e=h—,— Leihbibliothen⸗ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher L— von Eduard Ottmann in Gief Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Bu⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei En⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechen hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zun u wird. S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt v r eträgt: 5 für wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 B ———— 85— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 1/ 11— 1 5 9— 1 11. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zur ü der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt z4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verl 8. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) 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Anthologie aus den ſaͤmmtlichen Werken von Ernſt Schulze. Erſter Theil. ——— 4 Miniatur⸗ Ausgabe. Hildburghauſenu. New⸗York. Drucku. Verlag vom Bibliographiſchen nſtitut. 1831. 8 Biographiſches Vorwort. Ernſt Schulze. Geboren 1789; geſtorben 1817. Ernſt Schulze, mit ſeinem vollſtaͤndigen Taufnamen Ernſt Conrad Friedrich, ge⸗ boren zu Celle am 22. Maͤrz 1789, ſchien in ſeinem Knabenalter mehr Anlage als Neigung zu wiſſenſchaftlichen Studien zu haben. Zu den Arbeiten, die ſeine Lehrer ihm aufgaben, mußte er angehalten werden. Er verſchob ſie gewoͤhnlich bis auf den letzten Augenblick, und that ſie dann im Fluge ab. Aber zu drolligen Streichen und zu allen Arten von Leibesuͤbun⸗ gen war er immer bereit, und deswegen auch unter ſeinen Bekannten ſehr beliebt. Wo die Flucht ergriffen werden mußte, war er unter — den Fliehenden der letzte. Im vaͤterlichen Hauſe ließ Jedermann ſeiner Herzensguͤte Ge⸗ rechtigkeit widerfahren; aber man verſprach ſich nicht viel von ihm, weil er zur Beſor⸗ gung von Auftraͤgen nicht zu gebrauchen war, ſeine Buͤcher verlor, keine Art von Ordnung zu lieben ſchien. Seine Kleider waren in wenigen Tagen, nachdem ſie neu geweſen, beſchmutzt und zerriſſen. Der Director von dem Gymnaſium troͤſtete den beſorgten Vater damit, daß es dem Knaben nur an Fleiß, nicht an Talenten fehle. Beharrlichkeit zeigte er bei kleinen Liebhabereien, die er eifrig ſo lange fortſetzte, bis er ſie nicht mehr nach ſeinem Geſchmacke befriedigen konnte. Er ſtu⸗ dirte z. B. die Wappenbuͤcher mit ſolchem Fleiße, daß er in ſeinem vierzehnten Jahre von Malern bei der Verzierung von Saͤrgen zu Rathe gezogen wurde. Aber er verſchenkte ſeine Wappenſammlung, wie eine aͤhnliche Sammlung von kleinen Muͤnzen, nachdem er einen gewiſſen Grad erreicht hatte. Die erſte Veranlaſſung zur Entwickelung der Dichtertalente Ernſt Schulze's gab ſein vertrauter Umgang mit den Soͤhnen eines ge⸗ ſchäͤtzten Oberappellationsraths, der bald nach⸗ her die hanoͤver'ſchen Dienſte verließ. In Ver⸗ bindung mit dieſen lebhaften und geiſtvollen Knaben ſchrieb er kleine Aufſaͤtze und eine Art von Zeitung, in welcher Familiengeſchichten als Hof⸗ und Staatsangelegenheiten behandelt wurden. Seinen Schmerz uͤber die Trennung von dieſen Freunden, an denen er enthuſia⸗ ſtiſch hing, druͤckte er in einem Gedichte aus, dem erſten von ſeiner Hand, deſſen ſein Va⸗ ter ſich erinnert. Jetzt fing er auch fleißiger zu leſen an. Seine Lieblingslectuͤre wurden Rittergeſchichten und Feenmaͤhrchen. Ein an⸗ ſehnlicher Vorrath ſolcher Buͤcher fand ſich in einer alten Bibliothek auf einem Landgute nicht weit von Celle. Ein Ritterzimmer in dem verfallenen Wohnhauſe war ſo ganz nach dem Geſchmacke des jungen Dichters, daß er ſeinen Vater um Erlaubniß bat, dort bei der Pachterfamilie einige Zeit ſich aufzuhalten. Unter dieſen Umgebungen entwickelte ſich ſei⸗ ne Phantaſie. Der Pachter aͤußerte die Be⸗ ſorgniß, der junge Mann ſcheine ſich uͤberzu⸗ ſtudiren und tiefſinnig zu werden, aber er lobte doch die Huͤlfe, die ihm der fleißige Buͤcherleſer als Dolmetſcher und auf andere Art bei den Durchmaͤrſchen der Franzoſen lei⸗ ſtete, die im Jahre 1803 das hanoͤver'ſche Land beſetzten. Man liebte ihn als einen mun⸗ teren und herzhaften Burſchen. Von einer Reiſe in das Bad nach Rehburg, wo beſon⸗ ders die jungen Damen ihn ſehr intereſſirt zu haben ſchienen, kam er noch heiterer zuruͤck. Nun beſchaͤftigte er ſich auch ernſtlicher mit den gelehrten Studien, durch die er ſich auf 10 die Univerſitaͤt vorbereitete. Aber Rechnen zu lernen, wollte er ſich nie bequemen. Als die Zeit heran ruͤckte, da er ſich zu einem be⸗ ſtimmten Fache entſchließen mußte, waͤhlte er die Theologie, wahrſcheinlich nur, um doch etwas zu waͤhlen, das zu einem Amte fuͤhrte, denn gegen die Jurisprudenz hatte er eine eben ſo entſchiedene Abneigung, wie gegen die Medicin. Im Herbſte des Jahres 1806 fingen die Univerſitaͤtsſtudien des jungen Dichters, der damals nur eine dunkle Ahnung von ſeiner natuͤrlichen Beſtimmung hatte, in Goͤttingen an. Ich ſah ihn zum erſten Male, als er ſich bei mir zu einem Collegium meldete. Sein Aeußeres nahm beim erſten Anblicke weder füͤr noch gegen ihn ein. Sein gut gebauter Korper, von mittlerer Groͤße, hatre eine feſte Haltung, ſein regelmaͤßig gebildetes Ge⸗ ſicht hatte edle Zuͤge, aber ſein geiſtvolles Auge war unſtaͤt. In ſeinem einfachen, gera⸗ den und anſpruchloſen Betragen lag nichts, das ungewoͤhnliche Erwartungen haͤtte erregen können. Aufmerkſam wurde ich auf ihn zu⸗ erſt, als er in einem Practikum, deſſen Zweck war, den ſchriftlichen Styl der Theilnehmer zu bilden, durch Ausarbeitungen ſich auszeich⸗ nete, in denen Gefuͤhl und Phantaſie ſo zart und ſo correct ſich ausdruͤcklen, wie es ſich von einem jungen Mann von achtzehn Jah⸗ 11 ren kaum erwarten ließ. Das verdiente Lob, das ich ihm oͤffentlich ertheilte, veranlaßte ihn, nach einiger Zeit mich zu beſuchen, um mir einige ſeiner Gedichte zur Beurtheilung vorzulegen. Es waren Sonette, Epiſteln und Elegien, mangelhaft von mebreren Seiten, aber an einigen Stellen unuͤbertrefflich, und im Ganzen unbezweifelbare Beweiſe von wah⸗ rem Dichtertalent. Wo das Gefuhl entſchei⸗ den mußte, vertheidigte er ſeine Anſichten. Auch dieß gefiel mir. Wir wurden immer naͤher mit einander bekannt. Wieland war damals beſonders nach ſeinem Geſchmack, ob⸗ gleich ſeine eigene Poeſie keinen Zug von der Satyre der Wielandiſchen datte. Die Heiter⸗ keit der Wielandiſchen Poeſie, verſicherte er mir, habe auf ſeinen Geſſt den gluͤcklichſten Einfluß gehabt. Ein ſtrenger Ernſt ſcheine ihm das Leben und die Kunſt zu verderben. Er glaube, dieſe Meinung auch vor einem Profeſſor der Philoſophie nicht verbergen zu duͤrfen, weil er ſich nichts vorzuwerfen habe, das eine vernuͤnftige Moral tadeln koͤnne. Auch von Andern erfuhr ich, daß an ſeinen Sitten nichts zu tadeln ſei, außer einem klei⸗ nen Leichtſinne, der aber nie leidenſchaftlich wurde, und nie die Grenzen des Anſtandes und der ſtrengſten Redlichkeit uͤberſprang. Es war ihm nur um eine ganz aͤſthetiſche Loſung der Aufgabe des menſchlichen Lebens zu thun. — 12 8 nes Aufenthalts zu Goͤttingen gar nicht faͤhig 1 zu ſein. Ich ſuchte einiges Intereſſe fuͤr Phi⸗ loſophie in ihm zu wecken. Er höͤrte die Lo⸗ Sache. Deſto eifriger legte er ſich auf die alte Literatur, da er einſah, daß er für die Privatfleiße. Ein erzaͤhlendes Gedicht, P ſyche, das er mir ſtuͤckweiſe mittheilte, bewies die Fortſchritte, die er in der poetiſchen Behand⸗ machte. Von ſeinen Herzensangelegenheiten vertraute er mir damals noch nichts an, aber nach einem Jahre bemerkte ich, daß er immer ernſthafter wurde. Auch ſeinem Vater fiel dieſe Veraͤnderung auf. Er ſprach wenig, las viel, ſchien an den Dingen, die ihn vorher in⸗ tereſſirten, wenig Antheil zu nehmen, und 13 erwiederte auf die Frage, was ihm fehle, er ſei in ſeinem Leben nicht gluͤcklicher geweſen. Von Natur ein wenig verſchloſſen, verhehlte er auch ſeinen Freunden leicht, was ein Ge⸗ heimniß ſeines Herzens bleiben ſollte. Aber es verrieth durch die Umſtaͤnde ſich ſelbſt. Seine ˙ Phantaſie ſuchte einen Gegenſtand, in dem ihm die Idee des Schoͤnen verkoͤrpert erſchien. Ernſthafter und in ſich gekehrter wurde er ſchon lange vorher, ehe er die Caͤcilie gefunden hatte, die an Leib und Seele ſeinem Ideale von weiblicher Liehenswuͤrdigkeit entſprach. Indem er bald hier, bald dort ſich naͤher anzuſchließen ſtrebte, war fuͤr ihn ſchon die Lebensperiode voruͤber, von der er in einer ſeiner Elegien ſagt: „Wahrlich ich habe gelebt! Nicht reut mich die froͤhliche Wildheit. „Feſt an die feurige Bruſt druͤckt ich das 4 bluͤhende Sein, „Kuͤßte die ſcheidende Luſt, und der nahenden lacht' ich entgegen, „Und zur geliebteſten Braut ward die Mi⸗ nute mir ſtets.“ Waͤhrend dieſer Zeit des Suchens einer Liebe, die ſein Herz ausfuͤllen ſollte, bereitete er ſich auch mit ernſtlichem Fleiße in ſeinen philologiſchen Studien auf die Stelle vor, die er in der Reihe der akademiſchen Privatdocen⸗ ten einzunehmen wuͤnſchte. Unter ſeinen Be⸗ kannten fand er Freunde, die ſich in Verbin⸗ dung mit ihm eben ſo thaͤtig als er mit der alten Literatur beſchaͤftigten. Mit entſchiede⸗ ner Vorliebe ſtudirte er die Homersſchen Ge⸗ dichte. Einer ſeiner literariſchen Plane war, eine Geſchichte der lyriſchen Poeſie der Grie⸗ chen zu ſchreiben. Alle dieſe Studien trugen nicht wenig dazu bei, ſeinen Geſchmack fuͤr das CElaſſiſche zu bilden, und ſeine Phantaſie vor den gewoͤhnlichen Verirrungen im Gebiete der Romantik zu ſichern Die aͤchte Romantik wußte er nach ihrem ganzen Werthe zu ſchaͤz⸗ zen. Die Wiedererweckung der deutſchen Poeſie des Mittelalters freute ihn ungemein. Unter den engliſchen Dichtern waren ihm Shakſpeare und Spencer die liebſten, unter den italieni⸗ ſchen Arioſt. Auf dieſe Art erweiterten ſich ſeine Kenntniſſe zugleich mit ſeinem poetiſchen Geſichtskreiſe, als er die Caͤcilie kennen lernte, die in der Geſchichte ſeines Geiſtes Epoche macht. Caͤcilie, die Tochter eines goͤttingiſchen Gelehrten, hatte alle Eigenſchaften, die einen jungen Dichter von Ernſt Schulze's Denk⸗ und Sinnesart bezaubern mußten. In der vollen Bluͤthe der Jugend, reizend vor Vielen ihres Geſchlechts, von zarter Sittſamkeit, empfaͤng⸗ lich fuͤr alles Schoͤne, geiſtvoll, und von hinreiſ⸗ 15 ſender Lebendigkeit in ihrem ganzen Weſen, zeichnete ſie ſich auch durch ihren feinen Kunſt⸗ ſinn und ihre Talente aus. Im Zeichnen und Malen hatte ſie es ſchon weit gebracht. Mit Fertigkeit und Ausdruck ſpielte ſie das Cla⸗ vier und die Harfe. Ihr und ihrer eben ſo liebenswuͤrdigen Schweſter Adelheid ſich