Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Jeſebedingungeen. 1. Offensein der Bibliothek.„Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mo „ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.“ 3 Tel Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 H 3 für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 5* auſ 1 Monat: 1 Mr. Ff. 1 Mr. 80 Pf. 2 M. Pf 9 7 4„ S„ 8„—„ K 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurü 4 3 1 ck f der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſor 6. Schadenersatz. Fü 4 8 9 ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene —— defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſſ — LIebewohl. b Noman nach dem Franzöſiſchen der Damen Marie d' Heures eb Rense Roger frei bearbeitet „ von 5* 4 d. Kruse. 6 5 ————— zweiter Theil. 4 3. 3 4 e A A NMMNMN Lcipzig, 488 2 6. In Ernſt Kleins literariſchem Comptoir. Elftes Capitel. Guſtav blieb noch lange auf dem Felſen, ver⸗ ſenkt in verworrene, aber ſelige Träume. Ue⸗ ber das, was er eigentlich dachte, hätte er wohl kaum Rechenſchaft ablegen können; vielleicht war er ſich ſelbſt es nicht ganz bewußt. Die Stille der Seele, dies halbe Daſeyn, das faſt immer auf einen innern heftigen Sturm folgt, hat gewiſſermaßen Aehnlichkeit mit der dumpfen Ruhe, die das Opium hervorbringt; die widerſprechendſten Begriffe ſcheinen ſich zu nahen; Alles iſt leicht, Alles milder geworden; der Feindliche iſt nicht vergeſſen, denn wir le⸗ ben noch, allein wir gedenken ſeiner ohne Haß und Bitterkeit; wir lieben, aber wir empfinden Lebewohl. II. Thl. 1 ☛ 2 nicht dieſe Gluth der Sehnſucht, die verzehrt und aufreibt; die ſchrecklichſte Trennung, Tren⸗ nung ohne irgend eine Hoffnung des Wieder⸗ ſehens erſcheint uns nur als eine Abweſenheit! Ach! wie gern möchten wir oft um den Preis vieler Lebensjahre dieſen Zuſtand verlängern können! Aber vergebens! Die betäubten Kräfte erhalten ihre Schnellkraft wieder; der Stachel des Schmerzes läßt ſich aufs neue, und mit peinlicherer Gewalt fühlen als je. So ging es indeſſen Guſtav nicht! Als er endlich aus ſeinen Träumen erwachte, blieben noch immer Hoffnung und Freudigkeit in ſei⸗ nem Herzen zurück; im Gegentheil, nie früher hatte das Leben ihn mit ſo beglückenden Täu⸗ ſchungen umgeben; er legte ſchnell und eifrig die Hand auf das Herz, und ſagte feierlich: „Unbekanntes, angebetetes Weſen! ja! ich weihe Dir mein Leben; ich will deinen Willen verehren und nicht ſuchen, Dich zu ſehen; al⸗ lein wenn Liebe genug iſt, um die Scheidewand, ☛ 3 deren Du erwähnſt, niederzureißen, ach! wie leicht wird es mir dann gelingen!“ Als er wieder in ſein Zimmer trat, wurde ihm ein Brief von dem Baron de Saint⸗ Clement überreicht. Dieſer ſchrieb nur ſelten und blos in Geſchäften. Indeſſen zeigte dies Schreiben Guſtav ein Ereigniß an, das er weit entfernt war vorauszuſehen. Der Baron, müde des langweiligen Gefühls der Verlaſſen⸗ heit, in die ihn die Abreiſe ſeines jungen Freun⸗ des verſetzt, hatte ſich entſchloſſen zu heirathen. „Man muß an das Alter denken,“ ſchrieb er;„und eine junge Gefährtin ſoll mir hel⸗ „fen, die Unbequemlichkeiten, die mit einem „Schock von Jahren folgen, zu ertragen. Dies „große Capitel meiner Lebensgeſchichte wird in „wenigen Tagen ſeinen Anfang nehmen. Kom⸗ „men Sie, lieber Guſtav! ich erſuche Sie als „Freund, denn ich kann nicht länger mein An⸗ „ſehen als Vormund geltend machen. Sie ſind „das Weſen, das von allen Lebendigen mir am „beſten gefällt, und hätten Sie nicht den Ein⸗ 1* 8 4—ã „fall bekommen, ſich in Ihrem Schloſſe zu begra⸗ „ben, wäre ich wohl auch Junggeſell geblie⸗ „ben. Ich kenne Sie zu gut, um nicht über⸗ „zeugt zu ſeyn, daß Sie keinen Augenblick dar⸗ „an gedacht, daß Sie durch meine Heirath des „Vermögens, das Ihnen nach meinem Tode „zugedacht war, beraubt werden. Sie ſind jetzt „ſchon reicher, als ich, und Ihre edlen Empfin⸗ „dungen ſind mir ein hinreichender Bürge Ihrer „Geſinnungen in dieſer Rückſicht.“ „Indeſſen würde es meinerſeits eine Unge⸗ „rechtigkeit ſeyn, Ihnen die ſchönen, Ihnen ſchon „längſt beſtimmten Landgüter vorenthalten „zu wollen. Das junge Mädchen, das ich V „heirathe, iſt von angeſehener Geburt; allein „ſie beſitzt nur ein hübſches Geſicht. Ich wer⸗ „de ihr ein bedeutendes Witthum, doch nur „zum Nießbrauch, hinterlaſſen. Die Hälfte mei⸗. „nes Vermögens wird Ihnen bei meinem Tode „übergeben, und das Uebrige in Zukunft „Ihren Kindern anheim fallen.“ „Kommen Sie alſo und verbringen Sie ☛ 5 „einige Zeit bei uns, wenn es auch nur wäre, „um mir zu beweiſen, daß ich Sie ganz kenne, „und daß meine alte Thorheit Gnade vor Ihrer jungen Klugheit finden werde.“ Dies Schreiben, das ihn an die Güter der Welt, an die er nicht dachte, erinnerte, machte einen peinlichen Eindruck auf Guſtav. Es dünkte ihn, daß der Baron nur einen ſchlechten Ehemann abgeben müſſe. Obgleich in einem ſehr vorgerückten Alter, hatte er noch nicht ſolche Anſprüche aufgegeben, die einer jungen, zartfühlenden Frau vermuthlich höchſt beſchwerlich ſeyn würden; aber konnte die Frau, die Jugend und Schönheit dem Vermögen auf⸗ opferte, die der Liebe entſagte, und ihre Reize dem Golde preisgab, konnte ſie auch Zartgefühl beſitzen? „Nein!“ ſprach er in ſeiner Seele,„mö⸗ ge das verblendete Geſchöpf wenigſtens deſſen, was ihr ſo wünſchenswerth erſcheint, genießen; mögen ihr die Güter ganz gehören; laß ſie reich werden, weil ſie ſich darnach ſehnt!“ 6 Obgleich er nicht ohne Abneigung an dieſe, ſeiner Meinung nach, leichtſinnige Frau, die ſeinen Aufenthalt in dem Hauſe des Barons nur noch peinlicher machen würde, denken, und ſich ohne noch größeren Widerwillen von dem unbekannten Gegenſtand ſeiner Sehnſucht tren⸗ nen konnte, ſuchte er, da er die Einladung nicht wohl ausſchlagen mochte, wenigſtens Zeit zu gewinnen. Er wünſchte in ſeiner Antwort dem Ba⸗ ron Glück, und verſprach, ſobald er einige ihm obliegende Geſchäfte beendet, zu kommen. Nicht gewohnt, ſich zu verſtellen, war dieſer Theil ſeines Schreibens etwas dunkel und verworren; allein, als er ſein Herz ſprechen ließ, entfloſſen die Worte mit Leichtigkeit ſeiner Feder. Er verſicherte dem Baron, daß er aus ganzem Her⸗ zen, und auf immer jedwedem Anſpruch auf ſei⸗ nen Nachlaß entſage; er redete mit Wärme die Sache derjenigen, die im Begriff ſtand, dem alten Freunde die Hand zu reichen, und ohne der Eigenliebe des Greiſes zu nahe zu treten, ☛☛ 7 ☛ gab er ihm geſchickt zu verſtehen, daß ſein Ver⸗ mögen ganz und ohne Vorbehalt nur ein ge⸗ rechter Erſatz Ihrer Sorgfalt um ihn ſei! Aber bald hatte Guſtav die Heirath des Barons und den Verluſt der ihm früher beſtimm⸗ ten Reichthümer vergeſſen, indem er ſich ganz der reizenden Sehnſucht, die ſeine Seele füllte, er⸗ gab. Seine Welt war der Ort, wo jeden Abend die zärtlichſten, leidenſchaftlichſten Briefe ſeine Hoffnungen von Glück immer höher ſtei⸗ gerten. Zwoͤlftes Capitel. Mir gepreßtem, faſt entmuthigtem Herzen hatte Theobald de Norville das Schloß ſeiner Freunde verlaſſen. Es war ihm, als ginge er einer freund⸗ und freudenloſen Abgeſchloſſenheit entgegen; dunkle Ahnungen erfüllten ſein Herz. Bei ſeiner Ankunft auf der Inſel Bourbon 8—½ wurde er indeſſen mit ſo vieler Liebe von ſei⸗ nem Oheim aufgenommen, daß ſein dankbares Gemüth in der Erwiederung ſolcher Empfindun⸗ gen Troſt und allmählig auch Erſatz fand. Seine weiche Seele brauchte einen Gegenſtand, an den ſie ſich hängen konnte, und er fand in der Ueberzeugung, daß er dem guten Greis nothwendig geworden war, zwar nicht das hei⸗ tre Glück ſeiner Jugend wieder, aber doch Ruhe und Befriedigung. Theobold hatte ſich hier ſchon eine gerau⸗ me Zeit aufgehalten, als ein unerwarteter Um⸗ ſtand einen ganz eignen Zauber über ſeine neue 1 Heimath verbreitete. Nicht weit von der Pflan⸗ zung ſeines Oheims war ein Gut belegen, von . deſſen ſchöner Anlage ſehr viel geſprochen wur⸗ de. Es trug den Namen„die Erinnerun⸗ gen;“ es hielt indeſſen ſchwer, Erlaubniß zu er⸗ halten, es zu beſehen. Der Eigenthümer galt für einen Sonderling. Er lebte ſehr zurückge⸗ zogen, und nahm keine Beſuche an; er that aber im Stillen viel Gutes, viele Unglückliche —— —— — ———— — — ⁴☛☛ 9 ſegneten ſeinen Namen, während ſeine düſtere, menſchenſcheue Laune ein Gegenſtand des Spot⸗ tes der feineren Cirkel war. Norville war begierig, dieſen belobten Ort und ſeinen Herrn kennen zu lernen; er verlangte und erhielt weit leichter, als er vermuthet, die gewünſchte Erlaubniß. Aber wer malt ſeine Ueberraſchung, die Bezauberung, die ſich ſeiner bemächtigte, als er, ſo wie er ſich in dieſe An⸗ lage vertiefte, ſich in den Park zu Vorville verſetzt glaubt; die Aehnlichkeit war täuſchend; er befand ſich wieder in den lieben Gegenden, die er ſo oft mit Guſtav durchſtreift hatte. Die Ausſichten von Vorville, dieſelben F Fluren, dieſelben Haine, ſelbſt den Felſen fand er hier mit der größten Treue nachgebildet, wieder. Theobald glaubte zu träumen. Alle ſeine theu⸗ ren Erinnerungen kehrten hier mit verdoppelter Stärke in ſeinen Geiſt zurück; freudige Thrä⸗ nen drangen ſich unter ſeinen Wimpern hervor, ſein Herz klopfte gewaltſam, und ſeine umher⸗ irrenden Blicke ſchienen den Freund zu ſuchen, deſſen Gegenwart nur fehlte, um dies Wunder zu vollenden. Ein Geräuſch in der Nähe entriß ihn auf einmal ſeinen Träumereien. Er wandte ſich, und erblickte einen Mann von edler und ausgezeichneter Haltung, der ihn höflich aber kalt begrüßte und an ihm vorübergehen zu wollen ſchien; allein Theobalds aufgeregte Züge, die 4. 10 blieb ſtehen, und fragte den jungen Mann mit Theilnahme, was ihn ſo ſchmerzlich ergriffen hätte? „Ach!“ erwiederte Theobald,„kein ſchmerz⸗ liches Gefühl hat mir Thränen abgelockt, es iſt vielmehr die freudige Ueberraſchung, überall, wo ich hinblicke, ein treues Bild des lieben Aufenthalts meiner Jugend, und alle ihre Er⸗ innerungen wiederzufinden.“ „Der liebe Aufenthalt Ihrer Jugend?“ wiederholte der Fremde;„„wer ſind Sie denn, daß ſein Bild Sie ſo ſehr erſchüttert?““ 1„Ich bin der Freund, der Bruder des 4 Thränen in ſeinen Augen fielen jenem auf; er — S ☛ 11 Grafen Guſtav de Norcé, der angenommene dankbare Sohn der vortrefflichſten Frau!“ Der Fremde konnte eine innere, ſtürmiſche Bewegung nicht verbergen.„„„Jetzt,““ ver⸗ ſetzte er mit ſchnell erkünſtelter Faſſung,„„jetzt begreife ich Ihre heftige Ueberraſchung; auch ich,““ fügte er feſter hinzu,„„habe früher Vor⸗ ville und ihre liebenswürdigen Bewohner gekannt. Ich danke dem Himmel, der Sie hieher geführt hat, junger Mann! Kommen Sie; Sie ſollen mir von denjenigen erzählen, die Ihnen theuer ſind.““ Theobald folgte dem Fremden, der ihm indeſſen nicht mehr fremd war, weil er ſeine Freunde kannte. Nachdem ſie die Gärten und mehrere Zimmer des großen Gebäudes durchgegan⸗ gen waren, traten ſie in einen Salon, wo Alles Liebe zur Einſamkeit und zu ſtillen Anſchauun⸗ gen athmete. „Wir ſind hier allein,“ ſagte der Wirth zu Theobald.„Niemand wird uns hier ſtören; erzählen Sie mir jetzt von Ihren Lieben; nicht ³ 22 ☛ der kleinſte Umſtand wird mir gleichgültig ſeyn. Ich wiederhole es Ihnen, ich habe früher die elche Sie als Mutter verehren und ielleicht“ fügte er mit ſtockender Stimme hinzu,„haben Sie von dem Baron Lineuil reden hören?“ „„Nie!““ erwiederte Norville. 1 Der Baron ſeufzte tief, und nahm nach einem kurzen Stillſchweigen das Wort wieder: „Sie war in der That auch damals ſehr jung; — ſie kann— ſie wird vergeſſen haben, daß—“ ſeine Stimme ſtockte aufs neue. Eine düſtre Wolke, innere Bewegung verrathend, flog über gekannt, lieben. ſeine Stirn, dann fuhr er wieder fort.„Ihre Eltern lebten zu der Zeit! ich liebte ſie, wie die meinigen; wie viele glückliche Stunden habe ich in der Mitte dieſer lieben achtungswerthen Familie verlebt! Was verſprach nicht alles die junge, reizende Cäcilie; auch vor meinem Blicke lag die Welt mit glänzenden Blumen geſchmückt. Die Zeit iſt nicht mehr; Alles iſt anders ge⸗ worden. Von der Welt ſeit vielen langen Jah⸗ 4 ☛ 13 ren zurückgezogen, entfernt von allem, was mir 4 das Theuerſte auf der Erde war, ſuchte ich nur die Einſamkeit, wünſchte nur von den Men⸗ ſchen vergeſſen zu werden; aber in meiner Ein⸗ ſamkeit ſtrebte ich, den Ort wieder hervorzu⸗ zaubern, an dem ich mich in meiner Jugend ſo .. glücklich befunden; er ruft nur Erinnerungen zurück, die noch eine bezaubernde Gewalt an mir ausüben, obgleich tiefe Leiden, raſtloſe Sehnſucht mir das Leben verbittern.“ Der Baron bedeckte ſeine Augen mit der Hand und ſchwieg einige Minuten; dann raffte. er ſich zuſammen, und fuhr mit einem durch⸗ dringenden Blick auf Theobald fort.„Erzäh⸗ len Sie mir jetzt von Cäcilien, von ihrem Sohn, von dieſem Guſtav, den ich wohl kennen möchte. Sie, ihr Freund, Sie wiſſen, wie gern wir uns mit denjenigen beſchäftigen, die wir überall vermiſſen. Iſt es mir ein Bedürfniß, Sie anzu⸗ hören, muß es gewiß Ihnen ein noch dringen⸗ deres ſeyn, von denen zu reden, mit denen Sie . in einem liebevollen Verhältniſſe ſtehen.“ —, ☛ 14 Nichts konnte Theobald gelegner kom⸗ men; die Wärme ſeines Herzen theilte ſich ſei⸗ nen Worten mit, und der Baron ſchien alle zu verſchlingen. Die Berichte des Jünglings er⸗ ſtreckten ſich bis auf die kleinſten Umſtände; nichts wurde vergeſſen, beſonders ſprach er viel von ſeiner und ſeines Freundes Unruhe wegen der ſichtbaren Hinfälligktit der Gräſin, von ihrer gewöhnlichen Schwermuth, von den geheimen Leiden, die ihr Leben aufzureiben ſchienen, von ihrem Beſuch an dem Felſen, den geheimniß⸗ vollen 26ſten Juni. An dieſer Stelle der Erzählung hielt Theo⸗ bald plötzlich inne, ein ſchmerzlicher Seufzer des Barons durchdrang ſein Inneres und hemmte ſeine Worte; ſeine Blicke hefteten ſich erſtaunt auf ihn, allein er konnte ſein Geſicht nicht ſe⸗ hen, welches ſeine Hände bedeckten. Theobald ſchwieg noch immer. 3 „Fahren Sie nur fort,“ verſetzte der Ba⸗ ron mit faſt verſagender Stimme:„ich höre ☛ 15 Sie!“ Jede ſeiner Bewegungen indeſſen ver⸗ rieth dem Jüngling den Sturm ſeines Herzens. Der Tag war zu Ende, ehe ſie daran dach⸗ ten, ſich zu trennen, von dieſer Stunde an ent⸗ ſpann ſich eine immer innigere Freundſchaft zwiſchen Beiden; und ſelten verging ein Tag, daß nicht Theobald„die Erinnerungen“ beſuchte, wo er immer mit Freude und Anhäng⸗ lichkeit aufgenommen wurde. Der Baron, etwa ſechs und vierzig Jahre alt, zeichnete ſich durch eine hohe Geſtalt, eine ſchöne Haltung und ein edles Benehmen aus; allein ſeine vor der Zeit erbleichten Haare und ſeine früh gealterten Züge verriethen, daß er ein Raub ſchwerer Leiden geweſen. Nur we⸗ nige waren im Beſitz von tieferen Kenntniſſen und einer zu gleicher Zeit mehr anziehenden und gründlichern Unterhaltungsgabe. In ſeiner Nähe bildete Theobald ſich völlig aus, und er⸗ warb, ihn zum Vorbild ſich wählend, eine Schärfe des Geiſtes und eine Kraft des Urtheils wie ſie nur ſelten angetroffen werden. ☛ꝙ 16 Je mehr der Baron Theobald kennen lern⸗ te, deſto größer wurde ſeine Zuneigung zu ihm; der Charakter des jungen Mannes, die Gründ⸗ lichkeit ſeines Verſtandes, ſeine Sitten, ſeine Fähigkeiten, und beſonders ſeine warme An⸗ hänglichkeit an Guſtav und deſſen Mutter ge⸗ wannen ihm das Vertrauen und die Hochach⸗ tung des Herrn de Lineuil; kurz Norville ward ihm ein theurer Sohn, von dem auch er innig geliebt wurde. Dieſes Vertrauens ungeachtet hatte ihm doch der Baron die Begebenheiten ſeines ge⸗ heimnißvollen Lebens nicht mitgetheilt, welche Theobald mit einer um ſo heftigeren Neugier⸗ de zu kennen wünſchte, als die Leiden des Ba⸗ rons mit denen der Madame de Noresé in ir⸗ gend einer Beziehung zu ſtehen ſchienen. Er hatte nicht die tiefe Bewegung vergeſſen, die der Baron hatte blicken laſſen, als er dieſem von der Schwermuth der Gräfin erzählt. Wenn der Jüngling Nachrichten von Frankreich er⸗ hielt, oder blos den Namen der Madame de ☛ 1 ☛☚ Noree ausſprach, bemerkte er ſogleich eine theil⸗ nehmende Unruhe in dem ganzen Benehmen des Herrn de Lineuil, deſſen Züge alsdann einer plötzlichen Veränderung unterlagen. In ſeiner Nähe verbrachte er ſeine glück⸗ lichſten Augenblicke. Die Wohnung des Oheims bot nichts Anziehendes dar; das Alter und die Schwäche des Greiſes geſtatteten ihm nicht, Je⸗ manden zu ſehen. Er gefiel ſich nur in dem Umgang ſeines Neffen, der ſich ihm auch ganz widmete, und ihm allein die Stunden entzog, die er bei dem Baron verlebte. Dieſe wurden ihm immer anziehender, und neue Begegniſſe vermehrten den Reiz, der ihn an dieſes Gut hinzog.— 4, Eines Abends, als er dahin kam, glaubt er bei ſeinem Eintritt eine größere Bewegung als gewöhnlich zu bemerken; die Dienerſchaft ſchien mehr als gewöhnlich beſchäftigt, und je⸗ des Geſicht trug einen eigenen Ausdruck der Freude. Der Baron war im Puͤrk. Theobald eilte ſogleich hinunter. Er gewahrte zwei Lebewohl. II. Thl. 2 ☛ 18 Frauen im Geſpräch mit dem Herrn de Lineuil: die Eine, vertraulich an ſeine Schulter gelehnt⸗ ſchien mit zärtlicher Lebhaftigkeit mit ihm zu reden. Der überraſchte Jüngling wagte kaum näher zu gehen; aber der Baron, der ihn er⸗ blickte, eilte ihm ſogleich entgegen. „Kommen Sie, lieber Theobald!“ ſprach er, ich werde Ihnen zwei Freundinnen vorſtel⸗ len, die bald auch die Ihrigen ſeyn werden; ich habe auch ein angenommenes Kind; es iſt Noali, die Tochter meines Herzens.“ Theobald wurde auch der anderen, noch ziemlich jungen Frau, deren zierliche Haltung und liebliche Züge ihn überraſchten, vorgeſtellt; es war Noali's Mutter. Dieſe, etwa zwölf bis dreizehn Jahre alt, und ſchön wie ein Engel, heftete ihre ſauften Blicke auf ihn, und be⸗ grüßte ihn mit einem unbefangenen Lächeln; dann umarmte ſie den Baron und eilte zu ei⸗ ner Voliere hin, die ihre Aufmerkſamkeit ganz zu feſſeln ſchien.— „Mein lieber Theobald,“ ſagte der Ba⸗ ☛̈ 19 ron lächelnd,„daß ich während der Abweſen⸗ heit dieſer Damen ihrer par nicht gegen Sie er⸗ wähnt habe, iſt nur geſchehen, um Ihnen eine Ueberraſchung zu bereiten, die Ihnen ohne Zweifel recht angenehm iſt. Wenn Sie erſt Koali und ihre Mutter kennen lernen, werden Sie die Freude begreifen, womit ich ſie nach einer Abweſenheit von drei Monaten wieder⸗ ſehe. Nur ihrer liebevollen Anhänglichkeit habe ich die einzigen glücklichen Augenblicke zu ver⸗ danken, deren ich in meiner Verbannung ge⸗ noſſen. Die Geſundheit Noali's heiſchte eine ſchnelle Veränderung der Luft, und auch nur eine Beunruhigung ſolcher Art vermochte mich zu dem Entſchluß, mich von Madame de Ser⸗ val und ihrer Tochter zu trennen. Gott ſei Dank, daß ſie zurück ſind. Alles hier empfin⸗ det ſchon die glücklichen Wirkungen ihrer Ge⸗ genwart.“ Madame de Serval drückte die Hand des Barons ſchweigend an ihr Herz; ihre Blicke ſprachen die Erkenntlichkeit, die ihr ſein freund⸗ 2* 3 ☛̈ 20. liches Wohlwollen eingeflößt, aus. Alle gingen zuſammen in das Haus, ſobald Noali zu ihnen zurückgekehrt war; nie früher war der Baron ihm ſo liebenswürdig erſchienen, und er nahm das Gefühl des ruhigen Glücks derjenigen, die ihn umringten, freudig in ſein Herz auf. Wie ſchön war der ſtille Ausdruck von Liebe und Verehrung, womit die kleine Noali an demjenigen hing, der ihr einziger Beſchützer war, und mit vollem Rechte ihre kindliche dankbare Liebe verdiente. Sie hatte in der ganzen Welt nur die Mutter und den Baron; ihre ganze Glückſeligkeit, ſo wie ihre ganze zärt⸗ liche Ergebung, waren zwiſchen den beiden theu⸗ ren Weſen getheilt, und der unſchuldigen Noali galt nichts über die Wohnung, die Alles, was ihr theuer auf der Erde war, umſchloß. Der Baron ſelbſt hatte ſie höchſt ſorgfäl⸗ tig erzogen. Selbſt Opfer eines zu tiefen Ge⸗ fühls, kannte er alle daraus entſpringende Ge⸗ fahren, und in der Abſicht ſeiner lieben ange⸗ nommenen Tochter die Leiden und unumgäng⸗ — ☛ꝙ 21 lichen Verirrungen, die eine überſpannte Phan⸗ taſie hervorbringt, zu erſparen, entfernte er von ihr Alles, was dieſe entflammen konnte. Er wollte nicht irgend eines der glänzenden Talente, die mit eben ſo viel Gewalt als Zauber die Leidenſchaften erregen, bei Noali ausbilden; Muſik und Tanz wurden verbannt; mehr Nach⸗ giebigkeit wurde der Malerkunſt gezeigt. Da Noali früh Luſt und Anlage zur Landſchaftma⸗ lerei zeigte, ertheilte der Baron ſelber, der im Beſitz dieſes Talents war, ihr Unterricht dar⸗ in, ſo auch in der Geſchichte. Ueberdies las Noali keine andern Bücher, als die, welche ihr der Baron gewählt, oder Auszüge, die er für ſie niedergeſchrieben hatte. 6 Noali war die Freude und das Glück die⸗ ſer Wohnung, als Theobald Zutritt dazu er⸗ hielt; nur ſelten erſchienen Fremde dort, und dann waren nie Madame de Serval, noch ihre Tochter gegenwärtig. Theobald war der erſte Jüngling, den Noali kennen lernte; er war jung und ſchön: ſein Geiſt und ſeine guten 22 ☛ Eigenſchaften hätten ihn mit Fug für ein jun⸗ ges Mädchen, das bisher in der größten Abge⸗ ſchloſſenheit gelebt, gefährlich machen können; allein ihrer Ruhe drohete keine Gefahr, und ihre Unbefangenheit allein ſchützte ſie beſſer, als eine oft ſehr mißliche Vorſicht. Noali's Phantaſie war nie durch Bücher, verderbliche Geſpräche und noch verderblichere Anvertrauungen befleckt worden; nie hatte ſie geſucht, was ſie nicht wiſſen dürfte, zu erra⸗ then, und der Anblick eines jungen, hübſchen Mannes, brachte nicht ihr Herz ſtärker zu klo⸗ pfen. Theobald gefiel ihr, ſie war ihm gut; ſie ſuchte nicht ihm es zu verbergen, und es fiel ihr nicht ein zu erröthen, weil ſie ihm dies Gefühl zuerſt gerade aus geſtanden. Er ward ihr Freund, der Begleiter ihrer Studien; die lieblichſte Innigkeit fand zwiſchen beiden Statt, und die ſanfte Empfindung, die ſie für Theo⸗ bald nährte, weit entfernt, ihr Herz beklommen zu machen, wurde ihr eine Quelle reiner Freu⸗ den die ihr Leben verſchönerten. ☛ 23 Das war aber nicht der Fall mit Theo⸗ bald; Noali's Erſcheinung hatte einen ſehr verſchiedenen Einfluß auf ſein Glück. Bis hieher hatte er nie die Unruhe, den inneren Drang oder das Bedürfniß, zu lieben und geliebt zu werden, in der Rähe einer Frau empfunden; obgleich der Schönheit huldigend, hatte er noch nicht begreifen können, wie ſie Begeiſterung, Wonne, die den Verſtand ver⸗ wirren und die Urtheilskraft zerſtören, einflö⸗ ßen könne. Wie oft hatte er zu Guſtavs Ue⸗ berſpannung gelächelt, und noch öfters hatte er mit einem Gefühl der Traurigkeit daran ge⸗ dacht, daß dieſe Ueberſpannung dem Freund in der Folge vielleicht mancherlei Leiden koſten würde. Nerville, in der Ueberzeugung, daß das ſicherſte Mittel, glücklich zu ſeyn, darin beſtand, ſich nie von der Mäßigung zu entfernen, be⸗ trachtete Alles, was dieſer nicht entſprach, als dem Glück und der Vernunft widerſtreitend. Indeſſen fühlte er bei Noali's Anblick zum erſten Mal eine unbekannte Unruhe ſich ☛̈ 24 ſeines Gemüths bemächtigen; die ſchnelleren Schläge ſeines Herzens lehrten ihn endlich, daß die klügſten Entſchlüſſe vor den Blicken eines Mädchens verſchwinden können, daß die Ge⸗ walt der ſtrengſten Vernunft oft der der Schön⸗ heit weichen müſſe. Noali ſah keiner der Frauen ähnlich, die er bisher geſehen; ihre feine geiſti⸗ ge Geſtalt, ihre ſchönen blauen Augen, von langen Wimpern verſchleiert, ihre anmuthsvollen Züge, ihre blonden Haare, die ſich in Locken um den blendend weißen Hals ringelten, kurz das ganze Engelsbild entzückte ihn beim erſten Anblick; und ſpäter machten ihre Aufrichtigkeit, ihre Unſchuld, ihre Reinheit, daß er aus allen Kräften der Seele eins der ſchönſten Werke der Natur in ihr verehren mußte. Gewohnt, ſich ſelbſt Rede zu ſtehen, konnte er nicht lange über das Gefühl, das ſein gan⸗ zes Herz durchdrang, in Ungewißheit bleiben; an dem unruhigen Wogen ſeines Inneren er⸗ kannte er die Liebe, und er beſaß Stärke ge⸗ nug, dies Geheimniß in ſeinem Buſen zu — ☛ 25 verſchließen. Noali's reine, unbefangene Seele war ihm heilig; blos der Gedanke, durch ein Wort, einen einzigen Blick den reinen Spiegel der Unbefangenheit, die er unter ſo vielen Reizen am meiſten an ihr verehrte, zu trüben, machte ihn für ſich ſelbſt erröthen; außerdem wurde der Adel ſeiner Seele durch die Vorſtellung, das offne, edle Zutrauen des Barons zu täu⸗ ſchen, empört. Seine väterliche Güte, die Ent⸗ würfe einer glücklichen Zukunft, die er unauf⸗ hörlich für ſeine Noali bildete, in welchen doch immer Theobalds gedacht wurde, das unbefan⸗ gene Wohlwollen des jungen Mädchens, die Hochachtung ihrer Mutter ließen ihn mit mil⸗ der, ruhiger Erwartung der Zukunft entgegen treten. So drangen Hoffnung und Liebe auf einmal in ſein Herz; und Theobald Allem, was ihm Glück zu verſprechen ſchien, muthig vertrauend, begnügte ſich, ſtill zu lieben. Madame de Serval fühlte eine warme Zu⸗ neigung für Theobald; mit ſtiller Freude ſah ſie die Freundſchaft der jungen Leute aufblühn; ☛ 26 doch die mütterliche Sorge wird nur zu leicht beunruhigt, und ſie konnte nicht umhin, vor der Gefahr, die das Herz der Tochter bedrohete, zu zittern. Sie befürchtete das Erwachen einer Lei⸗ denſchaft, deren ſchmerzliche Gewalt ihr nicht unbekannt war, in Noali's Buſen. Sie folgte beiden mit klugen und ſcharfen Blicken, und glaubte bald zu entdecken, daß nur Freundſchaft allein die zwei jungen Leute verband. Noali ſchien nicht einmal zu ahnen, daß die Bruſt einem noch zärtlicheren Gefühl Raum geben könne. Ihr Schlaf war eben ſo ruhig, wie früher, ihre Stimmung nicht ungleich, ihre Hei⸗ terkeit ſo laut wie immer; nicht die kleinſte Veränderung war an ihr zu bemerken; ihre Unbefangenheit war immer dieſelbe. Wie gern auch Madame de Serrval die Meinung des Barons in dieſer Beziehung er⸗ fahren hätte, wagte ſie doch nicht zu fragen; ſie wußte, daß eine jede ſolche Aeußerung ihm auf das höchſte mißfallen würde. Es war eine — — —,— ☛ 22 ☛ von den Sonderbarkeiten des guten Herrn de Lineuil, daß er ein blindes Zutrauen von ſei⸗ ner Umgebung verlangte, die ſich auch nicht geſtattete, nach irgend einem Grund ſeines Be⸗ nehmens zu fragen. Na Madame de Serval, die ebenſo wie ihre Tochter von ihm erzogen war, hatte ihm Al⸗ les zu verdanken; auch bezeigte ſie ihm eine grenzenloſe Ehrfurcht und Ergebenheit; der kleinſte Wunſch des Barons war für ſie ein heiliges Geſetz. Nach einer Ehe von ſechs Mo⸗ naten hatte ſie ſchon ihren Gatten verloren, und kehrte zu ihrem väterlichen Freund zurück, um ſich nicht mehr von ihm zu trennen. Liebe zu ihrer Tochter, Dankbarkeit gegen ihren Wohl⸗ thäter waren von der Stunde an die einzigen Empfindungen, die ihre Bruſt ausfüllten; ſich dem ſteten Glück dieſer zwei Weſen zu widmen, wurde das Gelübde ihres Herzens, und die mütterliche Liebe ihre einzige Leidenſchaft. Die Freundſchaft des Barons für Theo⸗ bald wurde bald der Grund, worauf ſie ihre .