—,— Leih i ſiothet 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ₰ eih und Fefebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, ei ine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden un beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ „„ 6 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurt 9 der Bücher auf ihte eigenen Foſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 chadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der rei ſetz„beſchmutzte, ver orene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfat des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheze it. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— Die belletriſtiſche Welt. Elegante Hausbibliothek der beſten Nomane unſerer Zeit, herausgegeben von Dr. A. Diezmann. 41. bis 44. Bändchen. Die Fuͤnfundvierzig. Von Slerander Dumas. Erſter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1847. Von Alexander Dumas. Aus dem Franzoͤſiſchen von Dr. A. Diezmann. Erſter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1847. Erſtes Kapitel. Das Thor St. Antoine. Ftiamsi omnes! Am 26. Octbr. des Jahres 1585 war das Thor St. Antoine in Paris gegen alles Herkommen halb elf Uhr V. mittags noch immer geſchloſſen. Drei Viertel auf elf Uhr kam eine Wache von zwanzig Schweizern, denen man es an den Uniformen anſah, daß ſie Schweizer derkleinen Cantone, folglich die beſten Freunde des damals regierenden Koͤnigs Heinrichs III. waren, aus der Straße La Mortellerie heraus und marſchirte nach dem Thore zu, das ſich vor ihnen oͤffnete und hinter ihnen wie⸗ der ſchloß. Draußen ſtellten ſie ſich laͤngs der Hecken auf, welche vor dem Thore die einzelnen Felder an jeder Seite der Straße einſchloſſen und trieben durch ihr bloßes Er⸗ ſcheinen eine gute Anzahl Bauern und Kleinbürger zurück, die von Montreuil, von Vincennes oder Saint Maure ge⸗ kommen waren, um vor Mittag noch in die Stadt zu gelan⸗ gen, was ihnen nicht möglich war, da, wie geſagt, das Thor geſchloſſen blieb. Wenn es wahr iſt, daß da immer Unordnungen ent⸗ ſtehen, wo eine Menge Volfs zuſammenfommt, ſo hätte * man glauben können, man habe durch Abſendung der Wache die Unordnungen verhuͤten wollen, welche an dem Thore entſtehen koͤnnten. Und es hatte ſich wirklich eine anſehnliche Menge ver⸗ ſammelt, denn jeden Augenblick kamen auf den drei Stra⸗ ßen, die an dem Thore zuſammentrafen, Mönche aus den Kloͤſtern des Weichbildes, Weiber, die von der Seite auf ihren Eſeln ſaßen und Bauern in kleinen Wagen an, welche den bereits beträchtlichen Menſchenhaufen vergro⸗ ßerten, den die erwahnte Verſchließung des Thores da auf⸗ hielt und alle brachten durch ihre mehr oder minder drin⸗ genden Fragen ein ziemlich eintoͤniges Geſumme hervor, aus welchem indeß auch bisweilen einige Stimmen zur Oe⸗ tave der Drohung oder der Klage emporſtiegen. Außer der Hauptmaſſe der Wartenden, welche in die Stadt hinein wollten, konnte man noch einige einzelne Gruppen bemerken, die ſich von ihr getrennt zu haben ſchie⸗ nen. Statt nach dem Thore zu und durch das Gitter in die Stadt hineinzuſehen, blickten dieſe unverwandt nach dem Horizonte, welcher durch das Jacobinerkloſter, die Priorei von Vincennes und das Kreuz Faubin begrenzt war, als wenn auf einer dieſer drei faͤcherartig verlaufenden Straßen irgend ein Meſſias herankommen ſollte. Dieſe letztern Gruppen glichen ruhigen Inſeln, die ſich in der Seine erheben, waͤhrend um ſie her das Waſſer bald ein Raſenſtuͤckchen, bald einige alte Weiden hinwegſpuͤlt, die ſich dann eine Zeit lang in der Nähe im Wirbel herum⸗ drehen und endlich auf dem Strome mit fortſchwimmen. Dieſe Gruppen, aufwelche wir nochmals zurückkommen, weil ſie unſere ganze Aufmerkſamkeit verdienen, beſtanden meiſt aus Buͤrgern von Paris, die ſich feſt in ihre Wämmſer gehuͤllt hatten, denn wir haben noch nicht erwahnt, daß es kalt war, daß der Wind ſcharf wehete und ſchwere Wolken, die tief untenhingen, die letzten vergilbten Blätter von den Baͤumen reißen zu wollen ſchienen. Drei dieſer Buͤrger ſprachen miteinander oder zwei ſprachen vielmehr und der dritte hoͤrte zu, nein, er ſchien nicht einmal zuzuhoͤren, ſo aufmerkſam ſah er nach Vin⸗ cennes hin. Mit dieſem Letztern wollen wir uns zuerſt beſchäftigen. Er war ein Mann, der lang ſein mußte, wenn er gerade ſtand; in dieſem Augenblicke aber waren ſeine langen Beine mit denen er nichts anfangen zu koͤnnen ſchien, wenn ſie ihrer thaͤtigen Beſtimmung nicht nachkamen, unter ihm zu⸗ ſammengeſunken, waͤhrend ſeine in Verhaͤltniß nicht minder langen Arme auf der Bruſt gekreuzt lagen. Er hatte ſich an die Hecke gelehnt, hielt mit einer Ausdauer, welche wie die Klugheit eines Mannes ausſah, der nicht erkannt ſein will, ſein Geſicht unter der großen Hand verſteckt und wagte nur ein Auge, deſſen ſcharfer Blick zwiſchen dem Mittel und Ringfinger hindurchſchauete, die gerave ſo weit auseinander gehalten wurden, daß er hindurch ſehen konnte. Neben dieſem ſeltſamen Manne plauderte ein Kleiner, der ſich auf einen Stein geſtellt yatte, mit einem Dicken, der auf demſelben Steine ſehr unſicher ſtand, fortwährend wankte und bei jedem Wanken ſich an den Wammsknöpfen des Kleinen feſthielt. Es waren dies die beiden andern Buͤrger, welche mit dem an der Hecke Lehnenden die cabbaliſtiſche Zahl drei bil⸗ deten, die wir erwähnt haben. „Ja, Meiſter Miton“ ſagte der Kleine zu dem Dicken, „ja, ich wiederhole es noch einmal, hunderttauſend Men⸗ ſchen wenigſtens werden um das Schaffot Saleddes ſich drängen. Seht nur, ungerechnet die, welche ſchon auf dem Groveplatze ſind oder ſich aus den verſchiedenen Theilen ein Thor, während ſechszehn in die Stadt fuhren.“ „Hunderttauſend? das iſt viel, Friard“, antwortete der Dicke.„Viele werden es auch machen wie ich und die Viertheilung des ungluͤcklichen Saledde wegen der Furcht vor einem Auflaufe nicht mit anſehen und ſie thun Recht daran.“ „Meiſter Miton, Meiſter Miton, ſeht Euch vor“, ant⸗ nichts geben, gar nichts, ich ſtehe dafuͤr.“ Da er ſah, daß der Dicke zweifelnd den Kopf ſchüttelte, ſo wendete er ſich an den Mann mit den langen Armen und langen Beinen, der eben nicht mehr nach Vincennes hin⸗ ſah, ſondern, ohne die Hand von dem Geſichte wegzunehmen, eine Viertelswendung gemacht hatte und nach dem Thor hinſchaute, und ſagte zu ihm:„nicht wahr? „Wie beliebt?“ fragte dieſer, als haͤtte er nur die Frage, die man an ihn richtete, nicht aber die Worte gehoͤrt, die an den andern Bürger gerichtet geweſen waren. „Ich ſage, daß es auf dem Greveplatze nichts geben wird.“ 4 der Stadt dahin begeben, die Leute hier und das iſt nur wortete der Kleine,„Ihr ſprecht da politiſch. Es wird . „Und ich glaube, daß Ihr Euch irret und daß Saledde da geviertheilt wird“, antwortete der Mann mit den langen Armen ruhig. „Allerdings, ja, aber ich meine, man wird wegen dieſer Hinrichtung nichts hoͤren.“ „Man wird die Peitſchenſchlage horen, welche die Pferde erhalten.“ „Ihr verſteht mich nicht, ich meine keinen Auflauf, keinen Auflauf auf dem Greveplatze. Wenn es einen Auf⸗ lauf geben ſollte, wurde der Koͤnig kein Zimmer im Stadt⸗ hauſe haben ausſchmuͤcken laſſen, um der Hinrichtung mit den beiden Koͤniginnen und einem Theile des Hofes bei⸗ zuwohnen.“ „Wiſſen denn die Konige jemals, wenn es Auflauf ge⸗ ben wird?“ bemerkte der Mann mit den langen Armen und Beinen, waͤhrend er mit ſehr geringſchätziger Miene die Achſeln zuckte. „Na“, ſagte Meiſter Miton, indem er ſich zu dem Ohr des Kleinen neigte,„der Mann ſpricht in einem ſeltſamen Tone. Kennt Ihr ihn?“ „Nein“, antwortete der Kleine. „Warum redet Ihr da mit ihm?“ „Eben um mit ihm zu reden.“ „Daran thut Ihr Unrecht; Ihr ſeht ja, daß er nicht gern zu reden ſcheint.“ „Meiner Meinung nach“, entgegnete der Kleine ſo laut, daß ihn der Langarmige hoͤren mußte,„iſt es ein großes Gluͤck im Leben, ſeine Gedanken mit andern aus⸗ tauſchen zu koͤnnen.“ „Mit denen, die man kennt, ja“, antwortete Meiſter Miton,„aber nicht mit denen, die man nicht kennt.“ „Sind nicht alle Menſchen Brüder, wie der Pfarrer von Saint Leu ſagt?“ ſetzte der e in uͤberreden⸗ dem Tone hinzu. „Ja, ſie waren es in fruͤherer Zeit; in der unſerigen iſt das Band der Verwandtſchaft ſehr gelockert worden, Freund Friard. Redet deshalb mit mir, wenn Ihr durch⸗ aus reden muͤßt und laſſet den Sutt da mit ſeinen Ge⸗ danken in Frieden.“ „Euch kenne ich ſchon ſeit langer Zeit, wie Ihr ſagt, und deshalb weiß ich in voraus, was Ihr mir antworten werdet, waͤhrend mir der Unbekannte da vielleicht etwas Neues zu ſagen hätte.“ „Still! Er horcht.“ „Um ſo beſſer; wenn er auf uns hoͤrt, ſo giebt er mir vielleicht auch Antwort. Ihr glaubt alſo“, fuhr Friard zu dem Fremden gewendet fort,„daß es auf dem Greve⸗ platze Laͤrm geben koͤnnte?“ „Ich habe kein Wort davon geſagt.“ „Ich behaupte auch nicht, daß Ihr es geſagt habt“, fuhr Friard in einem Tone fort, der recht ſchlau ſein ſollte, ich meine nur, Ihr glaubt es.“ „Und worauf ſtuͤtzet Ihr dieſen Glauben? Seid Ihr ein Hexenmeiſter, Herr Friard?“ „Sieh, er kennt mich!“ rief der Buͤrger in der hoͤchſten Verwunderung aus.„Woher mag er mich kennen?“ „Ich habe ja Euern Namen mehr als einmal genannt“, ſagte Miton achſelzuckend, wie Jemand, der ſich vor einem Fremden eines Freundes ſchämt. „Richtig“, fuhr Friard fort, der ſich anſtrengte die Sache zu begreifen und ſie wirklich endlich auch begriff;„es iſt wahrhaftig ſo. Nun, da er mich kennt, wird er mir auch antworten. Herr“ ſagte er von neuem zu dem Unbekann⸗ ten,„ich glaube Ihr glaubet es wurde Lärm auf dem Greve⸗ platze geben, weil Ihr dort ſein wurdet, wenn Ihr es nicht glaubtet; Ihr ſeid aber hier.. Ha!“ Dieſes„ha!“ bewieß, daß Friard in ſeiner ʒelheh an der äußerſten Grenze ſeines Scharfſinnes angekom⸗ men war. „Warum ſeid Ihr nicht auf dem Greveplatze, Herr Friard, da Ihr das Gegentheil von dem glaubt, was ich Euerer Meinung nach nicht glauben ſoll?“ entgegnete der Unbekannte, indem er die Worte ſcharf betonte.„Das Schauſpiel ſcheint doch ſo unterhaltend zu ſein, daß die Freunde des Koͤnigs in Menge ſich dazu drängen. Ihr gebt mir darauf vielleicht zur Antwort, Ihr gehoͤrtet nicht zu den Freunden des Koͤnigs, ſondern zu denen des Herrn von Guiſe und Ihr wartetet hier auf die Lothringer, welche, wie man ſagt, nach Paris kommen ſollen, um Herrn von Saleède zu befreien.“ „Nein, Herr“, antwortete der Kleine lebhaft, ſichtbar uͤber die Vermuthung des Unbekannten erſchrocken;„nein, Herr, ich warte auf meine Frau, Nicole Friard, welche vierundzwanzig Tiſchtuͤcher in die Priorei der Jacobiner getragen hat, da ſie die Ehre hat, die Leibwaͤſcherin des Herrn Modeſte Gorenflot, des Abts der genannten Jacobi⸗ ner⸗Priorei zu ſein. Um aber wieder auf den Crawall zu kommen, von welchem Freund Miton ſprach und an den 35 ebenſo wenig glaube wie Ihr..“ „Friard“, rief Miton eben aus,„ſeht doch, ſeht vuch! Friard blickte in der Richtung hin, welche der Finger des Dicken andeutete, und ſah, daß man außer dem Haupt⸗ thore, deſſen Verſchließung alle Gemuͤther bereits ernſtlich beſchäftigte, auch die kleine Thur zumachte. Als dies geſchehen war, ſtellte ſich ein Theil der Schweizer vor dem Graben auf. „Was? Was?“ rief Friard erbleichend aus;„auch die kleine Thuͤr macht man nun zu?“ „Habe ich es Euch nicht geſagt?“ antwortete Miton, der ſeinerſeits ganz blaß wurde. „Es iſt drollig, nicht wahr?“ fragte der Unbekannte lachend. und im Lachen zeigte er zwiſchen dem Schnurr- und Kinnbarte eine Doppelreihe weißer ſpitzer Zaͤhne, welche durch wenigſtens viermaligen Gebrauch des Tages außer⸗ ordentlich geſchaͤrft zu ſein ſchienen. Bei dem Anblicke der neuen Vorſichtsmaßregel, die man ergriff, entſtand ein langandauerndes Gemurmel des Erſtaunens und in der dichtgedraͤngten Menge vor dem Eingange erhoben ſich einige Angſtrufe. „Bildet einen Kreis!“ gebot die Stimme eines Officiers. Das Mansver wurde augenblicklich, aber nicht ohne Widerſtand ausgefuͤhrt. Die Leute zu Pferd und im Wa⸗ gen, die zuruͤckweichen mußten, verletzten hier und da einige ee 13 Beine und ſtießen rechts und links einige Rippen in dem Gedränge ein. Die Weiber ſchrien, die Männer fluchten, die welche entfliehen konnten, flohen und ſtießen einander über den Haufen. „Die Lothringer! Die Lothringer!“ rief eine Stimme in dieſem Tumulte. Der fuͤrchterlichſte Schrei, den die Furcht erſinnen kann, wuͤrde keinen ſchnellern und entſcheidendern Eindruck her⸗ vorgebracht haben als dieſer Ruf:„die Lothringer!“ „Na, ſeht Ihr? Seht Ihr?“ ſagte Miton zitternd. „Die Lothringer kommen, wir wollen entfliehen.“ „Fliehen? Wohin?“ fragte Friard. „Da in das Feld hinein“, antwortete Miton, der ſich die Haͤnde zerkratzte, als er die Dornen der Hecke angriff, an welcher der Unbekannte ruhig lehnte. „Das iſt leichter geſagt als gethan, Miton“, ſagte Friard.„Ich ſehe nicht das kleinſte Loch, durch welches man hineinkommen konnte und über die Hecke hinuͤber klettern werdet Ihr doch nicht wollen, da ſie hoͤher iſt als ich.“ „Ich werde es verſuchen“, antwortete Miton. „Nehmt Euch doch in Acht, gute Franu“ ſagte Friard in dem aͤngſtlichen Tone eines Menſchen, der nahe daran iſt, den Kopf zu verlieren;„Euer Eſel tritt ja den Leuten auf die Beine. Ach! Herr Reiter, ſehet auf Euer Pferd, es wird ausſchlagen. Du mein Gott, Kärner, Ihr fahrt ja den Leuten mit Euerer Deichſel in die Rippen.“ Während Miton ſich an die Hecke anklammerte, um über dieſelbe hinwegzuſteigen und Friard vergebens ein Lochelchen ſuchte, um unten durchzukriechen, hatte der Un⸗ bekannte ſich aufgerichtet, ſeine Beine der ganzen Länge nach ausgeſtreckt und ſtieg mit einer einzigen Bewegung gleich der eines Reiters, welcher ſich in den Sattel ſchwingt, über die Hecke, ohne daß ein Zweig ſeine Beinkleider be⸗ ruͤhrte. Meiſter Miton folgte dem Beiſpiele, zerriß aber ſeine Beinkleider an drei Stellen. Nicht ſo wohl wurde es dem kleinen Friard, der weder daruber hinwegſteigen, noch un⸗ ten hindurchkriechen konnte, uberdies von allen Seiten ge⸗ drangt und geſtoßen wurde und jämmerlich ſchrie, bis der Unbekannte ſeinen langen Arm ausſtreckte, ihn am Wamms⸗ kragen faßte und leicht wie ein Kind empor und über die Hecke hinuberhob. „Oh, Oh!“ rief Meiſter Miton lachend aus, als er ſeinen Freund Friard ſo emporheben und niederſetzen ſah;„Ihr ſeht aus wie die Fahne des großen Abſolon.“ „uf!“ ſagte Friard als er wieder auf dem Boden ſtand;„ich mag ausſehen wie ich will, bin ich doch, Dank dem Herrn da, auf der andern Seite der Hecke.“ Dann richtete er ſich empor, um an dem Unbekannten emporzu⸗ ſehen, dem er kaum bis an die Bruſt reichte.„Ach, Herr“, fuhr er fort,„wie danke ich Euch! Herr, Ihr ſeid ein Her⸗ eules, auf Ehre, ſo wahr ich Jean Friard heiße.. Euer Name, Herr, der Name meines Retters, der Name mei⸗ nes. Freundes? und der brave Mann ſprach das letztere Wort wirklich mit der tiefſten Erkenntlichkeit aus. . 15 „Ich heiße Briquet“, antwortete der Unpekannte, „Robert Briquet, Euch zu dienen.“ „Ihr habt mir bereits einen großen Dienſt erzeugt, Herr Robert Briquet. Ach, meine Frau wird Euch ſegnen; aber. meine arme Frau! Mein Gott, mein Gott, die wird in dieſem Gedränge ganz erdruͤckt werden. Die ver⸗ fluchten Schweizer taugen doch zu nichts als die Leute zu erdruͤcken.“ Friard hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als eine Hand ſchwer wie die einer ſteinernen Bildſäule auf ſeine Schulter fiel. Er drehete ſich um, um zu ſehen, wer ſich erkuͤhnte, eine ſolche Freiheit ſich zu erlauben.* Es war die Hand eines Schweizers. „Soll ich Dich todtſchlagen, Knirps?“ ſagte der kräf⸗ tige Soldat. „Ach, wir ſind ungangen!“ rief Friard aus. „Rette ſich wer kann!“ ſagte Miton. Und da ſie hinter der Hecke freies Feld vor ſich hatten, ſo liefen ſie ſchnell davon, waͤhrend ihnen der Mann mit den langen Armen und langen Beinen mit ſpoͤttiſchem Blicke und ſtillem Lachen nachſah und, nachdem ſie ver⸗ ſchwunden waren, zu dem Schweizer trat, den man als Schildwache da aufgeſtellt hatte. „Die Hand ſcheint gut zu ſein, Camerad“ ſagte er. „Nun, nicht bel.“ „Das iſt gut, beſonders da die Lothringer kommen, wie man ſagt.“ „Die kommen nicht.“ „Nicht?“ „Nein.“ „Warum hat man dann das Thor geſchloſſen? Ich begreife es nicht. „Das iſt auch nicht noͤthig,“ antwortete der Schweizer lachend. „Nein, Camerad,“ ſagte Robert Briquet.„Ich danke.“ und er entfernte ſich von dem Schweizer, um zu einer andern Gruppe zu treten, wahrend der wurdige Schweizer aufhoͤrte zu lachen und vor ſich hin murmelte: „Bei Gott! ich glaube, er verhohnt mich. Wer kann ſich erlauben, einen Schweizer Sr. Kön. Majeſtät auszu⸗ lachen?“ Eine der Gruppen beſtand aus einer ziemlichen Anzahl von Bürgern, welche durch den unerwarteten Thorſchluß aus der Stadt hinausgeſperrt waren. Dieſe Stadtburger um⸗ ringten vier bis fünf Reiter von ſehr kriegeriſchem Aus⸗ ſehen, welchen der Thorſchluß auch ſehr ungelegen zu ſein ſchien denn ſie riefen mit aller Kraft ihrer Lungen: „Aufgemacht! Aufgemacht 1 Dieſes Geſchrei, in welches alle Anweſenden einſtimm⸗ ten, machte in ſolchen Augenblicken einen wahren Hoͤllen⸗ larm. Robert Briquet trat zu dieſer Gruppe und fing noch auter als irgend Einer an zu ſchreien: 2„Auf gemacht! Aufgemacht!“ Einer der Reiter, welcher ſich uber die mäͤchtige Stimme zu freuen ſchien, drehete ſich nach dem Hinzugetretenen um, grüßte ihn und ſagte; 1 ch me m, „Iſt es nicht eine Schande, Herr, daß man ein Stadt⸗ thor am hellen Tage verſchließt, als belagerten die Spanier und Engläͤnder Paris?“ Zweites Kapitel. Was vor dem Thore draußen geſchah. Robert Briquet betrachtete aufmerkſam den, welcher ihn angeredet hatte, ein Mann von vierzig bis fuͤnf und vierzig Jahren war und uberdies der Anfuͤhrer der andern Reiter zu ſein ſchien. Die Muſterung erweckte wahrſcheinlich Vertrauen in Robert Briquet, denn er verbengte ſich nun ſeiner Seits und antwortete: „Ihr habt Recht, Herr, zehnmal, zwanzigmal Recht; aber,“ ſetzte er hinzu,„darf ich, ohne unbeſcheiden zu ſein, zu fragen wagen, welcher Veranlaſſung Ihr dieſe Maß⸗ regel zuſchreibt?“ „Nun,“ fiel einer der Umſtehenden ein,„man fuͤrchtet, daß man ihnen denSalcède wegeſſe.“ „Ein trauriger Fraß!“ ſagte ein Anderer. Robert Briquet wendete ſich nach der Seite hin, von welcher die letztere Stimme gekommen war, deren Accent geinen echten Gascogner verrieth, und er erblickte einen jun⸗ e Mann von zwanzig bis fünf und zwanzig Jahren, wel⸗ cher die Hand auf das Kreuz des Pferdes deſſen ſtutzte, welcher der Anfuͤhrer der Andern zu ſin ſchien. Dießänfunierzi.. 2 er ſeinen Hut im Gedraͤnge verloren. Der junge Mann war barhaͤuptig. Ohne Zweifel hatte Briquet ſchien ein Beobachter zu ſein, aber ſeine Be⸗ obachtungen dauerten im Ganzen nie lange; er wendete deshalb auch diesmal ſchnell den Blick von dem Gascogner wieder ab, den er fuͤr unbedeutend halten mochte, um den Reiter wieder anzuſehen. „Aber,“ ſagte er,„da man ſagt, der Salcide gehöre dem Herrn von Guiſe an, ſo iſt er ſchon kein ſo uͤbeler „Bah! Das ſagt man 2“ ſiel der Gascogner ein, der große Augen machte und die Ohren ſpitzte. „Allerdings ſagt man das,“ antwortete der Reiter mit„ Achſelzucken;„freilich erzäh Dummes.“ „Alſo,“ wagte Briquet mit ſeinen fragenden Blicken u iſchen Lächeln zu bemerken,„alſo glaubt lt man in jetziger Zeit viel und ſeinem ſpott Ihr, Herr, Saleide gehdre nicht dem Herrn von Guiſe d an?“ n „Ich glaube es nicht nur, ſondern ich bin uͤberzeugt davon,“ antwortete der Reiter Und da er ſah, daß Robert b Briquet ſich ihm näherte und eine Bewegung machte, welche ſe ſagen zu wollen ſchien: Ah und worauf gründet ſich dieſe Ueberzeugung? fuhr er fort:„Wenn Salckde dem Her zoge gehorte, wüͤrde der Herzog ohne Zweifel ihn nicht ha) ben ergreifen oder doch wenigſtens nicht mit gebundenem Haͤnden und Füßen von Brüſſel nach Paris bringen laſſen zu ohne einen Verſuch zu machen, ihn zu befreien. te er en re ler der mit iel cken mbt niſe eugt bert elche dieſe er⸗ h ene aſſen 19 „Ein Befreiungsverſuch,“ entgegnete Briquet,„wäre ſehr gewagt geweſen; denn er mochte gelingen oder miß⸗ lingen, ſo geſtand Herr von Guiſe, ſobald er von ihm aus⸗ ging, daß er gegen den Herzog von Anjon conſpirirt habe.“ „Der Herr von Guiſe,“ entgegnete der Reiter trocken, „wuͤrde ſich durch dieſe Ausſicht ſicherlich nicht haben ab⸗ halten laſſen und da er Salcede weder reclamirt, noch ver⸗ theidiget hat, ſo gehoͤrt derſelbe ihm auch nicht an.“ „Verzeihet, wenn ich dabei verharre,“ fuhr Briquet fort;„ich habe die Sache nicht erfunden; Salcäde ſcheint beſtimmt geſprochen zu haben.“ „Wo?“ „Vor den Richtern.“ .„Nein, Herr, nicht vor den Richtern, auf der Folter.“ „Iſt das nicht eines und daſſelbe?“ fragte Robert Briquet mit einer Miene, der er vergeblich einen recht unſchuldigen Ausdruck zu geben verſuchte. „Gewiß iſt das nicht einerlei; es mag ubrigens ſein, daß man behauptet, er habe geplaudert, aber man ſagt nicht wieder, was er geſprochen hat.“ „Ihr werdet mir nochmals verzeihen, Herr,“ ſiel Ro⸗ bert Briquet ein;„man erzahlt es allerdings und zwar ſehr ausfuhrlich.“ „Und was ſoll er geſagt haben?“ fragte der Reiter ungeduldig.„Sprecht, da Ihr ſo gut unterrichtet ſeid.“ „Ich ruͤhme mich keineswegs gut unterrichtet zu ſein, Herr, da ich nur Gelegenheit, mich bei Euch eines Beſſern zu belehren, ſuche,“ erwiederte Briquet. „Verſtaͤndigen wir uns,“ fuhr der Reiter mit wachſen⸗ 2* der Ungeduld fort.„Ihr ſagt, man erzähle die Worte Saledde's weiter; wie lauten dieſe Worte? Sprecht.“ „Ich kann nicht dafür buͤrgen, ob es gerade ſeine eignen Worte ſind,“ entgegnete Robert Briquet, der ein Vergnu⸗ gen daran zu finden ſchien, den Reiter hinzuhalten. „Nun wie heißen die Worte, die er geſprochen haben ſoll?“ „Man verſichert, er habe geſtanden, daß er fuͤr den Herrn von Guiſe conſpirirte.“ „Gegen den König von Frankreich ohne Zweifel?. 8 Immer das alte Lied!“ „Nicht gegen Se. Maj. den Konig von Frankreich, ſondern gegen Se. Hoheit den Herrn Herzog von Anjon.“ „Wenn er dies geſtanden hat..“ „Nun?“ fragte Robert Briquet. „So iſt er ein elender Wicht,“ antwortete der Reiter, indem er die Augenbrauen zuſammenzog. „Ja,“ ſagte Robert Briquet ganz leiſe,„wenn er aber gethan, was er geſtanden hat, ſo iſt er ein braver Mann. Ach, Herr, die Folterwerkzeuge preſſen den ehrlichen Leuten gar viele Dinge aus.“ „Ihr ſprechet da ſehr wahre Worte,“ entgegnete der Reiter, der ſich wieder beſaͤnftigte und ſeufzete. „Bah!“ fiel der Gascogner ein, der immer den Hals nach Jedem ausſtreckte, der eben ſprach, und Alles gehoört b hatte,„Folterwerkzeuge, dummes Zeug! Wenn Salcide, geſchwatzt hat, iſt er ein Schurke und ſein Patron eben⸗ er falls.“ „Oho!“ ſagte der Reiter, der vor Ungeduld im Satte 21 raſch ſich aufrichtete,„Ihr verbrennt Euch die Zunge, Herr Gascogner.“ , S „Ich rede, wie es mir beliebt; ſchlimm genug fuͤr die, welchen meine Worte nicht gefallen.“ Der Reiter machte eine zornige Bewegung. „Ruhe!“ fiel eine ſanfte und gleichzeitig gebieteriſche Stimme ein, deren Inhaber Robert Briquet vergebens zu ermitteln ſuchte. Der Mann ſchien ſeinen Unwillen mit Gewalt nieder⸗ zukämpfen, doch gelang es ihm nicht vollſtaͤndig. „Kennt Ihr die, von welchen Ihr ſprecht ſo genau?“ fragte er den Gascogner. „Ob ich Saledde kenne?“ ae „Nicht im Geringſten.“ „Den Herrn von Guiſe?“ „Nicht beſſer.“ „Und den Herzog von Alengon?“ „Noch weniger.“ „Wiſſet Ihr, daß Saleede ein braver Mann iſt?“ „Deſto beſſer, ſo wird er auch als braver Mann ſter⸗ ben!“ „Und daß der Herr von Guiſe ſelbſt conſpirirt, wenn er conſpiriren will?“ „Was geht das mich an?“ „Und daß der Herzog von Anjou, ſonſt Herr von Alengon, und die Uebrigen, umbringen ließ?“ „Das iſt mir ſehr gleichgiltig.“ „Wie? das iſt Euch gleichgiltig?“ „Mayenville! Mayenville!“ füͤſterte dieſelbe Stimme. „Freilich iſt es mir gleichgiltig. Ich weiß nur Eins, Gott's Blut! Ich habe heute, noch dieſen Morgen Ge⸗ ſchaͤfte in Paris und wegen des verfluchten Salecdde ſchließt man mir die Thore vor der Naſe zu. Dieſer Saleode iſt ein Lump wie Alle, die mit ihm Schuld daran ſind, daß die Thore zugemacht wurden, ſtatt offen zu ſtehen.“ „Der iſt ein wahrer Gascogner!“ murmelte Robert Briquet.„Wir werden da gewiß etwas Merkwuͤrdiges ſehen.“ Aber das Merkwürdige, welches der Buͤrger erwar⸗ tete, erſchien nicht. Der Reiter, dem die letzten Worte das Blut in das Geſicht getrieben hatten, ſenkte den Kopf, ſchwieg und verbiß den Aerger. „Im Grunde habt Ihr Recht,“ ſagte er dann.„Pfui uber alle die, welche uns hindern, in die Stadt hineinzu⸗ kommen!“ „Oho!“ dachte Robert Briquet bei ſich, dem weder der verſchiedene Geſichtsausdruck des Reiters noch die beiden ermahnenden Aufrufe an ſeine Geduld entgangen waren, „es ſcheint, als ſollte ich noch etwas Merkwürdigeres ſehen als das, was ich erwartete.“ Als er dies bei ſich dachte, ließ ſich ein Trompeten⸗ ſchall hoͤren und alsbald trennten die Schweizer, welche d Jeden, der ſich fur ihn intereſſirte, Camole, Caconas, Buſſy ſſy lbe ns, e⸗ eßt ein die ert es r⸗ pf, fui u⸗ er n, en 23 Menge mit ihren Hellebarden wie eine ungeheure Paſtete zertheilten, die Gruppen in zwei gedrängte Haufen, die ſich zu beiden Seiten der Straße aufſtellten und die Mitte der⸗ ſelben frei ließen. In dieſer Mitte ritt der Officier, von dem wir ſchon geſprochen haben und welchem die Bewa⸗ chung des Thores anvertraut zu ſein ſchien, hin und her. Nach einer kurzen Muſterung der Menge, die einer Heraus⸗ forderung ziemlich aͤhnlich ſah, befahl er den Trompetern zu blaſen. Dies erfolgte augenblicklich und brachte in der Volks⸗ menge eine Stille hervor, die man nach dem Lärm und der Aufregung gar nicht fuͤr moͤglich haͤtte halten ſollen. Dann trat der Ausrufer mit ſeinem liliengeſchmückten Rocke und dem Wappen der Stadt Paris auf der Bruſt mit einem Papier in der Hand vor und las mit der allen Aus⸗ rufern eigenthuͤmlichen naͤſelnden Stimme: „Kund und zu wiſſen ſei unſerm guten Volke von „Paris und der Umgegend, daß die Thore von jetzt an bis „ein Uhr Nachmittags geſchloſſen ſind und daß vor dieſer „Stunde Niemand in die Stadt hereingelaſſen werden wird „und zwar nach dem Willen des Königs und aus Fürſorge „des Herrn Oberrichters von Paris.“ Der Ausrufer hielt inne, um Athem zu ſchöpfen, und die Umſtehenden benutzten die Pauſe, um ihre Verwunde⸗ rung und ihre Unzufriedenheit durch langgedehntes Pfeifen zu erkennen zu geben, welches der Ausrufer, ohne mit den Wimpern zu zucken, anhörte;— dieſe Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren laſſen. 24 Der Officier winkte gebieteriſch mit der Hand und als⸗ bald trat wieder Stille ein. Der Ausrufer fuhr ohne Verlegenheit und ohne Zoͤ⸗ gern fort, als häͤtte ihn die Gewohnheit gegen ſolche Aeuße⸗ rungen gepanzert, denen er ſich eben ausgeſetzt ſah. „Ausgenommen von dieſer Maßregel ſind diejenigen, „welche irgend ein Erkennungszeichen vorweiſen fönnen „oder durch Briefe und Schreiben gebührend Süſß „werden. „Gegeben in dem Palaſte des Obergerichts von Paris „auf ausdruͤcklichen Befehl Sr. Majeſtät am 26. Oetober „des Jahres des Heils 1585.“ „Blaſet, Trompeter!“ DieTrompeten ſchmetterten ihre gellenden Töne hinaus Kaum hatte der Ausrufer zu ſprechen aufgehoͤrt,. die Menge hinter der Reihe der Schweizer und Soldat ſich zu bewegen anfing wie eine Schlange, deren Ringel anſchwellen und ſich winden. „Was bedeutet dies?“ fragten ſich die Friedfertigſten. „Wahrſcheinlich wieder ein Complott!“ „Wahrſcheinlich iſt man auf dies Auskunftsmittel ge⸗ kommen, um uns zu hindern, in die Stadt zu gelangen,“ ſagte der Reiter, welcher mit ſo auffallender Geduld die Redensarten des Gascogners ertragen hatte, leiſe zu ſeinen Begleitern;„dieſe Schweizer, dieſer Ausrufer, dieſe Riegel, dieſe Trompeten gelten uns und ich bin bei meiner Seele ſtolz darauf.“ „Platz, Platz da!“ rief der Officier, welcher die Sol⸗ daten befehligte.„Tauſend Donnerwetter, ſehe Ihr denn 25 8⸗ nicht, daß Ihr die am Durchkommen hindert, welche ein Recht haben, ſich das Thor oͤffnen zu laſſen?“ 5⸗„Gott's Blut, ich kenne Einen, der hineinkommt und e wenn alle Buͤrger auf Erden zwiſchen ihm und dem Thore ſtaͤnden,“ ſagte der Gascogner, welcher durch ſeine ruͤck⸗ n, ſichtsloſen Antworten die Bewunderung des Robert Briquet en erregt hatte und jetzt kräftig die Ellenbogen brauchte. n Und er befand ſich wirklich im nächſten Augenblicke in dem leeren Raume, welcher durch die Schweizer zwiſchen is den beiden Reihen der Zuſchauer frei gemacht worden war. er Man denke ſich, mit welcher Reugierde die Augen auf einen Mann ſich richteten, welcher dermaßen begunſtiget war, daß er in die Stadt hereingehen durfte, während die A lei „ Anderen außen bleiben mußten. Der Gascogner achtete wenig auf alle dieſe neidiſchen n Slice; er ellie ſich keck hin, ſo daß man alle Muskeln 1 ſeines Koͤrp die wie geſpannte Sehnen ausſahen, durch ſein duͤnnes grönes Wamms hindurch erblickte. Seine . duͤrren, knochigen Handgelenke ragten drei Zoll weit uͤber die abgeſchabten Aermel hervor; ſeine Augen waren hell und klar und ſeine Haare gelblich und lockig entweder von Natur oder durch Zufall, denn ein gutes Zehntheil ſchien e der Staub zu dieſer Farbe beigetragen zu haben. Seine n großen Fuße befanden ſich an kraͤftigen dürren Beinen, die Hirſchbeinen ähnlich ſahen. An einer Hand trug er e einen Handſchuh von geſticktem Leder, der ſich wohl ſehr verwunderte eine Haut ſchuͤtzen zu muſſen, welche rauher war als die ſeinige; in der andern hielt er einen Haſelſtock. Einen Augenblick ſah er ſich um und als er bei ſich 26 bedacht haben mochte, daß der Officier, von welchem wir geſprochen haben, die angeſehenſte Perſon hier ſei, ging er gerade auf denſelben zu. Dieſer betrachtete ihn eine Zeit lang, ehe er ihn anredete. Der Gascogner, der nicht im mindeſten aus der Faſ⸗ ſung gerieth, that daſſelbe. „Ihr habt, wie es ſcheint, Euren Hut verloren,“ ſagte der Officier. „Ja wohl.“ „Hier in dem Gedränge?“ „Nein, ich hatte einen Brief von meiner Geliebten er⸗ halten und las ihn, Gott's Blut! nahe am Fluſſe, unge⸗ faͤhr eine Viertelſtunde von hier, als mir ein Windſtoß plötzlich den Brief und den Hut entfuhrte. Ich lief dem Briefe nach, obgleich der Knopf an meinem Hute ein ein⸗ ziger Diamant war. Ich erlangte auch den Brief wieder, als ich mich aber nach dem Hute umwendete, hatte ihn der Wind in den Fluß entfuhrt— in den Pariſer Fluß. Nun, er wird einen armen Teufel gluͤcklich machen.“ „So geht Ihr barhaͤuptig!“ „Findet man in Paris keinen Hut? Ich werde mir da einen ſchoͤnern kaufen und einen Diamanten daran machen laſſen, der noch einmal ſo groß iſt als der erſte.“ Der Officier zuckte unbemerklich die Achſeln, aber dem Gascogner entging dieſe Bewegung nicht. „Was beliebt?“ fragte er. „Ihr habt eine Karte?“ fragte der Officier. „Gewiß habe ich eine oder vielmehr zwei.“ „Eine genuͤgt, wenn ſie in Ordnung iſt.“ N „Aber ich irre mich nicht,“ fuhr jetzt der Gascogner fort, der die Augen weit aufriß;„nein, Gott's Blut! ich irre mich nicht. Habe ich das Vergnuͤgen, mit Herrn von Loignae zu ſprechen?“ „Das iſt möglich,“ antwortete der Officier trocken, ſich nicht eben zu freuen ſchien erkannt worden zu ſein. „Mit Herrn von Loignac, meinem Landsmanne?“ „Ich widerſpreche nicht.“ „Meinem Vetter?“ „Schon gut— Eure Karte?“ „Da iſt ſie.“ Der Gascogner zog aus ſeinem Handſchuh die Halfte einer kunſtlich durchgeſchnittenen Karte. „Folgt mir,“ ſagte darauf Loignac, ohne die Karte anzuſehen,„Ihr und Eure Begleiter, wenn Ihr derglei⸗ chen habt. Wir wollen die Paſſierſcheine pruͤfen.“ Und er ſtellte ſich am Thore auf. Der barhäuptige Gascogner folgte ihm und fünf an⸗ dere Perſonen gingen ihm nach. Der Erſte derſelben trug einen ſo bewundernswurdig gearbeiteten Harniſch, daß man hätte glauben können, er ſei aus den Händen Benvenuto Cellinis hervorgegangen. Da indeß das Muſter, nach welchem dieſer Harniſch ge⸗ macht worden, vollig aus der Mode war, ſo erregte dies Prachtſtuͤck mehr Lachen als Bewunderung. Allerdings entſprach auch kein anderer Theil des An⸗ zugs des Inhabers dieſes Harniſches der faſt königlichen de — Pracht deſſelben. Dem Zweiten, der nachſchritt, folgte ein grauköpfiger 28 dicker Diener und da er ſelbſt hager und von der Sonne verbrannt war, ſo ſchien er der Vorlaͤufer Don Quirote's zu ſein, wie ſein Diener fur den Vorläufer Sancho Panſa's gelten konnte. Der Dritte trug ein Kind von zehn Monaten auf dem Arme und ihm folgte eine Frau, die ſich an ſeinem leder⸗ nen Gürtel feſthielt, während zwei andere Kinder, eins von vier und eins von fuf Jahren, den Rock der Frau nicht los⸗ ließen. Der Vierte hinkte und trug einen kurzen Degen. Zum Schluſſe kam ein junger Mann auf einem be⸗ ſtäubten Rappen von guter Race. Dieſer ſah neben den Andern wie ein Koͤnig aus. Dieſer junge Mann, der ſehr langſam reiten mußte, um nicht vor den Andern vorauszukommen, und der es viel⸗ leicht auch nicht ungern ſah, nicht gar zu nahe bei den⸗ ſelben zu ſein, hielt einen Augenblick dicht an dem Volks⸗ haufen. Da fuhlte er ſich an der Säaͤbelſcheide gezogen und er neigte ſich ruͤckwärts. Der, welcher in dieſer Weiſe ſeine Aufmerkſamkeit er⸗ regte, war ein junger Mann mit ſchwarzem Haar, kleinen funkelnden Augen und behandſchuheten Händen. „Was ſteht zu Eurem Dienſte?“ fragte unſer Reiter. „Eine Gefaͤlligkeit, Herr.“ „Sprecht, aber ſchnell; Ihr ſeht, daß man auf mich wartet.“ „Ich muß in die Stadt hinein, Herr, ich muß, ver⸗ 29 ſteht Ihr? Ihr dagegen ſeid allein und braucht einen Pagen, der Euch nicht zur Schande gereicht.“ 6„Nun?“ 3„Ein Dienſt iſt des andern werth; nehmt mich mit hinein und ich will Euer Page ſein.“ n„Ich danke,“ ſagte der Reiter;„aber ich will nicht 6 bedient ſein.“ n„Nicht einmal durch mich?“ fragte der junge Mann mit einem ſo ſeltſamen Lacheln, daß die Eisrinde ſchmolz, mit welcher der Reiter ſein Herz zu umgeben verſucht hatte. „Ich wollte ſagen, daß ich keinen Diener brauchen kann.“ „Ja, ich weiß, daß Ihr nicht reich ſeid, Herr Ernauton de Carmainges,“ antwortete der junge Page. Der Reiter erbebte, der junge Mann aber achtete nicht darauf, ſondern fuhr fort: „Sprechen wir alſo nicht von Lohn; Ihr ſelbſt viel⸗ mehr ſollet bezahlt werden und zwar hundertfach für die Dienſte, die Ihr mir leiſtet, wenn Ihr mir gewährt, was ich erbitte; laſſet mich alſo Euch bedienen, ich bitte darum, und bedenkt, daß der, welcher Euch bittet, bisweilen befohlen hat.“ „So kommt,“ ſagte der Reiter, welcher dem gleichzeitig bittenden und gebietenden Tone nicht widerſtehen konnte. Der junge Mann druͤckte ihm die Hand, was für einen Pagen wohl zu vertraulich war, dann wendete er ſich an die Gruppe der Reiter, welche wir ſchon kennen, und ſagte: „Ich komme hinein und das iſt die Hauptſache. Ihr, E 30 Mayenville, bemuͤhet Euch auf irgend eine Weiſe eben⸗ falls in die Stadt zu gelangen.“ „Es reicht nicht hin, daß Ihr hineinkommt“, antwortete der Edelmann;„man muß Euch auch ſehen.“ „O ſeid unbeſorgt; ſobald ich durch das Thor hindurch. bin, wird man mich ſehen.“ „Vergeßt das verabredete Zeichen nicht.“ „Zwei Finger auf den Mund, nicht wahr?“. „Ja und nun geleite Euch Gott.“ „Nun, Herr Page“ ſagte der Beſitzer des Rappen, „ſind wir bereit?“ „Da bin ich, Herr“, antwortete der junge Mann und i ſchwang ſich leicht auf das Pferd hinter den Reiter, welcher den fuͤnf andern ſich anſchloß, die eben beſchaͤftigt waren ihre Karten vorzuzeigen und ihre Rechte nachzuweiſen. i „Daß dich!“ ſagte Robert Briquet, der ihnen nachge⸗ ſehen hatte.„Wenn das nicht eine ganze Schaar von Gas⸗ gnern iſt, will ich des Teufels ſein.“ d n Drittes Kapitel. Die Prfung. Die Pruͤfung, welcher ſich die ſechs Bevorzugten unter⸗ de werfen ſollten, welche wir aus den Reihen des Volkes w heraustreten und dem Thore ſich nähern ſahen, war weder ſtreng noch von langer Dauer. Sie hatten nur die Haͤlfte einer Karte aus ter Taſche zu nehmen und dem Offieier vorzuzeigen, der ſie mit einer en⸗ tete rch. en, und her ren ge⸗ as⸗ 31 andern Haͤlfte verglich. Wenn die beiden Hälften zu einander paßten und dann ein Ganzes ausmachten, war die Berechtigung des Inhabers der Karte nachgewieſen. Der barhaͤuptige Gascognet war zuerſt vorgetreten und mit ihm begann demnach die Pruͤfung. „Euer Name?“ fragte der Officier. „Mein Name, Herr Officier? Er ſteht da auf der Karte, auf der Ihr auch noch etwas Anderes ſehen werdet.“ „Gleichviel, wie heißt Ihr?“ wiederholte der Officier mit Ungeduld;„kennet Ihr den eigenen Namen nicht?“ „Doch, doch, ich kenne ihn, Gott's Blut! Und wenn ich ihn vergeſſen hätte, wuͤrdet Ihr mir ihn nennen können, da wir Landsleute und ſogar Vettern ſind.“ „Euern Namen, tauſend Donnerwetter! Glaubt Ihr, ich hätte meine Zeit mit Erkennungsſcenen zu verlieren?“ „Schon gut. Ich heiße Perducas von Pincornay.“ „Perducas von Pincornay“, wiederholte von Loignae, dem wir von nun an dieſen Namen geben werden, mit welchem ihn ſein Landsmann begruͤßt hatte; dann ſah er auf die Karte und las: „Perducas von Pincornay, 26. Octbr. 1585, Punkt Mittag.“ „Thor St. Antoine“, ſetzte der Gascogner hinzu, in⸗ dem er mit ſeinem ſchwarzen duͤrren Finger auf die Karte wieß. „Sehr wohl, in Ordnung; geht hinein“, ſagte von Loignac, uß jedem weitern Geſpräche mit ſeinem Lands⸗ manne ein Ende zu machen.„Nun Ihr“ ſetzte er gegen der Zweiten gewendet hinzu. 32 Der Mann im Harniſch trat vor. „Euere Karte!“ ſprach Loignac. „Ach was, Loignac“, entgegnete jener,„erkennt Ihr den Sohn eines Euerer Jugendfreunde nicht, den Ihr zwanzigmale habt auf den Knien tanzen laſſen?“ „Nein.“. „Pertinar von Monterabeau“, fuhr der junge Mann erſtaunt fort;„den kennt Ihr nicht?“ „Wenn ich im Dienſte bin, kenne ich Niemanden. Euere Karte Der junge Mann im Harniſch hielt ſeine Karte hin. „Pertinar von Monterabeau, 26. Oetbr. 1585, Punkt Mittag, Thor St. Antoine. JPaſſirt!“ Der junge Mann ging weiter und trat, durch den Empfang etwas verbluͤfft, zu Perducas, der auf das Oeff⸗ nen des Thores wartete. Jetzt kam der dritte der Gascogner heran, der mit der Frau und den Kindern. 3 „Euere Karte?“ fragte Loignac. Seine gehorſame Hand griff ſogleich in eine kleine Taſche von Ziegenleder, die er an der rechten Seite trug,— aber vergebens; das Kind, das er auf dem Arme hatte, hinderte ihn und er fand das Papier nicht, das man von ihm verlangte. „Was zum Teufel macht Ihr denn mit dem Kinde Ihr ſeht je, daß es Euch hinderlich iſt.“ v „Es iſt mein Sohn, Herr von Loignac.“ „So laßt Euern Sohn herunter.“ 4 6 Ihr Ihr ann den. in. unkt den eff⸗ t der leint atte, von 33 Der Gascogner gehorchte und das Kind fing an zu weinen. „Ihr ſeid alſo verheirathet?“ fragte Loignac. „Ja, Herr Offieier.“ „Mit zwanzig Jahren?“ „Bei uns heirathet man jung, Ihr wißt es ja, Herr von Loignac, da Ihr Euch ſelbſt im achtzehnten Jahre ver⸗ heirathet habt.“ „Na“, dachte Loignac,„der kennt mich auch.“ Unterdeß war die Frau auch herbeigekommen und die Kinder, die an ihrem Rocke hingen, folgten. „Und warum ſollte er nicht verheirathet ſein?“ fragte ſie, indem ſie ſich kerzengerade vor den Officier hinſtellte und das ſchwarze Haar, welches ſtark beſtäubt war, von der ſonnenverbrannten Stirn ſtrich;„iſt denn in Paris das Heirathen nicht mehr Mode? Ja, Herr, er iſt verheirathet und da find noch zwei Kinder, die ihn Vater nennen.“ „Ja, aber ſie ſind nur die Sohne meiner Frau, Herr von Loignac, wie auch der große Junge da, der hinter ihr ſteht. Komm her, Militor, und mache dem Herrn von Loignac, unſerem Landsmanne, Dein Compliment.“ Ein Burſche von ſechszehn bis ſiebzehn Jahren, der kräftig und gewandt ausſah und durch ſeine runden Augen wie durch ſeine Hakennaſe einem Falken glich, trat vor und hielt die beiden Hände in ſeinem Gürtel von Buͤffelleder. Er trug eine gute Kutte von geſtrickter Wolle und an den muskuloͤſen Schenkeln Vinkleider von Gemſenleder; ſeine trotzige und finnliche Lippe wurde von einem keimenden Schnurrbärtchen beſchakkét. Die Füͤnfundvierzig. 1. 3 „Das iſt Militor, mein Stiefſohn, Herr von Loignac, der älteſte Sohn meiner Frau, einer von Chavantrade und Verwandte der Loignacs. Militor von Chavantrade, Euch zu dienen. Mach' Dein Compliment, Militor.“( Dann buckte er ſich zu dem Kinde, das ſich weinend auf 1 der Straße waͤlzte und ſagte: „Sei ſtill, Secipio, ſei ſtill Kleiner“, und dabei ſuchte er die Karte in allen Taſchen. Militor verbeugte ſich unterdeß dem Befehle ſeines Vaters zu Folge, aber nur leicht und ohne die Hände aus dem Guͤrtel zu nehmen. „Komm her und hilf mir ſuchen, Lardille“, ſagte der 4 Gascogner erröthend zu ſeiner Frau. Lardille machte eine Hand nach der andern frei und 3 ſuchte mit in der Ledertaſche und in den Taſchen ihres Mannes. „Wir muͤſſen ſie verloren haben“, ſagte fie nach eini⸗ ger Zeit. „Dann werde ich Euch verhaften laſſen“, meinte e Loignac. Der Gascogner erbleichte. „Ich heiße Euſtache von Miradour“, ſagte er,„und b kann mich auf meinen Vetter, den Herrn von Sainte⸗Ma⸗ line, berufen.“ 2 „Ah, Ihr ſeid mit Sainte⸗Maline verwandt?“ fragte Loignac in etwas ſanfterem Tons.„Freilich, wenn man de dieſen Leuten glaubt, ſind ſie mit Jedermann verwandt. Sucht und ſucht vor allem mit Erhhlg.“ 23 4, nd ich uf hte ni⸗ nte ind ka⸗ gte tan dt. 35 „Lardille, ſuche du in den Sachen Deiner Kinder“, ſagte der Mann, der vor Aerger und Angſt zitterte. Lardille kniete vor einem kleinem Packet beſcheidener Sachen nieder, die ſie durchſuchte, waͤhrend ſie vor ſich hin murmelte. Der kleine Seipio ſchrie noch immer, aber ſeine Bruͤder von muͤtterlicher Seite ſtopften ihm auch Sand in den Mund als ſie ſahen, daß Niemand auf ſie achtete. Militor allein ruͤhrte ſich nicht. Das Ungluͤck der Fa⸗ milie ſchien über oder unter dem großen Burſchen hinzu⸗ gehen ohne ihn zu beruͤhren. „He!“ rief Loignac mit einemmale;„was ſehe ich auf dem Aermel des Burſchen da in einem ledernen Um⸗ ſchlage?“ „Richtig, richtig!“ rief Euſtache triumphirend aus; das iſt ein Einfall von Lardille; jetzt erinnere ich mich; ſie hat die Karte dem Militor aufgenähet.“ „Damit er doch etwas trage!“ ſetzte Loignae ſpoͤttelnd hinzu.„Pfui uͤber das große Kalb, das nicht einmal die eigenen Arme tragen kann, ſondern ſie faul einſteckt.