näͤ⸗ hern zu duͤrfen, wurde des jungen Dichters hoͤchſtes Gluͤck. Bald verduakelte ſeine Liebe zu Caͤcilien alles Irdiſche in ſeinen Gedanken. Cacilie erwiederte ſeine ſchwaͤrmeriſche Zunei⸗ gung mit freundlichem Wohlwollen, und mehr bedurfte es nicht; denn eine poetiſchere und den gewoͤhalichen Forderungen der Leidenſchaft williger entſagende Liebe kann es nicht wohl geben. Seine Epiſtel an die Geliebte in der Sammlung ſeiner Gedichte, die er im Jahr 1813 herausgegeben hat, durften unbedenklich ſein Gefuͤhl der ganzen Welt verrathen. Die ſchoͤne Schwaͤrmerei, der er ſich ganz hingab, verleitete ihn auch zu keinen Thorheiten im wirklichen Leben. Er benahm ſich aͤußerlich wie vorher, ſetzte fleißig ſeine philologiſchen Studien fort und wurde nach vorher gegange⸗ nem Examen in der philoſophiſchen Facultaͤt zum Doctor und Magiſter promovirt. Sein Geiſt blieb heiter auch in ſeiner Schwaͤrmerei. Was aus ſeiner Liebe, die gar kein irdiſches Ziel hatte, unter gluͤcklichen Umſtaͤnden auf bie Laͤnge geworden ſein wuͤrde, ließ ſich nicht vor⸗ 16 aus ſehen. Aber die ſchoͤne Gegenwart, in der er ſich ſo gluͤcklich fuͤhlte, dauerte nicht lange. Die reizende Caͤcilie zog ſich durch eine Er⸗ kaͤltung eine Krankheit zu, die ihrem zarten Koͤrper bald toͤttlich zu werden drohte. Die, Krankheit nagte beinahe ein Jahr an ihrem Leben. Waͤhrend dieſer Zeit erreichte Schul⸗ ze's Enthuſiasmus fuͤr ſie ſeine aͤußerſte Hoͤhe. Die Bewunderung der Seelengroͤße, die die Kranke bei ihrem Leiden zeigte, machte ſie in ſeinen Augen ſchon vor ihrem Tode zu einer Heiligen. Sie ſtarb, noch nicht voͤllig acht⸗ zehn Jahre alt. Seit dem Tode Caͤciliens iſt keine dau⸗ ernde Heiterkeit wieder in die Seele ihres Dich⸗ ters gekommen. Aber ein Dichter blieb er auch im Gefuͤhle des tiefſten Schmerzes. In ſtarrer Verzweiflung die ſchoͤne Leiche betrach⸗ tend, gerieth er auf die erſte J Werke, das ihren Namen traͤgt. Sie zu ver⸗ herrlichen durch ein Gedicht, auf das er alle geiſtigen Kraͤfte wenden wollte, die ihm die Natur verliehen hatte, ſollte das groͤßte Ge⸗ ſchaͤft ſeines Lebens ſein. Er theilte mir ſeine kuͤhne Idee mit, ſobald ſein Schmerz ihm er⸗ laubte, davon zu reden. Schon in den Grund⸗ zuͤgen der romantiſchen Erfindung erkannte ich den Dichter nicht wieder, der bis dahin allen Dingen eine erheiternde Seite abzuſehen gewußt, mit dem Myſticismus des Chriſten⸗ 17 thums ſich nie befaßt, uͤberhaupt zur religioͤ⸗ — ſen Poeſie weder Anlage noch Neigung zu ha⸗ ben geſchienen hatte. Aber er war auch nicht der Vorige mehr. Der Uebergang vom ſchwaͤr⸗ meriſchen Gluͤcke zu einem Schmerze, von dem er ſich bis dahin keine Vorſtellung machen konnte, hatte allen ſeinen Gedanken eine an⸗ dere Richtung gegeben. Das Liebliche, an dem ſeine Phantaſie hing, kleidete ſich in die Far⸗ ben der Schwermuth. Der Kampf des freien Gemuͤths mit dem Schickſale und die religioͤſe Hingebung des Glaubens an das Goͤttliche wurden ſeine Lieblingsideen. Duͤſter und grau⸗ jenvoll ſollte der Hintergrund des großen Ge⸗ maͤldes ſein, an dem ſeine Phantaſie raſtlos arbeitete. Das Furchtbare und Schauderhafte ſollte im Contraſte mit dem Milden und Edeln recht ſtark hervor ſtechen. So verlangte es das Gefuͤhl, aus dem das Gedicht hervor ging. Die Heftigkeit dieſes Gefuͤhls ließ auch keine langſame Ausfuͤhrung zu. Im Januar 1813 wurde der erſte Geſang angefangen. Nicht lange darauf theilte mir der Dichter ſchon den zweiten mit. Vieles wurde ſeitdem uͤber Plan und Ausfuͤhrung unter uns geſprochen. Ich heſtend ihm offen, daß ich mit der Erfindung nicht ſympathiſiren koͤnne. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber noch ein Mal umlenken wollte, um anſtatt der ſeltſamen, von ihm erfundenen legende eine zu waͤhlen, die vormals Glau⸗ Schulze. 1. Th. 2 18 ben gefunden; aber er hielt feſt an ſeiner Er⸗ findung, beſonders um der Roſe willen, die fuͤr ihn ein Sinnbild des Koͤſtlichſten in der Welt geworden war. Ich glaubte ihm rathen zu muͤſſen, ſeine Poeſie uͤberhaupt ein wenig zuſammen zu halten; ſich von der Leichtigkeit, mit der er Verſe machte, nicht uͤber die Grenze des inneren Intereſſes der Dichtung hinreißen zu laſſen, beſonders die langen Reden und Ge⸗ bete abzukuͤrzen; mit dem Wunderbaren nicht ſo verſchwenderiſch zu ſein, und der proſaiſchen Wahrſcheinlichkeit ſchon deswegen, damit nicht auch das Wunderbare ſich ſelbſt entkraͤfte, ein wenig mehr Antheil an der Erfindung zu goͤn⸗ nen. Aber alles in dieſem Gedichte, das un⸗ aufhaltbar ſich immer umſtaͤndlicher entwik⸗ kelte, hing ſo feſt mit dem Gefuͤhle zuſam⸗ men, das ihm zum Grunde lag, daß dem Dichter, der ſonſt ſo gern Belehrung annahm, kein Theil dieſes Ganzen unweſentlich und keine Stanze uͤberfluͤſſig ſchien. Zuſaͤtze zu lie⸗ fern, war er immer bereit. Sprache und Styl unterwarf er der ſtrengſten Kritik, um noͤthige Aenderungen zu machen. Aber mit jedem Ge⸗ ſange wurde er immer mehr Meiſter der Form. In der Kunſt der poetiſchen Beſchreibung er⸗ reichte er bald die erſten Muſter des Alter⸗ thums und der neuern Zeiten. Sein Wider⸗ wille gegen alles Gezierte und Manierirte war ſo groß, daß er auch iede Eigenthümlichkeit F 19 des Styls verſchmaͤhte, ſobald ihm etwas Ge⸗ ſuchtes in ihr zu liegen ſchien. Der einzige Dichter, den er an mehreren Stellen, beſon⸗ ders in den Schlachtgemaͤlden, gefliſſentlich nachgeahmt hat, iſt Homer. Einen Theil die⸗ ſer Nachahmungen hat er ſelbſt in den An⸗ merkungen angezeigt. Als die erſten Geſaͤnge vollendet waren, bedauerte er ſehr, daß er ſich durch Wieland's Beiſpiel zu den unre⸗ gelmaͤßigen Stanzen habe verfuͤhren laſſen, da ihm die Ausfuͤhrung des ganzen Gedichts in aͤchten Octaven nicht ſchwer gefallen ſein wuͤrde. Aber die vollendeten Geſänge durch Umarbeitung in regelmaͤßige Stanzen umzu⸗ gießen, ſchien ihm eine froſtige Kuͤnſtelei. Er behielt alſo, wenn gleich ungern, die metri⸗ ſche Freiheit bei, die er ſich ein Mal genom⸗ men hatte. Binnen einem Jahre war das Ge⸗ dicht bis zum Schluſſe des ſiebenten Geſanges vorgeruͤckt. Nebenher waren ihm noch eine Menge kleinere Gedichte aus der Feder gefloſſen. Mehrere der aͤlteren gab er noch in demſelben Jahre 1813 in der mir zugeeignoten Sammlung heraus. Waͤhrend eben dieſer Zeit hatte er die alte Literatur nicht vernachlaͤſſigt, und meh⸗ rere Stunden taͤglich Privatunterricht im Grie⸗ chiſchen und Lateiniſchen gegeben. Seine Me⸗ lancholie, die er aber tief in ſeinem Innern verſchloß, wurde noch mehr vermehrt durch Mißverhaͤltniſſe, in die er gerieth, als er im 20 Umgange mit gebildeten Frauenzimmern bei der Freundſchaft eine Entſchaͤdigung ſuchte, die nirgens in der wirklichen Welt fuͤr ihn zu finden war. Seine bis dahin feſte Geſund⸗ heit fing an zu wanken, Bruſtſchmerzen, zu denen er immer eine Anlage gehabt hatte, machten ſeine Unpaͤßlichkeit bedenklich. Ihm ſelbſt ſchien das Leben faſt gleichguͤltig gewor⸗ den zu ſein. Aber es war auch nicht etwa der Wunſch, auf eine ehrenvolle Art zu ſterben, was ihn gegen das Ende des Jahrs 1813 be⸗ ſtimmte, alle Hinderniſſe zu uͤberwinden, um als freiwilliger Jaͤger an der Befreiung Deutſch⸗ lands Theil zu nehmen. Das Leben verlaſſen zu muͤſſen, ehe er ſeine Caͤcilie vollendet ha⸗ be, war ihm ein niederſchlagender Gedanke. Aber er ſei, meinte er, nicht werth, das Ge⸗ dicht zu vollenden, wenn er nicht bereit ſei, es einem hoͤhern Intereſſe aufzuopſern. Un⸗ gern gab ſein beſorgter Vater einem Wunſche nach, der den jungen Mann aus ſeiner natuͤr⸗ lichen Beſtimmung herausriß. Sobald das Grubenhagiſche Jaͤgerbataillon unter dem Oberſten, damals Oberſtlieutenant und Oberforſtmeiſter, von Beaulieu in Goͤt⸗ tingen ſich bildete, ließ Ernſt Schulze als freiwilliger Jaͤger ſich einſchreiben. Die voͤllige Ausruͤſtung dieſes Bataillons zog ſich hin bis gegen das Fruͤhjahr 1814. Der treffli che Beau⸗ lieu bemerkte bald, daß der Dichter in der 21 Jaͤgeruniform dem Vaterlande auch im Kriege mit der Feder nutzen koͤnnte. Er bediente ſich ſeiner in Secretariatsgeſchaͤften, gewann ihn ſehr lieb und nahm ihn mit beſonderer Aus⸗ zeichnung in ſeinen Familienkreis auf. Da die freiwilligen Jaͤger ſchon vor dem Ausmarſche wie die uͤbrigen Soldaten des Bataillons ein⸗ auartirt wurden, ließ es ſich einrichten, daß Schulze ſein Quartier bei mir erhielt und auf dieſe Art beinahe zwei Monate mein Haus⸗ und Tiſchgenoß wurde. Als das Bataillon in's Feld ruͤckte, ging der Marſch zu der alliirten Nordarmee, die den furchtbaren Da⸗ vouſt aus Hamburg und der Gegend vertrei⸗ ben ſollte. Schulze'n begleitete in ſeiner Jagd⸗ taſche eine Handausgabe der Iliade. Er blieb in engerer Verbindung mit ſeinem verehrten Oberſtlieutenant; aber ganz durfte er ſich dem Soldatendienſte nicht entziehen, obgleich ſeine Kurzſichtigkeit ihn mehr Gefahren als Andere ausſetzte. Einen komiſchen Brief ſchrieb er mir, als er des Nachts auf einem Vorpoſten unweit einer franzoͤſiſchen Schanze Betrach⸗ tungen uͤber Dichter⸗ und Soldatengluͤck an⸗ geſtellt hatte. Sein Geiſt erheiterte, ſeine Ge⸗ ſundheit ſtaͤrkte ſich unter den militaͤriſchen Beſchwerden und Entbehrungen. Nach dem Abzuge der franzoͤſiſchen Armee unter Davouſt hatte er das Vergnuͤgen, mit ſeinem Bataillon in das befreite Hamburg einzuruͤcken. Aber 22 mit dem Frieden kehrte ſein Truͤbſinn zuruck. Wer ſeine Verhaͤltniſſe näher kannte, mußte wuͤnſchen, daß er Goͤttingen ſo bald noch nicht wiederſaͤhe. Aber er war nicht zu bewegen, einen andern Ort zu wählen, un eine kuͤnf⸗ tige Beſtimmung abzuwarten. In Goͤttingen wollte er ſeine Caͤcilie vollenden und ſeine phi⸗ loſophiſchen Studien ſo lange fortſetzen, bis er eine Profeſſur erhielte. Ungern ſah ich meinen jungen Freund wie⸗ der, ſo lieb mir auch ſeine Gegenwart war. Die alten Mißverhaͤltniſſe, in die er wieder gerieth, ſetzten ihn in eine peinliche Spannung. Was er von Geſundheit und Heiterkeit aus dem Feldzuge mitgebracht hatte, ging bald wieder verloren. In ſeiner duͤſtern Stimmung glaubte er verkannt und gering geſchaͤtzt zu werden, mo er Liebe und Vertrauen erwar⸗ tete. Gram und Mißmuth bemaͤchtigten ſich ſeines ganzen Gemuths. Er zog ſich immer mehr von den Geſellſchaften zuruͤck, um unge⸗ ſtoͤrt zu arbeiten und zu dichten. Die öffent⸗ lichen Vorleſungen, die er uͤber alte Autoren zu halten anfing, ſchienen wenig Beifall zu finden, weil ihm das Talent des freien Vor⸗ trags fehlte. Deſto mehr wurde ſein Pri⸗ vatunterricht im Griechiſchen und Lateiniſchen von den Studirenden geſucht und geſchaͤtzt. Die Caͤcilie