8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruͤckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 2 u— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Durch Berg und Thal und dunkle Waldesnacht War Gormo's Sohn indeß ſchon lang umhergezogen, Von Furcht gejagt, von Hoffnung ſtets betrogen, Zu neuer Hoffnung ſtets durch Taͤuſchung angefacht. Die ſchroffe Kluft, des Stroms geſchwollne Wogen, Der ſchneebedeckte Fels, wo nie der Lenz erwacht, Der Pfad, wo Muͤh' und Tod mit jedem Schritte kaͤmpfen, Nichts konnte ſeinen Muth und ſeine Sehnſucht dampfen. Ccilie. 2. Je drohender der Fels zu ihm herniederſah, Je maͤchtiger die tiefe Hoͤhle gaͤhnte, Je groͤßre Noth erſchien, um deſto ſichrer waͤhnte Der kuͤhne Held, er ſey dem Ziele nah! Und wo der Waldesſtrom zu tiefen Bergesſchluͤnden Gewaltig niederfiel und um den dichtern Hain Die breiten Wellen zog, da ſprang er kuͤhn hinein, und glaubte dort gewiß die holde Braut zu finden. 3. Und wenn er dann mit ſtarker Hand Der Strudel raſches Drehn, der Woge wildes Wallen Mit Muͤhe nur beſiegt, und in den finſtern Hallen Des Haines keine Spur der theuren Freunde fand, Dann ließ er weit umher den lauten Ruf erſchallen, Daß gellend ſich der Ton durch Thal und Felſen wand, Und immer ſchien es ihm, daß aus des Waldes Tiefe Ihn Adelheid mit leiſen Klagen riefe, — Zehnter Geſang. 4. △ 3 So trieb der raſche Wahn ihn immer weiter fort, Indeß ſich wilder ſtets der oͤde Pfad verwirrte; Wie oft ein Wanderer, der ſich im Hain verirrte, Dem leichten Flaͤmmchen folgt, das taͤuſchend hier und dort In dunkler Ferne huͤpft. Schon waͤhnt er ſich der Huͤtte Geliebter Menſchen nah und foͤrdert ſtets die Schritte, Bis raſch in's tiefe Moor der falſche Schein verſinkt, Und ohne Ziel und Pfad die Wildniß ihn umringt. 5. Als nun das Abendroth am Himmel ſchon entglommen, Da wirft der matte Fuͤrſt mit lebensmuͤdem Sinn, Von Zorn u. Schmerz erregt, von dumpfer Angſt beklommen, Tief ſeufzend, hoffnungslos in's feuchte Gras ſich hin. Und ſo wie dichter ſtets in dunkler Waldesſtille Die Daͤmmerung durch Zweig' und Wipfel zieht, So ſcheint auch ihm im traurenden Gemuͤth, Daß immer naͤchtlicher die Hoffnung ſich verhuͤlle. —— Es iſt umſonſt! ſo klagt der muͤde Held, Wo ſoll ich jetzt verziehn und welchen Pfad beſchreiten? O wehe mir! wie iſt die weite Welt So graͤnzenlos, wie viele Wege leiten Durch ihre Fernen hin! Wie darf ich eine Bahn Aus tauſenden verſchmaͤhn, aus tauſend eine waͤhlen! Kann ich auf jeder nicht das dunkle Ziel verfehlen, Auf jeder nicht vielleicht dem Ziele nahn? 7. Ach, daß ich jetzt ſo weit von dir geſchieden Und doch, du holdes Bild, vielleicht ſo nah dir bin! Wo weilſt du jetzt? Wo trug dein Loos dich hin? Biſt du ſchon dort? Umfangt dich noch hienieden, Weh mir, ein fernes Land? Ach, hat durch dieſen Wald 1 Dein Fuß nicht auch vielleicht dich irr' umhergetragen? Erſcholl nicht auch vielleicht in deinen lauten Klagen Des Freundes Name hier, wo jetzt der deine ſchallt? Zehnter Geſang. 8. Du wehſt ſo ſanft mit deinen hohen Zweigen, Du dunkler Hain, als wolle mir dein Wink, Dein Saͤuſeln mir die holde Stelle zeigen, Wo kühlend juͤngſt dein Schatten ſie umfieng. O Quell, wie plaͤtſcherſt du ſo freundlich von den Höͤhen, Als ſage mir dein lieblich heller Laut: Dort iſt der Pfad, dort ſuche deine Braut! Weh mir, es iſt umſonſt! ich kann euch nicht verſtehen. 9⸗· Doch wenn auch dunkler noch die Nacht herniederſchwebt, So faͤhrt er raſcher fort und draͤngt die feigen Schmerzen In ſeine Bruſt zuruͤck, wenn auch die Erde bebt, Und ſich vom Sturmgewoͤlk die bleichen Sterne ſchwaͤrzen. Dir folg' ich ſtets, ſo lang noch Muth im Herzen, So lang noch Kraft in dieſen Gliedern lebt; Und erſt wenn jeden Dienſt mir Leib und Geiſt verſagen, Erſt dann will ich an mir und auch an dir verzagen! Caäaͤcilie. 10. So ruft er aus. Und wie mit ſtaͤrkrer Kraft Der Fichtenſtamm ſich hebt, je mehr er ſich gebogen, Und wie der fluͤcht'ge Pfeil, je ſtraffer angezogen Die Senne gellt, gewalt'ger fort ſich rafft, So hebt auch maͤnnlicher ſein tapfres Herz ſich wieder, Und trotzt des Gluͤcks veraͤnderlichem Spiel, Und wandellos verfolgt mit maͤchtigerm Gefieder Sein kühner Geiſt das unverruͤckte Ziel. 11. Er wandelt fort, als ſchon im letzten Scheine Des Abendroths die hohen Felſen gluͤhn, Da offnet unverhofft im unwirthbaren Haine Sich eine Wieſenflur mit uͤppig weichem Gruͤn, Um die ſich dort ein Kranz von ragendem Geſteine Und hier des Stroms geſchwollne Wellen ziehn. Auch bluͤht ein Gaͤrtchen dort, und eine kleine Huͤtte, Vom gruͤnen Netz umrankt, erhebt ſich in der Mitte. Zehnter Geſang. 12. Der Ritter naht erfreut und watet durch die Fluth, Und ungewiß, wer hier in dieſer Wildniß hauſe, Betritt er jetzt die enge Klauſe, Die menſchenleer in dunkler Stille ruht. Den Gott der Chriſten ſchien der Eigner zu verehren, Ein hoͤlzerner Altar war dort dem Herrn erhoͤht, Von deſſen Kreuz zum heiligen Gebet Ein Kranz herniederhieng aus wilden Waldesbeeren, 13. Doch zeigt im Winkel ſich verroſtet und zerfetzt Ein Panzerhemd, umſtrickt mit Spinngeweben, Und feiernd ſtand ein altes Schwert daneben, Von manchem Hieb verſehrt, zu mancher Schlacht gewetzt. Die ſtumpfe Streitart lag, vergeſſen längſt, im Staube, Im breiten Schilde glomm des Heerdes matte Gluth, Und friedlich ſaß die fromme Turteltaube Im kriegeriſchen Helm auf ihrer zarten Brut. 14[Caͤcilie. 14. Der Held bewundert noch die ſeltnen Hausgeraͤthe; Da naht ein alter Mann dem engen Huͤttenraum und ſieht zuerſt, verſunken im Gebete Mit frommgeneigter Stirn, den jungen Ritter kaum. Wohl ſchien die ſtarke Bruſt des eiſernen Gewandes, Der Arm des Schwerts gewohnt, des Helms das kuͤhne Haupt: Doch war vom milden Ernſt des ſtillen Siedlerſtandes Dem ſchlachtenfreud'gen Blick der wilde Trotz geraubt⸗ 15. Doch als er jetzt ſein ſtill Gebet geendet, Und ſeinen Gaſt verwundert angeſehn, Da bleibt er ſtarr und wie vom Blitz geblendet, Mit abgewandtem Haupt am Huttenpfoͤrtchen ſtehn. Und wie er ſchuͤchtern nun den Blick noch einmal wendet, 4 Da ſcheint ein freud'ger Glanz um ſein Geſicht zu wehn, Er eilt hinzu und ſtuͤrzt vor Biarko nieder, und kuͤßt des Helden Hand und druͤckt und kuͤßt ſie wieder. —— Zehnter Geſang. 16. Und auch der Juͤngling beugt mit gluͤhendem Geſicht, Von bittrer Luſt, von ſuͤßem Schmerz durchdrungen, Zum Greiſe ſich hinab und haͤlt ihn feſt umſchlungen, Indeß ein Thraͤnenſtrom aus ſeinen Augen bricht. 4 Und ſchweigend ruhn ſie lang vom holden Schreck bezwungen, Und keiner hebt das Haupt, und keiner fragt und ſpricht. So ſieht man oft den Baum mit jugendlichen Zweigen Auf ein verfallnes Mahl ſich freundlich niederneigen. 117. O theurer Herr, o koͤniglicher Freund! So ruft der Greis zuletzt: ſo hoͤrte Gott mein Flehen! Noch einmal ſoll ich dich mit dieſen Augen ſehen, Die lange ſchon um deinen Tod geweint! Dich, den ich fruͤh als Knaben ſchon geleitet, Den ich auf jeder Fahrt, in jeden Kampf begleitet, Der Vater mich genannt, dich fuͤhrt das raſche Gluͤck Dem alterſchweren Greis in bluͤhnder Kraft zuruͤck! Caͤcilie. 18. Wie traͤge ſchlichen mir die freudenloſen Stunden In dieſer Wuͤſte hin! wie war dem truͤben Geiſt Mit dir ein jeder Troſt und jede Kraft entſchwunden! Wie fuͤhlt' ich mich ſo ganz verlaſſen und verwaiſ't! Und ſah ich leuchtend dann das Schwert im Winkel blitzen, Die Art, woran ſich oft dein junger Arm geuͤbt, Dann weint' ich faſt und ſagte tief betruͤbt: 4 Ihr fochtet einſt fuͤr ihn und konntet ihn nicht ſchuͤtzen. 19. O ſprich, wo kamſt du her? Wie konnteſt du entfliehn In jener Nacht, wo alle deine Treuen Der Feinde Schwert erſchlug? Wer hat dir Kraft verliehn, Aus Haralds wilder Schaar allein dich zu befreien? Und Jene, die ſo ganz dein tiefſtes Herz erfuͤllt, Zu deren Schutz du mit dem maͤcht'gen Heere Den Kampf begannſt, wo iſt das holde Biſd, Daß ich in ihm dein Gluͤck und deinen Engel ehre! 20, Zehnter Geſang. 17 20. O Sivald, ruft der Juͤngling tief bewegt, Du ſprichſt von ihr, um die ich ewig klage! Du treues Herz, wie hat mir deine Frage Den ganzen tiefen Schmerz noch bittrer aufgeregt! Weh mir, daß grade jetzt an dieſem ſchoͤnen Tage So herben Kummer mir das Schickſal aufgelegt! Ach, mußt' ich dich nur darum wiederfinden, Um dir das groͤßte Leid des Lebens zu verkuͤnden! 21. Doch nein, ich will den Troſt des Himmels nicht verſchmaͤhn, Will freudig meine Hand der holden Hoffnung reichen! NRoch liebt mich Gott! er giebt mir jetzt das Zeichen, Ich werd' auch ſie noch einmal wiederſehn! Wohl iſt das fluͤcht'ge Gluͤck der Biene zu vergleichen, Die dort am liebſten wohnt, wo duft'ge Blumen ſtehn. Dich fand ich unverhofft in dieſen Waldesgruͤnden, Und ſollte ſie nicht auch einſt wiederfinden? II, Theil. 2 und jetzt erzaͤhlt er ihm, wie er dem Tod' entkam, Wie Gott der theuren Braut das Leben, Die holde Schweſter ihr, den Freund zuruͤckgegeben, und wie von neuem jetzt das Gluͤck ihm Alles nahm. Doch du, wie biſt denn du der blut'gen Schlacht entgangen? So faͤhrt er fort; du ſankſt von tiefen Wunden roth An meiner Seite hin; ſchon waͤhnt' ich laͤngſt dich todt, und glaubte nie den Freund noch einmal zu umfangen. 23. Ich ſelber meynte kaum dem Tode zu entfliehn, Begann der Greis. Von manchem Schwert getroffen Entſank ich neben dir in's roth benetzte Gruͤn Und ruhte faſt betaͤubt und ohne Furcht und Hoffen, Von Leichen uͤberdeckt. Mit kalter, ſtarrer Hand Schloß oft Ermattung mir die muͤden Augenlieder, Und froſtig bebten ſchon im eiſernen Gewand Vom Todeskrampf die blutlos bleichen Glieder. Zehnter Geſang. 49 24. Doch als allmaͤhlig nun das Schlachtgetuͤmmel ſchwieg Und leiſ' empor vom Morgenduft getragen Aus fernem Meer die warme Sonne ſtieg, Begann's auch mir im dumpfen Geiſt zu tagen. Ich blickt' empor und ſah der Feinde Sieg Und leer das blut'ge Feld und jeden Freund erſchlagen: Doch kraͤftig regte ſich in meiner alten Bruſt 4 Beim hellen Morgenſtrahl des Lebens holde Luſt. 25. Mit Muͤh' erhob ich mich, geſchwaͤcht von vielen Wunden, Und ſchleppte langſam mich von jener Staͤtte fort, Und als ich jetzt im Hain mir Bruſt und Arm verbunden, Verfolgt' ich meinen Weg und irrte hier und dort Und kam zuletzt, als ſchon der Tag verſchwunden, Nach vielem Ungemach an dieſen wilden Ort, Wo einſt ein alter Freund, dem ich am meiſten traute, Zum frommen Siedlerſtand ſich dieſe Klauſe baute. 2* 26. Schon war er todt, ich fand die Huͤtte leer; Da ſprach ich zu mir ſelbſt: hier ſollſt du kuͤnftig wohnen; Die Welt hat doch fuͤr dich nun keine Freude mehr, Nur Biarko konnte dir die lange Treue lohnen. So lebt' ich manchen Tag in dieſem dichten Wald Und diente Gott mit Buß' und bruͤnſt'gem Flehen Und betete: Laß mich, o Himmel, bald In deinem Reich den Liebling wiederſehen. 27. Nun ſetze dich; das Mahl iſt laͤngſt bereit; Doch heller will ich erſt des Heerdes Gluth entzuͤnden, Denn tiefer naht die Nacht den engen Felſenſchluͤnden, Und dunkler wird des Waldes Einſamkeit. Fern brauſ't die Tanne ſchon von ungeſtuͤmen Winden, Der Nabe krachzt, bald iſt es an der Zeit, Und ſichrer laͤßt es ſich beim muntern Feuer weilen, Wenn draußen in dem Forſt die Geiſter ziehn und heulen. Zehnter Geſang. 21 28. So ſprach der Greis und trug mit ruͤſt'ger Hand Viel trocknes Holz und duͤrres Laub zuſammen, Und luſtig loderte vom Heerde bald der Brand Und ſpielte durchs Gemach mit leichtbewegten Flammen. Und als ſie Beide nun dem Heerde nah geruͤckt Und ſich mit Speiſ' und Trank geſaͤttigt und erquickt, Da fragte Gormo's Sohn, was jenes Wort bedeute, Und welche Schrecken hier die tiefre Nacht bereite? 29. Du wirſt ein grauſes Spiel in dieſen Waͤldern ſehn, Begann der Greis; denn wenn am naͤcht'gen Himmel Auf ihrer hoͤchſten Bahn die goldnen Sterne ſtehn, Erhebt von ferne ſich ein graͤßliches Getuͤmmel, Und nah' und naͤher tobt's von jenen wald'gen Hoͤhn, Und durch die Luͤfte zieht ein wunderbar Gewimmel Von Nebelbildern hin, und gleich dem Laͤrm der Jagd Erſchallt's und heult's und bellt's und wiehert's durch die Nacht, Caäaͤcilie. 30. Zwar kuͤndete mir einſt ein hocherfahrner Meiſter, Sobald ein kuͤhner Mann auf jenen Schwarm den Speer Emporzuſchleudern wagt, ſo fliehn die wilden Geiſter, Und toben kuͤnftig ſtets auf anderm Pfad umher. Doch greulich iſt's, mit naͤcht'gem Spuk zu ſtreiten, Und da ſchon jenes Kreuz durch Gottes heil'ge Macht Vor jedem Ungethuͤm der Hoͤlle mich bewacht, Vermaß ich mich noch nie zum Kampf hervorzuſchreiten. 31. Erſtaunt vernahm's der Held, und freudig rief er aus: Sey unverzagt, ich will den Arm dir leihen! Sobald die Stunde naht, tret' ich zum Kampf hinaus, Von jenem wuͤſten Schwarm dein Obdach zu befreien. Schon traf ich manchen Feind in wilden Kriegesreihen, Jetzt will ich ſehn, ob auch in dieſem Strauß Der Speer mir nicht verſagt! Leb wohl, ſchon ziehn die Sterne. Am Himmel hoch empor, ſchon brauſ't es in der Ferne! Zehnter Geſang. 23 3²2. Er ſprach's und machte ſich zum naͤcht'gen Kampf bereit, Doch Sivald ſprang empor und rief mit gluͤhnden Wangen: Das ſage keiner je, daß ich die Bahn geſcheut, Worauf mein Koͤnig mir, mein Freund, vorangegangen! War ich nicht ſtets der Naͤchſte dir im Streit? Hab' ich in deinem Dienſt nicht manche Wund' empfangen? Vergaͤß' ich je aus ſchnoͤder Furcht die Pflicht, Wohl haͤtt' ich deine Huld und dieſe Narben nicht! 33. Waͤhnſt du, ich wolle jetzt noch einmal dich verlieren, Da du ſo wunderbar zu mir zuruͤck gekehrt? Noch kann mein Arm den Stahl, die ehrne Kolbe fuͤhren, Noch fuͤhlt vom Druck des Helms mein Haupt ſich nicht beſchwert. So lang das Leben weilt, will auch die Kraft ſich ruͤhren, Und freudig bluͤht der Muth, ſo lang ihn Hoffnung naͤhrt. Nur wenn des Baumes Keim der raſche Blitz zerſchlagen, Magſt du den Stamm zerhaun und ihn in's Feuer tragen. 34. So ruft er aus und ſtreift das Bußgewand b Von ſeinen Schultern ab und wirft's zur Erde nieder; uUnd freudig nimmt er dann den Panzer von der Wand Und ſchmuͤckt mit ehrnem Kleid die kraͤft'gen Heldenglieder. Schon glaͤnzen Art und Schwert in ſeiner alten Hand, Schon haͤngt der ſtaub'ge Schild an ſeinem Arme wieder, und freundlich ſpricht er jetzt, als er die Taub' erblickt, Die ſich im roſt'gen Helm verſchuͤchtert niederdruͤckt: 38. Dich pfleot' ich ſtets zu traͤnken und zu ſpeiſen I In meiner Einſamkeit, du frommes, kleines Thier. 4 Jetzt raub' ich dir dein Neſt; dein Herr muß weiter reiſen Und laͤßt das ganze Haus zum Erbe dir dafuͤr. 4 Gar friedlich wohnteſt du in deiner Huͤtt' aus Eiſen, Bald pocht mit blut'ger Hand der Krieg an ihre Thuͤr. Er ſpricht's und traͤgt das Neſt zum kleinen Betaltare Und druͤckt den ſchweren Helm auf ſeine grauen Haare. 2 Zehnter Geſang. 25 36. So wandeln ſie hinaus in's naͤchtliche Gefild. Rings lag die Flur im grauenvollen Schweigen; Am Himmel hieng der Mond, von Wolken halb umhuͤllt, Und drohend ſtand der Wald mit ſchwarz vermummten Zweigen. Auf manchen Bergen ſchien manch ſtummes Rieſenbild Bald ſtarr hinab zu ſchau'n und bald empor zu ſteigen. Der Welle Rauſchen klang wie Schluchzen und Geſtoͤhn, Und heimlich ſluͤſterte das Laub im naͤcht'gen Wehn. 37. Und horch, von fern erſcholl ein halb vernehmlich Brauſen, Und von den Bergen zog's wie Wolkendunſt heran; Und nah' und naͤher kam's mit immer wilderm Sauſen, Und Heulen und Gebell und Ruf und Klang begann. Die Zweige zitterten im ungeheuren Grauſen, Es ſchmiegte Blatt an Blatt und Halm an Halm ſich an, Und ſchaͤnmend ſchien die Fluth im grimmigen Entſetzen Vom Grund empor gedraͤngt, der Baͤume Haupt zu netzen, und wie ein wild Gemiſch von Bildern ſich verwebt, „Wenn raſch in duͤſtrer Luft die Wolken ziehn und walten; Von Ungeheuern ſcheint der weite Raum belebt, Die bald einander fliehn, bald feſt im Kampf ſich halten; Das waͤlzt ſich, jenes laͤuft, das kriecht, ein andres ſchwebt, und graͤßlich gatten ſich die feindlichen Geſtalten; Doch heulend faͤhrt der Sturm auf breiter Bahn daher und treibt den wuͤſten Schwarm weit uͤber Land und Meer: 39. So draͤngt vielkopfig, vielgegliedert Ein dichtes Thiergewuͤhl am Himmel ſich herbei;. Hier hat ſich Schlang' und Greif zu einer Form verbruͤdert, und Adlerkrallen ſchwingt zum Kampfe dort der Leu, Der Eber ſtuͤrzt heran roßhufig und gefiedert, und trotzig prangt der Baͤr mit drohendem Geweih, und grimm zerfleiſcht den rothgefleckten Drachen, Worin ſein Schweif ſich ſchließt, der Wolf mit blut'gem Rachen, Zehnter Geſang. 27 40. Wohl ſchien aus blaſſer, dunſt'ger Luft Der ganze Zug geformt, doch nahte ſich dem Leben Ein jedes Nebelbild durch bleichen Farbenduft, Und ſchien, durch eigne Kraft, geſondert fortzuſtreben. Und wie der wilde Sturm mit tauſend Stimmen gellt, Wenn eine Felſenſchlucht ſein Wehn gefangen haͤlt, So ſchallte rings Geheul und Zorngebruͤll und Aechzen Und Roͤcheln und Geſchrill und Angſtgepfeif' und Kraͤchzen. 41. Dann nahten ſtuͤrmiſch ſich auf dichter Wolkenbahn, Mit hochgezuͤcktem Speer, auf feuerſpruͤh'nden Roſſen, Mit dunkeln Waffen angethan, In rieſiger Geſtalt die finſtern Jagdgenoſſen. Die Stirn war wild gefurcht, die Wange hohl und grau, Verzerrt der offne Mund, das Auge halb gebrochen, Das Haar emporgeſtraͤubt, die Stimme dumpf und rauh, uUnd graͤßlich klapperten von Froſt die nackten Knochen. Caͤcilie. 42. Lautgellend ſchmetterte des Horns gewalt'ger Klang, Die Peitſchen klatſchten hell, es klirrten Pfeil und Bogen, Daß weit der wuͤſte Schall durch alle Thaͤler drang Und von der Berge Stirn die Nebel abwaͤrts flogen. Die Hunde bellten drein; vom hartgeſchwungnen Huf Erdröhnten Erd' und Luft, und Roß und Reiter ſchnoben⸗ Gebot und Jauchzen ſcholl, Gelaͤchter, Drohn und Ruf, und dumpfig ſang die Schaar durchs wilde Sturmestoben: 43. Halloh, Halloh, zur Jagd, zur Jagd! Hurrah, ihr blaſſen Nebelhullen! Es pfeift der Sturm, es heult die Nacht, Der Fels erbebt, die Fichte kracht, Der Waldſtrom rauſcht, die Kluͤfte bruͤllen! Noch waͤhrt der Geiſter Recht und Macht, Voruͤber, eh der Tag erwacht, Die kecke Waidmannsluſt zu ſtillen! Zehnter Geſang. 29 44¼ Ihr finſtern Jaͤger, ſtoßt in's Horn, Daß rings die Felſen ſich zerſpalten! Durch Haid' und Wald, durch Buſch und Dorn, Wie Windesgeißel, Blitzesſporn, In blutlos bleichen Wahngeſtalten, Bei Sturmesruf und Sturmeszorn Und Nebel hinten, Nebel vorn, So ziehn die naͤchtlichen Gewalten! 45. So ſang der wuͤſte Schwarm und tobte durch die Luft Und ſenkte tiefer ſtets ſich in das Thal hernieder, Und wilder heulte ſtets der Sturm um Fels und Kluft Und peitſchte Wald und Fluth mit zuͤrnendem Gefieder. Muͤhſelig rang der Mond mit raſchem Wolkenduft, Sah klaͤglich bald hervor und bald entſchwand er wieder, Und bleich, verſtoͤrt und wuͤſt, wie wenn Verzweiflung lacht, Beſchien ein truͤbes Licht die grauſenvolle Nacht. Die Helden ſtehn erſtarrt; mit wilden Blicken ſtieren Sie himmelan; betaͤubt ſind Geiſt und Ohr; Faſt will vor Graun das Blut in ihrer Bruſt gefrieren, Da reißt aus feigem Wahn der Ritter ſich hervor. Entfleuch, unholder Schwarm, aus dieſen Waldrevieren! So ruft er drohend aus und hebt den Speer empor; Er ſchwingt und ſchleudert ihn, und durch der Winde Brauſen Hoͤrt man den langen Schaft gewaltig aufwaͤrts ſauſen. 47 Dem naͤcht'gen Heere zog ein kuͤhnes Rieſenbild Auf ſchwarzem Roß voran. Die dunkeln Locken flogen Im Sturm umher, vom Helm nur halb verhuͤllt, Um den ein gluͤh'nder Kreis von Flammen ſich gezogen. Dem Schein des Nordes glich ſein ungeheurer Bogen, Sein Speer dem Wetterſtrahl, dem Sturmgewoͤlk ſein Schild, Und hier und dort von rothen Funken blitzte Das ſchwarze Panzerkleid, das ſeinen Leib beſchuͤtzte. Zehnter Geſang. 31 438. Ihn traf des Ritters Wurf, und pfeifend flog der Speer Durchs finſtre Nebelbild und ſank mit lautem Klirren Dann in den Wald hinab. Und wie auf wildem Meer Die Wellen wunderbar ſich in einander wirren Und auf und nieder fliehn und hier und dorthin irren, So regt' und miſchte ſich das luft'ge Geiſterheer, Und raſch begann mit graͤßlich dumpfem Heulen In Stuͤck und Glieder ſich ein jedes Bild zu theilen. 49 · Hier ſchien in bleichen Dunſt der Reiter zu verwehn, Dort flog als Nebelſtreif das hohe Roß von dannen; Hier ließ ein Haupt, und dort ein Rumpf ſich ſehn, Dort ſucht' ein bloßer Arm den Bogen noch zu ſpannen; Hier ſtrebte noch der Fuß im Buͤgel feſt zu ſtehn, Da Schenkel, Bruſt und Leib ſchon formenlos zerrannen, Bis endlich ein Gewoͤlk das Gaukelwerk verſchlang Und ſauſend durch die Luft zum fernen Meer ſich ſchwang. Cacilze. 50. Wohl uͤbten fliehend noch die finſteren Gewalten Ihr altes Recht, durch neue Schmach ergrimmt. Es bricht der Fels, die Eiche muß ſich ſpalten, Wo tobend ihren Flug die Sturmeswolke nimmt; Doch folgt' auch holde Ruh den naͤchtlichen Geſtalten, Wie hinterm raſchen Kiel die Woge heller ſchwimmt, Und ſanft beleuchtete die kaum entſtandnen Truͤmmer Der Mond aus blauer Luft mit friedlich leichtem Schimmer. 51. Und wie die Welt beim erſten Fruͤhlingsſtrahl Tiefathmend ſich bewegt, geloͤſ't vom harten Bande; Schon keimt das junge Grun im ſonnenhellen Thal, Die Quelle rieſelt ſchon im duͤnn umkraͤnzten Rande; Die weiße Bluͤthe bricht ihr zartgeflochtnes Haus, Im lichten Schatten ſingt das Voͤglein ſeine Lieder, Zur bunten Wieſe wagt die Biene ſich hinaus, Und auf den Halmen wiegt der Schmetterling ſich wieder: 52². Zehnter Geſang. 33 5². So wachte ſanft das friedliche Gefild Aus grauſen Traͤumen auf, und ſtiller floß das Wehen Der lauen Nacht umher. Von keinem Duft verhuͤllt Ließ jetzt der klare Mond die volle Scheibe ſehen, Entſchleiert zeigten ſich in blauer Luft die Hoͤhen, Im tiefen Strome ſchwamm des Himmels ſchoͤnes Bild, Und freundlich ſaͤuſelte, durchſpielt von linden Weſten, Der Hain mit lichtem Laub und ſilberfarbnen Aeſten, 53. Doch nach und nach beginnt ein lieblicher Geſang Durch Wieſ' und Hain und um den Strom zu ſchallen. Es ſcheint als dufte rings die Blume ſuͤßen Klang, Als ſpiele Well' und Wind mit toͤnenden Metallen. Und auf den Halmen ſchwebt's u. ſchwimmt die Fluth entlang, In bunten Flammen ſcheint des Haines Gruͤn zu wallen, Und luftig zieht in drei getrennten Reihn Der Elfen leichte Schaar durch Wieſe, Strom und Hain. II. Theil, 3 54. Im weichen Graſe ſchwingt ſich hell der eine Reigen, Wie wenn der fluͤcht'ge Bach im Fruͤhlicht Wellen ſchlaͤgt; Es darf kein zarter Halm bei ihrem Nahn ſich neigen, Kein ſchlummernd Wuͤrmchen wird von ihrem Tanz erregt. Die ſtillen Duͤfte nur, die aus den Blumen ſteigen, Sie ſcheinen ſanft vom Flug der Gaukelnden bewegt, uUnd lieblich wandelt ſich durch zauberiſches Walten Der unſichtbare Hauch in Farben und Geſtalten. 55. So ſchien die Wieſe jetzt dem bunten Himmel gleich, Wenn freundlich durchs Gewoͤlk viel tauſend Sterne glaͤnzen: Doch holder noch begann das gruͤnende Geſtraͤuch, Der Haine dunkles Laub mit Schimmer ſich zu kraͤnzen; Denn wie mit irrem Schein im tiefen Wellenreich Der Glanz der Naͤchte ſchwimmt bei leichten Wogentaͤnzen, So zitterte der Funken goldne Pracht Vom Wehn des Hains bewegt in ſtiller Waldesnacht. Zehnter Geſang. 35 56. Und wie der Bienenſchwarm durch duftig gruͤne Linden Bald hier, bald dort mit leiſem Sumſen fliegt, So regt die bunte Schaar ſich in den Irrgewinden Des dichten Hains, wo Zweig an Zweig ſich ſchmiegt, Indeß, umher geweht von lieblich lauen Winden, Um ihren leichten Pfad ein holder Klang ſich wiegt; Und wenn ſie ruhend oft an ſchlanken Zweigen hangen, Dann ſcheint mit goldner Frucht der ſtille Wald zu prangen. 57. Doch ſchiffend ſchwamm auf manchem bluͤhnden Reis, Auf zartem Laub und duft'gem Quellenmooſe, Im Schooß der Lilien, im Silberkelch des Mais, Im irren Labyrinth der halb entbluͤhten Roſe, Von klaren Wellen leiſ' und loſe Umfluͤſtert und umſpielt, der dritte Zauberkreis. Es glaͤnzten Strom und Strand von wunderbarer Helle, Und hold verſchwiſterten ſich Licht und Bluͤth' und Welle. 3* So hab' ich oft dein Aug', o Adelheid, erblickt, Wenn leiſ' ein holdes Bild in deiner Bruſt erwachte, und dein Gemuth, halb ſinnend, halb entzuͤckt, Im Denken zart empfand und im Empfinden dachte. Dann war mit Zauberglanz der dunkle Quell geſchmuͤckt, Doch friedlich regt' er ſich, und nur die Seele lachte, und tief im Auge ſchwamm und um der Lippe Saum Anſtatt des Laͤchelns nur des Laͤchelns leiſer Traum. 59. Indeß iſt jene Schaar ans Ufer ſchon geſchwommen, Und auch die andern ſind durch's duft'ge Bluͤthenfeld Und aus der gruͤnen Nacht des Hains herbei gekommen Und haben Alle ſich zu einem Schwarm geſellt. Jetzt iſt im Wieſengrun ein lichter Kreis entglommen, Und in der Mitte ſteht der ſuͤß erſtaunte Held Und ſieht, ſtatt irren Scheins, viel zarte Bilder wallen Und hoͤrt, anſtatt des Klangs, ein holdes Lied erſchallen, Zehnter Geſang. 37 60. Denn wie ſich inniger ihr bunter Tanz verflicht, Scheint jedes Flaͤmmchen ſich zu dehnen und zu heben, Und lieblich gattet ſich mit farb'gem Duft das Licht, Und in dem Glanz beginnt's zu formen und zu weben. Schon ſieht man hier und dort ein zartes Fuͤßchen ſchweben, Aus heller Daͤmmrung taucht manch holdes Angeſicht, Bis nach und nach viel freundliche Geſtalten Sich wunderbar aus Farb' und Glanz entfalten. 61. So ſtrahlt die Roſe nicht, vom friſchen Thau getraͤnkt, Und nicht die Lilie im Spiegel klarer Quellen; So lieblich miſcht, wenn ſich die Sonne ſenkt, In ſtiller Luft ſich nicht das Farb'ge mit dem Hellen, Als Licht und zarte Gluth um ihre Wangen ſliegt Und in der holden Form ſich Farb' an Farbe ſchmiegt. Von ihrem Schein beginnt der Luͤſte leiſes Saͤuſeln Gleich goldnen Wellen ſich zu wiegen und zu kraͤuſeln. Caͤcilie. 62. Und wie im Edelſtein ſich fluͤcht'ger Glanz verſchließt, Und wie der Morgen tagt an gluͤh'nden Himmelshoͤhen, Und wie ein Strahlenquell mit leichten Wellen fließt, So waren Aug' und Wang' und Locken anzuſehen. Und Alles, was im Lenz auf zarten Wieſen ſprießt, Umkraͤnzte bunt ihr Haupt mit duftig leiſem Wehen, und wie der Harfenklang durch ſtille Daͤmmrung zieht, Ertoͤnte traͤumeriſch ihr wunderbares Lied. 63. Leiſe, leiſe Zieht die vielverſchlungnen Kreiſe Auf der Wieſ', im Hain, am Bache, Daß die Blume nicht erwache; Denn ſie ſchlaͤft im ſtillen Haus, Sendet von des Kelches Saume Nur im Traume Ihren linden Athem aus. Zehnter Geſang. 39 64. Denn der wilde Kampf der feindlichen Gebilde Hat mit ſtuͤrmiſch wuͤſtem Walten Lang die Kindlein wach gehalten In der grauſen Mitternacht, Und die milden Pflegerinnen Flohn von hinnen Vor der droh'nden Geiſterjagd. 65. Doch bezwungen Hat das Heer ſich fortgeſchlungen Und es kehrt die Elfe wieder, Singt die laͤngſt verklungnen Lieder An der bunten Kelche Rand, Und es fluͤſtern leichte Winde Lau und linde Durch das fromme Blumenland. Caͤcilie. 66. Heil dem Retter, Der gebannt die Sturmeswetter; Durch die Waͤlder, durch die Weiten Soll die Elf' ihn freundlich leiten, Bis der Liebesſtern ihm ſcheint. Trage ſanft, o Strom, den Nachen! Elfen wachen Schuͤtzend uͤber ihren Freund. 67. So ſingt der holde Kreis und flattert zum Geſtade Wo dichtes Gruͤn ſich um die Wellen rankt. Und ſtaunend folgt der Ritter ihrem Pfade Und ſieht ein kleines Schiff, das leiſ' am Ufer ſchwant. Noch traut er kaum des Himmels reicher Gnade; Er wuͤnſcht und zagt, er zweifelt, hofft und dankt. Sein Herz erbebt von Sehnſucht, Luſt und Leide Er ſeufzt und lacht und weint vor Schmerz und freude. Zehnter Geſang. 41 68. Auch Sivald folgt; ſie treten in den Kahn; Ein kleines Luͤftchen treibt den kleinen Bord vom Lande, Die Elfen ziehn voran auf leichter Wellenbahn Und gaukeln hier und dort am gruͤn umkranzten Strande, Und leiſe ſchwimmt das Schiff, wie durch den Teich ein Schwan, Und Blumen keimen rings am ſanft geſchweiften Rande; Suͤß weht der Duft umher; ein buntes Flaͤmmchen gluͤht In jedem Kelch, der um den Kahn entbluͤht. 69. Und auch der Waffenſchmuck, worin die Helden glaͤnzen, Der kuͤhne Helm, der ritterliche Schild, Beginnt ſich wunderbar mit friſchem Gruͤn zu kraͤnzen, Mit duft'gem Rankenſchmuck ſind Lanz' u. Schwert umhuͤllt. So ſchweben ſie dahin auf leiſen Wellentaͤnzen, Wie durch die Fruͤhlingsnacht ein holdes Traumgebild. Die Voͤglein wachen auf und flattern leiſ' und ſingen, Und Bluͤthen wehn umher gleich bunten Schmetterlingen, Vom ſtillen Rauſch der Luſt iſt wie mit goldnem Licht Des Juͤnglings bluͤhnde Wang' umfloſſen. Er ſtaunt und traͤumt und ſchweigt und regt ſich nicht, Und glaͤnzend liegt vor ihm die Zukunft aufgeſchloſſen: Doch friedlich lacht mit ſinnigem Geſicht Der alte Held, bekraͤnzt mit jungen Fruͤhlingsſproſſen, und denkt bewegt und ſtill zuruͤck an jene Zeit, Als einſt auch ihn die Luſt, die zarte Lieb' erfreut. 71. So ſchiffen ſie dahin, indeß mit dichten Zweigen Sich oft der Hain um ihren Kahn verſchraͤnkt, Bald ſtille Thaͤler ſich und bunte Wieſen zeigen, Die mancher klare Bach mit kuͤhler Welle traͤnkt, Bald dicht am Strand' empor die ſteilen Berge ſteigen, und gruͤnend auf den Strom der Fels die Ranken ſenkt. Auch dehnt ſich dann und wann der Fluß zum ſtillen Teiche⸗ Von wald'gen Hoͤhn umkraͤnzt und ſaͤuſelndem Geſtraͤuche, Zehnter Geſang. 43 72. Dort naht dem Helden oft ſich liebliche Gefahr; Die Nixe taucht empor aus ihren Felſenhallen Und hebt die holde Bruſt und laͤßt das gruͤne Haar Zum Strome lang hinab gleich leichtem Schleier wallen. Sie lacht und ſpielt und gaukelt wunderbar Bald hier bald dort in fluͤſſigen Kriſtallen, Und ſanft wie Windeshauch und leiſer Wellenklang Beginnt ihr ſuͤßer Mund den lockenden Geſang: 73. unter blaͤulichen Gewaͤſſern Wohnt die Nir' in Felſenſchloͤſſern, Und die Wogen ziehn und brauſen Lieblich um die gruͤne Schwelle. Froͤhlich taͤndelt Glanz mit Glanze, Fluth mit Fluth im hellen Tanze; Still und kuͤhlig laͤßt ſichs hauſen Tief im Glanz, in glatter Welle. Cacilie. 74. Hain und Blumen, Sonn und Sterne Zittern hold in blauer Ferne, Und die Wolken wehn und ſchwimmen Tief mit duftigem Gefieder. An den linden Wellenſpielen Will ſich alles freun und kuͤhlen, Und es ruft mit tauſend Stimmen: Komm hernieder, komm hernieder! 75. Doch laͤßt umſonſt das wunderholde Bild Den ſchmeichelnden Geſang durch ſtille Daͤmmrung toͤnen. Nur eine Herrin iſt's, die ſein Gemuͤth erfuͤllt, Nach einer Stimme nur verlangt ſein ganzes Sehnen. Sie fluͤſtert aus dem Hain in jedem Weſt hervor Und koſ't und plaudert ſuͤß in jeder leiſen Welle, Sie ſchlaͤgt ihr holdes Aug' aus jeder Bluͤth' empor Und lacht und ſchwebt in Glanz und Duft u. Mondenhelle. Zehnter Geſang. 45 76. Indeß beſchleunigt ſich des Fluſſes raſcher Lauf, Und wuͤſter wird die Gegend anzuſehen, Und duͤſter hebt mit waldbewachsnen Hoͤhen Ein Berg die Felſenſtirn zum naͤcht'gen Himmel auf. Stets enger wird der Strand; mit Zornesrauſchen fließen Die Wellen wild dahin auf oft gehemmtem Pfad, Und eine Klippenwand, der jetzt der Nachen naht, Scheint auch die letzte Bahn dem Strome zu verſchließen⸗ 77: Doch oͤffnet bald im drohenden Geſtein Ein ungeheures Thor die rauh gewoͤlbten Bogen, Und widerſtrebend ſtuͤrzt mit fortgerißnen Wogen Der aufgereitzte Strom ſich in die Kluft hinein. Er ſchaͤumt am Strand empor und ſchlaͤgt mit lautem Brauſen Den hohen Fels und ſtrebt, zuruͤck zu fliehn: Doch fruchtlos iſt ſein Zorn, und ſtaͤrkre Maͤchte ziehn Auf unwillkommner Bahn ihn fort in Nacht und Grauſen. 46 Caäaͤcilie. 78. Indeß der Ritter nun von fern die Kluft erſpaͤht, Und ſtarr ſein Auge ruht auf jenen wuͤſten Hoͤhlen, Wo ew'ge Nacht mit ſchwarzen Schwingen weht, Und ſtille Schauer ſich in ſeinen Buſen ſtehlen, Da hebt der Elfenſchwarm ſich vom Geſtad' empor, und Bluͤth' und Grün, die um den Kahn ſich winden, Der Waffen bunter Schmuck u. Licht u. Glanz entſchwinden, Und hold ermunternd ſingt auf leichter Fluth der Chor: 79· Weiter, weiter! Kaͤmpfe muthig, kuͤhner Streiter! In die Tiefe mußt du dringen, Willſt du edles Gold erringen, Und in Naͤchten wohnt das Gluͤck, Doch in's helle, bluͤh'nde Leben Fliehn und ſchweben Zu den Blumen wir zuruͤck, Zehnter Geſang. 47 80. Dem Krieger gleich, den ſanft nach heißen Tagen Ein ſuͤßer Schlaf in ſtiller Nacht bethoͤrt Und freundlich ſeinen Geiſt zur Heimath hingetragen, Zur holden Braut, zum vaͤterlichen Heerd; Doch ploͤtzlich klingt das Horn, es rollt der Kriegeswagen, Die Roſſe trappeln rings, es klirren Pfeil und Schwert, Und muthig ſpringt er auf und greift nach Lanz' und Schilde Und geht mit freud'gem Schritt zum blut'gen Kampfgefilde: 81. So ruft auch Gormo's Sohn den tapfern Geiſt zuruͤck, Als jetzt die lichte Schaar von ſeinem Pfad entflogen, Und wild, durchbrauſ't von mitternaͤcht'gen Wogen, Die Kluft ſich aufgethan. Er mißt mit kuͤhnem Blick Die grauſe Finſterniß, wohin die raſche Welle Den Nachen ſtuͤrmiſch reißt; ſchon iſt er nah davor, Und wuͤthend hebt die Fluth den ſchwachen Kahn empor und ſchleudert ihn hinein mit ungeheurer Schnelle. CaAcilie. 8². Hab' ich doch oft in mancher heißen Schlacht, Beginnt der alte Held, das ſcharfe Schwert geſchwungen, Auf mancher Meeresfahrt mit Wog' und Sturm gerungen, In mancher dunkeln Kluft bei Schlang' und Wolf gewacht; Doch nimmer ſah ich noch ein ſolches Abenteuer; So zornig heulte nie das Meer Am Klippenſtrand empor, ſo wuͤſt und ungeheuer Verwirrte nie die Nacht um meinen Pfad ſich her,. 83. Gar freudig ſchlaͤgt mein Herz in dieſen Felſenhallen⸗ Und kuͤhn gemahnt es mich an meine Jugendzeit, Als ich zum erſtenmal die hohen Fahnen wallen, Die Helme glaͤnzen ſah im ritterlichen Streit. Faſt moͤcht' ich jetzt mit jenen Klippen kaͤmpfen Und unverzagt mit dieſer alten Fauſt Die Woge baͤndigen, die uns entgegen brauſ't, um ſo die Kriegesluſt im heißen Blut zu daͤmpfen. Zehnter Geſang. 49 34. Du altes Schwert, ruft Gormo's tapfrer Sohn, Dich kann die Zeit nicht ſchwaͤchen noch zerſplittern! Wohl ſchwillt das kuͤhne Herz den kampfesfreud'gen Rittern, Wenn unerhoͤrte Muͤh'n und Wunder ſie bedrohn: Doch moͤcht' auf dieſer Fahrt wohl kaum ein Knecht erzittern, So lieblich iſt, ſo minniglich der Lohn. Wohl hat die Tiefe nie ſo edlen Schatz gehuͤtet, Als jener, welchen uns dies Abenteuer bietet. 85. Ach, ſie, fuͤr die zuerſt ſich meine Kraft geuͤbt, Die meinen Geiſt befreit aus ſchmaͤhlich feigen Ketten, Die mich zum Kampf geweckt, mein Recht und mich zu retten, Die meinen Fall geſehn, und die mich doch geliebt, Fuͤr ſie beginn' ich jetzt, um jene Schmach zu ſuͤhnen, Durch Nacht und Fluth den nie beſchifften Pfad, Und will durch kuͤhnen Muth und ritterliche That Die Huld, die unverdient mich druͤckte, mir verdienen. II. Theil, 4 Cacilie. 86. Wohl darf ich dann vielleicht den Blick Mit groͤßrer Zuverſicht zu ihrem Blick erheben; Sie rief mich einſt empor zu einem edlern Leben, und freudig geb' ich ihr, was ſie mir gab, zuruͤck. Doch nein, was koͤnnt' ich wohl der holden Herrin geben? Wohnt nicht bei ihr allein Gewaͤhrung, Huld und Gluͤck? Und wenn ich zitterte, dieß Wagniß zu beſtehen, Muͤßt' ich dann fern von ihr in Kummer nicht vergehen? 87. So reden ſie, indeß des Stromes Macht Auf abgeſenkter Bahn gewaltig niedergleitet, Und immer ſchauriger die nie erforſchte Nacht Um ihren Pfad ſich feucht und kalt verbreitet. Ihr Ohr vernimmt es nur, wie Wog' und Woge ſtreitet, Wie dumpf der Nachen oft am rauhen Felſen kracht. Sie fuͤhlen, daß Gefahr ſie tauſendfach umwallte: Doch keiner kann erſpaͤhn, wie ſich ihr Bild geſtalte. Zehnter Geſang. 541 88. Oft hat der ſchmale Strand ſich eng' und ſchroff verſchraͤnkt, Daß nur mit Muͤh der Strom ſich durch die Oeffnung windet, Und in der Helden Bruſt, vom Druck der Luft bedraͤngt, Das Herz gewalt'ger pocht und faſt der Athem ſchwindet. Bald dehnt die dunkle Kluft ſich unermeßlich aus, Man hoͤrt die freie Fluth nach allen Seiten wallen, Und aus der Ferne nur das zuͤrnende Gebraus Des eingehegten Stroms am Felſenufer ſchallen. X 89. Wie helle Blumen oft im finſtern Wald entbluͤhn, So heben hier und dort ſich bunte Waſſerſchlangen; Ihr rothes Auge glaͤnzt gleich funkelndem Rubin, Mit goldnen Kronen ſcheint die breite Stirn zu prangen, Den glatten Ruͤcken deckt der Schuppen blitzend Gruͤn, Von lichtem Himmelsblau iſt Hals und Bauch umfangen; Und Strand u. Fluth erglaͤnzt, u. farb'ges Feuer ſchwimmt, Wo leicht ihr ſchlanker Leib ſich durch die Wellen kruͤmmt. 4* 90, Die boͤſen Geiſter auch, die in den Tiefen hauſen, Sie nahn ſich oft in grimmiger Geſtalt. Von Ferne ziehn ſie her auf dumpfem Windesbrauſen, Mit willd geſtraͤubtem Haar, von rother Gluth umwallt, Und fahren hell vorbei und raſch durchs naͤcht'ge Grauſen, Daß weit von ihrem Flug die dunkle Wog' erſchallt; Doch fruchtlos zuͤrnen ſie; denn unverzagt befehlen Den heil'gen Engelein die Helden ihre Seelen, 91. Indeß beginnt die Woge, nach und nach Auf ebnem Grund ſich friedlich zu ergießen. Es wird der breite Strom zum engen Felſenbach, Den, kuͤnſtlicher gewoͤlbt, die Hallen jetzt umſchließen. Und um die Wellen ſcheint ein graues Licht zu fließen, Und immer heller ſchwimmt um Fels und Gluth der Tag, Und lieblich naht es ſich aus vielverſchlungnen Gaͤngen Gleich freundlichem Geſang und holden Harfenklaͤngen. Zehnter Geſang. 53 92. Wie raͤthſelhaft ins jugendliche Herz Die erſte Liebe ſinkt auf daͤmmernden Gefuͤhlen; Um jeden Trieb beginnt ihr leiſer Hauch zu ſpielen, Der Ernſt wird heiliger und ſinniger der Schmerz, Und ſehnend ſtrebt der Geiſt nach unbekannten Zielen Und regt ſich wandelbar in Freud' und ſuͤßem Schmerz, Bis nach und nach das Bild der Sehnſucht ſich geſtaltet, Und aus der Daͤmmrung ſich ein goldner Tag entfaltet: 93. So gaukelte das liebliche Getoͤn Bald hier, bald dort mit unſichtbarem Schweben, Jetzt ſchien es durch die Luft, am Felſen jetzt zu wehn, Und um die Wellen jetzt ein toͤnend Netz zu weben; Noch konnten Ohr und Geiſt ſein Sauſen nicht verſtehn: Doch tief empfand das Herz der Klaͤnge ſuͤßes Leben, Bis endlich, da der Kahn den Toͤnen naͤher drang, Dies leiſe Liebeslied aus weiter Fern' erklang: Ccilie. 94. Fluͤchtig wehn die Klaͤng' und ſchallen Lieblich in den Felſenhallen Durch die unterird'ſche Welt; Freundlich kann die Seele toͤnen, Wenn auch Schmerz und eitles Sehnen Naͤchtlich ſie umfangen haͤlt. Suͤße Wehmuth, treues Lieben Iſt dem Herzen doch geblieben. 95. Kehrt auch nie der Morgen wieder, Troͤſtend leuchten zarte Lieder Gleich den Sternen in der Nacht; Laſſen durch der Nebel Wehen Mich die fernen Fluren ſehen, Wo der Fruͤhling ſpielt und lacht. Luſt will ſtets im Glanze funkeln; Liebe duftet auch im Dunkeln. A& Or Zehnter Geſang. 96. Ferne wohnt die Sonn' im Blauen; Doch die kleinen Bluͤmlein ſchauen Still empor zum milden Schein, Und am Laͤcheln und an Blicken Kann das Herz ſich ſchon erquicken, Im Entbehren froͤhlich ſeyn. Denn die Luſt iſt nicht fuͤr Einen; Allen will die Sonne ſcheinen. 97 Kleine Blumen, kleine Lieder Bluͤhen und verbluͤhen wieder Und begehren keinen Dank; Wollen nur ihr Leben fuͤhlen, Wollen klingen, wehn und ſpielen Eine kurze Stunde lang. Trautes Herz, warum ſo truͤbe? Haſt ja Leben, Lied und Liebe. Caͤcilie. 98. So klang das Lied. Und als der Kahn zugleich Um eine Kruͤmmung ſchwamm, da floh das Daͤmmer⸗ grauen, Und hell umflimmert ließ der Zwerge Zauberreich Im holden Farbenſpiel ſich bunt und bluͤhend ſchauen, Und freundlich ruhten dort, vom blitzenden Geſtraͤuch Der Edelſtein' umwoͤlbt, die minniglichen Frauen, Indeß ihr Freund mit leichtem Harfenklang Zu ihren Fuͤßen ſaß und leiſe Lieder ſang. 99. So wie dem Wandrer iſt, der in Sahara's Sande, Von Gluth und Durſt gequaͤlt, nach jenen Fluren ſtrebt, Wo, weit von aller Welt, in einem bluͤhnden Lande, 4 Wuͤſten rings umziehn, die Vielgeliebte lebt; Schon ſieht er, wie ſich fern mit gruͤnem Uferrande Aus grauſer Oed' empor die ſel'ge Inſel hebt, Er fuͤhlt die Duͤfte wehn und hoͤrt die Quellen fließen Und kann von weitem ſchon die Liebſte ſehn und gruͤßen: Zehnter Geſang. 57 100. So fuͤhlt der Ritter ſich von raſcher Luſt erfuͤllt; Er zweifelt noch und waͤhnt, vor ſeinen Sinnen Erhebe ſich ein holdes Traumgebild Und werde taͤuſchend bald in eitle Luft zerrinnen. Sein Herz erzittert laut, ſein Buſen athmet wild Und kann dem trunknen Geiſt nur Seufzer abgewinnen. Er ſchweigt mit ſtarrem Blick und weint in ſel'ger Luſt Und druͤckt den alten Freund gewaltſam an die Bruſt. 101. Noch lauſchen ſtill auf Reinalds Lied die Frauen Und ahnen noch den nahen Retter nicht, Da rauſcht der Kahn heran; ſie ſpringen auf und ſchauen; Es kaͤmpfen Bleich und Roth auf ihrem Angeſicht; Ihr Geiſt will gern, doch nicht ihr Auge trauen, Im Blicke wechſeln raſch Gewoͤlk und Sonnenlicht: Und wie ſie zitternd ſtehn und ſtarr hinuͤber ſehen, Scheint durch die Freude faſt ein leiſes Graun zu wehen. Ccilie. 102. Doch eh der Kahn das Ufer noch erreicht, Hat ſchon der Held ſich an den Strand geſchwungen Und haͤlt entzuͤckt die Knie der holden Braut umſchlungen, Die ſtill und weinend ſich zu ihm herniederneigt. Noch irrt und traͤumt der Geiſt, vom freud'gen Rauſch bezwungen, Und nur die Seele lebt und laͤchelt ſuͤß und ſchweigt; Doch trennt ſich nach und nach die reine Luſt vom Leide, und lieblich wandelt ſich der Sturm in heil'ge Freude. 103. und Alles zeigt ſich jetzt, was in dem ſel'gen Kranz Der Liebe blüht, die tief empfundne Stille, Das Fluͤſtern fuͤßer Huld, der Blicke feuchter Glanz, der milde Thraͤnenſtrom, wovon die reiche Fuͤlle Des Herzens uͤberquillt, der Seufzer zartes Flehn, Der Augen leiſes Nahn und ſcheues Niederſehn, Demuͤth'ges Knien und anmuthvolles Neigen und holdes Eingeſtehn und holderes Verſchweigen. Zehnter Geſang. 59 104. Nicht ferne von dem ſeel'gen Paar Iſt ſromm auf ihre Knie Caͤcilie geſunken. Von milder Freude glaͤnzt ihr Auge ſtill und klar, Und nur von Andacht iſt die heil'ge Seele trunken. Sie betet leiſ' und fleht mit glaͤub'gem Blick Fuͤr ſich um Muth und Kraft, fuͤr jen' um Heil u. Gluͤck, Doch froͤhlich ſieht man ſtets, von Einem zu dem Andern Mit holdem Wort und Gruß den treuen Saͤnger wandern. 105, Als ſo die Freude ſich in jedem offenbart, Da nahte ſich der Zwerg und ſprach mit guͤnſt'gen Mienen: Schon iſt der Tag des Heils, der Rettung Tag erſchienen, Und offen ſteht euch jetzt zum Sonnenlicht die Fahrt. Wohl moͤgt ihr Herrliches durch Sinn und That verdienen, Da Gott ſo gnaͤdig euch geleitet und bewahrt; So ſcheidet denn getroſt und kehrt zuruͤck in Frieden Und nehmt, was meine Huld gaſtfreundlich euch beſchieden. Cacilie. 106. So ſpricht der Zwerg und laͤßt die Diener nahn, In deren Hand viel edle Gaben prangen. Mit goldner Ruͤſtung wird der Ritter angethan, Eiin hell geſchliffnes Schwert dem Alten umgehangen, Und fuͤr die Frauen fuͤllt mit koͤſtlich goldnen Spangen Und diamantnem Schmuck ſich reichlich dann der Kahn. Und als die Diener nun am angewieſ'nen Orte Ein jedes wohl verwahrt, da ſpricht der Zwerg die Worte: 107. So lebt denn wohl, und moͤge ſtets des Herrn Allguͤt'ge Huld wie jetzt durchs Leben euch begleiten. Doch dunkel iſt der Pfad und euer Ziel noch fern, Noch kann euch manche Noth die naͤcht'ge Fahrt bereiten; Drum ſollen hell gleich jenem Zwillingsſtern, Der irre Schiffer ſchuͤtzt, zwei Boten euch begleiten, Bis euer Kahn das Felſenthor erreicht, Wo Nacht und Noth dem heitern Tage weicht. Zehnter Geſang. 61 108. Er ſpricht's, und pfluͤckt von einem nahen Strauche Zwei Roſen ab aus blitzendem Rubin Und ruͤhrt ſie murmelnd an nach zauberiſchem Brauche, Und warmes Leben ſcheint im Steine zu entbluͤhn; Und als er ſie belebt mit unſichtbarem Hauche, Da laͤßt er ploͤtzlich ſie aus ſeiner Hand entfliehn. Sie leuchten weit umher und regen hundert Schwingen Und flattern um den Kahn gleich holden Schmetterlingen. 109 Schon ſchwimmt das Schifflein fort in's naͤchtliche Gebiet, Indeß ihm hell voran die Roſenvoͤglein ſchweben. Das Paar der Liebenden, das ſich nur hoͤrt und ſieht, Bemerkt die Schatten kaum, die dunkler ſie umgeben. Still ſinnt Caͤcilie mit freudigem Gemuͤth; Von leiſen Klaͤngen laͤßt ihr Freund die Saiten beben; Doch hocherſtaunt durchſpaͤht der alte Kriegesheld Mit wa hem Blick die unterird'ſche Welt. 62 Caͤcilie. 110. Indeß verhaucht von zarten Purpurſchwingen Sein zauberiſch Geduͤft das ſchwebende Geſtein. Die Welle toͤnt, die leichten Luͤfte ſingen, Und Bilder gaukeln rings mit ungewiſſem Schein, Und bunte Daͤmmrung wiegt und leiſes Wehn und Klingen Die Schiffenden in ſanften Schlummer ein, Und fluͤchtig laͤßt viel holde Traumgeſtalten Der Zauber des Rubins um ihre Sinne walten. 111, Schon weilt Caͤcilie im goldnen Himmelsſaal Und waͤhnt, die Engel dort im holden Spiel zu ſchauen, Indeß die Liebenden im ſtillumhegten Thal Au klaren Quellen ruhn und Roſenlauben bauen. Um Reinalds Pfade glaͤnzt der friſche Morgenſtrahl, Das Voͤglein ſingt im Hain, der Fruͤhling ſchmuͤckt die Auen: Doch kuͤhn erprobt der Greis in wilder Schlacht das Schwert⸗ Das ihm der Zwerg zum Gaſtgeſchenk verehrt. Zehnter Geſang. 63 112. und als ſie jetzt aus tiefem Schlaf erwachen, Da ſehn ſie hell die Sonn' am Himmel ſtehn, Und leiſe ſchwimmt der goldbeladne Nachen Durch ſtille Waͤlder hin und gruͤnbekraͤnzte Hoͤhn. Die Wieſen bluͤhn umher, die Felſenquellen lachen, Von Liedern toͤnt der Hain und milde Duͤfte wehn, Und ſaͤuſelnd ſcheint das kaum erwachte Leben Von Zweig zu Zweig, von Halm zu Halm zu ſchweben, 113. O fuͤße Luſt, die raſch das Herz durchrinnt, O holder Rauſch von wechſelnden Gefuͤhlen! Wie ſcheint die Flur ſo gruͤn, die leichte Luft ſo lind, Wie lieblich ſcheint der Wald zu ſchatten und zu kuͤhlen! Fetzt laſſen ſie im Haar den lauen Morgenwind Und jetzt um ihre Hand die friſchen Wellen ſpielen; Wie wuͤſt auch oft der Strand, wie arm das Bluͤmchen ſey, Dem freud'gen Geiſt iſt alles ſchoͤn und neu. Caͤcilie. 114. Wo glaͤnzender ſich Wald und Wieſe ſchmuͤcken, Muß oft das Schiff dem bunten Ufer nahn, Und Adelheid beginnt, den bluͤh'nden Schmuck zu pfluͤcken Und kraͤnzt die Freund' und ſich und fuͤllt mit Gruͤn den Kahn. Doch ihre Schweſter ſitzt mit ſanft verklaͤrten Blicken Und fuͤgt ſich ſtill bewegt dem kindlich holden Wahn. Wohl kraͤnzt die liebe Hand ſie jetzt mit duft'gen Bluͤthen; Wird nicht der kuͤnftge Tag vielleicht den Tod ihr bieten? 115. Gar lieblich war es anzuſchau'n, Wie jetzt das kleine Schiff, mit gruͤnem Schmuck behangen, Hellleuchtend vom Geſtein und edeln Goldes Prangen, Mit Rittern angefuͤllt und wunderholden Frau'n, Indeß um ſeinen Pfad die Saiten froͤhlich klangen, So friedlich weiter ſchwamm durch bunte Fruͤhlingsau'n, Und wie der goldne Glanz vom Panzer, Helm und Schilde Gar weit hinuͤber ſchien durchs ſonnige Gefilde. 11 6. 8 Zehnter Geſang. 65 116. Wohl wird der leicht bewegte Bord Von unfuͤhlbarer Macht zu ſeinem Ziel geleitet, Denn munter treibt der Wind den Nachen fort, Obgleich die Fluth ihm raſch entgegen gleitet. Schon zeigt ſich jetzt der blutbefleckte Ort, Wo geſtern noch die Schlacht ihr Banner ausgebreitet; Doch wie der Nachen naht, umrankt von friſchem Gruͤn, Da ſcheint durchs wuͤſte Feld der Fried' einher zu ziehn. 117* So fuhr verſoͤhnend einſt in fruͤher Vaͤter Tagen Die Mutter Joͤrd, die Alles ſchafft und naͤhrt, Durchs freud'ge Land auf reichgeſchmuͤcktem Wagen Und weilte mild am niedern Menſchenheerd. Von allem Volke ward mit feſtlichen Gelagen Die Goͤttliche bewirthet und verehrt; Das ſchon gezuͤckte Schwert verbarg ſich in die Scheide, Und Helm und Panzer wich dem bunten Feierkleide. II. Theil. 5 118. Und durchs Gebuͤſch, das gruͤn den Strand umhegt, Laͤßt bald das Lager ſchon die weißen Zelte ſehen. Schon wird der kleine Kahn am Ufer angelegt, Wohin die Luͤftchen ihn mit raſchem Saͤuſeln wehen. Der Saͤnger nimmt ſein Spiel; des Zwerges Gaben traͤgt Der alte Held, und leicht und froͤhlich gehen Die Andern durchs Gewuͤhl, das ſtaunend ſchaut u. ſchweigt, und vor dem holden Zug in Ehrfurcht ſich verneigt. 119. Und als ſie jetzt zum Feldherrnzelt gelangen, Da ruht der Ritter noch, erſchoͤpft vom ſpaͤten Streit, Auf hartem Lagerbett, vom ſchweren Schlaf umfangen, Mit ungeloͤſ'tem Schwert, im ehrnen Panzerkleid. Vom Kampfe lodern noch die jugendlichen Wangen, Um Bruſt und Nacken wallt das gelbe Haar verſtreut. Mit bittern Traͤumen ſcheint ſein reger Geiſt zu ringen, Und Thraͤnen ſieht man oft durch ſeine Wimpern dringen⸗ Zehnter Geſang. 67 120. Wie leuchtend einſt am heiligen Gericht, Wenn auf die Welt der Herr zuruͤckgekommen, Mit hellem Kleid und hellerm Angeſicht Ein Engel tritt zur ſtillen Gruft des Frommen; Sein Haar iſt wallend Gold, ſein Auge Sonnenlicht, Und Morgenroͤthe ſcheint auf ſeiner Wang' entglommen, Und mit dem Palmenzweig beruͤhrt er leiſ' und mild Zum ſel'gen Auferſtehn das ſchlummernde Gebild: So ſcheint Caͤcilie in's ſtille Zelt zu treten. Sie weilt und ſchwankt und naht mit bangem Muth. Von Seufzern wallt ihr Herz und feurigen Gebeten, In Lieb' und Glauben ſchwimmt des Auges heil'ge Gluth; Um ihre Wangen fliegt ein liebliches Erroͤthen, Aüs jetzt ihr feuchter Blick auf ſeinen Zuͤgen ruht, Und gluͤhend beugt ſie ſich im daͤmmrigen Gemache Und ruͤhrt ihn zagend an und liſpelt fuͤß: Erwache! 5*† 68 Caͤcilie. 122. Doch wie dem Schiffer iſt, den wilde Sturmesnacht Vom ſichern Strand auf's hohe Meer verſchlagen, Und der von Muͤh' erſchoͤpft in unwirthbarer Nacht Sich in den Kahn geſtreckt, verſenkt in dumpfes Zagen; Doch wie er jetzt aus wuͤſtem Traum erwacht, Da hat die raſche Fluth zur Heimath ihn getragen: So fuͤhlt ſich Adalbert, als er den Blick erhebt, Und faͤhrt vom Lager auf und ſieht und ſtaunt und bebt. 123. I ſel'ges Gluͤck, du holdes Wiederſehen Des Theueiſten, was je das Herz verlohr! Wie reizend muß mir jetzt dein Bild voruͤbergehen, Wie ringt der alte Schmerz lebendig ſich hervor! Verſchloſſen ſind des Himmels heil'ge Hoͤhen; Wohl dringt der Wunſch, doch nie der Will' empor! D89 J Jene wandeln dort in ewig bluͤhnden Hainen und denken unſrer nicht, die ihren Tod beweinen! Zehnter Geſang. 69 124. Und als er jetzt zu ihren Fuͤßen kniet, Und ihre Arme ſich zu ihm herunter neigen, Als er hinauf und ſie hernieder ſieht, Und Thraͤnen leiſ' empor in Beider Augen ſteigen, Als ſie in Milde glaͤnzt und er in Liebe gluͤht, und als ſie weinen, laͤcheln, ruhn und ſchweigen, Da greift mit leiſer Hand in's goldne Saitenſpiel Der Saͤnger und beginnt im freudigen Gefuͤhl: 125. Wehe nur, du Geiſt des Lebens, Liebe, durch die weite Welt! Alle Herzen ſtehn dir offen, Alle wuͤnſchen, Alle hoffen, Und du weilſt, wo dirs gefaͤllt. Sehnt auch meines ſich vergebens; Wehe nur, du Geiſt des Lebens, Liebe, durch die weite Welt! Anmerkungen. Stanze 00.— So wie dem Wandrer iſt.— Es iſt bekannt, daß in den afrikaniſchen Sandwuͤſten ſich hin und wieder einzelne gruͤne, bewaͤſſerte und mit Baͤu⸗ men bewachſene Stellen, gleichſam freundliche Inſeln in dem ungeheuren, unfruchtbaren Meere, befinden, wel⸗ che man Oaſen nennt, und wo die Karavanen verweilen und ſich mit friſchem Waſſer verſehen. Mancher wird durch dieſes Bild an die reizende Erzaͤhlung von La Motte Fouqué: Die Hauptleute, erinnert werden, die auch die Veranlaſſung dazu gab. 8 Stanze 110.— Und fluͤchtig laͤßt viel holde Traumgeſtalten Der Zauber des Rubins um ih⸗ . re Sinne walten. 4 unter vielen wunderbaren Kraͤften der Edelſteine glauhte man vor Zeiten auch an die des Rubins, daß er angenehme Traͤume verleihe.. Stanze 117.——— Die Mutter Joͤrd— Joͤrd der alt⸗nordiſche Name fuͤr die deutſche Hertha. Die Sitte, daß ſie von ihren Prieſtern von Zeit zu Zeit durchs Land gefahren wurde, und daß dann alle Kriege und Zwi⸗ ſtigkeiten ruhen, ja ſelbſt die Waffen verborgen werden muß⸗ ten, iſt aus Tacit. de morib. Germ. Cap. 40. bekannt. ä e l: e. Eilfter Geſang. Eilfter Geſang. 1. Als Alle nun, die lange ſich verloren, Sich wiederum vereint, da wendet ſeinen Blick Auf jenes große Werk, wozu ihn Gott erkohren, Mit neuem Muth der tapfre Held zuruͤck. Er denkt des heil'gen Schwurs, den er dem Herrn geſchworen, Er ſieht des Glaubens Sieg, der Voͤlker nahes Gluͤck, Und kuͤhn ermannt er ſich, und ordnet und bereitet Mit freud'gem Sinn den Pfad, der ihn zum Tode leitet. Cicilie. 2. Und als der nächſte Tag die Erde kaum erhellt, Und an des Himmels blauen Hallen Noch bleicher Nebel ſchwimmt, da laͤßt von Zelt zu Zelt Ihr lautes Aufgebot die Kriegstrompete ſchallen. Schon ſieht man Faͤhnlein ziehn und hohe Banner wallen, Von Waffen blitzt und klirrt das weite Feld, Verworren bebt die Luft von kriegeriſchen Toͤnen, Indeß von Roſſeshuf die gruͤnen Wieſen droͤhnen. 3. Bald trennt und ordnet ſich in lange Reihn das Heer, Und jeder Fuͤhrer haͤlt im blanken Waffenkleide, Mit buntem Schild und reichem Helmgeſchmeide, Vor ſeiner tapfern Schaar. Es draͤngt ſich Speer an Speer⸗ Wie dicht die reiche Saat auf ſonnigem Gefilde Die goldnen Aehren hebt; nah ſchließt der Schild dem Schilde Der Helm dem Helm ſich an; in Schritt und Stellung ſcheint Zu einem einz'gen Mann das ganze Heer vereint. Eilfter Geſang. 