——³——— 21— Miniatur⸗Bibliothek der Deutſchen Claſſiker. Sechſte Lieferung. E. Chr. v. Kleiſt's Gedichte. 14 Miniatur⸗ Bibliothek der. Deutſchen Claſſiker. — 000e— E. Chr. v. Kleiſts — Ged ich te. Sildburghauſen u. New⸗York. Druckn. Verlag vom Bibliographiſchen Inſtitut, 1. 7. †. aus Ewald Chr. v. Kleiſt's ſaͤmmtlichen Werken. Gedichte. Miniatur⸗ Ausgabe. ———ꝛ—ꝛ—’ꝛ————V—V—— Hildburghauſen und New⸗York. Druck u. Verlag v. Bibliographiſchen Inſtitut. 14 8 2 7, Leben des Dichters.*) — Ewald Christian von Kleist. Geboren 3. Mai 1715. Geſtorben 20. Aug. 1759. Au⸗ bisher gedruckten Nachrichten geben Ewald von Kleiſt's Geburtstag auf den 5. Mai 1715 an; das Kirchenbuch ſeines Geburtsortes aber nennt den dritten Mai deſſelben Jahrs. Gewiß alſo iſt es, daß der Saͤnger des Fruͤh⸗ lings im Beginn des Maienmondes zur Welt lam, und zwar in laͤndlichen Umgebungen, auf dem Rittergute ſeines Vaters, Zeblin in Pommern, unweit Koͤslin. Sein Vater, — *) Groͤßtentheils Auszug aus der trefflichen Schilderung von Pre fſu otte Fouqué. rich Baron de la 6 auf ſeinem Ritterguthe unabhaͤngig lebend, hatte ihn zu einer Laufbahn im Civilſtande beſtimmt, und ließ ihn bis in ſein neuntes Jahr durch Hauslehrer unterrichten. Aber dem feurigen, kerngeſunden Knaben, ging das Leben in freier Luft und in ruͤſtigem, arbeit⸗ oder kampfaͤhnlichen Spiel uͤber Alles, obgleich er pflichtgemaͤß ſeine Lern⸗ ſtunden abwartete, wie denn eine ſtrenge Ge⸗ wiſſenhaftigkeit in Beobachtung jeder uͤber⸗ nommenen Pflicht ihn durch alle Verhaͤlt⸗ niſſe ſeines Lebens begleitet hat. So verhielt er ſich auch auf der Jeſui⸗ terſchule zu Cron in Großpolen, wohin er in ſeinem zehnten Jahre geſandt ward; ſo auch auf dem Gymnaſium zu Danzig, welches er in ſeinem vierzehnten Jahre betrat. Dazu verlieh ihm eine hohe, aufwachſende Geſtalt und froͤhlich ſtarker Muth hinlaͤngliches Ue⸗ bergewicht bei ſeinen Genoſſen, um all die luſtigen, aber immer harmloſen Neckereien auszufuͤhren, die ihn durch den kecken Geiſt hinzogen. Vermuthlich hat er ſchon in die⸗ ſer Zeit gedichtet. Kleiſt bezog im Jahr 1731 die Univerſi⸗ taͤt in Koͤnigsberg. Er beſchraͤnkte ſich nicht auf das von ihm erkorne Studium der Ju⸗ risprudenz allein, mit ſo wackerm Fleiß er dieſem auch oblag. Er drang nach Kraͤften ein in die Tiefen der Philoſophie, Phyſit u RNe—— 7 und Mathematik, und ergab ſich einem echten Dichterſtudium der antiken Welt. Er ſchrieb in dieſer Zeit lateiniſch eine philoſophiſche Diſſertation, trat haͤufig als Opponent der Doctoranden auf, und ließ ſich ſogar— ob⸗ zwar anonym— bei Gelegenheit eines da⸗ mals ausgebrochenen theologiſchen Streites, auch hieruͤber in einem gedruckten lateiniſchen Briefe vernehmen, der großes Aufſehen er⸗ regte, ohne daß man den Verfaſſer errieth. Nach beendigten Univerſitaͤtsjahren harrte der Juͤngling lange, aber vergeblich auf eine Anſtellung, da ſeine desfallſigen Bewerbun⸗ gen erfolglos blieben. 3 Eine Reiſe nach Kopenhagen, wo zwei Schweſtern ſeines Vaters angeſehenen Maͤn⸗ nern vermaͤhlt waren, ſollte ihm vermuthlich die Thaͤtigkeit, welche der heimiſche Boden verſagte, unter dem Schutze des Auslandes erringen. Jene Oheime waren der Generallieute⸗ nant von Staffeld und der General von Folkerſahm. Kleiſt ward liebevoll von den Verwandten empfangen, und gewann ihr Wohlwollen in hohem Grade. Begreif⸗ licher Weiſe aber konnten ihm beide Kriegs⸗ maͤnner zu einer Anſtellung im Civilfach nur auf ſehr bedingte Weiſe nuͤtzen. Den kraͤftig küͤhnen, gut unterrichteten Neffen als Offi⸗ zier eintreten zu laſſen, war leicht. Zudem 8 hatte Kleiſt den Umgang mancher andern daͤ⸗ niſchen Kriegsleute lieb gewonnen, und ver⸗ muthlich ſchon die Billigung ſeines Vaters zu einem etwaigen Schritte dieſer Art mit⸗ gebracht. So trat er denn im ein und zwan⸗ zigſten Jahre ſeines Alters(1736) als Offi⸗ zier in den Dienſt des Koͤnigs von Daͤne⸗ mark. Unter den Beruſsarbeiten ſeines neuen Standes vergaß Kleiſt ſein poetiſches Stu⸗ dium keinesweges, und richtete es vorzuͤglich auf die altroͤmiſchen Dichter. Aber mit glei⸗ chem Eifer arbeitete er ſich in die Kriegs⸗ wiſſenſchaft hinein, und verabſaͤumte dabei weder Parade noch Exerziren, frei immerdar von der leiſeſten Vernachlaͤſſigung oder Zer⸗ ſtreutheit. Ueberhaupt konnte man auf ſein geſammtes Leben den Satz anwenden: dem wahrhaft großen Menſchen kommt nichts klein vor; oder anders ausge⸗ druͤckt: ein ganzer Mann thut Alles ganz; oder auch in naͤherer Beziehung: fuͤr den echten Poeten gibtesnichts abſolut Unpoetiſches. Sein pflichtſtrenges Betragen veranlaßte es, daß ihm ſchon zwei Jahre nach ſeinem Eintritt in den Kriegsdienſt ein Werbungs⸗ auftrag in Danzig zu Theil ward. Das mochte wohl das erſtemal ſeyn, daß ſein treues Herz gegen ein Berufsgeſchaͤft anrang. N 2G u A 9 Eine Weigerung indeſſen galt natuͤrlich auf keine Weiſe fuͤr ein als ehrſam anerkanntes Commando, und Kleiſt hat es gewiß derge⸗ ſtalt ausgefuͤhrt, daß er den ſchweren Mit⸗ telweg feſthielt zwiſchen Verſaͤumniß empfan⸗ gener Befehle und zwiſchen Beleidigung menſchlichen Gefuͤhls und gegebener Ver⸗ heißungen. Vermuthlich hatte er um dieſe Zeit ſei⸗ ne Aeltern oder doch mindeſtens ſeinen Va⸗ ter verloren, denn wir finden ihn als Mit⸗ beſitzer eines kleinen Gutes im Stolpeſchen Kreiſe, daran ſein juͤngerer Bruder einen Antheil hatte, ſich aber 1740 durch die Ver⸗ ſicherung eines Kapitals abfinden ließ. Das Doͤrfchen war Ruſche oder Ruſchitz geheißen, und nachdem Kleiſt ſeinen Werbeauftrag raſch vollendet hatte, erhielt er den erbetenen Urlaub dorthin. Waͤhrend Kleiſt eine verheirathete Schwe⸗ ſter in Polniſch Preußen beſuchte, ſah er zum erſtenmale das Maͤdchen, dem er noch viel der ſuͤßen Wehmuthsklagen ſingen ſollte. Sie hieß Wilhelmine von der Golz, eine gleich ſchoͤne als geiſtvolle und wuͤrdige Er⸗ ſcheinung. Ewalds edle Liebe fand Erwiede⸗ rung, und die Mutter der Geliebten billigte das Verhaͤltniß, ſcheint aber gewuͤnſcht zu haben, daß Kleiſt den Kriegsdienſt verlaſſe, und ſich in polniſchen oder ſaͤchſiſchen Civil⸗ 10 dienſt begebe. Wenigſtens war es eine noth⸗ wendige Bedingung, daß Kleiſt den daͤniſchen Dienſt mit irgend einer Anſtellung in Sach⸗ ſen oder Polen vertauſche. Der von ſeinen laͤndlichen Bildern noch umbluͤhte, in den ſtrahlenden Wonnen der erſten Liebe lebende Dichterjüngling haͤtte wohl damals ſein liebes Schwert hingegeben um die ſchoͤnere Braut. Aber es ward mit allen Verſuchen zu jener Anſtellung nichts. Der Urlaub lief ab, Kleiſt mußte ſich von der Geliebten trennen, ohne irgend eine beſtimmte Hoffnung auf einſtige Verbindung. Es war ein tiefer Schmerz, aber noch kein verletzender, an dergleichen es jedoch leider ſpaͤterhin auf keine Weiſe in dem Leben des Dichters feh⸗ len ſollte.— Seine Ruͤckkehr nach Kopenhagen galt nicht fuͤr lange Zeit. Bald, nachdem Koͤnig Friedrich der Große den preußiſchen Thron beſtieg, berief er— wie mehre ſeiner anſaͤſſigen Edelleute— auch Ewald von Kleiſt aus den fremden Kriegsdienſten in die ſeinigen. Man hat darin ein Anerkenntniß von Kleiſt's Verdien⸗ ſten zu finden gemeint, aber es ſcheint nicht glaubhaft, daß der Bjaͤhrige Juͤngling ei⸗ nen Glanz um ſich her ausgeſtrahlt habe, der von Kopenhagen bis Potsdam gedrungen ſei. Er that in einem untergeordneten Poſten 11 ſtreng ſeine Pflicht, und zeigte ſich im Um⸗ gange liebenswuͤrdig und geiſtvoll. Das war Alles, was damals die Auſſenwelt von ihm wiſſen konnte; oder hoͤchſtens noch mochte ſie Notiz von ſeinem militaͤriſchen Studium nehmen. Als Dichter war er durchaus nicht hervorgetreten— kaum vor ſich ſelbſt,— und es iſt alſo weder der Welt noch dem großen Koͤnige zu verargen, wenn Kleiſt ihnen eben nur fuͤr das galt, wofuͤr er ſich gab: fuͤr einen unbeſcholtenen Offizier von pommer⸗ ſchem Adel. Eh' Kleiſt noch in den preußiſchen Dienſt gelangte, war der erſte ſchleſiſche Krieg be⸗ endet. Der taͤgliche Dienſt ging ſeinen ruhi⸗ gen Gang fort, ohne Zweifel durch Kleiſt in Potsdam mit derſelben Tuͤchtigkeit und Gruͤnd⸗ lichkeit behandelt, als fruͤher in Kopenhagen. — Aber es miſchte ſich manche Stoͤrung fuͤr ihn mit ein.— Die Mehrzahl ſeiner Waf⸗ fenbruͤder, tuͤchtig im Dienſt, anſtaͤndig in der Geſellſchaft, hatte fuͤr das druͤber Hin⸗ ausliegende keinen ſonderlichen Sinn, und war dabei dem Bacchus in ihren vertrauli⸗ chen Zuſammenkunften faſt uͤber die Gebuͤhr ergeben. Wollte Kleiſt mit ihnen leben, ſo mußte er mit ihnen trinken, und— weit entfernt von jeder Voͤllerei— hatte doch Kleiſt, wie die mehrſten Dichter, ſeine herz⸗ liche Freude am Wein, und wie die mehrſten 12 Dichter auch, liebte er mehr zu bewirthen, als bewirthet zu werden, und war dabei kein beſonderlicher Rechenmeiſter fuͤr ſeine Ein⸗ nahmen und Ausgaben. Das Guͤtlein Ru⸗ ſchitz ſendete nur ſchmalen Zuſchuß, und ſo ſah ſich denn der Juͤngling nach und nach in kleine Schulden verſtrickt, die ihn bisweilen in Verlegenheit ſetzten, obgleich ſeine weni⸗ gen Glaͤubiger ſich in der Regel ruhig ver⸗ hielten, und er— entweder durch Vorruͤcken im Dienſt oder im Fall ſeines fruͤhern Todes durch das nachbleibende kleine Vermoͤgen— mit Zuverſicht hoffen durfte, alle ſeine Ver⸗ pflichtungen zu erfuͤllen. Es nagte alſo eben kein prometheiſcher Geier an ſeinem Innern. Erheiternd vielmehr mochte ihn die Aus⸗ ſicht anlaͤcheln, doch vielleicht eher noch das muͤtterliche Ja zur Heimfuͤhrung ſeiner Ge⸗ liebten Wilhelmine nach Potsdam, als nach dem fernen, meergetrennten Kopenhagen zu erbitten, ſobald ihm eine hoͤhere Stellung im Heere die Mittel anweiſe, der Gattin ein anſtaͤndiges aͤußeres Leben zu ſichern.— In dieſer Stimmung wohl, und uͤber⸗ haupt in ſeinem ganzen edelzarten Gefuͤhle fand ſich eines Tages Kleiſt— es war im Jahre 1743— empfindlich verletzt durch die unzarten Aeußerungen eines rohen Kamera⸗ den uͤber einige Potsdamer Damen. Ritter⸗ ———u ☛.—* 13 lich das zarte Geſchlecht vertheidigend, ge⸗ rieth er in einen Zweikampf, der ihm eine tuͤchtige Ehrenwunde in den Arm zu Wege brachte. Daß edle Frauen und Jungfrauen mit Theilnahme von dem Vertheidiger der guten Sache redeten, war natuͤrlich. Auf dieſe an⸗ muthige Weiſe erfuhr der damals in Pots⸗ dam lebende Gleim von dem Hergange, und beeilte ſich, den verwundeten Kaͤmpfer auf⸗ zuſuchen. Er fand ihn matt auf dem Bette liegen, vor ſich aufgeſchlagen den Caesar de bello Gallico. Aber das war eine faſt tan⸗ taliſche Anſtalt; denn die Wundaͤrzte hatten ihm das Leſen verboten. So ward denn der freundliche Gleim ſein Vorleſer, wobei es nicht bei Caͤſar's galliſchem Kriege blieb, ſon⸗ dern man ſich bald in das froͤhliche Reich der Poeſie hinuͤberſpielte. Unter andern las einmal Gleim das fol⸗ gende ſeiner anakreontiſchen Liedchen: „Tod, kannſt du dich auf verlieben? Warum holſt du denn Wuehe Maͤdchen? Hole l'eber ihre Mutter! Ihre Mutter ſieht dir aͤhnlich: Friſche, roſenrothe Wangen, Schoͤngefaͤrbt von meinem Kuſſe, Bluͤhen nicht fuͤr blaſſe Knochen! od, was wiliſt du mit dem Maͤdchen? it den Zaͤhnen ohne Lippen Kannſt du es ja doch nicht kuͤſſen!“ 14 Die ſeltſame Laune dieſer Worte— man moͤche ſie ſchauerlich nennen, beinahe ſchreck⸗ lich— erwies ihre Gewalt auf eine wunder⸗ bare Weiſe an Kleiſt. Er brach in ein lau⸗ tes Lachen aus, vorzuͤglich uͤber den Schluß⸗ und dadurch ſprang ſeine Wunde auf, und eine heftige Verblutung erfolgte. Der her⸗ beigerufene Wundarzt aber erklaͤrte, dieſer Blutverluſt werde wohlthaͤtige Folgen nach ſich ziehen, und dem Verwundeten vielen Schmerz erſparen. Der bald nachher voͤllig wieder hergeſtellte Kleiſt ſprach zu Gleim: „Der Dichtkunſt und Ihnen verdanke ich meine Geneſung.“— Und nun erbluͤhte un⸗ ter Gleim's anmuthiger Pflege die fruͤher kaum nur halbbewußte poetiſche Gabe in der Seele des Juͤnglings nach und nach zu der Fuͤlle und Anmuth, in der ſie noch jetzt den Garten der Dichtkunſt ſchmuͤckt. — Der zweifach neubelebte Juͤngling ließ nun manch froͤhliches Lied ertoͤnen, ohne je⸗ doch fuͤr deſſen Aufbewahrung Sorge zu tra⸗ gen, obgleich von nun an bei Kleiſt's s poeti⸗ ſchen Verſuchen, und beſonders bei den Vor⸗ ſtudien dazu, es nie an dem edeln Ernſt und der angeſtrengten Tuͤchtigkeit fehlte, die ihn in ſeinem aͤußern Berufe auszeichneten. ——— 15 Aber in ihrer hoͤheren Gewalt offenbarte ſich ihm die Muſe zuerſt als Troͤſterin. Er empfing naͤmlich die Nachricht, das Maͤdchen ſeiner Liebe ſei durch ihre Ver⸗ wandten gezwungen worden, einem Andern die Hand zu reichen. Freilich war das Ge⸗ ruͤcht zu voreilig. Da man aber zugleich den Briefwechſel der Liebenden hemmte, mußte Kleiſt wohl daran glauben. Es ging ihm, wie etwa einem Bergſchotten, der— mit der wunderbaren Gabe vorahnender Geſichte(se- cond sight) beliehen— ſein Ungluͤck um ei⸗ nige Monate fruͤher betrauert, als die uͤbrige Welt etwas davon vernimmt. Erſt ein hal⸗ bes Jahr nach der empfangenen Schmerzens⸗ botſchaft geſchah, was ſie verkuͤndigt hatte. Eine ſchoͤnere Gefahr ſchien unſern Kleiſt zu erwarten, da der 1744 neu ausbrechende Krieg ihn in das Feld rief. Aber ſie lockte fuͤr jetzt nur noch, und floh das ihr entge⸗ genſchlagende, tapfere Herz. Die Kriegsjahre 1744 und 45 brachten ihm eben noch nicht viel mehr, als Erſchoͤpfungen und Krankheit. Er vergaß das Singen daruͤber nicht, und wer unter ſolcher Art Leiden noch dieſer ſuͤßen Ergoͤtlichkeit treu bleibt, mag gewiß unbe⸗ ſtritten fuͤr einen recht auserkornen Saͤnger gelten. Doch hatten jene truͤben Anſtrengun⸗ gen die bis dahin feſte Geſundheit des Dich⸗ ters in der Wurzel angegriffen. Verfehlte 46 Hoffnungen auf Liebe und kriegeriſchen Ruhm nagten an ſeinem Herzen, und als er nun An⸗ fang des Jahres 1746 wieder in Potsdar eingeruͤckt war, fand er ſeinen Gleim, ſein anderes Ich— wie man das hier wohl ſprechen darf— im Begriff, einen Wirkungs⸗ kreis zu betreten, der ihn auf immer aus der dortigen Gegend entfernte. Jeder Beruf hienieden hat ſeine Leider Warum ſollte die Welt nicht dergleichen uͤber die— freilich wohl ſehr verletzbaren— Juͤn⸗ ger der Muſe verhaͤngen?— Auch uͤber Kleiſt kam ſo ein ſchwerer Anflug von Taſſo'ſchem Leid. Nicht ge⸗ nug, daß er die Geliebte auf immer fuͤr ſich verloren ſah,— die Leute fingen auch an, ihn fuͤr ein bischen wahnſinnig zu halten. Ein Regiments⸗Feldſcher mochte den Gedan⸗ ken zuerſt ausgeſprochen haben, als Kleiſt, dem man verſicherte, er habe zu dickes Blut, die Sache auf Treu und Glauben annahm, und ſich unter dem Vorwand eines andern Uebelbefindens eine Zeitlang zu Hauſe hielt⸗ um eine Blutreinigung zu gebrauchen. Der Argloſe ahnete nichts von dem circulirenden Geruͤcht, bis ſeine Vorgeſetzten in der beſten Abſicht zu ihm ſchickten, ihm ihr Bedauern vermelden laſſend, mit der Verſicherung, er brauche ſich weiter nicht zu graͤmen, denn er ſei dem Koͤnige als ein braver Offizier em⸗ 17 pfohlen. Das hieß mit andern Worten, er werde nun bald ſeinen Abſchied bekommen, d eine Verſorgung dazu, ſo gut ſie ſich fuͤr einen Halbverruͤckten ausmitteln laſſe. Kleiſt fuͤhlte ſein ganzes Leben zerruͤttet, und die natuͤrliche Froͤhlichkeit ſeines Gemuͤthes ent⸗ ſchwunden.