“ Die Lippen Militors erbleichten vor Zorn, während ſein Geſicht an der Naſe, am Kinne und auf den Augen⸗ brauen roth wurde. „Ein Kalb hat keine Arme“, brummte er mit giftigem Blicke;„es hat Pfoten wie gewiſſe Leute, die ich kenne.“ „Ruhe!“ gebot Euſtache.„Du ſiehſt doch ein, Militor, daß Herr von Loignac uns die Ehre erzeigt mit Dir zu ſpaßen.“ „Ich ſpaße wahrhaftig nicht“, entgegnete Loignac; 3* „der große Burſche da ſoll vielmehr meine Worte ſo neh⸗ mei wie ich ſie ſage. Waͤre er mein Stiefſohn, er muͤßte Mutter, Bruder, Packet und mich ſelbſt dazu tragen, oder ich zoͤge ihm die Ohren lang, um ihm zu beweiſen, daß er doch nur ein Eſel ſei.“ Militor verlor jetzt ſeine Faſſung ganz; Euſtache angſtlich drein, aber trotz dieſer Angſt machte ſich auch eine gewiſſe Freude uber dieſe Wnhtheng ſeines Stiefſohnes bemerklich. Um jeder weitern Schwierigkeit vorzubeugen und ihren Erſtgeborenen vor den Anzuͤglichkeiten des Herrn von Loignac zu retten, hielt Lardille dem Officier die Karte hin, die ſie aus dem ledernen Umſchlage genommen hatte. Loignac nahm ſie und las: „Euſtache von Miradour, 26. Octbr. 1585, Punkt Mittag, Thor St. Antoine.— Ihr konnt gehen, aber ſeht zu, daß Ihr keinen von Euern Buben verlieret.“ Euſtache nahm den kleinen Seipio wieder auf den Arm; Lardille hing ſich wieder an ſeinen Guͤrtel; die beiden Kin⸗ der ergriffen von neuem den Rock ihrer Mutter und die Familiengruppe ſtellte ſich, gefolgt von dem ſchweigenden Militor, neben denen auf, welche nach der Pruͤfung warteten. „Daß der Herr von Epernon die Peſt bekäme“, mur⸗ melte Loignac zwiſchen den Zähnen als er Euſtache von Miradour mit den Seinigen die Schwenkung machen ſah. Dann drehete er ſich um und ſagte: „Nun Ihr!“ Dieſe Worte galten dem Vierten. 3. Dieſer war allein und ſteif und ſchnippte ni dem ne kt on em 37 Daumen und Mittelfinger auf ſein Wamms, um den Staub zu entfernen. Sein Schnurrbart, der von Katzen⸗ haaren zu ſein ſchien, ſeine grunlichen funkelnden Augen, ſeine Brauen, deren Bogen einen vorſpringenden Halb⸗ kreis uͤber zwei vorſtehenden Backenknochen zu bilden ſchie⸗ nen und ſeine dünnen Lippen gaben ſeinem Geſichte jenes mißtrauiſche und zurückhaltende Ausſehen, an welchem man den Mann erkennt, der ſich ſo wenig in den Beutel als in das Herz ſehen läßt. „Chalabre, 26. Oetbr., Punkt Mittag, Thor St. An⸗ toine.— Es iſt gut; Ihr könnt gehen“ ſagte Loignac. „Wahrſcheinlich werden Reiſekoſten erſtattet“, bemerkte der Gascogner ſußfreundlich. „Ich bin nicht Zahlmeiſter“, antwortete Loignac trocken, or der Hand nur Thorwärter.“ Chalabre ging weiter. Hinter ihm kam ein junger blonder Mann„der als er die Karte aus der Taſche nahm, einen Wuͤrfel und mehrere Karten fallen ließ. Er nannte ſich Saint⸗Capautel und da ſeine Ausſage durch die Karte beſtaͤtiget wurde, die in Ordnung war, ſo folgte er Chalabre. Es blieb jetzt nur noch der ſechſte üͤbrig, welcher auf die Aufforderung des improviſirten Pagen von dem Pferde geſtiegen war und Herrn von Loignac eine Karte reichte, auf der man las: „Ernauton von Carmainges, 26. Oetbr., Punkt Mit⸗ tag, Thor St. Antoine. Wäͤhrend Loignac las, verbarg der Page, der ebenfalls 38 abgeſtiegen war, ſeinen Kopf, indem er die Kinnkette des Pferdes wieder feſtmachte, obgleich ſie vollkommen in Ord⸗ nung geweſen war. „Dieſer Page gehoͤrt Euch?“ fragte Loignae den Rei⸗ ter, indem er mit dem Finger auf den Juͤngling zeigte. „Ihr ſeht es, Herr Capitain“, antwortete Ernauton, der nicht lugen und auch nicht verrathen wollte;„Ihr ſeht, daß er mein Pferd zäumet.“ „Weiter!“ ſagte Lvignac, indem er aufmerkſam Herrn von Carmainges betrachtete, deſſen Geſicht und Haltung ihm beſſer zu gefallen ſchienen als die der Andern. „Das iſt wenigſtens ein erttäglicher“ murmelte er vor ſich hin. Ernauton ſchwang ſich wieder auf ſein Pferd; der Page hatte dies ohne Ziererei, aber auch nicht langſam be⸗ reits gethan und befand ſich nun unter der Gruppe der fruͤher Vorgelaſſenen. „Macht das Thor auf“, rief Loignac,„und laßt dieſe ſechs Perſonen nebſt den zu ihnen Gehoͤrenden hinein.“ „Schnell, Herr, in den Sattel und vorwärts!“ ſagte der Page. Ernauton gab nochmals dem Einfluſſe nach, welchen der ſeltſame junge Mann auf ihn ausübte und da das Thor unterdeß geoͤffnet worden war, gab er ſeinem Pferde die Sporen und ritt unter der Leitung ſeines Pagen mitten in die Vorſtadt St. Antoine hinein. Loignac ließ hinter den ſechs Auserwählten das Thor zur großen Unzufriedenheit der Menge wieder ſchließen, welche nach Abmachung jener Förmlichkeit ebenfalls hinein⸗ —— — c„— en or die hor 39 gelaſſen zu werden hoffte und nun, da ſie ſich getäuſcht ſah, ihren Aerger lärmend kundgab. Miton, der nach einem tollen Laufe querfeldein wieder etwas Muth geſammelt und vorſichtig zuruͤckgekommen war, bis er ſich wieder an der Stelle befand, von wo er entlaufen war, wagte einige Klagen über die Willkür, mit welcher die Soldaten den freien Verkehr hemmten. Friard, der endlich ſeine Frau wiedergefunden hatte und in ihrem Schutze nichts mehrzu fürchten ſchien, erzählte ſeiner Ehehälfte die Tagesneuigkeiten und erläuterte ſie nach ſeiner Art. Die Reiter endlich, deren Einen der kleine Page May⸗ neville genannt hatte, berathſchlagten, ob ſie nicht an der Stadtmauer hinreiten ſollten, weil ſie da vielleicht eine Breſche fänden, durch die ſie in die Stadt hineinreiten koͤnnten, ohne ſich langer an dem Thore St. Antoine oder einem andern aufhalten zu müſſen. Robert Briquet bemerkte als Philoſoph, der unterſucht und als Gelehrter, welcher aus allem die Quinteſſenz zieht, daß die vollſtändige Entwickelung des Auftrittes, welchen wir geſchildert haben, dicht am Thore erfolgen wurde und daß er aus den Geſprächen der Reiter, der Buͤrger und Bauern hoͤchſt wahrſcheinlich nichts Neues erfahre. Er naͤherte ſich alſo ſo ſehr als moglich einem Haͤus⸗ chen, in welchem der Thorwaͤrter ſich aufhielt und das zwei Fenſter hatte, eines nach der Stadt, eines nach dem Freien zu. Kaum hatte er ſeinen neuen Beobachtungspoſten ein⸗ genommen als ein Mann, der im Galopp aus dem Innern der Stadt gekommen war, vom Pferde ſprang, in das Häuschen hineintrat und ſich am Fenſter zeigte. „Ah!“ ſagte Loignac. „Da bin ich, Herr von Loignac“, ſagte der Fremde. „Woher kommt Ihr?“ „Von dem Thor St. Victor.“ „Euere Liſte?“ „Fuͤnf.“ „Die Karten?“ „Hier.“ Loignac nahin die Karten, prüfte ſie und ſchrieb auf eine Schiefertafel, die zu dieſem Zwecke bereit zu liegen ſchien, die Zahl 5. Der Bote entfernte ſich, aber noch waren kaum funf Minuten vergangen als zwei andere Boten ankamen. Loignac fragte einem nach dem andern und immer durch das Fenſter. Der eine kam von dem Thor Bourdelle und brachte die Zahl 4, der andere vom Temple⸗Thor und meldete die Zahl 6.. Loignar ſchrieb dieſe Zahlen ſorgfaͤltig auf der Schiefer⸗ tafel auf. Die Boten verſchwanden wie der erſte und wurden nach und nach von vier andern erſetzt. Der erſte derſelben fam von dem Thore St. Denis mit der Zahl 5, der zweite von dem Thor St. Jacques mit der Zahl 3, der dritte vvn dem Thor St. Honore mit der Zahl 8, der vierte von dem Thor Montmartre mit der Zahl 4. Endlich erſchien noch 4 einer von dem Thor Buſſy mit der Zahl 4. 4 41 3 Darauf ſchrieb Loignac die Orte und die Zahlen hin⸗ tereinander auf Thor St. Victor. Thor Bourdelle Temple⸗Thor Thor St. Denis Thor St. Jacques Thor St. Honors.. Thor Montmartre Thor Buſſy uf Thor St. Antoine c o c c S Zuſammen 45. „Fünfundvierzig!“ wiederholte er und dann rief er mit nf ſtarker Stimme:„jetzt macht das Thor auf, damit hinein⸗ gehe wer Luſt hat.“ Das Thor wurde geoffnrt und alsbald drängten ſich te Pferde, Maulthiere, Frauen, Kinder, Wagen in die Stadt 33 hinein auf die Gefahr hin zwiſchen den Pfeilern der Zug⸗ bruͤcke im Gedraͤnge erdruͤckt zu werden. 6 Binnen einer Viertelſtunde verlief ſich durch die große St. Antoine⸗Straße der ganze Volkshaufe, welcher ſeit dem Morgen vor dem Thore ſich geſammelt und gewartet hatte. Der Lärm legte ſich allmälig und Herr von Loignac ite ſtieg mit ſeinen Leuten wieder zu Pferd. on Robert Briquet, welcher der erſte geweſen war und nun der letzte blieb, ſtieg phlegmatiſch über die Kette der och Zugbrücke und ſprach vor ſich hin: „Alle dieſe Leute wollten etwas ſehen und ſie haben nichts geſehen; ich, der ich nichts ſehen wollte, habe allein etwas geſehen. Es iſt lockend; alſo weiter; warum aber? Ich weiß wahrhaftig ſchon genug. Wird mir es von Vor⸗ theil ſein, den Herrn von Saledde viertheilen zu ſehen? Gewiß nicht. Ich habe ja übrigens auch der Politik ent⸗ ſagt. Fort zum Mittagseſſen. Die Sonne wuͤrde auf mit⸗ tag zeigen, wenn ſie ſchiene. Es iſt Zeit.“ Und er trat mit ſeinem ruhigen ſchadenfrohen Lüheln n die Stadt hinein. Viertes Kapitel. Die Loge Sr. Maj. des Königs Heinrich IMII. am Gréveplatze. Wenn wir jetzt der volkreichen Straße des Stadttheils St. Antvine bis zum Groveplatze folgten, zu dem ſie fuhrt, wuͤrden wir unter der Volksmenge viele unſerer Bekannten finden; während aber alle dieſe armen Buͤrger, die weniger klug ſind als Robert Briquet, hintereinander hergehen und geſtoßen und getreten werden, ziehen wir vor, uns ſo⸗ fort auf den Platz ſelbſt zu verſetzen und nachdem wir das Schauſpiel mit einem Blicke gemuſtert haben, uns fur kurze Zeit der Vergangenheit zuzuwenden, um die Urſache zu ſuchen, nachdem wir die Wirkung betrachtet haben. Man kann wohl ſagen, daß Meiſter Friard Recht hatte als er die Zuſchauer, die ſich auf dem Greveplatze und in der Umgegend ſammeln wurden, um das Schauſpiel mit anzuſehen, das man da vorbereitete, auf wenigſtens hun⸗ derttauſend ſchaͤtzte. Ganz Paris hatte verſprochen am ——„— —„— c— 43 Stadthauſe zu ſein und Paris iſt ſehr puͤnktlich. Paris ver⸗ fehlt kein Feſt und es iſt ein Feſt, ſogar ein außerordentliches Feſt, der Tod eines Mannes, wenn er ſo viele Leiden⸗ ſchaften zu erregen gewußt hat, daß einige ihm fluchen, andere ihn preiſen, waͤhrend die Meiſten ihn beklagen. Der Zuſchauer, der von irgend einer Seite her auf den Platz gelangte, bemerkte zuerſt Hatſchiere des Criminal⸗ richters Tanchou, eine ziemliche Anzahl Schweizer und Rei⸗ ter um ein kleines etwa vier Fuß hohes Schaffot. Dieſes Schaffot, welches niedrig war, ſo daß es nur von dicht dabei Stehenden oder von denen geſehen werde konnte, welche glücklicherweiſe einen Platz an einem Fenſter gefun⸗ den hatten, erwartete den armen Suͤnder, deſſen ſich ſeit dem Morgen die Moͤnche bemaͤchtiget hatten und für den, wie das Volk energiſch ſich ausdrückte, ſeine Pferde zu der großen Reiſe bereit ſtanden. Unter dem Vordache des erſten Hauſes nach der Snz⸗ Mouton zu, auf dem Platze, ſtanden wirklich vier ſtarke Pferde mit zottigen Beinen, ſcharrten mit Ungeduld auf dem Pflaſter und biſſen einander wiehernd zum großen Entſetzen der Frauen, welche dieſe Stelle freiwillig ge⸗ wählt hatten oder mit Gewalt daher gedraͤngt worden waren. Dieſe Pferde waren noch ungebraucht; ſie hatten in den graſigen Ebenen ihrer Heimath kaum einigemale zufallig aufihrem breiten Ruͤcken das bausbäckige Kind eines Bau⸗ ers getragen, der ſich auf dem Heimwege von dem Felde, bei Sonnenuntergange, verſpaͤtiget. Nach dem leeren Schaffote, nach den wiehernden Pferden zog vor allem das Hauptfenſter im Stadthauſe, das mit rothem Sammet und Gold ausgeſchlagen war und an deſſen Balcon ein Sammetteppich mit dem koniglichen Wappen hing, die Aufmerkſamkeit der Menge fortwährend an. Dieſes Fenſter war die Loge des Koͤnigs. Es ſchlug eben halb zwei Uhr als dieſes Fenſter, das dem Rahmen eines Gemäldes glich, ſich mit Perſonen füllte, die ſich da aufſtellten. Zuerſt erſchien der Konig Heinrich III., bleich, faſt kahl, ob er gleich zu dieſer Zeit erſt vier- bis infunteiß Jahre zahlte. Sein Auge lag tief in der dunkeln v und ſein Mund zitterte in nervoͤſen Zuckungen. Er trat finſter, mit ſtierem Blicke, zugleich majeſtätiſch und wankend, ſeltſam in ſeiner Tracht, ſeltſam in ſeiner Haltung vor, mehr wie ein Schatten denn ein lebendiges Weſg mehr Geſpenſt als Koͤnig, ein immer unbegreifliches und von ſeinen Unterthanen unbegriffenes Räthſel, die, wenn ſie ihn erſcheinen ſahen, nicht wußten, ob ſie für ſeine Seele beten oder rufen ſollten:„es lebe der Konig!“ Heinrich trug ein ſchwarzes ſchwarz verziertes Wamms; er hatte weder einen Orden noch Eoelſteine an ſich; nur an ſeinem Barret funkelte ein Diamant, der drei kurze krauſe Federn hielt. Auf der linken Hand hatte er einen kleinen ſchwarzen Hund, den ihm Marie Stuart aus ihrem BGefäͤngniſſe geſchickt hatte und auf deſſen ſeidenweichem dele ſeine feinen weißen Finger glaͤnzten wie Alabaſter. Hinter ihm erſchien Katharina von Medici, vom Alter bereits gebeugt, denn die Koͤnigin Mutter konnte zu dieſer Zeit ſechs⸗ bis ſiebenundſiebzig a 6 aber ₰ mit ſſen pen das nen faſt ßig iſch ner ges hes die, ine n6; nur rze nen tem em re lter eſet och v trug ſie das Haupt feſt und gerade; noch warf ſie unter den durch die Gewohnheit zuſammengezogenen Brauen ſcharfe Blicke hervor und trotz dieſem Blicke war ſie immer kalt und bleich wie ein Wachsbild in ihrer ewigen Trauer⸗ kleidung. Gleichzeitig zeigte ſich das ſanfte melancholiſche Ge⸗ ſicht der Königin Louiſe von Lothringen, der Gemahlin Heinrichs III., der ſcheinbar unbedeutenden, aber in ihrem unruhigen und unglücklichen Leben treuen Gefährtin. Die Königin Katharina von Medici ging zu einem Triumphe. Die Koͤnigin Louiſe wohnte einer Hinrichtung bei. Der Konig Heinrich that da ein Geſchaͤft ab. Dieſe dreifache Bedeutung erkannte man auf der ſtolzen Stirn der erſtern, in den ergebenen Zuͤgen der zweiten und auf dem truͤben gelangweilten Geſichte des dritten. Hinter den erlauchten Perſonen, die das Volk mit Ver⸗ wunderung ſo bleich und ſtumm fand, kamen zwei ſchoͤne junge Maͤnner, der eine kaum zwanzig, der andere hochſtens fünfundzwanzig Jahre alt. Sie hielten einander am Arme trotz der Etikette, welche verbietet, daß die Menſchen vor den Koͤnigen— wie in der Kirche vor Gott— ſich an etwas anzuhalten ſcheinen. Sie lächelten,— der juͤngere mit unbeſchreiblicher Traurigkeit, der ältere mit bezaubernder Anmuth. Sie waren beide ſchoͤn, beide groß; ſie waren beide Brüder. Der jungere hieß Heinrich von Joyeuſe, Graf von Bouchage; der andere Herzog Anna von Joyeuſe. Vor kurzem noch war er am Hofe nur unter dem Namen Arques bekannt geweſen; der Konig Heinrich aber, der ihn uͤber alles liebte, hatte ihn ſeit einem Jahre zum Pair von Frankreich gemacht und die Grafſchaft Joyenſe zum Her⸗ zogthume erhoben. n Das Volk fuhlte gegen dieſen Guͤnſtling den Haß nicht, wie ſonſt gegen Maugiron, Quelus und Schomberg. Epernon allein hatte dieſen Haß geerbt. 2 Das Volk empfing alſo den Fürſten und die beiden Briüder mit nicht eben lautem, aber ſchmeichelhaftem Zurufe. a Heinrich gruͤßte die Menge ernſt und ohne Lächeln, dann kußte er ſein Huͤndchen auf den Kopf, wendete ſich zu wi den jungen Männern um und ſagte zu dem ältern: ſin „Lehnt Euch an die Tapete und ermüdet Euch nicht 4 durch gerades Stehen; es dauert vielleicht lange.“ kot Ich hoffe, Sire“, unterbrach ihn Katharine,„daß es Vo lange dauere und gut werde.“ urt „Ihr glaubt alſo, Mutter, daß Saleäde ſprechen werde 2 ½ fragte Heinrich. Ka „Gott wird hoffentlich unſern Feinden dieſe Verlegen⸗ Tr heit bereiten. Ich ſage unſere Feinde, denn es ſind auch Guere Feinde, meine Tochter“ ſetzte ſie zu der Königin ge⸗„ wendet hinzu, die erbleichte und ihre ſanften Augen nie, Kör verſchlug.. Der Konig ſchuttelte zweifelnd das Haupt, dann wen⸗ dete er ſich zum zweitenmale zu Joheuſe und als er ſah, daß ſage dieſer trotz ſeiner Aufforderung noch immer gerade daſtand, vaß ſprach er: ues ber von er aß rg. den ufe. eln, zn icht en uch ge⸗ nie⸗ ven⸗ daß and, 47 „Anne, thut was ich geſagt habe; lehnt Euch an die Mauer oder ſtuͤtzt Euch auf meinen Stuhl.“ „Cw. Majeſtät iſt wirklich ſehr guͤtig“, entgegnete der junge Herzog,„und ich werde Euere Erlaubniß nur be⸗ nutzen, wenn ich wirklich ermüdet bin.“ „Und wir warten nicht, bis Ihr es ſeid, nicht wahr, Bruder?“ ſagte Heinrich ganz leiſe. „Seid unbeſorgt“, entgegnete Anne mehr mit den Augen als dem Munde. „Mein Sohn“, ſprach Katharina,„ſehe ich da unten, an der Ecke des Kai, nicht Tumult?“ V „Welch' ſcharfes Auge, Mutter! Ja, ich glaube wirklich, daß Ihr Recht habt. Wie ſchlecht meine Augen ſind und ich bin doch noch nicht alt!“ „Sire“, unterbrach ihn Joyeuſe,„das Gedränge dort kommt daher, daß die Compagnie der Hatſchiere das Volk auf den Platz treibt. Wahrſcheinlich kommt der Ver⸗ urtheilte an.“ „Wie ſchmeichelhaft iſt es doch für Könige“, ſagte Katharina,„einen Mann viertheilen zu ſehen, der einen Tropfen Königsblut in ſeinen Adern hat!“ Ihr Blick fiel bei dieſen Worten auf Louiſe. „Ich bitte Euch, ſchont mich“, antwortete die junge Konigin in einer Verzweiflung, die ſie vergebens zu ver⸗ heimlichen ſuchte;„nein, dieſer Unmenſch gehort nicht zu meiner Familie und Ihr wolltet dieß gewiß auch nicht ſagen.“ „Gewiß nicht“ ſprach der Koͤnig;„ich bin uberzeugt, daß meine Mutter dies nicht ſagen wollte.“ 48 „Aber“ entgegnete Katharina bitter,„er gehoͤrt zu den Lothringern und die Lothringer ſind die Euerigen; ich glaube wenigſtens, dieſer Salckde iſt mit Euch verwandt und ſogar ziemlich nahe.“ „Das heißt“ unterbrach ſie Joyeuſe mit ehrlichem Un⸗ willen, welcher der ihn auszeichnende Charakterzug war und ſich bei jeder Gelegenheit gegen jeden ausſprach, wer es auch ſein mochte, der ihn erregt hatte,„das heißt, er iſ vielleicht mit Guiſe verwandt, nicht aber mit der Konigin von Frankreich.“ 5 „Ah, Ihr ſeid da, Herr von Joyeuſe“, entgegnete Ka⸗“ tharina mit unbeſchreiblichem Stolze, indem ſie den Wider⸗ ſpruch mit einer Demuͤthigung erwiederte:„ach, Ihr ſeid da? Ich hatte Euch nicht geſehen.“ 3 „Ich bin hier nicht blos mit dem Vorwiſſen, ſondern auf Befehl des Konigs“, Madame“, antwortete Joyeuſe, indem er Heinrich fragend anſah.„Es iſt nicht etwas ſt Angenehmes einen Menſchen viertheilen zu ſehen, daß ma zu einem ſolchen Schauſpiele ginge ohne genoͤthiget ſein.“ 4 „Joyeuſe hat Recht“ ſagte Heinrich;„es handelt ſich hier weder um die Lothringer, noch um Guiſe, am allm wenigſten um die Konigin; wir ſind blos hier, um Hert von Salcide, das heißt einen Moͤrder, der meinen Brud 1 umbringen wollte, zerreißen zu ſehen.“ 3 „Ich habe heute Ungluͤck,“ ſagte Katharina, indemſt plötzlich nachgab, was ihre gewöhnliche Taktik war; preſſe meiner Tochter Thraͤnen aus und glaube gar⸗ Gut verzeihe mir, ich reize Herrn von Joheuſe zum Lachen“„ 3 3 — 49 den„Ach, Madame,“ rief Louiſe aus, indem ſie die Haͤnde ich Katharinas ergriff,„iſt es moglich, daß Ew. Maj. meinen andt Schmetz verkennete?“ „Und meine tiefe Verehrung?“ ſetzte Herr von Joyeuſe Un⸗. hinzu, indem er ſich auß die Lehne des königlichen Seſſels war neigte. wer„Es iſt wahr,“ entgegnete Katharina, indem ſie einen er iſt letzten Pfeil in das Herz ihrer Schwiegertochter zu bohren igin verſuchte,„ich ſollte wiſſen, wie ſchmerzlich es für Euch iſt, „ mein liebes Kind, die Complotte Eurer Verwanbten von Ka⸗⸗ Lothringen enthuͤllt zu ſehen. Obwohl Ihr keine Schuld ider⸗ daran habt, leidet Ihr doch nichts deſto weniger durch dieſe ſeid Verwandtſchaft.“ „Das iſt allerdings-einigermaßen waht, Mutter,“ nder ſagte der Konig, der Alle zu befriedigen ſuchte,„denn vies⸗ euſ mal wiſſen wir endlich doch, woran wir in Bezug auf die vas ſt Theilnahme des Herrn von Gniſe an dieſem Complotte et ze„Aber, Sire,“ unterbrach ihn Louiſe von Lothringen kühner als bisher,„Ew. Maj. weiß, daß ich meiße r lt ſic wandten ganz unten am Throne gelaſſen habe, als ich. Kö⸗ aller nigin von Frankreich wurde.“ Hern„Seht, Sire,“ fiel Anne von Joyenſe ein,„ich habe grud mich nicht geirrt; da erſcheint der Verunheilte auf dem Platze. Welches abſcheuliche Geſicht!“ dem ſi„Er fuͤrchtet ſich, ſagte Katharina;„er wird ſpre⸗ 3„i6 chen.“ Gu„Wenn er die Kraft dazu hat,“ meinte der Konig. en“„Seht nur, ſein Kopf wankt, als wäre er bereits todt.“ Die Fünfundrietzig. 1. 4 50 „Ich bleibe dabei, Sire,“ ſagte Joyeuſe,„es iſt gräͤßlich.“ „Wie ſoll auch ein Mann ſchon ſein, der ſo haͤßliche Gedanken hegte? Habe ich Euch den geheimen Zu⸗ ſammenhang zwiſchen dem Koͤrper und der Seele nicht erklärt, wie ihn Hippokrates und Galen ſich vorſtellten und erklaͤrten?“ „Ich leugne vas nicht, Sire, aber ich bin kein ſo gro⸗ ßer Gelehrter wie Ihr und habe bisweilen geſehen, daß ſo haͤßliche Maͤnner vortreffliche tapfere Soldaten waren. Nicht wahr, Heinrich? Joyeuſe drehete ſich nach ſeinem Bruder um, als wolle er die Zuſtimmung deſſelben zu Hilfe rufen, Heinrich aber hatte die Augen offen, ohne zu ſehen, und horte, ohne etwas zu verſtehen; er war tief in Gedanken verſunken. Der Koͤnig antwortete deshalb fur ihn. Mein Gott, lieber Anne,“ ſagte er,„wer hat geſagt, daß er nicht muthig iſt? Er iſt es wie ein Bär, wie ein Wolf, wie eine Schlange. Erinnert Ihr Euch nicht an ſeine Art? Er hat in ſeinem Hauſe einen normanniſchen Edelmann verbrannt, der ſein Feind war. Er hat ſich zehn⸗ mal geſchlagen und drei ſeiner Gegner getoͤdtet. Man hat ihn auf der Falſchmünzerei ergriffen und deshalb zum Tode verurtheilt.“ „Aber ſo,“ ſiel Katharina von Medici ein,„da durch Vermittelung des Herzogs von Guiſe, Eures Vetters meine Tochter, begnadiget wurde.“ Die Krafi Louiſens war gebrochen; ſie ſeufzete nur. 51 iſt„Nun,“ ſagte Joyenſe,„er hat ein thätiges Leben ge⸗ führt, das ſchnell zu Ende kommen wird.“ h 3ch hoffe im Gegentheil, Herr von Joyeuſe,“ fiel u⸗ Katharina ein,„daß es ſo langſam als moͤglich werde zu cht Ende gebracht werden.“ nd„Madame,“ erwiederte Joyeuſe kopfſchuttelnd,„ich . ſehe da unten ſo gute Pferde, die ſo ungeduldig zu ſein ſcheinen, müßig daſtehen zu muͤſſen, daß ich an keinen ſehr aß langen Widerſtand der Muskeln, Sehnen und Knorpel des 8 Herrn von Salcede glaube.“ „Allerdings, wenn man nicht im voraus dafuͤr geſorgt haͤtte; aber mein Sohn iſt barmherzig,“ ſetzte die Koͤnigin Me mit dem ihr eigenen Lächeln hinzu;„er wird den Knechten ber befehlen, die Pferde nur ſchwach anziehen zu laſſen.“ „Ich hoͤrte Euch aber doch dieſen Morgen zu der Frau von Mercveur ſagen,“ warf die Königin ſchuͤchtern ein, „ich glaube es wenigſtens,„daß der Ungluͤckliche nicht zwei gt. Zuge aushalten würde.“ ein„Ja, wenn er ſich gut beträgt,“ ſagte Katharina in an dieſem Falle wird er ſo raſch als moͤglich befoͤrdert werden; hen aber Ihr verſteht mich, mein Kind, und ich wollte, Ihr hu⸗ könntet es ihm ſagen laſſen, da Ihr Euch fur ihn intereſ⸗ he ſirt: wenn er ſich gut beträgt. Es liegt ganz in ſeiner ode Hand.“ 6.„Da mir Gott nicht die Kraft wie Euch ſagte die Koͤnigin,„ſo habe ich keinen Mu ers, ſehen.“ ₰„So ſehet nicht hin, meine Tochter.“ Louiſe ſchwieg. gegeben hat,“ th, leiden zu 52 Der Konig hatte nichts gehort; er war ganz Auge, denn man beſchaͤftigte ſich damit, den Verurtheilten von dem Karren hinunter zu heben, der ihn hergebracht hatte, und ihn auf das kleine Schaffot zu legen. Unterdeſſen hatten die Hellebardiere, die Hatſchiere und die Schweizer mehr Platz gemacht, ſo daß um das Schaffot her ſo viel leerer Raum war, daß alle Blicke Salcide trotz der geringen Hoͤhe des Schaffots erkennen konnten. Salckde mochte vier bis fünf und dreißig Jahre alt ſein und war ſtark und kraͤftig; das bleiche Geſicht, auf dem einige Tropfen Blut und Schweiß ſtanden, erhielt, als er ſich umblickte, einen unbeſchreiblichen Ausdruck bald von Hoffnung, bald von Angſt. 3 Gleich anfangs hatte er zu der koniglichen Loge hin⸗ aufgeblickt, aber die Augen auch ſofort wieder abgewendet als hätte er erkannt, daß für ihn von dort ſtatt der Rettung der Tod komme. Er ſuchte in der Menge, im Schooße dieſes ſtürmiſchen Meeres, mit glähenden Blicken und bebenden Lippen. Die Menge aber ſchwieg. Salcede war kein gemeiner Morder. Zuerſt ſtammie er von guter Familie, weil Katharina von Mediei, die ſich ſehr gut auf Genealogie verſtand, einen Tropfen König blut in ſeinen Adern entdeckt hatte, und vann war er auch ein nicht unberuhmter Krieger geweſen. Die Hand, welcht jetzt von dem beſchimpfenden Stricke gebunden war, hatt tapfer den Degen geführt und das bleiche Haupt, an des ſich jetzt die Schrecken des Todes ſpiegelten, Schrecken 53 e, welche der Verurtheilte wahrſcheinlich tief in ſeine Seele* n zurückgedrängt, wenn nicht die Hoffnung zu viel Platz darin e, eingenommen haͤtte, war reich an großartigen Plaͤnen ge⸗ weſen. re Darnach galt Salcede vielen Zuſchauern fur einen as Helden, vielen Andern für ein Opfer. Einige hielten ihn cke wohl fuͤr einen Moͤrder, aber die Menge ſtraͤubt ſich, en diejenigen zu verachten und als gewoͤhnliche Verbrecher zu behandeln, welche die großen Mordthaten verſuchten, die alt das Buch der Geſchichte gleichzeitig mit dem der Juſtiz uf aufzeichnet. lt, So erzählte man in der Menge, daß Salcide aus einer ald Kriegerfamilie ſtamme, daß ſein Vater den Cardinal von Lothringen tapfer bekämpft und deshalb einen glorreichen in⸗ Tod bei der Metzelei der St. Bartholomäusnacht gefunden det, habe, daß aber der Sohn dieſen Tod vergeſſen oder ung vielmehr ſeinen Haß einem gewiſſen Ehrgeize, der das Volk immer beſticht, geopfert und ſich mit Spanien und hen den Guiſen verbunden habe, um die entſtehende Souve⸗ rainetät des von den Franzoſen ſo verhaßten Herzogs von Anjon in Flandern zu vernichten. mt Man ſprach von ſeiner Verbindung mit Baza und ſich Balouin, den muthmaßlichen Urhebern des Complottes, ig⸗ welches dem Herzoge Franz, dem Bruder Heinrichs III., auch beinahe das Leben gekoſtet haͤtte; man ſchilderte die Klug⸗ elcht heit, welche Salcide bei dem gauzen Prozeſſe gezeigt habe, ait um dem Rade, dem Galgen und dem Scheiterhaufen zu denm entgehen, auf welchem das Blut ſeiner Mitſchuldigen noch ce rauchte. Er allein hatte, wie die Lothringer ſagten, durch falſche und ſchlan erſonnene Ausſagen ſeine Richter in dem Maße irregeleitet, daß der Herzog von Anjon, um noch mehr zu erfahren, ihm vorläufig das Leben ſchenkte und ihn nach Frankreich bringen ließ, ſtatt ihn in Bruͤſſel oder Antwerpen enthaupten zu laſſen. Freilich war er am Ende zu demſelben Reſultate gelangt, Saleède hoffte aber, auf der Reiſe, dem Zwecke ſeiner ſogenannten Entdeckungen, von ſeiner Partei entführt und gerettet zu werden. Zu ſeinem Ungluͤcke hatte er die Rechnung ohne Herrn von Bellikvre gemacht, welcher ihn nach Paris bringen ſollte und ſo gut Wache hielt, daß weder Spanier, noch Lothrin⸗ ger, noch Leute von der Ligue auf eine Stunde weit ſich ihm naͤhern konnten. Im Gefängniſſe hatte Salcide gehofft, bei der Folter hatte er gehofft, noch auf dem Karren, auf dem Schaffot hoffte er. Es fehlte ihm keineswegs an Muth oder Er⸗ gebung in ſein Schickſal; aber er gehoͤrte zu den lebhaften Naturen, die ſich bis zum letzten Hauche mit der Zaͤhigkeit und Macht wehren, welche die menſchliche Kraft bei unter⸗ geordneten Perſonen nicht immer erreicht. Dem Koͤnige entging dieſer unabläſſige Gedanke Salcddes eben ſo we⸗ nig als dem Volke. Katharina ihrer Seits beobachtete mit der ängſtlichſten Aufmerkſamkeit auch die geringſte Bewegung des ungluͤck⸗ lichen jungen Mannes, ſie war aber zu weit entfernt, als daß ſie der Richtung ſeiner Blicke und dem fortwaͤhrenden Spiele derſelben haͤtte folgen können. Bei der Ankunft des Verurtheilten erhoben ſich 1 durch Zanberei in der Menge Männer, Weiber und Kin er fot en eit ge ve⸗ ten ick als den wie der 55 uber einander; jedesmal wenn ein neuer Kopf uͤber der beweglichen Fläche erſchien, die das wachſame Auge Sal⸗ cedes bereits gemuſtert hatte, pruͤfte und betrachtete er ihn einen Augenblick, der aber dem aufgeregten Manne, in welchem die ſo koſtbar gewordene Zeit alle geiſtige Fähig⸗ keit aufs äußerſte ſteigerte, ſo viel ſagte wie eine einſtuͤn⸗ dige Beobachtung. Dann wurde der Blick, den Salcède auf das neue un⸗ bekannte Geſicht geworfen hatte, wieder duͤſter und wen⸗ dete ſich nach einer andern Richtung hin. Der Henker hatte ſich ſeiner unterdeß bemächtiget und befeſtigte ihn mitten am Leibe an die Mitte des Schaffots. Gleichzeitig traten auf den Wink Tanchons, des Cri⸗ minalrichters, der die Hinrichtung leitete, zwei Hatſchiere hervor und gingen durch die Menge hindurch, um die Pferde zu holen. Unter andern Umſtänden und zu anderm Zwecke wuͤr⸗ den die Hatſchiere in dieſem dichten Gedraͤnge keinen Schritt haben thun können, aber die Menge wußte, was die beiden Männer thun ſollten, ſie drückte ſich zuſammen und machte Platz, wie man auf einer ganz gefuͤllten Buͤhne den Schauſpielern, welche die Hauptrollen ſpielen, auch immer Platz macht. In dieſem Augenblicke entſtand ein Geraͤuſch an der Thuͤr der königlichen Loge und der Huiſſier, welcher die Tapetenthür emporhob, meldete den Majeſtäten, daß der Praͤſident Briſſon nebſt vier Räͤthen, darunter der Referent des Prozeſſes, die Ehre zu haben wuͤnſchten, einen Augenblick wegen der Hinrichtung mit dem Koͤnige zu ſprechen. „Es trifft ſich gut, ſagte der Koͤnig, der ſich dann zu Katharinen wendete und hinzuſetzte:„Nun, Mutter, Ihr werdet befriediget werden.“ Katharina nickte leicht zum Zeichen ihrer Beiſtimmung mit dem Kopfe. „Laßt die Herren eintreten,“ ſagte der Koͤnig. „Sire, eine Gnade!“ bat Joyeuſe. „Sprecht, Joyenſe,“ entgegnete der Koͤnig,„und wenn es nicht Gnade fuͤr den Verurtheilten iſt..“ „Seid unbeſorgt, Sire.“ „Ich hoͤre.“ „Meinen Bruder und mich verletzt Eines beſonders, die rothen und ſchwarzen Gewaͤnder; erlaubt, Majeſtät, daß wir uns entfernen duͤrfen.“ „Wie, Joyenſe, Ihr nehmet ſo geringen Antheil an meinen Angelegenheiten, daß Ihr Euch in einem ſolchen Augenblicke entfernen wollet?“ entgegnete Heinrich. „Glaubt das nicht, Sire. An Allem, was Ew. Maje⸗ ſtat betrifft, nehme ich den innigſten Antheil; aber ich bin nun einmal ſo erbaͤrmlich geſchaffen und das ſchwaͤchſte Weib iſt in dieſem Punkte ſtärker als ich. Ich kann keine Hinrichtung mit anſehen, ohne acht Tage darnach krank zu ſein. Und da ich der Einzige bin, der am Hoſe lacht, ſeit mein Bruder, ich weiß nicht, warum, nicht mehr lacht, ſo bedenkt, was aus dem armen, ſchon ſo truͤbſeligen Louvre werden wurde, wenn ich ihn noch trubſeliger machen ſollte. Habt alſo die Gnade, Sire..“ —— — „Du willſt mich verlaſſen, Anne?“ ſprach Heinrich mit einem Tone unbeſchreiblicher Traurigkeit. „Aber, Sire, Ihr verlangt auch zu viel. Eine Hin⸗ richtung auf dem Groveplatze, d. i. Rache und Schauſpiel zu gleicher Zeit, und welches Schauſpiel! ein Schauſpiel, das Eure ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt.— Und das Schauſpiel genugt Euch nicht; Ihr wollt Euch auch noch an der Schwache Eurer Freunde weiden!“ „Bleibe, Joyeuſe, bleibe. Du wirſt ſehen, daß es die Muͤhe lohnt.“ „Ich zweifle nicht daran; ich fürchte ſogar, wie ich Ew. Majeſtät ſchon ſagte, das Intereſſe ſteigert ſich ſo hoch, daß ich es nicht ertragen kann.. Ihr erlaubt alſo, nicht wahr, Sire?“ Und Joyeuſe machte eine Bewegung nach der Thuͤr zu. „So thu', wie Dir beliebt,“ ſagte Heinrich III.,„es iſt einmal mein Schickſal, allein zu ſtehen.“ Und der Koͤnig wandte ſich mit gerunzelter Stirn zu ſeiner Mutter, weil er füͤrchtete, daß ſie das Geſpraͤch zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem Guͤnſtlinge gehoͤrt habe. Katharina beſaß ein ſo gutes Gehoͤr wie ſcharfes Auge; wenn ſie aber nicht hoͤren wollte, war auch fein Ohr tauber als das ihrige. Joyeuſe hatte ſich unterdeß an das Ohr ſeines Bru⸗ ders geneigt und zu ihm geſagt: „Schnell, ſchnell, Dubonchage waͤhrend die Raͤthe ein⸗ treten, ſchluͤpfe hinter ihre weiten Gewaͤnder, ſo daß wir hinauskommen. Jetzt ſagt der Koͤnig ja, nach fuͤnf Minu⸗ ten wird er nein ſagen.“ 58 „Ich danke, Bruder“, antwortete der junge Mann; „ich ſehne mich wie Du hinweg.“ Man ſah wirklich hinter den Herren Räthen die bei⸗ den Jünglinge wie zwei Schatten fluͤchtig hingleiten. Der Thuͤrvorhang ſank ſchwer hinter ihnen nieder. Als der Koͤnig ſich umdrehete, waren ſie bereits vet⸗ ſchwunden. Heinrich ſeufzete und kußte ſein Huͤndchen. Fünftes Kapitel. D i e i Die Raͤthe ſtanden ſchweigend im Hintergrunde des Koͤnigszimmers und warteten auf die Anrede des Koͤnigs. Er ließ ſie einen Angenblick warten, dann wendete er ſich zu ihnen und fragte: „Nun, meine Herrn, was giebt es Neues? Guten Tag, Herr Praͤſident Briſſon.“ „Sire“, antwortete der Praͤfident mit ſeinem unge⸗ zwungenen wuͤrdevollen Weſen, das man am Hofe ſeine Hugenotten⸗Artigkeit nannte,„wir kommen, wie es Herr⸗ von Thon gewuͤnſcht hat, Ew. Majeſtät zu bitten, dem Schuldigen das Leben zu laſſen. Er hat offenbar Ent⸗ deckungen zu machen und man wurde ſie erhalten, wenn man ihm das Leben verſpraͤche.“ „Aber“, fiel der Koͤnig ein,„hat man ſie nicht ſchon erhalten, Herr Praſident?“ „ 59 „Ja, Sire, zum Theil und genuͤgt dies Ew. Majeſtät?“ „Ich weiß, was ich weiß.“ „Dann weiß Ew. Majeſtät, woran ſie uber die Theil⸗ nahme Spaniens an dieſer Sache iſt.“ „Spaniens, ja, Herr Präſident, und ſelbſt mehrerer anderer Maͤchte.“ „Es dürfte von Wichtigkeit ſein, Sire, dieſe Theil⸗ nahme feſtzuſtellen.“ „Auch hat der König die Abſicht, Herr Präſident“ fiel Katharina ein,„die Hinrichtung zu verſchieben, wenn der Schuldige eine Beichte gleich den Ausſagen vor dem Rich⸗ ter unterzeichnet, welcher ihn foltern ließ.“ Briſſon ſah den König fragend an. „Das iſt allerdings meine Abſicht“, ſagte Heinrich, „und ich verheimliche ſie nicht länger; Ihr könnt Euch da⸗ von überzeugen, Herr Briſſon, wenn Ihr durch den Ober⸗ richter mit dem Verbrecher reden laſſet.“ „Sonſt hat Ew. Majeſtät nichts mehr zu befehlen?“ „Nichts.. Aber keine Abweichungen in den Geſtänd⸗ niſſen, ſonſt nehme ich mein Wort zuruͤck. Sie ſind be⸗ kannt und muͤſſen vollſtandig ſein.“ „Ja, Sire. Mit den Namen der betheiligten Per⸗ ſonen?“ „Mit den Namen, mit allen Namen.“ „Selbſt wenn dieſe Namen durch das Geſtändniß des Schuldigen mit Hochverrath und Auflehnung gegen das Staatsoberhaupt befleckt wurden?“ „Selbſt wenn dieſe Namen die meiner naͤchſten Ver⸗ wandten wären“ entgegnete der Koͤnig. 60 „Es wird geſchehen wie Gw. Majeſtät beſiehlt.“ „Ich ſpreche mich nochmals aus, Herr Briſſon, es darf alſo kein Mißverſtaͤndniß eintreten. Man bringt dem Ver⸗ urtheilten Papier und Federn. Er ſchreibt ſeine Geſtänd⸗ niſſe nieder und erklärt dadurch oͤffentlich, daß er ſich an unſer Mitleiden wende und ſich unſerer Gnade ergebe. Nachher werden wir weiter ſehen.“ „Kann ich aber verſprechen?“ „Jawohl, verſprechet immerhin.“ „Geht, Ihr Herrn“ ſagte darauf der Praͤſident, indem er die Raͤthe entließ und nachdem er ſich ſehr ehrfurchtsvoll vor dem Konige verbeugt hatte, ſchritt er hinter ihnen hinaus. „Er wird ſprechen, Sire“, ſagte Louiſe von Lothringen* zitternd,„er wird ſprechen und Ew. Majeſtaͤt wird ihn begnadigen. Seht, wie ihm der Schaum auf den Lippen ſteht!“ „Nein, nein, er ſucht“, ſagte Katharina;„er ſucht nur. Was ſucht er wohl?“ „Nun, das iſt wahrhaftig nicht ſchwer zu errathen“, antwortete Heinrich III.;„er ſucht den Herzog von Parma, den Herzog von Guiſe; er ſucht meinen Herrn Bruder, den allerkatholiſcheſten Koͤnig. Ja, ſuche nur, ſuche und warte! Glaubſt Du, der Greveplatz eigne ſich beſſer zu Hinterhal⸗ ten als die Straße von Flandern? Glaubſt Du, ich haͤtte hier nicht hundert Bellivre, Dich zu hindern von dem Schaffote herunterzuſteigen, auf das Dich ein einziger ge⸗. fuhrt hat?“ Saleède hatte die Hatſchiere fortgehen ſehen, um die 61 Pferde zu holen; er hatte den Präſidenten und die Räthe in dem Zimmer des Koͤnigs bemerkt und ſie dann ver⸗ ſchwinden ſehen; er errieth, daß der Koͤnig Befehl gegeben habe, die Hinrichtung zu vollziehen. Da zeigte ſich auf ſeinen bleichen Lippen jener blutige Schaum, den die junge Koͤnigin bemerkt hatte: der Ungluͤck⸗ liche biß ſich in ſeiner tödtlichen Angſt und Ungeduld auf die Lippen bis ſie bluteten. „Niemand! Niemand!“ murmelte er vor ſich hin, „Keiner von denen, die mir Beiſtand verſprochen hatten! Feige Memmen! Memmen!“ Der Oberrichter Tanchon trat in dieſem Augenblicke an das Schaffot und ſagte zu dem Henker: „Haltet Euch bereit, Meiſter.“. Der Henker gab ein Zeichen nach dem andern Ende des Platzes hin und man ſah die Pferde durch die Menge ziehen und eine ſtuͤrmiſche Furche hinter ſich laſſen, die ſich wie im Meere hinter einem Schiffe hinter ihnen wie⸗ der ſchloß. Dieſe Furche wurde durch die Zuſchauer gebildet, welche das raſche Durchdraͤngen der Pferde zuruͤcktrieb oder niederwarf; aber die geſturzte Mauer ſtand alsbald feſt wieder da und bisweilen wurden die erſten die letzten und umgekehrt, denn die Stärkſten draͤngten ſich in den leeren Raum. Da konnte man auch an der Ecke der Straße, als die Pferde voruberkamen, einen ſchoͤnen jungen Mann, den wir bereits kennen, von dem Prellſteine herunterſpringen ſehen, auf dem er bis dahin geſtanden hatte, weil er von einem Junglinge geſtoßen wurde, der kaum fuͤnfzehn bis ſechszehn Jahre alt zu ſein und dem Schauſpiele geſpannte Auf⸗ merkſamkeit zuzuwenden ſchien. Es war der geheimnißvolle Page des Vicomte Ernau⸗ ton von Carmainges. „Schnell ſchnell“, flüſterte der Page dem Gefaͤhrten ins Ohr,„ſturzt Euch in den leeren Raum, es iſt kein Au⸗ genblick zu verlieren.“ „Wir werden erdruckt werden“, antwortete Ernauton. „Ihr ſeid nicht bei Sinnen, kleiner Freund.“ „Ich will ſehen, in der Nähe ſehen“ ſagte der Page in ſo gebieteriſchem Tone, daß man leicht erkennen konnte, der Befehl komme von einem Munde, der zu befehlen ge⸗ wohnt ſei. Ernauton gehorchte. „Draͤngt Euch an die Pferde“, fuhr der Page fort; „verlaßt ſie keinen Fuß breit, ſonſt kommen wir nicht hin.“ „Ehe wir hinkommen, werdet Ihr in Stücke zerriſſen worden ſein.“ „Kümmert Euch nicht um mich. Vorwaͤrts! Vorwaͤrts!“ „Die Pferde werden ausſchlagen.“ „Ergreift den Schweif des letzten; ein Pferd ſchlägt nie aus, wenn man es ſo hält.“ Ernauton konnte ſich dem ſeltſamen Einfluſſe dieſes Knaben nicht entziehen; er gehorchte und faßte den Schweif des Pferdes, waͤhrend der Page ſeinerſeits ſich an den Gur⸗ tel hielt. Und ſo kamen ſie in dieſer Menge, die wie ein Meer wogte und ſtachelig wie ein Dornenbuſch war, waͤhrend ſie 63 hier ein Stuck ihres Mantels, dort einen Fetzen ihres Wammſes, weiterhin die Halskrauſe ließen, gleichzeitig mit dem Geſpanne bis drei Schritt an das Schaffot, auf welchem ſich Saleöde in Kraͤmpfen der Verzweiflung wand. „Sind wir an Ort und Stelle?“ fragte leiſe der Juͤng⸗ ling athemlos, als er fühlte, daß Ernauton ſtehen blieb. „Ja“, antwortete der Vieomte,—„zum Gluͤck, denn meine Kraͤfte waren zu Ende.“ „Ich ſehe nichts.“ „Tretet vor mich.“ „Nein, nein, noch nicht. Was thut man?“ „Man macht Schleifen an das Ende der Stricke. „Aber er? Was thut er?“ „Wer er?“ „Der Verurtheilte.“ „Seine Augen blicken umher wie die eines Habichts, der lauert.“ Die Pferde waren ſo nahe an dem Schaffot, daß die Knechte des Henkers ihre Straͤnge an den Haͤnden und Fuͤßen Salcides befeſtigen konnten. Saleide ſchrie laut auf als er an ſeinen Kuoͤcheln die harte Beruͤhrung der Stricke fuͤhlte, welche eine Schleife um ſein Fleiſch band. Er warf da einen unbeſchreiblichen Blick auf den unermeßlichen Platz, auf dem er die hunderttauſend An⸗ weſenden uberſchauete. Beliebt es Euch“ ſagte der Oberrichter Tanchon ar⸗ tig zu ihm, zu dem Volke zu ſprechen, bevor wir weiter ſchreiten?“ Und er naͤherte ſich dem Ohr des Verurtheilten, um leiſe hinzuzuſetzen: „Ein gutes Geſtändniß— fuͤr die Rettung des Lebens.“ Salcède blickte ihm in die Seele hinein und dieſer Blick war ſo beredt, daß er dem Herzen Tanchons die Wahr⸗ heit zu entreißen und herauf in die zu bringen ſchien, in denen ſie ſich darſtellte. Saleode taͤuſchte ſich nicht; er ſah ein, daß der Ober⸗ richter aufrichtig war und halten wurde was er verſprach. „Ihr ſehet“, fuhr Tanchon fort,„man verlaͤßt Euch und es bleibt Euch in dieſer Welt keine andere Hoffnung als die, welche ich Euch biete.“ „Nun wohl“, ſprach Saleède mit einem tiefen Seufzer, „gebietet Ruhe, ich bin bereit zu ſprechen.“ „Der Koͤnig verlangt ein geſchriebenes und unterzeich⸗ netes Geſtändniß.“ „So bindet mir die Haͤnde los und gebt mir eine Fe⸗ der; ich will ſchreiben.“ „Euer Geſtändniß?“ „Mein Geſtändniß, ja.“ Tanchon, der hoͤchſt erfreut war, brauchte nur ein Zeichen zu geben, denn der Fall war vorgeſehen. Ein Mannhielt alles bereit und eruberreichte ihm das Schreib⸗ zeug, die Federn, das Papier, welches alles Tanchon auf das Holz des Schaffotes ſelbſt legte. Gleichzeitig ließ man den Strick, welcher den rechten Arm Salcèdes hielt, um ungefaͤhr drei Fuß nach und hob ihn auf die Eſtrade, damit er ſchreiben koͤnnte. in b⸗ n ob 65⁵ Als Saleede endlich ſaß, begann er machtig einzuathmen und mit der Hand die Lippen abzuwiſchen wie aus der Stirn das Haar zu ſtreichen, das feucht von Schweiß herabfiel. „Nun“, ſagte Tanchon,„machet es Euch bequem und ſchreibt alles nieder.“ „Seid unbeſorgt“ antwortete Saleède, indem er nach der Feder griff.„Beruhiget Euch, ich werde die nicht ver⸗ geſſen, welche mich vergeſſen.“ Er wagte bei dieſem Worte einen letzten Blick auf die Menge. Ohne Zweifel war der Augenblick für den Pagen ge⸗ kommen ſich zu zeigen, denn er ergriff die Hand Ernautons und ſagte zu ihm: „Herr, um Gottes willen nehmt mich auf den Arm und hebt mich uͤber die Koͤpfe empor, vor denen ich nichts ſehen kann.“ „Ihr ſeid wirklich unerſaͤttlich, junger Mann.“ „Noch dieſe einzige Gefälligkeit.“ „Ihr uͤbertreibt.“ „Ich muß den Verurtheilten ſehen, verſteht Ihr? muß ihn ſehen.“ Da Ernauton auf die Aufforderung wahrſcheinlich nicht ſchnell genug antwortete, ſo ſetzte der Juͤngling hinzu: „Um Gottes willen habt Erbarmen, ich flehe Euch an.