☛̈o 28 Hoffnungen bauete; ſie zweifelte gar nicht, daß ſeine Abſicht ſei, ihn mit ihrer Tochter zu ver⸗ binden; die Liebe des jungen Mannes war ihrem Auge nicht ganz entgangen, und ſie blickte furchtlos und freudig in eine Zukunft hinein, die ihre leiſen Wünſche erhören zu wol⸗ len ſchien. Dreizehites Capirel. Alein dieſe lächelnden Ausſichten wurden bald von dem Schmerze verdüſtert. Theobalds ſehr alter und kränklicher Oheim verſank plötzlich in einen ganz hoffnungsloſen Zuſtand. Die Kunſt der Aerzte und die kindliche Sorgfalt ſeines Neffen vermochten nur, ſeine letzten Augenblicke weniger leidend zu machen. Dieſe waren bald vorüber und obgleich Theobald ein ſehr bedeu⸗ tendes Vermögen erbte, beweinte er doch mit kindlichen Gefühlen den Mann, den er ſich ge⸗ ☛ 29 wöhnt hatte, als ſeinen zweiten Vater zu be⸗ trachten. Nachdem er die letzten Pflichten gegen den Todten erfüllt, wurde er von dem Herrn de Lineuil abgeholt, der ihn in ſeine Wohnung führte, die von der Stunde an der gewöhnliche Aufenthalt des jungen Mannes ward. Als Noali ihn ankommen ſah, lief ſie ihm entgegen, umarmte ihn innig, und bei dem An⸗ blick ſeiner thränenvollen Augen floſſen auch die ihrigen über. Welche Leiden waren nicht durch einen ſolchen Empfang gelindert worden! Zum erſten Mal wagte Theobald das Weſen an ſein Herz zu drücken, dem alle ſeine Ge⸗ fühle geweiht waren; zum erſten Mal umſchlan⸗ gen ſeine Arme die, welche er früher kaum gewagt hatte, mit dem Ausdruck der Liebe an⸗ zublicken.— Von dieſem Augenblick bemerkte Theobald recht gut, daß Madame de Serval ihm noch gewogner, als früher wurde. Noch nie hatte der Varon de Lineuil ihm ſo lebhafte Freund⸗ 30 ☛£☛ ſchaft, ſo inniges Vertrauen bezeigt; nur daran denkend, wie er ſeinen jungen Freund zerſtreuen konnte, unternahm er nichts, ohne erſt ſeine Meinung zu hören, und ließ ſich auf ſeinen Spaziergängen immer von ihm begleiten. Es ſchien, als wäre ihm Theobald eben ſo theuer, wie Noali, und öfters, wenn von beiden die Rede war, nannte er ſie ſeine Kinder. So vergingen einige Monate; Noali's Ruhe und Glück wurden durch nichts geſtört; Alles ſchien Theobalds ſtille Wünſche zu fördern; aber die glückliche Ruhe eines ſo innigen Zu⸗ ſammenlebens ſollte nicht von langer Dauer ſeyn. Die Geſundheit des Herrn de Lineuil be⸗ gann auf einmal immer ſchwächer zu werden; die Anfälle von Schwermuth, denen er früher unterworfen geweſen, kehrten immer häufiger zurück; ein hitziges Fieber ſchlug ſich dazu. Die Aerzte erklärten endlich, daß er nicht mehr her⸗ geſtellt werden könnte; von dem Augenblick an war das Glück, alle Reize dieſer bezaubernden Beſitzung ſchon wie verſchwunden; der wärmſte ☛ 31 Eifer, die unermüdlichſte Sorgfalt, die inbrün⸗ ſtigſten Gebete blieben ohne Wirkung. Unter den Anfällen der Krankheit entzog ſich der Baron der Gegenwart der Freunde, die ihm ſo theuer waren; Noali ſelbſt wagte nicht, ſeine tiefe Einſamkeit zu unterbrechen. Er ließ ſich in den Pavillon des Felſens, wo jedwedem der Zugang verwehrt war, hintragen; hier hielt er ſich ganze Tage auf, kehrte des Abends ermattet zurück, warf traurige Blicke auf die bekümmerten Freunde, und liebkoſete auf einen Augenblick Noali. Ein ſo quälender Zuſtand konnte nicht lnge dauern; das Fieber, das ihn aufrieb, nahm Tag vor Tag zu; bald konnte er nicht mehr das Bette verlaſſen. Das Bedürfniß, die, welche er liebte, um ſich zu ſehen, ſchien jetzt zurückzukehren. Er fühlte das Leben erlöſchen; aber die Verzweiflung, die aus den Zügen der Madame de Serval und ihrer Tochter ſprach, benahm ihm den Muth, ſie auf eine, für Alle ſo bittre Trennung vorzubereiten. ☛ 32 ☛ Die Stunden, welche er in dem Pavillon verbracht, hatte er auf das Niederſchreiben ſei⸗ nes letzten Willens verwendet. In einem Brief an Madame de Serval theilte er ihr Umſtände aus den Begegniſſen ihres Lebens mit, die ihr noch unbekannt waren; er entwickelte ihr ſeine Abſichten mit Noali, und die zweckmäßigſten Maßregeln, dies Ziel zu erreichen; er dankte ihr für das Glück, das ſie um ſeine Tage ver⸗ breitet hatte, gab ihr ſeinen Segen und be⸗ ſchwor ſie bei der Ergebenheit, die ſie ihm ge⸗ widmet, Alles zu thun, damit ſein letzter Wille genau erfüllt werden könnte. Eine Nacht, als Madame de Serval und ihre Tochter ſelbſt bei dem Baron wachten, weil er ihnen leidender als gewöhnlich vorge⸗ kommen, bat er ſie, Theobald ſagen zu laſſen,“ daß er ſogleich mit ihm zu reden wünſche. Der Jüngling ließ nicht auf ſich warten. „Liebe Erneſtine,“ ſagte der Baron zu Madame Serval,„laſſen Sie uns einen Au⸗ genblick allein. Was ich Theobald zu ſagen habe, ☛̈ 33 habe, darf nur von ihm allein gehört werden; ſpäter ſollt auch Ihr meine Wünſche erfahren.“ Mit dieſen Worten zog er Noali und ihre Mutter heftig zu ſich hin; ſie kniete vor dem Bett nieder; lange hielt er ſie ſchweigend an ſein Herz gepreßt, dann drückte er einen Kuß auf ihre Stirn, und ſchien den Segen des Himmels auf ihr Haupt herunter zu rufen; dann ſie leiſe entfernend, gab er ihnen einen Wink, ſich zurückzuziehen; ſeine Blicke folgten ihnen, bis ſie denſelben entzogen waren. Sobald ſie allein waren, wendete er ſich an Theobald. „Ich will ſie nicht mehr ſehen,“ ſagte er. „Es iſt ein großes Opfer; allein der An⸗ blick meiner letzten Augenblicke würde ihr Herz zerreißen. Da ich nicht länger für ihr Glück leben kann, will ich wenigſtens die letzten Kräfte, die mir übrig ſind, zu dieſem Zwecke verwenden. Sie ſind es, Theobald! den ich zu der Stütze, zum Beſchützer derer, die nur mich ganz allein auf der Erde hatten, erwählt habe. Ihre Ge⸗ Lebewohl. II. Thl 3 3 ☛ 34 ſinnungen rechtfertigen mein Zutkauen, und ge⸗ wichtige Gründe, die ich bis hieher Niemanden mitgetheilt habe, bewegen mich„Ihrer treuen Freundſchaft die Zukunft Noali's anzuvertrauen.“ Theobalds lebhafte Erſchütterung verhin⸗ derte ihn, Antwort zu geben; allein er ergriff die Hand des Barons, und drückte ſie an ſein Herz, das vor Hoffnung und Dankbarkeit bebte. „Ich bin es,“ verſetzte Herr de Lineuil, „der allein das Unglück des ſeltenſten aller We⸗ ſen, der Gräfin de Norce, verſchuldet hat. Ich ſtand im Begriff, ihr Gatte zu werden. Alles verſprach mir eine Glückſeligkeit, deren ich gewiß nicht würdig war; die reinſte Liebe vereinte uns, und iſt nie in unſern Herzen er⸗ loſchen, da— ich mußte eine Reiſe nach ei⸗ nem entfernten Gute machen, und war ſchon auf dem Rückwege, als— ach! die Erinnerung preßt noch ſchmerzlich mein Herz zuſammen— doch warum Worte, die mir einen quälenden Zuſtand nur zu lebhaft erneuern— leſen ſie hier“— fuhr der Kranke fort, indem er mit ☛ 35. zitternder Hand ein kleines Portefeuille öffnete, von dem er ſich nie trennte, und das auch jetzt an ſeiner Seite lag, und aus demſelben ein zu⸗ ſammengelegtes Blatt herausnahm—,leſen Sie dieſe Zeilen, die ich ſchon längſt aus meinem Gedächtniß mit erneuerten, doch theuern Schmer⸗ zen Wort für Wort nach einem Briefe copirt, den ich damals in der unglücklichſten Stunde mei⸗ nes Lebens niederſchrieb, und von dem ich, ob⸗ gleich im Fluge entworfen, doch ſelbſt die klein⸗ ſte Sylbe behalten habe— leſen Sie und be⸗ wahren Sie ihn auch, als den unſterblich⸗ ſten Theil meines Herzens dem auf, den ich Ihnen ſpäter nennen will, zur ſichtbaren Be⸗ währung Ihres Auftrags, obgleich die unſicht⸗ bare Ihrer Worte und Ihrer Freundſchaft völlig genug ſeyn werden.“ Theobald, obgleich in dieſem Augenblick von der dunklen Ahnung irgend eines Unglücks, das ſein Herz gewaltſam zuſammendrückte, durchdrungen, öffnete ſchnell das Blatt, umd las ſtill vor ſich Folgendes: 4 3* ☛ 36 ☛ „Ein ſchreckliches, unerſetzliches Unglück „trennt uns auf immer! O! meine Cäcilie! „Dein Schmerz laſtet noch ſchwerer, als der „meinige auf meiner Seele! ich habe geſchwo⸗ „ren Dich glücklich zu machen, und ich bin es, „der Dich ewigen Thränen weiht; denn ich „kenne Dein Herz, es wird immer unverändert „ſchlagen; Deine erſte Liebe hat das Geſchick „Deines Lebens beſtimmt. Deine verzweifelnden „Eltern haben meine Schuld erfahren; aber „Du, meine Cäcilie! nur von mir ſollſt Du den „Bericht des unausweichlichen Verhängniſſes, „das uns trennt, hören.“ „Nachdem ich die Geſchäfte beendigt, die „meine Entfernung von der glücklichen Heimat „meiner Cäcilie erheiſcht hatten, kam ich nach „Rouen zurück, um den folgenden Morgen „weiter zu reiſen. Ich ging in das Schau⸗ „ſpiel; der Zufall hatte mich in die Nähe zweier „bejahrten Damen gebracht. Nach dem Schluß „des erſten Aufzugs verließ die eine ihren Platz, „und faſt in demſelben Augenblick wurde dieſer ☛% 37 ☛☚ „von einem hübſchen, jungen Manne, von ei⸗ „nem ſtolzen, anmaßenden Benehmen, ungeach⸗ „tet der Gegenvorſtellungen der zurückgebliebe⸗ „nen Dame genommen. Von ihr aufgefordert, „beſtätigte ich, daß dieſer Platz ſchon Jeman⸗ „dem gehöre. Mit einem Worte, meine Freun⸗ „din! ich wurde ſehr ſchwer beleidigt; ich „bezwang mich indeſſen, und gab nur dem „angreifenden Theil mit Kälte die Ant⸗ „wort:„daß ich ihm nicht die Ehre ge⸗ „ben würde, mich mit ihm zu meſſen.“ Kurz „hernach verließ ich das Haus; ich ging an dem „Hafen ſpazieren, nur mit Deinem geliebten „Bilde beſchäftigt, als ich mich auf einmal „von einer Menge junger Leute umgeben ſah, „unter welchen ich den erblickte, deſſen unver⸗ „ſchämten Reizungen ich widerſtanden hatte. „Ich will nicht alle die kleinlichen Umſtände „eines Auftrittes, Deiner Blicke durchaus un⸗ „würdig, Dir vor die Augen führen. Der „Unſinnige, durch mein geringſchätziges Still⸗ „ſchweigen gereizt, wagte, mich eine Memme zu — ☛ 38 „nennen, und begleitete dieſen beleidigenden Aus⸗ „druck mit einer Geberde, die nur durch Blut „erloſchen werden konnte! Der Unglückliche nfand den Tod, dem er Trotz geboten; 5 „in demſelben Augenblick fühlte auch ich, daß „ich mein Leben befleckt hatte, und de d 1 „Befriedigung dieſes traurigen Ehrgefühls eine „unauslöſchliche bittre Mahnung in meinem „Herzen hinterlaſſen würde.“ „Ich ſah Dich wieder, und Du bezogſt „die Veränderung, die Du an meinem Gemü⸗ „the bemerkteſt, und meinen Schmerz über eine „zwar gerechte, aber zu theure Rache auf mei⸗ „ne vorhergehende raſtloſe Sehnſucht nach Dir. „Ich wußte nicht einmal den Namen des un⸗ „glücklichen jungen Mannes; es war, als wären „mit ſeinem Tode alle Spuren von ſeinem Le⸗ „ben vertilgt; aber vielleicht wurde er von El⸗ „tern, von einer Gattin vermißt und beweint. „Urtheile ſelbſt, wie ſehr ſolche Vorſtellungen „mein Gemüth beſchwerten, da ſie mich, denn ———— ☛̈ 39. „Liebeglühenden, noch in Deinen Armen ver⸗ „„L „folgten!“ „Da ließ mich Dein Vater von Deiner „Seite abrufen!“ „Mein lieber Lineuil!“ rief er mir ent⸗ „gegen,„kommen Sie, und theilen Sie mei⸗ „nen Schmerz; ein unglücklicher Streit, in „einem Schauſpielhauſe entſtanden, hat mich „meines Sohnes beraubt.“ „Der Blitz hatte getroffen; mit verſagen⸗ „der Stimme fragte ich nach den näheren Um⸗ „ſtänden; Alles traf nur allzu gut zu. Dein „Bruder, meine Cäcilie! war von der Hand „Deines Geliebten getödtet. Ich ſah die Wan⸗ „gen Deines ehrwürdigen Vaters von bittern „Thränen benetzt. Ich hörte das zerreißende „Schluchzen Deiner Mutter, und ich konnte „nicht entſtiehn. Deine Eltern, über mein „ſchweigendes, unbewegliches Hinſtarren erſchrok⸗ „ken, drängten ſich aͤngſtlich um mich. Ich „war auf einen Stuhl geſunken; allein als ich „fühlte, ihre Haͤnde die meinen drücken, als „ —— ☛ 40 ☛☚ „ihre zitternde Stimme mir zurief, mich zu „faſſen, um ſie zu tröſten und Dich glücklich „zu machen, gewann ich wieder Kraft, wenn „nicht zur Beſinnung, doch zum Handeln; ich „riß mich gewaltſam aus ihren Armen und rief „entſetzt:„Haßt mich, verflucht an ch ich habe „Ernſt ermordet.“ „Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſpro⸗ „chen, als ich mich allein befand; die geliebten, „verehrten Weſen, denen ich einen nur zu gerech⸗ „ten Abſcheu einflößen mußte, hatten ſich, au⸗ „ßer ſich vor Entſetzen, vor Erſtaunen, ich „weiß nicht wie, zurückgezogen. Ich eilte aus „dem Schloſſe, daͤs für mich auf immer unzu⸗ „gänglich geworden war.“ „Da erhellte plötzlich ein Gedanke meinen „verworrenen, verdüſterten Geiſt. Ich ſchrieb „Dir einige Zeilen, die ich einem Bedienten „übergab, und warf mich in ein Boot, um „das Schiff zu ereilen, das wir beide: zuſam⸗ „men auf der Rhede bemerkt hatten. Ich „wußte ſeine Beſtimmung nicht, aber in Frank⸗ ☛ 41 „ reich zu bleiben, ohne Dich wiederſehen zu „dürfen, überſtieg meine Kräfte; verbannt von „dem Orte, wo mir das höchſte Glück gelä⸗ „chelt, war es mir gleichgültig, wo ich mein „trauriges Daſeyn hinſchleppte.“ „O! Augenblick des Entſetzens und un⸗ „ausſprechlicher Wonne, da ich Dich zum letz⸗ „ten Male ſah! 9! meine Cäcilie! wie viel „Liebe, wie viel Schmerz. in Deinen Blicken! „Deine gegen mich ausgeſtreckten Arme ſchienen „mich um Hülfe anzuflehen. Einen Augen⸗ „blick, ich geſtehe es Dir, hatte ich den ſtrafba⸗ „ren Gedanken, Dich deiner Familie zu ent⸗ „reißen, ich wagte zu glauben, daß meine Liebe „Dir Alles erſetzen würde! Deine Augen er⸗ „hoben ſich gen Himmel, und ich ſah nicht „mehr eine Frau, deren Glück nur an den „Geliebten gefeſſelt war, ſondern einen Engel „auf noch wenige Jahre aus ſeiner himmliſchen „Heimath verbannt. Ja! Cäeilie, Du Gattin „meiner Seele! nichts vermag uns zu trennen! „Erfülle Deine Pflichten gegen die Eltern; be⸗ ☛ 4 ☛̈ „ſtehe nicht darauf, mir eine Treue zu bewah⸗ „ven, die ihnen noch mehrere Thränen koſten „würde. Ich kenne Dich, meine Freundin, „Du würdeſt das Unglück erwählen, könnteſt „Du mich damit von ihm loskaufen; es ſei „denn; mögen deine Thränen meine Schuld „vertilgen und verſöhnen. Leben wir, Du für „die Tugend, ich für die Reue! Dein ſtilles „Wirken wird mir nicht unbekannt bleiben; Du „wirſt meinen Namen nie mehr ausſprechen hören; „allein alle Jahre, den ſechsundzwanzigſten Ju⸗ „nmi, werde ich, in die ſtrengſte Einſamkeit zu⸗ „rückgezogen, die nur zu kurzen Augenblicke un⸗ „ſers Glücks wieder vor meine Seele führen. „Mein ganzes Leben ſoll Dir gewidmet ſeyn; „und Du, Cäeilie! weihe an dieſem Tage we⸗ „nigſtens eine Stunde dem Andenken Deines „unglücklichen Freundes!“ Theobald faltete tief erſchüttert das Blatt wieder zuſammen; indeſſen ſchien der Baron neue Kräfte geſammelt zu haben, und nahm mit leiſer Stimme das Wort wieder. — ☛ 43 „Sie haben nun mein Unglück, und die vielleicht zu raſche Entſchloſſenheit, womit ich mich einer nur zu genügenden Strafe unter⸗ zog, erfahren. Die Unermeßlichkeit des Meers trennte mich auf immer von meiner Geliebten, aber nicht von der Liebe.“ „Der junge Vorville hatte eine Tochter aus einer achtungswerthen Familie verführt, und wieder verlaſſen; die Unglückliche war ſchon ſeit einiger Zeit verſchwunden geweſen, ohne daß er hatte entdecken können, wo ſie geblieben war. Der Himmel ſelbſt, gewiß in der Abſicht, meine düſtere Schwermuth zu mildern, bot mir ein Mittel zur Ausſöhnung mit mir ſelbſt dar. Ich fand am Bord des Schiffes, wohin ich mich geflüchtet, das Opfer der Leidenſchaften des ſtrafbaren und geſtraften Ernſts. Die tiefe Trauer, die Hinfälligkeit der jungen Frau, zo⸗ gen mich an; die Unglücklichen verſtehen ſich ſchnell. Bald vertrauete ſie mir ihre Leiden an. Sie hatte ihr Vaterland verlaſſen, in der Hoff⸗ nung, eine Freiſtätte in unbekannten Gegenden, ☛̈ 44 wo der Hauch der Meinung, und deren Hohn ſie nicht erreichen konnte, zu finden; allein der tiefe Gram, dem ſie ſich ergeben, hatte ihre letzten Kräfte aufgerieben. Sie war Mutter einer kleinen ſieben bis achtjährigen Tochter; die Zukunft dieſes Kindes ängſtete ihr ſchon ruheloſes Gemüth, denn ſie fühlte ſich über⸗ zeugt, daß ſie bald das Ende ihrer irdiſchen Bahn erreicht hatte. Ihre Ahnung ging in Erfüllung. Sie ſtarb in meinen Armen, nach⸗ dem ſie mich angefleht, ihr Kind nicht zu ver⸗ laſſen, das von demſelben Augenblick das meine wurde.“ „Hier angekommen, verbrachte ich in die⸗ ſen Gegenden mehrere Jahre in völliger Abge⸗ ſchloſſenheit, nur damit beſchäftigt, Erneſtine zu erziehen, die ich theils durch das Unglück ihrer Geburt, theils durch die Bande, die ſie an die Cüäeilie knüpften, deren Andenken nichts von ſeiner Gewalt über mein Herz verloren, doppelt lieb gewonnen hatte.“ „Als Erneſtine der Kindheit entwachſen war, „. ☛ 45 erwählte ich ihr einen Gatten, ihrer Reize und ſtiller Tugenden würdig. Ich glaube, daß Herr de Serval ſie glücklich gemacht haben würde; allein nach einer ſechsmonatlichen Ehe wurde er ſeinem ſchwangern Weibe durch einen plötz⸗ lichen Tod entriſſen. Von der Stunde an blieb Erneſtine bei mir, und Noali's Geburt verlieh uns neue und reiche Genüſſe.“ „Zu der Zeit kamen mir Nachrichten aus Frankreich. Ich erfuhr, daß Cäcilie ſeit mehre⸗ ren Jahren verheirathet geweſen, und daß ſie einen Sohn hatte. Da entſtand ein Gedanke in meiner Seele, der mir immer theurer und zuletzt zu einem feſten Entſchluß wurde, um den ſich meine Vorſtellungen immer gedreht, und auf den Alles, was ich unternommen, ſich immer bezogen.“ Bei dieſen Worten ſchauderte Theobald zuſammen; tödtendes Eis durchdrang ſein Herz; der Baron fuhr fort: „Noali mit dem Sohn derjenigen, die ich ſo innig geliebt, zu vereinen, wurde das Ziel „. ⸗ ☛ 46 aller meiner Hoffnungen. Der Himmel, der Sie, lieber Norville! in dieſe Gegenden geführt, ſcheint meinen Entſchluß zu begünſtigen; und Guſtavs Freund, ſein Bruder iſt es, dem ich diejenige, die ihm dereinſt gehören ſoll, anver⸗ trauen will. Ja! Theobald! ich ſterbe gern, wenn ich nur hoffen darf, daß Noali Guſtavs Gattin in der Zukunft werde, wenn Sie mir, dem Sterbenden, ſchwören, Alles zu thun, um dies Ziel zu erreichen.“ Der Baron ſtreckte die Hand dem Jüng⸗ ling, deſſen Herz er gebrochen, entgegen; ſeine verlöſchenden Blicke ſtarr auf ihn heftend: „Schwören Sie mir,“ wiederholte er,„meinen letzten Wunſch zu erfüllen. Noali mit Guſtav de Noreé zu verbinden.“ „Ich ſchwöre Alles zu thun, was von mir abhängt, damit Noali die Gattin des glückli⸗ chen Guſtavs werde!““ wiederholte Theobald mit faſt verſagender Stimme, und die erkalten⸗ de Hand des Barons ergreifend, drückte er, ſich herunterneigend, die Stirn darauf, ſo ihm die ☛̈ 4 ☛☚. Thränen ſeiner Verzweiflung zu verbergen ſu⸗ chend.„Den Segen des Himmels über Dich, Du, der Troſt meiner letzten Augenblicke,“ rief der Baron de Lineuil„nun kann ich ruhig ſterben.“ 3— Er übergab darauf Theobalden ſein Teſta⸗ ment, in welchem er ihn zu Noali's Vormund ernannt, und ihm die nöthige Vollmacht, Madame de Serval und ihre Tochter in Beſitz ſeiner Güter zu ſetzen, übertragen hatte, ſo auch einen Brief an die Erſtere, der doch erſt nach ſeinem Tode ihr überreicht werden durfte. Dann zeigte er ihm in dem ſchon er⸗ wähnten Portefeuille eine kleine Kapſel, die ein ſehr ähnliches Bild en Miniature von der Gräſin de Norcé, von ihr ſelbſt gemalt, und in Golde gefaßt, umſchloß; auf der Kehrſeite ſtanden dieſe Worte eingegraben: Für meinen Gatten. Dieſes Bild war in ein Medaillon eingeſchloſſen und konnte nur durch eine ge⸗ heime Feder geöffnet werden. „Dies,“ fuhr de Lineuil fort,„wurde in ☛ 48 einer glücklichen Zeit für mich verfertigt. Es war ein Geſchenk der Liebe; möchte es noch einmal es werden! Ueberreichen Sie es mei⸗ ner Noali, und erſuchen Sie dieſe in meinem Namen, nur demjenigen es zu geben, der ihr Gatte werden wird. Sie wiſſen, weſſen Eigen⸗ thum es beſtimmt iſt, dereinſt zu werden; dann erſt darf ſie es öffnen, und die, deren Züge es umſchließt, kennen lernen; bis dahin wünſche ich, daß ſie ſich nie davon trenne.“— Die Kräfte des Barons wurden immer ſchwächer; bald konnte er die Gegenſtände, die ihn umgaben, nicht mehr erkennen; nachdem er Theobalden empfohlen, ſo bald wie möglich nach Frankreich zurückzukehren, reichte er ihm nochmals die Hand, und fügte kaum hörbar hinzu: Lebewohl, lieber Theobald! überlaſſen ſie die Frauen nicht ihren Schmerzen, bringen Sie ihnen Beruhigung, ſagen Sie ihnen, daß mein letztes Wort Segen über ſie ſei. Lebe⸗ wohl; vergeſſen Sie Ihren Schwur nicht.“ Kurz hernach ſtarb er in Theobalds Ar⸗ men, ☛ 49— men, der nie einen Augenblick von ſeiner Seite gewichen, und als er nun vor die harrenden Frauen trat, verkündeten ihnen ſeine zerſtörten Züge und ſeine Todtenbläſſe, was ſeine Lip⸗ pen nicht ausſprechen konnten. Vierzehntes Capitel. Mir einem troſtloſen Herzen, das ſelbſt des Muthes bedurfte, fiel es Theobalden ſehr ſchwer, Troſt und Muth einzuflößen. Es gelang ihm indeſſen den eignen Schmerz zu bezwingen; in⸗ dem er ſich nur mit dem der beiden Frauen be⸗ ſchäftigte; aber ſo wie Noali ruhiger wurde und ſeines Troſtes weniger nöthig hatte, be⸗ gann er doppelt die Qual zu empfinden, der er ſich geweiht hatte; ein Wort nur, ein Blick des Mädchens, die ſein Herz ganz erfüllte, brach⸗ te es zum Beben. Es war nicht mehr mit bezaubernder Hoffnung, daß er ihre ſchönen Zü⸗ Lebewohl. II. Thl. 4. 50 ge betrachtete, des ſüßen Klanges ihrer Stim⸗ me lauſchte, ihre anmuthigen Bewegungen mit: ſeinen Blicken verſchlang, es geſchah nun mit der vernichtenden Ueberzeugung, daß ſie ihm nie gehören, daß ein Anderer die Reize und die Tu⸗ genden, die er vergötterte, beſitzen würde. Indeſſen empörten ſich ſeine rechtlichen Geſinnungen gegen den Aufſtand ſeines wider ſeinen Willen widerſpenſtigen Herzens.„Wie ungerecht,“ rief er in edler Begeiſterung,„ſoll⸗ teſt du nicht lieber dem Himmel danken, der dei⸗ ne beſſern nudſnn Wünſche erfüllt, das Glück deines Jugend reundes, des geliebten Guſtavs, ſicher ſtellen zu können?