„ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 4 von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ,3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für 1ehchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf ¹ Monat: † Mk.— Ff. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenet, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 —— V᷑tnlↄñ/ n ᴵ˙—˖né—·————————— —— — —, 84 4 , Erzaͤhlungen von Friedrich Laun. Er ſtes Baͤndchen. 1.) Der Thronfolger. 2.) Die unzerſtoͤrbare Liebe. Dresden, bei Paul Gottlob Hilſcher⸗ 1822. . 12— — —η — — — 5— — N — 1. Als ſolle das morgende Einzugsfeſt der fuͤrſtlichen Braut ſchon erwachen, ſo ſcholl jetzt auf Einmal das Poſthorn mitten durch die ſtille Winternacht. Mehrere Wagen raſſelten eilig nach dem Thore. Die Wache trat in's Gewehr. An den, Fackeln tragenden, Vorreitern erkannte ſie, daß der Ab⸗ reiſende Prinz Florian war, gewöhnlich nur der wilde Prinz geheißen. Noch ſpaͤt am Abende hatte er den Entſchluß gefaßt, ſtatt den Hochzeitmorgen ſeines Vetters Iſidor, des regierenden Fuͤrſten, abzuwarten, ſich ſogleich zu einer Fahrt in das tuͤrkiſche Reich aufzumachen. Als der naͤchſte zum Throne, nach dem Ableben des jungen Regenten, hatte Florians ungezaͤhmte Herrſchſucht ſchon lange die dem kraͤnklichen Fuͤrſten noch uͤbrigen Tage mit Ungeduld gezaͤhlt. Aber ploͤtzlich nahm 4* 4⁴ Iſidors Geſundheitszuſtand einen guͤnſtigen Um⸗ ſchwung und bald wurde, zu großem Verdruſſe des wilden Prinzen, für die glückliche Herſtellung des wackern Regierenden, der vielleicht keinen Fehler hatte, als etwa einen kleinen Hang zum Ungewoͤhnlichen und Abentheuerlichen, in allen Kirchen voll Inbrunſt gedankt. Nichts weiter ſchien dem Heile des Landes zu fehlen, als ein Nachkomme. Auſſerdem gelangte die Regierung doch, ſpät oder früh, an die Seitenlinie, deren Haupt der allgemein verhaßte Florian war. Iſidor, den gerechten Wunſch ſeiner Unter⸗ thanen kennend und wurdigend, beſchloß, ſich zu vermaͤhlen. Der Ruf der Tochter des regierenden Grafen von Irr veranlaßte ſeine Reiſe zu dieſem. Comteſſe Pauline war die herrlichſte Jungfrau von Geſtalt, wie von Geiſt und Herz. Die nach ſeiner Heimkehr erfolgende Werbung um Paulinens Hand geſchah nur der hergebrachten Form wegen. Das nähere Band war ſchon perſoͤnlich zwiſchen ihm und dem graͤflichen Hauſe feſtgeknuͤpft worden. — ,— — 21 Daß des Prinzen Florian Misvergnuͤgen durch den allenthalben laut werdenden Volksjubel uͤber die bevorſtehende Vermaͤhlung geſtaͤrkt werden mußte, und daß er den Einzug Paulinens als den hochſten Punkt dieſes Jubels, nicht mit abwarten wollte, wuͤrde ihm Niemand verdacht haben, doch, daß er erſt in der Nacht vor der Feierlichkeit, mit ſolchem Geraͤuſch und ohne Abſchied, die Stadt verlies, war ein Verſtoß gegen allen Anſtand, der die Einwohner nur noch mehr gegen ihn empoͤrte. Aber über den Blick, mit welchem am fol⸗ genden Morgen das milde, von goldenem Haar umfloſſene Geſicht der erhabenen Braut an die Fenſter der mit Teppichen und Blumen behangenen Haͤuſer, zu beiden Seiten aus dem offenen Wagen hinaufgruͤßte, vergaß man allen Unwillen. Der Blick war ein Himmel, vor dem kein Haß be⸗ ſtehen konnte. Nur Liebe und Hoffnung leuch⸗ tete aus den naſſen Augen derer, die ſich nunmehr vor einer drohenden Zukunft ſchon halb geborgen glaubten. 4 Doch ſe beſeligender dieſer Glaube ihnen ſeyn mußte, je naͤher ſie die wahrhaft fuͤrſtlichen Eigen⸗ ſchaften der neuen Throngenoſſin kennen lernten, um ſo furchtbarer ward ihnen ein Ruͤckſall des Fürſten in ſeine vorige Krankheit. Eine fruͤhere, mit den Verhaͤltniſſen unvertraͤgliche Liebe, deren Gegenſtand eine Beute des Grabes werden mußte, hatte ſeinen Korper von der Seele aus, allzuheftig erſchuͤttert. Einige Zeit ſuchte man jenen Ruͤckfall verborgen zu halten. Allein bei der taͤglich zu⸗ nehmenden Schwaͤche des Kranken wurde dies bald unmöoͤglich und es war ein uͤberaus duͤſtrer Morgen fur die ganze Stadt, als er, einzig von ſeinem Leibarzte begleitet, gerade dieſelben Straſ⸗ ſen, durch welche der prachtvolle Einzug ſeiner Gemahlin gegangen, langſam nach dem Thore fuhr, um im ſtrengſten Inkognito ein entferntes Bad zu beſuchen. —— 6— 8 Ach, warum mußte unſre neue Hoffnung ſo bald wieder erlöſchen? Warum ſoll dieſes Auge voll himmliſcher Gute ſo frühe ſchon untergehn? — 2— So fragte man ſich, wenn des Fürſten matter Blick, wem er begegnete, freundlich zu troͤſten ſuchte. Faſt Niemand erwartete ſeine Beſſerung von dem Brunnen, zu dem ihn nicht einmal die Gemalin begleiten konnte, weil ſie wegen den Folgen eines, nicht genug beachteten, Schar⸗ lachfiebers, auf des Arztes Verlangen, das Zimmer hüten mußte. Deer Fürſt war wirklich vergebens nach dem Badeorte gereiſet. Der Brunnen ſagte ihm ſo wenig zu, daß er ihn, auf Anrathen ſeines Leib⸗ arztes, ſchon in den erſten Tagen ausſetzen mußte. Der Ott ſelbſt behagte ihm auch darum nicht, weil viele unter den Anweſenden ihn in ſeiner Reſidenz geſehen hatten, und ſich daher ſein Inkognito nur mit geringem Erfolge behaupten ließ. Unſtreitig wuͤrde er ſogleich zuruͤckgekehrt ſeyn, wenn der Arzt nicht auf die gunſtige Einwirkung der fremden — 8— Umgebung und eines ganz geſchaͤftloſen Lebens gerechnet hätte. Er wurde deshalb der ſeltſamſte Badegaſt von allen. Fruͤh fuhr er gewoͤhnlich mit ſeinem Arzte gus, und kam erſt Nachmittags wieder. Die Promenaden beſuchte er kein einziges Mal. Vielleicht haͤtten ſeine Ausflüge in die ſehr mannichfache Gegend wohlthäͤtiger auf den korper⸗ lichen Zuſtand gewirkt, wenn die Sorge um das Land nicht ſeine ſtete Begleiterin geweſen waͤre. Ein drei Meilen vom Bade entferntes Gut erregte eines Tages durch mancherlei ſehr ſinnreiche land⸗ wirthſchaftliche Einrichtungen die Aufmerkſamkeit Iſidors in hohem Grade. Der Beſitzer, nach dem er ſich erkundigte, ein junger Englaͤnder, war ein Sonderling, der mit Niemand, als ſeinen Unter⸗ thanen Umgang hatte, auch, wenn es nicht die Nothwendigkeit erforderte, die Graͤnze ſeines Gutes nie überſchritt. Von Seiten der benachbar⸗ ten Gutsbeſitzer, waren Anfangs mannichfache Verſuche gemacht worden, ihn der Geſelligkeit zu⸗ zuführen. Allein bald überzeugten ſie ſich von der Unmöglichkeit der Sache. Seit langer Zeit ſchon — — 9— fragte keiner mehr nach ihm. Sie ſchienen ein⸗ ander das Wort gegeben zu haben, dem Lord Arthur C-d aus dem Wege zu gehen. Sogar ſeine wunderſchönen Gartenanlagen konnten ſie nicht zum Beſchauen derſelben anreizen. Der Zu⸗ tritt, welchen der Lord Jedermann dahin ver⸗ ſtattete, ward von Niemand als ſeinen Guts⸗ unterthanen benutzt, und während dieſe in ihm „einen Vater verehrten, galt er unter den Vorneh⸗ mern eines ziemlich weiten Umkreiſes fuͤr den unleid⸗ lichſten, gbgeſchmackteſten Thoren. Der Schulze, welcher die beiden Reiſenden hierpon unterrichtet hatte, fügte laͤchelnd hinzu, daß der Lord mit dieſer Würdigung gewis vollkommen zufrieden ſey. Die Reiſenden gingen nach dem Garten. O— rief Iſidor, in der Mitte deſſelben ent⸗ zuͤckt ſtehen bleibend, recht aus Herzensgrunde— wie gluͤcklich muß der Herr dieſer ſchoͤnen Be⸗ ſitzung ſeyn, daß er hier in ziemlicher Ferne leben kann von dem ſtadtiſchen Treiben und der Angſt des Gewerbes, wenn er Sinn hat für Natur und Wiſſenſchaft! — 10— Den hat er!— Mit dieſen Worten trat ein junger, ſehr einnehmend gebildeter Mann, ein Buch in der Hand, hinter einer Hecke hervor Beſorgt blickte der Leibarzt auf den erſchreckenden Fuͤrſten. Dieſer aber ſammelte ſich bald und ſprach: Verzeihen Sie, Mylord— denn Sie ſind doch wohl der Beſitzer?— verzeihen Sie mir den unwillkuhrlichen Herzenserguß in dieſer reizenden, trefflich unterhaltenen Umgebung. Sicherlich— verſetzte der Lord— wuͤrden Sie ungeſtoͤrt voruber gegangen ſeyn, haͤtte mir Ihr ſeelenvoller Ausruf nicht einen verwandten Buſen verrathen. Dieſe wenigen, mit großer Innigkeit ausge⸗ ſprochenen Worte der beiden neuen Bekannten ſchienen auf Einmal ein unſichtbares Band um ihre Geiſter geſchlungen zu hahen. Ja— fuhr der Engländer fort und ſein Auge trübte ſich zuſehends— ich darf wohl ſagen, daß jener Sinn in mir wohne. Gluͤcklich aber bin ich darum doch nicht!— 2 1 11 — 11— Eine ganz eigene Wehmuth im Tone dieſer Worte, der Blick, in welchem das ſchoͤnſte Herz höchſt rührend ſich ausſprach, zitterte ſchaurig durch alle Gefuͤhle des theilnehmenden Kranken. O— rief er— mein Freund, das ſind wir doch wohl einander geworden? wie mag, bei allem Anſcheine einer dauerhaften Koͤrperkraft, bei der unverkennbaren Regſamkeit Ihres Geiſtes, das Un⸗ gluͤck ſchon Theil haben an Ihrer Jugend? Der Lord zuckte die Achſeln. Vielleicht läßt ſich das Entbehren des Gluckes noch nicht einmal Ungluͤck nennen. Doch übergehen wir das fuͤr jetzt. Die nähere Bekanntſchaft wird uns wohl von ſelbſt auf dieſen Gegenſtand zuruͤckfuͤhren. Iſidor brachte den Mittag auf dem Gute zu, ohne dies zuvor im geringſten beabſichtigt zu haben. Auf der Ruͤckreiſe geſtand er dem Leibarzte, daß er lange keinen ſo genußreichen Tag verlebt habe. Dem Doktor aber duͤnkte der Eindruck des Eng⸗ laͤnders auf das Gemuͤth des Kranken viel zu maͤchtig fuͤr ſeine bedenklichen Umſtände. Iſidor hatte das ſelbſt gefühlt, meinte aber, daß der hier⸗ von angegriffene Korper dafuͤr von der Seele aus wieder Heilung erhalten habe. Etwas jedoch beengte bei der neuen Bekannt⸗ ſchaft das Herz des Fuͤrſten. Er glaubte, ſeiner innern Uebereinſtimmung mit dem Lord die Offen⸗ barung ſeines eigentlichen Namens ſchuldig zu ſeyn; auf der andern Seite aber hatte er ſich gleichwohl nicht dazu entſchlieſſen können, weil er ſein Inkognito auf dem ſchoͤnen Gute zu gefaͤhrden und allerlei läͤſtige Rückſichten auf ſich zu laden füͤrchtete. Bis jetzt konnte C—d aus der Anrede des Leibarztes ſchließen, daß der neue Freund Graf ſey. Auch hatte er nicht einmal beim Abſchiede nach dem Namen ſich erkundiget. Das Ver⸗ ſprechen eines baldigen Wiederbeſuches war ihm hinreichend geweſen. Der Arzt, den Iſidor uͤber die Sache um Rath fragte, ſtimmte durchaus für die Beibehaltung ſeines Inkognito, worauf es bei den Ausfluͤgen aus dem Bade auch angelegt war, — — — 13— da man deshalb nicht einmal einen Bedienten oder Kutſcher mitgenommen und der Doktor die Leitung des Wagens beſorgt hatte. Wenige Tage nachher ſprach man, nicht ganz nach dem Willen des Arztes, wieder auf dem Gute des Englaͤnders ein. Dasmal fanden ſie den Lord von einem Walle alter Schriften umgeben. Die heitere Miene, womit er, ihnen entgegentretend, ſogleich des Fürſten laute Beſorgnis einer Stoͤrung zuruͤckwies, lies um ſo weniger eine Deutung auf bloße Hoflichkeit zu, da der Lord ausdruͤcklich hin⸗ zufügte: Ueber etwas werden Sie mich allezeit finden, das iſt nothwendig hier in der Einſamkeit, wie allenthalben, moͤchte ich hinzufügen und für den Aermſten halte ich den Reichen, der keine Be⸗ ſchaͤftigung auftreiben kann, wenn ihm Berufs⸗ arbeiten abgehen. Aber dieſe alten Freunde hier kennen keine Eiferſucht, wenn ich auch neue — 14— eese ſchließe. Sie erwarten mich mor⸗ gen mit derſelben Geduld und Ergebenheit. Iſidor betrachtete die Buͤcher. Die Weltge⸗ ſchichte war der Gegenſtand von Arthurs Studium. Ein ſchoͤner, reicher Stoff! rief der Fuͤrſt. Neich gewis!— erwiederte Arthur— Aber auch ſchön? Giebt es nicht Perioden, in denen man verzweifeln moͤchte über das Schickſal des armen Menſchengeſchlechts, das ſo haͤufig der fre⸗ velhaften Willkühr gemeiner Wüteriche anheim⸗ faͤllt, und dann in der hoͤchſten Verzweiflung nicht ſelten zu Rettungsmitteln greift, die faſt noch ſchlimmer ſind, als das Uebel ſelbſt? Arthurs Wort wirkte mächtig auf Iſidor; der Blick, mit dem er den glutvollen Redner anſah, that ſolches kund. Ein Gedanke der Liebe flammte ſichtbar auf in ſeinem tiefliegenden Auge. Schwei⸗ gend, aber mit großer Bedeutung reichte er dem Lord die Hand. Arthur ſchien Aufſchluß durch ſeinen Mund zu erwarten. Iſidor ſagte hierauf: Wir verſtehen uns, denke ich, immer beſſer. 4— Worte mogen hier der Sache nahi ginuiaer Wenn denn Ihrem Studium kein chtheil ge⸗ ſchieht, Mylord, ſo laſſen Sie uns nach dem Garten hinunter, wo wir einander zuerſt erblickten. Der Ort wird immer für mich etwas Heiliges be⸗ halten.— Hiermit faßte Iſidor des Hauswirths Arm und emporgeriſſen von der Glut ſeines Innern, ſchritt er ſo heftig vorwaͤrts, daß der Arzt ihn an die Leiden der kranken Bruſt erinnern mußte. Und grade an der Stelle, wo man ſich zum erſten Male ſah, verlies den Fürſten der Athem. Ich kann Ihnen nicht ſagen,— ſprach er, nachdem er auf einer Bank wieder Luft geſammelt hatte,— wie der Schrecken, den mir Ihre Stimme und Erſcheinung hier verurſachte, zugleich ſo wohl⸗ thuend auf mein ganzes Weſen einwirkte, und wie mich dann wieder Ihr herbes Geſtaͤndnis nieder⸗ ſchlug, daß mitten in ſo vieler ſtillen Herrlichkeit und bei Ihrer Empfäͤnglichkeit dafuͤr, das Gluͤck Ihr Theil dennoch nicht geworden ſey? Warum — 16— nicht? Jetzt, denke ich, ſind wir uns im Weſent⸗ lichen en genug, zu Fragen dieſer Art. Wenigſtens iſt es nicht Unbeſcheidenheit, was mich dazu antreibt, ſondern eine innere, unwiderſtehliche Gewalt. Ich erkenne das— ſprach Arthur, mit dank⸗ barem Haͤndedrucke. Sollte es Ihnen denn nicht aufgefallen ſeyn, daß ich ſo allein hier hauſe? Hier, im ſuͤßen Schooſe der liebenden Natur, ohne—— Gattin, welcher Mann von Gefuͤhl moͤchte da nicht, grade in den hoͤchſten MMomenten des Lebens, das Wichtigſte ſchmerzlich vermiſſen? Umſonſt werfe ich mich auf das Studium der Pflanzen. Auch aus ihrem Reiche laͤchelt die holde Liebe mir zu. Umſonſt ſuche ich Linderung bei der Tonkunſt, ihre Liebeswogen reizen meine Sehn⸗ ſucht nur grauſamer. Hinab mochte ich mich ſtürzen können in ſie, um ſo ein liebeloſes Leben auf Einmal zu vernichten. Und die Sternenkunde, die mich auch beſchaͤftigt, ſagt ſie mir nicht eben⸗ falls, daß ich allein ſtehe, während die über mir — 17— ſchwebenden, erhabenen Lichter den alles erhalten⸗ den Einklang des Ganzen verkündigen? Sogar die alten, todten Buͤcher wecken nur allzuoft das fruchtloſe Verlangen in einem Herzen, dem die Vorſtellung von der uͤberſchwenglichen Seligkeit der Liebe einzig gegeben ſcheint, damit es deſto tiefer verwundet werde, von dem Fluche, ſie ent⸗ behren zu muͤſſen? Iſidor gab ſein Erſtaunen zu erkennen und aͤußerte, daß wohl Arthurs Eigenſinn in der Wahl, dieſes Entbehren verurſache. Mit dem ſchmerzlichſten Lächeln verneinte das der junge Britte und theilte ihm die Geſchichte dreier Ver⸗ bindungen, zweier in ſeiner Heimath und einer in Deutſchland, mit, die allerdings ſo kraͤnkend für ihn ausgefallen waren, daß er wohl eine Zeitlang von den Frauen ſich abgeſchreckt fuͤhlen konnte. Iſidor ſuchte ihm einen Wink des Schickſals darin zu zeigen, daß er die rechte, ihm beſtimmte Gattin vielleicht erſt ſpaͤter finden ſolle. 3 — 1s— Ach— brach hier G—ds ſchwerverletztes Herz aus— ich bin, warlich, weit entſernt von der romanhaften Einbildung, daß eigens für mich eine beſondere Frau geſchaffen ſey. Ein ſanfter, den ſtillen Reizen der Natur treugebliebener, weib⸗ licher Charakter wäre mir voͤllig ausreichend. Schoͤnheit würde ebenfalls nur gern angenommen, keinesweges gefordert. Bildung, wo möglich. Wenigſtens wuͤrde es mir Muͤhe koſten, mich an die rauhen Spuren einer verwahrloſ'ten Erziehung zu gewoͤhnen. Witwe oder Jungfrau koͤnnte eben⸗ falls keinen Unterſchied machen. Aber das bereits Erlebte, meine traurigen Erfahrungen, die raubten mir den Muth. Die Abneigung gegen alle fernern Bewerbungen erwuchs in mir zu einer Art von geiſtigen Krankheit und mein Wille iſt zeither nicht kräftig genug geweſen, den Sieg uͤber ſie davon zu tragen.— Bewegungslos und ganz dem eigenen Innern zugekehrt, ſaß Iſidor, als C—d hier innehielt. Dann ſtand er plöͤtzlich auf und ergriff Arthurs —————— “ — 19— — e Arm. Der beſorgte Arzt ermahnte ihn, daß er, eingedenk der kaum etwas gehobenen voͤlligen Er⸗ ſchöpfung, das eben wieder beginnende raſche Fortſchreiten maͤſigen moͤchte. Sorgen Sie nicht, mein Lieber, erwiederte der Fuͤrſt und trug ihm dann heimlich auf, in's Haus zu gehen und eine Nachricht an den Wirth im Brunnenorte zu ſchreiben und auf die näͤchſte Poſt zu ſenden. Es geſchah weniger aus Noth⸗ wendigkeit, als weil das Alleinſeyn mit Arthur ihm jetzt ein dringendes Beduͤrfnis war. Mein Freund— ſo begann, als er mit dem Britten allein war, der Fürſt— ich weiß nicht, ob Sie, Trotz Ihren Erfahrungen, ar Erreichung eines vollkommenen Gluͤckes verzweifeln dürfen. Das Haus, darin mit der Geliebten zu wohnen, iſt da, und die Geliebte— die ſolches verdient zu ſeyn, werden Sie auch noch finden. Ich kenne einen andern, weit Ungluͤcklichern als Sie, einen Furſten, der die herrlichſte Frau gefunden hatte, 2* ſein Bild nicht verloͤſchen werde in ihrer Seele? und dann durch die Politik eines fremden maͤchtigen Hofes wieder getrennt wurde von ihr. Man fürch⸗ etete ſeine Abneigung gegen die Feinde ſeines Lan⸗ des, daher mußte er ſich ſelbſt verbannen in eine ferne Gegend und die geliebte Gemahlin zuruck⸗ laſſen. Einzig unter dieſer Bedingung ward ſei⸗ nem unmuͤndigen Sohne die Nachfolge zugeſichert, und die Regierung einſtweilen im Namen der Fürſtin verwaltet. Auſſerdem waͤre das Land ſo⸗ gleich in fremde Hand gegeben worden. Stellen Sie einmal, Mylord, Ihr Ungluͤck neben das unſelige Geſchick dieſes Mannes. Gebunden durch ſein liebendes Herz an Frau und Kind, wird er hinweg getrieben. Entbehren muß er die Lebens⸗ gefaͤhrtin, die ebenfalls kein Glück kannte, als durch ihn! O, Sie, mein Freund, allenthalben koͤnnen Sie finden, was Ihnen noch ſehlt; ihm aber wehrten ſeine Pflicht und ſein Herz vereint, ſich danach auch nur umzuthun! Und die Frau— verſetzte Arthur— verlies er ſie mit der Ueberzeugung, daß die Ahweſenheit Dieſe Ueberzeugung hatte er, auch hat ſeine Gemahlin nachher bewieſen, daß er ſie haben konnte. Staunend trat der Britte einen Schritt zu⸗ rück und ſprach: das iſt das erſte Mal, wo ich Sie durchaus nicht begreife. Meinen Sie, daß ein Mann von Geiſt und Seele, dem der Glaube an die Guͤte der Frauen, durch dieſe ſelbſt ſo arg⸗ liſtig aus dem Herzen gewunden worden, in ſei⸗ nem tiefen Ungluͤck auch nur zu vergleichen ſey mit dem Glüͤcklichen, den das herrlichſte aller Ge⸗ fühle, das Gefuͤhl von der Geliebten geliebt zu werden, uͤberall freundlich begleitet. Und triebe man ihn aus der Welt hinaus, ſo köoͤnnte er jen⸗ ſeit dann auf die hier verlaſſene Seligkeit rechnen! Dabei mußte ihn die Rettung des Landes, die er in ſeiner Bruſt trug, mit einer wahrhaft himmliſchen Genugthuung begluͤcken!