Leihvibtiochet deutſcher, engliſcher und franzöf iſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ Vfinanahan⸗ und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Fitetdar welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurſickerſtattet ſ. wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt 1 für gt hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 e 1 M. f——— er 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Ml. 59 uf 2 Mt. f 5. Auswärtige Abonnenten, haben für Hin⸗ und Aaria auin der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1. von mir geliehen, uh dafür zu ſtehen haben. —— ————— —,— 3 3 Webewohl. Roman nach dem Franzöſiſchen der Damen Marie d' Heures et Rende Roger frei bearbeitet Erſter Theil. “ Le i p z i 9, 1822 6. In Ernſt Kleins literariſchem Comptoir. Druck und Papier aus der Hofbuchdruckerei in Alten burg. Vorwort. Der Herausgeber hat keinen Anſtand genom⸗ men, gegenwaͤrtiges Werkchen eine Bearbei⸗ tung zu nennen, obgleich es ihm gar nicht darum zu thun geweſen, durch die Bear⸗ beitung den franzoͤſiſchen Urſprung ſelbſt im Styl zu verbergen 2, oder das Eigenthuͤmliche zu verwiſchen. Er hat im Gegentheil, ſelbſt in den Abweichungen ſich dem einmal ange⸗ gebenen Styl zu nahen geſucht, und ſich nur beſtrebt, den innern Sinn der Dichtung dem deutſchen Geiſte zugaͤnglicher zu machen, auch Manches, was nicht klar ausgeſprochen, oder einzeln vor ihm lag, zu einem Ganzen, und in einem Sinne zu geſtalten. So ward es ☛ IV ☛ ihm zum Beiſpiel deutlich, daß das franzoͤſi⸗ ſche Werkchen, welches im Original in drei in ſich abgeſchloſſene Erzaͤhlungen zerfaͤllt, doch nur einen Sinn ausſpricht, und im Grun⸗ de ein Ganzes ausmacht; auch hat er ver⸗ ſucht, durch die Art, in der die Novelle „die Wuͤſte in Paris“ vorgetragen wird, der⸗ ſelben, wo moͤglich, einen groͤßeren Reiz zu geben, wodurch das Phantaſtiſche in derſelben— das, wenn es abgeriſſen und einzeln hervor⸗ tritt, etwas zu Barockes an ſich hat— vielleicht anziehender wird. Wenn ſein Beſtreben ge⸗ lungen iſt, welches doch nur durch Verglei⸗ chung mit dem Originale beurtheilt werden kann, ſoll es ihn in der That freuen. Sein Wille war wenigſtens ehrlich. Erſtes Capitel. Die Gräfin de Nereé, reich, liebenswürdig und ſchön, im Beſitz jeder Anmuth und aller ſanften Tugenden, war, ſechs und zwanzig Jahr alt, Wittwe geworden; ein eiferſüchtiger, wider⸗ wärtiger Gatte hatte ihre Jugend verbittert, ohne eine einzige Klage von ihren Lippen gehört zu haben⸗ Mutter von einem Alter von acht⸗ zehn Jahren an, vereinten ſich alle Kräfte ihrer Seele in der Liebe zu ihrem Sohn, und ſie er⸗ ſchien nur ſehr ſelten in geſelligen Cirkeln, de⸗ ren Schmuck ſie hätte ſeyn können. Als endlich ihr Gatte das Opfer einer lan⸗ gen und ſchmerzhaften Krankheit, die ſeinen unverträglichen Charakter noch mehr verdüſtert . hatte, geworden war, vermuthete man, daß die reizende Wittwe nach der Beendigung der Lebewohl. I. Thl. 1 ———— — g ————ÿ erſten Trauer ſich der Geſellſchaft wiedergeben würde. Zum Erſtaunen aller derjenigen, die auf ihre Erſcheinung in der Welt gerechnet hat⸗ ten, veränderte ſie gar nichts in ihrer Lebensweiſe; ſie erwählte nur für ihren Sohn einen Erzieher, Herrn de Bermont, einen ſehr braven Mann, der allgemeitter Achtung genoß, und ſchon ein Alter erreicht hatte, das jede Venaudänd ent⸗ waffnete. i dint t Die Gräfin verließ Paris in dem Au⸗ genblick, wo man eben erwarkete, daß die glän⸗ zenden Zerſtreuungen der Hauprſtadt ſie zu⸗ dückhalten würden, und ging auf eins ihrer Gü⸗ ter, das an den Küſten der Normandie belegen war. Die Welt erſtaunte! vergebens ſuchte ſie den geheimen Anlaß eines ſo unnatürlichen Benehmens herauszufinden; die Kritik fand nichts, an das ſie hafften konnte.— Während die Geſellſchaft hoffte, daß die Langeweile die Gräſin zurückführen würde, wurde ſie allmäh⸗ lig vergeſſen, und nach Verlauf mehrerer Jahre ihrer gar nicht mehr erwähnt.— at S: — —,— 3 ☛☚ Die Welt nicht vermiſſend, weihete Ma⸗ dame de Nereé ihrem Sohne jeden Augenblick des Lebens, und das liebenswürdige Kind ver⸗ diente ganz die Liebe ſeiner Mutter. Er er⸗ hielt, die vorzüglichſten Lehrer; ſeine überaus glücklichen Anlagen wurden auf das ſorgfältig⸗ je entwickelt, Geiſt und Herz in gleichem Ver⸗ ſe gebildet. Guſtav war von Natur gut und wohlwollend. In einem Alter von funf⸗ zehn Jahren war er der Stolz wie das Glück ſeiner Mutter, und ließ klar hervorblicken, was er werden würde, wenn die Jahre das ver⸗ wirklicht hätten, was die zarte Jugend ver⸗ ſprach.— Ueberzeugt von den guten Eigenſchaften ihres Sohnes zitterte Madame de Nercé um ſo mehr für ſein Glück. Obgleich ſein zartes Gefühl, ſeine warme Begeiſterung ſeine jugend⸗ liche Anmuth erhöheten, beunruhigten ſie in⸗ deſſen die Mutter, deren Abgott er war. Sie fand in ſeiner Bruſt den Keim der nehmlichen Gefühle, deren traurige Gewalt ſie nur zu 1.* 8 4 gut kennen gelernt; wäre er denn, ſo wie ſie, nur zu Leiden beſtimmt?— Der erſte Kummer nahete ſich Guſtaven.— Er beſaß ſchon einen Freund. Dieſer ſtand im Begriff, ſich auf mehrere Jahre zu entfer⸗ nen, ohne die Zeit ſeiner Rückkehr beſtimmen⸗ zu können. Theobald de Nerville war bei⸗ nahe von ſeiner Geburt an Waiſe geweſen; verwandt mit Hrn. de Bermont war er ſei⸗ ner Obhut völlig übertragen, und mit Guſtaven erzogen woͤrdenz er war etwas älter als die⸗ ſer, von einem ſanften und liebenswürdigen Charakter.— Man war verſucht zu glauben, daß ſein Leben frei von Stürmen, und daß die Freundſchaft das vorherrſchende Gefühl ſeines Herzens werden würde. Er wurde von einem ſehr Neiten Oheim nach der Inſel Bourbon berufen, dieſer ver⸗ ſprach, ihm ſein ganzes Vermögen zu hinter⸗ laſſen, wenn er bis an ſeinen Tod bei ihm ſich aufhalten würde. Ohne Bedenken wollte der Jüngling das glänzende Loos, das ihm ange⸗ . 2à 57 r B 5 Ꝙ boten wurde, ausſchlagen, allein ſeine Gönner ſetzten ſich dagegen. „Was ſoll aus mir werden, wenn ich von Dir getrennt bin, Theobald“ ſagte ſein Freund, als ihren vereinten Beſtrebungen zum Trotze die Abreiſe beſtimmt wurde.„Wem ſoll ich die Träume meines heißen Herzens anvertrauen? Meiner guten Mutter? Ach! ſie würde ſie theilnehmend hören, das weiß ich; aber ſie würde dabei erbleichen, wie ſie ſchon oft ge⸗ than, wenn ſie in meiner unruhigen beflügelten Seele las. Du allein haſt mich verſtanden, wenn ich Dir von meinen Hoffnungen auf das Leben vorſchwatzte, von dem Ideal, das ſich meiner jugendlichen Phantaſie darſtellt; darf ich der Mutter ſagen, daß ich wach und im Traume, überall ein himmliſches Weſen erblicke, das mir immer ſchöner vorſchwebt, weil ich s mit ihren Zügen ſchmücke; und dürfte ich es auch, kann der Sohn der Mutter ſolchen Traum mittheilen? Wie oft hat ſie ſchon mit einem ſanften, faſt ſchmerzlichen Blick— ach 2 ☛̈ 6 ein ſanfter Schmerz ſpricht ja immer aus ih⸗ ren Blicken— meine jugendliche Ueberſpan⸗ nung, wie ſie es nennt, getadelt?— Wie oft mir vorgehalten, daß aus den Träumien einer glühenden Phantaſie kein Glück keime!— 8 ich konnte ihr mich nicht ganz deutlich machen, aber Du verſtehſt mich, und tadelſt mich nicht.“ „und doch,“ lächelte Theobald,„doch, mein Freund! denn Du träumſt mir ſchon zu 1 viel! in einer träumeriſchen Zukunft zu leben, heißt die wirkliche Gegenwart, die um uns lächelt, tödten, ſagt ja Vater Bermont.— Ach! ich fürchte, Du ähnelſt nur zu ſehr Deiner guten milden Mutter, die wir leider ſo oft in ſtillen Thränen gefunden, deren Grund wir nicht haben entdecken können.— Du weißt, daß es zu beſtimmten Zeiten ganze Tage gibt, in denen ſie ſich unſern Blicken entzieht.“ In der That hatte mitunter das Betra⸗ gen der Gräſin de Nercé einen geheimnißvollen Anſtrich, und ihr gewöhnlicher milder Schwei⸗ muth nicht wenig. dazu beigetragen, Guſtavs ☛ 7 Phantaſie zu entflammen. Alle. Jahre den 26. Juni entfernte ſie ihre Söhne— denn ſie liebte, beide jungen Freunde mit diefer Benen⸗ nung zu umfaſſen— und verlebte dieſen Tag in ununterbrochener Einſamkeit. Gegen Abend erging ſie ſich dann immer im Freien; ſie be⸗ ſuchte einen Felſen, der ſich am Ende des Parks erhob und das Meer beherrſchte. Einſt an einem dieſer Tage kam Guſtap früher als gewöhnlich auf das Schloß zurück; in dem Garten umherſtreifend bemerkte er bei dem klaren Licht des Mondes ſeine Mutter, ganz weiß angezogen, einen Strauß von Jas⸗ 7 minen in der Hand auf dem Felſen; er ſah ſie niederknien, die Augen gegen den Himmel zu erheben und den Strauß in das Meer werfen. Er kehrte ins Schloß zurück und verſchloß dieſen ſonderbaren Auftritt tief in ſeine Seele. Den folgenden Morgen erſchien die Gräſin beim Frühſtück bleich und ermüdet. Spuren von Thränen verriethen eine ſchmerzlich durchwachte Nacht. —— — —— ———y————— denn ſie empfand, daß die letzten Augenblicke, die der Trennung vorangehen, vielleicht noch ſchmerzlicher als die Abweſenheit ſelbſt ſind. Endlich war das Schiff, das ihn aufnehmen ſollte, im Begriff, unter Segel zu gehen, und ein leichtes Boot wurde hergeſchickt, um ihn abzuholen,— Das letzte Lebewohl iſt ausge⸗ ſprochen, die Freunde ſind getrennt. Schnell aber zieht Guſtav die Mutter eilig mit ſich nach dem Felſen hin, deſſen Höhe einen vollen Anblick des Meers gewährt; hier erblicken ſie noch einmal das Schiff, verkleinert, faſt zu ih⸗ ren Füßen. Es nimmt Theobald auf, und entfernt ſich im beflügelten Lauf— bald ver⸗ liert ſich dem Auge das weiße Tuch, mit dem Theobald ihnen noch ein freundliches Lebewohl zuwinkt.