Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Lite n 8 3 von. Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ratur ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ den angenommen. n 3 3. Caution. 1 Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2„—„ 3„=.„—„ 53. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 U beträgt: 4 ji f fuͤr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ 3——————— 5 auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N⁸ z ebewo hl. Roman nach dem Franzöſiſchen der Damen Marie d' Heures et Rende Roger frei bearbeitet 4 von d. kKrus e. Dritter Theil. AAAAAͤ— Leipjig, 132 6. In Ernſt Klein's literariſchem Comptoir. Vorwort. 1 Ein widerwaͤrtiges Verhaͤngniß hat uͤber dies kleine Werk gewaltet, und verſetzt mich in die Nothwendigkeit, die Nachſicht des Leſers in Anſpruch zu nehmen. Eine durch Umſtaͤnde heibeigefuͤhrte, und erſt zu ſpaͤt inne gewordene Verſaͤumniß der genauen Durchſicht meiner eben nicht unleſerlichen, ſondern ziemlich fluͤch⸗ tigen Handſchrift von meiner Seite, eine lange Abweſenheit und ſpaͤter uͤberhaͤufte Geſchaͤfte von Seiten des Verlegers, und endlich der von uns Beiden entfernte Druckort— alle dieſe Umſtaͤnde haben Anlaß gegeben, daß mehrere mir entſchluͤpfte Gallicismen, ja ſogar Sprach⸗ Unrichtigkeiten, auf die mich die Aushaͤngebo⸗ IV gen erſt aufmerkſam gemacht, ſtehen geblieben ind; welche im Verein mit einem Heer von ). Druckfehlern, beſonders im erſten Theile, leicht dem aufmerkſamen Leſer, und vielleicht noch mehr dem fluͤchtigen Anſtoß geben duͤrfen. Ich habe es daher noͤthig gefunden, die am mei⸗ ſten ſinnſtoͤrenden anzufuͤhren. Die weniger bedeutenden aber ſehr haͤufigen Verſetzungen, als: ſich fuͤr ſie, ihm fuͤr ihn, dem fuͤr den, es für er u. ſ. w. und umgekehrt, muß ich dem Urtheil der Leſer uͤberlaſſen, in wie fern ich die Schuld mit dem Corrector zu theilen habe. — 4 *— „ Die Wuͤſte in Paris. Novelle. „ Welche Ungerechtigkeit, mich in Ruheſtand zu verſetzen!— einen Mann wie ich, der dem Vaterland ſo viele Jahre gedient, zu verab⸗ ſchieden! Das nenne ich Dankbarkeit! Mir den Abſchied!— Es iſt ſchändlich“.. Der alte Major Dervilliers ging mit großen Schritten in dem Salon ſeines Hauſes auf und nieder. Dieſe und ähnliche Ausdrücke wiederholend, die ſeinen Aerger, untauglich ge⸗ worden zu ſeyn, ausſprachen; dennoch zeigten ſein unſicherer beſchwerlicher Gang, ſeine grauen Haare, ſeine Narben und die Steifheit des Lebewohl. III. Thl. 1 linken Arms. würden Sie denn ſo oft das Flüſtern gehört: während er ſehr eifrig mit dem rechten focht, überzeugend an, wie ſehr dieſer wackere Officier der Ruhe bedürftig war. „Aber, lieber Mann!“ wandte ſeine Gat⸗ tin mit vieler Sanftheit ein,„der Brief des Miniſters iſt in den ehrenvollſten Ausdrücken abgefaßt, das Patent als Mitglied der Ehren⸗ legion war darin eingeſchloſſen; und haben wir denn nicht Frieden. Iſt es endlich nicht einmal Zeit, auszuruhen, ein wenig ſich ſelbſt in dem Schooße ſeines Familienkreiſes zu leben, der Sie ſo zärtlich liebt! Habe ich denn nicht in langen Jahren genug und ſehr oft für ihr Leben gezittert?“ „„Gezittert! Madame Dervilliers 1“ rief der Major;„„ich habe nicht gedacht, daß ich Ihnen einen ſolchen Vorwurf thun müßte! Ge⸗ zittert, während ich für mein Vaterland focht? Iſt das nicht Ihr ſchönſter Titel, die Frau ei⸗ nes braven Kriegers zu ſeyn? Wenn ich in un⸗ thätiger Ruhe an Ihrer Seite gealtert hätte, 4 ☛ 3 l niſt die Dame da die Gattin des Majors Dervilliers?“ Hat Ihr ſtolzes Selbſtgefühl ſich durch die Hochachtung, die Ihnen dieſer ge⸗ ehrte Name zugezogen, nicht befriedigt gefun⸗ den? Ich will nicht damit ſagen, daß Sie nicht ſelbſt hätten Hochachtung einflößen kön⸗ nen; allein die Eigenſchaften, die das häusliche Glück bilden, machen keine Anſprüche auf einen glänzenden Nuf. Was übrigens meinem Ruhm im Wege ſteht, iſt der Umſtand, daß ich noch am Leben bin. Wäre die Ehre mein geworden, in einem glänzenden Treffen getödtet zu wer⸗ den, würden Sie jetzt eben ſo glücklich ſeyn, wie meine Niece. Nicht wahr! überall wo ſie hinkommt, haften ſogleich alle Blicke auf ihr. Wer ihr begegnet, flüſtert zugleich ſeinen Freun⸗ den ins Ohr: das iſt die Witwe des tapfern Loſtanges.““ „Ach! mein Freund!“ verſetzte Madame Dervilliers,„unſre gute Marie würde gern die⸗ ſes traurigen Ruhms entbehrt haben, und was mich betrifft, ſo— Sie mögen es mir nun 1* d ☛̈% 4 übel nehmen, oder nicht— geſtehe ich Ihnen gerade aus, daß alle Ehrenbezeugungen und Belohnungen Ihrer wackern Thaten mich nur freuen, weil Ihr Leben geſchont wor⸗ den iſt.“ 8 „„Ol möge es nur noch lange ſeyn, theu⸗ rer Oheim!““ nahm Madame de Loſtanges das Wort.„„Genießen wir das Glück, es in der Zukunft vor dem ſchrecklichen Dämon des Krie⸗ ges ſicher geſtellt zu wiſſen. Meine gute Tante ſoll, Dank dieſem wohlthuenden Ruheſtand, nicht mehr den ängſtlichen Qualen, die eine bevorſtehende Schlacht herbeiführt, dieſer pein⸗ lichen Lage unterworfen ſeyn, in der wir uns nur der ſüßen Zuverſicht, daß unſre Furcht ver⸗ geblich ſei, ergeben, um den Augenblick hernach das ganze Gewicht der wiederkehrenden Angſt noch ertödtender zu empfinden; und oft hat das geliebte Weſen zu athmen aufgehört, in dem Augenblick, wo wir ſein Leben in der größeſten Sicherheit glauben.““ In traurigen Erinnerungen vertieft, ließ ☛ 3535 Madame de Loſtanges den Kopf ſinken; einige Thränen benetzten ihre Wangen; ihre kleine Anéis ſtürzte ſich in ihre Arme; während dieſes unfreiwilligen Ausbruchs eines ſchmerzlichen Ge⸗ fühls begegneten die Blicke der jungen Witwe denen des Eugens de Saint⸗Albe. Dieſe ſchie⸗ nen durch eine Empfindung zärtlicher Theilnahme belebt, aus welcher jedoch ein leiſer ſchüchter⸗ ner Vorwurf hervorleuchtete; allein ſie waren ſo leidenſchaftlich, daß Marie erröthete. Das Lächeln der mütterlichen Liebe verſchlang bald die Thränen, dem zu frühen Tode eines ehren⸗ werthen Gattens geweiht, und ein herzlicher Blick verbannte die leichte Wolke von Eugens Stirn. Madame Derrvilliers klopfte freundlich die Wange des Greiſes, und der Major fühlte ſich wirklich bewegt; da er aber nicht Anlaß zu der Vermuthung geben wollte, als hätten Familien⸗ verhältniſſe größeren Einfluß, als die Pflichten gegen ſein Vaterland auf ſein Herz, wieder⸗ holte er ſeine bittern Klagen; und noch heftiger 6 ☛☚ in demſelben Grade, wie er früher gerührt ge⸗ weſen, das ihm als Schwäche erſchien, beſchwerte er ſich laut, daß man ihn auf eine empö⸗ rende Weiſe behandelt hatte. „Können Sie etwas anders als Ungerech⸗ tigkeit und Undankbarkeit von den Menſchen erwarten?“ entgegnete Herr de Lehon, ein ſehr ausgezeichneter Gelehrter, der aber, durch die unglückliche Wahl des Gegenſtandes, den er poetiſch bearbeitet hatte, kurze Zeit vor dieſer Unterredung auf das unbarmherzigſte ausgeziſcht worden war.„Was bildet oder vernichtet den Ruhm? wer ertheilt Tadel oder Ehre? Die öffentliche Meinung! Thor, wer an ihre Ausſprüche glaubt! ſie ſind beinahe im⸗ mer das Ergebniß kleiner Ränke und noch klein⸗ licherer Leidenſchaften; ſie verkennen, ſie belei⸗ digen den höheren Sinn. Nein! meinetwegen! habe ich nicht auf immer der Schriftſtellerei entſagt? O! meine theure Amelie!“ flüſterte er, ſich gegen ſeine junge Gattin hinneigend; 5 82 —— 7 G3œ „welcher von Ruhm zuerkannter Lorbeerzweig könnte mir gleich einem Deiner Blicke gelten?“ 6Ich möchte,““ verſetzte der Major hef⸗ tig,„„ich möchte, daß ich der ganzen menſch⸗ lichen Geſellſchaft auf immer entfliehen könnte! Was habe ich in Zukunft darin zu erblik⸗ ken? junge Leute, die Krieger zu ſeyn wähnen, weil ſie eine Epaulette tragen, und bei der Pa⸗ rade ein ſchönes Pferd geritten haben. Sie werden nur den ehrenvollen Namen eines Sol⸗ daten entehren, und über den alten abgedank⸗ ten Officier lächeln. Ja, ich werde künftig⸗ hin ein Land und eine Regierung haſſen, die undankbar ihre alten⸗Vertheidiger verſtoßen, ſie zum Erſatz geleiſteter Dienſte zur Unthätig⸗ keit und zum Ruheſtande verdammen kann. Ich will Niemanden aus der Welt mehr ſehen; ich kann die Menſchen nicht ausſtehen! Zum Henker! ich will mich tief in eine unzugängliche Ver⸗ borgenheit, in eine Einöde, in der nur ich ath⸗ me, flüchten. Warum bin ich nicht auf einer öden Inſel?““ ☛ 8. „Ach! wären wir doch auf einer öͤden In⸗ ſel!“ wiederholte halb leiſe Herr de Saint⸗Albe, der während der erbitterten Geißelhiebe des Majors ſich hinter den Stuhl der Madame de Loſtanges geſchlichen; Sie würden dann kalte Schicklichkeiten, Ihre Witwenpflichten, Ihre Vor⸗ urtheile, die meine Ruhe und mein Leben töd⸗ ten, meinen Wünſchen, meiner Sehnſucht nicht entgegenſetzen!“. „„Eugene!““ Marie ſprach nur dies eine Wort aus, allein der ſüße, ſchwermüthige Ton ihrer Stimme war unwiderſtehlich. Saint⸗ Albe empfand, daß dieſe verdrießlichen Hinder⸗ niſſe nicht blos ſein Herz verletzten. „O! wie würde es doch ſchön ſeyn, auf ei⸗ ner öden Inſel!“ rief die kleine Anéis!„ich ſollte einen hübſchen Papagei und einen großen Son⸗ nenſchirm, wie Robinſon Cruſoe haben. Nicht wahr Mütterchen!“ „„Meine liebe, liebe Amelie!““ ſagte Herr de Lehon zu ſeiner reizenden Gattin— beide lebten noch in den Flitterwochen—„„Bedenke, ☛ 9 ☛☚ wie glücklich ich ſeyn würde, auf einer öden In⸗ ſel. Immer und immer für einander lebend, keine ſtörenden Geſchäfte mehr, keinen gelehr⸗ ten Plunder, keine Abweſenheit, keine andern Pflichten, als Sie von meiner Liebe zu über⸗ zeugen.““ Die junge Frau erwiederte nur mit einem Blicke, aber mit einem Blick, deſſen ſprechen⸗ der Ausdruck deutlich verrieth, welchen Himmel, dem Glücke und der Liebe geweiht, eine ſolche öde Inſel umfaſſen müßte. „Wohlan denn!“ verſetzte Madame Der⸗ villiers lächelnd:„warum reiſen wir denn nicht, warum eilen wir nicht, uns einzuſchiffen? Viel⸗ leicht wird die Vorſehung ſo gnädig ſeyn, uns an einer unbekannten Küſte ſcheitern zu laſſen.“ „Jal fort, fort! ohne Bedenken! Ich bin dabei! Schiffen wir uns ein!“ riefen alle Ge⸗ genwärtige verworren durch einander. Mariens Stimme allein ließ ſich nicht vernehmen. In dem Saale, wo idieſe Unterredung vorging, befand ſich noch ein gemeinſamer Freund, 10 Ꝙ der bis jetzt den Mund noch nicht geuffnet hatte. Herr Duval, ein kleiner beweglicher Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, war bald als Anwald, bald als Arzt, Offieier, Li⸗ terator, Diplomatiker, Finanzmann, Philoſoph und Myſtiker aufgetreten; er hatte einen gro⸗ ßen Theil von Europa durchreiſt, hatte ſich aber in keiner Lage zufrieden gefunden, und ſich nie überreden können, ſich irgend wo häuslich niederzulaſſen. Ein jeder neuer Gedanke, der in ſeinem Kopfe aufſtieg, riß ihn immer mit ſich fort, und entzündete ſeine Phantaſie. Auch in dieſem Augenblick drängte ſich ein neuer Entwurf vor ſeinen Sinn, der ihn ſchnell er⸗ griff, und wie begeiſtert ſprang er mit folgen⸗ den Worten auf: „Meine Herren! und auch Sie, meine Damen! hören ſie mich an: Wir ſind hier acht Perſonen, die wir alle, mehr oder weni⸗ ger, von verſchiedenen Gründen geleitet, inne⸗ ren Drang fühlen, einer Welt zu entfliehen, die keine Reize mehr für uns hat. Warum ☛¶ο 11 denn unſer Vermögen, unſer Daſeyn der Un⸗ beſtändigkeit der Wogen Preis zu geben? Laſ⸗ ſet uns getrennt von der Geſellſchaft, die wir verwerfen und die uns vermiſſen wird. Kraft unſers Willens, als Einſiedler, uns mitten in der geſitteten Welt, hier in Paris ſelbſt, wo uns nur undankbare Weſen und eiskalte Her⸗ zen begegnen, eine Wüſte bilden.“ „Dieſe anſehnliche, ſchöne Wohnung, in der wir uns in dieſem Augenblick befinden, kann, wenn wir es nur wollen, eine Freiſtätte der Ruhe werden. Der Garten iſt ſchon an ſich bedeutend; durch den Ankauf einiger angrenzen⸗ den Beſitzthümer kann er noch vergrößert wer⸗ den; die Mauern können wir erhöhen laſſen, damit wir nichts anders erblicken, als den Him⸗ mel, und dieſen Grund und Boden, in der Zu⸗ kunft dem ſtillen Glücke geweiht.“ Wir werden uns mit Lebensmitteln auf ein Jahr verſehen, am Ende dieſes Zeitraums werden wir Alles, was wir brauchen, hier zu⸗ ſammenhäufen; wir bilden uns eine Conſtitution ⁴☛ 12 patriarchaliſche Geſetze; wir leben nur der Freundſchaft, den Künſten, der Liebe und der Natur. Das Geräuſch dieſer Stadt, wo ſo viele Leidenſchaften ſich reiben und kreuzen, wird uns freilich erreichen, aber nicht beun⸗ ruhigen können. Alles außer dieſen Mauern iſt uns fremd und gleichgültig; der Weiſe vernimmt den Sturm, aber der geht ihn nicht an.“ „Wir legen den feierlichen Eid ab, zehn Jahre hindurch nicht irgend einen Verkehr mit den Menſchen zu haben. Was ich auch ſage, einen Eid! brauchen wir einen ſolchen? Wer von uns würde wohl, nachdem er die Reize die⸗— ſes einfachen, reinen Lebens kennen gelernt, in das Vaterland aller Laſter zurückkehren, den verpeſteten Hauch der Verdorbenheit aufs neue einathmen?“ „„Ich gewiß nicht!““ rief der Major. „„iIch auch nicht, ich auch nicht! wur⸗ de von allen Seiten wiederholt. „Mein Entwurf gefällt ihnen alſo?“ verſetzte Herr Duval.„Obgleich ohne Hoffnung, 7/ —— V b —» ☛ 13 daß er je verwirklicht ſeyn würde, iſt er lang⸗ ſam in meinem Kopf gereift, und ich glaube mit Verſtand abgefaßt.“ Freilich hatte er zehn Minuten vorher noch nicht daran gedacht. „Jal ich ſehe es,“ fügte er begeiſtert hin⸗ zu,„Ihr habt ihn mit Entzücken angenom⸗ men. Eilen wir denn, Alles in Ordnung zu bringen, damit der Monat, in den wir ſo eben eingetreten, nicht zu Ende gehe, ehe wir allen Verkehr mit der Welt abgebrochen!“ „„Allein,““ wandte Madame de Loſtanges ein,„wenn wir uns auf ſolche Weiſe aus der Welt, der ſie entfliehen wollen, ganz ver⸗ bannen, berauben wir uns ja auch ganz der Hülfsquellen, die ſie darbietet. Geſetzt, daß mein Oheim oder meine Tochter krank werden?“ „Nun denn, Madamel bin ich denn nicht da?“ verſetzte Duval, dem es einfiel, daß er Arzt geweſen, ein wenig verletzt durch eine Einwendung, die an den Tag legte, das die liebenswürdige Witwe nicht die allgemeine Be⸗ ☛☛ſ 14 geiſterung theilte. befriedigen, ſoll es in den Geſetzen feſtgeſtellt werden, daß jedes Mitglied der Colonie in einem wichtigen Falle und mit allgemeiner Einwilligung ſich zweimal in dem Zeitraum von zehn Jahren, doch nur auf zwölf Stun⸗ den entfernen dürfe. Sind wir denn alſo ent⸗ ſchloſſen?“ rief er zuletzt. 4 e„Allerdings?““ erwiederte der Major; „ich ſchwöre, den Geſetzen unſrer neuen Colo⸗ nie genau zu gehorchen; ich ſchwöre ewigen Haß jeder andern menſchlichen Einrichtung, ſo auch Allem, von dem ich mich trenne. Es leben die Bewohner der Wüſte!““ „Wo ich auch ſeyn möge, werde ich mich zufrieden fühlen, wenn ich nur bei Ihnen bin, lieber Mann!“ fügte Madame Dervilliers Jin⸗ zu.„Heil denn der Wüſte!“ „Alſo, Marie! werde ich dann immer in 7 Ihrer Nähe athmen;“ ſagte Eugen zärtlich; „„Sie werden mich nicht mehr fliehen; meine reine „Uebrigens,“ fügte er hinzu, um Ihre ſo weit vorausſehende Sorgfalt zu ——y— ☛☚̈ 15 flammende Liebe ſoll nicht mehr in Zukunft zum ſteten Schweigen verdammt ſeyn!““ 3„Und mein guter Freund Eugen ſoll den ganzen Tag hindurch in der Wüſte mit mir ſpielen,“ wiederholte mehrmals die niedliche Anéis, um die Mutter hüpfend. „„Wie werden die Stunden ſchnell hinei⸗ len, die wir ganz der Liebe und ihrem trauten Koſen weihen dürfen!““ rief Lehon, während er feurig ſeinen Arm um die ſchöne Gattin ſchlang, und ſie an ſeine Bruſt drückte. „Welch trauliches Beiſammenſeyn,“ ver⸗ ſetzte Amelie,„in der heimlichen, kühlen Grotte 3 wie ſchön, mit einander Blumen zu pflücken, am Rande des Bachs! Jeden Morgen, beſter Lehon! ſollen Sie mir von ihnen einen Strauß bringen.“ „„Der Winter wird kommen;““ ſagte Marie, halb leiſe,„„und die Liebe—“ „9! Marie!“ unterbrach ſie Eugen. „Sprechen Sie nicht ihre zermalmende Wahr⸗ ſagung aus; machen Sie wenigſtens eine Aus⸗ ☛ 16 ☛☚ρ nahme mit der reinen glühenden Flamme, die Sie meiner Bruſt eingehaucht, erſt mit meinem Leben wird ſie auslöſchen.“ Madame de Loſtanges ſchüttelte den Kopf, ein ungläubiges Lächeln flog über ihre Lippen. „Harte, ungerechte Frau!“ fuhr Eugen fort.„O! Marie! wie können Sie ſo kalt vernünftig ſeyn!“ t „Lieber Eugen! wie können Sie ſo thö⸗ 71 richt überſpannt ſeyn?““ erwiederte ſie. Indeſſen wurde dieſer närriſche Plan, nachdem er im Ganzen bewundert und in allen Theilen erörtert, kritiſirt, geprüft worden war, in vollem Ernſte angenommen; und ſchon den folgenden Tag fingen Alle an, ohne in ihrem Eifer abgekühlt zu werden, Alles vorzubereiten, um ihn zur Ausführung bringen zu können. Das Haus des Majors, an dem äußer⸗ ſten Ende einer Vorſtadt gelegen, grenzte an ſehr große liegende Gründen, die gekauft wur⸗ den, um den Garten zu vergrößern. Die Mauern wurden ſchnell aufgeführt und Lebens⸗ mit⸗ 12 —— ☛ 17 ☛☚ mittel aller Art eingekauft. Mehrere Bediente, einige aus Ergebenheit, andere durch einen an⸗ lockenden Gewinn gereizt, legten daſſelbe Ge⸗ lübde, wie ihre Herrſchaften ab. Alle nöthigen Vollmachten wurden einem Notar übertragen. Summen wurden niedergelegt, um die Aufla⸗ gen auszugleichen, und die Flüchtlinge aus der geſelligen Welt ſahen dem Tage ihrer Einklei⸗ dung in die Wüſte mit Freuden entgegen. Da die Speicher nicht hinreichend waren, wurden Wagenſchoppen zur Hülfe genommen, um den Vorrath aufzunehmen. Herr Duval unterzog ſich aller dieſer Beſtellungen, und nach⸗ dem das Haus auf ein Jahr verſehen worden, wurde für Ausſaat zu den folgenden Jahren geſorgt. Der ſorgſame Haushalter vergaß auch nicht, ſtarke Pferde und Ochſen für die Feldar⸗ beit und die Hausmühle einzukaufen; der Hüh⸗ nerhof wurde in Ueberfluß bevölkert; ein Thurm im Garten ward zum Taubenſchlag eingerich tet; zwei große Teiche wurden mit Fiſchen ge⸗ Lebewohl. III. Thl. 2 ☛ꝙ 18 ½ füllt; ein Holzgehege für Haſen und Kanin⸗ chen eingerichtet. 4. Dem Herrn Lehon war es übertragen, die Bibliothek des Majors in Ordnung zu bringen; ein Jeder beeilte ſich, ſeine Bücher damit zu vereinen, und dieſe Sammlung wurde bis auf ſechs tauſend Bände vermehrt. Eiin Bedienter war Koch und Büäcker, ein andrer verſtand den Bart zu ſcheeren und die 6 Haare wachſen zu machen und zu friſiren. Drei Kammerfrauen wußten Kleider zu verfer⸗ tigen. Der Bediente des Herrn Duval war Schneider. Zeug für zehn Jahre wurde ein⸗ gekauft; für einen Schuhmacher war auch ge⸗ ſorgt. Während dieſe Veranſtaltungen zu einem einſamen Leben gemacht wurden, ließen die künftigen Bewohner der Wüſte, feſt in ihren Entſchlüſſen, ſich nicht in ihrer gewöhnlichen Lebensart ſtören. Sie beſuchten Geſellſchaften, Concerte, Bälle, ſprachen von Politik, erörter⸗ ten die Zeitſchriften, lauerten auf Neuigkeiten, N ☛ꝙ 19 klaſchten, verleumdeten; Alles aus Liebe zur Einſamkeit. 1u I5=S Ein jeder von ihnen ſprach von einer lan⸗ gen Abweſenheit, von einer Reiſe, die unter⸗ nommen werden mußte; allein aus ihren wirk⸗ lichen Abſichten machten ſie ein Geheimniß, und wußten ſich einer deutlicheren Erklärung zu ent⸗ ziehen. Endlich den letzten Mai wurde der Ein⸗ tritt in die Wüſte feierlichſt begangen. Alle Coloniſten waren im Hof verſammelt; Herr Duval gab Befehl, das äußere Thor zu ver⸗ mauern.„Sei auf immer verſchloſſen, Thor!“ rief er,„das du uns noch unwiderruflicher, als die Unermeßlichkeit des Oceans, von der Welt trennſt, weil unſer unveränderlicher Wille ſie von uns verbannt!“ „Sei mir gegrüßt, du Aufenthalt des Friedens und der Einigkeit,“ fuhr er fort,„hier gilt keine Eigenmacht. Wir Alle, gleichviel Herr oder Diener, erkennen nur die Oberherrſchaft des Geiſtes oder der Schönheit. Unſre Tage werden 2* . ☛ 20£ unter einem lieblichen Wechſel von gegenſeitiger Sorgfalt und Gefälligkeit hinfließen. Die Aus⸗ übung ſtiller Tugenden und ſüßer Neigungen ſoll das Geſchãft unſers Lebens ſeyn; nichts von Ränken! Streit, Neid und Verleumdung bleibe weit von uns entfernt. Heil dem Auf⸗ enthalt des Friedens und des Glückes!“ „„Hier werde ich nicht mehr an meinen vergangenen Ruhm denken;““ ſagte Mafor Dervilliers.„Hier kränkt mich nicht mehr die Ungerechtigkeit der Menſchen; ich werde meinen Garten bauen, meine Felder beſtellen, wie— Der gute Major dachte an Cincinnatus, aber aus Beſcheidenheit hielt er inne. Er ſah rings um, vielleicht in der Hoffnung, daß ein Andrer ſeinen Gedanken ausſprechen würde; allein die Schmeichelei iſt nicht zu Hauſe in der Wüſte. Er ſeufzte:„„Heil dem Aufent⸗ halt der Vergeſſenheit!““ fügte er endlich hinzu. „Hier,“ rief Herr de Lehon, als die eihe an ihn kam,„hier werde ich meine Tage an —— — —— 7 ——— — ☛ 21 ☛ den Füßen meiner Amelie hinleben dürfen, ohne Furcht, lächerlich zu werden in den Augen der Weltleute, denen die zärtliche Liebe eines Ehe⸗ paars gleich Anſtoß gibt! Sei gegrüßt, du Aufenthalt der wolkenloſen Ehe!“ „Gefängniß!““ ſagte leiſe bei ſich Ma⸗ dame de Loſtanges!„„Gefängniß, das mir, Eugen ſo nahe, vielleicht nur zu reizend werden ſoll! Möge die Einförmigkeit dieſes Aufenthal⸗ tes mich nur nicht meines Herzens berauben,“““ „Marie! Sie ſind blaß,“ flüſterte Saint⸗ Albe.„Ach! ich ſehe nur zu deutlich, daß Sie die Welt vermiſſen!“ „Ich dachte an Sie, Engen! an Ihre Zukunft!““ erwiederte ſie ruhig.„„Meinet⸗ wegen iſt es mir gleichgültig, wo ich mich auf⸗ halte. Wenn eine Frau nur von den Weſen, die ihr theuer ſind, umgeben iſt, fühlt ſie ſich immer glücklich; es iſt nicht an mir, mich den Wünſchen und dem Willen meines achtungs⸗ würdigen Oheims zu widerſetzen; vielleicht würde er, wenn ich nicht geweſen, ſich nicht einem ☛ 22 überſpannten Traumbild ergeben haben; allein er gefällt ſich nun darin, und ich finde in die⸗ ſer Trennung von der Welt Anlaß, mich ganz der Erziehung meiner theuren Anéis zu wei⸗ hen. 3 „Sie fürchten, mich vermuthen zu laſſen, Marie! daß Sie auf meine Liebe, und das Glück, das Ihre ſtete Nähe mir einflößen wird, einigen Werth legen können!“ entgegnete Eu⸗ gen.„Sie finden Vergnügen daran, mich zur Verzweiflung zu bringen.“ „„Sie kennen mich ſchlecht, Eugen! verſetzte Marie.„„Sie haben mich bei dem Geräuſch des Zuſammenſchlagens des äußeren Gitters, bei dem Lärm des Zuſchließens, bei dem Anblick der errichteten Schranke bleich werden ſehen; nicht aus Furcht aber, hier auf lange Zeit eingeſchloſſen zu ſeyn, ſondern bei der Vor⸗ ſtellung, daß dieſe Wohnung Ihnen mißfallen werde; daß Sie ſich vielleicht einmal mit der⸗ ſelben Sehnſucht von ihr entfernen werden, als Sie ſich jetzt in ſie verbannt haben.“““ —— —— ☛ 23 „Um Gottes Willen,“ erwiederte Eugen, „beſchimpfen Sie mich nicht! und wenn Sie auch meine Liebe verwerfen, laſſen Sie ihr we⸗ nigſtens Gerechtigkeit widerfahren. Nennen Sie mir den kleinſten Leichtſinn, deſſen ich mich in dem ganzen Jahre, in dem ich Sie kenne und anbete, ſchuldig gemacht habe? Habe ich auf irgend eine Frau nur einen Blick geworfen? habe ich mich nicht allen den Geſellſchaften ent⸗ zogen, woran Sie keinen Antheil genommen? ich habe ihre Kälte ertragen, ohne mich zu be⸗ klagen, ich habe ſogar ihre Vorurtheile geehrt, und was habe ich bei Ihnen erreicht?“ „„Eine wahre Zuneigung,““ lächelte Ma⸗ dame de Loſtanges,„„die mich aber nicht ver⸗ hindert unſre beiderſeitigen Verhältniſſe zu er⸗ kennen und auf ſie Rückſicht zu nehmen. Ich bin ſiebenundzwanzig Jahre alt, und habe vie⸗ les erlitten; das heißt: Erfahrung erworben. Sie ſind vierundzwanzig, reich, liebenswürdig, ganz gebildet, um in der Welt zu gefallen und 2 zu glänzen, eilten Sie von Eroberung zur Er⸗ ☛̈ꝑ ³ 24 oberung, als Sie mich kennen lernten. Sie lieben mich, und wünſchen meine Hand. Se⸗ hen Sie denn nicht ein, daß Sie ſo eine Bahn beſchließen, die Sie kaum angefangen haben. Mein Gatte hat mir nur einen Namen, dem er gewußt, einen ſchönen Ruf zu geben, und die ehrenvolle Pflicht, ſeine Tochter zu erziehen, hinterlaſſen. Ich werde beſchuldigt werden, dem Glanze nachgeſtrebt zu haben; älter als Sie, werde ich ſchon die wenigen Reize, die Sie angezogen, verloren haben, während Sie noch in dem Alter der Leidenſchaften ſtehen. Andre Frauen werden Sie anziehen, eine ſogar vielleicht ſich Ihrer Liebe erfreuen, und ſie wer⸗ den Ihre Bande verwünſchen; unglücklich durch ihre Leiden, könnte dann Marie nicht einmal Ihnen Ihre Freiheit wiedergeben!““ Anéis, die ſo eben einen Theil der Wüſte ſchon durchſtrichen hatte, endete durch ihre plötzliche Erſcheinung dieſe Unterredung; allein der ſchmerzliche Ausdruck, der aus den bewegten Zügen Mariens ſprach, verlor ſich allmählig. ——— —j: ⁴☛ 25 Sdiie wurde inne, daß ſie mit Eugen ganz allein in dem Hof geblieben war, und eilte wieder in den Salon herauf, wo die übrige Geſellſchaft ſich ſchon verſammelt hatte. Die Zimmer wurden ſſo eben vertheilt. Es wurde ausgemacht, daß der Major und ſeine Gattin den erſten Stock des Hauptgebäudes bewohnen ſollten, Herr Duval den zweiten, Herr und Madame de Lehon einen Seitenflügel, Madame de Loſtanges und ihre Tochter den gegenüber ſtehenden; und Herr de Saint⸗Albe bezog einen hübſchen Pavillon mitten im Garten gelegen. Ein Billardzimmer, ein Concertſaal, eine große Bibliothek ſollten zu gemeinſamen Ver⸗ ſammlungsörtern dienen. Nachdem die nöthigen Befehle an die Die⸗ nerſchaft ertheilt waren, verſammelten ſich Alle in der Bibliothek, und Herr Duval erbat ſich für einige Augenblicke die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit. „Meine Herren und Damen!“ begann er ſtehend, nach einer tiefen Verneigung zu al⸗ ☛ 26 len Seiten.„Dieſer wichtige Tag iſt gewiß der ſchönſte, der nur bis jetzt aufgegangen iſt; denn von heute an beginnen wir ein Daſeyn des Friedens und des Glücks.“ „Erlaubt, daß meine Lippen Euch Glück wünſchen, den klugen Entſchluß, Euch der Ge⸗ ſellſchaft der Menſchen, dieſer ſchmutzigen Höhle aller Laſter, zu entziehn, ſo keck ausgeführt zu haben. In der Zukunft ſollen Freundſchaft, Liebe, Natur unſer einzigen Führer ſeyn; kei⸗ ner Eigenmacht, keinen willkührlichen Geſetzen ſind wir hier unterworfen. Einzelne Theile deſſelben Ganzen, ſoll unſer Wille nur einer ſeyn, und gleiche Glieder eines Staates ſoll Niemand ſich Rechte zu eigen machen, an de⸗ nen nicht Alle gleichen Antheil haben.“ „Mit Umſicht habe ich lange über dieſe moraliſche Neigung der Menſchen, immer mit ihrem Geſchick und ihren Verhältniſſen unzufrieden zu ſeyn, gedacht; und ich glaube den Grund dazu in dem angebornen Bedürfniß jedes füh⸗ lenden Geſchöpfs, frei zu ſeyn und frei hau⸗ ☛ 27 ☛☚ — deln zu dürfen, gefunden zu haben. Wenn dies Bedürfniß befriedigt wird, hat der Menſch nichts mehr zu wünſchen, dann wird er ruhig und zufrieden leben. Das iſt, meine Herren und Damen! die Ueberzeugung meines ganzen Lebens. Alle gleich, werden wir wie gute Ge⸗ ſchwiſter leben, ohne daß Jemand von uns die Unrernehmungen des Andern zu tadeln habe; unſrer guten Abſichten gewiß, durch unſer Gewiſſen bekräftigt, ſchwöden wir jetzt Alle, dieſe Anſichten zu befolgen und die Welt und ihre Einrichtungen zu haſſen. Die genauern Vor⸗ ſchriften unſeres?-uſammenlebens, die ich in der Folge bei vorkommenden Gelegenheiten entwer⸗ fen werde, ſollen natürlicher Weiſe aus dieſer reichen und unveränderlichen Quelle hervorſtrö⸗ men; und wenn jene unglücklichen Sterblichen, die in dem Strudel der Welt und unter ſo verſchiedenen Regierungen leben, unſre Geſetze je kennen lernten, würden ſie, unſer Loos be⸗ neidend, ſeufzen: Sie waren glücklich, weil ſie weiſe waren!