“ Der Page war nicht mehr ein launenhafter Tyrann, ſondern ein unwiderſtehlich Bittender. Ernauton hob ihn auf ſeinen Armen empor, nicht ohne ſich uͤber die Weichheit des Koͤrpers einigermaßen zu wun⸗ dern, den er in den Armen hielt. Die Fuͤnfundvierzig 1. Ich 5 Der Kopf des Pagen ragte uber alle andern hinaus. Salckde hatte eben die Feder ergriffen und wollte die Augen von der Menge abwenden, da ſah er das Geſicht des jungen Mannes und hielt uͤberraſcht inne. Zwei Finger des Pagen druͤckten ſich in dieſem Augen⸗ blicke auf die Lippen und eine unſägliche Freude verbreitete ſich alsbald über das Geſicht des Verurtheilten, gleich der Freudentrunkenheit des boͤſen Reichen, wenn Lazarus einen Tropfen Waſſers auf ſeine Zunge fallen laͤßt. Er hatte das Zeichen erkannt, das er mit Ungeduld erwartete und das ihm Hilfe verhieß. Nachdem Saleède mehrere Serunden lang hingeblickt hatte, ergriff er das Papier, das ihm Tanchon, ungeduldig über die Zoͤgerung, hinhielt und fing an mit fieberhafter Schnelle zu ſchreiben. „Er ſchreibt, er ſchreibt“ fluͤſterte die Menge. „Er ſchreibt“, wiederholte die Koͤnigin Mutter mit ſichtlicher Freude. „Er ſchreibt“, ſagte der Konig,„bei Gott, ich begna⸗ dige ihn.“ Mit einemmale hielt Saleckde inne, um den jungen Mann noch einmal anzuſehen. Dieſer wiederholte daſſelbe Zeichen und Saleide ſchrieb dann weiter. Nach einem noch kurzern Zwiſchenraume unterbrach er ſich nochmals, um wiederum hinzuſehen. Diesmal machte der Page Zeichen mit den Fingern und dem Kopfe. kt ig er 67 „Seid Ihr zu Ende?“ fragte Papier nicht aus den Augen ließ. „Ja“, antwortete Saledde. „So unterſchreibt Euern Namen.“ Saleède that es, ohne das Papier anz Blicke auf dem jungen Manne ruheten. Tanchon griff nach dem ſchriftlichen Geſtändniſſe. „Fuͤr den Konig, für den Koͤnig allein“ ſagte Salcide. Und er uͤbergab das Papier, aber zögernd wie ein uͤberwundener Soldat, der ſeine letzte Waffe hingiebt. „Wenn Ihralles wohl geſtanden habt“, ſagte Tanchon, „ſo ſeid Ihr gerettet, Herr von Saledde.“ Ein Laͤcheln voll Jronie und Beſorgniß zeigte ſich auf den Lippen des Verurtheilten, der ungeduldig die geheim⸗ nißvolle Perſon in der Menge fragend anzuſehen ſchien. Endlich wollte Ernauton aus Muͤdigkeit ſeine ihm hin⸗ derliche Laſt niederſetzen und öffnete die Arme. Der Page glitt an ihm herab. Mit ihm verſchwandd aufrecht erhalten hatte. Als Salcide nichts mehr erblickte, ſah er ſich um und dann rief er wie irr: „Nun?“ Niemand antwortete ihm. „Schnell, ſchnell, beeilt Euch“ hat das Papier empfangen; er wir Niemand ruhrte ſich. Der Koͤnig entfaltete das Papier raſch. 5* Tanchon, welcher das uſehen, da ſeine as Geſicht, das den Verurtheilten ſagte er;„der König d es leſen.“ „Tauſend Teufel!“ rief Salcdde aus.„Sollte man mit mir geſpielt haben? Ich habe ſie doch genau erkannt. Sie war es; ſie war es.“ 5 Der Koͤnig hatte kaum die erſten Zeilen üͤberleſen, als ihn der hoͤchſte Unwille zu ergreifen ſchien. Dann erblaßte er und rief aus: „Der Elende! Der ſchlechte Menſch!“ „Was iſt's, mein Sohn?“ fragte Katharina. „Erwiderruft, Mutter, er behauptet, nie etwas geſtan⸗ den zu haben.“ „Und dann?“ „Dann erklaͤrt er die Herrn von Guiſe fur unſchuldig an allen Complotten.“ „Allerdings“, ſtammelte Katharina,„wenn er wahr ſpricht.“ „Erluͤgt!“ rief der Koͤnig aus;„erlugt wie ein Heide.“ „Was wiſſen wir, mein Sohn? Die Herrn von Guiſe ſind vielleicht verleumdet worden; die Richter haben viel⸗ leicht in ihrem zu großen Eifer die Ausſagen falſch aus⸗ gelegt.“ „Ah“ ſagte der König, der ſich nicht laͤnger beherrſchen konnte,„ich habe alles gehoͤrt.“ „Ihr, mein Sohn?“ „Ja, ich.“ „Und wann?“ „Als der Schuldige auf der Folter lag,— befand ich nic hinter einem Vorhange.. Kein einziges ſeiner Worte iſt mir entgangen und jedes ſeiner Worte drang mir in das Haupt wie ein Nagel unter dem Hammer.“ an t. te ich te 69 „Nun, ſo gebt ihm durch die Folter die Sprache, da er die Folter braucht, um reden zu können. Befehlt, daß die Pferde anziehen.“ Heinrich erhob im Zorne die Hand und der Oberrichter wiederholte das Zeichen. Schon waren die Stricke an die vier Glieder des Ver⸗ urtheilten wieder befeſtiget worden; vier Männer ſchwan⸗ gen ſich auf die vier Pferde; vier Peitſchen knallten und die vier Pferde gingen in entgegengeſetzter Richtung hin. Ein gräßliches Knacken und einen graßlichen Schrei vernahm man gleichzeitig von dem Schaffot her. Man ſah die Glieder des unglücklichen Salcide blau werden, ſich ausdehnen, mit Blut unterlaufen; ſein Geſicht war nicht mehr das Geſicht eines Menſchen, ſondern glich der Fratze eines Teufels. „Verrath Verrath!“ ſchrie er.„Ja, ich will ſprechen, ich will ſprechen, ich will alles ſagen. Ah, verfluchte Herzog..“ Man vernahm die Stimme trotz dem Wiehern der Pferde und trotz dem Tumulte der Menge, aber plotzlich verſtummte ſie. 8 „Haltet ein! Haltet ein!“ rief Katharina. Es war zu ſpät. Der Kopf Saleddes, welchen der Schmerz und die Wuth bis dahin gerade erhalten hatten, ſiel plötzlich auf die Breter des Schaffots. „Laſſet ihn ſprechen“, rief die Koͤnigin-Mutter laut. „Haltet ein! So haltet doch ein.“ Das Auge Saleides war maßlos weit aufgeriſſen und ſtierte auf die Gruppen, in welcher der Page erſchienen war. Tanchon folgte klug der Richtung deſſelben. 7⁰ Aber Salecède konnte nicht mehr ſprechen; er war todt. Tanchon gab ſeinen Leuten leiſe einige Befehle und ſie begannen die Menge in der Richtung zu durchſuchen, welche die anklagenden Blicke Salesdes angedeutet hatten. „Ich bin entdeckt“, ſagte der junge Page leiſe zu Er⸗ nauton,„aus Barmherzigkeit helft mir, ſteht mir bei. Herr, ſie kommen, ſie kommen!“ „Was verlangt Ihr noch weiter?“ „Wir wollen fliehen; ſeht Ihr nicht, daß ſie mich ſuchen?“ „Aber wer ſeid Ihr?“ „Ein Weib! Rettet mich, ſchuͤtzt mich!“ Ernauton erblaßte, aber ſein Edelmuth trug den Sieg uͤber ſein Staunen und ſeine Furcht davon. Er ſtellte ſich vor ſeine Schutzempfohlene, bahnte ihr einen Weg durch kraͤftige Stoͤße mit dem Dolchgriffe und brachte ſie ſo bis an eine Straßenecke an eine offene Thür. Der junge Page ſprang in das Haus hinein und die Thur ſchloß ſich hinter ihm. Ernauton hatte nicht einmal Zeit gehabt, ſie nach ihrem Namen zu fragen und wo er ſie wiederſehen wuͤrde. Der Page aber hatte ihm, ehe er verſchwänd und als hätte er ſeine Gedanken errathen, einen verheißungsvollen Wink gegeben. S Als Ernauton frei war, kehrte er nach der Mitte des Platzes zuruͤck und betrachtete mit einem Blick das Schaffot und die koͤnigliche Loge. Saleède lag ſteif und bleich auf dem Gerüſte. Katharina ſtand bleich und bebend in der Loge. — „ 71 „Mein Sohn“, ſagte ſie endlich, indem ſie den Schweiß von der Stirn wiſchte,„Ihr werdet wohlthun, wenn Ihr einen andern Nachrichter annehmt; dieſer hält es mit der Ligue.“ „Und woran ſeht Ihr das, Mutter?“ fragte Heinrich. „Blickt nur hin.“ „Nun, ich thue es.“ „Salede hat nur ein einmaliges Anziehen gelitten und iſt geſtorben.“ „Weil er gegen den Schmerz zu empfindlich war.“ „Nein, nein“, entgegnete Katharina mit verächtlichem Lächeln über den geringen Scharfſinn ihres Sohnes,„ſon⸗ dern weil er unter dem Schaffot mit einem duͤnnen Stricke in dem Augenblicke erwurgt wurde, als er die anklagen wollte, die ihn ſterben laſſen. Laßt den Leichnam durch einen gelehrten Arzt unterſuchen und Ihr werdet ſicherlich an ſeinem Halſe den Kreis finden, welchen der Strick da zuruckgelaſſen hat.“ „Ihr habt Recht“, ſagte Heinrich, deſſen Augen eine kurze Zeit funkelten;„mein Vetter Guiſe wird beſſer be⸗ dient als ich.“ „Still, ſtill, mein Sohn!“ fiel Katharina ein;„kein Aufſehen; man wurde über uns ſpotten, denn auch diesmal iſt die Partie verloren.“ „Joyeuſe that wohl daran, daß er anderswo Unter⸗ haltung ſuchte“, ſagte der Koͤnig;„man kann auf dieſer Welt auf nichts mehr rechnen, nicht einmal auf die Hinrich⸗ tungen. Brechen wir auf!“ 72 Sechstes Kapitel. Die beiben Foyeu ſe⸗ Die Herren von Joheuſe hatten ſich, wie erwähnt, wäh⸗ rend dieſes Auftrittes entfernt, ließen ihre Diener, die ſie mit den Pferden erwarteten, bei den königlichen Wagen und gingen nebeneinander in den Straßen dieſes volk⸗ reichen Stadttheils hin, welche an dieſem Tage ganz ver⸗ dvet waren, weil der Greveplatz ſo viele Zuſchauer anlockte. Als ſie draußen waren, gingen ſie Arm in Arm, ohne aber ein Wort zu ſprechen. Heinrich, der ſonſt ſo heitere, war in Gedanken ver⸗ ſunken und faſt verſtimmt. Anna ſchien durch dieſes Schweigen ſeines Bruders in Beſorgniß und Verlegenheit zu kommen. Er brach auch zuerſt das Schweigen. „Nun, Heinrich?“ fragte er,„wohin führſt du mich?“ „Ich führe Dich nicht, Bruder, ich laufe gerade aus“, antwortete Heinrich, als erwache er plotzlich. „Wüͤnſcheſt Du irgendwohin zu gehen, Bruder 2. „Und Du?“ Heinrich lächelte traurig. „Ach“ ſagte er,„mir iſt es gleichgiltig, wohin ich gehe.“ „Du gehſt aber doch jeden Abend irgendwohin“, ſagte Anne,„denn jeden Abend um eine und dieſelbe Zeit ent⸗ fernſt Du Dich und kommſt immer erſt ſpät in der Nacht oder auch gar nicht zurück.“ „Fragſt Du mich, Bruder?“ fragte Heinrich mit lieb⸗ licher Sanftmuth und einer gewiſſen Ehrfurcht vor dem Aelteren. 4 w 73 „Ich Dich fragen?“ Gott bewahre mich! Die Ge⸗ heimniſſe gehoͤren denen, welche ſie angehen.“ „Wenh Du es wuͤnſchteſt“, antwortete Heinrich,„würde ich kein Geheimniß vor Dir haben, Du weißt es ja.“ „Du wuͤrdeſt kein Geheimniß vor mir haben?“ „Nein, Bruder; biſt Du nicht mein Herr und Freund?“ „Ich glaube, Du haͤtteſt Geheimniſſe vor mir armen Laien; ich meinte, Du haͤtteſt unſern gelehrten Bruder, dieſe Saͤule der Theologie, dieſe Leuchte der Religion, die⸗ ſen gelehrten Baumeiſter von Gewiſſensfaͤllen des Hofes, der gewiß einmal Cardinal wird; ich meinte, Du vertrauteſt Dich ihm an und faͤndeſt bei ihm zugleich Abſolution und wer weiß?— guten Rath, denn in unſerer Familie“ ſetzte er hinzu,„iſt man, wie Du weißt, zu allem geſchickt und unſer werther Vater beweiſet es.“ Heinrich von Bouchage ergriff die Hand ſeines Bru⸗ ders und druͤckte ſie liebevoll. „Du biſt fuͤr mich mehr als Gewiſſenslenker, mehr als Beichtiger, mehr als Vater, lieber Anna“, ſagte er,„ich wiederhole Dir, daß Du mein Freund biſt.“ „Warum, Freund, habe ich Dich dann, der Du ſo heiter wareſt, allmaͤlig traurig werden ſehen und warum geheſt Du nicht bei Tage, ſondern nur in der Nacht aus?“ „Bruder, ich bin nicht traurig“, antwortete Heinrich lächelnd. „Was biſt Du ſonſt?“ „Verliebt bin ich.“ „Gut, aber dies Traumen und Sinnen?“ „Kommt daher, daß ich unaufhörlich an meine Liebe denke. „Und Du ſeufzeſt, waͤhrend Du das ſagſt?“ „Du ſeufzeſt, Du Heinrich Graf von Bonchage, der Bruder Joyeuſes, Du, den die boͤſen Zeugen den dritten Koͤnig von Frankreich nennen? Du weißt, daß Herr von Guiſe der zweite, wenn nicht gar der erſte iſt; Du biſt reich und ſchön, wirſt gleich mir Pair von Frankreich und gleich mir Herzog beider erſten Gelegenheit werden, die ſich mir darbietet, Du biſt verliebt, nachdenklich und ſeufzeſt? Du ſeufzeſt, wäͤhrend doch Dein Wahlſpruch lautet: Hila- riter(heiter). „Mein lieber Anna, alle dieſe Gaben der Vergangen⸗ heit und alle dieſe Hoffnungen der Zukunft habe ich nie zu den Dingen gerechnet, die zu meinem Gluͤcke gehoren. Ich bin nicht ehrgeizig.“ „Das heißt, Du biſt es nicht mehr.“ „Ich kuͤmmere mich wenigſtens um die Dinge nicht mehr, von denen Du ſprichſt.“ „In dieſem Augenblicke vielleicht; ſpaͤter wirſt Du wieder darauf zuruͤckkommen.“ „Niemals, Bruder. Ich wuͤnſche nichts und will nichts.“ „Daran thuſt Du ſehr Unrecht. Wenn man Joyenſe heißt, alſo einen der ſchoͤnſten Namen Frankreichs fuͤhrt, wenn man einen Bruder hat, welcher Guͤnſtling des Koͤ⸗ nigs iſt,— wünſcht man alles, will man alles und— erlangt man alles.“ 75 Heinrich ſchuͤttelte ſein blondes Haupt und ließ es traurig ſinken. „Wir ſind allein, unbeachtet“, ſagte Anna.„Wir ſind, ſoll mich der Teufel holen! uͤber das Waſſer gegangen, da wir hier ja auf der Bruͤcke von Tournelle ſtehen, ohne daß wir es bemerkten. Ich glaube nicht, daß an dieſem dden Ufer bei dieſem kalten Winde, neben dieſem gränen Waſſer Jemand uns belauſcht. Haſt Du mir etwas Ernſtes zu ſagen, Heinrich?“ „Nichts, weiter nichts, als daß ich verliebt bin und das weißt Du ſchon, Bruder, weil ich es Dir ja ſo eben geſtanden habe.“ „Aber zum Teufel, das iſt nichts Ernſthaftes“, ſagte Anna, indem er mit dem Fuße aufſtampfte.„Ich bin ja, beim Papſt! auch verliebt.“ „Nicht wie ich, Vruder.“ „Ich denke auch bisweilen an meine Geliebte.“ „Ja, aber nicht immer.“ „Auch ich habe Unannehmlichkeiten, ſelbſt Kummer.“ „Ja, aber Du haſt auch Freuden, denn man liebt „Ach, ich habe auch große Hinderniſſe; man verlangt von mir tiefes Geheimniß.“ „Man verlangt? Du ſagſt: man verlangt? Wenn Deine Geliebte verlangt, ſo iſt ſie Dein.“ „Allerdings iſt ſie mein, d. h. mein und dem Herrn von Mayenne, denn— Vertrauen gegen Vertrauen, Hein⸗ rich— ich liebe gerade die Geliebte Mayennes, ſie liebt mich leidenſchaftlich und wuͤrde Mayenne angenblicklich 76 verlaſſen, wenn ſie nicht fürchtete, daß er ſie ermorde. Du weißt es ja, es iſt ſeine Gewohnheit, die Frauen zu er⸗ morden. Dann haſſe ich die Guiſen und es macht mir Spaß, mir auf Koſten eines derſelben Vergnuͤgen zu machen. Ich ſage Dir und ich wiederhole Dir, ich habe bisweilen Unannehmlichkeiten, Zaͤnkereien, aber darum werde ich nicht ernſt und duͤſter wie ein Karthaͤuſer. Ich lache, wenn auch nicht immer, ſo doch von Zeit zu Zeit. Nun ſage mir, wen Du liebſt, Heinrich; ſchoͤn iſt doch Deine Geliebte?“ „Ach, Bruder, ſie iſt nicht meine Geliebte.“ „Iſt ſie ſchoͤn?“ „Zu ſchoͤn.“ „Ihr Name?“ „Ich kenne ihn nicht.“ „Ach geh!“ „Bei meiner Ehre!“ „Bruder, ich fange an zu glauben, daß es noch gefaͤhr⸗ licher iſt, als ich meinte. Es iſt nicht Traurigkeit, beim Papſt! es iſt Narrheit.“ „Sie hat nur ein einziges Mal mit mir oder vor mir geſprochen und ſeitdem hoͤrte ich nicht einmal den Klang ihrer Stimme.“ „Und Du haſt Dich nicht erkundiget?“ „Bei wem?“„ „Wie ſo bei wem? Bei den Nachbarn.“ „Sie bewohnt ein Haus allein und Niemand kennt ſie.“ „Iſt ſie ein Geſpenſt?“ . — 77 „Sie iſt ein Weib, groß und ſchoͤn wie eine Nymphe, ernſt und wurdevoll wie der Engel Gabriel.“ „Wie haſt Du ſie kennen gelernt? Wo trafſt Du ſie?“ „Ich ging eines Tages einem jungen Mädchen nach und gelangte in einen kleinen Garten an einer Kirche, wo ſich unter Baͤumen eine Bank befindet. Biſt Du ſchon ein⸗ mal da geweſen?“ „Nein; erzähle immer weiter. Alſo es iſt da eine Bank unter Baͤumen.“ „Es fing bereits an zu dunkeln, ich verlor das Maͤd⸗ chen aus den Augen und kam, waͤhrend ich ſie ſuchte, an jene Bank.“ „Weiter! Weiter!“ „Ich erblickte da eine Frauenkleidung und ſtreckte die Haͤnde aus.“ „Verzeihet, Herr,“ ſagte plotzlich ein Mann zu mir, den ich nicht geſehen hatte. „Und die Hand des Mannes draͤngte mich ſanft, aber ernſt zuruͤck.“ „Er wagte Dich anzurühren, Joyeuſe?“ „Der Mann hatte das Geſicht in eine Art Kutte ge⸗ huͤllt; ich hielt ihn füͤr einen Monch; auch machte der freundliche und artige Ton, in dem er ſprach, Eindruck auf mich und während er ſprach, deutete er guf die Dame, deren weiße Kleidung mich daher gelockt hatte und die vor der ſteinernen Bank auf die Knie niedergeſunken war, wie vor einem Altare. „Ich blieb ſtehen, Bruder. Das Abenteuer begegnete mir Anfangs Septembers; die Luft war lau; die Veilchen und Roſen, welche die Frommen auf den Gräbern ziehen, verbreiteten ihren lieblichen Duft; der Mond zerriß eine weißliche Wolke hinter dem kleinen Thurme der Kirche und die Fenſter derſelben erhielten oben einen ſilbernen Glanz, waͤhrend ſie unten von dem Wiederſchein brennender Ker⸗ zen golden ſchimmerten. Lag es an der Majeſtät des Ortes oder war es perſoͤnliche Wuͤrde, kurz die kniende Dame glaͤnzte fuͤr mich im Dunkel wie eine Marmorſtatue oder als wäre ſie wirklich von Marmor. Sie erregte in mir ich weiß nicht welche Ehrfurcht, die mir das Herz erkaltete. „Ich ſah ſie unverwandt an. „Sie beugte ſich auf die Bank, umfaßte ſie mit beiden Armen, druͤckte die Lippen darauf und ich ſah ihre Schul⸗ tern unter ihren Seufzern und ihrem Schluchzen ſich heben und ſenken. Bruder, Du haſt nie ſolche Tone gehoͤrt; nie hat ſcharfes Eiſen ein Herz ſo ſchmerzlich zerriſſen. „Weinend küßte ſie den Stein mit einer Art Trunken⸗ heit, die mich verwirrte; ihre Thränen rührten mich, ihre Kuͤſſe brachten mich faſt um den Verſtand.“ „Aber, beim Papſte! ſie war nicht bei Verſtand,“ ſagte Joyeuſe;„kußt man denn einen Stein ſo und ſchluchzet man ſo um nichts?“. „O, ſie ſchluchzete aus großem Schmerze, ſie füßte dieſen Stein aus tiefer Liebe; aber wen liebte, wen er⸗ wartete ſie? für wen betete ſie? das weiß ich nicht.“ „Haſt Du den Mann nicht gefragt?“ „Allerdings.“ „Und was antwortete er?“ „Sie haͤtte ihren Mann verloren.“ te et te r⸗ 79 „Beweint eine Frau ſo ihren Mann?“ entgegnete Joyeuſe.„Eine ſchone Antwort! Und Du begnuͤgteſt Dich „ damit?“ „Ich mußte wohl, weil ich keine andere erhielt.“ „Wer war der Mann ſelbſt?“ „Eine Art Diener, der bei ihr wohnt.“ „Sein Name?“ „Er wollte mir ihn nicht nennen.“ „Jung? Alt?“ „Er kann achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt ſein.“ „Aber weiter. Sie weinte und betete doch nicht die ganze Nacht hindurch?“ „Nein; als ſie aufgehoͤrt hatte zu weinen, d. h. als ihre Thraͤnen erſchoͤpft waren und ihre Lippen vom Kuͤſſen des Steines ſchmerzten, ſtand ſie auf. Es lag etwas ſo geheimnißvoll Trauriges in ihr, daß ich nicht zu ihr trat, wie ich es bei jeder andern gethan haben würde, ſondern vielmehr zuruͤckwich. Sie aber trat zu mir oder vielmehr an die Stelle, wo ich ſtand, denn mich ſah ſie gar nicht. Da fiel ein Mondesſtrahl auf ihr Geſicht und es erſchien mir wie glaͤnzend; es hatte ſeinen ſtrengen Ernſt wieder erhalten; es zuckte keine Faſer mehr darin, die Thraͤnen waren verſiegt und die Augen glänzten wieder. Ihr Mund oͤffnete ſich halb, um das Leben wieder einzuathmen, das einen Augenblick ſie hatte verlaſſen wollen; ſie that matt einige Schritte wie Die, welche im Traume gehen; da eilte der Mann zu ihr und fuhrte ſie, denn ſie ſchien vergeſſen zu haben, daß ſie auf der Erde wandelte. Ach Bruder, welche entſetzliche Schonheit, welche uͤbermenſchliche Macht! Ich habe nie etwas geſehen auf Erden, was ihr glich; nur manchmal in meinen Träumen, wenn der Himmel ſich oöffnete, ſtiegen Geſtalten herunter, welche dieſer Wirklich⸗ keit ähnlich waren.“ „Weiter, weiter!“ ſagte Anne, der unwillkurlich An⸗ theil an der Erzählung nahm, uͤber die er anfangs nur hatte lachen wollen. „Ich bin bald zu Ende, Bruder. Ihr Diener ſagte ganz leiſe einige Worte zu ihr und ſie ließ den Schleier fallen; er ſagte ihr ohne Zweifel, daß ich da ſei; aber ſie blickte nicht einmal nach mir, ſondern ließ den Schleier fallen und ich ſah ſie nicht mehr. Es war mir, als ver⸗ dunkele ſich der Himmel und als ſei ſie kein lebendes Weſen, ſondern ein Schatten, der aus dem Grabe geſtiegen und geraͤuſchlos vor mir in dem hohen Graſe hingleite.— Sie ging aus dem Garten, dem Kirchhofe, hinaus und ich folgte ihr. Von Zeit zu Zeit drehete der Mann ſich um und er fonnte mich ſehen, denn ich verbarg mich nicht; ich hatte die ſonſtigen gemeinen Gewohnheiten noch im Sinne und den alten Sauerteig im Herzen.“ „Was willſt Du damit ſagen, Heinrich?“ fragte Anne; „ich verſtehe Dich nicht.“ Der junge Mann laͤchelte. „Meine Ingend iſt, wie Du weißt, gerauſchvoll ge⸗ weſen, ich habe oft zu lieben geglaubt und alle Frauen waren fur mich bisher ſolche, denen ich meine Liebe bieten konnte.“ „Nun und was iſt jene 2 fragte Joyeuſe, der die Hei⸗ terkeit wiederzufinden ſuchte, welche unwillkürlich durch die uen eten dri⸗ die 81 Erzaͤhlung ſeines Bruders etwas getrübt worden war. „Sieh Dich vor, Heinrich, Du faͤngſt an, irre zu reden; iſt jene nicht von Fleiſch und Bein?“ „Bruder,“ entgegnete der Juͤngling, indem er die Hand Joyheuſes fieberhaft druͤckte, ſo leiſe, daß der Aeltere die Worte kaum vernahm,„ſo wahr Gott mich hort, ich weiß nicht, ob ſie ein Weſen von dieſer Welt iſt.“ „Beim Papſte! Du wuͤrdeſt mich in Furcht jagen, wenn ein Joyenſe ſich jemals furchten duͤrfte.“ Dann verſuchte er es noch einmal wieder in ſeinen heitern Ton zu fallen und ſetzte hinzu: „So viel iſt aber gewiß, daß ſie geht, daß ſie weint und heftig kuſſet; Du ſelbſt haſt mir das geſagt und es iſt, wie es ſcheint, von guter Vorbedeutung; aber dies iſt noch nicht Alles; wie verlief Dein Abenteuer weiter?“ „Ich habe nicht viel mehr zu erzählen. Ich folgte ihr und ſie verſuchte es nicht, ſich mir zu entziehen, einen andern Weg einzuſchlagen u. ſ. w.; ſie ſchien daran gar nicht zu denken. „Nun, wo wohnt ſie?“ „Nach der Baſtille zu, in der Straße Lesdeguieres An der Thuͤr ihres Hauſes drehete ihr Begleiter ſich um und ſah mich.“ „Du winkteſt ihm da wahrſcheinlich, um ihm verſtehen zu geben, daß Du mit ihm zu ſprechen wuͤnſchteſt?“ „Ich wagte es nicht; es iſt laͤcherlich, was ich Dir ſagen werde, aber der Diener imponirte mir faſt ſo ſehr als die Herrin.“ „Aber in das Haus kamſt Du doch hinein?“ Die Fuͤnfundvierzig. I. 6 82 „Nein, Bruder.“ „Ich habe wirklich Luſt, Heinrich, Dich als Joyeuſe zu verleugnen. Jedenfalls fandeſt Du Dich am andern Tage ein?“ „Ja, aber vergebens; vergebens an der Kirche, ver⸗ gebens in der Straße Lesdeguieres.“ „Sie war verſchwunden?“ „Wie ein Schatten.“ „Du haſt Dich aber erkundiget?“ „Die Straße hat wenige Bewohner und Niemand konnte mir Auskunft geben. Ich lauerte auf ihren Be⸗ gleiter, um ihn auszufragen, aber er zeigte ſich eben ſo wenig als die Dame; ein Licht aber, das ich Abends durch die Jalouſien ſchimmern ſah, troͤſtete mich, da es mir an⸗ zeigte, ſie ſei noch da. Ich wendete hundert verſchiedene Mittel an, um in das Haus hineinzukommen, aber Briefe, Blumen, Geſchmeide, Alles ſcheiterte. Eines Abends ver⸗ ſchwand auch das Licht und es iſt nicht wieder zum Vor⸗ ſchein gekommen. Die Dame wird, meiner Nachſtellungen mude, die Straße verlaſſen haben und Niemand kannte ihre neue Wohnung.“ 8 „Du haſt aber die Schoͤne doch wieder gefunden?“ „Der Zufall erlaubte es,— doch nein, ich bin unge⸗ recht, die Vorſehung war es, die ſich meiner erbarmte. Höre mich an; es iſt wirklich ſeltſam. Ich ging vor vierzehn Tagen in der Buſſy⸗Straße um Mitternacht hin und Du weißt, daß die Verordnungen wegen des Feuers ſehr ſtreng vollzogen werden. Ich ſah aber nicht blos Licht an den Fenſtern eines Hauſes, ſondern ein wirkliches Feuer im e 83 zweiten Stock. Ich klopfte ſtark an der Thuͤr an und es zeigte ſich ein Mann am Fenſter.“ „Es brennt bei Euch!“ rief ich ihm zu. „Um des Himmels willen, ſchweigt!“entgegnete er; „ſchweigt, ich bin eben beſchaͤftigt zu loͤſchen.“ „Soll ich die Wache ruſen?“ „Um Gottes willen nicht; ruft Niemanden.“ „Kann man Euch nicht helfen?“ „Wollt Ihr es? So kommt und erweiſet mir einen Dienſt fur den ich Euch mein ganzes Leben hindurch dank⸗ bar ſein werde.“ „Wie ſoll ich hineinkommen?“ „Hier iſt der Schluſſel zur Thuͤr.“ „Und er warf mir durch das Fenſter einen Schluſſel herunter. „Ich eilte die Treppe hinauf und trat in das Zimmer, in welchem es brannte. „Der Fußboden brannte. Ich befand mich in dem Laboratorium eines Alchimiſten. Er hatte bei irgend einem Erperimente eine entzuͤndbare Fluͤſſigkeit verſchuͤttet und daher kam der Brand. „Als ich eintrat, hatte er die Flamme bereits uber⸗ wältiget, ſo daß ich den Mann betrachten konnte. „Er war achtundzwanzig bis dreißig Jahrealt, wenig⸗ ſtens ſchien er mir in dieſem Alter zu ſtehen. „Eine entſetzliche Narbe ging uͤber die Haͤlfte der Wange und eine andere quer uͤber den Schädel. Den uͤbrigen Theil des Geſichtes verdeckte ſein dichter Bart. „Ich danke Euch, Herr, aber Ihr ſeht, es iſt bereits 6* Alles voruͤber. Wenn Ihr ein ſo braver Mann ſeid, als Ihr zu ſein ſcheint, ſo entfernt Euch wieder, denn meine Geliebte koͤnnte jeden Augenblick kommen und ſie wuͤrde ſich erzurnen, wenn ſie zu dieſer Zeit einen Fremden bei mir oder vielmehr bei ihr ſaͤhe.“ „Der Ton ſeiner Stimme erſchreckte mich; ich offnete be⸗ reits den Mund, um ihm zu ſagen:„Ihrſeid der Mann von dem Kirchhofe, der Mann aus der Straße Lesdeguieres, der Mann der unbekannten Dame;“— denn Du erinnerſt Dich, Bruder, daß er eine Kutte getragen, daß ich ſein Ge⸗ ſicht nicht geſehen und nur ſeine Stimme gehoͤrt hatte. Ich wollte ihm dies ſagen, ihn fragen und ihn bitten, als plotzlich eine Thuͤr geoffnet wurde und eine Dame eintrat. „Was giebt es, Remy?“ fragte ſie, indem ſie majeſtaͤ⸗ tiſch auf der Schwelle der Thur ſtehen blieb,„und warum dieſer Laärm?“ „Ach, Bruder, ſie war es, ſchoͤner in dem Lichte der verloͤſchenden Flamme als in den Strahlen des Mondes, 5 n denen ich ſie das erſte Mal geſehen hatte; ſie war es, E an die ich unablaͤſſig bei Tag und Nacht dachte. „Bei dem Schrei, den ich ausſtieß, ſah der Mann auch mich aufmerkſamer an. „Ich danke, Herr,“ ſagte er nochmals zu mir;„ich danke, aber Ihr ſehet, das Feuer iſt geloͤſcht. Entfernt Euch, ich bitte.“ „Ihr ſchickt mich mit großer Haͤrte fort,“ ſagte ich. „Er iſt es,“ ſagte der Mann zu der Dame. „Wer?“ fragte ſie. h t 85⁵ „Der junge Herr, den wir an der Steinbank trafen, der uns in die Straße Lesdeguſres folgte!“ „Sie heftete da ihre Augen auf mich und ich erkannte an ihrem Blicke, daß ſie mich zum erſtenmal ſah. „Seid barmherzig,“ ſagte ſie,„und entfernt Euch.“ „Ich zoͤgerte, ich wollte ſprechen, bitten, aber ich fand feine Worte, blieb ſtumm und unbeweglich ſtehen und ſah ſie an. „Seht Euch vor, Herr,“ ſagte der Diener eher traurig als ſtreng,„Ihr werdet die Dame zwingen, zum zweiten⸗ mal zu fliehen.“ „Das wolle Gott nicht!“ antwortete ich mit einer Verbeugung;„ich beleidige Euch ja nicht.“ „Sie antwortete mir nicht; ſo unempfindlich, ſtumm und kalt, als hätte ſie mich nicht gehoͤrt, drehete ſie ſich um und ich ſah ſie allmaͤlig im Dunkel auf einer Treppe verſchwinden, auf deren Stufen ich nichts von ihren Trit⸗ ten hoͤrte.“ „Und das iſt Alles?“ fragte Joyeuſe. „Das iſt Alles.. Der Diener geleitete mich bis an die Thur und ſagte: „Vergeſſet, Herr; im Namen Chriſti und der Jungfrau Maria beſchwore ich Euch, vergeſſet!“ „Ich lief faſt von Sinnen davon und fragte mich, ob ich wahnſinnig werden wuͤrde. „Seitdem gehe ich jeden Abend in jene Straße und deshalb wendeten ſich jetzt meine Schritte vom Stadthauſe aus unwillkürlich nach dieſer Gegend. Jeden Abend gehe ich dahin und verberge mich an der Ecke eines Hauſes dem 86 ihrigen gegenuber unter einen kleinen Balkon, deſſen Schat⸗ ten mich ganz umhuͤllt. Unter zehn Abenden ſehe ich ein⸗ mal Licht in das Zimmer gehen, das ſie bewohnt, und— das iſt mein einziges Gluͤck.“ „Welches Gluͤck!“ rief Joyeuſe aus. „Ich verliere es, wenn ich ein anderes wuͤnſche.“ „Wenn Du Dich aber ſelbſt bei dieſer Genügſamkeit verlierſt?“ „Bruder,“ ſagte Heinrich mit traurigem Laͤcheln,„ich glucklich.“ nicht moglich.“ s Gluck iſt relativ; ich weiß, daß ſie da iſt, da met; ich ſehe ſie gleichſam durch die Wand wenn ſie das Haus verließe, wenn ich noch ein⸗ mal vetzehn Tage wie damals verbringen muͤßte, als ich ſie verloren hatte, würde ich verruͤckt oder— ein Moͤnch.“ „Nein, nein, wir haben ſchon Verruͤckte und Moͤnche genug in unſerer Familie, begnuͤgen wir uns damit.“ „Keinen Spott, Bruder! Er wuͤrde nichts helfen.“ „Laß mir Dir nur Eines ſagen.“ „Was?“ „Daß Du Dich wie ein Schuͤler benommen haſt.“ „Ich habe nichts berechnet, habe mich nicht benommen, ſondern gab mich an etwas hin, das ſtärker war als ich. Wenn man von einer Strömung mit fortgezogen wird, thut man am beſten, wenn man ihr folgt und nicht gegen ſie anzukämpfen verſucht.“ Und wenn ſie zu einem Abgrunde fuͤhrt?“ Muß man darin untergehen.“ h 87 * „Das iſt Deine Meinung?“ „Ja.“ „Die meinige iſt es nicht und an Deiner Stelle..“ „Was wuͤrdeſt Du gethan haben?“ „Gewiß wenigſtens ſo viel, um ihren Namen, ihrAlter zu erfahren.“ „Anne, Du kennſt ſie nicht.“ „Nein, aber ich kenne Dich. Du hatteſt funfzigtauſend Thaler, die ich Dir von den hunderttauſend gab, welche mir der Koͤnig ſchenkte.“ „Sie liegen noch unberührt bei mir.“ „Um ſo ſchlimmer. Wenn das Geld nicht in Deinem Koffer laͤge, wurde die Frau in Deinem Alcoven ſein.“ „Bruder!“ „Laß das. Ein gewoͤhnlicher Diener verkauft ſich fuͤr zehn, ein guter fuͤr hundert, ein vortrefflicher fuͤr tauſend, ein ganz ſeltener für dreitauſend Thaler. Wir wollen nun einen wahren Phoͤnir von einem Diener annehmen, einen wahren Gott der Treue, und für zwanzigtauſend Thaler, beim Papſte! iſt er Dein. Dann bleiben Dir immer noch dreißigtauſend Thaler, um den Phoͤnir der Frauen zu be⸗ zahlen, den der Phoͤnir der Diener überliefert hat. Hein⸗ rich, Du biſt ein Schwachkopf.“ „Anne,“ entgegnete Heinrich ſeufzend,„manche Leute laſſen ſich gar nicht erkaufen; es ſind Herzen, die ein Kö⸗ 1 nig mit allen ſeinen Schätzen nicht zu bezahlen vermag.“ Joyeuſe beruhigte ſich. „Gut, ich gebe das zu,“ ſagte er;„keines aber findet man, das ſich nicht ſelbſt hingäbe.“ 88 „Das iſt etwas Anderes.“ „Was haſt Du gethan, damit das Herz dieſer unem⸗ pfindlichen Schoͤnen ſich Dir ergaͤbe?“ „Ich habe die Ueberzeugung, Anne, Alles gethan zu haben, was ich thun konnte.“ „Geh, Graf von Bouchage, Du biſt ein Narr. Du ſiehſt eine traurige, eingeſchloſſene, wehklagende Schoͤne und machſt ſie noch trauriger! Du ſprichſt wahrhaftig von der Liebe wie ein Schulknabe. Sie iſt allein, leiſte ihr Ge⸗ ſellſchaft; ſie iſt traurig, ſei Du heiter; ſie ſehnt ſich, tröſte ſie, erſetze, was ſie verloren hat.“ „Das iſt nicht moͤglich, Bruder.“ „Haſt Du es verſucht?“ „Warum?“ „Und waͤre es nur des Verſuchs wegen. Du biſt ver⸗ liebt, wie Du ſagſt.“ „Ich kenne keine Worte, meine Liebe genuͤgend zu be⸗ zeichnen.“ „Nun, nach vierzehn Tagen wird die Geliebte Dein ſein.“ „Bruder!“ „Das Wort eines Joyeuſe! Du verzweifelſt doch hof⸗ ich nicht?“ „Nein, ich habe nie gehofft.“ „Zu welcher Stunde ſiehſt Du ſie?“— „Zu Stunde ich ſie ſehe?“ „Ja „Ich habe ½ ja geſagt, Bruder, daß ich ſie gar ni 89 „Niemals?“ „Niemals.“ „Nicht einmal am Fenſter?“ „Nicht einmal ihren Schatten.“ „Das muß aufhoͤren. Hat ſie einen Liebhaber?“ „Ich habe nie einen Mann in ihr Haus gehen ſehen als jenen Remy, von dem ich geſprochen.“ „Wie iſt das Haus?“ „Es hat zwei Stockwerke, eine kleine Thuͤr und eine Terraſſe uͤber dem zweiten Fenſter.“ „Und durch dieſe Terraſſe kann man hineinkommen?“ „Es iſt von den andern Häuſern getrennt.“ „Was befindet ſich gegenuͤber?“ „Ein anderes ziemlich ähnliches Haus, das aber, wie mir es ſcheint, etwas höher iſt.“ „Von wem wird dieſes Haus bewohnt?“ „Von einem Buͤrger.“ „Hat er gute oder ſchlechte Laune?“ „Er ſcheint gut gelaunt zu ſein, denn ich höre ihn bisweilen lachen.“ „Kaufe ihm ſein Haus ab.“ „Wer ſagt Dir, daß es verkaͤuflich ſei?“ „Biete ihm nocheinmal ſo viel als es werth iſt.“ „Und wenn die Dame mich da ſieht?“ „So iſt es gut.“ „Nein, ſo wird ſie nocheinmal verſchwinden, waͤhrend ich ſie wiederzuſehen hoffe, wenn ich meine Gegenwart ver⸗ heimliche.“ „Du wirſt ſie heute Abend wiederſehen.“ „Ich. „Stelle Dich um acht Uhr unter ihren Balcon.“ „Ich werde da ſein wie ich jeden Tag da bin, aber ohne groͤßere Hoffnung als an den andern Tagen.“ „Gieb mir die genaue Adreſſe.“ „Zwiſchen dem Thore Buſſy und dem Hötel St. Denis, faſt an der Ecke der Augnſtinerſtraße, zwanzig Schritt von einem großen Wirthshauſe zum Schw erte des tap⸗ fern Ritters.“ „Sehr wohl. Heute Abend um acht Uhr.“ „Was willſt Du thun?“ „Das wirſt Du ſehen und hoͤren. Bis dahin gehe nach Hauſe, lege Deine ſchoͤnſte Kleidung an, nimm Deine koſt⸗ varſten Juwelen und ſalbe Dein Haar mit den feinſten Eſſenzen und Du wirſt dieſen Abend in die Feſte hinein⸗ gelangen.“ „Gott gebe es!“ „Heinrich, wenn der liebe Gott taub iſt, hoͤrt der Teu⸗ fel. Ich verlaſſe Dich jetzt, meine Geliebte wartet auf mich, oder vielmehr die Geliebte des Herrn von Mayenne. Beim Papſte, ſie ziert ſich nicht.“ „Bruder!“. Verzeihe, ich ſtelle keinen Vergleich zwiſchen den bei⸗ den Damen an, glaube mir, ob ich gleich nach dem, was Du mir ſagſt, die meinige oder vielmehr die unſerige mehr liebe. Aber ſie wartet auf mich.“ „Auf Wiederſehen, Anna.“ Die beiden Brüder druckten einander die Hand und trennten ſich. ei⸗ as hr 91 Der eine erhob nach etwa zweihundert Schritten keck den Klopfer an einem ſchoͤnen gothiſchen Hauſe an der Notre⸗ Dame und ließ ihn geraͤuſchvoll niederfallen. Der andere ging ſchweigend in eine der krummen Stra⸗ ßen hinein. Siebentes Kapitel. Wie das Schwert des tapfern Ritters den Roſenſtock der Liebe beſiegte. Waͤhrend die beiden Bruͤder, wie wir berichtet haben, mit einander ſprachen, war die Nacht eingebrochen und umhüllte die zwei Stunden vorher ſo geraͤuſchvolle Stadt mit ihrem feuchten Nebelmantel. Nach dem Tode Salcädes hatten die Zuſchauer ihre Wohnungen wieder aufgeſucht und man ſah in den Straßen nur noch einzelne Gruppen ſtatt der ununterbrochenen Kette von Neugierigen, welche am Tage mit einander nach einem Punkte hin gewandert waren. Nach der langen Erſchuͤtterung in der Mitte ſpuͤrte man einen Ueberreſt leicht begreiflicher Unruhe bis ſelbſt in den Stadttheilen, welche von dem Greveplatze am ent⸗ fernteſten lagen. So ſummte esz. B. nach dem Thore Buſſy zu, wohin wir uns jetzt wenden muͤſſen, um einigen Perſonen zu folgen, die wir dem Leſer im Anfange dieſer Erzäͤhlung vorgeſtellt haben und um mit Andern Bekanntſchaft zu machen, wie in einem Bienenſtocke bei Sonnenuntergange in einem roͤthlich angeſtrichenen Hauſe mit blauen und weißen Malereien, 92 welches das Gaſthaus zum Schwerte des tap⸗ fern Ritters hieß und vor kurzem in dieſem neuen Stadttheile angelegt worden war. Zu jener Zeit hatte jedes gute Gaſthans in Paris ſein prahlendes Schild. Das Schwert des tapfern Rit⸗ ters war ebenfalls eine der prächtigen Ausſtellungen, welche jeden Geſchmack befriedigen und jeder Neigung ent⸗ ſprechen ſollten. Man ſah da abgebildet den Kampf eines Erzengels oder eines Heiligen mit einem Drachen, welcher Rauch und Flammen ausſpie. Der Maler hatte in ebenſo heroiſcher als frommer Geſinnung dem vollſtändig geharniſchten Ritter nicht etwa ein Schwerdt, ſondern ein großes reuz in die Hand gegeben, mit welchem er beſſer als mit der ſchaͤrfſten Klinge den unglucklichen Drachen ſpaltete, deſſen blutige Stuͤcke am Boden umher lagen. Im Hintergrunde des Schildes oder vielmehr des Ge⸗ maͤldes, denn das Schild verdient gewiß dieſen Namen, ſah man in Menge Zuſchauer, welche die Arme emporhoben, während aus dem Himmel herab Engel Lorbeeren und Palmenzweige auf den Helm des tapfern Ritters legten. Im Vordergrunde hatte der Kuͤnſtler, um zu beweiſen, daß er Alles zu malen verſtehe, Kuͤrbiſſe, Trauben, Kaͤfer, Eidechſen, eine Schnecke auf einer Roſe und zwei Kanin⸗ chen, ein weißes und ein graues dargeſtellt, welche trotz der Verſchiedenheit der Farbe, die eine Meinungsverſchieden⸗ heit hätte anzeigen konnen, beide ſich an der Naſe kratzten, wahrſcheinlich aus Freude uͤber den denkwuͤrdigen Sieg. welchen der tapfere Ritter uͤber den ſymboliſchen p⸗ ten ein en, 93 davongetragen hatte, der kein anderer als der boͤſe Feind ſelbſt war. Der Beſitzer des Schildes mußte mit der Leiſtung des Kuͤnſtlers ſicherlich zufrieden ſein, wenn er uͤberhaupt zu⸗ frieden zu ſtellen war. Sein Maler hatte wirklich auch keine Linie des Raumes unbenutzt gelaſſen und es wurde an Platz gefehlt haben, wenn noch eine Milbe hätte ange⸗ bracht werden ſollen. Jetzt muſſen wir aber ein Geſtändniß ablegen, wenn es uns auch ſchwer ankommt. Das ſchoͤne Schild bewirkte feineswegs, daß das Gaſthaus ſich füllte; im Gegentheil es gab aus Grunden, welche wir ſogleich mittheilen werden und welche das Publicum gewiß begreift, zu Zeiten oder vielmehr immer in dem Gaſthauſe zum tapfern Ritter viel leeren Raum. Gleichwohl war das Haus, wie man heut zu Tage ſa⸗ gen wuͤrde, groß und bequem eingerichtet. Es war ins Gevierte gebaut, feſt in dem Boden gegruͤndet und ſtreckte ſtolz uber ſein Schild hinaus vier Thuͤrmchen, deren jedes ein achtſeitiges Zimmer enthielt. Alles war freilich von Holz gebaut, aber zierlich und geheimnißvoll, wie es jedes Haus ſein muß, daß den Maͤnnern und namentlich den Frauen gefallen will; aber darin lag eben das Uebel. Man kann nicht Allen gefallen, wenn auch Frau Four⸗ nichon, die Wirthin im„tapfern Ritter“, anderer Meinung war. Sie hatte in Folge dieſer Meinung ihren Mann veranlaßt ein Badehaus aufzugeben, das ſie in der Straße St. Honoré inne gehabt hatten, um zum Vortheile der Ver⸗ liebten am Buſſy⸗Platze und ſelbſt der andern Stadttheile „ 94 wieſe(Préaux Cleres), ſo daß ſich, von der Naͤhe und von dem Schilde, dem Schwertedes tapfern Rit⸗ ters, angezogen, ſo viele Paare ſich einfanden, welche ſich ſchlagen wollten, daß die andern minder ſtreitſuͤchtigen Paare das arme Gaſthaus wie die Peſt mieden, weil ſie den Läͤrm und die Streiche furchteten. Die Verliebten ſind friedliche Leute, die ſich nicht gern ſtören laſſen, ſo daß man in die doch ſo galanten Thuͤrmchen nur Kriegsleute und Kampfluſtige führen konnte und allen Liebesgöttern, welche der Verfertiger des Schildes innen auf die Holzwände ge⸗ malt hatte, durch die Stammgäſte Schnurrbärte und andere mehr oder minder unziemliche Anhaͤngſel mit Kohle ange⸗ malt worden waren. Deshalb behauptete denn auch Frau Fournichon, aller⸗ dings bis dahin nicht ohne Grund, das Schild habe dem Hauſe Ungluͤck gebracht und betheuerte, daß alle zartlichen Gemuͤther in ihrem Hauſe eingekehrt ſein wuͤrden, wenn man ihrer Erfahrung Folge geleiſtet und über die Thür ſtatt des tapfern Ritters und des haßlichen Drachen, welche Jedermann abſchreckten, etwas Galantes gemalt haͤtte, z. B. den Roſenſtockder Liebe mit brennenden Herzen ſtatt der Roſen. ungluͤcklicherweiſe achtete Fournichon, der nicht einge⸗ ſtehen mochte, daß ihn ſeine Idee und der Einfluß reue, welche ſie auf ſein Haus gehabt hatte, auf die en ſeiner Hausfrau nicht und antwortete achſelzuckend, er 3 von Paris den Bratſpieß zu drehen und Wein auszuſchen⸗ ken. Zum Nachtheile fuͤr die Hoffnungen der Frau Four⸗ nichon lag ihr Gaſthaus etwas zu nahe bei der Schreiber⸗ en⸗ ur⸗ er⸗ und it⸗ che en ſie ind an nd che e⸗ re e⸗ 95 ehemaliger Kriegsmann muͤſſe nothwendig die Kundſchaft der Kriegsleute ſuchen; auch ſetzte er hinzu, ein Reiter, der nur an das Trinken zu denken habe, trinke ſo viel wie ſechs Verliebte und wenn er auch nur die Häͤlfte der Zeche be⸗ zahle, ſo gewinne man immer noch, weil die verſchwende⸗ riſcheſten Verliebten doch nie bezahlten wie drei Reiter. Uebrigens, ſchloß er, ſei der Wein moraliſcher als die Liebe. Bei dieſen Worten zuckte Frau Fournichon ihrer Seits die ziemlich runden Schultern daruͤber, daß man ihre An⸗ ſichten über Moral böswillig auslege. So ſtanden die Sachen in dem Hauſe Fournichons und die beiden Eheleute vegetirten auf dem Buſſy„Platze hin wie ſonſt in der Straße St. Honoré, als ein unvorherge⸗ ſehener Umſtand eine Aenderung bewirkte und der Anſicht Meiſter Fournichons zum großen Ruhme des praͤchtigen Schildes, auf welchem das ganze Thierreich vertreten war, den Sieg verſchaffte. Einen Monat vor der Hinrichtung Saleides hatten ſich Herr und Frau Fournichon wegen einiger militairiſchen Uebungen auf der Schreiberwieſe ihrer Gewohnheit gemaͤß in eines der Eckthuͤrmchen ihres Hauſes begeben, waren da muͤßig und froren, weil alle Tiſche und Zimmer des Gaſthauſes zum tap fern Ritter leer ſtanden. Der Roſenſtrauch derLiebe hatte an dieſem Tage keine Roſen gegeben und das Schwert des Ritters hatte Luftſtreiche gefuͤhrt. Die beiden Eheleute blickten alſo traurig auf die Ebene, wo die Soldaten auf derFloͤße des Thurmes von Nesle ſich einſchifften, um in den Louvre zuruͤckzukehren und als ſie ſo 3 96 hinſahen und uber den militairiſchen Despotismus ſeufze⸗ ten, welcher die Soldaten, die natürlich ſehr durſtig ſein mußten, zwang in ihre Hauptwache zuruͤckzukehren, bemerk⸗ ten ſie, daß der Hauptmann derſelben ſein Pferd in Trab ſetzte und mit einer einzigen Ordonnanz nach dem Thore Buſſy zu kam. Dieſer Officier mit dem Federbuſche, der ſtolz auf einem Schimmel ſaß und deſſen vergoldete Schwertſcheide den ſchoͤnen Mantel von flanderiſchem Tuche mehr hervor⸗ hob, war nach zehn Minuten vor dem Gaſthauſe. Da er ſich aber nicht in das Gaſthaus zu begeben ge⸗ dachte, ſo wollte er weiter reiten, ſelbſt ohne das praͤchtige Schild bewundert zu haben, da er in Gedanken verſunken zu ſein ſchien, als Meiſter Fournichon, der faſt verzweifelte, an dieſem Tage Handgeld zu loͤſen, ſich aus dem Thuͤrmchen hinunter bog und ausrief: „Sieh einmal, Frau, das ſchoͤne Pferd!“ Und Frau Fournichon gab als geſchickte Wirthin die Antwort: „Und der ſchoͤne Reiter!“ Der Hauptmann, welcher gegen Lob nicht unempfind⸗ lich zu ſein ſchien, woher es auch kommen mochte, blickte empor als erwache er plotzlich aus einem Traume. Er ſah den Wirth, die Wirthin und das Wirthshaus, hielt ſein Pferd an und rief die Ordonnanz. Dann blickte er, noch immer auf dem Pferde, das Haus und die Umgebungen aufmerkſam an. Fournichon war geſchwind auf der Treppe hinunterge⸗ laufen und ſtand mit der Muͤtze in der Hand an der Thuͤr. tr ißze⸗ ſein erk⸗ rab hore auf eide or⸗ tige ken lte, hen die d kte 4h in ch en 97 Der Hauptmann, der einige Augenblicke nachgedacht hatte, ſtieg vom Pferde. „Iſt Niemand hier?“ fragte er. „In dieſem Augenblicke nicht“, antwortete der Wirth demuͤthig und er wollte eben hinzuſetzen,„ſo etwas kommt freilich in meinem Hauſe ſelten vor“, aber ſeine Frau war, wie faſt alle Frauen, kluger und ſcharfſinniger als ihr Mann und rief deshalb laut aus ihrem Fenſter herunter:„wenn der Herr die Einſamkeit ſucht, wird er ſie bei uns finden.“ Der Reiter blickte empor und als er erkannte, daß die Frau ihn ſo gut verſtanden habe, entgegnete er: „Fuͤr den Augenblickja; das eben ſuche ich, gute Frau.“ Frau Fournichon eilte alsbald de m Herrn entgegen und dachte bei ſich: „Diesmal ſiegt der„Roſenſtock der Liebe“ und nicht das„Schwert des Ritters.“ Der Hauptmann, welcher die Aufmerkſamkeit der beiden Eheleute beſchaͤftigte und auch die des Leſers auf ſich zu ziehen verdient, war ein Mann von dreißig bis funfund⸗ dreißig Jahren, ſah aber wie achtundzwanzig Jahre alt aus. Er war groß, gut gewachſen und hatte ein feines ausdrucksvolles Geſicht; vielleicht häͤtte man bei genauerer Pruͤfung etwas Affectation in ſeinem Weſen erkannt. Er warf dem ihn begleitenden Diener die Zugel eines praͤchtigen Pferdes zu, das ungeduldig ſcharrte und ſagte: „Führe die Pferde herum und erwarte mich hier.“ Der Soldat nahm die Zuͤgel und gehorchte. Als der Mann in das große Zimmer des Wirthshauſes ge⸗ treten war, blieb er ſtehen, ſah ſich befriediget um und ſagte: Die Fünfundvierzig. 1. 