“ So ein Opfer bald der Liebe, bald der Pflicht, kämpfte er unaufhörlich gegen eine Lei⸗ denſchaft, welche die edelſten Empfindungen doch nicht beſiegen konnten. Erneſtine ihrerſeits freuete ſich, als ſie den Brief des Barons geleſen, daß ſie ihrem jungen Freund nie den geheimen Vorzug, den ihr Herz ihm zugeſtanden, hatte merken laſſen, und dank⸗ ☛ 51 ☛ te dem Himmel, der den Gleichmuth ihrer Tochter bewahrt hatte; freilich würde ſie mit vieler Freude auch Noali's Verbindung mit Theobald geſehen haben, allein da der Baron es anders beſtimmt hatte, fühlte ſie ſich glück⸗ lich, ſeine Wünſche erfüllen zu können, ohne die Nuhe der Tochter zu gefährden, und mit ſei⸗ ner Wahl zufrieden, machte ſie Alles in Bereit⸗ ſchaft, Theobalden, des letzten Willens ihres Wohlthäters zu Folge, nach Frankreich zu be⸗ gleiten. Indeſſen mußten viele Sh oun den Mach⸗ laß des Barons betreffend, zuerſt beendigt, Do⸗ cumente, die in Frankreich geblieben waren, erſt überſchickt werden; nach Verlauf von ſechs Mo⸗ naten kamen dieſe endlich mit demſelben Schiffe an, das Theobalden die traurige Nachricht von dem Tode der Gräfin überbrachte. Nie hatte er die Sehnſucht nach dem Freunde tiefer empfunden; allein ein langer Zwiſchenraum von Zeit lag noch zwiſchen beiden; viele unbeen⸗ digte Geſchäfte verſpäteten noch lange die Ab⸗ 4* ☛☚ reiſe, wie ſehr auch Theobald eilte, der in ſei⸗ nem unermüdlichen Eifer, Noali's Vermögen zu ſichern, faſt ganz vergaß, daß er ſo den Au⸗ genblick beſchleunigte, wo er die Geliebte der Liebe eines Andern anvertrauen müſſe. Endlich war Alles in Ordnung gebracht, ihr beiderſeitiges Vermögen ſicher geſtellt und das Schiff beſtiegen. Noali ſah froh, ohne Unruhe, ohne Furcht der Zukunft entgegen. Nur ihre Mutter und Theobald wurden, ſo wie ſich das Schiff entfernte, von ſehr ſchmerzli⸗ chen Empfindungen beſtürmt; die Eine zitterte, daß der Gatte, dem ſie ſelbſt die Tochter über⸗ brachte, die geheimen Wünſche ihres Herzens nicht erfüllen ſolle, und der Andere, das Un⸗ glück ſeines Lebens tiefer, als je empfindend, flehte den Himmel um Kraft, die hoffnungsloſe Liebe zu beſiegen, und das ihm abgenommene Gelübde treu zu erfüllen.* Eine) lange von ungünſtigen Winden ver⸗ ſpätete Ueberfahrt hatte einen ſo üblen Ein⸗ fluß auf Noali's Geſundheit gehabt, daß ſie bei ihrer Ankunft in Bordeaux in eine gefährliche Krankheit fiel; ſie erholte ſich nur ſehr langſam, und die Aerzte riethen ihr die Luft von Nizza; durch Theobalds zarte Sergfalt wurde ihr dieſe Reiſe keinesweges ermüdend. Ddie Milde des Klima's äußerte bald den glücklichſten Erfolg. Noali wurde in ihrer vollſten Blüthe hergeſtellt; und Theobald de Norville, der ſein Leben mit dem ihrigen hin— welken gefühlt und beſtimmt geweſen, ſie nicht überleben zu wollen, entſchloß ſich endlich, Gu⸗ ſtaven Nachricht von ſich zu geben; Geſchäfte, welche er wegen der Krankheit Noali's vernach⸗ läſſigt hatte, zwangen ihn, nach Bordeaux zu⸗ rückzukehren; von dieſer Stadt aus ſchrieb er den Brief, der Guſtaven beſtimmte, Paris zu verlaſſen. Theobald erwähnte in dieſem Briefe weder des Barons noch RNoali's; er berichtete nur Guſtaven, daß die Ereigniſſe ihn zum Eigen⸗ thümer eines bedeutenden Vermögens gemacht, und wie glücklich er ſich fühlte, ihn wiederſehen ☛ 54 zu ſollen. Er verſchob zu einer entfernteren Zeit einen Gegenſtand zu berühren, an den er kaum zu denken wagte; der bloße Gedanke an das Opfer, das er bringen müſſe, zerriß ſein Herz; es fehlte ihm an Muth, Guſtaven die Wahrheit mitzutheilen; er erröthete vor ſeiner Schwäche, aber beſtimmt, ſein Gelübde zu hal⸗ ten, wollte er ſich wenigſtens erſt an den Gedan⸗ ken an ſeinen Verluſt vorher gewöhnen, und Gu⸗ ſtavs Geſinnungen kennen lernen, ehe er einen ent⸗ ſcheidenden Schritt thäte. Länger, als er glaubte, in Bordeauy feſtgehalten, konnte er erſt anfangs September nach Nizza zurückkehren; er fand Noali völlig hergeſtellt, und die drei Reiſen⸗ den begaben ſich nun nach dem Schloſſe Lineuil. Dieſen Wohnſitz, wo der Baron geboren war, und einen Theil ſeines Lebens zugebracht hatte, wählte Madame de Serval und ihre Tochter zu ihrem gewöhnlichen Aufenthalt. Es war ihnen, als umſchwebte ſie hier der Geiſt ihres Wohlthäters, deſſen Andenken ihnen heilig und theuer blieb, obgleich die Zeit ſchon den herben ☛ 55 Gram über ſeinen Verluſt allmählig gemildert. Sich einer Welt entziehend, nach der ſie ſich nicht hingezogen fühlten, lebten ſie hier in einer ruhigen Abgeſchloſſenheit, zwiſchen Erinnerun⸗ gen aus der Vergangenheit, und den Bedürf⸗ niſſen der Gegenwart getheilt, die ihnen Ge⸗ legenheit genug darbot, viel Gutes rings um ſich zu verbreiten. Scobald ſie ſich hier eingerichtet hatten, eilte Theobald nach Verville. Das Andenken an Sie, die er dort nicht mehr finden ſollte, und an das Opfer, das er bringen mußte, goß ein wehmüthiges Gefühl in die Freude, die ſein Herz erhob, bei dem Gedanken, ſeinen Freund zu überraſchen. Das freudige Jauch⸗ zen, womit ihn die alte Dienerſchaft des Schloſſes empfing, that ihm wohl, und nicht ohne ein ſchmerzliches Erſtaunen erfuhr er, daß Guſtav nach Paris gereiſt, und daß die Zeit ſeiner Rückkehr nicht beſtimmt war. Ohne es zu wol⸗ len, ohne einmal zu wagen, ſich ſelbſt es zu ge⸗ ſtehen, fühlte Theobald bei dieſer Nachricht ⁴☛ 356 ☛ ſein Herz wie von einem großen Gewicht er⸗ leichtert; doch behauptete bald ſſeine Vernunft die alte Herrſchaft wieder, und ſich ſelbſt zür⸗ nend, kehrte er augenblicklich nach Lineuil zu⸗ rück, um der Familie Lebewohl zu ſagen, und Guſtaven nach Paris zu folgen. Die Begeg⸗ niſſe, die der Abreiſe des Grafen de Norcé nach der Hauptſtadt vorangingen, wird der Leſer in dem nächſten Capitel finden. —— Funfzehntes Capitel. Der Graf de Noreé, täglich mehr von der unbekannten Geliebten bezaubert, konnte das Glück, ſie zu ſehen, nicht erreichen; ein Glück, nach dem er mit Ungeduld verlangte, um das er mit Inbrunſt flehete. Ihr Widerſtand ver⸗ wundete tief ſein Herz; und dies Geheimniß, das bis hieher ſeiner Liebe einen neuen Reiz verliehen, war ihm jetzt ein Gegenſtand ſehr —— 1 5 ☛ 57 peinlicher Gefühle geworden; aus Furcht, ihr zu mißfallen, wagte er dennoch keinen Schritt zu thun, ſeine Sehnſucht zu befriedigen. Eines Tages als er zerſtreut und ſinnend ohne Ziel umherirrte, lenkte er, faſt ohne ſelbſt es zu wiſſen, ſeine Schritte zu einer ungewöhn⸗ lichen Stunde gegen den Felſen; es hatte kurz vorher geregnet; er bemerkte den Abdruck eines ſehr kleinen Fußes in dem feinſten Sande; es war kein Brief da, allein einige Jasminenzweige lagen auf dem Weg, der nach dem Strande führte, umhergeſtreut. Guſtav, der mit einem Blick Alles aufgefaßt, richtete ſeine Augen auf das Meer. In einem kleinen Kahn, der längs der Küſte hinfuhr, bemerkte er eine weißgeklei⸗ dete Frau, aufrechtſtehend und in einen Schleier gewickelt, der zwar ihre Geſtalt ganz verhüllte, allein die anmuthigſten und hinreißendſten For⸗ men hervorblicken ließ. Sie wurde den Gra⸗ fen gewahr, und indem ſie ſchnell beide Hände auf das Herz legte, ſchien ihre ſtumme Spra⸗ che ihm das Gelübde ewiger Liebe zu widmen. 38 ☛.̈☛s Guſtav, unbeweglich aber entzückt, verſchlang mit ſeinen Blicken das myſtiſche Weſen, an das ſein ganzes zukünftiges Glück geknüpft war. Seine Erſchütterung war ſo groß, daß das leichte Boot verſchwunden war, ehe es ihm möglich wurde, ihr irgend ein Zeichen zu ma⸗ chen. Die Felſen entzogen ſie bald ſeinem Au⸗ ge. Erſt dann rief er außer ſich:„Ich will ſie ſehen; ſie muß mir es geſtatten. Die⸗ ſer Zuſtand reibt mich auf.“ Mit der ſtürmiſchen Eile einer leidenſchaft⸗ lichen Seele ſchrieb er ſogleich einen ſehr drin⸗ genden Brief, der auf das Grab gelegt wurde, und Guſtav, dem Geſchick vertrauend, das ſchon einen Theil ſeiner Wünſche erhört hatte, ſchmei⸗ chelte ſich mit der ſüßen Hoffnung, ſie bald alle erfüllt zu ſehen. Allein vergebens eilte Guſtav den folgenden Tag mit dem Herzen, vor unge⸗ duldiger Erwartung klopfend, an den Felſen; er fand nichts. Wer beſchreibt ſeine Beſtür⸗ zung? Furcht, Zweifel, überſpanntes eingebil⸗ detes Erſchrecken verwirrten ſeinen Geiſt. So ☛ 59 ☚ gingen noch drei Tage hin, ohne daß nur eine Zeile, das kleinſte Zeichen ihn lehrte, daß ſei⸗ ner noch gedacht würde. Mit jedem Tage ſteigerte ſich, wenn nocch möglich, ſeine Unruhe; das fortdauernde Schwui⸗ gen ſeiner Geliebten zerriß auf mancherlei Weiſe ſein Herz; der Unglückliche wird leicht miß⸗ trauiſch, und ein leiſer Argwohn erhob ſich in Guſtavs Seele. Indem er nämlich die Schlecht⸗ heit und Treuloſigkeit der Welt, von der er ſich freudig entfernt, und ihre vergeblichen Verſu⸗ chungen, um ihn in ihren Wirbel zurückzulok⸗ ken, in ſein Gedächtniß zurückrief, fiel es ihm ein, daß er vielleicht das Spielwerk irgend ei⸗ ner Gefallſüchtigen ſei, deren Plan ſcheitern müſſe, ſobald ſie gezwungen würde, aus ihrer Verborgenheit hervorzutreten; ja, es war möglich, daß ſie ihm ſchon bekannt wäre. Sein verwirrter Geiſt ſah auf einmal in dieſen ſo leidenſchaftlichen Briefen, in dieſer geheimniß⸗ vollen Hülle nur die behende Liſt einer klugen Ränkemacherin, die, von den Ausſchweifungen auün 9 2 ☛ 60 ☛ ſeiner glühenden Phantaſie unterrichtet, ihn zum Beſten haben wollte. b So peinliche Vorſtellungen erhitzten im⸗ 3 mer mehr ſeinen Kopf; der Reiz dieſes Zuſtan⸗ 1 4 des ſtachelte ihn, und hielt ihn aufrecht. Er glaubte wieder Herr ſeiner ſelbſt geworden zu ſeyn, weil er, nachdem er dieſe traurigen 1 Tage in getäuſchten Erwartungen verbräͤcht, noch zwei hingehen ließ, ohne ſich dem Felſen zu nähern. In der Gegend umherirrend, ſich ohne Zweck abmühend, in unzuſammenhängenden Träumen verſunken, ſah er ſich eines Abends in der Nähe von den Ruinen eines alten Klo⸗ ſters. Der Anblick dieſer ſchweigenden Ueberreſte ſchien ſeinem Gemüth eine Art von Ruhe ein⸗ zuhauchen. Dies äußere Bild der Abgeſtorben⸗ heit durchdrang ſein wogendes Innre und ſtillte plötzlich den Sturm.„Vielleicht,“ ſeufzte er,„wurden einſt in dieſen verfallenen Mauern noch traurigere Betrachtungen gemacht, noch bitterere Erfahrungen erlebt, von Weſen, deren — 2——— ☛ 61 8 ſchon längſt zerfallene Herzen, ſo wie das meine geliebt, die ſo wie ich in ihren ſchönſten Em⸗ pfindungen getäuſcht, ihre Jugend hier verwel⸗ ken ſahen. Dieſe Zellen, dieſe jetzt verlaſſenen Gärten, haben vielleicht einſt von dem Sturm der Leidenſchaften wiederhallt. Ihre Bewohner haben gelitten, aber ſie haben auch aufgehört zu leiden; das iſt alſo die letzte Hoffnung. Glück! du biſt nur ein Traum! Dennoch fühle ich, du hätteſt für mich auf der Erde ſeyn können; ich fühle an dem Klopfen meines Her⸗ zens, wie glücklich dieſe räthſelhafte Frau es hätte machen können.“ Eine Thräne zitterte in Guſtavs Auge; der Zorn, welchen das Stillſchweigen der Unbe⸗ kannten in ihm erregt, war verſchwunden. In dieſem Augenblick faßte ſein Geiſt einen Ge⸗ danken, der nicht früher in ihm aufgekommen war.„Es wäre je einer möglich, daß der Schleier Züge verbarg, die abſtoßend auf die Phantaſie und die Liebe wirken möchten!“ Gu⸗ ſtav, ſo glühend für die Schönheit, ſchauderte ☛ 62 zwar vor dieſem Gedanken; doch empfand er tief, daß die Seele, die aus den Briefen der Unbekannten ſprach, in ſo fern dieſe Briefe nicht die Frucht eines heilloſen Spieles ſeyn möchten, wohl die Häßlichkeit aufwiegen konnte. „Was es auch ſei,“ rief eine ermuthigende Stimme in ſeiner Bruſt,„es iſt Zeit, vernünf⸗ tig zu werden. Ich will jene Erſcheinung, die mir das höchſte Glück des Lebens verſprach, unter die phantaſtiſchen Traumbilder eines un⸗ ruhigen Jugendſchlafs hinſtellen; ich will ſie vergeſſen, weil ſie mich vergißt. Ach! hat ſie mich denn je geliebt?“ Guſtav, in ſich gekehrt und der Verzweif⸗ lung weit näher, als er ſelbſt glaubte, vertiefte ſich in die Ruinen; auf einmal erblickte er überraſe t eine Frau, die, nicht weit von ihm, unter den Reſten eines offenen Bogenganges ſaß; ihre Stellung war höchſt anmuthig; ſie ſtützte den ein wenig heruntergebogenen Kopf auf eine ihrer Hände; der Schleier, der ihr Antlitz bedeckte, war lricht zur Seite geſchlagen. 2 — ——,.,— ☛ 63. Guſtav, der hinter ihr ſtand, konnte ihre Züge nicht unterſcheiden; allein an den Schlägen ſei⸗ nes Herzens glaubte er zu errathen, wer ſie ſei er trat zitternd näher; die Fremde hielt in der andern Hand ein Bild. Bei der im⸗ mer mehr ſchwindenden Helle des Zwielichts glaubte der Graf noch das ſeine erkennen zu können. runken vor Liebe, ſank er zu ihren Füßen und wollte ſie mit ſeinen Armen umfaſſen; aber ſie entſchlüpfte ihm behend, und flüchtete tiefer in die Ruinen hinein; er verfolgte ſie, und rief ſie mit den ſüßeſten Namen, ja er glaubte ſogar zu bemerken, der Laut ſeiner Stimme übte einen hemmenden Einfluß auf ihre Schritte aus. An einem dunkleren Ort, wo heruntergeſtürzte Ueberreſte bald den Weg abzuſchneiden ſchienen, ergriff Guſtav den Saum ihres Schleiers; ſie blieb plötzlich ſtehen und ordnete ſchnell wieder die Falten deſſelben, der durch Guſtavs dreiſte Berührung von ihrem Geſicht etwas abgezogen war. Die Schnellig⸗ 1 ☛ 64 ☛☚ keit ihres Laufes und ihre Angſt hatten ſie überwältigt. Halb ohnmächtig ſank das ange⸗ betete Weſen, das er einen Augenblick früher hatte vergeſſen wollen, in die Arme des Grafen. In ihrer ängſtlichen Unruhe dachte ſie nicht daran, den Schleier feſt zu halten. Guſtav hätte ihn wegziehen können, allein er liebte, und wollte nur dem Willen der Geliebten, das Glück, ſie zu ſehen, zu verdanken haben. Er ließ ſie auf eine abgebrochene Säule niederſitzen, er ſtrebte mit den Betheuerungen der leidenſchaftlichſten Liebe, den Sturm in ihrem Inneren zu beſchwichtigen; er machte ihr ſanfte Vorwürfe über ihr Stillſchweigen, malte ihr die tödtende Unruhe ſeines Gemüths, und verbarg ihr nicht ſeinen peinlichen Verdacht. 2 3 Wenn er nicht geliebt geweſen, hätte das Feauer ſeiner Rede und ſeiner Blicke ihm das Herz der Geliebten gewinnen müſſen. Sie ließ ihm die Hand, die er ergriffen; er fühlte ſie in der ſei⸗ nigen zittern. Er ſetzte ſich an ihre Seite, und ſchlang den Arm um ihren Leib; mit einem fl⸗— hen⸗ ☛ 65 ☛☚ henden unwiderſtehlichen Ton flüſterte er leiſe: „O! Du, mein Schutzengel! rede! Laß mich den Klang deiner Stimme vernehmen! Sage mir, daß die Gluth, die mein Herz durchdringt, auch das Deinige erfüllt.“ Die Unbekannte ſchwieg noch immer, al⸗ lein ſie hatte Guſtavs Hand gedrückt, ſie auf ihr Herz gelegt; er war ihr dadurch noch näher gerückt; das verdoppelte Klopfen ihres Buſens, das warme Aufathmen der beängſteten Bruſt, der Duft eines Jasminen⸗Straußes, ein Duft, der nicht allein faſt berauſchend auf ihn wirkte, aber an den alle ſeine Vorſtellungen von glück⸗ licher Liebe ſich knüpften, entflammten vollends die Gluth ſeiner Sinne; er drückte ſie faſt ge⸗ waltſam an ſeinen Buſen. 9O! unverhofftes Glück; ſie ſtieß ihn nicht zurück, ihre Lippen begegneten ſich. Sie hatten die Wonne des er⸗ ſten Kuſſes gekoſtet, und Guſtav glaubte ſie erſt in dieſem Augenblick empfunden zu haben. Süß hingeriſſen, ſtützte ſie ihren Kopf auf die Schulter des geliebten Mannes, der berauſcht, Lebewohl. II. Thl. 5 ☛ 66 außer ſich vor Liebe, nun Alles auf einen Wurf ſetzte; er entriß ihr den ſchützenden Schleier, er bedeckte den unvertheidigten, wogenden Bu⸗ ſen mit flammenden Küſſen. Doch nur einen Augenblick. Schnell ge⸗ faßt, von einem merkbaren Schauder durchdrun⸗ gen, ſank die Unbekannte auf einmal, wie in Liebe und Furcht aufgelöſt, zu ſeinen Füßen. Die gefalteten Hände waren ihr einziger Waffe, ihr Schluchzen ihre einzige Bitte. Allein der liebetrunkne Guſtav, gereizt durch das Glück, und aus Furcht, ſie auf immer zu verlieren, wenn er ihre Flucht nicht verhinderte, faßte ſie, taub und unerbittlich, aufs neue in ſeine Arme. Aber eben wie ſie nachzugeben ſchien, entſchlü⸗ pfte ſie plötzlich, und entfloh blitzſchnell mit dem einzigen Worte: Lebewohl. 4 Guſtav rief ſie vergebens. Die dunkeln, verworrenen Pfade zwiſchen den Ruinen waren ihm unbekannt. Sie war verſchwunden, der leiſe Laut ihrer flüchtenden Schritte verhallt. Endlich trat er aus den verlaſſenen, öden Mau⸗ ☛ 6 ern heraus, wo er einen glücklichen Augen⸗ blick genoſſen; aber dieſer Augenblick ſtand mit unauslöſchlichen Zügen in ſeinem Gedächtniſſe, und brachte unaufhörlich ſein Herz zum ſtärke⸗ ren Klopfen⸗* Die tiefe Dunkelheit zwang endlich Gu⸗ ſtaven zur Rückkehr; er ſeufzte, als er ſich entfernte; er horchte lange— Alles blieb ru⸗ hig. Da er ſchlechterdings kein Rollen eines Wagens gehört hatte, begann er für die Si⸗ cherheit der Geliebten zu fürchten: oder wohnte ſie in der Nähe? war ſie ganz ohne Beglei⸗ tung geweſen? und ſo ſpät hatte ſie ſich ohne Furcht in dieſe unbewohnte Gegend gewagt? Tauſend ähnliche Vorſtellungen ſchwebten vor ſeiner Seele; aber ohne dieſe zu verwunden; denn die Liebe hatte ihn ermuthigt; Alles war nun gut. Aber zu Hauſe, in der Einſamkeit der Nacht, als er an die Folgen ſeines Benehmens dachte, beſchlich eine neue Unruhe ſein Herz; er fürchtete, daß ſein Ungeſtüm den reinen Sinn 5* ☛ 68 der Geliebten verletzt hätte; doch bald wurde dieſe Furcht von mächtigeren Erinnerungen ver⸗ drängt. Er konnte nun nicht länger die Liebe der Unbekannten bezweifeln. Aus ihrer ſüßen Angſt, aus der hingebenden Vergeſſenheit eines Augenblicks war ſie unverholen hervorgetreten, obgleich bald wieder von der jungfräulichen Scham beſiegt.. Aber tiefer als je fühlte er zugleich, daß ſein Glück in die Hände dieſes Weſens, das er noch nicht kannte, ganz gegeben war; bis hie⸗ her hatte Guſtav nur Liebe verlangk; jetzt, da er überzeugt war, geliebt zu ſeyn, wollte er mehr; er ſehnte ſich nach dem Beſitz der Ge⸗ liebten. n Er ſchrieb ihr; die feurigſten Ausdrücke ſprachen die Trunkenheit ſeines Herzens aus; er flehte ſie an, nicht länger anzuſtehen, ſich ihm zu erkennen zu geben; es gab keine Hinderniſſe, die er nicht zu beſiegen ſich fähig fühlte; nur ihren Namen verlangte er, damit die heiligſten Bande ſie vereinen konnten. ☛̈ 69 Zwar kannte er nicht die Gründe, die ſie ſeit mehreren Tagen gehindert, den Felſen zu beſuchen, wußte nicht, ob dieſe noch vorhanden wären; aber Guſtav kannte keine Furcht mehr; das Glück eines Augenblicks hatte ihn der ganzen Sorgloſigkeit, der ganzen Zuverſicht der Jugend wiedergegeben. Noch in der Dunkelheit der Nacht eilte er, ſeinen Brief auf dem Felſen niederzulegen; und in demſelben Augenblick hemmten die Stunden wider ihren Flug über ſeinem Haupte, bis die kam, die ihm ihre Ant⸗ wort brächte; denn er zweifelte gar nicht dar⸗ an, daß er je eine Antwort empfangen würde. Sie hatte nichts verſprochen, allein ihre Her⸗ zen hatten ſich verſtanden. Wie warf er ſich ſelbſt vor, daß er nur einen Augenblick hatte denken können, daß die Züge, welche der Schleier verbarg, nicht an⸗ muthig und reizend wären; dieſen reinen Athem könnten nur zwei Roſenlippen aushauchen, dieſe wogenden Locken, deren Duft ſeine Sinne be⸗ rauſcht, nur eine offne, edle Stirn beſchatten. ☛ 70 Das Zittern ihres Buſens, ihn berührten, das Erröthen der Scham, das auf ihren Wangen und ihrer Stirn ſeinen Küſſen entgegen glühete, hatten ihn von der Rein⸗ als ſeine Lippen heit ihrer Sitten belehrt. Den Schleier aber, hinter dem ſie zuerſt gewagt, ihre Liebe zu ge⸗ ſtehen, der ihre Schüchternheit ermuthigte, durfte erſt der Gatte erheben. —— Sechzehntes Erge Geſchmeichelt von den ſüßeſten Loffuunden, die er gern der ganzen Welt mitgetheilt haben möchte, und doch Niemand hatte, dem er ſie mittheilen konnte, vermißte er mit weit grö⸗ ßerer Ungeduld, als früher, ſeinen Jugendfreund. Er ſehte ſich nieder, um ihm zu ſchreiben; er wollte ihm Alles ſagen, und ſagte ihm nichts. Warum? Wer hat nicht, nen Augenblick, — wenn auch nur ei⸗ einmal in ſeinem Leben das „——y— —— —— ———— 4 ☛ 71 ☛☚ Bedürfniß gefühlt, laut auszurufen: ich bin glücklich! und ſelbſt oft, ohne den Grund dazu angeben zu können? Oft iſt es ein einziges Wort, das in der Seele wiederhallt; der Ta⸗ lisman, der dieſe Bezauberung, dieſen Ueberfluß des Daſeyns hervorbringt, macht, daß wir ſelbſt unbeſeelten Gegenſtänden entgegen lächeln, daß wir fremde, uns ſehr gleichgültige Weſen mit Liebe empfangen, daß wir die unbedeutend⸗ ſten Leute liebenswürdig finden, daß die Natur mit neuem Leben uns entzückt! Oft macht aber auch ein einziges Wort, ein Gedanke dieſe glücklichen Täuſchungen verſchwinden; traurige Ahnungen beengen das Herz, Alles hat ein dro⸗ hendes, düſteres Anſehen gewonnen; die ernſte Erfahrung belehrt uns, daß unſere Hoffnungen und unſre Beſorgniſſe beinahe gleich lügenhaft ſind.. So war es mit Guſtaven gegangen. Seine Feder ſcheuete ſich gegen ſeinen Willen, ſeine „Hoffnungen zu erzählen; er warf ſie wieder beklommen weg; und wie früher zwiſchen Hoff⸗ n nung und Furcht getheilt, erwartete er mit hei⸗ ßer Unruhe die Stunde, die ihn zu dem Felſen rief. Eine innere Stimme hatte ihm zugeflü⸗ ſtert, daß er kein Schreiben, ſondern die Geliebte ſelbſt an dem Grabe ſeiner Mutter finden würde. Hatte ſie ihm nicht dort das erſte Gelübde ihrer Liebe vernehmen laſſen? ſollte ſie auch nicht dort die heiligſten Betheue⸗ rungen ſeiner Liebe empfangen? Noch vor Sonnenuntergang begab er ſich zum Felſen. Mit jedem Schritte dahin klopfte ſein Herz ſtärker; kaum aber hatte er die hei⸗ lige Stätte erreicht, als ſeine Zuverſicht ihn verließ; ſeine Knie zitterten, eine Todtenbläſſe bedeckte ſein Geſicht; er lehnte ſich an einen Baum,„Nein!“ ſeufzte er, auf einmal ſich aufraffend;„ich muß mein Geſchick kennen!“ Ein flüchtiger Blick rings um belehrte ihn, daß er allein am Grabe ſtände. Der Anblick eines Briefes indeſſen belebte ſeinen Muth und flößte ihm wieder Hoffnung ein. Er drückte einen Kuß auf das Blatt und war im Begriff, ☛ 3 ☚ es zu eröffnen. Da ſiel ſein Blick auf das Siegel; es ſtand nur das Wort: Lebewohl, darin; das Wort hatte ihm ſchon Alles geſagt. Mit ungeſtümer Heftigkeit riß er das Schrei⸗ ben auf und las: „Alles iſt aus! ich werde Sie nie mehr „ſehen. Die eiſernen Ketten, die mich binden, „können nicht gebrochen werden. O! Guſtav! „ klage mich nicht an. Ich habe eine unermeß⸗ „liche Glückſeligkeit erblickt; ich bin von Dir „geliebt. Jener Kuß, an den die Erinnerung „ſelbſt in der Todesſtunde mein Herz durch⸗ „dringen wird, jener Kuß iſt der einzige, den „je ein Mann auf meine Lippen gedrückt. „Ach! dieſe Lippen, die von Ihrer Liebe ge⸗ „weiht worden ſind, ſollen nie entheiligt „werden!¹“* 8 „Auf dieſer Erde dürfen Sie mich nie „kennen; allein wenn meine letzte Stunde ge⸗ „ſchlagen, ſoll mein Geheimunn Ihnen mitge⸗ „theilt werden.“ —— ☛ ℳ ☛ᷣ ——„An dem Felſengrabe!“ „Ich kam ſo eben, um dies Schreiben, „mein ewiges Lebewohl, hier hinzulegen. Was „habe ich geleſen? O Wonne! O Schmerz! „Du nennſt mich Deine Gattin, Deine geliebte „Gattin, und— ich fliehe Dich auf immer. „Ja! Guſtav! Jal die Gluth, die Dein „Herz durchdringt, erfüllt auch das „meinige. Du wirſt mich nicht kennen, aber „unſichtbar werde ich über Dich wachen, meine „Seele ſoll mit der Deinen vereint ſeyn. Liebe „mich, damir ich lebe! kommt der Tag, wo „Du mich aus Deinem Herzen verbannt haſt, „ſo ſage dreiſt: Sie iſt nicht mehr! 144 „O! mein Guſtav! Lebewohl!“ Dies geheimnißvolle Schreiben, ein wah⸗ rer Unglücksbote, verſenkte den Graf in düſtere Verzweiflung. Alle ſeine Hoffnungen auf Glück⸗ ſeligkeit waren verſchwunden; vergebens ſtrebte „ das traurige Räthſel zu ergründen. Seine frohen Ausſichten in die Zukunft lagen alle zernichtet vor ihm da, und die Urheberin ſei⸗ 96 V5 ner Leiden blieb ihm unbekannt. Er fühlte ſein Herz bei dem Gedanken an ſie im Zorn entbrennen; vergebens durchlas er immer wie⸗ der das Schrelben, das ſeine ſeligſten Hoffnun⸗ gen zerſtörte; kein Strahl klärte das Dunkel auf, und in ſeiner Verzweiflung verfluchte er das Geſchick und ſich ſelbſt. Der Gedanke an die Leiden ſeiner unbe⸗ kannten Geliebten drückte ihn noch ſchwerer, als die eigenen zu Boden; aber in dieſem Au⸗ genblick klagte er ſie nicht an; der vorhergehen⸗ de Argwohn war ganz aus ſeiner Seele ver⸗ ſchwunden. Nur ein reines Gemüth hatte ei⸗ nen ſolchen Eindruck, wie den, der ſein Herz erſchütterte, auf ihn machen können. Worte, Blicke, ſelbſt durch die Kunſt geübt, können täuſchen; aber das Schweigen des herrlichen Weſens, ihr Zittern, die Fiebergluth, die ihr in allen Gliedern wogte, Alles entſprang aus dem Herzen und verrieth eine wahrhafte Neigung. „Welche Gewalt, ſtärker als deine Liebe, hat Dich mir denn entziehen können, geliebtes ☛ 76£ Weſen!