“ 2 233 ☛ Alle klatſchten dem Herrn Duval 1 Beifall zu, ohne ſich eben Mühe zu geben, ſeine prunk⸗ volle Anrede zu faſſen. „Sollte der Ausdruck nicht richtiger ſeyn, daß ſie weiſe waren, weil ſie verſtanden, glück⸗ lich zu ſeyn?“ fragte Eugen halb leiſe Marien. Aber Herr Duval war noch nicht fertig; er legte ſogleich einige Geſetzvorſchläge vor, und hatte das Vergnügen, ſie begierig von der Ma⸗ jorität angenommen, und mit Artigkeit von der Minorität, die aus Madame Derrilliers und ihrer Nichte beſtand, beigepflichtet zu ſehen. Endlich wurde ein feierlicher Eid, der alle Coloniſten im treuen Verein verband, abgelegt; und dieſer Bund, ihr Geſchick auf zehn Jahre beſtimmend, ſollte das Bedürfniß, auf neue Plane zu ſinnen, das Verlangen, mit einem geliehenen Glanze ſich groß zu thun, den Ehrgeiz, den Durſt nach Ruhm, und andre dem geſelligen Zuſtand anklebende Leidenſchaften aus der Wüſte verbannen. Liebe allein hatte freien Zutritt und durfte hier ihre Herrſchaft ausüben. -,— -,— 29 Herr Duval, mitten in der Bewunderung ſeiner eignen Beredſamkeit und der Begeiſte⸗ rung, welche dieſe erregte, fühlte indeſſen, daß ein ſehr allgemeines Bedürfniß ſeine Gewalt auch über den Magen eines Geſetzgebers aus⸗ üben könne, und er endete ſeine glänzende Rede mit dem Wunſch zu Tiſche zu gehen. Dieſer Appellation an den Appetit der Ge⸗ fährten wurde noch einſtimmiger beigepflichtet, als den Punkten der Conſtitution; ſie drängten ſich faſt nach dem Speiſeſaal hin. Aber die Conſtitution hatte nicht daran ge⸗ dacht, daß gegeſſen werden ſollte, und da nun ein jeder Bewohner der Wüſte der Dienerſchaft etwas beſonders anempfohlen hatte, war kein Eſſen zubereitet. Anfangs wurde gelacht, dann ein wenig Unzufriedenheit geäußert, und zuletzt begnügten ſich Alle mit dem, was in der Eile zubereitet werden konnte. Nach einer ſehr frugalen Mahlzeit, die Alle einig waren, nicht wiederholen zu wollen, wurde ſpaziert, Muſik gemacht, geſpielt; Alle 30 waren liebenswürdig und heiter; und da end⸗ lich die Anſiedler ſich in ihre beſondern Zim⸗ mer zurückgezogen, ſchmeichelte ſich ein Jeder recht ſüß mit den angenehmſten Hirngeſpinn⸗ ſten; Alle gaben in der Stille den ſüßeſten Hoffnungen Raum. Vor allen Eugen, der ſich, durch die Faufte Gleichmuth der Madame de Loſtanges bald an⸗ gezogen, bald zur Verzweiflung getrieben fühlte, berauſchte ſich in den Vorſtellungen, daß er doch gewiß zuletzt ihr Herz erhalten, und daß dieſe Abgeſchloſſenheit, der Liebe ſo günſtig, ihn bald als den glücklichen Gatten der liebenswürdigen Marie umfaſſen würde. Aber wie würden ſie heirathen? in der Wüſte waren weder Obrigkeit noch Prieſter. Aber dieſer Einwurf ſtörte Eu⸗ gen eben nicht, er wußte recht gut, daß die Liebe alle Hinderniſſe beſiegt. Er hatte ſchönere Frauen als Madame de Loſtanges geſehen, aber noch keine ſo anziehend gekannt. Die Erfahrung eines reiferen Alters mit der Reinheit der Jugend vereint, eine un⸗ ☛ 3 S veränderliche Sanftbeit, eine ganz anſpruchsloſe Beſcheidenheit und ein ſeltner Geiſt ſprachen ſich in ihrem ganzen Weſen mit einer Anmuth aus, die ſie unwiderſtehlich machte. Eine Frau, wie Marie, mußte, wenn ſie liebte, die hinge⸗ benſte Geliebte, die nachſichtigſte Freundin ſeyn, Saint⸗Able, mehrere Gegenſtände ſeiner flüch⸗ tigen Jugend⸗Liebe ins Gedächtniß zurückrufend, und ſie mit denſelben vergleichend, fühlte ſich überzeugt, daß er ſie ewig lieben müßte. Ein ſchöner Tag folgte der ruhigen Nacht; die Sonne in ihrer hehren Klarheit flößte Hei⸗ terkeit in alle die Gemüther ein, die ſich ihres Glanzes erfreueten. Der unermüdliche Duval durcheilte, früh aufgeſtanden, mit Wohlbehagen den Garten, der ſeiner Herrſchaft unterworfen war und erdachte neue Geſetze; ſich ſelbſt als den Begründer dieſer ſonderbaren Colonie be⸗ trachtend, wünſchte er die Wohlthaten ſeiner Vernunft ganz über ſie zu verbreiten, und ob⸗ gleich anſcheinender Anhänger der Demokratie, X ☛ 32 ☛ dürſtete doch ſeine Seele im Stillen nach un⸗ umſchränkter Gewalt.— Mit ſich ſelbſt und ſeinen Hoffnungen zu⸗ frieden, kehrte er um die Zeit, wo das Früh⸗ ſtück die Anſiedler verſammelte, zurück. Wer malt aber ſein Erſtaunen beim Eintritt in den Speiſeſaal! Die Dienerſchaft hatte hier ein Mahl angerichtet, das zu vierzig Perſonen hätte hinreichen können; Herr Duval wollte ſo eben nach der Urſache dieſes Ueberfluſſes fragen, als die Uebrigen hinzukamen; ein allgemeines Ge⸗ lächter erſcholl, als dieſe ſich entdeckten; das fru⸗ gale Mittagsmahl des vorigen Tages hatte Jedem eine gerechte Furcht wegen des heutigen Frühſtücks eingeflößt; und ein jedes Mitglied der Colonie, in der Abſicht, der Vergeſſenheit der andern vorzubeugen, hatte ein ausgewähltes Frühſtück für acht Perſonen beſtellt; ſelbſt die kleine Anéis hatte ohne Vorwiſſen der Mutter ſolche Leckereien beſtellt, die ihr beſonders ange⸗ nehm waren. Dieſe erſte Ausübung ihres freien Wil⸗ ☛ꝙ½ 33 ☛☚ Willens hatte der Kleinen eine noch größere Liebe für die Wüſte eingeflößt..at hi4. Die Anſiedler ſahen bei dieſer Gelegenheit ein, daß die freie Ausübung ſo vieler verſchie⸗ dener Willen nur eine Verwirrung hervorbrin⸗ gen würde, an die der Geſetzgeber noch gar nicht gedacht, und er ſelbſt ſchlug als erſte Verbeſſung der angenommenen Verfaſſung vor, einen von der kleinen Geſellſchaft zum Oberauf⸗ ſeher der Colonie zu erwählen. Dieſer Vorſchlag wurde angenommen, und Madame de Loſtanges einſtimmig gewählt. Sie gab endlich lächelnd den dringenden Bitten der Freunde nach. Von dieſer Stunde konnte der gute Herr Duval nicht umhin, diejenigen, die einen andern als ihn zu dieſer neuen Würde erwählt, in der Tiefe ſeines Herzens der Un⸗ dankbarkeit und des Mangels an geſunder Ur⸗ theilskraft zu beſchuldigen. Indeſſen erfüllte Madame de Loſtanges mit Leichtigkeit und Sicherheit alle Functionen ihres Amtes, und ein Jeder war nur darauf be⸗ Lebewohl. III. Thl. 3 ⁴☛ 34 dacht, ſein Leben, ſo wie er es wünſchte, ein⸗ zurichten. 3 Als der Sonntag kam, wurden die An⸗ ſiedler erſt inne, daß ſie vergeſſen hatten, einen Prieſter in die Colonie einzuführen, und daß nun keine Meſſe geleſen werden konnte. Herr Duval, der nicht gern ſah, daß etwas vermißt wurde, und recht lebhaft wünſchte, Alle, die unter den von ihm entworfenen Geſetzen lebten, zu befriedigen, rief die Anſiedler der Wüſte, Herren und Diener, zuſammen, und hielt eine lange Rede, in der er darſtellte, daß Gott zu⸗ frieden ſei, wenn wir nur Alles thun, was in unſrer Gewalt ſtehe! „Robinſon und Alle, die in der Einſam⸗ keit gelebt,“ ſprach er,„waren nicht weniger Chriſten, obgleich ſie nicht, wie in der Welt, einen geregelten Gottesdienſt beobachten konnten. Die frommen Einſiedler in der Wüſte Thebais hatten nicht mehr als wir, weder Prieſter noch Kirchen. Wir wollen es ſo wie ſie machen; wir ☛ ³ 35 wollen in Gemeinſchaft beten, und Gott wird unter uns ſeyn!“ Nach einer weit längeren Rede, die einer Predigt ſehr ähnlich ſah, und worin er an⸗ zeigte, daß er alle Sonn⸗ und Feſttage eine ſolche halten, und einen eignen Gottesdienſt einrichten würde, ſchloß er alſo:„Unſre Hul⸗ digung ſoll rein, unſer Weihrauch der Gottheit wohlgefällig ſeyn. Weder Aergerniß, noch Be⸗ trug, noch Bosheit findet unter uns Statt. In den Augen der Religion werden wir Heilige, in denen der menſchlichen Vernunft Weltweiſe ſeyn!“ Die Worte und Vorſchläge des Herrn Duval fanden Beifall; noch denſelben Tag trat er ſein neues Amt an; und Alles ging vortrefflich. 112 1 So verſtrich ein Monat in Frieden und Ruhe. Mariens Benehmen war ganz daſſelbe wie in der Welt, und ihr häusliches Leben un⸗ verändert. Eugen, untröſtlich, ihr nicht näher gekommen zu ſeyn, als vor dem Eintritt in die 3* ☛ 36 Wüſte, beſchwerte ſich darüber und flehete wech⸗ ſelsweiſe. Herr Duval, der bis hieher nur dar⸗ auf bedacht geweſen, neue Punkte zu ſeiner Conſtitution zu entwerfen und andre abzuän⸗ dern, begann, ſich ein wenig Ruhe zu geben; er wurde nun erſt recht inne, daß Madame de Loſtanges ſehr reizend ſei. Bald fühlte er ſich⸗ überzeugt, daß die Leere, welche er der ſelbſter⸗ wählten Lebensweiſe zum Trotze im Inneren fühlte, nur aus dem Mangel an einer liebens⸗ würdigen Begleiterin durch das Leben enkſtand, und der Gedanke an eine Heirath in der Wüſte, der ſeinen Durſt nach immer neuen Abenteuern reizte, flößte ihm auf einmal eine Begeiſterung ein, die er als eine unüberwindliche Leidenſchaft betrachtete. An Eugens Liebe konnte er nicht zweifeln; allein Mariens gewöhnliche Ruhe erregte die Vermuthung bei ihm, daß ſie jener nur mit Freundſchaft entgegen kam. Uebrigens in ei⸗ nem Alter von fünfundvierzig Jahren den Sieg über den Herrn Saint⸗Albe, der noch — ☛ 3 ☚ micht fünfundzwanzig war, davon zu tragen, würde ein ſchöner Triumph ſeyn. Alle Ge⸗ danken des verliebten Geſetzgebers dreheten ſich nun um dieſen Zweck. 3 Von dieſem Augenblick ließ er keine Ge⸗ legenheit unbenutzt, um ſich der Madame de Loſtanges gefällig zu machen, und beſonders um ſie zu überzeugen, daß er von einer inneren Flamme glühete, der, obgleich ſie ſein Inneres verzehrte, er doch nicht wagte Luft zu geben. In ſeinem äußeren Benehmen war indeſſen keine größere Veränderung vorgegangen. Er ſuchte nie der ſüßen Genugthunng Eugens, der ſchönen Witwe ungeſtört nahe zu ſeyn, irgend ein Hinderniß in den Weg zu legen, ſondern er ſeufzte nur in ihrer Gegenwart, erſchien zer⸗ ſtreut, in ſich gekehrt, zog ſich zurück, wenn Eugen ſich um ſie bemühete, und kehrte dann mit einem leidenden Ausdruck, der von ſtillem Unglick zeugte, zu der Geſellſchaft: zurück. Zu gleicher Zeit verſäumte Herr Duval kein Mittel, um die Gunſt des Majors und ̈ 38 4 „ ſeiner Gattin zu gewinnen; er bediente ſich des feinſten Lobes, führte immer das Geſpräch auf die Waffenthaten des Herrn Dervilliers zurück, ließ ſich zehnmal gehörte Erzählungen von ſei⸗ nen Gefechten wiederholen, und ſchien ſie jedes⸗ mal mit neuer Theilnahme anzuhören. Bei Madame Derrvilliers führte er eine andre Sprache; er lobte die mütterliche Sorg⸗ falt, die ſie der Madame de Loſtanges widmete, und flößte ihr Unruhe wegen der Zukunft der lieblichen Witwe ein, in ſo fern dieſe ſich hinrei⸗ ßen ließe, die Betheuerungen der Liobe des Herrn de Saint⸗Albe zu erwiedern. Madame Dervilliers hatte Eugen ſehr gern, ſie würde mit Vergnü⸗ gen geſehen haben, daß er der Gatte ihrer Nichte wurde, Herr Duval rief behend die Verleumdung zur Hülfe; er, ließ dieſe alle Schritte Eugens bewachen, Alles, was er that, ſeine einfachſten Worte vergiften. Ein junges Mädchen in der Meierei, das er einige Male recht hübſch, gefunden, wurde der Vorwand ei⸗ ner ſchweren Beſchuldigung. Sie wurde als 4 * ☛ 39 ein Opfer trügeriſcher Verſprechungen darge⸗ ſtellt, das ſich täglich mehr der Verzweiflung ergab, weil ſie ſich von Eugen vexlaſſen ſah. Die gute Madame Dervilliers würde über eine Jugendverirrung gelächelt haben; ſie war aber empört über eine voraus überlegte Ver⸗ führung; allein als ſie ſelbſt zwiſchen den Schul⸗ digen und ſein Opfer ins Mittel treten wollte, war das junge Mädchen auf einmalverſchwunden. Dieſer Vorfall bildete mehr als einen Tag lang eine Neuigkeit von großer Bedeutung für die Anſiedler. Sie verwunderten ſich, daß Je⸗ mand der Bewohner den Reizen der Wüſte ſo⸗ bald hatte entſagen können; und durch eine noch angelegte Leiter wurde es entdeckt, daß das Mädchen über die Mauer geklettert war. Kein Verdacht ließ ſich vernehmen, daß Eugen treulos und der Grund dieſer Flucht geweſen, blos Madame Dervilliers meinte, die wahre Ur⸗ ſache recht⸗ gut zu wiſſen; allein Herr Duval, der ſchon eine große Herrſchaft über ihren Geiſt ☛ 40 ☛r ausübte, nahm ihr das Verſprechen ab, dies Abenteuer nicht weiter zu verfolgen. Sie empfand die Nothwendigkeit, über dieſe Sache zu ſchweigen, und gab nach; aber von dieſem Augenblick war ſie ganz verändert rück⸗ ſichtlich Eugens. Sie ließ es ſich ſehr ange⸗ legen ſeyn, ihre Nichte zu bewegen, den Mann, der ihrer Meinung nach ſie allein glücklich ma⸗ chen konnte, zum Gatten zu erwählen. Die auffallende Kälte, die ihm Madame Dervilliers bezeigte, that dem Herrn de Saint⸗ Albe ſehr leid; er konnte nicht begreifen, wo⸗ her ſie entſtanden wäre; er bemerkte zugleich, daß Herr Duval einen ſehr hohen Platz in ihrer Gunſt beſüße. Die Eiferſucht gab ihm Licht; er bemerkte die feurigen Blicke, welche Jener auf Marien warf; und der ſteten Zurückhal⸗ tung der Geliebten ungeachtet, wagte er ſie, der Gefallſucht zu beſchuldigen. Madame de Loſtanges hörte lächelnd einen ſo ungegründeten Vorwurf, und ſagte ihm of⸗ fen, daß ſie in der That recht gut bemerkt —— »— ———— machen. ☛ 41 hätte, daß Herr Duval wähnte, in ſie verliebt zu ſeyn; Eugen ſann wüthend auf Rache ge⸗ gen den Nebenbuhler. Sie errieth ihn, und ſuchte ihn zu beruhigen, und erhielt er auch nicht das ſüße Geſtändniß, das er ihr entrei⸗ ßen möchte, verließ er ſie doch wieder mit der Ueberzeugung, daß Herr Duval nie das Recht erhalten würde, Anſpruch auf ihre Liebe zu Auch Madame Derrvilliers ſah bald mit Kummer ein, daß, wenn auch Madame de Lo⸗ ſtanges ſich im Laufe der Zeit beſtimmen würde, wieder zu heirathen, ihr Günſtling Duval den⸗ noch nur ſehr wenig Hoffnung hatte. Ein verdrießliches Ereigniß, das Beſtür⸗ zung unter die Anſiedler der Wüſte verbreitete, hemmte auf lange Zeit alle kleinen Ränke, und ſchien die gemeinſame Theilnahme in Anſpruch zu nehmen. Herr de Saint⸗Albe war krank geworden; ſchon den zweiten Tag war es deut⸗ lich zu ſehen, daß er bedeutend angegriffen war; und am dritten Abend wurde ſein Zuſtand ſo ☛ 42 beunruhigend, daß der Eine den Andern ängſtlich anſah, ohne daß er die Beſorgniſſe, dier Wedet fühlte, auszuſprechen wagte. Herr Duval hatte einige Mittel angege⸗ ben, die Anfangs mit Ungeduld angenommen worden waren; aber von dem Augenblick an, da Eugen beinahe nicht mehr wußte, was rings um ihn vorging, theilte er in einem gelehrten aufſchneidenden Tone Befehle aus, und warf ſich in die Bruſt, als wüäre er der erprobteſte aller Schüler Hippokrates geweſen. Er hoffte ſchon, die ganze Umgebung von ſeinen tiefen Kenntniſſen der Heilkunſt überzeugt zu haben, als er mit einem bittern Verdruß, der nur mit ſeiner grenzenloſen Eitelkeit verglichen werden kann, anhören mußte, wie Madame de Loſtan⸗ ges mit Kraft darauf beſtand, daß ſchleunige Hülfe für Eugen geſucht wurde. 1 Zwar ward ihr eingewandt, daß ſie keinen Verkehr mit der Außenwelt haben dürfte, daß ſie ſelbſt, ſo wie die Uebrigen, ein Gelübde abgelegt hätte. Das Uebergewicht des Herrn —Vʒ⏑ÿX————.y ☛ 43— Duval war noch vorherrſchend, und ſeine mit höhnender Zuverſicht ausgeſprochnen Worte: ich bin ja hier, entkräftete die Theilnahme, die Marie zu Gunſten des Kranken zu erregen ſuchte.— 9 Sie ließ ſich aber nicht irre machen. „Wie!“ rief ſie:„Ihr wollt ihn aus. Man⸗ gel an thätiger Hülfe ſterben laſſen? Leere Vorſchriften ſollen über den Drang, das Leben eines Menſchen zu retten, den Ihr Freund ge⸗ nannt, ſiegen? Soll das Stärke der Seele ſeyn, ein Gelübde zuhalten, das hier ausgeübt, uns nur uns ſelbſt unwürdig machen wird?“ Uebrigens, fügte Marie mit leiſerer, bewegter Stimme hinzu, wohl fühlend, daß es nicht der rechte Augen⸗ blick ſei, die überſpannten Geiſter zu reizen; „übrigens geſtatten unſre Geſetze nur zweimal in zehn Jahren ausgehen zu dürfen: ich verlange die Beſtätigung dazu, die mir nicht verweigert werden kann.“ Die Stimmen wurden geſammelt, und die ungeduldige Marie erhielt endlich die geſuchte — ³ 4 ☛ 44 Erlaubniß. Sie durchbrach die Schranke, die zwiſchen der Wüſte und der Welt errichtet war, und befand ſich wieder in Paris. Der Lärm, die Bewegung, welche die, Ruhe ihres gewöhn⸗ lichen Anfenthaltes ſo plötzlich ablöſte, betäubte ſie, ohne ſie von ihrem einzigen Zweck zu ent⸗ fernen. Sie ſuchte ihren Arzt, in dem ſie im⸗ mer einen ergebenen Freund gefunden. Er er⸗ ſtaunte, ſie bei ihm erſcheinen zu ſehen; denn er glaubte ſie auf Reiſen; ſie theilte ihm flüch⸗ tig die Gründe mit, die ſie von der großen Ge⸗ ſellſchaft entfernt hielt, nachdem ſie ſich ſeiner Verſchwiegenheit verſichert hatte; dann, ohne ihm die kleinſte Bemerkung weiter zu geſtatten, fragte ſie ihn um Rath wegen Eugens. Sie beſchrieb dem Arzte ſeinen Zuſtand und die Fortſchritte der Krankheit ſo genau, als wenn er gegenwärtig geweſen. Er beſtimmte die Ver⸗ fahrungsart, die angewendet werden müßte, und kam mit ihr über ein Mittel überein, wodurch ſie mit einander in dauernder Verbin⸗ dung bleiben konnten, ohne daß die Uebrigen — — ⁴☛ 45 die kleinſte Ahnung davon hatten. Dann eilte ſie ſchnell zurück, nachdem ſie erſt Alles einge⸗ kauft, was der Arzt dem Kranken, der ihre Theilnahme ſo lebhaft in Anſpruch enunmen, vorgeſchrieben. Sobald ſie wieder die Wuſte betreten, wurde ſie von Fragen beſtürmt, die alle bewie⸗ ſen, wie ſehr die Einſiedler an dem weltlichen Leben, das ſie verworfen, noch hingen. „Ich möchte doch gern wiſſen, wie jetzt die Mode iſt?“ ſagte Madame Lehon. „„Hatte man einige Vermuthung, wo wir geblieben ſind? Iſt wieder Krieg?““ fragte der Major. „Wie gehts in der Politik?“ äußerte Herr Duval.— „„Wenn Sie nur blos die Schauſpiel⸗ anzeigen durchgelaufen hätten, würden Sie mir doch die neueſten und merkwürdigſten Neuigkeiten nennen können!““ meinte Herr de Lehon. Marie befriedigte Niemanden. Sie hatte nichts geſehen, nichts bemerkt. Paris war für ꝙú(ũ 46 SMSG ſie die wirkliche Wüſte. Alle Gegenſtände ihrer Zuneigung waren ja in den Mauern eingeſchloſ⸗ ſen, die ſie für wenige Stunden verlaſſen. Als ſie Eugen wieder ſah, war er ohne Beſinnung; er hatte erfahren, daß Madame de Loſtanges abweſend ſei, und mit einem herz⸗ zerreißenden Ausdruck verlangte er nun Marie von Marien ſelbſt zurück. Ihren Muth zuſammenraffend, führte ſie nun mit der gewiſſenhafteſten Genauigkeit Al⸗ les aus, was der Arzt anempfohlen hatte. Ihre Sorgfalt war nicht vergeblich; ihre Thrä⸗ nen, ihre Gebete wurden erhört. Saint⸗Albe wurde allmählig ruhiger, er kannte Madame de Loſtanges wieder, trank aus dem Thau ihrer Augen neuen Zuwachs für ſeine Liebe, und las in den verſtörten Zügen der holden Marie, daß er auf Glüͤck hoffen dürfte.. Madame Loſtanges hatte jetzt die Strenge verloren, ihm Stillſchweigen zu gebieten, wenn er von ſeiner innigen Ergebung ſprach; wäh⸗ rend ſie für ſein Leben zitterte, hatte ſie ihr ☛ 4 ☚ eignes Herz noch beſſer kennen gelernt; und zu offen, um dem Geliebten ihre Gefühle zu verſchweigen, ließ ſie ihm das volle Glück eines ſo ſüßen Geſtändniſſes empfinden. 3 Schon lange hatte ſie Saint⸗„Albe ge⸗ liebt; indeſſen waren die faſt unüberſteiglichen Hinderniſſe, die ſich in ihrem Herzen ſeinen Wünſchen entgegen ſtemmten, keinesweges Ver⸗ ſtellung. Ihr Verhältniß als Witwe ſchien ihr Pflichten aufzuerlegen, die ſie zu verletzen fürchtete. Sie ſcheuete, ihre Tochter einem an⸗ deren Willen, als dem ihrigen anzuvertrauen. Ihr geringes Vermögen, Eugens Jugend und Leichtſinn gaben ihr auch, wie wir gehört, mehr als hinreichende Gründe, die Zuneigung, die ſie an ihn zog, zu bekämpfen. Sie würde ihrem Herzen, Eugens inbrün⸗ ſtigen Bitten widerſtanden haben; ſie ward aber von der Furcht, ihn zu verlieren, beſiegt. Es dünkte ſie, daß wenn ſie ihn mit neuen Banden umgebe, müſſe ſie ihn auch feſter an das Leben binden; und nachdem ſie ihm tau⸗ ☛ 46 ☚ο ſendmal wiederholt, daß ſie ihn liebe, zeigte ſie ihm eine Reihe von ſchönen Jahren, um das Bedürfniß eines langen Daſeyns, ſo zu ſagen, in ihm zu kräftigen. Der Major und ſeine Frau erfuhren nicht ohne Mißvergnügen die Wahl ihrer Nichte. Madame Dervilliers, als ſie ſie entſchieden ſah, erzählte ihr das Abenteuer des geflüchteten Mäd⸗ chens, das Eugen verführt haben ſollte, ganz ſo, wie ſie es von dem Herrn Duval hatte. Marie erwiederte ohne Bedenken, daß es eine Verleumdung ſei, und verſprach Eugen, die Seinige zu werden; ſie verband aber mit ihrem Verſprechen eine Bedingung, gegen die er ver⸗ gebens Einſpruch that; erſt nach Verlauf eines Jahres wollte ſie ihm die Hand reichen. Nadame de Loſtanges hatte gewünſcht, daß ihre Verlobung ein Geheimniß bliebe; ale lein die Tante ließ Herrn Duval wenigſtens ſie vermuthen, damit er ſich nicht länger mit einer trügeriſchen Hoffnung ſchmeicheln ſollte. Von dieſem Augenblick wurde Herr Duval, der, 3 ☛ 49 ☛☚ρ der, koſte was es wolle, eine intereſſante Relle gern ſpielen möchte, ein Heros der Freundſchaft, da er nicht ein Heros der Liebe hatte werden können. Er weihete Eugen eine Ergebenheit, der dieſer nur ſehr wenig entſprach. Er ſchien ferner ſeinen Gönner bei der Madame de Lo⸗ ſtanges, die zwar nicht ihre Gefühle für den Freund an den Tag legte, aber ſie auch nicht zu verbergen ſuchte, abgeben zu wollen. Glücklich der vollen Empfindung der Liebe ſich ergeben zu dürfen, noch glücklicher bei dem Gefühl, Glück einzuflößen, hatte Marie der zurückgezogenen Lebensweiſe, der ſie gewiſſen⸗ haft bis an die Krankheit Eugens gefolgt, all⸗ mählig entſagt. Vergebens verſuchte ſie mitunter ihn vor der beſtimmten Stunde, in der die Geſellſchaft ſich verſammelte, nicht ſehen zu wollen, aber er beklagte ſich ſo ſanft darüber, wünſchte den Zuſtand, dem ſie ihn entriſſen, zurück, und erſchrocken durch dieſe Erinnerung, gab ſie nach. Bald vergaß ſie die vernünftigen Gründe, Lebewohl. III. Thl. 4 ☛ 50 ☛☚ die ſie beſtimmt hatten, ihre Morgenſtunden ganz einſam zu verbringen, und gab dem Reiz, geliebt zu werden, nach; auch ſie ſah jeden Augenblick, den ſie entfernt von Saint⸗Albe verlebte, als verloren an. Sie, die ſo oft gelächelt hatte, wenn Ame⸗ lie und ihr Gatte ſich mit den Augen ſuchten und feſthielten, fühlte ſich unzufrieden, wenn ein Dritter ſich in ihr Geſpräch mit Eugen miſchte, und empfand eine Ungeduld, die ſie kaum zu verhehlen wußte, wenn ſie gezwungen wurde, ſich nicht ausſchließlich mit dem gelieb⸗ ten Gegenſtand zu beſchäftigen. Sie hatte ſich über den Werth gewundert, den das Geſchenk der größten Kleinigkeit für jene verheiratheten Liebenden zu haben ſchien, jetzt begriff ſie ihn; mit einer Empfindung von Glück heftete ſie die Blume, die ihr Eugen überreichte, an ihren Buſen, und hatte die Ma⸗ dame de Lehon noch lieber, der Freude wegen, womit dieſe ſich mit dem Blumenſtrauß ſchmückte, den ihr der Gatte jeden Morgen brachte. T ☛ꝙ 51 So verlebte Marie, von einer ſüßen Lei⸗ denſchaft bezaubert, die ſchönen Tage des Le⸗ bens, welche die gegenſeitige Ueberzeugung, in⸗ nig geliebt zu ſeyn, eine Vorempfindung himm⸗ liſcher Wonne ertheilt; Eugen las immer in ihren Blicken die Zuſicherung der reinſten Liebe. Keine Wolke trübte den kurzen Tag ihres Glücks.. Als der Herbſt ſchon angefangen war, und die Abende länger und kälter wurden, ver⸗ ſammelten ſich gern die Bewohner der Wüſte beim Anbruch der Nacht in dem Concertſaal. Eines Abends, als die Lichter noch nicht angezündet waren, hörte das Geſpräch, nach⸗ dem es ſchon eine Weile nur ſchläfrig geführt worden war, auf einmal ganz auf. Die Lan⸗ geweile ſchien ſich in die Wüſte eingeniſtet zu haben. Eugen brach zuerſt das lange Still⸗ ſchweigen mit den Worten: „Ach!l jetzt iſt's an der Zeit, wo alle Leute von dem Lande zurückkehren. Die Feſte, die Abendgeſellſchaften werden wieder beginnen. Ich 4 ☛ 52 möchte doch gern wiſſen, was von uns in Pa⸗ ris geſprochen wird,“ fügte er ſeufzend hinzu. „Ja!““ entgegnete Madame de Lehon! „„es würde recht intereſſant feyn, zu wiſſen, was man von unſerer Abweſenheit denkt, und ob man daran denkt! Erinnern Sie ſich, Saint⸗ Albe! an den herrlichen Ball, der den dritten Tag nach meiner Hochzeit gegeben wurde 2“ „Ich glaubte, liebe Amelie!“ unterbrach ſie Herr de Lehon,„daß Sie ſich bei dem Balle gar nicht amüſirt hätten.“ „Gar nicht; aber deſſen ungeachtet war der Ball ſelbſt doch ſehr angenehm!““ erwie⸗ derte ſie. „Wenn ich Augen für Andre als Sie hätte haben können, meine liebe Freundin,“ fuhr Herr de Lehon fort,„würde ich ſehr ſchöne Frauen dort bemerkt haben; unter andern, Ma⸗ dame de Sorbelle! Sie iſt ein wenig eoquett, aber welch ein hinreißendes Geſchöpf! Apropos, Saint⸗Albe, es wurde damals davon geſpro⸗ chen, daß Sie ihr Anbeter wären.“ ☛̈ 53 „Ich?““ rief Eugen verwirrt.„„Ich verſichere Ihnen, daß nichts an dem iſt.““ „Es iſt auch nicht denkbar,“ fügte Herr Duval hinzu,„daß Herr de Saint⸗Albe ſelbſt die kleinſte Erinnerung von einer Welt und einer Zeit, die ihm ſchon ſo fern liegt, aufbe⸗ wahrt haben ſollte.“ „„Es iſt Schade,““ meinte der Major, „„das wir nicht daran gedacht haben, uns die Zeitungen zu verſchaffen!““ „Aber ſollte das nicht dem Lebensplan, den wir erwählt, zuwider ſeyn?“ fragte Ma⸗ dame Dervilliers. „„Ganz und gar nicht; die Zeitungen kommen überall hin;““ entgegnete Herr de Le⸗ hon ſchnell.„„Wir müſſen daran denken, uns welche zu verſchaffen, wenigſtens ein literariſches Journal; unterdeſſen— was machen wir denn heute Abend, meine Damen? Wenn es Ihnen gefällt, will ich Ihnen ein kleines Gedicht auf die Vorzüge des geſelligen Lebens vorleſen; eine ☛ 54 5 Kleinigkeit, womit ich die Stunden meiner Muße 1 ausgefüllt.“““ 3„Es ſcheint,“ flüſterte Amelie Eugenen in das Ohr,„daß er unter dieſer Benennung die Stunden ſeines ganzen Lebens verſteht; denn er hört keinen Augenblick auf, die unglückſeligen Verſe zu machen und wieder umzumachen.“ „„Ach! ja! ja! etwas vorleſen! das iſt ja herrlich!““ rief die gute Madame Dervil⸗ liers;„„ziehen Sie die Glocke, damit ſie Lich⸗ ter bringen.““ „Bemühen Sie ſich nicht!“ ſagte Mada⸗ me de Loſtanges, indem ſie auſſtand⸗„ich will Lichter bringen laſſen.“ „„Ei, liebe Nichte,““ verſetzte Madame Dervilliers, die ein kleines Zittern an der Stimme Mariens bemerkt hatte;„„ſind Sie nicht ganz wohl?““ „Seien Sie unbeſorgt, theure Tante! ich gehe nur einen Augenblick in meine Zimmer!“ fuhr ſie fort. 55 „Kann ich es nicht beſorgen?““ fragte Eugen, ſich Marien nahend. „Ich danke Ihnen!“ erwiederte Madame de Loſtanges und eilte hinaus. Marie ließ dem Diener, der Lichter brachte, ſagen, daß Sie ſich nicht ganz wohl befände, und auf ihrem Zimmer blieb. Als ſie in ihr Cabinet hineingetreten war, verſchloß ſie die Thür, und dem heftigen Klopfen ihres Herzens nachgebend, warf ſie ſich, ein Raub von tauſend Betrachtungen, die ſie nicht beſeitigen konnte, auf einen Stuhl.. Sie hatte gemeint aus dem Ton und den wenigen Worten, die Eugen ausgeſprochen, be⸗ merken zu können, daß ſie nicht mehr der ein⸗ zige Gegenſtand ſeiner Gedanken ſei. Der erſte Augenblick dieſes ſo ſchöne Träume zerſtö⸗ renden Zweifels drückte ſie ſehr ſchwer nieder. Ihre Vernunft, ihre vieljährige Erfahrung hatte der Athem der Liebe verweht. Ihr ge⸗ fährlicher Zauber hatte ſie mit ſüßen Täuſchun⸗ gen umgeben. Eben ſo vertrauend als innig, ☛ꝙ 356 glaubte Madame de Loſtanges ſich, ſo wie ſie ſelbſt liebte, geliebt; kein eiferſüchtiger Argwohn hatte noch dem Gegenſtande ihrer Zuneigung irgend einen Makel angeheftet. Jetzt, da ein Wort ſeine Erinnerung an die Vergangenheit verrathen, ein Seufzer den empfundenen Ver⸗ luſt einer Welt, die ſie völlig vergeſſen, aus⸗ gedrückt, öffnete ſich ihr gepreßtes Herz tau⸗ ſend peinlichen Empfindungen. Sie rief ſich die nächſt vorhergegangene Zeit zurück; der äußere Anſchein lächelnder Ruhe war noch um ſie verbreitet, indeſſen empfand ſie, noch ehe es ihr deutlich wurde, tauſend kleine Umſtände, unter welchen Saint⸗Albe ſich nicht ganz denſelben, wie früher, gezeigt. Seit einiger Zeit war Madame de Lehon, die ſchon angefangen, die Sorgfalt für ihre Toilette ein wenig zu vernachläſſigen, in allem Glanze einer Frau, die zu gefallen wünſcht, wieder er⸗ ſchienen. Ihr Gatte, ſeinem Geſchmack für die Dichtkunſt mehr als je ergeben, hatte aufgehört, zärtlicher Liebhaber zu ſeyn; aufgehört, ihr des ☛ 57 ☛ Morgens den Strauß zu überreichen, den er ſonſt alle Tage zuſammenlas; indeſſen trägt Madame de Lehon oft andre Blumen, die ihr 3 eine aufmerkſamere Hand geſchenkt. Sie ver⸗ ſchwendet noch in den erſten Monaten der Ver⸗ bannung in der Wüſte die hübſchen, ſeidenen Stoffe, die zum ⸗Gebrauch der zehn Jahre be⸗ ſtimmt waren, und erſcheint alle Tage in ei⸗ nem neuen Kleide. Tauſend Kleinigkeiten ſtellten ſich Mariens Gedächtniſſe dar, und verwundete ſie da, wo ihr Herz am verletzbarſten war. Amelie, ihrer alten Muſikſtücken längſt überdrüßig, hatte ſich einſt darüber beklagt; den folgenden Tag hatte ihr Eugen eine Romanze überreicht, die er für . ſie componirt hatte. 