7 98 „Ei, ei! Ein ſo großes Zimmer und kein einziger Trinker. Sehr gut.“ i Fournichon ſah ihn mit Erſtaunen an, waͤhrend die Frau Wirthin ihn klug anlachelte. „Aber“ fuhr der Hauptmann fort,„liegt etwas in Euerem Benehmen oder hat Euer Haus etwas, W Gaͤſte von Euch fern hält?“* „Weder das eine noch das andere, Gott ſei Dank“ erwiederte Frau Fournichon;„der Stadttheil iſt nur noch zu neu und wir treffen eine Auswahl unter den Gäſten.“ „Sehr gut“ entgegnete der Hauptmann. 5½ Fournichon geruhete die Antworten ſeiner Frau du ch Kopfnicken zu beſtätigen. „Fuͤr einen Gaſt wie Ew. Gnaden z. B.“, ſetzte ſie mit einem gewiſſen Augenblinzeln hinzu, welches die urheberin des Roſenſtocks der Liebe verrieth,„würden wir gern ein Dutzend Anderer gehen laſſen.“ 5 „Sehr artig, ſchone Wirthin; ich danke.“ „Will der Herr den Wein koſten?“ fragte Fournichon ſo wenig rauh als moglich. „Will der Herr die Zimmer beſehen?“ fragte Frau Fournichon mit ihrer lieblichſten Stimme. „Das eine wie das andere“ antwortete der Hauptmann. Fournichon ging in den Keller hinunter, waͤhrend ſeine Frau dem Gaſte die zu den Thuͤrmchen fuͤhrende Treppe zeigte, auf welcher ſie ihren netten Rock zuſammennahm, h vorausging und auf jeder Stufe einen ächten Pariſer Schuh 3 knarren ließ. 5 6 3 S 99 iger„Wie viele Perſonen könnt Ihr aufnehmen?“ fragte der Hauptmann, als er im erſten Stock angekommen war. die„Dreißig Perſonen und darunter ſechs Herrn.“ „Das iſt nicht genug, ſchoͤne Wirthin“, antwortete der in Hauptmann. die Brrun, Ew. Gnaden?“ ch hatte einen Plan; ſchweigen wir davon.“ k,„Ihr findet gewiß nichts Beſſeres als das Gaſthaus och zum Roſenſtockder Liebe.“ 4 Wie ſo Roſenſtock der Liebe?“ „Zum tapfern Ritter wollte ich ſagen, wenn man uch nicht den Louvre mit allem Zubehör hat..“ Der Fremde heftete einen ſeltſamen Blick auf ſie. „Ihr habt Recht“, ſagte er;„wenn man nicht den rin Louvre hat..“ Dann ſetzte er leiſe hinzu:„warum nicht? ern Es waͤre bequemer und minder theuer. Ihr meint alſo, meine gute Frau“, fuhr er laut fort,„daß Ihr dreißig Perſonen hier aufnehmen konntet.“ on„Ohne Zweifel.“ „Aber auf einen Tag?“ „Ach, auf einen Tag vierzig und wohl fuͤnfundvierzig.“ „Fuͤnfundvierzig? Das iſt gerade meine Zahl.“ „Wirklich? Nun ſeht, wie gut ſich das trifft.“ n.„Und ohne daß es Lärm draußen macht?“ ine„Wir haben Sonntags oft bis achtzig Soldaten hier.“ pe„Und verſammelt ſich kein Volk vor dem Hauſe? Ihr m, habt keine Spione unter den Nachbarn?“ uh Ach Gott, nein. Wir haben einen einzigen Nachbar, einen achtbaren Burger, der ſich um Niemandes Angelegen⸗ 7* 100 heiten kummert, und nur eine Nachbarin, die ſo eingezogen lebt, daß ich ſie in den drei Wochen, die ſie hier wohnt, noch nicht einmal geſehen habe. Alle andern ſind kleine Leute.“ „Das paßt mir vortrefflich.“ „Deſto beſſer“, ſagte Frau Fournichon. „Gerade nach einem Monate“, fuhr der Hauptmann fort,„merkt dies wohl, gerade nach einem Monate..“ „Am 26. October alſo?“ „Richtig, am 26. October.“ „Nun?“ „Nun fur den 26. Oetober miethe ich Euer Gaſthaus.“ „Ganz?“ „Ganz. Ich will einige Landsleute uberraſchen, Offi⸗ ciere oder doch meiſt Soldaten, die nach Paris kommen, um da ihr Glück zu ſuchen. Sie werden bis dahin die Weiſung erhalten, bei Euch abzuſteigen.“ „Sie werden die Weiſung erhalten, da Ihr ſie doch uberraſchen wollet?“ fragte Frau Fournichon unklug. „Ah“, antwortete der Hauptmann, ſichtbar durch die Frage verletzt,„wenn Ihr neugierig oder nicht verſchwiegen ſeid..“ Fournichon hatte gehorcht und bei den Worten: Offi⸗ ciere und Soldaten klopfte ihm vor Freuden das Herz. Er kam eilig herbei. „Nein, nein“ antwortete Frau Fournichon erſchrocken. „Herr“ ſagte er,„Ihr werdet Herr hier ſein, der Des⸗ 32 pot des Hauſes und Euere Freunde ſind ohne Frage alle willkommen.“ „Ich habe ſie nicht meine Freunde genannt, guter 9 . 8⸗ 101 Mann“, antwortete der Hauptmann ſtolz;„ich ſagte Lands⸗ leute.“ „Ja, ja, die Landsleute Ew. Gnaden; ich verſprach mich.“ Frau Fournichon hatte ſich aͤrgerlich umgedreht; die Liebesroſen hatten ſich in einen Hellebarden verwandelt. „Ihr gebt ihnen ein Abendeſſen“, fuhr der Haupt⸗ mann fort. „Sehr wohl.“ „Im Nothfalle auch ein Rachtlager, wenn ich noch keine Wohnung fur ſie ſollte gefunden haben.“ „Sehr wohl.“ „Aber Ihr muͤßt ſie ganz ſich ſelbſt überlaſſen und ſie nicht mit Fragen belaͤſtigen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Hier ſind dreißig Livres Draufgeld.“ „Der Handel iſt geſchloſſen, gnaͤdiger Herr. Euere Landsleute werden wie Koͤnige behandelt werden und wenn Ihr Euch ſelbſt uberzeugen und den Wein koſten wollet..“ „Ich trinke niemals und danke.“ Der Hauptmann trat an das Fenſter und rief den Die⸗ ner mit dem Pferde. Fournichon hatte ſich unterdeß mit einem Gedanken beſchaͤftiget. „Gnädiger Herr“, ſagte er(ſeit dem Empfange der ſo freigebig in voraus bezahlten drei Goldſtuͤcke nannte Meiſter Fournichon den Fremden„gnädiger Herr“), wie werde ich alle jene Herrn erkennen?“ 102 „Ihr habt Recht, das vergaß ich. Gebt mir Siegel⸗ wachs, Papier und Licht.“ Frau Fournichon brachte das Verlangte. Der Hauptmann druckte auf das brennende Wachs den Stein eines Ringes, den er an der linken Hand trug. „Seht Ihr da dieſe Figur?“ „Eine ſchoͤne Frau, ja.“ „Es iſt ein Cleopatra.. Jeder meiner Landsleute wird Euch einen ſolchen Abdruck bringen und wer einen ſolchen vorzeigt, den beherbergt Ihr. Verſtanden?“ „Auf wie lange Zeit?“ „Das weiß ich noch nicht. Ihr werdet noch meine Be⸗ ſehle empfangen.“ „Wir werden ſie erwarten.“ Der ſchoͤne Hauptmann ging die Treppe hinunter, ſchwang ſich wieder in den Sattel und ritt im ſcharſen Trabe fort. Die Eheleute Fournichon ſteckten mit großer Freude die dreißig Livres Draufgeld ein und der Wirth wiederholteoft: „Soldaten! Siehſt Du, das Schild hat nicht Unrecht; durch den Degen werden wir unſer Gluͤck machen.“ Und er fing an in Erwartung des beruͤhmten 26. Oetbr. alle Caſſerole zu ſcheuern und zu putzen. Achtes Kapitel. Die Gascogner. Wir moͤchten nicht behaupten, daß Frau Fournichon gerade ſo verſchwiegen geweſen ſei als es der Fremde an⸗ S n e⸗ 103 empfohlen hatte. Auch glaubte ſie wohl jeder Verpflichtung gegen ihn entbunden zu ſein, da er ihrem Manne wegen des Schwertes des tapfern Ritters den Vorzug gegeben hatte. Da ihr aber noch mehr zu errathen uͤbrig blieb, als er ihr geſagt hatte, ſo begann ſie, um ihre Muth⸗ maßungen auf ſichern Grund zu bauen, vor allen Dingen womoͤglich zu ermitteln, wer der unbekannte Herr ſei, wel⸗ cher ſo freigebig fur ſeine Landsleute bezahle. Sie fragte deshalb den erſten beſten Soldaten, den ſie vorbeigehen ſah, nach dem Namen des Offieiers, welcher die Muſterung gehalten habe. Der Soldat, welcher wahrſcheinlich von der Tugend der Verſchwiegenheit mehr beſaß als die Frau Wirthin, fragte ſie, ehe er antwortete, warum ſie dieſe Frage an ihn thue. „Weil er eben hier geweſen iſt“, antwortete Frau Fournichon,„weil er mit uns geſprochen hat und man doch gern wiſſen will, mit wem man redet.“ Der Soldat lachte und ſagte dann: „Der Officier, welcher die Muſterung hielt, wird nicht in dem Gaſthauſe zum Schwerte des tapfern Rit⸗ ters eingekehrt ſein, Frau Fournichon.“ „Und warum nicht?“ fragte die Wirthin;„iſt er ein zu großer Herr dazu?“ „Vielleicht.“ „Wenn ich nun aber ſagte, daß er nicht ſeinetwegen in unſerm Hauſe geweſen iſt?“ „Weshalb ſonſt?“ „Wegen ſeiner Freunde.“ 104 „Der Ofſicier, welcher die Muſterung hielt, bringt ſeine Freunde nicht in den tapfern Ritter, dafuͤr ſtehe ich.“ „Wie Ihr aber auch ſeid, guter Mann! Und wer iſt denn der Herr, der ſo vornehm iſt, daß er ſeine Freunde nicht in das beſte Gaſthaus in Paris bringen moͤchte?“ „Ihr meint den, welcher die Muſterung hielt, nicht wahr?“ „Ja, ja.“ „Nun, gute Frau, der, welcher die Muſterung hielt, iſt einfach der Herr Herzog Nogaret von Lavalette Epernon, Pair von Frankreich, Generaloberſt der Infanterie des Königs und faſt noch mehr Konig als Se. Maj. ſelbſt. Was meint Ihr nun?“. „Wenn er bei uns eingeſprochen iſt, hat er uns große Ehre erzeigt.“ Man kann ſich nun eine Vorſtellung davon machen, mit welcher Ungeduld der 26. October erwartet wurde. Am 25. October erſchien ein Mann mit einem ziem⸗ lich ſchweren Sack, den er auf den Schenktiſch Fournichons ſtellte. „Da iſt das Geld fur das fur morgen beſtellte Eſſen“ ſagte er. Wie viel füͤr den Mann?“ fragten die beiden Wirths⸗ leute. „Sechs Livres.“ „Werden die Landsleute des Herrn Officiers nur eine Mahlzeit hier halten?“ „Nur eine.“. — t r 105 Der Herr Officier hat alſo eine Wohnung fur ſie ge⸗ funden?“ „Es ſcheint ſo.“ Und der Bote entfernte ſich trotz den Fragen des Wir⸗ thes und der Wirthin und ohne auf eine derſelben antwor⸗ ten zu wollen. Endlich ging der ſo erſehnte Tag über Kuͤche und Kel⸗ ler des tapfern Ritters auf. Es hatte bei den Auguſtinern halb neun Uhr geſchla⸗ gen, als zwei Reiter an der Thuͤr des Gaſthauſes anhielten, von den Pferden ſtiegen und eintraten. Sie kamen von dem Thore Buſſy und mußten deshalb die erſten ſein, zuerſt weil ſie Pferde hatten und dann weil das Gaſthaus kaum hundert Schritte von dem Thore Buſſy lag. Der eine, welcher der Führer zu ſein ſchien, ſowohl ſeines guten Ausſehens als ſeines Lurus wegen, hatte zwei berittene Diener bei ſich. Ein jeder zeigte den Siegelabdruck mit dem Bilde der Cleopatra vor und ſo wurde er von den beiden Eheleuten im Gaſthauſe mit aller Zuvorkommenheit empfangen, nament⸗ lich der junge Mann mit den zwei Dienern. Die Angekommenen traten indeß mit Ausnahme eben jenes jungen Mannes ziemlich ſchuͤchtern und mit einer ge⸗ wiſſen Aengſtlichkeit ein; man ſah es ihnen an, daß ſie an etwas Ernſtes dachten, beſonders wenn ſie zufaͤllig in ihre Taſche griffen. Einige wollten ausruhen, Andere vor dem Abendeſſen in der Stadt umhergehen. Der junge Mann mit den bei⸗ 106 den Dienern erkundigte ſich, ob es in Paris nichts Neues zu ſehen gaͤbe. „Nun,“ antwortete Frau Fournichon, welcher der junge Mann recht wohl geſiel,„wenn Ihr Euch vor der Menſchenmenge nicht fuͤrchtet und Euch nicht ſcheut, vier Stunden hinter einander zu ſtehen, ſo koͤnnt Ihr die Hin⸗ richtung des Herrn von Saleède, eines Spaniers, mit an⸗ ſehen, der Verſchwoͤrungen angezettelt hat.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der junge Mann;„ich habe davon ſprechen hoͤren und werde hingehen.“ Und er entfernte ſich mit ſeinen beiden Dienern. Gegen zwei Uhr kamen etwa funfzehn neue Reiſende in Gruppen von vier bis fuͤnf Perſonen an. Einige er⸗ ſchienen jedoch auch allein. Einer that ſogar, als komme er aus dem Nebenhauſe, ohne Hut und mit einer Reitgerte in der Handz er ſchimpfte auf Paris, wo die Diebe ſo keck waͤren, daß ſie ihm den Hut vom Kopfe genommen haͤtten, als er in der Gegend des Greveplatzes durch einen Volkshaufen hindurch ge⸗ gangen. Uebrigens, ſagte er, ſei es ſeine eigene Schuld, warum habe er ſich in Paris in einem Hute mit ſo praͤch⸗ tiger Agrafe gezeigt. Gegen vier Uhr waren ſchon vierzig Landsleute des Ofſiciers in dem Hauſe Fournichons verſammelt. „Es iſt doch ſeltſam,“ ſagte der Wirth zu ſeiner Frau,. „ſie ſind ſaͤmmtlich Gascogner.“ „Was iſt da Seltſames?“ antwortete die Frau;„hat der Ofſicier nicht geſagt, daß er Landsleute empfange?“ „Nun?“ u, at 107 „Da er ein Gascogner iſt, ſo muͤſſen ſeine Landsleute doch auch Gascogner ſein.“ „Da haſt Du Recht,“ meinte Fournichon. „Iſt Herr von Epernon nicht von Toulouſe? Ich habe es gleich an ſeiner Sprache erkannt.“ „Du haſt Recht.“ „Es iſt nichts zu verwundern, als daß wir nur vierzig Gascogner haben, da doch fuͤnfundvierzig angemeldet ſind.“ Gegen fuͤnf Uhr aber kamen auch die andern fünf und die Gaͤſte des tapfernRitters waren nun vollzählig beiſammen. Eine gleiche Ueberraſchung hatte wohl nie Gascogner⸗ Geſichter erheitert; eine Stunde lang hoͤrte man nichts als gascogneſche Verwunderungsausrufungen und einen ſo ausgelaſſenen Jubel, daß die Eheleute Fournichon nicht anders meinten, als ganz Saintonge, Poitou, Aunis und Languedoe habe ſich in ihrer großen Gaſtſtube zuſammen⸗ gefunden. Einige kannten ſich unter einander, wie z. B. Euſtache von Miradour den Herrn mit den beiden Dienern um⸗ armte und ihm Lardille, Militor und Seipio vorſtellten. „Welcher Zufall führt Dich nach Paris?“ fragte der junge Mann. „Und Dich, lieber Sainte-Maline?“ „Ich habe eine Stelle in der Armee und Du?“ „Ich komme wegen einer Erbſchaftsangelegenheit.“ „Und ſchleppſt die alte Lardille immer mit Dir herum?“ 108 „Sie wollte mir ſolgen.“ „Konnteſt Du nicht in aller Stille abreiſen, ſtatt die ganze Familie Dir auf den Hals zu laden?“ „Es war nicht moglich; ſie ſelbſt hatte den Brief des Proeurators erbrochen.“ „Du haſt alſo brieflich Nachricht von der Erbſchaft erhalten?“ fragte Sainte⸗Maline. „Ja, antwortete Miradour, der indeß dem Geſpräche bald eine andere Wendung gab und bemerkte: „Iſt es nicht merkwürdig, daß dieſes Gaſthaus ganz voll iſt und noch dazu nur von Landsleuten?“ „Nein, das iſt nicht merkwürdig. Das Schild lockt Leute von Ehre an,“ antwortete unſer Bekannter Perducas von Pinecornay, der ſich in das Geſpräch miſchte. „Ah, Ihr ſeid es,“ entgegnete Sainte⸗Maline;„Ihr habt mir noch nicht erklären können, was Ihr mir beim Gröveplatze erzählen wolltet, als uns eine Volksmaſſe 6 trennte.“ „Und was wollte ich Euch erklaäͤren?“ fragte Pincornay, der leicht erroͤthete. „Wie es zuging, daß ich Euch zwiſchen Angouleme und Angers auf der Straße gerade ſo begegnete, wie ich Euch heute ſehe, zu Fuße, mit einer Reitgerte in der Hand und ohne Hut.“ „Ihr moͤchtet das gern wiſſen?“ „Allerdings,“ antwortete Sainte⸗Maline; es iſt weit von Poitiers hierher und Ihr kommt noch weiter als von Poitiers.“ „Von St. Andre de Cubſac.“ 109 „Und ohne Hut?“ „Die Sache iſt ſehr einfach.“ „Das finde ich nicht.“ „Doch und Ihr werdet es ſogleich einſehen. Mein Vater hat zwei praͤchtige Pferde, auf die er ſo große Stucke haͤlt, daß er wohl im Stande iſt nach dem Ungluͤcke, das mich betroffen hat, mich zu enterben.“ „Und welches Ungluͤck hat Euch betroffen?“ „Ich ritt auf dem einen, dem ſchoͤnſten, ſpazieren, als plötzlich zehn Schritte von mir ein Schuß fällt, mein Pferd erſchreckt, durchgeht und nach der Dordogne zu laͤuft.“ „Und es ſprang hinein?“ „Gewiß.“ „Mit Euch?“ „Nein, ich hatte gluͤcklicherweiſe Zeit gehabt, herunter zu gleiten, ſonſt wäre ich mit ertrunken.“ „Das arme Thier iſt alſo ertrunken?“ „Ihr kennt ja die Dordogne; ſie iſt eine halbe Stunde breit.“ „Nun?“ „Da entſchloß ich mich, nicht nach Hauſe zuruckzufehren und mich ſo weit als moͤglich von dem väterlichen Hauſe zu entferüen.“ „Aber Euer Hut?“ „So wartet doch, zum Teufel. Mein Hut ſel.“ „Wie Ihr?“ „Ich war nicht gefallen, ſondern hatte mich langſam hinuntergleiten laſſen. Ein Pincornay fällt nie vom Pferde; die Pincornay's ſind ſchon in den Windeln tuͤchtige Reiter.“ 110 „Das iſt eine bekannte Sache“, ſagte Sainte⸗Maline; „aber Euer Hut?“ „Mein Hut war gefallen und ich fing an ihn zu ſuchen, da er mein einziger Schatz war, denn ich 62 mich ohne Geld entfernt.“ „Wie konnte Euer Hut Euer einziger Schätz ſein?“ fragte Sainte-Maline, der Pincornay nicht loslaſſen zu wollen ſchien. „Ein gar großer Schatz! Die Feder auf dieſem Hute wurde von einer Diamantagrafe gehalten, welche Se. Maj. der Kaiſer Karl V. meinem Großvater gab, als er aus Spanien nach Flandern reiſete und in unſerem Schloſſe uͤbernachtete.“ „Ah, Ihr habt die Agrafe mit dem Hute daran ver⸗ kauft? In dieſem Falle muͤſſet Ihr reicher ſein als wir alle und Ihr haͤttet Euch vor allen Dingen einen zweiten Hand⸗ ſchuh kaufen ſollen. Euere Haͤnde paſſen ja gar nicht zu einander; die Eine iſt weiß wie eine Frauenhand, die Andere ſchwarz wie eine Negerfauſt.“ „Wartet doch nur! In dem Augenblicke, als ich nich umdrehete, um meinen Hut zu ſuchen, ſah ich einen ſehr großen Raben darauf zu fliegen.“ „Auf Euern Hut?“ „Oder vielmehr auf meinen Diamant. Ihr wißt, daß die Raben alles Glaͤnzende ſtehlen; er flog alſo auf meinen Diamant zu und ſtahl ihn mir.“ „Den Diamant?“ „Ja. Anfangs ſah ich ihm nach, dann lief ich ihm nach und ſchrie:„Haltet auf! Haltet den Dieb auf!“ Aber us r⸗ le zu re hr en er 111 nach fuͤnf Minuten war er verſchwunden und ich habe nichts wieder von ihm gehoͤrt.“ „In der Trauer uͤber dieſen doppelten Verluſt..“ „Wagte ich es nicht in das väterliche Haus zuruckzu⸗ kehren unſjitſchloß mich kurz, in Paris mein Gluck zu ſuchen.“ „Das gefaͤllt mir“, fiel ein Dritter ein;„hat ſich der Wind in einen Raben verwandelt? Herrn von Loignac er⸗ zahltet Ihr doch, glanbe ich, Ihr haͤttet einen Brief von der Geliebten geleſen, der Wind haͤtte Euch Brief und Hut entfuͤhrt und Ihr waͤret als ächter Amadis zuerſt dem Briefe nachgelaufen, ſo daß der Hut ſich dahin wenden konnte, wo⸗ hin er wollte.“ „Mein Herr“, ſagte Sainte-Maline,„ich habe die Ehre Herrn von Aubigne zu kennen, der ein ſehr tapferer Soldat iſt, nichtsdeſtoweniger aber auch die Feder gut zu gebrauchen weiß. Etzählt ihm, wenn Ihr mit ihm zu⸗ ſammentreffet, die Geſchichte von Eurem Hute und er wird ein vortreffliches Maͤhrchen daraus machen.“ Man lachte hier und da halblaut. „Nun, ihr Herren?“ fragte der reizbare Gascogner, „lacht man vielleicht zufaͤllig uber mich?“ Jeder drehete ſich um, damit erungeſtörter lachen konnte. Perdicas ſah ſich forſchend um und erblickte am Ka⸗ mine einen jungen Mann, welcher beide Hände auf das Geſicht gelegt hatte. Er ging zu ihm, weil er glaubte, der Jüngling thue das, um ungeſehen lachen zu können. „Herr“ redete er ihn an,„wenn Ihr lachen wollet, ſo lacht wenigſtens frei heraus, daß man Euer Geſicht ſieht.“ 112 Und er ſchlug den jungen Mann auf die Achſel. 2 Dieſer richtete ſein ernſtes Geſicht empor. Es war un⸗ v ſer Freund Ernauton von Carmainges, der ſein Abenteuer auf dem Greveplatze noch nicht vergeſſen konnte.„ „Ich bitte Euch, laßt mich in Ruhe“, ſagte er,„und wenn Ihr mich wieder beruͤhrt, ſo greift mich wenigſtens mit der Hand an, an welcher Ihr den Handſchuh tragt. Ihr ſehet wohl, daß ich mich um Euch nicht kummere.“ „Nun“, brummte Pincornah vor ſich hin,„wenn Ihr Euch um mich nicht kͤmmert, ſo habe ich Euch auch nichts zu ſagen.“ „Aber“ ſagte Euſtache von Miradour zu Carmainges, „Ihr ſeid mit den verſoͤhnlichſten Abſichten doch nichtfreund⸗ 42 lich gegen unſern Landsmann.“ „Was zum Teufel geht das Euch an?“ entgegnete Ernauton noch mehr gereizt. 6 „Ihr habt Recht“, ſagte Miradour mit einer tiefen Verbeugung;„es geht mich nichts an.“* und er drehete ſich auf den Ferſen herum, um wieder zu Lardille zu gehen, die neben dem großen Kamine ſaß; es vertrat ihm aber Jemand den Weg, Militor, der die beiden Haͤnde im Guͤrtel hatte und hoͤhniſch lͤchelte. „Sagt doch, Stiefvater“, begann der Bengel. „Nun?“ „Was meint Ihr dazu?“ „Wozu?“ „Zu der Art, wie der Herr da Euch hat abfahren laſſen.“ „Haſt Du das auch bewerkt?“ fragte Euſtache, der n weiter zu gehen verſuchte; denhKili or vereitelte dies un⸗ uer ind ens gt. hr ts es, id⸗ 113 Mandoͤver, indem er ſich links wendete, ſo daß er von neuem vor dem Alten ſtand. „Ich habe es nicht allein gehoͤrt“, fuhr Militor fort, „ſondern jeder hoͤrte es. Seht doch, wie Alle lachen.“ Man lachte allerdings, aber daruͤber nicht mehr als uber etwas anderes. Euſtache wurde roth wie ein geſottener Krebs. „Stiefvater, raſch“, hetzte Militor,„laßt die Sache nicht kalt werden.“ Euſtache ſtreckte ſich ſo lang als es ihm moͤglich war und trat wieder zu Carmainges. „Man behauptet“, ſagte er zu ihm,„Ihr haͤttet die Abſicht gehabt, mich zu beleidigen.“ „Wann?“ „Eben jetzt.“ „Euch 2“ „Ja, mich.“ „Und wer behauptet das?“ „Der Herr da“, erwiederte Euſtache, indem er auf Militor zeigte. „In dieſem Falle“, antwortete Carmainges,„iſt der Herr da(und er betonte das Wort ſtark) ein Gelbſchnabel und Na 1ß.“ „O ho!“ fuhr Militor wüthig auf. „Und ich fordere ihn auf, mich in Ruhe zu laſſen, ſonſt erinnere ich mich des Rathes Loignaes.“ „Herr von Loignac hat mich keinen Gelbſchnabel ge⸗ nannt.“ „Nein, er ſagte, ewaret ein Eſel; iſt Euch das Die Fuͤnfundvierzig. I. 8 lieber? Ich habe nichts dagegen.. Seid Ihr ein Eſel, ſo werde ich Euch den Zaum anlegen; ſeid Ihr ein Gelb⸗ ſchnabel, ſo verlaßt Euch darauf, daß Ihr gerupft werdet.“ „Herr“ fiel jetzt Euſtache ein,„er iſt mein Stiefſohn; behandelt ihn nicht ſo ſchlecht, ich bitte Euch, aus Rückſicht auf mich.“ „So vertheidiget Ihr mich, Stiefvater?“ rief Militor unwillig aus.„Es iſt beſſer, ich vertheidige mich allein.“ „Die Buben gehoͤren in die Schule!“ ſagte Ernauton. „In die Schule?“ wiederholte Militor, der weiter vortrat und die geballte Fauſt Herrn von Carmainges entgegenhielt;„ich bin ſiebenzehn Jahre alt, verſtanden?“ „Und ich fuͤnfundzwanzig“ antwortete Ernauton.„Ich werde Euch alſo nach Verdienſt zuchtigen.“ Dabei faßte et ihn am Kragen und am Guͤrtel, pob ihn empor und warf ihn wie ein Packet aus dem Fenſter hinaus auf die Straße, während Lardille ſo laut ſchrie, daß das Haus davon hätte zuſammenſturzen können. „Nun“, ſetzte Ernauton ganz gelaſſen hinzu,„klopfe ich die ganze Familie, Stiefvater, Stiefmutter und Stieſ⸗ ſohn windelweich, wenn man mich noch einmal beläͤſtiget.“ „Er hat, weiß es Gott! Recht“, ſagte Miradour; „warum reizt man denn auch den Herrn?“ „Ah Du feige Memme!“ rief Lardille aus, indem ſie zu Euſtache trat und ihr Haar ſchuͤttelte;„Du laͤſſeſt Dei⸗ nen Sohn ſchlagen?“ „Ruhe und Gelaſſenheit imponiren ſtets am meiſten“, antwortete Euſtache. „Was?“ rief ein Offieier, der eintrat;„man wirft Eſel, et.“ ohn; kſicht litor ein.“ iton. eiter nges n „Ji hol nſter daß opfe tief⸗ et.“ ur nſie Dei⸗ 115 hier Leute durch das Fenſter hinaus? Wenn man ſich die⸗ ſen Spaß erlaubt, ſollte man wenigſtens vorher rufen: vorgeſehen!“ „Herr von Loignac!“ riefen wohl zwanzig Stimmen. „Herr von Loignac!“ wiederholten die Fuͤnfundvierzig. Und bei dieſem in der ganzen Gascogne bekannten Namen ſtanden alle auf und ſchwiegen. Neuntes Kapitel. Hinter Herrn von Loignae trat auch Militor wieder ein, kirſchbraun vor Zorn. „Nun, ihr Herren“ ſagte Loignac,„Ihr macht da, wie mir ſcheint, bedeutenden Lärm.— Der Militor iſt wahrſcheinlich wieder naſeweis geweſen und hat dafur die verdiente Zuͤchtigung erhalten.“ „Man ſoll dafuͤr buͤßen!“ grollte Militor, indem er die Fauſt gegen Carmainges ballte. „Meiſter Fournichon, aufgetragen!“ riefLoignac.„Und nun vertrage ſich ein jeder mit ſeinem Nachbar, wenn es moͤglich iſt. Ihr habt Euch von dieſem Augenblicke an wie Bruͤder zu lieben.“ „Hm!“ ſagte Sainte⸗Maline. „Menſchenliebe iſt ſelten“, meinte Chalabre, indem er die Serviette uͤber ſein eiſengraues Wamms breitete, ſo daß dies nicht leiden konnte, wenn es auch viel Sauce geben ſollte. 8* 116 „Wir ſind freilich noch nicht lange bei einander“, ſetzte Ernauton hinzu. „Ueber mich ſpottet man“, ſagte Pincornay, welcher die Neckereien noch nicht vergeſſen hatte,„weil ich keinen Hut habe und doch ſagt manüber Herrn von Montirabeau nichts, der in einem Harniſch aus der Zeit des Kaiſers Pertinar eſſen will, von welchem er aller Wahrſcheinlichkeit nach ab⸗ ſtammt. Das nenne ich mir auf Schutz bedacht ſein!“ Montecrabeau ſtand alsbald gereizt auf und antwortete mit duͤnner Fiſtelſtimme: „Meine Herren, ich lege ihn ab und melde das für diejenigen, welche mich lieber mit Angriffswaffen als mit Schutzwaffen ſehen.“ Dabei ſchnallte er majeſtaͤtiſch den Harniſch ab und winkte ſeinem Diener, einem graukopfigen wohlbeleibten Manne von etwa fuͤnfzig Jahren. „Ruhe! Ruhe!“ rief Loignac.„Laßt uns lieber zu Tiſche gehen.“ „Nimm mir dieſen Harniſch ab“, ſagte Pertinar zu dem Diener. Der Dicke faßte ihn mit beiden Händen. „Und“, ſagte er dabei ganz leiſe,„bekomme ich nicht auch etwas zu eſſen? Laſſet mir etwas reichen, Pertinar; ich falle um vor Hunger.“ Dieſe Aufforderung ſetzte den, an welchen ſie gerichtet wurde, nicht in Erſtaunen, wie ſehr vertraulich ſie auch lautete.. „Ich werde mein Moͤgliches thun“, antwortete er,„er⸗ kundige Dich aber, um ganz ſicher zu gehen.“ 117 tie„Hm!“ ſagte der Diener verdrüßlich;„das klingt nicht beruhigend.“ die„Iſt denn durchaus nichts mehr uͤbrig?“ fragte Per⸗ Hut tinar. hte, „In Sens haben wir unſer letztes Geld ausgegeben.“ .„So ſuche fur Etwas Geld zu erhalten.“ ab⸗ Kaum hatte er dies geſagt, als man draußen auſ der Straße rufen hoͤrte: tete„Alt Eiſen! Wer verkauft alt Eiſen?“ Die Frau Fournichon lief nach der Thuͤr zu, waͤhrend ſi Fournichon majeſtätiſch die erſten Schuͤſſeln auf die Tafel mit trug. Wenn man nach dem Empfange urtheilen kann, der und ihnen wurde, war die Küche Fournichons vortrefflich. Auch bten wußte er nicht, was er mit allen Complimenten anfangen ſollte, die er dafuͤr erhielt und er nahm ſich endlich vor, ſie mit ſeiner Frau zu theilen. Er ſah ſich uberall nach ihr um, aber vergebens; ſie rzu war verſchwunden. Er rief ſie. „Was thut ſie denn?“ fragte er einen Kuͤchenjungen, icht„da ſie noch immer nicht kommt.“ ar„Ah, Meiſter, einen goldenen Handel!“ antwortete dieſer.„Sie verkauft das ganze alte Eiſenzeug fuͤr neues he eilber.“ auch„Hoffentlich meinen Harniſch aus dem Kriege nicht mit“ ſiel Fournichon ein, indem er nach der Thür eilte. „et⸗„Nein, nein“, ſagte Loignac;„der Ankauf von Waffen iſt ja durch eine koͤnigliche Verordnung verboten.“ 118 „Gleichviel“, meinte Fournichon und er eilte fort. Seine Frau kam eben triumphirend zurück. „Was iſt Dir denn?“ fragte ſie ihren Mann, der ihr athemlos entgegenſtuͤrzte. „Ich hoͤre eben, daß Du meine Waffen verkaufſt.“ „Nun?“ „Ich will ſie nicht verkaufen laſſen.“ „Larifari! In Friedenszeiten wie jetzt ſind zwei neue Caſſerole beſſer als ein alter Harniſch.“ „Der Handel mit altem Eiſen muß ein ſehr erbaͤrm⸗ liches Geſchaͤft ſein ſeit der Verordnung des Königs, die Loignac eben erwaͤhnte“, ſagte Chalabre. „Im Gegentheil“, antwortete Frau Fournichon,„der Mann hat mich ſchon lange mit ſeinen Antraͤgen beſturmt. Heute endlich konnte ich nicht laͤnger widerſtehen. Zehn Thaler, ihr Herren, ſind zehn Thaler, und ein alter Harniſch bleibt doch ewig nur ein alter Harniſch.“ „Wie? Zehn Thaler!“ rief Chalabre aus.„S theuer? Der Teufel!“ Und er wurde nachdenkend. „Zehn Thaler?“ wiederholte Pertinar, indem er ſeinem Diener einen beredten Blick zuwarf. „Hoͤrſt Du, Samuel?“ Samuel war bereits nicht mehr da. „Der Kaͤufer wagt aber ſeinen Hals!“ meinte Loignar. „O er iſt ein ganz braver, lieber Mann“, entgegnete die Frau Wirthin. „Was faͤngt er mit all' dem alten Eiſenzenge an?“ „Er verkauft es wieder nach dem Gewicht.“ ——— — c ihr teue rm⸗ die der ehn „So nem nac. nete 119 „Nach dem Gewicht?“ fragte Loignac;„und Ihr ſagt, er habe Euch zehn Thaler gezahlt fuͤr was?“ „Für einen alten Harniſch.“ „Angenommen er wäre zwanzig Pfund ſchwer, ſo käme ja ein halber Thaler auf's Pfund. Gott's Blut, wie Je⸗ mand flucht, dahinter ſteckt ein Geheimniß.“ „Ach, wenn ich doch den braven Mann in meinem Schloſſe hatte“, ſagte Chalabre, deſſen Augen zu funkeln begannen,„ich wurde ihm dreitauſend Centner Pickelhau⸗ ben, Harniſche, Armſchienen ꝛc. verkaufen. „Ihr wollet die Ruͤſtungen Euerer Ahnen verkaufen?“ fragte Sainte⸗Maline in ſpoͤttiſchem Tone. „Daran thätet Ihr wahrhaftig Unrecht“, fiel Euſtach von Miradour ein;„ſie ſind heilige Reliquien.“ „Larifari!“ entgegnete Chalabre;„meine Ahnen ſind jetzt ſelbſt Reliquen und brauchen nichts mehr als Meſſen.“ Das Geſpraͤch an der Tafel wurde immer lebhafter und hitziger, denn die Gascogner tranken auch ziemlich von dem Burgunder des Meiſters Fournichon. Man ſchrie, die Teller klapperten und jeder Gascogner ſah im Weinrauſche alles in roſenfarbenem Lichte, Militor ausgenommen, der nur an ſeinen Fall dachte und Carmain⸗ ges, welcher ſeinen Pagen nicht vergeſſen konnte. „Wir haben hier viele luſtige Leute“, ſagte Loignae zu ſeinem Nachbar, der eben Ernauton war,„ſie wiſſen aber nicht, warum ſie luſtig ſind.“ „Auch ich weiß es nicht“, antwortete Carmainges; „freilich mache ich auch eine Ausnahme, denn ich bin nichts weniger als luſtig geſtimmt.“ 120 „Daran thut Ihr Unrecht“ entgegnete Loignac,„denn Ihr gehoͤrt gerade zu denen, fuͤr welche Paris eine Gold⸗ grube, ein Ehrenparadies, eine Welt des Gluͤckes iſt.“ Ernauton ſchuͤttelte den Kopf. „Laſſet ſehen.“ „Spottet nicht uͤber mich, Herr von Loignac“, ſagte Ernauton.„Ihr ſcheint alle Fäden, welche die meiſten von uns in Bewegung ſetzen, in der Hand zu halten, thut mir die Liebe an und behandelt wenigſtens den Vicomte Ernau⸗ ton von Carmainges nicht als holzerne Puppe.“ „Ich werde Euch auch noch andere Gefälligkeiten er⸗ zeigen, Herr Vicomte“, ſagte Loignac, indem er ſich artig verbeugte;„ich habe Euch auf den erſten Blick unter allen ausgezeichnet nebſt jenem jungen Manne da unten mit dem finſtern Blicke.“ „Wen meint Ihr?“ „Herrn von Sainte⸗Maline.“ „Und die Urſache dieſer Auszeichnung? wenn diſ Frage nicht zu neugierig erſcheint.“ „Einfach, weil ich Euch kenne.“ „Ihr kennt mich?“ fragte Ernauton verwundert. „Euch und ihn, ihn und alle hier Anweſenden.“ „Das iſt ſeltſam.“ „Ja, aber nothwendig.“ Warum nothwendig?“ „Weil ein Chef ſeine Soldaten kennen muß.“ „Und alle dieſe Maͤnner?“ „Werden morgen meine Soldaten ſein.“ „Ich glaubte aber, Herr von Epernon..“ 121 enn„Still! Sprecht dieſen Namen hier nicht aus oder old⸗ vielmehr gar keinen Namen; oͤffnet die Ohren und ſchließet den Mund und da ich Euch verſprochen habe, Euch jede Gefaͤlligkeit zu erweiſen, ſo nehmt vor allem dieſen Rath auf Abſchlag an.“ agte„Ich danke“, ſagte Ernauton. von Loignac wiſchte ſeinen Schnurrbart ab und ſprach: mir„Meine Herren, laßt uns, da der Zufall fuͤnfundvierzig tau⸗ Landsleute hier vereiniget hat, ein Glas von dieſem ſpani⸗ ſchen Weine auf das Gluͤck aller Anweſenden leeren!“ er⸗ Der Antrag fand den begeiſtertſten Beifall. rtig„Sie ſind meiſt betrunken“, ſagte Loignac zu Ernau⸗ llen ton,„und es waͤre eine guͤnſtige Gelegenheit, jeden ſeine dem Geſchichte erzäͤhlen zu laſſen, aber wir haben jetzt keine Gelegenheit dazu.“ Dann fuhr er lauter fort: „Heda, Meiſter Fournichon, laſſet alle Weiber, Kinder und Diener hinausgehen.“ ie Lardille erhob ſich grollend, denn ſie hatte ihr Deſſert 5 noch nicht aufgezehrt. Militor ruͤhrte ſich nicht. „Hat man mich da unten verſtanden?“ fragte Loignae mit einem Blicke, der keine Antwort geſtattete.„Fort in die Kuͤche, Militor.“ Nach einigen Augenblicken befanden ſich nur noch die fuͤnfundvierzig Gaͤſte und Herr von Loignac in dem Zimmer. „Meine Herrn“, ſagte der letztere,„jeder von Euch weiß, wer ihn nach Paris berufen hat oder er ahnt es we⸗ nigſtens.. Gut, gut! Sprecht ſeinen Namen nicht aus. 122 Ihr kennt ihn und das genügt. Ihr wißt auch, daß Ihr hierhergekommen ſeid, um zu gehorchen.“ Ein beifälliges Gemurmel erhob ſich an allen Theilen des Zimmers, aber alle ſahen einander verwundert an, da jeder nur wußte, was ihn betraf und nicht ahnete, daß ſein Nachbar auf gleiche Veranlaſſung gekommen ſei. „Schon gut“ fuhr Loignae fort;„Ihr moͤget einander ſpäter anſehen.. Ihr werdet Zeit haben, einander kennen zu lernen. Ihr ſeid alſo gekommen, um jenem Manne zu gehorchen, erkennt Ihr das an?“ „Ja, ja“, riefen die Fünfundvierzig aus,„wir erken⸗ nen das an.“ „Nun zuerſt“ fuhr Loignae fort,„werdet Ihr Euch ge⸗ rauſchlos aus dieſem Wirthshauſe entfernen, um die Woh⸗ nung einzunehmen, die man Euch bezeichnet hat.“ „Allen?“ fragte Sainte„Maline. „Allen.“ „Wir ſind alle berufen worden und ſind alle gleich hier“, ſprach Perducas, der ſo unſicher auf den Beinen ſtand, daß er den Arm um den Nacken Chalabres legen mußte, um ſich im Gleichgewichte zu erhalten. „Nehmt Euch in Acht“, ſagte dieſer;„Ihr zerdruͤckt mir mein Wamms.“ „Ja, wir ſind alle gleich“, entgegnete Loignac,„vor dem Willen des Herrn.“ „O, ho“, ſiel Carmainges erröthend ein,„verzeihet, aber man hatte mir nicht geſagt, daß Herr von Epernon ſich meinen Herrn nennen wuͤrde.“ „Wartet nur.“ Ihr ilen da ein der ten zu n n kt 123 „So hatte ich es nicht verſtanden.“ „Aber ſo wartet doch, Hitzkopf.“ Es erfolgte unter den meiſten eine neugierige, unter einigen andern eine ungeduldige Stille. „Ich habe Euch noch nicht geſagt, wer Euer Herr ſein wird..“ „Nein“ fiel Sainte⸗Maline ein,„aber Ihr habt ge⸗ ſagt, daß wir einen haben wuͤrden.“ „Jeder hat einen Herrn“, entgegnete Loignac;„wenn Ihr aber zu ſtolz ſeid, um da ſtehen zu bleiben, wo wir eben ſtanden, ſo ſucht hoͤher hinauf; ich unterſage es Euch nicht nur nicht, ſondern fordere Euch dazu auf.“ „Der Koͤnig?“ fragte Carmainges leiſe. „Still!“ fiel Loignac ein;„Ihr ſeid hierhergekommen, um zu gehorchen, ſo gehorcht alſo. Vor der Hand iſt hier ein Befehl, den Ihr laut verleſen werdet, Herr Ernau⸗ ton.“ Ernauton entfaltete langſam das Pergament, welches Loignac ihm reichte und las laut: „Befehl an Herrn von Loignac, die fuͤnfundvierzig „Edelleute, welche ich mit der Zuſtimmung Sr. Maj. nach „Paris habe kommen laſſen, abzuholen und zu befehligen.“ „Nogaret de la Valette, Herzog von Epernon.“ Alle verbeugten ſich und ungleichheit gab es nur im Gleichgewichte, als es galt ſich wieder empor zu richten. „Ihr habt mich alſo verſtanden?“ fuhr Loignac fort. „Ihr ſollt mir augenblicklich folgen. Euer Gepäck und Euere Leute werden hier bei Meiſter Fournichon bleiben, 124 der alles in Obhut nehmen wird bis ich es ſpäter abholen laſſe. Jetzt beeilt Euch; die Boͤte warten.“ „Die Boͤte?“ fragten alle Gascogner;„ſollen wir uns einſchiffen?“ Und ſie ſahen einander neugierig an. „Allerdings“, entgegnete Loignae,„werdet Ihr Euch einſchiffen. Muß man nicht uͤber das Waſſer, um in den Louvre zu gelangen?“ „In den Louvre! In den Louvre!“ fluͤſterten die Gas⸗ cogner vergnuͤgt.„Wir gehen in den Louvre.“ Loignac ſtand von der Tafel auf, ließ die Fuͤnfundvier⸗ zig an ſich voruͤbergehen, zählte ſie wie Schafe und fuͤhrte ſie durch die Straßen bis an den Thurm von Nesle. Hier lagen drei große Böte, deren jedes fünfzehn Per⸗ ſonen einnahm, warauf ſie ſogleich vom ufer abſtießen. „Was zum Teufel ſollen wir im Louvre vornehmen?“ fragten ſich die Unerſchrockenſten, die in der falten Luft auf dem Fluſſe wieder nuͤchtern wurden, da ſie meiſt ziemlich ärmlich bekleidet waren. „Wenn ich nur wenigſtens meinen Harniſch haͤtte!“ murmelte Pertinar von Monterabeau. Zehntes Kapitel. Der Mann mit den Harniſchen⸗ Pertinar wuͤnſchte ſich mit Recht den Harniſch zuruͤck, denn eben war er durch Vermittelung des ſeltſamen Dieners, der ſo vertraut mit ſeinem Herrn ſprach, für immer beſei⸗ tigt worden. 125 Als der Diener die zauberiſchen Worte der Frau Four⸗ nichon gehoͤrt hatte— zehn Thaler— war er ſogleich zu dei Eiſenkaufer gelaufen. Da es bereits dunkel war und der Eiſenkaufer Eile hatte, ſo war er bereits dreißig Schritt von dem Wirths⸗ hauſe fort, als Samuel hinaus trat. Der Eiſenkaͤufer mußte alſo gerufen werden. Er blieb ſtehen und blickte forſchend den Mann an, der auf ihn zu kam; erſt als er ſah, daß derſelbe Waaren trug, blieb er ruhiger ſtehen. 4 „Was wollt Ihr, guter Mann?“ „Was ich will?“ antwortete der Diener mit pfiffigem Geſichte.„Ein Geſchaͤft moͤchte ich mit Euch machen.“ „So wollen wir es ſchnell abmachen.“ „Habt Ihr ſo große Eile?“ „Allerdings.“ „Ihr werdet mir doch wenigſtens die Zeit laſſen, wie⸗ der zu Athem zu kommen?“ „Recht gern, aber athmet geſchwind; man wartet auf mich.“ Der Käufer trauete offenbar dem Diener noch immer nicht recht. „Wenn Ihr geſehen haben werdet, was ich Euch bringe“, ſagte Samuel,„ſo werdet Ihr Euch wohl ſelbſt Zeit neh⸗ men, da Ihr ein Kenner zu ſein ſcheint.“ „Und was bringt Ihr mir?“ „Ein prächtiges Stuͤck, eine Arbeit...; aber Ihr hoͤrt ja nicht?“ „Nein, ich ſehe mich um.“ 126 „Warum?“ „Wißt Ihr nicht“, entgegnete der Mann mit den Har⸗ niſchen,„daß der Handel mit Waffen durch eine Verordnung des Konigs unterſagt worden iſt?“ Und er ſah ſich dabei beſorgt um. Der Diener hielt es fur gerathen ſich unwiſſend zu ſtellen. „Nein“, ſagte er,„davon weiß ich nichts; ich komme eben von Mont⸗de⸗Marſan.“ „Das iſt etwas anderes“ entgegnete der Mann mit den Harniſchen, den dieſe Antwort einigermaßen zu beru⸗ higen ſchien;„Ihr wißt aber“ fuhr er fort,„ob Ihr gleich erſt von Mont⸗de⸗Marſan kommt, daß ich bereits Waffen gekauft habe.“ „Ja, das weiß ich.“ „Und wer hat es Euch geſagt?“ „Gott's Blut! Das brauchte mir Niemand zu ſagen; Ihr habt ja eben laut genug geſchrien.“ „Wo?“ „Vor dem Gaſthauſe zum tapfern Ritter.“ „Ihr waret dort?“ „Mit wem?“ „Mit einer Menge Freunde.“ „Mit einer Menge Freunde? Es iſt ja fur gewoͤhnlich gar Niemand in dieſem Wirthshauſe.“ „So ſindet Ihr es ſehr veraͤndert?“ Allerdings. Aber woher kamen alle dieſe Freunde? „Aus der Gascogne, wie ich.“ 127 „Ihr haltet es mit dem Konige von Navarra?“ „Wir ſind Franzoſen mit Leib und Leben.“ „Ja, aber Hugenotten?“ „Katholiſch wie unſer heiliger Vater der Papſt, Gott ſei Dank!“ antwortete Samuel und er nahm dabei ſeine Mutze ab;„aber davon reden wir gar nicht, ſondern von dieſem Harniſche.“ „Wir wollen etwas näher an die Mauern treten; hier mitten auf der Straße ſtehen wir zu frei.“ und ſie gingen einige Schritte hin bis an ein Haus von burgerlichem Ausſehen, an deſſen Fenſtern man kein Licht bemerkte. Dieſes Haus hatte eine Thur unter einer Art Schirm⸗ dach, das einen Balcon bildete. Daneben befand ſich eine ſteinerne Bank, welche die Vorüberkommenden zu benutzen pſlegten, um auf ihre Maulthiere oder Pferde zu ſteigen. „Laßt Euern Harniſch ſehen“ ſagte der Kaͤufer, als ſie unter dem Schirmdache ſtanden. Da „Wartet; man regt ſich, glaube ich, in dem Hauſe.“ „Nein, es iſt gegenuͤber.“ Der Handelsmann drehete ſich um. Gegenuͤber ſtand ein zweiſtoͤckiges Haus und in dem zweiten Stockwerke erſchien abwechſelnd ſlüchtig Licht. „Wir wollen ſchnell machen“, ſagte der une indem er den Harniſch betaſtete. „Nicht wahr, er iſt ſchwer?“ meinte Samuel. „Alt, maſſiv. aus der Mode.“ „Ein Kunſtgegenſtand.“ 128 „Sechs Thaler; wollet Ihr?“ „Was? Sechs Thaler und da unten habt Ihr zehn fur ein altes ſchlechtes Ding gegeben?“ „Sechs Thaler, ja oder nein“, entgegnete der Han⸗ delsmann. „Betrachtet doch nur die Verzierungen!“ „Was nutzen die Verzierungen, wenn man nach dem Gewichte wieder verkauft?“ „Hier feilſcht Ihr“, ſiel Samuel ein,„und dort unten gabt Ihr, was man verlangte.“ „Noch einen Thaler lege ich darauf“, ſagte der Han⸗ delsmann ungeduldig. „Es iſt fur vierzehn Thaler Gold daran.“ „Entſchließt Euch ſchnell“, ſagte der Handelsmann. „Ihr ſeid mir ein naͤrriſcher Kaufmann“, entgegnete Samuel.„Ihr verbergt Euch bei Euern Handelsgeſchaͤften, übertretet die Verordnungen des Koͤnigs und feilſcht mit ehrlichen Leuten.“ „So ſprecht doch nicht ſo laut!“ „Ich fuͤrchte mich nicht“ ſagte Samuel noch lauter... „Ich treibe keinen unerlaubten Handel und ich brauche mich nicht zu verſtecken.“ „Nehmt zehn Thaler und ſchweigt.“ „Zehn Thaler?“ Ich ſage Euch, das Gold an dem Harniſch iſt ſo viel werth.. Ah.. nun wollt Ihr davon laufen?“ „Nein, Ihr Tollkopf!“ „Wenn Ihr davon lauft, rufe ich nach der Wache.“ en it m on 129 Und Samuel hatte dieſe letzten Worte ſo laut geſprochen, als waͤre er entſchloſſen geweſen, ſeine Drohung auf der Stelle wahr zu machen. Es offnete ſich bei dem Lärme ein kleines Fenſter am Balcon des Hauſes, an welchem die beiden Maͤnner han⸗ delten. Der Handelsmann hoͤrte es mit Angſt. „Nun, nun“, ſagte er,„ich ſehe wohl, daß ich thun muß, was Ihr verlangt; hier ſind fuͤnfzehn Thaler und nun geht.“ „Das laß ich mir gefallen“, antwortete Samuel, der die fuͤnfzehn Thaler einſteckte. „Es iſt ein gluͤcklicher Handel.“ „Die fuͤnfzehn Thaler gehoͤren meinem Herrn“, fuhr Samuel fort,„und ich muß doch auch Etwas für mich be⸗ kommen.“ Der Handelsmann ſah ſich um und zog dabei den Dolch halb aus der Scheide. Er hatte offenbar die Abſicht, Samuel einen Denkzettel zu geben, der es ihm fuͤr immer unnothig mache einen andern Harniſch ſtatt des verkauften anzuſchaffen; aber Samuel hatte die Augen überall wie ein diebiſcher Sperling und trat mit den Worten zuruck; „Schon gut, ſo gut.. Ich ſehe den Dolch, aber auch noch etwas anderes; das Geſicht da oben ſieht uns.“ Der Handelsmann blickte, bleich vor Zorn, in der an⸗ gedeuteten Richtung empor und bemerkte auf dem Balcon eine lange phantaſtiſche Geſtalt in einem Schlafrocke, der mit Katzenpelz gefuttert war. Dieſer Argus hatte jede Sylbe gehoͤrt und jede Bewe⸗ gung geſehen. Die Fuͤnfundvierzig. 1. 9 130 „Ihr noͤthiget mich zu Allem“, ſagte der Harpiſch⸗ käufer mit einem Lächeln gleich dem des Schakals, der die Zähne zeigt;„hier iſt noch ein Thaler und— moge der Teufel Euch erwuͤrgen!“ ſetzte er leiſe hinzu. „Ich danke“, antwortete Samuel,„und wuͤnſche gute Geſchaͤfte.“ Darauf entfernte er ſich lachend. Der Handelsmann, der allein auf der Straße ſtehen blieb, hob den Harniſch des Herrn Pertinax auf und legte ihn in den Fournichons. Der Mann oben auf dem Balcon ſah noch immer zu und als der Handelsmann ſeine Buͤrde aufgeladen hatte, rief er ihm zu: „Ihr ſcheint Ruͤſtungen zu kaufen.“ „Nein, Herr“, antwortete der ungluͤckliche Handels⸗ mann,„nur zufaͤllig und weilſich eine Gelegenheit darbot.“ „So iſt mir der Zufall ſehr guͤnſtig.“ „Warum?“ fragte der Handelsmann. „Denkt Euch, ich habe auch einen Haufen alten Eiſen⸗ zeuges da, das mir im Wege liegt.“ „Fur den Angenblick habe ich, wie Ihr ſeht, gerade ſo viel als ich tragen kann.“ „Ich will Euch meine Vorräthe wenigſtens zeigen.“ „Es hilft nichts; ich habe kein Geld mehr.“ „Darauf kommt es nicht an; ich gebe Euch Credit, denn ich halte Euch für einen ehrlichen Mann.“ „Ich danke Euch; aber man wartet auf mich.“ „Ich glaube gar Euch zu kennen“, ſagte der Mann oben auf dem Balcon. en ſte zu te, 131 „Mich?“ entgegnete der Handelsmann, der vergebens ein Schaudern zu unterdrucken ſuchte. „Betrachtet nur einmal dieſen Helm“, ſagte der Mann, indem er mit ſeinen langen Beinen den erwaͤhnten Gegen⸗ ſtand herbeizog, da er das Fenſter nicht verlaſſen mochte, weil er fuͤrchtete, der Handelsmann unten entferne ſich unterdeß. Dann reichte er den Helm dem Handelsmann von dem Balcon hinunter. „Ihr kennt mich“, ſagte dieſer;„das heißt, Ihr glaubt mich zu kennen.“ „Nein, ich kenne Euch wirklich. Seid Ihr nicht..“ Der Mann ſchien ſich zu beſinnen, der Handelsmann ſtand unbeweglich und wartete. „Seid Ihr nicht Nicolaus?