— Das Tuch— er ſelbſt, dann das Schiff iſt bald nichts mehr als ein weißer Punkt, bald verſchwindet auch dieſer.— Guſtav ſieht bald nichts anders als die unermeßlichen Wel⸗ len; er hat keinen Freund mehr; traurig, ge⸗ — ₰ 9 preßten Herzens, wendet er ſich zu der Mutter um.— Sie iſt nicht mehr an ſeiner Seite, und er wollte Troſt in ihren Armen ſuchen.— Ein tiefes Gefühl der Verlaſſenheit durchzuckt ſeine Bruſt.—. Einige Schritte von ihm entfernt, hinter einem Vorſprung des Felſens, der einen Sitz bildet, entdeckt er die Mutter, bleich, mit den Augen ſtarr auf den mit dem Meere zuſam⸗ menfließenden Horizont geheftet, als wäre ihre Seele einem Gegenſtand jenſeits deſſelben ge⸗ folgt. Guſtav ergriff ihre Hand, ſie war kalt; erſt ſeine Stimme vermochte ſie wieder zu be⸗ leben.— Sie ſchien aus einem ſchmerzlichen Traum zu erwachen; ihre Augen begegneten den unruhigen Blicken des Sohnes, deſſen An⸗ blick ihren Lippen ein Lächeln wiedergab.— —— ——— ——— — —— ☛ 10 Zweites Capitell. Moadamc de Nereé zitterte, wenn ſie an die Zukunft ihres Sohnes dachte. Eine traurige Erfahrung hatte ſie gelehrt, daß eine glühende Phantaſie nur eine traurige Gabe ſei, daß ungeſättigte Sehnſucht und vieljährige Leiden die kurzen Augenblicke eines beinahe immer ein⸗ gebildeten Glücks büßen müſſen. Sie ſeufzte über die allzu große Aehnlichkeit zwiſchen dem ihrigen und Guſtavs Charakter, und ſie litt im voraus bei der Vorſtellung der Leiden, welche dieſe unglückliche Uebereinſtimmung dem Ge⸗ genſtand ihrer Sorgen und ihrer Liebe bereiten konnte. 1 Guſtav ſtand an der Grenze des Alters, dem ſich das Leben von der glänzendſten, an⸗ ziehendſten Seite zeigte.— Die Welt lag von einer ideellen Glorie umgeben vor ſeinen Bli⸗ cken; lchelnde und täuſchende Hoffnungen deu⸗ ☛ 11 teten auf unſichtbare Freuden hin, die er brannte zu kennen, die er zu ahnen ſtrebte. Seine glühende Seele verſtieg ſich in eine Zukunft der Glückſeligkeit und der Liebe. Mapame Nercé ſtrebte zwar durch ernſte, nüchterne Be⸗ trachtungen das täuſchende Traumgewebe ihres Sohnes zu zerreißen; allein was vermochte eine ſchwache Frau, die ſchon ſeit einer Reihe von Jahren von der Welt, die ihrem Sohn ſich eröffnete, entferut lebte, die ſie kaum ge⸗ kannt hatte und von der ſie ihm nur falſche Anſichten geben konnte?— Ihre dauernden Leiden, ihr geheimer Kummer beſonders mußte ja auch einen tiefen Einfluß an ihr von Na⸗ tur düſteres und ſchwermüthiges Gemüth aus⸗ geübt haben, und ſo war Guſtav nach jeder Unterredung mit der Mutter weit entfernt, von den Wahrheiten, von denen ſie ihm gern hätte überzeugen wollen, durchdrungen zu ſeyn. Zwar war die Gräſin, wie wir gehört haben, in der Wahl eines Lehrers, der dem ge⸗ liebten Sohne die Stelle eines Vaters vertre⸗ ——— ———j— ☛ 12£ ten konnte, ſehr glücklich geweſen. Hr. de Ber⸗ mont hatte das Vertrauen, das ſie in ihn ge⸗ ſetzt, gerechtfertigt, und ſelbſt im höheren Grnde, als ſich von einem Fremden erwarten läßt, mit Klugheit und Liebe ſeine Obliegenheiten erfüllt; er hatte dem Vaterlande einen braven Bür⸗ ger, der Geſellſchaft ein gewandtes Mitglied in Guſtav gebildet. Der Geiſt und die Fähig⸗ keiten des Jünglings erhoben ihn weit über das Gewöhnliche. Die Reinheit und Offenheit ſeines Gemüths, der Adel ſeiner Seele durften ihn dereinſt unter d die hervorragenden Geiſter zerichen die der Stolz ihres Landes und das Muſter ihrer Mitbürger ſind. n Aber das Glück und die Zukunft eines jungen Mannes iſt nur zu oft von ſeinem Ein⸗ tritt in die Welt abhängig.— Hr. de Ber⸗ mont war ein Greis, und die Gräſin fürchtete mit Grund, daß ihrem Sohne nur zu bald die zuverläſſige Begleitung ſeines würdigen Freundes, gexaubt werden könnte.— Wem ſollte ſie dann die Führung des geliebten Soh⸗ ☛ 13 nes anvertrauen, deſſen reine Seele, gewohnt ſich in den ſtillen Tugenden ſeiner Umgebung abzuſpiegeln, nicht einmal das Böſe ahnete? Die Geſundheit der Madame de Nercé wurde täglich hinfälliger, und ihre mütterliche Sorge vermehrte ſich in demſelben Grade, wie ihr Le⸗ ben auszulöſchen drohete. Während nun die Mutter unenßig mit traurigen Ahnungen der Zukunft entgegen ſah, ſo wie der Sohn ihr durch den Zauberſpiegel jugendlicher Hoffnungen, traf ein Ereigniß ein, das beide ſchmerzlich ergriff. Guſtavs väterli⸗ cher Lehrer bekam einen Brief aus Neapel, von einer dort wohnenden, lange nicht geſehe⸗ nen Schweſter.— Ihr, eben ſo wie das ſeine, hoch vorgerücktes Alter, ihre hinfällige Ge⸗ ſundheit, die lange hingeſchlummerte Liebe, die oft bei dem Gedanken einer baldigen Trennung die Jugendgluth der erſten Jahre wieder an⸗ nimmt, hatte den Wunſch in ihr erregt, noch einmal vor ihrem Tode den einzigen Freund, den einzigen Verwandten, der ihr geblieben — 8 — ⁴☛ 14 war, zu ſehen und in ſeinen Armen zu ſterben.— Ihr Brief ſprach dieſe Empfindungen aus und erweckte, wie es ſchien, gleiche Gefühle mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt in Bermonts Buſen. Von dieſem Angenblicke hatte der Greis keine Ruhe mehr in Verville. Trotz ſeiner Ergebenheit für die Gräfin, ſeiner Liebe zu Guſtav, zog das Alter ihn nun in die erſten Bande des Lebens zurück; er fühlte die Noth⸗ wendigkeit reiſen zu müſſen, und noch denſelben Tag, als er den Brief empfangen, eröffnete er den Freunden ſeine Abſicht, ſich den folgen⸗ den Tag auf den Weg zu begeben; die Unge⸗ duld des Alters, in dem Vorgefühl, daß ihm nur kurze Zeit übrig ſei, läßt ſich nicht beſchwören. Der Schmerz der Gräſin war tief und er⸗ greifend; noch ein Weſen, das ihren Sohn mit Liebe umfaßte, der zweite Freund ging ihm in dem Augenblick, wo er ihn am meiſten nöthig hatte, verloren; und ſie ſelbſt, würde ſie ſich auch nicht bald gezwungen ſehen, ihm auf immer Lebewohl zu ſagen? ☛ 15 Dieſe düſtern Vorſtellungen zerriſſen ihr Herz; ihre ſonſt ſo ruhig entſagende Seele ſchien erſchüttert zu ſeyn; kaum gelang es der überzeugenden Zuverſicht des ſcheidenden Freun⸗ des, dem kranken Gemüthe Ruhe und Exge⸗ bung in den Willen der Vorſehung einzuflö⸗ ßen.— „Bedenken Sie,“ ſchloß er,„daß Sie nun die einzige Stütze ihres Sohnes ſind.— Ich beſchwöre Sie, geben Sie ſich nicht dieſer Ihm und Ihnen gleich gefährlichen Ueberſpan⸗ nung hin; lehren Sie ihn durch Ihren Muth, den Muth nie zu verlieren, und vertrauen Sie dem Himmel. Ich darf für Guſtav verbürgen, überlaſſen Sie ihm dreiſt, für ſeine Ehre und ſeinen Ruhm Sorge zu tragen.“ „Mein Sohn“ fuhr er fort, zu dem Jüngling hingewandt, der ſeine Hände mit den ſeinigen ſchmerzlich umfaßt hielt, als wolle er ſie gar nicht fahren laſſen:„Mein Sohn, mä⸗ ßige Deinen Schmerz; Du ſiehſt ja, daß ich ru⸗ hig bin, und doch fühle ich, daß ich Dich nicht ☛ 16 weniger liebe. Sei ein Mann, und ſei es für Deine Mutter, die auf der Welt nur Dich hat.— Bewahre mein Andenken in Deinem Herzen; möge es thätig darin zu Deinem Glücke ſeyn! mögeſt Du es immer freudig betrachten, ohne Erröthen betrachten, können! möge es Dich vor den Verirrungen hüten, denen die Jugend ſich mit Leichtſinn hingibt, und die nur zu leicht Verzeihung finden! So geräth man in die Arme des Laſters, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ohne die Möglichkeit geglaubt zu haben.— Lerne zwi⸗ ſchen der Sehnſucht des Herzens und der des Bluts unterſcheiden; es kommt eine Zeit.— Laß nie das Benehmen Deiner Umgebung Dir zur Richtſchnur dienen— Du darfſt nur in Dir ſelbſt den ſichern Leitfaden eines untadelhaf⸗ ten Wandels finden.— Ich werde Dir die Geſchichte eines Jünglings hinterlaſſen, der, ſo wie Du, mit großen Fähigkeiten ausgerüſtet war— öffne ſie bei Deinem Eintritt in die Welt, die Dein Herz nur zu leicht den Leiden⸗ ſchaf⸗ ſchaften eröffnen kann.— Nöͤge ſie Dir zut Warnung dienen.“ Der Greis riß ſich zu der beſtimmten Stunde aus den Armen ſeiner Freunde, die aus dem hinfälligen Zuſtande der alten Schwe⸗ . ſer die Hoffnung ſchopften, vielleicht ehe ſie es dachten, den Scheidenden wieder zurückkeh⸗ ren zu ſehen. Die Gräfin beſtrebte ſich indeſſen in der Folge, dem Sohn ihre Unruhe und koͤrperliche Abnahme der Kräfte zu verbergen; allein ihr Aeußeres veränderte ſich auf eine ſo beunruhi⸗ gende Weiſe, daß es dem Blick des unbefan⸗ genen Guſtavs nicht entgehen konnte. Er er⸗ ſchrak, doch ſprachen nur ſeine Briefe an Theo⸗ 3 bald ſeine Unruhe aus.— Dieſer erwie⸗ derte die Mittheilungen ſeines Freundes mit ſo vieler Genauigkeit, als die weite Entfer⸗ nung und eine ſo ſchwierige Verbindung zu⸗ 3 laſſen wollten, und ſtrebte ſo der Seele des Freundes einen Antheil der Ruhe einzuhauchen, auf der ſein Charakter begründet zu ſeyn ſchien! Lebewohl. I. Thl. 2 — ☛ 18 ☛☚α Der hervorſtechende Gleichmuth deſſelben er⸗ ſtreckte ſich indeſſen nicht zu der Ergebung, mit der er Guſtav umfaßte.