ruͤckte mit ungkaublicher Schnel⸗ ligkeit vor. Da ihm ein guter Vers wenig 23 Muͤhe koſtete, ließ er ſich zuweilen auch ohne Weigerung zu Gelegenheitsgedichten, um die er oft angeſprochen wurde, bereit finden, ſo⸗ bald er glaubte, Jemanden eine Freude da⸗ mit zu machen. Als er einmal ein ſolches Gelegenheitsgedicht bis auf den letzten Augen⸗ blick verſchoben hatte und ihm nichts in den Sinn kommen wollte, was er in Reime brin⸗ gen mochte, fiel ihm ploͤtzlich ein, aus dem Gedichte ein Akroſtichon zu machen und auf dieſe Art einem ſchon theuern Namen zu hul⸗ digen, wovon der Mann, dem das Gedicht beſtimmt war, nichts ahnen durfte. Sogleich ſtellten ſich die noͤthigen Gedanken ein. In einer halben Stunde war das Geſchaͤft been⸗ digt. Zu den vorzuͤglichſten der kleinern Ge⸗ dichte Schulze's gehoͤren mehrere lyriſche aus dieſer Periode. Die Cacilie wurde mit dem zwanzigſten Geſange vollendet im December 1815. Das ganze Gedicht iſt alſo in drei Jah⸗ ren entſtanden, von denen der Feldzug uͤber ſechs Monate weggenommen hat. Seit dieſer Zeit fing der Dichter, deſſen Herz ſo feſt an Goͤttingen hing, ſelbſt einzuſehen an, daß er andere Luft athmen muͤſſe, um ſich an Leib und Seele zu erholen. Einige ſeiner Freunde, die ein gluͤckliches Zuſammentreffen von Um⸗ ſtaͤnden nach Rom gefuͤhrt hatte, luden ihn zu ſich ein. Italien wurde nun das naͤchſte Ziel ſeiner Wuͤnſche. Vieles, in Beziehung 24 auf ſein buͤrgerliches Gluͤck, ließ ſich gegen dieſe Reiſe einwenden, aber ſein liberaler Va⸗ ter, der ihm die noͤthigen Vorſtellungen da⸗ ruͤber machte, trug zuletzt auch kein Bedenken mehr, ihm die Reiſekoſten zu bewilligen. Un⸗ terdeſſen arbeitete ſeine Phantaſie ſchon an einem zweiten romantiſchen Gedichte, das von nicht kleinerem Umfange als die Caͤcilie, aber durchaus heiter ſein und mit Arioſt's Roland eine gewiſſe Aehnlichkeit haben ſollte. Dieſes Gedicht, meinte er, koͤnne ihm nirgends beſ⸗ ſer als in Italien gelingen. Waͤhrend des Sommers 1816 beſchäftigte er ſich mit Vor⸗ bereitungen auf die Reiſe und mit fleißiger Fortſetzung ſeiner Philologiſchen Studien. Im Herbſte 1816 machte er noch eine Wande⸗ rung zu Fuß durch die Rhein⸗ und Mainge⸗ genden. Aber dieſe Reiſe, auf der er, wie im⸗ mer, um ſeine Geſundheit wenig vekuͤmmert war, beſchleunigte wahrſcheinlich die Auflöͤ⸗ ſung ſeines Koͤrpers. Badd nach ſeiner Zu⸗ ruͤckkunft nahmen ſeine Bruſtſchmerzen zu, ſeine Kraͤfte ab. Deſſen ungeachtet arbeitete er eben ſo fleißig, wie vorher. Schon ſehr erſchoͤpft ſchrieb er noch das Gedicht: Die bezauberte Roſe, durch das er das Hoͤch⸗ ſte leiſten wollte, was er in der Kunſt des Styls und des Versbaues vermoͤchte. Sobald es fertig war, ſchickte er es anonym nach Leip⸗ zig zur Concurrenz um den Preis, der auf * 25 die beſte poetiſche Erzaͤhlung geſetzt war. Im Fruͤhling 1817 wollte er die Reiſe nach Ita⸗ lien antreten. Wie alle Schwindfuͤchtigen ah⸗ nete er nicht die Naͤhe ſeines Todes. Seine Krankheit nahm ſo ſchnell zu, daß er den Fruͤhling nicht zu erleben ſchien. Als der Fruͤh⸗ ling kam, erholte ſich der Kranke gegen alle Erwartung ſeiner trauernden Freunde noch ein Mal ſo weit, daß er, obgleich mit großer Beſchwerde, die Abreiſe nach Celle in das vaͤ⸗ terliche Haus ertragen konnte. Ich ſah ihn zum letzten Male. Keine Pflege und keine aͤrztliche Huͤlfe konnte ihn retten. Als er den Preis fuͤr die bezauberte Roſe erhielt, freute er ſich zwar, ſagte aber dabei, daß er an dem Gedichte nichts als die Verſe huͤbſch finde. Er ſtarb in Celle am 26. Juni 1817 im neun und zwanzigſten Jahre ſeines Alters. Was die an ihm verloren haben, die ihn naͤher kann⸗ ten, kann ihnen die Ehre, die ſeinem poeti⸗ ſchen Nachlaſſe zu Theil werden wird, nicht erſetzen. Ernſt Schulze war ein Mann von edler Seele, voll maͤanlichen Selbſtgefuͤhls, aber nie ſich ſelbſt, am wenigſten ſeine Talente uͤberſchaͤtzend, verſchloſſen, aber unverſtellt, kein philoſophiſcher Geiſt, aber wahr in ſeinem Innerſten, ein Todfeind der Luͤge, des Trugs, der Schmeichelei und der Zweideutigkeit im Reden und Handeln, frei geſinnt und ohne Furcht, feſt und treu in der Freundſchaft, ſtandhaft bis zum Eigenſinn in ſeinen Ent⸗ ſchluͤſſen und verſtaͤndig in allen gewoͤhnlichen Verhaͤltniſſen des Lebens, ſehr empfindſam gegen Beleidigungen, aber jede Rache in ei⸗ genen Angelegenheiten verachtend, uͤberhaupt wenig beſorgt um ſich ſelbſt, zu wenig um ſein aͤußeres Gluͤck, deſto bereitwilliger zu Aufopferungen und Entbehrungen, wo es galt ein Ziel zu erreichen, das ihm eines liberalen Mannes wuͤrdig ſchien. Goͤttingen, am 20. Maͤrz 1819. Bouterwek. Ausgewaͤhlte Gedichte und Fragmente. Erklaͤrung. Ein leichter Sinn mag oft in neuen Weiſen Die Luſt erhoͤhn, die wechſelnd ihn begluͤckt; Mein Singen ſoll nur eine Herrin preiſen, Die doppelt ſtets mein zweifelnd Aug' erblickt: Dort in des Grabes ewig ſtummen Kreiſen, Hier mit des Lebens friſchem Reiz geſchmuͤckt; Und wenn auch hier zwei Namen ſie benennen, Rie kann mein Herz die holden Bilder trennen. 28 Denn wie ſich Traͤum' im Leben oft ent⸗ 1 falten, Und Leben oft in luft'gen Traͤnmen bluͤht, So gatten ſich die minnigen Geſtalten Zu einem Bild im liebenden Gemuͤth. In dieſer ſtreb' ich jene feſtzuhalten, Und waͤhne, daß mit dieſer jene flieht. Doch weil die Eine laͤngſt ſich mir entriſſen, Mußt' ich auch ſtets der Andern Liebe miſſen. Jetzt hab' ich lange Fahrt fuͤr ſie begon⸗ nen,*) Um ihren Preis auch ferne zu erhoͤhn; Zwei Jahre ſchon ſind fluͤchtig mir verronnen, Seit ich zuletzt den Heimathsſtrand geſehn. Wird auch das Ziel mit Muͤhe nur gewonnen, Doch ſcheint die Muͤh' um ſchoͤnes Ziel mir ſchoͤn, Wenn ſie mich nur durch dunkle Meeresweiten Mit ſuͤßer Huld und mildem Schimmer leiten. Wohl ſeh' ich oft, wie hell vom goldnen Throne Der Einen Bild zu mir herniederſinkt, Und freundlich mir zum wunderſel'gen Lohne, Daß nur fuͤr ſie mein treues Lied erklingt, Mit leiſer Hand die heil'ge Saͤngerkrone, Den Lorbeerzweig, in meine Locken ſchlingt; *) Das Gedicht Caͤcilie. 29 Und kuͤhner laͤßt dann auf Geſanges Wellen Mein trunkner Geiſt des Liedes Segel ſchwellen. Doch laͤßt ſich dann ſo kalt die Andre ſchauen Mit ſtrengem Blick und ſtolzem Axgeſicht, Dann ſchwindet bald mein freudiges Vertrauen, In Nacht verſinkt der Lieve leitend Licht, Auf weitem Meer ergreift mich ſtilles Grauen, Ich weiß den Pfad, das Ziel, den Hafen nicht. Wohl folgſt du, denk“ ich, truͤgeriſchen Ster⸗ nen, Was kann dich ſonſt ſo weit von ihr entfernen? O ihr, die treu vereint in Leid und Freuden Nur ein Gemuͤth im Buſen ſonſt gehegt, Was konnte ſo im Tode jetzt euch ſcheiden, Daß dieſe flieht, was jene ſchuͤtzt und pflegt? Du banges Wechſelſpiel von Luſt und Leiden, Wie haſt du oft mein Herz ſo wild bewegt! Doch kenn' ich leicht die Faͤden, die dich weben: Suͤß iſt der Traum, doch hart und kalt das 4 Leben. Und dennoch will ich muthig weiter ſteuern, So lang ein Hauch mein luftig Segel ſchwellt, Will gern getaͤuſcht in irren Abenteuern Dein Nichts vergeſſen, arme, kleine Welt! Vielleicht wird doch der Strand ſich einſt ent⸗ ſchleiern, 30 Wenn treuer Sinn dem treuen Gott gefaͤllt. Auch iſt es ſuͤß, aus bunten Wellenſchaͤumen Manch liebes Bild ſich ſchöpferiſch zu traͤumen. Wohl Manchem wird das Herz im Buſen 4 ſchlagen Bei meines Liedes vielverflochtnem Klang, Wohl Mancher nach dem treuen Saͤnger fragen, Der, nie geliebt, die Liebe nur beſang. Mag ſie allein den Kranz mir auch verſagen; Ich zuͤrne nicht und dien' ihr ohne Dank. Fuͤr Freude ward von Gott mir Leid be⸗ 3 ſchieden; Auch Leid iſt ſuͤß; ich duld' und bin zufrieden. Am 17ten Julius 1813. — Sinnend ſtand ich und ſtill auf des Brockens dden Granithoͤhn; Kuͤhn auf Felſen geſtuͤtzt, waͤhnte ſich ſichrer die Kraft. Nebel umzog das Gebirg, und es floß grau⸗ wogende Daͤmmrung Rings durch die Tief', und es ſank dunken die zitternde Gluth. 31 Fruchtlos ſchauten die Wanderer hin in's Thal, und es klagte 2 Jeglicher, daß kein Dank lohne den ſchwie⸗ rigen Pfad. Aber entzuͤckt hob hoch ſich der Geiſt des ſin⸗ nigen Dichters, Und aus leichtem Gewoͤlk ſchuf er ein Zau⸗ bergefild. Form und Geſtalt rang ſchnell aus dem Nichts ſich empor, und bedeut ſam Tagte das Bild, ringsum wallte lebendiger Reiz. Berghoͤhn thuͤrmten ſich kuͤhn, und auf zacki⸗ gen Klippen erhob ſich Dunkel der Wald, und es ſchwamm zitternd der ſilberne See. Inſelchen lockten mit ſtillem Gebuͤſch, leicht⸗ ſchwankende Nachen Wiegten zum heimlichen Sitz harrender Liebe ſich hin, Wieſen verbreiteten rings ihr Bluͤthengewand um des Fluſſes Rollende Fluth, und es ſchwieg ruhend das ſchattige Thal. Alles erſchien mir fern wie ein freundliches Land der Verklaͤrung, Und nicht ſterbliche Luſt laͤchelte dort mir herab. Denn ſchon ſchwamm die erbleichende Gluth tief unter der Dichtung 32 Leuchtender Welt, ſtets hob höher das Bild ſich empor; Herrlicher ſaͤumte ſich ſtets mit flammendem Golde der Sehnſucht Wundergebiet, ſtets ward dunkler das irdi⸗ ſche Thal. Ach, da dacht' ich an dich, Holdſelige, welche des Freundes Naͤchtlichen Gram ſo oft miſchte mit daͤm⸗ * mernder Luſt! Wehmuth laͤchelte ſtill mir im ſinnenden Blick, wohl fuͤhlt' ich Tieferen Schmerz; doch fern tagte mir zar⸗ tere Laſt. Sieh, du ſchauteſt herab aus dem lichten Ge⸗ woͤlk in des Sieges Goldenem Kranz, dein Blick laͤchelte ruhig und mild; Sterne blinkten empor, wie du laͤchelteſt, trö⸗ ſtende Sterne, Raſchaufſtrahlendes Licht folgte der winken⸗ den Hand; w Glanzreich woͤlbte zum Thor ſich des Friedens heiliger Bogen, Und aus Morgengewoͤlk ebnete hell ſich die Bahn. Maͤchtig ergriff den verlangenden Geiſt ſtill⸗ ſchweigende Sehnſucht, Dich nur ſah ich und dich fuͤhlt' ich im Her⸗ zen allein. 33 Naͤchtlich verſank um's hohe Gebirg mir die daͤmmernde Welt rings, Doch hoch uͤber mir hob klar ſich der himm⸗ 4 liſche Dom. Ach, wohl bluͤhet nur dort mir die Roſe des Gluͤcks, und der Hoffnung Leitſtern dammert nur dort leiſe dem Her⸗ zen empor! Biſt du doch keuſch und rein, wie die Lilie heiliger Engel, Spielt im Auge dir doch ruhig die ſelige Gluth, Rinnt doch ſanft, wie ein zartes Gedicht von der friedlichen Zukunft, Durch des betaͤubenden Wahns Wellen dein Leben dahin! Ach, dich lieb' ich allein, dich trag' ich ewig im Herzen; Doch ſtets kettet die Scheu zagend den irdi⸗ ſchen Wunſch, Und ſtets ſcheinet, je kuͤhner mein Geiſt auf⸗ ſtrebt zu der Schoͤnheit Hellerem Licht, dein Geiſt hoͤher und herr⸗ licher mir! Doch, da ſenkte die Sonne ſich ganz, ſchwarz wogte die Nacht auf, Graunvoll tobte der Sturm uͤber die Haide daher, Kein troſtkuͤndender Stern durchblinkte den . truͤberen Nebel Schulze, 1. Th. 3 34 Und in finſteren Duft ſenkte dein Bild ſich hinab. Traum nur iſt und Schatten das Heiligſte, luftiger Wahn nur Leitet die Welt, und das Herz ſpielt mit betruͤglichem Nichts; Was es gewann, iſt glaͤnzender Schaum, ſchnell flattert des Zufalls Luͤftchen heran, und es flieht ſpottend das ewige Gut.