmanne lange ein Dorn im Auge geweſen.„Gieb Acht⸗ Herr Bruder,“ ſagte er zum Stadtſchreiber,„die werden am Jahrstag ihrer Hochzeit nicht ſo froͤh⸗ lich ſeyn, wie unſre jungen Leute; denn die wiſſen ja vor Vorliebtheit nicht mehr, daß wir Andern auch da ſind.“ So laß mir doch meine Gaͤſte zufrieden! erwie⸗ derte der Stadtſchreiber lachend. „Nein, Herr Bruder,“ verſetzte der Amtmann, „das muß ihnen von erfahrnen Leuten bei Zeiten geſagt werden, weil dergleichen nur Narrenspoſ⸗ 3 ſen ſind, die niemals ein gutes Ende nehmen. Die Leidenſchaften taugen alle nichts⸗ dabei blei⸗ be ich. Nach Grundſaͤtzen handle der Menſch, nach Vernunft, wie unſre jungen Leute hier!“ 5⁵ — Das ſechs und vierzigſte Kapitel. Und das koͤnnt Ihr alles ſo mit anhoͤren, Du Tinchen und ihr Andern?— rief der Stadtſchrei⸗ ber;— und Ihr werdet nicht roth uͤber das un⸗ verdiente Lob? Gut, ſo will ich reden. Und der Stadtſchreiber, der vas Geheimniß erfahren hatte, redete ſo lange, bis der ganze Betrug, der dem Onkel und der Tante von Karl'n und Malchen ge⸗ ſpielt worden war, an den Tag kam. Aber Du boͤſes Kind, fragte die etwas ſcham⸗ rothe, doch freundliche Tante ihr Malchen, wa⸗ rum durfte ich denn deinen Liebhaber gar nicht zu uns bitten? Da kuͤßte denn Malchen der Tante laͤchelnd und mit niedergeſchlagenen Augen die Hand, und ſagte dann:„Erſtens, um Sie ſicherer zu ma⸗ chen, und weil ich mich— zu verrathen fuͤrch⸗ tete.“ 8 Immer luſtig, Herr Bruder! rief der Stadt⸗ ſchreiber dem Amtmanne zu, welcher, ſeitdem ihn ſeine Grundſaͤtze nicht mehr hielten, in den Stuhl ganz zuſammengeſunken war. Es dauerte auch noch eine ziemliche Weile, ehe er wieder einige Beweglichkeit erlangte. 56 Bei dem allen beſtand er ſelbſt in der Folge noch auf ſeinem Grundſatze, und meinte, daß Ausnahmen nichts bewieſen. Doch hatte er nicht, wie ſonſt immer, den Grundſatz alle Augenblicke im Munde, ſondern fing gemeiniglich nur dann davon an, wenn der Stadtſchreiber ihn ein wenig damit aufgezogen hatte. — . II. 2 — — — ᷣ‿ — — — — —₰ & — 4 — Das erſte Kapitel. Man kanw's den huͤbſchen Maͤdchen auf mein Wort nachſagen, daß ſie gemeiniglich auch huͤb⸗ ſche Einfaͤlle haben. Und traͤfe ſich's ja, daß ein Einfall von einer nicht recht huͤbſch waͤre, ſo darf man nur auf die friſchen Roſenlippen ſehen, zwi⸗ ſchen denen er hervorgeſchluͤpft iſt, und in die 8 muntern Augen hinein, welche ihm das Geleite gegeben haben; und gleich nimmt der Einfall die Farbe und die Form dieſer Lippen und dieſer Au⸗ gen an, und wird ſo manchmal zum huͤbſcheſten Einfalle auf der ganzen Welt. Die huͤbſchen Maͤdchen haben aber auch oftmals Einfaͤlle, wel⸗ che an ſich ſchon ſo vortrefflich ſind, daß man nur die Einfaͤlle ganz allein anzuſehen braucht, um ihnen auf der Stelle gut zu werden. So ha⸗ ben die huͤbſchen Dresdner Maͤdchen zum Exem⸗ pel einen Einfall, der ihnen alle moͤgliche Ehre macht, naͤmlich den, daß ſie die Kunſtausſtellung recht fleißig zu beſuchen pflegen. Ohne ſchoͤne Natur— das wiſſen dieſe Maͤdchen— kann die ſchoͤne Kunſt gar nicht beſtehen. Da ſie nun Lieb⸗ 60 haberinnen der ſchoͤnen Kunſt ſind, ſo wuͤnſchen ſie auch, daß ſie beſtehen moͤge, und beſuchen die hieſige Ausſtellung bloß darum, weil ſie der ſchoͤ⸗ nen Kunſt die ſchoͤne Natur in ihren Perſonen beifuͤgen zu muͤſſen glauben. Das zweite Kapitel. Und man bilde ſich beileibe nicht ein, daß die Ausfuͤhrung dieſes ſchoͤnen Einfalls allemal ohne Aufopferungen abgehen koͤnne! Ja, wenn die Vaͤ⸗ ter und die Muͤtter und die Onkels und die Tanten nicht waͤren! Aber ſolche Leute haben ge⸗ meiniglich gar keine Begriffe von der Kunſt, und legen ihren Toͤchterchen und Muͤhmchen, wenn ſie die Ausſtellung beſuchen wollen, allerlei gefaͤhr⸗ liche Abſichten unter, und wehren der ſchoͤnen Natur, wo ſie nur koͤnnen. Daher muß denn die ſchoͤne Natur nicht ſelten zu kleinen Nothluͤ⸗ gen ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie der Kunſtaus⸗ ſtellung unter die Arme greifen will. Ja, wer weiß, ob ſie nicht manche liebe Nacht bloß da⸗ rum kein Auge zuthut, weil ſie noch nicht wiſ⸗ ſen kann, ob die kleine Nothluͤge fuͤr den kuͤnfti⸗ gen Tag gelingen werde, oder nicht. Eine kunſt⸗ liebende Obrigkeit ſollte freilich ein Einſehen ha⸗ —— 61 ben, und den Vaͤtern und Muͤttern, und Onkeln und Tanten einmal deshalb tuͤchtig den Kopf waſchen. Verlaſſe ſich aber eins nur darin auf unſre Obrigkeiten, die gemeiniglich mit den Vaͤ⸗ tern und Muͤttern und Onkeln und Tanten un⸗ ter Einer Decke ſtecken!— Und auch im Allge⸗ meinen, geht der Undank ſo weit, daß die jungen Leute vom maͤnnlichen Geſchlechte beinahe die einzigen ſind, welche dieſe Aufopferungen mancher huͤbſchen Maͤdchen gehoͤrig erkennen. Daher mag es denn wohl ruͤhren, daß die huͤbſchen Maͤdchen die jungen Leute vom maͤnnlichen Geſchlechte am liebſten auf der Ausſtellung ſehen, und am freund⸗ lichſten mit ihnen reden. Das dritte Kapitel. Fraͤulein Amalie von Irmenau war auch eine Dresdnerin, und mußte daher die Ausſtellung ebenfalls beſuchen. Das ſollte denn eines Ta⸗ ges geſchehen, und man koͤnnte ſagen, viel zu ſpaͤt fuͤr das erſte Mal. Denn Fraͤulein Amalie war unſtreitig ein ſehr huͤbſches Maͤdchen, und die Ausſtellung hatte ſchon acht Tage vorher ih⸗ ren Anfang genommen. Was indeſſen die huͤb⸗ ſche Natur wider ihren Willen verſaͤumt hatte, das war von ihrer Kunſt gethan worden. Fraͤu⸗ lein Amalie hatte das Portraͤt der gnaͤdigen Tan⸗ te mit ihrer eigenen niedlichen Hand geſtickt, und auf die Ausſtellung haͤngen laſſen. Das war auch die Urſache, warum die gnaͤdige Tante ſich nicht fruͤher eingeſtellt hatte. Und dieſes war wieder Urſache, daß Fraͤulein Amalie ſich nicht fruͤher hatte einſtellen koͤnnen. Denn die gnaͤ⸗ dige Tante gehoͤrte im Grunde zu den allergnaͤ⸗ digſten Tanten, die nur ſeyn moͤgen; und ohne ſie auf die Ausſtellung zu gehen, das waͤre ein unverzeihliches Verbrechen von Fraͤulein Ama⸗ lien geweſen. Konnte es doch ohnehin die gute Ama⸗ lie der gnaͤdigen Tante nimmermehr recht machen, und es haͤtte Noth gethan, daß das arme Maͤd⸗ chen, wenn ſie mit der Tante auf der Straße ging, gar keine Augen gehabt haͤtte, weil ihr doch dann keine einzige junge Mannsperſon in die Augen ge⸗ ſehen haben wuͤrde. Zu Hauſe hingegen haͤtte ſie Augen und Haͤnde, und beinahe alle Gliedmaßen, doppelt haben moͤgen. Denn da gab es zu ſehen, und zu arbeiten, und zu laufen! Aber das, was es zu ſehen gab, war der Rede nicht werth; die Arbeiten amuͤſirten auch nicht ſonderlich, und laufen mußte die arme Amalie oft nach Dingen, die nicht das ge⸗ ringſte Jutereſſe fuͤr ſie hatten. Haupſaͤchlich war die gnaͤdige Tante eine große Liebhaberin von der Sticke⸗ rei, und that ſich nicht wenig darauf zu gut, daß Amalie darin unter ihrer Anleitung recht 8 43. weit gekommen war. Und daß dieſes der Fall ſeyn muͤſſe, fing Amalie ſelber nach und nach an zu glauben, und ſie fing ebenfalls an ſich auf dieſe Geſchicklichkeit viel zu gut zu thun. Sie hatte auch ihrer Tante ſelber den Vorſchlag ge⸗ macht, ihr Portraͤt zu ſticken, und das war faſt die einzige Arbeit, welche Malchen ſo recht nach der Tante ihrem Sinne gerathen war. Sie be⸗ hauptete wenigſtens, daß kein Maler ein ſo aͤhn⸗ liches Portraͤt von ihr machen koͤnne, als ihre Nichte es geſtickt hatte. Deshalb ſcheute ſich denn die Tante auch, wie ſie ſagte, vor dem Beſuche der Ausſtellung, und es gehoͤrten rechte Bitten und Vorſtellungen von Malcheu dazu, ehe ſie ſich zu dem Gange bewegen ließ. Das vierte Kapitel. „Nun, ich wilt nicht hinſehen, Malchen,“ ſagte die Tante noch, als ſie mit ihrer Nichte aus dem Hauſe ging;„gewiß werden mich wegen des Bil⸗ des alle Leute anſehen, und ſprechen: ja das iſt ſie leibhaftig! Und was werden mich unſere Be⸗ kannten erſt anſchreien! Es war noch ein recht klu⸗ ger Gedanke von mir, daß ich Dich einen andern X 64 Namen darunter ſetzen ließ. Waͤrſt Du als die Stickerin angegeben, ſo ginge Dir's gewiß gerade ſo, wie mir es gehen wird: man machte Dir Komplimente eins uͤber das andre. Und Leute wie Du, man weiß ja wohl, die halten ſo et⸗ was fuͤr Wahrheiten, und ſetzen ſich wunderliche Dinge in den Kopf.“ Die Sache ging indeſſen viel beſſer ab, als die Tante fuͤrchtete, wie ſie ſagte. Das angeſehen werden konnte freilich nicht ausbleiben; denn Fraͤu⸗ lein Amalie war juſt eine von denen Figuren, welche man am meiſten und am liebſten anſieht. Das Anſchreien der Bekannten hingegen fiel ganz weg. Es ſprach der und jener mit Malchen und mit der Tante; aber kein einziger erwaͤhnte ihr Bild auch nur mit einer Silbe. Es ſtanden zwar ein⸗ mal ein Paar Leute davor, welche recht laut da⸗ ruͤber redeten, daß ein ſolches Portraͤt eigentlich allen goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen zuwi⸗ derliefe, weil darin der Unterſchied zwiſchen einem Menſchengeſichte und einem Thiergeſichte allzu ſehr vernachlaͤſſigt waͤre; aber als dieſe Leute das ſagten, da ſtand Malchen mit der gnaͤdigen Tan⸗ te in einem andern Zimmer, und beide hoͤrten nicht das mindeſte davon. — -5⁵ Das fuͤnfte Kapitel, Auf dem Nuͤckwege nach Hauſe aber ſprach die Tante erſt lange kein Wort; dann ſagte ſie: „Es iſt kurios mit der heutigen Welt! Da beſaß man ſonſt doch mehr Artigkeit. Ob wohl ein ein⸗ ziger von denen die mit uns ſprachen, ein ſtum⸗ mes Woͤrtchen uͤber mein Portrait ſagte! Mir, freilich, mir kann es lieb ſeyn; o, mir iſt es ganz ausnehmend lieb: denn ſo brauche ich kein Kom⸗ pliment abzulehnen. Aber man ſieht nur, wie die Ungeſchliffenheit immer mehr um ſich greift! Wer weiß auch, ob das Bild ſo aͤhnlich iſt, als Sie meinen, liebe Tante! wendete Amalie ein. „Wie Du nur ſo abgeſchmackt reden kannſt! Haben nicht alle meine alten guten Freundinnen geſagt, daß es mir wie aus den Augen geſchnitten waͤre? Fuͤr Stickerei naͤmlich. Denn man muß allemal bedenken, daß es Stickerei iſt, und daß darin nicht alles wie gemalt ausſehen kann, und daß man manches abrechnen muß.“ Das gute Malchen haͤtte nun freilich die Tan⸗ te hierauf erwiedern koͤnnen, daß ſich vielleicht nicht ein jedweder auf die Abrechnung an der Stickerei verſtaͤnde, und dergleichen mehr; allein Luſtige Erzaͤhlungen II. E 66 ſie wußte ſchon, daß man bei der gnaͤdigen Tan⸗ te nicht weit mit den Einwendungen kam, weil ſie, ſelbſt nach den ſinnreichſten Einwendungen, immer auf ihrem alten Satze ſtehen zu bleiben pflegte. Das war aber nicht die einzige Urſache, warum Fraͤulein Malchen ganz maͤuschenſtill ne⸗ ben der gnaͤdigen Tante herging. Die Haupturſa⸗ che war—— Doch das Kapitel wuͤrde viel zu lang, wenn eine Haupturſache darin Platz ſin⸗ 4 den duͤrfte. 3 — Das ſechſte Kapitel. Die Haupturſache alſo war die, daß Fraͤulein Malchen alle ihre fuͤnf Sinne zuſammenzunehmen hatte, weil ſie ein wenig zuhorchen mußte. Es wurde naͤmlich von Dingen geſprochen, von denen ſie noch in ihrem ganzen Leben nicht, wenigſtens nicht ſo lebhaft, hatte ſprechen hoͤren. Nicht et⸗ wa die alte gnaͤdige Tante! Nein, die war, in der That aͤrgerlich uͤber die Unhoflichkeit der heu⸗ tigen Welt, ebenfalls maͤuschenſtill geworden. Ueberhaupt pflegte die alte gnaͤdige Tante ſelten ſo gut von den Leuten, und am wenigſten von jungen Leuten zu ſprechen, als jetzt geſprochen wurde. Es war aber die Rede von einem jungen 62 Officier, den Fraͤulein Malchen auf der Ausſtel⸗ lung geſehen hatte. Der Menſch wurde gelobt und geprieſen, ſowohl wegen ſeines huͤbſchen An⸗ ſehens, als wegen ſeines huͤbſchen Anſtandes. Wie nur ſein Herz beſchaffen ſeyn mag? hieß es dann. J, gewiß ganz vortrefflich! war die Antwort. Wie ſo? hieß es wieder. Nun, weil man's ihm gleich an den Augen anſehen kann! war wieder die Antwort. 2 Und alle dieſe Fragen und Antworten fielen nicht etwa auf der oͤffentlichen Straße vor, auf der Amalie mit der gnaͤdigen Tante ging, ſon⸗ dern an einem ganz geheimen Orte: an einem Orte, wo dergleichen Fragen und Antworten uͤber junge Maͤnner noch gar nicht gebraͤuchlich waren, naͤmlich in dem ſiebzehnjaͤhrigen Herzchen von Fraͤulein Malchen, die bisher, vor lauter Einge⸗ zogenheit und Arbeiten, kaum geahndet hatte, daß ihr liebes Herzchen es jemals bis zum or⸗ dentlichen Sprechen wuͤrde bringen koͤnnen, Das ſiebente Kapitel. „ Daß ich wieder davon anfange!“ ſagte die Tante, als ſie und Malchen ſchon eine ganze .. E 2 —. Weile zu Hauſe geſeſſen und genaͤhet hatten: „nicht aͤhnlich, ſagſt Du? Und ſteinfremde Men⸗ ſchen waren oben auf der Ausſtellung, die das gefunden haben mußten; denn ich wuͤßte nicht, warum ſie uns ſonſt immer angeſehen haͤtten. Einer beſonders: wie der, daͤchte ich, haͤtte uns noch kein Menſch angeſehen.“ Welcher denn? fragte Malchen, und wurde feuerroth uͤber die unſchuldige Frage. „Sollteſt Du's denn nicht bemerkt haben? Es war ein Leutnantchen, dem man'’s gleich anmerkte, daß er mich fuͤr das Original, und Dich fuͤr die Stickerin halten mochte. Einzubil⸗ den brauchſt Du Dir weiter nichts darauf; denn wenn man einen rechten Laffen malen wollte, ſo köoͤnnte der dazu ſitzen. Sein Benehmen war ja ſo narrenhaft als moͤglich; und wenn ihm die Haa⸗ re nicht uͤber die Augen weit herunterhingen, ſo will ich hier nicht recht geſund ſeyn.“ Aber, liebe Tante! ſprach Malchen ſehr aͤngſt⸗ lich, und konnte nicht weiter ſprechen; und doch war es ihr wieder, als ob ſie weiter ſprechen muͤßte. „Nun was denn?“ fragte die Tante. Aber, man traͤgt ſich jetzt nun einmal ſo! „Wer traͤgt ſich ſo? Junge Thunichtgut tra⸗ gen ſich ſo. Haſt Du ſchon einen einzigen erwachſenen Menſchen von funfzig Jahren geſe⸗ hen, der ſich ſo getragen haͤtte, heh?— Unter⸗ 69 — ſteh Dich's nicht noch einmal, Malchen, und nimm mir die Partie von dergleichen Volke!