— Er liebte ihn hö⸗ her denn alles in der Welt, und würde keinen Augenblick unſchlüſſig geweſen ſeyn, ihm ſeine glänzenden Ausſichten aufzuopfern, hätte er geglaubt, daß ſeine Gegenwart zu dem Heil des jungen Grafen nöthig ſei. Madame de Nercé, nur zu überzeugt, daß ihre Tage bald gezählt waren, wollte dem Soh⸗ ne eine wenigſtens äußere Stütze geben. Mehr als ein Jahr war ſeit der Abreiſe des Hrn. de Bermont vergangen, ſeine Briefe ſprachen nicht von ſeiner Rückkehr.— Die hinfällige Schweſter konnte vielleicht noch lange ihr trau⸗ riges Daſeyn hinſchleppen; die Gräfin, ſich im⸗ mer ſchwächer fühlend, übergab die Vormund⸗ ſchaft ihres Sohnes dem Baron de St. Cle⸗ ment, einem Verwandten ihres Gatten, einem Sonderling, aber von erprobter Rechtſchaffen⸗ heit und voller Ehrgefühl.— Die Schwäche der Gräfin war ſo groß, ¹ ☛ 19 daß ihr einziger Gang, außer ihren Zimmern, ſich nur bis an den geliebten Felſen erſtreckte. Dort hielt ſie ſich ganze Stunden auf, und kehrte ſtets immer ſchwermüthiger, immer mehr leidend davon zurück. Mehrmals hatte Guſtav gewagt, ſie nach der Quelle jenes Kummers, deſſen Raub ſie ſo lange geweſen, zu fragen. Er hatte ſie tröſten, oder wenigſtens mit ihr weinen wollen, aber wenn er nur dieſen Ge⸗ genſtand berührte, verſtummte die Gräfin, und Thränen bebten in ihren Augen. Und ſo ent⸗ ſagte Guſtav einer Wißbegierde, die die Ruhe ſeiner Mutter ſo verletzend ſchien. ———— Drittes Capirel. Gaſtav hatte ſein ſiebzehntes Jahr erreicht; noch war alles im Schloſſe Verville unverän⸗ dert. Sein Briefwechſel mit Theobald war ſeine innigſte Freude; indeſſen lebte er doch 2 ☛☛ꝑ 20 nicht in einer gänzlichen Abgeſchloſſenheit. Ma⸗ dame de Nereé vereinte oft eine erwählte Ge⸗ ſellſchaft in ihren Zimmern, und mehr als eine liebenswürdige Frau hatte ſchon Guſtavs Herz zum ſtärkeren Klopfen als gewöhnlich gebracht; aber es waren nur wenige junge Mädchen darunter, und es fiel ihm die Möglichkeit nicht ein, für eine verheirathete Frau ſeufzen zu dürfen.— Die Tugenden ſeiner Mutter, die ſtrengen Sitten ſeines Lehrers hatten ihm eine tiefe Verachtung für die Gattin eingeflößt, die fähig war, ihre Pflichten aus der Acht zu laſ⸗ ſen.— In Paris hätte er wohl ſchwerlich dieſe Schärfe der Grundſätze ſo lange bewahrt, welche man dort als Vorur⸗heil belächelt haben würde; aber von Leuten umgeben, die ſich den Geſinnungen der Hausfrau anſchmiegend, eben ſo wie ſie dachten oder zu denken ſchienen, ließ ihm ſeine warme Phantaſie alles in einem rei⸗ nen Lichte ſehen, ohne ſelbſt einen ſtrafbaren Gedanken zu gebären.. Indeſſen ſahen die Frauen den jungen 1 ☛ 21 Grafen eben nicht mit Gleichmuth. Seine ſchon ganz entwickelte Geſtalt zog die Blicke an. Seine edlen griechiſchen Züge, die ſich durch eine große Beweglichkeit auszeichneten, nicht weniger; ſeine tiefen blauen Augen, von langen ſchwarzen Wimpern beſchattet, ſprachen eine ſchwermüthige Sehnſucht aus, allein wenn die Erzählung einer braven That ſeine Bruſt belebte, verrieth ſein leidenſchaftlicher Blick die ſtürmiſche Bewegung der Seele, und ſchien zu verkünden, daß er den, welchen er bewunderte, noch übertreffen konnte. Seit mehreren Monaten indeſſen war es, als hätten Guſtavs Lippen ihr frohes Lä⸗ chel verlernt. Er ſah die Mutter tagtäglich chwächer werden. Er las auf ihren farbloſen Wangen die nahende Trennung, deren Vorge⸗ fühl ihre gerührten Blicke, ſich wehmüthig auf ihn heftend, ſchmerzlich ausſprachen. Dennoch würde die Benennung von Krankheit nicht auf den Zuſtand der Gräfin paſſen, auch ſchien ihr ſichtliches Hinſterben keiner körperlichen Urſache ☛ 22 beigemeſſen werden zu können. Die beſten Aerzte geſtanden hier die Unzureichlichkeit ihrer Kunſt ein, und beſchränkten ſich nur darauf, ihr Ruhe und Zerſtreuungen zu empfehlen. Mit dem zärtlichſten Eifer ſtrebte Guſtav, ih⸗ ren Anweiſungen zu folgen. Ihre Mildthätig⸗ keit kennend, ſuchte er immer neue Gelegenhei⸗ ten für ſie auszufinden, dieſen Gang ausüben zu können, und durch eine gewiſſenhafte Ent⸗ wickelung der Mittel, wie ihre Wohlthaten am beſten wuchern konnten, ihr Befriedignng und Zerſtreuung zu geben. Die Rückkehr des Frühlings ſchien die Kräfte der Gräfin in etwas herzuſtellen. Sie konnte ihre Spaziergänge außer dem Schloſſe wieder anfangen. Auf den Arm des Sohnes geſtützt, athmete ſie den erfriſchenden Duft der Fluren ein, und erfreuete ſich des erweckten ſonnenwarmen Lebens. Sie ſprach von den Verſchönerungen, die in dem Park angebracht werden konnten; ihre Gedanken dann auf an⸗ dere Gegenſtände hinlenkend, machte ſie einen ☛ 23 Entwurf ihres Zuſammenlebens, wenn Gu⸗ ſtav einſt eine Gattin erwählt haben würde! 9! wie ſollte ſie die lieben, die ihn glücklich machte!—— 8 Der junge Graf, entzückt, ſie mit der Zu⸗ kunft beſchäftigt zu ſehen, faßte Hoffnung aufs neue; er war weit entfernt, in dem Herzen der zärtlichſten Mutter geleſen zu haben; ſie fühlte den Tod im Innern. Ihre zu glühende Seele hatte allmählig ihr Daſeyn untergraben; allein ſie hatte Guſtavs Unruhe wohl bemerkt; und ſeinetwegen gewünſcht, ihr Leben erhalten zu können; und mußte ſie auch darauf Verzicht leiſten, ſich länger über ihren Zuſtand täuſchen zu können, wollte ſie doch, ſo lange es geſche⸗ hen könne, dem Sohne die Wahrheit verbergen. Die Eigenthümerin eines Gutes, das an Verville grenzte, hatte einen großen Ball und ein dieſem vorangehendes Schauſpiel veranſtal⸗ tet, um den Jahrstag ihrer Hochzeit zu feiern. Die Gräfin und Guſtav waren die erſten, die eingeladen wurden. Sie empfand wohl, daß ☛ 24 die Ermüdung eines ſolchen Abends ihr nicht dienlich ſeyn würde, aber ſie hatte nicht Muth, dem Genuſſe zu entſagen, Zeuge zu dem Ju⸗ gendſieg ihres Sohnes zu ſeyn, und dieſer würde ohne ſie keinen Antheil, an der Einla⸗ dung genommen haben. Sie fanden ſich alſo bei dem Feſte ein. Madame de Nereé, mehr als gewöhnlich geſchmückt, erregte noch Auf⸗ ſehen. Die Frauen ſprachen wohl nicht laut von dem Grafen Guſtav, allein jede von ihnen ſuchte ſeine Aufmerkſamkeit an ſich zu feſſeln. Als das Schauſpiel angegangen war, hatte Guſtav Muße, die Frauen zu betrachten; es waren ſehr ſchöne darunter.—„Iſt ſie auch hier, die ich lieben ſoll?,“ flüſterte eine Stimme in ſeiner Bruſt? 2ir24.. Ein junges Mädchen ſpielte die Haupt⸗ rolle, Sie hatte das niedlichſte Geſicht von der Welt; aber etwas Affeetirtes in ihrem gan⸗ zen Weſen zerſtörte den Zauber, welchen ſie ſonſt eingeflößt haben würde; ſie ſang; ihre Stimme war rauh, und Guſtav gewohnt an ☛ 25 die ſonoren Töne ſeiner Mutter, fühlte ſich un⸗ angenehm überraſcht. Er verbarg dieſe Em⸗ pfindung nicht ſorgfältig genug, denn ein be⸗ jahrter Mann, der neben ihm ſaß, flüſterte ihm zu; die junge Dame wäre eigentlich nicht für dieſe Rolle beſtimmt, ſie ſollte von Mademoiſelle Adelmar gegeben worden ſeyn; ſie hat eine himmliſche Stimme; ſie befindet ſich aber ſeit einigen Tagen nicht wohl, und ſo iſt dieſe Parthie in die unrechten Hände ge⸗ kommen.—„Warten Sie! Sie können ſie ſehen!“ fügte er hinzu,„dort hinter der er⸗ ſten Couliſſe, wo ſie dem Gedächtniß ihrer Stell⸗ vertreterin zu Hülfe zu kommen ſucht.“ Guſtavs Blicke folgten der angegebenen Richtung, und er gewahrte ein ungefähr vierzehn⸗ jähriges Mädchen, klein, rund, ein wenig braun, mit ſehr ſchwarzen, aber rothen geſchwol⸗ lenen Augen. Guſtav wandte ſchnell die Au⸗ gen hinweg, und heftete ſie mit mehr innerer Befriedigung als früher, trotz der häßlichen Stimme, auf die ſchöne Schauſpielerin. ☛☚ 26 ☚ Das Stück ging faſt zu Ende, als ein plötzliches verworrenes Geſchrei hinter der Scene entſtand; die jungen Leute ſtürzten hervor in der heftigſten Bewegung, unfähig, vor Schre⸗ cken die beſtürzten Fragen der nächſten Zu⸗ ſchauer zu erwiedern; allein faſt in demſelben Augenblick verkündete die Urſache zu allgemei⸗ nem Schrecken ſich ſelbſt. Eine Lampe, die zu nahe an den Deedrationen angebracht ge⸗ weſen, hatte gezündet; dicke Wirbel von Flam⸗ men und Rauch erfüllten in wenigen Augen⸗ blicken den Saal. Alle erhoben ſich ver⸗ wirrt und ſuchten zu⸗ entkommen; Guſtav um⸗ faßte ſeine Mutter und: Wheächin le duucktic heraus. Der Brand dieſes Pavilons, mita im Park belegen, war dem Schloſſe ſelbſt nicht ge⸗ fährlich; die ganze Geſellſchaft, ſchnell der dro⸗ henden Gefahr entronnen, umarmte ſich, wünſchte ſich Gluͤck, und betrachtete die Flammen mit mehr Ruhe, während die herbeiſtrömenden Leute eilten, ihnen Einhalt zu thun. In die⸗ ö“ ☛̈ 27 ☛☚ ſem Augenblick entſtand neues Geſchrei, neue Verwirrung; Mademoiſelle Adelmar war ver⸗ mißt; Niemand hatte ſie aus dem Saale heraus⸗ kommen ſehen.