— Am 1ſten Auguſt 1813. Naͤchtlicher Gram empfing den Ermatteten, ſchwarz in des Abends Nebel gehuͤllt und dumpf ſchwieg das er⸗ ſtorbene Herz. Thorheit ſchien und Wahn mir das Heilige, nichtig des Lebens Gaukelgefild, und ſo klagte der duͤſtere Geiſt: Fruchtlos haſt du geſpielt und getraͤumt! Stets bluͤhte der Hoffnung Ueppiger Baum; doch nie reifte die labende Frucht. 35 Glaͤnzend erhob ſich ein herrliches Ziel dem begeiſterten Juͤngling; Aber der Zufall nur lenkt die entgoͤtterte Welt. Sehnſucht daͤmmerte dir, und der Lieb⸗ auf⸗ ſtrahlende Sonne Goß jungfraͤulichen Reiz uͤber den Traum des Gefuͤhls; Doch laͤngſt ſank der erloſchene Strahl, und ſchwaͤrzere Nacht nur Fuͤllt, je heller er einſt leuchtete, jetzt dir das Herz. Was du geſaͤdt, wird rauben der Sturm. Was kaͤmpfſt du vergebens Gegen des Schickſals Spott? Ewig iſt ein⸗ zig der Tod. Eins ſind Grab und Wiege fuͤr dich; in des nichtigen Lebens Zwecklos taͤndelndem Spiel ringſt du, ein Nichts, mit dem Nichts! Alſo zuͤrnet' ich mir und der Welt; doch kalte Verachtung Tilgte den Zorn, und laut lacht' ich im bit⸗ teren Hohn. Horch, daſchwamm, gleich lindem Geduͤft, auf der ſinkenden Daͤmmrung Friedlichem Hauch leicht aufwogend ein lieb⸗ licher Ton. Schwellend verkettete bald ſich das zitternde Gold, bald rann es — 36 8 Sanfthinſchmelzend und oft leiſe verhallend daher, Und ſuͤß wallte Geſang auf des Tons leicht⸗ flatternder Schwinge Troͤſtend, gleich dem Geſpraͤch freundlicher Engel, heran. Ach, da regte ſich ſtill das erkaltete Herz, von des Wohllauts Athem erwaͤrmt, und hell tagte die dunkele Welt. Bilder umgaukelten mich, ſuͤßſchmeichelnde, zarte Geſtalten, Und in lebende Form ſchmiegte ſich jedes Gefuͤhl. Dich nur nannte mir jedes Gefuͤhl, und jeg⸗ 3 lichem Traum lieh Dein holdſeliger Reiz Weſen und bluͤhende .. Kraft.- Doch zum Ganzen verkettete bald ſich das Einzelne, kunſtvoll Trat ein klares Gedicht aus der verworre⸗ nen Nacht. Vielfach lebt in dem bunten Gebild dein wech⸗ ſelnder Liebreiz, Neu ſtets warſt du und ſtets holder in jeg⸗ licher Form. Dooch eintraͤchtig erſchien in der Schoͤnheit ſtil⸗ ler Verklaͤrung Alles verwebt, ein Glanz weilt' in dem irrenden Licht, 37 Und allmaͤchtige Lieb⸗ umwand mit der ewigen Kette, Daß kein feindliches Bild nahe, den fluͤch⸗ tigen Traum. Ha, da fuͤhlt' ich die fruͤhere Kraft kuͤhn blickt⸗ ich empor, hell Flammte der Geiſt, hochauf ſchlug das er⸗ weiterte Herz. Herrlich enthuͤllte die Welt mir des Ruhms muthlaufende Laufbahn, Und wohl ſchien mir des Kampfs wuͤrdig der ewige Kranz; Und ich empfand, noch leb' in der Bruſt mir der heilige Lichtſtrahl Goͤttlicher Kraft, und groß werd' ich und ruhig durch dich. Bannt dein Wille mich auch in den Kreis ſchmerzvoller Entſagung; Nie doch, ehe du ſelbſt ſchwandeſt, ent⸗ ſchwindet das Ziel. Himmliſche Schoͤnheit flieht vor des Sterbli⸗ chen kuͤhner Umarmung; Aber mit ewigem Wunſch lohnt ſie dem hof⸗ fenden Geiſt. „— Caͤcilie, eine Geiſterſtimme. Im October 1813. O Vaterland, du prangſt mit heil'gen Siegen Und wandelſt kuͤhn des Ruhmes ew'gen Pfad; Auf ſteiler Bahn biſt du emporgeſtiegen, Und Freiheit keimt und Fried' aus blut'ger Saat; Doch ſchuͤchtern hat der Saͤnger dir geſchwie⸗ gen, Und zagend wich das Wort der groͤßern That. Mag Schwachheit auch auf ſtolzen Wahn vertrauen; Der Adler nur darf auf zur Sonne ſchauen. Doch jetzt iſt mir ein ſtarker Muth ent⸗ glommen, Und ernſt ermahnt mich eine theure Pflicht, Von Himmelshoͤhn iſt mir die Kraft gekommen, Und Gluth der Bruſt, dem Geiſte klares Licht. Von Engelslippen hab' ich ihn vernommen, Den heil'gen Ruf, drum zag' ich fuͤrder nicht. 39 Wen Lieb' und Gott zur Bahn des Kampfes leiten, Der zweiſle nicht; er wird den Sieg erſtreiten. Denn ſie, die ſtill, als noch die Schand' uns druͤckte, Ein deutſches Herz im freien Buſen trug, Die ſtolz hinab auf fremden Schimmer blickte, Mit ſtrengem Spott den Sclaven niederſchlug, Die fromm und zart die rauhe Welt uns ſchmuͤckte, Ein ſegnend Licht in finſtrer Zeiten Fluch, Die Gott ſchon fruͤh zu ſeinem Thron erhoben, Um herrlicher ſein ſchoͤnſtes Werk zu loben; Sie nahte mir von ihren lichten Hoͤhen Im Spiel des Traums, ein ernſtes Heil'gen⸗ bild: Ihr Auge war wie Fruͤhlicht anzuſehen, Von Morgenroth die helle Wang' umhuͤllt; Um ihren Kranz entfloß ein goͤttlich Wehen, Wie durch den Thau der Bluͤthe Duft ent⸗ quillt, Und gleich dem Klang verklaͤrter Harfenlieder Kam ſo ihr Wort zu meinem Geiſt hernieder: Was feierſt du und ſchweigſt in duͤſtern Klagen, Ein Nachtgewoͤlk im hellen Morgenroth, 40 Und weinſt, da Gluͤck und Ruhm fuͤr Alle tagen,* Mit feigem Schmerz um deines Gluͤckes Tod? Wer mich geliebt, der muß das Große wagen, Der Ruf der Kraft, er iſt auch mein Gebot; Was ich empfand, das ſollſt auch du em⸗ pfinden Und meinen Werth durch deinen Werth ver⸗ kuͤnden. Hab' ich nicht oft mit ſtillgeweinten Thraͤnen Im ſtummen Gram mich um mein Volk ver⸗ zehrt, Nicht oft von Gott mit heißem Flehn und Sehnen Des Frevels Sturz, der Freiheit Sieg begehrt? Hab' ich den Kranz des Guten und des Schoͤ⸗ nen Nicht hoffnungsvoll in finſtrer Zeit genaͤhrte War ich nicht frei im unterjochten Lande Und groß und gut bei'm ſchnoͤden Druck der Schande? Drum ward ein ſchoͤnes Loos mir zuge⸗ wogen, Fruͤh nahm der Herr zum Himmel mich empor. Wohl war die Welt mit Wetternacht umzogen, Doch Engeln weicht der Zukunft finſtrer Flor. Und ſieh, es ſtieg aus Kampf und Sturm und Wogen 41 In heil'ger Ruh' ein gnaͤd'ger Strahl hervor. Was jetzt der Dank der freien Voͤlker feiert, Das war mir laͤngſt verkuͤndet und entſchleiert. Denn als, verfuͤhrt von ſeinen Luͤgengoͤt⸗ tern, Dem Thron der Welt der ſchnoͤde Knecht ge⸗ naht, Da dachte Gott den Goͤtzen zu zerſchmettern Und ſandte Gluth und Froſt auf ſeinen Pfad, Und er gebot den Stuͤrmen und den Wettern, Hinwegzuwehn des Frevels ſtolze Saat. Da ſank ſein Herz, und an dem Rieſenwerke Erzitterten die Saͤulen ſeiner Staͤrke. Und er entwich mit ſeinen fluͤcht'gen Schaa⸗ ren. Ihm ſandte Gott das truͤgeriſche Gluͤck Und leitete durch blutige Gefahren, Durch Flamm' und Fluth den Trotzigen zuruͤck. Fuͤr groͤßres Leid der Zukunft ihn zu ſparen, Für Freundes Trug und fuͤr des Feindes Gluͤck. Nicht ehrlich ſollte er im Kampf' erliegen, In deſſen Bruſt die Ehre ſtets geſchwiegen. Und Gott erhob die Kraft der Fuͤrſten wieder Und band ihr Herz durch Lieb' und Freud' und Leid. Ein Recht, ein Haß verflocht die deutſchen Bruͤder, 42 Die lange ſchon der Hoͤlle Liſt entzweit. Der Norden ſtieg zum Kampf der Freiheit nieder, Und froͤhlich zog der Oſt zum raſchen Streit; Denn wer's gewagt, das Heil'ge zu vernichten, Den will kein Volk, den will die Menſchheit richten. Und es gelang. Siehſt du den Thron er⸗ zittern, Den fruͤher ſchon die Laſt der Schmach ge⸗ druͤckt? Es wogt und zuͤrnt gleich ſchwarzen Unge⸗ wittern, Roth iſt der Strahl aus dunkler Nacht gezuͤckt. Der Raͤcher naht, die Saͤulen zu zerſplittern, Die ohne Gott der Siegeskranz geſchmuͤckt; Der Abgrund lacht dem nahen Raub entgegen, Und aus der Saat des Fluchs entkeimt der Segen. Heil dir, mein Volk, du ziehſt auf blut'gen Bahnen Und trauerſt nicht, wenn mancher Edle ſinkt. Wo Freiheit wohnt, da flattern deine Fahnen, Und Heere ſtehn, wohin dein Ruf erklingt. Nicht lange laͤßt der tapfre Mann ſich mahnen, Sein Vaterland iſt, wo Gefahr ihm winkt; Wo Ehr' und Recht dem theuern Sieg ent⸗ ſprießen, t 43 Da ſcheint's ihm Lohn, ſein Herzblut zu ver⸗ gießen. Hoͤrſt du zu Gott den Dank der Voͤlker ſteigen? Zum Tempel wird das blaue Himmelszelt, Und Jedes Knie will ſich dem Ewygen neigen, Von glaͤub'ger Luſt iſt Geiſt und Blick erhellt. Die Sonne glaͤnzt, des Herbſtes Stuͤrme ſchweigen, Die Freiheit labt wie Fruͤhlingshauch die Welt, Kein Opfer ſchmerzt, kein Leid und keine Buͤrde; Groß iſt der Menſch und reich durch ſeine Wuͤrde. Euch wird der Muth, die Treue wieder⸗ kehren, Im Kranz der Kraft wird Zucht und Milde bluͤhn, Kein fremdes Gift wird euern Schmuck zer⸗ ſtoͤren, Kein ſchnoͤder Lohn in's Joch der Schmach euch ziehn. Die Jungfrau wird den Schein nicht ferner ehren, Kein Juͤngling mehr fuͤr feile Bilder gluͤhn, Und ſtaunend wird der Fremdling euch erkennen Und Kraft und Sitte deutſche Tugend nennen. 44 Und lange ſoll der heil'ge Fried⸗ euch kroͤnen, Den ihr errangt in hart gekaͤmpfter Schlacht, Und Liebe ſoll den langen Haß verſoͤhnen, Und ſchmuͤcken ſoll das Recht den Thron der Macht, Und wohnen ſoll das Gute bei dem Schoͤnen, Und heilig ſein, was jetzt der Spott verlacht, Und ewig ſoll der fromme Glaube leben: Nicht unſre Kraft, den Sieg hat Gott ge⸗ geben! Ein ernſtes Wort will ich dir noch ent⸗ . huͤllen, Du ſchließ' es treu in deinen Buſen ein: Kein Schickſal giebt's; es giebt nur Muth und Willen; Sei ſtark durch dich, ſo iſt die Palme dein. Es giedt ein Maß, das ſoll der Menſch er⸗ fuͤllen Und groß durch Kraft, durch Hemmung groͤßer ſein. Es giebt ein Recht, das gilt in jedem Kreiſe. Es herrſcht ein Gott, der iſt allein der Weiſe. —— Cr Jägerlied. Was blitzt in den Buͤſchen ſo hell, was ſchallt In dem gruͤnen⸗Gehege ſo munter? Was zieht hervor aus dem dunkelen Wald Und fern von den Bergen herunter? Wir ſind die Jaͤger, wir ziehn von Haus Und wollen zum Feind in das Feld hinaus, Zum Krieg, Zum Sieg Und zum Siegesſchmaus. Von dem luſtigen Harzwald kommen wir her, Wo nach Gold und nach Silber ſie graben. Uns frommet das Gold und das Silber nicht mehr, Nur die Freiheit wollen wir haben. Drum ließen wir Andern den thoͤrichten Wahn Und haben mit Eiſen uns angethan, Nur das Schwert Hat Werth Auf der blutigen Bahn. Schoͤn iſt's, zu lieben, zu trinken ſchoͤn, Schon iſt's, zu ſchlummern im Gruͤnen; Doch froͤhlicher iſt's, in der Schlacht zu ſtehn — 46 Und ſich Beut' und Kranz zu verdienen; Hell lodert wie Liebe des Kampfes Gluth, Und wo Viele ſchlummern, da ſchlaͤft ſich's gut, Und es trinkt, Wer ſinkt, Sei's Wein, ſei's Blut. Oft haben wir wohl in der dunkeln Nacht Bei Stuͤrmen und Regenſchauern Hoch auf dem Fels und in Schluchten gewacht, Um das ſtreifende Wild zu belauern. Jetzt ziehen mir