7⁵ 4. Der helle Morgen bluͤht im jugendlichen Leben, Ein leichter Wind erhebt ſich friſch und kuͤhl, Die Zier der Helme wallt, die hohen Fahnen ſchweben Und rauſchen hin und her im mannigfalt'gen Spiel; Des Reiches Adler ſcheint gewaltig fortzuſtreben Zu Kampf und Sieg, zu glorreich blut'gem Ziel. Die Krieger ſchaun erfreut empor zum heil'gen Zeichen Und ſchwoͤren, vom Panier im Tode nur zu weichen. 5. Und lauter ſchallt der Feldpoſaune Klang, Der Ruf der Fuͤhrer toͤnt, es regen ſich die Glieder. Schon zieht das ruͤſt'ge Heer das bunte Feld entlang Und haucht den freud'gen Muth in kuͤhne Kriegeslieder. Vom Schritt der Wandelnden droͤhnt Thal u. Huͤgel wieder, Die ehrne Waffe klirrt zum froͤhlichen Geſang. Hoch baͤumt das Roß ſich auf und tanzt mit leichten Fuͤßen. Und ſcheint den hellen Tag lautwiehernd zu begruͤßen. 6. Wie durch die Luft bei raſchem Windeswehn, Vom Licchte halb verklaͤrt und halb in naͤcht'gem Grauſen, und ſchoͤn zugleich und furchtbar anzuſehn, Die Wolke naht, worin die Wetter hauſen, So zog das deutſche Heer durchs feindliche Gefild; Wie bunt auch Helm und Schild mit manchem Schmuck ſich faͤrben, Wie glaͤnzend auch der Stahl der Helden Bruſt umhuͤllt, Im Reize lauſcht der Zorn und ſchmuͤckt ſich zum Verderben. 7. Im erſten Zuge geht in leichter Kriegestracht Der Schweizer tapfre Schaar, bewehrt mit Pfeil u. Bogen, Die jene Flur geſandt, wo von des Rheines Wogen Der Fels erbebt und rings das Ufer kracht. Nie irrt der Pfeil, der ihrer Hand entflogen; Doch kaͤmpft auch unverzagt ihr Schwert in naher Schlacht⸗ Sie fuͤhrt, ſeit Almerich im Kampfe juͤngſt gefallen, Vinzenz, ein edler Graf gus Habsburgs Felſenhallen, Eilfter Geſang. 77 8. Nach ihnen folgt in lang gedehnten Reihn Verderbliches Geſchuͤtz und ſchwere Kriegeswagen Und Schleudern mancher Art, die Pfeile rings verſtreun, Und Balken, vorn geſpitzt, mit ſtarkem Erz beſchlagen, Schilddaͤcher auch und hartes Wurfgeſtein Und Schwerter lang und ſcharf, von Raͤdern fortgetragen. Dann zieht, zu mancher Schaar nach Sitt' und Land geſellt, Des Heeres Kern durchs waffenhelle Feld. 9⸗ Die Voͤlker jener Flur, wo ſtill durch ew'ge Haiden Mit ſchwarzer Fluth die Aller ſich ergießt, Und die am Elbeſtrand die reichen Heerden weiden, Und wo durch Winfelds Thal die glatte Weſer fließt, und die in's rauhe Fell des wilden Urs ſich kleiden, Dort, wo das Harzgebirg die nahen Wolken gruͤßt, Sie, die ſich alleſammt zu einer Schaar geſchloſſen, Fäͤhrt Wittekind, ein Fuͤrſt dem Sachſenſtamm entſproſſen. 10 Dann nahn die Franken ſich, die an des Maines Strand Auf gruͤn bekraͤnzten Hoͤhn die edeln Reben bauen, und Jene, die vom Haupt Gabreta's weit in's Land Von Felſenburgen niederſchauen, Und die der wald'ge Berg von ſeinen Hoͤhn geſandt, Wo duͤſtre Nebel ſtets um Odins Saͤule grauen. Askan gebeut, ſeit juͤngſt ihr Fuͤrſt Lothar Thorildens Pfeil erlag, der fruͤh verwaiſ'ten Schaar,. 113 Drauf zieht das Bolk herbei, dem unter milden Zonen Sein ſchoͤnes Land gleich waͤlſchen Gaͤrten bluht,* Dort, wo zum gruͤnen Rhein mit ew'gen Felſenkronen An edeln Quellen reich der Taunus niederſieht. Ihm ſchlieſſen die ſich an, die am Gebirge wohnen, Das ſchwarz vom Wald umkraͤnzt den Schwabenkreis umzieht. Zwei Helden zeigen ſich ais Fuͤhrer dieſer Schaaren, Unaͤhnlich an Geſchick, doch gleich an Muth und Jahren. Eilfter Geſang. 79 12„ Im dumpfen Schweigen zog der Pfalzgraf durchs Gefild Mit truͤbem Blick und kummerbleichen Wangen. Mit ſchwarzem Flore war des Schildes Glanz verhuͤllt, Man ſah an Haupt und Bruſt kein goldnes Kleinod prangen. Nicht war ſein Geiſt wie ſonſt von Thatenruhm erfuͤllt; Nicht trieb zu Beut' und Sieg ihn freudiges Verlangen. Ihm, welchem juͤngſt das Herz von kuͤhnen Wuͤnſchen ſchlug, Schien jetzt ein enger Raum zum Grabe ſchon genug. 13. Denn ſie, fuͤr die er einſt ſo manche Thaten wagte, Die holde Braut, die er mit Muͤh errang, Sie ſtarb, als freundlich ſchon die ſchoͤnſte Feyer tagte, Als ſchon im hellen Saal der Hochzeitsreigen klang. Da war ihm Alles todt; kein Ritterſpiel behagte, Kein freud'ges Feſt ihm mehr, kein lieblicher Geſang. Nichts ſchienihmjetzt erwuͤnſcht, als ſich zur Schlacht zu ruͤſten, Und dort nur fand er Ruh, wo Andre ſie vermißten. 80 Caͤcilie. Doch prangend zeigt mit blanker Waff und Wehr Sich Adelhelm, der junge Fuͤrſt der Schwaben. Ein roſig Band umflattert ſeinen Speer; Die Ruͤſtung glaͤnzt von manchen Minnegaben. Er tummelt frey und leicht ſein gutes Roß umher, Und ſpornt es bald zum Sprung, bald laͤßt er's munter traben, und wie er kuͤhn dahin zum blut'gen Kampfe zieht, Beginnt der freud'ge Held manch minnigliches Lied. 15. Schon hatt' er lang um Bertha's Huld gerungen, Schon manchen Ritterdank zu ihrem Ruhm erreicht; Doch glich ihr hoher Sinn dem Stamm, dem ſie entſprungen⸗ Durch ſeine Siege ward die Stolze nicht erweicht. Doch da des Kaiſers Ruf in's Schwabenland gedrungen und ſchon ſein Kriegesroß der tapfre Fuͤrſt beſteigt, Da ſchmuͤckt ſie ſeinen Speer mit ihrem Buſenbande, Und ſpricht: Des Siegers harrt die Braut, des Feigen Schande. 1 6. Eilfter Geſang. 81 16. So zog er fort mit freudigem Gemufth, In bunten Waffen hell, und hell in Liebesglanze. Der edle Lorbeerzweig, der nur dem Kuͤhnen bluͤht, Er windet bald ſich ihm zum zarten Myrtenkranze, Und wenn der wilden Schlacht das Heer entgegenzieht, Dann iſt's, als ruf' es ihn zum holden Fackeltanze, Und ſelig traͤumt er ſtets, wenn er auf feuchtem Moos Nach hartem Streite liegt, er ruh' in Bertha's Schooß. 17. Dann naht das Volk, das an dem breiten Strande Der Donau wohnt und an den maͤcht'gen Hoͤhn, Die, Mauern gleich gethuͤrmt, im ew'gen Schneegewande Die deutſchen Graͤnzen hier und dort die welſchen ſehn. Sie leitet Friedebert, ein Fuͤrſt im Bayerlande, Um deſſen ernſte Stirn ſchon weiße Locken wehn. Wohl macht das Alter ihn in jedem Rath erfahren; Doch grůnt ſein friſcher Muth noch wie in Junglingsjahren. II. Theil, 3 t C Feihlie. * 18. So ordnet ſich das Heer. Doch an den Fluͤgeln ziehn In dichten Reihn auf hohen Panzerroſſen, Im hellen Waffenſchmuck, der Ritterſchaft Genoſſen, Die frey vom fremden Zwang, nur fuͤr den Ruhm ſich muͤhn. Zwei Haufen haben ſich aus ihrer Zahl geſchloſſen, In jedem Kampf geuͤbt, zu jedem Wagniß kuͤhn. Dem tapfern Archimbald von Meißen folgt der eine, Den andern leitet Guelf, ein edler Graf vom Rheine. 19* Doch wie, wenn feierlich in ſternenreicher Nacht Das Heer des Himmels zieht auf wolkenloſen Pfaden, Der ſiebenfache Glanz der leuchtenden Plejaden Zum goldnen Kreis geſellt vor allen ſtrahlt und lacht: So ließ, vom Kriegsgewuͤhl des dichten Volks geſchieden⸗ Durch Waffen und Gewand, durch Reiz und Wuͤrde ſchoͤn⸗ Zum Kampfe halb geſchmuͤckt und halb dem milden Frieden Durch bunte Zierden gleich, ein holder Zug ſich ſehn. Eilfter Geſang. 83 20. Dort leuchtet Adalbert im hellen Waffenglanze, Und Biarko zeigt ſich dort dem tapfern Freund geſellt, Und Rainald ſpornt das Roß zum zierlich edlen Tanze, Und ruͤſtig reitet dort der alte Daͤnenheld. Auf weißen Zeltern ziehn die reich geſchmuͤckten Frauen, Der kuͤhnen Kriegerſchaar ein liebliches Geleit, Und nahe laͤßt im prieſterlichen Kleid Der fromme Greis Anſcharius ſich ſchauen. 21. Hochprangend zog der Feldherr durchs Gefild Im ſilberhellen Stahl mit ſcharfgeſchliffnem Schwerte. Ein bluͤhnder Roſenſtrauch erſchien im blanken Schild, Der rings am gruͤnen Stamm mit Dornen ſich bewehrte; Doch war der Blume Haupt in licht Gewoͤlk gehuͤllt, Das wie ein Heil'genſchein den gluͤhnden Kelch verklaͤrte, Und unten ſtand in goldner Schrift dies Wort: Mein Schmerz iſt hier, doch meine Luſt iſt dort. 6* Caͤeilie. 22⸗. Doch heller ſah man noch von muth'ger Kampfesfreude und raſcher Ungeduld den Daͤnenfuͤrſten gluͤhn. Er glaͤnzte weit umher im goldnen Waffenkleide, Das ihm der fromme Zwerg zum Gaſtgeſchenk verliehn. Im Schilde war ein Schwert mit doppelt ſcharfer Schneide, Auf das aus klarer Luft ein Stern herniederſchien, Am Rand verſchlungen ſich viel holde Namenszuͤge, und unten ſtand die Schrift: Er leuchtet mir zum Siege. 23. Auch Rainald iſt zum blut'gen Kampf bereit. Wohl haͤlt kein ſchwerer Helm ſein wallend Haar umfangen, Man ſieht kein ehrnes Kleid um ſeine Glieder prangen, Nicht fuͤhrt er Lanz und Art zum vielfach harten Streit; Doch hoch im Buſen flammt ihm muthiges Verlangen, Sein helles Auge blitzt von kuͤhner Frendigkeit. Nicht gnuͤgt es ihm, die Saiten nur zu ſchlagen: Was er im Liede pries, das will er ſelber wagen. Eilfter Geſang. 85 24. So zieht er keck dahin, und regt ſich flink und leicht. Ein bunter Mantel fließt von ſeinen Schultern nieder! Auf ſeinem Hute wallt ein prangendes Gefieder, Das bald ſich ſaͤuſelnd hebt und ſchwankend bald ſich neigt. Am Guͤrtel blitzt ein Schwert, ein Schild bedeckt die Glieder, In deſſen blankem Kreis ein Eichenkranz ſich zeigt, Und in der Mitte ſteht mit heller Schrift geſchrieben: Ich bin in Froſt und Gluth dem Freunde gruͤn geblieben. 25. So war zum Streit ein jeder Held geſchmuͤckt. Doch wie ſich oft in wilder Strudel Drehen Manch zartes Blümlein zeigt, von raſcher Fluth gepfluͤckt, So ließ in ihrem Kreis das Schweſternpaar ſich ſehen. Durch ihren Buſen zog der Ahnung dunkles Wehen; Denn heilig iſt das Land, das jede rings erblickt. Ein ſtiller Huͤgel ſoll die Eine hier umfangen, Die Andre fuͤrſtlich hier auf goldnem Throne prangen. Caͤcilie. 26, Noch freut die Eine ſich am heitern Spiel der Welt; Der Andern beut kein Gluͤck ſich mehr hienieden; Von holder Hoffnung iſt der Einen Bruſt geſchwellt, Der Andern Seele ruht im frommen Gottesfrieden; Was dieſe ſtill geliebt, dem iſt ſie jetzt geſellt, Von dem, was jeue liebt, hat Gott ſie ſelbſt geſchieden. So bluͤhn zwey Blumen oft aus einem Zweig hervor; Die eine neigt das Haupt, und jene ſteigt empor. 27. Doch wenn der Schmerz zuweilen bang' und leiſe Die ſtille Bruſt Caͤciliens bewegt, Dann wendet ſie den Blick zum prieſterlichen Greiſe, Der fromm das heil'ge Kreuz in ſeinen Haͤnden traͤgt. O ſüßer Troſt der bittern Todesreiſe! O Bild, das maͤcht'ge Kraft im Schwachen ſelbſt erregt! Er, denkt ſie, hat fuͤr dich den harten Tod geduldet; Und ſtirbſt du tauſendmahl⸗ du bleibſt ihm doch verſchuldet. Eilfter Geſang. 28. Als jetzt das Heer die letzten Hoͤhn erreicht, Die ſanft geſchwellt das gruͤne Thal begraͤnzen, Da oͤffnet ſich das Feld, und Lethra's Veſte ſteigt Mit hohen Zinnenreihn und ſtolzen Mauerkraͤnzen Vom fernen Fels empor. Ein Jeder jauchzt und zeigt Dem Andern jetzt das Ziel, und Aller Augen glaͤnzen Vom freud'gen Kriegesmuth. Ein lautes Feldgeſchrei Entdeckt der ſichern Stadt, wie nah der Feind ihr ſey. 29⸗ Doch Biarko fuͤhlt ein wunderbares Sehnen, Als er von fern die theuren Mauern ſieht. Er ſtreckt die Arme aus, ſein Auge ſchwimmt in Thraͤnen, Indeß von Schmerz und Luſt ſein Buſen wechſelnd gluͤht. O, ruft er, edle Stadt, du alter Sitz der Daͤnen, Noch einmal gruͤß' ich jetzt dein heiliges Gebier! Doch ach! die mich gepflegt in fruͤhen Kinderjahren, Der nah' ich, wehe mir! mit fremden Kriegesſchaaren. Doch trauerſt du nicht ſelbſt gebeugt von frechem Hohn? Hat nicht ein ſchnoͤder Knecht in Bande dich geſchlagen 2 Soll ich zu deiner Schmach dem theuren Recht entſagen⸗ Zu eines Raͤubers Heil der Vaͤter altem Thron? Nicht fall auf mich dein Fluch, nur Harald ſoll ihn tragen! Er iſt dein Feind, und ich bin Gormo's Sohn. Was zauderſt du und duldeſt fremde Ketten? Zu mir, zu mir mein Volk! Dein Koͤnig will dich retten! 31. So ruft er laut. Doch fromm begeiſtert ſteigt Der deutſche Held vom Roß und neigt ſein Knie zur Erde und beugt ſich tief vor Gott mit glaͤubiger Geberde⸗ Indeß das ganze Heer in ſtiller Andacht ſchweigt. Dir weih ich, Herr, dies Land, daß es dein eigen werde, So betet er, das Ziel iſt jetzt erreicht! Mag jetzt zu jedem Loos dein Rathſchluß mich erkieſen⸗ Dein iſt die Macht; dein Wille ſey geprieſen! Eilfter Geſang. 89 32. Er ſprichts und rafft ſich auf. Und bald beginnt durchs Feld Das maͤcht'ge Heer ſich zahllos auszudehnen. Das Lager ſteigt empor, es draͤngt ſich Zelt an Zelt, Und eine neue Stadt umringt die Stadt der Daͤnen. Rings werden Waͤll' erhoͤht und Wachen ausgeſtellt, Die weite Flur erſchallt von kriegeriſchen Toͤnen, Von Beilen kracht der Hain, manch luſt'ges Feuer flammt, Manch Schutzdach wird gebaut, u. mancher Pfad verrammt. 33. Der Feldherr ſorgt und waltet unverdroſſen, Indeß in edelm Schweiß ihm ſtets die Wangen gluͤhn. Jetzt tritt er ſelbſt ans Werk, jetzt treibt er die Genoſſen, Begegnet jeder Noth, laͤßt keinen Vortheil fliehn; Sein Aug' iſt ſelten nur der ſuͤßen Ruh geſchloſſen, Ihn ſieht die ſpaͤte Nacht, der fruͤhe Tag ſich muͤhn, Im Ordnen, im Vollziehn, im Rath, im Heer, im Streite Sind Vorſicht ſtets und Kuͤhnheit ihm zur Seite. 34. Doch auch die Heiden ſind zur tapfern Gegenwehr Nicht minder reg' und wach, ihr Heiligthum zu ſchirmen. Auf Zinn' und Mauer ſteht ein kuͤhnes Heldenheer, und Kriegsgeſchuͤtze drohn herab von allen Thuͤrmen. Der bringt Geraͤth herbey⸗ der ſchmiedet Schwert und Speer, Der ſichert Thor und Wall vor raſchgewagten Stuͤrmen. Die Sichelwagen ſtehn mit Steinen angefuͤllt, Indeß von gluͤh'ndem Naß der Keſſel überquillt, 35. Der alte Koͤnig geht mit jugendlichen Schritten Durch Gaſſ' und Burg und ſpornt zum ruͤſt'gen Fleiß Sein raſches Volk. Den treibt er an mit Bitten, Vergilt mit goldnem Lohn des Andern Muͤh' und Schweiß⸗ Ermahnt und lobt mit ſanftem Wort den Dritten, und ſtraft des Vierten Thun mit drohendem Verweis; und hier und dort erſchallt zum Aufgebot und Zeichen Sein maͤcht'ger Kriegesſchild von hellen Schwertesſtreichen. * Eilfter Geſang. 91 36. Wohl bricht auch oft in unwirthbarer Nacht Ein kuͤhner Kreis verſchworner Kampfgeſellen In's Feld hinaus und naht des Lagers Waͤllen, Wo ſtets zum Schirm des Heers ein Chriſten⸗Faͤhnlein wacht. Bald weicht die deutſche Schaar den raſchen Ueberfäͤllen, Bald ſinkt der Heiden Schwarm in unberuͤhmter Schlacht. Doch wird, wie klein auch oft der dunkle Kampf begonnen, Manch edler Held erlegt, manch ſchoͤner Preis gewonnen. 37. Doch Andre nahn indeß mit bruͤnſtigem Gebet Dem Heiligthum und traun auf ſtaͤrkre Retter. Das Volk der Daͤnen ruft zum Vater aller Goͤtter, Der hoch auf heil'gem Heerd in goldner Ruͤſtung ſteht; Der Normann kniet vor Thor, dem Herrn der Donnerwetter, Indeß zum maͤcht'gen Frey die Schaar der Schweden fleht. Das Göͤtterhaus ertoͤnt von heil'ger Lieder Schalle, Von Blut erglaͤnzt der Heerd, von Opfern dampft die Halle. Caͤcilie. 38. Nur Skiold verſchmaͤht das weibiſch feige Flehn; Ihm ſcheint nach Blut und Kampf und Sieg nur zu geluͤſten. Man ſieht ihn ohne Raſt um Thuͤrm und Mauern gehn, Das ungeſtuͤme Volk zu ordnen und zu ruͤſten. Stets laͤßt er, wo die Noth am groͤßten iſt, ſich ſehen, und draͤngt von Zinn' und Wall mit Flamm' und Schwert die Chriſten. Ihm folgt der Sieg; wo ihn die Seinen ſchaun, Iſt Huͤlf und Schutz und Kuͤhnheit und Vertraun. ₰ 4 3 39. Nur Feige knien! ſo ſpricht er zu Thorilden, Ich hab' allein auf mich mein Heil geſtellt. Was ruft das Volk zu ſteinernen Gebilden Und iſt zum Beten nur und nicht zum Kampf geſellt? In unſern Schwertern wohnt, in Helmen und in Schilden, Der Aſen Huͤlf' und Kraft; ein Gott iſt jeder Held. Nichts kann des Liedes Schall, des Opfers Blut uns nuͤtzen, Fuͤr Odin kaͤmpfen wir, drum muß uns Odin ſchuͤtzen. Eilfter Geſang. 93 40. Gieb mir die Hand! So laß uns ſtets vereint Im Leben ſtehn! Wer wird uns ſchmaͤhn und beugen? Sie Sonne ſteigt und ſinkt, das falſche Gluͤck erſcheint und flieht. Was kuͤmmerts uns? Bleibt doch die Kraft 5 uns eigen! Stets iſt der Sieg des tapfern Mannes Freund, Das ſtarke Schickſal will vor Starken nur ſich neigen. Nie ehrt das End' allein den kuͤhn verfochtnen Krieg, Und auch der Tod iſt oft ein ehrenwerther Sieg. 44. So ſpricht der Held; doch ſcheint von wilden Sorgen Thorildens Herz erſchuͤttert und entzweit. Sie blaͤttert ohne Ruh vom Abend bis zum Morgen Verhuͤllte Runen durch und Kunden alter Zeit, Sitzt oft den langen Tag im Kaͤmmerlein verborgen Und treibt manch heimlich Werk, das vor dem Licht ſich ſcheut. Ein ſchwarz Geheimniß ſcheint in ihrer Bruſt verſchloſſen, Und duͤſter ſpricht ſie oft zum kuͤhnen Kampfgenoſſen: 42· Noch weiß ich nicht, was uns das Gluͤck verheißt; Die Zukunft iſt bewoͤlkt und ſeltſam ſind die Zeichen. Von Wehruf heult die Nacht, graunvolle Bilder ſchleichen⸗ Im tiefen Grabe ſeufzt manch alter Heldengeiſt; Die Sterne kaͤmpfen wild in ihren ew'gen Reichen, Es bebt der Gotterſitz, ein großes Schickſal kreiſ't. Wohl war ich oft bereit, den Vorhang fortzuruͤcken; Doch ahnend zagt mein Herz, das Unheil zu erblicken. 43. Laugſt fuͤrcht' ich, daß auch dir ein ſchwarz Verhaͤng⸗ niß droht. Ich ſelbſt beſchwor vielleicht es auf dein Haupt hernieder. Manch feindlichgeichen ſi pricht vom Kampf entzweiter Bruͤder⸗ Von fluchbeladnem Sieg und unheilvollem Tod. 4 Nicht ruht auf mir die Schuld; ich ſang die dunkeln Lieder⸗ Wie ſie der Norne Nuf dem wilden Geiſt gebot. Doch mag auch, wie ſie will, die grauſe Zukunft tagen, Was dir beſchieden iſt, das will ich mit dir tragen. Eilfter Geſang. 95 44. So redet ſie, und ihre Blicke gluͤhn Von Lieb und Schmerz und Zorn. Und wie um Felſenhoͤhen Am fruͤhen Morgen oft mit grau beſchwingtem Wehen Im ſeltſam dunkeln Spiel ſich naͤcht'ge Wolken ziehn; Doch ſtrahlend laͤßt am Pol das goldne Licht ſich ſehen, Der Schleier reißt, die dichten Nebel fliehn; Das Felſenhaupt erglaͤnzt und rauſcht mit hohen Zweigen, Und ſcheint in's klare Blau noch kuͤhner aufzuſteigen: 45. So laͤßt der Jungfrau dunkles Wort Mit finſtern Zweifeln oft des Freundes Seele ringen; Manch graͤuelvolles Bild von Fluch und grauſem Mord Scheint tief aus ſchwarzer Nacht zu ihm empor zu dringen; Doch ſcheucht nach kurzem Kampf mit ſiegreich hellen Schwingen Die alte Heldenkraft den duſtern Nebel fort. Sein kuͤhnes Herz begehrt im Drange großer Zeiten Nur mit dem Feind, nicht mit ſich ſelbſt zu ſtreiten. Als ſo an Skiolds Vertraun des Volkes Muth ſich naͤhrt, Muͤht auch das deutſche Heer ſich draußen unverdroſſen. Stets naͤher wird die Burg bedraͤngt und eingeſchloſſen, Nur wenig Pfade ſind dem Feind noch unverwehrt. Schon mancher Quell verſiegt, der ſonſt zur Stadt gefloſſen, Von Kriegesflammen iſt ſchon manche Saat verzehrt; Doch ſtolz verlacht das Volk, da nichts zum freud'gen Leben Der reichen Stadt gebricht, der Chriſten eitles Streben. 47· Wohl naht ſich oft zum Sturm das deutſche Heer, Doch kehrt es ſtets verdraͤngt und blutend wieder, Denn grimmig waltet rings der Daͤnen Gegenwehr, Der Sichelwagen rollt und bricht des Feindes Glieder, Die heiße Welle ſtroͤmt, es fliegen Pfeil und Speer, Vom jaͤhen Abhang ſtuͤrzt der Stachelbalken nieder. Gemaͤur und Graͤben ſind mit Todten angefuͤllt, und mancher blut'ge Strom durchrieſelt das Gefild. 48. Eilfter Geſang. 97 48. So war ſchon mancher Tag verſchwunden, Da ſpricht im hohen Heldenkreis, Der in des Fuͤhrers Zelt zum Rathe ſich verbunden, Anſcharius, der Gottgeweihte Greis: Vergebens muͤht ihr euch, den Feind zu uͤberwinden; Nicht frommt zum großen Werk des Menſchen Kraft u. Rath, Bis nicht das Volk, befreit von ird'ſchen Suͤnden Mit reinem Flehn dem hoͤchſten Gott ſich naht. 49. Der zweite Mond iſt ſchon vorbei gefloſſen, Seit ihr zuerſt den Daͤnenſtrand begruͤßt, Und doch hat keiner noch das Mahl des Herrn genoſſen, Noch keiner fromm vor Gott ſein ſuͤndlich Thun gebuͤßt; Noch prangen blutbefleckt im heiligen Gefilde, Das ſich der Himmel ſelbſt zum Eigenthum erkohr, Verfluchte Opferhoͤhn und heidniſche Gebilde, Und fuͤr den Ew'gen ſteigt noch kein Altar empor, II. Theil, 7 Cacilie. 50. So tilgt denn jetzt von dieſen ſchoͤnen Auen Den Graͤuel fort, der Gottes Ehre ſchmaͤht. Laßt einen reinen Heerd dem Hoͤchſten uns erbauen, und ſuͤhnt den Himmel dort mit Buß' und mit Gebet; Dann kehrt zum Krieg zuruͤck mit freudigem Vertrauen. Nie taͤuſcht der Ew'ge den, der fromm ihn angefleht. Er ſprichts, und jeder ehrt das Wort des Gottgeweihten und geht, zum heil'gen Werk die Schaaren zu bereiten. 3 51. Nicht fern vom Lager war mit einem dunkeln Hain Ein ſteiler Huͤgel rings bekleidet, Und auf dem Gipfel ſtand ein hoher Opferſtein, Wo oft am blut'gen Mahl der maͤcht'ge Frey ſich weidet⸗ Der Kraft den Fluren giebt und Segen und Gedeihn und mit gewalt'ger Hand die Zeiten lenkt und ſcheidet. Auch thuͤrmte droben ſich, weit ſchauend durchs Gefild, In rieſiger Geſtalt das alte Goͤtterbild. 4 Eilfter Geſang. 99 52. Hier war der Ort, wo Biarko's Kampfgenoſſen Fuͤr ihren Herrn dem Tode ſich geweiht, Wo Gormo's Sohn, vom Feinde rings umſchloſſen, Mit tapferm Schwert die Braut und ſich befreit. Manch edles Blut war fruͤher hier gefloſſen Beim Mahl des Goͤtzen bald, und bald im wilden Streit; Hier ſoll, wenn ſiegreich einſt die Kreuzesbanner wallen, Dem Herrn des Himmels auch ein blut'ges Opfer fallen. 53. Schon zieht das Heer die wald'gen Hoͤhn hinan, Das heil'ge Werk des Glaubens zu vollenden; Mit Stab und Inful geht Anſcharius voran Und traͤgt das Kreuz des Herrn in hoch erhobnen Haͤnden. Das ganze Volk ſtimmt fromme Lieder an und bittet Gott, ſein Heil herabzuſenden; Und bald umſchließt die tapfre Chriſtenſchaar Im weiten Kreis den heidniſchen Altar. 7* 7 4100 Czeilie. 54. Doch Adalbert, der auf des Himmels Segen, Auf Gottes Kraft zur kuͤhnen That vertraut, Tritt muthig ietzt dem hohen Bild entgegen, Das zornig ernſt zu ihm herniederſchaut. Er hebt die Kolb' empor und trifft mit maͤcht'gen Schlaͤgen Die rieſige Geſtalt; im Hain erhallt es laut, Es ziſcht die Luft von ungeheuren Streichen, Der Heerd erbebt, der Grund beginnt zu weichen. 55. Schon wankt das Bild, de Opferſtein zerſpringt, Es wankt und fäͤllt; die nahen Eichen zittern. Ein ſtilles Grauſen ſcheint die Erde zu erſchuͤttern, Da vom Altar herab ihr alter Herrſcher ſinkt. Am Himmel rollts heran gleich fernen Ungewittern, Indeß der maͤcht'ge Schall den weiten Hain durchdringt. Doch ſtill und leicht umſpielt die rieſenhaften Truͤmmer Das heil'ge Sonnenlicht mit ſiegreich hellem Schimmer⸗ Eilfter Geſang. 10¹ 56. So ſtuͤrzt ein hoher Fels, um welchen oͤd' und kahl In ſchattig feuchter Nacht die nahen Fluren lagen, Von Sturmeszorn gefaßt, von Gottes Blitz zerſchlagen, Mit donnerndem Gekrach hinab ins tiefe Thal. Vald wird der freie Grund nun holde Blumen tragen, Vom Thau erquickt, im warmen Sonnenſtrahl, Und ſegensreich wird auf den wuͤſten Raͤumen Die junge Saat in freud'ger Fuͤlle keimen. 57. Ein lautes Jauchzen toͤnt die dichten Reihn entlang⸗ Sobald das ſtolze Bild von ſeinem Thron gefallen, Und heller laͤßt den frommen Chorgeſang Die Chriſtenſchaar empor zum Himmel ſchallen. Von jeder Lippe toͤnt dem Hoͤchſten Preis und Dank. Man ſieht aus manchem Blick viel freud'ge Thraͤnen wallen, Und wie der Heidengott geſtuͤrzt am Boden liegt, Scheint Jedem auch das Volk der Heiden ſchon beſiegt. 58. Zerbrochen wird des Heerdes Grund und Schwelle, Vom ſchnoͤden Schutt das Raſengruͤn befreit, und rings der Ort mit heil'ger Suͤhnungswelle Zum neuen Sitz des Ew'gen eingeweiht; und bald erhebt ſich jetzt an jenes Heerdes Stelle Ein reiner Hochaltar dem Gott der Chriſtenheit, uUnd jeder Krieger eilt, des Waldes Zier zu pfluͤcken, Und will den Tiſch des Herrn zur frommen Feier ſchmuͤcken. 59. So prangt des Ewigen Altar, Mit Blumen hold umkraͤnzt und jugendlichen Zweigen. Auf ſeinen Stufen ſtehr der heil'ge Greis Anſchar, Und betend harrt das Volk in demuthsvollem Schweigen. Er hebt das Kreuz empor, und rings beginnt die Schaar, Mit fromm entbloͤßten Haupt ſich auf die Knie zu neigen. Der Hain verſtummt, kein leiſes Luͤftchen bebt, Als ſo der Greis die ernſte Stimm' erhebt: Eilfter Geſang. 103 60. Zu Boden ſank der ſtolze Gott der Erde, Den blinder Wahn auf ſeinen Thron geſetzt; Erloſchen iſt die Flamm' auf ſchnoͤdem Heerde, Verſoͤhnt das Blut, das ſchuldlos ihn benetzt; Und daß dies Land ein Tempel Gottes werde, Vereinigt ihr zum heil'gen Mahl euch jetzt. Mag lang auch oft die Nacht am Himmel grauen, Einſt laͤßt ſich doch die helle Sonne ſchauen. 61. O blickt umher, wie hold die Wieſen bluͤhn, Wie ſegenreich die goldnen Saaten ſtehen! Vielfarbig lacht der Haine friſches Gruͤn, Der Sonnenglanz umleuchtet Thal und Hoͤhen. Schon ſcheint der Herr durch ſein Gebiet zu ziehn, Die Flur vernimmt und fuͤhlt ſein heil'ges Wehen; Gedeihn und Gluͤck bereiten ihm den Pfad, Kein Tod iſt dort, wo Gottes Odem naht. Cäcilie. 62. Nicht darf dies Land, ſo reich an Luſt und Segen, Ein Naͤubervolk mit trotz'gem Sinn entweihn, Nicht ferner hier unbaͤnd'ger Zorn ſich regen und wilder Muth am Frevel ſich erfreun. 4 Was Gott erſchuf, das muß die Liebe pflegen, und Friede ſoll des Schoͤnen Huͤter ſeyn. Die Hoͤlle mag am blut'gen Dienſt ſich laben, Dem reinen Gott gebuͤhren reine Gaben. 63. Verblendet Volk! Noch deckt dich finſtre Nacht, Doch herrlich wird auch dir die Sonne ſteigen, Der blinde Wahn, des Zorns verwegne Macht Soll fromm ſich bald dem milden Glauben neigen, und deine Kraft, die jetzt den Herrn verlacht, Sich ruhmlich einſt im Dienſt des Herrn erzeiger⸗ Gluͤckſelig Volk! dem Gott nach kurzem Streit So reiches Heil, ſo ſel'ge Hoffnung beut! 5 Eilfter Geſang. 105 6. Wohl draͤngt dich noch des Krieges blut'ges Walten, Denn Großes wird im Kampfe nur erſtrebt. Zu maͤchtig ſind die Bande, die dich halten, Zu dicht die Nacht, die deinen Geiſt umſchwebt; Erſt muß der Pflug den harten Grund zerſpalten, Eh froͤhlich ſich die junge Saat erhebt, Und Flamm' und Schwert die Dornen rings verzehren, Soll ſuͤße Frucht dein Garten dir gewaͤhren. 65. Doch ihr, die Gott zu ſeinem Heer geweiht, Der großen That verbuͤndete Genoſſen, Empfangt das Mahl, das euch der Himmel beut, Und denkt an den, deß Blut fuͤr euch gefloſſen. Seyd mild wie er und liebt euch und verzeiht; Seyd ſtark wie er, zum Kampf und Tod entſchloſſen⸗ Dann kuͤndet euch des Himmels reiche Huld Durch meinen Mund Vergebung aller Schuld. 106 Caecilie. Eilfter Geſang. 66. So ſpricht der Greis und beut in goldner Schaale Den Leib des Herrn der ſtillen Menge dar. Fromm naht ein Jeder ſich dem heil'gen Liebesmahle und ſuͤndenfrei verlaͤßt ein Jeder den Altar. Dann wendet wiederum zum Lagerplatz im Thale Mit freud'gen Liedern ſich die ausgeſoͤhnte Schaar, und jeder Krieger fuͤhlt ſich nach dem frommen Werke Mit neuem Muth belebt und wunderbarer Staͤrke. Anmerkungen. Stanze 7.— Sie fuͤhrt, ſeit Almerich im Kam⸗ pfe juͤngſt gefallen—(Siehe den sten Geſang, Stanze 100.) tanze 38.— Und Schwerter lang und ſcharf, von Raͤdern fortgetragen— Man bediente ſich vor Zeiten im Norden einer beſondern Waffe, wel⸗ che aus einem ſehr breiten und langen Schwerte beſtand, das auf Raͤdern lief, und von mehreren Kriegern un⸗ ter die Feinde geſchoben wurde. Olaus Magn. L. IX. C. I., giebt eine Beſchreibung und Abbildung davon. Stanze 10.—— vom Haupt Gabretas— Der alte Name des Thuͤringer Waldes, Cluver. Germ. ant. L. III. C. 29. u. 47.— 3 Und die der wald'ge Berg von ſeinen Hoͤhn geſandt, 1 Wo duͤſtre Nebel ſtets um Odins Saͤule 3 grauen.— Umſchreibung des Odenwaldes. ——— ſeit jungſt ihr Fuͤrſt Lothar Thorildens Pfeil erlag— (S. den Sten Geſang, St. 9.) Stanze 16.— Dann iſt', als ruf es ihn zum holden Fackeltanze.— Der Fackeltanz gehoͤrte zu der Feierlichkeit einer ritterlichen Vermaͤhlung. 1 408 Anmerk. zu Cacilie, XI. Geſang. Stanze 37.— Doch Andre nahn indeß mit bruͤnſtigem Gebet.— Odin, Thor und Frey waren die vornehmſten Gotter der Nordiſchen Voͤlker, und man ſtellte ſie deßhalb oft auf demſelben Altar zuſam⸗ men. So fand man ſie in dem berühmten Tempel zu Upſala, den Olaus Magn. L . III. C. 3. und Olaus Worm. Monum. Dan. L.. I. C. 4. beſchrieben.— Die Daͤnen verehrten Odin als den hoͤchſten Gott, die Norweger den Thor, die Schweden den Frey. Z woͤlfter Geſang. Zwoͤlfter Geſang. —† 1. * Doch ruhig ſahn zu Freys erhabnem Thron Die Heiden in der Burg das Heer der Chriſten ſchreiten, Wohl ahnen ſie das Werk, das Jene dort bereiten, Doch Jeder traut dem Gott und denkt im ſtillen Hohn: Wohl wird der maͤcht'ge Frey fuͤr ſeinen Huͤgel ſtreiten Und wild die freche Schaar mit jaͤhem Zorn bedrohn. Doch ſieh, ſchon ſinkt der Heerd, von Feindeshand zerſchlagen, Schon ſieht man hoch das Kreuz auf ſeinen Truͤmmern ragen. 2* Wie heimlich oft die raſche Flamm' entſpringt Im niedrigen Gebuͤſch, an dunkeln Waldesſtellen; Noch ſchwimmt der Dampf umher in mannichfalt'gen Wellen, Indeß nur hier und dort die Gluth hervor ſich ringt; Doch maͤchtig naht der Sturm, derFlamme Kraft zu ſchwellen, Die wild und gierig bald von Baum zu Baum ſich ſchlingt, Es ſauſt und kracht im Hain mit grimmigem Getuͤmmel, und tauſend Haͤupter hebt die rothe Gluth zum Himmel: 3. * So höͤrt man jetzt zuerſt der Heiden ſtille Wuth Durch dumpfes Murmeln ſich und leiſes Draͤun verkuͤnden; Noch kann der irre Zorn den ſichern Pfad nicht ſinden und waͤlzt ſich hin und her mit ungewiſſer Fluth; Doch heller ſtets beginnt der Grimm ſich zu entzuͤnden, Ein Jeder faßt das Schwert, ein Jeder lechzt nach. Blut. Rings rennt und wogt das Volk in wildempoͤrten Maſſen, Auf, zu den Waffen! ruft's auf Mauer, Burg und Gaſſen. 4. Zwoͤlfter Geſang. 113 4. Zur Koͤnigshalle waͤlzt der wuͤſte Schwarm ſich fort, Ein Jeder heiſcht die Scylacht und will die Goͤtter raͤchen. Vergebens ſucht der Fuͤrſt, ihr Zuͤrnen zu beſprechen: SeinRathiſt flüchtger Schaum, ein Hauch im Sturm ſein Wort. Schon will das Volk allein hinaus in's Lager brechen, Schon reihn und ruͤſten ſich die Haufen hier und dort; Da laͤßt der Koͤnig auch, die Menge zu verſoͤhnen, Lautſchallend von der Burg den goldnen Schild ertoͤnen. 5. Nun raſſelts rings von lautem Waffenklang, Nun bebt der Grund von Fußvolk, Roß und Reikern 5 Ein jeder Held beginnt den kuͤhnen Schlachtgeſang Und zieht einher, umringt von ruͤſtigen Begleitern. Hier naht gepanzert Volk mit droͤhnend feſtem Gang, Dort ſchweift in freud'ger Haſt ein Schwarm von leich⸗ ten Streitern, Und wechſelnd prangt nach Wuͤrde, Sitt' und Land Die mannichfalt'ge Schaar in Waffen und Gewand. II. Theil. 8 6. Wie ſchlank und ſtolz auf ſteilen Bergeshoͤhen Mit ſchwarzem Haupt ein Tannenwald ſich thuͤrmt, Wo eng vereint die hohen Staͤmme ſtehen, Im trotz'gen Bund, wenn wild das Wetter ſtuͤrmt, So war die dichte Schaar der Daͤnen anzuſehen, 5 Worin der Schild den Schild, der Held den Helden ſchirmt.. Hell blinkte jeder Mann im ehrnen Waffenglanze, Zum feſten Kampf bewehrt mit Art und Schwert und Lanze⸗ 7. Auf hohem Wagen zog der alte Fuͤrſt einher; Sein ſtarker Arm gebot vier ſchwarzen Panzerroſſen. Die Glieder leuchteten in kriegeriſcher Wehr, Dem ew'gen Felſen gleich vom ſtarren Eis umſchloſſen, und wie ein Fichtenſtamm am mooſ'gen Thurm entſproſſen, Erglaͤnzt in ſeiner Hand ein ungeheurer Speer. Von Golde war der Schild, der ſeinen Leib beſchuͤtzte, Von Gold der hohe Helm, worauf die Krone blitzte. Zwoͤlfter Geſang. 415 8. Doch maͤchtig hob, in dreifach Erz gehuͤllt, Sich Skiold empor im Kreis der Waffenbruͤder. So ſchaut ein Heldenmahl, auf wuͤſtem Schlachtgefild Aus Steinen aufgethuͤrmt, auf dunkle Graͤber nieder. Auf ſeinem Helme ſchwang ein Adler ſein Gefieder, Von Blitzen funkelte ſein ungeheurer Schild. Dem ſtarken Freunde geht der tapfre Rolf zur Seite, Im Rathe wohl gepruͤft, und wacker auch im Streite. 9. Dann naht mit Edelrad der Juten ruͤſt'ger Schwarm, Mit ihm, fuͤr den im Kampf ſein Bruder juͤngſt gefallen. Wohl ruht er bald vielleicht im holden Liebesarm, Wohl ſchmuͤckt die Braut vielleicht dem Sieger ſchon die 3 Hallen, Doch ihn umſchattet noch der ſtillaenaͤhrte Harm, Nur Rache fuhlt er jetzt, nicht Lieb' im Herzen wallen. Wohl gaͤb' er gern mit wildverſtértem Sinn Fuͤr ſeines Feindes Blut die Liebſte ſeibſt dahin. 8* CaAcilie. 10. Dann ſieht man Biorn vor ſeinen Schaaren prangen⸗. Und Torkill zieht mit ihm, ſein treuer Kampfgenoß, Er, der daheim, als Haralds Schilde klangen, Die holde Braut verließ im vaͤterlichen Schloß. Wie hielt ſie ſchweigend ihn und lang und feſt umfangen, Wie zagte Wort und Blick, wie manche Thraͤne floß! Allein, wie bitter auch ſich Lieb' und Pflicht entzweiten, Er gieng, fuͤr ſeinen Gott und fuͤr ſein Volk zu ſtreiten. 114 So warfſt auch du, mein Fuͤhrer und mein Freund, O Beaulieu, deutſcher Held, als noch am Himmelsbogen Die Waage ſchwankend hieng, dich in des Krieges Wogen Und draͤngteſt ritterlich den uͤbermaͤcht'gen Feind. Wie ſchwarz die Wetter auch um deine Lieben zogen, Dir war das Vaterland noch inniger vereint. Heil dir! der friedlich jetzt im Schatten ſeiner Eichen Sich mit den Kraͤuzen ſchmuͤckt, die Lieb' und Ruhm ihm reichen. Zwoͤlfter Geſang. 117 12. Doch wie des Nachts auf wuͤſtem Brockenfeld, Wenn ſchauerlich unholde Zauber walten, Ein duͤſtres Heer verworrener Geſtalten Sich grauenvoll zum frohen Feſt geſellt; Dumpf heult der Wind in tiefen Felſenſpalten, Die Haide ſeufzt, die Tanne ſauſ't und gellt; Und tobend kommt der Schwarm durch's Moor heran⸗ gefahren In wildverzerrter Form, mit grimmgeſtraͤubten Haaren: 13. So nahte jetzt um Grombar rings zerſtreut Das rauhe Heer von Hekla's Eisgefilden. Es prangte jeder Mann im ſeltſam fremden Kleid, Die Helme ſtarrten hoch von graͤßlichen Gebilden; Manch Scheuſal zeigte ſich auf ihren maͤcht'gen Schilden, Wie dort ihr grimm Gezuͤcht die Nebelinſel beut, Und ſchaurig klang in ihren Waffenkreiſen Manch Lied der Schlacht in dunkeln Sangesweiſen. Egcilie. 4. Wie ſich ein Nachtgewoͤlk am heitern Himmel regt, Zieht ſtolz ihr duſtrer Fuͤrſt im hellen Sonnenſtrahle. Zwei Maͤnner heben kaum die Keul' aus blankem Stahle, Die er mit leichtem Schwung in ſtarker Rechten traͤgt. Ihn deckt des Baͤren Fell, den er im finſtern Thale Zum blut'gen Trank der Kraft nach hartem Kampf erlegt, Und grimmig bäumte ſich dem Helm zur Zier und Wache Hoch über ſeinem Haupt ein ſchwarzbeſchwingter Drache. 15. Mit wildem Klang und lautem Schlachtgeſchrei, Wie kraͤchzend in der Luft viel Geier ſich geſellen, Zieht dann ein kuͤhnes Volk, das Tolkar von den Wellen Des eiſ'gen Meers gefuͤhrt, zum raſchen Kampf herbei. Die lange Lanze weiß den Feind von fern zu faͤlen, Auf ihren Helmen ragt manch hohes Hirſchgeweih. Ihr rieſ'ger Koͤnig prangt gebietend vor dem Heere Und ſchwingt in jeder Hand zwei ungeheure Speere. Zwoͤlfter Geſang. 119 16. So reiht ſich Haralds Volk. Doch nah'n der blut'gen Schlacht Die Maͤnner nicht allein. Auf ſtolzen Roſſen reiten Viel holde Jungfrau'n auch in kuͤhner Waffenpracht, Zur edeln Heldenbahn die Liebſten zu begleiten. Ihr Aug', in dem ſo mild die Liebe ſonſt gelacht, Scheint mit den Blitzen jetzt an hellem Zorn zu ſtreiten. Doch iſt der Waffenrock, der ihre Glieder druͤckt, Mit mancher bunten Zier anmuthig ausgeſchmuͤckt. 17. So ritten einſt die goͤttlichen Walkyren, Wie holden Truges voll die alte Sag' uns lehrt, Zur Schlacht hinaus, die Helden heim zu fuͤhren Aus blut'gem Thal zu Wallhalls heil'gem Heerd. Die Waffe ſchien zugleich zu ſchrecken und zu zieren, Und ſichern Tod und ſuͤßen gab ihr Schwert; Doch war der Krieg vollbracht, dann dienten ſie den Gaͤſten Mit minniglicher Huld bei Odins Göoͤtterfeſten. CaAcilie. 18. Thorilde fuͤhrt die holde Schaar.. Ein ſilbern Panzerkleid umhuͤllt die ſchlanken Glieder, und leicht und lieblich wallt ihr dunkles Lockenhaar, Vom Winde ſanft gewiegt, zur hellen Ruͤſtung nieder; Doch regts in ihrem Blick ſich wild und wunderbar, Als ſtrahl' ein Fluchgeſtirn aus klaren Quellen wieder, und wechſelnd ſchwebt ums ernſte Angeſicht Der Ahnung Nacht, des Zorns entgluͤhend Licht. 19· Doch, wo die erſten Glieder ſchreiten, Da geht im ernſten Kreis der Skalden edle Zahl. Gleich ruͤſtig iſt ihr Muth zum Singen und zum Streiten, Ihr Lied ergoͤtzt das Herz und Wunden ſchlaͤgt ihr Stahl. Im Kampfe ruͤhren ſie mit ehrnem Schwert die Saiten,. Doch ſuͤß mit leichter Hand am hochzeitlichen Mahl. und waͤhrend laut umher die Harfen jetzt erdroͤhnen, Beginnt aus tiefer Bruſt ihr heilig Lied zu toͤnen. Zwoͤlfter Geſang. 1241 20. Was ſchimmert dort an fernen Bergeshoͤhn? Welch helles Licht umleuchtet Odins Hallen? Die Goͤtter nahn, mit euch zum Kampf zu gehn! Schon hoͤr' ich fern ihr maͤcht'ges Wandeln ſchallen! Schoͤn iſt der Sieg und auch der Tod iſt ſchoͤn! In Freuden prangt, wer ſiegt, und wer gefallen. So toͤnt das Lied und facht in jedem Mann Des wilden Muths unbaͤnd'ge Flammen gn. 21. Jetzt oͤffnen ſich des Thors gewalt'ge Gitter, In Schaaren ſtroͤmt das ruͤſt'ge Volk hinaus. Naſch ſprengen hier und dort die ruͤſt'gen Daͤnenritter Und fordern ſchon von fern den Feind zum Kampf heraus. Die weite Flur ertoͤnt, als nah' ein Ungewitter, Von Wiehern, Klang und Ruf und Stampfen u. Gebraus, Und furchtbar gellen oft durchs tobende Gedraͤnge Gleich lautem Schlachtgebot die ehrnen Saitenklaͤnge, CAcilie. 22. Schuell eilen jetzt vom hohen Lagerwall. Die Spaͤher durch das Heer, die Kunde zu verſtreuen. Die Feinde nah'n! ſo ruft es uͤberall, Auf, Krieger, auf, zu Roß! bewehrt euch! ſchließt die Reihen! Von Zelt zu Zelt toͤnt lauter Hoͤrnerſchall, Mit Waffenklang gemiſcht und Frag, und Ruf und Schreien; Der ſetzt den Helm auf's Haupt, der ſchnallt das ſcharfe Schwert und der die Ruͤſtung feſt, und Jener ſteigt aufs Pſerd.* 23. Indeß die Fuͤhrer nun die Schaaren reihn und theilen, uUnd Jeder ſich zu ſeinem Banner ſtellt, 8 Tritt Adalbert, zum heil'gen Kampf zu eilen, Mit ernſtem Blick hervor aus ſeinem Zelt. Nur kurze Zeit will er bei ihr noch weilen,* Mit der ihn Glaub' und Lieb' und Loos geſellt. So geht er fort im hellen Waffenprangen, Das Haupt allein vom Helm noch nicht umfangen. Z woͤlfter Geſang. 123 24. und als er jetzt ihr Zelt betreten hat, Da beugt er fromm und ſtill ſein Knie zur Erde. Aus ſeinem Blick glaͤnzt jede große That, Sein hoher Sinn aus jeglicher Geberde. Nicht weiß er, ob vielleicht ſchon jetzt der Tod ihm naht. Das weiß er, daß er ſtets als Sieger ſterben werde, Da ſichtbarlich von Gottes Hauch umweht Ein ſolch Gebild vor ſeinem Auge ſteht. 25. Die Sonne blickt mit goldnem Strahlenſcheine In's offne Zelt und roͤthet ihr Geſicht. Und lieblich ſcheints, als ob in heil'ger Reine Aus ihren Augen erſt der helle Schimmer bricht. So ſtehſt du jetzt im Paradieſes⸗Haine, Du ſel'ges Bild, verklaͤrt in eignem Licht, Und ſendeſt hold auf deines Saͤngers Lieder Zum großen Werk Begeiſtrungsſtrahlen nieder. Ccilie. 26. und ſanft beginnt der Ritter dieſes Wort: Die Feinde nahn, ich muß zum Kampfe gehen; Der Muth, die Pflicht, der Himmel ruft mich fort. Nie wird vielleicht mein Blick dich wiederſehen! Doch bleibt mir ja die Liebe hier und dort, Drum ſprech' ich: Herr, dein Wille mag geſchehen! Ich klage nicht! Selbſt dieſer Augenblick, Ein bittrer ſonſt, iſt reich an ſel'gem Gluͤck. 27. Denn ſoll ich nicht der ew'gen Guͤte danken, Daß ſie durch dich, du reines Heil genbild, Der Wuͤnſche Streit, des Willens feiges Schwanken, Den eitlen Wahn in meiner Bruſt geſtillt? Durch dich mein Herz mit heiligen Gedanken, Mit Gottvertraun und ſel'ger Ruh' erfuͤllt? Daß ſie durch dich des Buſens wildre Triebe Gereinigt hat zu Glauben, Muth und Liebe? Zwoͤlfter Geſang. 28. Haͤtt' ich auch einmal nur in's Auge dir geſchaut, Wohl achtet' ich mich ſchon begluͤckt und hochgeboren; Jetzt haſt du ſelbſt mich liebend auserkohren, Der Himmel ſelbſt hat dich mir angetraut. So biſt du mein und gehſt mir nie verloren! Leb wohl, geliebtes Bild, leb wohl, du holde Braut! Verzage nicht, und laß voran mich ſchreiten, Dir deinen Sitz dort oben zu bereiten. 29* So ſpricht der Held. Und wie von Gott geſandt, Ein Engel niederſteigt zum irdiſchen Gefilde, Und ſtill durchs Leben wallt, von Menſchen unerkannt, Doch ploͤtzlich ſich verklaͤrt in heil'ger Kraft und Milde; Schon leuchten Sterne rings am luftigen Gewand, Und Strahlen ſpruͤhn umher vom goͤttlichen Gebilde, Und der noch kaum am Spiel der Kindlein ſich erfreut Steht hoch und prangend da in lichter Herrlichkeit: Zo. So ſcheint Caͤcilie ſich ſichtlich zu erheben Mit hoͤherer Geſtalt und hellerm Angeſicht; Um ihre Lippen ſcheint das Wehn des Herrn zu ſchweben, Sie legt die zarte Hand auf ſeine Stirn und ſpricht: Ich ſegne dich! Das hat mir Gott gegeben! Hell blitzt durch meinen Geiſt mir jetzt ſein ew'ges Licht! Auf deinem Schwert iſt Sieg, und Heil auf deinen Bahnen, und Gottes Engel ziehn voran den Kreuzesfahnen. 31. Geh hin, ich zage nicht, geh hin zur heil'gen Schlacht! Nicht halt' ich dich zuruͤck mit bangen Liebesbitten. Viel hab' ich ſonſt im Wahn gerungen und geſtritten, Doch jetzt iſt Himmelsruh' in meiner Bruſt erwacht. Ja ſelig iſt mein Herz, daß es fuͤr Gott gelitten, Fur Gott ſein einz'ges Gluͤck zum Opfer dargebracht; Doch ſel'ger noch, daß Gottes Lieb' und Gnade Mich dir zum Troſt geſellt auf deinem dunkeln Pfade. Zwoͤlfter Geſang. 127 323. Wenn auch ſchon jetzt vielleicht dir dein Verhaͤngniß droht, Mir bleibt der Troſt, daß ich im Gluͤck und Leide Dich tief und treu geliebt bis in den Tod, Daß nur ein kurzer Raum die gleichen Seelen ſcheide. Die gleiche Nacht umfieng, erweckt ein Morgenroth, Ein Pfad iſt uns bereit, ein Himmel fuͤr uns beyde! Leb wohl, leb wohl! Doch nein, nicht dieſes Scheidewort! Willkommen, theurer Freund, hienieden oder dort! 33. So ruft ſie aus. Da naht mit ernſtem Schweigen Auch Rainald ſich, zum tapfern Kampf bewehrt. Er reitet ſtill heran und gruͤßt mit tiefem Neigen Sie ritterlich und ſenkt das blanke Schwert; Dann zieht er laͤchelnd fort und ſeine Blicke zeigen, Daß er fuͤr ſie den Sieg, fuͤr ſie den Tod begehrt. Und auch der Ritter druͤckt den Helm aufs Haupt und reitet Zum Kampf hinaus, noch lang von ihrem Blich begleitet. Cacilie. 34. Nur einen Helden hielt der Liebe ſuͤſſes Band Noch fern vom Schlachtgewuͤhl. Mit lieblich gluͤh'nden Wangen 1 Saß neben ihm die Braut und fſlocht mit leiſem Bangen Ihm manche holde Zier um Waffen und Gewand Ihr Auge laͤchelte; doch helle Thraͤnen drangen Verſtohlen oft hervor und netzten ihre Hand, Die hier und dort bemuͤht ſelbſt in der haſt'gen Eile Nur neue Zoͤgrung fand, damit der Freund noch weile. 35. Doch als gewalt'ger nun der Ruf des Horns gebeut, Da faͤhrt ſie auf und ſpricht nach kurzem Sinnen: Horch, Biarko, horch den Klang! Er ruft dich fort zum Streit! Selbſt dich nicht moͤcht' ich je durch deine Schmach gewinnen. Zieh hin! Hat meine Hand doch deinen Stahl geweiht, Iſt doch gerecht und kuͤhn und ruͤhmlich dein Beginnen. Und kaͤmpft die Lieb' auch oft mit Ehr' und Pflicht, Verzeihlich iſt der Kampf, doch iſt ihr Sieg es z dt 3 „2 Zwoͤlfter Geſang. 129 36. So ruft ſie aus und reicht zum letzten Scheiden Mit hellem Blick die zarte Hand ihm dar. Er ſpringt empor, ergreift das Schwert mit Freuden Und ſprengt vom Kreis der Luſt zum Kreiſe der Gefahr. Schon liegt der Wall, die Ebne zwiſchen Beiden, Schon miſcht der Held ſich in die erſte Schaar, Erkuͤßt den theuren Speer, geſchmuͤckt von ihren Haͤnden, Dann eilt er muthig, ihn in Feindesbruſt zu ſenden. 37. Durch wenig Raum nur ſind die Heere noch getrennt, Schon hoͤrt die deutſche Schaar der Feinde Ruf und Draͤuen, Und Torkill, deſſen Muth in hellen Flammen brennt, Zieht ſchon mit Biorn heran und fuͤhrt die erſten Reihen. An holden Bildern ſcheint ſein Geiſt ſich zu erfrenen, Er denkt an ſie, die ſtets ſein treues Herz ihn nennt, Und ſpaͤht ſchon jetzt umher, an wem ſein Schwert ſich uͤbe, Um durch gewalt'ge That zu zeigen, daß er liebe. II, Theil. 9 130 Cacilie. 38. Doch Biarko ſprengt dem deutſchen Heer Im Sturme jetzt voran. Er ſendet, gleich dem Blitze, Den kuͤhnen Blick voraus und hebt und wirft den Speer, Auf Torkills Buſen ſchwingt ſich raſch die ehrne Spitze. Nichts frommt des Schildes blanke Wehr, Kein Panzer iſt ſo feſt, der vor dem Tod' ihn ſchuͤtze; Es gellt der Schild, die helle Ruͤſtung klingt, Schon fuͤhlt das Herz den Stahl, der Held erſeufzt und ſinkt⸗ 39. So mußteſt du als erſtes Opfer fallen, Den kaum ſo ſuͤß die Hoffnung noch gewiegt! Doch waͤhlte dir das Gluͤck den wuͤrd'gen Feind vor Allen; Von allen Waffen hat die ſchoͤnſte dich beſiegt. Das Band, das jetzt ſich faͤrbt von deines Blutes Wallen, Hat zarte Liebeshand an jenen Speer gefuͤgt Und er, der freudig prangt, daß er den Feind erſchlagen, Er wuͤrde, kennt' er dich, an deiner Leiche klagen. Zwoͤlfter Geſang. 1341 40⁰. Im bittern Schmerze ſpringt zur Rache Biorn hervor; Doch ſterbend haͤlt mit matten Haͤnden Ihn Torkill jetzt zuruͤck: O hebe mich empor, O laß mich, ſtammelt er, an deinem Buſen enden! Durch dich nur, den ich fruͤh zum Bruder mir erkohren, Will ich der Liebſten jetzt die herbe Kunde ſenden. Dir ſey mein Grab, mein Ruhm und meine Pflicht vertraut. Sey Herrſcher meines Volks und ſchuͤtze meine Braut. 41. Er ſprichts und ſtirbt. Doch naͤher ſchon befiedern Die Schweizer jetzt der Pfeile raſche Saat. Des Feindes Schleuder ſauſ't, dies Gruͤßen zu erwiedern, Schnell eilt und kehrt der Tod zuruͤck auf luft'gem Pfad. Schon ſchwindet hier und dort ein Streiter in den Gliedern, Ruhmlos gefaͤllt durch ruhmlos dunkle That; Doch als der Raum ſich fuͤllt, da laͤßt die Hand der Schuͤtzen Fuͤr Schleuder und Geſchoß die blanken Schwerter blitzen. 9* Gewaltig ſprengt Vinzenz, der Schweizerheld, Die Däaͤnen an und ſchwingt den ſcharfen Degen. Schon mancher Schild und mancher Helm zerſchellt; Vergebens ſtarrt ihm mancher Speer entgegen. Schon liegen Dannebold und Boldewin gefäͤllt, Er ſpaltet Othur's Haupt mit zwei gewaltgen Schlaͤgen⸗ Der laute Laͤrm des nahen Kampfs erwacht Und wilder miſcht ſich ſchon die raſch entbrannte Schlacht. 43. Bald treffen jetzt ſich auch die ganzen Heere, Es klirrt und brauſ't und donnert durchs Gefild⸗ Am Schwert erklingt das Schwert, der Speer am Speere⸗ Dem Helme droht der Helm, der Schild dem Schild. Die weite Flaͤche gleicht dem hochempoͤrten Meere, Vom Donnerſturm durchbrauſ't, von Wetternacht umhuͤllt, Wo Wolkenbruͤche rings und Hagelſchauer regnen, und Well' und Welle ſich und Blitz und Blitz begegnen. Zwoͤlfter Geſang. 133 Hier ſtarrt gefaͤllt ein dichter Lanzenwald, Hoch funkelt dort das Schwert im Sonnenſcheine; Zum Roſſe draͤngt das Roß ſich mit Gewalt uUnd kaͤmpft ergrimmt, dem Reiter im Vereine. Es ſchwirrt der Pfeil, es ſauſen Speer und Steine, Der Helm zerbricht, der Schild, die Ruͤſtung ſchallt. Das Horn ertoͤnt, die Kriegstrompeten ſchmettern, Wie Adlerruf in lauten Sturmeswettern. 45. Noch faͤllt in jedem Heer dem Tode gleiche Saat, Noch keiner dringt hervor, noch keinen ſieht man weichen. Wie Schwert um Schwert ſich hebt, ſo wechſeln That um That, 2 Wer kaum den Feind erlegt, erliegt von Feindesſtreichen. Da bricht zuerſt ſich Adalbert den Pfad: Er ſprengt durch Blut, durch Waffen, Wund' und Leichen Dem Orte zu, wo Islands Heldenreihn Mit grimmigem Gefecht die deutſche Schaar bedraͤun. Wie rieſenhoch ſich eine Waſſerſaͤule Mit dunkeim Haupt aus wildem Meer erhebt, So zieht ihr Fuͤrſt voran und ſchwingt die ehrne Keule, Bei deren Fall die Luft, der Grund, nur er nicht, bebt. Ihm folgt die Kriegerſchaar mit lautem Schlachtgeheule, Auf ihren Helnen ſcheint der grauſe Schmuck belebt. Die Fluͤgel ſchwingt der Aar, weit gaͤhnt des Wolfes Nachen, Des Greifen Kralle droht, und Flammen ſpein die Drachen. 47. Kaum naht ſich jetzt von fern der deutſche Held, Da hebt ſein Feind die maͤcht'ge Keul' aus Eiſen und ſchwingt ſie leicht ums Haupt in raſchen Kreiſen, Daß laut die Luft von ihrem Schwunge gellt. und dumpf beginnt er dann die alten Vaͤterweiſen, und geht mit trotz'gem Schritt durchs blutbedeckte Feld. Sein Rieſenleib erhebt ſich uͤber alle Streiter, Und höhniſch ſchaut ſein Blick herab auf Roß und Reiter. Zwoͤlfter Geſang. 135 48. Der Ritter ſpornt ſein Roß und ſenkt den Lanzenſchaft, Doch Jener hebt die Wehr zu ungeheuren Hieben Und trifft des Feindes Spieß mit ſo gewalt'ger Kraft, Daß Erz und Splitter rings in alle Luͤfte ſtieben. Schnell hat der Held indeß das Roß vorbei getrieben, Daß er ſein Thier und ſich dem zweiten Schlag' entrafft Der, als er hinter ihm zur Erde niederwettert, Geſunkne Schild' und Helm' und Leichen nur zerſchmettert. 49. Doch Jener hat indeß ſein raſches Roß gewandt, Er zuͤckt das gute Schwert, indeß der wilde Heide Die Waffe wieder hebt, und trennt mit ſcharfer Schneide Durch einen Schlag vom Arme Keul' und Hand. Dann zuckt er's noch einmal und ſtoͤßt, von Zorn entbrannt, Den Stahl durchs Waffenkleid ihm tief in's Eingeweide. Er faͤllt und mordet noch in letzter Todeswuth Ein ſterbend Kriegerpaar, das ihm zur Seite ruht. Caͤcilie. 50. Doch wuͤthend naht, um Grombars Tod zu raͤchen, Das Inſelvolk mit grimmigem Geſchrei. Sie drohn u. ſchwaͤrmen rings, ſie werfen, hau'n u. ſtechen. Noch haͤlt des Ritters Schild vor Hieb und Wurf ihn frei; Doch muß er bald von harten Schlaͤgen brechen, und nur ſein gutes Schwert bleibt noch dem Helden treu. Das ſchwingt er ohne Raſt in unverzagten Haͤnden, Bald Tod umherzuſtreun und bald ihn abzuwenden. 51. Indeß beginnt mit leichter Reiterſchaar Der Saͤnger durchs Gefild bald hier bald dort zu ſprengen, Und wie ſein freud'ger Geiſt in irrenden Geſaͤngen, So ſchweift ſein Muth umher durch luſt'ge Kampfgefahr. Da ſieht er fern das Volk im wilden Streit ſich draͤngen⸗ Er nimmt des Freundes Noth, die Wuth der Feinde wahr. Auf, ruft er, auf, dort gilt's! und fliegt heran zum Streite und raſſelnd ſprengt die Schaar der Reiter ihm zur Seite. Zwoͤlfter Geſang. 137 52. Sein leichtes Roͤßlein ſcheint die Erde zu verſchmaͤhn, Der ſeidne Mantel wallt, entfuͤhrt vom fluͤcht'gen Winde, Es lacht der blanke Schild, des Hutes Federn wehn, Um ſeine Schultern glaͤnzt die goldne Waffenbinde; Sein Weſen iſt ſo mild und freundlich anzuſehn, Sein Schmuck ſo feſtlich hell, als ob er Frieden kuͤnde; Und ſelbſt ſein ſcharfer Stahl, auf den die Sonne blickt, Scheint mehr zur Luſt, als zum Gefecht gezuͤckt. 53. Doch wie ein Blitz vom heitern Himmel nieder Sich zuͤndend ſenkt in's dichte Dorngeſtraͤuch; Das Feuer ſpruͤht empor und ſchwingt ſich hin und wieder, Umzittert jedes Blatt und huͤpft von Zweig zu Zweig; In tauſend Farben ſpielts, regt tauſend ſchnelle Glieder, Zerſtoͤrend zwar, doch lieblich auch zugleich: So bricht mit Reinald jetzt die freud'ge Schaar der Reiter Mit raſchem Schwertesſchlag in Islands wilde Streiter. 54. Den maͤcht'gen Hjelm, der ſchon die Lanze ſchwingt, um Adalbert im Ruͤcken zu durchſtechen, Ereilt des Saͤngers Schwert, daß Helm u. Haupt zerſpringt, und Herz und Augen ihm im raſchen Tode brechen. Auch Suerting, der ſich naht, des Freundes Fall zu raͤchen, Erliegt dem Stahl, der noch vom theuren Blute blinkt; Er ſtuͤrzt auf Hielm herab und nagt mit bleichem Munde Im wilden Todeskrampf an ſeines Freundes Wunde. 55. Noch weiß der Ritter nicht, wer ihn ſo raſch befreit, Doch hoͤrt er Schwerterklang und Jauchzen hinterm Ruͤcken; Er wendet ſich und gruͤßt mit freud'gen Blicken Den lieben Freund, der treu die Hand ihm beut. Dann waͤhlt er Lanz' und Schild ſich aus den Waffenſtuͤcken, Die rings der wilde Krieg am Boden ausgeſtreut, und eilt mit neuer Kraft, die Feinde zu beſtürmen, Die kaum ſo trotzig noch, ſich jetzt nur muͤhſam ſchirmen. Zwoͤlfter Geſang. 139 56. Schon faͤrbt ſein maͤcht'ger Speer von Hakons Blut ſich roth, Und Haldan aͤchzt durchbohrt u. ſtuͤtzt ſich matt auf Leichen, Dann ſenkt auf Haquin ſich und Ringo raſcher Tod, Der faͤllt vom Roß zerſtampft, u. der von Schwertesſtreichen, Auch Halgo, der dem Feind mit ſchwerer Kolbe droht, Und Hort, der nie gelernt, im Heldenkampf zu weichen. Sie, deren kuͤhnes Schwert in mancher Schlacht erklang, Sie leben kuͤnftig nur in Sag' und in Geſang. 57. Da nahte Gunnar ſich aus Niflungs Stamm entſprungen, Der einſt am edeln Rhein die maͤcht'gen Wurzeln ſchlug; Von ihren Thaten ward manch altes Lied geſungen, Das weit der Helden Ruhm durch alle Laͤnder trug: Doch Gunnars Name war auf Erden nie erklungen, Schwer lag auf ſeinem Haupt der Rache dunkler Fluch. Er lebt auf Islands Au'n verwaiſ't und abge hieden, Am Muth den Ahnen gleich, vom Siege ſtets gemieden. CaAcilie. 58. Noch einmal hatt' er jetzt dem Heere ſich geſellt, Durch Kuͤhnheit oder Tod den alten Fluch zu enden. Er ſchreitet weit hervor und zuͤckt mit beiden Haͤnden Der Vaͤter maͤcht'ges Schwert, das raſſelnd niederfaͤllt: Doch weiß des Ritters Schild den raſchen Schlag zu wenden, Indeß ſein guter Stahl des Feindes Helm zerſchellt. Er ſinkt. Kein Huͤgel wird, kein Mahl dem Enkel ſagen: Hier liegt der letzte Sproß des Heldenſtamms erſchlagen, —2 59. So liegt umſtrickt vom dichten Dorngerank Das Huͤnengrab auf ſchauerlicher Haide. Wohl focht hier einſt ein Held in muth'ger Kampfesfreude⸗ Die Feinde zitterten, wenn fern ſein Schwert erklang, Und manches treue Herz verging im bittern Leide, Als auch der Kuͤhnſte hier zum Tode niederſank. Jetzt iſt am morſchen Stein ſein Name laͤngſt verwittert⸗ Ihn weiß das Luͤftchen nur, das um den Huͤgel zittert. Zwoͤlfter Geſang. 