7 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 9. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 2 2 A —— pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edemn Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe ſ e von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: für lchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 3 „ Werthe de n entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab und* 6 Bücher: 2 Mk.— Pf. 7„ u. 5—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sein wuͤr⸗ diger Vater wuͤnſchte es. Der Unvergeßliche ſelbſt wuͤrde mir, glaube ich, dieſelbe Pflicht auferlegen/ wenn unſre irdiſchen Angelegenheiten ihn noch kuͤm⸗ merten; denn ſeine Muſe iſt unter meinen Augen aufgewachſen; und das Zutrauen, das er zu mir nes erſten Aufenthalts in Goͤttingen an bis zu dem Augenblicke, da er mir zum letzten Male die Hand druͤckte. Ein Urtheil uͤber ſeine Poeſie/ ihren hohen Werth und ihre Maͤngel, zu fällen, iſt hier nicht der Ort; aber ein Theil der Lebensgeſchichte des jungen Dichters ſteht in ſo enger Verbindung mit der Caͤcilie, die in den beiden erſten Baͤnden die⸗ ſer nachgelaſſenen Gedichte zum erſten Male gedruckt erſcheint, daß ich ſchon aus dieſem Grunde eine bio⸗ graphiſche Vorrede, ſtatt jeder andern, fuͤr zweck⸗ maͤßig halten wuͤrde, wenn auch ſonſt dem Publi⸗ kum nicht daran gelegen ſeyn muͤßte, auch von der Seite des wirklichen Lebens einen Dichter naͤher kennen zu lernen, deſſen Name, wenn mich nicht Alles truͤgt, ſo lange mit Auszeichnung genannt werden wird, als unſre Sprache lebt. Die meiſten VII der Notizen, die ich uͤber ihn mitzutheilen habe, verdanke ich der genauen Bekanntſchaft mit ihm ſelbſt; die uͤbrigen, die ſeine Kindheit und ſeine er⸗ ſten Juͤnglingsjahre betreffen, hat mir ſein Vater der Hr. Buͤrgermeiſter D. Schulze zu Celle, ſchrift⸗ lich zukommen laſſen. Ernſt Schulze, mit ſeinem vollſtaͤndigen Tauf⸗ namen Ernſt Conrad Friedrich, geboren zu Celle am 22ſten Maͤrz 1789, ſchien in ſeinem Kna⸗ benalter mehr Anlage, als Neigung, zu wiſſenſchaft⸗ lichen Studien zu haben. Zu den Arbeiten, die ſeine Lehrer ihm aufgaben, mußte er angehalten werden. Er verſchob ſie gewoͤhnlich bis auf den letzten Augenblick, und that ſie dann im Fluge ab. „ VIII Aber zu drolligen Streichen und zu allen Arten von Leibesuͤhungen war er immer bereit, und deswegen auch unter ſeinen Bekannten ſehr beliebt. Wo die Flucht ergriffen werden mußte, war er unter den Fliehenden der letzte. Im vaͤterlichen Hauſe ließ jedermann ſeiner Herzensguͤte Gerechtigkeit wieder⸗ fahren; aber man verſprach ſich nicht viel von ihm/ weil er zur Beſorgung von Auftraͤgen nicht zu ge⸗ brauchen war, ſeine Buͤcher verlor, keine Art von Ordnung zu lieben ſchien. Seine Kleider waren in wenigen Tagen, nachdem ſie neu geweſen, beſchmutzt und zerriſſen. Der Director von dem Gymnaſtum troͤſtete den beſorgten Vater damit, daß es dem Knaben nur an Fleiße, nicht an Talenten, fehle. Beharrlichkeit zeigte er bei kleinen Liebhabereien, die er eifrig ſo lange fortſetzte, bis er ſte nicht IX mehr nach ſeinem Geſchmacke befriedigen konnte. Er ſtudirte zum Beiſpiel die Wappenbuͤcher mit ſol⸗ chem Fleiße, daß er in ſeinem vierzehnten Jahre von Malern bei der Verzierung von Saͤrgen zu Nathe gezogen wurde. Aber er verſchenkte ſeine Wappenſammlung, wie eine aͤhnliche Sammlung von kleinen Muͤnzen, als er ein gewiſſes Ziel er⸗ reicht hatte. Die erſte Veranlaſſung zur Entwickelung der Dichtertalente Ernſt Schulze's gab ſein vertrauter Umgang mit den Soͤhnen eines geſchaͤtzten Ober⸗ appellationsraths, der bald nachher die hannoͤve⸗ riſchen Dienſte verließ. In Verbindung mit die⸗ ſen lebhaften und geiſtvollen Knaben ſchrieb er kleine Aufſaͤtze und eine Art von Zeitung, in wel⸗ cher Familiengeſchichten als Hof⸗ und Staatsan⸗ gelegenheiten behandelt wurden. Seinen Schmerz uͤber die Trennung von dieſen Freunden, an denen er enthuſiaſtiſch hing, druͤckte er in einem Gedichte aus, dem erſten von ſeiner Hand, deſſen ſein Vater ſich erinnert. Jetzt fing er auch fleißiger zu leſen an. Seine Lieblingsleetüre wurden Ritterge⸗ ſchichten und Feenmaͤhrchen. Ein anſehnlicher Vor⸗ rath ſolcher Buͤcher fand ſich in einer alten Biblio⸗ thek auf einem Landgute nicht weit von Celle. Ein Ritterzimmer in dem verfallenen Wohnhauſe war ſo ganz nach dem Geſchmacke des jungen Dichters⸗ daß er ſeinen Vater um Erlaubniß bat, dort bei der Pachterfamilie einige Zeit ſich aufzuhalten. Unter dieſen Umgebungen entwickelte ſich ſeine Phantaſie. Der Pachter aͤußerte die Beſorgniß, der junge Mann ſcheine ſich uͤherzuſtudiren und tiefſinnig zu —.—— —.— XI werden, aber er lobte doch die Huͤlfe, die ihm der fleißige Buͤcherleſer als Dollmetſcher und auf an⸗ dere Art bei den Durchmaͤrſchen der Franzoſen lei⸗ ſtete, die im Jahre 1803 des hanndveriſche Land beſetzten. Man liebte ihn als einen munteren und herzhaften Burſchen. Von einer Reiſe in das Bad nach Rehburg, wo beſonders die jungen Damen ihn ſehr intereſſirt zu haben ſchienen, kam er noch heiterer zuruͤck. Nun beſchaͤftigte er ſich auch ernſt⸗ licher mit den gelehrten Studien, durch die er ſich auf die Univerſitaͤt vorbereitete. Aber Rechnen zu lernen, wollte er ſich nie bequemen. Als die Zeit heranruͤckte, da er ſich zu einem beſtimmten Fache entſchließen mußte, waͤhlte er die Theologie/ wahr⸗ ſcheinlich nux, um doch etwas zu waͤhlen, das zu einem Amte fuͤhrte; denn gegen die Jurisprudenz hatte er eine eben ſo entſchiedene Abneigung, wie gegen die Mediein. Im Herbſte des Jahres 1806 fingen die Uni⸗ verſttaͤtsſtudien des jungen Dichters, der damals nur eine dunkle Ahndung von ſeinet natuͤrlichen Be⸗ ſtimmung hatte, in Goͤttingen an. Ich ſah ihn zum erſten Male, als er ſich bei mir zu einem Col⸗ legium meldete. Sein Aeußeres nahm beim erſten Anblicke weder fuͤr noch gegen ihn ein. Sein gut gebaueter Koͤrper, von mittlerer Groͤße, hatte eine feſte Haltung; ſein regelmaͤßig gebildetes Geſicht hatte edle Zuͤge; aber ſein geiſtvolles Auge war unſtaͤt. In ſeinem einfachen, geraden und anſpruch⸗ loſen Betragen lag nichts, das ungewoͤhnliche Er⸗ wartungen haͤtte erregen koͤnnen. Aufmerkſam wurde ich auf ihn zuerſt, als er in einem Practi⸗ cum, deſſen Zweck war, den ſchriftlichen Styl der Theilnehmer zu bilden, durch Ausarbeitungen ſich auszeichnete, in denen Gefuͤhl und Phantaſie ſo zart und ſo correct ſich ausdruͤckten, wie es ſich von einem jungen Mann von achtzehn Jahren kaum er⸗ warten ließ. Das verdiente Lob, das ich ihm oͤffentlich ertheilte, veranlaßte ihn, nach einiger Zeit mich zu heſuchen, um mir einige ſeiner Gedichte zur Beurtheilung vorzulegen. Es waren Sonette, Epiſteln und Elegieen, mangelhaft von mehreren Seiten, aber an einigen Stellen unuͤbertrefflich, und im Ganzen unbezweifelbare Beweiſe von wahrem Dichtertalent. Mit dem lebhafteſten Danke nahm er meine Zurechtweiſungen an, wo ihre Gruͤnde ihm einleuchteten. Wo das Gefuͤhl entſcheiden mußte, vertheidigte er ſeine Anſichten. Auch dieß geſtel mir. Wir wurden immer naͤher mit einan⸗ der bekannt. Wieland war damals beſonders nach ſeinem Geſchmack, obgleich ſeine eigene Poeſie kei⸗ nen Zug von der Satyre der Wielandiſchen hatte. Die Heiterkeit der Wielandiſchen Poeſie, verſicherte er mir, habe auf ſeinen Geiſt den gluͤcklichſten Ein⸗ fluß gehabt. Ein ſtrenger Ernſt ſcheine ihm das Leben und die Kunſt zu verderben. Er glaube, dieſe Meynung auch vor einem Profeſſor der Philoſo⸗ phie nicht verbergen zu duͤrfen, weil er ſich nichts vorzuwerfen habe, das eine vernuͤnftige Moral tadeln koͤnne. Auch von Andern erfuhr ich, daß an ſeinen Sitten nichts zu tadeln ſey, außer einem klei⸗ nen Leichtſinne, der aber nie leidenſchaftlich wurde, und nie die Grenzen des Anſtandes und der ſtrengſten Redlichkeit uͤberſprang. Es war ihm nur um eine ganz aͤſthetiſche Löͤſung der Aufgabe des menſchli⸗ chen Lebens zu thun. Heiter, wie ſein Geiſt, wa⸗ ren alle ſeine Gedichte. Einer Schwermuth wie diejenige, in die er nachher verſunken war, als er ſeine Caͤcilie ſchrieb, ſchien er in dem erſten Jahre ſeines Aufenthalts zu Goͤttingen gar nicht fäͤhig zu ſeyn. Ich ſuchte einiges Intereſſe fuͤr Philoſophie in ihm zu wecken. Er hoͤrte die Logik bei mir; aber dabei blieb es; das eigentliche Philoſophiren war und wurde nicht ſeine Sache. Deſto eifriger legte er ſich auf die alte Literatur, da er einſah, daß er fuͤr die Theologie nicht paſſe. Sein Vater hatte nichts dagegen, daß er bald die theologiſchen Stu⸗ dien ganz aufgab, um ſich zum Lehrer der alten Sprachen und der ſchoͤnen Literatur zu bilden. Aber auch nach dieſer Veraͤnderung ſeines Studienplans intereſſirte er ſich fuͤr die Vorleſungen, die er be⸗ ſuchte, nur wenig. Was er lernte, verdankte er faſt ganz ſeinem Privatfleiße. Ein erzaͤhlendes Ge⸗ dicht, Pſyche, das er mir ſtuͤckweiſe mittheilte, bewies die Fortſchritte, die er in der poetiſchen Be⸗ handlung der Sprache und in der Kunſt des Styls machte. Von ſeinen Herzensangelegenheiten ver⸗ traute er mir damals noch nichts an; aber nach einem Jahre bemerkte ich, daß er immer ernſthaf⸗ ter wurde. Auch ſeinem Vater ſiel dieſe Veraͤnde⸗ rung auf. Er ſprach wenig, las viel, ſchien an den Dingen, die ihn vorher intereſſirten, wenig Antheil zu nehmen, und erwiederte auf die Frage was ihm fehle, er ſey in ſeinem Leben nicht gluͤck⸗ licher geweſen. Von Natur ein wenig verſchloſſen, verhehlte er auch ſeinen Freunden leicht, was ein Geheim⸗ Geheimniß ſeines Herzens bleiben ſollte. Aber es verrieth durch die Umſtaͤnde ſich ſelbſt. Seine Phan⸗ taſte ſuchte einen Gegenſtand, in dem ihm die Idee des Schoͤnen verkörpert erſchien. Ernſthafter und in ſich gekehrter wurde er ſchon lange vorher, ehe er die Caͤcilie gefunden hatte, die an Leib und Seele ſeinem Ideale von weiblicher Liebenswuͤrdigkeit ent⸗ ſprach. Indem er bald hier, bald dort, ſich naͤher anzuſchließen ſtrebte, war fuͤr ihn ſchon die Lebens⸗ periode voruͤher, von der er in einer ſeiner Ele⸗ gien ſagt: „Wahrlich ich habe gelebt! Nicht reut mich die froͤh⸗ liche Wildheit. „Feſt an die feurige Bruſt druͤckt' ich das bluͤ⸗ hende Seyn, „Kuͤßte die ſcheidende Luſt, und der nahenden lacht' ich entgegen, I. Theil. 1 „Und zur geliebteſten Braut ward die Minute tg e mir ſrets.“ Waͤhrend dieſer Zeit des sSuch us einer Liebe, die ſein Herz ausfuͤllen ſollte, bereitete er ſich auch mit ernſtlichem Fleiße in ſeinen a ghülalogiſche Stu⸗ dien auf die Stelle vor, die er in der Reihe der akademiſchen Privatdocenten einzunehmen wuͤnſchte. Unter ſeinen Bekannten fand er Freunde, die ſich in Verbindung mit ihm, eben ſo thaͤtig als er, mit der alten Literatur beſchaͤftigten. Mit entſchiedener Vorliehe ſtudirte er die homeriſchen Gedichte. Ei⸗ ner ſeiner literariſchen Plane war, eine Geſchichte der lyriſchen Poeſie der Griechen zu ſchreihen. Alle dieſe Studien trugen nicht wenig dazu bei, ſeinen Geſchmack fuͤr das Claſſiſche zu bilden, und ſeine Phantaſie vor den gewoͤhnlichen Verirrungen im XIX Gebiete der Komantil zu ſichern. Die echte Ro⸗ mantik wußte er nach ihrem ganzen Werthe zu ſchaͤz⸗ zen. Die Wiedererweckung der deutſchen Poeſie des Mittelalters freute ihn ungemein. Unter den eng⸗ liſchen Dichtern waren ihm Shakeſpeare und Spen⸗ ſer die liebſten, unter den italieniſchen Arioſt. Auf dieſe Art erweiterten ſich ſeine Kenntniſſe zugleich mit ſeinem poetiſchen Geſichtskreiſe, als er die Caͤci⸗ lie kennen lernte, die in der Geſchichte ſeines Gei⸗ ſtes Epoche macht. Caͤcilie, die Tochter eines goͤttingiſchen Gelehr⸗ ten, hatte alle Eigenſchaften, die einen jungen Dich⸗ ter von Ernſt Schulze’'s Denk⸗ und Sinnesart be⸗ zaubern mußten. In der vollen Bluͤthe der Jugend reizend vor Vielen ihres Geſchlechts, von zarter Sittſamkeit, empfaͤnglich fuͤr alles Schoͤne/ geiſtvoll, 5* 2 von hinreißender Lebendigkeit in ihrem ganzen We⸗ ſen, zeichnete ſie ſich auch durch ihren feinen Kunſt⸗ ſinn und ihre Talente aus. Im Zeichnen und Ma⸗ len hatte ſie es ſchon weit gebracht. Mit Fertigkeit und Ausdruck ſpielte ſie das Clavier und die Harfe. Ihr und ihrer eben ſo liebenswuͤrdigen Schweſter Adelheid ſich naͤhern zu duͤrfen, wurde des jungen Dichters hoͤchſtes Gluck. Bald verdunkelte ſeine Liebe zu Caͤcilien alles Irdiſche in ſeinen Gedanken. Caͤeilie erwiederte ſeine ſchwaͤrmeriſche Zuneigung mit freundlichem Wohlwollen; und mehr bedurfte er nicht; denn eine poetiſchere und den gewoͤhnli⸗ chen Forderungen der Leidenſchaft williger entſa⸗ gende Liebe kann es nicht wohl geben. Seine Epiſteln an die Geliebte in der Sammlung ſeiner Gedichte, die er im Jahre 1813 herausgegehen XXI hat, durften unbedenklich ſein Gefuͤhl der ganzen Welt verrathen. Die ſchoͤne Schwaͤrmerei, der er ſich ganz hingab, verleitete ihn auch zu keinen Thor⸗ heiten im wirklichen Leben. Er benahm ſich aͤußer⸗ lich wie vorher, ſetzte fleißig ſeine philologiſchen Studien fort, und wurde nach vorhergegangenem Examen in der philoſophiſchen Facultaͤt zum Doc⸗ tor und Magiſter promovirt. Sein Geiſt blieb heiter auch in ſeiner Schwaͤrmerei. Was aus ſeiner Liebe, die gar kein irdiſches Ziel hatte, unter gluͤck⸗ lichen Umſtaͤnden auf die Laͤnge geworden ſeyn wuͤrde, ließ ſich nicht vorausſehen. Aber die ſchoͤne Gegenwart, in der er ſich ſo gluͤcklich fuͤhlte, dau⸗ erte nicht lange. Die reizende Caeilie zog ſich durch eine Erkaͤltung eine Krankheit zu, die ihrem zarten Korper hald toͤdtlich zu werden drohte. Die Krank⸗ heit nagte beinahe ein Jahr an ihrem Leben. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit erreichte Schulze’s Enthuſtasmus fuͤr ſie ſeine aͤußerſte Hoͤhe. Die Bewunderung der Seelengroͤße, die die Kranke bei ihrem Leiden zeigte, machte ſie in ſeinen Augen ſchon vor ihrem Tode zu einer Heiligen. Sie ſtarb, noch nicht voͤllig achtzehn Jahr alt. Seit dem Tode Caͤeiliens iſt keine dauernde Hei⸗ terkeit wieder in die Seele ihres Dichters gekommen. Aber ein Dichter blieb er auch ihm im Gefuͤhle des tiefſten Schmerzes. In ſtarrer Verzweiſlung die ſchoͤne Leiche betrachtend, gerieth er auf die erſte Idee zu dem Werke, das ihren Namen traͤgt. Sie zu verherrlichen durch ein Gedicht, auf das er alle geiſtigen Kraͤfte wenden wollte, die ihm die Natur verliehen hatte, ſollte das groͤßte Geſchaͤft ſeines XXIII Lebens ſeyn. Er theilte mir ſeine kuͤhne Idee mit, ſobald ſein Schmerz ihm erlaubte, davon zu reden. Schon in den Grundzuͤgen der romantiſchen Er⸗ findung erkannte ich den Dichter nicht wieder, der bis dahin allen Dingen eine erheiternde Seite abzu⸗ ſehen gewußt, mit dem 2 nn licismus des Chriſten⸗ thums ſich nie befaßt, uͤberhaupt zur religioͤſen Poeſie weder Anlage noch Neigung zu haben ge⸗ ſchienen hatte. Aber er war auch nicht der Vorige mehr. Der Uebergang vom ſchwaͤrmeriſchen Gluͤcke zu einem Schmerze, von dem er ſich bis dahin keine Vorſtellung machen konnte, hatte allen ſeinen Ge⸗ danken eine andere Richtung gegeben. Das Lieb⸗ liche, an dem ſeine Phantaſie hing, kleidete ſich in die Farben der Schwermuth. Der Kampf des freien Gemuͤths mit dem Schickſale und die religiöſe Hin⸗ XXIV gebung des Glaubens an das Goͤttliche wurden ſeine Lieblingsideen. Duͤſter und grauenvoll ſollte der Hintergrund des großen Gemaͤldes ſeyn, an dem ſeine Phantaſie raſtlos arbeitete. Das Furcht⸗ bare und Schauderhafte ſollte im Contraſte mit dem Milden und Edeln recht ſtark hervorſtechen. Sv verlangte es das Gefuͤhl, aus dem das Ge⸗ dicht hervorging. Die Heftigkeit dieſes Gefuͤhls ließ auch keine langſame Ausfuͤhrung zu. Im Ja⸗ nuar 1813 wurde der erſte Geſang angefangen. Nicht lange darauf theilte mir der Dichter ſchon den zweiten mit. Vieles wurde ſeitdem uͤber Plan und Ausführung unter uns geſprochen. Ich geſtand ihm offen, daß ich mit der Erfindung nicht ſym⸗ pathiſiren koͤnne. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber noch einmal umlenken wollte, um anſtatt der ſelt⸗ XXV ſamen, von ihm erfundenen Legende eine zu waͤh⸗ len, die vormals Glauben gefunden; aber er hielt feſt an ſeiner Erfindung, beſonders um der Roſe willen, die fuͤr ihn ein Sinnbild des Koͤſtlichſten in der Welt geworden war. Ich glaubte, ihm rathen zu muͤſſen, ſeine Poeſie uͤberhaupt ein wenig zuſammen zu halten; ſich von der Leichtigkeit, mit der er Verſe mache, nicht uͤber die Grenzen des inneren Intereſſe der Dichtung hinreißen zu laſſen; beſonders die langen Reden und die Gebete abzu⸗ kuͤrzen; mit dem Wunderbaren nicht ſo verſchwen⸗ deriſch zu ſeyn, und der proſaiſchen Wahrſchein⸗ lichkeit ſchon deswegen, damit nicht auch das Wun⸗ derbare ſich ſelbſt entkraͤfte, ein wenig mehr Antheil an der Erfindung zu goͤnnen. Aber Alles in dieſem Gedichte, das unaufhalthar ſich immer umſtaͤndli⸗ cher entwickelte, hing ſo feſt mit dem Gefuͤhle zu⸗ ſammen, das ihm zum Grunde lag, daß dem Dichter, der ſonſt ſo gern Belehrung annahm, kein Theil dieſes Ganzen unweſentlich und keine Stanze uͤberfluͤſſig ſchien. Zuſaͤtze zu liefern, war er im⸗ mer bereit. Sprache und Styl unterwarf er der ſtrengſten Kritik, um noͤthige Aenderungen zu ma⸗ chen. Aber mit jedem Geſange wurde er immer mehr Meiſter der Form. In der Kunſt der poeti⸗ ſchen Beſchreibung erreichte er bald die erſten Mu⸗ ſter des Alterthums und der neueren Zeiten. Sein Widerwille gegen alles Gezierte und Manierirte war ſo groß, daß er auch jede Eigenthuͤmlichkeit des Styls verſchmaͤhte, ſobald ihm etwas Geſuchtes in ihr zu liegen ſchien. Der einzige Dichter, den er an mehreren Stellen, beſonders in den Schlachtge⸗ XXVII maͤlden, gefliſſentlich nachgeahmt hat, iſt Homer. Einen Theil d 1 Nachahmungen hat er ſelbſt in den Anmerkungen angezeigt. Als die erſten Ge⸗ ſaͤnge vollendet waren, bedauerte er ſehr, daß er ſich durch Wielands Beiſpiel zu den unregelmaͤßigen Stanzen habe verfuͤhren laſſen, da ihm die Ausfuͤh⸗ rung des ganzen Gedichts in echten Oetaven nicht ſchwer gefallen ſeyn wuͤrde. Aber die vollendeten Geſaͤnge durch Umarbeitung in regelmaͤßige Stan⸗ zen umzugießen, ſchien ihm eine froſtige Kuͤnſtelei. Er behielt alſo, wenn gleich ungern, die metriſche Freiheit bei, die er ſich einmal genommen hatte. Binnen einem Jahre war das Gedicht bis zum Schluſſe des ſiebenten Geſanges vorgeruͤckt. Ne⸗ benher waren ihm noch eine Menge kleinerer Ge⸗ dichte aus der Feder geſloſſen. Mehrere der aͤlte⸗ XXVIII ren gab er noch in demſelben Jahre 1813 in der mir zugeeigneten Sammlung heraus. Waͤhrend eben dieſer Zeit hatte er die alte Literatur nicht vernachlaͤſſigt, und mehrere Stunden taͤglich Pri⸗ vatunterricht im Griechiſchen und Lateiniſchen ge⸗ geben. Seine Melancholie, die er aber tief in ſeinem Innern verſchloß, wurde noch vermehrt durch Mißverhaͤltniſſe, in die er gerieth, als er im Umgange mit gebildeten Frauenzimmern bei der Freundſchaft eine Entſchaͤdigung ſuchte, die nirgends in der wirklichen Welt fuͤr ihn zu fin⸗ den war. Seine bis dahin feſte Geſundheit fing an zu wanken. Bruſtſchmerzen, zu denen er im⸗ mer eine Anlage gehabt hatte, machten ſeine Un⸗ päͤßlichkeit bedenklich. Ihm ſelbſt ſchien das Le⸗ ben faſt gleichguͤltig geworden zu ſeyn. Aber es XXIX war auch nicht etwa der Wunſch, auf eine ehren⸗ volle Art zu ſterben, was ihn gegen das Ende des Jahrs 1813 beſtimmte, alle Hinderniſſe zu uͤberwinden, um als freiwilliger Jaͤger an der Befreiung Deutſchlands Theil zu nehmen. Das Leben verlaſſen zu muͤſſen, ehe er ſeine Caͤcilie vollendet habe, war ihm ein niederſchlagender Gedanke. Aber er ſey, meynte er, nicht werth, das Gedicht zu vollenden, wenn er nicht bereit ſey, es einem hoͤhern Intereſſe aufzuopfern. Ungern gab ſein beſorgter Vater einem Wunſche nach, der den jungen Mann aus ſeiner natuͤrli⸗ chen Beſtimmung herausriß. Sobald das Grubenhagiſche Jaͤgerbataillon unter dem Obriſten, damals Obriſtlieutenant und Oberforſtmeiſter, von Beaulieu in Goͤttingen ſich bildete, ließ Ernſt Schulze als freiwilliger Jaͤger ſich einſchreiben. Die voͤllige Ausruͤſtung dieſes Bataillons zog ſich hin bis gegen das Fruͤhjahr 1814. Der treffliche Beaulieu bemerkte bald, daß der Dichter in der Jaͤgeruniform dem Va⸗ terlande auch im Kriege mit der Feder nützen koͤnne. Er bediente ſich ſeiner in Seeretariats⸗ geſchaͤften, gewann ihn ſehr lieb, und nahm ihn mit beſonderer Auszeichnung in ſeinen Familien⸗ kreis auf. Da die freiwilligen Jaͤger ſchon vor dem Ausmarſche wie die uͤbrigen Soldaten des Bataillons einquartiert wurden, ließ es ſich ein⸗ richten, daß Schulze ſein Quartier bei mir er⸗ hielt, und auf dieſe Art beinahe zwei Monate mein Haus⸗ nnd Tiſchgenoße wurde. Als das Bataillon ins Feld ruͤckte, ging der Marſch zu XXXI der alliirten Nordarmee, die den furchtbaren Da⸗ vouſt aus Hamburg und der Gegend vertreiben ſollte. Schulze'n begleitete in ſeiner Jagdtaſche eine Handausgabe der Iliade. Er blieb in en⸗ gerer Verbindung mit ſeinem verehrten Obriſt⸗ lieutenant; aber ganz durfte er ſich dem gewoͤhn⸗ lichen Soldatendienſte nicht entziehen, obgleich ſeine Kurzſichtigkeit ihn mehr Gefahren als Andere ausſetzte. Einen komiſchen Brief ſchrieb er mir, als er des Nachts auf einem Vorpoſten unweit einer franzoͤſiſchen Schanze Betrachtungen uͤber Dichter⸗ und Soldatengluͤck angeſtellt hatte. Sein Geiſt erheiterte, ſeine Geſundheit ſtaͤrkte ſich unter den militaͤriſchen Beſchwerden und Entbehrungen. Nach dem Abzuge der franzoͤſiſchen Armee unter Davouſt hatte er das Vergnuͤgen, mit ſeinem XXXII Bataillon in das befreiete Hamburg einzuruͤcken. Aber mit dem Frieden kehrte ſein Truͤbſinn zuruͤck. Wer ſeine Verhaͤltniſſe naͤher kannte, mußte wuͤn⸗ ſchen, daß er Goͤttingen ſo bald noch nicht wie⸗ derſaͤhe. Aber er war nicht zu bewegen, einen andern Ort zu waͤhlen, um eine kuͤnftige Be⸗ ſtimmung abzuwarten. In Göottingen wollte er ſeine Caͤcilie vollenden, und ſeine philologiſchen Studien ſo lange fortſetzen, bis er eine Pro⸗ feſſur erhielte. Ungern ſah ich meinen jungen Freund wie⸗ der, ſo lieb mir auch ſeine Gegenwart war. Die alten Mißverhaͤltniſſe, in die er wieder gerieth, ſetzten ihn in eine peinliche Spannung. Was er von Geſundheit und Heiterkeit aus dem Feldzuge mitgehracht hatte, ging bald wieder verloren. In XXXIII In ſeiner duͤſteren Stimmung glaubte er, ver⸗ kannt und gering geſchaͤtzt zu werden, wo er Liehe und Vertrauen erwartete. Gram und Mißmuth bemächtigten ſich ſeines ganzen Gemuͤths. Er zog ſich immer mehr von den Geſellſchaften zuruͤck, um ungeſtoͤrt zu arbeiten und zu dichten. Die öͤffent⸗ lichen Vorleſungen, die er uͤber alte Autoren zu halten anſing, ſchienen wenig Beifall zu finden,⸗ weil ihm das Talent des freien Vortrags fehlte. Deſto mehr wurde ſein Privatunterricht im Grie⸗ chiſchen und Lateiniſchen von den Studierenden ge⸗ ſucht und geſchaͤtzt. Die Caͤcilie ruͤckte mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit vor. Da ihm ein guter Vers wenig Muhe koſſete, ließ er ſich zuweilen auch ohne Weigerung zu Gelegenheitsgedichten, um die er oft angeſprochen wurde, bereit finden, ſobald „ ³. Theit 3 er glaubte, jemanden eine Freude damit zu machen. Als er ein Mal ein ſolches verſprochenes Gelegen⸗ heitsgedicht zu liefern, bis auf den letzten Augenblick verſchoben hatte, und ihm nichts in den Sinn kom⸗ men wollte, was er in Reime bringen mochte, ſiel ihm plötzlich ein, aus dem Gedichte ein Akroſtichon zu machen, und auf dieſe Art einem ſchon theuern Namen zu huldigen, wovon der Mann, dem das Gedicht beſtimmt war, nichts ahnen durfte. So⸗ gleich ſtellten ſich die noͤthigen Gedanken ein. In einer halben Stunde war das Geſchaͤft beendigt. Zu den vorzuͤglichſten der kleinern Gedichte Schulzes gehören mehrere lyriſche aus dieſer Periode. Die Cäcilie wurde mit dem zwanzigſten Geſange vol⸗ lendet im December 1815. Das ganze Gedicht iſt alſo in drei Jahren entſtanden, von denen der Feld⸗ XXXV zug uͤber ſechs Monate weggenommen hat. Seit dieſer Zeit fing der Dichter, deſſen Herz ſo feſt an Goͤttingen hing, ſelbſt einzuſehen an, daß er andere Luft athmen muͤſſe, um ſich an Leib und Seele zu erholen. Einige ſeiner Freunde, die ein gluͤckli⸗ ches Zuſammentreffen von Umſtaͤnden nach Rom gefuͤhrt hatte, luden ihn zu ſich ein. Italien wurde nun das naͤchſte Ziel ſeiner Wuͤnſche. Vieles in Beziehung auf ſein buͤrgerliches Gluͤck ließ ſich gegen dieſe Reiſe einwenden; aber ſein liberaler Vater,/ der ihm die noͤthigen Vorſtellungen daruͤber machte, trug zuletzt auch kein Bedenken mehr, ihm die Rei⸗ ſekoſten zu bewilligen. Unterdeſſen arbeitete ſeine Phantaſie ſchon an einem zweiten romantiſchen Ge⸗ dichte, das von nicht kleinerem Umfange, als die Cäeilie, aber durchaus heiter ſeyn und mit Arioſes 3 ¾ Noland eine gewiſſe Aehnlichkeit haben ſollte. Die⸗ ſes Gedicht, meynte er, koͤnne ihm nirgends beſſer⸗ als in Italien, gelingen. Während des Sommers 1816 beſchaͤftigte er ſich mit Vorbereitungen auf die Reiſe und mit fleißiger Fortſetzung ſeiner philologi⸗ ſchen Studien. Im Herbſte 1816 machte er noch eine Wanderung zu Fuß durch die Rhein⸗ und Mayn⸗Gegenden. Aber dieſe Reiſe, auf der er, wie immer, um ſeine Geſundheit wenig bekuͤmmert war, beſchleunigte wahrſcheinlich die Aufloͤſung ſei⸗ nes Korpers. Bald nach ſeiner Zuruͤckkunft nah⸗ men ſeine Bruſtſchmerzen zu/ ſeine Kraͤfte ab. Deſ⸗ ſen ungeachtet arbeitete er eben ſo ſteißig wie vorher. Schon ſehr erſchoͤpft, ſchrieb er noch das Gedicht: Die bezauberte Roſe, durch das er das Höchſte beiſten wollte, was er in der Kunſt des Styls und XXXVII des Versbaues vermoͤchte. Sobald es vollendet war, ſchickte er es anonymiſch nach Leipzig zur Concurrenz um den Preis, der auf die beſte poe⸗ tiſche Erzaͤhlung geſetzt war. Im Fruͤhling 1817 wollte er die Reiſe nach Italien antreten. Wie alle Schwindſuͤchtigen, ahnete er nicht die Naͤhe ſeines Todes. Seine Krankheit nahm ſo ſchnell zu, daß er den Fruͤhling nicht erleben zu koͤnnen ſchien. Als der Fruͤhling kam, erholte ſich der Kranke, gegen alle Erwartung ſeiner trauernden Freunde, noch ein Mal ſo weit, daß er, obgleich mit großer Be⸗ ſchwerde, die Abreiſe nach Celle in das vaͤterliche Haus ertragen konnte. Ich ſah ihn zum letzten Male. Keine Pflege und keine aͤrztliche Huͤlfe konnte ihn retten. Als er den Preis fuͤr die be⸗ zauberte Roſe erhielt, freuete er ſich zwar, ſagte XXXVIII aber dabei, daß er an dem Gedichte nichts, als die Verſe, huͤbſch finde. Er ſtarb in Celle am 26ſten Juni 1817, im neun und zwanzigſten Jahre ſeines Alters. Was die an ihm verloren haben, die ihn naͤher kannten, kann ihnen die Ehre, die ſeinem poetiſchen Nachlaſſe zu Theil werden wird, nicht erſetzen. Ernſt Schulze war ein Mann von edler Seele; voll maͤnnlichen Selbſtgefuͤhls, aber nie ſich ſelbſt, am wenigſten ſeine Talente, uͤber⸗ ſchaͤtzend; verſchloſſen, aber unverſtellt; kein philo⸗ ſophiſcher Geiſt, aber wahr in ſeinem Innerſten, ein Todfeind der Luͤge, des Trugs, der Schmeiche⸗ lei und der Zweideutigkeit im Reden und Handeln; frei geſinnt und ohne Furcht; feſt und treu in der Freundſchaft; ſtandhaft bis zum Eigenſinn in ſei⸗ nen Entſchluͤſſen und verſtaͤndig in allen gewoͤhnli⸗ XXXIX chen Verhaͤltniſſen des Lebens; ſehr empfindlich ge⸗ gen Beleidigungen, aber jede Rache in eigenen An⸗ gelegenheiten verachtend; uͤberhaupt wenig beſorgt um ſich ſelbſt, zu wenig um ſein aͤußeres Gluͤck; deſto bereitwilliger zu D Aufopferungen und Entbeh⸗ rungen, wo es galt, ein Ziel zu erreichen, das ihm eines liberalen Mannes wuͤrdig ſchien. Dem Abdrucke der Caͤcilie iſt die Handſchrift zum Grunde gelegt, die der Dichter ſelbſt den El⸗ tern der Geliebten, deren Namen das Gedicht traͤgt, uͤbergeben hatte. Veraͤnderungen, die er nachher noch mit dem Werke vorgenommen haͤtte, haben ſich unter ſeinen Papieren nicht gefunden, zwei Stanzen zum letzten Geſange abgerechnet, die am rechten Orte eingeſchaltet werden ſollen. Goͤttingen am 20ſten Maͤrz, 1818. Bouterwek. o — — — Erſter Geſang. e. Erſter Geſang. 14 Du zartes Bild, das aus dem ſchoͤnern Leben So freundlich oft zu mir herniedertaucht, Das Mild' und Kraft und Neinheit mir gegeben, Und ew'ge Liebe mir ins tiefe Herz gehaucht; Du Heilige, die einſt zum dunklen Raume Der truͤben Welt aus himmliſchem Gefild Herabgeſchwebt, und leiſ im ſel'gen Traume Das ferne Licht der Zukunft uns enthuͤllt; Caͤcilie. Caͤcilie, du fruͤh verwelkte Blume, Die ſchoͤner jetzt im ſtillen Heiligthume Der unbewoͤlkten Luſt, von goldnem Glanz umwebt⸗ Den reinen Kelch zum ew'gen Strahl erhebt; O ſende freundlich du den linden Duft hernieder, Erfriſche mit dem Thau verklaͤrter Seligkeit Den Bluͤthenkranz der zarten Lieder, 4 Den fromme Wehmuth jetzt auf deinen Hugel ſtreut. 3. Denn als ich ſtumm an deinem Lager kniete, Und hoffnungslos mit meinem Kummer rang, Als heißer Schmerz in jeder Ader gluͤhte, Und dann mit eiſ'gem Arm Verzweiflung mich umſchlang, Als jeder Engel floh, der fruͤher mich bewachte, Kein Stern des Troſtes mich zum ſchoͤnern Glauben rief⸗ Als jede Thraͤn' im ſtarren Auge ſchlief, und kalter Hohn im oͤden Herzen lachte. Erſter Geſang. 5 4. Da blickt' ich auf zu dir, und ſieh, ein zarter Glanz Umwob den keuſchen Mund, den Schnee der bleichen Wangen, Rings ſchwebt' ein ſel'ger Geiſt wie leiſer Weſte Tanz, Und ſuͤßer Schlaf hielt friedlich dich umfangen. Die Stirn umduftete der Myrte blüh'nder Kranz; Des Lebeus friſche Zier ſchien um den Tod zu prangen, Und Thraͤnen fand mein Blick; des Glaubens lichte Spur Verfolgt' ich fromm, und that den großen Schwur: 5. Nicht ungenannt ſollſt du von hinnen ſcheiden; Dein Stanb ſoll nicht im Sturm der Zeit verwehn. Der Enkel ſoll an deinem Bild ſich weiden, Verherrlicht ſich in dir die Jungfrau ſehn. gfeat Was mir die Gunſt der Himmliſchen verliehen, Soll ewig unverwelkt anf deinem Grabe bluͤhen, nd was Begeiſtrung mich in kuͤhnen Traͤumen lehrt, Sey meiner Lieb' und deines Reizes werth⸗ Caͤcilie. 6. Und als mich jetzt die heil'ge Nacht umgraute, Worin die Seele ſich dem Himmel naͤher glaubt, Als ich empor zu jenen Sternen ſchaute, Die, einſt ſo oft mein Troſt, mir Alles jetzt geraubt, Da weht' es ſanft wie Saͤuſeln einer Laute; Ein uͤberird'ſcher Glanz umleuchtete mein Haupt, Und geiſtig floß mit ſtrahlendem Gefieder Dein hellverklaͤrtes Bild aus lichten Wolken nieder, 7. Die freie Stirn umwand ein friſcher Eichenkranz, Der ſtolze Schmuck der vaterlaͤnd'ſchen Haine. Kuͤhn flammt' in deinem Blick, gleich regem Nordlichtsſcheine, Die Fantaſie mit heilig ernſtem Glanz. Die Harfe, die ſo oft das feſſelloſe Schweben Der Macht, die dich erhob, im raſchen Schwung gefuͤhlt, Lag leuchtend dir im Arm, vom goldnen Licht umſpielt, Und rauſchend klang der Saiten irres Leben. Erſter Geſang. 8. Mild reichteſt du und freundlich mir die Hand, Und ſchnell den dunklen Pfad der Traͤume Flohn wir dahin durch luft'ge Raͤume, Und tief in Nebelduft verſchwebte Meer und Land. Lang ſchwammen wir bei bleichem Sternenſchimmer Durch bunte Wolken auf und ab, Und ſenkten dann auf oͤde Felſentruͤmmer Am Strand des weiten Meers den kuͤhnen Flug hinab. 9· Sieh, da begann die Fluth ſich zu erhellen, Ein zarter Silberduft umſchwamm den naͤcht'gen Flor, Und friedlich taucht', aus fernen Meereswelleu Aufzitternd, durchs Gewoͤlk der ſtille Mond empor. In irrem Kampfe rang das Duͤſtre mit dem Milden, Und ſiegend flog die kuͤhne Zauberin, Die Fantaſie, auf bunten Luftgefilden Halb Licht, halb Nacht, durch Erd' und Himmel hin. Caͤeilie, 10 Da breitete das dunkle Reich der Sage Geheimnißvoll vor meinem Blick ſich aus. Gigantiſch hob ſich aus dem naͤcht'gen Graus Das kuͤhne Rieſenbild der alten Heldentage, Und ſehnſuchtsvoll mit maͤcht'gem Fluͤgelſchlage Schwang ſich mein trunkner Geiſt ins ferne Land hinaus. Laut klang der Harfe Gold, um meine Lippen bebte Dein Kuß, Cacilie, und dein Gebild' entſchwebte. 11. Und hoch vom drohenden Geſtein Blickt' ich hinab in ferne Thaͤler, Gewaltig trotzten rings der Vorzeit Rieſenmaͤler⸗ Das laute Horn erklang im heil'gen Eichenhain; Fern durch die Haiden kam der rauhe Sturm geflogen, Dumpfrauſchend ſchwol der Fichte Wehn daher, Und zuͤrnend ſchlug mit breiten Wogen Den ſchroffen Felſendamm das hochgethuͤrmte Meer⸗ Erſter Geſang. 9 12. Und luft'ge Geiſter ſah ich walten, Dem truͤben Nebel gleich, in bleichen Dunſt verhuͤllt. Die Zaubernorne ſchlich in wechſelnden Geſtalten Dumpfmurmelnd ſich durchs naͤchtliche Gefild; Der Elfen leichter Schwarm umtanzte Halm und Bluͤthen; Die Nire ſang in kuͤhler Felſenkluft, Und laut herab aus finſtrer Luft Begann das wilde Heer, durch Wald und Thal zu wuͤthen. 13. Da rang ein Schiff durch ferne Fluth ſich fort; Beſchaͤumt zerſtob die Wog' am ſpitzen Kiele. Die Wimpel flatterten bewegt vom luft'gen Spiele, Und ſchaurig ſaust' im Segeltuch der Nord. Im tiefen Schlummer lag um's halberloſchne Feuer Die ruͤſt'ge Mannſchaft her; nur wacht' im hintern Raum Der ſpaͤh'nde Schiffer noch, und aͤchzend brach das Steuer In ſeiner Hand der Wogen wilden Schaum. I. Theil, 4 Caͤcilie. 14. Tiefſinnig ſaß, auf ihre⸗Hand ſich lehnend, Das zarte Haupt in weiſſen Flor Verhuͤllt, ein Fraͤulein da, und blickte ſtill und ſehnend Bald in die Fluth hinab, zum Himmel bald empor. Gleich Bluͤthen, die in Edens Lauben Zum ew'gen Schmuck der reinen Engel bluͤhn, Schien ſich ein heil'ger Kranz aus Unſchuld, Lieb' und Glauben Mit mildem Licht' um ihre Stirn zu ziehn. 155 Habt ihr den erſten Glanz des fruͤhen Strahls geſehen, Wenn er empor ſich ſchwingt an blanen Himmelshoͤhen. Und mit dem Graun der Nebelwogen ſpielt? O habt ihr dann das Wenm der Duͤfte, Den linden Kuß der neuerwachten Luͤfte, Des reinern Lebens friſchen Hauch gefuͤhlt? So paarte ſtill in ihrem. Bilde 8 Sich adlich kuͤhner Stolz mit himmliſch reiner Milde.* Erſter Geſang. 11 16. Und ihr zur Seite ſaß mit duͤſterm. Angeſicht, Die wunde Bruſt vom blut'gen Tuch' umzogen, Ein junger Mann. Ins wilde Spiel der Wogen Entſank ſein ſtarrer Blick und hob zu Gott ſich nicht. Um ſeine Schultern floß aus Gold und blauer Seide⸗ Gewebt ein Saͤngermantel hin, Und prangend hing, der Lieder⸗Kunſt Gewinn, Auf ſeiner Bruſt manch koͤſtliches Geſchmeide. 17 Wie feindlich bald dem Sturme zugeſellt Ein ſchwarz Gewolk den bleichen Mond umkraͤnzet, Bald wieder frey die goldne Scheibe glaͤnzet Und ſtill des leiſen Thau's einſamen Pfad erhellt,, So ſchwebte bald mit naͤchtlichem Gefieder Troſtloſer Schmerz um ſeinen matten Blick, Bald kehrte mild ein ſanſtrer Strahl zuruͤck, Und leuchtend floß der Wehmuth Thraͤne nieder. 4* Caͤcilie. 18. Und auf die Harfe fiel ſein Auge, die zerſtoͤrt Im Schooß' ihm lag, und heiß're Thraͤnen rannen. Er ſucht' umſonſt die Saiten aufzuſpannen, Die einſt ſo oft ihm Schmerz und Luſt gewaͤhrt. Doch als kein zarter Klang mit ſeinem Kummer koſ'te, Warf er das Spiel erzuͤrnt ins weite Meer hinaus, Und ſtreckte dann, ach, nach dem letzten Troſte Der truͤben Bruſt den Arm vergebens aus. 19* Du dauerſt mich, begann mit ſanftem Tone Caͤcilie; dir fehlt das friedliche Gemuͤth, Das heiter, wenn die Luſt mit ihrer Blumenkrone Dir winkt, ſtill bei des Schickſals Hohne, Dort bei dem Jetzt verweilt, und hier zur Zukunft flieht. Raſch ſtrebſt du fort, wenn unter duft'gen Bluͤthen Dir Ruh' und Gluͤck ein freundlich Obdach bieten, und weilſt, wenn heiß um dich des Ungluͤcks Kampf entgluͤht. Erſter Geſang. 13 20. O kannſt du nicht empor zu jenen Sternen blicken, Die freundlich ihren Strahl uns ſchicken? Kann ſich dein Geiſt zu jenen blauen Hoͤhn, Ins heil'ge Land der Hoffnung nicht erheben, Wo, bald den Schmuck des Sieges uns zu geben, Mit kuͤhlem Duft die ew'gen Palmen wehn? Was frommt es dir, des Schmerzes Gift zu trinken, Wenn mit des Troſtes Kelch dir Glaub' und Friede winken? 21. Sprich, welch ein ſchoͤner Muth begeiſterte dich juͤngſt, Als ohne Schild, mit unbewehrtem Haupte,. Du in den Krieger⸗Schwarm dich ſtuͤrzteſt, der mich raubte, Und kuͤhn fuͤr mich dem Tod' entgegen gingſt? Und jetzt, da uns der Tod beſchieden, Senkſt du verzagend dich in finſtern Gram hinab? O ſey getroſt, wir nahn dem ew'gen Frieden; Was uns die Welt verſagt, gewaͤhrt uns bald das Grab. Caͤcilie. 22. O Heilige, rief jetzt mit bittern Thraͤnen* Der Juͤngling aus, wie kannſt du waͤhnen, Mein Schickſal kraͤnke mich allein? Ach dich, an der mit ewigem Verlangen, Mit heil'ger Treu mein liebend Herz gehangen, Dich hinge hleppt zum fremden Goͤtzenhain, Geopfert dich zu ſehn, das ſollt' ich Aermſter tragen, Und nicht an mir und ſelbſt an Gott verzagen? 23. Ich weiß es wohl, du haſt mich nie geliebt; Ach, dich kann nie ein ſterblich Band umwinden. Du biſt zu ſchoͤn, zu rein von allen Suͤnden; Nie hat ein ird'ſcher Hauch dein heil'ges Herz getruͤbt, Im Himmel nur kannſt du die Seele finden, Die rein zuruͤck, was du ihr reichteſt, giebt; Doch ach, des Menſchen Sinn haͤngt hoffend an den Sternen, Glaͤnzt ewig auch ihr Licht in nie erreichten Fernen. Erſter Geſang. 15 24. Oft zwar verhieß ein ſtiller Wahn es mir, Einſt kaͤm' ein ſel'ger Tag, wo meiner ew'gen Liebe Dein weiches Herz nicht mehr verſchloſſen bliebe; Es war ein ſchoͤner Traum!— den Traum auch dank'ich dir! O waͤr' ich juͤngſt im Kampf fuͤr dich erſchlagen, Dann haͤtte dich mein Tod vielleicht betruͤbt! Auch das iſt mir verſagt! Jetzt muß ich ungeliebt Und troſtlos Lebewohl dir ſagen, 25. Nahm mir das Schickſal nicht ſchon jetzt die einz'ge Luſt, Den letzten Troſt, dir Freude zu bereiten? Die Harfe liegt zerſtoͤrt, zerriſfen ſind die Saiten, Und jedes Lied verſtummt ſchon laͤngſt in meiner Bruſt! Oft ſah ich ſonſt dein Auge ſich verklaͤren, Wenn dir mein Lied im Herzen wiederklang, Und reiner machte dann und heil'ger mich dein Dank: Wohlan, es ſey! Ich will auch dies entbehren!— 8 Caͤcilie, 26. Er ſagt's und huͤllt den naſſen Blick Tief in den Mantel ein und ſchweigt in ſtummer Traner. Sein mattes Haupt ſinkt auf die Hand zuruͤck; Laut ſeufzt er auf und kalte Fieberſchauer Durchrieſeln ſein Gebein. Ach, eine duſtre Mauer Trennt ewig ihn von Licht und Lieb' und Gluͤck! Hier, denkt er, konnt' ich doch an ihrem Reiz mich weiden, Dort wird ihr heil'ger Glanz zu weit von ihr mich ſcheiden! 27* O Reinald, ruft mit tief bewegtem Ton Das Fraͤulein jetzt, wie kannſt du mich ſo kraͤnken? Durft' ich fuͤr deine Treu denn Taͤuſchung dir zum Lohn. Durft' ich ein halbes Herz fuͤr dein Gefuͤhl dir ſchenken? Ehrt' ich nicht ſtets den theuren Freund, Den Bruder nicht in dir? Verkklagte Nicht oft mein Herz ſich ſelbſt, daß Lieb' es dir verſagte? Hab' ich nicht ſelbſt bei deinem Schmerz geweint? Erſter Geſang. 47 28. Hat je dein Geiſt der Sterne Pfad ergruͤndet, Die friedlich ziehn auf nie verruͤckter Bahn? Der eine darf dem andern nimmer nahn, Wenn ein Geſetz ſie nicht verbindet. Fern grußt nur Strahl und Strahl ſich durch den weiten Plan. So folgt das Herz der Vorſicht ew'gen Wegen. Wohl Manchem neigt es ſanft und traulich ſich entgegen, Doch Einem nur iſt's ewig unterthan. 29. O warum mußteſt du mit meinem Pfad den deinen, Dein Loos mit meinem Loos vereinen! Zu weit hat uns der ew'ge Nath getrennt. Du ſollteſt frei durch's ſorgenloſe Leben, Leicht auf dem Wellentanz des raſchen Zufalls ſchweben, Der fluͤcht'ge Luſt und fluͤcht'gen Schmerz nur kennt; Mir ward beſtimmt, durch Nebel hinzuſchreiten, Und ſelbſt, mein eigner Stern, mich durch die Nacht zu leiten. Caͤcilie. 30. Begreifſt du jene Macht, die herrſchend in der Bruſt Dahin mich reißt zum unbekannten Ziele? Kannſt du den ew'gen Schmerz, die wunderbare Luſt, Den niegeſtillten Kampf allmaͤchtiger Gefuͤhle, Der in mir lebt, verſtehn? O nein, du kannſt es nicht! Dich haͤlt die Phantaſie mit ſuͤßem Band hienieden, Und wandelt dir die Welt zum zarten Traumgeſicht; Miich zieht's durch Sturm u. Streit empor zum ew' genFrieden. 31. Niiccht ſtets war ſo mein Blick zur Ferne hingewandt; Auch ich hielt einſt das Seyn mit Liebesarm umfangen. Froh taͤndelt' ich mit Luſt und mit Verlangen, Durchirrte ſuͤß erſtaunt der Taͤuſchung Zauberland. Erſt juͤngſt ließ meinem Geiſt ein hoͤh'res Ziel ſich ſchauen. Zerriſſen ſank der truͤbe Schleier hin. Du biſt mein Freund, und deinem zarten Sinn Will ich mein Heiligſtes vertrauen. Erſter Geſang. 19 32. Die Nacht vorher, eh' ich ins ferne Land Den Zug begann, die Schweſter auszuſpaͤhen, Die ſo geheimnißvoll aus unſrer Burg verſchwand, — Ach Adelheid, dich ſollt' ich nimmer wiederſehen!— In jener Nacht, als ohne Schlaf ich lag; Zu wach erhielt mich noch des Tages irres Treiben; Und ſtill bewunderte, wie auf den bunten Scheiben Im wunderbaren Spiel der helle Mond ſich brach: 33. Da zuckt' es ſchnell gleich farb'gen Zauberflammen Vor meinem Blick; des Mondes fluͤcht'ger Glanz Rann, zarten Bluͤthen gleich, zuſammen, Uud zitternd wob aus ihm ſich rings ein luft'ger Kranz; Und vor dem Kranze floß gleich einem Silberſchleier Ein wogend Licht herab, und ſo wie leiſ' empor Der Roſe Bild ſich neigt im ſanft bewegten Weiher, So trat gus jenem Glanz ein goͤttlich Weib hervor. Haſt du wohl je, wenn ſtill auf ſaͤuſelndem Gefieder Die laue Daͤmmrung ſchwebt und leicht durch Thal und Hain Auf Halm und Bluͤthen ſich der Elfen Gaukelreihn Gleich bunten Funken wiegt, und alle Blumen wieder, Dem Schlaf' entweckt durch leiſe Zauberlieder, Aus neu enthuͤlltem Kelch den zarten Hauch verſtreun, Haſt du wohl dann des Duftes rege Wogen Mit durſt'gem Athemzug tief in die Bruſt gezogen? 35. So weht' es um mich her. Und ſieh, das hehre Weib, Es nahte ſtill. Von goldnen Sternen glaͤnzend Wob ſich ein blau Gewand um ihren ſchlanken Leib, Und durch die Locken floß mit duft'gem Licht ſich kraͤnzend Ein geiſt'ger Blumenſchmuck. Halb wohnte Seligkeit In ihrem Blick, halb wehmuthsvolles Sehnen; Dem Engel ſchien ſie gleich, der, goͤttlich ſelbſt in Thraͤnen⸗ Ein Traumgebild von ird'ſchem Wahn bereut. Erſter Geſang. 21 36. Sie winkte mir, und wie bei Sturmes Walten Bildſamer Schaum ſich regt auf raſchem Wellenſpiel, So ſchien aus bleichem Duft im ringenden Gewuͤhl Ein Luftgeſicht ſich mir traumaͤhnlich zu entfalten. Rings wanden magiſche Geſtalten Sich aus der Daͤmmrung los, und als der Nebel fiel, Der um den Kampf ſich wob, ſah ich im raſchen Leben Ein wunderbares Bild vor meinen Blicken ſchweben. 37. Des Krieges Flamme brannte wild, Das Erz erklang, hell blitzten Schwert und Speere. Verderblich waͤlzte rings ſich gleich dem hohen Meere Die Schlacht durchs bebende Gefild. Hoch flatterte dem einen Heere Des Kreuzes Schmuck voran; ein frommes Goͤtterbild Hob drohend auf der andern Seite Die ehr'ne Kolb' empor, als ruͤſt' es ſich zum Streite. Gewaltig drang die Schaar der Heiden vor. Das Feld War rings von Chriſtenblut geroͤthet. Schon wich das Kreuz zuruͤck, zu dem ſie fromm gebetet, Schon weht'’s in Feindes Hand; da tobt ein fremder Held Durchs laute Schlachtgewuͤhl; rings ſtuͤrzen Schaaren nieder, Wohin ſein Roß ihn traͤgt. Schon prangt In ſeiner Hand die heil'ge Fahne wieder. Der Gott der Heiden ſinkt, und ſeine Rotte wankt. 39. Soſtuͤrzt mit maͤcht'gem Sprung, die Beute zu erhaſchen, Der Low' aus finſtrer Felſenkluft; So ſchwingt in Sturm gehullr ein dunkler Geiſt der Luft Blitzſchleudernd ſich daher u. peitſcht mit ſchwarzen Schwingen Das Wuthgeheul des Meers. Mit farb'gem Licht geſchmuͤckt Schiem um des Ritters Helm ein Feuerkranz zu bluͤhen, In ſeinem⸗Blick des Cherubs Zorn zu gluͤhen, Der weit das Flammenſchwert durch alle Himmel zuͤckt. Erſter Geſang. 23 4 Verzagend flieht in ſeine Veſte Der Heiden trotz'ge Schaar; doch Mauern frommen nicht Vor Gottes Raͤcherzorn. Das Band der Thuͤrme bricht, Zuſammen ſtuͤrzt das Thor; hoch lodern rings Pallaͤſte In rother Gluth empor, und Odins Altar ſinkt. Doch horch, in heil'ge Ruh zerrinnen Des Krieges Klaͤnge jetzt; im Strahl der Sonne blinkt⸗ Siegprangend ſchon das Kreuz hoch von den Tempelzinnen.. 4 v. Und ſtaunend ſah ich jetzt aus fernem Nebelmeer⸗ Ich ſelbſt mein eignes Bild entbeben; Es nahte ſich mit leiſem Schweben Und um den Ritter ſchlang's die Arme liebend her, Der blutig, bleich und ohne Leben Im Kranz des Sieges lag. Da ſenkte ſchwarz und ſchwer⸗ Sich ein Gewoͤll herab. Doeh ſieh, zuei neue Sonnen Entgluͤhten darrch die Nacht.— und Alles war zerronnen. Du ſiehſt, mein Pfad iſt mir von hoͤh'rer Hand gezeigt. Mich darf nicht ird'ſche Lieb' umfahen; Mein Herz muß unverwelkt dem ſchoͤnen Ziel ſich nahen Und werth des Kranzes ſeyn, den nicht die Welt mir reicht. Sprich, ſoll die Bluͤthe ſich nicht freuen, Wenn ſich die Huͤlle loͤſt, die naͤchtlich ſie umgiebt? O weine nicht, du haſt mich treu geliebt, Du wirſt mein Gluͤck, dein Leiden mir verzeihen! 43. Sie ſpricht's und reicht mit hellem Blick Dem Schweigenden die Hand. Schon zog der ſchwarze Schleier Der Nacht allmaͤhlig ſich zuruͤck, Und gluͤhend wob ein roſenrothes Feuer Sich um des Himmels Saum; da hebt die heil'ge Gluth Sich zitternd aus dem Meer; aus leichtem Wellentanze SpruͤhnFunken rings empor, rein ſchwimmt in heiterm Glanze Die blaue Luft, im Purpurſchein die Fluth, 9 Erſter Geſang. 25 44. O ſuͤßes Licht, du zauberiſche Helle, Wie ſchoͤn biſt du, des Lebens Schoͤpferin! Wie fließt aus deinem goldnen Quelle Gedeihn und Kraft auf alle Weſen hin! In deinem Strahl ſucht jedes Blatt zu gruͤnen, Die Blume ſtrebt empor, ſich deines Blicks zu freun, Gedanken, voll von Kraft, hauchſt du dem Weiſen ein, Machſt den Verzagten ſtark und kuͤhner noch den Kuhnen. eſe Bl 45. Der Saͤnger blickt empor; in ſeinem Auge bebt Der goldne Strahl und wiegt mit lichtem Scheine In ſeinen Thraͤnen ſich. O ſieh, wie ſie entſchwebt. Auf reinem Pfad die Ewigreine! Ruſt er begeiſtert aus; zu ihrem Glanz vermag Kein kuͤhner Blick ſich zu erheben; Doch bluͤhend folgt das friſche Leben, 4 Und Duft und Farb' und laue Mild' ihr nach. I. Theit. 5 46. O kannſt du mir verzeihn, daß ich im ird'ſchen Traume Dein keuſches, dein geweihtes Bild umfing, Daß laſtend ich, wie ein Gewoͤlk am Saume Des hehren Lichts, an deinem Leben hing? Nein, du biſt frei! ich will nicht laͤnger weinen. Ich habe Gott in ſeinem Glanz geſehn! Ach, jetzt wirſt du mir doppelt ſchoͤn, Doch doppelt heilig auch erſcheinen! 47. Indeß erwacht beim erſten Strahl Der ruͤſt'gen Raͤuber Schaar. Rauh raſſelt rings das Eiſen Um ihre Glieder her; hell blinkt im glatten Stahl Der Sonne Glanz; und wilde Lieder preiſen Den fruͤherwachten Gott. Stolz aus der Mitte rafft Sich Skiold, ihr Fuͤhrer, auf, ein Held geuͤbt im Ringen, Im Kampf der Streitart kuͤhn, u. ſtark, den maͤcht'gen Schaft Weitſauſend durch die Luft auf ſeinen Feind zu ſchwingen. Erſter Geſang. 27 48. Vom Belt bis hin zum Inſelmeer Des fernen Orients ſchweift irrend er umher, Der Freunde Schild, der Feinde Grauen. Oft ſahn Hispaniens, oft Welſchlands bluͤh'nde Auen Erbebend ſeine Wimpel nahn. Feſt war ſein Sinn wie Stahl, wild gleich dem Meersorkan. Ihm ſchien's ein leichtes Spiel, ſein Leben Fuͤr Freund' und Vaterland und Odin hinzugeben. 49. In ehrner Ruͤſtung tritt der Held Vor das gefangne Paar, und auf das Fraͤulein faͤllt Gedankenvoll ſein Blick. Dich hat im finſtern Zorne, Beginnt er jetzt, die boͤſe Norne 1 Hinausgelockt zur blauen Fluth. Schoͤn biſt du wie der Mond, ſchlank wie das Reh der Haide, Rein wie der Wieſenquell. Doch ſeine heil'gen Eide Brach Skiold noch nie, und Hertha fordert Blut, 5* Denn als auf Roskilds Hoͤhn den tapfern Kampfgeſellen Zur Beute juͤngſt mein heller Schild erklang, und froͤhlich dann auf's ſchwarze Noß der Wellen Das ruͤſt'ge Volk der Fluth ſich ſchwang⸗ 4. Da bohrt' ich meinen Speer tief in den Grund und weiht Der Goͤttin heiligem Altar, Wenn mit der kuͤhnen Kriegerſchaar Ich ſiegend heimgekehrt, das Blut der erſten Beute. 901 Ich ehr' euch, weil ihr nicht vergebens zagt und weint; Woht nenn' ich euch aus altem Stamm entſproſſen. Dem Tapfern iſt der Tod ein Freund; Wo Großes je geſchah, da iſt auch Blut gefloſſen. Den Feigen, der dem Kampf entflieht⸗ Birgt Helas duͤſtres Reich; euch werden die Walkyren Zu Odins Goͤttertafel fuͤhren, Wo einſt beim Heldenmahl auch Skiold euch wieder ſieht. Erſter Geſang.: 28 52. Was Frend' euch noch im kurzen Leben Gewaͤhren mag, das ſagt getroſt mir an; Was euch der Normann geben kann, Das wird er treu und redlich geben. Wohl ſelber freut' ich mich, waͤr't ihr im Sachſenreich Daheim in eurer Vaͤter Hallen, Und waͤr' ein ruͤſt'ger Feind fuͤr euch Zum Opfertod in meine Hand gefallen. 53. Das Fraͤulein ſchweigt; nicht duͤrſen Luſt und Schmerz Sie ferner noch mit ird'ſchem Hauch beruͤhren, Doch ungern will des Saͤngers Herz N Im Tode ſelbſt des Lebens Troſt verlieren. Ich acht' euch, ſpricht er kalt, ihr ſcheint ein Held zu ſeyn. Gern ſpraͤch' ich zwar zu euch nur mit des Schwertes Streichen; Doch ſtill davon. Wollt ihr mich jetzt erfreun, So laßt zur letzten Gab' ein Harfenſpiel mir reichen. Da bietet Asmund ihm, des Wiederhalles Sohn, Die eigne Harfe dar, und gruͤßt den Kunſtgefaͤhrten Mit Wort und Haͤndedruck. Im heitern Glanz verklaͤrten Des Saͤngers Blicke ſich. Hell klang der goldne Ton, Und wiegte klagend bald, bald wieder kuͤhn und rauſchend Zum fernen Felſenſtrand ſich uͤber's weite Meer. Sein Lied beginnt, und freundlich ſteht und lauſchend Die wilde Kriegerſchaar rings um den Juͤngling her. 55. Lebt wohl, ſo ſang er, goldne Hoͤhen, Leb' ewig wohl, mein deutſches Vaterland! Nicht ferner ſoll dein Lufthauch mich umwehen, Ach, deine Bluͤthen bricht nicht ferner meine Hand! Du weiches Quellenmoos, ihr Hoͤhn, bekraͤnzt mit Reben, Du lichter Hain, du duft'ges Wieſengrün, O lebe wohl, du ewig heit'res Leben! Ich muß den Pfad des kalten Todes ziehn! Erſter Geſang. 31 56. Lebt wohl, ihr zarten Frau'n! Schon muß der Saͤnger ſcheiden, Die Taͤnze ruhn, es ſchweigt im Ritterſaal der Klang. Leb' wohl, du ſchoͤne Welt, mit deinen Freuden, Du fluͤcht'ge Luſt, du minniger Geſang; O lebe wohl, du meine ſuͤße Liebe! Wie faͤllt von dir der Abſchied mir ſo ſchwer! Von Thraͤnen wird mein Auge feucht und truͤbe, Das Lied verhallt, die Harfe klingt nicht mehr. 57. Er ſang's, und klagend klang der letzte Ton der Saiten Mit langem, leiſem Hall vom fernen Fels zuruͤck. Matt ließ ſein Arm die Harf' entgleiten. Doch ſieh, Caͤcilie ergriff mit klarem Blick Das goldne Spiel; hell flammt' ein goͤttlich Sehnen Um Wang' und Mund; und himmelan Erhob ſie Aug' und Herz; hoch rang auf kuͤhnen Toͤnen Begeiſt'rung ſich empor, und ihr Geſang begann: Sey mir gegruͤßt, du ew'ges Land der Wonne, Du hei''ger Strahl der nie bewoͤlkten Sonne, Du Quell des Lichts, des Lebens, ſey gegruͤßt! Kann ird'ſche Macht dem flieh'nden Licht gebieten, Erneu'n den Duſt der hingewelkten Bluͤthen, Die Woge baͤndigen, wenn raſch der Quell entfließt? Hier keimt die Luſt im Spiel der kurzen Augenblicke; Dort ruht die Zeit umarmt vom ew'gen Gluͤcke. 59. Die Schatten fliehn; es flammt empor; es tagt! Hell ſchmuͤckt ein goldnes Kreuz die klaren Himmelsauen! O Licht des Heils, mein Buſen hofft und zagt! Ach, darf mein truͤber Blick den Glanz der Gottheit ſchauen? Doch freundlich winkt der Sohn der reinen Magd, Mein Blick wird hell und heilig mein Vertrauen, Der Bluͤthenglanz der zarten Lieb' entkeimt, Und rein umarmt mein Herz, was es getraͤumt. Erſter Geſang. 33 60. So ſingt Caͤcilie und legt die Harfe nieder. Sein Saitenſpiel ergreift der Skald' und ruft erfreut: Unſterblich toͤnen jetzt, ihr Saiten, eure Lieder; Euch hat Idunna's Hand geweiht! Indeß erwacht mit friſchem Wehen Ein kuͤhler Wind und treibt das Fahrzeug ſchneller fort; Schon naht das Land, ſchon zeigt der Port, Vom Fels und Wald umhegt, ſich zwiſchen ſichern Höhen. 61. Fern hebt im Ocean, dort, wo das wuͤſte Meer Vom Sachſenreich das Land der Daͤnen ſcheidet, Ein Eiland ſich empor. Rings tobt die Fluth umher, Und peitſcht den hohen Strand, den ſchroffer Fels umkleidet. Verborgen ziehn nur dann und wann Ins Land ſich Buchten hin und bieten Dem Schiff, das eilig vor dem Wuͤthen Der wildern Brandung flieht, den ſtillen Hafen an. 6²2. Wuͤſt liegt das Ufer rings, das finſtre Waͤlder kroͤnen, Und Daͤmm'rung nur iſt dort der lichte Tag. Nie ließ der Jaͤger dort ſein lautes Horn ertoͤnen, Nie ſchallt' im Hain des Beiles heller Schlag. Dort hauſen Wolf und Baͤr in ſichern Felſenkluͤften; Die Schlange naͤhrt im feuchten Thal die Brut; Und fruͤher hebt aus dunkler Fluth Die Nacht ſich dort empor auf grauen Nebelduͤften. 63. Auf ſchroffen Felſentruͤmmern thront Zerſtoͤrung dort, und ſtreut aus falben Blaͤttern Ein weites Lager ſich. Das dumpfe Schweigen wohnt Im Hain und lauſchet bang, wenn hohl auf fernen Wettern Der Donner rollend naht. Oft tobt im Graun der Nacht Des wilden Heers gebannte Jagd Durch Wald und Hoͤhn dahin, und ſtuͤrzt mit Sturmsgefieder Den morſchen Stamm bemooster Eichen nieder. 5 Erſter Geſang. 64. Im tiefſten Haine ſenkt ein Thal Sich ſtill und ſchauerlich gleich Helas oͤden Reichen. Dort waͤlzt ein ſchwarzer See, bekraͤnzt von hohen Eichen, Dumpfhallend ſeine Fluth, worin ſich nie der Strahl Des heitern Lichts gekuͤhlt. Vor jedem Blick geſchirmet, Vom Daͤnenvolk mit banger Scheu geehrt, Erhebt an ſeinem Rand, aus Felſen aufgethuͤrmet, Sich Hertha's heil'ger Opferheerd. 65. Und eine nahe Felſenhalle, Durch deren Woͤlbung ſtets mit mattgedaͤmpftem Schalle Die Woge ſeufzend toͤnt, erkohr die Prieſterin Thorilde ſich zum Sitz. Mit ewig ernſtem Sinn Und kaltem Buſen hauſ't in menſchenleerer Stille Die Zauberjungfrau dort. Nie glaͤnzt die milde Luſt In ihrem kuͤhnen Blick, nie hob in keuſcher Huͤlle Sich ſehnſuchtspoll und liebend ihre Bruſt, 66. Vergebens buhlten lang des Nordens Heldenſthns Um ihrer Minne ſuͤßen Lohn. Hoch prangte ſie in unberuͤhrter Schoͤne, Verſchloſſen jedem Flehn und ſtolz bei kuͤhnem Drohn; Sie will mit Geiſtern nur das oͤde Lager theilen. Der bange Schiffer hoͤrt oft aus dem finſtern Hain Bei ihres Zaubers Zwang die Woͤlfe ſchaurig heulen, und zagend huͤllt der Mond in bleichen Duft ſich ein. 67. Indeſſen naht auf unbetretnen Wegen Durch Fels und Wald dem ſchaurigen Altar Mit ihrem Opfer ſich der Heiden rauhe Schaar. Kuͤhn geht Caͤcilie dem nahen Tod' entgegen. Des Auges frommer Glanz beut ſeinen letzten Segen Dem blnden Volk, das ſie ermordet, dar. Stumm folgt ihr Reinald nach und ſucht aus ihren Blicken Sein Herz mit Muth und Glauben zu erquicken. Erſter Geſang. 37 68. In dumpfer Stille zieht das Heer Mit ſeinem Raube fort. Oft hatt' in fruͤhern Tagen Der Maͤnner wilde Kraft das ungezaͤhmte Meer, Den heißen Sturm der blut'gen Schlacht ertragen, Doch keinem wurde je vom Zagen Die Bruſt ſo eng, das Herz ſo bang und ſchwer. Und mancher Krieger fuͤhlt mit heimlichem Ergrimmen Ob ſeiner eignen Schmach, ſein Aug' in Thraͤnen ſchwimmen. 69. Schon dehnen ſich zum zweiten Thor Die Felſen aus, die rings das duͤſtre Thal verrammen; Schon wirbeln fern die rothen Opferflammen, In Dampf gehuͤllt, ſich vom Altar empor; Und hoch und hehr, gleich einem Goͤtterbilde, In ihrer Hand das heil'ge Schwert, Harrt ſchweigend ſchon die ſchreckliche Thorilde In prieſterlichem Schmuck an ihrer Goͤttin Heerd, Caͤcilie. 70. und ſie beginnt die alten Runenlieder. Ihr Auge gluͤht, die langen Locken wehn Im Sturm dahin; laut hallen rings die Hoͤhn Den rauhen Klang der fremden Worte wieder. Erbebend ſinkt mit demuthsvollem Flehn Das bange Volk vor ſeiner Goͤttin nieder, und hoͤher flammt vom ſchroffen Fels die Gluth. Rings ſchwimmt in Dampf der Wald, in rothem Schein die Fluth. 71. Da kniet der Saͤnger hin und ſtreckt die fleh'nden Arme Zu ſeiner Lieb' empor und ruft mit naſſem Blick: O% FHeilige, willſt du ſein letztes Gluͤck Dem Freund entziehn? O laß in ſtummem Harme Nicht ſo mich von dir gehn! Noch einmal fluͤſtre du Nur Einen Laut, Ein Troſteswort mir zu! O ſtaͤrke mild auf finſtern Todeswegen Mein banges Herz mit deinem letzten Segen! Erſter Geſang. 39 72, Still naht das Fraͤulein ſich; in ihren Augen blinkt Der Glanz des Himmels ſchon, doch leiſe Zaͤhren hangen In ihren Blicken noch. Durch Thraͤnen laͤchelnd ſchlingt Sie um den Freund den Arm, und ſeine bleichen Wangen Beruͤhrt ein keuſcher Kuß. Leb wohl, du treues Herz, So fluͤſtert ſie, leb wohl! Dein Kummer macht mir Schmerz. O weine nicht! Mit freudigen Gebeten Laß uns den Pfad der ſchoͤnern Welt betreten! 73. Jetzt ſchwieg der Prieſterin Geſang, Schon ſchritt ſie ſtill die hohen Felſenſtufen Mit droh'ndem Schwert herab. Doch horch, vom Waffenklang Erſcholl der Hain, und lautes Rufen Ertoͤnte hier und dort. Gott der Barmherzigkeit! Jauchzt Reinald laut, ſie nahn, wir ſind befreit! Doch alles wirft im Daͤnenheere Die Schilde vor die Bruſt und zuckt die langen Speere. In hellem Stahl ſtuͤrzt von den Hoͤhn Sich jetzt ein Kriegerſchwarm, und blanke Schwerter blitzen Rings durchs Gebuͤſch. Seht dort den Altar ſtehn, Mir nach, mein deutſches Volk, die Opfer zu beſchuͤtzen⸗ Die blinder Wahn dort wuͤrgt! ſo ruſt halb athemlos Ein junger Held, der vor den erſten Reihen Der fremden Krieger prangt/ und wild, mit lautem Draͤuen⸗ Stuͤrzt mit der tapfern Schaar er auf die Daͤnen los⸗ 75, Heil, Deutſchland, Heil! jauchzt mit entzuͤckter Stimme Der Saͤnger auf, und gleich dem Blitze faͤhrt Er auf Thoriden zu, entringt ihr raſch das Schwert, Umſchlingt Caͤcilien und haut mit wildem Grimme Sich durch die Daͤnenſchaar. Rings dringen Lanzen ein, Ihn ſchuͤtzt ſein Gott; ſchon iſt er druͤben, Schon barg er ſie, entfernt vom Kampf im ſichern Hain, Und eilt zuruͤck, von Lieb' und Muth getrieben. 76, Erſter Geſang. 41 76. Schon floß von Blut das enge Thal. Mit langen Speeren haͤlt das ruͤſt'ge Volk der Daͤnen Den Feind zuruͤck; hell klirrt der Stahl Vom Wurf des Pfeils; die blanken Helme toͤnen Dumpf von der Streitaxt Schlag. Die Deutſchen ſtrecken weit Die Schilde vor; raſch ſauſ't die kuͤrz're Lanze Ins feindliche Gewuͤhl, und Helm und Panzerkleid Durchflamt das breite Schwert gleich ſchnellem Blitzesglanze. 