— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mi 50 Pf. 2 Mt. Pf. „ 3 4 „ 5. Auswäptige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchiutzte, zerriſſene, verlbrene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen venpflichtet. . Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ſn —— — —— —,— 8 Die Genoſen Zehus. Roman von cAlerander Dumas. L Aus dem Franzöſiſchen* von Dr. Edmund Zoller. Erſter Band. . Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. „——-—— Cinleitung. Die Stadt Avignon. Ich weiß nicht, ob das Vorwort, das wir den Augen des Leſers unterbreiten wollen, ſehr nützlich iſt, und doch können wir dem Wunſche nicht wider⸗ ſtehen, wenn nicht das erſte Capitel, ſo doch die Ein⸗ leitung dieſes Buches daraus zu machen. Je weiter wir im Leben, je weiter wir in der Kunſt vorrücken, deſto mehr überzeugen wir uns da⸗ von, daß nichts abgeriſſen und iſolirt iſt, daß die Natur und die Geſellſchaft einen folgerichtigen, nicht einen durch Zufälle beſtimmten Gang geht, und daß das Ereigniß, dieſe heitere oder düſtere, wohlriechende oder übelriechende, lächelnde oder traurige Blume, die ſich heute unter unſern Augen öffnet, ihre Knoſpe in der Vergangenheit und ihre Wurzeln vielleicht in alten Tägen hatte, wie ſie ihre Frucht in der Zukunft treiben wird. Solange der Menſch jung iſt, nimmt er die Zeit, wie ſie kömmt: er blickt heiter auf das Geſtern zu⸗ rück, kümmert ſich wenig um das Heute und kennt — 4 keine Sorge für den nächſten Tag. Die Jugend iſt der Frühling mit ſeiner friſchen Morgenröthe und ſeinen ſchönen Abenden; zieht manchmal ein Sturm am Himmel auf, ſo bricht er unter Donner los und iſt ebenſo raſch vorüber: der Himmel aber blaut noch einmal ſo ſchön, die Atmoſphäre iſt noch einmal ſo rein und die ganze Natur lächelt freundlicher, denn zuvor. Wozu an die Urſachen dieſes Sturmes denken, der raſch wie eine Laune, ephemer wie eine Phan⸗ taſie vorübergeht? Ehe wir die Löſung des meteo⸗ rologiſchen Räthſels haben, iſt der Sturm vorbeige⸗ rauſcht. Anders aber iſch⸗ mit dieſen furchtbaren Phäno⸗ men, die gegen Ende des Sommers unſerer Ernte drohen, die im Herbſte unſere Weinberge belagern: man frägt ſich, wohin ſie gehen, man kümmert ſich darum, woher ſie kommen und ſucht das Mittel, ihren Schaden abzuwenden. Für den Denker, für den Geſchichtſchreiber, für den Dichter nun liegt ein ganz anderer Stoff tieferen Erwägens in den Revolutionen, dieſen Stürmen der ſocialen Atmoſphäre, die die Erde mit Blut bedecken und eine ganze Generation von Menſchen vernichten, als in den Stürmen des Himmels, die eine Frucht⸗ ernte überſchwemmen, und eine Weinernte verhageln, das heißt, die Hoffnung eines einzigen Jahres ver⸗ nichten und ein Unheil anrichten, das, weitgegriffen, das folgende Jahr wieder gut machen kann, wenn der Herr nicht gerade ſeine Zornestage hat. Ehedem würde ich, ſei es aus Vergeßlichkeit, ſei es aus Gleichgültigkeit, vielleicht auch aus Unwiſſen⸗ MW heit— glücklich wer da nicht weiß! unglücklich wer da weiß!— ehedem würde ich wohl die Geſchichte, die ich meinen Leſern heute mittheilen will, erzählt haben, ohne mich bei dem Orte aufzuhalten, wo die erſte Scene meines Buches ſpielt, ich hätte ohne Weiteres dieſe Scene geſchrieben, ich hätte den Süden wie eine zweite Provinz behandelt, Avignon wie eine zweite Stadt genannt. Aber heute iſt das nicht mehr der Fall; ich lebe nicht mehr in den Stürmen des Frühlings, ſondern in den Wettern des Sommers und den Ungewittern des Herbſtes. Wenn ich heute Avignon nenne, ſo citire ich ein Geſpenſt und wie Antonius, als er das Todtentuch von Cäſars Leiche wegnahm, ausrief: „Hier ſchauet! fuhr des Caſſius Dolch herein; ſeht, welchen Riß der tückſche Casca machte! Hier ſtieß der vielgeliebte Brutus durch!“ ſo ſage ich, indem ich das blutige Leichentuch der päpſtlichen Stadt an⸗ blicke:„Hier fließt das Blut der Albigenſer, dort das Blut der Camiſarden; hier das Blut der Re⸗ publikaner, dort das Blut der Royaliſten; hier das Blut Lescuyers, dort das Blut des Marſchalls Brune.“ Und ich fühle mich von einer tiefen Trauer erfaßt und beginne zu ſchreiben; aber bei den erſten Zeilen gewahre ich, daß, ohne mich deſſen zu verſehen, der Griffel des Hiſtorikers in meiner Hand an die Stelle des Romanſchreibers getreten.) Nun, wir wollen beides ſein: gönne, lieber Leſer, die zehn, die fünfzehn, die zwanzig erſten Seiten dem Hiſtoriker, die übrigen gehören dem Romanſchreiber. Sagen wir deßhalb einige Worte von Avignon, — 6 dem Orte, wo die erſte Scene des neuen Buches ſpielt, das wir dem Publikum übergeben. Vielleicht iſt es gut, ehe man liest, was wir davon ſagen, einen Blick auf das zu werfen, was ſein nationaler Geſchichtſchreiber, Frangois Nouguier, davon ſagt. „Avignon,“ ſagt er,„eine edle Stadt durch ihr Alter, angenehm durch ihre Lage, ſtolz durch ihre Mauern, lachend durch die Fruchtbarkeit ihrer Län⸗ dereien, reizend durch den ſanften Charakter ihrer Einwohner, prachtvoll durch ihren Palaſt, ſchön durch ihre großen Straßen, bewundernswerth durch die Bauart ihrer Brücke, reich durch ihren Handel und bekannt in der ganzen Welt.“ Der Schatten Frangois Nouguiers möge uns verzeihen, wenn wir ſeine Vaterſtadt nicht mit ganz denſelben Augen anſehen. Die, welche Avignon kennen, werden entſcheiden, wer ſie richtiger geſchildert, der Hiſtoriker oder der Romanſchreiber. Die Gerechtigkeit erfordert vor allem feſtzuſtellen, daß Avignon eine ganz beſondere Stadt iſt, das heißt die Stadt der ertremſten Leidenſchaften; die Epoche reli⸗ giöſer Kämpfe, die in ihr den politiſchen Haß ent⸗ zündet, gehört dem 12. Jahrhundert an; die Thäler des Ventour bargen nach ſeiner Flucht aus Lyon Pierre de Vaux und ſeine Waldenſer, die Vorfahren jener Proteſtanten, welche unter dem Namen Albi⸗ genſer den Grafen von Toulouſe viele Verfolgung zuzogen und die ſieben Schlöſſer, welche Raimund W. in Languedoc beſaß, dem Papſte eintrugen. Als mächtige, von Podeſtas regierte Republik ver⸗ 7 weigerte Avignon ſeine Unterwerfung unter den König von Frankreich. Eines Morgens erſchien jedoch Lud⸗ wig VIII., der es viel einfacher fand, einen Kreuz⸗ zug nach Avignon zu unternehmen, wie es Simon von Montfort gethan, als nach Jeruſalem zu ziehen, wie Philipp Auguſt, eines Morgens, ſagen wir, er⸗ ſchien Ludwig VIII. vor den Thoren von Avignon und verlangte, die Lanze eingelegt, den Helm auf dem Kopfe, mit flatternden Bannern und ſchmettern⸗ den Kriegstrompeten, Einlaß. Die Bürger verweigerten ihn; ſie boten dem König von Frankreich als äußerſte Conceſſion den friedlichen Einlaß an, wenn er das Haupt entblößen, die Lanze im Bügel halten und nur das königliche Banner entfalten wolle. Der König begann die Blocade; dieſe Blocade dauerte drei Monate, während welcher, ſagt der Chroniſt, die Bürger von Avignon den fran⸗ zöſiſchen Soldaten Pfeil mit Pfeil, Wunde mit Wunde, Tod mit Tod bezahlten. Die Stadt capitulirte endlich. Ludwig VMII. führte in ſeiner Armee den Cardinallegaten Romain de St. Ange mit ſich; dieſer dictirte die Bedingungen, ächte Prieſterbedingungen, hart und abſolut. Die Bewohner von Avignon wurden dazu ver⸗ urtheilt, ihre Bollwerke zu demoliren, ihre Gräben auszufüllen, dreihundert Thürme niederzureißen, ihre Schiffe auszuliefern und ihre Kriegsmaſchinen zu verbrennen. Sie mußten außerdem eine ungeheure Contribution bezahlen, die Waldenſer Ketzerei ab⸗ ſchwören und in Paläſtina dreißig Bewaffnete voll⸗ ſtändig equipirt unterhalten, um zur Befreiung des heiligen Grabes mitzuwirken. Um endlich die Voll⸗ ziehung dieſer Bedingungen zu überwachen, von denen die Bulle noch in den Stadtarchiven exiſtirt, wurde eine Brüderſchaft von Büßenden geſtiftet, die ſich durch ſechs Jahrhunderte bis auf unſere Zeit erhal⸗ ten hat. Im Gegenſatz zu dieſen Büßenden, welche man die weißen Büßenden nennt, wurde der Orden der ſchwarzen Büßenden geſtiftet, welcher ganz das Ge⸗ präge des Oppoſitionsgeiſtes des Grafen Raimund von Toulouſe trug. Von dieſem Tag ſchlug der religiöſe Haß in po⸗ litiſchen Haß um. Es war für Avignon nicht mehr genug, das Land der Ketzerei zu ſein, es mußte der Schauplatz des Schismas werden. Man erlaube uns in Beziehung auf das fran⸗ zöſiſche Rom eine kurze hiſtoriſche Abſchweifung; ge⸗ nau genommen wäre ſie hinſichtlich des Vorwurfs, den wir behandeln, nicht nöthig, und vielleicht wür⸗ den wir beſſer daran thun, uns mit einem Sprung mitten in das Drama hinein zu verſetzen, aber wir hoffen, daß man uns verzeihen wird. Wir ſchreiben überdies für Solche, welche in einem Ro⸗ man bisweilen gerne etwas Anderes finden, als Roman. ₰ Im Jahre 1285 beſtieg Philipp der Schöne den Thron. Das Jahr 1285 iſt ein Datum von großer hi⸗ ſtoriſcher Bedeutung. Das Papſtthum, das in der Perſon Gregor VII. dem Kaiſer von Deutſchland die Stirne bot; das Papſtthum, das, materiell von Hein⸗ rich IW. beſiegt, ihn moraliſch unterjochte; das Papſt⸗ —= — 9 thum wird von einem einfachen ſabiniſchen Edelmann beohrfeigt und der eiſerne Handſchuh Colonnas machte das Geſicht Bonifacius VIII. erröthen. Aber der König von Frankreich, durch deſſen Hand die Ohrfeige eigentlich gegeben worden, was hatte er unter dem Nachfolger Bonifacius VIII. zu erwarten? Dieſer Nachfolger war Benedict XI., ein Mann von niederer Herkunft, der jedoch vielleicht ein Mann von Genie geweſen, wenn man ihm die Zeit gegönnt. Zu ſchwach, um ſich mit Philipp dem Schönen in einen Kampf einzulaſſen, fand er ein Mittel, um das ihn zweihundert Jahre ſpäter der Stifter eines berühmten Ordens beneidet hätte. Er verzieh Co⸗ lonna großmüthig und öffentlich. Colonna verzeihen hieß Colonna für ſchuldig er⸗ klären; nur die Schuldigen bedürfen der Verzeihung. Wenn Colonna ſchuldig war, ſo war der König von Frankreich mindeſtens ſein Mitſchuldiger. Es war einige Gefahr dabei, einen ſolchen Be⸗ weis aufrecht zu erhalten; Benedict XI. war auch nur acht Monate Papſt. Eines Tages erſchien eine verſchleierte Frau, welche ſich für eine Convertitin der h. Petronilla von Perouſe ausgab, als er gerade bei Tiſche ſaß, und überreichte ihm ein Körbchen mit Feigen. War eine Natter darin verborgen, wie in dem der Cleopatra? Thatſache iſt, daß der heilige Stuhl andern Tages vacant wurde. Damals hatte Philipp der Schöne eine ſeltſame Idee, ſo groß, daß ſie ihm anfangs wie eine Hallu⸗ eination erſcheinen mußte. 10 Es war dies die Idee, das Papſtthum von Rom nach Frankreich zu ziehen, es an Ketten zu legen, und es Münzen zu ſeinem Nutzen ſchlagen zu laſſen. Die Regierung Philipp des Schönen war die Zeit der Ankunft des Goldmeſſias. Das Gold war der einzige und alleinige Gott dieſes Königs, der einen Papſt beohrfeigt. Der h. Ludwig hatte einen Prieſter zum Miniſter, den würdigen Abt Suger; Philipp der Schöne hatte zwei Banquiers zu Mini⸗ ſtern, die beiden Florentiner Biscio und Musciäto. Du erwarteſt wohl, lieber Leſer, wir werden in den philoſophiſchen Gemeinplatz der Verwünſchung des Goldes verfallen? Du täuſcheſt Dich! Im 13. Jahrhundert iſt das Gold ein Fortſchritt. Bis dahin kannte man nur die Erde. Das Gold war die gemünzte Erde, die beweg⸗ liche, tauſchbare, transportable, theilbare, verfeinerte, ſo zu ſagen vergeiſtigte Erde. Solange die Erde nicht ihre Repräſentation im Golde hatte, hatte der Menſch wie der Gott Ter⸗ minus, dieſer Grenzſtein der Felder, die Füße in der Erde ſtecken. Ehedem nahm die Erde den Menſchen mit ſich fort; jetzt nimmt der Menſch die Erde mit ſich fort. Aber das Gold, mußte man von dem Orte heben, wo es lag; und wo es lag, war es ganz anders vergraben, als in den Minen von Chili oder Mexico. Das Gold war bei den Juden und in den Kirchen. Um es aus dieſer doppelten Mine zu heben, brauchte es mehr, als einen König, es brauchte einen Payſt. * 1¹ Deßhalb beſchloß Philipp der Schöne, dieſer große Schatzgräber, eines Papſtes Gunſt gewinnen zu wollen. Benedict XI. war todt, das Conclave in Perugia; die franzöſiſchen Cardinäle bildeten die Majorität im Conclave. Philipp der Schöne warf ſein Auge auf den Erz⸗ biſchof von Bordeaux, Bertrand de Got. Er kam mit ihm in einem Walde bei Saint Jean d'Angely zuſammen. Bertrand de Got hütete ſich bei der Zuſammen⸗ kunft zu fehlen. Sie hörten dort die Meſſe und als das Sanctiſſi⸗ mum erhoben wurde, ſchwuren ſie ſich bei dem Gott, den man verherrlichte, abſolute Verſchwiegenheit. Bertrand de Got wußte noch nicht, um was es ſich handelte. Als die Meſſe zu Ende war, ſagte Philipp der Schöne zu ihm: „Erzbiſchof, es liegt in meiner Macht, Dich zum Papſte zu machen.“ Bertrand de Got achtete anfangs nicht darauf, und warf ſich dem König zu Füßen. „Was muß ich thun, um das zu erreichen?“ fragte er. „Mir ſechs Gunſtbezeugungen erweiſen, die ich von Dir verlangen werde,“ antwortete Philipp der Schöne. „Es iſt an Dir zu befehlen, und an mir zu ge⸗ horchen,“ ſagte der künftige Papſt. Der Schwur der Dienſtbarkeit war geleiſtet. Der König erhob ſich, küßte ihn auf den Mund und ſagte: 12 „Die ſechs Gunſtbezeugungen, die ich von Dir verlange, ſind folgende: „Die erſte, daß Du mich vollkommen mit der Kirche ausſöhnſt und daß Du mir die Miſſethat ver⸗ geben läſſeſt, die ich an Bonifaz VIII. begangen; „Die zweite, daß Du mir und den Meinigen das Nachtmahl wieder gebeſt, das der Hof von Rom mir entzogen; „Die dritte, daß Du mir die Zehnten der Geiſt⸗ lichkeit in meinem Königreich auf fünf Jahre zuer⸗ kennſt, um die im flandriſchen Kriege gehabten Un⸗ koſten zu decken; „Die vierte, daß Du das Andenken an Papſt Bonifacius VIII. vernichteſt und annullireſt; „Die fünfte, daß Du den Meſſires Jacopo und Pietro de Colonna die Cardinalswürde verleiheſt; „Von der ſechſten Gunſtbezeugung und Verſpre⸗ chung behalte ich mir vor, zur geeigneten Zeit am geeigneten Orte mit Dir zu ſprechen.“ Bertrand de Got beſchwor die bekannten Ver⸗ ſprechungen und Gunſtbezeugungen und die unbe⸗ kannte Verſprechung und Gunſtbezeugung. Dieſe letztere, welche der König nicht hinter den andern nennen wollte, war die Aufhebung des Templer⸗ Ordens. Außer dem Verſprechen und dem Schwur auf das Corpus Pomini gab Bertrand de Got ſeinen Bruder und zwei ſeiner Neffen als Geißel. Der König ſchwur ſeinerſeits, daß er ihn zum Papſt erwählen laſſen werde. Dieſe Scene, welche an dem Kreuzweg eines Waldes in der Dunkelheit vor ſich ging, glich weit — ſt d r⸗ e⸗ ſe rn er⸗ uf m es eit 13 mehr einer Beſchwörung zwiſchen einem Zauberer und dem Teufel, als einem Vertrag, den ein König mit einem Papſt abſchließt. Die Krönung des Königs, welche einige Zeit ſpäter in Lyon ſtattfand und mit der die Gefangen⸗ ſ der Kirche begann, ſchien Gott wenig zu ge⸗ allen. Im Augenblicke, als der königliche Zug vorüber⸗ kam, ſtürzte eine mit Zuſchauern beſetzte Mauer zu⸗ ſammen, verwundete den König und tödtete den Herzog von Bretagne. Der Papſt wurde umgeworfen, die Tiara rollte in den Koth. Bertrand de Got wurde unter dem Namen Cle⸗ mens V. zum Papſte erwählt. Clemens V. leiſtete Alles, was Bertrand de Got verſprochen hatte. Philipp wurde für unſchuldig erklärt, das Nacht⸗ mahl ihm und den Seinen wieder gegeben, der Purpur floß von den Schultern der Colonna, die Kirche wurde verpflichtet, die flandriſchen Kriege und den Kreuzzug Philipps von Valois gegen das grie⸗ chiſche Kaiſerreich zu bezahlen. Das Gedächtniß Papſt Bonifacius VIII. wurde, wenn auch nicht vernichtet und annullirt, ſo doch beſchimpft; die Mauern des Tempels wurden niedergeriſſen und die Templer auf dem Wallgange des Pont⸗Neuf verbrannt. Alle dieſe Edicte— man hieß ſie von dem Augen⸗ blick an, da ſie die weltliche Macht dictirte, nicht mehr Bullen— alle dieſe Edicte waren von Avignon datirt. Philipp der Schöne wurde der reichſte König 14 der franzöſiſchen Monarchie; er beſaß einen uner⸗ ſchöpflichen Schatz: es war dies ſein Papſt. Er hatte ihn gekauft, er bediente ſich ſeiner, er legte ihn unter die Preſſe, und wie aus einer Preſſe Moſt und Wein fließen, ſo floß aus dieſem zerdrückten Papſt Gold. Das Pontificat, das in der Perſon Bonifacius VIII. beohrfeigt worden war, abdicirte von ſeiner weltlichen Herrſchaft in der Perſon Clemens V. Wir haben erzählt, wie der blutige König und der goldene Papſt erſtanden. Man weiß, wie ſie von hinnen gingen. Jacob von Molay hatte Beiden von ſeinem Scheiterhaufen herab ein Jahr beſtimmt, in dem ſie vor Gott erſcheinen ſollten.„Der ſterbende Greis hat die Gabe einer Sybille,“ ſagt Ariſtophanes. Clemens V. ſchied zuerſt von der Erde: er hatte im Traume ſeinen Palaſt brennen ſehen. „Von dieſem Augenblicke an,“ ſagt Baluze, „wurde er traurig und genas nicht mehr.“ Sieben Monate ſpäter kam die Reihe an Philipp; die einen laſſen ihn auf der Jagd ſterben, von einem Wildſchwein umgeworfen. Dante gehört zu dieſen. „Der,“ ſagt er,„den man an der Seine hatte Mün⸗ zen fälſchen ſehen, ſtarb von dem Stoß eines Wild⸗ ſchweinzahns.“ Aber Guillaume de Nangis läßt den königlichen Falſchmünzer eines weit mehr auf das Walten der Vorſehung deutenden Todes ſterben. „Abgezehrt durch eine den Aerzten unbekannte Krankheit ſtarb Philipp,“ ſagt er,„zum großen. Er⸗ ſtaunen aller Welt, ohne daß ſein Puls oder ſein Urin die Urſache der Krankheit oder die drohende Gefahr verrathen hätten.“ 15 „Der ausſchweifende König, der tumultuariſche König Ludwig X.“ ſagt Hutin,„folgte ſeinem Vater Philipp dem Schönen, Johann XXII. Clemens V.“ Avignon wurde damals in der That ein zweites Rom. Johann MII. und Clemens VI. machten es zur Königin des Luxus. Die Sitten der Zeit mach⸗ ten daraus die Königin der Verſchwendung und Ueppigkeit. An der Stelle ſeiner Thürme, welche Romain de St. Ange niedergeriſſen, umgab Hernan⸗ dez de Heredi, der Großmeiſter des Johanniterordens von Jeruſalem, ſeine Hüfte mit einem Mauergürtel. Die Stadt beſaß ausſchweifende Mönche, welche die heiligen Umfriedungen der Klöſter zu Orten der Lüderlichkeit und Ueppigkeit machten; ſie beſaß ſchöne Courtiſanen, welche die Diamanten aus der Tiara brachen, um ſich Arm⸗ und Halsbänder daraus zu machen; endlich hatte ſie die Echos von Vaucluſe, die ihr die ſüßen und melodiöſen Lieder Petrarcas ſangen. Dies dauerte, bis König Karl V., ein kluger und religiöſer Fürſt, welcher dem Scandal ein Ende zu machen beſchloſſen, den Marſchall von Boucicaut ſchickte, um den Gegenpapſt Benedict XIII. aus Avignon zu vertreiben; bei dem Anblick der Soldaten des Königs von Frankreich erinnerte ſich dieſer je⸗ doch, daß er, ehe er Papſt unter dem Namen Bene⸗ dict XIII. geworden, Capitän unter dem Namen Peter de Luna geweſen. Fünf Monate vertheidigte er ſich, ſelbſt auf den Mauern ſeines Schloſſes die Kriegsmaſchinen richtend, welche weit mördähſcher waren, als ſeine päpſtlichen Blitze. Endlich zu fliehen gezwungen, entkam er durch ein Schlupfthor aus 16 der Stadt, nachdem er hundert Häuſer zerſtört, und viertauſend Avignoneſer getödtet und flüchtete nach Spanien, wo der König von Arragonien ihm ein Aſyl bot. Dort ſegnete er jeden Morgen von einem Thurme herab, in Gegenwart zweier Prieſter, aus denen er ſein heiliges Collegium gebildet, die Welt, der es darum nicht beſſer ging, und excommunicirte ſeine Feinde, denen es darum nicht ſchlimmer ging. Als er ſich endlich dem Tode nahe fühlte und fürchtete, das Schisma möchte mit ihm aufhören, ſo ernannte er ſeine beiden Vicare zu Cardinälen, unter der Bedingung, daß, wenn er geſtorben, der eine den andern zum Papſt erwähle. Die Wahl ging vor ſich. Der neue Papſt ſetzte einen Augenblick, von dem zweiten Cardinal unterſtützt, der ihn gewählt, das Schisma fort. Endlich traten beide in Unterhandlung mit Rom, thaten öffentliche Abbitte und kehrten in den Schooß der heiligen Kirche zurück, der eine mit dem Titel eines Erzbiſchofs von Sevilla, der andere mit dem eines Erzbiſchofs von Toledo. Von dieſem Augenblick bis zum Jahre 1790 wurde Avignon, das ſeine Päpſte verloren hatte, von Legaten und Vice⸗Legaten regiert; es hatte ſieben päpſtliche Herrſcher, die während ſiebenmal zehn Jahren in ſeinen Mauern reſidirt; es hatte ſieben Spitäler, ſieben büßende Brüderſchaften, ſieben Män⸗ nerklöſter, ſieben Frauenklöſter, ſieben Parochieen und ſieben Kirchhöfe. Man begreift, daß jene beiden büßenden Brüder⸗ ſchafteß, von denen die eine die Ketzerei, die andere die Orthodoxie, die eine die franzöſiſche Partei, die andere die römiſche Partei, die eine die abſolut S SS SS Sc 17 Monarchiſchgeſinnten, die andere den conſtitutionellen Fortſchritt repräſentirte, nicht die Elemente des Frie⸗ dens und der Sicherheit für die alte päpſtliche Stadt waren; man begreift, ſagen wir, daß in dem Augen⸗ blicke, wo in Paris die Revolution losbrach und dieſe Revolution ſich durch die Einnahme der Baſtille manifeſtirte, die beiden Parteien, welche noch von den Religionskriegen unter Ludwig XIV. glühten, nicht unthätig gegenüber von einander blieben. Für die, welche Avignon kennen, gab es zu jener Zeit und gibt es noch zwei Städte in der Stadt: die Stadt der Geiſtlichen, das heißt die römiſche Stadt, und die Stadt der Handeltreibenden, das heißt die franzöſiſche Stadt. Die Stadt der Prieſter mit ihrem päpſtlichen Palaſte, ihren hundert Kirchen, ihren zahlloſen Glo⸗ cken, welche ſtets bereit ſind, die Brandrufe und das Todtengeläute des Mords ertönen zu laſſen. Die Stadt der Handeltreibenden mit ihrer Rhone, ihren Seidenfabrikarbeitern und ihrem Tranſit, der von Nord nach Süd, von Weſt nach Oſt, von Lyon nach Marſeille, von Nimes nach Turin geht. Die franzöſiſche Stadt war die verfluchte Stadt, eiferſüchtig darauf, einen König zu haben, neidiſch auf neue Freiheiten: ſie zitterte bei dem Gedanken, ein ſclaviſches Gebiet, ein Prieſtergebiet zu ſein, das die Geiſtlichkeit zu Herten hätte. Die Geiſtlichkeit, nicht die Geiſtlichkeit, wie es welche zu allen Zeiten in der römiſchen Kirche gab und wie wir ſie heute kennen: fromm, tolerant, ſtreng an der Pflicht und der chriſtlichen Liebe feſchaltend, nur in der Welt lebend, um ſie zu Wſthn und zu 2 Dumas, Jehu. l. 3 18 3 erbauen, ohne ſich in ihre Freuden oder ihre Leiden⸗ ſchaften zu miſchen; ſondern die Geiſtlichkeit, wie ſie durch die Intrig geworden, das heißt, jene Hofabbés, die Rivalen der römiſchen Abbés, müßige Libertins, kecke Flegants, Könige der Mode, Autokraten des Salons, welche die Hand der Damen küßten, deren Cicisbeos zu ſein ſie ſich die Ehre gaben und ihre Hände den Frauen aus dem Volke reichten, denen ſie die Ehre erwieſen, ſie zu Maitreſſen zu nehmen. Will der Leſer einen Typus jener Abbés haben, ſo nehme er den Abbé Maury. Stolz wie ein Her⸗ zog, anmaßend wie ein Lakai, Sohn eines Schuſters und ariſtokratiſcher, als der Sohn eines großen Herrn. Wir nannten Avignon eine Prieſterſtadt, fügen wir noch hinzu, eine Stadt des Haſſes. Nirgend lernt man mehr als in den Klöſtern haſſen. Das Herz des Kindes, das überall ſonſt rein von böſen Leidenſchaften iſt, ward hier voll Haß geboren, der ſich ſeit achthundert Jahren vom Vater auf den Sohn vererbt, und nach einem Leben voll Haß vermachte der Vater die ganze diaboliſche Erbſchaft wieder ſei⸗ nen Kindern. — 3 Beim erſten Schrei der Freiheit, welchen Frank⸗ reich ausſtieß, erhob ſich die franzöſiſche Stadt voll Freude und Hoffnung; der Augenblick war endlich für ſie gekommen, laut die von einer jungen minorennen Königin, die ihre Sünden abkaufen wollte, geſchehene Auslieferung einer Stadt, einer Provinz und mit ihr einer halben Million Seelen ſtreitig zu machen. Mit welchem Rechte waren dieſe Seelen in aeternum ue, den Ehrgeiz und die Begierde — 72 19 an den härteſten und habgierigſten Herrn, den rö⸗ miſchen Stuhl, verkauft worden? Frankreich verſammelte ſich auf dem Marsfelde in brüderlicher Umarmung der Föderation. War es nicht Frankreich? Man ernannte Abgeſandte, dieſe begaben ſich zum Legaten und baten ihn ehrerbietig zu gehen. Man gönnte ihm vierundzwanzig Stunden, um die Stadt zu verlaſſen. Während der Nacht machten ſich die Papiſten den Spaß, einen Gliedermann mit der dreifarbigen Co⸗ carde an den Galgen zu hängen. Man leitet die Rhone, man canalifirt die Durance, man baut den wilden Sturzbächen, die beim Schnee⸗ gang ſich in flüſſigen Lawinen von den Höhen des Vertoux herabſtürzen, Dämme. Aber dieſe furchtbare Strömung, dieſen lebendigen Strom, dieſen menſch⸗ lichen Sturzbach, der den jähen Abhang der Straßen von Avignon hinabbrauſt, hat, nachdem er einmal losgelaſſen war und dahin ſtürzte, ſelbſt Gott nicht verſucht, zu hemmen. Beim Anblick des Gliedermanns mit den National⸗ farben, der am Ende eines Strickes baumelte, erhob ſich die franzöſiſche Stadt wie ein Mann und ſtieß ein lautes Wuthgeſchrei aus. Vier dieſes Vergehens verdächtige Papiſten, zwei Marquis, ein Bürger und ein Arbeiter wurden aus ihren Häuſern herausge⸗ riſſen und an die Stelle des Gliedermanns gehängt. Es war am 11. Juni 1790. Die ganze franzöſiſche Stadt ſchrieb an die Na⸗ tionalverſammlung, daß ſie ſich Frankreich unterwerfe: und mit ihr die Rhone, ihr Handel, der Süden, die Hälfte der Provence. Die Nationalverſammlung hatte einen ihrer reac⸗ tionären Tage, ſie wollte ſich nicht mit dem Papſte brouilliren, ſie ſchonte den König; ſie vertagte die Sache. Von dieſem Augenblick war die Bewegung von Avignon eine Empörung und der Papſt konnte aus Avignon machen, was der Hof nach der Ein⸗ nahme der Baſtille aus Paris gemacht, wenn die Nationalverſammlung die Proclamation der Menſchen⸗ rechte vertagt hätte. Der Papſt befahl alles zu annulliren, was in der Grafſchaft Venaiſſin geſchehen war, die Privile⸗ gien des Adels und der Geiſtlichkeit wieder herzu⸗ ſtellen, und die Inquiſition in ihrer ganzen Strenge wieder einzuführen. Die päpſtlichen Decrete wurden angeſchlagen. Ein einziger Mann wagte es, am hellen Tage, im Angeſichte Aller, gerade auf die Mauer zuzu⸗ gehen, wo das Decret angeklebt war und es abzu⸗ reißen. Er hieß Lescuyer. Er war kein junger Mann; ihn riß nicht das Ungeſtüm der Jugend hin. Nein, es war beinahe ein Greis, der nicht mal aus dieſem Lande, ſondern ein Franzoſe, Picarde, war, ein feuriger und doch zugleich bedächtiger Charakter; ein ehemaliger Notar, der ſich vor langer Zeit in Avignon niedergelaſſen. Es war ein Verbrechen, welches das römiſche Avignon nicht vergaß. Ein Verbrechen ſo groß, daß die h. Jungfrau darüber weinte. „— 2¹ Ihr wißt, Avignon iſt bereits Italien. Es braucht um jeden Preis Wunder und wenn Gott keine thut, ſo findet ſich ſicher Jemand, der welche erſinnt. Und dann muß das Wunder ein Wunder der heiligen Jungfrau ſein. Die heilige Jungfrau iſt alles für Italien, dieſes poetiſche Land. La Madonna! Der ganze Geiſt, das ganze Herz, die ganze Sprache der Italiener iſt voll von dieſen zwei Worten. In der Egliſe des Cordeliers geſchah dies Wunder. Die Maſſe ſtrömte hinzu. Es war viel, daß die Jungfrau weinte, aber es verbreitete ſich zu gleicher Zeit ein Gerücht, das die Maſſe in Aufregung verſetzte: eine große Kiſte war durch die Stadt geführt worden: dieſe Kiſte hatte die Neugierde der Bewohner von Avignon rege gemacht. Was konnte ſie enthalten? Zwei Stunden ſpäter war es nicht mehr eine Kiſte, von der man ſprach: ſondern achtzehn Kiſten, die man nach der Rhone hatte bringen ſehen. Was für Effecten ſie enthielten, hatte ein Laſt⸗ träger verrathen: es waren die Effecten des Leih⸗ hauſes, welche die franzöſiſche Partei mit ſich nahm, indem ſie ſich von Avignon verbannte. Die Effecten des Leihhauſes, das heißt die ab⸗ gelegten. Kleider der Armen. Je ärmer eine Stadt iſt, deſto reicher iſt das Leihhaus. Wenige Leihhäuſer konnten ſich rühmen, ſo reich zu ſein, als das von Avignon. Es war nicht mehr eine Anſichtsſache, ſondern ein Diebſtahl und zwar ein infamer Diebſtahl. Weiße und Rothe liefen nach der Egliſe des Cordeliers und 22 ſchrieen, die Munici ablegen. Lescuyer war der Secretär der Municipalität. Sein Name wurde unter die Menge geworfen, nicht als der, welcher die beiden päpſtlichen Decrete abgeriſſen,— dann hätte er augenblicklich Verthei⸗ diger gehabt— ſondern als der, welcher den Be⸗ fehl an den Beamten des Leihhauſes unterzeichnet, daß man die Effecten abgebe. Man ſchickte vier Männer fort, welche Lescuyer ergreifen und nach der Kirche bringen ſollten. Man fand ihn auf der Straße, auf dem Wege nach dem Rathhauſe; die vier Männer warfen ſich auf ihn und ſchleppten ihn unter wildem Geſchrei nach der Kirche. Dort angekommen, ſah Lescuyer an den flam⸗ menden Blicken, die auf ihn geheftet waren, an den ausgeſtreckten Fäuſten, die ihm drohten, an dem Ge⸗ ſchrei, das ſeinen Tod forderte, daß er in einem der Höllenkreiſe ſei, welche Dante vergeſſen. Der einzige Gedanke, der ihm kam, war, daß der gegen ihn ſich empörende Haß durch die Ver⸗ ſtümmelung der päpſtlichen Anſchläge veranlaßt ſei; er beſtieg die Kanzel und wollte ſich eine Tribüne daraus machen. Mit der Stimme eines Mannes, der ſich nicht nur nichts vorzuwerfen hat, ſondern bereit iſt, von Neuem zu beginnen, ſagte er: „Meine Brüder, ich hielt die Revolution für noth⸗ palität müſſe ihnen Rechenſchaft wendig; demzufolge handelte ich mit all' meiner Macht... Die Fanatiker begriffen, daß, wenn Lescuyer ſich erklärte, er gerettet war. 23 Das wars nicht, was ſie brauchten. Sie warfen ſich auf ihn, rißen ihn von der Tribüne, ſtießen ihn unter die brüllende Menge, welche ihn nach dem Altar ſchleppte, indem ſie jenes furchtbare Geſchrei ausſtieß, welches die Mitte hält zwiſchen dem Pfei⸗ fen der Schlange und dem Gebrüll des Tigers, jenes mörderiſche Zu! Zu!, das dem Avignoneſer Volke eigenthümlich iſt. Lescuyer kannte dieſen unheilvollen Schrei; er ſuchte ſich an den Fuß des Altars zu retten. Er flüchtete ſich nicht dahin, er ſtürzte vielmehr daran nieder. Ein Polſtermacher, der mit einem Stocke bewaff⸗ net war, hatte ihm eben einen ſo heftigen Schlag damit auf den Kopf verſetzt, daß der Stock in zwei Stücke zerbrochen war. Man ſtürzte ſich nun auf den armen Leichnam, und mit jener Miſchung von Wildheit und Luſtigkeit, welche den Völkern des Südens eigenthümlich iſt, begannen die Männer ſingend ihm auf dem Bauch herumzutanzen, während die Frauen, zur Sühne der Blasphemien, die er gegen den Papſt ausgeſtoßen, ihm mit ihren Scheeren die Lippen abſchnitten oder beſſer geſagt, feſtonnirten. Und aus dieſer Maſſe der Wüthenden drang ein Geſchrei oder vielmehr ein Röcheln hervor; dieſes Röcheln ſagte: „Im Namen des Himmels! im Namen der Jung⸗ frau! im Namen der Menſchlichkeit! macht doch ein Ende mit mir!“ Dieſes Röcheln wurde gehört: wie auf einen Wink entfernten ſich die Mörder. Man ließ den „. 24 Unglücklichen blutend, entſtellt, zerſtoßen ſeinen Todes⸗ kampf langſam auskoſten. Er dauerte fünf Stunden, während welcher die⸗ ſer arme Leichnam unter dem Gelächter, den Be⸗ ſchimpfungen und Verſpottungen der Menge auf den Stufen des Altars zuckte. So mordet man in Avignon. Aber man höre, es gibt noch eine andere Art. Ein Mann von der franzöſiſchen Partei hatte die Idee, auf das Leihhaus zu gehen und ſich zu erkun⸗ digen, wie es dort ſtand.. Alles war in beſter Ordnung: es war kein ſil⸗ bernes Beſteck von dort weggekommen. Alſo nicht als Mitſchuldigen an einem Diebſtahl, ſondern als Patrioten hatte man Lescuyer ſo grau⸗ ſam hingemetzelt. Er war zu jener Zeit ein Mann in Avignon, der mit dem Volke nach Belieben ſchaltete und waltete. All dieſe furchtbaren Rädelsführer des Südens haben eine ſo traurige Berühmtheit erlangt, daß es genügt, ſie nur zu nennen, und ſelbſt der Unbele⸗ ſenſte wird ſie kennen. Dieſer Mann hieß Jourdan. Ein Großſprecher und Lügner, hatte er die Leute vom untern Volke glauben gemacht, daß er es ſei, der dem Commandanten der Baſtille den Hals abge⸗ ſchnitten. Man nannte ihn deßhalb auch Jourdan Coupe⸗ tẽte. Dies war nicht ſein Name: er hieß eigentlich Matthieu Jouve. Er war kein Provencale, ſondern aus Puy⸗en ⸗Velay. Er war anfangs Maulthier⸗ —7— 5 ₰——,— 25 treiber auf den rauhen Höhen um ſeine Geburtsſtadt geweſen, dann Soldat ohne Krieg— der Krieg hätte ihn vielleicht menſchlicher gemacht;— zuletzt Schenk⸗ wirth in Paris. In Avignon war er Krapphändler. Er ſammelte dreihundert Männer, bemächtigte ſich der Thore der Stadt, ließ dort die Hälfte ſeiner Truppe, und mit dem Reſt marſchirte er nach der Egliſe des Cordelieres, während zwei Kanonen voran⸗ fuhren. Er ſtellte dieſe vor der Kirche auf und ſchoß ins Blaue hinein. Die Mörder zerſtreuten ſich wie ein Flug aufge⸗ ſcheuchter Vögel, indem ſie einige Todte auf den Stufen der Kirche zurückließen. Jourdan und ſeine Leute ſchritten über die Lei⸗ chen weg und betraten den heiligen Ort. x Hier war nur die heilige Jungfrau und der unglückliche Lescuyer zurückgeblieben, welcher noch athmete. 5 Jourdan und ſeine Kameraden hüteten ſich wohl, Lescuyer den Garaus zu machen; ſein Todeskampf war ein ausgezeichnetes Mittel zur Aufwiegelung. Sie nahmen dieſen Reſt von Leben, dieſe drei Vier⸗ tel Leichnam und trugen ihn blutend, keuchend und röchelnd hinaus. Jedermann floh bei dieſem Anblick und ſchloß Thüren und Fenſter. Nach Verfluß einer Stunde waren Jourdan und ſeine drei Hundert Herren der Stadt. Lescuyer war todt, aber das hatte wenig zu ſagen: man brauchte ſeinen Todeskampf nicht mehr. 26 Jourdan benützte den Schrecken, den er der Stadt eingejagt, und verhaftete oder ließ vielmehr achtzig Perſonen ungefähr verhaften, die Mörder oder we⸗ nigſtens die angeblichen Mörder Lescuyers. Dreißig vielleicht hatten nicht mal den Fuß in die Kirche geſetzt; findet man jedoch eine gute Gele⸗ genheit, ſich ſeiner Feinde zu entledigen, ſo muß man ſie benützen, denn die guten Gelegenheiten ſind ſelten. Dieſe achtzig Perſonen wurden in dem Trouillas⸗ thurm aufgeſchichtet. 3 Man hat ihn geſchichtlich„Tour de la Glacière“ genannt. Weßhalb den Namen Trouillasthurm ändern? Der Name iſt ſchmutzig und paßt vortrefflich für die ſchmutzige Handlung, die dort begangen worden. Er war der Schauplatz der ingquiſitionellen Tortur. Heute noch ſieht man dort an den Wänden den fetten Ruß, der mit dem Rauch von dem Holzſtoße aufſtieg, auf welchem die menſchlichen Leiber ver⸗ brannt wurden: heute noch zeigt man Dir das ſorg⸗ fältig aufbewahrte Handwerkszeug der Folter: den Keſſel, den Ofen, den ſpaniſchen Bock, die Ketten, die Fallthüren, und es fehlt nichts, bis herab zu den alten Gebeinen. In dieſem von Clemens V. gebauten Thurme ſchloß man die achtzig Gefangenen ein. Nachdem man dieſe Achtzig zu Gefangenen ge⸗ macht und eingeſchloſſen, war man in großer Verle⸗ genheit: was mit ihnen anfangen. Durch wen ſie aburtheilen laſſen? zi ₰ 27 Es gab kein legal zuſammengeſetztes Tribunal, als die Tribunale des Papſtes. Die Unglücklichen umbringen laſſen, wie ſie Les⸗ cuyer umgebracht? Wir ſagten bereits, daß ein Drittheil, vielleicht ſogar die Hälfte nicht nur keinen Theil an dem Meuchelmord genommen, ſondern nicht mal den Fuß in die Kirche geſetzt. Sie hinrichten laſſen? Das Gemetzel würde als Repreſſalie gelten. Aber um dieſe achtzig Perſonen hinzurichten, brauchte man eine gewiſſe Anzahl von Henkern. Eine Art von Tribunal, das Jourdan improviſirt, hielt ſeine Sitzungen in einem der Säle des Palaſtes: es hatte einen Greffier mit Namen Raphel, einen Präſidenten, der halb Italiener, halb Franzoſe war, einen Redner im Volkspatois, mit Namen Barbe⸗ Savournin de la Roua; dang drei oder vier arme Teufel, einen Bäcker, einen Speckhändler, die Namen verlieren ſich bei der untergeordneten Stellung. Das waren die Menſchen, welche riefen: „Man muß ſie alle umbringen; wenn ein Ein⸗ ziger entkäme, würde er als Zeuge dienen.“ Aber wie wir ſagten, die Henker fehlten. Man hatte kaum zwanzig Menſchen im Hofe zur Verfügung, ſie gehörten alle den untern Volksklaſſen von Avignon an: ein Perückenmacher, ein Damen⸗ Schuhmacher, ein Seifenſieder, ein Maurer, ein Tiſch⸗ ler; alle kaum, wie es eben der Zufall fügte, be⸗ waffnet. Der Eine mit einem Säbel, der Andere mit einem Bayonnet, Dieſer mit einer Eiſenſtange, Jener mit einem am Feuer gehärteten Stück Holz. 28* Alle dieſe Menſchen waren von einem feinen Octoberregen durchfröſtelt. Es war ſchwer, aus dieſen Leuten Mörder zu machen. Wohl! aber dem Teufel iſt nichts ſchwer. Es gibt in ſolchen Zeiten eine Stunde, wo es iſt, als wenn Gott das Vaterland verließe. Dann kommt der Teufel an die Reihe. Der Teufel trat in Perſon in dieſen kalten und ſchmutzigen Hof. Er hatte die Geſtalt und das Aeußere eines einheimiſchen Apothekers Namens Mendes an⸗ genommen; er ſtellte einen von zwei Laternen beleuch⸗ teten Tiſch auf; dieſen bedeckte er mit Gläſern, Kan⸗ nen, Krügen und Flaſchen. Welcher Art war das hölliſche Gebräu, das in dieſen geheimnißvollen Gefäßen mit den bizarren Formen verſchloſſen war? Man weiß es nicht, aber die Wirkung kennt man wohl. Alle, welche von der diaboliſchen Flüſſigkeit tran⸗ ken, fühlten ſich plötzlich von einer fieberhaften Wuth, von einem Mord⸗ und Blutdurſt ergriffen. Nun brauchte man ihnen nur noch die Thüre zu zeigen, ſie ſtürzten ſich von ſelbſt in das Ge⸗ fängniß. Die Metzelei dauerte die ganze Nacht; die ganze Nacht hindurch hörte man Schreien, Jammern und Todesröcheln durch die Dunkelheit dringen. Man metzelte und erwürgte Alles, Männer und Frauen: die Schlächter waren, wie wir ſagten, be⸗ rauſcht und ſchlecht bewaffnet. Aber es gelang ihnen doch. —— 29 Inmitten der Schlächter machte ſich ein Kind durch ſeinen unbändigen Blutdurſt bemerkbar. Es war der Sohn von Lescuyer. Er mordete und mordete in einem fort; er rühmte ſich, ganz allein, mit ſeiner kindlichen Hand, zehn Männer und vier Frauen gemordet zu haben. „O, ich kann morden, wie ich will,“ ſagte er, „ich bin noch nicht fünfzehn Jahre, man wird mir nichts anhaben.“ Wie man mordete, ſo warf man Todte und Ver⸗ wundete, Leichen und Lebendige in den Hof des Trouillas⸗Thurms; ſie fielen ſechzig Fuß hoch herun⸗ ter; die Männer wurden zuerſt hinabgeſchleudert, dann die Frauen. Die Mörder brauchten Zeit, um die Leichen derjenigen, welche jung und hübſch waren, zu ſchänden. Um neun Uhr Morgens, nach einer zwölfſtün⸗ digen Metzelei, rief eine Stimme aus der Tiefe die⸗ ſes Grabes: „Habt Gnade! macht ein Ende mit mir, ich kann nicht ſterben.“ Ein Mann, der Waffenſchmied Bouffier, beugte i über die Brüſtung hinab; die Andern wagten es nicht. „Wer ruft denn?“ fragten ſie. „Es iſt Lami,“ antwortete Bouffier. Und als er wieder unter die Uebrigen getreten war, fragten ſie: „Nun, was haſt Du da drunten geſehen?“ „Eine drollige Marmelade,“ ſagte er,„alles durcheinander, Männer und Frauen, Prieſter und hübſche Mädchen,'s iſt um vor Lachen zu berſten.“ „Der Menſch iſt wahrhaftig eine garſtige Raupe,“ ſagte der Graf von Monte⸗Chriſto zu Herrn von Villefort!.. Nun, in dieſe von den jüngſten Metzeleien noch blutende, noch heiße, noch aufgeregte Stadt wollen wir die beiden Hauptperſonen unſerer Geſchichte ein⸗ führen. 8 Erſte Abtheilung. I. Die Table d'Höte. Am 9. October des Jahres 1799, an einem ſchönen Tage jenes ſüdlichen Herbſtes, der an beiden Enden der Provence die Hrangen von Hyores und die Trauben von Saint-Peray reifen läßt, fuhr eine mit drei Poſtpferden beſpannte Caleſche geſtreckten Trabes über die Brücke der Durance zwiſchen Ca⸗ vailhon und Chateau Renard, auf dem Wege nach Avignon, der alten päpſtlichen Stadt, welche ein Decret vom 25. Mai 1791, acht Jahre vorher, mit Frankreich vereinigt hatte, eine Vereinigung, die durch den im Jahre 1797 zu Tolentino zwiſchen dem General Bonaparte und dem Papſt Pius VI. abge⸗ ſchloſſenen Tractat beſtätigt wurde. Der Wagen fuhr durch das Airthor und durch⸗ ſchnitt die Stadt mit den ſchmalen und winkligen Straßen, welche zugleich gegen den Wind und gegen die Sonne gebaut iſt, ohne den geringſten Aufent⸗ — . 32 halt in ihrer ganzen Länge, bis ſie endlich fünfzig Schritte von dem Oullethor am Hotel du Palais⸗ Egalité hielt, das man nach und nach wieder das Hotel du Palais⸗Royal zu nennen begann, ein Name, den es ehedem geführt und den es noch heute führt. Dieſe wenigen ſcheinbar unbedeutenden Worte bezüglich des Namens dieſes Hotels, vor welchem die Poſtchaiſe hielt, auf die wir unſere Augen gerichtet haben, deutet ziemlich klar den Zuſtand an, in wel⸗ chem ſich Frankreich unter der Regierung der Ther⸗ midor⸗Reaction befand, welche man das Direckorium nannte. Nach dem revolutionären Kampfe, welcher vom 14. Juli 1789 bis zum 9. Thermidor 1794 ge⸗ dauert; nach den Tagen des 5. und 6. October, des 21. Juni, des 10. Auguſt, des 2. und 3. September, des 21. Juni, des 31. Mai und des 5. April; nach⸗ dem man das Haupt des Königs und ſeiner Richter, der Königin und ihres Anklägers, der Girondiſten und Cordeliers, der Moderirten und Jakobiner hatte fallen ſehen, empfand Frankreich den furchtbarſten und ekelhafteſten Ueberdruß, den es gibt, den Ueber⸗ druß an Blut! Es war davon zurückgekommen und fühlte die Sehnſucht, wenn auch nicht nach dem Königthum, ſo doch den Wunſch nach einer ſtarken Regierung, in die es ſein Vertrauen ſetzen, auf die es ſich ſtützen könnte, die für das Land handelte und ihm erlaubte, auszuruhen, während es handelte. An der Stelle dieſes unbeſtimmten Wunſches hatte es nun das ſchwache und unentſchloſſene Direc⸗ torium, das im Augenblick aus dem üppigen Barras, — —en e— S— 33 dem intriguanten Sieyes, dem tapfern Monlin, dem unbedeutenden Roger Ducos und dem ehren⸗ werthen, aber etwas zu naiven Gohier beſtand. Daraus ergab ſich eine mäßige Würde nach außen und eine ſehr angreifbare Ruhe nach Innen. Allerdings begannen in dem Augenblick, bei dem wir angekommen ſind, unſere Armeen, die ſich wäh⸗ rend der epiſchen Feldzüge von 1796 und 1797 mit Ruhm bedeckt und nun durch die Unfähigkeit Scherers in Verona und Caſſano und durch die Niederlage und den Tod Jouberts in Novi einen Augenblick zurückgedrängt waren, wieder die Offenſive zu er⸗ greifen. Moreau ſchlug Suwaroff bei Baſſignano, Brune den Herzog von York und den General Her⸗ mann bei Bergen, Maſſena vernichtete die Auſtro⸗ Ruſſen bei Zürich, Korſakoff rettete ſich mit großer Mühe und der Oeſterreicher Hotze wurde mit drei anderen Generalen getödtet und fünf wurden zu Ge⸗ fangenen gemacht. Maſſena rettete Frankreich bei Zürich, wie es neunzig Jahre früher Villars bei Denain gerettet. Aber im Innern ſtanden die Sachen nicht ſo gut und die Directorial⸗Regierung war, muß man geſtehen, in großer Verlegenheit zwiſchen dem Krieg in der Vendée und den Räubereien im Süden, denen wie gewöhnlich die Avignoneſer Bevölkerung durch⸗ aus nicht fremd geblieben. Ohne Zweifel hatten die beiden Reiſenden, welche aus der am Hotel du Palais⸗Royal haltenden Poſt⸗ chaiſe ſtiegen, einigen Grund, die Stimmung zu fürchten, in der ſich die noch immer aufgeregte Be⸗ völkerung der päpſtlichen Stadt befand, denn kurz Dumas, Jehu. I. 3 nach Orgon, an dem Punkte, wo ſich dem Reiſenden drei Wege bieten, von denen der eine nach Nismes, der andere nach Carpentras, der dritte nach Avignon führt, hatte der Poſtillon ſeine Pferde angehalten und gefragt: „Gehen die Citoyens über Avignon oder Car⸗ pentras?