141 60. So kaͤmpft der deutſche Held. Doch ſtets zur Schlacht . bereit Haͤlt Archimbald indeß am andern Heeresfluͤgel Mit ſeiner Ritterſchaar auf einem wald'gen Huͤgel, Der hoch empor gethuͤrmt der nahen Flur gebeut. Die Panzer funkelten wie hellgeſchliffne Spiegel, Noch unbefleckt vom blutig wilden Streit; Denn weiſe hemmt der Greis den Muth der edeln Schaaren Und will den guͤnſtgen Ort zum Schutz des Heers bewahren. 61. Skiold kaͤmpft indeß im blut'gen Wieſenthal, Wo am gewaltigſten des Krieges Stuͤrme toben; Da hebt er ſeinen Blick und ſieht den Huͤgel droben Mit Speeren dicht bepflanzt und hell vom blanken Stahl. Jetzt will ſein Arm den kuͤhnſten Kampf erproben, Er ſammelt ſchnell der Seinen ruͤſt'ge Zahl, Und naht im raſchen Sturm ſich mit verhaͤngtem Zuͤgel Und lautem Schlachtgeſchrei dem wald'gen Felſenhuͤgel⸗ Mit ſtarren Klippen ſind die Hoͤhen dort bewehrt, Wo Skiold und ſeine Schaar dem Feind entgegen dringen⸗ Doch fruͤh geuͤbt verſteht das leichte Daͤnenpferd Auf unwegſamem Pfad ſich kletternd aufzuſchwingen. Bald ſieht man's ohne Furcht am ſteilen Rande ſpringen, Der ſchmale Pfade kaum dem Wanderer gewaͤhrt, und bald an ſchroffen Felſenecken Zum ungeheuren Satz die ſchlanken Glieder ſtrecken. 63. Nicht ohne Blut gelingt die hoch vermeßne That; Dicht reihn am Bergeshang ſich Archimbalds Genoſſen Und draͤngen unverzagt mit ſauſenden Geſchoſſen Den kuͤhnen Feind, der nur mit Muͤh ſich naht. Bald ſinken hier und dort die Reiter von den Roſſen, Bald ſtuͤrzt das Roß durchbohrt auf rettungsloſem Pfad, Man ſieht ſie grauſenvoll vom Fels zu Felſen fallen im und hoͤrt noch fern empor die Ruͤſtung brechend ſchallen. Zwoͤlfter Geſang. 143 6;. Auch manches deutſche Roß empfaͤngt aus Feindes Fauſt Den ſcharfen Speer. Wo ſteil die Felſen ragen, Da ſteigt es wild empor und wiehert laut und brauſ't Und reißt den Reiter mit, den es ſo treu getragen. Man ſieht's im raſchen Fall ſich graͤßlich uͤberſchlagen, Indeß die Luft vom Schwung der ſchweren Buͤrde ſauſ't. Oft ſtuͤrzt es auf den Feind, der es getroffen, nieder Und giebt fuͤr jaͤhen Tod den jaͤhen Tod ihm wieder. 65. Doch muthig ſprengt der wilde Skiold vorauf, Und will zuerſt das kuͤhne Ziel erſtreiten. Sein feſter Schild faͤngt alle Lanzen auf, Er beugt und wirft den Leib nach allen Seiten. Bald ſpornt er unverzagt das Roß zum fluͤcht'gen Lauf, Bald haͤlt er's raſch zuruͤck, bald laͤßt er's ruhig ſchreiten. Am Arme raſtet nie des Schildes blanke Wehr, Sein Aug' iſt immer wach, und ſtets gezuͤckt ſein Speer. 66. So flieht ein Mann, wenn rings mit grauſem Walten Der Erdengeiſt die Felſenfeſſeln ſprengt; Jetzt weicht er Truͤmmern aus, jetzt raſch zerrißnen Spalten, Und jetzt der rothen Gluth, die praſſelnd ihn umfaͤngt. Oft muß ſein Arm im Fliehn die morſche Mauer halten, Die krachend ſchon zum Sturz ſich aus den Fugen draͤngt! Und wenn er hier der Noth noch wehrt mit ſtarken Haͤnden, Zwingt ihn die neue ſchon, den Blick ihr zuzuwenden⸗ 67. Und ſieh, ſchon klimmt er kuͤhn hinan, Er jubelt laut und ruft ſein ſtuͤrmend Volk zum Streite. Schon faͤllt von ſeinem Speer ein tapfrer Rittersmann, Er zuͤckt ſein ſcharfes Schwert, und raſſelnd faͤllt der Zweite. Bald ſchließt auch hier und dort ſich ſeine Schaar ihm an; Ein kuͤhn Geſchwader zieht dem Helden ſchon zur Seite, Der jetzt zum raſchen Stoß die maͤcht'ge Lanze ſchwingt Und im gewalt'gen Sturm dem Feind entgegen dringt. 68. Zwoͤlfter Geſang. 145 66. Doch ſchnell gebeut der Graf dem ſchlachtenkund'gen Heere, Hart draͤngt ſich Roß an Roß, wie Mauern ſtehn die Reihn, Starr ſenkt die Ritterſchaar die unbewegten Speere, Von tauſend Spitzen blinkt der Tod mit ſtummem Draͤun. Wohin der Blick ſich auch, wohin das Schwert ſich kehre, Kein kuͤhner Sturm durchbricht den trotzigen Verein. Da ſauſ't von fern ein dichter Lanzenregen Aus Heidenfauſt dem Ritterkreis entgegen. 69. Es pfeift die Luft, hell blitzen Helm und Schild Von Funken rings, die ehrnen Panzer ſchallen, Doch von dem harten Stahl, der jedes Glied verhuͤllt, Muß oft der Speer zuruͤck in eitle Luͤfte prallen, Und jede Luͤcke wird von Neuem ſchnell gefuͤllt, Wenn hier und dort ein Held vom raſchen Wurf gefallen. Und jedes Ritterherz, das jetzt im Tode bricht, Verblutet ſtumm und zagt und zittert nicht. II. Theil. 10 Doch als der Grund ſich zu der Ritter Fuͤßen Mit Speeren nun und Lanzenſplittern deckt, Da laͤßt die edle Schaar die ſtraffen Zuͤgel ſchießen; Jach bricht das Roß hervor, zum wilden Lauf geſtreckt, Und mancher Daͤne ſinkt durchbohrt von Feindesſpießen, Indeß der ſeine fern im tiefen Boden ſteckt. Den Geiern des Gebirgs erfuͤllt zur blut'gen Weide Mit Roß und Reitern ſich die wuͤſte Felſenheide. 8 71. Doch ſammelt raſch der trotz'ge Daͤnenheld Sein weichend Volk und ſtuͤrzt mit ſcharfem Stahle Sich wuͤthend auf den Feind, der jetzt zum andern Male Zur ſichern Gegenwehr in dichte Reihn ſich ſtellt. So ſchwankt noch lang des Sieges blut'ge Schaale, Bald raͤumen die und jene bald das Feld. Vergebens muͤht ſich Skiold, die Hoͤhe zu gewinnen, Doch treibt auch Archimbald die Daͤnen nicht von hinnen⸗ Zwoͤlfter Geſang. 147 72. Stets heißer iſt indeß im Thal die Schlacht entbrannt. Vom bleichen Himmel ſinkt des Mittags dumpfe Schwuͤle, Mit Schweiß und Blut bedeckt ſich Antlitz und Gewand, Es keuchen Roß und Mann im draͤngenden Gewuͤhle. Wohl mancher neigt erſchoͤpft ſich auf den blut'gen Sand, Daß er mit grauſem Trank die durſt'’gen Lippen kuͤhle; Dem Wolkenſturme gleich in truͤber Mondennacht, Ringt graͤßlich durch den Staub ſich heiſch u. wuͤſt die Schlacht. 73. Dort, wo der Pfalzgraf kaͤmpft mit ſchwarz verhuͤllkem Schilde, Der nicht den Sieg, der Kampf nur und Gefahr Und Tod verlangt, dort ſprengt die trotzige Thorilde Im raſchen Trab' heran mit ihrer holden Schaar. Wie Traͤume nahten ſich die zierlichen Gebilde, Mit bluͤh'ndem Angeſicht und blondgelocktem Haar. Ihr Auge funkelte gleich himmliſchen Geſtirnen, Und ſchoͤner roͤtheten die Wange Muth und Zurnen. 10* Cacilie. 74. Gar freudig ſprengt das leichte Roß einher, Als ſey es ſtolz, ſo holde Laſt zu tragen, Leicht ſchwingt die Hand den hellgeſchliffnen Speer, Schon mancher liegt von ihrem Schwert erſchlagen; Denn zoͤgernd hebt ſich ſtets der Arm zur Gegenwehr, Das Eiſen ſelber ſcheint vor ihrem Blut zu zagen; Sie ſtreiten ohne Feind, und mancher Held erliegt Von ihrem Stahl zugleich und ihrem Blick beſiegt. . 75. Allein der Graf, der lang nicht mehr empfunden,⸗ Welch holdes Licht aus Frauenaugen blitt, Dem jedes andre Bild, nur eines nicht, verſchwunden, Er ſtuͤrzt zum Streit herbei von Kampf und Schmerz erhitzt. Wie ſchlaͤgt ſein Schwert ſo bittre Todes⸗Wunden, Wie manches theure Blut wird zornig hier verſpruͤtzt! In Grabesnacht verſinkt manch zartes Liebeshoffen, und ſelbſt Thorild' entweicht, von ſeinem Schwert getroffen⸗ Zwoͤlfter Geſang. 149 76. Doch Swanhild naht, ein Kind aus fuͤrſtlichem Gebluͤt, Die reizendſte der kuͤhnen Kriegerinnen, Die nur aus freud'gem Muth zum wilden Kampfe zieht, Denn Keiner konnte noch ihr ſtolzes Herz gewinnen. Auch nimmer wird der Feind vor ihrem Schwert entrinnen, Wenn er zugleich nicht auch dem holden Aug' entflieht! Wer ſterbend ſank, von ihrer Hand erſchlagen, Den ſchien ein ſuͤßer Traum zum Himmel aufzutragen. 77. Dies Auge, das im Zorn ſo helle Blitze ſchießt, Wie lacht es einſt ſo mild im zaͤrtlichen Verlangen! Das Blut, das jetzt ſo kuͤhn durch ihre Adern fließt, Wie ſchuͤchtern faͤrbt es einſt der Braut die zarten Wangen; Und jenes goldne Haar, das jetzt der Helm umſchließt, Wie wird im gruͤnen Kranz es einſt ſo lieblich prangen! Der Graf erſtarrt, als er ſein Aug' erhebt, Er reißt ſein Roß zuruͤck und hemmt das Schwert u. bebt. 78. Denn wie uns oft ein Traum mit ſüßen Luͤgen Die todte Luſt verbluͤhter Zeit enthuͤllt, So ſieht auch hier der Graf in Swanhilds holden Zuͤgen Die laͤngſt verlohrne Braut, das einſt ſo theure Bild. Noch einmal ſcheint ſie jetzt dem dunkeln Grab entſtiegen, Doch nicht wie ſonſt ſo zaͤrtlich ſtill und mild; Sie, die ſo friedlich oft an ſeinem Herzen ruhte, Hat jetzt den Speer gezuͤckt und lechzt nach ſeinem Blute, 79. Weit wirft der Graf das Schwert aus ſeiner Hand, Er ſchleudert raſch den Schild zu ſeines Roſſes Fuͤßen, Sein ſtarker Arm zerbricht das ſtaͤhlerne Gewand, Um ſelbſt die ſichre Bahn dem Eiſen aufzuſchließen. Schon hat die Feindin ihm den Speer durchs Herz gerannt, Im reichen Strom beginnt ſein wallend Blut zu fließen; Auf ihren Zuͤgen ruht ſein letzter matter Blick, Er ſeufzt, und läͤchelt ſtill, und ſinkt erblaßt zuruͤck. Zwoͤlfter Geſang. 1541 8o. So ruh denn ſanft! Du haſt genug ertragen Im langen Schmerz. Verſchlummre deine Noth! Wohl iſt es ſuͤß, um Liebe viel zu wagen, Doch ſuͤß iſt auch von lieber Hand der Tod.— Schon daͤmmert jetzt von laͤngſt entſchwundnen Tagen Noch einmal dir das holde Morgenroth. Vohl folgt' ich gern dir in die ſel'gen Huͤtten, Vo Liebe lohnt, was Liebe treu gelitten. 81. Als Guelf, der Graf vom Rhein, den Fall des Freun⸗ 41 des ſieht, Da ſprengt er raſch hervor, den Feind ihm nachzuſenden. Die Jungfrau ſchaut ihn an; ſie ſchwankt, erbleicht u. gluͤht, Dann zuͦſckt ſie ſchnell den Speer, doch nur mit ſcheuen Haͤnden, Weit ſchwirrt er ab vom Ziel; ſie eilt, das Roß zu wenden, Sie ſeufzt vor Lieb' und Zorn und ſchaut zuruͤck und flieht. Auch Guelf vergißt den Kampf, ſeit ihn ihr Blick getroffen⸗ Und jagt ihr fluͤchtig nach, beſchwingt von ſchoͤnerm Hoffen⸗ Caͤ cilie. 82². Ihn ſchreckt kein Speer, kein ſcharfes Daͤnenſchwert, Schon naht er ihr, ſchon ſprengt er ihr zur Seite; Mit ſtarkem Arm umſchlingt er ſeine Beute Und hebt ſie leicht heruͤber auf ſein Pferd. Noch ſtraubt ſie ſich und ringt im ſchwachen Streite, Da ſelbſt der Streit die ſüße Wunde naͤhrt. Schon weiß ihr Blick nicht mehr, der hell von Thraͤnen leuchtet, Ob Zorn, ob Stolz, ob Lieb' ihn jetzt befeuchtet. 83. 3 Schon hat ſein ſchnelles Roß in's Lager ſie gebracht. Sie, die noch halb im Zorn um Sieg und Freiheit ringen, Die kaum einander noch bekaͤmpft in blut'ger Schlacht, Wird ſuͤße Liebe bald mit ſchoͤnerm Band umſchlingen. So ſehn wir freundlich oft in dunkler Wetternacht Durch drohendes Gewoͤlk verſtohlen Sternlein dringen, So ſcheucht ein holder Blick, ein zartes Liebeswort Oft aus der finſtern Bruſt die rauhen Stuͤrme fort. Zwoͤlfter Geſang. 153 34. Doch wilder draͤngt der Streit ſich dort im Chriſten⸗ heere, Wo Tolkars nord'ſche Kraft dem Feind entgegendringt. Er traͤgt in jeder Hand zwei ungeheure Speere, Vier Maͤnner ſinken ſtets, wenn er zum Kampf ſie ſchwingt. Faſt naht ſich Keiner mehr, der ſeinem Zufrnen wehre, Frei ſteht der maͤcht’ge Feind, von Leichen nur umringt. Verwundet wird ſchon laͤngſt Askan hinweggetragen, Und vor der Sachſenſchaar liegt Wittekind erſchlagen. 85. Indeß hat Adelhelm im kuͤhnen Liebesmuth Durchs raſche Schlachtgewuͤhl ſich hin und her getrieben; Da naht er jenem Ort und ſieht in trotz'ger Wuth Den Herrn der Nord'ſchen Schaar gewalt'ge Thaten uͤben. Hier, Bertha, ſuͤße Braut, bewahr' ich dir mein Lieben Durch tapfern Sieg vielleicht, vielleicht durch tapfres Blut! So ruft mit freud'gem Geiſt der ritterliche Degen Und ſpornt ſein ſchnelles Roß dem wilden Feind' entgegen. Doch ſeine Speere wirft der Feind mit Rieſenkraft. Es ſauſ't die Luft, als nah' ein vierfach Ungewitter; Der eine trifft den Schild; es kruͤmmt ſich Erz u. Schaft, Abprallend gellt er laut und ſpringt in tauſend Splitter. Der andre ſtreift am Arm mit ſcharfem Stahl den Ritter, Vom dritten wird dem Helm die bunte Zier entrafft; Doch grimmgeſchwungen naht der vierte ſich dem Pferde, zerſchmettert Hals und Bruſt und ſpießt es an die Erde. . 97. Doch ruͤſtig hat der raſche Schwabenheld Im Sturze noch dem Sattel ſich entſchwungen und mit dem Speer, noch eh durchs blut'ge Feld Zum Schwerteskampf der Feind heran geſprungen, 4 Ihm Panzerkleid und Bruſt und Herz durchdrungen.. H — 3 Der Heide ſchwankt und ſtuͤrzt, daß laut die Ruͤſtung gellt. Der Ritter ſtuͤrzt hinzu und reißt zum Siegespfande Ihm Helm und Schild hinweg und loͤſ't des Panzers Bande. —— Z woͤlfter Geſang. 155 88. Schnell ſtuͤrzt das Nord'ſche Volk zur blut'gen Kam⸗ pfesbahn. Doch wie ein Loͤwe ſonder Zagen Auf ſeiner Beute ſteht, wenn rings die Jaͤger nahn, Mit Speeren und Geſchoß den Raub ihm abzujagen; Den hat ſein ſtarker Schweif zu Boden ſchon geſchlagen, Den ſtreckt die Tatze hin und den ſein ſcharfer Zahn, Und langſam dreht er ſich und traͤgt im ſteten Streite Zur dichten Waldesnacht die ſchwererkaͤmpfte Beute: 89. So ſtellt ſich Adelhelm zur tapfern Gegenwehr, Als rings mit wildem Zorn die Krieger ihn beſtuͤrmen. Vald muß ſein Schild und bald ſein todtes Roß ihn ſchirmen, Den trifft des Ritters Stahl, den Tolkars eigner Speer. Schon bricht der Held ſich Bahn, und Leichenhaufen thuͤrmen, Ein blutiges Geleit, um ihren Herrn ſich her; Und immer kaͤmpfend geht im Angriff und im Weichen Der Held zur deutſchen Schaar mit ſeinen Siegeszeichen. Caäcl hi e. 90. So ſind durch Adalbert und Bertha's tapfern Freund Die beiden Fluͤgel ſchon im Daͤnenheer erſchuͤttert, Indeſſen grimmer ſtets der Kampf ſich dort erbittert, Wo ſich der Heere Kern im Mittelpunkt vereint. Dort wird noch manches Schwert, noch mancher Schaft zerſplittert, Auf hohem Wagen prangt dort Biarko's ſtolzer Feind, Und Biorn und Rolf und Edelrad bewahren Des Koͤnigs heil'ges Haupt mit auserleſnen Schaaren. 91. Umſonſt iſt Gormo's Sohn, von wildem Zorn entbrannt, In Haralds erſte Reihn verwegen vorgedrungen; Schon dreimal hat er kuͤhn den Koͤnig angerannt, Hat dreimal ſchon den Speer auf ſeinen Feind geſchwungen; Doch immer treibt die Schaar mit kraͤft'gem Widerſtand Den raſchen Feind zuruͤck, noch eh die That gelungen; Dicht draͤngt ſich Heer u. Heer, und wild zerſtampft das Roß Blut, Leichen, Waffenſchmuck und Schwerter und Geſchoß. —— Zwoͤlfter Geſang. 157 9². Auf Friedebert, der hier die Bayern leitet, Stuͤrzt Rolfo jetzt mit tapfrer Schwerteskraft, Schon liegt auf beider Haupt des Alters Schnee verbreitet, Doch keinem hat die Zeit noch Arm und Muth erſchlafft. Wohl iſt es ſchoͤn, zu ſehn, wie kuͤhn ein jeder ſtreitet Im unbefleckten Stolz der grauen Ritterſchaft, Und wie ſie kluͤglich ſtets, im Kampfſpiel wohl erfahren, Bald Schlag und Stoß verdoppeln, bald verſparen. 93. Doch jetzt, als Rolfos Schwert zum maͤcht'gen Streiche blitzt, Und Schuppen und Gelenk am Panzer ſich verſchieben, Hat ſchnell ſein Feind den Speer ihm durch den Arm getrieben, Daß Rolf vom kraͤft'gen Stoß ſich auf den Sattel ſtuͤtzt; Schon ſchwingt der Bayerfuͤrſt den Stahl zu blut'gen Hieben, Abs raſch den edeln Jarl ſein treues Volk beſchuͤtzt, Der langſam jetzt, gefuͤhrt von Freundeshaͤnden, Den Kampf verläͤßt, nach Lethra ſich zu wenden. 45⁸G Caͤcilie. 94. Schon bricht durch Rolfo's Fall der Daͤnen feſte Schaar, Und Biarko ſtuͤrzt hinein mit hoch geſchwungnem Schwerte, Und treu in jeder Kampfgefahr Sprengt Siwald neben ihm, ſein grauer Kriegsgefaͤhrte. Ehrwuͤrdig kraͤuſelte des Helden weißes Haar Sich um den roſt'gen Helm, der ſeine Stirn bewehrte, Und freudig ſchien im kuͤhnen Drang der Schlacht Der halb erloſchne Blitz in ſeinem Aug' erwacht. 95. Schon naht im wilden Streit ſich Biarko Harald's Wagen, und blutend ſinkt das Daͤnenvolk umher; 1 Doch ſtolz erhebt vom Sitz der Fuͤrſt ſich ohne Zagen Und ſchwingt in ſtarker Hand den ungeheuren Speer. Hoch ſieht man aus der Schlacht den alten Koͤnig ragen, Wie ſich der Fels erhebt aus ſturmdurchbrauſ tem Meer. Der große Schild erglaͤnzt und ſpielt mit goldnen Blitzen⸗ Die Kron' umſtrahlt das Haupt gleich hellen Flammenſpitzen. Zwoͤlfter Geſang. 159 96. Schon ſauſ't ſein Rieſenſpeer, auf Biarko's Bruſt geſandt, Der beugt ſich ſchnell, doch Siwald muß erblaſſen. Der Alte ſchwankt und ringt und will das Roß nicht laſſen Und haͤlt die Zuͤgel noch in ſieggewohnter Hand. Auch Biarko eilt herbei, den Treuen zu umfaſſen, Der ſtets in Kampf und Noth ihm kuͤhn zur Seite ſtand. Er jammert laut und haͤlt ihn feſt am Herzen Und kuͤßt den bleichen Mund u. weint vor Zorn u. Schmerzen⸗ 97· Doch ſterbend ſtoͤhnt der Greis aus wunder Bruſt hervor: Was klagſt du, trauter Held? Kommt doch der Tod uns Allen! Dem Sturm entflohn, verdorrt im Sumpf das feige Rohr; Dem Tapfern ziemt's im Sturm, der Eiche gleich, zu fallen. Dort, wo am Meeresſtrand die lauten Wogen ſchallen, Da thuͤrme du zum Mahl den Huͤgel mir empor, Dann ſingt den Enkeln wohl noch ſpaͤt ein großer Skalde Das alte Siwaldslied auf meiner Grabeshalde. Er ſprichts und ſtirbt. Da faͤllt, von Zorn erfuͤllt, Daß ihm des Feindes Tod den theuren Greis bezahle, Der Held den Koͤnig an und trifft mit ſcharfem Stahle Ihn hier und dort. Nichts frommt der goldne Schild, Der Panzer nichts, daß nicht mit rothem Strahle Das heiße Blut ihm bald aus mancher Wunde quillt. Der Koͤnig ſchwankt und weicht und peitſcht die wilden Roſſe und flieht mit blut'ger Bruſt zuruͤck nach Lethra's Schloſſe. 99. Der Raͤcher jagt im raſchen Zorn ihm nach. umſonſt beſtuͤrmt mit kuͤhnen Schwertesſtreichen Ihn Lethra's Volk, was naht das muß erbleichen, Wohin ſein Hufſchlag ſchlaͤgt, entſpringt ein blut'ger Bach. Dem Sturme gleicht ſein Flug, ſein Pfad iſt uͤber Leichen, Sein Schwert ein Blitz, und Tod ein jeder Schlag. Da wirft ſich kuͤhn auf ſeinen grauſen Wegen Ihm Edetrad mit blankem Stahl entgegen. 100, Zwoͤlfter Geſang. 100. Als noch der erſte Traum der Jugend ſie umfloß, Erzog auf Lethra's Burg der alte Fuͤrſt ſie Beide; Dort trieben, gern geſellt, in leichter Kinderfreude Die Knaͤbiein manches Spiel auf Gormv's hohem Schloß. Stets war des Einen Leid dem Andern auch zum Leide, Wenn jener froͤhlich war, dann ſchien's auch ſein Genoß, Doch ließ ſchon laͤngſt der Wechſel raſcher Zeiten Der fruͤhen Jahre Bild aus ihrer Bruſt entgleiten. 101, Doch kaum erblickt auf blut'gem Kampfgefild Den alten Freund der zornentbrannte Ritter, Da naht ſich ihm Erinnrung ſuͤß und bitter Und zeigt ihm fern manch laͤngſt entſchwundnes Bild! Er ſenkt das Schwert und hebt des Helmes Gitter, Mit Thraͤnen iſt ſein ſinnend Aug' erfuͤllt, Noch muß er um den Tod des einen Freundes klagen Und ſoll mit eignem Schwert den zweiten ſchon erſchlagen, II. Theil. 11 Cacilie. 102. 9 Edelrad! ſo ruft mit ſanftem Ton Der junge Fuͤrſt und ſchaut mit naſſen Wangen Den Helden an, verdient' ich dieſen Lohn, Daß ich ſo treu, ſo hold dir angehangen? O ſieh mich an! bin ich nicht Gormo's Sohn, Der einſt ſo freundlich dich in Lethra's Burg empfangen? Was ſtehſt du trotzig jetzt in ſeines Feindes Schlacht und drohſt der Bruſt, die ſtets in Liebe dein gedacht? 103. O ſiehſt du dort die alten Zinnen ragen, Wo wir ſo oft in fruͤher Zeit geſpielt? Hat nicht durch dieſe Flur uns oft das Roß getragen? Iſt das die Eiche nicht, nach der wir oft gezielt? Noch will ich jeden Strauch, noch jeden Quell dir ſagen, Die uns als Knaben einſt beſchattet und gekuͤhlt. Dir iſt das laͤngſt vorbei! Aus unſerm Kinderleben. Blieb jenes Schwert dir nur, das ich dir ſelbſt gegeben. Zwoͤlfter Geſang. 1⁰4. Noch kennt der Daͤnenheld den Ton, der zu ihm ſpricht, Des Freundes milden Blick und trauliche Geberde; In ſeinem Herzen ſiegt die alte Lieb' und Pflicht, Er ſchwankt und zweifelt nicht und ſpringt herab vom Pferde. Tief ſenkt er Lanz' und Schwert und beugt ſein Knie zur Erde, So harrt er lang und ſchweigt mit gluͤh'ndem Angeſicht; Dann laͤßt er laut den freudgen Ruf ertoͤnen: Heil, Biarko, Heil dem edeln Herrn der Daͤnen! 105. So wandelt hier in Liebe ſich der Streit. Tief beugt vom Roß ſich Gormo's Sohn hernieder, Schon finden Hand und Hand und Herz und Herz ſich wieder Die Wahn und Leben lang geſchieden und entzweit. Ein neuer Schwur vereint die alten Waffenbruͤder, Das freud'ge Wiederſehn verdunkelt alles Leid; Dem Daͤnen ſind des Bruders Todeswunden, Des treuen Freundes Fall aus Biarko's Geiſt verſchwunden. 11* So fand auch ich, o du mein fruͤhſter Freund, Mein Buͤlow, dich im Krieg als Kampfgenoſſen, Da manches Jahr mir fern von dir verfloſſen, Da ich im falſchen Wahn ſchon deinen Tod beweint. Noch einmal ward der Bund der Maͤnner jetzt geſchloſſen⸗ Der fruͤh die Knaben ſchon zu Luſt und Leid vereint, und gern vergaß mein Herz an deinem Herzen Auf kurze Zeit die nie geſtillten Schmerzen. 107. Dem Fuͤhrer folgt der Juͤten tapfres Heer⸗ Was feindlich kaum gekaͤmpft, das eitt, ſich zu geſellen, und wilder miſchen ſich der Schlacht empoͤrte Wellen,⸗ Der Feind erkennt den Feind, der Freund den Freund .. nicht mehr. Was kaum das Schwert beſchuͤtzt, das ſtrebt es jetzt zu faͤllen⸗ Entzweites Blut gerinnt an einem Speer.— So ſchlagen oft, wenn Suͤd und Nord zuſammen ſtuͤrmen, Die Wogen hier den Strand, den dort die Wogen ſchirmen⸗ Zwoͤlfter Geſang. 1 08. Doch Skiold, der noch am Felſenhuͤgel ſicht, Wo tapfer ihm die Ritter widerſtreiten, Sieht ploͤtzlich jetzt den wuͤſten Kampf vom Weiten Und wie die Schlacht der Daͤnen ſchwankt und bricht. Da ſtuͤrmen Sorg' und Noth auf ihn von allen Seiten, Mit dunkler Roͤthe faͤrbt der Zorn ſein Angeſicht; Noch einmal laͤßt er jetzt die ſcharfe Klinge blitzen Und haut im wilden Grimm zwei Ritter von den Sitzen. 109. Dann ſieht man ihn mit ſeiner kuͤhnen Schaar Von Fels zu Fels, durch rauhe Klippenengen,. Durch Schluͤnd' und uͤber Hoͤhn, durch Schrecken u. Gefahr Unbaͤndig, grauſenvoll zum Thale niederſprengen. Umſonſt verſucht der Feind, ſich raſch ihm nachzudraͤngen, Am Abſturz ſcheut das Roß, es ſtarrt des Reiters Haar: Doch keiner ſaͤumt, von hohen Felſenwaͤnden 3 Geſchoß und Speer den Fliehnden nachzuſenden. Caäaͤcilie. 110. Wie tobt der Daͤne jetzt im dichten Drang der Schlacht! Wie dreht ſein breites Schwert ſich in ſo grimmen Kreiſen! Wie ſpringt das heiße Blut, ſobald es blitzt und kracht! Wie raſ't der Tod um ihn in immer neuen Weiſen! Nicht Panzer frommt, noch Schild, noch Helm, nicht Stahl, noch Eiſen, Nicht tapfre Fechterkunſt, noch ſtolze Waffenpracht. Nie ruht, nie fehlt ſein Arm, und gleich des Sieges Schwinge Schwebt hoch und funkelnd ſtets die raſche Schwertesklinge. 111. Indeß hat Adalbert nach mancher kuͤhnen That Das Inſelvolk vertilgt und zieht am andern Fluͤgel Des Heers heran; da ſieht er, wie vom Huͤgel Sich Skiold herniederſtuͤrzt zum blut'gen Kampfespfad. Er ſiehts, er ſpornt ſein Roß und laͤßt ihm Zaum und Zuͤgel, Hoch ſchwingt er Schild und Schwert, er fliegt durchs Heer, er naht. Wie Wind und Fluth, wie helle Blitzesflammen Trifft jach und zornig ſchon das Heldenpaar zuſammen,⸗ Zwoͤlfter Geſang. 112. Wie Drachen oft, von Gift und Grimm geſchwellt, In dunkler Kluft raſch zuͤngelnd ſich umſchlingen; Wie pfeilgeſchwind zum Kampf am blauen Himmelszelt Mit lautem Fluͤgelklang ſich Falk und Adler ſchwingen, Wie Wog' auf Wog' und Wolk' auf Wolke faͤllt, Wie Sturm und Sturm und Flamm' und Flamme ringen, So faßt ſich Mann und Mann, ſo trifft ſich Pferd und Pferd, So draͤngt ſich Schild und Schild, ſo kreuzt ſich Schwert und Schwert. 113. Indeß verhuͤllt mit ihrem Nebelſchleier Die ſchwarze Nacht allmaͤhlig Berg und Thal; Nur Helm' und Schilde ſpruͤhn noch hell von rothem Feuer⸗ und gluͤh'nde Furchen zieht der Stahl am ſcharfen Stahl. Laut kraͤchzend ſammeln ſich in dunkler Luft die Geier und harren gierig ſchon auf's blut'ge Leichenmahl; Doch ſchallt noch ſtets das wuͤſte Schlachtgetuͤmmel Durch Nacht und Graus empor zum finſtern Himmel. Cäcilie. 114. Da kehrte durchs Gebirg aus ihrem Zauberhain Nach Lethras ſtolzer Burg Thorildens Mutter wieder. Sie ſtand auf ragendem Geſtein Und ſah ins weite Thal zur lauten Schlacht hernieder. Schon brach und wich ihr Volk in halbgetrennten Reihn, Und ſiegend ſtanden rings der Deutſchen feſte Glieder. Ein wilder Grimm durchdrang Swanwithens Mark u. Blut, Zu Flammen ward ihr Blick, ihr Athem Gift und Gluth. 115. So hab' ich denn umſonſt in Odins heil'gen Hallen Die Kreuzesroſ' erhoͤht durch kuͤhnen Zaubertrug? Ließ ich umſonſt mein Drohn an Freys Altare ſchallen, Als Lethras tapfres Volk den Feind der Goͤtter ſchlug? So ſollſt du doch, du ſtolze Veſte fallen, Dahin geſtuͤrzt von unerforſchtem Fluch? Wohlan, ſo mag mir jetzt der ſtaͤrkſte Zauber frommen, Der graͤßlichſte, den nie der Abgrund ſelbſt vernommen! Zwoͤlfter Geſang. 169 116. Sie ſprach's und hob den Blick empor Und ſtreckte kuͤhn den Arm hinaus in alle Winde. Sie rief dem rothen Blitz, daß er die Wolk' entzuͤnde, Sie rief den wilden Sturm aus Nord und Suͤd hervor. Und daß mit Zorn und Kraft ſich Graun und Wahn verbuͤnde, Zerſprengt' ihr maͤcht'ger Fuß des Abgrunds Felſenthor. Und dumpf begann ihr Mund unnennbar grauſe Worte, Daß ſelbſt die Nacht erſchrak, und Baum und Gras verdorrte. 117. Und graͤßlich kam des Abgrunds ſcheue Brut Und Wolk und Sturm verderblich hergezogen; Am Himmel ſchwamm's wie Flamm' und Rauch und Blut Und waͤlzte ſich wie hohe Meereswogen, Durch deren Kampf, von falber Blitzesgluth Nur halb beſtrahlt, graunvolle Bilder flogen. Es pfeift und ſauſ't, es donnert, rauſcht und kracht Und auf die Nacht ſinkt eine neue Nacht. Caͤcilie. 118. Schon naht das Wettergraun den deutſchen Heeres⸗ gliedern, Die Wolke ſchwillt und bricht mit grimmigem Geheul; Bei Blitz und Donner ſchießt mit ſtruppigen Gefiedern Manch Ungethuͤm herab, manch ſcheußlich Hoͤllengraͤul; Wehrwoͤlfe nahn, Nachtraben, Greifen, Hydern; Es ziſchen Drach' und Molch mit ſpitzem Zungenpfeil, Von Schwertern glaͤnzt die Luft, es ſauſen Flammenſpeere, Und gluͤh'nder Regen rauſcht herab zum Chriſtenheere. 119. Und wo das Schlachtgefild mit Todten ſich bedeckt, Beginnt es grauenvoll zu raſſeln und zu keuchen; Noch einmal heben ſich die kaum erſchlagnen Leichen Durch harten Zauberzwang ans ew'gem Schlaf erweckt, Und Mancher zieht das Schwert hervor zu neuen Streichen, Das tief und blutig noch in ſeinem Buſen ſteckt. Ihr bleicher Mund beginnt die halb vergeßnen Lieder Verworren, ſtockend, dumpf im Kampf noch einmal wieder⸗ Z woͤlfter Geſang. 120. Doch jedem Deutſchen rinnt durch Adern und Gebein Unſaͤglich Graun. Die kuͤhnſten Helden zittern. Jach bebt des Kriegers Knie, es ſtuͤrzt das Roß den Rittern, Verwirrung tobt umher, es brechen alle Reihn, Und kuͤhn, im grauſen Bund mit Larven und Gewittern, Dringt ſiegend jetzt die Schaar der Daͤnen hinterdrein. Durch Donner, Nacht und Sturm, durch Ruf und Klang der Fechter Schallt laut vom hohen Fels Swanwithens Hohngelaͤchter. 121. Dort, wo der Wall des Lagers Kreis umzieht, Stand lange ſchon, von Lieb' und Furcht gehalten, Caͤcilie mit ſorgendem Gemuͤth, Und ſah die Schlacht im blutgen Thale walten. Als jetzt die Schaar der Deutſchen ſchwankt und flieht, Von Sturm und Blitz gedraͤngt und hoͤlliſchen Geſtalten, Da traut ſie ferner nicht auf Menſchenkraft und That Und hofft von Gott allein Erbarmen, Huͤlf und Rath. Caäcilie. 122. Sie fliegt hinweg durch Wetter, Wind und Regen, Mit flatterndem Gewand und aufgeloͤſ'tem Haar; Manch Scheuſal ziſcht und ſchwirrt ihr durch die Nacht entgegen, Doch achtet ſie nicht Noth, noch Schrecken und Gefahr. So eilt ſie fort auf ungebahnten Wegen 3 Durch Dorn und Buſch empor zu Gottes Hochaltar. Schon langt ſie an: ſo flammt im wilden Sturme Ein rettend Lichtlein auf vom fernen Meeresthurme. 123. Sie athmet laut, ſie neigt ſich, ſie umſchlingt Den heil'gen Heerd mit frommvertrau'nden Armen; Vom heißen Kampf der Noth, der ihre Bruſt durchdringt, Scheint jetzt der kalte Stein mitleidig zu erwarmen. Ihr Blick, ihr Seufzen fleht zum Himmel um Erbarmen, Indeß ihr banger Mund umſonſt nach Worten ringt. Doch er, der jedes Herz, ſchon eh' es ſchlaͤgt, ergruͤndet, Hat ihr Gebet erhoͤrt, noch eh's ihr Mund verkuͤndet. Zwoͤlfter Geſang. 124. Der Donner Gottes rollt durch Thal, Gebirg und Hain; Da dreht der Wind ſich raſch und ſtuͤrmt mit wilderm Heulen, Und Blitze ſchwingen rings, gleich ſchnellen Feuerpfeilen, Und Sturm und Hagelſchlag ſich auf die Daͤnenreihn; Es huͤllt in Wolk' und Dampf, in breite Flammenſaͤulen, In Nacht und Wettergraun der Feinde Heer ſich ein, Indeß vom klaren Blau des Himmels ſtill und heiter Der Mond herniederblickt auf Chriſti tapfre Streiter. 129 Die Daͤnen fliehn, geiagt von heil'ger Macht, Indeß die deutſchen Reihn von neuem Muth entbrennen; Mit ihnen zieht das Licht, vor ihnen Sturm und Nacht, Kaum kann ihr Blick den Feind im dichten Graun erkennen. Ein Morden iſt's und keine Schlacht, Ein raſch Verſtieben iſt's und keine Flucht zu nennen. Was lebend kaͤmpft und ſlieht, erſchlaͤgt das deutſche Schwert, Indeß der rothe Blitz die Leichenſchaar verzehrt. 126. Doch raſtlos ſtreiten noch die beiden kuͤhnen Ritter, Gewalt'ger ſtets von Zornesgluth erhitzt; Wetteifernd mißt ihr Schwert ſich mit dem Ungewitter, Es ſauſ't und blitzt im Kampf wie jenes ſauſ't und blitzt. Schon ſtiebt von Helm und Ruͤſtung mancher Splitter, Schon bricht der Schild, der ihre Bruſt beſchuͤtzt, Da ſchlaͤgt im grimmſten Streit, dicht zwiſchen Pferd' und Pferde Ein rothgezackter Blitz hochlodernd in die Erde. 127. Jach baͤumt im Schreck des Feindes Noß ſich auf, Es prallt zuruͤck und ſtraͤubt die dunklen Maͤhnen, Verachtet Sporn und Schlag mit grimmigem Geſchnauf Und ſprengt Gebiß und Zaum, lautknirſchend mit den Zaͤhnen, Dann raſ't es ungehemmt und reißt im wilden Lauf Den trotz'gen Herrn mit fort zur haſt'gen Flucht der Daͤnen. „Doch jauchzend ſprengt mit ſcharfem Schwertesſchlag Der deutſche Held dem flieh'nden Haufen nach. Zwoͤlfter Geſang. 128. Auch Reinald draͤngt mit ſeinen ſchnellen Reitern Im raſchen Sturm der Heiden fluͤcht'ge Reihn; Schon ſprengt er kuͤhn voran den ruͤſtigen Begleitern, Schon jagt ſein tapfres Schwert den bangen Schwarm allein. Da dreht noch einmal ſich ein Kreis von tapfern Streitern Und ſchließt den kecken Feind von allen Seiten ein. Sein Roß erliegt von tiefen Todeswunden, Schon iſt der Stuͤrzende geſangen und gebunden. 129. Doch kaum hat Adalbert des Feindes Noth erkannt, Da eilt er raſch herbei, den Theuren zu befreien. Bald wird der Pfad zurStadt der fluͤcht'gen Schaar verrannt, und ſtuͤrmiſch naht der Held mit lautem Ruf und Draͤuen; Der ſcheue Feind entflieht, dem Walde zugewandt, Und jagt durch Berg und Thal und dunkle Wuͤſteneien⸗ Indeß der deutſche Held, vom wilden Zorn gedraͤngt, Der theuren Beute nach auf rauhen Pfaden ſprengt. Czcilie. 1 30. Hoch uͤber Klippen fort, durch Kluͤft' und Bacheswogen, Durch Buſch und Dorn entſauſ't die wilde Jagd. Vom irren Pfade wird der Ritter oft betrogen, Es keucht und ſtoͤhnt ſein Roß, erſchoͤpft von langer Schlacht. Schon hat der ſluͤcht'ge Feind ſich ſeinem Aug' entzogen, Der Schlag des Huſs verhallt in ferner Waldesnacht; Geborgen zieht die Schaar auf wohlbekannten Wegen Mit ihrem edeln Fang der ſichern Stadt entgegen. 131. Doch dichter ſtets umfaͤngt den Ritter Nacht und Hain; Wud irrt er hier, bald dort, und kennt den Pfad nicht wieder; Muͤhſelig ſchwankt ſein Roß durch Dickigt und Geſtein Und ſtreckt ſich athemlos zuletzt in's Gras hernieder. Schon ſchwimmt um Berg und Thal der Daͤmmrung bleicher Schein, Da brechen auch dem Herrn die kampfesmuͤden Glieder, Und dunkel ſinkt und laſtend wie das Grab Auf ſein verſtoͤrtes Haupt ein tiefer Schlaf herab. 132. Zwoͤlfter Geſang. 132. Doch ſie, die Herrliche, die dieſen Sieg erflehte, Lag fromm und dankend noch an Gottes Hochaltar. Um ihre Wangen flog die erſte Morgenroͤthe, Der erſte Strahl umfloß ihr dunkles Lockenhaar. Wohl ſchien's, als hebe ſich mit ihr die heil'ge Staͤtte, Als neige ſich vor ihr der Himmel blau und klar. Und ſtill erhob ſie ſich und gieng mit zuͤcht'gen Wangen In's Thal hinab, die Sieger zu empfangen. II. Theil, Anmerkungen. Stanze 14.— Zum blut gen Trank der Kraft— Die Sage erzaͤhlt von einem beruͤhmten Kaͤmpfer Biarko, der, als er einſt einen Baͤren von ungewoͤhnlicher Groͤße erlegt hatte, ſeinem Diener Hialto befahl, von dem Blu⸗ te deſſelben zu trinken, um ſtaͤrker dadurch zu werden. Olai Magn. L. V. Cap. 16.— Stanze 57.— Da nahte Gunnar ſich, aus Nif⸗ lungs Stamm entſprungen— Die Nibelungen⸗ Sage zieht von Deutſchland durch den ganzen Skanding⸗ viſchen Norden bis nach Island, freilich mit weſentli⸗ chen Veraͤnderungen, aber doch ſichtbar aus einem Stamm entſprungen, hinauf. S. M. C. Grimm uͤber die Entſtehung der altdeutſchen Poeſie u. ſ. w. in den Studien von Daub und Creuzer. B. 4. Stanze 62.— Doch fruͤh geuͤbt verſteht das leichte Daͤnenpferd, Auf unwegſamem Pfad ſich klet⸗ ternd aufzuſchwingen.— Die Nordiſchen Pferde ſind nicht blos wegen ihrer Ausdauer, ſondern auch wegen ihrer Sicherheit und Anmerk. zu Caͤcilie. XII. Geſang. 179 Behendigkeit auf beſchwerlichen Wegen beruͤhmt. Olaus Magn. L. XVII. Cap. 16. fuͤhrt neunzehn Urſachen ihrer Vorzuͤglichkeit vor andern Racen an. Stanze 97.— Dort, wo am Meeresſtrand die hohen Wogen ſchallen, Da thuͤrme du zum Mahl den Huͤgel mir empor— Die Sorge fuͤr ein hoch aufgethuͤrmtes und langdauern⸗ des Grab war den Nordiſchen Voͤlkern eben ſo ſehr ei⸗ gen als den Homeriſchen Helden, die ſich ihren Huͤgel gern am Meer aufwerfen ließen, um den voruͤberfah⸗ renden Schiffern Gelegenheit zu geben, ihr Gedaͤchtniß auch in fernen Laͤndern zu verbreiten.— Halde, ein altdeutſches Wort fuͤr Huͤgel, das in der poetiſchen Sprache beibehalten zu werden verdient. 12* e. — Geſang. Dreizehnter — Dreizehnter Geſang. — 1. Wie wuͤſt die Haide liegt, wenn mit gewalt'ger Macht Der Wolke Thor zerbrach, geſprengt von Blitz und Winden, und rings der Felſen Haupt, des Haines ſtolze Pracht „Zerſchmettert niederſank zu finſtern Bergesſchluͤnden; Die Waſſer brauſen noch erzuͤrnt durch Wald und Nacht, Durch Schutt und Truͤmmer kann der Strom ſein Bett nicht finden, Das aufgejagte Wild durchſtreift Geſtripp und Flur, und ſucht umſonſt die fortgeſchwemmte Spur: 184 Cacilie. — 2. So waltet jetzt in Lethra Furcht und Zagen, Verworren laͤuft das ſcheue Volk umher, Es draͤngen ſich im Thore Roß und Wagen, Die Gaſſen decken ſich mit kriegeriſcher Wehr; Erſchlagne werden hier, dort Wunde fortgetragen, Den ſtuͤtzt des Freundes Arm und den der blutge Speer; Wehklagend nahn ſich Weiber, Greis und Braͤute und forſchen, wer entflohn und wer erlag im Streite. 3. Auf hoher Burg in Haralds Heldenſaal Vereint indeß in mitternaͤcht'gen Stunden Zum Rathe ſich der Fuͤrſten kleine Zahl, Die nicht den Tod in harter Schlacht gefunden. Nicht toͤnt die Halle jetzt vom lauten Heldenmahl; Ein Jeder ſitzt verſtummt, gebeugt von Sorg' u. Wunden. Nur Skiold, der ſtets die Stirn dem droh'nden Unheil bot, Iſt feſter als das Gluͤck, und groͤßer, als die Noth. Dreizehnter Geſang. 185 4. Zum Frieden mag das Weib mit glatten Worten rathen, So ruft er aus, dem Manne raͤth ſein Schwert! Geworfen ſind des Schickſals dunkle Saaten, Und wer erdruͤckt den Keim, den ſtill die Zukunft naͤhrt? Wohl iſt der ſpaͤte Ruhm gewaltger Heldenthaten Die ganze Kraft und Muͤh des kurzen Lebens werth, Und kann mein Arm die Stadt nicht vor dem Feinde ſchirmen, So mag ihr Schutt ſich mir zum ew'gen Denkmal thuͤrmen. 5. So ſtrebt, gelenkt von ſeines Stammes Fluch, Der kuͤhne Held dem Untergang entgegen, Indeß Swanwithens Kind durch kraͤftgen Zauberſegen Die tiefen Wunden heilt, die ihr der Pfalzgraf ſchlug. Als nun das Blut verſiegt und ſich die Schmerzen legen, Da laͤßt ein altes Runenbuch, Worin manch duͤſtres Bild, manch wunderbares Zeichen Verworren ſich verſchlingt, die Zauberin ſich reichen. 186 Caͤcilie. 6. Wie oft im bunten Kranz ſich Blum' an Blume reiht, Verwebten kuͤnſtlich hier in Liedern und in Sagen Der Vorwelt Thaten ſich, der Helden Lieb' und Streit, Der Harfen ferner Klang aus laͤngſt verblichnen Tagen. Hier ſchaut Thorild' umher und will von alter Zeit Fuͤr gegenwaͤrt'ge Noth ſich Rath und Troſt erfragen. Umſonſt durchlaͤuft ihr Blick manch dunkles Wunderlied, Bis dieſe Maͤhr' ihr ernſt voruͤberzieht: 7. Wo von des Thallands Hoͤhn erzuͤrnte Wogen fallen uUnd ſtets im Sturm die Fichte ſauſ't und kracht, 3 Da hauſ'te ruͤſtig einſt in ew'gen Felſenhallen Ein Schmied von ſeltner Kunſt und ſtarker Zaubermacht. Stets hoͤrte man von fern die ehrnen Haͤmmer ſchallen, Die Gluth erhellte ſtets der Tannen tiefe Nacht, und immer droͤhnte dort vom Klang der Runenlieder, Sobald das Werk begann, des Felſens Woͤlbung wieder⸗ Dreizehnter Geſang. 187 8. So ſchneidend ward kein andres Schwert, So feſt kein Helm, kein Schild ſo ſrark erfunden, Als die Ingello's Hand auf zauberiſchem Heerd Gehaͤrtet und gefuͤgt in mitternaͤcht'gen Stunden. Drum ward ſein Nam' auch weit in Schwedenland geehrt, Sein Ruhm ertoͤnte laut in manchen Schlachtenkunden, und zog ein tapfrer Held zum fernen Krieg hinaus, So gruͤßt' er gern vorher des ſtarken Schmiedes Haus. 9. Nun ſchiffte zu denſelben Zeiten Held Arngrim weitdurchs Meer, von wildem Muth entbrannt, Um edeln Siegesruhm und Raub ſich zu erbeuten, Und kam nach mancher Fahrt auch an den Schwedenſtrand. Dort zog er kuͤhn umher, die Helden zu beſtreiten, Die ihm der ferne Ruf die tapferſten genannt. Allein wie mancher auch mit ihm den Kampf begonnen, Noch war kein Einziger vor ſeinem Schwert entronnen. CʒAcilie. 10. Nicht war ein ſtarker Helm des Hauptes Schirm u. Wehr. Kein ehrner Panzer barg die ungeheuren Glieder; Um Leib und Wange zog ein Drachenfell ſich her Mit weitgeſpaltnem Schlund und ſchuppigem Gefieder. Es ragt' in ſeiner Hand ein rieſenhoher Speer, Und von den Huͤften hieng ein breites Schwert hernieder. So gieng er in den Streit, den Freunden ſchon ein Graun, Doch wie ein grimm Geſpenſt den Feinden anzuſchaun. 1 1. Denn ſtets, ſobald beim Kampf mit wildern Wellen Der ſchwarze Zorn in ſeiner Bruſt ſich hob, Begann ſein Herz von Wahnſinnswuth zu ſchwellen, Er knirrſchte laut, er bebte, ſchaͤumt' und ſchnob, Ein graͤßlich Roth begann ſein Antlitz zu erhellen, Indeß aus ſeinem Blick ein ſpruͤhend Funkeln ſtob, Und grauſer ſchallte dann, als wenn in Gier und Grimme Die Brut der Wuſte heult, die vielſach wilde Stimme. Dreizehnter Geſang. 12. und nahm ihn ploͤtzlich einſt der raſche Wahnſinn ein, Und trat kein Feind ihm zum Gefecht entgegen, Dann tobt er ohne Raſt auf ungebahnten Wegen, Laut bruͤllend, wild verzerrt, durch Thal, Gebirg und Hain. Die Baͤume ſtuͤrzten rings von ſeines Schwertes Schlaͤgen, Die Kluͤfte donnerten, getroffen vom Geſtein. Der Normann pflegt dies graͤßliche Entbrennen Unſel'gen Zorns, Berſerkerwuth zu nennen. 13. Doch als ſein gutes Heldenſchwert Ihm klirrend einſt zerſprang im hartgekaͤmpften Streite, Da trat er an Ingello's Heerd, Daß der mit kluger Kunſt ein neues ihm bereite. Wohl ward von dieſem ihm, der ſein Ergrimmen ſcheute, Die trotz'ge Bitte leicht gewaͤhrt, Obgleich ſein ſtarker Arm ihm noch vor wenig Tagen Im wilden Kampf den treuſten Freund erſchlagen. und zu der Eſſe trat der finſtre Zauberſchmied und ließ die rothe Gluth auf dunkelm Heerd entbrennen Und ſchmiedete das Schwert, das ſie den Tyrfing nennen, Das wie durch duͤrres Laub durch ehrne Waffen ſchnitt. Wohl war es ſcharf genug, den leichten Flaum zu trennen, Der auf des Stromes Fluth ihm raſch entgegen glitt. Doch als ein graus Geleit den kuͤnſtlich edlen Gaben War dieſer Zauberſpruch dem Eiſen eingegraben: 15. Wo ich blitze, bring' ich Tod, Meine Schneid' iſt immer roth; Huͤte ſich vor eigner Noth, Wer mich ſchwingt in ſtarken Haͤnden. Traf ich lang genug den Feind, Treff' ich euch zuletzt den Freund. Gluͤck und Fluch ſind mir vereint! Wer's nicht weiß, nur der kanns wenden. Dreizehnter Geſang. 191 16. Als kaum der wilde Held den finſtern Spruch erkannt, Begann unbaͤnd'ger Zorn in ſeiner Bruſt zu gaͤhren; Er hob das breite Schwert und ſchwang's in ſtarker Hand und rief: An dir zuerſt ſoll ſich der Fluch bewaͤhren. Doch ſchien der edle Stahl den Meiſter noch zu ehren, Der kuͤhn und unverletzt vor Arngrims Hieben ſtand. Vergebens ſchwang der trotzge Feind ſein Eiſen,. Stets fuhr es ab vom Ziel und ſchwirrt' in nicht'gen Kreiſen. 17. Da zog der kecke Held von neuem durch die Welt und ließ bald hier, bald dort die bunten Wimpel fliegen. Stets war das Gluͤck, das Graun ihm ſtets geſellt, Durch alle Laͤnder ſcholl der Ruhm von Tyrfings Siegen. Vor ſeiner Schneide ſtand im Kampf kein andrer Held, Selbſt Heere mußten oft vor ſeinem Bliß erliegen, Bis einſt durch ihn der kuͤhne Kriegesmann Am Nord'ſchen Strand ſich Drontheims Burg gewann. 18. Dort herrſcht er nun nach trotzigem Gefallen Auf hohem Schloß am nebelgrauen Meer. Zwoͤlf Soͤhne bluͤhten dort in ſeinen Felſenhallen, Ihm gleich an Muth und Kraft, um ihren Vater her; Auch tobte fruͤhe ſchon Berſerkerwurh in Allen, Wie jener kaͤmpften ſie ſtets ohne Schirm und Wehr; Doch uͤber Alle hob bei jedem Heldenwerke Angantir ſich hervor an Zorn und Rieſenſtaͤrke, 19. Schon laͤngſt verband ein heil'ger Eid Die ſtarke Bruͤderſchaar zu ew'gen Kampfgeſellen. Vereint durchſchifften ſie nach Raub die weiten Wellen, Vereint erſchienen ſie beim Mahle, Spiel und Streit. Mit Zagen ſah der Feind ihr fernes Segel ſchwellen, Die Veſten ſchloſſen ſich, der Krieger ſtand bereit. Stets kehrten ſie mit Beute reich beladen Und ruhmvoll heim zu ihren Felsgeſtaden. Dreizehnter Geſang. 20 Einſt als der trotz'ge Kreis beim feſtlich frohen Mahl So mancher Meeresfahrt, ſo manches Kampfs gedachte, Und herrlicher verklaͤrt von muth'ger Freude Strahl Viel kuͤhne Hoffnung noch in ihrer Bruſt erwachte, Da hob mit raſcher Hand Angantir den Pokal, Indeß von heller Gluth ſein funkelnd Auge lachte; Von großen Thaten ſchien ſein tapfres Herz geſchwellt, Und ſo begann der unverzagte Held: 21. Gewannen wir im feſten Siegesbunde Auch manchen Ruhm, manch edles Kleinod ſchon, So kam mir kuͤrzlich doch vom ſchoͤnern Preis die Kunde; Gern geb' ich all mein Blut fuͤr ſolchen reichen Lohn. Wohl lebt kein hold'res Bild auf weitem Erdenrunde Als Sighild, Frotho's Kind, auf Upſals Koͤnigsthron. Sie hab ich mir zur ſuͤßen Braut erkohren, Und ich erkaͤmpfe ſie; dei Odin ſey's geſchworen! II. Theil. 13 Cacilie. 22. Er rieſ's, und raſch erhob und jubelnd ſich die Schaar; Noch einmal ſchwuren ſie, die Arme feſt verſchlungen, Ihm treulich beizuſtehn in jeder Kampfsgefahr und keine Noth zu ſcheun, bis ihm das Werk gelungen. Schon ſtand das Schiff bereit, vom hohen Felſen war Schon weit in's Land hinab das Kriegeshorn erklungen, Da rief zum letztenmal der alte Heldengreis Vor ſeinen Fuͤrſtenſtuhl der Soͤhne tapfern Kreis. 23. Hoch ſaß er dort, das Schwert in ſeinen Haͤnden, Das ruͤhmlich ihm ſo manchen Sieg errang. Hell ſpiegelte ſich in den glatten Waͤnden Des Felſenſaals die Klinge ſcharf und blank, Und ſchien im Frieden ſelbſt die Blitze zu verſenden, Die ſie im wilden Kampf dem Feind entgegen ſchwang. Und ſo begann von ſeinem hohen Throne Der alte Held mit traurig ernſtem Tone: Drelizehnter Geſang. 24. Gebrochen iſt in dieſem Arm die Macht; Nicht wag' ich mehr dies edle Schwert zu ſchwingen; Nie laß' ich fuͤrder mehr im lauten Laͤrm der Schlacht Weit uͤber alle Reihn die ehrne Stimme klingen; Bald deckt mich ganz des Huͤgels Felſennacht: Doch wird durch euren Ruhm der meine ſich verjuͤngen. Darum empfangt von mir zu eurer kuͤhnen Fahrt Das edelſte Geraͤth, das ich euch aufbewahrt. 25. Dies kuͤhne Schwert, ſo hell von Ruhm und Siegen, Ich leg' es dir, Angantir, in die Hand. Wohl ſcheint durch maͤcht'ge Kunſt in jenen Runenzuͤgen Ein droh'nder Zauberfluch auf ſeinen Herrn gebannt: Doch zage nicht; die finſtern Worte luͤgen; Mein ſiegreich Alter hat den frechen Trug erkannt. Wohl fand dies Eiſen ſtets die Bruſt des Feindes offen, Doch hat es tuͤckiſch nie den, der es ſchwang, getroffen. Cacilie. 26. So ſprach der Greis und bot den edeln Stahl Dem Juͤngling dar. Der ſchritt in kuͤhner Freude Laut klirrend rings umher im hochgewoͤlbten Saal Und pruͤft' in ſtarker Hand das köſtliche Geſchmeide. Bald blitzte hier, bald dort der ſcharfen Klinge Strahl⸗ Hell in den Luͤften pfiff die raſch geſchwungne Schneide, Und heißer regte ſtets des Kampfes wilde Luſt Bei Tyrfings grimmem Schwung ſich in Angantirs Bruſt. 27*. und wie ein Heldengeiſt, zu deſſen dunkeln Gruͤften Die tiefe Schmach der feigen Enkel dringt, Sich zuͤrnend hebt, gleich grauen Nebelduͤften, und durch die Nacht mit lautem Flug ſich ſchwingt, Indeß um ſeinen Pfad in wild empoͤrten Luͤften Der helle Schwerterſchall der alten Schlachten klingt, Und rings der rothe Blitz, der Wald und Buſch entzuͤndet, Dem zagenden Geſchlecht der Ahnen Zorn verkuͤndet: —y Dreizehnter Geſang. 197 28. So hob allmaͤhlig jetzt des Wahnſinns truͤbe Gluth Sich in Angantirs Bruſt. Sein Blick begann zu rollen, Die Haare ſtraͤubten ſich, aus ihren Hoͤhlen quollen Die Augen grimm hervor, gleich Flammenglanz im Blut. Die Lippe zuckte raſch, und dumpfe Toͤne ſchollen Aus ſeiner tieſen Bruſt, entſtellt von Wahn und Wuth. Im wilden Gaukelſpiel verworrener Gebilde Schien ihm der Halle Raum ein blut'ges Schlachtgefilde. 29. und wie ein Stier, vom Bremſenſtich verletzt, Im blinden Zorn, bedeckt mit weißem Schaume, Durch Flur und Haine tobt und wild an jedem Baume Mit grimmigem Gebruͤll die krummen Hoͤrner wetzt, So regte hier und dort im weiten Hallenraume Mit kriegeriſchem Sprung der ſtarke Held ſich jetzt, Und raſch begann ſein Schwert, gleich ungeſtuͤmen Wettern, Gerath und Waffen rings und Zierrath zu zerſchmettern. Caͤcilie. 30. Von Flammen ſtob die Luft, von Funken Saͤul' und Wand, Die Bruͤder wichen ſcheu vor ſeinen maͤcht'gen Hieben, Der alte Held nur war auf ſeinem Thron geblieben Und ſchaut' ihm ahnend zu, vom Schickſalszwang gebannt. Da nahte moͤrderiſch, von Tyrfings Fluch getrieben, Dem grauen Vater ſich des Sohns gewalt'ge Hand. Lautaͤchzend ſank der Greis; aus tiefer Todeswunde Beſiegelte ſein Blut des Schwertes duſtre Kunde. 31. So kann das feindliche Geſchick Als ſeine Boten uns ſelbſt unſer Liebſtes ſenden. Der Wahn zerrann, mit feſtgeballten Haͤnden Stand jetzt Angantir da und mit erſtarrtem Blick. Schon zuͤckt' er ſeinen Stahl, ihn gegen ſich zu wenden, Da hielt ein raſch Gefuͤhl die blut'ge That zuruͤck. Er lachte laut und hob im kuͤhnen Grimme Das Schwert zum Himmel auf u. rief mit wilder Stimme: Dreizehnter Geſang. 199 ——— 32. Nicht alſo ſoll, du dunkle Schickſalsmacht,⸗ Dein Opfer dir durch eigne Thorheit fallen! Wohl Mancher ſoll den Pfad der Nacht Roch vor mir, Mancher ſoll mit mir zugleich ihn wallen. Bei dieſem Schwert, das jetzt ſo grauſe That vollbracht, Bei dieſem bleichen Haupt, bei dieſen blut'gen Hallen Schwoͤr' ich's: die dunkle Macht, die dieſen Greis erſchlug, Sey nicht fuͤr uns allein, ſey aller Welt ein Fluch! 33. So tret' ich jetzt, ihr Nornen, euch entgegen, Nicht ſollt ihr ohne Kampf die edle Beute fahn! Verderblich ſuch' ich euch auf euren eignen Wegen, Durch grauſes unheil ſoll mein blut'ger Zorn euch nahn. Entſchwinden ſoll das Gluͤck, verdorren Heil und Segen, Verſtummen Lieb' und Luſt auf meiner dunkeln Bahn! Ha, Tyrfing, durſt'ger Stahl, wohl ſollſt du reichlich trinken, Wenn, gleich der reifen Saat, die Helden vor dir ſinken! Caͤcilie. 34. So rief er aus. Und als am Wellenſtrand Dem Greiſe nun auf hochgethuͤrmtem Huͤgel Das kuͤhne Mahl aus ew'gen Felſen ſtand, Da fuhr die Schaar hinweg auf blankem Wellenſpiegel. Die raſch durchſchnittne Fluth umſchaͤumte Kiel u. Rand, Leicht hob ein luſt'ger Wind des Schiffes weiße Flugel; Schon ragte bald aus bleichem Nebelflor Der ferne Strand des Schwedenreichs hervor. 35. Indeſſen war nach manchen tapfern Siegen Held Hialmar dort, des Schmiedes kuͤhner Sohn, Zur hohen Gunſt des Koͤnigs aufgeſtiegen, Und ſtand zunaͤchſt an Frotho's maͤcht'gem Thron. Schon mußte mancher Held vor ſeinem Schwert erliegen: Doch heimlich ſehnte ſich ſein Geiſt nach ſuüͤßerm Lohn. Wohl konnt' ein holder Strahl aus Sighilds hellen Blicken Viel ſeliger ſein Herz als Schlacht und Ruhm begluͤcken. Dreizehnter Geſang. 36. und wie verſchaͤmt im heimlichen Entbluͤhn Der Roſenkelch allmaͤhlig ſich geſtaltet; Noch huͤllt die Knospe ſich in zartes Hoffnungsgruͤn, Um welches lieblich ſchon der linde Athem waltet, Bis ſie mit ſel'ger Kraft den reichen Schooß entfaltet, Worin wie Morgenroth die hellen Blaͤtter gluͤhn, Und prangend halb, und halb verhuͤllt vom Strauche Die ganze Luft erfuͤllt mit wunderſuͤßem Hauche: 37. So keimt' in Sighilds Bruſt die Liebe leiſ und mild, Suͤß ahnend erſt im ſchwankenden Verlangen, Von holden Traͤumen bald gereizt und bald geſtillt, Von Wuͤnſchen ſanft bewegt, von zarter Zucht gefangen, Bis herrlich ſich zuletzt ihr heil'ger Kelch enthuͤllt Im unbeſteckten Glanz und jugendlichen Prangen, Verzagt und ſtolz, verſchaͤmt und kuͤhn zugleich, An ſuͤßer Huld und keuſcher Anmuth reich. 38. Auch Frotho merkte laͤngſt der Tochter holde Bande Und hatte feindlich nie dem zarten Spiel gewehrt, Denn nimmer war im weiten Schwedenlande Ein junger Held ſo kuͤhn, ſo ruͤhmlich und verehrt. Als nun der Juͤngling einſt vom fernen Feindesſtrande Mit edelm Sieg und Raub nach Upſal heimgekehrt, Da fuͤhrt' er mild mit vaͤterlichem Segen Die zuͤcht'ge Braut dem Gluͤcklichen entgegen. 39. Schon ſtand bereit das hochzeitliche Mahl, Viel Fuͤrſten waren rings zum reichen Feſt gebeten, Vom Becherklang erſcholl der hohe Heldenſaal, Vom hellen Saitenſpiel und Hoͤrnern und Trompeten; Und ſchuͤchtern ſaß die Braut mit lieblichem Erroͤthen, Ein leuchtender Rubin am koͤſtlichen Pokal, So ſchien ein goldner Schein von Liebe, Luſt und Leben Um ihr verſchaͤmtes Haupt mit ſel'gem Licht zu ſchweben, —,—— Dreizehnter Geſang. 40. Doch wie im freud'gen Spiel und bunten Reihentanz Verzehrend oft ein Blitz ſein ploͤtzlich Opfer findet, Wie oft aus duft'gem Blumenkranz 1 Die Schlange raſch hervor mit gift'gem Haupt ſich windet,⸗ So wurde bald auch hier am hellen Fackeltanz Der hochzeitlichen Luſt ein wilder Brand entzuͤndet. Schon rauſchte fern der Norne grimm Geſchoß, Dem manches edle Blut und manche Thraͤne floß. 41. Denn ploͤtzlich ſprang, geſprengt von ſtarken Schlaͤgen, Der Halle Thor; vor ſeinen Bruͤdern her Trat Arngrims Sohn herein, gewaltig und verwegen, Mit blankem Schwert und hoch gezuͤcktem Speer. Kuͤhn nahten ſich die uͤbermuͤth'gen Degen Dem freud'gen Mahl in blutbefleckter Wehr, Und ſo begann im ſchwerbeſiegten Grimme Auf Tyrfings Stahl geſtuͤtzt der Held mit ſtolzer Stimme: Nicht ohne mich ſey dieſes Feſt vollbracht, Zu dem ich weit geſchifft von Drontheims Felsgeſtaden! Und wenn auch euer Herz des Gaſtes nicht gedacht, So hat ſtatt eurer doch die Norne mich geladen; Denn wo im hellſten Licht die Freude ſpielt und lacht, Da geht das Unheil auch auf ſchwarzverhuͤllten Pfaden, Und ewig treibt zu Fluch und blut'gem Mord Der Tyrfing ſeinen Herrn durch alle Laͤnder fort. 43. Dein, Hialmar, harrt mein Zorn nach zwanzig Tagen Zum harten Streit auf Hweens umbuͤſchtem Strand, Und bebſt du nicht, die kecke Fahrt zu wagen, So ſchwoͤre mir mit kuͤhn gebotner Hand, Dem braͤutlich ſuͤßen Kuß der Liebe zu entſagen Und ſtill zu baͤndigen der Sehnſucht heißen Brand, Bis dort mit ſcharſer Schwertesſchneide Das Schickſal uͤber uns und Sighilds Huld entſcheide, Dreizehnter Geſang. 205 44. So ſprach der Held. Und wie in grauſer Fluth Das zarte Bild der Uferblume zittert, So ſaß die holde Braut vom raſchen Schreck erſchuͤttert, Auf ihrer Wang' erblich der Sehnſucht ſtille Gluth: Doch ruͤſtig ſprang, vom Feindesdrohn erbittert, Der Juͤngling auf im freud'gen Liebesmuth. Er bot die Hand ihm dar und ſprach die kuͤhnen Worte: Geh' hin, ich treffe dich am angewieſ'nen Orte. 45. Noch bin ich keinem Feind entflohn, Stets hoͤrte man mein Schwert im erſten Haufen klingen, Drum ſollt' auch jetzt dein ſtolzes Drohn Von Sighilds holder Bruſt mich nicht zu weichen zwingen, Verlangt' ich ſelber nicht, der Meinen ſchoͤnſten Lohn Durch ruͤhmlich kuͤhne That mir kaͤmpfend zu erringen; Denn ſchoͤner bluͤht und unverwelklich gruͤnt Der Liebe ſel'ger Kranz, den wir mit Muͤh verdient. So rief er aus. Da gieng mit lauten Schritten Die kuͤhne Schaar zur hohen Burg hinaus. Wohl war aus mancher Hand der Becher dort entglitten, Verklungen war das Lied, verſtummt der freud'ge Schmaus, Und wer auch tapfer oft im harten Kampf geſtritten, Den fuͤllte Tyrfings Blitz mit ahnungsvollem Graus. Nur Hialmar freute ſich der kuͤhngebotnen Fehde und troͤſtete die Braut mit mancher holden Rede, 47. Was zagſt du, ſprach er ſanft, was weinſt du, zartes Bild?. Wie darf dein Herz fuͤr deinen Freund erbeben, Der dich ja ſelbſt erkaͤmpft auf heißem Schlachtgefild? Der nie fuͤr ſich gezagt, fuͤr dich nur, ſuͤßes Leben! Schienſt du nicht ſiegreich ſtets im Banner mir zu ſchweben, Warſt du nicht ſtets in jeder Noth mein Schild? Die ferne Hoffnung ſchon ließ ſonſt fuͤr dich mich ſiegen, Jetzt, da das Gluͤck genaht, wie koͤnnt' ich jetzt erliegen? Dreizehnter Geſang. 