muthig im Sonnenlicht Und ſehen dem Feind in das Angeſicht; Sei's Jagd, Sei's Schlacht, Uns kuͤmmert's nicht. Mag fliehen der Feige durch Wald und Feld Wenn die ſtaͤrkere Zahl ihn beſtreitet; Wo das Wild uns in Schaaren entgegen prellt, Da wird was Rechtes erbeutet. Und wenn auch unzaͤhlig der Feind uns droht, Uns blitzt aus den Haͤnden der ſichere Tod; Ein Knall 1 Ein Fall, Das iſt Jaͤgergebot. Drum haltet zuſammen und ſtehet feſt, Der Eine den Andern zu decken! Wenn nur vom Freunde der Freund nicht laͤßt, ut, ct t, 47 Kann wenig der Feind uns erſchrecken. Doch ſteht dein Nam' auf dem toͤdtlichen Blei, So fliegt dir auch nimmer die Kugel vorbei; Vom Freund, Vom Feind, Es iſt einerlei. Denn der groͤßte Jaͤgersmann iſt der Tod, Der will an der Luſt nur ſich laben; Wohl faͤrbt er mit Blute die Haiden roth, Doch die Beute laͤßt er den Raben. Und er ſauſt und beauſt mit Sturmes Gewalt Hoch uͤber die Berg' und uͤber den Wald;. Und es bebt, Was lebt, Wenn ſein Jagdhornzſchallt. Doch was frommt's, vor dem maͤchtigen Jaͤger zu fliehen, Der nimmer voruͤber geſchoſſen? Viel ruͤhmlicher iſt es uns, mitzuziehn, Dem Starken als ſtarke Genoſſen. Und wenn er auf uns auch den Bogen ſpannt, Wer kuͤhn ihm das Angeſicht zugewandt, Der faͤllt Als Held Von des Helden Hand. — Am 16ten Januar 1816. Du holder Geiſt der Lieder, den hienieden Zum Troſte mir ein milder Gott verliehn, Du Einziger, der nie von mir geſchieden, Der freundlich oft, bekraͤnzt mit Immergruͤn Und angethan mit traͤumeriſchem Frieden, Ein rettend Licht im Sturme mir erſchien, Noch einmal laß in wunderbaren Weiſen Durch dich dich ſelbſt und, die dich weckt, mich preiſen. Verworren liegt das unbeſtaͤnd'ge Leben Vor unſerm Blick und ungeſtaltet da, Und Keiner kann's entwirren und entweben, Wer nicht die Welt in deinem Spiegel ſah. Du machſt das Harte mild, das Rauhe eben, Das Dunkle hell, das Weitentfernte nah, Und weißt allein in lieblichen Geſtalten Den kurzen Traum des Schoͤnen feſtzuhalten. . So fuͤhrteſt du in jenen holden Tagen, Als noch das Gluͤck ſich freundlich mir geſellt, Den Irrenden auf leichtem Zauberwagen Mit raſchem Flug durch deine Wunderwelt. Und wie ein Blatt, das linde Luͤfte tragen, 49 Der Silberflor des Herbſtes flatternd haͤlt, So kettet' ich, noch eh' die Bilder ſchwanden, Die Laͤchelnden mit zarten Liebesbanden. Doch wie gemach bei fluͤcht'ger Weſte Scherzen Die keuſche Roſ' im heil'gen Glanz entgluͤht, So war auch mir im leicht bewegten Herzen Ein ſel'ges Bild allmaͤlig aufgebluͤht. Tief wogte jetzt in Freuden und in Schmerzen, In Wahn und Wunſch das traͤumende Ge⸗ muͤth, Und nur in dir konnt' ich das Leid enthuͤllen, Die Luſt verſtehn, die gluͤhnde Sehnſucht ſtillen. Da nahten ſich des Lebens truͤhſte Stunden, Und eiſern hielt das Schickſal ſein Gericht: Heiß bluteten die nie geſchloßnen Wunden, Und naͤchtlich ſank der Jugend heitres Licht; Die Treue, die mein Herz in ſich gefunden, Die fand es jetzt in andern Herzen nicht, Und deſſen Hand, den alles Gluͤck verlaſſen, Nie wagte ſie der Gluͤckliche zu faſſen. Nur du, der ſonſt mit jedem Hauch ent⸗ flogen, Der nur am Scherz, am Spiele ſich erfreut, Du bliebſt allein dem Trauernden gewogen Und theilteſt gern des Freundes Einſamkeit. 4 Schulze. 1. Th. — 50 Und wie der Wein, der gruͤn den Baum um⸗ zogen, Dem welken ſelbſt der Jugend Anmuth leiht, So ſah ich dich um mein erſtorb'nes Leben Zum ew'gen Schmuck holdbluͤhnde Kraͤnze 3 weben. Und wenn der Herbſt mit ungeſtuͤmen We⸗ hen Mir jedes Gluͤck erſchuͤttert und entlaubt, Dann ließeſt du dein Fruͤhlingsreich mich ſe⸗ hen, Dem keine Zeit die hellen Bluͤthen raubt. Wie fuͤhlt' ich dann ſo bald den Schmerz ver⸗ gehen, Wie ruhte ſuͤß in deinem Schooß mein Haupt! Mein wundes Herz, von langem Kampf er⸗ mmattet, Es ſchlummerte von deinem Gruͤn beſchattet. Und Jene ſelbſt, die, iedem Flehn ver⸗ ſchloſſen, Ein ſtrenges Herz im zarten Buſen traͤgt, Selbſt ſie erſchien, wenn mich dein Traum 5 umfloſſen, Dem Hoffenden zu holderm Sinn bewegt. Und wie die Sonn' an winterlichen Sproſſen Betruͤgeriſch oft gruͤne Knospen pflegt, So ſah auch ich mir heitre Tage bluͤhen, 51 Die nicht das Gluͤck, nein, welche du ver⸗ liehen. So fuͤhre denn im bunten Zauberreigen Noch einmal mich durch deine ſchoͤne Welt! Und wird auch ſie ihr Herz mir nimmer nei⸗ gen, Bleibt ewig auch der Kummer mir geſellt, Doch will ich ihr nur heitre Bilder zeigen, Weil Frohes nur der Froͤhlichen gefaͤllt. O moͤg' ihr oft das leichte Lied enthuͤllen: Den du betruͤbſt, der laͤchelt deinetwillen. Schon oͤffnen ſich die bunt geſchmuͤckten 1 Pforten, 2 Der Saͤnger tritt mit hellem Blick hinein. Aus alten Zeiten fuͤllt, aus fernen Orten Mit Bildern ſich der wunderbare Hain, Und Alles muß, gebannt von Zauberworten, Zum langen Zug um meinen Pfad ſich reih'n. Dem Monde gleich, der taufend Sterne leitet, So wandl' ich jetzt, von meiner Schaar be⸗ gleitet. Und ſieh, den Hain, der wunderbar ver⸗ ſchlungen Sich endlos dehnt, durchzieht das bunte Heer; Bald raſten wir in kuͤhlen Daͤmmerungen, Bald fuͤhrt der Sturm uns ſauſend uͤber's 3 Meer. 52 Jetzt wird zum Spiel der leichte Pfeil ge⸗ ſchwungen, Und jetzt zum Kampf in tapfrer Hand der Speer. So fuͤhr' ich ſie auf immer neuen Wegen Durch Luſt und Leid dem fernen Ziel ent⸗ gegen. Denn richtend harrt, auf bluͤh'nden Thron „ erhoben, Die Koͤnigin der weit gereiſten Schaar. Mit Roſen iſt ihr zartes Kleid durchwoben, Als Krone ſchmuͤckt die Roſ' ihr wallend Haar. Den wird ſie tadeln, Jenen freundlich loben, Dem beut ſie Lohn und dem Verzeihung dar. Dann neigt ſie fich mit anmuthsvollen Blicken, Den reichen Kranz auf meine Stirn zu druͤcken. MR Sonettenkranz. Am 5ten Februar 1816. 1. Wie magſt du doch ſo gern der Blumen pflegen, Und ihrer Farb' und ihres Dufts dich freun, 53 Und doch ſo fremd den leiſen Geiſtern ſein, Die ſehnſuchtsvoll in ihrem Kelch ſich regen? Scheint ſtillen Schmerz das Veilchen nicht zu hegen, Nicht helle Gluth die Roſ' umher zu ſtreun? Droht leuchtend nicht ſelbſt aus dem Sil⸗ berſchein Der Lilie dir der goldne Pfeil entgegen? O mochteſt du der Liebe fuͤßem Flehn Bezwungen einſt die weichre Seele goͤnnen! Leicht hoͤrteſt du dies Wort dem Kelch ent⸗ wehn: Gern wollten wir von Licht und Luft uns trennen, Um einmal nur das Sehnen zu verſtehn, Das uns verzehrt und das wir doch nicht kennen. 2. Sie ſind umſonſt, der Sehnſucht leiſe Lieder: Nie wird dein Sinn dem Saͤnger weich und ’ mild, Dein Ohr nur hoͤrt, was dir ſein Herz ent⸗ Doch toͤnt es nie in ſtrenger Bruſt dir wie⸗ der. So leicht umſchwebt mit flatterndem Gefieder Der Schmetterling der Iris buntes Bild; Doch zu dem Gift, das tief den Kelch ihr Taucht nimmermehr der fluͤcht'ge Gaſt her⸗ nieder. Die Flammen, die der Liebe Hand dir beut, Nimmſt du zum Spiel der kurzen Augenblicke Und lachſt der Gluth, anſtatt ſie mild zu kuͤhlen. Gern goͤnn' ich's dir, wenn dich das Spiel erfreut; Du ſpielteſt ia ſchon laͤngſt mit meinem Gluͤcke, So magſt du jetzt mit meinem Schmerz auch ſpielen. — Am 7ten Februar 1816. 1. Wie feſtverſtrickt mit duftig zarten Reben Der Epheuzweig den ſchlanken Baum um⸗ ſchlingt Und jetzt aus ihm das friſche Leben trinkt, Das fruͤher ihm der Erde Schoos gegeben: So muß mein Geiſt ſich ewig eng umweben, Und dein nur ſind die Bluͤthen, die er bringt, Durch dich allein entknospet und verjuͤngt, 55 Ernaͤhrt und ſchmuͤckt ſich ſelbſt und dich mein Leben. O holder Baum, wenn je das Immergruͤn, Womit dich ſtets der Liebe Traͤum' umranken, Dein ſchoͤnes Bild noch zu verſchoͤnern ſchien; So neige dem, der dir den Schmuck verliehn, Ach einmal nur, um freundlich ihm zu danken, Die Zweige, die ſo reich und lieblich bluͤhn! 2. Der Saͤnger lag von ſtillem Schlaf umfangen, Von langem Leid war Wang' und Mund ihm bleich; Doch bluͤhend kam durch's duftige Geſtraͤuch Mit ihren Frau'n die Koͤnigin gegangen. Ihr Auge blieb wehmuͤthig an ihm hangen, Das ſtolze Herz, es ward ihr mild und weich, Sie neigte ſich, der ſchlanken Blume gleich, Und kuͤßte ſanft des Blaſſen Mund und Wangen. Da fluͤſterten die Frauen hier und dort: Wie mag ſich doch die friſche Roſe nieder Zum bleichen Kelch der Nachtviole neigen! Doch ſinnig ſprach die Herrin dieſes Wort: Nicht kuͤßt' ich ihn, ich kuͤßte nur die Lieder, Die bluͤhend ſtets von dieſen Lippen ſteigen. .— 56 Am 8ten Februar 1816. 1. Du Roſe, die jetzt ohne Farb' und Schein So traurig ſteht im oͤden Garten druͤben, Welch' ſuͤßer Troſt, o Roſ', iſt dir geblieben, Wenn auch dein Laub die Winde jetzt ver⸗ ſtreun! An dir wird einſt die Reizende ſich freun, Um dich ſich einſt, wenn du verwelkſt, be⸗ truͤben; Das Schoͤnſte kann ja nur ſich ſelber lieben, Drum liebt ſie dich, ihr ſchoͤnſtes Bild, allein. O wenn ich doch mit leiſen Zauberliedern Aus deinem Schlaf dich aufzuſingen wuͤßte! Hat ſelbſt den Tod doch einſt ein Lied er⸗ 3 weicht! Wohl nahte dann, die Gabe zu erwiedern, Auch mir der Duft, der ihre Lippen kuͤßte, Und ſie zu küſſen waͤhnt' ich dann vielleicht. 2. Wie Roſ' und Duft ihr Buͤndniß nimmer tren⸗ nen, Sobald der Kelch entbluͤht dem holden Mai, Und ſind auch Roſ' und Duft im Namen zwei, Du denkſt den Duft willſt du die Roſe nennen: 57 So lieb' ich Zwei; doch kann ich nicht erkennen, Ob dieſe dort und hier die andre ſei; Und blieb' ich ſtets auch einer Liebe treu, Zwei Flammen ſind's, die mir im Herzen brennen. Ob auch der Duft den weiten Himmel fuͤllt, Er ſchwindet nie aus jenen ſel'gen Bluͤthen, Die ihm der Lenz zur zarten Wieg' erkoren: So muß auch mir ein einz'ges lichtes Bild Ein doppelt Leid, ein doppelt Gluͤck mir bieten, Das nah mir weilt und das ich laͤngſt ver⸗ loren. „—n Am 9ten Februar 1816. 1. O Fruͤhling, komm! Laß deine Blumen keimen, Erweck' im Hain der Voͤgel ſuͤßes Lied, Und ſchmuͤcke bunt dein froͤhliches Gebiet Mit Duft uud Glanz und goldnen Wolken⸗ ſaͤumen! Wenn Liebe ſingt in allen gruͤnen Baͤumen, Im Quelle rauſcht, im hellen Haine bluͤht, Dann wird vielleicht mein trauerndes Gemuͤth, 58 Vom Gluͤck umringt, ſich ſelber gluͤcklich . traͤumen. Doch wehe mir! was blickt mein ſtiller Gram Den Strahlen nach, die ſcheidend lang ver⸗ glommen, Und ruft umſonſt die Schatten ſchoͤnrer Tage! Die jedes Gluͤck aus meinem Leben nahm, Hat auch dem Lenz die Liebesluſt genommen Und ließ ihm nichts als ſeine Liebesklage. 