“ 6 Welches iſt der kürzeſte Weg?“ fragte der ältere der beiden Reiſenden, der, obgleich ſichtbar einige Monate älter, kaum dreißig Jahre zählte, in kurzem und ſcharfem Tone. „O! die Route über Avignon iſt kürzer, um min⸗ deſtens anderthalb Meilen.“ „Dann wollen wir die Route über Avignon ein⸗ ſchlagen,“ hatte jener gantwortet. Und der Wagen fuhr wieder in einem Galopp, welcher andeutete, daß die auf der Reiſe begriffenen Citoyens, wie ſie der Poſtillon nannte, obgleich die Bezeichnung„Herr“ in der Converſation wieder zur Geltung kam, mindeſtens dreißig Sous Trinkgeld bezahlten. Derſelbe Wunſch, keine Zeit zu verlieren, machte ſich auch beim Eintritt in das Hotel geltend. Es war immer der ältere der beiden Reiſenden, welcher, hier wie auf dem Wege, das Wort führte. Er fragte, ob man raſch ſpeiſen könne, und die Art, wie dies Verlangen vorgebracht wurde, zeigte, daß er über vielerlei gaſtronomiſche Forderungen weg⸗ ſehen wolle, wenn nur das verlangte Eſſen raſch ſer⸗ virt würde. „Citoyens,“ antwortete der Wirth, der beim Ge⸗ räuſch des Wagens mit der Serviette in der Hand * —, F 35 den Reiſenden entgegengeeilt war,„Sie ſollen raſch und gut auf Ihrem Zimmer ſervirt werden; wenn ich mir jedoch erlauben dürfte, Ihnen einen Rath zu geben Er zögerte. „OD, geben Sie, geben Sie!“ ſagte der jüngere der Reiſenden, der zum erſten Mal das Wort nahm. „Nun, ſo meinte ich, Sie würden beſſer daran thun, einfach an der Table d'Höte zu ſpeiſen, wie es der Reiſende macht, den dieſer bereits vollſtändig ein⸗ geſpannte Wagen erwartet; das Diner dort iſt aus⸗ gezeichnet und bereits ſervirt.“ Der Wirth deutete zu gleicher Zeit auf einen außerordentlich comfortabel eingerichteten und wirk⸗ lich mit zwei Poſtpferden beſpannten Wagen: dieſe ſcharrten mit den Füßen, während der Poſtillon mit der größten Geduld auf dem Fenſtergeſims eine Flaſche Cahorswein leerte. Die erſte Bewegung Deſſen, an den dieſes An⸗ erbieten gerichtet wurde, war ablehnend; indeß nach wiederholter Ueberlegung machte der ältere der bei⸗ den Reiſenden, als wenn er auf ſeinen erſten Ent⸗ ſchluß zurückkäme, ein fragendes Zeichen gegen ſeinen Begleiter. antwortete mit einem Blicke, welcher ſagen wollte: „Sie wiſſen wohl, daß ich zu Ihrem Befehle bin.“ „Nun, es ſei,“ ſagte der, welcher beſtimmt ſchien, die Initiative zu ergreifen,„wir werden an der Table d'Höte ſpeiſen.“ Dann wandte er ſich nach dem Poſtillon um, der abgezogenen Hutes ſeine Befehle erwartete. 36 „In einer halben Stunde ſpäteſtens müſſen die Pferde am Wagen ſein.“ Der Wirth zeigte ihnen den Speiſeſaal und ſie traten ein, der ältere der Beiden ging voran, der Andere folgte. Man kennt den Eindruck, den gewöhnlich zwei neue Ankömmlinge an einer Table d'Höte hervor⸗ bringen. Aller Blicke waren nach ihnen gerichtet. Das Geſpräch, das ziemlich belebt ſchien, wurde un⸗ terbrochen. Die Tiſchgeſellſchaft beſtand aus einigen Stamm⸗ gäſten des Hotels, dem Reiſenden, deſſen Wagen eingeſpannt vor der Thüre hielt, einem Weinhändler von Bordeaux, der ſich aus Gründen, die wir ſpäter mittheilen werden, augenblicklich in Avignon aufhielt, von Marſeille nach Lyon gingen.— Die Neuankommenden begrüßten die Geſellſchaft mit einem leichten Nicken des Kopfes und ſetzten ſich an das Ende des Tiſches, indem ſie ſich auf dieſe Cvuverts von den andern Gäſten abſonderten. Dieſe Art von ariſtokratiſcher Zurückhaltung ver⸗ doppelte die Neugier, deren Gegenſtand ſie waren; überdies fühlte man, daß man es mit Perſonen von unbeſtreitbarer Diſtinction zu thun habe, obgleich ihre Kleidung von der größten Einfachheit war. Beide trugen Stulpſtiefeln mit kurzen Hoſen, einen Frack mit langen Schößen, einen Reiſeüberrock und einen Hut mit breiter Krempe— die Tracht beinahe aller jungen Leute zu jener Zeit; was ſie jedoch von den Elegants von Paris und ſelbſt der und einer Anzahl Reiſender, welche mit der Diligence Weiſe durch einen Zwiſchenraum von drei bis vier „ — — 37 Provinz unterſchied, das waren ihre langen und glatten Haare und ihre ſchwarze militäriſch um den Hals geſchlungene Cravatte. Die Muscadins,— ſo nannte man damals die jungen Modeherren,— die Muscadins trugen die an beiden Schläfen herabhängenden bauſchigen Hunds⸗ ohren, die Haare waren in den Nacken zurück ge⸗ ſtrichen und in der weiten Cravatte mit langen flie⸗ genden Zipfeln begrub ſich das Kinn. Einige trieben die Reaction bis aufs Aeußerſte. Das Porträt der beiden jungen Leute bot zwei vollkommen entgegengeſetzte Typen. Der Aeltere von beiden, der, wie mir bemerkten, mehrmals die Initiative ergriffen, und deſſen Stimme, ſelbſt in ihren vertraulichſten Tönen, die Gewohnheit des Befehlens bekundete, war, wie geſagt, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren mit ſchwarzen mitten auf der Stirne getheilten Haaren, welche glatt und lang an den Schläfen herab bis auf die Schultern fielen. Er hatte den ſonnverbrannten Teint des Mannes, der in den ſüdlichen Ländern gereiſt iſt, dünne Lippen, eine gerade Naſe, weiße Zähne und jene Falkenaugen, welche Dante dem Cäſar gibt. Seine Geſtalt war eher klein, als groß, ſeine Hand war zart, ſein Fuß fein und elegant; in ſeinem Benehmen lag eine gewiſſe Gene, welche darauf deutete, daß er in dieſem Augenblick eine Tracht trage, an die er nicht gewöhnt war, und wenn er ſprach, hätte ſein Mitunterredner, falls man an den Ufern der Loire und nicht an den Ufern det Rhone ſich befunden, bemerken können, daß er in einer Ausſprache einen gewiſſen italieniſchen Accent hatte. 38 Sein Begleiter ſchien drei bis vier Jahre jünger, als er. Es war ein ſchöner junger Mann mit roſigem Teint, blonden Haaren, hellblauen Augen, einer ſtar⸗ ken und geraden Naſe, und einem vortretenden, aber beinahe bartloſen Kinn. Er mochte zwei Zoll größer ſein, als ſein Begleiter, und obgleich von einem etwas über mittelgroßen Wuchſe, ſchien er doch ſo gut propor⸗ tionirt gebaut, ſo erſtaunlich ungezwungen und leicht in allen ſeinen Bewegungen, daß man vermuthete, er müſſe von einer ungewöhnlichen, wenn auch nicht Kraft, ſo doch Gelenkigkeit und Gewandtheit ſein. Obgleich er ganz ebenſo gekleidet war, und ſich auf vollkommen gleichem Fuße präſentirte, ſchien er doch für den braunen jungen Mann eine tiefe Ehr⸗ Alter hervorgerufen ſein konnte, ſo datirte ſie ohne Zweifel von der untergeordneteren geſellſchaftlichen Stellung. Außerdem nannte er ihn Citoyen, wäh⸗ rend ſein Begleiter ihn einfach Roland anredete. Dieſe Bemerkungen, welche wir machen, um dem Leſer einen tieferen Blick in unſere Erzählung zu gönnen, wurden wahrſcheinlich von den Gäſten der Table d'Höte nicht auch in ihrer ganzen Ausdehnung einige Secunden Aufmerkſamkeit geſchenkt, wandten ſich die Blicke wieder von ihnen ab und das Geſpräch, das einen Augenblick unterbrochen war, nahm wieder ſeinen Lauf. „ Reiſende äußerſt intereſſanten Gegenſtand drehte; erbietung zu hegen, und da dieſe nicht durch das gemacht, denn nachdem man den Neuankommenden, Man muß geſtehen, daß es ſich um einen für m r⸗ er 8 r⸗ ht 2 ht er ⸗ ne en m zu er 19 en „ — 39 welche eine der Regierung gehörende Summe von ſechzigtauſend Franken mit ſich führte. Der Angriff war am Tage vorher auf der Straße von Marſeille nach Avignon, zwiſchen Lambesq und Pont⸗Royal geſchehen. Bei den erſten Worten, die weiter über das Er⸗ eigniß geſprochen wurden, lauſchten die beiden jun⸗ gen Leute mit dem größten Intereſſe. Das Ereigniß war auf dem gleichen Wege vor⸗ gefallen, den ſie zu machen im Begriffe ſtanden, und der, welcher es erzählte, war einer der Hauptbethei⸗ ligten bei dem Landſtraßenſchauſpiel. Es war der Bordeaux⸗Weinhändler.. Die, welche ſich am neugierigſten nach den Ein⸗ zelheiten erkundigten, waren die Reiſenden der Di⸗ ligence, die ſo eben angekommen und eheſtens wieder abfahren wollten. Die andern Gäſte, das heißt die Stammgäſte, ſchienen ſo ſehr auf dem Laufenden mit derartigen Cataſtrophen, daß ſie ſelbſt Einzelheiten erzählen konnten, ſtatt welche ſich mittheilen zu laſſen. „Sie ſagen alſo, Citoyen,“ fragte ein dicker Herr, an den ſich in ihrem Schrecken eine große, hagere und magere Frau drängte,„Sie ſagen alſo, daß der Diebſtahl auf dem Wege begangen wurde, den wir ſo eben zurückgelegt?. „Ja, Citoyen; zwiſchen Lambesg und Pont⸗Royal haben Sie wohl einen Punct bemerkt, wo die Straße aufwärts ſteigt, und ſich zwiſchen zwei Hügeln ein⸗ zwängt? Es find dort eine Menge Felſen.“ „Ja, ja, mein Freund,“ ſagte die Frau, indem ſie den Arm ihres Mannes feſter drückte,„ich habe den Ort wohl bemerkt und ſogleich geſagt, wie Du * 40 Dich erinnern mußt: Das iſt eine gefährliche Stelle, ich bin froh, daß wir den Weg bei Tage und nicht bei Nacht machen.“ „O, Madame,“ ſagte ein junger Mann, der mit ſeiner Stimme das ſchnarrende Sprechen jener Epoche affectirte, und der in gewöhnlichen Zeiten an der Table d'Höte das große Wort führte,„wir wiſſen, daß es für die Herren Genoſſen Jehus weder Tag noch Nacht gibt.“ „Wie, Citoyen,“ fragte die Dame noch erſchro⸗ ckener,„am hellen Tage wurden Sie angegriffen?“ „Am hellen Tage, Citoyenne, Morgens zehn Uhr.“ „Und wie viel waren ihrer?“ fragte der dicke Herr. „Vier, Citoyen.“ „Sie hatten ſich am Wege in den Hinterhalt gelegt?“ „Nein, ſie kamen zu Pferde, und waren bis an die Zähne bewaffnet und maskirt.“ „Das iſt ihre Gewohnheit,“ ſagte der junge Stammgaſt der Table d'Höte;„nicht wahr, ſie ſag⸗ ten: Vertheidigen Sie ſich nicht, es wird Ihnen kein Leid angethan werden, wir wollen nur das Geld der Regierung.“ „Wort für Wort, Citoyen.“ „Dann,“ fuhr⸗der fort, welcher ſo gut unterrich⸗ tet ſchien,„dann ſtiegen zwei ab, warfen die Zügel der Pferde ihren Genoſſen zu und zwangen den Con⸗ ducteur, ihnen das Geld auszuliefern.“ „Citoyen,“ ſagte der dicke Mann, erſtaunt,„Sie erzählen die Sache ja, als wenn Sie ſie geſehen.“ 4¹ „Sie waren vielleicht dabei,“ ſiel einer der Rei⸗ ſenden, halb ſcherzend, halb zweifelnd, ein. „Ich weiß nicht, Citoyen, ob Sie mir damit eine Grobheit zu ſagen beabſichtigen,“ entgegnete der junge Mann, welcher den Erzähler ſo freundlich und ausdauernd unterſtützte, in hinwerfendem Tone;„aber meine politiſchen Anſichten laſſen mich Ihren Zwei⸗ fel nicht als eine Beleidigung betrachten. Wenn ich das Unglück gehabt hätte, zu der Zahl der Ange⸗ fallenen zu gehören, oder die Ehre, zu der Zahl der Angreifenden, ſo würde ich es im einen Falle ſo offen wie im andern ſagen; aber geſtern Morgen um zehn Uhr, gerade in dem Augenblicke, als man vier Meilen von hier die Diligence angriff, früh⸗ ſtückte ich in aller Ruhe hier an dieſem Platze und, merken Sie wohl, ſogar mit denſelben Citoyens, die mir in dieſem Augenblicke die Ehre erweiſen, zu mei⸗ ner Rechten und zu meiner Linken zu ſitzen.“ „Und,“ fragte der von den beiden zuletzt ange⸗ kommenen Reiſenden, welche ſo eben an der Tafel Platz genommen, den ſein Begleiter mit dem Namen Roland bezeichnete,„zu wie vielen waren Sie in der Diligence?“ „Warten Sie; ich glaube, wir waren.. ja, wir waren unſerer ſieben Mänſer und drei Frauen.“ „Sieben Männer ohne den Conducteur?“ wie⸗ derholte Roland. „Ganz richtig.“ „Und zu ſieben ließen Sie ſich von vier Ban⸗ diten plündern? Ich mache Ihnen mein Compliment, meine Herren.“ „Wir wußten, mit wem wir es zu thun hatten,“ — 42 antwortete der Weinhändler,„und hüteten uns, uns zu vertheidigen.“ „Wie!“ verſetzte der junge Mann,„mit wem hatten Sie es zu thun? Sie hatten es, wie mich dünkt, mit Dieben, mit Banditen zu thun.“ „Keineswegs; ſie hatten ſich genannt.“ „Gewiß.“ „Wie! ſie hatten ſich genannt?“ „Sie ſagten: Meine Herren, es iſt unnöthig, ſich zu vertheidigen; meine Damen, haben Sie keine Furcht, wir ſind keine Räuber, wir ſind Genoſſen Jehus.“ „Ja,“ meinte der junge Mann von der Table d'Höte,„ſie ſagen es zum Voraus, damit keine Ver⸗ wechslung ſtattfinden kann; das iſt ihre Gewohnheit.“ „Ah, ſo,“ ſagte Roland,„was iſt denn dieſer Jehu, der ſo höfliche Genoſſen hat? Iſt das ihr Hauptmann?“ „Mein Herr,“ ſagte ein Mann, deſſen Kleidung etwas von einem ſäculariſirten Prieſter hatte, und der nicht nur gleichfalls ein Stammgaſt der Table d'Höte, ſondern auch in die Geheimniſſe der ehren⸗ werthen Corporation eingeweiht ſchien, deren Ver⸗ dienſte man ſo eben zu würdigen im Begriffe war, „wenn Sie etwas vertrauter mit der Lectüre der heiligen Schriften wären, als Sie zu ſein ſcheinen, ſo würden Sie wiſſen, daß vor etwa zweitauſend ſechshundert Jahren dieſer Jehn geſtorben iſt und daß er folglich nicht gegenwärtig die Diligencen auf den Landſtraßen angreifen kann.“. „Herr Abbé,“ antwortete Roland, der den Mann der Kirche erkannt hatte,„da Sie, trotz des bittern 43 Tones, in dem Sie ſprechen, gut unterrichtet ſchei⸗ nen, ſo erlauben Sie einem armen Ignoranten, Sie um einige Details über dieſen Jehu zu bitten, der vor zweitauſend ſechshundert Jahren geſtorben iſt und doch die Ehre hat, Genoſſen zu beſitzen, die ſei⸗ nen Namen tragen.“ „Jehu,“ antwortete der Mann der Kirche in dem⸗ ſelben eſſigſauren Tone,„war ein König in Israel, von Eliſa geweiht, unter der Bedingung, daß er die Verbrechen des Hauſes Achab und Jefabel beſtrafe und alle Prieſter des Baal vernichte.“ „Herr Abbé,“ verſetzte der junge Mann lächelnd, „ich danke Ihnen für die Erklärung; ich zweifle nicht, daß ſie genau und namentlich ſehr gelehrt iſt, nur geſtehe ich Ihnen, daß ſie mich nicht ſehr auf⸗ klärt.“ „Wie! Citoyen,“ ſagte der Stammgaſt der Table d'Höte,„Sie begreifen doch, daß Jehu Seine Maje⸗ ſtät Ludwig XVIII. iſt, unter der Bedingung geſalbt, daß er die Verbrechen der Revolution beſtrafe und die Baalsprieſter vernichte, das heißt, alle diejenigen, welche irgend welchen Theil an dieſem abſcheulichen Stand der Dinge genommen, den man ſeit ſieben Jahren die Republik nennt?“ „So, ſo!“ machte der junge Mann;„nun begreife ich. Aber zu denen, welche zu bekämpfen die Ge⸗ noſſen Jehus die Aufgabe haben, zählen Sie doch nicht die tapfern Soldaten, die den Fremden von den Gren⸗ zen Frankreichs zurückwarfen und die berühmten Ge⸗ nerale, welche die Armeen von Tyrol, Sambre⸗et⸗ Meuſe und Italien commandirten?“ „Allerdings, dieſe zuerſt und vor allen.“ 44 Die Augen des jungen Mannes ſchleuderten Blitze, ſeine Naſenflügel erweiterten, ſeine Lippen ſchloſſen ſich; er fuhr von ſeinem Sitze auf; aber ſein Ge⸗ fährte zog ihn an ſeinem Fracke wieder auf den Stuhl, während er ihm mit einem Blicke Schweigen gebot. Der, welcher ſo eben dieſen Beweis ſeiner Macht gegeben, nahm nun zum erſten Mal das Wort: „Citoyen,“ ſagte er, indem er ſich an den jun⸗ gen Mann von der Table d'Hote wandte,„entſchul⸗ digen Sie zwei Reiſende, die vom Ende der Welt kommen, wenn Sie wollen, von America oder In⸗ dien, die Frankreich ſeit zwei Jahren verlaſſen und nun vollkommen ohne Kenntniß von dem ſind, was hier vorgeht, ſich aber näher unterrichten wollen.“ „Je nun,“ antwortete der, an welchen die Worte gerichtet waren,„das iſt ja nicht mehr als billig, Citoyen; fragen Sie und man wird Ihnen ant⸗ worten.“ „Gut denn,“ fuhr der junge braune Mann mit dem Adlerauge, den ſchwarzen glatten Haaren und dem granitenen Teint fort,„nun, da ich weiß, was dieſer Jehu iſt und welche Aufgabe ſeine Genoſſen⸗ ſchaft hat, möchte ich auch wiſſen, was ſeine Genoſſen mit dem Geld beginnen, das ſie nehmen.“ „Ol mein Gott! das iſt ſehr einfach, Citoyen: Sie wiſſen, daß von der Wiederherſtellung der bour⸗ boniſchen Monarchie ſtark die Rede iſt?“ „Nein, ich weiß es nicht,“ antwortete der junge braune Mann in einem Tone, dem er vergeblich Un⸗ befangenheit zu verleihen ſuchte;„ich komme, wie ich Ihnen ſagte, vom Ende der Welt.“ ² — 8—— — — 45 „Wie! Sie wußten das nicht? Nun gut, in ſechs WMonaten wird das eine vollendete Thatſache ſein.“ „Wirklich!“ „Wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe, Citoyen.“ Die beiden jungen Leute mit der militäriſchen Haltung tauſchten einen Blick und ein Lächeln aus, obgleich der junge Blonde ſeine Ungeduld kaum mehr zurückhalten zu können ſchien. Ihr Mitunterredner fuhr fort: „Lyon iſt das Hauptquartier der Verſchwörung, wenn man überhaupt ein Complott, das ſich bei hellem Tage organiſirt, eine Verſchwörung nennen kann; der Name„proviſoriſche Regierung“ würde beſſer paſſen.“ „Nun gut, Citoyen,“ ſagte der junge braune Mann mit einer Höflichkeit, die nicht ohne Spott war,„ſo wollen wir proviſoriſche Regierung ſagen.“ „Dieſe proviſoriſche Regierung hat ihren Ge⸗ neralſtab und ihre Armeen.“- „Bah! ihren Generalſtab, vielleicht... aber ihre Armeen.. „Ihre Armeen, ich wiederhole es.“ „Wo ſind ſie?“ „Eine derſelben organiſirt ſich in den Bergen der Auvergne unter den Befehlen des Herrn von Chardon; eine andere im Jura unter den Befehlen des Herrn von Teyſſonet, eine dritte endlich, welche functionirt und zu dieſer Stunde ſogar ſehr ange⸗ nehm, in der Vendée unter den Befehlen Escarbo⸗ villes, Achille Leblonds und Cadoudal.“ „In der That, Citoyen, Sie erweiſen mir einen wahrhaften Dienſt, indem Sie mir all dieſe Neuig⸗ 46 keiten mittheilen. Ich glaubte die Bourbonen ganz in das Exil ergeben; ich glaubte die Polizei in der Weiſe gehandhabt, daß weder ein proviſoriſches roya⸗ liſtiſches Comité in den großen Städten exiſtiren, noch Banditen ſich auf den Landſtraßen herumtreiben„ könnten. Endlich glaubte ich die Vendée durch den General Hoche vollſtändig pacificirt.“ Der junge Mann, an welchen dieſe Antwort ge⸗ richtet war, brach in lautes Lachen aus. „Aber, woher kommen Sie?“ rief er,„woher kommen Sie?“ „Ich habe es Ihnen ja geſagt, Citoyen, vom Ende der Welt.“ „Man merkt es.“ Dann ſagte er fortfahrend: ₰„Nun, Sie begreifen, die Bourbonen ſind nicht reich, die Emigrés, deren Güter man verkaufte, ſind ruinirt; es iſt unmöglich, zwei Armeen zu organi⸗ ſiren und eine dritte zu unterhalten, wenn man kein* 1 Geld hat. Man war in Verlegenheit: nur die Republik war es, die ihren Feinden Sold zahlen konntez es ſchien jedoch nicht wahrſcheinlich, daß ſie ſich gutwillig dazu 2 entſchließen würde; man hielt es deßhalb, ohne wei⸗ ter dieſe mißliche Unterhandlung zu verſuchen, für ſ das kürzeſte, ihr lieber das Geld zu nehmen, ſtatt 9 ſie darum anzugehen.“ „Ah, jetzt begreife ich endlich.“ „Das iſt ein Glück.“ E „Die Genoſſen Jehus ſind die Vermittler* S zwiſchen der Republik und der Contre⸗Revolution, g Die Einnehmer der royaliſtiſchen Generale.“. „Ja, es iſt kein Diebſtahl mehr, es iſt eine mi⸗ — 47 litäriſche Operation, eine Waffenthat, wie jede an⸗ dere.“ „Allerdings, Citoyen; nun ſind Sie über dieſen Punkt ſo aufgeklärt, als wir.“ „Aber,“ warf der Weinhändler aus Bordeaur ſchüchtern ein,„wenn die Herren Genoſſen Jehus — bemerken Sie wohl, ich will ihnen nichts Böſes nachſagen— wenn die Herren Genoſſen Jehus nur das Geld der Regierung wollen. „Das Geld der Regierung, nichts Anderes; es iſt ohne Beiſpiel, daß ſie einen Privatmann ausge⸗ plündert.“ „Ohne Beiſpiel?“ „Ohne Beiſpiel.“ „Wie kam es denn aber, daß ſie geſtern außer dem Gelde der Regierüng ein Häufchen von zwei⸗ hundert Louisd'ors mitnahmen, die mir gehörten.“ „Mein lieber Herr,“ antwortete der junge Mann von der Table d'Höte,„ich habe Ihnen bereits ge⸗ ſagt, daß hier ein Irrthum obwaltet und daß Ihnen, ſo wahr ich Alfred von Barjols heiße, das Geld eines Tages zurückerſtattet werden wird.“ Der Weinhändler ſtieß einen Seufzer aus und ſchüttelte den Kopf wie Einer, der trotz der ihm ge⸗ en Verſicherung doch noch einigen Zweifel be⸗ Und als wenn die Verbindlichkeit, die der junge Edelmann übernommen, welcher ſo eben ſeine ſociale Stellung durch die Nennung ſeines Namens kund gegeben, das Zartgefühl derer rege gemacht, für die er in die Schranken getreten, hielt in dieſem Augen⸗ blicke ein Pferd vor der Thüre; man hörte Schritte 48 im Corridor, die Thüre des Speiſeſaales öffnete ſich und ein maskirter, bis an die Zähne bewaffneter Mann erſchien auf der Schwelle. „Meine Herren,“ ſagte er unter einer tiefen Stille, die ſein Erſcheinen verurſacht hatte,„iſt unter Ihnen ein Reiſender Ngmens Jean Picot, der ſich geſtern in der Diligeice befand, wrlche zwiſchen Lambesq und Pont⸗Royal angefallen wurde?“ „Ja,“ ſagte der Weinhändler ganz erſtaunt. „Sind Sie es?“ fragte der maskirte Mann. Ja „Wurde Ihnen nicht etwas genommen?“ „Allerdings, ein Häufchen von zweihundert Louis⸗ d'or, die ich dem Conducteur übergeben.“ „Und ich muß noch dazu ſagen,“ fügte der junge Edelmann hinzu,„daß dieſer Herr eben in dieſem Augenblicke davon ſprach und ſie verloren gab.“ „Der Herr hatte Unrecht,“ ſagte der unbekannte Maskirte,„wir führen Krieg mit der Regierung und nicht mit Privatleuten, wir ſind Parteigänger, keine— Diebe; hier ſind Ihre zweihundert Louisd'ors, mein Herr, und wenn in Zukunft ein ähnlicher Irrthum vorkommen ſollte, ſo reclamiren Sie das Geld im Namen Morgans, der Ihnen als Empfehlung dienen wird. Bei dieſen Worten legte der Mann mit der Maske einen Sack mit Gold zur Rechten des Wein⸗ händlers nieder, grüßte die Tiſchgeſellſchaft höflich und verſchwand, indem er die Einen erſchrocken, die Andern verblüfft durch eine ſolche Kühnheit zurückließ. 3— c S.———— er n⸗ ie 49 II.. Ein italieniſches Sprichwort. Obgleich die beiden Gefühle, die wir ſo eben an⸗ gedeutet habem vie vorherrſchenden waren, gaben ſie ſich doch nicht bei allen Anweſenden in gleicher Weiſe kund. Die Verſchiedenheit nüancirte ſich nach dem Geſchlechte, nach dem Alter, nach dem Charakter, wir möchten beinahe ſagen, nach der ſocialen Stel⸗ lung der Zuhörer. Der Weinhändler Jean Picot, der Hauptbethei⸗ ligte an dem Ereigniß, das ſo eben vor ſich gegan⸗ gen, hatte auf den erſten Blick an der Tracht, den Waffen und der Maske einen der Männer erkannt, mit denen er geſtern zu thun gehabt, und war deß⸗ halb bei ſeiner Erſcheinung anfangs ganz vom Schre⸗ cken betäubt; als er jedoch nach und nach den Grund des Beſuchs erkannt, den ihm der geheimnißvolle Bandit abſtattete, hatte ſich ſein Schrecken allmälig in Freude verwandelt, indem er alle zwiſchen dieſen beiden Gefühlen liegenden Nüancen nacheinander durchmachte. Sein Goldſack lag neben ihm und man hätte glauben können, er wage es nicht, denſelben anzurühren: vielleicht fürchtete er, ſobald er ſeine Hand daran bringe, werde er wie das Gold ver⸗ ſchwinden, das man im Traum zu finden glaubt und das ſogar verſchwindet, ehe man noch die Augen öffnet, in jener Periode zunehmender Klarheit, welche den Schlaf vom vollkommenen Wachſein trennt. Der dicke Herr aus der Diligence und ſeine Frau 4 Dumas, Jehu. I. 50 hatten, wie die übrigen Reiſenden, welche zum glei⸗ chen Wagen gehörten, den unverholenſten und leb⸗ hafteſten Schrecken an den Tag gelegt. Da er zur Linken von Jean Picot ſaß, als er den Banditen ſich dem Weinhändler nahen ſah, hatte er in der illuſoriſchen Hoffnung, eine paſſende Diſtanz zwiſchen ſich und dem Genoſſen Jehus zu behaupten, ſeinen Stuhl gegen den ſeiner Frau gerückt, die, dem Drucke nachgebend, auch den ihrigen zu rücken verſuchte. Da der Stuhl jedoch, welcher hinter ihr ſtand, der des Citoyen Alfred von Barjols war, der keinen Grund hatte, Leute zu fürchten, vor denen er eine ſo hohe und vortheilhafte Meinung an den Tag gelegt, ſo hatte der Stuhl der Frau des dicken Herrn ein Hin⸗ derniß in der Unbeweglichkeit desjenigen des jungen Mannes gefunden, ſo daß, wie es in Marengo acht bis neun Monate ſpäter geſchah, als der Oberge⸗ neral es für Zeit hielt, wieder die Offenſive zu er⸗ greifen, die retrograde Bewegung ihr Ende erreicht hatte. Was Jenen betrifft— wir ſprechen von dem Citoyen Alfred von Barjols— ſo war ſein Ausſehen, wie das des Abbé, der die bibliſche Erklärung be⸗ züglich des iſraelitiſchen Königs Jehu und ſeiner Miſſion gegeben,— ſein Ausſehen, ſagen wir, war das eines Mannes, der nicht nur keine Furcht kennt, ſondern ſogar das Ereigniß, das kommt, ruhig erwartet, wie unverhofft es auch ſein mag. Um ſeine Lippen ſpielte ein Lächeln, und wenn nicht alle Tiſchgenoſſen ſo ſehr mit den beiden Hauptbetheiligten der Scene, welche ſo eben geſpielt, beſchäftigt geweſen wären, hätten ſie ein beinahe unmerkliches Zeichen beobachten kön⸗ ei⸗ b⸗ ur en en en ke er d he ſo n⸗ en ht F⸗ ht e⸗ n e8 n ie te hr he n 51 nen, das die Augen des Banditen und des jungen Edelmannes austäuſchten, ein Zeichen, das ſich im ſelben Momente zwiſchen dem jungen Edelmann und dem Abbé wiederholte. Die beiden Reiſenden, welche wir in den Speiſe⸗ ſaal eingeführt, und die, wie wir geſagt, ziemlich iſolirt am Ende der Tafel ſaßen, hatten die ihren verſchiedenen Charakteren entſprechende Haltung be⸗ obachtet. Der Jüngere von Beiden hatte inſtinctmäßig die Hand an ſeine Seite geführt, als wollte er dort eine nicht vorhandene Waffe ſuchen, und war, wie durch eine Feder bewegt, aufgeſprungen, um den maskirten Mann am Halſe zu packen, was auch ſicherlich geſchehen wäre, wenn er allein geweſen; aber der Aeltere, der, welcher nicht bloß gewohnt zu ſein, ſondern auch das Recht zu haben ſchien, Be⸗ fehle zu ertheilen, hatte ſich, wie er ſchon einmal ge⸗ than, damit begnügt, ihn lebhaft an ſeinem Rocke zurückzuhalten, indem er ihm in gebietendem, beinahe ſogar hartem Tone ſagte: „Setze Dich, Roland!“ Und der junge Mann hatte ſich wirklich geſetzt. Derjenige jedoch von allen Gäſten, welcher ſchein⸗ bar wenigſtens am theilnahmloſeſten bei dem ganzen Vorgang geblieben, war ein Mann von dreiunddreißig bis vierunddreißig Jahren, mit blonden Haaren, rothem Bart, ruhigem und ſchönem Geſichte, intelli⸗ genten und feinen Lippen, großen blauen Augen, einem hellen Teint und einem fremden Accent, der auf einen Mann deutete, welcher im Schooße der Inſel geboren war, die in jenem Augenblicke mit uns einen ſo harten Krieg führte: ſo viel konnte man aus den ſeltenen Worten ſchließen, die ihm entſchlüpft waren. Er ſprach, trotz des bezeichneten Accentes, die franzöſiſche Sprache mit einer ſeltenen Reinheit. Beim erſten Worte, das er ausgeſprochen, und in dem man den Accent von jenſeit des Canales er⸗ kannte, hatte der ältere der beiden Reiſenden gezit⸗ tert; und ſich nach ſeinem Begleiter umwendend, der die Gedanken in ſeinem Blicke zu leſen gewöhnt war, hatte er dieſen zu fragen geſchienen, wie im Augenblick, wo der erbitterte Krieg, den die beiden Nationen mit einander führten, den Engländer na⸗ türlich aus Frankreich verbannen mußte, wie den Franzoſen aus England, ſich ein Engländer auf franzöſiſchem Boden befinden könne. Ohne Zweifel hatte Roland die Antwort unmöglich geſchienen, denn er hatte ihm mit einer Bewegung der Augen und einem Zucken der Achſeln geantwortet, welches be⸗ ſagen wollte: „Es erſcheint mir ebenſo ſeltſam, als Ihnen; aber wenn Sie die Löſung eines ſolchen Problems nicht finden, Sie der Mathematiker par excellence, ſo fragen Sie nicht mich.“ Was den beiden jungen Leuten klarer als alles dies geworden, das war, daß der blonde Mann mit dem angelſächſiſchen Accent der iſende ſei, deſſen comfortabler Wagen angeſpannt vor der Thüre des Hotels wartete, und daß dieſer Reiſende aus London oder wenigſtens aus einer der Grafſchaften oder einem der Herzogthümer Großbritanniens ſein müſſe. Was die Worte betrifft, die er zum Beſten ge⸗ geben, ſo haben wir bereits geſagt, daß ihrer wenige waren, ſo wenige, daß ſie eher für Ausrufungen, als — en 18 1——.— — en— j t ſe 55 n A m it 53 für Worte gelten konnten; dagegen hatte der Eng⸗ länder bei jeder Erklärung, die über den Stand der Dinge in Frankreich gegeben wurde, oſtenſibel ein Notizbuch herausgezogen, und, indem er bald den Weinhändler bald den Abbé, bald endlich den jun⸗ gen Edelmann bat, die Erklärung zu wiederholen, was jeder in derſelben höflichen Weiſe that, wie ge⸗ beten wurde, ſich alles aufgezeichnet, was Wichtiges, Außerordentliches und Intereſſantes über den An⸗ griff auf die Diligence, den Zuſtand in der Vendée und die Genoſſen Jehus geſagt worden, indem er jedesmal mit Wort und Geberde in jener ſteifen Art, die unſer Nachbarn jenſeit des Meeres eigen⸗ thümlich iſt, dankte und jedesmal in die Seitentaſche ſeines Ueberrocks ſein mit einer neuen Notiz berei⸗ chertes Buch ſteckte. Endlich hatte er, wie ein durch eine unerwattete Entwicklung freudig überraſchter Zuſchauer, vor in⸗ nerer Befriedigung bei dem Anblick des maskirten Mannes laut aufgeſauchzt, mit beiden Ohren gelauſcht, mit allen Augen aufgeſchaut, ihn nicht aus dem Ge⸗ ſicht verloren, bis die Thüre ſich hinter ihm geſchloſſen, und dann lebhaft ſein Notizbuch aus der Taſche zie⸗ hend, zu ſeinem Nachbar, der Niemand anderes, als der Abbé war, geſagt: „O, mein Herr, würden Sie wohl die Güte haben, wenn ich mich nicht genau erinnerte, mir Wort für Wort zu wiederholen, was der Gentleman, der ſo eben weggeht, geſagt hat?“ Er hatte ſich augenblicklich ans Schreiben ge⸗ macht, und da ſich das Gedächniß des Abbé mit dem ſeinigen verband, die Befriedigung gehabt, die Worte, welche der Genoſſe Jehus an den Citoyen Jean Picot gerichtet, vollſtändig aufzeichnen zu können. Nachdem dies aufgezeichnet war, hatte er mit einem Accente, der ſeinen Worten ein fremdartiges Gepräge von Hriginalität verlieh, ausgerufen: „O, wirklich, nur in Frankreich können ſolche Sachen vorkommen; Frankreich iſt das merkwürdigſte Land der Welt. Es gewährt mir unendlichen Ge⸗ nuß, meine Herren, in Frankreich zu reiſen und die Franzoſen kennen zu lernen.“ Dieſe letzte Phraſe wurde mit ſo viel Courtviſie ausgeſprochen, daß, wenn man ſie aus dieſem ernſten Munde hatte hervorgehen hören, nichts übrig blieb, als dem zu danken, der ſie ausgeſprochen, war er auch der Abkömmling der Sieger von Crech, Poitiers und Azincourt. Der jüngere der beiden Reiſenden war es, wel⸗ cher auf dieſe Höflichkeit mit dem Tone leichten Spot⸗ tes, der ihm angeboren ſchien, antwortete: „Wahrhaftig, ich bin ganz im ſelben Falle, wie Sie, Mylord; ich ſage Mylord, da ich annehme, daß Sie Engländer ſind.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Gentleman, „ich habe dieſe Ehre.“ „Nun gut, wie ich Ihnen ſagte,“ fuhr der junge Mann fort,„es gewährt mir unendlichen Genuß, in Frankreich zu reiſen und hier zu ſehen, was ich ge⸗ ſehen. Man muß unter der Regierung der Citoyens Gohier, Moulins, Roger⸗Ducos, Sieyes und Barras leben, um ſolch einem drolligen Auftritt anzuwohnen, und wenn man in fünfzig Jahren erzählen wird daß in einer Stadt von dreißigtauſend Seelen am ——— c5 an nit e he ſte e⸗ ie ſie en b, er 2 8 l⸗ t⸗ ie ß n 55 hellen Tage ein Straßenräuber, die Maske auf dem Geſichte, zwei Piſtolen und einen Säbel im Gürtel, einem ehrbaren Kaufmann die zweihundert Louisd'ors zurückgebracht, die er ihm am Tage vorher abge⸗ nommen und die Jener bereits verloren gab; wenn man hinzufügen wird, daß dies an einer Table d'Höte geſchehen iſt, an der zwanzig bis fünfundzwanzig Menſchen ſaßen und daß dieſes Muſter von Ban⸗ diten ſich wieder ruhig entfernte, ohne daß eine die⸗ ſer zwanzig bis fünfundzwanzig anweſenden Perſonen ihn am Kragen gepackt, ſo gehe ich eine Wette ein, daß man den als infamen Lügner behandeln wird, der die Keckheit hat, dieſe Anekdote zu erzählen.“ Und der junge Mann brach, in den Stuhl ſich zurücklehnend, in lautes Lachen aus, aber in ein ſo heftiges und kreiſchendes Lachen, daß ihn alle Welt erſtaunt anſah, während ſein Gefährte mit einer beinahe väterlichen Unruhe die Augen auf ihn ge⸗ heftet hatte. „Mein Herr,“ ſagte der Eitoyen Alfred von Bar⸗ jols, auf welchen, wie auf die Uebrigen, dieſer ſeltſame und mehr traurige, oder vielmehr weit eher ſchmerz⸗ liche als heitere Ausbruch einen tiefen Eindruck machte und den er, bevor er antwortete, bis in ſein letztes Zittern hatte verklingen laſſen,„mein Herr, erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß der Mann, den Sie ſo eben geſehen, kein Straßenräuber iſ „Bah, offen und ehrlich, was iſt er denn?“ „Er iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach ein junger Mann von ebenſo guter Familie, als Sie und ich.“ „Der Graf von Horn, den der Regent auf dem Greveplatz rädern ließ, war ebenfalls ein junger 56 Mann von guter Familie und der Beweis dafür, daß der ganze Adel von Paris Wagen zu ſeiner Hinrichtung ſchickte.“ „Der Graf von Horn hatte, wenn ich mich recht erinnere, einen Juden ermordet, um ihm einen Wech⸗ ſel zu ſtehlen, den er nicht im Stande war, zu be⸗ zahlen, aber Niemand wird es wagen, zu behaupten, daß ein Genoſſe Jehus ein Haar auf dem Haupte eines Kindes gekrümmt.“ „Nun, meinetwegen; zugegeben, daß das Inſtütut zu philantropiſchen Zwecken gegründet ſei, nämlich das Gleichgewicht zwiſchen den Gütern der Menſchen wieder herzuſtellen, die Launen des Zufalls gut zu machen, die Mißbräuche der Geſellſchaft zu refor⸗ miren,— wenn er auch ein Dieb nach Art Karl Moors wäre, ſo iſt Ihr Freund Morgan, nicht wahr, Morgan nannte ſich der ehrenwerthe Citoyen?...“ „Ja,“ ſagte der Engländer. „Nun, ſo iſt und bleibt Ihr Freund doch ein Dieb.“ 6 Citoyen Alfred von Barjols wurde äußerſt blaß. „Der Citoyen Morgan iſt nicht mein Freund,“ antwortete der junge Ariſtokrat,„wenn er es aber wäre, würde ich mir eine Ehre aus ſeiner Freund⸗ ſchaft machen.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Roland laut lachend; 3 „wie Herr von Voltaire ſagt: „Die Freundſchaft eines großen Mannes iſt eine Wohlthat der Götter.“ „Roland, Roland,“ ſagte ſein Gefährte in leiſem 3 Tone zu ihm.— „O General,“ antwortete dieſer, vielleicht mit 57 Abſicht ſich dieſen Titel entſchlüpfen laſſend, der ſei⸗ nem Gefährten gebührte,„laſſen Sie mich gefälligſt ein Geſpräch mit dieſem Herrn fortſetzen, das mich im höchſten Grade intereſſirt.“ Dieſer zuckte die Achſeln. „Sehen Sie, Citoyen,“ fuhr der junge Mann mit einer ſeltſamen Hartnäckigkeit fort,„ich muß mich genau unterrichten: vor zwei Jahren verließ ich Frankreich und ſeit meiner Abreiſe haben ſich ſo viele Dinge verändert, Tracht, Sitte, Accent, daß ſelbſt die Sprache ſich verändert haben könnte. Wie nen⸗ nen Sie es in der Sprache, die man heutzutage in Frankreich ſpricht, wenn man die Diligencen anhält und das Geld nimmt, das ſie mit ſich führen?“ „Mein Herr,“ ſagte der junge Edelmann im Tone eines Mannes, der feſt entſchloſſen iſt, den Streit bis zu Ende durchzukämpfen,„ich nenne das Krieg führen; und hier Ihr Gefährte, den Sie ſo eben General genannt, wird Ihnen in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Soldat ſagen, daß abgeſehen von dem Ver⸗ gnügen zu tödten und ſich tödten zu laſſen, die Ge⸗ nerale aller Zeiten nichts Anderes gethan, als der Citoyen Morgan.“ „Wie!“ rief der junge Mann, deſſen Augen Blitze ſchleuderten,„Sie wagen es, einen Vergleich...“ „Laſſen Sie den Herrn ſeine Theorie entwickeln, Roland,“ ſagte der braune Reiſende, deſſen Augen im Gegenſatz gegen die ſeines Gefährten, die ſich weiter zu öffnen ſchienen, um ihre Flammen zu ſpeien, ſich mit ihren langen ſchwarzen Wimpern ver⸗ ſchleierten, um nicht ſehen zu laſſen, was in ſeinem Herzen vorging. 58 „Ah!“ ſagte der junge Mann mit ſeinem haſtigen Accente,„Sie ſehen wohl, daß Sie nun auch an⸗ fangen, an der Discuſſion Intereſſe zu finden.“ Dann ſich an den wendend, den er aufs Korn genommen: „Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort,“ ſagte er,„der General erlaubt es.“ Der junge Edelmann erröthete ebenſo ſichtbar, als er einen Augenblick vorher erblaßt war, und mit zuſammengekniffenen Zähnen, die Elbogen auf dem Tiſche, das Kinn auf der Fauſt, um ſich ſo viel als möglich ſeinem Gegner zu nähern, ſagte er mit pro⸗ vencaliſchem Accente, der immer ausgeſprochener her⸗ vortrat, je heftiger der Streit wurde: „Da es der General erlaubt,“— er legte einen beſonderen Nachdruck auf die beiden Worte der General,—„ſo werde ich die Ehre haben, ihm und Ihnen, Citoyen, zu entgegnen, daß ich mich zu erinnern glaube, im Plutarch geleſen zu haben, daß im Augenblick, als Alexander nach Indien ging, er nur achtzehn bis zwanzig Talente Goldes mit ſich führte, was ungefähr ſo viel ſagen will, als hundert bis hundertzwanzigtauſend Franken. Glauben Sie mir, daß er mit dieſen achtzehn bis zwanzig Talenten Goldes ſeine Armee unterhielt, die Schlacht am Granicus gewann, Kleinaſien unterwarf, Tyrus, Gaza, Syrien, Egypten eroberte, Alexandrien baute, bis nach Libyen vordrang, ſich durch das Orakel von Ammon zum Sohne Jupiters erklären ließ, bis zum Hyphaſis vorruckte, und als ſich ſeine Soldaten wei⸗ gerten, ihm weiter zu folgen, nach Babylon zurük⸗ kam, um dort an Luxus, Verſchwendung und Ueppig⸗ 3 — —— ——— 59 keit die luxuriöſeſten, verſchwenderiſchſten und üppig⸗ ſten Könige Aſiens zu übertreffen. Zog er aus Macedonien etwa ſein Geld, und glauben Sie, daß der König Philipp, einer der ärmſten Könige des armen Griechenland, die Tratten honorirte, die ſein Sohn auf ihn zog? Nein, gewiß nicht; Alexander machte es wie der Citoyen Morgan; nur ſtatt Dili⸗ gencen auf der Landſtraße anzuhalten, plünderte er die Städte, legte den Königen Löſegelder auf und erhob Contributionen von den eroberten Ländern. Gehen wir zu Hannibal über. Sie wiſſen, wie er von Carthago ausgezogen, nicht wahr? Er hatte nicht mal die achtzehn oder zwanzig Talente ſeines Vorgängers Alerander; aber da er Geld brauchte, ſo nahm und plünderte er mitten im Frieden und gegen alle Verträge die Stadt Sagunt; von da an war er reich und konnte ins Feld ziehen. Verzeihung, dies⸗ mal citire ich nicht mehr aus Plutarch, ſondern aus Cornelius Nepos. Ich übergehe ſein Herabſteigen von den Pyrenäen, ſeinen Uebergang über die Alpen, die drei Schlachten, die er gewann und bei denen er ſich jedesmal des Schatzes der Beſiegten bemächtigte, und komme zu den fünf bis ſechs Jahren, die er in Campanien zubrachte. Glauben Sie, daß er für ſeine Armee den Capuanern eine Penſion bezahlte, und daß die Banquiers von Carthago, die mit ihm brouil⸗ lirt waren, ihm Geld ſchickten? Nein, der Krieg unterhielt den Krieg, das morganiſche Syſtem, Citoyen. Kommen wir zu Cäſar. Ah, Cäſar, das iſt etwas Anderes. Er geht nach Spanien mit ungefähr dreißig Millionen Schulden, kommt mit beinahe eben ſo vielen zurück, geht nach Gallien, bleibt dort zehn 60 Jahre bei unſeren Vorfahren; während dieſer zehn Jahre ſchickt er mehr als hundert Millionen nach Rom, geht über die Alpen zurück, überſchreitet den Rubicon, geht geradezu auf das Capitol los, erzwingt die Thüren des Saturnustempels, wo der Schatz iſt, nimmt daraus für ſeine Privatbedürfniſſe, nicht für die der Republik, dreitauſend Pfund Gold in Barren und ſtirbt, er, den ſeine Gläubiger zwanzig Jahre vorher nicht aus ſeinem kleinen Hauſe in der Straße Suburra hatten herauslaſſen wollen, indem er zwei⸗ bis dreitauſend Seſterzen jedem Bürger, zehn bis zwölf Millionen der Calpurnia und dreißig bis vier⸗ zig Millionen dem Octavius hinterläßt. Immer das morganiſche Syſtem, nur daß Morgan, das bin ich ſicher, ſterben wird, ohne für ſich eine Hand an das Silber der Gallier, noch an das Gold des Capitols gelegt zu haben. Machen wir jetzt einen Sprung von achtzehnhundert Jahren und kommen wir zum General Buonaparte.“ Und der junge Ariſtokrat legte, wie es die Feinde des Siegers von Italien zu thun gewöhnt waren, einen beſonderen Nachdruck auf das u, das Bona⸗ parte aus ſeinem Namen geſtrichen und das e, dem er den ſcharfen Accent genommen. Dieſe Abſichtlichkeit ſchien Roland heftig zu rei⸗ zen; er machte eine Bewegung, als wöllte er ſich auf ſeinen Gegner ſtürzen, aber ſein Gefährte hielt ihn zurück. „Laſſen Sie,“ ſagte er,„laſſen Sie, Roland; ich bin überzeugt, daß der Citoyen Barjols nicht behaup⸗ ten wird, der General Buonaparte, wie er ihn nennt, ſei ein Dieb.“ ehn ach en igt iſt, ür re ße ei⸗ is r⸗ 18 5 — b 61 „Nein, ich werde es nicht ſagen; aber es gibt ein italieniſches Sprichwort, welches es ſtatt meiner ſagt.“ „Wie heißt das Sprichwort?“ fragte der General, das Wort für ſeinen Gefährten ergreifend, indem er diesmal ſein glänzendes, ruhiges und tiefes Auge auf den jungen Edelmann richtete. „Es heißt einfach: Francesi non sono tutti la- droni ma Buonaparte. Was ſo viel ſagen will als: Die Franzoſen ſind nicht alle Räuber, aber..“ „Recht hübſch,“ ſagte Roland. „Ja, aber Buonaparte,“ antwortete Barjols. Kaum war das unverſchämte Wort dem Munde des jungen Ariſtokraten entſchlüpft, als der Leller, mit welchem Roland ſpielte, ſeinen Händen entwiſchte und ihm ins Geſicht flog. Die Frauen ſtießen einen. Schrei aus, die Män⸗ ner erhoben ſich. Roland verfiel in jenes heftige Gelächter, das ihm eigenthümlich war, und ſank in den Stuhl zurück. Der junge Ariſtokrat blieb ruhig, obgleich das Blut von ſeiner Augbraue über ſeine Wange her⸗ abfloß. In dieſem Augenblick trat der Conducteur ein und ſagte nach der gewöhnlichen Formel: „Wollen Sie einſteigen, Citoyens!“ Die Reiſenden, welche ſich gerne von dem Schau⸗ platz des Streites entfernten, dem ſie ſo eben ange⸗ wohnt, ſtürzten nach der Thüre. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſagte Alfred von Barjols zu Roland.„Sie gehören hoffentlich nicht zur Diligence?“ 62 „Nein, mein Herr, ich gehöre zu der Poſtchaiſe; aber ſeien Sie ruhig, ich gehe nicht fort.“ „Ich auch nicht,“ ſagte der Engländer;„man ſpanne die Pferde aus, ich bleibe.“ „Ich gehe,“ ſagte der junge braune Mann, dem Roland den Titel eines Generals gegeben, mit einem Seußer;„Du weißt, daß es ſein muß, mein Freund, und daß meine Anweſenheit dort abſolut nöthig iſt. Aber ich ſchwöre Dir, daß ich Dich nicht ſo verlaſſen würde, wenn ich es anders machen könnte„ Und indem er dieſe Worte ſagte, verrieth ſeine Stimme eine Aufregung, deren ihr ſonſtiger feſter und metallener Klang nicht fähig zu ſein ſchien. Roland dagegen ſchien auf dem Gipfel der Freude; man hätte glauben ſollen, dieſer Kampfnatur öffne ſich beim Herannahen der Gefahr, die ſie, wenn nicht hervorgerufen, ſo doch nicht zu vermeiden geſucht, weit die Bruſt. „Gut! General,“ ſagte er,„wir müßten uns doch in Lyon trennen, da Sie die Güte hatten, mir einen Urlaub von einem Monat zu bewilligen, um nach Bourg zu meiner Familie zu gehen. Wir machen nur ſechzig Stunden weniger zuſammen, das iſt Alles. Ich werde Sie in Paris wiederfinden. Nur bitte ich Sie, wenn Sie eines ergebenen Mannes bedür⸗ fen, der ſtets ſchlagfertig iſt, ſich meiner zu erinnern.“ „Sei ruhig, Roland.