“ Alle Farbe wich aus dem Geſichte des Handelsmannes und der Helm zitterte in ſeiner Hand. „Nicolaus?“ wiederholte er. „Nicolaus Truchou, Kurzwaarenhaͤndler in der Str aße Coſſonnerie?“ „Nein, nein“, entgegnete der Hanpelsihaun lächelnd und athmete wieder freier. „Gleichviel, Ihr habt ein ehrliches Geſicht und ich ver⸗ kaufe Euch eine vollſtaͤndige Ruͤſtung: Harniſch, Armſchie⸗ nen und Schwert.“ „Solche Geſchaͤfte ſind verboten, Herr.“ „Ich weiß es; Euer Verkaͤufer hat es Euch eben laut genug zugerufen.“ „Ihr habt es gehoͤrt?“ „Ganz deutlich. Ihr bezahlet ſehr gut und vies brachte 9* 132 mich eben auf den Gedanken, mit Euch in Verbindung zu treten; aber fuͤrchtet nichts, ich weiß, was der Handel zu bedeuten hat, denn ich war ſelbſt Kaufmann.“ „Und was verkauftet Ihr?“ „Gunſt.“ „Ein ſchoͤner Handel.“ „Ich habe auch mein Gluck dabei gemacht.“ „Ich gratulire.“ „Ich lebe deshalb gern in Ruhe und Frieden und ver⸗ kaufe meine Wehr und Waffen, weil ſie mir im Wege ſind.“ „Ich kann mir Das denken.“ „Auch Beinſchienen ſind da und Handſchuhe.“ „Ich brauche Alles Dies nicht.“ „Ich eben auch nicht.“ „Nur den Harniſch will ich nehmen.“ „Ihr kauft alſo nur Harniſche?“ „Es iſt das merkwurdig, da Ihr doch kaufet, um nach. dem Gewicht wieder zu verkaufen, wie Ihr wenigſtens ſagt und Eiſen iſt Eiſen.“ „Allerdings, aber vorzugsweiſe..“ „Nun wie Ihr wollet, kaufet den Harniſch oder.. Ihr habt Recht, kaufet lieber gar nichts.“ „Warum?“ „In der Zeit, in welcher wir leben, braucht jeder ſeine Waffen.“ „In vollem Frieden?“ „Lieber Freund, wenn wir in vollem Frieden lebten, er⸗ . 133 würde mit Harniſchen kein ſo gutes Geſchaft zu machen ſein. Mir braucht Ihr das nicht zu ſagen.“ „Herr!“ „Und beſonders ſo im Geheimen.“ Der Handelsmann machte eine Bewegung, um ſich zu entfernen. „Wirklich, je mehr ich Euch anſehe“, begann der Mann auf dem Balcon von neuem,„um ſo mehr uberzeuge ich mich, daß ich Euch kenne.. Nein, Ihr ſeid nicht Nicolaus Truchou, aber ich kenne Euch doch.“ „Still!“ „Und wenn Ihr Harniſche kauft.“ „Nun?“ „So thut Ihr es gewiß, um ein Gott wohlgefaͤlliges Werk zu verrichten.“ „Schweigt.“ „Ich freue mich uber Euch“, ſagte der Mann oben und er ſtreckte einen ungeheuer langen Arm herab, ſo daß er die Hand des Handelsmannes faſſen konnte. „Aber wer zum Teufel ſeid Ihr?“ fragte dieſer, als er ſeine Hand wie in einem Schraubſtocke feſtgehalten fuhlte. „Ich bin Robert Briquet, genannt der Schrecken des Schisma, der Freund der Union und ein fanatiſcher Ka⸗ tholik.. Jetzt erkenne ich Euch ganz deutlich.“ Der Handelsmann erblaßte wiederum. „Ihr ſeid Nicolaus.. Grimbelot, der Gerber.“ „Nein, Ihr irrt Euch.. Lebt wohl, Herr Robert Bri⸗ quet.. Ich habe mich gefreut, Guere Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ 134 Und der Handelsmann drehete ſich um. „Ihr geht wirklich fort?“ „Ihr ſeht es.“ „Ohne mir mein Eiſenzeug abzunehmen?“ „Ich habe kein Geld bei mir, wie ſchon geſagt.“ „Mein Diener wird mit Euch gehen.“ „Das iſt nicht moͤglich.“ „Wie iſt es ſonſt zu machen?“ „Laſſen wir die Sache.“ „Nein, nein, ich habe zu große Luſt, naͤher mit Euch bekannt zu werden.“ „Ich ſehne mich nicht darnach“, antwortete der Han⸗ delsmann, der lieber ſeine Harniſche in Stiche laſſen und alles verlieren wollte, deshalb die Beine unter die Arme nahm und davon lief. Robert Briquet war aber nicht der Mann, der ſich ſo⸗ gleich ſchlagen ließ; er ſtieg von dem Balcon hinunter auf die Straße, was ihm bei ſeinen langen Beinen gar nicht ſchwer wurde und nach fuͤnf oder ſechs Schritten hatte er 2 den Handelsmann eingeholt. „Seid Ihr nicht klug, Freund?“ ſagte er, indem er ſeine große Hand auf die Achſel des armen Teufels legte; „wenn ich Euer Feind wäre und Euch verhaften laſſen wollte, brauchte ich nur zu ſchreien; die Wache zieht um dieſe Zeit durch die Auguſtiner⸗Straße; aber nein, Ihr ſeid mein Freund, der Teufel ſoll mich holen. Ich will es Euch beweiſen, denn jetzt kenne ich Euch wirklich.“ Der Handelsmann fing diesmal an zu lachen. Robert Briquet ſtellte ſich vor ihn. 135 „Ihr heißt Nicolaus Poulain und gehoͤrt zum Ober⸗ gerichte von Paris. Ich wußte doch, daß ein Nicolaus da⸗ bei war.“ „Ich bin verloren!“ ſtammelte der Harniſchkäufer. „Im Gegentheil, Ihr ſeid gerettet.. Ihr werdet fuͤr die gute Sache das nie thun, was ich zu thun beabſichtige.“ Nicolaus Poulain ſeufzete. „Faſſet Muth“, ſprach ihm Robert Briquet zu;„erholet Euch; Ihr habt einen Bruder gefunden, Bruder Briquet.. Nehmt einen Harniſch, ich will die beiden andern nehmen; auch ſchenke ich Euch meine Arm- und Beinſchienen wie meine Handſchuhe. Vorwaͤrts und es lebe die Union!“ „Ihr begleitet mich?“ „Ich helfe Euch dieſe Waffen tragen, welche die Phi⸗ liſter beſiegen ſollen; zeiget mir den Weg, ich folge Euch.“ In der Seele des ungluͤcklichen Nicolaus Poulain ent⸗ ſtand ein wohl ſehr natuͤrliches Mißtrauen, doch ſchwand es auch ſehr bald wieder. „Wuͤrde er mir geſtanden haben, daß er mich kennt, wenn er mich ungluͤcklich machen wollte?“ dachte er bei ſich und laut fuhr er fort: „Da Ihr es durchaus wollet, ſo kommt mit mir.“ „Auf Leben und Tod“, antwortete Robert Briquet, in⸗ dem er die Hand ſeines Bundesgenoſſen druͤckte und mit der andern triumphirend den Harniſch emporhob. Beide gingen nun nebeneinander hin. Nach zwanzig Minuten kam Nicolaus Poulain im Marais an und er ſchwitzte uber und über ſowohl wegen des ſchnellen Ganges als wegen ihres politiſchen Geſpraches. 136 „Welchen Recruten hab er als er in ſtehen blieb. „Ich ahnete es wohl, daß meine Ruͤ nehmen wuͤrde“, ſagte Robert Briquet. „Freund“, ſagte Nicolaus Poulain, indem er ſich mit tragiſcher Geberde zu Briquet umdrehete,„ich gebe Euch noch eine Minute Bedentzeit ehe wir in die Hohle des Loͤwen hineintreten.. Ihr könnt noch umkehren, wenn Ihr nicht ganz trauen ſolltet.“ 11 „Bah“ ſagte Briquet;„ich habe ſchon andere geſehen et non intremuit medulla mea. Aber verzeiht, Ihr ver⸗ ſteht vielleicht nicht Lateiniſch?“ „und Ihr?“ hoͤrt es ja. „Gelehrt, kuͤhn, kraͤftig, reich, welcher Fund“ dachte Poulain bei ſich.„Alſo hinein!“ Und er geleitete Briquet an das rieſige Thor des Pa⸗ laſtes Guiſe, das ſich bei dem dritten Schlage des Bronze⸗ klopfers oͤffnete. Der Hof war voll von Garden und Maͤnnern in Maͤn⸗ teln, die wie Geſpenſter umhergingen. Man ſah kein einziges Licht im Hauſe. de In einer Ecke ſtanden acht geſattelte Pferde. Bei dem Schalle des Thuͤrklopfers hatten ſich die mei⸗ ſten dieſer Männer umgedreht und bildeten eine Reihe um e ich da gefunden!“ murmelte geringer Entfernung von dem Palaſte Guiſe ſtung dieſen Weg * die Neuangekommenen zu empfangen. ſich Nicolaus Poulain ſprach leiſe einige Wortr mit dem Thurſteher, welcher das Thuͤrchen im Thore offen hielt. hen 137 elte„Ich bringe einen guten Freund mit“, ſagte er. iſ„Tretet ein“, antwortete der Mann am Thore. „Tragt dies in das Magazin“, ſetzte Poulain hinzu, zeg indem er die drei Harniſche und das Eiſenzeug Robert Bri⸗ uets einem andern übergab. nit„Es iſt alſo ein Magazin da“, dachte Briquet bei ſich. ich„Immer beſſer.. Ihr wißt Euere Sache gut einzurichten“, en ſetzte er zu ſeinem Fuͤhrer gewendet laut hinzu. ht„Nun ja, man iſt nicht dumm“, antwortete Poulain ſtolzlächelnd,„aber kommt, damit ich Euch vorſtelle.“ en„Laßt das“, entgegnete Briquet;„ich bin ſehr ſchuͤch⸗ tern und verlange weiter nichts, als daß man mich dulde. Wenn ich meine Proben abgelegt habe, werde ich mich, wie der Grieche ſagt, allein durch meine Thaten vorſtellen.“ „Wie es Euch beliebt“ antwortete Ponlain.„So wartet hier auf mich.“ Und er reichte den meiſten Mannern, die im Hofe umhergingen, die Hand. †„Auf wen warten wir noch?“ fragte eine Stimme. „Auf den Herrn“, antwortete eine andere. In dieſem Augenblicke trat ein hochgewachſener Mann in das Haus. Er hatte die letzten Worte gehoͤrt, die unter den Anweſenden gewechſelt worden waren und ſagte: „Meine Herren, ich komme in ſeinem Namen.“ „Ah, Herr von Mayneville!“ ſagte Poulain. „Ich finde mich allmälig zurecht“, dachte Briquet bei ſich und er verzog das Geſicht ſo, daß es ihn ganz verſtellte. „Wir ſind nun vollzahlig, laßt uns zur Berathung ge⸗ hen“ ſprach die Stimme, welche ſich zuerſthatte horen laſſen. er iſt mein Procurator, „Gut“ dachte Briquet,„und d Herr von Mayneville ging vorau die Männer in Mänteln und Ro⸗ Meiſter Marteau.“ z Dabei verzog er das Geſicht von neuem mit einer Leich⸗ tigkeit, welche bewies, daß er es in phyſiognomiſchen Stu⸗ n dien weit gebracht hatte. ſe „Wir wollen hinauf gehen!“ rief Poulain. 3 s, Nicolaus Poulain k 1 folgte ihm; dann kamen bert Briquet ſchloß ſich dieſen an. Alle gingen die Stufen einer welche zu einem Gewoͤlbe fuͤhrte. Robert Briquet fragte ſich dabei: „Aber der Page? Wo iſt der verfluchte Page?“ Außentreppe hinauf, — Elftes Kapitel. Nochmals die Ligue. Als Robert Briquet mit allen Andern auf der Treppe 7 hinaufging und dabei eine ganz anſtandige Verſchworer⸗ miene annahm, bemerkte er, daß Nicolaus Poulain an der Thuͤr des Gewoͤlbes wartete, nachdem er mit mehreren ſei⸗ ner geheimnißvollen Genoſſen geſprochen hatte. 6 „Wahrſcheinlich meinetwegen“, dachte Briquet beiſich. Und Poulain hielt wirklich ſeinen neuen Freund auf, als derſelbe eben über die ſchreckliche Schwelle ſchreiten wollte. ſ „Ihr werdet mir es nicht ubel auslegen“ ſagte er „aber die meiſten unſerer Freunde kennen Euch nicht und u 139 wuͤnſchen Erkundigungen uber Euch einzuziehen, bevor Ihr zur Berathung zugelaſſen werdet.“ „Nicht mehr als billig“, antwortete Briquet, nd Ihr wißt, daß meine natürliche Beſcheidenheit dieſen Einwurf ſchon vorgeſehen hat.“ „Ihr ſeid ein ausgezeichneter Mann, dieſe Gerechtig⸗ keit muß ich Euch widerfahren laſſen.“ „Ich ziehe mich alſo zuruͤck“, fuhr Briquet fort,„und ſchätze mich gluͤcklich, an einem Abende ſo viele muthige Vertheidiger der katholiſchen Union geſehen zu haben.“ „Soll ich Euch zuruͤckbegleiten?“ fragte Poulain. „Nein, ich danke Euch; es iſt nicht nothig.“ „Man koͤnnte Euch am Thore Schwierigkeiten machen, allerdings erwartet man mich hier.“ „Giebt es keine Parole, mit der man hinauskommen konnte? Ihr habt gewiß eine, denn ſo verlangt es die lngheit.“ „Allerdings.“ „So theilt mir ſie mit.“ „Nun, da Ihr ſeid..“ „Und da wir Freunde ſind.. „So ſei es.. Ihr braucht nur zu ſagen: Parmaund Lothringen.“ „Und man wird mir die Thuͤr oͤffnen?“ „Angenblicklich.“ 8 „Sehr wohl, ich danke Euch.. So gehet Euern Ge⸗ ſchaͤften nach, wie ich den meinigen.“ Nicolaus Poulain trennte ſich von ſeinem Gefaͤhrten und kehrte zu ſeinen Genoſſen zuruͤck. 140 Briquet that einige Schritte, als wolle er wieder in den Hof hinuntergehen, auf der erſten Treppenſtufe blieb er aber ſtehen, um ſich die Oertlichkeit genau zu betrachten. Er ſah, daß das Gewolbe ſich parallel mit der äußern Mauer hinzog, die es durch ein großes Schirmdach ſchuͤtzte. Das Gewoͤlbe ſelbſt mußte offenbar zu einem Saale fuͤhren, in welchem die geheime Verſammlung gehalten wurde, zu der Briquet nicht zugelaſſen worden war. Dieſe Vermuthung, die ſich bald in Gewißheit verwan⸗ delte, wurde beſtätiget, als er Licht an einem vergitterten Fenſter in der Mauer bemerkte, an welchem ſich ein holzer⸗ ner Vorſetzer befand wie an den Fenſtern der Gefaͤngniſſe und Kloͤſter, welcher nur einen Blick nach dem Himmel hin⸗ auf frei ließ. Briquet glaubte, dies Fenſter ſei das des Verſamm⸗ 3 lungsſaales und wenn man dahin gelangen koͤnnte, durfte es einen guten Beobachtungspoſten abgeben.. Nur war es ſchwer dahin zu gelangen und ſich da auf⸗ zuſtellen ohne geſehen zu werden. Briquet ſah ſich um. In dem Hofe befanden ſich die Pagen mit den Pferden, die Soldaten mit ihren Hellebarden und der Thuͤrſteher mit den Schlüſſeln, furz viele muͤßige Leute mit guten Augen. Zum Gluck war aber der Hof ſehr groß und die Nacht ſehr dunkel. Uebrigens merkten die Pagen und Soldaten nicht mehr auf als ſie die Verſammelten hatten verſchwinden ſehen und der Thuͤrſteher, welcher wußte, daß die Thuͤren gut ver⸗ ſchloſſen waren und daß Niemand ohne Parole hinaus⸗ 1 3 141 kommen konnte, beſchaͤftigte ſich mit ſeinem Nachtlager und einer Pfanne Gewuͤrzwein, den er am Feuer waͤrmte. In der Neugierde liegt ein ebenſo gewaltiger Reiz wie in jeder Leidenſchaft. Ja der Wunſch zu wiſſen iſt ſo groß und ſtark, daß er das Leben mehr als eines Neugierigen gekoſtet hat. Briquet war bis dahin zu wohl unterrichtet als daß er nicht haͤtte wuͤnſchen ſollen, das was er bereits wußte zu vervollſtändigen. Er ſah ſich alſo zum zweitenmale um und da ihn das Licht feſſelte, welches aus dem Fenſter mit den Eiſenſtäben ſiel, ſo glaubte er in dieſem Scheine gleichſam einen Aufruf und an den Stäben eine Aufforderung an ſeine ſtarken Haͤnde zu erkennen. Um alſo den holzernen Vorſetzer zu erreichen, kletterte er an dem Simſe, der von der Treppe aus, welche er als Verzierung fortzuſetzen ſchien, bis an jenes Fenſter ging, wie eine Katze oder ein Affe hin und hielt ſich mit den Haͤn⸗ den und Beinen an den Verzierungen der Wand feſt. Wenn die Pagen und Soldaten im Dunkel dieſe phan⸗ taſtiſche Geſtalt hätten erkennen konnen, welche ohne ſicht⸗ bare Stütze mitten an der Wand hin ſich bewegte, würden ſie ſicherlich uͤber Hererei geſchrien haben und Manchem unter den Muthigſten haͤtten gewiß die Haare zu Berge geſtanden. Aber Robert Briquet ließ ihnen die Zeit nicht ſeine Herereien zu ſehen. Nach vier Schritten erreichte er die Fenſtergitter. Da hielt er ſich feſt und dann druckte er ſich zwiſchen die Stäbe und den hölzernen Vorſetzer, ſo daß er von Außen nicht 142 geſehen werden konnte und nach innen zu durch die Gitter ziemlich verdeckt war. Briquet hatte ſich auch nicht getäuſcht und er wurde fur ſeine Muͤhe und Kuhnheit reichlich entſchädiget als er einmal angekommen war. Er konnte einen großen Saal überblicken, der durch eine eiſerne Lampe mit vier Dochten erhellt und mit Ruͤ⸗ ſtungen und Waffen aller Art angefuͤllt war, unter denen er, wenn er gut geſucht hätte gewiß auch ſeine Armſchienen und ſeinen Bruſtharniſch erkannt haben wuͤrde. Mit den Lanzen, Hellebarden und Musketen, welche in Haufen dalagen oder in Buͤndeln aufgeſtellt waren, häͤtte man recht wohl vier Regimenter bewaffnen konnen. Briquet achtete indeß weniger auf die Aufſtellung die ſer Waffen als auf die Verſammlung, welche beauftragt war ſie zu gebrauchen oder zu vertheilen. Seine ſcharfen Blicke drangen durch das dicke mit Rauch und Staub be⸗ deckte Glas, um die bekannten Geſichter zu erkennen. 1 „Ah ha“ dachte er,„da iſt Meiſter Cruce, unſer Re⸗ volutionair, und da unſer kleiner Brigard, der Krämer an der Ecke der Lombardenſtraße; auch Meiſter Leclere, der ſich Buſſy nennen laͤßt und eine ſolche Entweihung gewiß nicht gewagt haͤtte als der wahre Buſſy lebte. Ich muß dieſen ehemaligen Fechtmeiſter eines Tages fragen, ob er den geheimen Stoß kennt, an welchem ein Bekannter von mir, ein gewiſſer David, in Lyon geſtorben iſt. Hm! Der Buͤrgerſtand iſt ſtark vertreten, aber der Adel! Ah, Herr von Mayneville druͤckt dem Nicolaus Poulain die Hand, Gott verzeih' mir; es iſt ruͤhrend, man macht Bruͤderſchaft. ———— 143 ter Ah, dieſer Herr von Mayneville iſt alſo Redner? Er ſtellt ſich, wie es ſcheint, auf, um eine Rede zu halten.. Er rde dreht die Augen recht uͤberredend im Kopfe herum.“ Herr von Mayneville hatte wirklich eine Rede begonnen. Robert Briquet ſchuttelte den Kopf waͤhrend Herr von c Mayneille ſprach, nicht weil er ein Wort von der Rede u verſtehen konnte,— aber er erklaͤrte ſich die Geberden deſ⸗ nen ſelben ſo wie die der Verſammlung. nen„Er ſcheint ſeine Zuhorer nicht zu überzeugen. Cruct zieht ihm ein Geſicht; Lachapelle⸗Marteau dreht ihm den in Rucken zu und Buſſy⸗Leclerc zuckt die Achſeln. Nun, Herr itte von Mayneville, redet nur, ſchwitzt, ſeid beredt! Ah.. jetzt werden die Anweſenden lebendiger. O ho! Sie treten ie⸗ näher zuſammen; ſie druͤcken einander die Haͤnde, ſie werfen agt die Hüte empor. Der Teufel auch!“ fen Briquet ſah Alles, wie wir bereits erwaͤhnt haben, be⸗ aber er konnte nichts hoͤren.. Wir aber, die wir im Geiſte den Berathungen dieſer ſtuͤrmiſchen Verſammlung beiwoh⸗ nen, koͤnnen den Leſern mittheilen, was vorging. Zuerſt hatten ſich Cruck, Marteau und Buſſy gegen Herrn von Mayneville uͤber die Unthaͤtigkeit des Herzogs von Guiſe beklagt. Marteau hatte als Proeurator das Wort genommen. „Herr von Mahneville“, hatte er geſagt,„Ihr kommt im Auftrage des Herzogs Heinrich von Guiſe?— Wir nehmen Euch als Geſandten an, aber die Anweſenheit des Herzogs ſelbſt iſt unentbehrlich. Er hat nach dem Tode ſeines ruhmreichen Vaters, in ſeinem achtzehnten Jahre, alle guten Franzoſen zur Annahme des Unionentwurfs ver⸗ 144 mocht und uns Alle unter dieſer Fahne vereiniget. Wir haben unſerm Schwure gemaͤß unſere Perſon der Gefahr ausgeſetzt und unſer Vermogen für den Sieg dieſer heiligen Sache geopfert. Aber trotz unſern Opfern ſehen wir keine Fortſchritte; nichts wird entſchieden. Seht Euch vor, Hert von Mayneville, die Pariſer werden muͤde werden und u wird Frankreich thun, wenn Paris der Sache überdrißig iſt? Das ſollte der Herzog bedenken.“ Dieſer Anfang erhielt die Zuſtimmung aller Verbün⸗ deten und Nicolaus Poulain zeichnete ſich beſonders durch den Eifer ſeiner Beifallsäußerungen aus. Herr von Mayneville antwortete einfach: „Meine Herrn, es iſt noch nichts entſchieden, weil noch nichts reif iſt.. Betrachtet die Lage. Der Herr Herzog und ſein Bruder, der Herr Cardinal, ſind in Naney und beobachten. Der eine bringt ein Heer zuſammen, welches die Hugenotten in Flandern im Zaume halten ſoll, die der Herzog von Anjou gegen uns zu treiben gedenkt, um uns zu beſchaͤftigen; der andere ſendet einen Boten nach den andern an die geſammte Geiſtlichkeit Frankreichs und an den Papſt, um ſie zur Annahme der Union zu bewegen. Der Herzog von Guiſe weiß was Ihr nicht wiſſet, meine Herrn, daß das alte kaum getrennte Buͤndniß zwiſchen dem Herzoge von Anjou und dem Bearner wieder neu angeknüpft werden ſoll. Es kommt alſo darauf an, Spanien an der Seite von Naparra zu beſchäftigen und es zu hindern, uns Wafen und Geld zu ſenden. Der Herzog will, bevor er etwas thut und namentlich bevor er nach Paris kommt, im Stande ſein die Ketzerei und die Uſurpation zu bekämpfen. Während Wir fahr igen eine Herr was bün⸗ urch noch rzog und ches det uns dem an Der errn, zoge rden von affen thut rend 3 145 der Herzog nicht da iſt, haben wir den Herrn von Mayenne, der als Feldherr und Rath außerordentlich thaͤtig iſt und den ich jeden Augenblick erwarte.“ „Das heißt“, unterbrach ihn Buſſy und in dieſem Au⸗ genblicke war es, als er die Achſeln zuckte,„Euere Fuͤrſten ſind uͤberall, wo wir nicht ſind und nie da, wo ſie ſein ſoll⸗ ten. Was thut z. B. Madame von Montpenſier?“ „Madame von Montpenſier iſt dieſen Morgen in Paris angekommen.“ „Und Niemand hat ſie geſehen?“ „Doch.“ „Wer hat ſie geſehen?“ „Saledde.“ „O!“ rief die ganze Verſammlung aus. „Aber“, fiel Cruck ein,„hat ſie ſich unſichtbar ge⸗ macht?“ „Das nicht, aber unergreifbar hoffentlich.“ „Und woher weiß man, daß ſie hier iſt?“ fragte Ni⸗ colaus Poulain.„Saledde hat es Euch jedenfalls nicht geſagt.“ „Ich weiß, daß ſie hier iſt“, antwortete Mayneville, „weil ich ſie bis an das Thor St. Antoine begleitet habe.“ „Ich habe gehoͤrt, die Thore waͤren geſchloſſen gewe⸗ ſen“, unterbrach ihn Marteau, der auf eine Gelegenheit wartete, eine zweite Rede anzubringen. „Allerdings“, antwortete Mayneville mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Artigkeit, aus der er durch keinen Angriff zu verdrangen war. „Wie iſt ſie alſo hereingekommen? Die Fuͤnfundvierzig. 1. 10 146 „Nach ihrer Art.“ „Hat ſie die Macht, ſich die Thore von Paris offnen zu laſſen?“ fragten die Verbündeten argwöhniſch und nei⸗ diſch, wie es die Kleinen immer ſind, wenn ſie ſich mit den Großen verbinden. „Meine Herren“, antwortete Mayneville,„es geſchah an dieſem Morgen an den Thoren von Paris etwas, was Ihr nicht zu wiſſen oder nicht vollſtändig zu wiſſen ſcheint. Es war Befehl gegeben, nur diejenigen durch die Thore herein zu laſſen, welche eine Einlaßkarte vorzeigen konnten. Von wem dieſe Karte unterzeichnet ſein mußte, iſt mir nicht bekannt. Vor uns waren an dem Thore St. Antoine fuͤnf oder ſechs Maͤnner angekommen, von denen vier ziemlich ärmlich gekleidet waren. Sie hatten ſolche Karten und ihnen wurde das Thor geoffnet.. Wer ſind dieſe Männer? Was fuͤr Karten ſind das? Antwortet Ihr Herren von Paris, die Ihr Alles wiſſen müſſet, was Euere Stadt angeht.“ So wurde Mayneville aus einem Angeklagten ein An⸗ kläger und das iſt die große Kunſt der Beredtſamkeit. „Karten? Ausnahmsweiſe Zulaſſungen an den Thoren von Paris? Was ſoll das heißen?“ fragte Nicolaus Pou⸗ lain nachdenkend. „Wenn Ihr es nicht wißt, die Ihr hier wohnt, wie ſol⸗ len wir es wiſſen, die wir in Lothringen wohnen und Tag fuͤr Tag auf den Straßen ſind, um die beiden Enden des S⸗ zuſammenzubringen, welcher die Union heißt?“ „Wie aber kamen jene Leute an?“ „Theils zu Fuß, theils zu Pferd; Einige allein, An⸗ dere mit Dienern.“ —— n⸗ ———— 147 „Sind es Leute des Koͤnigs?“ „Drei oder vier ſahen wie Bettler aus.“ „Sind es Kriegsleute?“ „Sie hatten zu Sechſen nur zwei Degen.“ „Sind es Fremde?“ „Ich halte ſie fuͤr Gascogner.“ „Ah!“ antworteten einige Stimmen in verächtlichem Tone. „Einerlei“, ſagte Buſſy,„und wenn es Türken wären, ſie muͤſſen unſere Aufmerkſamkeit erregen. Man mag ſich nach ihnen erkundigen.. Herr Poulain, das iſt Euere Sache. Aber alles dies ſagt uns nichts uber die Ange⸗ legenheiten der Ligue.“ „Es iſt ein neuer Plan entworfen worden“, antwortete Herr von Mayneville.„Morgen werdet Ihr erfahren, daß Saledde, der uns ſchon verrathen hatte und uns noch ein⸗ mal verrathen wollte, nicht nur nichts geſagt, ſondern ſeine Ausſagen auf dem Schaffot ſogar widerrufen hat. Dank ſei der Herzogin, welche im Gefolge eines der Karteninhaber in die Stadt kam, ſich bis an das Schaffot wagte auf die Gefahr hin tauſendmal zerdruckt zu werden und ſich dem Verurtheilten zeigte, auf die Gefahr hin erkannt zu werden. In dieſem Augenblicke hielt Salecede inne und im naͤchſten Augenblicke machte ihm unſer braver Henker das Plaudern unmöglich. Wegen unſerer Unternehmungen in Flandern habt Ihr alſo nichts zu fuͤrchten. Dieſes ſchreckliche Ge⸗ heimniß iſt mit ins Grab geſunken.“ Dieſe letztern Worte begeiſterten die Zuhtrer und ge⸗ wannen ſie wieder ganz fuͤr Mayneville. 10* 148 Briquet errieth ihre Freude aus ihren Bewegungen und dieſe Freude beunruhigte den wuͤrdigen Mann ſehr, der plotzlich einen Entſchluß zu faſſen ſchien. Er glitt von dem Fenſtervorſetzer herunter auf das Pflaſter des Hofes und ging nach dem Thore zu, das ihm der Pfoͤrtner ſofort offnete als er die Worte: Parma und Lothringen genannt hatte. Als er wieder auf der Straße draußen war, athmete er ſo tief ein, daß man erkannte, er habe den Athem lange an ſich gehalten. Die Verſammlung in dem Palaſte dauerte noch immer fort. Die Geſchichte lehrt uns, was darin vorging. Herr von Mayneville brachte den künftigen Aufrührern von Paris von Seiten der Guiſe den vollſtändigen Auf⸗ ſtandsplan. Es handelte ſich um nichts Geringeres als die ange⸗ ſehenen Perſonen der Stadt zu ermorden, welche in der Gunſt des Königs ſtanden, dann mit dem Rufe:„es lebe die Meſſe! Nieder mit den Politikern!“ die Straßen zu durchziehen und ſo eine neue Bartholomaͤusnacht mit den alten Ueberreſten von der fruͤhern zu entzuͤnden. Nur ver⸗ mengte man diesmal die übelgeſinnten Katholiken mit den Hugenotten jeder Art. Man diente, indem man ſo handelte, zwei Göttern, dem, welcher im Himmel herrſcht und jenem, der uͤber Frankreich herrſchen ſollte, dem Ewigen und dem Herrn von Guiſe. 149 Zwölftes Kapitel. Das Zimmer Sr. Maj. des Koͤnigs Heinrichs MI. im Louvre. Wir finden den armen Koͤnig Heinrich III. in jenem großen Zimmer des Louvre, in welches wir unſere Leſer bereits ſo oft gefuͤhrt haben, aber nicht mehr als Koͤnig, nicht als gebietenden Herrn, ſondern bleich, niedergeſchla⸗ gen und unruhig. Heinrich war ſehr verandert ſeit dem Tode ſeiner Freunde— den wir an einem andern Orte geſchildert haben.— Dieſe Trauer warüber ſeinem Haupte hingezogen wie ein verwüſtender Orkan und der arme Koͤnig, der im⸗ mer daran dachte, daß er ein Menſch ſei und ſeine Kraft und ſein Vertrauen ſtets nur in Privatangelegenheiten ge⸗ zeigt hatte, hatte ſich durch den neidiſchen Tod jede Kraft und jedes Vertrauen entreißen ſehen und den ſchrecklichen Augenblick ahnen muͤſſen, in welchem die Könige allein, ohne Freunde, ohne Garden und ohne Krone vor Gott erſcheinen. Heinrich III. hatte ſchmerzlich leiden müſſen. Alles, was er liebte, war allmälig neben ihm gefallen. Nach Schomberg, Quelus und Maugiron, welche von der Hand Livarots und Antraguets im Zweikampfe gefallen, war Saint⸗Megrin durch Herrn von Mahenne ermordet worden und die Wunden hatten ſich nicht geſchloſſen; ſie bluteten noch. Seine Liebe zu den neuen Guͤnſtlingen Epernon und Joyeuſe glich der, welche ein Vater, der ſeine beſten Kin⸗ der verloren hat, auf die ihm gebliebenen überträgt; wenn er auch die Maͤngel und Fehler derſelben kennt, liebt und ſchont er ſie doch und bewacht ſie wohl, damit der Tod ſie nicht auch faſſen koͤnne. Er hatte Epernon mit Guͤtern überhäuft und gleichwohl liebte er Epernon nur bisweilen, gleichſam ruckweiſe. In manchen Augenblicken haßte er ihn ſogar. Da nahm Ka⸗ tharina, jene unbarmherzige Rathgeberin, in welcher der Gedanke immer wachte wie die Lampe im Tabernakel und die keiner Thorheiten faͤhig geweſen war, nicht einmal in ihrer Jugend, die Stimme des Volkes an, um über die Vorliebe des Koͤnigs zu ſchelten. Wenn er den Schatz ausleerte, um das Gut Lavalette zum Herzogthum zu erheben und es königlich zu vergroͤßern, wuͤrde ſie nie zu ihm geſagt haben: Sire, haſſet dieſe Maͤn⸗ ner, die Euch nicht lieben oder, was noch ſchlimmer iſt, die Euch nur um ihrer ſelbſt willen lieben. Sobald ſie aber ſah, daß der König die Stirn runzelte, ſobald ſie ihn in einem Augenblicke des Ueberdruſſes uͤber den Geiz oder die Feigheit Epernons klagen hoͤrte, fand ſie das unbarmher⸗ zige Wort, welches alle Beſchwerden des Volkes und des Konigthumes gegen Epernon in ſich faßte und eine neue Furche in dem königlichen Haſſe grub. Epernon, ein unvollſtuͤndiger Gascogner, hatte mit ſeiner angeborenen Schlauheit und Schlechtigkeit die konig⸗ liche Schwaͤche ermeſſen; er verſtand es ſeinen Ehrgeiz zu verbergen, der noch kein beſtimmtes Ziel kannte und nur ſeine Habſucht diente ihm als Compaß, um ihn nach der fernen unbekannten Welt zu leiten, die ihm der Horizont der Zukunft noch verhullte und ſo richtete er ſich blos nach dieſer Habſucht. War der Schatz zufällig einmal ziemlich gefüllt, ſo er⸗ ſchien Epernon mit lachendem Geſicht; war der Schatz S v—*„* 15⁵¹ geleert, ſo verſchwand er mit ſpottiſcher Lippe und gerun⸗ zelter Stirn, um ſich entweder in ſeinem Palaſ er in irgend einem ſeiner Schloſſer einzuſchließen, den Armen ſpielte und jammerte, bis er den Koͤnig a va⸗ chen Herzen gefaßt und ihm ein neues Geſchenk abgen„t hatte. Das Guͤnſtlingsweſen war von ihm zum Handwerk gemacht worden und er beutete alle möglichen Einkunfte deſſelben ſehr geſchickt aus. Erſtlich geſtattete er dem Könige durchaus keine Geſtundung in der Bezahlung des Verfal⸗ lenen und wenn er ſpäter wieder Hoͤfling wurde, zeigte er ſich geneigt einen Theil der Arbeit zu uͤbernehmen, d. h. an dem Eintreiben der Gelder mitzuhelfen, die er zu ſeiner Beute zu machen gedachte. Dieſe Nothwendigkeit, das fühlte er wohl, brachte ihn dahin, aus einem nichtsthuenden Hofmanne, was das beſte aller Gewerbe iſt, ein thaͤtiger Hofmann zu werden, was bekanntlich das ſchlimmſte von allen iſt. Er wuͤnſchte ſich ſehnlichſt die ſuͤße Muße von Quelus, Schomberg und Maugiron, die in ihrem Leben nie von Staats⸗ oder Pri⸗ vatangelegenheiten geſprochen und ſo ohne alle Muͤhe die Gunſt in Geld und das Geld in Vergnügungen umgewan⸗ delt hatten; aber die Zeiten hatten ſich geändert: auf das goldene Zeitalter war das eiſerne gefolgt; das Geld kam nicht mehr ſo leicht wie ſonſt, man mußte es in den Adern des Volkes ſo mühſam zuſammenſuchen wie in einer halb erſchopften Grube. Epernon fügte ſich indeß in die Umſtaͤnde und ſtürzte ſich wie halbverhungert in das unentwirrbare Geſtruͤpp der Verwaltung, verwuͤſtete hier und da auf ſeinem 152 Wege und preßte und drückte ohne auf die Verwünſchungen zu achten, wenn nur der Klang von Goldthalern die Stimme der Klagenden ubertonte. Die fluͤchtige und unvollſtäͤndige Skizze, welche wir von Joyeuſe entworfen haben, kann dem Leſer andeuten, welcher Unterſchied zwiſchen den beiden Guͤnſtlingen beſtand, die ſich, nicht in die Freundſchaft, aber in das große Maß des Einfluſſes theilten, welches Heinrich immer ſeinen Umge⸗ bungen auf ſich ſelbſt und auf Frankreich überließ. Joyeuſe war nach ſeiner Natur und ohne daruͤber nachzudenken der Spur der Quelus, der Schomberg, der Maugiron und der Saint-Megrin geſolgt; er liebte den König und ließ ſich ſorglos von ihm wieder lieben; aberalle ſeltſamen Gerüchte von der wunderbaren Freundſchaft des Konigs und der Vorgaͤnger Joyenſes waren mit dieſer Freundſchaft erſtor⸗ ben und kein ehrloſer Flecken beſudelte die faſt väterliche Neigung fur Joyeuſe. Joyeuſe, der aus einer Familie beruͤhmter und recht⸗ licher Leute ſtammte, zeigte wenigſtens öffentlich Ehr⸗ furcht vor der Koͤnigswurde und ſeine Vertraulichkeit ging nie über gewiſſe Grenzen hinaus. Anna war aber jung, heftig, verliebt und dann ſelbſtſüchtig; es kam ihm wenig darauf an, durch den König glucklich zu ſein und dies anzuerkennen, die Hauptſache war ihm, auf irgend eine Weiſe eben gluͤcklich zu ſein. Er war tapfer, ſchoͤn und reich und ſtrahlte in dieſem dreifachen Glanze, welcher eine Strahlenkrone der Liebe um jugendliche Stirnen brei⸗ tet; die Natur hatte fur Joyeuſe zu viel gethan und Hein⸗ „— — 153 rich verwuͤnſchte oftmals die Natur, weil ſie dem Koͤnig ſo wenig fuͤr den Freund zu thun überlaſſen hatte. Heinrich kannte dieſe beiden Maͤnner recht wohl und liebte ſie ohne Zweifel eben wegen ihrer Verſchiedenheit. Heinrich beſaß unter dem unglaͤubigen und aberglaͤubiſchen Aeußern eine gewiſſe Philoſophie, welche ſich zu merklicher Nutzbarkeit entwickelt haben wuͤrde, wenn Katharina nicht geweſen wäre. Obgleich haͤufig verrathen, wurde er doch nie getäuſcht. Mit dieſer vollkommenen Kenntniß des Charakters ſei⸗ ner Freunde, mit dieſer Kenntniß ihrer Fehler und guten Ei⸗ genſchaften dachte er, von ihnen entfernt, allein und traurig in dem duͤſtern Gemache, an ſie, an ſich ſelbſt und an ſein Leben und ſchauete im Schatten nach jenen ſchauerlichen Horizonten der Zukunft, die ſich bereits auch fur viele Augen zeigten, welche weniger hell ſahen als die ſeinigen. Die Sache mit Saleède hatte ihn ſehr verſtimmt. Als er in jenem Augenblicke allein zwiſchen zwei Frauen ſich befand, fuhlte er ſeine Hulfloſigkeit; die Schwaͤche Louiſens ſtimmte ihn traurig und die Stärke Katharinas erſchreckte ihn. Heinrich ahnete mit einem Worte jenes unklare und ewige Entſetzen, welches die Koͤnige empfinden, die von dem Schickſal dazu auserleſen ſub⸗ daß ihr Geſchlecht in und mit ihnen erloͤſche. Es iſt aber auch das ſchmerzlichſte Leid fur einen ſtolzen Geiſt bemerken zu muͤſſen, daß die Groͤße, zu welcher er gelangt iſt, keine feſte Grundlage hat, daß er die Bild⸗ ſäule iſt, vor welcher man Weihrauch verbrennt, das Götzen⸗ bild, das man verehrt, daß aber die Prieſter und das Volk, 154 die Anbeter und die Diener, dieſes Bild je nach ihrem In⸗ tereſſe ſenken und wiederaufrichten. Heinrich fühlte dies ſehr wohl und erzurnte ſich daruͤber. Von Zeit zu Zeit aber erlangte er die Kraft ſeiner Jugend wieder, die lange vor dem Ende dieſer Jugend in ihm erloſchen war. „Warum“, fragte er ſich,„ſollte ich mich eigentlich ängſtigen? Ich habe keine Kriege mehr zu füͤhren; Guiſe iſt in Nanch, Heinrich in Pau; der eine muß ſeinen Ehr⸗ geiz in ſeiner Bruſt verſchließen, der andere hat nie den Ehrgeiz gekannt. Die Gemuther beruhigen ſich; kein Fran⸗ zoſe hat ernſtlich an das unmoͤgliche Unternehmen gedacht, ſeinen König zu entthronen; die durch die goldene Scheere der Madame von Montpenſier verheißene dritte Krone iſt nur der Einfall einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau; nur meine Mutter denkt immer an ihr Geſpenſt von Uſur⸗ pation, ohne daß ſie mir gleichwohl beſtimmt den Uſurpator zeigen kann; ich, ich bin ein Mann, trotz meinem Kummer noch jung und weiß, was ich von den Prätendenten zu hal⸗ ten habe, die ſie fuͤrchtet. Ich werde Heinrich von Navarra lächerlich und Guiſe verhaßt machen, wie mit dem Schwert in der Hand die fremden Buͤndniſſe zerſtören. Bei Gottes Tode, ich war bei Jernac und Moncontour nicht mehr als ich jetzt bin.“ „Ja“, fuhr Heinrich fort, indem er das Haupt auf die Bruſtſinken ließ,„ja, aber bis dahin quält mich die Lange⸗ weile und die Langeweile iſt tödtlich. Die Langeweile iſt meine einzige Feindin, die einzige Verſchworerin und von ihr ſpricht meine Mutter nie. iſe hr⸗ en n⸗ ht, ere ur⸗ tor ner al⸗ rra ert tes als die ge⸗ von 15⁵ „Ob heute Abend Einer zu mir kommt? Joyeuſe hatte verſprochen, bei guter Zeit hier zu ſein; er vergnuͤgt ſich. Wie zum Teufel mag er es nur anfangen, daß er ſich er⸗ gotzen kann? Epernon? Dieſer vergnuͤgt ſich nicht, er ſchmollt, er hat ſeine zwanzigtauſend Thaler noch nicht er⸗ hoben. Er ſchmollt in aller Gemaͤchlichkeit.“ „Sire“, meldete in dieſem Augenblicke der Kammer⸗ diener,„der Herr Herzog von Epernon.“ Alle Diejenigen, welche die Langeweile des Wartens, die Anklagen gegen die erwarteten Perſonen, welche ſie ver⸗ anlaßt und die Schnelligkeit kennen, in welcher die Wolke ſchwindet, wenn die Perſon erſcheint, werden den Eifer er⸗ klärlich ſinden, mit welchem der Konig befahl, einen Seſſel fur den Herzog bereit zu ſtellen. „Ah, guten Abend, Herzog“, ſagte er;„ich freue mich Euch zu ſehen. Epernon verbeugte ſich ehrerbietig. „Warum kamt Ihr nicht, um den Schurken von Sal⸗ edde viertheilen zu ſehen? Ihr wußtet doch, daß Ihr einen Platz in meiner Loge finden wurdet, da ich es Euch hatte anzeigen laſſen.“ „Sire, ich konnte nicht kommen.“ „Ihr konntet nicht kommen?“ „Nein, Sire, ich hatte Geſchaͤfte.“ „Sollte man doch meinen, er ſei mein Miniſter und fündige mir an, es ſei eine erwartete Geldſumme nicht ein⸗ gegangen“ entgegnete Heinrich mit Achſelzucken. „Allerdings“, antwortete Epernon, der die Worte des 156 Koͤnigs aufgriff,„Ihr habt richtig gerathen; die Geld⸗ ſumme iſt nicht eingegangen und ich bin ohne Geld.“ „Gut“, ſagte Heinrich ungeduldig. „Aber“, fuhr Epernon fort,„das war es nicht und ich ſage es Ew. Maj., da Ihr glauben koͤnntet, dies wäre das Geſchaͤft geweſen, das mich abgehalten.“ „Nun, ſo nennet mir Euere Geſchaͤfte.“ „Ew. Maj. weiß, was bei der Hinrichtung Saleddes vorgegangen iſt.“ „Ich muß es wohl wiſſen, da ich zugegen war.“ „Man verſuchte, den Verurtheilten zu entfuͤhren.“ „Davon habe ich nichts geſehen.“ „Gleichwohl ſpricht man in der ganzen Stadt davon.“ „Es iſt ein unbegruͤndetes Geruͤcht; es hat ſich Nie⸗ mand geregt.“ „Ich glaube doch, daß Ew. Maj. irret.“ „Und warum glaubt Ihr das?“ „Weil Salecede vor dem Volke widerrief, was er vor den Richtern geſagt hatte.“ „Das wiſſet Ihr bereits?“ „Ich bemuͤhe mich Alles zu erfahren, was Ew. Maj. betrifft.“ „Ich danke, aber wohin zielt Ihr mit dieſer Vorrede?“ „Ein Mann, meine ich, der wie Saledde ſtirbt, ſtirbt als guter Diener, Sire.“ „Und?“ „Der Herr, welcher ſolche Diener hat, iſt glucklich zu preiſen.“ „Und Ihr meint, ich hätte keine ſolchen Diener oder ——— 3 6 ——— 3 157 vielmehr ich hätte keine mehr. Ihr habt Recht, wenn Ihr dies ſagen wolltet.“ „Nein, das will ich nicht ſagen. Ew. Maj. wuͤrde bei Gelegenheit und ich kann beſſer als irgend Jemand dafuͤr vurgen, ebenſo treue Diener finden als ſie der Herr Sal⸗ eddes fand.“ „Der Herr Saleedes! Der Herr Salcddes! So nennt doch Ihr, die Ihr um mich ſeid, die Sachen mit ihrem Na⸗ men. Wie heißt jener Herr?“ „Das muß Ew. Maj beſſer wiſſen als ich, da Ihr Euch mit den Staatsangelegenheiten beſchaͤftiget.“ „Ich weiß was ich weiß; ſagt mir was Ihr wiſſet.“ „Ich für meinen Theil weiß nichts, ich ahne aber Manches.“ „So fommt Ihr zu mir“ fiel Heinrich gelangweilt ein, „um mich zu aͤngſtigen und mir unangenehme Dinge zu ſagen? Ich danke, Herzog; daran erkenne ich Euch.“ „Ach, Ew. Maj. behandelt mich hart“ ſagte Epernon. „Ganz nach Verdienſt, wie ich glaube.“ „Nein, Sire. Ein ergebener Mann kann ſich irren, wenn er etwas andeutet, er thut aber dabei nichtsdeſto⸗ weniger ſeine Pflicht.“ „Das iſt meine Sache.“ „Sobald Ihr es ſo nehmt, Sire, habt Ihr Recht. Sprechen wir nicht mehr davon.“ Es trat eine Pauſe ein, welche der Koͤnig zuerſt un⸗ terbrach. „Herzog, verſtimmt mich nicht noch mehr“, ſagte er. 15⁸ „Ich bin ſo ſchon von Trauer und Schauer umgeben wie ein ägyptiſcher Pharao in ſeiner Pyramide.“ „Die Freude, Sire, kommt nicht auf Befehl.“ Der König ſchlug zornig mit der Fauſt auf den Tiſch. „Ihr ſeid eigenſinnig und ein ſchlechter Freund, Her⸗ zog“, rief er aus.„Ach, ich glaubte durch den Verluſt mei⸗ ner fruͤhern Diener nicht ſo viel verloren zu haben.“ „Darf ich wagen Ew. Maj. zu bemerken, daß Ihr die neuen durch die alten nicht eben ermuthiget?“ Der König ließ eine neue Pauſe eintreten, in welcher er ſtatt aller Antwort den Mann, welchen er reich gemacht und hoch erhoben hatte, mit ſehr bedentungsvollem Aus⸗ drucke anſah. Epernon verſtand den Blick. „Ew. Maj. haͤlt mir die Wohlthaten vor, die ich em⸗ pfangen habe“, ſagte er im Tone eines vollendeten Gas⸗ cogners.„Ich halte Euch meine Ergebenheit nicht ent⸗ gegen.“ Und der Herzog, der ſich noch nicht geſetzt hatte, nahm den Seſſel, den der Koͤnig für ihn hatte hinſtellen laſſen. „Lavalette, Lavalette“ ſagte Heinrich traurig,„Du betruhſt mein Herz, da Du doch ſo viel Geiſt beſitzeſt und durch Deine gute Laune mich aufheitern konnteſt. Gott iſt mein Zeuge, daß ich von dem ſo tapfern Quelus, von dem ſo gutmäthigen Schomberg und von Maugiron nicht ſprechen wollte, der in Bezug auf meine Ehre ſo empfindlich war. Nein; es gab damals ſogar Buſſy, der mir nicht angehorte, weun Du willſt, den ich aber an mich gefeſſelt haben würde, wenn ich den Argwohn der andern nicht gefüͤrchtet haͤtte— er 15⁵9 Buſſy, welcher die unfreiwillige Urſache ihres Todes iſt. Wie weit iſt es doch mit mir gekommen, daß ich mich ſelbſt nach meinen Feinden ſehne! Gewiß alle vier waren tapfere Maͤnner. Erzurne Dich nicht uber das was ich ſage. Es liegt nicht in Deinem Temperamente, zu jeder Stunde des Tages mit dem erſten beſten anzubinden; aber lieber Freund, wenn Du nicht abenteuerſuͤchtig biſt und gleich nach dem Degen greifſt, ſo biſt Du witzig und ſchlau und weißt bisweilen guten Rath zu geben. Du kennſt alle meine An⸗ gelegenheiten wie der andere beſcheidenere Freund, bei wel⸗ chem ich nie einen Augenblick Langeweile fühle.“ „Wen meint Ihr, Sire? fragte der Herzog. „Du ſollteſt ihm gleichen, Epernon.“ „Ich muͤßte vor allen Dingen wiſſen, an wen Ew. Maj. denkt.“ „Ach armer Chicot, wo biſt Du?“ Epernon ſtand verletzt auf. „Nun, was beginnſt Du 7 fragte der Konig. „Ew. Maj. ſcheint heute in Erinnerungen zu leben, was freilich nicht für Alle ein Gluck iſt.“ „Warum?“ „Weil Ew. Maj., vielleicht ohne Abſicht, mich mit Chicot vergleicht und ich mich durch dieſen Vergleich nicht eben geſchmeichelt fuͤhle.“ „Da thuſt Du nicht wohl, Epernon. Ich kann mit Chi⸗ cot nur einen Mann vergleichen, den ich liebe und der mich liebt. Er war ein geiſtvoller und treuer Diener.“ 2 Und Heinrich ſeufzete tief. „Ew. Maj. hat mich aber doch nicht zum Herzoge und 160 Pair erhoben, um mich Chicot ähnlich zu machen“ ſagte Epernon. „Klagen wir einander nicht an“ entgegnete der Koͤnig mit ſo boshaftem Läͤcheln, daß der Gascogner, ſo ſchlau und keck er auch war, vor dieſem ſchuͤchternen Sarcasmus ſich unbehaglicher fühlte als vor einem unmittelbaren Vor⸗ wurfe. „Chicot liebte mich“, fuhr Heinrich fort,„und ich ver⸗ miſſe ihn, das kann ich wohl ſagen. Ach, wenn ich bedenke, daß an der Stelle, wo Du ſitzeſt, alle die ſchonen, tapfern, treuen, jungen Maͤnner geſeſſen haben und daß Chicot dort auf dem Stuhle, auf welchen Du Deinen Hut gelegt haſt, mehr als hundertmale eingeſchlafen iſt!“ „Das war vielleicht ſehr geiſtreich“, unterbrach ihn Epernon,„jedenfalls aber nicht ſchicklich.“ „Ach“, ſprach Heinrich weiter,„der liebe Freund hat jetzt nicht mehr Geiſt als Koͤrper.“ Und er bewegte traurig ſeinen Roſenkranz von kleinen ———— Todtenköpfen, die ſchauerlich an einander klapperten als wären es wirkliche Knochen geweſen⸗ „Und was iſt aus Euerm C icot goworden?“ ſragte Epernon ſorglos. „Er iſt geſtorben“, antwortete Heinrich,„wie alle, die ich liebte.“ „Nun, Sire“ entgegnete der Herzog,„ich glaube, er hat wohl daran gethan; er wurde alt, wenn auch noch lange nicht ſo alt als ſeine Späße und man ſagt, die Nüchternheit ſei ſeine Lieblingstugend auch nicht geweſen. Woran ſtarb der arme Teufel, Sire, an Ueberladung des Magens?“ 161 „Chicot ſtarb vor Gram, boͤſe Zunge Du“, antwortete der Koͤnig bitter. „Er hat dies wahrſcheinlich nur geſagt, um Euch zum 1 letzten Male ein Lächeln abzugewinnen.“ 8„Du irreſt Dich; er wollte mich nicht einmal ſeine Krankheit wiſſen laſſen, um mich nicht zu betruͤben. Er wußte es wohl, wie ſehr ich meine Freunde betrauere, da er mich ſo oft uͤber ſie hatte weinen ſehen.“ „So iſt ſein Schatten zuruͤckgekommen?“ n,„Gaͤbe es Gott, daß er wiederkäme und wäre es nur rt als Schatten! Nun, ſein Freund, der wuͤrdige Prior Go⸗ t renflot, hat mir die traurige Nachricht geſchrieben.“ „Wer iſt Gorenflot?“ n„Ein frommer Mann, den ich zum Prior der Jacobiner machte und der das ſchoͤne Kloſter vor dem Thore St. An⸗ at pine bewohnt.“ „Nun ja, ein ſchlechter Prediger, dem Ew. Maj. eine en Priorei mit 30,000 Livres gegeben hat und dem Ihr dies nicht vorwerft.“ „Wirſt Du nun gar ein gottloſer Spoͤtter?“ te„Wenn ich damit die Langeweile Ew. Maj. vertreiben konnte, wurde ich es verſuchen.