77* Froh tummelt Reinald ſich, den erſten Reihn geſellt. Auf ſeiner Waffe ruhn Thorildens Zauberlieder. Wen ſie beruͤhrt, der ſchaut das Licht nicht wieder; Drum ſinkt von ſeiner Hand ſchon mancher Daͤnenheld. Schon hat er Helm und Schild errungen, Der Minneſaͤnger prangt mit wilder Krieger Zier, Allmaͤcht'ge Lieb' iſt ſein Panier. Wer fuͤr die Liebe kaͤmpft, ward ſelten noch bezwungen, I. Theil.. 6 Doch hauſ't noch grimmiger der fremde Paladin Mit Lanz' und Schwert im dichten Daͤnenheere, Der edle Held, der kuͤhn ſuͤr Gottes Ehre und fur die Menſchheit kaͤmpft. Glutrothe Funken ſpruͤhn, Wohin ſein Stahl ſich ſchwingt, aus Helm und Panzerringen. Ihm ſteht kein Daͤne mehr; ſchon wanken ihre Reihn; Gebrochen iſt die Bahn, und ſeine Schaaren dringen Mit lautem Kriegesruf hinein. 79· Muth, Muth, mein Volk! O ſteht, ihr Nord'ſchen Krieger⸗ Ihr kaͤmpft fuͤr Hertha's Keiligthum, Siegt oder fallt! Walhalla lohnt den Sieger, Und ewig ſingt der Skalde ſeinen Ruhm! So toͤnt Thorildens Ruf hernieder in die Wogen Der wilden Schlacht; hoch ſteht ſie am Altar, Das kuͤhne Weib, und ſchnellt vom raſchen Bogen Verderblich Pfeil auf Pfeil hinab zur deutſchen Schaar. — Erſter Geſang. 80. Noch einmal ſtehn die Daͤnenhaufen Bei dieſem Ruf. Ein Jeder will durch Tod Sich Odins Gunſt, durch Sieg ſich Ruhm erkaufen. Laut ſchallt ihr Schlachtgeſchrey und fuͤrchterlicher droht Mit hohem Schwung die Art u. ſtreckt mit maͤcht'gen Streichen Noch manchen Feind dahin. Doch ſelbſt Verzweiflung haͤlt Den Ritter nicht zuruͤck; er ſiegt, rings ſchwimmt das Feld In Daͤnenblut und prangt mit Feindes⸗Leichen. 81. So ſtand der Cherub in der Schlacht, Als einſt des Abgrunds Thor ſich krachend aufgeſchloſſen, Und ohne Zahl das Heer der Nacht Sich gegen Gottes Thron verderblich ausgegoſſen. Von Blitzen flammt ſein Schwert, erzitternd gluͤht die Luft Vom feurigen Geſchoß, rings ſenden lichte Strahlen Aus ſeinem Blick den Tod, und in die alte Kluft Stuͤrzt er das duͤſtre Heer zuruͤck zu ew'gen Qualen. Caͤcilie. 82. Indeſſen raßt mit gleicher Wuth 1 Im fernen Kampf, wo Reinald ſtreitet, Der tapfre Skiold. Hell traͤuft von deutſchem Blut Sein langer Speer; ein Wall von Leichen breitet Vor ihm ſich aus; raſch ſtuͤrzt und wild Mit kuͤhner Kampfbegier der Saͤnger ihm entgegen. Zufammen klirrt der Stahl, doch bei des Normanns Schlaͤgen Erbeben Reinalds Knie' und toͤnend bricht ſein Schild. 83. Da hoͤrt der Daͤnenheld der Deutſchen Jubel ſchallen, 4 Er blickt zuruͤck und ſieht die Seinen fallen, Schnell laͤßt er ab vom Feind, und fliegt mit Mordbegier Durchs laute Schlachtgewuͤhl. Heran, heran zu mir, Laß ab vom Mord des ſchwaͤchern Heeres,— So ruft er laut, hier haſt du mehr Gewinn! Und ſchon von weitem ſauſ't die maͤcht'ge Wuth des Speeres, Der Bote nahen Kampfs, auf unſern Ritter hin. Erſter Geſang. 45 84. Als dieſer noch mit breitem Schilde Sich ſichert, ſtuͤrzt dem Speer ſein Schleud'rer ſchon ſich nach⸗ Und wild, wie Hagel auf's Gefilde Zerſchmetternd rauſcht, ſo trifft er Schlag auf Schlag Des Deutſchen Helm. Doch raſch mit Schwertesſchneide Haͤlt der den Schwung der Art zuruͤck, Zuckt hier und dort den Stahl und ſpaͤht mit ſcharfem Blick, Wo in den Fugen ſich des Feindes Harniſch ſcheide, 85. So kaͤmpfen Luft und Meer, wenn Nacht den Pol verhuͤllt, Und Zwietracht rings auf wilden Stuͤrmen Die Erd' umſchwebt. Lautdonnernd thuͤrmen Die Fluthen ſich empor, und Well' auf Welle ſchwillt; Doch zuckend trifft mit ſichern Flammen Der Blitz den ſtolzen Feind; vom Strahl zer ſchmettert tracht Die Wogenburg und ſtuͤrzt zuſammen, Doch ſchaͤumend hebt ſie hald ſich mit verjuͤngter Macht. Caͤcilie. 86. Indeß nun Beider Kampf ſich immer mehr erbittert, Und ſchon des Daͤnen Blut aus mancher Wunde quillt, Doch auch ſchon ſeine Art den Schild Des tapfern Feindes laͤngſt zerſplittert, Da ſchmilzt allmaͤhlig rings zur ſchauerlichen Ruh Das Schlachtgewuͤhl; kein Nord'ſcher Krieger Entran dem deutſchen Schwert, u. ſtaunend reih'n die Krieger Sich um die Helden her und ſchaun dem Kampfe zu. 87. Ergieb dich! Sieh, ſchon ſanken deine Schaaren! So ruft der Deutſche jetzt, ergieb dich, tapfrer Mann! Du biſt ein wackrer Held und mußt dein Leben ſparen, Drum biet' ich freie Haft auf Ritterwort dir an. Ha, ruft der Daͤne wild, einſt hat in heißen Schlachten Mein Ahnherr Hother ſich an Asgards Heer gewagt, Und ſelbſt vor Mioͤlner nicht gezagt; Drum ſoll auch Skiold den Tod nicht achten. Erſter Geſang. 88. So ruft er zuͤrnend aus und ſtreckt Den naͤchſten Krieger hin, den ſeine Haͤnd' erreichen. Erbittert dringen jetzt, zu neuer Wuth geweckt, Die Deutſchen auf ihn ein, und laut von maͤcht'gen Streichen Erbebt ihm Helm und Schild. Doch gleich dem Donner faͤllt Sein ſchwerer Hamamer rings. Noch raſſelt mancher Hel Zu Boden vor ihm hin; doch iſt von haͤuf'gen Wunden Auch ihm ſchon Muth und Kraft geſchwunden. 89. Da ſtuͤrzt die kuͤhne Prieſterin Vom Felſen ſich herab. Naſch rafft ſie eine Keule Vom Boden auf; ſie fliegt mit Sturmeseile Ins Kampfgewuͤhl. Zwei Krieger ſinken hin, Von ihrer Hand, entſeelt. Den Normann, der zur Erde Schon halb hintaumelt, faͤngt mit ſtarkem Arm ſie auf, Und maͤchtig reißt zum heil'gen Opferheerde Den matten Helden ſie hinauf. 90. Der Deutſche folgt ergrimmt. So ſtuͤrzen Jaͤger⸗Schaaren Der ſtarken Lowin nach, die mit der Beute flieht. Sie nahn; doch ſieh, blitzhelle Flammen fahren Verzehrend von ihr aus. Gleich Ungluͤcksſternen gluͤht Ihr trotz'ger Blick. Mit ungewiſſem Schritte Bebt ſchen der Feind zuruͤck. Und einen lichten Brand Reißt ſie vom Heerd, ſchwingt ihn mit kuͤhner Hand Ums Haupt und ſchleudert ihn in ihrer Feinde Mitte. 91. So ſinke gluͤhend Weh auf eure Schaar hinab! Hohnlachend breite ſich mit naͤchtlichem Gefieder Verderben um euch aus Nie kuͤnd' ein ruͤhmlich Grab, Daß ihr gelebt! Vergeſſen ſinkt hernieder In Helas oͤdes Reich! Kennſt du die Macht der Lieder, Ohnmaͤcht'ges Volk, und meinen Zauberſtab? Noch fleht Thorilde nicht zu unterjochten Goͤttern. Die Macht, die jetzt mich ſchuͤtzt, bald wird ſie euch zer⸗ ſchmettern! 4 Erſter Geſang. 92. Und du, Stolzprangender, der kuͤhn die That erdacht, Dich ſoll zwiefacher Fluch erdruͤcken! Was trotzeſt du mich an? Weh, weh! In deinen Blicken Iſt Tod! Weh, Odin, weh! Wie iſt dem Wurm die Macht, Zerſtoͤrungsblitz dem Staub geworden! Ich ſeh— Schweig!— Kuͤnd o Mund die Goͤtterdaͤmmrung nicht! Doch hoͤre du, was mir dein Blick verſpricht: Fluch, Fluch ſey dir! Den Bruder wirſt du morden! 93. Die Zauberjungfrau ruft's, und bebend ſteht die Schaar, Und ihren Helden ſelbſt ergreift eiskaltes Grauſen. Laut lacht Thorild' und ſtuͤrzt vom ragenden Altar Mit Skiold ſich in die Fluth. Die ſchwarzen Wellen brauſen Um ihren Raub; ein grauer Nebelflor Schwebt ſchaurig um den Zorn der Fluthen, Und eine Woge ſchlaͤgt empor Und loͤſcht guf Hertha's Heerd die heil'gen Opfergluthen, — Anmerkungen. —õ Stanze 12.— Die Zaubernorne ſchlich— Nornen hießen die Schickſalsgöttinnen der nordiſchen Voͤlker. Ihre Namen waren: Uird, Werande und Skuld: Vergangen, Gegenwaͤrtig und Zukuͤnftig. Spaͤter maaßlen ſich aber auch die Wolen,(Prophetinnen und Zauberinnen) den Namen Nornen an. Zur Unterſcheidung von jenen Goͤt⸗ tinnen des Verhaͤngniſſes koͤnnen ſie alſo Zaubernornen ge⸗ naunt werden. S. Abhandlung üͤber die Nornen in Graͤ⸗ ters Nordiſchen Blumen. Stanze 40.— Und Odins Altar ſinkt.— Odin war der hoͤchſte Gott der nordiſchen Voͤlker, die Sonne des Lebens, die Sonne unter den Goͤttern und die Sonne am Himmel, wie Graͤter ihn in ſeinen mythologiſchen Brie⸗ fen nennt. Bragur B. 7. Abth. 2. Pag. 21. Er war Anmerk. zu Caͤcilie, I. Geſang. 51 wie der Jupiter der Griechen das Weſen, welches zuerſt den eigentlich mythiſchen Goͤtterkreis eroͤffnet, da die fruͤ⸗ heren nordiſchen Gottheiten wie die erſten Generationen der griechiſchen Goͤtter nur phyſiſche Ideen verſinnlichten. Daß er eine hiſtoriſche Perſon ſey, ſcheint ziemlich aus⸗ gemacht zu ſeyn. S. Saxo Grammat. Lib. I. p. 13. 14. ed. Klotz. Stanze 49. n Hertha fordert Blut— Hertha, Nordiſch Joͤrdt, die Mutter Erde, oder Rinda, der Erd⸗ kreis, war dn Feſt Gemahlin Odins. Bragur am a. O. Daß Menſchenopfer unter den ſkandinaviſchen Voͤlkern ſehr gewoͤhnlich waren, zeigt ſich uͤberall. S. Saxo Gram. L. III. p. 38. Bartholin. Antiquit. Dan. Lib. II. Cap. VII. p. 389. Lib. III. Cap. III. p. 662. Stanze 50.— Denn als auf Roskilds Hoͤhn— Das Alter der Stadt Roskild reicht in die graueſten Zei⸗ ten. Nach Saxo Gram. Lib. II. p. 37. wurde ſie vor Roe, dem eilften Daͤniſchen Koͤnig, lange vor der chriſtlichen Zeitrechnung erbaut.— Auf's ſchwarze Roß der Wellen.— In Regner Lodbrogs Todesge⸗ ſang Stanze§, heißen die Schiffe ſegelnde Roſſe. So Anmerkungen ſagt ja auch ſchon Homer Odys. IV. 708. von den Schiffen: 88 a*.' dXs Laror AvoͤpdG pigovrar.—— Stanze 51.— Veracktung des Todes war ein Hauptzug im Charakter der nordiſchen Voͤlker.— Schon Tacitus bemerkt, daß die Religion Theil hieran hatte. Annal. XII. 34.„Waͤhrend Caraktatus(der Fürſt der Bri⸗ tamnier) dieſes ſagte, rief ihm das Volk zu: Jeder ſey durch ſeine Religion verbunden, weder vor Waffen noch vor Wunden zu weichen.“ Es war den Skandinaviern ſchimpflich, auf eine nicht gewaltthaͤtige Art zu ſterben. Daher erkaufte ſich auch der beruͤhmte Kaͤmpfer Starkather (eigentlich Starködder) gegen das Ende ſeines Lebens Jemanden, der ihn umbrachte. Saxo Gram. Lib. VIII. p. 235. Wer nicht auf dem Schlachtfelde geblieben war, ruhete in Nifelheim(Rebelheim) im duͤſtern Reiche der Hela(des Todes) in ewiger Vergeſſenheit. Diejenigen aber, die durch das Schwert gefallen waren, kamen nach Walhalla(Halle der Erſchlagenen), dem Sitze des Odin, wo ſie in ewigen Gaſtmaͤhlern und Kaͤmpfen die Genuſſe und Beſchaͤftigungen ihres Lebens wiederfanden. S. Ab⸗ handlung uͤher Walhalla in Graͤters Nordiſchen Blumen. zu Caͤcilie, I. Geſang. 53 Die Walkyren(Todtenwaͤhlerinnen) waren die Goͤttinnen des Todes und der Schlacht, aber nach einer weit edleren Idee, als die Homeriſchen Kaͤren. Sie ritten als reizende Jungfrauen, bewaffnet, in die Schlacht, fuͤhrten die Ge⸗ fallenen nach Walhalla und bedienten ſie dort an Odins Tafel. S. Abhandlung uͤber die Walkyren in Graͤt. Nor⸗ diſchen Blumen. Weillaͤuftig handelt uͤber alle dieſe Ge⸗ genſtaͤnde Bartholin in ſeinem gelehrten Werke: De cau- sis contemtae a Danis mortis. Stanze 534.— Des Wiederhalles Sohn— Wie Son of the feeble hand, Son of the rock, Son of song u. ſ. w. beym Oſſian. Die Skalden pflegten ihre Koͤnige auf ihren Zuͤgen zu begleiten, um ihre Tha⸗ ten nach eigner Anſicht zu beſingen. Stanze 39.— Der Sohn der reinen Magd— In den altdeutſchen Gedichten erhaͤlt die heilige Jungfrau haͤu⸗ ſig den Namen reine Magd: Nu bin ick vro, un ys my wol Wente ick nimmer van dy ſol Geſcheyden werde, von dy Maget reine. Kinderlings Fragmente aus alten deutſchen Schriften, in Adelungs Magazin fuͤr deutſche Sprache. Band 2. Stuͤck 1. 54 Anmerkungen Stanze 60.— Euch hat Idunnas Hand geweiht— Idunna die Goͤttin der Unſterblichkeit, die Gemahlin Bra⸗ ga's, des Gottes der Poeſie und Beredtſamkeit. Stanze 61.— Jene Völker verehren insgeſammt die Her⸗ thus(Hertha), die Mutter Erde und glauben, daß ſie zu den Menſchen herabſteige und unter ihnen wandle. Auf einer Inſel im Ocean iſt ein heiliger See, worin ſich der verhuͤllte Wagen der Goͤttin befindet, der nur von ihrem Prieſter beruͤhrt werden darf. Wenn dieſer merkt, daß die Goͤttin in ihr Heiligthum hinabgeſtiegen ſey, be⸗ ſpannt er den Wagen mit Stieren und faͤhrt damit durchs Land. Ueberall wird die Goͤttin mit großer Freude und Ehrfurcht aufgenommen. Die Kriege ruhen, alle Waffen werden verborgen, bis der Prieſter ſeine Gottheit, wenn ſie der Unterhaltung mit den Menſchen uͤberdruͤſſig gewor⸗ den iſt, in ihr Heiligthum zurückbringt. Dann wird der Wagen, die Decke deſſelben und die Gottheit ſelbſt in einem geheimen See gewaſchen, und die Diener, welche bei dieſem Geſchaͤfte zur Hand ſind, verſchlingt ſogleich der See. Tacit. de morib. Germ. c. 40. Dieſe Inſel haͤlt Muͤnter fuͤr Seeland, Pontanus fuͤr Helgoland, Koſegarten fuͤr Nuͤgen(Koſegartens Rhapſodien B. 2⸗ S. 110.), Suhm fuͤr Fuͤnen. zu Caͤcilie, I. Geſang. Stanze 87.——— Einſt hat in heißen Schlachten Mein Ahnherr Hother ſich an Asgards Heer gewagt Und ſelbſt vor Mioͤlner nicht gezagt. Hother, der vierzehnte Daͤniſche Koͤnig, warb zugleich mit Balder, dem Sohn des Odin, um die Nanna, die Toch⸗ ter des Rieſen Gewar. Zwiſchen beiden kam es zu einer Schlacht. Odin kaͤmpfte nebſt allen übrigen Goͤttern auf der Seite ſeines Sohns und wurde doch von Hother zur Flucht gezwungen. Beſonders furchtbar zeigte ſich in die⸗ ſem Kampfe Thor, der Gott des Donners, bis Hother⸗ ſeinen Streithammer,(Mioͤlner) Zermalmer, zerſpaltete. Zuletzt kam Balder, der Gott, ſogar durch Hothers Schwert um, und ſank, was ſehr ſonderbar ſcheint, in Helas Reich hinab. Damals ſcheint ſich alſo die Idee von Walhalla noch nicht ausgebildet gehabt zu haben. Erſt ſpaͤter wird Balder zu den Goͤttern zuruͤckgefuͤhrt. S. Bar- tholin p. 385. u. ſ. w. Die Erzaͤhlung jenes Kampfs mit den Goͤttern findet ſich beim Saxo Gram. Lib. III. P. 67. Asgard heißt die Reſidenz der Götter(Aſen oder Aeſen). Stanze 92.— Kuͤnd o Mund die Goͤtterdaͤmm⸗ ung nicht.— Die Nordiſchen Voͤlker glaubten, einſt würde das Univerſum und mit ihm die Goͤtter von den 56 Anmerk, zu Caͤcilie, I. Geſang. Feuergeiſtern(Muſpelle) zerſtort werden, und die Guten wuͤrden nach dem Lande Gimle zum hoͤchſten Gott(Allva⸗ dur), die Boͤſen aber zu dem ſchrecklichen Drachen Nid⸗ hoggr nach Naſtrond(Leichenſtrand) kommen. Dieſer Un⸗ tergang der Goͤtter hieß die Goͤtterdaͤmmerung(Ragnarokr). Bartholin p. 590. s—†. und die Fabel von Wafthrudner in Graͤters Nordiſchen Blumen. S. 123. & S⸗ — — — 383 e. Zweiter Geſang. 1. Theit. Zweiter Geſang. 1. Noch ſteht das deutſche Volk erſtarrt am finſtern See, Noch ſcheint der Fluch im Spiel der Wellen Aus ſchwarzer Tief' empor mit heiſerm Laut zu gellen, Und jeder waͤhnt, ſchon ſtuͤrze toͤdtlich Weh Aus dunkler Wolken Schooß. Laßt ab vom feigen Grauen! Beginnt der Ritter jetzt, wir ſtehn in Gottes Hand; Uns trifft kein Fluch, wir wollen dem vertrauen, Der unſern Schritt gelenkt und uns den Sieg geſandt. * 4 Was mir die Zauberin verkuͤndet, Das lenke Gott mit gnaͤd'ger Huld. Noch bin ich rein von blut'ger Schuld, Doch dunkel ſind und unergruͤndet Der Vorſicht Pfade ſtets. Kann Einer unter euch Jetzt ſolcher ſchwarzen That mich werth und faͤhig zeihen⸗ Der tret' hervor: nicht ſoll den Todesſtreich Eh' groͤßre Schuld mich deckt, mein ſund'ger Buſen ſcheuen⸗. 3. Heil, Adelbert, Heil unſerm edlen Herrn! So jauchzt das Volk; das Unheil bleibe fern Von deinem Haupt! Den mag der Fluch vernichten, Der kuͤhnlich uͤber dich zu richten, Dich zu verdammen wagt! Herab, Hernieder mit den falſchen Goͤttern! 1 Zerbrecht den Runenſtein! Tief ſoll im Wellengrab Ihr eigner Opferheerd die Luügenbrut zerſchmettern! 3 Zweiter Geſang. 641 4. Hin ſtuͤrzen ſie; ſchon wankt der Stein, Von ihrer Hand gefaßt, ſchon liegt der Heerd zerbrochen; Er ſtuͤrzt hinab; aufſchaͤumend kochen Die Wellen rings empor; es bebt der alte Hain, Der hoch auf ſchroffen Felſengipfeln Sich um den See mit kuͤhner Woͤlbung hebt; Und horch, ein ſchaurig Saͤuſeln ſchwebt, Wie fernes Geiſterdrohn, in ſeinen dunkeln Wipfeln. 5. Indeſſen tritt an Reinalds Hand Cacilie herbei. Sanft gluͤhen ihre Wangen Von zarter Scham, von jungfraͤulichem Bangen, Und zuͤchtig iſt ihr Blick zur Erde hingewandt. Herr Ritter, fluͤſtert ſie, Ihr ſchuͤtztet unſer Leben, Ihr zeigtet Menſchlichkeit mit hohem Muth vereint. Ich dank' Euch, tapfrer Held, fuͤr mich und meinen Freund, Den beſſern Dank mag Eure That Euch geben. Caͤcilie. 6. Iſt gleich mein Schwert dem Himmel nur geweiht,. Erwiedert Adelbert mit edler Hoͤflichkeit, So konnt' ich nimmer doch die Pflicht ſo ſchoͤn erfuͤllen, Die Gott mir auferlegt. Doch dieſer wackre Held, So faͤhrt er endlich fort, und auf den Saͤnger faͤllt. Sein Blick, hat ſeinen guten Willen Weit kraͤft'ger noch als ich fuͤr Euer Heil bewaͤhrt, Und wohl verdient er es, wenn Euer Herz ihn ehrt. 7. Nur Treue gab mir Kraft, und Großmuth wird mir lohnen, Beginnt, das Zartgefühl Caͤciliens zu ſchonen, Der Saͤnger jetzt. Ich bin der niedrigſte Vaſall Des edlen Fraͤuleins hier, allein wir Alle gaͤben Mit Freuden Gut und Blut und Leben Fur ihre Wohlfahrt hin. Er ſprichts; mit leiſem Hall Verraͤth ein Seufzerhauch, den er umſonſt verhehlte, Daß Ehrfurcht nicht allein ihn juͤngſt im Kampf beſeelte. Zweiter Geſang. 8. Sie ſchaut ihn dankbar an, doch als ihr Blick zugleich Den Ritter trifft, da zuckt ein Fieberbeben Um ihren Mund. O Gott, mein Traum, er tritt in's Leben!! So ſeufzt ſie leiſ' und taumelt matt und bleich In Reinalds Arm. Der kaͤmpft mit Luſt und Leiden, Dies iſt ſein bitterſter, ſein ſchoͤnſter Augenblick. In ſeinem Arme ruht ſein Gluͤck, Es ruht in ſeinem Arm, um ewig dann zu ſcheiden. 9* Der Ritter tritt beſorgt hinzu. Mein edles Fraͤulein, goͤnnt der Ruh' Euch einen Augenblick; ermuntert Eure Sinnen. Euch ſchreckt Erinnrung hier; bald ziehen wir von hinnen. Schon liegt im Port das Schiff bereit; Gern geb' ich bis zum Strand der Sachſen Euch Geleit, Vertraue dann Euch ſichern Freundeshaͤnden, Um in die Heimath Euch, wohin Ihr wollt, zu ſenden. So ſpricht der Held, und ſchuͤchtern weilt Sein Blick auf ihren ſchoͤnen Zuͤgen. So fuͤhlte nie von Schmerz und von Vergnuͤgen Sein Buſen wechſelnd ſich getheilt. Raſch wendet er ſich ab und eilt Zu ſeinen Schaaren hin, die Wallung zu beſiegen. Ihm iſt auf dieſer Welt kein heitres Loos verliehn; Was zarte Liebe beu, das muß er ewig ſiehn. 11. Indeß erhebt wie zum verjuͤngten Leben 3 Das Fraͤulein ſich. Wie iſt ihr Blick ſo licht, 3 Ihr Herz ſo ſtill, ſo voll! Ihr Buſen zittert nicht, Nie darf der Sturm, was Gott geweiht, umſchweben. Allmaͤcht'ger Glaub' und heilge Lieb' umweben Mit klarem Glanz ihr helles Angeſicht; Dem flieh'nden Engel gleich entſchwebt dem niedern Kreiſe Der Weit ihr truntner Blück und laͤchelt ſuͤß und leiſe. —— Zweiter Geſang. 65 12„ So prangt der Roſenkelch, der von der Knosp) umringt, Des Regens Sturm ertrug im feuchten Nebelthale, Wenn jetzt ſein bluͤhnder Schmuck beim erſten heitern Strahle Mit ſehnſuchtsvoller Kraft aus ſeiner Hulle dringt. Vom Rand der Kuospe rinnt das helle Silber nieder In ſeinen zarten Schooß und flammt Im Glanz des goldnen Lichts, und was vom Himmel ſtammt, Der geiſt'ge Duft, erhebt ſich jetzt zum Himmel wieder. 13. So ſteht ſie ſchoͤn und frei vor Reinalds feuchtem Blicke. Gieb mir die Hand, wir muͤſſen ſcheiden, Beginnt ſie jetzt; mich fordert mein Geſchicke; Du darfſt nicht laͤnger fuͤr mich leiden, Nicht laͤnger fruchtlos kuͤhn den Pfad Der wechſelnden Gefahr an meiner Seite gehen. Du haſt ein großes Herz; laß um die kuͤhnſte That, Laß um die ſchoͤnſte mach jetzt nacht vergebens flehen. Caäaͤcilie. 14. Du ſiehſt ja ſelbſt, wie arm ich bin! Ich kann ja nicht, was du gethan, vergelten! O ſey getroſt! Wohnt nicht in ſchoͤnern Welten Ein großer Gott? Zu ihm mit frommem Sinn, Laß uns zu ihm den Blick, den Geiſt zu ihm erheben, Der Licht dem Sonnenkreis, dem Herzen Liebe giebt. Dir wird er Troſt und mir Verzeihung geben, Daß ich ſo lang, ſo bitter dich betruͤbt, 15. Vergiß mich, armer Freund, vergiß die Undankbare. Wohl wird es weh mir thun, doch nicht darf laͤngre Qual Fuͤr mich dein Herz——— o nein, vergiß mich nicht, bewahre In treuer Bruſt den heil'gen Strahl! O ſieh mich an, ſchwimmt nicht in heitrer Milde Mein ſel'gerGeiſt? Nie wird der Traum der Sehnſucht mein; Doch ewig haͤngt mein Herz am heiß geliebten Bilde. Die Lieb' iſt ſuͤß; auch du wirſt gluͤcklich ſeyn! — Zweiter Geſang. 16. Wohlan, es ſey! Ich will auch das dir ſchenken; Ruft Reinald aus; nicht ſoll mein ſtummer Gram Dein heil'ges Herz mit ird'ſcher Sorge kraͤnken. Der Gott, der dich, der alles Gluͤck mir nahm, Er wird mir Kraft verleihn. Ich will in Luſt mich kleiden, Und laͤcheln ſoll mein naſſer Blick, Wenn er zu dir ſich hebt. Ich will an deinem Gluͤck, Wie an dem letzten Strahl der Sterbende, mich weiden. 17. Und wenn auch fern zu fliehn dein Wille mir gebeut, Ich widerſtrebe nicht. Leicht wird ſich ja des Armen Ein dunkler Hain, ein ſtilles Thal erbarmen, Das friedlich ſeinen Schutz der kranken Bruſt verleiht. Dort ſoll dein ew'ger Reiz in meinen Liedern bluͤhen. Die Blumen, die du einſt geliebt, Will ich wehmuͤthig dort mit zarter Sorg' erziehen, Und jeden Traum umfahn, der dich mir wiedergiebt. ⸗ Czeilie. 18. . Indeß hat ſchon zur weitern Fahrt ſich wieder Die deutſche Schaar gereiht. Ihr Fuͤhrer tritt hinzu, Sein Bufen bebt, er ſenkt die Augen nieder, Indeß erroͤthend zwar, doch mit geweihter Ruh Das Fraͤulein ihn empfaͤngt. Sie ſehn ſich an und ſchweigen, Und Beiden ahnt der Anbeginn Schmerzreicher Tage ſchon; doch mit getroſtem Sinn Schwoͤrt Jeder dem Beſchluß des Himmels ſich zu beugen. 19 ⸗· Jetzt laßt uns ziehn, wenn's Euch gefaͤllt, Die Krieger ſtehn bereit, beginnt der deutſche Held; Auch Euch wirds lieber ſeyn nicht laͤnger hier zu weilen. war wird die Nacht uns auf dem Meer ereilen, h beſſer iſts, von wilder Fluth umrauſcht, Im offnen Kampf dem Sturm zu widerſtreben, Als hier, wo ſtill der Trug feindſelꝛger Maͤchte lauſcht, Vor tuͤckiſchem Verrath, der heimlich ſchleicht, zu beben. 0 Doch Dod 1 Zweiter Geſang. 69 20. Das Fraͤulein beut den Arm ihm dar, Sie gehn; es folgt die Schaar im blanken Waffenkleide, O welch ein Sturm, welch eine Stille war Jetzt in des Ritters Bruſt! Wie war von zartem Leide Sein Blick ſo feucht, wie war ſein Blick ſo klar Vom Glanz der reinen Luſt! Wie ſchmiegte leiſ um Beide, Gleich duft'gem Mondenlicht und fernem Harfenlaut, Die heil'ge Sehnſucht ſich, des Glaubens keuſche Braut! 21. Der Saͤnger folgte ſtill von weiten Dem Zuge nach. Das Harfenſpiel Des Skalden, der im Kampf fuͤr ſeine Bruͤder fiel, Umfaͤngt ſein Arm. Bald regen laut die Saiten Ihr zitternd Gold, bald ſchmilzt wie Weſteswehn der Klang. Er klagt nicht mehr; ihm iſt's als ſaͤngen ferne Lieder Ihm weiche Ruh' in's Herz, und ſtill zum Untergang Der Sonne ſchaut ſein Blick mit feuchtem Laͤcheln nieder. — Schon ſenken ſich die wald'gen Hoͤhn Dem Meere zu; ſchon ſieht die Schaar am Strande In farb'gem Spiel die bunten Wimpel wehn. Schnell iſt das Schiff bemannt und treibt hinweg vom Lande Mit munterm Ruderſchlag. Bei ſeinen Gaͤſten ſitzt Der deutſche Paladin, und in den letzten Strahlen Des heitern Sonnenlichtes blitzt Zur Labung goldner Wein in leuchtenden Pokglen. 23. Indeß der Schimmer nun auf rother Fluth verglimmt, Aus fernem Meer die Sterne freundlich tauchen, In mattem Glanz die Stille Woge ſchwimmt Und duft'ge Kuͤhlung ſchon der Daͤmmrung Fluͤgel hauchen, Erzaͤhlt der deutſche Held, wie er, die ſtolze Macht Der frechen Naͤuber zu bekriegen, Den Wellen ſich vertraut, und wie nach manchen Zuͤgen Sein guter Engel ihn an Hertha's Strand gebracht⸗ Zweiter Geſang. 71 24. Zwar muß ich bald mich von Euch trennen, So faͤhrt er ſeufzend fort; mich bindet eine Pflicht, Die Gott mir auferlegt; das darf ich nimmer kennen, Was ſchmeichelnd oft zu meinem Herzen ſpricht. Ihr, ſchoͤnes Fraͤulein, koͤnnt ein Gluͤck mir noch vergoͤnnen, Ich bin an Gluͤck nicht reich!— Vergeßt zu bald mich nicht! Zwar hab' ich nichts zu fordern mehr am Leben, Doch koͤnnte dies, dies Einz'ge, Troſt mir geben. 25. Er ſpricht's. Sie ſchweigt, doch faͤllt ein Blick auf ihn, Der alles lindern kann und jedes Leid verguͤten, In welchem Scham und Huld und alle Wunderbluͤthen Des heiligſten Gefuͤhls mit ſtillem Zauber bluͤhn. Ach, ſolch ein Blick bezaͤhmt das gluͤhendſte Verlangen, Macht jeden Sturm und alle Sorgen ruhn; Verzweifeln kann der nie und nimmer Suͤnde thun, Wer einmal nur ſolch einen Blick empfangen. O Strahl der Seligkeit! Du heil'ger Harfenlaut, Wenn zart der tiefſten Bruſt geweihte Saiten koͤnen! Du Himmel des Gefuͤhls, woraus verklaͤrtes Sehnen und Mild' ins bange Herz und Luſt herniederthaut! Du reiner Quell, worin das ew'ge Streben Der keuſchen Fantaſie die bunte Welle regt, Du wunderbarer Blick, wie hat dein ſtilles Leben Mein tiefſtes Herz ſo oft geheimnißvoll bewegt! 27. Indeß hat ſchon der Mond die weiten Meeresfluthen Mit fluͤcht'gem Zauberglanz erhellt. 9 Der Luͤfte kühler Hauch und Meer und Himmel ruhten, Und fuͤr die Traͤume wob die Nacht ihr daͤmmernd Zelt. Schon ſank zum Schlaf die muͤde Schaar hernieder, Das Fraͤulein traͤumte ſchon im ſchwankenden Gemach⸗ Und friedlich gaukelte auf leiſem Wellenſchlag Des Lebens ſanftes Wehn mit ſtillerem Gefieder. 28. Zweiter Geſang. 73 28. Da blickte von des Schiffes Rand Der Saͤnger fern hinaus. Mit weichen Zauberſchwingen Umſaͤuſelt ihn die Ruh. Was ſeine Bruſt empfand, Das ließ ſein irrend Spiel auf leiſen Saiten klingen. Wie war ſein Herz ſo klar, ſo groß,— Wie fuͤhlt' er freundlich ſich von heil'ger Luſt unfclungen! Ein heitrer Strahl aus dunkler Wolken Schooß, ni Entſchwang ſein Lied ſich durch die Daͤmmerungen: 29. Ihr ſchwebt ſo leiſ' in lauer Nacht, Ihr Wellen, durch die duft'ge Ferne,. Und hold in blauer Tiefe lacht Das zarte Liebesbild, das Bild der goldnen Sterne. Doch ſchaͤumend hebt ihr jetzt die Fluth Und ſtrebt zum Himmel auf mit wildem Sehnſuchtskiabe. O truͤbt es nicht, das Bild, das euch im Schooße ruht! Heiß iſt der Sehnſucht Kampf, doch ſuͤß die ſtille Liebe. I. Theil. 8 Wohl irrt' ich duͤſter einſt und wild, und Ruhe durft' ich nimmer finden. Mich reizt' ein tief verhuͤlltes Bild, Doch was der Schleier barg, das konnt' ich nicht ergruͤnden. Da trat es leuchtend vor mir hin, Daß ſich zu ſeinem Glanz mein zweifelnd Aug' erhuͤbe, Und ſelig ward mein Herz und ſprach mit glaͤub'gem Sinn: Heiß iſt der Sehnſucht Kampf, doch ſuͤß die ſtille Liebe. 31. Doch duͤſt ver ſchwebte jetzt um Hertha's heil'gen Strand Die truͤbe Nacht. Graunvolle Wolken drohten Verhaͤngnißvoll hoch von der Felſen Rand, Und heulend wandelten des nah'nden Zaubers Boten, Die Woͤlfe, durch den Wald. Dumpf ruhten Luft und Meer, Unholde grinsten rings aus blaſſen Nebelduͤften, Und achzend ſtahl in todten Luͤften Der ſcheue Tanz der Geiſter ſich umher. Zweiter Geſang. 75⁵ 32, Ein ſtarres Schweigen lag rings auf dem Schlachtgefilde, Nur ſeufzte leiſ' am Strand die heil'ge Fluth empor. Rings draͤngte durch den duft'gen Flor Der Mond ſein truͤbes Licht; und Panzer, Helm' und Schilde Umwob ein bleicher Glanz. Vermaͤhlt mit grauſer Ruh Lag hier des Kampfes Bild in regungsloſem Drange. Nur Geyer wachten noch, und ziſchend ſchlich die Schlange Dem kalten Leichenmahle zu. 33. Horch, da beginnt's im See zu leben; Es rauſcht empor; in weiten Kreiſen weicht Die Wog' an's Land zuruͤck; Thorild' und Skiold erheben Sich aus der offnen Fluth. Stumm ans Geſtade ſteigt Das duͤſtre Paar, doch ungebeugt Scheint trotziges Vertraun auf ihrer Stirn zu ſchweben, Und ſchweigend ſinkt auf's offne Grab Der muth'gen Daͤnenſchaar ihr finſtrer Blick hinab. 8* Caͤcilie. 34. Da ruht ſie jetzt, beginnt mit dumpfem Tone Der Nord'ſche Held, da ruht die tapfre Schaar, und netzt mit eignem Blut, dem ſtolzen Feind zum Hohne, Den hingeſchmetterten Altar. Kein Jaͤger ſpaht auf weiter Haide Nach ihrem hohen Grab und hoͤrt das Lied der Schlacht Um ihren Huͤgel nahn, und lieſ't mit ſtolzer Freude, Was ſeine Vaͤter einſt vollbracht. 35. Du treues Volk, wie hat in heißen Tagen So oft dein ſtarker Arm die Nord'ſche Kraft bewaͤhrt, und weit die Banner Stiolds und ſeinen Ruhm getragen, und deines Koͤnigs Schlacht durch kühnen Muth geehrt! Du Heldenſchaar, die manchen Thron erſchuͤttert, Kalt liegſt du jetzt, der gier'gen Wolfe Raub, und hoͤhnend fuͤhrt der Sturm den namenloſen Staub Zu fernen Ufern hin, die einſt vor dir gezittert. Zweiter Geſang. 77 36. Warum hat mich dein Arm erweckt Zum Anblick meiner Schmach? Warum, gewalt'ge Norne, So faͤhrt er wilder fort und blickt mit finſterm Zorne Thorilden an, warum hat Schande mich befleckt Durch deines Zaubers Zwang? Soll in der Heimath Hallen Ich ſchimpftich ruhn, indeß der Nord'ſche Mann Lauthoͤhnend ruft: Fuͤr Stiold ſind ſie gefallen, Die Tapferſten, doch Skiold entrann! 4 37. Schweig, Thor, beginnt mit finſterm Blicke Thorilde; richte nicht vor ſterblichem Gericht Den Zwang der ewigen Geſchicke. Ob dir zum Schmerz, ob dir zum Gluͤcke Ihr Lied die Zaubernorne ſericht; Gehorſam iſt dir noth, und Zuͤrnen fruchtet nicht. Waͤhnſt du, ich haͤtt⸗ umſonſt tief in den Felſenſpalten Des nie erforſchten See's dein Leben dir erhalten? Caͤcilie,. 38. Soll ungeraͤcht, befleckt vom Feindesſchwert, Der eignen Kinder Blut der heil' ge Boden trinken? Soll in der Goͤttin See ihr eigner Opferheerd, Beſiegt von Menſchenhand, die Macht der Goͤtter ſinken? Ein grauſes Schickſal naht; noch ſchlaͤft's in finſtrer Nacht⸗ Auf, auf, eh flammend es erwache! Es gilt fuͤr dich, fuͤr mich, fuͤr Odin gilt die Schlacht, Die Pflicht ermahnt, und wuͤthend ſpornt die Rache! 39. 8 Ich liebe dich! Nie nahte Liebe mir; Jetzt lieb' ich dich mit ungezaͤhmten Gluthen. Dir folg' ich nach durch Land und Fluthen, Durch Sturm und Nacht und Kampf, zum Tode folg' ich dir! Du ſollſt mein Raͤcher ſeyn, ſollſt die Goͤtter raͤchen! Sey ſtark, mein kuͤhner Heid! Dein harr't ein großer Schwur. Der Feinde Trotz, du ſollſt ihn brechen, und ſterben, wenn es gilt, doch mit Thorilden nur! Zweiter Geſang. 79 4⁰. So ruft ſie aus, und ihre Blicke ſpruͤhen Helllodernd Lieb' und Haß. In wilder Groͤße ſteht Die hehre Jungfrau da; des Zorns Gewoͤlk' umziehen Todkuͤndend ihre Stirn; der Rache Sturm durchweht Gewaltig ihre Bruſt, und herrlich, im Vertrauen Auf ſich und auf den Gott, der ihren Muth belebt, Legt ſie die Recht' aufs Herz und hebt Die Linke kuͤhn empor durchs finſtre Nebelgrauen. 41. So flammt ein leuchtend Meteor Am Nord'’ſchen Himmelsſaum aus truͤber Nacht empor. Rings daͤmpft ein hellverklaͤrter Schleyer Des Glanzes blendend Licht, doch ſpruͤhn mit regem Feuer Gluthſtrahlen rings hervor. Raſch, wie ein ſchaͤumend Meer, uUnd bunt im Farbenglanz wogt's um den Himmel her, Und furchtbar jetzt, jetzt herrlich anzublicken, Erweckt es Zagen bald, bald ſchauriges Entzuͤcken. 4². Ha, kuͤhnes Weib! Heil uns, wir ſind geraͤcht! Ruft Skiold erfreut; dich ließ ein Gott mich finden! Mit Starken ſoll der Starke ſich verbinden, Daß hoch ein tapferes Geſchlecht Nachwandle ſeinen Pfad. Nimm mich! Ich bin dein eigen. Und meine Schwuͤre, nimm ſie hin! Nie weich' ich ab von dir, nie ſoll mein ehrner Sinn In fremder Goͤtter Joch dem fremden Volk ſich beugen, 43. Ihr Aaſen, die ihr hell in Asgards Hallen wohnt, Held Odin, heil'ges Licht der Goͤtter, und Tyr, du in der Schlacht ein blitzeſchleudernd Wetter, Und du Zerſchmetternder, der hoch auf Donnern thront, Jungfraun der Schlacht, vernehmi's, ſtreitkundige Walkyren, Und Skulda grab' in ew'gen Fels den Schwur: Fuͤr euch, fuͤr's Vaterland und fuͤr Thorilden nur Soll Stiold die maͤcht'ge Lanze fuͤhren. Zweiter Geſang. 841 44. Er ſchwoͤrt's. Sie bietet ihm die Hand, Und feſt umſchlingt er ſie. Die kuͤhnen Herzen ſchlagen Laut an einander ohne Zagen, und gegenſeit'ge Kraft iſt ihrer Treue Pfand. Sie wollen kaͤmpfen, ſtehn und wagen, Ein Herz, Ein Leben ſeyn; ihr Muth will kuͤhn das Band Der ew'gen Schickſalsmaͤchte brechen, Beſchirmen ihren Stamm und ihre Goͤtter raͤchen. 45. Jetzt hoͤre, was ſchon laͤngſt die Sterne mir vertraut, Beginnt die Prieſterin; bald wird um Lethra's Zinnen, Wo Haralds Koͤnigsburg von Felſen niederſchaut, Des Kampfes wilder Sturm beginnen. Verderben naht, in duͤſtern Sternen draͤut's; Schwarz ziehn am Nord'ſchen Pol Gewitter ſich zuſammen, Und freundlich naht ein leuchtend Kreuz Vom Suͤden ſich heran und zuckt in rothen Flammen. 46. Dort bluͤht, mit maͤcht'ger Kraft begabt, Ein heil'ger Roſenkelch in Lethra's Tempelhallen. Nie kann der Daͤnenſtamm und nimmer Odin fallen, So lang ſein Volk an dieſem Duft ſich labt. Ihm naht ein Jeder ſich mit Zagen, Weil den, der ihn beruͤhrt, des Todes Pfeil erreicht. Doch kuͤhnem Sinn wird jeder Frevel leicht, und was die Furcht verbent, das kann der Wahnſinn wagen. 47· Dorthin, wo die Gefahr mit nah'nden Blitzen droht, Dorthin geht unſer Pfad, dort iſt Vertheid'gung noth; Dort wollen kuͤhn wir ſtehn und Odins Tempel ſtuͤtzen, Die Saulen ſeiner Kraft, und vor dem Tode nicht, dur vor der Schande ſliehn; des Glaubens heil'ges Licht Soll dort verzehrend rings von Schwerdt und Lanze blitzen, Das edle Kleinod zu beſchuͤtzen, Womit der ew'ge Ruhm der Daͤnen ſich verflicht. Zweiter Geſang. 85⁵ 48. Doch erſt ſoll volle Rach' uns letzen An jener deutſchen Schaar. Wohl wird ihr Fuͤhrer fliehn; Denn dunkle Schickſalsmaͤchte ziehn Um ihn den heil'gen Kreis. Doch ha, bald ſtürzt Entſetzen Vernichtend auf ihn hin, wenn er die blut'ge That, Die ich ihm droht', erfuͤllt. Jetzt geh; im Nebelgrauen Ziehn Geiſter ſchon umher. Des Zaubers Stunde naht, Kein ſterblich Auge darf die duͤſtre Feier ſchauen. 49. Er geht. Sie bleibt in öder Nacht zuruͤck. Ihr Athem eilt, die raſchen Pulſe ſtreben Gewalt'ger ſchon empor; verderblich rollt ihr Blick; Und trunkner Wahnſinn ſcheint durch jedes Glied zu beben. Sie ſtampft den Grund mit lautem Schritt Und ſtreckt den maͤcht'gen Stab hinaus zu allen Winden Mit murmelndem Geſang. Die bleichen Sterne ſchwinden, Die Woge bebt, die Felſen beben mit. 50. und Kraͤuter hauft ſie jetzt und morſch Gebein zuſammen Auf gluͤhndem Zauberheerd und netzt mit eignem Blut Den regen Kampf der bunten Flammen, und blaͤulich ziſcht und kocht und ringelt ſich die Gluth. und als die Flammen jetzt mit matterm Glanz erbleichen, Und truͤber Dampf die ſchwache Gluth umgraut, Bedraͤut ſie rings die Daͤnenleichen Mit hochgeſchwungnem Stab und ruft mit dumpfem Laut: 51. Erwacht! Erwacht! Euch ruft Thorilde. Noch einmal fuͤllt des Koͤrpers ſtarren Raum, Ihr Geiſter, aus; erſteht, hohlaͤugige Gebilde, und fuͤhllos huͤllt und bleich euch in des Lebens Traum! Um euern Schild ſey kaltes Grauſen, Um euern Helm Gevitternacht, Um euern Pfad der Stuͤrme Brauſen! Thorilde ruſt, erwacht, erwacht, erwacht! Zweiter Geſang. 85 52. Und graͤßlich raſſeln rings die Waffen, Und zoͤgernd folgt die Schaar dem trotzigen Gebot. Noch einmal rinnt ihr Blut; die breiten Wunden klaffen. Sie ſtehn empor, doch ſtarrt in ihrem Blick der Tod. und traͤumend ſchwanken ſie und tragen Die ſchweren Glieder kaum. Matt an den Einen lehnt Der Andre ſich, und zuckend ſchlagen Sie Schild an Schild; ihr hohler Buſen ſtoͤhnt. 53. Und jetzt zum dunklen Luftgefilde Hebt ſich der Jungfrau Stab, und ſchaurig toͤnt ihr Lied: Herab, herab, dich ruft Thorilde, Du ſchwarze Wolke dort, die ſchwer uriberzieht Mit Blitzen flammend komm, von Donnern hoch geſchwollen⸗ Auf dir ſey Tod! Tief öffn' ein weites Grab Den duͤſtern Schlund, wo deine Wogen rollen! Thorilde ruft, herab, herab, herab! 54. Da ſenkt die Wolkenburg ſich ſchwarz und ſchwer hernieder, Es heult im Wald, der Stamm der Eiche kracht, und kaͤmpfend ſpielt's mit dunklem Luftgefieder Um Fels und Hain und wogt in reger Nacht. Es ſeufzt im See, gewalt ge Wetter ringen Mit ſeiner Fluth, die Blitze ſchwingen Zerſchmetternd ſich durch laute Donner hin, und leuchtend prangt im Glanz die kuͤhne Zauberin. 55. und jetzt zum See, wo hoch die wilde, Die droh'nde Woge ſchaͤumt, ſenkt ſich der Herrſcherſtab: Empor, empor, euch ruft Thorilde, Erwacht im feuchten Wellengrab, Ihr Kinder gift'ger Brut, die Regner einſt erſchlagen, Taucht langgeſtreckt aus ſchwarzer Fluth hervor! Thorilde heiſcht den ſchnellen Zauberwagen; Thorilde ruft; empor, empor, empor! Zweiter Geſang. 37 56. Horch, da beginnt's ſich tief im See zu regen, Unbaͤndig ringt's ſich in die Hoͤh, Die Wog' erbebt von unſichtbaren Schlaͤgen, Und Flammen ſpeit und gift'gen Dampf der See; Und grimmig waͤlzen jetzt zwei große Ungeheuer Sich aus der Fluth, die mit Gebraus Sich um ſie hebt, und ſpruͤhn das langgehemmte Feuer Auf's feindliche Gewuͤhl der ſchwarzen Wellen aus. 57. Vom Gift iſt hoch der gelbe Bauch geſchwollen, Mit hartem Schuppenkleid der Ruͤcken rings bedeckt. Auf baͤumt ſich kuͤhn das Haupt, in tauſend Kreiſe rollen Sie Hals und Leib; die ſpitze Zunge ſtreckt Gifttraͤufelnd weit ſich aus. Thorildens Zauberwagen Schließt ſich an ihren Schweif mit eh'rnen Banden an, Und wild begehrt das wuͤthende Geſpann, Die leichte Laſt dahin durch Luft und Meer zu tragen. „ 58. Es koͤmmt zum Strand empor am zackigen Geſtein, Und um den Wagen ſchmiegt ſich dicht die dunkle Wolke; Thorildens Stab gebeut dem bleichen Geiſtervolke, Zum grauſen Zuge ſich um ihren Sitz zu reihn. Und grinſend nahn die blut'gen Schaaren, Rauh raſſelt rings der roſt'ge Stahl um ihre Glieder her, und zuckend laͤßt der Strahl Des Grabes ſtarren Froſt in jedem Zug gewahren. 59. Jetzt raſe, Sturm! Ihr Toͤchter Aegirs, naht⸗ Im wilden Tanz durchtobt den Schaum der Welle! Hoch hebe, Kolga, dich, und, Hinninglaͤffa, ſchwelle! Laut beb' um euern Schritt der Woge rauher Pfad! Nicht bettet ſanft, wenn eure Opfer ſinken, Sie in der Mutter Schooß; zerſchmettert tief im Meer An Klippen Stirn und Bruſt, ihr kaltes Blut zu trinken! und raſtlos treib' im Sturm ihr morſch Gebein umher! 60. Zweiter Geſang. 89 60. Um meinen Pfad ſey Grau'n, und unter mir Verderben! Raſch zuͤngle, Blitz, aus meiner ſtarken Hand! Worauf mein Blick ſich ſenkt, das muß verzagend ſterben, Mein Hauch iſt Qual und dunkel mein Gewand, Mein Wagen ſoll mit ſchwarzem Blut ſich faͤrben, Zermalmen ſoll ſein Rad der Panzer eh'rnes Band! Beginnt den Schlachtgeſang, hohlaͤugige Gebilde! Thorilde zieht zum Kampf, auf Wettern thront Thorilde. 61. So ruft ſie aus, und, horch, die finſtre Schaar beginnt Ein Lied der Nacht, ein graͤßlich Lied zu heulen, Wobei in kuͤhnſter Bruſt das ſtarre Blur verweilen, Das Herz zerſpringen muß. So ſaust der hohle Wind Im oͤden Schutt verfallner Truͤmmer, So windet grauſenhaft durch ſchwarzer Naͤchte Flor Bald bang, verzweifelnd bald, ein fernes Klaggewimmer Aus Marterkammern ſich empor. I. Theil. 1 9 62. Auf, auf, nicht laͤnger darf die blut'ge Rache zaudern! Geliebter, komm, das dunkle Werk gelang! So toͤnt Thorildens Ruf; der Daͤne naht mit Schaudern, Doch ſtaͤrkt ein kraͤft'ger Zaubertrank Ihm Herz und Glieder bald. Das Paar beſteigt den Wagen⸗ Die Wolk' erhebt mit ihrer Herrſcherin Sich hoch empor, und raſch, vom Sturm getragen, Schwimmt uber Wald und Fels ſchwarzrollend ſie dahin. 63. Wie beben rings die Hoͤhn, wie brechen Des Waldes Haͤupter jetzt, wie rauſcht das duͤrre Laub Im Wirbelwind umher, wie ſtuͤrzt in Feuerbaͤchen Der rothe Blitz ſich auf den ſichern Raub! Wie raſ't die Wog empor und trotzt den droh'nden Wettern! Wie bricht ſie krachend hin! Wie ſenken grau und ſchwer Die Hagelſchauer ſich und peitſchen und zerſchmettern Mit wildem Geißelſchlag das ungezaͤhmte Meer! ,— Zweiter Geſang. 91 64. Es pfeift und ſaust und heult und kracht und wuͤthet. Blitz kaͤmpft mit Blitz, die Fluth verſchlingt die Fluth; Aufwogend thuͤrmt die Nacht ſich um die Gluth, Auf Donnern thront der Tod. Der Zwietracht Hohn gebietet Von Stuͤrmen laut herab; in rothem Feuer brennt Der Wellen ſchwarzer Kampf; die Woge ſchlaͤgt den Himmel, Der Himmel ſinkt auf's Meer, und keine Grenze trennt Jetzt Luft und Fluth und Land im raſenden Getuͤmmel. 65. Wer hat euch Kraft, wer euch die ehrne Bruſt verliehn, Ihr Schrecklichen, die ihr den raſchen Wagen Mit ſtummem Ernſt und ohne Zagen Durch dies Verderben lenkt? Feſt thronet ihr und kuͤhn, Ihr Koͤnige der Nacht! Weit reißt das wilde Grauen Den Rachen um euch auf; ihr zittert nicht zuruͤck. Hoch ſchlaͤgt im Sturm das Herz, und gluͤhend ſtrebt der Blick, Das Ziel der Rache nur und nur den Feind zu ſchauen. 9 66. O fliehe, Schiff, das Deutſchlands Helden traͤgt, Weit, weit hinweg zu friedlichen Geſtaden! Schon naht der Sturm, ſchon rauſcht auf wilden Pfaden Die Fluth zu dir heran und ſchlaͤgt Gewalt'ger ſchon den Port! Des Schiffers Blicke ſtieren Vom Grau'n gebannt der nah'nden Wolke zu, und jach, entſchreckt der füßen Ruh, Beginnt ſich rings das Volk in banger Haſt zu ruͤhren. 6„%. Der zieht die Segel ein; der klimmt am ſtraffen Seil Zum Maſt empor; der ſucht umſonſt, das Schiff zu lenken; Der haͤlt des Ankers ſpitzen Pfeil In ſeiner Hand bereit, ihn in den Grund zu ſenken; Der wirft ins hochgeſchwollne Meer Die ſaly'ee Fluth zurück; der ſucht den Leck zu daͤmpfen; und jener greift nach Schild und Speer, Ab koͤnne Menſchenkraft mit Sturm und Woge kämpfen⸗ Zweiter Geſang. ₰ 93 68. Hoch, wie ein Gott, mit Kraft und Ruhe geht Held Adalbert umher und trotzet den Gefahren Und ordnet und ermahnt. umſonſt; ſein Ruf verweht Im lauten Sturm, und Schreck betaͤubt die Schaaren. Doch ruhig, wie ein Heil'genbild, Sieht man bei Blitzesglanz das zarte Fraͤulein ſitzen, Und fruchtlos ſucht mit breitem Schild Vorm Sturm und Regenguß der Saͤnger ſie zu ſchuͤtzen. 69. Und hoͤher tobt die Wog' empor; Die ſchwarze Wolkenburg droh't laſtend uͤberm Schiffe; Der Himmel ſchließt ſich zu; tief gaͤhnt des Abgrunds Thor Und zeigt am Grund des Meers die ſpitzen Felſenriffe. Sieh', eine Wog' erhebt mit ungeheurem Schlag Sich auf's Verdeck und reißt mit droh'nder Schwere Den Saͤnger fort! Er ſinkt; und eine Wehmuthszaͤhre Sinkt aus dem frommen Blick Caͤciliens ihm nach. O Gott, o großer Gott! ruft mit gepreßtem Tone Der deutſche Held; wenn unſre Suͤndenſchuld Uns fordert, nimm uns hin! Nur jene dort verſchone, Die Heihge dort, die ſtill mit glaͤubiger Geduld Auf deinen Arm vertraut! und raſch zu ihren Fuͤßen Sinkt er dahin: O bete du, Du ſelbſt fuͤr dich; dir hoͤrt der Himmel zu; Du biſt von Suͤnden rein! Nur uns allein laß buͤßen! 71. Er fleht umſonſt. Der unerforſchte Rath Der Vorſicht waltet hoch auf Stuͤrmen; und lauter heult der Wind, und immer hoͤher thuͤrmen Die Wogen ſich empor, und immer tiefer naht Die Wolke ſich herab. Sie birſt mit lautem Krachen. So ſpringt der Hoͤlle ſchwarzes Thor; Und grauſend baͤumen jetzt die ungeheuren Drachen Mit ihren Herrſchern ſich aus finſterm Duſt hervor. Zweiter Geſang. 95 72. Und nieder ſinkt das Volk mit graͤßlichem Verzagen. Nur Adalbert erhebt den tapfern Blick; Den letzten Kampf, er will ihn kuͤhnlich wagen; Er ſchwingt den Speer. Doch in die Fluth zuruͤck Treibt ſpottend ihn der Sturm. Mit dumpfen Grabestoͤnen Beginnt die Geiſterſchaar den heulenden Geſang. Die bleiche Lippe grinst, und ihrer Schilde Klang Scheint rauh den ſchwachen Feind zu hoͤhnen. 73. Hohnlachend ruft die Jungfrau jetzt hinab: Erkennſt du mich, Ohnmaͤcht'ger, fruchtlos Kuͤhner? Verachteſt du noch jetzt der Rache ſchnelle Diener, Wenn Hertha zuͤrnt, der Norne maͤcht'gen Stab? Fahr hin! fahr hin! Dich ſtreckt Thorilde nieder. Wenn auch dein Gott dich jetzt dem Tod entrafft, Noch hat mein Arm, mein Zauder Kraft; Dir ſchwoͤr' ich ew'gen Kampf! Fahr' hin! Du ſiehſt mich wieder! Sie ruft's, und ſchwingt in kuͤhner Hand Das flammende Geſchoß, und rothe Blitze ſchmettern Auf's Schiff herab. Hoch ſteigt in grauen Wettern Die Gluth empor, und flackernd laͤnft der Brand Von Bord zu Bord. In raſchem Fluge Rollt jetzt der Wagen fort; die maͤcht'gen Schweife ſchwingt Im Fliehn das Drachenpaar; laut kracht in jeder Fuge Das ſchwergetroffne Schiff, und jede Feſſel ſpringt. 75. Da faßt im letzten Augenblicke, Als rings die Fluth, die rege Flamme droht, Der Held Caͤcilien und hebt die naſſen Blicke Zu Gott empor und ruft im Drang der heißen Noth: O ſchuͤtze du, o rette, gnaͤd'ger Himmel, Was ich nicht retten kann! Und horch, dumpfkrachend ſinkt Das Schiff hinab, und mit dem Fraͤulein ſpringt Voll glaͤubigen Vertrauns der Held ins Fluthgetuͤmmel. Anmerkungenu. Stanze 38.— Beſiegt von Menſchenhandd die Macht der Goͤtter ſinken.— Die Skandinaviſchen Voͤlker vertrauten auf die Allmacht und Unbezwinglichkeit ihrer Goͤtter eben nicht ſehr. Das beweiſen ſchon die ewi⸗ gen Kaͤmpfe der Goͤtter mit den Rieſen, wobei die erſtern nicht ſelten zu kurz kamen. Vergl. das Geſpraͤch Harbard in Graͤters Nordiſchen Blumen, und Edda, Fabel 38 und 41. Daß uͤberhaupt ungebildete Nationen die Kraft der Menſchen der goͤttlichen Allmacht entgegenſetzten, ſieht man ſchon aus dem Homer an vielen Stellen. II. V. 383— 415. 336. 836. VI. 131. 359. Stanze 41.— So flammt ein leuchtend Meteor. — Der Nordſchein, der am nördlichen Himmel eine ſehr gewoͤhnliche Erſcheinung iſt, gleicht oft ganz dieſer Be⸗ ſchreibung. Anmerkungen oder Aſen heißt der juͤngere der nach der Vorrede zur Edda ſcher Chronik aus Aſiaten be⸗ ſtand, die vor den Waffen des Pompejus in die nordiſchen Gegenden entflohen und ſich dort religibſe Verehrung zu verſchaffen wußten. Tyr, der Sohn Odins und der Frigga, der ſtärkſte unter den Goͤttern.— Und du Zerſchmei⸗ ternder— Thor, der Gott des Donners. Von ihm heißt es in der Edda: Die Felſen krachten, Flammend brannte die Erde, Als Odins Sohn Nach Jöturheim fuhr. (Joͤturheim, das Land der Rieſen, Jötunnen). Sk die Norne der Zukunft. Stanze 45.— Bald wird um Lethras Zinnen— Wo Heralds Koͤnigsburg— Lethra war die uralte Reſidenz der daͤniſchen Koͤnige, die Rolvo, der dreizehnte deutſche Köͤnig, erbaut hatte. Saxo gramm. II. p. 39. Harald Blaatand, der 50te Koͤnig in Daͤnemark, wurde von dem Kaiſer Otto I. angegriffen und gezwungen, die chriſtliche Religion anzunehmen. Dem Dichter wird es er⸗ Stanze 43.— Aaſen myihiſche Goͤtterſtamm, und nach Seorres norwegi ulda, zu Caͤcilie, II. Geſang. 99 laubt ſeyn, ſich dieſer hiſtoriſchen Thatſache nach Willuͤhr zu bedienen. Stanze 50.— Bedraͤut ſie rings die Daͤnenlei⸗ chen.— Wiedererweckung der Todten, beſonders derer, die in der Schlacht gefallen waren, gehoͤrte zu den ſchauderhaf⸗ teſten Proben der nordiſchen Zauberei. So liest man in der 67ſten Fabel der Edda, daß Hilda, die Tochter Hoͤg⸗ ners, die von ihrem Liebhaber Hedin entfuͤhrt war, in dem Kriege, der hieruͤber zwiſchen Hoͤgner und Hedin entſtand, die Krieger, die des Tages in der Schlacht gefallen waren, des Nacht wieder erweckt habe, und daß ſo dieſe Schlacht bis zur Goͤtterdaͤmmrung fortdauern werde. Etwas ver⸗ ſchieden erzaͤhlt dieſelbe Fäbel Saxo gramm. V. p. 136., welcher den Hoͤgner Hoginus und den Hedin Hithi- nus nennt.. Stanze 55.— Ihr Kinder gift'ger Brut, die Regner einſt erſchlagen.— Regner Lodbrock, der Slſte Koͤnig der Daͤnen, liebte Thora, die Tochter Heroth's, des Königs von Schweden, und toͤdtete zwei ungeheure Schlan⸗ gen, welche Heroth anfangs von ſeiner Tochter hatte auf⸗ fuͤttern laſſen, die aber fpaͤter ſo groß und grimmig wur⸗ den, daß der Koͤnig dem ſeine Tochter verſprach, der die Ungeheuer erlegen werde. Die Geſchichte ſteht weitläuftig Anmerkungen —— beim Saxo gramm. IX. p. 262. Regner iſt uͤberhaupt ſehr beruͤhmt in der Sage, und ſein Todesgeſang gehört zu den ſchoͤnſten Stücken in der alten nordiſchen Poeſie. Stanze 50.— Ihr Toͤchter Aegirs naht—„Forn⸗ jodur, die Urerde, erzeugt Aegir, das Weltmeer, Kare, die Luft, und Lage, das Feuer. Aegir, als ein Rieſe ge⸗ dacht und als ſolcher auch Gymer, der Unermeßliche, der Ungeheure genannt, zeugt mit einer andern Rieſin, Aur⸗ bode, die Tochter Gerda. Als ein Theil der Natur, als Elementargott, vermaͤhlt er ſich mit Ran(dem Raube) und erzeugt mit ihr die Alles verſchlingenden Stuͤrme und Wogen, Hinninglaͤſta, Dufa, Blödughadda, Hefring, Udur, Raun, Bylgia, Droͤbna und Kolga, deren Namen alle den verſchiedenen Grad ihrer Heftiskeit auszudruͤcken ſcheinen. So iſt Bylgia der Sturm ſelbſt. Droͤbna das brauſende und rauchende Waſſer, Kolga die Meersfluth, Hefring die ſich erhebende, Hinninglaͤffa die himmelandro⸗ hende Woge. Doch bieten ſie auch ſchweſterlich, wie ſie hier vereinigt ſind, und freundlich den guten Menſchen als Wellenmaͤdchen die troͤſtende Hand und geleiten ſie entwe⸗ der glücklich ans Ufer, oder legen die nicht mehr Errett⸗ baren in den ſanften Schooß der Mutter Ran.“ Graͤ⸗ zu Caͤcilie, II. Geſang. 101 ters mythologiſche Briefe. S. Bragur 7ter Band. II. Abth. S. 27. Stanze 73.— Wenn auch dein Gott dich jetzt dem Tod entrafft.— Nach der Vorſtellung der alten Daͤnen konnte jeder Gott den Seinigen helfen und in ſeinem Kreiſe wirken. Suhm üͤber die leichte Verdraͤngung der Odin'ſchen Religion. Bragur B. 4. Abth. I. p. 131. Dritter Geſang. Dritter Geſang. 11 Indeß entſchwand am fernen Himmelsſaum Der Wolke droh'nder Flug; es ſchwieg des Sturms Gefieder, Und friedlich wiegte bunter Schaum Sich auf der ſtillen Fluth hellperlend auf und nieder; Wie auferweckt aus boͤſem Traum, Hob aus zerrißnen Wolken wieder, Noch halb von Duft umwebt, der Mond ſein Licht hervor, Und fern am Himmel ſtieg die Daͤmmrung ſchon empor. I. Theil. 10 3 Mit glaͤub'gem Sinn die theure Laſt umſchlingend, Vertraute hoffnungsvoll ſich Adalbert der Fluth Und ſchwamm, mit ſtarkem Arme ringend, Durchs weite Meer dahin. Wie ſtaͤhlte kuͤhner Muth Ihm Kraft und Herz! Ruht nicht ſein Gluͤck, ſein Leben, An ſeiner Bruſt? Darf liebend nicht ſein Arm Das zarte Bild umfahn? Fuͤhlt er nicht bang und warm Selbſt in der Fluth ihr Herz an ſeinem Herzen beben? 3. Und wenn auch oft des Kampfs Gewalt Die letzte Kraft ihm raubt, und matt ſein Athem ſchwindet, Dann ſchaut er glaͤubig hin zur himmliſchen Geſtalt, Die bang ſich an ihn ſchmiegt, und neuer Muth entzuͤndet An ihrem Reize ſich. Ach von dem ſel gen Blick, Der ew'ge Lieb' ihm gab, ſcheint noch mit mattem Leben In ihrem Aug' ein leiſer Traum zu ſchweben, Und mit der Sehnſucht kehrt auch Hoffnung ihm zuruͤck. Dritter Geſang. 107 4. Noch lebt ſie ja; wenn auch ſchon halb gebrochen Ihr Auge ſinkt; noch laͤchelt's ſtill und ſchoͤn; Noch fuͤhlt er ſchwach des Herzens Schlaͤge pochen, An ſeiner Wange noch den linden Athem wehn. O guͤt'ger Gott, du laͤßt ſie nicht verzagen; Wenn auch der Liebe Gluͤck ihm dein Beſchluß verbeut, Laß fuͤr der Liebe ſuͤßes Leid, Fuͤr ſeinen letzten Troſt, die letzte Kraft ihn wagen. 5. Und ſieh, da ſtieg der fruͤhe Tag Im Morgenduft empor. Die heißerſehnte Helle Umfloß das weite Reich der Welle, und froͤhlich wiegte ſich mit leiſem Wogenſchlag Im friſchen Hauch das Meer. O milder Strahl der Gnade, Du Licht des Heils, von Himmelshoͤhn geſandt! Schon zeigt Errettung ſich, ſchon hebt ein nahes Land Aus ſtillem Meer die friedlichen Geſtade. 10* 108 Cacilie. 6. O weile noch! Nur einen Augenblick Umſaͤusle noch, du ſuͤßer Hauch des Lebens, Ihr mattes Herz! O laß, allguͤtiges Geſchick, Dem Ziel des Kampfs mich nicht vergebens, Mich nicht verzweifelnd nahn! So ruft in banger Luſt Der muͤde Held und blickt auf ſeine Liebe nieder, und horch ein leiſer Hauch entweht der zarten Bruſt; Und ſtaunend oͤffnen ſich dem Licht die Augen wieder. 7. Schon iſt der Strand erreicht. Ins weiche Blumengruͤn Legt Adalbert die ſchwererrungne Beute Und faltet fromm die Haͤnd' und dankt auf ſeinen Knien Dem großen Gott, der ihn im blut'gen Streite, Im wilden Meer, bewahrt. Wie rinnt im heißen Drang Aus ſeinem freud'gen Blick der Quell der ſuͤßen Thraͤnen, Wie ſchwingt zum Himmel ſich in halb erſtickten Toͤnen, Im raſchen Hauch der Bruſt des Herzens gluͤh'nder Dank Dritter Geſang. 109 8. Und als er jetzt der ew'gen Guͤte Die fromme Schuld bezahlt, kehrt er zu ihr ſich hin, Die ſtill im leiſen Anbeginn Erneuerten Gefuͤhls, gleich einer zarten Bluͤthe, Zum Leben auferwacht. Mit ungetruͤbtem Strahl Hing jetzt des Ritters Blick am heißgeliebten Bilde, Und keimend auf dem Glanz entbluͤhnder Schoͤnheit ſtahl In ſeine Bruſt ſich Ruh und Milde. 59. So ſpiegeln ſich im zarten Thau Des reinen Bluͤthenkelchs herab aus blauer Ferne Mit freundlich hellem Licht die unbewoͤlkten Sterne, Wenn von des Himmels weiter Au Der Ungewitter duͤſtre Wogen, Die lang verheerend rings die blaue Flur umzogen, Zum fernen Horizont entſchwebt, Und jetzt ein ſanft’res Wehn, die ſtill're Nacht belebt, Sie athmet tief und athmet leiſe. Noch iſt ihr Geiſt ſich nicht des Lebens ganz bewußt, Noch zieht die bunten Zauberkreiſe Die Taͤuſchung um ſie her. Mit kindlich zarter Luſt Durchtaͤndelt ihre Hand die weichen Blumenkraͤuter,„ Womit ihr Lager ſich bekraͤnzt, Und zu dem goldnen Licht, das ihre Wang' umglaͤnzt, Schaut traͤumend ſie empor und laͤchelt fromm und heiter. 11. Sie blickt umher, aus truͤber Daͤmmrung lebt Ihr Geiſt allmaͤhlig auf; zu ihrem Retter hebt Ihr Auge ſich, und was in tiefſter Fuͤlle Das herrliche Gemuͤth, das rein und innig liebt, Was jungfraͤuliche Scham und fromme Seelenſtille, Was heil'ger Glaub' und innrer Adel giebt, Was jemals Goͤttliches das ſchoͤne Herz empfunden, Das hat in einem Blick des Dankes ſich verbunden. Dritter Geſang. 1 2 Und vor der leuchtenden Geſtalt Sinkt Adalbert mit frommem Triebe Auf ſeine Knie hinab. O ſuͤße Allgewalt Des Schoͤnen! Heibger Strahl! O zarter Hauch der Liebe! So ruft er aus; euch hat von ew'gen Hoͤhn Der Himmel mir geſchickt, ich darf nicht widerſtehn, Ihr ſeyd mir Gottes Pfand; ihr ſollt zum großen Werke, Das er mir auferlegt, mir Muth verleihn und Staͤrke! 13. O guͤt'ger Gott, wie ſollt' es Suͤnde ſeyn, Daß ich dein ſchoͤnſtes Bild im tiefſten Buſen trage, Daß ich die kuͤhne That mit hoͤherm Muthe wage, Wenn du mir ſichtbar biſt? O nein, Du willſt es nicht, daß dein Geſchoͤpf verzage. Du gabſt mir dies Gefuͤhl, du wirſt es auch verzeihn! Entſagung hat dein Wink mir vorgeſchrieben; Ich folge gern; nur laß, Allguͤt'ger, laß mich lieben! Czeilie, 14. Und du, in deren Zauberbann Sich alles ſchmiegt, was je mein Herz empfunden, Was ſag' ich dir, der ich nur bittre Stunden, Nur mein Gefuͤhl und nicht mich ſelber bieten kann? Nicht darf ich dich in mein Geſchick verflechten, Vergiß mich, tilge jede Spur Von mir aus deiner Bruſt. Erinnrung laß mir nur Und meinen Schmerz. Nie ſoll mit dir mein Kumer rechten! 15. Tod iſt mein Schickſal, kalter Tod, Im Lenz der Kraft, in bluͤh'nder Lebensfuͤlle— Ich klage nicht! Geprieſen ſey der Wille Der ew'gen Macht, die Großes mir gebot! Doch dich, dich muß ich erſt bewahren Vor jedem Leid, erſt dir ein ſichres Loos verleihn, Dann ſcheid' ich gern; mein Pfad geht durch Gefahren Dem Grabe zu, und du mußt gluͤcklich ſeyn! Dritter Geſang. 16. So ruft er aus. In himmiliſcher Verklaͤrung Und unentſtellt von raſcher Leidenſchaft, Durch Liebe ſchoͤn und groß durch glaͤub'ge Kraſt, Erhebt ſie ſich. Ihr Auge ſtrahlt Gewaͤhrung, Um ihre Lippen weilt das Laͤcheln ſuͤßer Huld, Muth thront und freudige Geduld Auf ihrer freyen Stirn, und auf den hellen Wangen Iſt ſtill das Morgenroth der Zartheit aufgegangen. 17. Gieb mir die Hand, ſpricht ſie mit ſanftem Ton, Wir ſind vereint; uns ſoll kein Schickſal ſcheiden. Ich will mit dir, was dir beſtimmt iſt, leiden, Mit dir zugleich den ſchoͤnen Lohn Der frommen That empfahn! In fruͤhen Tagen ſchon Beſtimmte Gottes Rath ein gleiches Loos uns Beiden. Wollt' ich nicht gern dir mein Gefuͤhl geſtehn, So wuͤrd' ich ſtolz die ew'ge Vorſicht ſchmaͤhn! 18. Nicht darf mein Mund die Botſchaft dir erzaͤhlen, Die mir vom Himmel kam; was dich vielleicht betruͤbt, Das will ich treu und ſorgſam dir verhehlen, Dir, den mein Herz, das nie geliebt, In reiner Kraft jungfraͤulich ſich ergiebt; Dir, den ſich ſelbſt der Vorſicht Maͤcht' erwaͤhlen Zum Herold ihres Ruhms, dir darf um ird'ſchen Wahn Kein feiger Schmerz und keine Sorge nahn. 19. Mit keuſchem Sinn will ich dein Bild verwahren In reiner Bruſt; du ſollſt mein einz'ges Gluͤck Im Leben ſeyn; durch drohende Gefahren Will ich mit dir dem naͤchtlichen Geſchick⸗ Dem Tode nahn! O, auch in meinem Herzen Iſt ſtolzer Muth, auch mich hat Gott geweiht, Das zu verſchmaͤhn, wornach der Streit Der ird'ſchen Wuͤnſche ringt, u. mit dem Schmerz zu ſcherzen 1 Dritter Geſang. 20. Wird nicht ein Land der ſel'gen Ruh Die Auserwaͤhlten einſt vereinen? Fuͤhrt uns nicht einſt dem Kreis der Heiligen und Reinen Um Gottes Thron ein lichter Engel zu? Wie werden dort ſo ſchoͤn die goldnen Siegerkronen Um unſre Stirn ſich ziehn! Wie werden rein und hell Die Geiſter ſich umfahn! Wie wird der ew'ge Quell Der Lieb' aus Gottes Blick fuͤr unſre Treu' uns lohnen! 21. Sie ſprichts mit frommer Zuverſicht, Und blickt empor, und glaͤnzt in ſel'gen Zaͤhren. Ach, Alles, was ſie einſt vom Himmel ſich verſpricht, Es ſcheint ſchon jetzt ihr Auge zu verklaͤren. Bewundernd ſteht der Held und widerſtrebt ihr nicht, und ſcheint in ihrem Wort des Himmels Ruf zu ehren, Und jeder fuͤhlt, von freud'gem Muth entbrannt, Ein Band, das Gott geknuͤpft, das ſey ein ew'ges Band. Indeß erhob der Tag im waldumkraͤnzten Thale, Zu deſſen ſtillem Schooß die Wogen ſie gebracht, Sich leuchtender empor, und was im Sturm der Nacht Das edle Paar erlitt, das ſchwand im waͤrmern Strahle Der hoͤhern Sonne bald. Und friedlich im Gebuͤſch, Wo aus dem Felſen klar und friſch Ein raſcher Quell entſpringt, den duft'ges Gruͤn umſchattet, Ruht jetzt das Fraͤulein aus, vom langen Kampf ermattet. 23. Doch ſpaͤhend ſtreift der Paladin Im nahen Wald umher, ein Mahl für ſie zu pfluͤcken, Und reich beſchwert von wilden Fruͤchten, nicken Die Zweig' ihm zu; rings glaͤnzt im Wieſengrün Der Beeren bunter Schmuck, und breite Blaͤtter bieten Zur Schuͤſſel ſich ihm an, und um die Duͤrftigkeit Des kargen Mahls durch Schoͤnheit zu verguͤten, Hat er es bunt mit Blumen uͤberſtreut. Dritter Geſang. 117 24. Froh kehrt er jetzt zuruͤck, als eben Caͤcilie dem weichen Arm Des Schlumers ſich entwand. Wie glaͤnzt im friſchern Leben Ihr heller Blick, wie ſpielte zart und warm Der Staͤrkung Roſenhauch um ihre heitern Wangen! Ihr Laͤcheln war ſo rein und jeder Zug ſo mild, Als waͤr' ihr bluͤhendes Gebild Aus ſchoͤpferiſcher Hand erſt jetzt hervorgegangen. 