“ ſeufzte er.„Warum haſt Du nicht eine Zuflucht in meinen Armen geſucht? Wer wäre tollkühn genug geweſen, Dich von mei⸗ ner Seite reißen zu wollen? In deiner Nähe hätte ich der ganzen Welt Trotz geboten.“ Guſtav bereuete nun heftig, daß er dem Gebot der Entfliehenden gehorcht, daß er nicht ihre Wohnung und ihren Namen zu entdecken geſucht hatte. Die Hinderniſſe, die ſie für un⸗ überwindlich gehalten, hätten vielleicht beſiegt werden können; er ſollte ſich zu ihrem gegen⸗ ſeitigen Glück getäuſcht haben. Vielleicht be⸗ reuete ſie ſchon, daß ſie fremder Willkühr nach⸗ gegeben hätte, und rief ihn ungehört zur Hülfe. O! könnte er nur ihre Spuren entdecken, wie ſchnell würde er zu allen Opfern bereit, das ausgenommen, ihr zu entſagen, zu ihr hin⸗ eilen! wnten Er ertrug nicht den Gedanken einer ewi⸗ gen Trennung, und die Hoffnung athmete noch tief in ſeinem Herzen, während ſein Mund 2 wiederholte:„Es iſt aus! ich werde ſie nicht mehr ſehen!“.* Die traurige Einförmigkeit ſeiner vorigen freudenloſen Tage kehrte nun zurück; da die⸗ jenige, die nur einen anmuthigen Zauber über alle Stunden Guſtavs verbreitet hatte, dieſen wieder aus dem Orte verbannte, wo ſie Herrin hätte ſeyn können.—* Doch bald warf Guſtav ſich ſeine Unthä⸗ tigkeit vor; die kurze Zeit ſeit ihrem Verſchwin⸗ den bedenkend, faßte er aufs neue Muth; er eilte zu fragen, die Umgegenden zu durchſu⸗ chen, allein Alles vergebens; nicht einmal die kleinſte Spur diente dazu, ſeine Hoffnung auf⸗ recht zu erhalten; und doch ward er nicht müde, ſeine vergeblichen Nachforſchungen zu wiederho⸗ len, obgleich eine immer düſterere Schwermuth ſich ſeines Gemüths bemächtigte. Er würde viel⸗ leicht ein Opfer derſelben geworden ſeyn, wenn die Liebe zu ſeinem Vaterlande und ſeine Be⸗ griffen von Ehre ihm nicht aus ſeinem Gram geriſſen. Die franzöſiſchen Truppen, von Ruhm ☛ 78 und Sieg gekrönt, überſchwemmten damals das halbe Europa; Oeſtreich ollte ſo eben angegrif⸗ fen werden; Guſtav erröthete über die Unthä⸗ tigkeit, worein er ſich verſenkt befand; während die Jugend ſeines Landes Lorbeeren einerntete und ihren Namen geehrt machte. Er wollte auf der Stelle an den Baron de Saint⸗Clement ſchreiben, und ihn erſuchen, ihm eine Unterlieutenantsſtelle in der Armee zu verſchaffen. Erſt im Begriff damit, fiel es ihm ein, daß er ja in Paris erwartet würde, und das es eben der rechte Augenblick. ſei, ſich da⸗ hin zu begeben; er konnte dann ſelbſt die nö⸗ thigen Schritte thun, um lein Vorhaben ein⸗ zuleiten. Mit der größten Ungeduld betrieb er nun die Abreiſe; es war als vermehrte jede kleine nothwendige Friſt ſeinen inneren Sturm; die Heftigkeit ſeiner Unruhe ſprach ſich in ſeinen äußeren Bewegungen aus.— Den Abend vor ſeiner Abreiſe wollte er ſeine ihm doch noch liebe Schöpfung, die ☛ 79 Schule der zwölf Waiſen, noch einmal beſu⸗ chen. Er ließ ſie alle vor ſich führen, erkundigte ſich nach ihren Fortſchritten, ihren Sitten, und ſagte jedem ein ermahnendes oder ermuntern⸗ des Wort; da er indeſſen nur elf Kinder be⸗ merkte, fragte er nach dem zwölften, das ſchon früher ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, und befahl, daß man den kleinen Emil zu ihm auf das Schloß ſchicken ſollte, weil er ihm ſeinen Antheil des verdienten Lobes und der Ermunterung nicht entziehen möchte. Auch zog es Guſtaven hin, noch einmal vor ſeiner Abreiſe die verlaſſenen Ueberreſte zu beſuchen, wo ihn der glücklichſte Moment ſei⸗ nes Lebens überraſcht hatte; er eilte dahin. Nachdem er mit ſchmerzlicher Beklommenheit die Ruinen durchgewandert hatte, fand er end⸗ lich die Stelle wieder, wo die Geliebte ihm erſchienen war. Nicht weit davon erblickte er auf einmal ein ungefähr elf bis zwölfjähriges Kind, das weinend da ſaß. An den Kleidern erkannte der Graf ſogleich den kurz vorher ver⸗ ☛ 80 mäßten Knaben. Verwundert fragte er: was fehlt, Dir Emil? Der Knabe ſah lebhaft auf, und da er ſeinen Wohlthäter erkannte, erwiederte er unbe⸗ fangen:„Ach Herr Graf! ſoll ich denn nicht weinen? Sie iſt ſchon fort, und Sie werden ja auch verreiſen.“ „Wer? Sie! wen meinſt Du?“ wieder⸗ holte Guſtav mit ahnendem Herzklopfen. „Es mag wohl einige Monate her ſeyn! Herr Graf,“ fuhr Emil fort, daß ich immer geſtraft wurde; wenn Sie die Schule beſuch⸗ ten, durfte ich Sie, um Buße zu thun, nimmer ſehen; ich wähnte, daß mir Unrecht geſchähe, und daß ich ſehr unglücklich wäre, keine Ver⸗ wandten zu beſitzen. Eines Tages verließ ich die Schule, mit dem feſten Entſchluß, zu ent⸗ fliehn, ſo weit ich nur konnte. Da erhob ſich ein Ungewitter; der Abend nahte; ich verirrte mich und kam, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, hieher. Zitternd vor Furcht, weinte und klagte ich ganz laut; da fühlte ich mich auf einmal beim Arm er⸗ —3, ☛̈ 81 griffen; ich glaubte, daß es mein Lehrer ſei, und wandte den Kopf um; allein es war eine Dame, deren Geſicht von einem großen, großen weißen Schleier bedeckt war.„Armes Kind,“ ſagte ſie zu mir, mit einer ſo ſanften Stimme, daß ich einen Engel zu hören glaubte„wo willſt Du hin? Du weinſt, Deine Verwandte verloren zu haben, allein hat Dir der Himmel nicht einen zweiten Vater in Deinem Wohlthä⸗ ter geſendet? ſtatt Dich undankbaren Klagen hin⸗ zugeben, bemühe Dich, nur ſelbſt beſſer zu ſeyn, ſo wirſt Du auch glücklicher werden.“ „Ach! Madame!“ gab ich zur Antwort; „ich habe gar kein Gedächtniß, aber ich würde mir jedoch Mühe geben, wenn ich nur ermu⸗ thigt würde, und nicht immer geſtraft. Die Mutter hatte Geduld mit mir; ſie lehrte mich leſen und meine Gebete herſagen; ach! hat ſie mich auch mitunter geſcholten, ſo war ſie doch immer ſanft dabei. Seit ich ſie verloren habe, kann ich gar nichts mehr lernen; ich will ſterben, damit ich wieder zu ihr komme.“ Lebewohl. II. Thl 6 „Willſt Du, daß ich ihre Stelle bei Dir vertreten ſoll,““ verſetzte die Dame, und küßte mich durch ihren Schleier auf die Stirn. „Höre, mein Kind!““, fuhr ſie fort,„„ſei nur fleißig und verliere den Muth nicht; ſuche 82 nur dem Grafen Befriedigung zu geben; ſei fügſam und gut. Komm nur alle Donnersta⸗ ge, in Euren Freiſtunden hierher, in dieſe Ruinen, bringe Dein Buch mit. Du wirſt mir zeigen, was Du gelernt, und mir auch gehor⸗ chen; denn ich werde Dich lieb haben, ich habe Dich ſchon recht lieb; Du wirſt wohl was lernen; nicht wahr? Emil!““* „Ich ſiel zu ihren Füßen, als ſie ſo müt⸗ terlich zu mir ſprach, und verſprach Alles, was ſie verlangte; da ſchlug die Glocke in der Ferne, und ſie verließ mich; allein ich war ſchon nicht mehr unglücklich, und den folgenden Donnerstag kam ich hieher. Sie wartete ſchon auf mich; ſie ſprach freundlich zu mir, und trocknete mir den Schweiß von der Stirn; denn ich war gelaufen, um ſie ſo bald wie mög⸗ ☛ 83 ☛☚ lich wieder zu ſehen! Ach! Herr Graf! wenn Sie wüßten, mit welcher Güte ſie mir Unter⸗ richt gegeben 35 „Die folgenden Donnerstage kam ich wie⸗ der, und bald merkte ich, daß es immer beſſer ging; in der Schule begannen ſie, mich zu lo⸗ ben; ich wurde als einer der beſten Zöglinge aufgeſtellt; ich erzählte ihr, wie glücklich ich geworden.„Liebes Kind!““ ſagte ſie,„„fahr ſo fort, dann haſt Du meine Sorgfalt um Dich vergolten.“““ Wenn Sie, Herr Graf, die Schule beſucht hatten, ſprachen wir auch von . Ihnen; ich mußte ihr Alles erzählen, was Sie geſprochen hatten; manchmal war ſie zerſtreut, oder vielmehr ſie hatte bemerkt, wie ſehr es mich freuete; denn ich mußte wiederholen, was ich ihr ſchon erzählt hatte.“ Guſtav hörte in der größten Bewegung den Bericht des Knaben an; es war als gebe ihm jedes Wort einen neuen Beweis von der Liebe der Unbekannten zu ihm, und ihren edlen Geſinnungen. Emil fuhr tief ſeufzend fort: 67/r — ☛ 84 ☛ „Auf einmal aber blieb ſie aus; verge⸗ bens erwartete ich ſie in mehr als vierzehn Tagen zu der beſtimmten Zeit; da erſchien ſie endlich wieder, in einem großen, ſchwarzen Schleier ganz eingehüllt.„„Emil!““ ſagte ſie zu mir mit bebender Stimme,„„ich kann mich nicht entſchließen, dieſe Gegend zu verlaſ⸗ ſen, ohne Dich vorher zu ſehen!““ „Verlaſſen!“ rief ich außer mir! ich er⸗ griff ihre Hand, ich warf mich zu ihren Fü⸗ ßen.„Nehmen Sie mich mit,“ flehete ich; „ich werde Alles thun, was Sie wünſchen; geſtatten Sie mir, Ihnen zu folgen. „Ich darf nicht,““ erwiederte ſie ſchnell; ich glaube, ſie weinte.„„Betrübe mich nicht; beweiſe, daß Du mich lieb haſt, indem Du Deine Pflichten erfülleſt! Sie ſind ja leicht und ſüß. Liebe Deinen Wohlthäter; er verdient es; an Deiner Ergebenheit gegen iihn will ich Deine Dankbarkeit gegen mich erkennen; liebe ihn, mein Kind! und vergiß meiner nicht! 85 „Sie drückte mich ſchmerzlich an ihren Bu⸗ ☛ꝙ 85 ☛☚ ſen; dann kniete ſie hier vor dieſer Säule nie⸗ der. Sie neigte den Kopf auf ſie herunter, ich hörte ſie weinen; ich ſchluchzete mit, und küßte ihre Hände; ſie waren kalt und zitterten; dann ſtand ſie raſch auf und entfernte ſich; ſie winkte mir mit der Hand, ihr nicht zu folgen. Ach! wenn ich nur eine freie Stunde habe, treibt es mich noch in die Ruinen; obgleich ich weiß, daß ich ſie nicht mehr ſinde, und dann muß ich immer weinen.“ In der Zukunft ſollſt Du mein Sohn 1ℳ ſeyn!““ rief Guſtav heftig!„„„Vergiß nicht deine gütige Lehrerin. Alles, was ſie Dir ver⸗ ſprochen, wirſt Du erreichen.““ Er machte dem Knaben noch viele, viele Fragen, die Un⸗ bekannte betreffend; aber er erfuhr nichts Neues. Emil hatte ſie auch nie ohne Schleier geſehen, von dem ihre Geſtalt faſt ganz eingehüllt ge⸗ weſen; nur einmal hatte ſie ihre Handſchuhe ausgezogen; ihre Hände waren weiß wie Schnee, ſagte er; aber von dem ſüßen Ton ihrer Stim⸗ me ſprach er viel. ☛̈ 86 Nachdem ihm der Graf das tiefſte Still⸗ ſchweigen über dieſe Begegniſſe anbefohlen, wiederholte er ihm die Verſicherung ſeiner vä⸗ terlichen Sorgfalt. Die Entdeckung von der prunkloſen Güte der Verlorenen hatte die lie⸗ bende Ungeduld ſeines Herzens weicher geſtimmt. Feſter als je überzeugt, daß die Geliebte ſeine Gluth und ſeine Sehnſucht theilte, konnte er ſich nicht überreden, daß ſie ganz ohne Hoffnung, ſich je wiederzuſehen, getrennt waren 3 drum nahm er auch noch vor ſeiner Abreiſe alle mög⸗ liche Maßregeln, daß die Briefe ſicher zu ihm gelangen möchten, auf den Fall, daß die Unbe⸗ kannte ihm ſchreiben ſollte. Er übertrug dem treubewährten Antoine, der in dem Dienſt ſeines Hauſes grau geworden war, und ihn als Kind auf ſeinen Armen getragen, ſich jeden Abend nach dem Felſen zu begeben; dafür zu ſorgen, daß kein fremder Fuß wiährend ſeiner Abweſenheit ſich demſelben na⸗ hete, und auf der Stelle ein Stafette abzuſchik⸗ — ☛ 8 ☛☚ ken, um ihm die Briefe, die dort gefunden werden könnten, zu überbringen. Er vertrauete ihm an, für die Pflanzungen an dem Grab ſeiner Mutter zu ſorgen, und verließ endlich das Schloß, weniger um ſein Verſprechen an den Baron Saint⸗ Clement zu erfüllen, als um in dem Gewühl der Schlach⸗ ten Kraft zu ſuchen, ein Leben zu ertragen, das glühende Sehnſucht und eine räthſelhafte Liebe immer mehr und mehr aufrieben. Siebzehntes Capitel. Die halb vergeſſene, unter die thörichten Träu⸗ me ſeiner Jugend verſetzte Vergangenheit er⸗ neuerte ſich vor Guſtavs Geiſte, als er Pa— ris wiederſah, wo einſt ſo viele glänzende Ge⸗ ſtalten gewetteifert hatten, ihn hinzureißen und zu täuſchen. Bei dem Andenken an Athenais, die erſte Frau, für die ſein junges Herz in Lie⸗ 2 ☛̈ 88 be geſchlagen, konnte er nicht umhin zu ſeuf⸗ zen; ihre bezaubernde Anmuth, glänzend in der Fülle der Schönheit, von allen Umgebenden ge⸗ huldigt, ſchwebte ihm in früherer Friſche vor; er ſeufzte noch einmal, das Glück wiederträu⸗ mend, das dieſes beneidete Weltkind um ihn verbreitet hatte; er dachte an die Wonne, die ihre Gegenwart ihm eingehaucht, an die ſelige Trunkenheit jener Tage. Das war nun Alles vorüber! Andre Wünſche, andre Zwecke hatten ſeit der Zeit ſeine Bruſt geſchwellt, und waren nun auch verweht. Jetzt füllte nur ein Gegen⸗ ſtand alle ſeine Gedanken; jedes Unternehmen, jeder Schritt, jede Abſicht ſollten in der Folge nur Beziehung auf das angebetete, geheimniß⸗ volle Weſen haben. Ihr unſicheres Bild ver⸗ mochte keine irdiſche Gewalt aus ſeinem Her⸗ zen zu verwiſchen! Dieſe Leidenſchaft, weit ſtär⸗ ker als alle vorübergehenden Empfindungen, die je ſeinen Buſen erfüllt, ſollte und mußte die letzte ſeyn. Dies Gelübde wiederholte er we⸗ nigſtens unaufhörlich ſich ſelbſt; er wollte mit —,— ☛̈ o 89 Stolz die ſchönſten Frauen ſeiner Zeit heraus⸗ fordern, die geheimnißvolle Herrſcherin ſei⸗ 3 nes Herzens zu beſiegen, ſo feſt überzeugt fühlte„ er ſich, daß ſie nicht vermochten, auch nur einen Augenblick ihre Gewalt zu erſchüttern. Der Baron de Saint⸗Clement nahm Gu⸗ ſtaven mit ausgelaſſener Freude auf; er be⸗ klagte, daß er nicht ſeiner Hochzeit beigewohnt hatte.„Allein, Sie ſind nun hier,“ fügte er hinzu,„und Alles iſt wieder gut; denn Sie werden ja doch in Zukunft bei uns bleiben, offe ich; und wir werden zuſammen leben, bis einmal die Ehe auch Ihnen Feſſeln anlegt und mich zwingt, ihr meine Rechte auf Sie zu überlaſſen.“ 1 1 „Es iſt lange bis dahin, lieber Baron!““ erwiederte Guſtav,„„und ich dürfte beinahe darauf ſchwören, daß der Wechſel meiner Lage, den Sie belieben vorauszuſehen, nie eintreffen wird.““ „Schwören Sie nicht!“ verſetzte der Ba⸗ ron;„es würde ein Meineid ſeyn, und in allen —,— 3 ☛ 90 Fällen eine Thorheit. Bedenken Sie denn nicht, daß der größte Theil Ihres Vermögens in die begierigen Hände eines Verwandten Ihres Va⸗ ters übergehen wird; wenn Sie nicht vor der Erreichung Ihres fünfundzwanzigſten Jahres verheirathet ſind? Seines großen Reichthums ungeachtet, wird er gewiß nur wenig geneigt ſeyn, auf ſeine Rechte Verzicht zu leiſten. Der wunderliche Eigenſinn Ihres Herrn Vaters in Beziehung dieſes Theils ſeines Nachlaſſes war nicht zu beſiegen; Ihre vortreffliche Mutter hat genug darüber geſeufzt. Ich weiß zwar, daß die Geſetze auf Ihrer Seite ſeyn würden, wenn Sie, den Willen ihres Vaters bekämpfend, ei⸗ nen Prozeß anhängig machen wollen. Doch ich leſe ſchon in Ihren Augen Ihren Unwillen über dieſe Aeußerung. Es würde dennoch eine eben ſo unverzeihliche Thorheit ſeyn, ihre Rechte auf⸗ zugeben, und einem Vermögen, von dem Sie einen ſo würdigen Gebrauch zu machen wiſſen, zu entſagen; indeſſen rückt der Augenblick im⸗ mer näher, wo Sie ſich entſchließen müffen. — — ☛ 91 4.„„Ich bitte,““ unterbrach ihn der Graf; „„reden Sie mir nur nicht von der Ehe. Ein⸗ mal vielleicht. Es iſt immer noch Zeit. Laſſen Sie mich einer Freiheit genießen, die ich nicht gern aufopfern möchte. Ich habe jetzt ganz andre Sachen vor; ich bin der Unthätigkeit müde, in der mein Leben verfließt. Ich will in den Dienſt treten. Wenn ich nicht irre, habe ich ſchon in einem meiner Briefe an Sie da⸗ von geſprochen. 774 „Ganz recht,“ entgegnete der Baron; „ich habe auch ſchon an den Miniſter deswegen geſchrieben, und erwarte in dieſen Tagen die Antwort.“. Guſtav dankte ihm für ſeine Bereitwillig⸗ keit, ſeine Wünſche zu erfüllen, und erſuchte ihn, ihn ſeiner Gemahlin vorzuſtellen.. — Der Anblick der Madame de Saint⸗ Cle⸗ ment machte einen tiefen Eindruck auf den Grafen. Sie war groß, wohlgebildet, von den ſchönſten Formen; ihre Haltung durchaus edel. Guſtav konnte nie eine ähnliche Geſtalt ſehen, 5 A. ☛ 92 ohne daß ſein Herz unwillkürlich ſtärker als ſonſt klopfte. Die Worte, womit er ſie be⸗ grüßte, wiederhallten von ſeiner inneren Bewe⸗ gung. Die kalte, beinahe geringſchätzige Auf⸗ nahme der Baronin zerſtörte auf einmal den freundlichen Eindruck, den ſie in ihm hervorge⸗ bracht hatte. Ihre wenigen Worte ſchienen mit ſchmerzlicher Ueberwindung ausgeſprochen worden zu ſeyn. Ihre Züge waren ſchön und geregelt, trugen aber zugleich einen Ausdruck von Kälte und Stolz, der jedes Vertrauen entfernte; ihre außerordentliche Bläſſe beraub⸗ ten ihre Augen eines Theils ihres Glanzes; ſie hielt ſie beinahe immer auf den Boden gehef⸗ tet. Sie ſprach wenig, und offenbar nur, wenn die Höflichkeit ſie nöthigte, ihr Schweigen zu brechen. Sie hatte ſich ſchon von der Welt, die ihr zu mißfallen ſchien, zurückgezogen. Sie ſtand in keiner Verbindung mit irgend einer Frau, und fühlte kein Bedürfniß, zu gefallen. Sie war eben ſo kalt gegen ihren Gatten; kurz es war in ihrem ganzen Weſen etwas Trau⸗ —— — ☛ 93 riges und zugleich Gebieteriſches, das unwillkühr⸗ lich abſtieß; man konnte lahene daß ſie wider ihren Willen lebe. Guſtav hatte gleich bei ſeinem erſten Be⸗ ſuche einen Theil der vorerwähnten Bemerkun⸗ gen gemacht, und von der erſtarrenden Aufnah⸗ me der Baronin nur wenig erbaut, begab er ſich in ſeine Zimmer, die Langeweile ſchon im voraus bezeichnend, die ihm wahrſcheinlich in der Nähe dieſer ſo ſonderbaren Frau nicht ent⸗ gehen würde. Er konnte nicht begreifen, wie der offne, heitere Baron de Saint⸗Clement ſich hatte entſchließen können, eine Gattin zu wählen, deren Launen und Anſprüche auf das Leben ſo wenig übereinſtimmend mit den ſeinen waren; er konnte ſich nicht überreden, daß eine ſolche Verbindung ihn je glücklich machen kön⸗ ne. Aber welcher Grund hatte ein ſo junges Weſen beſtimmen können, einem Manne, der ſchon dem Greiſenalter ſo nahe ſtand, Freiheit und Reize aufzuopfern! Sie ſchien ſo völlig gleichgültig für Alles, daß er kaum glauben ☛ 94 könne, daß ſie einen großen Werth auf den da⸗ durch erworbenen Reichthum lege. Er konnte nicht umhin, bei dem Gedanken zu lächeln, wie wenig das Gemälde, das er in der Zukunft vor Augen haben würde, geſchickt ſa im der Ehe geneigt zu machen. Dennoch ſah er nach einem kurzen Auf⸗ enthalt in dem Hauſe des Barons ſich gezwun⸗ gen, einen Theil der ungünſtigen Vorurtheile, die er gegen die Madame de Saint⸗ Clement gefaßt hatte, fahren zu laſſen. Sie ſtrebte frei⸗ lich nicht, in ſeinen Augen liebenswürdig zu ſeyn; ihr kaltes, ernſtes Betragen blieb daſſel⸗ be; nur ſelten ſah er ſie lächeln; allein in Be⸗ ziehung auf ihr Verhältniß zu ihrem Gatten konnte er nicht umhin, ihr größere Gerechtig⸗ keit wiederfahren zu laſſen. Der Sonderbar⸗ keit ihrer Geſinnungen ungeachtet, war ſie darum nicht weniger aufmerkſam auf Alles, was ihm angenehm ſeyn konnte, und ohne ihr Beſtreben darum erblicken zu laſſen, wußte ſie ihm die feinſte Sorgfalt zu erzeigen. Nachdem der Ba⸗ ☛ 93 ron ſich vergeblich bemüht, ſeiner Gemahlin die Anſichten des Lebens, die ihm eigen waren, ein⸗ zuflößen, hatte er Verzicht darauf geleiſtet. Ue⸗ berzeugt, daß ſie ſich doch nie in der Welt ge⸗ fallen würde, hatte er ſie ihren Neigungen und ihrer Art zu leben überlaſſen. Während die Baronin ſich riner beinahe völligen Abgeſchloſſenheit weihete, begleitete Herr de Saint⸗ Clement Guſtaven in die Cirkel der Welt, und fand dort mehr Vergnügen als er. Seine Heiterkeit, ſelbſt ſeine Eigenheiten machten ihn liebenswürdig; und die glückliche Fügſamkeit ſeines Charakters ließ ihn ſogar Be⸗ luſtigung finden, wo andere nur Langeweile und Ekel empfanden. 1 Guſtav beneidete den Baron dieſen Vor⸗ zug und auch ſeine Lage nicht. Madame de Saint⸗Clement ſchien nicht fähig, ſeine bezaubernden Träume zu verwirklichen, obgleich er ihre ſtillen Tugenden und ihre Schönheit täglich mehr erkannte. „Es ſehie allen ihren Unternsßuumgen an 96£ Seele,“ ſagte er oft zu ſich ſelbſt;„es iſt die Pflicht und nicht das Herz, das ihre Schritte leitet. O! meine Mutter! du warſt das Ge⸗ gentheil. Nur ein Weſen beſitzt eine glückliche Aehnlichkeit mit dir; eine einzige Frau hat mir den Glauben eingeflößt, daß ſie wie Du lieben könne; nur ſie— ich fühle es, würde mich glücklich machen können!“ Indeſſen wurde die Zeit Guſtaven täglich länger und drückender, die leere Hoffnung, doch etwas von dem Geſchick ſeiner Unbekannten zu vernehmen, verſchwand immer mehr; vergebens gebot ihm die Vernunft, eine Leidenſchaft zu bekämpfen, die ſeine ſchwärmende Phantaſie bis hierher aus allen Kräften genährt. Aber — wie jener gehorchen? Da erhielt er plötzlich ſein Patent als Officier, und zu gleicher Zeit einen Brief von Theobald, der ihm ſeine nahe Ankunft in Paris verkündete; der Gedanke, daß er vielleicht den Freund beſtimmen könne, auch die kriegeriſche Bahn zu wählen, belebte ihn, und in der Hoffnung, ihn mit ſeinem Ei⸗ fer ☛ꝙ 97 fer zu äſdälen erwartete er ihn mit Unge⸗ duld. blglef d. unho, rſnch tn 1n? 5116 21 26 Giahntes Earitet. T nrs wn Theobald fand i in Noalis Kummer ein größe⸗ res Hindernißt in ſeiner Abreiſe nach, Paris⸗ als er ſich vorgeſtellt hatte. Immer gewohnt, ihre Beſchäftigungen und ihre Freuden, mit ihm zu theilen, konnte ſie nur mit einem ſehr ſchmerzlichen, Gefühle an ſeine Entfernung, den⸗ ken. Den Bitten des holden Mädchens nach⸗ gebend, ſchob Theobald immer die Abreiſe zu dem folgenden Tag auf, und zürnte ſeiner eig⸗ nen Schwäche, ohne ſie beſiegen zu können, Zwar fühlte er, daß die dauernde Gegenwart Noali's ſeine hoffnungsloſe Liebe nux vermehr⸗ te; dieſe Ueberzeugung ſteigerte die Leiden ſei⸗ nes Herzens; er ward nur unglücklicher, ohne vernünftiger zu werden, und gab ſeinen Wün⸗ ſchen nach, ohne ſich es ſelbſt geſtehen zu dürfen. Lebewohl. II. Thl. 7 ☛ 98 ☛☚ρ Die gute Madame de Serval, die nie Leidenſchaften gekannt, und folglich auch mit ihrer Gewalt unbekannt war, ließ es ſo hinge— hen. Die Tochter war ruhig, heiter und glück⸗ lich; das war dem mütterlichen Herzen genug. Zwar verlangte ſie ſtreng die Aufrechthaltung der letzten Wünſche ihres Wohlthäters; indeſ⸗ ſen würde ſie es nicht ungern geſehen haben, wenn der Graf de Noreé die Erfüllung der⸗ felben unmöglich gemacht hätte, damit ſie ihrer Vorliebe für ihren jungen Freund Raum ge⸗ ben könne. Sie ſah nicht ohne Schmerz den peinlichen Zuſtand, in dem ſich Theobald befand, und wagte nicht dieſen Gegenſtand zu berühren, wohl wiſſend, daß es Uebel gibt, die jeder Ver⸗ luch, ſie zu heilen, nur tödtlich macht. Vergebens ſuchte Theobald auf einſamen Wanderungen ſich zu ermuthigen. Alle So⸗ phismen der Liebe ſuchte das Gefühl ſeiner Pflicht zu bekämpfen. In dem Rauſch der Lei⸗ denſchaft fragte er ſich ſelbſt: ob auch das Ge⸗ lübde, das der verſtorbene Freund ihm abgefor⸗ —,—— — ☛ 99 dert, ihn band, wenn er ſich geliebt ſahe? „Habe ich nicht Alles erfüllt, was die ſtrengſte Klugheit erheiſchen kann?“ ſeufzte er;„habe ich nicht meine theuerſten Wünſche beſeitigt? habe ich nicht geſchwiegen, obgleich mein gan⸗ zes Weſen vor Aebe glühete, und nur ein ein⸗ ziges Wort, eine entſprechende Gluth in Noa⸗ li's jungem Gemüthe vielleicht erregt haben würde. Wer kann ihren Werth ſo anerkennen, ſie ſo anbeten wie ich? Kann Guſtav ungeſtüm, wie er in allen ſeinen Empfindungen iſt, kann er die Vollkommenheit dieſes himmliſchen Weſens einſehen und erkennen?“ Er hielt entſetzt inne; er wiederholte lang⸗ ſam den nach ſeiner Empfindung beleidigenden Vorwurf, den er dem Freund gemacht. Er zürnte ſich ſelbſt wegen dieſer Ungerechtigkeit, und verdammte ſeine Selbſtſucht.„Iſt das,“ ſagte er mit bitterm Vorwurf zu ſich ſelbſt, „iſt das die heilige Freundſchaft, die ich ihm gelobt. Ich konnte wünſchen, Guſtaven die Frau zu entziehen, die beſtimmt iſt, ihn zu be⸗ . 7* 4 ☛ 100 glücken. Ich thue groß damit, daß ich nicht geſucht, ſtrafbare Gefühle in ihrem reinen Her⸗ zen zu erregen, und wie oft bin ich nahe daran geweſen, ihr die Gluth, die mich verzehrt, ebe blicken zu laſſen. Selbſt heute! Ihre ſüßen Blicke ruheten mit Unruhe auf den meinigen. Ihre Lippen waren im Begriff zu fragen, was ich denn hätte; meine Knie konnten mich kaum! tragen; ich hatte meine glühende Stirn in ihre zitternden Hände gelegt. Ihr ſüßer Name, tauſend Schmeichelworte, wovon ein jedes ſchon ein Geſtändniß war, bebten auf meinen Lippen; da trat zum Glück die Mutter hinein; aber was heute nicht geſchah, kann morgen kom⸗ men. Fork! fort von hier! um nicht an dich, nicht an ihm, dem du gehören ſollſt, ſtrafbar zu werden.