— Guſtav ſtürzte ſich unbedenklich gegen das Gebäude; Rauch und Flammen ſchlu⸗ gen ſchon aus allen Thüren heraus; er ſtand einen Augenblick unſchlüſſig, doch bald glaubte er die junge Unglückliche, die ſich vergebens beſtrebte, einen Ausgang zu finden, zu bemerken. Da hielt ihn keine Gefahr, kein Hinder⸗ niß mehr zurück; er neilte durch die lodernden Flammen, ergriff das zitternde Mädchen, faßte ſie in ſeine Arme, und entriß ſie dem ſu lichſten Fode. an* 1 Sie hatte nicht d den Gebrauch ihret Sinne verloren, jedes ſtammelnde Wort, jede Bewe⸗ gung ſprach ihren Dank aus. Er legte ſie auf den Raſen nieder; beide wurden in demſelben Augenblick von der Geſellſchaft umgeben. Sie ſah nur Guſtav allein; ſie ergriff ſeine Hände; ſie ſammelte ſich, um reden zu können, doch zu gleicher Zeit entdeckte ſie, daß ihr Er⸗ ⁴☛ 28 retter verwundet war, und bei dieſem Anblick, von ihren Empfindungen, von dem Erſchrecken, deſſen Herr ſie bis jetzt geweſen, beſiagt, verlor ſie die Beſinnung. Der Eifer, ihr zu helfen, machte die Hulfs ungeſchickt; ihre Begleiterin in die Geſellſchaft, unruhig und troſtlos, beſtand auf augenblicklicher Entfernung. Endlich erholte ſich Mademoiſelle Adelmar wieder, und Guſtav, der rihr nöch ini⸗ mer die thätigſte Sorge bewieſen, ließ ſie in den Händen der Frauen und eilte zu ſeiner Mutter.— Die Blicke des dankbaren Mädchens folg⸗ ten ihm noch immer; und erſt als ſie ihn in den mütterlichen Armen geſehen, gewiß, daß ſein hülfsbedürftiger Zuſtand dem ſorgenden Auge der Mutter nicht entgehen würde, die zwar über die Gefahr, der er bloß geſtellt ge⸗ weſen, noch erſchrocken war, aber deren Herz bei dem Anblick ſeines Muths, und der allge⸗ meinen rauſchenden Begeiſterung, die ſein Be⸗ tragen erregte, in Wonne ſchwamm, ließ ☛ 29 ☛ ſich Mademoiſelle Adelmar in den Wagen bringen, um nach dem Schloſſe ihres Vaters zurückgebracht zu werden. Viertes Capitel. Her aTvelmar hatte ſeine Tochter ſehr lieb, und der beherzte Edelmuth Guſtavs, der, ohne an die eigne Gefahr zu denken, ſein Le⸗ ben und das Glück der zärtlichſten Mutter bloß geſtellt, um ein junges Mädchen, das ihm völ⸗ lig unbekannt war, zu erretten, flößte ihm eine lebhafte Empfindung von Hochachtung und Er⸗ kenntlichkeit ein. Sein Herz verſtand eine ſol⸗ che That zu würdigen, obgleich es ſich auf die außeren Obliegenheiten der Höflichkeit beſchrän⸗ ken mußte. Sobald es ihm möglich wurde, ſich mit etwas anderm, als mit dem geliebten“ Gegenſtand, der ihm aufs neue geſchenkt war, zu beſchäftigen, ließ er nach dem Befinden des⸗ ☛o 30 jenigen fragen, dem er etwas noch Höheres als das Leben ſchuldig zu ſeyn fühlte. Einige Stunden der Ruhe, und die müt⸗ terliche Sorgfalt der Gräſin, hatten dem Jüng⸗ ling die Schmerzen bald vergeſſen gemacht, die mit dem Bewußtſeyn einer beglückenden That, und mit den Liebkoſungen der verehrten Mut⸗ ter, welche ſie ihm eingeerntet, hiurichend be⸗ zahlt waren⸗ 4„i Madame de Nercs lächelte, als unter den Unterredungen mit ihrem Sohne dieſem der Ausdruck entſiel, daß es ihm Leid thue, daß die Mademoiſelle Adelmar nicht hübſcher ſei. „Wenn Sie wüßten,“ ſagte er,„wie oft ich in den unwillkürlichen Träumen meiner Phantaſie Hinderniſſe aufgethürmt, Gefahren aufgeſtellt, um ihnen einen verehrten liebens⸗ würdigen Gegenſtand entreißen zu können! Wie würde ich die geliebt haben, die mir das Leben zu verdanken hat, wenn ſie nur ſchön geweſen. wäre. In der That das Geſchick iſt den Träu⸗ men zu Hülfe gekommen; aber wie wäre es ☛ 31 möglich, ein ſolches Weſen zum Gegenſtand mei⸗ ner liebenden Verehrung zu machen? „Kannſt Du wirklich, lieber Guſtav! ſo⸗ viel Werth auf die Schönheit legen 24 nahm die Gräfin das Wort;„hat dieſe Blume, die ſo bald verwelkt, und die ein Augenblick auf immer vernichten kann, denn allein Reiz für Dich? Ich kenne weder Mademoiſelle Adelmar noch ihr Familie; allein wer weiß, ob dies junge Mädchen nicht eine innere Schönheit beſitzt, die weit anziehender als äußere Anmuth iſt 2e. „Es iſt möglich! Aber ich darf vieles verlangen, eben weil ich fühle, wie viel, wie ſehr ich lieben kann. Sie haben mich ſchwer zu befriedigen gemacht.— Wo werde ich Ih⸗ res Gleichen finden? Ich will wenigſtens, daß die Freundin, die ſich mein Herz erwählt, wür⸗ dig ſei, Ihre Tochter zu ſeyn; ich verlange an der Frau, die ich lieben ſoll, eine ſchlanke zierliche, obgleich nicht große Geſtalt; weiß, zart erröthend, wie eine echte Perle, von der die Abendröthe wiederſtrahlt; Augen, in denen ³⁴☛̈ 32. Alle Andere nur eine reine Seele erblicken, die aber auf mich haftend, mit Flammenzungen mir ſagen, ich liebe dich; ohne dich hat das Leben für mich, ſeinen Werth verloren. Ich verlange endlich, daß ihre Jüge, ihre Worte, ihre Bewegungen eine leidenſchaftliche Seele ausdrücken, die bereit iſt, Alles dem Weſen auf⸗ zuopfern, dem ſie ſich ergeben. Sagen Sie mir nur ſelbſt die Möglichkeit, mit dem beſten Willen, dem kleinen runden Geſchöpf, deſſen Stirn und Hals die Sonne verbrannt hat, und das ein boshaftes Verhängniß auf meinen Weg hingepflanzt, lahen Vſtftsdadae bei⸗ ztieden deu.RAnr 1 Während diger⸗ Rede bekrachtete Guſtav die Mutter mit einem ſanften Lächeln; ſeine großen ausdrucksvollen Augen waren auf ſie geheftet, und obgleich ihre Lippen ihn tadelten, glaubte ihr Herz doch zu empfinden, daß nur wenige Frauen der Liebe ihres Sohnes würdig wären. Indeſſen warf ſie ihm mit Fug r die — ⁴☛̈ 33 die unwillkürliche Geringſchätzung, die ſich un⸗ verkennbar in ſeinem Zuge bei dem Anblick ei⸗ ner unſchönen Frau malte, als eine Ungerech⸗ tigkeit vor, die er gewiß nur einzuſehen brauch⸗ te, um ſie wieder gut zu machen. Kurz hernach wurde die Gräfin zu einem abendlichen Feſte eingeladen, das Herr de Adel⸗ mar bei Gelegenheit der Herſtellung ſeiner Tochter gab, deren Zuſtand mehrere Tage hin⸗ durch ſehr beunruhigend geweſen war. Ma⸗ dame de Nercé hatte augenblicklich zugeſagt; ihr mütterliches Herz ahnete ſogleich, daß Gu⸗ ſtav der Held des Feſtes ſeyn würde, und ſchon in voraus klopfte es ſtärker vor Stolz und Freude; der Graf indeſſen äußerte eine lebhafte Abneigung, ein Haus zu beſuchen, wo die Sehnſucht ihn zu ſehen mit einer Art von Gepränge kundgegeben wurde. Er ſcheuete die lauten Bezeigungen des Dankes und den Ausdruck einer Erkenntlichkeit, deren. Wärme ihm unverdient vorkam, weil er nicht begreifen konnte, daß eine ſo einfache, ſo natürliche That Lebewogl. I. Thl. 3 34 ſo viele Begeiſterung erkege. Der Gedanke, daß er vielleicht beſtimmt wäre, eine Rolle bei dieſem Feſte zu ſpielen, und das Andenken an die äußeren Formen der Mademoiſelle Adel⸗ mar verſetzten ihn in eine ſo unbehagliche Stimmung, daß er die Mutter dringend um die Erlaubniß erſuchte, ſich eben dieſen Tag zu entfernen.—— Die nachgiebige zärtliche Mutter mochte nicht auf die Erfüllung eines Wunſches, der dem Sohne nicht zuſagte, beſtehen; obgleich ſie nicht gern die Einladung ablehnte, und dabei empfand, wie die Artigkeit es erforderte, daß Guſtav bei dieſer Gelegenheit nachgab. Herr de Adelmar legte denſelben Abend einen Beſuch bei der Gräfin ab, und erfuhr von ihr, daß ihr Sohn den folgenden, zu dem Feſte beſtimmten Tag eine unumgänglich noth⸗ wendige kleine Reiſe unternehmen müſſe. Dieſe Nachricht machte einen unverkennbar ſchmerz⸗ lichen Eindruck auf den Beſuchenden. Da er im Begriff ſtand, nach Paris aufzubrechen, ☛ 35 wo er in Zukunft zu wohnen dachte, blieb ihm kein anderer Tag als der ſchon beſtimmte übrig, und er hatte dieſen ganz der Dankbar⸗ keit weihen wollen. Er äußerte einen ſo leb⸗ haften Verdruß über dieſen Auerſtreich, daß Guſtav dadurch erſchüttert wurde; ja der Ge⸗ danke, daß die Demoiſelle Adelmar ſich aus der Gegend entfernte, ſchien ihm einen Theil ſeiner guten Laune wieder zu geben; er fügte ſich in Alles, was von ihm verlangt wurde, und verſprach, die Mutter zu begleiten. Den folgenden Tag begaben ſich beide zur beſtimmten Stunde hin; bei ihrem Eintritt in den Saal war dieſer ſchon von Gäſten erfüllt. Die Verſammlung war glänzend; die äußerſt ſorgfältig geſchmückten Frauen erwarteten Gu⸗ ſtav mit Ungeduld. Alle Blicke ſuchten ihn, als er hereintrat. Die Männer, ſeinen Muth verehrend, wünſchten ihn Freund nennen zu dür⸗ fen; die Frauen ſeufzten, die jungen Mädchen er⸗ 5 rötheten, und ſehnten ſich tief im Grunde des Her⸗ zens nach einem Geliebten, der ihm ähnlich ſah. 3* 8 36 Ein tiefes Stillſchweigen folgte den erſten ſtürmiſchen Bewegungen der Begeiſterung. Gu⸗ ſtav unterhielt ſich ſtehend in der Mitte des Saals mit einigen bejahrten Herren, da der Wirth, der ſich indeſſen um die Gräfin thütig bezeigt, mit einem ringsum ſuchenden ühs nach ſeiner Tochter fragte. Alle Blicke richteten ſich in dieſem Au⸗ genblick gegen eine Säule, hinter der ſich ein junges Mädchen verbarg, deſſen glühendes Er⸗ röthen eine heftige Bewegung verrieth. Eine Dame in ihrer Nähe ſchien ſie mit einer lei⸗ ſen Berührung und leiſen Worten zum Her⸗ vortreten zu ermuthigen, allein ihre Füße haf⸗ teten wie eingewurzelt auf der Stelle, wo ſie ſtand. Hr. de Aldemar, der ihre Verlegenheit bemerkte, eilte lebhaft zu ihr hin.— „Komm, mein Kind!“ rief er ihr entge⸗ gen!„woher dieſe Furcht, dieſe Verwirrung? Der iſt es ja, nach deſſen Aublick du dich ſo oft geſehnet, und von dem wir ſo oft zuſammen 3 geſprochen; komm, deinem Erretter zu danken.