— O mein Freund, mein geliebter Freund— rief Iſidor und preßte ihn an ſein Herz— Du —* verſtehſt mich, wie ich Dich verſtehe. Auch wirſt Du gewis noch glüͤcklich werden! Arthur ſchien heftig ergriffen von dem liebe⸗ vollen Gemuͤthe, das wie ein Segensſtrom aus des Kranken Auge auf ihn uͤberfloß.— Es giebt Momente— ſprach er, in denen verwandte Seelen ſich erkennen und umfaſſen, in denen ſelbſt die herbſten Erfahrungen mit ihrem Mistrauen nicht zwiſchen die Verbundenen treten können. Ich er⸗ lebte noch keinen Moment, wie dieſen. Wollte Gott, unbekannter, und mir doch ſo voͤllig klarer Freund, Sie haäͤtten eine Schweſter, unverheirathet und Ihnen gleich, eine Schweſter, die mich lieben konnte, warlich mein Glaube wuͤrde zuruͤckkehren, Ihre Verheißung des mir bevorſtehenden Liedes⸗ glückes, wuͤrde in Erfüllung gehen an mir.— In geiſtiger Trunkenheit ſanken ſie hier ein⸗ ander wieder in die Arme. Da hoͤrte man die Rückkehr des Arztes und Iſidor behielt nur noch ſo viel Zeit, den Englaͤnder zu bitten, daß er — chres Geſpräches mit keinem Laute gedenken moͤchte.— Die heftige Gemuͤthsbewegung hatte den Fürſten dergeſtalt angegriffen, daß der Lord ihn nach der naͤchſten Bank geleiten mußte. Der Arzt erſchrack. Iſidor konnte kein lautes Wort hervor⸗ bringen. Sein Auge zeugte gleichfalls von der aͤuſſerſten Schwaͤche. Er ſelbſt hielt es für das Beſte, das Gut ſogleich zu verlaſſen.—* So betrübt auch Arthur darüber war, ſo glaubte er doch dem zaͤrtlich bittenden Auge des geliebten Kranken keinen Widerſpruch entgegen⸗ ſetzen zu dürfen, zumal da der Arzt für die Reiſe ſtimmte. Ich denke— ſagte der Fuͤrſt noch aus dem Wagen ſeinem neuen Freunde in's Ohr— ich denke der heutige Morgen ſoll nicht verloren ſeyn fuͤr unſer beiderſeitiges Leben.— Es war der Blick der innigſten Theilnahme, mit welchem Arthur dem Kranken ſeine Hand noch hinreichte.— — à— Unterweges wurde der Arzt immer unruhiger über den Zuſtand des Patienten. Er konnte ſich der Aeuſſerung nicht enthalten, daß er wegen der heftigen innern Anregungen, die dem Fuͤrſten in des Lords Hauſe geſchehen, wohl wuͤnſchen moͤchte, die ſchoͤne Beſitzung niemals erblickt zu haben. Das, Lieber— verſetzte Iſidor— iſt kein Wunſch aus meinem Herzem! Nicht nach der Zahl leerer Pulsſchläge, nur nach dem geiſtigen Gewichte der Handlungen pflegte ich von jeher mein Leben zu berechnen, und ſo wuͤrde ich auch an den heutigen Morgen ſelbſt dann mit Freuden denken, wenn er mir ein ganzes Jahr dieſes kraͤnk⸗ lichen Daſeyns koſten ſollte. Ja, fuͤgte er hinzu, grade dieſer Umſtand koͤnnte mir vielleicht zu einer großen Befriedigung gereichen. Bedenklich blickte der Arzt dem Kranken in die Augen. Aber ihre Klarheit beſteitt den Arg⸗ wohn des Irreredens. Gleichwohl begriff er auch nicht, wie derſelbe Mann, der bis dahin ſeine Vorſchriften auf das Pünktlichſte befolgt, und. 2 — 25— alles vermieden hatte, wovon man eine nachthei⸗ lige Einwirkung auf den zerruͤtteten Korper be⸗ fürchtete, jetzt ſo plötzlich ein baldiges Aufhoͤren dem laͤngern Leben beinahe vorzuziehen ſchien. Der Leibarzt nahm die große Unruhe, mit welcher der Fuͤrſt nach der Ankunft im Bade ſo⸗ gleich die Heimkehr auf den nächſten Morgen feſtſetzte, fuͤr kein guͤnſtiges Zeichen. Er ſtellte ſeinem Kranken auch vor, wie ſehr ihn im jetzigen gereizten Zuſtande die lange Reiſe erſchöpfen muͤſſe⸗ Will denn nicht alles erſchoͤpft ſeyn in dieſer Endlichkeit, auch das Leben? fragte er. Sein Lächeln dabei würde auf bloßen Schers haben ſchließen laſſen, wenn der Haͤndedruck, den er hinzufuͤgte, keinen tiefern Sinn angedeutet haͤtte. Der Kranke wurde dem Arzte immer unergruͤnd⸗ licher. Man uͤbernachtete unter andern auch wieder an dem Orte, wo man auf der Reiſe in's Bad die erſte Nacht zugebracht. Von dort aus gab es nur ſechs Meilen bis in Iſidors Reſidenz. Er hoffte in dieſer gegen drei Uhr Nachmittags ſeine Gemahlin bei der Tafel zu überraſchen. Ich fühle mich in dieſer Naͤhe wieder recht wohl— ſagte er früh beim Ausfahren zu ſeinem Arzte. Des letztern bedenkliche Miene machte ihn empfindlich, er ſprach: Sie ſetzen Zweifel in die⸗ ſes mein Gefühl? Wie moͤgen Sie das, der Sie ſelbſt nur gllzuoft uͤber die Kurzſichtigkeit Ihrer Wiſſenſchaft gegen mich geklagt haben? Ich muß doch wohl am beſten wiſſen, ob mir wohl iſt, oder weh? Und mir iſt wohl; recht wohl. Ich bitte Sie auch, Niemand von den n Meinigen die leiſeſte Hindeutung auf das Gegentheil zu geben, wenn ſie dieſes befuͤrchten ſollten. Warum die guten Menſchen, deren Liebe mich glücklich macht, mit dem Schatten einer noch zweifelhaften Zu⸗ kunft, vor der Zeit, betruͤben? Ihre Hand darauf, * ———— — 22— daß Sie es nicht thun wollen. Der Arzt gab dieſes Verſprechen um ſo lieber, da wirklich bei dem Feuer, mit dem der Patient von dem Ge⸗ fühle ſeiner Beſſerung ſprach, die Hoffnung auf Iſidors Herſtellung wieder einige Wurzel in ihm faßte.— 4 Das Jauchzen war groß, als man den Wa⸗ gen des Fürſten in der Reſidenz erkannte. Alles drängte ſich zu. Ohne Aufhoͤren neigte Iſidor nach beiden Seiten freundlich ſein Haupt. Die von Luft und Freude gemalten Wangen wurden den Jauchzenden zum neuen hoffnungsreichen Morgenrothe. Er blüht wieder, wie Kraft und Jugend! rief einer dem andern zu, und der veinſte, innigſte Dank flammte aus aller en hinauf zu dem freundlichen Himmel. Der allge⸗ mein verhaßte Prinz Florian ware ja zur Regie⸗ rung gelangt, wenn der wirdige Sſidor ein Raub des Todes geworden!— Die Freude, daß und wie er zuruͤckgekehrt war, hatte freilich den Ankommenden uͤbereilt 27 3 und die bezweckte b Wyaſchung auf dem Schloſſe hintertrieben. Daflle Aben war dem Heimkehren⸗ den eine ſchoͤne Ueberraſchung bereitet. Die durch ſo frohe Nachrichten beſeligte Fuͤrſtin, war von ihrem Entzücken ſelbſt die Treppe hinab und ihm in die Straße ſo ſchnell entgegengeführt worden, daß ihr, ſeit einigen Tagen zum Beſuch an⸗ weſender Vater, der Graf von Jes*, nur mit Muͤhe ſie einholen konnte. Die große Lebendigkeit, welche des Fürſten ganze Weiſe kundthat, beſtaͤrkte die neuerweckten Hoffnungen des Leibarztes immer mehr. Die Krankheit hatte, dem Anſcheine nach, eine ganz unerwartet guͤnſtige Wendung genommen. Daher glaubte auch der Arzt der Fuͤrſtin und deren Va⸗ ter den beſten Troſt geben zu koͤnnen. 5. Aber das Roth auf Iſidors Wangen ver⸗ ſchwand ſchon am folgenden Morgen. Nur mit der aͤuſſerſten Anſtrengung war es dem Fuͤrſten —— 26— moͤglich geworden, ſeinem Benehmen einen ſo erwuͤnſchten Anſchein zu verſchaffen. Dafuͤr litt er nun an einer ſolchen Kraftloſigkeit, daß er ſich keinen Augenblick auſſer dem Bette erhalten konn⸗ te. Gleichwohl wollte er auch das Verweilen in dieſem nur als eine Vorſorge fuͤr ſeine Geſund⸗ heit betrachtet wiſſen. Gefliſſentlich ſuchte er die Hoffnung ſeiner naͤchſten Umgebung und des Lan⸗ des mehrere Wochen lang aufrecht zu erhalten. Ja, es gelang ihm ſogar, durch ſeine Zuſicherung den Leibarzt ſelbſt in der wiedererwachenden Be⸗ ſorgnis irre zu machen. Waͤhrend daher die Stadt ſeiner Geneſung Feſte ſeierte, lebte Iſidor der gewiſſen Ueberzeugung, daß ihm nur noch wenige Tage uͤbrig geblieben. 4 1 Der Arzt billigte ſeinen Entſchluß, ſich den Staatsgeſchaͤften gaͤnzlich zu entziehen und faſt Niemand zu ſprechen, als ſeine Gemahlin und deren Vater. Aber eben daher, weil letztere ſtets um ihn waren, vermochten ſie auch nicht lange die Hoffnungen des Landes zu theilen. Seine — — — 30— Schwaͤche nahm zu mit jedem Tage und allezeit erfolgte ein voͤlliger Kraftmangel, wenn er, den Arzt uͤber ſeinen Zuſtand zu taͤuſchen, im Ge⸗ ſpräche mit ihm etwas lebhaft geweſen war. Am Vorabende ſeines Todestages war es einige Mal, als wolle er der Fuͤrſtin etwas offen⸗ baren. Aber es ging ihm nicht vom Munde. Krampfhaft zuckten die Lippen und ein Haͤnde⸗ druck, der zaͤrtlichſte Haͤndedruck, bezeugte ihr, daß es ihm unmoͤglich falle. Nach mancher Ge⸗ genvorſtellung reichte man ihm endlich ein Blatt und Tinte und Feder und richtete ihn im Bett empor. Schluchzend verkies auf ſeinen freund⸗ lichen Wink die Gemahlin das Zimmer. Nur ihr Vater blieb bei ihm zuruͤck. Wohl eine Stunde dauerte ihr Alleinſeyn. Die verzweiflungsvolle Gattin oͤffnete waͤhrend dieſer Zeit einige Mal leiſe die Thur, um anzufragen, ob der Kranke nicht irgend etwas verlange. Endlich kam ihr Vater, ſie vor Iſidors Bette zu holen. Die auſſerordentliche Milde, mit der er ſeiner Ge⸗ — 31— mahlin die Hand reichte, that ihrem Herzen wohl. Ueberhaupt hatte die zeitherige Haſt und Unruhe in ſeinem ganzen Weſen einer Gelaſſen⸗ heit Platz gemacht, welche der theuerſten, ſchon aufgegeben geweſenen Hoffnung auf ſeine Er⸗ haltung ſchmeichelte. Laßt uns aber— ſagte Iſidor endlich— uͤber unſerm freundlichen Beiſammenſeyn auch das Nothwendige nicht vergeſſen, meinen letzten Willen. Das erſchuͤtterte die Fuͤrſtin von Neuem, aber er ſprach, faſt ſcherzhaft: Man nennt es faͤlſchlich den letzten Willen, mein Herz. Kann mir doch kein einziger ſterblicher Arzt mit Gewis⸗ heit verſichern, ob ich nicht noch in zehn Jahren einen ähnlichen Willen aufſetze, der dann, wieder vielleicht mit Unrecht, der letzte heißt. Die noͤthigen Perſonen wurden herzugeholt. Die Fuͤrſtin begab ſich, als ſie kamen, mit ihrem Vater hinweg. Vergebens hofften ſie durch die⸗ ſen wenigſtens einen Fingerzeig von dem in ihrer Abweſenheit Vorgefallenen zu bekommen. Grade⸗ zu zu fragen, geſtattete ihr Zartgefühl nicht. Das Teſtament hatte nicht lange aufgehal⸗ ten und der Fürſt war in dem beruhigenden Ge⸗ fühle, das Nöthigſte auf der Erde nun beſorgt zu haben, ſo heiter, daß ſelbſt ſein Schwieger⸗ vater ſich davon blenden lies und die günſtigſte Wendung der Krankheit prophezeihte. Der dazu⸗ kommende Arzt beſtaͤtigte dieſe Hoffnung. 6. x Der folgende Morgen widerlegte jedes frohe Erwarten. Der erſte Blick der aufgehenden Sonne traf mit Iſidors letztem freundlich zuſammen. Auch dann hatte die Beſinnung ihn nicht ver⸗ laſſen, als die Laute ſeines Mundes ſchon unver⸗ ſtaͤndlich geworden. Wenige Momente vor ſeinem Hinſcheiden ſtrebte er gbermals umſonſt, der troſtloſen Ge⸗ 1 322. —,— 33— mahlin etwas zu ſagen, und wies dann mit der Hand auf den Grafen J*r*. Dieſer fragte, ob der Sterbende damit andeute, daß die Tochter des Gatten Wunſch aus vaͤterlichem Munde ver⸗ nehmen ſolle? Eine freudige Kopfbewegung Iſidors bejahte die Frage. Nachdem die untroͤſtliche Witwe den ſtreng⸗ ſten Befehl gegeben hatte, Niemand ohne alle Ausnahme Jutritt zu ihr zu geſtatten, wendete ſie ſich an den Grafen. O mein Vater— ſprach ſie— durch Dich ſollte ich ſeine Befehle an mich vernehmen. Halte nicht laͤnger damit zuruͤck.— Fuͤt's Erſte— erwiederte der Graf— gebe ich Dir die Einleitung dazu, von ſeiner Hand ſelbſt geſtern niedergeſchrieben. Das Papier, das er ihr überreichte, war folgenden Inhalts: „Mein theures Herz! Wozu mein Mund zu nſchwach war, es Dir zu geſtehen, dazu, fuͤhle 3 4 * — 34— „ich jetzt, gebricht auch meiner Hand die Kraft. „Vor Dir unmittelbar kann ich die Bitte nicht „ausſprechen, die ich zu thun habe, und doch iſt „es nur die Hoffnung, daß Du ſie erfuͤllen wer⸗ „deſt, um meinetwillen, was meiner Seele Troſt „zureicht in den letzten Augenblicken; was mir „den bittern Uebertritt in die unbekannte Welt „verſuͤßet. Aus Deines Vaters Munde ſoll das „Flehen meines Herzens Dich anreden, aber auch „nicht eher, als bis dieſes gebrochen iſt. Nur „das noch zuvor, theure Seele: Meine nicht, „daß ſtrafbarer Ehrgeiz mich zu einer That be⸗ „wege, die ich unter andern Umſtänden als un⸗ „wuͤrdig und ſchlecht betrachten wuͤrde. Mein „Gemüuͤth lag immer offen vor Dir; daher kannſt „Du unmoͤglich, auch durch ein ſeltſames, aber von „ungluͤcklichen Verhaͤltniſſen und meinem beſten „Willen entſchuldigtes Verlangen an mir irre „werden. „Dieſe Schrift, mein Herz, mag Dein Va⸗ „ter Dir uͤberreichen, als das Merkmal meines „unbeſchraͤnkten Vertrauens auf ſeine ſtrenge * — 35— „Rechtlichkeit, auf ſeinen ſcharfen Blick, auf ſeine „behutſame Umſicht, als die Vollmacht in mei⸗ „nem Namen, Dir alles zu ſagen und zu rathen „und bei der Sache, auf die es hier ankommt, „an die Hand zu gehen. Der Himmel ſchütze „Dich und gebe dem Lande durch Deine Weisheit „einen dauernden Segen.“ Iſidor. Vater— rief die Fuͤrſtin nach Leſung dieſer Zeilen— was verlangt mein theurer Verſchie⸗ dener von mir? Wodurch lud ich den Verdacht auf mich, daß mir das Vollziehen einer Forderung von ihm ſchwer werden wuͤrde? Bin ich nicht von ſeiner liebenden Geſinnung gegen mich ſo gut, als von ſeiner Weisheit uͤberzeugt? Ach Gott, um wie viel weniger ungluͤcklich wuͤrde ich ſeyn, wenn ſeine Lippen ſich mir ſelbſt erſchloſ⸗ ſen, wenn er mich hierdurch in den Stand ge⸗ ſetzt haͤtte, ihm den Zweifel an meiner unbeding⸗ ten Willfaͤhrigkeit, den er gehegt zu haben ſcheint, durch den feierlichſten Schwur aus ſeiner frommen 3* — 36— Seele zu nehmen! O Du mir ewig Unvergeß⸗ licher— fügte ſie im hoͤchſten Enthuſigsmus hin⸗ zu— wenn die Macht der treueſten Liebe Dei⸗ nen Geiſt zuruͤckrufen kann auf einen Augenblick in dieſes Haus des Harms und der Thraͤnen, ſo vernimm meinen Schwur, hier bei Deiner ent⸗ ſeelten Huͤlle, alles zu thun, was Du begehreſt von mir, bevor ich noch weiß, worin ſolches be⸗ ſtehet.— Und nun, Vater, offenbare mir ſeinen Willen.— MNiein Kind— verſetzte der Graf mit ſicht⸗ barem Kummer— ich bin tiefgeruͤhrt von Deiner gaͤnzlichen Hingebung in die Wuͤnſche Deines edeln Gatten, deſſen ſeltenes Herz ſolch ein vol⸗ les Vertrauen wohl verdiente. Gleichwohl bitte ich Dich, laß wenigſtens den heutigen Tag vor⸗ uͤber. Morgen will ich Dir's eroͤffnen. Die Witwe wußte nicht, was ſie denken ſollte, bei dieſen mit Zoͤgern und großer Beklommenheit ausgeſprochenen Worten und den Zuckungen des Schmerzes, die durch ihres Vaters Geſicht gin⸗ gen und ſein Auge mit naſſem Glanz uͤberzogen. 37 4 —— 37—— Bald aber faßte ſie ſich und ſprach: Nein, theurer Vater, wie ſchwer auch die Erfuͤllung ſeines Ge⸗ heißes ſeyn mag, ſo iſt ſie doch nichts, gegen den qualvollen Zuſtand, worein ich mich verſetzt fuͤhle durch die Unbekanntſchaft mit ſeiner For⸗ derung. Ich wiederhole meinen Eid, ſeine Be⸗ fehle ſogleich auszurichten und beſchwoͤre Dich, meiner jetzigen Pein durch Deine Eroͤffnungen ein Ziel zu ſetzen. Wohlan, mein Kind— ſprach ſeufzend der Graf— ſo ſey es; denn ich fühle ſelbſt, daß der Zuſtand der Ungewisheit nach ſolchen Einlei⸗ tungen grauſamer faſt ſeyn muͤſſe, als das haͤr⸗ teſte Verlangen. Doch fuͤr's Erſte eine noͤthige Vorſicht. Der Graf ging hierauf, die naͤchſten Zimmer zu verriegeln und kehrte dann langſam und wie uneins mit ſich ſelbſt uͤber den Anfang ſeiner Mittheilungen, zuruͤck. Du zitterſt mir nur zu heftig, mein armes Kind, begann er endlich, nach einem langen Blicke auf ſie, ihre Hand erfaſſend. — 38— Iſt das wohl ein Wunder, guter Vater? Thuſt Du nicht alles, mir bange zu machen? Aber nur dle Angſt der Ungewisheit arbeitet in meiner Bruſt, nicht die Furcht vor dem Verlan⸗ gen meines geliebten Abgeſchiedenen. Der Graf ſetzte ſich mit ihr auf das Sopha. Du weißt, Pauline, daß des Verewigten groͤßte Sorge immer der Zuſtand war, worein das durch ſeinen Vater und ihn aus tiefem Verfall wieder emporgehobene Land nach ſeinem Tode zu ver⸗ ſinken droht, wenn ſeinem Thronfolger, dem allgemein verhaßten Wuſtlinge, die Zuͤgel der Re⸗ gierung in die ohnmächtige Hand gerathen. Ach— verſetzte die Witwe— wie oft war dies ſchon vor der Reiſe in's Bad, der traurige Gegenſtand ſeines Nachſinnens! Nun ſieh, mein Kind, dem kleinen Lande ſolch ein Unheil zu erſparen, hat er auf Dich ſeine Hoffnung geſetzt und Dich in ſeinem Teſta⸗ mente zur Regentin ernannt. — 39— Aber— erwiederte ſie— ſo viel ich von den Geſetzen weiß, ſtand dies gar nicht in ſeiner Macht! Er hat die Hoffnung auf die Möglichkeit, noch nach ſeinem Tode einen Nachkommen zu erhalten, zugleich ausgeſprochen und für dieſen Fall kommt, ſelbſt zu Folge der Landesſtatuten, der hinterlaſfenen fuͤrſtlichen Witwe die Regent⸗ ſchaft ſo lange zu, bis die Zeit voruͤber iſt, in der die Sache ſich bewaͤhren muͤßte. Und iſt es wirklich ein Sohn, nun ſo geht bis zu deſſen Volljaͤhrigkeit die Regierung durch einen Staats⸗ rath unter der Witwe Namen fort. Ein heiterer Sonnenblick überflog ploͤtzlich das Geſicht der Fuͤrſtin. Jetzt errathe ich alles! rief ſie. Ein fremder Knabe ſoll die Stelle des fehlenden eigenen erſetzen. Die Schwierig⸗ keiten der Ausführung ſolch eines Plans ſind nicht zu verkennen. Warlich aber, verdient irgend ein Betrug den Beinamen eines frommen, ſo iſt es der! Theurer Verewigter, Deiner liebenden zu Erreichung der wohlthaͤtigen Abſicht galt mein — 40— Seele iſt der Gedanke entſproſſen, zu deſſen Aus⸗ führung ich all meine Kraͤfte, all meinen Scharf⸗ ſinn aufbieten will.