“ Von dergleichen Volke! dachte Malchen, und ihr Koͤpfchen ſank tief herunter nach der linken Seite. Und vielleicht that es das huͤbſche Koͤpf⸗ chen bloß, damit es dem geſpraͤchigen Herzchen naͤher kaͤme, welches eine ganz andre Sprache fuͤhrte als die Tante, und gerade das Gegentheil von dem ſagte, was die Tante geſagt hatte. Denn ſo wenig auch Amalie ſich merken ließ, daß ſie von dem Menſchen wuͤßte, den die Tan⸗ te ſo herunterſetzte, ſo wußtegſie doch recht gut, daß es gerade derſelbe war, dem ihr Herzchen ſo ſehr das Wort redete. Das achte Kapitel. 1 Wie haͤtte Malchen das auch nicht wiſſen ſollen! Wie ihr Schatten war ihr der Herr Leutnant von Palm allezeit in das Zimmer gefolgt, worein ſie von der gnaͤdigen Tante gefuͤhrt worden war. Auch hatte er gemeiniglich ſeine Lorgnette ſo ge⸗ richtet, daß er von dem Bilde, welches er gera⸗ de betrachtete, ein Viertel etwa ſehen konnte. Die andern drei Viertel waren der alten und der jun⸗ gen Dame zugekehrt. Dies alles hatte das ſcharf⸗ ſichtige Malchen mit angeſehen. Daß aber ſeine anhaltenden Betrachtungen weder von dem ge⸗ ſtickten Portraͤt herruͤhrten, noch ſich aus einer andern Urſache auf die gnaͤdige Tante bezoͤgen, als weil dieſe immer dicht neben ihr ſtand, das glaubte das ſcharfſichtige Malchen henfalls ge⸗ ſehen zu haben. Und haͤtte ſie damals ſchon gewußt, wie die Sache von Ferne herein zugegangen war, ſo wuͤr⸗ de ſie noch feſter in ihrem Glauben haben ſeyn koͤnnen. Das war naͤmlich auf folgende Weiſe geſchehen. Herr von Palm trat ins Zim⸗ mer, und ſah den Ruͤcken einer weiblichen Figur. Der Ruͤcken nun gefaͤllt ihm erſtens, weil ihm die Natur eine recht zarte Form gegeben hat, und zweitens, weil er von zwei runden, ſchoͤnen Ar⸗ men eingefaßt wird. Der lange Rock, worauf der zartgebaute Ruͤcken ruhet, ſcheint ihm eben⸗ falls recht maleriſche Falten zu ſchlagen, und die niedlichen Schuhe, die an weißen glaͤnzenden Struͤmpfen unter dem langen Rocke hervorguckten, waren wirklich nicht gemacht, dem Eindrucke Schaden zu thun, den Malchens Ruͤcken, und ihre Arme und ihr Rock auf den Herrn von Palm gemacht hatten. Der weiße Nachen noch viel we⸗ niger. Das lange aufgewundne Haar aber vol⸗ lends gar nicht; denn in dieſem Haare blieben die Augen des Herrn von Palm, gerade wie in einem goldnen Zaubernetze, gefangen. 6 1 3 7 ——-— 41 — Das neunte Kapitel. So oiel wenigſtens ſchien dem Herrn von Palm ganz ausgemacht, daß ſeine Augen nicht eher wie⸗ der aus den blonden Locken herauszubringen ſeyn wuͤrden, als bis er Malchen ins Geſicht geſehen haͤtte.— Herr von Palm hatte gewiſſermaßen recht ge⸗ habt; denn kaum wendete ſich Malchen um, ſo riſſen ſich auch ſeine Augen auf's allerſchleunig⸗ ſte von den blonden glaͤnzenden Haaren los. Die armen Augen wurden indeſſen ihrer neuen Frei⸗ heit nicht ſatt noch froh. Denn nur ein Paarmal waren ſie recht vergnuͤgt uͤber Malchens weiß und rothes Geſicht gelaufen, und hatten an den Saum ihres Halstuchs ein wenig angeſtreift, ſo fingen ſie ſich auf's neue in Malchens ſchoͤngeformten Lippen. Als ſie ſich nun endlich mit Muͤhe und Noth wieder losgemacht hatten, ſo taumelten ſie von dem glaͤnzenden Roth dieſer Lippen ganz ver⸗ blendet, nur noch ein kleines Weilchen herum; dann wurden ſie in Malchens große, blaue Augen ordentlich hineingezogen. Und da ſchlugen Mal⸗ chens Augen auch gleich ſolche Wurzel in ihnen, daß es dem Herrn von Palm ganz weich um's Herz wurde, und daß er glaubte, nun waͤre er auf ewig gefangen. Man hat auch wirklich 22— Beiſpiele, daß wenn die Augen eines jungen Maͤdchens in die Augen eines jungen Mannes ein⸗ mal Wurzel geſchlagen haben, die beiden Augen⸗ paare im ganzen Leben nicht wieder aus einander zu bringen geweſen ſind. Das zehnte Kapitel. Die Sache ſah aber darum noch gefaͤhrlicher aus weil die Wurzeln nicht bloß einfach waren: denn iſt das der Fall, ſo ſterben ſie zuweilen doch wie⸗ der ab. Allein wenn es gegenſeitige Wurzeln ſind, ſo iſt es vollends gar aus, und des Herrn von Palm Augen hatten in Malchens Augen wirk⸗ lich ebenfalls Wurzel geſchlagen. Daher haͤtte denn auch Malchen zu Hauſe bei ihrer Arbeit lieber den ganzen Tag von dem ſchoͤnen Officier geſprochen. Nicht mit der gnaͤdigen Tante etwa, das verſteht ſich. Denn wie die gnaͤdige Tante von ſo einem vortrefflichen Menſchen daͤchte, mein⸗ te Malchen, das waͤre entſetzlich. Es war ihr auch immer, als ob der ſchoͤne Officier vor ihr ſtaͤnde, und dazu flimmerte es ihr manchmal ſo vor den Augen, daß ſie ſich beim Naͤhen in die Finger ſtach. Manchmal ſann ſie auch ſo aͤm⸗ ſig nach, daß ſie daruͤber den Strumpf den ſie B gerade ſtrickte, aus den Haͤnden fallen ließ, und gar nicht wieder daran dachte. So bekam ſie einmal von der gnaͤdigen Tante einen tuͤchtigen Verweis, weil der Strumpf eine ganze Viertel⸗ ſtunde lang neben ihren Fuͤßen gelegen, und ſie mit in einander geſchlagenen Armen dabei geſeſſen haben ſollte. 7 Das elfte Kapitel. —— Das groͤßte Herzeleid aber hatte Malchen da⸗ ruͤber, daß die Tante gar nicht wieder auf die Ausſtellung zu bringen war. „Wiſſen Sie denn nicht mehr, liebe Tante,“ ſagte Amalie endlich;„daß Sie mir's neulich auf der Ausſtellung ſelber verſprachen, den Donner⸗ ſtag wieder hinzugehen? Man ſieht doch dort etwas, und lernt etwas.“ Malchen ſetzte aber nicht weiter auseinander, was ſie dort geſehen und gelernt hatte. Nun, wenigſtens begreife ich nicht, erwiederte die Tante hierauf, warum es gerade der Don⸗ nerſtag ſeyn muß!— Das ſollte aber auch die Tante gar nicht be⸗ greifen. Es war genug, daß Malchen ihre gu⸗ ten Urſachen zu dem Donnerſtage hatte. Der -—2 ſchone Officier war naͤmlich, gerade als Malchen neulich ſagte:„nun, nicht wahr, Tantchen, den Donnerſtag wieder um dieſe Zeit?“ ſo dicht neben ihnen geweſen, daß ihm kein einziges Wort hat⸗ te entgehen koͤnnen. Und am wenigſten das Wort, weil Malchen es viel lauter, als alle die andern unbedeutenden Worte, ausgeſprochen hat⸗ te. Daher ruͤhrte auch ihr gutes Zutrauen zu dem Donnerſtage, und ihr Glaube, daß ſie eher an dieſem als an jedem andern Tage auf der Ausſtellung etwas ſehen und lernen wuͤrde. Sie ſtellte der Tante die Sache ſo beweglich vor, und wußte ihr den Nutzen den ſie daraus ziehen wuͤrde, ſo geſchickt an's Herz zu legen, daß ſich die gnaͤdige Tante von einem ſo nuͤtzlichen Gan⸗ ge gar nicht diſpenſiren konnte, ohne ihr Gewiſſen ſehr zu beſchweren. Und die gnaͤdige Tante las ſeit den zwanzig Jahren, die ſie nun ſchon in den Dreißigen war, oiel zu fleißig in frommen Buͤchern, als daß ſie es mit ihrem Gewiſſen haͤt⸗ te aufnehmen ſollen. Das zwoͤlfte Kapitel. — Es ging indeſſen nicht ſo ſchnell fort, als Mal⸗ chen ſich's eingebildet hatte; und Malchen war 2. zum Theil ſelber daran Schuld, weil ſie's mit ihrem Anzuge gar zu ſchoͤn hatte machen wollen. Als ſie das letzte Mal auf der Ausſtel⸗ lung geweſen war, hatte ſie ſich naͤmlich faſt bis an den Hals eingepackt gehabt. War es nun aber das Mal nicht ſo kalt: wie das letzte Mal, oder wollte Malchen der Ausſtellung zeigen, daß ſie ſich auch weiter nicht verzaͤrtelte: genug an der Stelle, wo ein Halstuch haͤtte ſeyn koͤnnen, bewegte ſich bloß eine breite Spitze. J. Malchen! rief die gnaͤdige Tante, als ſie einen Blick auf des Fraͤuleins Anzug und auf ihre unruhige Spitze warf. Ich will doch nicht hoffen, daß Du in der Kaͤlte ſo auszugehen denkſt?— „Ach, liebſte Tante,“ erwiederte das Fraͤu⸗ lein,„mir iſt gar erſtaunlich warm.“ Nein, daraus wird nichts, das ſage ich Dir! „Aber, ſprach Malchen unwillig,„Andre ge⸗ hen ja auch ſo!“ Andre! was fuͤr Andre? Auf die Verſtaͤndigen kommt's in ſolchen Dingen an; doch die nimmſt Du Dir niemals zum Erxempel. Pfui, ſchaͤme Dich! Siehſt Du denn, daß ich mich ſo trage, im heißeſten Sommer ſo trage? Das hatte aber freilich das gute Malchen we⸗ der geſehen, noch zu ſehen gewuͤnſcht. Sie konn⸗ te ſich's ſogar vorſtellen, wie ungern ſie mit der gnaͤdigen Tante uͤber die Straße gehen wuͤrde, -—24. wenn die Gnaͤdige jemals auf den Einfall gera⸗ then ſollte, eine feine Spitze ſtatt des Halstuches vorzuſtecken. Malchen erwaͤhnte indeſſen den kleinen Unter⸗ ſchied zwiſchen der Tante und ihr mit keinem Worte. Sie legte ſich bloß auf's Bitten; doch das half nichts. Daher ſah ſie ſich, wenn ihr Anzug zuſammenpaſſen ſollte, genoͤthigt alles vom Fuß bis zum Kopfe abzuaͤndern. So geſchwind ſie nun auch zu Werke ging, ſo verſtrich daruͤ⸗ ber doch ein Viertelſtuͤndchen, und als ſie zur Tante kam, fand ſie eine von den alten guten Freundinnen der Tante. Malchen haͤtte vor Aer⸗ gerniß vergehen moͤgen, als ihr dieſe gute Freun⸗ din, von der gnaͤdigen Tante aufgefordert, be⸗ wies, daß das geſtickte Portraͤt gar nicht aͤhn⸗ licher ſeyn koͤnnte. Um den Beweis in ſeiner gan⸗ zen Kuͤrze zu laſſen, wendete Malchen nicht das geringſte dagegen ein. Dennoch dauerte er eine ganze halbe Stunde, Eine andre halbe Stunde ging mit andern Geſpraͤchen hin. Das arme Malchen ſtand auf Kohlen, als die gute Freundin ſogar mit dem Abſchiednehmen gar nicht zu Stan⸗ de kommen konnte. Nun war denn der Zeitpunkt laͤngſt voruͤber, den ſie neulich auf der Ausſtel⸗ lung unter den Worten:„um dieſe Zeit,“ ge⸗ meint hatte, und es gab vielleicht auf der gan⸗ zen Ausſtellung fuͤr ſie nicht das geringſte mehr zu ſehen und zu lernen. Das dreizehnte Kapitel. So laufe doch nicht ſo erſchrecklich, Malchen! ſagte die Tante unterweges einige Mal. Aber wenn auch Malchen ein Paar Schritte langſamer machte, ſo war das doch von gar keiner Dauer; ja, es ſchien, als ob Malchens Fuͤßchen ganz auß der Art geſchlagen waͤren, und dem beſten Willen des guten Maͤdchens nicht mehr gehorchen wollten. Und je naͤher ſie und die gnaͤdige Tan⸗ te der Ausſtellung kamen, deſto aͤrger machten's die Fuͤßchen. Es war wahrhaftig, als daͤchte ſie, kein Menſch, der ein Paar vernuͤnftige Augen im Kopfe habe, koͤnne auf Fuͤßchen boͤſe werden, die ſo allerliebſt ausſaͤhen, wie Malchens Fuͤß⸗ chen ausſahen. Aber darin irrte ſich Malchen ganz erſchrecklich. Denn die gnaͤdige Tante wuͤr⸗ de ſehr ungnaͤdig geworden ſeyn, wenn man ihre Augen haͤtte unvernuͤnftig heißen wollen; und ihre Augen wuͤrden ſicher keine ſo gar finſtern Blicke auf Malchens Fuͤßchens geworfen haben, wenn ſie nicht recht gewaltig boͤſe auf ſie geweſen waͤren. 28 Das vierzehnte Kapitel. Auf der Treppe zur Ausſtellung nun kam ihnen ein Officier entgegen, der es zuverlaͤſſig wuͤrde ge⸗ ſehen haben, wie Malchens Farbe ſich bei ſeinem Anblick veraͤnderte, wenn er irgend etwas geſehen haͤtte. Doch der Officier ſah das ganze Malchen nicht, und die Tante auch nicht. Daß er aber nicht einmal die Tante ſah, das war das groͤßte Ungluͤck; denn haͤtte er die geſehen, ſo haͤtte er wenigſtens ſo viel gewußt, daß er nicht mutter⸗ ſeelenallein auf der Treppe waͤre. Und haͤtte er das gewußt, ſo wuͤrde er gewiß nicht in Gedan⸗ ken mit der Hand geſtritten, und, bei der Gele⸗ genheit, der Tante ihren ſchoͤnſten Faͤcher, den Faͤcher„den ihre ſelige Großmama noch als Braut getragen hatte, wie der Blitz aus der Hand ge⸗ ſchlagen haben. Dadurch nun und durch der gnaͤdigen Tante ihr„Herr Jeſus!“ kam Herr von Palm wieder zu ſich, und hob den Faͤcher in aller Geſchwindigkeit auf, und haͤtte auch gern in aller Geſchwindigkeit eine recht gute Entſchul⸗ digung vorgebracht. Aber Malchens ploͤtzliche Erſcheinung verſetzte ihm ordentlich den Athem, und er ſtammelte nur in tiefſter Devotion einige Worte her. Ob nun gleich der Faͤcher keinen Schaden genommen hatte, ſo haͤtte die gnaͤdige 6 —22 Tante doch dem unbehutſamen Menſchen gerne die Wahrheit geſagt. Dazu indeſſen hatte ſie nun einmal kein bischen Talent. In's Geſicht konnte ſie keinem Menſchen, außer dem armen Fraͤulein Malcheu und ihren Leuten, die Wahr⸗ heit ſagen. Wenn die Menſchen fortwaren, deſto beſſer. Da war ſie nicht nur im Stande ihnen Wahrheiten nachzuſagen, ſondern auch ſo⸗ gar Unwahrheiten. Das funfzehnte Kapitel, In Einer Ruͤckſicht hatte indeſſen die Unartig⸗ keit des Herrn von Palm doch ihre gute Folgen. Er kam naͤmlich dadurch in den Fall etwas fra⸗ gen zu duͤrfen. Darum, wie die Antwort aus⸗ fiel, war es ihm bei ſeiner Frage wenig zu thun; bloß auf das reine Antworten hatte er's abgeſe⸗ hen. Und auch auf das nur, weil er dann wie⸗ der eine hoͤfliche Frage anbringen konnte, und man ihm auch wieder antworten mußte. Bei der Gelegenheit, glaubte er, Malchen eine ganz klein gebrochne papierne Frage am beſten in die Hand praktiziren zu koͤnnen. Bei der Frage aber kam es ihm gar ſehr auf die Antwort an. Die ganze Zeit nun, von dem erſten Male daß er Malchen auf der Ausſtellung geſehen harte, bis zu dieſem Donnerſtage, hatte er, wie zwiſchen dem Him⸗ mel und der Hoͤlle geſchwebt, bis er endlich da⸗ rauf verfiel, ſein Herzensweh dem ſchoͤnen Fraͤu⸗ lein Malchen geradezu zu bekennen. Kaum aber war Mittwoch Abends das Papierchen fertig ge⸗ ſchrieben, und er einige Augenblicke froh daruͤber geweſen, ſo war ihm wieder der truͤbe Himmel aufs Herz gefallen. Er ſprang auch in der Nacht einige Mal aus dem Bette, und an'’s Fenſter, weil es ihm im Bette gerade wie Regen geklun⸗ gen hatte. Wenn ihm aber gleich kein einziger Tropfen auf die Hand ſiel, die er zur Probe hinaus hielt, auch ein und der andre Stern ſchon wieder am Himmel ſtand, ſo war es doch bald wieder um ſeine Hoffnung geſchehen; denn kaum war er endlich eingeſchlafen, ſo fuͤhrte ihn ein Traum in den andern Tag, und in das dickſte Regenwetter hinein. Das ſechszehnte Kapitel. Mit dem Anbruch des Morgen kam indeſſen auch ſeine Freude wieder; denn als er aufſtand, fand er den ganzen Himmel hell und klar. Allein die Freude dauerte ſchon wieder nicht lange; denn er dachte, wie leicht