„ *—* ☛ 37 Die Hand der Tochter ergreifend und ſie ſchnell mit ſich fortziehend, führte er ſie zu dem jungen Grafen hin, der, beſtürzt über das verſtörte Ausſehen und die ſichtbare Bewegung des Mädchens, nur mit der größten Mühe über ſich gewinnen konnte, ihr einige ſehr all⸗ gemeine Artigkeiten zu ſagen. Gerade vor ihm ſtehend, unbeweglich, mit herunterhängenden Armen, ſah die Mademoi⸗ ſelle Adelmar einer Statue ähnlich; das Zit⸗ tern, von dem ſie befallen war, die Flammen⸗ röthe des Geſichts, des Halſes, ſelbſt der Oh⸗ ren verlieh ihren anmuthsloſen Zügen einen faſt lächerlichen Ausdruck. Auf einmal bewegte ſie die Lippen, ſie ſchien einige Worte ſagen zu wollen, aber ſie verloren ſich in ein lautes Schluchſen, während ſie mit beiden Händen die thränenvollen Augen bedeckte; endlich raffte ſie ſich zuſammen, drehete kurz um und entfloh ſo ſchnell, daß der Vater ſie nicht zurückhalten konnte. Höchſt beſchämt über den Auftritt, den ſie erregt, blieb ſie den übrigen Theil des * ☛ꝙ 38 Abends verborgen, und weigerte ſich ſtandhaft, wieder zu erſcheinen, wieviel ſie auch darum erſucht wurde.. Guſtav fühlte ein unbeſchreibliches Miß⸗ behagen; er bereuete, daß er ſich hatte verleiten laſſen, das Mädchen wieder zu ſehen, das noch mehr als vorher abſtoßend auf ihn gewirkt. Er begegnete indeſſen mit vieler Liebenswürdig⸗ keit den Entſchuldigungen des guten Hrn. de Adelmar, der ſich Mühe gab, einer angebornen Schüchternheit ſeiner Tochter einen Auftritt zuzuſchreiben, von dem er fürchtete, daß er als ein Zeichen ihres Mangels an Geiſteskräften an⸗ geſehen werden möchte. Bald ſchien indeſſen das Vorgefallene ver⸗ geſſen zu ſeyn. Hr. de Adelmar verbarg unter der feinſten Aufmerkſamkeit für ſeine Gäſte ſei⸗ nen inneren Verdruß. Der Abend, der un⸗ tter ſehr ſtörenden Vorzeichen begonnen war, verging ſehr angenehm; jeder fühlte ſich ge⸗ neigt, der Freude zu huldigen. Guſtav, der die Kleine, die nicht mehr erſchien, bald vergeſ⸗ ☛ 39 ☚ ſen hatte, eröffnete heiter den Ball mit der ſchönſten Frau in der Geſellſchaft. Es wurde tief in die Nacht getanzt; allein Guſtav, der den Folgen einer zu großen Ermüdung die ge⸗ liebte Mutter gern entziehen möchte, erſuchte, trotz der lauten Freude, die ihn umgab, und den verführeriſchen Blicken, die ihn länger zu bleiben einluden, ſie früh nach Hauſe beglei⸗ ten zu dürfen. Guſtav verbrachte den folgenden Tag mit der Gräfin allein; es war als wolle er ſich für den nächſtkommenden Tag ſchadlos halten, den ſie ihrer Gewohnheit nach in der größten Abgeſchloſ⸗ ſenheit, ohne ſelbſt den Sohn zu ſehen, zubrin⸗ gen würde. Unter traulichen, zärtlichen Geſprä⸗ chen war der Abend vergangen; Guſtav ſtrebte einen Theil ſeiner Hoffnungen für die Zukunft der Seele ſeiner Mutter einzuhauchen, und konnte nicht müde werden ihr alle ſeine Plane mitzutheilen. Mit den Augen feſt auf ihn ge⸗ haftet, hörte ſie mit einer ſchmerzlichen Em⸗ pfindung, die ſie zu verbergen ſtrebte, die be⸗ ☛ 40 zaubernden Träumereien des liebenswürdigen Jünglings an, der, weit entfernt, das Unglück, das über ihn verhängt war, vorauszuſehen, die lebhafte Farbe der Mutter, und ihre belebten Blicke— eine Folge des Fiebers, das ſie nicht mehr verließ— für einen Beweis der Rückkehr ihrer Geſundheit anſah. Ach! ſie fühlte es beſſer, daß es nicht ſo ſei, und hatte keinen Muth, ihn der ſchönen Täuſchung zu entziehn. Eine Stunde nach Mitternacht war ſchon vorbei; weder Mutter noch Sohn hatten an Ruhe gedacht. Endlich erinnerte die Gräfin ihn an die ſpäte Stunde. Indem ſie ihn aber zur guten Nacht umarmte, war es, als zuckte eine Ahnung der Trennung durch ihre Bruſt. Es war ihr, als könne ſie ſich nicht von ihm los⸗ reißen; endlich drückte ſie einen langen Kuß auf ſeine Stirn, während ſie allen Segen des Himmels über ihn herunterrief, und entließ ihn; allein ihre Blicke folgten ihm, ſo lange ſie ihn ſehen konnte, und ihr aufmerkſames Ohr ſuchte des Lauts ſeiner Tritte zu lauſchen, noch lange ☛½⅓ 41 nachdem ein ſüßer Schlaf Guſtavs Augen ge⸗ ſchloſſen und ihn in die trügeriſchen Träume von einer glücklichen Zukunft eingewiegt hatte.— Fuͤnftes Capitel. A Die tieffte Ruhe herrſchte im Schloſſe; nur die Gräfin war noch wach, der Raub einer ſchmerzlichen, heftigen Empſindung. Ihre eigne Ueberzeugung hatte nur zu laut den ſchwärmeri⸗ ſchen Ausſichten des Sohnes widerſprochen, aber dieſe das mütterliche Herz ſo anziehenden Ge⸗ mälde machten ihr die bevorſtehende Trennung noch ſchwerer. Ihr Muth, ihre gewöhnliche ſiegende Selbſtverläugnung verſchwand vor der Vorſtellung von dem Opfer, welches der Him⸗ mel von ihr vielleicht bald verlangte: ſich von ihrem Sohn zu trennen; den, dem ſie bis jetzt jeden Athemzug ihres Lebens geweiht, als Waiſe zu hinterlaſſen. Entſetzt, vernichtet von dieſem ☛ 42 4 Gedanken nahm ſie ihre Zuflucht zum Gebet, und fühlte ſich auch diesmal dadurch beruhigt und geſtärkt. Der Anbruch des Tages fand ſie nicht weniger unglücklich, aber demuthsvoll ergeben. Sie begab ſich, ſchwach, ermüdet wie ſie war, nach der Capelle, wo ſie einen großen Theil des Tages zubrachte. Guſtav, die Gewohn⸗ heit des Tages und den Willen der Mutter verehrend, hielt ſich beſcheiden von ihrer Nähe zurück. Alle Leute im Schloſſe hielten dieſen Tag in Ehren; es ſiel Niemandem ein, ihre Zu⸗ rückgezogenheit zu ſtören. Es war der ſechs⸗ undzwanzigſte Juni. Beim Sonnenuntergang bedeckte ſich die Gräfin mit einem großen Schleier, und ſchlug mit langſamen Schritten den Weg nach dem Felſen ein. Guſtav, ohne ſich ſehen zu laſſen, folgte ihr lange mit den Augen; mehrmals wandte ſie den Kopf zurück, und ſchien die Blicke auf die Fenſter des Sohnes zu heften; einen Augenblick ſtand ſie ſtille; die Uhr ſchlug acht. Nun ih⸗ 4½ ☛ 43 ren Gang beſchleunigend, trat ſie in eine dunkle Allee hinein und verſchwand. Guſtav fühlte ſich unruhig, traurig. Er hatte von der Kammerfrau erfahren, daß die Gräſin die vorige Nacht gar nicht zu Bette ge⸗ weſen. Es war ſchon eine Stunde verſtrichen, ſeit ſie ſich nach dem Felſen begeben hatte. Sie kam immer nicht wieder, und der ſorgende Guſtav begann unruhig zu werden; jeden Au⸗ genblick nahete er ſich dem offnen Fenſter, in der Hoffnung, das weiße Kleid der Mutter zwiſchen den Bäumen gewahr zu werden; allein er entdeckte nichts; kein Laut ließ ſich verneh⸗ men. Da er die Qual dieſer Ungewißheit nicht länger aushalten konnte, und zugleich befürch⸗ tend, daß ſeine Mutter ſich nicht wohl befände, entſchloß er ſich zum erſten Mal, ihren Befehl zu übertreten und ſie aufzuſuchen. Er war eben im Begriff, herunter zu gehen, als er einen Frem⸗ den in den Hof eintreten ſah, und kurz nachher erſchien ein Bedienter, der einen Brief an die Gräſin ablieferte, welchen der Verwalter des Ba⸗ 44 Q ron de Lineuil, deſſen Schloß in einer kurzen Entfer⸗ nung von Verville gelegen war, hergeſchickt hatte. Guſtav freilich völlig unwiſſend, ob dieſer Brief von Wichtigkeit war oder nicht, fühlte ſich nur zu glücklich, einen Vorwand zu haben, die Einſamkeit der Mutter zu unterbrechen und übertrug einem alten Bedienten, der das Ver⸗ trauen der Gräſin beſaß, ihr das Schreiben zu überbringen. Antoine gehorchte. Der junge Graf wartete mit einer Unge⸗ duld, die ſich nicht beſchreiben läßt, auf ihre Erſcheinung.— Er war Antoine bis an den Fuß des Felſen gefolgt, und horchte ängſtlich, ob die Stimme der Mutter ſich nicht verneh⸗ 1 men ließe. Endlich ſchlägt ein leiſer ſchmerzli⸗ cher Laut an ſein Ohr. Guſtavs Herz klopfte gewaltſam; er eilte den Felſen blitzſchnell hin⸗ auf, und ſtand erſtarrt vor Schrecken, als er die Mutter ohnmächtig, von Antoine mühſam aufrecht gehalten, erblickte. Sie trugen ſie nach dem Schloß, wo alle mögliche Sorgfalt ver⸗ wendet wurde, um ſie zu ihr ſelbſt zu bringen. ☛ꝑ 45 (Erſt um Mitternacht öffnete Madame de Nercé die Augen wieder, allein ſie war ohne Beſinnung und redete irre. Guſtav, in ſei⸗ ner Verzweiflung, ſprach zu ihr, rief ſie ver⸗ gebens; er bedeckte ſie mit Küſſen und Thrä⸗ nen. Bleich, unbeweglich ſtarrte ſie ihn an und erkannte ihn nicht. Der Sohn, vor ihr niederkniend, legte ſeine Hände auf ihr Herz, er rief ſie mit den zärtlichſten Namen, er zog ſie leiſe gegen ſich nieder; die Arme der Mut⸗ ter ſtießen ihn nicht zurück, aber ſie öffneten ſich auch nicht, um ihn zu empfangen, ſie drückten ihn nicht an das Herz, das von Liebe zu ihm ſonſt überquoll. Die hergeholten Aerzte erklärten, daß die Krankheit höchſt beunruhigend ſei, und daß die übergroße Schwäche der Gräfin ihnen alle Hoffnung, ſie zu erdetten, benähme. In der That ſchienen die wilden Phantaſien ihre letzten Kräfte ganz auszuleeren; der Schimmer von Leben, das ſie noch aufrecht hielt, rührte nur von dem Fieber, das ſie aufrieb, her. So ver⸗ —— ☛ 46 gingen zwei ſchreckliche Tage; Zukunft, Glück, alles ſchien dem Sohne mit ihr zu vergehen. Seine Verzweiflung gab ihm die rührendſten Klagen ein.„Nimm mich mit dir, Mutter!“ ſeufzte er!„Was ſoll mir ein Leben, das ich dir nicht mehr weihen kann.“ Ein ſehr ſchmerzlicher Gedanke vermehrte ſeine Leiden. In dem Wahn, daß der Brief, den er in ſeiner Unruhe der Gräfin hatte brin⸗ gen laſſen, vielleicht einige für ſie traurige Rachrichten enthalten, warf er ſich bitter ſeine Ungeduld vor. Er fragte Antoine auf das ge⸗ nauſte aus. Madame de Nereé hatte das Schreiben ohne irgend ein Zeichen des Erſchre⸗ Eens oder der Ueberraſchung geleſen; dann es ruhig zur Seite legend, ſaß ſie lange, ihrer Gewohnheit nach, in tiefes Sinnen verſunken. Sie ſchien gar nicht den alten Diener zu be⸗ merken, der, vor ihr ſtehend, ihre Befehle er⸗ wartete. „Es war erſt,“ fuhr Antoine fort„in dem Augenblick, da ich mir die Freiheit nahm, der 47 Frau Gräſin es bemerklich zu machen, daß die Kühle des Abends ihr ſchädlich ſeyn könne, und daß der Herr Graf, unruhig über ihre lange Abweſenheit, vor Sehnſucht brenne, ſie bald wie⸗ der zu ſehen, als ſie aus ihrem Sinnen er⸗ wachte.