— Du ſchuͤttelſt den Kopf⸗ Vater? Meineſt Du, ich koͤnne mich von der Schwere der Vollbringung, ſogar nach jenem hei⸗ ligen Eide, noch abhalten laſſen? Nein, warlich nicht, auch ohne jenen Eid wuͤrde ich zur puͤnkt⸗ lichen Erfüllung ſeines Verlangens bereit ſeyn! Muͤßte nicht, wenn ich anders wollte, nebſt dem Vorwurfe des Ungehorſams gegen die letzte drin⸗ gende Bitte des theuern Gemahls, auch das gewiſſe Ungluͤck des Landes durch jenen des Thrones Unwuͤrdigen mit auf meine Seele fal⸗ len? Nein, Vater, ich achte es fuͤr die heiligſte Pflicht, nach beſten Kräften zu vollführen, was er mir aufgegeben hat. Geliebtes Kind, Du haſt meiner Geberde einen falſchen Sinn untergelegt, wenn Du Mis⸗ billigung Deines Gehorſams darin wahrnehmen können. Nur dem Unzulaͤnglichen Deiner Mittel Kopfſchütteln. Hauptſaͤchlich um die hieſigen Agenten des Prinzen Florian zu taͤuſchen, raffte der Verewigte in den letzten Tagen noch alle Kraft zuſammen, damit er ſtaͤrker erſcheine, als er war. Jetzt aber ſind bereits Boten ausgeſandt, den Herumſchweifenden aufzuſuchen. Obſchon auch ſeinen Beſoldeten lange Zeit alle Nachrich⸗ ten von ihm fehlten, ſo wird man ihn dennoch gewis finden. Er wird zuruͤckeilen und ſeine Auf⸗ merkſamkeit in jenem wichtigen Punkte um ſo weniger zu taͤuſchen ſeyn, da, der feſtgeſetzten Einrichtung nach, die Geburt des Kindes, das zwiſchen ihn und den Thron traͤte, in ſeinem Beiſeyn erfolgen muͤßte. Dein Verewigter er⸗ klaͤrte ſich ausdruͤcklich und heftig gegen den Ver⸗ ſuch einer ſolchen Taͤuſchung, weil er durchaus kein Gedeihen haben könne. Aber, mein Himmel, Vater, was wäre denn ſonſt zu thun? Sprich mir doch nur geradezu ſeinen Willen aus. Er verlangte— hier erfaßte der Graf ihre — 2— Hand— noch in dieſen Tagen verlangte er von Dir eine zweite, heimliche Vermaͤhlung.— Nein— rief ſie zuruͤckſchaudernd— nein, das iſt mehr, als das Herz eines fuͤhlenden Weibes ertragen kann! In der ſichtbarſten Ver⸗ zweiflung eilte ſie aus dem Zimmer. Meine Tochter, meine inniggeliebte Tochter! rief der Graf ihr nach. Sie hoͤrte nicht, ſie ſchwankte hinweg und verſchloͤß ſich in ihr ein⸗ ſames Gemach. Sle war für Niemand da. Erſt als es dunkel geworden, erſchien ſie wieder in den Zimmern ihres Varers, bleich, wie von den Todten zurüͤckgekehrt. Vater— begann ſie leiſe, aber mit großter Anſtrengung und er eilte, wie am Vormittage, das fremde Lauſchen unmoͤglich zu machen. Fäͤlſch⸗ lich— fuhr ſie fort— haben wir geglaubt, daß der Selige ſeiner Vernunft Meiſter geblieden ſey. Jenes entſetzliche Anſinnen, lieber Vater, muß ja auch Dich eines andern uͤberzeugen. Rechne deſſen Empoͤrendes ab. Halte nur das furcht⸗ — 43— bare Mittel mit dem Zwecke zuſammen. Was, als der Wahnſinn, könnte ſich fuͤr die Erreichung deſſelben zum Buͤrgen ſtellen? O Gott, Gott, daß ich ſolch einen unſeligen Eidſchwur leiſtete! Gutes Kind, ſein heller Geiſt, ſein liebendes Gemüth iſt dem Verſchiedenen bis zum letzten Hauche geblieben. Auch Du, theurer Vater, kannſt das glau⸗ ben?— Geſetzt nun, ich opferte mein ganzes beſſeres Selbſt ſeinem wahrhaft unmenſchlichen Willen, wer leiſtet die Gewähr für Nachkommen⸗ ſchaft, wer dafuͤr, daß dieſe maͤnnlich ſey? Was— verſetzte achſelzuckend der Graf— was blieb dem Sterbenden übrig fuͤr ſeinen wohl⸗ wollenden Plan, als eben dieſes, allerdings zwei⸗ felhafte Unternehmen? O mein Vater, wenn er mir geboten hätte, durch einen Dolchſtoß meine Reſte mit den ſeinigen zu vereinen, ich wuͤrde mir Verzeihung vom Him⸗ mel erfleht und mich freudig dem Tod in die Arme geworfen haben: daß er's aber uͤber ſich gewinnen — 42— konnte, mich von ſeinem geliebten Leichnam hin⸗ weg in die Arme irgend eines lebenden Menſchen ſ gleudern zu wollen und zwar fuͤr ein zweifel⸗ haftes Unternehmen, ſolch eine unerhoͤrte Grauſamkeit——— Theuerſte Pauline, meinſt Du, daß dieſe Zu⸗ muthung ihm leicht geworden? Warlich, der Todesſchweiß ſtand auf ſeiner Stirn, als er ſich in Deine jetzigen Verhaͤltniſſe dachte. Darum war's ihm unmoͤglich, Dir das Anſinnen ſelbſt zu thun; darum ſollte es auch durch meinen Mund nicht geſchehen, wenn ich ihm die Billigung haͤtte entziehen muͤſſen. So billigteſt Du, Vater—— 2 Allerdings. Die Beredſamkeit, mit welcher ſein liebegluͤhendes Herz das meinige beſtuͤrmte, ſiegte auch in mir über die berechnende Vernunſt, und als dieſe ſich aufregen wollte gegen den Ueher⸗ ſchwang der Gefuͤhle, da war es zu ſpaͤt, ich hatte ihm meine feſte Zuſage ſchon gegeben. Wahr iſt es uͤbrigens, daß das Land ſich furchtbar bedroht ſieht. O meine einzige Tochter, die beſte, hei⸗ ligſte Liebe beſteht im vollkommenen Vergeſſen des eigenen Gluͤckes uͤber dem Gluͤcke Anderer.— Es klopfte Jemand. Ich weiß, wer mich er⸗ wartet! ſprach der Graf und bat noch zuvor die Troſtloſe uͤber das letzte Verlangen des Gemals an ſie, weiter nachzudenken, um am folgenden Morgen das Naͤhere uͤber den Anlaß zu dieſem Plane, und was zu deſſen Ausfuͤhrung gehoͤre, durch ihn zu vernehmen. 7. Die Faſſung, mit welcher die Fuͤrſtin am Morgen vor ihren Vater trat, zeugte, daß die nächtliche Schlafloſigkeit Frucht getragen, daß ſie ſich entweder zu dem großen Gedanken der gefor⸗ derten Aufopferung erhoben hatte, oder an der zweckmaͤſigen Ausfuͤhrbarkeit des Planes zweifelte. Du wirſt Dich vielleicht— begann der Graf vom Schreibetiſch aufſtehend und ſie mit Zaͤrtlich⸗ ₰ — 46— keit nach dem Sopha fuͤhrend— einer großen Zerſtreuung erinnern, in die Dein verſtorbener Gemahl, wie er mir ſelbſt ſagte, am Tage ſeiner Abreiſe in das Bad, verſenkt geweſen.— Ja wohl— erwiederte die Witwe— ſie war ganz auſſerordentlich. Kurz vor der Abfahrt ſaß er neben mir auf dem Sopha. Auf alle Fragen gab er unpaſſende Antworten, dazu ſah er oft ſo ſtarr und tiefſinnig vor ſich hin, daß mir bang, aͤuſſerſt bange wurde und ich in der ganzen Art und Weiſe ſchon das Unheil auf mich zuſchreiten ſah, das mir mit ſeinem Tode wiederfahren iſt. Das alles, mein Kind, war die Folge eines Traumes der vorhergegangenen Nacht. Am Abend eben wieder mit dem Harme uͤber des Landes Schickſal nach ſeinem Tode zu Bette gegangen, ſchlief er gegen Anbruch des Tages endlich ein und der ſeltſame Traum, den er hatte, machte den tieſſten Eindruck auf ihn. Er hatte ſich ſelbſt in einem offenen Sarge liegen ſehen. Da warſt Du am Arme eines Andern ihm mit der Bitte um — 42— ſeinen Segen genaht. Du hatteſt ihm angedeutet, daß der Zweck Deines Vereins mit dem Fremden die Rettung des Landes durch einen männlichen Nachkommen bewirken ſolle.— Paulinens Geſicht druͤckte den heftigſten Schmerz uͤber einen Traum aus, der ſolch eine Bitte in ihren Mund hatte legen können. Ihr Vater fuͤgte hinzu, daß der Segen gegeben wor⸗ den und Iſidor, wie davon neugeſtaͤrkt, erwacht ſey.— Und— ſprach die fuͤrſtliche Witwe— dieſem Traume konnte er eine weiſſagende Kraft zuſchrei⸗ ben, er, der ſonſt nicht die mindeſte Bedeutung auf Traͤume legte? Auch auf dieſen legte er vielleicht mit Bewußt⸗ ſeyn nicht allzuviel— ſprach der Graf weiter— wie oft aber geſchieht es nicht, daß irgend ein Glaube, den unſre Vernunft beharrlich von ſich weiſet, uns in's Herz flüchtet und von dort aus ſeine Triumphe feiert. Das Herz iſt nicht ſelten — 48— ein Gegner der Vernunft und aller Glaube Sache 1 des Herzens. Ach, Vater, Vater, wie konnte nur ſein Herz—— dem meinigen, ſo fragt dieſes, ſolch eine Zumuthung thun? Es konnte das wohl, bei ſeinem großen Hange auf ungewoͤhnlichem Wege wohlthaͤtig zu wirken 4 und gleichſam ſo das Unmöͤgliche moͤglich zu machen. Er hielt Dein Herz fuͤr fäͤhig, aus Liebe zu ihm einen Schritt zum Heile des geliebten Lan⸗ des zu thun, einen Schritt, deſſen Peinliches er ſich nicht verheelte. O, mein Vater, kann ein Schritt gut ſeyn, vor dem man ſchaudert, wie ich vor dieſem? Aller Selbſtuͤberwindung, theure Pauline, gehen ſolche Schauder voraus. Und der Betrug, Vater, auf dem hier die Moglichkeit des Gedeihens ſich gruͤndet? Kam aus der froͤmmſten Seele und war, als er ſich mir kund that, mit ſolch einem ſiegenden 8— 29— Zauber bewaffnet, daß mir ſelbſt aller Widerſtand unmoͤglich wurde. Doch genug, mein Kind, über⸗ das Recht der Sache. Nur davon noch, was Du thun willſt. Denn es iſt Zeit zu Faſſung eines Entſchluſſes. Nach einem hoͤchſt unerfreulichen Schweigen, nach langem duͤſtern Anſtarren des Bodens, erhob die Fürſtin ihr Haupt und ſprach: Wohlan mein Vater, ich werde thun, was nach jenem Eidſchwure⸗ mir unerlaßlich iſt. Nehmen Sie mich denn hin; verfuͤgen Sie nach Gefallen uͤber Ihre hoͤchſtun⸗ glückliche Tochter. Wer iſt der mir beſtimmte Gemahl? Die letzte, heftig herausgeſtoßene Frage er⸗ ſchuͤtterte das Vaterherz in ſeiner Tiefe. Mein Kind— erwiederte der Graf mit bebender Stimme und faßte zaͤrtlich ihren Arm— von Dir wird die Wahl abhaͤngen. Von mir? rief ſie zuruͤckſchaudernd. Nimmer⸗ mehr. Angeſichts der Leiche des kaum verſchiede⸗ nen Gatten ſollte ich ſelbſt einen zweiten Gemahl 3 4 3 8 — 50— mir waͤhlen? So entſetzlich kann doch wohl des Erblaßten Wille gegen mich nicht geweſen ſeyn; ſo tief kann er mich nicht vor mir ſelbſt haben er⸗ niedrigen wollen. Keinem Opferthiere uͤberlaͤßt man die Wahl ſeines Todes. Warum ſollte nur in dieſem ſchrecklichen Falle, bei mir ſolch eine liebloſe Ausnahme ſtatt finden. Fuͤhre Du mich dem, im Voraus mir Verhaßten, zu, Vater. Gut— ſprach der Graf— ſo reiſen wir noch heute zu Deiner Mutter. Das Weitere wird ſich finden. Graf I's eilte zum Miniſter. Er ſagte ihm von der Nothwendigkeit, ſeine Tochter in der Mutter Arme zu fuͤhren und ſie der ſchmerzlichen Umgebung zu entreißen, die ihren Geiſt mit Zer⸗ ruͤttung bedrohe. Daſſelbe trug er dem Prinzen Thaſſilo, Florian's füngern Bruder, einem Juͤng⸗ linge vor, der, als das Gegentheil von dem Ab⸗ weſenden/ die allgemeine Liebe beſaß, wegen der Jugend des letztern aber wenig Ausſicht zum Throne hatte. Thaſſilo und der Miniſter billig⸗ 3 — 51— ten beide den väterlichen Wunſch, die junge, tief⸗ fühlende Witwe vor den Gefahren ihres unbeſieg⸗ baren Grames durch Zuruͤckfuhrung in der lieben⸗ den Mutter Arme moͤglichſt zu ſichern. 8. In aller Stille verlies Abends der Vater mit ſeiner troſtloſen Tochter die Stadt. Faſt auf der ganzen Reiſe war Pauline ſtumm und bewußtlos⸗ Ihr Vater fuͤhlte wohl, daß Anregungen zum Ge⸗ ſpraͤch ihr nur neue Qualen bereiten konnten. Was waͤre vermoͤgend geweſen, ihre Gedanken von dem einzigen Gegenſtande abzuziehen, der ihr die Seele abwechſelnd mit Schmerz und mit Grauen erfuͤllte? Nur die Mahnung konnte er ihr nicht unterlaſſen, daß ſogar die innigliebende Mutter, deren theilnehmendes Herz noch der einzige lichte Punkt für ſie in der Welt geblieben war, von dem unglücklichen Geheimniſſe keine Kunde, ja nicht die mindeſte Ahnung haben duͤrfe. 1 4* — 52— Und eben mit dieſem Gebote wurde Paulinen die letzte und einzige Linderung ihrer uͤberſchweng⸗ lichen Seelenpein genommen, mit dieſem Gebote ihr ſogar der Genuß des Mutterherzens verküm⸗ mert, dem ſie von jeher ihr ganzes Inneres ohne allen Rückhalt aufgeſchloſſen hatte. Am dritten Abende langten ſie an. Der Schmerz im graͤflichen Hauſe war groß. Die Graͤfin erſchrack vor der Gewalt, mit der das ge⸗ liebte Kind ſie an ſich preßte. Und als die zaͤrt⸗ liche Mutter, errathend, daß ſchwere Laſten auf dem Herzen der geliebten Tochter liegen moͤchten, ſie bat, doch ja, wie ſonſt immer, durch deren Ent⸗ ſchuttung in ihren Buſen ſich Luft zu machen, ſo gerieth die Unglückliche in eine Verzweiflung, die wirklich dem Wahnſinne nahe kam. Ich muß andre Zerſtreuungen ſuchen fuͤr ſie! ſagte der Graf zu ſeiner Gemahlin und traf Anſtalt zur Abreiſe fuͤr den folgenden Tag. Paulinen ſchien nichts mehr begegnen zu kön⸗ nen, worauf ſie ungefaßt geweſen waͤre. Der Ge⸗ — — 53— danke, Geheimniſſe haben zu muſſen vor ihrer Mutter, hatte ſie zuletzt in eine Art von Geiſtes⸗ dumpfheit verſenkt, ſo daß, als ſie am Morgen mit ihrem Vater in den Wagen ſtieg, die Theil⸗ nahme der Grafin faſt gar keinen Eindruck auf ſie zu machen ſchien.. Auf des Vaters Geheiß hatte ſie die ſchwarze Farbe am Reiſeanzuge gaͤnzlich vermieden. Bei der Mutter war von Seiten des Grafen dieſer Um⸗ ſtand mit der Nothwendigkeit entſchuldigt worden, die Tieſbetruͤbte eben der Erinnerung an den großen Verluſt aus dem Wege zu fuͤhren. Die Graͤfin wunderte ſich aber weniger hierüͤber, als uͤber den Anſchein von Gleichguͤltigkeit, mit welchem ihr, ſonſt ſo gefuͤhlvolles, Kind ſich darein ergab. 9. Auf der erſten Station ſchickte der Graf die eigenen Rappen hinweg, um mit Poſtpferden wei⸗ ter zu gehen. Die Schonung, welche er Paulinens — 334— voͤlliger Verſchloſſenheit angedeihen ließ, das zaͤrt⸗ liche Aufmerken, womit er jedes, von laͤngern Reiſen nicht zu trennendes, Ungemach ihr zu er⸗ leichtern ſuchte, die Sorgfalt, welche ſein Auge darauf wendete, den ſchweigenden Lippen der Tief⸗ betruͤbten die Wuͤnſche abzuſehen, das alles ging an ihrer Dankbarkeit nicht verloren. Sie that es von Zeit zu Zeit kund, durch einen leiſen Druck der vaͤterlichen HandT. Den ganzen Tag waren ſie vor keinem Wirths⸗ hauſe ausgeſtiegen und auch auf den Poſten waͤh⸗ rend des Pferdewechſels im Wagen geblieben. Der mmitgenommene Diener war zugleich mit den Rap⸗ pen nach Hauſe geſchickt und erſt auf der dritten Station ein Fremder zur Bedienung gewaͤhlt wor⸗ den, welcher ſeine Stelle zu des Grafen Zufrieden⸗ heit verſah. Die Strahlen eines ſchoͤnen Sonnenuntergan⸗ ges verherrlichten den hohen Eichwald, durch den ſie fuhren. Es war, als ob ihr freundlicher Glanz dem Herzen der Furſtin wohlthue. Aber jetzt auf Einmal ging mit den Tonen einer Flöte ein ſicht⸗ — 55— barer Schauer durch ihre Seele. Iſidor hatte in früherer Zeit dieſes Inſtrument als Meiſter be⸗ herrſcht, es dann aber auf das dringende Verlan⸗ gen der Aerzte ſeiner kranken Bruſt erſpart. Nur zweimal war Pauline durch die Gewalt ſeiner Floͤ⸗ tenharmonien bezaubert worden. Und ſo viele Monate ſich auch dazwiſchen draͤngten und ſo wenig der jetzige Flötenſpieler eine Vergleichung mit Iſidor aushielt, ſo führten doch ſeine Toͤne die ganze ſchoͤne Vergangenheit im höchſten Glanze ihrem Geiſte zuruͤck. Und unmittelbar an ſie fuͤgte ſich das Bild ſeines Verſcheidens und das An⸗ ſinnen, welches die Veranlaſſung zu dieſer Reiſe gegeben hatte. Der Graf hatte die Virtuoſitaͤt des Verſtor⸗ benen auf der Floͤte ebenfalls gekannt. Er wußte, daß die Phantaſie an der Tonkunſt die maͤchtigſte Leiterin hat zur Ruͤckkehr in die Vergangenheit, und konnte ſich aus dem plötzlich wieder von der tiefſten Schwermuth umdüſterten Blicke ſeiner Tochter den ganzen Zuſtand ihres Innern erklaͤren. Unwill⸗ — 56— kuͤhrlich zuͤrnte ſein Auge nach der Gegend; de Flötentone hin. Pauline bemerkte es, errieth die Urſache und ſprach: Habe Dank, guter Vater. Nein, ich bin nicht verlaſſen, ſo lange Deine zarte Theilnahme, Dein inniges Mitgefühl mir geblieben iſt. Und da das mir ſo wohlbekannte, theure Vaterherz ſich zur Bälligung jenes, fuͤr mich unausſprechlich har⸗ ten, Planes entſchließen konnte, ſo—— Ja, Vater, rechne darauf, daß ich von nun an blind⸗ lings Deinen Willen zum Richtmaſe meiner Hand⸗ lungen nehmen werde. Und wie gar oft grade am ſtäͤrkſten Schmerze die Seele ſich aufrichtet und Kraft gewinnt zum Durchlaufen einer dornenvollen Bahn, ſo ſchien auch Paulinens Verzweiflung nunmehr einer ſtillen Ergebung in das Nothwendige zu weichen. Am folgenden Tage machte der Vater ſie all⸗ maͤhlig mit dem Zwecke der Reiſe naͤher bekannt. Er aͤuſſerte, daß auf den Fall ihres Verſchmaͤhens der Wahl eines zweiten Gatten, der Verſtorbene — 52— ſchon einen Mann dazu auserſehen habe. Und der Mann war kein anderer als C— d. 10. Sie fuhren Tag und Nacht und erreichten am zweiten Abende Arthurs Gut. Pauline verhielt ſich im Gaſthofe, während ihr Vater, der ſeinen eigentlichen Namen unter dem eines ſeiner Doͤrfer, auch hier, wie überall auf der ganzen Reiſe, ver⸗ barg, den Gutsherrn aufſuchte. Ein Paar empfeh⸗ lende Zeilen von Iſidor, deſſen Handſchrift er kennen gelernt hatte, erwarben dem Grafen ſogleich die günſtigſte Aufnahme. Der Verſtorbene fuͤhrte ihn dadurch als ſeinen Vater bei dem Lord ein. Arthur beſtuͤrmte den Gaſt mit Fragen nach des unbekannten Freundes Geſundheit. Er gab dem Grafen ſeine Sorge und Angſt zu erkennen, weil Iſidor in einem ſo bedenklichen Zuſtande ab⸗ gereiſtt und ihm ſeitdem alle Spur von dem werthen Kranken verloren gegangen war. — 3s— Paulinens Vater aͤuſſerte im Allgemeinen, daß die köoͤrperliche Schwaͤche ſeines angeblichen Sohnes noch immer ſehr groß, wenn auch nicht alle Hoffnung auf das Aufkommen deſſelben ver⸗ loren ſey. Zugleich ſprach er ſich über den Zweck ſeiner Reiſe alſo aus, daß ſie ein Verſuch ſeyn ſolle, ſeine Tochter dem Schmerze zu entziehen, der mit der Krankheit ihres innig geliebten Bru⸗ ders ihr am Leben nage. 3 C d zeigte das groͤßte Verlangen nach der Bekanntſchaft der Schweſter ſeines werthen Kran⸗ ken und machte dem Gaſte bittre Vorwuͤrfe, daß er ſie der Unbequemlichkeit des Gaſthofes Preis gegeben. Er beſtand darauf, ſie noch heruͤberzu⸗ holen. Allein der Graf gab vor, daß ſie ermuͤdet von der Reiſe, ſich ſogleich ſchlafen gelegt habe. Uebrigens— fuͤgte er hinzu— ſey vor ihrer Ein⸗ fuͤhrung bei ihm die Bitte noͤthig geweſen, ihres Bruders in ihrer Gegenwart nie zu gedenken, weil ſte eben der Erinnerung an ihn, die ihr um ſo ſchmerzlicher ſey, da ein Jahr früher ihren Gatten — 59— faſt dieſelbe Krankheit hingerafft, wie ſchon er⸗ wähnt, durch die Reiſe moͤglichſt entfuͤhrt werden ſolle. Arthur gelobte, des angeblichen Bruders ge⸗ wis keine Erwaͤhnung zu thun und zeigte das groͤßte Verlangen nach der Bekanntſchaft der Witwe. Graf J* kehrte ſehr zufrieden mit ſeinem heutigen Geſchaͤft in den Gaſthof zu Paulinen zu⸗ rück. Ganz wie Iſidor gehofft, hatte er C— d, und die Aufnahme bei demſelben gefunden, glaubte auch mit dem Verſtorbenen, daß das ſeelenvolle Weſen Paulinens einen unwiderſtehlichen Eindruck auf den jungen Mann machen müſſe. So fand ſich's wirklich, als er am folgenden Morgen im Gaſthofe erſchien, ſie abzuholen. Pauline, von allen, am Abende vorgefallenen Einleitungen durch ihren Vater unterrichtet, ward ſogleich inne, was bei ihrem Anblick in ſeinem Herzen ſich regte. Nur mit Mühe verbarg der Graf, dem in Arthurs immer zunehmender Befan⸗ genheit die Wirkung vor Augen lag, welche Pauline — 860— über den ſo ganz gluͤcklichen Ausgang einer Liebe, die waͤhrend des Vormittags, den ſie in des Lords Garten zubrachten, faſt mit jeder Minute deut⸗ licher an's Licht trat. Der ganze Tag entfloh wie der freundlichſte Traum, die mannichfachen Gegenſtände der Natur und Kunſt in Garten und Haus gaben ohne Auf⸗ hoͤren Anlaß zu Bemerkungen. Die innere Ueber⸗ einſtimmung zwiſchen Arthur und Paulinen ent⸗ faltete ſich klarer, als oft in aͤhnlichen Faͤllen nach jahrelanger Bekanntſchaft. Die Gluten des Sonnenuntergangs, die hier und da aus dem warmen Zauberdufte, der uͤber der lieblichen Landſcha ter regten den Geiſt der t ruhte, aufblitzenden Lich⸗ iebe maͤchtiger an. Dazu fuͤhrte der Zufall grade au dieſem Abende ein Paar Verlobte aus dem Dorfe her. Der Vater der Braut empfahl ſie mit wenigen, herzlichen Wor⸗ ten dem Gutsbeſitzer. Als nun dieſer Vater zuletzt den wohlgemeinten Wunſch baldiger Nachſolge auf den jungen Mann gemacht hatte, ſeine Freude — 61— ausſprach, da zog eine geheime Gewält Arthuts Blicke heruͤber nach Paulinen, die in des Braut⸗ paares Anſchauen ſchmerzlich verſunken ſchien. Dann faßte er den Grafen haſtig am Arme, zog ihn in einen Seitengang und ſprach: Sie und Ihre Tochter koͤnnen dem Wunſche des treuherzigen Alten fuͤr mein Gluͤck Gewaͤhrung verleihen, wenn anders die Hand der herrlichen Pauline noch nicht wieder verſagt iſt!