“ 3 Und indem er die beiden Gegner ſcharf ins Auge faßte, ſagte er zu ſeinem jungen Gefährten mit einem unbeſchreiblich zärtlichen Accente,„laſſe Dich nicht tödten; aber wenn es möglich iſt, ſo tödte auch Deinen Gegner nicht. Dieſer junge Mann iſt im —— 1——— —— —— 63 Ganzen genommen ein Mann von Herz und ich möchte einſt alle Leute von Herz für mich haben.“ „Man wird ſein Beſtes thun, General, ſeien Sie ruhig.“ In dieſem Augenblick erſchien der Wirth auf der Schwelle des Zimmers. „Die Poſtchaiſe für Paris iſt angeſpannt,“ ſagte er. Der General nahm ſeinen Hut und ſeinen Stock, den er auf einen Seſſel gelegt; Roland dagegen folgte ihm abſichtlich entblößten Hauptes, damit man ſehe, er habe nicht die Abſicht, mit ſeinem Gefährten ab⸗ zureiſen. ⸗ Alfred von Barjols machte keinen Einwand gegen ſein Weggehen. Es war ja überdies leicht zu ſehen, daß ſein Gegner eher Streitigkeiten ſuche, als ver⸗ meide. Dieſer begleitete den General bis an den Wagen, wo derſelbe einſtieg. „Thut nichts,“ ſagte er, indem er ſich ſetzte,„es ſchmerzt mich ſehr, Dich allein zu laſſen, Roland, ohne einen Freund, der Dir als Zeuge dienen könnte.“ „O beunruhigen Sie ſich nicht darüber, General; es fehlt uns nie an Zeugen: es gibt und wird immer WMenſchen geben, welche wiſſen möchten, wie ein WMenſch den andern umbringt.“ „Auf Wiederſehen, Roland; Du hörſt, ich ſage nicht Lebewohl, ich ſage auf Wiederſehen.“ „Ja, mein lieber General,“ antwortete der junge ann, mit einer beinahe gerührten Stimme,„ich höre wohl und ich danke Ihnen.“ „Verſprich mir, ſobald die Sache abgemacht iſt, 6⁴ zu ſchreiben oder durch Jemanden ſchreiben zu laſſen, wenn Du es ſelbſt nicht könnteſt.“ „O fürchten Sie nichts, General; ehe vier Tage vergehen, werden Sie einen Brief von mir haben,“ antwortete Roland. Dann fügte er mit einem Accente tiefer Bitter⸗ keit hinzu: „Haben Sie nicht bemerkt, daß ein Verhängniß über mir waltet, das nicht will, daß ich ſterbe?“ „Roland!“ machte der Generg in ſtrengem Tone, 3 „noch immer!“ „Nichts, nichts,“ ſagte der junge Mann den Kopf ſchüttelnd und ſeinen Zügen den Schein ſorg⸗ loſer Heiterkeit verleihend, die der gewöhnliche Aus⸗ ſe druck ſeines Geſichtes geweſen ſein mußte, ehe ihm das unbekannte Unglück geſchehen, das ihn ſo jung 4 ſchon den Tod wünſchen ließ. „Gut. Apropos, ſuche eines zu erfahren.“ 1 „Was, General?“ „Wie es kommt, daß in dem Augenblick, wo wir ſei mit England im Kriege ſind, ein Engländer ſo frei Rä und unangefochten in Frankreich umherreist, als wäre er zu Hauſe.“ „Gut; ich werde es erfahren.“ Wie?“. „Ich weiß noch nicht; aber wenn ich Ihnen ver⸗ valt ſpreche, es zu erfahren, ſo werde ich es erfahren, und müßte ich auch ihn ſelbſt darum befragen.“ „Unglücklicher Menſch! verwickle Dich nicht in eine andere Affaire von dieſer Seite.“ „In jedem Falle wäre das, da er ein Feind iſt, kein Duell, ſondern ein Kampf.“ en g⸗ ⸗ m ¹9 ir re 65 „Noch einmal, auf Wiederſehen, umarme mich.“ Roland warf ſich mit einer Bewegung leiden⸗ ſchaftlicher Dankbarkeit an den Hals desjenigen, der ihm ſo eben dieſe Erlaubniß gegeben. „O General!“ rief er,„wie glücklich wäre ich. wenn ich nicht ſo unglücklich wäre!“ Der General betrachtete ihn mit tiefer Innigkeit. „Du wirſt mir ſpäter mal Dein Unglück erzählen, nicht wahr, Roland?“ ſagte er. Roland ſtieß ein ſchmerzliches Lachen aus, das ſchon zwei bis drei Mal hervorgebrochen. „O, bei Gott, nein,“ ſagte er,„Sie würden zu ſehr darüber lachen.“ Der General ſah ihn an, wie er etwa einen Narren angeſehen. 3 „Nun,“ ſagte er,„man muß die Menſchen neh⸗ men, wie ſie ſind.“ „Namentlich, wenn ſie nicht ſind, was ſie zu ſein ſcheinen.“ „Du hältſt mich für Hedipus und gibſt mir Räthſel zu rathen.“ „Ah, wenn Sie das errathen, General, ſo be⸗ grüße ich Sie als König von Theben. Aber mit all' meinen Thorheiten vergeſſe ich, daß jebe Ihrer Mi⸗ koſtbar iſt und daß ich Sie hier unnütz auf⸗ alte.“ „Du haſt Recht Haſt Du Auſträge für Paris?“ „Drei: meine freundlichen Grüße an Bourienne, meinen Reſpect an Ihren Bruder Lucian und meine arteſten Huldigungen für Madame Bonaparte.“ „Es ſoll ausgerichtet werden.“ „Wo werde ich Sie in Paris finden?“ Dumas, Jehu. I. 5 „In meinem Hauſe in der Rue de la Victoire und vielleicht...“ „Vielleicht.„ „Wer weiß? vielleicht im Luxembourg.“ Dann warf er ſich zurück, als ob er bedauerte, ſo viel geſagt zu haben, ſelbſt gegenüber von dem, den er als ſeinen beſten Freund betrachtete: „Nach Orange,“ ſagte er zu dem Poſtillon,„ſo raſch als möglic.“ Der Poſtillon, der nur einen Befehl erwartete, peitſchte ſeine Pferde; der Wagen fuhr raſch und mit donnerndem Geräuſche ab und verſchwand durch das Thor. II. Der Engländer. Roland blieb unbeweglich auf demſelben Platze ſtehen, nicht bloß ſo lange er den Wagen ſehen konnte, ſondern auch noch lange nachdem er verſchwunden war. Pann ſchüttelte er den Kopf, als wollte er die Wolke verſcheuchen, die ſich auf ſeiner Stirne gelagert hatte, kehrte in das Hotel zurück und verlangte ein Zimmer. „Führen Sie den Herrn auf Nr. 3,“ ſagte der Wirth zu einem Zimmermädchen. Das Zimmermädchen nahm einen Schlüſſel, der an einer großen Tafel von ſchwarzem Holze hing, an der zwei Reihen weißer Nummern angeſchrieben re te, m, ie nit as latze nte, den die gert ein der der „an ben 67 ſtanden, und gab dem jungen Reiſenden ein Zeichen, daß er ihr folgen könne. „Laſſen Sie mir Papier, eine Feder und Tinte heraufbringen,“ ſagte der junge Mann zum Wirthe; „wenn Herr von Barjols nach mir fragt, ſo ſagen Sie ihm meine Zimmernummer.“ Der Wirth verſprach die Befehle Rolands aus⸗ zuführen, welcher hinter dem Mädchen die Mar⸗ ſeillaiſe pfeifend die Treppe hinaufſtieg. Fünf Minuten ſpäter ſaß er an einem Tiſche, hatte Tinte, Feder und Papier, die er verlangt, vor ſich und rüſtete ſich zum Schreiben. Im Augenblicke jedoch, als er die erſte Linie be⸗ ginnen wollte, pochte man dreimal an die Thüre. „Herein,“ ſagte er, indem er den Fauteuil, in welchem er ſaß, auf einem Hinterbein pirouettiren ließ, um dem Eintretenden das Geſicht zuzukehren; er dachte ſich nicht anders, als, es müſſe entweder Herr von Barjols oder einer ſeiner Freunde ſein. Die Thüre öffnete ſich mit einer regelmäßigen Bewegung, wie die einer Mechanik, und der Englän⸗ der erſchien auf der Schwelle. „Ah!“ rief Roland, entzückt über den Beſuch wegen des Auftrages, den ihm der General gegeben, „Sie ſind's?“ „Ja,“ ſagte der Engländer,„ich bin's.“ „Seien Sie mir willkommen.“ „O, wenn ich Ihnen willkommen bin, um ſo beſſer! Denn ich wußte nicht, ob ich kommen dürfte.“ „Warum das?“ „Wegen Abukirs.“ Roland lachte. „Es gab zwei Schlachten von Abukir,“ ſagte er: „eine, welche wir verloren, eine andere, welche wir gewonnen.“ „Wegen der, welche Sie verloren.“ „Gut!“ ſagte Roland,„man ſchlägt ſich, man tödtet ſich, man vernichtet ſich auf dem Schlachtfelde; aber das hindert nicht, daß man ſich die Hand drückt, wenn man ſich auf neutralem Boden begegnet; ich wiederhole Ihnen deßhalb, ſeien Sie mir willkommen, namentlich wenn Sie mir gefälligſt ſagen wollen, weßhalb Sie kommen.“ „Ich danke: aber vor allem leſen Sie das.“ Und der Engländer zog ein Papier aus ſeiner Taſche. „Was iſt das?“ fragte Roland. „Mein Paß.“ „Was habe ich mit Ihrem Paß zu ſchaffen?“ fragte Roland;„ich bin kein Gendarm.“ „Nein; da ich Ihnen jedoch meine Dienſte anzu⸗ bieten komme, würden Sie ſie vielleicht nicht anneh⸗ men, wenn Sie nicht wüßten, wer ich bin.“ „Ihre Dienſte, mein Herr?“ „Ja, aber leſen Sie doch.“ Roland las: „Im Namen der franzöſiſchen Republik, fordert das Directorium alle Behörden auf, Sir John Tan⸗ lay Esg. frei und ungehindert im ganzen Bereich der Republik paſſiren zu laſſen und ihm Schutz und Un⸗ terſtützung zu gewähren, falls er ſolcher bedarf. Gezeichnet: Fouché.“ . ⸗ „ r 69 „Und weiter unten ſehen Sie.“ „Ich empfehle ganz beſonders Sir John Tanlay als Philantropen und Freund der Freiheit. Gezeichnet: Barras.“ „Sie haben geleſen?“ „Ja, ich habe geleſen, aber was weiter?“ „Nun denn, mein Vater Mylord Tanlay hat Herrn Barras Dienſte geleiſtet; deßhalb erlaubt mir Herr Barras in Frankreich umherzureiſen, und ich bin ſehr zufrieden mit meiner Reiſe, ich amüſire mich koſtbar.“ „Ja, ich erinnere mich, Sir John; Sie haben uns bereits die Ehre angethan, uns dies bei Tiſche zu verſichern.“ „Ja, ich ſagte es bereits, das iſt wahr; ich habe auch geſagt, daß ich die Franzoſen ſehr liebe.“ Roland verbeugte ſich. „Und namentlich den General Bonaparte,“ fuhr Sir John fort. „Sie lieben den General Bonaparte?“ „Ich bewundere ihn; er iſt ein großer, ſehr großer Mann.“ „Ah, Verzeihung, Sir John; ich bedaure, daß er nicht hört, daß das ein Engländer von ihm ſagt.“ „O, wenn er hier wäre, würde ich es nicht ſagen.“ „Warum?“ „Ich wollte nicht, daß er von mir glaubte, ich ſage es, um ihm ein Vergnügen zu machen. Ich ſage es, weil es meine Anſicht iſt.“ „Ich zweifle nicht daran, Mylord,“ ſagte Roland, der nicht wußte, wo der Engländer damit hinaus⸗ wollte, und der, da er du en Paß erfahren, was er wiſſen wollte, ſehr zurückhaltend war. „Und als ich ſah,“ fuhr der Engländer mit dem⸗ ſelben Phlegma fort,„daß Sie die Partei des Ge⸗ nerals Bonaparte nehmen, ſo machte mir das Ver⸗ gnügen.“. „Wirklich?“ „Großes Vergnügen,“ machte der Engländer mit einer beſtätigenden Bewegung des Kopfes. „Um ſo beſſer.“ „Als ich aber ſah, daß Sie Herrn Alfred von Barjols einen Teller an den Kopf warfen, ſo berei⸗ tete mir das großen Kummer.“ „Das bereitete Ihnen Kummer, Mylord; weß⸗ halb?“ Weil in England ein Gentleman einem andern Gentleman nicht einen Teller an den Kopf wirft.“ „Ah, Mylord,“ ſagte Roland und ſtand auf, in⸗ dem er die Brauen zuſammenzog,„ſollten Sie zu⸗ fällig gekommen ſein, um mir eine Lection zu geben?“ „O nein; ich kam, um Ihnen zu ſagen: Sie ſind vielleicht in Verlegenheit, einen Zeugen zu finden?“ „Allerdings, Sir John, ich geſtehe Ihnen ein, daß dies der Fall; und in dem Augenblicke, als Sie an die Thüre pochten, fragte ich mich, an wen ich mich wegen dieſes Dienſtes wenden ſollte.“ „Ich, wenn Sie wollen,“ ſagte der Engländer, erde Ihr Zeuge ſein.“ „Ah, bei Gott!“ machte Roland,„mit großem Vergnügen.“. „Das iſt der Dienſt, den ich Ihnen leiſten wollte!“ Roland bot ihm die Hand hin. N —— . 4. 7¹ „Angenommen,“ ſagte er. Der Engländer verbeugte ſich. „Nun,“ fuhr Roland fort,„Sie hatten den Tact, Mylord, mir, ehe Sie Ihre Dienſte anboten, zuſagen, wer Sie ſind; es iſt in dem Augenblicke, wo ich ſie annehme, nicht mehr als billig, daß Sie wiſſen, wer ich bin.“ „O, wie Sie wollen.“ „36 heiße Louis von Montrevel, und bin Adju⸗ tant des Generals Bonaparte.“ „Adjutant des Generals Das freut mich unendlich.“ „Das wird Ihnen auch erklären, weßhalb ich, vielleicht etwas zu warm, die Vertheidigung meines Generals übernommen.“ „Nein, nicht zu warm; nur der Felle „Ja, ich weiß wohl, die Herausforderung konnte den Teller entbehren; aber was wollen Sie, ich hielt ihn in 3 Hand, ich wußte nicht, was damit machih ich warf ihn Herrn von Barjols an den Kopf; e flog mir aus der Hand, ohne daß ich es wollte.“ „Sie werden ihm das nicht ſagen.“ H ſeien Sie ruhig; ich ſage es Ihnen, um Ihr Gewiſſen zu beruhigen.“ „Sehr gut; Sie werden ſich alſo ſchlagen?“ „Ich bin deßhalb wenigſtens hier geblieben.“ „Und auf was wollen Sie ſich ſchlagen?“ „Das geht mich nicht an, Mylord.“ „Wie! das geht Sie nicht an?“ „Nein; Herr von Barjols iſt der Beleidigte; an ihn iſt es, die Waffen zu wählen.“ „So nehmen S Sie alſo die Waffe an, die er vor⸗ ſchlagen wird?“ A 72 „Nicht ich, Sir John, ſondern Sie in meinem Namen, da Sie mir die Ehre erzeigen, mein Zeuge zu ſein.“ „Und wenn er nun die Piſtole wählt, auf welche Entfernung und wie wollen Sie ſich ſchlagen?“ „Das iſt Ihre Sache, Mylord, und nicht die meine. Ich weiß nicht, ob dies auch in England der Fall, aber in Frankreich miſchen ſich die Duellan⸗ ten in nichts; es iſt die Sache der Zeugen, alles anzuordnen; was ſie thun, iſt immer richtig.“ „Was ich alſo thun werde, iſt gut?“ „Gewiß, Mylord.“ Der Engländer verbeugte ſich. „Die Stunde und der Tag des Kampfes?“ „O, je früher, je beſſer; ich habe meine Familie ſeit zwei Jahren nicht geſehen und ich geſtehe Ihnen, daß es mich drängt, die Meinigen zu umarmen.“ Der Engländer ſah Roland mit einem gewiſſen Erſtaunen an; er ſprach mit ſo viel Zuverſicht, daß man hätte glauben können, er trage zum Voraus die Gewißheit in ſich, nicht fallen zu können. In dieſem Augenblick pochte es an die Thüre und die Stimme des Wirths fragte: „Darf man eintreten?“ Der junge Mann antwortete bejahend: die Thüre öffnete ſich und der Wirth trat mit einer Karte in der Hand, welche er ſeinem Gaſte überreie e, ein. Der junge Mann nahm die Karte und las: „Charles von Valanſolle.“ „Von Herrn Alfred von Barjols,“ ſagte der „Sehr gut!“ machte Roland. m ge he ie id n⸗ 8 „ 73 Dann übergab er die Karte dem Engländer und ſagte: „Nehmen Sie, das geht Sie an; es iſt unnöthig, daß ich dieſen Herrn ſehe, da man in dieſem Lande nicht mehr Bürger iſt. Herr von Valanſolle iſt der Zeuge des Herrn von Barjols, Sie ſind der meine, arrangiren Sie die Sache unter ſich; nur,“ fügte der junge Mann hinzu, indem er die Hand⸗ des Englän⸗ ders drückte, und ihn feſt anſah,„nur ſehen Sie, daß die Sache ernſtlich ſei; ich würde, was Sie arrangirt haben, nur in dem Falle zurückweiſen, wenn keine Chance vorhanden, daß der eine oder andere falle.“ „Seien Sie ruhig,“ ſagte der Engländer,„ich werde wie für mich handeln.“ „Nun gut, ſo gehen Sie; und wenn alles in Ordnung, ſo kommen Sie wieder; ich gehe nicht von der Stelle.“ Sir John folgte dem Wirth; Roland ſetzte ſich wieder, ließ den Fauteuil zurückpirouettiren und ſaß vor dem Tiſche. Er nahm ſeine Feder und begann zu ſchreiben. Als Sir John zurückkehrte, ſetzte Roland, nach⸗ dem er zwei Briefe geſchrieben und geſiegelt, die Adreſſe auf den dritten. Er gab dem Engländer mit der Hand ein Zei⸗ chen zu warten, bis er fertig ſei, um ihm dann ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſchenken zu können. Er vollendete die Adreſſe, ſiegelte den Brief und drehte ſich um. 4½ „Nun,“ fragte er,„iſt alles in Ordnung?“ „Ja,“ ſagte der Engländer;„und das war eine 74 leichte Sache; Sie haben es mit einem ächten Gentle⸗ man zu thun.“ „Um ſo beſſer!“ machte Roland. Er wartete. „Sie ſchlagen ſich in zwei Stunden an der Quelle von Vaucluſe, einem reizenden Orte, auf Piſtolen, indem Sie auf einander zugehen und jeder nach Be⸗ lieben ſchießen, auch nach dem Feuer ſeines Gegners weiter gehen darf.“ „Bei Gott! Sie haben Recht, Sir John; das iſt ganz vortrefflich. Haben Sie das ſo geordnet?“ „Ich und der ſe des Herrn von Barjols; Ihr Gegner hat auf all ſeine i als der Beleidigte verzichtet.“ „Hat man für die Waffen geſorgt?“ „Ich bot meine Piſtolen an; ſie wurden, nach⸗ dem ich mein Ehrenwort gegeben, daß ſie Ihnen ebenſo unbekannt ſeien, als Herrn von Barjols, an⸗ genommen; es ſind ausgezeichnete Waffen, mit denen ich auf zwanzig Schritte eine 60 auf eine Meſſer⸗ klinge abſchieße.“ „Peſt! Sie ſchießen gut, wie es ſcheint, Mylord?“ „Ja, ich bin, wie man behauptet, der beſte Schütze von England.“ „Das iſt gut, daß ich das weiß; wenn ich mich mal umbringen will, Sir John, ſo werde ich Streit mit Ihnen ſuchen.“ „O, ſuchen Sie nie einen Streit mit mir,“ ſagte der Engländer,„es würde mir zu großen Schmerz bereiten, mich mit Ihnen ſchlagen zu müſſen.“. „Man wird ſich bemühen, Ihnen keinen Kummer zu machen;— in zwei Stunden, ſagen Sie?“ —,—— —„—— e——— „———— — — „ * 75 „Ja, Sie ſagten mir, daß Sie Eile haben.“ „Allerdings; wie weit iſt es von hier dem reizenden Orte?“ „Nach Vaucluſe?“ „Ja.“ „Vier Stunden.“ „Das iſt die Sache von anderthalb Stunden, wir haben keine Zeit zu verlieren; erledigen wir deß⸗ halb die langweiligen Sachen, um uns nur dem Ver⸗ gnügen hingeben zu können.“ Der Engländer ſah den jungen Mann erſtaunt an. Roland ſchien dieſen Blick nicht zu beachten. „Hier ſind drei Briefe,“ ſagte er,„einer für Frau von Montrevel, meine Mutter, einer für Fräu⸗ lein von Montrevel, meine Schweſter; einer für den Citoyen Bonaparte, meinen General. Wenn ich falle, werden Sie ſie einfach auf die Poſt geben. Iſt das zu viel Mühe?“ „Wenn der unglückliche Fall eintritt, werde ich die Briefe ſelbſt überbringen,“ ſagte der Engländer. Roland ſah Sir John an. „Wo wohnt Ihre Frau Mutter und Ihre Fräu⸗ lein Schweſter?“ fragte er. „In Bourg, dem Hauptort des Departements 5 3 „Das iſt ganz in der Nähe,“ antwortete der Engländer.„Was den General Bonaparte betrifft, ſo werde ich, wenn es Noth thut, nach Egypten gehen; es würde mir außerordentliche Freude machen, den General Bonaparte zu ſehen.“ „Wenn Sie, wie Sie ſagen, Mylord, ſich die Mühe nehmen, den Brief ſelbſt zu beſorgen, ſo wer⸗ 76 den ſie keinen ſo weiten Weg zu machen haben: in drei Tagen iſt der General Bonaparte in Paris.“ „O!“ machte der Engländer, ohne das geringſte Erſtaunen an den Tag zu legen;„Sie glauben?“ „Ich weiß es gewiß,“ antwortete Roland. „Es iſt ein ganz außerordentlicher Mann, dieſer General Bonaparte. Haben Sie mir jetzt noch einen andern Auftrag zu geben, Herr von Montrevel.“ „Einen einzigen, Mylord.“ „O, mehrere, wenn Sie wollen.“ „Nein, ich danke, einen einzigen, aber einen ſehr wichtigen.“ „Sprechen Sie.“ „Wenn ich gefallen bin.. aber ich zweifle, daß ich dieſes Glück habe.. Sir John betrachtete Roland mit jenem erſtaun⸗ ten Blick, den er ſchon zwei bis drei Mal auf ihn geheftet. „Wenn ich gefallen bin,“ fuhr Roland fort, „denn man muß am Ende auf Alles gefaßt ſein..“ „Ja, wenn Sie gefallen ſein werden, ich ver⸗ ſtehe. „Hören Sie wohl, Mylord, denn es liegt mir ausdrücklich in dieſem Falle viel daran, daß die Sachen genau ſo gehen, wie ich es Ihnen ſagen werde.“ „Es wird geſchehen, wie Sie es anordnen,“ ver⸗ ſetzte Sir John;„ich bin ein ſehr pünktlicher Mann.“ „Nun denn, wenn ich falle,“ fuhr Roland fort, indem er die Hand auf die Schulter ſeines Zeugen legte und ſtützte, als wollte er dadurch ſeinem Ge⸗ dächtniſſe den Auftrag, den er ihm zu geben im „ ,— —— 77 Begriffe war, beſſer einprägen,„ſo werden Sie mei⸗ nen Leichnam wie er iſt, ganz angekleidet, ohne daß ihn Jemand berühren darf, in einen bleiernen Sarg legen, den Sie vor ſich zulöthen laſſen. Den bleiernen Sarg ſchließen Sie in eine Bahre von Eichenholz, die Sie gleichfalls in Ihrer Gegenwart vernageln laſſen. Endlich werden Sie es an meine Mutter erpediren, wenn Sie es nicht vorziehen ſollten, Alles in die Rhone zu werfen, was ich ganz Ihrer freien Wahl überlaſſe, nur muß es wirklich dorthin ge⸗ worfen werden.“ „Es wird mir nicht mehr Mühe machen,“ ver⸗ ſetzte der Engländer,„da ich den Brief nach Bourg bringe, auch den Sarg mit mir zu nehmen.“ „Nun wahrhaftig, Mylord,“ ſagte Roland mit ſeinem bekannten ſeltſamen Lachen,„Sie ſind ein allerliebſter Menſch, und die Vorſehung ſelbſt hat mich Sie finden laſſen. Auf denn, Mylord, auf.“ Beide verließen das Zimmer Rolands. Das von Sir John lag auf demſelben Stock. Roland wartete, bis der Engländer die Waffen auf ſeinem Zimmer geholt. Er erſchien nach einigen Secunden wieder und hielt eine Piſtolenkapſel in der Hand. „Jetzt, Mylord,“ fragte Roland,„wie kommen wir nach Vaucluſe? Zu Pferde oder zu Wagen?“ „Zu Wagen, wenn es Ihnen gefällig. Ein Wagen iſt weit bequemer, wenn wan verwundet iſt; der meine wartet unten.“ „Ich glaubte, Sie hätten ausſpannen laſſen?“ „Ich gab den Befehl dazu, aber ich ließ den Poſtillon holen, um ihm Contreordre zu geben.“ 78 Man ſtieg die Treppe hinab. „Tom, Tom,“ ſagte Sir John, als er an die Thüre kam, wo ihn ein Diener in der ächten Livrée eines engliſchen Grooms erwartete,„trage dieſe Kapſel.“ „ am going with, my lord?s fragte der Diener. „Ves!“ antwortete Sir John.. Dann zeigte er Roland den Wagentritt, den der Diener herabließ.. „Kommen Sie, Herr von Montrevel,“ ſagte er. Roland ſtieg in den Wagen und ſtreckte ſich wollüſtig darin aus. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„nur die Engländer verſtehen es, was Reiſewagen heißt; man iſt in dem Ihrigen, wie in ſeinem Bette. Ich wette, Sie laſſen ſich die Bahren mit Seide auspolſtern, ehe Sie ſich hineinlegen.“ „Ja, das iſt wahr,“ antwortete John,„das eng⸗ liſche Volk verſteht ſich auf das Comfortable; aber das franzöſiſche Volk iſt ein intereſſanteres und amü⸗ ſanteres. Poſtillon, nach Vaucluſe.“ IV. Das Duell. Der Weg iſt nur von Avignon bis[Isle fahr⸗ bar. Man machte die drei Stunden von Avignon nach l'Isle in einer Stunde. Während dieſer Stunde war Roland, als wenn er ſich vorgenommen, ſeinem Reiſegefährten die Zeit 6e ſe . er r er in ie e 79 kurz erſcheinen zu laſſen, voll mne Einfälle und hinreißender Luſtigkeit; je mehr er ſich dem Kampf⸗ platz näherte, deſto größer wurde ſeine gute Laune. Wer die Urſache dieſer Fahrt nicht gekannt, würde ſich nicht haben träumen laſſen, daß der unermüdlich plaudernde und beſtändig lachende junge Mann einer Todesgefahr entgegenging. Am Dorf l'Isle mußte man aus dem Wagen ſteigen. Man erkundigte ſich: Roland und Sir John waren zuerſt auf dem Platze. Sie begaben ſich auf den Weg, der nach der Quellè führte. „O, o,“ ſagte Roland,„hier muß ein ſchönes Echo ſein.“ Er ſtieß ein bis zwei Schreie aus, auf welche das Echo mit großer Gefälligkeit antwortete. „Ah! wirklich,“ ſagte der junge Mann,„ein prachtvolles Echo. Ich kenne nur das der Scinon⸗ nette in Mailand, das damit zu vergleichen wäre. Warten Sie, Mylord.* Und er begann mit Modulationen, welche eine be⸗ wundernswerthe Stimme und eine ausgezeichnete Methode verriethen, ein Tyrolerlied zu ſingen, wel⸗ ches wie eine Ausforderung der menſchlichen Kehle durch die empörte Muſik erſchien. Sir John betrachtete und lauſchte Roland mit einem Staunen, das er zu verheimlichen ſich nicht mehr die Mühe gab. Als der letzte Ton in der Höhlung des Berges verklungen, ſagte Sir John: „Ich glaube, Gott verdamm n. daß Si den Spleen haben.“ „ 80 Roland zitterte und ſah ihn fragend an. Als er jedoch ſah, daß Sir John nicht weiter ſprach, fragte er: „Nun! und wer macht Sie das glauben?“ „Sie ſind zu ausgelaſſen heiter, um nicht ſehr traurig zu ſein.“ „Ja, und dieſe Anomalie ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „NRichts ſetzt mich in Erſtaunen, alles hat ſeinen Grund, warum es ſo iſt.“ „Das iſt richtig; man muß nur in das Geheim⸗ niß eindringen. Nun, ich will Sie dazu in den Stand ſetzen.“. „O, ich möchte Sie nicht dazu drängen.“ „Sie ſind zu artig dazu; aber geſtehen Sie, daß es Ihnen Vergnügen machen würde, in Rückſicht auf mich klar zu ſehen.“ „Aus Intereſſe füt Sie.“ „Gut denn, Mylord, ſo erfahren Sie die Löſung des Räthſels; ich werde Ihnen ſagen, was ich noch Niemand geſagt. Wie Sie mich hier ſehen, anſchei⸗ nend von einer ausgezeichneten Geſundheit begün⸗ ſtigt, habe ich eine Pulsadergeſchwulſt, die mir furcht⸗ bare Leiden verurſacht. Jeden Augenblick habe ich Krämpfe, Schwächen, Ohnmachten, über die ſich eine Frau ſchämen würde. Ich muß beſtändig die lächer⸗ lichſten Vorſichtsmaßregeln brauchen, und trotzdem hat mich Larcey verſichert, daß ich jeden Augenblick gefaßt ſein müſſe, die Welt zu verlaſſen, da die kranke Arterie in meiner Bruſt bei der geringſten Anſtrengung zerſpringen könne. Denken Sie ſich, wie amüſant das für einen Soldaten iſt! Sie be⸗ greifen, daß von dem Augenblicke, da ich über meine 81 Lage aufgeklärt wurde, entſchloſſen war, mich mit dem größtmöglichen Eclat umbringen laſſen wolle. Ich habe mich unverzüglich ans Werk gemacht. Ein Anderer, der mehr Glück hätte, wäre ſchon hundert Mal am Ziele; aber ich, ja wohl, ich bin verzaubert: weder Kanonen⸗ noch Flintenkugeln wollen etwas von mir; man könnte glauben, die Säbel fürchteten, ſich an meiner Bruſt ſchartig zu machen. Ich ver⸗ ſäume indeß keine Gelegenheit; Sie haben ſich nach dem, was an der Table d'Höte geſchehen, davon überzeugt. Nun, wir werden uns ſchlagen, nicht wahr? Ich werde mich wie ein Narr ausliefern, meinem Gegner alle Vortheile bieten, das wird Alles nichts thun; er wird auf fünfzehn, auf zehn, auf fünf Schritte, ja dicht vor meiner Raſe ſchießen und er wird mich verfehlen, oder ſein Piſtol wird ver⸗ ſagen; und all das, die herrliche Ausſicht, ich bitte Sie, damit ich eines ſchönen Tages, wenn ich es am wenigſten erwarte, beim Stiefelanziehen berſte! Doch ſtille, da kömmt mein Gegner.“ In der That ſah man auf demſelben Wege, den Roland und Sir John durch das unebene Terrain und die rauhen Felſen eingeſchlagen, die obere Hälfte von drei Perſonen erſcheinen, welche immer größer wurden, je näher ſie kamen. Roland zählte ſie. „Drei. Warum drei,“ ſagte er,„während wir nur zu zweien ſind?“ „Ah! ich hatte vergeſſen,“ ſagte der Engländer: „Herr von Barjols verlangte ebenſoſehr in Ihrem, als in ſeinem Intereſſe einen ihm befreundeten Chir⸗ urgen mitbringen zu dürfen.“ Dumas, Jehu. I. 6 82 „Wozu?“ fragte Roland in beinahe bruskem Tone, indem er die Brauen zuſammenzog. „Wenn einer von Ihnen verwundet würde; ein Aderlaß kann unter gewiſſen Umſtänden das Leben eines Menſchen retten.“ „Sir John!“ machte Roland mit beinahe wildem Ausdruck,„ich begreife all dieſe zarten Rückſichten bei einem Duelle nicht. Wenn man ſich ſchlägt, ſo geſchieht es, um ſich umzubringen. Wenn man ſich vorher alle Artigkeiten erzeigt, wie es unſere Ahnen und die Ihrigen in Fontenay thaten, gut; ſind jedoch die Degen aus der Scheide oder die Piſtole geladen, ſo muß das Leben des Einen die Mühe lohnen, die man ſich gemacht, und die Schläge des Herzens, die man verloren. Ich verlange von Ihnen auf Ehren⸗ wort, Sir John, daß der Chirurg keine Hand an mich legt, ich mag verwundet oder lebendig oder todt ſein.“ „Aber Herr Roland. „Entweder, oder. Ihr 2 Mylord, oder, der Teufel ſoll mich holen, ich ſchlage mich nicht.“ Der Engländer ſah den jungen Mann erſtaunt an. Sein Geſicht war leichenblaß geworden, ſeine Glieder erfaßte ein Schauer, der dem Schrecken ähn⸗ lich ſah. Ohne dieſen unerklärlichen Eindruck zu verſtehen, gab Sir John ſein Wort. „So iſt's recht,“ machte Roland;„ſehen Sie, das iſt noch eine von den Wirkungen dieſer fatalen Krankheit, daß mir augenblicklich ſchlecht wird, wenn ich an ein wundärztliches Beſteckdenke, ein Schnittmeſſer —-——— 8— ed 83 oder eine Lancette ſehe. Ich bin gewiß ſehr blaß geworden?“ „Ich glaubte einen Augenblick, Sie würden in Ohnmacht fallen.“ Roland lachte laut auf. „Ach, das wäre eine hübſche Geſchichte geweſen,“ ſagte er,„wenn unſere Gegner gekommen und Sie damit beſchäftigt gefunden, mich wie eine Frau, welche in Ohnmacht liegt, flüchtige Salze einathmen zu laſſen.“ Die drei Neuankommenden waren indeß näher getreten und konnten hören, was man ſprach, ſo daß Sir John nicht mehr Zeit hatte, Roland zu ant⸗ worten. Sie grüßten, als ſie herankamen. Roland beant⸗ wortete mit einem Lächeln auf den Lippen, das ſeine ſchönen Zähne ſehen ließ, den Gruß. Sir John näherte ſich ſeinem Ohre. „Sie ſind noch ein wenig blaß,“ ſagte er;„machen Sie einen Gang nach der Quelle; ich werde Sie holen, wenn es Zeit iſt.“ „Ah, das iſt eine hübſche Idee,“ ſagte Roland; „ich hatte mich immer geſehnt, dieſe berühmte Quelle von Vaucluſe, die Hippocrene der Petrarca zu ſehen. Sie kennen doch ſein Sonnet:* Chiare, fresche e dolci acque Ove le belle membra Pose colei, che sola a me perdona*). *) Theure, friſche und ſüße Waſſer Wo ſie die ſchönen Glieder Niederlegt, die allein mir verzeiht. 8⁴ „Und wenn dieſe Gelegenheit verſäumt iſt, würde ich vielleicht keine zweite finden, wo liegt ſie, Ihre Quelle?“. „Sie ſind nur dreißig Schritte davon entfernt; folgen Sie dem Weg, Sie werden ſie finden, wo dieſer eine andere Richtung nimmt, am Fuße des unge⸗ heuren Felſen, deſſen Gipfel Sie ſehen.“ Und mit einem freundlichen Gruße ſeiner Hand entfernte er ſich in der Richtung der Quelle, indem er zwiſchen den Zähnen die reizende Villanelle du Bellay's ſang: BRosette, pour peu d'abscence, Votre coeur vous avez changé; Et moi, voyant votre inconstance, Le mien d'autre part j'ai rangé. Jamais plus beauté si légère, Sur mon coeur de pouvoir n'aura; Nous verrons, volage bergère, Qui de nous S'en repentira*). Sir John wandte ſich um, als er die hellen Klänge dieſer friſchen und zarten Stimme vernahm, *) Mein Röschen ſchön, kaum war ich fort, Hat ſich Dein Herz von mir gewandt, Und einer Andern ſchwur ich zu Da ich Dich, Liebchen, untreu fand. Nein, nimmer ſoll beherrſchen mehr Solch' treulos Weib mein armes Herz, Laß ſehen, flücht'ge Schäferin, Wer früher fühlt der Reue Schmerz. 85 die in ihren höheren Tönen etwas von einer Frauen⸗ ſtimme hatte; ſein geordneter und kalter Geiſt ver⸗ ſtand nur ſo viel von dieſer unruhigen und nervöſen Natur, daß er einſah, er habe es mit einer der ſelt⸗ ſamſten Organiſationen zu thun, die man finden konnte. Die beiden jungen Leute erwarteten ihn; der Chirurg hielt ſich etwas abſeit. Sir John trug ſeine Piſtolenkapſel in der Hand und ſtellte ſie auf einen Felſen, der die Geſtalt eines Tiſches hatte, zog aus ſeiner Taſche einen kleinen Schlüſſel, der eher von einem Goldſchmiede, als von einem Schloſſer gemacht ſchien und öffnete die Kapſel. Die Waffen waren prachtvoll, obgleich von gro⸗ ßer Einfachheit; ſie kamen aus den Werkſtätten Men⸗ tons, des Großvaters von demjenigen, welcher noch heute einer der erſten Büchſenmacher von London iſt. Er gab ſie dem Secundanten des Herrn von Barjols zum Unterſuchen; dieſer ließ die Schlöſſer ſpielen und drückte die Krappe zurück, um zu ſehen, ob ſie doppelte Drücker haben. Sie hatten einfache Drücker. Herr von Barjols warf einen flüchtigen Blick darauf, berührte ſie jedoch nicht. „Unſer Gegner kennt Ihre Waffen nicht?“ fragte Herr von Valenſolle. „Er hat ſie nicht mal geſehen,“ antwortete Sir John,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.“ „O!“ machte Herr von Valenſolle,„eine ein⸗ fache Verneinung genügte.“ Man regelte zum zweiten Male, damit kein Miß⸗ verſtändniß vorkomme, die Kampfbedingungen, welche 86 wir bereits erwähnt; nachdem dies geſchehen, lud man, um ſo wenig als möglich Zeit mit unnützen Vorbereitungen zu verlieren, die Piſtole, legte ſie geladen in die Kapſel, vertraute dieſelbe dem Chir⸗ urgen an und Sir John ging, nachdem er den „Schlüſſel der Kapſel in feine Taſche geſteckt, Roland zu ſuchen fort. Er fand ihn mit einem jungen Hirten im Ge⸗ ſpräch, der drei Ziegen an den jähen und felſigen Seiten des Berges waidete; während er mit dieſem plauderte, warf er Kieſel in das Baſſin. Sir John öffnete den Mund, um Roland zu ſagen, daß Alles bereit ſei; er ließ jedoch dem Engländer keine Zeit und rief: „Sie wiſſen nicht, was mir dieſes Kind erzählt, Mylord? Eine wahre Rheinſage. Er behauptet, ſich mehr denn zwei bis drei Meilen unter dem Berge aus und ſei der Aufenthaltsort einer Fee, halb Schlange, halb Frau, welche in ruhigen und reinen Sommernächten an die Oberfläche des Waſſers heraufſchwimme, die Hirten der Berge rufe, indem ſie ihnen wohlverſtanden nichts zeige, als ihren Kopf mit langen Haaren, ihre nackten Schultern und ſchönen Arme; aber die Schwachen ließen ſich von der Er⸗ ſcheinung der Frau verführen: ſie nähern ſich, machen ihr ein Zeichen, daß ſie näher komme, während die Fee ihrerſeits ein Zeichen mache, daß ſie zu ihr kom⸗ men ſollten. Die Unklugen kämen, ohne es zu wiſſen, näher, da ſie ihre Füße nicht beachteten; plötzlich fühlten ſie keinen Boden mehr, die Fee ſtrecke ihre Arme aus, tauche mit ihnenʒin die feuchten Paläſte dieſes Becken, deſſen Grund man nicht kenne, dehne 87 und erſcheine andern Tages allein wieder. Wer, zum Teufel, kann dieſem einfältigen Hirten dieſelbe Geſchichte erzählt haben, welche Virgil in ſo ſchönen Verſen dem Auguſtus und Mäzenas mittheilte?“ Er ſtarrte einen Augenblick ſinnend in das azur⸗ blaue und tiefe Waſſer; dann ſich nach Sir John umwendend fuhr er fort: „Man ſagt, daß nie ein Schwimmer, er mochte noch ſo kräftig ſein, aus dieſem Schlund wieder aufgetaucht; wenn ich mich darin untertauchte, wär's vielleicht ein ſichereres Mittel, als die Kugel des Herrn von Barjols. Im Ganzen bleibt das immer⸗ hin noch als letztes Auskunftsmittel; wir wollen in⸗ deß die Kugel verſuchen. Auf, Mylord, auf!“ Und den Arm des über dieſe Beweglichkeit des Geiſtes erſtaunten Engländers ergreifend, führte er ihn zu den Wartenden zurück. Dieſe hatten indeß einen paſſenden Ort geſucht und einen ſolchen auch gefunden.. Es war ein kleines Plateau, das ſich gewiſſer⸗ maßen an die ſchroffe Rampe des Berges anlehnte, welche der untergehenden Sonne ausgeſetzt war und als eine Art Schloßruine den vom Nordweſtwind überraſchten Hirten als Zufluchtsort diente. Eine ebene Fläche von fünfzig Schritt Länge und zwanzig Schritt Breite, welche ehedem die Plättform des Schloſſes gebildet hatte, ſollte der Schauplatz des Dramas werden, das ſeiner Entwicklung ent⸗ gegenging. „Da ſind wir, meine Herren,“ ſagte Sir John. „Wir ſind bereit, meine Herren,“ antwortete Herr von Valenſolle. „Die Gegner mögen genau auf die Bedingun⸗ gen des Kampfes achten,“ ſagte Sir John. Dann wandte er ſich an Herrn von Valenſolle und fügte hinzu: „Sagen Sie ſie noch einmal: Sie ſind Franzoſe und ich Ausländer; Sie werden ſie deutlicher aus⸗ einanderſetzen als ich.“ „Sie gehören zu den Ausländern, Mylord, die armen Provencalen wie wir die Sprache lehren könnten; da Sie jedoch die Artigkeit haben, mir das Wort „abzutreten, ſo werde ich Ihrer Aufforderung Folge Sleiſten. 6 Und er grüßte Sir John, der den Gruß er⸗ wiederte. „Meine Herren,“ fuhr der Gentilhonne fort, der Herrn von Barjols als Sekundant diente;„es iſt ausgemacht, daß man Sie vierzig Schritt von einander aufſtellen wird, daß Sie dann auf einander zugehen, daß jeder nach Belieben ſchießt und ver⸗ wundet oder nicht, die Erlaubniß hat, noch weiter zu gehen, nachdem ſein Gegner Feuer gegeben.“ Die beiden Duellanten verbeugten ſich zum Zei⸗ chen der Beiſtimmung und beinahe zu gleicher Zeit riefen ſie wie aus einer Kehle: „Die Waffen!“ Sir John zog den kleinen Schlüſſel aus ſeiner Taſche und öffnete die Kapſel. Dann näherte er ſich Herrn von Barjols und übergab ſie ihm offen. Dieſer wollte die Wahl der Waffen ſeinem Geg⸗ ner überlaſſen; aber mit einem Zeichen der 89 ſchlug es Roland aus, indem er mit weicher, beinahe weiblicher Stimme ſagte: „Nach Ihnen, Herr von Barjols; ich höre, daß Sie, obgleich der Beleidigte, auf alle Ihre Vorrechte verzichteten; es iſt gewiß das geringſte, wenn es überhaupt eines iſt, daß ich Ihnen dieſes laſſe.“ Herr von Barjols beſtand nicht länger darauf und nahm eines der Piſtole, wie ſie der Zufall bot. Sir John bot die andere Roland dar, welcher ſie nahm und ohne weiter den Mechanismus einer Aufmerkſamkeit zu würdigen, ſie am Ende ſeines Armes herabhängen ließ. 2 Während dieſer Zeit maß Herr von Valenſolle die vierzig Schritte ab, nachdem er einen Stock am Ausgangspunct befeſtigt hatte. „Wollen Sie nach mir meſſen, mein Herr?“ fragte er Sir John. „Unnöthig, mein Herr,“ antwortete dieſer,„wir verlaſſen uns in dieſer Hinſicht ganz auf Sie.“ Herr von Volenſolle ſteckte am vierzigſten Schritt einen zweiten Stock in die Erde. „Meine Herren,“ ſagte er,„wenn's gefällig.“ Der Gegner Rolands war bereits auf ſeinem Poſten; er hatte den Hut und Rock abgelegt. Der Chirurg und die beiden Zeugen ſtanden abſeits. Der Ort war ſo guksgewählt, daß keiner von Beiden gegen den Andern durch das Terrain oder die Sonne im Nachtheil war. Roland warf Frack und Hut neben ſich auf die Erde und ſtellte ſich vierzig Schritte von Herrn von Barjols auf, ſo daß er ihm das Geſicht bot. 90 Beide, der Eine zur Rechten, der Andere zur Linken, ſandten einen Blick zum hellen Horizonte auf. Der Anblick ſtand im Einklang mit der furcht⸗ baren Feierlichkeit der Scene, welche nun begann. Nichts war zu ſehen zur Rechten von Roland, nichts zur Linken von Herrn von Barjols: nur der Berg, der ſich wie ein rieſenhaftes Dach ſchroff und jäh abſenkte. Aber auf der entgegengeſetzten Seite, das heißt zur Linken Rolands und zur Rechten des Herrn von Barjols hatte Alles ein anderes Ausſehen. Der Horizont war endlos. Auf der erſten Fläche, einem röthlichen Boden, gewahrte man überall Felsſpitzen, die aus der Erde hervorragten, und das Ganze wie einen Leichenhof von Titanen erſcheinen ließen, deren Gebeine aus dem Boden hervorſtanden. Die zweite Fläche, die ſich kräftig von der unter⸗ gehenden Sonne abhob, bot den Anblick von Avignon mit ſeinem Mauergürtel und ſeinem rieſigen Palaſte, der wie ein ſitzender Löwe die keuchende Stadt unter ſeiner Kralle feſtzuhalten ſcheint. Jenſeit von Avignon kündigte eine leuchtende Linie wie ein Strom geſchmolzenen Goldes die Rhone an.„ Endlich erhob ſich auf der andern Seite der Rhone wie eine dunkelbläue Linie die Hügelkette, welche Avignon von Nimes und Uzes trennt. Im Hintergrunde, ganz im Hintergrunde tauchte die Sonne, welche einer dieſer Männer wahrſchein⸗ lich zum letzten Male ſah, langſam und majeſtätiſch in einen Ocean von Gold und Purpur. 91 Im Uebrigen bildeten dieſe beiden Männer einen ſeltſamen Contraſt. Der Eine mit ſeinen ſchwarzen Haaren, ſeinem ſonnverbrannten Teint, ſeinen ſchlanken Gliedern, ſeinem düſtern Auge war der Typus jener ſüdlichen Race, welche die Griechen, die Römer, die Araber und die Spanier zu ihren Vorfahren zählt. Der Andere mit dem roſigen Teint, den blonden Haaren, den großen azurblauen Augen, und den niedlichen Händen, wie ſie ſonſt die Frauen haben, war der Typus jener Race des gemäßigten Himmels⸗ ſtrichs, der die Gallier, die Germanen und die Nor⸗ mannen unter ſeine Ahnen zählt. Wenn man die Situation ſteigern wollte, ſo konnte man leicht dazu kommen, zu glauben, daß dies mehr als ein einzelner Kampfzwiſchen zwei Menſchen ſei. Man koönnte glauben, es ſei das Duell eines Volkes gegen ein anderes, eines Stammes gegen einen andern, des Südens gegen den Norden. Waren es dieſe Gedanken, denen wir ſo eben Wort geliehen, welche den Geiſt Rolands beſchäf⸗ tigten und ihn in eine melancholiſche Träumerei ver⸗ ſenkten? Das iſt nicht wahrſcheinlich. Thatſache iſt, daß er einen Augenblick Secundan⸗ ten, Duell und Gegner vergaß, ſo war er in die Betrachtung des glänzenden Schauſpieles verſunken. Die Stimme des Herrn von Barjols zog ihn aus dieſer Geiſtesabweſenheit. „Wenn Sie bereit ſind, mein Herr, ich bin es.“ Roland zitterte. „Verzeihung, mein Herr, daß ich Sie warten 92 ließ,“ ſagte er;„aber Sie brauchen keine ſchlimme Meinung von mir zu faſſen, ich bin ſehr zerſtreut; hier bin ich, mein Hert.“ un Und mit einem Lächeln auf den Lippen, während die Haare im Abendwinde flatterten, ohne bleich zu r ul 2 werden, wie er es bei einer einfachen Promenade geworden, während ſein Gegner alle in einem ſolchen n Falle üblichen Vorſichtsmaßregeln traf, ging Roland geh geradezu auf Herrn von Barjols zu. Die Phyſiognomie Sir Johns verrieth, trotz ihrer be gewöhnlichen Theilnahmloſigkeit, eine tiefe Angſt. Die Entfernung verminderte ſich raſch zwiſchen den beiden Gegnern. Herr von Barjols blieb zuerſt ſtehen, zielte und n gab Feuer in dem Augenblicke, als Roland nur noch zehn Schritte von ihm entfernt war. eit Die Kugel ſeines Piſtols nahm eine Haarlocke ſchl Rolands weg, berührte ihn ſelbſt jedoch nicht. in Der junge Mann wandte ſich nach ſeinem Se⸗ cundanten um. wei „Nun!“ fragte er,„was habe ich Ihnen geſagt?“ erke „Schießen Sie, mein Herr, ſchießen Sie doch!“ ſagten die Secundanten. Ge Herr von Barjols blieb ſtumm und unbeweglich me an dem Platze ſtehen, wo er Feuer gegeben. „Verzeihung, meine Herren,“ antwortete Roland 5 An „aber Sie werden mir hoffentlich erlauben, Richter 0 des Augenblicks zu ſein und zu entſcheiden, wie ich mä antworten will. Nachdem ich das Feuer des Herrn von Barjols ausgehalten, habe ich ihm einige Worte hei zu ſagen, die ich ihm nicht früher ſagen konnte.“ imme reut; ren h zu nade lchen land hrer chen und nur 93 Indem er ſich damit an den jungen blaſſen, aber ruhigen Ariſtokraten wandte, ſagte er: „Mein Herr, vielleicht war ich etwas lebhaft in unſerer Discuſſion von dieſem Morgen.“ Und er wartete. „Es iſt an Ihnen, zu ſchießen, mein Herr,“ ant⸗ wortete Herr von Barjols. „Aber,“ fuhr Roland fort, als wenn er nicht gehört,„Sie werden die Urſache dieſer Lebhaftigkeit begreifen und vielleicht entſchuldigen. Ich bin Mili⸗ tär und Adjutant des Generals Bonaparte.“ „Schießen Sie, mein Herr,“ wiederholte der junge Edelmann. „Sagen Sie ein einziges Wort des Widerrufs, mein Herr,“ verſetzte der junge Offizier;„ſagen Sie, der Ruf der Ehrenhaftigkeit und der Gewiſſenhaftig⸗ keit des Generals Bonaparte ſei der Art, daß ein ſchlechtes italieniſches Sprüchwort, das von Beſiegten in übler Stimmung gemacht worden, ihn nicht be⸗ rühren könne; ſagen Sie das undich werfe dieſe Waffe weit von mir und drücke Ihnen die Hand; denn ich erkenne, mein Herr, Sie ſind ein Tapferer.“ „Ich werde dieſem Ruf der Ehrenhaftigkeit und Gewiſſenhaftigkeit des Generals Bonaparte nicht früher meine Anerkennung zollen, als bis Ihr Obergeneral den Einfluß, den ihm ſein Genie auf die franzöſiſchen Angelegenheiten gegeben, dazu angewandt, zu thun, was Monk that, das heißt, den Thron ſeinem recht⸗ mäßigen König zurückzugeben.“ „Ah!“ machte Roland mit einem Lächeln,„das heißt zu viel von einem republikaniſchen General verlangen.“ 9⁴ „Dann bleibe ich bei dem, was ich geſagt,“ ant⸗ wortete der junge Edelmann;„ſchießen Sie, mein Herr, ſchießen Sie.“ Da Roland jedoch ſich nicht beeilte, dieſer Auf⸗ forderung Folge zu leiſten, ſo rief er nochmals und ſtampfte dabei auf die Erde. „Aber, Himmel und Erde! ſchießen Sie doch!“ Roland machte auf dieſe Worte eine Bewegung, welche merken ließ, daß er in die Luft ſchießen wollte. Aber mit einer Lebhaftigkeit des Wortes und der Geberde, die ihn ſeinen Entſchluß ausführen ließ, rief Herr von Barſols: „O, ſchießen Sie nicht in die Luft, oder ich ver⸗ lange, daß man wieder von vorne anfängt und daß Sie den erſten Schuß haben.“ „Bei meiner Ehre!“ rief Roland, welcher blaß wurde, als wenn ihn all ſein Blut verließe,„zum erſten Male thue ich ſo viel für einen Menſchen, wer er auch ſei. Gehen Sie zum Teufel! und da Sie das Leben nicht wollen, ſo wollen Sie den Tod.“ Und im ſelben Augenblick, ohne zu zielen, ſenkte er ſeine Waffe und gab Feuer. Alfred von Barjols legte die Hand an ſeine Bruſt, wankte vor und zurück, drehte ſich im Kreis und fiel mit dem Geſicht auf die Erde. Die Kugel Rolands hatte ihm das Herz durch⸗ bohrt. Als Sir John Herrn von Barjols fallen ſah, ging er auf Roland zu und zog ihn an den Ort, wo er ſeinen Hut und Rock hingeworfen. „Es iſt das dritte Mal,“ murmelte Roland, mit — „ — 8 — ant⸗ nein und ing, lite. und ren er⸗ daß laß um ver Sie kte ine eis „ h, rt, it 9⁵ einem Seufzer;„aber Sie ſind wenigſtens mein Zeuge, daß dieſer es ſelbſt gewollt.