„Doch“— ſo ſchließt er ſeine Klage daruͤber an Gleim—„ich bin fuͤr eſe Welt nicht allein da, und ich werde die wenigen Tage, die ich vielleicht hier noch zu leben habe, auch leicht hinbringen.“ Sein Gleim wußte ihn zu troͤſten, nicht nur durch die Kraͤnze der Freundſchaft und Poeſie, ſondern auch, indem er die Aufmerk⸗ ſamkeit des edeln und geiſtvollen Generals von Stille auf ihn lenkte. Dieſer wuͤrdige, ſehr gebildete Mann ſtand als Chef eines Kuͤraſſier⸗Regimentes zu Aſchersleben in Garniſon, ward aber ven dem ihn ehrenden Friedrich oftmal zu ſeinem naͤheren Um⸗ gange nach Potsdam berufen. Bei einer ſolchen Anweſenheit ſuchte und fand General Stille des ſich erſt ſcheu zuruͤckziehenden Kleiſt's naͤhere Bekanntſchaft. Kleiſt fuͤgt ſeinem Dank an Gleim uͤber dieß geſtiftete Verhaͤltniß die Worte hinzu:„Nicht weil ich hoffte, durch ihn mein Gluͤck zu machen, denn das verlang' ich hier nicht, ſondern nur, weil ich mich freue, ſo oft ich ſehe, daß es edelgeſinnte Menſchen auf der Welt gibt.“— Kleiſt's Ged. 2 18 Der ſchwermuͤthige Anhauch dieſer Worte— man weiß ja kaum, ob das hier blos auf Potsdam, oder auf den Kriegsdienſt, oder auf das geſammte Dieſſeit geht!— verraͤth die Tiefe der empfangenen Seelenwunden des Edeln, deren vollkommene Heilung kaum mehr zu hoffen war. Seitdem ein General, ein Freund und Geſellſchafter des Koͤnigs, den bis dahin ver⸗ laſſenen Kleiſt aufgeſucht und geehrt hatte, draͤngten ſich die fruͤher fremdgewordenen Ge⸗ faͤhrten wieder zu ihm. Er nahm ſie auch ganz freundlich auf. Aber ſie hatten ſein zartes Herz verloren.—. Im Anfang des Jahres 1749 ward Kleiſt durch Sulzer perſoͤnlich mit Ramler bekannt, und gewann den edeln Odendichter lieb.„Er iſt der liebenswuͤrdigſte Mann von der Welt,“ — ſchrieb er an Gleim,—„und ich wuͤnſche mir ſeine Freundſchaft erworben zu haben.“— Das hatte er denn auch allerdings;— aber fuͤr Ewald von Kleiſt ſollte es nun einmal mehr noch, als fuͤr andere Erdenſoͤhne heißen: keine Roſe ohne Dornen.— Ramler wollte das Fruͤhlingsgedicht un⸗ ſers Kleiſt, ſein Hauptwerk, im ganzen Guß umaͤndern. Da nun aber das edle Metau die⸗ ſer Art nach ſeiner Eigenthuͤmlichkeit, dem eigenmaͤchtigen Bearbeiter allemal unter den Haͤnden verfliegt, hlieb davon gar nichts 19 zuruͤck, und Ramker mußte ſein eignes Me⸗ tall zuthun. So ward das Ganze, nach Kleiſt's Verſicherung, ein vortreffliches Ge⸗ dicht, aber ein Gedicht Ramlers, und dem erſten Dichter des Werks erlaubte weder ſein Stolz, noch ſeine Beſcheidenheit, ſich fuͤr den Autor dieſer innerlich und aͤußerlich verwan⸗ delten Geſtaltung zu bekennen.„So wird mich Ramler denn auf ſeinen Fluͤgeln in die Ewigkeit tragen!“ klagt er ſeinem Gleim, und es iſt, als gehe unſerm Blick vor dieſen Wor⸗ ten das ſchmerzliche Laͤcheln auf, womit Kleiſt ſie niederſchrieb. Selbſt die Ordnung der Gedanken hatte Ramler veraͤndert, und alſo fuͤrwahr— wie Kleiſt ſich(wohl abermal mit jenem ſchmerz⸗ lichen Laͤcheln) ausdruͤckt— ihm das Exer⸗ titium ein wenig zu ſtark corrigirt. Der Dichter ließ nun— nach dem ſchoͤnen preußi⸗ ſchen Wahlſpruch: suum cuique— des kriti⸗ ſchen Dichters Fruͤbling ihm zur beliebigen lspoſition, und eine geringe Anzahl Exempla⸗ te ſeines eignen Fruͤhlings ließ er auf eigne Ko⸗ ſen an's Licht der Welttreten. Er ſchreibt mit vahrem Entzuͤcken, wie ſein Gedicht ihm Freun⸗ e gewonnen habe, und nennt unter ſolchen die ehheimenraͤthe Gauſe und Buchwald, und die bofraͤthe Burchward und Bergius, welche auf ühre Koſten eine zweite Ausgabe des Fruͤh⸗ ings beſorgten. 20 Um dieſe Zeit erwies ſich ihm die Auſſen⸗ welt ſo ziemlich hold. Im Mai 1749 ruͤckte er zum Stabscapitain vor, und Gleim hoffte ſogar einige Monate nachher, Kleiſt's Re⸗ gimentschef, Prinz Heinrich, werde dem wackern Kriegsmanne die erledigte Leibcom⸗ pagnie zu fuͤhren geben. Dieß war ein Eh⸗ renpoſten, und nebenbei ein Vortheil bringen⸗ der, da die fuͤrſtlichen Compagnie⸗Chefs im⸗ mer dem Commandeur ihrer erleſenen Schaar das ganze betraͤchtliche Einkommen davon uͤberließen. Aber daraus ward nichts, denn vermuthlich wollte der Prinz darum gebeten ſeyn, der hochherzige Kleiſt hingegen wollte nicht darum bitten. Er ſchreibt daruͤber an Gleim: „Der Prinz wußte, daß ich der Aelteſte war, und wenn er mir die Leib⸗Com⸗ pagnie haͤtte geben wollen, haͤtt' er's von ſelbſt gethan. Warum ſollt' ich's riskiren, mir eine abſchlaͤgliche Antwort zu holen, und mich hernach nicht nur daruͤber zu aͤrgern, ſondern noch mehr uͤber meine Bettelei? Die Wahrheit zu ſagen, bin ich dem Prinzen zu gut, um zu verlangen, daß er verdammt ſeyn ſoll⸗ te, einen Truͤbſinnigen, wie mich, taͤglich um ſich zu ſehen. Ueberdem kann ich um Wohlthaten nicht anſprechen; und wenn 21 alle dieſe Umſtaͤnde nicht geweſen wären, waͤr' es mir dennoch unmoͤglich geweſen, ein Wort darum zu verlieren. Nennen Sie es Hochmuth, oder wie Sie wollen, ich bin nun einmal ſo und unvermoͤgend, mich zu zwingen; ſonſt weiß ich aber von keinem Hochmuthe.“ Die ſtille Reſignation Kleiſt's ward durch hoͤhere Fuͤgung belohnt. Im Jahr 1751 er⸗ hielt er ſelbſt eine Compagnie, und ward nun freier von Sorgen. Das Jahr 1752 verlebte er großentheils in der Schweiz auf Werbung, und kam erſt im Fruͤhling des folgenden Jahrs wieder nach Potsdam zuruͤck. Man haͤtte erwarten ſollen, den Natur⸗ freund und Dichter werde eine ſolche Reiſe vollends wieder in eine rechte Juͤnglingshei⸗ terkeit hinaufſtimmen, und ſo hoffte wohl er auch es ſelbſt. Aber es ward anders. Kleiſt war nicht ohne truͤbe Vorahnung nach Zuͤrich gekommen. Er wußte, wie ſehr der von ihm ſeit deſſen fruͤheſtem Auftreten bewunderte und geliebte Klopſtock, dort eben nur Mißverſtehen und Verkennung unter dem Bodmer und ſeinem Anhang gefunden hatte. Ob nun er ſelbſt den Leuten, die er ſcherzend die Alpengötter nennt, behagen wuͤrde,— daruͤber war Kleiſt ſo ziemlich ge⸗ faßt.„Wem ein gutes Herz nicht gefaͤllt,“ 22 — ſchreibt er,—„dem kann auch ich nicht gefallen.“— Aber dieß gute Herz mochte ſich wohl tief verletzt fuͤhlen vor der ſo un⸗ mittelbar ſich aufdringenden Ueberzeugung: „ja auch in dem ſuͤßeſten und reinſten Schaf fen und Ringen dieſes Erdenlebens!,— auch da gibt es Partheiwuth, Scheelſucht umd Verſteinung in ſein eignes, ausſchließlich ge⸗ liebtes Ich!“— Doch verkannte er alles wahrhaft Gute und Schoͤne in dem Zuͤricher Kreiſe ſo wenig, daß er ſogar das damalige Berlin auf eine ſchier herbe Weiſe dagegen herabgeſetzt.„Statt daß man“— ſchreibt er—„in dem großen Berlin kaum 3— Leute von Geſchmack antrifft, findet man in dem kleinen Zuͤrich mehr als 20— 30 derſel⸗ ben. Es ſind zwar nicht lauter Ramler; al⸗ lein ſie denken und fuͤhlen doch alle, haben Genie, und ſind dabei luſtige und witzige Schelme.“— Nach ſeiner Ruͤckkehr gefiel es ihm in Potsdam noch weniger, als vorher, obwohl ihm jetzt manche kleine Auszeichnung zu Theil ward.— Eine ernſte Krankheit, die er bald darauf zu uͤberſtehen hatte, hinterließ ihm die Furcht, daß er forthin zum Kriegsdienſte nicht mehr tuͤchtig ſei. Daher ſein Wunſch⸗ eine Oberforſtmeiſterſtelle zu erhalten, der in⸗ deß nicht erfuͤlt wurde; daher denn auch die Hypochondrie, die ihn nicht ſelten beſchlich⸗ Im Mai des verhaͤngnißvollen Jahres 1756 fing er an, Brunnen und Bad in Frei⸗ enwalde zu gebrauchen, und ſeine fruͤhere Heiterkeit ſchien ganz wieder zu erwachen. „Vielleicht“— ſo ſchreibt er von dort aus— „vielleicht wird meines Lebens Abend ſchoͤner, als mein Morgen und Mittag geweſen ſind.“— Wenige Tage nachher bekam er den Be⸗ fehl, wieder zum Regiment zu kommen, weil dieſes ſich zum Ausmarſch bereit mache. Nun ward es nur noch freudiger in dem tapfern, ehrliebenden, von begeiſterter Liebe zu ſeinem Koͤnige durchgluͤheten Geiſt. Weg war jeder Zweifel an dem eignen, kraͤnkeln⸗ den Koͤrper und mit feſter Siegeszuverſicht auf den Feldherrn Friedrich und ſein Heer, freudig ſtolz, mit in deſſen Rotten zu gehoͤ⸗ ren, ruͤckte Kleiſt in's Feld. Einige kleine Gefechte gingen der Ueber⸗ gabe des eingeſchloſſenen Sachſenheeres noch voran. Dann gab es ziemlich ruhige Win⸗ terquartiere in Zittau. Noch immer wichen die groͤßeren und ernſteren Kriegsgefahren dem kuͤhnſehnenden Dichterherzen aus, und manche Klage daruͤber ergoß ſich in ſeine Briefe an Gleim. Nur noch Ein Wort hier aus einem ſolchen, weil es den ganzen Mann ſo deutlich hinſtellt, ihn, dem unter allen Laſtern vielleicht keines verhaßter war, als 24 eitles Prahlen mit herzloſen Worten. Und dieſer Wahrhafte ſchreibt ſeinem Gleim: „Um mit Ihnen natuͤrlich und ohne Verſtellung zu ſprechen, ſo wuͤnſche ich nichts mehr, als nur einmal mit zwei⸗ hundert Mann kommandirt zu ſeyn, und dann von zweitauſend Oeſtreichern ange⸗ griffen zu werden. Wenn ich mich er⸗ gaͤbe, moͤchte mich der Koͤnig immer zum Schelm machen laſſen.“ Es iſt nicht Feindesverachtung; es iſt Sehn⸗ ſucht nach einer großen That, moͤge nun Tod oder Sieg ſie kroͤnen. Auch redet nicht Kleiſt allein aus dieſen Worten, ſondern der preußi⸗ ſche Kriegsgeiſt jener Jahre uͤberhaupt. Pre⸗ phetiſch hatte Gleim geſungen: „Berlin ſei Sparta! Preußens Held Gerlin ſa Shärtar Prs Ens 5* Und freilich mußte ein thermopyliſcher Geit uͤber Volk und Heer kommen, wenn im Rin⸗ gen wider eine ſo ungeheure Uebermacht, Ruhm und Sieg den koͤniglichen Helden kro⸗ nen ſollte!— Unſer kriegeriſcher Saͤnger hatte waͤhrend eines Kommando's, auf welches er gegen Ende des Jahrs 1756 zog, um das Staͤdtchen Oſtriz de 1 25 vor Kroatenſtreifereien ſchirmen zu helfen, ſein Gedicht auf den Sommer angefangen, die Landluſt im Kriege feiernd, den Sommer im December. Kaum war Kleiſt von Oſtritz wieder ab⸗ geloͤſt, ſo uͤberfielen die Kroaten das neue Kommando unter dem Major von Blumen⸗ thal, das zwar den Angriff muthig zuruͤck⸗ wies, aber ſeinen tapfern Fuͤhrer dabei durch ein Flintenſchuß verlor. Durch Blumenthals Tod ſtand die Be⸗ foͤrderung zum Major an Kleiſt. Aber er meint in ſeinen Briefen, Prinz Heinrich zeige ſich ihm doch wieder nicht recht gewogen, und wenn er Major werde, geſchehe es ver⸗ muthlich nur durch eine Verſetzung, die ihm aber auch recht ſei, obgleich die Waffenbruͤder ihn hier ungern verloͤren. Genug, wenn er bei ſeiner neuen Beſtimmung nur dem Feinde gegenuͤber bleibe!— Die Zeit des verdrieß⸗ lichen Wartens auf die Entſcheidung war ihm noch dadurch verdrießlicher, daß ein Kroatenangriff gegen das Staͤdtchen Hirſch⸗ felde, wohin er kommandirt zu werden er⸗ wartete, eher erfolgte, als er hinkam. Doch trug er ſein Leiden fromm und ſtill. Ueber den Abſchied von ſeinen bisherigen Waffen⸗ bruͤdern ſchreibt er: „Vorgeſtern hielt der Faͤhnrich von Schulenburg eine unvergleichliche Leichen⸗ 26 rede auf den ſeligen Major Goͤtze. Wie er eben die Leichenrede gehalten hat, kommt die Nachricht, daß ich verſetzt ſey. Er ruft in dem naͤmlichen Augenblicke in der Geſellſchaft aus(in der ich ſelbſt nicht war):„OHimmel, ſchon wieder eine Leichenrede!“ Als er mich nachher ſah, fiel er mir um den Hals und weinte, und ich habe die Freude, das dieß faſt Alle thun!“ Das war wohl recht, wie es die Englaͤnder ſo tief bedeutſam nennen: the joy of grief! Die Wonne der Wehmuth — Was unſern edeln Krieger vorzuͤglich ſchmerzte, war, daß nach ſeinem Abgange vom Regimente des Prinzen Heinrich dieſe tapfere Schaar in faſt zahlloſen Gefechten Ruhm erworben und Blut verloren hatte. Von ſeiner ehemaligen Compagnie waren im Juli 1757 nur noch 43 geſunde Leute uͤbrig. Vier Majors hatten den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden!— Wenn dagegen auch eini⸗ gemal um Leipzig her Kampfesgewoͤlke her⸗ aufzogen,— nur zu bald fuͤr die Sehnſucht des tapfern Saͤngers waren ſie wieder ver⸗ theilt. Er begann in dieſer Zeit ſein kleines Epos, Ciſſides und Paches, zu dichten, oder — wie er ſelbſt es beſſer benennt— ſeinen — S S ͤ A ͤ 27 kriegeriſchen Roman. Doch entwarf er nur eben den Gang des Gedichtes, und ſchrieb etwa zehn Verſe auf. Es war nicht allein die Schuld der muͤhſamen Waffenuͤbungen, daß er fuͤr dießmal nicht weiter mit dieſem, ihm ſo ganz zuſagenden Gegenſtande, vor⸗ ruͤckte; Leſſing, deſſen Freund er in Leipzig, der Station ſeines neuen Regiments, wurde, wollte durchaus ein Trauerſpiel von ihm haben, und zwar einen Seneca. Dem hoch⸗ geehrten und geliebten Freunde war der Dich⸗ ter gern zu Willen. Aber das langſame Vorſchreiten des Entwurſes, das Muͤhſal, welches er bei der naͤhern Ausfuͤhrung em⸗ pfand, und wie das denn doch wieder keine eigentliche Ausfuͤhrung ward, ſondern eben nur ein abermaliger Entwurf zum kuͤnftigen Ausarbeiten und etwaigen Verfifiziren.— Alles offenbarte, daß Kleiſt hier auf eine, ſeiner eigenthuͤmlichen Muſe fremde Bahn geleitet worden ſei. Indem er ſich zwiſchen dem dritten und vierten Akte abquaͤlte, ſchrieb er ſcherzend ſeinem Gleim—(vermuthlich nach einem damals gangbaren Volksliede)— „das Roͤſſel reiten wir nicht mehr!“— Und als er's nun endlich—(um bei dem ſtallmei⸗ ſterlichen Bilde zu bleiben)— ſo aus dem Rohen dreſſirt hatte, und es Leſſingen vor⸗ ritt, ſchien dieſem ſelbſt dabei theils etwas 28 unheimlich, theils ſpaßhaft zu Muthe zu werden.— Inmitten des muͤhſeligen Seneca'srittes erholte ſich Kleiſt durch andere, ihm eigen⸗ thuͤmlichere Lieder; am ſchoͤnſten wohl, indem er ſeine herrliche Ode an die preußiſche Ar⸗ mee ſang: „Unuͤberwundnes Heer! mit dem Tod und . erderben In Legionen Feinde dringt; 2 Um das der frohe Sieg die goldnen Fluͤgel . wingt, O Heer, bereit zum Siegen oder Sterben!“ Um dieſe Zeit uͤbergab ihm der Koͤnig durch ausdruͤcklichen Befehl die Direction eines in Leipzig errichteten Feld⸗Lazarethes. Kleiſt's Vorgeſetzte fanden ſich durch dieſe Art von Controlle beleidigt, und ſtemmten ſich mit allen Kraͤften dagegen,— Koͤnig Friedrich ließ ſich von ſeiner Anordnung nicht abbrin⸗ gen, dadurch bewies er allerdings, daß er den menſchenliebenden, pflichtgetreuen Kleiſt nicht ſo uͤberſehen hatte, als dieſer oͤfters meinte, ſondern, daß er ihn recht wohl in jenen ſchoͤ⸗ nen Grundeigenſchaften kannte. Aber natuͤr⸗ lich haͤtte doch der kriegeriſche Dichter jeden kuͤhneren Auftrag unendlich lieber vollfuͤhrt. Da es nun einmal ſo ſeyn ſollte, that er auch hier mit Eifer und Liebe, was ſeines Amtes war. Dabei hielt er ſein froͤhliches Ver⸗ ——————— 29 trauen auf einen ſiegreichen Ausgang des Kampfes unerſchuͤtterlich feſt. Im October 1757 ſchrieb er: „Meine Prophezeihung wird wahr wer⸗ den, daß ganz Europa keine Streu⸗ ſandbuͤchſe voll Erde von uns bekommen wird.—“ Indeſſen hatte ihm Prinz Heinrich bei ſeinem kurzen Aufenthalt in Leipzig zuver⸗ ſichtliche Hoffnung zu nahen Kriegsthaten gegeben. Am 11ten Mai 1758 ging es wirk⸗ lich vorwaͤrts.—„Mir iſt, als wenn ich im Himmel waͤre!