3 Marie fand eine Art Reiz darin, Eugens Unrecht zu vergrößern; es war das erſte Mal, daß ſie liebte, und zum erſten Mal fühlte ſie Anwandlung von Eiferſucht. Eugen war indeſſen weit weniger ſtraf⸗ bar, als er in Mariens Augen erſchien. Er ☛ 58 liebte ſie wie immer; allein er empfand, ohne ſich es ſelbſt geſtehen zu wollen, das Bedürfniß eines belebteren Daſeyns. Selbſt Mariens lie⸗ benswürdiger Charakter trug dazu bei, ihm die Einförmigkeit ſeines Lebens weniger erträglich zu machen. Ein wenig Gefallſucht, einige kleine Launen hätten doch Abwechſelung hervorgebracht, und Saint⸗Albe würde nicht das anziehende Schmachten der Madame de Lehon bemerkt haben. Amelie, die in dem Gotte der Ehe nur im⸗ mer den Gott der Liebe erblicken wollte, hielt ſich für unglücklich, ſobald ihr Gatte ſeinem alten Geſchmack für die Poeſie nachhing. Sie wähnte, daß Herr de Lehon ſie nicht mehr rei⸗ zend fand, weil er ſich minder ſuperlativer Aus⸗ drücke bediente, ſie glaubte ſich weniger geliebt, weil er ſich nicht mehr ausſchließlich mit ihr beſchäftigte. Ueble Laune hatte die übertriebe⸗ nen Schmeichelworte abgelöſt. Die junge, gern gefallende Amelie dachte nicht daran, daß ſie die Ruhe ihres ganzen Lebens auf das Spiel ☛ 59 ſetzte. Schön und lebhaft, wie ſie war, wurde es ihr nicht ſchwer, Eugen eine Empfindung einzuflößen, die, wenn er nur ein wenig dar⸗ über gedacht hätte, ihm als eine Untreue er⸗ ſchienen wäre, und Madame de Loſtanges, un⸗ bekannt mit der Gewalt ihrer Anmuth, nahm eine vorübergehende Grille, die nur eine Täu⸗ ſchung der Phantaſie ſeyn konnte, für Liebe. Madame de Loſtanges kehrte jenen Abend nicht zurück. Sie hörte die Geſellſchaft ſich trennen; dieſe war einen Augenblick moch auf der Terraſſe zuſammengeblieben, und Eugens Stimme, die heiter zu ihr hinauf klang, durch⸗ bebte ihr ſchauderndes Herz. Die Betrachtungen einer peinlichen Nacht brachten die gewöhnliche Ruhe in Mariens Züge zurück, ohne doch den Ausdruck des Schmerzes ganz verwiſchen zu köanen. Als ſie bein Früh⸗ ſtück erſchien, verwunderten ſich Alle. Eugen drückte ſeine Unruhe ſo lebhaft aus, daß ſie jede Frau, die weniger innig, als die Madame de Loſtanges liebte, beruhigt haben würde. 60£☛ Um die Aufmerkſamkeit von ſich abzulen⸗ ken, ſprach ſie von dem Gedichte von vorigem Abend, und bedauerte, daß ihr Uebelbefinden ſie verhindert hatte, der Vorleſung beizuwohnen. Von dem Augenblick, wo ſie die Eigenliebe des Dichters in Bewegung geſetzt, brauchte ſie nicht das Geſpräch fortzuführen. Herr de Lehon ſprach von ſich und be⸗ wunderte ſich ſelbſt. Der Major gab einem Anfalle von Gicht der üblen Laune Schuld, von der er ſeit einiger Zeit ununterbrochen be⸗ fallen war. Amelie ſchmollte mit Eugen, deſ⸗ ſen Blicke nur auf Marien ruheten; und Ma⸗ dame Derrvilliers wunderte ſich, daß Herr Du⸗ val gar nicht erſcheinen wollte. Endlich ließ man bei ihm anklopfen; keine Antwort. Un⸗ ruhe bemächtigte ſich Aller Gemüther. Seine Zimmer wurden nun geöffnet, und folgender Brief an den Major gefunden. „Lebewohl,“ ſchrieb Duval.„Dieſe Ein⸗ „ſamkeit, wo ich das Glück zu finden gehofft „habe, iſt mir ſehr verhängnißvoll geworden, ☛ 61 ☚. „weil in ihrem Schooße ein Gefühl ſich mei⸗ „nes Herzens bemächtigt hat, das mich in das „Grab zieht!“. Bei dieſen Worten ſchlugen alle die Hände zuſammen, und Jeder ſuchte ſchon zu errathen, auf welche Weiſe der unglückliche Duval ſeine Bahn beſchloſſen haben möchte. Es fand ſich aber noch eine Nachſchrift, und der Major fuhr fort: „Ich entfliehe, nicht um wieder einzutre⸗ „ten in die Geſellſchaft, die ich verabſcheue, „ſondern um von ihr entfernt, in einer Abgeſchloſ⸗ „ſenheit zu leben, die nur das Andenken der „einzig Geliebten verſchönern ſoll. O! Ihr, „die Ihr Alle zuſammen meine Freunde waret! „Lebt glücklich in Eurem beglückten Aufenthalt, „und ſchenkt meinem Unglücke eine Thräne.“ Der Major überhäufte Madame de Lo⸗ ſtanges mit Vorwürfen, Amelie, neidiſch viel⸗ leicht, eine ähnliche Leidenſchaft nicht eingeflößt zu haben, beklagte den Herrn Duval, und ließ ſich einige ſchneidende Stichelreden gegen Ma⸗ — — —⁴⁴jj¼ — 62 rien entſchlüpfen, die ſie zu überhören ſchien, und dem Oheim mit kindlicher Achtung entgeg⸗ nete, daß ſie nicht glauben könnte, dem Herrn Duval eine ſo heftige Neigung eingeflößt zu haben, da ſie keinen Augenblick ſeine Abſichten ermuntert hätte, daß ſie vielmehr dächte, daß ſich die Langeweile des Verſchwundenen bemäch⸗ tigt hätte, von der Stunde an, da er ſich nicht länger als die Triebfeder, die Alles in Bewe⸗ gung ſetzte, habe anſehen können; daß er das Bedürfniß empfunden, zu einer Lebensweiſe, die mehr ſeinem Geſchmack entſprach, zurückzu⸗ kehren, und nur ſo ſeiner Flucht einen Grund hätte geben wollen. Der Major aber wollte keine Gründe an⸗ nehmen, und erneuerte ſeine Verwünſchungen gegen die menſchliche Geſellſchaft; indeſſen da doch ſeine Begeiſterung ſchon herabgeſpannt war, legte ſich der Zorn allmählig wieder, und ſein Haß äußerte ſich weniger heftig. Madame Dervilliers machte die Bemer⸗ kung, daß Herr Duval wenigſtens in ſeiner — ,.— ³ ☛ 63 2 Verzweiflung auf Alles bedacht geweſen; er hatte alle ſeine Sachen mit ſich genommen und ſein Bedienter war ihm gefolgt. 1 Die Abweſenheit des Herrn Duval ver⸗ ſchlimmerte nicht wenig die üble Laune des Ma⸗ jors; Marie, die ſich eine Pflicht daraus mach⸗ te, ihn zu erheitern, gab dadurch der Ma⸗ dame de Lehon volle Muße, Eugen ganz an ſich zu ziehen. Saint⸗Albe's ganze Liebe war aufs neue entflammt, ſobald er entdeckt zu haben glaubte, daß Marie eiferſüchtig ſei; wie gern hätte er eine Erklärung mit ihr gehabt; aber wie ſollte er ſie einleiten? In Madame de Loſtanges Zü⸗ gen, in ihrem Geſpräch herrſchte noch immer dieſelbe Sanftheit; ihr ſagen, daß er fürchtete, ſie beleidigt zu haben, war beinahe, ihr zu ge⸗ ſtehen, daß er dieſe Abſicht gehabt. Eugen, der keinen Fehler an der Frau, die die ſeinige werden ſollte, entdecken konnte, klagte ſie in ſei⸗ ner Ungeduld der Kälte an, während er in ☛ 64 ☛ ihrem Betragen nur ein ehrenvolles Vertrauen auf ſeine Verpflichtungen hätte erblicken ſollen. Unzufrieden mit ſich ſelbſt, von der Ma⸗ daͤme de Lehon angezogen, ängſtlich forſchend, irgend ein Unrecht bei Marien zu finden, um ſich das zu verſchleiern, das er gegen ſie gern haben möchte, ging er eines Abends, in ſich ge⸗ kehrt, in ſeinem Zimmer auf und nieder. Da fiel plötzlich ſein Blick auf einen Brief, mit der Auf⸗ ſchrift an ihn, der auf ſeinem Seeretair lag. Er öffnete ihn erſtaunt, und wußte nicht, ob es ein Traum wäre; als er Folgendes las: „Endlich habe ich den Ort, wo Sie woh⸗ „nen, entdeckt; brauche ich Ihnen zu ſagen, „daß mein Herz vor Freude gebebt hat! Von „Ihnen verlaſſen, in dem Augenblick, wo Ihr „Streben, meine Liebe zu erwerben, mein Herz „endlich gerührt, einer neuen Leidenſchaft auf⸗ „geopfert, hätte ich Sie haſſen ſollen, Saint⸗ „Albe! Ach! und ich kann Sie nur lieben.“ „Der Freund, der mich durch die Nach⸗ „richt, daß ſie nur durch Mauern und Schlöſſer . von ☛ 65 „von mir getrennt ſind, dem Leben wiedergege⸗ „ben, hat mir ſogleich geſagt, daß Sie noch „frei ſind. Dieſe Gewißheit gibt mir Muth „zu dem Verſuch, mich dem Abgrund zu entreißen, „in den die gänzliche Verlaſſenheit von Ihnen „mich verſenkt.“ „Ich will nicht als Nebenbuhlerin von der „ſprechen, die mich Ihrer Liebe beraubt; Sie „verdient geliebt zu werden; allein iſt ſie auch „diejenige, die Sie glücklich machen kann? „Können Sie die traurige Verpflichtung, ihre „ſchönſten Tage in einer langweiligen Einför⸗ „migkeit hinzuziehen, Leben nennen? Wenn auch „Ihr Vermögen Sie unabhängig macht, ſo wird „doch gewiß ein edler Stolz, der Sie zu „dem glänzendſten Geſchick einladet, in Ihrer „Seele ſchlummern.“ „Madame de Loſtanges liebt Sie; ich „glaube es; allein wie viele andre Neigungen „würden ihr, ſelbſt ohne, Sie noch immer das „Leben theuer machen; und Sie allein erfül⸗ „len mein Herz. Galt es auch, Ihnen bis Lebewohl. III. Thl. 5 —-õ——— ☛ o 66 „ans Ende der Welt zu folgen, hätte die gar „zu glückliche Emma Vermögen und Vaterland „gern aufgeopfert, und doch nichts gethan zu „haben geglaubt. Von Ihnen entfernt, was „kümmert mich das Leben?“ „Eugen! ich fordre nicht die Liebe zurück, „die Sie zu meinen Füßen geſchworen; nur „eine Erinnerung an die liebende Emma de Sorbelle.“ Eugens erſtes Gefühl war außerordentli⸗ che Neugierde, wie dies Schreiben zu ihm gelangt war, und wer Emma von ſeinem Aufenthalte und gegenwärtiger Lebensweiſe hatte unterrichten können. Er befragte ſeinen Die⸗ ner, der ihm erzählte, daß der Brief von einem der Bedienten des Majors ihm übergeben war; dieſer hatte ihn am Fuß der zugemauerten Pforte gefunden, wo er vermuthlich hineingeſchoben worden war. Eugen konnte nichts mehr er⸗ fahren; und er wagte nicht, weitläuftigere Fra⸗ gen zu machen, weil dieſe den Verdacht hätten 67 erregen können, daß die Sache ihm angele⸗ gen war. Aber als er dies Blatt noch einmal durch⸗ las, glaubte er, Emma vor ſich zu ſehen; er rief ſich die Zeit ins Gedächtniß zurück, da ſeine Phantaſie ihn überredet hatte, daß ſein Lebensglück davon abhing, ihre Neigung zu gewinnen. Von dem Augenblick an, da Madame de Sorbelle, als Witwe eines Greiſes, von dem glänzenden Blendwerk eines großen Vermögens und einer vornehmen Geburt umgeben, in der großen Welt erſchienen war, hatte ſie alle Blicke auf ſich gezogen. Ihre Schönheit erntete ihr Huldigungen von Allen Seiten ein, und ihr Streben allen zu gefallen, brachte diejenigen zur Verzweiflung, die ihr Herz zu gewinnen ge⸗ hofft hatten. Eugen hatte alle ſeine Neben⸗ buhler entfernt; das Gerücht ſprach ſchon von ihrer Heirath, als der Zufall ihn oft in die Nähe der Madame de Loſtanges führte. Ma⸗ riens Sanftmuth, ihre Beſcheidenheit beſiegten 5* tin werden; allein dieſe Hoffnung beglückte ihn ☛̈ 68 die glänzenden Reize der Madame de Sorbelle. Eugen ſah von der Stunde an nur Marien,— und auf einmal waren alle die Bande, die er früher gewünſcht, unauflöslich knüpfen zu kön⸗ nen, wieder aufgelöſt; er hatte der Madame de Sorbelle noch keine förmliche Erklärung ge⸗ macht und keine Untreue begangen. Emma's gegenwärtiges Unternehmen, die Empfindung, die ſie ihm aufbewahrt hatte, obgleich er ſich deren unwürdig gemacht, die leidenſchaftliche Liebe, die ſie jetzt erblicken ließ, Alles machte einen tiefen Eindruck auf ſeinen Geiſt. Die Gründe, welche Marie vor dem Eintritt in die Wüſte als hinreichend, um ihre Verbindung zu beſeitigen, den ſeinen ent⸗ gegengeſetzt hatte, erneuerten ſich in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe. Mit demſelben Eifer, womit er dieſelben widerlegt hatte, bemühte er ſich nun, ſie gültig zu finden. Indeſſen ſiel es ihm nicht ein, ſeinen Verpflichtungen untreu zu ſeyn. Marie ſollte zu der beſtimmten Zeit ſeine Gat⸗ ☛ 69 ☛ nicht mehr. Er berechnete nun die Zukunft, und die Anſprüche des Reichthums und des Ehrgeizes ſchlichen ſich in ſein Herz hinein, das früher nur Raum für die Liebe gehabt. Madame de Lehon beſchäftigte zugleich ſeine Phantaſie; mit Fug konnte er das, was er für dieſe junge, thörichte Frau fühlte, nicht mit der Neigung, die ihm Marie noch immer einhauchte, vergleichen. Er tadelte ihren Leicht⸗ ſinn, er ſah deutlich, daß nur Unthätigkeit und Langeweile ſie immer weiter von ihrem Gatten entfernten; indeſſen Amelie war doch ſo anzie⸗ hend, coquettirte auf eine ſo naive Weiſe, daß er unmöglich ihrem Zauberlächeln widerſtehen konnte. Madame de Loſtanges äußerte nie Unruhe, nie Eiferſucht. Sie litt alſo nicht bei dieſem kleinen Eingriff in die Verpflichtungen einer Liebe ohne Wanken? Nachdem Eugen ſich auf dieſe Weiſe mit ſeinem Gewiſſen abgefunden, legte er ſich mit dem Gedanken an Madame de Sorbelle und ☛ 70 ☛ mit der Hoffnung nieder, die Flatterhaftigkeit der jungen Amelie zu Gunſten eines ergötzli⸗ chen Zeitvertreibes lenken zu können. Er glaubte Alles, worauf die innige Ergebung Mariens Anſpruch machen konnte, erfüllt zu haben, in⸗ dem er ihr die Hoffnung, Emma zu beſitzen, aufopferte, und ſchlief vielleicht ein wenig be⸗ troffen über ſeine dreifache Liebe ein. Herr de Lehon, obgleich völlig zu ſeinem Hang für die Literatur zurückgekehrt, liebte in⸗ deſſen noch immer ſeine Gattin, und ſah nicht ohne eine ſehr bittere Empfindung ihre wach⸗ ſende Vertraulichkeit mit Eugen, Er hatte An⸗ fangs in ſehr liebevollen Ausdrücken mit ihr davon geſprochen; aber Amelie nahm mit Ver⸗ druß Winke auf, die ſie Vorwürfe nannte; und indem ſie immer auf ironiſche Bemerkun⸗ gen über ſeine Neigung zu der Poeſie zurück⸗ kam, entfernte ſie ſich immer mehr das Herz ihres Gatten. Er verbrachte jetzt beinahe den ganzen Tag in ſeinem Cabinette eingeſchloſſen, und wenn er — 1 —.,— 1 —— .— ☛ 71 in dem Cirkel erſchien, vermehrte ſeine ſchweig⸗ ſame, üble Laune den ſchon ziemlich allgemeinen Zwang. Die thörichte Amelie ſchien in dieſem Be⸗ nehmen ein neues Unrecht gegen ſich zu erblik⸗ ken; und verdoppelte ihre Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit für Eugen. Zwang und Mißtrauen herrſchten nun im⸗ mer thätiger in dem Aufenthalt des Friedens; keiner ſuchte den andern mehr; und der Abend verſammelte die Anſiedler ohne Vergnügen. Das Geſpräch wurde nur dann etwas belebt, wenn die Rede auf die Welt fiel, der ſie we⸗ nige Monate früher mit einem ſo fröhlichen Eifer entſagt hatten. Kurz ein Wort würde die Thüren alle wieder geöffnet haben; allein die allgemeine Scham, einen ſo wohl überdach⸗ ten Entſchluß zu bereuen, hielt das Wort zu⸗ rück, und Jeder lobte die Reize eines abge⸗ ſchloſſenen Lebens, mit dem Ausdruck der Langen⸗ weile, der die Lobreden in Spott verwandelt. Seit ein Paar Tagen hatte die kleine ☛ 72 ☚ Anéis ſich unwohl befunden. Sie hatte eine ſehr unruhige Nacht; die Mutter, die noch mehr als vorher ihre ganze Liebe in ſie zu⸗ ſammendrängte, war aufgeblieben. Es war in der Mitte des Octobers; die Luft war noch mild; gegen ſechs Uhr des Morgens war das Kind endlich ruhig eingeſchlummert; Madame de Loſtanges öffnete ein Fenſter, um friſche kuſt einzulaſſen. Sie hatte einige Augenblice vor dem za ſter geſtanden, und dachte ſchon daran, ſich nie⸗ derlegen zu wollen, um ein Paar Stunden aus⸗ zuruhen, als ſie vernahm, daß die äußere Thür des Flügels, den Herr und Madame de Lehon bewohnten, ganz leiſe geöffnet wurde. Die Vorſicht, womit dies geſchah, erregte ein unbe⸗ ſtimmtes, ſchmerzliches Vorgefühl in Mariens Buſen, das ſie feſt an die Stelle feſſelte, wo ſie ſtand. Eine IJalouſie, beſtimmt, die Tageshelle von dem Bette der Kleinen abzuhalten, wel⸗ che die Madame de Loſtanges nicht in die — — ☛ 73 Höhe gezogen, gab ihr Gelegenheit, Alles be⸗ merken zu können, ohne geſehen zu werden. Eine weibliche Geſtalt erſchien auf der Thürſchwelle. Sie rückte hervor, hielt wieder inne, ging dann wieder zurück, ſah ſich furcht⸗ ſam zu allen Seiten um, machte wieder einige Schritte, und eilte dann noch ſchneller zurück; auf einmal ließ ſich ein leichtes Geräuſch in einem nahen Bosquet vernehmen; ein junger Mann wurde am Eingang einer dunklen Allee ſichtbar. Er ſtreckte die Arme bittend aus; als die Geſtalt noch ſäumte, kniete er nieder. Die Frau gab ihm einen Wink, ſich zu entfer⸗ nen. Eugen— Marie konnte nicht länger zweifeln— ſchüttelte den Kopf. Die Frau war ſchon umgekehrt, hatte die Thür wieder aufgemacht, und war im Begriff, dieſe zu einer Scheidewand zwiſchen ſich und ihrer Pflichtver⸗ vergeſſenheit zu machen, als er hervorſtürzte, ihre Hand ergriff, und ſiegend ſie mit ſich fort⸗ zog. Die zerſchmetternde Gewißheit, nicht mehr ☛☛ 74 geliebt zu ſeyn, faßte mit zerreißenden Krallen Mariens Herz. Men Ihr Herz hatte ſie benachrichtigt, ihre Blicke hatten ſie nicht getäuſcht; der treuloſe Eugen, die ſtrafbare Amelie hatten alle Rückſich⸗ ten vergeſſen. Madame de Loſtanges blieb unbeweglich ſtehen, die Augen ſtarr auf das Bosquet hef⸗ tend, das alle ihre Hoffnungen vom Glück ver⸗ ſchlungen hatte; ihr lauſchendes Ohr glaubte noch, Saint⸗Albes Tritt vernehmen zu können, als die verhängnißvolle Thür noch einmal, aber mit Geräuſch, ſich öffnete. Herr de Lehon ſtürzte ſich in die Fußtapfen ſeiner Gattin. Erſchrecken ward nun das einzige deutliche Gefühl Mariens! Sie eilte mit klopfendem Her⸗ zen die Treppe hinunter, aber kaum hatte ſie den Garten betreten, als der Knall einer Pi⸗ ſtole ſich zweimal gleich nach einander hören ließ, und das durchdringende Geſchrei Ameliens die arme Frau in eine ſolche Herzensangſt ver⸗ ſetzte, daß ſie gezwungen war, ſich an einen —— ☛ 75 Baum zu halten; denn ihre zitternden Knie konn⸗. ten ſie nicht mehr ertragen. Faſt in demſelben Augenblick fand ſie ſich von der ganzen Colonie umgeben. Die auf⸗ geſchreckte Dienerſchaft ſtürzte herbei; tauſend Fragen beſtürmten ſie; außer ſich vor Ent⸗ ſetzen, konnte ſie kein Wort hervorſtammeln. Die Fragen hörten auf, als Herr de Lehon wieder mit der faſt lebloſen Amelie in ſeinen Armen erſchien. Herr de Saint⸗Albe beglei⸗ tete ihn. Er ſchlug die Augen nieder und er⸗ röthete, als er Marien erblickte. Alle dräng⸗ ten ſich nun verwirrt um die Männer. Herr de Lehon übergab ſeine Frau den Bedienten, und befahl, ſie in ihr Zimmer zu bringen, dann erzählte er mit innerer Unruhe, die er vergeb⸗ lich unter einem Lächeln zu verbergen ſuchte, daß Madame de Lehon erſchrocken war, daß ſie zu ihm heraufgekommen wäre, und ihm verſichert, daß ſie Diebe im Garten geſehen; daß er ſich beeilt, mit ſeinen Piſtolen bewaff⸗ net, herunter zu ſteigen; daß ſie ihm gefolgt ☛̈ 76 ☛☚ wäre, daß er in der That einen Menſch be⸗ merkt zu haben glaubte, der ſich längs der Mauer hinſchlich, worauf er beide Piſtolen abgefeuert, deren Knall das ganze Haus, den Herrn de Saint⸗Albe zuerſt von Allen, er⸗ weckt, und Amelie ohnmächtig gemacht hätte. Es wurde über dieſe unvermuthete Stö⸗ rung gelacht, und Alle gingen wieder zur Ruhe, indem Jeder für ſich Betrachtungen über dieſen Vorfall anſtellte, der ein Gegenſtand des Ge⸗ ſſprächs des ganzen folgenden Tages war. Madame de Loſtanges, in ihrem Zimmer verſchloſſen, dankte Gott, daß ihre peinlichen Beſorgniſſe nicht in Erfüllung gegangen waren; Herr de Lehon, Eugen lebten Beide. In den erſten Augenblicken war ihr Herz nur mit fro⸗ hem Dank gegen die Vorſehung erfüllt; aber bei den ſchmerzlichen Umſtänden verweilend, die dieſen herbeigeführt, konnte ſie nicht umhin, mit Bitterkeit Saint⸗Albe anzuklagen. Sie weinte lange, nicht aus ſtolzem Un⸗ willen, nicht aus gekränkter Selbſtſucht, aber — — —,— ⁴☛ 77 ſie liebte, und mußte einer Liebe entſagen, die weder Glück ſchenken, noch Glück mehr em⸗ pfangen konnte. Madame Derrvilliers beſuchte ihre Nichte denſelben Morgen; ſie ſprach von dem Aben⸗ teuer der frühen Morgenſtunde, und ließ eini⸗ gen Verdacht hervorblicken. Madame de Lo⸗ ſtanges, dem großmüthigen Rückhalt des Herrn de Lehon entſprechend, ſagte kein Wort, das jenen beſtärken konnte. Sie zeigte nur an, daß ſie, ermüdet durch das Nachtwachen bei der Tochter, und noch nicht ganz von dem Schreck erholt, den ganzen Tag hindurch in ihrem Zim⸗ mer bleiben wollte. Ihr wahrer Grund war Furcht, Eugen wiederzuſehen. Hoffte er, ſie noch zu täuſchen? hatte er wirklich die Abſicht, es zu thun? konnte er meinen, daß ſie der Fa⸗ bel des Herrn de Lehon einigen Glauben beige⸗ legt hatte. Wie würde er ſich in der Zukunft benehmen? Wie konnten die beiden Männer, die Feinde geworden, ſich mit einander vertragen? „O! Amelie! Amelie!“ ſeufzte Madame de 1 — 78 Loſtanges.„Wie viele ſind Opfer deines ſtraf⸗ baren Leichtſinnes geworden?“ Herr de Lehon hatte ſich ſogleich in ſein Zimmer eingeſchloſſen; Ameliens Bitten, die ſich mehrmals in Thränen aufgelöſt, bei ſeiner Thür eingefunden, hatte er ſtill ohne die rinſte Erwiederung angehört. Eugen erſchien bei der Mittagstafel, wo er nur den Major und ſeine Gattin fand, aber ſo niedergeſchlagen, mit einer ſo tiefen Unruhe in allen Zügen, daß der Argwohn der Tante ſich in Gewißheit verwandelte. Sie begegnete ihm mit der größten Kälte. Der Major ſpannte ihn auf die Folter, indem er ihm unaufhörlich neue Fragen, jenes Abenteuer betreffend, vor⸗ legte, und er fühlte eine Art Linderung, als ihm endlich die Höflichkeit geſtattete, zu ent⸗ ſchlüpfen. Den nächſten Morgen war Madame de Loſtanges, die ſich indeſſen in ſich geſammelt, eben im Begriff, wie gewöhnlich, herunter gehen zu wollen, als Madame de Lehon, bleich, mit ge⸗ 4 [— ☛ 79 ſchwollenen Augen und einen Brief in der Hand, lebhaft zu ihr hineintrat. Marie wurde bei ihrem Anblick auch bleich und zitterte; allein die erſten Worte der armen Frau verbannten ſo⸗ gleich jeden Schatten von Unwillen. „Ich habe Sie beleidigt, Madame,“ begann Amelie,„und doch ſind Sier es allein, der ich mich mit Vertrauen nähern darf. Stoßen Sie mich nicht zurück; ja, ich habe gewähnt, an eiſter unſeligen Coquetterie Vergnügen zu finden. Mein Gatte flieht, verſtößt mich; er glaubt mich⸗ ſtrafbar; und dennoch fühle ich, daß ich ihn allein geliebt habe; ich habe einen höchſt unbe⸗ dachtſamen Schritt Zethan; jedoch iſt nur der Schein gegen mich. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll, um ſein Herz wieder zu gewinnen?“ „„Ein aufrichtiges Geſtändniß!““ erwie⸗ derte Madame de Loſtanges,„„und ein in der Zukunft untadelhaftes Benehmen wird gewiß Herrn de Lehon erweichen.““ „Aber er verläßt mich, und verbietet mir, ihm zu folgen!“ verſetzte Amelie beinahe ——— 2 ◻☛☚ᷣ 80 ſchluchzend; und unfähig ein Wort mehr zu ſa⸗ gen, überreichte ſie Marien das Blatt. Es enthielt bittre Vorwürfe wegen der Un⸗ beſtändigkeit ſeiner Frau. Er wüßte wohl, 3 ſchrieb er, daß ſie noch nicht alle ihre Pflich⸗ ten verrathen, aber ſie liebte ihn nicht mehr, und er gab ihr den Eid der Treue zurück, der nur eine drückende Bürde für ſie geworden war⸗ „Der Mann, den Sie mir vorgezogen,“ ſagte er weiterhin,„wird mich genug rä⸗ „chen; möge ſeine Veränderlichkeit Ihr Herz „zerreißen, wie Sie das meine zerriſſen. Ich „fliehe, denn ich haſſe ihn; und doch verpflich⸗ „tet mich ſeine verhaßte Großmuth, mich nicht „an ihm zu rächen. Waruin hat er ſich ge⸗ „weigert, auf mich zu ſchießen? Fürchtete er, „mich eines Lebens zu berauben, das er nicht „gefürchtet, mir unerträglich zu machen?“ Der Reſt des Schreibens enthielt das aus⸗ drückliche Verbot, ihm nachzufolgen; und des Unwillens ungeachtet, der aus jedem Worte her⸗ vor⸗ ☛ 81 ☛ vorleuchtete, war es leicht zu ſehen, wie ſehr Herr de Lehon noch immer ſeine Gattin liebte. Ameliens Thränen und ihre Verzweiflung rührten Madame de Loſtanges heftig. Sie ſchloß ſie in ihre Arme, und ganz vergeſſend, wie viel Gram Amelie über ſie gehaucht hatte, ſuchte ſie ihr Hoffnung und Troſt einzuflößen. Es war der erſte wahre Kummer, der Madame de Lehon getroffen, und ſie ergab ſich dieſem mit aller der Heftigkeit und dem Klein⸗ muth eines Weſens, die nur die glücklichen Täuſchungen des Lebens, und nie es ſelbſt ge⸗ kannt; die Gewalt ihrer Empfindungen ließ ſie in der tröſtenden liebevollen Freundin einen Schutzengel erblicken. Sie geſtand in ihrer Reue, daß der Neid, immer Madame de Lo⸗ ſtanges rühmen zu hören, ſie vor Allem hin⸗ geriſſen; ſie gab ſich alle Schuld, und mit Rückſicht auf ihre Erzählung ließ ſich Vieles zu Eugens Entſchuldigung ſagen; vielleicht hatte er ſchon in Mariens Herzen einen noch be⸗ redteren Anwald gefunden. Lebewohl. III. Thl.— 6 ☛ 82 ☛̈ o Es galt nun zu entſcheiden, wie Madame de Lehon ſich zu verhalten hatte; ſie ergab ſich ganz der Lenkung ihrer Freundin, die ihr be⸗ theuerte, daß ihr Glück ihr eben ſo angelegen, wie das eigne ſeyn würde. Um die Abweſenheit des Herrn de Lehon zu bemänteln, wurde abgeredet, daß man dem Najor berichten ſollte, daß ſeine Liebe zu der neuen Literatur mit einer ſo unwiderſtehlichen Gewalt in ihm erwacht wäre, daß er die Wüſte auf einige Zeit verlaſſen, um ſich mit völliger Freiheit dieſem Hang zu ergeben, und ein Ge⸗ dicht auf das geſellige Leben drucken zu laſſen. Der gute Major, überraſcht und unzufrie⸗ 3 den mit ſeiner Ausreißerei, tadelte den Grund dazu mit ſolcher Heftigkeit, daß Amelie nahe daran war, ſich ſelbſt zu verrathen, um ihren Gatten zu vertheidigen. Es gelang indeſſen Marien wie immer bald den Oheim zu beſänf⸗ tigen, und ſie ſorgte auch dafür, daß Amelie die Freiheit erhielt, ſich auf einige Zeit ganz —,— — ☛ 83 ☛ von der übrigen Geſellſchaft zurückzuziehen. Sie zog zur Madame de Loſtanges ein, und erſchien nicht mehr bei der Tafel. Sie wollte Eugen nicht mehr wiederſehen; und nur mit Widerwillen konnte ſie an ihn denken. Wenn Saint⸗Albe ſich in der Nähe der Madame de Loſtanges befand, fürchtete er, ih⸗ ren Blicken zu begegnen. Er fühlte recht gut, daß die Erzählung des Herrn de Lehon nicht ſie hatte täuſchen können, und er machte ſich ſelbſt alle die Vorwürfe, die ſie an ihn zu rige ten befugt war. Blos die Bläſſe Mariens lehrte ihn, daß ſie gelitten hatte; der gewöhnliche ſchmerzliche Ausdruck ihrer Augen war unverändert; aber ſie ſchlug ſie nieder, ſobald Saint⸗Albe die ſeinen auf ſie heftete. Ihre ſanfte, rührende Stimme hatte nichts von ihrer Anmuth verloren, ob⸗ gleich ſie, gegen Eugen gerichtet, einen ſtrengen Ton annahm. Er fühlte, daß ſie tief verletzt war, und er verfluchte den unglücklichen Zu⸗ 6* Sinn hatte er ſchon lange überhört; rief: ☛ꝙ 84 fall, der ihr das Geheimniß ſeines Zuſammen⸗ findens mit Madame de Lehon verrieth.—— * 5* 24 Hier hielt Theobald im Leſen inne. Der Herr de Saint-Clement, der durch das unerwartete Stillſchweigen aus einem hal⸗ ben Schlummer emporfuhr, in den ihn die Laute der Worte längſt eingewiegt, denn ihren „Schon aus?“ „Das Heft iſt aus,““ verſetzte Theobald, „entweder fehlen einige Blätter oder Sie ha⸗ ben das Uebrige noch in ihrem Portefeuille, wenn nicht ganz und gar die Erzählung hier unterbrochen iſt, doch daß müſſen ja Sie am beſten wiſſen!“““ „Allerdings!“ entgegnete der Baron, „ich habe freilich das letzte nicht völlig gehört — aber der Schluß iſt federleicht— um Hochzeit zu halten, müſſen die Liebenden ja die Wüſte verlaſſen, und die andern, die der Ein⸗ ☛ 85 ſamkeit, eben ſo, wie wir auch, überdrüſſig ſind beeilten ſich ihnen zu folgen. „„Der Schluß ſcheint ein wenig über⸗ eilt!““ bemerkte Madame de Serval!