Fraͤulein Malchen und ihre Tante laͤngſt vergeſſen haben koͤnnten, daß ſie 81 den Donnerſtag die Ausſtellung haͤtten wieder be⸗ ſuchen wollen. Zwar traute er Malchen wohl zu, daß ſie weniger vergeßlich ſeyn, und daß ſie die Tante ſogar erinnern wuͤrde; er hatte ſich aber in dieſen Tagen ganz genau nach der Tante und ihren Verhaͤltniſſen mit Malchen erkundigt, und daher erfahren, daß Malchens Stimme in ſolchen Dingen und Malchens Rath von keinem ſonderlichen Einfluß waͤre. Indeſſen war nun weiter nichts zu thun, als die Sache abzuwar⸗ ten; darum ging er auf die Ausſtellung, und zwar eine ganze halbe Stunde vor der angeſetz⸗ ten Zeit. Das ſiebzehnte Kapitel. Fruͤher aber als Malchen glaubte er auf der Ausſtellung beſonders wegen einer Landſchaft ſeyn zu muͤſſen, welche er ſelbſt gemalt, und erſt den Tag zuvor hingeſchickt hatte. Er glaubte, ſeinen Namen, der auf einem Zettel darunter ſtand, dies⸗ mal von dem Bilde wegnehmen zu muͤſſen, weil ihn Malchen ja dielleicht ſchon dem Namen nach kennen, und daher in ſeinem Beiſeyn aus Deli⸗ kateſſe vielleicht mit ihrem Lobe zuruͤkhalten konn⸗ Luſtige Erzählungen II, F 32. te. Ein Lob aus ihrem Munde! dachte er; nein, darum darf ich mich nicht muthwilliger Weiſe bringen; der Name muß herunter. Daß aber eine jede unpartheliſche Perſon ſein Bild loben muͤßte, das hielt er fuͤr die ausgemachteſte Sa⸗ che. Denn erſtens ſtellte es eine Dresdner Ge⸗ gend vor; und daß die Dresdner Gegenden ſchoͤn ſind, weiß ein jeder. Zweitens ſtand es darunter geſchrieben, daß es eine Dresdner Gegend vorſtell⸗ te. Drittens war das Bild ohne Anweiſung ge⸗ malt, welches ebenfalls darunter geſchrieben ſtand. Viertens hatte des Herrn von Palm gnaͤdige Mama geſagt, daß kein Maler auf Gottes Erd⸗ boden dieſe Gegend ſo natuͤrlich malen koͤnnte. Ja die Mama hatte einmal, als der Papa nicht zu Hauſe war, noch mehr gethan: ſie hatte den Kammerdiener und die Bedienten, die Kammer⸗ jungfer und das Stubenmaͤdchen und die Koͤchin, kurz das ganze Haus zuſammengerufen, und ge⸗ fragt: ob nicht dieſes Bild gerade wie die Natur ſelber ausſaͤhe? Und die Wahrheit der Sache war von dem ganzen Hauſe bezeugt worden. Der eine Bediente, der es vielleicht allzugut hatte machen wollen, war ſo weit gegangen, zu ſa⸗ gen, daß das Bild des jungen gnaͤdigen Herrn im Grunde noch viel natuͤrlicher ausſaͤhe als die Natur ſelber. Daher konnte denn der juuge Herr von Palm ſeiner Sache mit dem Lobe wohl gewiß ſeyn. 83 Zwei ganze Stunden war er nun ſchon auf der Ausſtellung hin und her gegangen und ſeine Verzweiflung immer gewachſen. Er hatte viel mit ſich ſelber geſprochen, aber freilich ſo leiſe, daß es niemand gewahr worden war. Endlich indeſſen entſchluͤpfte ihm doch ein:„nein, nun kommt ſie nicht!“ ſo laut, daß ihn mehrere Leute mit großen Augen anſahen. Darauf lief er, als ob ihm der Kopf brennte, die Treppe hinunter, und darauf geſchah das, was wir, die Leſerinnen, die Leſer und ich, im vierzehnten Kapitel geleſen haben. Das achtzehnte Kapitel. „ Darf ich fragen,“ fing nun Herr von Palm an,„darf ich fragen, gnaͤdiges Fraͤulein... 2“ Ich kann's aber allen meinen lieben Leſerin⸗ nen und Leſern gar nicht beſchreiben, welche Angſt mich das mal bei dem Worte gnaͤdiges Fraͤulein befaͤllt. Denn das gnaͤdige Fraͤulein, das hier angeredet wird„ halten nun ſicher alle mit einander fuͤr das Fraͤulein Malchen, und das F 2 84 iſt meine Schuld ganz allein. Ich hatte freilich meine guten Gruͤnde, daß ich von der gnaͤdigen Tante nicht viel Redens machte; aber ſo viel haͤtte ich doch ſagen ſollen, daß die gnaͤdige Tan⸗ te ſich nun ſchon laͤnger als funfzig Jahre in ih⸗ rem jungfraͤnlichen Stande erhalten hatte. Sie ſelber zwar hatte ſich in ihren Jahren ein wenig verzaͤhlt. Sie glanbte ſich naͤmlich noch mitten in den Dreißigen. Allein es gab Leute von fuͤnf und vierzig Jahren, welche damals, wie ſie ſchon das erſte Mal Braut geweſen war, noch tief in den Kinderſchuhen geſteckt haben wollten. Das neunzehnte Kapitel. Die gnaͤdige Tante, oder, ihrem Namen nach, Fraͤulein von Silberſtein, hatte in der That den Brautſtand wenigſtens dreimal verſucht. Sie war aber von der Braut niemals vorwaͤrts bis zur Frau, ſondern allezeit bis zur bloßen Jungfrau zuruͤckgegangen. Das erſte Mal hatte dieſer Ruͤck⸗ gang eine ganz ſonderbare Veranlaſſung. Es war mit der Hochzeit ſchon alles richtig geweſen; nur hatte der Verlobte ſie eines Trauerfalls wegen, 8⁵ weiter hinausſchieben muͤſſen, als Anfangs feſt⸗ geſetzt war. Waͤhrend der Zeit nun auͤberfaͤllt das Fraͤulein eine Kraͤnklichkeit. Um ſich davon zu erholen, macht ſie eine Reiſe auf's Land, und nennt ſogar dem Verlobten den Ort nicht, um ihn deſto angenehmer einmal mit ihrer Zuruͤckkunft zu uͤberraſchen. Weil indeſſen der Verlobte doch dahinter gekommen war, ſo nahm er ſich vor, ihr mit der Ueberraſchung den Rang abzulaufen Gerade die Ueberraſchungen aber ſind Dinge, mit⸗ denen ein vernuͤnftiger Menſch niemals ſpaßen ſollte. Der Verlobte kam ganz heimlich in das Haus, wo Fraͤulein von Silberſtein wohnte. Er fand ſie; aber ſie war krank und lag im Bette. Daraus haͤtte ſich jedoch der hartherzige Menſch ſicher lang nicht ſo viel gemacht, als daraus, daß ſie ein ganz kleines unſchuldiges Kind neben ſich im Bette liegen hatte. Es war ein Kind aus dem Dorfe, wie das kranke Fraͤulein erzaͤhl⸗ te, und bloß aus Liebe zu der Unſchuld hatte ſie es ein wenig zu ſich genommen. Allein der Bar⸗ bar von Verlobten wurde von des Fraͤuleins Vor⸗ liebe fuͤr die Unſchuld ganz und gar nicht geruͤhrt, ſondern brach vielmehr mit dem Fraͤulein von Silberſtein bloß deshalb allen Umgang ab, weil ſie einen ſo vertrauten Umgang mit dieſem un⸗ ſchuldig,n Kinde gehabt hatte. Daher kann man wohl ſagen, daß ſie ohne dieſes Kind gewiß nicht 85 in den Jungfrauenſtand zuruͤckgekommen ſeyn wuͤrde. Das zwanzigſte Kapitel. Das zweite Mal aber wurde das gnaͤdige Fraͤu⸗ lein darum wieder eine bloße Jungfrau, weil ſie ſich in der Zeit um einen Tag verrechnet hatte. Ihr Verlobter eerhielt naͤmlich einen Tag vor der Hochzeit ein Paar von den vielen Ohrfeigen, welche ſie ihm nach der Hochzeit zudacht hatte, und fand ſo wenig Geſchmack daran, daß die ganze Hoch⸗ zeit daruͤber unterblieb. Der dritte Braͤutigam war ihr geſtorben; und der vierte war der Ober⸗ forſtmeiſter von Muͤhlbach. Wenigſtens glaubte ſie noch immer, daß er einmal Ernſt machen wuͤrde, weil nun ſeit drei Jahren, ſo oft er nach Dresden kam, ſie zu beſuchen und ſeinen Scherz mit ihr zu treiben pflegte. Einige Leute wollten ſogar wiſſen, daß die gnaͤdige Tante ſchon vor threm erſten Brautſtand mit dem Herrn Oberforſtmei⸗ ſter guteFreundſchaft gehalten haͤtte. Das aber laͤug⸗ nete ſie auf's hartnaͤckigſte. Genug, und mit Einem Worte: das Fraͤulein von Silberſtein lebte noch bis dieſe Stunde im jungfraͤulichen Stande. Fraͤulein 82 Malchen aber war die Tochter ihrer Schweſter, welche durch ihren Mann um alles Vermoͤgen gekommen und als Wittwe geſtorben war. Und von nun an ſoll die Geſchichte wieder vorwaͤrts gehen. Das ein und zwanzigſte Kapitel. Herr von Palm fing alſo an:„Darf ich fra⸗ gen, gnaͤdiges Fraͤulein, ob Sie das Portraͤt des Operiſten Bonaveri ſchon geſehen haben?“ Daß ich nicht wuͤßte! war ihre Antwort. „Nun, das muͤſſen Sie vor allen Dingen ſe⸗ hen, meine Damen. Er iſt zum Sprechen getrof⸗ fen, und Sie erlauben mir, ihn Ihnen zu zei⸗ gen.“ Allzuguͤtig! ſagte die Tante. Bemuͤhen ſich der Herr nicht; wir werden das Bild ſchon allein finden. „Wer weiß, gnaͤdiges Fraͤulein? Es iſt ein Miniaturbild, und kann leicht uͤberſehen werden.“ Freilich, Tantchen, fiel Malchen ein; wenn 88 es ein Miniaturbild iſt. Und, fetzte Mal⸗ chen hinzu, vielleicht kann uns der Herr auch ſagen, was Sie immer zu wiſſen wuͤnſchen, wen naͤmlich ſo manches Portraͤt vorſtellt! Ehe nun noch die gnaͤdige Tante die Ableh⸗ nung dieſer Hoflichkeit hervorbrachte, ſprach Herr von Palm:„Darin werde ich Ihnen gewiß die⸗ nen koͤnnen. Ohne mich zu ruͤhmen, ſo ſtuͤmpre ich in meinen Nebenſtunden ſelber ein wenig in der Kunſt; daher kenne ich viele Kunſtler, und weiß ziemlich von allen Portraͤts, wen ſie vor⸗ ſtellen. Nun, wenn das iſt, ſprach die Tante freund⸗ licher, und Sie wollen wirklich die Guͤte haben, ſo werden wir's mit Dank erkennen. Das zwei und zwanzigſte Kapitel. „Nun, was ſagen Sie zu dem Gemaͤlde? fragte Herr von Palm, und fuͤhrte ſie gleich zu⸗ erſt vor das Miniaturbild, welches ihm zur Ein⸗ leitung gedient hatte. O, zum Sprechen gleicht es! ſagte die Tan⸗ 80— te, und Malchen war derſelben Meinung. Sie unterſuchten das Bild hierauf genauer, und da fand ſich denn erſt, daß der falſchgemalte Mund der Aehnlichkeit des Ganzen doch ein wenig Scha⸗ den thue. Die Augen, hieß es gleich hinterher, waͤren auch anders als das Original ſie haͤtte. Am Ende wurde Herr von Palm ſogar inne, daß die Naſe viel kleiner war, als in der Natur. Und wenn der Herr von Palm die ganze Zeit uͤber noch kein wahres Wort geredet hatte, ſo war doch das gegruͤndet, daß die Naſe auf dem Bik⸗ de um ein merkliches kleiner war, als in der Na⸗ tur. Waͤhrend dieſer kriiſchen Unterſuchungen nun war es dem Herrn vor Palm gelungen, mit ei⸗ ner andern kritiſchen Sache auf's Reine zu kom⸗ men. Er hatte naͤmlich Gelegenheit gefunden, ſeine ſchriftliche Frage ſicher in Malchens Haͤnde zu bringen. Malchens Haͤndchen zitterte zwar da⸗ bei, und ihr Geſichtchen nurde ſo roth wie Blut; auch konnte ſie ein Paar Fragen, die von der Tante an ſie gethan wurden, mit keinem Laute beantworten: allein bald darauf ſtellte ſich ihre bisherige Munterkeit vollkommen wieder ein. 90 Das drei und zwanzigſte Kapitel. Natuͤrlich aber mußte das auch die Munterkeit des Herrn von Palm außerordentlich vermehren. Inzwiſchen ſchlug ihn doch bald nachher ein Um⸗ ſtand ein wenig nieder. Unmittelbar naͤmlich uͤber dem Minaturbilde hing ſeine Landſchaft. Man waͤre aber zuverlaͤſſig, deinahe ohne einen Blick darauf zu werfen, zu einer andern Wand gegangen, wenn dem Herrn von Palm ſein Lob aus Malchens Munde nicht am Herzen gelegen haͤtte. Er zeigte daher, als ſie ſich eben umdre⸗ hen wollnte, noch einmal ouf die Wand hin und auf ſeine Landſchaft, und ſagte: Dieſe Landſchaft da, brauchen Sie weiter nicht zu betrachten; es iſt eine hieſige Gegend, die man alle Tage in der Na⸗ tur ſehen kann.“ 29 Welche Gegend ſolte denn das vorſtellen? fragte Malchen. „Es iſt eine Anſicht vom Plauenſchen Grunde,“ war die Antwort. Nun, wenn der Plauenſche Grund ſo waͤre, lachte Malchen, ſo koͤnnte man wahrhaftig Wall⸗ fahrten dahin anſtellen. Denn Baͤume, die eine Art von gruͤner Schafwolle tragen, und Felſen, die von Natur weit aͤrger als die uachgemachten 91 ausſehen, und Waſſer, das einer zerriſſenen, blau⸗ en Leinwandſchuͤrze uͤber einem weißen Rocke gleicht: das waͤre ſchon der Muͤhe werth, in Augenſchein zu nehmen. Zumal wenn das alles, wie hier, gleichſam durch einander geruͤhrt iſt, oder wenig⸗ ſtens uͤber einander wegfaͤllt. Herr von Palm ſah hierauf ſeine ſchoͤne Na⸗ tur eine zeitlang mit offnem Munde an; dann ſtieß er einen Seufzer aus, und dann ſagte er: „Es iſt aber freilich ohne Anweiſung gemalt.“ Ja, lachte Malchen noch immerfort, das iſt auch das glaubwuͤrdigſte an dem ganzen Gemaͤl⸗ de. Ach, der arme Herr von Palm! er haͤtte gleich in die Erde ſinken moͤgen mitſamt ſeiner ſchoͤnen Gegend. Das Papierchen wenigſtens haͤtte er herzlich gern zuruͤckgehabt. Denn bei einer ſo unerhoͤrten Geſchmackloſigkeit, was konnte da aus ſeiner Liebe werden? Das vier und zwanzigſte Kapitel. Herr von Palm beantwortete hierauf zwar die Fragen nach einigen Bildern, aber ſo kleinlaut, 22. daß der gnaͤdigen Tante ſowohl, als dem Fraͤu⸗ lein Malchen die Veraͤnderung auffiel. Fehlt Ihnen etwas, mein Herr? fing daher die Tante an, und Malchen ſetzte hinzu: Ja, zuverlaͤſſig; Sie ſind mit einem Male ganz blaß geworden! „Es iſt ein Zufall,“ antwortete Herr von Palm,„der mir zuweilen begegnet. Ein Schwin⸗ del, der bald voruͤbergeht.“ Weil nun Herr von Palm merkte, daß Mal⸗ chen, ſo oft es ſich thun ließ, ſein Geſicht recht beſorgt ein wenig auſah, und weil ſie ſogar meh rere Male in einem recht lieblichen Tone fragte: Nun, wie geht es, ſo ging es ihm recht bald wie⸗ der vollkommen gut. Hat ſie doch wenigſtens ein gutes Herz! dachte er. Der Sinn fuͤr die Kunſt kann kuͤnftig noch einmal kommen. Er vergaß ſein Bild und ihr Urtheil ganz und gar, und freute ſich nur, daß ſie immer in dem Gra⸗ de luſtiger wurde, als ſeine Luſtigkeit bei den Er⸗ klaͤrungen der Gemaͤlde zunahm. 93 Das fuͤnf und zwanzigſte Kapitel. Und ſelber die Tante war durch die Munterkeit des Herrn von Palm ein wenig von dem Wider⸗ willen gegen ihn zuruͤckgekommen. Sie hatte auch die beſte Hoffnung, daß er der erſte ſeyn wuͤrde, von dem ſie uͤber das geſtickte Portraͤt ein Kom⸗ pliment bekaͤme. Indeſſen waren ſie ſchon einige Mal vorbeigegangen und er hatte es nicht er⸗ waͤhnt; daher brachte ſie endlich ſelber die Rede darauf, und fragte:„Aber, nun ſagen Sie mir einmal, wen dieſe Stickerei da vorſtellen mag?“ „Doch nur eine Meerkatze!“ lachte Herr von Palm uͤberlaut. Denn von menſchlichen Zuͤgen kann man wohl in dieſem Gewirre ſeidner Faͤden nichts Ordentliches heraus finden. Es kommt mir uͤberhaupt recht abgeſchmackt vor, Gemaͤlde auf dieſe Weiſe zu verſuchen. Die ganze Sticke⸗ rei——“ 24. Das ſechs und zwanzigſte Kapitel. Ietzt erſt that der Herr von Palm wieder einen Blick auf die junge, und dann einen auf die al⸗ te Dame. Die alte Dame aber hatte ſeit dem Worte„Meerkatze“ nicht das geringſte weiter ge⸗ hoͤrt; Malchen hingegen hatte das, was darauf folgte, auch mit gehoͤrt. Beide aber haͤtten von nun an ſicher nicht das geringſte von dem Herrn von Palm hoͤren koͤnnen, wenn ſie's auch ganz Willens geweſen waͤren; denn Herr von Palm er⸗ ſchrak, als er der gnaͤdigen Tante ihr feuerfarb⸗ nes, und Malchens ſchneeweißes Geſicht anſah, und er fragte, gerade ſo bange, wie man ſich zu⸗ vor nach ſeiner Geſundheit erkundigt hatte:„fehlt Ihnen etwas, meine Damen?