“ ſchrieb Kleiſt ſeinem Gleim zwei Tage vorher, und fuͤgte ein kleines Ver⸗ maͤchtniß von 200 Rthlrn. fuͤr Leſſing und Ramler hinzu, auf den Fall ſeines Todes. Aber er beſinnt ſich auf einmal freudiglich ei⸗ nes Beſſern, und ſchreibt: „Oder vielmehr geben Sie die 200 Rthlr. ihnen gleich, ſie ſollen ſie mir einmal, im Fall ich lebe, wiedergeben, wenn ſie recht reich geworden ſind.“ Das Corps des Prinzen drang bis Hof und weiter vor;— die Reichsarmee lief da⸗ vor zuruͤck, und Kleiſt gewann von dem er⸗ ſehnten Kriegszuge nur eben eine poetiſche Frucht, aber eine ſchoͤne. Es iſt die Hymne, die mit den Worten anhebt: „Groß iſt der Herr! Die Himm Chit Sl5 ſeiner Laen 1⸗ Avhne Zaht Die Entſtehung dieſes Liedes, berichtet Kleiſt ſeinem Gleim mit folgenden Worten: „Daß Ihnen meine Hymne gefaͤllt, freut mich ſehr. Wie große Luſt ich auch habe, etwas zu machen, ſo hab' ich doch keine Erfindungen mehr, woraus ich was machen kann. Vielleicht ſchaffen mir meine Soldaten wieder Erfindungen, denn jene Hymne hab' ich ihnen wirklich zu danken. Sie haben naͤmlich die Gewohnheit, daß ſie des Morgens auf dem Marſche, ehe ſie Lieder vom Koͤnig von Preußen an⸗ ſtimmen, geiſtliche Lieder ſingen. Eines Morgens ſangen ſie eins, worin eine Stelle vorkam: daß Gott uns viel Gu⸗ tes erweiſe, daß er uns Freunde gebe, und daß man ihn loben muͤſſe u. ſ. w. Dies ruͤhrte mich ſo, daß ich voraus⸗ ritt, und viel weinte, und die Hymne entwarf.“— Welche Fuͤlle von Froͤmmigkeit, dichteri⸗ ſcher Weichheit und heldenfeuriger Kampfes⸗ luſt— in dem edeln Geiſte!— Doch immer beſtimmter ſah er nach dem ſchon fruͤher an⸗ gedeuteten Friedenshorizont jenſeit des Krie⸗ ges hinaus. Ihm waren 50 andre Majors vorgezogen, welches ſich damals mit den Ge⸗ ſetzen der aͤußern Ehre nicht vertrug, und er wollte zwar aus ganzer Seele gern fuͤr ſei⸗ nen großen Koͤnig bluten und ſterben, aber 31 auch ſelbſt durch Ihn nicht den leiſeſten Ma⸗ kel auf ſeiner Ehre dulden. Er gedachte da⸗ her gleich nach beendetem Kriege ſeinen Ab⸗ ſchied zu nehmen.—„Ich werde, ſo lang⸗ ich lebe, ſchon genug haben;“ ſchreibt er an Gleim.„Mein Feld und meine Garten ſol⸗ len mich ſchon ernaͤhren.— Wie will ich Kohl pflanzen, und Alleen, Hecken und Blumen!— Aber Kleiſt ſollte dieſen idylliſchen Hin⸗ tergrund noch in der vollen Friſche ſeines Lebens untergehen ſehn. Die Ruſſen hatten gegen den Herbſt des Jahres 1758 ſein klei⸗ nes Gut rein ausgepluͤndert, und ihm da⸗ durch alle Hoffnung auf ein ſelbſtſtaͤndiges Daſeyn im Alter geraubt. Er empfand es ſchmerzlich, aber hier, wie immer, ging ihm die große Angelegenheit ſeines Friedrich weit vor. Aus dem Lager bei Maxen, am 2ſten October 1758, ſchreibt er an Gleim:„Sie werden begierig ſeyn, Umſtaͤnde von dem Ue⸗ berfall zu wiſſen, den unſre Armee den lten dieſes(bei Hochkirch) von den Oeſtreichern er⸗ litten hat. Ich kann Ihnen jetzt mit Zuver⸗ läfſigkeit melden, daß die Sache nicht von ſo großer Wichtigkeit iſt, als ſie die Oeſtreicher angeben werden.“— Nun ſchilt er etwas übergrimmig auf den edeln Feldherrn Daun s, und laͤßt dann eine friſche, kuͤhngeſchrieb⸗ ne, aber unwillkuͤhrlich in's Lichte malende 3² Schilderung des Vorganges folgen. Damn ſetzt er mit kecker Naivetaͤt hinzu: „Dies iſt Alles. Unſer Verluſt iſt kaum 1500 Mann. Die Oeſtreicher wer⸗ den es fuͤr eine Schlacht ausgeben, aber kein Vernuͤnftiger wird es dafuͤr halten. Geduld! Ihr ſtolzen Sieger! Ihr ſollt bezahlt werden; Alles bei uns iſt bis zur Raſerei aufgebracht!“— Freilich mag uns der Triumph, den der zuͤrnende Krieger auf die Nicht⸗Schlacht bei Hochkirch ſetzt, ein Laͤcheln ablocken. Aber der Kriegsmann im Felde fuͤhlt anders, und ſoll anders fuͤhlen, als der hiſtoriſche For⸗ ſcher.— Nachdem nun Kleiſt auf dieſe Art ſeinem Herzen uͤber die Hauptſache Luft ge⸗ macht hat, laͤßt er, wie ein Poſtſcript, bei⸗ nahe die paar ruͤhrenden, etwas ſchmerzver⸗ wirrten Zeilen folgen: „Die Ruſſen ſind auf meinem Gute geweſen, und haben mir alles genom⸗ men. Nun bin ich mit meinen armen Bauern und Geſchwiſtern ganz ruinirt. Ich habe immer gedacht, noch einmal zu Hauſe zu ſterben, wenn ich's im Kriege nicht wuͤrde; aber nun— Er bricht ab.—“ Der tieffuͤhlende Lorenz Sterne ſagt: „Gott ſchickt warmen Wind, wenn das Lamm geſchoren iſt.“— Unſerm tapfern Dichter 33 ſchickte Gott zum Troſt fuͤr ſein zerſtoͤrtes Erdengut ritterliche Kaͤmpfe. Gegen Ende Novembers wohnte Kleiſt, unter General von Fink, einigen raſchen und kuͤhnen Poſtirungshaͤndeln bei. Dann ging es in die Winterquartiere, und kurz vorher ſchreibt er an Gleim:„Den Winter durch wollen wir nun brav exerziren, und auf's Jahr, will's Gott, die Feinde ſchlagen, daß es kracht!“— Anfaͤnglich war ihm die Win⸗ terruhe in Zwickau, unter den Erinnerungen des wacker durchfochtnen Feldzuges ganz be⸗ haglich. Aber ein tiefer Schmerz drang in ſeine Seele. Ruſſiſche Pluͤndrer hatten ſei⸗ nen Mutterbruder, einen ehrwuͤrdigen Greis, Namens von Manteuffel, mit mehr als drei⸗ sig Wunden auf ſeinem Ritterſitz ermordet. Kleiſt ſchrieb an Gleim uͤber jene Unthat: „Ein ſehr trauriger Fall fuͤr mich. Er(Manteuffel) war einer von denen, die ich von meiner ganzen Familie am mehrſten verehrt habe; er war die Redlichkeit und der Verſtand ſelber, und die Zuflucht aller Armen der gan⸗ zen Gegend. Er hatte ein ſchneeweißes Haupt, und ein ſo ehrwuͤrdiges Anſehn, daß ein Wolf ihn reſpectirt haͤtte, nur kein Ruſſe. Ich kann mich der Thraͤ⸗ nen nicht enthalten, wenn ich an ihn Kleiſt's Ged. 3 denke. Er hat mich aus der Taufe gehoben, mich halb erzogen, und mir fehr viel Gutes gethan.“— — Der Fruͤhling 1759 weckte neue Kam⸗ pfesſehnſucht in dem Herzen Kleiſt's. Sein Regiment zog unter dem Corps von 10,000 Mann, welches General von Fink dem Heere des Koͤnigs zufuͤhrte, nach Frankfurt an der Oder, entgegen der blutigen Schlacht von Kunersdorf, ruͤckte am zehnten Auguſt, un⸗ weit der Stadt bei Zeſchdorf in's Lager, und ging ſammt der ganzen Infanterie, am eilf⸗ ten in aller Fruͤhe uͤber den Strom, um die angewieſene Stellung auf den Hoͤhen von Oetſchen einzunehmen. Kleiſt war in der friſchen Morgenkuͤhle und bei der langſamen Marſchbewegung der Colonne auf ſeinem Pferde ſanft eingeſchlummert. Als einige Freunde ihn weckten, ſah er freundlich empor, und ſagte, er habe von Kampf und Sieg ge⸗ traͤumt. — Das ſchaurige Wechſelringen der Schlacht von Kunersdorf iſt bekannt. Am 12ten Aug. griff Koͤnig Friedrich den linken ruſſiſchen 35 Fluͤgel an, trieb ihn zuruͤck, und nahm 70 Kanonen. Erbittert uͤber die Verwuͤſtungen der Ruſſen, draͤngte er ſie von Frankfurt ab, ihrem einzigen Ruͤckzugspunkt, und gab zu⸗ gleich Befehl, Seidlitz ſolle mit der Reiterei auch vom linken preußiſchen Fluͤgel her auf die Gegner einbrechen, um ſie ganz zu ver⸗ nichten. Vergeblich ſtellte Seidlitz vor, er halte durch ſeine Stellung das oͤſterreichiſche Huͤlfscorps unter Laudon ab, in die linken Flanke der preußiſchen Armee einzubrechen. Vergeblich meldete er, die Wieſen vor ihm ſeyen nur ſcheinbar feſt; wenn er mit ſeinen Roſſen druͤber hintrabe, muͤſſe der ſumpfige Boden Mann und Pferd hinunterziehn. Ein erneuerter, zorniger Befehl Friedrichs.— Seidlitz gehorchte, und ſeine truͤbe Weiſſa⸗ gung ward erfuͤllt. Die Reiterei ſteckte in den Suͤmpfen, waͤhrend Laudon gegen den linken preußiſchen Fluͤgel vorbrach, und waͤh⸗ rend der linke ruſſiſche Fluͤgel vom Ruͤckzugs⸗ punkt abgeſchnitten, an kein Ergeben dachte, ſondern alle hartnaͤckige Unbeſiegbarkeit of⸗ fenbarte, die in dieſem ſtarken Volke liegt. Die Schlacht war unrettbar verloren. Das preußiſche Heer ſchien zertruͤmmert. Die Sieger uͤberſchwemmten nachhauend das Feld. Laßt uns nun aus dem allgemeinen Schre⸗ Tensbilde die eble Geſtalt unſers Freundes hervorheben. 36 Mit einer Seele, leuchtend von Hoffnung auf Sieg und Ruhm, zog Kleiſt feindan, als gegen Mittag das Fink'ſche Corps auf dem rechten Fluͤgel vorruͤckte, der preußiſchen Avantgarde nach, welche den Feind aus ſei⸗ nen Verſchanzungen auf dem Muͤhlberge durch einen Bajonet⸗Angriff vertrieben hat⸗ te. Kleiſt war der zweite Stabs⸗Offizier bei'm Regiment, und hatte, als ſolcher hin⸗ ter der Front zu bleiben, um die Ordnung des zweiten Gliedes zu erhalten, und uͤber⸗ haupt das etwaige Zuruͤckweichen einzelner Soldaten zu verhindern. Seit nicht mehr das von kraͤftigen Armen geſchwungene Schwert, ſondern der Geſchoſſe unſichtbare Todesboten das Mehrſte uͤber Leben und Sterben der Krieger zu entſcheiden haben, iſt die Gefahr in der Regel um nichts geringer hinter, als vor der Front, vorzuͤglich fuͤr den zu Roß hervorragenden Stabsofſizier oder Adjutan⸗ ten des Fußvolks. Aber dennoch ſchaute wohl Kleiſt mit ſehnenden Blicken nach vorwaͤrts, als nun der Commandeur das Regiment ge⸗ gen eine ruſſiſche Batterie fuͤhrte. Sie ward erobert. Eine zweite, eine dritte desgleichen. Kleiſt hatte bereits zwoͤlf Schuͤſſe, von matt⸗ gewordenen Kugeln erhalten, die ihm ſtarke Contuſionen gaben. Eine dreizehnte zer⸗ ſchmetterte ihm die be den erſten Finger ſeiner rechten Hand. Er nahm den Degen in die 37 Linke, Schwert und Zuͤgel zugleich fuͤhrend. Eben faͤllte ſein Regiment das Gewehr ge⸗ gen oͤſterreichiſche Grenadiere, welche davor zuruͤck wichen,— da war der tapfere Com⸗ mandeur gefallen. Ihn nicht mehr ſehen, und um den Fluͤgel herum vor die Front ja⸗ gen, war Eins fuͤr Kleiſt. Freudig fuͤhrte der Unerſchrockene ſeine Soldaten gegen eine vierte Batterie. Die Fahnentraͤger des Re⸗ gimentes— damals junge Edelleute, noch Knaben faſt, die man Fahnenjunker nannte, — marſchirten vor der Fronte. Einer von dieſen trug neben ſeiner Fahne noch zwei andre von ſchon gefallnen Waffenbruͤdern. Kleiſt faßte unterſtuͤtzend ſeinen Arm, und half dem unter ſeiner edeln Laſt Wankenden mit vorwaͤrts. In dem Augenblicke durch⸗ fuhr ihm eine Flintenkugel den linken Arm. Er faßte Degen und Zuͤgel wieder in die minder verwundete Rechte. Immer vorwaͤrts ging es gegen die Batterie. Auf etwa dreißig Schritte war man heran;— da gaben die tapfern ruſſiſchen Kanoniere noch eine Kartaͤtſchenladung. Drei Kartaͤtſchenkugeln trafen unſern Helden. Das rechte Bein war zerriſſen— er ſtuͤrzte aus dem Sattel. Seine Kriegslrute ſtußten. Man kommt ihm zu Huͤlfe, und zweima verſucht er, ſich wieder auf's Pferd heben zu laſſen. Aber ermattet zu Boden ſinkend, ruft er mit chwindender 38 Kraft noch den Seinigen zu:„Kinder⸗ verlaßt Euern Koͤnig nicht!“— Und noch Einmal ſtuͤrzten ſie vorwaͤrts, und Kleiſt ſahe freudig, daß dem tapfern, aber ermatteten und zuſammengeſchoßnen Regi⸗ ment eine friſche Schaar zur Unterſtuͤtzung nachruͤckte. Gewiß, ihn durchgluͤhte die freu⸗ digſte Hoffnung des Sieges, indem die Wun⸗ denmattigkeit ihn ſchon mit den Schleiern der Ohnmacht umwob. „ Zwei Soldaten trugen ihn hinter die Front, und zu ihnen geſellte ſich noch ein dritter, von Kleiſt's ehemaliger Compagnie im Regiment Prinz Heinrich, der ſeinen lie⸗ ben ſonſtigen Hauptmann nicht eher verlaſ⸗ ſen wollte, bis er ihn der Pflege eines Wundarztes uͤbergeben konnte. Aber als das geſchehen war, eilte er auch ſogleich wieder in die Schlacht zuruͤck. Ein ochter Schuͤler Kleiſt's, an freundlicher Milde und pflicht⸗ getreuer Tapferkeit!— Die Schmerzen des beginnenden Verban⸗ des weckten den Helden aus ſeiner Ohnmacht. Sein kaum erſchloſſenes Auge ſahe den huͤlfreichen Wundarzt von einem Schuß in den Kopf todt niederſinken.— Er ſahe bald noch Schlimmeres. Umherſchwaͤrmende Ko⸗ ſacken prellten heran, und war das auch freilich noch kein Zeichen vom Zuruͤckgehen ſeinet —— 39 Waffenbruͤder,— denn jene kuͤhngewandten Reiſigen pflegen ihren Feind auf allen Se⸗ ten zu umſchwaͤrmen,— ſo brachte es den Verwundeten doch in große Noth. Sie war⸗ fen ſich pluͤndernd uͤber ihn her. Kleiſt redete ſie auf polniſch an. Aber eben, daß ſie ihn fuͤrseinen Polen hielten, reizte vermuthlich ihre Wuth gegen den Unbegluͤckten, den ſie in der ihnen feindlichen Uniform antrafen. Der Koſack iſt beuteluſtig, aber nur im Zorn ver⸗ gißt er ſich zur Grauſamkeit. Und dieſe, nach⸗ dem ſie den Verwundeten gaͤnzlich ausgepluͤn⸗ dert hatten, warfen ihn in einen Sumpf, und jagten von dannen. Mitten unter ihren Mißhandlungen konnte der Held noch als Dichter uͤber die raubgierige Verzerrung ih⸗ rer Mienen, laͤcheln. Er lag verlaſſen und in unausſprechlichen Schmerzen da. Aber mit der hereindaͤmmernden Nacht beſchlich ihn halb Ohnmacht, halb Schlummer. So fanden ihn ruſſiſche Huſaren, zogen ihn mitleidig auf's Trockne, machten ihm ein Strohlager an ihrem Wachtfeuer, huͤllten ihn in einen Mantel, und ſetzten ihm einen Hut auf. Auch was ſie an Erquickungen eben hatten,— Brod und einen Trunk friſchen Waſſers,— theilten ſie mit ihm. Wer den heißen Durſt dennt, welchen das Ringen der Schlacht ſowohl, als jede Verwundung zu 40 wecken pflegt, wird fuͤhlen, wie Kleiſt ſeinem Schoͤpfer und den wackern Feinden für dieſe Labung danken mochte. Ein Huſar warf ihm großmuͤthig ein Achtgroſchenſtuͤck auf den Mantel, und ritt mit ſeinen Genoſſen davon⸗ — bald kamen wiederum Koſacken, und ent⸗ riſſen ihm alle Geſchenke der guten Huſaren. Halb nackt auf dem Strohlager hingeſtreckt, litt er wieder furchtbare Schmerzen, ohne Zweifel durch das Hin⸗ und Herreißen der Pluͤnderer vermehrt, und erſt um zehn Uhr des Morgens ſah er einen ruſſiſchen Offizier uͤber das Schlachtfeld reiten, den er, ſeinen Rang zu erkennen gebend, anrief. Der Of⸗ fizier— es war ein Herr von Stackel⸗ berg— ſchaffte ihn auf einem Wagen nach Frankfurt. Kleiſt traf dort erſt gegen Abend ein, und der durch den Tod jenes Wundarz⸗ tes unterbliebene Verband, wurde nun zum erſtenmal angelegt. Aber die Wunden waren bereits durch Erkaͤltung, Mißhandlung und Naͤſſe in toͤdt⸗ lichem Zuſtande.— Kleiſt hatte einem wuͤr⸗ digen Freund, dem Profeſſor Nicolai, ſeine Ankunft gemeldet, und auf deſſen wiederhol⸗ tes Bitten, erlaubte man ihm, daß er den Kranken am naͤchſten Tage in ſeine Woh⸗ nung bringen ließ. 3. denden Mannes. 41 Wir haben die ſchone Beruhigung, daß unſers Freundes letzte Lebenszeit, ob zwar nicht frei von heftigen Wundenſchmerzen, doch ſanft und heiter verrann in der Pflege ſorgſamer Gaſtlichkeit und edler Freundſchaft. Der Verluſt der Schlacht konnte auch jetzt noch die feſte Zuverſicht auf Gottes Obhut uͤber ſeinen großen Friedrich und ſein liebes Preußen nicht in ihm erſchuͤttern. Und daß der edle Geiſt keinesweges unter koͤrperlichen Leiden abgeſtumpft war, bewies die heitere Lebendigkeit, mit welcher ſich Kleiſt gegen die Gelehrten des Ortes und einige ihn beſu⸗ chende ruſſtſche Offiziere auszuſprechen wußte. Einigemal hoffte er auf Geneſung. Dann wieder ſah er dem Tode mit ruhiger Erwar⸗ tung entgegen. Seine Freunde und Pfleger ſchoͤpften Troſt aus der Munterkeit ſeines Geiſtes. Aber das Ziel ſeines muͤhevollen und ſchmerzdurchwobenen Lebens ſtand nahe. Die zerſplitterten Knochen ſeines Schenkels ſonderten ſich in der Nacht vom 22. und 23. Auguſt, und es folgte eine ſtarke Verblutung. Es galt hier nicht mehr die Ueberfuͤlle eines raſchen Juͤnglingsblutes von hinnen zu ſchaf⸗ fen; vielmehr verrannen mit dieſen Tropfen die letzten Kraͤfte des vielerſchoͤpften, vieldul⸗ Sein Lebenskampf endete ſanft. Unter ſeines gaſtlichen Freundes Ge⸗ beten ſchlief er am 24. Auguſt 1759 um 2 Uhr 42 des Morgens zum beſſern Leben ein. Er hatte einige Monate uͤber 43 Jahre auf dieſer Erde gelebt. — Der treue Nicolai ſorgte fuͤr ein ehrendes Begraͤbniß ſeines Freundes, und die ruſſiſchen Offiziere waren ihm dabei auf eine echt rif terliche Weiſe behuͤlflich. Jener wackere Hert von Stackelberg, der den verwundeten He⸗ den nach Frankfurt hineingeſchafft hatte, leg⸗ te jetzt— der Degen Kleiſt's war auf dem Schlachtfelde verloren gegangen— ſeinen er genen Dagen auf des todten Helden Sarg mit den Worten:„Nein, ein ſolcher Krieger darf nicht ohns dieß Ehrenzeichen begraben werden.