„„Es ſcheint, daß jetzt von keiner ie L hgei mehe die Rede ſeyn kann.“““ „Unmglich 1 rief Noali, und doch bin ich begierig, wie es kommen mag.“ „„Ich kann es in der That nicht ſa⸗ gen!“““ fuhr der Baron fort, und Ihr müſſet alle längſt eingeſehen haben, daß ich nicht eine Geſchichte geſchrieben haben kann, die ich nicht, Geduld habe, zu Ende zu hören. Aufrichtig, wie ich dazu gekommen bin, weiß ich nicht mehr! Nur des Spaßes wegen mit der Wüſte, iſt ſie mir wieder eingefallen, und ich nahm ſie hervor, um das Wort auszuſprechen, das Nie⸗ mand von uns über die Lippen bringen will. Wir haben Langeweile, Kinder. Nun iſt es ausgeſprochen, und da kein Gelübde uns in der ſchönen Wüſte bindet, die ſogar unſern näch⸗ ſten Nachbarn verſchloſſen iſt, ſo meine ich—. ☛ 86 „Was Sie wollen!“ unterbrach ihn Gu⸗ ſtav, deſſen Blick auf Noali geruht, und der daher die letzte Stichelrede überhört hatte!„aber ſo 1 kowmen Sie nicht weg! Ungeſtraft täuſcht man die Erwartung ſo verehrter Zuhörer nicht— und entweder müſſen Sie den Schluß herbei ſchaffen, oder ſelbſt einen folgerechten machen. „„Ich,““ unterbrach ihn der Baron, „Sie fordern eine Unmöglichkeit! Zudem, wenn Sie das ſchon Gehörte beherzigen wol⸗ len, hat die Moral der Erzählung ſich ſchon beſtätigt, und macht alles Weitere unnöthig. 1 Denn in der That— Nun! die Hoffnung, die Welt bald wieder zu ſehen, konnte mich freilich begeiſtern. 71 „Als eine gute Hausfrau,“ nahm auf ein⸗ mal die bis jetzt ſchweigende Cäeilie mit einem ernſten Lächeln das Wort,„will ich die Strafe meines Herrn tragen, ich läugne nicht— es iſt etwas in dieſer Erzählung, des mich ange⸗ zogen,— der milde Sinn Mariens, und ich mache mich verbindlich, morgen Abend einen —— 1 —— ☛ 87 Schluß herbeizuführen, oder doch dafür zu ſte⸗ hen, daß er befriedigen wird!“ Alle beeilten ſich, das Anerbieten der Ba⸗ ronin dankbar anzunehmen. Der Baron küßte ihre Hand.„Nicht wahr,“ ſagte er,„er endet mit einer Rückkehr nach der Stadt, und wir werden Alle folgen.“ Der Baron hatte Recht; ſeine Liſt hatte wirklich wenigſtens Guſtavs Lippen gelöſt.„Ich darf Ihnen nicht widerſprechen,“ verſetzte er, „denn mein Urlaub geht zu Ende, und ich fühle mich ſo ſehr hergeſtellt, daß ich daran nicht denken darf, ihn verlängert zu erhalten!“ „„Und nicht wahr,““ rief der Baron er⸗ freut, den ein Strahl aus Noali's Blicken plötzlich einen neuen Gedanken eingeflößt,„„Ma⸗ dame de Serval hat noch nie Paris geſehen? wir können unſre Zurückreiſe, die ſonſt uns zu trennen drohte, zu einem Mittel machen, uns noch inniger zu verbinden; wir brauchen nur zuſammen zu bleiben; und unſre zwei liebe ☛ 38 Freundinnen werden doch nicht verſchmähen, meine Gäſte zu ſeyn. Guſtav ſchauderte bei dieſem Vorſchlag; denn an der Seite ſeiner ſchönen Couſine aufs neue zu erſcheinen, war ja gewiſſermaßen, den Argmohn und die Beſorgniſſe ſeiner Unbekann⸗ ten zu rechtfertigen. Theobald ſchlug die Au⸗ gen nieder; Noali's Blicke ſuchten vergebens den ſeinigen zu begegnen, um darin zu leſen, ob dieſe Reiſe auch ihm lieb ſei; ihre Züge wurden belebt; die Vergnügungen von Paris, ihre glänzenden Feſte, tauſend neue Vorſtellun⸗ gen hauchten ein leichtes Erröthen über ihre Wangen, die einen Augenblick vorher durch das Wort: Abreiſe, erbleicht waren. Madame de Serval hatte mit ſchneller Um⸗ ſicht ſogleich berechnet, daß eine jede Veranlaſ⸗ fung von ihrer Seite, Noali in ſeine Nähe zu bringen, leicht das Anſehen haben könnte, als ſtrebte ſie, ihn zu feſſeln, und daß ſie auch nicht Theobalden den Leiden eines immer erneuerten Kampfes bloßſtellen dürfte; ſchlug ſie daher die ☛ 89 Einladung aus. Der Baron aber, der nicht ſo leicht einen einmal gefaßten Plan aufgab, drang mit neuen Bitten in ſie, die ſie noch beſtimmter ablehnte, vielleicht nicht ohne ein wenig Unwillen wegen des Stillſchweigens, in welchem Guſtav während der ganzen Unterhand⸗ lung beharrte. Eine Thräne bebte in Noali's Augen, obgleich ſie, um nicht die Mutter zu betrüben, zu lächeln ſtrebte. Guſtav, nachdem das pein⸗ liche Stillſchweigen gebrochen war, konnte nicht 1 genug eilen, alle Veranſtaltungen zu einer Reiſe zu beſchleunigen, die, ſo hoffte er, ihn in die Nähe der Unbekannten bringen würde, und Theobalden, überall ein Raub ſeiner Liebe und dem Gefühl ſeines Verluſtes, war es zu gleichgül⸗ tig, wo er ſich aufhielt, als daß er dem ſchnell aauszuführenden Entſchluß einige Hinderniſſe in den Weg legen ſollte. Der Morgen, nachdem die Baronin die Erzählung beendigt haben würde, wurde zu der Abreiſe beſtimmt. Die Bewohner von Lineuil ☛ 0 ☛☚ wurden förmlich zu dem folgenden Tag einge⸗ laden, und als dann die Abendſtunde erſchien, und die Lichter angeſteckt waren, nahm Cüäcilie ohne Ziererei, wie ohne Verlegenheit, ein klei⸗ nes, zierlich geſchriebenes Heft hervor, und las mit ſtillem Ernſt, wie folgt: Schluß der Wuͤſte in Paris. Mariens Tage waren zwiſchen den Pflichten, die ſie an dem Oheim ausübte, und der Er⸗ ziehung ihrer Tochter, ſammt vertrauten Unter⸗ redungen mit Amelien getheilt. Dieſe junge Frau, deren ganze Seele jetzt mit ſchwärmeri⸗ ſcher Bewunderung an Madame de Loſtanges Lippen hing, ſtrebte, ſich ganz nach ihr zu bil⸗ den. Sie beſchäftigte ſich mit Anéis, ſie un⸗ terrichtete das Kind, theilte ſeinen Unter⸗ richt, und empfand zum erſten Mal, daß eine Frau, öhne von den Männern gehuldigt zu werden, glücklich ſeyn könne. — 4—————— —— ☛ 91 Je mehr ſie Marien begreifen lernte, deſto mehr empörte es ſie, daß Eugen auch nur ei⸗ nen Augenblick ſich von dem Bilde einer ſo vollkommnen Frau abgewendet hatte. Sie be⸗ gann einzuſehen, ſo wie ſie allmählig Geſchmack an nützlicher Thätigkeit gewann, daß ihre Ab⸗ neigung für die Wiſſenſchaf ten, die ihrem Gat⸗ ten ſo werth waren, ihn allein in der Zukunft von ihr hatte entfernen können. Sie ſah ein, daß indem ſie ſeine Neigungen theilte, würde ſie ſein Herz auch gefeſſelt haben. G „Warum ſich weniger geliebt zu glauben,“ ſagte einmal Madame de Loſtanges,„wenn uns der Gatte nicht ſeine Vergnügungen, ſeine Mei⸗ nungen aufopfert? Wenn wir nur einen glü⸗ henden Anbeter unſrer Reize in dem Manne ſehen, mit dem uns das Geſchick verbunden hat, wird unſre Gewalt über ihn auch mit unſrer Schönheit verſchwinden. Seid mehr als die Gebieterin der Sinne eines Gatten, verdient, ſeine Freundin zu ſeyn, und er wird Euch im⸗ mer lieben. Die Frau, in der der Mann ſein — 92 ☛ Glück findet, hört nie auf, ihn anzuziehen. Sein Wille ſei der Eurige! nicht daß ich eine ſelaviſche Unterwerfung von der Frau fordere, ſondern damit der Gatte glauben mag, daß, indem Ihr ſeinen Willen offenbart, er nur den Eurigen ausgeſprochen hat. Wie leicht iſt es nicht, einem kleinen Wunſch zu entſagen, wenn die Achtung und das Vertrauen des Gatten uns dafür belohnt. Hat er Kummer, dann verbergt ihm nicht, daß Ihr dieſen noch tiefer als er fühlt, und ſtrebt denſelben mit Selbſtbeherr⸗ ſchung zu ertragen, damit er ſich an Eurem Muth aufrichtet. Möge er nur bei Euch Liebe und Nachſicht finden!“ „„O! meine ſanfte Lehrerin!“ entgeg⸗ nete Amelie ſonderbar gerührt;„„wenn das aus Ihrem Herzen kommt, woran ich nicht zweifle, dann werden Sie auch den Herrn de Saint⸗Albe verzeihen; und ich darf glauben, daß er ſich des Engels würdig zeigen wird, den er— „Bedenken Sie wohl, Amelie!“ unter⸗ — ☛ 93 ☛☚̈ brach ſie Madame de Loſtanges ernſt und ſchnell, „daß ich nur von einem Gatten geſprochen.“ Ihre Stimme zitterte; ſie ſtand hurtig auf, und dem Inſtrument ſich nahend, durch⸗ blätterte ſie die Ndten, indem ſie, unbemerkt von Madame de Lehon, eine Thräne aus dem Auge drückte. Eugen litt auch. Die Gewohnheit, alle Tage, faſt jeden Augenblick Marien zu ſehen, die Ueberzeugung von ihrer Liebe, die gegrün⸗ dete Hoffnung, ihre Hand zu erhalten, hatte ſeine Empfindungen zwar kühler gemacht; doch war ſie noch in ſeinen Augen die vollkommenſte aller Frauen. Er verwünſchte die Thorheit, die zu der Gründung der Wüſte mitten in Paris Anlaß gegeben; er vermißte die unruhigen, ſturm⸗ erfüllten Tage, wo er in Verzweiflung über die Huldigungen, die Marien umgaben, nach einem Blick geſeufzt, und vom Glück durchdrungen geweſen, wenn er einen erhalten. Was ſollte auch ihm eine Wüſte, er trug die Welt in ſei⸗ nem Buſen, und liebte wie ſie. Jetzt hatte ſie ihre Kälte und Zurückhal⸗ tung wieder angenommen; er ſah ſie nur ſel⸗ ten und nie allein; kein ſüßes Wort an ihn verſtohlen hingewandt, das früher Wonne in ſeinen Buſen eingehaucht hatte, wurde ihm jetzt zu Theil. Uebrigens war es nicht zu ir⸗ gend einer Eröterung zwiſchen Ihnen gekom⸗ men; in der peinlichen Lage, in der ſich Saint⸗ Albe befand, ſcheuete er ſich, den Anfang zu ma⸗ chen. Er wußte, daß er geliebt, aber fühlte auch zugleich, daß er ſtraffällig ſei; dennoch hielt er Mariens würdevolles Stillſchweigen für übertriebene Strenge, und beſchuldigte ſie im Stillen der Launen und der Eigenſucht, und, als wenn ſie die Schuldige wäre, verlangte er, daß ſie den erſten Schritt machen ſollte. Eines Tages indeſſen war es ihm, als kehrte ein Anflug der verſchwundenen glückli⸗ chen Zeit zurück. Der Himmel war trübe und hing voller Wolken; der Major ſchien wider geſtehen zu wollen, daß er Langeweile hätte, noch daß er begierig wäre, zu wiſſen, was außer ☛ 95 ☛ den Mauern ſeines Eigenthums vorging. Seine üble Laune ergoß ſich über die ſchlechte Witte⸗ rung. 4 Madame Derrvilliers, die in dem Herzen des Gatten las, aber zugleich wußte, daß der Ge⸗ danke, ihn errathen zu haben, ihn nur verletzt haben würde, äußerte auch ihre Unzufrieden⸗ heit mit dem Regen, und verſetzte lächelnd: „daß in der That die Wüſte nur für den Som⸗ mer paſſe.“ „Nunl! habe ich nicht mit Recht voraus⸗ geſehen, daß der Winter unſre Einſamkeit ent⸗ zaubern würde?““ ſagte Marie; und zum er⸗ ſten Mal ſeit langer Zeit ruheten ihre Blicke auf Eugen, indem ſie hocherröthend mit leiſerer Stimme hinzufügte:„„was den zweiten Theil meiner Wahrſagung betrifft, ſie iſt noch weit früher in Erfüllung gegangeu!““ Sie wollte dieſe Worte mit einem Lächeln begleiten, aber es ſcheiterte auf ihren Lippen, und ein leiſer Schmerz malte ſich in ihren Zügen. Eugen faßte ihre Hand. Der zitternde ☛ 96£☛ᷣ Ton ihrer Stimme hatte ſeine innerſte Seele getroffen, und alle die Empfindungen erregt, an die ihre Worte ihn errinnert. Dieſer Augenblick hätte von Erfolg ſeyn können. Eugen ſchien tief zu fühlen, wie un⸗ klug, ja beinahe gefährlich es immer ſei, im Laufe des geſelligen Lebens einmal angenomme⸗ ner Sitten und Begriffe ſich überheben zu wollen, und daß die wahre Liebe dauernder als vorübergehende Aufloderung ſei. Ein aufrich⸗ tiges Geſtändniß würde Marien, ſo wie ſie empfand, überzeugt haben, daß ſeine kurzen Ver⸗ irrungen mehr eine Folge der ſonderbaren Lage, in die ſie ſich Alle eingeengt hatten, als Man⸗ gel an Liebe geweſen, und daß ſie noch immer die erſte Stelle in ſeinem Herzen behalten. Saint⸗Albe, ſeufzte Marie tief bewegt, ließ ihre Hand in der ſeinigen;— ſie ſprachen kein Wort, aber ſie waren nicht weit entfernt ſich zu verſtehen, als die barſche Stimme des Majors ſie einer Stimmung entriß, die beiden lieber war, als die belebteſte Unterredung. Herr . —ͤ ——— ☛ 97. Herr Derrvilliers, ſich ſelbſt zürnend, daß er Langeweile hätte, lenkte das Geſpräch auf einen gleichgültigen Gegenſtand. Eugen, unge⸗ duldig über dieſe Störung, erwiederte etwas verdrüßlich; und Mariens weiche Empfindung, durch dieſen bittern Ton ſchmerzlich berührt, verſchloß ſich wie der Kelch einer Blume, und gab ſo den kalten Eingebungen der Vernunft und der Vorſicht den Sieg über die Stimme ihres Herzens. Allein bei dem Major behauptete das Ge⸗ fühl der Langenweile allein den Sieg; und da er ſich dieſes nicht verbergen konnte, ſuchte er den Grund überall rings um ſich, um ihn nur nicht in ſeinem Innern zu finden. Er legte weit lieber ſeiner Gattin, Marien, Madame de Lehon, Eugen die Schuld bei, als gutmü⸗ thig eingeſtehen zu wollen, daß er ſich geirrt, und daß das geſellige Leben mit ſeinen Wider⸗ wärtigkeiten und ſeinen Laſten ihm noch ein Bedürfniß ſei. Mit größerer Heftigkeit als je, zog er gegen die Verdorbenheit der Welt zu Lebewohl. III. Thl. 7 ☛̈ 98 ☛ Felde, und tadelte Jedweden, der von ihr ange⸗ ſteckt war. Er ſchmollte, ſeine Gattin vermißte ihre Boſtonpartie, und tröſtete ſich mit der Hoff⸗ nung, daß die allgemeine Unzufriedenheit eine baldige Veränderung herbeiführen würde. Eu⸗ gen hörte vor Langerweile auf; liebenswürdig zu ſeyn; ſeine Geſpräche mit dem Major wur⸗ den immer bitteger, ſogar anzüglich, und doch wagte er nicht, ſich einer Lebensweiſe zu entzie⸗ hen, die ihm täglich unerträglicher wurde. Madame de Lehon erſchien gar nicht mehr in dem Cirkel; Anéis, der es an neuem Spiel⸗ werk fehlte, die des Sonnenſchirmes, den ſie, um Robinſon nachzubilden, getragen, längſt überdrüſſig, und außerdem von ihrem Papagei ſo derb gebiſſen war, daß ſie nicht mehr mit ihm ſpielen mochte, dazu ausgeſchmält von dem Groß⸗Onkel, dem ſie ſo viel Lärm machte, abgewieſen von Eugen, der immer weniger geneigt wurde, ſich Kindereien hinzugeben, hatte auch Langeweile in der Wüſte, und 2 „— —,—— ☛ꝑ 99 ſagte, daß ſie zu ihren kleinen Freundinnen zu⸗ rückkehren wollte. Doch ihre Mutter, immer geduldig und nie den kindlichen Spielen der Tochter müde, erfand neue, und beſänftigte bald das freundliche Kind. Eines Tages, als Eugen von einem an⸗ haltenden Regen, der ihn noch mehr verſtimm⸗ te, in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, voller Un⸗ muth an die vielen Monate dachte, die, Ma⸗ riens Beſtimmung zu Folge, ihrer Verbindung noch voraus gehen ſollten, wodurch ſein ganzer Unwille auf ihren Eigenſinn, wie er es nannte, hingewandt wurde, entdeckte er zum zweiten Mal einen Brief auf ſeinem Arbeitstiſch. Er öffnete ihn ſchnell, und nie hätte er in einer günſtigeren Stimmung für Emma ihr neues Schreiben leſen können. Leidenſchaftliche Gluth, Alles, was die Selbſtſucht eines Mannes ſchmeicheln und ent⸗ flammen kann, athmete aus dieſem Brief. Mit zarten und dabei innigen Worten ſuchte Ma⸗ dame de Sorbelle ſeinen Ehrgeiz zu erwecken, 7*† ☛ꝑ 100 ☛☚‿ Durſt nach Ruhm bei ihm zu erregen. Mit begeiſterten Zügen hielt ſie ihm das Glück vor, deſſen Genuß ihn in der Welt erwartete, und erhob mit leichter Hand den Schleier des Lä⸗ cherlichen, der die Lebensweiſe, wozu er ſich ſelbſt verdammt hatte, bedeckte. Von allen zugänglichen Seiten ſeines Cha⸗ rakters ihn angreifend, bald der Waffen der Vernunft, bald der eines leichten Spottes ſich hedienend, aber beſonders durch eine Gluth, die nur zu deutlich die Tiefe ihrer Empfindungen verrieth, ſchien Emma blos Eugens geheimſte Gedanken auszuſprechen. Es war, als hätte eine unſichthare. Gewalt eben die Worte, die den Weg in ſein Herz zu ſinden wußten, mit glühenden Zügen hingeſchrieben, und daß eine geheimnißvolle Stimme den ſchwachen Einwür⸗ fen, welche die Verwirrung, ſich ſelbſt ſo ganz wieder gefunden zu haben, ihm einſlößte, ſie⸗ gend widerlegte. mnr Betäubt, hingeriſſen rief Saint⸗Albe, ☛ 104 ☛☚ᷣ maer den Brief zu Ende geleſen:„Se Emma! Du ſiegſt!“. Doch war es, dſs regte ſich d das Gewiſſen in ſeiner Bruſt; er las den verſuchenden Brief noch einmal durch; jede Zeile drängte Mariens Bild immer weiter zurück, und eine unwider⸗ ſtehliche Sehnſucht, die Madame de Sorbelle zu ſehen, ergriff ſein ganzes Weſen. 4 „Welche Wonne,“ ſeufzte er,„das ſüße Lächeln ihrer zaubernden Lippen wieder zu be⸗ leben, dieſe heilige Gluth zu theilen, Verzei⸗ hung der unbegreiflichen Bergeſſenheit ſo vieler Anmuth zu erhalten.“ Das Wort Vergeſſenhezt rief Ma⸗ dame de Loſtanges in ſein Gedächtniß zurück. Jetzt war die Reihe an ihr, der Vergeſſenen und Verlaſſenen, ſich über ſeine Untreue zu be⸗ klagen. Er hatte der Madame de Sorbelle nie etwas verſprochen, und oft wiederholte Betheue⸗ rungen feſſelten ihn an Marien. Leichtſinnig, flatterhaft ſelbſt in der Liebe, erkannte Eugen 102 freilich ſich ſelbſt, die Möglichkeit war ihm aber nie eingefallen, ſein Ehrenwort verletzen zu können. Wenn die Zeit gekommen war, daß er ſeine Verpflichtungen erfüllen ſollte, wollte er Ma⸗ rien ganz ſein Herz eröffnen; er fühlte ſich bei⸗ nahe überzeugt, daß es das ihrige befriedigen würde, ihre Unabhängigkeit zurück zu erhalten; erſt frei, wollte er eilen, ſich um. Emma's Hand zu bemühen, Allein er durfte ſie indeſſen nicht in Unruhe über ſeine Geſinnungen laſſen; er mußte ſie vor Allem ſehen, ihre liebende Seele tröſten, mußte ihre Einwilligung erhalten, ſo zu han⸗ deln, wie ihm die Pflicht vorſchriebe, Aber wie würde es ihm gelingen, ſich zu entfernen? Welches Mittels bediente ſich Emma, um ihm ihre Briefe zuzuſtellen? Er las das Schreiben, das ihn zu einem Entſchluß beſtimm⸗ te, der ſeinem früheven Willen ganz entgegen⸗ geſetzt war, noch einmal durch; er bedeckte es mit Küſſen. Das Siegel, das Emmg's Hand aufgedrückt, mußte er auch an ſeine Lippen 1 ☛ 103 ☚ drücken; da entdeckte er auf einmal in dem Um⸗ ſchlag einige Zeilen, die ihn völlig berauſchten. Madame de Sorbelle zeigte ihm an, daß ſie in der Nachbarſchaft einen kleinen Pavillon gekauft hätte, um ihm näher zu ſeyn. In den nächſtfolgenden acht Tagen, nach demjenigen, an dem er ihren Brief empfangen, wollte ſie ihn dort erwarten; auch wenn er nur des Nachts entſchlüpfen könne, würde er dort. er⸗ fahren, auf welche Weiſe er zu ihr gelangen könnte. Saint⸗Albe wollte auch nicht länger als bis zur folgenden Nacht ſäumen. Seine Ab⸗ weſenheit durfte nicht bemerkt werden; es würde gar zu ſchwer ſeyn, einen Anlaß dazu zu erfin⸗ den, und obgleich entſchieden, Verzicht auf Ma⸗ rien zu leiſten, ſcheuete er ſich doch noch, ſie zu betrüben. 4 28 Ein Paar Stunden waren ihm ja genug; er wollte ſogleich zurückkehren, und wer weiß, welche Veränderungen jeder Tag herbeiführen könne? Die Langeweile war ja ſchon auf al⸗ ☛ 104 ☚ len Geſichtern gemalt; ein Wort vermochte ja die Freiheit wieder zu bringen; jeder Augen⸗ blick konnte ja das lockere Band löſen; Marie ſelbſt vielleicht würde die erſte ſeyn, es zu ver⸗ nichten! 9 4u „Marie? Nein!“ Eugen ertappte ſich in einem Seufzer.„Verhaͤngnißvolle Wüſte!“ flüſterte er bei ſich.„O! Marie! Du biſt noch wie immer, liebenswürdig! Sie iſt unverän⸗ dert! Ja! Ja! Sie iſt nur zu vollkommen! Gott! welcher Vorwurf! und das iſt der ein⸗ zige, den ich ihr zu machen habe!“ Saint⸗Albe, wieder gerecht geworden, ver⸗ fluchte ſeine thörichte, überſpannte Begeiſterung, und fühlte, daß die ſanfte Marie ihm in dem gewöhnlichen Leben als ein Geſchenk des Him⸗ mels ſerſchienen ſeyn würde. Die Nacht war indeſſen vergangen, und der neue Tag fand Eugen in heftiger Unruhe; er hatte eine Art Fieber. Der Gedanke, Ma⸗ dame de Loſtanges wieder zu ſehen, zu derſelben Zeit, wo er Emma's Schreiben an ſeinem Bu⸗ Nͤ ☛ 105 ſen trug, beunruhigte und beraubte ihn der Gegenwart des Geiſtes. Es erleichterte ihm daher wirklich das Herz, da er von einem Be⸗ dienten erfuhr, daß Herr und Madame Der⸗ villiers ſich in einer vertrauten Unterredung mit der Nichte in ihrem Zimmer befanden; und daß heute Jeder bei ſich das Frühſtück einnahm. Jede Stunde erſchien indeſſen dem unge⸗ duldigen Eugen ein Jahrhundert, und doch er⸗ ſchrak er, ſie hinter ſich liegen zu ſehen. Der entſcheidende Schritt, den er vor hatte, ver⸗ ſenkte ihn von Augenblick zu Augenblick in im⸗ mer größere Verworrenheit; unſchlüſſig war er nicht mehr; er würde, wenn ein Hinderniß ihm in den Weg gekommen wär, es weggeräumt haben; und doch vielleicht wäre ein Hinderniß ihm willkommen geweſen. Die Zeit zur Mittagstafel rückte. heran; dieſelbe Unruhe ließ ſich bei Saint⸗Albe ver⸗ nehmen, und die Einſamkeit brachte ihm wieder Erleichterung. Alle aßen auf ihren Zimmern. Es wurden ihm neue Entſchuldigungen von dem ☛ꝑ 106 Major und der Madame de Loſtanges gebracht. Endlich wurde es Abend. Eugen, der ſchon lange im Garten herumgeſchlendert war, hatte ſich dem Flügel, in dem Marie wohnte, genähert. Er erblickte ſie, von dem Oheim herunter⸗ kommend, indem ſie der Tochter die Hand reichte. Das Kind lief zu ihm hin. „Guten Abend! Freund Eugen!“ ſagte ſie;„ach! wenn Sie nur wüßten, welche Lan⸗ geweile ich heute gehabt habe. Ich bin ganz allein geweſen!“ „Warum biſt Du nicht zu mir herunter gekommen, Anéis. Wir hätten zuſammen ge⸗ ſpielt; denn ich bin ganz allein geweſen,“ er⸗ wiederte Saint⸗Albe. „Oh! mein lieber Freund,““ entgegnete das Kind ſchnell;„„ſonſt wäre ich auch gleich zu Dir gelaufen; allein ſeitdem auch Du Lan⸗ geweile haſt, magſt Du Anéis ja gar nicht mehr?. 4 „Was ſagſt Du? mein Kind!“ rief Eu⸗ gen lebhaft!„ich Langeweile; ich Dich nicht 4 — —— ☛ 107 ☛ mehr mögen! O! Madame!“ fügte er mit ei⸗ nem Blick auf Marien hinzu. „Kinder ſehen oft nur gar zu gut! nicht wahr?“ unterbrach ihn Madame de Loſtanges. „Marie! können Sie glauben— „Es iſt kalt! Lebewohl! Herr de Saint⸗ Albe!“ mit dieſen Worten verließ ihn Madame de Loſtanges, und trat in ihre Wohnung hinein. Eugen blieb einige Augenblicke unbeweglich ſtehen. Das Wort Lebewohl, der Ausdruck, womit ſie es ausgeſprochen, hatte in ſeinem Herzen wiederhallt; er hätte in dem Augenblick die ganze Welt gegeben, um ſie zurückrufen zu dürfen, und doch vermochte er es nicht. Alles war ruhig in der Wüſte; eine ſehr dunkle Nacht begünſtigte Eugens Abſichten. Er bereitete ſich, ſich zu entfernen; er durchlas noch einmal Emma's Brief, und eine neue Un⸗ ruhe erfüllte ſein Herz. Er erkletterte die Mauer an einer Stelle, die er bei hellem Tage unterſucht hatte, und eben nicht viele Schwierigkeiten darbot.„Ich ⁴☛☛ 108 werde zurückkehren, ſagte er zu ſich ſelbſt, als hoffte er, durch dies ſich ſelbſt gemachte Ver⸗ ſprechen das mißbilligende Gefühl, das der Tiefe ſeiner Seele entſtieg, zu beſänftigen.„Ich werde zurückkehren!“ wiederholte er noch ein⸗ mal, indem ſein Fuß die Erde berührte; und ohne anzuhalten, eilte er nach Emma's Wohnung. In dem angezeigten Pavillon angelangt, klopfte ſein Herz ungeſtüm. Er klingelte; es wurde geöffnet, und er in einen kleinen erhell⸗ ten Salon eingelaſſen; ein Bedienter rückte ei⸗ nen Stuhl hervor, übergab ihm einen Brief, und verließ daß Zimmer. Er brach begierig das Sieoi, und las dieſe Worte. „Eugen, ich gebe Ihnen die drabes wie⸗ der.... 4 Ohne zu faſſen, was er las, durchlief er den Brief ſchnell, und noch einmal— es war ihm nun klar, daß Marie ihm geſchrieben, ganz klar, daß er ſie auf immer durch ſeine Schuld verloren, und im Gefühl des unerſetzlichen Ver⸗ 122 „— 4, ☛̈ 109 luſtes, übergab er ſich dem Schmerze, ohne ir⸗ gend eine Hoffnung, ſie zum Widerruf zu be⸗ wegen. So lautete das Schreiben: „Eugen! ich gebe Ihnen die Freiheit wie⸗ „der. Ich hege gegen ſie weder Zorn, noch „Unwillen. Ich liebte Sie mit der wahrhafte⸗ „ſten, unveränderlichſten Innigkeit; eine vorüber⸗ „gehende Leidenſchaft, in glühenderen Ausdrük⸗ „ken ausgeſprochen, hat Ihrem Herzen mehr „zugeſagt.“ „Wie ſchrecklich würde mir der Tag, der „mir die Veränderung Ihrer Geſinnungen ent⸗ „deckte, die Worte geweſen, die unſre Täu⸗ „ſchung zerſtörten, wenn ich Ihrem Dringen „nachgegeben hätte, und Ihre Gattin geworden „wäre; wenn unſre Verbindung Ihr Herz zu⸗ „ſammengepreßt, und ich ſie nicht hätte löſen „können!“ 4. „Von dem Augenblick dachte ich nur dar⸗ „an, Ihnen Gelegenheit zu geben, wieder in „die Welt, die Sie vermißten, hineinzutreten. ☛ꝙ 110 „Indeſſen, ich geſtehe es, Eugen! ich war noch „unſchlüſſig. Ich habe mitunter geglaubt, daß „Sie, eben ſo wie Marie, auf immer lieben „könnten. Verzeihen Sie mir, Sie einer Prü⸗ „fung unterworfen zu haben. Ich erfuhr, daß „Sie ſehr eingenommen von Madame de Sor⸗ „belle geweſen; ich wagte zu hoffen, daß die „Eigenliebe Ihres Geſchlechts mir helfen würde, „Sie zu täuſchen; ich machte mir aber ſelbſt „Vorwürfe über dieſen Betrug; ich würde ihn „meines Glückes wegen nie ausgeübt haben; „allein es galt das Ihrige, ich entſchloß mich „dazu.“ „Ihr Benehmen rückſichtlich eines uner⸗ „fahrnen Kindes öffnete mir völlig die Augen. „Zu. vergeſſen zu ſuchen, wurde von dem Au⸗ „genblick die ſchwere Bedingung meines übri⸗ „gen Lebens. Allein es war noch nicht genug. „Sie mußten der menſchlichen Geſellſchaft wie⸗ „der gegeben werden, und ich war überzeugt, „daß ſie lange lieber in der Stille leiden wür⸗ ——— —:,— 4. ☛☛ 111 ☚ „den, als ein Gelübde, mit ſo glühender Be⸗ „geiſterung ausgeſprochen, zu widerrufen.“ 8„Durch Mittel, die Ihnen gleichgültig „ſeyn können, habe ich einen geheimen Brief⸗ „wechſel mit dem Arzte, dem ich die Rettung „Ihres Lebens zu verdanken habe, ſeit der Zeit „unterhalten. Er hat Herrn de Lehon aufge⸗ „funden; ſeine Verſicherungen, mit meinem Be⸗ „kenntniß vereint, haben dieſen endlich über⸗ „zeugt, daß Amelie zu einer Prüfung, der ich „Sie zu unterwerfen gedachte, ſich mir herge⸗ gcben hatte, und daß ſie, durch dieſe wichtige „Dienſtleiſtung, mich Ihre wahren Geſinnun⸗ „gen in der That wirklich kennen gelehrt hat. „Ueberglücklich mir glauben zu dürfen, hat er „dieſe Vorſpiegelung mit Entzücken ergriffen, „die durch unſere Trennung die völlige Farbe „der Wahrheit annimmt.“ „Durch denſelben Freund iſt es mir ge⸗ „lungen, die vieljährigen Dienſte meines Oheims „geltend zu machen. Er iſt ſo eben zum Stadt⸗ „Commandanten in** Fernannt worden. Da „ 8 ☛ 112£☛ „er wieder in Thätigkeit gekommen iſt, hat er „das Unrecht der Welt ganz vergeſſen.“ „Saint⸗Albe! darf ich auf ein letztes, „kleines Andenken von Ihrer Liebe hoffen, oder „ſoll das Anerbieten, das Ihnen Madame de „Sorbelle gemacht, verworfen werden, weil die „Erfüllung von Marien kommt? Sie ſind zum „Director der Staatsgüter in** ernannt. „Emma's Bild darf Sie nicht zurückhalten. „Sie hat vor vierzehn Tagen den Herrn Du⸗ val geheirathet.“ „Dieſe Stelle, die mehr Ihre Kenntniſſe, „als meine geringen Bemühungen Ihnen ver⸗ „ſchafft haben, wird Sie ziemlich weit von Pa⸗ „ris entfernen; allein Sie werden unter dem „ſchönen Himmel des Südens wohnen; dort „werden Sie Alles vergeſſen, was hinter Ih⸗ „nen liegt. Sie werden glücklich ſeyn; ich darf „mir zu Ihrer ſchönen Zukunft Glück wünſchen!“ „Eugen! als Preis der Vergebung des „vielen Uebels, das Sie mir zugefügt haben, er⸗ „fuche ich Sie abzureiſen, ohne irgend einen Ver⸗ ☛ 113 ☛ „Verſuch zu machen, mich wieder zu ſehen⸗ „Was können Sie mir wohl ſagen? Sie werden „mich doch nicht mehr überreden, und Ihre „Worte würden mich nur betrüben müſſen.“ „Morgen werden die Mauern niederge⸗ „riſſen, die Thüren aufs neue geöffnet; mein „Oheim und meine Tante werden ſich entfer⸗ „nen; Herr und Madame de Lehon ſich glückli⸗ „cher und durch die Erfahrung belehrt wieder⸗ „finden. Verlaſſen⸗ auch Sie Paris denſelben „Tag; das iſt die einzige Bitte, mit der ich „mich an Sie wende; ich habe bielicht das „Recht, es zu vetlangen. 24 4 „Was mich betrifft, ich bleibe hier. Die „Zurücſgezogenheit hat für mich nichts Schreck⸗ „liches. Finden wir nicht überall dieſelben Wi⸗— „derwärtigkeiten, dieſelben Verirrungen! Der „Friede, die Einigkeit, die Liebe ſollten in der „Wüſte herrſchen, Neid und Verläunidung dar⸗ „aus verbannt ſeyn. In ſehr wenigen Mo⸗ „naten haben wir erlebt, daß alle dieſe Vor⸗ „züge der Einſamkeit nur Wahn ſeien! Ich ent⸗ Lebewohl. III. Thl. 8 — ☛☚☛ 114 Ꝙ „ſage der Welt nicht, indeſſen werde ich mich „ihr nur wenig nähern.