“ Fr— b Während dieſer peinigenden Betrachtungen bemerkte Theobald, daß er dem Schloß Vor⸗ ville ganz nahe war. Die Welt ſeiner vorwurfs⸗ freien Jugend ging vor ſeinen Blicken wieder auf. Es trieb ihn hinein. So wie er ſich in⸗ 7 — — ☛ 101 ☛☚ den Park vertiefte, wurden alle halbvergeſſenen 2 Erinnerungen aufs neue in⸗ ſeiner Seele wach. Eine wohlbekannte Ra ſenbank, von wohlriechen⸗ den Gebüſchen beſchattet, nahm ihn auf; wie oft hatte er hier mit der feſten Ueberzeugung gedacht, daß er dem Freunde nie irgend ein Weſen vorziehen konnte, daß es der ſchönſte Tag ſeines Lebens ſeyn würde, der ihm Gele⸗ genheit gäbe, jenem ein recht großes Opfer zu bringen; allein in demſelben Augenblick fühlte er ſich auch in die Erinnerungen verſetzt, 4 wo er ſo oft auf einer ganz ähnlichen Stelle bei Noali geſeſſen, wo ſie ihm unbefangen er⸗ klärt, wie lieb ſie ihn hatte, und daß ſie ihm dieſe Empfindung ewig aufbewahren würde. Wie glücklich war er damals; was durfte er damals nicht Alles hoffen? Vergebens ſtrebte er ſich zu ermannen; dieſer Ort hatte ein neues Gift in ſeine Adern gegoſſen. Er utſioh ihns ſchnell. Aber jede Gruppe von Bäumen, ſede Aus⸗ ſicht verdoppelte ſeine Qual, überall begegnete — 1 —,— ————————:J————J— 8——— —— ⁴☛ 102 ihm Guſtav, allein überall fand er auch Noali wieder. Endlich kam er an einen Platz, den er ſich nicht erinnerte, früher geſehen zu haben. Zwei Pappeln vereinten ihre Kronen über einer Statue von weißem Marmor, in der er die Hoffnung erkannte. Nun fiel es ihm erſt ein, daß er und Guſtav wenige Tage vor ſei⸗ ner Abreiſe dieſe zwei Bäume gepflanzt. Die Hoffnung ſeines Freundes gab ihm Kraft, ſie nicht zu täuſchen. Noali war in dieſem Augenblick vergeſſen; er gelobte, dem Vertrauen auf ihn, das dieſes Bild errichtet, würdig zu bleiben. Er kehrte zurück nach dem Schloſſe Lineuil; er gab ſeinem Diener die nöthigen Befehle, und trat in den Salon, wo Noali an der Seite ihrer Mutter an einem Stickrahmen arbeitete. „Sie kommen ſpät zu Hauſe,“ ſagte Ma⸗ dame de Serval, mit einem ernſten Ton, dem es an dem liebevollen Klang fehlte, den er ſonſt immer zu hören pflegte, „„Ja! Madame!““ erwiederte Theobald; ☛̈ꝙ 106 „„Geſchäfte wegen meiner Abreiſe haben mich länger, als ich gedacht, aufgehalten.““ „Sie reiſen?“ Die Kälte, welche die gute Mutter in ihren Ton gelegt, um ihm ſeine Saumſeligkeit vorzuwerfen, war bei dem Ge⸗ danken, daß dieſe Saumſeligkeit zu Ende war, unwillkührlich verſchwunden. 12nus „„Noch dieſe Nacht! 74 unterbrach ſie Theobald. SeEilt Saa Noali's Arbeit war zu Boden gefallen; ihr plötzliches Erblaſſen bewies, wie ſehr ſie dieſe Nachricht ergriff. Sie hefrete die ſchönen Augen auf Theobald, in der Hoffnung vielleicht, ihn noch zurückzuhalten. Der Ernſt in ſeinen Zügen machte, daß ſie ſie wieder niederſchlug, und einige Thränen benetzten ihre Wangen; ſie trocknete ſie verſtohlen ab! allein der um den ſie gefloſſen, hätte ſie gern mit ſeinem Blute wieder erkauft; doch wankte ſein Entſchluß nicht mehr. Er fühlte das Bedürfniß, dieſe für beide peinlichen Minuten abzukürzen, und erhob ſich ☛ 104 ½ ſchnell, um ſich Madame de Serval⸗ zu empfeh⸗ len.„Mögen Sie ulüitich— ſegte ſie nur innign gerührt... gzirt⸗ „Warum denn ſich treunen, lieber Theu⸗ bald! wenn man ſo zufrieden mit einander lebt 2u fragte Ndali. Er unterbrach ſie durch einen ſo ſchmerzlichen Blick, daß ſie beſtürzt inne hielt, und nur mit Mühe berdheſtanntlteaß w⸗Bar geſſen ſie nicht Noali's.““ Außer ſich ſtürzte Theobald aus der Thür, Buuß ſich in den Wagen, der ſchon vorgefahren war, und überließ ſich ſeinem Schmerze. Lange, nachdom das Raſſeln dernrollenden Räder der Poſtchaiſe verhallt war, ſchien Noali mit dem Blick ſtarr auf die Thür geheftet, noch des Nachhalls zu lauſchen, ihn noch zu verneh⸗ men. Die Mutter, unruhig über die Erſchütte⸗ rung der Tochter, bekümmert über die Entfer⸗ nung des Freundes, den ihr Herz gern Sohn genannt hätte, konute lange keine Worte fin⸗ den.„Liebes Kind!“ ſagte ſie endlich,„es mußte ſo ſeyn! ich glaube, es hat ihn ge⸗ 2. V — ☛☛ 405 ☛2 ſchmerzt, daß Du fordern konnteſt, daß er dem Genuß noch längär entſagen ſollte⸗ ſeinen Ju⸗ gendfreund wiederzuſehen.“ℳ 1 Gn „Noali fuhr zuſammen, als wäre ſie plötz⸗ lich aus einem tiefen Schlummer erweckt. „Glauben Sie!““ ſagte ſie ſtockendt!„„Ach! ja wohll ſeitdem wir in Frankveich ſind, hat er etwas Gezwungnes an ſich; ich habe es wohl bemerkt. Indeß war er ja immer ſo gut. Ach, wie glücklich, wie zufrieden war er in meiner Nähe, als der theure Vormund noch lebte! O!1 Mutter, warum ſind wir nicht wieder in den Erinnerungen! 2 Die Mutter verſuchte nicht, ihre Thränen abzutrocknen, allein ſie ſtrebte, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben; erzählte von den armen Nachbarn, denen geholfen undedie erfreut werden konnten, ſuchte Alles auf, was auf ein kindliches Gemüth Eindruck macht, ſprach ſelbſt von Theobalds Rückkehr, und brachte auch bald ein Lächeln auf ihre Lippen zurück. Immer um ſie beſorgt, wenn ſie die Toch⸗ ☛ 4106 ter gedankenvoll ſah, bald mit neuen Beſchäf⸗ tigungen, bald mit ſolchen kleinen Zerſtreuungen, wonach ihr Herz verlangte, gelang es ihr auch bald, die Wolken der erſten Sehnſucht zu zer⸗ ſtreuen; das liebliche Mädchen gewann die Ruhe wieder, die einen Augenblick zerſtört ſchien, und ſanfte Heiterkeit, die unzertrennliche Gefährtin unbefangener Unſchuld, belebte bald aufs neue alle Züge Noali's. 622 Theobald hatte, indem er ſich vom Schloſſe Lineuil entfernte, ſich von Allem, was er Glück nannte, losgeriſſen; allein das peinliche Opfer war gebracht; und er empfand die Ruhe, welche die Ueberzeugung, ſeine Pflichten erfüllt zu haben, immer einflößt; er ſuchte ſich nicht mit einer entfernten zweifelhaften Möglichkeit zu tröſten; er hatte den Abgrund des Schmer⸗ zes, der ſich mit ſeinem erſten Wort an Guſtav für ihn eröffnen würde, ſchon früher gemeſſen, und wußte, daß er das gewiſſe Unglück gewählt, aber auch, warum er es gewählt hatte. ☛ 107 ☛☚ In Paris angekommen, eilte er ſogleich, ſeinen Freund aufzuſuchen. 1 Guſtav, dem Theobald zu lange ausblieb, hatte die wiedererrungene Schnellkraft ſeines Geiſtes bald aufs neue verloren; indeſſen ſchien er ſeinen Zuſtand nicht fühlen zu wollen. Er folgte faſt maſchinenmäßig dem Baron in Ge⸗ ſellſchaften und Schauſpiele, gab ſich ſelbſt wie mit Anſtrengung einer traurigen Ausgelaſſenheit hin, deren nachfolgende Leere ſich in vielen ſchlafloſen Nächten mit Bitterkeit an ihm rächte. Es wurde ihm eines Tages eben angemeldet, daß angerichtet ſei. Eine berühmte Sängerin zog ganz Paris hin, und Herr de Saint⸗Clement wollte früh im Theater ſeyn. Guſtav war im Begriff, herunter zu gehen, als ein Fremder ſchnell die Treppe hinauf und ihm entgegen ſtürzte; er war in den Armen ſeines Freundes. Alles, was ſie ſeit ihrer Trennung erlebt, war in dieſem Augenblick vergeſſen. Dieſe Umar⸗ mung hatte ſie wieder in die friedlichen Tage der erſten Jugend verſetzt; das Andenken von ☛☛ 408 ☛ der Unbekannten, von Noali's war für einige Momente verſunken. Guſtav und Theohaid waren glücklich wie in ihrer Kindheit. Sie wurden bald von dem Baron unter⸗ brochen, der, als er ungeduldig über Guſtavs langes Ausbleiben erfahren hatte, daß ein Freund von ihm ſo eben angekommen war, in das Zimmer hereintrat, und mit komiſcher Würde beide herunter zum Tiſche mit ſich zog. Madame de Saint⸗Clement, die dort mit ihrer gewöhnlichen Gleichmuth harrte, begrüßte mit ernſter Höflichkeit beide Freunde, und erwiederte kalt, als ihr Theobald ſo un⸗ vermuthet vorgeſtellt wurde, daß die Gäſte, welche ihr Gatte eingeladen, ihr immer willkom⸗ men wären. Dieſer kühle Empfang ſchien ein wenig Theobalden zu verletzen, doch ſetzte ihn ſchnell die freundliche Zuvorkommenheit des Barons in eine behagliche Stimmung wieder; ſobald das Mahl beendigt war, fuhr der Wagen vor, um ſie ins Schauſpiel zu bringen. Der Ba⸗ 7† 1 ☛ 4100 ron drang in ſeine Gemahlin, ſie zu begleiten. Nachdem Sie ſich aber kalt wie immer ent⸗ ſchuldigt hatte, wandte ſie ſich freundlicher als gewöhnlich mit der Aeußerung zu dem Grafen, das ſie hoffe, ſein Freund würde während ſei⸗ nes Aufenthaltes in Paris keine andre Woh⸗ nung, als die ſeinige wählen. unee Die jungen Leute hatten kaum Zeit, ihr ih⸗ ren Dank auszudrücken, denn der Baron zog ſie ſchnell mit ſich fort, indem er wiederholte: „das iſt ja ſchön! das iſt herrlich! Es iſt ja immer Zeit, euch Artigkeiten zu ſagen, jetzt macht Ihr mir nur ſo meinen beſtellten Platz verlieren. Auf Wiederſehn! meine liebe Freun⸗ din. Sie thun Unrecht, uns nicht zu begleiten. Sie haben nur einen Fehler, theure Cäcilie! Sie ſind gar zu vernünftig. Fort, fort! meine Herren!“ 14 e Während der Baron über die Langſamkeit des Kutſchers eiferte, hielt der Wagen ſchon vor dem Schauſpielhauſe⸗ Hier in einzelnen Augenblicken, wo der Baron Beſuche in meh⸗ 110 ☛ reren Logen ablegte, und wo Guſtav von ſo vielen verſchiedenen Gegenſtänden umringt war, um Theobalds Beklommenheit zu bemerken, er⸗ griff dieſer die Gelegenheit, um ihm zum er⸗ ſten Mal die zwei Frauen zu nennen, mit denen Guſtav, obgleich unwiſſend, ſchon in ſo naher Berührung ſtand; er erzählte ihm flüchtig ſeine Verhältniſſe zu ihnen; ſprach mit Wärme von der Trefflichkeit der Madame de Serval, er eilte ſogar, ihm zum erſten Mal Noali's Name zu nennen, aber es war ihm, als hätte er mit dieſem ſein Todesurtheil ausgeſprochen. Er wur⸗ de blaß, die Zunge verſagte ihm den Dienſt; Guſtav würde ſeine plötzliche Verwirrung ge⸗ merkt haben, wenn nicht die Rückkehr des Ba⸗ rons, ſogleich ein anderes Geſpräch auf die Bahn gebracht hätte. Als die zwei Freunde nmhger ſich ballein befanden, fiel die Rede auf den Baron, auf die Lebendigkeit, womit er ſich ſelbſt über die Mahnungen eines vorgerückten Alters zu täu⸗ ſchen wußte; beide waren darüber einig, daß, ☛ 111 1 wie heiter und liebenswürdig er auch in der Welt erſchien, er doch kaum fähig ſei, das Guüct einer Frau auszumachen. 1. „Und was ſagſt Du von der Baronin?“ fengte Guſtav!„findeſt Du nicht, daß ſie eine ſchöne Statue ſeil’” 2 „„SIch bin vielmehr verſucht zu glaubem, daß ſie ſehr unglücklich iſt,““ erwiederte Theo⸗ bald;„in der That, obgleich ſchön, fehlt ihr doch Anmuth, und ihr Benehmen iſt weit entfernt, anziehend zu ſeyn; dennoch flößt ſie Theilnahme ein; vielleicht entſagt die junge Frau den Freuden ihres Alters, um nicht Ei⸗ ferſucht bei ihrem Gatten zu erregen. Ihre ſanfte Bläſſe offenbart ein zartes Gemüth. Ihre leiſe, langſame Sprache verleiht ihrer ſonoren Stim⸗ me etwas Süßes und Schwermüthiges. Ihr flüchtiges, kaum bemerkbares Lächeln macht ei⸗ nen wehmüthigen Eindruck auf die Seele.““ „Eil mein Freund!” unterbrach ihn Guſtav;„die ſchöne Cäecilie hat ja einen war⸗ men Bewunderer an Dir! Ich muß es Dir ge⸗ —— — ☛̈ 112 ſtehen, auch ich habe, je mehr ich ſie kennen lerne, viele meiner vorgefaßten Meinungen von ihr fahren laſſen; allein es bleiben genug⸗zurück, um den Augenblick herbei zu wünſchen, der mich von dieſem Hauſe entfernt. Wenn auch Madame de Saint⸗Clement eine⸗Seele beſitzt, iſt ſie doch nur für die Liebe zu goldnen Schäz⸗ zen empfänglich; ich verehre Janz ihr gegenwär⸗ tiges Benehmen; aber es ſetzt ſie in meinen Augen herunter, daß ſie nicht gewußt hat, arm zu ſeyn, daß ſie ihrer Jugend und⸗ Schönheit den Makel angeheftet,, ſie einem Greiſe aufzu⸗ sopfern; das beſte„LEwas ich von ihr⸗ denken kann, iſt, daß ſie einer wahren Neigung un⸗ fähig, und ohne Laſter wie ohne Tugenden ſei.“ „„Bitte, bitte! Freund!““ unterbrach ihn! Theobald!„„Du biſt ungroßmüthig und unge⸗, recht: Ein ſo ungünſtiges Urtheil ſcheint die arme Baronin mir gar nicht zu verdienen.”“ℳ „Ich weiß nicht warum,“ erwiederte Gu⸗ ſtav abbrechend!„es iſt nun einmal meine Mei⸗ nung. Es verdrießt mich, wenn die leichte Schnee⸗ ☛̈ 113 Schneedecke, worunter wir eine anmuthige Flur vermuthen müſſen, ſtatt hinzuſchmelzen wie ein ewiger Gletſcher in Selbſtſucht erſtarrt!“ Der Morgen nahte ſich ſchon, ehe die Freunde daran dachten, ſich der Ruhe hinzuge⸗ ben. Sie hatten ſo Vieles zu beſprechen, und doch berührte keiner von beiden den Gegenſtand, der ihrem Herzen am nächſten lag. Theobald, aus Furcht, ſich zu verrathen, wagte ſich nicht, dem bitterſüßen Zauber hinzugeben, den der Gedanke an Noali in ihm erregte, und Guſtav, die ruhige Vernunft des Freundes ſcheuend, trug Bedenken, ihm ſeine Liebe zu der geheimnißvol⸗ len Unbekannten zu geſtehen! Ach! er wurde ja auch täglich mehr in der traurigen Vermu⸗ thung beſtärkt, daß ſie ihm auf iinmer verlo⸗ ren wäre. Dieſer geheime Vorbehalt mußte ihr Geſpräch nothwendig etwas befangen ma⸗ chen, obgleich ein jeder von ihnen, ſeinen Mangel an Vertrauen ſich vorwerfend, ſich ſelbſt die Schuld beilegte. nli⸗ 4 in Lebewohl. II. Thl. 8 3 Neun z ech ntes Capitel. Imeſſen hatte doch Theobalds Gegenwart die düſtre Langeweile, die ſich ſchon lange Guſtavs Gemüth bemächtigt, glücklich zerſtreut. Sein An⸗ blick hatte ihm tauſend frohe Erinnerungen zu⸗ rückgeführt; in dem Arm der Freundſchaft fühlte er ſich, wenn auch nicht der Gewalt der Leidenſchaft entzogen, doch ermuthigt genug, um die trügeriſchen Traumbilder, die ihn beun⸗ ruhigten, verbannen zu wollen. Die unun⸗ terbrochnen Uebungen, denen er ſich, um ſeiner ſelbſtgewählten Beſtimmung Ehre zu machen, ergeben muß; die neuen Pflichten, die ihm oblagen, und die zu erfüllen er ſich beſtrebte, nahmen ſo ſehr ſeine Zeit und ſeinen Geiſt in Anſpruch, daß er ſelbſt begann zu hoffen, daß der Anblick fremder Länder, neuer Gegenſtände,“ raſtloſe Thätigkeit, und vor Allem die Gegen⸗n wart des Freundes ſein Gemüth der Ruhe und⸗ dem Gleichmuth wieder eröffnen würden. Er ☛ 115 dachte mit Freude daran, daß er den vorigen Abend im Schauſpielhauſe in der beglückenden Nähe ſeines Freundes zum erſten Mal ſeit ſei⸗ ner Rückkehr nach Paris ſich wirklich ergötzt hatte. Die Darſtellung hatte ihm gefallen; er hatte die Muſik bezaubernd, die Frauen reizend gefunden. Ja, er fühlte ſich ſogar, was er nie früher gethan, über das hartnäckige Schweigen des geheimnißvollen Weſens ſo im Innern empört, daß er ſich entſchloß, nicht mehr an ſie zu denken. Da brachte ihm ſein Diener einen Brief, der r ſo eben an ihn abge⸗ geben war. Der Graf erkannte ſogleich die Hand⸗ ſchrift; ſein Herz ſchlug gewaltſam; er lüſte hurtig das Siegel und las: „Trotz der ganzen Strenge des traurigen „Geſchicks, das mich von Ihnen trennt, von „Ihnen, den ich bis an den letzten Athemzug „lieben werde, kann ich doch nicht dem Drange „widerſtehen, Ihnen zuſ agen, wie unausſprech⸗ „lich glücklich ich mich durch Ihr Wiederſehen 8»* ☛ 116 ☛ „gefühlt. Ja! Guſtav! ich habe Dich geſehen, „Du warſt in meiner Nähe; Deine Augen gruheten auf mir. Ich habe den ſüßen Ton „Deiner Stimme vernommen, und ich hielt nunwillkührlich den Athem zurück, um nicht „ein einziges Deiner Worte zu verlieren. Du „biſt dicht an mir vorbei gegangen; Dein „Kleid hat das meine berührt, Deine Hand „hat meinen Arm geſtreift; ich war einer Ohn⸗ n macht nahe.“ 53 „Sie, im Gegentheil, ſind Gunis gehliebenz „Ihr Herz hat nicht in meiner Nähe gebebt, „nicht ſie geahnt, deren Bruſt Ihre Gegen⸗ „wart mit allen Flammen der Liebe durchdrang. „Mag's ſeyn. Ich habe Sie wiedergeſehen; und „jetzt träume ich mich weniger unglücklich.“ „Lebewohl, Guſtav! vergiß mei ner nicht.“ Die Gemüthsbewegung des Grafen, nach⸗ dem er dieſe Zeilen geleſen, läßt ſich nicht be⸗ ſchreiben. Er zweifelte nicht, daß ja die Un⸗ bekannte ihn den vorigen Abend im Schau⸗ ſpielhauſe geſehen. Er ſuchte ſich alle die Frauen, ————;⸗˖—˖-— — 1 ☛☛ 117 deren Schönheit ihm aufgefallen war, ins Ge⸗ dächtniß zurückzurufen; er hatte in der That einige ſehr reizende bemerkt, allein keine einzige hatte ihn an die Geliebte gemahnt, keine Ge⸗ ſtalt eine nur entfernte Aehnlichkeit mit der ihrigen gehabt; und müßte er ſie denn nicht beim erſten Anblick errathen haben? Ein lebhaftes Gefühl der Freude durch⸗ drang ihn, ſich noch immer geliebt zu wiſſen; ſeine nächſte Empfindung war Unzufriedenheit, bald Paris verlaſſen zu müſſen; nun war ihm ja die Gewißheit von der Nähe der Geliebten geworden, und es verdroß ihn, daß er mit ſo viel Thätigkeit ſeine Abreiſe beſchleunigt. Der neu erregte Sturm aller ſeiner Em⸗ pfindungen ſtand ſo unverkennbar in allen ſei⸗ nen Zügen gemalt, daß Theobald, der eben in dieſem Augenblick hereintrat, ihn erſchrocken an⸗ ſtarrte; und da er das Schreiben noch in ſei⸗ nen Händen erblickte, fragte er ihn nur, ob er eine unangenehme Nachricht bekommen? Nie iſt das Herz eines Liebenden mehr ☛ 118 zum Vertrauen geneigt, als in dem Augenblick, wo eine lange, bange, faſt hoffnungsloſe Er⸗ wartung der ſüß befriedigenden Ueberzeugung gewichen iſt; es war Guſtaven jetzt ein Bedürfniß geworden, dem Freunde ſeine ganze Seele zu eröffnen, und er entdeckte ihm nun lebhaft je⸗ des Begegniß ſeines Lebens, das er ihm früher ſchüchtern vorenthalten. Nichts, weder in Guſtavs Briefe, noch in ſeinem Benehmen, hatte dem Freunde auf eine ähnliche Mittheilung vorbereiten können. Sein Erſtaunen iſt nicht zu beſchreiben! Ganz uner⸗ wartet ſah Theobald den Jugendfreund durch das abenteuerlichſte Ereigniß den Gefahren bloßge⸗ ſtellt, womit ihm die Gewalt ſeiner glühenden Phantaſie ſeit ſeiner erſten Ingend ſchon bei einer weniger romantiſchen Verſuchung bedroht. Aber noch weit andere Vorſtellungen be⸗ ſtürmten ihn während Guſtavs Bericht. Ein Strahl von Hoffnung ſank in den finſtern Ab⸗ grund ſeines Buſens; ein freudiges Zittern durchfuhr ihn bei dem Gedanken, daß eine viel⸗ —᷑—ꝭ—O—O—BUB˖———— ☛ 119 ☛ leicht unüberſteigliche Schranke zwiſchen Noali und Guſtav ſich wohl auf dieſe Weiſe bilden möchte; doch die Pflichten zugleich bedenkend, von deren überſtandnen Wunden ſein: Herz nicht aufs neue bluten durfte, ſuchte er die nur zu leicht erregten Wogen ſeinen Jinnen u. be⸗ ſänftigen. 2 Mit Kraft und Ruhe ſuchte er alle Gründe der Vernunft auf, um Guſtavs unſinnige hoff⸗ nungsloſe Leidenſchaft zu bekämpfen; beſchwur ihn im Namen der Freundſchaft, eine Frau zu vergeſſen, die er nicht kannte, und ihm mit einer Liebe verfolgte, die, ihrem eigenen Ge⸗ ſtändniſſe nach, nie beglückt werden könne. Guſtav leiſtete ſeinen Gründen einen ſo ungeſtümen glühenden Widerſtand, daß es Theo⸗ balden klar wurde, daß er nie in einem geleg⸗ neren Augenblick für ſeine. Liebe Guſtaven die Abſichten des Barons de Lineuil mittheilen könnte. Er würde ohne Bedenken Noali entſagt ha⸗ ben; aber eben dieſe Ueberzeugung band dem gewiſſenhaften Freund die Zunge. Er entſchloß ³☛ 120 ſich, ganz von dieſem Gegenſtande zu ſchweigen, bis Guſtav das treffliche Kind geſehen hätte; „dann erſt,“ ſeufzte Theobald,„wenn ſein Herz, unempfänglich für ihre himmliſchen Reize, ihre ſtillen Tugenden, ſich von ihr abwendet, wenn er ihr ſeine Hand verſagt, dann erſt habe ich meine Pflichten erfüllt, und darf hoffen.“ 1 Es erfreuete indeſſen Guſtav, daß Theo⸗ bald ſich entſchloß, auch in den Dienſt zu tre⸗ ten, und ihm zu der Armee zu begleiten. Letzterer fühlte, daß es ihm Noth thue, ent⸗ fernt von Noali zu leben. . Die Begleitung des Freundes maehke, daß Guſtav mit wenigerem Unwillen der Abreiſe ent⸗ gegen ſah, die nun Theobald aus allen Kräf⸗ ten beſchleunigte, Zwei Tage nachher kam ih⸗ nen der Befehl, ſich zu ihrem Regimente zu verfügen, und nöthigte ſie, ohne weiteren Auf⸗ ſchub das gaſtliche Haus des Barons und Paris zu verlaſſen. — ☛ 121 ☚ Zwanzigſtes Capitel. Faſt jeder Tag in dieſer merkwürdigen Zeit, welche den künftigen Geſchlechtern fabelhaft er⸗ ſcheinen wird, war durch einen Sieg bezeich⸗ net. Guſtav und Theobald bewährten in der Mitte der Schlachten dieſelbe Tapferkeit, die⸗ ſelbe Sorgloſigkeit für ihr Leben, die den fran⸗ zͤſiſchen Kriegern jener Tage eigen waren; beide, freilich aus verſchiedenen Gründen, ſtell⸗ „ten ſich kühn jeder Gefahr bloß; allein beide empfanden gleiche Unruhe und Furcht wegen des Freundes, über den jeder von ihnen forg⸗ fältig wachte. Beide waren zu Oberlieutenants auf dem Schlachtfelde ernannt worden. Alles wurde zu einem großen Treffen vorbereitet, das den Frie⸗ den geben ſollte; der Erfolg krönte auch dies⸗ mal die ſieggewohnten Krieger; aber Guſtav war verwundet worden, und ſchwankte in die Arme ſeines Freundes zurück, der ſich glückli⸗ ☛ 122 cher Weiſe an ſeiner Seite befand, in dem Au⸗ genblick, als der Sieg entſchieden war.— Theobald war unermüdlich für ihn beſorgt. Allein die Wunde war am Kopf, und der Chir⸗ urg verhehlte die Gefahr nicht, woͤrin der Ver⸗ wundete ſich befand. Zwar wurde Guſtav ins Leben zurückgerufen, aber er blieb ohne Beſin⸗ nung. Die Zeit veränderte ſeinen Zuſtand nicht. Von allen Seiten wurden die tüchtigſten Aerzte hergeholt. Alle zibe nur wenig Loffaung, ihn zu retten. Der Baron de Saint⸗Clement, durch Theobald von der Gefahr ihres gemeinſamen Freundes unterrichtet, war hergereiſt, um den Todkranken ſelbſt zu ſehen, und über ihn zu wa⸗ chen. Doch allmählig ſchlich die Zeit der Beſ⸗ ſerung heran; Guſtav kam wieder zur Beſin⸗ nung, eine wohlthätige Kriſis war eingetre⸗ ten; die Gefahr war vorüber. Er las aber auf den bleichen, eingefallenen Wangen Theo⸗ balds Alles, was er um ihn gelitten. Der Arzt hatte nicht nöthig gehabt, ihm von der ☛ 123 Verzweiflung und Ergebenheit des Freundes zu erzählen. Guſtav fühlte, daß er nur durch ſein gerettetes Leben dem Freund danken konnte, und drückte blos ſchweigend ſeine Rechte zwiſchen den noch kraftloſen Händen. Um dem Baron ſeinen Dank auszudrücken, fiel es ihm weniger ſchwer, Worte zu finden. Dieſer aber, im Rauſch der Freude, ſeinen jungen Freund dem Leben wiedergeben zu ſehen, fand in dieſer Reiſe nur eine Quelle zu neuen Ergötzlichkeiten; der Taumel, die Bewegung eines Lagers ſprachen ihn an. Er dachte gar nicht an Rückkehr; er hatte ſeiner Gattin, deren Geſundheit ſehr hinfällig war, geſchrieben, daß der Graf de Noreé bald hergeſtellt werden würde, und daß er für einen Urlaub für ihn ſorgen wollte, damit ſie alle drei, mit ihr in Strasburg, wohin ſie ihn, ſich ſeinen Wünſchen fügend, begleitet hatte, zuſammen treffen konnten. Er beſtimmte, ohne eingeladen worden zu ſeyn, daß er die zwei Freunde nach Schloß Vorville begleiten wollte, und da dieſe Reiſe auch ihrer Geſundheit zu⸗ ☛ 124 ☛☚ träglich ſeyn würde, verlangte er die Genehmi⸗ gung ſeiner Gattin, dort einige Zeit hinzu⸗ bringen. Guſtav, obgleich nur wenig mit dieſer Ein⸗ richtung zufrieden, war aus Höflichkeit gezwun⸗ gen, recht froh darüber zu ſcheinen: allein er hoffte in der Stille, daß die ſtrengſittliche Cä⸗ cilie, des ausdrücklichen Willens ihres Gatten ungeachtet, es nicht ſchicklich finden würde, das Schloß eines jungen, unverheiratheten Mannes zu bewohnen; und er war, weil er wünſchte, daß es ſo kommen möchte, beinahe dieſes Er⸗ folges gewiß.. Obgleich der Baron nur ſehr ſelten Guſtav verließ, hatte dieſer doch Gelegenheit gefunden, ſich zu erkundigen, ob kein Brief, keine Bot⸗ ſchaft an ihn gekommen wäre. Es war nichts gekommen, und dieſe Nachricht ſchien ihn be⸗ troffen und niederſchlagen zu machen. Eine große Anzahl Perſonen hatten täglich nach ſeinem Befinden gefragt; ſeine Soldaten, von denen er ſehr geliebt war, erkundigten ſich ſtünd⸗ * — ⁴☛ 125 lich nach ſeiner Beſſerung; aber nicht das kleinſte Zeichen von der Unbekannten; was kümmerte ihn die Anhänglichkeit der ganzen Welt, wenn er von ihr vergeſſen wäre! Eines Abends, als er beſonders in Schwer⸗ muth verſunken ſchien, konnte Theobald nicht umhin, ihn ſtill bei ſich zu tadeln, obgleich die Ideenverbindung ihn ſelbſt bald von dem Bilde der Unbekannten auf das der Noali führte. Er erſchrak, als er inne wurde, daß auch er auf dies Räthſel hoffte, und bald theilte er das ſchwermüthige Schweigen ſeines Freundes. Herr de Saint⸗Clement, der lange vergeblich das Geſpräch zu beleben geſucht, hatte verſtimmt ein Zeitungsblatt ergriffen, worin er, wie zum Trotze, ſehr emſig las. Kein Wort unterbrach die Stille; da öffnete ein Diener die Thür und meldete eine Ordonnanz von dem Ge⸗ neral. aut Ein junger Saldatt trat Berein ſchweigend überreichte er Guſtaven ein Schreiben und blieb, die Augen auf ihn geheftet, vor dem ☛ 126£ Bette ſtehen, als erwartete er eine Antwott. Der Graf, noch zu ſchwach, um leſen zu kön⸗ nen, erſuchte Theobalden, ihn mit dem Inhalt des Umſchlags bekannt zu machen. Es war ein Capitains⸗Patent, in den ehrenvollſten Aus⸗ drücken abgefaßt, ſammt ſeiner Ernennung zum Mitglied des Ehrenlegion. Der General, ſich erfreuend, ihm dieſe Nachrichten mittheilen zu können, ernannte ihn zugleich zu ſeinem Adju⸗ tanten, und ertheiltes anae Urlaub auf zmei Monate. 