“ Offiziere, Gelehrte, Studente und viele Andre noch ſonſt folgten im feier⸗ lichen Zuge dem Sarge.— — Ein Denkmal Kleiſt's konnte erſt lange nicht zu Stande kommen, wie viel Muͤhe ſich auch Gleim darum gab. Endlich errich⸗ tete ihm die Freimaurerloge zu Frankfurt ein ſolches mit deutſchen, lateiniſchen und franzoͤſiſchen Inſchriften. Die paſſendſte viel: leicht hat er ſich ſelbſt geſungen in den Wat. . te de 43 ten, die er ſeinem Waffengonoſſen, dem Ma⸗ jor von Blumenthal, nachſang. Kleiſt war groß von Perſon, und ed⸗ len, martialiſchen Anſehns. Freundlich⸗ernſt, voll inniger Guͤte, redlich, aufrichtig und of⸗ fen war der Ausdruck ſeines Geſichts. Sein großes feuriges Auge zeugte gleich ſehr von der ſtrengen Tugond und von den heitern Geſaͤngen ſeines Innern. Der Kummer ſei⸗ nes Lebens war vor den Augen der Menge tief in ſeinem Herzen verſchloſſen, ein Ge⸗ heimniß ſeiner Freunde und ſeiner Muſe; er hatte ſeine entſtellenden Spuren dem ſee⸗ lenvollen Antlitze nicht eingehaucht. Sein Herz ſchlug in Menſchenliebe und Wohlthun; Verſtellung war ihm voͤllig fremd und ge⸗ haͤſſig.— Seine Untergebenen liebten ihn wie ihren Vater und folgten ihm treu auf der Bahn des Sieges bis zum Tode. Sei⸗ ne Vorgeſetzten zwang er, ihm mit Achtung zu begegnen, denn er that immer mehr als ſeine Pflicht gebot; mit kalter Reſignation litt er ihm zugefuͤgtes Unrecht, waͤhrend er ihm erwieſenes Lob nur mit jener liebens⸗ wuͤrdigen Beſcheidenheit aufnahm, welche ein -rundzug ſeines Charakters war. Seine Freunde liebten ihn als ihren Getreueſten in Gluͤck und Noth, er war ihr Stolz und ihre Luſt, und ſie blieben ihm treu in jedem Ver⸗ 44 haͤltniſſe; denn er ſchonte ihre Launen Schwaͤchen, waͤhrend er ihre Vorzuͤge mit deſto zaͤrtlicherer Liebe anerkannte. Eitel war Kleiſt in keiner Ruͤckſicht, ehrgoizig in jeder, dabei aber zu rechtlich, als daß er ſeinem Ehrgeize je unedle Gewalt uͤber ſich eingeraͤumt haͤtte.— Sein in Unſchuld und Einfalt arglos reines Gemuͤth hat Kleiſt ſelbſt in allen ſei⸗ nen Poeſien treu gezeichnet, und vorzuͤglich treffend in den Erzaͤhlungen:„die Freund⸗ ſchaft,“ und„Ariſt“ und in dem Fiſcher⸗ Idyll:„Irin.“ Ueberhaupt war in Kleiſ der Dichter von dem Menſchen nur ſel⸗ ten geſchieden; ſo daß man den Dichter nur dann gerecht wuͤrdigt, wenn man ſich ihmials Menſchen innigſt befreundet fuͤhlt.— Er ſelbſt fand im Dichten mehr ein fittliches, denn ein kuͤnſtleriſches Ergoͤtzen, und er liebte die Muſe nur als den erheiternden troſtreichen Genius ſeines vielfach verkuͤmmerten Le⸗ bens*). Wir verehren in Kleiſt einen der beſten Biloner der deutſchen Literatur. Korrektheit des Ausdrucks und gluͤcklich gewaͤhlte Bilder⸗ in denen er gewoͤhnlich die Natur mit friſchem *) Vergl, das Leben Kleiſt,s von Koͤrte in„Kleiſt's ſaͤmmtlichen Werken, 1. B. 45 Leben zeichnet, ſo wie ein hohes Feuer der Vegeiſterung und Fuͤlle und Wohlklang der Diktion, charakteriſiren ſeine Gedichte*). Durch ſeinen Fruͤhling erhob er ſich weit uber ſein Zeitalter, es ſtellt ihn Klopſtock zur Seite. So urtheilen wenigſtens ſeine Zeit⸗ genoſſen, und nicht in Deutſchland allein; das ganze uͤbrige civiliſirte Europa machte ſich das treffliche Gedicht durch zum Theil gelun⸗ gene Ueberſetzungen zu eigen und feierte ſei⸗ h nen Verfaſſer hoch. Die neuere Kritik hat ſes unglimpflich beurtheilt. Wahr iſt es, daß „ſes ihm, abgeſehen von ſeinen rhythmiſchen Maͤngeln, an Einheit fehlt, daß ſeine einzelnen Kheile oft ohne allen Zuſammenhang neben⸗ einander ſtehen; in manchen mag es nur als ein Moſaikgemaͤlde gelten; aber als ſol⸗ es iſt es das köſtlichſte, ſchoͤnſte, was wir beſizen. Inſonders iſt dem Dichter das ei⸗ * gentliche Pittoreske in den Schilderungen n unuͤbertrefflich gelungen.— Treffliches leiſtet Kleiſt auch in der Fabel, der Idylle, der oymne; vorzuͤglich in letzterer, wo ſich ſein n ündlich⸗frommes heldenkraͤftiges Gemuͤth in t ſiner ganzen Fuͤlle aͤußern konnte.— Sein, „ n ————— uf Leffings Anregung gewagter Verſuch im hebiete des Drama, ſein Seneca, war — *)) Pölitz Handbuch, JI. B. S. 391. 46 ein Fehlverſuch. Es blieb auch bei dem Ent⸗ 3 wurf; denn nur als Entwurf kann das Pro⸗ dukt gelten, was wir unter jenem Namen von dem Dichterhelden beſitzen. Kleiſt's ſaͤmmtliche W erke ſind von ſeinem Biographen, Wilhelm Koͤrte, ge⸗ ſammelt, ſeit 1803, in Berlin(bei Herbig) in mehren Ausgaben(2 B. 8. und 12.) erſchie⸗ nen. b Meyer. Der Fruhling. Enpfanat mich heilige Schatten, ihr Woh⸗ nungen ſuͤßer Entzuͤckung, Ihr hohen Gewölbe voll Laub und dunkler, . ſchlafender Luͤſte, Die ihr oft einſamen Dichtern der Zukunft Vorhang zerriſſen, Dit ihnen des heitern Olymps azurne Thore geoͤffnet, und Helden und Goͤtter gezeigt! Empfangt mich, fuͤllet die Seele Mit holder Wehmuth und Ruh'!— O daß mein Lebensbach endlich Von Klippen, da er entſprang, in euern Gruͤn⸗ . den verfloͤſſe!— ührt mich durch Gaͤnge voll Nacht zum glaͤn⸗ zenden Throne der Tugend, der um ſich die Schatten erhellt: Lehrt mich den Wiederhall reizen zum Ruhm der verjuͤngten Natur. Und ihr, ihr lachenden Wieſen, — 48 Ihr holden Thaͤler voll Roſen, ihr Labyrin⸗ the der Baͤche, Ich will die olluſt in mich mit eurem Bal⸗ ſamhauch ziehen, Und wenn Aurora euch weckt, mit ihrem Pur⸗ pur ſie trinken!— Geſtreckt im Schatten will ich in goldne Sai⸗ ten die Freude, Die in euch wohnet, beſingen!— Reizt und begeiſtert die Sinnen,⸗ Daß meine Toͤne die Gegend, wie Zephy'tz Liſpeln erfuͤllen, Der jetzt durch's Veilchenthal fleucht, und wi die rieſelnden Baͤche! —— Auf roſenfarbnem Gewoͤlke, bekränzt mit Tulpen und Lilien, Sank juͤngſt der Fruͤhling vom Himmel. Au ſeinem Buſen ergoß ſich Die Milch der Erde in Stromen. Schnell glit von murmelnden Klippen Der Schnee in Baͤchen herab; des Winten Graͤber, die Fluͤſſe In welchen Felſen von Eis mit hohlem Ge⸗ toͤſe ſich ſtießen Empfingen ihn, blaͤhten ſich auf, voll unge duldiger Hoffnung, Durchriſſen nagend die Daͤmme, verſchlangen gierig das Ufer: g 49 Wald: Feld und Wieſe ward Meer!— Kaum ſahen die Wipfel der Weiden Im Thale wankend heraus.— Gefleckte Taͤu⸗ cher und Enten Verſchwanden, ſchoſſen herauf, und irrten zwiſchen den Zweigen, Wo ſonſt vor Schmerzen der Liebe im Laub⸗ die Nachtigall ſeufzte.— Der Hirſch, von Wellen verfolgt, ſtreift' auf unwirthbaren Felſen, Die traurig die Fluth uͤberſahn. Ergriffene Baͤren durchſtuͤrzten Das anfangs feichte Gewaͤſſer, ſie ſchuͤttelten brummend Die um ſich gießenden Zotten; bald ſank der treuloſe Boden, Sie ſchnoben, ſchwammen zum Wald', um⸗ ſchlangen Tannen und Eichen Und huben ſich traͤufelnd empor. Hier hingen ſie aͤngſtlich im Wipfel, Von reißenden Winden, vom Heulen der fluͤſ⸗ ſeſpeienden Klippen Und ſchwarzen Tiefe geſcheucht.— Der Buͤſche verſammelter Saͤnger Betrachteten traurig und ſtumm von duͤrren Armen der Linden, Das vormals gluͤckliche Thal, wo ſie den fle⸗ henden Jungen Im Dornſtrauch Speiſe vertheilt.— Die frühe Lerche, vor Jammer Kleiſt's Ged. 4 50 Sich aufwärts ſchwingend, beſchaute die Waſ⸗ ſerwuͤſte von oben Und ſuchte verlaßne Gefilde.— Es floſſen Scheuren und Waͤnde Und Daͤcher und Huͤtten umher.— Aus Gie⸗ beln und gleitenden Kaͤhnen Verſah der troſtloſe Hirt ſich einer Suͤndfluth⸗ die vormals Die Welt umrollte, daß Gemſen in ſchlagen⸗ den Wogen verſanken! — Der Boden trank endlich die Fluth. Von ei⸗ lenden Duͤnſten und Wolken Flohn junge Schatten umher. Den blauen Umfang des Himmels Durchbrach ein blitzendes Gold!— Swar ſtreute der weichende Winter Noch oft, bei naͤchtlicher Umkehr, von den ge⸗ ſchuͤttelten Schwingen, Reif, Eis und Schauer von Schnee; noch ließen wuͤthende Stuͤrme Die rauhe, dumpfige Stimm' aus Islands Gegend ertoͤnen, Durchſtreiften klagende Klufte, verheerten tau⸗ melnde Waͤlder, Und blieſen Schrecken umher, und Ueber⸗ ſchwemmung von Kaͤlte;— Bal ader ſiegte der vor noch ungeſicherte Fruͤhling! „ 51 Die Luft ward ſanfter; es deckt' ein bunter Teppich die Felder, Die Schatten wurden lbelaubt, ein ſanftes Toͤnen erwachte und floh und wirbelt' umher im Hain voll gruͤnlicher Daͤmm'rung. Die Baͤche faͤrbten ſich ſilbern, im Luftraume floſſen Geruͤche, Und Echo hoͤret' im Grunde die frühe Flote des Hirten.— Ihr, deren zweifelhaft Leben, gleich trüͤ⸗ ben Tagen des Winters, Dhn' Licht und Freude verfließt, die ihr in Holen des Elends Die finſtern Stunden verſeufzt, betrachtet die Jugend des Jahres; Werft jetzt die Augen umher, laßt tauſend farbige Scenen, Die ſchwarzen Bilder verfaͤrben! Es mag 3 die niedrige Ruhmſucht, Die ſchwache Rachgier, der Geiz und ſeufzen⸗ der Blutdurſt ſich haͤrmen; Jhr ſeyd zur Freude geſchaffen, der Schmerz impft Tugend und Unſchuld! Saugt Luſt und Anmuth in euch! Schaut her, ſie gleitet im Luftkreiſ' Und grünt und rieſelt m Thal!— Und ihr, ihr Bilder des Fruͤhlings, 5²2 Ihr bluͤhenden Schoͤnen, o fliehet den athem⸗ raubenden Aushauch Von goldnen Kerkern der Staͤdte! Kommt, kommt in winkende Felder! O kömmt, und gebt dem Zephyr zum Spiele die Wellen der Locken; Seht euch in Seen und Bächen, und gleicht den Blumen des Ufers; Pfluͤckt Morgentulpen voll Thau, und ſchmuͤckt den wallenden Buſen! — Hier, wo zur Linken der Fels, bekleidet 3 mit Straͤuchen und Tannen/ Zur Haͤlfte den blaͤulichen Strom, ſich druͤbet neigend, beſchattet, Will ich in's Gruͤne mich ſetzen an ſeinen ſtei⸗ nigen Hoͤhen, Und Thal und Ebne beſchauen. O welch ein frohes Gewuͤhle Belebt das ſtreifige Land! Wie lieblich lächel die Anmuth Aus Wald und Buͤſchen hervor! Ein Krath von bluͤhenden Dornen umſchließt und röthet rings um die ſich ver⸗ lierende Weite, Vom niedrigen Himmel gedruͤckt.— Von bun⸗ ten Mohnblumen laufen elt Mit gruͤnen Weizen verſetzt, ſich ſchmaͤlernde Beet' in die Ferne, Durchkreuzt vom bluͤhenden Flachs! Feldroſen⸗ Hecken und Schleeſtrauch, In Bluͤthen freundlich gehuͤllt, umgrenzen die Spiegel der Teiche Und ſehn ſich drinnen. Zur Seite blitzt aus dem gruͤnlichen Meere Ein Meer voll goldener Strahlen, durch Phoͤ⸗ bus glaͤnzenden Anblick; Es ſchimmert ſein gelbes Geſtade von Muſcheln und farbigen Steinen, Und Lieb' und Freude durchtaumeln in kleiner Fiſche Geſchwadern Und in den Rieſen des Meers, die unabſeh⸗ bare Flaͤche! Auf fernen Wieſen am See ſtehn majeſtaͤtiſche Roſſe, Sie werfen den Nacken empor und fliehen und wiehern aus Wolluſt, Daß Hain und Felſen erſchallt. Gefleckte Kuͤhe durchwaten, Gefuͤhrt vom ernſten Stier, des Meyerhofs buſchige Suͤmpfe, Der finſtre Linden durchſieht, ein Gang von Espen und Ulmen Fuͤhrt zu ihm; durch dieſe blinket ein Bach, in Binſen ſich windend, Von Reihern und Schwaͤnen bewohnt. Gebir⸗ ge, die Bruͤſte der Reben, 54 Stehn froͤhlich um ihn herum; ſie ragen uͤber den Buchwald, Des Huͤgels Krone, davon ein Theil im Son⸗ nenſchein laͤchelt Und glaͤnzt, der andere traurt im Flor vom Schatten der Wolken. — Die Lerche ſteigt in die Luft, ſieht unter ſich Klippen und Thaͤler, Entzuckung toͤnet aus ihr.— Der Klang des wirbelnden Liedes Ergoͤtzt den ackernden Landmann.— Er horcht ein Weilchen, dann lehntet Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braum Wellen in's Erdreich, Verfolgt von Kraͤhen und Elſtern.— Der Saͤe⸗ mann ſchreitet gemeſſen Und wirft den Samen ihm nach; die zackige Egge bewaͤlzt ſie Mit einer ebenen Decke.— O daß der muͤh⸗ ſame Landwirth Fuͤr ſich den Samen nur ſtreute! daß ihn Die Weinſtoͤcke traͤnkten, Zu ſeinem Munde die Zweige mit ſaftigen Fruͤchten ſich beugten, Und in den Wieſen fuͤr ihn nur bunte Wo gen ſich waͤlzten!— Allein der fraͤßige Krieg, von zaͤhnebloͤckendem Hunger V 0 1 55 r Und wilden Schaaren begleitet, verheert oft Arbeit und Hoffnung; „ GTleich Hagelguͤſſen und Sturm zerbricht er die naͤhrenden Halmen, Reißt Stab und Rebe zu Boden, entzuͤndet Doͤrfer und Waͤlder Fur ſich zum ſchrecklichen Luſtſpiel!— Dann 1 fliegt ein moͤrdriſch Getoͤne uUnd Tod und Jammer umher. Die Thaͤler blitzen von Waffen, 1 Es waͤlzen ſich Wolken von Feur aus tiefen Schluͤnden der Stuͤcke, 1 Und fuͤllen die Gegend mit Donner, mit Glut er und Saaten von Leichen!— 1 Das Feld voll blutige Furchen gleicht einem wogenden Blutmeer; Ein Heer der furchtbarſten Thiere durch lau⸗ fende Flammen geaͤngſtigt, g. Stuͤrzt ſich mit dumpfem Gebruͤll' in ufer⸗ fliehende Stroͤme. h Der Wiederhall ſelber erſchrickt und klagt; es zittern vor Grauen hn Die wilden Felſen und heulen. Des Himmels n, leuchtendes Auge en Schließt ſich, die Grauſamkeit ſcheuend; mit blauer Finſterniß fuͤllen ˖9 Sich aufwaͤrts drehende Daͤmpfe, gleich dickem Nebel, den Luftkreis, Der oft vom Wiederſchein blitzt!— Wie wenn der Rachen des Aetna 6* 56 Mit aͤngſtlich wildem Geſchrei, daß Meer und Klippen es hoͤren. umlegne Doͤrfer und Staͤdte, vom untern Donner zerruͤttet, Mit Schrecken und Tod uͤberſpeyt, und einer flammenden Suͤndfluth.— Ihr, denen zwangloſe Voͤlker das Steuei der Herrſchaft vertrauen, Fuͤhrt ihr durch Flammen und Blut ſie zut Gluͤckſeligkeit Hafen?— Was wuͤnſcht ihr Vaͤter der Menſchen noch meh⸗ rere Kinder! Iſt's wenig⸗ Viel Millionen begluͤcken? Erfordert's wenige Sorgen?— O mehrt derjenigen Heil, die eure Fittigt ſuchen, Deckt ſie gleich bruͤtenden Adlern; verwandelt die Schwerdter in Sicheln Belohnt mit Ehren und Gunſt die, deren naͤchtliche Lampe Den ganzen Erdball erleuchtet; ſetzt Gaͤrtner zur Baumſchul' der Menſchen Laßt goldne Wogen im Meer, fuͤr's Land, durz Schiffahrt ſich thuͤrmen, Erhebt die Weisheit im Kittel, und trockn die Zaͤhren der Tugend en. 3 „ 57 Wohin verfuͤhrt mich der Schmerz! Weicht, all ihr traurigen Bilder!— Komm, Muſe, laß uns die Wohnung und haͤus⸗ liche Wirthſchaft des Landmanns und Viehzucht und Gaͤrten betrachten! Hier ſteigt kein Marmor aus Bergen Und zeiget Kaͤmpfer; kein Taxus ſpitzt ſich vor Schloͤſſern; kein Waſſer Folgt hier dem Zuruf der Kunſt. Ein Baum, worunter ſein Ahnherr Drei Alter durchlebte, beſchattet ein Haus, von Reben umkrochen, Durch Dorn und Hecken beſchuͤtzt.— Ein Teich glaͤnzt mitten im Hofe, Mit gruͤnem Floßkraut beſtreut, wodurchlaus ſcheinbarer Tiefe Des Himmels Ebenbild blinkt.