48. Nein, herrlich oͤffnet ſich ſo mir des Ruhmes Bahn, Nicht ſoll mein Herz ſo edlem Ruf erbangen. Ein Held nur darf ſo ſuͤßen Kuß empfahn, So ſel'ge Blicke ſchaun, ſo zarten Leib umfangen. Schon ſeh' ich freudig dich dem hohen Ufer nahn, Wenn fern im Siegeskranz die weißen Segel prangen; Schon ſchließ' ich dich an's Herz, des hohen Preiſes werth, Den nicht das Gluͤck allein, den mir mein Muth beſcheert. 49. So ſprach Ingello's Sohn. Und wie nach Sturmestoben, Indem der Flor der Wolken reißt und flieht, Der helle Mond, von bleichem Duft umwoben, Bald hier, bald dort durch ſeinen Schleier ſieht, Und wenn er leuchtend auch ſich jetzt empor gehoben und ſtill dahin auf blauen Bahnen zieht, Doch daͤmmernd noch, vom Silberlicht beglaͤnzet, Ein zartes Thaugewolk die klare Scheibe kraͤnzet: 50. So hellte jetzt ſich Sighilds holder Blick Allmaͤhlig auf, den bleichen Wangen kehrte Das milde Roth verſchaͤmter Luſt zuruͤck, Das ſchoͤner nach dem Thau der Schmerzen ſich verklaͤrte, Und wenn dem vollen Gluͤck auch noch das Zagen wehrte, Die Sorg' um ihren Freund war ihr ein neues Gluͤck. Ihr ſchien's, als muͤßt' ihr Schmerz, ihr unbelauſchtes Weinen Sie inniger mit ihm und ihn mit ihr vereinen, 51. und wie am herrlichſten die letzte Roſe ſprießt, Die ſchon umrauſcht vom herbſtlich feuchten Wehen Viel laͤnger Duft und Thau in ihren Schooß verſchließt, Um friſcher zu entbluͤhn und ſchoͤner zu vergehen; Und wie mit bunterm Glanz um Thal, Gebuͤſch u. Hoͤhen Der letzte milde Blick der ſpaͤtern Sonne fließt: So ward von Beiden jetzt die Lieb' in jenen Stunden Viel treuer noch bewahrt, viel inniger empfunden. 5z. 3 Dreizehnter Geſang. 5²2. Als nun der Dag zur blut'gen Fahrt erſchien, Da ſchritt der Held im zagenden Geleite Der holden Braut zum Strande ſtill und kuͤhn, Und muthig gieng Held Odur ihm zur Seite. Er folgte ſtets dem Freund zum Spiel und ernſten Streite Und wollt auch jetzt die Bahn des Schickſals mit ihm ziehn. Dann nahten prangend noch viel auserleſne Schaaren, Vor Liſt und Ueberfall die Kaͤmpfer zu bewahren. 53. Schon regte ſich das Schiff am hellgethuͤrmten Strand, Da ward von ſeines Vaters Haͤnden Ein kuͤnſtlich Waffenkleid dem Helden zugeſandt, Um Tyrfings alten Fluch von ſeinem Haupt zu wenden. Kein ſcharfer Stahl durchſchnitt das zaubriſche Gewand, Doch fuͤgſam ſchmiegt' es ſich um Arme, Bruſt und Lenden. Eilfertig draͤngte ſich der Diener durch die Schaar und bot dem tapfern Herrn die edle Gabe dar. Theil. 4 54. Doch Hialmar, der in allen Kriegen Durch eigne Kuͤhnheit nur die Schaar der Feinde ſchlug, Verſchmaͤhte jetzt noch mehr, durch Zauberliſt zu ſiegen, Und waͤhnte, Liebeskraft vernichte jeden Fluch. Drum mußt um Odurs Bruſt Ingello's Werk ſich ſchmiegen, Wie ſchwer auch Sighilds Herz des Freundes Weigrung trug. Dein Zauber, holdes Bild, ſoll mich allein beſchuͤtzen, So ſprach er ſanft, kein andrer kann mir nuͤtzen. 55. Und als er jetzt zum letzten Mal Um Sighilds holden Leib den treuen Arm geſchlungen, Als ihres Blickes ſel'ger Strahl Noch einmal keuſch und mild und zagend ihn durchdrungen,⸗ und aus der Fuͤrſten edler Zahl Noch mancher Scheidegruß dem Helden nachgeklungen; Da ließ er hoch empor die weißen Segel wehn, und ſchnell entglitt das Schiff den gruͤnen Uferhoͤhn. Dreizehnter Geſang. 56. Doch eh' es noch auf glatten Wellenpfaden In's offne Meer mit Macht hinausgerollt, Erhoben rings mit gruͤnenden Geſtaden Viel Inſeln ſich im fruͤhen Morgengold, Und ſchienen anmuthvoll die Helden einzuladen, Zum freud'gen Spiel, zur Ruhe ſuͤß und hold; So freundlich ſahe man von bunten Blumenkraͤnzen Gebuͤſch und Hain und Fels und ufer glaͤnzen, 57. Und wie ſich oft zum wunderbaren Reihn In ſtiller Nacht die luft'gen Elfen ſchließen, So tanzten dort viel holde Maͤgdelein Mit ſchlankem Leib und leicht bewegten Fuͤßen, Und freudig ſchien aus jedem Uferhain Ein muthig Scheidelied die Schiffenden zu gruͤßen, Das ſo der Wind mit lieblich leiſem Flug Durchs weite Meer zu ihrem Ohre trug: 14* 58. Mit den Wellen Spielt das Meer; Aus den naͤchtlich alten Quellen Muß es ſtroͤmen ſtets und ſchwellen, Ruht und raſtet nimmermehr; Doch es rauſcht mit ſichern Fluͤgeln Auf den regen Meereshuͤgeln Stolz das hohe Schiff daher. 1 59. Tief im Herzen Wogt der Sinn, Will bald weinen, will bald ſcherzen⸗ Hat in Freuden, hat in Schmerzen Nimmer Ruhe, nie Gewinn; 3 Doch der Liebe kuͤhnes Wagen Eilt, vom Adlerflug getragen⸗ Frei zum holden Ziel dahin. Dreizehnter Geſang. 213 60. Magſt du fallen, Magſt du ſtehn, Muß der Klang doch auch verhallen, Und doch bleibt das Lied uns Allen Treu im Herzen, ewig ſchoͤn; Denn dem heil'gen tiefen Leben Iſt ein ew'ger Lenz gegeben, Und nur Todtes kann vergehn, 61. So ſangen ſie, bis fern in duft'gen Weiten Der ſuͤße Ton in leiſes Wehn entſchwand. Und raſch begann das Schiff durchs hohe Meer zu gleiten, Vom guͤnſt'gen Wind entfuͤhrt, gelenkt von kluger Hand, Und als am andern Tag die Nebel ſich zerſtreuten, Da hob von ferne ſchon ſich Hweens umbuͤſchter Strand. Bald ankerte das Schiff an ſchattenreicher Stelle, Nur leiſ' umſpielt von ſanft gebrochner Welle. 62. Noch war kein Feind am Ufer zu erſpaͤhn, Darum beſchloß der Held, gereizt von kuͤhnem Wagen, Mit Odur durchs Gefild zur fernen Bucht zu gehn, Ob dort das Schiff vielleicht die Kaͤmpfer hingetragen. Schon ſchritt das edle Paar durch jene wald'gen Hoͤhn, Die mannigfach gethuͤrmt das Eiland uͤberragen, und harrend nahm indeß die tapfre Kriegerſchaar Am Ankerplatz die Huth des Schiffes wahr. 63. Da draͤngten wild aus dichten Felsgeſtraͤuchen Die Bruͤder ſich hervor, vom Wahnſinn ſchon emport. Hoch funkelte, gezuͤckt zu maͤcht'gen Streichen, Vor ihrer Schaar das grimme Tyrfingsſchwert, Dem raſchen Brand des Krieges zu vergleichen, Der Huͤtt' und Burg, Gefild und Hain verzehrt; Und durch den Wogenſchlag der hohen Brandungswellen Begann ihr laut Geheul wie Sturmesdrohn zu gellen. Dreizehnter Geſang. 64. Doch als ſie jetzt von fern die Feindesſchaar erkannt, Begann ſich maͤcht'ger noch ihr Wahnſinn zu bewegen; Gleich Blitzen leuchtete der Augen rother Brand, Gleich Schlangen ſchien ihr Haar ſich um die Stirn zu regen. Die Baͤume ſplitterten von ihrer ſtarken Hand, Es ſchallte Fels und Grund von ihres Schwertes Schlaͤgen, und grimmig ſtuͤrzten ſie mit lautem Schlachtgeſchrei Vom hohen Fels zum raſchen Kampf herbei. 65. So ſchießt ein Schwarm von ungeheuren Drachen In's Thal hinab in wilder Hungerpein. Roth flammt die Glut aus weit geſpaltnem Rachen, Die Zunge ſcheint ein ſchneidend Schwert zu ſeyn, Es trieft ihr Leib vom Schaume gift'ger Lachen, Zon ihrem Hauch verwelkt der gruͤne Hain; Eo waͤlzen ſie die vielverſchlungnen Glieder Drrch Buſch und Dorn und rauhe Felſen nieder. 66. Und wie gereizt von wilder Sturmes⸗Wuth Ums lecke Schiff viel tauſend Wellen ſchallen, Indeß zugleich mit rothgezackter Gluth Zum morſchen Bord die Blitze niederfallen; Hier draͤngt der Brand und dort die laute Fluth, Hier ſieht man hohen Schaum, dort raſche Flammen wallen, Bis jaͤh, indem die Gluth noch um die Beute ringt, Das tiefgeſpaltne Meer den ſichern Raub verſchlingt: 67. So ſtuͤrzte jetzt in zwei getrennten Reihen Die Schaar heran, in's Schiff, zum blut'gen Mord. Sie ſtrömten wild mit lautem Zorn und Draͤuen Hinauf, hinab, und raſch von Bord zu Bord, Und Fluͤgel ſchien die Wuth dem Schwerte zu verleihen, Zugleich erklang's und fiels und traf es hier und dort. Wohl hoͤrte jeder rings die maͤcht'gen Hiebe ſchallen, Doch keiner ſah den Stahl, der ihm auf's Haupt gefallen. 4 Dreizehnter Geſang. 217 68. Und ob auch kuͤhn der Schweden tapfre Zahl Sich um den Preis des jungen Lebens wehrte, Es brachen Helm und Schild, es ſprang der ſcharfe Stahl, Als ob ein raſcher Blitz vom Himmel ſie verzehrte. Vollendet war des Tyrfings blut'ges Mahl, Kein Einziger entrann dem zauberiſchen Schwerte, Und weit umher war Ufer, Schiff und Fluth Von Leichen uͤberdeckt und roth und warm von Blut. 69. Da kam von fernen Felsgeſtaden, Als ſchon das Wehgeſchrei des wilden Mordes ſchwieg, Das Heldenpaar zuruͤck. Von hohen Bergespfaden Gewahrt' ihr Auge bald der Feinde grauſen Sieg, uUnd wie die grimme Schaar, mit edelm Raub beladen, Im blutigen Gewand dem oͤden Schiff entſtieg. Von gorn und Schmerz begann des Helden Herz zu ſchwellen, und ſeufzend ſprach er ſo zu ſeinen Kampfgeſellen: 218 Cäcille. O weh, du junge Heldenſaat, Wie ſankſt du ſchmaͤhlich hin vom raſchen Blitz erſchlagen! O feindlich Mißgeſchick, o tuͤckiſcher Verrath! O blut'ges Morgenroth, wer hieß ſo grimm dich tagen? Ha, Tyrfing, grauſes Schwert, ha, das iſt deine That! Du konnteſt, du allein, ſo keckes Unheil wagen! O wie ſo ſtolz im Blut die ſcharfe Schneide prangt Und rauchend noch vom Mord nach neuem ſchon verlangt! 71. Wohlan, ſo ſeys! und du, Walkyr', entſcheide, Ob Rache mir, ob ihm der Trotz gelingt! Auf, Odur, komm zur blut'gen Kampfeshaide, Nicht halt' ich mehr den Zorn, der maͤchtig in mir ringt. Wohl iſt's ein großer Tag, ein ew'ger, fuͤr uns Beide, Von dem der Enkel noch in ſpaͤten Sagen ſingt. Du kaͤmpfe mit der Schaar, die meinen Feind begleitet, Indeß mein gutes Schwert mit Tyrfings Zauber ſtreitet. — Dreizehnter Geſang. 219 72. So ſprach der Held und ſchritt mit raſchem Gang Dem tapfern Freund voran, hernieder in's Gefilde. Hoch hoben ſie das Schwert und ſchlugen an die Schilde, Daß weit der kuͤhne Ruf bis an's Geſtade klang. Da nahte ſich die Schaar, wie blut'ge Schreckgebilde, Aus tiefem Grab erweckt durch zaubriſchen Geſang. Schon ſchwang das grimme Paar die ungeheuren Klingen, Indeß zum nahen Hain die andern Kaͤmpfer giengen. 73. und hier und dort erhob ſich jetzt der raſche Streit. Held Haking ſchritt zuerſt, der tapferſte der Bruͤder, Auf Hialmars Freund heran, zum wilden Kampf bereit, Und hob das Schwert mit Macht und ſchwang's und hob es wieder. Doch jenen ſicherte das feſte Zauberkleid, unſchaͤdlich glitten rings die maͤcht'gen Hiebe nieder, Bald ſank, durchbohrt vom ſtarken Schwertesſtoß, Der jugendliche Held hinab in's blut'ge Moos. 74. Wohl ſuchte Hildiger des Bruders Tod zu raͤchen; Doch fruchtlos hob ſein Arm die ſchwere Kolb' empor, Bald drang in heißen Purpurbaͤchen Sein tapfres Heldenblut aus Bruſt und Stirn hervor. Schon mußten Hiallo's Knie vor Odurs Schneide brechen, Schon hieng um Ormunds Blick der dunkle Todesflor; Dann ſah man Arverod von harten Kolbenſtreichen Und Ebbo's kuͤhnes Haupt vom Schwertesſchlag erbleichen. 75. Auch Friedlef, der die trotz'ge Wuth Der Bruͤder oft gezaͤhmt durch freundlich milde Sitten, und Jorm, der tapfer einſt durch raſche Zaubergluth Den halben Pfad empor zu Brunhilds Burg geritten, Und Ralf und Walafrid, die kuͤhn um Sigurds Gut Vor Atlas hohem Schloß mit Nifflungs Stamm geſtritten, Und Orm, der letzte Sproß, den Arngrims Kraft genaͤhrt, Sie alle ſanken bald vor Odurs Heldenſchwert, —,„————— 1 7 Dreizehnter Geſang. 221 76. Und tief erſchoͤpft vom langen Kampfesringen, Saß Odur jetzt im dunkeln Bergeshain, Wo kuͤhl herab die dichten Zweige hiengen, Am friſchen Quell, auf mooſigem Geſtein. Wohl hoͤrt er draußen ſtets die ſcharfen Schwerter klingen, Wohl ſah er durchs Gebuͤſch des Tyrfings hellen Schein, Doch fruchtlos muͤht' er ſich, vom Felſen aufzuſtehen, um zu des Freundes Kampf ins Feld hinabzugehen. 77· Dort war noch lange nicht der harte Streit vollbracht; Hoch regte Jedes Arm ſich raſch zu Stoß und Streichen, Auf ihrer Stirne lag des Zornes dunkle Nacht, Die Augen leuchteten wie boͤſe Himmelszeichen. Was Arugrims Sohn gewann durch Tyrfings Zaubermacht, Das ſchien der Liebesmuth in Hialmar auszugleichen; Und Alles, was die Kunſt, was Kraft und Grimm vermag, Erſchien in Angriff, Schutz und Wendung, Stoß u. Schlag. Jetzt brauchten ſie die Art und jetzt die breiten Klingen, Des Schildes Buckel jetzt und jetzt die ehrne Hand, Jetzt ſuchte Jenes Arm den Gegner zu umſchlingen, Indeß der Andre raſch der Feſſel ſich entwand; Den ſah man maͤchtig jetzt dem Feind entgegenſpringen, Da Jener, wohlgeſchuͤtzt, ihn zu erwarten ſtand, Jetzt ſchienen regungslos die Kaͤmpfer dazuſtehen, Um Sturm und Gegenwehr ſchlauharrend zu erſpaͤhen. 79. Schon mußte Hialmars breiter Schild Und ſchon ſein ſtarker Helm von Tyrfings Schwung zer⸗ ſchellen, 4 Schon war vom Panzerkleid die halbe Bruſt enthuͤllt, Zerhaun und ſchartig ſchon ſein Schwert an vielen Stellen, Sein Blut erweichte ſchon das harte Kampfgefild, Und jedem neuen Hieb entſprangen neue Quellen. Oft ſchwebte duͤſter ſchon der Tod um ſeinen Blick, Doch zwang die Liebe ſtets das Leben noch zuruͤck. Dreizehnter Geſang. 80. * Doch als des Helden Schwert am ehrnen Waffenkleide Angantirs ploͤtzlich jetzt mit hellem Schall zerſprang, und Arngrims Sohn in wilder Siegesfreude Zum letzten Todeshieb den maͤcht'gen Tyrfing ſchwang, Da wich der Held zuruͤck, daß tief die lange Schneide Ins ſteinigte Gefild gewaltig niederdrang, und, weil mit raſcher Kraft die Klinge weiter ſtrebte, Das Heft der Hand entfuhr und in den Luͤften bebte. 81. Und Hialmar zwang zum letzten Mal Die muͤde Kraft empor; er riß mit ſtarken Haͤnden Tief aus dem Felſengrund Angantirs Zauberſtahl, Um auf den eignen Herrn das grimme Schwert zu wenden. Schon blitzte hoch und hell des Tyrfings raſcher Strahl⸗ Schon ſollte ſich ſein Fluch an Arngrims Sohn vollenden, Schon drang die rothe Fluth hervor aus Bruſt und Mund, Und graͤßlich raſſelnd ſank Angantir auf den Grund. ——— Doch auch des Siegers Knie begann ſich jetzt zu neigen, Er ſtuͤtzte ſich aufs Schwert, und wankte bleich und ſchwach Der hohen Eiche zu, die nah mit breiten Zweigen Vielfaͤltig ſich verſchlang zum kuͤhlen Schattendach⸗ Dort ſaß er athemlos in traͤumeriſchem Schweigen⸗ Vor ſeinem Auge ſchwamm raſch wechſelnd Nacht und Tag. Doch laͤchelnd ſchien aus finſterm Todesgrauen Der Braut geliebtes Bild den Sieger anzuſchauen. 83. Und aus dem fernen Walde trat Auch Odur jetzt hervor mit neugeſtaͤrktem Leben. Er ſah von weitem ſchon des Freundes große That Und wollte freudig ſchon das Siegeslied erheben: Doch als er jetzt dem Baum genaht, Entſchwand ihm Wort und Muth, ſe ein Herz begann zu beben⸗ Und klagend, wie der Schwan die letzten Seufzer zieht, Erhob nach Nord'ſchem Brauch ſich dieſes Wechſellied: 4 84. ——„ Dreizehnter Geſang. 225 34. Wie iſt dein Panzer Von Blut ſo roth, Wie deine Wange So bleich vom Tod? Kalt liegt Angantir Am gruͤnen Hang; Doch ſchallt von Hialmar Kein Siegsgeſang? 85. Iſt Kleid und Wange 8 Mir roth und bleich, So iſt's vom Siege Und Tod zugleich, Und wenn vom Munde Kein Lied mir ſchallt, So folgt dem Todten Der Sieger bald. II. Theil. 15 —ͤͤͤͤſſ 8— Wie ſoll ichs klagen Der holden Braut, Die bang vom Ufer Heruͤber ſchaut? Nicht gruͤnt von Kraͤnzen Des Schiffes Rand, Die Wellen tragen Nur Blut ans Land. 87. Dies Ringlein golden, Das blutig raucht, Bis tief zum Herzen Hab' ichs getaucht; Das bring zum Pfande* Der Braut und ſprich: Er ſtritt und ſiegte Und ſtarb fuͤr dich⸗ Dreizehnter Geſang. 227 88. Und wie ein edler Baum, von dem das ſchwuͤle Wehen Des langen Sommers ſchon die Bluͤthen abgepfluͤckt, Eh Gruͤn und Leben ihm im Winterfroſt vergehen, Noch einmal prangend ſich mit bunten Fruͤchten ſchmuͤckt, Und reich und herrlich anzuſehen Durchs duͤrft'ge Waldgeſtraͤuch mit farb'gem Schimmer blickt, Und willig dann nach ſchoͤn beſchloßnem Leben Der Erde wiedergiebt, was ſie ihm einſt gegeben: 89. So hob der tapfre Held, nachdem das Lied verhallt, Noch einmal ſich empor; er ſtand in kuͤhnem Prangen, Die Arm' erſchloſſen ſich mit liebender Gewalt, Als wollt' er noch einmal die ferne Braut umfangen. Ein heller Glanz umfloß die herrliche Geſtalt, Ein holdes Morgenroth die todesbleichen Wangen, Dann neigt' er ſtill, der letzten Kraft beraubt, Zum langen Schlaf das jugendliche Haupt. 15* und Odur grub am Meer ein Grab mit duͤſterm Schweigen uUnd ſenkte weinend dort den theuren Freund hinein, Und pfluͤckte friſches Laub und Bluͤthen von den Zweigen, Um mit dem letzten Schmuck den Todten zu beſtreun; Dann ließ er hoch empor den gruͤnen Huͤgel ſteigen und ſetzt ein Mal darauf von mooſigem Geſtein. Auch pflauzt' er rings viel ſchattenreiche Baͤume, Daß gern der Wandrer einſt an Hialmars Huͤgel ſaͤume. 8 91 Auch fuͤr Angantir ward ein hohes Grab gebaut Im wuͤſten Haidenthal, wo Hialmar ihn erſchlagen. Doch ward die dunkle Gruft von Thraͤnen nicht bethaut, Nur Schlangen ſah man dort an gift'gen Kraͤutern nagen⸗ Kein Vater klagt' um ihn, kein Freund und keine Braut,* Kein Skalde ruͤhrte dort die Harf in ſpaͤten Tagen. 4 Der blut'ge Tyrfing nur, der ihm den Fluch gebracht/ War ſein Genoß in dunkler Grabesnacht. Dreizehnter Geſang. 229 92. Als Odur nun dies Alles treu vollzogen, Da fuhr er heim allein durchs weite Meer, Und leicht durchſchnitt ſein Schiff die raſchen Wogen, Mit Blut getraͤnkt, an Beut und Kriegern leer. Kein Lied erſchallte draus, und keine Wimpel flogen, Den Siegesboten gleich, mit buntem Spiel vorher; Nur Raben ſah man oft und Dohlen auf den Maſten, Durch keinen Klang verſcheucht, vom langen Fluge raſten. 93. Und als die Braut die duͤſtre Kund' empfieng, Da ſchwieg ſie lang. Sie nahm mit ſtarren Blicken Des Liebſten letztes Pfand, den blut'gen Fingerring, Um bald in an den Mund, bald feſt ans Herz zu druͤcken. Dann gieng ſie, wo der Fels zum Strande niederhieng, Und ſchaute ſtill hinab zum breiten Meeresruͤcken, Und erſt als ſpaͤt hervor die erſte Thraͤne drang, Begann ihr bleicher Mund den leiſen Klaggeſang: Caͤcilie. 94 So liegſt du blutig Vom harten Streit, Im Siegeskranze, Im Grabeskleid? So iſt dein Buſen Zum Tode wund, Dein Blick ſo dunkel, So bleich dein Mund?. 95. O Hialmar, Hialmar! Dich ruf' ich laut; Was ſchweigſt du, Hialmar⸗ Der treuen Braut?. Wohl haſt du ſterbend Auch mich genannt, und Sighild ſpielte Am fernen Strand. 4 Dreizehnter Geſang. 231 96. Hoch ſteht dein Huͤgel Am weiten Meer, Die Wogen brauſen Gar wild umher. Was ſtuͤrmt ihr, Winde? Was wogſt du, Fluth? Nie bebt der Huͤgel, Wo Hialmar ruht. 97- Von gruͤner Haide, Aus dunkelm Hain Kommt oft zum Grabe Das Voͤgelein. Dort ſingt es lieblich Im Huͤgelſtrauch. Der drinnen ſchlummert, Sang lieblich auch. CEaäcilie. 98. Weh, weh dir, Tyrfing, Von Blut ſo roth, Dich ſchliff der Vater Zum Sohnes⸗Tod! Weh dir, Angantir, Der Tyrfing ſchwang! Dein Name ſchwinde Aus Sag' und Sang! 99. Und weh dir, Sighild, Verlaßne Brant! Fern hat dein Liebſter Sein Haus gebaut. Dort ſchlaͤft er ruhig Auf kuͤhlem Moos— Wohl iſt's noch kuͤhler Im Meeresſchooß. Dreizehnter Geſang. 233 100. Von Hialmar ſchallet Die Wog' im Meer, Von Hialmar lispelt Der Wind umher. Ihr lockt ſo freundlich Die Braut hinab; So tragt ſie leiſe An Hialmars Grab! 101. Sie riefs und glitt hinab. Und wie mit leiſem Singen Die Muttertreu im Arm das muͤde Kindlein traͤgt, Und, daß die Strahlen nicht in's matte Aug' ihm dringen, Ihm loſ' ums kleine Haupt den zarten Schleier legt, So ſchien die linde Fluth ſie fluͤſternd zu umſchlingen, Vom ſanften Liebeshauch der Weſte nur bewegt. Bis ſtill zuletzt die lieblich lauen Wogen Mit leichtem Silberflor ihr holdes Haupt umzogen. 234 Caͤcilie. 102. Allein der Zauberſchmid, der ſelbſt das ſcharfe Schwert Zum Fall des Sohns gewetzt durch dunkle Runenlieder, Zerbrach mit ſtarker Hand den zauberiſchen Heerd 3 und ſprach: Nie leuchte hier die rothe Flamme wieder! und als er rings die Kluft mit maͤcht'gem Fluch zerſtoͤrt, Da ſtieg er zornentbrannt zum Meeresufer nieder uUnd ſteuerte mit rachedurſt'gem Sinn Im kleinen Kahn zu Hweens Geſtaden hin. 103. und als nun ſpat der naͤcht'ge Leichenrabe Am Huͤgel dort ſein grauſes Lied begann, Da öffnet' er ſich zu Angantirs Grabe Den dunkeln Pfad durch ſtarken Zauberbann, und nahm mit duͤſterm Blick die unheilvolle Gabe, Von der das kalte Blut noch troͤpfelnd niederrann. Und um am Todten noch des Sohnes Fall zu raͤchen, Begann er murmelnd ſo den ſchweren Fluch zu ſprechen: — *ß Dreizehnter Geſang. 235 104. unſelges Schwert, noch roth von Hialmars Mord, Kein Zauber tilgt, du fluchbeladnes Eiſen, Den blut'gen Spruch von deiner Schneide fort, Den ich dir eingeaͤtzt mit dunkeln Liederweiſen. Drum ſchlummre tief verhuͤllt am ewig finſtern Ort; Doch naͤchtlich ſoll dein Herr um deine Staͤtte kreiſen, Und wer verwegen einſt Angantir's Stahl begehrt, Der kaͤmpfe mit ihm ſelbſt ums hart verfluchte Schwert. 1 05. So ſprach der Greis und ſchloß des Grabes Riegel Und trieb den Kahn zuruͤck durchs wilde Meer. Und wenn das Dunkel naht, dann ringt aus ſeinem Huͤgel Angantir ſich hervor in blutbefleckter Wehr. Laut kreiſt um ſeinen Helm das naͤcht'ge Raubgefluͤgel, Laut heult der Wolf, die Schlange ziſcht umher. Doch wachend ſitzt der Geiſt auf hohem Grabesſteine und harrt, ob wohl ein Held zum kuͤhnen Kampf erſcheine. Anmerkungen. —— Stanze 6.— Bis dieſe Maͤhr' ihr ernſt vor⸗ uͤberzieht.— Dieſe Epiſode iſt den Hauptumſtaͤnden nach aus einer der beruͤhmteſten alten Nordiſchen Sa⸗ gen, der Hervararſage entlehnt, obgleich ihre Verwe⸗ bung in das Gedicht ſehr viele Veraͤnderungen, Abkuͤr⸗ zungen und Erweiterungen forderte. Deutſch findet man ie Hervararſage im erſten und zweiten Theile von Bragur, obgleich unpaſſend, erzaͤhlt, und eine mit ihr verwandte Ballade in Grimms altdaͤniſchen Heldenliedern. Stanze 11.— Denn ſrets, ſobald beim Kampf mit wildern Wellen— Man findet in den Nor⸗ diſchen Sagen mehrere Beiſpiele einer ſolchen unngtuͤr⸗ lichen Kampfwuth, die gewöoͤhnlich die erbliche Eigen⸗ ſchaft eines Geſchlechts war. Skanze 75.— Und Jorm u. ſ. w.— Zu dem Zau⸗ berſchloß der Brunhild der Chrimhild im Nibelungen⸗ liede), das rings mit Flammen umgeben war, ſuchte mancher Held zu gelangen, aber nur Sigurd(Sieg⸗ dafuͤr ſein eigen. Nach ſeinem tragiſchen Tode berede⸗ ten ſie ihre Bruͤder, dem Atle(Ezul, Attila) ihre Hand zu geben, der ſpaͤter, nach der Nordiſchen Sage, ohne ihren Willen, den Nifflungenſtamm durch Hinter⸗ liſt vertilgte. fried) fuͤhrte das Abentheuer aus und Brunhild ward „ a6 c i Vierzehnter Geſang. e. Vierzehnter Geſang. 1. So klang das Lied vom grauſen Tyrfingsſchwert. And wie bald hier bald dorthin auf den Zinnen Im Sturme ſich das raſche Faͤhnlein kehrt, So ſchwankt Thorildens Geiſt im zweifelhaften Sinnen. Wohl ſcheint ihr jeden Kampfs die maͤcht'ge Waffe werth, Um ſie zum ſtarken Schutz der Mauern zu gewinnen, Doch fruchtlos ſpaͤht ſie lang nach einem ſichern Rath, Der ohne Sorge ſie dem hohen Ziele naht. Caäaͤ cilie. 2⸗ Denn wer auch kuͤhn zur Gruft hinabgeſtiegen Und ſich das Schwert errang mit tapfrer Hand, Der mag in jedem Kampf die Feinde wohl beſiegen und wohl aus fremder Macht befrei'n ſein Vaterland, Doch muß er endlich ſelbſt dem harten Fluch erliegen, Den auf die finſtre Wehr der Meiſter einſt gebannt, Nur jener kann entfliehn, der nie die Kraft ergruͤndet, Die in der Waffe ſich zu Heil und Fluch verbuͤndet. 3. Und iſt des Schwertes Schrift, die dieſen Fluch erzaͤhlt, Auch laͤngſt veraltet ſchon und fremd ſeit vielen Jahren, So muß der Ritter doch, den ſie zur Fahrt erwaͤhlt, Der Sendung Ziel und Zweck aus ihrem Mund' erfahren; Und wenn ſie taͤuſchend auch die Wahrheit ihm verhehlt, Leicht koͤnnen Zeit und Ruf ſie kuͤnftig offenbaren, Und ihn vielleicht, woran ihr Herz am treuſten haͤngt, Ihn haͤtt' ihr eigner Rath zum Tode dann gedraͤngt. Vierzehnter Geſang. 241 4 So ſchlingt mit viel verworrenen Geſpinnſten Die Sorge ſich um ihren regen Geiſt, Bis ſie zuletzt aus manchen Zauberkuͤnſten Ein Mittel waͤhlt, das Sicherheit verheißt. Sie kennt ein Wunderkraut, in deſſen maͤcht'gen Duͤuſten Ein ſeltſam Gaukelſpiel die wachen Sinn' umkreist Und ſo durch raſchen Trug den klugen Geiſt verblendet, Daß Jeder ſchnell vergißt, was er noch kaum vollendet. 5. Wenn eben auch durch ſeinen ſtarken Arm Der bittre Feind den blut'gen Tod gefunden, Wenn auch der Gluͤckliche, vom ſel'gen Rauſch noch warm, Vom Herzen ſeiner Braut ſich eben losgewunden, Und wenn er eben auch des Lebens groͤßten Harm, Des Lebens groͤßte Luſt geduldet und empfunden: Genuß und Schmerz und Haß und Liebe flieht, Sobald dies Kraut vor ihm in bunten Flammen gluht. II. Theil. 16 Caͤ cilie. 6. Als nun die Prieſterin ſo kluͤglich ſich bereitet, Da ruft ſie Skiold und ſpricht zu ihrem Freund: Ein boͤſer Elf auf Hweens Geſtaden ſtreitet Fuͤr Lethra's Fall und ſchuͤtzt den kuͤhnen Feind, Und eh wir nicht ein zaubriſch Schwert erbeutet, In deſſen Stahl ſich ſeine Macht vereint, Eh wirds uns nie durch Kraft und Muth gelingen, Von Chriſti ſtolzer Schaar den Sieg uns zu erringen. 7. In tiefer Gruft im wuͤſten Haidenthal Liegt jenes Schwert vor jedem Blick vergraben. Ein grauſer Waͤchter ſchuͤtzt den wunderbaren Stahl, Sobald die Schatten ſich um's Grab gelagert haben. Hoch ſitzt er dort auf altem Felſenmal,. Den ſchwarzen Helm umziehn mit ſcheuem Flug die Raben, Von manchen Streichen iſt ſein Panzerkleid zerfetzt, Die Wange hohl und bleich, die Bruſt mit Blut benetzt. Vierzehnter Geſang. 243 8. Erbebſt du nicht, das Wagniß zu beginnen, So mußt du heute noch zum oͤden Eiland ziehn und ſein gewalt'ges Schwert dem Waͤchter abgewinnen, Sobald im Sternenkranz die duft’ge Nacht erſchien. Dann wird kein Feind vor deinem Arm entrinnen, und bald das ſtolze Heer zuruͤck zur Eider fliehn. Kuͤhn iſt die That; doch kuͤhne Werke lohnen Den Kuͤhnen mehr, als Andre Gold und Kronen. 9. Doch wenn du dann den harten Streit vollbracht, Dann ſaͤume nicht, noch eh die Schatten ſchwinden⸗ Dies Zauberkraut, ein Kind der ſtillen Nacht, In raſcher Gluth am Huͤgel anzuzuͤnden. Dies baͤndigt ganz des Elfen freche Macht, Bezwungen wird er dann in's Reich des Feuers ſchwinden, Und unverletzt durch deine tapfern Muͤhn Die Kreuzesroſ' in Odins Hallen bluͤhn. 16* Caͤ cilie. 10 So ſpricht die Zauberin; und Skiold, der ſtets mit Freuden Die Bahn betritt, wo's kuͤhne Thaten gilt, Eilt, ſchnell von neuem ſich mit Waffen zu bekleiden, Er nimmt den großen Speer, das Schwert, den breitenSchild, Und eh noch Nacht und Tag im Daͤmmerlicht ſich ſcheiden, Verlaͤßt er Lethras Thor und reitet in's Gefild Und waͤhlt, weil Zeit und Noth vorſichtge Eile fodern, Den Pfad, wo ſparſam nur des Lagers Feuer lodern. 11, Wie thuͤrmten Leichen hier ſich auf dem blut'gen Feld, und Helm' und Schilde rings und Schwerter und Geſchoſſe! Wie war der Feind dem Feind ſo friedlich oft geſellt, Wie dem Genoſſen oft ſo laſtend der Genoſſe! Tief unter ſchlechtem Volk lag hier ein tapfrer Held,. Erblichen ruhte dort der Reiter unterm Roſſe;, Das edle Thier, das er ſo oft geſchmuͤckt, So treulich ſtets gepflegt, das hatt' ihn jetzt erdruͤckt. Vierzehnter Geſang. 245 1 2. Auf jener Stirn war noch der Zorn zu leſen, Auf der die Angſt, auf jener wildes Draͤun, Und jener dort, der kuͤhn genug geweſen, Durch ſeinen Fall den Freund, den Bruder zu befrein, Schien durch des Feindes Schwert von groͤßerm Schmerz 1 geneſen Und durch den Tod dem Tod entflohn zu ſeyn. Faſt glaubte man, auf ſolchem Angeſichte Verweile freundlicher der Mond mit ſeinem Lichte. 13. Wie manches Wehrgehaͤng, wie manches Waffenkleid, Von zarter Liebeshand gewebt in ſel'gen Tagen, Lag jetzt zerriſſen hier, beſudelt und zerſtreut! Wie hatts oft Eines Tod ſo Manche mit erſchlagen! Wie ſchlief hier manches Herz, das vieles Leid ertragen, Und die es kraͤnkte, trug ſtatt ſeiner nun das Leid. Mit Trauern ritt der Held durch dieſe blut'gen Orte Und kam auf kurzem Pfad zur erſten Lagerpforte. Caäaͤeilie. 14. Dort ſchkummerten, ermuͤdet von der Schlacht,. Im Kreiſe rings die deutſchen Kriegsgeſellen. Kein Waͤchter iſt, der Thor und Zelt bewacht; Kein Spaͤher ſchaut von Thuͤrmen und von Waͤllen. Nur lodern einſam noch die Feuer durch die Nacht, Um weit das große Grab, ſo ſchien es, zu erhellen. Kein ſpaͤtes Lied, kein Reden ward gehoͤrt, Und nur im Traume hob noch mancher Lanz und Schwert. 15. Als nun der Held den ſtummen Kreis betreten, Da faßt ihn ſchnell der Rache blut'ge Pein. Wohl könnt' er leicht die muͤden Schaaren toͤdten Und weit die Gluth hinſchleudern durch die Reihn: Doch will ſein Schwert ſich nicht mit niederm Blute roͤthen, 3 Nicht ſeinen hellen Glanz durch naͤcht'gen Mord entweihn; Drum kehrt er dort ſich hin, wo edle Herrn und Grafen Und Nitter ſtark und kuͤhn in hohen Zelten ſchlafen. Vierzehnter Geſang. 247 16. Und wer am wuͤrdigſten ſich dort zum Kampf ihm beut, Der ſoll auf ſeinen Ruf vom Schlummer ſich erheben Und ehrlich im gerechten Streit Dem heißen Rachgefuͤhl des Helden Lindrung geben. Wohl draͤngt ihn Noth und Ort und Zeit, Doch kann dem kecken Wunſch ſein Herz nicht widerſtreben. Schon ſchaut ſein Blick von Zelt zu Zelt umher Und pruͤft Geſtalt und Autlitz, Schmuck und Wehr. 17. Da hoͤrt er dort, wo an des Lagers Walle Ein dicht Gebuͤſch zur Laube ſich verſchlingt, Ein holdes Lied, das bei dem ſuͤßen Schalle Des Saitenſpiels die ſtille Nacht durchdringt. Die Zweige woͤlbten ſich zu einer gruͤnen Halle, Von manchem bunten Licht durchzittert und durchblinkt, Und lieblich ſchien die Luft mit oft gehemmtem Rauſchen Bald mit dem leiſen Klang zu ſpielen, bald zu lauſchen. Caͤcilide. 18. Als nun der Held zum duftigen Geſtraͤuch Den leiſen Schritt des leichten Roſſes wandte, Da ſah er auf dem Gruͤn ein Lager ſchoͤn und weich, Um das ein bunt Gezelt die offnen Fluͤgel ſpannte, Dort lag ein Ritter matt und bleich, Den er ſchon fruͤher oft in dichter Schlacht erkannte; Manch blut'ges Troͤpfchen ließ auf Wang' und Kleid ſich ſehn, Doch ſchien ein linder Schlaf um ſeinen Mund zu wehn. 19. Und ſo wie oft in ſtiller Naͤchte Schweigen Zum Kinde, das im ſuͤßen Schlummer liegt, Aus ew'gen Hoͤh'n die Engel niederſteigen, Vom glaͤnzenden Gewoͤlk umfloſſen und gewiegt, Das holde Haupt bekraͤnzt mit gruͤnen Palmenzweigen, In leichten Silberflor den zarten Leib geſchmiegt, Und ſanft aufs Bett geneigt mit ausgeſpannten Schwingen 3 Vom ſel'gen Paradies ihm leiſe Lieder ſingen: —,—⏑H⏑Qñ̈:—:—j— Vierzehnter Geſang. 249 20. So ſah er an des Bettes Rand Drei holde Fraͤulein dort in reichen Kleidern prangen. Drei Harfen ruͤhrten ſie mit leichtbewegter Hand, Und waͤhrend leiſ' und ſuͤß die holden Lippen ſangen, War auf den Schlummernden ihr treuer Blick gewandt Und ſchien von Sorge feucht an jedem Zug zu hangen. Geſchmeid' umgab die Bruſt, das Haupt ein bunter Kranz, Gar lieblich angeſtrahlt von leichtem Zauberglanz. 21. Denn fluͤchtig zitterten an duftigen Geſtraͤuchen Viel Flaͤmmchen in Kriſtall mit tauſendfarb'gem Schein, Dem funkelnd holden Licht der Wuͤrmchen zu vergleichen, Die in der Sommernacht durchſchwaͤrmen Wieſ' u. Hain. Bald ſchien der zarte Glanz zu nahn und bald zu weichen, Bald irrend durchs Gebuͤſch die Funken auszuſtreun. Wohl war's, als ob den ſuͤßen Harfenklaͤngen, Den Liedesgeiſtern gleich, die Strahlen leicht entſpraͤngen. Caͤcilie. 22. Du ſtille Nacht, ſo ſang ihr holdes Lied, Auf deren Pfad der Schlummer niedergleitet, Ihr Sterne, die ihr hell am Himmel zieht, Und unſer Loos auf irren Bahnen leitet, Ihr Pflanzen, die ihr nah und fern entbluͤht, Und durch die Luft heilſamen Hauch verbreitet, Vereinigt euch in Milde, Duft und Schein, Um Ruh' und Heil dem Lieben zu verleihn! 23. Vergiß die Muͤh, des Kampfes heißen Drang! O ſchlummre ſuͤß, dann wirſt du bald geſunden, Wenn treuer Pfleg' ihr Hoffen je gelang. Wir warten dein in mitternaͤcht'gen Stunden Mit Sorg' und Schutz, mit Sang und ſuͤßem Klang. O moͤge bald beym kraͤftigern Erwachen Mit heiterm Licht dein friſches Aug' uns lachen! Du, ſchlummre ſuͤß! vergiß die tiefen Wunden, b Vierzehnter Geſang. 251 24. Erſtaunt vernahm der Held den ſuͤßen Ton Und lauſchte lang, verhuͤllt von dichten Zweigen. In ſeinem Aug' erloſch der Rache Drohn, Die Hand begann das blanke Schwert zu neigen. Des Kampfes blut'ger Wunſch war ſeiner Bruſt entflohn, Er wandte mildgeſinnt ſein Roß mit ernſtem Schweigen, Zog friedlich dann durchs ſtille Lager fort, Und ſprach bei ſich im frommen Wahn dies Wort: 25. Wohl kenn' ich euch, ihr goͤttlichen Walkyren, Ihr ſeyd genaht zur ernſten Todtenwahl, Und wollt empor den wunden Juͤngling fuͤhren Mit Siegesklang zu Odins Heldenmahl. Leicht koͤnnt' ichs an dem Reiz, der euch umwallte, ſpuͤhren, Am ſchlanken Goͤtterleib, am hellen Augenſtrahl. Kein lauter Schwerterklang, kein feindlich wildes Draͤuen Soll euer heiuges Werk, Schlachtjungfraun, jetzt entweihen. Caͤcilie. 25. So zog der Held verborgen durch die Nacht, Von keinem Feind erblickt und aufgehalten. Wohl war's ein falſcher Wahn, der ihn ſo mild gemacht; Nicht webten zaubriſch dort die himmliſchen Geſtalten, Die, wie der Normann glaubt, im wilden Drang der Schlacht Bald feindlich, freundlich bald, durch alle Reihen walten; Die Holden hatten dort in ihres Bruders Zelt* Zum ſchweſterlichen Dienſt dem Wunden ſich geſellt. 27. Aus Franken zog der Herr vom Egloffſteine Zum Kriege mit ins daͤniſche Gefild. Drei Schweſtern bluͤhten ihm im lieblichen Vereine, Nie ſah man reizender der holden Eintracht Bild. Wie zart und weich verſtreut ſich in dem Silberſcheine Der keuſchen Lilien ein goldner Staub enthuͤllt, V So ſtrahlte durch den Reiz der freundlichen Gebilde b Ein edler Schatz hervor von Geiſt, Gefuͤhl und Milde. Vierzehnter Geſang. 28. Wohl ließ im ganzen Frankenland Kein Fraͤulein lieblicher das Saitenſpiel ertoͤnen, Kein andres wußte ſo mit kunſtverſtaͤnd'ger Hand Durch Farb' und Stickerei das Schoͤne zu verſchoͤnen, Und wenn ein Saͤnger auch noch nie beſiegt ſich fand, Wohl konnt' er ſich durch ſie den Kranz entriſſen waͤhnen. Allein, was Kunſt und Geiſt den Holden auch verliehn, Doch mußt' es vor dem Reiz der Seele noch entſtiehn. 29. Als nun aus allen deutſchen Gauen Zum Krieg des Kaiſers Ruf die Edelſten entbot, Da achteten die treuen Frauen Die Trennung bittrer noch als Schmerz, Gefahr und Tod, und zagten nicht, der Fahrt des Heers ſich zu vertrauen, Dem wilden Meer, des Kriegers Muͤh' und Noth, Damit dem Liebling nur, an dem die ganze Seele Der holden Schweſtern hieng, nicht Pfleg' und Freude fehle. Dem vaͤterlichen Freund, dem holden Bruder nahn! 30. und als er nun in jener Schlacht Gar manche Wund' empfieng nach heldenmuͤth'gem Streite, Da wich der treue Kreis ihm nimmer von der Seite uUnd war auf Lindrung ſtets, auf Sorg' und Troſt bedacht. Daß freundlicher der Schlaf um ſeine Wangen gleite, Erfullten ſie vereint mit ſuͤßem Klang die Nacht Und ſchmuͤckten Laub' und Zelt mit Glanz u. bunten Bluͤthen, Um dem Ermachenden ein holdes Bild zu bieten. 31. Ihr Bluͤthen, die ihr jetzt die reichen Zweige ſchmuͤckt, Die von dem edeln Stamm durch manches Land ſich ſchlingen, O ihr, die freundlich oft mein wundes Herz erauickt, Mag bald der Himmel euch die Theuern wiederbringen, Die ſchon ſo manchen Kranz des Nuhmes ſich gepfluͤckt, Die auch noch jetzt das Schwert fuͤr Recht und Freiheit ſchwingen, Nie moͤge Schmerz und Tod auf ihrer blut'gen Bahn Vierzehnter Geſang. 255 3²2. Indeſſen ritt auf dunkelm Waldespfade Der kuͤhne Skiold, von fluͤcht'ger Haſt gedraͤngt; Und als die Sonne kaum aus naͤcht'gem Meeresbade Die goldnen Locken hob, mit kuͤhlem Thau beſprengt, Erſchien vor ſeinem Blick das hohe Felsgeſtade, Das mit gewalt'gem Arm der blaue Strom umfaͤngt. Laͤngſt harrend ſchien am Strand ein Fiſcherkahn zu liegen, Den Helden und ſein Roß durchs weite Meer zu wiegen. 33. Gleich einem goldnen Netz, das mannigfach verwebt Um einen Schleier ſich von zartem Silber breitet, So zeigt die Woge ſich, die leiſ' im Schaume bebt, Indeß der fluͤcht'ge Strahl auf ihrem Kraͤuſeln gleitet. Der Wind, der oft ſo rauh mit Strand und Welle ſtreitet, Gleicht jetzt dem Schmetterling, der um die Blumen ſchwebt⸗ So kann im Lieben auch oft wilder Zorn ſich regen, Doch ſuͤßer wird die Huld, wenn ſich die Stuͤrme legen. Caͤcilie. 34. Gleich einem Vogel ſchwebt der Kahn Durchs weite Meer dahin, daß raſch die Wimpel ſliegen. Faſt ſcheints, als ſey das All dem Kuͤhnen unterthan, Als muͤſſe Well und Wind nach ſeinem Wink ſich fuͤgen. Schon ſieht ſein ſcharfer Blick des Eilands Berge nahn, Um deren Haupt ſich noch die Morgennebel ſchmiegen, Schon thut die Bucht ſich auf, und am erhabnen Strand, Wo Hialmars Grab ſich thuͤrmt, betritt der Held das Land. 35. Längſt hatten dicht zum kuͤhlen Schattenhaine Die Baͤum' ums hohe Grab die Arme dort verſtrickt und hold und jugendlich mit vielverflochtnem Weine Und zartem Immergruͤn den alten Stamm geſchmuͤckt. Es bluͤhte mancher Kranz am weichbemoosten Steine, Als waͤr' er eben erſt von Freundeshand gepfluͤckt; Auch gruͤnten hier und dort umlaubte Raſenſitze, Dem Wanderer zum Schutz vor Regen, Sturm u. Hitze. 36. Vierzehnter Geſang. 257 36. Ein alter Hirt, von Jahren laͤngſt ergraut, Doch ruͤſtig noch in Mienen, Blick und Gange, Verweilte lange ſchon am gruͤnen Huͤgelhange Und hatt' aus Zweigen ſich ein Huͤttendach erbaut; Drum toͤnt' am Grab' es ſtets von kraͤftigem Geſange, Und weit durchs Meer erſcholl der Floͤte ſuͤßer Laut, Wenn weidend dort um ihren treuen Hirten Im hohen Grgs die weißen Laͤmmer irrten. 37. Dort landete der kuͤhne Daͤnenheld, Und freundlich ward von jenem biedern Greiſe Der edle Gaſt erquickt mit Trank und Speiſe Auf kuͤhlem Sitz im gruͤnen Laubenzelt. 33 Und wie ſich dann nach gaſtlich guter Weiſe Zum trauten Mahl manch trautes Wort geſellt, Da forſchte Skiold, wen jenes Grab enthalte, Und ſo begann mit heiterm Blick der Alte: II. Theil. 17 38. Laͤngſt hat die Zeit des Steines Schrift zerſtoͤrt, Drum weiß ich nicht den Namen dir zu ſagen; Doch hab' ich einſt ein altes Lied gehoͤrt, Hier ſey vordem in grauen Vaͤtertagen Ein kuͤhner Held durch ein verzaubert Schwert Im tapfern Kampf fuͤr Lieb' und Recht erſchlagen, Und trauernd hab', ob Bruder oder Braut, Ich weiß es nicht, ihm dieſes Grab gebaut. 39. Doch meyn' ich faſt, daß ihn die Braut beſtattet, deſſ ſe verweilt ihr Geiſt auf dieſen Hoͤhn, und benn die Nacht ſich mit dem Tage gattet und laulich rings die Abendluͤfte wehn, Dann pflegt das holde Paar, vom duft'gen Hain beſchattet, Im fluͤſternden Geſpraͤch am Huͤgel hinzugehn, Und wem es je gelang, die Freundlichen zu ſchauen, Dem wird wohl nimmermehr noch vor dem Tode grauen. Vierzehnter Geſang. 259 40. Er geht einher in ritterlicher Tracht, Mit goldnem Helm und glaͤnzendem Geſchmeide, Sie wandelt hold im himmelblauen Kleide, Das Haupt bekraͤnzt mit bunter Bluͤthen Pracht. So ſchweben ſie in ſuͤßer Eintracht Beide Und Arm in Arm, wie Sterne, durch die Nacht. Auch ſeh' ich auf dem Pfad, wo ſie voruͤberziehen, Seltſame Blumen oft, die Niemand kennt, entbluͤhen. 41. Dort laͤßt ſie lieblich oft die leiſe Harfe klingen In ihrem Schooße ruht ſein blond gelocktes Haupt, Sie ſcheint mit ſuͤßem Ton in Schlummer ihn zu ſingen. Dann zuͤrn' ich oft der Luft, die mir die Klaͤnge raußt, Um zum Geſchenk vielleicht den Blumen ſie zu bringen, Denn wirklich ſeh' ich auch, ſo bald die Harfe bebt, Wie ſich aus jedem Kelch ein buntes Flaͤmmchen hebt. 17* Dort, wo das Felſenmal mit Epheu ſich 19 Als einſt mich dieſer Strand vom wilden Meer geborgen, Und meinem Blick zuerſt das holde Paar erſchien, Beſchloß ich gleich, den Schmuck des Huͤgels zu beſorgen,⸗ Der Rettung, Schutz und Wohnung mir verliehn. Drum kraͤnz' ich jetzt an jedem neuen Morgen Das alte Mal mit Blumen und mit Gruͤn. Auch hab' ich oft fuͤr mein getreues Walten Von jenem ſel'gen Paar gar holden Lohn erhalten. 43. n wenn der Zufall einſt in Felſen und Geſtraͤuch Vor iner Heerde fern ein zartes Lamm entfuͤhrte, Und ſchon lang' umſonſt nach ſeinem Pfade ſpuͤrte, Dann kam ſie laͤchelnd oft, der jungen Hirtin gleich, Im buntbekraͤnzten Hut, und ſtatt des Stabes zierte Die luft'ge Geiſterhand ein bluͤh'nder Lilienzweig. So brachte ſie mit freundlicher Geberde Am ſilberhellen Band das Lamm zuruͤck zur Heerde. Vierzehnter Geſang. 2641 44. Auch oftmals, wenn ein Wolf aus dichtem Walde ſprang, Und ich mit nackter Hand umſonſt dem Raͤuber wehrte, Erſchien der edle Held in Waffen, ſchoͤn und blank, Und trieb das grimme Thier hinweg mit ſcharfem Schwerte. So giebt das holde Paar faſt taͤglich mir den Dank, Daß ich ihr ſchattig Grab mit frommen Haͤnden ehrte, Und ſo iſt wunderbar und ohne mein Bemuͤhn Zur reichen Heerde jetzt das Haͤuflein mir gediehn, 45. So ſprach der Hirt, indeß mit ſtiller Freude Ihm Ohr und Geiſt der Ritter zugewandt. Dann fragt' er auch nach jener wuͤſten Haide, Wohin ihn jetzt Thorildens Wort geſandt. Da ſchien's, als ob in Bleich ſich Jenes Wange kleide, Der Becher zitterte in ſeiner alten Hand, 4 Und als er bang nach jenen Oeden Den ſcheuen Blick gedreht, begann er ſo zu reden: 46. Nicht kann ich uͤber jenen Ort Dir ſichre Rede ſtehn; nie bin ich hingekommen, Denn immer ſcheuchte mich ein ſtilles Grauſen fort, Sobald ich vor dem Thal die wuͤſten Hoͤhn erklommen; Doch hab' ich oft von fern gar grimmen Klang vernommen, leich dumpfem Wehgeheul und Drohn und blut'gem Mord. Nicht red' ich gern davon; behuͤte Odins Gnade Doch jeden Wanderer vor jenem Schreckenspfade. 47. So ſprachen Beide dort, bis faſt die Sonne ſank, Im kuͤhlen Laubenzelt manch Wort aus alten Tagen. Dann rief der Held ſein Roß, das wiehernd zu ihm ſprang⸗ Und faßte Lany und Schwert, die tief im Graſe lagen. Nicht ſagt' er ſeinem Wirth, was ihn zum Scheiden zwang⸗ und dieſer ſcheute ſich, den maͤcht'gen Jarl zu fragen. Als Beyde freundlich nun die Hand Zum Gruße ſich gereicht, verließ der Held den Strand. Vierzehnter Geſang. 263 48. Erſt ritt er fort durch dunkler Waͤlder Schweigen, Durch Buſch und Dorn, durch Ranken und Geſtein. Schon lauſchte rings die Daͤmmrung auf den Zweigen, Verſchwommen'ſtand in grauen Duft der Hain. Doch bald begann der Mond hellleuchtend aufzuſteigen, Der Himmel kraͤnzte ſich mit Sternen groß und klein. Am Felſen und im Bach, durch Blaͤtter, Zweig und Ranken Suh man im bunten Spiel vielfaͤlt'ge Lichter ſchwanken. 49. Da oͤffnete verhuͤllt von weichem Gruͤn Sich eine Wieſenflur, bekraͤnzt mit ſchlanken Baͤumen. Ein Quell, in deſſen Fluth des Himmels Bild erſchien, Durchplaͤtſcherte das Gras mit ſilberhellem Schaͤumen; Man ſah an ſeinem Rand die ſpaͤte Roſe bluͤhn, Und duft'ge Veilchen dort zum zweiten Mal entkeimen; Und ohne Kunſt verwob ſich rings am klaren Bach Aus Reb' und Immergruͤn manch luftiges Gemach. Caͤcilie. 50. Doch dort, wo ſchnell mit oft gebrochnem Falle Durch manches Felſenſtuͤck das Baͤchlein ſich ergoß, Und hochgewoͤlbt, gleich einer gruͤnen Halle, Das uͤppige Geflecht den holden Strand umfloß, An welchem immer wach vom hellen Wellenſchalle Auf jedem ſchwanken Zweig, auf jedem bluͤh'nden Sproß Mit ſuͤßem Klang vielfarb'ge Voͤgel ſangen Und oft vom Bad erfriſcht die feuchten Fluͤgel ſchwangen: 51. Dort ruhte Arm in Arm das ſel'ge Liebespaar, Wovon der Hirt erzaͤhlt, zur Fluth hinab gebogen. Bis auf die Wellen ſchwamm ihr aufgeloͤstes Haar, Um deſſen blond Gelock goldhelle Strahlen flogen. Gar lieblich leuchtete im tiefen Glanz der Wogen Ihr leicht bewegtes Bild und lachte ſtill und klar. Wer hier und dort ſie ſah, der konnte ſchwer erkennen, Was luft'ges Schattenbild, was Urbild ſey zu nennen, . Vierzehnter Geſang. 265 52. Denn in der hellen Fluth, wo tief und unbegraͤnzt, Von Wolken nicht verhuͤllt, die blauen Luͤfte wallen, Wo leiß und leicht bewegt von rieſelnden Kryſtallen Mit Sternen uͤberſaͤ't der goldne Himmel glaͤnzt, Wohl ſchien's, als wohne dort das Paar in ſel'gen Hallen, Von lindem Wehn umſpielt, mit lichtem Schein bekraͤnzt, Und lieblich taͤuſchend ſey, vom Wellenſchwung befluͤgelt, Sein holdes Schattenbild zum Strand emporgeſpiegelt. 53. Doch ſah man ſie am bunten Strand Lebend'ger, bluͤh'nder dann, von waͤrmerm Hauch durchfloſſen, Von ſel'germ Liebeslicht das ſtill're Aug' entbrannt, Und friedlicher in's Gruͤn die Glieder hingegoſſen, Und wie um Locken rings und Antlitz und Gewand Thau glaͤnzte, Schimmer ſchwamm, Duft wehte, Blumen ſproſſen, Dann mußte bald ein jeder Zweifel fliehn, Daß hier der Himmel ſelbſt, dort nur ſein Bild erſchien. 266 Caͤcilie. 54¼. Wohl waͤhnte Skiold, es ſtroͤm' ein neues Leben Durch ſeine Bruſt, ein nie empfundnes Gluͤck. Da ſah er Sighilds Freund vom Ufer ſich erheben; Nicht ſchauerte das Roß bei ſeinem Nah'n zuruͤck. Wehmuͤth'ges Laͤcheln ſchien um ſeinen Mund zu ſchweben; So laͤchelt ſelbſt im Schmerz des Engels ſel'ger Blick. Er hob die Hand empor und ſchien von jenen Bahnen Halb bittend, warnend halb den Helden abzumahnen. 55. Der fuͤhlt ſchon Wunſch und Pflicht im Herzen ſich entzwei'n. Er ſteht und ſchwankt im ungewiſſen Sinnen; Da faͤllt der Goͤtter Noth, die hart bedraͤngten Zinnen, Sein ritterliches Wort, Thorildens Lieb' ihm ein. Er druͤckt die Augen zu und ſpornt ſein Roß von hinnen Und ſprengt in wilder Haſt hinweg durch Wieſ' und Hain. Schon hat er bald in Waldesfinſterniſſen Dem freundlichen Gebild, dem Zweifel ſich entriſſen. Vierzehnter Geſang. 267 56. Und rauher wurde Pfad und Wald, Dumpf ſauſ'ten auf den Hoͤhn die ſchwarzverflochtnen Tannen, und Felſen thuͤrmten ſich in wechſelnder Geſtalt, Um die, den Schlangen gleich, ſich braune Flechten ſpannen. Bald ſenkten Hoͤhlen ſich und jaͤhe Schluͤnde bald, Durch deren tiefe Nacht verhuͤllte Stroͤme rannen, Indeß mit Muͤhe nur durchs dunkle Fichtengruͤn Der Mond zum Taͤuſchen mehr als zum Erleuchten ſchien. 57. Doch als der Wald ſich endlich aufgeſchloſſen, Da zeigte ſich ein Huͤgel wuͤſt und kahl, Wo ſparſam nur verwachſ'ne Straͤucher ſproſſen uUnd duͤrft'ges Moos und Haide duͤrr und fahl. Dann ſenkte bald, vom Mondlicht bleich umfloſſen, Sich ſchauerlich ein rund umhegtes Thal. Hoch ragten rings die nackten Felſenwaͤnde, Als ſey das Reich des Lebens dort zu Ende. Caͤcilie. 58. Dumpfſchweigend lag der matt erhellte Raum; Kein Vogel ließ, kein naͤchtlich Thier ſich ſehen, Die Grille ſchwieg, das Luͤftchen wagte kaum Ein banges Wort dem Luͤftchen zuzuwehen. Es ſchien, als neige ſchwer ein mitternaͤcht'ger Traum In wuͤſter Mißgeſtalt ſich uͤber Thal und Hoͤhen, Als ſchaue dort aufs fluchbeladne Grab Der bleiche Mond viel bleicher noch hingb. 59. Emporgethuͤrmt aus maͤcht'gen Felſenſuͤcken Erhob der Huͤgel ſich mit rauhgezacktem Rand, Nicht wollte Blum' u. Gras die Gruft desFinſtern ſchmuͤcken, Der Lieb' und milde Luſt und Mitleid nie gekannt, Nur Dornen ſah man dort und Diſteln ſich verſtricken, Dem ſchwerverfluchten Mal ein wuͤrdiges Gewand. Ein enges Thor verſchloß mit ehrnem Riegel Den dunkeln Pfad zum tiefen Grabeshuͤgel, Vierzehnter Geſang. 269 60. Der Held verließ ſein Roß und wand durch Stein u. Dorn Zur Pforte ſich empor auf nie betretnen Wegen. Er ſtieß mit lautem Klang in's maͤcht'ge Kriegeshorn Und ſchlug ans hohe Grab mit dumpfen Schwertesſchlaͤgen. Die Tann' am Bergeshang, die Well im Felſenborn, Die Haid' im wuͤſten Thal begann ſich bang zu regen, Und ſelbſt die Nacht erſchrak, die um den Huͤgel ſchlief, Als ſo der tapfre Skiold die kuͤhnen Worte rief: 61. Auf, Wichter, auf zum Streit! zerbrich des Sarges Klammer, Erhebe, grimm Gebild, dich aus der traͤgen Raſt! Noch einmal nimm den Schild, den Speer, den ſchweren Hammer, Umgieb den morſchen Leib mit ehrner Waffenlaſt! Auf, Waͤchter, auf zum Streit! verlaß die dunkle Kammer! Dein harrt der Skiold! hervor, du finſtrer Hoͤhlengaſt! Der Skiold von Roskild ruft und heiſcht zur Siegesbeute Des Huͤgels Schwert von dir! auf, Waͤchter, auf zumStreite! Caͤcilie. 62. Als ſo der Held den grauſen Geiſt beſchwor, Begann ein kaltes Wehn durch Haid' und Buſch zu ſchauern,* Der Mond verhuͤllte ſich in truͤben Wolkenflor,. Und bang ſchien Wald und Thal zu horchen und zu lauern. Dicht thuͤrmten ob den Felſenmauern, Vom nahen Sturm gedraͤngt die Wolken ſich empor, Und dehnten laͤnger ſtets, wie Bilder voller Grauen, Die Rieſenhaͤupter aus, dem Kampfe zuzuſchauen. 63. Schon brach der Sturm durch Wolk' und Duft, Schon ſah man hell den Blitz die dichte Nacht zertheilen, Auf fernem Waldespfad, in wuͤſter Felſenkluft Begann der rothe Wolf ſein Leichenlied zu heulen, Und Raben flatterten und Geier rings und Eulen Mit lautem Fluͤgelſchlag, rauh kraͤchzend, um die Gruft. Wo fruͤher kaum der Puls des Lebens ſich gehoben, War Blitz und Donner jetzt, Verheerung, Sturm u. Toben. Vierzehnter Geſang. 271 64. Und aus des Huͤhnen Grabe drang Ein duͤrres Raſſeln erſt und grauſenvolles Stoͤhnen, Dann ſchallt' es dumpf hervor wie roſt'ger Waffenklang, Ein ſtockend Lied begann in unverſtandnen Toͤnen, Als ſuche muͤhſam ſich zum alten Schlachtgeſang Der langverſchloßne Mund von neuem zu gewoͤhnen. Der Riegel knarrte ſchon, ſchon ſprang des Grabes Thor, Und hoch und drohend ſchritt das grimme Bild hervor. 65. Wie dunkel oft aus Hekla's tiefen Kluͤften Mit breiter Schwing' ein Dampfgewoͤlk ſich hebt, Das, dann vermiſcht mit mitternaͤcht'gen Duͤften, Zur rieſigen Geſtalt ſich gliedert und belebt Und als ein Schreckgeſpenſt in ſchwarzbezognen Luͤften Mit wuͤſtverwirrtem Haar und finſterm Antlitz ſchwebt, Indeß um ſeinen Pfad die hellen Blitze lodern, Und drohend Sturm u. Sturm zum raſchen Kampf ſich fodern: Caͤcilie. 66. So hob das ſtarre Rieſenbild Aus ſeiner tiefen Gruft die ungeheuren Glieder. In kaltes Eiſen war die kaͤltre Bruſt gehuͤllt. Die Laſt der Kolbe zog den morſchen Arm hernieder; Viel Raben flatterten um ſeinen roſtgen Schild, 3 Auf ſeinem Helme ſchwang ein Geier ſein Gefieder. Wie Wind und Flamme ringt auf hohem Meeresthurm, So miſchten um ſein Haupt ſich kaͤmpfend Blitz und Sturm. 67. Das breite Helmviſier war hoch emporgeſchlagen, Und unbewegt erſchien das bleiche Angeſicht, Wo tief im hohlen Kreis die ſtarren Augen lagen, Erloſchnen Nerven gleich, entfaͤrbt und ohne Licht. Schwer ließ ſich einſt der Blick des Lebenden ertragen, Des Todten mattes Aug' ertrug der Kuͤhuſte nicht. Im Winde flatterten die weit zerſtreuten Locken, Nie ward die wunde Bruſt von ſchwarzem Blute trocken. 68. Vierzehnter Geſang. 273 68. Und als er jetzt aus ſeiner Hoͤhle trat, Begann noch welker ſich die Wuͤſte zu entfaͤrben, Es ſank das duft'ge Moos, der Halme duͤnne Saat, Was müuͤhſam ſich genaͤhrt, nun mußt' es ganz verderben. Selbſt kuͤnft'ger Jahre Keim erſtarb auf ſeinem Pfad, Und ſeine Spuren nur ſah keine Zeit erſterben. So unerbittlich war von raͤcheriſcher Hand Des Todes ew'ger Fluch auf ſeine Bahn gebannt. 69. Wie oft ein Sturm in engen Bergeshallen Sich heulend regt im unwillkommnen Zwang, So ließ das Nachtgeſpenſt die hohle Stimme ſchallen Und gruͤßte ſeinen Feind mit fremdem Schlachtgeſang. Dann hob's den ſchwarzen Schild und ließ die Kolbe fallen, Die wie ein Donnerkeil ſich durch die Luͤfte ſchwang; Vom erſten Schlage ſchon ward Berg und Thal erſchuͤttert, Der Felſengrund zerſprengt, des Helden Schwert zer⸗ ſplittert. II. Theil. 18 Eaᷓcilie. 70. Doch mit dem maͤcht'gen Hieb entſchwand Auch ſchon die letzte Kraft den laͤngſt ermorſchten Knochen. Wie ſchnell in ſchwarzer Kluft die gluͤhnden Haͤmmer pochen, So ſchwang der Daͤne jetzt die Keul' in ſtarker Hand, uUnd graͤßlich raſſelte von ehrner Kraft zerbrochen Das ſplitternde Gebein im roſt'gen Kriegsgewand. Wie hell am Harfenſpiel zerſprengte Saiten klingen, So hoͤrte man das Band der ſtraffen Sehnen ſpringen. 71. und wie ein kuͤhner Thurm, der einſt mit ſtolzer Macht Die hohe Burg beſchuͤtzt, vom Alter jetzt verwittert, Mit grau bemoostem Haupt in's Thal herniederkracht, Wenn in den Fugen ihn ein ſtarker Sturm erſchuͤttert: So ſinkt das Rieſenbild hernieder durch die Nacht, Die Ruͤſtung klirrt und bricht, der Boden ſeufzt und zittert; Doch eh der dunkle Geiſt der grauſen Hüll entfaͤhrt, Wird aus dem bleichen Mund noch dieſes Wort gehoͤrt: Vierzehnter Geſang. 275 72. Was prangſt du, Skiold, daß du mich uͤberwunden, Der freudig jetzt in ew'gen Schlummer ſinkt? Auch dich umhuͤllt nach karggemeßnen Stunden Der Tod, der um dein Haupt ſchon jetzt die Fluͤgel ſchwingt. Noch iſt von ſeinem Fluch der Tyrfing nicht entbunden, Nicht neid' ich dir den Sieg, der grimme Noth dir bringt, Schon ſeh' ich Mutterblut an ſeinem Eiſen wallen, Und von des Bruders Hand durch ihn den Bruder fallen, 73. So ſprach der Geiſt u. ſchwieg; doch kuͤhn verſetzte Skiold: Was drohſt du, grimm Gebild, mit Tod mir und Verderben! Wohl weiß ich, daß auch mir der dunkle Wurfel rollt; Nicht ſoll bei ſeinem Fall mein Antlitz ſich entfaͤrben. Wer kuͤhn gelebt, der weiß auch kuͤhn zu ſterben, Denn tapfre Thaten nur ſind tapfrer Thaten Sold. Mein iſt der Sieg, und mein ſind Beut und Ehre! Was folgt, das weiß ich nicht, noch ſchreckt michs, wenn ich's hoͤre! 18* Er ſprach's und ſchlug mit hartem Stoß Das Thor der finſtern Gruft, und alle Riegel ſprangen, Dann ſchleppt er ſeinen Feind empor durch Dorn u. Moos, Daß hell die Stein' um's Grab am roſt'gen Panzer klangen, Und barg im dunkeln Huͤgelſchooß Den Leib, den duſter jetzt der ew'ge Schlaf umfangen. Drauf zog er aus dem Schutt, der drinnen ſich gehaͤuft, Das Schwert, das ſchon ſo oft von grauſem Mord getraͤuft. 75. Wie manches Blut auch auf die Schneide ſpruͤhte, Noch ward kein Roſt daran, noch keine Schart' erkannt⸗ So trefflich war der Stahl an Dauer, Kraft und Guͤte, So kuͤnſtlich war das Schwert gefuͤgt von kluger Hand. Lang ſchaute Skiold es an; ſein ſcharfes Auge muͤhte Umſonſt ſich an der Schrift, die auf der Klinge ſtand. Dann hob er's hoch in ſtarken Haͤnden und pruͤfte Schneid' und Schwung an Strauch und Fel⸗ ſenwaͤnden. Vierzehnter Geſang. 