“ O nein, antwortete die gnaͤdige Tante, und zitterte dabei vor Wuth: es fehlt uns nichts, gar nichts. Vielmehr iſt uns jemand zu viel hier, ein unverſchaͤmter Menſch iſt uns zu viel! Ver⸗ ſtehen Sie mich? „Um's Himmelswillen, gnaͤdiges Fraͤulein,“ ſagte Herr von Palm;„ſollte ich's in meinem Urtheile uͤber dieſes ſchlechte Werk im Ausdrucke verſehen haben, ſo bitte ich tauſendmal um Ver⸗ zeihung. Aber ich wuͤßte doch nicht——„ Nun hoͤre einmal, Malchen! „Aber, ich bitte Sie, gnaͤdiges Fraͤulein,“ ſagte Herr von Palm.„Nur einen Aufſchluß daruͤber!“ Komm, Malchen! „Nein, Sie duͤrfen wahrhaftig nicht,“ rief Herr von Palm,„ehe ich Aufſchluß uͤber das alles habe.“ Allein er mußte ſie doch fortlaſſen; denn Fraͤulein von Silberſtein kannte ſich gar nicht vor Wuth, und er mußte zuruͤckbleiben, wenn er keinen unanſtaͤndigen Auftritt herbeifuͤhren woll⸗ te. — A Das ſieben und zwanzigſte Kapitel. Malchens Gang aber war jetzt das gerade Ge⸗ gentheil von ihrem vorigen. Sie ſchlich ſo leiſe, ſo leiſe, daß die gnaͤdige Tante ſie einige Mal deshalb ſchalt: denn die gnaͤdige Tante hatte der 96 Zorn ganz haſtig gemacht; auch war ſie eigent⸗ lich boͤſe daruͤber, daß Malchen nicht in Anſe⸗ hung ihrer Reden, und ihrer großen Schritte, mit ihr gemeine Sache machen wollte. Als die Tante ſchon zu Hauſe eine Zeitlang ruhig dageſeſſen hatte, fuhr ſie auf Einmal wie⸗ der in die Hoͤhe, und rief: eine Meerkatze! Es thut mir nur leid, daß ich ihm nicht auf der Stel⸗ le, vor allen Leuten, die Wahrheit geſagt habe; dem Tolpel! Erſt ſchlaͤgt er mir den Zächer aus der Hand—— „Nun, davor konnte er wohl nicht, liebe Tante.“ Alber ein Toͤlpel, daͤchte ich, bliebe er darum doch! ſprach die Tante noch eifriger. Und die Meerkatze, was ſagſt Du denn dazu? So ſprich doch! Von Lappalien kannſt Du ſonſt immer viel reden; doch wenn von reelen Sachen geſprochen wird, da ſchweigt das Fraͤulein. Was ſagſt Du denn zu der Meerkatze? Das acht und zwanzigſte Kapitel. „Wer weiß denn, gnaͤdige Tante,“ fing Mal⸗ chen endlich zaghaft an.„Entſchuldigen will 2 ich's freilich nicht; indeſſen— wer weiß, ob er — gewußt hat, daß es Ihr Portraͤt iſt 20 Nun hoͤre eins die Dinge! Gewußt hat! Hoͤrſt Du denn nicht von mir und von andern Leuten, daß mir das Bild wie aus den Augen geſchnitten iſt? Und haſt du denn gar kein Gedaͤchtniß, und ſchon vergeſſen, wie uns der naͤmliche Menſch das vorige Mal auf der Ausſtellung deshalb im⸗ mer angaffte? Ueberhaupt, iſt dir's denn auch gar nicht um deine eigne Ehre zu thun? Wenn Du ihm das nicht uͤbel nimmſt, daß er mich, Deine naͤchſte Verwandte, ſo ſchaͤndlich behan⸗ delt, gut, ich bin dergleichen von Dir gewohnt. Aber, daß Du dabei gelaſſen bleiben kannſt, da er doch Dich ſelber, in deiner Stickerei, ſo be⸗ ſchimpft hat, daß Du ihn noch vertheidigen kannſt — pfui ſchaͤme Dich in's Herz hinein! In's Herz hinein! Das waͤre die rechte Art geweſen! Malchen ſchaͤmte ſich wohl ohnehin; aber ſie fuͤhlte auch, daß ſie dem Herzen damit gar nicht zu nahe kommen duͤrfte, weil ein Herz gerade bei dergleichen Gelegenheiten ſich am aller⸗ wenigſten zu ſchaͤmen pflegt. Luſtige Erzaͤhlungen II. G Das neun und zwanzigſte Kapitel. Und damit ſie ihrem Verdruſſe neue Nahrung gaͤbe, warf ſich Malchen ſchleunigſt in's Neligee, und ſetzte ſich an ihren Stickrahmen. Sie ließ auch ihr Herz ohne Barmherzigkeit klopfen, ſo laut es wollte. Ja, ſie hatte es ſchon erſtaun⸗ lich weit in ihrem Kampfe gegen das widerſpaͤn⸗ ſtige Herz gebracht. Denn als ihr der Brief ein⸗ fiel, den ſie auf der Ausſtellung erhalten hatte, ſo lief ſie auch gleich nach den ausgezogenen Klei⸗ dern, und holte ihn heraus, um ihn in den Kamin zu werfen, ſobald die Tante hinaus gegan⸗ gen ſeyn wuͤrde. Sie konnte den Augenblick gar nicht erwarten. Endlich kam er, und ſogleich eil⸗ te ſie mit dem Briefe zu dem Kamine. Noch hatte ſie keinen Blick darauf geworfen; jetzt aber faltete ſie ihn aus einander, aus keiner andern Urſache, als um zu ſehen, wie lang der Brief wohl ſeyn moͤchte. Ein langer Brief iſt es, dachte Malchen, und von der Waͤrme, der ſie ſo nahe ſtand, war ihr das Herzchen zum Zer⸗ ſpringen heiß geworden. Das dreißigſte Kapitel. —ʒ—— Nur das moͤchte ich wiſſen, dachte Malchen weiter, nur das, was in dem Briefe alles ſte⸗ hen mag. Es iſt doch unbegreiflich wovon ein Menſch, der mich nicht kennt, und den ich nicht kenne, mir ſo vieles hat ſchreiben koͤnnen!— Den ich nicht kenne? aber Malchen ſagte recht entſchloſſen: ja, ja, den ich ganz und gar nicht kenne! Und mag er auch gſchrieben haben, was er will, hieß es hierauf in Malchens Trotzkoͤpf⸗ chen, es iſt nichts weiter daran gelegen. Und ſchon war das Papier am Schnitte von der Flam⸗ me verletzt, als das Woͤrtchen: Theuerſte, mit dem ſich der Brief anfing, ihr in die Augen fiel..— „Theuerſte!“ ſagte ſie.„Nein, man ſollte doch beinahe ſehen, wie weit die Unverſchaͤmtheit dieſes Menſchen gegangen iſt. Wenigſtens nur den Anfang des Briefes, die erſte Zeile.“ In der Hitze aber, worin Malchen war, aͤberhoͤrte ſie's, daß der Rath nicht aus ihrem Trotzkoͤpfchen kam, wie ſie glaubte, ſondern daß er vielmehr von ihrem Herzen herruͤhrte. 3 G 2 100 Und nun las ſie die erſte Zeile. Allein das gab ihr keinen Zuſammenhang, und wenn kein Zuſammenhang in einer Sache iſt, ſo iſt auch kein Verſtand darin; daher mußte ſie die zweite Zeile auch mit leſen. Nun aber ſchien dem Fraͤu⸗ lein ſo viel Verſtand hineingekommen zu ſeyn, daß ſie noch ein klein wenig in den Brief hinein⸗ leſen mußte. Doch ſie las ſich immer mehr in den Brief hinein, und merkte das erſt, als ſie auf der andern Seite wieder herauskam. Das ein und dreißigſte Kapitel. Kanm hatte nun Fraͤulein Amalie geſehen, wie weit die Unverſchaͤmtheit dieſes Menſchen gegan⸗ gen war, ſo kam ſie ſich ſelber ganz anders vor. Sie las den Brief noch einmal, und nun kam ihr der Menſch ebenfalls wieder ganz anders vor; denn die Worte in dem Briefe, und die Gedan⸗ ken darin, ſahen gerade ſo aus, wie die Geſichts⸗ zuͤge des Menſchen, als er ſie neulich anſah, und immerfort anſah. Ja, man haͤtte dieſe Geſichts⸗ zuͤge ſchlechterdings durch keine andern Worte und Gedanken uͤberſetzen konnen. Am deutlich⸗ I0I ſten wurde ihr das dadurch, daß ſie vorher das Geſicht des Herrn von Palm, wie er das er⸗ ſte Mal ausgeſehen hatte, ſich gar nicht mehr ordentlich vorſtellen konnte, das nun durch den Brief auf Einmal mit allen ſeinen Haupt⸗ und Nebenlinien und mit allen ſeinen Haupt⸗und Ne⸗ benminen vor⸗ ſie hingeruͤckt worden war. Mal⸗ chen fuͤhlte jetzt auch ganz deutlich die Augen, welche bei der Gelegenheit in ihren Augen einwur⸗ zelten, und dachte: Nun, es iſt recht gut, daß ich den Brief zuvor noch einmal geleſen habe. Darauf machte ſie die Kaminthuͤre wieder zu, und darauf ſteckte ſie den Brief in ihr Halstuch. Denn ſie hoͤrte die Tante kommen, und es wuͤrde einen ſchoͤnen Laͤrm gegeben haben, wenn dieſe ſie bei dem Leſen des Briefes uͤberraſcht haͤtte. —— Das zwei und dreißigſte Kapitel. Der Brief war indeſſen nur eingeſteckt worden, damit er auf Malchens Stube, wohin ſie nun ging, wieder herausgenommen, und nochmals geleſen werden koͤnnte. Und je oͤfter ſie ihn las, - 102 deſto beſſer bekam ſie das Bild des Herrn von Palm in den Kopf. Und das Bild des Herrn von Palm(ſo hieß er, wie ihr die Unterſchrift ſagte wie es leibte und lebte in den Kopf zu be⸗ kommen, das machte ſie ſich ordentlich zur Ge⸗ wiſſensſache, und legte ſich's als eine Art von Strafe auf. Denn je aͤhnlicher ſie das liebe Bild vor ſich hatte, deſto bittrere Vorwuͤrfe machte ſie ſich. Wie, ſagte ſie, weil er keinen Kunſtſinn hat, und nichts von geſtickten Portraͤts verſteht, darum wollte ich boͤſe auf ihn ſeyn? Aus Bosheit iſts gewiß nicht geſchehen, das ſagt mir ein jeder Blick von ihm. Und jetzt haͤtte der Herr von Palm nicht nur das Bild der Tante, ſondern die Tante ſelber ge⸗ troſt eine Meerkatze nennen koͤnnen. Bloß das hatte Malchen gegen den Vorfall, daß die Tan⸗ te zu ſeiner unverſoͤhnlichen Feindin geworden war, und daß dieſes auf die Folgen einen ungluͤckli⸗ chen Einfluß hatte. 0 —3. Das drei und dreißigſte Kapitel. —— Von gewiſſen Folgen naͤmlich ſtanden ſchon recht wichtige Dinge in dem Briefe. Herr von Palm hatte durch andre Leute außerordentlich viel Gu⸗ tes von Malchen gehoͤrt, und ſelber außeror⸗ dentlich viel Gutes von ihr geſehen, ſo daß er ſchon in dieſem erſten Briefe recht merklich auf's Heirathen anſpielte. Nun hatte zwar Mal⸗ chen von dem Herrn von Palm nicht das minde⸗ ſte Gute gehoͤrt, vielmehr lauter Boͤſes; denn wer haͤtte von ihm ſprechen ſollen, außer der Tante? Aber Malchen hatte außerordentlich viel Gutes von ihm geſehen. Das Gute aber hatte er nicht etwa gethan, ſondern fie hatte es bloß in ſeinem Auge bemerkt. Doch war ihr das voll⸗ kommen genug, und wenn ich mich nicht ganz in ihr irre, ſo glaube ich, ſie wuͤrde ihn lieber heute als morgen dafuͤr geheirathet haben. Das Schlimmſte war, daß die Tante ein recht wichtiges Wort in die Heirath zu ſprechen hatte. — — 5 104 — Das vier und dreißigſte Kapitel. Der junge Herr von Palm wuͤrde der Tante zwar das wichtige Wort durch einen raſchen Schritt erſpart haben. Allein ſein Vater, der alte Herr geheime Rath von Palm, war nicht einmal in ſeiner Jugend ein Liebhaber von raſchen Schrit⸗ ten geweſen, geſchweige jetzt; und der wuͤrde niemals wieder gut geworden ſeyn, wenn ſein Sohn etwa fuͤr Malchen und fuͤr ſich die Gefaͤl⸗ ligkeit haͤttehaben wollen, mit dem Maͤdchen auf und davon zu gehen. Zum Ungluͤck mußte nun der alte Herr geheime Rath ein ſo guter Vater ſeyn, daß der junge Herr von Palm es unmdͤglich uͤber ſein Herz bringen kannte, ihn auf immer boͤ⸗ ſe zu machen. Bis dahin war es indeß freilich noch gar nicht gekommen. Herr von Palm hatte aber doch in dem Briefe um eine Antwort gebeten, und drei Termine beſtimmt, wo er dieſe Antwort auf der Ausſtellung erwarten wollte. Doch wie wenig Ausſicht hatte Malchen auch dazu! Durfte ſie doch die Ausſtellung gar nicht mehr gegen die Tan⸗ te erwaͤhnen. Das wuͤrde Verdacht gegeben ha⸗ ben, und Verdacht konnte ſie jetzt nicht auf ſich laden, wenn ſie ſich die Hoffnung, viellei cht doch 105 noch einen heimlichen Gang auf die Ausſtel⸗ lung moͤglich machen zu koͤnnen, nicht ſelber rau⸗ ben wollte. Das fuͤnf und dreißigſte Kapitel. Zwei aber von den Terminen waren nun ſchon verſtrichen. Immer hatte es Malchen au einem Vorwande zum Ausgehen gefehlt. Fuͤr den drit⸗ ten war indeſſen doch ein Vorwand ausfuͤndig gemacht worden. Sie hatte naͤmlich von einer Galanteriewaarenhaͤndlerin gehoͤrt, daß bei ihr eine Menge neuer Moden angekommen waͤren. Allein der Himmel wird finſter, und ein anhalten⸗ der Regen tritt ein. Malchen konnte der nun freilich kein Hinderniß in den Weg legen. Als aber die Tante ſah, daß ſie ſtatt der ſeidnen Schuh, die ſie anhatte, andre anziehen wollte, welche das Waſſer beſſer vertruͤgen, da rief ſie: Ich glaube doch nicht, Malchen, daß Du in dem Wetter ausgehen willſt? „O, in dieſen Schuhen komme ich ſchon fort.“ Nein, ſo nothwendig iſt der Gang nicht,. Du 106 haſt Hauben und Huͤte genug, und fuͤr heute hbrauchſt du doch nichts. „Aber, liebſte Tante, die beſten Sachen wer⸗ den weggekauft!“ Auch gut, ſo koſten ſie mir kein Geld. Ein⸗ fuͤr allemal, Du gehſt nicht von der Stelle! Nun war alles aus.„Wer weiß, ob ich ihn nun jemals wieder zu ſehen bekomme!“ dachte Malchen. Und bei ihren wenigen Gaͤngen und den Umſtaͤnden uͤberhaupt war das wirklich leicht moͤglich. Daß Herr von Palm vorbeiging, war ohne Zweifel; allein davon wurde Malchen nichts gewahr, denn die garſtigen Fenſter in der Tante ihrer Wohnſtube und in ihrer Stube ſtießen bloß in den Garten, der zwar an ſich recht huͤbſch war, aber jetzt dadurch recht garſtig wurde, daß er ganz entfernt von der Straße lag. Das ſechs und dreißigſte Kapitel. — Den Tag darauf aber ließ es Malchen gar kei⸗ ne Ruhe, ſie mußte auf die Ausſtellung. Ich 107 gehe umſonſt, ganz gewiß umſonſt! das ſagte ſie allemal dabei: doch ich muß. Und ehe die Tante ſich umſah, war ſie auch richtig uͤber alle Berge. Sie war indeſſen doch nicht ſo umſonſt gegan⸗ gen, wie ſie geglaubt hatte; denn Herr von Palm wartete ſchon, und das gar nicht weit von der Thuͤre. Und weil auch er alle Hoffnung ſchon aufgegeben gehabt hatte, ſo wußten ſie alle Beide in den erſten Augenblicken gar nicht, wo ſie waren. Deſto beſſer mochten ihnen das die andern Leute anſehen, wenigſtens der Oberforſt⸗ meiſter von Muͤhlbach. Der war gerade wieder einmal nach Dresden gekommen. Weil denn viele Leute die Ausſtellung beſuchten, wie er hoͤrte, und er auch gerne etwas Huͤbſches ſah, ſo beſuchte er ſie ebenfalls. Und das erſte„ was er hier er⸗ blickte, waren Malchen und der Herr von Palm. Er glaubte erſt, daß ihn die Sonne blende, und hielt die Hand uͤber die Augen; aber nein, es wa⸗ ren Malchen und der Herr von Palm. Darauf ging er um Beide herum, und es waren richtig Malchen und der Herr von Palm. Er haͤtte aber vielleicht ihnen auf die Schulter klopfen koͤnnen⸗ ohne von ihnen bemerkt zu werden; denn ſie be⸗ kuͤmmerten ſich um keine Menſchenſeele, als um ſich ſelber. Sie wurden nicht einmal von dem er⸗ ſchrecklichen Seufzer, mit dem der Herr Obers 108 forſtmeiſter die niedlichen Seufzerchen perſiffliren wollte, eher etwas inne als bis die Leute im Zim⸗ mer in ein lautes Lachen ausbrachen. Den Herrn Oberforſtmeiſter aber ſahen ſie dennoch nicht; denn der hatte ſich aufs ſchleunigſte aus dem Zimmer gemacht. Das ſieben und dreißigſte Kapitel. Von nun an fingen indeſſen die beiden Verlieb⸗ ten ihre Sache etwas manierlicher an. Herr von Palm ſchilderte ſeine große Unruhe wegen des Be⸗ nehmens der Tante. Er fragte nach der Urſa⸗ che, und Malchen entdeckte ihm, wen das Por⸗ traͤt vorſtellte; wer es aber geſtickt hatte, das entdeckte ſie ihm nicht. „Aber, mein Himmel,“ rief Herr von Palm, nachdem er die Sache beklagt hatte,„wer kann auch ſolchen elenden Stickereien die Aehnlichkeit abſehen!