“ Und indem er ſein Piſtol noch rauchend Sir John zurückgab, zog er ſeinen Rock wieder an und ſetzte ſeinen Hut auf. Während dieſer Zeit hob Herr von Valenſolle das der Hand ſeines Freundes entfallene Piſtol auf und übergab es Sir John nebſt der Kapſel. „Nun?“ fragte der Engländer, indem er mit den Blicken auf Alfred von Barfols deutete. „Er iſt todt!“ antwortete der Secundant. „Habe ich als Mann von Ehre gehandelt, mein Herr?“ fragte Roland, indem er ſich mit ſeinem Taſchentuch den Schweiß abtrocknete, der ihm bei Ankündigung des Todes ſeines Gegners plötzlich über das Geſicht gelaufen. „Ja, mein Herr,“ antwortete Herr von Valen⸗ ſolle,„nur laſſen Sie mich Ihnen ſagen: Sie haben eine unglückliche Hand.“ Und nachdem er Roland und ſeinen Secundan⸗ ten mit ausgeſuchter Höflichkeit gegrüßt, kehrte er zu der Leiche ſeines Freundes zurück. „Und Sie, Mylord,“ verſetzte Roland,„was ſagen Sie?“ „Ich ſage,“ verſetzte Sir John, mit einer Art erzwungener Bewunderung,„daß Sie zu den Men⸗ ſchen gehören, welche der göttliche Shakſpere von ſich ſelbſt ſagen läßt. Die Gefahr und ich ſind zwei am ſelben Tag geborene Löwen, aber ich bin der Aeltere.“ Roland. Die Heimkehr war ſtumm und traurig; man hätte glauben können, Roland habe, als er die Aus⸗ ſicht des Todes verſchwinden ſah, alle Heiterkeit ver⸗ loren. Die Kataſtrophe, deren Urheber Roland ſo eben geweſen, konnte wohl einigen Theil an dieſer Schweig⸗ ſamkeit haben, aber wir wollen es nur gleich ſagen, Roland hatte auf dem Schlachtfelde und namentlich in ſeinem letzten Feldzuge gegen die Araber zu häufig mit ſeinem Pferde über Leichname hinweggeſetzt, die er eben zu ſolchen gemacht, als daß der Eindruck, den der Tod eines ihm Unbekannten auf ihn hervor⸗ brachte, hätte ſehr groß ſein können. Dieſe Traurigkeit hatte ſomit einen andern Grund; es mußte dies ganz ſicher der ſein, den der junge Mann Sir John anvertraut. Es war alſo nicht der Schmerz über den Tod eines Andern, ſondern die Enttäuſchung über den eignen Tod. Als Sir John in das Hotel du Palais⸗Royal zurückkam, ſtieg er in ſein Zimmer hinauf, um dort ſeine Piſtolen niederzulegen, deren Anblick im Geiſte Rolands etwas wie Gewiſſensbiſſe erwecken konnte; dann erſchien er wieder bei dem jungen Offizier, um ihm die drei Briefe zurückzugeben, die er von ihm empfangen hatte. Er fand ihn nachdenklich auf ſeinen Tiſch geſtütt daſitzend. „ an us⸗ er ben ig⸗ en, lich fig die uck, Or⸗ ge icht ern al ort iſte te; um hm t 5 8 Ohne ein Wort zu ſprechen, legte der Engländer die drei Briefe vor Roland. Der junge Mann warf die Blicke auf die Adreſſen, nahm den, welcher für ſeine Mutter beſtimmt war, entſiegelte ihn und las. Als er eine Zeitlang geleſen, rollten dicke Thränen über ſeine Wangen. John betrachtete mit Erſtaunen dieſes neue Ge⸗ ſicht, unter dem ihm Roland erſchien. Er hätte bei dieſer vielſeitigen Natur Alles für möglich gehalten, nur nicht, daß ſie Thränen ver⸗ gieße, die leiſe aus den Augen quollen. Dann ſchüttelte Roland den Kopf und ohne im mindeſten auf die Anweſenheit Sir Johns zu achten, murmelte Roland: „Die arme Mutter! ſie hätte wohl ſehr geweint, vielleicht iſt es ſo beſſer: die Mütter ſind nicht dazu da, ihre Kinder zu beweinen!“ Und mit einer mechaniſchen Bewegung zerriß er den an ſeine Mutter geſchriebenen Brief, dann den an ſeine Schweſter und zuletzt den an General Bonaparte. Darauf verbrannte er ſorgfältig alle Stücke. Nach alle dem läutete er dem Zimmermädchen: „Bis zu welcher Stunde kann man die Briefe auf die Poſt geben?“ fragte er. „Bis ſechs ein halb,“ antwortete dieſe,„Sie haben nur noch einige Minuten.“ „Dann warten Sie.“. Er nahm eine Feder und ſchrieb: Dumas, Jehu. I. 7 9⁸ „Mein lieber General! „Ich hatte es Ihnen vorausgeſagt, ich bin der Ueberlebende und er iſt todt. Sie werden zugeben, daß das das Ausſehen einer Wette hat. „Treu bis in den Tod, S„Ihr Paladin .„Roland.“ Dann ſiegelte er den Brief, ſchrieb auf die Adreſſe: An den General Bonaparte, Rue de la Victpire in Paris und übergab ihn dem Zim⸗ mermädchen, indem er ihr empfahl, keine Secunde zu verlieren und ihn auf die Poſt zu tragen. Erſt jetzt ſchien er Sir John zu bemerken und bot ihm die Hand. „Sie haben mir ſo eben einen großen Dienſt erwieſen, Mylord, einen jener Dienſte, welche zwei WMenſchen für die Cwigkeit verbinden. Ich bin be⸗ reits Ihr Freund, wollen Sie mir die Ehre erzeigen, der meinige zu ſein.“ . Sir John drückte die Hand, welche ihm Roland darbot. „O,“ ſagte er,„ich danke Ihnen ſehr, ich hätte nicht gewagt, Sie um dieſe Ehre zu bitten; aber da Sie ſie mir anbieten, ſo nehme ich an.“ Und nun begann auch das Herz des unempfind⸗ lichen Engländers weich zu werden und er trocknete eine Thräne, die an der Spitze ſeiner Wimpern zitterte. Mit einem Blick auf Roland ſagte er dann: „Es iſt ſehr fatal, daß Sie ſo große Eile haben; ich wäre ſo glücklich und zufrieden geweſen, wenn , d„„ 99 ich noch ein oder zwei Tage hätte mit Ihnen zu⸗ bringen können.“ „Wohin wollten Sie, Mylord, als ich Sie traf?“ „Ol! ich, nirgends, ich reiſte, um die Langeweile loszuwerden. Ich habe das Unglück, mich häufig zu langweilen.“ „So gingen Sie eigentlich nirgendhin?“ „Ich ging überall hin.“ „Das kömmt auf eines heraus,“ ſagte der junge Offizier lächelnd.„Nun, wollen Sie Etwas thun?“ „Ol ſehr gerne, wenn es möglich iſt.“ „Ganz gewiß iſt es möglich, es hängt nur von Ihnen ab.“ „Sprechen Sie.“ „Sie ſollten, wenn ich gefallen wäre, mich zu meiner Mutter bringen oder in die Rhone werfen?“ „Ich hätte Sie zu Ihrer Mutter zurückgebracht und nicht in die Rhone geworfen.“ „Nun! ſtatt den Todten dahin zu bringen, be⸗ gleiten Sie den Lebendigen und Sie werden nur um ſo freundlicher aufgenommen werden.“ O E „Pir werden vierzehn Tage in Bourg bleiben, das iſt meine Vaterſtadt, eine der langweiligſten Städte Frankreichs; da Ihre Landsleute jedoch na⸗ mentlich durch ihre Originalität glänzen, werden Sie ſich vielleicht amüſiren, wo ſich die Andern langwei⸗ len. Sind Sie Willens?“ „Ich verlange nicht mehr,“ machte der Englän⸗ der,„aber es ſcheint mir, daß ſich das wenig für mich ſchickt.“. „O, wir ſind nicht in England, Mylord, wo die 100 Etikette eine abſolute Herrſcherin iſt. Wir haben weder König, noch Königin mehr und haben auch nicht jenem armen Geſchöpf, das man Marie An⸗ toinette nannte, den Kopf abgeſchnitten, um Ihre Majeſtät die Etikette an ihre Stelle zu ſetzen.“ „Ich habe ſehr große Luſt,“ ſagte Sir John. „Sie werden ſehen, meine Mutter iſt eine aus⸗ gezeichnete Frau, eine außerordentlich feine Dame. Meine Schweſter war ſechzehn Jahre, als ich fort⸗ ging, ſie muß jetzt achtzehn ſein; ſie war hübſch und muß nun ſchön ſein. Außerdem habe ich nur noch einen Bruder, Edouard, einen liebenswürdigen Jungen von zwölf Jahren, der Ihnen Raketen zwiſchen den Beinen anzündet und das Engliſche mit Ihnen rade⸗ brechen wird; ſind dieſe vierzehn Tage vorüber, ſo gehen wir mit einander nach Paris.“ „Ich komme von Paris,“ machte der Engländer. „Warten Sie doch, Sie wollten nach Egypten gehen, um den General Bonaparte zu beſuchen; es iſt nicht ſoweit von hier nach Paris, als von hier nach Cairo; ich werde Sie ihm vorſtellen: durch mich vorgeſtellt, ſeien Sie ruhig, werden Sie freund⸗ lich aufgenommen ſein. Und dann ſprachen Sie eben von Shakſpere?“ „O ja, ich ſpreche immer von ihm.“ „Das beweiſt, daß Sie Schauſpiele lieben!“ „Ich liebe ſie ſehr, das iſt wahr.“ „Nun gut! Der General Bonaparte iſt im Be⸗ griff, ein ſolches nach ſeiner Art auszuführen, das nicht ohne Intereſſe ſein wird, dafür garantire ich Ihnen.“ „So kann ich,“ ſagte Sir John noch immer M zögernd,„ohne indiskret zu ſein, Ihr Anerbieten an⸗ nehmen?“ „Ich glaube wohl, und Sie werden Allen, na⸗ mentlich mir Freude bereiten.“. „Ich nehme alſo an.“ „Bravo! Gut denn, wann wollen Sie gehen?“ „Wann es Ihnen beliebt! Mein Wagen war an⸗ geſpannt, als Sie Barjols den unglücklichen Teller an den Kopf warfen; da ich jedoch ohne dieſen Teller Ihre Bekanntſchaft niemals gemacht hätte, ſo bin ich zufrieden, daß Sie's gethan: ja, ſehr zufrieden.“ „Wollen Sie, daß wir dieſen Abend abreiſen?“ „Augenblicklich. Ich will dem Poſtillon ſagen, daß er einen ſeiner Kameraden mit andern Pferden ſchickt und wenn Poſtillon und Pferde da ſind, gehen wir.“ Roland machte ein Zeichen der Zuſtimmung. Sir John ging weg, um ſeine Befehle zu geben und kam dann wieder, um zu ſagen, daß er ſo eben Cotelettes und ein kaltes Geflügel habe ſerviren aſſen. Roland nahm das Felleiſen und ging hinab. Der Engländer ſtellte ſeine Piſtolen wieder in die Wagentruhe. Beide aßen ein wenig, um die ganze Racht ohne Aufenthalt fahren zu können, und als es neun Uhr auf der Egliſe des Cordeliers ſchlug, machten ſich's beide in dem Wagen bequem und verließen Avignon, wo ihre Durchreiſe einen neuen Blutflecken hinter⸗ ließ,— Roland mit der Sorgloſigkeit ſeines Charak⸗ ters, John Tanlay mit der Gleichgültigkeit ſeiner Nation. 102 Eine Viertelſtunde ſpäter ſchliefen beide oder vielmehr das Schweigen, das jeder ſeinerſeits be⸗ obachtete, konnte glauben machen, daß ſie dem Schlafe erlegen. Wir werden dieſen Augenblick der Ruhe benützen, um unſern Leſern einige nothwendige Mittheilungen über Roland und ſeine Familie zu machen. Roland war am 1. Juli 1773 geboren, vier Jahre und einige Tage ſpäter als Bonaparte, an deſſen Seite oder vielmehr in deſſen Gefolge er zuerſt in dieſem Buche aufgetreten. Er war der Sohn von Charles von Montrevel, Oterſemebierinents das lange Zeit auf Mar⸗ tinique lag, wo er ſich mit einer Creolin, Namens Clothilde de la Clémencière verheirathete. Drei Kinder ſtammten aus dieſer Ehe, zwei Kna⸗ ben und ein Mädchen: Louis, mit dem wir unter dem Namen Roland Bekanntſchaft gemacht; Amelie, deren Schönheit dieſer gegenüber von Sir John ge⸗ rühmt, und Edouard. Im Jahre 1782 nach Frankreich zurückgerufen, hatte Herr von Montrevel die Erlaubniß erhalten, den jungen Louis von Montrevel— wir werden ſpäter ſehen, wie er ſeinen Namen gegen den von Roland vertauſchte— in die Militärſchule von Paris zu ſchicken. Hier lernte Bonaparte den Knaben kennen, als er auf den Rapport des Herrn von Keralio für wür⸗ dig befunden wurde, aus der Schule von Brienne in die Militärſchule verſetzt zu werden. Louis war der jüngſte der Zöglinge. Obgleich er erſt dreizehn Jahre alt war, machte 103 er ſich doch ſchon durch ſeinen unbändigen und ſtreit⸗ ſüchtigen Charakter bemerkbar, von dem wir ihn ſiebenzehn Jahre ſpäter an der Table d'Höte von Avignon ein Beiſpiel geben ſahen. Bonaparte hatte, ebenfalls noch ganz Knabe, die gute Seite dieſes Charakters, das heißt, ohne ein Zänker zu ſein, war er herriſch, halsſtarrig, unbän⸗ dig; er erkannte in dem Knaben einige der Eigenſchaf⸗ ten, die er ſelbſt beſaß, und dieſe Gefühlsſympathie machte, daß er ihm ſeine Fehler vergab und ſich an ihn anſchloß. Der Knabe fühlte ſeinerſeits eine Stütze in dem jungen Corſen und hielt ſich an ihn. Eines Tages fand der Knabe ſeinen großen Freund,— ſo nannte er Napoleon,— im Augen⸗ blicke, als dieſer in die Löſung einer mathematiſchen Aufgabe vertieft war. Er wußte, welche Wichtigkeit der künftige Artil⸗ lerieoffizier dieſer Wiſſenſchaft beilegte, die ihm bis dahin die größten oder vielmehr die einzigen Erfolge verſchafft. Er blieb neben ihm ſtehen, ohne zu ſprechen, ohne ſich zu bewegen. Der junge Mathematiker ahnte die Anweſenheit des Knaben und vertiefte ſich immer mehr in ſeine mathematiſchen Deductionen, aus denen er nach Verfluß von zehn Minuten ehrenvoll hervorging. Dann wandte er ſich nach ſeinem jungen Kame⸗ raden mit der innern Genugthuung eines Menſchen um, der aus irgend einem Kampfe, ſei es mit der Wiſſenſchaft, ſei es mit der Materie, hervorgeht. Der Knabe ſtand blaß, die Zähne aufeinander 104 gebiſſen, die Arme ſtraff und die Hände geballt neben ihm. „O, o!“ ſagte der junge Bonaparte,„was gibt es Neues?“ „Valence, der Reffe des Gouverneurs, hat mir eine Ohrfeige gegeben.“ „Ah!“ ſagte Bonaparte lachend,„und Du kommſt, mich zu holen, daß ich ſie ihm wieder gebe?“ Der Knabe ſchüttelte den Kopf. „Nein,“ ſagte er,„ich ſuche Dich auf, weil ich mich ſchlagen will.“ „Mit Valence?“ 6 „Aber Valence wird Dich ſchlagen, mein Junge; er iſt viermal ſo ſtark als Du.“ „Ich will mich auch nicht mit ihm herumſchlagen, wie's die Kinder thun, ſondern wie die Männer ſich ſchlagen.“ „O, bah!“ „Das ſetzt Dich in Erſtaunen?“ fragte der Knabe. „Nein,“ ſagte Bonaparte. „Und worauf willſt Du Dich ſchlagen?“ „Auf Degen.“ „Aber nur die Sergeanten haben Degen und dieſe werden ſie uns nicht leihen.“ „So laſſen wir's mit den Degen.“ „Und womit wollt ihr euch ſchlagen?“ Der Knabe zeigte dem jungen Mathematiker den Zirkel, mit dem dieſer gewöhnlich ſeine Gleichungen machte. „O! mein Junge,“ ſagte Bonaparte,„das iſt eine ſehr ſchwere Verwundung, die mit dem Zirkel.“ —— 105 „Um ſo beſſer,“ verſetzte Louis,„ich werde ihn tödten.“ „Und wenn er Dich tödtet?“ „Lieber, als ſeine Ohrfeige hinnehmen.“ Bonaparte beharrte nicht länger auf ſeinen Ein⸗ wendungen: er liebte den Muth aus Inſtinct, der ſeines jungen Kameraden gefiel ihm. „Nun,“ ſagte er,„ſo ſei es; ich werde Valence zu wiſſen thun, daß Du Dich mit ihm ſchlagen willſt, aber morgen.“ „Weßhalb morgen?“ „Du haſt dann die Nacht zum Nachdenken.“ „Und von heute bis morgen,“ verſetzte der Knabe, „wird Valence glauben, ich ſei ein feiger Menſch!“ Dann ſchüttelte er den Kopf und ſagte:„Es iſt zu lange bis morgen!“ Damit entfernte er ſich. „Wo gehſt Du hin?“ fragte ihn Bonaparte. „Ich werde einen Andern fragen, ob er mein Freund ſein will.“ „So bin ich es alſo nicht mehr?“ „Du biſt es nicht mehr, weil Du mich für feig hältſt.“ „Gut,“ ſagte der junge Mann aufſtehend. „Du gehſt zu ihm?“ Ja „Augenblicklich?“ „Augenblicklich.“ „Ah!“ rief der Knabe,„ich bitte Dich um Ver⸗ zeihung, Du biſt noch immer mein Freund.“ Und damit ſprang er ihm weinend an den Hals. Es waren die erſten Thränen, die er ſeit der erhaltenen Ohrfeige geweint. 106 Bonaparte ſuchte Valence auf und erklärte ihm mit ernſtem Tone, in welchem Auftrage er komme. Valence war ein ziemlich großer Junge von ſie⸗ benzehn Jahren, und hatte bereits, wie es bei ge⸗ wiſſen frühreifen Naturen vorkommt, Backen⸗ und Schnurrbart: er ſah dadurch wie ein Menſch von zwanzig Jahren aus. Er war außerdem einen Kopf größer, als der, den er beleidigt hatte. Valence antwortete, Louis habe ihn auf dieſelbe Weiſe am Zopf gezogen, wie man an einer Glocken⸗ ſchnur ziehe— man trug zu jener Zeit Zöpfe— er habe ihn zweimal gewarnt, es nicht wieder zu thun, aber Louis ſei zum dritten Male gekommen, und da er deßhalb in ihm nur einen Gaſſenbuben geſehen, habe er ihn wie einen Gaſſenbuben be⸗ „ handelt. 2 Man brachte Valencens Antwort Louis, der da⸗ gegen einwandte, einen Kameraden am Zopf zu ziehen ſei nur ein Scherz, während eine Ohrfeige zu geben eine Beleidigung ſei. Die Halsſtarrigkeit verlieh dem Knaben von drei⸗ zehn Jahren die Logik eines Mannes von dreißig. Der moderne Popilius kehrte zurück, um Va⸗ lence den Krieg zu erklären. Der junge Mann war in großer Verlegenheit: er konnte, ohne ſich lächerlich zu machen, ſich nicht mit einem Knaben ſchlagen: ſchlug er ſich und ver⸗ wundete ihn, ſo war das häßlich; wurde er ſelbſt verwundet, ſo konnte er ſich ſein ganzes Leben nicht mehr darüber tröſten. V V 107 Die Hartnäckigkeit Louis', der nicht davon ab⸗ ſtand, machte die Sache ſehr ernſt. Man verſammelte den Rath der Großen, wie dies in wichtigen Dingen immer geſchah. Der Rath der Großen entſchied, daß einer der Ihren ſich nicht mit einem Knaben ſchlagen könne; daß jedoch, weil dieſer Knabe ſich durchaus als einen jungen Mann betrachte, ſo ſolle ihm Valence vor allen ſeinen Kameraden ſagen, daß es ihm leid thue, daß er ſich dazu habe hinreißen laſſen, ihn wie einen Knaben zu behandeln, und daß er ihn von nun ab als einen jungen Mann betrachten wolle. Man ſchickte nach Louis, der in dem Zimmer ſeines Freundes wartete; man führte ihn in den Kreis, welchen die jungen Zöglinge im Hofe bildeten. Dort erklärte Valence, dem ſeine Kameraden eine Art von Geſpräch dictirt hatten, das lange zwiſchen ihnen berathen worden, um die Ehre der Großen gegenüber den Kleinen zu wahren,— Valence er⸗ klärte Louis, daß ihm ſehr leid thue, was geſchehen ſei, daß er ihn nach ſeinem Alter behandelt, und nicht nach ſeinem Verſtande und ſeinem Muthe, in⸗ dem er ihn zugleich bat, ſein Ungeſtüm entſchuldigen und ihm die Hand reichen zu wollen, zum Zeichen, daß Alles vergeben ſei. Aber Louis ſchüttelte den Kopf. „Ich hörte eines Tages zu meinem Vater ſagen, welcher Oberſt iſt,“ verſetzte er,„daß der, welcher eine Ohrfeige erhielte und ſich nicht ſchlage, ein Feig⸗ ling ſei. Sobald ich meinen Vater ſehe, werde ich ihn fragen, ob der, welcher die Ohrfeige gibt und 108 Ausflüchte macht, um ſich nicht zu ſchlagen, nicht noch feiger iſt, als der, welcher ſie erhalten.“ Die jungen Leute ſahen ſich an; aber die allge⸗ meine Anſicht war gegen ein Duell, das einem Meu⸗ chelmorde ähnlich geſehen, und die jungen Leute ver⸗ ſicherten einſtimmig, Bonaparte eingeſchloſſen, dem Knaben, daß er ſich bei dem beruhigen könne, was Valence geſagt, da das, was Valence geſagt, das Reſumé der allgemeinen Anſicht ſei. Louis ging blaß vor Zorn weg und ſchmollte mit ſeinem großen Freunde, der, wie er mit unver⸗ rücktem Ernſte ſagte, die Intereſſen ſeiner Ehre ver⸗ nachläßigt habe. Am andern Tage ſchlich Louis während der mathematiſchen Stunde der Größern in den Schul⸗ ſaal, und während Valence einen Beweis an der ſchwarzen Tafel machte, näherte er ſich ihm, ohne daß Jemand es bemerkte, ſtieg auf ein Stühlchen, um zu ſeinem Geſichte emporzureichen und gab ihm die Ohrfeige wieder, die er am Tage vorher erhalten. „So,“ ſagte er,„jetzt ſind wir quitt und ich habe Deine Entſchuldigungen noch obendrein, denn ich werde Dir keine machen, Du kannſt ganz ruhig ſein.“ Der Scandal war groß; die Geſchichte war in Gegenwart des Profeſſors geſchehen, der ſich ge⸗ zwungen ſah, dem Gouverneur der Schule, Marquis Timburce Valence, die Anzeige zu machen. Dieſer, welcher nicht wußte, was der Ohrfeige vorangegangen war, die ſein Neffe erhalten, ließ den Delinquenten vor ſich kommen und kündigte ihm nach einer furchtbaren Strafpredigt an, daß er nicht mehr in der Militärſchule bleiben könne, und ſich — e⸗ * * 109 bereit zu halten habe, noch am ſelben Tage nach Bourg zu ſeiner Mutter zurückzukehren. Louis antwortete, in zehn Minuten ſei ſein Pack gemacht und in einer Viertelſtunde werde er die Schule verlaſſen haben. Von der Ohrfeige, die er ſelbſt erhalten, ſagte er kein Wort. Die Antwort erſchien dem Marquis Timburce Valence mehr als reſpectwidrig; er hatte gute Luſt, den Unverſchämten auf acht Tage ins Carcer zu ſchicken, aber er konnte ihn nicht zu gleicher Zeit ins Carcer ſchicken und vor die Thüre ſetzen. Man gab dem Knaben einen Aufſeher, der ihn erſt verlaſſen durfte, wenn er ihn in den Wagen von Macon geſetzt. Frau von Montrevel ſollte da⸗ von unterrichtet werden, um ihren Sohn beim Aus⸗ ſteigen aus dem Wagen zu empfangen. Vonaparte begegnete den jungen Mann, beglei⸗ tet von ſeinem Aufſeher, und bat ihn um eine Er⸗ klärung dieſer Art von Connetabelngerichtswache, welche ſeiner Perſon beigegeben ſei. „Ich würde Ihnen das erzählen, wenn Sie noch mein Freund wären,“ antwortete der Knabe;„aber Sie ſind es nicht; warum kümmern Sie ſich um das, was mir Gutes oder Schlimmes begegnet?“ Bonaparte machte dem Aufſeher ein Zeichen, welcher, während Louis ſein kleines Bündel ſchnürte, mit ihm an der Thüre ſprach. Er erfuhr nun, daß der Knabe aus der Schule gejagt ſei. Dieſe Maßregel war ſehr ſtreng: ſie brachte eine 11⁰ ganze Familie in Verzweiflung und vernichtete viel⸗ leicht die Zukunft ſeines jungen Kameraden. Mit der raſchen Entſchloſſenheit, die eine der charakteriſtiſchen Eigenſchaften ſeines Vaters war, entſchied er ſich ſogleich dafür, den Gouverneur um eine Audienz zu bitten, indem er dem Aufſeher em⸗ pfahl, die Abreiſe Louis' nicht zu beſchleunigen. Bonaparte war ein ausgezeichneter Schüler, ſehr beliebt in der Schule, und ſehr geachtet bei Marquis Timburce Valence; ſein Verlangen wurde ihm deß⸗ halb augenblicklich bewilligt. Bei dem Gouverneur eingeführt, erzählte er ihm Alles, und ohne Valence im mindeſten mit Schuld zu belaſten, ſuchte er Louis Unſchuld zu erweiſen. „Iſt das wahr, was Sie mir da erzählen?“ fragte der Gouverneur. „Fragen Sie Ihren Neffen ſelbſt, ich beziehe mich auf das, was er Ihnen ſagen wird.“ Man ſchickte nach Valence. Er hatte die Aus⸗ ſtoßung Louis' erfahren und kam von ſelbſt, ſeinem Onkel zu erzählen, was vorgefallen. Seine Erzählung ſtimmte vollſtändig mit der von Bonaparte überein. „Gut,“ ſagte der Gouverneur,„Louis wird nicht gehen, ſondern Du; Du biſt im Alter, die Schule zu verlaſſen.“ Dann läutete er und ſagte zu der Ordonnanz: „Man gebe mir die Tabelle der vacanten Unter⸗ lieutenantsſtellen.“ Am ſelben Tage wurde dringend um eine Unter⸗ lieutenantsſtelle für den jungen Valence bei dem Miniſter gebeten. „ —— — — viel⸗ der var, em⸗ ſehr uis eß⸗ hm uld 2 he 18⸗ em er ht dle 411 An ſelben Abend ging Valence zu ſeinem Re⸗ gimente ab. x Er ging, um Louis Lebewohl zu ſagen, zu ihm, umarmte ihn, halb freiwillig, halb gezwungen, wäh⸗ rend Bonaparte ſeine Hand hielt. Der Knabe ließ ſich nur wider ſeinen Willen umarmen. „Es mag für jetzt gut ſein,“ ſagte er;„aber wenn wir uns jemals wieder begegnen und wir haben beide den Degen an der Seite Eine drohende Geberde vollendete die Phraſe. Valence ſchied. Am 10. October 1785 erhielt Bonaparte ſelbſt ſein Patent als Unterlieutenant: es war eines der achtundfünfzig Patente, welche Ludwig XVI. für die Militärſchule unterzeichnet hatte. Eilf Jahre ſpäter, am 15. November 1796 riß Bonaparte, als Obergeneral der italieniſchen Armee, an dem Kopf der Brücke von Arcole, welche zwei Regimenter Ervaten und zwei Kanonen vertheidigten, als er ſah, wie das Kanonen⸗ und Gewehrfeuer ſeine Reihen decimirte, und den Sieg aus ſeinen Händen ſich winden fühlte, erſchrocken über das Zaudern ſelbſt der Tapferſten, aus den zuſammen⸗ gepreßten Fingern eines Todten eine dreifarbige Fahne und ſtürzte ſich mit dem Rufe auf die Brücke: „Soldaten, ſeid ihr nicht mehr die Männer von Lodi?“ als er bemerkte, daß ein junger Lieutenant ihm voraneilte und ihn mit ſeinem Körper deckte. Das war es nicht, was Bonaparte wollte, er wollte der Erſte ſein, der hinüberging: er wäre, wenn es möglich geweſen, allein hinübergegangen. 112 Er ergriff den jungen Mann an dem Frackflügel und zog ihn zurück. „Citoyen,“ ſagte er,„Du biſt nur Lieutenant, do ich bin Obergeneral; mir gebührt der erſte Schritt.“ „Gewiß mit Recht,“ antwortete dieſer. Und er folgte nun Bonaparte, ſtatt ihm voran⸗ zuſchreiten. Als Bonaparte am Abend erfuhr, daß zwei Di⸗ viſionen Oeſterreicher vollſtändig aufgerieben ſeien, te als er die zwei Tauſend Gefangene ſah, die er gemacht und die eroberten Fahnen und Kanonen zählte, erinnerte er ſich des jungen Lieutenants, den er vor ſich gefunden in einem Augenblicke, wo er M nichts als den Tod vor ſich zu haben glaubte.— „Berthier,“ ſagte er,„gib meinem Adjutanten die Valence Ordre, den jungen Grenadierlieutenant ſuchen, mit dem ich dieſen Morgen auf der Brücke von Arcole eine Geſchichte hatte.“ 6 „General,“ antwortete Berthier ſtotternd,„Va⸗ lence iſt verwundet.“ „Ich habe ihn allerdings heute nicht zu ſehen bekommen. Verwundet, wo? wie? auf dem Schlacht⸗ felde?“ wü „Nein, General; er bekam geſtern einen Streit und erhielt einen Degenſtoß durch die Bruſt.“ onaparte zog die Brauen zuſammen. „Man weiß doch in meiner Umgebung, daß ich wie die Duelle nicht leiden mag; das Blut eines Sol⸗ daten gehört nicht ihm; es gehört Frankreich. So gib Muiron den Befehl.“ „Er iſt todt.“. „In dieſem Falle Elliot.“ ügel ant, tti⸗ 113 „Ebenfalls todt.“ Bonaparte zog ein Taſchentuch hervor und fuhr damit über die in Schweiß gebadete Stirne. „Wem Du dannwillſt; aber ich muß ihn haben.“ Er wagte Niemand mehr zu nennen, aus Furcht, noch einmal das fatale Wort zu hören: „Er iſt todt.“ Eine Viertelſtunde ſpäter wurde der junge Lieu⸗ tenant in das Zelt eingeführt. Die Lampe warf nur ein ſchwaches Licht. „Treten Sie näher, Lieutenant,“ ſagte Bona⸗ parte. Der junge Mann machte drei Schritte in die Mitte des Lichtkreiſes. „Sie ſind es alſo,“ fuhr Bonaparte fort,„der dieſen Morgen mir vorangehen wollte?“ „Es war eine Wette, die ich eingegangen, Ge⸗ neral,“ antwortete heiter der junge Lieutenant, deſſen Stimme den Obergeneral zittern machte. „Und Sie verloren durch mich?“ „Vielleicht ja, vielleicht nein.“ „Und wie lautete die Wette?“ „Daß ich noch heute zum Capitän ernannt würde.“ „Sie haben gewonnen.“ „Danke, General.“ Und der junge Mann ſtürzte auf Bonaparte zu, wie um ihm die Hand zu drücken; aber beinahe eben ſo bald machte er eine Bewegung nach rückwärts. Das Licht hatte ſein Geſicht eine Secunde be⸗ leuchtet: dieſe Secunde genügte dem etec Dumas, Jehu. I. 1¹⁴ um das Geſicht ins Auge zu faſſen, wie ihm ſeine Stimme früher aufgefallen war. Weder das Eine, noch die Andere war ihm un⸗ bekannt. Er ſuchte einen Augenblick in ſeinem Gedächtniß; da ihm dies jedoch den Dienſt verſagte, ſagte er: „Ich kenne Sie.“ „Das iſt möglich, General.“ „Es iſt ſogar gewiß; nur kann ich mich Ihres Namens nicht mehr entſinnen.“ „Sie haben ſich auf eine Weiſe geſtellt, General, daß man den Ihren nicht vergißt.“ „Wer ſind Sie?“ „Fragen Sie Valence, General.“ Bonaparte ſtieß einen Freudenſchrei aus. „Louis von Montrevel,“ ſagte er die Arme öffnend. Diesmal machte der Lieutenant keine Schwierig⸗ keit, ſich hineinzuſtürzen. „Gut,“ ſagte Bonaparte,„Du wirſt acht Tage den Dienſt Deines neuen Grades verrichten, damit man ſich daran gewöhnt, Dich mit den Capitäns⸗ Epauletten auf den Schultern zu ſehen; dann wirſt S meinen armen Muiron als Adjutanten erſetzen. eh. „Noch einmal,“ ſagte der junge Mann, indem 3 die Geberde eines Mannes machte, der die Arme öffnet. „Ach, ja, meiner Treu!“ rief Bonaparte freudig. Und indem er ihn an ſich gepreßt hielt, nachdem er ihn wieder umarmt, fragte er: ſtich verſetzte?“ „So biſt Du es alſo, der Valence einen Degen⸗ C a V ₰ c S7 11¹⁵ „Allerdings, General,“ antwortete der junge Capitän und künftige Adjutant,„Sie waren dabei, als ich es ihm verſprach; ein Soldat hat nur ſein Wort.“ Acht Tage ſpäter that der Capitän Montrevel den Dienſt eines Ordonnanzoffiziers bei dem Ober⸗ general, der ſeinen Vornamen Louis, welcher zu je⸗ ner Zeit einen ſchlimmen Klang hatte, in den Pſeu⸗ donym Roland umgewandelt. Und der junge Mann hatte ſich darüber getröſtet, daß er nicht mehr von dem heiligen Ludwig ab⸗ ſtammte, indem er ein Reffe Carls des Großen ge⸗ worden. Roland— Niemand hätte ſich erlaubt, den Ca⸗ pitän Montrevel von dem Augenblicke an noch Louis zu nennen, in welchem Bonaparte ihn Roland ge⸗ tauft,— Roland machte mit dem Obergeneral den Feldzug in Italien mit und kam nach dem Frieden von Campd Formio mit ihm nach Paris. Als die Expedition nach Egypten entſchieden war, wurde Roland, den der Tod des Brigadegenerals von Montrevel, welcher am Rhein gefallen war, wäh⸗ rend ſein Sohn an der Etſch und am Mincio kämpfte, zu ſeiner Mutter zurückgerufen, von dem General en chek als einer der Erſten bezeichnet, welcher an dem unnützen, aber poetiſchen Kreuzzug, den er unter⸗ nahm, theilnehmen ſollte. Er ließ ſeine Mutter, ſeine Schweſter Amelie und ſeinen jüngern Bruder Edouard in Bourg zurück, dem Geburtsort des Generals von Montrevel; ſie wohnten drei Viertelſtunden von der Stadt, das heißt im Schloſſe Noires Fontaines, einem reizenden 116 Hauſe, dem man den Namen eines Schloſſes gab und das mit einer Farm und einigen hundert Ackers Land in der Umgegend das ganze Beſitzthum des Generals. bildete, ſechs bis achttauſend Livres Renten ungefähr. Es war ein großer Schmerz für das Herz der armen Wittwe— dieſe Abreiſe zu der abenteuerlichen Expedition; der Tod des Vaters ſchien den des Soh⸗ nes zu prophezeien und Frau von Montrevel, eine ſanfte und zarte Creolin, war weit davon entfernt, die rauhen Tugenden einer ſpartaniſchen oder lace⸗ dämoniſchen Wittwe zu beſitzen. Bonaparte, der ſeinen ehemaligen Kameraden aus der Militärſchule von ganzem Herzen liebte, hatte ihm erlaubt, im letzten Augenblicke in Toulon zu ihm zu ſtoßen; aber die Furcht zu ſpät zu kommen, ließ Roland nicht von dieſer Erlaubniß in ihrer gan⸗ zen Ausdehnung Gebrauch machen. Er verließ feine Mutter mit einem Verſprechen, das er nicht gar pünktlich hielt: nämlich ſich nur in dringenden Fällen der Gefahr auszuſetzen, und kam acht Tage, ehe die Flotte unter Segel ging, in Marſeille an. Unſere Abſicht iſt nicht, eine Schilderung des Feldzugs in Egypten zu geben, ſo wenig als wir eine ſolche von dem Feldzug in Italien gegeben. Wir werden nur ſo viel davon ſagen, als zur Kennt⸗ niß dieſer Geſchichte und zur Entfaltung von Rolands Charakter abſolut zu wiſſen nöthig iſt. Am 13. Mai gingen Bonaparte und ſein gan⸗ zer Stab nach dem Orient unter Segel; am 15. Juni übergaben ihm die Maltheſer Ritter die Schlüſſel ihrer Citadelle. Am 2. Juli ſchiffte ſich die Armee am Marabout aus; am ſelben Tage nahm ſie Ale⸗ ————+— c—————— — ne 117 randrien; am 25. zog Bonaparte in Cairo ein, nach⸗ dem er die Mamelucken in Schebreiſſe und bei den Pyramiden geſchlagen. Während dieſer Reihe von Märſchen und gän⸗ pfen war Roland der Offizier geweſen, wie wir ihn kennen, heiter, muthig, geiſtvoll, der verzehrenden Hitze ver Tage und der eiſigen Kälte der Nächte trotzend, und ſich als Held oder Narr mitten unter die türkiſchen Säbel oder die beduiniſchen Kugeln ſtürzend. Außerdem hatte er während der vierzigtägigen Ueberfahrt den Dolmetſcher Ventura nicht verlaſſen; ſo daß es ihm mit ſeiner bewundernswerthen Leich⸗ tigkeit gelungen war, das Arabiſche nicht gerade ge⸗ läufig zu ſprechen, aber ſich wenigſtens in dieſer Sprache verſtändlich zu machen. Auch geſchah es häufig, daß, wenn der Oberge⸗ neral ſich nicht gerade an den geſchwornen Dolmetſcher wenden wollte, es Roland war, dem er auftrug, ge⸗ wiſſe Mittheilungen an die Muftis, Ulemas und Scheiks zu machen. Während der Racht vom 20. auf den 21. October empörte ſich Cairo; um fünf Uhr Morgens erfuhr man den Tod des Generals Dupuy, der durch einen Lanzenſtich getödtet worden; um acht Uhr Morgens, als man Herr der Inſurrection zu ſein glaubte, ſprengte ein Adjutant des verſtorbenen Generals herbei mit der Meldung, daß die Beduinen vom Lande das Rab⸗el⸗Naſſar oder Siegesthor bedrohen. Bonaparte frühſtückte mit ſeinem Adjutanten Sulkowsky, welcher bei Salehyeh ſchwer verwundet 118 worden, und ſich kaum von ſeinem Schmerzenslager erhoben hatte. Bonaparte, ganz mit ſeinen Gedanken beſchäf⸗ tigt, vergaß den Zuſtand, in welchem ſich der junge Pole befand. „Sulkowsky,“ ſagte er,„nehmen Sie fünfzehn Guiden und ſehen Sie nach, was dieſe Kanaille von uns will.“ Sulkowsky ſtand auf. „General,“ ſagte Roland,„geben Sie mir die⸗ ſen Auftrag; Sie ſehen, mein Kamerad kann ſich kaum auf den Beinen halten.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Bonaparte,„geh.“ Roland ging, nahm fünfzehn Guiden und ritt weg. Aber die Ordre war Sulkowsky gegeben, und Sulkowsky hielt darauf, ſie auszuführen. Er ging nun ſeinerſeits mit fünf oder ſechs Leu⸗ ten, die er bereit fand. Sei es Zufall, ſei es, daß er beſſer als Roland die Straßen von Cairo kannte, er kam einige Secun⸗ den früher am Siegesthore an. Als nun auch Roland ankam, ſah er einen Offi⸗ zier, den die Araber fortſchleppten, ſeine fünf bis ſechs Leute waren bereits getödtet. Bisweilen verſchonten die Araber, welche die Soldaten unerbittlich niedermetzelten, die Offüiere in der Hoffnung auf ein Löſegeld. Roland erkannte Sulkowsky; er zeigte ihn mit der Spitze ſeines Säbels ſeinen fünfzehn Leuten und commandirte zum Galopp. Eine halbe Stunde ſpäter kehrte ein inn ger äf⸗ nge ehn n ie⸗ ſich ritt ind eu⸗ „ 119 Guide in das Hauptquartier zurück und meldete den Tod Sulkowskys, Rolands und ſeiner einundzwanzig Kameraden. Bonaparte liebte, wie wir ſagten, Roland wie einen Bruder, wie einen Sohn, wie er Eugene liebte; er wollte die Kataſtrophe in all' ihren Details wiſſen und fragte den Guide. Der Guide hatte einen Araber Sulkowsky den Kopf ſpalten und dieſen an den Sattelknopf befeſti⸗ gen ſehen. Was Roland betraf, ſo war ſein Pferd getödtet worden. Er ſelbſt war aus den Bügeln geſprungen und hatte einen Augenblick zu Fuße gekämpft, aber bald war er in einem Gewehrfeuer, das beinahe Mann an Mann entſtanden, verſchwunden. Bonaparte ſtieß einen Seufzer aus, vergoß eine Thräne, murmelte:„Noch einer!“ und ſchien nicht mehr daran zu denken. Nun fragte er, zu welchem Stamme dieſe Araber gehörten, welche ihm ſo eben zwei Menſchen getödtet, die er innig geliebt. Er erfuhr, daß es ein Stamm von ununterjoch⸗ ten Arabern ſei, deren Dorf ungefähr zehn Stunden entfernt war. Bonaparte ließ ihnen einen Monat, damit ſie ſicher an ihre Strafloſigkeit glaubten; als dieſer je⸗ doch um war, befahl er einem ſeiner Adjutanten, Namens Croiſier, das Dorf zu cerniren, die Hütten niederzubrennen, den Männern die Köpfe abzuhauen, die Köpfe in Säcke zu thun und den Reſt der Ein⸗ wohner, das heißt die Frauen und Kinder, nach Cairo zu bringen. 120 Croiſier vollzog die Ordre genau; man brachte die ganze Einwohnerſchaft von Frauen und Kindern, die man mitnehmen konnte, nach Cairo und unter dieſer Einwohnerſchaft einen lebenden Araber, ge⸗ bunden und geknebelt auf ſeinem Pferde. „Warum dieſen Menſchen lebendig?“ fragte Bo⸗ naparte;„ich ſagte doch, daß man Jedem den Kopf abſchneiden ſolle, der im Stande ſei, die Waffen zu tragen. „General,“ ſagte Croiſier, der ebenfalls einige Worte arabiſch kauderwelſchte,„im Augenblicke, als ich dieſem Manne den Kopf abhauen laſſen wollte, glaubte ich zu verſtehen, daß er ſein Leben gegen das eines Gefangenen austauſchen wollte. Ich dachte, wir hätten immer noch Zeit, ihm den Kopf abzuhauen und brachte ihn mit mir. Wenn ich mich getäuſcht habe, ſo kann die Ceremonie hier ſtatt dort ſtattfinden; aufgeſchoben iſt nicht aufge⸗ hoben.“ Man ließ den Dolmetſcher Ventura kommen und fragte den Beduinen. Der Beduine antwortete, daß er einem franzö⸗ ſiſchen Offizier das Leben gerettet, welcher am Sie⸗ gesthor ſchwer verwundet worden war; daß dieſer Offizier, welcher etwas arabiſch ſpreche, ſich für einen Adjutanten Bonapartes ausgegeben; daß er ihn ſei⸗ nem Bruder geſchickt, der bei einem benachbarten Stamme Arzt ſei; der Offizier ſei nun Gefangener jenes Stammes und wenn man ihm das Leben ſchen⸗ ken wolle, ſo werde er ſeinem Bruder ſchreiben, daß man den Gefangenen zurückſende. Das war vielleicht eine Fabel, um Zeit zu ge⸗ „— chte ern, nter z⸗ ie⸗ ſer en er ——— 121 gewinnen, aber es war vielleicht auch Wahrheit; man riskirte nichts, wenn man wartete. Man ſtellte den Araber unter gute Aufſicht, gab ihm einen Thaleb, der ſein Dictat ſchrieb, er ſiegelte den Brief mit ſeinem Siegel und ein Araber von Cairo ging, um die Unterhandlung zu führen. Wenn der Unterhändler ſeinen Zweck erreichte, ſo echielt er fünfhundert Piaſter, der Beduine ſein Leben. Drei Tage ſpäter kam der Unterhändler und brachte Roland zurück. Bonaparte hatte dies gehofft, aber nicht daran geglaubt. Dieſes Herz von Erz, das gefühllos für den Schmerz ſchien, weinte Freudenthränen. Er öffnete Roland ſeine Arme, wie am Tage, da ſie ſich wie⸗ dergefunden, und zwei Thränen, zwei Perlen— die Thränen Bonaparte's waren ſelten,— rollten aus ſeinen Augen. Roland blieb ſeltſamer Weiſe düſter mitten in all' der Freude, welche ſeine Wiederkehr hervorrief, beſtätigte die Erzählung des Arabers, unterſtützte ſeine Freilaſſung, weigerte ſich jedoch, irgend ein per⸗ ſönliches Detail über die Art mitzutheilen, wie er von den Beduinen gefangen genommen und von dem Thaleb behandelt worden; Sulkowsky war vor ſeinen Augen getödtet und enthauptet worden, daran war alſo nicht weiter zu denken. Roland trat wieder in ſeinen gewöhnlichen Dienſt und man bemerkte, daß, was bislang Muth bei ihm geweſen, nun Tollkühnheit geworden; was bislang der 422 Wunſch nach Ruhm geweſen, nun die Sehnſucht nach dem Tode geworden. Auf der andern Seite aber, wie es gewöhnlich bei denen geht, welche dem Schwert und Feuer trotzen, ſchonten ihn Schwert und Feuer; vor und hinter Roland, an ſeiner Seite fielen die Menſchen: er blieb auf⸗ vecht, unverwundbar wie der Dämon des Krieges. Zur Zeit des Feldzugs in Syrien ſchickte man zwei Parlamentäre ab, um den Diezzar Paſcha auf⸗ zufordern, ſich zu ergeben: die beiden Parlamentäre erſchienen nicht wieder: die Köpfe wurden ihnen ge⸗ ſpalten. Man mußte einen dritten ſchicken: Roland bot ſich an, beharrte auf ſeinem Wunſch und erhielt auf ſeine Bitte die Erlaubniß des Obergenerals und kam wieder. Er war bei jedem der neunzehn Angriffe auf die Feſtung; bei jedem Angriff ſah man ihn bis auf die Breſche kommen; er war einer von den Zehn, welche in den Fluchthurm eindrangen; neun blieben, er kam mit einer Schramme davon. Während des Rückzugs befahl Bonaparte dem Reſt der Reiter in der Armee, ihre Pferde den Ver⸗ wundeten und Kranken zu geben; das heißt, wer ſein Pferd aus Furcht vor der Anſteckung nicht den Peſt⸗ kranken gebe. Roland gab das ſeine vorzugsweiſe dieſen: drei fielen von ſeinem Pferde, er beſtieg es nach ihnen und kam wohlbehalten in Cairo an. 3 In Abukir warf er ſich mitten unter das Getüm⸗ mel, drang bis zum Paſcha vor, indem er den Gür⸗ tel durchhieb, welchen die Schwarzen um ihn gebil⸗ „ 123„ det, faßte ihn am Barte, trotzte dem Feuer ſeiner Piſtolen, von denen bei Einem nur das Zünd⸗ verbrannte, während die Kugel des andern ihm unter dem Arme durchging und einen Guiden hinter ihm tödtete. Bonaparte faßte den Entſchluß, nach Frankreich zurückzukehren und Roland war der Erſte, dem der Obergeneral dieſen Entſchluß ankündigte; jeder An⸗ dere wäre vor Freude in die Höhe geſprungen, er blieb traurig und düſter und ſagte: „Ich hätte es lieber geſehen, wenn wir hier ge⸗ blieben, General, ich hätte mehr Ausſicht gehabt⸗ zu ſterben.“ Es wäre jedoch eine Undankbarkeit für ihn ge⸗ weſen, dem Obergeneral nicht zu folgen; er folgte ihm. Während der ganzen Ueberfahrt blieb er düſter und theilnahmlos. In den corſiſchen Gewäſſern er⸗ blickte man die engliſche Flotte: hier allein ſchien er wieder aufzuleben. Bonaparte hatte dem Admiral Gantaume erklärt, daß man ſich bis aufs Aeußerſte ſchlagen würde und den Befehl gegeben, die Fregatte eher in die Luft fliegen zu laſſen, als die Flagge zu ſtreichen. Man durchſchnitt die Flotte, ohne geſehen zu werden und ſchiffte ſich am 8. in Frejus aus. Es galt, wer zuerſt den Boden Frankreichs be⸗ rühren würde; Roland ſtieg zuletzt ans Land. Der Obergeneral ſchien auf keine dieſer Einzel⸗ heiten zu achten, nicht eine jedoch entging ihm; er ließ Eugene Berthier, Bourienne, ſeine Adjutanten, ſeine Suite auf dem Weg von Gap und Draguigean abgehen. 124 Er ſelbſt ſchlug incognito den Weg nach Aix ein, um ſelbſt die Zuſtände im Süden zu erkunden und nahm Niemand mit ſich, als Roland. In der Hoffnung, daß beim Anblick der Familie„ das Leben wieder in das von einem unbekannten Unglück gebrochene Herz einkehren werde, hatte er ihm bei der Ankunft in Aix angekündigt, daß er ihn in Lyon zurücklaſſen werde, und gab ihm drei Wochen Urlaub, als Gratification für ihn und Ueberraſchung für ſeine Mutter und ſeine Schweſter. Roland hatte geantwortet: „Danke, General, meine Schweſter und meine Mutter werden ſehr glücklich ſein, mich wieder zu ſehen.“ Ehedem würde Roland geſagt haben; „Danke, General, ich werde ſehr glücklich ſein, meine Mutter und meine Schweſter wieder zu ſehen.“ Wir haben der Scene in Avignon beigewohnt: wir haben geſehen, mit welch' tiefer Verachtung der Gefahr, mit welch' bitterem Lebensüberdruß Roland zu einem furchtbaren Duell gegangen war. Wir haben den Grund gehört, den er Sir John wegen ſeiner Gleichgültigkeit gegenüber dem Tode angege⸗ ben: war der Grund gut oder ſchlecht, wahr oder falſch? Sir John mußte ſich mit ihm begnügen;„ offenbar hatte Roland nicht Luſt, ihm einen andern anzugeben. Und jetzt ſchliefen, wie wir geſagt, beide, oder thaten, als ob ſie ſchliefen, während der Galopp von zwei Poſtpferden ſie auf der Route von Avig⸗ non nach Orange eilends entführte. Bweite Abtheilung. 