— Ies antwortete nicht, aber ſeine Miene ſprach Arthurn zu beruhigend an, um eine dem Begehren unguͤnſtige Stimmung in ihm vermuthen zu duͤr⸗ fen. Daher trat er wieder zu den Uebrigen mit dem Gaſte. Als er das junge Paar mit den Wor⸗ ten: Moͤge das Gluͤck mit euch und ihr deſſen wůr⸗ dig ſeyn! entlaſſen hatte, wendete er ſich an Pau⸗ linen und ſagte: Sie haben den Wunſch jenes Alten fuür mein Wohl ebenfalls vernommen. Er traf mein Herz in einem Momente, wo es, ſchwel⸗ gend in den ſuͤßen Erinnerungen des eben unter⸗ gegangenen ſchoͤnſten Tages meines zeitherigen geraͤumte Zimmer zuruͤckzog. — 32— Lebens, trunken geworden war von dem Gefuͤhl 4 Ihrer Naͤhe. In wahrhaft heiliger Begeiſterung ſchloß da meine Seele ſich Ihrem Vater auf. Von der heftigen Unruhe, welche Paulinen ſichtbar ergriff, wenn ſchon nicht ganz niederge⸗ ſchlagen, doch ungewis gemacht, hielt Arthur inne. Da nahm ihr Vater das Wort: der Lord, meine Tochter, hat um Deine Hand angeſucht. Pauline ſchien in ein Meer von Schmerz zu verſinken. Ihr Vater gerieth in ſichtbare Ver⸗ legenheit. Arthur ſtarrte erbleichend der verzoͤger⸗ ten Antwort entgegen. Endlich begann, nach einem tiefen Athemzuge Pauline: Herzlichen Dank, Mylord, füͤr Ihr ehrenvolles Zutrauen auf ein zufriedenes Leben an meiner Hand, den herzlichſten und morgen—— meinen Entſchluß. Zwei große Thraͤnen rollten uͤber ihr Geſicht, als ſie ſich mit dieſen Worten in das ihr bereits ein⸗ — 63—— Ich errathe alles! rief Arthur, als der Graf ſeinen Arm traulich an ſich nahm. Warum aber meint ſie, daß ihr Nein mich morgen minder ſchmerzen werde, als heute? Paulinens Vater ſuchte das Benehmen der Tochter aus der Schnelle und Wichtigkeit der auf ſie eingedrungenen Frage herzuleiten. Aber Arthur ſprach: Nein, troͤſten Sie nicht; die Hand, um die ich bat, iſt bereits einem Glücklichern zuge⸗ ſtanden. Gewis nicht! antwortete der Graf. Ganz gewis! Ich ſchwoͤre darauf, Mylord, daß Sie ſich irren. Ihr Wort in Ehren; aber auch der Vater der beſten Tochter durchſchaut in ſolchen Faͤllen das Herz ſeines Kindes nicht immer. Morgen wird ſich alles ausweiſen. Doch baͤrge ich mit meiner Ehre, daß die Hand meiner Pauline vollkommen, bis heute, vollkommen frei geweſen iſt. — 64— Arthur ſchien etwas beruhigt, durch den Ernſt dieſer Verſicherung. Graf Ies lenkte das Geſpräch auf Iſidors Unterredung mit dem Gutsherrn und unter andern auch nuf das Kapitel von der Aufopferung fuͤr heil⸗ ſame Zwecke, welches Iſidor, wie bereits bemerkt worden, mit dem Lord abgehandelt hatte. Letzterer erinnerte ſich deſſen noch recht wohl und von ſei⸗ nem Worte beym Abſchiede,„ich denke, der heu⸗ tige Morgen ſoll nicht verloren ſeyn für unſer bei⸗ derſeitiges Leben“ ſagte er: Es war mir damals, als ob ein prophetiſcher Geiſt in der ſchwachen Stimme des Kranken maͤchtig walte. Noch jetzt, ſo oft ich mir den Augenblick zuruͤckrufe, hoffe ich auf einen naͤhern Verein zwiſchen mir und ihm. So kann ich denn auch meine heutige Bekannt⸗ ſchaft mit Ihnen und ſeiner Schweſter durchaus nicht als ein Werk des blinden Zufalls betrachten.— Pauline ließ ſich entſchuldigen, als ſie zum Abendeſſen geladen wurde. — 65— 11. Was iſt Dir, mein liebes Kind? redete der Graf ſeine Tochter an, als er ſpaͤter in ihr Zimmer trat, wo ſie ihm haͤnderingend entgegen kam. Das fragſt Du noch, Vater? Ich moͤchte— erwiederte er, nicht ohne Strenge— uͤber Mehreres mochte ich Aufſchluß haben.— Zum Beiſpiel uͤber Deine ſeltſame Antwort auf den erwuͤnſchten Antrag. Erwuͤnſcht kannſt Du dieſen Antrag nennen? Erwuͤnſcht meine Beſtimmung, einen trefflichen Mann, wie dieſen, in den Abgrund zu ſtoßen mit derſelben Hand, von welcher er ſeinen Frieden er⸗ wartet? Aber nein, nein, das iſt meine Be⸗ ſtimmung nicht. Gotteslaͤſterung waͤre es, ſolchen Frevel fuͤr Beſtimmung zu achten. Nimmermehr, Vater, wirſt Du mich dahin bringen, das ſo wohlverdiente Lebensgluͤck dieſes Wuͤrdigen alſo zu ſtoͤren. Der betroffene Graf bemuͤhte ſich, ihr die Sache hauptſaͤchlich dadurch aus anderm Geſichts⸗ 5 — 66— punkte zu zeigen, daß er ihr Mittheilung that, von jenem Geſpraͤche zwiſchen Iſidor und Arthur über Aufopferung zum Beſten Anderer. Aber vergebens ſuchte er ſeine, wie er ſagte, hoͤhere, An⸗ ſicht ihr einleuchtend zu machen. Sie erwiederte: Und wenn auch dem ſeligen Iſidor und Dir dies gnügen ſollte, fuür mein Gewiſſen iſt es nicht hin⸗ reichend. Der Plan war, daß ich mich am Tage nach der Hochzeit heimlich entfernen ſollte, nicht? Allerdings! Nun ſo erklaͤre ich denn, daß dies nimmer⸗ 4 mehr geſchehen kann. Und Dein freiwillig geleiſteter Eid, Pauline? Soll Erfüllung finden! Opfre mich auf, Vater, wirf mich hin an den elendeſten der Men⸗ ſchen, ohne Murren will ich ſolch ein furchtbares Geſchick ergehen laſſen uͤber mein ſchuldloſes Leben⸗ Nimmer aber werde ich mir es abgewinnen, die⸗ ſem Manne in dem ſchmaͤhlichen Lichte zu erſchei⸗ nen, das nach ſolchem Betruge auf mich fallen muͤßte!— — 6— So ſollte weibliche Eitelkeit Dich abhalten von der Ausführung eines Planes, der ſo wohl⸗ thaͤtig werden koͤnnte fuͤr ein ganzes Land? O Vater, iſt der Abſcheu vor dem Gedanken, ſich ſelbſt der Verachtung edler Me ſchen Preis zu geben, nichts, als die Frucht thöriger Eitelkeit? Das Bewußtſeyn— erwiederte der Graf— iſt immer der beſte Schutz vor dem Drucke unver⸗ dienter Verachtung. Aber auch vor der Vorſtellung der Ver⸗ zweiflung, die C— d ergreifen muͤßte, wenn er abermals eine Perſon, der er ſein Vertrauen ge⸗ ſchenkt, ſo entſetzlich an ſich handeln ſähe? Nein, Vater, Dein Beharren auf dem Anſinnen allein, könnte mich toͤdten. Ich begreife nicht, wie Du dem eigenen Kinde auch nur zulaſſen koͤnnteſt, ſolch einen heilloſen Frevel zu begehen. Gedankenvoll ſah der Graf vor ſich hin. Nach einer langen, duͤſtern Pauſe fragte er: Was gedenkſt Du morgen zu antworten, Pauline? Daß Verhaͤltniſſe des Lords Wunſchen ent⸗ 5 8 in ſein Schlafgemach. gegenſtuͤnden; daß ich auſſer Stande waͤre, ſeinem Zutrauen Gnuͤge zu leiſten. Mein gutes Kind, eine einzige Nacht liegt noch dazwiſchen. Erwäge vor allem, wohin Dich der Lieblingswunſch des Verſtorbenen weiſet, und wie Dir Dein freiwilliger Eid die Verweigernng des Erfüllens abgeſchnitten hat. Erlaß mir die heftige Antwort, welche Deine Miene, die unge⸗ duldige Regſamkeit der Lippen vorausſagen. Morgen fruͤh erſt, entdecke mir Deinen Entſchluß. Laß ein reifliches Nachſinnen ihm vorausgehen. Denn nur leiten wollte ich Deinen Willen. Das iſt hinreichend geſchehen und ich begebe mich im Voraus jeder Widerrede gegen Deine morgende Entſcheidung. Mehr kann die billige Tochter doch wohl nicht von ihrem Vater verlangen? Pauline kuͤßte die Hand des durch Miene und Ton die innigſte Theilnahme Beurkundenden. Wie einen fuͤr immer ſcheidenden Freund druͤckte er ſie an ſein Herz und begab ſich dann ſchnell 12. Der Morgen kam der Schlafloſen viel zu ſpaͤt. Bald eilte ſie im Zimmer auf und nieder, bald ſchauete ſie aus dem Fenſter. Aber die Wunder der Natur, welche Garten und Gegend vor ihr ausbreiteten, konnten den innern Sturm nicht beſchwoͤren. Ia, ſie wendete ſich einige Mal mit Unwillen hinweg von der ſchoͤnen, bunten Erde, von dem entzuͤckenden Blau des Himmels. In der Natur konnte ſie unmoͤglich Troſt finden, wenn ſie dem unnatuͤrlichen Gebote ihres ſterben⸗ den Gatten ſich fügen wollte. Uebrigens war ihr Entſchluß nunmehr unwiderruflich gefaßt.— Ihr Vater trat herein. Sie offenbarte ihm, daß ſie den Lord nothwendig vorbereiten müſſe auf ihr Verſchwinden. Weder Billigung noch Tadel in des Vaters Geſichte. Darauf wies er ſie jedoch hin, daß das Geheimnis der Sache durch nichts gefahrdet werden duͤrfe. Sie ſagte das zu. * Bald nachher kam Arthurs Einladung, das Fruͤhſtuͤck im Garten einzunehmen. Sie gingen hinunter. Der Spannung, in der ſich alle drei befanden, konnte nur der Graf Meiſter werden. Daher erhielten die Geſpraͤche, welche er auf die Bahn brachte, die duͤrftigſte Unterſtuͤtzung. End⸗ lich litt der gewaltige Strom in Arthurs Bruſt keine Daͤmmung mehr. Meine neue Freundin— begann er— die wichtige Frage des geſtrigen Abends raubt mir den Sinn fuͤr alles. Antworten Sie ſo kurz und beſtimmt, als moͤglich. Paulinens Vater nahm die Betrachtung ei⸗ ner in der Naͤhe ſtehenden Blume zum Anlaſſe, ſich zu entfernen. So kurz als moͤglich werde ich ſeyn— er⸗ wiederte Pauline. Aber die Umſtaͤnde erheiſchen eine Erlaͤuterung. Durch meinen Pater weiß ich, Sie haben Urſache uͤber mehrere Frauen Beſchwerde zu fuͤhren; moͤchte man daher nicht verſucht wer⸗ den, Sie einer großen Unbedachtſamkeit zu zei⸗ — 71— hen, daß Sie, nach Ihren bittern Erfahrungen, ſo bereit ſind, einer Unbekannten den Frieden Ihres Lebens anzuvertrauen? Als ob nicht— erwiederte er— grade meine Erfahrungen mich darauf hinwieſen, daß die Laͤnge der Bekanntſchaft durchaus keine zureichende Pruͤfung iſt? Die Kuͤrze einer ſolchen, Mylord, kann aber doch wohl noch weniger zureichen? Beſte Graͤfin— denn fuͤr eine verwitwete Graͤfin von Heinegg hatte ihr Vater ſie ausge⸗ geben— glauben Sie nicht an Momente und Stimmungen, in denen der Blick des Geiſtes eine ganz ungewoͤhnliche Schaͤrfe beſitzt? Und woran, Mylord, erkennen Sie die letztere, ungewoͤhnliche Elgenſchaft? Wer ſagt Ihnen, daß Sie ſich darin nicht irrten? Wenigſtens— erwiederte er— bezwingen ſchon ſolche verſtaͤndige Einwendungen allein die moͤgliche Beſorgnis eines Irrthums in dieſem Falle. Und, meine Freundin, iſt denn der geſtrige Tag, der Reichthum, die Uebereinſtimmung un⸗ ſerer Gefühle, die er uns ſo offen darlegte, ein ganz gewoͤhnlicher Tag geweſen? Wollen Sie in Abrede ſtellen, daß oft ein Jahre langer, täͤg⸗ licher Umgang ſo viel ſchöne Bluͤten des Gefuͤhls nicht hervortreiben wuͤrde, als die, welche uns geſtern, wie ich glaube, wechſelſeitige, Erquickung gewaͤhrten? Iſt Ihnen, mein Freund— entgegte Pauline — iſt Ihnen nie zuvor mit denjenigen Frauen, die ſich Ihrer ſo unwuͤrdig erwieſen, etwas Aehn⸗ liches begegnet? Niemals, theure Freundin! Ueberhaupt kann ich wohl ſagen, daß meine Forderungen an jene ſich, außer dem, was der Anſtand verlangt, ein⸗ zig auf hauswirthliche Vorzuͤge beſchraͤnkten, wie ich denn nie bei der Wahl meiner Lebensgefaͤhr⸗ tin nach beſonderm Glanz im Aeußern und In⸗ nern ausgegangen bin. Um ſo mehr begluͤckte mich geſtern ſchon der Gedanke, daß ja doch wohl meine zeitherigen Misgriffe Beſtimmung geweſen — 73— ſeyn könnten, daß die Vorſehung mein oͤfteres Murren gegen ihr Walten durch Hindeutung auf Sie, ſo gnaͤdig, als auffallend, habe beſchaͤmen wollen. 5 Wie aber, mein lieber C— d, wenn grade mit mir das eigentliche Ungluͤck erſt uͤber Sie hereinbraͤche? Bisher iſt Ihnen wenigſtens immer Ihre Freiheit wieder anheim gefallen. Wenn nun die naͤmliche, die Sie für ſo viel beſſer achten, heute ein Eheband mit Ihnen abſchloͤſſe, doch morgen vielleicht ſchon wieder verſchwaͤnde, Ihnen nichts zuruͤcklaſſend als den Harm, endlich ſogar Ihre Hand fuͤr immer gefeſſelt zu haben? Die zufaͤllige Aehnlichkeit dieſer Frage mit dem Beiſpiele, welches ihm der verſtorbene Iſidor aufgeſtellt und deſſen er ſich hier mit Einem Male wieder auf das lebendigſte ckinnerte, ergriff ihn wunderbar. Der Gedanke ſtieg auf in ihm, 0b vielleicht Iſidors angebliche Schweſter vom da⸗ maligen Geſpraͤch ihres Bruders mit ihm und von ſeiner Aeuſſerung unterrichtet, die Wahrheit der — 14,— letztern auf den Prüfſtein legen wolle und er ſagte:— Ja, Theuerſte, noch heute ſchließe ich das Eheband ab mit Ihnen, auf dieſe Gefahr. Beſter C— d, uͤherdenken Sie erſt die ganze Dauer Ihrer künftigen Einſamkeit. Angenommen, daß wahre Neigung zu mir, Sie zu dem Schritte verleitete—— Das können Sie auch annehmen— fiel er ihr in’s Wort— Sie koͤnnen gewis ſeyn, daß die Be⸗ deutung deſſen, was man Liebe nennt, durch Ihr Anſchauen, durch den Ausdruck Ihrer Gefuhle, mir erſt recht klar geworden iſt. Wie, wenn Sie nun aber mit einer geliebten Perſon nur verbunden wuͤrden, um ſolche unmit⸗ telbar darauf wieder zu entbehren, fuͤr immer? Wenn das Entbehren Folge der Nothwendig⸗ keit, nicht eines ſtrafbaren Eigenwillens waͤre, wuͤrde ich—— Sie würden——? fragte, als Arthur hier ſtockte, Paulinc mit inniger Ruhrung. —— -— —. 7565— Bei meinem Glauben an Unſterblichkelt, würde ich mich dann wenigſtens für weit gluͤck⸗ licher achten, als vor der Bekanntſchaft mit ihr. Denn, was das Leben getrennt hielte, müßte doch der Tod wieder vereinigen und auf das Glück des hieſigen Lebens hatte ich ja ſchon zuvor Verzicht geleiſtet! Auf den Tod, mein Freund, rechnen Sie! Wie aber, wenn Ihre Geliebte bereits Witwe iſt, und ſonach der Tod ſie einſt nicht mit Ihnen, ſon⸗ dern mit dem Fruherverſtorbenen wieder ver⸗ einigte?— Warum nicht mit mir ebenfalls? Sollten für liebende Gemuͤther auch jenſeit die Schranken gel⸗ ten, welche die Erhaltung der Ordnung auf der Erde nothwendig macht? Wohlan— ſprach Pauline— unter obiger Vorausſetzung wiederhole ich mein Verſprechen, noch heute die Ihrige zu werden. Und zum Beweiſe meiner vollkommenen Zu⸗ verſicht auf Ihre Redlichkeit, moͤgen Sie ſelbſt, — 276— Pauline, den Tag unſerer Vermaͤhlung be⸗ ſtimmen: Nur heute iſt noch Zeit dazu. Morgen be⸗ ginnt die Reiſe, von der ich nicht weiß, ob ich je⸗ mals zu Ihnen zuruͤckkehren kann. Daß es ge⸗ ſchieht, wenn, und ſo bald es in meinen Kraͤften ſteht, darauf, wie auf die ſtrengſte Treu, meine heilige Zuſage. Die hoͤchſte Ruͤhrung, der feierliche Ton konnte ihm keinen Zweifel laſſen, daß Paulinens Verhalt⸗ niſſe allerdings die vorgeſchlagene Seltſamkeit er⸗ heiſchten. Und— ſprach er nach einer bedeutungsvollen Pauſe— die Urſache dieſer Reiſe und der Moglich⸗ keit ſo langer Abweſenheit? Iſt ein Geheimnis, das die Pflicht feſt in mein Herz verſchließt. Auch hierein— ſeyn Sie überzeugt, daß mein Herz die ganze Grauſamkeit davon zu empfinden weiß— auch hierein muͤßten Sie ſich ergeben. Aber, nein, mein Freund, nein! Ich kann es Ihnen nicht anrathen. Nur aazudrohend ſtehen die unglückſeligen Tage und — 7— Wochen, Monate und Jahre vor mir, in denen Sie das ſo unbeſonnen eingegangene Band ver⸗ fluchen wuͤrden, in denen Sie derjenigen fluchen wuͤrden, welche warlich den Fluch nicht verdient haͤtte! Nie, Pauline, im vollen Vertrauen auf Ihren beſten Willen, werde ich's nie! Unter uns iſt alſo der Bund geſchloſſen. Es ſehlt ihm nichts, als der Segen Ihres Vaters. Arthur holte den Grafen herzu. Schon am Abende geſchah die Trauung in einem Zimmer des Schloſſes. 13. Bei der Abreiſe Paulinens und des Grafen am folgenden Morgen deutete der Lord ſchmerzlich hinauf nach dem Himmel, deſſen ſchwarze Wolken tief uͤber den benachbarten Tannenwald herunter⸗ hingen. Welch ein Abſtand vom geſtrigen Abend zu dieſem Morgen! ſprach er, ſeine Gemahlin — 78— nach dem Wagen geleitend, an dem Graf Ie“ ſchon beſchaͤftigt war. Theurer Arthur— antwortete Pauline— nur mir keine Schuld und keinen Haß! Was ich offenbaren konnte, habe ich alles Dir offen⸗ bart. Ich habe Dich unterrichtet von der heu⸗ tigen Nothwendigkeit, Dich gewarnt vor der Ver⸗ bindung mit einer, in deren Macht es nicht ſteht, Dir ein dauerndes Glück zu gewaͤhren. Und doch! antwortete er nach kurzem Schweigen. Nur die Bitterkeit des Trennungs⸗ moments betaͤubte mein Urtheil. Wiederhole mir, Pauline, Dein Geluͤbde von geſtern, zuruͤckzu⸗ kehren in meine Arme, ſobald kein fremder Wille mehr dem entgegenſteht.