“ Malchen wuͤrde indeſſen dieſes harte Urtheil herzlich gerne verſchmerzt haben, wenn nur die Folgen nicht geweſen waͤren. Allein die waren — — — — 109 ſo ſchlimm, daß, nachdem ſie ein Paar Stun⸗ den daruͤber berathſchlagt hatten, immer noch nichts weiter, als eine zweite heimliche Zuſam⸗ menkunft auf der Ausſtellung verabredet werden konnte. .. Das acht und dreißigſte Kapitel. Malchen verfuͤgte ſich hierauf in aller Eil zu der Galanteriehaͤndlerin, von der ſie der Tante ge⸗ ſagt hatte. Sie hielt ſich aber gar nicht bei ihr auf, ſondern verſprach, den andern Tag wieder⸗ zukommen. Und ſie meinte ihre Sachen ganz vor⸗ trefflich gemacht zu haben, wenn ſie zur gnaͤdi⸗ gen Tante ſagte, daß die neuen Galanteriewaaren ſchon alle verkauft geweſen waͤren, dieſen Abend aber wieder welche mit der Poſt erwartet wuͤrden. Damit nun die kommenden Waaren nicht wie⸗ der weggingen, wollte ſie denn morgen fruͤh ſa⸗ gen, daß ſie zur Galanteriehaͤndlerin muͤßte. Durch einen Zufall ſollte dann dieſe noch immer keine Neuigkeiten wieder erhalten haben, und da⸗ her das Fraͤulein Malchen auf den naͤchſten Tag vertroͤſten. Wenn aber das alles auch nur noch in Malchens Gedanken ausgefuͤhrt war, ſo freu⸗ te ſie ſich doch ſchon in voraus auf die Paar Ta⸗ ge, welche dadurch fuͤr die Ausſtellung gewonnen wuͤrden. Daß ſie dieſes erſte Mal zwei ganze Stunden oben geblieben war, das machte ihr wei⸗ ter keinen Kummer, weil ſie dieſe zwei Stunden kaum fuͤr zwei Viertelſtunden gehalten hatte. Da⸗ her trat ſie auch mit dem heiterſten Geſichte von der Welt in das Zimmer der gnaͤdigen Tante. Das neun und dreißigſte Kapitel. Malchens vergnuͤgte Miene aber uͤberlebte kaum den erſten Augenblick. Denn die Tante kam mit einem erſchrecklichen Geſichte auf ſie zu, und griff mit ihrer ausgetrockneten Hand Malchens volles Haͤndchen ſo hart an, daß ihr gleich die blauen Augen uͤbergiengen, und zog Malchen recht weit vor an das Fenſter. „Nun, mein Fraͤulein,“ fragte ſie hier,„wie haben Sie die Modewaaren gefunden? Sie muͤſ⸗ ſen in den drei Stunden viel eingekauft haben.“ Und Malchen wandte erſchrocken ihr trauri⸗ Geſichtchen nach der Wanduhr. „Ja, drei Stunden! beſehn Sie ſich's nur! Es iſt gerade halb Eins. Nun? werde ich bald eine Antwort bekommen?“ Die drei Stunden ab Plan dermaßen verruͤckt, „Nun?“ der Tante, mit heiſer und kaum vernehmli dern Tage ſagen konnte, ſtellt waͤre. er hatten Malchen ihren daß ſie erſt nach einigen einer Stimme, die ganz ch klang, von dem an⸗ auf den ſie wiederbe⸗ „So?“ rief die gnaͤdige Tante;„morgen wie⸗ der?— Schon ausgeſonnen! Darf ich fragen, mein Fraͤulein, was Sie in den ganzen drei Stunden mit der Galanteriehaͤndlerin abgehandelt haben?“ —— Das vierzigſte Kapitel. Es glaubte mir wenigſtens niema wenn ich ſa chen haͤtte 's indeſſen gewiß kein Menſch, nd von meinen lieben Leſerinnen, gen wollte, das arme, bedraͤngte Maͤd⸗ keine Ausrede bei der Hand gehabt. — Ie. Meine Leſerinnen muͤſſen nun ſchon lange wiſſen, daß ich die Maͤdchen immer gerne auffuͤhre, wie ſie ſind, und daß ich mich auf die Ausnahmen nicht einlaſſe. Ich wuͤrde auch kaum ein Wort uͤber Malchen verloren haben, wenn ich nicht ſagen koͤnnte, daß ſie bei der Gelegenheit eine recht allerliebſt natuͤrliche Ausrede auf der Zunge hatte, und daß ſie nur deshalb nicht vollends das mit herauskam, weil Malchen ſelber noch viel⸗ ſchlauer war als ihre Ausrede. Sie las es naͤm⸗ lich auf dem Geſichte der Tante, daß ſie etwas Beſtimmtes von ihrer Abweſenheit erfahren hatte, und daß ſie daher erſt horchen muͤßte, wo es hinaus wollte, weil ſie ja ſonſt anſtatt ſich auszureden, ſich noch viel tiefer hineinres den konnte. Malchen hoffte mit ihren Thraͤnen etwas aus⸗ zurichten; und das war nicht uͤbel berechuet: denn jedweder andre Menſch haͤtte in den klaren Tropfen, die an ihren langen Wimpern glaͤnzten, ſeinen Zorn ein wenig abkuͤhlen muͤſſen. Aber die Tante— nein, die blieb hart wie zuvor, und fragte immerfort. Wo werde ich denn geweſen ſeyn? weinte das arme Malchen endlich. An einem unanſtaͤndigen Orte doch gewiß nicht. Das ein und vierzigſte Kapitel. ———;—ͦ——— So viel aber die gnaͤdige Tante auch bereits ge⸗ tobt hatte, ſo viel hatte ſie noch immer verhalten; doch nun brach das Verhaltne auf Einmal mit los. „ Deſto ſchlimmer,“ antwortete ſie,„wenn man ſich an anſtaͤndigen Orten unanſtaͤndig auf⸗ fuͤhrt; Pfui, das haͤtte mir eins nachſagen ſol⸗ len; gleich in die Erde waͤre ich geſunken! Sich auf der Ausſtellung mit einem jungen Tauge⸗ nichts hinzuſtellen, und zum allgemeinen Geſpoͤtt zu werden! Haſt Du ſolche Dinge in meinem Hauſe gelernt? Kannſt Du ſagen: daß ich Dir dergleichen Beiſpiele gebe? Iſt das der Dank, womit Du mir die Erziehung, die Du von mir erhalten haſt, vergiltſt?.“ Malchen wollte ſich nun aufs Bitten legen; aber ihre leiſen Worte wurden von den lauten der Tante gaͤnzlich uͤberſchrieen. „Wie kannſt Du Dich unterſtehen, mir wieder vor Augen zu kommen?“ fragte ſie. „Gleich heraus damit! wer iſt der Taugenichts, mit dem Du die Schande uͤber mich und meine Luſtige Erzaͤhlungen II, H 114 Familie gebracht haſt? Denn von Dir iſt nun unter uns nicht mehr die Rede. Wie heißt er?“ Malchen ſeufzte bloß. „Iſt es vielieicht gar der ſaubre Leutnant, der mir neulich den ſchoͤnen Namen gab? O, das waͤre wohl zu glauben! Wer weiß, ob du ihn nicht vielleicht gerade weil er das gethan, um ſo lieber gewonnen haſt, undankbares Geſchoͤpf! — Nun, iſt er's?“ Nein! antwortete Malchen, nm ſeinetwillen beſorgt, ſo ſchnell, daß die Tante keinen Zweifel in die Wahrheit dieſes Neins ſetzte. „Nun, wer ſonſt? fragte die Tante weiter. Ich weiß ſeinen Namen nicht. „Den Namen nicht?— Doch ja! warum faͤllt mir das auf? Was ſaͤhe Ihnen, nach ei⸗ ner ſolchen Frechheit, nicht aͤhnlich? Genug, und Ein Wort ſo gut wie tauſend, Du kannſt nicht nicht laͤnger in meinem Hauſe bleiben. Mein eig⸗ ner guter Ruf iſt mir zu lieb, als daß ich ihn um Deinetwillen aufs Spiel ſetzen ſollte. Mor⸗ gen des Tages packſt Du Deine Sachen zuſam⸗ men. Das zwei und vierzigſte Kapitel. ——;————: Ud Malchen fuhr fort, die ſchoͤnſten Bitten an die gnaͤdige Tante zu verwenden, allein da war an keine Abaͤnderung zu denken. Doch, daß ich nichts vergeſſe! an Eine wahl. Dieſe hieng in⸗ deſſen von Bedingungen ab, die noch in weitem Felde lagen. Als Malchen naͤmlich zum letzten Male die Hand der gnaͤdigen Tante anfaßte, ſag⸗ te die Tante:„Nichts! ich muͤßte ja meine eig⸗ ne. Ehre nicht verdienen, wenn's nicht dabei blei⸗ ben ſollte! Damit Du Dich indeſſen daruͤber gar nicht beklagen darfſt, daß ich nicht alles gethan haͤtte, die Schande von dir abzuwenden, habe ich Dich ſo eben einem juugen Manne antragen laſſen.“ Antragen laſſen? rief Malchen heftig aus. „So?“ ſprach die Tante;„Du willſt wohl noch Umſtaͤnde machen? Das ſchickt ſich fuͤr Dich! Es ſoll uͤbrigens ein angenehmer Mann ſeyn Schlaͤgt er heute ein, nun gut! Morgen, wenn die ganze Stadt von Deiner Auffuͤhrung redet, magſt Du ſehen, wie Du ihm und ſeinen Eltern die Sache auslegen kannſt. Es iſt indeſſen freilich tauſendmal wahrſcheinlicher, daß er nicht anbeißt, H 2 4 116 als daß er's thut. Denn bei Maͤdchen, die einem ſo angetragen werden, weiß man ſchon, hat es gemeiniglich einen Haken.“ Das ſehen Sie alſo ein, Tante, weinte Mal⸗ chen, und doch konnten ſie mich jemanden an⸗ tragen laſſen? „Nein, nun kein Wort weiter! Das iſt ja ein Undank und eine Unvernunft, die ihres Glei⸗ chen ſuchen! Was iſt denn noch zu verlieren, wenn eins, wie Du, ſeinen guten Ruf ſchaͤndlicher Wei⸗ ſe weggeworfen hat? Und denkſt Du denn, daß ich einem albernen Menſchen den Auftrag gege⸗ ben habe, einem Menſchen, der gleich mit dn Thuͤr in's Haus fallen wird?“ Das drei und vierzigſte Kapitel. „Gut, daß Sie kommen, lieber Muͤhlbach,“ rief die Tante dem hereintretenden Herrn Ober⸗ forſtmeiſter entgegen.„Koͤnnen Sie Sich's wohl einbilden, daß ſie noch Umſtaͤnde macht, und gar nicht zufrieden iſt mit dem Verſuche, ihre Ehre zu retten?“ 117 Meine Ehre! ſprach Malchen; ſie hatte aber auf dieſe beiden Worte ſo viel Stimme gelegt, daß ihr zu der Verſicherung, fuͤr ihre Ehre ſey gar nichts zu beſorgen, gar kein bischen Stimme mehr uͤbrig blieb. 29e. 2 „Sehe eins die Bosheit an!“ ſagte die Tan⸗ te, und zeigte auf Malchen.„Nun, lieber Muͤhl⸗ bach, was haben Sie ausgerichtet? Nichts! das iſt natuͤrlich.“ Nun, antwortete der Herr Oberforſtmeiſter; das kann ich nicht ſagen. Ich habe vielmehr Hoffnung. 1 „Wirklich?“ fragte die Tante, und ſetzte, auf das Nicken des Herrn Oberforſtmeiſters, hinzu: „Nun, ſo haſt Du wahrhaftig noch von Gluͤck zu ſagen, Du ungerathnes Kind, und kannſt dem Herrn Oberforftmeiſter die Haͤnde kuͤſſen; denn ſo vaͤterlich, wie der, wuͤrde nicht leicht ein An⸗ derer an dir gehandelt haben.“ Doch Malchen hatte gar keine Luſt dem Herrn Oberforſtmeiſter die Haͤnde zu kuͤſſen. Sonſt wa⸗ ren ſie und der Mann immer auf einem recht freund⸗ ſchaftlichen Fuße mit einander, auch reichte er ihr, wenn er kam, gewoͤhnlich die erſte Hand, woruͤber die gnaͤdige Taute manchmal verdrießlich wurde. Diesmal aber that er faſt gar nicht, als ob es ein Malchen in der Welt gaͤbe. Daß er⸗ 118 indeſſen auswaͤrts fuͤr Malchen geſprochen und ſie zur Heirath angetragen hatte, das war eine Be⸗ muͤhung, wofuͤr ihm Malchen keinen Dank wuß⸗ te. Er ſprach auch diesmal in einem fort mit der gnaͤdigen Tante. Das vier und vierzigſte Kapitel. 4 11, Bei Tiſche auch. Da ſaß der Herr Oberforſt⸗ meiſter gar nicht an ſeinem gewoͤhnlichen Platze, ſondern neben der gnaͤdigen Tante, mit der er viel vertrauter ſchien, als ſonſt. Am meiſten wurde von Malchens Heirath geſprochen, und daruͤber zwiſchen der Tante und dem Herrn Ober⸗ forſtmeiſter alles ſo ausgemacht und abgemacht, als ob Malchen nicht das kleinſte Woͤrtchen hin⸗ einzureden haͤtte. Auch ſelbſt wenn ſie zuweilen weinend widerſprach, und von der Heirath gar nichts hoͤren wollte, that kein Menſch, als ob ſie hierbei einen Widerſpruch haben koͤnnte. Mal⸗ chen fragte nicht einmal, wer der Braͤutigam waͤ⸗ re; auch nannten ihn weder der Herr Oberforſt⸗ meiſter, noch die gnaͤdige Tante. Ja, die Tante verwies es dem Oberforſtmeiſter ſogar, als er ihr 119 geſagt hatte, daß es ein recht huͤbſcher junger Mann waͤre.„Sie muß ihn nehmen,“ ſagte das Fraͤu⸗ lein von Silberſtein;„ich ſehe wahrhaftig nicht ein, was ſie ſich zu beſinnen hat. Wo will ſie denn hin, wenn ich ſie morgen aus dem Hauſe ſtoße, wie das heilig geſchieht?“ Gehen will ich! ſchluchzte Malchen; und das ſogleich. Das fuͤnf und vierzigſte Kapitel. —— Die Tante aber wollte uͤber dieſe Halsſtarrigkeit ganz außer ſich gerathen, und ſchimpfte und ſchmaͤhte, und ſah vor lauter Eifer gar nicht⸗ daß Malchen lange fort war, als ſie noch immer ſchimpfte nnd ſchmaͤhte. Sie haben vollkommen Recht, ſagte der Herr Oberforſtmeiſter; man muß ihr durch den Sinn fahren. Allein ſie iſt weg; in Verzweiflung iſt ſie dazu. „Das hat ſie auch Urſache,“ rief die Tante; „wahrhaftig!“ Nein, Urſache hat ſie's freilich nicht; aber es 120 iſt doch ſo. Und wenn ſie uns wirklich fortginge, ſo waͤre alles mit einem Male aus, und wir Bei⸗ den haͤtten die Schande mit. „Da kann ſchon vorgebeugt werden. Ich darf nur die Thuͤren abſchließen.“ Halt, bleiben Sie! rief der Herr Oberforſt⸗ meiſter ihr nach. Aufs aͤußerſte duͤrfen wir ſie auch nicht bringen. Denn wenn ſie nun dem Braͤutigam keinen Blick und kein Wort vergoͤnnte, oder wohl gar geradehin zu ihm ſagte: ich mag Sie nicht; ſo waͤren wir nicht beſſer daran, als wenn ſie fortgegangen waͤre, abſonderlich ich, der Werber. Der Zwang iſt in manchen Faͤllen ganz gut, hier aber taugt er nichts. Wir muͤſſen jetzt gelinde Saiten auf⸗ ziehen. Sie freilich, haben durch ihren Eifer des Maͤdchens Zutrauen verloren. Aber laſſen Sie mich machen, mich, der ich es ſonſt immer hatte. Habe ich Ihnen doch heute ſchon einen Beweis von meiner Gabe zu Unterhandlungen gegeben. Was gilt die Wette, ich bringe die Widerſpaͤnſtige auch noch zur Vernunft? „Nun meinethalben, ſo machen Sie's, wie Sie denken.“ Auf Wiederſehen! rief der Oberforſtmeiſter, und kuͤßte, als er ging, der Tante recht freund⸗ lich die Hand. 121 Das ſechs und vierzigſte Kapitel. Und wahrhaftig, Malchen war ſchon uͤber ihre Kleider und ihre Waͤſche her, um ſie zuſammen⸗ zupacken, als der Oberforſtmeiſter zu ihr hinein⸗ trat. Wenn er aber die Thuͤr auch noch viel lauter aufgemacht haͤtte, ſo wuͤrde ihn Malchen vor lauter Aemſigkeit und Thraͤnen doch nicht eher geſehen und gehoͤrt habrn, als bis er ſie bei der Hand faßte.„Nun, nicht wahr, Malchen,“ fing er an,„ſo viel Abſcheulichkeit haͤtten Sie dem alten Oberforſtmeiſter nicht zugetraut? Denn bisher haben Sie, trotz meinem verbrauchten Ge⸗ ſichte, immer etwas auf mich gehalten; aber nun falle ich gewiß mit Einem Male in Ungnade.