“ „ Ihr ſeid Alle der Wüſte entflohen; Marie „bleibt allein da.“ Die Baronin ſchwieg. Als die Freunde ſie noch erwartend anſahen, ſagte ſie ein we⸗ nig erröthend:„Ich bin fertig! Verzeihen Sie,“ fügte ſie ſchnell hinzu;„ich weiß wirklich nicht, was aus Eugen geworden iſt; ich habe mich gar zu lebhaft mit der armen Marie beſchäf⸗ tigt. Sie blieb in der Wüſte.“ Sdiie erhob ſich ſchnell, um ſich den lau⸗ ten Dankſagungen des kleinen, Eirkels, dem tief in ſie dringenden Blick Guſtavs, und vor allem dem geſprächigen, freudigen Erſtaunen des Herrn de Saint⸗Clement zu entziehen, und zog ſich in eine Fenſtervertiefung zurück. Guſtav nahete ſich ihr, die zu dem vollen ☛☛ꝑ 115 Monde ſinnend hinaufblickte, leiſe.„Darf ich Sie ſtören,“ ſagte er halb laut,„Sie noch einmal um Verzeihung bitten, daß ich Sie ſo augen⸗ und gedankenlos verkannt habe. Mariens edles Bild, wie aus Ihrer Seele ge⸗ ſchnitten, hat mich noch tiefer gelehrt, daß der ruhige Ernſt Ihrer Züge eine unbemerkte, nur von Ihrer glücklichen Freundin erkannte, ſchöne Gluth bedeckt. So blühen erſehnte Frühlings⸗ Blumen noch unter dem Schnee.—— „„Sie irren ſich,““ unterbrach ihn die Baronin ernſt und ruhig,„„wenn Sie irgend einen Vergleich zwiſchen mir und Marien auf⸗ ſtellenz ich konnte nicht wie ſie gehandelt ha⸗ ben, das fühle ich, und möchte es vielleicht nicht einmal können; ich habe mich nur bemüht, den mir überlieferten Charakter frei wieder zu ge⸗ ben. Hätte Marie ſo wie ich gefühlt, die Er⸗ zählung wäre weit kürzer gewörden.“", n „Wie ſo?“ fragte Guſtäav.. „Der Knall des Piſtols hätte ſie dann getödtet, wenn ſie nicht ſchon einen Augenblick 8* ☛ 116 früher geſtorben wäre,““ erwiederte Cäeilie mit einem Plick, den plötzlich ein ſo heller Blitzſtrahl belebte, daß Guſtav ſie verwundert anſah, ohne zu bemerken, daß dieſer Birahl ſeine Bruſt durchzuckte. Madame de Serval und ihre Tochter nä⸗ herten ſich in dieſem Augenblick, um Abſchied zu nehmen, welcher durch Guſtavs Zerſtreuung von allen Seiten ſehr kühl ausfiel. Cäcilie war wie immer zurückhaltend; der Baron dachte ſchon an Paris, oder an das neu entdeckte Talent ſeiner Gattin; und Theo⸗ bald erſchien um ſo kälter und abgemeſſener in ſeinen Ausdrücken, als er den harten Kampf ſeines Innern zu verbergen ſuchte. Guſtav hatte ſich freilich ſchnell gefaßt, aber obgleich immer, beſonders als Wirth, ſehr liebenswürdig, ſchien es doch, als könnte er nicht den rechten Ton finden, ſich von zwei Weſen zu beurlau⸗ ben, von denen er dem einen ſehr ergeben, und das andere ihm theuerer war, als er ſich es ſelbſt geſtehen durfte. ☛ 117 Auch erwartete ihn eine völlig ſchlafloſe Nacht, während der er ſich ſelbſt klar zu wer⸗ den ſuchte; und es kam ihm vor, als würde er: es auch. Er empfand, daß er nur eine, die Unbekannte, treu und unveränderlich liebte, aber auch, daß er ſie zu ſehen und zu kennen brauche, damit nicht eine gar zu anziehende Wirklichkeit, vielleicht zum erſten Mal) den Bil⸗ dern ſeiner Phantaſie wenigſtens das Gleichge⸗ wicht halten ſollte. Cäcilie, das fühlte er, konnte beiden nicht gefährlich werden, obgleicht dies ſonderbare Marmorbild von innerem Feuer belebt ſchien. Denn er hatte ja deſſen Strahl em⸗ pfunden, ihm eine immer regere Theilnahme ein⸗ gefloßt; er konnte nicht umhin, ſich die ſtille,“ beſcheidene, eben ſo klug wie innig liebende Marie, von der er ſo eben gehört hatte, mit⸗ ihren Zügen, ihrer Geſtalt zu denken. Ach! auch dieſe Erzählung enthielt Beziehungen, die ihm wenigſtens auffielen. Die verwünſchte Dreizahl hatte wieder in ſeinen Ohren geklun⸗ gen. Es war, als müſſe dieſe Zahl ihn wider * 1 3 . ☛☚ 118 Willen zu einem Vergleich zwiſchen den aufge⸗ ſtellten Perſonen und den Weſen, die ihm theuer waren, anregen.„Wenn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„nun auch deine Unbekannte ſich in ein Phantom, wie das der Madame de Sorbelle auflöſte, wenn es eine Prüfung— und wer,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„wollte ſo wie dieſe Marie, einer ſo gefährlichen Prüfung wegen, die doch am ſchmerzlichſten immer auf das eigne Haupt zurückfällt— hat auch die ſanfte Marie dieſe Prüfung gewagt— ſpricht ſie nicht mehr Caciliens als ihren Charakter aus. Nun, was geht das mich an,“ tröſtete er ſich ſelbſt; „muß ich denn Alles, was verworren und dun⸗ kel mir vorüberzieht, auf mich beziehen! In der letzten Erzählung iſt nun nicht das mindeſte, das mich an mich ſelbſt mahnen kann; denn ich bin kein Opfer der Sinnlichkeit wie Julien, und kein Phantaſt, wie der Schwächling Eu⸗ gen. Es iſt nur die Dreizahl, die immer wie⸗ derkehrt, um mich zu mahnen, daß mein Herz mich an Noali, mein Geiſt an die räthſelhafte ☛ 119 Cäeilie, und alle beide, die Träume meiner Ju⸗ gend, mein ganzes Weſen mich an die hinzieht, die, welche ich nicht zu nennen weiß.“ Die nächſte Morgenſonne fand die früher verſammelte Reiſegeſellſchaft auf dem Wege nach Paris. ann nn taniut Achtundzwanzigſtes Capitel. Dar Graf de Nores ſollte nicht in der Zu⸗ kunft bei dem Baron wohnen. Sein Rang und ſein Reichthum forderten, daß er ſelbſt ein Haus mache. Dies zu beſorgen, war ſein er⸗ ſtes Geſchäft in Paris. Theobald willigte ein, bei ihm zu bleiben. Der Baron trennte ſich un⸗ gern von beiden, der Gewißheit ungeachtet, ſie täglich ſehen zu können. Guſtav theilte ſeine Zeit zwiſchen den Pflichten ſeines Standes und ſeinen Vergnü⸗ gungen; er beſaß die Freundſchaft und Hochach⸗ „ 1 420 tung ſeiner Vorgeſetzten; ſein General ſchätzte ihn; die ausgezeichnetſten Cirkel ſtanden ihm offen; als Gebieter eines glänzenden Vermö⸗ gens war es in ſeiner Gewalt, ſich das Leben ſo angenehm wie möglich zu machen. Doch mitten in dem Glanze, der ihn umgab„genoß er nur wenige recht heitere Augenblicke; eine tiefe Schwermuth, ein unwiderſtehliches Zer⸗ ſtreutſeyn hatten ſich ſeines Gemüths bemäch⸗ tigt; obgleich der geheime Held vieler bezaubern⸗ den Feſte, vermochten dieſe eben ſo wenig, als die reizenden Frauen, die ſie ſchmückten, ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln; er ſehnte ſich nach der noch immer unſichtbaren Unbekannten, von der er auch nichts mehr hörte, und ver⸗ glich jedes aufblühende Mädchen mit der rei⸗ zenden Noali, jede glänzende Frau mit der ernſten Cäcilie. 344⸗ Die Nähe der letzteren that ihm um ſo mehr wohl, da er ſie nicht für gefährlich hielt. Zu ihr floh er aus dem ermüdeten Strudel der Welt hin; Cäciliens ruhige, einförmige Ge⸗ ⁴☛ꝙ 121 genwart brachte auch Ruhe in ſeine Phantaſie. Seine Blicke hafteten mit Wohlbehagen auf dieſen ernſten Bild eines reinen vorwurfsfreien Lebens. Oefters traf er mit Theobald bei der Baronin zu⸗ ſammen; eine leiſe Uebereinſtimmung zwiſchen ih⸗ ren Geſinnungen zog beide an einander. Theo⸗ bald, deſſen ernſter Sinn nur für einfache Freuden empfänglich war, entfloh auch gern einer Welt, wo nichts den Bedürfniſſen ſeines Herzens entſprach. Eines Tages drang der Baron in Gu⸗ ſtavs Gegenwart in ſeine Gattin, an einen Ball, den der öſtreichiſche Geſandte gab, zu er⸗ ſcheinen. Sie widerſtand, wie gewöhnlich, und Theobald ſelbſt ſuchte vergeblich, die Gründe Ihrer Weigerung zu widerlegen. Endlich, da Guſtav auch ſeine Bitten mit denen ſeiner Freunde vereinte, gab ſie plötzlich und mit vieler An⸗ muth nach; und willigte ein, an einem Feſte Antheil zu nehmen, das für ſie ein beinahe ganz neues Schauſpiel war.. Jal ſie ſchien ſogar die übertriebene Ein⸗ ⁴☛ 122 fachheit, wodurch ſie ſich ſonſt immer ausge⸗ zeichnet, bei dieſer Gelegenheit zu beſeitigen. Sie erſchien ſtrahlend von Schmuck und vor Allem von Schönheit. Der Anblick ſo vieler Reize, die ſie bis hieher ſo ſtreng verborgen ge⸗ halten, verblendete Guſtav. Ergriffen von Be⸗ wunderung, wollte er kaum in ihr die ernſte, zurückhaltende Frau, die ſich ſo ſorgfältig der Welt, die ihr zu mißfallen ſchien, bisher ent⸗ flohen, wieder erkennen. Er fühlte ſein Herz ungeſtüm klopfen; in dieſem Augenblick erblickte er wieder den innigen, lieblichen Ausdruck in ihren Zügen, der ihn einmal ſo tief bewegt hatte, dieſer Ausdruck rief in ſein Gedächtniß den Au⸗ genblick zurück, wo ſie, um ihn vor einer Wunde zu retten, ſelbſt verwundet worden; er ſah den⸗ ſelben ſüßen und ſchwermüthigen Blick wieder, der bis zu ſeinem Herzen gedrungen, als ſie ſich ihm zu erkennen gegeben, ſie, die er einſt gerettet. Zum erſten Mal fielen ihm nun wie⸗ der die Worte ein, die er in jugendlicher Ue⸗ berſpannung damals zu der Mutter, von der ver⸗ ☛ꝙ 123 ſchmäheten Mademeiſelle d'Adelmar geſagt: „Wenn ſie nur ſchön geweſen, wie würde ich dann geneigt ſeyn, die zu lieben, die mir das Leben zu verdan⸗ ken habe.“ Ach! und die er gerettet, ſtand nun vor ihm, in einer nie geahneten Fülle der Schönheit! Kaum war er fähig, der Bewegung Herr zu werden, die ſeine Bruſt zu ſprengen brohte. Te ne Als der Wagen vorfuhr, um ſie auf den Ball zu führen, bot Guſtav der Baronin die Hand, indem er ihr einen Strauß⸗ von Roſen und Jasmin*) überreichte; ſie nahm ihn er⸗ röthend, aber trennte ſchnell die Jasminen da⸗ von ab, und behielt nur die Roſen; Guſtav, in Stillem verletzt durch das Nichtbeachten ſei⸗ *) Hier, und auch ſchon fruͤher, wo von Jasmin geſprochen wird, iſt von den ſtarkriechenden Blumen, die unſere Lauben umgeben, nicht die Rede, ſondern von dem bei uns ſo genannten „ſpaniſchen Jasmin,“ deſſen Duft eben ſonfein wie lieblich iſt. — d ☛ 424 ner Lieblingsblumen, folgte den weggelegten mit den Augen. Cäcilie verſtand ſeinen Blick. „Dieſe Blume,“ ſagte ſie ſanft, als wollte ſie der Frage entgegnen, die ſein Mund nicht aus⸗ zuſprechen wagte,„dieſe Blume hat mir im⸗ mer Schmerz gebracht, und ich kann ſelbſt ih⸗ ren Anblick nicht ertragen.“ Beim Eintritt in den Saal erregte Ma⸗ dame de Saint⸗Clement allgemeines Aufſehen. S ie hatte ſich vorgenommen, heiter und liebens⸗ würdig zu erſcheinen, und das Beſtreben zu ge⸗ fallen hatte ſo viel Anmuth über ihre Züge verbreitet, daß alle Blicke auf ihr ruheten. Sie tanzte mit Theobald; die Umſtehen⸗ den bewunderten ihre anmuthige Haltung, ihre zierlichen Bewegungen. Die Lobreden, die Cä⸗ eiliens Schönheit einerntete, tröpfelten Balſam in Guſtavs Herz; jetzt, da alle Blicke auf ihr hafteten, erſtaunte er noch einmal darüber, daß er ihr ſo lange die ſchuldige Gerechtigkeit ver⸗ weigert hatte. Als der Tanz zu Ende war, flüſterte Cä⸗ ☛ 125 cilie ihm zu:„das iſt der zweite Ball, wo wir mit einander ſind; heute ſind Alle um mich bemüht, damals wurde nicht nach mir gefragt.“ Ihre Stimme zitterte, doch ſchnell gefaßt, fügte ſie hinzu:„In der That, ich war damals auch recht linkiſch.“ Der Graf ſeufzte; ihre Worte hatten wie mit einem Zauberſchlag jene in ſein Ge⸗ dächtniß zurückgeführt, die er damals zu der Mutter ausgeſprochen, und er kam ſich in die⸗ ſem Augenblick als ein Opfer der thörichten Vermeſſenheit ſeiner blinden, ahnungsloſen Ju⸗ gend vor. Guſtay erbot ſich von der Baronin einen Walzer. Faſt in demſelben Augenblick bemerkte er, daß ein kleines Billet ihm in die Hand ge⸗ ſteckt wurde; er drehte ſich raſch um, aber ſeine Blicke ſpäheten vergebens. Wer konnte ihm das Blatt zugeſteckt haben? Er zog ſich in einen Winkel, öffnete es ſchnell und las: „Zum zweiten Mal haben Sie den Ort geflohen, der Ihnen theuer ſeyn ſollte.“ ☛ 126 „Deſſen ungeachtet mußte ich mich Ihnen nahen. Ich ſehe Sie dieſen Abend.“ ⸗ Guſtav, freudig, faſt erſchrocken durchbebt, warf zu allen Seiten unruhige Blicke. Er be⸗ merkte, nur wenige Schritte entfernt eine junge Frau, ſtehend, an den Camin gelehnt. Ihre Blicke hafteten an ihn; aber ſie ſchlug ſie hur⸗ tig nieder, ſobald ſie entdeckt hatte, daß die ſeinen durchdringend auf ihr ruheten. Ihre Schüchternheit, ihre Verwirrung ergriff ihn; er wandte nicht ein Auge von ihr ab; er glaubte ſie erröthen zu ſehen. Ihre Geſtalt, ihre Hal⸗ tung führte das Bild der Unbekannten in ſeine Seele zurück. Seine Unruhe ſtieg, als er ge⸗ wahr wurde, daß ſie einen Kranz von Jasmi⸗ nen trug. Ein Strauß aus denſelben Blu⸗ men ſchmückte ihren Buſen; es ſchien, als ent⸗ blätterte ſie ihn, ohne zu wiſſen, was ſie that. Guſtav glaubte, ſie in theuren Erinnerungen vertieft; ihre Hand ruhte auf dem Herzen. Nun zweifelte er nicht mehr; der Gedanke, die Geliebte nun endlich zu ſehen, riß ihn hin; Verwirrung der jungen Frau ſchien ſich zu ſtei⸗ Verlegenheit noch tiefer nieder, ſie neig aufzuheben, war mit dem Gedanken eins; ☛ 127 nur die Furcht, ſie bloßzuſtellen, hielt ihn ab, hin zu ihr zu ſtürzen; er bemühete ſich, ihr durch die leidenſchaftlichſten Blicke ſein Leid und ſein Glück zu erkennen zu geben. Die gern; ſie ſchlug die Augen mit noch größerer zu einer Dame hinunter, die neben ihr der Strauß fiel zu Boden. Hinzue Blumen, die ſeine Lippen leiſe berührt, an ihr Herz drückte, war dem Grafen da Symbol eines ſüßen Verſtändniſſes. In dieſem Augenblick gab das Orcheſter das Zeichen zum Walzen. Guſtav ergriff mit Begierde dieſen Anlaß, ſich der Geliebten noch mehr zu nähern, ergriff ihre Hand, und ſtam⸗ melte einige unverſtändliche Worte. Die Un⸗ bekannte willigte lächelnd ein, und ließ ſich in die Reihe führen. Er hielt die reizende Ge⸗ ſtalt in ſeine Arme, von der bisher nur die ☛ᷣꝙ 128 Erinnerung ſo oft ſein Herz zum Kkoöfen ge⸗ bracht hatte. Guſtav vergaß während des Wstzes Him⸗ mel und Erde. Er dachte nur daran, der Un⸗ bekannten das Glück auszudrücken, womir ihn te Gegenwart durchdrang, und ſeine Furcht, noch einmal zu verlieren. Sie erwiederte Spylbe; allein dien ſchüchtern niederge⸗ enen Augen und das zitternde Wogen des verriethen die innere Bewegung. Ein cheln, das wie im Fluge über ihre flog, war während einiger Augenblicke die einzige Antwort, die er erhalten konnte; die wärmſten Betheuerungen ſeiner Liebe wechſelten mit immer dringenderen Bitten ab. 3 ſich zu erkennen zu geben?“ dann erſt empfing er ein leiſes ja. Von Entzücken durchbebt, ſpielte er auf die Hinderniſſe, die ſie trennten, an, fragte ob er hoffen dürfte, ſie einmal ge⸗ hoben zu ſehen! „Wiel⸗ „Verſprechen Sie mir wenigſtens„unſagte er endlich,„mich nicht mehr zu fliehen, und ———— 129 Ꝙ „Vielleicht ſind keine mehr!“““ erwiederte die junge Dame. In dieſem Augenblick hörte der Walzer auf; Guſtav hatte keine Gelegenheit mehr, et- was zu ſagen; allein während er die Unbe⸗ kannte zu ihrem Platze zurückführte, und ſich entſchloß, ſie nicht aus den Augen zu verlieren, ehe ſie ihm eine Erörterung gegeben, bemerkte er die Blicke der Baronin de Saint⸗Clemen mit einem ſonderbaren Ausdruck an ihn geh tet, der ihn augenblicklich an die unverzeihli Unhöflichkeit erinnerte, deren er ſich ſo eben ge⸗ gen ſie ſchuldig gemacht, indem er ganz ver⸗ geſſen, daß er mit ihr hätte tanzen ſollen. Er ließ die Hand der Unbekannten fahren, und nahete ſich Cäcilien verwirrt und verlegen, einige Entſchuldigungen hervorſtammelnd. Die Baronin entgegnete nur, in ihren gewöhnlichen kalten Ton zurückfallend,„daß ſie ſchon müde ſei und ſich nach Hauſe begeben wollte.“ Da ihr Gatte und Theobald ſie begleiteten, erbot er ſich vergebens, ſie zurückzubringen. Lebewohl. III. Thl. 9 1 ☛̈ b 130 Der liebliche Ausdruck, der Cäciliens Züge kurz vorher verklärt hatte, war völlig ver⸗ ſchwunden; ihre ernſte Kälte war zurückgekehrt. Guſtav mehr, als je vorher in ihrer Gegen⸗ wart beengt und beklommen, eilte ſobald ſie den Saal verlaſſen, um ſich der Unbekannten wieder zu nahen, in der ſüßen Hoffnung, von nun an ihr ſein ganzes Daſeyn heiter weihen zu dürfen; aber wie groß war ſein Schmerz, ſeine innere Zer⸗ ſchtung, als er ſie nicht mehr an der vorigen telle fand.. Vergebens ſuchte er ſie bis an den hellen Tag; ſie war verſchwunden; und mit einem mehr verdrüßlichen als ſchmerzlichen Gefühl der Ver⸗ laſſenheit verſank er, ſo wie die Sonne ſtieg, noch tiefer in die Nacht ſeines dumpfen Unmuths. Neunundzwanzigſtes Capitel. Aber eine leiſe Hoffnung kehrte allmählig zu⸗ rück.„Vielleicht,“ hatte ſie geſagt,„wäre kein ¹ ☛̈ 131 Hinderniß mehr da.“ Er durfte ja vermuthen, daß die Unbekannte, die bald aufhören würde, es zu ſeyn, ihn bald unterrichten würde, wo er ſie wiederſehen konnte. Und doch, mit Ver⸗ wunderung bemerkte er es, fühlte er nun, der Erfüllung aller ſeiner Wünſche ſo nahe, nicht die innige, ſüße Befriedigung, auf die ſein Herz gehofft hatte.. Vermißte er ſchon das Geheimnißvolle, das ihn früher ſo unglücklich gemacht? Ver⸗ mochte nur ein Traumbild ihn hinzureißen? Er ſehnte ſich, die Hinderniſſe zu erfahren, die ſeine Liebe ſo lange bedroht, und auf welche Weiſe ſie beſeitigt waren. Er hatte die Ge⸗ liebte eben ſo, vielleicht noch mehr anziehend ge⸗ funden, als er ſich vorgeſtellt. Er würde ſie gewiß bald ſehen, kennen, umfaſſen, und doch fühlte er ſich nicht glücklich. Sein Kammerdiener trat noch früher, als geklingelt hatte, zu ihm herein, um ihm einen Brief zu überreichen, den ihn der Ueberbringer erſucht, ſogleich abzugeben. Die Aufſchrift 9* — ——— 132 zeigte die dem Grafen ſo wohlbekannten und ſo theuren Züge. Er öffnete das Schreiben ſchnell; er zweifelte keinen Augenblick, daß es ja Alles enthielt, was er zu wiſſen wünſchte. Er zitterte, ſeine Blicke überflogen das Blatt, dann las er es noch einmal langſa⸗ mer durch; und nach einem ſchweren Athem⸗ zug, als athmete er auf einmal von einer ſchwe⸗ ren Bürde befreit, leichter auf, rief er: „Verzeihung! Ich bin ſtrafbar. Wie habe ich auch einen Augenblick den Rauſch der Sinne für das Entzücken der Liebe halten können? Die Anmuth, die Schönheit des Mädchens machten mich trunken, ohne das Herz zu er⸗ ſchüttern; und ich klage mich ſelbſt der Unge⸗ rechtigkeit gegen Dich an, weil ich mich weni⸗ ger von der Wirklichkeit, als von Deiner ge⸗ heimnißvollen Hülle hingeriſſen fühlte!“ Er las das Schreiben, das ihm Licht ge⸗ geben, noch einmal durch. Hier ſind die Worte: „Sie haben ſich geirrt; ich war es „nicht. Guſtav! haben Sie mich denn ſo ☛ 133 „wenig ſchätzen gelernt, daß es Ihnen möglich „geweſen, mich mit einer Frau Ihrer Huldi⸗ „gung nuwürdig, zu verwechſeln. Lippen, die „um Geld Küſſe verſchleudern, haſt Du für die balten können, die, von Deiner Liebe geweiht, „nie entheiligt werden ſollen. Deine unglück⸗ „liche Freundin würde nicht einen Ball ge⸗ „wählt haben, um Dir anzuzeigen, daß kein „Hinderniß mehr da wäre. Sie ſind nicht „gehoben; ſie können es nicht ſeyn! Dich lie⸗ „ben, Dich anzubeten, mitunter dieſelbe Luft „wie Du einzuathmen, nur für Dich zu leben, „das ſind meine Bedingungen, glücklich zu „ſeyn. Glaube mir, ſie würden bei weitem „nicht hinreichend ſeyn, die zu befriedigen, der „Deine Phantaſie meine Züge geliehen.““ „Lebewohl! mir zu geliebter Freund. Ich „weiß nicht ob ich Sie mehr wiederſehen, ob ich „Ihnen mehr ſchreiben werde; ich weiß ſelbſt „nicht mehr, ob ich es wollen darf; Sie haben „mir Kleinmuth in die Seele gehaucht. Sie „ſind Mann. Sie können nicht lieben, ſo wie ☛ 134 ☛☚ „ich Sie liebe. Ich weiß nicht, aber es iſt mir, „als ſtehe ich nicht weit von dem Ziele meines „Daſeyns. Auf immer getrennt zu ſeyn, iſt das „nicht tauſendmal zu ſterben?““— Nach den erſten Empfindungen von Ueber⸗ raſchung und Schmerz fand Guſtav nur tief in ſeiner Seele einen lebhaften, trauxigen Un⸗ willen über einen Irrthum, der vielleicht die Unbekannte verhindert, ſich ihm zu nahen; die Worte, die das Schreiben beſchloſſen, zerriſſen ſein Herz, und zwangen ihn, ſich ſelbſt zu mißbilligen; auch verdroß es ihn, das Spiel eines behenden, leichtfertigen Geſchöpfs geweſen zu ſeyn. Alſo die Unruhe, das Erröthen, die Verwirrung war Alles nur ausgelernte Fertig⸗ keit? Ihr anhaltendes Stillſchweigen nur Furcht, durch ein ungeſchicktes Wort den Zauber zu zer⸗ ſtören. Wie wird ſie ihn ausgelacht, ſich mit der ſo gut geſpielten Rolle groß gewußt haben; empört durch dieſen Gedanken, ſprang Guſtav ſchnell auf, zog ſich an, und zu unzufrieden mit, ſich ſelbſt, um es mit Andern nicht auch zu 1 —— 2 135 ☚ ſeyn, ritt er aus, ohne Theobald vorher zu⸗ ſehen, oder ihm etwas ſagen zu laſſen. Er ritt lange, wohin— ſo zu ſagen— das Pferd ihn führte. Er wäre gern in die⸗ ſem Augenblick der Welt und ſich ſelbſt ent⸗ flohn. Seine beleidigende Unhöflichkeit gegen die Baronin machte ihm auch das Herz ſchwer. Ihrer kalten Ruhe ungeachtet mußte dieſer völlige Mangel an Aufmerkſamkeit und Sitte ſie doch tief verletzt haben. 31 Die Stimme ſeines Generals, der ihn beim Namen rief, riß ihn aus ſeinem düſtern Sinnen. Er war, ohne es ſelbſt zu wiſſen, in eine der beſuchteſten Alleen im Boulogner Wäld⸗ chen hingelangt. Guſtav entſchuldigte ſich, ihn nicht früher geſehen zu haben; und nach⸗ dem ſie beide abgeſtiegen waren, übergaben ſie ihre Pferde den Bedienten. Der General ſcherzte über ſeine Zerſtreu⸗ ung und ſeinen Hang zur Einſamkeit, und fragte ihn, ob er⸗ gebunden wäre. Guſtav, den Zweck dieſer Frage⸗ nicht ah⸗ 1 ☛̈ d 136 nend, verſicherte ihm mit einem unterdrückten Seufzer, daß er ganz frei ſei. „um ſo beſſer, lieber Graf,“ nahm der General das Wort;„dann werden Sie weni⸗ ger ungeneigt ſeyn, eine reiche Erbin zu heira⸗ then, die wir für ſie im Hinterhalt haben. Es iſt mir aufgetragen, ſie darüber zu erforſchen; ſehr bedeutende Perſonen wünſchen dieſe Ver⸗ bindung, die Ihnen Gunſtbezeigungen und Ge⸗ wogenheit einernten wird.“ „Die ich weder verlange, noch wün⸗ ſche,““, erwiederte Guſtav!„„wenn ich ein⸗ mal heirathe, werde ich mich wohl hüten, mit dem verhängnißvollſten Ereigniß unſers ganzen Lebens einen ſchnöden Handel zu treiben!““ „Sie ſind noch ſehr jung, Herr de Nor⸗ cé! und wie mich dünkt, ein wenig romanhaft; glauben Sie mir, ſich gut beim Hofe zu ſtehen, iſt gar nicht zu verachten, und verdient wohl, nicht unbeachtet zu werden. Ueberlegen Sie das, und beſuchen Sie mich. Wir wollen wei⸗ ter davon reden!“ *₰ ☛ 137 ☛☚ „Herr General!““ verſetzte Guſtav; „„der ſo eben geſchloſſene Frieden geſtattet dem Militär, vor der Hand nach eignem Gefallen zu leben. Erlauben Sie, daß ich in meine Heimath zurückkehre; der Ruf der Ehre ſoll mich immer bereit finden!“““ „Pah! Pah! Graf! den ſchönen Ent⸗ ſchluß werden vernünftige Betrachtungen bald verdrängen. Adieu! Ich will Sie gar nicht mehr anhören!’”“. Der General warf ſich auf ſein Pferd, grüßte mit der Hand und galopirte fort. Gu⸗ ſtav aber kehrte zurück, noch ärgerlicher als zuvor. Theobald, der unruhig über dieſen unge⸗ wöhnlich frühen Ausritt, ihn mit Ungeduld er⸗ wartet hatte, empfing ihn mit einem ſo leb⸗ haften Ausdruck inniger Freude, daß dieſer Au⸗ genblick wirklich zwei Herzen, die ſich ſeit eini⸗ ger Zeit von einander entfernt zu haben ſchie⸗ nen, einander wieder näher brachte. Guſtav fühlte ſeine Bitterkeit verſchwinden, 8 ☛ 138 ☛☚ indem er ſeinem Aerger Luft gab.„Nein!“ ſchloß er ſeinen Bericht,„ich werde mich nicht, fremder Gewalt beugen. In dem Augenblick, wo die Liebe mir gebietet, mich deſſen zu wei⸗ gern, das meine Mutter ſelbſt vielleicht ge⸗ wünſcht hatte; in dem Augenblick, wo ſie mich. zwingt, Noali aufzugeben, ſollte ich eine Gattin nehmen, vor der mein Herz zurückbeben würde?“ Theobald ſuchte den Freund zu beſänfti⸗ gen, indem er ihm in dieſer Rückſicht vollkom⸗ men Recht gab; indeſſen verſäumte er nicht die günſtige Gelegenheit, um ihn daran zu erinnern, daß er den beſtimmten Zeitpunkt, welchen der Vater in ſeinem Teſtament zu ſeiner Vereheli⸗ chung feſtgeſetzt hatte, in wenigen Monaten er⸗ reichen würde, und daß es doch wahrlich Thor⸗ heit ſei, auf den größten Theil ſeines Vermö⸗ gens Verzicht zu leiſten, um einem Schatten getreu zu bleiben; allein ſobald er dieſen Gegen⸗ ſtand weiter erörtern wollte, verließ ihn Gu⸗ ſtav, ohne ein Wort zu ſagen. Dennoch ſchien — ☛ꝙ 139 ☚ es, als hätten die Jugendfreunde ſich wieder⸗ gefunden. Mehrere Tage gingen ruhig hin. Ma⸗ dame de Saint⸗Clement lächelte zu Guſtavs immer wiederholten Entſchuldigungen, und ver⸗ ſicherte ihm, daß ſie eine ſolche Kleinigkeit nicht übel nehmen könnte; vielleicht hätte er gern geſehen, daß ſie ein wenig Unwillen in dieſer Beziehung geäußert hätte. Eines Morgens trat Guſtav in Theobalds Zimmer, und fragte ihn, ob er mit nach Vor⸗ ville wollte.„Dieſer ſchnelle Entſchluß ſcheint Dich zu wundern!“ fügte er hinzu;„und ich würde Dir auch, glaube ich, keinen andern Grund anführen können, als, daß ich nirgends wohl bin! Ol mein Freund! eine glühende Phantaſie iſt ein trauriges Geſchenk! ich fühle es tiefer als je! Alles wird von einem verrück⸗ ten Geſichtspunkt geſehen, nichts nach ſeinem wahren Werthe geſchätzt. Was meinem Her⸗ zen am theuerſten, von den glänzendſten Farben der Sehnſucht verſchönert, mir vor dem Sinn ☛ 140 ſchwebt, wird mich vielleicht doch nicht glücklich machen. Ich will nun reiſen, und vielleicht bin ich nicht ſo bald fort, als ich mich wieder zu⸗ rückſehnen werde. Komm! Freund! verzeihe mir die Ungleichheit meiner Laune! Deine Freund⸗ ſchaft iſt das einzige Gefühl, in dem ich mich nicht getäuſcht gefunden.“ Theobald glaubte aus dieſem moraliſchen Unwohlſeyn wahrzunehmen, daß die Zeit ge⸗ kommen ſei, da Guſtavs Vernunft ihm endlich die innere Leere ſeiner Leidenſchaft erblicken ließ; und empfand, wie heilſam die Einſamkeit in dieſer Stimmung auf ihn wirken könne; dort würde er täglich Noali ſehen, und gewiß würde ſie ihn zuletzt auch feſſeln. Er verſchloß ſein Herz dem verführeriſchen Gedanken, ſie wieder zu ſehen, und ſchlug es, den Grafen zu beglei⸗ ten, unter dem Vorwand aus, daß Geſchäfte rückſichtlich ſeiner jungen Mündel ihn vielleicht nöthigen würden, eine Reiſe in ſehr entfernte Gegenden zu unternehmen; er wurde zwar inne, daß ſeine Weigerung Guſtav Mißbehagen er⸗ 2 ☛̈ ꝑ 141 regte; es betrübte ihn, allein er durfte nicht ſchwanken, wo es mehr als ſeiner Ruhe, auch dem Glück ſeines Freundes galt. Guſtav blieb indeſſen auch ſeinem Ent⸗ ſchluſſe getreu; und eilte, nachdem Alles zu ſeiner Abreiſe bereit war, um dem Baron Le⸗ bewohl zu ſagen. Er war abweſend, und Ma⸗ dame de Saint⸗Clement allein. Guſtavs unvermutheter Entſchluß über⸗ raſchte ſie ſichtbar, und ſie fragte ihn, ob Ge⸗ ſchäfte ihn nach Vorville zurückriefen? Eine Frage, ein Zeichen von Theilnahme war ſo ungewöhnlich bei der Baronin, daß es eben ſeiner Seltenheit wegen einen doppelten Werth erhielt. Guſtav gab wie immer ſeinem ſo leicht erregten Gefühl nach, und verbarg ihr nicht, daß er ſich ſehr unglücklich fühle, und daß auch ſie beigetragen, ſeinen Kummer zu vermehren.„Ja! Cäcilie!“ fuhr er mit Wärme fort,„wenn Sie mich nicht zurückgeſtoßen hät⸗ ten, wenn Ihre Eiskälte die Regungen meines Herzens nicht zum Stocken gebracht hätte, würden Sie, Sie auch glücklicher geweſen ſeyn. Ihr Mitgefühl würde Balſam in die Wunden meines Gemüths getröpfelr haben, und meine innige Freundſchaft hätte Ihnen. das Ungl ück, an einen Greis Aolunden zu ſeyn, vergeſſen. gemacht.“ Die Baronin erröthete tief; doch beinahe in demſelben Augenblick erſchien ihre gewöhn⸗ liche Bläſſe wieder.„Herr de Noreé!“ ver⸗ ſetzte ſie ſehr trocken,„ich verzeihe Ihrem mir unbekannten Kummer Ausdrücke, die ihr Zart⸗ gefühl Ihnen ſonſt nicht geſtattet haben würde. Eine junge Frau darf nie weder die Vertraute, noch die Freundin eines noch ſehr jungen Man⸗ nes ſeyn; und mich dünkt, daß nichts in mei⸗ nem Benehmen die Vermuthung bei Ihnen hat erregen können, daß ich mich in meiner Ehe mit dem Baron de Saint⸗Clement un⸗ glücklich fühle? Die einzige Empfindung, die ich für Sie haben darf, iſt die Dankbarkeit. Ich werde nie vergeſſen, daß ich Ihnen das Leben zu verdanken habe.