— Das gelobe ich Dir, Arthur, vor Gott, der mein Herz kennt. Ich gelobe Dir dazu die un⸗ verbrüchlichſte Treue! Nun aber laß uns ſcheiden! Der tiefgekuͤhrte Graf ſchloß ſeinen Schwie⸗ gerſohn herzlich in die Arme. Dann ſchluchzte — 79— Pauline noch einmal an der Bruſt ihres zweiten Gemahls. Schnell, ſchnell, geliebte Kinder! bat Graf Ier, ſeiner Tochter den Arm reichend. Wenige Momente ſpaͤter rollte der Wagen davon mit ih⸗ nen. Unverwandten Blickes ſchauete der Lord nach den wiederholt Zurückgrüßenden hin, bis der Wald eine dichte Scheidewand dazwiſchen ge⸗ zogen hatte.— Umſonſt verſuchte der Graf alle Troſtgründe an dem Herzen ſeiner unglücklichen Tochter. Sich und ihn beſchuldigte ſie des Leichtſinns. Das Verfahren gegen den trefflichen Arthur ſchien ihr nunmehr ganz unverantwortlich. Auf ihrem Geburtsſchloſſe war ſie blos von dem Abende, an dem ſie dort ankamen, bis zum andern Morgen zu erhalten. Der Schmerz, vor der guten Mutter nicht einmal ihr Herz aus⸗ ſchuͤtten zu koͤnnen, verbitterte Paulinen jede Minute. Aus demſelben Grunde war ſie es, welche die Begleitung der Mutter nach ihrer Re⸗ — 380— ſidenz durch Vorſtellungen an den Vater, heim⸗ lich hintertrieben hatte.. Der Graf führte ſie ſelbſt zuruͤck. Mit vieler Zufriedenheit hoͤrte hier von ihm ſowohl der Miniſter, welcher der Regierung vor⸗ ſtand, als Prinz Thaſſilo, daß ſelbſt im muͤtter⸗ lichen Hauſe Pauline keine Ruhe gefunden, und ihr Inneres ſie zuruͤckgetrieben habe, in das Land, deſſen Regentin ſie ſeyn ſollte. Nicht ahnend, daß es ein bloſes Vorgeben ſey, bezeigte man die aufrichtigſte Freude uͤber eine ſo lobenswerthe Geſinnung, und namentlich der Prinz drückte ſeine herzlichen Wuͤnſche fuͤr das Gedeihen der Hoff⸗ nung aus, worauf das Teſtament des verewigten Fürſten hindeutete. Denn ſelbſt Thaſſilo fuͤrch⸗ tete nichts ſo ſehr, als das Regiment ſeines wil⸗ den Bruders, war auch auf dieſen Fall ſchon entſchloſſen, das Land für immer zu verlaſſen. — 31— 14. Es dauerte lange, ehe die Regentin öffentlich erſchien. Als ſie zum erſten Male wieder dem Gottesdienſte in der Kirche beiwohnte, fand Je⸗ dermann, daß ihre fortdauernde Trauer die jugend⸗ liche Frau zwar keinesweges entſtellt, aber doch auſſerordentlich verändert hatte. Uebrigens ſtiegen, als die Hoffnung auf Nachkommenſchaft ſich immer mehr zu bewähren ſchien, die Gebete des ganzen Landes dafür zum Himmel, daß die Geburt eines Sohnes daſſelbe von der Herrſchaft des Prin⸗ zen Florian erloͤſen moͤchte. Dieſer, durch ſeine Agenten von dem Tode des regierenden Fuͤrſten unterrichtet, kehrte jetzt plötzlich zurück. Schon ſein unwürdiger Einzug bewies, daß er ganz der Alte geblieben war. Aus der Tuͤrkei kommend, hatte er ſeine ſaͤmmtliche Dienerſchaft, wie ſich ſelbſt, in türkiſche Kleidung geworfen und, die dortigen Sitten in ſeiner Nach⸗ ahmung noch mehr zu erſchoͤpfen, auch unter an⸗ 6 — 2— derm einen Wagen voll weiblicher Schoͤnheiten bei ſich, die er auf Sklavenmaͤrkten gekauft hatte. Des Volkes Ah! folgte ihm bis zum Schloſſe. Aber den Denkenden darunter wuchs der Groll gegen ſeine Thorheit und Verſchwendung bei dieſem Anblicke nur hoͤher. Die Regentin konnte ihm, da er ihr ſeinen Beſuch ankuͤndigen lies, die Aufnahme nicht ver⸗ ſagen. Doch die wahrhaft ungezogene Art, mit der er ihr, ganz unaufgefordert, geſtand, daß er ſeine Gratulation zu ihrer Hochzeit abſichtlich ver⸗ mieden habe, jetzt auch eben ſo wenig zu dem Reſte ihrer Hoffnung Gluͤck wuͤnſchen koͤnne und die Rohheit in ſeinen Reden uͤberhaupt, ſchmerzte die Trauernde zu tief, als daß ſie den Vorwand eines plotzlichen Uebelbefindens, zu Beendigung dieſes läſtigen Beſuches, nicht haͤtte ergreifen ſollen. Aber je mehr ihr mit der perſönlichen Bekanntſchaft des allgemein Verhaßten der heilſame Zweck in's Licht trat, den der verewigte Fürſt bei dem abentheuer⸗ lichen Anſinnen an ſie gehabt hatte, deſto groͤßere — 383— Urſache fand ſie zu neuer Betruͤbnis. Sie konnte ſich den geheimen Wunſch nicht verlaͤugnen, daß ſie durch die Geburt einer Tochter vom Throne losgeſprochen werden moͤchte. Arthur's, des ihr ſo innig ergebenen Arthur ungluͤckliches Geſchick war auf andere Weiſe kaum zu loͤſen. Zeither hatte ſie jenen Wunſch immer vor ſich ſelbſt mit der Hoffnung zu rechtfertigen geſucht, daß ja wohl Prinz Florian, dem doch von Rechtswegen der Thron zukomme, ſchwerlich in dem Grade uner⸗ traͤglich ſeyn moͤge, als man ihn ſchildere; daß vielleicht der allgemeine Haß von gewiſſen, unge⸗ faͤlligen Eigenheiten und Launen herruͤhre, er auch wohl ſeitdem anders und beſſer geworden ſeyn koͤnne. Allein ſein perſoͤnliches Benehmen wider⸗ legte dieſes durchaus. Die wahrhaft tuͤckiſche Natur des Prinzen, die ſchon ſeine Miene ankuͤn⸗ digte, brach aus jedem Worte hervor und der furchtbar ſchadenfrohe Blick zwiſchen dicken, buſchigen Augenbraunen hindurch, ſeine rauhe, üͤbellautende Stimme, ließen Niemand das min⸗ deſte Zutrauen zu ihm faſſen. Ach, und gleich⸗ 6 ⁴ — 34— wohl konnte ſie noch immer ſich, um Arthurs willen, eines heftigen Schauers nicht erwehren, wenn ſie nur dachte, daß ihres verſtorbenen Gatten Erwartung eintreffen, daß ein Sohn die Frucht ihrer ſo geheimnis⸗ als leidenvollen zweiten Ehe werden ſollte. 3 Den Stachel ihres fortdauernden Seelenlei⸗ dens ſchaͤrfte noch der Umſtand, daß ſie, ſeitdem ihr Vater ſie wieder verlaſſen, auch keinen Men⸗ ſchen mehr hatte, dem ſie ſo große Laſten und innere Widerſprüche klagen konnte; daß ſie ohne Troſt und Freundeszuſprache mitten im feindlichſten Leben allein ſich fuͤhlte. 15. Mit der Regentin naͤher rückender Nieder⸗ kunft wurde die Aufmerkſamkeit des Prinzen Florian immer deutlicher. Seine, im Bewußt⸗ ſeyn der eigenen Schlechtigkeit und des wohlver⸗ dienten allgemeinen Haſſes entſtandene Furcht, — — 1 — 85—. daß, Falls die Fürſtin eine Tochter gebar, doch wohl vielleicht ein Tauſch vorkommen könne, der ihn um den Thron braͤchte, machte, daß er jetzt manche gewohnte Luſtbarkeit einſtellte, um nur bei der Niederkunft ſelbſt anweſend ſeyn zu koͤnnen. Dieſe erfolgte ganz in der hergebrachten Weiſe, nachdem ſich Prinz Florian zuvor durch die genaueſte Unterſuchung des Lokals von der Unmoöͤglichkeit alles Unterſchleiſs uͤberzeugt hatte. Vergebens aber war ſeine Hoffnung auf die Gebuet einer Tochter geweſen. Es war in der That ein munterer Sohn. Nur einen Augenblick konnte die Freude des Mutterſtandes Paulinen uͤber die traurigen Fol⸗ gen des Ereigniſſes für Arthur hinausheben. Womit, dachte ſie, will mich das Land von dem troſtloſen Gedanken befreien, den würdigſten Gemahl ſeinetwegen in's Ungluͤck geſtürzt zu ha⸗ ben“² Ach, nur allzuklar fühle ich, daß ich durch maͤnnliche Vermeſſenheit, dem Glücke nachzuhel⸗ — 86— fen, welches dieſem Lande abgünſtig ſchien, in die truͤbſeligſte aller Lagen verſetzt worden bin. Das Geheiß des ſterbenden Gatten, an welches, noch bevor ich ſolches kannte, ein unbeſonnener Schwur meinen Willen unaufloslich feſſelte, iſt allerdings die gültigſte Entſchuldigung für das zweite, unglückſelige Eheband. Was aber kann die Mutter entſchuldigen, die dem liebenden Gat⸗ ten ſein Kind vorenthaͤlt? Die hier eintretende Verwirrung der Pflichten ſchon allein deutet dar⸗ auf, daß die Wohlthat, welche der gutmüthige Jüdor ſeinen Unterthanen zugedacht, doch eigent⸗ lich nur auf einem Frevel beruhte! Paulinens Bewußtſeyn drohte unterzugehen in dieſen duͤſtern Gedanken, als plötzlich ein ſtar⸗ kes Geraͤuſch auf der Straße ſie aufſchreckte. Die bei ihr ſitzende Hofdame brachte die Nach⸗ richt vom Fenſter zuruͤck, daß ſo eben Prinz Florian mit dem ganzen tuͤrkiſchen Gefolge aus⸗ reite. Die bepackten Wagen hinterher ſchienen keine unbedeutende Reiſe anzuküͤndigen. —— 16. Die unverkennbare Theilnahme, die Pauli⸗ nen uͤber den neuen Stern, der durch ſie dem Lande aufgegangen war, jeder zu erkennen gab, der, ſeinen Verhaͤltniſſen nach, Zutritt bei ihr haben konnte, gewaͤhrte ihr ſo wenig Troſt, als die Freudenlaute in der Kirche, welche ſie bei ihrem erſten Wiedererſcheinen dort empfingen. Tag und Nacht peinigten ſie die Gedanken an den unglucklichen Gatten und Vater, den unbe⸗ kannten Urheber der Freude des Landes. Es waren nun eilf Monate, daß ſich ihm kein Lebenszeichen von ihr kund gegeben. Graf Je hatte Paulinen alles Schreiben widerrathen, cheils weil, Trotz der größten Sorgfalt, mit der man den Lauf der Briefe zu verbergen ſuche, doch wohl Arthur dahinterkommen, oder auch der Fall einer heimlichen Eroͤffnung eintreten konnte und theils weil ihre Briefe an ihm einer Leidenſchaft nur Nahrung geben mußten, die faſt gar keine Ausſicht auf Gluͤck hatte, und der daher eher eine allmaͤhlige Abnahme zu goͤnnen war. Aber — wie gut auch von Seiten des Grafen Paulinen die großen Vorzüge des Schweigens auseinander geſetzt worden, ſo gebot ſie doch dem innern Triebe zur ſchriftlichen Eroͤffnung ihres vollen Herzens gegen den liebenden Gatten nur ſo lange Ruhe, als die Hoffnung ihr leuchtete, daß ſie eine Tochter gehaͤren und bald nichts mehr ſie abhalten werde, dem Gatten ſeinen gewis ſehr herben Kummer durch ihre Nuͤckkehr und die lebergabe des Kindes reichlich zu belohnen. Aber ſeit der Geburt ihres Sohnes erwachte auch das Beduͤrfnis, dem einſamen Gemahl wenigſtens ein Blatt des Troſtes zuzuſenden, immer maͤch⸗ tiger, bis ſie endlich gar nicht mehr widerſtehen konnte. Pauline ſchrieb an ihren Vater. Sie ſtellte ihm dies alles vor mit der Bitte, den offen bei⸗ gelegten Brief zu verſiegeln und ihrem Gemahl auf ſichern Umwegen zuzuſenden. Ein ſchwerer, drückender Stein ſiel mit dieſem Briefe von ihrem zertiſſenen Herzen. Ohne die raͤthſelhaſten Ver⸗ — 89— häͤltniſſe, welche ſie vom Arme ihres zweiten Gatten, an den ſie gehoͤrte, hinwegdrängten, im mindeſten zu verrathen, beruͤhrte ſie ſolche doch in dem Briefe. Sie kam auf ihren Schwur der Treue zuruͤck und bat ihn nur, den ſchoͤnen Glau⸗ ben an ihren beſten Willen zur Wiederkehr in ſein Haus ſelbſt dann nicht aufzugeben, wenn gebieteriſche Umſtaͤnde auf Erden keinen Verein mehr zulaffen ſollten zwiſchen ihr und ihm. Des Sohnes gedachte ſie nicht. Es duͤnkte ihr allzu⸗ hart fuͤr den Vater, ſein Kind ſich vorenthalten zu ſehen und zudem uͤber deſſen Verhaͤltniſſe in völliger Ungewisheit bleiben zu muͤſſen. Aber auch die Zuverſicht durch dieſen Brief⸗ deſſen gewiſſe Abſendung ſie von ihrem Vater erwarten durfte, ſich in ein dem Herzen des lie⸗ benden Gatten wohlthaͤtiges Licht geſtellt zu ha⸗ ben, konnte ihr nicht auf lange Zeit Schutz ge⸗ waͤhren gegen die feindliche Gegenwart. Grade die beſondere Achtung und Aufmerkſamkeit, welche Prinz Thaſſilo ihrem Sohne ſchenkte, peinigte ihr — 90— Herz, wenn ſie die Umſtaͤnde genauer erwog. Die jetzt einlangende Nachricht von einer Kraͤnk⸗ lichkeit, welche des Prinzen Florian Ruͤckkehr in die Tuͤrkei unterbrochen, führten auf den Gedan⸗ ken, daß ſchon manchem rieſenhaften Koͤrper, wie dem ſeinlgen, durch Ausſchweifungen ein fruͤhes Grab geworden. Wenn dieſer Fall hier eintrat, ſo wuͤrde der allgemein geliebte Thaſſilo zur Re⸗ gierung gelangt ſeyn, waͤre nicht Iſidor's ſoge⸗ nannter Erbe dageweſen. Ein Fremder wuͤrde ſonach den rechtmaͤſigen Thronerben verdraͤngt haben, von deſſen Tugenden das Land gewis die gerechteſten Erwartungen auf ein dauerhaftes Gluͤck faſſen konnte. Dazu war der nunmehrige Thron⸗ folger noch ein Kind. Wer buͤrgte für deſſen Re⸗ gierungsfaͤhigkeit? Wer dafür, daß der Nachfolger des hochbejahrten Miniſters, dem die Landesver⸗ waltung einſtweilen oblag, dieſelben lobenswuͤrdi⸗ gen Eigenſchaften beſitzen werde? Wenn Pauline dieſen Gedanken nachhing, wollte ſie verzweifeln uͤber ihr Mitwirken zu einem ————— höͤchſtverwegenen Plane, der, ſtatt Gutes dem Lande herbeizuführen, vielleicht das Gute davon entfernte und es dem Abgrunde nahe bringen konnte. 17. Daß Paulinens Brief an Arthur weiter be⸗ föͤrdert worden, hatte der Graf ſeiner Tochter, unmittelbar nachdem es geſchehen war, geſchrieben. Als aber nach Monaten die kurze Nachricht durch öͤffentliche Blaͤtter, die ſich Graf Je“ uͤber den Empfang deſſelben bedungen hatte, nicht erfolgte, ſo entſchloß er ſich, um ſeiner Tochter gewiſſe Auskunft uͤber ihres Gemahls Zuſtand zu ver⸗ ſchaffen, zu einer perſoͤnlichen Nachforſchung in der Gegend ſeiner Guͤter. C— d's erſt ſeit einem halben Jahre angeſtellter Verwalter, den er ohn⸗ gefähr eine Meile davon in einem Dorfwirthshauſe zufaͤllig antraf, ſchien grade der rechte Mann zu Ertheilung der Auskunft, nach der ihm verlangte, und überhaupt kam alles ſeinem Wunſche von ſelbſt entgegen. Die dortigen Gerichten, mit de⸗ nen der Verwalter ein Geſchäft abzuthun hatte, fingen an, von des Lords Sonderbarkeiten zu ſprechen. Sein verſtaͤndiger Offiziant zeigte ihnen die meiſten in vortheilhaftem Lichte. Der ſelt⸗ ſamen Vermaͤhlung mit einer Frau, die ſchon am Tage nach der Hochzeit ſich wieder hinwegbegeben, geſchah auch Erwaͤhnung. Mehrere meinten, daß es mit der ſehr blaſſen Weibsperſon wohl eine un⸗ heimliche Bewandnis gehabt haben moͤge. Dieſes beſtreitend, fügte der Verwalter hinzu: Wenn uͤbrigens jene Dame, die, wegen der tiefen Be⸗ trühnis, worein ſie den guten Herrn verſenkte, auf unſerm Gute allgemein verhaßt worden, ſich einbildet, ihn für immer zum Beſten haben zu wollen, ſo irrt ſie auſſerordentlich. Zur voͤlligen Einſicht der Thorheit gelangt, welche er in der Vermaͤhlung mit ihr begangen, hat der Lord vor ſeiner Reiſe nach London, wo er jetzt ſich aufhaͤlt, ſeine Scheidung in der Reſidenz betrieben. Auch — — 93— ließ er uns die Hoffnung, daß er mit einer Gattin aus ſeinem Paterlande zuruͤckkehren werde.— Graf Ins wußte lange nicht recht, ob er ſeiner Tochter von dieſen Umſtaͤnden Mittheilung thun ſolle. Etwas Beruhigendes fuͤr ſie lag frei⸗ lich darin, daß Arthur es uͤber ſich hatte gewin⸗ nen koͤnnen, ein Band abzuſtreifen, das ihr eben darum ſo ſchrecklich duͤnkte, weil es ihn um das ganze Gluͤck ſeines Lebens zu bringen gedroht hatte. Aber die Beruhigung, welche dieſe Nach⸗ richt von einer Seite für Paulinens Herz mit ſich führte, konnte ihr leicht von einer andern zur großten Pein werden; dann naͤmlich, wenn, wie der Graf aus mancher Aeuſſerung ſeiner Tochter geſchloſſen, in ihre Verbindung mit Arthur ſich eigentliche Liebe gemiſcht hatte, was bei den trefflichen Eigenſchaften des Lords kein Wunder geweſen waͤre. Nach mannichfachem Nachdenken über die Sache ſchloß der Graf, ſolche wenigſtens nicht durch einen Brief, ſondern in Perſon abzuthun, — 94— wo ſich beſſre Gelegenheit zu einer nach den Um⸗ ſtaͤnden behutſam abzumeſſenden Mittheilung dar⸗ bot. 18. Schon die Ankunft des geliebten Vaters allein war Paulinen eine große Freude. Auf ihre Frage, ob der Brief auch wohl gewis in Arthurs Haͤnde gekommen ſey, konnte er keine Antwort geben, doch nahm er dieſe Frage zum Faden, die von ihm perſönlich eingezogenen Nachrichten vorſichtig daran zu knüpfen. Als dieſes geſchehen war, befiel dem Grafen der Zweifel, ob er die Umſtaͤnde ſeiner Tochter nicht lieber hätte vor⸗ enthalten ſollen. Der unaufhoͤrliche Wechſel ih⸗ rer Farbe und Miene, die ſichtbare Bewegung ihrer Bruſt, alles deutete auf große Unruhe. Auch waren die Thraͤnen, welche ihr in die Au⸗ gen traten, gewis nicht auf Rechnung der Freude zu ſetzen. Daher ſuchte er nun den Schmerz, — 95—— der ſie mit ſeinem Berichte getroffen hatte, durch die Bemerkung zu mildern, daß ohnehin der Wiederverein zwiſchen ihr und Arthur nicht leicht denkbar geweſen ſey und ſie bei reiferm Nach⸗ ſinnen dem Lord eine Erleichterung ſeiner druͤk⸗ kenden Umſtaͤnde goͤnnen muͤſſe, welche durch ſie ja doch nicht haͤtte bewirkt werden koͤnnen. O ja wohl, theuerſter Vater— ſprach ſie— i*ſt es ein großer, ein ſehr großer Troſt für mich, daß der wuͤrdige Mann, den ich ſo ſchwer ver⸗ wunden mußte, ſeine Heilung vielleicht doch im Arme der Liebe gefunden hat. Ein Herz, dem ſeinigen gleich, bedarf der Liebe zu ſehr, als daß ich mich beklagen moͤchte, wenn auch ſeine neue Verbindung den Zuſagen widerſtritte, die er mir im Rauſche der Leidenſchaft gegeben. Nur eins wunſchte ich jetzt, daß mein Brief ungeſchrieben oder wenigſtens nicht in ſeine Hände gelangt ſeyn moͤchte, weil er ihm doch das Andenken an jene Verſprechungen zuruͤckführen und ihn dadurch vielleicht in ſeiner nunmehr begonnenen Laufbahn irre machen koͤnnte. — 96— Der Vater drückte das geliebte Kind mit Inbrunſt an ſein Herz.— 19. Prinz Thaſſilo ſchien von dem jetzigen Auf⸗ enthalte des Grafen Irr bei Paulinen Gelegen⸗ heit zu Vermehrung ſeiner Beſuche zu nehmen. Offenbar zeigte er das lebhafteſte Intereſſe an der Landesregentin, aber eine unbezwingliche Schüchternheit entfernte ihn immer wieder von ihr, grade in ſolchen Augenblicken, wo ihm ir⸗ gend ein bedeutender Schritt nach ihrer beſondern Gunſt gelungen war. Der Graf bemerkte des Prinzen Vorliebe zu Paulinen ſowohl hieraus, als aus den Aeuſſerungen, die er gegen ihn fal⸗ len lies. Am Morgen ſeiner Heimreiſe konnte er ſich daher auch nicht enthalten, ſeine Tochter auf die Vortheile der Verbindung mit Thaſſilo aufmerkſam zu machen, ja, er erbot ſich ſogar durch genaues Forſchen nach der Bewandnis mit — 97— der von Arthur beabſichtigten Scheidung, der Sache von anderer Seite foͤrderlich zu ſeyn. Aber Pauline hatte kein Ohr dafür. Auch nach ihres Vaters Abreiſe verminderte Prinz Thaſſilo ſeine Beſuche ſo wenig, daß es ſie wirklich zu beunruhigen anfing. 