“ Was ſoll ich Ihnen darauf ſagen? erwiederte Malchen. Ich geſtehe, daß ich heute die guͤtige Theilnahme, die Sie mir ſonſt immer bezeigten, ſehr vermißt habe, und daß ich Sie ganz ver⸗ kennen lerne, da ſie unter ſolchen Umſtaͤnden noch mit mir zu ſcherzen verſuchen. „Aber, liebes Kind, eine Braut, und kein Scherz! Wo denken Sie hin?“ Wenigſtens nicht an die Braut, Herr von 12²2 — Muͤhlbach; und mit einem Worte, ich bin keine Braut, und will keine Braut ſeyn. „Hm!“ ſagte der Herr Oberforſtmeiſter,„wenn ich das nur ein bischen fruͤher gewußt haͤtte! Nur drittehalb Stunden fruͤher etwa. Aber wer kann ſich ein Maͤdchen denken, das nicht gerne Braut ſeyn moͤchte, zumal wenn es ſo huͤbſch iſt, wie Sie! Nun ſehe ich auch keinen Ausweg weiter. Sie werden mein Seel mir zu Gefallen heirathen muͤſſen.“ Herr Oberforſtmeiſter, ich weiß gar nicht... Nun wahrhaftig, mein Wort kann ich durch⸗ aus nicht im Stich laſſen. Das werden Sie mir doch nich zumuthen, Fraͤulein Malchen?“ Ihr Wort, Herr Oberforſtmeiſter? Hier kam es bloß auf das meinige an. „Das ſetzte ich voraus!“— Malchen ſagte nun nicht das geringſte, ſon⸗ dern ließ ihn ſtehen, und fuhr fort ihre Kleider zuſammenzulegen. 123 Das ſieben und vierzigſte Kapitel. „Ja,“ ſprach der Herr Oberforſtmeiſter, nachdem er ihr eine Weile zugeſehen hatte,„ich konnte mir das nicht vorſtellen. Ich bin ſogar der geweſen, der Ihre Tante dazu uͤberredet hat, mich die Hei⸗ rath ſtiften zu laſſen. Ich muß aber nur meine ganze Abſcheulichkeit mit Einem Male geſtehen. Durch mich eben, und ſonſt durch keinen Men⸗ ſchen, iſt der Tante Ihr Rendezvous auf der Ausſtellung hinterbracht worden. Ja, ſehen Sie mich an, ſo ſtarr, wie Sie wollen, ich habe das gethan, ich ſelber, wie ich hier ſtehe. Ich wiederhole es, Herr Oberforſtmeiſter— Doch nein, ich wiederhole es nicht, daß ich Sie verkenne. Ich muß vielmehr geſtehen, daß ich Sie ſonſt ganz verkannt habe. Aber ſagen Sie mir, dazu fordre ich Sie auf: was ſind fuͤr Un⸗ anſtuaͤndigkeiten vorgefallen? „Zwiſchen Ihnen und dem Leutnant?“ Ja, zwiſchen wem ſonſt? „Nun, nur nicht gleich ſo haſtig! Unanſtaͤn⸗ digkeiten? bewahre der Himmel. Dinge, die in Gegenwart ſo vieler fremder Leute nicht ſehr ge⸗ 124 woͤhnlich ſind, zum Exempel Seufzerchen und minutenlanges ins Geſicht Sehen, das ſind noch keine Unanſtaͤndigkeiten.“ Aber auch ſchon dieſe kleinen Unſchicklichkeiten, von denen Malchen jetzt hoͤren mußte, machten, daß ſie die Augen niederſchlug und ein Paar Au⸗ genblicke lang, gar keine Silbe zum Vorſchein brachte. 4 ——ʒ—⅓—:— Das acht und vierzigſte Kapitel. Bald indeſſen fuhr Amalie mit Feſtigkeit fort: Nun, Herr Oberforſtmeiſter, warum ſagten Sie das der Tante nicht und wiederlegten ihr nicht den boͤſen Argwohn von mir?“ „Ich Ihrer Tante das widerlegen, da ich doch derſelbe geweſen bin, der ihr von den Un⸗ anſtaͤndigkeiten geſagt hat?“ ſprach der Oberforſt⸗ meiſter, indem er Malchens Hand ergriff. Wie? rief Malchen, und machte ihre Hand mit Gewalt von der ſeinigen los. „Ja mein liebes Kind, das geht in der Welt nun einmal nicht anders. Ein jeder Zweck will ſeine Mittek hahen; mein Zweck aber war, Sie⸗ liebes Malchen, aus dieſem Hauſe zu entfernen, und dazu wußte ich in der Eil kein andres als das angewendete Mittel.— Nun, nur nicht weg⸗ gegangen, Malchen, ſondern mich huͤbſch ange⸗ hoͤrt! denn ich gelte heute außerordentlich viel im Hauſe, und Sie duͤrfen's mit mir nicht verder⸗ ben. Sehen Sie mich einmal an! Und wenn ich nicht ganz ſo haͤßlich ausſaͤhe, wie meine Handlung, nun dann ſetzen Sie ſich hierher zu mir.“ Und Malchen mußte jetzt doch meinen, daß er nicht ganz ſo haͤßlich ausſaͤhe, wie ſeine Hand⸗ lung; denn ſie ſetzte ſich wirklich neben ihn hin. Das neun und vierzigſte Kapitel. — „ Ich werde weit ausholen muͤſſen,“ fing der Oberforſtmeiſter an; aber das iſt noͤthig, wenn ich mich ausreden will. Es gab einmal eine Zeit, liebe Amalie, wo das Fraͤulein von Silberſtein, ihre Tante, viel huͤbſcher ausſah, als jetzt. Ich ſage: viel. Von Gemuͤth ſah ſie je jedoch im⸗ mer nicht huͤbſcher aus als jetzt. Das uͤberſieht man aber gemeiniglich, wenn man jung und flink 126 iſt, wie ich damals. Daher verliebte ich mich denn in Ihre Tante. Sie liebte mich wieder; we⸗ nigſtens kam ich in der groͤßten Geſchwindigkelt ſo weit mit ihr, daß ich den ſehen moͤchte, der ſo etwas noch weiter treiben wollte. Zu gleicher Zeit unterhielt aber das Fraͤulein noch ein Liebes⸗ verſtaͤndniß, welches nicht ganz ſo weit gehen mochte. Dieſes intereſſirte ſie mehr, als das mit mir, weil der Liebhaber ein reicher Graf war, ich hingegen mich damals noch mit dem Einkom⸗ men einer Oberforſtmeiſterei behelfen mußte, die nicht ſonderlich viel eintrug. Mein Nebenbuhler betrieb die Sache aufs ernſtlichſte, und ich wurde geradezu abgefertigt. Weit entfernt, wie ich da⸗ mals war, dies fuͤr das groͤßte Gluͤck meines Le⸗ bens anzuſehen, vergaß ich mich ſo ſehr, dem Fraͤulein in Briefen ihr Unrecht vorzuſtellen Zwei⸗ mal erhielt ich gar keine, das dritte mal eine aͤußerſt beleidigende Antwort. Dieſer verdankte ich indeſſen auch meine Heilung.“ „Fraͤulein von Silberſtein mußte ſehr von mei⸗ ner Guͤte uͤberzeugt ſeyn, um nach dem was zwiſchen uns vorgefallen war, eine ſolche Ant⸗ wort zu wagen. Um ſo ſchlechter erſchien ſie mir da ſie bei dieſem Zutrauen mich ſo behandeln konnte. Bei jedem Ruͤckfalle in dieſe ungluͤckliche Liebe durfte ich nur den Brief uͤberleſen, und auf der Stelle erlangte mein Herz allemal ſeine voll⸗ kommene Geſundheit wieder.“ Das funfzigſte Kapitel. „ In meiner Diskretion hatte ſich das Fraͤulein von Silberſtein nicht verrechnet; aber die natuͤr⸗ jichen Folgen unſrer Verbindung waren weniger diskret als ich. Der Vater ihres Verlobten ſtarb. und deshalb ſowohl, als wegen der Unordnung, worein ihn dieſer ploͤtzliche Todesfall in Anſehung des Nachlaſſes verſetzte, ſah Graf von Fernau ſich genoͤthigt ſeine Hochzeit aufzuſchieben. Das mochte der erſte Strich durch des Fraͤuleins Rech⸗ nung ſeyn. Sie zog bald nachher unter dem Vorwande von Kraͤnklichkeit auf's Land, und ein Zufall fuͤhrte den Grafen einmal zu einer Ent⸗ deckung, die ihm anf immer ein Geheimniß hat⸗ te bleiben ſollen, nnd die ſeine Verbindung mit ihr auf einmal zerſchlug.“ Nun wurde denn der und jener an mich abge⸗ ſchickt, um mich auszuholen, ob ich noch Willens waͤre, mich zur Heirath mit Ihrer Tante uͤberre⸗ den zu laſſen; doch alles umſonſt.“ 128 Das ein und funfzigſte Kapitel. 9 Lange Jahre ſchon hatte ich gar nichts von Ih⸗ rer Tante geſehen und gehoͤrt, bis ich am Kran⸗ kenbette Ihrer nur zu fruͤh verſtorbenen Mutter, wie Sie wiſſen, mit ihr zuſammentraf. Fraͤulein von Silberſtein zeigte einige Verlegenheit; die ſich in⸗ deſſen bald verlor. Ich hatte keine Urſache ver⸗ legen zu ſeyn, es waͤre denn daruͤber, daß ihre Tante mich mit Blicken anſah, die ſie aus ihrem faltigen Geſicht laͤngſt haͤtte verbannen ſollen. Ih⸗ „re Vorliebe fuͤr mich zeigte ſich immer deutlicher, ſo daß ihre ſelige Mutter darauf eine Bitte an mich gruͤndete. Sie lag im Sterben, und ihr einziger Kummer war der Gedanke an Sie. Fraͤu⸗ leiu von Silberſtein hatte ſich zwar erboten, Sie zu ſich zu nehmen; allein ihre verſtorbene Mutter kannte Ihre Tante zu genau, um dieſe Verſor⸗ gung ohne Unruhe anzuſehen, und doch— Sie waren vierzehn Jahr alt; welches anſtaͤndigere Unterkommen in den Augen der Welt waͤre fuͤr Sie zu finden geweſen, als bei der Schweſter ih⸗ rer Mutter, der einzigen Verwandten, die Sie hatten? Dazu kam, daß Ihre Mutter Ihnen kein Vermoͤgen hinterließ; und Tante ſtellte eine ſchriftliche Verſicherung aus, Ihnen, unter der Bedingung, daß ihr die Art Ihrer weitern Aus⸗ bildung ganz uͤberlaſſen bliebe, einmal ein anſehn⸗ liches Heirathsgut zu geben. Dieſe Bedingung machte Ihrer Mutter die meiſte Sorge, und ich gab ihr die Zuſage, mein moͤglichſtes zu thun, um einigen Einfluß auf Ihre Behandlung zu erhal⸗ ten. Ich muß aber doch ſehen, ob etwa frem⸗ de Ohren in der Naͤhe ſind. Es war mir, als hoͤrte ich die aͤußere Thuͤre aufgehen.“ Das zwei und funfzigſte Kapitel. „ Niemand!“ ſprach der Herr Oberforſtmeiſter, als er nachgeſehen hatte.„Meine Beſorgniß taͤuſchte mich.“ Darauf nahm er Malchen, wel⸗ che bebend aufgeſtanden war, wieder mit zu dem vorigen Platze, und fuhr dann fort:„Sie wiſſen, daß der Weg in dieſes Haus immer mein erſter war, wenn ich nach Dresden kam. Wie oft ich Sie in Schutz genommen, und wie manches Uebel ich von Ihnen abgewandt habe, werden Sie vielleicht nur vermuthen; doch iſt es Luſtige Erzaͤhlungen. II. J I3e. wirklich ſo. Das Mittel dieſen Einfluß zu be⸗ haupten, war freilich an ſich nicht loͤblich. Ich fand es indeſſen ungeſucht, und im Scherze. Ihre Tante nahm, das merkte ich wohl, meinen Scherz fuͤr Ernſt auf. Sie bildete ſich ein, daß ich die Hand, welche ſie mir entzogen hatte, da ſie ſchoͤn war, in ihrem jetzigen traurigen Zu⸗ ſtand noch annehmlich faͤnde, und es iſt begreif⸗ lich, daß ich den Zutritt in dieſem Hauſe ganz wuͤrde verloren haben, wenn ich dieſen Glauben muthwillig haͤtte zerſtoͤren wollen.“ „Die Luſt mich fuͤr ihren ehemaligen Betrug zu raͤchen, hatte wahrlich keinen Theil an dem meinigen, ſogar die Erfuͤllung der Zuſage, die ich Ihrer Mutter gegeben hatte, nur wenig. Du ſelber, liebes Kind, warſt Urſache. Ich hatte Dich kennen lernen, und herzlich liebgewonnen, und wollte Dich lieber heute als morgen aus den Haͤnden dieſer boͤſen Verwandtin haben. Wirſt Du mir aber nun bald Deine Augen wieder ein bischen goͤnnen? Mein Geſicht iſt freilich alt ge⸗ worden; es hat aber die Liebe zu ſolchen jungen huͤbſchen Augen mit in ſein Alter hineingenom⸗ men.“ Das drei und funfzigſte Kapitel. „„ Drei Jahre,“ erzaͤhlte er weiter,„hatte ſich nun Ihre Tante mit dieſer Hoffnung hingehalten, ſelb ſt hingehalten, kann ich wohl ſagen: denn ich brauchte wahrhaftig wenig zu thun, um ihr Nah⸗ rung zu geben; endlich aber waͤhrte es ihr doch zu lange. Sie ließ mich dann und wann etwas davon merken, und ich fing an zu glauben, daß es die hoͤchſte Zeit waͤre, Ihretwegen, liebe Ama⸗ lie, etwas Ernſtliches vorzunehmen. Als ich da⸗ her vor drei Wochen einmal hier und mit ihr allein war, brachte ich das Geſpraͤch auf Sie, und fragte, ob ſich denn noch keine Verſorgung gezeigt haͤtte.“ „Nein, nicht das geringſte, antwortete Ihre Tante.“ „Das wundert mich doch, ſagte ich. Sie ſollten aber auch das Maͤdchen oͤfter an das freie Tageslicht laſſen. Sonſt erfaͤhrt ja nicht einmal jemand, daß ein ſo huͤbſches Maͤdchen in der Welt iſt.“ 5 „Nun, warum wendeſt Du Dich denn mit 0 2 13² Einem Male weg, Maͤdchen?“ rief der Oberforſt⸗ meiſter, und wollte ihren Augen nach. Allein das gelang ihm nicht; denn die Maͤdchen haben immer Wendungen, mit denen ſie ausweichen koͤn⸗ nen, und die Rede von einer Verſorgung, wie der Herr Oberforſtmeiſter ſie meinte, gehoͤrte zu den vielen Reden, derentwegen die Maͤdchen ins⸗ geſammt uͤbereingekommen ſind, ſie mit geſchloſſe⸗ nen Augen oder abgewandtem Geſichte anzuhd⸗ ren, Das vier und funßzigſte Kapitel. 8, Ihre Tante,“ ſprach der Herr Oberforſtmei⸗ ſter weiter,„erwiederte hierauf recht verdrießlich: Das hat auch noch Zeit. Und denken Sie denn etwa, daß ich meinen Willen in irgend etwas ge⸗ ben wuͤrde, ehe ich ſelbſt—? Sie verſtehen mich. — Nein, gewiß nicht, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Ich werde doch wahrhaftig die Muͤ⸗ he und Noth, die ich nunmehr drei ganze Jahre mit ihr gehabt habe, nicht gleichſam zum Fenſter hinaus werfen, und kann doch wohl verlangen, daß ſie mir ſo lang zur Geſellſchaft bleibt, bis ein andrer Geſellſchafter, den Sie auch kennen, 133 Herr Oberforſtmeiſter, das ewige Zandern einmal wird aufgeben wollen? Nein, ich verſichre Ih⸗ nen noch einmal, daß ſie nicht eher von mir fort⸗ kommt, oder es muͤßten ganz beſondere Um⸗ ſtaͤnde eintreten.“ „Der Ton, mit dem Ihre Tante das ausſprach, war nicht ſo, daß ich eine Widerlegung ihrer Meinung haͤtte wagen duͤrfen. Ich pflichtete ihr vielmehr bei, und gab ihr etwas dunkel zu ver⸗ ſtehen, daß der andre Geſellſchafter nun ſicher naͤchſtens ſich finden wuͤrde.“ „Wenn aber die aͤlteſten Maͤdchen und die juͤngſten weiter nichts mit einander gemein haben ſollten: leichtglaͤubig ſind ſie doch gewiß alle Bei⸗ de. Fraͤulein von Silberſtein wurde von dem Augenblicke viel freundlicher, und glaubte, als ich in's Nachdenken verfiel, zuverlaͤſſig, daß ich darauf daͤchte, die Hinderniſſe zwiſchen meiner Verbindung mit ihr hinwegzuraͤumen, da ich doch nur daruͤber nachſann, auf welche Weiſe wohl die beſondern Umſtaͤnde, von denen ſie ge⸗ ſprochen hatte, herbeizufuͤhren waͤren.“ — — 134 „ Das fuͤnf und funfzigſte Kapitel. 9 Glauben Sie mir, liebe Amalie,“ fuhr er fort, „daß mich dieſe Umſtaͤnde, die letzten drei Wo⸗ chen uͤber, ordentlich recht gequaͤlt haben, weil ich mit gar keine ausdenken konnte. Etwas hatte ich freilich noch in weiner Gewalt, wodurch ich Ihre Tante zu zwingen hoffte. Davon war bisher keine Erwaͤhnung geſchehen, weil ich es immer fuͤr zu hart gehalten hatte; und auch jetzt noch kam mir das Mittel hart und undeli⸗ kat vor. Wenigſtens wollte ich nur im aͤußerſten Falle davon Gebrauch machen. Dieſe Gedanken hatte ich noch, als ich heute fruͤh in Dresden ankam. Der Zufall fuͤhrt mich auf die Ausſtellung, und da ſehe ich— nun, da ſehe ich etwas, das meinem bisherigen Nachſinnen mit Einem Male zu Huͤlfe kam. Ich ging ein Paarmal um Sie herum; aber wer mich nicht ſah und mich nicht hoͤrte, das waren Sie, und doch hatten Sie Ihre blauen Augen gar nicht ſo auf den Boden gerichtet. wie jetzt, da ich Ihnen das ſage. Auf einen einzigen Punkr aber waren ſie freilich auch gerichtet. Ich ſehe mir Sie an, ich beſehe mir den jungen Officier, und bekomme es denn nun wohl weg, daß Ihr 13⁵ Heimlichkeiten mit einander habt, die es aber ziemlich ungeſchickt anfangen, wenn ſie heimlich bleiben wollen.