— Er wimmelt von zahmen Bewohnern; Die Henne jammert um's Ufer, und ruft die gleitenden Entchen, Die ſie gebruͤtet; ſie fliehn der Stiefmutter Stimme, durchplaͤtſchern Die Flut und nagen am Schilf.— Mit vor⸗ gebogenen Haͤlſen Und ziſchernd, treiben die Gäͤnſe fern von der Luſtbahn der Jungen 1 3 8 Den zottigen Hofhund; dann ſpielen die haa⸗ rigen Kinder, ſie tauchen Den Kopf in's Waſſer, und haͤngen mit ru⸗ dernden Fuͤßen 58 Im Gleichgewichte.— Dort läuft ein kleines geſchaͤftiges Maͤdchen Sein buntes Koͤrbchen am Arm, verfolgt von weitſchreitenden Huͤhnern. Nun ſteht es, und taͤuſcht ſie leichtfertig mi eitelem Wurfe; begießt ſie Nun ploͤtzlich mit goldenem Korn, und ſieht ſie ſich zanken und picken. Dort lauſcht das weiße Kaninchen in dunklei Hohle und drehet Die rothen Augen umher; ſpringt endlic furchtſam zum Zaune 3 Und reizt an ſtaudigen Pappeln.— Aus ſei nem Gezelte geht lachend Das gelbe Taͤubchen, und kratzt mit roͤthlichet Fuͤßen den Nacken, Und fliegt zum Liebling auf's Dach. Es zuͤrn ob deſſen Verweilen Und dreht ſich um ſich und ſchilt; bald ruͤhr ihn das Schmeicheln der Schoͤnen Viel Kuͤſſe werden verſchwendet, bis ſie mi ſchnellen Gefieder Die Luft durchliſpeln, und aufwaͤrts ſich zi Geſpielem geſellen, Die blitzend im Sonnenglanz ſchwaͤrmen, 59 Von bluͤhenden Fruchtbaͤumen ſchim⸗ mert Der Garten, die kreuzende Gaͤnge mit rother Dunkelheit fuͤllen; Und Zephyr gaukelt umher, treibt Wolken von Bluͤthen zur Hoͤhe, Die ſich ergießen und regnen.— Zwar hat hier Wcoolluſt und Hochmuth Nicht Nahrung von Mohren entlehnt und ſie gepflanzet: nicht Myrten, Nicht Aloen blicken durch Fenſter.— Das nuͤtzliche Schoͤne vergnuͤget Den Landmann und etwa ein Kranz.— Durch lange Gewoͤlbe von Nußſtrauch, Zeigt ſich voll laufender Wolken der Himmel⸗ und ferne Gefilde Voll Seen, und buſchige Thaͤler, umringt mit blauen Gebirgen.— Die Fuͤrſtin der Blumen, die Lilie, erhebt die Krone zur Seite Hoch uͤber ſtreifige Tulpen.— O Tulipane, wer hat dir Mit allen Farben der Sonne den offnen Bu⸗ 8 ſen gefuͤllet? Ich gruͤßte dich, Fuͤrſtin der Blumen, wenn nicht die goͤttliche Roſe Die tauſendblaͤttrige ſchoͤne Geſtalt, die Farbe der Liebe, Den hohen bedorneten Thron, und den ewi⸗ gen Wohlgeruch haͤtte!— 60 Die holde Maiblume draͤngt die Silberglöck⸗ chen durch Blaͤtter; Hier reicht mir die blaue Jacinthe den Kelch voll kuͤhler Geruͤche: Es lſteigt unſehbarer Regen von lieblichen Duͤften zur Hoͤhe, Und fuͤllt die Luͤfte mit Balſam. Die Nacht⸗ viole laͤßt immer Die ſtolzeren Blumen den Duft verhauchen; ſie ſchließet bedaͤchtig Ihn ein, im Vorſatz, den Abend noch uͤbet den Tag zu verſchoͤnen!— Ein wahres Bildniß des Weiſen, den nicht, gleich prahlenden Kaͤmpfern, Der Kreis von Zuſchauern reizt, der tugend⸗ haft wegen der Tugend, In der Verborgenheit Schatten Geruͤche der Wohlthaten ausſtreut!— Seht hin, wie bruͤſtet der Pfau ſich dort am farbigen Beete, Voll Eiferſucht uͤber die Kleidung der froͤhli⸗ chen Blumen ſtolziert er, Kreiſt rauſchend den gruͤnlichen Schweif vol Regenboͤgen und wendet Den farbentruͤgenden Hals.— Die Schmet⸗ erlinge ſich jagend, Umwaͤlzen cch uͤber den Baͤumen mit bunii Fluͤgeln; voll Liebe, Und unentſchloſſen im Waͤhlen, beſchauen ſt Knoſpen und Bluͤthen 61 Indeſſen impfet der Herr des Gartens Zweige von Kirſchen Durchſaͤgten Schleeſtaͤmmen ein, die kunftig uͤber die Kinder, Die ſie geſaͤuget, erſtaunen.— Das Bild der Anmuth, die Hausfrau, Sitzt in der Laube von Reben, pflanzt Stau⸗ den und Blumen aufLeinwand; Die Freude laͤchelt aus ihr. Ein Kind, der Grazien Liebling, Mit zarten Armen am Halſ' ihr hangend, hindert ſie ſchmeichelnd, Ein andres taͤndelt im Klee, ſinnt nach, und ſtammelt Gedanken.— O dreimal ſeliges Volk, dem einſam in Gruͤnden die Tage Wie ſanfte Weſte verfliegen! Laß Andre dem Pobel, der Daͤcher Und Baͤum' erſteiget, zur Schau in Sieges⸗ wagen ſich bruͤſten, Von Elephanten gezogen; laß ſie der Wellen Gebirge Mit Wolken von Segeln bedecken, und Japan in Weſten verſetzen Der iſt ein Liebling des Himmels, den, fern von Thorheit und Laſtern, Die Ruh' an Quellen umſchlingt! Auf ihn blickt immer die Sonne 62 Von oben lieblich herab; ihm brauſt kein Un⸗ gluͤck in Wogen, Ihm folgt die Reue nicht nach, nicht durch die wallenden Saaten, Nicht unter die Heerden im Thal, nicht an ſein Traubengelaͤnder. Er ſeufzt nicht eitele Wuͤnſche, ihn macht die Hoͤhe nicht ſchwindelnd, Die Arbeit wuͤrzt ihm die Koſt, ſein Blut iſ leicht wie der Aether, Sein Schlaf entfliegt mit der Daͤmmrung, en Morgenluͤftchen verweht ihn. — Ach, waͤr' auch mir es vergoͤnnt, in euch ihr holden Gefilde, Geſtreckt in wankende Schatten am Ufer ge⸗ ſchwaͤtziger Baͤche, Hinfort mir ſelber zu leben, und Leid un weltliche Sorgen Voruͤberrauſchender Luft einſt zuzuſtreuen! Ach moͤchte 4 Doch Doris die Thraͤnen in euch von dieſten 8 Wangen verwiſchen, 8 Und bald Geſpraͤche mit Freunden in eud mein Leiden verſuͤßen; 8 Bald redende Todte mich lehren, bald tieft Baͤche der Weisheit 8 Des Geiſtes Wiſſensdurſt ſtillen! Dann goͤnnt ich Berge von Demant, —„„ 20 63 Und goldne Klüfte dem Mogul; dann moͤchten kriegriſche Zwerge Felshohe Bilder ſich hauen, die ſteinerne Stroͤ⸗ me vergoͤſſen, Ich wuͤrde ſie nimmer beneiden!— Du Meer der Liebe, o Himmel, Du ewger Brunnen des Heils! Soll nie dein Ausfluß mich traͤnken?— Soll meine Blume des Lebens, erſtickt vom . Unkraut, verbluͤhen? Nein, du beſeligſt dein Werk. Es liſpelt ru⸗ . hige Hoffnung Mit Troſt und Labſal zum Herzen;z die Daͤmm⸗ 4 rung flieht vor Auroren, Die finſt're Decke der Zukunft wird aufgezo⸗ gen: ich ſehe Ganz andre Scenen der Dinge, und unbekannte 8 Gefilde, Ich ſehe dich, himmliſche Doris! du koͤmmſt 3 aus Roſengebuͤſchen In meine Schatten voll Glanz und majeſtaͤ⸗ tiſchem Liebreiz; So tritt die Tugend einher, ſo iſt die An⸗ muth geſtaltet. da ſingſt zur Zither: und Phöbus tritt ſchneul . durch dicke Gewoͤlke, Die Stuͤrme ſchweigen, Olymp merkt auf: Die Stimme der Lieder Töoͤnt ſanft in fernen Gebirgen, und Zephyr weht ſie heruͤber.— Und du, mein redlicher Gleim, du ſteigſt vom Gipfel des Haͤmos Und rührſt die Tejiſchen Saiten voll Luſt; dis Thore des Himmels Gehn auf, es laſſen ſich Cypris und Huldgoͤt⸗ tinnen und Amor Voll Glanz auf funkelnden Wolken in blauen Luͤften hernieder, 1 Und ſingen lieblich darein. Der Sterne wei⸗ tes Gewoͤlbe Erſchallt vom frohen Concert.— Komm bah in meine Reviere, Komm! bringt die Freude zu mir, beblumt mir Triften und Anger, O Paar, du Troſt meines Lebens, du milde Gabe der Gottheit!— Doch wie, erwach' ich vom Schlaf? Wo ſin die himmliſchen Bilder? Welch ein anmuthiger Traum betrog die wer chenden Sinnen? Er flieht von dannen, ich ſeufze.— Zu viel,n T viel vom Verhaͤngniß Im Durchgang des Lebens gefordert! Solh 8 Heil gewaͤhrt nur die Hoffnung Sein Schatten begruͤcket mich ſchon, ſelbi: wird mich's nimmer erfreuen! 8 — 4 5 ſ — Laßt mich der Wolluſt genießen, die jetzt der 65 Allein was quaͤlt mich die Zukunft? Weg, ihr vergeblichen Sorgen! Himmel mir goͤnnet; Laßt mich das froͤhliche Landvolk in dicke Haine verfolgen, Und mit der Nachtigall ſingen, und mich beim ſeufzenden Gießbach An Zephyr's Toͤnen ergoͤtzen.— Ihr dichten Lauben, von Haͤnden Der Mutter der Dinge geflochten! ihr dun⸗ keln einſamen Gaͤnge, Die ihr das Denken erhellt, Irrgaͤrten voller Entzuͤckung ſeyd mir gegruͤßt!— O welch ein anmuthig Leiden Und Ruh und ſanftes Gefuͤhl durchdringet in euch mir die Seele!— Und Freude, Durch's hohe Laubdach der Schatten, das ſtreichende Luͤfte bewegen, Worunter die ſichtbare Kuͤhl' in gruͤnen Wo⸗ gen ſich waͤlzet, Jlickt hin und wieder die Sonne, und uͤber⸗ guͤldet die Blaͤtter; Die holde Daͤmm'rung durchgleiten Geruͤche von bluͤhenden Hecken, Weſtwinde duften.— In uͤber⸗ irdiſcher Hoͤhle, 3 Die Fluͤgel der Kleiſt's Ged. 66 Von krauſen Buͤſchen gezeugt, ſitzt zwiſchen Blumen der Geißhirt, Bläͤſt auf der hellen Schalmey, haͤlt ein und hoͤret die Lieder Hier laut in Buchen ertoͤnen, dort ſchwach 3 und endlich verloren, Blaͤſt, und haͤlt wiederum ein.— Tief unter ihm klettern die Ziegen Am jaͤhen Abſturz der Kluft, und reißen an bittern Geſtaͤuden.— Mit leichten Laͤuften ſtreicht jetzt ein Heei gefleckter Hindinnen, Und Hirſche, mit Aeſten gekroͤnt, durch gruͤn⸗ rauſchende Buͤſche, Setzt uͤber Kluͤfte, Gewaͤſſer und Rohr. Mo⸗ raͤſte vermiſſen Die Spur der fliegenden Laſt.— Gereitzt von Fruͤhling zur Liebe. Durchſtreichen muthige Roſſe den Wald mit flatternden Maͤhnen: Der Boden zittert und toͤnt, es ſtrotzen die Zweige der Adern, Ihr Schweif empoͤrt ſich verwildert, ſie ſchnau⸗ ben Wolluſt und Hitze, Und brechen, vom Ufer ſich ſtuͤrzend, die Fluth der Stroͤme zur Kuͤhlung; Dann fliehen ſie uͤber das Thal auf hohe Fel⸗ ſen, und ſchauen ſ 67 Fern uͤber den niedrigen Hain auf's Feld, durch ſegelnde Duͤnſte, Und wiehern aus Wolken herab.— Jetzt eilen Stiere voruͤber, Aus ihren Naſen raucht Brunſt, ſie ſpalten mit Hoͤrnern das Erdreich Und toben im Nebel von Staub. Verſchie⸗ dene taumeln in Hoͤhlen, Und bruͤllen dumpfig heraus; verſchiedene ſtuͤrzen von Klippen.— Aus hohler Klippe gedraͤngt, faͤllt dort mit wildem Getuͤmmel Ein Fluß in's buſchige Thal⸗ reißt mit ſich Stuͤcke von Felſen, Durchrauſcht entbloͤßete Wurzeln der unter⸗ grabenen Baͤume, Die uͤber fließende Huͤgel von Schaum ſich buͤcken und wanken; Die gruͤnen Grotten des Waldes ertoͤnen und klagen daruͤber, Es ſtutzt ob ſolchem Getoͤſe das Wild und eilet von dannen; Sich nahende Voͤgel verlaſſen, im Singen gehindert, die Gegend, Und ſuchen ruhige Stellen, wo ſie den Gatten Gefuͤhle Verliebter Schmerzen entdecken in pyramid⸗ nem Geſtraͤuche, Und ſtreiten gegen einander mit Liedern, von Zweigen der Buchen.— Dort will ich lauſchen, und ſie ſich freun und liebkoſen hoͤren!— Fließ ſanft, unruhiges Fluͤßchen! ſtill; aͤch⸗ zende Zephyr' im Laube, Schwaͤcht nicht ihr buhlriſches Fluͤſtern; ſchlagt laut, Bewohner der Wipfel, Schlagt, lehrt mich euren Geſang!— Sie ſchlagen: ſymphoniſche Toͤne Durchfliehn von Eichen und Dorn des weiten Schattenſaals Kammern; Die ganze Gegend wird Schall. Der Fink der roͤthliche Haͤnfling, Pfeift hell aus Wipfeln der Buchen. Di bunten Stieglitze huͤpfen So froͤhlich auf Strauch und Gebuͤſch, beſchauen die bluͤhende Diſtel, Ihr Lied huͤpft froͤhlich wie ſie.— Der Zeiſtg klaget der Schoͤnen Sein Leiden aus Zellen von Laub. Vom Ulm⸗ baum floͤtet die Amſel In hohlen Toͤnen den Baß.— Nur die ge⸗ fluͤgelte Stimme, Die kleine Nachtigall, weicht aus Ruhmſucht in einſame Gruͤnde, Durch dicke Wipfel umwoͤlbt, der Wehmuth ewige Wohnung, 5 4 8 Worin aus Feld und aus Luft der Nacht ver⸗ 8 breitete Schatten — 69 Sich ſcheinen verdichtet zu haben, als ſie Au⸗ roren entwichen, Und macht die traurige Wuͤſte zum Luſtgefilde des Waldes. Ein finſterer Teich traͤnkt dort rings um ſich Weidengebuͤſche; luf Aeſten wiegt ſie ſich da, lockt laut und ſchmettert und wirbelt, Daß Grund und Einoͤde klingt.— So raſen Choͤre von Saiten!— Jett girrt ſie ſanfter und laͤuft durch tauſend 4 zaͤrtliche Toͤne; Jetz ſchlaͤgt ſie wieder mit Macht. Oft wenn — die Gattin durch Vorwitz Sich im belaubten Gebauer des grauſamen Voglers gefangen, Der fern im Lindenbuſch lau'rt; dann ruhen die Lieder der Freude. Dann fliegt ſie aͤngſtlich umher, ruft ihrer Wonne des Lebens, Durch Kluͤfte, Felſen und Wald, ſeufzt un⸗ aufhoͤrlich und jammert, Bis ſie vor Wehmuth zuletzt halbtodt in die Hecken hinabfaͤllt! da klaget um ſie der Schatten der todten . Gattin, da duͤnkt ihr Sie wund und blutig zu ſehn; bald toͤnt ihr Jammerlied wieder, ſSie ſetzt es Naͤchte lang fort, und ſcheint bei jeglichem Seufzer 70 Ihr Leben aus ſich zu ſeufzen.— Die nahen buſchigen Huͤgel, Hiedurch zum Mitleid bewogen, erheben ein zaͤrtlich Gewinſel.— Allein was kollert und girrt mir hier zu Seite vom Eichſtamm, Der halb vermodert und zweiglos von keinen Gefluͤgel bewohnt wird? Taͤuſcht mich der Einbildung Spiel?— Sieh ploͤtzlich flattert ein Taͤubche Aus einem Aſtloch' empor mit wandelbaren Gefieder; Dies zeugte den dumpfigen Schall im Baut der Eichen; es gleitet Mit ausgeſpreiteten Fluͤgeln in's Thal, ſuch nickend im Schatten, 3 Und ſchaut ſich vorſichtig um mit duͤrren Re⸗ ſern im Munde.— Wer lehrt die Buͤrger der Zweige, voll Kun ſich Neſter zu woͤlben, Und ſie vor liſtigem Raub', voll ſuͤßen Kum 3 mers, zu ſichern? Welch ein verborgener Hauch fuͤllt ihre Hi zen mit Liebe?— 1 Durch Dich iſt alles, was gut iſt, unendlh wunderbar Weſen, Beherrſcher und Vater der Welt! Du bift herrlich im Vogel, 71 Der niedrig in Dornſtauden huͤpft, als in der Veſte des Himmels, In einer kriechenden Raupe, wie in dem flam⸗ menden Cherub!— See, ſonder Ufer und Grund, aus dir quiht Alles; du ſelber Haſt keinen Zufluß in dich!— Die Feuermeere der Sterne Sind Wiederſcheine von Tropfen des Lichts, in welchem du leuchteſt! Du drohſt den Stuͤrmen, ſie ſchweigen; be⸗ ruͤhrſt die Berge, ſie rauchen! Das Heulen aufruͤhriſcher Meere, die zwiſchen waͤſſernen Felſen Den Sand des Grundes entbloͤßen, iſt deiner Herrlichkeit Loblied! Der Donner, mit Flammen befluͤgelt, verkuͤn⸗ digt mit bruͤllender Stimme Die hohen Thaten von dir. Vor Ehrfurcht zittern die Haine Und wiederhallen dein Lob!— Heerſchaaren funkelnder Waͤchter Der blauen Luͤfte, verbreiten in tauſend har⸗ moniſchen Toͤnen Die Groͤße Deiner Gewalt und Huld, von Pole zu Pole. Doch wer berechnet die Menge von deinen Wundern! wer ſchwingt ſich Durch deine Tiefe, o Schoͤpfer!— Vertraut euch Fluͤgeln der Winde; 72 Ruht auf den Pfeilen des Blitzes; durchſtreicht den glaͤnzenden Abgrund Der Gottheit, ihr endlichen Geiſter, durch tou⸗ ſend Alter des Weltbaus; Ihr werdet dennoch zuletzt kein Punktchen naͤher dem Grunde, Als bei dem Ausfluge ſeyn!— Verſtummt denn, bebende Saiten, Sa preiſt ihr wuͤrd'ger den Herrn! — Ein Fluß von lieblichem Duft, den Zephyr mit ſaͤufelnden Schwingen Von nahgelegener Wieſe herbeiweht, nöthigt mich zu ihr; Da will ich am ſchwirrenden Rohr', in ihrem 7 Blumenſchooß ruhend, Mit ſtarken Zuͤgen ihn einziehn.— Kommt zu 1 mir, Freunde der Weisheit, Mein Spalding und Hirzel! durch die juͤngſt⸗ 2 hin der Winter mir gruͤnte, Von deren Lippen die Freude zu meinem Bu⸗ T ſen mir ſtroͤmet; Kommt, legt Euch zu mir, und macht die Ge⸗ A gend zur himmliſchen Wohnung Laßt uns der Kinder der Flora Geſtalt und Ue Liebe bewundern, Und ſpotten, mit ihnen geſchmuͤckt, des traͤgen u Poͤbels im Purpur!— 73 Laß deiner Saiten Geſang, und deines Mun⸗ des Geſpraͤche, Mir ſuͤßer denn Roſenduft ſeyn! Hier iſt der Grazien Freude, Hier irrt am Spiegel des Himmels die Ruh, es rieſelt Entzuͤckung Mit hellen Baͤchen heran: Den gruͤnen Klee⸗ boden ſchmuͤcken Zerſtreule Waͤlder von Blumen. Ein Meer von holden Geruͤchen Wallt unſichthar uͤber die Flur, in großen taumelnden Wogen Von lauen Winden durchwuͤhlt.— Es iſt durch tauſend Bewohner Die bunte Gegend belebt. Hochbeinig watet im Waſſer Dort zwiſchen Kraͤutern der Storch, und blickt begierig nach Nahrung. Dort gaukelt der Kibitz, und ſchreit um's Haupt des muͤßigen Knaben, Der ſeinem Neſt ſich naht. Jetzt trabt er vor ihm zum Ufer, Als haͤtt' er das Fliegen vergeſſen, reizt ihn durch Hinken zur Folge, Und lockt ihn endlich in's Feld.