20. Eine weit groͤßere Unruhe aber brachte die jetzt eintreffende Botſchaft vom Ableben des Prin⸗ zen Florian, uͤber die Landesregentin, zumal da der greiſe Miniſter, der an ihrer Statt zu handeln hatte, ebenfalls auf dem Sterbebette lag und die⸗ jenigen, welche ſich, ihren Verhaͤltniſſen nach, Rechnung machen konnten, ſeine Nachfolger zu werden, dem ſo wichtigen Poſten offenbar nicht gewachſen waren. Alles wuͤrde in das beſte Gleis gekommen ſeyn, wenn Prinz Thaſſilo die Zuͤgel der Regierung ergriffen haͤtte.— Nach einem wahrhaft qualvollen Tage und einer entſetzlichen Nacht, faßte Pauline mit Einem . 7 — 98— Male einen großen Entſchluß. Sie ließ den Prin⸗ zen um einen Beſuch bitten. Er erſchien. Ohne alle Einleitung entdeckte ſie ihm ihre ganze Lage und den Urſprung des Kindes, das für den recht⸗ maͤſigen Thronfolger galt. Sie, mein Prinz— ſagte ſie— Sie ſind der geborne Regent dieſes Landes und verdienen ſolches zu ſeyn. Ich werde Ihnen hierüber eine ſchriftliche Erklaͤrung abgeben, die wenigſtens der wohlwollenden Geſinnung des verewigten Iſidors fuͤr dieſes Land gig Ehrendenk⸗ mal ſetzen wird, wenn auch ſein Plan und unſre Ausführung deſſelben die größte Misbilligung ver⸗ dienen ſollten. Eben dieſe Erkläͤrung hat zugleich den Zweck, mein Bewußtſeyn gegen jeden Ver⸗ dacht ehrgeiziger Entwurfe, ſicher zu ſtellen. Ich trete zurück, der Erziehung des Knaben zu leben, der dieſem Throne aufgedrungen werden ſollte. Zu Ihrem Gemahl? fragte Thaſſilo, den ihre Mittheilungen wie neckende Traumbilder um⸗ flatterten. — 99— Mein Gemahl— antwortete Pauline— wird jetzt vermuthlich ſchon lange von mir geſetzlich ge⸗ trennt und der Gatte einer Andern ſeyn. Aber ſeinem Sohne ſoll darum an Bildung nichts ab⸗ gehen. Die günſtigen Umſtäͤnde meiner Aeltern erlauben mir, auch in dieſer Hinſicht auf das Beſte fuͤr ihn zu ſorgen.— Ein ſeelenvoller Blick des Prinzen diente hier ſeiner förmlichen Werbung um ihre Hand zur Ein⸗ leitung. Aber wie ſehr er auch bemuͤht war, Pau⸗ linen zu zeigen, daß ihr nothwendiger Zuruͤcktritt aus der jetzigen Lage am anſtaͤndigſten durch die Vermaͤhlung mit ihm geſchehen koͤnne und er ſchon lange auf den Augenblick geſonnen habe, ihr ſeine Liebe zu geſtehen, ſo beharrte ſie doch darauf, daß es ihr unmoͤglich ſey, ein drittes Buͤndnis einzugehen. 3 Die Glut der Beſchaͤmung loderte aus des Prinzen Geſichte. Paulinens Erwiederung ſeines beſondern Wohlwollens, welche hauptſaͤchlich aus⸗ dem drückenden Gefuͤhle ihres Unrechts gegen ihn 8— 7* —— 100— entſprang, ihr Auge, das, aus demſelben Grunde, Allen, nur nicht ihm, frei in das ſeinige ſehen konnte, hatte ihm keinen Zweifel gelaſſen, daß die Gefühle, welche ſeine Bruſt fuͤr die liebenswürdige Witwe hegte, gute Aufnahme bei dieſer finden wuͤrden. Seine Beſchaͤmung ruͤhrte daher nicht von der abſchlaͤgigen Antwort, ſondern einzig von dem Gedanken her, ſeinen Antrag zu einer Zeit gethan zu haben, wo Paulinens Delikateſſe ihn anſtoͤßig gefunden. Deshalb fuhr er, nach kurzer Betroffenheit, alſo fort: Ein ander Mal über dieſen Punkt. Heut erſuche ich Sie nur, eine Sache, deren Einleitung die groͤßte Behutſamkeit erfordert, jetzt noch als das tiefſte Geheimnis zu bewahren und den Zuſtand der Dinge und alle zeitherigen Verhaͤltniſſe einſtweilen aufrecht zu er⸗ halten. Allerdings ſchien das Ohr des Publikums fuͤr die Mittheilung eines ſo auffallenden Ereigniſſes nicht geeignet. Es bedurfte daher mancher vor⸗ bereitenden Maasregel, um den Uebergang der — 101— Regierung aus ihren Haͤnden in die ſeinigen als natuͤrlich erſcheinen zu laſſen. Pauline konnte ſich dieſe Wahrheit ſelbſt nicht verbergen. Nur das machte ihr Kummer, daß Thaſſilo unſtreitig noch eine andere Urſache zu ſeinem Wunſche, ihr Zu⸗ rücktreten aufgehoben zu ſehen, haben mochte. Uebrigens hatte ſie ſich ſelbſt die feſteſte Zuſage gegeben, den Entſchluß, ſich nie wieder zu ver⸗ maͤhlen, durch nichts erſchuͤttern zu laſſen. 21. Das Unleidliche des Zuſtandes derjenigen, welche noch ſortdauernd als Landesregentin be⸗ trachtet wurde, nahm von Tage zu Tage zu; be⸗ ſonders wenn der Prinz in ihrer Geſellſchaft war. Sie gab ihm ſolches auch zu verſtehen. Allein ein freundlicher Blick von ſeiner Seite bat ſie dann gewoͤhnlich um Beruhigung vor der Hand noch. Zugleich beſtaͤrkte er ſie in der Vermuthung der Fortdauer ſeiner Abſichten auf ein naͤheres Band 3 . —,— mit ihr. Und doch fuͤhlte ihr mitleidiges Herz ſich unfaͤhig, ſeiner Hoffnung den Todesſtoß zu geben, bevor ſie ſich noch einmal deutlicher aus⸗ ſprach. Endlich wußte ſie nichts Beſſeres zu thun, als in einem umſtaͤndlichen Brieſe ihrem Vater die Lage der Dinge und ihre Abneigung vor dem laaͤngern Aufenthalte an dieſem Hoſe zu ſchildern und ihn zu beſchwoͤren, daß er doch kommen, in ihrem Namen mit Thaſſilo ſprechen und ſeinen Nath, wegen der in einer ſo ſchwierigen Sache zu nehmenden Maasregeln, ihr nicht vorenthalten moͤchte. Kaum war der Brief abgeſchickt, ſo ward ihr der Prinz ſelbſt gemeldet. Ein junger Mann, den er auf Reiſen kennen gelernt, war von ihm mit ſeiner Frau vor einem Gaſthofe angetroffen und an ſein Verſprechen erinnert worden, den Prinzen zu beſuchen, ſobald er gluͤcklich verheirathet ſeyn würde. Thaſſilo hatte, in Folge dieſes Ver⸗ ſprechens, ſogleich auf beide, welche eben wieder abreiſen wollten, ſcherzhaft Beſchlag gelegt und — 10³3— bat Paulinen, Theil zu nehmen an dem, ver⸗ muthlich recht heitern, Abende, den der intereſſante Mann mit ſeiner Gemahlin bei ihm zubringen werde. 4 So ungern ſich auch Pauline dazu entſchloß, ſo wenig vermochte ſie doch den Prinzen kleine Bitten dieſer Art abzuſchlagen, grade darum, weil die Hauptbitte, mit welcher er offenbar von Neuem immer naͤherruͤckte, durchaus keine Ge⸗ waͤhrung finden ſollte. 4 Bis auf die beiden Perſonen, welche zu dem Souper Veranlaſſung gegeben hatten, war ſchon der gebetene Zirkel beiſammen, als Pauline ankam. Schon verlautete des Prinzen Unwille über das Ausbleiben des Fremden, als dieſer endlich mit ſeiner Gemahlin hereintrat. Bei der allgemeinen Aufmerkſamkeit auf das junge liebenswuͤrdige Päaͤrchen hatte einige Zeit läng Niemand bemerkt, daß Pautine ihr Bewußt⸗ ſeyn gaͤnzlich verloren. Der Fremde ward es zu⸗ erſt gewahr. Wer iſt dieſe Dame? rief er, auf — 104— ſie zueilend. Niemand begriff, was ihr begegnet war; Niemand, warum den Fremden ihre Ohn⸗ macht ganz auſſer ſich ſetzte. Nur in Thaſſilo ſtieg ploͤtzlich eine Vermuthung auf. Pauline hatte ihm den Namen ihres zweiten Gemahls verſchwie⸗ gen. Seine Vermuthung war gegründet; der Fremde und dieſer waren nur Eine Perſon. Pauline ſchlug die Augen auf. Sie bat den Prinzen um ſeinen Arm. Er fuͤhrte ſie in's Neben⸗ zimmer und entfernte, auf ihren Blick, die Uebri⸗ gen. Als die Thuͤr verriegelt worden, erkläͤrte ſie die Unmöͤglichkeit ihrer Ruͤckkehr in die Geſellſchaft. Um keinen Mangel an Zartgefuhl zu verrathen, aͤuſſerte der Prinz nichts dagegen. Sie begehrte ihren Wagen. Als Thaſſilo nach einigem Zoͤgern ihr auch hierin Gehor gegeben und den Wagen be⸗ ſtellen wollte, fand er den Lord auf dem Saale aͤngſtlich hin und her gehen. Er wuͤnſchte Paulinen zu ſprechen. Achſelzuckend uͤberbrachte Thaſſilo ihr dieſes Verlangen. Nach kurzem, ſchweren Sinnen entſchloß ſie ſich zur Gewaͤhrung deſſelben. —— 105— Der Prinz fuͤhrte Arthur zu ihr und entfernte ſich. Mit ruͤhrendem Schweigen reichte Pauline ihre Hand dem Eintretenden entgegen, welchem zur Anrede die Worte fehlten. Iſt Ihnen mein Brief zugekommen? fragte ſie endlich. Allerdings. Nach London, wohin der Trüb⸗ ſinn mich zuruͤckgetrieben, ſendete man ihn mir. Wollte Gott, es waͤre nicht geſchehen! ant⸗ wortete die Hocherroͤthende. Freilich— entgegnete er— wuͤrden Sie, ohne den ſuͤßen Gift ſeines Inhalts der heutigen Ohnmacht uͤberhoben geweſen ſeyn. Denn einzig dieſer Brief brachte mich von dem Vorſatze zurüͤck, mein ungluͤckliches Leben im Vaterlande zu be⸗ ſchließen. O, warum ſah ich nicht ein, daß die Gefuͤhle, welche die Stifterin meines endloſen Un⸗ gluͤcks darin aͤuſſerte, nichts ſeyn konnten, als eine Laune des Augenblicks? Jetzt bin ich meiner 106 1 Thorheit gewis, denke auch ſogleich wieder nach meinem Vaterlande zuruͤckzukehren. Arthur— ſprach Pauline— nichts von Ihrer fruͤhern Ergebung in alles, was Ihnen durch mich vorausgeſagt wurde, nichts uͤber Ihre Vorwuüͤrſe gegen mich. Den tiefſten Schmerz aber erzeugt mir der Umſtand, daß ich Sie verkannt habe, gänzlich verkannt. Wozu die Fabeln, deren Nich⸗ tigkeit vor Augen liegt? Ihre geſetzlich nachgeſuchte Scheidung von mir, iſt mir hinterbracht worden. Ich war weit entfernt, Ihnen daraus ein Verbrechen zu machen. Die Umſtaͤnde gereichten Ihnen zur hinlaͤnglichen Entſchuldigung, wenigſtens bei mir. Daß ſie aber nun noch, mich von Ih⸗ rem beſondern Andenken uͤberreden wollen, nach⸗ dem, mehr als alles, die Gattin, welche Sie be⸗ gleitet, beweiſen muß, daß unſre Scheidung wirk⸗ lich erfolgt iſt, dafuͤr kann mein Herz durchaus keine Entſchuldigung finden. Erſtannt fragte Arthur, wer ihr von der Scheidung geſagt habe. Pauline berichtete ihm, A — 107— auf welchem Wege ihr Vater zu der Nachricht ge⸗ kommen war. Mit einer Miene, in der eine freudige Hoff⸗ nung ſichtbar emporglomm, eroͤffnete C— d nun⸗ mehr, daß er ſelbſt der Urheber jenes Geruͤchts geweſen. Sein immer zunehmender Truͤbſinn ſey den ihm herzlich gewogenen Gutsunterthanen ſo nahe gegangen, daß eris fuͤr Schuldigkeit geachtet habe, ihnen bei ſeiner Abreiſe einen Troſt zurück⸗ zulaſſen. Sie hatten den Grund ſeiner Melancholie in dem Eheunglücke geſucht und ſich der Frau, welche ihn ſo ſeltſamer Weiſe wieder verlaſſen, deshalb um ſo abgeneigter gezeigt, weil ſie, wie alle, den einfachen Zwecken des Menſchen am naͤchſten gebliebene, Landleute, gegen die bemit⸗ telten Eheloſen Widerwillen hegend, Arthurn ſeit dem Hochzeitfeſte erſt recht liebgewonnen. Das Vorgeben, daß er ſich von der Betrauerten wolle ſcheiden laſſen, war ihnen daher ſehr willkommen geweſen und noch mehr, die Hoffnung, die er ihnen gemacht, eine andere Frau aus ſeinem Va⸗ — 108— terlande mitzubringen. Am wenigſten hatte er's, bei der ungewoͤhnlichen Theilnahme der guten Menſchen an ſeinem Gluͤcke, uͤber ſich gewonnen, ihnen zu entdecken, daß es ſein Vorſatz war, Deutſchland fuͤr immer zu verlaſſen. Allein, wie feſt auch dieſer Vorſatz in ihm ge⸗ weſen, nach Paulinens Briefe hatte ihn dennoch nichts mehr auf der Inſel zuruͤckhalten koͤnnen. Seine, ſehr junge, Begleiterin war die einzige, ihm übrig gebliebene Verwandte, ſeine Schweſter Maxy. Noch Kind, als er England zum erſten Male verlaſſen, hatte ſie damals das heimliche Weggehen des inniggeliebten Bruders auf's em⸗ pfindlichſte gekraͤnkt und ſeine Ruͤckkehr war ihr das erwuͤnſchteſte Begegnis geweſen. Nachdem er der theilnehmenden Mary ſein ganzes Herz aufge⸗ ſchloſſen, gelobte dieſe, bei ihm zu bleiben, bis er das geſuchte Gluͤck wuͤrde gefunden haben. Ihr Vormund gab ſeine Einwilligung zu ihrer Reiſe nach Deutſchland in Geſellſchaft des Bruders. Unter dem Namen ſeiner Gemahlin war ſie mit — 109— ihm gegangen. Arthur hatte ſie unter dieſem ſei⸗ nen Gutsunterthanen am beſten empfehlen und die Hoffnung, welche er in ihnen erregt hatte, nunmehr wenigſtens ſcheinbar befriedigen zu koͤn⸗ nen geglaubt. 22. Dieſer Aufſchluß mußte Paulinen das Wohl⸗ thaͤtigſte ſeyn, was ihr wiederfahren konnte. Arthur hatte bereits waͤhrend ihrer Ohnmacht und unmittelbar nachher, im Allgemeinen erfahren, daß das Land unter ihrer Regierung ſtehe, und aͤuſſerte ihr jetzt wieder ſein Verlangen nach der endlichen Loſung des großen Raͤthſels, welches ſo lange ihn ungluͤcklich gemacht. Pauline theilte ihm alles im Zuſammenhange mit. Trunken von dem plötzlichen Erſcheinen einer lange füͤr unerreichbar geachteten Seligkeit, hielt 8— 110— das Paar ſich in den Armen, als Prinz Thaſſilo eilig hereintrat. In aͤuſſerſter Betroffenheit blieb er ſtehen. C— d ſtellte ihm Paulinen ſogleich als ſeine Ge⸗ mahlin vor. Kein Wunder, daß dem Prinzen die Rede verſagte, daß er nicht einmal, was der Zweck ſeines Eintretens war, Paulinens Vater ankün⸗ digte, welcher am Schloſſe, wo er abgeſtiegen, gehoͤrt hatte, daß ſeine Tochter den Abend bei Thaſſilo zubringe. Der Graf oͤffnete jetzt ſelbſt die Thuͤr. Das Erſtaunen, den Lord hier zu finden, verſchloß auch ihm den Mund. Willkommen, theurer Vater! rief die Freuden⸗ volle ihm zu. Erſt heute habe ich einen weit⸗ laufigen Brief an Sie abgeſchickt, der Ihnen Dinge ſagen ſollte, die Sie nun beſſer durch mich ſelbſt vernehmen werden. Auch konnte mein Brief den Hauptumſtand noch nicht mit enthalten, daß ich den Gemahl, den Vater meines Kindes, wie⸗ dergefunden habe. So iſt alſo? fragte Graf I*, den Brinzen verwundert anblickend— die Eroͤffnung ſchon er⸗ folgt, welche mir Anlaß zu meiner Herkunft ge⸗ geben hat?— Auf die Zeitungsnachricht von des Prinzen Florian Ableben trat ich ſogleich meine Reiſe an. Der ſelige Fuͤrſt Iſidor verlangte naͤm⸗ lich durchaus, daß, vorausgeſetzt, daß ſein Plan zur Ausfuͤhrung gekommen ſey, auf den moͤglichen Fall dieſes Todes, ſogleich der Thron an den rechtmaͤſigen Erben zurückgelangen ſolle. So habe ich denn— ſprach Pauline hoch⸗ erfreut— ganz in des Verewigten Geiſte gehan⸗ delt, als ich dem Prinzen die wahre Lage der Dinge vorſtellte. Sie, mein Vater, ebenfalls davon zu unterrichten und zu bitten um einen künftigen, ſtillen Aufenthalt fuͤr mich und mein Kind, beab⸗ ſichtigte hauptſaͤchlich mein heutiger, Ihnen fehl⸗ gegangener Brief. Der Aufenthalt— fiel Arthur, ſeinen Arm vertraulich um die Schulter der Gattin legend, ein— ergäbe ſich alſo wohl nun von ſelbſt. — 12— Daß jene Taͤuſchung auf dieſe Weiſe endigen moͤchte— berichtete der Graf ferner— gehoͤrte zu des verewigten Iſidors Lieblingswuͤnſchen, weil er dann zweien, von ihm ſehr geliebten, Perſonen das gluͤcklichſte Loos geſtiftet zu haben glaubte. Aber— ſo redete jetzt Thaſſilo den Lord an, wer iſt die Dame, die mit Ihnen reiſet?—— Meine Schweſter— antwortete Arthur— Dieſe Erlaͤuterung befreit mich zugleich von dem Vorwurfe, den Sie mir vorhin machten, daß das Halten des Verſprechens, Sie zu beſuchen, wenn ich glücklich verheirathet ſeyn wuͤrde, ihrer Noͤthi⸗ gung erſt bedurft habe. Sie haben doch recht ge⸗ habt, mein Prinz. Auf dem Schiffe, das uns gemeinſchaftlich nach dem feſten Land brachte, ſuchten Sie umſonſt meinen Truͤbſinn hinwegzu⸗ ſcheuchen. Bei der Prophezeihung, daß ich noch mein Gluͤck in der Liebe finden würde, nahmen Sie mir jenes Verſprechen ab. Erlauben Sie mir dieſe Hinweiſung hierauf in einem Momente, wo Ihr Blick, wie damals der meinige, von truͤben — 113— Gedanken zu zeugen ſcheint. Gewis, auch Sie werden noch gluͤcklich ſeyn, im ganzen Umfange des Wortes. Dankbar ſchloß der Prnz den Theilnehmenden in die Arme, den er erſt vor Kurzem nur als den Stoͤrer ſeiner ſüßeſten Hoffnung betrachtet hatte. Arthur begab ſich mit ihm zur Geſellſchaft zu⸗ ruͤck, waͤhrend Pauline am Arme ihres Vaters das Haus verlies. Dann kam der Glückliche noch in's Schloß, um ſich, wenigſtens auf einige Au⸗ genblicke, des Anſchauens ſeines ſchlafenden Kin⸗ des zu erfreuen. 23. Eine Reiſe Paulinens mit ihrem Knaben auf ein einſamgelegenes Gut ihres Vaters, von dem⸗ jenigen ziemlich entfernt, wo er mit ſeiner Ge⸗ mahlin lebte, ſchien, nach der uͤbereinſtimmenden Meinung des Prinzen und des Grafen, ſehr ge⸗ 3 — 14— eignet zu Einleitung der Regierungsveränderung. Am folgenden Tage ſchon unternahm man die Reiſe, auf ganz kurze Zeit, wie es hieß. Wenige Wochen nachher kehrte der Graf mit dem Vor⸗ geben zuruͤck, daß das Kind auf jenem Gute ver⸗ ſtorben ſey. Uebrigens hatte er dieſes Vorgeben mit allen Zeichen der Wahrheit in ſolchem Grade zu verſehen gewußt, daß um ſo weniger ein Zweifel eintrat, als bald nachher, an die Stelle des heim⸗ lich auf Arthurs Gut geſchaften Knaben, ein an⸗ derer, wirklich verſtorbener, in der fuͤrſtlichen Gruft beigeſetzt wurde. Die Kraͤnklichkeit, welche die Fuͤrſtin zu einem Ausſluge nach Italien vermocht habe, war eben⸗ falls ein Anführen, dem Niemand ſeinen vollen Glauben verſagte. Nur Thaſſilo, der nunmehrige Landesregent erfuhr von der eigentlichen Bewandnis der Um⸗ ſtaͤnde. Der Jubel der Landleute auf Arthurs Gute war groß, als er mit ſeiner Gemahlin und — 115— Schweſter ganz unvermuthet dort anlangte. Der fruͤhere Haß gegen Paulinen verwandelte ſich bald in Verehrung und Liebe. Obſchon man ſich uͤber die eigentliche Urſache ihres Verſchwindens ver⸗ gebens den Kopf zerbrach, ſo ging doch aus der neuen Gutsherrin ganzem, muſterhaften Beneh⸗ men hervor, daß nur die dringendſte Nothwendig⸗ keit ſolches veranlaßt haben konnte. Das Schickſal hatte in der letzten Zeit Alles gethan, die Liebenden wieder mit ſeinen Fügungen auszuſoͤhnen. Auch Fürſt Thaſſilo beſuchte die Gluͤcklichen von Zeit zu Zeit. Nicht ihretwegen allein. Das zeigte ſich am klarſten, als ein Jahr ſpaͤter Mary ſeine Gemahlin wurde. Uebrigens pflegte der Graf von I recht oft, wenn er mit Arthur und Paulinen allein war, ſein Eingehen auf den abentheuerlichen Plan des ver⸗ ſtorbenen Iſidors, die groͤßte Uebereilung ſeines ganzen Lebens zu nennen. Wie thorig iſt es— ſagte er einſt— wie thoͤrig, durch Taͤuſchungen 8* — 116— dieſer Ate das Schickſal meiſtern wollen, in deſſen Gewalt doch die Wendungen aller Dinge ſtehen! Vielleicht ließ es auch nur darum uͤber den Theilnehmern an dem gewagten Verſuche, die Sonne des Gluͤckes ſo herrlich aufgehen, weil die Triebfeder einzig Menſchenliebe war, die, ſelbſt in ihren Verirrungen, dem Menſchen zum erfreulichſten Schmucke gereicht.