„Sogleich,“ ſagte ſie darauf;„nur einen Augenblick noch; dann“ verſetzte ſie, indem ſie ſich auf meinen Arm ſtützte.„Ja! bald werde ich bei ihm ſeyn!— komm, Antoine!“ Sie erhob ſich, aber ſo wie ſie gehen wollte, hielt ſie wieder an, indem ſie rief:„Ich fühle den Tod,“ und ich hatte genug zu thun, ſie aufrecht zu erhalten.“ Nach dieſem Bericht entſchoß ſich Guſtav, um den Zweifel, der ihn ſo peinlich gedrückt, ge⸗ löſt zu ſehen, den Brief zu eröffnen; wovon ihn eine unerklärbare Angſt bis jetzt abgehal⸗ ten. Er erhielt in der That auch nur eine Einladung an die Familie Nercé, der See⸗ lenmeſſe beizuwohnen, die den folgenden Tag, beim Anlaß des Todes des Baron de Lincuil, auf der Inſel Bourbon, wo er ſich vor mehr ☛ 48 als zwanzig Jahren ⸗häuslich niedergelaſſen, ge⸗ halten werden ſollte. Der Verwalter beobach⸗ tete die kirchlichen Gebräuche ſeinem Andenken zur Ehre. Nichts in dieſem Briefe hatte den Zuſtand hervorrufen können, in welchen ſich die Gräfin ſo plötzlich verſetzt fand. Der Sohn hatte früher nur mit der völligſten Gleichgültigkeit von dem Baron Lineuil ſprechen gehört, und dies nur von einigen Landleuten, die ihn einſt gekannt. Guſtav konnte ſich nicht beſinnen, daß dieſer Name je weder von der Gräfin noch von Jemandem im Schloſſe ausgeſprochen worden war. Er fühlte alſo ſein Herz etwas erleichtert durch die Ueberzeugung, daß ſeine Unvorſichtigkeit nicht die Mutter an den Rand des Grabes gebracht, und widmete ihr mit vieler Faſſung die kind⸗ lichſte Sorgfalt. Mitunter ſchien ſie ihn zu erkennen, und nannte zuletzt auch mehrmals ſeinen Namen; allein Worte ohne Zuſammenhang wechſelten bald damit ab, und verriethen ihm, daß noch ihre ☛̈ 49 ihre Sinne von einem dunklen Schleier, den vielleicht nur der Tod lüften würde, umgeben waren. 1 9 In einem Augenblick, wo der bekümmerte Sohn die Hand ſpähend auf ihr Herz gelegt, ſchien ſie indeſſen auf einmal zur Beſinnung zu kommen; ſie offnete die Augen; die ſchon hinſterbenden Strah⸗ len ihres Feuers ſchienen ſie zu beleben und den Sohn zu ſuchen. Ein leiſes Lächeln bildete ſich um die bleichen Lippen; ihre Blicke, auf Guſtav feſt haftend, verklärten ſich in einem himmliſchen Glanze; ihre ſchon erkaltete Hand umfaßte die ſeine mit krampfhafter Gewalt; es war als wollte ſie etwas ſagen, aber ſie hatte keine Worte mehr; nur ein Seufzer; es war der letzte. . Nur die Verwirrung der Sinne ſchien ſie überlebt zu haben, um ſich des armen Guſtays zu bemächtigen. Man mußte ihn mit Gewalt von einer Stelle wegreißen, wo er nur allein den Tod nicht ſah, nicht ſehen wollte. Endlich gab ihm die Wohlthat der Thränen ſich ſelbſt und dem Gefühl ſeiner Verzweiflung zurück; ſie Lebewohl. I. Thl. 4 ☛☚ 50 war ſtark wie ſeine kindliche Liebe. In ſeinem Zimmer eingeſchloſſen verweigerte er mit Hart⸗ näckigkeit jeden Troſt, den man ihm beizubrin⸗ gen ſuchte. Er wollte Niemand ſehn, und man entſagte bald der Hoffnung, ihn einem Schmerze, den nur die Zeit beſiegen ſollte, ent⸗ piehen zu können. Sechstes Capitel. Es ſind nicht die erſten Augenblicke eines un⸗ erſetzlichen Verluſtes, der mit der größten Ge⸗ walt unſre Seele ergreift; dann iſt noch Alles in Harmonie mit unſerm Schmerze; es ſcheint, daß er von allen, die uns umgeben, getheilt wird. Es vermiſcht ſich mit den vergoſſenen Thränen ein ſonderbares Unvermögen, an die Wirklichkeit des Unglücks zu g lauben; wir hof⸗ fen nicht mehr, aber wir erwarten noch. Mit Entſetzen wenden wir uns von dem Gedanken ☛ 51 ab, daß die Augen, die ſich immer nur mit Wohl⸗ wollen und Liebe auf uns geheftet, geſchloſſen ſind, um ſich nie mehr zu öffnen; daß die ☛ Lippen, die nur Schmeichelworte der Liebe aus⸗ ſprachen, ſtumm geworden; daß unſer Kummer nicht mehr an das Herz drängt, das ihn früher getheilt, das unſer kleinſtes Leid tiefer als wir ſelbſt gefühlt; daß der Ruf der Kin⸗ der die Mutter nicht mehr erweckt!— Indeſſen vergehen Tage, Wochen. Alles nimmt ſeinen gewöhnlichen Gang wieder. Die Gleichgültigen wagen ſchon in unſrer Gegenwart zu lächeln; die Freunde meinen, daß die Ver⸗ nunft nun bald ihre Herrſchaft wieder behaup⸗ ten müſſe, daß wir dem Schmerze ſchon zu viel Zeit vergönnt, und ſie deren genug zu Trö⸗ ſtungen und Ermuthigungen verwendet haben; ſie ziehen ſich zurück, in der Meinung, daß wir völlig ergeben ſind; und vielleicht eben dieſer Augenblick iſt es, in dem wir das Unglück in ſeinem ganzen gewaltigen Umfang fühlen; denn die Ruhe der Umgebung erregt in unſrer Seele 4* ein Gefühl dem Haſſe gleich. Es empört uns, ſo unglücklich zu ſeyn, ohne daß irgend etwas in dem gewöhnlichen Gang der Natur ins Sto⸗ cken gerathen iſt. Nun fühlen wir erſt die un⸗ erſetzliche Trennung; es iſt uns, als wenn der Beweinte allein von unſerer ganzen Umgebung nicht ſo wie ſie gedacht haben würde. Es iſt keine Täuſchung mehr möglich; und doch übt, ohne daß wir es merken, die Nothwendigkeit ihr linderndes Recht allmählig an uns aus. Mehr als zwei Monate waren jetzt ver⸗ ſtrichen, ſeit Guſtav ſeine Mutter verloren, und noch unglücklicher als den erſten Tag ſchien er nur ihrem Andenken zu leben; in einer dumpfen Unthätigkeit verbrachte er die Zeit. 2 Nur mit einer Art Eifer trieb er die Arbeiter an, denen er übertragen, ein Denkmal für die Mutter zu errichten.— Es war einfach wie ihr Leben; eine weiße marmorne Urne auf ei⸗ nem Fußgeſtell, mit der Inſchrift:„O! meine Mutterl wer wird wie Du mich lie⸗ ben!“ 53 Trauerweiden und Cypreſſen beſchatteten die Stelle, die der ſchmerzlichſten Sehnſucht von nun an geweiht war.— Dicht an der Küſte, unfern des Felſens ließ er eine Capelle und ein Gebäude auffüh⸗ ren, das er zu einem Zufluchtsort für zwölf Wochen beſtimmte. Dieſe Arbeiten, dies Denk⸗ mal ihres wohlthätigen Gemüths, vermochten nur den jungen Grafen ſeiner Apathie zu entziehen, und ſeine innere Zerriſſenheit allmählig zu heben. Der Baron de Saint⸗Clement, der zu Guſtavs Vormund ernannt war, hatte ihm ſchon mehrmals geſchrieben, um ihn zu überre⸗ den, einen Ort zu verlaſſen, der nur ſeine trau⸗ rigen Erinnerungen nährte, und ſich nach Paris zu begeben.— Da er keine Antwort empfing, dachte er daran, ſelbſt nach Verville reiſen zu wollen, als eine Staffette, von dem Kammerdie⸗ ner ſeines Mündels hergeſchickt, ſein Vorhaben beſchleunigte. Der alte Diener, der ſeinem jungen Herrn mit treuer Liebe ergeben war, und ſeine Geſundheit unter der Gewalt ſeines Kummers täglich mehr leiden ſah, hielt es für Schuldigkeit um ſo mehr, da er⸗ bemerkte, daß Guſtav von den angekommenen Briefen noch kei⸗ nen einzigen eröffnet, den Vormund von dem Zuſtande des Grafen genau zu unterrichten. Der Anblick des Herrn de Saint⸗Clement ſchien anfangs Guſtavs Mißbehagen nur zu vermehren; er empfand, daß die Zeit nun ge⸗ kommen ſei, daß er den theuren Ort, wo er ſeine glückliche Kindheit verlebt, wo ſeine Welt, das Grab ſeiner Mutter war, wo er ſie in allen, ſelbſt unbelebten Gegenſtänden wiederfand, wo ihr Geiſt ihn noch umſchwepte, daß er die⸗ ſen theuren Ort nun verlaſſen müſſe; es fiel 4 ihm keinen Augenblick ein, dem Willen der Mutter zuwider zu handeln. Sie hatte es mit Vertrauen dem Baron übertragen, Guſtav in die Welt einzuführen. Er wollte ihm auch folgen, er verlangte nur einen Aufſchub von zwei Tagen. -—— Dieſe zwei Tage, in welchen er noch, viel⸗ leicht für eine lange Zeit, völliger Herr ſeiner ☛ 55 ☛☚ Zeit und deren Verwendung war, wollte er be⸗ nutzen, um noch einmal jeden Platz zu beſuchen, den ihm ihr Andenken zu einem geweihten Ort gemacht, um die Art zu beſtimmen, womit ihre wohlthätigen Werke fortgeſetzt werden konnten und endlich, um die Papiere der Gräfin durch⸗ zugehen, wozu er ſich noch nicht hatte hinge⸗ ben können. 4 Der Baron de Saint⸗Clement erfüllte gern ſeine Bitte; er hatte immer der Gräfin de Nercé mit Achtung und Wohlwollen gedacht, allein bei dem Anblick ihres Sohnes fühlte er ſich gedrungen, das Andenken einer Mutter zu verehren, die den Jüngling ſo weniger gebil⸗ det, als ſeine Geiſteskräfte ſo völlig entwickelt hatte. Guſtav hatte ſogleich den Baron für ſich eingenommen. Seines gewöhnlichen ſorg⸗ loſen Gleichmuthes ungeachtet, fühlte er ſich durch die Worte gerührt, womit ihn der trau⸗ ernde Jüngling empfing.„Hr. Baron!“ ſo hatte ihn Guſtav begrüßt,„der Wille meiner Mutter hat die Gewalt, welche ſie immer über ☛ꝑ 56 ☛ mein Inneres gehabt, auf Sie übergehen laſſen, Ich verſpreche, Ihnen die Verehrung eines Sohnes zu widmen. Die Zeit wird Ihnen leh⸗ ren, welche Rechte über mein ahens ꝛdies Ge⸗ lübde Ihnen verleiht.