“ die„Willſt Du ſchweigen, Herzog! Du beleidigeſt Gott den Herrn.“ er„Chicot war ſehr gottlos und es iſt ihm doch verziehen ge worden.“ eit„Chicot kam in einer Zeit, als ich noch uber etwas „So thut Ihr Unrecht, Sire, ihn zuruͤckzuwuͤnſchen?“ arb lachen konnte.“ Die Fuͤnfundvierzig. 1. 11 162 „Warum? „Wenn Ihr nicht mehr lachen koͤnnt, ſo wurde Euch auch Chicot trotz ſeiner Luſtigkeit nicht viel helfen.“ „Der Mann war zu Allem gut und ich bedauere ihn nicht blos wegen ſeines Witzes.“ „Weshalb ſonſt? Gewiß nicht wegen ſeines Geſichtes, denn der Chicot war ſehr haͤßlich.“ „Er gab weiſen Rath.“ „Ah, ich ſehe wohl, wenn er noch lebte, wuͤrdet Ihr ihn zum Siegelbewahrer ernennen, wie Ihr den Kutten⸗ mann zum Prior gemacht habt, Sire.“ „Herzog, ſpottet nicht uͤber die, welche mir Anhaͤnglich⸗ keit und Liebe bewieſen und die ich ſelbſt liebte. Chicot iſt mir, ſeit er geſtorben, heilig wie ein ernſter Freund und wenn ich keine Luſt zu lachen habe, ſo ſoll auch ſonſt Niemand lachen.“ „So ſei es, Sire; ich pin eben ſo wenig lachluſtig als Cw. Maj. Ihr wünſchet aber eben Chicot wegen ſeiner guten Laune zuruck und verlangtet, daß ich Euch aufheitere, während Ihr jetzt wollet, daß ich Euch ernſt und traurig ſtimme. Gott's Blut!— Verzeiht, Sire, der Fluch ent⸗ ſchlupft mir immer.“ „Jetzt bin ich wieder ruhiger und kälter geworden, jetzt bin ich auf dem Punkte, wo Du mich haben wollteſt, als Du das Geſpräch mit důſtern Andeutungen beganneſt. So theile mir Deine ſchlimmen Nachrichten mit, Epernon. Der König hat immer die Kraft eines Mannes.“ „Daran zweifle ich nicht, Sire.“ 163 „Und zum Gluͤck, denn wenn ich mich nicht ſelbſt be⸗ nachie wuͤrde ich des Tages zehnmalſterben, ſo ſchlecht bin ich bewacht.“ „Gewiſſen Leuten, die ich kenne, würde dies gar nicht unlieb ſein.“ „Gegen dieſe habe ich die Hellebarden meiner Schwei⸗ zer, Herzog.“ „Damit laßt ſich nicht weit reichen.“ „Gegen die, welche in der Ferne zu treffen ſind, habe ich die Musketen meiner Schutzen.“ „Das iſt läſtig in der Nähe; eine konigliche Bruſt wird beſſer als durch Hellebarden und Musketen durch treue Freunde geſchuͤtzt.“ t„Ach“, ſagte Heinrich,„die hatte ich ſonſt. Zur Zeit d der lebendigen Bruſtwehren, die man Quelus, Schomberg, ſt Saint⸗Luc, Maugiron und Saint⸗Megrin nannte, wäre Niemand bis zu mir gedrungen.“ l6„Das alſo vermißt Ew. Maj.?“ fragte Epernon, wel⸗ er cher Vergeltung üͤben zu können hoffte, wenn er den König bei dem Vergehen der Selbſtſucht betreffe. ig„Ich vermiſſe vor allen Dingen die Herzen jener Män⸗ t⸗ ner“, antwortete Heinrich. „Sire“, entgegnete Epernon,„wenn ich es wagte, tzt wurde ich Ew. Maj. bemerklich machen, daß ich ein Gas⸗ eeogner bin, alſo vorſorglich und emſig, daß ich die guten So Eigenſchaften, welche mir die Natur verſagt hat, durch den Geiſt zu erſetzen mich bemuͤhe, mit einem Worte, daß ich Alles thue was moglich iſt, d. h. was ich thun muß und daß ich folglich mit Recht ſagen kann: komme was da will.“ „So ziehſt Du Dich aus der Sch ige; Du ſprichſt von Gefahren, denen ich ausgeſetzt ſein ſoll und wenn Du mich erſchreckt haſt, weißt Du nichts zu ſagen als: kom ꝛe was da will.. Sehr verbunden, Herzog.“ „Will Ew. Maj. ein wenig an dieſe Gefa en glauben?“ „Meinetwegen. Ich will daran glaube wenn Du mir beweiſeſt, daß Du ſie bekaͤmpfen kannſt.“ „Das glaube ich zu können.“ „Ich weiß es wohl, Du verſtehſt Dich darauf, kleine Mit⸗ tel zu erſinnen, Fuchs Du.“ „Sie ſind nicht eben ſehr klein.“ „So laß hoͤren.“ „Wollet Ihr aufſtehen, Sire?“ „Weshalb?“ „Um mit mir bis zu den alten Gebaͤuden des Louvre zu gehen, an die Stelle, wo man ein Haus zur Aufbewahrung der Hausgeraͤthe bauen wollte, was aber aufgegeben wor⸗ den iſt, ſeit Ew. Maj. nichts anderes haben will als Bet⸗ ſtuhle und Roſenkraͤnze von Todtenkopfen.“ „Zu jetziger Zeit?“ „Es ſchläͤgt eben zehn Uhr und es iſt alſo nicht ſo ſehr ſpaͤt.“ „Was werde ich dort ſehen?“ „Wenn ich es Euch ſage, Sire, werdet Ihr nicht mit gehen.“* „Es iſt ziemlich weit, Herzog.“ „Ueber die Galerien brauchen wir nur fuͤnf Minuten, Sire.“ „Epernon! Epernon!“ —— u ig ⸗ hr —.— 165 „Nun, Sire?“ „Nimm Dich in Acht, wenn Das, was Du mir zeigen willſt, nicht ſehr merkwuͤrdig iſt.“ „Jeh buͤrge dafur, daß es merkwuͤrdig iſt.“ „So komm!“ fagte der Koͤnig, der mit Anſtrengung aufſtand. Der Herz nahm ſeinen Mantel und reichte dem Köo⸗ nige den Degen; dann ergriff er eine Wachskerze und ging Sr. allerchriſtlichſten Majeſtäͤt, die ihm mit ſchleppenden Schritten folgte, in der Galerie voran. Dreizehntes Kapitel. Ob es gleich erſt zehn Uhr war, wie Epernon geſagt hatte, ſo herrſchte doch bereits Todtenſtille in dem Louvre; der Wind aber tobte gewaltig und man hoͤrte kaum die ſchweren Tritte der Wachen und das Knarren der Zugbruͤcke. Binnen weniger als fuͤnf Minuten gelangten die beiden Maͤnner an ihr Ziel. Der Herzog nahm einen Schlüſſel aus dem Täſchchen, das er bei ſich trug, ging einige Stufen hinunter, ſchritt uͤber einen kleinen Hof und offnete eine kleine Thuͤr unter vergilbendem Brombeergebuͤſch. Dann ging er im Dunkel zehn Schritte weit, worauf er ſich en einem innern Hofe befand, an deſſen einer Ecke eine ſtei⸗ nerne Treppe emporſtieg. Dieſe Treppe fuͤhrte zu einem großen Gemache oder vielmehr zu einem großen Corridor. Epernon beſaß einen Schlüͤſſel auch zu dieſem Corridor. Er oͤffnete leiſe die Thür und machte den Koͤnig auf die ſeltſame Einrichtung aufmerkſam, welche ſogleich in die Augen fiel. Es ſtanden funfundvierzig Betten da und in jedem dieſer Betten lag ein Schlaͤfer. Der Konig betrachtete alle dieſe Betten und alle dieſe Schlafer, dann wendete er ſich mit beſorgter Neugierde an den Herzog und fragte: Wer ſind die Leute, welche hier ſchlafen?“ „Leute, die noch dieſen Abend ſchlafen, von morgen an aber nur dann ſchlafen werden, wann die Reihe an ſie kommt.“ „Und warum werden ſie nicht mehr ſchlafen?“ „Damit Ihr ſchlafen könnet, Sire. „Erkläre Dich näher. Sind alle dieſe Leute Freunde?“ „Von mir ausgeſucht, Sire, unerſchrockene Hüter, die Ew. Maj. ſowenig verlaſſen werden wie Euer Schatten, ſämmtlich Edelleute, die überall da erſcheinen koͤnnen, wo⸗ hin Ew. Maj. ſich begiebt und die Niemanden auf Degen⸗ länge an Euch herankommen laſſen werden.“ „Und das haſt Du erdacht, Epernon?“ „Ja, ich ganz allein, Sire.“ „Man wird über ſie lachen.“ „Nein, man wird ſich vor ihnen fuͤrchten.“ „Sind Deine Edelleute ſo ſchrecklich?“ „Sire, es iſt eine Meute, die Ihr gegen jedes beliebige Wild hetzen könnt, Leute, die nur Euch kennen, nur nit 5 *— 8 167 Ew. Maj. in Verbindung ſtehen und ſich nur an Euch wenden werden, um Licht, Wärme und Leben zu haben.“ „Das wird meine Mittel ganz erſchoͤpfen.“ „Werden die Mittel eines Koͤnigs je erſchöͤpft?“ „Ich kann bereits die Schweizer nicht mehr bezahlen.“ „Betrachtet dieſe Neuangekommenen genau, Sire und ſagt mir, ob ſie ausſehen als brauchten ſie viel.“ Der Konig muſterte den langen Schlafſaal, der aller⸗ dings einen merkwurdigen Anblick gewährte. Der lange Saal war in der Laͤnge durch eine Scheidewand getheilt und an derſelben hatte der Baumeiſter fünfundvierzig Alcoven angebracht, die wie ebenſo viele Kapellen neben⸗ einander ſtanden und auf den Gang gingen, an deſſen einem Ende der Koͤnig und Epernon ſtanden. Eine Thür in jedem dieſer Alcoven führte in eine Art Wohnung daneben, ſo daß durch dieſe ſinnreiche Anordnung jeder Mann ſein öffentliches und Privatleben hatte. Oeffent⸗ lich erſchien er durch den Alcoven; in der Familie verbarg er ſich in dem Zimmerchen. Die Thuͤr jedes dieſer Zimmer⸗ chen führte auf einen Balcon, der ſich an der ganzen Länge des Gebaͤndes hinzog. Der Koͤnig verſtand dieſe feinen Unterſchiede nicht ſo⸗ gleich. „Warum zeigt Ihr mir alle ſo in den Betten?“fragte er. „Weil ich glaubte, Sire, Ew. Maj. wurde die Muſte⸗ rung in dieſer Weiſe bequemer vornehmen können. Dieſe Alcopen, deren jeder mit einer Nummer verſehen iſt, haben den Vortheil, daß ihre Nummer ſich auf den Inhaber über⸗ 168 tragen läßt. So wird jeder dieſer Inhaber je nach Beduͤrf⸗ niß ein Mann oder eine Zahl ſein.“ „Das iſt gut erdacht“, ſagte der Koͤnig,„beſonders wenn wir allein den Schluſſel zu dieſer Rechnung behalten. Aber die Braven werden erſticken, wenn ſie immer hier wohnen ſollen.“ „Ew. Maj. kann, wenn Ihr es wuͤnſchet, mit mir in das Zimmer eines jeden eintreten.“ „Welchen Kleiderſchrank zeigſt Du mir da, Epernon ſagte der Konig, indem er auf die Stüͤhle blickte, auf wel⸗ chen die Kleidungsſtuͤcke der Schläfer lagen.„Wenn ich die Lumpen dieſer Leute da aufbewahre, wird Paris laut lachen.“ „Meine Fünfundvierzig ſind allerdings nicht koſtbar gekleidet“, antwortete der Herzog,„aber wenn ſie ſaͤmmtlich Herzöge und Pairs waͤren..“ „Ja, ich verſtehe“, ſagte der Koͤnig lächelnd,„wuͤrden ſie mir theuerer zu ſtehen kommen.“ „So iſt es, Sire.“ „Und wie viel werden ſie mich koſten? Das beſtimmt mich vielleicht, denn wahrhaftig ihr Ausſehen iſt nicht eben lockend, Epernon.“ „Sire, ich weiß wohl, daß ſie etwas abgemagert und von der Sonne verbrannt ſind— die in unſerm Süden ſcheint— aber ich war, als ich in Paris erſchien, auch hager und ſonnenverbrannt und ſie werden beleibt und weiß werden wie ich.“ „Hm!“ ſagte Heinrich mit einem Seitenblickauf Eper⸗ 169 non und nach einer Pauſe ſetzte er hinzu:„weißt Du, das Deine Edelleute gewaltig ſchnarchen?“ „Sire, darnach beurtheilt ſie nicht; ſie haben dieſen Abend ſehr gut gegeſſen und viel getrunken.“ „Da träumt Einer laut“, ſagte der Konig, indem er nengierig horchte. „Wirklich?“ „Ja. Was ſagt er? Horch!“ Einer der Edelleute, deſſen Kopf und Arme aus dem Bette heraushingen und der den Mund halboffen hielt, ſeufzete einige Worte mit melancholiſchem Lächeln. Der Koͤnig trat auf den Fußſpitzen zu ihm. „Wenn Ihr ein Weib ſeid, ſo fliehet, fliehet!“ ſagte der Träumer. „Ah ha“, ſprach Heinrich,„er iſt galant.“ „Was meinet Ihr von ihm, Sire?“ „Sein Geſicht mißfaͤllt mir nicht.“ Epernon leuchtete an den Alcoven. „Auch hat er weiße Haͤnde und einen wohlgepflegten Bart“, fuhr der Koͤnig fort. „Es iſt Ernauton von Carmainges, ein hubſcher Junge, der es weit bringen wird.“ „Der arme Teufel hat wahrſcheinlich eine Geliebte zuruͤckgelaſſen.“ „Um nur ſeinen Koͤnig zu lieben, Sire.. Wir muͤſſen ihm das Opfer anrechnen.“ „Nach ihm folgt ein ſonderbares Geſicht.. Wie nann⸗ teſt Du ihn?“ „Ernauton von Carmainges.“ 17⁰ „Richtig. Aber welches Hemd trägt Nr. 3! Man fonnte es für den Rock eines Büßenden halten.“ „Dieſer iſt Herr von Chalabre; wenn er Ew. Maj. Geld koſtet, bereichert er ſich gewiß dabei, dafuͤr ſtehe ich.“ „Und dies andere finſtere Geſicht, das nicht ausſieht als traume es von Liebe?“ „Welche Nummer, Sire?“ „Nummer 12.“ „Ein Herz von Erz ein Mann, der ſich zu helfen weiß, Herr von Sainte⸗Maline, Sire.“ „Weißt Du, Lavalette, daß Du einen guten Gedanken gehabt haſt?“ „Das glaube ich und denkt, Sire, welches Aufſehen dieſe neuen Wachthunde machen werden, welche Ew. Maj. ebenſowenig verlaſſen ſollen als der Schatten den Koͤrper, dieſe Bullenheißer, die man noch nirgends geſehen hat und die ſich bei der erſten Gelegenheit in einer Art zeigen wer⸗ den, die ihnen Ehre macht.“ „Ja, ja, Du haſt Recht, es iſt ein guter Gedanke. Aber warte. Sie folgen mir jedenfalls nicht in dieſem Aufzuge wie mein Schatten. Mein Körper ſieht gut aus und ich kann nicht zugeben, daß ſein Schatten oder vielmehr ſeine Schatten ihn verunzieren.“ „Wir kommen auf die Gelbſache wieder zuruͤck.“ „Wollteſt Du ſie umgehen. „Nein, im Gegentheil; ſie iſt uͤberall die Hauptſache; aber ich habe auch in Bezug auf das Geld einen Einfall gehabt.“ „Epernon! Epernon!“ ſagte der Koͤnig. — — 171 „Sire, der Wunſch Ew. Maj. zu gefallen, ſteigert meine Erfindungskraft.“ „So theile mir Deinen Einfall mit.“ „Wenn es von mir abhinge, wuͤrde jeder dieſer Edel⸗ leute morgen früh auf dem Stuhle, der ſeine Lumpen trägt, einen Beutel— von tauſend Thalern— als Sold fuͤr das erſte Halbjahr finden.“ „Tauſend Thaler fur das erſte Halbjahr, zweitauſend fur das ganze Jahr? Geh, Herzog, Du biſt nicht bei Sin⸗ nen. Ein ganzes Regiment wuͤrde nicht ſo viel koſten.“ „Ihr vergeſſet, Sire, daß ſie die Schatten Ew. Maj. ſein ſollen und Ihr ſagtet eben ſelbſt, daß Euere Schatten anſtaͤndig gekleidet ſein muͤßten. Jeder muß ſich von dieſen tauſend Thalern in einer Art bekleiden und bewaffnen, daß er Euch Ehre macht. Und mit Ruͤckſicht auf die Ehre haltet die Gascogner nicht zu kurz.“ „Das laͤßt ſich ſchon eher hoͤren.“ „Ew. Maj. williget ein?“ „Es giebt nur noch eine Schwierigkeit, Herzog.“ „Welche?“ „Es fehlt an Geld.“ „Es fehlt an Geld?“ „Du mußt es beſſer wiſſen als irgend Jemand, daß dies ein vortrefflicher Grund iſt, da Du doch ſelbſt noch keine Bezahlung haſt erhalten koͤnnen.“ „Sire, ich habe ein Mittel gefunden.“ „Mir Geld zu verſchaffen?“ „Fuͤr Euere Leibwache, ja, Sire.“ „Laß hoͤren.“ 172 „Vor ſechs Monaten iſt eine Verordnung uber Abgaben von Wild und Fiſchen eingetragen worden.“ „Wohl moglich.“ „Im erſten Halbjahre ſind darauf fünfundſechszigtau⸗ ſend Thaler eingegangen, welche der Schatzmeiſter dieſen Morgen abliefern wollte; ich ſagte ihm aber, er moͤge es nicht thun und ſo hält er das Geld, ſtatt es dem Schatze zu⸗ zuweiſen, für Ew. Maj. bereit.“ „Ich hatte das Geld für den Krieg beſtimmt, Herzog.“ „Sehr richtig, Sire. Die Hauptſache bei dem Kriege ſind Leute und das erſte Intereſſe des Reiches heißt der Schutz und die Sicherheit des Koͤnigs. Wenn man die Leibwache des Koͤnigs bezahlt, erfüllt man demnach alle Bedingungen.“ „Der Grund iſt nicht ſchlecht; aber nach Deiner Rech⸗ nung habe ich nur fünfundvierzigtauſend Thaler aufzuwen⸗ den und es werden mir alſo zwanzigtauſend fur meine Re⸗ gimenter übrig bleiben.“ Verzeiht, Sire, ich habe bereits, bis auf Euere Zu⸗ ſtimmung, über dieſe zwanzigtauſend Thaler verfugt.“ „Du haſt verfuͤgt?“ „Ja, Sire.. Es wird eine Abſchlagszahlung für mich ſein.“ „Das wußte ich voraus“, ſagte der Konig.„Du giebſt mir eine Leibwache, um zu Deinem Gelde zu kommen.— Aber warum gerade dieſe Rechnung von Fuͤnfundvierzig?“ fragte der Koͤnig, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. 33 „Die Zahl Drei iſt urſprünglich und gottlich, Sire, e 173 außerdem auch bequem. Wenn ein Herrz. B. drei Pferde hat, braucht er nie zu Fuße zu gehen; das zweite erſetzt das erſte, wenn es muͤde iſt und es bleibt ihm noch immer ein drittes, welches an die Stelle des zweiten treten kann, wenn es ermattet oder verwundet wird.— Ihrwerdet alſo immer dreimal fuͤnfzehn Edelleute haben,— fuͤnfzehn im Dienſt und dreißig, die ausruhen. Der Dienſt währt immer zwoͤlf Stunden und in dieſen zwoͤlf Stunden habt Ihr ſtets fünf zur Rechten, fuͤnf zur Linken, zwei vor und drei hinter Euch. Wer wird es wagen, bei einer ſolchen Wache Euch anzu⸗ greifen?“ „Das iſt wahrhaftig geſchickt berechnet, Herzog und ich mache Dir mein Compliment daruͤber.“ „Betrachtet ſie, Sire; ſie ſehen wirklich recht gut aus.“ „Ja, wenn ſie bekleidet find, werden ſie nicht ubel aus⸗ ſehen.“ „Glaubt Ihr nun, daß ich ein Recht habe von den Gefahren zu ſprechen, die Euch bedrohen, Sire?“ „Ich leugne es nicht.“ „Ich hatte alſo Recht?“ „Ja. „Herr von Joyeuſe wäre gewiß nicht auf dieſen Ge⸗ danken gekommen.“ „Epernon, Epernon, es iſt nicht chriſtlich, von den Ab⸗ weſenden Uebels zu reden.“ „Freilich, Ihr redet viel Boͤſes von den Anweſenden.“, „Joyeuſe begleitet mich immer; er war auch mit mir am Greveplatze.“ „Ich war auch da und Ihr ſehet, nicht vergebens.“ 174 „Ich danke, Lavalette.“ „Noch etwas hätte ich von Ew. Maj. zu erbitten“, ſagte Epernon nach einer kurzen Pauſe. „Es wuͤrde mich allerdings ſehr wundern, Herzog, wenn Du einmal nichts von mir zu erbitten hätteſt.“ „Ihr ſeid heute bitter, Sire.“ „Nein, Du verſtehſt mich nicht, Freund““ entgegnete der Konig, deſſen Rache durch den Spott befriediget war,„oder Du verſtehſt mich vielmehr falſch. Ich meinte, Du haͤtteſt ein Recht etwas zu erbitten, da Du mir einen Dienſt gelei⸗ ſtet haſt. Sprich alſo.“ „Das iſt etwas anderes, Sire. Ich erbitte ubrigens eine Stelle von Euch.“ „Eine Stelle? Du biſt Generaloberſt der Infanterie und willſt noch eine Stelle haben? Das wäre zu viel.“ „Im Dienſte Ew. Maj. bin ich ſtark wie Simſon; im Dienſte Ew. Maj. trage ich den Himmel und die Erde.“ „So bitte“ ſprach der Koͤnig ſeufzend. „Ich wünſche, daß Ew. Maj. mir den Befehl über die fünfundvierzig Edelleute üͤbertrage.“ „Wie?“ fragte der Koͤnig erſtaunt,„Du willſt vor und hinter mir gehen? Du willſt Dich ſo weit aufopfern und Capitain der Leibwache ſein?“ „Nein, nein, Sire.“ „Nun, was verlangſt Du ſonſt 2 „Ich meine, die Leibwachen, meine Landsleute, werden mein Commando beſſer begreifen als das eines andern; doch gehe ich weder vor noch hinter ihnen. Ich werde einen Stellvertreter haben.“ — 8— n n 175⁵ „Darunter ſteckt etwas,“ dachte Heinrich, indem er den Kopf ſchuͤttelte.„Dieſer verteufelte Herzog giebt nur, um mehr zu bekommen.“ Laut ſetzte er dann hinzu:„Nun wohl, Du ſollſt das Commando haben.“ „Das geheime?“ „Ja, aber wer ſoll officiell der Fuhrer meiner Fuͤnf⸗ undvierzig ſein?“ „Der kleine Loignac.“ „Um ſo beſſer.“ „Er iſt Ew. Maj. genehm?“ „Vollkommen.“ „Alſo iſt es beſchloſſen, Sire?“ J „Aber?“ „Welche Rolle ſpielt der Loignar bei Dir?“ „Er iſt mein Epernon, Sire.“ „Dann koſtet er Dich viel,“ murmelte der Koͤnig. „Was ſagtet Ihr, Sire?“ „Daß ich meine Zuſtimmung gebe.“ „So werde ich mich zu dem Schatzmeiſter begeben, um die funfundvierzig Beutel abzuholen.“ „Dieſen Abend?“ „Unſere Leute ſollen ſie ja morgen fruh auf den Stühlen finden.“ „Richtig. So geh; ich kehre in mein Gemach zurück.“ „Zufrieden, Sire?“ „Ziemlich.“ „In jedem Falle gut bewacht.“ „Ja, von Leuten, die wie die Murmelthiere ſchlafen.“ 176 „Morgen werden ſie wachen, Sire.“ Epernon geleitete den Konig bis an die Thuͤr der Ga⸗ lerie zuruͤck, dann verließ er ihn und dachte bei ſich: „Wenn ich auch nicht Koͤnig bin,— ſo habe ich doch Leibgarden wie ein Koͤnig und— ſie koſten mich nichts.“ Vierzehntes Kapitel. Der Schatten Chicots. Dor König täuſchte ſich, wie bereits erwäͤhnt, über ſeine Freunde nicht. Er kannte ihre ſchlimmen und ihre guten Eigenſchaften und las als irdiſcher Koͤnig ſo gut in der Tiefe ihres Herzens wie der Konig des Himmels. So hatte er auch ſogleich errathen, wohin Epernon zielte; da er indeß nicht erwartete, für das, was er geben ſollte, etwas zu erhalten, und da er dagegen funfundvierzig Leibwachen für fünfundſechzigtauſend Thaler erhielt, ſo war der Einfall des Gascogners ein wahrer Fund fuͤr ihn. Es war aber auch etwas Neues und ein armer Koͤnig von Frankreich findet dieſe Waare nicht haͤufig, welche ſogar für Unterthanen ſelten iſt. Der Konig Heinrich III zumal hatte nichts zu thun, wenn er ſeine Prozeſſionen gehalten, ſeine Hunde gekämmt, ſeine Todtenköpfe in Reihen geſtellt und die beſtimmte Anzahl Seufzer ausgeſtoßen hatte. Die von Epernon eingeführte Leibwache geſiel alſo dem Konige, beſonders weil er erwartete, daß man davon ſprechen und daß er folglich auf den Geſichtern etwas An⸗ 8 r ar al n, lt ſo on 177 deres leſen wuͤrde, als was er alle Tage in den zehn Jah⸗ ren ſah, ſeit er aus Polen zuruͤckgekommen war. Allmaͤlig und in dem Maße, wie er ſich ſeinem Zim⸗ mer naͤherte, wo der Kammerdiener wartete, welchen die Neugierde über dieſen ungewöhnlichen nächtlichen Ausflug ſehr quaͤlte, entwickelte ſich Heinrich die Vortheile dieſer Einrichtung und ahnte, wie alle ſchwachen oder geſchwach⸗ ten Geiſter, nach und nach die Ideen, welche Epernon in dem Geſpraͤche mit ihm ins Licht geſtellt hatte. „Gewiß,“ dachte der Koͤnig,„werden dieſe Leute ſehr tapfer und ſehr ergeben ſein. Einige haben einnehmende, andere ziemlich unangenehme Geſichter; ſo findet, Gott ſei Dank, Jeder, was ihm behagt, und dann iſt ein Gefolge von funfundvierzig Schwertern, die jeden Augenblick bereit ſind, die Scheide zu verlaſſen, eine ſchöne Sache.“ Da das letzte Glied dieſer Gedankenkette ſich mit der Erinnerung an die andern ſo ergebenen Degen verband, die er ſo ſchmerzlich laut und noch ſchmerzlicher im Stillen betrauerte, ſo verſank Heinrich wieder in tiefe Traurigkeit, wie ſo haͤufig in der Zeit, welche wir ſchildern, daß man ſie ſeinen gewoͤhnlichen Zuſtand nennen konnte. Dieſe ſchlimme Zeit, die ſo ſchlechten Menſchen und die auf den Haͤuptern der Konige ſo unſicher ruhenden Kronen erregten zum zwei⸗ ten Male in ihm das ſehnliche Verlangen, entweder zu ſterben oder ſich aufzuheitern, um einen Augenblick von jener Krankheit befreit zu werden, welche die Englaͤnder, Meiſter in der Melancholie, ſchon damals den Spleen ge⸗ nannt hatten. Die Fünfundvierzig. I. 12 178 Er ſah ſich nach Joheuſe um und da er ihn nirgends erblickte, fragte er nach ihm. „Der Herr Herzog iſt noch nicht zuruͤckgekommen,“ ant⸗ wortete der Kammerdiener. „Gut. So rufe meine Leute und geh.“ „Sire, das Gemach Ew. Maj. iſt bereit und Ihre Maj. die Konigin hat nach den Befehlen des Königs fragen laſſen.“ Heinrich ſtellte ſich taub. „Soll man Ihrer Maj. ſagen laſſen, das Bett zurecht zu machen?“ wagte der Diener zu fragen. „Nein, entgegnete Heinrich,„nein. Ich habe noch meine Andacht zu verrichten, ich habe noch zu arbeiten und dann befinde ich mich nicht wohl; ich werde allein ſchlafen.“ Der Diener verbeugte ſich, der Konig aber rief ihn zuruck und ſagte Trage dieſe vrientaliſchen Conſituren, welche Schlaf bringen, zu der Koͤnigin.“ Und er übergab dem Diener die Bonbonniere. Der Koͤnig begab ſich in ſein Zimmer, das wirklich von den Dienern in Stand geſetzt war. Heinrich überblickte alle die ſo geſuchten und klein⸗ lichen Mittel und Geraͤthe der ſeltſamen Toilette, mit wel⸗ cher er ſich ſonſt beſchaftiget hatte, umwenigſtens der ſchoͤnſte Mann in der Chriſtenheit zu ſein, da er vicht der groͤßte Koͤnig ſein konnte.* Aber nichts ſprach mehr zu Gunſten dieſer Arbeit, wel⸗ cher er ſich ſonſt ſo muthig unterzog⸗ Alles Weibliche, was ſonſt in ſeiner Zwitternatur gelegen hatte, war verſchwun⸗ 179 den. Heinrich glich den alten Koketten, welche ihre Spiegel mit einem Gebetbuche vertauſcht haben und er verabſcheute faſt die Gegenſtande, welche ihm ſonſt ſo theuer geweſen waren. Er vernachläͤſſigte noch immer wie ſeit laͤngerer Zeit varfuͤmirte und geſalbte Handſchuhe, mit Eſſenzen getraͤnkte Masken von feiner Leinwand, chemiſche Mittel zum Locken des Haares, zum Schwarzfarben des Bartes, zum Roth⸗ machen der Ohren und zur Erhoͤhung des Glanzes der Augen. „Mein Bett!“ ſagte er mit einem Seufzer. Zwei Diener kleideten ihn aus, zogen ihm Beinkleider von feiner frieſiſcher Wolle an, hoben ihn vorſichtig empor und legten ihn auf das Bett. „Der Vorleſer Sr. Maj.“ rief eine Stimme. Heinrich, der an langer, peinlicher Schlafloſigkeit litt, ließ ſich nämlich bisweilen durch Vorleſen einſchlaͤfern und ietzt gehorte Polniſch dazu, um dieſes Wunder zu bewirken, waͤhrend ſonſt, d. h. urſprunglich, das Franzoſiſche genügte. „Nein, Niemand,“ ſagte Heinrich,„der Vorleſer nicht, oder er mag in ſeinem Zimmer Gebete fuͤr mich leſen. Herrn von Joyeuſe nur bringe man zu mir, ſobald er zuruck⸗ kommt.“ „Wenn er aber ſpaͤt kommt, Sire?“ „Ach,“ entgegnete Heinrich,„er kommt immer ſpaͤt; aber bringt ihn zu mir, zu welcher Stunde er auch kommen mag.“ Die Diener loſchten die Kerzen aus und zundeten neben dem Feuer eine Lampe mit Eſſenzen an, welche bleiche 12* 180 bläuliche Flammen gab, eine Unterhaltung, welche der König ſeit der Rückkehr ſeiner Grabesgedanken ſehr liebte. Dann ſchlichen ſie auf den Fußſpitzen aus dem ſtillen Ge⸗ mache hinaus. Heinrich, welcher der wirklichen Gefahr gegenuͤber muthig war, ließ ſich von jeder Furcht und Schwaͤche der Frauen und Kinder beherrſchen. Er furchtete ſich vor Er⸗ ſcheinungen und Geſpenſtern und doch beſchaͤftigte ihn die⸗ ſes Gefühl, denn wenn er ſich fürchtete, langweilte er ſich weniger und er glich darin jenem Gefangenen, der aus großer Langweile über eine lange Haft denen, welche ihm ankundigten, daß er auf die Folter gebracht werden ſollte, antwortete:„Gut, es vertreibt mir doch wenigſtens einige Augenblicke.“ Wäaͤhrend Heinrich dem Widerſchein der Flamme ſei⸗ ner Lampe an der Wand folgte, in die dunkeln Winkel ſeines Gemachs blickte und auf das geringſte Geräuſch lauſchte, welches das geheimnißvolle Eintreten irgend eines Schattens hätte verrathen konnen, umſchleierten ſich ſeine Augen allmaͤlig, die von dem Schauſpiele des Tages und der nächtlichen Wanderung ermuͤdet waren, und er ſchlief ein oder erſtarrte vielmehr in dieſer Ruhe und Einſam⸗ keit. Die Ruhe Heinrichs dauerte freilich nie lange; in dem Fieber, das im Schlafe wie im Wachen an ſeinem Leben zehrte, glaubte er Gerauſch in ſeinem Zimmer zu horen, und er erwachte. „Biſt Du es, Joyeuſe?“ fragte er. Niemand antwortete. ———— 4 181 Die blauen Flämmchen der Lampe waren ſchwächer geworden und ſie bildeten an der Decke von geſchnitztem Eichenholz nur noch einen matten Lichtkreis, welcher das Gold an den Verzierungen gruͤnlich erſcheinen ließ. „Allein! noch immer allein!“ fluͤſterte der Koͤnig.„Ach, der Prophet hat Recht: Majeſtät wird immer ſeufzen muͤſ⸗ ſen. Er haͤtte ſagen ſollen; ſie ſeufzet immer.“ Nach einer Pauſe von einem Augenblicke murmelte er dann wie betend: „Mein Gott, gieb mir die Kraft, in meinem Leben immer allein zu ſein, wie ich es nach meinem Tode ſein werde.“ „Allein nach Deinem Tode? Das iſt nicht gewiß,“ ant⸗ wortete eine kreiſchende Stimme, die wie metalliſch einige Schritte von dem Bette ertonte.„Vergißt Du die Wür⸗ mer?“ Der Koͤnig ſetzte ſich entſetzt auf und betrachtete ͤngſt⸗ lich jedes Gerath in dem Zimmer. „Ich kenne dieſe Stimme!“ fluͤſterte er. „Das iſt gut,“ antwortete die Stimme. Es trat kalter Schweiß auf die Stirn des Konigs. „Sie klingt wie die Stimme Chicots,“ ſeufzete er. „Du brennſt, Heinrich, Du brennſt,“ antwortete die Stimme. Da legte Heinrich ein Bein aus dem Bett heraus und er bemerkte in einiger Entfernung von dem Kamine auf dem Seſſel, den er eine Stunde vorher für Epernon be⸗ ſtimmt hatte, einen Kopf, auf welchen das Feuer einen ſol⸗ chen fahlen Widerſchein warf wie er auf den Bildern 182 Rembrandts eine Perſon beleuchtet, die man auf den erſten Blick kaum erkennt. Der Schein fiel auch auf die Armlehne des Seſſels, auf die ſich der Arm der Perſon ſtutzte, dann auf das kno⸗ chige vorſtehende Knie und endlich auf die Fußbiege, welche einen rechten Winkel mit einem ſehnigen, hagern und uber⸗ maͤßig langen Beine bildete. „Gott ſchutze mich!“ rief Heinrich aus,„es iſt der Schat⸗ ten Chicots.“ „Ach, mein armes Heinrichchen,“ ſagte die Stimme, „Du biſt alſo noch immer ſo dumm?“ „Was ſoll das heißen?“ „Die Schatten und Geiſter ſprechen nicht, weil ſie kei⸗ nen Korper und folglich auch keine Zunge haben,“ ant⸗ wortete die Geſtalt, welche auf dem Stuhle ſaß. „So biſt Du wirklich Chicot?“ rief der Koͤnig freude⸗ trunken aus. „Darüͤber will ich nichts entſcheiden; wir werden ſpaͤter ſehen, wer ich bin.“ „Du biſt alſo nicht geſtorben, mein armer Chicot?“ „Laß das gut ſein; Du ſchreieſt ja wie ein Adler.. Im Gegentheil, ich bin todt, hundertfaͤltig todt.“ „Chicot, mein einziger Freund 1, „Du haſt wenigſtens den Vorzug vor mir, daß Du mir immer daſſelbe ſagſt. Darin haſt Du Dich nicht ver⸗ aͤndert.“ „Haſt Du Dich veraͤndert, Chicot 2 fragte traurig der Koͤnig. „Das hoffe ich.“ —— 183 „Chicot, Freund,“ ſagte der Koͤnig, der nun beide Beine aus dem Bette herauslegte,„warum haſt Du mich ver⸗ laſſen?“ „Weil ich geſtorben bin.“ Du ſagteſt ja eben, Du waͤreſt nicht geſtorben.“ „Und ich wiederhole es.“ „Ich verſtehe dieſen Widerſpruch nicht.“ „Dieſer Widerſpruch, Heinrich, bedeutet, daß ich fuͤr Einige geſtorben bin, fuͤr Andere aber noch lebe.“ „Und fuͤr mich?“ „Fuͤr Dich bin ich todt.“ „Warum biſt Du fur mich todt?“ „Das iſt leicht einzuſehen.. Hoͤre mich an.“ „Ich thue es.“ „Du biſt nicht Herr bei Dir.“ „Wie ſo?“ „Du kannſt fuͤr die nichts thun, welche Dir dienen.“ „Chicot!“ „Erzürne Dich nicht, ſonſt erzurne ich mich auch.“ „Ja, Du haſt Recht,“ antwortete der König, der ſchon fuͤrchtete, der Schatten Chicots konne wieder elſchben; „ſprich, Freund, ſprich.“ „Nun, ich hatte etwas mit dem Herrn von Mayenne abzumachen; erinnerſt Du Dich?“ „Sehr gut.“ „Ich habe es gethan, gut.. Ich prugelte dieſen Kriegs⸗ mann ohne Gleichen; ſehr gut.. Er ließ mich ſuchen, um mich haͤngen zu laſſen, und Du, auf den ich rechnete, der, wie ich glaubte, mich gegen dieſen Helden vertheidigen ———— 184 wuͤrde, ließeſt mich im Stich und ſohnteſt Dich ſogar wieder mit ihm aus.. Was that ich da? Ich ließ mich durch meinen Freund Gorenflot für todt und begraben ausgeben, ſo daß mich ſeitdem Herr von Mayenne, der mich ſuchte, nicht mehr ſucht.“ „Da haſt Du einen ſchrecklichen Muth bewieſen, Chi⸗ cot.. Wußteſt Du nicht, welchen Schmerz mir Dein Tod bereiten wuͤrde?“ „Ja, muthig iſt es, aber ſchrecklich gar nicht. Ich habe nie ſo ruhig gelebt, als ſeit Alle glauben, ich lebe nicht mehr.“ „Chicot! Freund!“ rief der König,„Du erſchreckſt mich, meine Gedanken verwirren ſich.“ „Bemerkſt Du dies heute erſt 8. „Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll.“ „Du mußt Dich aber doch zu etwas entſchließen. Nun, was glaubſt Du? Laß hoͤren.“ „Nun ich glaube, daß Du geſtorben biſt und mir wie⸗ der erſcheinſt. „Du biſt ſehr artig.“ „Du verheimlichſt mir wenigſtens einen Theil der Wahr⸗ heit, wirſt mir nun aber gewiß ſchreckliche Dinge ſagen, wie es die Geſpenſter im Alterthume thaten.“ „Dem will ich nicht gerade widerſprechen.. Mache Dich alſo gefaßt, armer Konig.“ „Ja, ja,“ fuhr Heinrich fort,„geſtehe nur, daß Du ein Geiſt biſt, den der Herr mir ſendet.“ „Ich geſtehe, was Du haben willſt.“ Wie häͤtteſt Du ſonſt auch uber die bewachten Corri⸗ in ſo naivem Tone wie ein Kind; 185 dore kommen koönnen? Wie wäreſt Du in mein Zimmer gelangt? Kann denn jetzt der erſte Beſte in den Louvre eintreten? Bewacht man den Koͤnig ſo?“ Und Heinrich uberließ ſich ganz der Angſt, die ihn er⸗ faßt hatte, ſank wieder auf das Bette zuruͤck und wollte ſich die Decke uber das Geſicht ziehen. „Nun, nun,“ ſagte Chicot in einem Tone, der Be⸗ dauern und noch mehr Mitleid verrieth,„erhitze Dich nur nicht; Du brauchſt mich ja nur anzuruͤhren, um Dich zu uͤberzeugen.“ „Du biſt alſo kein Rachebote?“ „Habe ich Hoͤrner wie der Teufel oder ein feuriges Schwert wie der Erzengel Michael?“ „So ſage, wie Du hereingekommen biſt.“ „Du kommſt wieder darauf zuruͤck?“ „Allerdings.“ „So merke, daß ich noch immer meinen Schluſſel habe, den Du mir gabſt und den ich mir an den Hals hing, um Deine Kammerherren zu aͤrgern, die ihn nur hinten hin haͤngen durfen. Mit dieſem Schluͤſſel kann man herein⸗ kommen und ſo bin ich hereingekommen.“ „Alſo durch die geheime Thür?“ „Freilich.“ „Warum kommſt Du aber gerade heute? Warum nicht geſtern?“ „Sehr wahr; das iſt die Frage.. Du ſollſt es auch noch erfahren.“ Heinrich ſchob die Bettdecke wieder hinunter und ſprach 186 „Sage mir nichts Unangenehmes, Chicot, ich bitte Dich.. Wenn Du wuͤßteſt, mit welchem Vergnuͤgen ich Deine Stimme wieder hoͤre!“ „Ich werde Dir die Wahrheit ſagen, weiter nichts. Schlimm genug, daß die Wahrheit unangenehm iſt.“ „Deine Furcht vor Herrn von Mayenne iſt nicht ernſt⸗ lich gemeint, nicht wahr?“ fragte der Koͤnig. „Im Gegentheil, ſehr ernſtlich, das kannſt Du Dir denken. Herr von Mayenne hat mir funfzig Strockprugel geben laſſen und ich habe das ihm mit hundert Saͤbel⸗ ſcheidenhieben vergolten. Nimmſt Du an, daß zwei Säbel⸗ ſcheidenhiebe ſo gut ſind wie ein Stockſchlag, ſo ſind wir quitt; nimmſt Du aber an, daß ein Saͤbelſcheidenhieb ſo gut ſei wie ein Stockſchlag, und dieſer Anſicht iſt vielleicht Herr von Mayenne, ſo iſt er mir funfzig Saͤbelſcheidenhiebe oder Stockſchlage ſchuldig.. Ich fuͤrchte nun aber nichts ſo ſehr als ſolche Schuldner und ich wurde ſogar nicht hier⸗ her gekommen ſein, wie ſehr Du meiner auch beduͤrfen mochteſt, wenn ich nicht wußte, daß Herr von Mayenne in Soiſſons iſt.“ „Wenn es ſo iſt, Chicot, und weil Du meinetwegen zuruͤckgekommen biſt, ſo nehme ich Dich unter meinen Schutz und will..“ „Was willſt Du? Sieh Dich vor, kleiner Heinrich; ſo bald Du die Worte ausſprichſt:„ich will“, ſagſt Du eine Dummheit.“ „Ich will, daß Du von den Todten auferſteheſt und an hellem Tage ausgeheſt!“ „Nun, ich ſagte es ja!“ Schotten, franzöſiſche Garden und adelige Herrn zu mei⸗ 187 „Ich werde Dich ſchuͤtzen.“ „Sehr gut.“ „Chicot, ich gebe Dir mein koͤnigliches Wort.“ „Ich habe etwas Beſſeres.“ „Was haſt Du?“ „Ich habe mein Loch und da bleibe ich.“ 1 „Das verbiete ich Dir, ſage ich“, rief der Koͤnig ent⸗ ſchloſſen aus, indem er ſich aufrichtete. „Heinrich“, fiel Chicot ein,„Du wirſt Dir den Schnupfen holen.. Lege Dich wieder nieder.“ „Du haſt Recht, aber Du argerſt mich auch“ ſagte der Koͤnig, indem er ſich wieder ins Bett huͤllte.„Ich, Heinrich von Valvis, Koͤnig von Frankreich, habe ſo viele Schweizer, mem Schutze und Chicot will nicht zufrieden und ſicher ſein?“ „Was ſagſt Du? Du haͤtteſt Schweizer..“ „Ja, die Toquenot befehliget.“ „Gut.. Du hätteſt Schotten..“ „Ja, unter dem Befehle Larchants.“ „Sehr gut.. Du haͤtteſt franzoſiſche Garden..“ „Unter Crillon.“ „Vortrefflich. und dann?“ „Nun dann? Ich weiß nicht, was ich Dir darauf ant⸗ worten ſoll. Aber etwas Neues, Chicot.“ „Etwas Neues?“ „Ja, denke Dir, fuͤnfundvierzig tapfere Edelleute..“ „Fuͤnfundvierzig? Was ſagſt Du?“ „Fuͤnfundvierzig Edelleute.“ 188 „Wo haſt Du ſie gefunden? Jedenfalls nicht in Paris.“ „Nein, aber ſie ſind heute in Paris angekommen.“ „Sieh da! Sieh da!“ ſagte Chicot, dem mit einem⸗ male ein Licht aufging.„Ich kenne Deine Edelleute.“ „Wirklich?“ „Fuͤnfundvierzig Lumpen, denen nichts als der Bettel⸗ ſack fehlt.“ „Ich leugne das nicht.“ „Geſichter und Figuren, uͤber die man ſich todt lachen koͤnnte.“ „Chicot, es ſind praͤchtige Leute darunter.. „Sie ſind Gascogner wie der S Deiner Infanterie.“ „Und wie Du, Chicot.“ „Bei mir, Heinrich, iſt es etwas anderes. Ich bin kein Gascogner mehr, ſeit ich meine Heimath verlaſſen habe.“ „Waͤhrend ſie.. 7“ „Sie waren in der Heimath keine Gascogner und ſind es hier doppelt.“ „Gleichviel. Ich habe fuͤnfundvierzig furchtbareDegen.“ „Unter dem Befehle des ſechsundvierzigſten furchtbaren Degens, den man Epernon nennt.“ „Nicht ganz.“ „Unter weſſen Befehle ſonſt?“ „Unter Loignac.“ „Bah!“ „Willſt Du Loignae nun herabſetzen?“ „Ich werde mich wohl huͤten; er iſt ja mein Vetter im ſiebenundzwanzigſten Grade.“ 189 „Ihr Gascogner ſeid ſämmtlich Vettern.“ „Wir unterſcheiden uns dadurch von Euch Valvis, die Ihr es nie ſeid.“ „Wirſt Du aber endlich antworten?“ „Auf was?“ „Meine Fuͤnfundvierzig..“ „Und durch ſie willſt Du Dich vertheidigen laſſen?“ „Ja, ja“, entgegnete Heinrich gereizt. Chicot oder Chicots Geiſt— denn da wir daruͤber nicht beſſer unterrichtet ſind als der Koͤnig, ſo muͤſſen wir unſere Leſer in Zweifel laſſen— ſank in dem Stuhle zu⸗ ſammen, ſo daß ſeine Knie die Spitze eines Winkels bilde⸗ ten, der noch uͤber den Kopf hinausragte. „Ich habe doch mehr Truppen als Du“ ſagte er. „Truppen? Du haſt Truppen?“ „Warum nicht?“ „Was fuͤr Truppen?“ „Du ſollſt ſehen.. Zuerſt habe ich das ganze Heer, welches die Herren von Guiſe in Lothringen ausruſten.“ „Biſt Du verruͤckt?“ „Keinesweges; ein wirkliches Heer, wenigſtens ſechs⸗ tauſend Mann ſtark.“ „Warum aber willſt Du Dich, der Du Dich dach„ ſehr vor Mayenne fuͤrchteſt, gerade durch die Soldaten Guiſes vertheidigen laſſen?“ „Weil ich todt bin.“ „Wieder dieſer Scherz!“ „Herr von Mayenne war gegen Chicot erzurnt. Ich habe meinen Tod benutzt, um einen andern Koͤrper, einen . 190 andern Namen und eine andere Stellung in der Geſellſchaft anzunehmen.“ „So biſt Du nicht mehr Chicot?“ fragte der Koͤnig. „Nein.“ „Wer ſonſt?“ „Ich bin Robert Briquet, ehemaliger Handelsmann und Anhaͤnger der Ligue.“ „Du Anhaͤnger der Ligue, Chicot?“ „Mit Leib und Seele. Siehſt Du und ich habe da Herrn von Mayenne nicht in zu gefaͤhrlicher Naͤhe und habe zu meiner perſoͤnlichen Vertheidigung, Briquets nämlich, des Mitgliedes der heiligen Union, zuerſt das Heer der Lothringer, macht ſechstauſend Mann.. Merke Dir die Zahlen wohl.“ „Gut.“ „Dann ungefaͤhr hunderttauſend Pariſer.“ „Praͤchtige Soldaten!“ „So praͤchtige, daß ſie Dir ſehr laͤſtig ſind, Heinrich. Alſo hunderttauſend und ſechstauſend macht hundertund⸗ ſechstauſend. Dann das Parlament, den Papſt, die Spa⸗ nier, den Cardinal von Bourbon, die Flamaͤnder, Heinrich von Navarra, den Herzog von Anjou.“ „Biſt Du bald zu Ende?“ fragte Heinrich ungeduldig. „Noch drei Arten von Leuten fehlen noch.“ „So ſprich.“ „Die Dir ziemlich gram ſind.“ „So rede.“— „Zuerſt die Katholiken.“ „ 191 „Ja, weil ich die Hugenotten nur zu drei Viertheilen ausgerottet habe.“ „Dann die Hugenotten, weil Du ſie zu drei Viertheilen ausgerottet haſt.“ „Ja wohl und die dritten?“ „Was meinſt Du zu den Politikern, Heinrich?“ „Ach ja, Die, welche weder mich, noch meinen Ses noch Herrn von Guiſe haben wollen.“ „Die aber Deinen Schwager von Navarra haben moͤchten.“ „Ja, wenn er ſeinen Glauben abſchwoͤrt.“ „Sollte ihm die Sache ſo ſchwer werden?“ „Aber die Leute, von denen Du ſprichſt..?“ „Nun? Es iſt ja ganz Frankreich.“ „Richtig. Das ſind meine Truppen. Addire ſie und vergleiche.“ „Wir ſcherzen, Chicot, nicht wahr?“ ſagte Heinrich, dem es kalt durch alle Adern lief. „Iſt es Zeit zu ſcherzen, da Du allein biſt gegen Alle, armer kleiner Heinrich?“ Der Koͤnig nahm eine koͤnigliche wurdevolle Miene an. „Allein bin ich“ ſagte er,„aber ich befehle auch allein. — Du zeigſt mir ein Heer, wohl; zeige mir nun auch einen Fuͤhrer. Du wirſt mir Herrn von Guiſe nennen. Siehſt Du aber nicht, daß ich ihn in Nanch halte?— Herrn von Mayenne? Du ſagſt ſelbſt, daß er in Soiſſons ſei.— Den Herzog von Anjon? Du weißt, er iſt in Bruͤſſel.— Den Koͤnig von Navarra? Er iſt in Pau,— während ich allerdings allein bin, aber auch frei und den Feind kommen 192 ſehe wie der Jäger, der mitten in der Ebene ſteht, ſein Wild aus dem umliegenden Gehoͤlz herauskommen ſieht.“ Chicot rieb ſich die Naſe und der Koͤnig hielt ihn fuͤr uͤberfuͤhrt. „Was kannſt Du darauf antworten?“ fragte Heinrich. „Das Du immer beredt biſt, Heinrich; die Zunge iſt Dir geblieben und das iſt allerdings mehr als ich glaubte und ich wunſche Dir aufrichtig Gluͤck dazu. Nur eines will ich in Deiner Rede angreifen.“ „Was?“ „Ach, ein Nichts, faſt ein Nichts, eine Redeſigur,— Deinen Vergleich.“ „Welchen Vergleich?“ „Du vergleichſt Dich mit dem Jäger, welcher auf dem Anſtande das Wild erwartet, waͤhrend ich ſage, Du biſt das Wild, das der Jäger bis in ſein Lager verfolgt.“ „Chicot!“ „Nun Du Jäger auf dem Anſtande, wen haſt Du kom⸗ men ſehen?“ „Niemanden.“ „Es iſt aber doch Jemand angekommen.“ „Einer von denen, welche ich nannte?“ „Das nicht gerade, aber faſt.“ „Wer iſt gekommen?“ „Ein Weib.“ „Meine Schweſter Margott. „Nein, die Herzogin von Montpenſier.“ „Sie iſt in Paris?“ 1. — 193 „Wäre es auch; ſeit wann fuͤrchte ich mich vor Wei⸗ bern?“ „Freilich, man darf ſich nur vor Maͤnnern füͤrchten. Alſo warte ein wenig. Sie kommt als Vorlaͤufer, verſtehſt Du? Sie meldet die Ankunft ihres Bruders.“ „Die Ankunft des Herrn von Guiſe?“ Ja „Und Du glaubſt, das bringe mich in Verlegenheit?“ „O, Du biſt nie in Verlegenheit!“ „Gieb mir Dinte und Papier.“ „Wozu? Um einen Befehl an Herrn von Guiſe zu ſchreiben, daß er in Nanchy bleibe?“ „Richtig. Der Gedanke iſt gut, weil Du ihn gleich⸗ zeitig mit mir hatteſt.“. „Im Gegentheil, er iſt ſehr ſchlecht.“ „Warum?“ „Sobald erdieſen Befehl erhaͤlt, wird er errathen, daß ſeine Anweſenheit in Püris dringend nöthig iſt und er wird herbeieilen.“ Dem König ſchwollen die Adern an der Stirn vor Zorn und er ſah Chicot von der Seite an. „Wenn Ihr nur gekommen ſeid, um mir ſolche Mit⸗ theilungen zu machen, ſo konntet Ihr bleiben wo Ihr waret.“ „Was verlangſt Du, Heinrich? Die Geiſter ſind keine Schmeichler.“ „Du geſtehſt alſo, daß Du ein Geiſt, ein Geſpenſt biſt?“ „Ich habe es nie gelengnet.“ „Chicot!“ Die Fuͤnfundvierzig.. 13 194 „Nun erzuͤrne Dich nicht, denn waͤhrend Du ſo nur kurzſichtig biſt, wuͤrdeſt Du ganz blind werden. Haſt Du mir nicht auch geſagt, daß Du Deinen Bruder in Flandern zuruͤckhielteſt?“ „Gewiß; es iſt dies gute Politik und ich werde dabei bleiben.“ „Jetzt hore mich an, aber erzurne Dich nicht wieder. Zu welchem Zwecke bleibt Deiner Meinung nach Herr von Guiſe in Nanch?“ „Um ein Heer aufzuſtellen.“ „Gut. Nur ruhig! Welche Beſtimmung hat dieſes Heer?“ „Chicot, langweile mich nicht mit allen dieſen Fragen.“ „Langweile und ermude Dich nur, Heinrich. Du kannſt dann beſſer ausruhen, das verſpreche ich Dir. Wir ſagten alſo er beſtimme dieſes Heer..2“ „Zur Bekämpfung der Hugenotten im Norden.“ „Oder vielmehr um Deinem Bruder von Anjon ent⸗ gegenzuarbeiten, der ſich zum Herzog von Brabant hat er⸗ nennen laſſen, ſich einen kleinen Thron in Flandern zu erbauen ſucht und ſtets Beiſtand von Dir verlangt, um die⸗ ſen Zweck zu erreichen.“ „Beiſtand, den ich ihm immer verſpreche und den er nie erhalten wird.“ „Zur großen Frende des Herrn von Guiſe.. Heinrich, einen guten Rath!“ „Welchen?“ „Wenn Du Dich nun einmal ſtellteſt, als wollteſt Du die verſprochene Hilfe wirklich ſchicken und wenn die Hilfs⸗ — 1 . er h, u s⸗ 195 truppen nach Brüſſel zu marſchirten, wenn ſie auch nur die Haͤlfte des Weges kämen.“ „Ach ja“, entgegnete Heinrich,„ich erkenne die Nutz⸗ lichkeit. Der Herr von Guiſe wuͤrde ſich dann von der Grenze nicht entfernen.“ „Und das Verſprechen, das uns Anhaͤngern der Ligue die Herzogin von Montpenſier gegeben hat, der Herr von Guiſe ſolle noch vor acht Tagen in Paris ſein. „Wuͤrde in den Brunnen fallen.“ „Du haſt es geſagt, Herr“, entgegnete Chicot, der es ſich bequem machte.„Nun, wie gefaͤllt Dir der Rath, Heinrich?“ „Ich halte ihn fuͤr gut, aber..“ „Was noch?“ „Waͤhrend die Beiden da unten im Norden durch einan⸗ der beſchaͤftiget wuͤrden.. „Ach ja, der Süden, nicht wahr? Du haſt Recht, Hein⸗ rich; aus dem Suden kommen die Gewitter.“ „Wuͤrde ſich in dieſer Zeit meine dritte Geißel nicht ruͤhren? Du weißt wohl, was der Bearner thut.“ „Nein, nichts weiß ich.“ „Er reelamirt.“ „Was?