18 Morgan.. Unſere Leſer müſſen uns geſtatten, auf einen Augenblick Roland und Sir John zu verlaſſen, welche, Dank der phyſiſchen und moraliſchen Dispoſition, in der wir ſie zurückgelaſſen, ihnen keine Unruhe einflößen dürfen: wir wollen uns nämlich ernſtlicher mit einer Perſönlichkeit beſchäftigen, die in dieſer Geſchichte bis jetzt nur flüchtig aufgetreten und doch eine große Rolle in derſelben zu ſpielen beſtimmt iſt. Wir wollen von dem Manne ſprechen, der mas⸗ kirt und bewaffnet in den Saal der Table d'Höte von Avignon trat, um Jean Picot das Häufchen von zweihundert Louisd'ors zurückzubringen, welches ihm durch Verſehen genommen worden, da man es mit dem Gelde der Regierung verwechſelt hatte. Wir ſahen, daß der kühne Bandit, der ſich ſelber den Namen Morgan gegeben, maskirt, zu Pferd und am hellen Tage nach Avignon gekommen. Er hatte, um in das Hotel du Palais⸗Egalité 126 zu treten, ſein Pferd vor der Thüre angebunden, und als wenn ſein Thier in der päpſtlichen und royaliſtiſchen Stadt dieſelbe Strafloſigkeit genöſſe, wie ſein Herr, hatte er es wieder am Stalle gefun⸗ den, losgebunden, war darauf geſprungen, durch das Oullethor hinausgeritten, längs der Mauer in großem Galopp hingeſprengt und auf dem Wege nach Lyon verſchwunden. Eine Viertelſtunde von Avignon jedoch hatte er ſeinen Mantel um ſich her zuſammengezogen, um den Vorübergehenden den Anblick ſeiner Waffen zu ent⸗ ziehen, und indem er ſeine Maske abnahm, dieſe in eines ſeiner Holfter geſteckt. Die, welche er in Avignon lebhaft mit dem Ge⸗ danken beſchäftigt, wer dieſer furchtbare Morgan, der Schrecken des Süden, wohl ſein möchte, zurückge⸗ laſſen, hätten jetzt, wenn ſie ſich auf dem Wege von Avignon nach Bedarrides befunden, ſich mit eigenen Augen verſichern können, ob der Anblick des Ban⸗ diten ſo furchtbar, als ſein Renommé ſei. Wir ſcheuen uns nicht zu behaupten, daß die Züge, die ſich jetzt ihren Blicken dargeboten hätten, ſo wenig mit der Idee im Einklang ſtanden, welche ihre befangene Phantaſie ſich machte, daß ihr Er⸗ ſtaunen ganz außerordentlich geweſen wäre. In der That ließ die von einer vollendet weißen und zarten Hand abgenommene Maske das Geſicht eines jungen Mannes von kaum vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren ſehen, ein Geſicht, das durch die Regelmäßigkeit der Züge und die Weichheit der Phyſiognomie einem weiblichen Geſichte den Rang hätte ſtreitig machen können. ——— 127 Eine Einzelheit gab dieſer Phyſiognomie oder vielmehr mußte ihr in gewiſſen Momenten den Cha⸗ rakter ſeltener Feſtigkeit verleihen: dies waren eben⸗ holzſchwarze Wimpern, Augen und Brauen unter ſchönen blonden Haaren, welche nach damaliger Mode über die Stirne und an den Schläfen herabhingen. Das übrige Geſicht war wie geſagt beinahe weiblich. Es beſtand aus zwei kleinen Ohren, von denen man nur das Läppchen unter jenem Haarbüſchel an den Schläfen ſah, welchem die Stutzer jener Zeit den Namen Hundsohren gegeben hatten; aus einer ge⸗ raden und vollkommen proportionirten Naſe, aus einem etwas großen, aber roſigen und immer lächeln⸗ den Munde, der beim Lächeln eine doppelte Reihe bewundernswerther Zähne blicken ließ, aus einem fei⸗ nen und zarten, leicht blau angeflogenen Kinne, das durch dieſe Färbung andeutete, daß wenn der Bart nicht ſo ſorgfältig und neuerdings abgenommen wor⸗ den wäre, es im Gegenſatz zu der goldenen Farbe der Haare denſelben Ton wie die Wimpern, die Brauen und die Augen haben würde. Den Wuchs des Unbekannten hatte man in dem Augenblicke würdigen können, wo er in den Saal der Täble d'Höte getreten: er war groß, edel, ge⸗ ſchmeidig und bekundete, wenn auch nicht gerade eine große Muskelkraft, ſo doch eine große Leichtig⸗ keit und Beweglichkeit. Die Art, wie er zu Pferde ſaß, ließ deutlich den vollkommenen Reiter erkennen. Nachdem er ſeinen Mantel wieder umgeworfen, die Maske in den Holftern verborgen, ſeinen Hut 128 auf die Augen herabgedrückt, ſchlug der Reiter ſei⸗ nen raſchen Ritt wieder an, den er einen Augen⸗ blick unterbrochen, galoppirte durch Bedarrides und trat, als er bei den erſten Häuſern von Hrange an⸗ gekommen, unter ein großes Thor, das ſich ſogleich hinter ihm ſchloß. Ein Diener harrte ſeiner und faßte das Thier beim Zügel. Der Reiter ſprang raſch vom Pferde. „Iſt Dein Herr zu Hauſe?“ fragte er den Diener. „Nein, Herr Baron,“ antwortete dieſer; reiste dieſe Nacht fort und ſagte, wenn Sie kämen und nach ihm fragten, ſo ſolle man Ihnen antworten, daß er in Angelegenheiten der Geſellſchaft reiſe.“ „Gut, Baptiſt, ich bringe ihm ſein Pferd in gutem Stande, wenn auch etwas müde zurück; man muß es mit Wein waſchen und ihm drei bis vier Tage Gerſte ſtatt Hafer geben: das Thier hat unge⸗ fähr vierzig Meilen ſeit geſtern Morgen gemacht.“ „War der Herr Baron damit zufrieden?“ „Sehr zufrieden; ſteht der Wagen bereit?“ „Jd, Herr Baron, ganz angeſpannt in der Re⸗ miſe, der Poſtillon trinkt mit Julien; der Herr hat befohlen, daß man ihn außerhalb des Hauſes be⸗ ſchäftige, daß er ihn nicht kommen ſehe.“ „Er glaubt alſo Deinen Herrn zu fahren?“ „Ja, Herr Baron; hier iſt der Paß meines Herrn, auf den man die Poſtpferde nahm, und da mein Herr mit dem Paß des Herrn Barons nach Bordeaux iſt, und der Herr Baron mit dem Paß meines Herrn nach Genf geht, ſo iſt wahrſcheinlich S cC ₰ — er„— ei⸗ d n⸗ er W—„ 129 der Faden ſo verwickelt, daß die Dame Polizei, wie fein auch ihre Finger ſein mögen, ihn nicht ſo leicht entwirren wird.“ „Löſe das Felleiſen von dem Pferde hinten ab, Baptiſte, und gib es mir.“ Baptiſte gehorchte ſogleich, aber das Felleiſen fiel ihm aus den Händen. „Ah!“ ſagte er lachend,„der Herr Baron hat mich nicht zuvor davon in Kenntniß geſetzt! Teufel! der Herr Baron hat ſeine Zeit, wie mir ſcheint, nicht verloren.“ „Darin täuſcheſt Du Dich, Baptiſte; wenn ich nicht all' meine Zeit verloren, ſo habe ich wenigſtens viele Zeit verloren; und ich möchte ſie ſo bald als möglich wieder einbringen.“ „Wird der Herr Baron nicht frühſtücken?“ „36 werde einen Biſſen eſſen, aber ſehr raſch.“ „Die Sache wird keinen Verzug verurſachen: es iſt zwei Uhr Nachmittags und das Frühſtück erwar⸗ tet Sie ſeit zehn Uhr dieſen Morgen; glücklicherweiſe iſt es nur ein kaltes Frühſtück.“ Und Baptiſte ſchickte ſich an, in Abweſenheit ſei⸗ nes Herrn die Honneurs des Hauſes gegenüber dem Fremden zu machen, indem er ihm den Weg nach dem Speiſeſaal zeigte. „Unnöthig,“ ſagte dieſer,„ich kenne den Weg; ſorge für den Wagen, daß er im Gange ſei und der Schlag offen ſtehe, wenn ich hinunterkomme, damit der Poſtillon mich nicht ſehen kann. Hier haſt Du Geld, um die erſte Poſt zu bezahlen.“ Und der Fremde, der als Baron angeredet wor⸗ den, gab Baptiſte eine Handvoll añn Dumas, Jehu. I. 130 „Ach! mein Herr,“ ſagte dieſer,„damit könnte man ja die Reiſe bis nach Lyon bezahlen!“ „Begnüge Dich damit, ſie bis nach Valence zu bezahlen, gib vor, daß ich ſchlafen wolle; das Uebrige iſt für die Mühe, die Du mit der Rechnung haſt.“ „Soll ich das Felleiſen in die Wagentruhe thun?“ „Das will ich ſelbſt beſorgen.“ 6 Und indem er das Felleiſen aus den Händen des Dieners nahm, ohne merken zu laſſen, daß es ſeine Hände hinabzog, begab er ſich nach dem Speiſe⸗ ſaal, während Baptiſte nach der benachbarten Schenke ging und zugleich die Aſſignaten in Ordnung brachte. Wie der Fremde geſagt, der Weg war ihm be⸗ kannt, denn er ging durch einen Corridor, öffnete ohne zu zögern eine erſte Thüre, dann eine zweite, und als dieſe zweite Thüre offen war, ſtand er vor einem elegant ſervirten Tiſche. Ein Stück Geflügel, zwei Rebhühner, ein kalter Schinken, mehrere Sorten Käſe, ein Deſſert aus prachtvollen Früchten, und zwei Karaffen, von denen die eine rubinrothen, die andere topasfarbigen Wein enthielt, bildeten ein Frühſtück, das, obgleich offenbar für eine einzige Perſon ſervirt, weil ein einziges Couvert aufgelegt war, im Fall der Noth für drei bis vier Gäſte reichen konnte. Die erſte Sorge des jungen Mannes, als er in den Speiſeſaal trat, war die, daß er gerade auf einen Spiegel losging und ſeine Haare mit einem kleinen Kamme, den er aus der Taſche zog, ordnete; worauf er an ein Fayencebecken mit darüber her⸗ abſprudelndem Waſſer trat, eine Serviette nahm, nnte e zu rige t n?⸗ den es iſe⸗ nke hte. be⸗ ete ite, vor ter us en ein ar es rei in uf m e, n, 131 die zu dieſem Zwecke bereit gelegt ſchien, und ſich Geſicht und Hände wuſch. Erſt nachdem er dieſen Bedürfniſſen nachgekom⸗ men, die auf den an Eleganz gewöhnten Mann deu⸗ teten, erſt nachdem er dieſen Bedürfniſſen aufs minu⸗ tiöſeſte nachgekommen, ſagen wir, ſetzte ſich der Fremde an die Tafel. WEinige Minuten genügten ihm, einen Appetit zufrieden zu ſtellen, dem die Anſtrengung und die Jugend eine ungeheure Ausdehnung gegeben, und als Baptiſte wieder erſchien, um dem einſamen Gaſte anzukündigen, daß der Wagen bereit ſtehe, ſtand er auch ſchon auf den Beinen. Der drückte ſeinen Hut über die Augen, hüllte ſich in ſeinen Mantel, nahm ſein Felleiſen unter den Arm und da Baptiſte dafür geſorgt, daß der Fußtritt ſo nahe als möglich an der Thüre war, ſo ſprang er in den Wagen, ohne daß der Poſtillon ihn hätte ſehen können. Baptiſte ſchloß die Thüre hinter ihm; dann wandte 6 ſich an den Menſchen mit den dicken Stiefeln und agte: „Es iſt alles bis Valence bezahlt, nicht wahr, Poſt und Trinkgeld?“ „Alles; brauchen Sie einen Schein?“ antwortete ſcherzend der Poſtillon. „Nein, aber der Herr Marquis von Ribier, mein Herr, wünſcht, daß man ihn bis Valenceungeſtört laſſe.“ „Gut,“ antwortete der Poſtillon mit demſelben ſcherzenden Accente,„der Citoyen Marquis ſoll nicht geſtört werden. Allons, hup!“ Und er ſetzte ſeine Pferde in Trab, indem er 132 ſeine Peitſche mit jener lauten Beredtſamkeit erſchallen ließ, Se zu den Nachbarn und zu den Vorüber⸗ gehenden ſagt:. „Achtung hier, Achtung dort, oder es geht ſchlimm, ich fähre einen Mann, der gut bezahlt und das Recht hat, die Andern zu zermalmen.“ Nachdem er im Wagen war, öffnete der falſche Marquis von Ribier die Fenſter, ließ die Roll⸗ vorhänge herab, hob die Sitzbank auf, legte ſein Felleiſen in die Truhe, ſetzte ſich darauf, hüllte ſich in ſeinen Mantel, und ſicher, nicht früher, als in Valence geweckt zu werden, ſchlief er ein, wie er ge⸗ frühſtückt hatte, das heißt mit dem vollen Appetit der Jugend. Man machte den Weg von Hrange nach Valence in acht Stunden; kurz, ehe man in die Stadt kam, wachte unſer Reiſender auf. Er hob einen der Rollvorhänge vorſichtig in die Höhe und ſah, daß er durch den kleinen Flecken la Paillaſſe fuhr; es war Nacht, er ließ ſeine Uhr ſchla⸗ gen, ſie ſchlug eilf. Er hielt es für unnütz, wieder einzuſchlafen, be⸗ rechnete die Poſten bis nach Lyon und rüſtete ſein Geld. Als der Poſtillon von Valence zu ſeinem Kame⸗ raden trat, der ihn erſetzte, hörte er vin zu dem andern ſagen: „Er ſcheint ein Cidevant zu ſein, aber von Orange her iſt er empfohlen und in Anbetracht, daß er zwan⸗ ½ zig Sous Trinkgeld bezahlt, muß man ihn wie einen Patrioten fahren.“ Der Reiſende glaubte, daß dies der Augenblick— —— —— llen ber⸗ nm echt ſche oll⸗ ſein ſich in ge⸗ etit nee m, die la⸗ be⸗ ein 133 ſei, dazwiſchen zu treten: er hob deßhalb den Roll⸗ vorhang empor. „Und Du wirſt mir damit nur Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen,“ ſagte er,„ein Patriot, beim Him⸗ mel, ich rühme mich ein ſolcher zu ſein und zwar vom erſten Kaliber und der Beweis, ſieh, da trinke auf die Geſundheit der Republik!“ Und er gab dem Poſtillon, der ihn an den an⸗ dern empfohlen, eine Aſſignate von hundert Franken. Und da dieſer den Papierfetzen mit gierigem Blicke betrachtete, ſagte er: „Hier eine gleiche für Dich, wenn Du dem An⸗ dern die gleiche Empfehlung geben willſt, wie Du ſie ſo eben erhalten.“ „O ſeien Sie ruhig, Citoyen,“ ſagte der Poſtil⸗ lon,„es ſoll nur ein Loſungswort von hier bis Lyon geben: Ventre à terre.“ „Und hier zum Voraus die Bezahlung für ſech⸗ zehn Poſtſtationen, mit Inbegriff des doppelten Pfla⸗ ſtergeldes; ich bezahle zwanzig Sous Trinkgeld, macht das unter einander aus.“ Der Poſtillon ſchwang ſich auf ſein Pferd und fuhr im Galopp davon. Der Wagen wurde in Lyon gegen vier Uhr Nachmittags umgeſpannt. Während der Wagen umgeſpannt wurde, trat ein als Commiſſionär gekleideter Mann, der ſich von einem Eckſtein erhoben, an den Wagen, und ſagte leiſe zu dem Genoſſen Jehus einige Worte, welche ihn in großes Erſtaunen zu ſetzen ſchienen. „Biſt Du deſſen ganz gewiß?“ fragte er den Cymmiſſionär. 3 ½ „Wenn ich Dir ſage, daß ich ihn ſelbſt geſehen, mit meinen eigenen Augen geſehen!“ antwortete dieſer. „Ich kann alſo unſeren Freunden die Neuigkeit als gewiß bringen?“. „Du kannſt, aber beeile Dich.“ „Iſt man in Servas davon in Kenntniß geſetzt?“ „Ja, Du wirſt zwiſchen Servas und hier ein Pferd in Bereitſchaft finden.“ Der Poſtillon trat heran; der junge Mann tau einen letzten Blick mit dem Commiſſionär aus, ſich entfernte, als wenn er einen ſehr preſſanten Bö zu beſorgen hätte. „Welchen Weg, Citoyen?“ fragte der Poſtillon. V te „Nach Bourg; ich muß um neun Uhr heute Abend in Servas ſein; ich bezahle dreißig Sous Trinkgeld.“ „Vierzehn Meilen in fünf Stunden, das iſt ſtark, aber man kann's doch machen.“. „Es wird alſo geſchehen?“ „Man wird's verſuchen.“ Und der Poſtillon jagte mit ſeinen Pferden im vollen Galopp davon. 4 Punkt neun Uhr traf man in Servas ein. „Einen Sechslivresthaler; wenn Du nicht um⸗ ſpannſt und mich auf die Hälfte des Wegs von Sue führſt,“ rief der junge Mann durch den Schlag dem Poſtillon zu. „Sehr wohl,“ antwortete dieſer und der Wagen fuhr, ohne anzuhalten, an der Poſt vorüber. Eine halbe Viertelmeile von Servas ließ Morgan den Wagen anhalten, ſteckte den Kopf heraus, brachte — te us rk, ⸗ le 9 135 die Hände an den Mund und ahmte den Schrei der Nachteule nach. Die Nachahmung war ſo gelungen, daß aus dem nahen Walde eine Nachteule ihm antwortete. „Hier iſt es,“ rief Morgan. Der Poſtillon hielt ſeine Pferde an. „Wenn es hier iſt, ſo brauchen wir nicht weiter zu fahren.“ Der junge Mann nahm das Felleiſen, öffnete den Schlag, ſtieg aus und trat zu dem Poſtillon. „Hier iſt der verſprochene Sechslivresthaler.“ Der Poſtillon nahm den Sechslivresthaler, ſteckte ihn in die Augenhöhle und hielt ihn dort feſt, wie ein Elegant unſerer Tage ſein Lorgnon. Morgan ahnte, daß dieſe Pantomime eine Be⸗ deutung haben werde. „Nun,“ fragte er,„was will das ſagen?“ „Das will fagen,“ machte der Poſtillon,„daß ich thun kann, was ich will, ich ſehe immer noch mit einem Auge.“ „Ich verſtehe,“ verſetzte der junge Mann lachend; „und wenn ich das andere verſchließe?“ „Nun! ſo werde ich nichts mehr ſehen.“ „Das iſt ein ſeltſamer Kauz; er will lieber blind, als einäugig ſein. Nun man muß über den Ge⸗ ſchmack nicht ſtreiten; da!“ Und er gab ihm einen zweiten Thaler. Der Poſtillon ſteckte ihn ins andere Auge, ließ den Wagen umkehren und fuhr nach Servas zurück. Der Genoſſe Jehus wartete, bis er im Dunkel verſchwunden war, ſetzte dann einen gebohrten Schlüſſel an den Mund und brachte damit einen langen zit⸗ — 136 ternden Ton hervor, dem Pfeifen des Hochbootmanns ähnlich. Der gleiche Ton antwortete ihm. Im ſelben Momente ſah man einen Reiter aus 5 dem Walde hervorkommen und ſich im Galoppe nähern. Beim Anblick dieſes Reiters bedeckte Morgan ſein Geſicht wieder mit ſeiner Maske. Der Mann kam gerade auf ihn zu. „In weſſen Namen kommen Sie?“ fragte der Reiter, deſſen Geſicht man nicht ſehen konnte, da die Krempe eines ungeheuren Hutes es verbarg. „Im Namen des Propheten Fliſa,“ antwortete der junge maskirte Mann. „Dann ſind Sie es, den ich erwarte.“ Und er ſtieg vom Pfetde. ½ „Biſt Du Prophet oder Schüler?“ fragte Morgan. „Ich bin Schüler,“ antwortete der Neuankömm⸗ ing. „Und Dein Meiſter, wo iſt er?“ „Sie werden ihn in der Karthauſe von Seillon finden.“ „Weißt Du die Zahl der Genoſſen, die dort ver⸗ ſammelt ſind?“ „Zehn.“ 5 „Gut; wenn Du einen andern triffſt, ſchicke ihn gleichfalls zum Stelldichein.“— Der, welcher ſich den Titel eines Schülers ge⸗ geben, verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams, half Morgan das Felleiſen auf das Pferd ſchnallen und hielt es reſpectvoll am Zaume, während dieſes aufſtieg. nns aus ppe an der die ete an. m⸗ hn e⸗ , en et 137 Ohne zu warten, bis er den zweiten Fuß im Bügel hatte, gab Morgan dem Pferde die Sporen; alsbald riß dieſes dem Diener den Zügel aus der Hand und ſprengte im Galopp davon. Man ſah zur Rechten des Wegs den Wald von Seillon ſich wie ein Meer von Finſterniß ausdehnen, deſſen dunkle Wellen der Nachtwind wogen und ſeuf⸗ zen machte. Eine Viertelſtunde jenſeits von Sue ſpornte der Reiter ſein Pferd feldeinwärts und ritt gegen den Wald, der ihm ſeinerſeits entgegenzukommen ſchien. Das Pferd, welches eine erfahrene Hand führte, ſprengte ohne zu zögern hinein. Nach Verfluß von zehn Minuten erſchien er auf der andern Seite. Hundert Schritte vom Walde erhob ſich eine dunkle Maſſe iſolirt auf der Ebene. Es war ein Gebäude von maſſiver Bauart, das fünf bis ſechs hundertjährige Bäume beſchatteten. Der Reiter hielt vor einem großen Thore, über dem im Dreieck drei große Statuen angebracht waren: Die der heiligen Jungfrau, die unſeres Herrn Jeſu Chriſti, und die des heiligen Johann Baptiſt. Die Statue der heiligen Jungfrau nahm den höchſten Punkt des Dreiecks ein. Der geheimnißvolle Reiſende war am Ziele ſei⸗ ner Reiſe angekommen, nämlich an der Karthauſe von Seillon. II. Die Karthauſe von Seillon. Die Karthauſe von Seillon, die zweiundzwanzigſte des Ordens, wurde 1178 gegründet. 3 Im Jahre 1672 ward ein neues Sibande an der Stelle des alten Kloſters errichtet; von dieſem letzteren Bau ſieht man jetzt noch Uebekreſte. Dieſe Ueberreſte beſtehen von außen in einer Facade, von der wir geſagt, daß ſie mit drei Sta⸗ tuen geſchmückt war und vor der wir den geheim⸗ nißvollen Reiter halten ſahen; Innen in einer kleinen Kapelle, welche ihren Eingang zur Rechten unter dem großen Thore hat. Ein Bauer, ſeine Frau und zwei Kinder bewoh⸗ nen ſie jetzt und aus dem ehemaligen Kloſter hat man einen Pachthof gemacht. Im Jahre 1791 waren die Karthäuſer aus ihrem Kloſter vertrieben worden; im Jahre 1792 verkaufte man die Karthauſe und die dazu gehörigen Grund⸗ ſtücke als geiſtliches Gut. Die Appertinentien beſtanden in dem Park, der an die Gebäude ſtieß und dann in dem ſchönen Walde, der noch heute den Namen der Wald von Seillon führt. In Bourg jedoch, der royaliſtiſchen und nament⸗ lich religiöſen Stadt, wagte es Niemand, ſeine Seele durch den Ankauf eines Gutes zu beflecken, das den würdigen gehörte, die Fe verehrte — e —* 139 8 Wald unter dem Titel Staatsgüter Eigenthum der Republik wurden, das heißt Niemanden gehörten. Die Sache iſt leicht zu begreifen: die Republik mit ihrem 21. Januar, ihrem 31. Mai, ihrem 30. October, ihrem 9. Thermidor, ihrem 1. Prairial und ihrem 18. Fructidor hatte ganz Anderes zu thun, als Mauern wieder zu tünchen, einen Obſtgarten im Stande zu erhalten und einen Wald regelmäßig aus⸗ hauen zu laſſen. Daher kam es, daß ſeit ſieben Jahren die Kart⸗ hauſe völlig verlaſſen ſtand, und daß, wenn zufällig ein neugieriger Blick durch das Schlüſſelloch fiel, man das Gras in den Höfen wuchern ſah, wie die Brombeerſträuche in dem Obſtgarten, und das Ge⸗ ſtrüppe in dem Walde, der zu jener Zeit nur von einer Straße und zwei bis drei Pfaden durchſchnitten, ſonſt, ſcheinbar wenigſtens, völlig ungangbar war. Eine Art von Pavillon, die Correrie genannt, welcher zur Karthauſe gehörte und ungefähr eine Viertelmeile vom Kloſter entfernt lag, grünte gleich⸗ falls in dem Walde, der die Freiheit benützend, die ihm gelaſſen war, ſeine Phantaſie walten zu laſſen, es von allen Seiten mit Laub umhüllt und ſo dem Auge entzogen hatte. Die ſeltſamſten Gerüchte waren über dieſe beiden Gebäude in Umlauf; man ſagte, unſichtbare Gäſte hauſen dort bei Tage, furchtbare bei Nacht; Holz⸗ hacker oder Bauern, dis ſich verſpätet, und die bis⸗ weilen noch in dem Walde der Republik das Hol⸗ zungsrecht ausübten, das die Stadt Bourg von den Zeiten der Karthauſe her hatte, behaupteten, durch die Ritzen der geſchloſſenen Läden Flammen auf den 140 Gängen und Treppen hin und hergehen geſehen und deutlich das Geräuſch von Ketten gehört zu haben, welche auf den Platten der Kreuzgänge und dem Pflaſter der Höfe fortgezogen würden. Die ſtarken Geiſter glaubten nicht daran; aber im Gegenſatz zu den Ungläubigen bekräftigten zwei Arten von Leuten dieſe ſchauerlichen Gerüchte und nächtlichen Lichter, indem ſie ganz nach ihrer Anſicht und ihrem Glau⸗ ben zwei verſchiedene Gründe unterſchoben: die Patrioten behaupteten, es ſeien die Seelen der armen Mönche, welche die Tyrannei der Klöſter lebendig in pace begraben und die nun wiederkämen, um Rache vom Himmel auf ihre Verfolger herabzubeſchwören, und nach ihrem Tode die Ketten mit ſich ſchleppten, die ſie bei Lebzeiten gefeſſelt; die Royaliſten behaup⸗ teten, es ſei der Teufel in Perſon, der, ein leeres Kloſter findend und den Weihwedel der würdigen Superioren nicht mehr zu fürchten brauchend, hier nun behaglich ſein Weſen treibe, wo er ſonſt nicht die Spitze ſeiner Kralle hereinzuſtecken gewagt; Eins jedoch ließ die Sache unentſchieden: nämlich, daß noch nicht Einer von denen, welche leugneten oder behaupteten, ſei es nun, daß ſie ſich für die Seelen der Mönchsmärtyrer oder für den Teufelsſabbat ent⸗ ſchieden, bis jetzt den Muth gehabt, ſich in dieſe Dunkelheit zu wagen und in den feierlichen Stunden der Nacht ſich von der Wahrheit zu überzeugen ge⸗ kommen war, um andern Tages ſagen zu können, ob die Karthauſe verlaſſen oder von Geſpenſtern be⸗ ſucht ſei, und wenn dies letztere der Fall, welcher Art dieſe ſeien. Ohne Zweifel hatten all' dieſe begründeten oder „——— c—— ——— — t⸗ 144 unbegründeten Gerüchte keinen Einfluß auf den ge⸗ heimnißvollen Reiſenden, denn, wie wir geſagt, ob⸗ gleich es neun Uhr in Bourg ſchlug und deßhalb tiefe Nacht war, hielt er ſein Pferd vor dem Thore des verlaſſenen Kloſters an, und ohne den Fuß auf die Erde zu ſetzen, zog er ein Piſtol aus dem Holfter und ſchlug mit dem Handgriff dreimal in kurzen Zwiſchenräumen an das Thor, wie die Freimaurer. Dann lauſchte er. Er hatte einen Augenblick gezweifelt, daß Ver⸗ ſammlung in der Karthauſe ſei; denn wie ſcharf er auch beobachtete, wie aufmerkſam er auch lauſchte, er hatte weder ein Licht geſehen, noch ein Geräuſch gehört. Indeſſen glaubte er einen vorſichtigen Schritt von innen ſich der Thüre nähern zu hören. Er ſchlug zum zweiten Male mit derſelben Waffe und auf dieſelbe Weiſe an die Thüre. „Wer klopft?“ fragte eine Stimme. „Der, welcher von Eliſa kommt,“ antwortete der Reiſende. „Wie heißt der König, dem die Söhne Iſaks gehorchen müſſen?“ „Jehu.“ „Wie heißt das Haus, das ſie ausrotten ſollen?“ „Achab.“ „Sind Sie Prophet oder Schüler?“ „Ich bin Prophet.“ „Dann ſeien Sie willkommen im Hauſe des Herrn,“ ſagte die Stimme. Augenblicklich wurden die eiſernen Stangen, welche das maſſive Schloß feſthielten, aufgezogen. 142 Die Riegel knirſchten in den Bändern, einer der Flügel des Thores öffnete ſich leiſe und das Pferd und der Reiter traten unter das dunkle Gewölbe, das ſich hinter ihnen ſchloß. elcher dieſe Thüre, die ſo langſam im Heffnen, ſo raſch im Schließen war, aufgethan, trug die lange weiße Kutte der Karthäuſer, deren Kapuze ſeine Züge vollſtändig unſichtbar machte, da ſie bis tief über das Geſicht hereinfiel. Ohne Zweifel hatte der öffnende Mönch, wie der erſte Affiliirte, den der, welcher ſich den Titel eines Propheten gab, auf dem Wege nach Sue begegnet, nur einen untergeordneten Rang in der Brüderſchaft, denn, den Zaum des Pferdes ergreifend, hielt er es, während der Reiter abſtieg, und leiſtete dem jungen Manne auf dieſe Weiſe den Dienſt eines Stallknechts. Morgan ſtieg ab, ſchnallte das Felleiſen los, zog die Piſtolen aus den Holftern, ſteckte ſie in ſei⸗ nen Gürtel zu den andern und ſagte in befehlendem Tone zu dem Mönche: „Ich glaubte die Brüder zur Berathung bei einander zu finden.“ „Sie ſind auch wirklich hier verſammelt,“ ant⸗ wortete der Mönch. „Wo?“ „In der Correrie; man hat ſeit einigen Tagen in der Nähe der Karthauſe verdächtige Perſonen ſich umtreiben ſehen, und höhere Ordres befehlen die ſtrengſten Vorſichtsmaßregeln an.“ Der junge Mann zuckte die Achſeln zum Zeichen, 4 daß er dieſe Vorſichtsmaßregeln für unnöthig erachte und ſagte noch immer in demſelben befehlenden Tone: er 143 „Laſſen Sie das Pferd in den Stall bringen und führen Sie mich zum Rathe.“ Der Mönch rief einen andern Bruder, dem er den Zaum zuwarf, nahm eine Fackel, die ergn einer Lampe in der kleinen Kapelle anzündete, wehe man noch heute zur Rechten unter dem großen Thore ſehen kann, und ging dem Neuankömmlinge voran. Er durchſchritt das Kloſter, machte einige Schritte im Garten, öffnete eine Thüre, die zu einer Art von Ciſterne führte, ließ Morgan eintreten, ſchloß ebenſo ſorgfältig wieder die Thüre der Ciſterne, wie er die nach der Straße geſchloſſen, ſtieß mit dem Fuß einen Stein auf die Seite, welcher zufällig dazuliegen ſchien, wodurch jedoch ein Ring zum Vorſchein kam, und hob eine Platte weg, die den Eingang zu einem un⸗ terirdiſchen Gewölbe verſchloß, in das man über einige Stufen hinab ſchritt. Dieſe Stufen führten in einen geheimen Gang, durch welchen zwei Menſchen nebeneinander gehen konnten. So gingen ſie fünf bis ſechs Minuten fort, wor⸗ auf ſie vor einem Gitter ſtanden. Der Mönch zog einen Schlüſſel unter ſeiner Kutte hervor und öffnete. Als ſie beide durch das Gitter geſchritten und dieſes ſich wieder geſchloſſen, fragte der Mönch: „Unter welchem Namen ſoll ich Sie anmelden?“ „Unter dem Namen des Bruders Morgan.“ „Warten Sie hier; in fünf Minuten bin ich wie⸗ der zurück.“ Der junge Mann machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches erkennen ließ, daß er mit all' dieſem 144⁴ Argwohn und all' dieſen Vorſichtsmaßregeln ver⸗ traut war. Dann ſetzte er ſich auf ein Grab. Man war in den Grabgewölben des Kloſters, und er wartete. e nicht fünf Minuten verfloſſen, ſo er⸗ ſchien der Mönch. „Folgen Sie mir; die Brüder freuen ſich über Ihre Ankunſft; ſie befürchteten, es„ochte Ihnen ein Unglück zugeſtoßen ſein.“ Einige Secunden ſpäter wurde Morgan in den Berathungsſaal geführt. Zwölf Mönche erwarteten ihn mit übergezogener Kapuze; ſobald jedoch die Thüre ſich hinter ihm geſchloſſen und der dienende Bruder verſchwunden war, fielen die Kapuzen, während Morgan ſeine Maske abnahm, und jeder Mönch ließ ſein Geſicht ſehen. „Nie war in einem Mannskloſter eine ſolche glänzende Zahl von ſchönen und heitern jungen Leu⸗ ten vereinigt geweſen; nur zwei bis drei unter die⸗ ſen fremden Mönchen hatten das Alter von vierzig Jahren erreicht. Alle Hände waren nach Morgan ausgeſtreckt; zwei oder dreimal wurde der Neuankömmling umarmt. „Ach! meiner Treu,“ ſagte einer von denen, die ihn am zärtlichſten umarmt hatten,„Du ziehſt uns einen tüchtigen Dorn aus dem Fuße; wir glaubten Dich todt, oder zum mindeſten gefangen.“ „Todt, das will ich gelten laſſen, Amiet; aber gefangen, nein, Citoyen, wie man noch bisweilen ſagt, aber wie man hoffentlich bald nicht mehr ſagen 145 wird. Man muß ſogar ſagen, daß die Sachen von Zeit zu Zeit mit rührender Anmuth gegangen ſind; ſobald uns der Conducteur ſah, ließ er den Poſtillon anhalten, ich glaube ſogar, daß er hinzugefügt: Ich weiß, was es iſt.— Nun, ſagte ich zu ihm; wenn Sie wiſſen, was es iſt, mein lieber Freund, ſo wird es keiner langen Erklärung bedürfen.—„Das Geld der Regierung? agte er. Allerdings, antwortete ich. Und währeno im Wagen eine große Unruhe entſtand, fügte ich hinzu:„Warten Sie, mein Freund, ſteigen Sie vor allem aus und ſagen Sie dieſen Herren und vorzüglich dieſen Damen, daß wir ganz ordentliche Leute ſind, daß man ſie nicht anrühren wird, dieſe Damen, wohlverſtanden; und daß man nur die, welche den Kopf aus dem Schlage ſtecken, aufs Korn nehmen wird. Eine wagte es, meiner Treu; ſie war freilich ſehr ſchön. Ich warf ihr einen Kuß zu; ſie ſtieß einen leichten Schrei aus und flüch⸗ tete ſich dann wieder in den Wagen zurück, wie Ga⸗ lathea; da jedoch keine Weiden in der Nähe waren, ſo verfolgte ich ſie nicht. Während dieſer Zeit wühlte der Conducteur in aller Haſt in ſeiner Kiſte und hatte ſo große Eile, daß er mir mit dem Gelde der Regierung zweihundert Louisd'or gab, welche einem armen Teufel von Weinhändler aus Bordeaur ge⸗ Ah! Teufel!“ machte derjenige von den Brüdern, welchem der Erzähler den Namen Amiet gegeben, der wahrſcheinlich, wie der Name Morgan, nur ein erdichteter war,„das iſt bedauerlich. Du weißt, daß das Directorium, das voll Einbildung iſt Chauffeur⸗ Dumas, Jehu. I. 10 146 banden*) organiſirt, welche in unſerem Namen han⸗ deln, und den Zweck haben, die Leute glauben zu machen, daß wir den Privatleuten an die Füße und die Börſe wollen, das heißt, daß wir einfache Räuber ſeien.“ 4 „Wartet doch,“ verſetzte Morgan,„das iſt es ja gerade, was mich aufgehalten; ich hörte etwas der Art in Lyon. Bereits hatte ich die Hälfte des Wegs nach Valence zurückgelegt, als ich den Irrthum an der Ueberſchrift merkte. Es war nicht ſchwer, denn es ſtand auf dem Sack, als wenn der gute Alte den Fall vorhergeſehen: Jean Picot, Weinhändler in Fronſac bei Bordeaux.“ „Und Du haſt ihm ſein Geld zurückgeſchickt?“ „Mehr als das, ich habe es ihm zurückgebracht.“ „Nach Fronſac?“ „H! nein, ſondern nach Avignon. Ich dachte mir, ein ſo ſorgfältiger Mann werde ſich in der erſten bedeutenden Stadt aufhalten, um ſich nach ſeinen zweihundert Louisd'ors umzuthun. Ich täuſchte mich nicht; ich erkundigte mich im Hotel, ob man den Citoyen Jean Picot kenne; man antwortete mir, daß man ihn nicht nur kenne, ſondern daß er auch an der Table dHöte ſpeiſe. Ich trete ein. Sie ahnen, von was man ſpricht, von der angehaltenen Diligence. *) Chauffeur, Räuber, welche ſich im 18. und 19. Jahrhundert in Belgien, Frankreich und an den Ufern des Rheines umhertrieben, und den Leu⸗ ten Kohlen unter die Füße legten, um Geld von ihnen zu erpreſſen. — — 147 Man denke ſich die Wirkung der Erſcheinung! Selbſt ein Peus ex machina“) konnte keine unerwartetere Löſung bringen. Ich frage, welcher von den Gäſten Jean Picot heiße; der, welcher dieſen ausgezeichneten und wohlklingenden Namen führte, nennt ſich. Ich lege die zweihundert Louisd'or vor ihn, indem ich mich im Namen der Geſellſchaft wegen der Beſorg⸗ niſſe entſchuldige, die ihm die Genoſſen Jehus ver⸗ urſacht. Ich tauſche einen freundſchaftlichen Gruß mit Barjols, einen höflichen Gruß mit dem Abbé von Rians aus, welche zugegen waren; ich mache der Geſellſchaft meine Reverenz und gehe. Das iſt wenig; es raubte mir jedoch fünfzehn Stunden, daher dies ſpäte Eintreffen; aber ich erachtete es für beſſer, ſpäter zu kommen und keine falſche Meinung von uns zu hinterlaſſen. Habe ich recht gethan, meine Herren?“ Die Geſellſchaft brach in Bravos aus. „Ich finde es nur ſehr unklug,“ ſagte einer der Anweſenden,„daß Sie ſelbſt das Geld dem Citoyen Jean Picot bringen wollten.“ „Mein lieber Oberſt,“ antwortete der junge Mann,„es gibt ein Sprüchwort italieniſchen Ur⸗ ſprungs, welches ſagt: Wer will, geht, wer nicht will, ſchickt. Ich wollte und ging.“ „Und wenn das Unglück will, daß Sie eines Tages in die Hände des Directoriums fallen, wird Sie ein loſer Vogel zum Dank für Ihre That ſchleu⸗ *) Gott aus der Maſchine. Im Theater der Alten wurde oft ein Gott auf einer Maſchine herab⸗ gelaſſen, der den Knoten löſte. 148 nigſt erkennen; eine Erkennungsſcene, die zur Folge haben würde, daß man Ihnen den Hals abſchneidet.“ „O, ich will mal ſehen, ob er mich erkennt!“ „Wer ſoll ihn daran hindern?“ 2 „Nun, nun! Sie glauben wohl, daß ich meine verwegenen Unternehmungen mit offenem Viſire mache; wahrhaftig, Herr Oberſt, Sie halten mich für einen andern. Meine Maske abnehmen, das geht wohl unter Freunden, aber bei Fremden, gehen Sie. Sind wir denn nicht mitten im Carneval? Ich ſehe nicht ein, weßhalb ich mich nicht als Abäl⸗* lino oder Karl Moor verkleiden ſoll, wenn die Her⸗ ren Gohier, Sieyes, Roger⸗Ducos, Moulin und Barras ſich als Könige von Frankreich verkleiden.“ „Und Sie betraten maskirt die Stadt?“ 2 „Die Stadt, das Hotel, den Saal der Table d'Höte. Freilich war, während das Geſicht eine Maske trug, der Gürtel unbedeckt und wie Sie ſehen, wohl beſetzt.“ Der junge Mann ma chte eine Bewegung, welche ſeinen Mantel zurückwarf und zeigte den Gürtel, in welchem vier Piſtolen ſtacken und ein kurzes Jagd⸗ meſſer hing. 2. Dann ſagte er mit der Heiterkeit, welche eine der vorherrſchenden Eigenſchaften dieſes ſorgloſen Naturells ſchien: „Ich mußte ein wildes Ausſehen paben) uig wahr? Sie werden mich für den verſtorbenen Mandrin gehalten haben, der von den Bergen Savoyens herab kommt. Apropos, hier ſind die ſechzigtauſend Fran⸗ ken Seiner Hoheit des Directoriums,“ Und der junge Mann ſtieß verächtlich mit dem haben ſchien, als ſeine Genoſſen,„es ſcheint mir, 149 Fuße an das Felleiſen, das er auf den Boden ge⸗ legt und deſſen durcheinandergerüttelten Eingeweide jenen metalliſchen Ton von ſich gaben, welcher die Anweſenheit des Goldes anzeigt. Dann trat er unter die Gruppe ſeiner Freunde, von denen er durch den Zwiſchenraum getrennt war, welcher von ſelbſt zwiſchen dem Erzähler und den Zuhörern entſteht. Einer der Mönche bückte ſich und nahm das Felleiſen auf. „Verachten Sie das Gold, ſo viel Sie wollen, mein lieber Morgan, ſo lange Sie ſich deßhalb nicht davon abhalten laſſen, es zuſammenzutreiben; aber ich weiß brave Leute, welche die ſechzigtauſend Fran⸗ ken, die Sie verächtlich mit dem Fuße ſtoßen, mit eben ſo viel Ungeduld und Angſt erwarten, als die in der Wüſte verirrte Carawane den Tropfen Waſſer, der ſie vom Tode rettet.“ „Unſere Freunde in der Vendée, nicht wahr?“ antwortete Morgan,„möge es ihnen wohl bekommen, den Cgviſten; ſie ſchlagen ſich. Dieſe Herren haben ſich die Roſen gewählt, und uns laſſen ſie die Dor⸗ nen. Nun, nun! aber, ſie erhalten alſo nichts aus England?“ „Doch,“ ſagte heiter einer der Mönche,„in Qui⸗ beron erhielten ſie Kugeln und Kartätſchen“ „Ich ſage nicht von den Engländern, ſondern von England,“ verſetzte Morgan. 2 „Nicht einen Sou.“ „Es ſcheint mir indeß,“ ſagte einer der Um⸗ ſtehenden, der einen etwas denkenderen Kopf zu —. 150 unſere Fürſten könnten wohl ein wenig Gold den Armen ſchicken, die ihr Blut für die Sache der Mo⸗ narchie vergießen! Fürchten ſie nicht, daß die Vendée zuletzt eines Tages etwas läſſig in der Hingabe werde,. die bis heute, ſo viel ich weiß, ihr noch nicht einen Dank eingebracht?“ „Die Vendöe, lieber Freund,“ verſetzte Morgan, „iſt ein edles Land, das nicht läſſig werden wird, ſeien Sie ruhig; und was wäre das Verdienſt der Treue, wenn ſie nicht mit der Undankbarkeit zu thun hätte? Von dem Augenblicke, wo die Aufopferung auf Dankbarkeit ſtößt, iſt ſie nicht mehr Aufopferung, ſondern Vergeltung, da ſie belohnt wird; bleiben wir deßhalb treu, bleiben wir aufopfernd, ſo lange wir können, meine Herren, und bitten wir den Him⸗ I. mel, daß er diejenigen undankbar mache, für die wir uns aufopfern und wir werden, glauben Sie mir, das beſte Theil in der Geſchichte unſerer bürgerlichen Friege haben.“ Kaum hatte Morgan dieſen ritterlichen Grund⸗ ſatz ausgeſprochen und damit einen Wunſch an den Tag gelegt, der alle Ausſicht auf Erfüllung hatte, als drei Maurerſchläge an derſelben Thüre vernom⸗ men wurden, durch die er ſelbſt eingeführt worden. „Meine Herren,“ ſagte derjenige der Mönche,. welcher die Rolle des Präſidenten zu ſpielen ſchien, „raſch die Kapuzen und die Masken vor; wir wiſſen nicht, wer kömmt.“ mich richte, zu ſagen, ich mm von Jehu.“ 5 * Wozu das Geld des Directoriums diente. Jeder beeilte ſich zu gehorchen, die Mönche, in⸗ dem ſie die Kapuzen ihrer langen Kutten über die Geſichter herabzogen, Morgan, indem er ſeine Maske aufſetzte. „Herein!“ ſagte der Superior. Die Thüre öffnete ſich und man ſah den dienen⸗ den Bruder wieder erſcheinen. „Ein Bote vom General Georges Cadoudal ver⸗ langt eingelaſſen zu werden,“ ſagte er. „Hat er auf die drei Loſungsworte geantwortet?“ „Ganz genau.“ „So ſoll er eintreten.“ Der dienende Bruder kehrte in das unterirdiſche Gewölbe zurück und erſchien zwei Secunden ſpäter wieder mit einem Manne, den man an ſeiner Tracht leicht als einen Bauern und an ſeinem viereckigen Kopfe, an welchem lange rothgelbe Haare herabhin⸗ gen, als einen Bretagner erkennen konnte. Er trat bis in die Mitte des Kreiſes, ohne im Geringſten eingeſchüchtert zu ſein, indem er hinter einander die Blicke auf die einzelnen Mönche richtete und erwartete, daß eine dieſer zwölf Gränitſtatuen das Schweigen breche. Der Präſident richtete das Wort an ihn. „Von wem biſt Du geſandt?“ fragte er. „Der, welcher mich geſandt,“ antwortete der Bauer,„hat mir befohlen, wenn man eine Frage an 152 „Biſt Du der Träger einer mündlichen oder ſchriftlichen Botſchaft?“ „Ich ſoll auf die Fragen antworten, die von Ihnen an mich gerichtet werden und einen Fetzen Papier gegen Geld austauſchen.“ „Gut, beginnen wir mit den Fragen: Wo ſind unſere Brüder in der Vendée?“ „Sie hatten die Waffen niedergelegt und erwar⸗ teten nur ein Wort von Ihnen, um ſie wieder zu ergreifen.“ „Und warum hatten ſie die Waffen niederge⸗ legt?“ „Sie hatten dazu den Befehl von Sr. Majeſtät Ludwig XVIII. erhalten.“ „Man ſprach von einer eigenhändigen königlichen Proclamation.“ „Hier iſt die Abſchrift.“ Der Bauer gab dem Fragenden das Papier. Er öffnete und las: „Der Krieg kann das Königthum nicht anders denn verhaßt und drohend machen. Die Monarchen, die mit einer blutigen Hülfe in ihr Land zurückkeh⸗ ren, können nicht geliebt ſein: man muß deßhalb auf die blutigen Mittel verzichten und der Macht der öffentlichen Meinung vertrauen, die von ſelbſt zu den rettenden Prinzipien zurücktehrt. Gott und der König werden bald das Loſungswort der Fran⸗ zoſen ſein; man muß die zerſtreuten Elemente des Royalismus in ein großes Bündel ſammeln, die kämpfende Vendée ihrem unglücklichen Schickſal über⸗ laſſen und einen friedlicheren und minder unzuſam— menhängenden Weg gehen laſſen. Die Royaliſt * 153 des Weſtens haben ausgedient, und man muß ſich auf die von Paris ſtützen, die Alles für eine nahe Reſtauration vorbereitet.“ Der Präſident erhob den Kopf und ſuchte Mor⸗ gan mit einem Auge, deſſen Blitz ſelbſt ſeine Kapuze nicht ganz verſchleiern konnte: „Nun, Bruder,“ ſagte er zu ihm,„ich hoffe, daß Dein Wunſch ſich alsbald erfüllt und die Royaliſten der Vendée und des Südens das ganze Verdienſt der Aufopferung haben werden.“ Dann ſenkte er den Blick auf die Proclamation, der noch zwei Linien zu leſen waren, und fuhr ort: „Die Juden haben ihren ig gekreuzigt, ſeit dieſer Zeit irren ſie über die ganze Erde hin; die Franzoſen haben den ihrigen guillotinirt, ſie werden über die ganze Erde zerſtreut werden. „Gegeben in Blankenburg am 25. Auguſt 1799, an unſerem Geburtstag, im ſechſten Jahre unſerer Regierung. „Gezeichnet: Ludwig.“ Die jungen Leute ſahen ſich an. „Quos vult perdere Jupiter dementat,“ ſagte Morgan. „Ja,“ ſagte der Präſident,„aber wenn diejeni⸗ gen, welche Jupiter verderben will, ein Princip re⸗ präſentiren, ſo muß man dieſes aufrecht erhalten, nicht bloß gegen Jupiter, ſondern gegen ſie ſelbſt. Ajar klammerte ſich mitten unter Donner und Blitz an einen Felſen an und rief, die geſchloſſene Fauſt zum Himmel erhoben: Ich werde trotz der Götter entkommen!“ Und er entkam. 15⁴ Dann wandte er ſich wieder nach dem Boten Cadoudals um und ſagte: „Was hat der, welcher Dich ſandte, auf dieſe Proclamation geantwortet?“ „Ungefähr das, was Sie ſo eben ſelbſt geant⸗ 3 wortet. Er ſagte mir, ich ſolle gehen und ſehen, ob Sie entſchloſſen ſeien, trotz allem, trotz dem König ſelbſt ſtandhaft zu bleiben.“ „Bei Gott!“ rief Morgan. „Wir ſind entſchloſſ en,“ ſagte der Präſident. „In dieſem Falle,“ meinte der Bauer,„geht alles gut. Ich habe die Namen der neuen Anfüh⸗ 1 rer und ihrer angenommenen Namen, und der Ge⸗ neral empfiehlt Ihnen ſo viel wie möglich, ſich der angenommenen Namen in Ihren Correſpondenzen zu bedienen: dieſe Vorſicht gebraucht auch er, wenn er von Ihnen ſpricht.“ „Ihr habt die Liſte?“ fragte der Präſident. „Nein, ich konnte arretirt und dié Liſte mir ak⸗ genommen werden: ich will ſie Ihnen dictiren.“ Der Präſident ſetzte ſich an den Tiſch, nahm eine Feder und ſchrieb, während der Bauer aus der Vendée folgende Namen dictirte. „Georges Cadoudal— Jehu oder Rundkopf; Joſeph Cadoudal— Judas Maccabäus; Lahaye St. Hilaire— David; Burban⸗Malabry— Brave la Mort; Poulpiquez— Royal Carnage; Bonfils — Briſe barrière; Dampherné— Piquevers; Du⸗ chayla— La Couronne; Duparc— Le Lerrible; La Roche— Mithridates; Puyſage— Jean le Blond.“ „Das ſind die Nachfolger des Charette, Stofflets, der Cathelineaus, der Bonchamps, der d'Elbée, der La Rochejaquelin und der Lescure,“ ſagte eine Stimme. Der Bretagner wandte ſich nach dem um, wel⸗ cher ſo eben geſprochen. „Wenn ſie ſich wie ihre Vorfahren tödten laſſen,“ ſagte er,„was verlangen Sie von ihnen?“ „Nun, das iſt gut, geſprochen,“ ſagte Morgan, „demgemäß wird. „Demgemäß wird unſer General, ſobald er Ihre Antibort hat,“ verſebte der Bauer,„die Waffen wieder ergreifen.“ „Und wenn unſere Antwort verneinend ausge⸗ fallen wäre?“ fragte eine Stimme. „Um ſo ſchlimmer für Sie,“ verſetzte der Bauer; „die Inſurrection war für jeden Fall auf den 20. October feſtgeſetzt.“ „Nun,“ ſagte der Präſident,„der General wird durch uns die Mittel erhalten, ſeinen erſten Monat Sold auszubezahlen. Wo iſt Eure Quittung?“ „Hier,“ ſagte der Bauer, indem er aus ſeiner Taſche ein Papier herauszog, auf welchem die Worte geſchrieben ſtanden: „Von unſern Brüdern aus Süden und Oſten zum Zwecke unſerer Sache die Summe von.. er⸗ halten zu haben. Georges Cadoudal, Obergeneral der royaliſtiſchen Armee in der Bretagne. Die Summe war, wie man ſieht, nicht ausge⸗ „Könnt Ihr ſchreiben?“ fragte der Präſident. „Genug, um die drei oder vier fehlenden Worte auszufüllen.“ „Nun ſo ſchreibt hunderttauſend Franken.“ „Der Bretagner ſchrieb und bot dann dem Prä⸗ ſidenten das Papier hin. „Hier die Empfangsbeſcheinigung, wo iſt das Geld?“ „Bückt Euch, und nehmt den Sack auf, der zu Euren Füßen liegt, er enthält ſechzigtauſend Franken.“ Dann wandte er ſich an einen der Mönche und ſragte „Montbard, wo ſind die andern vierzigtauſend?“ Der angeredete Mönch öffnete einen Armoire und nahm daraus einen minder umfangreichen Sack, als der, welchen Morgan gebracht, welcher indeß die ziemlich runde Summe von vierzigtauſend Franken enthielt, heraus. „Damit iſt die Summe vollzählig gemacht,“ ſagte der Mönch.. „Jetzt, mein Freund,“ ſagte der Präſident,„eßt und legt Euch zur Ruhe; morgen müßt Ihr fort.“ „Man erwartet mich dort,“ ſagte der Vendéer, „ich werde eſſen und auf meinem Pferde ſchlafen. Leben Sie wohl, der Himmel ſchütze Sie!“ Und er wollte nach der Thüre gehen, durch die er eingetreten war. „Wartet,“ ſagte Morgan⸗ Der Bote von Georges blieb ſtehen. „Neuigkeit für Neuigkeit,“ machte Morgan,„ſaget dem General Cadoudal, daß der General Bonaparte die egyptiſche Armee verlaſſen, vorgeſtern in Freju — e P 7 d re ie en te ßt . er, n. die „wollen wir dreizehn Namen ſchreiben, jeder den ſich ausgeſchifft hat und in drei Tagen in Paris ſein wird. Meine Neuigkeit wiegt die Eurige auf? was ſagen Sie davon?“ „Unmöglich!“ riefen alle Mönche wie mit einer Stimme. „Und doch iſt nichts wahrer, meine Herren; ich weiß die Sache von unſerem Freunde Le Prétre, der ihn eine Stunde vor mir in Lyon ankommen ſah und erkannte. „Was will er in Frankreich?“ fragten zwei oder drei Stimmen. „Nun,“ ſagte Morgan,„wir werden es nächſter Tage ſehen; es iſt wahrſcheinlich, daß er nicht nach Paris kommt, um dort das Incognito zu bewahren.“ „Verliert keinen Augenblick, um dieſe Nachricht unſern Brüdern im Weſten mitzutheilen,“ ſagte der Präſident zu dem Vendéer Bauern.„Eben noch hielt ich Euch zurück, jetzt ſage ich geht.“ Der Bauer grüßte und ging; der Präſident war⸗ tete, bis die Thüre geſchloſſen war. „Meine Herren,“ ſagte er,„die Nachricht, uns Bruder Morgan ſo eben mittheilte, iſt von ſol⸗ cher Wichtigkeit, daß ich eine ſpecielle Moßregel be⸗ antrage.“ „Welche?“ fragten die Genoſſen Jehu einſtimmig. „Daß einer von uns, welchen das Schickſal be⸗ ſtimmt, nach Paris geht und mit der verabredeten Chiffer uns von allem, was dort vorgeht, benach⸗ richtige.