“ 3 ⁴, 143 Die Stimme der Baronin war bei den letzten Worten milder geworden. Sie ſtand auf, reichte dem Grafen die Hand, und eilte aus dem Zimmer. Guſtav hätte aus Furcht, ſie beleidigt zu haben, gern Abbitte gethan; er wartete noch einige Augenblicke, aber Cäeilie erſchien nicht wieder, und er entfernte ſich. Den Tag nach ſeiner Ankunft in Vorsille überraſchte er ſeine Verwandten in Lineuil. Madame de Serval befand ſich im Salon. Noali war an ihrer Seite beſchäftigt, eine ſehr maleriſche Ausſicht, die das offne Fenſter ihr darſtellte, zu zeichnen. In dem Augenblick, als Guſtav hereintrat, rief ſie fröhlich:„Mein Couſin! Sie hielt inne und erröthete; er ergriff ihre Hand, und merkte, daß ſie zit⸗ terte. Er ſah ſie überraſcht an; eine noch ſtär⸗ kere Röthe verſchönerte ihre Züge. Um ihre Verlegenheit nicht zu erhöhen, wandte er ſich an die Mutter, mit einer größeren Innigleit, viel⸗ leicht ohne es ſelbſt zu wiſſen, als er ihr je frü⸗ her bezeigt. Noali hatte ſich ſchnell gefaßt, ☛¶ 144 G allein ſie erſchien in ſich gekehrt, und als Gu⸗ ſtav ſeine Verwandten wieder verließ, konnte er nicht umhin, mit einigem Wohlbehagen an dies Erröthen, dieſe Gemüthsbewegung, welche doch kaum die Ueberraſchung allein hervorgebracht hatte, zu denken„O! Noali!“ ſagte er bei ſich mit einem unbewußten Seufzer,„ſollteſt Du eben ſo ſehr lieben können, als Du bezau⸗ bern kannſt? Du biſt zu gefährlich, wenn Du inniges Gefühl mit ſolcher Schönheit vereinſt!“ Madame de Serval hatke, ſcharfſinniger als Guſtav, zwar auch die Unruhe der Tochter bemerkt, aber zugleich wie ängſtlich ihre Blicke auf die Thür geheftet, durch die der Graf hereingetreten war. Sie hatte einen halb⸗ erſtickten Seufzer gehört, als dieſer geſagt, daß Theobald in Paris geblieben war; ein Anflug von ſtolzem Selbſtgefühl und leiſer Trauer be⸗ lebte ihre ſanften Züge, als ſie ihre Arbeit wie⸗ der angefangen hatte. Schien das nicht zu ſa⸗ gen:„Warum mich um ihn bekümmern, wenn er nicht an mich denkt?“ Drei⸗ ⁴☛ꝙᷓ 145 ☚ Dreißigſtes Capitel. Tugs reiheten ſich an Tage, doch in Guſtaus Seele brachten ſie keine Ruhe. Unzufrieden, ſelbſt unglücklich durch Theobalds Abweſenheit, unſchlüſſig, was er thun wollte oder durfte, un⸗ fähig, einen Entſchluß zu faſſen, der nicht ſein Herz zerriß, fühlte er ſich mitunter ſo überdrüſ⸗ ſig ſeiner ſelbſt, daß er ſich einer völligen Muth⸗ loſigkeit hingab. Dies iſt Aereih der peinlichſte Zuſtand der Seele; ein heftiger Schmerz erregt Ener⸗ gie, gibt der Hoffnung Raum, oder ſtimmt wenigſtens das Gemüth zur Entſagung; al⸗ lein dieſer Verzicht auf Alles, die Gleichgültig⸗ keit, womit wir der nächſten Stunde, ſowie dem ganzen Leben entgegen ſehen, reibt die Kräfte auf, zernichtet das Gute in uns, und macht, daß wir nur die Leere, das Bittre, das Schreck⸗ liche aus unſerm Daſeyn fühlen,„ohne doch Lebewohl. III. Thl. 10 ☛ 146 Kraft zu beſitzen, dieſem eine andre Richtung ſelbſt geben zu wollen. Guſtav fühlte ſich nur wohl in der Nähe ſeiner Verwandten. Madame de Serval ver⸗ gaß, wenn ſie ſeine Schmermuth ſah, daß ſie Grund hatte, ſich über ſein Benehmen zu be⸗ klagen, und berrieth ein ſo liebevolles Mitge⸗ fühl, daß er oft glaubte, in ihr ſrind Mutter Hi eleuſan zu haben. r⸗Noali fuchte ihn zu zerſtreuen, war es uber ihrer lieblichen Mühe gelungen, ihn eini⸗ germaßen zu erheitern, ſchien ſie in eben dem⸗ ſelben Verhältniß wieder kälter zu werden; man hätte ſagen können, daß es ihr ein Be⸗ vürfniß ſei, ihn glücklich zu wiſſen, aber daß ſein Glück dem ihrigen fremd wäre. Oft ver⸗ lebte er ganze Tage bei ſeinen Freundinnen, mitunter im Gegentheil ſchien er ſie zu fliehen. An einem ſolchen Tage, wo ſeine finſtre Laune ihn in die Einſamkeit trieb, nahete er ſich dem Orte, wo er einſt ſeine geheimnißvolle Geliebte an ſein Herz gedrückt. Er blieb vor —jj— —— ☛ꝙ 147 dem Säulenſtück ſtehen, wo ſie damals geſeſſen. Ganz nahe dabei entdeckte er auf einer herun⸗ tergeſtürzten Mauer einige Worte, die vor Kurzem ſchmucklos mit großen Buchſtaben ein⸗ geritzt waren. Er las: Einen Augenblick des Glücks! und darunter: Lebewohl auf ewig! IIAHHS Guſtavs Herz klopfte heftig. Die Erin⸗ nerung von jener Stunde, deren theures An⸗ denken auch ſie äußerlich hatte aufbewahren wollen, behauptete an ihm ihre beglückende Ge⸗ walt. Er wußte nichts mehr davon, daß Noa⸗ li's Anmuth ihn je hingeriſſen; ſeine heiße Liebe, ſeine Sehnſucht war ganz zurückgekehrt; er glaubte an ſeine Beſtändigkeit wieder, und mit Schaudern las ere Lebewohl auf ewig? Die Schwermuth des Grafen, die ſeit die⸗ ſem Begegniſſe noch düſterer geworden war, ſchien die liebevollen Bemühungen des freund⸗ lichen Kindes zu erhöhen; mit tauſend Fragen über Alles, wodurch ſie wähnte, ſeine Theilnah⸗ me erregen zu können, ſtrebte ſie, ihn ſeinen 10*† ——ÿõÿõÿ — ☛̈ 148 Traͤumereien zu entreißen; am meiſten ver⸗ weilte ſie bei der Zeit, die er im Felde zuge⸗ bracht; ſie hatte bemerkt, daß dieſer Gegen⸗ ſtand faſt immer ihn geſprächig zu machen ver⸗ mochte; die Worte: Ruhm und Vaterland, wie⸗ derhallten vielleicht noch ſtärker als ſtüber in dem leeren Inneren. Zu andern Zeiten befragte ſte ihn über die Welt, und ihre ihr noch ganz unbekannten Be⸗ luſtigungen; zum Erſatz gab ſie ihm dann ein Gemälde von ihrer erſten Jugend, ihrer glück⸗ lichen Kindheit. Mit kindlicher Innigkeit ſprach ſie von ihrem ehrwürdigen Beſchützer und Er⸗ zieher. Es war als würde unter ihren ſchlich⸗ ten rührenden Erzählungen der Baron de Li⸗ neuil ein ganz andrer Mann, in dem er jetzt mit Stolz und Freude den Geliebten der Mut⸗ ter erkannte. Sie hielt immer inne, wenn ſie zu der Zeit kam, als er ſtarb.„Von dem Au⸗ genblick,“ hatte ſie oft geſagt,„wurde ich auf einmal vernünftig, und ich habe nicht mehr Lu⸗ ſtiges zu erzählen.“ Empfand ſie vielleicht, daß —: ˖ů-— ☛ 149 Ꝙ . ſeitdem, da Theobald einen immer größeren An⸗ theil an allen ihren Erinnerungen bekommen, ſie dieſe nicht mehr ſo getreu wiedergeben konne? So lag das reine, offne, rührende Gemüth des holden Kindes immer offener vor Guſtavs Blicken, der, ohne ſich es geſtehen zu wollen, empfand, daß dies ein ſichrer Bürge für das Glück eines Gatten war; indeſſen rückte die Zeit immer näher, da er entweder ſeiner Foei⸗ heit entſagen, oder den größten Theil ſeines Ver⸗ mögens aufgeben mußte. Nun fragte er ſich ſelbſt, ſo wie es der Freund vorher gethan, ob er auch in der That eine ewige Treue der Frau aufbewahren ſollte, die auf immer Verzicht auf ihn geleiſtet zu haben ſchien, und an dem einzigen Ort, wo er ſie einmal an ſein Herz gedrückt, das ewige Lebewohl der Tren⸗ nung ſelbſt eingegraben hatte? Sehr geſchickt, Gründe aufzufinden, um den erſten Drang zur Untreue zu bemänteln, bezog er die innige Empfindung, womit die Unbekannte ihrem ein⸗ V zigen Zuſammentreffen ein kleines Denkmal her⸗ 8 3 A⁴ * . ☛ꝙ 150 ☛ richtet, auf ſie ſelbſt.„Nie,“ ſagte er ſtill bei ſich,„werde ich Jemanden ſo wie Sie lieben; wäre es nur möglich, einen Funken von Hoffnung noch hegen zu können, würde ich Alles aufopfern; allein darf ich, da wir doch auf ewig getrennt ſind, das Leben in vergebli⸗ chen Wünſchen, in leerer Sehnſucht aufreiben laſſen? Ich empfinde es nur zu wohl, das Ge⸗ fühl, welches ſie mir eingeflößt, wird bis an meinen letzten Athemzug dies Herz erfüllen! aber ſollte es, darf es ſie beleidigen, daß ich, der Vernunft und dem Gebot meines Vaters gehorchend, mich mit einer Andern verbinde, da ſie doch nicht mir gehören kann? Da die Hinderniſſe, die uns trennen, doch unverwüſtlich ſind, kann es ja ihr gleichgültig ſeyn, ob auch⸗ von meiner Seite ſich welche erheben?“ Indeſſen zürnte er ſich ſelbſt, daß er auch nur einen Augenblick ſo hatte denken können; fühlte er vielleicht, daß wenn Noali weniger ſchön, weniger hinreißend geweſen, der auch mehr Kraft gehabt hätte, ſeine Freiheit zu be⸗ ☛ 451£ haupten. Er dachte nicht mehr daran, einen Entſchluß faſſen zu wollen; allein in ſei⸗ nem Kopf, in ſeinem Herzen herrſchte eine ſchmerzliche Verworrenheit, und ſo wie er inbes dem abweſenden Freund entſtlohen, ſehnte ſich nun nach Theobald, als ahnte ſein 2 in ihm den Erretter. Um dieſe Zeit, einige Wochen nach der Zurückkunft des Grafen zu Vorville, wurde Ma⸗ dame de Serval unvermuthet von einer hefti⸗ gen Krankheit befallen. So wie alle die Em⸗ pfindungen von Liebe und Zuneigung, die das Herz der Mutter exfüllten, ſich in Noali zu⸗ ſammendrängten, ſo umſchloß ihr Weſen die ganze Welt der Tochter. Das Entſetzen, die Angſt, die Leiden ihres Herzens, als die Ge⸗ fahr, in der die Mutter ſchwebte, ihr nicht ver⸗ borgen bleiben konnte, laſſen ſich nicht beſchrei⸗ ben. Sie wich nicht aus dem Zimmer der Kranken, ſie wachte bei ihr alle Nächte, und wenn ihre ſchweren Augenlieder einen Augen⸗ blickzuſielen, lauſchte noch ihr Ohr auf den klein⸗ ☛☛ꝙ 152 ſten Seufzer der Mutter, der ſchmerzlich das Herz der Tochter durchdrang. Niie hat ein junges Mädchen größere Ge⸗ legenheit, als eben bei dem Krankenlager eines geliebten Weſens, die ganze, oft bis dahin un⸗ erkannte Fülle ihrer Liebenswürdigkeit, den Reichthum ihrer Empfindungen zu entfalten. Guſtav empfand, daß er ohne Bedenken ſeine junge Verwandte erwählt haben würde, wenn eine unſelige Leidenſchaft ſich ſeiner nicht ſo ganz bemächtigt hätte; aber immer, wenn ſeine Blicke auf ihr hafteten, die während dieſer Zeit ihn nur zu bemerken ſchien, um mit einem ſtarren, glanzloſen und doch ſo ſanften Blick ſein Mit⸗ gefühl und ſeine Hülfe aufzufordern, ſtellte ſich das Nebelbild der Unbekannten zwiſchen beide, und die Furcht, meineidig zu ſeyn, durthzuckte mit Eiskälte ſeine Bruſ..ma⸗ Sobald die Krankheit der Madame de Serval einen beunruhigenden Charakter angenom⸗ men hatte, war eine Stafekte nach Theobald geſchickt, und er wurde von einem Tag zum undern 7 ☛☛ᷓ 153 erwartet. Indeſſen war endlich eine günſtige Kriſis eingetreten, und die heftigen Schmerzen hatten ſich in einen ruhigen Schlummer aufge⸗ löͤſt. Guſtav und Neali ſaßen beide in einem Nebencabinet und belauſchten durch die halb offne Thür jede Bewegung der Kranken. Guſtav äußerte ihr ſeine Furcht, daß ihre Anſtrengungen und Gemüthsunruhe verderblich auf ihre eigne Geſundheit wirken möchten. Seine Stimme hatte in dieſem Geſpräch etwas Weicheres, Zärtlicheres als gewöhnlich. „O! lieber Couſin!“ erwiederte ſie,„könn⸗ te denn ſelbſt mein Leben je erſetzen, was ich der Mutter zu verdanken habe?“ Mit dieſen Worten lehnte ſie, ſich herunterneigend, den Kopf an ſeinen Buſen; Guſtavs Augen fielen dadurch auf ein ſchwarzes Band, das ſie um den Hals trug. Nie früher war es ihm ein⸗ gefallen zu wiſſen, was an dieſem Bande hing; er fragte, und zu ſeiner großen Verwunderung entgegnete Noali, daß es ein Medaillon ſei, das ſie nie geöffnet hatte; daß der Baron de ☛̈ 154 ☛ Lineuil es ihr kurz vor ſeinem Tode geſchenkt, . und ſie erſucht, es einſt demjenigen zu geben, der ihr Gatte werden ſollte, es war durch eine geheime Feder, die ſie nicht einmal zu öffnen wußte, verſchloſſen. 859 Guſtav äußerte ein heftiges Verlangen, das Medaillon zu ſehen. Nachdem er ihr hatte verſprechen müſſen, keinen Verſuch, es zu öff⸗ nen, zu machen, löſte Noali es vom Halſe ab, und reichte dem Grafen es hin. Guſtav beſah es von allen Seiten, ohne jedoch das Geheimniß, deſſen er ſich doch nicht bedienen durfte, zu errathen, während er über ihre ge⸗ ringe Neugier, den Inhalt des Medaillons zu kennen, ſcherzte; indeſſen machten die eingegra⸗ benen Worte:„„Für meinen Gatten,“ einen angenehmen Eindruck auf ihn. Er hätte gern ſich das Geheimniß eigen gemacht, dennoch gab er, aus Furcht, indiseret zu erſcheinen, dem Mädchen das Medaillon bald wieder. In dem Augenblick aber, wo ſie ihm die⸗ ſes aus der Hand nehmen wollte, vernahmen F ☛̈ꝑ ˙155 ſie einen lauten Seufzer aus dem Zimmer der Madame de Serval; Noali eilte hinein, das Medaillon ſiel auf den Boden, ſprang auf, und zeigte dem erſtaunten Guſtav, der es ſchnell aufhob, die höchſt ähnlichen Züge ſeiner Mutter. Er ſtand wie vom Blitz getroffen, nur daß er das liebe Bild an ſeine Lippen und an ſein Herz drückte. Seine Gemüthsbewegung hin⸗ derte ihn, die ganz natürliche Weiſe, auf die dies Kleinod in die Hände Noali's gekommen war, ſogleich einzuſehen. In der heftigſten Ge⸗ müthsbewegung, die Phantaſie in begeiſterter Ueberſpannung, glaubte er in dieſem Umſtand den Willen der Mutter, ja ein Gebot vom Himmel ſelbſt zu erkennen; ſelbſt kniend, rief er beinahe mit leidenſchaftlicher Heftigkeit: Ja, meine Mutter, mit Dankbarkeit empfange ich die Gattin, die Du ſelbſt mir zu bringen ſcheinſt, die, in der alle Deine ſchönen Tugen⸗ den wieder aufgelebt ſind, ſoll die Gefährtin Deines Sohnes ſeyn! In dieſem Augenblick erſchien Noali wie⸗ ☛☛ꝑ ꝑ 156 ☛☚ der!„Meine Mutter wünſcht Sie zu ſprechen!“ ſagte ſie. Guſtav eilte mit erregtem Gemüth an das Bett der Madame de Serval. Auch ihr Gemüth fand ſich ſehr beuu⸗ ruhigt. Die Krankheit hatte alle ihre Empfin⸗ dungen weicher und zugleich ſchärfer gemacht. Theobald war noch nicht zurückgekehrt, und ob⸗ gleich ihr der Graf die kindlichſte Ergebenheit bezeigte, hatte er doch noch kein Wort fallen laſ⸗ ſen, aus dem ſie die Erfüllung der theuerſten Wün⸗ ſche des Barons de Lineuil, die nur zu ſehr den ihri⸗ gen begegneten, hätte hoffen können. Der Gedanke, die Tochter vielleicht verlaſſen zu müſſen, ohne Je⸗ mand zu haben, an deſſen warme Zuneigung und Liebe ſich ihr gebeugtes Herz wieder auf⸗ richten konnte, preßte das ihrige gewaltſam zu⸗ ſammen. Es war, als ſagte ihr dieſe Beklom⸗ menheit, daß es nicht mehr Zeit wäre, conven⸗ tionellen Rückſichten nachzugeben. Sie wollte mit keiner ängſtlichen Ungewißheit ſich der Ewig⸗ keit nahen; und doch war es, als nun Guſtav —— — — ⁴☛ 157, vor ihr Bette hintrat, als könnte ſie das nicht usſprechen, von dem ihr Herz ſo voll war, kaum daß ſie ſagen konnte:„Lieber Guſtav — wenn ich ſterbe— die arme Noali!“ „„Ich ſchwöre es,““ unterbrach ſie der Graf in heftiger Erregung,„„ich will ihr Be⸗ ſchützer, ihr Freund, ja ihr Gatte werden, wenn Sie mein verlangendes Herz ihrer würdig fin⸗ den; zu Ihren Füſſen, in dem Namen meiner Mutter, in dem Namen desjenigen, unter deſ⸗ ſen Obhut ihre erſte Jugend verfloß, der ſie ſo treu liebte, wage ich, Anſpruch auf die reizende Braut, die mir befiimmt wurde, zu machen.““ Eine lebhafte Freude erfüllte bei dieſer Erklärung die mütterliche Bruſt; ihre Augen ſchwammen in Thränen. Sie legte Noali's und Guſtavs Hände in einander, und ſagte nur leiſe:„Seid glücklich, meine Kinder.“ Die bleiche, zitternde Noali ergab ſich mit kindlicher Unterwerfung der ſichtbaren Freude der Mutter; die verworrenen Gefühle, die ſich in ihrem Herzen erhoben, mit Kraft unterdrük⸗ ☛ 158 ᷣ kend, kniete ſie an Guſtass Seite nieder; ihre Hand ruhete noch immer lin der ſeinen, aber ihre Lippe ſchwieg. In dieſem Augenblick wurde Theobald an⸗ gemeldetz er hatte einen berühmten Arzt aus Paris mit ſich gebracht. Erſtaunt über die ſichtbare Gemüthsbewegung auf allen Geſich⸗ tern, über Noali's Verwirrung, die bei ſeinem Anblick unbeweglich mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen da ſtand, beklemmte eine dunkle Aengſtlich⸗ keit ſeine⸗ Bruſt; er hages aber Niemand zu fragen. 1 1 Indeſſen bat Madame de Serval üön, na⸗ ber zu treten, und mit einem ausdrucksvollen Blick ſaste ſie, auf Guſtav⸗ und Noali hinzei⸗ Jend„Alle unſre Wünſche ſind erfüllt!“m herboh brauchte nicht mehr zu hören; er wurde blaß, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, während er ſich über die Hand der Madame de Serval herunterneigte; doch ſchnell gefaßt, umarmte er heftig den Freund; Märtyr eines geleiſteten Eides, empfand er we⸗ * — —,— 22 159 nigſtens die denehnn⸗ ſeine Pflicht erftint zu halben⸗ Einunddreißigſtes Capitel. Di freudige Gemüthsruhe der Madame de Serval ſchien indeſſen noch mehr, als die thätigen Mittel, womit der von Theobald mit⸗ gebrachte Arzt ſie verſah, alle ihre Kräfte aufs neue zu beleben. So wie die Mutter ſich beſ⸗ ſerte, wurde auch Noali ruhiger; allein ihre Heiterkeit war verſchwunden. Eine leiſe Schwer⸗ muth erfüllte ihr Herz, und verbreitete ſich über ihr ganzes Weſen.⸗ Die Mutter hatte nicht ohne lerched dieſe Veränderung bemerkt. Sie zögerte in dem Her⸗ zen der Tochter zu leſen. Der Ausdruck des Kum⸗ mers, den ſie in Theobalds Zügen bemerkte, trug auch bei, die Freude, welche Noali's Ver⸗ bindung mit dem Grafen de Noreé ihr ein⸗ — 2 1— 4— 8 flößte, herabzuſtimmen. Wie ſehr dieſe auch allen ihren Wünſchen genügte, begann ſie doch zu fürchten, daß Noali's Glück nicht dadurch erreicht werden könnte. Aber welche Mutter durchbebt nicht dieſe Empfindung, wenn ſie im Begriff ſteht, die Tochter fremder Willkühr zu übergeben? Madame de Serval jedoch zitterte vor dem Gedanken, daß die Neigung zu Theo⸗ bald, welche ſie in dem unſchuldigen Gemüth der Tochter entdeckt, ſtatt ſchwächer zu werden, noch inniger geworden ſei. Mnd wirklich gab ihr eine Unterredung mit Noali dieſe traurige Ueberzeugung; das Mäd⸗ chen verbarg ihr nicht, daß ſie lieber Theobald heimen Neigung ſelbſt erſt inne geworden, nach⸗ dem ſie einem Andern zugeſagt worden war; allein ihre reine Phantaſie flößte ihr keine bittern Leiden ein. Sobald ſie die Abſichten der Mut⸗ ter und die wichtigen⸗ Gründe, die ihr dieſe Verbindung ſo wünſchenswerth machten, kennen gelernt hatte, ſah ſie es als ihre erſte Pflicht an, zum Gatten erwählt hätte; ſie war ihrer ge⸗ ⁴☛ᷣ̈ 161& an, gehorſam zu ſeyn. Auch empfand ſie, daß Guſtav, nicht Theobald, den zweiten Platz in ihrem Herzen beſaß, und da ſie dem, den ſie vor Allen vorzog, nicht gehören durfte, ge⸗ lobte ſie ſich, ihr Leben dem Glück ſeiiss Freun⸗ des zu weihene Theobald übte eine noch peinlichere Ge⸗ walt über ſein Herz aus. Die Mutter Nogli's nahm keinen Anſtand, ihn erblicken zu laſſen, wie tief ſie ſein großmüthiges und edles Be⸗ nehmen empfand; allein jetzt konnte der junge Mann nicht länger ſchweigen; er verbarg der Freundin die ganze Fülle ſeiner Leidenſchaft und ſeiner Leiden nicht; und nun erſt begriff ſie die Größe des Opfers, das er gebracht. Heftig er⸗ ſchüttert, wie ſie war, konnte ſie nicht umhin, ihn merken zu laſſen, daß ihre Tochter nur zu ſehr ſeine Neigung erwiederte; ach! ſie ſagte ihm nichts Neues, und daß dieſe Ehe leicht alle drei unglücklich machen konnte, wenn er ſich nicht dieſem halbunbewußten Zuſtand, der ihn Lebewohl. III. Thl. 11 . ☛ 162 aufrieb, entriß, und ſeiner Großmuth dadurch die Krone aufſetzte, daß er ſich entfernte. Theobald war noch genug Herr ſeiner ſelbſt, um dieſen Gedanken ſchnell zu ergreifen, wie der Schiffbrüchige das rettende Bret. Er ſah ſie einen Augenblick ſtarr an; dann erklärte er ſich bereit, ſogleich abzureiſen. Das war aber die Meinung der Madame de Serval nicht, und obgleich Theobald von dem Augen⸗ blick, das er dieſen Gedanken aufgefaßt, zu glei⸗ cher Zeit fühlte, daß er ihn auch nicht ſchnell genug ausführen konnte, gab er doch ihren An⸗ ſichten nach, und verſprach erſt gleich nach der Hochzeit, eine Reiſe ins Ausland zu unter⸗ nehmen.. 1 Es war, als ſollte, trotz dem Anſchein des überſchwenglichen Glücks, doch keiner von Allen ſich glücklich fühlen. Auch Guſtavs Herz war von wilden Kämpfen zerriſſen; trotz dem Zauber, womit ihn Noali's Gegenwart umgab, fürch⸗ tete er doch den Augenblick, der ihn auf immer mitt ihr vereinen ſollte, ohne ſich ſelbſt das War⸗ ☛ 163 um recht deutlich machen zu können oder zu wollen. Mitunter wünſchte er ſogar, daß die Unbekannte erſcheinen, und ihn dem Zau⸗ berkreiſe, worin er ſich feſtgebannt fühlte, ent⸗ reißen möchte; dann warf er ſich ſeine Unbe⸗ ſtändigkeit bitter vor; er ſehnte ſich, die geheim⸗ nißvolle Geliebte wiederzuſehen, mit ihr zu entfliehn, vor Liebe zu ſterben. In andern Augenblicken rief er die geſunde Vernunft zu Hülfe; wies die Wallungen ſeiner thörichten Leidenſchaft zurück, und bemühete ſich durch den Nebel, der ſeine Zukunft bedeckte, eine heitere Sonne zu erblicken. In Noali's Gegenwart nur vergaß er ſich ſelbſt und das ganze Univerſum; hatte ſie ſich aber einen Augenblick entfernt, eilte er nach Vorville und ſtürmte nach dem Felſen hinaus, wo er an dem Grabe ſeiner Mutter weniger Troſt, als herzzerreißende Erin⸗ nerungen fand. An einem ſolchen Abend war es, wo, un⸗ ter dem ſtummen Denkmal hingeworfen, ihn auf einmal der längſt vergeſſene Traum wieder 11*† ☛ 164 Ꝙ☛. X vor die Seele trat, in dem er auf derſelben Stelle die unangenehmen Züge der ſpäter ſo ſehr veränderten Mademoiſelle d'Adelmar neben ſich erblickte, und ihr gegenüber eine ſchöne, rührende, faſt kindliche Geſtalt, deren Engelant⸗ litz er ſich vergeblich ins Gedächtniß zurückzuru⸗ fen beſtrebte; indeſſen war es, als gab jede in ihm aufdämmernde Erinnerung dem Traumbilde Noali's Züge. Scheu ſah er ſich mit banger Ahnung nach dem Trauerſchleier um, der auf einmal den Felſen hinter ihm bedeckt hatte; unwillkührlich lauſchte er nach dem ſchmerzli⸗ chen Geſchrei, das ſeinen Traum zerriſſen! Ver⸗ gebens! Alles war und blieb ſtill rings um ihn, allein dieſe Erinnerung legte den Trauerſchleier einer unheimlichen Ahnung, die von dieſem Au⸗ 3 genblick ihn unaufhörlich verfolgte, um ſein Gemüth. 53 Indeſſen war jede Friſt allmählig verſtri⸗ chen; die wieder hergeſtellte Geſundheit der Ma⸗ dame de Serval hatte ſchon geſtattet, daß der Hochzeitstag beſtimmt werden konnte. Guſtav 2 ————— 2 —— ☛☛ᷓ 165 ☛☚ hatte ſchon längſt den Baron de Saint⸗Cle⸗ ment davon benachrichtigt und ihn, als ſeinen vorigen Vormund, eingeladen, bei dieſer Gele⸗ genheit Vatersſtelle bei ihm zu vertreten. Auch waren alle Vorbereitungen beendet. Der alte Antoine hatte dieſe übernommen. Der treue Diener, der die heimliche Leidenſchaft Guſtavs mehr errathen hatte, als ſie ihm anvertraut worden war, freuete ſich, das Glück ſeines Herren endlich feſtgeſtellt zu ſehen. Es wurde ausgemacht, daß die Trauung um Mitternacht in der Capelle bei Vorville vor ſich gehen ſolle. Guſtav hatte die Zimmer, die für ſeine junge Gattin beſtimmt waren, höchſt zierlich decoriren laſſen. Er überreichte ihr die koſtbarſten Ge⸗ ſchenke. Jeder dachte nur an die bevorſtehenden Feſtlichkeiten, und zahlreiche Einladungen wur⸗ den gemacht. Mehr als vierzehn Tage waren ſchon ver⸗ gangen, ſeit der Brief an den Baron abge⸗ ſchickt war, und zur Verwunderung Aller war noch keine Antwort eingelaufen. Endlich kam ☛ 166 ein Brief von dem Geſchäftsführer des Herrn de Saint⸗Clement, der die Nachricht brachte, daß er und die Baronin, deren Geſundheit eine Veränderung der Luft erforderte, plötzlich nach der Schweiz gereiſt wären, und das Schreiben des Grafen de Noreé ihnen nachgeſchickt worden. Es wurde ausgemacht, da der Baron doch nicht zu der beraumten Zeit des Hochzeittages eintreffen konnte, ſeine Rückkehr nicht abwarten zu wollen.— 8— Endlich war denn der Tag gekommen. Verwandte und Freunde waren in dem großen Saal in Vorville, um den feierlichen Aet zu unterſchreiben, verſammelt. Noali's reizende Anmuth überſtrahlte die koſtbaren Edelſteine, womit die reichen Geſchenke des Bräutigams ſie geſchmücket. Alle Blicke huldigten ihr, alle Herzen wünſchten ihr das ſchönſte Glück. Gu⸗ ſtavs Augen, von ſeinem Glücke überzeugt, ru⸗ heten liebevoll verlangend auf ihr; jede trübe Ahnung war aus ſeinem Herzen verſchwunden. Madame de Serval betrachtete ihre Kinder mit ☛̈ 167 ☛☚ einem gemiſchten Gefühl von Unruhe und Zärt⸗ lichkeit. ene Noali's Blicke, auf die Glück wünſchende Umgebung herumirrend, waren auf Theobald haf⸗ ten geblieben; ſie glaubte ein ſchmerzliches Le⸗ bewohl, das ihr Herz durchzitterte, in ſeinen Augen zu leſen; ihr Blut ſtockte; ſie fühlte Thränen auf ihren Wangen, die ſie nicht abzu⸗ trocknen wagte; dennoch konnte ſie ihre Blicke nicht von den ſeinigen abwenden, bis er, deſſen Bruſt ihre ſtummen Worte mit Entzücken und Schmerz durchgedrungen, nur von ihr bemerkt, ſchnell den Saal verließ. Es war bald nicht weit von Mitternacht mehr. Guſtav, der ſchon lange Theobald ver⸗ mißte, wollte nicht den feierlichen Zug ohne den Freund eröffnen. Er fragte die Bedienten, Niemand hatte ihn geſehen. Als ſeine Abwe⸗ ſenheit ihm endlich zu lange dauerte, eilte er ſelbſt nach ſeinen Zimmern hinauf; ſie waren dunkel und Niemand da. Eine ſonderbare Ahnung ſtieg in Guſtav auf. Er hatte wohl ☛ 168 ☛ Theobalds Bläſſe bemerkt. Die zitternde Be⸗ wegung ſeiner Hand, die er ſonſt mit feſter Zuverſicht führte, als er den Eheact unterſchrieb, war ihm freilich aufgefallen; erſt jetzt aber fand er Bedeutung darin. Er erſchrak, doch wagte er nicht, den Gedanken auszudenken; aber mit einer ängſtlichen Eile ſuchte er den Freund auf⸗ zufinden. 4— 4 Als er die Treppe wieder berautergugt fragte er die verſammelten Bedienten, welche ſich auf dem Vorplatz befanden, wo die gerin⸗ gern Bewohner der Umgegend und die Unter⸗ gebenen des Grafen verſammelt waren, und von da hinaus zwei Reihen bis an den Garten bil⸗ deten, ziemlich laut, ob ſie Theobald geſehen. Emil, der auch hier zugegen war, und ſchüttelten, gehört, trat ſchnell hervor, und er⸗ klärte, daß er ſo eben den Herrn de Norville unten im Garten ſitzend geſehen. Er erinnerte ſich die Stelle gar wohl. Guſtav, plötzlich beunruhigt, als widerlagte die Frage des Grafen, wozu Alle den Kopf ☛̈ 169 ☚ dieſe Entdeckung ganz ſeinen ſchnellen und ban⸗ gen Zweifel, erſuchte Emil, freundlich wie im⸗ mer, den Freund ſogleich zu rufen, und da er zu gleicher Zeit erinnert wurde, daß die Uhr ſchon Mitternacht geſchlagen, nahm er keinen Anſtand weiter, nachdem er noch einige Mi⸗ nuten gewartet, und er die auf ihm ruhenden und fragenden Blicke bemerkt hatte, den Zug beginnen zu laſſen, in der Vermuthung, daß der Freund unterweges zu ihnen ſtoßen würde. So begaben ſich Alle nach der Capelle. Der ganze Park war erleuchtet, der Felſen aus⸗ genommen, wo das Grab der geliebten Mutter in tiefer Finſterniß da lag. Laute Freude er⸗ ſcholl von allen Seiten, die doch bald einem religiöſen Stillſchweigen wich! Die Cerimonie begann; die lebenslänglichen Bande wurden ge⸗ knüpft, während Guſtavs Blicke, ahnend, un⸗ ruhig Theobald ſuchend, auf der Verſammlung herum ſchweiften. Noali erhob endlich die niedergeſchlagenen thränenvollen Blicke wieder, und ſtand zwiſchen ☛ꝙ 170 ihrem Gatten und der Mutter, bereit, ſich zu⸗ rückzubegeben; ein ſeelenvolles aber ſchmerz⸗ liches Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen, als beſtrebte es ſich, die kaum getrockneten Thränen zu widerlegen; da ward auf einmal ein ver⸗ wirrtes Geräuſch, ein immer lauteres Mur⸗ meln vernommen; die Bedienten eilten hinzu; die Verſammlung flüſterte unter ſich; Guſtav, von einer unwillkührlichen Angſt befallen, warf zufällig einen Blick auf Madame de Serval; ängſtlich, erblaßt begegnete ihr Auge dem ſei⸗ nigen; mit einem unbewußten Ausbruch von Erſchrecken rief ſie, nur ihm verſtändlich: „Theobald!