— Unzaͤhlbare ſchimmernde Wuͤrmchen Umflattern freudig den Klee, und irren im niedern Graſe 74 Durch Labyrinthe von Blumen in rothen und goldenen Schatten, Und glauben in Hainen zu irren. Zerſtreute . Heere von Bienen Durchſaͤuſeln die Luͤfte; ſie fallen auf Klei und bluͤhende Stauden, Und hangen glaͤnzend daran, wie Thau vom Mondſchein vergoldet: Dann eilen ſie wieder zur Stadt, die ihnen im Winkel des Angers Der Landmann aus Koͤrben erbaut. Ein Bild⸗ niß edler Gemuͤther, Die ſich der Heimath entziehn, der Menſchheit Gefilde durchſuchen, Und dann heimkehren zur Zelle, mit ſuͤßer Beute beladen, Und liefern uns Honig der Weisheit!— Ein See voll fliehender Wellen Rauſcht in der Mitte der Au; draus ſteigt ein Eiland zu Tage Mit Baͤumen und Hecken gekroͤnt, das, wie vom Boden entriſſen, Scheint gegen die Fluthen zu ſchwimmen.—In Einer holden Verwirrung Draͤngt ſich Hambuttengeſtraͤuch voll feurigee Sternchen mit Quitzbaum⸗ Hollunder, rauchem Wachholder und ſich ume armenden Palmen. „ — 190 Das Geißblatt ſchmiegt fich an Zweige der wil⸗ den Roſengebuͤſche, Aus Wolluſt kuͤſſen die jungen Bluͤthen einan⸗ der, und hauchen Mit ſuͤßem Athem ſich an. Um bunte Kraͤnze des Erdreichs Schleicht Brombeer langſam im Klee, zieht gruͤne Retze dazwiſchen, Mit ſich durchſchlingenden Ranken. Der bluͤ⸗ hende Haydorn am Ufer Buͤckt ſich hinuͤber aus Stolz, und ſieht ver⸗ wundernd im Waſſer Den weißen und roͤthlichen Schmuck.— Wohl dem, dem taͤglich der Himmel Solch Sinnen⸗Labſal erlaubt, dem Lenz und Flora die Freude In's Innerſte malen! Jedoch der Landmann empfindet Nur ſelten alle die Luſt.— Dort irrt er am Umfang der Wieſe, Gebeugt von Sorgen⸗Gewuͤhlen, im Felde mit kuͤmmernder Seele, Vielleicht weil wegen der Hitze ſchon etliche Halme ſich neigen.— eo trinkt faſt immer der Menſch die Luſt in Stroͤmen und— duͤrſtet! 76 Es ſtirbt der Gluͤcklichſte wuͤnſchend; ein Tropfen Kummers verbittert Ihm ganze Meere von Freude. Die Einbildung ſpornet die Triebe; Wie Roſſe reißen ſie aus, die Zwang und Zuͤgel verachten, Und ziehn ihn mit ſich zum Abgrund. Sein Stolz zielt immer gen Himmel. Bald ſchilt er die Vorſicht, die ihn im Purpur und Reichthum verabſaͤumtz Bald duͤnkt er ſich ſelber zu ſchwach und tadelt die Weisheit der Schoͤpfung! Das Feuer haucht Plagen fuͤr ihn; ihm bluͤht auf Auen das Ungluͤck, Und eilt mit Fluthen heran; die Wind' umwehn ihn mit Schmerzen.— Wohin, verwegnes Geſchoͤpf? denkſt du, wie ieſen der Fabel, Auf Felſen Felſen zu haͤufen, und durch den Unſinn bewaffnet, Den Sitz der Gottheit zu ſtuͤrmen? Will ein Gefaͤße von Leimen Sich wider den Toͤpfer empoͤren?— Durchfleuch erſt die blauen Gefilde Mit Sonnen und Erden durchſoͤ't, den milch⸗ farbnen Guͤrtel des Himmels, Die Sphaͤre jeglichen Sterns; betrachte des Ganzen Verbindung, Sammt allen Federn der Raͤder, und andrer Planeten Naturen, T Die Arten ihrer Bewohner, ihr Thun, und Stufengefolge; Ergruͤnde mit kuͤhnem Gefieder des dunkeln Geiſterreichs Tiefe, Sieh Weſen ohne Geſtalten, merk' ihre Ab⸗ haͤng' und Kraͤfte; Steig' auf der Leiter der Dinge ſelbſt bis zum Throne der Gottheit: Dann ſtrafe, woferne du kannſt, die Vorſicht un Ordnung der Erde!— Jetzt kennſt du nicht beſſer die Wege, worauf der Himmel dich fuͤhret, Als ein noch ſtammelndes Kind zu Schiff', auf dem Schooße der Mutter, Die Bahn des Steur'manns im Meer.— Willſt du die Urſach erforſchen, Warum du kein Seraphim wurdeſt?— Entdeck⸗ erſt, Stolzer! weswegen Er nicht zur Made dich ſchuf!— Soll deiner Thorheit zu Gunſten Die große Weltkette brechen, und tauſend Planeten und Sonnen Aus ihren Gleiſen geruͤckt, in einen Klumpen zerfallen? Soll bis zum Throne des Hoͤchſten des Him⸗ mels Vorhang zerreißen, Und endlich die ganze Natur erſchuͤttert im Innerſten ſeufzen? Dies wuͤnſcheſt du, wenn du verlangſt, was mit der Weltordnung ſtreitet!— 78 Sey deiner Neigungen Herr, ſo wirſt du das Unglück beherrſchen; Der Schoͤpfer iſt Huld und Liebe, nur jent ſind deine Tyrannen!— Was bauet ihr Haͤuſer auf Wellen, ihr Diele der Indiſchen Berge? Verdammt euch, Jahre lang nichts, als naſſ Graͤber zu ſehen, Und in den Wolken den Tod? Du, Unterſi⸗ cher der Gruͤnde, Was blickſt du hohnlaͤchelnd herab, geblaͤht von Duͤnkel des Wiſſens, Im Wahn, vom hohen Olymp auf Raupa der Erde zu ſchauen, Dem dennoch Nebel und Dunſt das Licht de Seele verdunkelt?— Und ihr, ihr Helden! was eilt ihr in's Ur gewitter des Treffens,⸗ Wo Blitze kaͤmpfen mit Blitzen, und wil 3 Stuͤrme mit Stuͤrmen? Um des Geruͤchtes Poſaune mit euern Thr⸗ ten zu fuͤllen? Es lachen eurer die Weſen, die um euch ul⸗ ſichtbar ſchweben!— 79 Du, Wahrheitsfeßler, duͤnkſt ihnen das, was dir plaudernde Dohlen; Du, Held und Geizhals, was e uch um Spreu ſich jagende Wuͤrmer. Des Lebens Augenblick iſt nicht werth der Anſchlaͤge Dauer, So vieler Sorgen und Pein! Der, welchem knieende Laͤnder Heut Schloͤſſer und Feſtungen oͤffnen, wohnt morgen in Hoͤhlen des Todes, Die Hoffnung iſt mit ihm verſcharrt, verſtopft der Zugang des Nachruhms. Mich deucht, es öͤffnen ſich mir der Un⸗ terwelt ſchattige Thaͤler: Ich ſeh den griechiſchen Held, vor deſſen Klange der Waffen Der ganze Erdball erſchrack, der Seen mit Menſchenblut faͤrbte Und bis zum Ganges den Oſt in eine Wuͤſte verkehrte;— Wie ausgeriſſene Meere, Feld, Wald und Staͤdte verſchlingen;— Ich ſeh' ihn in blaſſen Cypreſſen verlaſſen und tiefſinnig irren, Er ringt die Haͤnde, und fuͤllt mit dieſen Kla⸗ gen die Luͤfte; „Sonſt meines Unſinns Vergnuͤgen, jetzt mir erſchreckliche Bilder, 80 Ihr Leichen voll Wunden und Blut, weicht, weicht, aus dieſen Revieren! Kehrt eure Blicke von mir, ihr halbgedͤffneten Augen! Vergeßt das Stoͤhnen, ihr Gruͤnde! Weh mir⸗ daß jemals der Herrſchſucht Sirenenſtimme mich taͤuſchte! Du tolles Lab⸗ ſal der Seelen, Zu kurz fuͤr ewige Reu, o Lob des ſinnloſen Poͤbels, Warum verachtet' ich dich, groß in mir ſelben nicht eher! Entflohene Zeit, komm wieder!— Verlaſtt mich ſchreckliche Leichen! Kehrt eure Blicke von mir, ihr halbgeoͤffnete Augen!“— Noch waͤren die Schaͤtze der Welt ſammi aller Hoheit und Wolluſt Fuͤr unſere Seelen zu klein, und wenn wi Aeonen durchlebten; Der Himmel ſaͤttigt ſie nur, von deſſen Flam⸗ me ſie lodern, Und du, o goͤttliche Tugend! durch dich nut koͤnnen wir freudig Das Meer des Lebens durchſchiffen! Laß dieſen Pharus uns leuchten, So ſehn wir den Hafen des Gluͤcks, trot Un⸗ gewittern des Zufalls, 81 Trotz aller Leidenſchaft Sturm, der nur den Einlauf befoͤrdert; Dann wird der Himmel unsweiſe, der Himmel uns gnaͤdig beduͤnken!— Ja, er iſt gnaͤdig, der Himmel, auch dir, kleinmuͤthiges Landvolk, Das ſchon den Jammer der Kinder in kuͤnf⸗ tiger Theurung beſeufzet, Erheb die traͤumenden Augen! Er kommt, er kommt ſchon, der Segen, Er taumelt in Wolken daher, und wird ſich in Stroͤmen ergießen. Schon fliegt der Weſtwind voran und ſchwaͤrmt in den Blaͤttern der Baͤume, Und wirbelt die Saaten wie Strudel!— Die Sonn' eilt hinter den Vorhang Von baumwollaͤhnlichem Dunſt; es ſtirbt der Schimmer des Himmels, Und eine Decke von Schatten laͤuft uͤber Thaͤler und Huͤgel. Gekrauſt durch ſilberne Cirkel, die ſich vergrö⸗ ßernd verſchwinden, Verraͤth die Flaͤche des Waſſers den noch nicht 1 ſichtbaren Regen.— Kleiſt's Ged. 6 82 Jetzt faͤllt er haͤufiger nieder, ſich wie Gewebe durchkreuzend, Kaum ſchuͤtzt des Erlenbaums Zelt mich vor den rauſchenden Guͤſſen. Der Wind umwaͤlzt ſich in ihm und treibt ihn vor ſich wie Segel, Er macht die Luͤfte voll Tropfen, zur See voll wallender Fluthen.— Das Volk, das kuͤrzlich aus Wolken die Gegend mit Liedern erfuͤllte, Schweigt und verbirgt ſich in Buͤſche.— Im Lindenthal draͤngt ſich in Kreiſen, Vom Dach der Zweige bedeckt, die Wollenheerde um Staͤmme; Feld, Luft und Hoͤhen ſind ode; nur Schwalben fliegen im Regen, Und gaukeln die Teiche beſchauend.— Die Au⸗ genlieder, die jetzo Das Auge des Weltkreiſes deckten, die Duͤnſt', erheben ſich ploͤtzlich; Nun funkelt vie Buͤhne des Himmels, nun ſieht man hangende Meere In helle Tropfen zerrinnen, und aus den Luͤften verſchwinden!— Es lachen die Gruͤnde voll Blumen, und alles freut ſich, als floͤße Der Himmel ſelber zur Erden!— Jedoch ſchon ſchiffen von neuem Belad'ne Wolken vom Abend, und breiten wieder das Dunkel; 1 1 83 Sie ſchuͤtten Seen herab, und ſaͤugen die Felder wie Bruͤſte!— Auch die vergießen ſich endlich. Der Auen Trauerkleid flieget Schnell uͤber's Gebirge zuruͤck; ein goldner Regen von Strahlen Fullt jetzo wieder die Luft; der gruͤne Haupt⸗ ſchmuck der Felſen, Voll von den Saaten der Wolken, ſpielt blen⸗ dend gegen die Sonne. Ein Regenbogen umguͤrtet den Himmel, und ſieht ſich im Meere; Verjuͤngt, voll Schimmer und laͤchelnd, voll lichter Streifen und Kraͤnze Sehn die Gefilde mich an— Tauch' in die Farben Aurorens, Mal mir die Landſchaft, o du, aus deſſen 4 ewigen Liedern Der Aare Ufer mir duſten, und vor den Augen mir prangen, b Der ſich die Pfeiler des Himmels, die Alpen, die er beſungen, zu Chrenſaͤulen gemacht!— Wie blitzt die blumige Wieſe Von demantaͤhnlichen Tropfen; wie lieblich regnen ſie ſeitwaͤrts Von farbigen Blumengebuͤſchen, und blühen⸗ den Kronen der Straͤuche!— Ddie Kraͤuter ſind wieder erfriſcht, und hauchen ſtaͤrkre Geruͤche, 84 Der ganze Himmel iſt Duft.— Ein Chor von Saͤngern der Wipfel, In Kraͤnzen von Buͤſchen verſteckt, huͤpft zwi⸗ ſchen den Blaͤttern zur Hoͤhe, Spritzt vom Gefieder die Naͤſſ', und treibt ſein ſuͤßes Geſchaͤfte; Schon wacht im Felde der Baum, und Echo hoͤret Geſaͤnge! O gruͤnet, ihr holden Gefilde! Ihr Wieſen und Schloͤſſer vom Laube! Grunt, ſeyd die Freude des Volks! Dient mei ner Unſchuld auf immer Zum Schirm, wenn Bosheit und Stolz aus Schloͤſſern und Staͤdten mich treiben⸗ Mir wehe Zephyr aus euch, durch Blumen und Hecken noch oͤfter Ruh' und Erquickung in's Herz! Laßt mih in euren Revieren Den Herrn und Vater der Welt, der Segen uͤber euch breitet Im Strahlenkreiſe der Sonnen, im Thau und in traͤufelnden Wolken, Noch fern auf Fluͤgeln der Winde, in eurer Schoͤnheit verehren, 85 Und melden voll heiliger Regung ſein Lob antwortenden Sternen! Und wenn nach ſeinem Geheiß, mein Ziel des Lebens herannaht, Dann ſey mir endlich in Euch die letzte Ruhe verſtattet! Amyunt. Sie fliehet fort! es iſt um mich geſchehen! Ein fernes Land trennt Lalagen von mir; Dort floh ſie hin! Komm Luft, mich anzt wehen, Du kommſt vielleicht von ihr! Wo blieb die Zeit, da alles wiederhallt Von ihrem Ruhm, von Jugendluſt und Schent Als Heiterkeit aus ihren Augen wallte, Und wallte mir in's Herz!— Ach ſie entwich! Sagt Lalagen, ihr Fluͤſt Daß ohne ſie der Wieſe Schmuck verdirbt! Ihr eilt zu ihr; ſagt: daß der Wald ſie miſt Und daß ihr Schaͤfer ſtirbt. Welch Thal bluͤht jetzt, von ihr reſan beſſer? 1 Wo tanzt ſie nun ein Labyrinth? Wo fült Ihr Lied den Hain? Welch gluͤckliches Gu waͤſſer Wird ſchoͤner durch ihr Bild? Nur Einen Druck der Hand, nur halbe Blitt Nur Einen Kuß, wie ſie mir vormals gal, Vergoͤnne mir von ihr; dann ſtuͤrz, Geſchidt Mich, wenn du willſt, in's Grab! 87 So klagt' Amynt, die Augen voll von Thraͤnen, Blaß und gebuͤckt den Gegenden ſein Weh; Sie ſchienen ſich mit ihm nach ihr zu ſehnen, Und ſeufzten:„Lalage!“ An die Preußiſche Armee. Unuberwundnes Heer! mit dem Tod und Verderben In Legionen Feinde dringt; Um das der frohe Sieg die gold'nen Fluͤgel ſchwingt, 9 Herr, bereit zum Siegen oder Sterben! Sieh! Feinde, deren Laſt die Huͤgel faſt 4 verſinken, Den Erdkreis beben macht, Ziehn gegen dich, und drohn mit Qual und ew'ger Nacht; Das Waſſer fehlt, wo ihre Roſſe trinken! Der duͤrre, ſcheele Neid treibt feile Sölt⸗ ner⸗Schaare Aus Weſt und Suͤd heraus, 88 Und Nordens Hohlen ſpeyn, ſo wie des Oſt's, Barbaren Und Ungeheuer, dich zu verſchlingen, aus! So tobt ein Flammen⸗Meer, das aus Veſuvens Munde Sich donnernd in das Feld ergießt, Mit dem Furcht und der Tod in Staͤdt' und Doͤrfer fließt; Das Waſſer flieht das Land, und kocht auf heißem Grunde! Verdopple deinen Muth, o Heer! dit Feinde Fluthen Hemmt Friedrich, und dein ſtarker Arm; Und die Gerechtigkeit verjagt den tollen Schwarm: Sie blitzt durch dich auf ihn, und ſeine Rü⸗ cken bluten. Die Luft wird deinen Ruhm zur ſpaͤten Nachwelt wehen; Die klugen Enkel ehren dich, Ziehn dich den Römern vor, dem Caͤſar Frie⸗ derich, Und Boͤhmens Felſen ſind dir ewige Trophaͤen! Nur ſchone, wie bisher, im Lauf von großen Thaten, Den Landmann, der dein Feind nicht iſt! 3 · 89 Hilf ſeiner Noth, wenn du von Noth ent⸗ fernet biſt; Das Rauben uͤberlaß den Feigen und Croaten! Ich ſeh, ich ſehe ſchon(freut euch, o Preu⸗ ßens Freunde!) Die Tage ſeines Ruhms ſich nah'n. In Ungewittern ziehn die Wilden ſtolz heran, Doch Friedrich winket dir; wo ſind ſie nun, die Feinde? Du eileſt ihnen nach, und druͤckſt mit ſchwe⸗ rem Eiſen Den Tod tief ihren Schaͤdeln ein, uUnd kehrſt voll Ruhm zuruͤck, die Deinen zu erfreun, Die jauchzend dich empfahn, und ihre Retter preiſen. Auch ich, ich werde noch, vergoͤnn' es mir, o Himmel! Einher vor wenig Helden ziehn; Ich ſeh dich, ſtolzer Feind, den kleinen Hau⸗ fen fliehn, Und find⸗ Ehr' oder Tod im raſenden Ge⸗ tuͤmmel! An einem ſchoͤnen Abend fuhr Frin mit ſeinem Sohn im Kahn Aufs Meer, um Reuſen in das Schilf V Zu legen, welches ringsumher Der nahen Inſeln Strand umgab. Die Sonne tauchte ſich bereits Ins Meer, und Fluth und Himmel ſchien Im Feu'r zu gluͤhen. O wie ſchon Iſt jetzt e Gegend! ſagt' entzuͤckt Der Knabe, den IJrin gelehrt, Auf jede Schoͤnheit der Natur Zu merken. Sieh, ſagt' er, der Schwan⸗ Umringt von ſeiner frohen Brut, Sich in den frohen Wiederſchein Des Himmels tauchen! Sieh, er ſchifft, Zieht rothe Furchen in die Fluth, Und ſpannt des Fittigs Segel auf,— Wie lieblich fluͤſtert dort im Hain Der ſchlanken Eſpen furchtſam Laub Am Ufer, und wie reizend fließt Die Saat in gruͤnen Wellen ſort, Und rauſcht, vom Winde ſanft bewegt. 91 O! was fuͤr Anmuth haucht anjetzt Geſtad' und Meer und Himmel aus! Wie ſchoͤn iſt alles! und wie froh Und gluͤcklich macht uns die Natur. Ja, ſagt' Irin, ſie macht uns froh Und gluͤcklich, und du wirſt durch ſie Gluͤckſelig ſeyn, dein Lebelang, Wenn du dabei rechtſchaffen biſt; Wenn wilde Leidenſchaften nicht Von ſanfter Schoͤnheit das Gefuͤhl Verhindern. O Geliebteſter! Ich werde nun in kurzem dich Verlaſſen und die ſchoͤne Welt, und in noch ſchoͤnern Gegenden Den Lohn der Redlichkeit empfahn. O! bleib der Tugend immer treu, und weine mit den Weinenden, Und gieb von deinem Vorrath gern Den Armen. Hilf, ſo viel du kannſt, Zum Wohl der Welt. Sey arbeitſam. Erheb' zum Herren der Natur, Dem Wind und Meer gehorſam iſt, Der alles lenkt zum Wohl der Welt, Den Geiſt. Waͤhl' lieber Schand und Tod, Eh du in Bosheit willigeſt. Chr', Ueberfluß und Pracht iſt Tand; Ein ruhig Herz iſt unſer Theil. Durch dieſe Denkungsart, mein Sohn, 92 Iſt unter lauten Freuden mir Das Haar verbleichet. Und wiewohl Ich achtzigmal bereits den Wald Um unſre Huͤtte gruͤnen ſah, So iſt mein langes Leben doch, Gleich einem heitern Feuͤhlingstag, Vergangen, unter Freud' und Luſt.