25. Und mit dem lichten Roſenglanz, Der ihre Wang' umwob, ſchien auch ein neuer Morgen Um ihren Geiſt zu bluͤhn, und was im Strahlenkranz Der Hoheit ſich vorher mit ſchwaͤcherm Licht verborgen, Das keimte jetzt hervor. Ihr leicht beſchwingter Mund Verſtand ſo fuͤß die Sorgen fort zu ſpielen, Und arglos gab ſich jetzt in kindlichen Gefuͤhlen, In Scherz und Taͤndelei die zarte Jungfrau kund. Caͤcilie,. 26. Mit leiſen Zauberſchwingen ſchwebte Die rege Fantaſie um jeden Bluͤthenſaum, Und jedes ird'ſche Bild belebte Ihr warmer Fruͤhlingshauch und ſchuf zum geiſt'gen Traum Bedeutungsvoll es um; und was der Geiſt dem Herzen, Und was das Herz dem Geiſt zum ſchoͤnern Schmuck verliehn, Das ließ ſie jetzt, in zarterfund'nen Scherzen, In taͤndelndem Gefuͤhl, auf ihren Lippen bluͤhn. 8 27. Ungkaublich ſchien's, daß ſolche große Seele So anſpruchslos verhuͤllt in ſtillen Reizen ſey⸗ Daß jungfraͤuliche Luſt mit kuͤhner Schwaͤrmerei, 4 Mit heiterm Scherz ſich heil'ger Ernſt vermaͤhle, und Muth mit weichem Sinn. Vor jedem raſchen Laut, 3 Vor jedem Tropfen, der vom Zweige niederthaut, Erbebt ſie ſcheu mit maͤdchenhaftem Zagen;* Wenn Gott befiehlt, wird ſie ihr Leben wagen. Dritter Geſang. 28. O zartes Weſen, ruft der Held Wehmuͤthig aus, ſo willſt du jetzt ſchon ſcheiden, Schon jetzt den Glanz der ſchoͤnen Welt, Den warmen Hauch des ſriſchen Lebens meiden? Vernimm, noch hab' ich ja nicht Alles dir erzaͤhlt, Was meiner harrt, vernimm mein ganzes Leben. Wenn dann dein Herz kein andres Loos erwaͤhlt, Dann darf ich Gottes Wink nicht laͤnger widerſtreben. 29. Nicht kann ich dir mein Vaterland, Nicht mein Geſchlecht, nicht meinen Namen ſagen. Schon in den fruͤhſten Kindertagen Hat aus der Aeltern Schooß mein Schickſal mich verbannt. 3 Ein edler deutſcher Graf, der tapfre Folko, fand Mich fruͤh Verlaßnen einſt, als er, den Ur zu jagen, Den wilden Forſt durchſtrich, und trug mit mildem Sinn Zu ſeinem Schloß den zarten Saͤugling hin. Der Himmel hatt' ihm keine Erben Des edeln Stamms gewaͤhrt. In fruͤher Liebeszeit Sah er die holde Gattin ſterben, Und traurig ſchlich in truͤber Einſamkeit Sein ſpaͤter Herbſt ihm hin. Der aͤlternloſe Knabe Schien ein Geſchenk des Himmels ihm zu ſeyn, Denn nimmer waͤhnt' er noch, ſo nahe ſchon dem Grabe, An vaͤterlicher Luſt ſein Alter zu erfreun. 31. Nie konnt' ein Vater wohl ſo treu die Bebespſlichten Fuͤr ſeinen eignen Sohn vollziehn. Er ſelbſt verpflegte mich mit zaͤrtlichem Bemuͤhn, Ließ mich im Ritterthum und Glauben unterrichten, Und ſuchte ſtets durch Wort und That, Durch eignes Beiſpiel bald und bald durch weiſen Rath,⸗ Und durch die Sagen alter Zeiten Zu allem Guten nur mein junges Herz zu leiten. 32. 82 Dritter Geſang. 12¹ 3². Der edle Mann! Schon iſt er laͤngſt dahin, Doch nie vergeß' ich ſeine Lehren, Stets wird mein Herz durch frommen Sinn, Durch ritterliches Thun ſein theures Bild verehren. Er hat mir Geld und Gut und Rang, Hat eine Heimath mir, ein ehrlich Schild gegeben. Wohl dank' ich's ihm; doch was mein innres Leben Ihm ſchuldig iſt, das fordert groͤßern Dank. 33. In tiefer Einſamkeit entſchwanden Die fruͤhern Jahre mir. Ein altes Felſenſchloß, Wo ſeine Aeltern einſt der Gattin ihn verbanden, Wo ihm der May der ſel'gen Lieb' entfloß, War Folko's Lieblingsſitz. Nur wenn in blut'gen Kriegen Dem Kaiſer beizuſtehn ihm ſeine Pflicht befahl, Zog er ins Land hinab, um an dem ſpaͤten Strahl Des alten Ruhms ſein Herz noch einmal zu vergnuͤgen. I. Theil. 11 „ Ich blieb indeß in ſtiller Burg allein; Der kind'ſchen Luſt war fruͤh mein Herz verſchloſſen. Gern mied ich ſtets den Kreis der wilden Spielgenoſſen, und irrte traͤumeriſch durch Klippen, Thal und Hain. Mir war's die groͤßte Luſt auf hohen Felſenſpitzen, Von Sturm umſauſ't, in dunkler Nacht zu ſitzen, Und ahnend zu des Himmels Hoͤhn und in das dunkle Grau der Ebne hinzuſehn. 35. Wohl ahnte ich, daß in der weiten Ferne Mein Vaterhaus und meine Heimath ſey, und ſehnſuchtsvoll, in weicher Traͤumerey, Verfolgt' ich oft den ſtillen Zug der Sterne Zum letzten Himmelsſaum. Sie ziehn vielleicht dahin, So ſeufzt' ich dann, zur Wohnung deiner Lieben. Du biſt allein, mit fremdem Sinn, Im fremden Volk zuruͤck geblieben. Dritter Geſang⸗ 123 36. Und wenn ich dann im kuͤhlen Thau Die heiße Bruſt verbarg, und haͤuf'ger von den Wangen Die Sehnſuchtsthraͤne floß, dann ſah im Nebelgrau Ich oft ein zartes Licht mit ſtillem Schimmer prangen, Und freundlich fuͤhlt' ich mich von einer holden Frau Mit leiſem luft'gen Arm umfangen, Und immer war mein Herz, ſo oft ich ſie erblickt, Wehmuͤth'ger zwar, doch wunderbar erquickt. 37. Bei ihr empfand ich nie das Grauen, Das ſonſt der Menſchen Bruſt bei Geiſternah'n erfuͤllt. Mein ganzes Weſen hing mit kindlichem Vertrauen, Mit frommer Lieb' an ihr; ſie war ſo ſtill, ſo mild, Gab mir zum Spiel ſo oft die ſchoͤnſten Wunderbluͤthen, Erſchien dem Irrenden, wenn ihm der Pfad entſchwand, Und ſucht' in dunkler Nacht vor jedem Felſenrand, Vor jeder Kluft den Fuß des Strauchelnden zu huten. 11* Caͤcilie. 38. Nach ihrem Namen fragt' ich nie, Und ſtrebte nie, warum ſie kam, zu wiſſen. Mir war's, als haͤtte ſie mir ſtets erſcheinen muͤſſen, Als waͤr' aus fruͤhſter Zeit mit meiner Fantaſie Ihr zartes Bild vermaͤhlt. Still wohnt' im tiefſten Herzen Die Holde mir, gleich einer ſuͤßen Braut,* Und frevelnd waͤhnet' ich mit meinem Gluͤck zu ſcherzen⸗ Haͤtt' ich es je der fremden Bruſt vertraut. 39. So traͤumt' ich in den Juͤnglingsjahren, Dem Leben fern, in einer fremden Welt, Als Eberhard, der kuͤhne Frankenheld, Zum Aufruhr ſich erhob und raſch mit maͤcht'gen Schaaren Den Kaiſer uͤberſiel. Des Reiches Edle waren Mit ihren Bannern ſchon ins blut'ge Kriegesfeld, Dem Kaiſer der, dem Herzog der gewogen, Ein Jeder zu dem Heer des Freundes hingezogen. Dritter Geſang. 124 40. Da trat der biedre Graf mit dieſem Wort zu mir: Jetzt gilt es, Adalbert; jetzt kannſt du Ruhm erwerben. Mir ward kein Kind, des Vaters Glanz zu erben; Mein ſchwaches Alter ruht, mein edler Stamm, auf dir. Mit Freuden will ich jetzt und redlich ſtreitend ſterben, Kann ich mein ehrliches Panier, Mein unbeſcholtnes Schwert mit meinem Vaterſegen In deine Haͤnde niederlegen. 41. Der Aufruhr tobt am Rhein. Mich rufen Pflicht nnd Eid Fuͤr meinen Lehensherrn zum Streit; Du ſollſt die Ritterſporn in dieſer Fehd' erringen. Wohl lehrt' ich dich den Speer, das breite Schwert zu ſchwingen, Das Roß zu baͤndigen; zieh hin, mein einz'ger Sohn, Dein Ruhm ſoll mir den ſuͤßen Lohn Der treuen Vaterſorge geben, Und Folzo's glte Krgft in dir noch einmal leben, Ich kuͤßte dankbar ſeine Hand; Er ſegnete den Sohn, und eine ſtille Zaͤhre Benetzte meine Stirn. Bald zogen wir zum Heere Des Kaiſers jetzt hinab ins ſchoͤne Frankenland. Willkomen, rief der Fuͤrſt, du ſchlugſt ſchon manche Schlachten Fuͤr Otto's Recht, du altes treues Schwert, 3 Du redlicher Vaſall; wer Folko's Haupt nicht khrt, 3 Der wird des Kaiſers Haupt verachten! 43. Bald trafen wir bey Andernach Den ſtolzen Feind. Es war ein heißer Tag, Und viele tapfre Helden ſanken In's blut'ge Gras dahin. Wohl kaͤmpfte raſch und kuͤhn Der wilde Eberhard mit ſeinen muth'gen Franken; Schon wich des Kaiſers Heer, und ſchon begann's zu fliehen, Nur Folko ſammelte die fluͤcht'gen Schaaren wieder und flammend ſchl ug ſein Schwert den Frankenherzog nieder. Dritter Geſang. 427 44. Von Zorn und Rachbegier erhitzt Drang Gieſelbert von Lotharingen Auf meinen Vater ein, und Thankmars Lanze blitzt, Um auf den tapfern Greis, der muͤhſam nur ſich ſchuͤtzt/ Weil manche Wund ihn hemt, durchbohrend ſich zu ſchwingen. Schon iſt ſein Schild zerhaun, und immer maͤcht ger dringen Die Franken ein; ſein Banner weicht zuruͤck, und zwiſchen Schwert und Bruſt weilt nur ein Augenblick. 45. Mich hielt indeß im andern Streite. Ein ſtarker Krieger auf; da ſah ich Folko's Noth. Raſch ſtuͤrz' ich hin; auf meinem Schwert iſt Tod. Schon dring' ich durch, ſchon ſteh' ich ihm zur Seite, Schon hat den Sinkenden mein Arm emporgerafft, Die Rechte ſchwingt das Schwert, feſt ſchuͤtzet in der Linken Den theuren Greis mein Schild, der Himmel giebt mir Kraft, Und Gieſelbert und Thankmar ſinken. 128 Caͤcilie. 46. Und ſchnell vertrau' ich jetzt der ſichern Freundeshand Das liebe, ſchwererkaͤmpfte Pfand, Und eile fort, ſein edles Blut zu raͤchen. Die fluͤcht'gen Schaaren ſtehn, ſie ziehn mir nach, ſie brechen Wuthſchnaubend in den Feind, der jetzt ſie nicht mehr haͤlt, Da ſeine tapfern Fuͤhrer ſanken. Schwach kaͤmpfen ſeine Reihn, ihr Banner ſinkt, ſie wanken, Der ſtolze Heinrich flieht, und unſer iſt das Feld. 47. Als nun mit frohem Siegsgepraͤnge Die Krieger ſich gereiht, ins Lager heim zu gehn, Entſtahl ich mich dem laͤrmenden Gedraͤnge und eilte fort, den theuren Greis zu ſehn. Doch Otto ließ ſchon laͤngſt ins eigne Zelt ihn tragen; Die Wund' in ſeiner Bruſt, die Gieſelbert ihm ſchlug, Sie gab dem Tod' ihn hin. Kaum kam ich fruͤh genug, Mein letztes Lebewohl dem edlen Mann zu ſagen. * Dritter Geſang. 129 48. Schwachathmend lag er da. Mit ſeinen Rittern ſtand Der Kaiſer um ſein Bett, des Helden Tod zu ehren. Matt winkt er mir; mit heißen Zaͤhren Kniet' ich dahin und kuͤßte ſeine Hand, Die liebend mich erzog. Leb wohl, mein junger Degen, So ſprach er leiſ', ich ſterbe gern. Sey deinem Glauben treu und deinem edeln Herrn, Und ſtirb wie ich; das iſt mein beſter Segen. 49. Sein Athem ſchwand. Ich hielt den Schmerz nicht mehr, Ich weinte laut und gab in Klagetoͤnen Dem bittern Leide Raum. Mit ehrerbiet'gen Thraͤnen Stand ſtill die Heldenſchaar um ſeine Leiche her. Er war ein Held, Gott ſegn' ihn droben, Begann der Kaiſer jetzt; wenn unſer Ende naht, So mag's ein ſolches ſeyn; nicht kann fuͤr ſeine That Mein Mund ihm dankbar ſeyn, drum ſoll mein Werkihn loben. 130 Caͤcilie. 5o. Und ſchnell ergriff er Folko's Schwert Und ſprach zu mir, der noch am Lager kniete, Komm her, mein junger Held, daß ich an dir verguͤte, Was mir der Vater that! Du biſt des Vaters werth. Gern zaͤhl' ich dich zu meinen Lehnsvaſallen, Nimm dieſen Schlag von meiner Hand, Und keinen zweiten mehr, und was an Ehr' und Land Dein Vater jetzt beſaß, ſey dir anheim gefallen. 51. Er ſprach's und gab mir dann— er ſoll es nie bereun, Was er gethan— den heil'gen Schlag der Weihe. Auf Folko's Schwert ſchwur ich den Eid der Treue, Verſprach des Glaubens Hort, der Waiſen Schutz zu ſeyn. Und freundlich gruͤßte jetzt den neuen Kampfgeſellen Mit Wort und Haͤndedruck die graue Heldenſchaar, Und Mancher ſprach: Sey du, wie Folko war, Dann wird kein Roſt dein adlich Schild entſtellen! Dritter Geſang. 131 52. Und als ich jetzt mit naſſem Blick Den theuren Mann zur Gruft geleitet, Da zog ich ſtill von meiner Schaar begleitet, Mit truͤber Bruſt zu meiner Burg zuruͤck. Ach, Alles mußte hier den bittern Gram erneuen. Rings zeigte ſich des theuren Vaters Spur, Ich floh die Welt; mein eigner Kummer nur, Er konnte Luſt und Lindrung mir verleihen. 53. Er war der Einz'ge ja, der auf der weiten Welt Mich ſein genannt; nun war ich ganz verlaſſen! Wen durft' ich jetzt mit zarter Lieb' umfaſſen, Wem kindlich mich vertraun? Mit ſuͤßen Glauben haͤlt Des Juͤnglings Herz ſo gern ſich an dem Kreis der Seinen, Der traulich ihn mit ſicherm Band umzieht; Mir hatte nie dies ganze Gluͤck gebluͤht, Und was Erſatz mir gab, das mußt' ich jetzt beweinen. Caͤcilie. 54. Einſt, als die Burg ſchon laͤngſt in tiefen Schlummer ſank, Und nur mein ſchwacher Schmerz auf oͤdem Lager klagte, Da weht' es ſanft, wie leiſer Harfenklang Auf Daͤmmrungswehn; und lichter Schimmer tagte, Vom roſ'gen Saum umkraͤnzt; und ſieh, das holde Bild, Das ſonſt ſo oft des Knaben Sehnſuchtsthraͤne Mit leiſer Hand gehemmt, das lang ſich jetzt verhuͤllt, Es nahte mir mit wunderbarer Schoͤne. 55. Sanft wallten rings von goldnem Licht umhaucht, Gleich einem Heil'genſchein, der Locken weiche Wogen⸗ Wie reine Himmelsblumen zogen Lichthelle Sterne ſich, in bunten Schein getaucht, Um ihre zarte Bruſt. Raſch ſchwamm der irre Schimmer, Der ſie umgab, und wob zur ſichern Form ſich nimmer. Nur friedlich laͤchelte der Augen ſtiller Glanz, Dem klaren Monde gleich im fluͤcht'gen Wellentgnz. 5 Dritter Geſang. 133 56. Was weinſt du, Adalbert, mit unfruchtbaren Zaͤhren? So toͤnte ſuͤß ihr ernſtes Wort herab; Der Sterbliche muß Gottes Wink verehren Und freudig niederſehn auf ſeiner Lieben Grab. Nur fromme Ruh' und glaͤubiges Vertrauen, Nur Thaten fuͤr die Welt und für des Ew'gen Ruhm, Sie ſind in Gottes Heiligthum Mit heller Flammenſchrift zu ſchauen. 57. Du biſt zu Großem auserſehn; Du kannſt die Welt und mich kannſt du begluͤcken, Kannſt dir den Kranz des ew'gen Ruhmes pfluͤcken Und unter blindem Volk das heil'ge Kreuz erhoͤhn. Sieh auf zum Herrn, und trockne von den Wangen Der Schwachheit Thraͤnen ab. Dir thut durch meinen Mund Der große Gott den ew'gen Willen kund. Nicht darf, wen Gott erkohr, nach Irdiſchem verlangen! 58. Fern, wo ein trotzig Volk vor falſchen Goͤttern kniet, Im Koͤnigsſitz der Nord'ſchen Raͤuberſchaaren, Dort prangt ein Heiligthum auf heidniſchen Altaren, Das ſchoͤner einſt in glaͤub'ger Hand gebluͤht. Der zarten Roſe gleicht's, doch ſtrahlt in ew'gem Glanze Der Kelch, den Engel einſt von jenem Strauch gepfluͤckt, Der ſchmerzenreich im bittern Dornenkranze Am Tage des Triumphs das Heil der Welt geſchmuͤckt, 59. Mit ſchnoͤder Liſt den edeln Schmuck zu rauben, Verlieh den Heiden einſt der Vorſicht weiſe Hand. Nie lenkt das kuͤhne Volk ſein Herz zum wahren Glauben, So lang dies hochbegabte Pfand Ihm Schutz und Muth gewaͤhrt. Dich hat der Herr erkohren Zum Naͤcher ſeines Ruhms. Sey glaͤubig, fromm und kuͤhn! Noch einmal ſoll der Schmuck, den ſchwacher Wahn verloren⸗ Durch deinen Muth in heilger Erde bluͤhn. Dritter Geſang. 435 60. Nicht darf dich niedres Gluͤck verfuͤhren, Nicht Lieb' und traͤge Luſt und Wahn und Eitelkeit Mit ird'ſchem Hauch dein reines Herz beruͤhren. Du biſt dem Tod' und Gott biſt du geweiht! Wer kuͤhn den Roſenkelch aus Feindeshand errungen, Den haͤlt der Tod mit kaltem Arm umſchlungen; Doch herrlich hebt ihn dann zum Chor Der frommen Maͤrtyrer ſein ſchoͤner Sieg empor. 61. Sie ſprach's und ſah mit einem Blick der Liebe, Mit einem Blick wehmuͤth'ger Luſt mich an. Ihr Auge ward von leiſen Thraͤnen truͤbe Und hob zu Gott mit hellerm Glanz ſich dann. Sie nahte mir, mich freundlich zu umfangen; Auf ihren Lippen ſchien ein letztes ſuͤßes Wort Empor zu bluͤhn; doch raſch, mit fluͤcht'gem Bangen Erbebte ſie, und hob auf lichten Pfad ſich fort. 1 Und auf die Knie in Demuth hingebogen, Hob ich die Haͤnd' empor mit bruͤnſt'gem Flehn, Und dankte Gott, der meinen Arm gewogen, Und auf den ſchwachen Staub voll Huld hinabgeſehn. Von glaͤub'gem Muth war meine Bruſt durchdrungen; Mich hatte Gott mit heil'ger Kraft erfuͤllt, Und aus des Grabes Daͤmmerungen Erhob ſich ſchoͤn und klar des Himmels heitres Bild. 63. Als jetzt der Morgenſtrahl die Zinnen hell verklaͤrte⸗ Berief ich meine Schaar mit lautem Hoͤrnerklang, Und guͤrtete mich mit dem guten Schwerte, Das Folko einſt in heißen Schlachten ſchwang. und freudig ſank ich jetzt vor ſeinem Bilde nieder Und rief: O Vater, ſieh auf deinen Sohn herab! Er ſcheut wie du das dunkle Grab Fuͤr Recht und Glauben nicht, und findet bald dich wieder. 64. Dritter Geſang. 137 6. Nach Norden zogen wir und kaͤmpften manche Schlacht, Bis dich der Herr durch meinen Arm befreite. Weh mir, vergebens war's, daß ich im blut'gen Streite Fuͤr dich die Heiden ſchlug. Noch einmal droht die Nacht Des Todes dir! O ſprich, wie kann ich jetzt dich ſchuͤtzen? Die Schaar, die kuͤhn und treu an meiner Seite ſtand, Sie ſank dahin vor Gottes Blitzen, Und alles ruht allein in dieſer ſchwachen Hand! 65, So ſchloß der deutſche Held, und ſeine Blicke ſanken Mit duͤſterm Schmerz zu Boden jetzt zuruͤck. Das Fraͤulein ſchwieg, in wechſelnde Gedanken aI N. Mit irrem Geiſt vertieft. Erſt hob ihr klarer Bſick— Zum Himmel ſich mit freud'gem Sehnen, Mit ſtiller Luſt; doch ploͤtzlich ſchien Sich um den heitern Strahl ein truͤber Duft zu giehn, Und tief im zarten Aug' entbluͤhten leiſe Thraͤnen. J. Theil. 12 und ihre Hand ergriff mit tief bewegter Bruſt Der Paladin, und rief: O nein, du darfſt nicht leiden! Der Bluͤhenden gebuͤhrt des Lebens bluͤhnde Luſt. Du mußt noch lang' im Kranz der heitern Freuden Die ſchoͤnſte Blume ſeyn! O fliehe weit von hier! Mir laß den Schmerz, den kalten Tod laß mir. Mein Herz iſt laͤngſt verwelkt fuͤr alle holden Spiele Der Luſt im ſchwuͤlen Hauch ſehnſuͤchtiger Gefuͤhle. 67. Da ſah ſie laͤchelnd ihn durch leiſe Thraͤnen an. So ſeht ihr ſtill im Quell die zarte Blume beben. Kleinmuth'ger, ſprach ſie ſanft, ſo waͤhnſt du, daß dem Leben Die Thraͤne galt, die meinem Aug' entrann? Nicht ſaͤumt mein Herz mir dir die große That zu wagen⸗ Doch menſchlich iſt's, der Freunde Tod, Der Lieben rettungsloſe Noth Mit ſtiller Wehmuth zu beklagen. Dritter Geſang. 139 1 68. Ach, in des Lebens fruͤhem May Iſt mir zu viel des Theuren ſchon entſchwunden, Die Aeltern ſtarben mir, als ich noch kaum empfunden, Wie ſuͤß des Vaters Blick, der Kuß der Mutter ſey. Fuͤr mich entſank in's finſtre Bette Der wilden Fluth der treue Freund. Und ach, in welchem Kerker weint Die Schweſter jetzt vielleicht und harrt, daß ich ſie rette! 69. Wir lebten ſtill auf vaͤterlichem Schloß, Dort, wo im ſchoͤnen Sachſenlande Der Leineſtrom mit bluͤhndem Uferrande Durch bunte Wieſen fließt. Ein edler Kampfgenoß, Den einſt mein Vater ſich im fernen Krieg erworben Und mit zur Burg gebracht, ein tapfrer Biedermann, Er nahm, da fruͤh die Aeltern uns geſtorben, Der ſchwachen Jungfraun ſich mit regem Eifer an. 12* Caͤeilie, 4 70„ Der Kindheit unbeſorgte Stunden Entſchwanden mir und Adelheid Im leichten Spiel dahin. Uns ſchien die fluͤcht'ge Zeit An jede zarte Luſt mit Blumen feſtgebunden. Wir hatten nie die Einſamkeit, Die uns umgab, mit leerer Bruſt empfunden, Und nichts erſchien ſo freundlich uns, ſo ſchoͤn, Als unſer Burggemach und unſre Felſenhoͤhn. 71. Am liebſten ſpielten wir in unſerm weiten Garten, Der ſich im nahen Hain geheimnißvoll verlor.. Dort war es ihre Luſt, den bunten Blumenflor Mit zaͤrtlichem Bemuhn zu warten; Und wenn ich dann am Wellentanz Des klaren Quells entſchlief und Engel rings erblickte Im ſel'gen Traum, dann kam ſie leiſ' und ſchmuͤckte Mein ſchlummernd Haupt mit ihrem ſchͤnſten Jrang 5 Dritter Geſang. 141 72. Sie war ſo freundlich ſtets, an heitrer Seelenſtille, An frohem Sinn, an Zartgefuͤhl ſo reich, So kindlich ihr Gemuͤth; und doch ſo feſt ihr Wille, Ihr Geiſt ſo klar, und doch ihr Herz ſo weich. Oft ſah ich Luſt bei ihr und Schmerzen Wie Duft und Thau in einem Kelch vereint, Und muthig konnte ſie, wenn ſie ſich ausgeweint, Zu Andrer Troſt mit ihrem Kummer ſcherzen. 73. Wir bluͤhten ſtill empor, begluͤckt und unbekannt. Da kam ein alter Spielgenoſſe, Er, welcher juͤngſt den Tod im Sturm der Fluthen fand, Zu uns zuruͤck. Er war der letzte Sproſſe Aus einem edeln Stamm, den Freundſchaft uns verband, Und lebte ſtets auf unſerm Schloſſe, Seit eines maͤcht'gen Feindes Schwert Den Vater ihm geraubt und ſeine Burg zerſtoͤrt. Er uͤbte fruh die Kunſt der Lieder, Und da die blüh'nde Luſt des Lebens ihm gefiel, Verließ er unſre Burg und zog ins Land hernieder, Und wallte leicht geſinnt mit ſeinem Saitenſpiel Von Schloß zu Schloß umher. Jetzt kehrt' er froͤhlich wieder, Mit bunter Phantaſie und zaͤrtlichem Gefuͤhl, 4 Und ruhte von der langen Reiſe, Vom fluͤcht'gen Rauſch der Welt, in unſerm ſtillen Kreiſe. — 75. Wir alle gruͤßten ihn mit freundlichem Empfang. Er wußte ſtets uns Frende zu bereiten, Vertrieb uns bald die Zeit durch froͤhlichen Geſang Und lehrt' uns bald der goldnen Saiten Anmuth'ge Kunſt verſtehn, erzaͤhlte bis zur Nacht Vom Ritterſpiel uns oft, von fremder Hoͤfe Pracht, id kuͤrzte ſinnreich uns die langen Wintertage Am traulichen Kamin durch manche Wunderſage. Dritter Geſang. 76. Doch als der Fruͤhling wieder kam, Da ſchien ſein froher Sinn allmaͤhlich zu entſchwinden, Und heimlich ein verſchwiegner Gram Den duͤſtern Flor um ſeinen Blick zu winden. Verſchloſſen irrt' er jetzt durch Thal und ferne Hoͤhn. Wir hoͤrten oft ihn laut in ſtiller Kammer weinen, Und klagend oft aus dunkeln Hainen Sein zitternd Harfenlied zu uns heruͤber wehn. 77* Ich ſah es wohl, wie ſeine Wange gluͤhte,— — Wenn ich ihn freundlich angeblickt; Wie er verſtohlen oft die kleinſte Wieſenbluͤthe, Den zarten Zweig, den meine Hand gepfluͤckt, An ſeinem Buſen barg; ich ſah es wohl und klagte In ſtiller Bruſt um meines Freundes Leid, Und haͤtt' ihn gern durch holde Freundlichkeit, Durch Achtung ihm erſetzt, was ihm mein Herz verſagte. 444 Caͤcilie. 78. Gleich einem Bruder ehrt' ich ihn, Und ſucht' ihn ſtets durch heitre Launenſpiele Zum fluͤcht'gen Sonnenſtrahl der taͤndelnden Gefuͤhle Und auf den bunten Pfad der Luſt zuruͤckzuziehn. Er war ſo ſanft, ſo treu, verbarg die leiſen Klagen So zart in tiefer Bruſt, und litt ſo ſtill, ſo mild— Wohl liebt' ich ihn, duͤrft' ich ein andres Bild, Als dich, durch Gottes Schluß in meinem Buſen tragen. 79 So kam der Sommer uns heran, Indeß ich peinlich ſtets des armen Reinalds Kummer Im truͤben Geiſt empfand. Da ging der edle Mann, Der redlich uns beſchuͤtzt, in ſanftem Todesſchlummer Zu einer beſſern Welt. Wir weinten ſtill ihm nach. Den zweiten Vater barg uns jetzt der Schooß der Erde. Nicht ahnten wir, daß bald ein neuer Schlag Viel haͤrter noch uns treffen werde. 7 Dritter Geſang. 80. Denn kurz darauf, als einſt zur Daͤmmrungszeit Die Burgvaſallen ſich nach altgewohnter Weiſe Zum trauten, abendlichen Kreiſe Im Ritterſaal vereint, da fehlt uns Adelheid. Sie ließ noch nie ſo lange ſich erwarten, Drum ſucht' ich ſie beſorgt im Schloß und Hof und Garken, Im nahen Hain, im ganzen Burgrevier; Doch nirgends zeigte ſich die kleinſte Spur von ihr. 81. Ein Landmann, der zur Burg gekommen, Erzaͤhlt uns jetzt, er hab' im Hain Der Waffen ehrnen Klang und Flehn und banges Schrei'’n Und fremder Sprache Laut und Roſſeshuf vernommen. Jetzt war's gewiß, die Arme war Uns kuͤhn geraubt, und ohne Weilen Zog Reinald mit der tapfern Schaar Der Diener aus der Burg, den Raͤubern nachzueilen. 7 4⁴⁶ Caͤcilie. 82². Ich blieb allein. Nie hab' ich eine Nacht So troſtlos je, ſo kummervoll durchwacht; Nie hab' ich mehr geweint, nie heißere Gebete Aus tiefrer Bruſt zu Gott empor geſchicket, So ſehnſuchtsvoll zur fernen Morgenroͤthe Mit naſſem Auge nie geblicket. Ach lieber wollt' ich ja, ich ſelbſt, den Tod mir geben, Als ohne dich, du ſuͤße Schweſter, leben! 83. Sie war des Lebens ſchoͤnſte Zier, Die einz'ge Freundin mir, und alle meine Thraͤnen Und jedes zarte Gluͤck und jedes ſtille Sehnen, Mein ganzes Herz vertraut' ich ihr. 4 Vergebens mußt du jetzt nach Troſt und Rettung weinen! Mich ruft der Himmel ab; o Theure, zage nicht! Es lebt ein Gott, der deine Ketten bricht! Wenn auch die Welt uns trennt, das Grab wird uns vereinen! Dritter Geſang. 84. Zwei Tage ſchlichen hin, da ſah ich vom Altan, Ach ohne ſie, die Meinen nahn. Man hatt' umſonſt in allen Felſenſchluͤnden, In Wald und Thal den Raͤubern nachgeiagt, Vergebens rings nach Adelheid gefragt; Von ihrem Aufenthalt war keine Spur zu finden, Nur hatten ferner Brand und flieh'ndes Volk gelehrt, Es hab' ein Naͤuberzug das flache Land verheert. 85. Da fuͤhlt' ich kühnen Muth in meinen Adern wallen. Gott ſandte Kraft in's ſchwache Maͤdchenherz. Schnell waffnet' ich die treuen Lehnsvaſallen Und huͤllte ſelbſt in rauhes Erz Die jungfraͤuliche Bruſt; und vor der Ahnen Bilde Im Ritterſaale ſchwur mein Mund den theuren Eid: Nie kehrt mein Fuß zuruͤck zum heimiſchen Gefilde, Bis eure Tochter ich, ihr Herrlichen, befreit! So rief ich aus, und meine Diener ſchwuren Mir Treue bis zum Tod. Hinab ins flache Land Ging unſre Fahrt; fern zeigen Staub und Brand Und rings der Huͤtten Sturz und hingeſtampfte Fluren Und Klag' und Noth der ſchnellen Raͤuber Spuren; Und manche fluͤcht'ge Schaar verband Mit meinem Zuge ſich und ſchwur fuͤr meine Sache Und fuͤr das eigne Land den Naͤubern blut'ge Rache. 87. Schon war ich manchen Tag mit meiner kleinen Schaar Durch manches Land dahin gezogen, Da bot mit ungeſtuͤmen Wogen Das weite Meer ſich unſern Blicken dar, Und jede Spur entſchwand; nur fern am Himmelsbogen Nahm ich mit bitterm Schmerz die fliehnden Wimpel wahr. Ich ſah mein Gluͤck hinweg von raſcher Fluth det agen⸗ Und hatte nichts als unfruchtbare Klagen. — Dritter Geſang. 88. Doch nicht vergaß ich meinen Schwur. Ich hieß die Schaar fuͤr mich, fuͤr meine Schweſter beten uUnd in die Heimath ziehn. Mit wenig Treuen nur Wollt' ich in fremder Tracht des Feindes Land betreten, Dem ſchwachen Kahn vertraut. Das tapfre Haͤuflein ſchied⸗ Doch fruchtlos waren Flehn und Zaͤhren, Als ich den Sanger bat ins freundliche Gebiet Der heitern Luſt, in's Leben heimzukehren. 89. Nie, ſprach er, hat mein ſtolzer Sinn Dem Hohn der Willkuͤhr ſich, dem fremden Wink gebogen⸗ Frei bin ich durch die Welt gezogen, Frei waͤhlt' ich jetzt mir eine Herrſcherin. In ihrem Dienſte will ich ſterben, und, wenn ihr Herz auch nie den zarten Dank mir beut, Mir eine Thrane fuͤr mein Leid, Ein traurend Licheln mir fuͤr meine Treu erwerben, Caͤcilie. 90. Wehmuͤthig druͤckt' ich ihm die Hand, Und blickte weinend fort, und theilte ſeine Klagen. Jetzt wurden an des Meeres Strand Gezelte fuͤr uns aufgeſchlagen. Schon morgen ſollt' in's wuͤſte Land 3 4 Des Nord'ſchen Raͤubervolks der leichte Kahn uns tragen, und jeder ſtaͤrkte ſich durch andachtsvolles Flehn, l a Mit heldenmuͤth'gem Sinn das Wagniß zu beſtehnä. 91. Der Abend ſank; rings wehte linde Kuͤhle; Auf weichen Woͤlkchen ſchwamm die Daͤmmerung einher, Hell wiegte ſich der Mond auf buntem Wolkenſpiele, Und flucht'gem Silber gleich erſchien das weite Meer. Ich gieng, den lauen Hauch der Luͤfte zu genießen, Zum Strand und ruhte dort auf einem Felſenhang, und ſchweigend ſaß meinreund und traͤumend mir zußuͤßen, Und feierte die Nacht mit leiſem Harfenklang. 3 Dritter Geſang. 92. Da rauſcht' es um uns her, und maͤchtige Geſtalten uUmringten uns, in raſſelnd Erz gehuͤllt. Schon fuͤhlt' ich mich von rauher Fauſt gehalten, Zum Strande mich geſchleppt; da ſtuͤrzte raſch und wild Mein Freund herzu und ſchlug mit maͤcht'gen Schlaͤgen Den erſten Naͤuber hin; vergebens war ſein Muth Mit unbewehrter Hand; er ſank, ſchon rann ſein Blut; Schon ſah ich ſeinen Arm in harte Feſſeln legen. 93. Man trug uns fort in's ſchnelle Boot; Als Opfer ſollten wir am Feſtaltare prangen, Du ſchuͤtzteſt uns; er iſt dahingegangen, Wo keiner weint; ich habe ſeinem Tod Die Thraͤne nicht verſagt; er liebte mich, ich ehre Den treuen Freund, und ihm und Adelheid, Des Lebens goldnem Strahl fließt dieſe letzte Zaͤhre!— Verzeih mir, guͤt'ger Gott, verzeih, ich bin bereit!— Sie ſprach's und hell durchbrach der Thraͤnen Daͤmerungen Des Glaubens lichter Strahl. Der Ritter ſeufzt' und ſchwieg. Ach, Jeder hatte jetzt mit ird'ſchem Schmerz gerungen⸗ Und Jeder feierte in ſtiller Bruſt den Sieg Des heiligen Gefuͤhls. Sie ſtanden auf und gingen. Ach, jedes Wort war fuͤr die ſeel'ge Ruh Der Bruſt Entweihung jetzt. Nur auf den leiſen Schwingen Der Blicke ſandten ſie der Liebe Hauch ſich zu, 95, Und als ſie jetzt den nahen Berg umgangen, Da ſehn ſie fern im rothen Abendſchein, Mit Thuͤrmen kuͤhn geſchmuͤckt auf drohendem Geſtein, Hochthronend eine Stadt in ſtolzem Schimmer prangen. Auf ihren Zinnen ſchien und rings ums Felſenthor Vertraun und Spott fuͤr jeden Feind zu wohnen, Und trotzig hob mit ew'gen Mauerkronen In ſichrer Ruh die Burg ſich in's Gewoͤlk empor. 4 96. Dritter Geſang. 96. Bewundernd ſtehn ſie ſtill; da toͤnt's wie Roſſes Hufe Wie heller Schilde Klang, und rings der Hain erhallt Von Siegsgeſang von lautem Rufe, Von jubelndem Seſchrei; und ſieh, aus nahem Wald Zieht eine Kriegerſchaar in blankem Stahlgeſchmeide Auf Roſſen froh daher; die Abendſonne glaͤnzt In Schild und Helm, den Eichenlaub bekraͤnzt; Rings folgt ein großes Volk mit ausgelaſſner Freude. 97* Der Haufe naht, nur ſcheidet ein Geſtraͤuch Von unſerm Paar die fremden Ritter. Stumm ziehn die Krieger her, erſtarrten Todten gleich, Kaum deckt den ſtieren Blick des Helms geſchloſſnes Gitter; Doch trotzig prangen hoch zu Roß Mit offnem Helm und hochgezuͤcktem Schwerte Vor ihrer duͤſtern Schaar Thorild' und ihr Gefaͤhrte, Und jauchzend ſchreit des Volkes lauter Troß: I. Theil. 13 Cacilie. 98. Heil, Heil, Thorilden Heil, und Heil dem kuͤhnen Degen,/ Dem ſtarken Skiold, der ſeine Feinde ſchlug! Schon ruͤſtet Lethra ſich und jubelt euch entgegen, Den Schilden ſeiner Kraft und ſeiner Feinde Fluch. In Haralds Hallen blinkt mit ſuͤßem Meth die Schaale; Die Skalden ſtimmten ſchon der Harfen tönend Gold, Zieht ein, zieht ein zu Haralds Heldenmahle! Heil, Heil, Thorilden Heil! und Heil dem ſtarken Skiold! 99 Voruͤber ſtrömt der Zug im freudigen Gedraͤnge. Da oͤffnet ſich das hohe Thor Der Koͤnigsſtadt, und ſieh, mit feſtlichem Gepraͤnge Zieht eine andre Schaar in hellem Schmuck hervor. Im goldnen Harniſch prangt vor ſeinen tapfern Kriegern Der Koͤnig ſelbſt; er gruͤßt mit gnaͤd'gem Blick Das Heldenpaar und zieht mit den geprieſnen Siegern In ſeine Mauern dann zuruͤck. Dritter Geſang. 100. Gelobt ſey Gott, der unſern Schritt geleitet, Beginnt der Held; die große Stunde naht. Der wilde Feind, er ſelber deutet Das Ziel uns an; dorthin geht unſer Pfad! In jenen Mauern bluͤht das heil'ge Siegeszeichen, Womit im Tode mich die Huld des Himmels ſchmuͤckt. Bald wird der finſtre Trug, der dieſes Land umſtrickt, Dem hellen Sonnenſtrahl der ew'gen Wahrheit weichen. 101. Der Himmel fordert mich! Dich gruͤß ich, ſel'ger Tod, O Engel Gottes ſey willkommen! Wie wallt mein Herz ſo kuͤhn, wie ſcheint des Herrn Gebot Mir jetzt ſo leicht, wie ſtrebt zum Sitz der Frommen Mein glaͤub'ger Geiſt empor! O heil'ge du mein Schwert Mit ehrner Kraft, o ſend' auf meine Pfade Dein Licht herab, o laß, du Gott der Gnade, Nicht ohne Sieg die That, die mich dein Wink gelehrt! 13* 102„ Doch du, ſo faͤhrt mit weichrer Stimme Der Ritter fort, und truͤber wird ſein Blick, Was wird aus dir? Du bleibſt allein zuruͤck, Ach ohne Schutz dem raſchen Grimme Des aufgereizten Volks, der wilden Rachbegier Der ſtolzen Feinde hingegeben! O du, mein einz'ges Gluͤck, mein Leben, Huͤlfloſe, ſprich, was wird aus dir? 103. Und fliehſt du auch, wer wird zuruͤck dich leiten Durch's fremde Land ins himmliſche Gefild? Wer wird fuͤr deine Ruh, fuͤr deine Rettung ſtreiten? Wer wird in jeder Noth der Schild Der ſchwachen Jungfrau ſeyn? Durch Nacht und Ungewitter Irrſt du allein auf weitem Meer, Des Friedens zartes Bild, durch wilden Kampf umher⸗ Ein Raub der Noth!— O Gott, dein Kelch iſt bitter! Dritter Geſang. 1 04. Er ſprachs und ſeufzte laut, und mit erſchlaffter Hand Verbarg er ſtumm die bittern Thraͤnen, Worin ſein Auge ſchwamm.— In tieſſter Bruſt empfand Er jetzt der Lieb' allmaͤcht'ges Sehnen, Den Reiz der bluͤh'nden Luſt, die ſuͤß mit Schmeicheltoͤnen Ihn heim in's Leben rief. Sein Muth, ſein Glaube ſchwand. O Gott, du weißt allein, wie viel ein Menſch zu tragen Vermag, drum wird bei dir ſein Schmerz ihn nicht verklagen. 105. Doch wie aus zartem Licht gewebt Im luft'gen Bluͤthenglanz der ſtille Regenbogen, Wenn Sturms Gewoͤlk den Pol umzogen, Ein leuchtend Wunderbild, am finſtern Himmel ſchwebt; Es flammt; Der Donner rollt; die ew'ge Feſte bebt; Zerſtoͤrend waͤlzt auf ſchwarzen Wetterwogen Der Sturm ſich her; umſonſt; er glaͤnzt in heil'ger Pracht, Ein Bote gnaͤd'ger Huld im wilden Kampf der Nacht; So prangt Caͤcilte. Kleinmuͤth'ger, darfſt du wanken? So ſtrafte ſie mit ſanftem Ton Den bangen Freund. O ſieh, geoffnet ſtehn die Schranken! Es ruft zum heil'gen Kampf, und glaͤnzend harrt der Lohn. 4 Was zagt dein Herz um mich, die Gott dir zugeſendet? Was ſtraͤubt um ird'ſchen Wahn mit feiger Ungeduld Sich gegen Gott dein Geiſt? Mich ſchuͤtzt die ew'ge Huld, und ſchoͤner nah' ich dir, wenn du den Kampf vollendet. 107. O waͤhnſt du denn, mein gluͤhend Herz, Es weich' an Lieb', an Treu dem deinen? Dich lieb' ich, dich allein; doch nimmer will ich weinn um deinen Tod. Gern duld' ich ird'ſchen Schmerz um ew'ge Seligkeit! Zieh hin fuͤr Gottes Ehre, Fuͤr dich, fuͤr mich! Erſt wenn die große That Vollendet iſt, erlaubt der Vorſicht dunkler Rath, Daß ich dir ganz, dir ewig angehoͤre. Dritter Geſang. 8 1 08. Sie ſpricht's. Mit zarter Sehnſucht ruht Ihr Blick auf ihm, auf ihm, den ſie mit aller Liebe Der reichen Bruſt umfaͤngt. Da füͤllt ihn heil'ger Muth; Und wenn die ganze Welt ſich gegen ihn erhuͤbe, Und wenn zur trotz'gen Gegenwehr, Zum Schutze ſeines Reichs, der Hoͤlle finſtres Heer Mit flammendem Geſchoß der ſchwarzen Kluſt entſtiege, Mit ihm iſt Gott und ſie, nichts fehlt ihm jetzt zum Siege! 109. Schon will er fort. Mit unbewehrter Hand Will er dahin zum Daͤnenhaufen, Will mit der Feinde Blut ſich einen Pfad erkaufen Zu Odins Heerd; will kuͤhn das heil'ge Pfand Fortreißen vom Altar. Kaum haͤlt mit ſanftem Flehen Caͤcilie den Stuͤrmenden zuruͤck, Um mit verſtaͤnd'ger Wahl den guͤnſt'gen Augenblick Des Abenteuers zu erſpaͤhen. 1 10. Sie nahn der Stadt. Schon ſank auf finſterm Duft Die Nacht herab. Nicht ferne von den Thoren, 1— Wo in ein wald'ges Thal der Felſen ſich verloren, Beut ſchuͤtzend eine dunkle Kluft Den Irrenden ſich dar. Sie ſoll das Paar verhuͤllen, Bis Adalbert, ſobald der Morgen ſich erneut, Das Kleinod ausgeſpaͤht, und eine guͤnſt'ge Zeit Herangenaht, den Ruf des Himmels zu erfuͤllen. 111, Und fuͤr das Fraͤulein ſucht im Hain Der Ritter Laub und Moos zur weichen Lagerſtaͤte, Er ſelber ſtreckt auf harten Stein Sich vor der Grotte hin. Sauft huͤllt in leiſe Roͤthe Des Fraͤuleins Wange ſich; und an der fernſten Wand Der Hoͤhle breitet ſtill und ſittſam ihre Hand Das keuſche Lager aus; dann ſenkt die holden Glieder Sie zagend und verſchaͤmt in's tiefſte Moos hernieder. Dritter Geſang. 112. Sanft ruhn ſie jetzt im weichen Arm Des Schlummers, ruhn ſo ſanft am Rande bittrer Leiden! Wie ſpielt um ihren Mund ſo friſch, ſo lebenswarm Der Jugend bluͤh'nder Hauch! Umſonſt, ſie muͤſſen ſcheiden, Fern droht die Stunde ſchon. Ach, was der heitre Traum Des fruͤhen Lebens einſt, von leichtem Wahn befluͤgelt, Der ſuͤßgetaͤuſchten Bruſt holdlaͤchelnd vorgeſpiegelt, Das Alles deckk nun bald des Grames enger Raum! 113. Zwei Traͤume nahn indeß auf buntem Mondesglanze. Der eine lagert bang und ſchwer Sich auf des Ritters Bruſt, doch hold, im leiſen Tanze, Schwebt um des Fraͤuleins Stirn der andre gaukelnd her, Sie laͤchelt ſuͤß; es hebt mit ſtillem Sehnen, Mit frommer Luſt ihr Buſen ſich empor; Ihr Athem weilt, als horch' ihr lauſchend Ohr Der Geiſter nah'ndem Flug und luft'gen Engeltoͤnen, Czcilie. 114. Ach, ihrer Schweſter zartes Bild, Es ſank mit leuchtendem Geſieder In Glanz und roſ'gen Duft gehuͤllt, Wie bluͤh'nder Morgenſchein auf lichtem Pfad hernieder. In ihren Haͤnden lag, einſt ihre Sorg' und Luſt, Ein friſcher Kranz von bunten Bluͤthen, und Glanz und heil'ge Ruh im frommen Blick verriethen Die tiefe Seligkeit der unbewegten Bruſt. 115. 3 So daͤmmert wunderbar im ſtillen Waſſerſpiegel, Den ſchroffe Felſenhoͤh'n bunt abgeſtuft umziehn, Das Zauberſpiel des Lichts. Nings ſchwebt mit irrem Fluͤgel Aufwogend farb'ger Glanz; in heil'ger Tiefe bluͤhn Duftgleiche Bilder auf, und immer neu geſtaltet Die reiche Schoͤpfung ſich und wallt, vom ew'gen Thau Des kuͤhlen Borns umſpielt; doch klar und endlos waltet Im hellen Mittelpunkt des Himmels heitres Blau. Dritter Geſang. 163 116. Mit dieſem Kranz dein Haupt zu ſchmuͤcken Hat mich der Herr geſandt; ſo ſprach die Traumgeſtalt; Bald wirſt du ſchoͤnre Blumen pfluͤcken; Des Himmels reiner Glanz verklaͤrt die Sel'ge bald. Was ſaͤumſt du noch, die Schweſter zu umfangen? Nicht darf das ird'ſche Bild dem reinen Geiſte nahn⸗ Das glaͤub'ge Herz wird ſchoͤn an's Ziel gelangen, Mit Nacht beginnt, im Lichte ſchließt die Bahn⸗ 117* So ſprach das luft'ge Bild, und nahte leiſ' und linde, Und in den Schooß des Fraͤuleins ſank Der wunderbare Kranz, und gleich dem Fruͤhlingswinde, Der uͤber Wellen ſpielt, entſchwang, Auf fluͤcht'gem Silberlicht, das gaukelnd ſie umwebte, Sich laͤchelnd die Geſtalt, und wie der ſpaͤte Tag In Daͤmmrung ſanft verſchwimmt, ſo ſchwebte Stets ferner, ſchwaͤcher ſtets, der bunte Glanz ihr nach. Czecilie. 118. Deerr Schlummer ſlieht; des Fraͤuleins Arm' entfalten Sich ſehnſuchtsvoll, das holde Bild zu halten, Das laͤngſt in eitle Luft entſchwand. nimm mich mit ins ſtille Land Seligkeit empor! So ruft mit frommem Flehen Ihr Mund der Schweſter nach. O du, me ein ſuͤßes Gluͤck, Du fliehſt? verweile noch! O komm aus lichten Hoͤhen Noch einmal komm, Geliebte, mir zuruͤck! 2 1 19. Ach, Adelheid, ſo biſt du auch geſchieden? Was auf der Welt mir lieb und theuer war, Es ſchwebt empor und ruht im ew'gen Frieden.. Ich bleib' allein zuruͤck in Kummer und Gefahr, In Nacht und Kampf! 1 O ihr im ſchoͤnen Lande druͤben/ Bald nah' auch ich! Nicht lange haͤlt Der Erde Band mich mehr! O nehmt, ihr meine Lieben, Mich freundlich auf in eure ſchoͤne Welt! Dritter Geſang. 165 120. Sie rufts und ſieh, wie fern im Schooß der Wellen Dem Schiffer ſich ein friedlich Eiland zeigt, Noch gleichts dem Wolkenduft, doch friſche Luͤfte ſchwellen Die Segel auf, und immer heller ſtel 8 Das ferne Bild empor; mit Wald umräazt erheben Die Berge ſchon ihr Haupt, ſchon glaͤnzti as heitre Gruͤn Der Wieſen uͤbers Meer; ſchon ſieht im regen L Im bunten Reiz der Blick die Flur des 121. So daͤmmert nach und nach ein goͤttlicher Gedanke In ihrer Bruſt empor. Noch faßt ihr irrer Geiſt Sich ſelbſt nicht ganz. Er tagt!— und jede Feſſel reißt, Die Schwachheit um ſie wand; hera ſinkt jede Schranke, Die noch von Gott ſie trennt! In kuͤhner Majeſtaͤt Erhebt ſie ſich und glaͤnzt in Muth und Liebe. Schon hebt ſie raſch den Fuß, doch ſchnell mit fromem Triebe Sinkt ſie dahin und ruft im bruͤnſtigen Gebet: O leihe du den ſchwachen Haͤnden Der Jungfrau deine Kraft! O laß die große That, Allmaͤcht'ger Gott, mich laß die That vollenden! Du ſelbſt haſt geweiht, du deuteſt ja den Pfad Mit eigner Aeen ir an! Von dir iſt er gekommen, a'ge Traum; ich habe dein Gebot Aus de es E Nund vernommen; 5 it mein Herz und freudig in den Tod. 123. Und ihn, ihn ſollt' ich ja zu deinem Thron geleiten! Ihn, den du ſelbſt mir gabſt! Ich muß voran ihm gehn, Sein Arm iſt ſtark, er kann noch tapfer ſtreiten Fuͤr deinen Ruhm, dich herrlich noch erhoͤhn Im glaͤub'gen Kampf! O laß im Glanz des Lebens Ihn noch zuruͤck. Er kannte ſie noch nicht, Die zarte Luſt der Welt; mir winkt ſie laͤngſt vergebens⸗ Mir goͤnne, Gott, den Tod, und ihm das bluͤhnde Licht! Dritter Geſang. 167 124. So betet ſie, und aus der dunklen Hoͤhle Enteilt ſie leiſ' und leicht. Ihr naſſes Auge ſieht Noch einmal hin auf ihn, der in der tiefſten Seele Ihr ewig wohnt; ſie weilt; ſie reißt ſich los; ſie flieht. Gleich einem fluͤcht'gen Gaukelſterne, Der durch die Nacht mit hellem Strahl Vom Himmel niederſinkt, ſchwebt ſie dahin durchs Thal Im irren Mondesglanz und ſchwindet in der Ferne. 125. Doch ach, mit ſchwaͤrzern Traͤumen rang Des Ritters Seele jetzt im Graun der Geiſterſtunde. Das dunkle Wort, das aus Thorildens Munde Wie ferner Donner einſt zu ihm hernieder klang. Es nahte ſeinem Geiſt; und duͤſtre Schickſalsbilder, Geſpenſtern gleich, mit ſchwarzem Blut bethaut, Hohnlachten um ihn her. Sein Buſen hob ſich wilder; Schnell ſchlug ſein Herz, ſein Athem ſtoͤhnte laut. Cacilie. 126. Ihm war's, als irrt' er ſtill auf nachtumhuͤllten Wegen, Durch Leichen hin, um ſich ein weites Grab; Bang zitterte die Luft von dumpfen Donnerſchlaͤgen, Und flammend fuhr der rothe Blitz herab. Nings achzte Todeslaut; von friſchem Morde rauchte Mit feuchtem Glanz des Ritters ſcharfer Stahl, Und graͤßlich rief's: Fluch dir und ew'ge Qual, Der in des Bruders Blut des Schwertes Schneide tauchte! 127. Wild ſpringt er auf; ein kalter Schauder faͤhrt Durch ſein Gebein, ſein Auge blickt verſtoͤrt Im Kreiſ' umher, und jetzt mit heißem Flehen Suntt er vor Gott auf's Angeſicht: O Gott, nur dieſen Kelch laß mir voruͤbergehen! Erbarmender, ſo ſchrecklich zuͤrne nicht! O hat dein Sohn nicht einſt am bittern Kreuz die Sänden Des ſchwachen Staub's gebuͤßt? Auch mich laß Gnade finden. 128. Dritter Geſang. 128. Er ruft's; ſchon will er fort, will noch in dieſer? Nacht Sich kaͤmpfend nahn den heidniſchen Altaren; Der Tod, der um den Kelch der heil'gen Roſe wacht, Soll ihn vor haͤrterm Leid, vor Brudermord bewahren⸗ Nur einmal noch, zur letzten, bittern Luſt Des Lebens, ſoll ſein Blick auf ſeiner Liebe weilen, Dann will er gern mit tapfrer Bruſt Im Gott geweihten Kampf dem Tod entgegen eilen. 129. Er naht der Kluft, und bie gt mit leiſer Hand Die Ranken fort, und zagt, ein Blattchen moͤge erauſchen; Ihm ſcheint's Entweihung faſt, die Heil'ge zu belauſchen⸗ und zoͤgernd haͤlt das ſtille Band Der keuſchen Scham ihn noch; die Blicke nahn, ſie finden Das Fraͤnlein nicht, doch ſcheint des Mandes Glanz, Der durch die Blaͤtter ſpielt, gleich einem Wunderkranz Von Himmelsbluͤfthen rings ihr Lager zu vaunden. 1. Theil. 1 44 Caͤcilie. 130. Da gaukelt ſchnell ein frommer Wahn Durch ſeine Bruſt. O Gott, ſo ruft er, Gott der Guͤke, Du ließeſt hold mir deinen Engel nahn, Daß er auf rauhem Pfad mein zagend Herz behuͤte, Mein Stern, mein Retter ſey! Er iſt zu deinem Thron Zuruͤckgekehrt; dort ſoll er mich empfangen; Was an die Welt mich band, es iſt mit ihm entflohn, Und nur im Himmel bluͤht mein Gluͤck und mein Verlangen. 131 So ſpricht er froh und eilt mit kuͤhnem Sinn Durchs Thal hinweg. Er draͤngt durch Dorngewinde Mit blut'ger Wang', und wunder Bruſt ſich hin, 2 Irrt unverzagt durch dunkle Felſenſchluͤnde, 1 und klimmt auf glattem Pfad am ſchroffen Stein empor. Schon naht er ſich der Stadt, ſchon fuͤhrt das offne Thor, Das alle Waͤchter läͤngſt in ſichrer Ruh verlaſſen, Seit Skiold die Mauern ſchutzt, ihn in die breiten Gaſſen. Dritter Geſang. 132. Schon ſank auf's Daͤnenvolk des Schlumers truͤber Duft, Und ſchweigend lag die Stadt gleich einer weiten Gruft In ſchwarzer Stille da. Des Helden Schritte ſchallen Nachtoͤnend durch die wuͤſten Hallen. Sein Athemzug belebt allein die todte Nacht. Er irrt auf unbekannten Wegen Bald hier, bald dort. Da ragt in ernſter Pracht Ein hochgethuͤrmter Dom dem Zweifelnden entgegen. 133. Zum Himmel hob die Kraft der Pfeiler ſich empor; Rings trotzten ungeheure Zinnen Aus ewigem Granit, weit offen ſtand das Thor, Und naͤchtlich leiteten nach innen Die hohen Stufen auf. Des Mondes irrer Trug Umwebte wunderbar mit grellen Ungeſtalten Den ſchwarzen Rieſenbau, und dunkle Wolken wallten Um ſeine Kuppeln her, und drohten finſtern Fluch, 14* 172 Caͤcilie. 1 34. Hier denkt der Held der Reiſe Ziel zu finden. Er betet ſtill zu Gott, er naht, er tritt hinein. Schon ſteigt er kuͤhn empor, und dunkle Hallen winden Sich in das Innre jetzt, doch ſchwimmt ein ferner Schein, An Farb' und Glanz wie Morgenroͤthe, Durch's tiefe Dunkel her. Er folgt dem Schimmer nach, Und immer heller weicht die Nacht dem roſ'gen Tag, Und ſieh, in Flammenpracht erſcheint die heil'ge Staͤte. 135. Dort ſtand auf ragendem Altar, Vom goldnen Gitterwerk umhegt, die Wunderbluͤthe. Der Kelch ſchien gruͤnes Licht, und jedem Blatt entſpruͤhte Hellrother Strahlenglanz, und trennte wunderbar In lichte Perlen ſich, die dann zum weiten Kranze In buntes Farbenſpiel verwebt 8 Den Heerd umgaukelten, zum ew'gen Eirkeltanze, Vom regen Zauberduft des bluͤh'nden Keichs belebt⸗ Dritter Geſang⸗ 173 136. Doch alle Wunderpracht, ſie glaͤnzt dem ſtarren Ritter Umſonſt; er ſieht nur ſie, die am Altar ſich zeigt, Caͤcilien, die ſchon das goldne Gitter 1 Des Heerdes aufgethan, die Stufen ſchon erſteigt, Der Roſe naht. O weile, weile, Du pfluͤckſt den Tod! Er ruft's; er fliegt mit Sturmeseile Zum Heerd' empor; ſie dreht den bangen B Der Stimme zu und ſinkt von Schreck entſeelt zuruͤck. 137. Er hebt ſie raſch empor; er haͤlt ſie feſt umſchlungen; Laut ſchreit er auf; er ſchweigt im ſtummen Schmerz. O Gott, o Gott, du ſiehſt es, wie ſein Herz Im Leid verzagt, wie kalt von Todesangſt umrungen Ihm jede Kraft erſtarrt!— Doch ſieh, ihr Auge ſchließt Sich daͤmmernd auf; ſie blickt ihn lange Und ſchweigend an, und eine Thraͤne fließt Wehmuͤthig jetzt von ihrer Wange. Caͤcilie, 138. O, ruft er weinend aus, o ſprich, was that ich dir, Daß du mich ſo betruͤbſt? Fuͤr mich willſt du erblaſſen, Willſt mir die ew'ge Klage laſſen Um deinen Tod, den Schmerz des Lebens mir? Was thuſt du? Ach, du raubſt dem Leben 4 Sein ſchoͤnſtes Kleinod. Bleib, o bleib! Der Tod iſt mein! Erſt durch die heil'ge That kann mich der Himmel weihn, Den ſcheuen Blick empor zu deinem Glanz zu heben. 1 39. Da vindet ſie aus ſeinem Arm ſich los. Hoch ſteht ſie da, ihr Herz wird groß⸗ Ihr Auge licht, hell leuchten ihre Thraͤnen In kuͤhner Lieb', in heiligem Vertraun. O ſel'ges Bild, du reiner Glanz des Schoͤnen, Wer kann mit ſuͤnd'gem Blick dir jetzt in's Auge ſchaun? So ſtrahlt, wenn einſt der Tag des ew'gen Lichts entglomen⸗ Der Blume zarter Kelch am offnen Grab der Frommen⸗ —— Dritter Geſang. 475 140. Wohlan, du willſt, ſpricht ſie mit ernſtem Laut, So ſoll vereint der Tod uns finden! Hier ſteh' ich, deine keuſche Braut, Hier ſoll mit dir mich Gott verbinden Am heiligen Altar! Zugleich ſall unſre Hand Das große Werk des Glaubens wagen. Ein Grab ſoll uns empfahn, ein Engel uns ins Land Der Seligkeit zu Gottes Thron uns tragen! . 141. Sie beut die Hand ihm dar, ſie eilt, ſie ſteigt empor— Horch, horch, da raſſelt's in den Gaͤngen Des Tempels rings; von lauten Waffenklaͤngen Erbebt das Heiligthum. Auf ſpringt das innre Thor; Blutduͤrſtig naht der Feind. Schon droht er in der Ferne Mit graͤßlichem Geſchrei. Hin ſtuͤrzt er zum Altar, Und grimmig flammt gleich einem Ungluͤcks⸗Sterne Thorildens langes Schwert voran der wilden Schaar. Ha, trotz'ger Held, wir ſehn uns wieder! 8 zt ſchuͤtzt bei meiner Goͤtter Heerd Dein Gott dich nicht! Auf, Daͤnen, reißt ihn nieder! Se ruft's; ſie ſtuͤrzt heran. Des Ritters Rechte faͤhrt Herab, den Stahl zu ziehn; doch ach, der lag ſchon lange, Vom Sturm geraubt, im tiefen Meeresſchooß. Da ſpringt er kuͤhn zuruͤck, und eine ſchwere Stange Reißt maͤchtig ſeine Hand vom goldnen Gitter los. — 143. Er ſchwingt ſie hoch, er ſtuͤrzt dahin; es toͤnen Die Helme laut; vom maͤcht'gen Schlag Zerbirſt das Erz, hin ſinken rings die Daͤnen, Und rauchend faͤrbt ein blut'ger Bach Des Tempels heil'gen Grund. Doch immer wilder brechen Die Schaaren ein, der Freunde Tod zu raͤchen; Stets blut ger tobt um Odins Heerd die Schlacht, Und immer maͤcht'ger waͤchst des Feindes Uebermacht. Dritter Geſang⸗ 144. Laut ruft er auf zu Gott; er will nur ſie erretten, Sie, die er liebt. Doch ach, die Schaar umringt „Das Fraͤulein ſchon; ſchon ſinkt in ſchweren Ketten Ihr Arm hinab. Verzweifelnd ſpringt. Der Ritter hin zu ihr; im friſchen Blute gleitet Sein Fuß; er ſtuͤrzt, noch auf den Knieen ſtreitet Der ſtarke Held; umſonſt; ſein muder Arm erliegt; Die Feſſeln klirren ſchon, und Odin hat geſiegt! 145. So ſollen eure Feinde fallen, Ihr Goͤtter meines Stamms! ruft jetzt die Prieſterin; So ſoll mit kuͤhnem Schwert, mit ungebeugtem Sinn, Vor eunen ew'gen Tempelhallen Thorilde ſtehn! Herab! herab! Vertobe, ſtolzer Knab', in dunkeln Kerkerſchluͤnden Umſonſt die eitle Wuth! Bald ſoll dein ſchmaͤhlich Grab Den Feinden meines Volks Thorildens Rache kuͤnden. 478 CJacilie. Dritter Geſang. 146. Sie ruft's; ihr Haufe hebt die Schweigenden empor Und ſchleppt auf ewig finſtern Stiegen Zum Kerker ſie hinab, laut knarrt ein ſchwarzes Thor; Man ſchleudert ſie hinein. Mit dumpfem Raſſeln fliegen Die Riegel zu. In graͤßlich ſtummem Schmerz Sinkt Adalbert zuruͤck; von ſeinem Blute roͤthet Der Boden ſich; er ſchweigt. Doch fromm erhebt ihr Herz Caͤcilie zu Gott; ſie kniet dahin, ſie betet. Anmerkungen, Stanze 39.— Als Eberhard der kuhne Frankenheld zum Aufruhr ſich erhob. Eberhard, Herzog von Franken, ein unruhiger und tapferer Fuͤrſt, verband ſich mit Heinrich, dem Bru⸗ der, und Thankmar, dem Halbbruder des deutſchen Koͤnigs, gegen dieſen. Der vierte Bundesgenoſſe war Giſelbert, Herzoͤg von Lotharingen. Der Krieg fiel indeß ungluͤcklich aus. Otto ſchlug ſeine Feinde in meh⸗ reren Schlachten, und Eberhard, Thankmar und Gi⸗ ſelbert verloren ihr Leben. Nach Wittekind Annal. Lib. II. blieben in der Schlacht bei Andernach nur Eberhard und Giſelbert, nachdem Thankmar ſchon fruͤher umgekommen war. Das Chronic. Australe in Preher script. rer. Germ. T. I. ſetzt die Schlacht bei Andernach ins Jahr 940, 180 Anmerk. zu Caͤcilie. III. Geſang. Stanze 98.— In Haralds Hallen blinkt mit ſuͤßem Meth die Schaale.— Die Normaͤnner hatten ein ge⸗ wiſſes Getrank, welches ſie Mundgut nannten, und das wahrſcheinlich eine Art von Meth war. Der Wein ſcheint bei ihnen noch nicht ſehr gebraͤuchlich geweſen zu ſeyn, denn ſelbſt in Walhalla trinkt blos Odin Wein. Stanze 133.— mit grellen Ungeſtalten.— Das Wort Ungeſtalt iſt in dieſer Bedeutung neu, aber nach der Analogie richtig. Es bedeutet das, was gar keine Geſtalt hat, und ſchien fuͤr die hin und her ſchwanken⸗ den Lichter und Schatten des Mondes paßlich zu ſeyn. 8 8 — ‿ S 22 — +— — * Vierter Geſang. * 1. Schon daͤmmerte der Tag um Lethra's wald'ge Flur, Schon flog im Daͤnenvolk die thraͤnenreiche Kunde Der blut'gen Schlacht von Mund zu Munde Und drang zur hohen Burg. Von ſeinem Lager fuhr Der Koͤnig zurnend auf und ſtieg die breiten Stufen 1 Zum Heldenſaal empor, im leuchtenden Gewand, Und Diener wurden rings zur Stadt hinabgeſandt, Die Fuͤrſten ſeines Reichs zum Rath herbei zu rufen. Bald nahte jetzt in Erz gehuͤllt, Mit drohend weh'ndem Helm, am Arm den blanken Schild, In ſtarker Hand den Speer, die Heldenſchaar der Daͤnen. Kuͤhn blickt ihr Aug' umher; um ihre Glieder klirrt Des Eiſens heller Schmuck; die weiten Hallen toͤnen Vom Schritt der Wandelnden; und leicht und huͤpfend irrt Im Schatten rings mit goldnem Strahle Der fluͤcht'ge Wiederſchein vom hellpolirten Stahle. 3. Skiold zieht zuerſt heran. Sein ungeheurer Speer, Der ſonſt als Fichtenſtamm mit Stuͤrmen oft geſtritten, Ragt leuchtend durch die Luft daher, Dem Stern der Fruͤhe gleich. Ihm folgt mit raſchen Schritten Thorilde nach. Noch trieſt ihr ehrnes Kleid Von ſchwarzem Blut; noch blitzt mit feuchtem Glanze Ihr breites Schwert; ihr dunkles Auge draͤut, Und prangend glaͤnzt der Helm im heil'gen Eichenkranze. * Vierter Geſang⸗ 1 5 8 8 4. Auch Rolfo, den der Fels von Helgoland gebar, Ein Krieger, weiſ' im Rath und unverzagt im Streite, Beſteigt die Burg. An ſeiner Seite Gehn Alf und Edelrad, ein tapfres Bruͤderpaar, Das in der Juͤten bluͤh'ndem Lande Mit reichem Scepter herrſcht. Drauf ſchreitet Grim heran, Der manchen edlen Schatz auf Anholts ſeichtem Strande Aus Schiffen, die der Sturm zerſchmetterte, gewann, 5. Dann nahte Torkill's Kraft in bluͤh'nder Jugendfuͤlle. Er lebt' in Langeland auf vaͤterlichem Schloß Im Arm der zarten Braut, als ihn des Koönigs Wille Nach Lethra rief. Sein treuer Kampfgenoß, Der tapfre Biorn, der Fuͤhnens ſette Weiden Mit milder Hand regiert, umſchlingt den lieben Freund. Sie ſah man ſtets in Freud und Schmerz vereint, und fruh ſchon ſchwuren ſie: Der Tod nur ſoll uns ſcheiden. Theil. 15 6.* In rauher Baͤrenhaut ſchritt Grombar dann einher; Er herrſchte dort, wo Hekla's Feuerſaͤule Durch truͤbe Nebel flamt. Nicht fuͤhrt er Schwert und Speer, Sein ſtarker Arm ſchwang eine maͤcht'ge Keule Aus hartem Stahl. Ihm folgte Tolkar nach, Der fernher von des Eismeers Wogen, Wo einmal nur im Jahr die Nacht den nah'nden Tag Voruͤberwandelnd gruͤßt, nach Lethra's Burg gezogen. 7. Noch mancher Held, geehrt im Rath und in der Schlacht, Beſteigt die Burg. Es füllen ſich die Hallen, Und in den Kreis der maͤchtigen Vaſallen Tritt Harald ſelbſt in koͤniglicher Pracht. Mit goldnem Glanze prangt um ſeinen Helm die Krone; Ein reicher Mantel wallt um's Stahlgewand hinab; Die ſtarke Rechte haͤlt den ſtolzen Herrſcherſtab, und ſo beginnt er jetzt mit feierlichem Tone: Vierter Geſang. 187 8. Ihr Schwerter meiner Schlacht, hochherz'ge Daͤnen⸗ hoͤrt Auf eures Koͤnigs Wort. Euch hat in Lethra's Mauern Mein Wille juͤngſt vereint, weil noch mit ruͤſt'gem Schwert Am Eiderſtrand die falſchen Sachſen lauern, Zum Ueberfall bereit. Ihr ſollt mit ſtarker Hand Um euern Koͤnig ſtehn, und Odins Spoͤtter ſchlagen, Und weit umher in meiner Feinde Land Das flammende Panier des blut'gen Krieges tragen. 9* Wohl hat auch Biarko ſchon, des Reichs verbaunter Feind, Er, den ſein eigner Wahn des Daͤnenthrons beraubte, Weil er den ſchwachen Gott des fremden Volkes glaubte⸗ Mit ihren Schaaren ſich vereint. Ihr ſtolzes Heer, das fruͤh're Schmach zu raͤchen Schon lange heimlich brennt, bald wird es drohend ist, Vom falſchen Schein des Rechts geſchuͤtzt, Mit ungeſtuͤmer Wuth in unſre Grenzen brechen. 15 † 10. Doch groͤßrer Frevel noch hat mit verborgner Liſt Zu unſerm Sturz den Feinden ſich verdungen; Der Schmuck, der un er Heil, der un r Retter iſt, Den unſre Fauſt dem Gott der Schwachen abgezwungen, Ihm nahte Raub. Dir, kuhne Prieſterin, Dir dankt mein Volk; du haſt den Frechen widerſtanden, Und ſchon erwarten ſie den ſchmerzlichen Gewinn Der kecken That in harten Eiſenbanden, 1 1. Ihr ſeht's, daß ſelbſt der ſichre Tod Sie, deren Geiſt erzuͤrnte Nornen leiten, Nicht ferner ſchreckt; Betrug und Wahnſinn ſtreiten Um Odins Sturz; verborgnes Unheil droht Den Saͤulen unſres Reichs. Jetzt rathet, eble Daͤnen, Was ſichert unſre Macht? Was heiſcht das Wohl des Staats? Und welch ein Straſgericht des tuͤckiſchen Verraths Soll unſrer Bruͤder Blut und Odins Zorn verſoͤhnen? Vierter Geſang. 189 12„ Er ſpricht's; ſie ſchweigen rings. Nur Rolfo tritt hervor: Leicht iſt, ſo ſpricht der Held, der beſte Rath gefunden, Wo Wachſamkeit mit Muth und Trotz verbunden Als letztes Heil ſich zeigt. Laß um das eh'rne Thor Des Tempels tauſend ſtarke Helden, Als ſichre Mauer ſtehn; dann moͤgen Haupt und Hand Des kühnen Paars zum Feindesheer geſandt Den Ausgang ihrer That und unſre Rache melden. 13. Er ruft's, und laͤrmend toͤnt und hell Ihm Beifall rings von jedem Schild entgegen. Kur Skiold verſchmaͤht den Rath. Nicht ſo, beginnt er ſchnell⸗ Nicht ſchimpflich ſoll der kuüͤhne Degen Hinſaken wie ein Knecht! Er iſt ein tapfrer Held, Und nimmer ſoll der Enkel ſagen: Er, der die Maͤnner Skiolds, der Daͤnen Schmuck, gefaͤllt, Liegt ruhmlos, ohne Grab, von feiger Hand erſchlagen. Ihm zuͤrnt mit bitterm Haß, mit heißer Rachbegier Mein gluͤhend Herz; ihm kann ich nie verzeihen. Er nahm mir meinen Raub, er wuͤrgte meine Treuen; Nur mir gebuͤhrt der Kampf, die blut'ge Rache mir! Noch einmal ſoll mein Ruhm durch ſeinen Fall ſich heben. Doch ſollten ihm die Nornen Sieg verleihn, Dann zieh' er frei hinweg; er bot mir einſt das Leben; Nichts will ich ihm, dem Feinde, ſchuldig ſeyn. 15. Doch Jene, die er mir, die er mit trotz'gem Muth⸗ Den Goͤttern nahm, ſie laß ich nicht! Noch nie verletzte Skiold des Eides heil'ge Pflicht, Ihr ſchwur ich Tod; ſie ſink' in ihrem Blute Vor Hertha's Opferheerd! Dann laß mit kuͤhner Macht Den Sachſenkoͤnig nahn; noch ward den Nordſchen Rittern Der Nacken nicht gekruͤmt! Nur Knecht und Weiber zittern; Der freie Mann empſaͤngt den Tod und lacht! — Vierter Geſang. 16. Er ruft's, und ſchlaͤgt ans Schwert, und ſchuͤttelt ſeine Lanze In ſtarker Hand; von ungebeugtem Muth Erglaͤnzt ſein Blick; ſo flammt mit kuͤhnem Glanze Durch dunkle Nacht vom hohen Fels die Gluth. Nings weilt im weiten Saal der Ehrfurcht ſcheues Schweigen, Bewundernd ſchaut die Schaar ihn an, Und keiner hofft den kuͤhnen Mann, Durch kecken Wiederſpruch, zum kluͤgern Rath zu beugen⸗ 17. Nur Harald wagt's. Er zagt im bangen Geiſt Fuͤr ſeines Throns gewalt'ge Stuͤtze, Und ſucht mit ſanftem Wort die ungeſtuͤme Hitze, Die raſch zum blinden Gluͤck des blut'gen Kampfs ihn reißt, Zu baͤndigen. Umſonſt; feſt trotzt auf ſeinen Willen Der maͤchtige Vaſall, und ſchwort Bei ſeinem Haupt und bei der Goͤtter Heerd, Was er geſprochen, zu erfuͤllen. 2 Caäaͤcilie. 18. Laßt ab, beginnt mit ernſtem Wort Thorilde jetzt; ihr koͤnnt ihn nicht erweichen. Die dunkle Norne reißt mit ſtiller Macht ihn fort, Sie ſpricht durch ſeinen Mund, ſie giebt mir dieſes Zeichen, Daß nicht mein Geiſt mich trog, als ich mit Brudermord Dem Deutſchen juͤngſt gedraͤut. Er darf noch nicht erbleichen; Noch einmal muß er fliehn, doch ruht in Skulda's Schooß In duͤſtre Nacht verhuͤllt fuͤr ihn ein graͤßlich Loos. 19. Doch du, ſo faͤhrt ſie fort, und heftet ihre Blicke Mit ſtarrem Glanz auf Skiold, und dunkle Ahnung ſchwebt Um ihren Mund, wer hat mit deines Feind's Geſchicke So wunderbar dein eignes Loos verwebt? Durch dich entflieht er jetzt; du machſt der Band' ihn ledig, Doch auch auf deiner Stirn entdeckt des Todes Graun Mein Geiſt noch nicht! Ihr Goͤtter, ſeyd uns gnaͤdig, und laßt die Daͤmmrung bald der duͤſtern Nacht uns ſchaun! — Vierter Geſang. 193 20. Sie ſpricht's und blickt hinweg, und alle uͤrſten; ſchaudern Bei ihrem dunklen Wort. Nur Stkiold erzittert ni⸗ icht. Ich glaube, ruft er ſtolz, was mir mein Schwert ver ſricht, Ihm ſey mein Loos vertraut! Nicht lange will ich zaudern. Beſorgt den Kampf! Gewattig zieht Mein Herz mich fort; nach Blute lechzend gluͤht In meiner Hand der Speer! Was mir die Nornen weben Das acht' ich nicht! Mein Wille lenkt mein Leben! 