“ „Angenommen,“ antworteten ſie. „In dieſem Falle,“ verſetzte der Präſident, ſeinen auf ein Stückchen Papier; dann werfen wir ſie in einen Hut, und der, deſſen Name gezogen wird, geht ſogleich.“ Die jungen Leute traten alle zu gleicher Zeit an den Tiſch, ſchrieben ihre Namen auf viereckige Pa⸗ piere, wickelten ſie zuſammen und warfen ſie in den Hut. Der Jüngſte wurde gerufen, um das Werkzeug des Zufalls zu werden. Er zog eines der kleinen Papierröllchen und gab es dem Präſidenten, der es entrollte. „Morgan,“ ſagte der Präſident. „Meine Inſtructionen?“ fragte der junge Mann. „Erinnern Sie ſich,“ ſagte der Präſident mit einer Feierlichkeit, der die Wölbungen des Kloſters etwas Erhabenes gaben,„daß Sie der Baron von St. Hermine ſind, daß Ihr Vater auf der Place de la Revolution guillotinirt wurde, und Ihr Bruder bei der Armee von Condé getödtet wurde. Adel verpflichtet, das ſind Ihre Inſtructionen.“ „Und im Uebrigen?“ fragte der junge Mann. „Im Uebrigen verlaſſen wir uns auf Ihren Royalismus und Ihre Loyalität.“ „Dann, meine Freunde, erlauben Sie mir, mich ſogleich von Ihnen zu verabſchieden; ich möchte vor Tagesanbruch auf dem Wege nach Paris ſein und ich habe vor meiner Abreiſe noch einen nothwendigen Beſuch zu machen.“ „Geh!“ ſagte der Präſident, indem er ſeine Arme gegen Morgan ausbreitete,„ich umarme Dich im 2 Namen aller Brüder. Zu einem Andern würde ——-—— —„— cn n. nit rs on er del ich or ———— 159 ſagen: Sei tapfer, ausdauernd, thätig; zu Dir ſage ich: Sei klug!“ Der junge Mann warf ſich in die brüderliche Umarmung, grüßte ſeine andern Freunde lächelnd, drückte zweien oder dreien die Hand und hüllte ſich in ſeinen Mantel, zog ſeinen Hut über den Kopf herein und ging. W. Romeo und Julie. In der Vorausſetzung, daß man ſeiner bald wie⸗ der nöthig haben werde, hatte das Pferd Morgans, nachdem man es gewaſchen, mit einem Strohwiſch abgerieben und getrocknet, eine doppelte Ration Hafer erhalten und war wieder geſattelt und aufgezäumt worden. Der junge Mann brauchte es deßhalb nur zu fordern und zu beſteigen. Kaum war er im Sattel, ſo öffnete ſich die Thüre wie durch einen Zauber; das Pferd ſtürzte ſchnau⸗ bend und ungeſtüm hinaus, als ob es ſeinen erſten⸗ Ritt vergeſſen und mit Heißgier nach einem zweiten ſich ſehnte. An dem Thore der Karthauſe hielt Morgan, einen Augenblick unentſchieden, um zu wiſſen, ob er nach rechts oder links ſich wenden ſollte; endlich ſchlug er den Weg nach rechts ein, ritt einen Augenblick den Pfad hinan, der von Bourg nach Seillon führt, wandte ſich dann zum zweiten Male nach rechts, ritt 160 aber über die Ebene, vertiefte ſich in einen Wald, auf den er ſtieß, erſchien bald wieder auf der andern Seite des Waldes, ſchlug dann die Landſtraße von Pont d Ain ein, ritt beinahe eine halbe Meile weit auf derſelben fort und hielt nicht früher an, als bei einer Häuſergruppe, die man heutzutage das Maiſon⸗ des⸗Gardes nennt. Eines dieſer Häuſer hatte als Symbol einen Stech⸗ palmenbüſchel, wodurch einer jener ländlichen Halt⸗ plätze bezeichnet war, wo die Fußgänger ihren Durſt löſchen und wieder Kräfte ſammeln, indem ſie einen Augenblick ausruhen, ehe ſie die lange und anſtren⸗ gende Reiſe des Lebens fortſetzen. Wie er es an dem Thore der Karthauſe gemacht, hielt Morgan auch hier an, zog ein Piſtol aus ſei⸗ nem Holfter und bediente ſich des Kolbens als Ham⸗ mer; nur ließ die Antwort auf die Aufforderung des Reiſenden länger auf ſich warten, als an der Karthauſe, da aller Wahrſcheinlichkeit nach, die bra⸗ ven Leute, welche die dürftige Schenke bewohnten, nicht conſpirirten. Endlich hörte man den Schritt des Stallknechts, welcher durch die Holzſchuhe verlangſamt wurde, die Thüre ächzte und der alte Mann, der zu öffnen im Begriffe war, wollte inſtinetmäßig, da er einen Rei⸗ ter mit einem Piſtol in der Hand ſah, wieder ſchließen. „Ich bin es, Pataut,“ ſagte der junge Mann; „fürchte Dich nicht.“ „Ah, wirklich,“ ſagte der Bauer,„Sie ſind es, Monſieur Charles; ah, nun habe ich keine Furcht mehr; aber Sie wiſſen, wie der Pfarrer ſagte, als 161 d es noch einen guten Gott gab, die Vorſicht iſt die hn Mutter der Weisheit.“ S„Ja, Pataut, ja,“ ſagte der junge Mann, indem eit er abſtieg und ein Stück Geld in die Hand des Stall⸗ da 1 knechts gleiten ließ;„aber ſei ruhig, der gute Gott dit wird wieder kommen und damit auch der Herr Pfarrer.“ „O, was das betrifft,“ machte der Alte,„man . ſieht wohl, daß tiemand mehr da oben iſt, an der uſt Art, wie Alles geht; wird das noch lange ſo fort⸗ ten dauern, Herr Charles?“ i⸗„Pataut, ich verſpreche Dir, mein Beſtes zu thun, daß Du Dich nicht mehr zu lange zu gedulden ht brauchſt, mein Ehrenwort! Ich habe ebenſo große 4 Eile, als Du; ich möchte Dich deßhalb bitten, auf⸗ zubleiben, mein guter Pataut.“ „Ach! Sie wiſſen wohl, mein Herr, daß, wenn 3. Sie kommen, ich mich gewöhnlich nicht niederlege; der und was das Pſerd betrifft... Eil Sie wechſeln ja jetzt alle Tage mit den Pferden? Das vorletzte ten, Mal war es ein Fuchs; das letzte Mal ein Apfel⸗ bts ſchimmel, und heute iſt es ein Rappe.“ „Ja, ich bin launiſcher Natur; was das Pferd die betrifft, wie Du ſagteſt, mein lieber Pataut, ſo hat es nichts nöthig und Du wirſt es einfach auszäumen. Rei⸗ Laß ihm den Sattel auf dem Rücken; warte und en ſtecke dieſes Piſtol in das Holſter und dann bewahre nn mir auch dieſe beiden auf.“ Und Morgan zog die andern, welche in dem es. Gürtel hingen, heraus und gab ſie dem Stallknecht. r„Gut! noch mehr ſolcher Beller!“ Dumas, Jehu. l. 11 162 „Du weißt, Pataut, man behauptet, die Straßen ſeien nicht ſicher.“ „Ach! ich glaub es wohl, daß ſie nicht ſicher ſind; wir ſchwimmen in lauter Räuberei, Herr Charles; hat man nicht erſt in der letzten Woche die Diligence von Genf nach Bourg angefallen und aus⸗ geplündert!“ „Bah!“ machte Morgan,„und wen klagt man dieſes Diebſtahls an?“ „O es iſt ein Spaß; denken Sie ſich, ſie ſagen, es ſeien die Genoſſen Jeſu. Ich habe kein Wort davon geglaubt, wie Sie ſich wohl denken können; wer ſind denn die Genoſſen Jeſu, als die zwölf Apoſtel?“ „Allerdings,“ ſagte Morgan mit ſeinem ewigen und heitern Lächeln,„ich kenne keine andern.“ „Gut,“ fuhr Pataut fort,„es fehlte nichts mehr, als daß man auch noch die zwölf Apoſtel beſchuldigt, ſie plündern die Diligencen! O, ich ſage Ihnen, Herr Charles, wir leben in einer Zeit, wo man nichts mehr reſpectirt.“ Und indem er den Kopf mit miſantropiſchem Un⸗ willen wenn nicht über das Leben, ſo doch über die Menſchen ſchüttelte, führte Pataut das Pferd in den Stall. Morgan ſah einige Augenblicke zu, wie ſich Pa⸗ taut in den Hof vertiefte und dann in der Dunkel⸗ heit des Stalles verſchwand; darauf ging er an der Hecke hin, welche den Garten umzäunte, ſtieg gegen ein großes dichtes Gehölz hinab, deſſen Wipfelſich in der Nacht mit der Majeſtät unbeweglicher Dinge erhoben und abzeichneten, indem ſie eine reizende kleine Land⸗ ———— ſchaft beſchatteten, die in der Umgegend den pomp⸗ haften Titel des Schloſſes Noires Fontaines trug. Als er an die Mauer des Schloſſes kam, ſchlug die Uhr auf dem Dorfkirchthurm von Montagnard. Morgan lauſchte dem Klange, der durch die ruhige und ſtille Atmoſphäre einer Sommernacht vibrirte, und zählte bis auf elf. Es war, wie man ſieht, in zwei Stunden viel vorgefallen. Morgan machte noch einige Schritte, betrachtete die Mauer, indem er einen bekannten Ort ſuchte; als er dieſen Ort gefunden, drückte er die Spitze ſei⸗ nes Stiefels in die Fuge zweier Steine, ſchwang ſich wie ein Mann, der ein Pferd beſteigt, faßte die Mauerkappe mit der linken Hand, ſaß mit einem zweiten Schwung rittlings auf der Mauer und raſch, wie der Blitz, ſprang er auf der andern Seite herab. Dies alles war mit ſolcher Geſchwindigkeit, Ge⸗ wandtheit und Leichtigkeit vor ſich gegangen, daß, wenn Jemand zufällig in dieſem Augenblick vorüber⸗ gekommen, er hätte glauben können, das Spielzeug einer Viſion zu ſein. Wie Morgan auf der einen Seite der Mauer gethan, blieb er auf der anderen ſtehen und lauſchte, während ſein Auge die Tiefe des Gehölzes ſondirte, ſo viel es in der Dunkelheit möglich war, die noch durch das Laub der Eſpen und Pappeln ver⸗ größert wurde. Alles war ſtill und einſam. Morgan wagte es, ſeinen Weg fortzuſetzen. Wir ſagen wagte, weil, ſeit er ſich dem Schloſſe Noires Fontaines genähert, in dem ganzen Be⸗ * 164 nehmen des jungen Mannes eine Schüchternheit und ein Zögern zu bemerken war, die ſonſt ſo gar nicht in ſeinem Charakter lagen, daß dieſe Befürchtungen, wenn er welche hatte, offenbar nicht ihm allein galten. Er erreichte den Saum des Waldes, wo er die⸗ ſelbe Vorſicht beobachtete. Als er auf einen Grasplatz gekommen war, an deſſen Ende das kleine Schloß ſich erhob, blieb er ſtehen und betrachtete die Facade des Hauſes. Ein einziges von den zwölf Fenſtern der drei Stockwerke war erhellt. Es befand ſich im erſten Stock an der Ecke des Hauſes. Ein kleiner mit Jungfernreben überzogener Bal⸗ con, die an der Mauer hinaufrankten, ſich um das eiſerne Laubwerk ſchlangen, und in Gewinden her⸗ abhingen, ſprang unter dieſem Fenſter vor und hing über dem Garten. Zu beiden Seiten des Fenſters, auf dem Balcone ſelbſt, ſchoſſen breitblättrige Bäume aus ihren Töpfen empor und bildeten unter dem Karnieß eine grüne Laube. Eine mit Hülfe von Schnüren auf⸗ und abzu⸗ ziehende Jalouſie bildete eine Scheidewand zwiſchen dem Fenſter und dem Balcon, eine Scheidema die nach Belieben verſchwand. Durch die Spalten der Jalouſie hatte Morgan das Licht geſehen. Die erſte Bewegung des jungen Mannes war, daß er gerade über den Grasplatz hinſchreiten wollte, diesmal aber hielt ihn noch die Furcht, von der wir geſprochen, zurüc. 0 * S e 1e U⸗ n n r, te, er — 165 Eine Lindenallee führte an der Mauer hin nach dem Hauſe. Er machte einen Umweg und vertiefte ſich dann in die dunkle und von Blättern gebildete Wölbung. Als er am Ende der Allee angekommen, durch⸗ eilte er raſch wie ein gehetzter Damhirſch den freien Raum und ſtand am Fuß der Mauer im dichten Schatten, welchen das Haus verbreitete. Als er an dem von ihm berechneten Punkt ange⸗ kommen war, ſchlug er dreimal inſdie Hand. Auf dieſe Aufforderung ſtürzte ein Schatten aus der Tiefe des Zimmers und trat graziös beweglich, beinahe durchſichtig an das Fenſter. Morgan erneuerte das Signal. Augenblicklich öffnete ſich das Fenſter, die Jalouſie wurde aufgezogen und ein reizendes junges Mädchen im Nachtkleide, deſſen blonde Haare über die Schul⸗ tern herabfielen, erſchien in dem grünen Rahmen. Der junge Mann ſtreckte die Arme gegen die aus, deren Arme gegen ihn ausgeſtreckt waren, und zwei Namen oder vielmehr zwei von Herzen kom⸗ mende Schreie kreuzten ſich. „Charles!— Amelie!“ Dann ſprang der junge Mann gegen die Mauer, klammerte ſich an den Zweigen der Reben, den Rauh⸗ ſeiten des Steines, an den Ausladungen der Kar⸗ nieſe feſt und war in einer Secunde auf dem Balcone. Was die beiden jungen Leute ſich in dieſem Augen⸗ blicke ſagten, war ein Liebesgemurmel, das ſich in einem endloſen Kuſſe verlor. Aber mit einer ſanften Bewegung zog der junge Mann mit dem einen Arme das junge Mädchen in 166. das Zimmer, während er mit dem andern die Schnüre der Jalouſie losneſtelte, welche mit Geräuſch hinter ihnen herabfiel. Hinter der Jalouſie ſchloß ſich das Fenſter.. Dann wurde das Licht ausgelöſcht und die ganze Facade des Schloſſes Noires Fontaines befand ſich im Dunkel. Dieſe Dunkelheit dauerte ungefähr ſeit einer Viertelſtunde, als man das Rollen eines Wagens auf dem Wege hörte, der von der Landſtraße von Pont d'Ain nach dem Eingang des Schloſſes führte. Dann verſtummte das Geräuſch; der Wagen hielt offenbar vor dem Gitter. V. Die Familie Rolands. Der Wagen, welcher vor der Thüre hielt, war der, welcher Roland in Begleitung Sir Johns zu ſeiner Familie zurückbrachte. Man erwartete dieſe Ankunft ſo wenig, daß, wie wir geſagt, alle Lichter des Hauſes ausgelöſcht, alle Fenſter, ſelbſt das Amelies, dunkel waren. Der Poſtillon klatſchte ſeit fünfhundert Sch mit ſeiner Peitſche ſo laut er konnte, aber di Lärm vermochte doch die Provinzbewohner nicht ihrem Schlaf zu rütteln. 5 Nachdem der Wagen angehalten, öffnete Rolan den Schlag, ſprang heraus, ohne den Fußtritt zu berühren, und hing ſich an die Glocke. 167 — Dies dauerte fünf Minuten, während welcher Roland, nach jedem Läuten, ſich nach dem Wagen umwandte und ſagte: 5„Werden Sie nicht ungeduldig, Sir John.“ Endlich öffnete ſich ein Fenſter und eine kindliche, aber feſte Stimme rief: „Wer läutet ſo heftig?“ 3 „Ach, biſt Du es, kleiner Edouard,“ ſagte Roland, „öffne raſch.“ Der Knabe warf ſich mit einem Freudenſchrei zu⸗ rück und verſchwand. Aber zu gleicher Zeit hörte man ſeine Stimme, welche in den Corridors rief: „Mutter, wache auf, es iſt Roland; Schweſter, wache auf, es iſt der große Bruder.“ Dann ſtürzte er im bloßen Hemde und ſeinen kleinen Pantoffeln die Treppe herab und rief: „Gedulde Dich, Roland, ich bin da, ich bin da.“ Einen Augenblick ſpäter hörte man den Schlüſſel in dem Schloſſe knirſchen, die Riegel ſich in den Zapfen bewegen, dann erſchien eine weiße Geſtalt auf dem Perron und flog mehr, als ſie lief, nach dem Gitter, das einen Augenblick ſpäter ſich gleich⸗ falls in den Angeln bewegte und öffnete. Der Knabe ſprang Roland an den Hals und blieb daran hängen. „Ach, Bruder! ach Bruder!“ rief er, indem er den jungen Mann umarmte und zu gleicher Zeit lachte und weinte;„ach, großer Bruder Roland, was wird ſich die Mutter freuen und Amelie gar: Alles iſt wohl; ich bin der krankſte; ach! mit Ausnahme 4 des Michel, Du weißt, des Gärtners, der ſich ver⸗ renkt hat. Warum biſt Du nicht als Soldat geklei⸗ —— 168 det; ach! wie Du Dich ſchlecht im Civil ausnimmſt; Du kommſt aus Egypten, haſt Du mir mit Silber eingelegte Piſtolen und einen hübſchen krummen Säbel mitgebracht? Nein! gut, Du biſt nicht artig und ich werde Dich auch nicht mehr küſſen; aber nein, nein, geh', habe keine Sorge, ich liebe Dich doch!“ 6 Und der Knabe bedeckte den großen Bruder mit Küſſen, während er ihn mit Fragen überhäufte. Der Engländer, welcher im Wagen ſitzen geblie⸗ ben, betrachtete mit zum Schlage herausgelehntem Kopfe dieſe Scene und lächelte. Mitten in dem Austauſch dieſer brüderlichen Zärtlichkeiten hörte man eine weibliche Stimme. Eine mütterliche Stimme. „Wo iſt mein Roland, mein vielgeliebter Sohn?“ fragie Frau von Montrevel mit einer Stimme voll ſo heftiger Freude, daß ſie dem Schmerze nahe kam; „wo iſt er? Iſt es wahr, daß er zurückgekommen? Iſt es wahr, daß er nicht gefangen iſt? daß er nicht todt? iſt es wirlich wahr, daß er lebt?“ Bei dieſer Stimme ſchlüpfte der Knabe wie eine Schlange aus den Armen ſeines Bruders, ſank auf⸗ recht auf den Grasboden und ſprang, wie von einer Feder geſchnellt, auf ſeine Mutter zu. „Hierher, Mutter, hierher!“ ſagte das Kind, indem es ſeine halbausgekleidete Mutter zu Roland hinzog vi dem Anblick ſeiner Mutter konnte ſich Roland nicht mehr halten; er fühlte, wie die Eisſcholle, die ſich in ſeiner Bruſt zu verhärten begann, zerborſt 5 und ſein Herz wie das eines andern ſchlage. ——— 169 „Ach!“ rief er,„ich war wirklich undankbar gegen Gott, da das Leben mir noch ſolche Freuden bietet.“ Und er warf ſich ſchluchzend an den Hals von Frau von Montrevel, ohne ſich Sir Johns zu erin⸗ nern, der gleichfalls ſein engliſches Phlegma ſchmel⸗ zen fühlte und in der Stille die Thränen trocknete, die ihm über die Wange rollten und ſein Lächeln näßten. Der Knabe, die Mutter und Roland bildeten eine entzückende Gruppe von Zärtlichkeit und Rührung. Plötzlich machte ſich der kleine Edouard, wie ein Blatt, das der Wind mit ſich fortnimmt, von der Gruppe los und rief: „Und Schweſter Amelie, wo iſt ſie doch?“ Dann eilte er nach dem Hauſe und wiederholte: „Schweſter Amelie, erwache doch, ſtehe auf, komme herab.“ Und man hörte die Fußtritte und Fauſtſchläge des Knaben, welche an einer Thüre erſchollen. Es entſtand eine große Stille. Dann hörte man beinahe ebenſobald den kleinen Edouard, welcher rief: „Zu Hülfe, Mutter! Zu Hülfe Roland: Schwe⸗ ſter Amelie iſt krank.“ Frau von Montrevel und ihr Sohn ſtürzten in das Haus; Sir John, welcher als vollendeter Rei⸗ ſender in einem Sacke Lancetten und in ſeiner Taſche ein Flacon mit flüchtigen Salzen hatte, ſtieg aus dem Wagen und ging, einem erſten Triebe folgend, bis nach dem Perron. Dort blieb er ſtehen, da 6r ſich beſann, daß — — 170 er nicht vorgeſtellt ſei, eine alles vermögende For⸗ malität für den Engländer. Ueberdies kam die, der er zu Hülfe eilen wollte, in dieſem Augenblicke auf ihn zu. Bei dem Gerzuſche, das ihr Bruder an ihrer Thüre gemacht, war, Amelie endlich auf dem Trep⸗ penabſatz erſchienen, aber ohne Zweifel war die Auf⸗ regung, in die ſie die Nachricht von Rolands An⸗ kunft verſetzt, zu groß geweſen, und nachdem ſie einige Stufen beinahe automatenhaft und ſich mit aller Gewalt zuſammennehmend hinabgeſtiegen, hatte ſie einen Seufzer ausgeſtoßen; und wie eine Blume, die ſich ſchließt, wie ein Zweig, der ſich biegt, eine Schärpe, welche flattert, war ſie auf der Treppe zu⸗ ſammengeſunken, oder hatte ſich vielmehr niedergelegt. In dieſem Augenblicke hatte der Knabe geſchrieen⸗ Aber bei dem Schrei des Knaben hatte Amelie wenn auch nicht die Kraft, ſo doch den Willen wie⸗ der gefunden, hatte ſich erhoben und ſagte ſtotternd: „Schweige doch, Edouard, ſchweige, ins Himmels Namen! Da bin ich.“ Sie klammerte ſich mit einer Hand an die Rampe, und mit der andern auf den Knaben geſtützt, war ſie auch die übrigen Stufen hinabgeſtiegen. An der letzten Treppe begegnete ſie ihre Mutter und ihren Bruder; mit einer heftigen, beinahe ver⸗ zweifelten Bewegung hatte ſie ſich an Rolands Hals geworfen und ausgerufen: „Mein Bruder! mein Bruder!“ Dann hatte Roland gefühlt, daß das junge Mäd⸗ chen ihm ungewöhnlich ſchwer am Halſe hing und indem er ſagte: S 171 „Sie iſt nicht wohl, Luft! Luft!“ hatte er ſie auf die Freitreppe geführt. Dies war die neue, von der erſten ſo verſchie⸗ dene Gruppe, welche ſich Sir Johns Blicken bot. Bei der Berührung mit der Luft athmete Amelie wieder und richtete ſich auf.„ In dieſem Momente trat der Mond hinter eine Wolke, die ihn verſchleiert hatte, in ſeinem ganzen Glanze hervor und beleuchtete Amelie's Geſicht, das ſo blaß wie er war. Sir John ſtieß einen Schrei der Bewunderung aus; er hatte nie eine ſo vollkommene Marmorſtatue geſehen, als dieſen lebenden Marmor, der vor ihm ſtand. Wir müſſen geſtehen, Amelie war wunderbar ſchön, wenn man ſie ſo ſah. In ein langes Nachtkleid von Battiſt gehüllt, das die Formen eines nach dem der Polyhymnia ge⸗ bildeten Körpers zeichnete, mit blaſſem, leicht über die Schulter des Bruders geneigtem Kopfe, langen, goldblonden Haaren, welche über ſchneeweiße Schul⸗ tern herabfielen, den Arm um den Hals ihrer Mut⸗ ter geſchlungen, der über dem rothen Shawl, den Frau von Montrevel umgeworfen, eine roſige Ala⸗ baſterhand herabhängen ließ— das war die Schwe⸗ ſter Rolands, wie ſie Sir Johns Blicken erſchien. Er konnte einen Schrei der Bewunderung nicht unterdrücken. Bei dieſem Schrei erinnerte er ſich, daß er hier war und Frau von Montrevel gewahrte ſeine Ge⸗ genwart. Der Knabe erſtaunt, dieſen Fremden bei ſeiner 2 172 Mutter zu ſehen, ſtieg raſch die Freitreppe hinab, und auf der dritten Stufe ſtehen bleibend, nicht weil er ſich fürchtete, ſondern auf gleicher Höhe mit dem zu bleiben, den er fragte, wandte er ſich an Sir John. „Wer ſind Sie, mein Herr? Was thun Sie hier?“„ „Mein kleiner Edouard,“ ſagte Sir John,„ich bin ein Freund Ihres Bruders und komme, Ihnen die mit Silber eingelegten Piſtolen und den verſpro⸗ chenen Damascener zu bringen.“ „Wo ſind ſie?“ „Ach!“ ſagte Sir John,„ſie ſind in England und es braucht Zeit, ſie kommen zu laſſen; aber hier iſt Ihr Bruder, der für mich einſtehen und Ihnen ſagen wird, daß ich ein Mann von Wort bin.“ „Ja, Edouard, ja,“ ſagte Roland,„wenn Mylord ſie Dir verſpricht, wirſt Du ſie auch bekommen.“ Dann wandte er ſich an Frau von Montrevel und ſeine Schweſter: „Entſchuldigen Sie mich, meine Muttter, ent⸗ ſchuldige mich, Amelie, oder vielmehr entſchuldigt mich wie Ihr könnt bei Mylord, Ihr habt ſoeben einen abſcheulich Undankbaren aus mir gemacht.“ Dann nahm er Sir John an der Hand und ſagte: „Meine Mutter, Mylord fand Gelegenheit, am erſten Tage, da er mich ſah, das erſte Mal, da wir uns begegneten, mir einen außerordentlichen Dienſt zu erweiſen; ich weiß, daß Ihr dergleichen nicht ver⸗ geßt; ich hoffe deßhalb, daß Ihr Euch ſtets daran erinnert, daß Sir John einer Eurer beſten Freunde iſt; er wird uns den Beweis davon geben, indem er 173 mit mir wiederholt, daß er pereit iſt, ſich vierzehn Tage oder drei Wochen mit uns zu langweilen.“ „Madame,“ ſagte Sir John,„erlauben Sie mir im Gegentheile, die Worte meines Freundes Roland nicht zu wiederholen: nicht vierzehn Tage, nicht drei Wochen möchte ich im Schooße Ihrer Familie zu⸗ bringen, ſondern mein ganzes Leben.“ Frau von Montrevel ſtieg den Perron herab und bot Sir John eine Hand, welche dieſer mit einer ganz franzöſiſchen Galanterie küßte. „Mylord,“ ſagte ſie,„dieſes Haus iſt das Ihrige; der Tag, an dem Sie es betreten, iſt ein Freuden⸗ tag, der Tag, an dem Sie es verlaſſen, wird ein Tag des Schmerzes und der Trauer ſein,“ Sir John wandte ſich an Amelie, welche ver⸗ legen darüber, vor einem Fremden ſo flüchtig ange⸗ zogen zu erſcheinen, die Falten ihres Nachtkleides um den Hals zuſammenzog. „Ich ſpreche in meinem Namen und im Namen meiner Tochter, welche von der unerwarteten Ankunft ihres Bruders noch zu aufgeregt iſt, um Sie zu be⸗ willkommnen, wie ſie es ſpäter thun wird,“ fuhr Frau von Montrevel fort, um ihrer Tochter zu Hülfe zu kommen. „Meine Schweſter,“ ſagte Roland,„wird meinem Freunde Sir John erlauben, ihre Hand zu küſſen und er wird, ſo hoffe ich, mit dieſer Art ihn will⸗ kommen zu heißen, ſich begnügen.“ Amelie ſtotterte einige Worte, hob langſam den Arm in die Höhe und bot Sir John mit einem bei⸗ nahe ſchmerzlichen Lächeln die Hand. Der Engländer nahm Amelie's Hand, ſagte jedoch, 17⁴ als er fühlte, daß ſie eiskalt war und zitterte, ſtatt ſie an ſeine Lippen zu führen:„Roland, Ihre Schwe⸗ ſter iſt ernſtlich unwohl, wir wollen uns daher heute nur mit ihrer Geſundheit beſchäftigen; ich bin ein wenig Arzt und wenn ſie die Gunſt, die ſie mir ſo eben zu Theil werden laſſen wollte, in die verwan⸗ deln will, daß ich ihr den Puls fühle, ſo werde ich ihr eben ſo dankbar ſein.“ Aber wie wenn ſie fürchtete, daß man die Ur⸗ ſache ihres Unwohlſeins errathe, zog Amelie raſch ihre Hand zurück und ſagte: „Nein, nein, Mylord täuſchen ſich, die Freude macht nicht krank, und die Freude allein, meinen Bruder wiederzuſehen, hat dieſe momentane Unpäß⸗ lichkeit herbeigeführt, die bereits wieder verſchwun⸗ den iſt.“ Dann wandte ſie ſich an Frau von Montrevel und ſagte mit raſchem, beinahe fieberhaftem Accente: „Meine Mutter, wir vergeſſen, daß dieſe Herren von einer langen Reiſe kommen, daß ſie wahrſchein⸗ lich ſeit Lyon nichts mehr zu ſich genommen und daß, wenn Roland noch immer den guten Appetit hat, den wir an ihm kennen, er es mir nicht ver⸗ denken wird, wenn Sie ihm und Mylord die Hon⸗ neurs des Hauſes machen laſſen, während ich mich mit den ſehr unpoetiſchen, aber ſehr von ihm ge⸗ ſchätzten Details der Haushaltung beſchäftige.“ Und indem ſie in der That ihre Mutter die Hon⸗ neurs des Hauſes machen ließ, kehrte Amelie in das Haus zurück, um die Kammerfrauen und den Be⸗ dienten zu wecken, während ſie in dem Herzen Sir e Johns jene Art von feenhafter Erinnerung zurück⸗ ließ, welche im Herzen eines an den Ufern des Rhei⸗ nes hinabwandernden Touriſten haften bliebe, wenn er die Loreley auf ihrem Felſen erblickte, mit der Leier in der Hand und das flüſſige Gold ihrer Haare im Nachtwind flattern laſſend. Während dieſer Zeit beſtieg Morgan wieder ſein Pferd, ſprengte im großen Galopp nach der Karthauſe, hielt vor dem Thore, zog ein Notizbuch aus der Taſche, und ſchrieb auf ein Blatt dieſes Notizbuches einige Zeilen mit Bleiſtift, rollte das Blatt zuſam⸗ men und ſchob es durch das Schlüſſelloch, ohne ſich die Zeit zu nehmen, vom Pferde zu ſteigen. Dann gab er ihm die Sporen und ſich auf die Mähne des edlen Thieres hinabbeugend, verſchwand er in dem Walde, raſch und geheimnißvoll wie Fauſt, der ſich nach dem Blocksberge begibt. Die drei Zeilen, welche er geſchrieben, lauteten folgendermaßen: ⸗ Louis von Montrevel, Adjutant des Generals Bonaparte, iſt dieſe Nacht im Schloſſe Noires Fontaines angekommen. Seid auf der Hut, Genoſſen Jehus. Aber während er die Freunde ermahnte, auf der Hut vor Louis von Montrevel zu ſein, hatte Mor⸗ gan ein Kreuz über den Namen gemacht, was ſo viel bedeuten ſollte, als, was auch geſchehen möge, der junge Offizier müſſe ihnen heilig ſein. Jeder Genoſſe Jehus konnte einen Freund ſchützen, ohne von den Gründen, die ihn dazu bewogen, Re⸗ d chenſchaft zu geben. 3 ————— — 176 Morgan benützte ſein Privilegium: er ſchützte den Bruder aus Freundſchaft. VI. Das Schloß Noires Fontaines. Das Schloß Noires Fontaines, in das wir ſo eben zwei der Hauptperſonen dieſer Geſchichte be⸗ gleitet, lag auf einem der reizendſten Punkte des Thales, in welchem ſich die Stadt Bourg erhebt. Sein fünf bis ſechs Morgen großer, mit hundert⸗ jährigen Bäumen bepflanzter Park war auf drei Seiten von Sandſteinmauern, die an der Vorder⸗ ſeite ſich in der ganzen Breite in ein ſchönes Schmiede⸗ eiſengitter im Styl der Zeit Ludwig XWW. öffneten, auf der vierten durch die kleine Reyſſouſſe, ein rei⸗ zendes Flüßchen, abgeſchloſſen, das in Journaud entſpringt, das heißt am Fuß der erſten Abſätze des Jura und das, von Süden nach Norden einen kaum merkbaren Lauf nehmend, ſich bei der Brücke von Fleurville gegenüber von Pont de Vaux, der Vater⸗ ſtadt Jouberts, der einen Monat vor der Zeit, in der wir uns befinden, in der unglücklichen Schlacht bei Novi getödtet worden war, in die Saone fließt. Jenſeit der Reyſſouſſe und an ihren Ufern dehn⸗ ten ſich zur Rechten des Schloſſes Noires Fontaines die Dörfer Montagnat und Saint⸗Juſt aus, welche von dem Dorfe Ceyſeriat beherrſcht wurden. Hinter dem letztern anmuthigen Umriſſe der Hügel des Jura ab, über . Flecken zeichneten ſich die S W n⸗ es che die ber — —— 177 deren Grat man die bläuliche Spitze der Berge von Bugney unterſcheidet, welche ſich in die Höhe zu heben ſcheinen, um neugierig über die Schultern ihrer jüngern Schweſtern zu blicken ſcheinen, und zu ſehen, was in dem Ainthale vorgeht. Im Angeſichte dieſer entzückenden Landſchaft er⸗ wachte Sir John. Vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben lä⸗ chelte der mürriſche und ſchweigſame Engländer die Natur an; es war ihm, als befände er ſich in einem jener Thäler von Theſſalien, welche Virgil gefeiert, oder an jenen ſüßen Ufern des Lignon, welche Urfé beſungen, deſſen Geburtshaus, was auch die Biv⸗ graphen davon ſagen mögen, drei Viertelmeilen von Noires Fontaines in Trümmer fiel. Drei leichte Schläge an ſeiner Thüre riſſen ihn aus ſeiner Betrachtung; es war ſein Wirth Roland, der ſich erkundigen wollte, wie er geſchlafen. Er fand ihn ſtrahlend wie die Sonne, die auf den bereits gelb gewordenen Blättern der Kaſtanien⸗ und Lindenbäume ſpielte. „O, o! Sir John!“ ſagte er,„erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünſchen! ich erwartete einen Menſchen zu finden, der ſo traurig, wie die armen Karthäuſer mit den langen weißen Kutten, die mir in meiner Jugend ſo große Angſt einflößten, obgleich ich, ehrlich geſagt, nicht leicht der Furcht zugänglich war; und ſtatt deſſen finde ich Sie mitten in unſerem traurigen October lächelnd wie ein Maimorgen.“ „Mein lieber Roland,“ antwortete Sir John, „ich bin beinahe Waiſe; ich verlor meine Mutter am Tage meiner Geburt, meinen Vater im zwölften Dumas, Jehu. I. 12 178 Jahre; im Alter, wo man die Kinder ins College ſchickt, war ich Herr eines Vermögens von mehr als einer Million Renten; aber ich war allein in dieſer Welt, ohne irgend Jemand, den ich liebte, ohne Je⸗ mand, der mich liebte; die ſüßen Freuden der Fa⸗ milie ſind mir durchaus unbekannt. Vom zwölften bis zum achtzehnten Jahre ſtudirte ich auf der Uni⸗ verſität zu Cambridge; mein ſchweigſamer, vielleicht etwas hochmüthiger Charakter iſolirte mich unter meinen jungen Kameraden. Mit achtzehn Jahren reiste ich. Durchwandern Sie als wohlausgerüſteter Reiſender die Welt unter dem Schutze Ihrer Fahne, das heißt unter dem Schutze des Vaterlandes, haben Sie alle Tage die Aufregungen des Kampfes und den Stolz des Sieges, ſo glauben Sie nicht, welch' traurige Sache es iſt, die Städte, die Provin⸗ zen, die Staaten, die Königreiche zu durchziehen, um ganz einfach eine Kirche hier, ein Schloß dört zu be⸗ ſuchen; das Bett um vier Uhr Morgens auf den unerbittlichen Ruf des Führers zu verlaſſen, um von dem Gipfel des Rigi oder des Aetna den Sonnen⸗ aufgang zu ſehen; wie ein bereits todtes Phantom unter dieſen lebendigen Schatten umher zu wandern, welche man Menſchen nennt; nicht zu wiſſen, wo bleiben; keinen Boden zu haben, wo man Wurzel faſſen, keinen Arm, auf den man ſich ſtützen, kein Herz, in das man das ſeine ausſtrömen könnte! Nun, geſtern Abend, mein lieber Roland, plötzlich, in einem Augenblick, in einer Secunde hatte ſich dieſe Leere meines Lebens ausgefüllt; ich lebte in Ihnen; die Freuden, die ich ſuchte, ſah ich Sie genießen; dieſe Familie, die ich nicht kenne, ſah ich blühend ſich um n⸗ rz, ere die eſe um 179 Sie entfalten; als ich Ihre Mutter ſah, ſagte ich mir:„So war ganz gewiß meine Mutter! Als ich Ihre Schweſter betrachtete, ſagte ich mir: Wenn ich eine Schweſter gehabt, hätte ich ſie nicht anders ge⸗ wünſcht. Als ich Ihren Bruder umarmte, ſagte ich mir, ich könnte, genau genommen, ein Kind von die⸗ ſem Alter haben und auf dieſe Weiſe etwas auf dieſer Welt hinterlaſſen; während mit dem Charakter, den ich an mir kenne, ich ſterben werde, wie ich ge⸗ lebt, traurig, den Andern zuwider und mir ſelbſt läſtig. Ach! Sie ſind glücklich, Roland; Sie haben Familie, Sie haben Ruhm, Sie haben Jugend, Sie beſitzen, was auch einem Mann nicht ſchadet, Schön⸗ heit. Keine Freude fehlt Ihnen, kein Glück iſt Ihnen verſagt; ich wiederhole es Ihnen, Roland, Sie ſind ein glücklicher, ſehr glücklicher Menſch!“ „Wohl!“ ſagte Roland,„aber Sie vergeſſen meine Pulsadergeſchwulſt, Mylord.“ Sir John ſah den jungen Mann mit ungläubiger Miene an. Roland ſchien wirklich einer felſenfeſten Geſundheit ſich zu erfreuen. „Ihre Pulsadergeſchwulſt gegen meine Million Renten, Roland,“ ſagte Lord Tanley mit einem Ge⸗ fühle tiefer Trauer,„vorausgeſetzt, Sie geben mir mit Ihrer Pulsadergeſchwulſt dieſe Mutter, welche vor Freuden weint, wenn ſie Sie wiederſieht, dieſe Schweſter, die ſich unpäßlich fühlt vor Glück— über Ihre Rückkehr, dieſen Knaben, der ſich an Ihren Hals hängt, wie eine junge und ſchöne Frucht an einen jungen und ſchönen Baum; vorausgeſetzt, daß Sie mir mit alle dem noch dieſes Schloß mit ſeinem kühlen Schatten, dieſen Fluß mit ſeinen grünen und 180 plumenreichen Ufern, dieſe bläulichen Fernen geben, aus denen hübſche Dörfer mit ihren ſummenden Glockenthürmen wie Storchenheerden hervorſchim⸗ mern; Ihre Pulsadergeſchwulſt, Roland, den Tod in drei Jahren, in zwei Jahren, in einem Jahre, in ſechs Monaten; aber ſechs Monate Ihres reichen, bewegten, ſüßen, abwechslungsvollen, ruhmreichen Lebens! und ich will mich als einen glücklichen Men⸗ ſchen betrachten.“ Roland lachte laut auf; es war jenes nervöſe Lachen, das ihm eigenthümlich. „Ah!“ ſagte er,„da haben wir den Touriſten, den oberflächlichen Reiſenden, den ewigen Juden der Civiliſation, der ſich nirgends aufhaltend, nichts wür⸗ digen lernt, ſich in nichts vertieft, alles nach dem Gefühle beurtheilt, das er dabei hat, und ohne die Hütten zu öffnen, in denen die Narren eingeſchloſſen ſind, welche man Menſchen nennt, ſagt:„Hinter die⸗ ſer Mauer iſt man glücklich.“ Nun, mein Lieber, „Sie ſehen doch dieſen reizenden Fluß, nicht wahr? dieſe ſchönen blumendurchwirkten Raſenteppiche, dieſe hübſchen Dörfer? es iſt das Bild des Friedens, der Unſchuld, der Brüderlichkeit; es iſt das Jahrhundert des Saturnus, das goldene Zeitalter, Eden, das Paradies. Nun, und all dieſes iſt von Menſchen bevölkert, welche ſich erwürgen; die Jungeln von Cal⸗ cutta, die Schilfmoore von Bengalen ſind nicht mit wilderen Tigern und grauſameren Panthern bevölkert, als dieſe hübſchen Dörfer, als dieſe friſchen Raſen, als die Ufer dieſes reizenden Fluſſes. Nach den Leichenfeierlichkeiten für den guten, den großen, den unſterblichen Marat, den man, Gott ſei Dank! zuletzt — — 181 8 auf den Schindanger geworfen, wie ein Aas, was er auch war und ſogar immer geweſen; nach den Leichenfeierlichkeiten, bei denen jeder eine Urne her⸗ beibrachte, in die er alle Thränen, die er im Leibe hatte, goß, kamen unſere guten Breſſen, unſere ſüßen Breſſen, unſere Hühnermäſter, auf den Ge⸗ danken, alle Republikaner ſeien Meuchelmörder und haben ſie karrenweiſe ermordet, um ihnen den ſchändlichen Fehler des wilden oder civiliſirten Menſchen, ſeines Gleichen umzubringen, abzuge⸗ wöhnen. Sie zweifeln? O mein Lieber, auf dem Wege von Lons⸗le⸗Saulnier wird man Ihnen, wenn Sie neugierig ſind, den Ort zeigen, wo vor noch nicht ſechs Monaten eine Metzelei ſtattfand, welche den wildeſten Haudegen unſerer Schlachtfelder das Herz umdrehen würde. Denken Sie ſich einen Karren voll Gefangener, den man nach Lons⸗le⸗Saulnier führte, einen Karren mit Leitern, einen jener unge⸗ heuren Karren, auf denen man die Kälber nach dem Schlachthauſe führt; in dieſem Karren ungefähr dreißig WMenſchen, deren ganzes Verbrechen thörichte, über⸗ ſpannte Gedanken und drohende Worte waren; alle dieſe gebunden, geknebelt; der Kopf, der durch die Stöße voll Beulen iſt, hängt herab, die Bruſt keucht vor Durſt, Verzweiflung und Angſt; Unglückliche, denen nicht mal wie zu Nerds und Commodus Zeiten der Kampf des Circus, das bewaffnete Ringen mit dem Tode vergönnt iſt; welche die Metzelei überfällt, während ſie machtlos und unbeweglich daliegen; welche man in ihren Feſſeln erwürgt; die man nicht nur bei lebendigem Leibe, ſondern ſelbſt noch im Tode ſchlägt, auf deren Leichname— wenn in ihnen das „ 182 Herz zu ſchlagen aufgehört— auf deren Leichnam der mit Blei ausgegoſſene Prügel dumpf und matt ertönt, das Fleiſch zerauetſchend und die Knochen zer⸗ malmend, und Frauen, welche behaglich und vergnügt dieſer Metzelei zuſehen und die in die Hände klatſchen⸗ den Kinder über die Köpfe erhebend; Greiſe, welche an nichts anderes hätten denken ſollen, als wie ſie chriſtlich ſterben wollten, und ſtatt deſſen durch ihr Geſchrei und ihre Aufhetzerei den verzweiflungsvollen Tod der Unglücklichen erſchweren helfen, und inmitten dieſer Greiſe einen kleinen äußerſt coquetten, wohl⸗ gepuderten Siebziger, der von ſeinem Spitzenjabot das kleinſte Stäubchen wegſtöbert, ſeinen ſpaniſchen Tabat aus einer goldenen Doſe mit einer Namens⸗ chiffer in Diamanten ſchnupft, ſeine Ambrapaſtillen aus einer Sevrebonbonniere nimmt, die ihm Ma⸗ dame Dubarry geſchenkt, deren Porträt die Bon⸗ bonniere ſchmückt,— dieſer Siebenziger— betrachten Sie das Bild, mein Lieber, ſtampfte mit ſeinen kleinen Schuhen auf den Leichnamen herum, die gleichſam nur noch eine Matraze von Menſchenfleiſch bilden, und ermüdet ſeinen durch das Alter ge⸗ ſchwächten Arm, indem er mit einem ſpaniſchen Rohr mit vergoldetem Knopf auf diejenigen der Leichname ſchlägt, die ihm noch nicht todt genug erſcheinen und der Stampfe entgangen ſind. Puh! mein Lieber! Ich ſah Montebello, ich ſah Arcole, ich ſah Rivoli, ich ſah die Pyramiden, ich glaubte nichts Schreck⸗ licheres mehr ſehen zu können. Nun, die einfache Erzählung meiner Mutter, geſtern, als Sie nach Ihrem Zimmer gegangen waren, hat meine Haare zu Berge ſtehen machen! Wahrhaftig! das erklärt —— 183 die Krämpfe meiner armen Schweſter ſo gut, als meine Pulsadergeſchwulſt die meinen.“ Sir John ſah und hörte Roland mit jenem neu⸗ gierigen Erſtaunen, in welches ihn ſtets die miſan⸗ thropen Ergießungen ſeines jungen Freundes ver⸗ ſetzten; in der That ſchien Roland bei der Conver⸗ ſation immer im Hinterhalt zu liegen, um bei der geringſten Gelegenheit, die ſich bot, auf das Menſchen⸗ geſchlecht einen Ausfall zu machen. Er bemerkte, welches Gefühl er bei Sir John hervorgerufen und änderte vollſtändig den Ton, indem er an die Stelle der philantropen Aufwallung den bittern Spott treten ließ. „Freilich,“ ſagte er,„ſind, abgeſehen von dieſem ausgezeichneten Ariſtokraten, der vollendete, was die Menſchenſchlächter begonnen, und ſeine rothge⸗ färbten Abſätze in dem Blut wieder anfeuchtete,— die Leute, welche dieſe Art von Executionen voll⸗ ziehen ſind freilich Menſchen von niedrigem Stande, Bürger und Bauern, wie unſre Vorahnen gerne ſagten, wenn ſie von denen ſprachen, die ſie nähr⸗ ten; die Adeligen benehmen ſich dabei eleganter. Sie ſahen übrigens, was in Avignon geſchehen: wenn man es Ihnen erzählte, nicht wahr, würden Sie es nicht glauben? Dieſe Herren Diligencenplünderer pikiren ſich auf ihre unendliche Delicateſſe; ſie haben zwei Geſichter, ihre Maske ungerechnet; ſie ſind bald Cartouches, bald Mandrins, bald Amadiſſe, bald Galaore. Man erzählt fabelhafte Geſchichten von dieſen Landſtraßenhelden. Meine Mutter erzählte mir geſtern von einem Namens Laurent,— Sie verſtehen, mein Lieber, Laurent iſt ein erdichteter 184 — Name, der den wahren Namen zu verſtecken dient, wie eine Maske das Geſicht,— dieſer Laurent ver⸗ einigte alle Eigenſchaften eines Romanhelden in ſich, alle Talente*), wie Ihre Engländer ſagen, die unter„ dem Vorwande, daß ſie ehedem Normannen geweſen, ſich von Zeit zu Zeit erlauben, unſre Sprache mit einem maleriſchen Ausdrucke zu bereichern, mit einem Wort, deren bettelarme Familie bei unſern Gelehrten um Almoſen bat, welche ſich aber hüteten, ihr welches zu geben. Der genannte Laurent war nämlich ſchön bis zum Ideal, er gehörte zu einer Bande von zweiundſiebenzig Genoſſen Jehu, welche man ſo eben im Yſſengeaux abgeurtheilt hat; ſiebenzig wurden frei geſprochen, er und einer ſeiner Genoſſen allein zum Tode verurtheilt; man ſprach die Unſchuldigen„ noch während der Sitzung von der Anklage frei und behielt Laurent und ſeine Genoſſen für die Guillotine zurück. Aber halt! Laurent hatte einen zu ſchönen Kopf, als daß dieſer Kopf unter dem gemeinen Eiſen eines Henkers fallen ſollte; die Richter, welche ihn verurtheilt hatten, die Neugierigen, welche ihn hin⸗ gerichtet zu ſehen erwarteten, hatten jenen körper⸗ lichen Empfehlungsbrief derSchönheit, wie Montaigne ſagt, vergeſſen; der Kerkermeiſter von Yſſengeaux hatte ein weibliches Weſen bei ſich, ſeine Tochter, ſeine Schweſter, ſeine NRichte; die Geſchichte, denn es iſt eine Geſchichte, die ich Ihnenverzähle, nicht ein Roman, die Geſchichte iſt darüber nicht im Klaren, nur ſoviel iſt gewiß, daß die Frau, wer ſie ²) Accomplissements— engl. accomplishments. — — —— auch geweſen ſein mag, ſich in den ſchönen Verur⸗ theilten ſolchermaßen verliebte, daß zwei Stunden vor der Hinrichtung, in dem Augenblicke, als Laurent den Henker eintreten zu ſehen erwartete und ſchlief oder that, als ſchliefe er, wie man's immer in ſolchen Fällen macht, er ſeinen rettenden Engel eintreten ſah. Wie die Vorkehrungen getroffen waren, kann ich Ihnen nicht ſagen, da ich es nicht weiß; die bei⸗ den Liebenden ſind nicht in dieſes Detail eingegangen, aus Gründen; aber ſoviel iſt wahr,— ich erinnere Sie daran, nicht aus den Augen verlieren zu wollen, daß es Wahrheit und nicht eine Fabel iſt,— ſoviel iſt wahr, daß Laurent ſich befreit ſah und nur den Kummer hatte, ſeinen Kameraden nicht retten zu können, der ſich in einem andern Gefängniſſe befand: Genſonné, welcher in den gleichen Umſtänden war, weigerte ſich zu fliehen und wollte mit ſeinen Genoſ⸗ ſen, den Girondiſten, ſterben; aber Genſonné hatte nicht den Kopf des Antinous auf dem Körper des Apollo; je ſchöner der Kopf iſt, Sie verſtehen, deſto mehr hält man darauf. Laurent nahm das Anerbieten an und floh; ein Pferd erwartete ihn im nächſten Dorfe; das junge Mädchen, das ſeine Flucht hätte verzögern oder hindern können, ſollte dort bei Tagesanbruch mit ihm zuſammentreffen. Der Tag brach an, brachte jedoch den rettenden Engel nicht; es ſcheint, unſer Ritter hielt mehr auf ſeine Geliebte, als auf ſeinen Genoſſen; er war ohne ſeinen Genoſſen geflohen, er wollte jedoch nicht ohne ſeine Geliebte fliehen. Es war ſechs Uhr Morgens, die zur Hinrichtung be⸗ timmte Stunde, die Ungeduld bemächtigte ſich ſeiner. Er hatte ſeit vier Stunden dreimal den Kopf ſeines Pferdes nach der Stadt gewandt, und ſich ihr jedes⸗ mal mehr genähert; ein Gedanke durchfuhr ihn bei dieſem dritten Male: nämlich ſeine Geliebte ſei feſt⸗ genommen und müſſe ſtatt ſeiner büßen; er war bis zu den erſten Häuſern gekommen, er ſpornt ſein Pferd, kehrt in die Stadt zurück, reitet mit entblöß⸗ tem Geſichte mitten durch die Leute, die ihn beim Namen nennen, ganz erſtaunt, ihn frei und zu Pferde zu ſehen, während ſie ihn geknebelt auf einem Kar⸗ ren erwartet hatten, über den Richtplatz, wo der Henker erfährt, daß einer ſeiner armen Sünder ver⸗ ſchwunden ſei, gewahrt ſeine Befreierin, die mit großer Mühe ſich durch die Menge drängt, nicht um die Hinrichtung zu ſehen, ſondern um zu ihm zu eilen; bei ihrem Anblick hält er ſein Pferd an, ſprengt dann auf ſie zu, wirft drei bis vier Maulaffen um, indem er ſie mit der Bruſt ſeines Bayard zu Boden ſtürzt, gelangt endlich bis zu ihr, hebt ſie auf den Sattelbogen, ſtößt einen Freudenſchrei aus und ver⸗ ſchwindet, indem er ſeinen Hut ſchwingt, wie Herr von Condé in der Schlacht von Lens; und das Volk klaſcht Beifall und die Frauen finden die Handlung herviſch und verlieben ſich in den Helden.“ Roland hielt inne, als er ſah, daß Sir John auf all dies ſchwieg, und ſah ihn fragend an. „Fahren Sie nur fort,“ antwortete der Englän⸗ der,„und da ich überzeugt bin, daß Sie all' dies nur ſagen, um auf einen Punkt zu kommen, den Sie noch in petto haben, ſo warte ich.“ „Gut,“ verſetzte Roland lachend,„Sie haben Recht, mein Liebſter, und Sie kennen mich, auf Ehre, wie wenn wir Freunde aus dem College wären. „ nit einer Keckheit gemacht, die mir gefiel; ich liebe von Hauſe aus die tapfern Leute; wenn ich Herr 187 Wiſſen Sie denn, was für eine Idee mir die ganze Nacht im Kopfe herumgegangen? ich möchte mir dieſe Herren Genoſſen Jehus einmal näher anſehen.“ „Ach, ja, ich begreife, ich begreife, Sie konnten ſich nicht durch den Herrn von Barjols tödten laſſen, nun wollen Sie es mit Herrn Morgan verſuchen.