“ Die Stäͤdte, welche zur Mitgift ſeiner Frau gehoͤren.“ Da ſehe man den frechen Menſchen, der ſich nicht mit der Ehre begnuͤgt, mit dem Hauſe Frankreich verwandt zu ſein und ſich ſogar erlaubt das zu fordern, was ihm ge⸗ buͤhrt!“ 13* 196 „Cahors z. B., als wenn es einem guten Staatsmanne ziemte, eine ſolche Stadt einem Feinde zu uͤbergeben.“ „Nein, das würde ſich fuͤr einen guten Staatsmann gar nicht ziemen, hoͤchſtens fur einen ehrlichen Mann.“ „Herr Chicot!“ „Ich habe nichts geſagt; Du weißt, daß ich mich i in Deine Familienangelegenheiten nicht miſche.“ „Aber das beunruhiget mich nicht; ich habe einen Gedanken.“ „Sehr gut.“ „Wenden wir uns dem Dringendſten wieder zu.“ „Alſo Flandern.“ „Ich werde Jemanden nach Flandern zu meinem Bru⸗ der ſchicken; aber wen ſchicke ich? Wem kann ich eine ſo wichtige Sendung anvertrauen?“ „Freilich.“ „Ich denke daruber nach.“ „Ich auch.“ „Geh Du hin, Chicot.“ „Ich ſoll nach Flandern gehen?“ „Warum nicht?“ „Einen Todten nach Flandern ſchicken? Bedenke doch!“ „Du biſt ja nicht mehr Chicot, ſondern Robert Bri⸗ quet.“ „Nun ja, ein Burger, ein Anhaͤnger der Ligue, ein Freund des Herrn von Guiſe und der ſoll als Geſandter zu dem Herzoge von Anjon gehen?“ „Du ſchläͤgſt es mir alſo ab?“ „Allerdings.“ — — 197 „Du gehorchſt mir nicht?“ „Ich Dir nicht gehorchen! Bin ich Dir denn Gehorſam ſchuldig?“ „Unglückſeliger, Du waͤreſt mir keinen Gehorſam ſchuldig?“ „Haſt Du mir jemals etwas gegeben, was mich gegen Dich verpflichtet? Das wenige, was ich beſitze, habe ich ererbt. Ich bin arm und unbekannt. Mache mich erſt zum Herzog und Pair und erhebe meine Beſitzung Chicoterie zum Marquiſat. Gieb mir fünfmalhunderttauſend Thaler, dann wollen wir weiter von der Geſandtſchaft ſprechen.“ Heinrich wollte antworten und wuͤrde gewiß einen der guten Gruͤnde gefunden haben, die die Koͤnige immer finden, wenn man ihnen aͤhnliche Vorwuͤrfe macht, als man die Ringe des ſchweren Sammetthuͤrvorhanges an dem Eiſen⸗ ſtabe klirren hoͤrte. „Der Herr Herzog von Joyheuſe“, ſagte die Stimme des Dieners. „Da haſt Du wahrhaftig ſogleich Deinen Mann“, ſagte Chicot..„Kannſt Du einen beſſern Geſandten finden, der Dich vertritt als den Herrn Anna von Joyeuſe?“ „Bei Gott“, fluͤſterte Heinrich,„der Mann giebt mir da einen beſſern Rath als ich je einen von meinen Mini⸗ ſtern erhalten habe.“ „Es gefaͤllt Dir alſo?“ fragte Chicot und er ſank von neuem in dem Stuhle zuſammen, ſo daß er wie eine Kugel ausſah und der erfahrenſte Seemann des Reiches, welcher den geringſten Punkt uͤber der Linie des Horizontes zu er⸗ kennen vermochte, würde uͤber den Schnitzereien des großen 198 Stuhles, in welchem er verſunken war, nichts haben her⸗ vorragen ſehen. Wenn auch Joyeuſe Großadmiral von Frankreich war, er ſah eben ſo wenig als ein anderer. Der Koͤnig gab laut ſeine Freude zu erkennen, als er ſeinen jungen Guͤnſtling erblickte und reichte ihm die Hand. „Setze Dich, Joyeuſe, mein Kind“, ſagte er zu ihm. „Aber wie ſpaͤt Du kommſt!“ „Sire“, antwortete Joyeuſe,„Ihr ſeid ſehr gütig, daß Ihr dies bemerkt.“ Und der Herzog, welcher an die Erhoͤhung des Bettes trat, ſetzte ſich auf die liliengeſtickten Kiſſen, welche zu die⸗ ſem Zwecke einzeln auf den Stufen lagen. Fünfzehntes Kapitel. Wie ſchwer es einem Koͤnige wird gute Geſandte zu finden. Chicot hielt ſich unſichtbar in ſeinem Lehnſtuhle, Joy⸗ euſe ſaß halbliegend auf dem Kiſſen, Heinrich hatte eine bequeme Stellung im Bett angenommen und ſo begann das Geſpräch. „Nun, Joyeuſe“, fragte der Koͤnig,„biſt Du recht in der Stadt umhergeſtrichen?“ „Ja, Sire, ſoziemlich; ich danke“, antwortete der Her⸗ zog nachlaͤſſig. „Wie ſchnell Du unten von dem Gräveplatze ver⸗ ſchwandeſt!“ 199 „Aufrichtig, Sire, es war gar nicht unterhaltend und dann ſehe ich die Menſchen auch nicht gern leiden.“ „Du mitleidiges Herz!“ „Nein, mein Herz iſt ſelbſtſuͤchtig; denn das Leiden der Andern beruͤhrt mich unangenehm.“ „Du weißt, was geſchehen iſt? „Wo, Sire?“ „Auf dem Groveplatze.“ „Nichts.“ „Saleède hat geleugnet.“ „Ah! „Du nimmſt das ſehr gleichgiltig auf, Joyeuſe.“ „Ich geſtehe, Sire, daß ich keinen großen Werth auf das legte, was er ſagen konnte und übrigens war ich uber⸗ zeugt, daß er leugnen wuͤrde.“ „Er hatte ja aber vorher geſtanden.“ „Eben deshalb. Die erſten Geſtändniſſe haben die Guiſen veranlaßt, auf ihrer Hut zu ſein; ſie arbeiteten, waͤhrend Ew. Maj. ruhig blieb; das mußte ſo kommen.“ „Warum ſagſt Du mir nichts, wenn Du ſolche Dinge vorausſiehſt?“ „Bin ich denn Miniſter, daß ich von Politik reden ſoll?“ „Laſſen wir es, Joyeuſe. Ich bedarf Deines Bruders.“ „Mein Bruder ſteht gleich mir Ew. Maj. ſtets zu Be⸗ ſehl, Sire.“ „Ich kann alſo auf ihn rechnen?“ „Gewiß.“ „Nun, ich will ihm eine kleine Sendung uͤbertragen.“ „Außerhalb Paris?“ Fa „In dieſem Falle wird er nicht gehorchen konnen.“ „Warum nicht?“ „Du Bouchage kann in dieſem Augenblicke die Stadt nicht verlaſſen.“ Heinrich richtete ſich auf den Ellenbogen auf und ſah Joyeuſe mit großen Augen an. „Was bedeutet das?“ fragte er. Joyeuſe hielt den fragenden Blick des Konigs mit der groͤßten Seelenruhe aus. „Sire“, antwortete er dann,„es iſt ſehr leicht einzu⸗ ſehen. Du Bouchage iſt verliebt, hatte aber die Sache ſchlecht angefangen und ging auf falſchem Wege, ſo daß der arme Junge mehr und mehr abmagerte.“ „Das habe ich allerdings bemerkt“, ſagte der Konig. „Und er wurde traurig, melancholiſch, bei Gott, als wenn er an dem Hofe Ew. Maj. gelebt hätte.“ Ein gewiſſes Grunzen an der Kaminecke unterbrach Joyeuſe, der ſich erſtaunt umſah. „Achte nicht darauf, Anna“, ſagte Heinrich lachend; „es iſt ein Hund, der auf dem Stuhle liegt und traͤumt. Du ſagteſt alſo, lieber Freund, der arme Du Bouchage wuͤrde traurig.“ „Ja, Sire, zum Sterben. Er ſcheint eine Dame von ſehr finſterer Laune geſehen zu haben und ſolche Begeg⸗ nungen ſind ſchrecklich. Indeſſen kommt man mit dieſen Charakteren eben ſo weit wie mit den lachenden Weibern, man muß es nur recht anzufangen wiſſen.“ 201 „Du, Frauenjaͤger, wurdeſt freilich nicht in Verlegen⸗ heit kommen.“ „Ich liebe die Frauen blos.“ Heinrich ſeufzete. „Du ſagſt, jene Dame habe eine ſehr truͤbe Stim⸗ mung?“ „Du Bouchage behauptet es wenigſtens; ich kenne ſie nicht.“ „Und Du wuͤrdeſt trotz ihrer Traurigkeit zum Ziele kommen?“ „Man muß nur immer durch die Contraſte wirken; ich kenne keine ernſtlichen Schwierigkeiten als bei den Frauen von Mittel⸗Temperament; ſie verlangen von Seiten ihres Verehrers eine Verbindung von freundlicher Anmuth und Strenge, welche wenige Perſonen beſitzen. Du Bouchage iſt an eine betrüͤbte Dame gerathen und hat alſo eine trau⸗ rige Liebe.“ „Der arme Burſch!“ ſagte der Koͤnig. „Ihr koͤnnt Euch denken, Sire“, fuhr Joyeuſe fort, „daß ich mich ſogleich mit ſeiner Heilung beſchaͤftigte als er mir ſein Herz geoͤffnet hatte.“ „Und..7 „Zu dieſer Stunde beginnt eben die Cur.“ „Er iſt bereits weniger verliebt?“ „Nein, Sire, aber er hofft, daß die Dame verliebter werde und das iſt eine angenehmere Heilungsart, als wenn man den Leuten ihre Liebe nimmt. Statt alſo mit ſeiner Schonen zu ſeufzen, wird er von heute Abend an durch alle moͤglichen Mittel ſie aufzuheitern ſuchen. Ich ſchicke z. B. 202 heute Abend dreißig italieniſche Mußiker, die unter dem Balcon der Dame ſpielen werden.“ „Pfui!“ ſagte der König,„das iſt gewohnlich.“ „Wie? Gewoͤhnlich? Dreißig Muſiker, die ihres Glei⸗ chen in der ganzen Welt nicht hahen?“ „Zum Teufel, wenn man mich durch ſolche Muſik haͤtte zerſtreuen wollen, als ich in die Frau von Condé verliebt war!“ „Ja, da waret Ihr verliebt, Sire.“ „Um den Verſtand zu verlieren“, antwortete der Koͤnig. Es ließ ſich ein neues Knurren horen, das ganz wie ſpoͤttiſches Lachen klang. „Ihr ſehet, Sire, daß es etwas ganz anderes iſt“, ſagte Joyeuſe, der vergebens zu ermitteln verſuchte, woher die ſonderbare Unterbrechung komme.„Die Dame iſt gleich⸗ giltig wie eine Bildſaͤule und kalt wie ein Stuͤck Eis.“ „Und Du glaubſt, die Muſik werde das Eis ſchmelzen, die Bildſaͤule beſeelen?“ „Gewiß glaube ich das.“ Der Koͤnig ſchuͤttelte den Kopf. „Natürlich“, fuhr Joyeuſe fort,„wird die Dame nicht gleich nach dem erſten Bogenſtriche in die Arme Du Bou⸗ chages ſinken, nein, aber es wird ihr auffallen, daß man ihretwegen ſo viel Laͤrm macht; allmaͤlig wird ſie ſich an die Concerte gewoͤhnen und wenn ſie ſich nicht daran ge⸗ woͤhnt, ſo bleiben uns noch immer die Comoͤdie, die Gaukler, die Zauberer, die Poeſie, die Pferde, kurz alle Thorheiten der Welt, ſo daß wenigſtens Du Bouchage ſeine Heiterkeit ———— —— 203 wiederfinden muß, wenn ſie auch der ſchoͤnen Untroſtlichen nicht wiederzugeben ſein ſollte.“ „Ich wuͤnſche es ihm“, ſagte Heinrich,„und laſſen wir Du Bouchage, da es ihm jetzt ſo unangenehm ſein wuͤrde Paris zu verlaſſen; er iſt bei der beabſichtigten Sendung gerade nicht unentbehrlich, aber ich hoffe, daß Du ſelbſt, der Du ſo guten Rath giebſt, nicht auch gleich ihm in den Banden irgend einer Schoͤnen liegſt.“ „Ich?“ entgegnete Joyenſe;„ich bin in meinem Leben nie vollkommener frei geweſen.“ „Das trifft ſich vortrefflich.. Du haſt alſo nichts zu thun?“ „Gar nichts, Sire.“ „Ich glaubte, Du hüteſt ein Verhaͤltniß mit einer ſchoͤnen Dame.“ N „Ach ja, mit der Geliebten des Herrn von Mayenne, die mich ſehr liebt.“ „Nun?“ „Ja, nun denkt Euch, Sire. Ich verlaſſe dieſen Abend Du Bouchage, nachdem ich ihm gute Lehren gegeben habe, um zu ihr zu gehen. Ich kam ganz erwaͤrmt von den Theo⸗ rien an, die ich entwickelt hatte und ſchwoͤre es Euch, Sire, daß ich faſt ſo verliebt zu ſein glaubte wie Heinrich. Da finde ich nun meine Schoͤne zitternd und aͤngſtlich. Anfangs glaube ich, ich ſtoͤre Jemanden und ſehe mich um, aber Nie⸗ mand iſt da; ich bemuͤhe mich ſie zu beruhigen, vergebens; ich frage ſie und ſie antwortet mir nicht; ich will ſie kuſſen und ſie wendet das Geſicht ab. Weil ich daruͤber die Stirn runzele, erzurnt ſie ſich und ſteht auf; wir zanken uns mit⸗ 204 einander und ſie erklaͤrt mir endlich, ſie wuͤrde nie wieder zu Hauſe ſein, wann ich komme.“ „Armer Joyeuſe!“ ſagte der Koͤnig lachend.„Und was thateſt Du?““ „Nun, Sire, ich nahm meinen Mantel und meinen Degen, verbeugte mich und ging fort, ohne mich einmal umzuſehen.“ „Bravo, Joyeuſe! Das zeugt von Muth!“ ſagte der Koͤnig. „Um ſo mehr, Sire, da es mir ſchien, als ich die Arme ſeufzen.“ „Wirſt Du Deine ſtoiſche Ruhe nicht bereuen?“ fragte Heinrich. „Nein, Sire; wenn ich einen Augenblick Reue fuͤhlte, wuͤrde ich geſchwind zu ihr gehen. Aber, Ihr ſeht wohl ein, Sire, daß ich Recht habe, wenn ich glanbe, die Arme muß gegen ihren Willen von mir laſſen.“ „Und doch biſt Du gegangen?“ „Da bin ich ja.“ „Und Du wirſt nicht zu ihr zuruͤcktehren?“ „Nie.. Wenn ich ſo dick waͤre wie der Herr von May⸗ enne, wuͤrde ich es nicht verreden; aber ich bin ſchlank und habe ein Recht ſtolz ſein.“ „Freund“, ſagte Heinrich ernſt,„dieſer Bruch iſt ein Gluͤck fuͤr Dein Heil.“ „Ich widerſpreche nicht, Sire, aber acht Tage lang werde ich mich entſetzlich langweilen, da ich nichts zu thun habe und nicht weiß, was aus mir werden wird. Auch ſind⸗ mir bereits koͤſtliche Faulheitsgedanken beigekommen.. Es 205 muß ſehr unterhaltend ſein ſich zu langweilen; zwar bin ich nicht daran gewoͤhnt, aber ich finde das vornehm.“ „Ich glaube wohl, daß es für vornehm gilt“ ſagte der König,„denn ich habe es in die Mode gebracht.“ „Hoͤrt nun einen Plan, Sire; ich habe ihn mir eben entworfen als ich von der Notre Dame nach dem Louvre zuruͤckging. Ich werde mich alle Tage in der Sänfte tragen laſſen; Ew. Maj. ſpricht ihre Gebete, ich leſe in Buͤchern über Alchemie oder noch beſſer üͤber Seeweſen, da ich ja ein Seemann bin. Ich werde mir kleine Hunde anſchaffen, die mit den Euerigen ſpielen oder junge Katzen, die find zier⸗ licher; dann eſſen wir miteinander Créme und Epernon erzaͤhlt uns Geſchichtchen. Ich werde dabei vick und fett werden und wenn die Dame Du Bouchages ihre Traurig⸗ keit verloren hat und wieder heiter geworden iſt, ſuchen wir eine andere, die heiter iſt, um ſie traurig zu machen. Das giebt Veraͤnderung und wir brauchen uns nicht von der Stelle zu bewegen, Sire. Man befindet ſich nie wohler als wenn man ſitzt und ganz wohl nur, wenn man liegt. O die weichen Kiſſen da, Sire! Man merkt es doch gleich, daß die Tapezierer Ew. Maj. fuͤr einen Konig arbeiten, der ſich langweilt.“ „Pfui, Anna!“ ſagte der König. „Warum denn pfui?“ „Ein Mann von Deinem Alter und Rang faul und dick werden! Ein haͤßlicher Einfall!“ „Das finde ich nicht, Sire.“ „Ich will Dir eine Beſchäftigung geben.“ „Wenn ſie langweilig iſt, nehme ich ſie an.“ — 206 Es ließ ſich zum drittenmale ein Knurren hoͤren, als wenn der Hund uͤber die Worte lachte, die Joyeuſe eben geſagt hatte. „Ich habe einen ſehr klugen Hund“, ſagte Heinrich. „Er erraͤth, welche Beſchaͤftigung ich Dir geben will.“ „Und welche wollt Ihr mir geben, Sire. Laßt doch hoͤren.“ „Du wirſt Stiefeln anziehen.“ Joyeuſe machte eine Geberde des Entſetzens. „Ach, verlangt das nicht von mir, Sire; es iſt ſo ganz gegen meine Ideen.“ „Du wirſt Dich zu Pferde ſetzen.“ Joyeuſe ſprang auf. „Reiten? Rein; ich laſſe mich nur in einer Säaͤnfte tragen Habt Ihr es gehoͤrt, Sire?“ „Laß den Spott, Johenſe. Du haſt verſtanden: Du wirſt Stiefeln anziehen und Dich zu Pferde ſetzen.“ „Nein, Sire“, antwortete der Herzog mit dem groͤßten Ernſt,„das iſt unmoͤglich.“ „Und warum unmoͤglich?“ fragte der Koͤnig unwirſch. „Weil, weil. ich Admiral bin.“ „Nun?“ „Und weil ein Admiral nicht reitet.“ „So iſt es allerdings!“ ſagte Heinrich. Joyeuſe machte ein Zeichen mit dem Kopfe wie es die Kinder thun, wenn ſie zu eigenſinnig ſind um zu gehorchen und doch ſo ſchuͤchtern, daß ſie keine Antwort wagen. „Nun wohl, Herr Admiral von Frankreich, Ihr werdet nicht reiten; Ihr habt Recht; es ziemt ſich fuͤr einen See⸗ — N — 207 mann nicht, ſich zu Pferde zu ſetzen; dagegen iſt es ſein Amt zu Schiffe zu gehen und Ihr werdet deshalb ſogleich nach Rouen hinunterfahren. In Rouen werdet Ihr Euere Admiralsgaleere finden; auf dieſe begebt Ihr Euch und fahrt nach Antwerpen.“ „Nach Antwerpen!“ rief Joyeuſe ſo erſchrocken aus, als haͤtte er den Befehl erhalten nach Canton oder Valpa⸗ raiſo zu ſegeln. „Ich glaube geſprochen zu haben“, ſagte der König in eiskaltem Tone, welcher unbeſtreitbar von ſeinem Rechte als Oberhaupt und ſeinem Willen als Souverain zeugte, „und will meine Worte nicht mehr wiederholen.“ Ohne den geringſten Widerſtand zu zeigen, warf Joy⸗ euſe den Mantel um, hing den Degen über und nahm ſein Sammetbarret von dem Stuhle. „Welche Mühe koſtet es doch, ſich Gehorſam zu ver⸗ ſchaffen!“ fluſterte Heinrich;„wenn ich bisweilen vergeſſe, daß ich Herr bin, ſollten ſich doch wenigſtens die Andern immer daran erinnern.“ Joyeuſe verbengte ſich ſtumm und kalt und legte, nach der beſtehenden Verordnung, eine Hand auf den Degengriff. „Euere Befehle, Sire?“ ſprach er mit einer Stimme, welche durch ihren unterwuͤrfigen Ton den Willen des Mo⸗ narchen augenblicklich beugte. „Du wirſt Dich“, ſagte er,„nach Rouen begeben, wo Du Dich nach meinem Wunſche einſchiffſt, wenn Du nicht vorziehſt, zu Lande nach Brüſſel zu reiſen.“ Heinrich wartete auf ein Wort von Joyeuſe, dieſer be⸗ gnugte ſich aber mit einer Verbeugung. 208 „Gefallt Dir der Landweg beſſer?“ fragte Heinrich. „Es handelt ſich nicht um Das, was mir gefallt, wenn ich einen Befehl auszufuͤhren habe“, antwortete Joyeuſe. „Nun ſchmolle, ſchmolle nur, Du garſtiger Menſch!“ rief Heinrich aus.„Die Koͤnige haben doch keine Freunde.“ „Wer Befehle giebt, kann nur Diener zu finden er⸗ warten“, antwortete Joyenſe feierlich. „Mein Herr“, erwiederte der Koͤnig verletzt,„Ihr werdet Euch alſo nach Rouen begeben, Euere Galeere be⸗ ſteigen, die Garniſonen von Caudebec, Honfleur und Dieppe zuſammenziehen, die ich erſetzen laſſen werde, ſie auf ſechs Schiffe bringen und dem Dienſte meines Bruders ubergeben, welcher die Hilfe erwartet, die ich ihm verſpro⸗ chen habe.“ „Und meine Vollmacht, Sire?“ fragte Joyenſe. „Und ſeit wann“, antwortete der Koͤnig,„handelt Ihr nicht mehr Kraft Eures Amtes als Admiral?“ „Ich habe nur zu gehorchen und vermeide ſo viel als moͤglich jede Verantwortlichkeit.“ „Gut, Herr Herzog, Ihr werdet die Vollmacht vor Euerer Abreiſe in Euerer Wohnung empfangen.“ „Und wann ſoll ich reiſen?“ „Nach einer Stunde.“ Thuͤr zu. Das Herz des Koͤnigs brach faſt. „Wie?“ rief er aus;„nicht einmal die Artigkeit eines Abſchiedes? Herr Admiral, Ihr ſeid ſehr wenig hoͤflich und man macht allerdings dieſen Vorwurf den Herren von Joyeuſe verbeugte ſich ehrerbietig und ging nach der 209 der See im Allgemeinen. Nun vielleicht habe ich mehr Freude an meinem Generaloberſten des Fußvolks.“ „Verzeihet, Sire“, ſtammelte Joyeuſe,„aber ich bin ein noch weit ſchlechterer Hofmann als Seemann und ich ſehe ein, daß Ew. Maj. bereut, was Ihr fur mich gethan habt.“ Er ſchritt darauf hinaus und warf die Thür heftig hinter dem Vorhange zu, der ſich von dem Luftzuge auf⸗ bläͤhete. „So lieben mich Die, fur welche ich ſo viel gethan habe!“ ſagte der Koͤnig.„Ach Joheuſe! Undankbarer Joyeuſe!“ „Nun, wirſt Du ihn nicht zuruͤckrufen?“ fragte Chicot, der langſam an das Bett trat.„Du bereuſt es ſchon, weil Du einmal Deinen Willen haben wollteſt?“ „Hoͤre mich an“, antwortete der Koͤnig,„Du kannſt wohl reden. Glaubſt Du, daß es angenehm ſei im Monat Oetober dem Regen und Winde auf dem Meere ſich auszu⸗ ſetzen? Ich mochte Dich da wohl ſehen, oder wie Du uber Stock und Stein reiten.“ „Es iſt mein liebſter Wunſch zu reiſen.“ „Du wuͤrdeſt es alſo annehmen, wenn ich Dich irgend wohin ſchickte wie Joyeuſe?“ „Ich wuͤrde es nicht nur annehmen, ich bitte ſogar darum.“ „Um eine Sendung?“ Ja „Wuͤrdeſt Du nach Navarra gehen?“ „Ich gehe zum Teufel, großer Koͤnig.“ Die Fuͤnfundvierzig. I. 14 „Spotteſt Du, Narr?“ „Sire, wenn ich bei Lebzeiten ſchon nicht eben luſtig war, ſo bin ich nach meinem Tode noch viel trubſeliger.“ „Du weigerteſt Dich aber doch ſo eben Paris zu ver⸗ laſſen.“ „Mein gnädiger Koͤnig, ich that Unrecht daran und ich bereue es.“ 1 „So wuͤnſcheſt Du nun Paris zu verlaſſen?“ „Auf der Stelle, erlauchter Koͤnig, augenblicklich, gro⸗ ßer Monarch.“ d „Ich begreife Dich nicht mehr“, ſagte Heinrich. 2 „Haſt Du die Worte des Großadmirals von Frankreich 2 nicht gehoͤrt?“ „Welche?“ 6 „Die, welche Dir ſeinen Bruch mit der Geliebten des 2 Setin von Mayenne meldeten.“ „Nun?“ Wenn die Dame, die in einen ſchoͤnen Jungling wie der Herzog verliebt iſt und ſchon iſt Joyenſe..“ „Allerdings.“. „Wenn ſie ihn ſeufzend verläßt, ſo hat ſie einen Grund 6 a zu.“ „Hoͤchſt wahrſcheinlich, ſonſt wuͤrde ſie ihn nicht ver⸗ abſchieden.“ „Kennſt Du dieſen Grund?“ „Nein.“ „Du erraͤthſt ihn auch nicht? „Nein.“ „Herr von Mayenne kommt zuruͤck.“ zut ode 211 „O ho!“ rief der Koͤnig aus. „Begreifſt Du endlich? Ich wuͤnſche Dir Glück dazu.“ „Ja, ich begreife, aber..“ „Noch ein Aber?“ „Ich finde Deinen Grund nicht ſtichhaltig.“ „Gieb mir die Deinigen an, Heinrich und ich will ſie recht gern vortrefflich finden.“ „Warum ſollte die Schoͤne nicht lieber mit Mayenne brechen ſtatt Joyeuſe zu verabſchieden? Glaubſt Du nicht, daß es ihr Joyeuſe ſo großen Dank wiſſen wuͤrde, um mit Mayenne auf die Schreiberwieſezu gehen und ihm den dicken Bauch zu durchſtechen. Er fuhrt einen ſchlimmen Degen.“ „Recht gut, aber Mayenne hat einen heimtuckiſchen Dolch, wenn Joyeuſe einen ſchlimmen Degen fuͤhrt. Denke nur an Saint⸗Megrin.“ Heinrich ſeufzete und ſchlug die Augen zum Himmelempor.„Das Weib, das wirklich liebt, läßt den Geliebten nicht ermorden, ſondern trennt ſich lieber von ihm, um Zeit zu gewinnen vorAllem wird ſie ſich nicht gern ſelbſt umbringen laſſen wollen. In dem lieben Hauſe Guiſe iſt man aber verteufelt barſch.“ „Du kannſt Recht haben.“ „Das iſt ein Gluͤck.“ „Ja und ich fange auch an zu glauben, daß Mayenne zurückkommen wird; aber Du, Chicot, biſt kein furchtſames oder verliebtes Weib.“ „Ich, Heinrich, bin ein vorſichtiger Mann, ein Mann, 4 der eine offene Rechnung bei dem Herrn von Mayenne hat, eine angefangene Partie; wenn er mich findet, wird er ſie 14* 212 weiter fortſetzen wollen; der gute Herr von Mayenne iſt ein Spieler, vor dem einen graut.“ „Nun?“ „Er wird ſo gut ſpielen, daß ich irgend einen Meſſer⸗ ſtich erhalte.“ „Ah, ich kenne meinen Chicot, er nimmt nichts ohne wieder zu geben.“ „Du haſt Recht, ich wurde ihm zehn wiedergeben und ihm damit das Lebenslicht ausblaſen.“ „Deſto beſſer, ſo hätte die Partie ein Ende.“ „Nein, im Gegentheil, deſto ſchlimmer. Die Familie wurde ein entſetzliches Geſchrei erheben, Du hätteſt die ganze Ligue auf dem Halſe und eines Morgens wuͤrdeſt Du zu mir ſagen: lieber Chicot, nimm's nicht ubel, aber ich muß Dich durchpruͤgeln laſſen.“ „Das wuͤrde ich ſagen?“ „Das wuͤrdeſt Du ſagen, ja was noch ſchlimmer iſt, das wurdeſt Du thun, großer Konig. Ich ſehe es alſo lieber, wenn die Sache eine andere Wendung nimmt, verſtehſt Du? Ich befinde mich ſo wie ich bin nicht ganz übel und habe Luſt, noch eine Zeit lang dabei zu bleiben. Siehſt Du, die Stei⸗ gerung des Grolles kommt mir gefaͤhrlich vor und ich reiſe nach Navarra, wenn Du mich dahin ſchicken willſt.“ „Allerdings will ich das.“ „Ich warte auf Deine Befehle, gnädiger Fuͤrſt.“ Und Chicot nahm dieſelbe Stellung an wie vorher Joyeuſe und wartete. „Aber“ ſagte der König,„Du weißt nicht, ob Dir die Sendung zuſagen wird.“ ein ne ind ilie die Du ich iſt, er, uſt, tei⸗ eiſe her 21¹3 „Von dem Augenblicke an, in welchem ich Dich darum bitte.“ „Siehſt Du, Chicot“, ſprach Heinrich weiter,„ich habe Plaͤne der Stoͤrung zwiſchen Margot und ihrem Gatten.“ „Veruneinigen um zu herrſchen“, ſagte Chicot,„war ſchon vor hundert Jahren das ABCder Politik.“ „Du haſt alſo keinen Widerwillen dagegen?“ „Geht es mich denn etwas an?“ antwortete Chicot. „Du machſt was Du willſt, großer Fürſt. Ich bin Geſand⸗ ter, weiter nichts und Du haſt mir keine Rechenſchaft abzu⸗ legen, vorausgeſetzt, daß ich unverletzlich bin. Darauf, das ſiehſt Du ein, muß ich halten.“ „Aber“, ſagte Heinrich,„Du mußt doch auch wiſſen, was Du meinem Schwager zu ſagen haſt.“ „Ich etwas ſagen? nie.“ „Du willſt nichts ſagen?“ „Ich gehe wohin Du willſt, aber ich ſage durchaus nichts. Man hat ein Spruͤchwort: zu derb kratzen...“ „Du lehnſt es alſo ab?“ „Das Reden lehne ich ab, den Brief aber nehme ich an. Wer Worte üͤberbringt, hat immer eine gewiſſe Ver⸗ antwortlichkeit; wer aber einen Brief überreicht, erhaͤlt die Stoße erſt aus zweiter Hand.“ „Nun gut, ich will Dir einen Brief geben.. Es paßt zu meiner Politik.“ „Sieh, wie gut ſich das trifft! Gieb her.“ Und Chicot hielt die Hand hin. „Bedenkſt Du nicht, daß ein ſolcher Brief nicht auf der 21¹4 Stelle geſchrieben werden kann? Er muß wohl uͤberlegt und erwogen werden.“ „Nun, ſo erwaͤge und uberlege. Morgen bei Tages⸗ anbruche werde ich wieder nachfragen oder Jemanden ſchicken.“ „Warum willſt Du nicht hier ſchlafen?“ „Hier?“ „Ja, in Deinem Lehnſtuhl.“ „Das iſt vorbei. Ich werde nie im Louvre ſchlafen. Welche Idee, ein Geſpenſt in einem Lehnſtuhle ſchlafen zu ſehen!“ „Du mußt aber doch wenigſtens meine Abſichten in Bezug auf Margot und deren Gatten kennen“, ſagte der Koͤnig.„Du biſt ein Gascogner und mein Brief wird Auſ⸗ ſehen am Hofe von Navarra machen. Man wird Dich fra⸗ gen und Du mußt doch Antwö t geben koͤnnen. Du vertrittſt ja meine Perſon und ich will nicht, daß Du albern er⸗ ſcheinſt.“ Mein Gott“, entgegnete Chicot achſelzuckend,„von wie ſchweren Begriffen Du doch biſt, großer Koͤnig! Du bildeſt Dir ein, ich wuͤrde einen Brief zweihundertundfunf⸗ zig Stunden weit tragen ohnk zu erfahren was drinnen ſteht? Beruhige Dich, an der erſten Straßenecke, unter dem erſten Baume, wo ich ausruhe, mache ich Deinen Brief auf. Du ſchickſt nun ſchon ſeit zehn Jahren Geſandte in alle Theile der Welt und kenneſt ſie noch ſo ſchlecht! Schenke aber Deinem Koͤrper und Deinem Geiſte Ruhe, ich kehre in meine Einſamkeit zuruͤck.“ „Und wo iſt Deine Einſamkeit?“ * 2¹⁵ „Auf dem Gottesacker, großer Fuͤrſt.“ Heinrich ſah Chicot mit dem Erſtaunen an, das er ſeit den zwei Stunden noch nicht hatte aus ſeinem Blicke ban⸗ nen koͤnnen. „Das erwarteteſt Du nicht, nicht wahr?“ ſagte Chicot, indem er Hut und Mantel nahm.„Aber ſo geht es, wenn man mit Leuten aus der andern Welt verkehrt. Morgen alſo ich oder mein Bote.“ „Sei es, aber Dein Bote muß doch ein Erkennungs⸗ wort haben, damit man weiß, daß er von Dir kommt und daß die Thuͤren ihm geoͤffnet werden.“ „Komme ich ſelbſt, ſo kennſt Du mich; kommt mein Bote, ſo kommt er von dem Schatten.“ Und nach dieſen Worten verſchwand er ſo leicht, daß der aberglaubiſche Heinrich wiederum ſchwankte, ob wirklich ein Korper oder ein Geiſt durch die Thur hinausgegangen ſei, ohne daß ſie knarrte und unter dem Vorhange hin, ohne daß er ſich bewegte. Sechszehntes Kapitel. Wie und warum Chicot geſtorben war. Chicot, wirklich ein Menſch von Leib und Blut, was auch die Leſer geglaubt haben moͤgen, die ſich im Wunder⸗ baren gefallen, hatte ſich entfernt, nachdem er dem Koͤnige nach ſeiner Gewohnheit in der Geſtalt von Spott alle Wahr⸗ heiten geſagt, die er ihm hatte ſagen wollen. Man hoͤre nun, was geſchehen war. 216 Nach dem Tode der Freunde des Königs, ſeit den Un⸗ ruhen und Verſchwoͤrungen, welche von den Guiſen ange⸗ zettelt wurden, hatte Chicot nachgedacht. Ob er gleich muthig und uberdies ſorglos war, ſo legte er doch einen großen Werth auf das Leben, das ihn ergotzte, wie alle nicht gewoͤhnlichen Leute. Nur die Tröpfe langweilen ſich in dieſer Welt und ſuchen in der andern Zerſtrenung. Das Reſultat dieſes Nachdenkens war nun, daß ihm die Rache des Herrn von Mayenne furchtbarer erſchien als der Schutz des Königs wirkſam und er dachte mit der ihm eigenthuͤmlichen praktiſchen Philoſophie bei ſich, daß in dieſer Welt nichts das wieder gut macht, was materiell ge⸗ ſchehen iſt, daß alſo alle Hellebarden und Gerichtshoͤfe des Koͤnigs von Frankreich eine gewiſſe Oeffnung, ſo unſchein⸗ bar ſie auch ſein moͤchte, welche das Meſſer Mayennes in das Wamms Chicots gemacht, nicht ausbeſſern wurden. Er hatte alſo ſeinen Entſchluß gefaßt als Mann, wel⸗ cher uͤbrigens der Rolle des Spaßmachers, die er jeden Augenblick in eine ernſte umzuwandeln wuͤnſchte, und der koniglichen Vertraulichkeiten ͤberdruͤſſig war, welche in der damaligen Zeit gerade zu ſeinem Verderben fuhrten. Chicot hatte alſo damit angefangen, die moͤglich größte Ferne zwiſchen den Degen des Herrn von Mayenne und die Hant Chicots zu bringen. Er war nämlich nach Beaume in de dreifachen Abſicht abgereiſet, Paris zu verlaſſen, ſei⸗ nen Freund Gorenflot zu umarmen und den beruͤhmten Wein von 1550 zu koſten. Der Troſt hatte auch ſeine Wirkung nicht verfehlt; nach zwei Monaten bemerkte Chicot, daß er zuſehends *— 217 dicker werde und daß dies ihn vortrefflich unkenntlich mache; aber er bemerkte auch, daß er durch das Dicker⸗ werden mehr Aehnlichkeit mit Gorenflot erhalte, als es ſich fuͤr einen Mann von Geiſt ſchicke.. Der Geiſt trug alſo den Sieg über das Materielle davon. Nachdem Chicot einige hundert Flaſchen des beruͤhmten Weines von 1550 getrunken und die zweiundzwanzig Bücher durchgeleſen hatte, aus denen die Bibliothek der Priorei beſtand und in welcher der Prior den lateiniſchen Ausſpruch geleſen hatte: bonum vinum laetificat cor hominis(guter Wein erfreut des Menſchen Herz), fuͤhlte er bedeutende Schwere im Magen und eine anſehnliche Leere im Kopfe. Ich wuͤrde gern Monch werden,“ dachte er,„aber bei Gorenflot wuͤrde ich zu ſehr Herr und in einer andern Abtei wuͤrde ich es nicht genug ſein. Allerdings wurde mich die Moͤnchskutte den Augen des Herrn von Mayenne gaͤnzlich unkenntlich machen, aber es giebt noch andere Mittel als gemeine. Suchen wir. Ich habe in einem andern Buche geleſen, das ſich allerdings in der Bibliothek Gorenflot's nicht findet: quaere et invenies(ſuche und du wirſt finden).“ Chicot ſuchte alſo und er fand folgendes. Fuͤr ſeine Zeit war es ziemlich neu. Er theilte ſich Gorenflot mit und erſuchte denſelben, an den Koͤnig das zu ſchreiben, was er ihm dietiren wuͤrde. Gorenflot war im Schreiben freilich nicht ſehr geubt und es wurde ihm ſchwer, endlich aber brachte er doch zu Stande, daß ſich Chicot in die Priorei zuruͤckgezogen, daß 218 der Kummer, ſich von ſeinem Gebieter trennen zu muͤſſen, nachdem dieſer ſich mit Mayenne wieder ausgeſoͤhnt, ſeine Geſundheit untergraben, daß er vergebens gekämpft und ſich zu zerſtreuen geſucht habe, daß aber der Schmerz zu gro ßgeweſen und er endlich unterlegen ſei. Auch Chicot hatte einen Brief an den Koͤnig geſchrie⸗ ben und dieſer aus dem Jahre 1580 datirte Brief war in fuͤnf Abſchnitte getheilt. Der erſte war mit ziemlich feſter Hand geſchrieben und unterzeichnet. Der zweite war auch noch mit ſicherer Hand geſchrie⸗ ben, die Unterſchrift aber verrieth, wenn ſie auch noch leſer⸗ lich war, bereits ſtarkes Zittern. Zu Ende des dritten ſtand Chic.., zu Ende des vierten Gh und am Ende des fuͤnften ein kaum erkennt⸗ liches C.. Dieſe Schriftzuͤge eines Sterbenden hatten den ſchmerz⸗ lichſten Eindruck auf den Koͤnig gemacht und daraus erklaͤrt ſich, warum er Chieot fuͤr ein Geſpenſt hielt. Wir wuͤrden den Brief Chicot's hier mittheilen, Chicot war aber, wie man heut zu Tage ſich ausdruͤcken wuͤrde, ein ſehr excentriſcher Menſch und da der Styl der Menſch iſt, ſo war namentlich ſein Briefſtyl ſo ercentriſch, daß wir es nicht wagen, ſeinen Brief hier folgen zu laſſen, welchen Effect wir auch davon erwarten koͤnnten. Man findet ihn übrigens in den Memoires de Rtoile. Er iſt, wie er⸗ waͤhnt, aus dem Jahre 1580 datirt, dem Jahre der großen Hahnreiſchaften, wie Chicot hinzuſetzt. Unter dieſem Briefe und damit die Theilnahme Hein⸗ 219 richs nicht erkalte, ſetzte Gorenflot hinzu, daß ihm nach dem Tode ſeines Freundes der Aufenthalt in der Priorei wider⸗ waͤrtig geworden wäre und daß er lieber in Paris leben moͤchte. Dieſe Nachſchrift aus der Feder Gorenflot's heraus⸗ zubringen, war Chicot ganz beſonders ſchwer geworden, denn Gorenflot befand ſich in Beaume im Gegentheil ganz vortrefflich. Er machte dem Freunde mit einer Kenner⸗ miene bemerklich, daß man ſtets verfaͤlſchten Wein finde, wenn man ihn nicht an Ort und Stelle auswaͤhlen koͤnne; aber Chicot verſprach dem wuͤrdigen Prior, ſelbſt jaͤhrlich den Vorrath von Romains, Volney und Chambertin aus⸗ zuſuchen, und da Gorenflot die Ueberlegenheit Chicot's in dieſem Punkte wie in vielen andern anerkannte, ſo gab er endlich dem Andringen ſeines Freundes nach. Der Koͤnig hatte nun auf den Brief Gorenflot's und auf das letzte Lebewohl Chicot's eigenhaͤndig geantwortet: „Herr Prior, Ihr werdet für ein heiliges und poeti⸗ „ſches Begrabniß des armen Chicot ſorgen, den ich von „ganzer Seele bedauere, denn er war nicht nur ein er⸗ „gebener Freund, ſondern auch ein guter Edelmann, ob er „gleich in ſeiner Genealogie uber ſeinen Urgroßvater nicht „hinausſehen konnte. Ihr werdet ihn mit Blumen um⸗ „geben und es ſo einrichten, daß er in der Sonne ruhet, die er „ſehr liebte, da er aus dem Süden ſtammte. Was Euch ſelbſt „betrifft, deſſen Betruͤbniß ich um ſo mehr ehre, da ich ſie „theile, ſo werdet Ihr nach dem Wunſche, den Ihr ausge⸗ „ſprochen habt, Euer Kloſter in Beaume verlaſſen. Ich „bedarf in Paris zu dringend ergebener Maͤnner und tüch⸗ 220 „tiger Gelehrter, als daß ich Euch entfernt halten konnte. „Demnach ernenne ich Euch zum Prior der Jacobiner.. „Ihr werdet Euren Aufenthalt in der Naͤhe des Thores „St. Antoine nehmen, welche Gegend unſer armer Freund HLanz beſonders liebte.“ „Euer wohlgeneigter Heinrich, „der Euch bittet, ihn in Eurem hei⸗ „ligen Gebete nicht zu vergeſſen.“ Man denke ſich, ob der Prior bei dem Anblicke eines ſolchen Schreibens, das ganz von der koͤniglichen Hand ſelbſt geſchrieben war, die Augen weit aufriß, ob er die Macht des Genies Chicot's bewunderte und ſich beeilte, die Ehre zu ergreifen, die ihn erwartete, denn der Ehr⸗ geiz hatte ſonſt ſchon einmal eine kraͤftige Wurzel in dem Herzen Gorenflot's getrieben, der noch immer Modeſtus hieß und ſich, ſeit er Prior von Beaume war, Dominus Modeſtus nannte. Alles war nach dem Wunſche des Koͤnigs und Chicot's gegangen. Man hatte ein Dornbuͤndel, welches phyſiſch und allegoriſch den Koͤrper vertreten ſollte, in der Sonne, mit⸗ ten unter Blumen, unter einem ſchoͤnen Weinſtocke begra⸗ ben und als Chicot geſtorben und im Bilde war, ſtand er Gorenflot bei dem Umzuge bei. Modeſtus war mit großem Pomp in der griorei der Jacobiner eingefuͤhrt worden und Chicot hatte die Nacht gewaͤhlt, um ſich nach Paris hineinzuſchleichen. Er kaufte in der Naͤhe des Buſſy⸗Thores ein Haͤuschen fuͤr dreihun⸗ dert Thaler und wenn er Gorenflot beſuchen wollte, ſtanden ihm drei Wege offen, jener durch die Stadt, welcher der 221 kuͤrzeſte war, der am Waſſer hin, der poetiſcheſte und endlich jener an den Mauern der Stadt hin, der ſicherſte. Chicot, der ein Traumer war, waͤhlte faſt immer den an der Seine und da in jener Zeit der Fluß noch nicht von Steinmauern eingefaßt war, ſo leckte er, wie der Dichter ſagt, an ſeinen breiten Ufern, an denen die Bewohner der Stadt mehr als einmal die lange Geſtalt Chicot's im ſchoͤ⸗ nen Mondenlichte hingleiten ſehen konnten. Nachdem Chieot ſich eingerichtet und einen andern Na⸗ men angenommen hatte, bemuͤhete er ſich auch, ſein Geſicht zu ändern; er nannte ſich Robert Briquet wie wir bereits wiſſen und ging leicht vorwärts gebuckt; dann hatten ihn die Sorge und das allmälige Schwinden von füͤnf bis ſechs Jahren faſt kahl gemacht, ſo daß ſich ſein ſonſt krauſes ſchwarzes Haar, wie das Meer bei der Ebbe, von der Stirn allmalig mehr und mehr nach dem Nacken zu zuruͤckzog. Außerdem hatte er, wie ebenfalls erwaͤhnt, die den alten Mimen werthe Kunſt fleißig geuͤbt, welche darin beſtand, durch wohlberechnete Zuſammenziehungen das natuͤrliche Spiel der Muskeln und den gewöhnlichen Ausdruck des Geſichtes zu verändern. Das Reſultat dieſes eifrigen Be⸗ mühens war das geweſen, daß Chicot bei hellem Tage, wenn er ſich Muͤhe geben wollte, ein wirklicher Robert Bri⸗ quet war, d. h. ein Mann, deſſen Mund von einem Ohre zum andern reichte, deſſen Kinn die Naſe faſt beruͤhrte und deſſen Augen ſchauerlich ſchielten,— alles ohne ſichtbare Verzerrung, aber nicht ohne Reiz für die Liebhaber der Ver⸗ änderung, weil das Geſicht aus dem feinen, langen und eckigen, das es war, breit, glatt und dumm geworden war. 222 Nur ſeine langen Arme und ungeheuern Beine konnte Chicot nicht kuͤrzer machen, da er aber ſehr erfinderiſch war, ſo hatte er, wie erwaͤhnt, ſeinen Rucken gekruͤmmt, ſo daß ſeine Arme beinahe ſo lang wurden als ſeine Beine. Mit dieſen phyſiognomiſchen Uebungen verband er die Vorſicht, mit Niemandem Bekanntſchaft anzuknüpfen, denn ſo ſehr er auch ſeine Gelenke gefugig gemacht hatte, konnte er doch nicht immer in einer und derſelben Stellung blei⸗ ben. Wie kann man Mittags buckelig erſcheinen, wenn man um zehn Uhr gerade gewachſen war und mit welchem Vorwande ſoll man vor einen Freund treten, der uns plotz⸗ lich die Geſtalt verändern ſieht, weil man auf dem Spazier⸗ gange mit ihm plötzlich einem verdächtigen Geſichte be⸗ gegnet? Robert Briquet fuhrte alſo ein Einſiedlerleben, das ubrigens ſeinen Neigungen zuſagte. Seine ganze Zer⸗ ſtreuung beſtand darin, daß er Gorenflot beſuchte und mit ihm den beruͤhmten Wein von 1550 vollends trank, den der wuͤrdige Prior natürlich nicht in dem Keller zu Beaume gelaſſen hatte. Aber die gemeinen Seelen ſind eben ſo gut Verände⸗ rungen ausgeſetzt wie die großen Geiſter und ſo veränderte ſich auch Gorenflot, nicht körperlich, Gott ſei Dank, ſondern geiſtig. Er ſah Den, welcher bis dahin ſein Geſchick in den Händen gehabt hatte, ganz in ſeiner Gewalt. Wenn Chicot in der Priorei ſpeiſete, erkannte er in ihm einen Sclaven und Gorenflot hielt von dieſem Augenblicke an zu viel von ſich ſelbſt und nicht genug von Chicot. Chicot ſah ohne Verdruß dieſe Veränderung ſeines 223 Freundes. Die, welche er bei dem Könige Heinrich erfah⸗ ren, hatten ihn an dieſe Art Philoſophie gewoͤhnt. Er beobachtete nur ſich ſelbſt mehr. Statt alle zwei Tage ein⸗ mal in das Kloſter zu gehen, ging er nur einmal in der Woche dahin, dann alle vierzehn Tage und endlich alle Monate. Gorenflot war ſo aufgeblaſen, daß er dies nicht bemerkte. Chicot war zu ſehr Philoſoph, um empfindlich zu ſein; er lachte uͤber die Undankbarkeit Gorenflot's und rieb ſich nach ſeiner Gewohnheit die Naſe und das Kinn. „Das Waſſer und die Zeit“, ſagte er,„ſind die ſtaͤrk⸗ ſten Aufloſungsmittel, die ich kenne. Das eine hoͤhlt den Stein aus, das andere zerſtört die Eitelkeit. Warten wir.“ Und er wartete. Mit dieſen Worten beſchäftigte er ſich als die Ereig⸗ niſſe eintraten, welche wir erzaͤhlt haben und in denen er einige jener neuen Elemente zu bemerken glaubte, welche die großen politiſchen Kataſtrophen vorher verkuͤndigen. Da ihm nun ſein Koͤnig, den er noch immer liebte, obgleich er verſtorben war, unter den künftigen Ereigniſſen Gefah⸗ ren gleich denen ausgeſetzt zu ſein ſchien, vor denen er ſich bewahrt hatte, ſo uͤbernahm er es, ihm als Geiſt zu erſchei⸗ nen, blos um ihn die Zukunft zu verfündigen. Wir haben geſehen wie die Anmeldung der nahebevorſtehenden Ankunft Mayennes, welche in der Zuruͤckweiſung Joyeuſes lag und die Chicot mit ſeiner Klugheit unter dieſer Zuruͤckweiſung herausgefunden, Chicot aus dem Zuſtande eines Geſpenſtes in den eines Lebendigen, wie aus der Stellung eines Pro⸗ pheten in jenen eines Geſandten umgewandelt hatte. Nachdem ſo Alles aufgekläͤrt, was in unſerer Erzaͤhlung 24 dunkel erſcheinen konnte, ſchließen wir uns Chicot bei ſei⸗ nem Fortgange aus dem Louvre an und folgen ihm in ſein Haͤuschen auf dem Buſſy⸗Platze. Siebzehntes Kapitel. Die Serenade. Chicot hatte nicht weit zu gehen, um von dem Louvre in ſeine Wohnung zu gelangen. Er begann zuerſt in einem kleinen Boote, das er ſelbſt ruderte und auf dem er von dem andern ufer heruͤber ge⸗ kommen war, uͤber die Seine zu fahren. „Es iſt doch ſeltſam“, ſagte er, waͤhrend erruderte und nach den Fenſtern des Palaſtes ſah, von denen nur ein ein⸗ ziges, das im Zimmer des Koͤnigs, trotz der ſpaͤten Nacht⸗ ſtunde noch erleuchtet war,„es iſt doch ſeltſam; Heinrich iſt nach ſo vielen Jahren noch immer derſelbe; Manche ſind groͤßer geworden, Andere geſunken und noch Andere geſtorben; er dagegen hat nur einige Runzeln im Geſicht und im Herzen erhalten. Er iſt wie immer derſelbe ſchwache und ausgezeichnete, phantaſtiſche und poetiſche Geiſt, daſ⸗ ſelbe ſelbſtſuͤchtige Herz, das immer mehr verlangt als man ihm geben kann,— von der Gleichgiltigkeit Freund⸗ ſchaft, von der Freundſchaft Liebe, von der Liebe Aufopfe⸗ rung und bei allem dem iſt der arme ungluͤckliche König trauriger als irgend Jemand in ſeinem Reiche. Gewiß hat außer mir Niemand dieſe ſeltſame Verbindung von Aus⸗ ſchweifung und Reue, von Gotkloſigkeit und Aberglauben m w li m m nu re ſt E 225 ergruͤndet, wie Niemand gleich mir den Louvre kennt, uber deſſen Corridore ſo viele Güͤnſtlinge auf ihrem Wege zum Tode, zur Verbannung, zur Vergeſſenheit gewandert ſind; wie Niemand ſo wie ich mit der Krone gefahrlos ſpielt, welche ſo lange in den Gedanken gewiſſer Leute glaͤnzt, bis ſie ſich die Finger daran verbrennen.“ Ehicot ſeufzete dabei mehr philoſophiſch als traurig und ſtützte ſich kräftig auf ſein Ruder. „Aber da faͤllt mir ein“, fuhr er plotzlich fort,„der Koͤnig hat von dem Reiſegelde nichts erwähnt und dies Vertrauen ehrt mich, weil es mir beweiſet, daß ich noch immer ſein Freund bin.“ Und Chicot begann für ſich zu lächeln wie gewoͤhnlich, dann trieb er mit einem letzten Ruderſchlage ſein Boot auf den feinen Sand, in welchem es feſt ſitzen blieb. Dann befeſtigte er das Vordertheil an einem Pfahle mittelſt einer nur ihm bekannten Schleife, die in jener ver⸗ gleichsweiſe unſchuldsvollen Zeit hinlaͤngliche Sicherheit ge⸗ währte und ging nach ſeiner Wohnung zu, welche bekannt⸗ lich zwei Musketenſchuͤſſe weit von dem Flußufer lag. Als er in die Auguſtinerſtraße hineintrat, vernahm er mit Verwunderung die Toͤne von Inſtrumenten und Stim⸗ men, welche den in ſo ſpaͤter Nacht meiſt ſtillen Stadttheil mit Harmonie erfullten. „Da feiert man eine Hochzeit“, dachte er anfaͤnglich. „Ich habe nur fuͤnf Stunden zum Schlafen uͤbrig und werde nun wohl wachen muͤſſen, obgleich ich nicht heirathe.“ Als er näher kam, ſah er hellen Lichtſchein an den Fenſtern der wenigen Haͤuſer glänzen, die in ſeiner Straße Die Fuͤnfundvierzig. 1. 15 226 ſtanden. Dieſer Lichtſchein kam von einem Dutzend Fackeln, welche von Pagen und Dienern getragen wurden, waͤhrend vierundzwanzig Muſiker unter der Leitung eines Italieners ihre verſchiedenen Inſtrumente ſpielten. Dieſe Schaar von Laͤrmmachern ſtand in ſchoͤner Ord⸗ nung vor einem Hauſe, in welchem Chicot nicht ohne Stau⸗ nen ſein eigenes erkannte. Der unſichtbare General, welcher dieſes Mandver lei⸗ tete, hatte Muſiker und Pagen ſo aufgeſtellt, daß alle das Geſicht nach der Wohnung Robert Briquets, die Augen auf die Fenſter richteten und nur durch dieſe Betrachtung zu athmen und zu leben ſchienen. Chicot ſah einen Augenblick wie verſteinert zu und hoͤrte auf den Lärm. Dann ſchlug er mit ſeinen knochigen Handen auf die beiden Schenkel und ſagte: „Das iſt ein Verſehen, denn unmoͤglich kann man mei⸗ netwegen ſolchen Lärm machen.“ Er trat darauf noch näher, miſchte ſich unter die Neu⸗ gierigen, welche die Serenade herbeigelockt hatte, blickte aufmerkſam umher und uͤberzeugte ſich, daß das ganze Licht der Fackeln auf ſein Haus fiel und daß Niemand in der Menge ſich um das Haus gegenuͤber noch um die benach⸗ barten Haͤuſer kuͤmmerte. „Wahrhaftig“, dachte Chicot bei ſich,„es iſt bei mir. Sollte ſich zufaͤllig eine unbekannte Prinzeſſin in mich ver⸗ liebt haben?“ So ſchmeichelhaft aber auch dieſe Vermuthung fuͤr Chicot war, ſo ſchien ſie ihn doch nicht zu uͤberzeugen. Er ſe kot eit atl ſike we wir W— 227 drehete ſich nach dem Hauſe um, das dem ſeinigen gegen⸗ uͤber ſtand. Auf die beiden einzigen Fenſter dieſes Hauſes im zwei⸗ ten Stocke, welche keine Läden hatten, fielen von Zeit zu Zeit Lichtſtrahlen, aber das arme Haus ſchien ſonſt kein Leben zu haben. „Man muß ſehr feſt in jenem Hauſe ſchlafen“ dachte Chicot.