1ßs Guſtav, tief gerübrt durch dies ſchmeichelnde Zeugniß ſeiner Tapferkeit, ſagte dem jungen Soldaten,„daß der erſte Gebrauch den er von ſei⸗ nen rückkehrenden Kräften machen würde, der ſeyn ſollte, dem General perſönlich zu danken,“ indem er ihm zugleich ein Goldſtück überreichte. Der Jüngling trat aber mit edlem Stolz zurück, wodurch er die Aufmerkſamkeit des Grafen auf ſich zog, der deſſen ungeachtet gü⸗ tig in ihn drang, es zu nehmen. Der Soldat nä⸗. herte ſich ihm, als wollte er nachgeben, ergriff 9 ☛ 127 aber ſeine Hand, drückte ſie mit einer Bedeu⸗ tung, die Guſtaven durchbebte, legte ſie raſch an ſein Herz, und verließ ſchnell das Zimmer. Theobald beglückwünſchte den Freund; allein da er keine Antwort erhielt, eilte er unruhig zu ihm hin. Guſtav war ohne Beſinnung; ſchnelle Hülfe brachte ihn bald wieder zu ſich. Sein erſtes Wort war:„Wo iſt ſie?““ „Schon verſchwunden!“ fuhr er lebhaft fort, nachdem er den Blick unruhig zu allen Seiten geworfen.„Ach! ſoll ich denn nur im⸗ mer einen Blitz vom Glück erblicken, um wieder in den dunklen Abgrund der Sehnſucht noch tiefer verſenkt zu werden!“ Der Baron glaubte, daß Guſtav aufs neue irre redete; allein Theobald, von dem Ge⸗ heimniß ſeines Freundes unterrichtet, dhucte beinahe die Wahrheit. 2 49 „Eile, lieber Theobald!“ ſüſterte ihm der⸗ Graf ins Ohr.„Suche den jungen Soldaten aufzufinden; kannſt Du ihn zu mir herbringen, 4 Aln: 121 ☛ 128 QG werde ich Dir vielleicht das Glück meines Le⸗ bens zu verdanken haben.“ us an Theobald eilte, den Wunſch des Freundes zu erfüllen; allein Niemand wollte den jungen Mann, den er ſuchte, geſehen haben; er ging zu dem General, um ſich nach dem Soldaten zu erkundigen, dem er das Schreiben zur Beſor⸗ gung übergeben; dieſer kam, aber es war nicht der, der den Brief gebracht; obgleich Theobald jenen nur flüchtig geſehen, konnte er doch nicht einen ſchlanken Jüngling mit einem ſchon be⸗ jahrten dicken Manne verwechſeln. Er fragte ihn nun ſehr eindringlich aus, und entdeckte, daß er zwar den Befehl bekommen, das Patent an den Grafen de Norcé zu bringen, aber das er zufälliger Weiſe mit einem Soldaten von ei⸗ ner ſo eben zu einer andern Beſtimmung ab⸗ gegangenen Compagnie zuſammen getroffen; daß der wackere Kriegsgefährte ihn eingeladen, einen Krug Wein mit ihm zu leeren; daß dem erſten ein zweiter gefolgt, und dieſem noch ein drit⸗ ter; und da er ſich in dieſem Zuſtand nicht ge⸗ traut, * ☛ꝑ 129 traut vor dem Capitain zu erſcheinen, hatte er das Anerbieten ſeines Cameraden, das Packet zu übergeben, angenommen. Dieſer wäre auch einige Minuten hernach zurückgekommen, um ihm zu ſagen, daß Alles ſchon beſtellt und keine Antwort vonnöthen wäre; Theobald fragte nach dem Namen dieſes dienſtfertigen Gefähr⸗ ten, und erfuhr, daß er Duval heiße und un⸗ ter den Lanciers diene. Mit dieſen Anzeigen verſehen, begab er ſich zum Lager der Lanciers. Die Diviſion bei der Duval ſtand, war ſchon vor mehreren Stunden abmarſchirt. Theobald berichtete Gu⸗ ſtaven den ſchlechten Erfolg ſeines Auftrags. Beide verloren ſich in Muthmaßungen. „Sie war es,“ wiederholte Guſtav'’, bei jedem Einwurf, den der Freund ihm machte. „Sie war es!“ Wie es möglich iſt, weiß ich zwar nicht; aber wer anders als ſie hätte dies Beben in meinem Herzen hervorbringen kön⸗ nen! Die nur ſchwache Helle des Zimmers ge⸗ ſtattete nur nicht, ihre Züge zu unterſcheiden; Lebewohl. II. Thl. 9 130 ☛ nur die Weiße ihrer Hände, da ſie zu mir hintrat, ergriff mich ſonderbar. Uebrigens mag die ganze Welt mir ſagen, daß ich geirrt, ich bin dennoch überzeugt, daß ſie es war.“ „„Wir müſſen denn annehmen,“ lächelte Theobald,„daß Deine geheimnißvolle Unbe⸗ kannte unter dem Namen Duval in der Armee dient; ich geſtehe Dir, mein Freund, daß Deine Heldin mir ein Bischen verrückt vorkommt, um nicht etwas Schlimmeres zu ſagen.“. 2 „Jeder Andere als Du, Theobald!“ verſetzte Guſtav,„würde mich durch ſolch ei⸗ ne Aeußerung beleidigen; doch ich weiß, daß Du, nur um mich zu heilen, eine Empfindung, die auch Dich ſchmerzlich berührt, lächerlich zu machen ſuchſt. Hüte Dich aber, mein Freund! dieſe Wunde iſt ſo tief, daß ſie auf immer meine Ruhe zerſtört hat.“ Allein Theobald warf ſich eben im Stil⸗ len vor, daß jene Empfindung ihn nicht ſchmerz⸗ lich genug berührte, und ernſtlich bemüht, dieſe 7. — ☛ 131 leiſe Eigenſucht zu bekämpfen, ſprach er alle ſeine Vernunftgründe mit einer ſo erkünſtelten Ruhe und Strenge aus, daß ſie ſchon darum eine wohlthuende Wirkung verfehlen mußten. Guſtav geſtand zwar, daß das unbegreifliche Benehmen der Unbekannten jedem fremden Auge verdächtig und unſchicklich erſcheinen müſſe, allein warum hatte er auch irgend Jemand ver⸗ rathen, was die Gewalt einer innigen Liebe, was die feſte Ueberzeugung, das reine Ver⸗ trauen, das unter ihnen beſtand, ſchon in ſei⸗ ner Seele geheiligt hatte. Er ſelbſt konnte am allerwenigſten erkennen, wie ſehr ſeine Nei⸗ gung für das Abenteuerliche, und ſeine auf das Höchſte geſteigerte Neugierde die glühende Empfindung, die ihn beſeelte, entflammte. Einige ſehr heftige, obleich nur kurze Fie⸗ beranfälle, waren die Folge ſeiner heftigen Ge⸗ müthsbewegung; allein ſtatt daß ſie verderblich auf ſeine Geſundheit wirkten, erholte er ſich vielmehr von dieſem Augenblick Tag vor Tag. Recht bald konnte man die Abreiſe beſtimmen. Mit geheimem 9* — ☛ 132 ☛☚ Entzücken und ſelbſtbewußter Aengſtlichkeit ſah Theobald dem Augenblick entgegen, da er das holde Weſen wiederſehen ſollte, das er ſich vor⸗ genommen, zu entfliehen. Guſtav dagegen, feſt im Inneren überzeugt, bald etwas von ſeiner Unbekannten zu hören, dachte mit leichterem Herzen der Freude, womit er die Wiege ſeiner Kindheit, mit Rührung des Augenblicks, da er das Grab ſeiner Mutter wiederſehen würde, ſeine beflügelte Phantaſie verſetzte ihn ſchon in die Ruinen des alten Kloſters. Er fühlte ſich ſchon von der berauſchenden Wonne, die er dort genoſſen, durchdrungen, und ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, ihrer noch einmal zu ge⸗ nießen, da er ſchon erfahren, daß ſeine geheim⸗ nißvolle Geliebte jedem Orte, wo er ſich auf⸗ hielt, ſich zu nähern wußte. Einundzwanzigſtes Capitel. Als Guſtav den folgenden Morgen erwachte, wurde ihm folgender Brief gebracht. ☛̈ o 133 „Ihre Abreiſe hatte mich noch unglückli⸗ „cher gemacht. Meine Leiden wurden durch „die Furcht um Ihr Leben vermehrt; allein Sie „folgten dem Ruf der Ehre und der Pflicht; ich „litt und haderte nicht. Bald durchdrang das „Gerücht von Ihrem Erfolg und Ihrem Ruhm „mein bebendes Herz. Ich dankte dem Himmel, „der mir ſo den Verluſt Ihrer Gegenwart er⸗ „ſetzte. Aber wie flüchtig iſt das Gefühl des „Glücks! Kann ich die Verzweiflung malen, „die ſich meiner bemächtigte, als ich die Gefahr „erfuhr, worin Dein Leben, o! Du mein ge⸗ „liebter Freund! ſchwebte. Du, meine Liebe „und mein Leben, ſollteſt ſterben, und ich war „fern von Dir. Muth und Entſagung, die „mich bis hieher aufrecht gehalten, waren von „der Stunde aus meiner Bruſt verſchwunden. „Guſtav zu ſehen, ihn noch einmal zu ſehen, „wurde das einzige Streben meines Herzens. „Guſtav! wäreſt Du dem Grabe verfallen ge⸗ „weſen, Deine Geliebte wäre Dir in demſel⸗ „ben Augenblick gefolgt.“ 4 ☛ꝙ 134 „Ich habe Dich geſehen! Dein Anblick „hat mir Erinnexungen gegeben, die Troſt über „die Abweſenheit, Muth für die Zukunft mir „eingeflößt. Ich habe Deine Blicke mit der „Unruhe der Liebe auf mich haften ſehen; ich „habe Deine Hand in der meinigen beben ge⸗ „fühlt, Dein Zittern hat mir bewieſen, daß „Du mich erkannt. Ja! ich war es, es war „diejenige, die Dich anbetet, die nichts von „Dir trennen kann!“ „Lebewohl! unternimm nichts, um mich „zu entdecken; es würde doch Alles vergeblich „ſeyn! Vielleicht würdeſt Du dich weiter ſu⸗ „chen, um mich aufzufinden, während ich Dir „ganz nahe bin. Es macht mir Freude, Dich „mit meiner Liebe zu umgeben, allein ich muß „unſichtbar bleiben.“ Dies Schreiben, das Guſtav mit warmen Küſſen bedeckte, ſetzte ihn aufs neue in das größte Erſtaunen, und flößte ihm tauſend ver⸗ ſchiedene Empfindungen ein; aber keine, nichts gab ihm Licht. Alle Unterſuchungen Theobalds —— — ☛ꝙ 135 waren auch ohne Erfolg geblieben; die Unbe⸗ kannte hatte gar keine Spur hinterlaſſen. Theobald, der den Einfluß dieſer geheim⸗ nißvollen Begegniſſe auf Guſtavs Phantaſie nur zu gut bemerkte, und mit Recht die trau⸗ rigen Folgen für ſeine Ruhe befürchtete, ſuchte jenen unaufhörlich zu ſchwächen, und ihn zu zer⸗ ſtreuen; aber je ſichtbarer die Abſicht war, deſto mehr verfehlte ſie ihre Wirkung.— Guſtavs Wunde war indeſſen beinahe ge⸗ heilt; die Luft der Heimath war zu ſeiner völligen Herſtellung nothwendig; die kleinen Zu⸗ rüſtungen zu ſeiner Abreiſe nach Vorville längſt beſorgt. Nachdem er ſich von ſeinem General beurlaubt hatte, begab er ſich mit Theobald und dem Baron de Saint-Clement auf den Weg. Sie ruheten in Straßburg, wo die Ba⸗ ronin zurückgeblieben war, aus. Sie fanden ſie ſehr leidend: ibre noch mehr als gewöhnlich auffallende Bläſſe ergriff Guſtav. Ihr Gatte, unruhig über den Zuſtand ihrer Geſundheit, drang lebhaft in ſie, nach Vorville zu gehen, 2 in der Hoffnung, daß die Seeluft ihr zuträglich ſeyn würde. Guſtav vereinte ſeine Bitten mit denen des Barons, und da ſie gar nicht geneigt ſchien, den Wünſchen der Freunde nachzugeben, machte der Baron ſeinen Willen als Ehanamn geltend; dann gehorchte ſie. Die Reiſe ging recht angenehm, Dank der guten Laune des Barons, und obgleich der Ernſt der ſchweigſamen Cäcilie mit der überlauten Hei⸗ terkeit ihres Gatten ſonderbar abſtach; ge⸗ wohnt, ſie immer ſtill und ernſthaft zu ſehn, ſchien Niemand es nur zu bemerken, blos Theo⸗ bald, dem die Sonderbarkeit ihres Charakters noch neu war, ſah ſie oft aufmerkſam an, als ſuchte er zu errathen, was in ihrem Inneren vorging. Mit einer lebhaften Freude wurde Guſtav in ſeiner Heimath empfangen; das Jauchzen war um ſo lärmender, als die Gefahr, in der ſein Leben geſchwebt, dort nicht unbekannt ge⸗ blieben war, und noch immer Gebete für ſeine Herſtellung angeſtellt wurden; der gerührte Gu⸗ ☛ 137 ſtav dachte an ſeine Mutter. Wie würde ihre Gegenwart dieſen frohen Tag beglückt haben. Welche Wonne, hätte er ſeine Lorbeeren zu ih⸗ ren Füßen niederlegen können! Theobald las in Guſtavs Augen die Ge⸗ fühle, die ſein Gemüth beſtürmten; ähnliche regten ſich in ſeinem dankbaren Herzen; nie war der Freund ihm theurer, als eben in die⸗ ſen Augenblicke geweſen; er drückte ſeine Hand faſt krampfhaft, und als meinte er, ihn da⸗ durch ſeinen ſchmerzlichen Erinnerungen entrei⸗ ßen zu können, ſprach er von Madame de Serval, die er hieher zu führen gedachte, weil der Graf ſich noch nicht genug erholt hatte, um erſt und bald ſeine Verwandten beſuchen zu können. Dieſer Vorſchlag gefiel dem Freunde, und Theobald begab ſich noch denſelben Morgen nach Lineuil. Aea ns Aber je näher er dem Schloſſe kam, deſto unruhiger, deſto ſtürmiſcher klopfte ſein Herz. Er ſollte Noali ſehen; er entbrannte in heißer ☛̈ 138 Sehnſucht nach ihr, und er zitterte doch faſt noch mehr vor ihrem Anblick. Es näherte ſich der Augenblick, wo er nicht allein das größte Opfer bringen ſollte, ſondern woder ſelbſt ſie mit der liebenswürdigen Perſönlichkeit ſeines unwilligen Nebenbuhlers bekannt machen, ihr zumuthen, ihn zu ſchätzen und zu lieben, und ſelbſt ſeine letzten Hoffnungen zerſtören mußte. Mit gebrochnem Herzen ſtand er endlich vor ihr. Seine Gemüthsbewegung war ſo groß, daß er kaum einige unverſtändliche Worte hers vorſtammeln konnte. Noali dagegen ſchrie laut vor Freude auf; aber ſtatt, wie ſonſt, an ſeine Bruſt zu fliegen, reichte ſie ihm erröthend die Hand. Theobald ſtand in ſchweigendem Entzücken verloren. Noch nie war ſie ihm ſo ſchön erſchienen; ein An⸗ flug von ſittlicher Verſchämtheit, die ſie noch hinreißender machte, hatte die kindliche Heiter⸗ keit, die liebkoſende Unbefangenheit abgelöſt, die, wie ſehr ſie auch Theobald entzückt, ihn doch eben ſo oft auf die Folter geſpannt hatten. ☛ꝑ 139 ☚ Das ſüße Lächeln, das über ihre Lippen flog, als Theobalds Blicke den ihrigen begegneten, war das einzige Zeugniß ihrer herzlichen Nei⸗ gung, das ſie ihm jetzt zu geben ſich getraute. Dieſe jungfräuliche Veränderung ihres We⸗ ſens erſchütterte den Jüngling; ſein Herz ver⸗ ſchmolz in Liebe und Sehnſucht, dennoch ge⸗ lang es ihm, ſeine Gefühle zu verbergen. Aber dieſer erkünſtelte Zuſtand gab ihm einen An⸗ ſtrich von Kälte, die Noali verletzte und ſie, die noch in allen ihren früheren Erinnerungen lebte, aus welchen ſeine warme Neigung, ſeine herzliche Freundlichkeit ihr immer wohlthuend entgegen traten, jetzt, da er ihr noch kälter, als vor ſeiner Abreiſe vorkam, auf den Gedan⸗ ken brachte, daß ſie aufgehört habe, ihm lieb und theuer zu ſeyn. Dieſer Wahn betrübte ſie lebhaft. Frü⸗ her würde ſie ſich in ſeine Arme geſtürzt, ihn mit Fragen und herzlichen Vorwürfen beſtürmt haben; jetzt dagegen, ihre traurige Beſtürzung mäßigend, hielt ſie an ſich, bis ſie allein mit der Mutter, ſich in ihre Arme werfen, und über den Empfang des alten Freundes bitterlich beklagen konnte. Madame Serval, die den Grund dieſer anſcheinenden Kälte errathen, ſchätzte in ihrem Herzen die Selbſtverläugnung des Jünglings, die ihr ihn noch theurer machte. Sie ſtrebte, die Tochter darüber zu beruhigen; aber⸗ war es Mitleid mit Theobald, eine leiſe Hoffnung, ihn noch Sohn nennen zu dürfen, Furcht, den ent⸗ ſcheidenden Augenblick herbeizuführen, oder, wie ſie vorgab, die Unſchicklichkeit, Noali bei einer erſten Begrüßung, die nicht in ihrem Hauſe Statt fände, erſcheinen zu laſſen, ſie wollte nicht geſtatten, daß die Tochter ſie bei dieſem Be⸗ ſuche begleitete. Guſtav nahm ſeine Verwandte mit ſo liebenswürdiger Herzlichkeit auf, daß ſie bald die innigſte Zuneigung zu ihm empfand. Auch Guſtav fühlte ſich an ſie gezogen; er konnte nicht müde werden, Madame de Serval ſprechen zu hören; er fand in ihrer Sprache, in ihrem ⁴☛ 141 ganzen Weſen etwas, das ihn an ſeine Mut⸗ ter erinnerte, und ihm ein Gefühl von Zufrie⸗ denheit einflößte, die, ein fremder Gaſt, ſeit lan⸗ ge in ſeinem Herzen war. Die gute Laune des Barons gab dieſem Tag, der eben ſo wohl⸗ behaglich, zu Ende ging, als er angefangen war, eine zerſtreuende Heiterkeit. Guſtav be⸗ zeugte ſeiner Verwandten, wie ſehr ſie die Sehn⸗ ſucht, ſeine junge Couſine kennen zu lernen, in ihm erregt hatte, und daß das Verbot der Aerzte ihm nicht hindern ſollte⸗ dieſen Augenblick her⸗ bei zu führen. Madame de Serval war ſo entzückt über Guſtavs Liebenswürdigkeit, ſeine zarte Aufmerk⸗ ſamkeit, ſeine warme Erfurcht für das Anden⸗ ken ſeiner Mutter, daß ſie alle Bedenklichkeiten, ſelbſt des älteren Freundes vergaß, und damit er nicht die Vorſchriften, die ihm noch Ruhe geboten, überſchreite, verſprach ſie ihm, ſelbſt Noali herzubringen. Auf dem Ruͤckwege erregten Liebe und Freund⸗ ſchaft einen ſonderbaren Streit, in Theobalds — —— Bruſt, in welche dieſe, wer von jenen auch zu ſiegen ſchien, doch, wie immer das Schlacht⸗ feld kriegführender Mächte, zerriſſen und ver⸗ wüſtet wurde; denn Maͤdame de Serval ſprach mit einem Entzücken von Guſtav, das den Freund erhob, und dem Liebenden immer mehr ſeine leiſen Hoffnungen entriß⸗„Noali muß ihn ja auch liebenswürdig finden!“ ſeufzte er in ſich;„ſie muß ihn lieben! und wie iſt es dann möglich, daß Guſtav, wenn er ſie erblickt, einem niegeſehenen Weſen treu bleiben kann!“ Er hörte anſcheinend ruhig die lächelnden Plane, welche die Mutter für ihre Tochter bildete. Sie erſuchte Theobald, noch nicht dem Freunde den letzten Willen des Barons de Lineuil mitzutheilen; keine äußern Umſtänd« ſoll⸗ ten dem Grafen Zuneigung zu Noali einflößen; auch wollte ſie zuerſt den Charakter des Vetters aufmerkſam ergründen, ſich erſt überzeugen, in wie fern er das Glück der Tochter ſicher ſtel⸗ len würde. Theobald verſprach mit geheimer Beruhi⸗ ☛ 143 gung zu ſchweigen. Er dankte dem Himmel für jeden Umſtand, der den entſcheidenden Au⸗ genblick entfernen konnte; denn er empfand, daß erſt der Tag, der ihm die ſchreckliche Gewißheit gab, daß ſich Guſtav und Noali liebten, ſeine Hoffnung auf Glück ganz vernichten würde. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Di völlige Erholung Guſtavs ſchritt nur ſehr langſam vorwärts, obgleich die Wunde, wie wir gehört haben, ſchon längſt geheilt war. Die immer dauernde Gemüthsbewegung, in der er lebte, verhinderte ſeine völlige Herſtellung, und die einzigen Spaziergänge, die er unter⸗ nahm, beſchränkten ſich nur auf den Felſen. Antoine hatte ihm eine gewiſſenhafte Re⸗ chenſchaft von der Erfüllung ſeiner Obliegenhei⸗ ten abgelegt; er hatte während der Abweſenheit ſeines Herrn alle Tage das Grab beſucht, aber ☛ 144 nie etwas Schriftliches dort gefunden. Guſtav hatte auch mit Emil geſprochen; die traurige Mie⸗ ne des Knaben hatte ihm, noch ehe er fragte, geſagt, daß jener ſeine gütige Lehrerin ſeitdem nicht geſehen. Theobalds ſtrenge mißbilligende Bemerkungen über die Erſcheinung der Unbe⸗ kannten während ſeiner Krankheit, die nur ſeine innere Heilung bezweckt, hatten ihn deſſen un⸗ geachtet tief verletzt, und entfernten ihn noch unwillkührlich von dem Freunde, der ihm doch ſo theuer war.— 1 Auch bedachte er, daß die Zeit näher rückte, da er ſich entſchließen mußte, entweder zu hei⸗ rathen, oder auf den größeren Theil ſeines Ver⸗ mögens Verzicht zu leiſten. Er erſchrak vor dieſem Gedanken. Vor der Ehe bebte er zwar nicht zurück. Mit Entzücken würde er ſie ge⸗ wählt haben, wäre es ihm vergönnt geweſen, ſie mit der Geliebten zu knüpfen; aber unglück⸗ licher Weiſe verſank dieſe Hoffnung Tag vor Tag immer mehr, und das Benehmen der Un⸗ bekannten erſchien ihm unerklärlicher, als je. Ei⸗ —— — — ☛ 145 Eiſerne Ketten binden ſie, hatte ſie geſagt, und ſie folgte ihm überall. Sie verbot ihm alle Verſuche, um ſie kennen zu lernen, und bemühete ſich immer, ihm zu na⸗ hen. Ihr geheimnißvolles Daſeyn ſchien mit völliger Freiheit verbunden zu ſeyn; welche Ge⸗ walt zwang ſie denn, ſich mit einem undurch⸗ dringlichen Schleier zu bedecken? Dieſe Vorſtellungen hielten Guſtav unauf⸗ hörlich in einer traurigen Verworrenheit befan⸗ gen. Vergebens rief er ſelbſt die Vernunft zu ſeiner Hülfe; vergebens ſuchte er das phanta⸗ ſtiſche Bild, das zwar aufs neue völlig ver⸗ ſchwunden ſchien, obgleich es noch ſeinen Geiſt verwirrte und ſeine Ruhe ſtörte, aus ſeinem Herzen zu verbannen. Die Liebe, die ihm dieſe ſonderbare Frau eingeflößt, überwog ja ſelbſt die Freundſchaft, die ihm mit Theobalden ver⸗ einte. Oft in der Einſamkeit ſprach er laut, mit ſich ſelbſt, und— als konnte ſie ihn hö⸗ ren— beſchwor er ſie, ſich endlich zu erken⸗ Lebewohl. II. Thl. 10 G ☛☚ 146 nen zu geben, und ſeiner peinlichen Ungewiß⸗ heit ein Ende zu machen. Das mächtige Gefühl, wodurch die Unbe⸗ kannte der Furchtſamkeit und der Sitte ihres Geſchlechts Trotz geboten, um den verwunde⸗ ten Geliebten zu ſehen, ſchien ihn noch feſter an ſie gebunden zu haben; der Gedanke, mit ſolcher innigen Ergebung geliebt zu ſeyn, ver⸗ mehrte noch die Ueberſpannung ſeiner Seele, und ließ ihn mit noch größerem Eifer ſein Ge⸗ lübde, ſie ewig zu lieben, wiederholen, als er kurz vorher mit Ungeduld zewinich hatte, ſie vergeſſen zu können. Als er unter ſolchen widerſtreitenden Ge⸗ fühlen ſich eines Abends dem geliebten Felſen nahete, erblickte er endlich wieder einen Brief. Der unerwartete Anblick deſſelben ſetzte ihn in eine ſo heftige Bewegung, daß er in der Zeit von einigen Minuten kaum die Worte des Schreibens unterſcheiden konnte, das eilig und mit zitternder Hand hingeworfen zu ſeyn ſchien. Der Inhalt war folgender. —— ☛œ 147 ☛☚ „O! Du, mein Geliebter! Du, an den „ich meine ganze Glückſeligkeit, alle die Hoff⸗ . „nungen meines Weſens geſetzt habe— wenn „es mir vergönnt iſt, noch welche zu faſſen, „ſo laß mich die tödtende Angſt, die in meiner „Seele wogt, und vor der mein Herz vergeht, „Dir anvertrauen. Sie werden die junge Noali „kennen lernen, vor deren glänzender Erſchei⸗ „nung ich erſchrecke. Ich habe ſie geſehen, und „von dieſer verhängnißvollen Stunde zerreißt „ein Gefühl, das ich vorher nie gekannt, mein „Herz. Wenn es möglich wäre, daß dieſe „Fremde mein Unglück auf das Höchſte treiben „ſolle? daß Sie Ihre Schwüre, meine Liebe „ vergeſſend, mich aufopfern können? daß dies „reizende Weſen mit einem Blicke das Anden⸗ „ken an mich aus Ihrem Buſen zu verbannen „vermöchte? Ich ſchaudere, Guſtav! um des „Himmels Willen, gib mir meine Ruhe wie⸗ „der. Ihr Bild, Noali's Bild verfolgt, und „ängſtigt mich überall. Doch Nein! Nein! Du „kannſt, Du wirſt nicht meineidig ſeyn. Wenn 10* · „dieſe ſchreckliche Furcht ſich dereinſt verwirkli⸗ „chen ſollte? wiſſe denn, daß ich zu ſter⸗ „ben weiß, und daß mein beleidigter „Schatten ſich zwiſchen Dich und mei⸗ „ne Nebenbuhlerin ſtellen werde.