21. So ruft er aus und geht, und ſtuͤrmiſch folgt die Schaar Dem Helden nach, und Schild und Schwerter toͤnen Um ſeinen Pfad. Jetzt ziehn ſie zum Altar, Durch heil'ges Opferblut die Gottheit zu verſoͤhnen, Die wildes Kampfgewuͤhl und frevelnde Gewalt Verderblich juͤngſt im ſtillen Heiligthume Mit ſchwarzem Mord befleckt, und weit umher erſchalt Der Skalden kuͤhnes Lied zu Skiolds und Odins Ruhme, 194 Cäaͤcilie, 22„ Doch als der ſechste Morgen graut, Da werden raſch zum blut'gen Werke Auf weitem Markt die Schranken aufgebaut; Und zu dem Paladin, der mit erneuter Staͤrke Von ſeinen Wunden jetzt durch weiſe Pfleg' erſtand, Tritt Edelrad, von Skiold geſandt, Um Band und Kerkerthor dem Helden aufzu ſchließen Und ihn mit dieſem Wort von Roskilds Herrn zu gruͤßen: 23. teh auf und waffne dich Dich fordert Skiold zum Streit,/ Er ſah durch dich die tapfern Freunde ſterben,. Er will mit deinem Blut die maͤcht'ge Lanze faͤrben. Ergreif den Speer, zieh an das eh'rne Kleid! Schon harrt ſein Zorn, die Schranken ſtehn bereit, Dir oder ihm naht toͤdtliches Verderben. Doch wenn den Sieg die Nornen dir verliehn, Dann magſt du frei hinweg zu deinen Freunden ziehn! 71 Vierter Geſang. 495 24. Er ſpricht's und reicht ihm Schwert und Lanze, und breitet dann mit hellem Schein Die Waffen vor ihm aus. Hell blitzt im Silberglanze Der ungeheure Schild, zum Flug' entfaltet draͤun Des raſchen Adlers breite Schwingen Vom hohen Helm herab. Das ſchuppige Gewand Verkettet dreifach ſich mit dichtverwebten Ringen, Und laſtend fullt die Art des Helden ſtarke Hand. 25. Schnell ſpringt der Ritter auf. Ach, lange ſchon entbehrte Sein Blick der Waffen edle Zier. Kuͤhn greift er nach dem guten Schwerte, Das ihm ſein Feind geſandt; er ſchwingt mit Kampfbegier Hoch durch die Luft den Speer, und wiegt in ſtarken Haͤnden Die maͤcht'ge Art, und ſpiegelt froh im Strahl Des blanken Schildes ſich. Willkommen, ſcharfer Stahl, So ruft er, treuer Freund, du ſollſt mein Leiden enden! Und vor der zarten Dulderin, Die ungebeugt in harten Eiſenbanden Mit Pfleg' und frommem Troſt dem Freunde beigeſtanden, Sinkt glaͤubig jetzt der Held auf ſeine Knie dahin. Und lange blickt er ihr mit tief empfundnem Schweigen In's friedliche Geſicht und leiſe Thraͤnen ſteigen In ſeinem Aug' empor; gewaltig ringt ſein Herz Mit ehrfurchtsvoller Scheu, mit Lieb' und Luſt und Schmerz. 27* O du, ſo ruft er aus, dich nennt, du reines Weſen, Kein ird'ſcher Name mehr! O du, die Gottes Hand Schon auf der Welt zum Engel ſich erleſen, Du ſel'ger Traum, den mir der Herr geſandt, Ach, du bedarfſt es nicht, daß ich mit ſchwachem Schwerte Dich ſchuͤtze! Betend hebt zum Himmel ſich dein Blick, Und liebend fuͤhrt dich, Hellverklaͤrte, Der Engel deines Hauchs zu Gottes Thron zuruͤck! Vierter Geſang. 28. Und doch, o laß ihn mir, den wunderſuͤßen Glauben, Dein Retter jetzt zu ſeyn! O laß den Kranz von Licht, DenReinheit, Lieb' und Muth ſchon jetzt ums Haupt dir flicht, Nicht jeden frend'gen Strahl aus meinem Leben rauben, Nicht jede That fuͤr dich! O laß fuͤr dich zum Streit, Zum Siege jetzt mich gehn; mit reiner Hand verleihe Du dieſen Waffen jetzt, die mir der Himmel beut, Du heilges Bild, des Glaubens fromme A Veihe! 29. Er ſpricht's. Sie laͤchelt leiſ' und mild, Ass ſollte ſich ſein Herz aus ihren fuͤßen Blicken Mit Muth und friſcher Kraft zum heißen Kampf erquicken. Doch auch mit banger Ahnung fuͤllt Ihr Buſen ſich, ſie kann die Thraͤne nicht erſticken, Die ſtiller Daͤmmrung gleich aus ihrem Auge quillt; Sie, die dem Tode juͤngſt ſich muthig hingegeben, Sie zittert jetzt fuͤr ihres Freundes Leben. Doch wie der Bluͤthenkelch, der, rings vom Thau beſchwert, Den zarten Saum geneigt mit zweifelhaftem Schwanken, Jetzt, wenn in's Wieſengruͤn die Perlen niederſanken, Sich froͤhlicher erhebt, von feuchtem Glanz verklaͤrt, So hob Caeilie ſich bald aus bangen Thraͤnen Verherrlichter empor, und was dem ird'ſchen Leid Mit menſchlichem Gefuͤhl ihr weiches Herz geweiht⸗ Das mußte heller jetzt den ſel'gen Blick verſchoͤnen. 31. Und Haͤnd und Augen hob ſie jetzt zu Gott empor Und ſchien aus tiefer Bruſt mit heißem Flehn zu beten; Und ſieh, ein goldnes Kreuz, das ſonſt ihr Buſenflor Verbarg, das ſchlang ſie ſest mit ſchuͤchternem Erroͤthen Um ihres Ritters Hals. Von Glauben und Geduld Schien halb in ihrem Blick ein heller Glanz zu tagen, Halb lauſchte ſtill der Liebe ſuͤßes Zagen und zarte Scham in ihm, die Botin keuſcher Huld. —O⏑—L—ꝛ—ꝛ—— Vierter Geſang. 199 B 32. So zieh denn hin, ſpricht ſie mit leiſem Tone, Mein theurer Held, zieh hin fuͤr Gott, fuͤr mich! Schon harrt des Glaubens Palmenkrone, Mein ſehnend Herz, die Liebe harrt auf dich! Nim dieſes Pfand von mir! Wenn wild der Kampf entlodert, Dann ſoll es Kraft dir leihn! Wie er, der fuͤr die Welt Um Kreuze rang und ſtarb, ſo kaͤmpfe, tapfrer Held, Mit glaͤub'gem Sinn, und ſtirb wenn Gott es fodert! 33. O lebe wohl, du, den ich heiß geliebt, Du Einziger, von dem mein Herz ſich nimmer Entfernen kann, leb wohl! Was auch dein Loos dir giebt, Sey muthig, ſey getroſt, wir ſcheiden nicht auf immer. O weine nicht, o nimm auch mir Den Muth zur Trenung nicht! Sey ſtark in bittern Noͤthen! Iſt nicht der Liebe Kraft, iſt nicht der Herr mit dir? Leb wohl, leb wohl, und mich laß fuͤr dich beten! Caäaͤcilie, 34. O ſieh empor! Mit ewig heiterm Licht Hat ſich der Schooß des Himmels aufgeſchloſſen; Der Kerker ſtrahlt, von goldnem Schein umfloſſen, Die Mauer ſinkt, das Erz der Feſſeln bricht! Der Hauch der Liebe weht, und friſche Kraͤnze ſproſſen! Das duͤſtre Grab, es hemmt den kuͤhnen Sieger nicht! Ein ſel'ges Heil hat uns der Herr beſchieden, Zieh hin zum Kampf, zieh hin zum ſchoͤnern Frieden! 35. Sie ruft's. Hoch uͤber Nacht und Grab Scheint im Triumpf ihr Geiſt empor zu ſchweben; Ein goͤttlich Feuer iſt in ihrem Aug' erwacht; Aufwachend hebt ein reines Leben Mit ſanſtem Hauch die Bruſt. Hell flammt des Ritters Geiſt Von heil'ger Kraft; mit kuͤhnem Fittig reißt Ihr Glaub' ihn mit empor; was ſeinen Muth gebunden, Iſt vor dem hellen— itz des Lichts zu Staub geſchwunden. 36. Vierter Geſang. 201 36. Raſch ſpringt er auf; er zaudert jetzt nicht mehr, Schon prangt der ehr'ne Schmuck um ſeine ſtarken Glieder, Er faßt den Schild und ſchlaͤgt den Helmſturz nieder Und ſchnallt den breiten Stahl um ſeine Huͤften(her. Die Linke zuckt den Speer und drohend ſchwinkt die Rechte Zum blut'gen Streich die ſchwere Kolb' empor⸗ Und leuchtend tritt er jetzt aus heitermLicht hervor Und zieht mit lautem Schritt zum toͤdtlichen Gefechte. 37. So hebt der Sonnenglanz, den lang mit finſterm Duft Der Wolken duͤſtres Heer umfloſſen, Sich ſiegend aus der Nacht. Im Glanze ſchwimmt die Luft, Und Strahlen ſenkt er rings gleich flammenden Geſchoſſen Um ſeine Bahnen her. Vom Licht zerriſſen fliehn Die Wolken vor ihm hin im kaͤmpfenden Gewuͤhle; Doch er durchwandelt ſtill und kuͤhn Den leicht erſtrittnen Pfad hinab zum fernen Ziele, I. Theil. 16 Caͤcilie. 38. Doch wie der ſtarke Leu, der ſtolz des Kampfes harrt, Wenn ihn aus ſichern Eiſengittern Des Waͤrters Hand entließ; die borſt'ge Maͤhne ſtarrt; Die Tatze wuͤhlt; von ſeiner Stimme zittern Die Schranken rings, und Luft und Boden aͤchzt Von ſeines Schweifes Schlag; die rothe Zunge lechzt Nach blut'gem Mord; weit gaͤhnt der Rachen; flamend ſchauen Die Augen rings umher mit trotzigem Vertrauen; 39. So wartet Skiold im Mittelpunkt der Bahn Auf ſeinen Feind, der jetzt mit feſtem Schritte Den Schranken naht. Auf ragendem Altan Sitzt Harald ſelbſt in ſeiner Helden Mitte In königlichem Schmuck. Dicht ſteht das Volk umher, Und harrt des Kampfs mit ahnungsvollem Schweigen. So zagt, wenn fern empor graunvolle Wetter ſteigen, In dumpfer Ruh das athemloſe Meer. Vierter Geſang. 203 40. und drohend treffen jetzt die Helden ſchon zuſammen, Sie ſtehn und ſchann ſich unverwandt Ins feindliche Geſicht und ſenden gluͤh'nde Flammen Aus ihrem Blick ſich zu. An's eiſerne Gewand Schlaͤgt wild vor Grim ihr Herz; mit feſtgeſchloſſnem Krampfe Umſpannt die Hand den Speer und unerſchuͤttert trotzt Am Grund ihr eh'rner Fuß, und jede Sehne ſtrotzt, und horch, ſchon ſchmettert laut des Erzes Klang zum Kampfe! 4i. Skiold hebt zuerſt in ſtarker Fauſt Die Lanz' empor. Der maͤcht'ge Speer entſaußt Und zappelt in der Luft vom ungeheuren Schwunge. Vorſchauend weicht mit raſchem Sprunge 1 Dem Wurf der Ritter aus, und mit gewalt'ger Kraft Senkt fern dahin geſchnellt das Eiſen Sich knirſchend in den Grund, und zuͤrnend ſchlaͤgt der Schaft Die Luft und zittert lang in immer ſchwaͤchern Kreiſen, 16* 4². Jetzt wiegt auch Adalbert in ſichrer Hand den Speer Und ſchleudert raſch, wie von der ſtraffen Sehne Der Pfeil entſchluͤpft, ihn fort; doch maͤchtig wirft der Daͤne Mit weit geſtrecktem Arm den breiten Schild vorher. Die Lanze ſtuͤrzt gleich einem Ungewitter Sich auf den Stahl und kruͤmt lautgellend ſich und prallt Aufzitternd dann zuruͤck, doch von des Wurfs Gewalt Zerkracht ſie in der Luft und ſpringt in tauſend Splitter. 43. Und raſch mit hochgezuͤcktem Stahl Begegnen jetzt gleich dunklen Wettern Die wilden Streiter ſich, und gleich des Blitzes Strahl Flamt hier und dort das Schwert, und laute Hiebe ſchmettern Auf Helm und Schild herab. Ein Strom von Funken ſpruͤht Um ihre Schläͤge rings, und Schneid' an Schneide gluͤht Vom heißen Gegendrang, und eine dichte Wolke Von Staub verhuͤllt den Kampf dem bangerſtaunten Volke. — Vierter Geſang. 44. So raſ't mit ungezaͤhmter Wuth Ein ploͤtzlich aufgeflammtes Feuer Durch gluͤh'nderuͤmmer hin. Rings huͤllt im truͤben Schleier Der ſchwarze Dampf es ein, doch praſſelnd bricht die Gluth Auflodernd oft hindurch und hebt die raſchen Flammen Zum wilden Kampf empor. Der Sturz der Balken kracht, Die Mauern berſten laut, und donnernd ſtuͤrzt die Pracht Der ſtolzen Koͤnigsſtadt in oͤden Schutt zuſammen, 45. Feſt ſteht der deutſche Held mit ungebengtem Sinn; Kaͤmpft doch ſein tapfres Schwert fuͤr ſie, fuͤr Gottes Sache! Doch wuͤthend ſpornen Groll und Ruhmbegier und Rache Und Stolz den Nord'ſchen Mann auf ſeinen Feind dahin. und maͤcht'ger ſtuͤrmt er ſtets mit imer wilderm Drange Auf ſeinen Gegner ein, und immer hoͤher ſchwingt Sein Arm den Stahl, bis raſch mit hellem Klange Am Schild des Paladins ſein gutes Schwert zerſpringt. 206 Caͤcilie. Kaum ſieht der deutſche Held des Daͤnen Stahl zerfliegen, So wirft auch er die eigne Waffe weit Von ſich hinweg: Ergreift zum neuen Streit Die Art, nicht will ich ſchaͤndlich ſiegen! So ruft er aus, und bittrer noch ergrollt, Daß ihn ſein Schwert getaͤuſcht, und daß ſeinFeind ihn ſchone, Schwingt grimmig jetzt der wilde Skiold Die Art, daß jaͤher Tod dem ſtolzen Gegner lohne. 47. Den ſchuͤtzt ſein Schild, und er auch hebt Die Kolb' empor; die knot'gen Eiſenkeulen Begeguen ſich mit Macht und haͤmmern tiefe Beulen In's ſtaͤhlerne Gewand; vom Fall der Streiche bebt Der Boden rings, und nimmer endet Der Kampf, obgleich den heißen Brand Die Mittagsſonne ſchon vom Himmel niederſendet, Und faſt die letzte Kraft den Streitenden entſchwand, 8 Vierter Geſang⸗ 207 48. Faſt ſcheint die Kolbe nur den Arm noch zu regieren, In hochgeſchwoll ner Fauſt laͤßt jede Muskel nach; Der Panzer brennt und preßt; hell rinnt ein heißer Bach Von Wang' und Stirn, die truͤben Augen ſrieren Sich halbgebrochen an; von trockner Hitze gluͤht Des Hauch's beſchwingtes Wehn, den ſchweren Koͤrper halten Nur ſchwankend noch die Knie, und ihren Blick umzieht Der Ohnmacht Nebelduft in gaukelnden Geſtalten. 49. So ringen, wenn der Kampf der Winde ſich gelegt, Auf weitem Meer die ſchlaffen Wellen, Vom fruͤhern Drange nur, nicht mehr vom Sturm erregt⸗ Mit muͤder Kraft. Noch ſinken ſie und ſchwellen— Arbeitend auf, und manche Woge ſteigt Noch einmal ſtolz empor, doch beugt Die eigne Laſt ſie bald, und kaum zum Strand erhoben Sinkt brechend ſie zuruͤck, in fluͤcht'gen Schaum zerſtoben. 208 Caͤcilie, 50. Doch lange ſchaut der Koͤnig ſchon Beſorgt dem Kampfe zu, da keinen noch zum Siege Die Vorſicht ruft; er zagt, daß Skiold erliege, Der Kuͤhnſte ſeines Volks, der ſtets den Daͤnenthron Mit ſtarkem Arm beſchuͤtzt. Auf fluthenden Gedanken Treibt raſch ſein Geiſt umher; Entſchluß und Wille ſchwanken Im Hauch des Augenblicks; doch ſchwarz und blutig naht Der duͤſtern Seele jetzt ein unheilſchwangrer Rath. 61. Noch draͤngt er in die tiefſten Falten Des Buſens ihn zuruͤck, und mit dem Heroldsſtab Eilt Rolfo jetzt auf ſein Gebot hinab, Das muͤde Heldenpaar vom Kampf zuruͤck zu halten. Jetzt ſollen beide ruhn, da laͤngſt der harte Streit Die Schwankenden erſchoͤpft; doch wenn zum friſchen Leben Der kuͤnft'ge Tag die Kraft der Zuͤrnenden erneut, Dann mag noch einmal ſich der bittre Kampf erheben, Vierter Geſang. 2⁰9 52. Wohlan, es ſey! beginnt mit mattem Ton Der wilde Skiold, als er das Wort vernommen, Ich oder du; nicht ſoll der Aufſchub frommen! Walfadur harrt auf ſeine Beute ſchon! Dir hab' ich Groll und Tod geſchworen; Mich ehrt dein Kampf; du biſt ein tapfrer Feind. Gieb mir die Hand! Gern ſchied' ich als dein Freund, Wenn nicht zu ew'gem Haß die Nornen uns geboren. 53. und grimmig ſchuttelt jetzt das tapfre Kriegerpaar Die ehrnen Haͤnde ſich, die nach des Feindes Blute So luͤſtern ſind; ſie gehn mit trotz'gem Muthe und unverſoͤhnter Bruſt. Zur frohen Daͤnenſchaar Kehrt Skiold zuruͤck; doch wie die muͤden Glieder, Von langer Jagd erſchoͤpft, in dunkier Felſenkluft Der Loͤwe ſtreckt, ſo ſteigt zur Kerkergruft Mit matter Kraft der deutſche Held hernieder. Czeilie. 54. Auch Harald kehrt zur hohen Burg zuruͤck, Und noch nicht feig genug, durch falſchen Schein zu luͤgen, Enthuͤllt er ohne Scheu im ſch warzbewoͤlkten Blick Den lichen Entſchluß. In ſeinen duͤſtern Zuͤgen Lacht tuͤckiſcher Verrath: und als ſich nach und nach Die Fuͤrſten ſeines Rei lis vom Heldenmahl zerſtreuten, Da winkt per Roff, ins innerſte Gemach Der Burg ihn heimlich 1u mdent eiten. 55. I Der Held gehorcht; und ſo begann Der Fuͤrſt: Du ſahſt den Kampf; noch laͤßt ſich nicht errathen, .Bl Wer morgen ſiegt, doch ſpornt zu ungeheuern Thaten Verzweiflung ſiets den Hoffnungsloſen an. Der iſt ein Sher wer muͤhſam ringt und ſtreitet, Wenn ihm der Nornen Hand ein leichtres Ziel vergoͤnnt, Und der nicht jeden Nath erlaubt und tuͤchtig nennt, Der von Gefahr entfernt zum ſichern Sieg ihn leitet. —˖,— Vierter Geſang. 56. Vorſichtig hab' ich ſtets und weiſe dich erkannt; Du ſelber rietheſt mir die Frevler zu verderben; Wohlan, es ſey; ſie ſollen beide ſterben. Der Daͤnen Heil vertrau' ich deiner Hand. Nimm dieſen Dolch, und wenn vom Schlaf gebunden Der Ritter kraftlos ruht in ſtiller Mitternacht, Dann ſichre du den Thron. Ein Stoß; es iſt vollbracht, Und unſer Freund geſchuͤtzt, und unſre Furcht entſchwunden. 57. Und auch die Jungfrau flehe nicht, Die Skiold fuͤr Hertha's Heerd zum Opfer auserkohren. Nicht, was wir raſch den Goͤttern einſt geſchworen, Nein, was ſie ſichrer ſchuͤtzt, das iſt die groͤßte Pflicht. Sie koͤnnte leicht uns zum Verderben zengen. Wohl kennſt du Skiold; ſein Herz iſt tren, Doch ungezaͤhmt ſein Zorn, und ſchwer ſein Sinn zu beugen⸗ Und Lethra's Heil verlangt, daß unſer Freund er ſey. Caͤcilie. 58. Er ſpricht's und reicht mit gnaͤd'gen Mienen Den Dolch ihm dar. Doch raſch von Zorn entbrannt Wirft Rolf den Stahl aus ſeiner Hand, Und ruft unwillig aus: Nicht ſo will ich dir dienen! Noch nie hat niedrer Mord mein edles Schwert befleckt; Die feige That gebuͤhrt dem Schwachen, Dem Knecht ein knechtiſch Werk! Den freien Mann erſchreckt Dein Zuͤrnen nicht! Ihn wird ſein Arm bewachen! 59. Wohl rieth ich juͤngſt des kuͤhnen Paares Tod, Und ſichrer war der Rath und konnte nicht mich ſchaͤnden. Ich ſah die Freyler nur, die mit verwegnen Haͤnden Die ſtolze Ruh des Daͤnenvolks bedroht. Jetzt, da den deutſchen Mann der Kampf des Daͤnen ehrte, Darf keine Schmach ihm nahn; ich ſelber ſchuͤtz' ihn jetzt, Und wer zum ſtillen Mord den Stahl verraͤth'riſch wetzt, Der hute jetzt ſich auch vor Rolfo's Schwerte, Vierter Geſang⸗ 60. So ruft er aus und geht. Mit ſtiller Wuth im Blick Siehr ihm der Koͤnig nach. Von ſtreitenden Entſchluͤſſen Wird wiederum ſein irrer Geiſt zerriſſen. Hier treibt die Furcht ihn an, dort haͤlt ſie ihn zuruͤck. Umruhig ſpringt er auf, und irrt durch alle Saͤle Der weiten Burg, und nimmer ruht Der wilde Kampf in ihm; er heiſcht der Feinde Blut, Doch zweifelnd zagt er ſtets, welch einen Weg er waͤhle. 61. Doch hatt' indeß zum Schutz des edlen Paars Ein andrer Held ſich jetzt den Thoren Der Daͤnenſtadt genaht. Der biedre Saͤnger war's, Den beide ſchon als für die Welt verloren Wehmuͤthig juͤngſt beklagt. Zwar riß in jener Nacht Die Wuth des Meers ihn fort, doch auf dem wilden Pfade Der Wogen hatt' ihn bald zum Daͤniſchen Geſtade, Vom Sturm geiagt, die hohe Fluth gebracht. Verzweifelnd ſaß er dort am ſchroffen Felſenriffe, Und rang die Haͤnde wund, und ſah mit naſſem Blick Ins weite Meer hinaus und ſpaͤhte nach dem Schiffe, Worauf verzagend jetzt ſein einz'ges, letztes Glück Dem Tod' entgegen ſah. Noch wagt ſein Herz zu hoſſen, Doch ach, bald waͤlzte ſchon im Wogenſpiel das Meer Dem Strande Leichen zu, und hart vom Blitz getroffen Schwamm rings zerſtreut des Schiffes Reſt daher. 63. Sie iſt dahin! ſo ruft mit heißen Thraͤnen Der Arme jetzt; ach meine Lieb' entſank In's kalte Grab! O du mein zartes Sehnen, So biſt du todt? verhallt, du fuͤßer Klang? Entblaͤttert welkt der duft'ge Kranz des Schoͤnen, Der freundlich ſich um meine Tage ſchlang, Und jeder Traum, den mir mein Herz gegeben, Er iſt verbluͤht, und ewig kalt mein Leben! Vierter Geſang. 215 64. O wilder Sturm, treuloſe Wogenfluth! Verhaß tes Meer! Euch ruͤhrten alle Bluͤthen Des reinſten Lebens nicht! In eurem Schooße ruht Des Friedens heil'ges Bild, und ach, noch koͤnnt ihr wuͤthen, Vom wilden Kampf empoͤrt? Doch nein, ihr ſinkt hinab! Der Hauch der Stille weht, und leiſe Wellen ſchlagen Nur ſeufzend noch empor und klagen Vergebens jetzt um meiner Liebe Grab! 65. O ſuͤßer Traum, o Quell der zarten Leiden⸗ Du biſt verſiegt! Du bunter Daͤmmerglanz Der Fantaſie, dein luftger Zaubertanz Umſchwebt mich jetzt nicht mehr! Lebt wohl ihr meineFrendem Erſtarre, weiches Herz! Verwelke, friſcher Kranz Des bluͤhenden Gefuͤhls! Von allem muß ich ſcheiden, Was liebend ich gepflegt, und kalte Nacht umzieht Den duͤſtern Geiſt, dem jeder Stern entflieht! Caͤcilie. 66. Was ſteigſt du dort, du Strahl des jungen Lebens, Am gluͤh'nden Himmel auf? Was ſpielſt du, lauer Hauch, um meine Bruſt? Was ſaͤuſelt, bluͤh'nder Strauch, Dein Duft zu mir empor? Weh mir, ihr lockt vergebens Den Sohndes ſchwarzen Grams! Wehmir! Was Farb' u. Duft Und Glanz dem Leben gab, was alle leiſen Toͤne Der Schoͤpfung mir enthuͤllt, das Heilige, das Schoͤne, Ach alles ſchlaͤft verwelkt in dunkler Gruft! 67. Hier will ich, fern der Welt, mir eine Huͤtte bauen; Hier ſoll mein Blick mit immer neuem Gram Ins weite Reich der wilden Woge ſchauen, Die mir mein Gluͤck, mein Herz, mein Leben nahm. und Bluͤthen will ich ſtets in's Meer herniederſtreuen, Des feuchten Grabes Schmuck, und nimmer ſoll mein Herz Sich ſelbſt ein andres Gluͤck, als jenes, das der Schmerz⸗ Das mir die Thraͤne giebt, perzeihen! 4 0 68. Vierter Geſang. 217 68. So ruft er weinend aus, und irrt am Meeresſtrand, Ein ſtilles Plaͤtzchen zu entdecken, Wo ſeine Wohnung ſey. Da ſchimmert's durch die Hecken, Die wild verwirrt den flaͤchern Rand Der Fluth umziehn, wie Gold. Er draͤngt ſich durch die Ranken, und ſieht ſein Saitenſpiel, das einem bluͤh'nden Strauch Der Sturmwind zugefuͤhrt, bald leicht vom zarten Hauch Der Luft, und bald vom Kuß der fluͤcht'gen Welle ſchwanken. 69. Er hebt es raſch empor; ſein feuchtes Auge ruht Wehmuͤthig lang' auf ſeinem ſchoͤnen Funde. O dank dir, ruft er aus, du mitleidsvolle Fluth, Die mir des Lebens truͤbſte Stunde Mit ſuͤßem Troſt gemiſcht! Hier, wo du mild genaht, Du freundliche, hier will ich wohnen, Und zitternd ſoll der Klang, der leiſ um deinen Pfad Mit leichten Schwingen irrt, fuͤr deinen Dienſt dir lohnen! I. Theil. 17 Caͤcilie. 70. Und bald begann er jetzt am Meer Aus bluͤhendem Geſtraͤuch ein Laubendach zu bauen, und Blumen pflanzt' er dann, wie auf den bunten Auen Der ſpaͤte Lenz ſie gab, um ſeine Huͤtte her. Das Veilchen, das ſo oft ihr ſeidnes Haar bekraͤnzte, Die Roſe, die der Thau zur ſchoͤnſten Braut erkohr, Den duftgen Kelch des Mai's, der Lilie Silberflor, und alles was im Schooß der friſchen Wieſe glaͤnzte. 71. Und wenn am goldnen Himmelsſaum Die Sonne ſich erhob, und Luft und Woge gluͤhten, Dann flocht er einen Kranz von ſeinen ſchoͤnſten Bluͤthen Und gab der Fluth ihn hin. Und wenn auf leichtem Schaum Die zarten Blumen abwaͤrts trieben, Vom linden Wellen⸗Tanz geraubt, Dann ſang er leiſ: O ſchwimmt zu meiner Lieben, Ihr duftenden, und kraͤnzt ihr ſchlummernd Haupt! —— Vierter Geſang⸗ 72. Oft ſtieg Erinnerung wehmuͤthig zu ihm nieder Und loͤſ'te ſeinen Gram in ſtille Thraͤnen auf, Und weicher toͤnten dann die ſanften Harfenlieder, Und glaͤub'ger hob ſein Blick zum Himmel ſich hinauf. Dann ſah er oft bei fluͤcht'gem Mondenſcheine Im ſuͤßen Wahn durch Wieſ' und Haine, Wie Silber rein, und leicht wie Weſteswehn, „Das ſel'ge Bild der holden Freundin gehn. 73. So ſaß er einſt, im Spiel der zarten Traͤume, Als ſchon die Daͤmmerung des ſechsten Tages ſank, Im duftgen Hain. Gleich ſchwindendem Geſang Durchfluͤſterte die dunklen Baͤume Der Luͤfte linder Hauch; mit ſtillem Glanze ſchien Der Sterne goldnes Licht durchs rege Blaͤttergruͤn, Und friedlich uͤber Wieſ' und Welle Lag wie ein ſebger Geiſt des Mondes Silberhelle. 47*† 74. Da zuckt' ein heller Strahl erzitternd durch den Wald; Im flucht'gen Glanz ſchien jedes Blatt zu gruͤnen, Und ſieh, die himmliſche Geſtalt, Die ſchon Caͤcilien und Adalbert erſchienen, Stand leuchtend vor ihm da. Auf ſeinem Antlitz lag Der Staunende, vom Licht, das ſie umringte, Als wie vom Blitz verſehrt; doch hold und freundlich winkte Dem Zagenden das ſel'ge Bild und ſprach: 75. Steh auf, die Freunde zu erretten, um deren Tod du klagſt! Von ſeinen lichten Hoͤhn Har Gott mit gnaͤd'gem Blick dein treues Herz geſeh'n und lohnt, wie Gott nur lohnt. Zieh hin und brich die Ketten⸗ Die deine Lieb' umziehn! Mit ſeiner heil'gen Macht Begabt der Herr dich jetzt, das Große zu vollenden, und ſeine Diener wird er ſenden, Dir hell voranzugehn durch's Grau'n der wuͤſten Nacht. Vierter Geſang. 224 76. So ſprach das Bild und ſchwand. Von ſtaunendem Entzuͤcken Erbebte laut des kuͤhnen Saͤngers Herz. Wohl beut die Lieb' ihm ew'gen Schmerz; Doch Jene, die er liebt, zu retten, zu begluͤcken, Das wiegt ihm jede gluͤh'nde Luſt Erfuͤllter Sehnſucht auf, und feſt, in treuer Bruſt, Verheißt er Gott und ihr, ſein Leben Fuͤr ſie und fuͤr den Mann, der ſie ihm rgubt, zu geben. 77. Nur an der Liebe ſuͤßem Wahn, An holden Traͤumen nur will ſein Gemuͤth ſich weiden; Anbetend will er nur der Heiligen ſich nahn, Will kaͤmpfen nur fuͤr ſie und leiden, und ſie nur gluͤcklich ſehn. Ihr zarter Reiz allein, Nicht ihres Reizes Dank ſoll ſein Verlangen kroͤnen, Und nur die keuſche Luſt am Schoͤnen, Sie ſoll ſein Wunſch, ſein Lohn, ſein Gluͤck, ſein Himmel ſeyn. 22² Caͤcilie. Begeiſtert ſpringt er auf, und feurig nach dem Ziele Der That verlangt ſein Herz; nicht ſorgt ſein glaͤub'ger Muth uUm Waffen jetzt zur Wehr und Hut; Er greift mit frommem Sinn nach ſeinem Harfenſpiele. Hell toͤnt, von fluͤcht'ger Hand beruͤhrt, Von Lieb' und Gott das Gold der Saiten, Und durch den dunklen Wald beginnt er fortzuſchreiten Mit freudigem Vertraun, wohin ſein Fuß ihn fuͤhrt. 79 Doch als er kaum ſich in den dichten Gaͤngen Des wildern Hains verlor, da wogt' ein reges Meer Von leiſen wunderbaren Klaͤngen Um ſeinen Pfad wie Geiſterlispeln her. Ein ſuͤßer Hauch durchfloß des Haines ſtille Hallen; Aufdaͤmmernd wiegte ſich der Wohllaut auf dem Duft Und ſchien wie Fruͤhlingswehn durchs weite Reich der Luft Mit leichten Schwingen fortzuwallen. Vierter Geſang⸗ 223 8o. und wie auf ſanfter Fluth der luft'ge Schaum zerſpringt, So ſchloſſen ploͤtzlich alle Bluͤthen Die zarten Blaͤtter auf, und farb'ge Funken gluͤhten In ihrem weichen Schooß und hoben leicht beſchwingt Sich aus dem bunten Kelch. In zauberiſchen Taͤnzen Durchwogte fluͤcht'ger Glanz den ſanſterhellten Hain, Und in den Luͤften ſchien mit wunderbarem Schein Ein geiſt'ges Blumenreich erzitternd aufzuglaͤnzen, 81. Und durch der Blaͤtter dunkles Gruͤn Und durch das weiche Moos der friſchen Wieſengauelle Sieht Reinalds Blick den Schwarm der Elfen zieh'n. Bald wiegt er auf dem Schaum der raſchen Waͤſſerfaͤlle, BVald auf den Halmen ſich; bald nahn und bald entfliehn Die Gaukelnden, und tauſendfarb'ge Helle Umflimmert ihren Pfad, und raſtlos zitternd lacht, Gleich Sternen in der Fluth, der Schimmer durch die Nacht. Caͤccilie. 82. 1 Jetzt irrt der bunte Schwarm verworren durch die Lauben Des wilden Hains in ordnungsloſem Glanz; Jetzt ſchaukeln ſie vereint, gleich farb'gen Feuertrauben Am zarten Zweige ſich; jetzt webt ein lichter Kranz Sich um der Blumen Rand; jetzt tauchen Sie in die Bluthen ſich, und irres Feuer ſpruht Des Kelchs belebter Thau. Und horch, wie Weſte hauchen, Wie ferne Wellen fliehn, ſo fluͤſtert ihr Geſang: 83. Wir ſind nach milder Elfenweiſe Als Leitgeſtirn der dunkeln Reiſe Dem frommen Wanderer genaht! Auf, tummelt euch auf luſt'gem Gleiſe, Ihr Blumengeiſter, kuͤndet leiſe Durch Wald und Thal den irren Pfad, Vertraue du dem Zauberkreiſe, Und gluͤcklich endeſt du die That. 4. So ſingt das Geiſtervolk und gaukelt bunt und froͤhlich um Reinalds Pfade her. Der folgt durch Nacht und Hain Der leichten Schaar, und ſuͤße Traͤumerei'n umflattern ſeine Bruſt und wiegen ſtill und ſelig Auf ſeiner Harfe ſich. Doch als mit hellem Schein Der Fruͤhe Roſenlicht allmaͤhlig Am blauen Himmel tagt, da ſinkt zur bluͤh'nden Trift Der Elſentanz zuruͤck, gleich leiſem Thaugeduͤft. 85. Und hoch auf ſchroffen Felſenhoͤhen, Wo in ein weites Thal das Auge niederſinkt, Sieht ſtaunend ſich der Saͤnger ſtehen, Und fern im Morgenlichte blinkt Die Burg der Daͤnenſtadt. Der Ahnung Zauber winkt Dem Zweifelnden, durchs Thal dahin zu gehen, Den hohen Thuͤrmen zu, und kuͤhn vom ſteilen Rand Der Felſen klimmt er jetzt hinab ins ebne Land. Beſchwerlich iſt der Pfad; bald ritzen Dornenranken Ihm Haͤnd' und Angeſicht mit ſcharfem Stachel wund, Bald hemmt der Wieſen feuchter Grund Den irren Fuß, und Gras und Buͤſche wanken Bei ſeinem leichten Schritt. Noch manchen Fels erklimmt und manchen wilden Strom durchſchwi Der Unermuͤdliche, und bei der gluͤh'nden Schwuͤle Des hohen Mittags erſt gelangt er matt zum Ziele. 87. Kaum hatte jetzt das Heldenpaar Den heißen Kampf vollbracht, da kommt er am Gegitter Der Schranken an; er draͤngt ſich durch die Schaar Des dichten Volks; und ſieh, der deutſche Ritter Tritt jetzt, mit Staub bedeckt, im offnen Helm hervor. Laut ſchlaͤgt des Saͤngers Herz, die freud'gen Blicke kuͤnden Sein muthiges Vertraun; er folgt und ſieht ins Thor Des Kerkers, nach der Burg, den tapfern Freund verſchwinden. —— Vierter Geſang. 88. Er naht dem Kriegerſchwarm, der um die Pforten wacht, und gruͤßt ihn unverzagt, und ruͤhrt die goldnen Saiten und ſingt ein Lied aus grauen Zeiten Von alter Heldenkraft, von Sieg und Ruhm und Schlacht. Die Waͤchter horchen auf, die kuͤhnen Augen biitzen, Begeiſtert beim Geſang; und freundlich winkend ſteht Vom Mahl ihr Hauptmann auf und reicht ihm fuͤßen Meth In heller Schaale dar und heißt ihn niederſitzen. 99 Und froͤhlich, daß die Liſt gelang, Beginnt er maͤcht'ger ſtets die Saiten anzuſchlagen. Vertraun und Noth und heil'ge Liebe tragen Sein Herz im Lied empor; begeiſtert ſchwebt der Klang Auf goldnem Fittig auf, und kuͤhne Bilder tagen Aus irrer Daͤmmerung im ſiegenden Geſang. Stumm wird das Volk und draͤngt im dichtern Kreiſe Sich um den Saͤnger her und athmet tief und leiſe. Caäaͤcilie. 90. Da ſieht von ſeines Schloſſes Hoͤhn Der Fuͤrſt, der immer noch, ein ſichres Ziel zu finden Vergebens ſich bemuͤht, den deutſchen Harfner ſtehn. Fremd ſcheint ihm ſ eine Tracht, und Mien und Blick verkuͤnden Ihm Muth und leichten Sinn. Ihn reizt dein Gold vielleicht; Er hat hier nichts zu hoffen, zu verlieren; Er zieht zur Heimath fort; der dunkle Kerker ſchweigt.— Es ſey, ſo ruft er raſch, und laͤßt ihn vor ſich fuͤhren. 91. Gar ſittig naht der edle Knecht und läßt auf ſeine Knie ſich vor dem Koͤnig nieder; Doch der erhebt mit gnaͤd'gem Blick ihn wieder Und forſcht nach Namen und Geſchlecht, Nach Stand und Vaterland. In heller Roͤthe lodert Des deutſchen Mannes Angeſicht. Noch nie betrog ſein Wort; doch jetzt, da Gott es fodert⸗ Beginnt er ſchlau mit kecher Zuverſicht: — Vierter Geſang⸗ 92. Ich heiße Gram, der Knecht der Minne. Aus Angeln ſtamm' ich her; die Freiheit iſt mein Stand, Die Harfe meine Kunſt. Mit jugendlichem Sinne Verließ ich fruͤh mein Vaterland Und zog nach froͤhlichem Gewinne Durch manches Reich umher. Jetzt kehr' ich weitgenannt Zur Heimath bald zuruͤck, doch im Voruͤberreiſen Begehrt' ich dich zu ſehn, den alle Skalden preiſen. 93. Er ſprichts. Der Koͤnig ſchweigt und pruͤft den frem⸗ den Gaſt. Mit ſcharfem Blick. Ihm ſcheint, er duͤrf ihm' trauen; Und gnaͤdig laͤßt er jetzt der Hallen Glanz ihn ſchauen. Er fuͤhrt im ſchimmernden Pallaſt Den Staunenden umher und breitet alle Schäͤtze Der Krone vor ihm aus, daß an dem hellen Schein Der koͤnigli hen Pracht, an Gold und Edelſtein Der Habſucht trunkner Blick ſich letze. Caͤcilie. 94. Du ſiehſt, beginnt er jetzt, ich habe Gold genug, Dem treuen Mann weit uͤber Wunſch zu lohnen; Doch grimmig iſt mein Zorn; nie lernt' ich den verſchonen, Der ſchlau mit frevelndem Betrug Mein fuͤrſtlich Ohr getaͤuſcht. Du haſt zu Lethra's Thoren In guter Stunde dich genaht; Groß iſt der Lohn und leicht die That, Wozu mein Wille dich erlohren. 95. Tief unterm Schloß im dunkeln Kerker liegt Ein fremdes Frevlerpaar mit hartem Erz gebunden; Laͤngſt haͤtten beide ſchon den wuͤrd'gen Tod gefunden, Verlangte Vorſicht nicht, der ſeibſt der Fuͤrſt ſich ſchmiegt⸗ Daß ſtill und heimlich ihr Verderben Und unergruͤndlich ſey. Dich waͤhlte Haralds Huld Zur Saͤule ſeines Throns; zu reif ſchon iſt die Schuld Der argen Brut; noch heute muß ſie ſterben. Vierter Geſang. 96. Nimm dieſen Trank, den einſt mit weiſer Hand Ein Zauberweib gemiſcht. In farb'gen Glanz gekleidet, Schwimmt raſcher Tod darin. Wohlan, des Bechers Rand Benetz' ein Troͤpfchen nur; und unaufhaltſam ſcheidet Das Leben aus der Bruſt. Dies Eiſen oͤffnet dir Des Kerkers Schloß; kein Waͤchter wird dich ſehen In dunkler Nacht, und wenn die That geſchehen, Dann komm zuruͤck und nimm den reichen Lohn von mir. 97. Doch laͤnger darfſt du dann in Lethra nicht verweilen; Schon ſteht ein ſchnelles Roß am Thore dir gezaͤumt. Sitill mußt du dann und ungeſaͤumt Hinweg in ferne Laͤnder eilen, Weit uͤbers Meer dahin. Doch tauſendfaches Weh Mag ewig dich bedrohn und fort dein Name ſchwinden Aus deines Enkels Lied, wagt deine Zung' es je, Was ich dir jetzt befahl, verraͤthriſch zu verkuͤnden. Er ſprichts. Von freud'gem Staunen ſchwillt Des Saͤngers Herz; ein ſel'ges Laͤcheln breitet Um ſeinen Mund ſich aus; er ſieht, daß Gott ihn leitet, Da ſeinen kuͤhnſten Wunſch der Todfeind ſelbſt erfuͤllt. Kaum kann ſein Mund den Ruf der lauten Freude halten, Doch zeitig fuͤhlt er noch, daß ſich ſein Herz vergißt, Und ruhig draͤngt in ſeine fruͤhern Falten Er ſein Geſicht zuruͤck und ſpricht mit kuͤhner Liſt: 99. Wohl hat das Gluͤck auf goldnem Pfade Nach Lethra mich geführt! Stets ſegn“ ich dieſen Tag, Der deine Huld mir gab. Doch machte deine Gnade Noch einen Wunſch, o Koͤnig, in mir wach. Treu folgten mir zum daͤniſchen Geſtade Ein biedrer Freund, ein treues Liebchen nach, Und nimmer truͤge wohl ihr Herz das bittre Leiden, Vermoͤcht' ich heimlich je aus ihrem Arm zu ſcheiden. 100 Vierter Geſang. 233 100„ Drum laß, ſobald die Nacht mit tieferm Dunkel graut, Vor Lethra's Thor drei raſche Roſſe ſtehen. Schnell flieh' ich dann mit Freund und Braut, Nie ſoll der Daͤnenſtrand den Saͤnger wiederſehen. Bei Heimdall ſchwoͤr' ich dir, der an den heil'gen Hoͤhen Des blauen Himmels wohnt und Alles uͤberſchaut: Kein ſterblich Ohr ſoll je aus meinem Mund' erfahren, Daß die durch mich erblaßt, die Haralds Feinde waren. 101, Der Fuͤrſt gewahrt's und heißt ihn in der Burg verziehn Und laͤßt ihm Speiſ' und Trank in goldnen Schaalen reichen. Wie ſchien dem Saͤnger jetzt der traͤge Tag zu ſchleichen, Wie zoͤgernd ihm das Roth der Daͤmm'rung aufzubluhn! Erwartung, Furcht und Schmerz und Seligkeit verwoben Sich wunderbar im kaͤmpfenden Gemuth. Nie hatte ſo ſein Herz begeiſtert ſich erhoben, Und heißre Liebe nie in ſeiner Bruſt gegluͤht. 1. Theil. 18 Caͤcilie. 102. Jetzt ſank die Nacht. Gewitterwolken zogen Sich um den Rand des duͤſtern Himmels her, Die Sterne blinkten matt, und ferne Blitze flogen, Todt lag in ſchwuͤler Ruh der Luͤfte weites Meer. Still ward's im hohen Schloß und auf den breiten Gaſſen, Verklungen ſchwieg der Helden ſpaͤtes Mahl. Ermuͤdet hatte laͤngſt, weil Harald ſo befahl, Die Wachterſchaar das Kerkerthor verlaſſen. 103. Da gurtet Reinald ſich mit einem breiten Schwert, Das ihm der Fuͤrſt geſchenkt zum Schutz der dunklen Reiſe⸗ und lauſchend taſtet er und leiſe Die Stufen ſich hinab. Oft ſteht er ſtill und kehrt Beſorglich oft zuruͤck, wenn ſich im weiten Kreiſe Der Hoͤf' ein Luͤft gen regt, und ſeine Rechte faͤhrt Oft kuͤhn dem Stahle zu, wenn durch die finſtern Hallen Vom fernen Blitz ſchnellflieh'nde Schatten wallen. Vierter Geſang. 235 1⁰4. Schon naht er ſich dem Thor, ſchon kracht Das roſt'ge Schloß; die ehrnen Thuͤren knarren Schwerfaͤllig auf; von rauhen Felſen ſtarren Die Waͤnde rings, und wogend ſtroͤmt die Nacht Der offnen Pforte zu und huͤllt den bleichen Schimmer Der Stern' in Finſterniß. Kuͤhn naht dem Schreckensort Der deutſche Maun, und tappt durch morſche Truͤmmer Und uͤber Kies und Grand im dichten Dunkel fort. 105. Doch ſtiehlt ſich bald aus oͤden Weiten Ein fernes Licht daher. Bekannte Toͤne leiten Den Ritter jetzt zum Ziel, und ſieh, auf hartem Stein Saß dort Caͤcilie bei ſchwachem Lampenſchein, Dem ſuͤßen Traume gleich, der durch die Daͤmmrungshuͤlle Mit roſgem Glanz ſich hebt. Ihr ſanfter Blick verhieß Entſagung, Lieb' und Ruh; ſie koſ'te leiſ' und ſuͤß, Und ihr zu Fuͤßen ſaß ihr Freund in frommer Stille, 18* ——⏑—— 106. Da laͤßt der Selige, von heilger Luſt erfuͤllt, Sein helles Saitenſpiel durch's Graun der Nacht erklingen. Erweckt von freud'gem Staunen ſpringen Die Horchenden empor und ſehn des Freundes Bild Durch graue Daͤmmrung nahn. O S u, treu und mild, So ruft das Fraͤulein aus, ſankſt du mit leiſen Schwingen Von lichten Hoͤhn in unſer finſtres Grab, Ein Engel Gottes, uns zum fuͤßen Troſt herab? 107† Doch als ſie kaum das Wort geendet, Da ſinkt der Saͤnger ſchon vor ſeiner Herrſcherin, Erſt ſchweigend, weinend dann, auf ſeine Knie dahin. O Heil'ge, ruft er aus, wohl hat mich Gott geſendet⸗ Doch noch hat Kraft und Muth zu deinem Schutz mein Arm. Von Thraͤnen nur um dich iſt dieſer Blick ſo truͤbe, Noch ſchlaͤgt lebendig ſtets und warm 4 Fuͤr dich in meiner Bruſt ein Herz voll ew'ger Liebe. Vierter Geſang. 108. O zürne nicht, nicht komm' ich liſtig her, Durch edlen Schein dein Herz zu mir zu lenken. Wohl iſt mein Kummer groß, doch dich, dich lieb' ich mehr, Nicht darf ich dich, du Neine, kraͤnken Durch innern Kampf! Nur ein Verlangen kennt Mein Buſen noch; o laß mich nimmer ſcheiden Von deinem Pfad; ich will ja freudig leiden, Iſt deine Naͤhe nur, dein Anblick mir vergoͤnnt. 109. O nein, ich kann von dir nicht laſſen! Wohl fuͤhlt ich's juͤngſt! Mein Herz, das ewig glüht, Muß ſtets ein Bild, ein Liebes⸗Bild umfaſſen, Es kann nicht fuͤhllos ruhn! Doch auf, die Zeit entflieht! Mit jedem Augenblick kann auch die Rettung ſchwinden. Geoͤffnet ſteht das Thor, die Roſſe ſind bereit; Der fruͤhe Morgen muß ſchon weit Von Lethra's Mauern uns in ſichrer Freiſtatt finden! Caͤcilie. 110. Er ſpricht's. Der Ritter jauchzt im Sturm der Luſt, und ſinkt An ſeines Retters Bruſt, und Freud' und Dank verklaͤren Sein Antlitz. Großes Herz, ſo ruft er laut und ſchlingt Sich feſter um ihn her und netzt mit heißen Zaͤhren Des Freundes Bruſt, großmuͤth'ges zartes Herz, Darf ich den Blick zu dir erheben, Der ſo mich jetzt beſchaͤmt? Was kann fuͤr deinen Schmerz Ich Armer dir und was fuͤr deine That dir geben? 111. O laß uns Freunde ſeyn! Uns kettet gleicher Gram! O nein, du darfſt mit mir nicht grollen! Ach, wenn ich auch dein Gluͤck, dein einzeges Gluͤck dir nahm⸗ Auch ich bin reich am Schmerz. O komm, wir beide wollen Es nicht mehr ſeyn! Das Herz, das heilig liebt, Muß durch die Liebe ſtets ſich beſſern und verſchoͤnen, und goͤttlich iſt das reine Sehnen, Das immer keuſcher wird, je mehr die Lieb' ihm giebt! Vierter Geſang⸗ 112. So ſoll auch uns der ſel'ge Traum erſcheinen, Den uns der Himmel beut. Entfernt von ird'ſchem Wahn Soll feſte Treue ſtets uns bruͤderlich vereinen, Weil wir daſſelbe Bild mit heil'ger Gluth umfahn. Wir beide wollen jetzt ſie ſchuͤtzen, fuͤr ſie leiden, Fuͤr ſie zum Tode gehn, wir beid' im bittern Schmerz Ihr troͤſtend nahn, an ihrem Gluͤck uns weiden! Nur die Begierd' iſt arm, doch ewig reich das Herz! 113. Er ruft's; ſchon will er fliehn; da faͤllt auf ſeine Waffen⸗ Die Skiold ihm zugeſandt, ſein Blick. Er ſtarrt, und ſeufzt, und bebt, und Arm⸗ und Knie erſchlaffen, Und auf den Felſen ſinkt er traurend jetzt zuruͤck. Doch bald ermannt er ſich; er trocknet ſeine Zaͤhren Und ſteht empor; nie ſoll die Ritterpflicht, Die jetzt ihn mahnt, nie feiger Schmerz entehren, Drum hebt er kuͤhn den ernſten Blick und ſpricht: 114. O flieht, o eilt hinweg! Ich kann euch nicht begleiten, Die Ehre ruft! Der bittre Feind begehrt Erneuten Kampf; noch einmal muß ich ſtreiten; Ich fliehe nicht; er iſt des Kampfes werth. Wohl waͤr' es ſuͤß, koͤnnt' ich mit eignem Schwert, Geliebte dich befrei'n und ſelbſt zuruͤck dich leiten!— Der Himmel will es nicht, du ſelbſt verlangſt von mir Kein Werk der Schmach! Lebt wohl, ich bleibe hier. 1 15. Wohl ſcheiden wir vielleicht auf immer; Ich kann ja doch mich nicht dem dunklen Looſ' entziehn, Das fruͤhen Tod mir gab! O ſuͤßer Sternenſchimmer Der Liebe, Strahl der Nacht, der troͤſtend mir erſchien, So ſcheideſt du ſchon jetzt? Leb wohl, vergiß mich nimmer, Du heil'ges Bild! O eilt, die Stunden fliehn! Nichts frommt der Schmerz, und keine Thraͤnen ſtillen Der Trennung Leid! Lebt wohll Wir ſtehn in Gottes Willen! Vierter Geſang. 116. Er ſprichts und ſchweigt; der Saͤnger blickt Ihn traurend an. Doch bald beginnt er zu erzaͤhlen, Wie mit verraͤth'riſchen Befehlen Des Koͤnigs blut'ger Sinn zum Kerker ihn geſchickt. Du ſiehſt es, ruft er aus, ſo will der Daͤne ſiegen. Zur Flucht ermahnt dich jetzt dein eignes Ritterwort; Zwar jetzt mißlang, doch morgen gluͤckt der Mord, Und ſchmaͤhlich mußt du dann und ohne Kampf erliegen. 117* Er raͤth umonſt, der Ritter hoͤrt ihn nicht. Vor feigem Trug ſoll nie mein Herz erbeben! So ruft er kuͤhn, der Herr beſchuͤtzt mein Leben, Ich trau' auf ihn; nie brech' ich Ritterpflicht Um ſchnoͤde Furcht! Wohlan, er mag ſie ſenden, Der ſchwache Mann, die Diener, die ihn ſchaͤnden Mit ew'ger Schmach; noch füͤhl ich Kraft und Muth, Und klagend ſeh er dann, des Blutes Preis ſey Blut! 118. Du ſiehſt's, ich red' umſonſt, ruft jetzt der treue Saͤnger Mit banger Ungeduld dem zarten Fraͤulein zu. OGott, die Nacht verrinnt! Bald tagt's! nicht darf ſich laͤnger Die Flucht verziehn! O komm, entwaffne du Des Frenndes ſtarren Sinn; dir wird er gern ſich beugen; Auf deinen Lippen weilt mit ſchmeichleriſchem Ton Der Worte fuͤße Kraft! Du liebſt ihn; darfſt du ſchweigen, Wenn Schmerz und Tod dem theuren Freunde drohn? 119. Ihn lenkt ſein Herz, ich darf ihn nicht verfuͤhren, Beginnt Cacilie, die mit gelaßnem Blick Dem Kampfe zugeſehn; du wirſt auch mich nicht ruͤhren, Ich ſelber bleib' im Kerker jetzt zuruͤck. Sey muthig, Adalbert; uns wird der Herr bewahren, Ich ſcheide nicht, denn uns hat Gott vermaͤhlt. Der Geiſt, den glaͤub'ger Muth mit heil ger Kraft beſeelt, Der zittert nie vor irdiſchen Gefahren. Vierter Geſang. 120⸗ Leb wohl, du treues Herz, o du mein biedrer Freund! Wie ſoll ich dich, du zarte Seele, nennen? Leb wohl, du kamſt umſonſt! O zuͤrne nicht, wir koͤnnen NRicht mit dir gehn! Was trauerſt du, was weint Dein' Aug um uns? Die Erde mag uns trennen; Sind alle Guten doch im Himmel einſt vereint! Dich kann ich wohl, doch nimmer uns beklagen, Was Gottes Will' uns gab, das laß uns muthig tragen! 121. O frevle nicht, ſo faͤllt mit banger Qual Der Saͤnger ein; was nennſt du Gottes Willen? Sah ich nicht ſelbſt den Himmel ſich enthuͤllen, Stieg freundlich nicht mit lichtem Strahl Sein Engel mir herab! Befahl Der ſel'ge Geiſt mir nicht die Botſchaft zu erfuͤllen, Wozu mich Gott erſehn? Hat nicht durch Wald und Nacht Ein himmliſches Geleit zum Ziele mich gebracht? Und ſchnell erzaͤhlt er jetzt, wie er dem Meer entkomen, Wie ihm ſein Saitenſpiel die Fluth zuruͤckgeſchenkt, Wie ſich das Luftgebild zu ihm herabgeſenkt, Und welches Wort ſein Ohr vernommen, Und welchen Troſt ſein Herz; wie dann die Elfenſchaar Ihn leuchtend durch die Nacht geleitet⸗ Und wie die Vorſicht wunderbar, Die That ihm zu vertraun, des Feindes Herz geleitet. 123. Da ſtaunt das Paar, und in dem Luftgeſicht, Das ihn geſandt, die Freunde zu erloͤſen, Erkennen beide jetzt das wunderbare Weſen, Das einſt ihr Loos beſtimmt. Wohlan, der Himmel ſpricht⸗ So ruft der Held, ich darf nicht laͤnger ſtreiten. Auf, laßt uns ſliehn! Wohl wird mein Nam' ein Raub Der Schande ſeyn; doch nimmer darf der Staub Mit kuͤhnem Sinn den Rath des Ew'gen deuten! Vierter Geſang. 124. Doch ſagt mein Herz mir, einſt erſcheint Ein Tag des neuen Nuzm⸗ Verderblich kehr' ich wieder, Zerſchmetter nd ſtuͤrzt mein Arm den falſ Goͤtzen nieder, Dem dieſes Volk ſich Guagt und ſchlaͤgt den ſtolzen Feind, Der ſeine Tempel ſchuͤtzt! Auf, laßt uns fliehn! Die Luft Der Freiheit wehn ſo mild! O komm, mein ſuß Dein Reiz erhellte mir des Kerkers dunkle Grufte, Jetzt fuͤhr' ich froͤhlich dich zum goldnen Licht zuruͤck! chen 125. Und hurtig huͤllt er jetzt das Eiſen Um ſeine Glieder her; nicht will er wehrlos fliehn; Ihm ward zum bittern Kampf der ehrne Schmuck verliehn, Dies Schwert, bald ſoldes jetzt dem ſtolzen Feind beweiſen, Nicht ſey er ſeig entflohn. Und ſieh in heller Pracht Steht ſchon der Ritter da; das Fraͤulein ſchmiegt errothend Sich an des Helden Arm; ſie gehn, und glaͤubig betend Folgt leiſ und leicht der Saͤnger durch die Nacht. 246 Caͤecilie. Vierker Geſang. 126. Vorſchauend ziehn ſie durch die Gaſſen Der todten Stadt, ſchon nahn ſie ſich dem Thor; Kein Gitter iſt herabgelaſſen, Kein Waͤchter tritt mit rauhem Wort hervor. Drei Roſſe wiehern ſchon den Nahenden entgegen und ſtampfen laut den Grund; das Haͤuflein ſchwingt ſich auf, und muthig ſprengt's im raſchen Lauf Den fernen Bergen zu auf ungebahnten Weten, 7 Anmerkungen. Stanze 4.— auf Anholts ſeichtem Strande.— Die Inſel Anholt im Cattegat iſt wegen der Sand⸗ gruͤnde, die ſie umgeben, fuͤr die Seefahrenden ge⸗ faͤhrlich. Stanze 9.— Weil er den ſchwachen Gott des fremden Volkes glaubte.— Als Poppo den Daͤnen und dem Koͤnig Harald Blaatand bei Jiſeſiord das Chriſtenthum predigte, gaben ſie wohl zu, daß Chriſtus Gott ſey; aber dennoch behaupteten ſie, ihre eignen Gotter ſeyen größer und alter. Suhm uͤber die leichte Verdraͤngung der Odin. Relig. S. 108. Stanze 14.— Nichts will ich ihm, dem Fein⸗ de, ſchuldig ſeyn.— Die alten Normaͤnner ſcheu⸗ ten ſich ſehr, den glorwuͤrdigen Namen, den ſie ſich durch tapfere Thaten errungen hatten, dadurch zu ver⸗ dunkeln, daß ſie der Gnade eines Feindes das Leben verdankten. Bartholin p. 39. Stanze 15.— Der freie Mann empfaͤngt den Tod und lacht.— Es wurde bei den Daͤnen fuͤr ruͤhmlich gehalten, mit Lachen die Todeswunde zu empfangen. Ein ſolches Beiſpiel erzaͤhlt Saxo Gramm. p. 42. von Agnak, als er durch Biarko fiel. Auch 24s Anmerk. zu Caͤcilie. IV. Geſang. Negner Lodbrog's Todesgeſang endigt mit den Worten: Lachend will ich ſterben. Stanze 52.— Walfadur harrt auf ſeine Beu⸗ te ſchon— Walfandr, Walſodr, oder Walfadur(Va⸗ ter der Erſchlagenen) war ein Beiname des Odin, der auch in demſelben Sinne Walgautur(Herrſcher oder Huͤter der Schlacht) heißt. Nach dein Nordiſchen Glauben erhielt Odin die eine Häͤlfte der Gebliebenen, ſeine Gattin Freya, die Görtin der Liebe, die andre. S. Edda Fab. 22. Bartholin p. 352.— Graͤter uͤber Walhalla, S. 329. A zmerk. hat die gefallende Idee⸗ Freya ſey in der angefuͤhrten Stelle der Edda ein A ſchreibefehler und es muͤf Frigga, eine dere Ge⸗ mahlin des Odin dafuͤr ſtehen, in welchem Falle denn die Fabel phyſiſch zu deuten ſey, indem Frigga als Symbol der Erde, einen Theil der Erſchlagenen, den Leichnam, Odin, als Symbol der Sonne, den an⸗ dern Theil, die Seele erhalte. Stanze 100.— Bei Heindall ſchwoͤr' ich dir — Heindall, den Odin mit neun Rieſenungfraun am Erdenrande zeugte, ſ. Lied der Hindia Stanze 33. 34. in Graͤters Nord. Bl., war der Wachter der Natur und der Goͤtter, und wohnte am Rande des Himmels. Mit einer ſolchen Wohnung ſcheinen die alten Nordi⸗ ſchen Voͤlker die Idee einer großen Weisheit verbun⸗ den zu haben. Edda Fab. 16. Fabel von — e 3 1. Wafthrudner 4— Nro. 37. Lied von Hymer Str. 5. in Graters Nord. Blumen.— . Cgci⸗ (☛ ⸗ — — — e. Fuͤnfter Geſang. I. Theil. 29 —— Fuͤnfter Geſang. T. Schon hatte jetzt um ihren weiten Thron Die ſtille Mitternacht den ſchwarzen Flor gefaltet, Und zuͤrnend waͤlzte ſich der nahen Stuͤrme Drohn Dumpfhallend durch die Luft. Unholden gleich geſtaltet, Mit ſchwerem Fittig zog der Wolken finſtre Brut Am Himmel her, dem ehrnen Donnerwagen Ein naͤchtliches Geſpann, und zuckend flog die Gluth Als Botin ſchon voran, den Aufruhr anzuſagen⸗ 19* Raſch durch die Haiden flohn die muntern Roſſe fort, Als boͤten ſie dem Sturm die Wette. Schon nahn die Helden ſich der wald'gen Bergeskette, Die fern die Ebne kraͤnzt, und ſpaͤhen hier und dort Nach einem ſichern Zufluchtsort, Der vor dem nahen Zorn des Wolkenkampſs ſie rette. uUnd in ein Klippenthal, das wie ein ſchwarzes Grab Sich tlef und ſchaurig ſenkt, fuͤhrt jetzt der Pfad hinab. 3.. Kaum iſt die Schlucht erreicht, ſo bricht mit raſchen Schwingen Der wilde Sturm lautbrauſend ſchon herein. Vor ſeinem Nahn erſchrickt der tauſendjaͤhr'ge Hain; Von Blitzen flammt die Nacht, und Gluth und Waſſer ringen In dunkler Luft; gewalt'ge Stroͤme dringen Von allen Hohn herab, und ſchwere Donner draͤun Dumpfraſſelnd rings umher. Ein unſichtbares Leben Durchtobt den finſtern Wald, und Verg' und Felſen beben. Fuͤnfter Geſang. 253 4. Den ſtarken Fittig fuͤhlt des Sturms unbaͤnd'ge Kraft Im tiefen Thal gehemmt. Er reißt mit raſchem Grimme Sich durch die Schluchten fort und rafft Zu Boden, was ihn hemmt, und heult mit lauter Stimme Um alle Felſen her. Bald hebt zur kuͤhnen Schlacht Der Wald ſein Haupt empor; bald ſinkt den Ungewittern Er krachend hin. Im Dickigt ſpringt mit Zittern Das ſcheue Wild empor, und irrt durch's Graun der Nacht. 5. Muͤhſelig ziehn im Sturm und Regen Mit ihrer zarten Schuͤtzlingin Durch's tiefe Thal die deutſchen Helden hin. Sie ſpaͤhn umſonſt nach ſichern Wegen; Bald ſinkt der Roſſe Fuß in's bodenloſe Moor, Bald ritzen ſcharfe Felſenecken Den unbewehrten Huf, bald ziehn verworrne Hecken Ihr dorniges Geflecht dem rauhen Pfade vor. Sie ſteigen ab. Durchs dichte Dunkel ſchreitet Der Paladin voran und bricht mit Schwertesſchlag Sich eine Bahn; doch ſein Gefahrte leitet Cacilien hindurch und fuͤhrt die Roſſe nach. Bald taͤuſcht ſich der, bald der; denn Rath und Ruf verwehen Im Sturmgeheul, und nur von Zeit zu Zeit Vergoͤnnt ein heller Blitz, der raſch die Nacht zerſtreut, Des Pfades Graun, doch nicht zum Troſt, zu ſehen. 7. Und immer feuriger entgluͤht Der rothe Strahl; die Donner raſten nimmer, und pfeifend faͤhrt der Sturm mit gellendem Gewimmer Durch Reinald's Saitenſpiel und heult ein graͤßlich Lied. Kaum kann das Fraͤulein noch des Pfades Muͤh ertragen: Doch folgt ſie ſtill und ohne Klagen, Wenn mancher Stachel auch die zarte Ferſe ritzt, Und ſchwach nur ihr Gewand vor Naͤſſ und Sturm ſie ſchuͤtzt. Fuͤnfter Geſang. 8. 8 Wohl haͤtte jetzt die Nacht der Daͤmmrung weichen muͤſſen. Doch ſiegend hielt ſie noch das heitre Licht zuruͤck. Mit Zoͤgern nur erhob der Tag den ſcheuen Blick; Die Wolken, die der Sturm in manches Bild zerriſſen, Umfloß ein grauer Schein. Noch ſcholl das heiſche Wehn Der Wind' im duͤſtern Thal; noch ſtroͤmt' es kalt hernieder, Und bleicher Nebel hieng mit kaͤmpfendem Gefieder Ums finſtre Haupt der ſchroffen Felſenhoͤhn. . 9 Allmaͤhlig tauchte jetzt aus ſchwachem Daͤmmerſcheine Der Wuͤſte grauſes Bild, doch formlos noch, hervor. Tief ſenkte ſich das Thal, und in's Gewoͤlk verlor Die Stirn der Berge ſich. Vom ragenden Geſteine Erhoben ſchwarze Tannenhaine Der Wipfel oͤde Nacht im wilden Sturm empor, Und traurig dehnten rings ſich unwirthbare Haiden, Mit duͤrrem Grau den Fuß der Felſen zu bekleiden. Caͤcilie, 10. Hier kuͤndete kein Pfad des Menſchen milde Spur; Nur Stuͤrme hatten hier auf rauher Bahn gewaltet, Und Wolf und Baͤr und Schlang' und Geier nur Behauſ'te das Gekluͤft. Zu Truͤmmern umgeſtaltet Sank mancher Felſen ſchon ins tiefe Thal hinab, Schon mancher Wald erhob ſich auf das fruͤh're Grab, Und traurig kraͤnkelte das kaum entbluͤhte Leben, Von oͤdem Wuſt des aͤltern Schmucks umgeben. 11. Nings lag zerriſſen vom Orkan Verwittertes Geſtein mit feuchtem Moos umwoben, Und Baͤche wuͤhlten rings mit Toben Durch Felſen und Geſtruͤpp ſich eine neue Bahn. Im wilden Moor verflochten alte Tannen Zu kuͤhnen Gruppen ſich, und durch das Dickigt ſchien Des dichten Epheus ew'ges Gruͤn Ein undurchdringlich Netz dem Wandrer auszuſpannen. b Fuͤnfter Geſang. 12. Hoch am Gebirg, wo ſchauriger der Sturm Ums dunkle Haupt der ſchlanken Fichten wehte, Sah jetzt der deutſche Held, der rings den Wald durchſpaͤhte, Ein altes Mauerwerk. Noch hob ein maͤcht'ger Thurm Gleich einem Rieſengeiſt aus grauen Heldenzeiten, Der Zinnen morſchen Kranz aus oͤdem Schutt empor, Und nahe ſchien ein ehrnes Thor Zur wuͤſten Daͤmmerung der Hallen hinzuleiten. * 13. Ein Jeder hofft erfreut vor Sturm und Regenguß Ein ſichres Obdach dort zu finden; Und muͤhevoll durch Strauch und Klippen winden Die Wandrer ſich hinauf. Am ſteilen Pfade muß 3 Ohnmaͤchtig oft das zarte Fraͤulein raſten; Oft bebt ihr banger Fuß am ſchmalen Felſenſteg; Doch wennauch Muͤhund Schmerzund Furcht ihr Herz belaſten, Ein Blick auf Adalbert nimmt jedes Leid hinweg. Caͤcilie. 14. Jetzt langt am trotzigen Gemaͤuer Das matte Haͤuflein an. Mit ernſtem Dunkel ragt Der Wald umher, und nimmer tagt Die graue Daͤmmrung hier. Hoch flattern Aar und Geier Laut kraͤchzend um den Thurm; mit ſcheuem Flug verlaͤßt Das Kaͤuzlein ſeine Gruft und ſchwirrt um Helm und Degen, Vom Licht geblendet, her, und aus dem Feiſenneſt Ziſcht Schlang' und Molch den Nahenden entgegen. 15. Doch bald entflieht die Brut vom ſcharfen Stahl verbannt, Und muthig nahn der Thuͤr, die zu der Warte leitet, Die Helden ſich. Mit blankem Schwerte ſchreitet Der Paladin voran und fuͤhrt an ſichrer Hand Das Fraͤulein nach. Auch Reinalds Arm bereitet Zum Kampfe ſich; er lehnt an eine morſche Wand Sein treues Saitenſpiel und folgt mit feſtem Willen, Mag Frieden oder Streit der finſtre Thurm verhuͤllen. — Fuͤnfter Geſang. 16. Sie treten ein. Ein falbes Zwielicht graut Um Mauer und Gewoͤlb', und ſchweigend liegt die Halle: Nur ſtehlen fern mit bangem Schalle Sich Seufzer durch den Raum. Noch ſchaut Umſonſt ihr Blick umher; denn fluͤchtꝛge Schatten truͤgen Ihr mattes Auge noch. Sie ſchreiten ſtill heran; Da ſehn am dunkeln Ort ſie einen fremden Mann, Ein Bild des ſchwarzen Grams, am harten Boden liegen, 17. Am Felſen wund geritzt, troff blutig Bruſt und Haupt; Sein Blick war ſtarr, ſein todtes Auge trocken. Am Boden ringelten die dunkelblonden Locken Sich ordnungslos umher, verworren und beſtaͤubt. 3 Schwerathmend ſchien mit letzter Kraft ſein Leben Aus tiefer Bruſt gewaltſam fortzuſtreben, Und muͤhſam nur, als er die 7 Nahenden erblickt, Entrang dies Wort ſich ihm, von Seufzern oft erſtickt Caͤcilie. 18. Seyd mir gegruͤßt, ihr Todesboten! Hier iſt mein Haupt, o zoͤgert nicht! Mein ſuͤßes Gluͤck, es ſchlummert bei den Todten; Ihm folg' ich gern! Wohlan, vollzieht die blut'ge Pflicht! Ich bins, dem Haralds Gier den Vaterthron genommen, Ich, deſſen Blut ſein wilder Haß begehrt! Was zagt ihr noch? Wohl fuͤhrt' ich einſt ein Schwert; Jetzt heiß' ich freundlich euch willkommen. 8 19 O weh, du zartes Morgenroth Der Hoffnung, ſuͤßer Mai der Liebe! Wie ward ſo bald dein goldner Himmel truͤbe! Du ſel'ges Bild der Luſt, ſo biſt du kalt und todt? Dir wollt' ich Glanz und Ruhm erſtreiten, Und ach, kaum find' ich jetzt fuͤr dich ein ſtilles Grab! Weh mir! Du ſollteſt nie zum Throne mich begleiten, Drum folg' ich gern dir in die Gruft hinab. Fuͤnfter Geſang. 20. So ruft er und entbloͤßt dem Schwerke Die wunde Bruſt; und ſieh, die erſte Thraͤne rinnt Aus ſeinem Aug' hervor. Der Held und ſein Gefaͤhrte Stehn ſtaunend vor ihm da. Dich taͤuſcht dein Wahn, beginnt Der Paladin; nicht fordern wir dein Leben. Der dich verfolgt, den fliehn auch wi 4 Uns kettet gleiche Noth. Mit Freuden biet' ich dir Zum Schutz und Trutz mein Schwert; doch Troſt kann Gotlt nur geben. 21. Er ſpricht's. der fremde Juͤngling ſtarrt Ihn duͤſter an. Wohl kann nur Gott mich kroͤſten, Das Grab und Gott— des Lebens Bande loͤßten Sich laͤngſt fuͤr mich; was kuͤnftig meiner harrt, Das acht' ich nicht!— Mein Muth iſt todt, zerſtoben Iſt meine Kraft— Vertraun und kuͤhner Sinn Und Ruhm und Thatendrang, die ſonſt mein Herz erhoben, Ach, Alles ſank mit dir, geliebtes Bild, dahin! Caͤcilie. 22 Wie friedlich ſchlummerſt du, du ſchoͤnſte der Geſtalten, Die je im Traum der Ahnung mir erſchien! Dein Athem ſehnt ſich noch in deiner Bruſt zu walten, Noch wollen Wang' und Mund' in zarter Roͤthe bluͤhn. Das Leben ſcheint dich liebend feſt zu halten, Und warm ſein letzter Kuß im Antlitz dir zu gluͤhn. Doch zagend muß mein Blick von dir hinweg ſich wenden; Dein Leben iſt nur Traum, und jeder Traum muß enden! 23, Er rieſ's und weinte laut und neigte ſchluchzend dann Sein Haupt zuruͤck. Der weiche Saͤnger ſann Schon lang auf Huͤlf und Troſt. Einſt hatt' einweiſer Meiſter, Den er im fernen Land durch manches Lied geehrt, Ihn alle Tugenden der fluͤcht’gen Pflanzengeiſter, Der Steine ſeltne Kraft, der Miſchung Kunſt gelehrt; Und oft ſchon ward durch ſein geheimes Wiſſen Der offnen Gruft ihr ſichrer Raub entriſſen. Fuͤnfter Geſang. 24. Auch jetzt vertraut er ihm, und betet ſtill zu Gott, Und ſpricht: Die Grenz' iſt ſchmal, die Seyn und Nicht⸗ ſeyn ſcheidet, Und oft ſchon hat dem finſtern Feind zum Spott Das Leben in's Gewand des Todes ſich gekleidet. Du ſagſt, noch bluͤhe friſch und ſchoͤn Die Huͤlle deiner Braut? Nicht rath' ich dir zu hoffen: Doch manches ſchwere Ziel hat ſchon die Kunſt getroffen, Und Gott iſt groß, drum laß die Schlummernde mich ſehn, 25. Er ſpricht's. Der Juͤngling ſpringtmit ploͤßlichem Entzuͤcken Vom Boden auf. Der Hoffnung ſchwaͤchſter Schein Nimmt ſiegend ſchon ſein ganzes Weſen ein: Luſt lacht um ſeinen Mund und glaͤnzt in ſeinen Blicken Und hebt ſein Herz hoch auf. O Gott, du ſendeſt Tag In meine Gruft! Du hoͤrteſt auf mein Rufen! So jauchzt er laut und fliegt die Wendelſtufen Im alten Thurm empor und zieht den Saͤnger nach. Der Held und ſeine Freundin bleiben Am Fuß der Treppe ſtrehn und wuͤnſchen Heil und Gluͤck Auf Reinalds Hand herab. Und horch, ein freud'ges Treiben Beginnt im obern Thurm, und mit verklaͤrtem Blick Kehrt Reinald jetzt in banger Haſt zuruͤck. Erſtaunen, Luſt und Angſt betaͤuben Sein Ohr; er hoͤrt ſie nicht, und eilt dem Blitze gleich Durch Hall' und Thuͤr und ſchwindet im Geſtraͤuch. 27* Sie ſchaun ihm forſchend nach. Und ſieh, mit mancherPflanze Die mild im duft'gen Schooß lebend'ge Kraft verſchließt, Kehrt er zuruͤck.— In freud'gen Thraͤnen fließt Sein Aug' und ſenkt mit ungewohntem Glanze Sich auf Caͤcilien. Schon will ein froͤhlich Wort Gewaltſam ihm entfliehn: doch haſtig ſtuͤrzt er fort, Die Stieg' empor, und ruft: Obleibt! Laßt euch beſchworen, Nur jetzt noch naht euch nicht! Bald ſollt ihr Alles hoͤren! 28 Fuͤnfter Geſang. 265 28, Erſtaunt verziehn ſie noch; da ſchallt es hell herab: Sie lebt, ſie lebt! Das ſi Gab ſeinen Naub zu Des Ritters Ung Mit ſchnellem S In ſeinem Auge lacht Doch zagend, daß die Luſt Erſchuͤttre, ſpricht er pr 29*½ Du ſiehſt, wie heitrer Glanz das Auge mir verklaͤrt, Wie meine Wangen ſich in freud'ge Roͤthe kleiden; Dir gilt dies Herz voll Luſt! Ach, alle meine Freuden Sind ja die deinen nur; dein Kummer nur beſchwert Mein Herz allein! Sey ſtark! Oft hat in duͤſtern Tagen Dein heil'ger Muth dem naͤchtlichen Geſchick Unwandelbar getrotzt; o lerne jetzt das Gluͤck, Das unverhofft dir naht, ertragen! I. Theil. 20 30. Ich weiß es ja, wie ſehr du ſie geliebt, Die freundlich durch den Lenz der Jugend dich begleitet, Die Argliſt dir geraubt, die Gott dir wieder giebt— O bebe nicht, ſie iſt dir nah, ſie breitet Die Arme nach dir aus! Die freud'ge Hoffnung ſchmiegt Sich troͤſtend an ihr Herz und nemmt dem fruͤhern Grame, Dem Tode ſelbſt ſein Giſt; ſie lebt; dein theurer Name Hat jeden duͤſtern Geiſt der ſchwarzen Nacht beſiegt. 31. Er ſprichts. Von raſcher Luſt erbeben Des Frauleins Knie. O Strahl der Seligkeit! So ruft ſie aus, o Gluͤck, o ſuͤßes Leben In todter Bruſt, o holde Adelheid, Dich ſoll ich wiederſehn? Wo iſt ſie? Komm, o fuͤhre Mich hin zu ihr! O komm! Nach ihren Blicken ſehnt Zu lang ſich ſchon mein Herz, und zittert bang und waͤhnt⸗ Daß es durch Zoͤgerung noch einmal ſie verliere! Fuͤnfter Geſang. 