„Die Todten wurden bei dieſem Lärme erwachen.“ Wäͤhrend ſo Chicot ſich ſelbſt Fragen vorlegte und ſie auch ſelbſt beantwortete, ſpielte das Orcheſter weiter, als ſpiele es vor einer Verſammlung von Koͤnigen und Kaiſern. „Verzeiht, guter Freund“, redete Chicot endlich einen Fackelträger an;„koͤnnet Ihr mir wohl ſagen, wem dieſes Staͤndchen gilt?“ „Dem Manne, der hier wohnt“, antwortete der Die⸗ ner, indem er auf das Haus Chicot's zeigte. „Es gilt wahrhaftig mir“, ſprach nun Chicot und er drangte ſich durch die Menge, um die Erklärung des Räth⸗ ſels an der Livrse der Pagen und Diener zu leſen, aber er konnte keine Wappen erkennen. „Wem gehoͤrt Ihr an, guter Freund?“ fragte Chicot einen Tamburinſchlaͤger, welcher auf die erſtarrten Finger athmete, da er gerade zu pauſiren hatte. „Dem Manne, der hier wohnt“, antwortete der Mu⸗ ſiker und er zeigte auf das Haus Chicot's. „Oho!“ ſagte Chicot,„ſie ſind nicht einmal blos meinet⸗ wegen hier, ſie gehoren ſogar mir an. Immer beſſer! Nun wir werden ja ſehen.“ ECr verzog darauf ſein Geſicht auf die kunſtvollſte Weiſe 15 228 und ſtieß rechts und links die Pagen, Lakeien und Muſiker bei Seite, um zu der Thür zu gelangen, was ihm nicht ohne Muͤhe gelang. Hier, hell von dem Lichte der Fackeln be⸗ leuchtet, nahm er den Schluſſel aus ſeiner Taſche, offnete die Thuͤr, trat ein, ſchlug die Thuͤr wieder zu und ſchob die Riegel vor. Dann trat er auf ſeinen Balcon, ruͤckte einen Stuhl dahin, ſetzte ſich bequem da nieder, ſtützte das Kinn auf die Balconlehne und ſagte, ohne ſcheinbar das Laͤcheln zu bemerken, das ſein Erſcheinen begruͤßte: „Meine Herren, irret Ihr Euch nicht und gelten Euere Triller, Cadenzen und Rouladen wirklich meiner Perſon?“ „Seid Ihr Robert Briquet?“ fragte der Director des Orcheſters. „Der bin ich.“ „Nun, wir ſtehen Euch zu Dienſten“, entgegnete der Italiener, indem er von neuem den Taetſtock ſchwang. „Es iſt wahrhaftig unerklaͤrlich“, dachte Chicot, in⸗ dem er mit den Augen die Menge und die Nachbarhaͤuſer muſterte. Alle Bewohner dieſer Haͤuſer befanden ſich an den Fenſtern oder an der Thuͤr oder unter den S die auf der Straße ſtanden. Vor dem„Gaſthauſe zum tapfern Ritter“ ſah man Meiſter Fournichon, deſſen Frau und das ganze Gefolge der Fuͤnfundvierzig: Weiber, Kinder und Diener. Nur das Haus gegenuber blieb dunkel und ſtill wie ein Grab. Chicot ſuchte noch immer die Aufloͤſung dieſes Räthſels, als er plotzlich unter dem Balcon ſeines Hauſes, beinghe un⸗ di zu m di R de er 229 ter ſeinen Füßen— denn er konnte durch die Ritzen zwiſchen den Bretern des Fußbodens hindurchſehen— einen Mann erblickte, der in einen dunkelfarbigen Mantel gehuͤllt war, einen ſchwarzen Hut mit rother Feder und einen langen Degen trug und, da er nicht geſehen zu werden glanbte, unverwandt nach dem oͤden ſtillen dunkeln Hauſe gegen⸗ uͤber ſchaute. Von Zeit zu Zeit verließ der Director des Orcheſters ſeinen Poſten, um mit dieſem Manne zu ſprechen. Chicot errieth ſehr bald, daß das ganze Intereſſe der Scene hier liege und daß der ſchwarze Hut das Geſicht eines Edelmannes berge. Da wandte ſich ſeine ganze Aufmerkſamkeit dieſem Manne zu und das Beobachten wurde ihm leicht, da er von ſeinem Poſten aus auf die Straße und unter den Balcon ſehen und deshalb jeder Bewegung des geheimnißvollen Unbekannten folgen konnte, deſſen Züge ihm die erſte Un⸗ vorſichtigkeit enthullen mußte. Mit einem Male und waͤhrend Chicot ſich ganz mit dieſen Beobachtungen beſchaͤftigte, erſchien ein Reiter mit zwei berittenen Dienern an der Straßenecke und vertrieb mit kraͤftigen Peitſchenhieben die Neugierigen, welche um die Muſiker herumſtanden. „Ah, Herr Joyeuſe!“ fluͤſterte Chicot, welcher in dem Reiter ſogleich den Großadmiral vonFrankreich erkannte, der dem Befehle des Koͤnigs gemaͤß geſtiefelt und geſpornt war. Als die Neugierigen vertrieben waren, ſchwieg das Orcheſter. Wahrſcheinlich hatte ihm ein Wink des Herrn Stille geboten. 230 Der Reiter naͤherte ſich dem Herrn unter dem Balcon und fragte: „Nun, Heinrich, was giebt es Neues?“ „Nichts, Bruder, nichts.“ „Nichts?“ „Nein; ſie hat ſich nicht einmal gezeigt.“ „Die Leute haben alſo keinen Laͤrm gemacht?“ „Sie haben den ganzen Stadttheil betaͤubt.“ „Sie haben nicht geſchrien, wie es ihnen anempfoh⸗ len war, daß ſie zu Ehren dieſes Buͤrgers da ſpielten.“ „Sie haben ſo gut geſchrien, daß er in Perſon da oben auf dem Balcon ſitzt und dem Stäaͤndchen zuhört.“ 6 „Sie hat ſich alſo nicht gezeigt?“ „Weder ſie ſelbſt, noch ſonſt Jemand.“( „Der Einfall war aber doch ganz gut“, entgegnete n Joyeuſe verdrüßlich,„denn ſie konnte es, ohne ſich zu ge⸗ fährden, wie alle dieſe braven Leute machen und 8 Muſik bei dem Nachbar anhoͤren.“ Heinrich ſchuͤttelte den Kopf. „Man ſieht wohl, daß Du ſie nicht kennſt, Bruder“, ſagte er. „Doch, doch, ich kenne ſie, d. h. ich kenne die Weiber und da ſie doch zu dieſen gehoͤrt, ſo wollen wir den Muth nicht verlieren.“ „Du ſagſt mir das in ſehr muthloſem Tone, Bruder.“ Y „Keinesweges, aber der Buͤrger da muß von heute an jeden Abend ſein Staͤndchen bekommen.“ p „Sie wird ausziehen.“ „Warum, wenn Du nichts ſagſt, wenn Du ſie nicht ei em 35 ik 231 bezeichneſt, wenn Du verborgen bleibſt? Hat ver Philiſter da drinnen geſprochen, als man ihm dieſe Galanterie erzeigte?“ „Er hat das Orcheſter angeredet und ſieh da, Bruder, er wird eben wieder ſprechen.“ Briquet, der entſchloſſen war, uͤber die Sache ins Klare zu kommen, ſtand wirklich auf, um den Director des Orcheſters zum zweiten Male zu fragen. „Schweigt da oben und geht hinein!“ rief Anna übel⸗ launig.„Ihr habt gar nichts zu ſagen, da Ihr Euer Staͤndchen bekommt; verhaltet Euch alſo ruhig.“ „Mein Standchen? Mein Ständchen?“ antwortete Chicot mit der freundlichſten Miene;„ich moͤchte doch we⸗ nigſtens wiſſen, wem das Staͤndchen gilt.“ „Euerer Tochter, Schwachkopf.“ „Nehmt's nicht ubel, Herr, ich habe keine Tochter.“ „So gilt es Euerer Frau.“ „Ich bin, Gott ſei Dank! nicht verheirathet.“ „So gilt es Euch ſelbſt.“ „Ja Dir gilt es und wenn Du nun nicht ſogleich hin⸗ eingeheſt.. Joyeuſe, welcher die Drohung ſogleich ausfuͤhren wollte, trieb ſein Pferd an den Balcon gerade durch die Muſiker hindurch. „Zum Teufel auch“, rief Chicot aus; wer überreitet da meine Muſik, wenn ſie mein iſt?“ „Alter Narr“, antwortete Joyenſe, indem er den Kopf emporrichtete,„wenn Du Dein haͤßliches Geſicht nicht ſo⸗ 232 gleich in Deinem Rabenneſte verſteckſt, werden die Muſiker ihre Inſtrumente auf Deinem Kopfe zerſchlagen.“ „Laß den armen Mann, Bruder“, fiel Du Vonchage ein;„Du kannſt Dich nicht wundern, daß er ſehrerſtaunt iſt.“ „Und warum erſtaunt er? Uebrigens ſiehſt Du doch ein, daß wir Jemand an das Fenſter locken, wenn wir Streit hier anfangen. So wollen wir alſo den Spießbuͤrger pru⸗ geln, ihm im Nothfalle ſogar das Haus über dem Kopſe anſtecken, kurz einen Heidenlaͤrm machen.“ „Um Gottes Willen, Bruder“, ſagte Heinrich,„wir wollen die Aufmerkſamkeit der Schoͤnen nicht mit Gewalt erregen.. Wir ſind beſiegt und wollen nachgeben.“ Briquet hatte jedes Wort dieſes letztern Geſpraͤchs ge⸗ hoͤrt, das helles Licht in ſeine noch verworrenen Gedanken brachte; er machte deshalb im Stillen Vorbereitungen zur Vertheidigung, da er den Charakter ſeines Gegners recht wohl kannte. Joyeuſe ließ ſich aber durch ſeinen Bruder bereden und ſchickte den Director, die Muſiker, die Pagen und Diener fort. Dann nahm er ſeinen Bruder bei Seite und ſagte: „Ich bin in Verzweiflung; Alles wendet ſich gegen uns.“ „Was meinſt Du?“ „Ich habe keine Zeit, Dir es zu erklaͤren.“ „Du biſt allerdings im Reiſeanzuge, was ich erſt jetzt bemerke.“ „Ich breche noch in dieſer Nacht mit einem Auſtrage des Koͤnigs nach Antwerpen auf.“ „Wann haſt Du ihn erhalten?“ ge ch it ⸗ ſe 233 „Dieſen Abend. Komm mit mir.“ Heinrich ließ die Arme ſinken. „Befiehlſt Du es mir, Bruder?“ fragte er in Ent⸗ ſetzen uͤber den Gedanken an eine Reiſe. Anna machte eine Bewegung. „Wenn Du es befiehlſt, werde ich gehorchen“, fuhr Heinrich fort. „Ich bitte Dich blos, Du Bonchage.“ „Ich danke Dir, Bruder.“ Joyeuſe zuckte die Achſeln. „So viel Du willſt, Joyenſe, Du ſiehſt aber ein, wenn ich meine Abende nicht mehr in dieſer Straße zubringen, wenn ich nicht mehr nach dieſem Fenſter hinaufblicken kann „Nun?“ „Wuͤrde ich ſterben.“ „Armer Narr!“ „Mein Herz iſt da, Bruder“, antwortete Heinrich, in⸗ dem er die Hand nach dem Hauſe ausſtreckte,„mein Leben iſt da. Verlange nicht, daß ich lebe, wenn Du mir das Herz aus der Bruſt reißeſt.“ Der Herzog legte halb in Zorn und halb aus Mitleid die Arme uͤbereinander, biß ſich auf den feinen Schnurrbart und ſagte, nachdem er einige Minuten ſchweigend nachge⸗ dacht hatte; „Wenn Dein Vater Dich erſuchte, Dich von Miron behandeln zu laſſen, der ſowohl Philoſoph als Arzt iſt. „So wuͤrde ich unſerm Vater antworten, daß ich nicht 234 krank, daß mein Kopf geſund ſei und daß Miron die Liebe nicht zu heilen verſtehe.“ „So muß man alſo auf Deine Art eingehen, die Sachen anzuſehen; aber warum ſollte ich mich aͤngſtigen? Die Schoͤne iſt ein Weib, Du beſitzeſt Ausdauer, es iſt alſo noch nicht alle Hoffnung verloren und wenn ich zuruͤckkomme, wirſt Du heiterer und luſtiger ſein als ich.“ „Ja, mein guter Bruder“, entgegnete der Juͤngling, indem er die Haͤnde deſſelben druͤckte,„ja ich werde geneſen, ich werde glucklich und wieder heiter werden; ich danke Dir fur Deine freundſchaftliche Theilnahme, die mein Kilar⸗ ſtes Gut iſt.“ „Nach Deiner Liebe.“ „Vor meinem Leben.“ Joyeuſe, der trotz ſeiner ſcheinbaren Leichtfertigkeit tief bewegt war, unterbrach plotzlich ſeinen Bruder.„Wollen wir fort?“ fragte er.„Die Fackeln ſind erloſchen und die Muſiker und Pagen auf dem Heimwege begriffen.“ „Ich folge Dir, Bruder“, antwortete Bouchage mit einem Seufzer. „Ich verſtehe Dich“, ſagte Joyeuſe;„der letzte Ab⸗ ſchied nach dem Fenſter da und nun auch ein Lebewohl fir mich, Heinrich.“ Heinrich ſchlang den Arm um den Hals des Bruders, der ſich von dem Pferde herunterbeugte, um ihn zu kuͤſſen. „Nein“, ſagte er,„ich begleite Dich bis an das Thor; „warte nur hundert Schritte von hier. Vielleicht zeigt ſie ſich, wenn ſie glaubt, daß es auf der Straße wieder ſtill und ode geworden.“ 235 Anna trieb ſein Pferd nach ſeinen Dienern zu, die in einer Entfernung von hundert Schritten hielten. „Ich brauche Euch nicht bis auf neuen Befehl“, ſagte er.„Reitet immer hin.“ Die Fackeln verſchwanden, das Geſpräch der Muſiker und das Lachen der Pagen verklang in der Ferne wie die letzten Toͤne der Laute, welche eine irrende Hand den Sai⸗ ten entlockt. Heinrich warf einen letzten Blick auf das Haus, ſandte eine letzte Bitte nach dem Fenſter hinauf und ging langſam, ſich oft umdrehend, zu ſeinem Bruder. Als Robert Briquet die beiden jungen Leute ſich ent⸗ fernen ſah, meinte er, die Entwickelung muͤſſe nun ſtatt⸗ finden, wenn wirklich eine ſolche eintreten ſollte. Er kehrte deshalb geränſchvoll von dem Balron zuruck und ſchloß das Fenſter. Noch ſtanden einige Neugierige auf ihrem Poſten, aber nach zehn Minuten war auch der ausdauerndſte verſchwunden. Robert Briquet hatte unterdeß das Dach ſeines Hau⸗ ſes etreicht, das Zacken hatte wie die flamaͤndiſchen und hinter einer ſolchen beobachtete er die Fenſter gegenuber. Sobald das Geraͤuſch auf der Straße aufgehoͤrt hatte, ſobald man weder Stimmen noch Schritte noch Inſtrumente mehr hoͤrte, ſobald mit einem Worte Alles zu der gewoͤhn⸗ lichen Ruhe zuruͤckgekehrt war, öffnete ſich geheimnißvoll eines der obern Fenſter jenes Hauſes und ein Kopf erſchien vorſichtig daſelbſt. „Nichts mehr“ ſagte eine mäͤnnliche Stimme,„folglich 236 auch keine Gefahr; es wareine Myſtification unſeres Nach⸗ bars; Ihr koͤnnt Euer Verſteck verlaſſen und hinunter⸗ gehen, Madame.“ Nach dieſen Worten machte der Mann das Fenſter wieder zu, ſchlug Feuer mit Stahl und Stein an und zuͤn⸗ dete eine Lampe an, die er einem ausgeſtreckten Arme hin⸗ reichte. Chicot ſeine ganze Sehkraft an; aber kaum hatte er das bleiche Geſicht der Frau erkannt, welche die Lampe in Empfang nahm, kaum hatte er den ſanften trau⸗ rigen Blick geſehen, den der Diener und die Herrin wech⸗ ſelten, als er ſelbſt erbleichte und kalten Schauer durch ſeine Adern rieſeln fuͤhlte. Die Frau war kaum vierundzwanzig Jahre alt. Sie— ging die Treppe hinunter und der Diener folgte ihr. „Ah“, ſagte Chirot, indem er mit der Hand uͤber die Stirn ſtrich, um den Schweiß abzuwiſchen und gleichſam zu gleicher Zeit ſchreckliche Gedanken zu verſcheuchen,„ah Graf Du Bouchage, muthiger, ſchoͤner junger Mann, un⸗ ſinniger Verliebter, der Du wieder heiter und wohlgemuth zu werden gedenkſt, überlaſſe Deinen Wahlſpruch Deinem Bruder, denn nie wirſt Du mehrſagen: Hilariter(ſuſtig).“ Dann ſtieg er ebenfalls in ſein Zimmer hinab, aber mit duͤſterer Stirn, als ſei er in eine ſchreckliche V Vergangen⸗ heit, in einen blutigen Abgrund hinabgeſtiegen und er ſetzte ſich im Dunkel nieder, vollſtändig, wie es ſchien, von dem unglaublichen traurigen Einfluſſe übermannt, welcher von jenem Hauſe zu wirken ſchien. W 237 Achtzehntes Kapitel. Chicot's Börſe. Chicot verbrachte die ganze Nacht ſinnend auf ſeinem Stuhle, ſinnend oder vielmehr traumend, denn es beſchäf⸗ tigten ihn vielmehr Traäume als Gedanken. Es heißt nicht denken, wenn man ſich zur Vergangen⸗ heit zuruͤckwendet, wenn man am Feuer eines einzigen Blickes einen ganzen Zeitabſchnitt, der aus der Erinnerung ſchon faſt verſchwunden war, wieder hell beleuchtet ſieht. Chicot erging ſich die ganze Nacht hindurch in einer Welt, die er weit hinter ſich zuruͤckgelaſſen hatte und die mit be⸗ rühmten oder anmuthigen Schatten bevölkert war, welche er in dem Blicke der bleichen Frau wie in einer getreuen Leuchte nacheinander mit ihrer Begleitung gluͤcklicher und ſchrecklicher Erinnerungen voruͤberziehen ſah. Chicot, der ſich auf dem Ruͤckwege von dem Louvre ſo ſehr nach dem Schlafe ſehnte, dachte nicht einmal mehr daran ſich niederzulegen. Und als die Morgendammerung die Scheiben ſeiner Fenſter zu erhellen begann, ſagte er: „Die Zeit der Geſpenſter iſt voruͤber; wir muͤſſen nun auch an die Lebendigen denken.“ Er ſtand auf, gürtete ſein langes Schwert um, warf einen Mantel von weinhefenfarbigem Tuche uͤber, durch den der ſtärkſte Regen nicht zu dringen vermochte und unter⸗ ſuchte mit der ſtoiſchen Ruhe des Weiſen den Boden ſeiner Boͤrſe und die Sohlen ſeiner Schuhe. Dieſe hielt er für tüchtig zu einem Feldzuge; jene verdiente eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit. 238 Wir wollen alſo in unſerer Erzählung einen Ruhepunkt eintreten laſſen, um uns die? Zeit zu nehmen, ſie unſern Leſern zu beſchreiben. Chicot, ein Mann von ſinnreicher Erfindung, hatte den Tragbalken ausgehoͤhlt, welcher von einem Ende ſeines Hauſes zum andern ging und ſo gleichzeitig zur Zierde diente, denn er war buntfarbig bemalt und trug zur Feſtig⸗ feit bei, auch hatte er wenigſtens achtzehn Zoll im Durch⸗ meſſer. In dieſem Balken hatte er ſich mittelſt einer Aushoͤh⸗ lung von anderthalb Fuß Länge und ſechs Zoll Breite eine Geldkaſſe geſchaffen, die tauſend Goldthaler enthielt. Chicot rechnete nun alſo. „Ich gebe taͤglich“, ſagte er,„den zwanzigſten Theil eines dieſer Thaler aus, habe alſo noch zwanzigtauſend Tage zu leben. Ich werde ſie demnach nicht alle brauchen, fann aber bis zur Haͤlfte gelangen und je älter ich werde, deſto hoher ſteigen meine Bedurfniſſe und meine Ausgaben, denn das Wohlſein muß im gleichen Verhältniſſe zunehmen wie das Leben abnimmt. Ich habe, Alles wohl erwogen, noch fuͤnfundzwanzig bis dreißig Jahre zu leben und das iſt, Gott ſei Dank, lange genug.“ Chicot war alſo nach der Rechnung, die er gemacht hatte, einer der reichſten Rentiers in Paris und die Beru⸗ higung uͤber ſeine Zukunft gab ihm einen gewiſſen Stolz. Er war keinesweges geizig, vielmehr lange verſchwen⸗ deriſch geweſen, aber er furchtete ſich vor der Armuth, denn er wußte, daß ſie wie ein bleierner Mantel auf den Schul⸗ tern laſtet und auch die Stärkſten niederdruckt. — — —— 239 Dieſen Morgen nun, als er ſeine Caſſe oͤffnete, um mit ſich ſelbſt zu rechnen, dachte er: „Die Zeiten ſind ſchlimm und der Edelſinn iſt aus der Welt verſchwunden. Ich brauche nicht zartfüͤhlend mit Heinrich zu verfahren. Dieſe tauſend Thaler kommen auch nicht einmal von ihm, ſondern von einem Oheime, der mir ſechsmal mehr verſprochen hatte. Der Oheim war freilich nicht verheirathet. Wenn es noch Nacht waͤre, wuͤrde ich mir hundert Thaler aus der Taſche Heinrichs holen, aber es iſt Tag und ich muß mich auf mich ſelbſt und— Goren⸗ flot verlaſſen.“ Bei dem Gedanken, Geld von Gorenflot zu verlangen, lächelte Chicot unwillkuͤrlich. „Es waͤre doch ein ſchöner Anblick“, fuhr er fort, „wenn Gorenflot, der mir ſein Gluͤck verdankt, dem Freunde hundert Thaler zu dem Dienſte des Koͤnigs verweigerte, der ihn zum Prior der Jacobiner ernannt hat. Ach“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„er iſt nicht mehr Gorenflot, ja, aber Robert Briquet iſt immer Chicot.— Den Brief des Ko⸗ nigs, das Schreiben, welches den Hof von Navarra in Fener und Flammen verſetzen ſoll, verſprach ich vor Tages⸗ anbruch abzuholen und nun iſt der Tag ſchon angebrochen. Ich werde mich dieſes Auskunftsmittels bedienen und es wird ſogar dem Schädel Gorenflots einen tüͤchtigen Schlag verſetzen, wenn ſein Hirn zu hart iſt, als daß ich mit Wor⸗ ten darauf einwirken könnte. Vorwaͤrts alſo!“ Chicot paßte das Bret wieder ein, welches ſeinen ge⸗ heimen Schatz verbarg, ſchlug es mit vier Nägeln feſt, be⸗ deckte es wiederum mit dem Steine, auf den er Staub 240 ſtreuete, um damit die Fugen auszufullen und blickte zum letzten Male auf das kleine Gemach, wo es ſeit vielen gluͤck⸗ lichen Tagen unantaſtbar und wohlbewahrt geweſen war wie das Herz in der Bruſt. Dann warf er einen Blick anf das Haus gegenuber. „Die verteufelten Joyeuſes koͤnnten doch wohl einmal in der Nacht mein Haus in Brand ſtecken, um die unſichtbare Dame einen Augenblick an das Fenſter zu locken.. Und wenn ſie mein Haus niederbrennen, verwandeln ſie zugleich meine tauſend Thaler in einen Klumpen.. Ich thue am Ende doch wohl, wenn ich das Geld vergrabe. Hm! Wenn mir die Herren Joyeuſe mein Haus verbrennen, wird der Koͤnig mich entſchaͤdigen.“ So beruhiget, ſchloß Chicot ſeine Thur zu und nahm den Schluͤſſel mit ſich. Er war aber kaum einige Schritte gegangen, als er bei ſich dachte: „Hm! Hu Der Nicolaus Poulain koͤnnte hierher kommen, meine Abweſenheit verdaͤchtig finden und.. Aber ich habe dieſen Morgen nur Haſengedanken. Vorwärts, vorwaͤrts!“ Als Chicot die Thuͤr ſeines Hauſes nicht minder vor⸗ ſichtig und ſorgſam verſchloß als er die ſeines Stuͤbchens verſchloſſen hatte, erblickte er am Fenſter den Diener der unbekannten Dame, welcher friſche Luft ſchoͤpfte, weil er ohne Zweifel hoffte ſo früͤh von Niemanden geſehen zu werden. Dieſer Mann war, wie wir bereits erwaͤhnt haben, durch eine Wunde vollig verſtellt, welche ſich von der linken Schlaͤfe an uͤber einen Theil der Wange zog. Eine der e Augenbrauen, welche durch die Wucht des Hiebes ver⸗ ſchoben worden war, verdeckte faſt ganz das linke Auge. Merkwuͤrdiger Weiſe hatte er trotz der kahlen Stirn und dem ergrauenden Barte einen ſehr lebhaften Blick und eine gewiſſe Jugendfriſche im Geſicht. Als Robert Briquet von der Stufe an der Thuͤr herun⸗ ter kam, zog jener Mann die Kapuze uͤber den Kopf und machte eine Bewegung, als wolle er ſich von dem Fenſter entfernen, Chicot winkte ihm aber, er möge bleiben. „Nachbar“, rief ihm Chicot zu,„der Lärm von geſtern hat mir mein Haus verleidet; ich will einige Wochenzauf meinem Landgute zubringen; wuͤrdet Ihr wohl die Gefällig⸗ keit haben, von Zeit zu Zeit mit hin zu ſehen?“ „Ja“, antwortete der Unbekannte,„recht gern.“ „Und wenn Ihr Diebe bemerktet..“ „Ich habe eine gute Waffe, ſeid unbeſorgt.“ „Ich danke.., aber ich moͤchte Euch noch um einen andern Dienſt erſuchen.“ „So ſprecht.“ Chicot ſchien mit dem Auge die Fernezwiſchen ihm und dem Manne zu meſſen. „Es iſt gefaͤhrlich, Euch ſolche Dinge ſo weit hin zuzu⸗ ſchreien“, ſagte er.* „So will ich hinunterkommen“, antwortete der Unbe⸗ kannte. Chicot ſah ihn wirklich verſchwinden und trat unterdeß an das Haus; er hoͤrte die Schritte nahen, endlich wurde die Thuͤr geoͤffnet und die beiden Maͤnner ſtanden einander gegenuber. Die Fuͤnfundvierzig. I. 16 242 Der Diener der Dame hatte diesmal ſein Geſicht ganz mit der Kapuze verhuͤllt. „Es iſt ſehr kalt heute“, ſagte er, um dieſe geheimniß⸗„ volle Vorſicht zu entſchuldigen oder zu verbergen. „Ja, der Wind weht eiskalt“, beſtätigte Chicot, der den Andern nicht anſah, um ihn nicht ängſtlich zu machen. „Ich ſtehe Euch zu Dienſten.“ „Ich verlaſſe die Stadt.“ „Das habt Ihr mir bereits geſagt.“ „Ich weiß es, aber ich muß Geld in meinem Hauſe zuruͤcklaſſen.“ „Das iſt ſchlimm; nehmt es lieber mit Euch.“ „Nein, der Menſch iſt unbehilflicher und minder ent⸗ ſchloſſen, wenn er ſein Geld gleichzeitig mit ſeinem Leben zu retten ſucht. Ich laſſe alſo Geld hier zuruck, das freilich gut verwahrt iſt, ſo gut verſteckt, daß ich weiter nichts als eine Feuersbrunſt zu fuͤrchten habe. Wenn eine ſolche eintreten ſollte, ſo beobachtet doch, Nachbar, das Verbren⸗ nen des dicken Balkens, deſſen Ende Ihr da herausragen ſeht und ſucht in der Aſche.“ „Wirklich“, entgegnete der Unbekannte mit ſichtbarem Unbehagen,„Ihr haͤttet beſſer gethan, wenn Ihr dies Ge⸗ heimniß einem Freunde anvertraut hättet ſtatt einem Manne, den Ihr nicht kennt und den Ihr nicht kennen konnt.“ Während er ſo ſprach, ſah ſein blitzendes Auge das ſuͤßfreundliche Geſicht Chicot's fragend an. „Allerdings“, antwortete dieſer,„ich kenne Euch nicht, aber ich verſtehe in den Mienen zu leſen und halte Euer Geſicht fur das eines ehrlichen Mannes.“ — 243 „Aber bedenkt, welche Verantwortlichkeit Ihr mir auf⸗ legt. Iſt es nicht auch moglich, daß die Muſik meine Herrin beläſtige, wie ſie Euch belaͤſtiget hat und daß wir dann aus⸗ ziehen?“ „Nun“, antwortete Chicot,„ſo iſt es gut; ich werde mich nicht an Euch halten.“ „Ich danke fur das Vertrauen, das Ihr einem armen Unbekannten erweiſet“ ſagte der Diener mit einer Ver— bengung,„und ich werde mich deſſelben wuͤrdig zu zeigen ſuchen.“ Darauf trat er wieder in das Haus hinein. 8 Chicot, der ihn freundlich gegrüßt hatte, murmelte bei ſich, als die Thur wieder geſchloſſen war: „Der arme junge Mann! Sieht er doch wie ein Ge— ſpenſt aus und ſonſt war er ſo lebensmuthig, ſo heiter, ſo ſchön!“ 3 Neunzehntes Kapitel. Die Jacobiner⸗Priorei. Die Priorei, welche der Koͤnig Gorenſlot geſchenkt hatte, um ihn fur ſeine treuen Dienſte, namentlich fuͤr ſeine glaͤnzende Beredtſamkeit zu belohnen, lag etwa zwei Musketenſchuſſe von dem Thore St. Antoine. Der Stadttheil an dem Thore St. Antvine war damals haͤufig von vornehmen Leuten beſucht, weil ſich der König oftmals nach dem Schloſſe Vincennes begab. Hier und da an dem Wege nach dem Schloſſe ſtanden kleine Häuſer großer Herren mit ſchoͤnen Gärten und praͤch⸗ 16* 244 tigen Höfen und es wurden da zahlreiche Rendezvous ge⸗ halten, bei denen von Politik durchaus nicht die Rede war trotz der damaligen Sucht ſelbſt der kleinſten Buͤrger, ſich um die Staatsangelegenheiten zu bekuͤmmern. In Folge des haͤuſigen Hin⸗ und Herreiſens des Hofes war dieſe Straße damals, verhältnißmäßig natürlich, das was jetzt die elyſaͤiſchen Felder ſind. Die Priorei befand ſich demnach in ſehr ſchoner Lage, da ſie ſich ſtolz rechts an dem Wege nach Vincennes erhob. Sie beſtand aus einem Gebaͤnde⸗Viereck, welches einen mit Baumen bepflanzten ungeheuern Hof unſchloß, aus einem Kuͤchengarten hinter den Gebaͤuden und aus einer Menge Wirthſchaftsgebaͤuden, welche ihr die Große eines Dorfes gaben. In den Schlafſaͤlen im Hofe ſchlummerten zweihundert Jacobiner-Moͤnche. Vorn gaben vier ſchoͤne Fenſter mit einem eiſernen Balcon, der ſich an allen vier hinzog, den Gemächern in der Priorei Luft, Licht und Leben.— Wie eine Stadt, welche der Gefahr einer Belagerung ausgeſetzt ſein kann, fand die Priorei alles was ſie brauchte auf den ihrzinspflichtigen Laͤgdereien von Charonne, Mont⸗ reuil und St. Mandé. Ihre Weiden maͤſteten eine immer vollſtundige Heerde von fuͤnfzig Rindern und neunundneun⸗ zig Schafen. Hundert durften die Ordensgeſellſchaften nach vorgeſchriebenem Geſetz oder Herkommen nicht beſitzen⸗ Ein beſonderes Gebaͤude barg auch neunundneunzig Schweine einer eigenthuͤmlichen Art, welche der Metzger, den der Herr Prior gewaͤhlt hatte, mit Liebe zog. ——————————— —,— —,— 245 Der Metzger verdankte dieſe ehrenvolle Wahl den vor⸗ trefflichen Wuͤrſten, welche er ſonſt in„das Gaſthaus zum Horn des Ueberfluſſes“ geliefert hatte und Modeſtus, der ſich dankbar der guten Mahlzeiten bei Meiſter Bonhommel erinnerte, bezahlte ſo die Schuld Gorenflot's. Von den Kuͤchen und Kellern brauchen wir gar nicht zu ſprechen. Die Spaliere des Kloſters an der Morgen⸗ und Mittagsſeite gaben unvergleichliche Pfirſiche, Apriko⸗ ſen und Trauben und überdies ſorgte ein gewiſſer Bruder Euſebius, welcher die berühmten Confituren geliefert hatte, die das Stadthaus von Paris den beiden Koͤniginnen bei dem letzten ceremoniellen Banket bot, fur eingemachte Fruͤchte und Süſſigkeiten. Den Keller hatte Gorenflot ſelbſt gefullt, nachdem er jenen in Burgund ausgeleert, denn er hegte die Vorliebe, die allen ächten Trinkern angeboren iſt, welche im Allge⸗ meinen behaupten, nur der Wein von Burgund ſei eigent⸗ lich Wein. Im Schooße dieſer Priorei, einem wahren Paradieſe fur Nichtsthuer und Gutſchmecker, in dem praͤchtigen Ge⸗ mach im erſten Stock, deſſen Balcon auf die Heerſtraße ſieht, finden wir Gorenflot wieder miteinem Kinn mehrund jener Art ernſter Wuͤrde, welche ungeſtörte Ruhe und ununter⸗ brochenes Wohlſein auch den gemeinſten Geſichtern giebt. In ſeinem ſchneeweißen Gewande mit dem ſchwarzen Kragen, welcher ihm die breiten Schultern waͤrmte, konnte ſich Gorenflot nicht ſo frei bewegen wie in der grauen ein⸗ fachen Moͤnchskutte, dagegen ſah er um vieles majeſtäti⸗ ſcher aus. 246 Seine fette Hand ruhet auf einem Quartanten, den ſie vollſtändig bedeckt; ſeine beiden dicken Füße ſtuͤtzen ſich auf eine Waͤrmflaſche und ſeine Arme ſind nicht mehr lang ge⸗ nug, um den Bauch zu umfaſſen. Eben hatte es halb acht Uhr fruͤh geſchlagen. Der Prior war zuletzt aufgeſtanden; denn er machte Gebrauch von der Beſtimmung, welche dem Superior eine Stunde mehr Schlaf giebt als den andern Moͤnchen; aber er ſetzte ruhig den Schlummer in einem ſehr weichen und bequemen Lehnſtuhle fort. Die Ausſtattung des Gemachs, in welchem der wurdige Abt ſchlummerte, war mehr weltlich als kloſterlich: ein Tiſch mit gedreheten Füßen und einer koſtbaren Decke darauf; Gemaͤlde, in denen ſich in eigenthuͤmlicher Weiſe die Liebe und die Froͤmmigkeit vereinigten, wie man ſie nur in jener Zeit findet; koſtbares Kirchen⸗ oder Tafelgeſchirr; an den Fenſtern faltenreiche Vorhaͤnge von venetianiſchem Broeat, die trotz ihrem Alter gläͤnzender ausſahen als die theuerſten neuen Stoffe,— das waren die Schätze, in deren Beſitz Modeſtus Gorenflot durch die Gnade Gottes und des Koͤ⸗ nigs, namentlich aber Chicot's gekommen war. DerPrior ſchlummerte alſo in ſeinem Lehnſtuhle, wäh⸗ rend das Morgenlicht ihm den täglichen Beſuch machte und auf dem rothen Geſichte des Schlaͤfers ſpielte. Da wurde die Thür des Gemachs vorſichtig geffnet und es traten zwei Moͤnche herein, ohne den Priorzu wecken. Der erſte war ein Mann von dreißig bis fuͤnfunddreißig Jahren, hager, bleich und zuſammengeſunken in einer Ja⸗ cobinerkutte; den Kopf aber trug er ſtolz gerade und ſein 247 Blick, der wie ein Pfeil aus ſeinen Falkenaugen ſchoß, gebot, ehe er noch ein Wort geſprochen hatte und gleich⸗ wohl wurde dieſer Blick durch das Spiel der langen weißen Augenlieder gemildert, welche, wenn ſie ſich ſenkten den dunkeln Ring hervorhoben, der die Augen umgab. Wenn dagegen die ſchwarzen Augen zwiſchen den dich⸗ ten Wimpern und dieſer dunkeln Einfaſſung funkelten, haͤtte man ſie mit dem Blitz vergleichen können, der aus fahlen Wolken zuckt. Dieſer Moͤnch hieß Bruder Borromaͤus und er war ſeit drei Wochen Schatzmeiſter des Kloſters. Der Andere war ein junger Mann von ſiebzehn bis achtzehn Jahren mit ſchwarzen lebhaften Augen, kecker Miene, vorſpringendem Kinn und kleiner aber zierlicher Geſtalt. Er hatte die weiten Aermel aufgeſtreift und ließ mit einem gewiſſen Stolze zwei kräftige Arme ſehen. „Der Prior ſchlaͤft noch, Bruder Borromaͤus“, ſagte der juͤngere der beiden Moͤnche zu dem andern;„wollen wir ihn wecken?“ „Nein, das wollen wir nicht thun, Bruder Jacob“, antwortete der Schatzmeiſter. „Es iſt wahrhaftig Schade einen Prior zu haben, der ſo lange ſchläft“, fuhr der juͤngere Bruder fort,„denn wir haͤtten dieſen Morgen Waffenubungen halten können. Habt Ihr bemerkt, welche ſchoͤne Harniſche und ſchoͤne Buͤchſen ſich darunter befinden?“. „Schweigt, Bruder, Ihr koͤnntet gehoͤrt werden.“ „Wie Schade!“ fuhr der kleine Moͤnch fort, indem er mit den Füßen aufſtampfte, was aber auf dem weichen 248 6 Teppiche kein Geräuſch machte;„wie Schade! Es iſt heute ſo ſchoͤn, der Hof iſt ſo trocken, welche praͤchtigen Uebungen könnten wir halten, Bruder Schatzmeiſter.“ „Man muß warten lernen, Kind“, entgegnete der Bruder Borromaͤus mit erheuchelter Unterwuͤrfigkeit, wel⸗ cher aber das Feuer ſeines Blickes widerſprach. „Aber warum befehlt Ihr nicht immer die Waffen zu vertheilen?“ fuhr Jacob ungeſtuͤm fort, indem er die herun⸗ tergeſunkenen Aermel wieder aufſtreifte. „Ja, Ihr.“ „Ich befehle nicht, das wißt Ihr, Bruder“ entgegnete Borromaͤus demuͤthig;„iſt nicht der Gebieter da?“ „In dem Lehnſtuhle da, ſchlafend, wäͤhrend Jedermann wacht“ ſagte Jacob in weniger achtungsvollem als unge⸗ duldigem Tone,—„der Gebieter?“ Und ſein Blick ſchien bis in die Tiefe des Herzens des Bruders Borromaͤus dringen zu wollen. „Achten wir ſeinen Rang und ſeinen Schlaf“ ſagte dieſer, indem er in die Mitte des Gemaches trat, aber ſo unglücklich, daß er einen Schemel umſtieß. ogleich der Teppich das Geräuſch des Falles milderte, S doch auf und erwachte. „Wer da?“ fragte er mit der bebenden Stimme einer ſchlaftrunkenen Schildwache. „Herr Prior“, antwortete Bruder Borromaͤus,„ver⸗ zeiht, wenn wir Euch in frommen Gedanken ſtören, aber ich moͤchte mir Euere Befehle erbitten.“ — ——— 249 „Ah, guten Morgen, Bruder Borromäus!“ antwortete Gorenflot mit leichtem Kopfnicken. Nach einigem Nachdenken, wobei er offenbar alle Sai⸗ ten ſeines Gedaͤchtniſſes anſpannte, fragte er und er blin⸗ zelte drei oder vier Mal mit den Augen: „Welche Befehle?“ „In Bezug auf die Waffen und Ruͤſtungen.“ „Waffen und Ruͤſtungen?“ fragte Gorenflot. „Allerdings; Ew. Gnaden befahlen Waffen und Ru⸗ ſtungen herbeizuſchaffen.“ „Wem?“ „Mir.“ „Ich haͤtte Waffen bringen laſſen?“ „Ohne Zweifel, HerrPrior“ antwortete Borromaͤns in immer gleichem feſten Tone. „Ich?“ wiederholte Modeſtus im hoͤchſten Erſtaunen. „Ich? Und wann?“ „Vor acht Tagen.“ „Ah.. Wenn es ſchon acht Tage her iſt!.. Aber wozu Waffen?“ „Ihr ſagtet zu mir und ich wiederhole Euere eigenen Worte: Bruder Borromaͤus, es würde gut ſein, wenn wir uns mit Waffen verſähen, damit wir unſere Monche bewaff⸗ nen koͤnnten; die gymnaſtiſchen Uebungen entwickeln die Kraͤfte des Koͤrpers, wie fromme Uebungen die des Geiſtes.“ „Das habe ich geſagt?“ fragte Gorenflot. „Ja, ehrwuͤrdiger Prior und ich, ein unwuͤrdiger gehor⸗ ſamer Bruder, beeilte mich Euere Befehle auszufuͤhren und Kriegswaffen herbeizuſchaffen.“ 2⁵⁰ „Das iſt ſeltſam“, murmelte Gorenflot;„ich kann mich durchaus nicht erinnern.“ „Ihr ſetztet ſogar hinzu, ehrwuͤrdiger Prior: Militat spiritu, militat gladio.“ „Dieſe lateiniſchen Worte habe ich geſprochen?“ fragte Modeſtus, der die Augen maßlos weit aufriß. „Mein Gedächtniß iſt treu, ehrwuͤrdiger Prior“, ant⸗ wortete Borromaͤus, der beſcheiden die Augen niederſchlug. „Wenn ich es geſagt habe“, begann Gorenflot, der leicht das Haupt ſchuͤttelte,„ſo habe ich meine Gruͤnde dazu gehabt, Bruder Borromaͤus.. Ich bin allerdings immer der Meinung geweſen, man muͤſſe auf Leibesuͤbun⸗ gen halten und als ich noch gewoͤhnlicher Moͤnch war, habe ich mit Worten und mit dem Schwerte gekämpft,— militat.. spiritus.. Sehr gut, Bruder Borromaͤus; es war eine Eingebung von oben.“ „Ich will demnach Euere Befehle vollends ausfuͤhren, ehrwürdiger Prior“, ſprach Borromaͤus, indem er ſich mit dem Bruder Jacob zuruͤckzog, der vor Freude zitterte und ihn an der Kutte zog. „Geht!“ ſprach Gorenflot majeſtätiſch. „Ah, Herr Prior“, begann Borromaͤus nochmals, indem er einige Secunden darauf wieder erſchien,„ich vergaß..“ „Was?“ „Es iſt im Sprachzimmer ein Freund Ew. Gnaden, der mit Euch zu ſprechen verlangt.“ „Wie heißt er?“ „Herr Robert Briquet.“ „Robert Briquet“, entgegnete Gorenflot,„iſt nicht mein Freund, nur ein Bekannter.“ „So werdet Ihr ihn nicht empfangen?“ „Doch, doch“, antwortete Gorenflot;„der Mann un⸗ terhaͤlt mich; er moͤge heraufkommen.“ Bruder Borromaͤus verbengte ſich nochmals und ging hingus. Bruder Jacob war mit einem Sprunge in die Zelle geeilt, in welcher ſich die Waffen befanden. —— ——— — 251 Fuͤnf Minuten ſpäter oͤffnete ſich die Thuͤr von neuem und Chicot erſchien. Zwanzigſtes Kapitel. Die beiden Freunde. Modeſtus veraͤnderte die gottſelig gebuͤckte Stellung nicht, welche er eingenommen hatte und Chicot ſchritt durch das Gemach, um zu ihm zu gelangen; nur neigte der Prior ſanft das Haupt, um bemerklich zu machen, daß er den Angekommenen ſehe. Chicot ſchien ſich über die Gleichgiltigkeit des Priors gar nicht zu wundern; er ging weiter und als er ſo nahe war, als es die Etikette geſtattete, verbeugte er ſich. „Guten Morgen, Herr Prior“, ſagte er. „Ah, Ihr ſeid es?“ antwortete Gorenflot.„Ihr ſteht alſo von den Todten auf?“ „Hat mich der Herr Prior für todt gehalten?“ „Nun Ihr ließet Euch ja nicht mehr ſehen.“ „Ich hatte Geſchaͤfte.“ Chicot wußte, daß Gorenflot gar nicht ſehr geſpraͤchig war, wenn er ſich nicht durch zwei oder drei Flaſchen alten Burgunders erwärmt hatte und da er zu dieſer fruhen Stunde jedenfalls noch nuͤchtern war, ſo nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich ſchweigend an der Kaminecke nie⸗ der und lehnte ſich an. „Werdet Ihr mit mir fruhſtuͤcken, Herr Briquet?“ fragte Modeſtus. „Vielleicht, Herr Prior.“ „Ihr duͤrft mir aber nicht zuͤrnen, Herr Briquet, wenn ich Euch vielleicht nicht ſo viel Zeit widmen konnte als ich wohl wuͤnſchte.“ „Wer verlangt Euere Zeit von Euch, Herr Prior? 252 Ich veklangte ja nicht einmal Fruͤhſtuͤck; Ihr habt es mir von ſelbſt angeboten.“ „Allerdings, Herr Briquet“, entgegnete Modeſtus mit einer gewiſſen Unruhe, welche durch den feſten Ton Chi⸗ cot's wohl gerechtfertigt wurde,„allerdings habe ich es Euch angeboten, aber..“ „Aber Ihr glaubtet, daß ich es nicht annehmen wuͤrde?“ „Ach nein, Ihr wißt doch, daß dies meine Art nicht iſt.“ „Man nimmt allerlei Arten an, wenn man ein Mann in Euerer Stellung iſt, Herr Prior“, antwortete Chicot mit dem ihm eigenen Lächeln und Modeſtus ſah ihn blin⸗ zelnd an, denn er konnte nicht errathen, ob Chicot ſpotte oder ernſtlich ſpreche. Chicot war aufgeſtanden. „Warum ſteht Ihr auf, Herr Briquet?“ fragte Gorenflot. „Weil ich wieder fortgehen will.“ „Und warum geht Ihr, da Ihr doch mit mir zu fruh⸗ ſtuͤcken verſpracht?“ „Ich habe es nicht verſprochen; ich ſagte nur: viel⸗ leicht und vielleicht iſt nicht: ja.“ „Ihr ſeid boͤs? Chicot lachte und antwortete:„ich? Warum ſollte ich bös ſein? Daruͤber, daß Ihr grob und dumm ſeid? Ah, werther Herr Prior, ich kenne Euch zu lange, als daß ich uͤber dieſe Euere kleinen Unvollkommenheiten aͤrgerlich werden ſollte.“. Gorenflot ſaß mit offenem Munde da, ſo gewaltig hatte ihn die ruͤckſichtsloſe Sprache Chieot's erſchreckt. „Lebt wohl, Herr Prior“, fuhr Chicot fort. „Geht nicht von mir!“ „Meine Reiſe laͤßt ſich nicht verzoͤgern.“ „Ihr wollet eine Reiſe unternehmen?“ „Ich habe einen Auftrag von dem Koͤnige.“ „Einen Auftrag von dem Konige?“ fragte Gorenflot in großer Verwunderung.„Ihr ſaht ihn wieder? Und wie nahm er Euch auf?“ —.——————————— ——, 253 „Mit der groͤßten Freude. Er vergißt ſeine Freunde nicht, ob er gleich Konig iſt.“ „Einen Auftrag von dem Koͤnige?“ ſtammelte Goren⸗ flot,„und ich grob und dumm?“ Seine Aufgeblaſenheit ſchwand ſichtbar wie die Luft aus einem Ballon nach Nadelſtichen. „Lebt wohl!“ ſprach Chicot nochmals. Da erhob ſich Gorenflot von ſeinem Lehnſtuhle und hielt mit ſeiner großen Hand den Fluͤchtling zuruͤck, der ſich allerdings gern Gewalt anthun ließ. „Laßt uns weiter daruber reden“, ſagte dann der Prior. „Woruͤber?“ „Ueber Euere heutige Empfindlichkeit.“ „Ich bin wie immer blos der Spiegel der Leute, mit denen ich verkehre.“ „Nein, nein.“ „Lacht Ihr, ſo lache ich,— ſchmollt Ihr, ſo ſchmolle ich.“ „Ich will geſtehen, daß Mancherlei meine Gedanken beſchaͤftigte. Und wollt Ihr nicht nachſichtig gegen einen Mann ſein, den die veinlichſten Arbeiten niederdruͤcken? Ich weiß wahrhaftig nicht, wo mir der Kopf ſteht! Dieſe Priorei iſt ſo gut wie das Gouvernement einer Provinz. Bedenkt, daß ich zweihundert Männer unter mir habe und daß ich gleichzeitig Oeconom, Baumeiſter, Intendant bin, abgeſehen von meinen geiſtlichen Funetionen.“ „Das iſt fur einen unwuͤrdigen Diener Gottes aller⸗ dings zu viel.“ „Nun ſpottet er! Habt Ihr Euere Chriſtenliebe ganz verloren, Herr Briquet? Sder plagt Euch der Neid? Seht Euch vor, der Neid iſt eine ſchwere Sunde.“ „Neid? Was könnte ich beneiden, frage ich Euch?“ „Hm! Ihr denkt bei Euch, der Prior Modeſtus Goren⸗ ſyt ſeist immer hoͤher; er befindet ſich auf der aufſteigenden inie.“ „Waäͤhrend ich auf der abſteigenden ſtehe, nicht wahr?“ fragte Chicot ironiſch. 254 „Daran iſt Euere falſche Stellung ſchuld.“ „Herr Prior, denkt an die Bibelſtelle.“ „An welche?“ „Wer ſich ſelbſt erhoͤhet, ſoll erniedriget werden und wer ſich ſelbſt erniedriget, ſoll erhoͤhet werden.“ B 7 „Bah. „Zweifelt Ihr Ketzer an der heiligen Schrift?“ rief Chicot aus, indem er die Haͤnde faltete. „Ketzer!“ wiederholte Gorenflot.„Die Hugenotten ſind Ketzer. Aber was wollet Ihr eigentlich fagen?“ „Ich kam blos, um vor meiner Reiſe Abſchied zu neh⸗ men; lebt alſo wohl und grollt mir nicht wegen der Wahr⸗ heiten, die ich Euch geſagt habe. Es wird ſpat.“ „Es iſt nie zu ſpaͤt und dann reiſet man auch nicht ab ohne vorher zu eſſen. Das iſt nicht geſund, wie Ihr ſelbſt zwanzigmale geſagt habt. Wir wollen miteinander fruͤhſtuͤcken.“ „Nein, man ißt hier zu ſchlecht.“ Jeden andern Vorwurf haͤtte er ertragen; dieſem wi⸗ derſtand er nicht. „Man ißt hier ſchlecht? Habt Ihr Euch uͤber Euere letzte Mahlzeit zu beklagen gehabt?“ „Ich kann den Geſchmack noch nicht los werden. Die Schweincoteletten waren ſuͤndlich verbrannt; der Reis e nach Waſſer und auf der Fleiſchbruͤhe ſchwamm De 7 „Chicot, Chicot!“ ſeufzete Modeſtus in demſelben Tone, mit welchem der ſterbende Cäſar zu ſeinem Moͤrder ſagte: „Brutus! Brutus!“ „Ihr habt mir auch keine Zeit zu ſchenken“, fuhr Chicot fort,„da Ihr Geſchaͤfte habt.“ „Sie koͤnnen verſchoben werden.. Ich habe nur eine Bittſtellerin zu empfangen.. Aber ob ſie mir gleich hundert Flaſchen ſicilianiſchen Wein geſchickt hat..“ „Hundert Flaſchen?“ „So werde ich ſie doch nicht empfangen, ob ſie glei 25⁵ wahrſcheinlich eine vornehme Dame iſt; ich will nur Euch ſehen, Herr Chicot.. Die vornehme Dame, welche mir den ficilianiſchen Wein hundert⸗flaſchenweiſe ſchickt, wollte bei mir beichten; aber wenn Ihr es verlangt, weiſe ich ſie ab, um mit Euch zu fruͤhſtuͤcken, werther Herr Chicot, um mein Unrecht gegen Euch wieder gut zu machen.“ „Das kommt von Euerm Stolze.“ „Ich werde mich demuͤthigen, Freund.“ „Von Euerer Faulheit.“ „Von morgen an lege ich mir die Geißel auf, meine Moͤnche alle Tage in den Waffen zu uͤben.“ „Euere Moͤnche in den Waffen zu uͤben?“ fragte Chicot verwundert.„Doch nur im Gebrauche von Meſſer und Gabel?“ „Nein, im Gebrauche wirklicher Waffen und das Com⸗ mandiren greift ſehr an.“ „Und wer hat den Einfall gehabt, den Kuttenmaͤnnern Waffen in die Hände zu geben?“ „Natuͤrlich ich ſelbſt.“ „Das iſt nicht möglich.“ „Ich habe den Befehl Bruder Borromaus ertheilt.“ „Wer iſt dieſer Bruder Borromaͤus?“ 5 „Freilich, Ihr kennt ihn nicht. Er iſt der Schatzmeiſter.“ „Du haſt einen Schatzmeiſter, den ich nicht kenne?“ „Er iſt ſeit Euerm letzten Beſuche hier. Und der Herr Cardinal von Guiſe hat mir ihn empfohlen.“ „Perſoͤnlich?“ „Nein ſchriftlich, werther Herr Chicot.“ in welche gute Eigenſchaft beſitzt dieſer Schatz⸗ meiſter?“ „Er rechnet wie Pythagoras.“ „Und mit ihm habt Ihr die Waffenuͤbungen verabredet?“ „Ja, Freund.“ „Das heißt, er hat Euch vorgeſchlagen, den Moͤnchen Waffen zu geben?“ 25⁵6 „Nein, lieber Chicot, ich ſelbſt bin auf den Gedanken gekommen.“ „Keinen Stolz, verſtockter Suͤnder! Der Stolz iſt eine Todſuͤnde.. Ihr ſeid nicht auf dieſen Gedanken ge⸗ kommen.“ „Ich weiß es wirklich nicht genau mehr, wer zuerſt darauf gekommen iſt, er oder ich. Ich glaube aber, daß ich es geweſen bin; ich habe wohl gar bei dieſer Gele⸗ genheit ein treffendes läteiniſches Wort geſprochen.“ Chicot ruͤckte naͤher an den Prior. „Ein lateiniſches Wort? Liebſter Prior erinnert Ihr Euch vielleicht dieſes Wortes?“ „Militat spiritu..“ „Militat spiritu, militat gladio.“ „So iſt es!“ rief Modeſtus erfreut aus. „Nun freilich“, ſagte Chicot,„beſſer könnt Ihr das, was Ihr thut, nicht entſchuldigen; ich verzeihe es Euch.“ „Oh!“ rief Gorenflot gerührt aus. „Ihr ſeid noch immer mein Freund, mein wahrer Freund; aber nun laßt uns fruͤhſtuͤcken.“ „Hoͤrt mich an“, fiel Gorenflot ein,„ich werde dem Bruder Koch ſagen laſſen, daß ich ihn einſperren laſſe, wenn er kein koͤnigliches Mahl aufträgt.“ „Thut das“, antwortete Chicot,„Ihr ſeid Herr hier, werther Prior.“ „Und wir brechen einigen Flaſchen der vornehmen Dame den Hals.“ „Ich werde Euch nach beſten Kraͤften unterſtutzen.“ „Ich umarme Euch, Chicot.“ „Erſtickt mich nicht; laßt uns lieber plaudern.“ ſinſſſſſſſſſſſſſiſ 16 7