2. Durch Berg und Thal, durch Hain und Wie⸗ ſengruͤn Entrieſelt leicht die nimmermuͤde Quelle; Bald ſiehſt du tief des Himmels blaue Helle Und Wolken bald durch ihren Spiegel ziehn, Wo Baum und Buſch am glatten Strande . bluͤhn, Da muß ſie raſch vorbei der holden Stelle; Doch zoͤgernd bricht und hemmt ſich ihre Welle, Wo Felſenhoͤhn ſie rauh und wuͤſt umziehn. Wohin, wohin, unruhig fortgetragen, O ſehnend Herz, o Liebe, willſt du eilen? Wo iſt das Thal, das friedlich dich umfaͤngt? Was gleiteſt du an deinen ſel'gen Tagen So ſchnell vorbei, um, ach, nur dort zu weilen, Wo dich der Schmerz in enge Banden draͤngt? 59 Am 10ten Februar 1816. 1. Nichts wollt' ich mehr verlangen, nichts mehr flehen, Duͤrft' ich mit dir, in ſel'ger Gluth entbrannt, Von deinem Arm mit leiſem Druck umſpannt; Nur ein Mal mich im raſchen Tanze drehen, Und ſuͤß umhaucht von deines Mundes Wehen, Und Blick auf Blick in trunkner Luſt gewandt, Mich, den ich nie in deinem Herzen fand, Ach, ein Mal nur in deinem Auge ſehen! Doch haͤlt mich laͤngſt von jenem einz'gen Gluͤck⸗ Das gern vielleicht dein ſtrenger Sinn ge⸗ waͤhrte, Ein ernſter Schwur, den ich mir that, zuruͤck, Und wenn auch einſt die Sehnſucht mich be⸗ thoͤrte, Nah waͤrſt du mir den kurzen Augenblick, Doch ich dir fern, weil ich mich ſelbſt nicht ehrte. 2. Ihr bunten Au'n, ihr Quellen und ihr Hoͤhn, Ihr Thaͤler und ihr dunkeln Laubenhallen, Wo's ihr zu ruhn, zu wandeln einſt gefallen, Nie mag die Spur der Schoͤnen euch vergehn. Euch, Wieſen, ſoll ein reinrer Duft umwehn, Ihr Waͤlder ſollt von holdern Liedern ſchallen, Mit kuͤhlerm Trank, ihr klaren Baͤche, wallen, Und gruͤnender, ihr ſtolzen Berge, ſtehn! Daß, wenn bei euch des langen Pfads Be⸗ 4 ſchwerde Im ſuͤßen Schlaf der Wandrer uͤberwunden, Beim Scheiden ſo ſein ſegnend Wort euch dankt:. Du ſel'ge Flur des Friedens, heilge Erde, Faſt iſt mir hier der Heimath Bild ver⸗ 1 ſchwunden, Die alles hegt, wonach mein Herz verlangt, — Am 11ten Februar 1816. 4 1. An dich allein kann meine Seele denken, Zum Liede wird, was ich von dir gedacht; Kaum hat mein Geiſt des ſuͤßen Spieles Acht, Weil unvermerkt ihn fremde Zauber lenken. Wenn du dich kraͤnkſt, muß auch mein Lied ſich kraͤnken, Und laͤcheln wird's, ſobald dein Auge lacht 61 Du haſt den Sinn, ich nur die Form gemacht, Kaum brauch' ich noch das Deine Dir zu ſchenken. Doch ſiehſt du gern ſo treu dein holdes Bild, Wie tief im Quell die Roſen ſich erblicken, Die ungeſchmuͤckt ſo wunderlieblich bluͤhen: So ſei auch mir und meinen Liedern mild, Die kunſtlos dich mit keiner Schöͤne ſchmuͤcken, Die du nicht ſelbſt, du Schoͤnſte, dir verliehen. 2. Welch Bluͤmchen flicht, eh dieſer Kranz ſich endet, Zum letzten Schmuck der Saͤnger dir hinein? Zu ſtolz iſt mir der Lilie Silberſchein, Nie war mir hold die Roſe zugewendet; Maibluͤmchen ſind's, die einſt mein Herz ver⸗ blendet, Das Tauſendſchoͤn, es bluͤht bei dir allein: Vergißmeinnicht, wohl wuͤrdet ihr es ſein, Wenn nicht die Dichter euch zu oft ver⸗ ſchwendet. So waͤhl' ich dich, das, eh die Stuͤrme fliehn, Die Gloͤckchen hebt aus ſchneebedeckten Keimen, Ein Stuͤndchen nur am fernen Licht zu bluͤhn. Hat auch dein Lenz dir wenig Luſt verliehn, Doch traͤgt dein Kelch an ſeinen Silberſaͤumen Im Winter ſelbſt der Hoffnung zartes Gruͤn. — Auf dem Huͤbichenſtein. Am 27ſten April. Tief im Gebirg am Tannenhain Steigt aus dem Thal ein alter Stein: Er ſchaut ins Land hinaus gar fern, Ihm nahn die Menſchen nimmer gern. Dort ſpannt ſein Netz der Epheu aus Und woͤlbt ein ſchattig gruͤnes Haus, Am Rande ſchwillt das Moos ſo weich, Tief rinnt die Quelle durch's Geſtraͤuch. Dort ſitzt der Elf im Mondenſtrahl. Und ſingt hinab ins dunkle Thal; Wie Windeshauch, wie Glockenklang, So ſchallt ſein Lied das Thal entlang. Wie einſam iſt es auf den Hoͤhn! Wie ſchaurig hier die Winde wehn! Dumpf rauſcht der wilde Bach herauf Und ſucht durch's Dunkel ſeinen Lauf. * Ich ſchau hinab den Bergespfad, Ob nicht ein Menſ chenkind ſich naht; Doch alle ziehen fort in's Land Und ſcheun ſich vor der Eiſenwand. Der Aermſte, der die Felder baut, Haͤlt ſicher dort im Arm die Braut, Der Schaͤfer weiß die Trift, den Bach, Wo ſeine Liebſte weiden mag. Sie gruͤßen ſich mit Hand und Blick, Sie geben Wort und Kuß zuruͤck, Sie drehn ſich froh in bunten Reihn; Ich ſitze traurig und allein. Ich habe Blumen, roth und blau, Die glaͤnzen ſchoͤn von friſchem Thau, Ich habe Geld, ſo rein und licht, Und nur die Liebe hab ich nicht. Und keine freut ſich meiner Kraft, Wenn ſie in Hoͤhn und Tiefan ſchaſſt, Der Sturm nur jauchzt auf meinen Ruf, Die Blume weiß nicht, wer ſie ſchuf. Was ſoll ich winden Kranz und Strauß, Bleibt ewig mir die Liebſte aus? Was ſoll ich huͤten all mein Gold, Wird drum kein treues Herz mir hold? O Liebesflamme, Liebesluſt, Nie waͤrmſt du meine wilde Bruſt! Das bluͤh'nde Leben, weich und warm, Ruht kalt im luft'gen Geiſterarm. Und ſpiegelt auch im tiefen Quell Mein Bild ſich ſchoͤn und mondenhell; — 64 Heran, du Nacht und Nebelwehn! Ich mag mein Bild nicht laͤnger ſehn. So ſingt der Elf im Daͤmmerſtrahl; Sein Lied verhallt im dunkeln Thal. Dann ſpannt er ſeine Fluͤgel aus Und fuͤllt die Nacht mit Sturm und Graus. —A Am 25ſten Januar 1817. Mancher muß die Heimath meiden, Doch die Liebe ſchaut ihm nach; Aber fremd zur Fremde ſcheiden, Iſt der truͤbſte Scheidetag. Heiter glaͤnzt es mir entgegen, Ach, das vielgelievte Haus; Aber ich, auf dunklen Wegen Wandl' ich in die Nacht hinaus! Anders iſt in andern Tagen Menſchenſinn und Angeſicht: Wo ich Luſt und Leid ertragen, Da gedenkt man meiner nicht. Fremde haben's leicht genommen, Was ich ſuchte lang und ſchwer; 65 Iſt die fluͤcht'ge Gunſt verronnen, Denkt auch ihrer keiner mehr. Und ſo ziehn auch ſie zur Ferne, Unbeklagt und ungekraͤnkt, Suchen froͤhlich neue Sterne, Weil ihr Herz an keinem haͤngt. Ewig muß die Woge branden, Nimmer ſteht der Nachen ſtill; Gluͤcklich iſt, wer nimmer landen Und nur ſchnell voruͤber will. — Am 15ten Januar 1814. Schoͤn iſt es dort, wo kuͤhne Adler bauen, Auf hohem Fels mit ſtiller Kraft zu ſtehn Und unverzagt durch finſtres Wolkengrauen Und durch's Gebiet des Blitzes hinzugehn; Doch lieblich auch, zu ruhn auf weichen Auen Am leiſen Quell, in linder Luͤfte Wehn, Und Luſt und Leid des Lebens zu empfinden Und Kraͤnze ſich, die ſchnell verbluͤhn, zu winden. So kann nicht ſtets mit ernſten Harfentoͤnen Der Saͤnger ſich den hohen Muſen nahn, Schulze. 1. Th. 5 66 Gern folgt er oft des Herzens weicherm Sehnen Und wandelt ſtill auf duft'ger Wieſenbahn, Mit zartem Schmuck der Liebſten Bild zu kroͤnen, Im ſuͤßen Traum das Leben zu umfahn, Mit leiſerm Klang das Schoͤne zu begruͤßen Und Luſt und Leid in Liedern zu ergießen. So hab' ich jetzt in unbelauſchten Stunden, Wo laͤchelnd mir dein holdes Bild erſchienz Den Blumenkranz der Lieder dir gewunden, Die leuchtend ſtehn, kurz duften, bald verbluͤhn. Nicht prangt, was raſch das glüͤhende Herz empfunden, Im ew'gen Schmuck von friſchem Immergruͤn; Aufwallend will's im Liede wiederhallen Und fluͤchtig nur, ſo lang es klingt, gefallen. Wohl kraͤuſeln ſich die leicht bewegten Fluthen Und irrend ſchweift der Strahl im Wogentanz;z Doch wenn vom Spiel die glatten Wellen ruhten, Dann lacht im Meer der Sönne ſtiller Glanz. So zaͤhm' ich jetzt des Herzens raſche Gluthen Und blick' empor zum nie verbluͤhnden Kranz. Wohl iſt es ſchwer, dem Spiele zu entſagen, Doch herrlich auch, Unſterbliches zu wagen. Und lauter ſoll die Harfe wieder klingen, Durch Licht und Nacht, durch Kampf und Luſt und Leid Will ich getroſt den ſteilen Pfad vollbringen⸗ 7 67 Dem Liebe mich, dem mich der Tod geweiht. Schon rauſcht und naht mit ſeinen lichten Schwingen Das ſel'ge Bild, das mir die Palme beut. Du, laͤchle mild herab auf meine Toͤne, Daß Euch und mich der ew'ge Lorbeer kroͤne! O Die Schneegloͤckchen. Am 4ten März 1815. Fruͤheſte Kinder des Lichts, holdſelige Sterne des Fruͤhlings, Bluͤmlein, welche zum Strauß ſelbſt mir die Liebſte gepfluͤckt, Freundliche, wahrlich es ward ein freundliches Loos euch beſchieden, Froͤhliches Leben und dann fruͤh ein begluͤcken⸗ der Tod. Denn ihr ſchautet zuerſt mit den leiſ' auf⸗ knospenden Aeuglein, Hold in kindlicher Luſt ſtaunend, das himm⸗ liſche Licht, Schmuͤcktet zuerſt mit den Perlen des Thaus die erroͤthenden Wangen, Fuͤhltet den laulichen Kuß ſaͤuſelnder Luͤfte zuerſt. Und dann nahete fanft wie ein heimwaͤrts win⸗ kender Engel Mit zartſchonender Hand meine Geliebte ſich euch. Ach, wohl zagtet ihr nicht, als ſie liebkoſend euch pfluͤckte; Hat doch wehe zu thun nimmer die Milde gelernt. Nein, euch ſchien's, als ſchwebe der Lenz vom heiteren Himmel, Lieblich in Maͤdchengeſtalt kleidend den ewigen Reiz, Freundlich herab und wolle nun ſelbſt mit den fruͤheſten Bluͤmlein, Mit den geliebteſten hold ſchmücken das hei⸗ lige Haupt. Ach, ihr ſahet es nicht, wie die andern Schwe⸗ ſtern ſo froͤhlich Bluͤhten, indeß ihr ſelbſt welktet im zoͤgern⸗ den Tod! Nimmer verletzte den zaͤrtlichen Kelch ein feind⸗ licher Sturmwind, Nicht hat ſengende Gluth fruͤh euch die Wan⸗ gen entfaͤrbt! Zuͤchtig bluͤthet ihr auf, jungfraͤulich ſeid ihr geſtorben Auf jungfraͤulicher Flur, heilig durch heili⸗ gen Tod. 69 Seliges Loos! wer im fruͤheſten Glanz der entfalteten Schoͤnheit Hinſinkt, Vielen geliebt, Vielen noch lange beweint; Wer nicht ſieht, wie die Blume verwelkt, die ihm lieblich geduftet, Nicht, wie das Roth ſich entfaͤrbt, das ihm den Himmel geſchmuͤckt. Ihm nur ward es gewaͤhrt, was wir All' uns wuͤnſchen; der Fruͤhling Schwand ihm nimmer, und nie hat ihn das Schoͤne getaͤuſcht. Ruht nun ſanft an dem Herzen, ihr Lieblichen, welches wie ihr einſt Bluͤhte, doch nicht wie ihr, eh' es verbluͤhete, brach! Welkt nun ſanft und fuͤhrt mir, noch heilaus⸗ ſpendend im Tode, Boten des Lenzes, den Lenz heim in die trauernde Bruſt! „᷑ — 70 Lerche und Nachtigall. Am 18ten März 1815. O Lerche, was ſingſt du aus blauer Luft So lieblich herab durch den Morgenduft? Ich ſinge, weil freundlich die Sonne ſich hebt, Weil Bluͤth' und Luͤftchen und Baͤchlein lebt, Weil blitzend der Thau an den Blumen haͤngt, Und Knoſpe zu Knoſpe ſich liebend draͤngt, Weil hold ſich im Kelche der Schmetterling wiegt, Und ſumſend am Bache das Bienchen fliegt, Und weil ich mich freue in Liebesluſt, Drum ſing' ich ſo lieblich aus froher Bruſt. Was foͤteſt du, zaͤrtliche Nachtigall, Durch Daͤmmrungswehen ſo ſuͤßen Schall? Weil ſcheidend die freundliche Sonne ſinkt, Und das Leben in leiſer Klage verklingt, Weil bleich am Himmel das Roth zerfließt, Und der Duft verweht und die Blume ſich ſchließt, Weil traurig ſaͤuſelt der Fruͤhlingswind, Und das Baͤchlein ſeufzend voruͤberrinnt, Und weil ich