“ Allein das Wort hatte ihm Al⸗ les geſagt. Er wußte nun, daß ſie ſeine Ge⸗ danken theilte, ſeine halb wieder verſchwundene Vermuthung wurde in dieſem Augenblick Ge⸗ wißheit. Er ſchauderte zuſammen. In dieſem Augenblick waren die Diener zu ihm hinge⸗ drängt; ohne zu fragen, erfuhr er, daß nicht die Rede von Theobald war; eine Frau, ganz ſchwarz angezogen, in ſichtbarer Verwirrung, — ⁴☛ 171 ☛ mit eilenden Schritten, war in dem Park ge⸗ ſehen worden. Sie irrte durch die Alleen und die Bosquette, und ſchien die Capelle zu ſuchen, wenn ſie nicht ſo ganz außer ſich wäre, müßte ſie ſchon längſt da geweſen ſeyn. Guſtav er⸗ ſtarrte; ein kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirn; da ſah er auf einmal den alten Antoine eilig durch die Menge drängen; er nahete ſich ihm zitternd und flüſterte ihm das einzige Wort: „die Unbekannte!“ zu. Die ganze Verſammlung war von einem allgemeinen, ihr nicht ſelbſt klaren. Erſchrecken ergriffen; Alle ſahen ſich voller Erwartung an. Die ſchwach erhellte Dunkelheit der Ca⸗ pelle vermehrte das Entſetzen. Guſtav war im Begriff, hinauszueilen, da theilte ſich plötz⸗ lich die Menge zwiſchen ihm und dem Ausgang; und der rothe Schein der Fackeln fiel auf eine Frau in tiefer Trauer, das Geſicht von einem großen, in dicken Falten wehenden Schleier be⸗ deckt. Sie trat in die Capelle hinein, ſtürzte ſich zwiſchen das Brautpaar, ergriff, außer ſich, 5 7 = 172 —— kae Guſtavs Hand, drückte ſie an ihr Herz; hef⸗ tete einen langen, durchdringenden Blick auf den Geliebten; hauchte dann, kaum verſtändlich, mit verſagender Stimme, das Wort Lebewohl aus; eilte mit großen Schritten wieder aus der Capelle, ſchlug die Richtung gegen den Fel⸗ ſen ein, und verſchwand in die Dunkelheit. Der Graf, der ſie ſogleich wieder erkannt, war außer ſich. Er brachte zuerſt Leben und Bewegung in die erſtarrte Verſammlung wie⸗ der. Er befahl, er bat, nach ihr zu eilen, ſelbſt ſtand er wie an den Boden gewurzelt. Noch war er ganz ohne Faſſung. Madame de Ser⸗ val, die ſich aus ihrem erſten Schrecken erholt hatte, ſuchte vergebens, von ihm gehört zu wer⸗ den; Noali beſchwor ihn, ſich zu faſſen. Endlich raffte er ſich zuſammen, legte Noali's Hand in die ihrer Mutter und ſtürzte aus der Capelle. „Er flog, allen Andern voraus, nach dem Felſen hin. Eine tiefe Ahnung ſagte ihm, daß er nur dort vielleicht Kunde von ihr, die er ſo eben geſchworen, zu vergeſſen, finden würde.⸗ — — ☛ 173 Ꝙ‿ Er hatte ſie auch nicht betrogen, auf dem Denk⸗ mal lag ein offenes Blatt. Er verbarg es ſchnell in ſeinen Buſen, dann eilte er ins Schloß zurück, fragte vergebens die Bedienten, die nicht die kleinſte Spur von ihr aufgefunden, befahl ihnen, noch einmal überall zu ſuchen, und ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein. 5 Zweiunddreißigſtes Capitel. Peer, mit einer Herzensangſt, die keine Fe⸗ der beſchreiben kann, nahm er das unſelige Blatt zitternd hervor. Bei dem erſten An⸗ blick kam es ihm als unbeſchrieben vor; doch bald entdeckte er wenige, mit Bleiſtift ſehr groß gezogene, faſt unleſerliche Zeilen, in denen doch die wohlbekannte Hand nicht zu verkennen war, obgleich ihre Feſtigkeit und Zierlichkeit hier nicht die kleinſte Spur hinterlaſſen. Es ſtanden dar⸗ auf nur dieſe Worte: ⁴☛ᷣ 174 „Zu ſpät! Ihr waret ſchon getraut! Ich „bin gefaßt, denn ich ſtehe am Ziele. Ich ver⸗ „zeihe Dir! Guſtav! ſei glücklich! Nur wenige „Minuten noch, und auch ich bin in Ruhe. „Jetzt danke ich Gott, daß Du mich nicht ge⸗ „kannt; vergiß des Traumes; Du wirſt mich „nie kennen lernen.“ Die düſterſte Ahnung kämpfte mit der wil⸗ deſten Verzweiflung in ſeiner Seele; allein Hoffnung, nicht die, glücklich zu werden, aber die, das theuerſte Leben zu erretten, hielt ihn noch aufrecht; doch fühlte er, daß er ſich kaum be⸗ ſinnen konnte, aber ſeine körperliche Kraft er⸗ ſchien ihm verdoppelt. Er verbarg ſchnell das Blatt, öffnete die Thür wieder, und trat ver⸗ ſtört heraus. Bediente traten ihm entgegen; Madame de Serval hatte nach ihm geſchickt. Sie war bei ihrer Tochter. Er konnte keine von beiden ſehen, aber er brauchte einen, dem er alles das Fürchterliche, das in kürzerer Friſt als einer Stunde ihm begegnet war, anvertrauen, der ihn begreifen konnte. Wo war Theobald? — ☛ꝙ 175 er rief mit lauter Stimme nach Theobald, und da noch Niemand ihn geſehen hatte, eilte er ſo ſchnell hinauf nach ſeinem Zimmer, daß die leuchtenden Bedienten ihm kaum folgen konnten. Das erſte, was hier ſeinem Blick begeg⸗ nete, war ein verſiegeltes Blatt mit Aufſchrift an ihn. Er riß es ohne Bedenken auf und las: „Guſtav! Ich konnte Eurer Trauung nicht „beiwohnen, obgleich ich Euch ſegne. Ich gehe, „denn! ich liebe Noali, aber ruhig und nicht „unglücklich; denn ich habe meine Pflicht ge⸗ „than. Laß dieſe Ueberzeugung Dich wegen „meiner beruhigen, und den letzten Traum Dei⸗ „nes überſpannten Gehirns völlig beſeitigen. „Man kann, was recht iſt.“ „Und iſt das Rechte denn immer recht!“ rief Guſtav betäubt, dies neue, früher nur dun⸗ kel geahnte Unheil gab ſeinem Schmerz durch einen ganz neuen eine Art von Gegengewicht! „Deine unglückliche Pflicht, nicht aber deren Erfüllung hat mich, uns Alle elend gemacht.“ Aber mit dieſem Worten war ſeine Kraft ☛ 176 gebrochen, und als er wieder zur Beſinnung kam, ſaß Theobald an ſeinem Lager. Sobald der alte Antoine ſeinen völlig ohn⸗ mächtigen Herrn mit der Hülfe der andern Diener auf Theobalds Bette, als das nächſte, hingebracht, trat Madame de Serval ein. Ihr Auge ſiel ſogleich auf Theobalds Schrei⸗ ben; der Anblick ſeiner Handſchrift beruhigte ſie zwar, aber der Zuſtand ſeines Freundes, der, nach dem Bericht des alten Dieners in Ver⸗ bindung mit dem vorgefundenen Brief zu ſte⸗ hen ſchien, bewog ſie, ihn zu leſen. Sie ſchrieb eilig einige Zeilen an Theobald, den ſie in Li⸗ neuil vermuthete, von welchem Orte aus er, der früheren Abrede gemäß, abreiſen würde. Sie hatte Recht gehabt; der Bote traf ihn, aber ſo wie er beim Anbruch des Tages in den Reiſewagen ſteigen wollte. Das Unheil, das ihm die wenigen Zeilen der armen Mutter nur halb, aber um ſo fürchterlicher enthüllte, be⸗ ſtimmte ihn ſogleich, nach Vorville zu fahren. Madame de Serval empfing ihn. Einer ge⸗ hei⸗ ☛ 177 ☛☚ heimen Angſt wegen Theobald, die ſie ihm an⸗ gemerkt, und in einem noch höhern Grade als er empfand, mehr als eine Erſcheinung, die ihr eben ſo fremd wie unerklärlich war, hatte ſie ſein ſonderbares Benehmen, und dem von Theobald nachgelaſſenen Schreiben, dem Zuſtand, in dem der Freund ihn wiederſah, zugeſchrieben. Sie gab ihm den Brief mit ſo unbewußten Worten zurück, daß ihr ſelbſt nicht klar war, ob Mitgefühl oder bittrer Vorwurf ſie ausge⸗ ſprochen hatte. Sie trafen Theobald tief, aber bei dem ſpäteren Bericht der Diener und be⸗ ſonders dem des alten Antoine, der dem Freund ſeines Herrn jetzt nichts mehr verſchweigen zu dürfen glaubte, ging ihm ein Licht auf, das ihm wenigſtens zeigte, daß hier ein noch grö⸗ ßeres Unglück, als das ſeine, dem Freund das Herz gebrochen. Es war ihm ſchon gelungen, Madame de Serval, die volles Vertrauen in ihn ſetzte, zu entfernen, und kaum nahete er ſich dem Grafen, kaum drang ſeine Stimme durch den halbbeſinnungsloſen Nebel, der ſeine Lebewohl. III. Thl. 424 ☛☚☛ 178 Q Sinne noch umgab, als dieſer wirklich zu wei⸗ chen begann. Er erkannte Theobald, ſprang auf, als wären mit ſeiner Beſinnung ſeine frü⸗ her ſchon wankenden Kräfte auch wiedergekehrt, und warf ſich in ſeine Arme. Die Freunde hielten einander lange ſchweigend umfaßt; auf einmal löſte ſich der erdrückende Krampf in Guſtavs Bruſt in einen Strom von Thränen auf. Er reichte ihm das zerdrückte Blatt hin, das er noch im Buſen hatte; nlies:“ ſagte er nur; dann nach einem langen Stillſchwei⸗ gen fragte er matt:„Haſt Du ſie gefunden? ich weiß, Du haſt mich noch lieb, zu lieb, ob⸗ gleich Du Dich ſchwer gegen unſre Freund⸗ ſchaft verſündigt.“ Theobald ſtellte ihm vor, daß kein ver⸗ nünftiger Grund da wäre, warum er jetzt mehr als früher ein Geheimniß entdecken könde, das ihm bisher mit ſo vieler Schlauheit verborgen worden; das er ſeiner eignen und auch des Freundes, ja der Ruhe der Gattin, die er aus tiefem Pflichtgefühl gewählt, es ſchuldig ☛ 19 ☛ ſei, die Freiheit zu benutzen, die ihm endlich gegeben, und ſtark durch jenes, ein Ereigniß zu vergeſſen, das ihm empfohlen war, als ei⸗ nen Traum zu betrachten; aber vergebens bot er Alles auf, um Guſtav zu beruhigen, um ihm ſeine ruhigen, faſt kalten Anſichten einzuflößen. „Wir fühlen verſchieden!“ ſagte der Graf endlich,„aber wir denken eins. Noali darf nicht ein Opfer werden, wenn ſie nicht ſchon eins iſt. Offenheit und Wahrheit allein hätten vielleicht uns beiden dies erdrückende Gefühl er⸗ ſparen können; es iſt zu ſpät; mögen ſie uns wenigſtens dieſen Zuſtand in ſo fern erleichtern, daß wir klar ſehen können. Ich bin ſehr blind geweſen; öffne Du mir die Augen ganz; ich kenne Dich, Du brauchteſt nicht zu entfliehn, wenn nicht— ehrlich, Theobald! liebt Noali Dich nicht wieder?“ „„Ja! Guſtav!““ erwiederte der Freund, „„aber innig und ohne Leidenſchaft, denn dieſe kennt ſie nicht, und ehrt ihre Pflichten. Laß Deine Liebe ihr dieſe leicht machen.“““ 12*† ☛☛ 180„ Guſtav ſchüttelte den Kopf.„Durch ein Verbrechen, durch mein Verbrechen habe ich ſie in Ketten geſchmiedet, und glaube, dies Ge— fühl, das nun doppelt lebendig in mir gewor⸗ den iſt, kann weder ſie, noch mich glücklich ma⸗ chen. Was ich thun will und kann, ich weiß es nicht; aber ſo kann ich ſie nicht ſehen; kann ſie nicht ſehen, ſo lange dieſe Angſt meine Bruſt zu zerſprengen droht. Ich muß Alles wiſſen, Theobald, ich muß; die Freiheit, die mir gegeben iſt, glaube es mir, ſie iſt mit einem Leben er⸗ kauft. Ich ſehe das unſchuldige, reine Weſen, das, Gottlob, nicht ahnt, nicht ahnen kann, was in mir wühlt, ich ſehe Noali nicht mehr, wenn ich ein Mörder bin.“ Erſprang auf, klingelte, ließ alle die ausge⸗ ſchickten Bedienten einzeln vor ſich kommen, aber Niemand hatte ſelbſt die kleinſte Spur von der nächtlichen Erſcheinung entdeckt. Guſtav hörte ſie ſchweigend mit erkünſtelter Ruhe an. Der ääußere Zwang, den er, um allen gehäſſigen Ge⸗ rüchten vorzubeugen, und die Ruhe ſeiner Fa⸗ ☛̈ Oo 181 milie nicht auf das Spiel zu ſetzen, ſich an— thun mußte, hatte ihn allmählig im Inneren beſonnener gemacht. So viel Herrſchaft hatte noch nimmer ſeine Vernunft über ſeine Phan⸗ taſie behauptet, daß die glühende Gewalt der in⸗ neren Gluth ſich unter ein Aeußeres verbergen konnte, daß ihre Einwirkung nicht ahnen ließ. Er ſchrieb ſogar einige flüchtige Zeilen an Madame de Serval und Noali, die zu ihrer Be⸗ ruhigung dienen und entſchuldigen ſollten, daß er ihnen den ganzen Tag unſichtbav blieb. Theobald war indeſſen nicht ganz zufrieden da⸗ mit; er drang in Guſtav, um ihn zu bewegen nur durch ein Wort anzudeuten, daß die Er⸗ ſcheinung in der Capelle mit einem Geheim⸗ niß in Verbindung ſtände, das den ſo plötzlich verſchwundenen und wieder herberufenen Freund anging. Der Graf aber, der die großmüthige Abſicht ſeines Freundes einſah, war nicht dazu zu bewegen. Kaum aber hatte er die wenigen Zeilen beendet, als er ſchnell ſeinen Anzug veränderte, ⁴☛ 182 und in einer leichten Morgenkleidung, obgleich es hoch am Tage geworden war, allein mit dem Freund in den Park hernmtereit. Es drängte ihn ſelbſt, jeden Ort, jedes Bosquet zu beſuchen, die ſeine Geliebte in der hell erleuch⸗ teten Nacht, die nur ihre Verzweiflung ihr dunkel gemacht, durchgeeilt hatte. Die Unord⸗ nung im Schloſſe hatte die Spuren der geſtör⸗ ten Feierlichkeiten vergeſſen gemacht; bei jedem Schritte trafen ſie auf Geſtalten und ausge⸗ brannte Lampen; ſo ſtellte ihm Alles die ver⸗ ſchwundene Nacht mit ſchmerzlicher Lebendig⸗ keit wieder vor die Augen. Die helle Erleuch⸗ tung, Noali in der Fülle ihrer Anmuth an ſei⸗ ner Seite, die dunkle Felſengegend im Hinter⸗ brunde, Alles, was er geſtern ſo ahnungslos um ſich erblickt hatte, trat nun in einer ganz anderen Bedeutung, als die Erfüllung jenes jugendlichen Traumes vor ſeine Seele. Er hatte nun den Felſen mit einem ſchwarzen Trauerſchleier bedeckt geſehen, das ſchneidende Geſchrei, war in der Erſcheinung ſeiner ver⸗ ☛ꝙ 183 zweiflungsvollen Geliebten ihm noch fürchterli⸗ cher entgegengetreten, und hatte ihn aus ei⸗ nem kurzen ſchönen Traum zu der ödeſten, elendeſten Wirklichkeit geweckt. Mit dem Traum — er fühlte es— war auch auf immer Noa⸗ li's reizendes Bild in einen neblichten Abgrund verſunken. Sie gehörte nicht mehr dem Er— wachten, und plötzlich war es ihm, als hätte er nur eine Stelle, wo er hineilen könnte, als wüßte er nur dieſe eine, die noch in der ſchreck⸗ lichen Wirklichkeit ihn anzöge, die Ruinen, wo er einen kurzen Augenblick glücklich geweſen, und wo ihm noch ein Schatten von Glück zur Buße, zur Reue, vielleicht zu willkommner Strafe hinwinkte.. Jal eine plötzlich in ihm auflodernde Ahnung, ſchien ihm zu verkünden, daß er da Aufſchluß finden ſollte, daß die entflohene Geliebte dort an dieſem Ort, wo noch kein ſuchender Fuß ſich hingewendet hatte, vielleicht Zuflucht geſucht, daß er ſie, wäre es auch nur ihre Leiche, dort ſehen würde. A 184 Mit klopfendem Herzen ergriff er raſch Theobalds Hand, drehete ſchnell von dem Fel⸗ ſen ab, welchem ſie ſich faſt unwillkührlich ge⸗ nähert hatten, und zog ihn eilig mit ſich nach den Ruinen hin. „Hier hat Niemand geſucht,“ ſagte er; „dieſen Ort kenne nur ich; Du ſollſt ſehen, daß wir ſie finden; aber leiſe,“ ſetzte er hinzu, als er in das alte, ſchon in tiefen Schatten liegende Gemäuer trat,„leiſe! Der Verzweif⸗ lung und den Todten dürfen wir nie mit Ge⸗ räuſch nahen.“ Wirklich ſchritten ſie auch behutſam und langſam vorwärts. Je näher ſie der Stelle kamen, wo die Unbekannte ſchon früher ihr ewiges Lebewohl eingegraben, deſto ſchwe⸗ rer wurde Guſtavs Athem und ſein Gang. Seine Ahnung hatte ihn auch nicht ganz betrogen; an einer dunklen Stelle, der umge⸗ ſtürzten Säule faſt gegenüber, erblickte er ein kleines Feuer, um da etwas Lebendiges ſich bewegte. Sie traten nun eilig näher, und er⸗ — ☛ 185 kannten Emil, der eifrig beſchäftigt war, dürre Reiſer in die Flamme zu legen. Sie ſtanden hinter ihm, und hatten ſich ſo geräuſchlos ge⸗ naht, daß er ſich noch immer allein und un⸗ bemerkt glaubte. Guſtav, dem es plötzllich ein⸗ fiel, daß der Junge vielleicht mehr als jeder Andere von ſeiner theuren Lehrerin wiſſen möchte, daß vielleicht ſelbſt ſein Verweilen hier mit ei⸗ nem Auftrag von ihr in Verbindung ſtehen könne, war eben im Begriff, hervorzutreten, als er gewahr wurde, daß der Knabe ein verſiegel⸗ tes Päcktchen aus dem Buſen zog. „Ich werde ſie alſo nie mehr ſehen,“ ſeufzte er laut,„und will ihr zum letzten Mal gehorſam ſeyn.“ Dieſe Worte waren Guſtaven genug. Er ſtürzte in demſelben Augenblick hervor, und, als ahnte er, daß nur eine Gewaltthat ihn hier zum Ziel bringen konnte, entriß er dem erſchrockenen Knaben das Päcktchen, in dem er einen Brief zu erkennen glaubte, und beſah es von allen Seiten. Es war ohne Aufſchrift, b 186 ☛ aber mit dem nur ſo wohlbekannten Petſchaft geſiegelt. „Unglücklicher, was haſt Du da, und was willſt Du thun?“ rief er von Freude und Er⸗ ſchrecken gleich ergriffen. „„Geben Sie mir es wieder, gnädiger Herr!““ flehete Emil, der bei dem Anblick des Grafen ſich ſchnell gefaßt hatte.„„Ich habe ſie geſehen, Sie wiſſen, wen.— Sie hat mir— ach! in einer gewiß höchſt unglücklichen Stunde— aufgetragen, das, ihr tiefſtes Geheim⸗ niß, wie ſie ſagte, zu verbrennen, wenn ſie mir es nicht wieder abforderte. Acht ich werde Sie gewiß nie mehr wiederſehen,““ rief er ſchluch⸗ zend,„„und muß nun getreu ihren Auftrag erfüllen, ich kann ihr Vertrauen nicht käuſchen Geben Sie mir es wieder!“ „Du haſt ſie geſehen, lieber, lieber Emil?“ unterbrach ihn der Graf heftig.„Erzähle mir Alles, hat ſie Dir auch Schweigen geboten; ſein Wort nicht zu halten, kann mitunter auch Pflicht ſeyn. Es gilt ihr Leben, das meinige, . ☛☚☛¶d 187 vergiß nicht, daß ſie Dir auch geboten, mir zu gehorchen und treu zu ſeyn. Laß mich Dir nur eine große Wohlthat zu verdanken haben.“ Der Knabe ſchwieg lange,zFendlich ſagte er:„„es ſei. Ja! Ihnen darf ich nichts ver⸗ ſchweigen. Sehen Sie, gnädiger Herr! als Sie mir geſtern Abend auftrug, den Herrn de Norville aufzuſuchen, eilte ich ſogleich hin, wo ich ihn geſehen, aber ich fand ihn nicht mehr da. Da er indeſſen nicht zurückgekehrt war, ich ihn in dem Garten, und an allen den Stel⸗ len, wo ich bemerkt hatte, daß er zu ruhen pflegte; ſo war ich an den Seiten⸗Eingang des Parks gekommen, wo die Thür, des Fe⸗ ſtes wegen, offen ſtand. Ich war nun überall geweſen, und wollte umkehren, um ſo mehr, da ich ſchon in der Ferne das Geläute, das den Anfang der Ceremonien verkündete, vernahm. Da ſtand plötzlich die wohlbekannte verſchleierte Geſtalt vor mir; ſie nannte mich bei Namen, und fragte mich mit zitternder Stimme, wie Alles hier ſtünde? Obgleich außer mir vor Freude, ☛ 188 ſie ſo unerwartet wieder zu ſehen, erzählte ich ihr doch Alles, ſo gut und ſo ſchnell ich nur konnte, als ſie erfuhr, daß der Zug ſich ſchon nach der Capelle hin bewegte, oder vielleicht ſchon da angelangt war, lehnte ſie ſich erſtarrt an einen Baum, und winkte mir, zu ſchweigen. Auf einmal aber ſchien ſie ſich zu faſſen. Sie zog dieſes Päcktchen aus dem Buſen, und ſagte mit faſt verſagender Stimme:„Emil! Ich verlange nun einen Beweis Deiner Liebe und Treue; ich übergebe Dir hier das wichtigſte Geheimniß meines Lebens, mein Alles; ich habe einen ſchweren Gang vor, und weiß den Er⸗ folg nicht voraus; wenn ich Dir morgen früh nicht in den Ruinen begegne, oder der Graf Dich nicht noch früher rufen läßt, und Dir dieſes Packet abfordert, dann verbrenne es ſogleich, verſchwiegen und treu, wie Du mir immer geweſen, ohne daß Er oder Jemand nie davon etwas erfahre; denn dann werde ich nie mehr wiederkehren. Sei gehorſam, denn die kleinſte Unvorſichtigkeit kann einen Namen ☛ꝑ 189 ermorden, der nie genannt werden darf, wenn;“ ſie unterbrach ſich ſelbſt und ſagte nur, indem ſie mir das Packet reichte.„Heb' es gut auf und folge mir nicht;“ dann wandte ſie ſich nach dem erleuchteten Theil des Parks, und eilte ſo ſchnell vorwärts, daß ich ihr kaum fol⸗ gen konnte; aber es war als blendete ſie das helle Licht; ſie konnte auf dem blumenbeſtreuten Pfad nicht fortkommen, und ſuchte die dunklen Seitengänge, immer aufwärts ſtarrend. Ich weiß nicht, was es war, das mir zuflüſterte, daß die zitternde Frau Sie in der Capelle ſuchte; ich wies ſie ſelbſt dahin, denn ſie ging vor großer Eile oft irre. Ich hielt mich aber zurück, als ſie die Capelle betrat. Eine un⸗ nennbare Angſt ergriff mich. Da hörte ich ſpäter, daß ſie wieder herausgeſtürzt und ver⸗ ſchwunden war; daß ſie überall geſucht und nirgends gefunden worden. Ich habe ſie nicht wieder geſehen, auch hier iſt ſie nicht geweſen. Der Tag geht ſchon zu Ende. Ach! gnädiger Herr!“ fügte er ganz leiſe hinzu:„Sie kommt ☛ 190 auch nicht wieder. Gewiß hat Ihre Trauung ihr Herz gebrochen! Mag auch nun das letzte Andenken von ihr vergehn, weil es ihr Wille iſt.“““ Guſtav war auf ein Stück Gemäuer nie⸗ dergeſunken; er hielt das Packet feſt an ſein Herz gedrückt, aber er konnte nicht reden. „Nein!“ rief er endlich, ſich zuſammenraffend, „Nein! aber wie nahe war ich, zu ſpät zukom⸗ men. Unglücklicher, und Du warteſt nicht, bis ich Dich rufen ließ?“ Der Knabe ſah ihn groß an: Der Mor⸗ gen iſt längſt vorbei, und der Tag auch bald, gnädiger Herr!““ ſagte er ruhig;„ich muß mich genau an ihr Wort halten.““ „Und konnteſt Du denn wiſſen,“ rief Gu⸗ ſtav,„welche Hinderniſſe mich abgehalten? Sei indeſſen ruhig, daß es doch ſo gekommen iſt; ihr Vermächtniß gehört mir mit Recht. Das Siegel allein würde mir es ſagen. Auch in meinem Buſen ſoll es ein feuriges Grab finden!“ Er entfernte ſich ſchnell mit dem be⸗ ſtürzten Theobald, der nicht wußte, ob er ſich ☛☚☛ 191 über dies unerwartete Ereigniß erfreuen oder noch mehr betrüben ſollte. Emil ſah ihnen ſtumm und betroffen nach. Dreiunddreißigſtes Capiteel. Die Freunde ſchlugen den Weg nach dem Fel⸗ ſen ein; als ſie ſich dieſem naheten, blieb auf einmal Guſtav ſtehen. „Hier trennen ſich unſere Wege, Theobald! ſagte er;„denn nur in tiefer Einſamkeit darf ich dies traurige Vermächtniß leſen, das ich mir durch eine verwerfliche Liſt eigen gemacht, aber ich konnte nicht anders.“ „„Lies!““ erwiederte der Freund,„„aber ich will in Deiner Nähe bleiben.““ Guſtav drückte ſeine Hand, und beide be⸗ gaben ſich ſtumm auf den Felſen hinauf, wo Guſtav ſich bei dem Denkmal ſeiner Mutter niederwarf, und ſchnell, während der Freund 174 .☛ 192 in einiger Entfernung blieb, das Siegel ab⸗ löſte. Die wohlbekanute Handſchrift ließ ihn kei⸗ nen Zweifel übrig, daß die Unbekannte noch einmal zu ihm ſprach, aber kaum hatte er einige Zeilen geleſen, als die Blätter ſeinen Händen entſanken, und er mit einem ſchmerzlichen ge⸗ ſchreiähnlichen Ton ausrief:„Ha!“ bin ich denn blind geweſen. Iſt es denn meine uner⸗ ſättliche Phantaſie, die mich verleitet hat, eine dunkle Ahnung zurückzutreiben, die ſich einſt in einem unvergeßlichen Augenblick mir beglückend nahte. Komm, Theobald!“ rief er,„jetzt weihe ich Dich in das Innere des Geheimniſſes ein, deſſen Aeußeres Dich zu ſo harten Urthei⸗ len geführt. Ich fühle, ich kann es nicht al⸗ lein ertragen, und zugleich, daß ein jedes Wort in dieſen noch ungeleſenen Blättern, die Geliebte, die einzige, wahre Geliebte meines Herzens, deren Namen alle ſchlummernde Gefühle wieder erwecken, nicht allein rechtfertigen, aber auch Dir mein Ver⸗ ge⸗ ☛☛̈ o 193 gehen, das Du nicht einſehen willſt, klar und deutlich machen wird? Komm!“ Die Freunde laſen zuſammen Folgendes. Bekenntniſſe. „Meine Feſſeln ſind gebrochen; jetzt kann ich „die Ihrige werden; aber werde ich auch, wenn „Sie erfahren, wer ich bin, Ihnen noch theuer „ſonn“ S. „O! Guſtav! werden Sie Cäeilien d'Adel⸗ „mar vergeben können, daß ſie ſich Ihre Liebe „erſchlichen? Kann ihre glühende Seele, ihre „leidenſchaftliche Innigkeit, die kalte Strenge „der unglücklichen Baronin de Saint⸗Clement „wieder gut machen?“ „Mein Gatte lebt nicht mehr. Herr de „Saint⸗Clement hat auf einer Jagdpartie in „den Gebirgen als ein Opfer ſeiner bleibenden „Neigung zu den Vergnügungen eines jugend⸗ Lebewohl. III. Thl. 13 —— ☛̈ꝑ 194 „licheren Alters ein Leben geendet, das dem „Leichtſinn geweiht geweſen, aber mit keinem „gehäſſigen Vorwurf behaftet war. Zwei Tage „waren hinreichend, um ihn der Welt zu ent⸗ „reißen, deren Anſprüchen er ſeine Stunden wie „ſeine Jahre ganz hingegeben. Ich habe pein⸗ „liche Pflichten erfüllt; ein neues Daſeyn er⸗ „öffnet ſich mir. Ach! wenn Ihr Herz nur „noch unverändert iſt „Ich weiß, daß der äußere Schein mei⸗ „nem Betragen nicht günſtig iſt; die Furcht, „daß Sie auch ſo denken, verhindert mich, in „ihre liebe Gegenwart zu eilen. O! mein „Freund! richten Sie Ihre Cäcilie!“ „Mein Vater, der jüngere Sohn des „Herzogs d'Adelmar, war zum Maltheſerritter „beſtimmt, damit der ältere Sohn, der Erbe „des Ranges ſeines Vaters, auch ſein Vermö⸗ „gen ganz behalten könne; allein das Geſchick „wollte es anders.“ „Noch ehe er ſein Gelübde ablegte, unter⸗ „nahm er eine Reiſe nach Italien; dort lernte ☛ 195 „er lieben. Die Geliebte entſprach ſeiner Nei⸗ „gung, und ihre reiche und mächtige Familie, die „das Glück der jungen Erbin den glänzendſten „Ausſichten vorzog, willigte in ihre Verbindung „unter der harten Bedingung ein, daß die Gü⸗ „ter zu den Verwandten der Frau, zurückfallen „ſollten, wenn kein Sohn aus dieſer Ehe gebo⸗ „ren würde.“ „Kurz nach dieſer Verbindung ſtarb der „ältere Bruder meines Vaters, und hinterließ „ihm den Rang und die großen Beſitzthümer der „Herzoge von Adelmar. Eine Reihe von Jah⸗ „ren genoß das Ehepaar dieſes Glücks, das „vollkommen geweſen ſeyn würde, wenn ihr „ſehnlichſter Wunſch, Kinder zu beſitzen, nicht „unerfüllt geblieben wäre.“ „Der Herzog d'Adelmar hatte ſeine Gat⸗ „tin nach Frankreich gebracht; die Revolution „hatte ihnen einen großen Theil ihrer Reichthü⸗ „mer beraubt, indeſſen blieb ihnen ein noch „ſehr bedeutendes Vermögen übrig. Sie „lebten auf einem Gut in der Normandie, wo 13* ☛☚̈ 196 „ſie ihrem Range und allem Prunke der Größe „entſagt hatten; ſie glaubten ſchon nichts mehr „von dem Glücke zu erwarten zu haben, als „meine Mutter ſich ſchwanger fühlte; und da „ſie ihre Niederkunft in dem Schooß ihrer Fa⸗ „milie gern halten mochte, wurde eine Reiſe „nach Italien unternommen. In Florenz habe „ich zuerſt das Licht erblickt. Ach! die Stunde „meiner Geburt war auch die des Todes mei⸗ „ner Mutter.“ „Die Jahre meiner Kindheit haben ſich „durch nichts Merkwürdiges ausgezeichnet; allein „ſie waren die Quelle aller meiner Leiden. Der „Vater vergötterte mich; die mütterlichen Ver⸗ „wandten ſahen in mir ein Spielwerk, das ſie „beluſtigte. Ich konnte den Ruhm ihres „Hauſes nicht vermehren; ich hatte keine An⸗ „ſprüche auf ihr Vermögenz; ſtatt meine Fehler „zu beſeitigen, gab meine Umgebung ihnen „Raum, Wurzel zu faſſen.“ „Indeſſen ſehnte ſich Herr d'Adelmar nach „ſeinem Vaterlande; wir kehrten nach Frankreich ☛ꝙ 197 ☛ „zurück. Die Frau, der meine Erziehung über⸗ „tragen und die mir ſehr ergeben war, beglei⸗ „tete uns.“ 4 „Unter einem glühenden Himmel geboren, „ein Kind der zärtlichſten Liebe, hatte ich von „meinen Eltern eine feurige Seele, einen lei⸗ „denſchaftlichen Charakter, eine dauernde Feſtig⸗ „keit in meinen Neigungen geerbt. Mein Va⸗ „ter, der mich ganz Herr meines Willens ließ, „glaubte Alles gethan zu haben, indem er „mir verbot, Romane zu leſen; mein Geiſt er— „rieth ſie; ohne ein einziges Buch dieſer Art „Dichtungen geleſen zu haben, bildete ſich meine „Phantaſie weit ſonderbarere, weit überſpanntere „Gemälde, als mir ſpäter begegnen konnten.“ „Seit dem Tode meiner Mutter, ganz in „Schwermuth verſunken, ſah der Vater nur „wenige Freunde; beinahe in allen unſeren Un⸗ „terredungen vergaß er, daß er mit einem „Kinde ſpräche, weil dies Kind ihn begriff, und „redete mit mir von ſeiner Gattin, von der ☛̃ 198 „Liebe und von dem Glücke, das dieſe über „das Leben verbreitet.“ „Die wenigen Leute, die uns beſuchten, nſprachen unaufhörlich von der Gräfin de Nor⸗ neé; ihr Lob lebte auf allen Zungen; auch von „Ihnen, Guſtav! war oft die Rede; als das erſte „Mal ihr Name ausgeſprochen wurde, wie⸗ „derhallte es ſchon in meinem Herzen. Ihre „Herzensgüte wurde gerühmt; Züge Ihrer Wohl⸗ „thätigkeit wurden erzählt, aber, wurde hinzu⸗ „gefügt, er äußert ſchon heftige Leidenſchaftlich⸗ nkeit; die Fülle der Schönheit ſcheint bereits „ſein Herz zu entzünden, und die reinſten Tu⸗ „genden werden nur in ihrem Geleite Ein⸗ „druck auf ihn machen können.“ „Ich ſeufzte; ich wurde nachdenkend; ſobald nich allein war, eilte ich vor den Spiegel. „Bin ich ſchön? fragte ich meine Erzieherin.“ „Nein, Mademoiſelle! aber— die gute „Marie ſchwieg betroffen, denn ich hatte mich „auf einen Stuhl geworfen, und weinte bitter⸗ lich. Die Verwunderung meiner armen Marie ☛ 199 ☛ „läßt ſich nicht beſchreiben; vergebens ſtrebte ſie „mich zu überzeugen, daß ein ſchönes Geſicht „eben nicht den größten Werth hätte; daß au⸗ „ßerdem meine Züge leidlich ſeien, daß es zu „vermuthen wäre, daß ſie, ſo wie ich mich ent⸗ „wickelte, ſich verſchönern würden; ich weinte „immerfort.