“ ——ℳꝛ Das ſechs und funfzigſte Kapitel. —— „, Ja, ja!“ ſprach der Herr Oberforſtmeiſter wei⸗ ter, nachdem er ein wenig innegehalten, und Mal⸗ chen ſich ſchuͤchtern auf die Seite geneigt hatte. „Wie der Blitz mache ich mich daher von der Ausſtellung weg, beſuche einen alten Freund und dann ſogleich hierher. Zum Ueberfluſſe horche ich, ob wohl Ihre Tante von einem Verſtaͤndniſſe zwiſchen Ihnen und einem jungen Menſchen Arg⸗ wohn habe, und ſie von Ihrem Gange auf die Ausſtellung unterrichtet ſey. Keins von beiden. Hierauf nun ſtelle ich mich recht hitzig, erzaͤhle, wo ich Sie geſehen, und was ich geſehen. Am weitlaͤuftigſten aber verbreite ich mich uͤber das, was ich nicht von Ihnen geſehen hatte, be⸗ haupte, daß Ihr Geſpraͤch mit Jemand(deſſen Schilderung mir hoͤßlich genug gerieth) von der Art geweſen waͤre, daß es morgen zu einem Stadtgeſpraͤch geworden ſeyn wuͤrde. Ich ſagte, 1 —— 136 daß ich ſeither immer Ihre Parthie genommen haͤtte, doch nunmehr ſo erbittert gegen Sie waͤre, als— als ich es nicht bin, liebe Amalie.“ „Ich erreichte damit meinen Zweck; die Tan⸗ te wurde außerordentlich gegen Sie aufgebracht. Ich fuhr im vorigen Tone fort, daß alle boͤſen Urtheile uͤber das Fraͤulein von Silberſtein zu⸗ gleich mit hergehen wuͤrden, ja, daß es ſchlech⸗ terdings nothwendig waͤre, einen entſcheidenden Schritt gegen Sie zu thun, weil ſonſt jeder rechtliche Mann Anſtand nehmen muͤßte, mit ei⸗ nem Hauſe, worin ſolche Leute waͤren, in Ver⸗ bindung zu treten.“ „Ihre Tante gerieth in die aͤußerſte Wuth und Angſt zugleich. Doch ſtellte ich mich noch viel heftiger, ſo, daß ſie mich nur um Maͤßigung bat, und darum, daß ich ihr die Mittel angeben moͤchte, welche zu ergreifen waͤren.— Das Maͤd⸗ chen muß aus dem Hauſe! ſprach ich; hier iſt ſonſt nichts zu thun. Und das nicht bald, ſondern ſogleich!— Aber wo denn im Augenblicke hin? fragte die Tante.— Als ob es darauf ankaͤme! Sie hat ihrer Familie Schande gemacht; daher darf man ſich ihrer nicht weiter annehmen, wenn man die Schande nicht verdienen will. Schikken Sie ſie morgen fort, das verlange ich ausdruͤck⸗ lich von Ihnen; denn außerdem— Nun, mei⸗ netwegen! ſprach ſie.— Wir koͤnnen's auch al⸗ lenfalls durch die Zeitungen bekannt machen, daß Sie ſich ganz von ihr losſagen, ſetzte ich noch dazu. Aber nicht wahr, Amalie, ich bin der ab⸗ ſcheulichſte Menſch unter der Sonne?“ Das ſieben und funfzigſte Kapitel. —— Und wirklich konnte Malchen jetzt wieder kein rechtes Vertrauen zu ihm haben; denn wie er ſie dabei anfaſſen wollte, war es, als ob ſie ihm ihr huͤbſches Haͤndchen ſchon wieder nicht goͤnnte. 4 Hierauf erzaͤhlte er denn weiter, daß er immer noch mehr gegen ſie losgezogen, und nach einer Pauſe hinzugeſetzt haͤtte:„Aber es wird Ihnen doch recht ſchwer, den Schritt gegen Ihre Nich⸗ te zu thun!— Nein gewiß nicht! ſagte die Tante. Wenn indeſſen gleich dieſes gewiß nicht recht aufrichtig klang,“ ſagte der Oberforſtmei⸗ ſter,„ſo fuhr ich doch fort: Ja, laͤugnen Sie's, wie Sie wollen, ich habe Recht, es wird Ihnen ſehr ſauer, das Maͤdchen ihrem Schickſale ſo zu 4 138 Iberlaſſen. Ihr gutes Herz ſpielt Ihnen da ei⸗ nen Streich— Nein wahrhaftig, erwiederte ſie, ſie hat ihr Schickſal verdient. Ich hoͤrte indeſſen nicht auf mit der Verſicherung, daß es ihr ſchwer wuͤrde, und ſie nicht mit der Verſicherung, daß es ihr nicht im geringſten ſchwer wuͤrde, bis ich endlich dahin kam, wohin ich wollte.“ „Zu gutem Gluͤcke, ſagte ich, faͤllt mir ein Ausweg ein, bei dem alles Aufſehen vermieden, und auch Ihr nur zu weiches Herz brruhigt wird. Ich komme eben von einem alten Freunde, der faſt in demſelben Falle iſt, wie Sie, und in ei⸗ nem noch ſchlimmern moͤchte ich ſagen, weil der Thunichtgut, der ihm das Herzeleid macht, ſein einziger Sohn iſt.“ „Merken Sie nun bald, wo ich hinaus will, liebe Amalie?“ Das acht und funfzigſte Kapitel. Nachdem nun Malchen auf ſeine Frage bloß mit einem leiſen Seufzer geantwortet hatte, fuhr er fort in ſeiner Erzaͤhlung.„So eine gute, alte Fas 139. milie!“ rief Ihre Tante, als ich ihr den Mann nannte.— Ja, der Wurm nagt gemeiniglich an den beſten Fruͤchten! erwiederte ich. Bei dem jungen Menſchen liegt der Fehler darin, daß er ganz toll auf die Weiber iſt. Faſt alle Morgen, ſagt mir ſein Vater, ſieht er eine andere aus dem Hauſe gehn. Er hat ſchon Zeuge ſein muͤſſen von ſkandaloͤſen Kaͤmpfen, die zwiſchen ſolchen liederlichen Perſonen vorgefallen ſind. Der arme Mann ſieht auch noch den traurigſten Auftritten entgegen, wenn er nicht ernſtliche Vorkehrungen trifft. Leider aber iſt er gerade ſo weichherzig, wie Sie ſind. Er will den Sohn nicht von ſich ſtoßen, ſondern hat ſich die Grille in den Kopf geſetzt, ihn durch eine Heirath zur Ordnung zu bringen. Vergebliche Muͤhe! ſagte ich ihm. Die Sache iſt zu weit hinein boͤſe, aber, wie geſagt, er hat ſich's in den Kopf geſetzt, und laͤßt keine Ein⸗ wendung gelten. Ich ſtellte ihm auch noch vor, daß ſich nicht leicht ein Maͤdchen finden wuͤrde; denn erkundigen wuͤrde ſich doch eine jede, zumal eine von gutem Hauſe. Da ſeufzte er freilich. Und, ſagte ich, am Ende ſteht deinem Sohn wohl das beſte Maͤdchen von der Welt nicht einmal an.— Nein, da hat's keine Noth, antwortete der Va⸗ ter; wenn ſie nur paſſabel ausſieht, ſo bin ich da⸗ fuͤr gut.— Wie lange aber, ſo iſt er ihrer uͤber⸗ druͤſſig? fragte ich weiter.— Ja, ſagte er mit Achſelzucken, es waͤre ein bloßer Verſuch.“— 140 1 „Das, liebe Amalie, erzaͤhlte ich denn Ihrer Tante, und ſetzte dazu: Wie, wenn wir ihm zu dem Verſuche behuͤlflich waͤren? So kaͤme das Maͤdchen ohne allen Spuk aus dem Hauſe; ſie heirathete in eine angeſehene Familie, und die Verlaͤumdung koͤnnte Ihnen nicht das geringſte anhaben. Eine tolle Ehe wuͤrde es freilich ſeyn, und die vergnuͤgten Tage moͤchte ſie nur immer! aufgeben; allein Ihr gutes Herz wuͤrde doch be⸗ ruhigt.“ „Der Vorſchlag gefiel Ihr Tante ungemein. Etwas minderte ſich das freilich, als ich ihr ſag⸗ te, daß die verſprochne Ausſteuer nicht wegfallen duͤrfe. Indeſſen fand ich dech Mittel, ſie auch dazu zu uͤberreden, und ſie war bald ſo ganz mit mir einverſtanden, daß ſie mich ſogleich wie⸗ der forttrieb, um den Antrag zu machen. Ich in aller Eil zu dem Alten. Die Sache wird ſo gut wie richtig gemacht, und ſo bin ich denn wie⸗ der zuruͤckgekommen, voller Freude, Sie auf eine ſo gute Manier dem zeitherigen Joche entziehen zu koͤnnen.“ 141¹¹ Das neun und funfzigſte Kapitel. — Hatte es nun der Oberforſtmeiſter wirklich nicht bemerkt, oder hatte er's nicht bemerken wollen, genug, Malchen war waͤhrend des letzten Theils ſeiner Erzaͤhlung ſo weit von ihm weggeruͤckt, daß zwiſchen den beiden Stuͤhlen ein Platz von einigen Ellen geworden war. Und ſie wuͤrde ge⸗ wiß noch viel weiter geruͤckt ſeyn, wenn ihr nicht die Mauer im Wege geſtanden haͤtte. „Nun,“ fragte der Herr Oberforſtmeiſter, „heißt das nicht gut fuͤr Sie geſorgt?“ Aber Malchen ſah ihn mit einem einzigen ſtum⸗ men Blicke darauf an. Doch nein, ſtumm war der Blick eben nicht; er war vielmehr ſo ſpre⸗ chend, daß er gar keiner Auslegung bedurfte. Sie haͤtte ſelber dem heilloſen Menſchen, den ihr der Oberforſtmeiſter zugeſagt hatte, keinen heilloſern Blick zuwerfen koͤnnen. Das ſechzigſte Kapitel, — Ja,„ fuhr der Oberforſtmeiſter lachend fort, „das habe ich vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß der junge Menſch nicht im geringſten ſo iſt, wie ich ihn Ihrer Tante geſchildert habe. Ich muß⸗ te das nur darum thun, damit ſie nichts merkte, und ich kann auf meine Ehre verſichern, daß er voon außen und innen ein wackerer Junge iſt, und daß ihm kein Menſch etwas uͤbles nachſagen darf⸗ der es nicht mit mir aufnehmen will.“ Weil nun das wieder recht wahr und gut klang, ſo ſah Malchen den Herrn Oberforſtmeiſter wieder ordentlich an; und da fragte er:„Nun werde ich bald in meinen vorigen guten Credit kommen? Wer weiß, wie lange Sie noch in die⸗ ſen haͤßlichen Verhaͤltniſſen geblieben waͤren, wenn ich Sie nicht ſo huͤbſch verlaͤumdet haͤtte! Ihre ganze Lebenszeit vielleicht! Denn ſo alt auch Ihre Tante nun ſeyn mag, ſo hat ſie doch eine ver⸗ zweifelt geſunde Natur, und kann noch ſehr lan⸗ ge leben. Ja, vielleicht waͤren Sie, ſo jung Sie ſind, noch zuvor von ihr unter die Erde geaͤrgert worden.“ Das ein und ſechzigſte Kapitel. ——;—ͥʒ— Nachdem nun alle Beide ein huͤbſches Weilchen ſtumm dageſeſſen hatten, fing Malchen endlich 1 recht ſchwach und kraͤnklich an: Ich verkenne es uicht, daß ich Ihnen viel Dank ſchuldig bin; allein wie ſoll mir ein junger Mann gefallen, der mei⸗ ne Hand verlangt, ohne mich vielleicht jemals nur geſehen zu haben? Daß er recht brav ſeyn mag, glaube ich, weil Sie es bezeugen, und auch wegen des Zutrauens, das er in mich ſetzt. Aber iſt wohl die Art, wie er um mich wirbt, die ei⸗ nes Menſchen, der ein Herz fuͤr das meinige hat? Eine vortheilhafte Schilderung von mir durch Sie hat alles bewirkt, das ſehe ich wohl. . Doch wuͤrde ihm nicht jede Andre ſo gut wie ich geweſen ſeyn, wenn ſie ihm ſo geſchildert worden waͤre? „Ei, das glauben Sie nicht, liebe Amalie! Der junge Mann hat Sie einige Mal ſchon geſe⸗ hen, und ſich ſo genau nach Ihnen erkundigt, daß er auf dem Nagel herzuſagen weiß, wie es in dieſem Hauſe zugeht. Er will auch, daß ich es Ihnen geradezu ſage, gar nicht heirathen, wenn Sie es nicht ſind,“ 6 144 Das zwei und ſechzigſte Kapitel. So thut mir's in der Seele leid! rief Malchen nach einem tiefen, tiefen Athemzuge. „Leid?“ Ja, herzlich leid, daß er eine ſo uͤble Wahl getroffen hat. Hier nun ſchwieg der Herr Oberforſtmeiſter, und Malchen ſchwieg ebenfalls. Dann fuhr Mal⸗ chen wieder recht ſchuͤchtern fort: Sie muͤſſen doch nicht die beſte Meinung von mir haben, daß ſie nach dem, was Ihnen heu⸗ te fruͤh vorgekommen iſt, glauben koͤnnen, mein Herz ſey nicht verſagt, oder ich waͤre faͤhig die Hand von meinem Herzen trennen zu laſſen! Nein, was aus mir werden ſoll, weiß ich nicht; aber noch dieſen Abend will ich's mit einer Freundin uͤberlegen. Meinen Schritt aus dieſem Hauſe wird zwar die Welt mit einem harten Urtheile beglei⸗ ten, und darum iſt er mir ſchwer. Aber ich bin entſchloſſen. Haben Sie mir vielleicht einen gu⸗ ten Rath auf den Weg zu geben?“ 4 Das drei und ſechzigſte Kapitgl. Nachdem ihr nun der Oberforſtmeiſter in die feſten Augen geſehen hatte, rief er:„Erſt aber einen Kuß— Und nun den Rath, doch nicht auf den Weg. Der Rath iſt, daß Du kuͤnftig nicht immer ſo voreilig ſeyn, und huͤbſch nach den Namen fragen ſollſt, liebes Kind, wenn von intereſſanten Leuten die Rede iſt, die man nicht nennt. Die Tante ſollte Ihnen den jungen Mann nicht nennen, damit Sie nicht etwa durch ſeinen vorgeblichen uͤbeln Ruf, der Ihnen zu Ohren ge⸗ kommen ſeyn koͤnnte, von der Heirath abgeſchreckt wuͤrden. Dieſen Grund gab ich ihr an; der wah⸗ re aber iſt, weil ich Sie und Ihre Liebe ein wenig auf die Probe ſtellen wollte, und auch, weil ich fuͤrchten mußte, daß Sie, wenn Ihnen von der Tante der Name genannt wuͤrde, Ihrer nicht maͤchtig bleiben, und meinen ganzen Plan verder⸗ ben moͤchten. Wenn nun der Menſch Palm hie⸗ ße, den Sie heirathen ſollen: wie dann? Wuͤr⸗ den Sie immer noch ſagen, wie vorhin: Nein, ich bin keine Braut, und mag keine Braut wer⸗ den? Wuͤrden Sie da nicht vielmehr ein Ange zudruͤcken, und den Menſchen doch heirathen, ſo ſchwer es Ihnen auch werden moͤchte, heh 2 Luſtige Erzaͤhlungen. II. 2 146 Das vier und ſechzigſte Kapitel. Wie? rief Malchen, und ihr Mund oͤffnete ſich ſo ſchoͤn, daß man das Schoͤne, was er ſagen wollte, und nicht zu ſagen vermochte, ganz deut⸗ lich darauf liegen ſah, und ihre Augen wurden ſo groß, und leuchteten ſo herrlich, daß es dem Herrn Oberforſtmeiſter gerade war, als ob er ei⸗ ne Weile in die Sonne geſehen haͤtte. Denn ſei⸗ ne Augen gingen ihm wirklich uͤber. Und nicht nur die Augen, das Herz mochte ihm ebenfalls uͤbergegangen ſeyn. Er hatte ſich vom Anfange an vorgenommen, Malchen recht auszulachen, wenn er bis dahin mit ihr ſeyn wuͤrde, und ſich eine recht große Freude darauf eingebildet. Nun aber wuͤrde es noth gethan haben, daß jemand da geweſen waͤre, der ihn ſelber ausgelacht haͤtte. Denn er druͤckte Malchens Hand ſo zaͤrtlich an ſeine gruͤne Weſte an, als wenn er nicht der alte dicke Herr Oberforſtmeiſter, ſondern als wenn er der junge ſchlanke Herr von Palm ſelber geweſen waͤre. Darin allein unterſchied er ſich noch von dem Herrn von Palm, daß er viel eher von ſei⸗ nem Rauſche zuruͤckkam, als dieſer davon zu⸗ ruͤckgekommen ſeyn wuͤrde. —— 3 5e —— 14 — Das fuͤnf und ſechzigſte Kapitel. „ Doch daß ich mit meinen Anfſchluͤſſen vollends fertig werde!“ ſagte der Herr Oberforſtmeiſter endlich.