— 1 Die unzerſtoͤrbare Liebe. — 119— 1. Ballgebraͤuche. Die jungen Maͤdchen kommen heutzutage allent⸗ halben zu Liebhabern. Da fuͤhrt ſie zum Epempel Vaͤterchen auf den Ball und weil dort unter anderm auch die Herzen warm zu werden pflegen, ſo naͤhern ſich ihnen die jungen Manner ſchneller als anderswo. Waͤhrend nun der alte Papa, vom L Hombre⸗ oder Whiſttiſche im Nebenzimmer, dann und wann einen Blick nach dem Sagle hin⸗ wirft und Toͤchterchen hier ihren tanzluſtigen Füßchen freien Lauf geben ſieht, weiß er kein Wort, daß irgend einer der jungen Tanzhelden des Maͤdchens Herz mitten im Tanze ſelbſt, An⸗ ſangs mit Blicken überrumpelt und dann mit Reden vöͤllig genommen hat. Das aber nicht — 120— blos fuͤr dieſe eine Ballnacht, nein, Gott be⸗ wahre! ſogleich für die ganze Zeit und auch für die ganze Ewigkeit. Juſt ſo war es unter vielen andern auch des Tabakhäͤndlers, Kommerzienraths Naͤgelein, hüb⸗ ſcher Konſtanze gegangen. 2. Punkt zehn Uhr. Und nachher zu Hauſe, wie ging es dem armen Stanzchen da erſt! Das war indeſſen auch kein Wunder! Denn ein niedliches Kopfchen, wie das ihrige, in welches die ganze Ewigkeit gefahren iſt, kann natuͤrlich vor Laͤrm darin den Reſt der Nacht das Auge nicht zuthun, und iſt nur froh, wenn endlich fruͤh die Kaminflamme kniſtert und die Kaffeetaſſen klirren. Der Anzug woollte dasmal gleichfalls, ſobald als moͤglich be⸗ ſorgt ſeyn. Holterpolter aber durfte es damit auch nicht hergehen. Vielmehr mußte ausge⸗ klügelt werden, welches Negligee zugleich am — 121— huͤbſcheſten und am kunſtloſeſten lieſe. Dergleichen Kunſtloſigkeiten aber— ſoviel hatte Kon⸗ ſtanze in ihrer ſechszehnjaͤhrigen Lebenspraxis be⸗ reits begriffen— erfordern oft einen erſtaunlichen Aufwand von Kunſt: zumal an Tagen, die auf ſolche Naͤchte folgen. Der von nun an einzige Disponent uͤber Stanzchens Zeit und Ewigkeit, Herr Heinrich Koller, hatte naͤmlich auf dem Balle in ganz geringer Entfernung von ihr ge⸗ ſtanden, als ſie ihrer Freundin Jutta einen Be⸗ ſuch fuͤr dieſen Morgen Punkt zehn Uhr, laut genug, zugeſagt hatte. Ihm war offenbar keine Sylbe von der Rede entgangen. Wer konnte da⸗ her wiſſen, ob er etwa gleichfalls Punkt zehn Uhr in der Gegend von Jutta's Wohnung die Sache abwarten werde? Oder vielmehr, wer konnte das nicht wiſſen? Wenn er nun aber da wartete, vergebens wartete, blos weil Stanzchens Toilette zu lange dauerte, wie haͤtte das gute Stanzchen das bei ihrem zarten Gewiſſen verantworten moͤgen?— Das fehlte noch! Und grade dieſen Morgen mislang alles an Stanzchens Kleidung. Abſcheulich, ganz abſcheu⸗ lich! rief ſie einmal nach dem andern in hoͤchſter Betruͤbnis ihrem Spiegelbilde zu, dem ſie noch niemals ſo anhaltende, ſorgfaͤltige Blicke zuge⸗ wendet hatte. Sie ſchickte ihre treue Helferin, das Dienſtmaͤdchen, hinaus, um nur allein Hand anlegen zu koͤnnen. Aber das machte die Sache nicht beſſer. Keine Falte am rechten Flecke; kein Loͤckchen, wie es ſeyn ſollte, und der dritte Hut, den ſie aufſetzte, hatte uͤberall eine Ecke, die nicht ſtattſinden durfte, ſo gut wie der erſte und zweite ſie gehabt hatten!— Herrn Koller ausgenommen, war ihr die ganze Welt zuwider, die Fliege an der Wand. Ja, was ſage ich die Fliege? das Lebloſe ſogar ſetzte ihr barbariſch zu. Zum Beiſpiel das Por⸗ trait ihres Vaters. Noch viel finſterer als ———— — 123— gewoͤhnlich, ſchien es auf ſie herüberzuſchauen, weil ſie ſich dasmal ſo gar lange ankleidete. / Gott im Himmel! rief ſie, als es zehn ſchlug und ſie rief das ſo laut, daß der Kommerzien⸗ rath, der eben im dritten Zimmer an ſeinem Pulte Dukaten wog, alles hinwarf und uͤber Hals uͤber Kopf herbeieilte, um nachzuſehen, was ſeinem lieben Stanzchen wiederfahren war. Das fehlte grade noch, daß Jemand kam, der ſie aufhielt, jetzt, da es ſchon zehn geſchlagen hatte und Herr Koller ohnſtreitig bereits auf ſei⸗ nem Poſten ſtand. 4. Der Muſikmeiſter. Was ſchreiſt Du denn, mein Kind? fragte der theilnehmende Vater. Die Bosheit einer Stecknadel ward zur llr⸗ ſache angegeben. — 124— Wohin denn aber ſo eilig, Stanzchen? Der Muſikmeiſter kommt ja um zehn Uhr! Der Muſikmeiſter! rief Konſtanze erblaſſend. Daß das grade ein Muſiktag war, daran hatte ſie mit keinem Athem gedacht.— Heute, ſprach ſie da kleinmuͤthig, heute, lieber Vater, muß ich die Stunde wirklich verſaͤumen, weil ich der guten Jutta einen Beſuch zugeſagt habe. So! rief der Kommerzienrath. Das waͤre mir die rechte Urſache. Nein, nein, ſolche theure Muſikſtunden verſaͤumt man nicht ohne Noth.— Johann! Herr Kommerzienrath! antwortete der Ein⸗ tretende. Gehe er einmal in's Eckhaus hinuͤber zu Mamſell Jutta. Meine Tochter bedauerte ſehr, dieſen Vormittag nicht kommen zu können. Die gruͤndliche Entſchuldigung. Der Kommerzienrath brummte noch Vieles; aber Stanzchen hatte mehr zu thun, als darauf — zu hoͤren. Ihr einziger Troſt war noch, daß ſie die verwuͤnſchte Muſikſtunde ſchweizich uͤberleben werde. Starb ſie aber, ſo war das eine uͤberaus gruͤndliche Entſchuldigung ihres Nichterſcheinens bei Herrn Koller. Dieſer, ſo kalkulirte ſie ferner, ſtirbt dann natuͤrlicher Weiſe vor Gram gleich hin⸗ terdrein. Auf die Zeit mußten beide daher in Zei⸗ ten Verzicht thun. Was aber ſchadete das Leuten, denen für ihre Liebe die lange, lange Ewigkeit zu Gebote ſtand? Ausgelegt hatte ſonach Stanzchen alles ganz vortrefflich. Wenn's nur auch ſchon eingetroffen waͤre. So aber dauerte die Muſikſtunde ſelber eine Ewigkeit, eine martervolle Ewigkeit; und als ſie voruͤber war, ſtand ihre Zeit, leider! noch ganz kerngeſund vor ihr und blickte dem armen Stanz⸗ chen recht ſchadenfroh in die betruͤbten Augen. Da ſtieg eine lichte Vermuthung in ihr auf. Wie wenn der Einzige noch wartete! rief ſie aus, warf den ſeidenen Mantel um und eilte ſogleich die Treppe hinunter und aus dem Hauſe. Und — 126— ſiehe da, Herr Koller hatte wirklich ſeinen Obſer⸗ vationspoſten nicht verlaſſen. In wenig Augenblicken kam alles zu Stande. Die Freude von beiden Seiten, doch noch den Wunſch erreicht zu haben, ließ ſich den Mund nicht zuhalten. 6. Ob? und auf was. Von nun an hatte Stanzchen alle Tage we⸗ nigſtens Einen Gang, entweder in einen Kauf⸗ laden oder zu einer Freundin, zu thun, und wer auf dieſem Gange allezeit von ihr getroffen wurde, das war Herr Heinrich Koller. Zum Gluͤcke beſann ſich der Kommerzienrath gar nicht darauf, daß ein Maͤdchen von ſechszehn Jahren ſchon vorſichtig genug iſt, auf ihre künftige Ehe mit zu denken. Zum Unglück aber mußte Herr Koller jetzt auf einige Tage verreiſen, und der Brief, ſein Stellvertreter bei Stanzchen, gerieth in die Haͤnde des Kommerzienraths. 3 — 122— Von der lichterlohen Liebesflamme in dieſem Briefe war dem Manne das Geſicht Lergeſtalt in Gluth gerathen, als ob er den ganzen Tag am Heerde einer hochfurſtlichen Kuͤche haͤtte aushalten muͤſſen. Was iſt das? fragte er ſeine Tochter, den Brief ihr vorhaltend. Er wollte wiſſen, wer der Heinrich ſey, der ſich unterſchrieben, und als er nun nach und nach herausgepeinigt hatte, wie der Handel entſtanden war, ſo wollte er auch wiſſen, ob und auf was Herr Koller Stanzchen hei⸗ rathen wolle. Das ob ließ ſich leichter beantwor⸗ ten, als das auf was?— Zwar meinte Stanz⸗ chen, daß ein junger Oekonom von fünf und zwanzig Jahren, ſo ſchoͤn wie der, wohl fortkom⸗ men muͤſſe, das verſtehe ſich ja von ſelbſt. Aber der Kommerzienrath, den ſie mit dieſer Meinung zu beſchaͤmen glaubte, ſagte, aus ſolchen Be⸗ hauptungen ſaͤhe man am beſten, daß ſie noch ein Kind ſey, Kinder aber duͤrften nicht heirathen, das ſey eine weltbekannte Sache. Heimlich indeſſen erkundigte ſich der Kom⸗ merzienrath nach den Umſtäͤnden des jungen — 128— Herrn. Das Reſultat war jedoch gar nicht günſtig fuͤr Stanzchens Plane. Für die kurze Zeit, daß er in der Stadt wohnte, kein Menſch wußte warum, hatte er viel zu viel Schulden ge⸗ macht, auch bezog ſich ſeine jetzige Abweſenheit unſtreitig auf ſein Schuldenweſen. Denn kaum war er wechſelmuͤndig geworden, ſo hatte er auch ſchon Wechſel ausgeſtellt, um das neuerlangte Recht nicht unbenutzt zu laſſen, und eben dieſe Wechſel noͤthigten ihn nunmehr zum Unſichtbar⸗ werden. 2. Das graͤßliche Geſchick. Uebrigens war dem Kommerzienrath Naͤ⸗ gelein nicht recht wohl zu Muthe bei der Sache. So wenig er auch im Allgemeinen wiſſen mochte, das wußte er doch, daß wenn bei Maͤdchen be Heirathsgedanken einmal eingeriſſen ſind, ſie ſich auch nicht ſo leicht wieder austreiben laſſen, als eben durch eine Heirath. Welch eine Freude da⸗ 8. — —— 129— her füͤr ihn, als jetzt der Stiſtsrath Nennet wirklich um Stanzchens Hand anhielt. Stanzchens Verzweifflung war rieſengroß, als er ihr die Sache mittheilte. Tauſende von Maͤdchen wuͤrden mit beiden Händen zugegriffen haben nach dem Stiftsrathe, denn er war huͤbſch, angenehm und hatte einen Gehalt, von dem ſich eine ziemliche Familie ernaͤhren ließ. Aber wer nun, wie Stanzchen, bereits ſein Herz vergeben hat?— Tcotz dem vaͤterlichen Verbote, erließ ſie auf der Stelle ein Sendſchreiben an Herru Koller, der ihr ſeine glückliche Ruͤckkehr ſchon am Morgen durch einen Ritt bei ihrem Fenſter vor⸗ uͤber notiſicirt hatte. Wenn Stanzchen an die Hattnaͤckigkeit ihres Baters dachte, ſo konnte ſie ſich ihr Geſchick nicht graͤßlich genug vorſtellen. Ja, wenn mit dem de mehr anzufangen geweſen waͤre! Aber den traͤgen Burſchen kannte ſie von der erwaͤhnten Muſikſtunde her, wo ſie ſchon voͤllig marſchfertig war in's Land der Ewigkeit. Wer nicht kam, das 9 — 130— war ja eben der Tod. Und ſich dem Tode von ſelbſt in die Arme zu werfen, das waͤre gar zu zudringlich herausgekommen, und Zudringlichkeit laͤßt nun einmal nicht für huͤbſche Mäͤdchen; kaum fuͤr garſtige. 8. Tippo Saib. In dieſe truͤben Gedanken verſunken, ſtand Stanzchen zur Zeit des vaͤterlichen Mittagsſchlafes an der kleinen Gartenthuͤre, welche auf das freie Feld hinausfuͤhrt. Das junge Gras ſproßte üppig hervor. Maͤchtig quollen allenthalben Saat und Blumen aus der Erde. Die Knospen der Baͤume warteten nur auf den warmen Regen, welchen der truͤbe Himmel ſchon verkuͤndigte, um ſich in ſuͤß⸗ duftende Bluͤthen zu verwandeln, und in der Luft ſchwebte die heitere Lerche, auf die nahe Ruͤckkehr alles Schoͤnen freundlich hinzudeuten. Stanzchen ſah von dem Allen nichts, gar nichts. Tod und Grab waren ihre einzigen Ge⸗ — 131— danken mitten in dieſem neuen Leben. Da kam noch zum Gluͤck ein ſchwarzer Pudel herbei und brachte ſie auf andere. Es war der bekannte große Tippo Saib, der Leibpudel des Herrn Kol⸗ ler, der zugleich den Laufer und Heiducken bei ihm machte und nie freiwillig anderswo, als in ſeines Gebieters Naͤhe ſich betreten ließ. Stanzchen blickte freundlich auf die Seite, woher Tippo gekommen war, und ſiehe da, Herr Koller ſchon ſelbſt, der ihr ſeine Ehrfurcht bezeigte. 9. Er ſelber. Stanzchen, theures, einziges Stanzchen, ſagte der junge Mann, nachdem ihr erſtes Allegro nur allzubald in das erbaͤrmlichſte Lamentoſo uͤber⸗ gegangen war, nur Muth gefaßt und nicht vor der Zeit verzagt. Ergeben Sie ſich ſcheinbar in Ihres Herrn Vaters unmenſchlichen Willen. Beim Tippo Saib, er ſoll die Gewalt der Liebe ſchon 9* —— 132— anerkennen, an die er jetzt noch nicht glauͤben will. Auf mein Wort, ich komme einmal plöͤtzlich, wie ein Dieb in der Nacht, und entfuͤhre Sie. Die Schliche kenne ich bereits. Dort iſt die kleine Treppe, von der Sie mir neulich erzählten, die Niemand mehr geht. Die Thuͤr unten davor dür⸗ fen Sie nur Abends heimlich aufmachen. Da komme ich denn, klettre uͤber die Gartenwand und vin wie der Blitz an jener Thuͤr. Tippo hinterher. Dann geht's die Treppe hinauf, wo Sie meiner im Mantel warten. Ich nehme Ihren Arm in den meinigen und ſo immer fort uber alle Berge. Ach Gott! ſeufzte die gekraͤnkte Ehrbarkeit aus Stanzchen. Nein, ſprach ſie, nein! Dazu machte ſie ihrem Einzigen tauſend vernünftige Ge⸗ genvorſtellungen. Aber er warf ſie insgeſammt mit der Gewalt der Liebe und der Umſtände zuruͤck. Und als nur die Einwendungen der Ehrbarkeit be⸗ ſeitigt waren, ſo konnte alles Nebrige auch nicht Stich halten. Der Johann, ſagte Stanzchen aͤngſtlich, der ſchläft ja der kleinen Treppe oben zur Linken. Der Johann, entgegnete Herr Koller, das iſt ein lieber, alter Kerl, welcher Geſpenſter glaubt, dem zu Gefallen werde ich unten vor der Treppe noch einmal ſo groß als ich bin, mit Huͤlfe weißer Tuͤcher. Und geſetzt, der Kerl ſollte den⸗ Freigeiſt und Laͤrm machen, nun ſo ſchicke ich den Tippo über ihn her und rufe, wenn er ihn bei der Bruſt hat: Mucke noch einmal, Alter, Falls Du fuͤr immer ausgemuckt haben willſt! Oder mucke lieber nicht, verhalte dich vielmehr ſtill, wie es einem vernünftigen Kerl zukommt, den eine ſolche Beſtie in den Klauen hat, oder—— Du verſtehſt mich! — Da wird denn, denke ich, der Iohann uns ſchon in Gottes Namen ziehen laſſen. Und ſchreit er auch, wenn der Hund uns wieder hinten nach⸗ laͤuft, noch etwas weniges: Feuer! ſo thut das nichts. Hier außen ſteht mein gutes Pferd, darauf ſchwinge ich mich, nehme mein Stanzchen dazu, und fort geht es, in die weite Welt. Und was dann anfangen?— fragte Stanz⸗ chen, nicht allzudumm. — 134— Herr Koller aber antwortete: Da fangen wir an, was wir wollen. Ach, du lieber Gott, ich hoͤre den Vater ſchon! rief Stanzchen. Im Nu war Herr Koller mit ſeinem Pudel um die Ecke und als der Kom⸗ merzienrath anlangte, da ſaß Toͤchterchen gar weit von der Thuͤr im einſamen Winkelchen des Gartens und ſtrickte ſo aͤmſig und ohne aufzuſchauen, als ob ſie bereits ein halbes Jahrhundert, oder doch wenigſtens waͤhrend des ganzen Mittagsſchlaͤfchens des auf ſie Zukommenden da geſeſſen und geſtrickt haͤtte. 10. Auf den Himmelfahrtstag. Nun, ſagte der Kommerzienrath, ſeine Ta⸗ backspfeife anblaſend, nun, wird's bald werden. Eben ſchreibt meine Schweſter, daß ſie Dich fuͤr eine Braut vollkommen equipirt hat. Auf den Himmelfahrtstag, denke ich, wollen wir das Ver⸗ lobungsfeſt hier feiern. — 135— Stanzchen ſtrickte fort, ohne aufzublicken, doch mit ziemlich ruhiger Miene, denn ſie dachte: Ich weiß ſchon, was ich weiß⸗ Je mehr ſie aber, als ſie wieder allein war⸗ üͤber ihr Wiſſen und Herrn Kollers Plan nach⸗ dachte, deſto luftiger kam ihr letzterer vor. Ja, er konnte ſogar völlig mislingen. Wenn nun auch der Vater ſo weit entfernt von dem alten Johann ſchlief, daß er ihn ſchwerlich aufzuſchreien ver⸗ mochte, ſo gab es doch noch einen jungen, ruſtigen Gaͤrtner, auf den Herr Koller gar nicht gedacht zu haben ſchien. Ueberhaupt, ſeufzte Stanzchen, ſcheint mir manches nicht recht bedacht, wie zum Beiſpiel der Umſtand mit der weiten Welt und dem darinnen anfangen, was man wolle. Gleichwohl glaubte ſie's darauf ankommen laſſen zu muͤſſen. Daher ſorgte ſie denn auch alle Abende redlich dafuͤr, daß die Thür zur heimlichen Treppe offen ſtand. Was ihr aber bald das Kopſchen gewaltig warm machte, war, daß ſie es nun ſchon ganze acht Tage ſo gehalten und oben gelauert hatte, wenn der Johan zu Bette war, und das be⸗ 4 wußte Geſpenſt noch immer ausblieb. Sie machte ſich tauſend Gedanken daruͤber. Ertappt konnte man's unmöͤglich haben. Da wuͤrde keine ſo gute Zeit für ſie beim Vater geweſen ſeyn.— Wie, wenn der Einzige gar untren, meineidig gewor⸗ den waͤre? Das gute Stanzchen wußte ihrer Angſt und Betruͤbnis kein Ende, als endlich der Himmelfahrtstag herbeikam. Ach, ihr war es gar nicht wie Himmelfahrt!— 11. Der Geſellſchaftskavalier. Mit Herrn Kollers Ausbleiben ging es ganz naturlich zu. Juſt an dem zweiten Abende nach ihrem Mittagsgefpräche, als er eben ſeinen Geiſterapparat in Stand ſetzte, pochte es auf einmal ſo ſtark an ſeine Thür, daß der Ge⸗ ſpenſtermacher ſich faͤſt ſeiber vor Geſpenſtern ge⸗ fürchtet haͤtte. Wirklich ging aber ſein Erſchrek⸗ den in eigentliche Furcht über, als jetzt ein klei⸗ — 137— nes, artiges Maͤnnchen die Thuͤr oͤffnete und nach der Frage, ob das Eintreten erlaubt ſey, ohne erſt die Antwort abzuwarten, wirklich ihm ganz nahe trat und ihm einen Wechſel vorzeigte, dabei auch achſelzuckend von einem bittern Ent⸗ weder— Oder! ſprach. Da das Entweder von der voͤllig geſprengten Kaſſe des Wechſelausſtellers nicht zu erlangen war, ſo mußte das Oder, in einem wohlkon⸗ ditionirten Rathswaͤchter, eintreten. Die ganze lange Zeit von da an bis zum Himmelfahrtstage hatte Herr Koller nun einen ſolchen Geſellſchaftskavglier auf dem Saale bei ſich gehabt und nicht einmal einen ſichern Weg gefunden zu einem Brieſchen in Stanzchens Haͤnde. Denn auf die Leute des Hauswirths war ſich auch nicht zu verlaſſen, weil ſein inſol⸗ venter Zuſtand ſie insgeſammt aͤuſſerſt hartherzig gegen ihn gemacht hatte. 3 1 12. Das Briefchen. Am Himmelfahrtstage nach Tiſche gerieth noch zum Gluͤck Stanzchen in ihrer Verzweiflung auf den Gedanken, es, obſchon keine einzige ſichre Briefpoſtgelegenheit ihr mehr zu Gebote ſtand, mit einem Briefe auf Gerathewohl zu wagen. Gaͤrtners Maͤdchen, deſſen ſie ſich dazu bediente, hatte freilich nichts ſo wenig, als den Ruf der Schlauheit füͤr ſich. Es gelang indeſſen: der Brief kam richtig in des Geliebten Haͤnde. Stanzchen ſagte darin: Sie wiſſe ja gar nicht, woran ſie waͤre, und beſchwor Herrn Kol⸗ ler bei ſeiner Liebe, wenn dieſe, welche ſo lange kein Lebenszeichen von ſich gegeben, wirklich noch epiſtiren ſollte, auf den Abend Schlag ſieben Uhr an der hintern Gartenthuͤr zu erſcheinen. Ihr Vater habe naͤmlich ihre Verlobungsfeier mit dem Stiftsrath Nenner auf dieſen Abend feſtgeſetzt. 