“ „Oder einem Andern, mein lieber Sir John,“ antwortete der junge Offizier ruhig,„denn ich erkläre Ihnen, daß ich nichts Beſonderes gegen Herrn Mor⸗ gan habe, im Gegentheil, obgleich mein erſter Ge⸗ danke, als er in den Saal trat und ſeinen kleinen Speech hielt, nicht wahr Sie nennen das einen Speech?“ Sir John machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe. „Wohl, obgleich mein erſter Gedanke,“ ſagte er, „war, ihm an den Hals zu ſpringen und ihn mit der einen Hand zu erdroſſeln, während ich ihm mit der andern ſeine Maske abgeriſſen.“ „Jetzt, da ich Sie kenne, mein lieber Roland, frage ich mich wirklich, wie Sie ein ſo ſchönes Projett nicht ausführen konnten.“ „Es iſt nicht meine Schuld, das ſchwöre ich Ihnen, ich war bereits aufgeſprungen, aber mein Kamerade hat mich zurückgehalten.“ 3 „Es gibt alſo auch Leute, die Sie zurückhalten.“ „Nicht viele, aber dieſer.“ „Und Sie bereuen jetzt?“ „Nein, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll; dieſer tapfere Diligencenplünderer hat ſeine kleine Geſchichte 188 von Barjols nicht getödtet, hätte ich mögen ſein Freund ſein. Freilich konnte ich nur dadurch erfah⸗ ren, wie tapfer er ſei, daß ich ihn tödtete. Sprechen wir jedoch von andern Dingen. Dieſes Duell ge⸗„ hört zu meinen fatalen Erinnerungen. Weßhalb war ich denn herauf gekommen? Sicher nicht um Ihnen von den Genoſſen Jehus zu erzählen oder von den Heldenthaten des Herrn Laurent... Ach! ja, ich wollte mich mit Ihnen darüber verſtändigen, was Sie nun anzufangen beabſichtigen. Ich werde alles Mögliche thun, um Sie zu amuſiren, mein lieber Gaſt; aber ich habe zweierlei gegen mich, mein Land, das nicht amuſant iſt, und Ihre Nation, die nicht leicht zu amuſiren iſt.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, Roland,“ ver⸗„ ſetzte Lord Tanlay, indem er dem jungen Manne die Hand gab,„daß ich das Schloß Noires⸗Fontaines für ein Paradies halte.“ † „Wohl. Aber in der Beſürchtung, daß Sie Ihr Paradies bald monoton finden möchten, werde ich mein Möglichſtes thun, Sie zu zerſtreuen. Sind Sie ein Freund der Archäologie, Weſtminſter, Can⸗ terbury? Wir haben die Kirche von Brou, ein Wunderwerk, gemeiſelte Spitzen von Meiſter Colum⸗ Ihnen erzählen, wenn Sie mal Abends nicht ein⸗ ſchlafen können. Sie werden die Gräber Marga⸗ rethens von Bourbon, Philipps des Schönen und Margarethens von Oeſterreich ſehen; wir werden Ihnen das große Räthſel ihrer Deviſe zu löſen ge⸗ ben: Fortuna, infortuna, förti una, das ich durch die lateiniſche Ueberſetzung: Fortuna, infortuna forti ban; es exiſtirt eine Legende darüber; ich werde ſie„ ——————— 189 „ tin una gelöst zu haben glaube. Lieben Sie das Fiſchen, ah⸗ mein lieber Gaſt? Sie haben hier die Reyſſouſſe en zu Ihren Füßen, wenn Sie die Hand ausſtrecken, ge⸗ ₰ eine Sammlung Leinen und Angeln, welche Edouard F gehört, eine Sammlung von Netzen, welche Michel gehört. Die Fiſche, Sie wiſſen, das iſt das Letzte, womit man ſich abgibt. Lieben Sie die Jagd? Wir ich haben den Park von Seillon hundert Schritte von hier; auf die Bürſchjagd freilich muß man verzichten, dagegen haben wir Hetzjagd. Die Wälder meiner pot alten Popanze, der Karthauſer, ſcheinen Ueberfluß ti an Säuen, Rehen, Füchſen und Haſen zu haben. die Niemand jagt dort, weil der Wald der Regierung gehört, und die Regierung iſt in dieſem Augenblicke er Niemand. In meiner Eigenſchaft als Adjutant des e Generals Bonaparte werde ich die Lücke ausfüllen nes und wir wollen ſehen, ob Jemand daran Anſtoß nimmt, daß ich, nachdem wir an der Etſch auf die Ihr Oeſterreicher und am Nil auf die Mameluken Jagd ich gemacht, nun die Wildſchweine, Hirſche, Rehe, Füchſe und Haſen an der Reyſſouſſe jage. Ein Tag Archäo⸗ 4. logie, ein Tag Fiſcherei und ein Tag Jagd. So ei haben wir bereits drei Tage; Sie ſehen, mein lieber unt Gaſt, wir brauchen nur noch für vierzehn bis ſechs⸗ ſie zehn Tage zu ſorgen.“ ein⸗„Mein lieber Roland,“ ſagte Sir John mit ga⸗ tiefer Trauer und ohne auf die wortreiche Improvi⸗ ſation des jungen Offiziers zu antworten;„werden Sie mir nie ſagen, welches Fieber in Ihnen brennt, welcher Kummer Sie durchwühlt?“ „Ach! wahrhaftig,“ machte Roland mit einem Ausbruch durchdringenden und ſchmerzlichen Lachens, 190 „ich war nie ſo heiter als dieſen Morgen, Sie ha⸗ ben den Spleen, Mylord, Sie ſehen alles ſchwarz.“ „Einſt werde ich wirklich Ihr Freund ſein,“ ant⸗ wortete Sir John ernſt,„dann werden Sie mir Ihre vertraulichen Geſtändniſſe machen, und ich werde f einen Theil Ihres Kummers tragen.“ „Um die Hälfte meiner Pulsadergeſchwulſt... Haben Sie Hunger, Mylord?“ „Weßhalb richten Sie dieſe Frage an mich?“ „Weil ich auf der Treppe die Schritte Edouards höre, der Ihnen ſagen will, daß das Frühſtück ſer⸗ virt iſt.“- Wirklich hatte Roland kaum das letzte Wort ausgeſprochen, als die Thüre ſich öffnete und der Knabe ſagte: 5„ „Großer Bruder Roland, Mutter und Schweſter Amelie erwarten Mylord und Dich zum Frühſtück.“ Und ſich an die rechte Hand des Engländers hängend, betrachtete er aufmerkſam das erſte Glied des Daumens, des Zeige⸗ und Ringfingers. „Wonach ſuchen Sie, mein junger Freund?“ fragte Sir John. „Ich ſehe, ob Sie Tinte an den Fingern haben.“ „Und wenn ich Tinte an den Fingern hätte,„ was würde das bedeuten?“ „Daß Sie nach England wegen meiner Piſtolen und meines Säbels geſchrieben.“ „Nein, ich habe nicht geſchrieben,“ ſogte Sir John,„aber ich werde noch heute ſchreiben.“ „Du hörſt, großer Bruder Roland, ich werde in 21 6 2 rds ſer⸗ ort der ſter er lied d?“ ern itte, olen Sir 191 vierzehn Tagen meine Piſtolen und meinen Säbel haben.“ Und der Knabe, ganz vergnügt, bot ſeine vollen und feſten Wangen Sir John dar, der ihn ſo zärt⸗ lich küßte, als ein Vater gethan. Dann begaben ſich alle drei in den Speiſeſaal hinab, wo Amelie und Frau von Montrevel ſie er⸗ warteten. VII. Die Luſtbarkeiten der Provinz. Noch am ſelben Tage brachte Roland einen Theil des verabredeten Planes zur Ausführung; er führte Sir John nach der Kirche von Brou. „ Diejenigen, welche dieſe reizende kleine Kapelle geſehen, wiſſen, das es eines der hundert Wunder des gothiſchen Styls iſt. Diejenigen, welche es nicht wiſſen, haben davon gehört. Roland, welcher Sir John die Honneurs ſeines hiſtoriſchen Juwels machen wollte, das er ſelbſt ſeit ſieben Jahren nicht mehr geſehen, war ſehr enttäuſcht, als er, vor der Facade ankommend, die Niſchen der Heiligen leer und den Figuren des Portals den Kopf abgeſchlagen fand. Er fragte nach dem man lachte ihm in's Geſicht. Es gab keinen Meßner Br. 192 Er fragte, an wenn er ſich wenden müſſe, um die Schlüſſel zu bekommen. Man antwortete, an den Capitän der Gendar⸗ merie. Der Capitän der Gendarmerie war nicht weit entfernt; das zur Kirche gehörende Kloſter war in eine Kaſerne verwandelt worden. Roland begab ſich nach dem Zimmer des Capi⸗ täns und ſtellte ſich als Adjutant des Generals Bo⸗ naparte vor. Der Capitän gab ihm mit dem paſſiven Gehorſam des Untergebenen gegen den Höheren die Schlüſſel und folgte hinterdrein. Sir John wartete vor der Halle und bewunderte, trotz der Verſtümmlungen, die ſie erfahren, die herr⸗ lichen Details der Facade. Roland öffnete die Thüre und fuhr vor Erſtau⸗ nen zurück: die Kirche war wörtlich vollgepfropft mit Heu, wie eine bis an die Mündung geladene Kanone. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte er den Capitän der Gendarmerie. „Mein Offizier, das iſt eine Vorſicht der Muni⸗ cipalität.“ „Wie, eine Vorſicht der Municipalität?“ a. „Zu welchem Zwecke?“ „Um die Kirche zu erhalten. Man wollte ſie demoliren; aber der Maire befahl, daß zur Sühnung des irrigen Cultus, dem ſie gedient, ſie in ein Fut⸗ termagazin verwandelt werden ſolle.“ Roland lachte laut auf und ſich an Sir John wendend, ſagte er: „Mein lieber Lord, die Kirche war ſehr intereſ⸗ ie 19 t⸗ 193 ſant, aber ich glaube, was dieſer Herr hier Ihnen erzählt, iſt nicht minder intereſſant. Sie werden zwar in Straßburg oder Köln, oder Mailand eine Kirche oder einen Dom finden, welche es mit der Kapelle in Bourg aufnehmen, aber Sie werden nicht immer Behörden finden, die dumm genug ſind, ein Meiſterwerk zu zerſtören, und einen Maire, der ge⸗ ſcheidt genug, um eine Kirche für Futter daraus zu machen. Tauſend Dank, Capitän, hier Ihre Schlüſſel.“ „Wie ich in Avignon ſagte, das erſte Mal, als ich die Ehre hatte, Sie zu ſehen, mein lieber Ro⸗ land,“ verſetzte Sir John,„das franzöſiſche Volk iſt ein amüſantes Volk.“ „Diesmal, Mylord, ſind Sie zu höflich,“ ant⸗ wortete Roland,„es iſt ſehr traurig, daß man das ſagen muß; hören Sie: ich begreife die politiſchen Sündfluthen, welche unſere Geſellſchaft ſeit tauſend Jahren umgewälzt; ich begreife die Landmilizen, die Paſtourellen, die Jaquerie, die Maillotins, die Bar⸗ tholomäusnacht, die Ligue, die Fronde, die Dragon⸗ naden, die Revolution, ich begreife den 14. Juli, den 5. und 6. October, den 20. Juni, den 10. Auguſt, den 2. und 3. September, den 21. Januar, den 31. Mai, den 30. October und 9. Thermidor; ich be⸗ greife die Fackel der Bürgerkriege mit ihrem grie⸗ chiſchen Feuer, das ſich im Blut entzündet, ſtatt zu erlöſchen; ich begreife die Ebbe und Flut der Revo⸗ lutionen, die Flut, welche in ihrem Steigen ſich von nichts zurückhalten läßt, und die Ebbe, die die Trüm⸗ mer der Inſtitutionen, welche die Flut umgeworfen, mit ſich fortreißt; ich begreife all' das, aber Lanze gegen Lanze, Degen gegen Degen, Menſchen gegen 13 Dumas, Jehu. I. 194 Menſchen, Volk gegen Volk; ich begreife den tödt⸗ lichen Zorn der Sieger, ich begreife die blutige Reaction der Beſiegten; ich begreife die politiſchen Vulkane, welche in den Eingeweiden des Erdballs grollen, die Erde erſchüttern, die Throne umſtürzen, die Monar⸗ chieen über den Haufen werfen und Köpfe und Kro⸗ nen auf die Schaffote ſchleudern; aber was ich nicht begreife, iſt die Verſtümmelung des Granits, die Vogelfreierklärung der Denkmäler, die Zerſtörung lebloſer Dinge, die weder denen gehören, welche ſie zerſtören, noch der Zeit, die ſie zerſtört; das heißt die Einſtampfung der rieſenhaften Bibliothek, in der der Alterthumsforſcher die archäologiſche Geſchichte eines Landes liest. O die Vandalen und Barbaren, ja mehr als dies, die Dummköpfe, die ſich an Stei⸗ nen für die Verbrechen Borgias und die Ausſchwei⸗ fungen Ludwig XV. rächen. Wie gut kannten jene Pharaonen, Memnon, Chevps' und Oſymandias welche ihre Pyramiden nicht aus Guipurelaubwerk und Chor⸗ bühnen von Spitzen bauten, ſondern aus Granitblöcken von fünfzig Fuß Länge,— wie gut kannten ſie den Menſchen als den verkehrteſten, zerſtörungsſüchtigſten, bösartigſten Menſchen; ſie lachten wohl herzlich aus der Tiefe ihrer Gräber heraus, als ſie die Zeit mit ihrer Senſe daran arbeiten und die Paſchas ihre Nägel daran krumm biegen ſahen. Bauen wir deß⸗ halb Pyramiden, mein lieber Lord, es iſt in archi⸗ tektoniſcher Hinſicht nicht ſchwer, in künſtleriſcher Hinſicht nicht ſchön, aber es iſt ſolid, und geſtattet einem General nach viertauſend Jahren zu ſagen: Soldaten, von der Höhe dieſer Denkmäler ſchauen vierzig Jahrhunderte auf euch herab! Wahrhaftig, mein Ehrenwort, lieber Lord, ich möchte in dieſem Augenblick auf eine Windmühle ſtoßen, um mit ihr Streit zu ſuchen.“ Und Roland, in ſein gewöhnliches Lachen aus⸗ ſeier zog Sir John in der Richtung des Schloſſes ort. t Sir John hielt ihn an. 3 e„O,“ ſagte er,„war in der ganzen Stadt nichts g zu ſehen, als die Broukirche?“ e„Ehedem, mein lieber Lord,“ antwortete Roland, „ehe die Kirche in ein Futtermagazin verwandelt wurde, hätte ich Ihnen angeboten, mit Ihnen in die Grüfte der Herzoge von Savohen hinabzuſteigen, wir hätten zuſammen einen unterirdiſchen Gang ge⸗ ſucht, von dem man ſagt, daß er exiſtiren ſoll, der beinahe eine Meile lang iſt und wie man verſichert, mit der Grotte von Clyſeriat in Verbindung ſteht; bemerken Sie wohl, daß ich niemand als einem Eng⸗ länder eine ſolche Luſtpartie vorgeſchlagen; wir wären dadurch in die Geheimniſſe Udolphos der be⸗ rühmten Anna Redeliffe gedrungen; aber Sie ſehen, es iſt unmöglich; wir müſſen auf die Sache ver⸗ zichten.“ „Und wo werden wir jetzt hingehen?“ „Wahrhaftig, ich weiß nicht; vor zehn Jahren hätte ich Sie nach den Anſtalten geführt, wo man die Hühner mäſtet! Die Hühner von Breſſe hatten, wie Sie wiſſen, einen europäiſchen Ruf; Bourg war ein Filial des Maſtſtandes von Straßburg. Aber während der Schreckenszeit ſchloſſen, wie Sie ſich denken können, die Mäſter ihr Geſchäft; man ſtand im Rufe eines Ariſtokraten, wenn man ein Huhn 196 aß; und Sie kennen den brüderlichen Refrain: Ah! ca ira, ca ira, Ca ira, les aristocrat' à la lanterne! Nach dem Sturze Robespierres öffneten ſie ihr Ge⸗ ſchäft wieder; aber ſeit dem 18. Fructidor herrſchte in Frankreich der Befehl, mager zu werden, ſelbſt für das Geflügel. Thut nichts, kommen Sie nur, in Ermangelung von Poularden werde ich Ihnen etwas Anderes zeigen, zum Beiſpiel den Platz, wo man diejenigen hinrichtete, die welche aßen. Außer⸗ dem haben, ſeit ich nicht mehr in die Stadt kam, unſere Straßen ihre Namen verändert; ich kenne noch immer die Säcke, aber ich kenne die Namen nicht mehr.“ „Wie?“ fragte Sir John,„Sie ſind alſo kein Republikaner?“ „Ich, kein Republikaner, gehen Sie! ich halte mich im Gegentheile für einen ausgezeichneten Republikaner, und ich bin im Stande mir wie Mucius Scävola die Hand verbrennen zu laſſen, oder mich in einen Schlund zu ſtürzen, wie Curtius, um die Republik zu retten; aber ich habe das Unglück, ſehr klar zu ſehen: das Lächerliche packt mich unwillkürlich in die Seiten und ſchüttelt mich, daß ich vor Lachen berſten möchte. Ich laſſe gerne die Conſtitution von 1791 gelten: als jedoch der arme Herault de Sechelles an den Director der Nationalbibliothek ſchrieb, er ſolle ihm die Geſetze des Minos ſchicken, um eine Conſtitution nach dem Muſter der von Creta zu machen, fand ich, daß dies ein wenig weit ſein Muſter holen heiße und daß wir uns mit dem des Lykurg begnügen könnten. Ich fand, daß Janvier, Fevrier und Mars, ſo mythologiſch ſie auch waren, ſich mit Nivose, Plu- 197 viose und Ventose meſſen konnten. Ich begreife nicht, warum, wenn man im Jahre 1789 Antoine oder Chryſoſtome hieß, man ſich im Jahre 1793 Brutus und Caſſius nennt? So ſehen Sie hier, Mylord, eine ehrbare Straße, welche die Rue des Halles hieß; darin war nichts Indecentes oder Ari⸗ ſtokratiſches, nicht wahr? Nun, heute heißt ſie, war⸗ ten Sie(Roland betrachtete die Inſchrift) die Rue de la Revolution. Hier eine andere, welche Rue Notre⸗Dame hieß und heute Rue du Temple genannt wird. Warum Rue du Temple? Um wahrſcheinlich den Ort zu verewigen, wo der infame Simon den Erben von dreiundſechzig Königen das Handwerk des Schuhflickens zu lehren verſuchte; ich irre mich vielleicht in der Zahl jener Könige, ſtreiten wir nicht darüber. Endlich ſehen Sie dieſe dritte, es war die Rue Crevecoeur, ein berühmter Name in Breſſe, Burgund und Flandern; ſie heißt die Rue de la Fédération. Die Fédération(Bund) iſt eine hübſche Sache, aber Crevecoeur war ein ſchöner Name. Und dann ſehen Sie, ſie führt heute ganz gerade auf den Guillotinenplatz, was nach meiner Anſicht unrichtig iſt. Ich wünſchte, es gäbe überhaupt keine Straßen, die nach dieſen Plätzen führten. Dieſer hat einen Vortheil, er iſt hundert Schritte von dem Gefängniſſe entfernt, was dem Herrn von Bourg einen Karren und ein Pferd erſparte und erſpart. Bemerken Sie wohl, der Henker iſt adelig geworden. Uebrigens iſt der Platz vortrefflich für die Zuſchauer, und mein Ahnherr Montrevel, deſſen Namen er trägt, hat ohne Zweifel, ſeine künftige Beſtimmung ahnend, das noch in den Theatern zu löſende große Problem, daß man 198 überall gut ſieht, wirklich gelöst. Wenn man mir jemals den Kopf abſchneidet, was in unſeren Zeiten nichts außerordentliches wäre, ſo würde ich nur Eines bedauern: ſchlechter placirt zu ſein und weniger gut zu ſehen, als die Andern. Wir wollen jetzt dieſen kleinen Abſatz hinaufſteigen; ſo, nun ſtehen wir auf der Place des Lices(Turniere). Unſere Revolutions⸗ männer haben ihm den Namen gelaſſen, weil ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht wiſſen, was das heißen will; ich weiß es ebenſo wenig, als ſie, aber ich glaube mich zu entſinnen, daß ein Sire d'Eſtavayer ich weiß nicht welchen vlämiſchen Grafen herausge⸗ fordert und daß der Kampf auf dieſem Platze ſtatt⸗ fand. Das Gefängniß nun, mein lieber Lord, wird Ihnen eine Idee von dem menſchlichen Wechſel geben. Gil Blas hat nicht öfter ſeinen Stand verändert, als dieſer Bau ſeine Beſtimmung. Vor der Ankunft Cäſars war es ein galliſcher Tempel; Cäſar machte eine römiſche Feſtung daraus; ein unbekannter Archi⸗ tect verwandelte es in einen militäriſchen Bau des Mittelalters; die Herren von Baye machten wieder nach Cäſars Beiſpiel eine Veſte daraus. Die Für⸗ ſten von Savoyen hatten hier eine Reſidenz; hier wohnte die Muhme Karl V., als ſie die Kirche von Brou beſuchte, die vollendet zu ſehen ihr nicht mehr vergönnt war. Endlich nach dem Tractat von Lyon, als die Breſſe wieder an Frankreich kam, machte man zugleich ein Gefängniß und einen Juſtizpalaſt daraus. Erwarten Sie mich hier, Mylord, wenn Sie nicht Luſt haben, das Aechzen der Gitter und das Knarren der Riegel zu hören. Ich muß in einem gewiſſen Gefängniß einen Beſuch abſtatten.“ 1800 „Das Aechzen der Gitter und das Knarren der Riegel ſind gerade kein ſehr erguickliches Geräuſch, aber thut nichts, da Sie ſich mit meiner Bildung be⸗ ſchäftigen wollen, führen Sie mich in Ihr Gefängniß.“ „Nun gut, treten wir raſch ein; es ſcheint mir, daß ich eine Menge Leute ſehe, die nur ſprechen zu wollen Miene machen.“ Und wirklich ſchien ſich nach und nach eine Un⸗ ruhe in der Stadt zu verbreiten; man lief aus den Häuſern, man bildete auf der Straße Gruppen und dieſe Gruppen deuteten neugierig auf Roland. Roland läutete an dem Gitterthor, das dazumal ſich an demſelben Orte befand, wo es noch heute iſt, aber auf den Hof des Gefängniſſes führte. Ein Pförtner kam, um zu öffnen. „Ah, ah! Sind Sie es noch immer, Vater Cour⸗ tois?“ fragte der junge Mann. S Und ſich nach Sir John umkehrend, fügte er hinzu: „Nicht wahr, Mylord, ein hübſcher Name für einen Gefangenwärter?“ Der Pförtner ſah den jungen Mann erſtaunt an. „Wie kommt es,“ fragte er durch das Gitter, „daß Sie meinen Namen wiſſen und daß ich den Ihren nicht weiß?“ „Wohl! ich weiß nicht nur Ihren Namen, ſon⸗ dern auch Ihre Anſicht; Sie ſind ein alter Royaliſt, Vater Courtvis.“ „Mein Herr,“ ſagte der Gefangenwärter ganz erſchrocken,„keine ſchlechten Späße, wenn e gefäl⸗ lig, ſagen Sie, was Sie wollen.“ „Run, mein braver Vater Courtvis, ich wünſchte das Gefängniß zu ſehen, in das man meine Mutter 200 und meine Schweſter, Frau und Fräulein von Montrevel, geworfen.“ „Ah!“ rief der Wächter,„wie, ſind Sie es, Herr Louis? Ach, ja, Sie hatten Recht, als Sie ſagten, daß ich Sie nicht kenne! Wiſſen Sie, daß Sie ein recht hübſcher Junge geworden ſind.“ „Finden Sie, Courtois? Nun, ich bezahle Sie in gleicher Münze, Ihre Tochter, Charlotte, iſt mei⸗ ner Treu ein hübſches Mädchen; Charlotte iſt die Kammerfrau meiner Schweſter, Mylord.“ „Und ſie iſt darüber ſehr glücklich, ſie befindet ſich dort beſſer, als hier. Herr Roland, iſt es wahr, daß Sie Adjutant des Generals Bonaparte ſind?“ „Leider, Courtois, habe ich dieſe Ehre. Du würdeſt es lieber ſehen, wenn ich Adjutant des Herrn Grafen von Artois oder des Herrn Herzogs von Angouléme wäre.“ „Aber ſchweigen Sie doch, Herr Louis.“ Dann näherte er ſich dem Ohre des jhe Mannes und ſagte: „Iſt es wirklich wahr?“ „Was, Vater Courtois?“ „Daß der General Bonaparte geſtern durch Lyon kam?“ „Es ſcheint etwas Wahres an dieſer Neuigkeit zu ſein; denn ich höre ſie ſchon zum zweiten Male wiederholen. Ach, ich begreife jetzt die guten Leute, die mich ſo neugierig betrachteten und Fragen an mich ſten zu wollen ſchienen; ſie wünſchen zu wiſſen, was ſie bezüglich dieſer Ankunft des Gene⸗ rals Bonaparte glauben ſollen.“ en „Sie wiſſen nicht, was man noch ſagt, Herr Louis?“ „Man ſagt noch Anderes, Vater Courtois?“ „Das will ich meinen, daß man noch Anderes ſagt, aber ganz leiſe.“ „Was denn?“ „Man ſagt, daß er von dem Direktorium den Thron Seiner Majeſtät Ludwig XVIII. reclamiren wolle, um ihn darauf zu ſetzen, und daß, wenn der Citoyen Goſſier als Präſident ihn nicht gutwillig hergeben werde, er ihn mit Gewalt erzwingen wolle.“ „Ah bah!“ machte der junge Offizier mit einer Miene des Zweifels, die an Spott ſtreifte. Aber Vater Courtvis beharrte auf ſeiner Anſicht durch ein beſtätigendes Nicken des Kopfes. „Es iſt möglich,“ ſagte der junge Mann,„aber was dies betrifft, ſo iſt es nicht⸗die zweite Reuig⸗ keit, ſondern die erſte; und nun, da Sie mich wieder erkennen, wollen Sie mir öffnen?“ „Ihnen öffnen, ja freilich, was zum Teufel thue ich denn?“ Und der Gefangenwärter öffnete die Thüre ebenſo als er anfangs dazu ſehr wenig geneigt chien. Der junge Mann trat ein; Sir John folgte ihm. Der Gefangenwärter ſchloß das Gitter ſorgfältig und ging voran; Roland folgte, der Engländer ging zuletzt. Er begann, ſich an den phantaſtiſchen ſeines jungen Freundes zu gewöhnen. Der Spleen iſt die Miſanthropie ohne die wun⸗ 202 derlichſten Einfälle Timons und den Geiſt der Alceſte. Der Gefangenwärter durchſchritt den ganzen Hof, der vom Juſtizpalaſte durch eine Mauer von fünfzehn Fuß Höhe getrennt iſt, welche gegen die Mitte um einige Fuß im rechten Winkel zurücktritt, und in deren vordern Theil man eine Thüre von maſſi⸗ vem Eichenholz angebracht, damit die Gefangenen hier durch gehen könnten, ohne daß ſie die Straße zu paſſiren brauchten. Der Gefangenwärter, ſagten wir, durchſchritt den ganzen Hof und betrat in der linken Ecke des Hofes eine Wendeltreppe, welche nach dem Innern des Gefängniſſes führte. Wenn wir dieſe Details beſchreiben, ſo geſchieht es, weil wir ſpäter auf dieſe Localitäten zurückkom⸗ men werden, und wir dem zufolge wünſchen müſſen, daß ſie, wenn wir an jenem Punkte unſerer Erzählung angelangt ſind, dem Leſer nicht ganz fremd ſeien. Die Treppe führte zuerſt in das Vorzimmer des Gefängniſſes, das heißt, in das Zimmer der Präſidialwache; von dieſem Zimmer ſtieg man dann über zehn Stufen in einen erſten Hof, der von dem der Gefangenen durch eine Mauer in der Art wie die früher beſchriebene, nur mit drei Thüren ge⸗ trennt war; am Ende dieſes Hofes führte ein Gang in das Zimmer des Gefangenwärters, von welchem aus ein zweiter Gang ebenen Fußes in Gefängniſſe führte, welche maleriſch Käfige genannt wurden. DeGefängnißwärter blieb vor dem erſten dieſer Käfige ſtehen und ſagte, an die Thüre pochend: „Hier hatte ich Ihre Frau Mutter und Fräulein Schweſter eingeſperrt, damit, wenn dieſe lieben —————— ⸗ — ——— S er of, on ie tt, ſ er zu en er ch ht m⸗ n, n9 er in m ie e⸗ g m ſe in en 203 Damen mich oder Charlotten brauchten, ſie nur pochen durften.“ „Iſt Jemand in dieſem Gefängniſſe?“ „Nein.“ „Nun, ſo erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, die Thüre zu öffnen; hier mein Freund Lord Tannlay, ein menſchenfreundlicher Engländer, reiſt um zu ſehen, ob man beſſer daran in franzöſiſchen Gefängniſſen, als in engliſchen. Treten Sie ein, Lord, treten Sie ein.“ Und als Vater Courtois die Thüre geöffnet, drängte Roland Sir John in ein Gefängniß, das ein vollkommenes Viereck von zwölf Fuß auf allen Seiten bildete. „O, o!“ machte Sir John,„der Ort iſt traurig.“ „Sie finden? Nun, mein lieber Lord, das iſt der Ort, wo meine Mutter, die würdigſte Frau, die es auf der Welt gibt, und meine Schweſter, Sie kennen ſie, ſechs Wochen zugebracht, mit der Ausſicht, ihn nicht zu verlaſſen, als um einen Gang nach dem Platz der Baſtion zu machen: bemerken Sie wohl, es iſt fünf Jahre her, meine Schweſter war alſo kaum zwölf Jahre alt.“ „Aber welches Verbrechen hatten ſie denn be⸗ gangen?“ „O ein ungeheures Verbrechen: bei dem Jahres⸗ feſte welches die Stadt Bourg am Todestag des Volksfreundes feiern zu müſſen glaubte, weigerte ſich meine Mutter, meine Schweſter eine der Jungfrauen machen zu laſſen, welche die Urnen trugen, die die Thränen Frankreichs enthielten. Was wollen Sie? Die arme Frau hatte geglaubt, genug für das Vater⸗ land gethan zu haben, indem ſie ihm das Blut 20⁴ ihres Sohnes und ihres Gatten dargebracht, von denen der Eine das ſeine in Italien, der Andere in Deutſchland vergoß; ſie täuſchte ſich. Das Vater⸗ land, wie es ſcheint, forderte auch noch die Thränen ihrer Tochter; diesmal fand ſie, daß es zuviel ſei, namentlich ſobald dieſe Thränen für den Citoyen Marat floßen. Die Folge davon war, daß noch am Abend des Feſtes mitten in dem Enthuſiasmus, welchen dieſes Feſt hervorgerufen, meine Mutter in Anklageſtand verſetzt wurde. Zum Glücke ſtand Bourg in Beziehung auf Raſchheit des Verfahrens nicht auf der Höhe von Paris. Ein Freund, den wir auf der Gerichtskanzlei hatten, wußte die Sache hinauszuziehen, und eines Tages erfuhr man plötz⸗ lich zu gleicher Zeit den Sturz und Tod Robespierres. Das unterbrach vielerlei, unter anderem die Guillo⸗ tinaden; unſer Freund auf der Gerichtskanzlei machte dem Tribunal begreiflich, daß der Wind, der von Paris wehe, ein gnädiger ſei; man wartete acht Tage, man wartete vierzehn Tage, am fünfzehnten kündigte man meiner Mutter an, daß ſie frei ſei; wenn ſo⸗ mit, mein Lieber,— und das führt zu den tiefſten philoſophiſchen Reflexionen— wenn ſomit Fräulein Thereſe Cabarus nicht von Spanien nach Frankreich gekommen, wenn ſie nicht den Parlamentsrath Herrn Fontenay geheirathet, wenn ſie nicht feſtgenommen worden und vor den Proconſul Tallien geführt wor⸗ den, den Sohn des Haushofmeiſters des Marquis von Bercy, Erxſchreiber des Procurators, Eydruckerei⸗ faktor, Exexpeditionscommis, Erſekretär des Ge⸗ meinderaths von Paris, für den Augenblick mit einer Miſſion in Bordeaux beauftragt, wenn der Expro⸗ 5 ——— — von in ter⸗ nen ſei, yen tus, in and ens den ache lötz⸗ res. chte von age, igte ſten lein eich rrn nen or⸗ uis rei⸗ Ge⸗ iner oro⸗ ————— 205 conſul ſich nicht in ſie verliebt hätte, wenn ſie nicht eingeſperrt worden wäre, wenn ſie ihm nicht am 9. Thermidor einen Dolch mit den Worten gegeben: „Wenn der Tyrann heute nicht ſtirbt, ſo ſterbe ich morgen,“ wenn Stlint Juſt nicht mitten in ſeiner Verhandlung arretirt worden wäre, wenn Robes⸗ pierre nicht an jenem Tage eine Katze im Halſe ge⸗ habt, wenn Garnier de Aube ihm nicht zugerufen: „Das Blut Dantons erſtickt Dich!“, wenn Louchez ſeine Arretirung nicht verlangt hätte, wenn er nicht arretirt, befreit und wieder ergriffen worden, ſich nicht mit einem Piſtolenſchuß die Kinnlade zerſchmettert, und er am andern Tage hingerichtet worden wäre,— meine Mutter hätte ohne Zweifel ihren Kopf dem Henkerbeile bieten müſſen, weil ſie nicht erlaubte, daß ihre Tochter für den Eitoyen Marat in eine der zwölf Urnen weine, welche die Stadt Bourg mit ihren Thränen füllen mußte. Lebe wohl, Courtois, Du biſt ein braver Mann, Du gabſt meiner Schweſter und meiner Mutter etwas Waſſer, um es unter ihren Wein zu miſchen, etwas Fleiſch, um es auf ihr Brot zu legen, etwas Hoffnung, um ihr Herz aufzurichten, Du boteſt ihnen Deine Tochter an, daß ſie nicht ſelbſt ihren Kerker kehren mußten, das würde ein Vermögen werth ſein; aber unglücklicher Weiſe bin ich nicht reich; ich habe fünfsig Louisd'ors bei mir, hier ſind ſie. Kommen Sie, Mylord.“ Und der junge Mann zog Sir John fort, ehe der Gefangenwärter ſich von ſeinem Staunen erholt hatte und Zeit bekam, Roland zu danken oder die fünfzig Louisd'or auszuſchlagen, was freilich ein ziemlich großer Beweis von Uneigennützigkeit für — 206 einen Gefangenwärter geweſen wäre, namentlich wenn dieſer eine ganz entgegengeſetzte Anſicht mit der Regierung hat, der er dient. Als ſie das Gefängniß verließen, fanden Roland und Sir John die Place des Lices voll von Leuten, welche die Rückkehr des Generals Bonaparte nach Frankreich erfahren hatten und„Es lebe Bonaparte!“ aus vollem Halſe ſchrieen, die Einen, weil ſie wirk⸗ lich Bewunderer des Siegers von Arcole, Rivoli und bei den Pyramiden waren, die Andern, weil man ihnen wie dem Vater Courtois geſagt hatte: dieſer Sieger habe nur im Intereſſe Ludwig XVIII. geſiegt. Diesmal ſchlugen Roland und Sir John, da ſie Alles geſehen, was die Stadt Bourg Intereſſantes bot, den Weg nach dem Schloſſe Noires Fontaines ein, wo ſie ankamen, ohne daß ſie ſonſt Etwas auf⸗ gehalten. Frau von Montrevel und Amelie waren ausge⸗ gangen. Roland ſetzte Sir John in einen Fauteuil, indem er ihn bat, fünf Minuten zu warten. Nach Verfluß von fünf Minuten kam er zurück, indem er in der Hand eins Art Broſchüre, auf grauem Papier und ziemlich ſchlecht gedruckt, hielt. „Mein lieber Gaſt,“ ſagte er,„Sie ſchienen mir einige Zweifel an der Wahrheit des Feſtes zu hegen, von dem ich Ihnen ſoeben erzählte, und das meiner Mutter und Schweſter beinahe das Leben gekoſtet; ich bringe Ihnen das Programm; leſen Sie dies; ich will indeſſen ſehen, was man mit meinen Hunden gemacht, denn ich nehme an, daß Sie mir den Fiſch⸗ tag ſchenken und daß wir ſogleich zur Jagd über⸗ gehen.“ lich mit and ten, ach 1 und nan eſer egt. ſie ites nes uf⸗ ge⸗ uil, ück, tem mir en, ner tet; den ſch⸗ er⸗ ir⸗ 207 Damit ging er weg, indem er in Sir Johns Händen den Beſchluß der Municipalität der Stadt Bourg wegen der Leichenfeier zu Ehren Marats, welche am Jahrestage ſeines Todes ſtattfinden ſollte, zurückließ. VIII. Die Luſtbarkeiten der Provinz. Sir John war gerade mit der Lectüre dieſes intereſſanten Actenſtücks zu Ende, als Frau von Montrevel und ihre Tochter zurückkehrten. Amelie, welche durchaus nicht wußte, daß zwiſchen Roland und Sir John ſo häufig von ihr verhandelt wurde, war über den Ausdruck erſtaunt, mit welchem Sir John ſeinen Blick auf ſie heftete. Amelie erſchien ihm reizender denn je. Er begriff dieſe Mutter wohl, welche mit Gefahr ihres Lebens nicht gewollt hatte, daß dieſes reizende Geſchöpf ſeine Jugend und Schönheit profanire, in⸗ dem es als Comparſe bei einem Feſte diente, deſſen Gott jenes ſtinkende Aas war, das den Namen Ma⸗ rat trug. Er gedachte des kalten und feuchten Gefängniſſes, das er vor einer Stunde beſucht, und ſchauerte bei dem Gedanken, daß dieſer weiße und zarte Hermelin, auf dem ſeine Blicke ruhten, ſechs Wochen ohne Luft und Sonne dort eingeſchloſſen geweſen. Er betrachtete dieſen vielleicht etwas zu langen Hals, der jedoch voll Weichheit und Anmuth trotz 208 ſeinem Uebermaße war, und erinnerte ſich des melan⸗ choliſchen Worts der armen Prinzeſſin von Lamballe, welche mit der Hand über den ihren ſtrich und ſagte: „Er wird dem Henker nicht viel Mühe machen!“ Die Gedanken, welche ſich im Geiſte Sir Johns folgten, verliehen ſeiner Phyſiognomie einen ſo ver⸗ ſchiedenen Ausdruck von dem, den ſie gewöhnlich hatte, daß Frau von Montrevel unwillkürlich ihn fragen mußte, was er habe. Sir John erzählte darauf Frau von Montrevel ſeinen Beſuch im Gefängniſſe und die fromme Pil⸗ gerfahrt Rolands nach dem Kerker, der ſeine Mutter und Schweſter in ſeinen vier Mauern geſehen. Als Sir John ſeinen Bericht ſchloß, ließ ſich eine Jagdfanfare hören, welche das Bien raller blies, und Roland trat mit dem Horn am Munde ein. Aber er nahm es beinahe im ſelben Augenblicke ab und ſagte: „Mein lieber Gaſt, danken Sie meiner Mutter: ſie iſt ſchuld, daß wir morgen eine prachtvolle Jagd haben werden.“ „Ich?“ fragte Frau von Montrevel. „Wie ſo?“ fragte Sir John. „Ich verließ Sie, um zu ſehen, was man mit meinen Hunden gemacht, nicht wahr?“ „So ſagten Sie wenigſtens.“ „Ich beſaß deren zwei, Barbichon und Ravaude, zwei ausgezeichnete Thiere, das Männchen und das »Weibchen.“ „O!“ machte Sir John,„ollten ſie todt ſein?“ „Ach ja wohl! Denken Sie ſich, dieſe ausgezeich⸗ — 209 le nete Mutter,“ und er nahm Frau von Montrevel e beim Kopfe und küßte ſie auf beide Wangen,„wollte nicht, daß man ein Einziges von den Jungen, die n8 ſie warfen, in das Waſſer werfe, indem ſie behauptete, es ſeien die Hunde meiner Hunde; auf dieſe Weiſe, ich mein lieder Lord, iſt die Zahl der Nachkömmlinge hn von Barbichon und Ravaude bis ins dritte Glied ſo groß geworden, als die der Nachkömmlinge Is⸗ bet maels, und ich beſitze nicht mehr ein Paar Hunde, il⸗ ſondern eine ganze Meute, fünfundzwanzig Thiere, 16 alle trefflich dreſſirt und ſchwarz wie ein Rudel Maulwürfe, mit weißen Pfoten, Feuer in den Augen ſich und der Bruſt, und ein Regiment gerader Schwänze, daß Sie ihre Freude daran haben werden.“ Roland blies eine neue Fanfare, welche ſeinen kleinen Bruder herbeirief. icke.„O!“ rief der Knabe eintretend,„Du gehſt Morgen auf die Jagd, Roland, ich gehe mit, ich gehe mit, ich gehe mit!“ ler ade 6„Gut!“ machte Roland,„aber weißt Du, auf 9 welche Jagd wir gehen?“ „Nein, aber ich weiß, daß ich mitgehe.“ „Wir gehen auf die Schweinsjagd.“ „O! welches Glück!“ machte der Knabe, indem er die kleinen Hände zuſammenſchlug. „Aber Du biſt ein Narr!“ ſagte Frau von ude, Montrevel blaß werdend. das„Weßhalb dies, Frau Mama, wenns beliebt?“ „Weil die Jagd auf Wildſchweine eine ſehr ge⸗ n“ fährliche Jagd iſt.“ eich„Nicht ſo gefährlich, als die Jagd auf Menſchen; Du ſiehſt wohl, daß mein Bruder von dieſer zurück⸗ Dumas, Jehu. I. 1⁴ 2¹0 gekehrt iſt, ich werde von der Andern wohl auch zu⸗ rückkommen.“ „Roland,“ machte Frau von Montrevel, während Amelie, in eine tiefe Träumerei verſunken, keinen Theil an dem Geſpräche nahm,„Roland, bringe doch Edouard Vernunft bei, und ſage ihm, daß er nicht bei Sinnen iſt.“ Aber Roland, der ſich in ſeine Knabenjahre zu⸗ rückverſetzt ſah, und ſich in ſeinem Bruder wieder⸗ erkannte, ſtatt ihn zu tadeln, lächelte über dieſen kindlichen Muth. „Recht gerne werde ich Dich mitnehmen,“ ſagte er zu dem Knaben;„aber um auf die Jagd zu gehen, muß man wenigſtens wiſſen, was eine Flinte iſt.“ „O mein Herr Roland,“ machte Edouard,„kom⸗ men Sie ein wenig in den Garten, halten Sie Ihren Hut auf fünfzig Schritte und ich will Ihnen zeigen, was eine Flinte iſt.“ „Unglückliches Kind!“ rief Frau von Montrevel zitternd,„aber wo haſt Du das gelernt?“ „Nun, beim Waoffenſchmid von Montagnac, wo die Gewehre von Papa und Bruder Roland ſind. Du fragſt mich bisweilen, was ich mit meinem Gelde thue, nicht wahr? Nun, ich kaufe Pulver und Kugeln und lerne die Heſtreicher und Araber tödten, wie es mein Bruder Roland macht.“ Frau von Montrevel hob die Hände zum Himmel. „Was wollen Sie, meine Mutter?“ ſagte Roland, „Art läßt nicht von Art; es iſt nicht möglich, daß ein Montrevel Furcht vor dem Pulver hat. Du wirſt Morgen mit uns kommen, Edouard.“ Der Knabe ſprang ſeinem Bruder an den Hals. mel. and, daß Du als. 21¹ „Und ich übernehme es,“ ſagte Sir John,„Sie heute als Jäger zu armiren, wie man ehedem einen als Ritter armirte. Ich habe eine reizende kleine Flinte, die ich Ihnen geben werde und die Sie Ge⸗ duld haben laſſen wird, bis die Piſtolen und der Säbel ankommen.“ „Nun!“ fragte Roland,„biſt Du zufrieden, Edouard.“ „Ja, aber wann werden Sie ſie mir geben? Wenn Sie zuerſt nach England ſchreiben müſſen, ſo ſage ich Ihnen zum Voraus, daß ich nicht daran glaube.“ „Nein, mein junger Freund, ich brauche nur in mein Zimmer hinaufzugehen, und meinen Gewehr⸗ kaſten zu öffnen; Sie ſehen, daß das bald gethan iſt?“ „Nun, ſo wollen wir gleich hinaufgehen.“ „Kommen Sie!“ machte Sir John. Und er ging, gefolgt von Edouard. Einen Augenblick ſpäter ſtand Amelie, welche noch immer in ihre Träumereien verſunken war, auf und ging gleichfalls weg. Weder Frau von Montrevel, noch Roland achte⸗ ten auf dieſes Weggehen. Sie waren in einer ernſten Verhandlung begriffen. Frau von Montrevel ſuchte von Roland auszu⸗ wirken, daß er ſeinen kleinen Bruder am andern Tage nicht mit auf die Jagd nehme, und Roland er⸗ klärte ihr, daß Edouard, der einmal wie Vater und Bruder zum Soldaten beſtimmt ſei, nicht früh genug ſeine erſten Waffengänge machen und mit Pulver und Blei vertraut werden könne. 212 Die Verhandlung war noch nicht zu Ende, als Edouard mit ſeiner Flinte am Bandelier eintrat. „Sieh, Bruder,“ ſagte er und wandte ſich nach Roland um,„ſieh doch das hübſche Geſchenk, das mir Mylord gemacht,“ und dabei dankte er mit dem Blicke Sir John, welcher an der Thüre ſtand und vergeblich mit ſeinen Augen Amelie ſuchte. Es war wirklich ein prachtvolles Geſchenk: die Waffe, mit jener Einfachheit im Schmucke und der Form, welche den engliſchen Waffen eigen iſt, war von der koſtbarſten Vollkömmenheit; wie die Piſtolen, deren Vortrefflichkeit Roland würdigen konnte, ging ſie aus den Ateliers von Menthon hervor, und trug eine Kugel vom Kaliber vierundzwanzig. Sie mußte für eine Frau gemacht ſein: es war dies leicht zu ſehen an der Länge des Kolben und dem Sammtkiſſen, welches am Anſchlag angebracht war; dieſe urſprüngliche Beſtimmung machte daraus eine für den Wuchs eines Knaben von zwölf Jahren vollkommen geeignete Waffe. Roland nahm die Flinte von den Schultern des kleinen Edouard, betrachtete ſie mit Kennerblicken, ließ das Schloß ſpielen, legte ſie an die Wange, warf ſie von einer Hand in die andere, und gab ſie Edouard zurück, indem er ſagte: „Danke noch einmal, Mylord, Du haſt da eine Flinte, die für einen Königsſohn gemacht iſt; wir wollen ſie probiren.“ Und alle drei gingen hinaus, um die Flinte zu probiren, während Frau von Montrevel traurig wie Thetis, als ſie Achilles unter ſeinem Frauenrockdas ach as em die der ar en, ng ar nd cht es rückblieb. Schwert des Ulyſſes aus der Scheide ziehen ſah, 1. Eine Viertelſtunde darauf kehrte Edouard trium⸗ phirend zurück; er brachte ſeiner Mutter einen Kar⸗ ton von der Größe eines Hutes, in welchen er auf fünfzig Schritte zehn Kugeln von zwölf geſchoſſen hatte. Die beiden Männer waren im Park geblieben und gingen plaudernd ſpazieren. Frau von Montrevel hörte die etwas gascog⸗ niſche Erzählung der Heldenthaten Edouards an; dann betrachtete ſie ihn mit jener langen und heili gen Trauer der Mutter, für welche der Ruhm kein Erſatz iſt für das Blut, das um ſeinetwillen vergoſ⸗ ſen wird. H! das undankbare Kind, das dieſen Blick auf ſich geheftet ſah, und ſich nicht ewig an dieſen Blick erinnert. Nach Verfluß von einigen Minuten ſolch' ſchmerz⸗ licher Betrachtung murmelte ſie, in Schluchzen aus⸗ brechend, während ſie ihren zweiten S an das Herz ſchioß: „Auch Du, auch Du, wirſt alſo eines Tages Deine Mutter verlaſſen?“ „Ja, Mutter,“ ſagte das Kind,„aber um Ge⸗ neral zu werden, wie mein Vater, oder Adjutant, wie mein Bruder.“ „Und um Dich tödten zu laſſen, wie Dein Vater, und wie es vielleicht auch Deinem Bruder npch ge⸗ ſchehen wird.“ Denn die ſeltſame Veränderung, welche in Ro⸗ lands Charakter vorgegangen, war Frau von Mon⸗ 2¹⁴ trevel nicht entgangen, und eine neue Beſorgniß war zu ihren übrigen Beſorgniſſen hinzugekommen. Zu den letzteren mußte man das träumeriſche Weſen und die Bläſſe Amelies zählen. Amelie erreichte ihr ſiebenzehntes Jahr; ihre Jugend war die eines lachenden Kindes geweſen, voll Freude und Geſundheit. Der Tod ihres Vaters warf einen ſchwarzen Schleier auf ihre Jugend und Heiterkeit; aber die Stürme des Frühlings gingen raſch vorüber: das Lächeln, dieſe ſchöne Sonne der Morgendämmerung des Lebens, war wiedergekehrt, und wie das der Natur hatte es den Thau des Herzens, den man Thränen nennt, durchſtrahlt. Eines Tages aber, es waren ungefähr ſechs Mo⸗ nate, hatte ſich die Stirne Amelies wieder verdüſtert, ihre Wangen waren blaß geworden, und wie die Wandervögel beim Herannahen der Nebelzeit davon⸗ ziehen, ſo war das kindliche Lächeln, das den halb⸗ geöffneten Lippen und weißen Zähnen entſchlüpft, von dem Munde Amelies weggeflogen, um nie wie⸗ derzukehren. Frau von Montrevel hatte ihre Tochter darum befragt, Amelie behauptete jedoch immer dieſelbe zu ſein; ſie hatte einen Verſuch gemacht, zu lächeln, aber wie ein in den See geworfener Stein bewegliche Kreiſe darin entſtehen macht, die nach und nach ver⸗ ſchwimmen, ſo waren auch die Kreiſe, welche die mütterliche Beſorgniß geſchaffen, nach und nach von dem Geſichte Amelies verſchwunden. Mit dem bewundernswürdigen Inſtinkte der Mut⸗ ter hatte Frau von Montrevel an Liebe gedacht: a 2 8 8S— —* — 2¹5 aber wen ſollte Amelie lieben? Man empfing von Niemanden Beſuche auf dem Schloſſe Noires Fontai⸗ nes, die politiſchen Wirren hatten die Geſellſchaft vernichtet, und Amelie ging nie allein aus. Frau von Montrevel war deßhalb gezwungen, ſich mit Vermuthungen zu begnügen. Die Heimkehr Rolands hatte einen Augenblick ihre Hoffnung wieder angefacht, aber dieſe Hoffnung erloſch bald, als ſie den Eindruck ſah, welchen dieſe Rücktehr auf Amelie hervorbrachte. Es war nicht eine Schweſter, es war ein Ge⸗ ſpenſt, wie man ſich erinnert, was ihm entgegen⸗ kam. Seit der Ankunft ihres Sohnes hatte Frau von Montrevel Amelie nicht aus den Augen verloren, mit einem ſchmerzlichen Erſtaunen gewahrte ſie die Wirkung, welche die Anweſenheit des jungen Offiziers auf ſeine Schweſter hervorbrachte; ſie, deren Augen, wenn ſie ſich ehedem auf Roland hefteten, ſo voll Liebe waren, ſchien ihn jetzt nur mit einer gewiſſen Bangigkeit betrachten zu können. Es war kein Augenblick mehr, wo Amelie nicht die erſte Gelegenheit benützt hätte, die ſich ihr bot, um in ihr Zimmer hinaufzugehen, den einzigen Ort des Schloſſes, wo ſie ſich ziemlich wohl zu fühlen ſchien, und wo ſie ſeit ſechs Monaten den größten Theil ihrer Zeit zubrachte. Die Glocke, welche zum Diner läutete, war die einzige Macht, die ſie herabzukommen veranlaſſen konnte, und erſt beim zweiten Läuten trat ſie in den Speiſeſaal. Roland und Sir John hatten den Tag, wie wir 216— geſchildert, mit Vorbereitungen auf die Jagd vom folgenden Tag zugebracht. Von Morgens bis Mittags wollte man ein Treib⸗ jagen, von Mittag bis Abend eine Hetzjagd anſtellen. Michel, ein curagirter Wilderer, welcher, wie der kleine Edouard ſeinem Bruder erzählt hatte, durch eine Verrenkung an ſeinen Stuhl gebannt war, fühlte ſich leichter, ſobald es ſich um eine Jagd handelte, und hatte ſich auf ein kleines Pferd geſchwungen, mit dem man gewöhnlich die Gänge des Hauſes be⸗ ſorgte, um die Treiber in Saint Juſt und Montag⸗ nac zurückzuhalten. Er, der weder treiben noch jagen konnte, ſollte ſich mit der Meute, den Pferden Sir Johns, Ro⸗ land's und den Pony Edouards ungefähr in der Mitte des Waldes aufhalten, welchen nur eine Straße und zwei gangbare Pfade durchſchnitten. Die Treiber, welche nicht die ganze Jagd aus⸗ halten könnten, ſollten ſich mit dem geſchoſſenen Wild nach dem Schloß begeben. Am andern Tage, um ſechs Uhr Morgens, waren die Treiber am Thor. Michel ſollte erſt um elf Uhr mit den Hunden und den Pferden ſich auf den Weg machen. Das Schloß Noires Fontaines lag hart an dem Walde von Seillon; man konnte ſich deßhalb, ſobald man das Gitterthor hinter ſich hatte, auf die Jagd begeben. Da das Treibjagen namentlich Damhirſche, Rehe und Haſen verſprach, ſo mußte man mit Schroten ſchießen, Roland gab Edouard eine einfache Flinte, welche ihm gedient, als er noch ein Knabe war und 217 mit dem er ſeine erſten Waffengänge machte; er be⸗ ſaß noch nicht Vertrauen genug auf ſeine Klugheit, um ihm eine doppelläufige Flinte anzuvertrauen. Die Flinte, welche ihm Sir John am Tage zu⸗ vor geſchenkt, hatte einen gezogenen Lauf, mit welchem man nur Kugeln ſchießen konnte. Sie wurde deß⸗ halb Michel übergeben und ſollte dem Knaben, wenn man auf ein Wildſchwein Jagd machte, für den zwei⸗ ten Theil der Jagd zurückgegeben werden. Für dieſen zweiten Theil der Jagd wollten auch Roland und Sir John die Flinten wechſeln und ſolche mit zwei Läufen, nebſt Jagdmeſſern, ſpitzig wie Dolche, ſcharf wie Raſirmeſſer nehmen, welche aus dem Arſénale Sir John's ſtammten, und entweder an die Seite gehängt oder auf den Lauf wie Bajon⸗ nete aufgeſteckt werden. Gleich bei dem erſten Treiben war leicht zu ſehen, daß die Jagd gut werden würde: man ſchoß ein Reh und zwei Haſen. Um Mittag waren zwei Damhirſche, ſieben Rehe und zwei Füchſe geſchoſſen; man hatte zwei Wild⸗ ſchweine geſehen, aber auf die Kugeln, die man ihnen nachgejagt, hatten ſie die Haut geſchüttelt und waren verſchwunden. Edouard war außer ſich vor Freude, er hatte ein Reh geſchoſſen. Wie ausgemacht, waren die Treiber, gut belohnt für die Mühe, die ſie gehabt, mit dem Wildpret nach dem Schloſſe geſchickt worden. Man blies mit einer Art Hörnchen, um zu wiſſen, wo Michel ſei; Michel antwortete; in weniger als 218. ſechs Minuten waren die drei Jäger bei dem Gärt⸗ Sp ner, der Meute und den Pferden. ſie Michel hatte einen Bacher ausgeſpürt, und ihn die durch ſeinen älteren Sohn umgehen laſſen; er war hundert Schritte von den Jägern eingekreist. daſ Jacques, ſo hieß der ältere Sohn Michels, ging Th mit dem Kopfe ſeiner Meute, Barbichon und Ravaude, ſtre über die Einkreiſung; nach Verfluß von fünf Minu⸗ ten erſchien das Thier am Eingang. dra Man hätte es alsbald niederſchießen oder weni⸗ dar ſtens nach ihm ſchießen können, aber die Jagd wäre zu bald zu Ende geweſen; man hetzte die ganze Meute Fel auf das Thier, das, dieſen Haufen von Pygmäen den auf ſich losſtürzen ſehend, in kurzem Trott davon⸗ ſte ſprang. gli Es rannte über den Weg; Roland behielt es im the Auge, und da das Thier die Richtung nach der Kar⸗ thauſe von Seillon einſchlug, ritten die drei Reiter der den Fußpfad entlang, der den Wald in ſeiner ganzen Länge durchſchnitt. wu Das Thier ließ ſich bis fünf Uhr Abends um⸗ hö: hertreiben, indem es immer wieder auf die alte mit Fährte zurück kam, und ſich nicht entſchließen konnte, 8 ſte einen ſo dichten Wald zu verlaſſen. Endlich gegen fünf Uhr merkte man an dem hef⸗ un tigen Gebelle, daß das Thier den Hunden ſtand. an Es war dies ungefähr hundert Schritte von dem Pavillon entfernt, welcher zur Karthauſe gehörte, an der einem der ſchwierigſten Punkte des Waldes. Es war Hi unmöglich zu Pferde bis zu dem Thiere zu lommens Man ſtieg ab.