“ Dies Blatt verminderte Guſtavs innere Ungeduld nicht. Jetzt überzeugt, daß die, wel⸗ che er liebte, ſich gegenwärtig in ſeiner Nähe aufhielt, ſchmeichelte er ſich aufs neue mit der Hoffnung, ſie zu bewegen, ſich zu erkennen zu geben; und entſchloß ſich, ſich auf jede Weiſe zu bemühen, in ihr Geheimniß einzudringen. Es war ihm ja auch ein dringendes Bedürfniß, ſie über ihre vorgebliche Furcht zu beruhigen. Er eilte indeſſen ſchnell zurück, um das Schrei⸗ ben zu beantworten. Bei ſeinem Eintritt ins Schloß erfuhr er, daß Madame de Serval, die, ihrem Verſprechen getreu, die Tochter mit ge⸗ bracht hätte, ſo eben angekommen war. Theo⸗ bald ſelbſt, meldete ihm Noali's Anweſenheit. Dem Grafen, noch bewegt und voraus einge⸗ nommen durch den Brief der Unbekannten, konnte ⁴☛̈ᷓ 149 dieſer Beſuch nie ungelegner kommen; dennoch trat er unbedenklich in den Salon. Tief getroffen von der ſeltenen Schönheit des jungen Mädchens ſtarrte er ſie beſtürzt an, während die immer ſchwellende Gluth ſei⸗ ner Feuerblicke die Bewunderung verrieth, die er nicht auszuſprechen wagte. Mit peinlichem Herzklopfen bemerkte Theobald die Gemüthsbe⸗ wegung ſeines Freundes; der mütterliche Stolz, bei dem Eindruck, den die ſüße Tochter erregte, befriedigt, verbarg ſich unter feinem Lächeln. Der Baron allein ſprach ſeine frohe Be⸗ geiſterung unverholen aus; er lobte Noali's Haltung, die Regelmäßigkeit ihrer Züge, ihre Jugendfriſche, ihre Anmuth mit ſo lauten Aus⸗ drücken, daß die Verwirrung das holde Kind noch verſchönerte, das, unbekannt mit ſeinen Reizen und ihren ſiegenden Wirkungen, errö⸗ thete bei einem Lobe, das ihr beinahe beleidi⸗ gend vorkam. Guſtav, der indeſſen Gelegenheit gehabt, ſich zu faſſen, in der Abſicht, die Verwirrung ³☛ꝙ 150 zu zerſtreuen, in welche die Lobreden des Ba⸗ rons Noali verſetzt hatten, eilte, ſie der Baronin vorzuſtellen. Er zweifelte ja nicht, daß ihre Zu⸗ vorkommenheit die Verlegenheit ſeiner jungen Verwandten ermuthigen würde. Allein Madame de Saint⸗Clement ſchien in dieſem Augenblick noch mehr als gewöhnlich in ſich verſchloſſen zu ſeyn. Die kalte Abgemeſſenheit ihrer Worte vermehrte noch die Schüchternheit Noali's, und flößte Guſtaven ein Mißbehagen ein, das er vergebens zu beſeitigen ſuchte; das kurz vorher empfangene Blatt ſchwebte ihm aufs neue vor dem Sinn, die darin geäußerte Unruhe wegen Noali's erſchien gewiſſermaſſen gerechtfertigt. Er konnte nicht umhin, ihrer Schönheit, die ihn beim erſten Anblick ergriffen, Gerechtigkeit wi⸗ derfahren zu laſſen. Faſt mit Reue ruheten ſeine Blicke auf der bezaubernden Geſtalt, de⸗ ren himmliſches Lächeln ihn wider ſeinen Wil⸗ len hinriß.. Theobald war indeſſen auf der Folter; in⸗ dem er ſich bemühte, die ſchmerzliche Ahnung, — ☛ 151 die ſein Herz durchfuhr, zu verbergen, ſtellte er ſich, als richtete er ſeine Aufmerkſamkeit auf ein lebhaftes Geſpräch, das ſich zwiſchen Ma⸗ dame de Serval und dem Baron angeſponnen hatte. Guſtav nahm hernach auch Antheil dar⸗ an, und ſo wie die Unterhaltung allgemein wurde, zerſtreute ſich unmerklich die Verlegen⸗ heit jedes Einzelnen. Sobald die Beſuchenden ſich entfernt hat⸗ ten, eilte Guſtav auf ſein Zimmer, um das Schreiben der Unbekannten zu erwiedern, und trug hernach ſelbſt das Blatt, das die heilig⸗ ſten Betheuerungen ſeiner heißen Liebe enthielt, nach dem Felſen hin. Im Laufe der folgenden Tage lernte Gu⸗ ſtav Madame de Serval ſtets höher ſchätzen. Sie erinnerte ihn unaufhörlich an ſeine Mut⸗ ter, und bald knüpfte innige Freundſchaft ihn an ſie. Aehnlichen Einfluß übte Noali's reiner, unbefangner Sinn, ihre Offenheit, ihre Un⸗ ſchuld an ihm aus; er mußte ſie täglich lieber haben, und ſie wurde ihm eine liebenswürdige, 3 1 ☛ 1. ⁴☛ 152 ☛ theure Schweſter. Ihre ſanfte Heiterkeit be⸗ lebte Alles; ja ſie beſiegte mitunter ſogar das ernſte Schweigen der Baronin; kurz das holde Kind verlieh dem Schloſſe Vorville denſelben Zauber, den es früher über die Erinnerun⸗ gen verbreitet hatte. Noali, in einer völligen Abgeſchloſſenheit erzogen, hatte gar keinen Begriff von den Be⸗ luſtigungen der Welt. Sie äußerte eines Ta⸗ ges das Verlangen, einem Balle beizuwohnen. Guſtav, deſſen Geſundheit nun endlich tagtäg⸗ lich blühender wurde, ergriff mit Eifer eine ſo günſtige Gelegenheit, ſeiner jungen Verwandten gefällig zu ſeyn. Er äußerte ſogleich ſeine Ab⸗ ficht, vor ſeiner Rückkehr nach Paris war ein Feſt in ſeinem Schloſſe zu geben, und erſuchte die Madame de Serval, die Wirthin zu machen. Dieſe Nachricht verbreitete eine allgemeine Freude in dem Schloſſe. Es war ſehr lange her, daß eine lebhafte Heiterkeit in dieſen Wän⸗ den wiedergehallt hatte. Seit dem Tode der Gräfin war kein Eirkel hier verſammelt wor⸗ ⁴☛ꝙ 153 den. Verſchiedene Freunde von Guſtav hatten ſich allmählig bei ihm eingefunden; ihre Gegen⸗ wart vermehrte die Freude, welche die Anzeige von dem Balle verbreitet hatte. „Theobald bemühete ſich, aufgeräumt zu er⸗ ſcheinen; allein der geheime Gram, der ihn auf⸗ rieb, verrieth ſich mitunter wider ſeinen Wil⸗ len, und dann verſank er in ein düſteres Brü⸗ ten, das Guſtav wunderte und Noali beunruhig⸗ te. Es war ſeit einiger Zeit eine innere Be⸗ ziehung zwiſchen den Geſinnungen der Baronin und Theobalds vorhanden, die ſie beiden unmerklich näher brachte; Theobald war auch wirklich faſt der einzige, in deſſen Nähe Cäcilie nicht Miß⸗ behagen zu finden ſchien. Mit ihm allein brach ſie ihr ſonſt immer daurendes Schweigen, und nur er fiel ihr nicht beſchwerlich, wenn er ihre Einſamkeit ſtörte. Indeſſen wurden alle Veranſtaltungen zu dem bevorſtehenden Feſte getroffen. Die Da⸗ men aus der Umgegend wurden eingeladen. Sie erſtaunten Anfangs, aber bald ſtarben ſie ☛ꝙ 154 vor Ungeduld, den ſchönen Bären, der ſie und mit ihnen alle Freuden der Welt, ſo lange und hartnäckig geflohen, in ſeinem Hauſe zu be⸗ ſuchen, während jede die Nächte ſchlaflos ver⸗ brachte, um einen Anzug zu erfinden, der in Ver⸗ ein mit ihren Reizen, die Blicke des liebens⸗ würdigen Einſiedlers an ſie feſſeln mäͤcht Dreiundzwanzigſtes Capitel. Es wurde nur von dem Feſte geſprochen, und an daſſelbe gedacht. Beſonders Noali, der ein ſolches Schauſpiel etwas ganz Neues war, ſchien mit ihrer Ungeduld den Anbruch des be⸗ ſtimmten Tages beſchleunigen zu wollen. Sie hielt. ein wachſames Auge auf alle Zubereitun⸗ gen, Fe ermunterte die Arbeiter, die, ihrer Le⸗ bendigkeit ſich erfreuend, mit Wohlwollen ihre Zurechtweiſungen anhörten. Der Baron fand Gefallen an ihrer unbefangenen Freude; und —— I ⁴☛ 155 Guſtav, der über ihren natürlichen Geſchmack erſtaunte, konnte nicht oft genug wiederholen, daß Alle ſich nach ihren Wünſchen zu richten 8. hätten. Auf allen Lippen ſchwebte ein Lächeln. Die Baronin allein nahm keinen Antheil an der allgemeinen Freude, und ſchien ihrer Ge⸗ wohnheit nach, nur aus Höflichkeit, Alles an⸗ zuſehen und anzuhören. Am Vorabend des Feſtes, waren Alle in dem Ballſaal verſammelt, um die Verzierun⸗ gen zu beſehen, die alle ſehr geſchmackvoll waren. Noali, die die meiſten derſelben angegeben hatte, erntete von allen Seiten Lobſprüche ein. Cä⸗ eilie allein ſchwieg, wie immer; entfernt von der übrigen Geſellſchaft, ſaß ſie gedankenvoll in ſich gekehrt, auf einem Canapee, und ſchien von dem Allen, was rings um ſie vorging, gar nichts zu wiſſen. Die entzückte Noali, die ſich ſchon im Voraus der Wirkung, welche alle die glänzen⸗ den Veranſtaltungen hervorbringen ſollten, er⸗ freute, entdeckte einen Kronleuchter, der ſo ange⸗ 4† ³☛☚ 156 bracht, wie er war, einigen Verzierungen ein durchaus falſches Licht beibringen würde, und wünſchte ihn auf eine andere Stelle aufge⸗ hängt. Guſtav war zufälliger Weiſe gerade unter dieſem Leuchter ſtehen geblieben, während die anweſenden Bedienten ſich beeilten, ihn her⸗ unter zu nehmen, und vergaßen über die Eile die nöthige Vorſicht. Cäcilie, mit ihrem Blicke gedankenlos auf die Gruppe hingewandt, ſtieß auf einmal ein lautes Geſchrei aus, ſtürzte auf Guſtav los, und drängte ihn mit ſchneller Ge⸗ walt hinweg. In demſelben Augenblick fiel der Kronleuchter krachend herunter, und zer⸗ brach in tauſend Stücken. Niemand wurde verletzt, die arme Baronin ausgenommen, die, getroffen von einem Splitter von Kryſtall, an dem Buſen, mehr aus Schreck, als aus Schmerz ohnmächtig wurde. Die Beſtürzung war all⸗ gemein, der Baron rief nach Hülfe; Alle dräng⸗ ten ſich um ſie; Guſtav war untröſtlich. Cäcilie kam indeſſen bald zur Beſinnung wieder; allein ſie blutete, und ſchien viel Schmerz 157 zu leiden. Sie wurde in ihr Zimmer geführt; Guſtav folgte, und bezeugte ihr mit Innigkeit ſeine Dankbarkeit, und den großen Antheil, welchen er an ihren Leiden nahm. „Meine Wunde iſt höchſt unbedeutend,“ erwiederte ſie mit ſanfter, gerührter Stimme. „Ich bin in keiner großen Gefahr geweſen. Es wird nie in meine Gewalt kommen, die je ver⸗ gelten zu können, deren Sie ſich meinetwegen bloßgeſtellt!“ Guſtav fragte erſtaunt, wie er ſich ihre Worte erklären ſolle? „Wollen Sie mich denn wirklich nie wie⸗ der erkennen?“ entgegnete Sie. Der Graf betrachtete ſie forſchend, und ſuchte vergebens in ſeinem Gedächtniß, er konnte ſich nicht erinnern, jemals die Madame de Saint⸗Clement aus irgend einer Gefahr ge⸗ rettet zu haben 4 Endlich ſagke ſie:„Ich bin Cüäcilie d'Adel⸗ mar, und fühle immer, daß ich Ihnen das Le⸗ ben zu verdanken habe!“ ⁴☛̈ 158 „„Wie 7, rief Guſtav erſtaunt.„„Sie ſind das junge Mädchen, das mir ein glückli⸗ ches Geſchick aus den Flammen zz erretten ließ 2, „Ja!“ verſetzte die Baronin,„ich bin jene ungeſchickte, linkiſche Kleine, die aber immer eine dankbare Seele beſaß.“ Sie hätte noch weit mehr ſagen können, ohne zu befürchten, unterbrochen zu werden. Es war Guſtav in ſeiner tiefen Verwirrung, als ſähe er nun zum erſten Mal die reizende Frau, die er gerührt und mit warmem Erſtaunen betrachtete. Vergebens ſuchte er in ihren Zü⸗ gen den Anſtrich von Kälte, deren Ausdruck ſie gewöhnlich trugen. Ihre ſchönen Augen ſchwam⸗ men in Thränen; das ſüßeſte Lächeln ſchwebte um ihre Lippen; nie war ihm Cärilie ſchöner, nie ſo vorgekommen; und Guſtavs Herz, immer geneigt, der Schönheit zu huldigen, klopfte mit Ungeſtüm. „Sie haben mich verkannt und falſch be⸗ urtheilt,“ verſetzte ſie mit einem Ton, der ſein — ☛ 159 Herz noch ſtärker zum Klopfen brachte.„Ich habe einen Brief von Ihnen an den Baron, geleſen, worin Sie— in dem Sie zu meinem Vortheil höchſt großmüthig auf ein Vermögen Verzicht leiſten, das Ihnen beſtimmt war— deſſen ungeachtet nur wenig Achtung für mei⸗ nen Charakter erblicken laſſen; allein meine frühere Schüchternheit iſt auch noch nicht völ⸗ lig verſchwunden.“ Sie wollte mehr ſagen, der Schmerz aber ſchien ihr die Zunge zu binden, und ſie war nahe daran, aufs neue die Beſinnung zu ver— lieren. 4 In dieſem Augenblick trat der Baron ins Zimmer, von einem Arzte begleitet. Nachdem er die Wunde der Madame de Saint⸗Clement unterſucht hatte, kam er in den Salon zurück, wo Alle verſammelt waren, und verbannte ſchnell die Aengſtlichkeit, die jener Vorfall er⸗ regt. Die Wunde war höchſt unbedeutend und würde in wenigen Tagen ganz geheilt ſeyn. Indeſſen hatte doch die heftige Gemüthsbewe⸗ ☛ 160 gung Cäcilien einen leichten Anfall von Fieber zugezogen; Ruhe that ihr Noth, aber es war durchaus keine Gefahr. Obgleich dieſe Erklä⸗ rung Alle beruhigte, war doch die Heiterkeit für den Reſt des Abends verloren. Noali, die ſich als die Urſache des Statt gefundenen Unfalls anſah, war untröſtlich, wie ſehr auch Madame de Saint⸗Clement mit vieler Güte ſie zu erheitern ſuchte. Madame de Serval war bei der Baronin geblieben, und war auf das freundlichſte um ſie beſorgt. Gu⸗ ſtav, höchſt betroffen durch die letzten Worte Cäciliens, fühlte ſich nur beſchämt, betrübt, er⸗ ſchüttert, unfähig, ſich ſelbſt über Alles, was in ſeinem Innern vorging, Rechenſchaft ablegen zu können. Nach einigen Stunden Ruhe war das Fieber vorüber; die Baronin ließ den Grafen und ſeine Freunde bitten, ſich bei ihr zu ver⸗ ſammeln. Guſtav zeigte an, daß er das Feſt einen Tag weiter verſchieben wollte; dem Ge⸗ danken, ſich mit Vergnügungen zu beſchäftigen, wäh⸗ 6. 1 ₰ ⁴☛̈ 161 rend die großmüthige Cäeilie ſeinetwegen litt, widerſtrebte ſein Herz; ſie verlangte ausdrück⸗ lich, daß keine Störung der einmal getroffenen Verabredung gemacht werden dürfe, und er⸗ hielt endlich nicht ohne Mühe ſeine Einwilligung. Vierundzwanzigſtes Capitel. Eme wehmüthige Empfindung beſiel Guſtaven, als er den folgenden Tag in dem großen Saal ſeines Schloſſes unter der glänzenden Geſell⸗ ſchaft, die ſich dort verſammelt fand, die Nadame de Saint⸗Clement vermißte, ſeit er einen ſo überzeugenden Beweis ihrer nicht ge⸗ ahneten innigen Theilnahme von ihr empfan⸗ gen, erblickte er in ihr die würdigſte und ſchönſte aller ihn hier umringenden, von Reizen und Koſtbarkeiten ſtrahlenden Frauen; aber nicht lange übte dieſe Erkenntniß eine ſiegende Ge⸗ walt über ihn aus; denn ein neuer Zauber Lebewohl. II. Thl. 13 11 9 ☛ 1602 ☚ feſſelte bald ſeine Aufmerkſamkeit, und erregte eine Begeiſterung in ſeiner Bruſt, welche die ganze Verſammlung mit ihm theilte. Noali tanzte zum erſten Male; aber die Anmuth, die ihre Geſtalt umgab, und aus allen ihren Bewegungen ſprach, war unvergleichlich und dem holden Weſen ganz eigenthümlich. Die Kunſt hatte nicht ihre Toilette angeordnet; ein Kleid von weißem dichten Flor, eine Guirlande von Heliotropium war ihr ganzer Schmuck; ihr ſchönes blondes Haar ringelte ſich in Locken um Hals und Schultern; ihr kleiner Fuß ſchwebte hier über den Boden mit ſolcher Leichtigkeit, die Bewegungen der weißen, runden Arme waren ſo reizend, daß alle Blicke auf ihr hafteten. Guſtav wurde ſo ergriffen, daß Cäcilie, die Unbekannte ſelbſt, alles Andre in dieſem Augenblicke vergeſſen war. Er ſah nur ſie, und ergab ſie dem Zauber, den ſich ihm einflößte. Heitere Freude ſchien Alle zu beleben, Theobalden ausgenommen, der nicht tanzte und r ☛ 163 dem Anſchein nach nur wenig Antheil an dem Feſte nahm; nur zu gut hatte er den Eindruck, den Noali auf Guſtav gemacht, erblickt; ſtill in einen Winkel zurückgezogen, mit ſtarren Blicken, die nichts ſahen, als in die Vergan⸗ genheit zurück, das Sterbebette, an dem er einen Eid abgelegt, lan deſſen endliche Erfül⸗ lung die Gegenwart ihn ſtreng mahnte, ſuchte er ſich mit Muth zu bewaffnen, um das Opfer zu bringen, das Ehre und Pflicht ihm ab⸗ forderten. Er konnte nicht länger zweifeln; ein Blick auf den Feuerſtern, der Guſtavs dunkles Auge verklärte, gab ihm die Ueberzeugung, daß die künſtliche Sonne der gereizten Phantaſie der wirklicheren der Natur und Schönheit gewi⸗ chen war. Er ſah ſchon im Geiſte, Guſtav mit Noali vor den Altar treten. Und durfte Theobald ſich beklagen, daß endlich alle Hinder⸗ niſſe ausgeglichen waren! Wie oft hatte er nicht ſelbſt Guſtav beſchworen, mit der Kraft ſeiner geſunden Vernunft eine unſinnige Leidenſchaft 11* ☛☚☛ 164 zu verdrängen. Ach! eine ſchönere Kraft hatte ſie verdrängt! denn brauchte es nun mehr, als ihm zu ſagen:„Guſtav! das Weſen, das dein Geiſt, dein Herz, alle deine Sinne entzückt, iſt Dein, hat Dir ſchon lange angehört, ſei glücklich!“ Theobald verging vor dem Gefühl, daß er es ſagen müßte. Es war eine prächtige Nacht, der Mond glänzte in ſeiner reinſten Fülle; obgleich kaum in den erſten ſchönen Tagen des Frühlings, war die Luft lau und angenehm. Nachdem Guſtav mit Noali getanzt, führte er ſie auf den niedrigen Balkon vor den Fenſtern des b Saals, die nur wenige Fuß über der Garten⸗ Terraſſe erhaben waren. Sie athmete heiter die erfriſchende Luft ein; gelehnt auf den Arm ihres Vetters, unterhielt ſie ſich mit ihm, mit kindlicher Anmuth von dem Feſte in der ſanf⸗ teſten, innigſten Vertraulichkeit. Alle Gedanken Guſtavs, ſo wie ſeine Blik⸗ ke, ruheten auf Noali, da auf einmal ein ſchwe⸗ rer Seufzer ganz in ihrer Nähe an ſein Ohr ☛ 165 ſchlug und ſeinen Buſen durchſchauderte; er horchte, blickte ſchnell um ſich. und gewahrte am Eingange eines Bosquets unweit des Bal⸗ kons eine Frau im weißen Kleide, und in ei⸗ nen langen Schleier gehüllt. Sie eilte ſo ſchnell vorüber, daß nur Guſtav allein ſie er⸗ blickte, ihr in der Richtung gegen den Felſen hin ausgeſtreckter Arm ſchien ihn dorthin ein— zuladen. Wie ein Blitz war ſie auf dem en⸗ gen, von Bäumen beſchatteten Pfad verſchwun⸗ den. Guſtav, unbeweglich und bleich, ſtarrte dem verſchwundenen Schatten noch lange nach. Noali hatte nichts geſehen; aber ängſtlich durch Guſtavs ſichthare Bewegung, und ſein Stillſchweigen, fragte ſie ihn dringend um die Urſache. Er war kaum fähig, einige unzuſam⸗ menhängende Worte hervor zu ſtammeln. Er zweifelte keinen Augenblick, daß es ja die Un⸗ bekannte geweſen, und er empfand mit lebhaf⸗ ter Unruhe, daß ſie Recht hatte, ſich über die nur zu lesbare Empfindung zu beklagen, die ihn in der Nähe der ſo ſehr befürchteten Noali ☛ 166 ☛☚ ganz erfüllt hatte. Allein je ruhiger er ſich ſtellen wollte, deſto weniger vermochte er, das gährenden Wogen ſeines Inneren zu beſänfti⸗ gen; es trieb ihn nach dem Felſen, wohin, wie es ihm geſchienen, die Unbekannte ihn gewinkt; gewiß erwartete ihn dort ein Brief. Dieſer Ge⸗ danke vermehrte noch ſeine lingednid ſeine Be⸗ klommenheit. In dieſem Augenblick trat Theobald hingm. Er hatte geſehn, daß Guſtav Noali auf den Balkon herausgeführt; von Eiferſucht, Unruhe, Erbitterung gegen ſich, gegen das Geſchick zer⸗ riſſen, näherte er ſich ihnen unwillkührlich, ſelbſt wider ſeinen Willen. So bald Guſtav ihn er⸗ blickte, eilte er ihm entgegen, legte Noali's Hand in die ſeinige, und entfernte ſich faſt ungeſtüm. Er eilte nach dem Felſen, wo er allerdings ein Schreiben fand, das er mit zitternder Hand eröffnete. Bei dem hellen Mondlicht las er Folgendes: „Meine traurigen Ahnungen, die Sie un⸗ — ☛ 4167 ☛ „gerecht genannt, die Sie mit einer Bered⸗ „ſamkeit, der das geſchmeichelte Herz nur zu „gern nachgab, widerlegt, treten fürchterlich „vernichtend ins Leben. Wird dieſe Noali, an „deren Fußtritten Sie heute Abend gefeſſelt „ſcheinen, nicht bald den Sieg davontragen über „ein Gefühl, das Sie unauslöſchlich nennen 7 „Sind Sie nicht nahe daran ſie zu lieben, wenn „Sie ſie nicht ſchon nur zu innig lieben? So „ſeien Sie denn glücklich durch ſie, ich geſtatte „es. Doch— damit Sie es wiſſen— Sie „haben mir den Abgrund des tiefſten Jammers „geöffnet. Vielleicht wird dieſer Gedanke Ge⸗ „walt genug haben, das Glück zu trüben, das „Sie einer Andern zu verdanken haben wollen.“ Dieſer Brief, aus dem eine ſtürmiſche Ver⸗ zweiflung ſprach, traf Guſtav ſehr ſchmerzlich. Noali's Bild war verſchwunden; alle die Reize, die ihn einen Augenblick bezaubert hatten, wa⸗ ren aus ſeinem Gedächtniſſe verwiſcht; die Un⸗ bekannte hatte ihre Herrſchaft in ſeiner Bruſt wieder gewonnen. Die Vorſtellung von den 168 Leiden, die er unfreiwillig der Geliebten zuge⸗ fügt, ſank wie ein bleiernes Gewicht auf ſein Herz. Er bereuete, ein Feſt gegeben zu haben, weil es einen ſo traurigen Erfolg hervorge⸗ bracht; gepeinigt von ſchmerzlichen Gefühlen, bemühete er ſich zu errathen, wie die Unbe⸗ kannte die Aufmerkſamkeiten, die er dem ſchö⸗ nen Kinde bezeigt, hatte erfahren können. Hatte Jemand vielleicht den Auftrag, ihr von ſeinem Benehmen Nachricht zu geben? auf welche Weiſe war ſie ſelbſt in den Garten hineinge⸗ ſchlichen? wo hatte ſie ſich hinbegeben? auf welche Art war ſie ſpurlos verſchwunden? Solche Fragen drängten ſich in Menge vor Guſtavs Sinn; allein nur vergebens ſtrebte er, ſie zu erörtern. 4 Mit ſich ſelbſt unzufrieden, kehrte er nach dem Schloſſe zurück; das Bild der Unbekann⸗ ten verfolgte ihn in die erhellten Zimmer. Er ſah ſie, einen Raub aller Qualen der Eifer⸗ ſucht; er empfand Alles, was ſie leiden mußte, und Alles, was ſie leiden würde, bis es ihm ge⸗ 169 lungen wäre, ſie von ihrem Irrthum und von der Fülle ſeiner Liebe zu überzeugen. Noali, betreten durch die ſonderbare un⸗ geſtüme Weiſe, worauf der Graf ſich entfernt hatte, konnte nicht umhin, dem alten ver⸗ trauten Freunde ihre Bemerkungen über die Sonderbarkeit in dem Charakter ihres Vetters mitzutheilen; bald war er heiter und liebens⸗ würdig, bald kam er ihr ungleich und zerſtreut vor; bald ſchien er Gefallen an ihr zu finden, bald flößte ſie ihm ſichtbar Mißbehagen ein; der trefflichen Eigenſchaften ungeachtet, die ſie an ihm erkannte, und der wahren Zuneigung, die ſie für ihn empfand, fühlte ſie ſich getrieben, einen Vergleich zwiſchen ihm und Theobalden anzuſtellen, der ganz zum Vortheil des Letztern ausfiel. „Nein, Nein!“ fügte ſie ſanft und un⸗ befangen hinzu;„der Graf de Norcé wird nie denſelben Platz in meinem Herzen erreichen, den Sie inne haben; wie viel Freundſchaft er mir auch einflößt, wie ſehr ich ſeine Verdienſte ☛ꝙ 170 ſchätze, ſo wie den Freund meiner glücklichen Jugend werde ich ihn doch nie lieben können.“ Dieſe unerwartete Erklärung erregte Wonne und Qualen in Theobalds Bruſt, die ihm bis dieſe Stunde unbekannt waren, und ſein Ge⸗ müth verwirrten. Er mußte alle ſeine Seelen⸗ kräfte zuſammenraffen, um mit der Ruhe der Freundſchaft Noali's inniger Zuneigung zu ent⸗ gegnen. Er rief aus ſeinem Herzen das ein⸗ zige Gefühl, dem er ſich hingeben durfte, hervor, und wandte wehmüthig ſeine Gedanken von ei⸗ ner bezaubernden Zukunft ab. Guſtavs plötzliche Entfernung ließ ihm in⸗ deſſen ein Abenteuer rückſichtlich der Unbekann⸗ ten ahnen. Mit Ungeduld ſehnte er ſich, ſo wie der Freund, nach dem Ende des Feſtes, um allein und ungeſtört mit ihm reden zu können; als ſie endlich aber Herr ihrer ſelbſt wurden, ſchien der Graf nur zu wünſchen, allein zu ſeyn, und verſchob jede Erörterung bis zu dem folgenden Tag. 3. Die Einſamkeit that ihm Noth, aber ſie. — ☛☛ 171 beruhigte ihn nicht. Es gehörte nicht zu den von dem Geſchick erkohrnen Weſen, die ſich der Nacht, wie einer Quelle der Ruhe immer hin⸗ geben, ſchlummernd oder wach, füllen ihnen glückliche Träume, lächelnde Anſichten die Stun⸗ den aus, die dem Leidenden wie eine Ewigkeit erſcheinen. Ueberall herrſchte tiefe Ruhe im Schloſſe, Guſtav wachte noch. Er warf ſich den Zauber vor, den Noali's Gegenwart um ihn verbreitete; er unterſuchte das eigne Herz, und fand, daß nur die Unbefangenheit, die An⸗ muth des holden Kindes, und beſonders ſeine Eitelkeit, durch den ſichtbaren Vorzug, den ihm Noali gab, geſchmeichelt, allein die Selbſtver⸗ geſſenheit hervorgebracht, die das glühende Herz ſeiner Unbekannten zerreißen mußte. Nur ſie liebte er; nur ſie allein übte eine unumſchränkte Gewalt über ſeine Gedanken, über alle ſeine Empfindungen aus; allein er war ein Mann! bedeutet das vielleicht, daß fremde Wünſche ſich in ſeinem Herzen regen könnten, ohne daß er darum ſich für unbeſtändig hielt? ☛ 172 Deſſen ungeachtet ſtrenger als je gegen ſich ſelbſt, in dieſem Augenblick, da er ſich von der Erſcheinung der Geliebten noch tief ergriffen fühlte, warf er ſich mit Bitterkeit den peinli⸗ chen Irrthum vor, wozu er Anlaß gegeben. Wie ſollte er ſie überzeugen, daß ſie der einzige Gegenſtand ſeiner Liebe ſei, und ewig bleiben werde! Er konnte nicht länger zweifeln, daß ja alle ſeine Schritte, ſeine leiſeſten Wünſche ihr bekannt waren. Auf der andern Seite glaubte er, den heimlichen Wunſch, ihn Sohn zu nen⸗ nen, an Madame de Serval entdeckt zu haben. Auf einen kurzen Augenblick that es ihm leid, Noali nicht vor der Zeit, da er einer hinter ſo undurchdringlichen Geheimniſſen verborgenen Frau ſeine Liebe und ſein Leben geweiht, ge⸗ kannt zu haben, aber auch nur auf einen Au⸗ genblick. Dieſen flüchtigen Gedanken, wie ein Blitz ſchnell wieder verſchwunden, warf er ſich als ein neues Unrecht vor. Um ſo ſchmerzliche Vorſtellungen zu ver⸗ bannen, und Ruhe und Schlaf zu finden, ſuchte ☛̈o 173 Guſtav die Gedanken auf fremde Gegenſtände zu heften; das Feſt war reizend geweſen; wie waren die geſchmackvollen Anordnungen bewun⸗ dert worden! Die mit dem Ton und den An⸗ ſprüchen der Welt ganz unbekannte Noali hatte ſie ja doch angegeben, und alle jene An⸗ ſprüche übertroffen; der Vorabend des Feſtes trat wieder vor ſeine Seele, und mit ihm das rührende Bild der dankbaren vergeſſenen Cäeilie. Nun konnte er nicht länger dem verkannten, ernſten Weſen ſeine herzlichſte Theilnahme, ſein innigſtes Mitleid verſagen; Mitleid! Ja!l ſie mußte an der Seite des alten Mannes, der ihr zwar eine nicht unzarte Aufmerkſamkeit be⸗ zeigte, aber für die inneren, unſcheinbaren Tugen⸗ den ſeiner Gemalin, die auch er ſo lange überſehen, durchaus keinen Sinn beſaß, unglücklich ſeyn! Wie gern mochte er nun ihr Zutrauen gewin⸗ nen, durch zarte Aufmerkſamkeit ihr erkennen zu geben, daß er ihren Werth fühlte und be⸗ griff; und war er ihr nicht dieſe Genugthuung ſchuldig? Er ahnte eine innere, unerkannte Grö⸗ ☛ 174 Ꝙ ße des Gemüths in ihr, die ſie ihm in ſeiner Phantaſie ſehr liebenswürdig darſtellte, und doch wie ganz anders, als die unbefangene, offne, heitere Noali, mehr ähnlich— und doch wie verſchieden, von der heftigen, glühenden Unbe⸗ kannten. Dieſe Cäeilie, Noali, ja an jede die⸗ ſer drei Frauen mußte er mit reger, obgleich ſehr ungleicher Theilnahme denken— drei?