1 — 139— 13. Der bedenkliche Zuſtand. Verlobungsfeier! rief der Arreſtant mit ſo entſetzlicher Stimme, daß der Rathswaͤchter vom Saale ſchnell hereintrat und nach ſeinen Befehlen fragte. Ich befehle— war die Antwort— daß Er auf der Stelle den Herrn Aktuarius holen laſſe. Es ſind Dinge vorgefallen, Dinge, Dinge, die mich ganz raſend machen koͤnnten, wenn ich das nicht ſchon waͤre. Kurz, Freund, der Herr Ak⸗ tuarius moͤchten ſich ja herbemuͤhen. Der Rathswaͤchter ſtarrte eine Weile in den Mund hinein, aus welchem ſolche wunderliche Reden hervorbrachen. Mache Er Anſtalt, oder——! rief Herr Koller, und der Rathswaͤchter eilte ruͤcklings und mit ſtark abwehrenden Haͤnden zur Thuͤr hinaus. Auch rief er draußen ängſtlich Jemand auf dem Hofe, den Aktuarius herbeizuholen. Denn ihm — 140— ſchien dieſe Maaßregel von größter Nothwendig⸗ keit, weil Ein Waͤchter fuͤr ſolch einen Arreſtan⸗ ten ihm viel zu wenig duͤnkte. Das Herz klopfte dem Manne auf dem Saale immer ſtärker. Der Tritt des Mannes im Zimmer ward naͤmlich mit jeder Minute hef⸗ tiger, ſo daß jener alle Augenblicke dachte: nun wird er gewis die Thuͤr aufreißen und dich. beim Kragen nehmen. 14. Das geht nicht. Die groͤßere Heftigkeit des Wechſelſchuldners bezog ſich aber einzig darauf, daß er bei naͤherer Ueberlegung nicht wußte, was mit dem herbei⸗ zitirten Aktugrius anzufangen ſeyn werde. In die Freiheit mußte Herr Koller, auf daß die Ver⸗ lobung verhindert wuͤrde! Darum hatte er den Aktuagrius haben wollen. Wie aber ihm beikom⸗ men? fragte er ſich nun. Mit vernuͤnftigen Vor⸗ ſtellungen? Nein, das geht nicht. Das hieße ſa die Vernunft gradezu aus dem Fenſter werfen. Endlich aber rief er doch! Jetzt, ja jetzt habe ich's. Dazu jauchzte er ſo laut, daß der Raths⸗ waͤchter draußen ſchon die Klinke der Treppen⸗ thuͤr in die Hand nahm, um noch zu rechter Zeit davon laufen zu koͤnnen. Denn, ſagte er, ein Rathswaͤchter iſt hier zu Lande fuͤr die wenige Löhnung geſchoren genug. Er braucht ſich nicht noch dem etwanigen Biſſe eines Raſenden gus⸗ zuſetzen!— 154 Die drei Gruͤnde. Ein Jauchzen, worein jetzt der Arreſtant aus⸗ brach, machte den Rathswaͤchter nur noch baͤng⸗ licher. Es war aber blos ein Ausbruch der Freude des Herrn Koller uͤber den eben gefundenen Plan, durch welchen er frei zu werden hoffte. Sein Plan beruhte hauptſächlich auf drei Gruͤnden. Der eine war, daß der Aktuarius, wie er bei der — 142— Verhaftung zufäͤlltg entdeckt hatte, kein franzöͤſiſch verſtand. Der zweite Grund war die damals eben ſtattfindende franzöſiſche Beſatzung und der dritte, die uͤberaus ſorgloſe Art des Aktuarius, ſich zu kleiden. Baͤndchen wahr, welches vor einigen Wochen ein hier einquartiert geweſener Ehrenlegionaͤr wahr⸗ ſcheinlich vergeſſen hatte, und knupfte es in ſein Knopfloch. 16. Die Erkurſion. Herr Aktuarius, ſagte er zu dem bald darauf Eintretenden mit wichtiger Miene, Prahlen iſt be⸗ kanntlich meine Sache nicht. Doch muß ich Sie aufmerkſam machen, daß ich noch angeſehene Freunde beſitze. So eben iſt mir, mittelſt eines franzoͤſiſchen, uͤberaus ſchmeichelhaften Send⸗ ſchreibens der Orden zugeſchickt worden, mit der Die Sache geht, ſie muß gehen! rief der Arreſtant aufſpringend. Dazu nahm er ein rothes — — 14— Bitte, mich perſoͤnlich bei dem hieſigen Komman⸗ danten einzufinden. Sie ermeſſen leicht, wie un⸗ angenehm es mir ſeyn müßte, die eigentliche Ver⸗ hinderung ſchriftlich anzugeben. Der Aktuarius aͤußerte einiges Bedenken hauptſaͤchlich darum, weil der Kommandant viel⸗ leicht durch einen Machtſpruch dem Rechte in den Weg treten könnte. Pfui, Herr Aktuarius, ſprach Herr Koller, ſchaͤmen Sie ſich, einem Manne, wie dieſem Kom⸗ mandanten, dem man noch keinen Eingriff in die hieſigen Geſetze Schuld geben kann, dergleichen zuzutrauen. Sie würden auch die Vorwuͤrfe mei⸗ nes Glaͤubigers ſelbſt auf ſich laden, wenn Sie mir die Bitte verweigern wollten, da der Gang mich zu gleicher Zeit der Schuld entbindet, indem eben bei dem Kommandanten eine dreimal ſo große Summe, als die iſt, welche mich hier feſthaͤlt, meiner wartet.— Nach mehrern aͤhnlichen Vorſtellungen und einer ſchriftlichen Verſicherung bei ſeiner Ehre, — 144— ſelbſt wenn der Kommandant zu Gunſten ſeiner einen Eingriff in das Wechſelrecht ſeines Glaͤubi⸗ gers thun wolle, ſolchen auf keinen Fall zu be⸗ nutzen, ließ der Aktuarius ſich endlich die vorge⸗ ſchlagene Exkurſion gefallen. Doch gab er im Fortgehen dem verwunderten Nathswaͤchter einen Wink, daß er noch warten moͤchte, um, Falls die Zahlung nicht erfolge, den Arreſtanten ſogleich wieder feſtzuhalten. 17. Kriegsliſt. Vor einem großen Hauſe, welches durch ei⸗ nen ſehr geräumigen Hof aus einer Straße nach der andern fuͤhrte, ſprach der Wechſelſchuldner zu ſeinem Begleiter, der die Augen immer uͤberall hatte: Laſſen Sie uns dieſen Durchgang benutzen, Herr Aktuarius. Nun aber kam es drauf an, ob der Kollerſche Plan gelingen oder ſcheitern wuͤrde. In dem Durchhauſe naͤmlich wußte der Gefangene einen General wohnen, vor deſſen Thur eine Schild⸗ wache ſtand. Auf dieſe nun ging Herr Koller zu, und der vorſichtige Aktuarius ſolgté ihm Schritt vor Schritt.. 3 Kamerad! ſo redete der Wechſelſchuldner die Schildwache im Tone des Unwillens franzoͤſiſch an, verhaftet doch einmal dieſen läſtigen Bettler, der mir gar nicht vom Leibe geht. Es iſt Polizeiſache, Kamerad! Auf dieſes, durch das rothe Band im Knopf⸗ loche wohl unterſtützte Wort, befahl der Soldat dem in der That aͤrmlich gekleideten Aktuarius zu bleiben, und hielt den Beſtuͤrzten, der aus Mangel an Kenntnis der franzoͤſiſchen Sprache ſich ihm nicht verſtaͤndlich machen konnte, auf die Letzt mit Gewalt an, waͤhrend Herr Koller wohlgemuth durch die alſo wieder errungene Freiheit, aus dem andern Thore des Durchganges hinaus, nach der bewußten Gartenthuͤr ſpazierte. 10 — 146— 18. 5 Berathſchlagungen. Alles wie beſtellt. Juſt Schlag ſieben Uhr traf Herr Koller am beſtimmten Orte ein. Stanz⸗ chen erſchien kurz darauf. Er erſchrak uͤber ihr Leichenbittergeſichtchen und ſagte: Mein Gott, lie⸗ bes Stanzchen, warum denn ſo traurig? Wo⸗ zu dieſe Thraͤnen? Wir ſind ja beiſammen! Was wollen wir mehr? Kommen Sie, kommen Sie! 1 Wohin denn?— Wohin es iſt, beſtes Stanzchen. Die Welt iſt erſtaunlich groß. Wie weit aber wuͤrden wir kommen? Zumal bei Tage. Und in ein Paar Stunden ohngefaͤhr iſt ſchon die Verlobung. Bald bin ich bewacht von allen Seiten, und morgen früh muß ich mit dem Vater und dem ſogenannten Braͤutigam auf's Gut. Dort ſoll in wenig Tagen die Hochzeit feyn. Verdammte Maaßregeln! rief Herr Koller, und im fruchtloſen Hin⸗ und Herſinnen fand ſich jetzt auf einmal, daß man die Zeit verſaͤumt hatte. — 14— Denn Konſtanzens Vater und Braͤutigam, nebſt noch einem Herrn und einer Dame kniſterten eben den großen, breiten, mit neuem Kieſe beſtreuten Weg daher, nach der Gartenthuͤre zu. 19. Anfang der Komoͤdie. Verwuͤnſcht! rief Herr Koller und Stanzchen wollte in Ohnmacht ſinken. Das aber ließ er durchaus nicht zu. Gott bewahre, ſagte er. Lau⸗ ſen vielmehr muͤſſen Sie, recht laufen und zwar vor mir. Denn ich laufe Ihnen nach und Sie haben blos zu thun, als flüchteten Sie vor einem betrunkenen Menſchen in die Arme Ihres Vaters. Ich ſehe wohl, wir muͤſſen der Komoͤdie Ihrer ſo⸗ genannten Verlobung eine andere Komoͤdie ent⸗ gegenſetzen. Nur fort, fort, ich werde ſchon nach⸗ taumeln. 3 Ach, ein Betrunkener! ſchrie Stanzchen, in den Plan eingehend, und lief zu den eben Ankom⸗ menden. Herr Koller ſchlaͤngelte ſich luſtig hinter⸗ her. . 10* — 14s— Meine Herren und Damen! rief er den Er⸗ ſtaunten im Tone der Trunkenheit zu„Sie ſehen mir ſo feierlich aus, und wo es ein Feſt giebt, da bin ich auch. Schuͤtzen Sie mich, bitte ich, gegen dieſes Fraͤulein, das mir den Zutritt verwehren will. Mit dieſen Worten warf er ſich auf den mit⸗ telſten der Stühle, welche der Bediente ſo eben im Lindengange fuͤr die Gäͤſte zuſammengeſtellt hatte. Nehmen Sie Platz, ſchoͤne Damen! Auch 1 Sie, meine Herren! Ohne alle Umſtände. Mein Rang muß Ihnen nicht zur Laſt fallen. Nur grade⸗ zu hierher, neben mich. Es macht mir Freude. Was koͤnnen Sie dafuͤr, daß ich Marſchall bin. Und wenn ich dem hieſigen Kommandanten den Kopf zurechtruͤcke, ſo wird Ihnen darum kein Haar gekrümmt. Der Mann thut mir uͤbrigens leid. Das Diner, das er mir heute gab, war köͤſtlich! Allein die Einwohner werden nicht genug geſchont von ihm, und das will der Kaiſer doch vor Allem!— Apropos Johann, oder wie er heißt, den Thee her bei. Lauern wir denn nicht alle darauf? Aber guten Thee, Kerl, oder es geht ihm nicht gut. —— Fortſetzung der Komoͤdie. Der Kommerzienrath, der wie die Andern in dem Gaſte einen etwas exaltirten Marſchall zu ſehen glaubte, winkte dem Bedienten, den Thee herbeizuſchaffen, und verſicherte ſelbſtgefaͤllig dem ſcheinbar Trunkenen, daß er mit ſeinem aͤchten Karavanenthee zufrieden ſeyn ſolle. Bei aller Trunkenheit des Mannes fühlte doch der Wirth ſich geehrt von ſeiner Gegenwart, ja, weil er ohn⸗ längſt einen Handel wegen Armeelieferungen mit dem Kommandanten abgeſchloſſen hatte, und nicht zufrieden mit ihm war, achtete er ſogar dieſe zu⸗ fäͤllige Bekanntſchaft fuͤr ein großes Gluͤck. Als man nach dem Thee ſpatzieren ging, hielt der Vater Stanzchen eine derbe Strafpredigt, daß ſie einem derzeit ſo wichtigen, und Trotz ſeiner Trunkenheit ſehr verehrlichen Herrn, noch immer auszuweichen ſuchte, und zwang ſie ordentlich, den Arm anzunehmen, den der falſche Marſchall ihr bot. Als er ſie endlich ſo weit hatte, freute er ſich ſehr, daß ſie guf Einmal, wie es ſchien, außerordentlich folgſam geworden war. 21. Schluß der Komoͤdie. In dieſem Augenblicke leiteten einige Knall⸗ fidibus, welche Herr Koller zufällig bei ſich hatte, und unvermerkt gelten machte, die allgemeine Aufmerkſamkeit von dem Paͤrchen ab. Die Geſell⸗ ſchaft zerbrach ſich den Kopf uͤher die Urſache und das Weſen dieſer Knalle. Waͤhrend der Unruhe daruͤber hatten die Liebenden dieſe und die Dunkel⸗ heit zum Verſchwinden aus dem Garten henutzt. Kaum aber war Stanzchen ihres gluͤcklichen Entrinnens einige Schritte lang froh geworden, als auch ſchon die ſtrafbare Handlung mit ihrem ganzen Gewicht ſie zermalmen wollte, und Herrn Kollers Leichtſinn gar nicht wußte, was mit ihr und ihren Bedenklichkeiten anfangen. Wohin aber nun? fragte ſie. — 151— Fuͤr's Erſte, antwortete er, bekanntermaßen uͤber alle Berge. Dann werden wir ja wohl ſehen, wo wir hinkommen!— Allein Stanzchen war mit dieſer Antwort nicht zufrieden. Sie machte vielmehr eine⸗Ein⸗ wendung nach der andern. Denn wenn er die eine widerlegt hatte, ſo brachte ſie immer wieder eine neue zum Vorſchein. Daher verzoͤgerte ſich die Sache dieſſeits der Berge ſo ſehr, daß jetzt auf Einmal von beiden Seiten franzoͤſiſche Gensd'armen hervorbrachen, von denen zwei Herrn Koller mit Gewalt davon und durch den, Garten zuruͤck in des Kommerzienraths Haus fuͤhrten, wo er in einer Tabaksniederlage ein feſtes, aber nicht ſehr be⸗ quemes Qugrtier erhielt. 22. Intereſſante Geſpraͤche. Am Morgen nach der hoͤchſt verdrießlichen Nacht trat ein vornehmer franzoͤſiſcher Offizier, ein üͤberaus ſtrenger und finſterer Mann, zu ihm in die Niedetlage. Er that einige Fragen, wegen 152 ſeines Berufens auf den franz iſiſchen K Komman⸗ danten, wegen ſeines Ordens und ſo weiter. Da ſonach ſchon alles durch des Aktuarius Ausſage bekannt war, ſo konnte Herr Koller nicht laͤugnen und ſuchte daher nur der Sache einen beſchoͤnigen⸗ den Anſtrich zu geben. 3 Brummend verließ ihn der Offizier, auch fragte acht Tage lang kein Menſch nach ihm, auſſer dem Soldaten, der ſeinen Unterhalt zu be⸗ ſorgen hatte. Neben dem Unterhalte ließ ſich dieſer auch des Gefangen Unterhaltung an⸗ gelegen ſeyn. Aber die dazu gewaͤhlten Gegen⸗ ſtände gehörten, wenn ſchon zu den intereſſanten, doch gar nicht zu den erfreulichen. Faſt allezeit, wenn er erſchien, pflegte er ihm nämlich mitzu⸗ theilen, wie haͤuſig Misbraͤuche mit dem Orden und ſonſt, welche er ſich zu Schulden kommen laſſen, ein Todesurtheil veranlaßt haͤtten. Dabei tröſtete er jedoch gewöͤh hnlich damit, daß es exzellente Schützen bei dem Armeekorps gaͤbe, und Herr Koller ſich gratuliren könne, von ihren Haͤnden er⸗ ſchoſſen zu werden. — 153— So ſehr der Gefangene erſt ſich gefreut hatte, wenigſtens einen Menſchen zu finden, mit dem er ſprechen koͤnne, eben ſo ſehr fing er bald an, die⸗ ſen Geſellſchafter zu verwunſchen, der alle Ge⸗ ſpraͤche immer auf ſeinen nahen Tod hinzuführen trachtete. Eines Abends ward ihm das endlich einge⸗ langte Urtheil bekannt gemacht. Das Leben war ihm aus allerhoͤchſter Gnade geſchenkt, und die Strafe in zwanzigjaͤhrige Galeerenarbeit verwan⸗ delt worden. Am folgenden Morgen mit dem Fruheſten ſollte es ſchon nach Breſt abgehen. 23. Verzichtleiſtung. Die Nacht uͤber hatte er Zeit genng, zu uͤber⸗ legen, wie weit beſſer er doch die naͤchſten zwanzig Jahre haͤtte anwenden koͤnnen, als auf den Galee⸗ ren. Da haͤtte er aber freilich ſeinem graͤnzenloſen Leichtſinne nicht folgen duͤrfen, wie es geſchehen war. Voll Reue und Zerknirſchung ſchrieb er jetzt — 14— einen Brief an ſeinen Vater, und bat, als er da⸗ mit fertig war, daß man ihn ja dieſem zuſenden moͤchte. Eine halbe Stunde nach Abgabe des Briefes wurde die Niederlage geoͤffnet, und ſtatt der Sol⸗ daten, die er zu ſeiner Abholung erwartet hatte, trat ſein Vater, der Oekonomierath, ſelbſt herein. Keine Vorwurfe! begann er, als ſein Sohn die Hand des Mannes reuevoll an's Herz druͤckte. Dein Brief iſt ſchon in meiner Hand. Du biſt darin mir mit den Vorwuͤrfen, die ich für Dich V haben koͤnnte, zuvorgekommen. Jetzt noch ein Wöͤrtchen im Vertrauen! Ich glaube Dein Urtheil könnte ſehr gemildert werden, wenn Du ſchriftlich Verzicht leiſteteſt auf die Hand des Fraͤuleins Naͤgelein. Waͤr's möoͤglich? rief der Verurtheilte, und ſtellte ſogleich die kraͤftigſte Verzichtleiſtung auf Konſtanzens Hand und Herz für Zeit und Ewig⸗ keit aus. Erlaͤuterung. Nach dieſer Schrift, ſprach der Oekonomie⸗ rath lachend, nach dieſer hoffe ich Alles.— O mein Vater, rief der Getroͤſtete, wie gluͤck⸗ lich bin ich, dieſe Hoffnung zuerſt durch Ihren Mund zu vernehmen. Jetzt ſagen Sie mir aber auch, welches Wunder Sie hierher und in dieſes mein Gefaͤngnis bringt? Das alles, antwortete er, geht ganz ohne Wunder zu. Ein Gut, im Bezirk dieſer Stadt, das ich gekauft habe, machte, daß ich hierher reiſen und mich mit dem hieſigen franzoͤſiſchen Kommandanten vernehmen mußte. Als der Ak⸗ tuarius, dem Du den verwuͤnſchten Streich ge⸗ ſpielt hatteſt, zu ihm gebracht wurde, war ich grade bei ihm. Ich wuͤrde mich ſehr gefreut ha⸗ ben, Dir Landlaͤufer, dem ich ſo lange vergebens. nachtrachtete, wieder einmal auf die Spur gekom⸗ men zu ſeyn, waͤre der verwuͤnſchte Ordensmis⸗ brauch nicht geweſen. Auf meine Vorſtellung 6— — 1 jedoch, daß Du ſchon dafür abgeſtraft werden ſollteſt, unterdruͤckte der Kommandant die Sache. Ein Brief von Fraͤulein Naͤgelein, den Du in Deiner Wohnung zurückgelaſſen, gab Auskunft wo Du zu finden ſeyn wuͤrdeſt. Ich eilte an die Hinterthuͤr des Naͤgeleinſchen Gartens, und ent⸗ deckte Dich da wirklich im Innern deſſelben. Nun wurden die Wachen ausgeſtellt, welche der Kom⸗ mandant mir zur Dispoſition uͤberlaſſen hatte. Denn ich dachte gleich, daß es auf eine Entfuͤhrung hinauslaufen ſollte. Während ich mit dem Kommerzienrathe mich beſprach, wurdeſt Du hier⸗ her gebracht, und Deine Geliebte nach dem Gar⸗ ten zuruckverwieſen., Der hier im Hauſe einquar⸗ tirte Stabsoffizier war leicht zum Eingehen auf meine Plane zu bewegen, und jetzt bin ich zum Gluͤck endlich dahin, Dir ſagen zu koͤnnen, daß. alles nur darum alſo mit Dir vorgegangen iſt, um Dich einmal zur Erkenntnis der Wahrheit zu brin⸗ gen, wohin Dich ein leichtſinniges Leben, wie Dein zeitheriges, fuͤhren mußte. Du biſt ſo frei, wie ich, und wirſt, hoffe ich, einſehen, daß meine 157— Kur zwar etwas hart, aber für die viele Noth welche Dein Leichtſinn mir ſchon gemacht hat, ge⸗ wis nicht allzuhart geweſen iſt. Und Stanzchen? rief der Hocherfreute, was iſt aus der geworden? Die hat nach ihrer Ruͤckkehr in den Garten, die Kranke affektirt, um der Verlobung mit dem Stiftsrath Nenner auszuweichen. Allein eine Woche enger Gewahrſam, in welcher ihr die Groͤße der Unvorſichtigkeit des projektirten Davon⸗ gehens immer klarer geworden, iſt die Einleitung zu einer, ziemlich der Deinigen gleichen Verzicht⸗ leiſtung auf Deine Hand geweſen. Hier iſt dieſes Dokument. Eure ewige Liebe waͤre ſonach gluͤck⸗ lich kurirt, und daß Deine Lebensart von nun an nicht wieder einer Kur ſolcher Art beduͤrfe, das glaube ich von Deinem Verſtande hoffen zu koͤnnen. 25. Ende gut, alles gut. Die Hoffnung war nicht umſonſt. Heinrich hatte einſehen gelernt, daß auf die Laͤnge beim — — 158— Leichtſinne gar nichts als Unheil herauskomme. Er widmete ſich daher der Landwirthſchaft, die er von Grund aus verſtand, um ſo eifriger, da ſein Vater das im Bezirk dieſer Stadt erkaufte Gut auf ihn ſchreiben ließ. Als er zwei Jahre ſpaͤter zufaͤllig mit einer Verwandten des Kommerzienraths Naͤgelein, auf dem Wege des Rechts und der Sitte, ſich verband, war Stanzchen und ihr Gatte, der Stiftsrath, auch unter den Hochzeitgaͤſten. Sie und der Braͤutigam lachten viel zuſammen uͤber die Noth⸗ wendigkeit und Ewigkeit ihrer vormaligen Liebe und üͤber die ſeltſame, aber, wenigſtens an ihnen recht probat gefundene Kur derſelben. Sie konnten deſto herzlicher daruͤber lachen, da Stanzchen in der Ehe mit dem Stiftsrathe recht glücklich war, und der von ſeinem Leichtſinne ganz zuruͤckgekom⸗ mene Heinrich gleichfalls die beſte Ausſicht hatte, an der Hand derjenigen, welche ihm am Altare zugeſprochen worden, einer ſchoͤnen Zukunft ent⸗ gegenzugehen. —— — iilſtii 6 17 18 1 . 5 ſſſſiſſſiifſſiſſſſſiſſiſſſſiſiſſſſſſiſſſinſſſſſſſinnnnſinnnehinim 8 9 10 11 12 13 14 15 1