“ aut Guſtav eilte nun, jedes Häuschen in dem Bezirke des Schloſſes zu beſuchen; doch nicht um Hülfe zu bringen. Während der Zeit, wo Madame de Nereé dies Gut bewohnt, war die Noth durchaus verſchwunden; alle Arme, die noch zur Arbeit fähig waren, hatten ſolche in 4 Uebereinſtimmung mit ihren Kräften und ihrem Wiſſen gefunden. Greiſe und Kranke empfin⸗ gen jährliche Almoſen. Allein er mußte ſich mit einem freundlichen Worte von allen trennen, und ihnen verſichern, daß ſeine Abweſenheit eben ſo wenig, wie die ewige ſeiner Mutter, ihren genügfamen Bedürfniſſen einen ſchmerz⸗ lichen Abbruch zufügen würde; es galt ihm eine traurige Befriedigung, ſie Segen über ihn und ſeine Mutter in einem Athemzuge ausſprechen zu hören... ¼ ☛ 57 ☛ Später begab er ſich ſo, ohne es ſelbſt wiſſen, im Inneren geſammelt und ermuthigt, gen Abend in die Zimmer der Gräfin. Er hatte dieſe zwar ſeit dem unglücklichen Augen⸗ bli ke, da er ſie verloren, täglich beſucht, allein eine thätige Abſicht. Es war, als hatte das Leben, durch die bei ſeinen Unterthanen ab⸗ gelegten Beſuche, wo er verſprochen, die Thä⸗ tig und das Wohlthun der Mutter fortzu⸗ ſetze, ſeine Anſprüche auf ihn aufs neue gel⸗ tend gemacht; mit einem Eifer, als fürchtete er zum erſten Mal, ſich den traurigen Empfin⸗ dungen zu überlaſſen, die hier ſich immer ſtär⸗ ker und ſtärker in ihm regten, öffnete er den Seeretair der Gräſin. Er fand mehrere Pa⸗ ckete Briefe von verſchiedenen Perſonen; kleine Entwürfe von der Hand des Herrn de Bermont, und darunter das Heft, das ihm von dieſem bei ſeinem Eintritt in die Welt hatte überge⸗ ben werden ſollen; das letztere ſteckte er ſeuf⸗ zend zu ſich; und Alles, ſo wie laſſend, wollte er ſo eben den C 8 er es gefunden, 24 ☛¶ 58 7 zumachen, als er einen kleinen verſteckten Raum entdeckte, der, geöffnet, mehrere kleine Blätt enthielt. „Ein kleines Heft darunter war überſchriebe Meine Erinnerungen. Eine zuſam gerollte Zeichnung lag dabei. Er eröffnete und erkannte ſogleich den Felſen, an deſſen ſeine Mutter gegenwärtig ruht. Der Hi iſt ſtürmiſch, die angehäuften Wellen brech mit Wuth an der Küſte, welche ſie mit S bedecken. Eine junge, ſchöne Frau, deren Züge das Bild der Madame de Nercé bilden, ſteht auf dem Felſen. Sie hält einen Blumenſtrauß, und der ausgeſtreckte Arm gibt zu erkennen, daß ſie im Begriff iſt, ihn weit in das Meer hinaus zu werfen; ein Kranz von Jasminen liegt zu ihren Füßen. Ihre herabgefallenen Lo⸗ cken, worin noch verkünden, daß ih ſchmucks berau kraftloſe Haltu einzelne Blumen ſchimmern, and ſie ſo eben des Feſt⸗ ind ihre verſtörten Züge, ihre beweiſen nur zu ſehr, daß ein ☛ 59 furchtbares Unheil die lächelnden Bilder der F eude ſchnell ausgelöſcht.— 1 Guſtav ſchauderte leiſe! Soll er denn nun endlich den Grund des langen Kummers ſeiner Maßzer erfahren. Er eilte, das Heft zu eröff⸗ nen. Dann hielt er plötzlich wieder inne; durfte er in ein Geheimniß dringen, das ſie ihm im⸗ mer trotz den zärtlichſten Bitten vorenthalten, obgleich ſie ihm ihre Trauer nicht hatte verber⸗ gen können? Er ſtand lange unſchlüſſig. Al⸗ lein er war achtzehn Jahre, und möchte ſich gern überreden„daß ihm die Mutter vielleicht auf dieſe Art habe entdecken wollen, was ſie nur ſeiner fröhlichen erfahrungsloſen Jugend, nicht ſeinem Herzen vorenthalten hatte. Wär er nicht feſt überzeugt geweſen, daß ſie nie einen ſtrafbaren Gedanken genährt, daß nie eine einzige ihrer Handlungen Tadel verdient hätte, würde er ſtill das Heft zur Seite ge⸗ legt haben. Aber er verehrte die Tugende ſeiner Mutter, und war gewiß, daß ſie, welch * 8*3 ☛ 60 ☛☚ 4 Unheil ſie auch betroffen, es doch nicht verdient haben konnte. 4 Durch dieſe Vorſtellungen ermuthigt, öffnete er raſch das Heft und las: 4— Meine Erinnerungen. „Geſtern erfüllte ich mein Kecgehees Jahr Bis hieher iſt der Frühlingstag nenneh glücklich und ruhig unter ſtillen Freuden ver⸗ floſſen. Ich ſchreibe nur zu gern meine kleinen Begebniſſe hin; obgleich ich oft hingeſchrieben was mir in dem Augenblick denkwürdig vor⸗ kam, habe ich doch bis jetzt nur ſehr Grund dazu gehabt; ich habe alle dieſe Kindereien wieder durchgele ſie alle verbrannt!’"“ 4 „Ol mein Vater! o meine the Mutter! vergebt Eurer Cüceilie, 6 glauben muß, daß ſie erſt ſeit geſtern lebe! Nie wird der Eindruck, den mein Herz geſtern 4 empfangen, verwiſcht werden; dort ruht er dan ne verſchloſſen, daß ich verſuchen ſollte, 1 ihn auf dem Blatte zu beſchreiben; indeſſen — 61 ☛☚ iſt es doch immer ein Anlaß von ihm zu re⸗ den. Ja! ich will die erſten Augenblicke des neuen Glückes, meines Glückes auf dies zu⸗ rückbringen. Einmal ſoll er vielleicht dieſe Bruchſtücke leſen, und ich werde ihm noch theu⸗ rer werden?“ „Wie kann denn ein einziger Tag einen ſolchen Wechſel hervorbringen? So ruhig vor⸗ geſtern, heute ſo bewegt!— Ach! habe ich denn wirklich gelebt, bevor ich ihn gekannt. O! meine theuren Eltern! ſeid nicht eiferſüchtig; ich liebe Euch ja noch mehr wegen des Glückes, das ich Euch zu verdanken habe. Und Du! mein ſüßer Freund! wie theuer müſſen ſie auch Dir ſeyn, weil ſie mich würdig gemacht, von Dir geliebt zu werden.“ 1„ Walche— in ſeinen Benaaeen ringenden Pfeile zu kenaai und doch kann ich keinen Blick von dem bezaubernden Siä⸗ tzen abwenden.“ ☛ 62 ☛ „Alle, denen ihn der Vater als meinen Bräutigam vorgeſtellt hat, haben mir Glück gewünſcht; vielleicht gibt es welche unter ih⸗ nen, die mein Glück beneiden, und ſeufzen daß* ſie nicht der Gegenſtand ſeines Wahl geworden ſind! Glückliche Cäcili?!———— 44 —————— „Jal gewiß! glückliche Cüäeilie! Aber nun erſt darf ich darauf ſtolz ſeyn, von meinem Freunde geliebt zu werden. Vor drei Mona⸗ ten noch beſtimmte das Aeußere mein Urtheil. Seit der Zeit habe ich ſein Inneres ninen ge⸗ lernt. Ja! alle ſeine Bewegungen ſind voller Anmuth, weil innere Leutfeligkeit aus ihnen ſpricht; der Ton ſeiner Stimme, der 40 hr bezaubert, iſt nur das Organ ſeines ſchü Herzens; dieſer durchdringende wte. ſtre 3 der Seele zu leſen, entdeckt er aber einen v borgenen Gram darin, mit welcher. Schonung beeifert er ſich dann nicht, ihr Linderung itz⸗ hauchen. Meine Liebe wächſt beim Anblick des Vertrauens, das er allen, die ſich ihm nahen, ½ . ☛p 63 einflößt. Ja! mein Freund! die Liebe zu Dir iſt mein Leben geworden, und wie erhebt mich der Gedanke, daß ſie auch zu Deinem Daſeyn nothwendig ſei. Jeder Tag ſieht uns beiſam⸗ men, und jeden Abend, wenn ich mich von Dir trenne, glaube ich einen neuen Grund, Dich noch mehr zu lieben, in Dir entdeckt zu he ben.“— „Früher habe ich nie recht die Worte: hre und Tugend, begriffen. Den Lehren getreu, die mir von Kindheit beigebracht wur⸗ den, glaubte ich ihre Bedeutung gefaßt zu ha⸗ ben, indem ich mich beſtrebte, meine Pflich⸗ nich ge⸗ ten genau zu erfüllen. Wie hat er lehrt, ganz andre Begriffe damit zu verbinden! Meine Seele wird größer, ſo wie ich ihr an höre, und ich faſſe die Begeiſterung, die i erfüllet, wenn er behauptet, daß die ſchmerz⸗ pfer nicht allein mit ruhiger Entſa⸗ dern ſelbſt mit einer Empfindung von racht werden können.—— 3 ⁴☛ 64 „Noch zwei Monate, und ein Jahr iſt hingegangen, ſeit ich meinen Freund kennen gelernt, ſeit ich ihn liebe. Den 26ſten Juni ſollen wir verlobt werden, und den 28ſten den Tag meiner Geburt, ſoll das kirchliche Feſt, das uns auf immer mit einander verbindet, gefeiert werden. Ach! dieſe Bande, wie heilig ſie auch ſind, werden nicht meine Liebe vermehren kön⸗ nen. Meine Eltern lieben ün faſt eben ſit ſehr wie mich!—“ 1 3 „ Mein Vater hat ſchon on chden Wo⸗ 4 chen dem Bruder geſchrieben, damit er zu der Zeit 1 iner Hochzeit doch herkommen möchte . Kumn ußte er, wohin er den Brief abſchicken ſolle. Eruſt hat ſich ſehr verändert — ihn von ſeinen Möge er aber nur zurüc * bin de aan daß mein Gatte un * geben werde!— Mein Gatte! glücklich, daß ich mich mitunter orde vor gefürchtet habe; man ſagt, auf das Gli bauen dürfen; oöoo ☛̈ o 65 4 trifft, iſt es falſch! Von meiner Geburt bis an dieſen Tag habe ich nie einen Wunſch, nie ein Verlangen gehegt, das nicht erfüllt worden iſt— O9! mein Gott! ich bin deiner Wohl⸗ thaten nicht unwürdig; ſie haben mich nicht unempfindlich bei den Thränen, bei den Leiden der Unglücklichen gemach!———— 77 „Wir haben einen Brief von meinem mir Thränen abzulocken. Wie muß Bruder unglücklich ſeyn, ſich ſo ſtraf⸗ fühlen. Es thut mir weh, den Brief ☛ 66 gehört zu haben; ich war weit entfernt, mir ſo etwas vorzuſtellen. Ernſt hat ein junges Mäd⸗ chen verführt; ſie iſt Mutter einer Tochter ge worden. Lange hat er ſeine Geliebte den Bli⸗ cken der Welt entzogen. Allein ſie hat erfah⸗ ren, daß er ihr nicht treu ſei, und iſt mit ih rer armen kleinen Erneſtine— Gott weiß wo hin— entflohn. Er ſpricht ſehr übel meinem ganzen Geſchlecht; indeſſen ſcheint den matuſ der Sunlter ſemes Kiudes zu mein theurer Iiandi „ſo wie ich, Dir keine haſt vorſtellen buen tbeit! eic ein üdrt und ie 4 chen Liebe werden das Gepräge rungen wieder verwiſchen.—— ☛ 6 ☛ „Ein verdrießlicher Zufall! Es erregt bei mir den ganzen Schmerz eines Weſens, das gar keiner Widerwärtigkeiten gewohnt iſt. Mein Freund ſchmält auf mich; aber ich ſehe recht gut, daß es auch ihm nicht recht iſt, ſich auf meh⸗ rere Tage entfernen zu müſſen. Es iſt ſchlech⸗ ggs nothwendig, daß er ſich nach einem das er in der Nähe von Rouen beſitzt, bt, um einige Documente, die zu un⸗ ſrer ebindung nöthig ſind, zu holen, und ndern darf er dies Geſchäft anvertrauen. 