— Zwar hab ich auch manch Ungemach Erlitten. Als dein Bruder ſtarb, Da floßen Thraͤnen mir vom Aug' Und Sonn' und Himmel ſchien mir ſchwarz⸗ Oft auch ergriff mich auf dem Meer Im leichten Kahn der Sturm, und warf Mich mit den Wellen in die Luft; Am Gipfel eines Waſſerbergs Hing oft mein Kahn hoch in der Luft; Und donnernd fiel die Fluth herab, Und ich mit ihr. Das Volk des Meers Erſchrack, wenn uͤber ſeinem Haupt Der Wellen Donner tobt', und fuhr Tief in den Abgrund; und mich duͤnkt', Daß zwiſchen jeder Welle mir Ein feuchtes Grab ſich oͤffnete. Der Sturmwind tauchte dann ns Meer Die Fluͤgel, ſchuͤttelte davon Noch eine See auf mich herab. Allein bald legte ſich der Zorn Des Windes, und die Luft ward hell, Und ich erblickt' in ſtiller Fluth Des Himmels Bild. Der blaue Stoͤr S Mit rothen Augen ſahe bald Aus einer Hoͤhl' im Kraut der See, Durch ſeines Hauſes glaͤſern Dach; und vieles Volk des weiten Meers Tanzt' auf der Fluth im Sonnenſchein; und Ruh und Freude kam zuruͤck In meine Bruſt.— Jetzt wartet ſchon Das Grab auf mich. Ich fuͤrcht' es nicht. Der Abend meines Lebens wird So ſchoͤn, als Tag und Morgen ſeyn.—— 9 Sohn! ſey fromm und tugendhaft; So wirſt du gluͤcklich ſeyn, wie ich, So bleibt dir die Natur ſtets ſchön. Der Knabe ſchmiegt' ſich an den Arm Frin's, und ſprach: Nein, Vater! nein, Du ſtirbſt noch nicht; der Himmel wird Dich noch erhalten, mir zum Troſt! Und viele Thraͤnen floſſen ihm Vom Aug'.—— Indeſſen hatten ſie Die Reuſen ausgelegt. Die Nacht Stieg aus dem See, ſie ruderten Gemach der Heimath wieder zu.—— rin ſtarb bald. Sein frommer Sohn Beweint' ihn lang' und niemals kam Ihm dieſer Abend aus dem Sinn. Ein heiliger Schauer uͤberfiel 94 Ihn, wann ihm ſeines Vaters Bild Vor's Antlitz trat. Er folgete Stets deſſen Lehren. Segen kam Auf ihn. Sein langes Leben duͤnkt⸗ Auch ihm Ein F uͤhlingstag zu ſeyn.„ Di e Freundſchaft. Leander und Selin, zwei Freunde, die Verſtand und Edelmuth und gleicher Trieb Zur Tugend feſt verband, vertrauten ſich Einſt in Geſchaͤften dem treuloſen Meer. Die Winde wehten erſt der Gegend zu, Die ſchon die Reiſenden im Geiſte ſahn, Das ufer floh, und bald erblickten ſie Ringsum nur Luft und See. Das Firma⸗ ment War heiter und voll Glanz. Sie ſegelten In ſeinem Wiederſchein geruhig fort, Und nahten ſich bereits der Reiſe Ziel: Als ſchnell die Wellen ſich empoͤreten. 5 Ein reißender Orkan erwacht', und ſchlug Das Schiff von ſeiner Bahn. Es ſcheiterte . 95 im Felſen. Jeder ſucht den Tod zu fliehn Das kleinſte Stuͤck vom Schiff wird jetzt ſein Schiff.— Den beiden Freunden ward ein Brett zu Theil; Allein es war zu leicht für ſeine Laſt. Wir ſinken; ſprach Selin; das Brett ertraͤgt uns beide nicht! o Freund, leb⸗ ewig wohl Du mußt erhalten ſeyn, an dir verliert Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich Waͤr' mir das Leben doch nur Qual. Nein, ſprach Leander, nein, ich ſterb', o Freund!— Allein Selin verließ zu ſchnell das Brett, und uͤbergab getroſt dem naſſen Grab⸗ Der Waſſerwogen ſich. Die Vorſehung, Die uͤber alles wacht, ſah ſeine Treu Und ſeine Großmuth an, und ließ das Meer Ihm nicht zum Grabe ſeyn. Mitleidig trugs uuf ſeinen Wellen ihn zum Ufer hin. (Er fand Leander ſchon daſelbſt.— O! wer -reibt die Regungen der Freunde, die ie beide fuͤhlten! ſie umarmten ſich Mit Zaͤhren in dem Aug'. Leander ſprach: allzutreuer Freund, in was fuͤr Qual Hat deine Freundſchaft mich geſtuͤrzt! ich hab' um dich zehnfache Todesangſt gefuͤhlt. Was du thatſt, wollt' ich thun; denn ohne dich 96. Wuͤnſcht' ich das Leben nicht.— Gelieb⸗ teſter, Was waͤr' ich ohne dich? verſetzte Selin. Der Himmel ſey gelobt, der dich mir ſchenkt! Komm, laß uns ihn, der uns vom Tod be⸗ freit, Verehren, und ihm ganz das Leben weihn. Sie knieten weinend an das Ufer hin, Und dankten dem, der ſie errettete; Und ihre Regung drang die Wolken durch. Leander theilte mit Selin, der arm An Guͤtern, und nur reich an Tugend war, All ſeine Schaͤtze, die Selin nur nahm, Weil ſich ſein Freund dadurch gluͤckſelig prieb. Und Segen kam auf ſie und auf ihr Haus; Und lange waren ſie das Wohl der Welt. 6 97 Der gelaͤhmte Kranich. Der Herbſt entlaubte ſchon den bunten Hain, Und ſtreut' aus kalter Luft Reif auf der Flur: Als am Geſtad' ein Heer von Kranichen Zuſammenkam, um in ein wirthbar Land, Jenſeit des Meers, zu ziehn. Ein Kranich, den Des Jaͤgers Pfeil am Fuß getroffen, ſaß Allein, betruͤbt und ſtumm, und mehrte nicht Das wilde Luſtgeſchrei der Schwaͤrmenden, und war der laute Spott der frohen Schaar. Ich bin durch meine Schuld nicht lahm, dacht' er In ſich gekehrt, ich half ſo viel, als ihr, Zum Wohl von unſerm Staat. Mich trifft mit Recht Spott und Verachtung nicht. Nur ach! wie wird's Mir auf der Reiſ' ergeh'n! Mir dem der Schmerz Muth und Vermoͤgen raubt zum weiten Flug'! Ich Ungluͤckſeliger! das Waſſer wird Bald mein gewiſſes Grab. Warum erſchoß Kleiſt's Ged. 7 98 Der Grauſame mich nicht?— Indeſſen wehl Gewogner Wind vom Land' ins Meer. Die 1 Schaar Beginnt, geordnet, jetzt die Reiſ' und eilt Mit ſchnellen Fluͤgeln fort, und ſchreit vor Luſt. Der Kranke nur blieb weit zuruͤck, und ruht! Auf Lotosblaͤttern oft, womit die See Beſtreuet war, und ſeufzt vor Gram und Schmerz. Nach vielem Ruhn ſah er das beßre Land, Den guͤt'gen Himmel, der ihn ploͤtzlich hielt. Die Vorſicht leitet' ihn begluͤckt dahin; 1 Und vielen Spottern ward die Fluth zum Grab'. „Ihr die die ſchwere Hand des Unglüdt druͤckt, Ihr Redlichen, die ihr, mit Harm erfuͤllt, Das Leben oft verwuͤnſcht, verzaget nicht, Und wagt die Reiſe durch das Leben nur! Jenſeit des Ufers gibt's ein beſſer Land; Gefilde voller Luſt erwarten euch.“ 99 Groß iſt der Herr! die Himmel ohne Zahl Sind Saͤle ſeiner Burg; Sein Wagen Sturm und donnerndes Ge⸗ woͤlk', und Blitze ſein Geſpann. Die Morgenroͤth' iſt nur ein Wiederſchein Von ſeines Kleides Saum; und gegen ſeinen Glanz iſt Daͤmmerung Der Sonne flammend Licht. Er ſieht mit gnaͤd'gem Blick zur Erd⸗ herab; Sie gruͤnet, bluͤht und lacht. Er ſchilt: es faͤhret Feu'r von Felſen auf, Und Meer und Himmel bebt. Lobt den gewaltigen, den gnaͤd'gen Herrn, Ihr Lichter ſeiner Burg! Ihr Sonnenheere! flammt zu ſeinem Ruhm! Ehr Erden, ſingt ſein Lob! Erhebt ihn, ihr Meere! brauſt ſein Lob! Ihr Fluͤſſe rauſchet es! (Es neige ſich der Cedern hohes Haupt Und jeder Wald vor ihm! 100 Ihr Loͤwen, bruͤllt zu ſeiner Ehr' im Hain! Singt ihm, ihr Voͤgel, ſingt! Seid ſein Altar, ihr Felſen, die er traf, Eu'r Dampf ſei Weihrauch ihm! Der Wiederhall lob ihn! und die Natu Sing' ihm ein froh Concert! Und du, der Erden Herr, o Menſch, zerfleuf In Harmonieen ganz! Dich hat er, mehr als alles ſonſt, be⸗ gluͤckt: Er gab dir einen Geiſt, Der durch den Bau des Ganzen dringt, un kennt Die Raͤder der Natur. Erheb' ihn hoch, zu d einer Seligkeit Er braucht kein Lob zum Gluͤck. Die niedern Neigungen und Laſter flieh, Wenn du zu ihm dich ſchwingſt. Die Sonne ſteige nie aus rother Fluth Und ſinke nie darein, Daß du nicht deine Stimm' vereinigſt mi Der Stimme der Natur. Lob' ihn im Regen und in duͤrrer Zei Im Sonnenſchein und Sturm! be ein 101 Wann's ſchneit, wann Froſt aus Waſſer Bruͤcken baut, Und wann die Erde gruͤnt. In Ueberſchwemmungen, in Krieg und Peſt Trau' ihm, und ſing' ihm Lob! Er ſorgt fuͤr dich; denn er erſchuf zum Gluͤck Das menſchliche Geſchlecht. Und o! wie liebreich ſorgt er auch fuͤr mich! Statt Gold und Ruhm gibt er Vermoͤgen mir, die Wahrheit einzuſehn, Und Freund' und Saitenſpiel. Erhalte mir, o Herr! was du verliehſt, Mehr brauch' ich nicht zum Gluͤck Durch heil'gen Schau'r will ich, ohnmaͤchtig ſonſt, Dich preiſen ewiglich! In finſtern Waͤldern will ich mich allein Mit dir beſchaͤftigen, Und ſeufzen laut, und nach dem Himmel ſehn, Der durch die Zweige blickt; Und irren an das Meers Geſtad', und dich In jeder Woge ſehn; Und hoͤren dich im Sturm, bewundern in Der Au Tapeten dich! 10² Auf Felſen ſoll mein taumelnd Auge G durch T Zerrißne Wolken ſehn, Und ſuchen dich den Tag⸗ bis mich die Nacht T In heilge Traͤume wiegt. —2ł ——— 3 1 1 Ciſſides und Paches. * T Erſter Geſang. flammt, Sich muthig gegen ein gewaltig Heer Athens, mit kleiner Macht vertheidigten. 1¹ § Kriegesmuſe, ſei dem Vorſatz hold! 7 Begeiſtre mich! damit der eherne Klang Des Kriegs aus jedem Ton' erſchall', auf daß Mein Lied der großen That nicht unwerth ſeil Zwei Freunde ſing' ich, die, von Ruhm ent⸗ 2 3 Als Alexander ſtarb, vor deſſen Muth Der Orient gebebt, erkuͤhnte ſich Athen, gereizt durch niedern Eigennutz,* Vom macedon'ſchen Reich Theſſalien An ſich zu reißen, und verſammelte 10³ Gar bald ein zahlreich Heer. Leoſthenes War Fuͤhrer. Wie ein Strom, im fruͤhen Lenz Von Regenguͤſſen und geſchmolznem Schnee Geſchwollen, rauſcht und aus den Ufern dringt, Die Flur zum Meere macht und Wohnungen Des Landmanns, Baͤum' und Steine mit V ſich rollt, Daß Fels und Wald vom Aufruhr wieder⸗ toͤnt: So rauſcht die wilde Schaar Athens daher, Verheert und uͤberſchwemmt Theſſalien.— Antipater zog aus mit ſeiner Macht Aus Lamia, dem ſtolzen Heer die Stirn Auf freier Flur zu bieten. Ciſſides, Als Haupt von wenig Volke, blieb zuruͤck In einer kleinen Burg bei Lamia; und Paches gab darin naͤchſt ihm Befehl, Den gleiche Tugend ihm zum Freund ge⸗ macht. „Ihr Macedonier!“ ſprach Ciſſides Zur kleinen Schaar, die von der Mauer ſchon Den fernen Feind mit Blicken tödtete: „Ihr Macedonier! zeigt jetzt, daß ihr „Es wuͤrdig wart, von Alexandern einſt „Beſehle zu empfahn. Sein Heldengeiſt 104 „Sieht vom Olymp auf alles, was ihr thut. „Den, der fuͤr's Vaterland den Tod nicht ſcheut, „Erwartet ſein Olymp und ew'ger Ruhm, „Wie ew'ge Schande jeden feigen Mann. „Die Menge nicht, nur Muth macht Heere ſtark, „Und nur durch ihn bezwangt ihr ſonſt die Welt. „Athen iſt nicht die Welt. Es wird ſich bald⸗ „Bald neigen vor Antipatern und uns! „Durch uns geſchwaͤcht, erliegt Leoſthenes, „Und durch Verluſt von ſeinem halben Heer „Erkauf' er unſer Schloß!— Denkt, was ihr wart, „Ihr Macedonier! und ſeyd es noch! „Und fechtet noch auf Knieen, wenn ihr fallt!“ So ſprach er, und ein laut Gemurmel, wie Vor nahem Sturm im regen Meer entſteht, Durchlief die Schaar. Ein Krieger, der mit Blut Den Ganges faͤrben half, dem edler Stolz Im offnen Angeſicht voll Narben ſaß, Erhub die Stimm', und ſprach zu Ciſſides: „Mißtrauen hat das Heer, das dir gehorcht⸗ „Noch nie verdient; doch deine Rede zeigt „Mißtraun und Sorgen an. Derſelbe Gei „Der Tapferkeit beſeelt uns noch, der uns „In Aſien beſeelte. Jeder denkt „In Naͤchten, die vor Ehrbegierd' erhitz, — . V 105 „Er oft durchwacht, an nichts, als ſeine Pflicht,. „Und ſeinen kuͤnft'gen Ruhm. Sein Leben hat „Ein Jeder gegen ſeines Landes Wohl „Und gegen ſeinen Ruhm verrechnet. Wird „Von Helden was geredt, horcht jeder auf, „Und glaubt, es geh' ihn an! Mehr Zuver⸗ ſicht! „Mehr Zuverſicht zu uns, o Ciſſides! „Von Schande ſprich uns nicht, von Feigheit nicht! „Bis auf den letzten Mann wird ſich dein ——— Volk „Vertheidigen; und hat die Schickung mich „Zum letzten auserſehn, ſo fecht' ich noch, „Bis mit dem Blut mein Leben von mir fleußt.“ Der Feldherr ſprach,„Mißtrauen hat mich nie, „Auch nicht ein Schatten, gegen euren Muth, „Ihr Bruͤder, eingenommen; ich bin ſtolz, „Daß ſolch ein Heer mir anvertrauet ward. „Gefahr erhoͤhet unſern Muth, und Schmerz „Erhitzet unſre Rach', und unſer Tod „Verbuͤrget uns Unſterblichkeit; denn bald „Wird unſrer Thaten letzte das Geruͤcht „Auf ewegen Fittigen von einem Pol 106 „Zum andern tragen; endlich wird „Geſtirn nach uns benannt, und unſer Ruhm „Wird funkeln ewiglich am Horizont, „Wo Perſeus und Orion leuchten; dort „Wird Alexander, unſer Gott, mit uns „Vom Himmel auf die Menſchenkinder ſehn.“ Wenn, vom Orkan gepeitſcht, des Meeres Fluth Sich mit dem hangenden Gewoͤlke miſcht, Und jetzt zur Hoͤlle niederſtuͤrzt, und jetzt Sich wieder in den Himmel thuͤrmt, und heult, Und alles Donner wird; wenn da Neptun Den maͤchtigen Trident mit ſtarkem Arm Aus Waſſerbergen hebt, wie dann der Sturm Verſtummt, die Fluͤgel nicht mehr regt, und Meer Und Himmel ruhig wird, daß Phoͤbus lacht⸗ Und jeder Strahl von ihm im Meere blitzt So legte ſich der Zorn der kleinen Schaar, Sobald der Feldherr ſprach, und floͤßte Luf Und Heiterkeit den Heldenſeelen ein. Indeſſen nahte ſich der ſtolze Feind, Und Mann und Roß trat aus dem Staub. hervor, Ein unabſehlich Heer von Spießen ſtarr, 25 1 Gleich einem Aehrenfelde, halb bedeckt Mit blanken Schilden, Koͤcher voller Tod Auf ſeinen Schultern, zog mit gleichem Schritt In weiten Kreiſen rauſchend um das Schloß. Und eine weiße Stadt von Zelten ſtieg Schnell aus der Erd'; im Meere ſehen ſo Bei'm Mondenſchein die lichten Wellen aus. Mit Pfeilen und Balliſten war der Feind Nicht zu erreichen; drum faßt Ciſſides Kuͤhn den Entſchluß, ihn in der nahen Nacht Zu uͤberfallen, und den Schlaf in Tod Ihm zu verwandeln. Bald ſank ſie herab Vom Himmel, dieſe Nacht. Und Paches nahm Zweihundert Krieger aus der dunkeln Burg, Und uͤberfiel in Eil den muͤden Feind, Den jetzt ein Schlaf von Blei belaſtete. Wie ein gewalt'ger Sturm den Hain er⸗ greift, Auf Eichen Eichen ſtuͤrzt, und eine Bahn Sich durch die Wohnung der Dryaden macht: So machte Paches Schaar ſich eine Bahn Durch's Feindes Lager; toͤdtete zuerſt Die feſt entſchlafne Wacht, und eilte dann, Und traͤnkte Schwert und Spieß mit vielem Blut, 108 Und machte jedes Zelt zur Todtengruft! Bis, durch der Sterbenden Geſchrei erweckt, Das weite Lager zu den Waffen griff.— Schnell zuͤndet' er die oͤden Zelter an;z Die Flamme loderte durch alle Reihn. In ſchrecklichem Tumult riß jeder jetzt Sein leichtes Haus zu Boden. Paches zog Vergnuͤgt und unverfolgt ſich in die Burg; Sah, ſelbſt erſtaunt, am Morgen, was ſein Schwert Und die Gewalt des Feuers ausgeuͤbt. Leoſthenes ergrimmt. Im Lager kam Kaum der Balliſten Laſt beſchwerlich an, Und Katapulte, Thuͤrm' und was der Streit Zum Untergang der Menſchen ausgedacht: Als er dem Schloſſe ſich in Graben und Verdecken naͤherte. Nichts ward verſaͤumt, Was faͤhig war, es mit Gefahr und Tod Zu fuͤllen. Eiſen fiel wie Regen drein; Der Felſenſtuͤcke Laſt, von dem Balliſt Geſchleudert, ſauſten und durchkreuzten ſich⸗ Irrſternen gleich, im Raum der finſtern Luft, Und jeden, den ſie traf, begrub ſie tief. Und vom Geſchrei der Stuͤrmenden erklang Des Himmels Buͤhne weit, wie ſie erklingt Vom tauſendſtimmigen Sturmwinde, wie Der Wald in Libyen ertoͤnt, wenn Loͤw' Und Leopard und Luchs und Tiger bruͤllt, 109 und jede Hoͤhle bruͤllt. Doch ECiſſides Blieb ruhig, und ward nicht betaͤubt vom Laͤrm; Und uͤberſchuͤttete auch mit Tod den Feind, Mit ſiebenfachem Tod'. Ein Wolkenbruch Von Steinen fiel auf dein erleſ'nes Heer, Leoſthenes! Der maͤcht'ge Katapult Durchbohrte Bruſtwehr, und den Feind zu⸗ gleich, Mit langen Pfeilen, wie des Blitzes Strahl, Und Spießen. Eine Aernt' Erſchlagener Lag weit verbreitet auf dem Feld'. Umſonſt Daß Mauerbohrer ſich, und Thuͤrme ſich Der Feſte naͤherten; daß Widder ſich Der Mauer Grund zu ſtuͤrzen ruͤſteten; Umſonſt, daß ſich von Schilden grimmige Phalangen thuͤrmten; da und dort ein Schwarm, Durch Hebel hoch gehoben in die Luft, Von drohenden Geruͤſten Pfeile ſchoß: Das Ungewitter, das vom Schloſſe fiel, Zerſchlug und ſchleuderte zu Grund den Feind. So ſchlug die wuͤthenden Giganten Zevs, Als ſie, den Himmel zu bekriegen, Berg Auf Berg gethuͤrmt; ſein Blitz warf ſie . herab; Verbrannt und blutig lag die tolle Schaar Umher, und maß der Berge Hoͤh' verkehrt.