mich haͤrme in Liebesleid, Drum ſing' ich ſo ſuͤß in der Einſamkeit. „—, a Elegieenn. (Geſchrieben vor dem Jahre 1813.) I. Schatten der alternden Zeit, o ſteigt aus dem Grabe noch einmal Freundlich empor, o naht, daͤmmernde Bil⸗ 3 der der Luſt, Roſig und leicht, wie ihr einſt mich gekuͤßt, da der fluͤchtigen Thorheit Raſches Geſpann durch der Welt froͤhlichen Taumel mich trug! Damals lenktet mit irrender Hand ihr den luf⸗ tigen Wagen, Ueber der Laune Gebot herrſchte kein andres Geſetz; Stolz auf den Zoͤgernden lacht' ich hinab, der be⸗ daͤchtig am Kreuzweg Stand und durch pruͤfenden Rath kuͤrzer ſich ſchuf den Genuß. Herzlos nannte wohl mancher mich dann und zuͤrnte des Leichtſinns 72 Ueppigem Hauch, der empor uͤber die Wol⸗ ken mich hob, Doch nie holte den leichten Entſchluß der ge⸗ wichtige Rath ein; Flammt doch, eh des Gewoͤlks Donner euch warnte, der Blitz. Glaͤnzend umgab mich die Welt, und es wech⸗ ſelte bunt die Erſcheinung, Und ein heitres Geſchick reihete Feſt mir an Feſt; Willig empfing den beſtaͤndigen Gaſt die phan⸗ taſtiſche Freude, Weich im Schooße des Gluͤcks lag der ver⸗ zogene Sohnz Wahrlich, ich habe gelebt! Nicht reut mich die froͤhliche Wildheit; Feſt an die feurige Bruſt druͤckt' ich das gluͤhende Sein, Kuͤßte die ſcheidende Luſt, und der nahenden lacht' ich entgegen, Und zur geliebteſten Braut ward die Minute mir ſtets; Was ich am Morgen geliebt, das verließ ich am daͤmmernden Abend, Treulos wurde, was mich liebte, ſchon fruͤher mir oft; Aber begegneten einſt ſich auf wechſelndem Pfad die Getrennten, Schmerzlos reichten ſie dann freundlich ein⸗ ander die Hand, 73 Jeglicher waͤhnte, ſo lange der Traum ihn umgaukelte, treu ſich, Jeglicher fragte: was frommt Treue, wenn Liebe verſchwand? Oft auch wandelte ſchnell ſich der Sinn, aus des Gluͤckes Erinnerung, Suͤß oft taͤuſcht ſich das Herz, bluhte von neuem das Gluͤck. Doch laͤngſt ſchwand ſie, die froͤhliche Zeit, und der flatternde Geiſt ſtrebt Fruchtlos unter der Pflicht eiſernen Banden empor: Was mir mit Blumen die Feſſeln umwand, hin welket es hilflos: Ach, um die Schoͤnheit huͤllt finſtre Gewoͤlke der Tod! Liebe rief mich herab von dem luftigen Pfad, und Verzweiflung Winkt mich zuruͤck; doch dem Geiſt wurden die Schwingen gekuͤrzt. Dankbar weiht' ich ſie einſt den errettenden Gottern und waͤhnte Nicht, daß vom friedlichen Heerd wieder mich riſſe der Sturm. Doch oft greift mit der eiſernen Hand in die Harfe des Lebens, Wenn ſie am zarteſten klang, cellend das duͤſtre Geſchick. Ruhend ſchauen die Goöͤtter hinab, und der Kampf mit dem Schickſal 74 Reizt, wie ein tragiſches Spiel wechſelnd, L die muͤſſige Schaar. Aber verzweifelnd ſtuͤrzt ſich der Menſch in des laͤrmenden Poſſen⸗ Spieles Tumult, und der Schmerz ſtirbt, und es ſtirbt das Gefuͤhl. — II. Nahe dich mir, Elegie, leichthuͤpfende Grazien⸗ tochter, Freundin zarten Gefuͤhls, nahe dich mir, Elegie, Nicht vom duͤſteren Schleier verhuͤllt, den her⸗ riſch der Volkswahn Einſt um die Stirn dir wob, nicht mit ge⸗ roͤthetem Blick! Kummer entnervt das Gefuͤhl, und feind den verzagenden Thraͤnen Schwinden die Muſen, umſonſt weinet im Pontus Ovid. Nein, ein fluͤchtiges Kind erſcheine mir, ſchlank und gelenkſam; Tanzend ſchwebe dein Fuß uͤber die Blumen der Flur; Scherzend necke die Hand mit duftendem Bluͤ⸗ thengeſtoͤber Amorn, welcher erzuͤrnt mit dem Geſchoſſe dir droht! 75⁵ Lachelnd folg' Idalia dir, doch wind' um der Gottin Ueppigen Reiz das Gewand zuͤchtiger Gra⸗ zie ſich! Singe von Luſt und Liebe mir vor, doch nim⸗ mer verfolge Reue die Luſt, nie ſei Kummer der Liebe Genoß! Spiele geziemen dir nur, nicht Leidenſchaften: behutſam Nahe dem Kelch, ſonſt ſinkt welkend die Blume dahin. Weinſt du, ſo weine nur Thraͤnen der Liſt, wie die ſchlaue Kokette. Und die Verzweiflung ſelbſt ſchmuͤcke der Hoff⸗ nung Gewand! Thraͤnen erweichen den menſchlichen Sinn und Thraͤnen den Orkus⸗ Waffne mit Thraͤnen dich nur, magiſch be⸗ 1 ſiegſt du die Welt. Luſt iſt der Sterblichen Wunſch und Luſt das Leben der Goͤtter, Hauche nur Luſt und ſchnell offnet ſich jegli⸗ ches Herz. Jeglichem locke mit ſchmeichelnder Kunſt und Jedem gefalle! Schilt die Menge dich auch buhleriſch, gilt ihr Geſetz? Richten mag ſie, was nach dem Gebrauch, was nuͤtzlich und recht ſei⸗ 76 Aber das Schoͤne begreift einzig das ſchoͤne Gemuͤth. 3 Ha, du nahſt! Ich fuͤhle das Wehn ambroſi⸗ ſcher Duͤfte;. Amor, rufe den Lenz, baue mir Lauben im Hain! 4 Folge mir nach und wohne bei mir, du Hol⸗ de! Melodiſch Toͤnt mir die Laute; wohlan, hauche mir Lieder ig's Herz! — III. Als ich im mondlichen Glanz, umwoͤlbt von Bluͤthengebuͤſchen, Juͤngſt im Kahne mit dir huͤpfende Wellen durchſchwamm, Als du ſo innig und warm an des Liebenden Seite dich ſchmiegteſt, 2 Und dem roſigen Mund Liebesgeliſpel ent⸗ floß, Ach, da pochte mein gluͤhendes Herz voll kuͤh⸗ nen Verlangens,. Ueppiger hauchte der Weſt heißeres Sehnen mir zu, Heilig gelobt, ich es, Reizende, dir, dich ein⸗ zig zu lieben, „5 77 Und ein freundlicher Kuß ohnte den zaͤrt⸗ lichen Schwur. Tag' entſchwanden, es ſchwanden dahin un⸗ endliche Monden, Und ich erblickte dich nicht, weilte verlaſſen und fern, Todt erſchien mir die Welt und hart die ge⸗ wohnten Geſchaͤfte; Denn den romantiſchen Sinn beugte die ern⸗ ſtere Pflicht. Fruchtlos harrt' ich auf Kunde von dir, kein freundliches Briefchen Und kein troͤſtender Gruß letzte das ſchmach⸗ tende Herz. Deiner gedacht' ich im Wachen und Schlaf, und lächelnd, wohin ich Irrte, durch Wieſen und Hain folgte dem Traͤumer dein Bild; Jegliche zarte Geſtalt, die des Zufalls Gunſt mir erſpaͤh'n ließ, Wandelt' in deine Geſtalt ſchnell dem Ver⸗ langenden ſich. Du vereineſt ja doch, was nur einzeln Alle beſitzen, Und dein Bild, es erſcheint ſtets mit dem Schoͤnen zugleich. Mußt' ich ſie alle nicht lieben, um dich nur einzig zu lieben? Fuͤhl' ich wohl deinen Kuß, wenn ich nicht Alle gekuͤßt? ie 1 78 Was ich zu ihnen auch Zaͤrtliches ſprach, ich ſprach es zu dir nur; Und doch zuͤrneſt du mir, daß ich die Treue verletzt? Iſt nicht Amor ein Kind, das ſtets mit regem Verlangen Neue Geſpielen erwaͤhlt, wenn ihm die als ten entflohn? Jenen umflattert er nur, der hold und freund⸗ lich ihm liebkoſt; Wer zu naſchen ihm giebt, iſt ihm der zaͤrt⸗ lichſte Freund. Soll ich mit ewiger Treu' in deine Feſſeln mich ſchmiegen, O dann fluͤſtere ſtets Worte der Liebe mir zu, Laß mich nimmer entfliehn aus dem magiſchen Kreis der Umarmung, Und ein unendlicher Kuß binde den fluͤcht⸗ gen Geiſt! IV. Hoͤre mich an! Still weil' ich im froſtigen 1 Hauch des Octobers, Liebchen, vor deinem Gemach, oͤffne mir freundlich das Haus! 79 Liebchen, o hoͤrſt du mich nicht? Umſonſt, ſchon liegſt du entſchlummert, Und ein gaukelnder Traum kuͤſſet dir fried⸗ lich die Stirn. O der gluͤckliche Traum! Er darf dich ſicher umflattern, Und die entfeſſelte Bruſt goͤnnt ihm das luͤ⸗ ſterne Spiel; Dankbar ſchenkt er dafuͤr dir die zarteſten ſei⸗ ner Gebilde. Ich auch, wenn mir ein Gott laͤchelte, nah⸗ te dir jetzt. Schmeichelnd ſprichſt du es aus, was ſo oft auf der Wange die Schaam mir Kuͤndete, was in der Bruſt ſchuͤchtern die Schaam mir verſchwieg. Aber entflieh, zu reizender Wahn! ſchweig, taͤuſchende Hoffnung! Zeigte ſie geſtern nicht noch, daß ſie mich nimmer geliebt? Leiſe betrat und leicht ſie des Gartens falbe — Gebuͤſche, Nahete ſtill, und es ſchlug laut mir im Bu⸗ ſen das Herz; Ach, da ſtahl ſich ein Andrer hinzu, und, we⸗ he, ſie gruͤßt' ihn Freundlich und ſchmiegte ſich ſchnell an den gebotenen Arm. Einig wallten ſie nun, verſenkt in leiſes Ge⸗ fluͤſter; 80 Doch mir kochte die Bruſt heißer im ſieden⸗ den Zorn. Ha, ich ſah es zu gut, Verraͤtherin, wie er die Hand dir 4 Druͤckt' und den koſenden Mund traulich zum 4 Ohre dir bog. Geh nur, ich liebe dich nicht, ich glaub', ich liebte dich nimmer. Stets noch fand ich dich falſch, wenn du 1 am zaͤrtlichſten ſchienſt, Mich nur wollteſt du feſſeln und nicht dich ſel⸗ ber, nur Herrſchſucht Leitete dich, des Gefuͤhls ſpottete liſtig die Kunſt. Haͤtte dich weniger doch die Natur holdſelig gebildet, Haͤtte ſie minderen Reiz doch in den ſtrah⸗ lenden Blick, Mindere Zaubergewalt in das ſchmeichelnde Wort der Bethörung, Mindere Grazie doch dir in die Seele ge⸗ legt! Oeffne die Thuͤre mir nur, ſchnell iſt dir Al⸗ les verziehen; Suͤndigen darfſt du ſo oft, als du zu kuͤſe ſen vermagſt. — V Liebchen, du ſchwebſt jetzt froͤhlich dahin im glaͤnzenden Saale, Leicht im fluͤchtigen Tanz regſt du den zier⸗ lichen Leib, Hoͤheres Roth durchrieſelt die Wang', und es hebt der Begeiſterung Ueppiger Rauſch hochauf wogend die gluͤ⸗ hende Bruſt. Doch dein Freund, fern trauert er jetzt im ſtillen Gemache, Wild um den bruͤtenden Geiſt tobt ihm der Sorgen Gewuͤhl. Ach, wohl denkſt du nicht mehr des Liebenden, welcher von dir nur Lernte die Luſt, von dir, Einziggeliebte, den Schmerz; Laͤngſt wohl ſchwand im bethoͤrenden Rauſch des frohen Getuͤmmels Sein hindaͤmmerndes Bild ganz aus der Seele dir fort. Amor ſpannet ſo gern im Tanz die verſtohle⸗ . nen Netze, Reichliche Beute belohnt immer den liſtigen Gott. Lieblich biſt du, wie nimmer ein anderes Maͤd⸗ chen der Erde, Wer dir nahete, bleibt gern in der Feſſel zuruͤck; Schulze. 1. Th. 8² Doch du biſt fluͤchtig und leicht, wie die huͤ⸗ pfende Woge des Meeres, Neues allein nur reizt immer den gaukeln⸗ den Sinn; Wie mit Baͤllen das Kind, ſo ſpielſt du mit 3 Herzen, gelobſt gern Jeglichem, doch kein Gott, waͤhnſt, du, be⸗ ſtrafe den Trug. Oft ſchon nannt' ich dich falſch, und auf ewig wollt' ich dich meiden, Aber die zoͤgernde Flucht brachte mir neue Gefahr: Eiferſuͤchtig ſchalteſt du mich mit Lachen und thoͤricht, Und ein gluͤhender Kuß machte von Suͤnden dich rein. Ach, jetzt windet ein Anderer wohl, aufwallend in Sehnſucht, Rings um den zierlichen Leib leiſe den zit⸗ ternden Arm, Lispelt mit koſendem Fluͤſtern im Sturm des wogenden Tanzes Manches verſtohlene Watt liebeverlangend zu d Hoͤr' ihn nicht, er betruͤgt dich nur, falſch iſt der Verraͤther; Ach, ſein flatternder Sinn gleichet dem dei⸗ nen, entflieb! Reicht er nicht jetzt dir die Hand? O hinweg mit ihr, ſie iſt giftig, 3 Und Baſiliskengewalt wohnt ihm im ſchmei⸗ chelnden Blick. O, verhuͤllte dich doch ein undurchdringlicher Schleier, Koͤnnte nur ich allein ſicher die Reizende ſehn, Waͤr' es doch mir allein nur vergoͤnnt, an der Bruſt dir zu ruhen, Duͤrfte nur ich allein kuͤſſen den roſigen Mund! Aber ich ſelber erſchuf mir die quaͤlende Sorg' . in dem Herzen, Und mein eignes Vergehn raubte mir heute die Ruh. Wehe, warum auch zürnet; ich gleich, als den erſten der Taͤnze Du mir geweigert, warum ſchwur ich zu mei⸗ den das Feſt? Trage nun ſelbſt, o Thor, des eiſernen Sin⸗ nes Beſtrafung! Wenn ſie dich morgen nicht kuͤßt, denke, du haſt es verdient! —— VI. Liebchen, wie haſt du geruht nach der Luſt des rauſchenden Tanzes? 