32². Sie rufts; ſie eilt empor; ſie oͤffnet das Gemach. Da ruhte ſanft im erſten heitern Lichte, Das ſiegend jetzt der junge Tag Aus Wolkenduft geſandt, mit hellem Angeſichte Der Schweſter zartes Bild. Sie fliegt hinzu; ſie ſinkt An's Lager hin; ihr bruͤnſt'ger Arm umſchlingt Die Langverlorene; wehmuͤth'ge Thraͤnen brechen Hervor; ſie ſeufzt tief auf und ſucht umſonſt zu ſprechen. 33. Mit lautem Wonneruf erhebt Sich Adelheid. Gewaltſam ringt die Freude In ihrer Bruſt; ſie lacht, ſie weint im ſuͤßen Leide Der raſchen Luſt; ihr voller Buſen bebt ind athmet ſchnell. Doch ſieh, ſchon loͤt der Sturm allmaͤhlig In weiche Ruh ſich auf; die zarte Troͤſterin Der ſchoͤnen Bruſt, die Wehmuth, naht, und ſelig Und friedlich ſintt ihr Blick auf ihre Schweſter hin. 20* 268 Caͤcilie. 34. So zittert im Kriſtall der Quelle, Die ein entrollter Stein zum raſchen Spiel bewegt, Der Roſe bluͤh'ndes Bild. Noch ringen Well' und Welle; Stets wandelt ſich der Kelch; im irren Silber regt Sich wunderbar ſein Glanz. Doch immer ſchwaͤchre Kreiſe Verſchmilzt die Fluth; ſchon iſt der Kampf geſtillt, Die reine Tiefe lacht, und freundlich ſchwimmt und leiſe Im ruhig klaren Born das unbewegte Bild. 35. Mit feſt verſchlungnem Arm umſchließen Die holden Jungfraun ſich; ihr trunknes Auge ſcheint Tief in des Andern Blick ſein Leben zu ergießen. Mund ruht an Mund, ihr Buſen klopft vereint, 1 Verſchwiſtert weht ihr Hauch, zuſammenrinnend gruͤßen Die heißen Thraͤnen ſich, die Beider Auge weint, und halberſtickte Laute draͤngen 3 Sich aus der freud'gen Bruſt, die Schmerz und Luſt beengen. Fuͤnfter Geſang. 36. Die ſtillgefaltnen Haͤnde legt Der Ritter auf ſein Herz und blickt mit naſſer Wange Zur Sonn' empor. Der fromme Saͤnger ſchlaͤgt Die Harfe zitternd an, und ehrt mit leiſem Klange Den heil'gen Augenblick. Doch unben Der fremde d; er betet nicht, er ſieh 4 Nur ſtill zu Gott empor; Gedank' und Wilh entſchwinden Der trunknen Bruſt; er kann nur ſchweigen und empfinden. 37. Doch als die erſte Fluth der raſchen Luſt verrauſcht Und Jeder fuͤr den Sturm, der ihm im Buſen wehte, Den milden Hauch des Friedens einget« uſcht, Da hob von ihrer Lagerſtaͤtte Sich Adelheid empor. Schon war die letzte Spur Der Krankheit faſt vertilgt; des Auges Schmachten nur Und nur das bleichre Roth der ſanftgefaͤrbten Wangen Bezeugten noch die Nacht, die eben ſie umfangen. Caͤcilie. 38. So glaͤnzt der friſche Schnee, der ferne Berg' umzieht, Mild angehaucht von leiſer Roͤthe, Wenn zart des Abends Saum im Roſenſchimmer gluͤht; So ſtrahlt auf buntem Blumenbeete, Wo mancher Roſenkelch im linden Weſte bebt, Das Silberlicht des Thau's; ſo webt Ein fluͤchtig heller Glanz ſich um die duft'gen Ranken, Die ſchwer von bluͤh'ndem Schmuck in's Quellgerieſel ſanken. 39. Schon ſteht ſie freundlich da. Mit holden Worten naht Dem Saͤnger ſie zuerſt: Du traulicher Geſpiele, So ſpricht ſie ſanft, der auf dem heitern Pfad Der fruͤhern Jugend ſchon die kindlichen Gefuͤhle Der Luſt mit uns getheilt, jetzt fuͤhrt die ſuͤße Pflicht Des Dankes mich zu dir. Du weißt es zu erklaͤren, Was ſchweigend oft in meinem Auge ſpricht, Und wirſt den ſtolzen Prunk der Worte gern entbehren. Fuͤnfter Geſang. 271 40. Und du, ſo faͤhrt ſie fort und blickt mit zarter Gluth Den fremden Juͤngling an, du, der ſo treu mich liebte, Den ich ſo lang durch kalten Schein betruͤbte, Verzeih mir meinen Stolz; er iſt mein ſchoͤnſtes Gut. Nicht laͤßt mein Herz ſich gern ergruͤnden; Im weiblichen Gemuͤth regiert wie Fruͤhlingswehn Der reine Hauch der Zucht. Suͤß iſt es zu empfinden, Doch ſchwer, Empfindung zu geſtehn. 1 41. Du haſt mit treuem Sinn nach meiner Huld gerungen, Und nur mein Gluͤck, nicht meinen Dank begehrt; Haſt ſchwoigond dein Gofuͤhl und doinon Schmerz bezwungen⸗ Dir weicht mein freies Herz; du biſt des Sieges werth. Gern reich' ich dir in dieſer heil'gen Stunde, Worin zum zweiten Mal mein Leben ſich erneut, Worin mir Gottes Gunſt ſo theure Zeugen beut, Die jungfraͤuliche Hand zum ew'gen Liebesbunde. Und doch mit ſichrer Ruh, mit Den N S So ſch ag vor ihr hin; aus Die alte Kraft, und groͤßer auzu Erhob ſich jetzt der Held, durch 43. Mit trautem Wort begruͤßten Den neuen Freund. Bei flucht'g Erbob des Saͤna Der Sehnſucht ſtillen Schmerz, C Jetzt reine Luſt Sie ſprach's und ſah, von zartem Roth umſpielt, heitrer Seelenhelle, immert in der Welle n die Abendgluth ſich kuͤhlt, In ſtummer Wonne kniete ſeinem Auge ſpruͤhte iſehn Muth und Liebe ſchon. Alle Fuͤnfter Geſang. 273 44. Als jetzt die weiche Ruh der zarten Wehmuth ſchwindet, Da foͤrdert alles, rings in freud'ger Haſt geſellt, Den traulichen Verein. Mit ſcharfem Schwerte faͤllt Der Ritter durres Holz, der flinke Saͤnger zuͤndet Ein luſt'ges Feuer an, indeß der fremde Held Mit Pfeil und Bogen ſich durch Dorn und Dickigt Zum Naub der Jagd, und am verfalluen Heerd Das holde Schweſterpaar die raſche Flamme nahrt. 45. Schon ſitzt der frohe Kreis beiſammen, und wirthlich beut der Tiſch ein ungeſchmuͤcktes Mahl. Hell kniſterten die fluͤcht'gen Flammen, Und laue Milde ſchwamm im h ölbt Leicht ſchwand die Zeit im raſchen Spiel Der heitern Luſt, im Reiz der zarteren Gefuͤhle, Und Keiner faſt vernahm, wie mit gewalt'gem Flug ₰½— De Der feuchte Sturm die oͤden Mauern ſchlug. Hel Jetzt iſt das Mahl vollbracht. Indeß nun immer wilder Der Wind die Faͤhnlein dreht und um die Zinnen ſauſt, Und waͤrmer ſtets und freundlicher und milder Der ſichre Thurm die Traulichen behaust, Hebt Jeder an, dem Andern zu erklaͤren, Wie nach ſo langer Trennungsnacht, Nach mancher Luſt, nach manchen bittern Zaͤhren, Die Vorſicht ihn zu dieſem Thurm gebracht. 47. Zuerſt beginnt Caͤcilie die Leiden Der heil'gen Fahrt: doch liebevoll verſchweigt Die Zaͤrtliche, daß bald des Himmels Ruf vielleicht Noch einmal ſie von ihrer Schweſter ſcheiden, Auf immer ſcheiden wird. Sie huͤllt den großen Schwur, Der jetzt an Adalbert und an den Tod ſie kettet, In taͤuſchend Dunkel ein, und ſchreibt dem Zufall nur Die Leiden zu, woraus ſie Gott errettet. Fuͤnfter Geſang. 275 438. Mit tiefem Mitgefuͤhl vernimmt Der Schweſter zartes Herz die ſeltnen Abenteuer, Und fuͤhlt ſich wechſelsweis zu Freud' und Schmerz geſtimmt. Bald zagt ſie bang, bald webt der Roſenſchleier Der Luſt ſich um ſie her. So wallt an heitern Hoͤhn, Wenn fern am Himmelsſaum die Strahlen ſchon erſtarben, Sanft angehaucht von lindem Daͤmmrungswehn, Der Wolken leichter Duft in tauſend bunten Farben. 49. Du edles Herz, ſo ruft ſie aus und weint An ihrer Schweſter Bruſt, und haͤlt ſie feſt umſchlungen: Ich bin zum Dank zu arm! Doch daß dein Werk gelungen, Daß jetzt der Himmel uns ſo wunderbar vereint, Das iſt dein ſchoͤnſter Lohn! Jetzt ſollen nie die Leiden Der Trennung ſich erneu'n! Wie unſer Loos auch faͤllt, Mit dir erduld“ ichs gern; und nimmer ſoll die Welt, Das dunkle Grab nur ſoll uns ſcheiden! Caͤcilie. 50. Zu tief empfand auch ich der Trennung bittre Pein; Viel leichter ſchien es mir der Freiheit zu entſagen, Als dir! Nicht häͤtt' ich's lang ertragen, Du reines Herz, von dir entfernt zu ſeyn. Zwar nahte meinem dunkeln Leben Sich troͤſtend oft ein heitrer Sonnenblick; Doch fuͤhlt' ich nie ein un bres Gluͤck, Vis Gott mir dich zuruckgegeben. 51. 9 Du weißt es, wie die Naͤuberſchaar Im Hain mich uberfiel! Wie zittert' ich, wie flehte, Wie weint' ich laut, wie rief im Drange der Gefahr bald den großen Gott im feurigen Gebete, aid dich um Rettung an! Umſonſt, man riß mich fort n's Thal, wo ſchon bereit die fluͤcht'gen Roſſe ſtanden, Und manche rauhe Hand, noch roth von blut'gem Mord, Ergriff mich und umflocht mich eng mit ehrnen Banden. 0; S — Faͤnfter Geſang. 277 52. Raſch gieng's durchs naͤchtliche Gefild Zum groͤßern Zug dahin. Gern will ich's dir verhehlen, Wie grauſenvoll des Krieges blut'ges Bild Mich jetzt umgab. Wer kann den Jammer zaͤhlen, reche Willkuͤhr ſchafft? Das graͤßliche Panier els flatterte hoch uͤber Blut und Flammen; en Grimm und Hohn und wilde Raubbegier, Und alles Heil'ge ſank in Staub und Schutt zuſammen. Ach kennſt du wohl ein haͤrtres Loos, Als Unrecht anzuſehn, und Haß und bittre Thraͤnen, Wenn du nicht raͤchen, nicht veyſoͤhnen, Nicht huͤlfreich lindern kannſt? Oft ward das Herz mir groß⸗ Oft zuͤrnt' ich, tiefempoͤrt vom blutigen Gewuͤhle, Daß Bande nur mein Arm, kein Schwert der NRache trug; Doch fand ich bald, zum zarten Mitgefuͤhle Sey ſelbſt das aͤrmſte Herz noch immer reich genug. 3 Schon nahten wir dem weiten Meer'sgeſtade; Bunt flatterten die Wimpel ſchon daher; Unendlich dehnten ſich die unwirthbaren Pfade Der Wogen vor mir aus, und rauſchend ſchwoll das Meer Am Ufer auf und hoͤhnte meine Kiagen Mir fuͤhllos dumpfem Laut. Schon ſtießen wir vom Strand; Schnell ſlohn die Schiffe fort von leichter Fluth getragen, Die Seegel wallten hoch, und Deutſchlands Kuſte ſchwand. 55. Wie ſtreckt' ich weinend jetzt und ſehnſuchtsvoll die Arme Zum fernen Ufer aus! Bald klagt' ich laut und rang Die Haͤnd' im bittern Leid, bald ſchwieg im ſtummen Harme Die kalte Bruſt, und auf die Fluthen ſank Mein Blick und fann auf Tod. O weh, ihr zarten Freuden Der Kindheit! Holdes Land, das freundlich uns genaͤhrt! Vertraulich lieber Kreis am vaͤterlichen Heerd!. Wie bitter iſt's von euch zu ſcheiden! Fuͤnfter Geſang. 56. Allein ihr kennt es ja, dies arglos heitre Herz, Das mir zum ſuͤßen Troſt der gute Gott beſchieden, Des Geiſtes klare Ruh, den ſtillen Seelenfrieden, Den kuͤhnen Stolz, der nie verzagt dem Schmerz Sich lange beugt, und ohne feiges Klagen In ſtiller Bruſt ein großes Leid verhehlt. Wohl hat das Gluͤck vor Vielen mich erwaͤhlt, Mich kindlich ſtets zu freun, doch maͤnnlich zu ertragen. 57. So baͤndigt' ich auch jetzt des Schickſals harten Zwang. enn Ketten auch den matten Arm umwanden, Wenn herriſch auch das Wort der Raͤuber oft erklang, War ich nicht frei? Der traͤgt verdiente Banden, Wer feig in ihnen zagt. Mit kaltem, ſtrengem Blick Verachtet' ich die Schaar, die mir gebieten wollte, Und zeigte kuͤhn, daß trotz dem knechtiſchen Geſchick, Kein knechtiſch Blut in meinen Adern rollte. 8 W Schon hatten wir der Daͤnen Strand erreicht, Und prangend zog die Scha In Lethra's Mauern ein. Nahm in ihr dienendes Geleite Die Koͤnigin mich auf. Wohl ſchien es oft mir ſchwer, Den freien Sinn nach fremdem Wink zu lenken; Allein ſo nah dem Thron beſorgt' ich auch nicht mehr, Es werde niedre Schmach die edle Jungfrau kraͤnken. ar mit ihrer reichen Beute Von meinem Loos erweicht⸗ 59. Ich ward zur Waͤrterin der Blumen auserſehn,. Die farbenhell auf bunt geſchmuͤckten Beeten⸗ Bekraͤnzt von ſonnenreichen Hoͤhn, Wo ſeiten nur die feuchten Stuͤrme wehten, Die Burg umdufteten. Wohl konnt' im Sklavenſtand Des Himmels Gunſt mir nie ein ſchoͤnres Loos beſcheiden Als dies, worin mein Herz der Kindheit erſte Freuden, Das friedliche Geſchaͤft der Heimath wiederfand. 6o. Fuͤnfter Geſang. 3 2841 60. Oft wenn mit kuͤhlem Trank die Bluͤmlein ich erquickte, Traͤumt' ich zu dir mich hin. Solch eine Roſe war's, So dacht' ich, die ſooft zum Schmuck des ſeidnen Hagr's Cacilie ſich im Thau der Fruͤhe pfluckte. Die Kloͤcklein haben oft an ihrer Bruſt geglaͤnzt! Und hat der Epheu dort, der flatternd von den Aeſten Hernlederhaͤngt, nicht oft bei unſern Kinderſeſten Der Grotten kuͤhle Nacht mit friſchem Gruͤn betraͤnzt? 61. Dann konnt' ich ſtill in ſuͤße Traͤume ſinken; Dich wahut' ich dann im Haine zu erſpahn. Im klaren Quell ſah ich dein Bid mir winken, Und koſend fluͤſterte in zarter Blaͤtter Wehn Dein Laut zu mir heran. Oftz pfluͤckt' ich friſche Bluͤthen, Um hold, wenn du erſchienſt, dir einen Kranz zu bieten, Und wenn ein leiſer Schritt mein gruͤnend Reich betrat, Dann rief ich oft: Horch, horch, die ſuße Schweſter naht! I. Theil. 21 Wie troͤſtend war es mir, ſo manches Lied zu ſingen, Das Reinald uns gelehrt! Wenn dann im Tannenhain Am Felſenhang mit leiſern Schwingen Die Luͤfte ſaͤuſelten, und heller vom Geſtein Der Quell ſich niedergoß; dann waͤhnt' ich, dich zu hoͤren, Wie du mit fernem Harfenſpiel Mein Lied begleiteteſt. Wohl taͤuſcht' ich mein Gefuͤhl; 4 Doch ach, wer wollte wohl nicht gern ſich ſo bethoͤren? 63. Noch war nur kurze Zeit der Knechtſchaft mir entflohn, Da kam vom Fraͤnk ſchen Hof, wohin ſein Hang ihn fuͤhrte, Mein theurer Biarko dort, des Koͤnigs Gormo Sohn, In's Daͤnenreich zuruͤck. An ſeiner Statt regierte Sein Oheim Harald jetzt, den bei des Todes Nahn Einſt Koͤnig Gormo zum Verwalter Des Reiches eingeſetzt, bis Biarko's reifres Alter Ihn zeitige, den Scepter zu empfahn. Fuͤnfter Geſang. 283 . 64. Er hatt' an Ludwigs Hof mit adeliger Sitte, Mit mancher feinern Kunſt die Nord'ſche Kraft geſchmuͤckt. Hell leuchtet' er in ſeines Volkes Mitte, Wie rein aus rohem Erz gediegnes Silber blickt. Auch hatt' im fremden Land des Himmels ew'ge Gnade Den Dunſt des falſchen Wahns vor ſeinem Blick zerſtreut, Und glaͤubig wandelt er ſchon lang die lichten Pfade, Worauf das Heil der Welt uns ſeine Palmen beut. 65. Wir ſahn uns oft im ſtillen Garten, Wenn er dem taumelnden Gelag 1* Verſtohlen ſich entzog. Dort naht er mir und ſprach Manch' ſchuͤchtern Wort zu mir, half mir die Blumen warten, Und lauſchte, wenn ich ſang. Manch Stuͤndchen ward verkost, Manch ernſter Augenblick in ſtiller Bruſt empfunden. Ich ſah ihn gern; er war allein mein Troſt, Der einz'ge Freund, den ich in fremdem Land gefunden, 21* Nie waͤhnet' ich, uns werd' ein zartres Band Als jenes, das ſo ſanft die Freundſchaft webt, verbinden. Ich hatte ſelbſt die Liebe nie gekannt; Wie konnt ich ſein Gefuͤhl, ſein ſchuͤchtern Herz ergruͤnden? Wohl merkt' ich, daß auch ich nicht mehr wie ſonſt empfand, Doch konnt' ich nie den Sinn des ſuͤßen Raͤthſels finden. Oft waͤhnt' ich, daß es Gram und ſtilles Heimweh ſey, Hund doch beſand ich mich ſo innig wohl dabei. 67. Auch Biarko kam nach wenig Tagen Mir ganz verwandelt vor. Er ſeufzt', und ſchwieg, und ſann Oſt lang mit irrem Geiſt, ſah bald mich heimt lich an, maſd ande er, wenn mein Blick ihn traf⸗ mit ſchnellemgagen Der Buden feuchten Glauz. Jetzt mied zer meinen Pfad, de lauſcht er fern auf meine Schritte: 3, als⸗ naht⸗ er rſchnel ll mif ein er eroſchen Bitte: D n Kers, Fuͤnfter Geſang. 285 68. Ihn ſchien ein heimlich Leid zu druͤcken. Doch oftmals, wenn er ſtill an meiner Seite gieng, Und traulich mild mein Aug' an ſeinem Auge hieng, Dann flammt' ein goͤttlich Licht in ſeinen trunknen Blicken, Dann ſchien er groß und froh. Begeiſtert ſprach ſein Mund Von Recht und Freiheit dann, vom Ewigen und Schoͤnen; Bald ſchwamm ſein Aug' in Gluth, bald laͤchelt' es in Thraͤnen, Bald gab's in heller Ruh die ſtille Groͤße kund. 69, Auch ich empfand, wie in dem Zauberlichte, Das junge Liebe jetzt, mir ſelber unenthuͤllt, Um meine Tage wob, mir jedes ird'ſche Bild Gleich einem zarten Traumgeſichte Der ſchoͤnen Welt erſchien. So glaͤnzend hatte nie, Wenn hold der Lenz auf blauen Luͤften ſchwebte, Das Leben mich umſpielt, als jetzt die Fantaſie, Vom Hauch der Lieb' erregt, die Schoͤpfung mir belebte. Wie Manches ſchwand mir ſonſt bedeutungslos dahin, Was eng und traulich jetzt an mein Gefuͤhl ſich ſchmiegte! In jedem irren Glanz, der auf der Flur ſich wiegte, In jedem Bluͤthenkelch ſchien mir ein tiefer Sinn Der eignen Bruſt erklaͤrt. Doch nimmermehr genuͤgte Dem ungeſtillten Geiſt der freundliche Gewinn. Stets waͤhnt' ich, daß in unenthuͤllter Tiefe Noch eine ſchoͤnre Welt der zartern Bilder ſchliefe. 71. Wohl welkte jetzt der ſchoͤne Blumenkranz, Der ſonſt, vom lichten Hauch der fluͤcht'gen Luſt gefaͤchelt, Mit ſtets verjuͤngtem Reiz und ewig friſchem Glanz Um meine Kinderzeit gelaͤchelt; Doch ruhig, hehr und herrlich ſchien Jetzt eine einz'ge Wunderblume, Der ew'gen Flamme gleich im ſtillen Heiligthume, In meiner ſtillen Bruſt mit ſel gem Hauch zu bluͤhn. Fuͤnfter Geſang. 287 72. Noch wußt' ich nicht, daß mit verſtohlnem Sehnen Mein Herz fuͤr Biarko ſchlug; doch zarte Luſt durchdrang Mein traͤumendes Gefuͤhl, wenn mit gedaͤmpften Toͤnen Sein naͤchtlich Lied von fern zu meinem Lager klang; Und freundlich laͤchelt' ich zum Blau der heitern Luͤfte, Wenn fruͤh um mein Gemach die jugendlichen Duͤfte Der Blumen ſaͤuſelten, die in verſchwiegner Nacht Zu meines Fenſters Rand mein holder Freund gebracht. 73. Einſt, als der Abend uns vertraulich hingeſchwunden, Und tiefres Dunkel ſchon die Ruͤckkehr mir befahl, Da bot er einen Strauß, den er mit zarter Wahl Aus manchen Blumen mir gewunden, Mir dar. Ich dankt' und gieng. Mit ſuͤßen Traͤumen band Mich bald der Schlaf; und ſieh, am andern Morgen Sah ich mit leiſer Schaam das duftigbluͤhnde Pfand Noch immer hold verwahrt an meiner Bruſt geborgen. Da blitzte durch den Traum, der daͤmmernd mich umfieng, Ein lichter Strahl. Ich fuͤhlte hell und ploͤtzlich, Daß ich mit heißer Lieb' an meinem Freunde hieng, Daß ſein Verluſt mir unerſetzlich, Sein Leben meines ſey. Doch kuͤhn und zuͤchtig hob Sich auch mein Stolz empor, der lange jetzt geſchwiegen; und ſtaͤrker kaͤmpft' ich ſtets, die Liebe zu beſiegen, Je feſter ſie ihr Netz um meine Seele wob. 75. Ihn, den ich ſtill und heiß in tiefem Herzen liebte, Ihn ſchreckt' ich jetzt mit ſtrengen Blicken fort. Den einzigen, den treu'ſten Freund betruͤbte Jetzt oft mein ſchnelles Fliehn und oft mein kaltes Wort. und jede kleine Gunſt und alle zarten Bluͤthen Der Huld, die ich ſo gern der Freundſchaft ſonſt verliehn, Sie ſtrebt' ich jetzt mit ſchmerzlichem Bemuͤhn Dem eignen Herzen zu verbieten. Fuͤnfter Geſang. 289 76. Und ach, doch wandelt' ich, mir ſelber unbewußt, So gern den Pfad, auf dem er kaum enteilte, Doch weilt' ich dort ſo gern, wo er vor Zeiten weilte, Und ſchmuͤckte ſinnend Stirn und Bruſt Mit ſeinen Gaben aus. Doch wenn die Zauberhuͤlle Der Taͤuſchung dann zerfloß, dann ſchaft ich mein Gefuͤhl Und nannte das, was aus der tiefſten Fuͤlle Der heil'gen Lieb' entbluht, ein kindiſch eitles Spiel. 77. O ſahſt du nicht, wie oft bei meinem Scheiden Das Aug' in Thraͤnen ſchwamm, das dich noch kaum ſo kalt, So ſtolz dich angeblickt? wie oft dein ſtilles Leiden Auch meine Bruſt mit ſchmerzlicher Gewalt Zu langen Seufzern hob? Haſt du es nie errathen, Wer deine Grotten oft mit bluͤh'ndem Schmuck umwand? Wer ſchuͤchtern oft, menn deine Schritte nahten, In's daͤmmernde Gebuͤſch von deinem Sitz entſchwand? Caͤcilie. 78. Wie durfteſt du ſo treu mein hart Gebot erfuͤllen, Das Schweigen dir befahl? O ſprich, Konnt' ich denn ſelbſt mein Innres dir enthuͤllen; Dir ſelbſt geſtehn, daß ich nur dich Mit ganzer Seel' umfieng? Du wagteſt kaum zu klagen; In ſtummen Thraͤnen nur entdeckte ſich dein Herz. Grauſamer Mann, ich trug zwiefachen Schmerz Um dich und mich, und mußt' ihn laͤchelnd tragen! 79. So ſprach ſie tief bewegt und bot die zarte Hand Dem Freunde dar. O liebliches Gebilde Rief Biarko jetzt; o welch ein Schatz von Milde Ruht tief verhuͤllt und unerkannt In deiner keuſchen Bruſt! Wie hold haſt du die Wunden Der Seele mir geheilt! wie uͤberſchwenglich beut Dein zarter Sinn mir jetzt den Lohn fuͤr alles Leid, Das ich ſo hoffnungslos, ſo lang um dich empfunden! Fuͤnfter Geſang. 294 80. Wie durft' ich dir mit kuͤhnen Wuͤnſchen nahn, Da ich ſo tief den eignen Unwerth fuͤhlte? Ein Knabe war ich nur, der feig im ſchwachen Wahn Vor Muͤh' und Kaͤmpfen floh und nur mit Traͤumen ſpielte, Die ſein Geluͤſt ihm bot. Von großen Thaten fern Ließ Harald mir ſchon fruͤh die Jugend traͤg entgleiten, Um einſt den willenloſen Herrn Des Reichs nach ſeinem Wink zu leiten. 81. Wohl preiſ' ich dankbar mein Geſchick, Das manche Ritterthat auf Frankreichs Flur mich lehrte; Doch ſenkte Haralds Liſt, als ich zur Heimath kehrte, Bald in den weichen Schooß der Ruhe mich zuruͤck. Kaum fuͤhlt ich noch, daß auf dem Daͤnenthrone⸗ Ein fremder Herrſcher ſaß, und gab mit leichtem Sinn Fuͤr Feſt und Spiel die koͤnigliche Krone, Fuͤr thatenloſe Schmach den Kranz des Ruhms dahin. Cacilie⸗ 8². Da ſah ich dich, wie du die Sklavenketten So ſtolz, ſo fuͤrſtlich trugſt, wie ungebeugt und kuͤhn Hoch uͤber deinem Herrn dein Geiſt zu thronen ſchien, Und feſt beſchloß ich, dich und mich mit dir zu retten Und groß zu ſeyn wie du. Wohl hielt dein keuſches Herz Stets von dem Ziel mich fern, das mir ſo nah erſchienen; Doch ſtaͤrker ward ich ſtets und edler durch den Schmerz, Und muth'ger ſtets, dich zu verdienen. 83. Nicht wollt' ich jetzt der feigen Knechtſchaft Zwang, Nicht mehr die Schmach der traͤgen Luſt ertragen. Groß war des Kampf's, des Sieges Dank, Drum wollt' ich Großes auch und deiner Wuͤrd'ges wagen. Ach, wer nach deiner Gunſt, nach deiner Liebe rang, Wie durfte der dem Schmerz und ſelbſt dem Tode zagen? Ein niedres Loos genuͤgt der ſchwachen Bruſt allein; Wer werth zu herrſchen iſt, der ſoll auch Herrſcher ſeyn. Fuͤnfter Geſang. 293 8i. Oft wen dein ſtrenger Sinn mit bitterm Gram michkraͤnkte, Und, wie ein ſchwarz Gewoͤlk, Verzweiflung bang und ſchwer Auf meiner Seele lag, dann nahm ich S d und Speer, Und wo am ſchaur igſ ten die Felſenbucht ſich ſenkte, Wo zuͤrnender der Strom durchs ſchroße Bett ſich draͤngte, Da irrt' ich ſchweigend dann mit dunkem Geiſt umher. Wo toͤdtliche Gefahr am naͤchſten mich bedraͤute, Da, wahnt' ich, ſey der Pfad, der hin zu dir mich leite, 85. Und wenn ich dann die wilde Brit Der Felſenkluft erlegt, wenn ich mit Taschem Stahle Ein kuͤhnes Raͤuberheer im dunkeln Klippe euthal Erſchlagen und verſcheucht, und roth vom Fein Vom heißen Kampfe matt zuruͤck zur Heimat Dann waͤhnt' ich, daß ich jeßzt ſchon m ded feurig ſt ich ſters nach einer k 5 44 t„ Je. J; 1 1 Jel e, kehrte. . 5 rnnt den e. eln 7 2 Caͤcilie. 86. Bald merkt' ich jetzt, daß Haralds Frevlerhand Nicht ohne Blut mein Recht mir geben werde, Daß er des Volkes Sinn laͤngſt von mir abgewandt Und rings mit toͤdtlicher Gefaͤhrde Mir meinen Pfad umhegt. Doch was mich ſonſt geſchreckt, Das mußte maͤcht'ger jetzt mein tapfres Herz entzuͤnden; Lang ſchlief der Leu, den Liebe jetzt geweckt, und grimmig ſollte bald ſein Zuͤrnen ſich verkuͤnden. 87. Es iſt vorbei! Siegprangend hebt Der Naͤuber ſein Panier in meiner Vaͤter Hallen, Rings ſind in blut'gen Staub die Freunde hingefallen; Ich bin, wie einſt, ein Knecht und hab' umſonſt gelebt. Wie darf der Schwache jetzt noch wagen, Sich deinem Blick zu nahn? Du warſt des Sieges Ziel, und Biarkos Arm erlag? O Gott, es iſt zu viel! Kein edler Sinn vermag ſolch eine Schmach zu tragen. Fuͤnfter Geſang. 83. 4 Er rieſs, und ſah mit tiefem Gram Zu ſeiner Lieb' empor; dann ſenkt' er truͤb' und ſchweigend Den duͤſtern Blick; aufloderte die Schaam Auf ſeiner Wang', und ſtill hinab ſich neigend Verbarg er ſein Geſicht. Doch jetzt mit raſcher Hand Warf er das Schwert, das an der Seit' ihm blitzte, Weit, weit von ſich hinweg; dann ſaß er ſtarr und ſtuͤtzte Sein ſinkend Haupt auf ſeine flache Hand. 89. Und ſtill ſieht Adelheid zu ihrem Freund hinuͤber Mit hellem Blick. Doch immer. feuchter ſchwebt Der Glanz in ihrem Aug', und truͤber ſtets und truͤber Taucht leiſer Kummer auf; und ſieh, allmaͤhlig bebt Die milde Thraͤn' empor. So ſchwimmt in heitrer Stille Die abendliche Luft; doch dunkler ſinkt der Flor— Der Daͤmmrung nach und nach, und aus der luft'gen Huͤlle Deingt fern und zitternd ſich der erſte Stern hervor. Du thuſt nicht wohl, unmuthig zu verzagen, Begiunt ſie jetzt, im Innern tief bewegt; Und ſchwer verwundeſt du durch mitleidsloſe Klagen Dies Herz, das jetzt fur dich, fuͤr dich allein nur ſchlaͤgt. Wie ſoll denn ich mein Leid und wie das deine tragen, Wenn deinen Geiſt ſchon das, was er fuͤr mich ertraͤgt, So ganz zu Boden druͤckt? Ich waͤhnte, daß der Liebe Stets in ſich ſelber Muth und Aanſe und Troſtung bliebe! 91 Werd' ich nicht lindernd ſtets im Kummer bei dir ſtehn⸗ Nicht feſt und treu an dein Geſchick mich ketken, Mich nicht vor jedem Gram an deinen Buſen retten, Nicht laͤcheln, wenn du lachſt, und wenn dur ſtirbſt, vergeh n2 Haſt du es nicht gewagt, mein S Kavenband zu brechen? Dank' ich nicht dir die Luſt, die jetzt mein Herz erhebt? Und doch vermochteſt du es huldlos auszuſprechen, Das harte Wort: ich hab' umſonſt gelebt! 9². Fuͤnfter Geſang. 297 92. Wer hat ſo kuͤhn wie du das maͤcht'ge Schwert geſchwungen? Wer ſtand ſo feſt wie du im lauten Sturm der Schlacht? Wer hat in jener blut'gen Nacht Mit ſeinem Mißgeſchick ſo unverzagt gerungen? Wer hat wie du, wenn ihn auch Feindeszahl bezwungen, Den Sieg zum Fall, den Fall zum Sieg gemacht? Vergebens willſt du das, was dich erhoͤht, verhehlen: Was Zartgefuͤhl verſchweigt, ſoll Dankbarkeit erzaͤhlen. 93. Einſt nahte Fro's blutreiches Opfermahl; Dicht ſtand das Volk geſchaart im heil'gen Eichenhaine; Schwarz ſant bewoͤlkte Nacht; doch hoch mit rothem Scheine Entloderte dem Heerd der Flamme fluͤcht'ger Strahl. Im grellen Glanz erſchien am alten Runenſteinine Des Koͤnigs duͤſtres Bild, in ſtarker Hand den Stahl⸗ Indeß mit zagendem Gemuͤthe Vor Harald hingebeugt ein Sklay als Opfer kniete, I. Theil. 22 298 Caäaͤcilie. 94. Dicht hinter Fro's Altar, von heller Gluth verklaͤrt, Erhob Swanwithe ſich mit goldnem Opferhorne, Swanwithe, Lethra's Schutz, die maͤcht ge Zaubernorne, Die einſt Thorildens Kraft an Mutterbruſt genaͤhrt. und um die Prieſterin und um den Koͤnig reihte Im blanken Stahlgewand ſich Haralds Heldenſchaar, uUnd in dem Kreiſe ſtand nicht ferne vom Altar Die Koͤnigin in ihrer Frau'n Geleite. 95. Schon war der feſtliche Geſang Der Prieſterin vollbracht, und auf das Opfer ſchwang Der Koͤnig ſchon den Stahl, da trat im Waffenglanze Mein Freund hervor. Mit einem welken Kranze, Den einſt in fruͤhrer Zeit ihm meine Hand gepfluͤckt, Hatt' er zum ernſten Werk den goldnen Helm geſchmuͤckt; In ſeiner Linken lag mit droh'ndem Schein die Lanze, Und in der Rechten war das breite Schwert gezuͤckt. Fuͤnfter Geſang. 96. Bewundernd ſahn die edlen Daͤnen Den Juͤngling nahn, und Haralds Wang' erblich. Stolz trat er in den Kreis, und jeder Krieger wich, Und leiſe fluͤſterte mit halbgedaͤmpften Toͤnen Erſtaunen durch das Volk. Doch muthig ſchritt er fort, Und als er jetzt dem Heerd, der in des Kreiſes Mitte Hell flammte, ſich genaht, da hemmt' er ſeine Schritte, Und ſtand, auf'sSchwert geſtuͤtzt, und ſprach das kuͤhne Wort: 97. Dir, Harald, gilt mein Ruf! Gieb ſie zuruͤck, die Krone, Die einſt dein Herr, mein edler Vater, trug! Der Sitz, wo du jetzt prangſt, gebuͤhret Gormo's Sohne; Mein iſt das Nord'ſche Reich! Schon fuͤhl' ich Kraft genug, Dein Fuͤrſt zu ſeyn. Nicht ſpricht der ſchwache Knabe, dein Koͤnig ſricht zu dir! Recht als milde Gabe, Das Meine fordr' ich mir. 22* Den du ſo ſchlau getaͤuſcht, Der Feige nur empfaͤngt ſein Ich hab' ein kuͤhnes Herz! Caäaͤcilie. 98. Ihr Helden meines Reichs, die oft in Gormo's Schlachten Die Blitze ſeines Zorns verderblich ausgeſtreut, Nicht werdet ihr den Zweig aus Gormo's Stamm verachten, Der jetzt euch ſeinen Schutz und ſeinen Schatten beut. Zu lange habt ihr ſchon ein ſchmaͤhlich Joch getragen; Empfangt den wuͤrd'gern Herrn, und hoͤrt Mit guͤnſt'gem Sinn den Eid, den euer Koͤnig ſchwoͤrt, Füͤr euer Heil und Recht ſein letztes Blut zu wagen. 99. Er ſprach's und harrte ſtill, und banges Staunen ſchwieg Im Volke rings, und zögernd zuckt' am Schwerte Des finſtern Koͤnigs Hand. Doch horch, allmaͤhlig gaͤhrte Ein dumpfes Murmeln auf; gedaͤmpft und fluͤſternd ſtieg Des Beifalls Wog' empor; und ſchnell und hoch empoͤrte Sich bald des Aufruhrs Fluth; laut zum gerechten Krieg Erklang der Helden Schild, und Lethra's Fuͤrſten ſchloſſen Zum dichten Kreiſe ſich um Gormo's edlen Sproſſen. Fuͤnfter Geſang. 3⁰1 100. Da ſtieg mit wildem Blick und aufgeloͤſ'tem Haar, Den maͤcht'gen Runenſtab in kuͤhn geſchwungner Rechten, Swanwithens hohes Bild vom ragenden Altar. Hoͤrt, Daͤnen, hoͤrt, ihr folgt unholden Maͤchten! Begann ſie laut. Soll tief in ſchnoͤden Staub Hinſinken Odin's Thron, und Miolners Erz ein Raub Der ſchwachen Goͤtter ſeyn? Soll hell in Asgard's Sitzen Der zweifach ſcharfe Stahl in Feindeshaͤnden blitzen? 101, Noch iſt des Mondes Silberhorn Und Odins Schild noch nicht von Fenri's Brut verſchlungen; Noch ruht in Loke's Reich der Feuergeiſter Zorn; Feſt haͤlt den Erdenkreis der Drache noch umrungen. Ihr ſelber wuͤhlt, von blindem Wahn bethoͤrt, An Pdraſils weltaltem Stamme; Verderblich bahnt ihr ſelbſt den Pfad der wilden Flamme, Die bald zur Goͤtterburg aus Surtur's Rachen faͤhrt! 302 Caͤcilie,. 102. O laßt euch nicht durch falſchen Schein betruͤgen 1 Er, den ihr jetzt mit ehrnem Kreis umringt, Er lernte laͤngſt dem Chriſtengott ſich ſchmiegen; Zertruͤmmern wird er bald, wenn er den Thron erringt, Der Aſen altes Reich! Wohlan, tritt hin zum Heerde, Du Prangender! Ergreif des heil'gen Ringes Gold, Und ſprich: So ſey mir Fro, Niord und Odin hold, As ich fuͤr ihren Ruhm mein Blut nicht ſparen werde! 103. Sie ſprach's, und ſieh, es ſchloß der blanke Waffenkreis Sich raſſelnd auf, und laut rief Alles: Schwoͤre! Schon zagt' ich bang fuͤr meines Gottes Ehre, Fuͤr Biarko's ew'ges Heil, und flehte ſtill und heiß Zum Herrn des Lichts. Doch ohne feiges Zittern, uUnd herrlich wie der Strahl des Morgens anzuſchaun, Trat Gormo's Sohn hervor, und zu den Nord'ſchen Rittern Begann er ſo mit glaͤubigem Vertraun: Fuͤnfter Geſang. 104. Dem großen Gott der Macht, dem alle Himmel zagen, Dem dreifach Goͤttlichen hab' ich mein Herz geweiht; Nie werd' ich ihm, nie meinem Recht entſagen; Er ſchuͤtzt mich, wenn auch rings Empoͤrung mich bedraͤut. Nie brach ich ja mein heiliges Verſprechen; So halt' ich auch den Eid, den ich euch dargebracht; So zwingt mich keine Erdenmacht, Den Schwur, den ich dem Gott der Wahrheit that, zu brechen, 105. CEr ſprachs und Alles ſchwieg. Doch laut mit droh'ndem Wort Rief Harald jetzt: Ihr hoͤrt's, er iſt ein Feind der Goͤtter; Sein Leben bringt uns Fluch! Und wie ein fernes Wetter, Das langſam ſich erhebt und wechſelnd hier und dort Mit dumpfen Donnern draͤut, indeß beim nah'nden Spiele Des ungewiſſen Sturms der Wogen irrer Lauf Zwietraͤchtig ſich durchkreuzt; ſo ſtieg im Volksgewuͤhle Mit zweifelhaftem Sinn ein leiſes Murmeln auf. 5 Cäaͤcilie. 106, Doch lang ſchon hatte jetzt mit wilden Blitzesflammen Swanwithens Aug' auf mir geruht. Naſch zitternd ſchauderte die Schrrhliche zuſammen, Laut ſtoͤhnend hob müt heißrer Wuth Ihr Buſen ſich empor; ergrimmte Wolken ſchwammen uUm ihre finſtre Stirn; verderblich ſpruͤh'nde Gluth Entloderte dem Blick, und ſchwarz von Nacht umzogen Schien wild in ihrer Bruſt ein zuͤrnend Meer zu wogen. 1 07. Und drohend rief ſie jetzt den Fluch zu mir herab: Weh der, die dich gebar! Weh Allen, die ſich freuten, A du geboren warſt! Wer hat der Ungeweihten Des Zaubers Macht, wer hat den Herrſcherſtab Der fremden Magd verliehn? Fluch dir! Was willſt du ſtreiten Mit meinem Gott? Weh, Weh! Ich ſeh der Helden Grab, Der Aſen Fall! Fluch dir! Auf, Daͤnen, tilgt die Schlange, Die ſtill das Gift genaͤhrt zu Odins Untergange! Fuͤnfter Gefang. 305 108. Und mit gezucktem Schwerte drang Sie wuͤthend auf mich ein. Mit dumpfem Wehgeheule Umringte mich das Volk; rings drohten Speers und Beile; Die Schilde raſſelten; vom ehr'nen Waffenklang Erbebte laut der Hain. Doch mit gewalt’ger Eile War Biarko mir genaht. Sein ſtarker Arm umſchlang Mich feſt, mich barg ſein Schild, und durch die dunkeln Hallen Des Haines ließ er hell zum Kampf ſein Horn erſchallen. 109. Da naht' es rings mit Schlachtgeſchrei; Fern glaͤnzten Waffen her im ſchwachen Flammenſcheine; Raſch flog zu Roß der Freunde Schaar herbei, Die Gormo's Sohn im dunkeln Goͤtterhaine Zum Schutz und Trutz verſteckt. Wohl war die edle Zahl Der Tapfern nur gering, doch ſtark und waffenfertig Und treu wie Gold ihr Sinn, und feſt ihr Muth wie Stahl, Und jeder wie des Siegs, ſo auch des Falls gewartig. 306 Cäcilie. 1 10. Schnell war der erſte Schwarm, der mich umgab, zerſtreut, Schnell hatt' auf's hohe Roß mein Biarko ſich geſchwungen, Und unter Freundesſchutz, doch nahe noch dem Streit, Zum Haine mich gefuͤhrt. Nur halb iſt's mir gelungen, Rief er mir zu, das Werk, das ich fuͤr dich gewagt! Der Wuͤrfel liegt, jetzt gilt's gewalt'ge Thaten! Wo uns das Gluͤck verlaͤßt, muß trotz'ge Kuͤhnheit rathen, Und nie hat Liebe noch, wo Liebe lohnt, gezagt! 111. Er ſprach's und ſtuͤrzte fort, und tief im Schlachtgedraͤnge Verlor mein Aug' ihn bald. Doch wo mit wilderm Ton Die Waffen raſſelten, wo ſchneller rings die Menge Der Feinde ſchmolz, wo kuͤhne Helden flohn, 3 Da ſucht' ich ſtets mit ſpaͤh'nden Blicken Den Freund; da fand ich ihn; und wenn auch bange Pein Mein Herz erſchuͤtterte, doch dacht' ich mit Entzuͤcken: Heil dir, das edelſte, das groͤßte Herz iſt dein! Fuͤnfter Gefang. 307 112. Lautdroͤhnend ſcholl des Kampfes Toben Durch Haid' und Wald. Halb war das Schlachtgefild Vom ſchwarzen Flor der duͤſtern Nacht umwoben, Und formlos wuͤthete das ewig rege Bild Des dunkeln Streits umher. Halb ſchwamm im rothen Feuer Am Opferheerd die Schlacht; hell blinkten Stahl und Blut, Und ſeltſam angeſtrahlt von wandelbarer Gluth Schien rieſig jede Form und grell und ungeheuer. 113. Bald huͤllte raſchbewegter Dampf Das Mordgetuͤmmel ein; nur einzelne Geſtalten Erglaͤnzten hier und dort; im unſichtbaren Kampf Schien feindlich wild ein Heer unheimlicher Gewalten Durchs Graun der Nacht zu ziehn; bald ſcheuchte Sturmeshauch Den fluͤcht'gen Nebel fort, und gleich dem grauſen Traume, Der dunkelhell ſich naht, entwand dem flieh'nden Rauch Sich matt das blut'ge Bild im truͤb erhellten Raume. a cilie. 114. Wie ward hier mancher Helm und manches Panzerkleid Vom ſchweren Fall der Art erſchuͤttert! Wie manches gute Schwert in Heldenfauſt zerſplittert! Wie mancher Schild zerhau'n! wie krachten laut und weit Zerbrochne Speer' umher! Rings hallte Ruf und Draͤuen Und wildes Wuthgeheul und Hohn⸗ und Wehgeſchrei, Und kraͤchzend flog ein Geierſchwarm herbei Und ſchien des blut'gen Mahls laut flatternd ſich zu freuen. 115. Groß war des Feindes Uebermacht, Und ſtarke Heldenſchwerter blitzten Zu Harald's Schirm; kuͤhn ſocht in wilder Schlacht Fuͤr ſeinen Thron der Fuͤrſt, und grimme Schaaren ſchuͤtzten Der Goͤtter alten Heerd; doch maͤcht'ger war die Kraft Der Lieb' in Biarko's Bruſt. Schon viele Krieger ſanken, Von ſeines Schwertes Strahl zu Boden hingerafft, und jach in raſcher Furcht begann der Feind zu wanken. Fuͤnfter Geſang. 116. Da rief die Prieſterin mit grauſenvollem Ton: Verzagtes Volk, nicht werth der ſtarken Helden, Die Sigurds Zeit gebar, ſchon fliegt zu Odins Thron Der heil'ge Rab' empor, ihm deine Schmach zu melden! Siehſt du den Blitz, der zuckend gluͤht? Hoͤrſt du den Ruf des Zorns, der auf entfernten Wettern Dumpf durch die Nacht ſich waͤlzt? Weh dir! Zur Nache zieht 1 Der ſtarke Gott heran, die Feigen zu zerſchmettern. 117. Sie rief's, und durch die ſchwarze Nacht Scholl fern ein Donuer her. Schnell wandten Haralds Krieger Sich neu belebt, und wilder ward die Schlacht. Kaum ſtand die kleine Schaar der kampfesmuͤden Sieger Dem friſchempoͤrten Sturm. Matt war die Hand am Speer, Gelaͤhmt der Arm vom Schild, das ſchlaffe Knie gebogen, Und Weh! noch kam ein neues Heer Jetzt aus der nahen Stadt zum Feind herangezogen. Da rief ein jeder Held in Biarko's muͤder Schaar Zu ſeinem Gott empor; dem tapfern Kampfgenoſſen Bot jeder ſeine Hand zum letzten Gruße dar; Hoch zuckten ſie das Schwert; zur ehrnen Mauer ſchloſſen Die ſtarken Schilde ſich, und unerſchuͤttert ſtand Das edle Haͤuflein jetzt. Den Fallenden beſchirmte Des Unverletzten Schild, den Freund des Freundes Hand, Indeß der Feind mit Grimm die Tapfern rings beſtuͤrmte. 119. Und Einer nach dem Andern ſank In blut'gen Staub dahin. Doch ſelbſt im Sterben ſchwang Ein Jeder noch das Schwert, den Feind voran zu ſenden, Feſt hielt ein jeder Held in todeskalten Haͤnden Den treuen Stahl umfaßt. Stets ward des Freundes Fall Durch Feindes Tod geraͤcht, fuͤr Blut nur Blut gegeben; Rings ſah man einen hohen Wall Erſchlagner Krieger ſich um Biarko's Schaar erheben.— 120. Jetzt ſtand er ganz allein, von tiefen Wunden roth, Vom Kampf erſchoͤpft, doch hoch auf Feindesleichen. Noch ſtritt er unverzagt, noch flammte raſcher Tod Auf ſeinem Schwert, noch hob zu ſchweren Streichen Sich ſeine Kolb' empor. Wohl draͤngt' ihn harte Noth: Doch nicht vergoͤnnt' ihm jetzt ſein kuͤhnes Herz zu weichen, Wo ſeine Schaar erlag, und auf den einz'gen Mann Zog grimmig, doch umſonſt, ein ganzes Heer heran. 121. Indeß um Biarko nun das raſende Getuͤmmel Stets lauter ward, drang auch zu mir, Die auf den Knieen lag und regungsſos zum Himme Die fleh'nden Haͤnd erhob, mit blut'ger Mordbegier Der Feind heran. Die Schaar, die mich beſchuͤtzte, Sank ſchon dahin im tapfern Streit, 1 Und ſtill erwartet⸗ ich, zum Tode laͤngſt bereit, Den ſcharfen Stahl, der mir entgegen blitzte. 122. Da ſah mein Freund herab auf mich; Mich mußt' er, wenn er blieb, dem wilden Feinde laſſen, und laſſen ſeinen Ruhm, wenn er dem Feinde wich. Ich ſah ihn ſchwankend ſtehn und ſchaudern und erblaſſen Im ungeheuren Schmerz. Er blickte fort und ſtand. Und horch, ſchon raſſelten die Ketten, Schon nahte mir des Feindes blut'ge Hand; Nur jetzt noch konnt' er mich, doch ſpaͤter nie erretten. 123. Da ſprang er ungeſtuͤm herab.— Ruht ſanft, ſo rief er laut, ihr hingeſunknen Freunde! O zuͤrnt mir nicht, daß euer Grab Nicht auch das meine ward Und ſieh, den Schwarm derFeinde Zertheilt er wie ein Blitz; ſchon hatt' er ſchnell vom Roß Den naͤchſten Mann geſtuͤrzt, ſchon ſich hinaufgeſchwungen, Schon war er durch den Kreis, der drohend mich umſchloß⸗ Auf blut'ger Leichenbahn zu mir herangedrungen. 124. Fuͤnfter Geſang. 313 Rings ftuͤrzte, was ſich mir genaht; Blut ſpruͤtzte jeder Helm, wo ſeine Hieb' erklangen; Raſch hob er mich empor, feſt hielt er mich umfangen, Und durch den dunkeln Hain auf wild verwachſ'nem Pfad Trug ſchaͤumend uns das Roß. Mit laut erzuͤrntem Toben Verfolgt“ uns Haralds Heer; aufſpruͤh'nde Funken ſtoben Rings durch die Nacht, dumpf ſcholl der Hufe Schlag Durch Berg und Thal und Fels und Wald uns nach. 125. Doch als mit kuͤhlem Hauch der Morgen Durch Hain und Wieſe ſtrich, da hatte vor der Schaar, Die unſre Spur verlor, uns jenes Thal geborgen, Und hoch am Felſen nahm mein Freund die Zinnen wahr, Die jetzt uns Schutz verleihn. Doch matt von bangen Sorgen, Erſchoͤpft vom Drange der Gefahr, Verſank ich jetzt nach wenig Stunden In jenen Todesſchlaf, den Reinald uͤberwunden. E Theil. 23 314 Caͤcilie, Fuͤnfter Geſang⸗ 126. O freundliches, o ſuͤßes Licht, Das mir nach jener Nacht ſo wunderlieblich ſtrahlten O Lohn, der jedes Leid mir tauſendfach bezahlte, O Liebe, goldner Stern, der alle Wolken bricht! 8 O ſel'ges Wiederſehn! Die Nebel ſind zerronnen; Der Himmel lacht von blauem Glanz verklaͤrt! Was nie der helle Schein des ew'gen Gluͤcks gewaͤhrt, Das hat aus dunkelm Schmerz der ſel'ge Geiſt gewonnen! Anmerkungen. — Stanze 63.— Mein theurer Biarko dort, des Kö nigs Go rmo So hn.— Wegen dieſes Verſtoßes gegen die Geſchichte muß ſich der Dichter die Verzeihung des Hiſtorikers erbitten. Stanze 93.— Einſt nahte Fro's blutreiches Opfermahl.— Fro, Fron, Frey oder Freyr, der Herr⸗ ſcher der Natur, war einer der geehrteſten Goͤtter in der Nordiſchen Religion, und nach Snorre's Chronik urſpruͤng⸗ lich ein Schwediſcher Koͤnig. Ihm pflegte man bei Hun⸗ gersnoth Menſchenopfer zu bringen, die Froblod genannt wurden. S. Barthol. P. 322. Saxo Gramm. L. I. Stanze 100.— Miolners Erz— Der Hammer Thors.— Der zweifach ſcharfe Stahl— Odins zweiſchneidiges Schwert, welches Gugner hieß. Edda 48. Stanze 101.— Nochiſt des Mondes Silberhorn Und Odins Schild noch nicht von Fenris Brut verſchlungen.—. Die ganze Stanze bezieht ſich auf die Beſchreibung, welche uns die Edda von der Goͤtterdaͤmmerung macht. Fenris, der Sohn des Loke, ein ungeheuer ſtarker Wolf, wird ſich zum Kampf mit den Goͤttern losreißen und den Odin, der mit ihm ſtreitet, verſchlingen. Voluſp. 54. Edda 49. Seine Soͤhne, zwei andre Woͤlfe, Keri und Freki, oder Skoll und Hathe, werden die Sonne und den Mond ver⸗ ſchlingen. Voluſp. 41. Edda 9. 23* X 316 Anmerkungen Da Odin der Gott der Sonne iſt, ſo erlaubt man es vielleicht dem Dichter, die Sonne den Schild Odins zu nennen, wie bei den Griechen die drohende Wetterwolke die Aegis des Jupiters heißt. — Noch ruht in Loke's Reich der Feuergeiſter Zorn.— Loke, der ewige Feind und Verlaͤumder der Gotter, eigentlich das boͤſe Princip, iſt unter dem Na⸗ men Loke auch der Gott des Feuers. Er wird ſich gegen das Ende der Welt mit den Feuerſoͤhnen(Muſpelle) vereinigen, um die Goͤtter zu ſtuͤrzen. Voluſp. 51. Edda 48. — Feſt haͤlt den Erdenkreis der Drache noch umrungen.— Die Mitgardiſche Schlange, Jormun⸗ dar oder Jormungandar, eine Tochter des Loke(Edda 28.), welche von den Goͤttern unter das Meer verſenkt wurde, wuchs zu einer ſo ungeheuren Laͤnge, daß ſie die ganze Erde umwinden und ſich noch obendrein in den Schwanz beißen konnte. Auch ſie reißt ſich bei der Goͤt⸗ terdaͤmmerung los, und kaͤmpft mit dem Thor, der ſie zwar erlegt, aber doch nachher von dem Gift, das ſie ausſpeit, ſtirbt. Voluſp. 55. Edda 48. — Ihr ſelber wuhlt, vom blinden Wahn be⸗ thoͤrt, An Ydraſils weltaltem Stamme.— Yadraſil oder Ydraſil, ein ungeheurer Eſchenbaum, deſ⸗ ſen Zweige die ganze Welt beſchatten, und bis zum Himmel reichen, waͤhrend die eine ſeiner Wurzeln zu den Goͤttern, die andere zu den Rieſen, und die dritte zur Unterwelt geht, Voluſp. 19. 20. 21. Edda 14. 15. iſt nach Graͤters Nord. Bl. S. 47. der Aether. Er —— zu Caͤcilie, V. Geſang. 317 wird beim Untergange der Goͤtter zwar bleiben, aber doch ſtark erſchuͤttert werden. Voluſp. 49. Edda. 48. — Verderblich bahnt ihr ſelbſt den Pfad der wilden Flamme, Die bald zur Goͤtterburg aus Surturs Na⸗ chen faͤhrt— Surtur(der Schwarze) oder Suttung iſt der Herrſcher der Feuerwelt, die gegen Oſten liegt. Edda 2. 3. Er iſt der Anfuührer der Feuerſoͤhne, und wird die Erde und den Himmel verbrennen. Voluſp. 33. 37. Edda 48. tanze 102.— Ergreif des heil'gen Ringes Gold.— Der Gebrauch beim Schwoͤren war dieſer: Man ernannte ſich Zeugen, faßte an den Ring des Al⸗ tars und ſagte: So wahr helfe mir Freyr, Niord und jener allmaͤchtige As(Odin), als ich die Wahrheit ſa⸗ gen werde. Muͤller uͤber den Urſprung und Verfall der Islaͤnd. Hiſtoriograph. S. 139. Landnama nach Suhms Ausg. S. 200. Niord war der Gott des Windes, und zur Bekraͤftigung des Schwurs, weil ſie auf das Wohl des gemeinen Lebens den meiſten Einfluß hatten. So Stanze 116.— Verzagtes Volk, nicht werth der ſtarken Helden. Die Sigurds Zeit gebar— Sigurd, ein ſehr beruͤhmter Held in der Nordiſchen 318 Anmerk. zu Caeilie, V. Geſang. Sage, derſelbe, der im Nibelungen⸗ Liede Siegfried heißt, iſt durch den kraͤftig und poetiſch bearbeiteten Sagencyklus des Barons de la Motte Fouqué: Der Held des Nordens, hinlaͤnglich bekannt. ———— ſchon fliegt zu Odins Thron Der heil'ge Rab empor, ihm deine Schmach zu melden— Der Rabe war dem Odin heilig. Barthol. 420. Nach Edda 34. hatte er beſtaͤndig zwei Raben, Huginn (Erkennung) und Mumim(Gedaͤchtniß) auf ſeinen Schultern ſitzen, die er des Morgens abſchickte, um das Treiben der Menſchen zu erfahren. 2* .— 1 Sechster Geſang, Sechster Geſang, — 1 Wie hel das weite Meer in glatter Stille ruht, Wenn athemlos die raſchen Winde ſchweigen, Doch gaukelnd naht ein Weſt, und ſchwankend wallt die Fluth Zum Strand und bebt zuruͤck, und bunte Perlen ſteigen In fluͤcht'gen Kreiſen auf; erzitternd huͤpft der Schaum Und bilderreich umher; doch friedlich noch entfaltet Der Tiefe gruͤnes Reich den ungemeßnen Raum, Worin ein Zauberſpiel raſtloſer Wunder waltet; So ſchwieg zuerſt, als Adelheid Mit ſanft verklaͤrtem Blick geſchloſſen, Der Freunde ſtiller Kreis. Doch nach und nach ergoſſen, Vom wandelbaren Drang verſchiedner Trieb' entzweit, Die freud'gen Herzen ſich, und aller Augen floſſen Von ſuͤßer Luſt, von ſuͤßem Leid. Ein bunter Zauberquell von wechſelnden Gefuͤhlen Schien tief und unverhuͤllt in jedem Blick zu ſpielen. 3. Und ſchnell entſchwand der Tag im traulichen Verein; Und als die Nacht mit ſchwarz bewoͤlktem Schleier Sich aus dem Thal erhob, durchzog bei Fackelſchein Die heitre Schaar das finſtre Burggemaͤuer. Hell blitzte rings, beſtrahlt vom regen Feuer, Im feuchten Tropfenglanz das ragende Geſtein, Und ſeltſam, wie im Traum die Formen oft zerrinnen, Geſtalteten im Licht ſich Pfeiler, Thurm und Zinnen. Sechster Geſang. 323 4. Bald oͤffneten ſich jetzt in ſchauerlicher Nacht Der Hallen hochgewoͤlbte Bogen, Und oͤde Prunkgemaͤcher zogen 1 Sich durch die Truͤmmer hin in vwaͤterlicher Pracht. Mit feierlichem Ernſt rings an den Waͤnden ſtarrten Die Bilder alter Zeit, und drohend hob die Zahl Der Panzer ſich umher, als ob im roſt’gen Stahl Geſtorbne Helden hier der nah'nden Enkel harrten. 5. Wohl hatte rings mit wildem Machtgebot Zerſtoͤrung hier den eh'rnen Stab geſchwungen. Geſpalten war der Grund, der Woͤlbung Band geſprungen, Vom Sturz der Pfeiler ſchien der wuͤſte Raum bedroht. Zerriſſen hieng um moosbedeckte Mauern Der gold'ne Teppich her; der Tiſch des Heldenmahls Stand halb verdeckt vom Schutt des hohen Saals, Und jedes Ahnenbild ſchien grauumflort zu trauern. Geſchaͤftig muͤhten jetzt mit unverdroßner Hand Die Fraun und Ritter ſich, das oͤde Graun zu mildern. Geebnet ward der Grund, geſaͤubert Deck' und Wand, Und von den eh'rnen Waffenbildern Der ſchnoͤde Staub verſcheucht. Vom alten Heerde ſchlug Die muntre Gluth der bunten Flammen Bald hell empor, und Jeder trug Des Sammts verblichne Kraft zum Lager ſich zuſammen. . So wurde bald dem todten Graun Ein heitres Bild des Lebens abgewonnen, Uud freundlich laͤchelten die ſittlich holden Fraun Die neue Schoͤpfung an. So ſehn wir milde Sonnen Durch fliehendes Gewoͤlk zur Erde niederſchaun, Wenn kaum der ſtarre Froſt, der oͤde Schnee zerronnen, Und bandenfrei, obgleich noch ungeſchmuͤckt, Die ſanfterwaͤrmte Flur dem Lenz entgegenblickt, Sechster Geſang. 325 8. Und jetzt, als ſchon allmaͤhlig ſchwaͤcher Die Gluth des Heerdes glomm, und nach des Tages Muͤh'n Die bilderreiche Welt der linden Ruh erſchien, Da zogen ſittiglich in ferne Schlafgemaͤcher Die Fraͤulein ſich zuruͤck. Bald ſank auf Adelheid Der ſuͤße Traum mit flatterndem Gefieder: Doch betend warf vor Gott Caͤcilie ſich nieder Und flehte ſo mit ſtiller Innigkeit: 9. O Gott, allmaͤcht'ger Gott, der du nach rauhen Stuͤrmen Mit ſtarker Hand die milde Nacht zerſtreuſt, Der du gewaltig biſt, des Schwachen Haupt zu ſchirmen, Und unverhofftes Licht dem Zagenden verleihſt, Du guͤt'ger Gott, wie haſt du hell und heiter Den troſtlos dunkeln Pfad des Schickſals mir verklaͤrt, Und zu der fruͤhen Gruft als freundlichen Begleiter Mir den erfuͤllten Wunſch der tiefſten Bruſt gewaͤhrt! Caäaͤcilie. 10. Ein ſchwaches Werkzeug haſt du dir erkohren; Ja ſie iſt rauh und dornenvoll, die Bahn; Wohl fuͤhl ich's ſelbſt! Verzeih dem ird'ſchen Wahn! Auch ich bin ja aus ſuͤnd'gem Staub geboren, Nicht bin ich rein wie du. Haſt du nicht ſelbſt in's Herz Mir Lieb' und Luſt gelegt? O zurn' ihm nicht dem Schmerz, Der Lieb' und Luſt beweint! Ich will ja gern entſagen, O lehre du den Gram des Freundes mich ertragen! 11. Du traͤnkſt mit Thau den durſt'gen Bluͤthenzweig, Du jaͤßt den Strahl durch dunkle Wolken ſcheinen, O Gott, du biſt an Lieb' und Huld ſo reich, Dich freut es nicht, wenn deine Kinder weinen! Ja, du wirſt ſtark und troͤſtend bei mir ſtehn, Und ſollt' ich einſt, o laß ihn nimmer tagen, Den Tag der Schuld, und ſollt' ich einſt verzagen, Nicht in's Gericht mit deinem Kinde gehn. Sechster Geſang. 327 12. So fleht ſie ſtill. Da traͤufelt milden Frieden Ihr Engel auf ſie hin und wiegt ſie leiſ' und ſuß In Schlummer ein. Ihr iſt ein ſchoͤner Troſt beſchieden, Der Glaub' an Gott, der nie die Seinigen verließ. Er laͤchelt fromm auf ihren bluͤh'nden Wangen, Verklaͤrt mit heiterm Glanz ihr ſtilles Angeſicht, Kuͤhlt mit der Hoffnung Thau ihr ſchmerzliches Verlangen, Verſchmilzt zur Ruh den Sturm und wandelt Gluth in Licht. 13. So ſchlaͤft, vom Abendſchein umfloſſen, Im Fruͤhlingsthau die jugendliche Flur. Wohl regt ſich wunderbar, durch jeden Stein ergoſſen, Der ahnungsvolle Trieb der knospenden Natur: Doch in dem linden Wehn, das jetzt mit Schlummer⸗Toͤnen Stillſaͤuſelnd niederwallt, ſcheint ſanft der heiße Drang, Womit zum Licht empor das lunge Leben rang, Sich zur erfuͤllten Luſt der Sehnſucht zu verſchoͤnen. Ein ſchoͤner Kranz von friedlich heitern Tagen. Und hold entbluͤhte jetzt beim naͤchſten Sonnenſtrahl Fruͤh, wenn im Nebelmeer noch Burg und Kluͤfte lagen, Durchzog das Ritterpaar nach Beute Wald und Thal. Doch ordnend walteten im alternden Gemaͤuer Die zarten Fraun mit ſorglichem Gemuͤth, Und gern erheiterte des Saͤngers leichtes Lied Den trauten Kreis am abendlichen Feuer. 15. Um Alle webte ſich der Liebe Zauberband. Begluͤckend und begluͤckt und duldend ohne Zaͤhren Und ſehnſuchtsvoll und ſelig im Entbehren Belohnte Jeder ſich mit dem, was er empfand. Ein zarter Abendſchein der Wehmuth und der Milde Verklaͤrte jedes Wort und ſchmuͤckte jede That, Und freundlich ſchien dem Kreis der irdiſchen Gebilde Ein himmliſch Licht aus ew'gen Hoͤhen genaht, 16. Sechster Gefang. 329 16. O zartes Leid, ihr ſtillgeweinten Thraͤnen, Du Schmerz, der durch's Gefuͤhl ſich mit ſich ſelbſt verſoͤhnt, Du heiliges, du hoffnungs oſes Sehnen, Das ſich im Wiederſchein des fremden Gluͤcks verſchoͤnt, Entſagung, Siegesſchmuck der heldenmuͤth'gen Seelen, Die werth zu dulden ſind, ihr Kraͤnz' aus Daͤmmerlicht, Womit das Schickſal ſtets die heitre Welt umflicht, Euch ließ die Liebe nie in meinem Leben fehlen! 17. Ein holdes Labyrinth von ſuͤßen Bildern hielt Den Nord'ſchen Helden jetzt und ſeine Braut umſchloſſen, Und Alles, was ſchon einſt ihr zweifelnd Herz gefuͤhlt, Das ſchien, vom Sonnenſchein begluͤckter Lieb⸗ umfloſſen, Lebend'ger aufzubluͤhn. Wie wurden Wort und Blick Verſtohlen jetzt belauſcht! wie hieng am Bluͤthenrande Der Luſt das trunkne Herz und ſah in ſedem Pfande Der laͤngſt bewaͤhrten Huld ein unbekanntes Gluͤck. I. Theil. 24 So lauſcht, vom goldnen Saum der Wolken halb um⸗ kleidet, Der Lenz zur Flur hinab, wenn ſeine holde Braut Zum Feſt ſich kraͤnzt. An jeder Knospe weidet Sein luͤſtern Auge ſich, in jedes Bluͤmchen thaut Sein Fittig bunten Glanz. Er ſieht im Licht der Quellen Sein laͤchelnd Bild und ſtaunt; auf leiſem Fruͤhlingshauch Schwebt er hinab, zum Spiel mit leichten Wellen, Und fluͤſtert ſehnſuchtsvoll im duft'gen Bluͤthenſtrauch. 19. Noch ſcheinen beide nur das ſel'ge Gluͤck zu ahnen, Das ihnen laͤngſt im hellen Glanz erſchien; Durch zarte Sorg' und freundliches Bemuͤhn Sucht Jeder ſich den Pfad zum ſchoͤnen Ziel zu bahnen, Das laͤngſt errungen war. Wie herrlich auch und licht Begluͤckte Lieb' aus beider Augen ſpricht, So denkt doch jedes Herz mit heimlich ſuͤßem Bangen: Iſts auchkein holder Traum, der ſchmeichelnd dich umfangen? —— Sechster Geſang. 334 20. O Bluͤthenzeit der jungfraͤulichen Luſt, Wenn kaum die Lieb', aus ihrer Knoſp' entkeimend, Halb zweifelnd noch und halb des Sieges ſich bewußt, Von hellem Gluͤck umglaͤnzt, von hellerm Gluͤcke traͤumend, Die neue Welt erblickt; wie hebt ſich dann die Bruſt So bang und doch ſo kuͤhn, wie ſprudelt leicht und ſchaͤumend Des Lebens friſcher Quell, wie ſchwebt der Bilder Spiel So ahnungsvoll um's daͤmmernde Gefuͤhl! 21. Indeß die Liebe nun mit ihren reinſten Freuden In's Herz der Gluͤcklichen vom Himmel niederſtieg, Und jeder fremde Wunſch in ihrem Buſen ſchwieg, Bekaͤmpfte Folko's Sohn mit ſtarkem Sinn die Leiden Der hoffnungsloſen Bruſt. Wohl truͤbte Wort und Blick Sich oft vom bittern Schmerz, der ſein Gefuͤhl entzweite, Wohl draͤngt er muͤhſam nur nach langem Widerſtreite Die laute Klag' in's tiefe Herz zuruck. 24.* Doch wenn er dann empor zu ſeiner Heil'gen ſchaute, Die ſtark durch Gott mit ernſter Freudigkeit Auf ſich, auf ihn und auf den Herrn vertraute, In Liebe ſchoͤn und groß im ſtillen Leid; Wenn ſie ſo mild die duſtre Ferne Der Zukunft ihm mit heiterm Schmuck umwand, Und freundlich ernſt, gleich einem hellen Sterne, Im naͤchtlichen Gewoͤlk des rauhen Lebens ſtand: 23. Dann fuͤhlt er hoch ſein Herz von edlem Muth erhoben⸗ Zerriſſen ſank der Schleier dann hinab, Ein goͤttlich Licht erſchien ihm dann von oben, Ein goldner Bluͤthenkranz umleuchtete ſein Grab; Dann zuͤrnt' er ſtill dem unbeſtaͤnd'gen Zagen, Das ihm ſo lange ſchon den koͤſtlichen Gewinn Der großen That entzog, und ſchwur mit feſtem Sinn, Den ſiegreich kuͤhnen Kampf mit Schmerz und Tod zu wagen. Sechster Geſang. 333 244. Einſt zog das Ritterpaar zur fruͤhen Jagd hinaus. Bergauf, bergab, durch Wald und Fels und Niederungen War ohne Raſt ihr Fuß ſchon lange vorgedrungen; Doch dehnte weiter ſtets der dichte Hain ſich aus. Und jetzt, als immer mehr die Zweige ſich verwirrten, Und jede leiſe Spur des Pfades ſich entſtahl, Da hemmt ein dunkles Klippenthal Mit ſchroffgeſpaltner Wand die Bahnen der Verirrten, 25. Gewaltig ragten hier die finſtern Hoͤhen empor, Und kuͤhn am ſteilen Fels, der rings die Berge kroͤnte, Sprang zackiges Geſtein mit droh'ndem Schwung hervor, Worauf im Sturm die Nacht der ſchwarzen Fichten toͤnte. Lautzuͤrnend ließ der Strom der Wellen trotz'ge Macht Durch's enge Bett zerrißner Klippen ſchallen, und ernſt erhob in gruͤner Pracht Die dichte Woͤlbung ſich der glten Eichenhallen. Caͤſcilie. 26. Muͤhſelig klomm das edle Paar, Um einen ſichern Pfad zur Ruͤckkehr aufzufinden, Die ſchroffe Wand hinan. An grauſen Felſenſchluͤnden Schwankt ungewiß ihr Fuß, und drohende Gefahr Gaͤhnt aus der Tief empor. Doch als der ſteile Ruͤcken Des Berges ebner wird, da lichtet ſich der Hain, Und heiter liegt im Sonnenſchein Ein weitgedehntes Thal vor ihren freud'gen Blicken. 27. Fern draͤngten dort, wie zahllos rings im Meer Die weiße Woge ſchaͤumt, ſich ſchimmernde Gezelte, Und Krieger flogen rings auf hohem Roß umher; Trompeten ſchmetterten; in blanke Reihen ſtellte Zur Heerſchau ſich das Volk. Und als ſie ſtaunend ſtehn, Sieht Adalbert mit freudig raſchem Zagen In blauer Luft, vom Winde leicht getragen, Den heil'gen Schmuck der deutſchen Banner wehn. — Sechster Geſang. 28. Heil dir, mein Volk! Dort flattern deine Fahnen! So ruft er jetzt mit froher Ungeduld, O Vaterland, du kamſt, an ſeine Schuld Den Zoͤgernden mit lautem Ruf zu mahnen. Dank dir, ich bin bereit! O Freund, was zaudern wir? Dort iſt die Huͤlf uns nah; dort iſt uns noth, zu ſtreiten, Bald ſoll das ſiegende Panier. Zu deinem Throne dich, und mich zum Tode leiten! 29. Wohl hat der Kaiſer jetzt den laͤngſt beſchloßnen Krieg Mit Haralds trotz'gem Volk begonnen; Schon daͤmmern fern die himmliſch reinen Sonnen, Die Odins Nacht zerſtreun, bald lohnt ein heil'ger Sieg Des Glaubens tapfern Kampf! Sieh, wie ſie wehn und winken, Die Banner unſers Heils, wie hell zur kuͤhnen That Des Erzes Klang uns ruft! Dorthin geht unſer Pfad! Mit uns iſt Gott, er laͤßt das Recht nicht ſinken! Caͤeilie, 30. So ruft er aus und eilt voran, Das freudige Geſicht dem Fraͤulein zu verkuͤnden, und Biarko folgt ihm ſchnell. Durch Dorn und Diſtel winden Die raſchen Helden ſich und klimmen Hoͤh'n hinan Und Hoͤh'n hinab. Nicht haͤlt auf Felſentruͤmmern Der jaͤhe Spalt, nicht haͤlt der wilde Lauf Des fluͤcht'gen Stroms im dunkeln Thal ſie auf, Und bald ſchon ſehn ſie fern die graue Warte ſchimmern. 31. Und als ſie jetzt erzaͤhlt, was ſie im Thal geſehn, Da wird als beſter Rath befunden, Das Paar der Ritter ſoll hinab in's Lager gehn, Den Fuͤhrer und den Zug des Heeres zu erkunden, Indeß wird Reinalds gutem Schwert Die Hut der Frauen anbeſohlen, Bis zu dem oͤden Thurm die Helden heimgekehrt, Mit ſchuͤtzendem Geleit die Theuren abzuholen⸗ Sechster Geſang. 337 32. Schnell waffnen beide ſich, und zagend ſtehn die Fraun, Den letzten Gruß den Scheidenden zu geben. Bang hebt der Buſen ſich, und ihre Herzen beben, Als ſollt' ihr Auge nie die Theuren mehr erſchaun. Doch als die fuͤrſtlichen Geſtalten. So ernſt, ſo mild und kuͤhn im hellen Silberlicht Der Waffen, hoch zu Roß am finſtern Thore halten, Da ſchmilzt die ſtarre Furcht zur heitern Zuverſicht. 33. Die Ritter ziehn hinweg, und Arm um Arm gewunden Sitzt jetzt das Schweſterpaar in ſeiller Einſamkeit. Da naht der Saͤnger ſich im Graun der Daͤmmerſtunden— Er hatt' ein altes Buch aus laͤngſt verblichner Zeit Im Schutt des Waffenſaals gefunden. Bunt war die Runenſchrift, von Silber Spang' und Kleid, und grell gefaͤrbt mit glaͤnzenden Tincturen Geſtalteten am Nand ſich mancherlei Figuren. 3½. Er, der als Saͤnger fruͤh die weite Welt geſehn, Verſtand viel fremde Schrift und ferner Voͤlker Zungen, Und jetzt auch war's ihm bald gelungen, 4 Den dunkeln Sinn der Zeichen zu erſpaͤhn. Und, um vom truͤben Trennungstage Den finſtern Nebel zu zerſtreun, Und ſchnellre Fittige der Daͤmmrung zu verleihn, Begann er ſo die alte Wunderſage: 35. Zur Zeit, als durch das Licht des Herrn Das blinde Heidenthum zu daͤmmern ſchon begonnen, Und bei des wahren Glaubens Stern Den Pfad zur Seligkeit manch frommes Herz gewonnen, Da hatt' ein maͤcht'ger Jarl, im Lande weit geehrt, An Guͤtern reich, aus hohem Stamm geboren Und kuͤhn im Kampf mit Lanz' und Schwerdt, Dies ſtolze Felſenſchloß zur Wohnung ſich erkohren. Sechster Geſang. 339 36. Dem hatte Gott ein trefflich Weib Zum ehlichen Gemahl beſchieden; Die lebte ſittiglich in Ehr' und Zucht und Frieden Und war gar wohl gethan an Sinnesart und Leib. Doch heller leuchtete als Gold und Sammt und Seide, Und vielmal koͤſtlicher als koͤſtliches Geſtein In ihres Herzens keuſchem Schrein Des wahren Chriſtenthums Geſchmeide. 