277 76. Nicht zuͤrn' ich, daß der Feind die Waffe mir zerſchlug, So ſprach er jetzt, nie tauſcht' ich mehr mit Freuden. Scheint's doch, als ſchwinge ſich das Schwert mit eignem Flug, Ass fuͤhl' es eigne Luſt am Hauen und am Schneiden! Faſt waͤhn' ich, edler Stahl, lebendig dich und klug; Drum ſey mir treu und hold; der Tod nur ſoll uns ſcheiden. Hat auch mit mancher Schmach dein Waͤchter dich belegt, Gut wird auch boͤſes Schwert, wenn gute Hand es traͤgt. Und wenn ich auch nur kurze Zeit dich ſchwinge, Wie ſcheidend mir der finſtre Feind gedraͤut, Vielleicht, daß ich durch dich ſo Herrliches vollbringe, Daß manch Jahrhundert lang ſich dehnt die kurze Zeit. So ſprach der Held zu jener falſchen Klinge, Die er erkaͤmpft zu Schmach und bitterm Leid. Nie ſollt in ſeiner Hand das Schwert im Kampfe blitzen, Und bald ſein eignes Blut von Tyrfings Schueid' entſpritzen. Und als er mit dem ſcharfen Stahl Sich nun umguͤrtet hat, da zuͤndet er behende Ein helles Feuer an, wie ihm die Braut befahl, Daß gaͤnzlich, wie er waͤhnt, die Macht des Elfen ende. Hellleuchtend thuͤrmen ſich ums alte Rieſenmal Vielfach geſtaltet jetzt die nackten Felſenwaͤnde. Schon flammt das Zauberkraut, das ſtille Kraͤfte naͤhrt, Am Huͤgelſtein empor, von raſcher Gluth verzehrt. 79 Als hoͤher nun die Flammen ſich erheben, Entſteigt ein dichter Dampf der zauberiſchen Gluth. Er wallt zum Himmel auf mit luftig leichtem Schweben Und wogt um Berg und Thal mit weitgedehnter Fluth, Und drinnen weht und ſchafft ein wunderbares Leben, 1 Das auf und nieder ſchwimmt und nimmer ſaͤumt noch ruht. Die Farben, die den Hain, die Berg' und Wieſen zieren, Beginnen, bunt vermiſcht, ſich in dem Strom zu ruͤhren. Vierzehnter Geſang. 279 80. Und als der rege Geiſt ſein ſeltſam Werk vollbracht, Da laſſen Berg und Thal ſich ganz verwandelt ſehen. Vom Sonnenlichte glaͤnzt die truͤbe Mondennacht, Weit dehnt die Schlucht ſich aus, umhegt von ſanften Hoͤhen, Hier ſteigt ein Wald empor in uͤppig holder Pracht, Hier ſieht man reife Saat und Wieſen dort entſtehen, Dort ſchwimmt ein heller Teich, bekraͤnzt mit dichtem Gruͤn, Dort ſcheint ein klarer Quell durch bunte Au'n zu fliehn. 81. Und Fruͤchte, die noch nie ein ſterblich Aug' erblickte, .Egglaͤnzten ſchoͤn gefaͤrbt an Ranken, Strauch und Zweig, Und Blumen, wie noch nie des Menſchen Hand ſie pfluͤckte, Bekraͤnzten rings umher das holde Zauberreich. Ein irrend Licht, ein bunter Schimmer ſchmuͤckte Gebirge, Flur und Thal und Wellen und Geſtraͤuch. Vom fernen Libanon und von Hymettus Hoͤhen Schien uͤbers weite Meer der ſuͤße Duft zu wehen. 8². Nings ſahe man im bunten Hain Zu Lauben ſtill und kuͤhl die Zweige ſich verweben, Und Grotten dehnten ſich in's mooſige Geſtein, Von Quellen ſanft beſpuͤlt, verhuͤllt von gruͤnen Reben. Auch ſtanden Zelte rings voll reicher Stickerein, Mit Wimpeln bunt geziert, von ſeidnem Stoff umgeben. Viel Schloͤſſer hoben ſich auf Berg und Fels empor, Und aus den Buͤſchen ſah manch Schaͤferdach hervor. 83. Von Feſten ſchallt' es rings„von Spiel, Geſang und 3 Freude; Hier flog ein leichter Schwarm im Wettlauf durch die Au'u, Und Ritter kaͤmpften hier im glaͤnzenden Geſchmeide Und ſaßen traulich dort im Kreiſe ſchoͤner Frau'n. Dort ließen zart im leichten Kleide Die Schaͤferinnen ſich auf weichen Wieſen ſchau'n. Sie ſchlangen Hand in Hand zu vielverflochtnen Taͤnzen Und ſchienen holder noch die holde Flur zu kraͤnzen. Vierzehnter Geſang. 281 84. Ein andrer Schwarm begann, zur freud'gen Jagd Auf hohem Roß am Berg emporzuziehen. Schoͤn glaͤnzt ihr ſchlanker Leib in reicher Jaͤgertracht, Auf ihren Wangen ſchien ein ſtolzer Muth zu bluͤhen. Laut ſchallte ſchon das Horn durch Berg und Waldesnacht, Die Kluͤfte zitterten, das Wild begann zu fliehen, Hoch ſchwang der edle Falk ſich aus des Jaͤgers Hand Und hielt im ſtillen Flug die Fluͤgel ausgeſpannt. 85. Doch Andre ſchaukelten ſich friedlich auf den Wogen Und ſchmuͤckten hold mit Kraͤnzen ihren Kahn. Bald ruhten ſie, wo tief hinabgebogen Zur hellen Fluth die Zweige niederſahn, Vald ſtrebten ſie dem Fels, vom Immergruͤn umzogen, Und bald dem bluͤhnden Strand der Inſeln ſich zu nahn. Hell perlte dort der Wein im glaͤnzenden Kryſtalle, Und Well' und Ufer klang von ſuͤßem Saitenſchalle. Cäcille. 86. 1 Manch liebend Paar, das ſich der Meng' entſtahl, Saß koſend dort an dunkeln Waldesſtellen, Dort auf umranktem Sitz im blumenreichen Thal, 4 Auf weichem Mooſe dort am Rande klarer Quellen. Im Blick des Juͤnglings ſprach der Liebe Luſt und Qual⸗ Die bange Jungfrau ſah erroͤthend auf die Wellen, 3 Dann ſank ſie ſanft mit leicht bewegtem Sinn In ſeinen Arm zum erſten Kuß dahin. 37. Auch Dichter wandelten, vom holden Traum umfangen, Von ihrem Gott gefuͤhrt, durch Wieſ' und Thal zerſtreut, Die zu der Harfe Ton viel hohe Lieder ſangen Von Lieb' und Heldenruhm aus alter Vaͤterzeit. Man ſah ihr heil'ges Haupt in gruͤnen Kraͤnzen prangen, Manch edler Schmuck umgab ihr feſtlich helles Kleid. Aus ihren Harfen ſchien ein goldnes Licht zu ſpringen, Und durch die Saiten ſich ein ſel'ger Geiſt zu ſchwingen. 4 Vierzehnter Geſang. 4 88. Erſtaunt und ſchweigend ſtand der Held, Von Duft u. Glanz entzuͤckt, von Taͤnzen, Spiel u. Klaͤngen. Faſt war's, als ſey fuͤr ihn die Feyer angeſtellt, So froh begann der Schwarm ſich um ihn her zu draͤngen. Die lacht' ihm freundlich zu, der lud ihn hold in's Zelt, Die kraͤnzt ihm Helm und Schild, der pries ihn in Geſaͤngen. Auch ſchien's ihm bald durch maͤcht'ge Zauberei, Als ob er hier und dort und ſtets doch ſelber ſey. 89. Dort ſchifft' er durch die Fluth und waͤhnte dort zu jagen, Indeß er dort im leichten Tanz ſich ſchwang. Er war's, der hier und dort mit kuͤhnem Liebeswagen Im Thal, am Quell, im Hain nach holder Minne rang. Dort glaubt' er ſuͤß das Saitenſpiel zu ſchlagen, Und doch war er's, zu deſſen Preis er ſang. So ſchien's, als wollten hier aus einem ganzen Leben Die bunten Bilder ſich in einen Punkt verweben. 284 Eeilii e. 90. Doch als die Gluth erloſch am alten Mal, Da riſſen ſchnell des Dampfes Zauberwogen: Vom Himmel ſah des Mondes bleicher Strahl, Vom truͤben Grau der Wolken oft umzogen. Die Haide zeigte ſich, das Gras, das enge Thal, Duft war und Glanz, Spiel, Klang und Luſt entflogen; Nur grauſer ſchien auf ſchroffen Felſenhoͤhn Der Hauch der Nacht durch Haid' und Strauch zu wehn. 91. Was du gefuͤhlt, als einſt in ſel'gen Traͤumen, Da ſchon der Kreis des Todes dich umzog, Dein Geiſt, Caͤcilie, aus niedern Erdenraͤumen, Von glaͤub'ger Kraft beſchwingt, zur holden Heimath flog, Und kuͤhl umſaͤuſelt dort von Paradieſesbaͤumen Das Wehn der rein'ren Luft mit durſt'gen Zuͤgen ſog, Doch traurig dann zuruͤck zur Welt ſich ſenkte, Die nie verdient, daß Gott dich einſt ihr ſchenkte: Vierzehnter Geſang. 285 92. Das fuͤhlte Skiold, als ihm das Bild entſchwand. Zum erſten Mal ergriff ihn leiſes Beben, Als er ſo einſam ſich am duͤſtern Grabe fand, Von Haide, Fels und Nacht, von Grau'n und Tod umgeben. Ihm ſchien's, als hab' er juͤngſt ein ſel'ges Liebesleben Vom wilden Rauſch bethoͤrt, mit raſchem Lauf durchrannt, Und ewig ſoll er nun, den kurzen Wahn zu buͤßen, Sich in die Daͤmmerung der oͤden Schlucht verſchließen. 93. Nicht wußt' er, was ihm juͤngſt Thorildens Wort ver⸗ traut; Was er noch kaum gehoͤrt, geſehn und unternommen, War alles wunderbar verwoben und verſchwommen, Wie dem, der fern in's Land der fruͤhen Kindheit ſchaut. Nur dunkel ſchien es ihm, er ſey durchs Meer gekommen Auf kleinem Fiſcherkahn im Dienſte ſeiner Braut. Auch ſah er in der Nacht, die daͤmmernd ihn umwebte, Den fremden Tyrfing nicht, der ihm am Guͤrtel ſchwebte. Caͤcilie. 94. Wie kam ich her? was hab' ich hier vollbracht? So rief er jetzt, was wollt' ich nun beginnen? Was ſteh' ich hier im Traum und dumpfem Sinnen An dieſer Gruft ſo einſam in der Nacht? Indeß zum Sturm vielleicht auf Lethra's hohe Zinnen Der ſtolze Feind ſich naht mit großer Kriegesmacht. Hinweg, hinweg! Was eben mich bethoͤrte, Dem ſinn ich ſpaͤter nach; jetzt ruft die Noth zum Schwerte. 95. So ruft er aus und ſprengt auf hoher Bahn Durch Haid' und Fels. Schon iſt der Wald durchflogen, Schon hoͤrt er fern des Meeres heiſche Wogen, Schon langt er an, ſchon tritt er in den Kahn. Noch iſt von dunkler Nacht die weite Fluth umzogen, Man hoͤrt nur dumpf die Wellen fliehn und nahn, Und einſam ſchwimmt dasSchiff, von Menſchengruß u. Rede, Von jedem Blicke fern, hinuͤber durch die Oede. Vierzehnter Geſang. 287 96. Als nun allein auf wuͤſtem Meer Der Ritter durch die Nacht im engen Kahne ſchwebte, Wo nur die Woge ſcholl, und weit und breit umher Kein Vogel flatterte, kein kleines Wuͤrmchen lebte, Da war's, als ob ſein Herz von ſtillem Grau'n erbebte, Auf ſeine Seele ſank ein Schleier truͤb' und ſchwer, Und traurig ſchien ein dunkles Todesahnen Aus Welle, Wind und Nacht den Sinnenden zu mahnen, 97· Das war des Schwertes grimmer Fluch, Der ihn ſchon jetzt umſpann mit tief verborgnen Schmerzen. Vergebens ſchalt der Held mit ſeinem tapfern Herzen, Das ſonſt ſo kuͤhn und frei im Sturm und Kampfe ſchlug; Nur naͤchtlicher begann ſich ſein Gemuͤth zu ſchwaͤrzen, Bis ihn die raſche Fluth zum dunkeln ufer trug. Schnell ſtieg er aus und trieb mit blut'gen Spornen Sein muͤdes Roß durch Wald, Gebuͤſch und Dornen. 288 Cag;cilie. Vierzehnter Geſang. 98. Doch als dem Thier' und ihm die letzte Kraft entflieht, Da gaͤhnt auf wilden Waldeswegen Ihm eine Felſenkluft mit finſterm Thor entgegen, Die weit ſich in den Berg mit mancher Kruͤmmung zieht. Dort denkt der muͤde Held der kurzen Ruh zu pflegen, Bis fruͤh am Himmelsſaum das Morgenroth entbluͤht. Er facht ein Feuer an und ſtreckt die matten Glieder Bei heller Gluth zum ſuͤßen Schlummer nieder. Anmer⸗ Anmerkungen. Stanze 8.— Ein boͤſer Elf auf Hweens Ge⸗ ſtaden ſtreitet— Die Elfen oder Alfen der Nor⸗ diſchen Mythologie ſind verſchieden von denen des deut⸗ ſchen Volksglaubens. Es gab zwei Gattungen, ſchwarze und weiße, und ſie waren bald freundlich bald feindlich. Stanze 34.— Schon ſieht ſein ſcharfer Blick des Eilands Berge nahn— Die Inſel Hween, ſpaͤter berüͤhmt als Tycho Brahe's Wohnſitz, gleicht ganz einem waldigen Berge und liegt zwiſchen den Kuͤ⸗ ſten von Seeland und Schweden in der Mitte. Stanze 61.— Auf, Waͤchter, auf zum Streit. — Solche Kaͤmpfe mit Geſpenſtern kommen oft in der Nordiſchen Sage vor, und ſind der Gegenſtand mancher noch jetzt beruͤhmten Romanzen. Auch Bartholin in ſeinen Antiq. Dan. fuͤhrt mehrere Beiſpiele davon an. Stanze 73.— Was drohſt du, grimm Gebild, mit Tod mir und Verderben?— Skiold ant⸗ wortet beinahe daſſelbe, was Achill am Ende des neunzehnten Buchs der Ilias ſeinen Pferden antwor⸗ tet, die ihm den Tod prophezeihen. II. Theil. 19 6ä c i i. e. Fuͤnfzehnter Geſang. Fuͤnfzehnter Geſang. —— 1. Indeß war Adalbert, der in der letzten Nacht Durch Wald, Gebirg' u. Thal, den Freund zu retten, ſprengte Und dann, verirrt und muͤde von der Schlacht, 4 Im wuͤſten Felſengrund zur Ruh ſich niederſenkte, Aus tiefem Schlummer aufgewacht, Als ſchon der ſpaͤte Tag die Roſſe niederlenkte; So lange hielt ein ſel'ges Traumgebild Mit ſußem Trug ihm Aug' und Geiſt umhuͤllt. Caͤccilie. 2‧. Ihm ſchien's, als nahe ſich, von goldnem Licht getragen, 3 Nicht mehr wie ſonſt von ſtillem Schmerz getruͤbt, Die holde Frau, die ſchon in fruͤhen Tagen So freundlich ihn geleitet und geliebt Und dann ſein Herz gelenkt, das kühne Werk zu wagen, Das fruͤhen Tod und ew'gen Ruͤhm ihm giebt. Nur leiſ' umſchwebten noch ſie jetzt die duͤſtern Schatten, Die ſonſt ihr lichtes Bild ſo truͤb' umdaͤmmert hatten. 3. Wie vor dem Tag, noch eh' er ganz ſich hebt, Vom Widerſchein des fruͤhen Lichts entzuͤndet, Das Morgenroth als holde Botin ſchwebt Und hell und hehr den milden Gott verkuͤndet, Indeß der Duft, der um die Flur ſich webt, 8 Allmaͤhlig reißt und kaͤmpfend wogt und ſchwindet, Und bei dem Roſenglanz, der um die Erde fließt, Schon Vogel, Blum' und Blatt das nahe Heil begruͤßt: Fuͤnfzehnter Geſang. 295 4. So ſah man auch in ihren ſel'gen Blicken Den Widerſchein der nahen Luſt entbrannt, Als ſollte bald ein heller Licht ſie ſchmuͤcken, Ein ſchoͤnrer Kranz, ein goͤttlicher Gewand. Auch ſchien ihr Nahn ſchon jetzt die Erde zu erquicken, Und Blumen dufteten und bluͤhten, wo ſie ſtand; Um alle Hoͤhn, um alle Thaͤler wehte Ein holder Glanz wie Gold und Morgenroͤthe. 5. Sie neigte ſich zu ihm mit ſtiller Zaͤrtlichkeit Und ſprach mit leiſem Ton: O ſchlummre jetzt mit Frieden Nur wenig Stunden noch ſind deinem Loos beſchieden, Und wohl bedarfſt du Kraft zum letzten, bittern Streit. Viel kaͤmpfteſt du, viel wagteſt du hienieden, Fuͤr fremdes Gluͤck ertrugſt du großes Leid; Nicht wußteſt du, fuͤr wen du es ertragen, Doch wird dir bald die ſchoͤne Wahrheit tagen. Caäaͤcilie. 6. Haͤtt' ich ſo treu dich wohl, ſo muͤtterlich gepflegt, Wenn nicht ſchon fruͤher einſt ſich unſre Herzen nahten? Haͤtt' ich dem Fremden wohl ſolch Leiden auferlegt, Den Ungeliebten wohl erſehn zu ſolchen Thaten? O moͤchteſt du ſchon jetzt, Geliebter, das errathen, Was nur durch heil'gen Zwang mein Geiſt verſchwiegen hegt! Wie truͤbe ſcheinen jetzt mir noch die kurzen Stunden, Eh' wir uns ganz erkannt und ewig uns verbunden! 7. Schon nah' ich mich dem ſeligen Gebiet, Schon oͤffnen ſich des Paradieſes Hallen. Dort ſollſt auch du mit mir und mit der Reinen wallen, Die dir des Himmels Huld zum Engel hier beſchied. Gelobt ſey Gott, dem deine That gefallen, Und der die Raͤcherhand mir jetzt vom Haupte zieht! Wovon die eigne Schuld noch ſtets mich fern gehalten, Vergoͤnnt er gnaͤdig mir ſchon jetzt dir zu entfalten. Fuͤnfzehnter Geſang. 297 8. Sie ſprach's und winkte mit der Hand; Da ſchien ein leicht Gewoͤlk ſie Beid' emporzuſchwellen. Die Berge ſenkten ſich, die dunkle Welt entſchwand, Ein reiner Licht begann ihr Antlitz zu erhellen. Hoch lag und tief das Blau des Himmels ausgeſpannt, Die Luͤfte krauſelten ſich rings wie goldne Wellen. Hell wandelten der Sterne zahllos Heer Und Mond' und Sonnen rings durchs weite Wolkenmeer⸗ 9. Wie ſahn ſie hier in dieſen ew'gen Hallen Sich Welt um Welt mit maͤcht'gem Schwunge drehn, Hier Sruͤrme ziehn, dort wilde Meere wallen, Und Flammen dort durch Erd' und Himmel wehn. Bald ein Geſtirn in wuͤſten Schutt zerfallen, Und ein Geſtirn bald aus dem Nichts entſtehn! Wie klar verſchmolz zuletzt in dieſem lauten Drange Die mannigfalt'ge Kraft zu einem ſel'gen Klange! 293 Caͤcilie. 10. Und brach auch hier die Gluth, die lang ſich tief verhuͤllt, Aus ihrem Schlund' hervor, um Laͤnder zu zerſtoͤren, Sank dort vom innern Stoß zerſpalten das Gefild, Und wankten Berge dort, durchwuͤhlt von hohen Meeren, Doch ſchien aus Allem ſich ein ſchoͤnes reichres Bild, Ein hellrer Strahlenkreis der Ordnung zu verklaͤren. Kein ſterbend Wuͤrmchen war vor Gottes Blick verhehlt, Und keine Thraͤne floß, die nicht ſein Geiſt gezaͤhlt. 11. Doch kann des Menſchen Blick den hellen Glanz ertragen, Der blendend jetzt durch alle Himmel drang? und mußt du, ſchwaches Herz, nicht vor dem Wahne zagen, Das Ewyge zu entweihn durch ſterblichen Geſang? Durch dich allein, durch dich nur darf ich's wagen, Du Heilige, die laͤngſt zu Gott ſich ſchwang; Nur du vermagſt, von jenem ſel'gen Leben, Worin du wallſt, die Kunde mir zu geben. ——— Fuͤnfzehnter Geſang. 1 2. Ein helles Land, von ew'gem Licht verklaͤrt, Begann ſich jetzt vor ihnen zu entfalten, Wo, vom Gewand des Staubes nicht beſchwert, Viel bluhender die lieblichen Geſtalten, Aus edlerm Stoff gewebt, von reinerm Hauch genaͤhrt, In ſel'ger Heiterkeit, mit leichten Formen wallten, Und wo, gelöst von allen niedern Muͤh'n, Die heil'ge Ruh' ein tiefes Leben ſchien. 13. Aus gruͤner Luft, von leiſer Graͤnz' umſchloſſen, Verwebte ſich der Haine hold Gewand, Die Blume ſchien aus lindem Duft entſproſſen, Mit buntem Licht gefaͤrbt ihr zarter Rand; Die Quellen, die wie lautre Strahlen floſſen, umfluͤſterten wie Floͤtenklang den Strand; Doch ließ im Wellenglanz kein Bild ſich heller ſchauen, Denn keine Taͤuſchung wohnt in jenen heil'gen Auen. Kein leiſes Luͤftchen ſchien die Blaͤtter zu umwehn, Und dennoch wiegte ſich das Laub im leichten Beben; Man ſah den bunten Duft am Blumenkelche ſchweben, Und konnte doch den Quell der Farben nicht erſpaͤhn. Durch alles floß ein ſelbſt erzeugtes Leben, Durch ſich allein war Alles friſch und ſchoͤn. So war die Ruh' die nie ein fremdes in ſich findet, Mit ſchoͤpferiſchem Geiſt und ew'ger Kraft verbuͤndet. 15. Das Bittre, das ſo oft auf unſerm niedern Stern Dem holden Traume kurzer Stunden, Dem Schatten jener Welt, dem Schoͤnen ſich verbunden, War von der ſel'gen Flur der reinen Geiſter fern. Nicht wollte mit dem Dorn die Roſe dort verwunden, 3 Kein herbes, hartes Kleid verſchloß den ſuͤßen Kern; Was Gott zur Feſſel hier den kuͤhnen Wuͤnſchen ſendet, Das ſieht man dort nicht mehr, wo alles Wuͤnſchen endet. — —— — Fuͤnfzehnter Geſang. 301 16. Der ſuͤße Duft, der um den zarten Saum Der Bluͤthen dort mit leiſem Saͤuſeln ſchwebte, Und hell und farbig dann wie leichter Wellenſchaum In manches fluͤcht'ge Bild ſich ſchied und ſich verwebte, Er wehte weit hinaus durch jeden Himmelsraum, Durch jede ferne Welt, die Gottes Hauch belebte: Doch ſtill verdaͤmmerte der reinen Farben Spiel, Von dichtrer Luft verhuͤllt, zum gaukelnden Gefuͤhl. 17. Der holde Traum von ſchoͤnern Zukunftstagen, Die thraͤnenreiche Luſt an fernem Gluͤck und Leid, Der Troſt im Weh durch Weh, das innige Behagen, Das ploͤtzlich leuchtend oft der Seele Nacht zerſtreut, Gedanken, welche kuͤhn die maͤcht'gen Fluͤgel ſchlagen Und weit hinuͤberfliehn durch Leben, Raum und Zeit, Und Alles, deſſen Quell die Menſchen nie erriethen, Es weht von oben her aus jenen ſel'gen Bluͤthen. 18. Ihr linder Athem ſchmiegt, gleich einem Traumgeſicht, Sich um den aͤußern Saum der irdiſchen Geſtalten Und laͤßt den tiefern Reiz, den Glanz und Farbe nicht, Nicht Duft und Bluͤhn verleiht, und ihre Formen walten. Er laͤßt der Liebe Bild ſich aus der Roſ' entfalten Und giebt den Lilien der Unſchuld keuſches Licht, Er haucht ein goͤttlich Wehn um unſre niedern Bahnen Und laͤßt im Schmetterling uns unſre Zukunft ahnen. 19. Rings fuͤllte Wieſe, Thal und Hain Sich mit den ſeligen Bewohnern dieſer Auen. Hier ſaßen Greiſ' umher, dort ſpielten Kindelein, und Maͤnner wallten dort, dort jugendliche Frauen. Um alle Stirnen floß ein leuchtend goldner Schein, In allen Augen war ein heitrer Glanz zu ſchauen; Ihr Kleid ſchien blaue Luft, ihr Koͤrper blendend Licht, Des Menſchen Ohr vernahm ihr leiſes Wandeln nicht. —— —.— Fuͤnfzehnter Geſang. 303 20. Die Helden, die das Schwert fuͤr's Gute nur ge⸗ ſchwungen, Die Fuͤrſten, welche Gott in ihrem Volk geliebt, Die glaͤub'gen Maͤrtyrer, die kuͤhn den Tod bezwungen, Die Edlen, die der Neid auf Erden oft betrübt, Die Saͤnger, deren Mund von Goͤttlichem geſungen, Die Weiſen, die ihr Wort auch handelnd ausgeuͤbt, Sie ſah man friedlich hier, bald einzeln, bald mit Andern, In traulichem Geſpraͤch und heil'gem Sinnen wandern. 21. Auch die um eignen Zwiſt einſt bittern Zorn genaͤhrt, Und die der alte Groll der Voͤlker einſt geſchieden, Und die ſich feindlich einſt um das, was ſie gelehrt, Um das, was ſie getraͤumt, geſchmaͤht, gehaßt, gemieden, Die um den Glauben ſich verfolgt mit Gluth und Schwert, Sie Alle ruhten hier in bruͤderlichem Frieden; Man ſah aus allem Volk eintraͤcht'ge Schaaren gehn und fromm zu einem Gott, zu einem Vater flehn. 304 Cacilie. 22. Wer manchen Kampf auf Erden einſt geſtritten, Wer viel gewagt und oft getaͤuſcht ſich fand, Wer viel umſonſt gerungen und gelitten, Wen ſelbſt die Theuerſten verachtet und verkannt, Wie war dem Sel'gen jetzt ſo ganz der Schmerz entglitten, Den er unendlich einſt und hoffnungslos genannt, Wie laͤchelt er, wenn er an das gedachte, Was nach ſo kurzem Weh ihn ewig gluͤcklich machte! K 23. Wie herrlich prangten dort in reicher Seligkeit, Die arm und ungeliebt im Leben einſt verbluͤhten, und treu bis an den Tod, für Lieb und langes Leid Mit kaltem Stolz belohnt, in keuſchen Flammen gluͤhten! Dort oben, wo der Gott der Lieb' und Huld gebeut, Kann auch das ſtrengſte Herz der Liebe nicht gebieten, Dort haͤlt kein Wahn, kein Zwang und kein Geſchick Den gleichen Geiſt vom gleichen Geiſt zuruͤck. 24. ————OB—B—M—M—B—— Fuͤnfzehnter Geſang. 305 24. Sie wohnten dort in duft'gen Schattenhainen, Im ſtillen Thal, auf blumenreichen Hoͤhn; Zerronnen war der Augen truͤbes Weinen, Die Klage ſchwieg, das hoffnungsloſe Flehn. Frei durfte dort der Reine mit den Reinen Im ſuͤßen Traum der Liebe ruhn und gehn. Hell ſah man jetzt in ihren lichten Kraͤnzen Die Thraͤnen ihres Grams wie zarte Perlen glaͤnzen. 25. Und Jene, die ſo tief die Treuen einſt betruͤbt, Jetzt fuͤhlten ſie mit ſanft beſchaͤmten Wangen, Wie zaͤrtlich ſie der Freund, den ſie verſchmäͤht, geliebt, Wie er ſo ſtill fuͤr ſie im bittern Weh vergangen. O wie ſo ſuͤßen Lohn jetzt ihre Huld ihm giebt! Wie Herz am Herzen jetzt und Blick' an Blicken hangen! Wie jede Thraͤne jetzt, die einſt ihr Stolz verlacht, Zu einer neuen Flamm' in ihrer Bruſt erwacht! II. Theil. 20 26. Dort wird auch Jener einſt mit Beatrice wohnen, Dem zweimal Gott ſein Reich zu ſchaun erlaubt, und Laura's ſel'ger Blick wird dort dem Saͤnger lohnen, Der durch ſein keuſches Lied dem Grabe ſie geraubt, und Leonore ſchmuͤckt mit ſchoͤnern Lorbeerkronen, Als hier der Tod ihm nahm, Torquato's heil'ges Haupt; Und ihn, den Gottes Geiſt zu Gottes Ruhm getrieben, Den Erd' und Himmel ehrt, wird dort auch Fanny lieben. 27. Dort reicht auch ihr mir freundlich einſt die Hand, Wenn meinen Schmerz kein ſuͤßer Wahn betrogen, Du, die das Grab ſchon lange mir entzogen, Du, die ſo ſtreng im Leben mich verbannt. Wohl wird ſchon jetzt mein Kummer dort gewogen, Mein Herz gepruͤft und meine Treu' erkannt. Dort wird kein Tod die Seelen ferner ſcheiden, und nicht das Herz mehr, weil es liebte, leiden. Fuͤnfzehnter Geſang. 28. Nicht laͤnger von dem Blick der Seligen getrennt, Erſchienen freundlich auch die leuchtenden Geſtalten, Die ungeſehen ſonſt durch jedes Element, Durch jede ferne Welt als Gottes Boten walten, Und deren Nahn der Menſch, von heil'ger Scheu gehalten, Nur ſchweigend ehrt und ahnend nur erkennt. Hell ſchwebten ſie an Gottes lichtem Throne Mit goldnem Fluͤgelpaar und diamantner Krone. 29* Der zeichnete dem Heer der Sterne ſeine Bahn, Der hieß im Kreiſe ſich die ew'gen Sonnen drehen, Dem war die raſche Gluth, und dem der Winde Wehen, Und dem das weite Reich der Wellen unterthan; Den ſah man hold von blauen Himmelshoͤhen Der jungfraͤulichen Welt mit duft'gen Bluͤthen nahn, Indeß ein Anderer mit unſichtbarem Schweben Die Menſchen leitete durchs dunkle Pilgerleben. 20* Caäaͤcilie. 30. Doch in der Ferne hob ein Huͤgel ſich empor, Erbaut aus Morgenroth, umſchleiert und umfangen Von glaͤnzendem Gewoͤlk, durch deſſen lichten Flor, Der wie die Sonne war, noch lichtre Strahlen drangen. An ſeinem Fuße ſtand ein goldnes Sternenthor, Wo laut ihr ew'ges Lied die reinſten Geiſter ſangen. Kein Sel'ger wandelte auf jener heilgen Bahn, Selbſt Engel durften nur bis an die Pforte nahn. 31. Dort wohnte Gott, den nie ein Blick geſehen, Den jedes Herz, ſobald es ſchlug, empfand. Sein helles Haupt umfloß lebend'ges Wehen, Wodurch der Menſch, der Wurm, die Blum' entſtand. Weit ſtreckte rings umher durch alle Himmelshoͤhen, Durch alle Tiefen ſich des Meiſters maͤcht'ge Hand; Auf jedes Bluthenblatt, auf jede Sonne ſanken, Den lichten Strahlen gleich, die liebenden Gedanken. Fuͤnfzehnter Geſang. 3². Doch Adalbert erſchrickt und bebt Und wagt es nicht, die Augen aufzuſchlagen; Noch muß er vor dem Glanz des hellen Schleiers zagen, Der ſich ums Angeſicht der ew'gen Liebe webt. Schon fuͤhlt er ſich zuruͤck zur niedern Welt getragen, Des Schlummers Wolke bricht, der holde Traum entſchwebt. Schon ſchwingt das ſel'ge Bild zum Scheiden ſein Geſieder, uUnd freundlich toͤnt ſein Ruf: Bald ſehn wir dort uns wieder! 33. Er rafft ſich auf und blickt erſtaunk umher Und ſucht den Traum, der ihm ſo raſch entflogen. Nicht duftig ſcheint und gruͤn der Hain ihm mehr, Nicht klar ihm mehr der blaue Himmelsbogen. Die leichte Luft iſt ſeiner Bruſt zu ſchwer, Seit er den Hauch des Himmels eingeſogen; Er hebt den Arm, den Fuß, und ſtaunet, als er ſieht, Daß ſtets die Erde noch zu ſich zuruͤck ihn zieht. Doch wie ſich dem, der in die Welle nieder Bei ſchwuͤler Gluth den matten Leib geſenkt, Lebendge Kraft durch Adern, Bruſt und Glieder, Durch Geiſt und Herz ein friſches Streben draͤngt, So findet jetzt auch er verjuͤngt ſich wieder, Verklaͤrt iſt, was er fuͤhlt und goͤttlich, was er denkt. Wie leiſ' am letzten Saum des Kelchs die Tropfen beben, So haͤngt ſein klarer Geiſt nur leiſe noch am Leben. 35. Nun iſt ſein ganzes Herz auf jene That gewandt, Worin er bald das Ziel der dunklen Wandrung findet. Schon zeigte Gott ja ſelbſt ihm das gelobte Land, „ Sein eigner Engel hat ihm eben ja verkuͤndet, Bald hebe ſich der Flor, bald reiße jedes Band, Das von der Lieb' ihn trennt und an den Schmerz ihn bindet. Wie herb auch noch der letzte Kelch ihm ſey, Er will ihn gern empfahn und wuͤnſcht die Stund' herbei. A Fuͤnfzehnter Geſang. 311 36. Darum ſoll morgen ſchon der kuͤhne Sturm beginnen, Sobald am Himmel ſich der junge Tag verklaͤrt. Er ſelber will zuerſt erklimmen Wall und Zinnen, Er ſelbſt die erſte Bahn ſich haun mit ſcharfem Schwert; Kein Andrer ſoll vor ihm das heil'ge Pfand gewinnen, Kein Andrer es erhoͤhn auf Gottes reinem Heerd; Dann mag der raſche Tod, der, Odins Reich zu ſchuͤtzen, Die Himmelsroſ' umſchwebt, auf ihn herniederblitzen. 37. Mit freud'gem Muth ergreift er Schild und Speer Und lenkt ſein Roß hinweg auf wilden Wegen. Das ſenkt das Haupt und geht betruͤbt einher Und wiehert nicht, wie ſonſt, ihm froh entgegen, Als fuͤhl' es ſchon, nicht werde ferner mehr Die treue Hand des milden Herrn es pflegen. Doch jener zieht dahin mit hellem Angeſicht Dem letzten Strahle gleich im ſpaͤten Daͤmmerlicht. Er ſucht umſonſt den Pfad, den er gekommen, Vergebens draͤngt er ſich durch Dickicht und Geſtein; Schon iſt der ſpaͤte Tag verglommen Und immer dichter wird der weitgedehnte Hain. Bald ruht Gebirg und Thal, in duͤſtre Nacht ver⸗ ſchwommen, Kein Ruf erſchallt, es blinkt kein ferner Schein. Schon muß die Hoffnung ihm in dieſer Wuͤſt' entweichen, Vor Tagesanbruch noch die Seinen zu erreichen. 39. Als Mond und Sterne laͤngſt den halben Pfad vollbracht, Da zeigt in tiefen Waldesgruͤnden Sich eine Felſenkluft, durch deren wuͤſte Nacht Nur duͤrftig noch genaͤhrt ſich matte Flammen winden. Wohl iſt ein Hirt vielleicht, ein Jaͤger dort zu finden, Der kuͤhn um naͤcht'gen Raub die Dunkelheit durchwacht; So denkt der Held. Er eilt, vom Roß zu ſpringen, Und zieht das Schwert und laͤßt den Schild erklingen. — Fuͤnfzehnter Geſang. 343 40. Doch kaum umſchattet ihn der Hoͤhle finſtres Thor, Da ſcheints, als ob von fern aus einer dunkeln Ecke, Noch halb verhuͤllt von grauem Daͤmmerflor, Ein ſcheußlich Drachenhaupt ſich langſam wind' und ſtrecke Und immer deutlicher dann aus der Nacht hervor Den buntgeſchuppten Hals, die langen Glieder recke, Bis nach und nach das naͤchtliche Gebild Beym matten Schein der Gluth den ganzen Leib enthuͤllt. 41. Hoch rollte ſich der Schweif in vielverſchlungne Bogen; Auf kurzen Fuͤßen kroch der gelbgeſchwollne Bauch; Mit einer Krone war das ſtolze Haupt umzogen, Die Augen funkelten wie Flammen durch den Rauch, Und weit ergoß, wie finſtre Dampfeswogen, Aus Naſ' und Rachen ſich des Athems gift'ger Hauch. Gleich einer Hoͤlle ſchien der rothe Schlund zu gaͤhnen Und zeigte grimmbewehrt drei Doppelreihn von Zaͤhnen. Caͤcilie. 42². Nur langſam wand das Thier ſich aus dem naͤcht'gen 3 Graus, 3 Als ob der Flamme Schein ſein finſtres Antlitz blende; Bald ſtreckte hier bald dort der lange Hals ſich aus, Und hier und dorten ſchlug der Schweif die Felſenwaͤnde. Rings ſchnob das Haupt umher durchs weite Felſenhaus, Als ob's den ſuͤßen Duft der nahen Speiſ' empfaͤnde, Dann kroch es nach und nach zu einem Rittersmann, Der dicht am Feuer ſchlief, mit offnem Schlund heran. 43. Da nahte raſch der heldenmuͤth'ge Degen, Noch eh das Thier den fremden Feind erkannt. Er hob den Schild dem Ungethuͤm entgegen Und ſchwang das Schwert in unverzagter Hand, Und hieb und ſtieß und traf mit maͤcht'gen Schlaͤgen 3 Sein giftges Haupt, ſein ſchuppiges Gewand, 3 Daß weit umher die Felſenkluͤfte klangen, Und Funkenſtroͤme rings dem guten Stahl entſprangen. Fuͤnfzehnter Geſang. 315 44. Doch zuͤrnend, daß der Held die ſichre Beut' ihm raubt, Dreht grimmig ſich das Thier und droht mit gluͤhnden Blicken; Noch weiter gaͤhnt ſein Schlund, der Rachen ziſcht u. ſchnaubt, Die Schuppen ſtraͤuben ſich auf ſeinem breiten Ruͤcken. Bis zum Gewoͤlb' empor erhebk es Hals und Haupt, Um mit gewalt'gem Schwung den Gegner zu umſtricken, Der, als es jetzt ſich graͤßlich niederſchlingt, Mit raſcher Flucht der grauſen Band' entſpringt. 4s. Dann trifft er ihm von neuem Hals und Nacken, Doch nirgends dringt der ſcharfe Stahl hinein, Viel leichter ſprengt er wohl die harten Felſenzacken, Die vom Gewoͤlbe rings durchs Dunkel niederdraͤun. Und ſchon beginnt das Thier den feſten Schild zu packen, Wie Klammern haften rings der Zaͤhne ſpitze Reihn; Vergebens ringt der Held; er muß die Wehr ihm laſſen Und nach dem langen Speer, der ſeitwaͤrts lehnte, faſſen. Cacilie. 46. Und als gewaltig nun der weite Rachen klafft, Da ſtoͤßt ſein ſtarker Arm die Lanz' ihm in die Lungen. Doch wild zerbeißt das Thier den ungeheuren Schaft, Und ob auch tief hinab die Spitz' in's Fleiſch gedrungen, Es wuͤrgt und windet ſich mit grimmer Rieſenkraft, Bis es zum Schlund zuruͤck das ſcharfe Erz gezwungen, Dann ſpeit es Gift und Blut und Eiſen mit Gewalt Dem Ritter ans Viſier, daß laut der Helm erſchallt. 47. Indeß ſie Beide ſo im wilden Kampfe ringen, Iſt auch der fremde Held vom Schlummer längſt erwacht⸗ Doch eh' er noch vermocht vom Boden außzuſpringen, Umkettet ihn der Schweif des grimmen Thiers mit Macht Und bindet ihn mit immer engern Schlingen, Daß faſt zerdruͤckt ſein ehrner Panzer kracht; Dann ſchleudert's ihn mit ungeſtuͤmen Schlaͤgen Zu Boden bald und bald der Deck' entgegen. Fuͤnfzehnter Geſang. 817 48. Der klammert hier und dort ſich an die Felſenwand Und muß bald hier, bald dort ſich decken, drehn und buͤcken. Nicht kann ſein Arm das Schwert an ſeiner Huͤfte zuͤcken, Doch ſchwingt er hoch den Dolch in ſeiner ſtarken Hand Und draͤngt und ſtoͤßt mit Macht ihn dort in Schweif und 3 Ruͤcken, Wo Ring an Ring ſich fuͤgt im ſchuppigen Gewand. Schon ſtroͤmt von manchem Stoß das Blut in reichen Guͤſſen, und doch will immer noch das Thier den Raub nicht miſſen. 49. So zuͤrnt das Meer in raſcher Wuth, Wenn ſich ein Sturm genaht mit ſauſendem Gefieder, Und wirft den kleinen Kahn auf ungeſtuͤmer Fluth Zum Himmel jetzt empor und jetzt zur Tiefe wieder. Der Schiffer ſtoͤßt umſonſt mit ungebrochnem Muth Bald hier bald dort in's Meer das breite Ruder nieder; Die hohe Woge fuͤhlt von ſtaͤrkerm Zorn erregt Die ſchwachen Streiche nicht, womit der Menſch ſie ſchlaͤgt · 50. Auch ſeinen andern Feind umhegt das Ungeheuer Mit engern Kreiſen ſtets und ſperrt ihm ſchon das Thor. Der Ritter ſchaut umher; jetzt ſcheint der Rath ihm theuer, Da er ſchon Lanz' und Schild im harten Kampf verlohr. Da ſieht er einen Baum halbbrennend noch im Feuer, Wohl huͤben jetzt vier Arm' ihn kaum empor, Doch Adalbert ergreift mit einer Hand im Sprullge Das lodernde Geſchoß und ſchwingts mit ſtarkem Schwunge. 51. Und als nun ſauſend rings die hellen Flammen wehn, Da ſchleudert er den Baum in ſeines Feindes Rachen. Gewaltig ſieht er jetzt den ungeheuren Drachen Im grimmen Schmerz ſich baͤumen und verdrehn; Er hoͤrt es laut im weiten Schlund ihm krachen, Der gelbe Leib beginnt ſich ſiedend aufzublaͤhn; Des Athems gift'ger Schwall, der dicht ſich ihm entwindet, War von dem gluͤhnden Brand zur raſchen Loh' entzuͤndet. Fuͤnfzehnter Geſang. 319 52. Stets hoͤher ſchlaͤgt die Gluth zum tiefen Schlund hinaus Und lodert hier und dort verzehrend durch die Glieder. 5 Da ſchleudert wild das Thier mit grimmigem Gebraus Den feſtumwundnen Raub zur harten Erde nieder Und tobt und ziſcht durchs weite Felſenhaus Und baͤumt ſich hoch und ſinkt und baͤumt ſich wieder, Bis praſſelnd von der Gluth der Schuppenleib zerſpringt Und bald das grauſe Bild in Staub und Aſche ſinkt. 53. So ſieht man oft die hellen Flammen wallen, Wenn klug gelenkt im wilden Meeresſtreit Aufs hohe Schiff ein gluhnder Pfeil gefallen, Der weit umher ſein raſches Feuer ſpeit, Bis endlich durch die Gluth mit ungeheurem Knallen Der ſchwarze Hoͤllengeiſt des Krieges ſich befreit, Und, wenn er laut zur Flucht die dunkle Schwing' entfaltet, Verdeck und Raum zerreißt und Luft und Woge ſpaltet. 54. Indeß der Ritter nun mit halbgelaͤhmter Kraft Auf einem Felſen ſitzt, vom Kampf ſich zu erholen, Hat auch der Andre ſich vom Boden aufgerafft, Den kaum das Panzerkleid dem jaͤhen Tod entſtohlen. Schon gaͤnzlich iſt des Feuers Schwing' erſchlafft, Und truͤber Dampf umgraut die matten Kohlen; Drum ſieht auch Keiner nach des Andern Angeſicht, Als ſo der fremde Held zu ſeinem Retter ſpricht: 55. Ich danke dir, den Odin ſelbſt erkohren, Aus harter Noth mich tapfer zu befrein! Und waͤrſt du auch als Bruder mir geboren, Du koͤnnteſt doch mir nimmer theurer ſeyn; Drum ſey dir ew'ger Dank und Treue zugeſchworen, Wenn unſerm Freundesbund die Goͤtter Heil verleihn. Noch nie bedraͤngten mich ſo grimmige Gefaͤhrden, und ſolche Heldenkraft erfand ich nie auf Erden. 56. Fuͤnfzehnter Geſang. 321 56. Er ſprichts und beut ihm ſeine Hand; Doch jener ſchweigt und weiß die Antwort nicht zu finden, Da er als Heiden ihn aus ſeiner Red' erkannt, Die feindlich zu beſtehn ihn Glaub' und Pflicht verbinden. Der Andre ſtrebt indeß den halberloſchnen Brand Durch manchen duͤrren Aſt von neuem zu entzuͤnden; Und als die Lohe jetzt empor zur Woͤlbung faͤhrt, Da ſetzt auch er ſich ſchweigend an den Heerd. 67. Und als ſie jetzt des Helmes Gitter heben Und forſchend dann in's Angeſicht ſich ſchaun, Da waͤhnen ſie im luft'gen Traum zu ſchweben Und keiner will den eignen Augen traun. Sie, die noch nie gezagt in ihrem Leben, Durchſchuͤttelt jetzt zum erſten Mal ein Graun. Denn, die ſich bittrer ſtets als Flamm' und Woge haßten, Skiold iſt's und Adalbert, die hier ſo friedlich raſten. II. Theil. 21 Caͤeilie. 58. Wie oft mit ſtillem Ernſt Gebilde hoch und hehr Emporgethuͤrmt aus alten Waffenſtuͤcken, Am Gurtel Dolch und Schwert und in der Hand den Speer, Den weiten Ritterſaal, den Chor der Kirche ſchmuͤcken, und, iſt die ehrne Bruſt, der drohnde Helm auch leer, Doch groß und feierlich zum Enkel niederblicken, Als habe herrlich hier in ſeiner Heldenkraft Der Vaͤter edle Schaar dem Grabe ſich entrafft: 59. So ſaßen dort, erleuchtet von den Flammen, In Erz verhuͤllt, mit drohender Geſtalt Und hohem Helm die Ritter jetzt beiſammen; Die Stimme ſchien in ihrer Bruſt verhallt. Wie finſter um die Gluth des Dampfes Wogen ſchwammen⸗ So war von Wolken auch ihr blitzend Aug' umwallt. Noch regte keiner ſich; doch ſinnend ſchauten Beide Sich bald ins Angeſicht und bald zur Schwertesſchneide. Fuͤnfzehnter Geſang. 323 60. Wie bald die Flamm' empor zur Felſendecke ſchlug, Und zitternd bald die raſchen Gluthen ſanken, Und durch die Hoͤhle rings gleich zauberiſchem Trug Licht, Dampf und Schatten ſchwamm mit ungewiſſem Schwanken, So trieb durch Lieb' und Haß ein unerforſchter Fluch Das kuͤhne Paar umher auf wechſelnden Gedanken, Bis Roskilds Jarl zuerſt das dumpfe Schweigen brach Und ſo mit linderm Wort zu ſeinem Feinde ſprach: 61. Wohl zuͤrn' ich faſt den hohen Goͤttermaͤchten, Daß ſie von unſerm Bund ihr Angeſicht gewandt: Doch laß uns heute nicht mit dieſen Schwertern fechten, Die kaum noch gleiche Noth zu gleichem Kampf verband. Laͤngſt kennſt du meinen Muth, die Kraft in meiner Rechten, Wie laͤngſt auch ich dein kuͤhnes Herz erkannt, Drum wirſt du nicht mich ſchlecht und feige nennen, Begehr' ich ohne Streit mich jetzt von dir zu trennen, 21* Szecilie. 62. Nicht lob' ich's, daß der Norne Neid zu Feinden die beſtimmt, die ſich wie Bruͤder gleichen: Doch du bedraͤngſt mein Volk und dringſt mit drohnden Streichen Auf meine Goͤtter ein, drum ziemt uns Haß und Streit. und dennoch will ich jetzt die Hand dir freundlich reichen; Auch du vergiß den Zorn, der unſer Herz entzweit. Gar manche Stunde bleibt zum Haß uns noch im Leben, Doch wird zur Lieb' uns wohl nicht eine mehr gegeben. 63. Doch daß, wenn unſer Loos uns von einander draͤngt⸗ uUnd feindlich wiederum die kuͤhnen Herzen ſchlagen, Ein treues Pfand uns ſey, wobei der Geiſt gedenkt, Wie friedlich wir uns einſt geſellt in fruͤhern Tagen, So nimm aus meiner Hand dies gute Schwert geſchenkt⸗ und laß das deine mich dafuͤr im Kampfe tragen. Wem auch von Beiden dann das Loos den Tod beſcheert, Er faͤllt durch tapfre Hand und durch ein liebes Schwert. Fuͤnfzehnter Geſang. 325 64. So ſprach der Held und nahm von ſeiner Seite, Noch eh ſein Blick den naͤcht'gen Trug erkannt, Das grimme Zauberſchwert, erkaͤmpft im grauſen Streite, Dem, den es trifft und ſchuͤtzt, des Todes ſichres Pfand. Schon blitzte blank und ſcharf die fluchbeladne Beute, Die Todesfackel Skiold's in ſeines Feindes Hand. Dem ſie verderblich flammt und nahen Fall verkuͤndet, Er ſelber hat ſie jetzt zu hellem Brand entzuͤndet. 65. Die Geiſter weit umher, die mit verruchter Macht Der Heiden trotzig Volk und Odins Tempel ſchuͤtzen, Durchrauſchen Land und Meer und heulen durch die Nacht Und fuͤllen rings im Zorn die Luft mit rothen Blitzen. Um Hoͤh'n und Thaͤler ſcheint ein wilder Sturm erwacht, Es wimmert durch den Wald und auf den Felſenſpitzen; Weit ſchlaͤgt des Heerdes Gluth umher im raſchen Kampf, Und manches grauſe Bild erhebt ſich aus dem Dampf. 66. Doch Adalbert bemerkt das grimme Streben Der Hoͤlle nicht und ihrer frechen Schaar. Er nimmt das Schwert, das ihm ſein Feind gegeben, Und beut ihm dann das eigne freundlich dar. Oft ſchuͤtzt' es mir, ſo ſprach er, Leib und Leben, und war mir treu in mancher Kriegsgefahr; Jetzt mag es dir, wie mir das deine, frommen, Bis zur Entſcheidung einſt der groͤßte Kampf gekommen⸗ 67. O trennte feindlich doch uns Volk und Glaube nicht, Gern boͤt' ich dir die Hand zum ew'gen Freundesbunde! Oft pries die That dich mir, und oft die ferne Kunde, Doch ſtets am ſicherſten dein treues Angeſicht. Vertrau' auch mir! Nur dieſe kurze Stunde Gehoͤrt noch uns, doch morgen wir der Pflccht. Vergebens ehr' ich dich; dies Schwert es muß dich ſuchen! Doch wer auch faͤllt, nicht ſoll der Feind ihm fluchen. Fuͤnfzehnter Geſang. 327 68. Thorilde drohte mir, einſt werd' im harten Streit Durch dieſen Arm mein eigner Bruder enden. Wohl, hoff' ich, wird der Herr ſo grimmes Unheil wenden, Doch waͤhn' ich faſt, nicht wuͤrde mindres Leid Durch meine Seele gehn, wenn je von meinen Haͤnden Dein ſtroͤmend Blut——— doch alles lehrt die Zeit. Nicht laß uns jetzt mit ſolchen duͤſtern Bildern Den kurzen Augenblick des Friedens uns verwildern. 69. So koſen freundlich dort die Helden in der Nacht, Die grimm ſich oft begruͤßt mit harten Schwertesſchlaͤgen. Doch als das Morgenroth am Himmel auferwacht, Durchtraben ſie den Wald auf ungebahnten Wegen. Schon oͤffnet ſich das Feld, ſchon iſt die Fahrt volbbracht, Hier fuͤhrt der Pfad dem Heer und dort der Stadt entgegen. Noch einmal bieten ſie die Hand ſich herzlich dar, Dann ſcheidet ſtumm und ernſt das ritterliche Paar. —— — 328 Caͤcilie. 70. Wie freudig wird der Held vom Heere jetzt empfangen, Das ſchon ſo lang um ihn in bittern Sorgen war! Sie, die nach hartem Kampf den theuern Sieg errangen, Sie waͤhnen jetzt ſich erſt entronnen der Gefahr. Rings ſieht man Kraͤnze bluͤhn und bunte Fahnen prangen, In hellen Waffen glaͤnzt die ſchoͤn geſchmuͤckte Schaar. Laut toͤnt zum Jubelruf, zu freudigen Geſaͤngen Des hohlen Erzes Mund mit kriegeriſchen Klaͤngen. 71. Doch ſie, die alles Gluͤck mit Adalbert verlor, Die mehr als All' ihn liebt und mehr um ihn gelitten, Sie wandelt herrlich jetzt aus ihrem Zelt hervor, Wie oft ein Engel geht aus niedern Erdenhuͤtten. Wohl bebt ihr volles Herz in raſcher Freud' empor, Doch ſchuͤchtern ſteht ſie fern und naht mit bangen Schritten Ihr ſel'ger Blick macht kuͤhner als ihr Mund Die helle Luſt der tiefen Seele kund. Fuͤnfzehnter Geſang. 329 7²³. und ihm, dem immer noch aus jenen heil'gen Hallen Der holde Traum das ganze Herz erfuͤllt, Ihm ſcheint vor ſeinem Blick der Schleier jetzt zu fallen, Der ihm ſo lang in ihr den hoͤhern Geiſt verhuͤllt. So ſah er dort die reinen Engel wallen, So war ihr Aug', ihr Mund, ihr lichtes Bild; So lacht ihm dort Verklaͤrung, Lieb' und Segen Und Mild' und Huld aus jedem Zug entgegen. 73. Und wenn er dann mit tiefer Luſt gedenkt, Daß nun ſobald, vielleicht nach wenig Tagen, Sie, die er heiß und treu im Herzen ſtets getragen, So ganz ſein eigen iſt und ewig ihn umfaͤngt, Dann muß ſein banger Geiſt ſich ſelber ſtaunend fragen: Was that ich doch, daß Gott ſo großes Heil mir ſchenkt, Wie durft' ich doch ſo lang die heil'ge That verſchieben, Wozu mich Glaub' und Dank und Liebe laͤngſt getrieben. hheee — Caͤcilie. — 74. Zwar heute frommt der kuͤhne Sturm nicht mehr: Doch laut ertoͤnt der Ruf auf allen Seiten, Auf morgen ſoll' ein Jeder Waff' und Wehr Und Seel und Leib zum fruͤhen Kampf bereiten. Mit hellem Jubelruf empfaͤngt das tapfre Heer Den muthigen Befehl, ein Jeder brennt zu ſtreiten. Auf allen Wieſen wird, in allen Zelten jetzt Geſchoß und Roß geuͤbt und Lanz' und Schwert gewetzt. * 75. Der Abend ſank vom Roſenduft getragen, Am Himmel ſchwamm die Daͤmmrung rein und kuͤhl, Als ſolle ſchoͤn der naͤchſte Morgen tagen Zum freud'gen Tanz, zum feſtlich holden Spiel, Nicht weit umher des Krieges Flamme ſchlagen Durch Zorn und Mord, durch Truͤmmer und Gewuͤhl. Doch wenn ſein Saum mit Blut ſich auch befeuchtet, Ein großer Feſttag iſts, der morgen Allen leuchtet. Fuͤnfzehnter Geſang. 331 76. Spaͤt ruft der Biſchof noch die Krieger zum Altar, Um deſſen gruͤnen Rand die letzten Strahlen ſchweben, Und ſpricht manch hohes Wort vom Troſt im Tod' u. Leben, Von Demuth und Geduld im Gluͤck und in Gefahr. und ſeine Suͤnde wird dem glaͤub'gen Volk vergeben, Geheiligt und verſoͤhnt erhebt ſich jetzt die Schaar und ſieht mit leichter Bruſt, erquickt von Gottes Segen, Dem Kampf, der Muͤh, dem Schmerz und ſelbſt dem Tod entgegen. 77. Denn Manchem, den ſo ſuͤß der kurze Schlaf umwand, Wird langen Todesſchlaf der kuͤnft'ge Tag verleihen. Noch einmal druckt der Freund dem treuen Freund die Hand, Und Mancher geht umher, den Feinden zu verzeihen; Und Mancher denkt zuruͤck an ſeine fernen Treuen, An Kinder, Weib und Braut, an's liebe Vaterland. Fruͤh ſinkt der Schlaf herab, zu tapfern Kriegeswerken, Zum letzten Siegeskampf das muͤde Heer zu ſtaͤrken. Anmerkungen. Stanze 26.——— mit ſchoͤnern Lorbeerkronen, Als hier der Tod ihm nahm.—— Taſſo ſtarb bekanntlich den Tag vorher, als er feier⸗ lich vom Pabſt auf dem Capitol gekroͤnt werden ſollte. Stanze 28.— Und deren Nahn der Menſch, von heil'ger Scheu gehalten, Nur ſchweigend ehrt— Nach dem Volksglauben fliegt ein Engel durchs Zim⸗ mer, wenn ploͤtzlich ein allgemeines Stillſchweigen ſich durch eine Geſellſchaft verbreitet. — Das ſenkt das Henpr und geht betruͤbt einher— In aͤltern Zeiten ſcheint bei allen Voͤlkern dem Pfer⸗ de, als dem edelſten Thiere, ein lebendiges Gefuͤhl fuͤr Liebe und Treue, und ein verſtaͤndigerer, ja oft pro⸗ phetiſcher Sinn beigelegt zu ſeyn. So weinen die Pferde des Achill uͤber den Tod des Patroclus und verkuͤndi⸗ gen ihrem Herrn ſeinen eignen Tod vorher; ſo ver⸗ trauen die verſchwornen Perſer, nach dem Tode des fal⸗ ſchen Smerdis, die Wahl ihres kuͤnftigen Koͤnigs ihren Pferden. Die wunderbaren Eigenſchaften des Bayard, den Rainald von Montalban ritt, ſind bekannt, und auch in den Nordiſchen Sagen finden ſich viele Beiſpiele, daß Pferde uͤber den kunftigen Tod ihrer Herren ge⸗ trauert haben, und nach dem Tode derſelben vor Schmerz geſtorben ſind. 2* 8 Sechszehnter Geſang. Sechszehnter Geſang. 1. Indeſſen war mit ſeines Feindes Schwert Skiold, den die Braut zum Raub des Tyrfings ſchickte, Zu ſeinem Volk nach Lethra heimgekehrt, Wo lang' ihm ſchon Thorild' entgegenblickte. Noch ſann er, welch ein Wahn ſo raſch ihn juͤngſt bethoͤrt, Welch eine Macht ihn juͤngſt nach Hweens Geſtad' entruͤckte, Und ſo begann mit zweifelvollem Sinn Der kuͤhne Held zu Hertha's Prieſterin: Ccilie. 2. Nur du vermagſt vielleicht den Zauber zu entdecken, Der mich ſo ſeltſam jetzt in ſeinen Kreis gebannt. Ein boͤſer Alf ſchien meinen Geiſt zu necken, Wohl hat ihn Loke's Liſt zu Odin's Sturz geſandt. Weit fuͤhrt er durchs Gefild, durch dunkle Meeresſtrecken Mich an ein Rieſengrab zum fernen Inſelſtrand. Vergebens ſinn ich jetzt, was dort mein Arm vollbrachte, Mir ſchiens ein Traum zu ſeyn, doch weiß ich, daß ich wachte. 3. Darauf erzaͤhlt er ihr, wie er auf naͤcht'gem Pfad Sich in der Felſenkluft des wilden Hains gebettet, Und wie der Drache dort genaht und mit gewalt'ger Kraft den Schlummernden gekettet, Bis aus den Feſſeln ihn mit heldenmuͤth'ger That Nach ungeheurem Kampf ſein bittrer Feind gerettet, und wie dann beide Schwert um Schwert Mit mildem Wort vertauſcht und friedlich heimgekehrt. 4 · Sechszehnter Geſang. 337 4. Dumpfſinnend hat die Prieſterin geſchwiegen, Indeß ihr Freund ihr ſeine Fahrt erzaͤhlt; Kein Blick enthuͤllt, kein Wechſel in den Zuͤgen, Was maͤchtig jetzt den ſtolzen Buſen quaͤlt. Still iſt und tief der Zorn hinabgeſtiegen Zur finſtern Bruſt, die grimmig ihn verhehlt. Verborgen wogt in ihrem ſtarken Herzen Ein wildes Meer von Liebe, Wuth und Schmerzen. 5. So regt ſich oft vom Erdenſchooß verhuͤllt, Umſchloſſen rings von harten Felſengängen, In tiefer Nacht die Flamme raſch und wild Und ſtrebt ergrimmt ihr ſtarkes Band zu ſprengen. Doch oben gruͤnt und bluͤht und duftet das Gefild, Der dunkle Hain erſchallt von lieblichen Geſaͤngen, Bis plötzlich aus der Kluft die Giuth empor ſich ringt Und Berg und Thal zerreißt und Wieſ' u. Wald verſchlingt. II. Theil,. 22 ſeſ„ꝑ²⁊cccccec— h e 1 1 — — Caͤ cilie. 6. Wohlan, ſo ſiegt, ihr feindlichen Gewalten! Beginnt Thorilde jetzt, als ſie allein ſich ſieht; So mag der Blitz den Opferheerd zerſpalten, Worauf ſo lang der Daͤnen Heil gebluͤht! Nicht kann der Menſch den Thron der Goͤtter halten, Wenn ſelbſt der Gott ihm ſeine Huͤlf' entzieht. Was Geiſt und Arm vermocht, das Unheil abzuwenden, Hab ich umſonſt verſucht; bald gilt es, groß zu enden. 7. Doch noch verzag' ich nicht, noch heb' ich kuͤhn mein Haupt Zu dir empor, noch ring' ich um die Beute, Verhaßte Macht, du, die mir alles raubt, Was ich geliebt, woran mein Herz ſich freute! dimm mir den Gott, an den ich lang geglaubt, Nimm mir den Freund, verdirb mein Volk im Streite, Nicht beugſt du mich, bis nicht dein flammend Schwert Auch meine Bruſt zerſchmettert und verzehrt. Sechszehnter Geſang. 8. Und ſollſt du einſt, du alte Feſte, fallen, Soll auch das Kreuz von deinen Zinnen wehn, Soll grimmig dort die wilde Flamme wallen, Wo herrlich jetzt der Heimath Goͤtter ſtehn, Nicht wird mit ihrem Sturz Thorildens Ruhm verhallen, Und auf den Truͤmmern wird ſich hoch mein Grab erhoͤhn⸗ Mag Feindesmacht, was ich gethan, zerſtaͤuben; Was ich gewollt, wird doch mir ewig bleiben. 9⸗ So ruft ſie aus; dann blickt ſie groß und hehr Zum Himmel auf und weit von Lethra's Zinnen In's Land hinaus und weit in's graue Meer, Mit ſtolzem Geiſt verſenkt in tiefes Sinnen. Fern ſieht ſie ein Gewoͤll, von Blitz und Donner ſchwer, Den ungeſtuͤmen Kampf mit Wog' und Fels beginnen; Da ſpricht ſie kuͤhn: Die maͤcht'ge Woge bricht; Der Fels erbebt; der Tapfre beugt ſich nicht. 22* Caͤ eilie. 10. Dann geht ſie ſchnell, zur That ſich zu bereiten, Zu welcher jetzt die droh'nde Noth ſie zwingt. Sie will in deutſcher Tracht in's Chriſtenlager reiten, ¹ Sobald die Dunkelheit zur Erde niederſinkt, und dort zum zweitenmal das Tyrfings ⸗Schwert erbeuten, Das in des Feindes Hand ſo großes Unheil bringt. Doch ſoll kein Held aus Lethra's Schaaren, t Selbſt Skiold und Harald nicht, was ſie beginnt, erfahren. 11, Schon prangt im Waffenſchmuck das jungfraͤuliche Bild, Als kaum die Nacht ſich ſenkt mit ſchattigem Gefieder. Ein helles Panzerkleid umſchließt die ſchlanken Glieder, An ihrem Arme prangt des Saͤngers blanker Schild, Tief wiegt der Reiherbuſch ſich von dem Helme nieder, Der kuͤhn die holde Stirn, die bluͤh'nde Wang' umhuͤllt. So ſteht ſie herrlich da. Nicht kann man ohne Grauen Und ohne Liebe nicht die ſchöne Heldin ſchauen. Sechszehnter Geſang. 341 12 So laͤßt im goldnen Kranz der Nacht Bei ſchwuͤler Sommergluth der Sirius ſich ſehen. Wie freundlich auch von dunkeln Hoͤhen Das helle Sterngebild zur Erde niederlacht, Die Heerde ſinkt dahin, Gewaͤchs und Gras vergehen, Der klare Quell verſinkt vor ſeiner grimmen Macht. Wie bittre Noth auch ſeine Strahlen ſenden, Doch kann man kaum den Blick von ſeinem Glanze wenden. 13. Dann ſteigt ſie auf ein Roß bei deſſen Laufe kaum Vom hohen Graſ' herab des Thaues Tropfen ſinken. Von hellen Perlen glaͤnzt der Decke reicher Saum; Man ſieht von edelm Gold Gebiß und Buͤgel blinken. Es traͤgt zur Zierde nur den buntgeſtickten Zaum; Raſch, fromm und klug zugleich gehorcht es Wort u. Winken. Hoch hebt es Hals und Haupt; faſt glaubt, wer es erblickt, Noch ſchoͤner waͤhn es ſich durch ſeine Laſt geſchmuͤckt. So reitet ſie durch Lethra's dunkle Hallen; Gleich Sternen glaͤnzt der Helm, der Schild, der ſcharfe Speer; Kein Waͤchter ſieht ſie nahn und hoͤrt den Hufſchlag ſchallen, Denn Schlummer ſendet rings ihr Zauberwort umher. Vor ihrem Winke muß die ehrne Bruͤcke fallen, Und knarrend oͤffnet ſich die pforte hoch und ſchwer. Dicht hinter ihr verſchließt das Thor ſich wieder, Die Bruͤcke ſteigt, das Gitter raſſelt nieder. 15. Wie rings der Himmel ſich verhuͤllt, Wenn mit dem raſchen Sturm die finſtre Wolke ſtreitet, und nur des Mondes helles Bild Durchs fluͤcht'ge Dunkel oft auf blauen Bahnen gleitet, So zieht Thorilde jezt durchs naͤcht'ge Schlachtgefild; Ein truͤber Nebelduft iſt weit umher verbreitet; Vor ihr und hinter ihr verſchleiert ſich der Pfad, Und dort nur iſt das Licht, wo ſich die Maͤcht'ge naht. Sechszehnter Geſang. 16. Sie reitet fort auf wohl bekannten Wegen, Bis bald der Wall des Lagers vor ihr liegt. Nicht braucht ſie dort den kraͤft'gen Zauberſegen, Weil Alles laͤngſt der Schlummer eingewiegt. Auch hoͤren, die am Thor der naͤcht'gen Wache pflegen, Den leichten Zelter nicht, der minder laͤuft als fliegt. Schon reitet ſie, dem Zufall uͤberlaſſen, In's Thor hinein und durch des Lagers Gaſſen. 17* Doch ſieht ſie bald, da ſie die Reihn durchſpaͤht, Im Mittelpunkt ein prangend Zelt ſich heben, Das herrlich glaͤnzt und fern den andern ſteht, Von Raſengruͤn in weitem Kreiſ' umgeben. Zwei Fahnen rauſchen dort vom Wind umhergeweht, In dieſer ſcheint ein Aar, in der ein Kreuz zu ſchweben. Dort ſchwingt ſie ſich vom Roß, und leiſe wie die Nacht Betritt ihr Fuß das Zelt, das kein Trabant bewacht. C Caͤcilie. 18. Suͤß raſtet dort im Schlummer hingegoſſen Bei Kerzenſchein der ritterliche Held. Hold kraͤuſelt ſich ſein Haar, das, rings herabgefloſſen, Auf Buſen, Wang' und Arm in goldnen Locken faͤllt. Von keinem Panzer iſt die kuͤhne Bruſt umſchloſſen, Die auch im Traume noch manch hohes Sehnen ſchwellt. Auf Mund und Wangen glaͤnzt der Jugend reine Bluͤthe, In jedem Zug geſellt ſich Liebe, Kraft und Guͤte. 19. Wie ſanft der Schlaf um ſeine Lippen ſchwimmt! Wie friedlich ſich die kuͤhnen Augen ſchließen! Als wiſſ' er nicht, was ihm ſein Loos beſtimmt, Als ſoll' erſt jetzt der Lenz der Jugend ihm entſprießen; Und doch wird morgen ſchon, noch eh der Tag entglimmt, Sein junges Heldenblut der Todeswund' entfließen. Er, den ſo mancher Schmerz im kurzen Leben traf, Er ſchlaͤft ſo ruhig nun, ſo ſtill den letzten Schlaf. Sechszehnter Geſang. 