— er lächelte, aber blitzſchnell, als erregte dieſe Zahl eine géheimnißvolle Ideenverbindung in ſei⸗ nem Gemüthe, ſtellte ſich ein vergeſſenes Bild vor ſeine Seele, das ſeinem Herzen einen un⸗ willkührlichen Schauder einflößte. Die ſchöne Leiche des entſeelten Juliens, des unſinnigen Opfers einer thörichten, blinden, wechſelnden Leidenſchaft zu drei Frauen, lag kalt und blu⸗ tend vor ſeinen Blicken. Er erſchrak, aber in demſelben Augenblick wurde ihm das Unpaſſende und Unſtatthafte irgend einer Vergleichung ein⸗ leuchtend. Er war ja nicht einer finnlichen Wuth verfallen, ſo wie der arme Julien gewe⸗ ſen! und wie höchſt ungleich waren die Gelieb⸗ ☛ 175 ☚ ten jenes Jünglings, mit den drei Frauen, die jede auf ihre Weiſe Anſprüche auf ſeine Hoch⸗ achtung und Anhänglichkeit hatten; einzelnen Zügen konnte er freilich nicht die Aehnlichkeit abſprechen; aber ſelbſt dieſe verlor ſich in eine ſchreiende Verſchiedenheit. Trat auch Cäcilie wieder auf, ihn an ein unvergeſſenes Bild ſei⸗ ner ſchönen Vorjugend mahnend, erneuerte ſie ihm doch keinesweges das einer Geliebten; lieber möchte er ſich jene Adelaide, als eine Naali denken, allein ſo unbefangen war ſie nie, und wer von ſeinen Freundinnen ſollte denn mit Eglantinen, mit der liſtigen abgefeimten Frau, die ſich mit dem Raub der edelſten, rechtlichſten Gefühle bereichert, und die eignen ſelbſtſüchtigen Hoffnungen, ſo zu ſagen, mit dem Herzblute ihres Geliebten genährt, eine ſelbſt entfernte Aehnlichkeit haben? vielleicht die Un⸗ bekannte? O! Nein! zwar gehörten ihr alle ſeine Gefühle, ſein Leben, ſein Herz, und deſ⸗ ſen Blut, aber nicht ihm ihre Eigenſucht, ſich ſelbſt wollte ſie ja gern ſeinem Glücke weihen, ⁴☛ 176 und in den wilden Drohungen ihrer Verzweif⸗ lung mußte er ja nur die Unermeßlichkeit ih⸗ rer Liebe erkennen. Ihr gehörte er allein, nicht wie Julien, den beiden andern zugleich; er hatte noch keine Untreue zu bereuen, würde keine zu bereuen bekommen, und war, was Iulien nie geweſen, Herr ſeiner ſelbſt! Mit dieſem ſtolzen, beruhigenden Gefühl, ſchlief er endlich ermüdet ein; nicht die geheime Uebereinſtimmung ahnend, die zwiſchen dem rückſichtloſen Drang ſinnlicher Leidenſchaft und der unwiderſtehlichen Gewalt einer überſpannten, immer emporlodernden Phan⸗ taſie obwaltet. Fuͤnfundzwanzigſtes Capitel. Mir den erſten Strahlen der Sonne war Guſtav wieder wach, und mit ihm die Unruhe ſeines, nur durch eine übermüthige Phantaſie beſänftigten Herzens. Da er ſeine Ungeduld nicht — 1 — 177 nicht beſiegen konnte, wollte er wenigſtens ſu⸗ chen, ſie zu zerſtreuen. Er eilte in den Park hinunter, und lenkte die Schritte an das Grab ſeiner Mutter; das Denkmal, von dem Gram eines Sohnes der heiligſten Sehnſucht geweiht, war durch die wunderliche Laune des Schickſals die Freiſtätte der Liebe und der getreue Ver⸗ traute der glühendſten Leidenſchaft geworden. Das Andenken an die Mutter und das Bild der Unbekannten ruhte auf dieſe Weiſe feſt mit einander vereint in Guſtavs Herzen, und er forderte dem ſeelenloſen Marmor Beide ab. Aber Guſtav war nicht der einzige, deſſen aufgerührtes Gemüth keine Ruhe finden konnte. Theodor von den ſtreitendſten Empfindungen zerriſſen, kämpfte und litt, rief die Vernunft zu Hülfe, und fand nur Liebe. Nur zu deut⸗ lich hatte er Guſtavs keimende Reigung zu Noali bemerkt; er war darauf gefaßt, in der erſten vertraulichen Unterredung von ſeinen Lip⸗ pen zu erfahren, daß Noali's Anmuth endlich ſeine unſinnige Leidenſchaft beſiegt! indeſſen— Lebewohl. II. Thl. 12 4 ☛ 178£☛ warum hatte er ihre Hand in die ſeinige ge⸗ legt, warum war er ſo rückſichtlos weggeeilt, in einer Stimmung, die das junge Mädchen ſelbſt betroffen gemacht, und ein für ihn ſo ſüßes Geſtändniß herbeigeführt hatte? „So muß ich denn nun auch vorher er⸗ fahren,“ ſeufzte der unglückliche Theobald,„daß dein Herz mein Eigenthum hätte werden können, ſüßes Weſen! dem ich entſagen muß; ungeachtet ſeiner liebenswürdigen glänzenden Eigenſchaften Freund deiner glücklichen Jugend Freund ſein Möglichſtes thun, um Dich in die Arme desjenigen zu führen, den Du nicht ſo wie ihn lieben kannſt! O! Lineuil! Deine Freund⸗ ſchaft iſt mir ſehr unglückbringend geworden!“ Theobald hatte dieſe Nacht noch weniger Ruhe als Guſtav gefunden. Nicht die Hul⸗ digung, die der Geliebten von allen Seiten dargebracht worden war, hatte ſeine Eitelkeit berauſcht. Es waren jene Worte, und der in⸗ * 44 „ wirſt Du doch nie Guſtav, ſo wie den lieben können! und dennoch muß dieſer 7 ☛ 179£Ꝙ nige ſeelenvolle Blick, der ſie begleitete, die das zerbrechliche Gebäude der Pflicht, das die Vernunft in ſeinem Herzen, auf dem trüben Boden langer und ſtiller Leiden erreicht hatte, wie mit einem Hauch herunterſtürzten. Auch ihn hatte die Sonne vom Lager ge⸗ trieben und in den Park gelockt. Er erblickte von weitem Guſtav, der, in ſich gekehrt, dem Grabe zueilte; er eilte ihn einzuholen, und ſie naheten zuſammen dem Ort, wo ein leidendes Herz wie das ihrige, ſeine Sehnſucht verſchlief. Nein Freund!“ redete ihn hier Guſtav an.„3ch will Dir eine Hoffnung, die ſich in mir geſtaltet, einen Wunſch mittheilen, den Du erfüllen kannſt, und der die Bande der Freundſchaft, die uns vereinen, noch feſter knü⸗ pfen ſoll. Höre mich ruhig an; Noali iſt rei⸗ zend; das Zutrauen, die innige liebende Zunei⸗ gung, die mir die Mutter erzeigt, hat mir ei⸗ ne warme Anhänglichkeit für beide eingeflößt. Ich glaube, ich würde meiner ſchönen Verwand⸗ ten meine ganze Liebe geweiht haben können, 12 4 ☛ 180 wäre ich frei geweſen; allein ſo kann ich nur eine theure Schweſter in ihr erblicken. Ihre unbefangene Heiterkeit zog mich geſtern ſo ſehr an, daß es leicht das Anſehen haben konnte, als würde ich von einer noch wärmeren Em⸗ pfindung beſeelt. Dieſe Vermuthung muß durch⸗ aus widerlegt werden; die Ruhe meines Lebens hängt davon ab. Freund! Du biſt noch frei; denn Dein Vertrauen würde ſonſt dem meinigen vorangegangen, oder ihm wenigſtens nachgefolgt ſeyn. Möge denn Noali die glück⸗ liche Gattin Theobalds werden, geſtatte mir mit der Mutter davon zu reden; laß mich ſie erſuchen, Dich Sohn zu nennen. Gewiß wer⸗ den wir ſo ihren Wünſchen zuvorkommen, oder wenigſtens alle die erfüllen, welche die zärtlich⸗ ſte Mutter hegen kann.“ Theobald ſchwieg. Er wagte nicht freu⸗ digen Herzens, ſich in die Arme des Freundes zu ſtürzen! wäre der Baron de Lineuil nur noch am Leben geweſen! Theobald würde ihm ſein ganzes Herz geöffnet haben; vielleicht hätte ☛ 181 er ſeinen vorausgefaßten Entſchluß verändert, wenn er geſehen, wie dieſer dem Glück aller derer, die ihm ſo theuer waren, widerſtand; aber ſterbend hatte er Theobalds Gelübde em⸗ pfangen, ſich ſeinen Abſichten zu fügen, aus allen Kräften zu ſtreben, ſie in Erfüllung zu bringen. 1 Tauſend Gedanken wechſelten in Theobalds Seele ab, während Guſtav auf ſeine Antwort wartete, und über ſein ſtarres Stillſchweigen betroffen ſchien. Endlich gelang es ſeiner Zunge, Worte wieder zu finden. „Lieber Guſtav!“ begann er,„ich darf nicht länger ein Geheimniß verſchweigen, das ich mir freilich vorgenommen hatte, Dir nicht früher mitzutheilen, als Du einer traurigen Verirrung entriſſen, Noali's ſeltne Vorzüge völlig zu ſchätzen gelernt. Höre denn.“ Und nun erzählte er ihm mit einfacher, aber dadurch um ſo rührender Beredſamkeit, ſein Zuſammentreffen mit Lineuil, deſſen Le⸗ ben, Liebe und Unglück, ſeine eigne Ueberra⸗ ☛ 182 ſchung in den Erinn erungen, wo er das Paradies ſeiner erſten Jugend ſo täuſchend wie⸗ dergefunden; zwar war dem Grafen ſeine Ver⸗ wandtſchaft, mit Madame de Serval und ihrer Tochter, wie wir wiſſen, früher mitgetheilt wor⸗ den, aber nun erſt erfuhr er, was dieſe beiden dem unglücklichen Geliebten ſeiner Mutter geweſen, und die Art, woraus dieſer eine Gewiſſensſache gemacht, ſeine unfreiwillige Schuld auszugleichen, und der Tochter einen Theil der Erbſchaft zuzuwenden, den ihr das Geſchick durch ihn entwendet hatte. Mit dem höchſten Erſtaunen ſah ſich Gu⸗ ſtav jetzt im Beſitz eines Geheimniſſes, deſſen Ergründung ſo ſehr ſein Herz und ſeine Phan⸗ taſie beſchäftigt hatte; allein es ſchien ihn in dieſem Augenblick nicht zu befriedigen, da je⸗ des von Theobalds Worten ihm die langen Lei⸗ den ſeiner Mutter, ihre ewige Sehnſucht, ewig und glühend, wie er die ſeinige wähnte, der ein unglückliches Geheimniß auch Nahrung gab, mit lebhaften Farben in ſeinem Gedächtniſſe ⁴☛☛ꝙ 183 auffriſchte; die entfernte Schuld des Barons kam ihm gering vor, neben der ihm gegenwär⸗ tigen unverſchuldeten Buße, die ſeine Mutter mit jenem getheilt. Er zürnte dem Mann, den ein blindes Ungefähr dahin bringen konnte, nicht allein ſeine Liebezu verſchüchtern, ſondern auch einen ſo unſchuldigen anbetungswürdigen Ge⸗ genſtand demſelben aufzuopfern; um ein Gerin⸗ geres wollte er kein Bedenken tragen, in die entfernteſte nackte Einöde mit der Geliebten zu entfliehn; ſie würden beide dieſe mit ihrer Liebe ausſchmücken. „Wie!“ unterbrach er endlich mit Unmuth Theobalds rührendes Gemälde von der letzten Stunde ſeines Freundes, als rief ihm eben dieſe ins Gedächtniß zurück, daß die Nachricht davon den morſchen Lebensfaden der Mutter ſo jäh abge⸗ ſchnitten!„Wie! was kümmert mich das Ver⸗ langen, die Wünſche eines Mannes, der meine Mutter getödtet hat! Ihm ſollte ich die Liebe opfern, die mächtiger in meinem Herzen herrſcht, als je die ſeinige geweſen? Allgütiger Gott! ³☛ 184 in demſelben Augenblicke, wo ich zittre, daß Sie, die ich liebe, meine brüderliche Zu⸗ neigung zu dem Mädchen falſch gedeutet haben könne, indem dieſer peinliche Gedanke mein Herz zuſammenpreßt, denkſt Du mich zu be⸗ reden, ihren Argwohn wahr zu machen; zum Lohn ihrer Liebe ſollte auch ich die⸗Geliebte tödten! nicht wahr?“ „Und was hoffſt Du, Unfinigek dan ent⸗ gegnete Theobald,„wenn Du bei der thörich⸗ ten Leidenſchaft, der Du dich hingegeben, ver⸗ harrſt. Sei doch ein Mann, Guſtav! Prüfe Dein Verfahren mit Vernunft und Ruhe! Hat dieſe unbekannte Frau, der Du nachhängſt, die Dir die ſchönſten Jahre Deines Lebens in leerer Erwartung verzehren macht, Dir nicht ſelbſt erklärt, daß Du ſie erſt kennen lernen ſollſt, wenn ſie nicht mehr iſt? Wie! auf das ſchöne Vorrecht, die heilige Würde, Gatte und Vater zu ſeyn, willſt Du Verzicht leiſten, um einem phantaſtiſchen Weſen getreu zu bleiben? Der edle Sprößling eines uralten Geſchlechts „ — „ — —— ☛ 185 will eine erlauchte Familie erlöſchen und ihre Güter in fremde Hände übergehen zu laſſen? Ueberlege nur einen Augenblick! Wer kann dieſe Frau ſeyn? eine Gattin, die, ſo wie Du, ſich einer glühenden Ueberſpannung hingebend, vielleicht in dem Wahne ſteht, durch dieſe ge⸗ heimnißvolle Seelenverbindung Genugthuung zu finden für eine Ehe, der es an innerer Ue⸗ bereinſtimmung fehlt? aber iſt ſie darum weni⸗ ger ſtrafbar? und kannſt Du Achtung für Sie hegen? Vielleicht iſt dieſe Anſicht ſogar günſtiger, als ſie verdient, wenn ſie nur eine behende Ränke..““ „Schweig Theobald!“ unterbrach ihn Gu⸗ ſtav.„Unſere Freundſchaft macht Dich ver⸗ geſſen, daß Du in der, die ich liebe, mich be⸗ leidigſt.“ „„Es ſei! nehmen wir denn an, daß ſie Deiner in der That würdig ſei, und daß un⸗ glückliche Verhältniſſe, unerhörte Hinderniſſe ſie abhalten, ſich zu erkennen zu geben; iſt ſie denn auch diejenige, welche Dir deine Mutter zur ☛ 186 Gattin erwählt haben würde? müßte die ſtreng⸗ ſittliche Gräfin de Noreé nicht über das Be⸗ nehmen dieſer unbekannten Frau erröthen? Sie bietet Allem Trotz, um Dir ihre Liebe zu be⸗ weiſen. Meine verewigte Wohlthäterin hat Kraft gehabt zu leiden, und alle ihre Pflichten zu erfüllen; o! geliebte Manen der beſten Mut⸗ ter! Dich flehe ich an! verleihe Du mir Wor⸗ te, lege Deine ſanfte Beredſamkeit in meine Stimme, damit ich Deinen Sohn überzeuge!“““ Theobald ſprach mit Feuer; die Herrſchaft über ſich ſelbſt, die ihm Kraft gegeben, die eigne Leidenſchaft zu bekämpfen, der er mit je⸗ dem Worte einen neuen Sieg abgewann, er⸗ hob, konnte man ſagen, ſeine Kräfte über ſie ſelbſt, und verlieh ſeiner Beredſamkeit eine un⸗ widerſtehliche Gewalt. Guſtav war heftig gerührt; er ging mit großen Schritten auf und nieder; wider ſeinen Willen ſtellte ſich Juliens blutendes Bild vor ſeine Seele; aber als erſchreckte dieſe Vorſtel⸗ lung ihn weniger, als ſie ihn vor gleicher Un⸗ ☛ꝙ 187£ treue warnte, raffte er alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammen, wandte ſich, ungewiß, ob mehr erſchüt⸗ tert, oder entrüſtet zu ſeinem Freunde, und ſagte mit faſt verſagender Stimme.„Theo⸗ bald; dies Geſpräch hat uns ſehr weit, faſt zu weit geführt. Ich ſehe, daß es vergeblich ſeyn würde, mehr in Dich zu dringen. Schone mein Herz, wie ich das Deinige ſchone.“. Die beiden Freunde ſtiegen ſchweigend den Felſen hinunter; und ihre Schritte nach dem Schloſſe hin verdoppelnd, ſchienen ſie wenigſtens darüber einig, die Stunde ihres Zuſammenſeyns abkürzen zu wollen. Sechsundzwanzigſtes Capitel. Den Tag nach dem Feſte, wie lieblich auch die Sonne die Fluren erhellte, ſchien jedoch das⸗ Schloß wie ausgeſtorben. Die laute Freude, die nach einer langen Verbannung ſo ſiegend 6 ☛% 188 hereingezogen war, als wollte ſie hier aufs neue ihre Wohnung aufſchlagen, war plötzlich wie⸗ der verſchwunden, und dieſe Täuſchung berührte nun doppelt verletzend, die wenigen Gemüther, die auf ſie gehofft, und ſich um ihre Erwar⸗ tungen betrogen fanden. Die beiden Freunde entflohen dem kleinen Kreis, und ſuchten die Einſamkeit, jeder um ſeinen düſtern Träumen nachzuhängen. Guſtav, die kurze Annäherung zu der größeren geſelligen Welt, die ihn früher ſo bitter getäuſcht, und nun aufs neue Anlaß zu dem Irrthum, wie er es nannte, gegeben, deſſen Folgen jetzt ſo drohend über ihn hereinbra⸗ chen, ſich ſelbſt vorwerfend, lehnte alle Beſuche ab, und erſchien nicht bei den Nachbarn, wie dieſe gehofft zu haben ſchienen. Von den Worten des Freundes tiefer getroffen, als er es ſich ſelbſt geſtehen wollte, ſuchte er jeden Anlaß, mit ihm allein zu ſeyn, zu entfernen; Noali's Ge⸗ genwart, die mit ihrer Mutter die einzigen waren, die faſt noch häufiger, als früher das Schloß beſuchten, ängſtigte ihn; er bewachte ☛ 189 ſeine Blicke, ſeine Worte, es war als fürchte⸗ te er, daß ſelbſt der geringſte Umſtand der Unbekannten, deren unſichtbare Gegenwart ihm in dieſem Augenblick mehr bedrohend erſchien, als er ſich deren erfreuete, Anlaß zu neuen Ver⸗ dacht geben ſollte. Er mied das holde Weſen ſichtbar! ach! er mochte gern ſich ſelbſt ent⸗ fliehen! Er liebte! er fühlte es tief und ſiegreich; und doch konnte er die Thorheit dieſer Neigung, die geringe Hoffnung, die ſie ihm einflößte, ſich ſelbſt nicht verbergen. Er ſeufzte ſchmerzlich bei dem Gedanken, daß ſein Leben einem Trug⸗ bilde geweiht, vergeblich und freudenleer, ohne es je zu erreichen, hinſchwinden würde; in den Träumen ſeiner Phantaſie dachte er ſich mit⸗ unter die Unbekannte mit Noali's Zügen; aber je tiefer er empfand, daß dieſe Vorſtellung ſein Herz freudig erhob, deſto mehr erſchrak er da⸗ vor, und zog ſich ſo entſchieden von ihr zurück, daß es das Anſehen hatte, als fürchtete er den Zauber ihrer Reize. In dieſer Stimmung nä⸗ ☛ 190 herte er ſich mehr der Baronin) als früher; ja, man konnte ſagen, er ſuchte Zuflucht bei ihr. Ihr nur ſelten unterbrochenes Stillſchweigen, ihr milder Ernſt that ihm wohl, und gab ihm Raum, ſich ganz ſeinen Gedanken zu überlaſſen. Oefters, wenn ſeine Blicke auf ihr faſt gedanken⸗ los ruheten, erregten deren ſanften Strahlen allmählig eine Theilnahme in ſeiner Bruſt, der er ſich auch gern hingab, weil er ſich ihrer Un⸗ verdächtigkeit bewußt war; dann ſuchte er wohl auch den Ausdruck ihrer Züge, der ihm einen kurzen Augenblick bezaubert, wieder hervorzulok⸗ ken. Er machte ihr Fragen wegen ihrer Kind⸗ heit, ihrer Familie; allein dieſe Erinnerungen, ſonſt ſo heilig und lieb, entriſſen der Madame de Saint Clement nur einen Seufzer, oder die Worte:— „Ich habe nie einen glücklichen Augen⸗ blick genoſſen, der je von bittern Leiden frei war. Die Rückkehr in die Vergangenheit taugt nur für die Glücklichen. Nur Vergeſſenheit iſt mir ein Mittel, der Ruhe zu genießen. Es giebt ☛☛ 191 giebt Weſen, die, um das Leben zu ertragen, weder ein Geſtern noch ein Morgen haben dürfen; der gegenwärtige Tag macht ihnen genug zu ſchaffen, mitunter allzu viel!“ fügte ſie mit einem flüchtigen Lächeln hinzu. Solche Ausdrücke eines troſtloſen Leides ergriffen immer Guſtavs Herz; allein wenn ein herzliches Wort über ſeine Lippen ging, wenn er ſich der Sprache theilnehmender Freundſchaft bediente, ſchien die ſittſam ſtrenge Baronin er⸗ ſtaunt, unzufrieden, und hüllte ſich aufs neue in eine Atmoſphäre von Eis, die Alle von ihr entfernte. 3 Theobald, betrübt von Guſtavs ſcheinbarer Kälte, hatte indeſſen bemerkt, daß ſeine Grün⸗ de und ſeine Beredſamkeit einen tiefen Eindruck auf den Freund gemacht. Er glaubte den Er⸗ folg ſchweigend abwarten zu dürfen, und dem, was er für Pflicht hielt, getreu, das Bedürf⸗ niß fühlend, Herr ſeiner ſelbſt zu bleiben, floh auch er mit dem Herzen voll von Liebe, ſoviel wie möglich, jedes einſames Zuſammentreffen mit Noali, deſſen ſüße Gefahr er doppelt ſcheue⸗ te, ſeit dem Augenblick, da er inne geworden, daß eine fortgeſetzte Vertraulichkeit auch ihrer Ruhe gefährlich werden könne! Unruhe, Unge⸗ Lebewohl. II. Thl. 13 ☛̈ 192 duld, Freundſchaft, zogen ihn indeſſen zu Gu⸗ ſtaven hin, deſſen nur zu ſichtliche Sorgfalt, je⸗ dem vertraulichen Geſpräch mit ihm zu entge⸗ hen, ihn täglich noch peinlicher verſtimmte. Madame de Serval fühlte ſich immer unheim⸗ licher bei dieſer faſt allgemeinen Verſtimmung, die einen um ſo größeren Einfluß auf ſie ausübte, als ſie ſich in ihren Erwartungen getäuſcht fand. Nach der warmen, ausdrucksvollen Zuneigung, die der Graf ihrer Tochter bezeigt, nach der faſt kindlichen Innigkeit gegen ſie ſelbſt, die ſie an ihm wahr⸗ genommen, zu ſchließen, hatte ſie erwartet, daß er gleich nach dem„Feſte um die Hand Noali's anhalten würde. Sie litt freilich in der Stille mit Theobald, in deſſen Herzen ſie geleſen, allein der Wunſch ihres verſtorbenen Wohlthäters und Guſtavs Perſönlichkeit, ſelbſt ihre Verwandtſchaft, bildeten ein überwiegendes Gegengewicht; indeſſen ging ein Tag nach dem andern hin; Guſtav näherte ſich nicht wieder, im Gegentheil er ſchien, verlegen, zerſtreut, und ſelbſt Theobald hielt ſich fern. Noali allein blieb ſich Anfangs gleich. Immer heiter, ſanft, lebhaft, aufmerkſam, er⸗ ſchien ſie zufrieden, ja glücklich. Sie war die Seele des kleinen Cirkels, die wenigſtens — ☛ 193 für Augenblicke einen äußern Anſchein allgemei⸗ ner Wohlbehaglichkeit hervorzauberte; allein ſelbſt die ſchönſte Seele leidet, von einem hin⸗ fälligen Körper umfangen. Die ſcharfen⸗Blicke der Mutter entdeckten allmählig kleine Nebel⸗ wölkchen, die der noch lächelnden Sonne vor⸗ überzogen. Ihre ſüße Heiterkeit wurde nicht von einer gleichen begegnet. Ihre Blicke haf⸗ teten oft betroffen, fragend auf Theobalds. Lächelte er, ſo glänzten die ihrigen von inniger Zufriedenheit; blieb er ernſt oder kalt, in ſich gekehrt, ſo verſchwand das Lächeln von Noali's Lippen, und mit geneigtem Kopfe ſaß ſie ſin⸗ nend da, ein Bild ſüßer Wehmurh. Die Mut⸗ ter ſeufzte, und ſchüttelte ſtill und unſchlüſſig den Kopf. So waren einige Wochen vergangen; Gu⸗ ſtav hatte ſeitdem nicht das geringſte Zeichen von der Gegenwart, ja ſelbſt von dem Daſeyn der Unbekannten empfangen. Dies Stillſchwei⸗ gen nach dem heftigen Ausbruch der Eiferſucht ſchien ihm von unglücklicher Vorbedeutung. Seine ſchlecht verhehlte Unruhe brachte noch größere Verwirrung in den kleinen Kreis. Er machte oft ſehr lange, einſame Spaziergänge unter dem Vorwand, ſeine Kräfte zu prüfen, allein in . 13* ☛ 194 der That nur, um ſich der peinlichen Verſtel⸗ lung, die ihm die Pflichten der Gaſtfreundſchaft auferlegten, zu entziehen, Er ſehnte ſich, ſtch aus dieſen Verhältniſſen reißen zu können, aber wie? Ein einziges Weſen hatte Guſtaven doch in etwas beruhigen, und ihm berichten können, daß die Unbekannte ſich wenigſtens nicht ſobald nach dem Feſte entfernt hatte. Emil nämlich war ihr eines Abends in dem Park begegnet, und ſeiner gütigen Lehrerin hoch erfreut zu den Füßen geſtürzt. Allein nachdem ſie ſo wie im⸗ mer verſchleiert ihn an ihr Herz gedrückt, hatte ſie ihm empfohlen, nichts von dieſem Zu⸗ ſammentreffen zu erwähnen; und obgleich der Knabe Guſtaven täglich ſah, hatte ihn nichts bewegen können, von ihrer Erſcheinung zu ſprechen. So war dieſer ſchöne, Frieden athmende Bezirk ein Aufenthalt des Zwanges, der Unzu⸗ friedenheit, des geheimen Kummers, und der tödtlichſten Langeweile derer geworden, die er zu beglücken beſtimmt ſchien. Drückte auch kein Kummer den Baron de Saint⸗Clement, ſo litt er deſto mehr von der Langenweile; Alle flohen erſt ſeine heitere, ſpäter ☛̈ꝑ 4195 ☚ ſeine üble Laune; die Verwirrung, den Zwang, der ihn umgab, bemerkte er ſelbſt eigentlich nicht, weil dieſe allgemein waren; er gab ge⸗ troſt dem langen Aufenthalt auf dem Lande die Schuld ſeiner Verſtimmung, und ſehnte ſich herzlich nach Paris zurück, ohne doch zu wa⸗ gen, einen Vorſchlag zur Rückkehr zu äußern, da er einmal erklärt hatte, daß er aushalten wollte, bis der Urlaub des Grafen abgelaufen war. Allein als er eines Tages in dem ſon⸗ nenwarmen Garten allein, und von Allen ver⸗ laſſen herumwandelte, konnte er ſich nicht ent⸗ halten, faſt laut auszurufen:„Wie ſchön, wie lächelnd, wie reizend ſelbſt ſind alle Gegenſtände hier, und doch kommt mir Alles wie eine Wüſte vor! und vielleicht mir nicht allein?“ fügte er ſinnend hinzu!„Wüſte!“— wiederholte er langſamer, und dann noch einmal lebhafter: „Wüſte. Ich habe es!“ rief er auf einmal mit dem Finger ſchnellend:„Sie ſehnen ſich doch Alle in ihrem Herzen wieder zurück, ob ſie es auch nicht geſtehen wollen, aber ich will ihren Wunſch zur Sprache bringen! Thoren! die, jung und reich, meinen, die Welt entbehren zu können.“ Noch denſelben Abend führte er ſeinen Plan aus. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Als der kleine Kreis, die Eigenthümer von Li⸗ neuil mit eingeſchloſſen, des Abends in dem Saloͤn verſammelt war, und das Geſpräch wie gewöhn⸗ lich, ſeit jenem unglücklichen Feſte immer einſyl⸗ biger wurde, nahm der Baron nicht ohne gehei⸗ mes Schmunzeln, obgleich ein wenig unſicher, das Wort. 2 4 „Es fängt an zu ſcheinen,“ begann er,„daß wir Langeweile haben; oder wenigſtens,“ fuhr er fort, nachdem die Anweſenden, ſeine immer ſchweigſame Gattin ausgenommen, beſonders Gu⸗ ſtav ihm lebhaft, aber nicht ohne Verwirrung ver⸗ ſichert, daß er ſich irrte—„wenigſtens, daß wir nicht in unſre Einſamkeit genug wechſelnde Unter⸗ haltungen eingeführt haben. Die Ideen gehen mitunter aus, und dann iſt die gemeinſame Lectüre eines guten Buches das beſte Mittel, ſie wieder herbeizuführen. „„Sie, und Lectüre, Herr Baron““ unterbrach ihn Guſtav ein wenig ungläubig.„„Es iſt wenig⸗ ſtens das erſte Mal, daß ich Sie dieſe Art von ge⸗ meinſamer Unterhaltung habe anpreiſen hören.“ ☛ 197 Ꝙ „Es iſt auch das erſte Mal,“ fuhr dieſer, im⸗ mer mehr hervorrückend fort,„daß ich mich von dem Strudel der Welt ſo abgeſchieden in einer, ſo zu ſagen ſchönen Wüſte befinde! Apropos von Wüſte — da fällt mir ein, Ihnen beweiſen zu können, daß ich wohl nicht immer ein Feind der Lectüre geweſen, weil ich mich ſelbſt vor Jahren mit der Autor⸗ ſchaft befaßt; und obgleich ich nie von ſolchen Dingen ſpreche, die vielleicht am beſten vergeſſen ſind, ſo habe ich doch wie ein guter Vater mich nicht von meinen Kindern getrennt, und wenn ich nicht irre, wird das Manuſeript, das ich eben meinte, ſich in meinem Reiſe⸗Portefeuille befin⸗ den.“ Neuer und faſt allgemeiner Unglaube. Gu⸗ ſtav forderte ihn lächelnd auf, ſeinen Freunden ſich von einer ganz neuen Seite unterhaltend zu zeigen, und Noali klaſchte in die kleinen Hände. Die Baronin heftete einen ernſten, fragenden Blick auf ihren Gatten. „Nun!“ fuhr der Baron ruhig fort,„ich will euch überzeugen, doch unter der Bedingung, daß Ihr mir das Vorleſen erſpart; ich bin frei⸗ lich nie in der Uebung geweſen, und die mir un⸗ gewohnte Eigenſchaft als Verfaͤſſer würde mich nur ſchüchtern machen; wenn ich in dieſer Bezie⸗ — — ☛ 498 ☚ι hung aber auf Ibre Wüle hoffen dürfte, Herr de Norville, dann— Theobald, ſo wie die Uebrigen wirklich durch dieſen befremdenden Scherz etwas erheitert, er⸗ bot ſich, das Amt des Vorleſers zu übernehmen, und nicht ohne ſich eines ſiegenden Erfolgs ſchon im Voraus erfreuend, holte der Baron das Ma⸗ nuſeript, von dem ihm freilich nur einige dunkle und verworrene Erinnerungen geblieben, doch aber immer genug, um zu hoffen, daß der Inhalt ihm Anlaß geben würde, ſich ſeinem Ziel, die Abreiſe zu befördern, zu nähern.— Theobald, ohne weiter das ziemlich dicke Heft zu unterſuchen, fing ſogleich, nachdem die An⸗ weſenden aufmerkſam und in einer behagliche⸗ ren Stimmung als ſonſt ſich um ihn gelagert hat⸗ ten, begann folgende Novelle. Ende des zweiten Theils. * ſinſnnſnfſinſnſnſnſn 10 11 12 13 14 15 16 17 7 4* —