37. Wohl mußte ſie mit ſtillem Sinn Am tief verborgnen Glanz des edlen Schmucks ſich letzen; Denn eifrig hieng ihr Herr am Dienſt der falſchen Goͤtzen Und achtete das Kreuz fuͤr kaͤrglichen Gewinn. Auch ſchwur er oft vor ſeinen Dienſtvaſallen: Wer je in meinem Gau vom alten Glauben weicht, Und knechtiſch ſeine Knie dem Kreuzesgotte beugt, Der ſoll vor meinem Grimm durch Schwertes⸗Schaͤrfe fallen. So kaͤmpfte denn die edle Frau Mit harter Furcht und bittern Seelennoͤthen. Da neigte Gott ſein Ohr den bruͤnſtigen Gebeten Der treuen Magd und ſpendete den Thau Der Gnad' auf ihren Weg. Und einſt am fruͤhen Morgen, Da kaum der erſte Strahl durch graue Nebel brach, Und ſie, erweckt von frommen Sorgen, Mit heißem Flehn vor Chriſti Bilde lag: 39. Da ſchien mit roſenrothen Schwingen Ein gold'nes Duftgewoͤlk am Himmel aufzugehn, Und fernher nahte ſich ein liebliches Getoͤn, 3 Wie wenn im leichten Wind viel Silbergloͤcklein klingen. Und naͤher wiegte ſtets das Woͤlkchen ſich heran. Ein wunderbar Geduͤft ſchien vor ihm her zu fließen, Und an der dunkeln Wand begann Viel fremder Blumenſchmelz buntfarbig aufzuſprießen. Sechster Geſang. 40. Und aus der Wolke trat ein Knaͤblein bald hervor, Das war wie Morgenroth und Fruͤhlicht auzuſchauen. Sein ſchimmernd Kleid war heller Silberflor, Sein Auge leuchtete, wie blaue Blumen thauen. Gar zierlich floß um's Haupt ſein goldnes Lockenhaar, Um das ein lichter Glanz ſich leiſ' und zitternd wiegte, Und an das Elfenbein der zarten Schultern ſchmiegte Sich buntgefaͤrbt ein leichtes Fluͤgelpaar. 41. Und eine Roſe hielt der Knab' in ſeinen Haͤnden, Die ſchien ein Purpurſtern, umhuͤllt von Quellenlicht. So helle Strahlen kann die Sonne nimmer ſenden, So milden Schimmer traͤgt des Mondes Scheibe nicht; So roͤthet nie die ewig rege Welle Der junge Tag; ſo ſpielt am Bluͤthenkranz Im Thau die Farbe nicht, als Mild' und bunter Glanz Die Himmelsroſ' umfloß und Reiz und Gluth und Helle. Und zuͤchtig neigte jetzt das wunderbare Kind Sich vor der Frau und ſprach: Dir biet' ich Gluͤck und Frieden. Der Herr beſchutzt, die reines Herzens ſind, Und wer auf ihn vertraut, dem iſt das Heil beſchieden. Wohl haſt du treu und unverzagt Fuͤr ew'ge Seligkeit mit ird'ſcher Noth gerungen; Drum ſey getroſt, du fromme Magd, Denn zu dem Thron des Herrn iſt dein Gebet gedrungen. 43. Und ſeinen Engel hat dir Gott herabgeſandt, Im heißen Kampf dein zagend Herz zu troͤſten. Nimm hin dies wunderbare Pfand, Das Chriſti Blut gefaͤrbt zum Heile der Erloͤsten. So lang dein glaͤub'ges Herz den edeln Schmuck bewacht, Wird Liſt und Macht umſonſt ſich gegen dich vereinen, Denn Schaum nur iſt vor Gott die Liſt, und Staub die Macht, Und er iſt ſtark, und ſiegreich ſind die Seinen. Sechster Geſang. 343 44. Und wenn die Koͤnige der Welt mit ſtolzem Heer, Und wenn mit gluͤhendem Zorn des Abgrunds Geiſter kaͤmen Zum Raub des Heiligthums, ſie raubten's nimmermehr, Denn was dir Gott geſchenkt, das kann auch Gott nur nehmen. Doch wagſt du einſt um ird'ſchen Gluͤckes Schein Mit eigner Hand das Ew'ge zu verſchwenden, Dann wird der Herr im Grimm ſein Antlitz von dir wenden, Und Kraft der Welt, der Hoͤlle Sieg perleihn. 45. So ſprach das zarte Bild und bot die lichte Bluͤthe Der frommen Frau und neigte ſich und ſchwand. Und ſieh, vom Glanz der heil'gen Roſe gluͤhte Wie Morgenroth die hochgewoͤlbte Wand. Und freundlich ſchwamm in wunderbarer Roͤthe Die holde Frau und hell im goldnen Licht, Und auf dem Duft der Himmelsblume wehte Ihr Ruh und Kraft in's Herz und glaͤub'ge Zuyerſicht. Da ſank ſie ſtill auf's Antlitz nieder, Und ruhte lang vor Gott im Staub' und ſchwieg. Schon ſchmolz der Thau, und hoͤher ſtieg Die Sonne ſchon empor, da hob ihr Blick ſich wieder, Und ſelig ſtand ſie da. Wohl hatte Gottes Weh'n Lebendig um ſie her mit Fruͤhlingskraft gewaltet, Denn hoͤher war ihr Leib und fuͤrſtlicher geſtaltet, Und ſchoͤner ihr Geſicht und heller anzuſehn. 47. Und wohl verwahrt bei guͤldenem Geſchmeide Stand jetzt die Roſ' im ſtillen Schlafgemach, Und bluͤhte friſcher ſtets; und nie vergieng ein Tag, Daß nicht die edle Frau mit frommer Seelenweide Das Kleinod angeſchaut. Und wenn der Abend ſank, Und leiſ' im nahen Hain die Bluͤthen ſich bewegten, Umweht' es oft ihr Ohr wie holder Stimmen Klang, Als ob den theuren Schatz viel zarte Engel pflegten. Sechster Geſang. 345 48. Wohl prangte jetzt das Haus im feohlichen Gedeihn, Und was die Frau begann, das ließ der Herr gerathen. Nie ſtahl die Seuche ſich in ihre Huͤrden ein, Kein ſchneller Naͤuberzug verheerte Wieſ' und Saaten. Nie raubte Hagelſchlag und Sturm und gift'ger Thau Des Herbſtes Frucht; nie riß aus ſicherm Damme Der Strom ſich wild hervor; nie traf den ſtarken Bau Der hochgethuͤrmten Burg des Blitzes rothe Flamme. 49. Einſt zog der maͤcht'ge Jarl in fernes Land hinaus, An hoher Thaten Ruhm ſein küͤhnes Herz zu laben, Und zuchtig hutete die fromme Frau das Haus Und wartete getreu die holden Zwillingsknaben, Die Gott ihr kaum verliehn. Auf ihre Pfleg' allein Gieng all ihr Dichten, all ihr Trachten, Und ſußer war es ihr als Thau und Sonnenſchein, Wenn ihr in's Angeſicht die zarten Knaͤblein lachten, I. Theil. 25 346 Caeilie. 50. Nun hauſ'te zu derſelben Zeit In ihrem finſtern Waldgebiete, Nicht fern von dieſem Schloß, die Zauberin Swanwithe; Die war zu allem Dienſt der Holle ſtets bereit, Verſtand mit grauſem Lied die Leichen zu beſchwoͤren, Den lauten Sturm der Wetter zu bedrohn und jach durch gift'gen Hauch und dumpfen Runenton Des Feindes wachen Geiſt zum Wahnſinn zu bethoͤren. 51. Die merkt' es lange ſchon, daß ſich von Odins Pfad Die fromme Frau zum Herrn des Heils gewendet, Und heimlich ſann ihr Herz, von Rach' und Groll verblendet, Mit unfruchtbarer Muͤh' auf Unheil und Verrath. Denn wenn die Flammen ſchon vom Giebel ſich erhoben, Dann ſenkte Gottes Thau ſich loͤſchend auf den Brand, Und wenn ein Sturmgewoͤlk den Himmel ſchwarz umwoben, Dann nahte Gottes Strahl, und Sturm und Wolke ſchwand. Sechster Geſang. 347 52. Und zuͤrnend ſang ſie jetzt die dumpfe Zauberweiſe Und rief mit maͤcht'gem Stab das Hoͤllenheer empor, Und ſchnaubend nahten ſich die Geiſter ihrem Kreiſe, Und Einer trat mit dieſem Wort hervor: Nie wird der Herr der Nacht den Herrn des Lichts bezwingen, Wenn nicht auf Odins Heerd die Kreuzesroſe prangt, Durch Liſt nur kann der Sieg gelingen, Gebunden iſt der Feind, ſo bald ſein Glaube wankt. 53. Er ſprachs. Da freute ſich im tuͤckiſchen Gemuͤthe Das zauberiſche Weib und dacht' im frechen Sinn: Und wenn auch Gluth und Gift der Kelch der Roſe ſprühte, Mich reizt der herrliche Gewinä. Bald iſt ſie mein, die ſtolze Kreuzesbluͤthe, So wahr ich Odins Magd und Chriſti Feindin bin! Und taͤglich ſann ſie jetzt auf Liſt und boͤſe Tuͤcke, Wie ſie das glaͤub'ge Herz der frommen Frau berucke. 25* 348 Caͤcilie. 54. Und einſt begab es ſich, daß alle Dienerſchaar Schon laͤngſt in Schlummer ſank und nur die Herrin wachte. Wohl ſchien der Mond ſo ſtill und klar In's bunte Fenſterlein, und leiſ' im Traume lachte Von Silberſchein verklaͤrt das zarte Zwillingspaar, Und ſelig lag die Frau, und ſah ſie an, und dachte An manch vergangnes Leid, an manche kuͤnft'ge Luſt, Und druͤckte warm und mild die Kindlein an die Bruſt. 55. Da ſchien in blut'gen Duft das Mondlicht zu zerrinnen, Fern rauſcht' es her, und gellend ſtieg ein Sturm Aus tiefem Thal empor und peitſchte Dach und Zinnen, Und klaͤglich wimmerten die Faͤhnlein auf dem Thurm, Und wolkigt ward die Nacht, und aus den Wolken blickten Viel Bilder bleich und grell, und durch die Windesbraut Scholl kreiſchend Wehgeſchrei, und Fledermaͤuſe pickten Au's Fenſterlein, und Eulen riefen laut. Sechster Geſang. 56. Und als im Lager jetzt ſich bang die Frau erhoben Und lauſchend ſaß, von ſtarrer Furcht gebannt, Da raſ'te graͤßlicher des Sturmes lautes Toben, Und krachend ſprang, geſprengt von ſtarker Hand, Der Riegel des Gemachs. Und wie Kometen wandern Durch's finſt're Reich der Nacht, ſo bot mit wildem Haar, In einer Hand das Schwert und Flammen in der andern, Swanwithens grauſes Bild der bangen Frau ſich dar. 57. Von blut'gem Schnum war ihr Gewand geroͤthet, Am Guͤrtel baͤumte ſich der Schlangen Haupt empor, Und wie des Drachen Zorn, der fern durch Blicke toͤdtet, So ſchoß ein grimmer Blitz aus ihrem Aug hervor. Und Wahnwitz, graſſe Wuth, und Angſt und eiſ'ges Schauern Schien, tief im Furchenkreis der Stirne, ſtumm und kalt, Mit ſinnverwirrender Gewalt Auf ſeinen ſichern Raub zu lauern. Sie nahte ſich, und mitten im Gemach Umſchrieb ſie mit dem Schwert, das hell im Dunkel blitzte, Den zauberiſchen Kreis, und Flammen folgten nach, Wohin der Stahl ſich zog, und gift'gen Geifer ſpruͤtzte Das Schlangenpaar hinein. Schon war der Kreis gefuͤllt, Und aus dem truͤben Schall, der wirbelnd aufwaͤrts ziſchte, Wenn mit der Gluth das Gift ſich miſchte, Erhob ſich truͤgeriſch ein luft'ges Gaukelbild. 59. Denn ach, die Kindlein, die ihr an dem Herzen ruhten, Sie ſah die Mutter jetzt, von falſchem Wahn bethoͤrt, Im Arm der Zauberin, umringt von rothen Gluthen, Vom gelben Gift benetzt, bedroht vom blanken Schwert. Schon ſchien die zarte Haut vom ſcharfen Stahl zu bluten, Die goldne Locke ſchon vom heißen Dampf verzehrt; Und bei der Eule Ruf und bei des Sturms Geſtoͤhne Erſchallten fremd und wild des Zaubers dumpfe Toͤne: Sechster Geſang. 351 60. Sieh, wie die Kindelein ſo bang hinuͤber ſehn, Wie zu der Mutter ſie die kleinen Arme ſtrecken! Ihr Auge ſcheint um Schutz dich anzuflehn; Gern moͤcht' ihr Haͤuptlein ſich an treuer Bruſt verſtecken; Denn ſieh, ſchon will die Gluth die zarten Fuͤße lecken, Schon braͤunt die Wange ſich von gift'gen Dampfes Wehn. Fort murmle, Lied, die matte Gluth zu laben! Gieb mir die Roſe, Frau, ſo ſchenk' ich dir die Knaben. 61. Und ihre Haͤnde ringt die Frau in wilder Pein und ſtoͤhnt und ſtarrt und ſinkt zur Erde nieder. O nimm mein Gold, mein köſtliches Geſtein, Nur gieb die Kinder mir, gieb mir die Theuren wieder! Erbarme dich! O ſend' auf meinen Leib Die Gluth! mir gieb den Tod! ich will an Gottes Throne Dich nie des Mordes zeihn! die Kindlein nur verſchone! So rief ſie aus. Doch lachend ſprach das Weib: Mich lockt kein Gold, mich ſuͤhnen keine Schaͤtze; Mir frommt kein Dank, mich labt der Knaͤblein Blut. Schau, wie ich jetzt mit Gift die rothen Muͤndlein netze, Bald bleichen ſie, beſchaͤumt von ſtiller Wuth, Schau, wie ich mit dem Schwert den zarten Leib zerfetze! Schon rinnt der rothe Thau, ihn trinkt die durſt'ge Gluth. Fort murmle, Lied, die matte Gluth zu laben! Gieb mir die Roſe, Frau, ſo ſchenk' ich dir die Knaben. 63. Und hoͤher loderte der Flammen luſt'ger Brand, Den holden Raub begierig zu verzehren, Und zappelnd fuhr der Kindlein kleine Hand. Bald hier, bald dort umher, den grimmen Schmerz zu wehren. Schon ſchien ihr Aug in Leid ſich graͤßlich zu verkehren, Raſch zuckte Wang' und Mund, der zarte Koͤrper wand Sich ringend auf und ab, die trockne Zunge lechzte, Indeß aus tiefer Bruſt grauſamer Jammer aͤchzte. Sechster Geſang. 353 6. Da ſprang die Frau empor, und rief in Wahnſinns⸗ angſt: Laß ab, laß ab, daß nicht die Kindlein ſterben In gluͤh'nder Qual! Nimm hin, was du verlangſt! Fluch ſey dem Gott, der zum Verderben Mir ſeine Gaben bot! Ich tilg', ich reiß' ihn fort Aus meiner Bruſt, und wenn auch ew'ge Qualen Die raſche That bedrohn; kein Himmel kann den Mord Der holden Knaͤblein mir bezahlen! 65. Sie rieſ's, ſie ſtuͤrzte fort und brach mit ſtarker Hand Das goldne Schloß, den Schutz der heil'gen Bluͤthe. Da wandte ſich der Herr. Unſel'ger Wahnſinn gluͤhte In ihrer Bruſt; fort warf ſie Gottes Pfand In ſchnoͤden Staub. Und gluͤh'nde Funken ſpruͤhte Die Roſe nach ihr aus; raſch bebte Dach und Wand, Und dumpfer Donner ſcholl. Doch nach dem theuren Lohne Griff ſchnell das Zauberweib und ſprach mit bitterm Hohne: Caͤcilie. 66. Heil mir! Wohl iſt's ein ſchwacher Gott, Dem ſich dein Knie gebeugt, und kann ſein Volk nicht ſchuͤtzen! Ohnmaͤchtig ſpielt ſein Zorn mit unfruchtbaren Blitzen Und traͤgt in feiger Ruh der Feinde kecken Spott. Schau wie dein Gott dir hilft, ſchau hin, du biſt betrogen! Was deinen Glauben brach, hat meine Liſt erdacht! Verſtumme, Lied, zerrinnt, ihr Dampfeswogen! Stirb, Gluth! Gebild, entflieh! Der Zauber iſt vollbracht. 3 67. Sie rief's, und lacht' und ſchwand, und mit der bun⸗ ten Welle Des regen Dampfs zerfloß der falſche Zauberſchein, und friedlich ſtahl die milde Helle Des Mondes wie zuvor ſich in's Gemach hinein. Zufrieden ruhten noch an ihrer alten Stelle Mit laͤchelndem Geſicht die holden Kindelein, Und koſend ſchien auf leiſen Athemzuͤgen Um ihren Mund der Schlaf ſich auf und ab zu wiegen. Sechster Geſang. 358 68. Da huͤllte ſtumm und ſtarr die Frau ihr Angeſicht In ihr Gewand und ruhte ſtill im Staube. Sie betete, ſie klagt' und weinte nicht, Ihr Herz war kalt, erſtorben Furcht und Glaube. Nur kaͤmpften dann und wann, wie tief verſenkt in's Grab Das wache Leben ſtoͤhnt, ſich dumpfe Jammerlaute Aus ihrer Bruſt, und keine Thraͤne thaute Zur Linderung des ſtarren Grams herab. 69. Schon ſtieg das Morgenroth, vom Duftgewoͤlk getragen, Schon rollte feierlich aus goldnem Himmelsthor Das Lichtgeſpann des Herrn in blauer Luft empor, und ſchweigend lag ſie noch und wollte nimmer wagen, Zu Gott empor zu ſehn. Da flog vom Meeresrand Ein dunkles Woͤlkchen her; doch hell und zuckend lohte Der Blitz aus ſeinem Schooß; ſchon naht' es ſich, ſchon ſtand Zornmuͤthig vor der Frau des Herren heil'ger Bote, 70. Nicht troͤſtend war ſein Aug' und freundlich anzuſehn: Nein, wie auf wilden Meereswogen, Wenn ungeſtuͤm die Winde wehn Und naͤchtliches Gewoͤlk den ſchwarzen Pol umzogen, Ein ſcheuer Sonnenſtrahl mit rothem Glanz ſich bricht; Hoch ſchaͤumt die dunkle Fluth und waͤlzt das grelle Licht Beweglich hin und her, und hebt's und ſenkt es wieder, So ſchoß des Engels Blick zur bangen Frau hernieder, 71. Kleinglaͤub'ges Herz! ſo ſprach mit ernſtem Ton Die Lichtgeſtalt; wohl ziemt dir Furcht und Grauen. Mild iſt der Herr, zu lohnen die ihm trauen, Doch ſchnell ſein Zorn und nicht umſonſt ſein Drohn. Wer treu ihm folgt, der ſoll ſein Antlitz ſchauen, Wer ihn verraͤth, der erntet bittern Lohn. Hoͤr' an mein Wort, denn dies iſt Gottes Stimmel So ſpricht der Herr zu dir in ſeinem Grimme: Sechster Geſang. 357 72. Waͤhnſt du, mein Wort ſey Schaum und Spreu, Die ſchnell entfliehn, wenn Wog' und Wind ſie jagen? Waͤhnſt du, daß ſchwach mein Arm und blind mein Auge ſey, Daß Gott, dein Herr, dem Erd' und Himmel zagen, Sich beuge fremdem Hohn? Warum denn hat ſo kuͤhn Sich gegen Gottes Kraft der niedre Staub erhoben, Und hat dem Herrn geflucht, den Sonn' und Sterne loben, Und das Geſchenk verſchmaͤht, das meine Huld verliehn? 73. So will denn ich auch dein nicht ferner achten, Und ſtoße dich hinweg aus meiner Diener Zahl. Vergebens ſoll in bittrer Qual Dein raſtlos irrer Geiſt nach meiner Freude ſchmachten, Und immer fern mir ſeyn. An dunkeln Wolkenhoͤhn, Wo ſich um's reine Licht die truͤben Schleier winden, Soll einſam dein Gebild durch blaſſe Nebel gehn Und meine Wonne ſchaun und ſeinen Fluch empfinden. Und aus des Lebens heil'gem Buch Vertilg' ich dein Geſchlecht und ſchuͤtze, die dich haſſen. Nie ſollſt du liebevoll den Gatten mehr umfaſſen, Und ſtrafen ſoll kein Arm den Feind, der ihn erſchlug. Und ſie, die Kindelein, um die du mich verlaſſen, Sie trenne bis i'ns Grab des ew'gen Haſſes Fluch, Was deine Furcht gefehlt, das ſoll ihr Zuͤrnen buͤßen, Und durch des Bruders Schwert das Blut des Bruders fließen. 75. So ſend' ich meinen Zorn auf dein belaſtet Haupt, Und will nicht lindern noch verzeihen, Bis wiederum das Pfand, das dir der Feind geraubt, Das jetzt mit ſchnoͤdem Dienſt unheil'ge Haͤnd' entweihen, In heil'ger Erde bluͤht. Des Wankelſinnes Schmach Kann nur durch ſtarken Muth Vergebung ſich verdienen, Und was die Liebe jetzt im ſchwachen Wahn verbrach, Das kann auch Liebe nur durch glaͤub'ge Kraft verfuͤhnen. Sechster Geſang. 76. Wohl mag nur Lieb' und Muth den großen Kampf beſtehn, Denn in des trotz'gen Volkes Mitte Prangt jetzt der Roſenkelch, und Todesſchauer wehn Den kuͤhnen Sieger an, wenn er mit tapferm Schritte Dem Kleinod ſich genaht. So lang das Gnadenpfand In Odins Tempel bluͤht, kann nie ſein Stamm erliegen; Denn maͤcht'ge Kraft verlieh dem Kleinod Gottes Hand, Und nie kann Gottes Wort ſich wandeln, noch betruͤgen. 77* Der Engel ſprach's und ſchwand, und zagend ſaß die Frau und harrte, daß der Zorn des Naͤchers ſich erfuͤlle. Wohl hob die Sonne ſich, wohl ſank der ſpaͤte Thau, Sie klagt' und weinte nicht und ſchwieg in dumpfer Stille. Nur wenn die holden Kinder ſich So freundlich und ſo fromm an ihren Buſen ſchmiegten, Dann ſeufzte ſie tief auf und weinte bitterlich, Bis im erſchoͤpften Blick die Thraͤnlein ganz verſiegten. Und als ihr ohne Schlaf der neue Morgen kam, Da flog ein Knecht heran und ſprach mit bitterm Leide: O Frau, ich kuͤnd' euch harten Gram! Erſchlagen liegt mein Herr auf blut'ger Kampfeshaide. Gekaͤmpft war mancher wilde Krieg Und mancher edle Schatz gewonnen, 8 Da kam ein fremdes Volk und raubt' uns Beut' und Sieg, Und ich allein nur bin entronnen. 79. Da neigte mit zerknirſchtem Sinn Die Frau ihr Haupt undeſprach: Dein Wille, Gott, geſchehe. Und horch, im nahen Hain erſcholl ein klaͤglich Wehe, Und jammernd flog die Waͤrterin Der Knaͤblein in's Gemach. O Frau, was muͤßt ihr hoͤren! Das eine Knaͤblein ward vom Arme mir geraubt Mit frevelnder Gewalt! Nicht ruht auf meinem Haupt Die Schuld der That! Ich konnt's nicht wehren! 80. Sechster Geſang. 80. Sie ſprach's. Da ſank die Frau auf's feuchte Bett zuruͤck Und weinte laut und rief: O Gott, dein Kelch iſt bitter! Und als ſie ſeufzend lag, da kam vom Feld ein Schnitter Zur Burg im raſchen Lauf und ſprach mit bangem Blick: Geſchwollen iſt der Strom und hat den Damm bezwungen, Die Wieſe ward zum See, vernichtet liegt die Frucht, Und Heerd' und Hirt ertrank! Kaum iſt die raſche Flucht Aus toͤdtlicher Gefahr mir Einzigem gelungen! 81. Noch war ihm kaum das Wort entflohn, Da ſchwaͤrzte ſich die Luft, und wilde Hagelſchauer Zerſchmetterten das Dach; dumpf ſcholl der Donner Drohn, Und Blitz und Sturm begann, und krachend ſank die Mauer Der Burg in's Thal hinab. Da packte wildes Graus Die Dienerſchaft. Bang zagten ſie, zu buͤßen Die Sunden ihrer Herrn, und Knecht und Magd verließen Wehklagend das verfluchte Haus,. J. Theil. 26 Caͤcilie. 82². Nurich, der Knecht des Herrn, der dieſes Buch geſchrieben, Ich bin getreu bis in den Tod Bei meiner edlen Frau in dieſer grimmen Noth Als Diener, Arzt und Troſt und Beichtiger verblieben. Stumm ruhte ſie. Und als die Sonne ſchwand, Da hat ſie reuevoll mir ihren Fehl bekannt, Und hat ihr Haupt geneigt und iſt dahin geſchieden. Der Herr erbarme ſich und ſchenk' ihr ſeinen Frieden. 83. So ſchloß die Schrift, und ſchweigend ſaß und bang Der ſtille Kreis, von kaltem Graun erſchuͤttert. Oft hatte Adelheid mit ſcheuem Blick gezittert, Wenn feindlich ihr in's Ohr der wilde Name klang, Der ſie ſchon einſt geſchreckt. Und wenn mit hohlem Brauſen Der Sturm an's Fenſter ſchlug, und wenn die Flamme ſich Lautkniſternd hoch erhob, dann ſchlich ein ſtilles Grauſen In ihrer Bruſt empor, und ihre Wang' erblich. Sechster Geſang. 363 34. Doch raſcher wechſelten Gedanken und Gefuͤhle In ihrer Schweſter Bruſt. Schon zeigte halb erfuͤllt Sich zum verhaͤngnißvollen Ziele Des Schickſals dunkler Pfad, und daͤmmernd ſtieg das Bild Verſchwundner Zeit empor. Und gleich dem Flammenſpiele, Das neue Farben ſtets und neue Form enthuͤllt, War Lieb' und Glaub' und Muth und freudiges Vertrauen Mit wandelbarem Glanz in ihrem Blick zu ſchauen. 85. Noch ſitzen ſie verſtummt im traulichen Gemach, Wo Daͤmmerlicht und Grabesſchweigen An Wand und Woͤlbung ſchlaͤft. Die matten Gluthen ſteigen Nur einzeln noch empor und ſinken nach und nach Mit fluͤcht'gem Zittern hin. Ein ungewiſſer Schimmer Fuͤllt grell und grau, halb Licht, halb Nacht, den Thurm, und nur zuweilen heult der Sturm Um Thuͤr und Fenſter her mit klaͤglichem Gewimmer. 26* Da regt's ſich wunderbar im Hain, Als ob in banger Haſt viel fremde Stimmen fluͤſtern, Und durch die Truͤmmer ſchleicht ein Rauſchen und ein Kniſtern, Und manches Nebelbild und mancher bleiche Schein Durchirrt Gebuͤſch und Thal. Die alten Fenſter klirren Jetzt leiſ' und lauter jetzt, und bunte Funken ſchwirren In wunderbarer Form aus truͤber Gluth empor, Und aus dem Dampfe ringt manch Scheuſal ſich hervor, 87. Und wie im Fiebertraum ein kaum vernehmlich Sauſen Eintoͤnig erſt vor unſerm Ohr verweilt; Doch ſteigt es nach und nach und wird zum Sturmesbrauſen, Und lacht und gellt und ziſcht und bruͤllt und heult Im vielfach wilden Chor, und graͤßlich waͤchst das Grauſen, Laut klopft das Herz, der irre Geiſt zertheilt In tauſend Schrecken ſich, und taufend Ungeſtalten Sieht regungslos der Blick in raſcher Miſchung walten: Sechster Geſang. 88. So regt zuerſt vom leiſen Wind Unheimlich ſich der Wald. Bei nah'nder Geiſter Schwoben Schmiegt Blatt an Blatt ſich an, und alle Wipfel beben, Und jedes Voͤglein lauſcht. Doch nach und nach beginnt Ein laut'res Wehn; gewalt'ger tobt das Beben Des naͤcht'gen Spuks und reißt ſich pfeilgeſchwind Durch Tannen und Geſtraͤuch, und durch des Sturmes Droͤhnen Schallt gellend ein Gemiſch von ſeltſam fremden Toͤnen. 89. Und jezt, als maͤchtiger des Sturms unbaͤnd'ge Wuth Dahin ſich rafft durch Wald und Truͤmmer, Da ſpringt die Thuͤr. Noch einmal ſchlaͤgt die Gluth Gewaltig auf vom Heerd, und fuͤllt mit rothem Schimmer Das bebende Gemach. Und ſieh, im grellen Schein, Durch den ein Funkenheer in bunten Stroͤmen ſpruͤhte, Stuͤrzt grimm und wild die ſchreckliche Swanwithe, Ein Bild des Fluchs, ſich in's Gemach hinein. Caͤcilie,. 90. So hebt aus Hekla's tiefen Schluͤnden, Wenn lange ſchon mit dumpfem Schall, Den nahen Ausbruch zu verkuͤnden, Der innre Kampf gegrollt, ſich jetzt mit lautem Knall Ein raſcher Feuerſtrom. Die breiten Flammen winden Wie Schlangen ſich empor, und aus dem dunkeln Schwall, Der um die Gluth ſich thuͤrmt, geſtalten im Gefilde Der roͤthlich hellen Luft ſich graͤuliche Gebilde. 91. Da ſpringt der Saͤnger auf und zuͤckt das ſcharfe Schwert Und ſtuͤrmt mit maͤchtig droh'nden Schlaͤgen Zum Kampf heran. Doch ſieh, von eigner Schneide faͤhrt Ein ruͤckwaͤrts gluͤhnder Strahl dem Zuͤrnenden entgegen, und ziſchend ſchmilzt das Erz. Mit kaltem Hohn erhebt Die Zauberin den Stab, und Wand und Decke bebt Beim ſtarken Schwung, und helle Flammenwogen Entgluͤhen, wo der Stab ſich durch die Luft gezogen. Sechster Geſang. 9². Und zurnend ruft ſie aus: was ringſt du, ſchwacher Wurm, MRit mir, die aus dem Stamm der Wanen In Goͤtterkraft entſproß? Kannſt du aus luft'gen Bahnen Den Mond herunter ziehn und baͤndigen den Sturm, Worauf der Donner faͤhrt? Ich ſteige kuͤhn hernieder Zum Bauch der Erd' und wandle durch die Hoͤhn Der Luft im Nordlichtsglanz. Die Wolk iſt mein Gefieder, Der Blitz mein Schwert, und du willſt mich beſtehn? 93. Mich trifft kein Stahl, denn meine Bruſt iſt Eiſen, Mein Athem Gift und helle Gluth mein Kleid. Die Erd' erbebt in meinen Zauberkreiſen, Mein Zorn iſt Tod, und Schrecken mein Geleit. Verbirg dich fern dem Licht in tiefen Felſenſchluͤnden, Feſt ſtampft mein Fuß den Grund, und deine Kluft zerſpringt, Flieh' uͤber's Meer, ich fahr' auf ſchnellen Winden Durch's Meer dir nach, und deine Barke ſinkt. 368 Caͤcilie, Sechster Geſang. 94. Und dennoch waͤhntet ihr mit unbeſorgtem Sinne, Der Rache zu entfliehn, die grimmig mich verzehrt? Haſt du nicht juͤngſt nach meinem Kampfgewinne Den kuͤhnen Arm geſtreckt, und du nicht meinem Schwert Und meinem Fluch getrotzt? Euch hat mein Zorn gerichtet! Fahrt hin in's Reich der Nacht, zur tiefgewoͤlbten Kluft Und harrt, im Leben todt, und lebend in der Gruft, Bis euch nach langer Qual mein mildrer Haß vernichtet, 95. Sie ruft's und hebt den Stab und ſtampft den harten Grund. Die Erde bebt, und alle Mauern zittern, Und unten tobt's, gleich fernen Ungewittern, Und ſtoͤhnt und kracht, und graͤßlich thut der Schlund Der Nacht ſich auf. So weit die Augen ſchauen, Iſt Fels und Finſterniß und wuſt Gekluͤft und Grauen Und jaͤher Tod; und ſchnell in's weite Grab Sinkt mit den zarten Fraun der treue Freund hinab. Anmerkungen. Stanze 35.— Zur Zeit als durch das Licht des Herrn— Das Chriſtenthum wurde in den Nordiſchen Reichen ſchon fruͤher von Einzelnen angenommen, da das Volk nicht ſehr intolerant war. Auch manche Koͤ⸗ nige widerſetzten ſich der neuen Lehre nicht, wenn ſie ihr auch nicht zugethan waren. Nur einige unter die⸗ ſen zeichneten ſich als eifrige Heiden aus und verfolg⸗ ten die Chriſten mit Feuer und Schwert. S. Suhm uͤber die leichte Verdraͤngung der Odiniſchen Religion. ———— Da hatt' ein maͤchtger Jarl—— Dies war der Name kleinerer Nordiſcher Fuͤrſten, etwa unſerer Grafen. Sie waren freilich Vaſallen der Ko⸗ nige, regierten aber doch in der fruͤheren Zeit in ihren Beſitzungen ziemlich unumſchraͤnkt. Stanze 36.— Die war gar wohl gethan an Sinnesart und Leib.— Wohlgethan in der alten Sprache fuͤr wohl gemacht, wohl gebildet, ſo wie ge⸗ than fuͤr gemacht. Tiutſche man ſint wolgezogen Als Engel ſint die wib getan. Walier von der Vogelweide. Herr anger was ir uͤch froeiden muſtet nieten Da min Frowe kam gegan Und ir wiſſen hende begunte bieten⸗ Nach uͤwern Bluomen w olgetan. Chriſtian von Hameln. 370 Anmerk. zu Caͤcilie, VI. Geſang. Stanze 92.— Mit mir, die aus dem Stamm der Wanen In Goͤtterkraft entſproß— Ueber die Wanen oder Vanen außert ſich die Volu⸗ ſpa und die juͤngere Edda nur dunkel. S. Voluſp. Str. 24. Edda 21. und 31. Sie ſcheinen ein maͤchtiger Stamm von Rieſen oder Halbgoͤttern geweſen zu ſeyn, vielleicht die Urbewohner des Landes. Die Edda erwaͤhnt ihrer Kriege mit den Söͤttern, und daß beim Frieden aus ihrer Mitte Niord den Goͤttern zur Geißel gegeben und dann zum Rang der Goͤtter erhoben ſey; da ſie hingegen von den Goͤt⸗ tern den Haͤner oder Hoͤner erhielten, den ſie darauf zum Koͤnig erwaͤhlten. 2* — — Geſang. Siebenter Siebenter Geſang, Le. Indeſſen zog am wald'’gen Bergeshange Das Ritterpaar dahin. Schon rothete der Strahl Der ſchwaͤchern Sonne ſich zum nahen Untergange, Und rieſig ſenkte ſich bis tief hinab in's Thal Der Tannen Schattenbild. Im dicken Waldgehege Schwamm dunkler ſchon die Nacht, ſchon rafften Wolf u. Baͤr In ſichrer Kluft ſich auf und wandelten umher Nach Raub und Blut auf ungebahntem Wege. Unendlich breitete der Hain Sich vor den Helden aus und ſchloß mit dichten Zweigen Den Roſſen oft die Bahn. Jetzt galt's, hinabzuſteigen In's rauhe Klippenthal, jetzt uͤber wuͤſt Geſtein Sich Pfade zu erſpaͤhn. Rings ruhte grauſes Schweigen, Und in die Tiefen ſah des Monds bewoͤlkter Schein Wie in ein ſtilles Grab; nur dumpf und ſtoͤhnend ſausten Im Wind die Tannen noch, und ferne Waſſer brausten. 3. Schon war die Daͤmmrung nicht mehr fern; Um Fels und Wald begann der Nebel ſchon zu grauen, Und freundlich ließ der Morgenſtern Mit roͤthlich hellem Licht ſich ſchon am Himmel ſchauen; Da ſenkten ſich die Hoͤh'n, und bleich verhuͤllt vom Flor Der Duͤfte, ſchien ein Thal, das tief ſich vor den Fuͤßen Der Ritter niederzog, gleich einem Rieſenthor, Den Pfad zur Ebne außzuſchließen. Siebenter Geſang. 375 4. Beim erſten Morgenſchein erreicht das edle Paar Den tiefen Grund und reitet eine Strecke Durch dicht Geſtruͤpp und rauhe Felſenbloͤcke Muͤhſelig fort. Da beut ein Pfad ſich dar. Und als ſie jetzt um eine Felſenecke Sich wenden, nimmt ihr Ohr ein helles Klingen wahr, und laut ertoͤnt das Thal wie beim entbrannten Kampfe Von wilder Stimmen Drohn und dumpfem Roßgeſtampfe. 5. Da treiben ſie mit kuͤhnem Sinn Die Roſſe ſchneller an, und mit verhaͤngtem Zuͤgel, Die Speere ſcharf geſenkt, und feſt den Fuß im Buͤgel, Und ſtark den Schild gefaßt, geht's raſch durchs Thal dahin, Dem Ort des Kampfes zu. Der Nebel graues Wehen Vergoͤnnt den Rittern kaum die Streitenden zu ſehen, und nur zuweilen blitzt ein heller Sonnenſtrahl, Der durch den Duft ſich draͤngt, herab auf Blut und Stahl. 6. Doch als ſie jetzt das Schlachtgefild erreichen, Da ſehen ſie, wie dicht vom Feind umringt Ein deutſches Faͤhnlein kaͤmpft, auf das mit maͤcht'gen Streichen Ein großer Schwarm erzuͤrnter Heiden dringt. Schon war das Feld bedeckt mit Blut und Leichen, Stets grimmer wird die Noth, und immer raſcher ſchwingt Die Heidenſchaar das Schwert; verwundet waren Alle Im Chriſtenhaͤuflein ſchon und Jeder nah dem Falle. 7. Ein Ritter nur, der ſtolz im hellen Schein Der goldnen Waffen prangt und hoch auf ſchwarzem Roſſe, Thut kraͤftig noch dem wilden Troſſe Der Feinde Widerſtand. Wohl ſchließt der Schwarm ihn ein: Doch ſchnell u. grimmigflammtinraſch geſchwungnen Kreiſen Sein breites Schwert umher und ſchlaͤgt durch Stahl u. Erſen Sich eine blut'ge Bahn. Kein Panzer iſt ſo dicht, Daß nicht der ſtarke Schwung der edlen Kling' ihn bricht. 8. Siebenter Geſang. 377 8. Wohl war vom feſten Helm ſein Angeſicht umfangen: Doch ſtolz und fuͤrſtlich ſchoß gleich hellem Blitzesgluͤhn Sein tapfrer Blick hervor. Auf ſeinem Schild erſchien Ein koͤniglicher Aar mit kuͤhnem Fluͤgelprangen. Gar bunt und herrlich war der Waffenrock geſtickt, Der ſich ums Erz des blanken Panzers ſchmiegte, Und auf dem goldnen Helme wiegte Sich hoch ein Reigerbuſch, mit Perlen ausgeſchmuͤckt, 92 Schon minderte ſich ſtets die Schaar, die ihm zur Seite Nit treuem Muthe focht; ſchon ſank der letzte Held Durchs Schwert der Heiden hin; da flog zum wilden Streite Auf raſchem Roß das Ritterpaar durchs Feld. Zwei Feinde taumeln ſchon, vom ſcharfen Speer getroffen, In's Gras hinab, ſchon ſteht zum tapfern Mann, Der nur mit Noth ſich wehrt, die Bahn den Helden offen, Und ſchuͤtzend ſchließen ſie dem Wankenden ſich an. I. Theil. 27 Von neuem wurde jetzt der bittre Streit begonnen, Den Deutſchen wuchs, den Daͤnen ſank der Muth. Nur muͤhſam war vorher der theure Sieg gewonnen, Erſchoͤpft war jeder Feind und jeder roth von Blut. Kaum fieng ihr matter Arm mit halbem Schild die Schlaͤge Der friſchen Helden auf und hob nur ſchwach und traͤge Den ſchart'gen Stahl, indeß der Ritter Schwert Von jedem neuen Hieb nur blutig wiederkehrt. 11. So ſchießt der Adler nicht mit ſchlagendem Gefieder Auf ſeinen Raub, ſo faͤhrt das gelbe Licht Des Wetterſtrahls vom Himmel nicht hernieder, So folgt die Well' im Sturm der flieh'nden Welle nicht, Ass jetzt im raſchen Kampf zerſchmetternd hin und wieder Der Helden Arm ſich regt, und ſchnell und ſtark und dicht Der Schlag dem Schlage folgt und ſcharf die harten Klingen Durch Panzer, Helm und Schild in's tiefe Leben dringen⸗ Siebenter Geſang. 12. Schon haͤlt Beſchaͤmung nur die Heiden noch zuruͤck, Daß ſie nicht raſch zur Flucht die muͤden Roſſe wenden. Die Fauſt erlahmt, das Schwert entſinkt den Haͤnden, Der Schild dem Arm, und mit gebrochnem Blick Faͤllt Mann auf Mann dahin. Rings aͤchzt ein dumpfes Stoͤhnen, 1 Und wem Erſtarrung noch die letzte Kraft nicht raubt, Der beut dem Schwert jetzt gern das unbeſchutzte Haupt Und will durch muth'gen Tod das tapfre Leben kroͤnen. 13. Vollendet war der Kampf und hehr und herrlich ſtieg Hoch uͤber alle Nebelwellen Die Sonne jetzt empor, den ſchwererrungnen Sieg Mit freud'gem Glanze zu erhellen. und wie aus dunkler Gruft zum heitern Sonnenſchein Mit ſchlanker Kraft drei Pappeln aufwaͤrts ſtreben, So ſtehn auf blut'gem Plan mit jugendlichem Leben Die kuͤhnen Helden da im kraͤftigen Verein. 2¹* Und ruhig ſenket jetzt die Hand zur feſten Scheide Das feuchte Schwert zuruͤck, und auf das Ritterpaar Blickt froh der fremde Held und ſchlingt geruͤhrt um Beide Den tapfern Arm. O ihr, die wunderbar Mir Gott zur Zeit geſandt im Drange der Gefahr, So ruft er aus und druͤckt in biedrer Freude Sie feſter an ſein Herz, zu arm iſt jeder Dank, Wenn euch die That nicht lohnt, die euer Muth errang. N 15. Wohl achtet ihr gering das Werk, das euch gelungen, Und ahnet nicht, was ihr vollbracht. O glaubt mir, ſelten ward ein ſolcher Preis errungen Ass jetzt. Doch kuͤndet mir, denn fremd iſt eure Tracht, Aus welchem Volk ihr ſeyd u. welchem Stamm entſprungen? Noch nimmer ſah ich euch im Heer und in der Schlacht Und muͤßte faſt, wenn nicht ein Bundeszeichen Mir eure That gewaͤhrt, den Feinden euch vergleichen. Siebenter Geſang. 281 16. O edler Held, erwiedert Folko's Sohn, Wohl haſt du uns noch nie im Lager wahrgenommen. Wir ſind vor kurzem erſt aus fremder Haft entflohn Und jetzt zum deutſchen Heer in Feindestracht gekommen, Doch nicht mit Feindesſinn; ich, meinem Volk zu frommen, Und Jener fuͤr ſein Recht und fuͤr des Vaters Thron. Drum wolleſt du nach Wahrheit uns verkuͤnden, Ob wir in eurem Heer den deutſchen Kaiſer finden? 17. Willkommen! ſpricht der Held; wohl iſt er dort, u. leicht Wird, was ihr fordert, euch gelingen. 4 Gern werd' ich ſelbſt zu ſeinem Thron euch bringen, Er iſt mir laͤngſt gar gnaͤdig und geneigt, Und nichts verſagt er mir. Doch laßt uns ſtaͤrker reiten, Das Lager iſt noch fern, und lang ſchon harrt das Heer Mit ungeduld'ger Furcht auf meine Wiederkehr, Und konnte leicht mein Zoͤgern uͤbel deuten, 382 Caͤcilie. 18. Sie ziehn hinweg durch's Thal, und Adalbert erzäͤhlt Dem Ritter ſein Geſchlecht, und wie im Frankenlande Er einſt die Feinde ſchlug und dann, von Gott erwaͤhlt, Durchs Meer dahin geſchifft zum wilden Daͤnenſtrande. Der Fremde hoͤrt's erſtaunt, und als der Juͤngling ſchweigt, Da ſpornt er ſchnell ſein Roß und reicht Den Freunden ſeine Hand und ruft: Lebt wohl, ihr Helden! Ich eile jetzt voran, dem Kaiſer euch zu melden. 19. Er ſprengte fort, und freudig zog das Paar Die letzten Hoͤh'n hinab, von wo ſich weit und eben Die Flaͤche niederzog; da bot im ruͤſt'gen Leben Das deutſche Lager ſich dem Blick der Helden dar. Hell ſchimmerten die weißen Zelte Im heitern Sonnenglanz, die luft'gen Waͤnde ſchwellte Der leichte Wind, und aus dem Innern drang Piel dumpf Geraͤuſch hervor und kriegeriſcher Klang. Siebenter Geſang. 383 20⸗. So ſahn wir oft, vom Sonnenſchein umſloſſen, Den goldnen Schmuck der reifen Erndte ſtehn; Hoch thuͤrmen ſich, in lange Reihn geſchloſſen, Die reichen Garben auf, und ruͤſt'ge Schnitter gehn. Geſchaͤftig hin und her und muͤhn ſich unverdroſſen; Die ſammeln ein, die binden, jene maͤhn, Indeß die Feiernden im duft'gen Schatten ſingen und laut in's muntre Lied die hellen Sicheln klingen. Dem Monde gleich, der kaum den Silberkreis Erſt halb vollbracht, ſo dehnten ſanftgebogen Des Lagers Reihn ſich aus. Die bunten Faͤhnlein flogen Im Wind umher. Dort ſtand mit gruͤnem Reis Ein Zelt bekraͤnzt, ein andres dort, umzogen Mit farb'gem Stoff, ein andres hell und weiß; Und rings umher im gruͤnenden Gefilde Erſchienen buntgemiſcht viel kriegriſche Gebilde. 384 Caͤcilie. 22. Dort ſtellte ſich zur nachgeahmten Schlacht Ein Kriegerſchwarm in blanken Waffenreihen. Dem Schwerte ſcheint das Schwert, dem Speer der Speer zu draͤuen, Das Heerhorn toͤnt, ſie treffen ſich mit Macht. Hoch baͤumt das Roß ſich auf und ſcheint der Waffenpracht Und ſeines Reiters ſich mit edlem Muth zu freuen. Hier ſchwaͤrmt u. dort die Schaar, u. jeder Krieger ſchwingt Zum Hieb u, Schutz den Stahl, und Helm u. Schild erklingt. 23. Dort kuͤndet thatenreich, vom Junglingskreis umgeben, Ein alter Kriegsgeſell, wie er zu Meer und Land Manch Abentheuer ſah und oft auf Tod und Leben Im wilden Streite focht und manche Noth beſtand. Still horcht das juͤngre Volk u. ſchießt aus freud'gen Blicken Den Strahl des Muths, von Kuͤhnheit bald beſeelt, Bald mild und bald voll Zorns; und was der Greis erzaͤhlt, Das ſcheint in ihrem Blick ſich wechſelnd auszudruͤcken, Siebenter Geſang. 24. Doch andre treiben ſich geſchaͤftig hin und her, Zu ordnen, zu vollziehn, zu ruͤſten, zu beſtellen. Der ſaͤubert Helm u. Schild, der ſchleift den ſtumpfen Speer, Der fuͤhrt das muͤde Roß zum kuͤhlen Trank der Wellen; Der ſchwingt das Schwert und der das ſcharfe Beil, Der ſucht im ſchnellſten Lauf zu ſtehn und auszuweichen, Und jener ſtrebt, mit leicht beſchwingtem Pfeil Das ferne Ziel ſchußkundig zu erreichen, 25. Entſattelt geht und frei auf weichem Wieſengruͤn, Wo zitternd durch's Geſtraͤuch viel friſche Quellen fließen, Der Roſſe muntre Zucht. Aus ihrem Auge ſchießen Die Blitze freud'ger Kraft, die weiten Nuͤſtern gluͤhn Vom Zorn des Streits. Aus Stellung und Gebehrde Blickt Muth und Stolz; vom hellen Wiehern ſchallt Im Wiederhall Gebirg' und Thal und Wald; Die Maͤhne weht, und laut zerſtampft ihr Fuß die Erde. 385 Caͤcilie. 26. Im Mittelpunkt des Lagers blickt Das Kaiſerzelt hervor, das weit an Pracht und Glanze Die andern uͤbertraf. So prangt im Blumenkranze, Den mancher Bluͤthenſtern und manche Knospe ſchmuͤckt, Der Roſe voller Kelch. Mit buntem Schimmer webte Der Teppich ſich umher, und manche goldne Zier Verbraͤmte Dach und Wand, und vor dem Eingang ſchwebte, Gewiegt von blauer Luft, das heil'ge Reichspanier. 27*. Und als die Ritter jetzt dem Lager nahn, da treten Viel Krieger rings hervor und bilden blanke Reihn Im feſtlich hellen Schmuck. Weich hallen ſuͤße Floͤten, Und Zimbeln toͤnen laut und froͤhliche Schallmei'n, Und maͤchtig miſchen ſich Poſaunen und Trompeten Wie Schlachtgeſang zum Liebesgruß darein. Und jauchzend ruft durch Hall und Klang und Schmettern Das dichte Volk: Heil, Heil den Siegern, den Errettern! Siebenter Geſang. 387 2 8. und als ſie zweifelnd ſtehn, da naht ein edler Held, Von Dienerſchaft umringt, mit hoͤflichem Gepraͤnge Und gruͤßt ſie ritterlich, und leitet durch's Gedraͤnge Die Stannenden in ein geſchmuͤcktes Zelt. Dort glaͤnzte manch Gewand von Gold u. Sammt u. Seide, Und manch geſchliffnes Schwert, manch blankes Waffenſtuͤck, Und manches blitzende Geſchmeide Warf blendend hell den Strahl der Sonne dort zuruͤck. 29-. Und jetzt wird ungeſaͤumt mit reichen Prunkgewaͤndern Das edle Ritterpaar geehrt, Und ihre Bruſt geſchmuͤckt mit theuren Gnadenpfaͤndern und ausgeziert ihr tapfres Schwert Mit goldnem Wehrgehenk. Und als im heitern Prangen Sich jede blut'ge Spur des fruͤhen Kampfs verlor, Da naht der Held, der ſie empfangen, Und fuͤhrt zum frohen Volk ſie aus dem Zelt hervor. 388 Caäaͤcilie, 30. So gehn am Wellenſaum die holden Zwillingsſterne Hellleuchtend auf. Durch alle Nebel bricht Ihr goldner Schein und ſchimmert durch die Ferne So friedlich mild und doch ſo kuͤhn und licht. Ihn gruͤßt erfreut das Volk, denn Huͤlf' und Heil bedeutet Der gnaͤd'ge Strahl, und jeder Sturm entflieht, Wenn klar das Sterngebild vom Himmel niederſieht, Das rettend durch die Fluth den irren Schiffer leitet. 31. Beſcheiden und verſchaͤmt und doch im Selbſtgefuͤhl Der Kraft und froh des Ruhms, geht ſtill durch's Volks⸗ getuͤmmel Das Heldenpaar dahin. So faͤrbt den Morgenhimmel Ein ſchuͤchtern Roth, doch leuchtend bricht das Spiel Des fruͤhen Strahls hervor. Zum Kaiſerzelt geleiten Die Schaaren ſie mit Prunk; der Teppich wallt zuruͤck, Und auf dem Thron erkennt ihr uͤberraſchter Blick Im koͤniglichen Schmuck den Mann, den ſie befreiten. 7 — Siebenter Geſang. 32. Wie ſtill am ſichern Pol der Stern des Nordes ſteht, Und hell das ew'ge Licht zur Erde niederſenket, Ein Bild der Kraft; wohl regt und dreht Der Kranz des Himmels ſich, wie ſich die Woͤlbung wendet Im maͤcht'gen Schwung; ein Licht entdaͤmmert fern Dem fluͤcht'gen Meer, ein andres ſenkt ſich wieder; Doch unbeweglich glaͤnzt der Axe feſter Stern und ſteigt in's kuͤhle Bad der Welle nie hernieder: 33. So ſaß, von ſeines Reichs Gewaltigen umringt, Mit offnem Helm und um den Helm die Krone, Den Scepter in der Hand, auf goldgewirktem Throne Der Kaiſer da. Von ſeinen Schultern ſinkt Der Mantel tief herab und ſchmiegt mit ſammtnen Falten Sich um den Waffenrock, und ob dem Thron erhoͤht, Beſchattet feierlich, von Fuͤrſtenhand gehalten, Ein reicher Baldachin des Kaiſers Majeſtaͤt. 390 Caäaͤcilie. 34. Zum Abend neigte ſchon ſein Leben ſich hernieder; Doch wie den Fels, der alternd ſich erhebt, Lebend'ges Gruͤn und friſches Moos umwebt, So bluͤhte ungeſchwaͤcht um ſeine ſtolzen Glieder Die jugendliche Kraft; und gleich dem Sonnenſchein, Der mit dem Staͤubchen ſpielt und mit allmaͤcht'gem Lichte Die Welt umfaͤngt, ſo ließ auf ſeinem Angeſichte Sich Mild' und Wuͤrde ſchau'n im fuͤrſtlichen Verein. 35. Auch jetzt noch ſchien der Gott, der ihn zum Thron erſehen, Und ſeiner Hand den Stab der Macht verliehn, Um die geweihte Stirn mit heil'gem Hauch zu wehen Und ſein geſalbtes Haupt mit Strahlen zu umziehn. In ſeinem Auge ließ die Kraft des Herrn ſich ſehen, Und ernſt um Blick und Mund und Wang' u. Stirn erſchien Das Watlten ſtiller Scheu, das keine Namen nennen, Wenn auch Gefuͤhl und Geiſt es ſtaunend anerkennen. Siebenter Geſang. 36. Und zu den Rittern ſprach der Fuͤrſt mit gnaͤd'gem Ton: Ihr Helden, die genaht zu meines Reiches Frocmen, Als Freund begruͤßt' ich euch auf blut'gem Felde ſchon 1 Noch einmal heiß' ich jetzt als Kaiſer euch willkommen! Schon hab' ich, was ihr wuͤnſcht, vernommen, Und wohl gelobt' ich euch, am kaiſerlichen Thron Zu eures Rechtes Schutz ein guͤnſtig Wort zu ſprechen, Und was der Freund verhieß, das wird der Fuͤrſt nicht brechen. 37. Ihr Edeln meines Reichs, ſeht hier das Heldenpaar, Das, als ich heut am fruͤhen Morgen Auf Kundſchaft zog, und ſchnell die ſtaͤrkre Schaar Der Feinde mich umgab, die ſich im Thal verborgen, Mit heldenmuͤth'gem Sinn, nicht achtend die Gefahr, Fuͤr mich ihr Haupt gewagt, und euch von bittern Sorgen, Vom Tode mich befreit; nun redet, welche Huld Belohnt das große Werk und tügt des Kaiſers Schuld? 38. Er ſprach's, und mancher Held, der im Gewuͤhl der Schlachten Ruhmwuͤrdig laͤngſt ergraut, erhob die kuͤhne That, Und Jeder freute ſich, die Tapfern zu betrachten, Und Jeder rief: O Herr, was frommt dir unſer Rath? Wer ſo die Heldenbahn betrat, Der iſt dem Beſten gleich, des Groͤßten werth zu achten! So rief der Furſtenkreis um Otto's hohen Thron; Und zu dem Ritterpaar ſprach Heinrichs großer Sohn: 39. Euch iſt in dieſem Spruch mein eignes Wort erklungen. Nicht bin ich mit bewehrter Hand— Aus Gier nach fremdem Gut in's Daͤnenreich gedrungen! Dem deutſchen Mann genuͤgt das deutſche Land; Nur Krieg u. Raub u. Schmach von meinem Volk zu wenden, Hab' ich das Schwert gefaßt: drum nimm, ſobald die Brut Der Naͤuber mir erlag, du Sproß aus Gormo's Blut, Das Erbe deines Stamms aus deines Naͤchers Haͤnden. 4o. Siebenter Geſang. 40: Und du, mein junger Stern, der ſchon ſo leuchtend ſtrahlt, Wenn andre kaum mit ſchwachem Schein ſich heben, Dir dankt' ich einſt den Sieg, dir dank ich jetzt das Leben, Und trefflich haſt du mir die Ritterſporn bezahlt. Doch wenig wird die That dir frommen; Fuͤr ſolche große Schuld iſt Otto's Schatz zu klein. Genuͤgt es dir, des Kaiſers Freund zu ſeyn, So ſey mir ſtets am Thron, am Herzen ſtets willkommen! 414 So ſprach der Fuͤrſt und neigte ſeinen Stab Vor Folko's Sohn mit gnaͤd'gen Blicken, Und freundlich ſtieg er dann vom Kaiſerthron herab, Den Juͤngling vaͤterlich an ſeine Bruſt zu druͤcken. Du ſollſt mein Reichsgeſchmeid' als ſchoͤnſte Perle ſchmuͤcken, Du Liebling meines Freunds, der redlich bis in's Grab Mein Recht verfocht! So rief mit weichem Herzen Der Fuͤrſt, und Adalbert vergieng in Luſt und Schmerzen. I. Theil. 28 394 Caͤcilie. 421 Und auf dem Wieſengruͤn, wo ſanft emporgeſchwellt Mit bunten Blumen ſich das friſche Gras verwebte, Und leiſ' im duft'gen Buchenzelt Durch laue Daͤmmerung der Luͤfte Saͤuſeln bebte, Wird jetzt, da hoͤher ſchon die Mittags⸗Sonne ſchwebte, Ein feſtlich Gaſtmahl angeſtellt, Und Otto fuͤhrte ſelbſt die neuen Waffenbruͤder Hinaus und ſetzte ſich in ihrer Mitte nieder. 43. Und froͤhlich reihte jetzt zum koͤniglichen Mahl Der Kreis der Helden ſich zuſammen. Hoch ſprudelte der Wein im koͤſtlichen Pokal, Hell ſchimmerte das Gold, bewegte Funken ſchwammen Aufzitternd im Getraͤnk, und kuͤhn und zagend klang, Einhallend in der Kelche Laͤuten, Beim wandelbaren Ton der leichtbewegten Saiten Manch ſuͤßes Minnelied und mancher Schlachtgeſang. — — Siebenter Geſang. 44. Gar lieblich war's zu ſchau'n, wie unter duft'gen Schatten, Von Bluͤthen angehaucht, in milder Froͤhlichkeit Die Helden ſich gelagert hatten, Die manche Schlacht gekaͤmpft, und jetzt zum neuen Streit Das kuͤhne Herz gewandt. Und wenn vom leiſen Wehen Das Blaͤtterdach ſich hob, und hell im Sonnenglanz Die Ritter leuchteten, dann waͤhnteſt du den Kranz Des nahen Sieges ſchon auf ihrer Stirn zu ſehen. 45. Wohl dachte keiner jetzt, wie bald von Feindes Hand Dahin geſtreckt zur blut'gen Erde, Dem Vaͤtergrabe fern und fern dem Vaterland, Er nie den Freundeskreis am heimathlichen Heerde, Die Liebſte, die ſein Herz mit fuͤßen Feſſeln band, Das jugendliche Weib nicht wieder gruͤßen werde. Ach, wen die holde Luſt mit weichem Arm umflicht, Der waͤhnt ein Gott zu ſeyn und denkt des Todes nicht. 28* 396 Caͤcilie. 46. Lebend'ger ſchwebte ſchon auf hellen Becherklaͤngen Der leichte Scherz, da ſah der freud'ge Kreis Von fern her einen Mann im raſchen Laufe ſpringen. Laut ſchnob das ſchnelle Roß, bedeckt mit Schaum u. Schweiß. Schon naht' er ſich dem Freudenorte, Schon ſprang er ab, des Athems faſt beraubt, und neigte ſittiglich dem Herrn des Reichs ſein Haupt, Und ſank auf's Knie herab und ſprach die haſt'gen Worte: 47. O Herr, ich bin zu dir, ein Herold großer Noth, Geſandt von deinen Reichsvaſallen. Jüngſt ſind in's Sachſenland die Hunnen eingefallen Mit maͤcht'gem Heer; rings wuͤthet Brand und Tod, Die Veſten ſinken hin, und blut'ge Stroͤme wallen, Wo ſich der Feind genaht; unſel'ge Knechtſchaft droht Den Edeiſten des Gau's, und halb zertruͤmmert trauern, Des heil'gen Schmucks beraubt, der Tempel ode Mauern. — Der tapfre Fuͤrſt zu ſeinen Kampfgenoſſen: Siebenter Geſang. 48. Wohl ließ vom hohen Schloß herab in's weite Land Manch edler Graf ſein Kriegerhorn ertoͤnen: Doch zagend flieht das Volk, vom Schrecken uͤbermannt, Und folgt den Fuhrern nicht, und alle Herzen ſehnen Nach deinem Schutz ſich nur; drum neige du dem Flehn Der bangen Schaar dein Ohr, und eile, den Bedruͤckten, Die mich um Huͤlf' und Rath zu deinem Throne ſchickten, Mit maͤcht'gem Schwerte beizuſtehn. 49. Er ſprach's, und tief bewegt vernahm der Fuͤrſt die Kunde, Mit ernſtem Blick verſtummte jeder Gaſt; Die Harfe ſchwieg; der Becher ſank vom Munde, Und raſch hielt manche Hand den Schwertesgriff gefaßt. Die heitre Feier ward zur finſtern Trauerſtunde, Gewichen war der Scherz, der Freude Kranz erblaßt. Doch bald begann, zum ſichern Rath entſchloſſen, 398 Caͤcilie. 5o. Mich ruft des Reiches Heil und meine Kaiſerpflicht; Ihr wuͤrdet ſelbſt den Zoͤgernden nicht loben, Drum zieh' ich heim, dem Sturm, der ploͤtzlich ſich erhoben, Zu widerſtehn. Doch zuͤrnt dem Himmel nicht! Nie ſoll Beſiegten gleich mein Heer von dieſem Strande, Dem Feind ein Spott, entfliehn. Ihr weilt im Daͤnenlande, Bis ihr den Krieg vollbracht; ich zieh' allein zum Streit, Denn wo der Kaiſer naht, iſt auch ein Heer bereit. 51. Sobald vom Morgenthau die bunten Felder blitzen, Tret' ich die Fahrt mit wenig Rittern an. Gott wird mein Recht und meinen Pfad beſchuͤtzen; Wer ihm vertraut, dem zieht ein himmliſch Heer voran. Er ſelber hat durch dunkle Traumgeſtalten Die Zukunft mir in dieſer Nacht enthuͤllt. Wohl ſchien mir raͤthſelhaft das fluͤcht'ge Luftgebild: Doch ſichrer kann vielleicht der Geiſt es jetzt entfalten⸗ Siebenter Geſang. 52. Mir ſchien's, als haͤtte mich die Himmels⸗Koͤnigin Zum Waͤchter eingeſetzt in ihrem Blumengarten, Und Schwert und Scepter legt' ich hin Und gieng von Beet zu Beet, den bunten Schmuck zu warten. Dort flammte mancher Kelch gleich hellem Edelſtein, Und mancher ließ den Glanz des Morgenroths erſcheinen, Und andre ſchimmerten im matten Silberſchein, Den Perlen gleich, die ſel'ge Engel weinen. 58. Doch ferne, wo den letzten Rand Des bluͤhnden Reichs ein dicht Gehege ſchuͤtzte, Hob eine Roſe ſich im leuchtenden Gewand, ¹ Die wie ein heller Strahl aus Gottes Angen blitzte. Wohl ſchien mir um den heil'gen Strauch Ein ganzes weites Feld voll Roſen aufgeſproſſen, Denn zitternd hatte ſich, gleich duft'gem Morgenhauch, Der ſel'gen Blume Glanz durch Buſch und Wief ergoſſen. 40⁰ Caͤcilie. 54. Entzuͤckt betrachtet' ich das holde Bluͤthenlicht, Da kam mit ſchwirrendem Gefieder Aus hoher Luft ein haͤßlich Raubgezuͤcht Und ſchoß mit raſchem Schwung zum zarten Strauch hernieder. 4 Und gierig flog und huͤpft' es jetzt Von Kelch zu Kelch und naſcht' und pickte, Und manche Knospe ſank verletzt Vom ſpitzen Schnabel hin, und mancher Zweig zerknickte, 55. Und zuͤrnend der verwegnen Brut, Ergriff ich meinen Stab, die Raͤuber fort zu ſcheuchen. Da rauſcht' es in des Hains verworrenen Geſtraͤuchen, Und bruͤllend ſtuͤrzte ſich mit aufgereizter Wuth Ein wilder Leu hervor. Raſch hob zu harten Streichen Sein Schweif ſich auf, der Rachen troff von Blut, Und aufrecht ſtand er da und ſchwang die ſcharfen Klauen⸗ Zu meinem Herzen ſich den Todespfad zu hauen. Siebenter Geſang. 56. Da dacht ich in der Noth des Roſenſtrauchs nicht mehr, Jetzt galt's, durch tapfern Kampf dem Tode zu entrinnen. Nicht konnt' ich mehr mein Schwert, das fern mir lag, gewinnen, Drum ſchwang ich hoch den Stab zur ruͤſt'gen Gegenwehr. Wohl fuhr der grimme Feind mir ungeſtuͤm entgegen, Doch wich ich raſch ihm aus und ſprang mit kuͤhnem Sinn Gewalt'ger dann hinzu, und ſieh, nach wenig Schlaͤgen, Sank halbgelaͤhmt das Thier zu meinen Fuͤßen hin. 57. Und als ich jetzt um ſeine ſtarken Glieder Den tapfern Arm, es zu erwuͤrgen, ſchlang, Und unverzagt mit meinem Feinde rang, Da ließ ein Adlerpaar ſich aus den Luͤften nieder. Der eine ſchien erſt juͤngſt aus ſtrenger Haft beſreit, Und muthig ſchwang er jetzt zum Streit Der Ketten harte Laſt, indeß mit meinem Schwerte, Das fern im Graſe lag, der andre ſich bewehrte. 40 9 Cäcili e, 58. Und grimmig fielen ſie die frechen Voͤgel an, Die immer ſchamlos noch die heil'ge Roſ' entweihten. Wild kraͤchzt' im Zorn die Schaar, ein harter Kampf begann, Die Fluͤgel rauſchten laut, die ſcharfen Krallen draͤuten, Die Schnaͤbel trafen ſich. Und ſieh, es zog von weiten Noch mancher dichte Schwarm heran, Den Raͤubern beizuſtehn. Schon flogen leicht und loſe Im Wind die Federn rings, und Blut entrann der Roſe. 59. Kaum hatt' ich jetzt nach harter Kampfesnoth Das grimme Thier in meinem Arm bezwungen, Da war den Adlern auch der blut'ge Sieg gelungen, Die Feinde flohn von tiefen Wunden roth, Und mancher barg verzagt ſich in die Daͤmmerungen Des wilden Hains, und mancher ſtuͤrzte todt Ins Gras herab. Ein lindes Saͤuſeln wallte, Wo eben noch des Kampfs verworrnes Kraͤchzen ſchallte. Siebenter Geſang. 60. Und prangend breitete der juͤngſt gefangne Aar Die Fluͤgel aus und hieng mit leiſem Schweben Still ob dem Roſenſtrauch, und ruhig ſchien und klar Ein goldner Kronenſchmuck ſich um ſein Haupt zu weben, Und girrend fanden ſich viel fromme Tauben ein Und niſteten im Schutz der maͤchtigen Gefieder Und traͤufelten von zarten Fluͤgelein Viel kuͤhlen Thau zur kranken Roſe nieder. 61. Doch jener, der das Schwert zum kuͤhnen Kampf gezuͤckt, Sank ſiegreich zwar, doch ſchon vom Tod' umſtrickt, Raſch blutend hin. Und wie die rothe Welle Aus ſeiner wunden Bruſt den heil'gen Strauch umfloß, Da lachte wunderbar in friſcher Roſenhelle Ein jeder welke Kelch, und jede Knospe ſchloß Sich leuchtend auf, und lieblich hoͤrt' ich's ſchallen: Der Phoͤnix lebt, wenn auch der Staub zerfallen, 40⁴ Caͤcilie, 62. Dies war mein Traum. Jetzt deutet, edle Herrn, Das naͤchtliche Geſicht. Zwar daͤmmerts mir von weiten, Doch halb entſchleiert nur, gleich einem blaſſen Stern, Um den mit leiſem Flug ſich dunne Wolken breiten. Wenn auch fuͤr Alle Sieg und Gluͤck Die luft'gen Bilder uns verkuͤnden, So ſcheint fuͤr Einen doch ein feindliches Geſchick Das freud'ge Licht des Heils mit Nebel zu umwinden. 63. Der Kaiſer ſprach's, und ſo begann Ansgarius, des Herrn geſalbter Diener: Wohl ziemt ein frommer Tod dem tapfern Kriegesmann, Und was Verruchte ſchreckt, das macht den Glaͤub'gen kuͤhner. Drum wag' ich ohne Scheu, wie mirs, von Gott beſeelt, Der Geiſt enthuͤllt, den Sinn des Traumes euch zu melden. Dann pruͤft euch ſelbſt, ihr wackern Helden, Wen unter euch der Herr zum ſchoͤnen Tod erwaͤhlt. Siebenter Geſang. 405 6 ½. Iſt Chriſti Glauben nicht der Blume zu vergleichen, Die Glanz und Duft durch alle Welt verſtreut? 3 Muß welkend nicht ihr heller Schein erbleichen, Da mit verwegnem Hohn die Heiden ſie entweiht? Kann jetzt des Kaiſers Arm dem ſchnoͤden Frevel wehren, Da Deutſchlands heil'gem Reich die wilden Hunnen drohn? Und wird nicht friedlich einſt um Biarko's ſichern Thron, Wenn uns der Sieg gelang, die glaͤub'ge Schaar ſich mehren? 65. Doch wie der Sohn des Herrn, vom blut'gen Stahl verletzt, Am Kreuze rang und ſtarb, das Heil uns zu erwerben, So ſoll auch jener Held, dem wir als Fuhrer jetzt Das Schwert des Reichs vertraun, fuͤr Gottes Ehre ſterben. Wohlan, wer unter euch ſich jenes Preiſes werth, Zum Tode ſtark ſich fuͤhlt, wozu der Herr ihn weihte, Der trete maͤnnlich auf und faſſe kuͤhn das Schwert Und ſey mit heil'ger Kraft des Heeres Fuͤrſt im Streite. 406 Caͤcilie. 66. Der Biſchof ſprach's, und fromm und duͤſter ſtand Der Ritterkreis umher, und Jeder dacht' im Herzen An ſeine zarte Braut, an's theure Vaterland, An manche treue Bruſt, die lange ſchon mit Schmerzen Den Fernen heim gewuͤnſcht. Wie ſchwer die bittre Schmach Auch Jeden aͤngſtete, kein Held erſtand und ſprach. O Leben, bluͤh'nde Luſt! wie ſcheint uns Hoffnungsvollen Dein Reiz ſo arm, ſo reich, wenn wir dich meiden ſollen! 67. Als ſo die edle Schaar im innern Kampfe ſchwieg, Trat Adalbert hervor und ſprach mit gluͤh'nden Blicken: Gieb mir, o Fuͤrſt, das Heer! Vertraue mir den Krieg Was auch dem Wagenden die ew'gen Maͤchte ſchicken, Mich reizt der Tod, mich lohnt der heil'ge Sieg! Ich will die Palm' erziehn, mag ſie ein Andrer pfluͤcken, Ich duld' es gern; denn wenn der Himmel ſpricht, Dann beuge ſich der Menſch und zag' und richte nicht. Siebenter Geſang. 68. Nichts kann ſchon laͤngſt die bluͤh'nde Welt mir geben, Mein einz'ges Ziel iſt, was mir Gott gebeut. Fern ſieht mein Blick die goldne Krone ſchweben, Der ring' ich nach durch Muth und Schmerz und Streit; Im Tode nur entbluͤht mein wahres Leben, Was Leben heißt, das iſt mir Noth und Leid. Drum zuͤrnet nicht, daß der den Preis euch raube, Der nichts verlangt, u. nichts mehr hoffen darf vom Staube. 69. Er ſprach's und hob den Geiſt empor aus ird'ſcher Nacht Und ſtand mit kuͤhnem Blick, das Schwert in ſeinen Haͤnden, Wie ſtill am Himmelsthor der erſte Cherub wacht, Mag Segen oder Fluch der Herr hernieder ſenden. Zerronnen war vor ihm der Erde Leid und Gluͤck, und jeder Sonnenſtrahl, der durch die Blaͤtterkrone Der Baͤume niederſank, ſchien ihm ein Liebesblick, Womit Caͤcilie den theuern Sieger lohne. 40 s8 Cacilie. 70. O Liebe, Kranz des Lichts, wie leuchteſt du ſo ſchoͤn, Wenn Kraſt und Glaube ſich mit deinem Schmuch verbinden! Groß wird der Geiſt, den deine Duͤft' umwehn, Und alles Niedre muß vor ſeinem Blick entſchwinden. Entſagend ſelbſt wird er den Himmel finden Und kuͤhn durch Nacht und Tod auf deinen Pfaden gehn. Und weil er liebt, verachtet er das Leben, Und will das Schoͤne nur, und nicht die Luſt erſtreben. 71. Bewundernd ſieht der Fuͤrſt den jungen Helden an, Der jetzt ſo ſtolz, ſo freudig, ſo gelaſſen In's Aug' ihm blickt; und traurig ruft er dann: O Blume meines Reichs, follſt du ſchon jetzt erblaſſen, Da kaum dein Lenz in friſcher Kraft begann? Wie kannſt du ſo das ſchoͤne Leben haſſen, Das ſelbſt den ſchwachen Greis in Muͤh' u. Schmerz erfreut, Das viel noch von dir heiſcht, und noch ſo viel dir beut? 72. Siebenter Geſang. 7². Allein es ſey! Ich kann den Spruch nicht wenden, Der Gott gefaͤllt. Geh hin an's hohe Ziel, uUnd Kraft und Troſt wird dir der Himmel ſenden, Dem, nach dem Heiland, nie ein rein'res Opfer fiel, So magſt du groß und ſchoͤn und herrlich enden, Du Schwert des Herrn im wilden Kampfgewuͤhl, Und ewig ſoll den Kranz, den jetzt mit dunkelm Walten Das Schickſal dir entzieht, der Nachruhm gruͤn erhalten. 73. Wohl muß ich jetzt mit Schmerz von hinnen ziehn Wie von dem Sohn der Vater traurend ſcheidet. Noch ſeh' ich dich in heitrer Schoͤne bluͤhn, ¹ Bald liegſt du ſtarr, in bleichen Tod gekleidet. Entflohn iſt dann die Kraft, der freud'ge Heldenmuth, Ein finſtrer Leichenſchmuck des Armen ganze Habe, Und mancher Wunſch und manche Hoffnung ruht Nit dir zugleich verhuͤllt im dunklen Grabe. I. Theil. 29 4¹⁰ Caͤcilie. 24. Doch ſey getroſt! Mit kuͤhnem Angeſicht Sieh auf zu Gott, zu ihm, der dich geſendet. Den feigen Mann erkennt das Leben nicht; Der lebt allein, wer Herrliches vollendet. Und wie das Roth, das um den fernen Pfad Des Himmels gluͤht, wenn auch die Sonn' entſchwebte, So kuͤndet lange noch der Segen ſeiner That Der ſpaͤten Welt den Raum, wo einſt ein Edler lebte. 75. Er ſprach's und reichte dann dem Juͤngling ſeine Hand Und kuͤßt' ihn väͤterlich und fuͤhrte durch die Reihe Der Fuͤrſten dort ihn hin, wo Gottes Prieſter ſtand, Daß er zum heil'gen Kampf das Schwert des Helden weihe. Andaͤchtig vor dem frommen Greis Ließ jetzt ſich auf die Knie der edle Ritter nieder, Und ſchweigend ſchloß zum weiten Kreis Sich rings die tapfre Schaar der deutſchen Waffenbruͤder⸗ Siebenter Geſang⸗ 76. So ſteht das dichte Volk um's ſtille Feuer her, Das hell empor zum heil'gen Opfer lodert; Wohl Manchem iſt das Herz von leiſen Sorgen ſchwer, Der ſtaunt, der preiſt den Herrn, und Jener wuͤnſcht und fodert; Doch frei und froͤhlich draͤngt ſich durch den duͤnnen Flor Des Dampfs die reine Glut und ſpielt in leichter Helle, Und mancher Funke ſteigt empor Und naht aus ird'ſcher Nacht des Lichtes ew'gem Quelle. 