— Das Gebell der Hunde führte die Jäger auf die u⸗ 219 Spur, ſo daß ſie, obgleich die Terrainſchwierigkeiten ſie hinderten, den geraden Weg einzuſchlagen, doch die Spur nicht verloren. Von Zeit zu Zeit zeigten Schmerzensſchreie an, daß einer der Angreifenden ſich zu nahe an das Thier herangewagt und für ſeine Verwegenheit be⸗ ſtraft worden war. Zwanzig Schritte von dem Schauplatz des Jagd⸗ dramas begann man die Perſonen zu erblicken, welche darin auftraten. Der Bacher hatte ſich mit dem Rücken an einen Felſen geſtellt, um nicht von hinten angegriffen wer⸗ den zu können; auf ſeine beiden Vorderläufe ge⸗ ſtemmt, ſtreckte er den Hunden ſeinen Kopf mit den glühenden Augen und den beiden ungeheuren Ver⸗ theidigungswaffen entgegen. Die Hunde trieben ſich vor und hinter und auf dem Thiere umher, wie ein bewegter Teppich. Fünf bis ſechs, mehr oder minder ſchwer ver⸗ wundet, rötheten das Schlachtfeld mit ihrem Blute, hörten aber darum doch nicht auf, das Wildſchwein mit einer Verbhſenheit anzugreifen, die dem muthig⸗ ſten Menſchen als Beiſpiel hätte dienen können. Jeder der Jäger war, wie es Alter, Charakter und Nation mit ſich brachten, vor dieſem Schauſpiel angekommen. Edouard, der unvorſichtigſte und zu gleicher Zeit der kleinſte, für den es wegen ſeines Wuchſes wenig Hinderniſſe gab; war zuerſt angekommen. Roland, gegen jegliche Gefahr gleichgültig, und ſie mehr ſuchend als vermeidend, war ihm gefolgt. 220 Endlich war auch Sir John, langſamer, ernſter, bedächtiger, angelangt. Im Augenblicke, als der Bacher die Jäger ge⸗ wahr wurde, hatte er auf die Hunde nicht mehr zu achten geſchienen. Seine Augen waren feſt und blutig auf ſie ge⸗ richtet und die einzige Bemerkung, die man an ihm wahrnahm, war eine Bewegung ſeiner Kinnladen, die, heftig an einander ſchlagend, ein drohendes Ge⸗ räuſch machten. Roland betrachtete einen Augenblick dieſes Schau⸗ ſpiel, indem er offenbar den Wunſch hegte, ſich mit dem Jagdmeſſer in der Hand mitten in die Gruppe zu ſtürzen und den Bacher abzuſtechen, wie ein Flei⸗ ſcher ein Kalb oder ein Wurſter ein gewöhnliches Schwein. Dieſe Bewegung war ſo ſichtbar, daß Sir John ihn an einem Arme zurückhielt, während der kleine Edouard ſagte: „O mein Bruder, laß mich auf den Bacher ſchießen!“ Roland hielt inne. „Nun ja,“ ſagte er, indem er ſeine Flinte an einen Baum ſtellte und nur mit ſeinem Jagdmeſſer bewaff⸗ net blieb, das er aus der Scheide zog,„ſchieße auf ihn: Achtung!“ „Ol ſei ruhig,“ ſagte der Knabe mit aufeinander gebiſſenen Zähnen, blaſſem aber entſchloſſenem Ge⸗ ſichte, indem er mit ſeiner Flinte nach dem Thiere zielte. „Wenn er ihn fehlt, oder ihn nur verwundet, ſag uns Ja ten ten als wie den der frei vor 74 221 ſagte Sir John,„ſo wiſſen Sie, daß das Thier auf uns iſt, ehe wir Zeit haben, es zu jagen.“ „Ich weiß es, Mylord, aber ich bin an dieſe Jagd gewöhnt,“ antwortete Roland mit weitgeöffne⸗ ten Naſenflügeln, glühendem Blicke und halbgeöffne⸗ ten Lippen.„Feuer, Edouard!“ Der Schuß folgte augenblicklich dem Commando; alsbald jedoch, vielleicht ehe noch das Thier raſch wie der Blitz auf den Knaben losgeſtürzt war, hörte man einen zweiten Schuß; dann ſah man unten in dem Rauch die blutigen Augen des Thieres glänzen. Auf ſeinem Wege jedoch begegnete es Roland, der das rechte Knie auf dem Boden und das Jagd⸗ meſſer in der Hand den Bacher anlaufen ließ. Einen Augenblick wälzte ſich eine wirre und un⸗ förmige Maſſe auf dem Boden: der Jäger hing an dem Bacher, der Bacher an dem Jäger. Man hörte einen dritten Flintenſchuß, dem ein lautes Lachen Rolands folgte. „Ei, Mylord,“ ſagte der junge Offizier,„das heißt Kugel und Pulver verſchwenden; ſehen Sie nicht, däß dem Thier der Bauch aufgeſchlitzt iſt? Machen Sie mich nur von ſeinem Körper los; das Vieh wiegt vier Centner und erdrückt mich.“ Ehe Sir John jedoch ſich herabgebeugt, wälzte Roland mit einer kräftigen Schulterbewegung das todte Thier von ſich und ſtand blutbedeckt, aber ohne die geringſte Verwundung, auf. Der kleine Edouard war aus Mangel an Zeit oder Muth nicht von der Stelle gewichen. Er war freilich durch den Körper ſeines Bruders, der ſich vor ihn geworfen, vollſtändig geſchützt. 222 Sir John war auf die Seite geſprungen, um dem Thier in die Quere zu kommen und betrachtete Roland, indem er ſich ſchüttelte, nach dieſem zweiten Duell mit demſelben Erſtaunen, wie das erſte Mal. Die Hunde, welche am Leben geblieben und deren waren zwanzig, hatten den Bacher verfolgt und ſich über das todte Thier geworfen, indem ſie, obgleich vergeblich, dieſe ſtarrborſtige, beinahe eben ſo un⸗ durchdringliche Haut aufzureißen ſuchten. „Sie werden ſehen,“ ſagte Roland, indem er ſeine Hände und ſein Geſicht, welche mit Blut be⸗ deckt geweſen, mit einem feinen Battiſtſacktuch trock⸗ nete,„daß ſie das Thier und Ihr Meſſer mit auf⸗ freſſen werden, Mylord.“ „Wirklich,“ ſagte Sir John,„das Meſſer?“ „Es ſteckt in feiner Scheide,“ ſagte Roland. „Ah!“ machte der Knabe,„es ſieht nur noch das Heft heraus.“ Und indem er ſich auf das Thier ſtürzte, riß er das Meſſer, das, wie der Knabe geſagt, in der Weiche der Schulter und zwar bis an das Heft, ſtack, heraus. Die ſcharfe Spitze, von einem ruhigen Auge ge⸗ zielt und von einer kräftigen Hand geführt, war ge⸗ rade ins Herz gedrungen. Man ſah an dem Körper des Bachers drei andere Wunden. Die erſte, welche ihm die Kugel des Knaben bei⸗ gebracht, beſtand in einer blutenden Furche über dem Auge; die Kugel war zu ſchwach geweſen, um das Stirnbein zu zerſchmettern. Die zweite kam von dem erſten Schuß Sir Johns die ihr lan tor um tete ten tal. ren ſich eich un⸗ er be⸗ ock⸗ uf⸗ das. er iche us. ge⸗ ge⸗ dere bei⸗ dem das ½ n — 223 die Kugel war von der Seite gekommen und an dem Panzer abgegleitet. Die dritte, welche ganz aus der Nähe kam, hatte ihm den Körper durchbohrt, aber war ihm, wie Ro⸗ land ſagte, erſt beigebracht, als das Thier bereits todt war. IX. Die Luſtbarkeiten der Provinz. Die Jagd war zu Ende, die Nacht brach an; es handelte ſich darum, wieder nach dem Schloſſe zu kommen. Die Pferde waren kaum fünfzig Schritte entfernt; man hörte ſie vor Ungeduld wiehern; ſie ſchienen zu fragen; ob man an ihrem Muthe zweifle, daß meh ſie an dem Drama, das ſo eben geſpielt, keinen Th nehmen laſſe. Edouard wollte durchaus das Wildſchwein bis zu ihrem Standort ziehen, es auf das Kreuz eines der Thiere legen und nach dem Schloſſe bringen; aber Roland bedeutete ihm, daß es weit einfacher ſei, zwei Männer hierherzuſchicken, um es auf einer Bahre zu holen. Dies war auch der Rath Sir Johns, und Edouard, der unaufhörlich, auf die Kopf⸗ wunde deutend, ſagte:„Das iſt mein Schuß; dahin zielte ich,“ mußte ſich dem Beſchluß der Mehrzahl fügen. Die drei Jäger kamen wieder nach dem Platze, wo die Pferde angebunden waren, ſetzten ſich auf ſie“ 22⁴ und in weniger als zehn Minuten kamen ſie auf dem Schloſſe Noires Fontaines an. Frau von Montrevel erwartete ſie auf dem Per⸗ ron; die arme Mutter ſtand ſeit mehr als einer Stunde auf dieſem Platze, da ſie fürchtete, es möchte dem einen oder andern ihrer Söhne ein Unglück zu⸗ geſtoßen ſein. Sobald Edouard ſie von weitem ſah, ſetzte er ſein Pony in Galopp und rief durch das Gitterthor: „Mutter, Mutter! wir haben ein Wildſchwein geſchoſſen, ſo groß wie ein Eſel; ich zielte ihm auf den Kopf; Du wirſt das Loch meiner Kugel ſehen; Roland hat ihm ſein Meſſer bis an den Griff in den Bauch geſtoßen; Mylord ſchoß zweimal auf das⸗ ſelbe. Raſch! raſch! Männer, welche es holen! Fürchte nichts, wenn Du Roland ſiehſt, der ganz mit Blut bedeckt iſt, Mutter, das Blut iſt von dem Thiere; Roland hat nicht die geringſte Schramme.“ All das wurde mit der gewöhnlichen Zungenfer⸗ tigkeit Edouards herausgeplaudert, während Frau von Montrevel vom Perron nach dem Gitterthor kam, das ſie öffnete. Sie wollte Edouard in ihre Arme nehmen, aber dieſer ſprang vom Pferde und hing ihr am Halſe. Roland und Sir John kamen in dieſem Augen⸗ blicke; auch Amelie erſchien in demſelben Momente auf den Perron. Edouard ließ ſeine Mutter ſich um Roland mühen, der, ganz mit Blut bedeckt, ſchrecklich anzu⸗ ſehen war, und lief auf ſeine Schweſter zu, um ihr daſſelbe noch einmal zu ſagen, was er bereits ſeiner Mutter geſagt. Ed eil ric im ihr ihr ne er ner au ha da⸗ vil daz den hol ſie ver Ich teu er⸗ er hte zu⸗ p ein uf en; in as⸗ hte lut re; fer⸗ rau hor ber en⸗ auf and tzu⸗ ihr iner Amelie hörte ihn ziemlich zerſtreut an, was Edouards Eitelkeit ohne Zweifel verletzte, denn er eilte nach der Küche, um Michel das EFreigniß zu be⸗ richten, da er ſicher war, von dieſem angehört zu werden. Die Jagdgeſchichten intereſſirten allerdings Michel im höchſten Grade; als Edouard jedoch, nachdem er ihm den Ort bezeichnet, wo das Wildſchwein lag, ihm den Befehl Rolands ausrichtete, er ſolle Män⸗ ner auftreiben, welche das Thier holten, ſchüttelte er den Kopf. „Nun, wie?“ fragte er,„Du weigerſt Dich, mei⸗ nem Bruder zu gehorchen.“ „Gott behüte, Herr Edouard, und Jacques wird augenblicklich nach Montagnat gehen.“ „Du fürchteſt, er werde Niemanden finden?“ „Doch! er wird zehn für einen finden; aber es handelt ſich um die ſpäte Stunde und den Ort, wo das Thier liegt. Sie ſagen, in der Nähe des Pa⸗ villon der Karthauſe?“ „Zwanzig Schritte davon.“ „Es wäre mir lieber, wenn eine ganze Meile dazwiſchen läge;“ antwortete Michel und kratzte ſich den Kopf;„aber thut nichts; man wird ſie eben holen laſſen, ohne zu ſagen wie und warum. Sind ſie einmal da, ſo wird ſie Ihr Bruder ſchon dazu vermögen.“ „Ja, ja! das iſt recht. Laß ſie nur kommen. Ich werde ſie ſelbſt bereden.“ „O!“ machte Michel,„wenn ich nicht meine ver⸗ teufelte Verrenkung hätte, würde ich ſelber gehen; Dmas, Jehn. I. 26 aber der heutige Tag hat die Geſchichte nicht gerade beſſer gemacht. Jacaues! Jacques!“ Jacques kam. Edouard blieb nicht allein bis dem jungen Men⸗ ſchen der Befehl nach Montagnat zu gehen, gege⸗ ben, ſondern auch bis er fort war. Dann ging er hinauf, um zu thun, was Roland und Sir John thaten, das heißt, ſeine Toilette zu machen. Es war, wie man begreiflich finden wird, bei Tiſche nur von den Heldenthaten des Tages die Rede. Edouard war nichts lieber als davon ſprechen zu können, und Sir John, den der Muth, die Ge⸗ ſchicklichkeit und das Glück Rolands zur Bewunde⸗ rung hingeriſſen, überbot die Erzählung des Knaben. Frau von Montrevel zitterte bei jeder Einzeln⸗ heit und doch ließ ſie ſich alles zwanzig Mal wieder ſagen. Was ihr zuletzt am Klarſten von allem erſchien, war, daß Roland das Leben Edyuards gerettet. „Haſt Du ihm auch recht gedankt?“ fragte ſie den Knaben. „Wem?“ „Dem Bruder!“ „Warum denn danken?“ ſagte Edouard.„Hätte ich denn nicht daſſelbe gethan, wie er?“ „Was wollen Sie, Madame,“ ſagte Sir John. „Sie ſind eine Gazelle, die, ohne es zu wiſſen, einer Löwenrace das Leben gab.“ Amelie hatte ihrerſeits der Erzählung eine große Aufmerkſamkeit geſchenkt, und dies namentlich, als ſie die Jäger ſich der Karthauſe nahen ſah. ——— 227 de Von dieſem Augenblicke hatte ſie mit unruhigem Blicke gelauſcht, und ſchien erſt wieder aufzuathmen, als die drei Jäger nach dem Hallali keinen Grund mehr hatten, ihren Fuß tiefer in den Wald zu ſetzen und aufgeſtiegen waren. Gegen das Ende des Mahles meldete man, daß nd Jacques mit drei Bauern aus Montagnat zurückge⸗ zu kehrt ſei; die Bauern verlangten die genaue Be⸗ ſchreibung des Orts, wo die Jäger das Thier ge⸗ ei laſſen hätten. die Roland ſtand auf, um ſie ihnen draußen zu ge⸗ en ben, aber Frau von Montrevel, die ihren Sohn nicht e⸗ genug ſehen konnte, wandte ſich gegen den Bedien⸗ de⸗ ten und ſagte: en.„Laßt die braven Leute eintreten; es iſt unnöthig, ln⸗ daß ſich Roland deßhalb bemüht.“ der Fünf Minuten ſpäter traten die Bauern, die Hüte zwiſchen den Händen drehend, ein. en,„Na, meine Kinder,“ ſagte Roland,„es handelt ſich darum, nach dem Walde von Seillon zu gehen, ſie und einen Bacher zu holen, den wir dort geſchoſſen.“ „Das kann geſchehen,“ antwortete einer der Bauern und ſah dabei ſeine Kameraden mit einem ſeenden Blicke an. ätte„Das kann gleich geſchehen,“ ſagte der Andere. „Seid ruhig,“ fuhr Roland fort,„Ihr ſollt's hn. nicht umſonſt thun.“ iner„O wir ſind ruhig,“ machte einer der Bauern, „man kennt Sie, Herr Roland.“ oße„Ja,“ antwortete der Andere,„man weiß, daß als Sie ſo wenig, als Ihr Vater, der General, die Ge⸗ wohnheit haben, die Leute umſonſt arbeiten zu laſſen. 228 O, wenn alle Ariſtokraten wie Sie geweſen, es hätte keine Revolution gegeben, Herr Louis.“ „Ja, ja, es hätte keine gegeben,“ ſagte der An⸗ dere, welcher hierher gekommen ſchien, um das be⸗ ſtätigende Echo deſſen zu ſein, was ſein Kamerad ſagte. „Wir brauchen blos noch zu wiſſen, wo das Thier liegt?“ fragte der erſte Bauer. „Ja,“ wiederholte der Andere;„brauchen blos zu wiſſen, wo das Thier liegt,“ wiederholte das Echo, der andere Bauer. „Ol es wird nicht ſchwer zu finden ſein.“ „Um ſo beſſer,“ machte der Bauer. „Ihr kennt wohl den Waldpavillon?“ „Welchen?“ „Ja, welchen?“ „Den Pavillon, welcher zu der Karthauſe von Seillon gehört.“ Die beiden Bauern ſahen ſich an. „Nun, Ihr werdet ihn zwanzig Schritte von der Facade finden, die nach dem Walde von Genoud zu liegt.“ Die beiden Bauern ſahen ſich noch immer an. „Hm!“ machte der Eine. „Hm!“ wiederholte der Andere, das treue Echo ſeines Kameraden. „Nun, was ſoll das Hm?“ fragte Roland. „Verflucht!“ „Heraus damit, erklärt Euch, was gibts es?“ „Es wäre uns lieber, wenn das Thier am an⸗ dern Ende des Waldes läge.“ „Wie, am andern Ende des Waldes?“ 229 „Ja, er hat Recht!“ ſagte der andere Bauer. „Aber warum am andern Ende des Waldes?“ verſetzte Roland, der ungeduldig zu werden begann; „es iſt ja drei Meilen von hier bis zum andern Ende des Waldes, während Ihr kaum eine Meile von hier bis zu dem Orte habt, wo das Thier liegt.“ „Ja,“ ſagte der Bauer,„es iſt halt, weil der Ort, wo das Wildſchwein...“ Und er hielt inne, indem er ſich am Kopfe kratzte. „Gerade das iſt's,“ ſagte der Andere. „Was, das iſt's?“ „Es iſt ein wenig zu nahe bei der Karthauſe.“ „Nicht bei der Karthauſe, ſondern dem Pavillon.“ „Das iſt daſſelbe; Sie wiſſen wohl, Herr Louis, daß man ſagt, es ſei ein unterirdiſcher Gang vor⸗ handen, der vom Pavillon nach der Karthauſe gehe.“ „O! allerdings, das iſt wahr,“ ſagte der zweite Bauer. „Nun,“ machte Roland,„was hat die Karthauſe, der Pavillon, der unterirdiſche Gang mit unſerem Wildſchwein zu thun?“ „So viel, daß das Thier an einem ſchlimmen Orte liegt, das iſt's.“ „O, ja, einem ſchlimmen Orte,“ wiederholte der zweite Bauer. „Nun, werdet Ihr Euch endlich deutlich erklären, Schufte?“ rief Roland, welcher ärgerlich zu werden begann, während ſeine Mutter unruhig und Amelie ſichtlich blaß wurde.. „Verzeihen Sie, Herr Louis,“ ſagte der Bauer, 230 „wir ſind keine Schufte; wir ſind Leute, welche Gott fürchten, das iſt alles!“ „Nun, tauſend Donnerwetter!“ ſagte Roland, „auch ich fürchte Gott! Was weiter?“ „Wir wollen deßhalb nichts mit dem Teufel zu ſchaffen haben.“ „Nein, nein, nein,“ ſagte der zweite Bauer. „Mit ſeinesgleichen,“ fuhr der erſte Bauer fort, „kann es ein Menſch wohl aufnehmen.“ „Bisweilen nimmt er's auch mit Zweien auf,“ ſagte der Zweite, welcher wie ein Hercules ge⸗ baut war. „Aber mit übernatürlichen Weſen, Geiſtern, Ge⸗ ſpenſtern, nein, ich danke!“ fuhr der erſte Bauer fort. „Donke!“ wiederholte der Zweite. „Was ſoll das heißen, Mutter, was ſoll das heißen, Schweſter,“ fragte Roland, indem er ſich an die beiden Frauen wandte,„begreift Ihr, im Namen des Himmels was dieſe beiden Tölpel ſagen?“ „Tölpel!“ machte der erſte Bauer,„das iſt mög⸗ lich; aber es iſt nicht minder wahr, daß dem Pierre Marey, weil er über die Mauer der Karthauſe ſehen wollte, der Kopf umgedreht wurde; und das geſchah an einem Sonnabend, am Sabbat.“ „Und daß man ihn nie wieder zurecht ſetzen konnte,“ verſicherte der zweite Bauer, ſo daß man gezwungen war, ihn mit verkehrtem Geſichte be⸗ graben zu müſſen; er ſah beſtändig nur, was hinter ihm vopging.“ „O, o!“ machte Sir John,„das wird ja in⸗ —— N tereſſant; ich bin ein ſtarker Liebhaber von Geſpenſter⸗ geſchichten.“ „Ja,“ ſagte Edouard,„da ſcheinen Sie gar nicht wie meine Schweſter zu ſein, Mylord.“ „Warum das?“ „Sieh doch, Bruder Roland, wie ſie blaß iſt.“ „Wirklich,“ ſagte Sir John,„das Fräulein ſcheint nicht wohl zu ſein.“ „Ich, durchaus nicht,“ machte Amelie;„finden Sie nicht auch, daß es etwas heiß hier iſt, meine Mutter?“ Und Amelie trocknete die in Schweiß gebadete Stirne. „Nein,“ ſagte Frau von Montrevel. „Wenn ich Sie indeß nicht zu incommodiren fürchtete, ſo würde ich um die Erlaubniß bitten, ein Fenſter zu öffnen.“ „Thu' das, mein Kind.“ Amelie ſtand raſch auf, um von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu machen, und ſchwankend öff⸗ nete ſie ein auf den Garten hinaus gehendes Fenſter. Als das Fenſter geöffnet war, blieb ſie an das Kreuz gelehnt ſtehen, und war auf dieſe Weiſe halb von den Vorhängen verborgen. „Ah!“ ſagte ſie,„hier athmet man wenigſtens.“ Sir John ſtand auf, um ihr ſein Flacon mit flüchtigen Salzen ie ſie antwortete jedoch lebhaft: 16 „Nein, nein, Mylord, ich danke Ihnen, es geht viel beſſer.“ „Nun, nun,“ ſagte Roland ungeduldig,„es handelt ſich nicht darum, ſondern um unſern Bacher.“ 232 „Allerdings, Ihren Bacher, Herr Louis, wir werden ihn morgen ſuchen.“ „Ja,“ ſagte der andere Bauer,„morgen bei Tagesanbruch.“ Denn heute Abend dahin zu gehen!... „O, heute Abend dahin zu gehen!. Der Bauer ſah ſeinen Kameraden an und beide ſagten, zu gleicher Zeit den Kopf ſchüttelnd: „Heute Abend hinzugehen iſt nicht räthlich.“ „Haſenfüße.“ „Herr Louis, man iſt kein Haſenfuß, wenn man Furcht hat,“ ſagte der erſte Bauer. „Nein, man iſt darum kein Haſenfuß,“ ant⸗ wortete der Zweite. „Ach!“ machte Roland,„ich wünſchte, ein Stär⸗ kerer, als ihr, vertheidigte die Theſe gegen mich, daß man kein Haſenfuß ſei, wenn man Furcht hat.“ „Nun, es kommt eben auf die Sache an, vor der man Furcht hat, Herr Louis; man gebe mir eine gute Hippe, oder einen guten Prügel, und ich fürchte mich vor keinem Wolf; man gebe mir eine gute Flinte, und ich fürchte mich vor keinem Menſchen, wenn ich auch wüßte, der Menſch paſſe mir auf, um mich meuchlings zu ermorden.“ „Ja,“ ſagte Edouard,„aber vor einem Geſpenſt, und wäre es auch das Geſpenſt eines Mönches, haſt Du Furcht?“ „Mein kleiner Herr Edouard,“ ſagte der Bauer, „laſſen Sie Ihren Bruder, Herrn Louis, ſprechen; Sie ſind noch nicht groß genug, um über ſolche Sachen zu ſcherzen.“ „Nein,“ fügte der andere Bauer hinzu;„warten 233 ir Sie bis Sie einen Bart am Kinn haben, mein klei⸗ ner Herr.“ ei„Ich habe keinen Bart am Kinn,“ antwortete Edouard, indem er ſich aufrichtete,„aber das hin⸗ dert nicht, daß ich, wäre ich ſtark genug, das Wild⸗ ſchwein zu tragen, es ſicher allein ſuchen würde, de ob bei Tag oder bei Nacht.“ „Wohl bekomm's, mein junger Herr; aber da mein Kamerad und ich würden nicht für ein Louisd'or gehen.“ n„Aber für zwei,“ ſagte Roland, der ſie drängen wollte. t⸗„Auch nicht für zwei, nicht für vier, nicht für zehn, Herr von Montrevel; es iſt viel, zehn Louisd'ors, ir⸗ aber was thäte ich mit Ihren zehn Louisd'ors, wenn aß mir der Kopf umgedreht wäre?“ „Ja, der Kopf umgedreht, wie Pierre Marey,“ er ſagte der zweite Bauer. ne„Ihre zehn Louisd'ors würden meiner Frau und hte meinen Kindern doch für den Reſt ihres Lebens kein ute Brod ſchaffen, nicht wahr?“ en,„Und dann, wenn Du ſagſt zehn Louisd'ors,“ um verſetzte der zweite Bauer,„ſo wären's nur fünf, weil ich fünf bekäme.“ iſt,„So gibt's alſo Geſpenſter im Pavillon?“ fragte aſt Roland. „Ich ſage nicht im Pavillon, im Pavillon bin er, ich's nicht gewiß, aber in der Karthauſe...“ en:„In der Karthauſe biſt Du's gewiß?“ che„O ja, da ganz gewiß.“ „Du haſt ſie geſehen?“ ten„Ich nicht; aber es gibt Leute, die ſie geſehen.“ 23¹ „Dein Kamerade?“ fragte der jüngere Offizier, indein er ſich nach dem zweiten Bauern umwandte. „Ich habe ſie nicht geſehen, aber ich jah Flam⸗ men und Claude Philippon hörte Ketten.“ „Ah, Flammen und Ketten gibt es dort?“ fragte Roland. „Ja! und was die Flammen betrifft,“ ſagte der erſte Bauer,„ſo habe ich ſie geſehen.“ „Und Claude Philippon hat die Ketten gehört, 6 wiederholte der Erſte. „Ganz gut, meine Freunde, ganz gut,“ verſetzte Roland in ſcherzendem Tone;„ihr würdet alſo um keinen Preis gehen?“ „Um keinen Preis.“ „Um alles Gold der Welt nicht.“ „Und ihr werdet morgen dahin gehen!“ . Herr Louis, ehe Sie aufgeſtanden ſind, iſt der Bacher da.“ „Er wird da ſein, ehe Sie noch aufgeſtanden,“ wiederholte das Echo. „Nun gut, ſucht mich übermorgen wieder auf.“ „Gerne, Herr, Louis; was gibt's dann zu thun?“ „Kommt nur.“ 3 wir werden kommen.“ „Das heißt, ſobald Sie ſagen kommt, können Sie ſiher ſein, daß wir nicht fehlen werden, Herr Louis.“ „Nun, ich werde euch Nachrichten bringen, ſichere Nachrichten.“ „Von wem?“ „Von den Geſpenſtern. 4 Imelie ſtieß einen erſtickten Schrei aus; Louis 3 winkt Thür ſtieße ( von den ſtern nen err ere uis 235 winkte den Bauern, daß ſie gehen könnten; an der Thüre, wo ſie beide zu gleicher Zeit hinaus wollten, ſtießen ſie heftig un einander. Es war während des ganzen übrigen Abends weder von der Karthauſe, noch von dem Pavillon, noch von den übernatürlichen Weſen, Geiſtern und Geſpen⸗ ſtern, welche dort ihr Weſen trieben, weiter die Rede. N N. . Die Luſtbarkeiten der Provinz. 4 Punkt zehn Uhr lag im Schloſſe Noires⸗Fontaines alles zu Bette oder es befand ſich wenigſtens Jeder⸗ mann auf ſeinem Zimmer. Zwei bis dreimal während des Abends hatte ſich Amelie Roland genähert, als hätte ſie ihm etwas zu ſagen, aber immer erſtarb ihr das Wort auf den Lippen. Als man den Salon verlaſſen hatte, ſtützte ſie ſich auf ſeinen Arm, und obgleich Rolands Zimmer einen Stock höher als das ihrige lag, hatte ſie ihn doch bis an ſeine Thüre begleitet. Roland hatte ſie geküßt und ſeine Thüre ver⸗ ſchloſſen, indem er ihr eine gute Nacht wünſchte und ſich für ſehr müde ausgab. Trotz dieſer Eklärung war Roland indeß nicht zu ſeiner Nachttoilette geſchritten; er war an ſeine Waffentrophäe getreten, hatte ſich ein prachtvolles Paar Piſtolen, ein Verſailler Fabrikat, geholt, welche der Convent ſeinem Vater geſchenkt, ließ die Hahnen 236 ſpielen, und blies in die Läufe, um zu ſehen, ob.„ nicht ein alter Schuß darin ſei. Glück; Die Piſtolen waren in vortrefflichem Zuſtande. welche Darauf hatte er ſie neben einander auf den Tiſch!„ gelegt, leiſe die Zimmerthüre geöffnet, nach der Seite„s der Treppe geblickt, um zu ſehen, ob ihn Niemand„ beohachte, und da er gefunden, daß Corridor undpringe Treppe leer waren, an die Thüre Sir Johns gepocht.;„ „Herein,“ ſagte der Engländer. ich mi Sir John hatte gleichfalls ſeine Nachttoilette noch!„ nicht begonnen. aber „Ich verſtand das Zeichen, das Sie mir gaben,,„ daß Sie mir etwas zu ſagen hätten,“ machte Sir John,„und Sie ſehen, ich erwartete Sie.“ lieber „Gewiß habe ich Ihnen etwas zu ſagen,“ er⸗„l wiederte Roland, indem er ſich heiter in einem Fau⸗ teuil ausſtreckte. uste „Mein lieber Wirth,“ verſetzte der Engländer,,„ „ich fange endlich an, Sie zu kennen, und, wenn ich„ Sie ſo heiter ſehe, ſo geht mir's wie Ihren Bauern, ur 6 ich habe Furcht.“ „Sie hörten, was dieſe Menſchen ſagten.“„ „Das heißt, daß ſie eine prachtvolle Geſchichte in S von Geſpenſtern erzählten. Ich habe ein Schloß in gibt e England, wo Geſpenſter ihr Weſen treiben.“ alle ze „Sie haben ſie geſehen, Mylord?“ „Ja, als ich klein war; zum Unglück ſind ſie, Mang ſeit ich groß geworden, verſchwunden.“ „Das iſt ſo mit den Geſpenſtern,“ ſagte Roland heiter,„das geht, das kommt; welcher glückliche Fall,,„ daß ich gerade zu der Zeit zurückgekehrt bin, wo es Peſpe Geſpenſter in der Karthauſe von Seillon gibt.“ zark, „Ja,“ machte Sir John,„das iſt freilich ein elche dort gibt?“ „Nein, aber übermorgen werde ich's wiſſen.“ „Wie das?“ „Ich beabſichtige die nächſte Nacht dort zuzu⸗ bringen.“ pocht.„O!“ ſagte der Engländer,„wollen Sie daß ich mitgehe?“ noch„Das würde mir Vergnügen machen, Mhlord, ber“ unglücklicher Weiſe iſt es nicht möglich.“ aben,„Nicht möglich, o!“ Sir„Wie ich Ihnen zu ſagen die e habe, mein lieber Gaſt.“ „er⸗„Unmöglich! warum?“ Fau„Kennen Sie die Sitten der Geſpenſter, Mylord,“ fragte Roland ernſt. inder,,„Nein.“ m ich!„Nun, ich kenne ſie; die Geſpenſter erſcheinen mern, ſur unter gewiſſen Bedingungen.“* „Erklären Sie mir das.“ „So zum Beiſpiel, ſehen Sie, Mylord, in Italien, chichte n Spanien, den abergläubiſchſten Ländern, nun, da oß in bibt es keine Geſpenſter, oder wenn es welche gibt, alle zehn, zwanzig Jahre, alle Jahrhunderte einmal.“ „Und welchem Umſtande ſchreiben Sie dieſen Mangel an Geſpenſtern zu?“ 3.„Dem Mangel an Nebel, Mylord.“ oland!„Ah, ja!“ Fall,„Gewiß, Sie begreifen; die Atmoſphäre der v esPeſpenſter iſt der Nebel; in Schottland, in Däne⸗ ark, in England, den Nebelländern, wimmelt es d ſie, Glück; aber ſind Sie auch ſicher, daß es wirklich ———— 238 von Geſpenſtern; man hat den Geiſt von Hamlets Vater, den Geiſt von Banquo, die Geiſter der Opfer Richard III.; in Italien haben ſie nur einen Geiſt, den des Cäſar; und wo erſcheint er dem Brutus? in Philippi, in Macedonien, in Thracien, das heißt in dem Dänemark Griechenlands, dem Schottland des Orients, wo der Nebel Mittel gefunden, Ovid ſo melancholiſch zu machen, daß er die Verſe, die er ſchrieh, Triſtia nannte. Warum läßt Virgil den Schatten des Anchiſes dem Aeneas erſcheinen? weil Virgil von Mantua iſt. Kennen Sie Mantua? ein Sumpfland, eine wahre Froſchlache, eine Fabrik von Rheumatismen, eine Dunſtatmoſphäre, folglich ein Neſt von Geſpenſtern.“ „Fahren Sie fort, ich höre.“ „Sie ſahen die Ufer des Rheins?“ O½ „Ja. „Deutſchland, nicht wahr? O mein Herr, das iſt ebenfalls ein Land von Feen, Undinen, Sylphiden, und folglich von Geſpenſtern,(wer mehr kann, kann auch weniger), alles immer wegen des Nebels, aber in Italien, in Spanien, wohin zum Teufel wollen Sie, daß ſich die Geſpenſter flüchten? nicht der kleinſte Dunſt; wenn ich in Spanien oder Italien wäre, würde ich auch das Abenteuer von Morgen nicht wagen.“ „All dies ſagt mir nicht, warum Sie mir die Theilnahme verweigern,“ drängte Sir John. „Warten Sie doch; ich habe Ihnen bereits er⸗ klärt, wie ſich die Geſpenſter in gewiſſe Länder nicht wagen, weil ſie gewiſſe atmoſphäriſche Bedingungen nicht vorfinden; laſſen Sie mich Ihnen die Chance erkl mat „we ſpre ind viſe den kan ſehe Leb ken erſe ſtur An Lor jag ſche ſie von als Ge lets pfer eiſt, tus? eißt land Ovid e er den weil tua? abrik glich 239 erklären, die man ſich zu Nutze machen muß, wenn man welche ſehen will.“ „Erklären Sie, erklären Sie,“ ſagte Sir John; „wahrhaftig, Sie ſind der Menſch, den ich am liebſten ſprechen höre, Roland.“ Und Sir John ſtreckte ſich in ſeinem Fauteuil aus, indem er ſich behaglich breit machte, um die Impro⸗ viſationen dieſes phantaſtiſchen Geiſtes anzuhören, den er, ſeit den fünf oder ſechs Tagen, die er ihn kannte, ſchon unter ſo verſchiedenen Geſichtern ge⸗ ſehen. Roland verbeugte ſich zum Zeichen des Dankes. „Nun, ſo hören Sie und Sie werden begreifen, Mylord; ich habe ſoviel von Geſpenſtern in meinem Leben ſprechen hören, daß ich dieſe loſen Vögel kenne, als wenn ich Sie ſelbſt gemacht. Warum erſcheinen die Geſpenſter?“ „Sie fragen mich das?“ machte Sir John. „Ja, ich frage Sie das.“ „Ich geſtehe Ihnen, da ich die Geſpenſter nicht ſtudirt habe, wie Sie, ſo könnte ich keine beſtimmte Antwort geben.“ „Sie ſehen wohl: die Geſpenſter, mein lieber Lord, zeigen ſich nur, um demjenigen Furcht einzu⸗ jagen, dem ſie erſcheinen.“ „Das iſt unbeſtreitbar.“ „Nun denn! Wenn ſie demjenigen, dem ſie er⸗ ſcheinen, keine Furcht einjagen, ſo muß der, dem ſie erſcheinen, ihnen Furcht einjagen: Zeuge da⸗ von iſt Herr von Turenne, deſſen Geſpenſter ſich als Falſchmünzer erwieſen haben. Kennen Sie dieſe Geſchichte?“ 240 „Nein.“ „Ich werde ſie Ihnen ein andermal erzählen. Laſſen wir uns dadurch nicht aus dem Concept bringen. Dies iſt auch der Grund, weßhalb die Geſpen⸗ ſter, was ſelten geſchieht, ſich entſchließen zu erſcheinen, die ſtürmiſchen Nächte wählen, wo es Donner und Blitz und Wind gibt: das iſt ihre Mise-en-Scène.“ „Ich muß geſtehen, daß dies alles nur zu † wahr iſt.“ „Warten Sie! es gibt gewiſſe Sekunden, wo— ſelbſt der muthigſte Menſch einen Schauer über den Rücken rieſeln fühlt; in der Zeit, als ich noch keine Pulsadergeſchwulſt hatte, iſt es mir zehnmal geſche⸗ hen, wenn ich über meinem Haupte den Blitz der Säbel zucken und in meinen Ohren den Donner der 8 Kanonen dröhnen hörte. Seit ich freilich eine Puls⸗ adergeſchwulſt habe, laufe ich dahin, wo der Blitz zuckt und der Donner grollt; aber ich habe eine Chance; wahrſcheinlich wiſſen dies die Geſpenſter nicht und glauben, ich könne Furcht haben.“ „Während das unmöglich iſt, nicht wahr?“ fragte Sir John. „Was wollen Sie, wenn man, ſtatt Furcht vor dem Toͤd zu haben, mit Recht oder Unrecht, einen Grund zu haben glaubt, den Tod zu fürchten, ſo wüßte ich nicht, weßhalb ich Furcht haben ſollte; aber ich wiederhole Ihnen, daß die Geſpenſter, die im Uebrigen viel wiſſen, dies gerade nicht wiſſen. Das wiſſen ſie jedoch, daß das Gefühl der Furcht ſich durch den Anblick oder das Vernehmen äußerer Dinge mehrt oder mindert. Wo erſcheinen zum Bei⸗ ſpiel die Geſpenſter vorzugsweiſe: an dunkeln Orten, —— n. n, nd vo en ne he⸗ er er ls⸗ litz ine ter gte or en en, te die en. cht rer ei⸗ en, auf Kirchhöfen, in alten Klöſtern, in Ruinen, an unterirdiſchen Orten, weil ſchon der Anblick der Localitäten die Seele zur Furcht disponirt. Wann erſcheinen ſie? nachdem man Kettengeraſſel, Seufzen, Stöhnen gehört, weil all dies nichts ſehr Ergötzliches hat; ſie hüten ſich an lichthellen Orten oder nach einer Contretanzmelodie zu erſcheinen; nein, die Furcht iſt ein Abgrund, in den man Stufe um Stufe hinab⸗ ſteigt, bis uns der Schwindel erfaßt, der Fuß aus⸗ gleitet, und wir mit geſchloſſenen Augen in die Un⸗ tiefe hinabſtürzen. Leſen Sie die Geſchichte aller Geiſtererſcheinungen und Sie werden ſehen, daß die Geſpenſter, wie folgt, nahen zuerſt verdunkelt ſich der Himmel, der Donner grollt, der Wind pfeift, die Fenſter und Thüren ächzen, die Lampe, wenn eine ſolche im Zimmer Desjenigen iſt, den ſie er⸗ ſchrecken wollen, die Lampe flackert, wird ſchwächer, erliſcht, und es tritt vollſtändige Dunkelheit ein; in der Dunkelheit hört man Stöhnen, Seufzen, Ketten⸗ geklirr, endlich öffnet ſich die Thüre und das Ge⸗ ſpenſt erſcheint. Ich muß ſagen, daß alle Geiſter⸗ erſcheinungen, die ich, nicht geſehen, ſondern geleſen, unter den gleichen Umſtänden vor ſich gegangen ſind. Nun, iſt es ſo, Sir John!“ 3 „Allerdings.“ „Und haben Sie je geſehen, daß ein Geſpenſt zwei Perſonen zu gleicher Zeit erſchienen wäre?“ „Allerdings, ich habe das nie geleſen, oder ſagen hören.“ „Das iſt ganz einfach, mein lieber Lord; zu zweien, Sie begreifen, hat man keine Furcht; die Furcht iſt eine geheimnißvolle, ſeltſame, von dem Dumas, Jehu. I. 16 242 Willen unabhängige Sache, für die die Einſamkeit, die Dunkelheit und Vereinzelung nothwendig iſt. Ein Geſpenſt iſt nicht gefährlicher, als eine Kanonenkugel. Wie! hat ein Soldat Furcht vor einer Kanonenkugel, wenn er zwiſchen ſeinen Kameraden ſteht, wenn er den Ellbogen links fühlt? Nein, er geht gerade auf die Kanone los, er wird erſchoſſen oder erſchießt, das wollen die Geſpenſter nicht, deßhalb erſcheinen ſie nicht zwei Perſonen zugleich; deßhalb will ich allein nach der Karthauſe gehen, Mylord; Ihre Gegenwart würde das entſchloſſenſte Geſpenſt zu er⸗ ſcheinen hindern. Wenn ich nichts geſehen oder wenn ich etwas geſehen, was der Mühe lohnte, nun, ſo können Sie übermorgen hingehen; ſind Sie einver⸗ ſtanden? „Ganz und gar! Aber warum gehe ich nicht zuerſt?“ „Erſtens weil Ihnen die Idee nicht kam, und ich mindeſtens für meine Idee das Vorrecht verdiene; dann, weil ich von dieſem Lande ſtamme, mit all' dieſen guten Mönchen bei ihren Lebzeiten verkehrte, und dieſer Verkehr es noch wahrſcheinlicher macht, daß ſie mir nach ihrem Tode erſcheinen werden; endlich, weil ich, mit den Localitäten bekanſt, wenn es zu fliehen oder zu verfolgen gilt, mich beſſer, ſei es angreifend oder ausweichend, aus dem Handel ziehen werde. Erſcheint Ihnen das⸗ nicht richtig, mein lieber Lord?“ „Ungemein richtig, aber ich werde am andern Tage hingehen.“ „Am nächſten Tage, am übernächſten Tage, alle Tage, jede Nacht, wenn Sie wollen; ich wilt — 8 NW w— ———— ———— 243 nur der Erſte ſein. Dies bleibt jedoch unter uns, nicht wahr?“ ſagte Roland, indem er aufſtand. „Nicht ein Wort zu irgend Jemand über dieſe Sache, wer es auch ſei. Die Geſpenſter könnten davon Wind bekommen und demgemäß handeln. Wir dür⸗ fen uns von dieſen loſen Vögeln nicht hinter's Licht führen laſſen, das wäre zu abgeſchmackt.“ „Seien Sie ruhig. Sie werden Waffen mit⸗ nehmen; nicht wahr?“ „Wenn ich es nur mit Geſpenſtern zu thun zu haben glaubte, würde ich mit den Händen in der Taſche gehen, und nichts zu mir ſtecken; da ich mich jedoch, wie ich Ihnen ſo eben ſagte, der Falſchmün⸗ zer des Herrn von Turenne erinnere, ſo werde ich Piſtolen nehmen.“ „Wollen Sie die meinen?“ „Nein ich danke; dieſe da, obgleich ſie gut ſind, war ich beinahe feſt entſchloſſen, nie zu gebrauchen.“ Und mit einem Lächeln, deſſen Bitterkeit kaum zu beſchreiben wäre, fuhr er fort: „Sie bringen mir Unglück. Gute Nacht, Mylord. Ich muß dieſe Nacht gut ſchlafen, damit ich nicht morgen wieder Luſt zum Schlafen habe.“ Und nachdem er die Hand des Engländers kräf⸗ tig geſchüttelt, verließ er das Zimmer und kehrte in das ſeine zurück. Als er jedoch dahin kam, machte ihn etwas ſtutzig: daß er nämlich ſeine Thüre offen fand, die er ſicher war, geſchloſſen zu haben. Aber er war kaum eingetreten, als der Anblick ſeiner Schweſter ihm dieſe eingetretene Aenderung. erklärte. 244 „Ei,“ machte er, halb erſtaunt, halb unruhig, „Du biſt es, Amelie!“ „Ja, ich bin es;“ ſagte das junge Mädchen. Und indem ſie, auf ihren Bruder zugehend, die⸗ ſem die Stirne zum Kuſſe bot, ſagte ſie in bittendem Tone: „Du gehſt nicht, mein Freund, nichs wahr?“ „Wohin?“ fragte Roland. „Nach der Karthauſe.“ „Aber wer hat Dir geſagt, daß ich dahin gehe?“ „O wenn man Dich kennt, iſt die Vermuthung wohl ſchwer!“ „Und warum willſt Du, daß ich nicht nach der Karthauſe gehen ſoll?“ „Ich fürchte, es möchte Dir ein Unglück be⸗ gegnen.“ „Du glaubſt wohl an Geſpenſter?“ ſagte Roland, indem er ſeinen Blick auf Amelie heftete. Amelie ſenkte den Blick und Roland fühlte die Hand, die auf ſeinem Arme ruhte, zittern. „Nun,“ ſagte Roland,„Amelie, die ich ſonſt wenigſtens kannte, die Tochter des General von Montrevel, die Schweſter Roland's iſt zu geſcheidt, um ſich gewöhnlicher Furcht hinzugeben; es iſt un⸗ möglich, daß Du an dieſe Geſchichten von Ketten, Flammen, Geſpenſtern und Erſcheinungen glaubſt.“ „Wenn ich daran glaubte, mein Freund, wären meine Befürchtungen weit geringer; wenn es Ge⸗ ſpenſter gibt, ſo ſind es körperloſe Geiſter, die dem⸗ zufolge nicht mit dem Haß der Materie aus ihren Gräbern ſteigen können; und warum ſollte Dich ein —— — —— 245 Geſpenſt haſſen, Roland, der Du nie Jemanden etwas Böſes gethan?“ „Wohl! Du vergiſſeſt aber diejenigen, die ich in der Armee oder im Duell getödtet!“ Amelie ſchüttelte den Kopf. „Ich fürchte dieſe nicht.“ Das junge Mädchen erhob ihre in Thränen ge⸗ badeten Blicke zu Roland und warf ſich in die Arme ihres Bruders. „Ich weiß nicht, Roland; aber was willſt Du, ich habe Furcht.“ Der junge Mann hob mit einer leichten Bewe⸗ gung den Kopf Amelie's, welchen dieſe an ſeiner Bruſt barg, und fragte mit einem ſanften Kuß auf ihre langen Lider. „Du glaubſt nicht, daß es Geſpenſter ſeien, die ich morgen zu bekämpfen habe, nicht wahr?“ „Mein Bruder, geh' nicht nach der Karthauſe,“ drängte Amelie mit bittendem Tone, indem ſie der Frage auswich. „Unſere Mutter hat Dir den Auftrag gegeben, das von mir zu fordern, geſtehe, Amelie.“ „O! mein Bruder, nein, meine Mutter hat nicht ein Wort geſagt; ich ahnte, daß Du dahin gehen wolleſt.“ „Nun, wenn ich dahin gehen wollte, Amelie,“ ſagte Roland in feſtem Tone,„ſo ſollſt Du jetzt eines wiſſen, daß ich gehen werde.“ „Und, wenn ich Dich mit gefalteten Händen bitte,“ ſagte Amelie mit beinahe ſchmerzlichem Accente; „wenn ich Dich auf meinen Knieen bitte?“ Und ſie ſank vor ihrem Bruder auf die Kniee. „O Frauen! Frauen!“ murmelte Roland,„un⸗ erforſchliche Naturen, deren Worte ein Geheimniß ſind, deren Mund nie das Geheimniß des Herzens ausſpricht, die weinen, beten, zittern, warum? Gott weiß es, aber wir Menſchen nicht. Ich werde gehen, Amelie, weil ich entſchloſſen bin, zu gehen und weil, wenn ich mal einen Entſchluß gefaßt habe, keine Macht der Welt mich davon abbringen kann. Jetzt umarme mich und fürchte nichts; ich werde Dir ganz leiſe ein großes Geheimniß ſagen.“ Amelie hob den Kopf, einen fragenden und ver⸗ zweiflungsvollen Blick auf Roland richtend. „Ich habe ſeit mehr als einem Jahre erkannt,“ antwortete der junge Mann,„daß ich das Unglück habe, nicht ſterben zu können; ſei deßhalb wegen meiner unbeſorgt.“ Roland ſprach dieſe Worte in einem ſo ſchmerz⸗ lichen Tone, daß Amelie, die bis dahin ihre Thränen zurückgehalten, unter Schluchzen nach ihrem Zimmer zurückkehrte. Der junge Offizier ſchloß ſeine Thüre, nachdem er ſich verſichert, daß auch ſeine Schweſter die ihrige verſchloſſen, und murmelte vor ſich hin: „Wir werden wohl ſehen, wer meiner oder des Schickſals müde werden wird.“ „ In unſerem Verlage ſind ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: C. A. Wetterberg, (Onkel Adam) Sämnmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. ch. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Genrebilder aus dem Alltagsleben.. 6 Bdchn. Neue Genrebilder aus dem Alltagsleben 18„ Ein Name. Der Pfarradjunkt. Ein Genrebild Das Häuschen am Gatterthore bei Das Altargemälde. Geld und Arbeit. Ein Geurebild Olga. Eine Erzählung.. Der hölzerne Löffel. Das Unglückskind. Liebe und Handel. Simon Sellners Reichthümer. Drei neue Genrebilder — c— c c c— c FEnilie Flygare⸗Curlén, Fiänntliche Bomane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Roſe von Tiſtelön, 7 Bochn.— Walde⸗ „ mar Klein, 3 Bdchn.— Der Skjutsjunge, 4 Bochn. — Gnſtav Lindorm, oder führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung! 6 Bochn.— Der Stellvertreter, 5 Bochn— Der Profeſſor und ſeine Schützlinge, 5 Bochn.— Die Kircheinweihung von Hammarby, 6 Bochn.— Die Rilchbrüder, 6 Vdchn.— Das Fideicommiß, 9 Bochn. — Der Kammerer Laßmann als Junggeſelle und Ehemann, 6 Bochn.— Paul Wärning oder Abenteuer eines Scheerenjungen, 5 Bochn.— Das Erkerſtübchen, 4 Bochn.— Der Einſiedler auf der Johannisklippe. Küſtenroman, 15 Bochn.— Ein Jahr. Novelle 5 Bochn. Die Brant auf dem Omberg, 3 Bochn.— Die Familie im Thale, 2 Bochn.— Eine Nacht am. Bullarſee, 18 Bochn.— Ein Gerücht, 17 Bdchn.— Die Roman⸗ heldin, 6 Bochn.— Der Jungſernthurm, 17 Bochn. — Ein launenhaftes Weib, 13 Bochn.— Der Vor⸗ mund, 14 Bdchn.— Eine glückliche Parthie, 2 Bochn. Frutti, 6 Bochn.— Binnen ſechs Wochen, Bdchn.— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. — S „ ſſiſiſſſſii .