— 110 Doch blieb auch mancher Held des Ciſ⸗ ſides: Die Todten lagen um die blut'ge Mau'r, Wie Halmen, die die Sichel hat gefaͤllt; Den tapfern Parmeno*) durchbohrt' ein Pfeil; Auch dich, Simotes, uͤberall bedeckt Mit Narben, groß in jeder Kriegeskunſt. Dem unbezwungnen Zelon, der allein Ein Heer an Muth und Geiſte war, zei⸗ ſchlug Ein Felsſtuͤck beide Bein'. Er lebte lang⸗ Ein qualvoll Leben, und verbiß den Schmerz Voll Großmuth. Endlich fand ſein Bruder ihn Im Kampf mit Schmerz und Tod, und ſchluh erblaßt Die Haͤnde uͤber ſich zuſammen. Selbſt Dem Tode vor Entſetzen nah verband Er den Geliebteſten. Ein Thraͤnenbach Floß ihm vom Aug'.„Ach, Bruder! endige „Mein Leben! endig' es, o du, um den „Es mir allein gefiel, ſprach Zelon. Nimm „Mein unnuͤtz Gold mir ab, das du, und nicht „Der Feind verdient.“— Allein der Bruder weint', *) Die hier genannten Macedonier waren alte Offiziere des Alexander. 111 * Und ging davon.„Verlaͤſſeſt du mich auch?“ Rief Zelon: goͤnnſt du mir langſamen Tod? „Sonſt treuſter Freund, goͤnnſt du mir, daß ich noch „Den Schmerzen und der Schwachheit un⸗ . terlieg', „Und winſel' und nicht ſterbe wie ein Held? „Grauſamer, geh! und ruͤhme dich nur nie, „Daß du mein Bruder warſt!“— Der Bru⸗ der kehrt Zuruͤck, und faͤllt auf den Verwundeten, Und lieget lang' auf ſeinen Lippen ſtarr, Indeß mit Hoͤllenſchmerzen Zelon ringt. Drauf ſetzt er ſeinen Bogen auf die Bruſt Des Flehenden, mit weggewandtem Blick. Mitleldig faͤhrt der Pfeil ihm durch das Herz Und endigt ſeine Qual. Laut jammernd floh Der edle Moͤrder, der freundſchaftliche, Zur Mauer hin, den Tod fuͤrs Vaterland, Dem Bruder gleich, zu ſterben; aber ließ, Zu groß zum Eigennutz, der Leich' ihr Gold. Zweiter Geſang. Leoſthenes ſah, daß die Burg mit Sturm Schwer zu erobern war; er gab demnach Befehl, ſie in den Brand zu ſtecken. Schn Warf der Balliſt ſtatt Steine, eine Saat Von Klumpen griech'ſchen Feu'rs.— Wiſ wenn Veſuv Sein brennend Eingeweid hoch durch die? Umher ſpeit, mit erſchrecklichem Ge raͤuſch Der Feuerregen in ein Feuermeer Im Thal zuſammenfließt, und weit das F Mit laufenden und rothen Wellen deckt,— Daß ſich das Waſſer in den Seen ſcheut, Und vor dem Lande flieht, daß Feld un Meer Erſchrickt und jammert: ſo floß in der Buſ Der Feuerregen in ein Feuermeer Zuſammen! Tod und Schrecken ſchwan 6 darauf. 4 Bald donnert' in des Schloſſes 1 Die Flamme, wie im Bauch der Hoͤll', fuhr Zu allen Fenſtern und zum Dach heraus In Strudeln. Und der ganze Bau 3ℳ Gluth, Fiel in einander, wie ein Fels, vom Blitz 113 Geſpalten, faͤllt. Die Erde zitterte; Des Himmels weiter Raum erſcholl umher.— Zu loͤſchen war umſonſt. Auch drang der Feind Stets wuͤthender heran, und dacht' einmal Den Macedon'ſchen Muth zu ſchwaͤchen.— Doch, Er ſchwaͤcht' ihn nicht, und Ciſſides blieb ſtets Derſelbe, Paches auch. Sie breiteten Nacht uͤber's Volk Athens mit Pfeilen aus, Ermunterten ihr Heer, und wo Gefahr Groß war, da waren ſie. Begegneten Sie ſich, ſo ſahen ſie vergnuͤgt ſich an. Schwieg gleich ihr Mund, ſo ſprach ihr Auge viel, und ſagt': Unſterblichkeit iſt unſer Theil!— Doch auch die Freundſchaft ſah zum Blick heraus, Und es blieb ungewiß, ob Heldenmuth Die Freunde mehr beherrſcht', als Zaͤrtlich⸗ keit. Sie druͤckten ſich die Hand und eilten dann, Wohin ſie Ehre trieb, und wo der Tod In Feuer, Steinen, Pfeilen ſauſete.— Gleich unerſchrocken blieb ihr kleines Heer. Sah iemand ſeinen Freund getoͤdtet: floß Vom truͤben Aug' ihm eine Thraͤnenfluth, Doch ſchickt er Pfeil auf Pfeil dem Feinde zu.— Kleiſt's Ged. 8 114 Zuletzt befiel den von dem Streit, vom Brand' Und Noth an Ruh erhitzten Ciſſides Ein heft'ger Durſt. Er kaͤmpfte lange ſchon — Mit Angſt und Ohnmacht, weil Getraͤnk ge⸗„ brach. (Des Schloſſes Brunnen war verſchuͤttet von Ruinen.) Ach! ich ſterbe! ſagt' er ſchwach Zum Paches: ſchon ſeh' ich den Himmel ſchwarz; Durſt iſt mein Tod, und nicht Leoſthenes.— Sein Freund erblaßte mehr, vor Angſt, als er, Und eilte fort, und ſchoͤpft' in ſeinem Helm Von eben nur Erſchlagnen Blut, und bracht's Dem Ciſſides, und ſagte: Trink! er trank, Und ſeufzte ſchaudernd: Ach! ihr Goͤtter! a 1 Wozu bringt ihr die ſchwachen Sterblichen!— Allein er ward erquickt, und Heiterkeit Kam ihm in's Antlitz. Nach dem Thau der Nacht Erheben Blumen ſo(die ſchon die Au Beſaͤen wollten mit der Blaͤtter Schmuck, Gedruͤckt vom Sonnenſtrahl des vor'gen Tags,) Voll Pracht ihr hangend Haupt, und glaͤn⸗ zen, wie Der helle Morgenſtern, der auf ſie ſieht.— Er ward erquickt, der tapfre Ciſſides, — 115 Und eilte zu der Mau'r, wo alles noch Mit Loͤwenmuthe ſtritt, obgleich die Zahl Der Todten ſeines Volks ſchon groͤßer war, Als der noch Lebenden. Er kam nicht hin; Ein Pfeil flog uͤber die zerfallne Burg, Und fuhr dem Helden... Ach! erſchreckliche Erinnrung! Muͤſſen auch des Todes Raub Diejen'gen ſeyn, die zu der Erde Gluͤck, Zu leben ewiglich verdieneten!... Fuhr in den Ruͤcken ihm und durch die Bruſt. Er fiel auf's Angeſicht. Gefuͤhllos lag Er lange ſo; erholte dennoch ſich, Und wollte ſich erheben; aber Kraft Gebrach ihm.— Paches kam, und fand den Freund Im Blute ſchwimmend. Ach! wer kann den Schmerz Des Redlichen beſchreiben! Ohne ſich Zu regen, ſtand er.— So erſtarrt die Flur Im Winter, wenn der rauhe Nordwind ſtuͤrmt; Sein Athem ruͤhrt ſie an, und ſie iſt Stein. Ach! ſagte Ciſſides, zieh doch den Pfeil Mir aus dem Ruͤcken, Freund, und kehr mich um! Der Tod fuͤr's Vaterland wird mir nicht ſchwer; Die Art des Todes nur wird mir's. Wer ſo Mich findet, kann vermuthen, als haͤtt; ich 116 Die Bruſt dem Feinde nicht gezeigt. Laß nicht Mit Schande mich mein Leben endigen, Da ſtets mein Wunſch nur Ehr' und Tu⸗ gend war! Und Paches zog den Pfeil zur Wund' her⸗ aus (Blut ſtuͤrzt dem Eiſen nach, wie Waſſer aus Der Quell'), umarmet' und erhub den Freund, Mit Thraͤnen in dem Aug' und kehrt' ihn um. Hab' Dank! Leb' ewig wohl, ſprach Ciſſides⸗ Freund!— und verſchied. Von tauſend Ster⸗ benden Die Qual zuſammen, iſt kein Theil der Qual⸗ Die Paches fuͤhlt. Er glaubt nur halb zu ſeyn. Er wehklagt laut und irret wild umher, Wie eine Löwin in der Wuͤſte, wenn Man ihr die Jungen raubt. Das Heer er⸗ 4 ſchrack, Und klagte mit. Der Feind erfuhr den Schmerz Deſſelben, durch Balliſt und Katapult. Von Neuerſchlagnen raucht umher das Feld,⸗ Blut und Gehirn und Leichen deckten es. 1 117 Dritter Geſang. Nachdem der Feind den Ciffides nicht mehr Erblickte, der durch einen Federbuſch, Am Helm erkenntlich war, vermuthet' er Den Tod deſſelben, und dacht' im Triumph Bald in das Schloß zu ſteigen, wenn er's jetzt Aufbieten ließ'. Ein Herold ward dazu Befehliget. Sein Roß war ſtolz, wie er; Es ſchien die Erde zu verachten; kaum Beruͤhrt' es ſie mit leichten Fuͤßen; ſchnob Und wieherte zu der Trompete Klang, Und foderte zum Kampf heraus, wie er. „Euch wenigen,“ ſagt er, indem er ſich Der Mauer naht,„euch wenigen, die noch „Die Macht der Waffen des Leoſthenes „Bisher verſchonet hat, euch bietet er „Das Leben an, und ſeine Gnad' im Fall „Ihr euch an ihn ergebt. Verwegenheit „Iſt eu'r vermeinter Muth.— Seht um euch! ſeht, „Was fuͤr ein zahlreich Volk euch noch um⸗ ſchließt! „Seht, ſeine Spieß' erheben ſich umher, „Wie Aehren auf dem Feld'! Und Tapfer⸗ keit 118 „Wird in den Buſen ſie euch tauchen, wenn „Ihr laͤnger kaͤmpft. Laßt eure Wuth ein⸗ mal „Gehorchen der Vernunft, und uͤbergebt „Die Mau'r der oͤden Burg dem Heere, das „Voll Langmuth euch bewundert und nicht ſcheut. „Waͤhlt ſeine Huld, wo nicht, ſo waͤhlt den Tod!“ „Wir haben laͤngſt gewaͤhlt!“ ſprach Pa⸗ ches.(Ernſt Und Majeſtäͤt ſah'n aus dem Angeſicht Des Helden.)„Tod iſt unſer Wunſch und Gluͤck, „Wenn wir dadurch des Vaterlandes Wohl „Erkaufen koͤnnen. Und wir werden es!— „Wir werden es erkaufen Schande trifft „Den niedern Stolz und Geiz Athens ge⸗ — wiß! „Warum bekriegtet ihr uns ehmals nicht, „Als Alexander uns beherrſchte? Glaubt „Ihr, unſer Muth ſei mit ihm eingeſcharrt? „Und wenn ihr dieſes glaubt: iſt's edel, daß „Ihr Schwachheit uͤberfallt?— Allein um⸗ ſonſt! „Noch lebt des Helden Geiſt in ſeinem Heer, „Und euer Scheitel wird es fuͤhlen.— Auch „Raubt uns der Tod des Ciſſides nicht Muth; —, 119 „Mit ihm liegt unſre Luſt, nicht Tapferkeit. „Nicht euch, nicht Tod, nur Schande fuͤrchten wir.“ Der Herold brachte dem Leoſthenes Die Antwort kaum, als alles um die Burg Zum Angriff ſich bereitete. Wenn Sturm Aus Aeols Hoͤhle faͤllt, wie Waſſer aus Der Schleuſ' und druͤckt den Wald, dann neigen ſich Die ſtarken Wipfel zu der Erd' herab; Tumult herrſcht uͤberall, und jeder Zweig Vermehret das Geraͤuſch; der Kluͤfte Schlund Bruͤllt dumpfig; tauber Laͤrm erfuͤllet weit Des Himmels Raum, drin Wolke Wolke jagt: So auch erwacht' im ganzen Heer Athens Schnell Aufruhr. Thurm, Balliſt und Ka⸗ tapult Und Hebel, Bohr und alles regte ſich, Und nahte ſich dem Schloß in wildem Laͤrm. Zwar Paches ließ an tapfrer Gegenwehr Nichts mangeln. Pfeil und Steine ſchlugen den Erhitzten Feind, wie Schloßen ſchwaches Korn, Danieder. Tiger ſind ſo wuͤthend nicht, 120 Wenn man zum Zorn ſie reizet, wie ſein Heer Jetzt war. Doch die Beſatzung war zu ſchwach, Und allgemein der Sturm. Mißlang es hier Dem Feinde, ſo erſtieg er dort die Mau'r. Das Schloß ward uͤberſchwemmt, und ward ein Raub Des Todes. So verſchlingt die Fluth des Meers Das Ufer nach der Ebb' und was ſich ihm Genaht. Wo Blumen jetzt ſtolzierten, tobt In Waſſerwogen das Verderben jetzt.— Auch Paches ward des Todes Raub, wie ſein Furchtloſes Heer. Leoſthenes ſand ihn Durchbohrt und hingeſtreckt, und kannt' ihn an Der Ruͤſtung. Lange ſah mitleidig er Nebſt ſeinem Volk, das auf die Spieße ſich Umher gelehnt, den todten Helden an, Und eine Thraͤne floß ihm von dem Aug'. Er ſah noch Edelmuth in Zuͤgen des Erblaßten Angeſichts.— Drauf wuͤnſcht' er auch Den Ciſſides zu ſehn, doch lang umſonſt. Zuletzt erblickt er einen Teppich auf Der Erd', erhub ihn und erſchrack, als ſich — 121 Ein Macedonier aufrichtete, Der mit dem Ciſſides darunter lag. „Was liegſt du bei dem Todten?“ fragt man ihn. „Er war mein Herr, erwiedert er; noch mehr, „Mein Vater. Ich war, als er lebt', ihm treu: „Sollt' ich vergeſſen, es anjetzt zu ſeyn? „Ihr habt mir ihn geraubt, raubt mir nun auch „Das Leben, meine Laſt!“— Ein Thraͤnen⸗ guß Netzt ihm das Angeſicht. Leoſthenes Raubt' ihm das Leben nicht, dem redlichen Schildtraͤger, ſondern pries die ſeltne Treu, Und troͤſtete den immer Jammernden. Und ſchenkt' ihm viel. Betrachtete nachher, Sammt dem geruͤhrten Volk, den Ciſſides, Und glaubte die entwichne Seele noch In großen Zuͤgen des Geſichts zu ſehn; Beweint' ihn, ließ die Aſche beider Freund' In einer Urn' bewahren, ihnen auch Ein praͤchtig Denkmal baun; und zog ſich drauf Schnell nach Athen zuruͤck. Sein Heer war ſo Geſchwaͤcht, daß er vergaß, in einer Schlacht Antipatern zu uͤberwaͤltigen. 122 Und ſo ward durch der beiden Freunde Muth, Des Vaterlands Verderben abgewandt. Ihyr Krieger! die ihr meiner Helden Grab In ſpaͤter Zeit noch ſeht, ſtreut Roſen drauf, Und pflanzt von Lorbern einen Wald um⸗ her! Der Tod fuͤr's Vaterland iſt ewiger Verehrung werth.— Wie gern ſterb' ich ihn auch, Den edeln Tod, wenn mein Verhaͤngniß ruft! Ich, der ich dieſes ſang im Laͤrm des Kriegs⸗ Als Räuber aller Welt mein Vaterland Mit Feu'r und Schwert in eine Wuͤſtenei Verwandelten; als Friedrich ſelbſt die Fahn' Mit tapfrer Hand ergriff, und Blitz und Tod Mit ihr in Feinde trug, und achtete Der theuren Tage nicht fuͤr Volk und Land, Das in der finſtern Nacht des Elends eeufzt.— Doch es verzagt nicht drinn, das treue Land; Sein Friedrich laͤchelt, und der Tag bricht an. Der Tag bricht an! Schon zoͤge Schwah— und Ruß, 8 123 Lapplaͤnder und Franzoſ', Illyrier Und Pfaͤlzer im poſſierlichem Gemiſch, Den Helden im Triumph, verſtattet' es Deſſelben Großmuth. Schon fliegt Him⸗ mel an Die Ehr' in blitzendem Gewand' und nennt Ein Sternenbild nach ſeinem Namen! Ruh Und Ueberfluß begluͤcken bald ſein Reich! Inhalts⸗Verzeichniß. Lebensgeſchichte des Dichters..... 5 Gedichte. Der Fruͤhling.(1746 u. ff.)).. 4 1 Amynt.(Im Januar 1751)..... X. An die Preußiſche Armee.(Leipzig im Mai 1757)........ 81 Irin.(1757)....... A Die Freundſchaft.(Im Auguſt 175). 2 Der gelaͤhmte Kranich.(1757)... 9 Hymne.(Auf dem Marſche nach Hof, im Mai 1758)....... 6 Ciſſides und Paches.(1758)..... 10 Subſcriptions⸗Einladung auf eine Topographiſche Karte von Deutſchland im Maßſtab von 1 80,000. Erſcheinungs⸗Bedingungen. — 1) Die allgemeine Topogravhiſche Karte voon Deutſchland im Maßſtab von 1½„ erſcheint in Staplſtich, lie⸗ ferungsweiſe, wöchentlich eine Lie⸗ ferung von einer Karte. 5 2) Jede Karte verbildlicht ein Viereck von zwoͤlf Geviertmeilen. 3) Der Preis jeder Lieferung(alſo jeder Karte) iſt fuͤr Beſteller vor dem 1. Juli fuͤnfzehn Silbergroſchen Preußiſch Cour. oder 12 Gr. Saͤchſiſch; für ſpäaͤtere ½ Thaler. 4) Die Unterzeichner ſind keineswegs zur Al⸗ nahme des ganzen Werks verpllichtet; ſie koͤnnen, behagt ihnen die Ausfuhrung nicht, ſogleich bei Empfang der erſten Lieferung wieder aufkuͤndigen, oder auch ſpaͤter, wann ſie wollen. Sie haben in ſolchem Fall blos noch die Verbindlichkeit, die vom Tage der Kündigung an zunächſt erſcheinenden ſechs Lieferungen anzuneh⸗ men. 5) Pränumeration wird nicht geleiſtet, ſondern, auf Verlangen, jede Lieferung beim Empfang bezahlt. 6) Die erſte Lie ferung erſcheint ſechs Monat nachdem die Anzahl der Unter⸗ zeichnungen 1000 erreicht hat. 7) Charakter, Name und Wohnort der er⸗ ſten tauſend Unterzeichner werden, als bleibendes, ehrendes Denkmal fit Diejenigen welche eine der groͤßtten, ge⸗ meinnutzigſten und volksthuͤmlichſten wiß 1 ſenſchaftlichen Unternehmungen unſerer Zeit zur Ausfuͤhrung foͤrderten, in Stahl ge⸗ 1 ſtochen, der erſten Lieferung vorgebunden; deutliche und genaue Aufgabe derſel⸗ ben iſt darum nöthig und wird hoͤflichſt erbeten.— Beſtellungen beſorgen alle ſoliden Buch⸗ und Kunſthandlungen. Hildburghauſen und New⸗York⸗ im Maͤrz 1833. Die geographiſche Anſtalt des Bibliographiſchen Inſtituts. ſſeiſſfinſniſſiſſſfſſſſinſſſſſſiſſſſſſſſſſſſſiſſſiniſſnnnt 9 11 12 13 14 15 16 1