77. Zieh hin mit Gott, ſo ſprach der Knecht des Herrn, Sieh auf zu ihm, ſo wird er niederſchauen. Bekaͤmpfe dich, entſag' und dulde gern, Sey groß in Kraft, in Demuth, im Vertrauen. Den Deinigen ſey in der Noth ein Stern, Den Flehenden ein Schild, dem Feind' ein toͤdtlich Grauen. Wie leuchtend auch der Kranz um deine Stirn ſich flicht, Du biſt ein Menſch, drum frepl' im Stolze nicht. 29* 41² Caͤcilie. Nimm hin das Schwert, das ich mit Gottes Segen Zum Kampf geweiht, und ſchwing' es ſtark und kuͤhn. Du ſollſt es ſterbend nur aus deinen Haͤnden legen; Der Himmel hat zum Sieg, zum Tod' es dir verliehn. Der Herr behuͤte dich und ſegne dich hienieden Und dort, der Herr des Lichts erleuchte dir voll Huld Sein Angeſicht und tilge deine Schuld; Der Herr erbarme ſich und ſchenke dir den Frieden. 79· Er ſprach's, und ernſt erhob im Kreiſe ſich der Held Und ſtand, dem Monde gleich, den Wolken halb umgeben. Geſchieden war er jetzt vom Leben, Durch feierlichen Schwur dem Tode zugeſellt. O großes Herz, wie freudig mußt du ſchlagen! Kein ſchoͤn'res Loos begehrt der edle Mann, Der Alles fuͤr die Liebe wagen, Von Liebe Alles hoffen kann. Siebenter Geſang. 8o. Schon ſank der ſpaͤte Tag, und wie im Erdentraume Ein heil'ges Leben ſtirbt, um ſchoͤner aufzubluͤhn, So neigte ſich das Licht am klaren Himmelsſaume, Im Sinken groß und leuchtend im Entfliehn. Noch lange ſchien der Strahl auf fernem Wellenſchaume Und lang um's gruͤne Haupt der Berge noch zu gluͤhn. Doch als mit grauem Schein die Wolken rings erblaßten, Gieng jeder heim, im nahen Zelt zu raſten, Anmerkungen. Stanze 63.— Ansgarius, des Herrn geſalbter Diener— Ansgar, Ansgarius, oder Anſcharius, der erſte Erzbiſchof von Hamburg und Bremen, gehoͤrt frei⸗ lich nicht hieher, da er hundert Jahre fruͤher unter Lud⸗ wig dem Frommen und Ludwig dem Deutſchen lebte. Weil er aber zuerſt das Chriſtenthum unter den nordi⸗ ſchen Voͤlkern zu verbreiten anſieng und dabei mit be⸗ ſonderer Klugheit, Maͤßigung und Rechtſchaffenheit ver⸗ fuhr, ſo geſtattet man es dem Dichter vielleicht eben ſo gern, daß er dieſen Reformator in die Handlung ſeines Gedichts verwebt, als man dem Virgil die Einfuͤhrung der Dido geſtattete. Eine Lebensbeſchreibung des heili⸗ gen And fr von ſeinem Schuͤler und Nachfolger, dem heiligen Rimbert, die zuerſt vollſtaͤndig von Lambeccius im Jahre 1651., nachher mit einer alken Daͤniſchen Ue⸗ berſetzung von Arrhen 1677. herausgegeben wurde, ver⸗ breitet vieles Licht uͤber die fruͤhere chriſtliche Religions⸗ Geſchichte der nordiſchen Voͤlker. 1 3 3 Bei beiden Ausgaben befindet ſich auch eine Bio⸗ graphie deſſelben Mannes in heroiſchen Verſen, die von Lambeccius einem gewiſſen Gualdo, einem Moͤnch in Herbeh⸗ der im 14ten Jahrhundert lebte, zugeſchrieben i * Achter Geſang. 12 Kaum war der fruͤhe Tag am Himmelsſaum erwacht, Und hob, wie halb vom Traume noch umfangen, Durch flieh'nden Duft, mit roſenrothen Wangen Und irrem Blick ſich aus dem Schooß der Nacht, Da klang der Ruf des Horns, und jeder Fuͤhrer ſtellte Die tapfre Schaar um's flatternde Panier, Und herrlich angethan mit edler Waffenzier, . Trat Heinrichs großer Sohn hervor gus ſeinem Zelte. — 418 Caͤcilie. 2. Wie durch des Gaͤrtners Kunſt getrennt in manches Beet Der Garten prangt, wo Roſen hier entſprießen, Dort mit dem offnen Kelch die Lilien dich gruͤßen, Die Nelke dort ſich ſenkt und dort die Tulpe ſteht; So war um ſeine eignen Fahnen Ein jeder Gau geſchaart, in ſeines Volkes Tracht Ein jeder Mann gehuͤllt, und jeder Fuͤrſt der Schlacht Trug ſtolz am Schild und Speer die Farben ſeiner Ahnen⸗ 3. Mit Adalbert erſchien vor ſeiner Voͤlker Reihn Der Herr des deutſchen Reichs; u. wie mit wildem Brauſen Die Windesbraut am Tannenhain Im Zorn voruͤber faͤhrt, daß hell die Gipfel ſauſen; Raſch reißt der Sturm ſich fort und heult und kracht u. gellt Und ſchwindet nach und nach gedaͤmpft, in ferner Haide: So flog ein Siegesruf der Freude Erſt laut, verhallend dann, durchs weite Waffenfeld⸗ Achter Geſang. 419 4. Ihr Voͤlker meines Throns und Streiter meiner Kriege, Begann der Fuͤrſt, mich ruft des Reiches Noth; Treu folgtet ihr mir ſtets zur Schlacht und froh zum Siege, Vernehmt auch jetzt und achtet mein Gebot. Der alte Feldherr muß von ſeinem Heere ſcheiden, Doch laͤßt er nicht euch ohne Schutz zuruͤck; Drum muthig! käͤmpft und ſteht mit Freuden! Nur mit dem Rechte flieht, nicht mit dem Herrn das Gluͤck. 5. Vertraut auf den, den ich mir auserkohren, Den Gott ſich ſelbſt zur großen That erſehn. Ihm haltet, was ihr mir geſchworen, und was durch ihn geſchieht, das ſey durch mich geſchehn. Mein war der Kampf, jetzt will ihn Gott vollbringen; Seyd treu u. ſtark, ein Rath, ein Will', ein Schwert; Eintraͤcht'ge liebt der Herr und laͤßt ihr Werk gelingen, Wer ſeinem Stolz gebeut, nur der iſt ehrenwerth. 420 Caͤcilie. 6. Wie dort der Strahl am rothen Himmel leuchtet, Und wie der Thau, der ſtille Sohn der Nacht, Ringsum die Flur mit kuͤhlem Duft befeuchtet, Daß Wieſ' und Wald in friſchem Glanze lacht, So ſoll auch dieſes Volk durch unſre blut'ge Fehde Ein Licht des Heils, ein ew'ger Tag erfreun, Und froͤhlich ſoll in feindlich wilder Oede Mit friedlich mildem Glanz das Wort des Herrn gedeihn. 7. Drum ſeyd getroſt und haltet wach am Schwerte Die tapfre Hand; nicht muthlos iſt der Feind, Nicht ohne Muͤh das Werk, wodurch der Herr euch ehrte, Nicht klein der Dank, der euch am FZiel erſcheint. Nur durch gewalt'ge Kraft wird Herrliches geboren, Nur durch den harten Stahl entſpruͤht der Glanz dem Stein, Und nur der Held geht zu des Sieges Thoren Durch Blut und Schutt, des Friedens Herold, ein. Achter Geſang. 8. Und du, den Gott als ſeinen Krieger ſandte Zum heil'gen Kampf, dem er ſchon fruͤh Das junge Herz zu großen Thaten wandte, Und in der kleinen Welt ſo hohen Sinn verlieh, — Dir ſag' ich nichts; du traͤgſt den Kranz mit Freuden, Wodurch dich Gott vor allem Volk verklaͤrt, Zu groß fuͤr ird'ſche Luſt biſt du des Todes werth, Dein Kaiſer weint um dich,— du laͤchelſt; laß uns ſcheiden. 9· Er ſprach's und druͤckte raſch des Helden eh'rne Hand Und gieng dem Roſſe zu. Und alle Fahnen ſenkten Sich vor dem Jungling tief, und viele Thraͤnen draͤngten Aus Heldenaugen ſich, und mancher Krieger ſtand Mit fromm erhobnem Blick. Doch durch die feuchten Augen, Die jugendlich der lichte Hain umlaubt, Ritt Otto ſchon hinweg und bog das ernſte Haupt Noch oft zuruͤck, den Freund zum letztenmal zu ſchauen. 422 Caͤcilie,. 10. Doch als im Walde Mann und Roß Allmaͤhlig ſchwand, da denkt der Held an ſeine Lieben, Die fern auf oͤdem Felſenſchloß In Reinald's Schutz zuruͤckgeblieben. Nicht laͤnger kann er jetzt das Wiederſehn verſchieben, Auch mahnt ihn ſchweigend oft ſein tapferer Genoß Durch Wink und Blick. Was frommen Ruhm u. Freuden, Soll unſer Herz dafuͤr ſein ſchoͤnſtes Kleinod meiden! 11. Doch darf er nicht das Volk, das ihm ſein Herr befahl, Der irren Heerde gleich, dem Zufall uͤberlaſſen; Drum ſchaut er ſtill umher und ſucht mit ernſter Wahl Den Mann, der wuͤrdig ſey, das Feldherrn⸗Schwert zu faſſen. Wohl war hier mancher Held mit ad'ligem Geblut, Wohl mancher konnte werth des ſchoͤnen Lohnes heißen, Do, keiner thronte jetzt ſo hoch in Sag' und Lied Als Archimbald, der edle Graf von Meißen. Achter Geſang. 12. Zu ihm trat Adalbert und ſprach mit mildem Wort: Mir hat ein ernſtes Amt der Kaiſer zugewendet; Doch ruft die aͤltre Pflicht auf kurze Zeit mich fort. Sey du der Schutz des Heers, bis ich die Fahrt vollendet. Lang glaͤnzt dein alter Ruhm durch manche kuͤhne That, Wohl moͤchte mich dein Herz ein ſtolzes Knaͤblein ſchelten, Beſtimmt' ich dir mit keckem Wort den Pfad, An deſſen Ziel ſchon laͤngſt dich Kraft u. Weisheit ſtellten. 13. Gar ſittig neigt der Graf ſein Haupt Und ſpricht: Mich ehrt die Pflicht, die mir dein Ruf . vertraute; Wenn auch vom Alter laͤngſt die Scheitel mir ergraute, Noch iſt nicht jede Kraft dem tapfern Arm geraubt, Nicht aller Muth der Bruſt. Dies Schwert, das oft die Kriege Des Reichs verfocht, der alte treue Stahl, Den noch kein Feind zerbrach, wohl fuͤhrt er noch ein Mal Auf laͤngſt gewohnter Bahn den grauen Freund zum Siege. 14. Er ſprach's und ſchlug an's Schwert und bot den Rit⸗ tern dann Zum Lebewohl die Hand. Die eilten zu den Roſſen Und ritten, hell vom Glanz des fruͤhen Lichts umfloſſen, Durch Wieſ' und Thal hinweg. Tiefſchweigend uberſann Ein jeder ſein Geſchick. Durch leichte Liebestraͤume Flog Biarko's Geiſt dahin und ſchaute ſtolz im Gluͤck Zur ſchoͤnen Welt hinab: doch ſeines Freundes Blick Hieng ernſt und ahnungsvoll am Blau der ew'gen Naͤume. 15. O Seligkeit e ſo dachte Gormo's Sohn, Ha, wie es glaͤnzt und duftend weht und ſchimmert! Wie lacht die Luft ſo hell, wie ſchallt von ſuͤßem Ton Gebirg und Thal, wie bebt und perlt und flimmert Im Bluͤthenkelch der Thau! Iſt nicht die weite Welt Ein holdes Brautgemach, wo Lieb und Luſt und Sehnen Mit tauſend Stimmen ſpricht, und Wieſ' und Wald u. Feld Zu einem Kranz ſich webt, der Liebſten Haupt zu kroͤnen! 16. — Achter Geſang. 425 16. Wie fluͤchtig wallt in meiner Bruſt das Blut, Wie rieſelt freud'ge Kraft durch meine leichten Glieder! Hoch ſchwillt das kuͤhne Herz von friſchem Lebensmuth, Dem raſchen Geiſte waͤchst ein froͤhliches Gefieder,. Das in die Hoͤh' ihn ſchwingt. Und wie ſich auf und nieder Der Himmel regt, und hell die blaue, luft'ge Fluth In zartes Licht zerrinnt, ſo ſcheint mein ganzes Weſen Leisathmend in den Glanz der Luſt ſich aufzulöſen. 17. Bald werd' ich jetzt die Heißgeliebte ſehn! Wohl harrt ſie mein, vielleicht vom duft'gen Bluͤthen⸗ ſchleier Des Hains verhuͤllt, und horcht dem linden Wehn Des Laubendachs und ſeufzt: wo weilſt du, mein Getreuer? Ihr zartes Haupt ruht ſinnend auf der Hand, Das helle Morgenroth umleuchtet ihre Wangen, Die Blume kuͤßt den Arm, und leichte Bluthen hangen Im janft gelockten Haar und flattern um's Gewand. I. Theil. 3⁰ 4²⁵ Caͤcilie. 18. Ich nahe ſchon, ich nahe, ſuͤßes Leben! Schon iſt mit Gott mein tapf'res Schwert bereit, Dich hoch empor, Geliebte, zu erheben Aus niederm Staub und oͤder Einſamkeit. Die helle Krone ſoll in deinen Locken blitzen, Ein goldner Schmuck um deinen zarten Leib; Und wie die Sonn' am Pol, ſo ſollſt du prangend ſitzen Auf koͤniglichem Thron, ein koͤnigliches Weib. 19. Und wenn ich zagend dann, von heißer Sehnſucht trunken, Geblendet von dem Strahl, der deinem Aug' entfließt, Auf meine Knie vor dir, du Herrliche, geſunken, Und nur mit ſcheuem Blick mein banges Herz dich gruͤßt, Dann huͤlle mild die freundliche Gewaͤhrung Dein keuſches Angeſicht in ihren Roſenflor, Und ſchuͤchtern hebe du zu ſeliger Verklaͤrung Den Gluͤcklichen, der dich errang, empor. Achter Geſang. 427 20. So traͤumte Gormo's Sohn, und ſuͤße Gluth durchbebte Sein klopfend Herz. Auf jedem leiſen Laut, Auf jedem Duft, auf jedem Luͤftchen ſchwebte Sein freud'ger Geiſt voran zu ſeiner holden Braut. Doch wie der ſtille Mond das luft'ge Meer durchgleitet, und auf die Wolken ſelbſt, die feindlich ſich ihm nahn, Auch im Verſchwinden noch ſein mildes Licht verbreitet, So zog ſein Freund dahin und dacht' im heil'gen Wahn: 21. Sey ſtill, mein Herz! Was ſchlͤgſt du ſchwer u. bange, Da ſich das Ziel, wornach du rangſt, genaht? Selbſt ſchwachen Sinn erhoͤht und ſtaͤrkt die große That, Was zagſt denn du, da Gott dich ſchon ſo lange Zu ſeinem Werk erkohr? Schoͤn ſteigt am hellen Pfad Die Sonn' empor, ſchoͤn ſinkt zum Untergange Das heil'ge Licht. Ein edler Fall erhebt; Wer herrlich ſtirbt, der hat genug gelebt. 30* 428 Caͤcilie, 22. Senkt nicht der Thau ſich friedlich aufs Gefilde, Ein zarter Gaſt, der aus dem Himmel ſtammt? Er ſchafft den Bluͤthenhalm zum hellen Sterngebilde Und kuͤhlt im Kelch den Duft, wenn heiß die Sonne flammt. Doch wenn er mild das matte Gruͤn erhoben, und in der Blume Schooß ein zartrer Athem lebt, Dann kehrt er auf dem Strahl des Lichts zuruͤck nach oben, Ein ſilbernes Geduͤft, das durch den Himmel ſchwebt, 23. So muß die Liebe nahn und ſo das Herz beruͤhren, Im irdiſchen Gebild ein Funk' aus Gottes Bruſt. Nur ſtaͤrken ſoll ſie uns, nur heiligen und zieren, Auf Erden wohnt der Wunſch, im Himmel nur die Luſt. Und iſt dig weite Welt auch herrlich rings geſtaltet, Schlaͤgt auch das junge Herz mit ſehnſuchtsvollem Drang Dem warmen Leben zu, noch keine Kraft errang Die Perle, die erſt dort ihr reines Licht entfaltet. Achter Geſang. 2⁄. Uns iſt ein ſchoͤn'res Land da druͤben aufgethan; Auf Wolken thront die Burg, die Starke nur gewinnen. Durch Nacht und Nebel geht die Bahn, Doch weht das Morgenroth als Fahne von den Zinnen. Hinan, hinan! Ein Engel zieht vorauf, Und haucht dir Staͤrkung zu, wenn Kraft u. Muth ermatten, Und friedlich endet ſich im lichten Palmen⸗ Schatten Nach heißer Muͤh der ſiegbekraͤnzte Lauf. 25. So denkt der Gottesheld und zieht im ernſten Schweigen Mit ſeinem Freund bergauf, bergab. Sein Herz iſt hell, und Glaub' und Hoffnung ſteigen In ſeinem Buſen auf und kraͤnzen Tod und Grab. Er ſchaut empor, und Engelbilder neigen Zum zarten Gruß dem Freunde ſich hinab, Und uber kurzes Gluͤck und uͤber Wunſch und Wehe Schwingt zu der ſeel'gen Schaar ſein Geiſt ſieh in die Hoͤhe. 430 Caͤcilie. 26. Schon war das Thal durcheilt, ſchon droͤhnte raſch u. laut Vom Doppelſchlag des Hufs der hohe Bergesruͤcken, Die Ritter ſahn umher, die Zinnen zu erblicken, Wo Liebe jetzt vielleicht nach ihren Freunden ſchaut. Wohl ragten fern die alten Tannen Am Rand des Vorgebirgs, wohl that des Berges Thor Sich tief einſchneidend auf, wo tauſend Baͤche rannen, Doch keine Warte hob im Walde ſich hervor. 27. Und dunkle Ahnung weht, gleich mitternaͤcht'gen Winden, Sie ſchaurig an, ein ſchwarz beſchwingter Geiſt, Der Zweifel treibt ſie fort, das Rathſel zu ergruͤnden, Indeß des Unheils Furcht ſie ſtehn und zaudern heißt. Nur langſam nahn ſie ſich, wie auf unheil'ger Stelle Ein Wandrer geht, wo tief der Erde Bauch⸗ Gefangnes Feuer naͤhrt, und gift'ger Schwefelhauch Durch jaͤhe Spalten dringt aus unterird' ſchem Quelle. Achter Geſang. 431 28. Sie langen an, und wie die Flur ſich zeigt, Wenn wild das Element ſein Felſenband zerriſſen Und mit gewalt'gem Zorn aus tiefen Finſterniſſen Zum Licht empor mit tauſend Armen ſteigt; Der Boden höhlt ſich aus von grimmen Feuerfluͤſſen, Zum Abgrund wird der Fels, geſpaltnen Bergen weicht Das enge Thal; zerſtoͤrte Staͤdte decken, Gleich einem Leichenſtein, die fluchbeladnen Strecken: 2 9. So lag die Staͤtte da, worauf die Liebe kaum Ihr ſchoͤnſtes Feſt begieng. Zertruͤmmert war der Hallen Gewolbtes Dach, vom Schutt bedeckt der Raum; Wo Pfeiler und Geſims ins tiefe Thal gefallen, War Baum und Buſch zerknickt. Doch wie ein ſtarker Held Im Siegeskranze liegt auf blut'gem Waffenfeld, So ſchien der alte Thurm mit ſeinen Mauerkronen, Wenn auch hinabgeſturzt, noch auf dem Schutt zu thronen. 43² Caͤc ilie. 30. Der Bilder alte Zier, die ſonſt den Saal geſchmuͤckt, Das fuͤrſtliche Geſchlecht, das einſt mit ſtolzem Prang3en In dieſer Burg geherrſcht und tapfer und begluͤckt Hier manches Siegesmahl, manch hohes Feſt begangen, Vergeſſen lag es jetzt, von Schutt und Staub umfangen, Von ſeiner eignen Pracht zerſchmettert und erdruͤckt, Und jede Stelle war dem Enkel laͤngſt entſchwunden, Wo Lieb' und Wohl und Weh die Vaͤter einſt empfunden. 31. Nicht hatte Menſchenhand und nicht die Kraft der Zeit So wunderbar den alten Bau zerruͤttet. Der Steine Rieſenlaſt war weit umher verſtreut, Emporgewuͤhlt der Grund, die Giebel tief verſchuͤttet. Geſpalten war der Fels, der hoch die Feſte trug, Verwelkt das Gruͤn, das ſeinen Abhang ſchmuͤckte, Und ringsum ſchien's, als ob ein ſchwerer Fluch Gefild und Wald und Luft und Leben druͤckte, Achter Geſang. 433 3². Erſtarrt ſteht Adalbert; ein kaltes Zitkern ſtrebt Durch ſein Gebein, ein truͤber Schleier windet Sich um ſein Aug', aus ſeinen Wangen ſchwindet Das Roth, es bricht ſein Knie, ſein Koͤrper ſchwankt u. bebt. Er weiß im Schmerz ſich nicht zu helfen noch zu rathen; Die Hand, die zuͤrnend erſt zum Schwerte fuhr, ſie neigt Sich ſchlaff dahin. Er denkt an ſeine Thaten Und ſieht empor zu Gott und ſieht hinab und ſchweigt. 33. So ſchwieg der alte Held, der Alles hingegeben, Was ihn geſchmuͤckt, der Hohn und bittre Pein, Der Schande ſelbſt ertrug, der Kinder holdes Leben Aus ſeines Feindes Hand vom Tode zu befrein. Bald denkt er nun die Theuern zu umarmen, Das Einzige, was noch das Gluͤck ihm nicht geraubt, Da naht ein Henker ſich und bringt ihm ohn' Erbarmen Mit kaltem Spott der Soͤhne blutig Haupt. Caͤcilie, 3. Doch wie der Blitz, wenn auch die Wolk' ihn bindet, Und ſchwarz verhuͤllt der Donner mit ihm ringt, Mit raſchem Strahl die rege Nacht durchdringt Und leicht ſein Grimm ein ſichres Opfer findet; Er zuckt und faͤhrt hinab und trifft und zuͤndet, Die Flamme ſteigt, und Fels und Mauer ſinkt; Der iſt kein Kind des Gluͤcks und nicht von Gott geſegnet, Der auf der maͤcht'gen Bahn dem Zurnenden begegnet: 35. So flammte Biarko's Zorn. Kein dumpfes Staunen band Ihm Geiſt und Arm, nein, wilder Schmerz empoͤrte Zum Wahnſinn ſeine Kraft. Raſch griff er nach dem Schwerte, Sein Auge ſlog umher und ſuchte wuthentbrannt Den Raͤuber ſeines Gluͤcks. Durch Buſch u. Dorn u. Hecken Und Klippen drang er vor und ſprang von Wand zu Wand Am Fels hinab und rief und ſchwieg und lauſcht' und ſtand, Die Stimme ſeiner Braut im Thale zu entdecken. Achter Geſang. 36. Dann kehrt' er heim zur Burg u. ſucht’ in wilder Qual, Ob dort ihm keine Spur, kein ſchwacher Troſt erſcheine. Bald irrt' er hier bald da und grub mit ſcharfem Stahl In Aſch' und Staub und ſchleuderte die Steine Umher mit wuͤth'ger Kraft. Rings ſplitterten die Haine, Laut ſcholl die Luft, dumpf donnerte das Thal Vom harten Wurf, und wie in Wind und Wetter Zerſtoben, raſſelten vom Schutt die durren Bläͤtter, 37. Doch als erſchoͤpft die letzte Kraft ihm bricht, Da ſinkt er ſtumm mit ſterbender Geberde, Mit wundgeritzter Hand und blut'gem Angeſicht Und athemloſer Bruſt, entſtellt und bleich zur Erde. Sein Auge ſtarrt, er regt und fuͤhlt ſich nicht Und ſeufzt nur matt. So liegt am Opferheerde Des Stiers gelaͤhmte Kraft. Er ſchweigt, und nach u. nach Wird mit den Thraͤnen erſt die dumpfe Klage wach. 436 Caäaͤcilie. 38. Iſt auch ein Gott? ſo ſprach, vom Wahn bezwungen, Der irre Geiſt aus ihm. Wo weilte denn ſein Blick, Als dieſe Blume ſank? Und iſt das hoͤchſte Gluͤck Denn nur ein eitler Traum, vom Augenblick entſprungen, Vom Zufall fortgerafft? So dulde, zuͤrnend Herz! Was freuſt du dich im Gluͤck, was bluteſt du im Schmerz? Wohl iſt ein Gott, hart treffen ſeine Pfeile: Doch keinen Richter giebt's, der Luſt und Leid vertheile. 39. Und iſt es denn umſonſt, daß kuͤhn der edle Muth Ein hohes Ziel ſich ſetzt, um das er Alles wage, Um das er Kampf und Muͤh u. Schmerz u. Noth ertrage, Um das er freudig Gut und Blut Und Kraft und Leben giebt, das jedes Gluͤck ihm gruͤndet, Fuͤr alles Herrliche den tapfern Mann entzuͤndet, Mit jeder Tugend ihn, mit jedem Schmuck ihn ziert Und einſt den Wuͤrdigen empor zum Himmel fuͤhrt? Achter Geſang. 4o. So hab' ich dich geliebt! So warſt du meinem Leben Der beſte Schatz! Ach, Liebe nur vermag Mein ſchwankend Herz zu großer That zu heben! Jetzt biſt du hin, und zagend ſinkt und ſchwach 8 Mein Geiſt zuruͤck. Was du mir einſt gegeben, Entſchwand mit dir; der Schmerz nur blieb mir nach! Was frommt es mir, zu hoffen und zu wagen, Iſt's nicht fuͤr dich? Fahr hin; ich muß verzagen! 4r. Nein, ich verzage nicht! Noch lebſt du wohl, noch traut Und hofft dein Herz auf mich. Dich will ich wieder finden, Ich ſchwoͤr' es dir! Sey muthig, holde Braut! und waͤrſt du auch verſteckt in tiefen Felſenſchluͤnden, Warſt du auch dort, wohin kein Menſchenlaut, Kein Auge reicht, wo Licht und Leben ſchwinden, Ich dringe kuͤhn in deinen Kerker ein Und will dein Schutz, dein Heil, wo nicht dein Raͤcher ſeyn! 438 Caͤcilie, 42. Er ruft's u. rafft ſich auf u. ſteht mit friſchem Muthe, Mit alter Staͤrke da. Sein Aug' iſt neu belebt; Er fuͤhlt es nicht, daß Wang' und Hand ihm blute, Da uͤber Schwach' und Schmerz die Hoffnung ihn erhebt. Noch ſchwieg ſein Freund; wo ſie von ihm geſchieden, Da ſaß er ſtill; auf ſeinem Arme lag Sein mattes Haupt; er ſann und kaͤmpfte lang um Frieden, um Glauben nur zu Gott. Dann ſah er auf und ſprach: 43. So ſey es denn; ich will auch das dir ſchenken! Gewalt'ger Gott, ſchwer fuͤhl' ich deine Hand Auf meinem Haupt! Ich dulde; magſt du's lenken, Wie dir's gefaͤllt, dir iſt allein bekannt, Was deinem Kinde frommt. Du haſt mir Sorg' und Klagen Und nahen Tod beſtimmt. Oft hat in fruͤh'rer Zeit Mein Herz gezuͤrnt! Vergieb!— Jetzt kann ich Alles tragen, Nachdem ich dies ertrug. Befiehl, ich bin bereit. Achter Geſang. 439 41. Doch ach, daß ſie, die Goͤttliche, die Reine, Die, reich an heil'ger Kraft und frei von ird'ſcher Schuld, Dein ſchoͤnſter Abglanz war, du Gott der Lieb' und Huld, Daß ſie ſo fruͤh ſchon ſank, das iſt's, warum ich weine, Was mich verzweifeln laͤßt. Weh mir, weh, armes Herz, Sie litt fuͤr dich! Sie, der ſo hold hienieden Das Leben lachelte, ſie iſt fuͤr dich geſchieden, und du, du brichſt noch nicht, und traͤgſt den bittern Schmerz? 45. Ach, die ſo lieblich war, ſo heilig im Gemuͤthe, Der Gott den reichſten Schmuck ſo wunderbar verliehn, Daß alles Herrliche, was je im Leben bluͤhte, In ihr allein nur klar und tadellos erſchien, Sie, deren offnes Herz von jedem leiſen Klange Der Luſt erzitterte, in der ſich jedes Gluͤck Verſchoͤnerte, ſie ſtarb, und ich, der ſchon ſo lange Vom Leben ſchied, ich Armer blieb zuruͤck. 46. Doch flieht das Zarteſte nicht immer fruͤh von hinnen? Naht nicht im ſchoͤnſten Duft den Bluͤthen ſchon der Tod?2 Erblaßt beim erſten Strahl nicht ſchon das Morgenroth? Muß nicht im Sinken faſt die Perle ſchon zerrinnen, Die rein vom Himmel thaut? Ach, von den ew'gen Hoͤhn Sieht ſelten nur der Menſch die ſel'gen Engel ſteigen; Wen einmal ſie gegruͤßt, der muß vor Gott ſich neigen Und freudig ſeyn; er hat den Glanz des Herrn geſehn, 47. Ich will ihr nach! Nicht lange will ich ſcheiden Von ihr, die jeden Schmerz ertragen mich gelehrt. Sie liebte mich, ich bin des Himmels werth; Stark will ich ſeyn, will kaͤmpfen jetzt mit Freuden. Sie leitet mein Panier, ſie ſelber lenkt mein Schwert. Suͤß iſt's, fuͤr ſie zu handeln und zu leiden, Fuͤr ſie zu ſterben ſuͤß; und wenn das Werk gelang, Dann lohne mich der Tod, ihr ſey des Sieges Dank! 48. Achter Geſang. 44¹ 48. So ruft er aus und ſieht mit hellen Blicken Zum Himmel auf, dann naht er ſeinem Freund. Sie ſehn ſich ſchweigend an und druͤcken Sich lang an's Herz, und jeder ſeufzt und weint An ſeines Freundes Bruſt. Uns ließ das Gluͤck uns finden, Ruft Adalbert, und gleicher Liebesſinn Zog leiſ' und ſuͤß den Freund zum Freunde hin, Viel feſter noch wird jetzt uns gleiches Leid verbinden. 49. Ich ziehe fort, wohin die Pflicht gebeut; Du bleib, und forſche rings in dieſen wilden Hainen, Ob Gott uns nicht vielleicht noch Troſt und Heil verleiht. Bald kehr' auch ich zuruͤck, mit dir mich zu vereinen. Schwer wird mir jetzt mein Amt, doch ſtaͤrkt der Herr die Seinen, Wie du dem Minnet, ſo bin ich ihm geweiht. Und mag noch haͤrter m ſes Ungluͤcks Arm erreichen, Ich will von meinem Schwur nicht wanken u. nicht weichen. I. Theil. 31 Caͤcilie. 5o. Wohl weiß ich, daß mir fern ein groͤßer Leid noch droht, Wie einſt in ihrem Zorn die Zauberin mich lehrte. Weh mir, es ſchlaͤft in dieſem Schwerte Noch eine grauſe That, des eignen Bruders Tod. Du ſiehſt, o Gott, mein Herz; dir liegt es aufgeſchlagen, Das Buch des Heils, das Buch der Schuld; Sey gnaͤdig, ſey gerecht; gieb Kraft mir und Geduld, Das Ungeheure ſelbſt mit Demuth zu ertragen. 51. Er ſprichts. Sie ſcheiden ſtill mit abgewandtem Blick⸗ Als ſcheue jeder ſich, des Andern Schmerz zu ſehen. Der Ritter zieht den Pfad durch Wald und Thal und Hoͤhen, Den er ſo freudig kam, mit duͤſterm Geiſt zuruͤck. Vergebens huͤpft mit leichtem Tanze Der Quell am Weg' empor, u us ſchmuͤckt der Hain Mit ſuͤßen Liedern ſich, die Flur mit Blumenglanze, Er ſieht und hoͤrt es nicht und denkt in ſtiller Pein: Achter Geſang. 443 5². Hinaus, hinaus, wo wild die Herzen ſchlagen In Haß und Zorn, hinaus in's blut'ge Feld! Dort ſtirbt der eigne Schmerz, betaͤubt von fremden Klagen, Es klirrt das Schwert, die Lanze ſaust und gellt. Hoch waͤchst der matte Muth im Kaͤmpfen und im Wagen, Wie Gluͤck und traͤger Sinn ſind Kraft und Noth geſellt. Wenn aus der Bruſt die blut'gen Stroͤme rinnen, Zerſprengt der Geiſt ſein Band und ſchwingt ſich frei von hinnen. 53. So ſinnend naht er ſich dem hohen Bergesthor, Wo ſchroffe Felſenreihn den letzten Abhang kroͤnen, Da ſchallt ein wild verworrnes Toͤnen Durchs langgewundne Thal von weiten ihm ins Ohr. Schon hoͤrt er Schlachtgeſchrei, und helle Hoͤrner ſchmettern Gar muthig drein; es klirrt wie Schwert und Speer, Und trappelnd droͤhnt, gleich dumpfen Donnerwettern,⸗ In wilder Haſt der Roſſe Huf daher. 31* Und als er jetzt mit raſchverhaͤngtem Zuͤgel Den Ort erreicht, wo ſich die Ebne ſenkt, Da ſieht er ſtaunend ſchon vom letzten flachen Huͤgel Daß wild durch's weite Thal die laute Schlacht ſich draͤngt Die Flur erbebt, hoch ſteigt des Staubes Wolke Zum Himmel auf und huͤllt die Sonn' in Nacht, Am Chriſtenlager tobt ſchon nah die grimme Schlacht, Schon bricht das deutſche Heer und weicht dem Daͤnenvolke, 55. Kaum ſieht ſein Blick die Noth, die ſeinen Schaaren draͤut, Da hat auch raſch ſein Arm das ſcharfe Schwert gezogen, Schon iſt beſchaͤumt ſein Roß ins Thal hinab geflogen, Schon langt er an, ſchon ſtuͤrzt er in den Streit, Er droht und fleht und reißt ſich durch die Wogen Des Kampfes hin und her und ordnet und gebeut. Hier haut ſein flammend Schwert die kuͤhnen Feinde nieder, Dort ſtellt, dort ſammelt er die fluͤcht'gen Seinen wieder. 1 Achter Geſang. 44⁴⁵ 56. Stets ſprengt er auf und ab und wechſelt ſtets den Ort, Scheint ſtets zu fliehn und dennoch nie zu weichen. Hoch uͤber Schwert und Schild und uber Feind und Leichen, Durch Tod und Leben traͤgt ſein blutig Roß ihn fort. Er ſcheint dem Aar im Flug, der Flamm' an Zorn zu gleichen, Gleich Blitzen zuckt ſein Schwert, gleich Blitzen trift ſein Wort. Die Faͤhnlein ſchließen ſich, die faſt gebrochen waren, Und neu geſammelt ſtehn die rings verſprengten Schaaren. 57. Schon mußte Archimbald, der ritterliche Graf, Im heißeſten Gewuͤhl vom blut'gen Felde ſcheiden. Gar maͤnnlich focht der Greis, und manches Leben traf Sein gutes Schwert; kein Faͤhnlein wich den Heiden, So lang der Fuͤhrer ſtand. Da tobte Grimm heran, Ein ſtarker Held, der fern in Anholt hauſ'te, Hoch ſchwang ſein Arm die Art, ſein Streitroß ſchnob und 3 brauſ'te 3 Und drohend rief er jetzt den alten Helden an: 446 Caͤcilie. 58. Was weilſt du, Greis, im wilden Schlachtgewuͤhle, Ein morſcher Stamm, den jeder Wind zerbricht? Dem ZJuͤngling ziemen nur des Krieges blut'ge Spiele, Wohl blinkt in ſchwacher Hand das Schwert, dochtrifft es nicht. Bleib du daheim und ſitz' in ſtiller Kammer Und meld' in ſichrer Burg den zarten Kindelein, Was du als Mann gethan. Er ſpricht's und ſchwingt den Hammer Und dringt mit hartem Schlag auf ſeinen Gegner ein. 59. Raſch hält der Greis ihm ſeinen Schild entgegen, Daß von dem eignen Streich zuruͤck der Spoͤtter prallt, Doch unerſchuͤttert ſitzt der tapfre Archimbald; Dann holt er aus und ſchwingt den guten Degen Um ſeines Feindes Haupt und trifft mit maͤcht'gen Schlaͤgen Ihn hier und dort, daß laut der Helm erſchallt. Nur muͤhſam kann der Feind mit flinkem Arm ſich ſchuͤtzen, So grimmig ſieht er rings die ſcharfe Schneide blitzen. Achter Geſang. 4⁴⁷ 60. Noch einmal ſtuͤrmt er ein, doch trifft er ſtets den Schild Und kann das Haupt ihm nie, und nie die Bruſt verwunden, Indeß hat Archimbald die Fugen ausgefunden, Wo unterm Helm die Bruſt des Feindes ſich enthuͤllt. Dort trifft er ihn mit Macht; vom ſcharfen Hieb geſpalten Trennt Helm und Harniſch ſich; in heißen Stroͤmen dampft Sein Blut, er ſinkt vom Roß, das zuͤrnend ihn zerſtampft, Und laut ruft Archimbald: Das nimm du hin vom Alten! 61. Ergrimmt ſieht Rolf, der vorn im Daͤnenheer Die Chriſten hart bedraͤngt, das Blut des Freundes fließen. Ha, kecker Greis, das ſollſt du ſchwer mir buͤßen! So ruft er aus und wirft den langen Speer Auf Archimbald. Der beugt ſich dem Geſchoſſe Mit ſchlauer Kunſt, der Speer beruͤhrt ihn nicht, Doch trifft er hart den Mann, der ihm zur Seite ficht, Den tapfern Gundibert und ſtuͤrzt ihn todt vom Roſſe. 4⁴⁸8 Caͤeilie. 6². Doch folgt auch Rolfo ſchon dem maͤcht'gen Speere nach. Er ſpornt ſein Pferd und haut ſich durch die Kreiſe Des dichten Schlachtgewuͤhls und ſetzt dem tapfern Greiſe Mit ſcharfem Schwerte zu und ſendet Schlag auf Schlag Auf Helm und Schild hinab. Der iſt nicht faul zum Streite; Er ſchwingt den Stahl und trifft, vom Schilde ſtets geſchuͤtzt, Bald Rolfo's Bruſt und bald ſein Haupt, bald ſeine Seite, Daß ſchon das helle Blut aus mancher Wunde ſpruͤtzt. 63. Da hebt der Feind, vom langen Kampf erbittert, Die Kolb' empor; ſie ſaust und trifft mit Macht Des Helden Arm und Bruſt. Das gute Schwert zerſplittert, Es bricht der Schild, die eh'rne Ruͤſtung kracht. Der Alte wankt und greift umher und zittert und haͤlt ſich kaum zu Roß, ſein Aug' umdunkelt Nacht. Doch ſtuͤtzt ein Knapp' ihn ſchnell u. faßt ſein Thier am Zuͤgel und lenkt es aus dem Kampf auf einen fernen Huͤgel. Achter Geſang. 449 6 4. Dort ſaß er nun, indeß mit ſanfter Hand Ansgarius, der fromme Gottesprieſter, Die tiefe Wund' in ſeiner Bruſt verband. Er fuͤhlte keinen Schmerz und ſah nur ſtumm und duͤſter Auf ſein zerbrochnes Schwert. Oft blickt' er's traurig an Und hob's empor und legt' es ſchweigend nieder. Ein Thraͤnlein waͤſſerte die grauen Augenlieder, Die lange nicht geweint, und ſeufzend ſprach er dann: 65. Du treuer Freund, ſo biſt auch du geſchieden? Soſbrachſt du, gutes Schwert, das ſeinem alten Herrn So manche Noth gewehrt, ſo manchen Sieg beſchieden! Jetzt iſt gewiß mein eigner Tod nicht fern. Wohl mocht' ich ſonſt ein tapfrer Degen heißen, So lang ich dich gefuͤhrt; nun ſchreckſt du Keinen mehr, Nie hoͤr' ich kuͤnftig noch ſchon aus der Ferne her Im Schlachtgewuͤhl den Ruf: das iſt das Schwert von Meißen! 66. Wohl freuen Andre ſich am Tanz und Saitenſpiel Und uͤben manche Luſt in ihren jungen Tagen. Mir galt des Hofes Pracht und feige Ruh nicht viel, Nur Kuͤhnheit konnte mir und guter Ruhm behagen. Drum hielt ich dich vor allen Schaͤtzen werth Und ſorgte ſtets, daß Keiner dich verlachte, Daß ſcharf die Schneide war und blank der Stahl, u. dachte: Dem guten Mann geziemt ein gutes Schwert. 67. Nie ſtrebt' ich je nach zarter Frauenminne, Worauf ein Andrer wohl ſein ſchoͤnſtes Hoffen baut. An dir nur treu mit ritterlichem Sinne, Du warſt allein Geliebte mir und Braut. Und wenn in ſtiller Burg mir truͤbe Tage nahten, Dann nahm ich dich, du alter Kampfgenoß, Und ſieh, es ſchien mir dann, als zoͤgen alle Thaten, Die ich mit dir vollbracht, hinein in's oͤde Schloß. Achter Geſang. 451 68. Nie hab' ich dich zur Hinterliſt gezogen, Nie deinen hellen Glanz durch ſchuldlos Blut entweiht. Du pruͤfteſt deine Kraft nur im gerechten Streit Und warſt Bedraͤngten ſtets, dem Draͤnger nie gewogen. Und ſah ich vor der Schlacht dein helles Eiſen an Und konnte keinen Roſt und keine Schart' entdecken, Dann dacht' ich ſtets: das Schwert iſt ohne Flecken; So ſey denn ohne Flecken auch der Mann! 69. Jetzt liegſt du da, geſchaͤndet und zerſplittert, Kaum tuͤchtig, daß man noch mit dir die Gruft mir graͤbt, Jetzt fuͤhl' ich's erſt, wie meine Rechte zittert, Da deine Kraft nicht mehr den alten Arm belebt. Wohl prangt' ich ruͤhmlich noch im edeln Ritterorden, Wenn auch mein ſchwacher Fuß ſchon nach dem Grabe ſtand; Jetzt erſt bin ich verwaiſ't, zum Greiſ' erſt jetzt geworden, Da Weib und Kind und Freund u. Kraft mit dir entſchwand. Cäaͤcilie. 70. So trauerte der Greis, indeß im Schlachtgedraͤnge Die halbgebrochnen Reihn Held Adalbert erneut. Groß war und wohl bewehrt der Heiden Heeresmenge, Vom Sieg ihr Muth erhoͤht, ihr Arm geübt im Streit. Und wenn auch jetzt im blut'gen Thale Von neuem ſich das Heer dem Feind entgegenſtellt, Noch raͤumt er keinen Schritt ihm vom errungnen Feld; Noch wuͤrgt der Tod gemiſcht, noch ſchwankt des Sieges Schagle. 71. Doch wie ein Strom, der traͤg und zaudernd ruht, Wenn ihm ein ſtarker Damm den glatten Pfad verrammelt, Doch ſchweigend ſteigt und waͤchst an ſtiller Kraft die Fluth, Indem mit leiſem Spiel ſich Well' auf Welle ſammelt; Und ploͤtzlich bricht er jetzt mit maͤchtgem Druck ſein Band, Er rauſcht und ſchaͤumt und ſtuͤrzt in tauſend Waſſerfaͤllen, Reißt Baͤum' und Haͤuſer fort und ſchlaͤgt das weite Land, In wilder Freiheit ſtolz, mit uferloſen Wellen; Achter Geſang⸗ 453 7². So bricht der deutſche Held, nachdem er jetzt ſein Heer Mit neuem Muth geſtarkt, des Feindes dichte Glieder. Ihn haͤlt kein Widerſtand, kein Droh'n erſchreckt ihn mehr; Wer kuͤhnlich ihm genaht, der ſieht das Licht nicht wieder. Was kaͤmpft, das ſchlaͤgt und ſtoͤßt ſein Schwert zu Bo⸗ den nieder, Was faͤllt, zerſtampft ſein Roß, was flieht, erreicht ſein Speer, Wohl tauſend Arme ſcheint der eine Held zu regen, So blitzt und ſtuͤrzt es rings von ſeinen maͤcht'gen Schlaͤgen. 73. Wer wagt es jetzt, du Starker, dir zu nah'n? Wer traͤgt den Zorn, den deine Blicke ſchießen? Durch Schwerter geht und Leichen deine Bahn, Dn ſchwingſt den Arm, und blut'ge Quellen fließen Von Helm und Panzer aus! So hauſ't der Nachtorkan Im dichten Tannenwald; ſo flammen und ergießen Die gluͤh'nden Stroͤme ſich, wenn laut mit Donnerklang In Hekla's tiefem Schlund der Hoͤlle Riegel ſprang. Caͤ cilie. 74. Schon ſcheint das Daͤnenheer ſich zagend zu verwirren, Schon neigt es ſich zur Flucht; doch Schaam und Zuͤrnen haͤlt Die Fluͤchtgen auf, ſie ſtehn, und tauſend Schwerter klirren Um Folko's tapfern Sohn, und Spieß' und Pfeile ſchwirren Verderblich ihm um's Haupt: die Lanze droht, es gellt Vom Schlag der Art ſein Schild, die Keule ſaust und faͤllt; Doch er weiß Schlag und Wurf zu hemmen und zu meiden, Was ihm die Heiden drohn, das giebt er ſtets den Heiden. ᷣ 75. Vom wald'gen Fels, den ſchlau die ruͤſt'ge Schaar Der Juüten ſich zum Hinterhalt erkohren, Sah'n Alf und Edelrad, ein kuͤhnes Bruͤderpaar, Des Heeres Noth. An einem Tag geboren, In einem Schild gewiegt, getraͤnkt an einer Bruſt⸗ War jeder ſtets des andern hoͤchſte Luſt. Sie kaͤmpften ſtets vereint und theilten Leid und Freuden⸗ Sie konnte keine Noth, kein Zwang, kein Schickſal ſcheiden. Achter Geſang. 45⁵ 76. So war auch Beider Herz im Lieben gleich geſinnt. Seit manchem Jahr ſchon warben beide Um Hildegard, das ſchoͤne Rieſenkind, Das kuͤhn auf Holmlands Hoͤh'n die wuͤſte Felſenhaide Als Jaͤgerin durchſtrich. Doch konnte ſelbſt die Qual Der wilden Eiferſucht den treuen Bund nicht trennen, Und wen der Jungfrau freie Wahl Zum Gatten ſich erſehn, der ſollte ſein ſie nennen. 77 Doch als des Koͤnigs Ruf nach Lethra ſie entbot, Und ſchon in Niſumfiord die Schiff' am Strande trieben, Befraget Hildebierg, der Vater ihrer Lieben, Des Opfers heil'ge Gluth, ob Leben oder Tod Das Loos der Helden ſey. Und als nun glatt und heiter Zur Fahrt das Meer ſie lud, da rief vom Fels herab Der Greis den Flieh'nden nach: ſeyd ſtark, ihr kecken Streiter, Dem Einen winkt der Sieg, dem Andern Tod und Grab. Caͤcilie. 78. Doch machte ſie das Wort nicht zagen, Getroſt durchſchifften ſie des Meeres glatte Bahn, und jeder ſtrebte nur, das Kuͤhnere zu wagen, Und raſcher ſich dem Feind' und der Gefahr zu nahn, Um einſt nach heißen Kampfestagen Von Hildegard den Preis des Sieges zu empfahn. Doch wuünſchte jeder wohl, viel lieber ſelbſt zu ſterben, Als durch des Bruders Tod die Braut ſich zu erwerben. 79. Als nun der deutſche Held ſchon nah zum Huͤgel drang⸗ Sprach Alf zu Edelrad: Was frommts, daß man zu Hauſe Als Fuͤrſten uns verehrt, bei unſrer Schilde Klang Hinaus zum Kampfe zieht, und uns zuerſt beim Schmauſe Die vollen Becher reicht, wenn jetzt wir traͤge ſtehn, Da Jene dort im Thal ihr beſtes Blut verſpruͤtzen? Auf, komm zur Schiacht hinab, damit die Unſern ſehn,⸗ Daß auf der Helden Stuhl nicht feige Knaben ſitzen. 80. Achter Geſang. 457 8o. Und ruͤſtig werfen ſie vor ihre Bruſt den Schild Und ſchlagen hell an's Erz nach kuͤhner Krieger Weiſe Und trotzig wandeln ſie, von Kampfesluſt erfuͤllt, Den Berg hinab und ſummen dumpf und leiſe Ein Lied der Schlacht. So gehn am Himmelskreiſe Zwei Wolken auf, in ſchwarze Nacht gehuͤllt, Und ziehen langſam fort, vom Blitz und Sturm geſchwollen, Indeß in ihrem Schoos halblaute Donner rollen. 81. Schon nah'n ſie ſich, und Alf's Geſchoß entſauſ't Und trifft, des Ritters Roß durchbohrend, in die Weichen. Hoch baͤumt das edle Thier ſich auf und ſchnaubt und brauſ't Und haut im Schmerz und Zorn die Luft mit maͤcht'gen Streichen. Noch einmal wiehert's laut, doch mit dem hellen Blut, Das aus der Wunde ſtroͤmt, ermatten Kraft und Muth; Es bebt und ſchaudert ſtill und ſtreckt die ſchinen Glieder Entſeelt auf Leichenhaufen nieder. I. Theil. 3²2 Caäaͤcilie. 8². Kaum hat der Ritter jetzt vom Buͤgel ſich befreit, Da ſtuͤrmen ſchon mit wildem Toben, Vom breiten Schild gedeckt, die Kolben hoch erhoben⸗ Die Bruͤder auf ihn ein, und heiß entbrennt der Streit. Wie raſch und grimmig auch des Helden Schlaͤge blitzen, Wie er mit ſtarkem Arm den feſten Schild auch ſchwingt, Schwer wirds, im Doppelkampf vor Wunden ſich zu ſchuͤtzen, Da ihm bald hier bald dort der Feind entgegendringt. 83. Denn wie in dunkler Felſenhalle, Vom Druck und Schwung beſeelt, die Eiſenhaͤmmer gluͤhn und ſtets mit gleicher Kraft, und ſtets mit gleichem Falle Des Erzes harten Kern zu brechen ſich bemuͤhn; Die Werkſtatt droͤhnt vom dumpfen Schalle, Es ziſcht die rothe Gluth und raſche Funken ſpruͤhn, Und nie ermuͤdet ſcheint ein unſichtbares Leben Die ungeheure Laſt zu ſenken und zu heben: Achter Geſang. 459 84. So ſchwingt das Bruͤderpaar das laſtende Gewicht Der Kolben ſtets zugleich; mit gleicher Kraft erſchuͤttern Sie Schild und Panzer ſtets, und leichte Funken zittern Aus dem getroffnen Stahl, und manche Spange bricht. Doch muthig ſteht der Held den kuͤhnen Daͤnenrittern und ſtoͤßt mit Fauſt und Schild und ringt und haut und ſticht, Bald ſpringt er raſch hervor und ſucht den Feind zu ſchrecken, Bald muß als Schutzwehr ihn das todte Streitroß decken, 85. Doch ploͤtzlich ſtuͤrmt der kuͤhne Held Noch einmal ſeinem Feind mit aller Kraft entgegen Und trifft auf Edelrad mit ſo gewatt'gen Schlaͤgen, Daß krachend und zerſtuͤckt der Schild vom Arm ihm faͤllt. Schon will des Ritters Schwert das Blut des Feindes trinken, Da deckt ihn raſch mit eignem Schild Der Bruder und empfangt, wo er die Bruſt enthuͤllt, Den Streich fuͤr ihn und ſinkt und lächelt noch im Sinken⸗ 32* Caͤcilie. 86. So ſtirbt im holden Lenz, umſpielt vom Purpurſchein, Der Sonne letzter Glanz auf ferner Meereswelle. Kein wilder Sturmwind brauſ't, nur ſaͤuſelnd bebt der Hain, And leiſ' und ruhig rinnt im Roſenlicht die Quelle. Gleich einer Mutter naht die Nacht ſich ſuͤß und mild, Und in der Sonne letzten Strahlen Scheint, wie ſchon leicht umſchwebt vom ſchoͤnen Traumgebild, Mit waͤrmern Farben ſich Gebirg' und Flur zu malen. 87. O kuͤhner Juͤngling, treues Herz, Du magſt wohl ſanft und ſuͤß in deinem Grabe ſchlafen! Die Wunden ſchmerzen nicht, die deinen Buſen trafen, Der Fall des Bruders nur ſchien dir der einz'ge Schmerz. Mag mit der Liebſten nun ſich Edelrad vereinen, Doch wird noch oft mit bitterm Leid, Wenn deinen Staub auch laͤngſt die Winde ſchon zerſtreut, Die ſchöne Hildegard an deinem Huͤgel weinen. Achter Geſang. 461 88. Laut jammert Edelrad und ſinkt Auf ſeinen Bruder hin und haͤlt ihn ſtill umſchlungen. Auch ihn waͤhnt Adalbert vom ſcharfen Schwert durchdrungen Und ſtuͤrzt ſich ins Gewuͤhl, wo neuer Streit ihm winkt. Und als nun jener bald den erſten Schmerz bezwungen Und wild empor zur blut'gen Rache ſpringt, Iſt dieſer von den raſchen Wogen Des wandelbaren Kampfs ſchon weit hinweggezogen, 89. Indeß nun hier von Adalbert gedeckt Der Deutſchen tapfre Schaar den Heidenſchwarm zerſtreute, Ward auf des Kampfes andrer Seite Das Saͤchſiſche Panier nicht minder hart bedraͤngt. Dort folgte Skiold ergrimmt dem flieh'nden Chriſtenheere, Und Torkill hauſ'te dort mit Biorn im Schwerterklang, Und maͤchtig ſchleuderten mit rauhem Schlachtgeſang Des Eismeers wildes Volk u. Grombar's Schaar die Speere. Caͤcilie. 90. Doch wilder tobte noch im dichten Drang der Schlacht, Von Panzerroſſen fortgetragen, Im ſchwarzen Waffenſchmuck, auf eh'rnem Sichelwagen, Thorilde dort, ein Zorngewoͤlk der Nacht. Laut raſſelten von rothem Blute ſchimmernd Die Raͤder durchs Gefild, zerſchneidend u. zertrummernd, Und zuͤrnend flog durch Wehgeſchrei und Mord Mit tauber Bruſt die raſche Jungfrau fort. 91. So ſturzte praſſelnd einſt ſich von des Brockens Gipfel Der alte Felſenkranz ins tiefe Thal hinab; Zerſchmettert brachen rings des Waldes hohe Wipfel, Die Quelle ward zum See, die Flur ein weites Grab. Die Klippen rollten fort, von Schutt und Staub begleitet, Hoch ſiedeten die Waſſer auf, vom Fall Des Urgeſteins erdruͤckt, und wild lag uͤberall Zerriſſener Granit und Graus und Tod verbreitet. Achter Geſang. 463 92. und wie der Hagelſturm auf blut'gen Wolken faͤhrt Und raſch und dicht auf Felder und auf Auen Mit rauhem Schall den vollen Köͤcher leert; Es ſinkt die Saat; der Hirt erblickt's mit Grauen und flieht ins Thal; doch raſch befluͤgelt ſtuͤrmt Das Wetter nach; kein Baum, kein Dickicht ſchirmt Vor ſeinem Zorn; es ſinkt die zarte Heerde, Vom kalten Wurf verletzt, es ſinkt der Hirt zur Erde: 93. So laͤßt die Zauberin aus unerſchrockner Hand Vom Wagen hoch herab die ſcharfen Pfeile ſchwirren, Stets wachſam iſt ihr Aug', ihr Bogen ſtets geſpannt, Nie ſieht man ihr Geſchoß vom Ziele ſich verirren. Mit eh'rnem Klange toͤnt ums eiſerne Gewand Der Koͤcher her, die blanken Pfeile klirren, Die Senne rauſcht, der ſtarke Bogen gellt, Befiedert flieht das Erz, und blutend ſinkt ein Held. 464 Caäaͤcilie. 94. Wohl konnte weder Stahl noch Eiſen Dem toͤdtlichen Geſchoß der Kuͤhnen widerſtehn. Vernichtung herrſchte rings in ihren Zauberkreiſen, Und was ihr Aug' erſah, das war zum Tod' erſehn. Schon lag Lothar, der Fuͤrſt der Franken, Den Pfeil in wunder Bruſt; aus Erwins Seite floß Des Blutes reicher Strom, und Wolf und Siegmar ſanken, Durch Helm und Panzerkleid getroffen vom Geſchoß. 95. Und gegen Eccard laͤßt ſie jetzt den Bogen toͤnen; Und durchs Viſier tief in den Schlund hinein Senkt toͤdtlich ſich der Pfeil. Er fallt, und mit den Zaͤhnen Zerknirſcht er ſterbend noch den Boden ſeiner Pein. Raſch naht ſich Heribert, den Freund empor zu heben, Doch kaum noch hat ſein Arm den Sinkenden umfaßt, Durchbohrt auch ihn das Erz, und mit der theuren Laſt Entſinkt er und verhaucht an Freundesbruſt das Leben. Achter Geſang. 465 96. Ergrimmt ſieht Eginhard, ein tapfrer Kriegesheld, Die Seinen fliehn. O Schmach dem deutſchen Lande, So ruft er zuͤrnend aus, o Tag der ew'gen Schande, Uns jagt ein Weib, ein Weib gewinnt das Feld! Und hat mit ihr auch ſelbſt die Hoͤlle ſich verbuͤndet, Viel lieber ſterb' ich hier, als daß am Donauſtrand Der Ruf dem Enkel einſt in Sag' und Sang verkuͤndet: Die deutſchen Ritter flohn vor eines Weibes Hand. 97⸗ Er ſpricht's und ſchleudert raſch entſchloſſen Den Schild hinweg, und zur verwegnen That Bewehrt er jede Hand mit toͤdtlichen Geſchoſſen Und ſtellt mit kuͤhnem Sinn ſich harrend auf den Pfad, Wo donnernd mit den wilden Roſſen, Vom ſcharfen Erz umſtarrt, der raſche Wagen naht. Ihn kann der Leichen Zahl, die ſeine Spur bedecken, Der Sicheln blut'ger Glanz, der Roſſe Zorn nicht ſchrecken. Caäaͤcilie. 98. Schon iſt Thorilde nah, ſchon braust Das wuͤthende Geſpann und hebt den Huf zum Streite; Da ſinkt er raſch auf's Knie und ſtoͤßt mit ſtarker Fauſt Tief in der Roſſe Bruſt und Seite Den ſcharfgeſchliffnen Speer. Sie wiehern laut und ſpruͤhn Und hau'n und baͤumen ſich, er ſinkt, und uͤber ihn Rollt noch das Rad hinweg; doch mit dem Sturz der Pferde Schlaͤgt raſſelnd und zerſtuͤckt der Wagen auch zur Erde, 99 Thorilde faͤllt, und tauſend Krieger nahn Mit hochgeſchwungnem Stahl. Tief hat beim Sturz das Eiſen Der Sicheln ſie verletzt, doch blitzt in raſchen Kreiſen Ihr langes Schwert umher und haut ſich eine Bahn. Wild ſtuͤrmt auch Skiold hinzu; er bricht der Feinde Glieder Und hebt mit ſtarkem Arm die kuͤhne Braut auf's Roß Und traͤgt ſie fern hinweg, wohin ſich kein Geſchoß Kein Schleuderſtein verirrt und laͤßt in's Gras ſie nieder. Achter Geſang. 467 100. Sie kehrt zur Stadt zuruͤck und er zur blut'gen Schlacht, Noch wilder als zuvor von Rach' und Zorn getrieben. Schon neigt ſich Guͤnthers Haupt von ſeinen maͤcht'gen Hieben, Durchbohrt ſinkt Degenhardt, und Hugo's Schild zerkracht. Auch Almerich von Bern, der Fuͤrſt der Schweizerſchaaren, Stuͤrzt raſſelnd in ſein Blut; in Ottfried's Nacken fliegt Der raſche Speer, und Horſt, in jedem Kampf erfahren, Erkennt den Meiſter hier, der ſeine Kunſt beſiegt. 101. Da naht ſich Wilibald, der in der Pfalz am Rheine An eines Rebenhuͤgels Hang Sein ſchoͤnes Schloß gebaut, wo nie nach edlem Weine Die Becher duͤrſteten, und nie vom Saitenklang Die luſt'ge Halle ſchwieg. Von Minne ſanft erzogen, Von holder Kunſt erfreut, vom Gluͤck gekroͤnt, entfloß Sein Leben wie ein Duft, und Frau'n und Saͤnger zogen und muntre Ritter gern in's gaſtlich offne Schloß⸗ Caäaͤcilie. 102. Doch konnte nie die Ruh zur Feigheit ihn gewoͤhnen; Nicht war des Krieges Brauch und Kunſt ihm unbekannt; Nur ſucht' er ſtets das Graun durch Anmuth zu verſchoͤnen, War kuͤhn und mild zugleich, und kraͤftig und gewandt. So kuͤnſtlich wußte nie ein Held das Schwert zu fuͤhren, So leicht und edel nie des Roſſes muntern Tanz, So ſinnreich keiner je mit buntem Farbenglanz Und deutungsvoller Schrift die Waffen auszuzieren. 103. Wie durch der Naͤchte wuͤſtes Graun Ein leuchtend Wurmchen fliegt mit gruͤnlich hellem Feuer, So ließ der zarte Held im wilden Kampf ſich ſchaun. Ein Kranz umwand den Helm, und eine goldne Leier Erglaͤnzt' am blanken Schild. Er ſchien im Schlachtgewuͤhl Nach holder Frauen Gunſt und Laͤcheln nur zu jagen; Wohl war's, als braucht' er ſtets die Waffen nur zum Spiel, Und doch lag rings um ihn viel Daͤnenpolk erſchlagen, g Achter Geſang. 469 104. Doch ach, nichts half ihm jetzt der Muſen ſuͤße Gunſt, Des Roſſes leichter Sprung, der Waffen heitre Schoͤne; Er pruͤft an Skiold umſonſt der Klinge Kraft und Kunſt, Ihn trifft mit ſcharfer Art tief in die Bruſt der Daͤne, Und roͤchelnd ſinkt er hin. So faͤllt ein Voͤgelein, Das frei, mit farbigem Gefieder,— Durch gruͤne Wipfel flog, und hell im duft'gen Hain Viel ſuͤße Weiſen ſang, vom Pfeil getroffen, nieder. 105. O zarte Emma, holde Braut, Wie manche Thraͤne wird von deiner Wange beben! Der ſuͤße Mund verſtummt, es ſchweigt der Harfenlaut, Kein Lied wird ferner dich in ſtiller Nacht umſchweben! Wie wird ſo leer der helle Saal, Wie einſam wird die Burg, die Rebenlaube ſcheinen! Wie wird der Saͤnger edle Zahl Noch lang mit truͤbem Blick den holden Freund beweinen! Caͤcilie. 106, So ſankſt auch du juͤngſt in der heil'gen Schlacht, O Theodor, du Zweig aus Deutſchlands Siegeskrone! An edler Kuͤhnheit reich und reich an Liedesmacht, Nahmſt du fuͤr Lieb' und Luſt den ſchoͤnen Tod zum Lohne. Was weinſt du, Vaterland, dem tapfern Heldenſohne? Er ſchlummert ſanft und kuͤhl in gruͤner Eichen Nacht; Er ſchlummert nur; auch in den fernſten Jahren Wird Schwert und Leier ſtets ſein Leben uns bewahren. 107⸗ O waͤr' auch mir, als ich den blut'gen Pfad Des Krieges gieng, ein gleiches Loos gefallen! Frei koͤnnt' ich dann mit dir in deinem Himmel wallen, Du heil'ges Bild, das jetzt im Liede nur mir naht. Jetzt laß' ich Klagen nur beim Siegesfeſte ſchallen, Die thatenreiche Zeit gewaͤhrt mir keine That. Ich muß vom Ruhme fern, verwaiſ't an Lieb' und Freuden, An Traum nur und Geſang die duͤſtre Seele weiden. Achter Geſang. 471 108. Indeß nun hier vor Skiolds gewalt'gem Stahl Der Deutſchen Bluͤthe ſank, war auf dem andern Fluͤgel DerSieg den Chriſten hold. Schon brach auf wald'gem Huͤgel Der Juͤten Kraft, und zagend flohn im Thal Die Daͤnen hier und dort. Doch wie ein Loͤw' im Grimme Die Heerde bruͤllend jagt und, was er faßt, verzehrt, So folgte Folko's Sohn und traf mit ſcharfem Schwert Die letzten Krieger ſtets und rief mit lauter Stimme: 109. Mirr nach, mir nach, du tapfre Schaar des Herrn! Seyd unverzagt und laßt das Schwert nicht ſinken! Schon laͤchelt uns des Sieges heller Stern, Bald wird ſein goldner Glanz von Lethra's Thuͤrmen blinken. Mir nachl Fuͤr uns noch weilt das Licht im raſchen Lauf Und laͤßt im heil'gen Glanz die Kreuzesfahne wallen; Wer fuͤr den Himmel ſicht, dem zieht der Herr vorauf, und ſelig ruht, wer fuͤr den Herrn gefallen! 110. So treibt er ſeine Schaar und trifft mit ſtarker Hand Auf Sueno jetzt und wirft ihn todt zur Erde, Dann ſinken Thorismund und Holm und Skioldebrand, Und Jring zuckt und aͤchzt, erdruͤckt vom todten Pferde. Auch Gualto, der ihm kuͤhn das Antlitz zugewandt, Empfaͤngt den Stahl und ſtuͤrzt mit trotziger Geberde Noch drohend in ſein Blut. Mit bleichem Angeſicht Flieht Bielk umſonſt und Regners Panzer bricht. 111 Da wandte Thorald ſſch, der an des Glommen Strande Die Heerden weidete, und reich an Gold und Gut Den Wanderer aus fernem Lande Gaſtfreundlich ſtets zum Mahl in ſeine Hallen lud. Ach, jetzt iſt keiner nah, die Schuld ihm abzutragen; Getroffen ſinkt er hin und haucht ſein Leben aus. Doch wird zum Sohn noch oft der mude Vater ſagen: Sieh, dort am Huͤgel ſtand des guten Mannes Haus! 112 Achter Geſang. 473 112. So waltet Adalbert auf blutigem Gefilde, und ſiegend folgt ſein Heer, entflammt zu gleicher Wuth. Erſchlagen liegen rings geſpaltne Helm' und Schilde Und Pfeil' und Lanzen rings und Schwerter, roth vom Blut. Dort ſchleift ein wuͤthend Roß den Herrn durch Staub und Leichen, Ein andres waͤlzt ſich dort im letzten Todeskrampf, Den ſtreckt der Hufſchlag hin, der muß im Sturz erbleichen, Der faͤllt im Fliehn und der im feſten Kampf. 113. Der Fuͤrſt von Helgoland, erſchoͤpft von mancher Wunde, Die Archimbald ihm ſchlug, ertraͤgt den Streit nicht mehr. Er ſpornete ſein Roß und eilt auf blut'gem Grunde Das Thal entlang und blickt nach Sfiold umher. Und wo am dichteſten des Staubes Wolken ziehen, Vo graͤßlicher das Schlachtgetoͤſ' erſchallt, Wo in getrennten Reihn die deutſchen Banner fliehen, Da ſucht und trifft ſein Blick den kuͤhnen Helden bald. I, Theil. 33 474 Caͤcilie. 114. Er ſprengt hinan zu ihm und ſpricht die fluͤcht'gen Worte: Was weilſt du hier, o Held, und treibſt die ſchwache Schaar? Jetzt pruͤfe deinen Arm an einem wuͤrd'gern Orte, Wo grimme Noth uns draͤngt und raſende Gefahr. Hier ſinkt die That hinab zu Helas dunkler Pforte, Dort beut ihr Skulda's Hand die ew'ge Krone dar. Des Heeres Kern erliegt, die Helden ſind erſchlagen, Und Alles iſt dahin, wenn wir nicht Alles wagen. 115. Er ſpricht's, und Skiold erſeufzt, als er dies Wort vernimmt; Er ſchlaͤgt mit eh'rner Fauſt ſich vor die Stirn, es raſſeln Die Waffen um ihn her, ſein Auge ſchaut ergrimmt Zum Himmel auf. Und wie mit wildem Praſſeln Durch Aſch' und Schutt die gluͤhnde Lohe faͤhrt, So ſprengt er uͤber Blut und Truͤmmer Durchs Schlachtgefild hinweg, und ſchmerzliches Gewimmer Umtoͤnt des Roſſes Huf, und blutig blitzt ſein Schwert. Achter Geſang. 475 116. Erſchlagne zeichnen rings die Bahn des ſtarken Helden Und Wehaeſchrei und aͤngſtliches Gewuͤhl Scheint ihn von ferne ſchon dem Ritter anzumelden, Dem an des Sieges nahem Ziel Der ſchwerſte Kampf noch droht. Nicht ſucht er auszuweichen, Nicht ſaͤumt er lang. Sobald ſein Aug' ihn ſieht, So ſtachelt er ſein Roß, den Gegner zu erreichen, Und draͤngt ſich durch die Schaar, die bang vor Jenem flieht. 117. Schon nahn ſie ſich, ſchon treffen ſie zuſammen, Schon iſt der Speer zerſprengt, die Klinge ſchon gezuͤckt. Man ſieht nicht Schwerter, ſondern Flammen; Laut ſchallen Hieb und Stoß, die keiner doch erblickt. Gleich Funken ſcheint der Zorn aus ihrem Blick zu ſpruͤhen, Die Zaͤhne knirſchen laut, aus ihrem Munde weht Des Haſſes wilder Hauch, die dunkeln Wangen gluͤhen, Indeß im Kreiſe ſtets ihr blankes Schwert ſich dreht. 33* Caäaͤcilie. 118. Es ſcheinen Beide ſich an Kraft und Muth zu gleichen, Ihr Aug', ihr Schwert, ihr Schild iſt uͤberall. Nicht kuͤnſtlich fechten ſie mit ſchlauverhehlten Streichen, Mit truͤgeriſchem Drohn und raſchem Ueberfall. Die Schlaͤge, die ſie thun, nicht jene, die ſie leiden, Sind ihrer Sorge Ziel; wohl ſind ſie ſtets zum Streit, Doch ſelten nur zum Schutz, zum Weichen nie bereit, Hier ſoll Gewandtheit nicht, die Kraft nur ſoll entſcheiden. 119. Valb brauchen ſie das Schwert und bald den Schild zum Stoß, Und bald die ehrne Fauſt. Sie draͤngen, hau'n und ringen; Jetzt giebt der Eine ſich, der Andre jetzt ſich blos, Was dieſem kaum mißlang, das ſieht man dem gelingen. Jetzt trifft der deutſche Held; der Daͤne weicht und bebt, Doch ſchnell ermannt er ſich u. beugt mit maͤcht'gem Schlage Den Deutſchen tief auf's Roß; und auf und nieder ſchwebt Mit gleichem Schwunge ſtets des Sieges blut'ge Wage. Achter Geſang. 477 120. Nicht laſſen Staͤrk' und Muth im langen Streite nach, Und ſtets erfriſcht der Zorn die kampfesmuͤden Glieder. Am harten Schlage raͤcht ſich ſtets ein haͤrtrer Schlag, Je mehr ein Arm ſich bog, je ſichrer trifft er wieder. So ſtuͤrzt im Luſtgeheg ein Bach Von ſchroffen Klippenreihn ins Marmorbecken nieder: Doch ſteigt viel hoͤher gleich von neuem aus dem Thal⸗ Durch Kunſt emporgedraͤngt, der breite Waſſerſtrahl. 121. Auch in den Roſſen ſcheint der Herrſcher Zorn zu toben; Sie haun und beißen ſich mit wildergrimmtem Blick; Jetzt baͤumen ſie ſich auf, und treiben hoch erhoben Mit ſcharfem Vorderhuf den nahen Feind zuruͤck, Jetzt ſinken ſie hinab. Bald ſtemmt ſich Huͤft' an Huͤfte, Bald Stirn an Stirn; es ſchaͤumt die Lippe, trotzig ſtampft Ihr Fuß, die Maͤhne ſtarrt, die Nuͤſter ſchnaubt und dampft, Und hell und zuͤrnend ſchallt ihr Wiehern durch die Luͤfte. Caͤcilie. 122. Vom rauhen Waffenklang ertoͤnt das Feld umher, Es bebt und aͤchzt der Grund, den Roß und Reiter druͤcken, Dicht ſteigt und waͤlzt der Staub ſich wie ein graues Meer Und wehrt den Streitern faſt, in's Auge ſich zu blicken. Rings tobt die wuͤſte Schlacht, und mancher ſcharfe Speer Und mancher raſche Pfeil, den Freund' und Feinde ſchicken, Streift Helm und Schild mit Macht. Sie kaͤmpfen ungeſtoͤrt, Ein Blut, ein Sieg nur iſt's, den Jedes Zorn begehrt. 123. Schon mancher Splitter war vom Schild u. Helm gefallen, Schon manche Spange brach am eiſernen Gewand, Nur ſpaͤrlich ſah man noch den hohen Helmbuſch wallen, Und doch benetzte noch kein Troͤpfchen Bluts den Sand. Da ſoll der erſte Schlag dem wilden Skiold gelingen; Er ſchwingt mit wuͤth'ger Kraft das Schwert, es ſaust und faͤllt. Der Deutſche wankt, des Schildes Baͤnder ſpringen, Der Schild entſinkt, und ſchutzlos iſt der Held. Achter Geſang. 124. Im Drange der Gefahr ergreift mit beiden Haͤnden Der Ritter jetzt ſein Schwert; er hebt's und betet laut: Cäͤcilie, du meine heilege Braut, Du kannſt allein mit Gott mir Huͤlfe ſenden In dieſer grimmen Noth! Er ruft's, und wie der Strahl Vom Himmel niederfaͤhrt, ſo ſenkt die ſcharfe Schneide Sich auf des Daͤnen Bruſt, ihr wehren Erz und Stahl Umſonſt den blut'gen Pfad, und taumelnd ſchwankt der Heide, 125. Da ſtuͤrzen ſich mit grimmigem Geſchrei, Zu dichten Reihn geſchaart, gleich wilden Meereswogen, Zu ihres Fuͤhrers Schutz die Daͤnen rings herbei. Schon iſt der Held geſtuͤtzt, ſein Roß ſchon fortgezogen umſonſt draͤngt Adalbert ſich durch's Gewuͤhl der Schlacht, Stets wirft ein neuer Schwarm ſich ſeinem Schwert entgegen⸗ Geborgen iſt der Feind, ſchon wird auf ſichern Wegen Der ſchweryerletzte Held zur nahen Stadt gebracht. Caͤcilie. 126. Als ſo dem Ritter nun ſein blut'ger Raub entgangen, Da ſtillt er ſeinen Zorn im dichteſten Gewuͤhl. G Wohl Hundert muͤſſen jetzt von ihm den Tod empfangen Fuͤr Eines Schuld, ſein Schwert wird nimmer kuhl. Rings ſpritzt das Blut empor u. netzt ihm Bruſt u. Wangen, Und nie verfehlt ſein Schwert das auserkohrne Ziel. Sie ſterben gern, da ſie den Herrn gerettet, Und liegen trotzig rings auf blut'gem Schild gebettet. 127. Jetzt haͤlt kein Widerſtand die deutſchen Krieger mehr, Und ſiegreich weht auf jeder Seite Das chriſtliche Panier. Der Daͤnen muͤdes Heer Zieht langſam ſich zur Stadt, doch kehrt es ſtets dem Streite Sein kuͤhnes Antlitz zu. Gewaltig draͤngt der Held Die Feinde rings. Sie fliehn, doch ohne zu verzagen, Und auch im deutſchen Heere faͤllt Noch mancher tapfre Mann, vom Daͤnenſchwert erſchlagen. Achter Geſang. 481 128. Schon ſank die wolkenſchwere Nacht, Und ſtill und dunkel ward's und einſam auf den Auen. Nur einzeln ſchallte noch der wuͤſte Laͤrm der Schlacht, Bald ſchwieg er ganz. Und durch der Daͤmmrung Grauen Stahl fern und nah ſich Klag' und banges Flehn, Gebet und Fluch und Roͤcheln und Geſtoͤhn; Doch ſchwebte nach und nach mit linderndem Gefieder Der heißerſehnte Tod auf's ſtarre Schlachtfeld nieder. 1 29. Durch Wolken wandelte der Mond mit ſcheuem Licht Hoch uͤber Berg und Thal und blutbefleckte Haiden. In ſeinem Strahle ſchien das bleiche Angeſicht Der todten Kriegerſchaar noch bleicher ſich zu kleiden. Gar ſchaurig war die Nacht; mit kuͤhlem Wehn erhob Vom nahen Walde ſich ein unſichtbares Leben. Und in dem blaſſen Duft, der um die Flur ſich wob⸗ Schien fluͤſternd, leiſ und leicht ein Geiſtertanz zu ſchweben. 482 Caͤcilie. Achter Geſang. 