345 20. Hell funkelte, entbloͤßt von ſeiner Scheide Dicht neben ihm, ein ſchlimmer Bettgenoß, Das Zauberſchwert, durch deſſen ſcharfe Schneide So manches Blut, ſo manche Thraͤne floß. Thorild' ergriff's und ſchwang's in wilder Freude— Unſel'ge, ſpanne nicht des Schickſals grimm Geſchoß! Verderblich wird auch dir die ehrne Senne klingen, Dir ſelbſt der bittre Pfeil in's tiefe Leben dringen! 21. Still ſteht ſie jetzt und finſter wie der Tod, Und ſinnt und ſchwankt, ein großes Werk zu wagen. Wie kann ſie jetzt ſo leicht den mächt'gen Feind erſchlagen, Der trotzig ihrem Stamm und ihren Goͤttern droht! Wohl ſoll ein kühnes Herz vor naͤcht'gem Morde zagen, Doch was die Scham verbeut, laut heiſcht es jetzt die Noth. Er draͤngt ihr Volk, er nimmt ihr Lieb' und Glauben, Und ſie beſinnt ſich noch, das Leben ihm zu rauben? 22* So ſchwankt ſie lang und hat das Schwert gezuͤckt. So oft in ihrer Bruſt die finſtern Geiſter ſiegen, Haͤlt ihren raſchen Arm ein heimlich Band umſtrickt, Ein maͤcht'ger Zauber ſcheint ihr Auge zu betruͤgen. Denn immer deutlicher, je mehr ſie auf ihn blickt, Erſcheint des Freundes Bild ihr in des Feindes Zuügen. So laͤcheln Wang' und Mund, ſo ringelt weich und klar Sich um die kuͤhne Stirn das goldne Lockenhgar. 23. Wie darf ihr Arm das holde Bild durchbohren, Worin der Blick den theuren Freund erkennt, Den Einzigen, den ihre Lieb' erkohren, Dem ſie die erſte Huld der ſtolzen Bruſt gegoͤnnt? Was hat ſo wunderbar ſich gegen ſie verſchworen, Daß Lieb' in ihr erregt, was ſie zu toͤdten brennt? Sie bebt und ſenkt das Schwert zu Boden nieder, Sie ſchweigt und ſchaut und ſinnt, dann hebt ſie's drohend wieder. Sechszehnter Geſang. 347 24. Denn wie zuerſt den heimlich gluͤh'nden Brand Mit ſchwarzer Schwing' ein dichter Dampf verkuͤndet, Bis ploͤtzlich ſich durchs wogende Gewand Die raſche Glut mit tauſend Flammen windet, Und ſich zur Fackel rings dem nachbarlichen Land, Dem fernen Schiffer ſich zum Leitgeſtirn entzuͤndet; Man ſieht ein feurig Roth am Himmel angefacht, Und heller wird zugleich und dunkler Wolk' und Nacht: 25. So luͤftet jetzt vor ihrem Angeſichte Allmaͤhlig ſich der Zukunft dunkler Flor, Und graͤßlich ringt, verklaͤrt von grellem Lichte, Ein grimm Geheimniß ſich aus ſeiner Nacht hervor. Tief fuͤhlt ihr finſtres Herz, wie ſchwer der Himmel richte, Der ſie zum Herold einſt des eignen Weh's erkohr. Jetzt liegt es deutlich da, was lang der Geiſt ihr ſagte, Was ſie ſchon lang geahnt und doch zu ahnen zagte. 1 348 Caͤcilie. 26. Er, dem ſie einſt im harten Streit, Um ſeines Namens Glanz vor aller Welt zu ſchaͤnden, Mit ungeheurem Fluch den Brudermord gedraͤut, Soll ihr auf eignes Herz jetzt ihre Drohung wenden. Nicht blieb es ihr verhehlt, daß einſt in fruͤher Zeit Der Bruder Skiolds verſchwand, geraubt von Feindes⸗ haͤnden, und er, in dem ſo ganz des Freundes Bild ihr naht, Er iſt's, ihn leitet jetzt ſein Loos zur dunkeln That. 27. Sie ſteht und ſchweigt und ſinnt mit ſtarren Blicken, Um Wang' und Stirn beginnt ein ſchwarz Gewoͤlk zu ziehn, Und raſche Blitze ſcheint ihr Auge dann zu zuͤcken, Wie helle Flammen oft aus finſtern Graͤbern ſpruͤhn. Bald will der innre Kampf ihr ringend Herz erdruͤcken, Bald widerſtrebt's mit Macht und hebt ſſch frei und kuͤhn. Wie ſchwer ein Donner rollt aus duͤſtrer Wolkenpforte, Entfliehn der dunkeln Bruſt zuletzt die dumpfen Worte: „Sechszehnter Geſang. 349 28. Hab' ich nicht manches Lied aus alter Zeit gehoͤrt, Wie Menſchen oft mit unverzagtem Streben, Mit eigner Kraft der Norne Zwang zerſtoͤrt, Und nicht verzagt, den Arm auf Goͤtter ſelbſt zu heben? Nicht zag auch ich; ich ſelbſt errang das Schwert,. Das zu des Bruders Mord dir dein Geſchick gegeben; Mir lacht das Gluͤck; mein iſt der erſte Sieg, Und raſch vollende nun ein Stoß den kuͤhnen Krieg! 29. Du ruhſt ſo ſchoͤn von bluͤhndem Reiz umfloſſen, Von manchem Hoffen iſt dein Herz vielleicht geſchwellt; Wohl manche Thraͤne wird vielleicht um dich vergoſſen, Wenn nun ſo fruͤh dich ſchon das Grab umfangen haͤlt. Doch bin denn ich allein fuͤr Lieb' und Luſt verſchloſſen? Betruͤbt es mich nicht auch, wenn mein Geliebter faͤllt? Ich muß vor bitterm Gram, wenn ich dich ſchone, ſterben, Dein Tod nur iſt mein Heil, drum muß ich dich verderben. Das Blut iſt mein, das dir im Herzen fließt, Mit manchem Band biſt du mir eng verbunden, Mein einz'ger Freund hat noch vor wenig Stunden Nach harter Noth als Retter dich gegruͤßt; Du biſt die Waffe nur, die, tief mich zu verwunden, Ein ſtaͤrkerer, ein groͤßrer Feind erkieſ't; Nicht zuͤrn' ich dir! Muß auch dein Blut mich roͤthen, So will ich freundlich doch und klagend ſelbſt dich toͤdten. 31. So ſpricht ſie ſanft; ein leiſes Trauren fuͤllt Den großen Blick und haͤlt ihr Herz umfangen; An ihm, den immer noch ſo ſanft der Schlaf umhuͤllt, Laͤßt ſie noch einmal jetzt die ſtillen Augen hangen. Sie neigt ihr ſtolzes Haupt ſo friedlich und ſo mild, und kuͤßt mit leiſem Kuß des Juͤnglings bluͤh'nde Wangen. Sie ſinnt, ſie ſchwankt, ſie ſeufzt zum letzten Mahl, Dann faͤhrt ſie kuͤhn empor, ſie hebt, ſie zuͤckt den Stahl. Sechszehnter Geſang. 35¹ 32. Indeſſen lag verſenkt in Traͤum' und Sorgen Caͤcilie noch wach im nahen Zelt. 3 Manch Zagen regte ſich in ihrer Bruſt verborgen, Von manchem Hoffen war ihr frommes Herz geſchwellt. Sie dachte ſtill an jenen großen Morgen, Mit dem auch ihr Geſchick nun bald ſich ganz erhellt; In manchen Bildern ſchien ihr jugendliches Leben Von fruͤhen Tagen an vor ihr vorbei zu ſchweben⸗ 33. Dann dachte ſie, wie ſie ſo manches Leid, So kurze Freuden nur auf ihrer Bahn gefunden, Wie Gott ihr Alles nahm, was ſonſt die Welt erfreut, Und nur an ſich allein ihr treues Herz gebunden, Und wie der Himmel ihr nun bald die Palme beut, Weil ſie in ſeinem Dienſt gekaͤmpft und uͤberwunden; Dann wandte bald ihr weicher Liebesſinn Auf ihn, der mit ihr kaͤmpft, der mit ihr ſiegt, ſich hin. —õõ — — ¾— Wie auch der harte Streit am Morgen ſich entſcheide, Sie ahnt, ſie werd' ihn nie im Leben wiederſehn. Nicht klagt und weint ſie mehr um ihn in ird'ſchem Leide, Den hier der Himmel beugt, um dort ihn zu erhoͤhn; Auch fuͤhlt ihr Herz, nie trenne Gott ſie Beide, Wo er dem Tod' erliegt, da muͤſſ' auch ſie vergehn: Doch fruchtlos muͤht ſie ſich, die Sehnſucht zu erſticken, Nur Einmal noch den Freund im Leben zu erblicken. 35. Doch darf in ſtiller Nacht, ſo heimlich, ſo allein⸗ In ihres Freundes Zelt die ſcheue Jungfrau treten? Um ihre Wangen fleßt ein ſchuͤchternes Erroͤthen, Doch immer maͤcht'ger wird des Wunſches ſuͤße Pein. Sie wendet ſich zu Gott mit kindlichen Gebeten, Er kennt ihr Herz, er ſoll ihr Fuͤhrer ſeyn. Da fuͤhlt ſie ſuͤße Ruh im zagenden Gemuͤthe; Sie weiß, ſie darfs, ſie weiß, daß Gott es ſelbſt gebiete. 36. Sechszehnter Geſang. 353 36. So zittert ſanft, zum Quell hinabgebeugt, Die Blum' und ſieht, von ſuͤßem Wahn betrogen, Ihr friſches Bild vom Thau der Welle feucht, Und hell verklaͤrt vom keuſchen Glanz der Wogen, Das freundlich naht, wenn ſie ſich niederneigt, Und ſchwindet, wenn ihr Kelch ſich leiſ' emporgebogen, Bis ſaͤuſelnd um den Strand ein lindes Luͤftchen haucht Und ſanft ihr bluͤh'ndes Haupt zur Schweſter niedertaucht. 37. Jetzt hat ſie bald in Gold und weiche Seide Den keuſchen Reiz der Glieder eingehuͤllt; Von Perlen glänzt der Saum an ihrem reichen Kleide, Ein zarter Schleierflor umfließt ihr holdes Bild; Auf ihrem Buſen prangt ein funkelndes Geſchmeide, Das weit die Nacht umher mit hellen Strahlen fuͤllt; Ein breites Band von blitzenden Rubinen Muß leuchtend ihr zum Schmuck der dunkeln Locken dienen⸗ II. Theil. 23 Cacilie. 38. Ihn, den ihr Auge jetzt zum letzten Male ſieht, Um welchen finſter ſchon die Todesnebel wehen, Den Gotteshand ſo lang von ihrem Herzen ſchied, Noch einmal will ſie ſchoͤn und braͤutlich vor ihm ſtehen; So wie ſie reizend jetzt in Schmuck und Jugend blüht, Will ſie mit ihm empor zur ſel'gen Heimath gehen; Sie ſieht im freud'gen Glanz den ſuͤßen Brauttag nahn und darf nicht ungeſchmuͤckt den Braͤutigam empfahn, 39. Aus ihren Augen ſtrahlt ein unvergaͤnglich Leben, Ein ſchoͤnres Morgenroth umfließt ihr Angeſicht, und Strahlen ſieht man hell um ihre Stirne ſchweben, und ihres Schleiers Saum umwallt von heil'gem Licht; und ſchlanker ſcheint ihr Leib und leichter ſich zu heben; Ihr ſanft getragner Fuß beruͤhrt die Erde nicht; Demuthig ſteht ſie da in wunderſelger Schoͤne, Und weiß nicht, daß ſchon jetzt ſie Gott zum Engel kroͤne. Sechszehnter Geſang. 3⁰ 4⁰. So ſah auch ich, Caͤcilie, dein Bild Am Ziele deiner Bahn von Gottes Glanz umfloſſen; Je mehr auf Erden ſich die Blumen dir verſchloſſen, Je ſchoͤnre waren jetzt vom Himmel dir enthuͤllt. Wie fuͤhlt' ich Lieb und Huld durch dein Gemuth ergoſſen, Wie waren Aug' und Herz ſo ſelig, fromm und mild! Wohl haͤrmt' ich tief mich um dein fruͤhes Scheiden Und mußte doch dir oft den heilgen Glanz beneiden. 41, und leuchtend geht ſie jetzt und herrlich durch die Nacht, Dem Regenbogen gleich in herbſtlich trüͤben Stunden. Die Sterne, deren Glanz Thorildens Zaubermacht Zur mitternaͤcht'gen That mit finſtrem Duft umwunden, Sind alle glaͤnzender am Himmel jetzt erwacht, Und Gottes heil'ge Hand haͤlt jeden Trug gebunden. Wohl ſcheint es, daß vor ihr ein maͤcht’ger Engel ſchwebt, Weil ſich von ſelbſt des Zeltes Vorhang hebt. 23* Sie tritt hinein; ſchon zuͤckt die ſcharfe Klinge Zur blut'gen That Thorildens ſtarke Hand; Da iſt's, als ob die Kraft des Himmels ſie durchdringe, Als ob vom Flammenhauch allmaͤcht'gen Zorns entbrannt Sich Gottes heil'ger Blitz aus ihren Augen ſchwinge, Der kein Verſchonen kennt und keinen Widerſtand. Hoch ſteht ſie da, ein Bot' aus Gottes Reiche, Und hebt den Arm empor und droht und ruft: Entweiche! 43. und als die Feindin kaum die maͤcht'gen Toͤne hoͤrt, Die mit verborgner Kraft ſie ſtrafen und verdammen, Abs ſie den Glanz erblickt, der ihre Stirn verklaͤrt, Der Wangen ſel'ges Licht, des Auges heil'ge Flammen, Da bebt ſie raſch, es ſinken Arm und Schwert, Ihr Blick verdunkelt ſich, ſie wankt und ſtuͤrzt zuſammen. Sie, die ſo kuͤhnen Kampf dem ganzen Himmel bot, Erliegt vor einem Wort, womit der Herr ihr droht. Sechszehnter Geſang. 357 44. O Lilie, wie hebt in wilden Wettern Dein heller Kelch ſo kuͤhn ſich aus dem niedern Moos! Ein ſtrahlend Gold entleuchtet deinen Blaͤttern, Und Gottes Thau benetzt den reinen Schooß; Der Himmel gluͤht, und rothe Blitze ſchmettern, Die ſtarke Eiche ſinkt vom maͤcht'gen Sturmesſtoß; Sie, die mit ſtolzem Haupt zum Himmel ſich erhoben, Liegt neben dir geknickt; du ſtehſt und ſchauſt nach oben. 45. Doch wie ein Wild, das vom Geſchoß verletzt, Nach langer Flucht durch dunkle Waldeshallen, Des Hauchs beraubt, mit Schaum und Blut benetzt, In's dichte Gruͤn ohnmaͤchtig hingefallen, Wenn noch die Meute bellt, und durchs Gebuſſch ſich jetzt Der raſche Jaͤger draͤngt, und laut die Horner ſchallen, Noch einmal ſich erhebt und mit der letzten Kraft Durch Wald und Feld, durch Berg und Thal ſich rafft: Cacilie. 46. So reißt vom Boden ſich die ſchreckliche Thorilde, Als eben Adalbert von ſeinem Schlaf erwacht. Sie hebt das Schwert, ſie deckt ſich mit dem Schilde, Sie ſtuͤrmt zum Zelt hinaus und ſprengt zu Roß mit Macht, In Wolk' und Sturm gehuͤllt, gleich einem Schreckgebilde, Von Gottes Zorn geiagt, verzweifelnd durch die Nacht. Die Waͤchter beben rings und fliehn umher mit Grauen, Als ſie das grimme Drohn der wilden Jungfrau ſchauen. 47. Von raſchem Wahnſinn iſt ihr dunkles Herz bewegt, Vor ihrem Blick beginnt die Erde ſich zu drehen, Wie flammend auch die Gluth aus ihren Augen ſchlaͤgt, Sie ſcheint in blinder Haſt nicht Weg noch Ziel zu ſehen. Durch Sturm u. Wogenſchall, durch Wald u. Dornen traͤgt Ihr ſchaͤumend Roß ſie fort und uͤber Thal und Hoͤhen, Bis ſie zuletzt auf wild verworrnem Pfad, Dem heil'gen Huͤgel ſich, dem Heerde Gottes naht. Sechszehnter Geſang. 359 48. Indeſſen zog die feindliche Swanwithe, Sie, deren Schooß Thorilden einſt gebar, Aus ihrer dunklen Kluft im fernen Waldgebiete Zu gleicher Zeit empor zu Gottes Hochaltar. Denn ſeit ſie juͤngſt im Kampf vergebens ſich bemuͤhte, Durch Zauber zu zerſtreun der Chriſten tapfre Schaar, Verſchloß das finſtre Weib, vor aller Welt verborgen, Sich in ihr wuͤſtes Reich, gequaͤlt von Grimm u. Sorgen. 49. Dort, wo ſo prangend jüngſt ihr maͤcht'ger Herrſcher ſtand, Dem ſie zum Dienſte ſich als Prieſterin ergeben, Dort, wo ihr Drohn noch juͤngſt, ihr raſches Widerſtreben Der Götter kuͤhnen Feind von Thron und Reich verbannt, Dort ſah ſie jetzt den Heerd der Chriſten ſich erheben, Dort herrſchte jetzt der Gott, den nie ihr Herz erkannt. Von dort war flammend juͤngſt zum Unheil ihrer Schaaren Und ihrer Macht zum Hohn der Blitz herabgefahren. Caͤcilie. 50. Wie ſtill der ſtarke Leu in ſeiner Hoͤhle weilt, Von rauhen Felſenhoͤhn und finſterm Wald umſchloſſen, Und mit verhaltnem Grimm die wunden Glieder heilt, Die juͤngſt mit ſcharfem Speer ein Jaͤger ihm durchſchoſſen; Doch, wenn ſich friſche Kraft durch ſein Gebein ergoſſen, Blutduͤrſt'ger noch als ſonſt zu neuem Raub' enteilt: So kam Swanwithe jetzt nach drei durchzuͤrnten Tagen Aus ihrem Hain zuruͤck, noch groͤßern Kampf zu wagen. 51. Nicht lang ſoll ſeines Throns der fremde Gott ſich freun, Nicht lang ein feindlich Bild den Huͤgel Frey's entehren; Sie ſelber will den heil'gen Stein, Worauf das Kreuz ſich hebt, mit finſtrer Macht zerſtoͤren, So zieht ſie kuͤhn hinweg aus ihrem dunkeln Hain, Umflattert und umſaust von boͤſen Geiſterheeren. In ſchwarze Ruͤſtung iſt ihr ſtarker Leib gehuͤllt, Schwarz iſt ihr hohes Roß, und ſchwarz ſind Helm u, Schild. 4 Sechszehnter Geſang. 3641 5². Schou hat ſie jetzt mit neunfach ſtarken Kreiſen Im Zauberſchritt den Gottesheerd umſchraͤnkt, Schon neunmal ihn bedroht mit dunkeln Runenweiſen, Mit giftgen Tropfen ſchon den heil'gen Raum beſprengt; Und ſchon die Bruſt geritzt mit ſcharf geſchliffnem Eiſen Und mit dem eignen Blut die Geiſterſchaar getraͤnkt; Da hoͤrt ſie durch die dichten Lauben Des wildverſchlungnen Hains Thorildens Zelter ſchnauben⸗ 53. Sie, die von heißem Zorn entbrennt, Daß jetzt ein fremder Fuß den ſtillen Zauber ſtoͤre, Schwingt haſtig ſich auf's Roß und ſpornt es wild und rennt Auf Hertha's Prieſterin mit langgeſtrecktem Speere; Und dieſe, die das Vild der Mutter nicht erkennt, Hebt hoch den breiten Schild und ſetzt ſich raſch zur Wehre; Und jetzt beginnt ein Kampf auf dieſen naͤcht'gen Hoͤhn, So grimm und wunderbar ihn nie die Welt geſehn. Cacilie. 54. Sie ſtuͤrmen wild und zornig ſich entgegen, Daß Beider Speer am ſtarken Schild zerkracht. Dann zuͤcken ſie das Schwert zu ungeheuren Schlaͤgen, Von Funken leuchtet weit die unwirthbare Nacht. Der Mutter iſt an Kraft die Tochter uͤberlegen, Drum ſichert jene ſich durch ihre Zaubermacht; Bald iſt ſie hier, bald dort, bald ſcheint ſie ſich zu ſpalten und droht der Gegnerin in doppelten Geſtalten. 55. Doch auch Thorilden iſt manch Truggebild bekannt, Des Feindes Augen zu verwirren. Bald ſcheint ein ganzes Heer im wilden Kampf entbrannt, Man hoͤrt im Walde rings viel hundert Schwerter klirren⸗ und Speere werden rings und Pfeil' umhergeſandt, Die ohne Schaden nahn und luftig weiter ſchwirren. Von lauter Trommeln gellt, von ehrnen Hoͤrnern ſchallt Und von Trompetenklang erzittert Berg und Wald. Sechszehnter Geſang. 363 56. Zu Rieſen ſcheinen ſich die Baͤume zu beleben, Ein ſcharfes Schwert haͤlt jeder Aſt gezuͤckt, Der mooſ'ge Fels beginnt vom Boden ſich zu heben Und ſchreitet traͤg einher von eigner Laſt gedruͤckt, Und kaͤmpfend ſieht man rings viel grauſe Voͤgel ſchweben Und Thiere, welche nie ein menſchlich Aug' erblickt. Bald ſcheints, als ob zum Strom die Erde, Zum raſchen Sturm der Strom, die Luft zur Flamme werde. 57. Und wie im Fichtenwald die Winde heulend wehn, Wie brauſend Wog' und Gluth ſich miſchen, Wie laut der Loͤwe bruͤllt, wie gift'ge Schlangen ziſchen, Wie dumpf die Eule kraͤchzt und Haͤhne gellend kraͤhn: So hebt verwirrt aus allen Buͤſchen,. Aus Luft und Hoͤhlen ſich ein graͤßliches Getoͤn. Was Erd' und Himmel zeugt, was Stroͤm' u. Tiefen hegen, Scheint Alles tobend ſich im lauten Kampf zu regen. Cacilie. 58. Und durch den wilden Zaubertraum Drehn raſch ſich hier und dort die ſtarken Kaͤmpferinnen. Sie ſelbſt erkennen oft die eigne Schoͤpfung kaum; So miſchen Trug und Trug ſich vor den wuͤſten Sinnen. Die ſchuͤtzt mit Schild und Schwert ſich vor Gebuͤſch und Baum, Die ſieht man maͤcht'gen Kampf mit hartem Fels beginnen, Oft ſtuͤrzt, wenn raſch vor ihm der Stein als Woge ſteigt, Das Roß ſich in den Strom, der ebnem Raſen gleicht, 59. Da laſſen ſie die nicht'gen Zauber ſchwinden, Und heißer hebt ihr eigner Kampf ſich dann. Bald ſieht man ſie als Drachen ſich umwinden, Bald fallen ſie als grimme Leu'n ſich an; Und will die Eine raſch zur Flamme ſich entzuͤnden, So ſtuͤrzt die Andre ſich als wilder Strom heran; Verbirgt die Eine kaum in harten Fels die Glieder, So ſchlaͤgt die Andre ſchon als Blitz die Feindin nieder. Sechszehnter Geſang. 365 60. Schon heben ſie zum kuͤhnern Streit. Sich in die Nacht empor, gleich zornentbrannten Goͤttern. Ihr Wagen iſt der Sturm, die Wolk' ihr finſtres Kleid; Die ehrne Rechte kaͤmpft mit Wogen und mit Wettern, und waͤhrend jene laut mit raſchen Donnern draͤut, Laͤßt die den gluͤh'nden Blitz aus ſtarken Haͤnden ſchmettern. Ein wild Geheul wird durch die Nacht gehöͤrt, Der ganze Himmel ſcheint zum grauſen Kampf empoͤrt. 61. Denn jene Geiſter auch, die Beide ſtets umgeben, Entziehn ſich jetzt der wilden Schlacht nicht mehr. Man ſieht ſie rings wie gluͤh'nde Schwerter ſchweben, Als Drachen ſtuͤrmen die, als Greifen die einher; Als ein geſchweifter Stern beginnt ſich der zu heben, Der rauſcht und ſchl aͤgt herab als Hagel dicht und ſchwer; In Donnern und im Sturm, in Blitz, Gewoͤlk und Regen, In Nacht und Flammen ziehn die Maͤcht'gen ſich entgegen. Caͤcilie. 62. Die Maͤlder brechen rings von ſtarker Winde Wehn, Die Kluͤfte ſchallen laut, die alten Felſen ſplittern, Gewaͤſſer ſtuͤrzen dumpf und Stroͤme von den Hoͤhn, Das ferne Meer erbrauſ't von kaͤmpfenden Gewittern. In Sturm und Gluthen ſcheint der Himmel zu vergehn, Im tiefſten Grund beginnt die Erde zu erzittern: Doch wie die wilde Nacht auch donnert, ſauſ't und blitzt, Hoch ſteht das heil'ge Kreuz, von Gottes Hand geſchuͤtzt. 63. Schon lang vernimmt von beiden Seiten Die Schaar, die auf der Burg und die im Lager wacht, Den ungeheuren Kampf vom Weiten Und ſieht mit bangem Blick die Zeichen in der Nacht, Und mancher Daͤne glaubt, daß Gott und Odin ſtreiten Im letzten harten Kampf um Scepter, Reich und Macht⸗ Doch Jeder fuͤhlt mit ſtillem Zagen, Es muͤſſ' ein großer Tag nach ſolchen Wundern tagen. Sechszehnter Geſang. 367 64. Doch als das kuͤhne Paar erkannt, Wohl werde keine ſo die Gegnerin bezwingen, Weil gleicher Zauber ſtets den gleichen Zauber bannt, Und fuͤr und wider ſie dieſelben Kraͤfte ringen; Da ſieht man Beide ſich noch einmal niederſchwingen In menſchlicher Geſtalt und irdiſchem Gewand, Daß durch des Arms Gewalt u. durch des Schwertes Schneide Bald uͤber Sieg und Tod der harte Zwiſt entſcheide. 65. Schon halten Beide hoch zu Roß Und ſtaunen lang ſich an, bereit zum ſcharfen Rennen, Man ſieht durch ihren Helm die wilden Augen brennen, Und ſchon ihr Blick durchbohrt wie flammendes Geſchoß. Noch kann ſich immer nicht das kuͤhne Paar erkennen, Da Beid' ein fremder Schmuck, ein feindlich Kleid umſchloß: Doch jede waͤhnt ſchon laͤngſt, daß ſeines Heerdes Rechte Der Gott der Chriſten ſelbſt mit ſtarkem Arm verfechte. Und als ſie ſonder Zaubertrug Die ſcharfen Schwerter nun auf ihre Herzen wenden, Da ſollte noch einmal des Tyrfings grimmer Fluch, und nicht zum letzten Mal, ſein blut'ges Werk vollenden. Kurz war der Kampf, Swanwithens Stunde ſchlug, Hoch blitzte ſchon der Tod in ihrer Tochter Haͤnden; Laut ſauſ't das Schwert herab, Swanwithens Helm zerfliegt, Die Nutter ſinkt, die Tochter hat geſiegt. 67. So trifft des Himmels gluͤhnde Ruthe Den Kuͤhnen, deſſen Stolz ſich gegen ihn empoͤrt. Sie, die mit frechem Uebermuthe Sich gegen Gott erhob, ſie ſinkt an jenem Heerd, Den ihre Hand ſo oft befleckt mit fremdem Blute, Ein blutig Opfer ſelbſt, durch ihrer Tochter Schwert. Und die das Schwert geraubt, den Himmel zu verſuchen, Muß nun die erſte That, die es vollbracht, verfluchen. 68. Sechszehnter Geſang. 68. Die Geiſter, die Swanwithens Hand In ihren Kreiſen hielt mit ſtarken Zauberzuͤgeln, Erheben jetzt ſich raſch mit ungebundnen Fluͤgeln Und ſchwaͤrmen laut hinweg durch Wolken, Meer u. Land. Der kehrt im Sturm zuruͤck zu ſeinen Felſenhuͤgeln, Der ſucht ſein Flammenhaus, der ſeines Stromes Strand, Der ſchwingt mit ſchlagendem Gefieder Sich in die Luft empor, der ſich zur Tiefe nieder, 69. So regen raſch mit freud'gem Fluͤgelſchlag, Durch Wald und Feld im weiten Flug ergoſſen, Viel bunte Vogel ſich, wenn einſt ihr Gitterdach Im ſtolzen Gartenhain ſich ploͤtzlich aufgeſchloſſen; Der ſucht ſein altes Neſt, der wiegt ſich auf den Sproſſen, Der flattert durch die Luft den leichten Bruͤdern nach, Der huͤpft an ſchattigen Geſtaden Und freut ſich, Schwing' und Haupt im freien Quell zu baden, II. Theil. 24 370 Caͤcilie. Sechszehnter Geſang. 70. Der wilde Zorn der ſtarken Kraͤfte ſchweigt⸗ Schon ſaͤuſelt mild die Ruh' auf Hoͤhn und Triften. Der Nebel flieht, aus dunkeln Wolken ſteigt Der Mond empor und ſchwimmt in blauen Luͤften. Des Regens Fall verſiegt, in ſein Geſtad' entweicht Der aufgeſchwollne Strom, der Sturm zu fernen Kluͤften; Die wuͤſten Waͤlder nur, der Wieſ' entſtelltes Kleid Verkuͤnden traurend noch den grimmgekaͤmpften Streit. 71. Hochprangend waͤhnt die trotzige Thorilde, Sie hab' in harter Schlacht den Chriſtengott beſiegt. Kuͤhn ſchaut ihr Blick hinab in's heimiſche Gefilde, Das jetzt nicht lang ſich mehr den fremden Ketten ſchmiegt; Dann naht ſie ſich dem grauſen Leichenbilde, Das ſtumm und ſtarr und finſter vor ihr liegt. Sie loͤſ't Swanwithens Helm, von warmem Blut geroͤthet⸗ und blickt die Feindin an, und ſieht, wen ſie getoͤdtet. 2. — ᷣ S — — = ᷣ‿ ‿ — — — — H Siebenzehnter Geſang. — 1. Ihr, die ihr tief im alten Reich der Nacht, Das ſchwaͤrzer noch die rothen Flammen faͤrben, Bei Thraͤnen nur und Qualen heulend lacht, Und eignen Schmerz verſuͤßt durch fremden Gluͤcks Verderben, Ihr Knechte heil'gen Zorns, des Fluchs unſel'ge Erben, Zerſtoͤrer ohne Ziel, Aufruͤhrer ohne Macht, Wohl ſeh' ich jetzt bei eures Kindes Qualen Aus eurem finſtern Blick ein wildes Laͤcheln ſtrahlen! 374 Caͤcilie Denn wenn auch durch Thorildens Schwert Der Hoͤlle kuͤhnſter Schutz, ihr Hoffnungsſtern gefallen, Das eben iſt der Fluch der ewig dunkeln Hallen, Daß ihr mit grimmer Luſt das eigne Werk zerſtoͤrt Und ihn, den ſtarken Gott, dem eure Fluͤche ſchallen, Durch graͤßlich finſtre That nur herrlicher verklaͤrt. Was er, was ihr vollbringt, ihr muͤßt im Schmerz euch kruͤmmen, Am eignen Weh euch freun und lachen mit Ergrimmen. 3. Wie ſtill und ſchwer auf weitem Meeresraum, Der leiſe bebt im ahnungsvollen Zagen, Weit ausgeſpannt mit hochgeſchwollnem Saum Die Wolke ruht, von eigner Laſt getragen; Die Welle ſcheint die Welle bang zu fragen, und aus der Tiefe ſteigt vom ſtummen Drang der Schaum, Noch weiß man nicht, ſoll Sturm und Blitz beginnen, Soll leiſer Thau vom Himmel niederrinnen: Siebenzehnter Geſang. 37⁵ 4. So ſtand Thorilde jetzt, vom tiefen Weh verzehrt, Dumpfſchweigend da; von keiner Regung klangen Des Panzers Ring' umher, kein Seufzer ward gehoͤrt, Nicht eine Thraͤne rann von ihren bleichen Wangen. Bald ließ ſie ihren Blick am blut'gen Zauberſchwert Und an Swanwithen bald, und bald am Boden hangen; Ihr ſtummes Auge war viel dunkler als die Nacht, Ihr Buſen ſchien ein Grab, worin das Leben wacht, 5. Man ſah das Laub des Haines ſich entfaͤrben, Entblaͤttert ſank die Blum' um ihren Pfad, Das Luͤftchen ſchien mit bangem Hall zu ſterben, Sobald ſein Hauch ſich ſpielend ihr genaht; Wohl ſchien's, als wolle Tod und Dunkel und Verderben Mit ſtillem Leichentuch umziehn die grauſe That: Fuͤr ſie, die ſchweigend ſtand, ſchien bang mit leiſen Toͤnen Gebuͤſch und Gras und Well' und Luft zu ſtoͤhnen. 6. Doch vloͤtzlich ſchlug, gleich einem Wetterſtrahl, Mit wilder Kraft das lang gefangne Leben Aus ihrer Bruſt empor in gluͤhnder Qual; Verzweiflung ſchien durch jedes Glied zu beben. Weit ſchleuderte ſie aus der Hand den Stahl, Der mit demſelben Streich ihr Sieg und Fluch gegeben; Laut ſchrie ſie auf mit bleichem Angeſicht und trocknem Blick, doch Worte fand ſie nicht. 7. und als ſie jetzt, umringt von tauſend Noͤthen, Verzweiflungsvoll am blut'gen Boden lag, Als heißer ſtets die lauten Seufzer wehten, und faſt die Bruſt vom wilden Kampfe brach, Da ſehnte ſich ihr Herz, zu klagen und zu beten, Doch fand ſie keinen Gott, der Frieden ihr verſprach. Nicht waͤhnte ſie, daß uͤber Wolk' und Winde Der Seele bruͤnſt'ges Flehn den treuen Vater finde. Siebenzehnter Geſang. 377 8. Ihr Herz verlangt ein Bild, wenn auch aus Erz und Stein, Das nah ihr ſey, das ſichtbar vor ihr ſtehe, Das ihr Verlangen, ihre Pein, Ihr laut Gebet vernehm' und ihre Thraͤnen ſehe, Aus deſſen Stirn und Blick ſie Zuͤrnen und Verzeihn, Erhoͤrung, Rath und Troſt mit eignem Aug' erſpaͤhe; Wohl weiß ſie, daß der Stein ein falſches Leben luͤgt, Doch ſuͤß iſt jeder Trug, der unſern Schmerz betruͤgt. 9. Da ruht ihr Blick auf jenem ſel'gen Bilde, Das auf den heil'gen Heerd der Chriſten Hand geſtellt. 3 Es ſchaut vom Kreuz ſo friedlich auf's Gefilde, Von Mondesſtrahlen iſt ſein bleiches Haupt erhellt; Ein Koͤnig ſcheint's an Kraft, ein Kind an Ruh' u. Milde, Es liebt den bittern Feind und leidet fuͤr die Welt. Sie, die durch Wort und That ſo oft den Heiland ſchmaͤhte, Sie neigt vor ihm ſich jetzt im ſchmerzlichen Gebete. Caͤcilie. 10. Ja, du biſt maͤchtiger als ich! So ruft ſie aus, wohl hab' ich's tief empfunden! Dein iſt der Sieg! umſonſt bekaͤmpft' ich dich! Vernichte mich! du haſt mich uͤberwunden! Was blickſt du jetzt ſo ſtill, ſo mild herab auf mich? Du winkſt und rufſt umſonſt, feſt iſt mein Herz gebunden! Ich neige mich vor dir, ich fuͤhle deine Macht, Doch weich' ich nimmermehr aus deiner Feinde Schlacht! 11. Du, der ſo raͤcheriſch im Zorne mir erſchienen, Wie ſcheinſt du jetzt vom Zorne mir ſo fern! Wohl moͤcht' ich dir, dem ſanften Herrſcher, dienen, Doch weiht ein ew'ger Schwur mich meinen alten Herrn! Mit ihnen muß ich ſtehn, ich muß vergehn mit ihnen, Mein Leben iſt verſagt und feſt mein Schickſalsſtern! Du ſiegſt, und Odin ſinkt, du kannſt befrein und ketten, Kannſt raͤchen und verzeihn, doch kannſt du mich nicht retten! Siebenzehnter Geſang. 379 12. Wohl bin ich tiefgebeugt, wohl draͤngt mich grimme Noth, Mein Himmel geht, mein Gott, mein tapfres Volk verloren, Ein fluchbeladner Mord faͤrbt Schwert und Hand mir roth, Es faͤllt der einz'ge Freund, den ſich mein Herz erkoren; Nur Eines bleibt mir noch, die Treu bis an den Tod, Die ich den Goͤttern einſt, die ich mir ſelbſt geſchworen; Und bluͤht auch Fried' und Heil auf deiner milden Spur, Ich ſchwur dir Kampf und halte meinen Schwur, 13. Doch wenn ſich einſt die ſtarken Bande trennen, Und auch in deinem Reich, wie dort in Odins Saal, Die Nornen unſerm Geiſt ein ſchoͤnres Leben goͤnnen, Wo keine Pflicht mehr iſt, kein Zorn und keine Qual, Dann laß auch mich, du Maͤcht'ger, dich erkennen, Und, wenn dich Alles liebt, ſey Lieb' auch meine Wahl, und haſt du wirklich einſt fuͤr alle Welt gelitten, So nimm auch mich zu dir, die fuͤr ihr Volk geſtritten! Caͤcilie. 14. Sie ruft's; und er, der einſt ſein Blut fuͤr uns vergoß⸗ Der die geſegnet hat, die ihn ans Kreuz geſchlagen, Er, gegen den auch ſie jetzt neuen Kampf beſchl oß, Er haucht ihr Troſt ins Herz und ſtillt ihr wildes Zagen. Schon iſt ſie ſtark genug, die grimmſte Fahrt zu wagen, Sie rafft ſich muthig auf und ſchwingt ſich auf ihr Roß; Dann ſprengt ſie durch den Wald, daß weit die finſtern Hallen Vom Doppelſchlag des Hufs dumpfdroͤhnend widerſchallen. 15. Nicht fern von jenen Hoͤhn, wo naͤchtlicher der Hain Die ſchwarzen Schatten ſtreut, und Dorn und Buſch ſich draͤngen, Senkt ſchaurig ſich ein Thal, wo ſchroffe Felſenreihn, Im Kreiſ' emporgethuͤrmt, gewaltig niederhaͤngen. Dort ſah das feuchte Moos noch nie der Sonne Schein, Kein Vogel freut ſich dort in lieblichen Geſaͤngen, Dort hat im Lenz der Dorn ſein ſchneeiges Gewand Und ihre Bluͤthen dort die Haide nie gekannt. Siebenzehnter Geſang. 381 16. Und wo am wildeſten die rauhen, Zerrißnen Felſen ſteh, mit dunkelm Wald gekroͤnt, Steigt eine tiefe Kluft hinab in naͤcht'ges Grauen, In deren Schlunde ſtets ein dumpfes Brauſen toͤnt; Kein Auge kann den Schlund der ſchwarzen Hoͤhle ſchauen, Die in der Erde Bauch ſich unermeßlich dehnt, Kaum ſieht man noch die drohenden Geſtalten Der naͤchſten Klippen ſich aus grauem Duft entfalten; 17. Sie ragen ſtumm aus wuͤſter Nacht hervor, Manch Schreckgebild dem bangen Blick zu bieten; Hier baͤumt ein Drache ſich, dort ſpringt ein Loͤw' empor, Dort ſieht man ein Geſpenſt im finſtern Neſte bruͤten; Als Waͤchter ſchienen ſie der Hoͤhle Felſenthor, Still lauernd auf den Raub und halbverhuͤllt zu huͤten; Die rege Nacht wogt wie ein dunkles Meer Bald hoͤher, tiefer bald um ihre Glieder her. 382 Caͤcilie. 18. Am Rande jener Kluft erhebt im dumpfen Schweigen Ein alter Eichenſtamm ſein ungeheures Haupt und breitet weit umher mit vielverſchlungnen Zweigen Sich um den Abgrund aus, mit falbem Schmuck belaubt⸗ Denn von den Duͤnſten iſt, die aus der Tiefe ſteigen, Das jugendliche Gruͤn der Blaͤtter ihm geraubt, Matt laͤßt er manchen Aſt bis dort herniederhaͤngen, Wo aus den Felſen ſich die tiefen Wurzeln draͤngen. 19. In ſeinem Schatten hat kein Hirt ſich je gekuͤhlt, Kein Jaͤger je auf fluͤcht'gen Raub gelauert. Kein muntrer Vogel je in ſeinem Laub geſpielt, Kein Epheu kraͤnzt den Stamm, der ewig einſam trauert. Von grauſer Furcht, von Todesahnung fuͤhlt Sich Jeder, der ihm naht, umnebelt und durchſchauert; Sein dunkler Schatten ſcheint in dieſen Wuͤſtenei'n Im tiefen Grabe noch ein tiefres Grab zu ſeyn. Siebenzehnter Geſang. 383 20. Dort iſt das Thor zu jenen finſtern Hallen, Wo ew'ge Qual das Heer der Nacht umringt; Die Klaͤnge, die ſo dumpf aus jenen Tiefen ſchallen, Iſt ihr Geheul, ihr Fluch, der auf zum Himmel dringt, und jener gift'ge Dunſt, worin die Kluͤfte wallen, Miſcht aus den Seufzern ſich, wovon ihr Buſen ſpringt, und Schweigen, Nacht und Tod ſind jenen wuͤſten Orten Die ewig hemmenden, die nie geſprengten Pforten. 21. Nur Jene, welche Gott erkohr, Auf unerforſchter Bahn ſein heil'ges Reich zu mehren Sie heben finſter oft ſich aus der Kluft empor, Durch mannigfalt'gen Trug die Menſchen zu bethoͤren, Und aus der Eiche laͤßt und aus der Kluft hervor Den Kindern ihres Reichs ihr luͤgend Wort ſich hoͤren, Und Jedem, der im Wahn dem Baum ſich fragend naht, Verkuͤndet Heil und ſpendet Fluch ihr Rath. 22. Doch naht nur der den wuͤſten Felſenengen, Den uͤber jedes Graun ſein kuͤhnes Herz erhebt; Wer vor den graͤßlich wilden Klaͤngen, Wovon ſich ploͤtzlich oft das todte Thal belebt, Wer vor den Bildern zagt, die aus der Kluft ſich draͤngen, Und im Geheul und Sturm und Kampf nur einmal bebt, Den reißen jach mit flammendem Gefieder In ihr unſel'ges Reich die grimmen Geiſter nieder. 23. Dort harrt Thorildens jetzt der letzte groß Kampf. Raſch jagt ihr wildes Roß durch oͤde Waldesſtrecken; Der Abgrund ſelbſt vernimmt der Hufe dumpf Geſtampf, Die weit die ſtumme Nacht aus wuͤſtem Schlummer wecken. Gewaltig hebt aus Schatten, Gluth und Dampf Der Hoͤlle grauſer Fuͤrſt des Hauptes dunkle Schrecken; Er fühlt, wer dort ſich naht, und ruft mit Donnerton Der Geiſter trotz'ge Schaar vor ſeinen finſtern Thron. 24 · Siebenzehnter Geſang. 38⁵5 24. Sie ſammeln ſich, die auf den Waſſern ſtuͤrmen⸗ Die durch den Schooß der Erde naͤchtlich ziehn, Die in den Luͤften ſich als Wetterwolken thuͤrmen, Die aus der Berge Schlund in maͤcht'gen Flammen ſpruͤhn. Gleich grauſen Voͤgeln naht, gleich ſcheußlichen Gewuͤrmen, Das tauſendfaͤlt'ge Heer, gleich Lowen ſtark und kuͤhn. Laut ſchallt ihr grimm Geheul, der Suͤnder bebt zuſammen Und birgt ſein banges Haupt verzweifelnd in die Flammen. 25. Dort, wo entfernt vom gluͤh'nden Ort der Pein, Die alte Nacht in ungeheuren Hallen Sich wogend woͤlbt, und ſchweigend und allein, d 8u ſtummer Qual verdammt, lichtſcheue Geiſter wallen, Wo hier und dort Nachtvoͤgel kreiſchend ſchrein, uUnd von der Schlangen Zorn die finſtern Kluͤfte ſchallen, Wo keine Grenzen je blindtaſtend Fuß und Hand, Und nie ſein eignes Bild das finſtre Volk erkannt: II. Theil. 386 Caͤcilie. 26. Dort ruht auf hoher Dampfeswelle, Die dunkler als die Nacht zum Throne ſich verwebt, Mit grimmem Drachenhaupt der grauſe Fuͤrſt der Holle, Vor deſſen Wink und Blick der weite Abgrund bebt. Die Augen waͤlzen ſich wie große Feuerbaͤlle, Nur ſie erleuchten jetzt das Graun, das bruͤtend ſchwebt, und jeden Blick ſieht man, gleich Flammenpfeilen, Verzehrend, wenn ſie nahn, durch's ferne Dunkel eilen. 27⸗ Von wilden Seufzern iſt ſein finſtres Herz empoͤrt, Die, mag ſein Stolz auch grimmig ſie verhalten, Man in der Bruſt doch ringend brauſen hoͤrt, Wie tief in hohler Kluft gefangne Stuͤrme walten. Sein Hauch iſt gift'ger Dampf, die Zung' ein ſchneidend — Schwert, Zu tauſend Schlangen iſt ſein maͤcht'ger Schweif geſpalten. Von Flammen iſt der Reif, der ſeine Stirn umzieht,⸗ Sein Scepter ein Komet, der gluͤhndes Unheil ſprüht. Siebenzehnter Geſang. 387 28. Und wie ein Meer, das auf verworrnen Pfaden⸗ Vom nah'nden Sturm allmaͤhlig aufgeregt, Um alle Inſeln rauſcht und an den Seegeſtaden Stets hoͤher, lauter ſtets die rauhen Felſen ſchlaͤgt, Und wild zuletzt, mit grauem Schaum belad⸗ Weit uͤber Strand und Feld die raſchen Wegen traͤgt: So ſchallte jetzt mit immer lauterm Grimme Dumpftoͤnend durch die Nacht des Drachen ehrne Stimme: 29. Ihr Fuͤrſten meines Reichs, die ihr zur ew'gen Schlacht Euch gegen deſſen Zorn, der euch enrthront, verbundet, Die ihr in Ketten trotzt und eures Siegers lacht, Und neue Kräfte nur in jedem Sturze findet, Noch einmal ſiegt der Feind, es wankt das Reich der Nacht, Der ſtolze Thron verſinkt, den unſer Trug gegruͤndet, Er, den mein Herz verflucht, den nie mein Mund genannt, Bewaͤhrt noch einmal uns die unbezwungne Hand. 25* 388 Czcilie. 3o. Doch ſiegt er auch, nicht laͤßt die Kund' uns zagen! Noch eh' der Kampf begann, war uns ſein Ziel bewußt; Der Sieg iſt ewig ſein: doch unſer iſt das Wagen, und nicht des Streites Lohn, der Streit iſt unſre Luſt. So ſoll gewalt'ger ſtets des Haſſes Flamme ſchlagen, und ſtolzer widerſtehn die unheilſchwangre Bruſt. Die Lieb' iſt ſtark, doch ſtaͤrker iſt das Haſſen, Und ſelbſt der Sieger muß uns dieſe Waffen laſſen. 31. und auch ſein Sieg erfuͤllt, was unſer Zorn begehrt; Wir ſahn mit Blut das weite Land ſich faͤrben, Wild iſt zum Kampf Volk gegen Volk empoͤrt, Die Zwietracht herrſcht, das Unheil, das Verderben. Die Mutter ſiel durch uns von ihrer Tochter Schwert, Von Bruderhaͤnden muß durch uns der Bruder ſterben; Verzweifelnd flucht das Volk und klagt im falſchen Wahn Den Herrn des Himmels an, um das, was wir gethan. Siebenzehnter Geſang. 389 * 32. Wir ſiegen, wir, wenn Jener, der im Streite Uns uͤbermannt, der Hoͤlle Werk vollbringt; Und ſinkt auch jenes Reich, das unſerm Dienſt ſich weihte, Die Hoͤlle jauchzt, wenn's grimm und blutig ſinkt. Sein iſt der Ruhm; uns bleibt die ſchoͤnſte Beute; Sie, die in kuͤhner Hand der Hoͤlle Banner ſchwingt, Sie, die dort oben naht, ſie ſoll mit blut'gen Thraͤnen, Mit grauſen Schmerzen jetzt den Sieg der Holle kroͤnen, 33. Mit großen Kraͤften hat der Feind ſie einſt geſchmuͤckt, Hat ihr ein tapfres Herz und tiefen Sinn verliehen, Sie iſt ſein Werk, er hat ihr laͤngſt verziehen, Wie wild auch ihre Hand das Schwert auf ihn gezuͤckt. Dies ſtarke Heldenreis es ſoll durch uns verbluͤhen, Von ungeheurer Qual entblaͤttert und zerknickt. Wenn ſie ihr letztes Gluͤck dem taͤuſchenden Verſprechen Der Hoͤlle dargebracht, dann ſoll ihr Schmerz uns raͤchen, Ccilie. 34. und hat ſie Großes auch in unſerm Dienſt gethan und kuͤhn das Bild beſchuͤtzt, das wir zum Gott ihr ſtellten⸗ Und waͤhnt ſie auch, von uns jetzt Rettung zu empfahn, Wer auf die Holle traut, darf der die Luͤge ſchelten? Nicht ſtritt fuͤr uns ihr Schwert, es ſtritt fuͤr ihren Wahn, Wohlan, ſo mag ihr Wahn, was ſie vollbracht, vergelten! Wer Lohn und Dank aus unſrer Hand begehrt, Heiſcht Kuͤhlung von der Gluth und Leben von dem Schwert. 35. So ſprach der Fuͤrſt der Nacht, und alle Kluͤfte ſchallten Noch lang vom dumpfen Ton der Donnerſtimme fort. Laut prieſen rings die hoͤlliſchen Geſtalten Mit lachendem Geheul des Herrſchers ſtolzes Wort. Die wilde Schaar begann die Fluͤgel zu entfalten Und ſchwang von neuem ſich hinweg zu Trug und Mord. Doch die der Fuͤrſt gewaͤhlt, erhoben Mit wolkenſchwerem Flug ſich durch die Kluft nach oben. Siebenzehnter Geſang. 394 36. Doch durch die ſtille Nacht, die daͤmmernd ſie umfloß, Und durch den Wald, der ſtets pfadloſer ſich verzweigte, Entfloh Thorild' indeß auf ſchaumbedecktem Roß, Bis nach und nach die Bahn ſich in die Tiefe neigte, und bald ſich ihrem Blick das grauſe Thal erſchloß, Das kaum nach langem Flug des Mondes Strahl erreichte. Nur muͤhſam klomm in jenes wuͤſte Grab Durch Dornen und Geſtein ihr leichtes Thier hinab. 37. Die Felſen ſahn mit ihren dunkeln Zinnen Gar ſchauerlich ins tiefe Thal hinein, Schwarz dehnten rings die Kluͤfte ſich nach innen, Wie Mauern ſtand der finſtre Fichtenhain; Hier ſchien kein Troſt, kein Hoffen, kein Entrinnen, Hier ſchien Verzweiflung nur und ew'ges Weh zu ſeyn. Doch immer naͤher trieb mit unverzagter Seele Thorild' ihr edles Roß der unerforſchten Hoͤhle. 38. Doch jetzt begann im ſtillen Felſenreich Ein dumpf Geheul von wildvermiſchten Toͤnen; Hohnlachen ſcholl, Gebruͤll und Drohn zugleich, Aus tiefen Grotten drang Gewinſel, Klag' und Stoͤhnen. In Haid' und Klippen ſchien, in Ranken und Geſtraͤuch Ein ſterbend Leben ſich in grauſer Qual zu dehnen, und weit begann in raſcher Furcht der Hain Durch alle Wind' umher ſein falbes Laub zu ſtreun. 39. Wie wild ein Loͤwe reißt an ſeinen Eiſengittern, So ſchien die Erdenkraft, die hier in Banden lag, Mit ſchnellerwachtem Grimm die Ketten zu erſchuͤttern und laut emporzuſchrein im gluͤh'nden Zorn der Schmach. Man ſah der Felſen Haupt in ſeinen Kronen zittern, Hell ſcholl im Sturm die Luft die Kraft der Waͤlder brach, Indeß ſich wuͤſter ſtets die grauſen Stimmen miſchten und heulten, ſchmetterten, erkrachten, brauſ'ten, ziſchten. Siebenzehnter Geſang. 393 40. Doch laͤßt der laute Sturm, der durch die Kluͤfte bruͤllt, Die kuͤhne Jungfrau nicht auf ihrem Pfade wanken. Da wandelt rings im Thal ſich alles fremd und wild, Lebendig wird der Hain, der Grund beginnt zu ſchwanken, Aus jedem Fels erſteht ein grimmes Rieſenbild, Zu Schlangen baͤumen ſich die vielverſchlungnen Ranken, Von allen Klippen ſtuͤrzt ſich raſche Waſſerfluth, Aus allen Hoͤhlen ſchlaͤgt breitflammend rothe Gluth. 41. Was nur den bangen Geiſt verwirren, Das Herz erſchuͤttern kann, umringt Thorildens Pfad. Im Ruͤcken hoͤrt ſie laut gewalt'ge Schwerter klirren, Und Speere ſenken ſich wohin ihr Zelter naht; Sie ſieht um Helm und Schild viel naͤcht'ge Voͤgel ſchwirren, Und aus dem Boden keimt der Wuͤrmer gift'ge Saat; Ihr eignes Roß erſcheint im Zaubertruge Als Drache kriechend bald und bald als Greif im Fluge. und aus dem Schlund der tiefen Hoͤhle ſchwebt Ein graͤßlich Heer von ſchattigen Geſtalten, Das bald zum frechen Tanz die Nebelglieder hebt, Bald wild im Kampfe ſtuͤrmt um Berg und Felſenſpalten, Jetzt iſt zu einem Bild der wuͤſte Schwarm verwebt, und tauſend ſieht man jetzt aus einem ſich entfalten. Ihr duft'ger Schleier wogt um Waͤlder und um Hoͤhn und flattert weit durchs Thal im raſchen Sturmeswehn. 43. Doch als Thorilde kaum der Eiche Kreis betreten, Da ſchwand in wuͤſter Flucht der grauſe Zaubertraum; Stumm lag das Thal umher, des Herdſtes Luͤfte wehten Nur bang und ſchaurig noch im hochgewoͤlbten Baum. Still ſtand ſie an der Kluft, und ihre Blicke ſpaͤhten Erſt lange ſtarr hinab zum endlos dunkeln Raum, Dann ließ ſie dumpf in jene tiefen Hallen Den maͤcht'gen Bann der Geiſter niederſchallen: Siebenzehnter Geſang. 395 44. Ihr ſtarken Diener meiner Macht, Erkohren, Odins Thron zu ſchuͤtzen, Was ſchlaft ihr jetzt in tiefer Nacht So traͤg' auf bald zerſtoͤrten Sitzen? Thorilde ruft! erwacht, erwacht! Das Unheil naht, die Wetter blitzen! Was euer Wort auch kuͤndet und verlangt, Thorilde ruft, die nimmer zagt und ſchwankt. 45. Sie ſprichts; da ſcheint im Stamm verborgne Gluth . zu kniſtern, Ein ſeltſam Leben ſcheint durch jeden Zweig zu wehn, Durch alle Blaͤtter rinnt ein Rauſchen und ein Fluͤſtern; Noch kann das Ohr den Ruf der Geiſter nicht verſtehn, Doch hoͤrt es nach und nach die Stimmen ſich verſchwiſtern, Zu einem Klange wird das ſaͤuſelnde Getoͤn, Bis heller ſtets und heller aus den Zweigen Mit gellendem Geſang die Worte niederſteigen: und wenn die Odinseiche bricht, Uns freie Geiſter kuͤmmert's nicht! Wir ſpielen luſtig unſre Spiele Und brauchen weder Dach noch Kuͤhle. Willſt du ſie pflegen und traͤnken gut, Sey Thraͤne der Thau und der Regen Blut. Haſt du was Liebes, ſo laß es ſterben! Hurrah! wir lachen, es gilt Verderben! 47. So ſchließt das Lied mit kreiſchend hellem Schall, Zum Lachen ſchwillt der Geiſter grauſes Singen, Daß weit umher vom lauten Widerſchall Der Fels erbebt, die fernen Kluͤfte klingen. Doch als die Toͤn' entſliehn, entfaltet uͤberall Noch ſtiller als zuvor das Schweigen ſeine Schwingen. Nur nach und nach beginnt von neuem leiſ' und kuͤhl Der Wind in Haid' und Baum ſein einſam dunkles Spiel. * Siebenzehnter Geſang. 397 48. Und ſchweigend ſteht, als jetzt die Toͤne ſchwinden, Thorilde da, ein leblos finſtres Bild; Sie ſtarrt und ſinnt und lauſcht den leiſen Winden, Die klagend ziehn durch's naͤchtliche Gefild, Ob ſie nicht Troſt, nicht Rettung ihr verkuͤnden, Nicht leichtern Rath, als ihr der Baum enthuͤllt. Noch dunkler als die Nacht der unerforſchten Hoͤhle, Worauf ihr Auge ruht, iſt die gebrochne Seele. 49. Und als ſie jetzt die falben Blaͤtter ſieht, Die weit verſtreut am wuͤſten Boden liegen, Die Zweige, die noch nie im heitern Lenz gebluͤht, Die Halme, die ſo bang im kalten Hauch ſich wiegen; Da faßt ein tiefes Weh ihr ſinnendes Gemuͤth, Der ganze Schmerz erwacht, den lang ihr Muth verſchwiegen. Sie, die ſeit manchem Jahr verachtet Freud und Qual Und die noch nie geweint, ſie weint zum erſten Mal. Mit bleichem Schauder ſcheint ihr Angeſicht zu zagen, Als auf den Wangen jetzt die erſten Thraͤnen gluͤhn, Das Luſtchen ſcheut ſich faſt, die Seufzer fortzutragen, Die aus der ſtolzen Bruſt ſo ſchwer und kaͤmpfend fliehn; Es ſtaunt der Widerhall und wandelt ihre Klagen, Die er noch nie vernahm, zur Drohung ſtolz und kühn. Der ſcheue Mond verbirgt ſich hinter Wolkenhoͤhen, um nicht den tiefen Schmerz der Herrſcherin zu ſehen. 51. und als ſie nun ſo arm, ſo ganz verlaſſen ſteht, Als ſie ſo weich, ſo menſchlich jetzt empfindet, Als ihres Lebens Bild vor ihr voruͤbergeht Und fern in kalte Nacht auf ewig dann entſchwindet, Als jeder ſanfte Trieb, den ſonſt ihr Stolz verſchmaͤht, Nun laut und maͤchtig ſich in ihrer Bruſt verkündet, Da bricht ſie tiefgebeugt, von Thraͤnen uͤberſchwemmt, In dieſe Klagen aus, die mancher Seufzer hemmt: Siebenzehnter Geſang. 399 52. O heitrer Lenz, o junges, bluͤh'ndes Leben, Das ſonſt ſo hell von bunten Traͤumen lacht, So ſollſt du einſam mir und arm voruͤberſchweben, Und ſchon ſo bald entfliehn in ewig oͤde Nacht? Nur wenig haſt du mir, du reiches Herz, gegeben, Du haſt mich kuͤhn und groß, doch gluͤcklich nicht gemacht. Ach, deine Fuͤlle ſoll ſich nur durch Schmerz und Zaͤhren, Durch Kaͤmpf' und Opfer nur ſich deine Kraft bewaͤhren. 53. Wie war ich ſonſt ſo ruhig, ſo begluͤckt, Als ich mich harmlos noch an kind'ſchen Spielen freute, Als ich die Decke noch dem Schickſal nicht entruͤckt Und noch den finſtern Kreis unſel'ger Maͤchte ſcheute! Weh mir! jetzt haͤlt ihr Arm mich eng und kalt umſtrickt, Verwirrung droht und Kampf und Nacht auf jeder Seite! Die Geiſter, denen einſt mein ſtolzes Herz gebot, Sie reißen mich hinab und lachen meiner Noth. Ccilie. 54. Ihr Wieſen, wo ich einſt in leichten Taͤnzen ſpielte, Du Hain, der ſaͤuſelnd einſt in ſuͤßen Schlaf mich ſang, Du Quell, worin ich oft den heißen Buſen kuͤhlte, Ihr Blumen, die ich einſt in meine Locken ſchlang, Du junge bluͤh'nde Welt, die mit mir traͤumt' und fuͤhlte, Wie fremd erſcheint mir jetzt dein Schimmer, Duft u. Klang! Wie hab' ich damals dich viel freundlicher gefunden, Als noch mein Stolz dich nicht mit finſtrer Nacht gebunden! 53. Doch als mein Reiz ſich ſeiner Knosp entwand, Als reich und prangend jetzt die zarten Glieder bluͤhten, Und als ich herrlich jetzt in meiner Schoͤne ſtand, Und von ſiegreicher Gluth die kuͤhnen Augen gluͤhten, Als ich des Armes Kraft, des Geiſtes Muth empfand, Die unbezwungne Luſt zu thronen, zu gebieten, Da ward ich ſtolz und wollt' im hohen Wahn Der Erde Herrin ſeyn und mich den Goͤttern nahn. 56. Siebenzehnter Geſang. 401 56. Nie ließ mein Herz von Liebe ſich beſiegen, Nie wollt' es ſich an leichten Traͤumen freun, Nicht knechtiſch ſich dem ſchwaͤchern Manne ſchmiegen, Und ſtaͤrker ſollt' als ich mein Freund und Herrſcher ſeyn, Und als ich kämpfend jetzt den ſteilen Pfad erſtiegen, Da war die ganze Welt, nur nicht die Freude, mein; Es ſchwiegen Wog' und Sturm vor meinem Wink und Willen, 3 Des Herzens Sehnſucht nur, ſie konnt⸗ ich nimmer ſtillen. 57. Da fand ich ihn, den mir ein Gott geſchickt, Mein ungebaͤndigt Herz unheilbar zu verwunden. Ihm neigte ſich mein Stolz, mein Straͤuben war gebunden, Ich liebt' und war geliebt, doch war ich nicht begluͤckt! Ach! meine finſtre Bruſt, ſie hatt' es nie empfunden, Wie freundlich Mild' und Huld die ernſte Liebe ſchmuͤckt; Wo Andre ſelbſt dem Schmerz ein Läͤcheln abgewinnen, Da fand ich Kampf und Sturm und Sorg' u. duſtres Sinnen, II. Theil. 26 Caͤcilie. 58. An Erd' und Himmel war mein Loos Mit gleichem Band geknuͤpft, frei war ich und gefangen, Zu klein fuͤr einen Gott und fuͤr die Welt zu groß, Zu ſtark fur meine Kraft, zu ſchwach fuͤr mein Verlangen. So warf des Lebens Fluth mit zwiefach wildem Stoß Mein zweifelnd Herz umher, getheilt in Wunſch u. Bangen; Nicht durft' ich dem Gebot der Goͤtter widerſtehn und zagte doch, den Rath der Liebe zu verſchmaͤhn. 59. O wer euch traut, ihr maͤchtigen Gewalten, Wer kuͤhn es wagt, ſein Leben euch zu weihn, Der darf nicht ferner mehr mit ſeinem Willen ſchalten, Nicht iſt die Freude mehr, nicht Haß noch Liebe ſein. Von unſichtbarer Macht umſchlungen und gehalten Darf nur durch euch ſein Herz ſich kraͤnken und erfreun; Ihn reißt mit euch zugleich des Schickſals ehrne Rechte Zum Himmelslicht empor, hinab in ew'ge Naͤchte! Siebenzehnter Geſang. 60. Wohlan, ſo ſey es denn, was euer Wort gebot! So nehmt ſie hin, des Lebens letzte Gabe! Hart will ich ſeyn und kalt an ſeinem Grabe, Noch haͤrter als mein Loos und kaͤlter als der Tod. Ihr Göͤtter, nehmt ihn hin! Wie ich geliebt ihn habe, So maͤchtig wend' er jetzt von eurem Haupt die Noth! Wie mich mein Stolz beſtraft, wie mich ſein Tod vernichtet, Vernicht' er euren Feind! Nehmt ihn, er iſt gerichtet. 61. Sie ſprach's und ſchwieg. Aus ihrem Aug' ergoß Stets reicher ſich der Thraͤnen bittre Fuͤlle, Bis nach und nach des Trotzes dunkle Huͤlle Von neuem um ihr Herz wie Wetterwolken floß⸗ und wieder ſtreng und kalt in ſeine dumpfe Stille, Füͤr Schmerz und Freude taub, ihr Buſen ſich verſchloß. Kein Thraͤnlein ſah man mehr an ihren Wimpern hangen⸗ Als von den Lippen jetzt ihr dieſe Worte klangen: 26* Cacilie. 62. kalt im finſtern Leben ſtehn, So ſoll auch neben mir ſich kein Geſchoͤpf mehr freuen! Der fremde Schmerz ſoll Rache mir verleihen, Der fremde Seufzer Troſt in meine Seele wehn. Wem nicht verziehen wird, der kann auch nicht verzeihen, Wer unverſtanden klagt, kann Klagen nicht verſtehn. Ha, zittre Welt, die mich zum Fluch geboren! Was du in's Herz mir gabſt, das bleibt dir nicht verloren! und ſoll ich arm und 63. den mir ein Gott zum bittern Weh geſchickt, Und du, Freund zum Opfer ſendet⸗ Dem jetzt mein eigner Rath den Noch hat nicht jeden Pfeil mein raſcher Zorn verſchwendet, Noch hat ein ſcharfes Schwert mein Arm auf dich gezuͤckt! Wenn blutig deine Hand die dunkle That vollendet, Und prangend auf den Raub dein ſtolzes Auge blickt, Dann ſoll im Siegesrauſch dies Wort dein Herz zerreiſſen: Den Bruder traf dein Schwert, es traf, wie ich's verheißen. Siebenzehnter Geſang. 40⁵ 6 ½. So ſpricht die finſtre Braut. Und als des Mondes Kahn Schon mitten ſchwimmt in ſeinem luft'gen Teiche, Vexlaͤßt auf rauher Felſenbahn Thorild' in dumpfer Ruh die alte Zaubereiche. Sie ſcheint als fremder Gaſt der bluͤh'nden Welt zu nahn, Blaß iſt ihr kühnes Bild und ſtarr gleich einer Leiche; Ihr dunkles Auge nur, das wilde Flammen ſchießt, Bezeugt, daß noch der Hauch des Lebens ſie durchfteßt. 65. Indeß verließ der ritterliche Degen, Den Gottes Rath zu ſeinem Werk erſehn, Des Lagers Thor und gieng auf frommern Wegen Durchs dunkle Feld zu jenen heil'gen Hoͤhn, Um betend dort des Himmels letzten Segen Fuͤr ſich und fuͤr ſein Volk zum Kampfe zu erflehn. Sie, die mit ihm zugleich die große That vollendet, Sie hatt' ihn ſelbſt zur naͤcht'gen Fahrt geſendet. 66. Denn als die Zauberin von heil'ger Macht gebannt und hingeſtreckt vom Klang der ernſten Toͤne, Zu Boden ſank, daß von des Falls Gedroͤhne Der muͤde Held dem Schlummer ſich entwand, Und herrlich nun in uͤberird'ſcher Schoͤne Das theure Bild vor ſeinen Augen ſtand, Da war er raſch, von freud'gem Schreck durchdrungen, Wie vor des Tages Strahl vom Lager aufgeſprungen. 67. Wie ſtand ſie jetzt ſo bräutlich mild, So kuhn, ſo zagend da! Wie halb die Morgenroͤthe Vom erſten Strahle glaͤnzt und halb den Strahl verhuͤllt, So ſchuͤchtern war der Muth, der ihren Reiz erhoͤhte, Solch eine ſel'ge Kraft umwehte Mit ſiegreich hellem Glanz ihr ſuͤß verſchaͤmtes Bild. Des Himmels heil'ger Zorn, die Demuth zarter Frauen War wechſelnd in dem Blick der Herrlichen zu ſchauen. Siebenzehnter Geſang. 407 68. Und ihn, der kaͤmpfend lang die Sehnſucht uͤberwand, Ergreift gewaltig jetzt unendliches Verlangen; In ſeinen Augen flammt der Liebe kuͤhnſter Brand, Sie hebt im Sturm ſein Herz und roͤthet ſeine Wangen. Er ſtreckt die Arme aus, die Liebſte zu umfangen, Nicht Scheu noch Zweifel hemmt des Juͤnglings raſche Hand. Die Jungfrau bebt zuruͤck; ſie ſchaut mit hellen Thraͤnen Ihn zagend an und ſpricht in leiſen Toͤnen: 69. O wehl! wie biſt du jetzt ſo anders wie zuvor! Wie iſt aus deinem Blick ſo ganz die Mild' entſchwunden! O Adalbert, du, den ich fruͤh erkohr, Für den allein mein Herz geathmet und empfunden, Welch truͤbes Zauberſpiel haͤlt deinen Geiſt gebunden? Erkenne mich! ich bin es, ſieh empor! Dich, dem ich treu gefolgt, mit dem ich Luſt und Leiden und Todesnoth getheilt, dich ſoll ich— zuͤrnend meiden! 408„Cacilie. 70. O du, von Allen mir, die meine Seele liebt, Der Theuerſte, o waͤre dir hienieden Doch eine andre Braut, ein ſanftres Loos beſchieden, Und ich nur truͤg' allein, was uns der Himmel giebt! Jetzt ſuch' auch ich umſonſt, weil du verzagſt, den Frieden. Hart nenn' ich mein Geſchick, ach, weil es dich betruͤbt! und waͤr ich ungeliebt, viel leichter wollt' ichs tragen, Als dem Geliebteſten die Liebe zu verſagen! 71. Du armer Reiz, der meine Glieder ſchmuͤckt, unſeligſter von meines Lebens Schaͤtzen, Wie pries ich ſonſt um dich ſo reich mich und begluͤckt, Sah ich an dir den Blick des Freundes ſich ergoͤtzen! Weh mirl jetzt zuͤrn' ich dir als truͤgeriſchen Netzen, Die ſeinen heil'gen Sinn, ſein ſtarkes Herz umſtrickt! nicht konnte Schmerz und Tod den Freudigen beſiegen⸗ Der fuͤr den Himmel ſtritt, jetzt ſoll er dir erliegen? Siebenzehnter Geſang. 409 72. Schon iſt der ernſte Tag genaht, Bald wird ſein erſter Strahl die freie Welt beſcheinen! Vollendet iſt der Kampf, vollbracht die große That, Der Himmel oͤffnet ſich und ruft empor die Seinen. Einmuͤthig giengen wir des Sieges ſchoͤnen Pfad, Soll ich am Ziele noch um den Verlornen weinen? Hell winkt der goldne Kranz uns an des Himmels Hoͤhn, Und du willſt nicht empor, du willſt zur Erde ſehn? 73. So ruft ſie aus. Des Juͤnglings Wang' umhuͤllt Ein helles Noth; er ſteht im ſcheuen Schweigen. Da hoͤrt man lauter ſtets durch's naͤchtliche Gefild Vom Huͤgel des Altars den Donner niederſteigen. Von Blitzen flammt die Nacht, der Strom der Kluͤfte bruͤllt, Es tanzt in hoher Luft der Sturm den finſtern Reigen. Vom wilden Kampf, der grimmig dort erwacht, Erzittert rings der Grund, und zagend heult die Nacht. Caͤcilie. 