84 Iſt dir das Koͤpfchen nicht noch ſchwer von dem wuͤſten Gelärm? Tobte nicht lang' in der Nacht der Muſik nach⸗ toͤnender Aufruhr Disharmoniſch und wild rings dir ums huͤ⸗ pfende Bett? Oder belaſtete nicht dir die Bruſt, als quaͤlen⸗ der Rachgeiſt, Welcher die Schwaͤrmer der Nacht aͤngſtet, ein feindlicher Alp? Aber verzeih, holdſeliges Weib, dem tuͤckiſchen Spoͤtter! Gern an fremdem Genuß raͤcht man den eigenen Schmerz. Nein, ein reizender Traum umgaukelte ſicher ddie Stirn dir, Fährt in ein Feengefild deinen entfeſſelten Geiſt, Kraͤnzte dein Haupt mit den Bluͤthen des Mais und wiegte behende Auf hellblauem Gewoͤlk uͤber die Erde dich hin. Fruͤh ſchon ſitzeſt du dort mir gegenuͤber am Fenſter; Zwar iſt ſchmachtend dein Blick, aber doch heiter und mild, Sinnend lehnſt auf die zierliche Hand du das lockige Koͤpfchen; Zaͤhlſt du, Schelmin, vielleicht deine Ge⸗ fangenen nach, 85 Die du bei'm froͤhlichen Feſt mit dem ſiegenden Zauber der Blicke Und mit des Geiſtes Gewalt dir in die Netze geſcheucht? Ach, ich war dir ein Thor, dem frevelnden Wahne zu folgen, Welcher die Ruhe der Nacht, welcher die Traͤume mir nahm. Untreu waͤhnet' ich dich, und ich zuͤrnt' auf⸗ grollend dem Herzen, Daß es aus deiner Gewalt nimmer zu flie⸗ hen vermag. Ungluͤckſeliger, konnteſt du ſo dem eigenen Gluͤcke Gram ſein? konnteſt du ſo wuͤnſchen den eigenen Tod? Stets war grauendes Dunkel der Freund tief⸗ bruͤtenden Truͤbſians, Auf dem Gewoͤlke der Nacht wiegte die Trauer ſich ſtets; Doch der ergluͤhende Tag verbannt die Ver⸗ haßte zum Orkus, Und Aurorens Geſpann leitet ein froͤhlicher Geiſt. Doch nicht blos die Natur, auch du gebieteſt der Daͤmm'rung, Und aͤtheriſches Licht folget dir, Zauberin, gern. Bin ich dir fern, iſt ſchwarz mir die Sonn“ und dunkel der Erdkreis, 86 Doch dein laͤchelnder Blick fuͤllet mit Strah⸗ len die Nacht. Aber du winkſt mir, du laͤchelſt mir zu, ſchnell flieg' ich hinuͤber; Kuͤſſeſt du heute mich nicht, Frevlerin, nimm dich in Acht? Kennſt du den magiſchen Quell, der einſt Ri⸗ naldo verwandelt, Als Angelica ihm folgte mit ſehnendem Blick! Immer noch rieſelt der Quell, und ſtets noch waͤhrt die Bezaubrung; Reize nicht Amors Zorn! furchterlich raͤcht ſich der Gott. — VII. Haſt du noch nimmer geliebt, ſo geh und liebe noch heute! Unempfunden entflieht ſonſt dir das reizend⸗ ſte Gluͤck. Ach, ſie hat mich gekuͤßt! in roſenfarbenem Glanze, Raſch von den Horen beſchwingt, ſchwimmet mir heute die Welt. 87 Knieend ung ich vor ihr und zitterte leiſe vor Sehnſucht, Weniges flehte der Mund, Vieles der ſchmach⸗ tende Blick, Zagen beklemmte mein Herz, und die Hoffnung 3 kaͤmpfte gewaltſam Gegen die Furcht, und es hob raſch ſich die klopfende Bruſt. Aber dem Auge der Holden entfunkelte ſuͤße Gewaͤhrung: Siehe, das reizende Weib beugte ſich ſchuͤ h⸗ tern herab, 3 Schlang um den Gluͤcklichen leiſe den ketteaden Arm, und mit Laͤcheln Hob ſie, wie folgt' ich ſo gern, ſanft an die Bruſt mich empor. Nimm, du haſt es verdient, ſo ſprach ſie mit ſuͤßem Gelispel, Und ihr roſiger Mund nahte dem meinigen 1 ſich, 8 4 Gluͤhend weht' um die Lippen der Hauch, und ein brennender Kuß ſank Langſam, gleich des Accords Schwinden, in’'s Herz mir hinab. Ach, wie bebt' ich vor Luſt und ſchauderte, waͤhnte zu ſterben, und doch hatt' ich noch nie reiner und ſchoͤ⸗ ner gelebt. Seligers Rauſch! O moͤcht' ich doch einſt ſo ſcheiden, in ſolchem 88 Taumel! ich kaufte den Tod gern fuͤr die Schaͤtze der Welt. Lang noch wuͤnſcht' ich zu leben mir dann, daß lange die Hoffnung Mit dem begluͤckenden Ziel winkte dem ſeh⸗ nenden Geiſt; Und dann ſaͤnk' ich dahin, von deinen Armen umſchlungen, Und im gluͤhenden Kuß ſchwebte die Seele dahin; Kein Elyſium fordert' ich dann, und bange vermied ich Lethe's dunkele Fluth, gleich dem betaͤu⸗ benden Gift; Sinnend lehnt ich mich hin auf roſige Wolken und daͤchte Ewigkeiten hindurch an das genoſſene Gluͤck, Fuͤhlte den ſeligen Kuß noch Ewigkeiten und tauſchte 1 Fuͤr des Olympiers Thron ſelbſt die Erin⸗ nerung nicht. Haſt du noch nimmer geliebt, ſo geh und liebe noch heute! Unempfunden entflieht ſonſt dir das reizend⸗ ſte Gluͤck. — 89 VIII. Amor, himmelgeborener, komm, nicht jener, der ſinnlos In's wildwogende Meer frevelnder Luͤſte ſich ſenkt, Nicht du verderblicher Gott, der tief in die Herzen den Pfeil uns Schleudert und hoffnungslos ewige Gluthen erweckt: Nein, du reizendes Kind, du fluͤchtiges, wel⸗ ches die Gotter Mit aͤtheriſchem Band lieblich und loſe ver⸗ knuͤpft! 3 Komm, du romantiſcher Knabe der Abenteuer Beſchuͤtzer. Zarten Gefluͤſters Freund, Freund der ver⸗ ſchwiegenen Luſt, Der du kenſch und uͤppig zugleich und fluͤch⸗ tig und treu biſt, Feind der Feſeln und doch immer in Feſſeln geſchmiegt, Du, der Schmerz und Freude gewaͤhrt, doch nimmer in Truͤbſinn Unſere Schmerzen und nie wandelt in Eckel die Luſt! Komm vom Himmel herab und bring mir die reizenden Maͤdchen, 9⁰ Welche dich immer umbluͤhn, bring mir die Grazien mit! Sieh, ſchon nahte die Stunde, worin dein Schweſterchen ehmals Unſerem Lichte zuerſt heiter entgegen ge⸗. lacht. Damals war dir der Tag ein Feſt, ſiegkuͤn⸗ dende Lieder Wehten den fruͤheſten Schlaf auf die Ge⸗ borene hin, Schalkheit hauchte dein Kuß ihr in's Herz, phantaſtiſchen Leichtſinn, Taͤndelnden Witz und der ſtets wechſelnden Laune Begier. Doch was du muthwillig ihr gabſt, das ſchmuͤckte die Charis, Und um's Dornengebuͤſch webte ſie Roſen umher. Feire den Tag auch jetzt; denn ſie ward nun groͤßer und holder, In der Geſtalt und im Geiſt gleicht ſie, du Schelmiſcher, dir. Schweb' um's ſeidene Bett mit der lieblichen Schaar; noch ruht ſie, Sanft um den roſigen Mund weht das Ge⸗ lispel des Schlafs. Wehre mit ſchuͤtzender Schwinge den boͤſen Traͤumen, den Ungluͤck Kuͤndenden, welche den Schoos fuͤllen der bruͤtenden Nacht; 91 Laß nur die freundlichen leiſe ſich nahn, die Kinder Auroras, Daß ſie mit roſigem Tanz ſchmuͤcken das ſtille Gemach! Mal' auf die Fluͤgel des gaukelnden Schwarms kunſtvoll das Verlangen, Welches der Reizenden Blick rings in den Herzen erregt! Malet, ihr Huldgoͤttinnen, der unausſprech⸗ lichen Anmuth Zaubergewalt und den Scherz, welcher ſie — ewig umbuhlt, Daß ſie ſich ſelber erblick' in des Traums irr⸗ ſamer Geſtaltung! Ach, kein ſchoͤneres Bild zeigt ihr der ſuͤße⸗ 4 ſte Traum! Laͤcheln wird ſie im Schlaf, ihr Gluͤcklichen! Fuͤlle den Koͤcher, Amor, damit! O ahmt, Grazien ahmet es nach! Regt ſie dann ſanft zum Erwachen die reizen⸗ den Glieder, ſo haucht rings Suͤße Geduͤft umher, fuͤller mit goldenem Glaaz, Fuͤllt mit Harfengelispel das freundliche Zim⸗ mer und ſchwindet, Daß ſie im Scheiden euch noch ſehe, zum Himmel zuruͤck! „— 92 IX. Liebchen, wie leben wir doch ſo wunderſam? Sind wir denn wirklich Eins in das Andre verliebt, oder betrugt uns der Schein? Traulich ſitzen wir oft und es ſcherzt muth⸗ willig der Leichtſinn Ueber das tiefe Gefuͤhl, uͤber ein ſchwaͤr⸗ mendes Paar; Dichten vereint Spottliederchen oft auf den kindiſchen Amor, Necken mit ſtechendem Dorn ſicher den trotzi⸗ gen Gott; Und doch lieg' ich ſo oft zu deinen Fuͤßen und 8 fluͤſtre, Was mich das Herz allein, was nur die 4 Liebe mich lehrt, Und du beugſt dich herab, und ein gluͤhender Kuß, der des Leichtſians Luͤge beſtraft und des Spotts Dornen, be⸗ gluͤcket den Freund. Froh dann ſcheid' ich von dir und ſchwelg' in ſuͤßer Erinn'rung, Waͤhn', ein ewiges Band kette mein fluͤch⸗ tiges Herz; 93 Doch kaum flieht der Moment, ſo umſtrickt argliſtig den Frevler, Welcher die Feſſel ſo gern duldet, ein ande⸗ res Netz, Ach, und jeglichen Schwur, den ich dir that, tilgt die Bezaubrung, Gleich dem Gewölk, das raſch gaukelnde 5 Winde zerſtreun. Doch noch nimmer vergaß ich dich ſelbſt, und bin ich auch treulos, Nur dein eigener Reitz trage des Irrenden Schuld. Ach, du feſſelteſt mich mit ewigen Banden der Sehnſucht, FJegliches holde Geſicht zeigt dem Getaͤuſchten dein Bild! Doch kaum bin ich dir wieder genaht, ſo beugt 1 mich gewaltſam Dein allmoͤchtiger Blick wieder in's vorige 1 Joch. Wahrlich, dir ſchenkte Cythere gewiß den ma⸗ giſchen Guͤrtel, Welchen mit Zaubergeflecht webte der Gra⸗ zien Hand. Was du auch thuſt, du thuſt es mit Reiz, und heimliche Anmuth Schwebt im Blick dir und ſchwebt rings um die ganze Geſtalt. Kehr' ich dir wieder zuruͤck, ja dann geſteh' ich dir Alles, 94 Preiſe die Schoͤnen ſogar, welche mich ge⸗ ſtern beſiegt; Und, bei Gott, kaum trau' ich mir ſelbſt, du hoͤrſt es geduldig, Stimmſt in's ſchmeichelnde Lob gern und gefaͤllig mit ein, Lobſt den beweglichen Geiſt, der nur die Ge⸗ nuͤſſe des Lebens Leiſ' umſchwebt und den Schmerz unter die Winde verſtreut, Neckſt nur zuweilen mit ſtechendem Scherz den Armen, der Dornen Statt der Roſen empfing, die er zu pfluͤcken gehofft; Schalkhaft zeigſt du ein Briefchen mir dann, das du eben empfangen, Aber die Unterſchrift deckſt du mit ſorglicher Hand, Ruͤhmſt mir die Blume, die juͤngſt ein Unbe⸗ kannter dir ſandte, Sprichſt: Schoͤn iſt das Geſchenk, ſollt' es der Geber nicht ſein? Faßt mich dann ploͤtzlicher Zorn, ſo ergreifſt du die nahe Guitarre, Uebertaͤubeſt mein Wort raſch mit der Sai⸗ ten Getoͤn, Singſt mir des Mißtrauns Qual mit komiſchem Pathos, und wahrlich, Endlich znuß ich noch ſelbſt wieder mich fle⸗ hend dir nahn. 95 Wahrlich, uns gaben die Goͤtter den Sinn der ewigen Kindheit, Lang iſt immer die Luſt, kurz uns der fluͤch⸗ tige Schmerz; Oder es wurde ſchon jetzt der olympiſchen Goͤt⸗ ter Geſchick uns, Welches die Leidenſchaft wuͤrzet, doch nim⸗ mer vergaͤllt. Inhal t. — Seite Biographiſches Vorwort.. Ausgewaͤhlte Gedichte und Frag⸗ mente. Erkläartng.. Am 17ten Julius 1813...... Am iſten Auguſt 1813...... Gäeie, eine Geiſterſtimme. Im October Jäͤgerlied........... Am 16ten Januar 1816...... Sonettenkranz. Am 5ten Februar 1816. Am 7ten Februar 1816...... Am 8ten Februar 1816...... Am 9ten Februar 1816...... Am 10ten Februar 1816..... Am 11ten Februar 1816....... Auf dem Huͤbichenſtein. Am 2ſten April Am 25ſten Januar 1817.... Am 15ten Januar 1814....... Die Schneegloͤckchen. Am 4ten Maͤrz 1815 Lerche und Nachtigall. Am isten Maͤrz 1815 Elegieen.......... 7