„Ich erkannte den jungen Palm neben Ihnen, auf den erſten Blick. Aber er? behuͤte Gott! er wurde mich gerade ſo wenig gewahr, als Sie. Und gleich war nun mein Anſchlag gemacht. Der Geheime Rath Palm, ſein Vater und mein aͤlteſter Freund, ſollte die ganze Ge⸗ ſchichte erfahren. Er wußte ſie aber beinahe ſchon ganz. Auf die Frage nach ſeinem Sohne, hoͤrte ich zwar viel zu ſeinem Lobe, doch haͤngte der Vater auch eine Klage hintenan. Sein Sohn waͤre, hieß es, ſeit Kurzem ſo zerſtreuet, und er haͤtte lange nicht gewußt, woher das kaͤme, bis ſich dieſen Morgen erſt ein Brief mit ganz neuem Datum gefunden haͤtte, der einige Auskunft gaͤ⸗ be. Wahrſcheinlich waͤre er eines Fleckes wegen anders geſchrieben worden. Er waͤre, der Adreſſe nach, an ein gewiſſes Fraͤulein von Irmenau ge⸗ richtet. Da nun er, der Geheime Rath, dieſes Fraͤulein gar nicht kennte, wenigſtens nichts von ihren Umſtaͤnden wuͤßte, dieſer Brief aber ſo ernſi⸗ K 2 143. lich auf Heirath hin zu deuten ſchiene, ſo muͤßte er in der That einige Sorge uͤber die Sache ha⸗ ben. Sein Sohn haͤtte zwar Ausſichten auf bal⸗ diges Avancement. Solche Ausſichten aber bei keinem Vermoͤgen waͤren nicht genug, u. ſ. w.; daher er, ohne alles Vermoͤgen von der andern Seite, ſeine Einwilligung nicht geben konne, ſo ungern er auch der Neigung ſeines Sohnes wi⸗ derſpreche. Hierauf eilte ich denn zu Ihrer Tante; da fiel die Verlaͤumdung vor, und das was ich Ihnen erzaͤhlt habe. Von da ging ich wieder in das Haus meines Freundes zuruͤck, ſagte ihm von der Scene auf der Ausſtellung, und erzaͤhl⸗ te ihm, was ich von Ihnen weiß. Die Ausſteuer, zu der ſich Ihre Tante verſtehen wollte, brachte die Sache vollends in's Reine. Die Geheime Raͤthin wurde gerufen, und gab ihren Willen ſo⸗ gleich darein. Alles war richtig, bis auf den Widerſpruch des jungen Palm. Ein Widerſpruch von ihm? fragte Malchen, wie aus den Wolken gefallen. „Nur der Form wegen, verſteht ſich.“ Der Form wegen? „SFreilich! Er war nicht dabei, und doch iſt er die Hauptperſon in der Sache; daher mußten. wir ihm za wohl den Widerſpruch freiſtellen!“ 140 So? ſagte Malchen, mit einem Laͤcheln, das am beſten zu erkennen gab, wie wenig ſie einen ſolchen Widerſpruch fuͤrchten mochte. Das ſechs und ſechzigſte Kapitel. Aber, ſagte Malchen, als der Oberforſtmeiſter das Lob, womit ſie ihn uͤberſchuͤttete, zu wieder⸗ holten Malen von ſich abgelehnt hatte: die Tante darf ihn nicht zu ſehen bekommen, wenigſtens nicht eher, als bis ſie kein Hinderniß mehr in den Weg legen kann. Hm!— Mit der Tante waͤre das ſchon zu ma⸗ chen. Es iſt mir nur wegen des Alten; denn das iſt ein naͤrriſcher Kauz, der in allem die Form beobach⸗ tet wiſſen will. Doch, es muß auch gehen; ich berede die Tante zu einer Krankheit, und ſie muß ſich allen Beſuch verbitten. Ja, wahrhaftig, das macht ſich vortrefflich. So muß ſie ſich noch ſelber betriegen helfen. Wir ſpielen ihr aber auch beinahe allzu arg mit. 3 150 „Ei gehen Sie mit Ihrem unzeitigen Mit⸗ leiden! Hat ſie nicht alles das reichlich an Ihnen verdient? Jetzt nur von dieſem Falle zu reden: erſt Sie ſo geradezu aus dem Hauſe ſtoßen, und dann Sie ſogar einem nichtswuͤrdigen Menſchen zur Frau geben zu wollen: heißt das Guͤte oder Bos⸗ heit? Nein, bedauern werde ich das niemals. Freuen vielmehr will ich mich recht, wenn der Betrug vollends zu Stande gebracht iſt, und im Winter Abends an meinem Kamine gewiß manch⸗ mal von Herzen lachen, wenn mir die gottloſe Geſchichte einfaͤllt, ha! ha! ha!— Doch noch Eins! daß Sie ſich nicht etwa vergeſſen, und ei⸗ ne große Zufriedenheit mit der Heirath bezeigen! Denn ich werde viel von harten Worten reden, die ich haͤtte anwenden muͤſſen. Nun, das wird ſchoͤn werden, wenn das Fraͤulein von Silberſtein meine Hand recht ſicher zu haben denkt, und ich dann zu ihr ſage: nein gehorſamer Diener. Was Sie fuͤr das Mittel gehalten haben, iſt mein Zweck geweſen, und was Sie fuͤr den Zweck gehalten haben, das Mittel, welches unn wegfaͤllt, da je⸗ ner ausgefuͤhrt iſt. Das wird des gnaͤdigen Fraͤu⸗ leins kleine Augen recht groß machen. Doch jetzt gehe ich, um ihr Nachricht zu geben, und die Sache wegen der Ausſteuer vollends in Ordnung zu bringen.“ Das ſieben und ſechzigſte Kapitel. „Bemäͤhen Sie Sich nicht, Herr Oberforſimei⸗ ſter,“ ſagte die Tante, welche vor ihm ſtand, als er die Thuͤre aufmachte. Und Malchen ſtieß einen durchdringenden Laut aus, und ſank in einen Stuhl, und der Herr Oberforſtmeiſter ſchlug ſich vir die Stirne. Denn der gnaͤdigen Tante feu⸗ errythes Geſicht war gleichſam der illuminirte Kupferſtich zu ihren zitternden Worten. Sie muß⸗ te de letzten Reden alle vor der Thuͤre mit ange⸗ hoͤrt haben. Auch mußten dieſe Reden leicht zu verſtehen geweſen ſeyn; denn in ſeiner Freude hatte der Oberforſtmeiſter weder an ſein langes Verweilen bei Malchen und an der Tante ihre argwoͤhniſche Gemuͤthsart, noch an ſeine ſtarke Stimme and an ihr leiſes Gehoͤr gedacht. „Es nir ſehr lieb, daß ich dieſe gelegene Zeit nicht verſaͤumt habe. Ich hoffe, Herr Oberforſt⸗ meiſter, daß Sie nun anderwaͤrts nach einer Aus⸗ ſteuer fuͤr diee hier ſuchen, und ohne Widerrede mein Haus ſgleich verlaſſen werden. Den Troſt ſollen Sie noch mitnehmen, daß dieſe ſaubre Dir⸗ ne morgen des Tages fort muß. Es geſchieht 152 bloß damit die viele Muͤhe, welche Sie Sich heu⸗ te gegeben haben, nicht ganz umſonſt ſeyn moͤge.“ Der Herr Oberforſtmeiſter druͤckte die Lippen zu⸗ ſammen, und ſah ſie mit ſtarren Augen an. „Darf ich bitten?“ fuͤgte ſie noch hinzu, in⸗ dem ſie auf die Thuͤre zeigte. Das acht und ſechzigſte Kapitel. Wie aber das Fraͤulein von Silberſtein noch immer auf die Thuͤre zeigte, ſiehe! da gab es ei⸗ nen neuen Schreck fuͤr ſie. Der Leutnait von Palm naͤmlich hatte von ſeinen Eltern kium die frohe Nachricht gehoͤrt, als er auch ſchon zu Mal⸗ chen wollte, um ſo bald als moͤglich zu ſehen, wie ſie, die er erſt gar melancholiſch verlaſſen hatte, nunmehr wohl ausſehen moͤchte. Auch konnte er nicht recht begreifen, wie das alles ſo ſchleunig hatte gut werden koͤnnen, und man mußte ſich viele Muͤhe geben, um ihn nur bis nach Tiſche zuruͤckzuhalten. Nachher war nicht mehr daran zu denken, und ehe nan ſich's ver⸗ ſah, war er verſchwunden. Die Thuͤren bei dem 15³ Fraͤulein von Silberſtein fand er offen, bis auf die letzte, an die er jetzt kam. Als er aber hin⸗ ein trat, und die drei Geſichter anſah, wurde er ganz irre. Der Tante hingegen ging jetzt erſt das rechte Licht auf. Das neun und ſechzigſte Kapitel. „J. das iſt wohl gar der Herr von Palm ſel⸗ ber?“ rief das Fraͤulein von Silberſtein.„Ein ganz allerliebſtes Komplott! Es fuͤgt ſich dabei alles ſo ſchoͤn in einander!— Und Sie unterſtehen ſich, Herr von Palm, dieſe Zimmer zu betreten? Den Augenblick hinaus, oder ich rufe meine Leu⸗ te!“ Der Herr Oberforſtmeiſter trat hierauf zu ihm, faßte ihn bei der Hand, und ſagte ganz ruhig: Bleiben Sie, Palm. „Wir wollen doch ſehen, wer außer mir hier zu befehlen hat!“ rief die Tante in der aͤußerſten Wuth, und ſchien nach jemanden rufen zu wollen. Laſſen Sie das, ſprach der Oberforſtmeiſter, um Ihretwillen! Er ſagte ihr ſodann einige Worte in's Ohr, und ihr rothes Geſicht nahm auf einmal die Far⸗ be ihres weißen Halstuchs an. Kommen Sie auf einige Augenbiicke in's Zim⸗ mer daneben! ſprach er; und die gnaͤdige Tante war ſo folgſam geworden, daß ſie nicht die gering⸗ ſte Widerſpenſtigkeit zeigte. Das ſiebzigſte Kapitel. Was aber der Herr Oberforſtmeiſter hier mit ihr abhandelte, iſt niemals laut geworden. Die Köochin allein, die draußen gehorcht haben ſoll, will einige einzelne Wort gehoͤrt haben, in denen ſich aber kein Verſtand findet. Ich bin bisher verſchwiegen geweſen wie das Grab, ſoll der Ober⸗ forſtmeiſter, wie die Koͤchin erzaͤhlt, geſagt haben. Aber das hoͤrt auf, ich gebe Ihnen mein Wort. Gerne thue ich den Schritt nicht; denn ob ich ſchon ſo alt bin, daß ein jeder mir dieſe Jugend⸗ ſuͤnde vergeben wird, weil ich niemals den Heili⸗ gen geſpielt habe, und ob mir ſchon von Ihnen das bitterſte Leid zugefuͤgt worden iſt, ſo wuͤrde — — 15 ich doch gewiß das Stillſchweigen nicht verletzen. Allein—— Und nun ſoll man vieles ſo heim⸗ lich geſprochen haben, daß die Koͤchin auch nicht das geringſte hat verſtehen koͤnnen. Doch end⸗ lich ſoll der Oberforſtmeiſter wieder lauter gewor⸗ den ſeyn, und geſagt haben: Sie haben in jeder Ruͤckſicht ſchlecht gehandelt. Nur das: iſt wohl ein einziges Mal nach dem jungen Menſchen eine Frage von Ihnen geſchehen? Das gnaͤdige Fraͤu⸗ lein, ſpricht die Koͤchin dann, haͤtte noch immer ein wenig gezaudert und in die Heirath allenfalls, aber ohne Ausſteuer, gewilligt; da haͤtte dann aber der Herr Oberforſtmeiſter aͤrger als jemals gedroht, und von Entdeckungen geſprochen, die er, nebſt ihrem Benehmen gegen Malchen, durch den Druck unter die Leute bringen wollte; und dadurch waͤre die Tante endlich uͤberredet worden. Doch haͤtte ſie ſich ausgebeten, daß ſie krank werden, und keinen Menſchen von allen ſehen duͤrfte. Das haͤtte ihr denn der Herr Oberforſt⸗ meiſter auch bewilligt. Mit dem Krankwerden der Tante nun, und der Heirath und der Ausſteuer hatte es wirklich ſeine Richtigkeit; aber was das uͤbrige betrifft, ſo weiß doch kein Meuſch, ob die Koͤchin auch wirklich recht gehoͤrt hat, oder nicht. Denn wenn die jungen Eheleute den Oberforſtmeiſter fragten, wie er die Sachen bewirkt haͤtte; ſo antwortete 156 er allemal:„ſeyd zufrieden mit dem, was Ihr wißt, und laßt euch um das Andre unbekuͤm⸗ mert.“ Und nun waͤre die Geſchichte ſo ziemlich aus; von der Hauptſache wenigſtens, die jetzt eintres ten muß, weiß gewiß ein jeder. ¹ Das ein und ſiebzigſte Kapitel. Herr von Palm und ſeine junge Frau lebten in der erſten Zeit auf das gluͤcklichſte mitein⸗ ander. Alles was er that, war ihr recht,* und alles was ſie that, war ihm ebenfalls recht. Und dieſes Reichtthun und Rechtſeyn er⸗ ſtreckte ſich bis auf ihre Kunſtwerke. Denn jedes Bild welches er malte, haͤtte ihr kein Menſch unter der Sonne beſſer malen koͤnnen, ſogar die Anſicht aus dem Plauenſchen Grun⸗ de nicht, die ihr doch auf der Ausſtellung ſo ſchlecht vorgekommen war. Als Amalie jetzt ein⸗ mal dieſe Landſchaft wiederſah, und merkte, daß ſie von ihrem Manne ſelbſt gemalt waͤre, da er⸗ ſchrak ſie recht heftig uͤber ihr damaliges Urtheil und uͤber ihren damaligen ſchlechten Geſchmack. Und die blaue Schuͤrze von damals wurde ihr iu dem ſchoͤnſten Fluſſe, der nur exiſtiren konnte, 1 — —— 151 Die Baͤume bekamen das ſchoͤnſte Laub, die Fel⸗ ſen und alles andre die ſchoͤnſten Formen und Far⸗ ben. Ja, es fehlte wenig, ſo haͤtte Malchen, wie damals der Bediente, die Sache allzu gut machen wollen, und das Bild natuͤrlicher gefun⸗ den, als die Natur ſelbſt. Das zwei und ſiebzigſte Kapitel. Malchen verſchwieg indeſſen noch immer, daß ſie die Verfertigerin der geſtickten Tante war. Daher konnte Herr von Palm vor der Hand nichts weiter thun, als ſein Urtheil von der Stickerei uͤberhaupt, widerrufen. „Ja,“ ſagte er,„wenn ich damals gewußt haͤtte, daß man's in der Stickerei ſo gar weit brin⸗ gen kann, wie Du, liebe Amalie, dann wuͤrde ich ſicher nicht auf der Ausſtellung ſo in den Tag hinein geurtheilt haben! Das ſoll mir fuͤr die Zukunft eine Warnung ſeyn.“ Als jedoch bald darauf die Tante ſtarb, und ihr geſticktes Bruſtbild wieder in Malchens Haͤn⸗ de kam, da verrieth ſich die Verfertigerin, und Herr von Palm ſah das Bild an, und fand es der ſeligen Tante ſo aͤhnlich, daß er ſich nun ih⸗ ren damaligen Zorn wohl erklaͤren konnte, und gar nicht wußte, wo er auf der Ausſtellung die Augen gehabt hatte. 158 Das drei und ſiebzigſte Kapitel. Daß ich aber die ſelige Tante nicht vergeſſe!— Sie war gar nicht ſo boͤſe geſtorben, als ſie gelebt hatte. Denn ſobald es mit ihr zum Tode ging⸗ ließ ſie nicht nur Malchen und ihren Mann zu ſich kommen, ſondern es mußte ſogar an den Oberforſtmeiſter geſchrieben werden, und ſie ver⸗ ſoͤhnte ſich mit allen. Indeß ob man gleich Malchen bisher fuͤr ih⸗ re einzige Verwandte gehalten hatte, ſo wurde ſie doch nicht ihre Univerſalerbin. Dazu ſetzte die Tante einen jungen Mann ein, und zwar einen den kein Menſch kannte, als der Oberforſt⸗ meiſter. Dieſer verſicherte auch, daß die Tante daran gar nicht unrecht gethan haͤtte; und die Verſicherung des Oberforſtmeiſters galt bei den jungen Eheleuten ſo viel, daß ſie vollkommen zufrieden waren. Auch die Tante aber hatte ſich ihre Zufrie⸗ denheit durch ein Anſehnliches, das ſie ihnen aus⸗— ſetzte, zu erwerben geſucht. Das Haus und der Garten waren ebenfalls dabei, und es mußte ei⸗ ne doppelte Freude fuͤr Malchen ſeyn, die truͤben Erinnerungen aus der Vergangenheit, gleichſam verklaͤrt, mitten in den Genuͤſſen der Gegenwart wiederzufinden. —— 13⁰ Das vier und ſiebzigſte Kapitel. Und der freundliche Himmel uͤber ihr und ihrem Gemahl, wurde auch nach Jahren nur ſelten von kleinen Woͤlkchen uͤberffbogen. Ihre Kunſt hinge⸗ gen erhielt eine ganz andre Richtung. Und das kam daher, weil ſich, wie Malchen meinte, die blauen Schuͤrzen und wolligen Baͤume wieder in ihres Mannes Landſchaften einſchlichen, und weil, wie Herr von Palm meinte, aus ihren geſtickten Bruſtbildern die Aehnlichkeit, nicht nur mit ge⸗ wiſſen Menſchen, ſondern manchmal ſogar mit Menſchen uͤberhaupt, aufs neue ver⸗ ſchwand. Dieſe Meinungen nun theilte ein jedes dem andern gelegentlich mit. Und wenn ſie auch Anfangs ein wenig daruͤber mit einander ſchmoll⸗ ten, ſo waͤhrte es indeſſen nicht lange, bis ſie in ſich gingen. Sind ſie doch neuerlich ſogar auf den etwas abgenutzten Grundſatz: das Gute zu dem Schoͤnen! foͤrmlich zuruͤckgekommen. Denn Amalie ſtickt ihrem Gemahl, anſtatt der Bruſtbilder, die er nicht mehr leiden kann, Dinge, die er zu ſeinem Anzuge gebraucht, und die er recht wohl leiden kann. Herr von Palm hingegen hat die Landſchaftmalerei gaͤnzlich aufgegeben. Um nun 3 160 A aber doch einen andern Zeitvertreib an ihre Stelle zu ſetzen, hat er ſich etwas Beſſeres ausgeſonnen. Seine Amalie iſt naͤmlich eine Blumenfreundin; und weil doch huͤbſche Blumen auch huͤbſche Staͤbchen verlangen, ſo laͤßt er ſich's gar nicht nehmen, ihr alle ihre Blumenſtaͤbchen anzuſtrei⸗ chen. Und es wird wirklich allgemein behauptet, daß Herr von Palm im Anſtreichen dieſer Staͤb⸗ chen etwas gethan, und darin eine ſolche Fertig⸗ keit erlangt habe, als er in der Landſchaftmale⸗ rei nimmermehr erlangt haben wuͤrde., * MEranmrrrmnrrmnnnraxaanaauauaounnöwmmnmuwnmmn ſnllſiſſ nmnſf 1 7 18 9 11 12 13 14 1 16 3 3* 4 1 3 34 4 8* 3 1 4 5* 6 8 1 5 ☛ 5 1