74. und Jener waͤhnet ſchon, des Raͤchers Zorn zu hoͤren, Der noch voran der That auf ſchnellen Schwingen zieht. Sie ſinken in den Staub und weinen heiße Zaͤhren und rufen laut zu Gott mit zagendem Gemuͤth: Mein iſt die Schuld, mich eile zu zerſtoͤren! O nimm dein Opfer hin, das ruhig vor dir kniet! Nur fuͤr des Andern Heil ſcheint Jedes Herz zu zagen Und will die ganze Schuld, die ganze Strafe tragen. 75. Doch als der Sturm am fernen Huͤgel ſchweigt, Und mild und klar, gleich Gottes gnaͤd'gen Blicken, Der helle Mond aus flieh'nden Wolken ſteigt, Und ſich mit Sternen rings die Lufte wieder ſchmuͤcken, Da wird ihr Herz von neuem ſtill und leicht, Ein glaͤub'ger Troſt beginnt ihr Innres zu erquicken. Sie ſchau'n empor, und zu dem Freunde ſpricht Caͤcilie mit freud'gem Angeſicht: Siebenzehnter Geſang. 41¹1 76. Dank ſey dem Herrn! Er iſt vorbeigezogen An unſerm Haupt mit Langmuth und Geduld. Er hat mit gnaͤd'ger Hand der Schwachen Herz gewogen, Streng iſt ſein Drohn, doch groͤßer iſt die Huld. Uns kuͤndet jeder Stern am klaren Himmelsbogen Des Vaters milden Spruch: Verziehen iſt die Schuld! Drum ſey getroſt, jetzt ſind wir neu geboren Und wieder werth der That, wozu uns Gott erkohren. 77 O lebe wohl! Jetzt laß uns freudig gehn, Als ob wir nur auf kurze Stunden ſchieden. Wohl ſehn wir uns zum letzten Mal hienieden, Um ſchoͤner bald im Himmel uns zu ſehn. Wie fuͤhl' ich jetzt den heil'gen Gottesfrieden So ſelig ſchon um meine Seele wehn! Still iſt mein helles Herz von allen ird'ſchen Noͤthen; Leb wohl, jetzt kann ich frei und freudig fur dich beten! Doch du, dem jetzt vielleicht noch bittre Schmerzen draͤun, Nicht darf ich dir dies dunkle Wort erklaͤren. Geh du empor zum heil'gen Opferſtein, Um Gottes Fuͤgung dort in Demuth zu verehren. Er litt fuͤr uns des Todes herbe Pein, Du leideſt jetzt fuͤr ihn; er wird dir Kraft gewaͤhren! Leb wohl! Der Kummer wohnt nur hier in unſrer Bruſt, Die Liebe hier und dort, und dort allein die Luſt. 79. So ſpricht ſie ſanft. Sie beut zum letzten Male Die Hand ihm dar; dann tritt ſie ſtill zuruͤck. Aus ihren Augen bricht mit ihrem reinſten Strahle Die Lieb' und kuͤndet ihm ſchon jetzt ſein nahes Gluͤck. So neigt ſich hell zum winterlichen Thale Durch duft'ges Abendroth der Sonne letzter Blick Und ſcheidet dann, um uͤber bluͤh'nden Hainen In ferner Welt mit waͤrmerm Licht zu ſcheinen. So murmelt ſie und ſprengt nach Lethra's Zinnen. Sie benzehnter Geſang. 413 go. Als nun vor Aalbert das holde Bild entſchwand, Da eilt er, ihr Gebot mit Freuden zu vollſtrecken. Nicht kuͤmmert ihn das Schwert, das ihm Thorild' entwandt, Er geht den Pfad des Herrn, drum wird der Herr ihn decken. Mit Schild und Lanze nur bewehrt er ſeine Hand, Nicht ſoll des Roſſes Huf die muͤden Schaaren wecken. So zieht er ſtill durchs hohe Lagerthor Und ſchreitet ſchnell den heilgen Berg empor. 81. Da draͤngt von fern die ſchreckliche Thorilde Sich aus dem Wald hinab in's dunkle Thal. Sie ſieht den Feind im naͤchtlichen Gefilde; Noch einmal ſchlaͤgt des Zornes gluͤh'nde Qual In ihrer Bruſt empor, hoch ſchwingt den Speer die Wilde, Doch bitter lacht ſie dann und ſenkt den ſcharfen Stahl. Der Wuͤrger naht, das Opfer ſoll beginnen! . — S — — — = — ‿ᷣ — — 8 Achtzehnter Geſang. 1„ Noch zog um Feld und Stadt die Nacht den ſtummen Flor, Die Vaͤchter riefen nur den Waͤchtern fern entgegen, Da ritt die Zauberin durch Lethra's dunkles Thor, Von keinem Aug' erkannt, auf unſichtbaren Wegen, Sie eilt mit raſchem Schritt zur hohen Burg empor, Den feindlich fremden Schmuck der Waffen abzulegen. Dann ruft ſie Skiold, der muthig noch und wach Im Rath der Fuͤrſten ſitzt, in's daͤmmrige Gemach. II. Theil. und als er jetzt zu ihr hinaufgeſtiegen und nun ſo freudig kuͤhn vor ihren Sitz ſich ſtellt, Da kann ſie noch den Sturm des Herzens nicht beſiegen: Sie tritt zum Soͤller hin und ſchaut hinab in's Feld, Wo raſch vorbei die dunkeln Wolken fliegen Und fern der Forſt von naͤcht'gen Winden gellt. Jetzt redet ſie, jetzt ſchweigt ſie zagend wieder und ſchreitet raſch die Hallen auf und nieder. 3. Dann ſchaut ſie lang ihn an, als woll' ihr ſtarrer Blick Zam letzten Mal bis tief in's Herz ihm dringen. Sie draͤngt gewaltſam nur die Thraͤnen noch zuruͤck, Gewaltſam muͤht ſie ſich, die Seufzer zu bezwingen. Sie ſchweigt, ſie ſinnt, ſie zuͤrnt, noch muß ſie fruchtlos ringen; Sie lacht, und als ſie lacht, da ſiegt auch Stiolds Geſchick. Kalt wie ein ſcharfes Schwert, ſtill wie ein fern Ge⸗ vitter, Und flaſter wie die Nacht beginnt ſie ſo zum Ritter: Achtzehnter Geſang. 4. Viel Großes heiſcht die große Zeit; Wo Göoͤtter kämpfend ſtehn, da darf der Menſch nicht klagen. Wer ſieht des Wurmes Noth, wenn im gewaltgen Streit. Sturm, Wog' und Wetterſtrahl des Ufers Felſen ſchlagen? Und ſprich, was zagſt du auch? was trennſt du Luſt und Leid! Warum iſt dies nicht das? Du weißt es nicht zu ſagen. Iſt beides doch ſich gleich, ein Wahn, ein Augenblick, Ein kurzer Traum der Schmerz, ein kuͤrzrer noch das Gluck. 5. Was willſt du treu und bieder ſeyn und lieben Und gern am Gluͤck des Freundes dich erfreun? Iſt's ſchwerer denn, ſtatt Liebe Haß zu uͤben? Und iſts unmoͤglich denn, des Freundes Feind zu ſeyn? Und mag auch dies dich freun, und jenes dich betruͤben, Warum denn willſt du, Thor, nicht ſtatt der Luſt die Pein? Ob ſo, ob ſo das Blut durch deine Adern rolle, Es rollt ja nur, es rolle wie es wolle. 27* Nur Eines iſt, das acht' ich mehr als Wahn, Das iſt, mit ſich allein ſein Leben auszufuͤllen, Als Herr zu ſtehn auf ſelbſtgeſchaffner Bahn, Vor Schmerz und Luſt den Buſen zu verhuͤllen, Nicht jenem feind, noch dieſem unterthan, Nichts kennend als ſein Ziel und ſeinen ehrnen Willen; Gewaltig wie ein Gott und einſam dazuſtehn, und wie ein Gott im Kampf mit Goͤttern zu vergehn. 7. Sprich, haſt du Muth, nach großem Preis zu ringen? Am Huͤgel Frey's ſteht dir der Feind bereit, Und magſt du ihn, mag dich der Feind bezwingen, Der Sieg gehoͤrt dem Gluͤck, dein eigen iſt der Streit. Kann doch der Menſch ein Groͤßtes nur vollbringen; Ob's heut, ob's morgen ſey, was frommt die Spanne Zeit? Die Kraft, die That nur kann zum Himmel ſich erheben, und Nichts iſt Luſt und Leid⸗ Haß, Liebe, Tod und Leben. Achtzehnter Geſang. 8. So ruft ſie aus; dann ſteht ſie ſtumm und wild Und ſchaut hinab und hebt den Blick nicht wieder. Doch ploͤtzlich bricht ihr Herz, mit großen Thraͤnen fuͤllt Ihr dunkles Auge ſich, ſie ſinkt am Sitz hernieder; Tief athmet ſie, laut ſeufzt ſie und verhuͤllt Ihr bleiches Angeſicht; Froſt ſchuͤttelt ihre Glieder. Doch ſtaunend ſteht ihr Freund und ſchaut ſie forſchend an; Lang ſchweigt er erſt, dann ſpricht der küͤhne Mann: 9. Wohl biſt du jetzt von finſtrer Macht getrieben; Was du geſagt, hat nicht dein Herz erdacht. Mirr iſt ein dunkler Traum, ein Raͤthſelſpiel geblieben, Das nicht den feſten Sinn des Buſens wanken macht! Weil ich dich treu geliebt, drum will ich treu dich lieben, Nicht weil es Kummer je, noch Freude mir gebracht; Will mich am Leben freun, weil's lieblich iſt, zu leben, Und doch dem Tode nicht, obgleich er ſchmerzt, erbeben. Wohl weiß ich's, nur die That kann Ruhm und Heil verleihn, Doch will ich auch die Luſt an meiner That empfinden, Will nicht ſo finſter ſtehn, ſo trotzig und allein und unbegrüßt mich nahn und unbeweint entſchwinden. Sprich, warum ſoll ich jetzt an deinem Schmerz mich freun? Warum nicht lieber Troſt und Rettung dir erfinden? Erwache, tapfres Herz! Ein wuͤſtes Traumgeſicht uUmkreist dich; ſieh empor! Ich bin's, der zu dir ſpricht! 11. O ſey nicht ſtets ſo wild! o lerne menſchlich fuͤhlen! Schon hat dein finſtrer Sinn ſo oft mich tief betruͤbt. Was frommt der dunkle Pfad zu unbekannten Zielen, Die Macht, die Sorgen nur und harten Zwang dir giebt? Wohl kann der Menſch nicht ſtets im ernſten Leben ſpielen⸗ Stets laͤcheln, wenn er herrſcht, ſtets koſen, wenn er liebt: Doch was die Götter uns ſo ſelten nur erlauben, Sprich, ſoll dies Seltne noch der eigne Wahn uns rauben? 5 Achtzehnter Geſang. 423 1 2. Biſt du nicht groß, nicht maͤchtig, nicht verehrt? Bluͤht deine Schoͤnheit nicht in freud'ger Jugendfuͤlle? Wohl gnuͤgt zum Leben ſchon ein Dach, ein gutes Schwert, Ein Herz fuͤr Luſt und Leid, ein unverzagter Wille. Warum verlangſt du noch, was Unheil nur gewaͤhrt, Und luͤfteſt von der Nacht der Goͤtter gnaͤd'ge Huͤlle? Falſch deutet oft der Menſch der Raͤthſel dunkeln Sinn uUnd giebt für Wahn und Traum das reiche Leben hin. 13. Leb wohll jetzt will ich gehn, mit ihm den Kampf zu wagen, Zu dem geheimnißvoll dein warnend Wort mich ſchickt. Iſt's auch ein Gott, nicht werd' ich vor ihm zagen, Er hat den Blitz und ich das Schwert gezuͤckt; Und iſt's auch jener ſelbſt, der juͤngſt den Wurm erſchlagen, Der in der Felſenkluft ſo grimmig mich umſtrickt, Du ſendeſt mich, drum muß ich mit ihm ſtreiten; Auch er kennt Lieb' und Recht und weiß mein Thun zu deuten. 424 Caͤcilie. 14. So ſpricht der Held und beut ihr ſeine Hand. Da ſpringt ſie auf; ſie hebt den feuchten Schleier, Ihr Arm umſchlingt den Freund; ſie haͤlt ihn feſt umſpannt,⸗ Und miſcht in Kuß auf Kuß der Liebe kuͤhnſtes Feuer. Leb wohll ſo ruft ſie aus; o nimm dies letzte Pfand Der fuͤßen Huld! Leb wohl, die Zeit iſt theuer! Dann tritt ſie ſtumm zuruͤck, und dunkel wie das Grab Rollt wiederum der Flor auf ihr Geſicht herab. 15. Jetzt eilt der Held, die Waffen anzulegen, und zieht hinaus mit ſinnendem Gemuͤth. Schnell ſprengt er fort auf unbetretnen Wegen, Wo durch die Nacht nicht Freund noch Feind ihn ſieht. Schon ſchwimmt mit kuͤhlem Wehnihm bleicher Duft entgegen, Der uͤber Berg und Thal voran der Daͤmmrung zieht, Als er empor am heil'gen Huͤgel reitet, Wohin ſein Loos zum letzten Kampf ihn leitet, Achtzehnter Geſang. 425 16. Schon war zu Gottes Hochaltar Der deutſche Held herangeſchritten; Schon ſteht er an dem Ort, wo juͤngſt das kuͤhne Paar Den ungluͤckſel'gen Kampf in grauſer Nacht geſtritten. Hier nimmt er Tyrfings Raub und dort ihn ſelber wahr, Der aus Thorildens Hand im raſchen Schmerz entglitten. Noch ſteht er ſtaunend da und hebt das Schwert empor, Da ſchlaͤgt ein Hufſchlag fern dumpfdonnernd an ſein Ohr. 17. Und durch den Nebelduft, der, wunderbar verſchwommen, Um Berg und Hain im luftgen Kampfe ringt, Sieht er heran den wilden Reiter kommen, Der ſauſend durch die Luft die ſcharfe Schneide ſchwingt, Und, als er ohne Roß den Geguer wahrgenommen, Lautraſſelnd auf den Grund von ſeinem Thiere ſpringt. Kaum kann der Chriſtenheld des Helmes Gitter ſchließen, Da hoͤrt er alſo ſchon vom Feinde ſich begruͤßen: Cacilie. 18. Ich bin der Skiold, den jͤngſt dein Arm befreit. Wohl haͤtt' ich gern den Kampf mit dir gemieden, Doch ſendet hoͤh're Macht mich jetzt empor zum Streit, Nicht aͤndern kann der Menſch, was ihm ſein Loos beſchieden. Doch wenn auch Arm und Mund dir jetzt die Fehde beut, So beut mein Herz dir Treue doch und Frieden. Wohlan, jetzt reiche mir die Hand zum letzten Mal, Dann decke dich; ſcharf iſt auch Freundes Stahl. 19. So ruft er aus und faßt mit ſtarker Rechten Des Ritters Hand, der traurig ſinnend ſchweigt. So ſtehn ſie jetzt, wie in Gewitternaͤchten Zwei ſchlanke Baͤume ſtehn, aus einem Stamm erzeugt, Die fruͤh getrennt, ſich wieder dort verflechten, Wo prangend in die Luft die reiche Krone ſteigt. Bald wird ein raſcher Blitz von neuem ſie zertrennen, und von des Einen Brand der Andre mit entbrennen. — Achtzehnter Geſang. 20. So ſey es denn! beginnt der deutſche Held, So mag das Schwert den harten Zwiſt entſcheiden! Nur feindlich hat uns hier des Lebens Loos geſellt, So ſey denn Eines Tod ein freundlich Band uns Beiden! Gott geb uns kurzen Kampf; eins iſt's, wer ſiegt und faͤllt, Denn wohl wird keiner ſich an ſeinem Siege weiden. Ach, bitter iſt's, wenn unſer eignes Schwert Mit unſers Feindes Bruſt auch unſre Bruſt durchfaͤhrt! 21. Doch du, o Gott, der dort von ſel'gen Hoͤhen Und hier vom Kreuz auf uns herniederſieht, Laß einſt auch ihn dein mildes Antlitz ſehen, Der irrend nur vor deinem Rufe flieht! Mag er nun oder ich von hier als Sieger gehen, Verein' uns einſt bei dir im ſeligen Gebiet! Wohl weißt du, der ſo kuͤhn fuͤr ſeinen Wahn jetzt ſtreitet, Er ſtritte kuͤhner noch, wenn ihn dein Licht geleitet. 22„ So ſpricht der Held, dann zuͤckt er hoch die Wehr Und ſtreckt den Schild dem harten Kampf entgegen. Und wie ein Sturm ſich uͤber's weite Meer Gewaltig ſchwingt mit Hagel, Blitz und Regen, So ſchreitet jetzt der wilde Skiold einher Und trifft den Feind mit nimmer muͤden Schlaͤgen. Wohl fuͤhlt der Ritter jetzt, wie ſchwer die Klinge wiegt, Womit er ſelber einſt ſo manche Schlacht erſiegt. 23. Doch wie ein Thurm im Meer, um den die Winde brauſen,. Den rings der Zorn der lauten Woge ſchlaͤgt, Sich ſtark erhebt im naͤcht'gen Wettergrauſen Und auf dem Haupt die Flamme prangend traͤgt, Die hoͤher ſtets im raſchen Windesſauſen Und freudiger die leichten Glieder regt, So ſteht der Held bei Skiold's gewalt'gem Toben Stets herrlicher von kuühnerm Muth erhoben, Achtzehnter Geſang. 24. Und jetzt erhebt auch er das ſcharfe Schwert mit Macht; Laut ſchallt das Erz, der Grund beginnt zu droͤhnen, Die Baͤume zittern rings, die Gottes Huͤgel kroͤnen, Und ſtreuen weit umher des Hauptes welke Pracht. Man hoͤrt Gebirg und Thal vom Wiederhall ertoͤnen, In allen Kluͤften ſcheint ein gleicher Kampf erwacht. Die Thiere, die zuruͤck vom naͤcht'gen Raub ſich ſtehlen, Entfliehn und bergen ſich in ihren tiefen Hoͤhlen. 25. Doch Jene raſten nie mit Auge, Fuß und Hand, Und wechſeln wachſam ſtets des Kampfes Kuͤnſt' und Weiſen. Jetzt ſtuͤrmt bald der, bald der des Feindes feſten Stand, Jetzt drehn ſie Beide ſich behend in engen Kreiſen. Stets ſieht man Bruſt auf Bruſt u. Blick auf Blick gewandt, Dem Schilde droht der Schild, das Eiſen wehrt dem Eiſen, Jetzt zeigt ſich Liſt von Kraſt, jetzt Kraft von eiſt beſiegt⸗ Jetzt ſcheint's, als ob ſich ſelbſt der ſchlaue Trug betruͤgt. Doch bald, als Beide ſehn, daß Kunſt und Kunſt ſich gleiche, Da fallen ſie mit aller Kraft ſich an. 3 Ihr hocherhobnes Schwert thut ungeheure Streiche, 3 Die Keiner ſicher lenkt, die Keiner wenden kann. Wohl fiel' auf ſolchen Schlag der mooſ'ge Feks, die Eiche, Doch unerſchuͤttert ſteht vor ſeinem Schwung der Mann. Vor Schmerzen ſcheint die Luft bei jedem Hieb zu heulen, In panzer, Mhe und Schild laͤßt jeder tiefe Beulen. —, 27* O edler Kampf, wie darf die truͤbe Nacht Dein ruͤhmlich Bild ſo neidiſch jetzt umgrauen! O wäre rings die ganze Welt erwacht, Dem großen Werk der Helden zuzuſchauen! 1 Dann ſchallt' es weit umher, wie ſtark der Liebe Macht, * Die Kraft des Glaubens ſey⸗ das heilige Vertrauen, und freudig blützte dann vielleicht zum erſten Mal Auch aus der feigen Bruſt ein gottlich kuͤhner Strahl. 2₰ Achtzehnter Geſang. 28. Doch immer dichter kommt der Nebel hergezogen Und deckt den raſchen Streit mit wildbewegtem Flor. Kaum ſchaut das Heldenpaar, wie aus des Meeres Wogen Im Sturm die Klippe ſteigt, nur wechſelnd noch hervor. Von Duftgebilden wird oft Aug' und Hand betrogen, Hier ragt ein Helmbuſch nur und dort ein Schwert empor, Faſt hoͤrt man ganz in ſchwerer Luͤfte Wallen Den hellen Schwerterklang des regen Kamgſs verhallen. 29. So wandeln kaͤmpfend oft durch finſtre Wolkenhoͤhn Mit neblich truͤbem Helm die Geiſter alter Zeiten. Man ſieht ſie hochgethuͤrmt in ihrem Zorne ſtehn, Mit dunkelm Schild bedeckt, den Speer gezuͤckt zum Streiten: Doch hoͤrt man ſauſend nur die raſchen Stuͤrme wehn, Und kraftlos ſcheint vom Schild das Eiſen abzugleiten. Raſch wogt die Nacht umher, bald zeigt und bald verhuͤllt Der Wolken ſchwerer Flug des duſtern Kampfes Bild. 30. Wohl freun ſie ſich, daß jetzt mit dunkelm Grauen Die rege Nacht den wilden Kampf umzieht, Denn Keiner kann den Andern mehr erſchauen, Der ſelbſt im Streit ihm noch ſo treu entgegenſieht, Und Jeder darf nun ganz dem ſtarken Arm vertrauen, Da bei des Andern Blick nicht mehr die Kraft ihn flieht. Weil nicht die Augen mehr, ſelbſt zielend, ihn verwirren, Wird ſeltner ſich vom Ziel der blinde Stahl verirren. 31. Doch grimm umſchwebt des Tyrfings Fluch In finſtern Kreiſen ſchon das ſtolze Haupt des Daͤnen. Das Schwert, das feindlich oft den eignen Herrn erſchlug, Soll jetzt im heil'gen Kampf die blut'ge Schuld verſoͤhnen. Stets dichter huͤllt der Duft um Skiold ſein Leichentuch, Indeß des Deutſchen Haupt die erſten Strahlen kroͤnen; Schon ſoll das Bruͤderpaar des Himmels Schluß vollziehn⸗ Und bald gerecht vor Gott die ſel'ge Mutter knien. 3²2. 4 Achtzehnter Geſang. 32. Denn jetzt, als raſch die ungluͤckſel'ge Schneide Mit ſtarkem Stoß des Daͤnen Bruſt durchfaͤhrt, Da bricht der Stahl; zu Boden ſtuͤrzt der Heide, Doch ſtuͤrzt ſein Feind ihm nach und in des Bruders Schwert. So ruhn ſie jetzt mit tiefen Wunden Beide Als Opfer hingeſtreckt an Gottes heil'gem Heerd, Und rings benetzt des Blutes warme Quelle Den gruͤnenden Altar mit reiner Suͤhnungswelle,— 33. O du, des Himmels ew'ger Rath, Wie wandelſt du ſo oft verhullt auf dunkeln Wegen! Wie zuͤrnt der Menſch ſo oft der unverſtandnen That Und haͤlt ſein ſchwaches Licht der fernen Sonn entgegen! Doch wenn ſie ſiegend dann aus ihren Wo keu trat, Dann preist er tiefbeſchaͤmt des Himmels reichen Segen. Hat oft nicht fruͤhes Leid die ſpaͤtre Luſt gekroͤnt, Und einſt nicht Eines Tod die ganze Welt verſöhnt? II. Theil. Caͤ cilie. 34. Noch iſt das Leben nicht aus ihrer Bruſt entwichen, Noch ſpielt um ihren Mund des Athems ſchwaches Wehn, Doch, wo der Roſenſchein auf ihrer Wang' erblichen, Entbluͤhn die Lilien des Todes rein und ſchon. Jetzt iſt der lange Zorn des Lebens ausgeglichen, und freundlich darf der Feind dem Feind in's Auge ſehn. Matt ſuchen Hand und Hand ſich traulich zu umſchließen, und ſterbend ſeufzt der Mund, den neuen Freund zu gruͤßen. 35. Sie, die ſo oft geprangt mit blut'gem Feindesraub, Die oft ſo wild gehauſ't im raſchen Kampfesreigen, Ruhn jetzt ſo ſtill, ſo friedlich hier im Staub, Ihr tapfres Aug' erliſcht, die kuͤhnen Lippen ſchweigen. Gar ſchaurig ſpielen rings die Luͤftchen in den Zweigen, Auf ihre Wangen weht der Herbſt ſein ſpaͤtes Laub. Sie blicken ſtill empor, um durch der Nebel Wehen Der Sonne heil'ges Licht nur einmal noch zu ſehen. Achtzehnter Geſang. 36. Doch ſieh, als jetzt der fruͤhe Schein Schon hell und heller ſtets durch fliehnde Duͤfte zittert, Da huͤllt von neuem ihn ein finſtres Wetter ein, Der heil'ge Huͤgel wankt, im tiefſten Grund erſchuͤttert. Lautſauſend faͤhrt ein Sturm durch Thal, Gebirg und Hain, Es kracht der Eichen Haupt, vom raſchen Blitz zerſplittert, Und durch die Nacht, die rings den Pol umgraut, Rollt weit umher der Donner ſchwer und laut. 37. Dem Roſſe gleich, das frei von ſeinen Zuͤgeln Durchs weite Feld mit hellem Wiehern ſpringt, Jauchzt wild der Sturm an allen Felſenhuͤgeln Und peitſcht den Wald, der fruchtlos mit ihm ringt. Hoch ſchlaͤgt der Aar, der Geyer mit den Fluͤgeln Die Windesbraut, die ſeinen Schwung bezwingt. Es brauſ't der Strom auf oft gehemmtem Pfade Und raͤcht des Wetters Zorn am zitternden Geſtade. 28* 38. Ein neuer Herrſcher ſcheint im Himmel aufzuſtehn, So ſieht man jetzt die Nacht den heitern Tag beſiegen. Weit laͤßt ſie durch die Luft ihr ſchwarzes Banner wehn Und raſch durch alle Welt die finſtern Boten fliegen. Rings laſſen Larven ſich und bleiche Bilder ſehn, und Geiſter heulen rings, der tiefen Gruft entſtiegen. Laut ſingt der Sturm, hell flammt der Blitze Glanz, Der maͤcht'gen Koͤnigin zum wilden Siegestanz. 39. Und ſchwaͤrzer als des Meeres naͤcht'ge Wogen Und wuͤſter als des Wahnſinns grimmſter Traum Kommt ein Gewoͤlk am Himmel hergezogen, Weit flattert rings des Dufts zerrißner Saum, Stets höͤher ſchwillt es auf, des Himmels weiter Bogen umfaßt den dunkeln Rand der ſchweren Fluͤgel kaum. Wie laut der Krieg erſchallt in hartberannten Thurmen, So rollts in ſeinem Schooß von Donnern u. von Stuͤrmen. 8. Achtzehnter Geſang. 40. Und wie dem Helden einſt auf zornempoͤrtem Meer Thorild' erſchien, als ſie ſein Schiff zerſchlagen, So zieht auch jetzt ihr drohend Bild daher Durch naͤcht'ges Graun, von Drachen fortgetragen. Ihr dunkles Haupt umſchwebt die Wolke ſchwarz u. ſchwer, Und helle Blitze gluͤhn um ihren ehrnen Wagen. Wild fliegt im Sturm weit durch die Luft verſtreut Ihr dunkles Haar, ihr wallend Trauerkleid. 41. Wie in der tiefen Bruſt aus boͤſem Keim entſproſſen Ein naͤchtlicher Entſchluß, vor dem die Seele graut, Durch ſeinen Schleier oft, der zagend ihn umſchloſſen, Verderblich, ſchuldbewußt und ſchuldgebietend ſchaut:— So naht ſich durch die Nacht, von Wolken bald umfloſſen, Bald halb dem Aug' enthullt, die kuͤhne Zauberbraut. In banger Ahnung muß, wer ſo ſie ſieht, verzagen, Und moͤchte leichter wohl ihr deutlich Bild ertragen. Cacilie. 42². Erblichen iſt der Wangen Roſenlicht, Ihr Aug' iſt ſtarr und ohne Luſt und Thraͤnen. Nichts Menſchliches erſcheint auf ihrem Angeſicht, Nicht Stolz noch raſcher Zorn, nicht Liebe mehr noch Sehnen. Mag jetzt der ſchwache Knecht, der Feigſte ſie verhoͤhnen, Sie ſchaut ihn an und ſchweigt und fuhlt es nicht. Die wilden Geiſter flohn, die einſt das Herz ihr ſchwellten, Der ſtille Haß nur blieb, das ſchweigende Vergelten. 43. und wie gewaltig auch die Nacht am Himmel ſchwebt, Wie auch unbaͤnd'ger ſtets zu blindem Zorn erbittert Der feſſelloſe Sturm die breiten Schwingen hebt und mit den Wellen ringt und Fels und Hain erſchuͤttert⸗ Wie rings vom Donner auch der heil'ge Hugel bebt, Und wie der Blitz auch rings den dichten Wald zerſplittert: Sie, die ſo bleich, ſo ſtill in jenem Kampfe ſitzt, Iſt grauſer als die Nacht, die donnert,⸗ ſauſ't und blitzt. Achtzehnter Geſang. 44. Skiold, welchen dunkler ſchon des Todes Naͤcht' um⸗ ſchweben, Erkennt die Finſtre nicht, die dort im Sturme faͤhrt, Doch Adalbert, in deſſen Bruſt das Leben Noch muthiger dem kalten Tode wehrt, Sucht muͤhſam jetzt ſein Haupt vom Boden zu erheben Und lehnt mit muͤder Kraft ſich an den heil'gen Heerd. So ſieht man ihn, mit glaͤubigem Vertrauen Dem wilden Zorn der Nacht entgegenſchauen. 45. Lang blickt die dunkle Braut hinab auf ihren Freund, Schon waͤhnt ſie ihn vom ew'gen Schlaf umſchlungen; Ach, alle Thraͤnen hat ihr Auge laͤngſt verweint, Laͤngſt hat mit allem Schmerz ihr Buſen ausgerungen. Sie wendet ſich und ſchaut auf ihren Feind; Sie ſieht auch ihn vom gleichen Loos bezwungen, Und finſter ſteigt, wie aus dem tiefen Grab Des Todes Athem wallt, ihr dumpfes Wort hinab: So ſieg' ich denn, und Odin iſt gerochen! Wenn ich dem Schickſal auch ein großes Opfer bot, Mehr giebt's, als ich begehrt; mehr haͤlt's, als es ver⸗ ſprochen. Auch du erliegſt, du Stifter meiner Noth! Wohl iſt dein Herz vom Tode ſchon gebrochen, Doch weiß ich Eins, das bittrer iſt als Tod. Erhebe dich, ſieh hin auf deine Beute, Gedenk' an Hertha's See; erfuͤllt iſt, was ich draͤute! 47. So ruft ſie aus. Doch jetzt, als raſch empor Der Held ſich reißt, vom ſchnellen Schmerz erſchuͤttert, Da trennt ein heller Strahl den grauen Nebelflor, Der wie ein dichtes Netz den heil'gen Berg umgittert, Und in den Wolken woͤlbt ſich hoch ein goldnes Thor, Von Sonnenſchimmer rings und Roſenglanz umzittert, und jenſeits laßt auf klaren Himmelshoͤhn Der Sel'gen ſtilles Reich, die ſchoͤnre Welt ſich ſehn. Achtzehnter Geſang. 48. Und ſo wie einſt, da mit gewalt'gen Wogen Des Himmels Zorn das ſuͤnd'ge Volk verſchlang, Als nach und nach die Wolken ſich verzogen, Und ſchon die Fluth allmaͤhlig wieder ſank, Mit hellem Gaanz der farb'ge Regenbogen, Die Bruͤcke Gottes, ſich durch dunkle Luͤfte ſchwang, Und mild von neuem dann auf ſeinem luft'gen yfade Der Friede niederſtieg, der Segen und die Gnade: 49. So ſchwebte jetzt auf einer lichten Bahn, Um deren Saum viel goldne Blumen ſproſſen, Mit Himmelsreiz und Klarheit angethan, Vom ew'gen Glanz der Seligkeit umfloſſen, Sie, die ſo lang gebuͤßt um ird'ſchen Wahn, Der jetzt das Thor des Heils ſich aufgeſchloſſen. Und Jen', um deren Qual ſie einſt den Herrn verhoͤhnt, Sie haben ſelbſt mit Gott die Mutter jetzt verſohnt. Cacilie. 50. Wie im Rubin mit roſenrothem Lichte Beweglich ſtets ein goͤttlich Feuer gluͤht, Und ob die Nacht die Schatten auch verdichte, Doch unverſehrt die hellen Strahlen ſpruͤht: So lieblich lacht aus ihrem Angeſichte In ew'ger Ruh das ſelige Gemüth. So ſieht ſie laͤchelnd ſelbſt der Soͤhne Todeswunden; Was Schmerz den Menſchen heißt, wird dort nicht mehr empfunden. 51. Und wie der Ton, wenn laut die Harfe bebt, Sich ſchwellend hebt mit leichtbewegten Schwingen, Doch ſinkend dann mit immer leiſerm Klingen Nur noch gefuͤhlt in ſtille Luft verſchwebt, So iſt mit hellem Glanz in immer weitern Ringen, Die endlich fern vergluͤhn, ihr heil'ges Haupt umwebt. Drei reine Lilien bluͤhn in ihren zarten Haͤnden, Die aus dem Silberkelch ein goldnes Licht verſenden. Achtzehnter Geſang. 443 52. Die wilde Nacht, die noch den Pol umgraut, Und dort nur weicht, wo klar aus Glanzeswellen Vom Himmel ſich die luft'ge Bruͤcke baut, Scheint ſchoͤner noch das Bild des Engels zu erhellen. So laͤchelt lieblicher des Frühlings holde Braut, Der Roſe bluͤhend Haupt, in dunkeln Felſenquellen, So leuchtet wunderbar im tiefen Bergesſchacht Der flimmernde Kriſtall, des Goldes edle Pracht. 53. Lebendig ſcheint des Lenzes laues Wallen Auf heil'gem Pfad durch ſtille Luft zu ziehn, Hold ſchmuͤckt der Hain die halbentlaubten Hallen Vor ſeinem Hauch mit lichtem Maiengruͤn, Die Voͤgel laſſen hell die fruͤhſten Lieder ſchallen, Die fruͤhſten Blumen laͤßt die gruͤne Wieſ' entbluͤhn, Und leichter Schimmer ſchmuͤckt, wie ſuͤße Himmelstraͤume Des Kindes Haupt umwehn, des Kelches zarte Saͤume. und um den Helm der bleichen Helden ſprießt Ein reicher Kranz von friſchen Palmenzweigen, Die wunderbar ein ſel'ger Duft umfließt, 1 Aus deren Gruͤn viel goldne Strahlen ſteigen. Und Beide fuͤhlen ſchon den Schmerz der Wunde ſchweigen, Der blut'ge Quell verſiegt, der aus der Bruſt ſich gießt, und jeder kann, erquickt vom uͤberird'ſchen Leben, Noch einmal frei und klar ſein muͤdes Haupt erheben. 55. Doch als dem Himmel jetzt ſo heil'ges Licht entauillt, Da hebt noch einmal ſich in wilder Zorneshitze Thorildens Herz. Sie rafft vom ehrnen Sitze Sich hoch empor, ſie ſteht, in Nacht gehuͤllt, Mit ſtolzem Haupt und ſchleudert gluͤhnde Blitze Aus unbezwungner Hand herab auf's ſel'ge Bild. Doch weben mildgezaͤhmt die raſchgeſchwungnen Flammen Zum hellern Heil'genſchein um Jene ſich zuſammen. Achtzehnter Geſang. 56. Nur einen ſtillen Blick, von Gottes Frieden klar, Von Mitleid ſanft getruͤbt, giebt ihr die Feindin wieder, Dann neigt ſie laͤchelnd ſich zum bleichen Bruͤderpaar, Und uͤberſchattet ſie mit wallendem Gefieder. Und eine Lilie beut ſie Jedem freundlich dar Und ſendet auf ihr Haupt des Himmels Glanz hernieder, Hell ſtehn ſie jetzt, wie auf des Berges Hohn Im fruͤhen Morgenſchein zwei Thaugewoͤlke ſtehn. 57. Und wie der Duft mit unſichtbaren Schwingen Am zarten Saum der holden Blume ſpielt Und uberall, wohin die Luft' ihn bringen, Mit ſuͤßem Hauch in jede Bruſt ſich ſtiehlt: So laßt ſie jetzt die leiſe Stimme klingen, Die nicht das Ohr, die nur die Seele fuͤhlt. Ob laut der Donner rollt, ob wild die Sturme wehen, Doch kann den ſel'gen Klang ein jedes Herz verſtehen: CAcilie. 58. Der ew'ge Rath des Himmels iſt vollbracht, Schon ſiegt das Heil, des Krieges Wetter ſchweigen. Bald ſollt auch ihr aus dieſer ird'ſchen Nacht Zu Gott empor als freud'ge Sieger ſteigen. So nehmt denn fuͤr das Schwert der Lilie keuſche Pracht, Und fuͤr den ſchweren Helm den Kranz aus Palmenzweigen. Dies iſt der Schmuck, womit auf heller Bahn Dem Thron des Herrn die heil'gen Engel nahn. 59. O ſeht empor! Erkennt, wen Gott euch ſendet! Ich bin's, die Beid' euch einſt an treuer Bruſt genaͤhrt, Die einſt um euch ihr Herz von Gottes Pfad gewendet, Und welcher Gott um euch Verzeihung jetzt gewaͤhrt. Der Schmerz verſtummt, die Irrfahrt iſt vollendet! Durch blut'ges Unheil ſelbſt iſt Gottes Macht verklaͤrt. Sind ſteil auch oft und dunkel ſeine Pfade, Am Ziele wohnt der Segen und die Gnade. Achtzehnter Geſang. 60. Kein Kummer ſoll den heil'gen Tag entweihn, Kein Zweifel mehr in eurer Bruſt ſich regen; Wozu euch Gott gelenkt, das wird euch Gott verzeihn, In Haß und Liebe giengt ihr Beid' auf ſeinen Wegen. So nehmt vereinigt jetzt nach langer Trennungspein In eurer Mutter Kuß der Eintracht holden Segen. Nicht ihr bekaͤmpftet euch, ihr fielt durch Gottes Schwert, Und euer Blut verſuͤhnt den oft entweihten Heerd. 61. So ruft ſie aus. Und wie dein Ton ſich nieder, O Adelheid, in meine Seele neigt, Und, laͤngſt entflohn, noch immer ſuͤße Lieder Und ſel'ge Traͤume noch nachtoͤnend mir erzeugt: So kuͤßte ſie mit lindem Kuß die Bruͤder Und hob ſich dann, wie Traͤume, leiſ' und leicht. Noch fuͤhlten ſie den Kuß auf Lippen, Stirn und Wangen, Als dieſe Worre ſchon von neuem niederklangen: Cacilie. 62. Du, deſſen treues Herz ſo glaͤub'gen Muth geuͤbt, Der ſchon ſo todeskuͤhn im jugendlichen Leben Nicht um die Luſt der Welt feigherzig ſich betruͤbt, Sey freudig! Gott vergilt, was ihm der Menſch gegeben. Schon naht die Heil'ge ſich, die du ſo keuſch geliebt⸗ Um die auf Erden ſchon des Himmels Strahlen ſchweben; Bald wird ſie ſiegeshell vor deinen Augen ſtehn 3 Und froh mit dir empor zur ew'gen Heimath gehn. 63. Und du, der kuͤhn das Schwert dem Herrn entgegenwandte, Du biſt gerecht vor Gott; dein Wahn iſt dir verziehn. Nicht ſtraft er, den, der nimmer ihn erkannte, Die ſtraft er nur, die ſeinem Pfad entfliehn. Gott war es, den dein Mund mit falſchem Namen nannte, Selbſt irrend ſtritt dein Arm nur fuͤr, nicht wider ihn. Drum wirſt auch du im Kreis der Treuen und der Reinen Mit ihr, mit ihm, mit mir vor Gottes Thron erſcheinen. Achtzehnter Geſang. 6⁄. Doch du, du trotzige, du finſtre Zauberbraut, Niiht darf ich Strafe jetzt, nicht Rettung dir verkuͤnden. Gerecht iſt Gott, er zaͤhlt des Staubes Suͤnden, Doch mild auch iſt er dem, der ſeiner Milde traut. Oft iſt er dir genaht; du wollteſt ihn nicht finden Und haſt mit ehrnem Stolz nur auf dich ſelbſt gebaut. Was deine Geiſter auch mit falſchem Wort dir logen, Sieh hin, Ungluͤckliche, ſieh hin, du biſt betrogen! 65. So redet ſie; ſie ſchwingt durch Nacht und Graus Sich hoch empor, ſie ruht mit leiſen Schwingen, Sie ſtreckt die maͤcht'ge Hand weit durch den Himmel aus, Und laͤßt aus ihrem Blick viel tauſend Strahlen dringen. Und ſieh, es bricht die Nacht, fort rafft ſich mit Gebraus Der Sturm, die Wolken fliehn, die dicht den Berg umringen und als ſich leuchtend rings das weite Thal enthuͤllt, Da ſchwindet hoch im Glanz das ſel'ge Engelbild. IHI. Theil. 29 Caͤ cilie. 66. und ſiegend laͤßt das heil'ge Licht ſich ſehen, Und hoͤher ſteigt's am Himmel ſchon empor, Hell heben rings die Waͤlder und die Hoͤhen Mit gruͤnem Haupt ſich aus dem grauen Flor. und herrlich ragt durch flieh'nder Nebel Wehen Mit ihren Zinnen ſchon die ſtolze Stadt hervor, und wo im tiefen Thal noch dicht die Duͤfte wallen, Da hoͤrt man Waffenlaͤrm und freud'gen Jubel ſchallen. 67. und wilder hebt ſich ſtets der kriegeriſche Klang, Laut ruft das Horn dem Horn und jauchzt durch Thal und Huͤgel, Von ehrnen Helmen ſtrahlt die Ebne licht und blank, Weit glaͤnzt des Schwertes Blitz, des Schildes heller Spiegel, und flatternd regen hoch das weite Feld entlang Die Fahnen in der Luft die ſiegesfreud'gen Fluͤgel. Raſch iſt bei Lethra's Burg der wilde Drang der Schlacht Auf allen Zinnen rings, um alle Thor' erwacht. Achtzehnter Geſang. 451 68. Die Daͤnen fliehn und Chriſti Streiter ſiegen; Vom Freudenruf erſchallt das weite Thal, Die Pforten brechen ſchon, die Mauern ſind erſtiegen, Rings haͤlt das ſcharfe Schwert ſein blut'ges Siegesmahl. Schon ſieht man von der Burg des Kreuzes Banner fliegen, Erleuchtet und verklaͤrt vom fruͤhen Sonnenſtrahl; Aus allen Tempeln wehn mit rothem Schein die Flammen, In Staub u. gluͤh'nden Schutt ſturzt Odins Haus zuſammen. 69. Und Adalbert entbrennt von edelm Neid; Er ſtarrt hinab und ruft mit glühnden Wangen: O großer Tag, o ruͤhmlich kühner Streit, So ſeh' ich nur von fern dein leuchtend Banner prangen? O laß, Alluͤt'ger, mir nur noch die Spanne Zeit, Bis ich den Siegeszug der Deinen hier empfangen! Er rufts: doch feſter druͤckt ſein Bruder ihn ans Herz und wendet ſeinen Blick und ſpricht im letzten Schmerz: 29* O lebe wohl, leb wohl! Jetzt muß ich ſterben! Mag dieſem Land' auch jetzt ein ſchoͤnrer Tag erſtehn, Noch trag' ichs nicht, des treuen Volks Verderben, Der Goͤtter alten Sitz in Gluth und Schutt zu ſehn! So ruft er aus. Mit bleicherm Schimmer faͤrben Des Helden Wangen ſich, es ſchweigt des Athems Wehn. Ein kalter Schauder dehnt die jugendlichen Glieder, Er ſenkt ſein kuͤhnes Haupt zum langen Schlummer nieder. 71. Doch als Thorildens Geiſt des Schickſals Schluß erkennt, Da leuchtet raſch, wie aus verhuͤllten Wettern, Aus ihrem Aug' ein Blitz. Sie hebt die maͤcht'ge Hand und laͤßt auf’s Drachenpaar die Geißel niederſchmettern. Leb wohl, o Welt! ſo ruſt ſie zornentbrannt; Mein Schickſal ruft; ich folge meinen Goͤttern! uUnd grimmig ſtuͤrmen jetzt auf ihrer Herrin Wort Hoch uͤber Berg und Wald die grauſen Drachen fork. * Achtzehnter Geſang. 453 72². Und wo die Wellen ihr im Meer entgegenſchlagen, Und hochgethuͤrmt der Felſenſtrand ſich hebt, Da ſenkt ſie raſch den ehrnen Zauberwagen, Um den die Wolke noch mit ſchwarzen Schwingen ſchwebt, Und tief verhuͤllt ſie ſich und ſtuͤrzt ſich ohne Zagen Hernieder in den Schlund, der brauſend ſie begraͤbt.— Voruͤber rauſcht die Fluth, von ſtaͤrkrer Fluth bezwungen, Und zeigt den Ort nicht mehr, wo ſie den Raub verſchlungen. . — — — — — — — ‿ — ‿ Neunzehnter Geſang. ————— 1. 3 Du holder Stern in meiner ird'ſchen Nacht, Der mir voran am hohen Himmel gleitet, Schon hab' ich bald die fromme Fahrt vollbracht, Zu deren Ziel dein ſel'ger Schein mich leitet. Die Schatten fliehn, das Morgenroth erwacht; Schon hat es hell am Himmel ſich verbreitet; Bald werd' ich fern den bluͤh'nden Huͤgel ſehn, Von dem die Palmen mir ſchon jetzt entgegen wehn. Caͤcilie. 2* Heut iſt der Tag, der bittre, der uns Allen So langen Schmerz und dir nur Luſt geſchenkt;*) und iſt es mehr als Wahn, daß in den ſel'gen Hallen Auch noch des Engels Herz getreuer Liebe denkt, So wirſt auch du mir heute naͤher wallen, Mir, der zum Ziele ſchon die freud'gen Schritte lenkt, Um bald vielleicht, wenn er den Kranz empfangen, Den Pfad dir nachzugehn, den du vorangegangen. 3. Denn wenn auch kaum in friſcher Zugendzeit Mit bluͤh'nder Kraft mein Innres ſich erſchloſſen, Doch fuͤhlt ſich oft in ſtiller Einſamkeit Von Todeshauch mein ſinnend Herz umfloſſen. Getragen hab' ich laͤngſt des Lebens tiefſtes Leid; Des Lebens höͤchſtes Gluͤck, ich hab' es laͤngſt genoſſen. Vollendet iſt der Pfad, den mir die Lieb' enthuͤllt, „Bekraͤnzt iſt dein Altar, und mein Beruf erfuͤllt. *) 3. December. Neunzehnter Geſang. 459 4. Und ſoll dies Lied, die Bluͤthe heil'ger Stunden, Das Letzte ſeyn, was euch der Saͤnger giebt, So lebt denn Alle wohl, die treu mit mir empfunden, Ihr Alle, die mein Lied und die mich ſelbſt geliebt! Auch ihr, die lang mir ſchon in ferner Welt verſchwunden, Und ihr, die feindlich jetzt mein treues Herz betruͤbt; O laßt, eh bald vielleicht ſich dieſe Lippen ſchließen, Mit freundlich ernſtem Wort noch einmal euch begruͤßen! 5. Ihr, die ihr glaͤnzend mir den dunkeln Pfad umſaͤumt, O ihr, in deren Bruſt des Himmels Flammen brennen, Nicht nennt mein Lied euch jetzt, doch wird die Welt euch nennen, Wenn einſt die goldne Frucht aus eurer Bluͤthe keimt. O moͤchtet ihr auch mir ein treu Gedaͤchtniß goͤnnen, Der nicht, wie ihr, gewirkt, der Großes nur getraͤumt! O moͤchte dieſes Wort des Enkels einſt mich ehren: Auch er war werth, den Kreis der Herrlichen zu mehren! 6. Du ſuͤße Heimath, theures Land, Wo einſt mein Geiſt zuerſt die Schwingen ausgebreitet! Mein Vater, der ſo fruͤh des Sohnes Sinn verſtand und nicht mit engem Maß ihm ſeinen Pfad bedeutet, und du, die nie mein Blick, die nur mein Herz gekannt, 9 Mutter, die vielleicht als Engel jetzt mich leitet, Wie ſeh' ich jetzt am Ziele meiner Bahn Euch Alle mir ſo hold, ſo freundlich nahn! 7. Und du, Antonie, du Herrlichſte der Frauen, Der nicht mein Muud allein den Mutternamen giebt, Du nahteſt jugendlich dem Juͤngling mit Vertrauen und haſt im Vater ſtets auch ſeinen Sohn geliebt! O moͤchteſt du Das Freude O moͤchte kuͤnftig nie dein feuchter Blick mich fragen: auch hier dein Kind noch gluͤcklich ſchauen, nur begehrt, weil dich ſein Schmerz betruͤbt! Was druͤckt dein Herz? was ſaͤumſt du, mir's zu klagen? Neunzehnter Geſang. 461 8. Wohlan, ſo laß, mein letztes Schwanenlied, Noch einmal laut die kuͤhnen Toͤne ſchallen! Die Sonne ſteigt, der friſche Morgen bluͤht, Und herrlich ſchmuͤckt das Licht die blauen Hallen. Horch, wie der Siegesklang durch ſtille Lufte zieht! Wie bunt die Fahnen rings im grunen Thale wallen! Schon zieht zum heil'gen Heerd in freud'ger Siegespracht Die Heldenbraut empor, die Gottes Werk vonbraggt. 9. Denn als ſie juͤngſt von ihrem Freund geſchieden, Und Adalbert ihr fromm Gebot. erfuͤllt, Da hatte bald zum letzten Mal hiemeden Der weiche Schlaf ihr muͤdes Haupt umhuͤllt. Und als ſie laͤchelnd lan im traͤumeriſchen Frieden, In ihrer Glorie ein ſchlummernd Himmelsbild, Da war auf goldner Lufte Wiegen Die Mutter Adalberts zu ihr hinabgeſtiegen, Nicht war das ſel'ge Traumgeſicht, Das ihr ſchon einſt erſchien, aus ihrem Geiſt verſchwunden. Jetzt naht' es abermals, verklaͤrt von hellerm Licht, Kein Woͤlkchen wurde mehr in ihrem Blick gefunden. Hell hob Caͤcilie das Aug' und zagte nicht, Sie hatte treu gekaͤmpft und ſiegreich uͤberwunden. Demuthig neigte ſich vor Gottes reiner Braut Die glaͤnzende Geſtalt und ſprach mit ſuͤßem Laut: 11. So wird ſich dir der ſel'ge Himmel neigen, Wenn du empor in deine Heimath ziehſt. Schon ſchmuͤckt ſich deine Bahn mit lichten Palmenzweigen⸗ Schon ſchallt das Siegeslied, das freudig dich begruͤßt. Wohl biſt du laͤngſt der Erde nicht mehr eigen, Seit dieſer Strahlenkranz um deine Stirn entſprießt, Doch ſollſt du eine That hienieden noch vollbringen. Dann magſt du dich empor, du lichter Engel, ſchwingen. Neunzehnter Geſang. 463 12. Fern haͤlt vom Lager jetzt den Helden Gottes Rath, Nicht ſeine Locken ſoll der Kranz des Sieges zieren; Nicht darf die Hand, die jzuͤngſt ſo kuͤhn ſich dir genaht, Die keuſche Roſe mehr, des Herrn Geſchenk, beruͤhren. Der reinen Jungfrau nur gebuͤhrt die reine That; Was keine Kraft errang, ſoll ſchwache Hand vollfuͤhren. Wenn deinen glaͤub'gen Sieg die heil'ge Blume kroͤnt, Dann iſt mit ihm und mir der Himmel ausgeſoͤhnt. 13. Wohlan, ſo eile jetzt, vom Schlaf dich zu erheben, Erwecke kuͤhn zum letzten Streit das Heer! Dir hat der Herr ſein leuchtend Schwert gegeben, Nicht biſt du jetzt die ſchwache Jungfrau mehr; Wohin du nahſt, wird auch ſein Engel ſchweben, Sein Schimmer iſt dein Helm, ſein Arm iſt deine Wehr, Vor deiner Stimme Ruf, vor deiner Fahne Wallen Wird Odins Schaar entfliehn und Zinn' und Mauer fallen. So ſpricht das Bild und hebt ſich und entflieht. Nicht langer haͤlt der Schlaf Cacilien umfangen; und wie ſie wachend noch den flieh'nden Engel ſieht, Und noch die Worte hoͤrt, die leiſ' um ſie erklangen, Da ſtaunt und ſchwankt ſie nicht, ein freud'ger Muth entgluͤht In ihrer zarten Bruſt und leuchtet auf den Wangen, Und als ſie jetzt ſo kühn dem Lager ſich entrafft, Da fuͤhlt ſie tief, der Glaube ſey die Kraft. 15. So blickte lang mit zweifelhaftem Zagen Vom Felſenneſt der junge Aar in's Thal. Noch zittert er, den erſten Flug zu wagen, Dann folgt er bang der raſchen Bruder Zahl⸗ Doch als ſo leicht die hohen Luͤft' ihn tragen, Und frei die Schwing' ihn hebt zum lichten Sonnenſtrahl, Da pielt er auf der Bahn, wovor er juͤngſt ſich ſcheute, Und wendet kuͤhner ſchon den hellen Blick nach Beute. Neunzehnter Geſang. 465 16. Indeß verſammelt ſich in fruͤher Daͤmmrungszeit, Als kaum vom Morgenſchein ſich fern die Wolken roͤthen, Wie Adalbert gebot, das deutſche Heer zum Streit; Rings raſſelt Waffenlaͤrm, laut ſchmettern die Trompeten. Um ſeine Banner iſt ſchon jedes Volk gereiht, Schon iſt ein jeder Fuͤrſt vor ſeine Schaar getreten; Feſt ſteht und ernſt das Heer in kuͤhner Waffenpracht: Doch wiehernd ſteigt das Roß und wittert ſchon die Schlacht. 17*. Als Jeder nun zum fruͤhen Kampf bereitet Im Gliede harrt und ſtaunt, daß noch der Feldherr weilt, Und Biarko, dem die Zeit zu traͤge läͤngſt entgleitet, Mit haſt'gem Schritte ſchon zum Zelt des Freundes eilt, Da wandelt wie der Strahl, der mit dem Nebel ſtreitet, Und jetzt mit ihr zugleich die bleiche Daͤmmrung theilt, Mit ernſtem Blick und feierlichem Schritte Caͤcilie daher und naht des Heeres Mitte. II. Theil. 3⁰ Caͤcilie. 18. Ein ſcharfes Schwert traͤgt ihre zarte Hand, Das weit umher die raſchen Blitze ſendet; Zum Himmel iſt ihr ſtiller Blick gewandt, Sie weiß, dort wohnt die Kraft, die antreibt und vollendet. und heller iſt der Schein um ihre Stirn entbrannt, Der mit gewalt'gem Licht des Menſchen Auge blendet. Das reiche Lockenhaar, die ſeidne Huͤll' umwallt In muth'ger Winde Spiel die leuchtende Geſtalt. 19. Gleich einer Lilie, die hoch und ſchlank entſproſſen, Im fruͤhen Sonnenſtrahl, vom leiſen Hauch bewegt, Von hellem Silberglanz umfloſſen, Auf ihrem keuſchen Haupt die goldne Krone traͤgt, So ſteht ſie in dem Kreis, der ſtaunend ſie umſchloſſen; Vo frommer Sehnſucht iſt ihr kuͤhnes Herz erregt; Ihr Auge gleicht dem Stern; in heller Roͤthe prangen Von Scham und Muth zugleich die jungfraͤulichen Wangen. Neunzehnter Geſang. 467 20. Und wo im Raſengruͤn die Heeresfahnen ſtehn, Da naht ſie ſich. Hoch laͤßt ſie in den Winden, Der Erd' entrafft, das Banner Gottes wehn, Von ihren Strahlen ſcheint das Kreuz ſich zu entzuͤnden. So ließen Engel einſt an Chriſti Grab ſich ſehn, Das auferſtandne Heil den Menſchen zu verkuͤnden. Man hoͤrt, daß Gottes Geiſt um ihre Lippen wallt, Als ſo mit ernſtem Klang ihr kuͤhnes Wort erſchallt: Du Volk des Herrn, ihr auserleſnen Schaaren, Die ſein Gebot verſammelt und belebt, Schon habt ihr juͤngſt des Himmels Huld erfahren, Abss euch der Trug der Hoͤlle frech umſchwebt: Jetzt will noch herrlicher ſein Rath ſich offenbaren, Der ſtolze Haͤupter beugt und Schwache hoch erhebt; Nicht ſollen Zorn und Kraft, nicht ſcharfe Schwerterklingen, Nur frommer Glaube ſoll jetzt dieſen Streit vollbringen. 30* Caͤcilie. 22 Dem Fuͤrſten eures Heers hat Gott den Sieg verſagt; Jetzt iſt zu mir ſein Ruf herabgeſtiegen. O ſpottet nicht der ruhmlos ſchwachen Magd, Die nie das Schwert gefuͤhrt in wilden Maͤnnerkriegen! Nur der allein iſt ſchwach, der an dem Herrn verzagt, Wer Muth zum Sterben hat, der hat auch Kraft zum Siegen. Der matte Funken ſelbſt, der in der Aſche ſchlief, Entzuͤndet Haid' und Wald, wenn Gottes Sturm ihn rief. 23. Nicht treibt mich Durſt nach irdiſch eitler Ehre, Zu ſeinem Ruhme nur hat mich der Herr geſandt; Was frommt dem maͤcht'gen Gott das Schwert gewalt'ger eA Heere? Ein Wink, ein Blick von ihm zertruͤmmert Stadt und Land. Nur daß noch herrlicher ſein Name ſich verklaͤre, Beſiegt er jetzt den Feind durch einer Jungfrau Hand. Was mir beſchieden iſt, kann Jeder mit erwerben: Ein Kaͤmpfen ohne Furcht, ein glorreich frommes Sterben⸗ Neunzehnter Geſang. 469 24. So ruft ſie aus. Und als die Heeresmacht Noch ſtaunend ſteht, da huͤllt der Himmelsbogen In Wolken ſich, in ſchwere Wetternacht, Der Donner rollt, fern rauſchen Wald und Wogen. An Gottes Huͤgel iſt Thorildens Sturm erwacht, Und haͤlt den heil'gen Berg mit ſchwarzem Duft umzogen: Doch heller leuchtet ſtets von ſel'gem Strahlenlicht Der Jungfrau klares Haupt; ſie hebt das Schwert und ſpricht: . 25. Hoͤrt ihr den Herrn? Erkennt ihr ſeine Blitze, Die er ſo hell von ſeinem Heerde ſchickt? Er ſelber ſteigt herab, er thront auf ſeinem Sitze, Mit ſeiner Herrlichkeit, mit ſeiner Macht geſchmuͤckt. Daß er ſein treues Heer im letzten Kampfe ſchuͤtze, Hat ſeine Hand von dort ihr leuchtend Schwert gezuͤckt. Schon ruft er laut herab in Donnern und in Stuͤrmen: Was ſteht, was ſaͤumt mein Heer, das meine Haͤnde ſchirmen? Caͤcilie. 26. Wohlan, ſo zuͤckt auch ihr das Schwert zum tapfern Streit! Laßt laut zum Sturm die Feldpoſaunen ſchallen! Seht, wie das Roß ſich ſchon des nahen Kampfes freut! Wie raſch die Fahnen ſchon dem Sieg entgegenwallen! Wie ſtolz die Burg auch dort aus ihrem Dunkel draͤut, Mit uns iſt Gott! wir nahn, und ſie wird fallen! Auf, kuͤhnes Heer! Fuͤr Gott den tapfern Gang, Mit Gott den Sieg, den Tod in Gott, bei Gott den Dank! 27*. So rief ſie aus. Und wie mit leichten Schwingen Die Geiſter, die der Fruͤhling ausgeſandt, In jeden Keim belebend nieder ringen, Und Blumen ſchon erziehn, noch eh der Schnee entſchwand, So flog durchs ganze Heer der Worte ſuͤßes Klingen, Daß trotz Gebrauſ' und Sturm ſie jedes Ohr verſtand. Ein lautes Jauchzen toͤnt, tief neigt dem lichten Bilde Ein jedes Banner ſich, hell ſchallt das Schwert am Schilde. Neunzehnter Geſang. 28. Da naht ihr Gormo's Sohn mit ſeiner holden Brauk. Nicht wagen ſie's, den Blick auf ihr Geſicht zu wenden; Wie mild ihr Antlitz auch auf ihre Lieben ſchaut, Kein Auge traͤgt den Glanz, den ihre Strahlen ſenden. und Biarko kniet vor ihr mit frommgefaltnen Haͤnden und ſpricht: Dir ſey mein Volk und dir mein Recht vertraut. Wer du auch ſeyſt, nicht wag' ich's, dich zu nennen, Sey auch noch dann uns hold, wenn uns die Welten trennen! 29. So ſpricht der Held; doch ſcheu ſteht Adelheid und ſenkt den Blick und ſchweigt im heil'gen Bangen. Da naht Caͤcilie, um vor dem letzten Streit Noch einmal hold und treu die Theure zu umfangen. und hell verklären jetzt ſich auch der Schweſter Wangen, Als ihr das lichte Bild den Kuß der Trennung beut. Wie Herz und Herz in jenem Kuß ſich gruͤßen, Muß die Vereinigten ein Schimmer auch umfleſſen. Caͤcilie. 30. So laͤßt vom hellen Thau erfuͤllt Die bluͤh'nde Roſe ſich im Silberglanze blicken, und wechſelnd muß der Thau mit Morgenroth ſich ſchmuͤcken, Weil ihn der Purpurſchein des zarten Kelchs umhuͤllt: Doch nahſt du, Adelheid, das Fruͤhlingskind zu pfluͤcken und neigſt zu ſeinem Glanz dein jungfraͤuliches Bild, Dann kann das Herz nicht mehr die holden Schweſtern trennen⸗ Und will die Roſe dich, und dich die Roſe nennen. 31. O lebe wohl! ſo ruft mit leiſem Ton Caͤcille, leb wohl! wir muͤſſen ſcheiden! Der Himmel gab kein gleiches Loos uns Beiden, Dir bluͤht ſchon hier das Gluͤck, mein harrt erſt dort der Lohn. Fur dich auch ſterb' ich jetzt, drum laß' ich dich mit Freuden, Fuͤr Gott und dich zugleich erring' ich einen Thron. Sey gluͤcklich, denke mein! dort von des Himmels Höhen Wird auch auf dich mein Blick noch oft herniederſehen. Neunzehnter Geſang. 473 32. So ſpricht ſie ſanft. Dann ſchwingt ſie hoch das Schwert. Die Banner regen ſich, die Feldpoſaunen ſchallen; 3 Sie wandelt kuͤhn voran, von Gottes Glanz verklaͤrt, Und laͤßt in hoher Luft die heil'ge Fahne wallen. Wie naͤchtlich auch der Sturm die finſtre Luft durchfaͤhrt, Um ſie iſt Fruͤhlingswehn, ihr Schimmer leuchtet Allen. Schon hat das Heer die ſtolze Stadt umringt, Um deren Zinnen noch die Nacht die Fluͤgel ſchwingt. 33. Der Heiden Waͤchter ſehn der Ehriſten kuͤhn Beginnen, Schnell kuͤnden ſie die Noth, die Lethra's Burg bedraͤut. Laut um die Veſte ſchallt's, und laut erſchallt es drinnen; Es naht der Feind! Auf, Helden, auf zum Streit! Schon fuͤllt die Mauer ſich, ſchon ſteht auf allen Zinnen Geſchuͤtz und Heer zum Widerſtand bereit. Noch Keiner weiß, daß Skiold die Stadt verlaſſen, und fruchtlos ſucht man ihn in Tempeln, Burg und Gaſſen. Cacilie. 3 j. Doch als die Boten jetzt, die Harald ausgeſandt, Umſonſt nach ſeiner Spur die weite Stadt durchlaufen, Da ordnet Rolf, der Greis, und Biorn, der zornentbrannt Den Freund zu raͤchen ſtrebt, die raſchvereinten Haufen. Hoch ſchwingt der Konig auch den Speer in ſtarker Hand und denkt fuͤr theuren Preis ſein Leben zu verkaufen. Kuͤhn harrt die Schaar des Kampfs, und auf der Mauer Hoͤhn Scheint eine zweite jetzt aus blankem Stahl zu ſtehn. 35. Und als die Chriſten kaum die erſten Hoͤhn erſtiegen, Da braucht der Feind der Waffen trotz'ge Kraft. Die Schleuder aͤchzt, Geſchoß und Steine fliegen, Hell pfeift der Speer, dumpf ſauſ't der gluͤh'nde Schaft. Der muß dem heißen Strom und der dem Schutt erliegen, Der wird vom jaͤhen Sturz des Balkens fortgerafft. Gewalt'ge Haken drohn, und Sichelwagen fahren Zerſchneidend, wo ſie nahn, und raſſelnd durch die Schaaren. Neunzehnter Geſang. 36. Aus allen Thuͤrmen laͤßt der Schuͤtzen kuͤhne Zahl Mit ſpaͤh'ndem Blick die raſchen Pfeile ſchwirren; Wie Hagel fliegt und fällt der leichtbeſchwingte Stahl, Und Helm und Schild beginnt mit hellem Klang zu klirren. Nur ſelten taͤuſcht das Ziel der Augen kluge Wahl, Schon ſieht man manches Roß des Reiters ledig irren. Vergebens hält der Arm den breiten Schild gezuͤckt, Denn fruher naht der Tod, als ihn das Aug' erblickt. 37. Gewaltig hoͤrt man rings das Schlachtgeſchrei ertoͤnen, Zum Himmel ſteigt Ruf, Drohung und Gebot, Geheul und Hohn, Erkrachen, Raſſeln, Droͤhnen, Hier jauchzt der Sieg, dort aͤchzt der blut'ge Tod. Das grimme Toben ſcheint den Donner zu verhoͤhnen, Der zuͤrnend noch herab aus nahen Wolken droht; Vergebens laͤßt der Sturm den mäͤcht'gen Ruf erſchallen, In dieſem Aufruhr muß ſein lauter Grimm verhallen. Caͤcilie. 38. Doch ohne Zagen geht das jungfraͤuliche Bild Dem Heer voraus und mahnt die Kampfgenoſſen. Kein Helm bedeckt ihr Haupt, ihr Arm iſt ohne Schild, Nur zarte Seide haͤlt die holde Bruſt umſchloſſen. Vor ihr und hinter ihr deckt fruchtlos das Gefild Mit ſchweren Steinen ſich, mit Lanzen und Geſchoſſen. Des Himmels Hand ſchwebt ſchuͤtzend um ihr Haupt, Dem Stein iſt ſeine Laſt, dem Pfeil der Flug gergubt. 39. und wie die Braut, die aus den Vaͤterhallen Im feſtlichen Geleit dem Freund' entgegenzieht, Um deren ſchlanken Leib die reichen Kleider wallen, In deren Lockenhaar die holde Myrte bluͤht; Der Fremdling ſelbſt erkennt gar leicht ſie unter Allen, Die ſinnend und verſchaͤmt in ſuͤßer Ahnung gluͤht, So wandelt ſtill und mild auf ihren blutꝛgen Wegen Die freud'ge Siegerinn dem ſchoͤnen Ziel entgegen. Neunzehnter Geſang. 477 40. Und muthig folgt die Schaar ihr nach, Wie grimm die Noth auch ſey, kein Herz beginnt zu zittern, Feſt ſchließt ſich Schild an Schild, daß auf dem ehrnen Dach, Das langſam naͤher ruͤckt, Geſchoß und Speer zerſplittern. Schon ſtuͤrmt mit maͤcht'gem Stoß und Schlag Der Widder Haupt heran, die Pforten zu erſchuͤttern, Indeß ſich hier und dort die hohe Leiter hebt und an der Zinnen Kranz ſich feſt zu klammern ſtrebt. 41. Doch ruͤſtig ſtehn die kuͤhnen Heiden droben. Zur Waffe wird, was nur der Hand ſich beut. Den ſieht man wild mit ſchweren Stangen toben, Der ſchwingt den Karſt, die Sichel der zum Streit. Der hat das ſcharfe Beil und der die Kolb' erhoben, Der haͤlt zum gluͤh'nden Wurf den rothen Brand bereit. Manch drohend Sturmgeraͤth entbrennt in raſchen Flammen, Und manche Leiter kracht mit ihrer Laſt zuſammen. 55 Auch fahren oft von mächt'ger Kunſt geſchickt, Zum Chriſtenheer gewalt'ge Schlingen, nieder, Und wenn ſie raſch des Feindes Haupt und Glieder Den Schlangen gleich mit feſtem Band umſtrickt, Dann heben ſie mit ihrer Laſt ſich wieder, Wie durch die Luft den Fiſch die Angelruth' entruͤckt, und raſſelnd ſtuͤrzt ihr Naub, vom Leben ſchon verlaſſen, Weit uͤber Zinn und Thurm geſchleudert, auf die Gaſſen. 43. Doch wo ob Lethra's feſtem Thor Vom höchſten Mauerthurm die Feinde niederſchauen, Da treten aus dem Heer die Kuͤhnſten jetzt hervor, Um dort den ſteilen Pfad zum Siege ſich zu bauen. Die luft'ge Bruͤcke ſteigt gewaltig ſchon empor, Sie ſinkt, feſt haften ſchon der Haken ehrne Klauen, Der Heide ſchwingt vergebens Beil und Schwert, Weil hartes Erz die Sproſſen rings bewehrt. Neunzehnter Geſang. 479 44. und wie am Fels empor, wenn von des Himmels Hallen Die Wolken fliehn, der Strahl mit leichten Schwingen ſchwebt, So naht die Jungfrau jetzt und klimmt zuerſt von Allen Den hohen Pfad hinan, der ſteil zur Zinne ſtrebt. Weit ſieht man durch die Luft ihr heilges Banner wallen, Hell blitzt der ſcharfe Stahl, den hoch ihr Arm erhebt; Lautjauchzend folgen ihr zum Siege die Genoſſen. Schon beugen ſich beſchwert von ehrner Laſt die Sproſſen. 45. Von hohen Zinnen ſtreckt umſonſt der Heiden Zahl Die langen Lanzen ihr, das breite Schwert entgegen, Schon blendet ihren Blick der Jungfrau heil'ger Strahl, Und wie im Wahnſinn ſcheint ihr Arm ſich zu bewegen, Bezaubert wenden ſie ſchon auf ſich ſelbſt den Stahl, und blutend ſinkt der Freund von ſeines Freundes Schlaͤgen, Schon faßt Caͤcilie den Zinnenkranz am Thurm Und ruft ihr Volk ſiegprangend nach zum Sturm. 