130. Da neigte Folko's Sohn auf blut'gem Waffenfeld Sich in den Staub vor Gott, und alle Krieger ſanken Auf ihre Knie, dem großen Herrn zu danken, Der Sieg und Tod in ſtarken Haͤnden haͤlt. Andaͤcht'ges Schweigen war durchs ganze Heer ergoſſen; Die glaͤub'gen Blicke ſahn zum Himmel ſtill empor, Gebete drangen heiß aus jeder Bruſt hervor, Und Seufzer hoben ſich, und fromme Thraͤnen ſloſſen. 131. Dann zog mit Siegesſchall das tapfre Heer zuruͤck. Wohl viele ſahn im Kampf den Sohn, den Vater fallen, Den treuen Freund, doch ſchlug das Herz in Allen Gar freudig und getroſt, wenn auch in manchem Blick Ein ſtilles Thraͤnlein ſchwamm. Und in den ſichern Zelten, Zu denen rings die Schaar der Krieger ſich zerſtreut, Sank bald der Schlaf hinab, des Tages Muͤh' und Leid Mit ſuͤßen Traͤumen zu vergelten. Anmerkungen. Stanze 33.— So ſchwieg der alte Held.— Dieſes Bild iſt aus einer Situation im Titus Andro⸗ nikus Act. III. Sc. 1. genommen, einem Stuͤcke, das nach verſchiedenen Urtheilen dem Shakeſpear bald ah⸗ bald zugeſprochen wird, worin ich aber faſt nur dieſe einzige Scene ſeiner wuͤrdig nennen moͤchte. Stanze 73.——— wenn laut mit Donnerklang In Hekla's tiefem Schlund der 3 Holle Riegel ſprang. Nach den Verſicherungen mehrerer Nordiſchen Ge⸗ lehrten und Reiſebeſchreiber hielten ſowohl die Heiden, 484 Anmerkungen als auch die ſpaͤtern Chriſten den Schl und des Hekla fuͤr den Strafort der Verdammten. Die hierauf ſich beziehenden Stellen findet man beim Bartholin L. C. II. cap. 6. geſammelt. Stanze 76.— Seitmanchem Jahr ſchon war⸗ ben Beid um Hildegard, das ſchoͤne Rieſenkind. Unter der Benennung der Rieſen dachte man ſich nicht immer Weſen von ubernaturlicher Groͤße, ſon⸗ dern auch ſehr weiſe und durch Zauberkunſt maͤchtige Menſchen. Saxo Grammatieus, und nach ihm Olaus magn. de Rit. gent. Systemt. L. V. 1. nehmen drei auf einander folgende Rieſengeſchl mhter an; das aͤlteſte, das ſich blos durch ungeheure Korpergroͤße aus⸗ zeichnete, das zweite, das mir groͤßerm und ſtaͤrkerm Koͤrperbau auch eine tiefe magiſche Weisheit verband, und das juͤngſte, welches ſich blos durch ſeine Zauber⸗ kunſt von den uͤbrigen Menſchen unterſchied. Stanze 79.——— Was frommt's, daß man zu Hauſe—— „Glauko's, warum doch ehrte man uns vor Anderen immer Hoch an Sitz, an Fleiſche des Mahls und gefuͤlleten „ Bechern— Darum ziemet uns jetzt mit Lykier⸗Helden des Vor⸗ kampfs Da zu ſtehn und hinein in ne brennende Schlacht uns zu ſtuͤrzen, zu Caͤcilie, VIII. Geſang. 485 Daß man alſo im Volk der gepanzerten Lykier ſage: Nicht fuͤrwahr unruͤhmlich beherrſchen ſie Lykig's Soͤhne.« Homers Ilias XII. 310. ——— auf ehrnem Sichelwagen.— Auch bei den Nordiſchen Voͤlkern waren die Sichelwagen im Kriege gebraͤuchlich. Olaus magn. L. IX. c. 2—3. redet von zwei verſchiedenen Arten derſelben. Die erſtere gebrauchte man bei Belagerungen, indem man ſie, mit Steinen gefuͤllt, von Anhoͤhen gegen die andringenden Feinde herunterrollen ließ; die andern wurden in offener Schlacht von den kuͤhnſten Kriegern geleitet. Stanze 91.— So ſtuͤrzte praſſelnd einſt ſich von des Brockens Gipfel.— Sowohl der Au⸗ genſchein als auch die Meynung mehrerer Naturfor⸗ ſcher ſpricht dafuͤr, daß der Gipfel des Brockens ſonſt aus einer hohen Felſenkuppe beſtand, die ſpaͤter bei einer Naturrevolution hinabſtuͤrzte. Stanze 108.———— doch wie ein Loͤw' im Grimme—— „Stets noch durch das Gefild entflohen ſie, ſcheu wie die Rinder, Welche der Loͤwe verſcheucht in daͤmmernder Stunde des Melkens, 1b Allzumal; doch der Eiheh. erſcheint jetzt grauſes Ver⸗ dderben— Alſo verfolgte ſie Atrens gewaltiger Sohn, Agamemnon, Immerdar hinſtreckend den Aeußerſten.— 1. Ilias XI. 172. 486 Anmerk. zu Caͤcilie, VIII. Geſang. Stanze 111.— Da wandte Thorald ſich—— „Drauf den Arylos erſchlug der Rufer im Streit Diomedes, 3 Theutras Sohn; er wohnt' in der ſchoͤngebauten Arisbe, Reich an Lebensgut; auch war er geliebt von den Mienſchen, Weil er Alle mit Lieb' herbergete, wohnend am Heer⸗ weg. Doch nicht Einer davon entfernt' ihm das grauſe Ver⸗ erben Vor ihn ſelbſt hintretend.“—— Ilias VI. 12, 8 2 ·— — — — — — — —2 ν Neunter Geſang. 1. 8. 4. Indeß vom Himmel nun der dichte Wolkenſlor Ins Thal hernieder haͤngt, und ſtill die Luͤfte thauen, Entriegelt ſich vor mir der Erde Felſenthor Aus ſtillen Kluͤften ſchallt's wie Harfenklang empor, Und kuͤhn bewegt es mich, von neuen Wunderdingen Aus unbekannter Welt ein ſeltſam Lied zu ſingen. I. Theil, 34 Und laͤßt in's alte Reich der ew'gen Nacht mich ſchauen, Tief unten leuchten dort die Bilder zarter Frauen; Caäaͤcilie. 2. Dort, wo im naͤchtlichen Gebiet Das Leben ſich entſpinnt, wo tief in Felſenſpalten Ein koͤſtlich Blumenreich, dem Tage fern, entbluͤht, und fremd und wunderbar die Stoffe ſich geſtalten, Wo auf verborgner Bahn lichtſcheue Stuͤrme walten, Und ſeinen eignen Pfad der raſche Strom nicht ſieht, Dort hielt das Schweſternpaar und ihren Spielgenoſſen Swanwithens Zauberbann gefangen und verſchloſſen, 3. So fluͤchtig ſchwingt ſich kaum das Licht auf zarter Luft Und kaum der Geiſt ſich fort auf Wuͤnſchen und Gedanken, Als Jene tiefer ſtets und tiefer in die Kluft Beſinnungslos hinab durch Nacht und Klippen ſanken, Doch ſiehe, nach und nach begann Ein unſichtbarer Drang, dem Sturz zu widerſtreben; Auf Wellen ſchienen ſie ſanftgleitend hinzuſchweben, Bis unverletzt ihr Fuß den ſichern Grund gewann. Neunter Geſang. 4. Nicht herrſchte hier die Nacht mit formlos todtem Dunkel, Nein, wie das Daͤmmergrau mit Sternen ſich durchwebt,⸗ So war die weite Kluft von irrem Lichtgeſunkel Gar wunderbar durchflimmert und belebt, Und bunt erleuchtete mit tauſend fluͤcht'gen Farben, Die leiſ' und luftig bald in ferner Daͤmmrung ſtarben, Bald hell aufloderten, dem Regenbogen gleich, Ein milder Zauberſchein das ſchwarze Felſenreich. 5. Unendlich dehnten rings die unterird'ſchen Hallen And unerforſcht ſich aus. Dort ſtieg ein Fels empor, Ein andrer drohte dort, ein andrer war gefallen; Der glich dem Saͤulengang und der dem Rieſenthor. Hier haͤufte ſich der Schutt gleich ausgebrannten Schlacken, Dort reifte neugeformt die Erde zum Geſtein, Und Gaͤnge wanden rings ſich in's Gekluͤft hinein, Und Schluͤnde ſenkten ſich bewehrt mit Felſenzacken. 34* Wohl hatte nie dies Grab den Sonnenſtrahl geſehn, und doch ſchien raͤthſelhaft das Leben hier zu hauſen;⸗ Denn nah' und fern erſcholl's wie raſcher Stroͤme Brauſen, Wie fluͤchtig loh'nde Glut und dumpfes Sturmgeſtoͤhn. Auch hallte hier und dort wie von metallnem Klange Das weite Felſenhaus; und durch das Nebelmeer Stahl leiſ' und ſchaurig oft ein fremder Laut ſich her, Gleich ernſtem Zauberſpruch und luft'gem Rundgeſange, 7. Als jen' allmaͤhlig nun vom Taumel aufgewacht, Und zagend ihren Blick erhoben, Da waͤhnt ein Jeder noch, er ruh' in finſtrer Nacht Im ſieberhaften Schlaf, vom grauſen Traum umwoben. Noch einmal ſchließen ſie der Augen truͤbes Licht, Den Schrecken zu entfliehn, die ihrem Blick ſich bieten, Bis endlich hoffnungslos aus dumpfem Geiſtesbruͤten Erinnerung mit grellem Schimmer bricht. Neunter Geſang. 8. Sie weinen nicht; es ſchwellen keine Klagen Ihr mattes Herz. Wie kann die todte Gluth NRoch einmal hell empor in raſchen Flammen ſchlagen? So fehlt auch ihrer Bruſt zum Leide ſelbſt der Muth. Ihr ſtummer Blick durchirrt die ungeheuren Oeden Und haͤngt am Boden bald und bald an ſchroffen Hoͤhn. Kein Auge mag den Freund im gleichen Leide ſehn, Und Jeder zagt, der Andre moͤge reden. 9. Ach, was lebend'ger ſonſt das Herz Im Gluͤck erfreut, was truͤbe Seelen lichtet, Verwandte Luſt und gleicher Schmerz, Das iſt's, was jetzt ſie ganz zerſchmettert und vernichtet. Wie hart ſein Loos auch ſey, wohl truͤg' es Jeder gern, Und moͤchte freudig wohl zum Tode ſich bereiten, Wenn Freund und Schweſter nur von dieſen Kluͤften fern Am heitern Licht des Lebens ſich erfreuten. Caäaͤcilie. 10. Doch als ſie lange nun geharrt in ſtummer Qual, Da hob Caͤcilie zuerſt aus niederm Staube Den Geiſt empor. Stets maͤcht'ger wuchs der Glaube In ihrer Bruſt, ſtets heller ward der Strahl In ihrem frommen Blick. So fliegen Feuerfunken Weit uͤͤber Berg und Thal, vom Sturm herangeweht, Hellleuchtend durch die Nacht. Und auf die Knie geſunken Begann ſie ſo das bruͤnſtige Gebet: 11. Dir trau' ich, Gott! du haſt dich mir verkuͤndet In jeder Noth, und ſtets mein Flehn erfuͤllt; Du biſt auch hier mir nah, wo alles Leben ſchwindet, Du wachſt, wo Alles ſchlaͤft in ew'ge Nacht gehuͤllt. Du hebſt die Hand empor und laͤßt die Stimme ſchallen, und zagend flieht das Meer, die Feſte bebt, es fallen Die Felſen in den Staub; du ſchwebſt auf Fruͤhlingswehn, Und aus dem Grabe muß die junge Welt erſtehn. ———— Neunter Geſang. 1 2. Haſt du mich ſelber nicht zu deinem Werk geſendet, Nicht gnaͤdig mich bewahrt auf grauſer Todesbahn, Nicht Flamm' u. Meereswuth von meinem Haupt gewendet, Nicht maͤchtig mir das Thor des Kerkers aufgethan? Drum zag' ich nimmermehr, bis ich die That vollendet. Der Pfad, den du mich fuͤhrſt, der muß dem Ziele nahn; Und laͤg' ich tiefer noch an diamantnen Ketten, Du biſt mein Schutz, mein Gott, ich weiß, du wirſt mich retten! 13. O ſeyd getroſt, die ihr den dunklen Pfad Zu eurem Mißgeſchick mit mir vereint gegangen! Wohl mag auf kurze Zeit der Stolze ſtehn und prangen, Doch in den Schwachen auch, die er zu Boden trat, Erwacht die Kraft des Herrn! Nicht ziemt uns Klag und Bangen, Denn ſelbſt aus Flammen preiſ't der Fromme Gottes Rath, Und auch die truͤbe Nacht, die ſtumm uns jetzt umbruͤtet, Iſt ſeiner Haͤnde Werk und tagt, wenn er's gebietet. So ruft ſie aus und ſtaͤrkt mit glaͤubigem Vertraun Der Freunde tief betruͤbte Seelen. Ein neuer Muth beginnt, ihr mattes Herz zu ſtaͤhlen, Und wie die Hoffnung naht, entflieht das naͤcht'ge Graun. Ihr Blick ertraͤgt es ſchon, die unterird'ſchen Hoͤhlen, Der Felſen droh'nden Bau, die Tiefen anzuſchaun; Denn wer es kuͤhnlich wagt, ſein Ungluͤck zu ergruͤnden, Dem wird zur Haͤlfte ſchon das dumpfe Zagen ſchwinden. 15. In einen grauſen Schlund verlor Ihr Auge ſich zuerſt. Bald dehnten, bald verengten Die rauhen Waͤnde ſich, bald ſprang der Fels hervor, Bald wich er ſchroff zuruͤck. Die ſtarren Kluͤfte ſenkten Sich ſteiler ſtets hinab, und duͤſtre Klippen draͤngten In graulicher Geſtalt ſtets ferner ſich empor, Und ſchwaͤcher glimmten ſtets die Lichter in den Tiefen, Bis ſie zuletzt verſchwebt in grauer Nacht entſchlieſen. Neunter Geſang. 16. Zum Mittelpunct hinab, wo mit gewalt'gem Zwang Der kraͤftige Magnet das Rund der Erde bindet, Schien unerforſcht und unergruͤndet Der dunkle Schlund geſenkt. Gleich dumpfem Donnerklang, Der ſchwer und muͤhſam ſich durch dichte Wolken windet, Ertoͤnte jeder Stein, der in die Tiefe ſank, Und aus dem Abgrund ſchien ein ſinnetoͤdtend Grauen Hohlaͤugig und verlaryt den Spaͤher anzuſchauen. 17. Erſchrocken mieden ſie den ſteilen Klippenrand Und folgten jetzt dem naͤchſten Gange, Der eng ſich in's Geſtein mit mancher Kruͤmme wand. Oft ſcholl um ihren Fuß das Erz mit hellem Klange; Geſpenſtiſch waltete, gleich daͤmmerndem Geſange, Ein wunderbar Getoͤn durch's wuͤſte Felſenland, Und leuchtend flimmerten mit tauſendfarb'gem Scheine Um ihren dunkeln Pfad viel ſeltne Edelſteine. Caͤcilie. 18. Doch bald begann ein ſchoͤnrer Glanz Den Pfad, der breiter jetzt ſich dehnte, zu erhellen. Die Farben ſpielten rings mit mannigfalt'gen Wellen, Und Licht und Schatten ſchwamm in gaukelhaftem Tanz. Und wie im Abendſchein am himmliſchen Gefilde Das fluͤchtige Gewoͤlk ſich ſcheidet und verwebt, So loͤsten wunderbar, bald nahend bald verſchwebt, Sich aus dem Glanzgeduͤft gar liebliche Gebilde. 19. Bald laͤßt ein ſtiller Teich mit wald'gem Rand ſich ſehn, Wo weiße Schwaͤne ziehn und leichte Nachen ſchwanken: Doch ſieh, die Well' entbluͤht zu dichtverſchlungnen Ranken, Zu Blaͤttern wird der Schaum, die Fluth zu Rebenhoͤhn, Dann dehnt der gruͤne Kreis zu fuͤrſtlichen Gebaͤuden, Zu hohen Tempeln ſich, auf deren glattem Dach Ein luſt'ger Anger glaͤnzt, wo nah' am hellen Bach Gar friedlich Loͤw' und Wolf mit zarten Laͤmmern weiden. Neunter Geſang. 20⸗ Jetzt endigt ſich der Gang in einen weiten Raum, Wo kuͤhn und neu die reichſten Wunder prangen. Wohl waͤhnt der Geiſt ſich hier vom ſchoͤnſten Morgentraum Auf junger Fruͤhlingsau umſaͤuſelt und umfangen. Oft wendet ſich verletzt vom lichten Glanz der Blick Und kehrt verlangend doch von neuem ſtets zuruͤck, Und glaͤubig waͤhnt die fromme Seele, Hier ſey das Paradies, wovon die Schrift erzaͤhle. 21 Die weite Felſenhalle ſchien Dem luft'gen Garten gleich mit zierlich ebnen Gaͤngen, Wo tauſend Blumen rings auf breiten Beeten bluͤhn, und unter dichtem Laub ſich reife Fruͤchte draͤngen, Wo um die gruͤne Nacht ſich Laubengitter ziehn Und Reben tief ins Gras wie bunte Schleier haͤngen, Bald wie ein zart Gewaͤchs der Quell vom Boden ſteigt, Bald durch das weiche Gruͤn gleich irren Ranken ſchleicht⸗ Caͤcilie. 22 Was ſonſt die fluͤcht'ge Zeit, was Land u. Himmel ſcheidet, War freundlich hier in einem Raum geſellt, Und jedes Bild erſchien in dieſer Zauberwelt Aus edlerm Stoff gewebt, in hellern Glanz gekleidet. Denn alles Koͤſtliche, was uns die Tiefe beut, Was oft mit Muͤh' und Tod des Menſchen Gier vergolten, Das hatte wandelbar, wie Laun' und Luſt es wollten, Die traͤumeriſche Kunſt leichtſpielend hier verſtreut. 23. Hier woͤlbten aus Beryll ſich dichtverſchlungne Lauben, Und Roſen bluͤhten dort aus leuchtendem Rubin; Topas und Amethiſt, vereint zu vollen Trauben, Verbargen halbenthuͤllt ſich im ſmaragdnen Gruͤn. Oft ſchien das Koͤſtlichſte dem Blicke ſich zu rauben, Das Reizendſte verſchaͤmt im Dunkel oft zu bluͤhn, Und in dem Blumenkelch, der kaum ſich halb entfaltet, Lag oft der Diamant, zum Troͤpfchen Thau's geſtaltet, Neunter Geſang. 501 24. Ein breiter Bach mit tauſendfarb'gem Rand Goß klar und tief, mit lieblich leſſem Wallen, Sich durch ein Bett von leuchtenden Kriſtallen, Vom Gruͤn umrankt, beſtreut mit goldnem Sand, Und unten daͤmmerte zu wunderbaren Hallen Verſchlungen und verwirrt ein neues Zauberland, Worin das Koͤſtlichſte, was je die Tiefe hegte, Im leichten Glanz der Fluth ſich ſpielend hob und regte. 25. Von unſichtbarer Kraft beſchwingt Begann das Waſſer oft zur Luft empor zu ſchwellen, Und bunt zerrannen dann die Bilder in den Wellen, Wie ſich der raſche Tanz durch tauſend Pfade ſchlingt; Doch oben ſchimmerte mit ſeinen Silberzweigen Der ſtrahlenreiche Quell von farb'gem Licht umwallt Und ſchuf mit fluͤcht'ger Kunſt im Sinken und im Steigen Manch ſchnell verrauſchend Bild und manche Glanzgeſtalt, Caͤcilie. 26. Fetzt glich er hochgeſchwellt dem blaͤtterreichen Baume, Der reich begabt mit bunten Fruͤchten prangt, Jetzt woͤlbt er traulich ſich zum engen Huͤttenraume, Um den mit gruͤnem Netz der irre Wein ſich rankt, Jetzt dehnt er ſich zu dichten Laubengaͤngen, Zu Grotten jetzt ſich aus, vor deren hohem Thor, Gleich leichtbewegtem Silberflor, Mit rieſelndem Geraͤuſch die feuchten Schleier haͤngen. 27*„ Geſchwaͤtzig floß er dann im ufer wieder fort, 1 Durch Wieſen bald und bald durch lichte Haine, Und uͤppig rankten ſich um ſeinen hellen Bord Zu irren Lauben oft die bluͤhenden Geſteine; und freundlich zitterte das holde Schattenbild Und ſchien in tiefer Fluth viel irrer noch zu ſchweben, Und von der Welle zart umhuͤllt Verklaͤrte ſich der Stein zum warmen Bluͤthenleben. Neunter Geſang. 503 28. Kein Strahl erleuchtete das ſtille Felſenhaus; Vielfarbig breiteten verwobne Feu erduͤfte Von unterird'ſcher Gluth ſich an der Woͤlbung aus Und wallten auf und ab, wie leicht beweate Luͤfte. Auch glich die Helle hier dem ird'ſchen Tage nicht; Nein, wie mit wechſelndem Geflimmer Die Steine leuchteten, ſo zitterte der Schimmer Bald gruͤn, und roͤthlich bald, und bald mit goldnem Licht. 29. Es lag die ſchoͤne Flur gehuͤllt in todtes Schweigen, Kein bunter Schmetterling, kein Bienlein ließ ſich ſehn, Kein Vogel ſchaukelte ſich ſingend auf den Zweigen, Nie regte ſich das Gruͤn mit ſaͤuſelndem Getoͤn; Kein Wipfel wollte ſich vertraulich niederneigen, Kein Blatt bewegte ſich von leiſer Luͤfte Wehn, Und alles ſchien in dieſen Zauberraͤumen Die Wunder, die man ſah, dem Blick nur vorzutraͤumen. Der Quell allein, der glatt voruͤberwallt, Ließ rieſelnd durch die Luft ſein helles Silber klingen; Bald glich es holdem Spiel und ſtillen Klagen bald, Zu lachen ſchien es bald, und lieblich bald zu ſingen. So ſchluͤpfte lind und leicht mit wandelbaren Schwingen, Jetzt lauter ſchwellend, jetzt verhallt, Der fluͤcht'ge Wohllaut hin, und leiſ' und ſchmeichelnd riefen Den Klaͤngen in der Luft die Klaͤng' aus klaren Tiefen. 31. Erſtaunt durchwandelten den holden Zauberhain Mit ihrem Freund die zarten Frauen; Da ließ auf gruͤner Flur ſich eine Halle ſchauen Aus klingendem Metall und leuchtendem Geſtein. Sie hemmen ihren Schritt, dann nahn ſie und vertrauen Auf Gottes Schutz und wagen ſich hinein. Doch als ſie jetzt den ſcheuen Blick erheben, Durchzittert ſie ein baͤnglich ſuͤßes Beben. 32. Neunter Geſang. 50⁵ 3². Dort ſaß im koͤſtlichen Gewand Ein Zwerglein feierlich auf reich geziertem Throne. Sein Haͤuptlein war geſchmuͤckt mit einer goldnen Krone, Und einen Scepter trug's gebietend in der Hand. Es blickte ſtill und ernſt, doch war von holder Milde Ein ſanfter Schein um ſein Geſicht verſtreut, Und ſeltſam zeigten ſich im zierlichen Gebilde Bedaͤcht'ge Kraft und kuͤhne Herrlichkeit. 33. Seyd mir gegruͤßt in meinen ſtillen Hallen! Begann der Zwerg; ihr duͤrft getroſt mir nahn. Laßt's ohne Zagen euch in meinem Reich gefallen, Auch ich bin Gottes Werk und wandl' auf ſeiner Bahn. Schon laͤngſt war eure Noth vom Geiſt mir angedeutet, Drum hab' ich ſelbſt auf grauſer Niederfahrt Vor grimmig jaͤhem Tod euch zauberiſch bewahrt Und euch auf dunkelm Pfad zu meinem Thron geleitet. I. Theil. 35 Caͤcilie. 34. Erhebt den Geiſt und traut auf Gott den Herrn! Nicht ewig haͤlt euch dieſe Kluft gefangen. Wohl mag auf kurze Zeit im Sieg die Hoͤlle prangen; Doch bleibt der frechen That die Rache nimmer fern. Leicht koͤnnt' ich dieſen Fels mit meinem Stab zerſchlagen, Mit einem Worte leicht euch aus der Gruft befrein: Doch wuͤrde dann nur neue Noth euch draͤun, Und nur wenn Gott gebeut, darf euch die Rettung tagen, 35. Doch ſollen euch indeß, ſo lang ihr bei mir ſaͤumt, In grauſer Einſamkeit die Stunden nicht entgleiten. Ich ſelber will euch jetzt durch dieſe Kluͤfte leiten, Wo ſtill und unbelauſcht des Lebens Wurzel keimt, Und will mit hellem Wort euch alle Raͤthſel deuten, Wovon die Weiſeſten ſo manchen Traum getraͤumt. Wonach im eiteln Wahn umſonſt die Stolzen ringen, Das ſoll auf leichtem Pfad der Demuth jetzt gelingen. ——— Neunter Geſang. 36. Wie in der rothen Gluth der Salamander wohnt, Wie wandelbar in grauen Nebelhallen 1 Auf donnerndem Gewoͤlk der Geiſt der Lufte thront, Und ſtill die Nixe webt in fluͤſſigen Kriſtallen: So hat auch hier der Herr der Welt Der Zwerge kuͤnſtlich Volk zu ſeinem Dienſt beſtellt, Und uͤber alle Bergesgeiſter Mich ſeinen treuen Knecht zum Herrn geſetzt und Meiſter. 3 7. Des Erzes reicher Schatz, das koͤſtliche Geſtein, Das tauſendfach verzweigt ſich durch die Erde breitet, Der leuchtende Kriſtall, des Goldes edler Schein, Das Alles wird von uns gewartet und bereitet. Auch foͤrdern wir das traͤge Gluͤck Der frommen Menſchen gern und leiten ohne Schaden Durch wuͤſte Nacht auf unbekannten Pfaden Den laͤngſt verlornen Mann ans helle Licht zuruͤck. 35* 508 Caͤcilie. 38. Denn feindlich hauſen auch in dieſen tiefen Schluͤnden Unholde mancher Art, die Gottes Zorn verbannt. Die ſchweifen ſtill umher, unſel'gen Raub zu finden; Den ſtuͤrzen ſie hinab von ſchroffer Felſenwand, Den toͤdten ſie mit gift'gen Winden, Durch grauſe Larven den, und den durch raſchen Brand. Doch wer nach Gott verlangt u. nicht nach ird'ſchen Schaͤtzen, Den kann der freche Schwarm der Holle nicht verletzen. 39. So ſprach der Zwerg und ſtieg vom Thron herab Und gieng voran, die Wanderer zu leiten. Es oͤffnete der Fels ſich ſeinem Zauberſtab, Und Gaͤnge zeigten ſich vertheilt nach allen Seiten. Hier ſah man ſilberhell und gelblich dort und gruͤn, Und roth und golden dort des Erzes Zweige bluͤhn, und ſattſam ſchimmerte mit ſelbſt erzeugtem Scheine Manch wunderbar Gebild gus koͤſtlichem Geſteine, Neunter Geſang. 5⁰9 4⁰. Wo um den Mittelpunkt der Erdenball ſich dreht, Begann der Zwerg, da ſchwebt, von eigner Kraft gehoben, Dem harten Kerne gleich, von weicher Frucht umwoben, Mit nie erſchoͤpfter Kraft der bindende Magnet. Er kettet maͤchtig alles Leben Am ſichern Boden feſt und haͤlt den Erdengrund, und weil er rund ſich woͤlbt, muß auch gewoͤlbt und rund In gleicher Ferne ſtets das Erdreich ihn umgeben. 41. Doch hier und dort, wo mit gewalt'ger Wuth Der Erde tiefſtes Herz das wilde Meer zerriſſen, Da ſteigt er hoch empor aus ſeinen Finſterniſſen⸗ Ein rauher Fels, umtobt von ſtets ergrimmter Fluth. Dort ſucht der Steuermann umſonſt das Schiff zu leiten, Es ſtuͤrmt dahin von dunkler Nacht gefaßt, Am Klippenrand zerkrachen Kiel und Maſt,⸗ und Truͤmmer waͤlzen ſich zerſtreut nach allen Seiten. Ein jeder Stoff, den Meer und Erde kennt, Muß ſich zuerſt in dieſem Stein erzeugen; Dann rankt er ſich empor in viel verſchlungnen Zweigen Und ſucht auf irrem Pfad ſein freundlich Element. So ſtrebt auch hier auf nachtumhuͤllten Wegen Das mannigfalt'ge Erz dem Sonnenlicht entgegen, Und ſtill entkeimt und reift der edeln Steine Glanz Der duft'gen Flur zum zarten Fruͤhlingskranz. 43. NRoch ſchlummern ſie im traͤumeriſchen Leben, So lang den zarten Geiſt die Schale noch umhuͤllt: Doch wenn ſie einſt zum Licht der Sonne ſich erheben, Dann ſteigt manch freundliches Gebild Aus ihrem Kern empor. Mit glaͤnzenden Saphiren Wird im Cyanenſchmuck das bunte Feld ſich zieren, Zur gluͤh'nden Roſe wird der leuchtende Rubin, Zur keuſchen Lilie der Diamant entbluͤhn. Neunter Geſang. 44 Der helle Glanz, der in dem Steine waltet, und aͤngſtlich hin und her im engen Kerker bebt, Iſt frei und geiſtig dann, wenn ſich der Kelch entfaltet, Zum lieblichen Geduͤft zerronnen und verſchwebt. Sehnſuͤchtig draͤngt er dann ſich durch den gruͤnen Schleier Der zarten Knospe ſchon hervor und hebt zum reinſten Licht, zum ew'gen Sonnenfeuer, Das einſt ihn in den Stein verbannte, ſich empor. . 45. Und dennoch ſucht der Menſch mit gierigem Gemuͤthe In tiefer Erdenkluft, wo manche Noth ihm draͤut, Den todten Glanz, der als lebend'ge Bluͤthe, Dufthauchend, zartbeſeelt ſich ihm ſo willig beut! Fuhlt nicht, wie du, die Blume Luſt und Schmerzen,⸗ Scheint ſie nicht gern fuͤr dich zu prangen, zu vergehn? und dennoch kannſt du ſtolz das duft'ge Kind verſchmaͤhn, Und traͤgſt fuͤr bluͤh'nden Schmuck den kalten Stein am Herzen? 46. Zwar ewig glänzt der Stein und altert unverſehrt, Indeß nach kurzem Bluͤh'n die Blumen ſich entfaͤrben, Denn nur Beſeeltes kann erſterben, Da ſtets durch eigne Kraft das Leben ſich zerſtoͤrt; Doch ſie betruͤbt es nicht, vom holden Licht zu ſcheiden, Wenn einmal nur der Lenz ſie freundlich angelacht, Und nie vertauſchten ſie fuͤr ew'ge Farbenpracht Des Lebens ſuͤßen Schmerz und ſeine kurzen Freuden. 47 So fuͤhrte ſie der Zwerg durch ſein verborgnes Land. Da that mit rothem Schein ſich eine neue Halle Vor ihren Blicken auf. Der ſteilen Felſenwand Entſtuͤrzten Stroͤme dort mit ungeſtuͤmem Falle, und Haͤmmer regten ſich mit maͤcht'gem Schwung und Schalle, Und Winde ſauſ'ten dort und raſchbeſchwingter Brand; Und ziſchend miſchte ſich das Waſſer mit den Gluthen, Und brauſend waltete der Sturm in Flamm' und Fluthen. —— Neunter Geſang. 5¹3 48. Um einen großen Heerd war in geſchaͤft'ger Haſt Der Zwerge kuͤnſtlich Volk zum Werke dort vereinigt. Der ſchuͤrt die Gluth, der treibt des Hammers Laſt, Der lenkt des Erzes Fluß, das jener ſchmelzt und reinigt; Der ſchließt den fluͤcht'gen Sturm mit zauberiſchem Zwang In enge Roͤhren ein, der haͤlt den Strom zuſammen und lehrt ihn ſeine Bahn; und durch Gebraus u. Flammen Erſchallte raͤthſelhaft ihr heller Rundgeſang: 49. „Wir Zwerge ziehn den heilgen Kreis und weben, Dem Tage fern, was einſt zu Tage ſoll. Von hier entkeimt, hieher entſinkt das Leben, und Jedes giebt dem Andern ſeinen Zoll. Geburt und Tod muß auf und nieder ſchweben, So bleibt die Zahl der Schoͤpfung ewig voll. Gluth lodre, brauſe Strom, und rauſcht, ihr Winde, Daß mit dem Seyn ſich die Geſtalt verbinde!“ 50. So ſang der zauberiſche Kreis Und regt' und tummelte ſich raſch auf allen Seiten, Und ſchien geheimnißvoll mit nimmer muͤdem Fleiß Ein ſeltſam Werk gar kuͤnſtlich zu bereiten. Vom Heerde wirbelten viel Duͤnſte ſich empor, Die wie ein ſchwebend Meer an hoher Woͤlbung wallten, Und wunderbar zerrann der dichte Zauberflor In bunte Farben oft und irrende Geſtalten. 51. Doch aus der Gluth erhob ſich raſcher ſtets der Dampf; Gewaltſam ſchien's im Nebelmeer zu ringen; Zwietraͤchtig regte ſich der Formhen dunkler Kampf, Und jede war bemuͤht, die andre zu verſchlingen. Doch als nun jedes Bild in's alte Nichts zerfiel, Zerſtoͤrend und zerſtoͤrt, verſchmolz in ſtiller Welle Zu einem Glanz der Farben Wechſfelſpiel, Und wild und reizend ſchwamm die Luft in gruͤner Helle. — Neunter Geſang. 5². Als ſo die Zwergenſchaar das Zauberwerk vollbracht, Da ließen ſie den Zorn der wilden Flamme ſchweigen, Und ſchloſſen Sturm und Fluth in e nen Felſenſchacht, und tanzten um den Heerd im viel verſchlungnen Reigen. Und jeder ſchien am ſchoͤnen Glanz Sein Auge zu erfreun und ſeine Kunſt zu preiſen, und lieblich ſangen ſie nach fremden Zauberweiſen Ein ſeltſam Lied zum gaukelhaften Tanz: 53. Walle, walle, Durch die Halle Eins aus Vielen, Eins fuͤr Alle, Walle, ſchoͤner Zauberflor! Schwimm' und ſchwebe, Wall' und webe, Daß die Erd' in Wolluſt bebe, Geiſt des Lebens, ſchweb' empor! In den Zweigen Wird ſich's zeigen, Wird zum Himmel gruͤnend ſteigen Was der Zwerge Kunſt vollbracht, Und hernieder Strebt es wieder, Senkt die viel verſchlungnen Glieder In die alte Felſennacht. 55. Nimmer ſiegend, Nie erliegend, Kaͤmpft, in jede Form ſich ſchmiegend, Stoff mit Stoff im harten Streit. Wird den Muͤden Raſt beſchieden, Dann zerſtoͤrt durch ihren Frieden Sich des Lebens Einigkeit. — Neunter Geſang⸗ 517 56. Grimmig halten Die Gewalten Sich umſchlungen, und geſtalten Bittern Haß zu ſtiller Huld. Kraft muß ſpruͤhen, Segen bluͤhen Aus den wilden Kampfesmuͤhen, Ew'ges Heil aus ew'ger Schuld. 57. So ſang das Zwergenvolk, u. ſtaunend ſahn die Frauen Und ihr Genoß das Zauberweſen an, und zitterten in Luſt und ſuͤßem Grauen, Als ſo der Zwerg, der ſie gefuͤhrt, begann: Wohl moͤgt ihr ſtill entzuͤckt das holde Wunder ſchauen, Das aus entzweitem Drang eintraͤchtig ſich entſpann; Denn was am heimlichſten der Erdengeiſt bereitet, Das ward vor eurem Blick gewebt und ausgebreitet. Caäaͤcilie. 58. Die Kraͤfte, welche ſtets von wildem Haß entzweit, Gewaltig doch das Wohl der Erde gruͤnden, Der Erde feſter Stoff, die Luft mit Wolk' und Winden, Die ungezaͤhmte Fluth, des Feuers reger Streit, Die alle muͤſſen ſich zu Einer Kraft verbinden Und thaͤtig ſeyn im Zwang erzuͤrnter Einigkeit; So wird aus ihrem Bund der fluͤcht'ge Geift entfaltet, Der mit lebend'ger Kraft durch alle Weſen waltet. 59. Beweglich rinnt er dann aus dieſer Felſenkluft Durch tauſend Roͤhren fort und ſtroͤmt durch Alles Leben; Durch ihn entgruͤnt der Hain, die Wieſe ſchwimmt im Duft, Die Blume muß entbluͤhn, die junge Saat ſich heben; Er traͤgt den Schmetterling, den Vogel durch die Luft Und laͤßt den ſchnellen Fiſch auf glatter Woge ſchweben, Und wunderbar beſeelt von ſeinem Wehn, erfuͤllt Mit edeln Kraͤften ſich des Menſchen ſchoͤnes Bild. Neunter Geſang. 519 60. Jetzt will ich euch in jene Hoͤhlen fuͤhren, Wo, unſrer Kraft mit Zuͤrnen unterthan, Im rohen Streben ſich die Elemente ruͤhren In tiefer Nacht, auf unwillkommner Bahn. Erhebt den Geiſt und folgt mir ohne Grauſen, Wenn aus den Tiefen auch der ungeheure Brand Die gruͤnen Flammen hebt, und Stuͤrm u. Wellen brauſen; Leicht baͤndigt ihren Zorn des Meiſters ſtarke Hand. 61. So ſpricht der Zwerg und fuͤhrt auf dunkelm Pfade Sie weiter fort durchs wuͤſte Felſenhaus⸗ Da dehnt zuerſt ein finſteres Geſtade Unendlich, unerforſcht, vor ihrem Blick ſich aus. Dort wogt die ſtarke Fluth mit mitternaͤcht'gen Wellen und ſchaͤumt und ſchwillt und ſchlaͤgt mit maͤcht'ꝛgem Schlag Den harten Strand, und alle Kluͤfte gellen Den zuͤrnenden Geſang der wilden Jungfrau nach. Caͤcilie. 62. Kein Sturm ertoͤnt in dieſen dunkeln Hallen; Von innrer Kraft gewaltig aufgeregt, Entſtroͤmt und naht die Fluth nach eigenem Gefallen, und hoͤhnt das Meer, das fremde Ketten traͤgt; Und wenn ſie beid' auch einſt aus Einem Quell entſprangen und Schweſtern ſind durch Kraft, durch Sitten und Geſtalt, So nah'n ſie doch ſich ſtets mit feindlicher Gewalt und ſind ſeit Ewigkeit im wilden Streit befangen. 63. Denn taͤglich ſtuͤrzt, von Kampfesluſt erfuͤllt, Das Meer hinab in's unterird'ſche Grauen, Daß aus der flachen Fluth die tiefen Klippen ſchauen, und weit umher das Ufer ſich enthuͤllt: Doch ſiegt es nie, denn grimmig widerſtreitet Die naͤcht'ge Wog und draͤngt ins heimiſche Gebiet Den Feind zuruͤck, der laut aufrauſchend flieht Und raſch emporgeſchwellt ſein Ufer uͤberſchreitet. 64. Neunter Geſang. 521 64. In einen ſchmalen Kahn, der ſich am Felſenrand Beweglich ſchaukelte im raſchen Wellenreigen, Ließ jetzt der Zwerge⸗Fuͤrſt die Wandrer niederſteigen, Und nahm dann ſelbſt das Ruder in die Hand. Wohl zitterten die zarten Frauen Im engen Kahn, vom wilden Meer umſpielt; Doch bald begannen ſie dem Fuͤhrer zu vertrauen, Der mit gepruͤfter Kunſt das ſichre Steuer hielt. 65. So ſchifften ſie dahin durch unterird'ſche Raͤume, Und naͤchtlich flutheten die Wogen um ſie her, Und Inſeln hoben oft wie ungeſtalte Träume, Und rauhe Klippen oft ſich aus dem wuͤſten Meer⸗ Eintoͤnig plaͤtſcherten vom Ruderſchlag die Wogen Und murmelten und ſchluchzten nah und fern; Kein Strahl erleuchtete, kein freundlich heller Stern Die finſtre Bahn, worauf ſie weiter zogen. I. Theil. 36 66. Da ſteigt ein ſchroffer Strand aus fernem Meer hervor, Verwoben und verhuͤllt in graue Nebelſchleier. Die Klippen ragten dort, wie maͤcht'ge Abenteuer, unformlich, wildgemiſcht und ſchroff gezackt empor. Auch ſchallte ſchauerlich aus jenen Felſenoͤden Ein dumpf Geziſch und grimmiges Geſtoͤhn; Und als die Schiffenden beſorgt hinuͤberſehn, Beginnt dies Wort der Zwergenfuͤrſt zu reden: 67. Dort, wo der graue Fels am Strande niederhaͤngt, Vertieft ſich eine Kluft, verwahrt mit eh'rnen Thoren, Und alles Scheußliche, was je die Nacht geboren, Iſt, eng gefangen, dort in ihren Schlund gezwaͤngt. Gluthſauſend, giftgeſchwellt, vielkoͤpfig, tauſendſtimmig Und tauſendfach verwebt, feindſelig, ſtark und grimmig Liegt dort vom Fels gepreßt, genaͤhrt von ſchwarzem Blut, In tiefer Finſterniß die grauſe Schlangenbrut. Neunter Geſang. 523 68. Von ew'ger Zwietracht iſt die wilde Schaar entzuͤndet, Und keiner kennt den Feind, der zornig ihn umſchlingt, Und qualvoll auf und nieder windet Sich ſtets der dunkle Kampf, und Alles wuͤhlt und ringt Im graͤßlichen Gedraͤng. Und auf verſchlungnen Pfaden Zerfleiſcht manch Ungethuͤm ergrimmt Den eignen Rieſenleib, der mannigfach gekruͤmmt Sich ihm entgegenbaͤumt, und waͤhnt dem Feind zu ſchaden. 69. Nie hat ein Sonnenſtrahl ihr rothes Aug' erhellt, Und milde Waͤrme nie die kalte Bruſt empfunden, Nie mit dem Gleichen dort das Gleiche ſich verbunden, Was grimme Loͤwen doch und Tieger ſelbſt geſellt. Nein, wenn im Kampf aus gluͤh'ndem Rachen Der gift'ge Geifer traͤuft und mit dem Blut ſich miſcht⸗ Entſteht die junge Brut, die, kaum noch im Erwachen, Der eignen Mutter ſchon zum Streit entgegenziſcht. 36* 70. Wohl wird von Zeit zu Zeit durch dunkle Felſenritzen Der Ungeheuer eins zur lichten Welt geſandt, Bald, um verborgnes Gold zu ſchuͤtzen Vor frecher Menſchengier und ungerechter Hand, Bald, um das ſuͤnd'ge Blut der Frevler zu verſpruͤtzen, Von denen Gottes Blick im Zorn ſich abgewandt, Bald als ein warnend Bild vor kuͤnft'gen Greuelthaten, Vor Krieg und Koͤnigsmord und Untergang der Staaten. 71. Und ſchaudernd ſchifften ſie vorbei im bangen Wahn, Als werde krachend jetzt der Felſen ſich zerſpalten, Und rieſenhaft verzerrt zu grauſen Ungeſtalten, Der feſſelloſe Schwarm ſich ſinnverwirrend nahn. Allmaͤhlig ſahn ſie jetzt ein Ufer ſich entfalten, Und eine ſtille Bucht umhegte bald den Kahn. Und als ſie angelangt, da kettet ihr Begleiter Den Nachen an den Strand und fuͤhrt ſie ſchweigend weiter, Neunter Geſang. 525 72. So nahn ſie ſich der ungeheuren Kluft, Wo zornerfuͤllt die wilden Winde hauſen. Von ferne ſchon umſcholl den Pfad ein dumpfes Brauſen, Vom maͤcht'gen Fluͤgelſchlag erzitterte die Luft. Unendlich gaͤhnte dann vor ihrem Blick die Hoͤhle, Und fluthend waͤlzte ſich ein breites Nebelmeer Mit ſtarkem Drang um alle Klippen her, Als reg' unbaͤndig hier ſich eine Rieſenſeele. 73. Und wie der Klang ſich miſcht, wenn ohne Wahl geſellt Lieblos in einem Raum viel wilde Thiere weilen, Das bruͤllt und jenes ſchnaubt, das wiehert, jenes bellt, Das pfeift, ein andres lacht, die ziſchen, jene heulen, So ſchallt ein grauenvoll Getoͤn Betaͤubend rings umher; der Boden wankt, es zittern Gewoͤlb' und Wand von ſtarken Ungewittern, und jede Kraft erſeufzt mit klaͤglichem Geſtoͤhn. Noch ſchauerlicher ward in dieſen leeren Weiten, Wo jedes Bild vom neblichen Gewand Verſchlungen lag, der Toͤne grimmes Streiten, Da nirgends ſich ein Quell des grauſen Aufruhrs fand. Faſt waͤhnen, vom Gewirr verzerrter Fiebertraͤume, Worin ums bange Ohr, gar wunderlich gemengt, Des Schalls Empoͤrung brauſ't, die Wandrer ſich bedraͤngt, und fliehn in banger Haſt die grauenvollen Raͤume. 75. Doch wie der Hoͤllenſchlund den weiten Rachen trennt, Worin von Ewigkeit entzuͤndet, 7 Von fremder Qual genaͤhrt die rothe Flamme brennt, und grimmiges Geheul der Schuld'gen Pein verkuͤndet, So liegt, als jetzt der Pfad um einen Fels ſich windet, Vor ihrem Blick des Feuers Element. Sie ſtehn und ſchaudern raſch zuruͤck von dieſen Pforten und trauen zoͤgernd nur des Zwerges Wink und Worten, 4 Neunter Geſang. 76. Aus einem jaͤhen Schlund, um welchen ſchwarzgebrannt und ihrem Sturze nah' die Klippen ſich geſtalten, Erhebt mit wandelbarem Walten Die Gluth ihr zuͤngelnd Haupt und leckt den Felſenrand Mit hungriger Begier. Empor und nieder ringen Die raſchen Flammen ſich; und dunkel ſteigt der Dampf Zu Rieſenbildern auf und wogt im ew'gen Kampf, Als woll' er jetzt die Gluth, jetzt ihn die Gluth verſchlingen. 77. So ſchaͤumt im Wellenſpiel das ungeheure Meer Und treibt die wilde Fluth unbaͤndig hin und wieder; Doch laſtend legen ſich die Wolken rings umher und ſchlagen ſtuͤrmiſch oft die hohen Fluthen nieder. Doch was die Woge kaum zu Boden hingedruͤckt, Muß jetzt ihr neue Kraft und neuen Schwung verleihen, und wenn in's Meer auch oft die Wolken niederdraͤuen, So wird auch oft die Fluth den Wolken nah' erblickt. *⁴ Caͤ cilie, 73. Tief unten gaͤhrt's von ſchmelzenden Metallen, Von zaͤhem Harz und fluͤſſigem Geſtein, Und wie um andern Stoff die leichten Flammen wallen, So kleiden ſie ſich auch in andern Farbenſchein. Gar lieblich miſcht ſich oft das Silber mit dem Grauen, Im Blauen blitzt das Gold, und wie im Blaͤtterkranz Die zarte Roſe gluͤht, ſo laͤßt ſich in dem Glanz, Der gruͤnlich wallt, manch Purpurflaͤmmchen ſchauen. 79. Hier ſind vor eurem Blick die Pforten aufgethan, Begann der Zwerg, die ich zu nennen zage. Tief unten wandelt hier auf ewig gluͤh'nder Bahn Die ungluͤckſel'ge Schaar und heult in grimmer Plage Umſonſt zum Himmel auf; denn keine Stimme dringt, Kein Geiſt durch dieſe Gluth, die rettungslos verſchlingt, Und die vermoͤgen nur zum Licht ſich zu erheben, In deren Hand der Herr die ſuͤnd'ge Welt gegeben, Neunter Geſang. 8o. Denn maͤchtig rafft, wenn Gottes Ruf erſcholl, Die ſtarke Gluth ſich auf und ſtuͤrzt die Felſenſtirnen Der Berg' in's Thal hinab; mit lang verhaltnem Groll Zerreißt ſie jedes Band und hebt mit lautem Zuͤrnen Sich frei zum Himmel auf; von gluͤh'nden Felſen ſauſ't Die Luft, es bebt der Grund, die Woge ziſcht und brauſt, Es donnert im Gewoͤlk und in der Erde Hallen, Des Menſchen Werk verſinkt, und Flammenſtroͤme wallen. 81. Dann nahn die Geiſter auch, die Gottes Zorn geſandt, Aus tiefer Nacht den irdiſchen Gefilden Und thuͤrmen grauenvoll ſich um des Schlundes Rand, Bewegten Wolken gleich und ſchwarzen Dunſtgebilden. Verderblich ziehn ſie dann mit lang geſchweifter Gluth Am Himmel hin als leuchtende Cometen Und draͤngen hart mit Seuch' und Waſſerfluth Das ſuͤndige Geſchlecht und grimmen Kriegesnoͤthen. 8². Noch ſpricht der Zwerg. Noch ſchauen tiefbewegt Die Wanderer hinab, da hebt mit wildem Ringen Das Feuer ſich empor und ſchlaͤgt Zur hohen Woͤlbung auf. An allen Waͤnden ſchlingen Die Flammen ſich umher; ſie theilen ſich und dringen, Der gift'gen Hyder gleich, die tauſend Zungen regt, Auf die Erſchrocknen ein, die vor den gluͤh'nden Pfeilen Bald hier, bald dorthin fliehn u. nach dem Ausgang eilen. 83. Doch drohend hob das Zwerglein ſeine Hand und rief: Zuruͤck! Was brichſt du deine Schranken, Unbaͤnd'ge Gluth? und zitternd floh der Brand Und kruͤmmte ſich im Schmerz, und von den Felſen ſanken Die Flammen raſch hinab. Und mit gebundner Wuth Erſtoͤhnt' und murmelte in tiefer Kluft die Gluth Und ſchleuderte mit eitelm Zorn nach oben Kraftloſe Funken auf, die in der Luft zerſtoben, — Neunter Geſang. 84. Und als ſie jetzt im naͤchtlichen Gebiet Manch Wunder noch geſehn, manch weiſes Wort vernommen, Da wandeln ſie zuruͤck mit ſinnendem Gemuͤth Auf irrer Bahn, halb freudig, halb beklommen. Schon zeigt ſich wiederum, vom heitern Schmuck umbluͤht, Der holde Zauberhain, aus dem ſie hergekommen, Und freundlich fuͤhrt der Zwerg auf buntem Pfad ſie fort Zu einer Marmorkluft und redet dieſes Wort: 85. Was nie des Menſchen Geiſt begriffen und gedeutet, Das Alles hat ſich jetzt euch willig aufgethan. Nur wer mit ſtillem Sinn durchs wilde Leben ſchreitet, Vom bangen Zweifel fern und fern vom ſtolzen Wahn, Der darf allein ſich heilegen Dingen nahn, Und nur fuͤr Kinder iſt das Himmelreich bereitet. Drum ſey auch euch, ihr Frommen, offenbart, Was am verborgenſten die tiefe Nacht bewahrt. Caͤcilie. 86. Wie leiſ' in dunkler Kluft der Keim der jungen 3 Saaten, Noch fern dem Licht, zum Leben ſchon erwacht, So gaukeln daͤmmernd oft die Bilder kuͤnft'ger Thaten, Den Traͤumen gleich, durch unſre ſtille Nacht, und laſſen deutungsvoll den klugen Sinn errathen, Was Gott in ſpaͤter Zeit den Menſchen zugedacht. Er ſpricht's und hebt den Stab und ruft geheime Worte, Da oͤffnet im Geſtein ſich eine hohe Pforte. 87. Sie treten ein, und ihrem Auge zeigt Im Daͤmmerlicht ſich eine weite Halle, Worin, dem Spiegel gleich, von glaͤnzendem Kriſtalle Die glatte Wand empor zur hohen Woͤlbung ſteigt. Und wie der fruͤhe Duft mit wandelbaren Wogen Von Winden aufgewiegt das helle Licht umwebt, So iſt mit grauem Duft der Silberglanz umzogen, Der leuchtend im Kriſtall mit ſtillen Schwingen ſchwebt. Neunter Geſang. 88. Doch nach und nach beginnt im dunkeln Zauberſpiegel Durch's todte Daͤmmergrau ein friſcher Hauch zu wehn; Beweglich ſinkt und ſteigt der Duft mit raſchem Fluͤgel, Scheint zitternd bald zu fliehn und bald zu widerſtehn. Hier ſchaut ein Thurm hervor und dort ein gruͤner Huͤgel, Hier laͤßt ein Wald das Haupt und dort die Tiefe ſehn; Dort treibt ein breiter Strom mit ſonderbaren Wellen Die grauen Nebel fort, die ihm entgegen ſchwellen. 89. Und als nun ganz die Daͤmmrung ſich erhellt, Da iſt ein reiches Bild aus ihr hervorgegangen, Von Waͤldern gruͤnt der Berg, mit Saaten wogt das Feld, Und Staͤdte bluͤhn empor, und ſtolze Feſten prangen. Hier zeigt ſich ein Pallaſt und dort ein Hirtenzelt, Hier Meer vom Land umhegt, dort Land vom Meer umfangen, und Menſchen wandern rings umher von Ort zu Ort, Und durch die Wellen fliehn die weiſſen Segel fort. Die Laͤnder, wo der Froſt die Fluthen ewig bindet, Und wo ſein flammend Neſt der edle Phoͤnir baut, Wo ſich der Atlas thuͤrmt, wo ſich der Ganges windet Und wie im Oſt die Nacht, der Tag im Weſten graut, Wo nie die Sonn' erſcheint und wo ſie nimmer ſchwindet, und vo ſie ſchraͤg empor und ſenkrecht niederſchaut, Was Strom, Gebirg und Meer und weite Wuͤſten trennen, Das ließ im engen Raum ſich hier vereint erkennen. 91. Sie ſahn auch jenes Land, wo einſt, in bittrer Pein, Der Sohn des Herrn fuͤr uns den Kreuzestod erlitten. Wohl iſt das heil'ge Grab demuͤthig, arm und klein, Doch mancher Pilger kommt zu ihm herangeſchritten Und will vom Himmel dort ſich Gnad und Heil erbitten Und am geweihten Ort ſein ſuͤndlich Thun bereun: Doch wehrt mit frecher Hand der Heiden wilde Rotte Dem Volk der Glaͤubigen die Bahn zu ſeinem Gotte. Neunter Geſang. 92. Da haͤuft zum frommen Zug ſich große Kriegesmacht, Und tapfre Helden nahn aus allen Chriſtenreichen, Und manche kuͤhne That wird ruͤhmlich dort vollbracht, Und hoch im Kampfe wallt das heil'ge Kreuzeszeichen. Die Engel Gottes ziehn dem Heer voran zur Schlacht, Es faͤllt die Heidenſchaar von gluͤh'nden Schwertesſtreichen; Die ſtolze Feſte ſinkt, errungen iſt das Grab, Und hoch von Zion ſchaut das blut'ge Kreuz herab. 93. Auch laͤßt ſich fern auf gruͤnem Bergeshange Im fruͤhen Morgenlicht ein heil'ger Saͤnger ſehn; Er ruͤhrt das Saitenſpiel mit wunderbarem Klange, Daß weit durch alle Welt die hellen Toͤne wehn, Und was ſein Aug' erblickt, das preiſ't er im Geſange Und miſcht mit Lieb und Luſt das wilde Schlachtgetoͤn. Um ſeine Locken ſcheint ein goldner Glanz zu ſpielen, Sein Geiſt ſchon jetzt den Ruhm, der einſt ihn kraͤnzt, zu fuͤhlen. 94. Dann zeigt ſich uferlos der wilde Ocean, Der um die Erde ſich mit maͤcht'gen Fluthen windet. Dort ſteuert kuͤhn ein Held auf nie beſchiffter Bahn, und ſucht das ferne Ziel, das ihm ſein Geiſt verkuͤndet, Vergebens ſtuͤrmt das wilde Meer, Umſonſt der eignen Schaar Empoͤrung um ihn her, Ihm köoͤnnen Noth und Zwang die innre Kraft nicht rauben, Und eine neue Welt empfangt durch ihn den Glauben, 95. Und ferner ſahn ſie jetzt, wie durch Betrug erhoͤht, An ſeinen Stuhl die Welt ein ſtolzer Prieſter kettet, Und wie ein kuͤhner Mann des Geiſtes Freiheit rettet, Der unverzagt dem Wahn zum Kampf entgegen geht. Wie jene, die ihm traun, des Scheiterhaufens Gluthen, Des Henkers Beil nicht ſcheun, u. für die Wahrheit bluten, Und wie ein ſtolzer Fuͤrſt mit uͤbermuͤth'gem Schwert Der Deutſchen freies Reich bewaͤltigt und verheert. 96. Neunter Geſang. 537 96. Da ſteigt von nordiſchen Geſtaden, Die Voͤlker zu befrein, ein junger Held herab, Und Recht und Wahrheit ziehn und Sieg auf ſeinen Pfaden. Er bricht mit ſtarkem Arm des Herrſchers harten Stab. Wohl muß die kuhne Bruſt in eignem Blut ſich baden: Doch preiſ't das freie Volk noch lang ſein ruͤhmlich Grab. Wo im gerechten Kampf die ehrnen Schwerter klingen, Da wird der deutſche Mann auch ſeine Thaten ſingen, 97. Doch naht noch einmal ſich ein uͤbermuͤth'ger Knecht, Der aus dem Staub zum Thron emporgeſtiegen. Sein Gott iſt ſeine Gier, ſein Schwert nur iſt ſein Recht; Hier herrſcht er durch Gewalt und dort durch freche Luͤgen; Vergebens waffnet ſich das blutende Geſchlecht; Ihn treibt ſein kuͤnft'ger Fluch und hilft ihm ſelber ſiegen. Doch iſt das Maaß einſt voll von Trug u. Mord u. Raub, Hohnlachend tritt er dann den Sklaven in den Staub. I. Theil. 37 Und ſieh, es iſt erfuͤllt! Vom ird'ſchen Wahne wenden Die Voͤlker ſich zu Gott und flehn empor zum Herrn; Dann faſſen ſie das Schwert mit unverzagten Haͤnden, Es toͤnt der Schlachtenruf der Freiheit nah und fern. In ihren Reihen iſt ein ehrnes Kreuz zu ſchauen⸗ Denn Gott iſt ihre Kraft, ihr Schild und ihr Vertrauen. Wenn Glauben, Ehr' und Recht zum heil'gen Kampfe gehn, Muß leuchtend auch voran das Banner Gottes wehn. 99· So großes Ungemach iſt nimmer wohl erlitten, Und damals ſelbſt geſchahn ſo große Thaten nicht, Als auf der Erde noch die alten Helden ſtritten, Wovon noch jetzt die Sage ſingt und ſpricht. Geruͤſtet ſchwankt der Greis mit alterſchweren Schritten, Das Kind bewehrt die Hand mit eiſernem Gevicht, Dem Gatten reicht das Weib, die Mutter ihren Soͤhnen, Dem Juͤngling ſeine Braut die Waffen ohne Thraͤnen. —— — Neunter Geſang. 539 100. Wovor ſich fruͤher ſelbſt des Mannes Herz geſcheut, Das thun und dulden jetzt demuͤthig edle Frauen. Sie wandeln ſtill einher im ungeſchmuͤckten Kleid Und nah'n dem blut'gen Bett des Wunden ohne Grauen. Der wird durch mildes Wort, durch Pflege der erfreut, Und Allen laſſen ſie ihr troͤſtend Antlitz ſchauen Und geben gern fuͤr ſchoͤneren Gewinn Der edlen Steine Glanz, das goldne Kleinod hin. 101. So wird durch große Kraft der große Sieg errungen, Durch manches theure Blut das hohe Ziel erſtrebt; Der freche Draͤnger flieht verlaſſen und bezwungen, Indeß ein friedlich Band die ganze Welt verwebt. Heil Jedem, welcher einſt in jener Zeit entſprungen, Die unvergaͤnglich fort in ew'gen Liedern lebt! Heil Allen, die gekaͤmpft! und Heil und Friede Allen, Die in dem edeln Kampf geblutet und gefallen! 37* So daͤmmerte der ſpaͤten Tage Bild Vor ihrem Geiſt empor mit wandelbarem Walten; Doch ſchwinden nach und nach die luftigen Geſtalten, und nur mit reinem Licht iſt jetzt die Flaͤch' erfuͤllt. Da nah'n ſie ſich dem leuchtenden Geſteine, Ob auch ihr eignes Bild in ſeinem Glanz erſcheine. und jeder bebt erſtaunt und waͤhnt im ſuͤßen Traum, Sich ſelbſt zu ſehn, und kennt die eignen Zuͤge kaum. 103. Auf einem Wolkenthron, den farb'ge Strahlen ſchmuͤcken, Sieht dort Caͤcilie ihr holdes Bild erhoͤht; Es ſtrahlt ein heil ger Ernſt in ihren keuſchen Blicken, Sie ſchaut zum Himmel auf mit ſtiller Majeſtaͤt. In allen Zuͤgen weilt ein ſeliges Entzuͤcken, Aus Lieb' und Huld gemiſcht und Sehnſucht und Gebet. Der helle Morgen gluͤht auf ihrem Angeſichte Und ſchmuͤckt das ganze Bild mit roͤthlich goldnem Lichte. — Neunter Geſang. 541 1⁰4. Durchſichtig, klar, aus blauer Luft gewebt, Iſt um die zarte Form ein leicht Gewand gegoſſen, Und aus dem Myrtenkranz, der in den Locken ſchwebt, Wo ſich die Stirne woͤlbt, ein Roſenkelch entſproſſen. Faſt ſcheints, als ob das Kleid, als ob die Locke bebt, Als ob der Kranz ſich regt, vom linden Hauch umfloſſen, Und wie auf leiſer Fluth der Sonnenſchein ſich bricht, So ſchmuͤckt den letzten Saum des Haars ein goldnes Licht. 105. Viel Engelbilder ruhn und ſpielen Um ihre Herrin her, zum holden Dienſt bereit. Der ſcheint mit ſanftem Wehn die Wangen ihr zu kuͤhlen, Indeß ein andrer ihr die goldne Harfe beut. Den fuͤllt Begeiſterung mit ſtuͤrmiſchen Gefuͤhlen, Der ſchlummert im Gewoͤlk in ſtiller Seligkeit, und jener hebt das Haupt und ſcheint entzuͤckt zu lauſchen, Als woll' ein ſuͤßer Ton den Saiten jetzt entrauſchen. Caͤcilie. 106. Doch wie, je reichlicher die bunte Bluͤthe ſprießt, Die Zweige tiefer ſtets in's Gruͤn herniederhangen, So traͤgt auch ſie den Glanz, der ſie umfließt, Demuͤthig, ſtill und ohne ſtolzes Prangen. Ein lichter Kreis, wo Stern an Stern ſich ſchließt, Scheint wie ein goldner Reif das Bildniß zu umfangen, und feierlich bewegt mit immer gleichem Tanz Sich um das ſtille Bild der hellgeſtirnte Kranz⸗ 1 07. Doch ploͤtzlich wird ein wunderbares Leben In jeder Form erzitternd aufgeregt, Der Athem weht, die raſchen Pulſe beben, Die Farben wandeln ſich, das Herz im Buſen ſchlaͤgt, Die Harfe klingt, die Engel nahn und ſchweben, Die Wolke ſchwimmt empor vom leiſen Hauch bewegt, Und unter Chorgeſang und hellem Saitenſchalle Zerrinnt das holde Bild in hochgewoͤlbter Halle. Neunter Geſang. 543 108. Doch herrlich angethan mit leuchtendem Gewand Erblickt ſich Adelheid auf reichgeſchmuͤcktem Throne. Anſtatt des Scepters haͤlt nur Myrten ihre Hand: Doch in den Locken blitzt die koͤnigliche Krone. Ein holdes Feuer iſt in ihrem Aug' entbrannt, Gleich zarter Luft und keuſchem Liebeslohne; Doch wie im klaren Bach die Silberwoͤlkchen ziehn, So ſcheint im tiefſten Blick ein Thraͤnlein aufzubluͤhn. 109e und was mit holdem Reiz und was mit ſtolzem Scheine Die Augen lockt und unſer Herz erfreut, Das edle Gold, die koͤſtlichen Geſteine, Die Perle, die vom Thau den Silberſchimmer leiht, Das alles lag im lieblichen Vereine Und wechſelnder Geſtalt um ihren Thron verſtreut. Doch ſcheint ſie kaum die Pracht, die ſie umgiebt, zu fuͤhlen Und ſinnig hingelehnt mit Schoͤnerem zu ſpielen, — 5⁴⁴ Caͤcilie. 110⸗ Denn viel verflochten ſchlingt ſich um das holde Bild Ein Kranz von Blumen her und jungen Fruͤhlingsſproſſen. Hier iſt die Bluͤthe noch vom gruͤnen Rand umhuͤllt, Dort kaum hervorgekeimt, dort glaͤnzend aufgeſchoſſen. Mit hellem Thau iſt jeder Kelch erfuͤllt Und jeder friſch und ſuͤß vom eignen Duft umfloſſen, Und durch die Bluͤthen ſchmiegt, bald hell u. dunkel bald, Das zarte Laub ſich hin in wechſelnder Geſtalt. 111. Auch fliegen leiſ' u. leicht mit tauſendfarb'gen Schwingen Viel Voͤglein um den Kranz und huͤpfen durch das Gruͤn. Sie flattern hin und her, man hoͤrt ſie lieblich ſingen Und fuͤhlt ein leiſes Wehn, wenn ſie voruͤber ziehn. Und manche Bluͤthe bebt von bunten Schmetterlingen, Die naſchend bald ſich nahn und luſtig bald entfliehn; Und wenn ſie in den Schooß der Blume ſtill ſich neigen, Scheint aus dem ſchoͤnen Kelch ein ſchoͤnrer noch zu ſteigen. Neunter Geſang. 545 112. Wohl minder froͤhlich war im glaͤnzenden Geſtein, Doch ſanft und mild der Saͤnger anzuſchauen. Ein Kreis von Wolken ſchloß den Rand des Bildes ein, und ſelten nur durchbrach ein Stern das nächt'ge Grauen, Und in der Mitte ſchwamm ein abendlicher Schein, Wehmuthig ernſt, auf herbſtlich bunten Auen. Von falben Zweigen hieng manch welker Kranz herab: Doch gruͤn und duftend hob im Haine ſich ein Grab. 113. Dort ſaß er ſtill und blickte durch die Weiten Und ſinnend dann auf's nahe Grab zuruͤck. Verſunken ſchien ſein Geiſt in laͤngſtverbluͤhte Zeiten, In ſuͤßgetraͤumte Luſt und nie errungnes Gluͤck. Bald ruͤhrt' er maͤchtiger und leiſer bald die Saiten, und freundlich laͤchelte durch Thraͤnen oft ſein Blick. Er ſchien ein tiefes Leid in ſeiner Bruſt zu hegen und wie ſein letztes Gut den ſtillen Schmerz zu pflegen. Caͤcilie, 114. So zeigte jedem ſich, von fremder Schrank' umhegt, Sein umgewandelt Bild im glaͤnzenden Kriſtalle. Verſtummt und traͤumeriſch verlaſſen ſie die Halle, Von manchem Schmerz, von mancher Luſt bewegt; und Keiner wagt es jetzt, den Andern anzuſehen Und Keiner, was er ſah, dem Freunde zu geſtehen, Und Jedes Seele treibt auf einem raſchen Meer Von Zweifel, Sorg' und Wahn u. Furcht u, Luſt umher, 1 115. Der Abend ſank indeß mit roſenfarbnem Scheine. Dort unten ſcheiden zwar ſich nimmer Nacht und Tag: Doch ahmte wunderbar in dieſem Zauberhaine Der Geiſter maͤcht'ge Kunſt des Lebens Bilder nach. Allmaͤhlig ſchienen ſich die Wolken zu entfaͤrben; Der Steine bunter Glanz, der ſonſt die Kluft erhellt, Begann im Bluͤthenkelch zu daͤmmern und zu ſterben, Und ſuͤß im Schlummer lag die unterird'ſche Welt, —ʒʒ— —— Neunter Geſang. 5 47 116. Da fuͤhrt der Zwerg die muͤden Gaͤſte Der Groͤtte zu, woraus der Quell ſich draͤngt. Dort hatten diamantne Aeſte Zum holden Laubendach gar traulich ſich verſchraͤnkt; Und weiches Moos, das ſelbſt in ew'gen Finſterniſſen Vom nackten Fels ſein karges Leben leiht, War fuͤr die Wandrer dort zum ſanften Ruhekiſſen Von Geiſterhand gaſtfreundlich gusgeſtreut. 117. Schon ſchliefen ſuͤß und tief die minniglichen Frauen; Da ſaß der Saͤnger noch im bunten Zauberhain, Um ſtill in's leiſe Wehn der Nacht hinaus zu ſchauen, Die fluͤchtig jetzt mit ungewiſſem Schein Um alle Bilder hieng. Es ſchlich ein ſuͤßes Grauen Begeiſternd ſich in ſeinen Buſen ein, Und oft erſchien es ihm, als ob in ſtiller Oede Manch hold vertraulich Wort die Quelle mit ihm rede. CAcilie, 118. Da ließ ein wunderbar Getoͤn 3 Geſpenſtiſch ſich in weiter Ferne hoͤren. Bald ſcholl es hell empor zu luft'gen Geiſterchoͤren und ſchien verhallend bald in Daͤmm'rung zu vergehn, Als wolle jetzt die Nacht ein toͤnend Kind gebaͤhren Und ringe noch mit zweifelhaften Weh'n. Doch wurden nach und nach die Toͤne zu Geſaͤngen, und nah' und naͤher kam's aus dunkeln Felſengaͤngen. 4 119. Und ſieh, da zog in ſeltſam neuer Tracht, Mit goldnem Schmuck behangt und ſilbernen Gewaͤndern, Und froͤhlich ausgeziert mit Kronen und mit Baͤndern, Ein ſingend Zwergenchor durch's Daͤmmergrau der Nacht, Behende drehten ſich in vielverſchlungnen Kreiſen Die Maͤnnlein hin und her und tanzten auf und ab— Und ſchlugen mit dem Zauberſtab Das raͤthſelhafte Magß zu ihren Sangesweiſen, ——,— Neunter Geſang. 549 120. Und als der buntgemiſchte Chor Dem Orte ſich genaht, wo Reinald ſtaunend lauſchte, Da ſprang aus dichtem Kreis ein Zwergenbild hervor und bot ein Harfenſpiel, das lieblich klang und rauſchte Dem freud'gen Saͤnger dar. Im hellpolirten Rand Schien jedes edle Erz ſich kuͤnſtlich zu vereinen, Und prangend war an koͤſtlichen Geſteinen Das lichte Gold der Saiten ausgeſpannt. 121. Und rauſchend ließ er jetzt das goldne Spiel erſchallen, Daß weit der helle Ton durch alle Kluͤfte drang; Aus tiefen Fernen her erwiederten die Hallen, Mit nachgeahmtem Ruf den unbekannten Klang. Und lauter ſchien der Quell und gellender zu wallen Und ſchwoll und zitterte mit graulichem Geſang, und wilder ſtets begann auf ſtark geſchlagnen Saiten Der Toͤn' entfeſſelt Heer zu irren und zu ſtreiten. Caͤcilie. 123. Da hob von neuem ſich zum Tanz die leichte Schaar Und ſchien ſich wuͤſter ſtets zu wirbeln und zu drehen; Bald faßte ſich der Kreis, und bald ſich Paar und Paar, Am Boden ſchwebt' es jetzt, und jetzt in luft'gen Hoͤhen, Und jeder beugt' und warf die Glieder wunderbar, Ließ ſtets in neuer Form mit kuͤhnerm Sprung ſich ſehen, Bis endlich raſch durch eine Felſenwand In's Innre des Gebirgs der naͤcht'ge Zug verſchwand. 123. Und als in ferner Nacht die Toͤne jetzt zerfloſſen, Und ſich des Saͤngers Geiſt vom wilden Rauſch erhob, Da blickt' er in die Kluft, wo friedlich ausgegoſſen Sich um die zarten Frau'n der ſuͤße Schlummer wob. Und leiſer ließ er jetzt die goldnen Saiten klingen Und paarte Ton und Ton mit kuͤnſtlich holder Wahl Und ſtill begann er dann ein luftig Lied zu ſingen, Das kaum gehoͤrt ſich durch die Daͤmmrung ſtahl: Neunter Geſang. 55⁵1 124. Wo Felſen hangen In Nacht und Grauſen, Wo Stroͤme brauſen In dunkler Kluft, Da iſt gefangen Der Stern der Liebe Und blinkt ſo truͤbe Durch Wolk' und Duft. 125. Die Felſen tragen Ein Kleid von Golde; So ſchließt das Holde Der Kerker ein. Einſt wird es tagen Dem Koͤnigsſohne, In ſeiner Krone Ein Kleinod ſeyn. Caäaͤcilie. 126. Es ſpielt das Leben Im Sonnenſchimmer, Zu uns dringt nimmer Der Strahl herab. Die Waͤlder beben; Der Sturmwind waltet; Kein Blitz zerſpaltet Das Felſengrab⸗ 127. Die Wellen ſchaͤumen Im Meer dort oben, Wo ſich mit Toben Die Brandung bricht; Die Perlen traͤumen Im ſichern Hauſe; Des Meers Gebrauſe Erweckt ſie nicht. Neunter Geſang. 553 128. Schlaft ſanft, ihr Schoͤnen! Schlaft ohne Sorgen Und traͤumt vom Morgen In dunkler Nacht! Von ſuͤßen Toͤnen Erſchallt die Oede; Der Fels giebt Rede; Der Saͤnger wacht. 1 29* So ſchallte Reinalds Lied, u. ſanft umfieng den Muͤden Der weiche Schlummer jetzt. Das holde Gnadenpfand, Das ihm beim naͤcht'gen Tanz der Zwerge Gunſt be⸗ ſchieden, Entglitt mit leiſem Klang der hingeſunknen Hand. O ſchlummert ſanft, ihr Frommen! Traͤumt im Frieden! Schon iſt der Retter nah', den Gottes Wink geſandt. Wenn droben auf der Welt die fruͤhen Strahlen tagen, Wird euch die dunkle Fluth in's helle Leben tragen. I. Theil. 38 Anmerkungen. Stanze 38.— Denn friedlich hauſen auch in dieſen tiefen Schluͤnden— Dieſer Unterſchied zwiſchen guten und boͤſen Berggeiſtern wird von meh⸗ reren Schriftſtellern aͤlterer Zeiten beruͤhrt. S. Olai Magn. L. VI. C. 10. Georg Agricolae Bermannus s. dial. de re metallica p. 432— 433. ed. Froben. Stanze 41.— Doch hier und dort, wo mit gewalt'ger Wuth— Die Sagen von Magneten⸗ bergen, die aus den arabiſchen Maͤhrchen bekannt ſind, waren auch bei den Skandinaviſchen Voͤlkern verbrei⸗ tet. Nach Olaus Magn. L. II. C. 26. befanden ſich dergleichen im aͤußerſten Norden. —y— 7 Anmerk, zu Caͤcilie, IX. Geſang. 555 Stanze 70.— Bald als ein warnend Bild von kuͤnft'gen Greuelthaten— Solche unge⸗ 2 heure Schlangen, die, wenn ſie ſich zeigten, auf große Revolutionen hindeuteten, fuͤhrt Olaus Magn. L- XXI. C. 43. an. Eine derſelben pflegte ſich an der 4 Norwegiſchen Kuͤſte, nicht weit von Bergen, zu zeigen, 3 eine andere, welche die Vertreibung des Koͤnigs Chri⸗ ſtian angedeutet haben ſoll, auf der Inſel Moos. Die erſte ſoll uͤber 200 Fuß Laͤnge, und 20 Fuß Breite, die andere 50 Ellen Laͤnge gehabt haben. Durch alle Buchhandlungen iſt zu haben: Schulze, Ernſt, die bezauberte Roſe. Ein roman⸗ tiſches Gedicht in drei Geſaͤngen. Niedliche Ausgabe in Taſchenformat, 819. 45 kr. Ohne jede weitere Empfehlung dieſer lieblichen Dich⸗ tung ſtehe hier blos der Nachruf eines Jugendfreundes des Verſtorbenen: So wie die Welt ſich regt im friſchen Leben, Und wie ſich webt das Holde mit dem Schoͤnen, Wenn Glanz und Duft um Bluͤthenkelche ſchweben Und Hain und Flur, erweckt von holden Toͤnen, Des Jahres Stolz, den Lenz zum Thron erheben; Mit lichtem Schmuck den jungen Herrſcher kroͤnen, Und ſtill und feſt— wie zaͤrtliche Gedanken— Als heit'res Gruͤn um ſeine Stirn ſich ranken; So hat auch hier ein Leben ſich entfaltet Aus Lieblichkeit, mit Luſt und Schmerz gewoben. Doch wie der Duft, wenn er die Schwing' entfaltet, Vom Blumenſtaub ſich muthig ſehnt nach oben; So hat auch er, deß Wort nur hier noch waltet, Zum Himmel ſich beneidenswerth erhoben. Und ſo iſt uns, wie ſchon von manchen Lieben, Erinn'rung nur, der ſuͤße Troſt, geblieben. „ ſſſſſſſnſnſſſnſſnſſnnſſſſſſnſnſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18