“ „Von dem Augenblick betrachtete ich mit „Neugierde alle die jungen Mädchen, die hübſch „genannt wurden, ſo auch Gemälde von ſchö⸗ „nen Frauen, und ſtellte einen Vergleich zwi⸗ „ſchen ihnen und mir an, der mich immer un⸗ „tröſtlich machte. In der That war ich auch „ſehr klein für mein Alter, und ſehr ſtark. „Meine glühende, von der Sonne etwas dunkle „Geſichtsfarbe war gar nicht reizend; das Ge⸗ „fühl, unſchön zu ſeyn, gab mir eine Schüch⸗ „ternheit, die mich freilich noch unſchöner machte; „und es koſtete mir eine große Gewalt über „mich ſelbſt, als ich, um meinem Vater ein „Vergnügen zu machen, eine Rolle in einem „Luſtſpiel übernahm, das bei einer Dame in ☛̈ 200 aunſrer Nachbarſchaft aufgeführt werden ſollte. „Zwei Tage vor der Darſtellung erfuhr ich zu⸗ „ffällig, daß Sie auch von der Geſellſchaft ſeien, „und ich fühlte, wie unmöglich es mir ſeyn „würde, auch nur ein Wort hervorzubringen. „Ich ſchützte eine Erkältung vor; meine Rolle „wurde einer Andern zugetheilt, und der Ge⸗ „danke entzückte mich, daß ich Sie ſehen würde, „ohne es nöthig zu haben, mich ſelbſt bemerk⸗ „bar zu machen. „Ich brachte den ganzen Tag bei meiner „Toilette zu; und in meiner Verzweiflung, mich nnicht exträglich machen zu koͤnnen, ſetzte ich, nals endlich die Zeit heranrückte, einen großen „Hut, der die Spuren meiner häufigen Thränen „verbergen konnte, auf, und eilte zu der Dame, „in deren Begleitung ich dort erſcheinen ſollte.“ „Mit ängſtlicher Neugierde folgten meine „Blicke der allmählig ſich vergrößernden Ge⸗ „ſellſchaft. Eine ſchöne, bleiche, noch junge Dame „trat herein; es war Ihre Mutter. Ich ſah „Sie, Guſtav! mein Herz erkannte Sie; Sie — ☛% 201 „erſchienen mir wie ein verwandtes theures „Weſen, von dem ich getrennt war. Ich ſah „nichts mehr, ich hörte nichts mehr; mein gan⸗ „zes Leben war in einen Punkt zuſammenge⸗ „drängt. Einmal war es mir, als hefteten „Sie Ihre Augen auf mich; ein glühendes Errö⸗ „then bedeckte mein Geſicht. Das laute Ge— „ſchrei meiner Umgebung rief mich zu mir ſelbſt „zurück, aber verwirrte mich noch mehr. Bei⸗ „nahe war ich ein Opfer meiner Geiſtesab⸗ „weſenheit geworden. Flammen umgaben mich! „aber ein Schutzgeiſt eilte mir zu Hülfe. Es „war Guſtav, der mich dem ſchrecklichſten „Tode entriß.“ b „Von dem Augenblick an war das Loos „meines Geſchicks geworfen. Ich liebte Dich, ſich betete Dich, vierzehn Jahre nur alt, mit „derſelben Begeiſterung an, die Du ſpäter an „mir wahrgenommen haſt. Wenn ich von Dir „ſprach, geſchah es mit dem Feuer, das Du „mir eingehaucht. Ich ſollte Jahre von mei⸗ „nem Daſeyn gegeben haben, um Dich noch — ☛̈ o 202 weinmal zu ſehen, und als mein Vater mich in „Deine Nähe führte, um Dir meine ewige „Dankbarkeit zu bezeigen, hätte ich auf Punds „verſchwinden mögen.“— „Ach! gewiß war es Deine Abſicht icht, „mir den kalten Blick zuzuwerfen, der mich mit „Eiskälte durchdrang. Ich ſah Dich dieſen „verhängnißvollen Abend Frauen umſchweben, „die ſich bemüheten, Dir zu gefallen.“ „Ich hatte mich hinter die Fenſtervorhänge „unweit Deiner Mutter geſchlichen; ich hörte „Sie zu einer Dame ſagen:„Es hat der ar⸗ „men Kleinen gewiß ſehr weh gethan. Guſtav „hat den Fehler, den Glanz der Schönheit über „Alles zu ſchätzen. Er empfand ſchon eine Art „Widerwillen, den ich nur mit Mühe bekäm⸗ „pfen konnte, die Mademoiſelle d'Adelmar „wiederzuſehen. Mein Herz wurde tief verwun⸗ „det; ich ſchwur mir ſelbſt, nicht mehr vor „Ihren Augen zu erſcheinen.“*† „Wir verließen das Schloß Adelmar, um „in Paris zu wohnen. Ich führte überall die 82 — ☛ᷓ 203 „Wunde mit, von der mein Herz zerriſſen war. „Ich bildete meine kleinen Talente, ich war un⸗ „aufhörlich beſchäftigt! Alles vergebens; das „Bild des Grafen de Noreé belebte meine Ein⸗ „ſamkeit, und machte mir die haſelſchafteun zu „einer Wüſte.“ „Meine gute Marie, die mein Herz kaumte, „ſuchte mich zu beruhigen; da ſie aber ſah, daß nich nur in den Träumen meiner Phantaſie „Genugthuung fand, ſtrebte ſie mir die Gefah⸗ „ren zu zeigen, denen ich mich bloßſtellte, in⸗ „dem ich mich jenen ergab. Mitunter auf mei⸗ „nen einſamen Spaziergängen mit ihr, erblickte „ich Sie von weitem; es war genug, um mir „ein neues Leben einzuhauchen.“ „Herr d'Adelmar hatte die Bekanntſchaft „des Barons de Saint⸗„Clement gemacht. Ei⸗ „nes Tages brachte er ihn mit ſich zu Hauſe, „und ſtellte mich ihm vor. Der Baron be⸗ „trachtete mich ſehr aufmerkſam; da ich wußte, „daß er Ihr Vormund war bemühete ich mich, „recht liebenswürdig zu erſcheinen. Mein Va⸗ ☛ 204 „ter fragte mich einige Tage nach dieſem Be⸗ „ſuche, ab ich abgeneigt ſei, den Baron zu hei⸗ „rathen!„Ach! um Alles in der Welt, mein „Vater!“ erwiederte ich heftig, mich zu ſeinen „Füßen werfend:„denken Sie nicht daran mich nzu verheirathen; der Gedanke iſt mir ſchreck⸗ „lich.“ 4 „Herr d'Adelmar erſtaunte, aber ſprach „nicht mehr davon. Um dieſe Zeit verließen „Sie Paris wieder, und Herr de Saint⸗Cle⸗ nment beſuchte uns ſeit der Zeit ſehr oft. Die „Unruhe, die ſeine Annäherung mir einflößte, „die Gewalt meiner Empfindungen für Sie ogen mir eine lange und gefährliche Krankheit „zu, deren Opfer ich beinahe geworden wär.“ „Endlich ließ das Fieber nach; aber ich „war Allen, auch mir ſelbſt unkenntlich gewor⸗ „den. Ich war weit größer und ſchlanker gewor⸗ „den, meine bleichen Züge hatten einen ganz „andern Ausdruck bekommen. Jetzt wiederholte „Marie mir oft, daß ich, wenn die Fülle der „Geſundheit ganz wiedergekehrt wäre, ſehr an⸗ ———— —— ☛ 205 ☛ „ziehend ſeyn müſſe; ich lächelte, aber ich „hoffte nicht.“ „Ich erbat mir von meinem Vater, daß „ich mich einige Zeit auf dem Schloß Adelmar „aufhalten dürfte, um mich vollends zu erho⸗ „len. Er geſtattete es, unter der Bedingung, „daß ich dort ſehr zurückgezogen lebte. Schon „ſeit längerer Zeit, hatte ich bemerkt, daß Herr „d'Adelmar unruhig und zerſtreut. erſchien. Bei „meiner Abreiſe umarmte er mich mit einem „Ausdruck von Schwermuth, der mein Herz „durchbebte.“ „Auf dem Wege dahin entſtand ein noch „verworrener Plan in meinem Kopfe. Wir ka⸗ „men des Nachts an. Nur ein alter Aufſeher „mit ſeinem Sohn bewohnte das Schloß; ich „nahm ihnen das Gelübde ab, Niemanden un⸗ „ſern Aufenthalt dort zu verrathen. Ich wollte „nur eins, Sie wiederſehen; Marie mußte „Nachrichten über Sie einholen. Ich erfuhr, „daß Sie in der tiefſten Einſamkeit lebten, und „ ſehr niedergedrückt erſchienen. Ich gab mir alle 206 „Mühe, mich Ihnen zu nähern, und doch würde „der Gedanke, von Ihnen geſehen zu werden, „mich auf immer in den engen Raum meiner „Wände feſtgebannt haben. In einem kleinen „Kahn, von dem Sohn des Aufſehers gelenkt, „näherte ich mich oft dem Felſen, wo ſie alle „Abende einige Stunden verweilten.“ „Einmal hörte ich Sie laut ſprechen. Sie „ſehnten ſich nach der Liebe, die mit Ihrer „Mutter Ihnen geſtorben erſchien. Der rüh⸗ „rende Ton ihrer weichen Klage riß mein Ge⸗ „fühl ſchneller hin, als der Gedanke ihm folgen „konnte, und außer mir erwiederte ein Wort, „meinem Herzen entſchlüpft, die Stinime des „Shrigen.“ „Ich ſchrieb Ihnen. 9! Gutav welchen „Kampf hat es mir gekoſtet, dem Verlangen „Deiner Seele nicht nachzukommen, mich Dir zu „erkennen zu geben! Vergebens verſicherte mir „Marie, daß ich ſchön ſei, ich ſchauderte bei „dem bloßen Gedanken den Namen Cäcilie, den 7 ☛ 207 „Namen des armen Kindes, das Dich angewi⸗ „dert hatte, auszuſprechen.“ „Der kleine Emil hatte mich ſo eben ver⸗ „laſſen, als Du mir in den Kloſterruinen be⸗ „gegneteſt! O! glückſeliger Augenblick der „trunkenſten Wonne! die langen Tage meines „Kummers haben nicht deſſen berauſchendes An⸗ „denken vertilgen können!“ „Ich weiß ſelbſt nicht, woher ich die Kraft „nahm, mich aus Deinen Armen zu reißen, „aber ich wünſchte mir Glück, als ich „mich allein fand. Aber in demſelben Augen⸗ „blick beſchloß ich, Dir meinen Namen zu ge⸗ „ſtehen; Du kannteſt meine Liebe, ich zweifelte „nicht mehr an der Deinen. Mit Entzücken „wiederholte ich oft im Stillen:„Ich bin ſei⸗ „ner noch würdig! O! wie oft auf dem kurzen „Weg, der das alte Kloſter von meiner Woh⸗ „nung trennte, erneuerte ich das Gelübde, Dich „glücklich zu machen. Das Vermögen meines „Vaters und meine hohe Geburt ließ mich nicht „das Schickliche unſrer Verbindung bezweifeln.“ ——— 82— .—— — 208 2—„Marie erwartete mich immer in einer „Entfernung; ich erreichte ſie, und zog ſie ſchwei⸗ „gend mit mir fort. Nur einzelne halbe Worte „gaben ihr zu erkennen, daß ich glücklich ſei; „dem Vater aber wollte ich mich ganz ver⸗ „trauen; um ihm zugleich zu ſchreiben, verdop⸗ „pelte ich meine Schritte; ihn zu bitten, das „Glück ſeiner Tochter zu gewähren, war ja, das „ſeine hervorzurufen?“ „Er war ſo eben angekommen; ich eilte „ihm entzückt entgegen, und ſank beſinnungslos „in ſeine Arme. Seine verſtörten Züge, ſeine „ſichtbare Niedergeſchlagenheit hatte mich ſchon nein Unheil, größer als mein Muth, ahnen zlaſſen.“ „Als ich mir ſelbſt wieder bewußt wurde,— „befand ich mich auf meinem Zimmer. Mein „Vater war auf das zärtlichſte um mich be⸗ „ſorgt.„Warum Dich ſo erſchrecken?“ ſagte „er; Du weißt ja, daß Du immer Herrin Dei⸗ „ner ſelbſt ſeiſt und bleiben werdeſt. Höre, und „entſcheide Du unſer Geſchick. Durch eine 3 Reihe 7 ☛ 209 „Reihe von Unglücksfällen, von falſchen Spe⸗⸗ „culationen, gewagten Unternehmungen, um „Dein Vermögen anſehnlicher zu machen, habe „ich Alles verloren. Ich bin von den Gerich⸗ „ten verfolgt, und habe keine Hülfsmittel. „Selbſt dieſes Schloß würde Dir nicht zur „Freiſtätte dienen, wenn der Einfluß des Ba⸗ „rons nicht die Ausführung des gegen mich „ausgeſprochenen Urtheils aufgeſchoben. Ohne „ſeinen Beiſtand bin ich entehrt; allein zum „‚Preis meiner Errettung verlangt er Deine „Hand; ein Verhaftsbefehl iſt ſchon ausgefer⸗ „tigt. Meine Tochter iſt, wie ich vermuthe, „Dein Herz frei, ſo erbarme Dich des Vaters. „Wenn Du mich liebſt, wird mein Tod ₰ „Halten Sie inne, theurer Vater!“ rief „ich—„zeigen Sie mir nicht ein ſo trauriges „Bild. Kehren wir morgen zurück, laſſen Sie „mich die Gattin Ihres Erretters werden.“ „Aber meine Kraft war zu Ende, ich wurde „aufs neue ohnmächtig, und dieſe, die ſchmerz⸗ „lichſte Nacht meines Lebens, verging in einer Lebewohl. III. Thl. 14 ☛ 210 „Verzweiflung, die ich vergebens zu beſiegen „ſtrebte. Gegen Morgen ward ich ruhiger; ich neilte, einen Brief an Sie zu ſchreiben. In „Mariens Begleitung legte ich ihn ſelbſt auf „das Grab nieder. Ich würde mir den Tod „gewünſcht haben, als ich die Heimath unſers „kurzen Glücks verließ; allein, es galt den Va⸗ „ter zu erretten.“ 7 3 „Wir kamen nach Paris; meine Hochzeit „wurde in der Stille gehalten, und ich entſagte „jeder Hoffnung auf Glück hienieden. Kurz „nachher reiſte mein Vater nach Florenz. Wer „beſchreibt den Schmerz, womit ich einen Brief „las, den Sie dem Baron geſchrieben! welche „WVerachtung blitzte aus Ihrer Großmuth her⸗ „vor! Ein Entwurf, den nur eine Phantaſie, „wie die meine, gebüren konnte, bemächtigte ſich „aller Kräfte meiner Seele. Ihre Verbindun⸗ „gen mit dem Herrn de Saint⸗Clement machten „ihn ausführbar; der Gedanke, die Leidenſchaft, „die ich Ihnen eingeflößt, am Leben zu erhal⸗ „ten, hatte einen Reiz für mich, den zu beſie⸗ — 1 ☛☛ 211 „gen ich keine Kraft hatte. Um uns beiden „würdig zu ſeyn, war ich entſchieden, den Pflich⸗ „ten der Gattin getreu zu bleiben, aber es fehlte „mir an Muth, Ihrer Liebe zu entſagen. Wie „mußte ich mich ſelbſt beherrſchen, um nicht „mich ſelbſt tauſendmal zu verrathen! Nur die „heiße Leidenſchaft, die mein ganzes Weſen er⸗ „füllte, verlieh mir Gewalt dazu.“ „O! Guſtav! Worte können Ihnen nicht „ſagen, wie groß meine Verzweiflung war, in „dem Augenblick, als ich erfuhr, daß Sie ver⸗ „wundet waren. Sobald der Baron entſchieden „hatte, daß ich ihn bis Straßburg begleiten „ſollte, bediente ich mich aller Mittel, um mich „Ihnen zu nahen. Ein Verwandter des Caſtel⸗ „lans von Adelmar, von dem ich wußte, daß „er ein wackerer Mann ſei, diente unter „den Lanciers. Ich mußte ihn mir geneigt „machen, ohne mich zu erkennen zu geben. Zum „erſten Mal bekam mein glänzendes Vermögen „einigen Werth für mich, weil es mir Mittel „gab, Sie wiederzuſehen, und mit Ihnen 14* ——— 8 „Lager; meine ſchlanke Geſtalt gab mir die „Mademoiſelle de Serval geſehen. Ich ſchau⸗ nzu ſterben, wenn ich Sie verlieren mußte. „Gold und wieder Gold verſchaffte mir einen „Freipaß, überall durchzukommen. Ich kam ins „Hoffnung, unter einer Verkleidung bis zu Ih⸗ „nen dringen zu können. Es gelang. Ich ſahe „Sie! Guſtav! Sie waren ſchon gerettet. Ich „eilte ſchnell von hinnen, wohl vorausſehend, „daß Sie ſchleunige Nachforſchungen anſtellen „würden; allein Düval ging in demſelben Au⸗ „genblick ab; übrigens wußte er nicht, wer ich „ſei, und hatte Ihnen nur ſehr unzuverläſſige „Spuren aufgeben können.“ M. „Getheilt zwiſchen Wonne und Schmerz „war mein Aufenthalt auf Varville. Die Pfeile „der Eiferſucht erreichten mein Herz. Ich hatte „derte vor der Gewalt, welche dies ſchöne, un⸗ g„ſchuldige Mädchen über Sie gewinnen konnte. „Nur in Ihnen lebend, nur Sie vor den Augen, „alle, ſelbſt Jhre kleinſten Bewegungen bewa⸗ ¹ „chend, war ich ſo glücklich, in dem großen Saal 3 ☛ 213 „des Schloſſes eine leichte Wunde zu erhalten, „die Sie weit bedeutender hätte treffen können.“ „Ich war einen Augenblick mit Ihnen al⸗ „lein; ich geſtehe, mein Muth, meine Selbſt⸗ „beherrſchung hatten mich verlaſſen; ich fühlte, „daß meine Augen mit Liebe auf Dir ruheten; „ich gab mich als Cüäeilie d'Adelmar zu erken⸗ „nen, und meine Eitelkeit würde durch die Reue, „welche Dir dieſer Name einflößte, ſich befrie⸗ „digt gefunden, hätte ich Dich weniger geliebt.“ „Die Wonne dieſes Augenblicks war nur „kurz. Sobald Sie mich wieder verlaſſen, rief ſich mir ins Gedächtniß zurück, wie ſehr Sie „vor. dieſem Zufall um Noali bemüht geweſen. „Ich beſchloß, Sie während des Balles genau „zu beobachten! Verhängnißvolle Neugier! Wie „viele Thränen haſt Du mir gekoſtet! Meine „flüchtige Erſcheinung machte Sie betroffen; ich „kehrte ſchnell in mein Zimmer zurück, und „Marie eilte einige Worte, die die Verwirrung „meines Gemüths ausſprachen, nach dem Felſen „zu bringen.“ „Mit Freude ſah ich, daß Sie ſich von Ih⸗ urer jungen Verwandten entfernten, daß Sie Ih⸗ „rem Freunde, der die Reize und Vollkommen⸗ „heiten meiner Nebenbuhlerin bei Ihnen ſicht⸗ „bar geltend zu machen ſuchte, aus dem Wege „gingen, und daß Ihre Gedanken immer mehr bei nmir verweilten. Wie viel koſtete es mir, Ihnen das nſchöne Vertrauen, um das Sie mich anflehe⸗ „ten, zu verſagen; allein, ich war ja gefeſſelt, nund würde ich mir nicht Ihre Geringſchätzung zugezogen, hätte ich mich zu erkennen gegeben?“ „Zitternd vor Freude bemerkte ich, als der „Baron ſich jener Erzählung bediente, um ſei⸗ „ner Langenweile das Wort zu reden, daß Sie „Eugens Flatterhaftigkeit mißbilligten; und doch „— war das Gefühl, das Ihre Blicke belebte, wenn „„ſie den vor Theilnahme faſt thränenden Au⸗ „gen Noali's begegneten, oder ſie ſanft und „durchdringend ſelbſt auf mir hafteten, nicht nſchon eine Art von Untreue? Aber ich zitterte „vor dem Ausgange, es war mir, als müſſe neine Erzählung von dem Baron freudig und ☛ 2415 „luſtig enden, und ich erwartete doch keinen an⸗ „deren Erfolg als Reue aus dieſer Verwicklung, „und einen Schmerz, auf den ich gern Ihre „Gedanken hinlenken mochte. Wie froh war „ich, den abgebrochenen Faden aufnehmen zu „können, um Ihnen zu zeigen, daß die Verir⸗ „rungen eines Geliebten leicht zu ewiger Tren⸗ „nung führen können. Es that mir wohl, daß „Sie an Marien mein Inneres zu errathen „glaubten, obgleich eben dieſer Vergleich mir „offenbarte, daß ich in Beziehung auf Sie weit „tödtender getroffen ſeyn würde; ein unbeſonne⸗ „nes Wort, dieſem leidenſchaftlichen Gefühl ent⸗ „ſchlüpft, hätte mich beinahe verrathen. Ich „ſah in ihrem Blick eine noch dunkle Ahnung „aufdämmern. Zum Glück wurden wir unter⸗ „brochen.“ „Wir kamen nach Paris zurück. Wie „glücklich machte es mich, daß ich ſo gut wie ge⸗ „zwungen wurde, für einen Augenblick dem ern⸗ „ſten Leben, das ich mir vorgeſchrieben, zu ent⸗ ſagen, und dem Balle des Geſandten beizu⸗ ☛☛ᷓ 216 „wohnen. Zum erſten Mal ſeit vielen Jahren, „kann ich ſagen, erfüllte die Sorge für meine „Toilette meine Gedanken wieder, und mit freu⸗ n„diger Befriedigung las ich in Ihren Blicken „Erſtaunen und Bewunderung.“ „Aber Nein! ich konnte die Blumen, die „Sie mir reichten, nicht tragen; die berauſchende „Erinnerung, die ihr Anblick, ihr Duft in mir gerregten, würde mich Dir verrathen haben! „Durch die ſo ungewöhnliche Huldigung hinge⸗ nriſſen, war jedes Gefühl von meiner drücken⸗ „den Lage von mir gewichen. Alle die leiſen „Lobreden, die ich einerntete, beglüakken adtt „Ihretwegen.“ 3 „Ich verſprach mit Ihnen zu walzen; al⸗ lein in dem Augenblick, wo mein Billet Ih⸗ nmen durch eine Reihe von kleinen Künſten zu⸗ „geſteckt worden war, fielen ihre Blicke auf ein „ganz fremdes Weſen. Ich folgte allen Ihren „Bewegungen; ich bemerkte Ihren Irrthum. „Ich erkundigte mich ſogleich nach meiner neuen „Nebenbuhlerin, und erfuhr, daß ſie von al⸗ — — ☛ 2147 ☛ „len gegenwärtigen Frauen am wenigſten Ih⸗ „rer Aufmerkſamkeit würdig war. Ganz von „Ihrem Irrthum hingeriſſen, vergaßen Sie das „Walzen und Cüeilien. Es war vielleicht ein „Glück! Würde, von Ihren Armen ſelig umfan⸗ „gen, meine Verwirrung Ihnen nicht verrathen „haben, was ich immer verſchweigen mußte?“ „Ich hörte die letzten Worte derjenigen, „die Eingriffe in meine Rechte gethan, und den „nächſten Morgen unterrichtete ich Sie, wie „ſehr Sie ſich geirrt. Der Kleinmuth, die „Aengſtlichkeit, die mich befielen, während des „Schreibens dieſer Zeilen waren bielleicht ein „Vorgefühl des tiefen Schmerzes, der mich er⸗ „griff, als Sie mir wenige Tage hernach Ihre „Rückkehr nach Varville anzeigten. Ach! ich „hatte keine Gelegenheit mehr, in Ihre Nähe au dringen, und Sie ſollten Noali wiederſehen! „Ich war nahe daran, Ihnen Alles zu entdek⸗ „ken, aber es war dann um Ihre Hochachtung „geſchehen. Ich hatte die Kraft zu ſchweigen, „und Ihnen zu entfliehen.“ ☛ᷓ 218 „Wie mein Leben ſeit jenem Augenblick hin⸗ „gefloſſen iſt, weiß ich nicht. Selbſt Theobald „ſchien ſich von mir zu entfernen. Ich hörte „mie mehr Ihren Namen; und um mich von njeder Hoffnung zu trennen, ſiel es dem Herrn nde Saint⸗Clement ein, nach der Schweiz rei⸗ „ſen zu wollen. Aber vergeſſen ſeien nun alle „die Leiden, die auf mich hereinſtürmten. Wenn „Sie mich noch lieben, kann ich ja glücklich „werden.“ 8 „In der größten Eile habe ich dieſen kur⸗ zen Abriß meines Lebens und meiner Leiden „hingeſchrieben. Guſtav! Ihre Freundin er⸗ „wartet Sie; ſie ruft Dich mit allen Kräf⸗ nten, mit allen Stimmen Ihrer Seele!“ 5 „ 8 „—— Was habe ich geleſen! und von „Deiner eignen Hand! Treuloſer Guſtav! Nicht „höher alſo haſt Du mich geliebt? In dieſem „Augenblick wurde mir Dein Brief an den Ba⸗ nron, worin Du uns zu Deiner Hochzeit ein⸗ ☛☛ 219 ☛ „ladeſt, von ſeinem Geſchäftsführer zugeſtellt. „Deine Hochzeit!— ſie bringt mir den Tod, „— Guſtav! wenn es nicht zu ſpät wäre— „Du müßteſt nun wählen. Hinweg jede Be⸗ „denklichkeit, jede Sitte! Ich reiſe unverzüglich, „ich muß Dich meiner Nebenbuhlerin entreißen— „das ſchöne Kind weiß nicht, was es iſt: zu lie⸗ „ben; oder auch zu Deinen Füßen ſterben.“ „Gelingt es mir, will ich Dir dieſe Zeilen „übergeben, ſonſt———“ Die Verzweiflung Guſtavs, als er dieſe un⸗ ſeligen Blätter zu Ende geleſen, läßt ſich nicht beſchreiben. Die Freunde ſahen ſich an, aber ſie hatten keine Worte. Nun, da das unſelige Räthſel aufgelöſt vor ihnen da lag, erſtaunten ſie beide, daß es ihnen nicht früher klar ge⸗ worden war. Endlich ſchien Theobald etwas ſagen zu wollen; er ergriff Guſtavs Hand; al⸗ lein dieſer winkte ihm, zu ſchweigen.„Laß mich,“ ſagte er leiſe;„ich muß allein ſeyn! Befürchte nichts, Theobald! aber laß mich im 220 Innern mich ſammeln. Wir wollen, wir müſ⸗ ſen reiſen. Du ſollſt mir folgen; ich muß ſie ſehen, wenn ſie noch lebt. Weiter auri ich nichts. Gehe.“ Theobald ging. Guſtav, in Rarwer, dumpfer Betäubung las die unglücklichen Blätter noch einmal durch. Er konnte nicht damit fertig wer⸗ den; es ſchien ihm zu lindern, ſein Herz damit zu ſättigen. Allein ſeine Unruhe ſtieg mit je⸗ der Minute. Vergebens ſuchte ſein Blick zu allen Seiten. Nichts, nicht das kleinſte Anden⸗ ken von der unglücklichen, jetzt zu ſpät erkann⸗ ten Cäcilie war ihm geblieben, als dieſe un⸗ ſchätzbaren Blätter, die er zuletzt auch an ſei⸗ nem Buſen bewahrte, wie der unglückliche Ju⸗ lien das ſeidne Tuch. In dieſem Augenblick war es ihm, als läge die Leiche des armen Jüng⸗ lings mit zerſchmettertem Gehirn zwiſchen ihm und dem Denkmal. Er raffte ſich entſetzt auf und entfloh zu der Seite, wo er ſonſt nie hinabzuſteigen pflegte. Der Weg führte zu dem Strome hinunter; ein ꝙ 21 ☛☚ ſchmaler Fußſteig, den die rollenden Wogen be⸗ netzten, führte hier faſt längs unter dem Felſen nach dem Schloſſe zurück. Er blieb ermüdet ſtehen; es war, als flüſterte das Geräuſch der Wellen ihm unverſtändliche Worte zu, die bald lockend, bald abſchreckend klangen. Er fühlte ſich unwiderſtehlich getrieben, in ſie hinauszuſtär⸗ ren; da rollte auf einmal eine leichte Woge ein ſchwarzes Band zu ſeinen Füßen; ein kleines Petſchaft war daran geknüpft, das er ſchaudernd aufhob, und ſeine Blicke darauf yeftete⸗ Es trug das Wort: Lebewohl. Nachſchrift. Guſtab war nach dem Schloſſe zurückgekehrt, wo ihm Theobald entgegen kam. Eine ſonder⸗ bare Ruhe, die Ruhe, welche ſelbſt die fürch⸗ terlichſte Gewißheit eines unerſetzlichen Verlu⸗ ſtes jeder männlichen Bruſt in dem erſten Au⸗ genblick ihres Eintretens immer gibt, war Lebewohl. III. Thl. 3 15 über ſeine Züge verbreitet. Er ſagte indeſſen blos:„Theobald! wir reiſen nicht.“ Dann ging er in ſein Zimmer, nacheetm er den alten Antoine gerufen, der immer in ſeinem Vorzimmer ſchlief. Theobald wurde ſpä⸗ ter zurückgewieſen. Antoine hatte den ausdrück⸗ lichen Befehl, Niemanden vorzulaſſen. Den nächſten Morgen aber war Guſtav, jedoch, wie es ſchien, mit Vorwiſſen des alten Dieners, verſchwunden. Antoine überreichte Theo⸗ balden, ſobald dieſer ſichtbar wurde, einen Brief. Er war von Guͤſſtav, und enthielt dieſe Worte: „Theobald! ich bin nach Paris gegangen. „Folge mir nicht. Keinen von Euch, nur „fremde Menſchen kann ich ſehen, bis ich Kei⸗ „nen mehr ſehe. Kein Wort über die Ver⸗ „gangenheit. Sie ſei nur meine Welt; für „Dich, für Euch dämmert eine Neue. Erfülle „meinen letzten Wunſch: heirathe Noali, und „ſei glücklich! aber hier könnt Ihr es nicht „werden, iich fühle es; eine heilige Ceremonie, „ein Gelübde, das hier nicht gelöſt werden ⁴☛ 223 „kann, obgleich ſie nicht meine Gattin iſt, ſteht „Euch auch hier im Wege. Kehrt nach Euren „glücklichen Erinnerungen zurück. Ich gebe „Euch, was ich nicht mehr brauchen kann, alle „meine Anſprüche auf Glück. Weltliche Güter „habt Ihr genug. Ich laſſe meinem Verwand⸗ „ten den Theil meines Vermögens, der ihm „zugeſichert iſt, das Uebrige, vor Allem Var⸗ „ville dem Knaben Emil. Ich habe ihn einſt „zu meinem Sohn ernannt, und in der That, „er iſt mir mehr geworden. Ich fühle es, er „hat mich vor Wahnſinn bewahrt. Die nöthi⸗ „gen Papiere werden folgen; von mir werdet „Ihr nichts mehr hören, ehe Ihr zu einem „Zeichen, daß ihr mir und Euch ſelbſt wohl⸗ „wollend nur das letzte Glück, das mir noch „übrig iſt, gewährt, Europa verlaſſen habt. „Laßt mich gut machen, was ich kann; ich flehe „Euch darum. Gieb mir Muth zum Leben.“ Nichts von dem Allen, was der Verbin⸗ dung der zwei ſich wiedergegebenen Lieben⸗ den voranging. Sie wurde endlich auf der In⸗ 15* — ——, — ☛☛ ⅓ 224 ſel Bourbon in den Erinnerungen ge⸗ ſchloſſen. Theobald war lange unglücklich, um einem Sterbenden den Tod zu erleichtern; er ward glücklich, um einem Lebenden das Leben weniger ſchwer zu machen. Ein Brief voller Segen, der ſtillen Kum⸗ mer und die Ruhe der Entſagung ausſprach, traf wie ein milder Frühlingsregen in den er⸗ ſten Lenztagen Ihrer Ehe ein. Er war von Guſtav, und aus Sierra Morena datirt, wo er wenigſtens vor der Hand ſich einem anſchauen⸗ den Leben geweiht. ſt Verbeſſerungen. Seite 1 Zeile 7 lies: N NVUVUN NNVUNV N uUNVNUANNRAV 10 NNNUVNNNAN AUVUNWN NR K. N 10 N NNUVNNUNN N NVK AAAAN Erſter Theil. Mutter von ihrem achtzehnten Jahre an zwiſchen ihrem und Guſtavs Chaxakter. auf die Ergebung die fuͤr die Ruhe in ſeinen Zuͤgen. zu erſchadfen; der Schein von Er enthielt Die uoerwirrung der Sinne ſchien von ihr nur Pewichen zu ſeyn, um thm fuͤr eine Freundſchaft um die Wett: wurde eine Waiſe zur Erde. kuͤhne. daß er es ſich er trank ihren Athem in ſich; Er. ſchickte ihn ſogleich an Eglantinen ab muß wenn auch nur auf das Gluͤck, ſich bruͤſtete, vor ihr wo mich nur Tod und Elend angrinſen, Ich habe das, was man in der Feſellſchaft gluͤckliche Abenteuer nennt, hennen gelernt; 4 ANNRKNuaNuANKNRAARRNRARRNRnNNARNRNA 2 Seite 1 Zeile 13 li 4 48 17 54 57 IAKNNNUNnRAANnwAARNhRRn R R vU NANANNANN N NVUNANNNNNVNNN NNN K Zeile 15 lies: 4 5 2 hingeeilt ſeyn; wiederſtanden, aber Alles dar⸗ um hingegeben haben Ih⸗ rer— kuͤnftiges Loos. 5 — Zweiter Theil. es: das Feindliche uͤberlaſſen Sie die verſchob auf eine in dem feuchten Sande „Es waͤre ja immer moͤglich, Stimme uͤbe einen „daß er ja eien kennen lernen; or ſollte ſie an ſeiner Wort, eine Vergeſſen Sie nicht Noali! wagte nicht, ſich dem daß ſie fuͤr ihn auf und ihn zu weniger Unwillen aber daß. geſtattete mir nicht gedachte mit Du in der Weite ſuchen, Barons, obgleich um zuerſt unter einem Paris, ein Feſt 4 die ſich beiden einander Auge mit allen Flammen erretten vermißte. Seit ſchwebte uͤber den Boden mit ſolcher Leichtigkeit hin, S. 175 Zeile 21 lies: aber ſie kennt nicht die Ei⸗ N G 3⸗ NVUURNANNNMNNRN UM VN NU NRn N AV w 179 168 198 u VIN NVUNNVUNNNRNNAA NNVNRu d u N de ꝓ 2 8ᷣ genſucht; Leiden errichtet hatte, uͤbergehen laſſen? hatten, folgende Novelle zu lelen an.— Dritter Theil. 21 14 12 17 3 22 20 19 15 18 6 14 18 17 7 15 14 NNNAN A Nu NNNNNVNVNNNNUNAN Zeile 10 lies: nieder, dieſe und 18 4 4 Nun! meinetwegen wird, Kraft brauchen, hier ernten koͤnnen der Sie entfliehen ſogar Ihre Vorurtheile Geſetze uns zweimal welchen die gegenſeitige daß Sie nur ſelbſt ohne Sie, noch zentfernte ſie immer. Kurz: ein Wort erſchrocken worden war uͤber ſie verhaͤngt hatte. der gewoͤhnliche ſchwermuͤthi⸗ ge Ausdruck Noali in Guſtavs Naͤhe Saint⸗Albe ſeufzte; Marie auf, liebenswuͤrdig— waͤre, der ihm eine immer regere Theilnahme eingefloͤßt hatte; eine ſo gefaͤhrliche Pruͤfung wagen. an dieſem ernſten noch fruͤher als er geklingelt das ſind die Bedingungen, die mein Gluͤck ausmachen. N . NWNVUNNNNNVW wnNUUNnn 139 144 158 161 162 168 175 176 180 4181 182 184 187 190 201 203 208 Noc iſt wNNRwn R KNNR .133 Zeile 17 lies ‿ N — ₰ NUWNNNNN N — 8 iſt zu bemerken, 3 the Vor, theils Ber— ſtatt: Varville, ſo auch Nercé und NNNARW A 1 : Lebewohl, nur zu geliebter Freund. Unwillen daruͤber hatte hereintreten, war. Niemanden zu fragen. Guſtav naͤchſt Theobalden, den vom dem Augenblick an, wieder hinunterging, betaͤubt; dies 1 geaͤußert traf ihn aber und wahrlich, dies Gefuͤhl, noch immer ſeine hatte veranlaßt, daß die Spu⸗ ren der geſtoͤrten Feierlithkeiten noch uͤberall ſichtbar waren; rrafen ſie auf Geſtellen um das ₰ nun eine 94 ſuchte ich ihn 4 und du wollteſt nicht warten, Ich wuͤrde Jahre LTCalent aus. als meinen Mut daß im ganzen Buche theils Rorce ſtatt Narcs gedruckt iſt. ſſin 15 16 17 18 nnnnnnnmnnmnnſſſſifſſſſſſiſſſ 10 11 12 13 14