46. Und wie, wenn fruͤh das Licht am Himmel aufgegangen, Und truͤber Nebel noch im niedern Thale graut, Vom erſten Strahl verklaͤrt, mit feierlichem Prangen Des Kreuzes goldne Zier vom hohen Dome ſchaut, So ſteht verherrlicht jetzt, mit morgenhellen Wangen, Hoch auf der Zinne Kranz die heil'ge Gottesbraut, Und laͤßt zum Chriſtenheer von ihren Siegeshoͤhen Das wallende Panier in ſtillen Luͤften wehen. 47. Denn ſieh, ſobald ihr Fuß das kuͤhne Ziel erreicht, Da ſcheint der Himmel auch die Siegerinn zu ehren. Es bricht die Nacht, des Donners Zuͤrnen ſchweigt, Gewoͤlk' und Wetterſturm entfliehn zu fernen Meeren, Blau glaͤnzt die ſtille Luft, die heil'ge Sonne ſteigt Aus flieh'ndem Duft empor, die Jungfrau zu verklaͤren. Wohl ſcheint's, als ziehe jetzt mit glaͤnzendem Gewand Des Himmels milder Herr in ſein erkaͤmpftes Land. 48. Neunzehnter Geſang. 481 48. Und raſch wird jetzt im muthigen Vereine Mit kuͤhnerm Kampf ein jeder Thurm berannt. Schon treiben Adelhelm und Guelf, der Graf vom Rheine, Den flieh'nden Feind herab von hoher Mauerwand, Und Archimbald zerſprengt mit einem maͤcht'gen Steine Das Thor, das fruͤher kaum dem Widder widerſtand. Lautjubelnd bricht durchs innre Pfortengitter Dem kuͤhnen Greiſe nach die Schaar der tapfern Ritter. 49. Und wie im Sturm, wenn ſchon den hohen Maſt Der Blitz zerſchlug und Bord und Stangen brennen, Mit Wehgeſchrei in wildverwirrter Haſt Bald hier, bald dort die bangen Schiffer rennen; Der eilt mit ſcharfer Art des Bootes Tau zu trennen, Indeß den Balken der und der das Brett umfaßt; Doch Andre ſitzen ſtill und ſehn mit ſtarrem Zagen Die mächt'gen Wellen nahn, die fort ins Meer ſie tragen: II. Theil. 31 50. So tobt durch Lethra jetzt Verwirrung, Flucht und Grau'n; Die Heiden fliehn, hier einzeln, dort in Schaaren, Hier irren Greiſ umher und Kinder dort und Frau'n Mit flatterndem Gewand und weitzerſtreuten Haaren; Der ſucht durch fluͤcht'gen Lauf ſein Leben zu bewahren, Doch der will lebend nicht den Fall der Goͤtter ſchauen, und wartet ſtill am alten Vaͤterheerde, Zum Tode kuͤhn, welch Schwert ihn treffen werde. 51. Stumm neigt ſich manche Braut auf ihren bleichen Freund⸗ Bis im gewalt'gen Schmerz auch ihr die Augen brechen, Und mancher Vater ſtuͤrzt, des Sohnes Tod zu raͤchen, Mit alterſchwachem Arm ſich zuͤrnend in den Feind, Und manche Gattin droht, den Buſen zu durchſtechen, An welchem klaglich noch ihr zarter Saͤugling weint; und waͤhrend die dem Feind mit reicher Laſt entſpringen, Eilt der, auf Hab' und Gut den gluͤhnden Brand zu ſchwingen. Neunzehnter Geſang. 483 52. Durch alle Gaſſen ziehn lautraſſelnd Mann und Roß, Die Chriſtenfahne weht ſchon hoch von allen Thuͤrmen; Ein Theil der Heiden flieht empor ins feſte Schloß, Das nun allein umſonſt die Feinde noch beſtuͤrmen; Doch Biorn, der Fuͤhne, wirft mit einem tapfern Troß In Odins Tempel ſich, das heil'ge Pfand zu ſchirmen. Raſch folgt ihm Archimbald mit hocherhobnem Schwert, Nur ihn noch achtet er des kuͤhnen Kampfes werth. 53. Indeſſen war auf Lethra's andrer Seite, Wo ſtolz vom Fels mit unbezwungner Macht Die feſte Burg des Koͤnigs niederdraͤute, Noch nicht ſo bald der ernſte Kampf vollbracht. Dort zog mit Gormo's Sohn ſein tapferes Geleite Vinzenz und Friedebert und Edelrad zur Schlacht, Indeß des nah'nden Heers auf Mauern und auf Warten um Rolf und Harald rings viel ſtarke Krieger harrten. 31* 484 Caäaͤcilie. 54. Doch als nun Gormo's Sohn, nach langem Widerſtand, Vom aͤußern Mauerkreis die Heidenſchaar vertrieben, und jetzt, von wildem Zorn entbrannt, Die erſte Pforte ſprengt mit maͤcht'gen Kolbenhieben: Da wird er grimmiglich von Harald angerannt, Der mit der kuͤhnſten Schaar im innern Hof geblieben. Hoch hebt der alte Fuͤrſt des Schildes breite Wehr und zuͤckt mit ſtarker Hand den ungeheuren Speer. 55. So ſtuͤrmt er wild von jenen breiten Stiegen, Worauf die deutſche Schaar die Veſte jetzt erſteigt. Viel lieber will er hier vor ſeiner Burg erliegen, Eh er dem bittern Feind nur eine Spanne weicht. und ſauſend laͤßt er jetzt die maͤcht ge Lanze fliegen, Indeß ſich Biarko ſchnell dem nah'nden Wurfe beugt. Sie ſtuͤrmt vorbei, um an des Sieges Thoren Den tapfern Grafen noch von Habsburg zu durchbohren⸗ Neunzehnter Geſang. 56. Da ſchwingt im Zorne Gormo's Sohn Die Kolb', er ſpringt hinan, ſein Auge blitzt Verderben. Nimm, ruft er laut, nimm, Naͤuber, hier den Lohn, Daß meine Haͤnde jetzt mit Daͤnenblut ſich faͤrben! Schon lange ſucht' ich dich! Nicht gilts mehr um den Khron, Um's Leben gilt's! ich oder du ſollſt ſterben! So ruft er aus und trifft mit eiſernem Gewicht Des Koͤnigs ſtolzes Haupt, das Helm und Krone bricht. 57. Und als nun der, vom harten Schlag erſchuͤttert, Mit hocherhobnem Schild das wunde Haupt bewehrt, Da zieht ſein Feind, vom langen Groll erbittert, Mit raſcher Hand ſein ſcharfgeſchliffnes Schwert Und treibt's ihm in die Bruſt, daß rings der Panzer ſplittert Und aus dem Ruͤcken ihm die blut'ge Spitze faͤhrt. Der Konig aͤchzt und ſchwankt und ſtreckt die Rieſenglieder⸗ Im Tode trotzig noch, vor ſeiner Pforte nieder. 58. Und mit dem kuͤhnen Herrſcher fällt Auch ſeiner Schaar der Muth, ſie rettet ſich nach innen. Das ehrne Gitter ſinkt; vergebens ſucht der Held Zugleich mit ſeinem Feind die Pforte zu gewinnen. Schon iſt mit raſchem Schwung die Bruͤck emporgeſchnellt, und Balken ſturzen rings und Steine von den Zinnen. Der Fels, der rauh und ſchroff nur ſchmale Pfade beut, Verzögert hier und hindert dort den Streit. 59. Indeſſen naht mit ſeinen Kampfgenoſſen Graf Archimbald ſich ſchon des Tempels Thor, Da praſſelt eine Saat von flammenden Geſchoſſen, Die Biorno's Schaar geſandt, aus Odins Haus hervor. Ein wild Getoͤſ' erhebt ſich von den ſcheuen Roſſen, Und manches prallt zuruͤck, und manches ſteigt empor, Doch mit dem Grafen ſtuͤrzt, verſchuͤchtert von den Flammen und tief vom Stahl durchbohrt, ſein edles Thier zuſammen. Neunzehnter Geſang. 487 60. Kaum nimmt der Daͤnenheld den Sturz des Feindes wahr, Da wird zu kuͤhner That ſein zuͤrnend Herz entzuͤndet, Raſch bricht er aus dem Thor mit ſeiner tapfern Schaar Und eilt dem Greiſe zu, der unterm Roß ſich windet. Dir, Torkill, ruft er aus, bring' ich dies Opfer dar! So bleibt im Tode noch mein Arm dir treu verbuͤndet! Er ſprichts und ſetzt den Fuß auf ſeines Feindes Bruſt Und ſchwingt die Schneide ſchon in raͤcheriſcher Luſt: 61. Da eilt nach manchen kuͤhnen Siegen Caͤcilie daher, von freud'gem Volk umringt. Sie ſieht den tapfern Greis betäubt am Boden liegen, Schon ſieht ſie, wie der Feind das Schwert ums Haupt ihm ſchwingt. Und wie, wenn fern herab des Himmels Blitze fliegen, Der ſtarke Fels zerbricht, die hohe Fichte ſinkt, So zittert, wie ſie naht, mit bleichem Angeſichte Der Juͤngling in den Staub vor ihrem ſelgen Lichte. Erſchrocken fliehn die Daͤnen fort, Als wolle Jeden ſchon der heil'ge Strahl verzehren, Und raſch vertheilen ſich die Sieger hier und dort, Mit blankem Schwert die Flucht dem bangen Volk zu wehren: Doch ſieh, Caͤcilie haͤlt jetzt vom blut'gen Mord Die Zuͤrnenden zuruͤck, die ihr Gebot verehren; Dann naht ſie Biorn und ſetzt mit kuͤhner Hand Das ſcharfe Schwert ihm an des Gitters Rand. 63. Du wollteſt mir ein theures Leben rauben, So ſpricht ſie ernſt, jetzt iſt dein Leben mein. Wohl mag dein Wahn die Rache dir erlauben Und ſich am Blut huͤlfloſer Feinde freun; Doch meine Seele haͤngt an einem ſchoͤnern Glauben, Der mich Verſoͤhnung lehrt und Frieden und Verzeihn. De in Gott hat ſchutzlos dich in meine Hand gegeben— Steh auf und zage nicht! dir ſchuͤtzt mein Gott das Leben. Neunzehnter Geſang. 489 6½. Sie ſprichts und ſcheues Staunen fuͤllt Des Juͤnglings Herz; er beugt dem ſel'gen Scheine Der Jungfrau ſich und ſpricht: Wie iſt dein Gott ſo mild Und doch viel maͤchtiger, viel kuͤhner als der meine! O bete du fuͤr mich, du klares Himmelsbild, Daß einſt auch meinem Blick ſein gnaͤd'ges Licht erſcheine! So ruft er ſanft, dann hebt er ſchnell verſoͤhnt Den edlen Greis empor, der unterm Roſſe ſtoͤhnt. 65. Allein Caͤcilie erſteigt mit kuͤhnen Schritten Den Tempel jetzt, das Ziel der tapfern Bahn. Der Himmel ſiegt, das Kleinod iſt erſtritten, Vernichtet iſt der menſchlich blinde Wahn, Sie, die fuͤr Gott ſo lang, ſo treu gelitten, Soll freudig jetzt den großen Lohn empfahn. Schon tritt ſie in den Dom gleich einem hellen Sterne; Demuͤthig folgt die Schaar in ehrerbiet'ger Ferne. Cacilie. 66. und als nun jetzt, auf goldnem Heerd erhoͤht, Vom Morgenglanz des zarten Kelchs umgeben, Vor ihrem Blick die heilge Roſe ſteht, In ſel'ger Pracht, in ewig bluͤh'ndem Leben, Und als der ſuͤße Duft ihr leiſ' entgegenweht, Gleich Schwingen, die ſchon jetzt zum Himmel ſie erheben, Da legt ſie tiefbewegt das Schwert zu Boden hin und kniet vor Gott und ſpricht mit frommem Sinn: 67. Du, der auch hier in oft entweihten Waͤnden Mein Haupt umſchwebt und meine Stimme hoͤrt, Gewalt'ger Gott, der, um ſein Werk zu enden, Mit ſeiner Kraft ſein ſchwaches Kind bewehrt, Hier leg' ich jetzt mit demuthsvollen Haͤnden Vor deinen Thron dies unbefleckte Schwert, Um freudig dann, mein Vater, dieſes Leben, Das deine Huld geehrt, in deine Hand zu geben. Neunzehnter Geſang. 4941 68. O du, ſo reich an Schonung und Verzeihn, Der nur der Schwaͤche zuͤrnt, doch mild den Schwachen richtet, Nicht ſteh' auch ich vor dir von allem Tadel rein, Und was ich Gutes that, haſt du durch mich verrichtet. O laß, Allguͤtiger, was ich gefehlt, vernichtet, Was ich im Wahn geirrt, das laß vergeſſen ſeyn! O laß auch die dein ew'ges Heil erwerben, Die nichts fuͤr dich gekonnt als glauben, hoffen, ſterben! 69. So betet ſie; dann ſteigt ſie ſtill und kuͤhn Zum Heerd' empor und thut des Himmels Willen. Ein lindes Zittern ſcheint durch ihre Bruſt zu ziehn, Ein lieblich kuͤhler Hauch die Adern ihr zu fuͤllen; Doch ſchoͤner nur beginnt ihr keuſches Bild zu bluͤhn, Man ſieht ein zartres Roth die helle Wang' umhuͤllen. Der Tod, der leiſe ſchon im Herzen ihr erwacht, Hat, ihr verklaͤrtes Bild zu truͤben, keine Macht. und als ſie jetzt mit ſeligem Gemuͤthe, Demuthig mild und dennoch kuͤhn und klar, In ihrer Hand die heil'ge Purpurbluͤthe, So hoch und leuchtend ſteht am goldenen Altar, Da waͤhnt das Volk, ein lichter Engel biete Ihm Segen jetzt und Heil und Frieden dar. uUnd Jeder kniet u. preist den Herrn mit frommem Schweigen, Daß er auch ihn erkohr, dies Wunder ihm zu zeigen. 71. Ja, dankt dem Herrn! ſo ſpricht mit ſuͤßem Ton Die Heih'ge jetzt, ſchoͤn iſt ſein Werk gelungen! Gegruͤndet ſteht auch hier ſein milder Thron, Auch hieher iſt ſein ſel'ges Licht gedrungen. Ein treues Band umſchlingt, ein Wille leitet ſchon Die Voͤlker, die verwandt aus Einem Stamm entſprungen. Nicht faͤllt der Bruder mehr durch ſeines Bruders Schwert, und allen hat ein Gott, ein Himmel ſich verklaͤrt. Neunzehnter Geſang. 493 72². So ruft ſie aus. Dann ſteigt ſie mild hernieder; Schnell oͤffnet rings das Volk ihr eine Bahn. Sie wallt hindurch. Nicht ſcheinen ihre Glieder Dem niedern Staub der Erde mehr zu nahn. So gleitet ſanft mit ſilbernem Gefieder Durch leichtgetheilte Fluth der traͤumeriſche Schwan; Ihn, der die Welle jetzt mit ſuͤßen Todesklagen Durchfloͤtet, ſcheint von ſelbſt der leiſe Strom zu tragen. 73. Jetzt ſieht man ſie mit ihrer Schaar vereint Den ſteilen Pfad zum hohen Schloß erſteigen. Im Frieden ruht die Stadt, rings muͤſſen Freund und Feind, Von Gottes Kraft beſiegt, vor ihrem Bild ſich neigen. Und als ſie vor dem Thor der ſtolzen Burg erſcheint, Beginnt auch dort der Laͤrm der Kaͤmpfenden zu ſchweigen. Hoch bleibt der Arm gezuͤckt, der kaum den Speer geſandt, Das Schwert erſtarrt im Flug, am Bogen ruht die Hand. ſſͤſͤ 74. und als die Heiden jetzt von ihrer hohen Zinne Die Jungfrau ſehn, die hell von goldnem Licht Sich prangend naht mit ihrem Kampfgewinne, Bei deſſen Raub auch Odins Scepter bricht, Da werden ſie die Macht des ew'gen Gottes inne, und reuig neigen ſie das ſtolze Herz der Pflicht. Schon laſſen ſie von ihrer Feſte Hoͤhen Vor Gormo's Sohn die Friedensfahne wehen. 75. Dann oͤffnet ſich der Burg gewoͤlbtes Thor, und waffenlos, mit flehender Geberde, Tritt mit den Edelſten der alte Rolf hervor und beugt vor ſeinem Herrn ſein zitternd Knie zur Erde. Dicht draͤngt das Volk ihm nach und hebt die Haͤnd' empor und fleht mit lautem Ruf, daß Fried' und Huld ihm werde. Doch mild erhebt der edle Koͤnigsſohn Den ritterlichen Greis und ſpricht mit gnaͤd'gem Ton: 5 Neunzehnter Geſang. 495 76. Nicht kanntet ihr, den ihr vom Thron vertrieben, Nicht kanntet ihr, den ihr zum Herrn erhobt; Erkennt mich jetzt; lernt deſſen Milde lieben, Deß ſtarken Arm ihr früher ſchon erprobt, Und bleibt ſo treu mir ſtets, wie ihr es dem geblieben, Um deſſen kuͤhnen Schutz ſein Gegner ſelbſt euch lobt. So ſpricht er ſanft und laͤßt mit gnaͤd'gem Winken, Zum Zeichen ſeiner Huld, die Lanze niederſinken. 77. Schon iſt Caͤcilie indeß in's Schloß geeilt, Wo, juͤngſt in harter Schlacht gefangen, Der treue Saͤnger noch im tiefen Kerker weilt. Er, der im bittern Schmerz ſo feſt ihr angehangen, Soll durch ſie ſelber jetzt den ſuͤßen Troſt empfangen, Wie gnaͤdig Leid und Luſt der milde Gott vertheilt. Ach ſie, um die ſein Herz ſo manche Noth beſtanden, Sie loͤſ't mit eigner Hand jetzt ihres Freundes Banden. Er ruhte ſtill bei ſchwachem Lampenſchein, Der muͤhſam nur der Daͤmmrung widerſtreitet. Wie ſtumm die Nacht auch ſchlief, doch war er nicht allein, Er dacht' auch jetzt an ſie, die ewig ihn begleitet. Da trat Caͤcilie in ihrem Glanz herein, uUnd durch die Hallen ward ein Roſenlicht verbreitet. Suͤßlaͤchelnd ſtand ſie jetzt vor ihrem Freunde da, Der ſtill und friedlich ihr in’s helle Auge ſah. 79. So oft er ſonſt mit traͤumendem Gemuͤthe Ein zartes Lied erſann, die Liebſte zu erhoͤhn, Sah ſtets ſein freud'ger Geiſt in dieſer ſel'gen Bluͤthe, In dieſem goldnen Licht ihr mildes Bild erſtehn⸗ 5 Die helle Glorie, die jetzt ihr Haupt umgluͤhte, Die hatt' er immer ſchon um ihre Stirn geſehn. Des Himmels naher Glanz, wovor die Meng' erbebte, Erſchreckte den nicht mehr, der ſtets im Himmel lebte. 80. Neunzehnter Geſang. 497 80. So ſchlaͤft das zarte Kind, das an des Lebens Saum Die Engel ſchon im leiſen Schlummer gruͤßen, Im Arm der Mutter ein, um bald nach kurzem Traum In jener ſchoͤnern Welt die Augen aufzuſchließen. Und als es dort erwacht, bemerkt's die Strahlen kaum, Die um ſein laͤchelnd Haupt, um ſeine Glieder fließen; Gar friedlich ſchaut es auf und winkt mit kleiner Hand Zum Spiel die Engel her, die es ſchon laͤngſt gekannt. 81. Doch als ſie jetzt von ſuͤßer Schaam befangen Zu ihm ſich neigt und ſeine Banden trennt, Als lieblich jetzt um ſeine bleichen Wangen Ihr leiſer Athem weht, und hold ihr Mund ihn nennt, Und als er jetzt das Bild, das ſonſt ſo ſchnell vergangen, So freundlich weilen ſieht, als er ſie ſelbſt erkennt, Da neigt er ſtill ſein Haupt und ruht in ſel'gen Thraͤnen, Indeß aus ihrem Munde ihm dieſe Wort' ertoͤnen: II. Theil. 3² 498 Cageilie. Neunzehnter Geſang. 8². Du treues Herz, o du, mein trauter Freund, Der mir ſo hold in jeder Noth geblieben, Wohl haſt du viel um mich gelitten und geweint, und ich, ich mußte ſelbſt dich meiden und betruͤben! Doch jetzt, da leuchtend ſchon mir jene Welt erſcheint, Die nur in Liebe lebt, jetzt darf auch ich dich lieben. Wer nur dem Herrn vertraut in Demuth und Geduld, Dem zahlt das Leben einſt auch hier noch ſeine Schuld. 83. So ſpricht ſie ſanft, indeß von ihren Wangen Die letzte Thraͤne rollt, die noch der Erde gilt. Da fuͤhlt er jeden Wunſch und jegliches Verlangen und jede Hoffnung ſelbſt errungen und erfuͤllt. Ihm bleibt die Liebe nur, die, aus ſich ſelbſt empfangen, Nur nach ſich ſelbſt verlangt, nur durch ſich ſelbſt ſich ſtillt. Mag lang uns auch des Zufalls Spott verhöhnen, Oft kann ein Augenblick ein ganz Geſchick verſoͤhnen⸗ Zwanzigſter Geſang. 3²2* Zwanzigſter Geſang. 1. Als ſo der Herr ſein heil'ges Werk vollbracht, Und rings in Schutt die Goͤtzentempel ſanken, Verſammelt ſich die freud'ge Heeresmacht, Fuͤr ihren Sieg dem großen Gott zu danken. Schon reinigt Jeder ſich vom blut'gen Staub der Schlacht Und kraͤnzt den lichten Helm mit Laub und gruͤnen Ranken. So will das Heer vor Gott auf jenen heil'gen Hoͤhn Mit friedlichem Gewand und reinen Haͤnden ſtehn. 50²2 Càcilie. 2. Zu Boden muß ſich jede Lanze neigen; In ſeiner Scheide ruht vom Kampfe jedes Schwert; Der Krieger Rechte prangt mit gruͤnen Eichenzweigen; Zum Schmuck nur haͤlt der Schild die Linke jetzt bewehrt. Das frommgeſenkte Haupt, die glaͤub'gen Blicke zeigen, Daß nicht der Menſch, daß Gott das Reich der Nacht zerſtoͤrt. Drum muß des Reiches Aar auch tief zur Erde ſehen; Das heil'ge Kreuz nur darf in hohen Luͤften wehen. 3. Und als zum ernſten Zug gereiht Die dichten Schaaren jetzt ſich aus den Pforten draͤngen, und fern ſich ihrem Blick der heil'ge Huͤgel beut, Da ſchallt das weite Thal von frommen Dankgeſaͤngen. Die Hoͤrner, die ſo wild im rauhen Kampf gedraͤut, Ertoͤnen lieblich jetzt mit ihren weichſten Klaͤngen. Hell ſieht man jetzt das Heer, geſchmuͤckt mit buntem Gruͤn, Gleich einem Hochzeitszug, aus Lethra's Mauern ziehn. Zwanzigſter Geſang. 503³ 4. Und wie ein Strom mit ſonnenklaren Wogen Sein weites Bett mit heilgem Rauſchen fuͤllt, Indeſſen leicht von linder Luft umflogen Ob ſeiner Fluth ein glaͤnzend Segel ſchwillt: So kam mit Siegesklang das Heer hinabgezogen, Weit leuchtete das Feld von Panzer, Helm und Schild, Und herrlich ſahe man, von leiſem Wehn getragen, Hoch aus dem dichten Volk die Kreuzesfahne ragen. 5. Doch wie der Mond mit ſtillem Glanz Die luft'ge Bahn beginnt an blauen Himmelshallen, Indeß mit mildem Licht, geſchmuͤckt zum naͤcht'gen Tanz, Dem holden Fuͤhrer nach viel tauſend Sterne wallen, Und wie mit bluͤh'ndem Haupt die Roſ' im bunten Kranz Die Blumen uͤberſchaut, die reizendſte von Allen: So geht, von eigner Luſt, von heil'gem Lichte klar, Caͤcilie voran als Fuͤhrerin der Schaar. Ihr weh'nder Schleier ſcheint ſie leiſ' emporzuwiegen, Wie Woͤlkchen durch die Luft mit hellen Sternen ziehn; Die Locken, die im Spiel der linden Luͤfte fliegen, Umſchlingt ein duft'ger Kranz von dunkelm Eichengruͤn, Durch deſſen Blaͤtter ſich die leichten Strahlen ſchmiegen und bald ſich ſpielend nahn und zitternd bald entfliehn. Wohl ſcheint der Himmel ſchon, in deſſen Licht ſie ſchwinden, Mit luftig goldnem Band das zarte Bild zu binden, 7. Doch auf dem Pfad der Wandelnden entſpringt Des Lenzes bunter Schmuck in wechſelnden Geſtalten. Suͤß duften Wieſ' und Hain, und tauſend Blumen ſchlingt Die Erd' um ihren Fuß, die Flieh'nde noch zu halten. Weil Welt und Himmel jetzt ſie zu beſitzen ringt, Will jedes ihrem Blick ſein Schoͤnſtes auch entfalten. Nie hat man leuchtender die blauen Wolkenhoͤhn und nie die bunte Flur im holdern Schmuck geſehn. Zwanzigſter Geſang. 8. So ward mir einſt in deinen ſel'gen Blicken, Caͤcilie, zum ew'gen Lenz die Welt! Mit tauſend Blumen ſchien die Wieſe ſich zu ſchmuͤcken, Von tauſend Strahlen war der Himmel mir erhellt. Die Bilder, die das Herz und die das Aug' entzuͤcken, Sie waren all' im Glanz des lichten Sterns geſellt, Und ließen dann getrennt zu wandelbaren Traͤumen, Im vielfach bunten Reiz den Fruͤhling um mich keimen, 9. Die Roſe, die, von ſtiller Kraft belebt, In ihrer Hand noch hoͤher aufgeſproſſen, Hat von dem ſuͤßen Hauch, der um die Bläͤtter ſchwebt, Ein purpurnes Gewoͤlk um ihr Gebild ergoſſen. So geht ſie leuchtend jetzt vom Roſenſchein umfloſſen, Wie durch das Morgenroth der lichte Tag ſich hebt. Je naͤher ſie dem heil'gen Hugel ſchreiter, Um deſto heller wird der Glanz um ſie verbreitet. 10. Der ernſte Tod, der ſonſt in Bleich gehuͤllt Die Roſen pfluͤckt, die auf den Wangen bluͤhen, Schmuͤckt jetzt noch lieblicher das wunderholde Bild, Dem Gott auf Erden ſchon die Seligkeit verliehen. Man ſieht, wie freier ſtets die Seele ſich enthuͤllt, Wie immer mehr verweht des Staubes Schatten fliehen. Faſt ſcheint der duͤnne Flor⸗ der ihren Leib umwallt, Zu dicht, zu druͤckend ſchon der duftigen Geſtalt. 11. An ihrer Rechten geht im feſtlichen Talare,⸗ Der reichgefaltet ihm bis auf die Fuͤße faͤllt, Mit ernſtem Blick und ſilberweißem Haare Der prieſterliche Greis, den Gott dem Heer geſellt. Auf ſeinem Haupte prangt die glaͤnzende Tiare, Indeß den Hirtenſtab die ſchwache Rechte haͤlt. Er gleicht dem Heiligen, dem nach beſiegtem Leben Ein ſelger Engel naht, zum Himmel ihn zu heben. Zwanzigſter Geſang. 12. Dann folgt an Biarko's Hand, die bluͤh'nde Myrt' im Haar, Die holde Schweſter ihr, mit ſanftgetruͤbten Wangen; Noch heute ſoll das edle Paar Des Himmels Segensſpruch zum ew'gen Bund empfangen: Doch naht ſie zagend nur dem braͤutlichen Altar; Nur an der Schweſter laͤßt den feuchten Blick ſie hangen. Wenn Gott auch ſelbſt zum Sieg die Theure fuͤhrt, Sie fuͤhlt bei Jener Gluͤck nur das, was ſie verliert. 13. Doch friedlich geht mit freud'gem Angeſichte Der Saͤnger neben ihr durchs duft'ge Bluͤthenfeld. Schoͤn hat der Wiederſchein von jenem goldnen Lichte, Das ſeine Liebe ſchmuͤckt, auch ſeine Wang' erhellt. Was je ſein Herz getraͤumt im ſeligſten Gedichte, Das hat ſich lebend jetzt vor ſeinen Blick geſtellt. Und ſchwindet auch mit ihr die letzte ſeiner Freuden, Von ihr ſelbſt will er gern, iſt ſie nur gluͤcklich, ſcheiden. 14. Als nun das Heer die ſanften Hoͤhn Des heil'gen Huͤgels ſchon in laugen Reihn beſchreitet, Da laͤßt ein reiſger Zug ſich in der Ferne ſehn, Der durch das Thal heran im raſchen Trabe reitet. Hell leuchten Helm und Schild und hohe Federn wehn, Weit iſt durchs bunte Feld der blanke Glanz verbreitet. Wohl ſcheint ein edler Gaſt hochzeitlich angethan Zum feſtlichen Geleit der Schweſtern ſich zu nahn. 15. r Denn herrlich ſprengt im goldnen Waffenkleide Ein ſtolzer Held voran der luſt'gen Schaar. Auf ſeinem Harniſch prangt manch koͤſtliches Geſchmeide. In ſeinem Schilde glaͤnzt ein königlicher Aar. Viel Diener folgen ihm, gehuͤllt in Sammt und Seide, Auf buntgeziertem Roß, mit ſchoͤngelocktem Haar, Dann nahn ſich dicht gereiht viel edle Herrn und Ritter Im leuchtenden Gewand, mit offnem Helmesgitter. 3 4 1 1 Zwanzigſter Geſang. 16. Doch als zum Huͤgel jetzt der helle Zug ſich dreht, Und naͤher ſchon die raſchen Hufe ſchallen, Erkennt das freud'ge Heer des Kaiſers Mafeſtaͤt, Die prangend naht, umringt von Fuͤrſten und Vaſallen. Wie raſch die Saat ſich neigt, vom Schnitter abgemaͤht, So war vor Otto's Schwert des Reiches Feind gefallen, Und muthig hat er jetzt in's ferne Daͤnenland Zum juͤngſt verlaßnen Heer den Zug zuruͤckgewandt. 17. Die Kunde fliegt, von Mund zu Mund geſendet, Durchs ganze Volk, ein freud'ges Jauchzen ſchallt: Doch er haͤlt ſeinen Blick auf Jene nur gewendet, Die vor der edeln Schaar ſo ſeligleuchtend wallt. Wer ſie geſandt, und was ihr Muth vollendet, Verkuͤndet jetzt der laute Ruf ihm bald; Und ließ' auch fern ſich nicht die offne Feſte ſchauen, Wexr nur die Heil'ge ſieht, der muß dem Wunder trauen. 18. Da ſteigt er raſch von ſeinem edlen Thier, Und ubergiebt's dem dienenden Geleite. Er nimmt vom grauen Haupt des Helmes goldne Zier und birgt das blanke Schwert, gepruͤft in manchem Streite. Er eilt empor und freundlich naht er ihr, Und wandelt ſtill an ihrer linken Seite. Von neuem ſtimmt das Heer die frommen Lieder an und ſchreitet feierlich den heil'gen Berg hinan. 19. Dem Kaiſer folgt die Schaar der fürſtlichen Genoſſen, Von gleicher Andacht iſt ein jedes Herz entgluͤht; Schon hat ein heller Kreis Caͤcilien umſchloſſen, Die mit geſenktem Blick demuͤthig weiter zieht. So rieſelt ſtill, durch bunte Au'n ergoſſen, Ein lichter Quell vom ſtolzen Hain umbluͤht; Wie dicht auch ſeinen Lauf die duft'gen Zweig' um⸗ gittern, 5 Doch ſieht man ſtets hindurch ſein lichtes Silber zittern. Zwanzigſter Geſang. 20. O zartes Bluͤthenreis, kaum aus der Knosp' erwacht, Wie biſt du doch ſo ſchnell, ſo prangend aufgeſtiegen! Vor dir erniedrigt ſich die irdiſch ſtolze Macht. Wovor die Welt ſich ſchmiegt, will jetzt vor dir ſich ſchmiegen; Nah geht das Heil'ge dir in feierlicher Pracht, Der graue Heldenruhm, erkaͤmpft in tauſend Siegen; Du wandelſt ſtill dahin und glaubſt auf deiner Bahn Durch Jene dich geehrt, die dir in Demuth nahn. 21. Als nun im Sonnenglanz das milde Kreuzeszeichen Den Wandelnden ſich naͤher ſchon erhoͤht, Und als ſie jetzt des Huͤgels Haupt erreichen, Wo feierlich der Heerd des Himmels ſteht, Um welchen hochgewoͤlbt ein Dom von alten Eichen Mit ſchaurig kuͤhlem Hauch und leiſem Fluͤſtern weht, Da ſitzt im leuchtenden Gewande Ein lugendlicher Held am gruͤnen Heerdesrande. Cacilie. 22 Von leichtem Schimmer war ſein Angeſicht verklaͤrt, Sein lichter Helm bekraͤnzt mit duft'gen Palmenbluͤthen, und eine Lilie war ſein ſilberhelles Schwert, Aus deren reinem Kelch drei goldne Strahlen gluͤhten. So ſaß er friedlich dort am gruͤnumrankten Heerd, Und ſchien, dem Engel gleich, das heil'ge Kreuz zu huͤten⸗ Mit Muͤhe nur erkennt die freud'ge Chriſtenſchaar In ihm des Helden Bild, der ſonſt ihr Fuͤhrer war. 23. Ihm hatte Gott, geruͤhrt von ſeinem Flehen, Als ſeinen Bruder ſchon der lange Schlummer band, Den muͤden Geiſt erquickt mit Paradieſeswehen uUnd noch dem nahen Tod gewehrt mit gnaͤd'ger Hand⸗ Noch ſoll ſein Auge jetzt die keuſche Heldin ſehen, Die Hoͤlle, Welt und Tod im Glauben uͤberwand: Noch ſoll auch hier des Himmels milder Segen In ſeine Hand die Hand der Liebſten legen. Zwanzigſter Geſang. 24.. Und wie der Schmetterling, ſobald der enge Raum, Worin er ſchlummernd lag, im Fruͤhling ſich entriegelt, Sich nach Geſpielen ſehnt, und lang im irren Traum Um alle Blumen ſchwebt, worin ſein Bild ſich ſpiegelt, 1 Bis er betrogen ſtets, an einer Lilie Saum Den holden Bruder ſieht, duftaͤhnlich, leichtgefluͤgelt; So war vor Adalbert nach manchem Truggebild 1' Erſt jetzt der tiefe Sinn der Liebe ganz enthullt. 25. Die keuſche Stirn, das helle Roth der Wangen, Der Augen ſel'ge Gluth, das zarte Angeſicht, Der Locken weichen Glanz, des Leibes ſchlankes Prangen, Den Mund, der ſtrafend ſelbſt ſo ſuͤße Worte ſpricht, Woran die Blicke ſonſt, woran das Herz gehangen, Das alles trennte jetzt ſein trunknes Auge nicht; In einem Lichte ſchien, zu Traͤumen und Gefuͤhlen Entkoͤrpert, jeder Reiz um ihr Gebild zu ſpielen. II. Theil. 33 26. Die Schoͤne, die ſo reich ihr heil'ges Haupt geſchmuͤckt, Wohl glich ſie jetzt dem kurzen Bluͤthenleben, Aus deſſen duft'gem Kelch, bis ihn der Sturm gepfluͤckt, Die ſuͤße Liebe trank mit holdgetaͤuſchtem Schweben. Doch keine Feſſel haͤlt den freien Gaſt umſtrickt, Nicht ward das ird'ſche Haus zur Heimath ihm gegeben; Wenn auch der holde Thron, worauf er ruhte, ſinkt, Ihm bleibt das Fluͤgelpaar, das ihn dem Staub' entſchwingt. 27. Was zagt das Herz in Leid und bittern Thraͤnen, Wenn ihm den ſel'gen Lohn die zarte Minn“ entzieht? Was welkt es fruͤh dahin im hoffnungsloſen Sehnen, Wenn in der Knospe ſchon ſein ſuͤßes Gluͤck verbluͤht? Kann nicht die Liebe ſtets ihr eignes Leid verſoͤhnen, und flieht die Liebe denn, wenn die Geliebte flieht? Wer nie geliebt, nur der mag ſich betruͤben, Wer liebt, hat Liebesgluͤck, auch ungeliebt, im Lieben⸗ Zwanzigſter Geſang. 28. Schon trennt Cäcilie ſich von des Volkes Schwarm; Man ſieht ſie ſuͤßverſchaͤmt den heilgen Heerd erſteigen. Jetzt darf ſie friedlich ruhn in ihres Liebſten Arm, Darf treu ihr holdes Haupt an ſeinen Buſen neigen. Erfuͤllt iſt jeder Wunſch, vergeſſen jeder Harm,- Suͤßweinend ſtehn ſie jetzt und ſchaun ſich an und ſchweigen: Der erſte ſel'ge Kuß, den ihre Lipp' ihm giebt, Enthuͤllt ihm zagend jetzt, wie heiß ſie ihn geliebt. 29. So ruhn ſie lang; dann windet ſie ſich leiſe Aus ſeinem Arm und hebt ſich ernſt und frei. Sie blickt umher, und aus dem Ritterkreiſe, Der ſchweigend harrt in ehrfurchtsvoller Scheu, Tritt jetzt mit ſeiner Braut und mit dem heil'gen Greiſe Auf ihren leiſen Ruf der Daͤnenfürſt berbei. Sie kniet vor Chriſti Bild und hebt die Purpurbluͤthe Zum Kreuz empor und ſpricht mit glaͤubigem Gemuͤthe: 33* Du, der ſo freundlich dort auf uns herniederſchaut, Du, der aus Liebe ſtarb, uns Alle zu begluͤcken, Der dieſes Kleinod jetzt, das einſt dein Blut bethaut, Der treuen Magd verliehn, ihr Hochzeitsfeſt zu ſchmuͤcken, Hier kniet vor deinem Thron, o Herr, die freud'ge Braut, Noch darf ſie rein und frei in's Angeſicht dir blicken; So nimm ſie freundlich denn mit ihm, den ſie erkohr, Zu deinem ſel'gen Reich, du Gott der Lieb empor! 31. Sie rufts; dann tritt ſie fromm dem Erzbiſchof entgegen; Sie neigt ſich ihm und ſpricht mit holdem Ton: Ehrwuͤrd'ger Greis, ſo ſpend' uns denn den Segen, So ſey dein bindend Wort jetzt unſrer Liebe Lohn. Wohl mag jetzt Hand in Hand einmuͤth'ge Treue legen, Da Trug und wilder Haß vor Gottes Licht entflohn. So gruͤße freudig denn des Heiles erſte Stunde Für uns und fuͤr dies Volk ein Schwur aus treuem Munde. Zwanzigſter Geſang. 517 3². Sie ſprachs und faßte ſanft des Helden theure Hand Und harrte, daß der Greis ſein heil'ges Amt verrichte. So Holdes ſah man nie im ſchoͤnſten Traumgeſichte Als jenes ſel'ge Paar, das dort ſo braͤutlich ſtand, Mit morgenheller Stirn, verklaͤrt von Gottes Lichte, Im duftig gruͤnen Kranz und leuchtenden Gewand, Sie in der zarten Hand die ſchoͤne Roſenbluͤthe, Und er die Lilie, die goldne Strahlen ſpruͤhte. 33. Und wunderbar beginnt aus duft’gem Raſengruͤn, Das holde Brautgemach der Liebe zu umſchließen, Ein zartgeflochtner Kranz von Hecken aufzuſprießen, An welchen Roſen hier, dort Lilien entbluͤhn. Noch einmal, ſcheint es, will die Welt ſie freundlich gruͤßen, Rch ſie aus ihrem Kreis zum ſchoͤnen Himmel fliehn. Gar lieblich ſtehn ſie jetzt in jenen bluͤh'nden Hecken, Die halb ihr leuchtend Bild entſchleiern, halb verſtecken. 34. Schon hat auch Biarko ſich zu Adelheid geſellt; Da treten aus dem Heer, des Der Kaiſer ſelbſt und mancher Fuͤrſt und Held, Und nahn ſich ſtill mit ritterlichem Neisen. Schon hat der edle Kreis ſich um den Heerd geſtellt, Die dichte Menge harrt in ehrerbiet'gem Schweigen. Da hebt Anſcharius, der fromme Gottesmann, Mit lautem Wort den ernſten Segen an: 35. So bind' ich euch, kraft meines Amtes Weihe, Ein Leib zu ſeyn, ein Herz bis an den Tod, Im Leben eins und eins in Lieb' und Treue, Im Gluͤck geſellt, geſellt in jeder Noth. Wie euer Heil gediehn, ſo wachſ' und ſo gedeihe Auch unter eurem Volk des Himmels mild Gebot. Der Gott, der herrlich ſich und groß an euch erwieſen, Er ſegnet euch durch mich! Sein Name ſey geprieſen! heihgen Schwures Zeugen, Zwanzigſter Geſang. 36. So ſprach der Greis, und Amen rief die Schaar, Indeß die Braut verſchaͤmt an Biarko's Buſen gluͤhte, Da ſtieg Caͤcilie zum heiligen Altar Und hielt in ihrer Hand die ſel'ge Wunderbluͤthe. Hier bring' ich dir, o Gott, die reine Gabe dar, So rief ſie aus, dein bin ich, jetzt gebiete! Dann legte ſie mit ehrerbiet'ger Hand Auf Gottes Heerd das kuhnerkaͤmpfte Pfand. 37. Und als nun hell in wunderbarer Roͤthe Die Roſe droben ſtand und Jedem nah' und fern Auf leiſer Luft ihr Hauch entgegenwehte, Und weit ihr Glanz erſchien, gleich einem lichten Stern, Da ſank der Kaiſer hin zum frommen Dankgebete, Rings folgte alles Volk des Reichs verehrtem Herrn, Und weit erſchallt' es jetzt im ganzen Chriſtenheere: Herr Gott, dich loben wir! dir iſt allein die Ehre. 38. Als ſo mit freudig frommem Dank Lautſingend auf die Knie das dichte Heer gefallen, und rings Poſaunenton und Heerespauckenklang Und Cymbeln durch die Luft hell wirbeln und erſchallen, Da neigt ſich ſanftgewiegt auf Klaͤngen und Geſang Ein goldenes Gewoͤlk von blauen Himmelshallen, und eine Lilie, woran drei Kelche bluͤhn, Senkt vor Caͤcilien ſich leuchtend in das Gruͤn. 39. uUnd naͤher ſchwebt mit wallendem Gefieder Die Wolke ſchon, wie ſtill der Abend thaut. Schon laͤßt ſie ſanft ſich auf den Huͤgel nieder Und huͤllt den Helden ein und ſeine zarte Braut; und drinnen toͤnt es ſuͤß wie leiſe Engelslieder, Wie heller Harfenklang und weicher Flötenlaut⸗ Raſch wogt und ſchlingt ſich um die heibge Stelle Mit tauſendfachem Licht des Duftes goldne Welle. * Zwanzigſter Geſang. 40. Die ſchoͤne Wolke ſchien ein buntes Zauberreich Voll lieblich leuchtender Geſtalten zu verhuͤllen. Oft woͤlbte ſich der Glanz den Rebenlauben gleich; Mit Frucht und Bluͤthen ſchien die Ranke ſich zu fuͤllen, Manch holdes Voͤglein ſaß auf blitzendem Geſtraͤuch, Und mancher goldne Quell begann hervorzuquillen; Auch ließen hier und dort im duft'gen Zauberwehn Mit leichtem Fluͤgelpaar ſich zarte Engel ſehn. 41. Was Beide jetzt erblickten und empfanden, Als, angeſtrahlt von Gottes Angeſicht, Die reinen Seelen ſich aus ihrer Huͤlle wanden, Wie aus dem dunkeln Raum die helle Bluͤthe bricht, Und wie ſie dann in leiſen Schlummer ſchwanden, Verblendet noch von ihrem eignen Licht, Dies holde Fruͤhlingsfeſt der feſſelloſen Seelen Kann die Verklaͤrte nur entſchleiern und erzaͤhlen. Nur als an Reinald's Harfenſpiel, Das auch in ihrer Hand ſo lieblich oft erklungen, Wie luftig angehaucht von ahnendem Gefuͤhl, Der Saiten zarteſte mit leiſem Hall zerſprungen, Da wußte jedes Herz, jetzt ſey das hohe Ziel, Des Sieges ſchoͤnſter Preis, der Tod in Gott errungen. und wallend hob der bunte Zauberflor Mit ſeinem ſel'gen Raub ſich vom Altar empor. 43. So ſchwebt denn auf in euer ſelges Land, So ſchwebt denn auf in ſuͤßem Traum, ihr Reinen, und dort erwacht hold ſtaunend, Hand in Hand, Im goldnen Licht, in ewig bluͤh'nden Hainen! Wir, die das Leben noch in enge Kreiſe bannt, wir ſehn euch nach u. weinen: die ew'ge Klarheit ſchmuͤckt, lnoch die Nacht uns druͤckt. Sehn traurend euch entfliehn; Nicht weinen wir um euch, um uns nur weinen wir, wei Zwanzigſter Geſang. 44. Treu ruhten Arm in Arm geſchloſſen, Die gruͤnen Kraͤnze noch im weichgelockten Haar, Die holden Bilder jetzt, die ſonſt ihr Geiſt durchfloſſen, Im tiefen Todesſchlaf am heiligen Altar. Ein ſtilles Laͤcheln war um ihren Mund ergoſſen, Glatt war die keuſche Stirn, die Wange bleich und klar; Die Augen, ſonſt ſo hell von nimmer muͤdem Leben, Sie ſchliefen ruhig jetzt von ew'ger Nacht umgeben. 45. Und als der Daͤnenfuͤrſt und ſeine holde Braut Sanftweinend noch an jener Slaͤtte ſtehen, Als Reinald kniend noch zum blauen Himmel ſchaut, Wo er zum letzten Mal ihr theures Bild geſehen, Als alles Volk verſtummt, und kaum mit leiſem Laut, Vom Staunen noch gehemmt, die Athemzuͤge wehen, Da naht dem bleichen Paar ſich Heinrichs großer Sohn, Und ſpricht mit ernſtem Blick und feierlichem Ton: Caäaͤcilie. 46. Groß iſt der Herr, und groß iſt ſeine Staͤrke, und ſeine Huld hat nie ein Ziel gewußt! Wo iſt das Herz das nicht ſein Walten merke In Sturm und Ruh, in Traurigkeit und Luſt? Doch wahrlich iſt das groͤßte ſeiner Werke Der glaͤub'ge Muth, die Lieb' in treuer Bruſt. Was Helden nie mit Kraft und Schwert erzwungen, Hat Glaub' und Lieb' oft unbewehrt errungen. 47. So ſpricht der Held. Dann wird im Raſengruͤn, Dem heih'gen Heerde nah', ein ſtilles Grab bereitet. Man ſieht die Fuͤrſten ſelbſt dies fromme Werk vollziehn, Weil ſelbſt die Stolzeſten jetzt Gott zur Demuth leitet. Und was fuͤr Blumen nur im ſpaͤten Herbſte bluͤhn, Die alle werden weich im Innern ausgebreitet. Schon iſt das Werk vollbracht, nicht ſcheint es eine Gruft, Ein Fruͤhlingsbette ſcheints voll Bluͤthen, Gruͤn und Duft. Zwanzigſter Geſang. 48. Und als ſie jetzt die Schlummernden verſenken, Da wird der bluͤh'nde Schmuck von mancher Thraͤne feucht; Und was ein Jeder hat an theuren Angedenken, Die einſt der Freund, die Braut dem Scheidenden gereicht, Das will er jetzt der Gruft zum frommen Zeugniß ſchenken, Daß vor der himmliſchen die ird'ſche Liebe weicht. Hold ſieht man jetzt mit Baͤndern und mit Spangen, Mit Gold und Edelſtein das gruͤne Lager prangen. 49. Doch als das Grab ſich fuͤllt, wetteifert jede Hand, Den gruͤnen Huͤgel aufzufuͤhren; Dann wird der Roſenſtrauch, der nah am Kreuze dand⸗ Vom Kaiſer drauf gepflanzt, das heil'ge Grab zu zieren. Jetzt iſt der Todesfluch von ſeinem Kelch gebannt; Wer reines Herzens iſt, darf ihn getroſt beruͤhren; Nur wer ein feil Gemuth im falſchen Buſen traͤgt, Dem wird ſein Strahl ein Blitz, womit der Herr ihn ſchlaͤgt. Caäaͤcilie. 50. Jetzt, da ſich tiefer ſchon der Sonne Strahlen neigen, Zieht Biarko in die Stadt mit ſeiner Braut zuruͤck. Doch toͤnt von hoher Burg kein hochzeitlicher Reigen, Kein Skalde ſingt beym Mahl der Liebe ſuͤßes Gluͤck; 3 Der Abend zieht vorbei in feierlichem Schweigen, 4 Zum hellen Sternenlicht ſchaut mancher feuchte Blick. Doch durch die Thraͤnen ſelbſt, die von den Wangen fließen⸗ Scheint ſich das ſtille Gluͤck der Liebe zu verſuͤßen. 51. 1 Nur Reinald blieb am ſtillen Grab' allein, und harrte betend dort dem neuen Tag' entgegen. Was ſeine Seele liebt, ſchließt dieſer Huͤgel ein; Nur eine Liebe will ſein treuer Buſen hegen. Drum baut er nah der Gruft im dunkeln Eichenhain Ein friedlich Huͤttchen ſich, wie fromme Siedler pflegen, Und breitet dicht um's ſchattig ſtille Haus Der Winde bluͤh'nden Schmuck und gruͤnen Epheu aus⸗. Zwanzigſter Geſang. 5². Dann eilt' er auch, ein Gaͤrtchen abzuſtecken; Und als der Lenz von neuem aufgebluͤht, Bekraͤnzt' er es mit vielverflochtnen Hecken Und ſchmuͤckte rings mit Lauben ſein Gebiet; Und alle Blumen, die des Fruͤhlings Strahlen wecken, Erzog er fleißig dort mit liebendem Gemuͤth; Auch muͤht' er ſich den nahen Quell zu lenken, Um ſtets mit friſcher Fluth die holde Saat zu traͤnken. 53. Und wenn aus fruͤhem Duft der helle Tag ſich wand, Dann eilt' er freudig ſchon zur theuren Grabesſtelle, Umflocht mit manchem Kranz des Huͤgels gruͤnen Rand Und traͤnkte ſorglich ſtets die Roſ' aus klarer Quelle. Holdzitternd ſchallte dann die Harf in' ſeiner Hand, Daß weit der Ton erklang in fruͤher Morgenhelle, Und ſaͤuſelnd trug der Luͤfte lindes Wehn Dies fromme Lied leiſ' uͤber Thal und Hoͤhn: 528 Cageilie. Zwanzigſter Geſang. 54. Lieblich wiegt des Duftes Wallen— Aus der Roſe ſich hervor; Alſo ſteigt zu deinen Hallen, Holdes Bild, mein Lied empor. Lieblich, wenn der Tag geſchieden, Iſt mit Thau die Roſ' erfuͤllt; So beruͤhrt mit leiſem Frieden Mich dein Gruß, du holdes Bild. 55. So ſang er oft und ließ die Harfe klingen Beim Morgenſtrahl, beim ſtillen Abendroth. Ihn ſchien die Zeit holdweilend zu verjungen; Ein blüh'nder Fruͤhlingstag bracht' ihm den ſpaͤten Tod. Und bis der letzte Schlaf die leichten Engelſchwingen Zum Flug in's ſchoͤnre Land dem reinen Geiſte bot, Sah man ſein Auge nie von Schmerz und Thraͤnen truͤbe. Das iſt Caͤcilie, das Lied der treuen Liebe. Den z8ten Decemb. 1875, II. Theil. 1. Es iſt volbbracht das Werk, das ich erſonnen, Der langen Sehnſucht ſchmerzlicher Gewinn. An deinem Sarge ward es einſt begonnen, Auf deinen Huͤgel leg' ich's traurend hin. Es ſpiegeln alle Thraͤnen, alle Wonnen Des tiefbewegten Herzens ſich darin. O nimm es an; es war im bittern Leide Mein einz'ger Troſt und meine letzte Freude, 34* An Caäaͤcilie. 2. Dem Schiffer gleich, der an den bunten Hoͤhen Des ſchoͤnen Ufers ſtaunend niederfuhr, I1 Und manche Stadt, manch prangend Schloß geſehen und manchen Hain und manche holde Flur, Bis jetzt die Wind' auf's hohe Meer ihn wehen, Wo jedes Bild verſchwebt und jede Spur: So ſeh' auch ich in nebelgraue Weiten Die Taͤuſchung fliehn und Freud' und Troſt entgleiten, 3. Denn wie du warſt im Leben und im Leiden, In Lieb' und Luſt, im Schmerz und im Gefuͤhl, Das ſucht' ich treu in Wort und Bild zu kleiden Und anzureihn an holder Toͤne Spiel. So ließ ich nie dich aus der Seele ſcheiden Und nahte mich an deiner Hand dem Ziel; Doch mit dem Kranz, den du mir jetzt gewunden, Iſt fluͤchtig auch der ſel'ge Wahn entſchwunden. Drei Jahre ſind mir ſchnell im Traum entflogen, Und wenn empoͤrt vom maͤcht'gen Schickſalsflug Die wilde Zeir auf unbeſtaͤnd'gen Wogen Mich ſelber auch durch Krieg und Frieden trug, Ich merkt' es kaum, wie ſchwarz die Wolken zogen, Wie laut der Sturm an meinen Nachen ſchlug; Auf dir allein verweilten ohne Wanken In jeder Noth die liebenden Gedanken. 5. Und wie die Zeit auch wechſelnd fortgeſchritten, Du warſt der Stern, die Sonne meiner Zeit; Dir war die Wehr, womit mein Arm geſtritten, Dir jeder Traum der ſüßen Ruh geweiht; Und wenn mein Herz auch viel und tief gelitten, Fuͤr dich allein bekaͤmpft' ich kuͤhn das Leid, Daß nicht, verletzt vom herbſtlichkalten Hauche Die Roſ' erbleich' an deinem Hugelſtrauche. 534 An Caäaͤcilie. 6. Denn weil ich laͤngſt, nicht heimiſch mehr hienieden, 3 Seit deinen Geiſt ein ſchoͤnres Land umfaͤngt, Das heitre Spiel lebend'ger Luſt gemieden, Und nur auf dich den ernſten Blick geſenkt,. Iſt mancher Freund von meinem Pfad geſchieden Und hat mein Herz durch kalten Sinn gekraͤnkt. Ich habe ſtill fuͤr dich dies Weh getragen und ihn geliebt, wie einſt in ſchoͤnern Tagen. 7. Wie ein Gefaͤß, das Myrrhen einſt verſchloſſen, Auch ſpaͤter noch die fuͤßen Duͤfte hegt; Wie ein Gewoͤlk vom Abendroth umfloſſen Sanftleuchtend noch ſich durch die Daͤmmrung regt; Und wie ein Strom in's ſalz'ge Meer ergoſſen Noch weit hinaus die ſuͤßen Wellen traͤgt: So kann gekraͤnkt, verſtoßen und verlaſſen, Wer dich geliebt, nicht zurnen und nicht haſſen. 8. Du ſitzeſt ſtill auf deinem goldnen Throne, Vernimmſt nicht mehr der Erde Luſt und Pein, Kannſt mit lebend'gem Dank und ird'ſchem Lohne Das treue Herz des Saͤngers nicht erfreun; Doch ſchmuͤckt durch dich ihn ſeine Lorbeerkrone, Was ihn verherrlicht, Alles iſt es dein. Weil du es gabſt und weil es dich geſungen, Hat ſich ſein Leid dem niedern Staub' entſchwungen, n 9. „ Und ſoll auch jetzt dies jugendliche Leben Mir ohne Lieb' und ohne Luſt entfliehn; Wohl mancher Traum muß unerfuͤllt entſchweben, Wohl manche Blum' im Keimen ſchon verbluͤhn. Dir hab' ich mich mit Freuden hingegeben, Und nimmer welkt, was du mir einſt verliehn. Nur einmal kann der Lenz dem Herzen prangen; Doch bleibt ſein Duft, wenn auch ſein Glanz vergangen. 10. So mag denn weit dies fromme Lied erſchallen, Wo deutſcher Ernſt und deutſche Treue gilt; Und wie ſich hell in klarer Baͤche Wallen Mit nahem Licht der ferne Stern enthuͤllt, So leuchte jetzt wie in des Himmels Hallen Auf Erden auch, Cacilie, dein Bild. Doch du nimm hold das Letzte, was ich biete; Es war auch mir des Lebens letzte Bluͤthe. Durch alle Buchhandlungen ſind zu Ausſtattung fuͤr Toͤchter, welche geliebt ſeyn und gluͤck⸗ lich machen wollen. 3te wohlfeilere Ausgabe. 8. 810. 43 kr. Beym Eintritt in die große Welt und ihre Verhältniſſe bedarf die Tochter eines treuen und ſichern Fuͤhrers, der ſie begleitet, und uͤberall herzlich anſpricht, um ihrer moraliſchen Beſtimmung getreu zu bleiben. Dieß tbut der Verfaſſer in gegenwaͤrtiger Ausſtattung, die wenn ſie das Eigenthum des Geiſtes und Herzens unſrer Toͤchter iſt, gewiß auch fuͤr ſie das reichſte und bleibendſte Gut wird. In freundlicher Mil⸗ de ergießt ſich der helldenkende Verſtand des Verfaſſers uͤber die wichtigſten Wahrbeiten, die noth ſind, und belehrt un⸗ ſere Toͤchter, wie ſie die gegebenen Ausſprüche und Erkahrun⸗ gen fuͤr alle Verhaͤltniſſe des Lebens benutzen ſollen. Die Sprache des Verfaſſers iſt angenehm, und was er ſagt, zeugt von Menſchenkenntniß, und iſt hoͤchſt befriedigend. Nicht blos fuͤr unſere jungen Toͤchter, ſelbſt auch fuͤr Gattinnen und Muͤtter, duͤrfte ſich dieſe Ausſtattung als ein ſchoner Beitrag zur Gluͤckſeligkeit ihres Lebens empfehlen. Auswahl der beliebteſten Arien und Geſaͤnge, zur Erhoͤ⸗ hung des geſellſchaftlichen Vergnuͤgens, 3te verbeſſ. und ſehr verm. Aufl. Taſchenform. 1819. 1 fl. 45 kr. Muſik und Geſang erheitern und verſchoͤnern das Leben; ſie erhoͤhen die Gefuͤhle fuͤr Freundſchaft und Liebe; ſie laſ⸗ ſen uns leicht die beſchwerlichen Sorgen vergeſſen, und ſind zugleich die zeitverkuͤrzendſte Unterhaltung. Willkommen wird daher gegenwaͤrtige Sammlung von hern und Geſaͤngen ſeyn, allen denen, welche des Lebens recht froh ſeyn, und es im Zirkel der Freundſchaft und Liebe genießen wollen.. Sie ſind ein herrlicher Beitrag, Roſen auf dem Lebens⸗ 1 * wege zu pfluͤcken und die froheſten Gefuͤhle in uns zu bele⸗ ben und zu erhalten. Die Auswahl ſelbſt aus unſern belieb⸗ teſten Dichtern iſt mancherley, aber geſchmackvoll, und kann unſern angenehmſten Taſchenbuͤchern des Frohſinns und der guten Laune mit Recht zur Seite ſtehen. Bauers, M. C. L., teutſch⸗lateiniſches Woͤrterbuch in 2 Baͤnden, neueſte mit mehr als 6000 Phraſen verm. und verb. Auflage. gr. 8. 1820. 7 fl. Durch die Bereicheriiig, welche dieſes Lexicon durch die Bearbeitung von vier gelehrten Schulmaͤnnern erhielt, hat daſ⸗ ſelbe ſehr gewonnen. Man wird nun darin nichts verzeblich ſuchen, indem Alles bisher in dieſem Woͤrterbuch Vermißte darin aufgenommen worden iſt— und Feder, ſelbſt der „— Gelehrte, wird die Vorzuͤge dieſer neuen Ausgabe mit Recht anerkennen.— Becker, D. G. W., kurze, jedoch gruͤndliche Anleitung, wie man geſund bleiben, ſich und die Seinigen vor Krankheiten bewahren, davon heilen, und zu einem frohen Alter gelangen kann. gr. 8. 818. 1 fl. 43 kr. Wenn man von einer Anleitung, wie man geſund blei⸗ ben ſoll, fuͤr den Buͤrger und Landmann lieſ't, ſo fällt ei⸗ nem ſo leicht ein, daß man wohl am geſuͤndeſten war, als Makrobiotik nur von Aerzten genannt ward, und daß das Doctern ohne Doctor nur ſchaden koͤnne. So wahr beides iſt, ſo wahr iſt es auch, daß wir alle laͤngſt aus je⸗ nem Naturzuſtand herausgetreten ſind, und daß wir von dem Was und Wie der Schaar von Uebeln, die unſere Korper befallen, zu begegnen, Kenntniß haben, eben noch nicht Doktern heiße ohne Doktor. So ſtudiert ein Garten⸗ freund ein Buch uͤber die Krankheiten der Pflanzen, ohne darum den Gaͤrtner erſetzen zu wollen. Daß uns unſer Hausarzt nicht ſelbſt ein mediziniſches Hausbuch zu ſchreiben brauche, daß wir wiſſen, wann ſeine Gegenwart noth thut, daß wir uns verſtaͤndlich machen, ihn verſtehen, und ſomit recht befolgen koͤnnen, was er ſagt; daß endlich auch der ein Noth⸗ und Huͤlfs⸗Buͤchlein habe, der auf der Stelle keinen Arzt haben kann; das bezweckt dieſe Schrift, welche praktiſche Bemerkungen uͤber das Erkennen und Behandeln der Krankheiten, beſonders auch der im Finſtern ſchleichen⸗ den, in einem gemeinverſtandlichen Style giebt. Blumenſtrauß, gewunden aus den neueſten Romanen und Erzaͤhlungen von Fr. Baron de la Motte Fouqué ꝛc. 8. 1818. 1 fl. 12 kr. Man findet hier aus verſchiedenen Zeitſchriften die zer⸗ ſtreut geweſenen neuen Erzaͤhlungen des Herrn Verfaſſers u. a. in einen lieblichen Blumenkranz zuſammengewunden, der gewiß Jeden und Jede entzucken wird. Dieſes Buch ſollte in keiner Leſebibliothek fehlen.— Braun, D. F. Eb., mediziniſch⸗chirurgiſches Vademe⸗ kum oder Auswahl der in ſehr vielen Krankheiten be⸗ waͤhrt gefundenen Arzneiformeln; nebſt Regiſter. Den juͤngern Aerzten und Wundaͤrzten zur Beihuͤlfe mitge⸗ theilt. 8. 818. 48 kr. Wer gerne in Faͤllen aller Art, deren unſer Leben ſo viele zaͤhlt und Preis gegeben iſt, da, wa ein Arzt fehlt, oder nicht gleich bei der Hand iſt, ſchnell Huͤlfe haben will, findet hier von einem praktiſchen Arzte, in dieſer Schrift das Noͤthige beiſammen.— Selbſt angehende Aerzte und Chirurgen werden ſich mit Vortheil dieſer Schrift bedienen. Bredow, G. G., umſtaͤndlichere Erzaͤhlung der merk⸗ wuͤrdigen Begebenheiten aus der allgemeinen Weltge⸗ ſchichte. Fuͤr den erſten Unterricht in der Geſchichte, beſonders fuͤr Buͤrger⸗ und Landſchulen, 6te von J. G. Kuniſch verbeſſerte und vermehrte Auflage, gr. 8. 1819. 2 fl. Eben dieſes Buch in einem Auszuge, vom Herrn Ver⸗ faſſer ſelbſt, 8te verbeſſerte Aufl. 8. 815. 20 kr. Geſchichte iſt das Unterhaltendſte und Lehrreichſte fuͤr die Jugend. Sie iſt die Schule der Weisheit, der Klugheit und der Erfahrung. Durch ſie gewinnt der junge, ſich entwickelnde Geiſt vorzuͤglich, und recht gekeitet, verdankt er ihr ſeine Bildung am meiſten. Sollen dieſe Zwecke bei der Jugend erreicht werden: ſo muͤſfen die Geſchichtbuͤcher, die dem Zoͤg⸗ linge in die Haͤnde gegeben werden, nach Inhalt und Form fuͤr ihn paſſend ſeyn. Der Schuͤler muß eine Auswahl der merkwuͤrdigſten Veraͤnderungen, die allmaͤhlig im Zuſtande der Welt vorgieugen, in lichtvollem Zuſammenhange vorge⸗ tragen finden; durch treffende und unterhaltende Zuͤge aus dem Leben merkwuͤrdiger Menſchen ſich erhoben fuͤhlen; Ver⸗ ſtand und Herz muß dabei gewinnen, die Beurtheilungskraft geſchaͤrft werden; das Erzaͤhlte der Faſſungskraft deſſelben angemeſſen, und in reiner kraͤftiger Sprache vorgetragen ſeyn, Campe, J. H., die Entdeckung von Amerika. Ein Unterhaltungsbuch fuͤr Kinder und junge Leute, 3 Thle. mit 3 Karten, vortrefflich geſtochen von Ernſt Knittel, 8. 1820. 2 fl. 30 kr. Campe's Entdeckung von Amerika bedarf wohl keiner Empfehlung. Jeder Lehrer, jeder Vater wird es in morali⸗ ſcher und ſcientiſiſcher Hinſicht vortheilhaft gefunden haben, dieſe Reiſebeſchreibung und zugleich Biographie eines der beſſeren Menſchen, des Columbus, zum Leitfaden des Un⸗ terrichts gebraucht zu haben. Der Aeltere gewinnt an Me⸗ thode, der Juͤngere an Kenntniſſen und Herzensbildung. Es mag nach Robinſon unter Campe's Schriften wohl die gelungenſte ſeyn. Erfreulich aber wird es gewiß noch beſon⸗ ders fuͤr jeden ſeyn, wenn er die dazu gehoͤrigen Karten ſo verbeſſert findet, daß neben der richtigeren Darſtellung, beſonders in Ruͤckſicht der Gebirge, auch in aͤſthetiſcher Hinſicht die wahren Beduͤrfniſſe des kindlichen Geiſtes ohne gröͤßeren Koſtenaufwand befriedigt werden. Campe's Robinſon der Juͤngere. Ausgabe der letzten Hand. 3. 849. 1 fl. Campe iſt ein mit Recht unter allen gebildeten Natio⸗ nen hochgefeyerter deutſcher Name. Den Grundſatz, ſeine Kinder zu guten und klugen Menſchen zu machen, hat er auch im Romane feſtgehalten, und am Faden der Geſchich⸗ . te Robinſon's wird der junge Leſer im Reiche des Wiſſens aller Art ſo angenehm herumgefuͤhrt, daß er ſich von dem Buche ungern trennt, und aus demſelben, ſelbſt wenn er blos ſich unterhalten wollte, und keine beſondre Neigung zum Lernen haͤtte, einen reichen Schatz von Erkenntniſſen fuͤr die fernere Lebensreiſe mitnimmt. Campe, J. H., kleine Seelenlehre fuͤr Kinder. Ausgabe der letzten Hand, mit 5 praͤchtigen Kupfertafeln von der Meiſterhand des Herrn von Mechel, s. 818. † fl. 12 kr. Die Regel der alten Weisheit„kenne dich ſelbſtee, welche auch erſte und unerlaͤßliche Forderung des Chrißtenthums iſt, kann unmöͤglich einen Sinn fuͤr den Menſchen haben, wenn er nicht Kenntniß von den verſchiedenen Seelenkraͤften be⸗ kommen hat. Dieſe iſt aber ſchwer zu erlangen, weil beim gewoͤhnlichen Vortrage das Wichtige vom Minderbedeuten⸗ den nicht hinlaͤnglich geſchieden und die hohe Sprache der Schule nicht vermieden wird. Darum freut ſich auch Deutſchland ſeit mehr als einem Vierteljahrhundert dieſer Campe'ſchen Serlenlehre, in welcher die tiefſten Unterſuch⸗ ungen ſelbſt im Geſpraͤche mit Kindern wunderbar entwickelt und fuͤr Leſer jedes Alters, die in die Vorhoͤfe der Pſy⸗ chologie treten wollen, intereſſant dargeſtellt werden. Ehrenbergs,(Hofprediger in Berlin) Andachtsbuch fuͤr Gebildete des weiblichen Geſchlechts, 3te verb, Auft. mit 1 trefflichen Kupfer und geſtochenem Titel. gr. 8. 820. 2 fl. 45 kr. „Dieſes Buch,““ ſagt ein wuͤrdiger Theologe„„ gehoͤrt unter die wenigen, welche durch Anpreiſung verlieren.** Nicht, wie ſchoͤn der Gegenſtand der Andacht behandelt, wie rein das Heiligſte dargeſtellt, wie lieblich die enge Ver⸗ wandtſchaft des meuſſchlichen Geiſtes mit dem Himmel beſtaͤ⸗ tigt; eher laͤßt ſich ſagen, fuͤr welche Herzen es beſonders geſchrieben ſey. Finden Sie, zarte Seelen, manchen Unbe⸗ ſtand in ihrer religioͤſen Ueberzeugung, entweder durch mangelhaften Unterricht, wie er denn meiſtens verkehrt iſt, oder durch Zerſtreuung irdiſcher Geſchäfte, oder durch harte Schlaͤge des Schickſals, ſo laſſen Sie ſich heimfuͤhren durch dieſe Betrachtungen in Ihr Inneres, erheben uͤber die Erde, tragen auf den Fittigen der Andacht in die ſeligen Gefilde der Unſterblichkeit. Finden Sie manches Gebetbuch anſtößig durch Beſchraͤnktheit der Secten⸗Anſicht, durch redneriſche Darſtellungen des frierenden Verſtandes, ſo uͤberlaſſen Sie ſich dier den Empfindungen des wahrhaft religioſen, durch heilige Andacht erwaͤrmten Herzens, wie es unter allerley chriſtlichem Volk den Herrn füͤrchtet und ihm angenehm iſt. So vollkommen leiſtet das Buch, was es verſpricht, ſo ganz ergreift es die Seele, daß ſich die frommen Gefuͤhle des Leſers und der Leſerin zuletzt auch in Dankgefuͤhle fuͤr dieſes unſchäßzbare Geſchenk aufloͤſen. ſffſſſrſnſſſnſf 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1