3 wird inen Augenblick verlieren; dennoch meint er nicht früher als den Abend vor der Verlobung zurückkommen zu können—— —— 74 „ zurück! und die vierzehn pein⸗ lichen T e ſind vergeſſen; ach, mögen ſie nie, nie wieder kehren! Wie viel hat er bei de Treunung von mir gelitten. e Züge verſtört! Es iſt als hätte ihm etwas recht ſch das Her gedrückt; allein es ſcheint, als n Empfindungen verbergen!— 8 4 ⁴☛ 68 1 Du kannſt mir getroſt die Fülle Deiner Liebe erkennen laſſen. Glaube nicht, daß ich meine Gewalt mißbrauchen werde. Mit Entzücken entſage ich der Herrſchaft, die eine Frau, wie behauptet wird, vor der Ehe ausüben kann; 4 auch ich werde Dich als meinen Führer, nen Beſchützer, meinen Herrn in jeden genblick meines glücklichen Lebens erken mei⸗ 1 Den 26ſten Juni Abends u dai Eſtern Haben meinen T —,— zutrehren Indeſſen will ich ſem Felſen, uns ein Tempel des flüchtigen Zügen die kleinen B beglückten Tages hinſchreiben; Empfindungen beſchreiben, die in m nern wogen?“ Dieſet Menxen bin ich mit 8 ☛ 69 lächeln, die ich auf meine Toilette verwendet habe, über das Wohlbehagen, womit ich gefun⸗ den, daß ich ſehr hübſch ausſehe? Ein Kleid von weißem M uſſelin, einen Kranz von Jas⸗ minen, einen Strauß von denſelben Blumen, die Du ſo gern magſt, das iſt Alles, was ich haben wollte.„So geſchmückt ſehe ich Sie liebſten,“¹I haſt Du mir einſt geſagt; dar⸗. habe ich auch dieſen Anzug den weit präch tigeren, die mir gereicht wurden, vorgezo⸗ Ich werde auch der Eitelkeit meinen eil ihrer Anſprüche erlegen, wenn es dar⸗ ommt, den Blicken der Welt den Maß⸗ nicht vorzuenthalten, nach dem ſie allein Werth Deiner Wahl abmeſſen kann, aber heute d wir ja unter uns. Welch ein ſüßer Pen mir ſchon vergolten! Die Eltern 8 haben gelächelt.— Endlich, ar war . Ceremonie der Verlobung beendet; die weni Perwandten zogen ſich zurück; mein Vater ſ uns vor, mit Linander in den Garten zu⸗ ☛ 70£☛ Dir! Sonderbar! ich habe mich nie drh die Gegenwart der Eltern beengt gefunden; warum 3 erhob ſich denn mein Buſen ſo ungeſtüm gegen den leichten Flor, der ihn bedeckte? Wn gin⸗ gen ſchweigend an einander geſchmiegt; i fühlte. meinen Arm K Deinem Herzen duher⸗ Sein. ve nisdrige Ecken von dem Meere benetzt werden; dort ſetzte ich mich hin, und 2 nr euie⸗ G teſt vor mir nieder.“ 3 3 „Wie glücklich war ich in Deiner Nähe; aber, mein Freund! ich laſſe nicht ehe Du mir erklärt, warum Du ſo b efan erſcheinſt; Du wählteteſt Deine Worte, ein ſhmenllcer Seufz Die B ſen ent. is ich ſeyn? „Weit, weit in Gedanken ein. Ach! vielleicht 4 · —,— ☛ 714 ☚. Weſen, die nur mit einander treu vereint, glück⸗ lich ſeyn können. Dieſe harte Vorſtellung preßte Thränen aus meinen Augen.—„Wie? mein ſüßes Leben!“ fragteſt Du beſtürzt; ich lächelte, und Deine Frage mit meiner Vorſtellung ver⸗ einigend, warf ich mich an Deine Bruſt, und rief:„Nein! nichts auf der Welt kann mehr uns trennen!“ „Was empfand ich in dieſem Augenblick, da Deine Arme mit ungeſtümer Heftigkeit mich umſchlangen? Da Deine Lippen an den meinigen hingen. O! unausſprechlicher Eindruck, bei deſ⸗ ſen Andenken mir noch die Wangen glühen! 9! mein Freund! küſſe nie eine andre Frau! wenn ich das erführe, es würde mir den Tod geben. Trunken von der⸗Fülle eines zu lebhaf⸗ ten Glücks, wie vielleicht von dem Duft der Jasminen, den ich von dieſem Augenblick nie werde athmen können, ohne ſogleich die Gluth Deines Kuſſes, auf meinen Lippen zu empfin⸗ den, fühlte ich mich, den Kopf auf Deine Schulter geſunken, kaum ſelbſt mehr. Theurer, 4₰ ³☛ 72 lieber Freund! wenn dieſe ſüßen Augenblicke zu⸗ rückkehren, wird ihre fortdauernde Gewalt über das ganze Leben der glücklichen Cäeilie hinaus⸗ reichen! und dennoch ließ mir eine unetilirliche Ahnung, ein dunkler Gedanke, ſchneller noch als der Blitz, in demſelben Augenblick ſchen, von dem Tode getroffen zu ſeyn.“ „Faſt in demſelben Moment wurdeſt Du gerufen! und Du erſuchteſt mich, Dich hier 9. erwarten. Ich habe meine Ungeduld getäuſcht indem ich dieſe Blätter geſchrieben. „O! mein Vater! halte nicht meinen Freund, den Gatten meines Herzens, länger zurück. Jeder Augenblick, den wir getrennt verleben, iſt ein Raub an dem Glück.... 39 höre kommen.— Es beginnt zu dunklen!“ „Sei mir geſegnet, 26ſter I Juni. Der Zabrte tag des erſten Kuſſes der Liebe. Möchte ich noch viele, viele Jahre glücklich und geliebt, dich wiederkehren und zu Ende gehen erblicken. — Die T Tritte hubhen;— Iſt er's. Sind Sie's, Lineuil. —— 73—2 „Jahrhunderte ſind über mein Haupt ge⸗ zogen, ſeit dem Augenblick, da ich die vorange⸗ henden Blätter geſchrieben; warum ſie wieder eröffnen? Was kann ich ihnen noch mehr an⸗ vertrauen? Thränen, einen ſchwachen Ausdruck meiner ewigen Sehnſucht, meines unermeßli⸗ ſchen Verluſtes!“— „Indeſſen er will, daß ich lebe! Ach! es wird mir nur möglich ſeyn, indem ich Kraft zum Leben aus meinen Erinnerungen ſauge, vie ſchmerzli ſie auch ſeyn mögen.“ „Der 26ſte Juni war unter dem Einfluß eines glänzenden Geſtirns aufgegangen. Der Himmel war rein und ſanft. Die Blumen hauchten ringsum einen ſüßen Duft aus. Das geliebte, liebenswürdigſte Weſen war an meiner Seite, und ſeine Gegenwart verſchüneste die ganze Natur.“ „Er entfernte ſich einen Augenblick.— Bald nachher höre ich wieder Schritte; allein er iſt es nicht— er kehrt nimmer wieder! Er & ☛ 74 ſchreibt mir nur, um mir ein ewiges Lebewohl zut ſagen!“— 4 „Der Himmel hatte ſich indeſſen verdun⸗ kelt. Der Donner rollte in der Ferne. Das Meer ſeufzte mit dumpfem Brüllen; eine gebrech⸗ liche Barke erſchien tief unter dem Felſen; ſie— 3 umfaßte mein Glück, mein Leben!„Ni ſie die Blumen, mit meinem Schmerze, m meinem zerriſſenen Herzen!“ O Gott! er ſte nach, er kämpft mit den Wogen— er Strauß aufgefangen; er drückt ihn an Buſen. Das Gewitter riaht los— es 3 Todl————— —————— 4 „Jal es iſt der Tod, Alles was wir lie ben zu verlieren! Was ſoll ich hernach auf der Erde thun?— Wahnſinnige? Haſt Du denn keit Pflichten mehr zu erfüllen? Füge Dich 4 dem Geſchicke und klage nicht! er hat ſich dm 1 ſeinen gefügt. Ja! du Leben meines Lebe bens! Für etwas Höheres zu leben iſt ja: noch unmer zu gehören! Dein Brief hat mich dem 2 ☛ 75 Daſeyn wieder gegeben; ich werde Dir gehor⸗ chen; wir werden uns nie auf dieſer Welt wie⸗ der ſehen, und doch nicht aufhören, für einander zu leben; der Tod ſoll für uns die Stunde un⸗ ſrer Trennung ſeyn!— † „—— Ich habe Dein Schreiben empfan⸗ gen und es verbrannt; jedes Wort ſteht in mei⸗ nem n Herzen gegraben! Kein Auge ſoll Dein Unglück 6 und ſeine harte Sühnung leſen! Beide haben ſich in meinem Herzen zu einem Gebet vereinigt, das dem Ewigen über uns ein gefälliges Opfer ſeyn muß, muß; denn er kennt den Werth unſers Opfers ja! u nſers. Denn mein Wille, meine Gedanken, meine Wünſche, meine Sehnſucht, 4 mein Seele ſelbſt iſt ja eins mit den Deinen, iſt eins mit Dir! und ihm, den ich nie nenne, ihm iſt ſeine Schuld vergeben; theure, theure Verſöhnung!——“. Hier brach Guſtav, der vor Thränen keine Sylbe mehr erkennen konnte, raſch ab. Es beſchreiblichen inneren Bewegung. Der Name ☛ 76 war ſpät geworden; die Lichter waren tief her⸗ abgebrannt. 46 Sein guter Vormund, viagih ihn ſo lange in dem Cabinet der Mutter eingeſchloſſen zu wiſſen, ließ ihn dringend bitten, ſich einige Stunden Ruhe zu gönnen. Er ligte ſeufzend ein und verſchob die Durchf cht des Reſtes dieſer traurigen Blätter auf den fl⸗ genden Morgen.— 2 Guſtav erbrachte die Nacht in einer neuil, nur ein einziges Mal hingeſchrieben, hatte M ihn ſonderbar überraſcht, aber ihm zugleich ein helleres, doch ſchmerzliches Licht gegeben. Der, welcher dieſen Namen getragen, und das Bild ſei⸗ ner Mutter ſchwebten ihm unaufhörlich wach und in kurzen flüchtigen Schlummerbildern vor der —y— ☛ 77 Seele. Ach! was konnte ſie getrennt haben. Er ſah indeſſen jetzt nur zu deutlich ein, daß die Nachricht von dem Tode eines Mannes, den ſie ſo innig geliebt, den letzten mürben Faden ei⸗ nes ſchon durch ſo viele und lange Leiden er⸗ terten Daſeyns hatte zerreißen müſſen; al⸗ n der junge Graf beneidete ſelbſt ihre Leiden. Er würde keinen Anſtand genommen haben, das Glück, mit einer ſo lebhaft innigen und ſo dauernden Treue geliebt zu ſeyn, zu demſelben Preis zu bezahlen. 2 — Indem er nun ſelbſt im Schlummer mit dieſem Gedanken beſchäftigt war, bildete ſich udlich unter der Hülle eines erquickenden Mor⸗ G lafes folgender Traum vor ſeiner Seele. Es war ihm, als befände er ſich auf dem Felſen. Ein Frauenbild von edler Haltung und. reizender Geſtalt, allein die Züge von einem undurchdringlichen Schleier bedeckt, winkte ihm mit ausgeſtreckter, blendend weißer Hand, ſich ihr zu nahen.„ Komm, Guſtav!“ flüſterte ſie. „„* Mutter hat mir Deine Seele vermacht.“ ☛ 78 Er nahete ſich; ſie warf den Schleier zu⸗ rück, und die ungefälligen glühenden Züge der Nademoiſelle d'Adelmar ſtarrten ihm entgedon. Er wich mit Schrecken und Widerwille indem er mit der Hand ſie abzuha und wandte das Geſicht hinweg. Da Blick plötzlich auf ein junges Mädchen, kaum den Kinderjahren entſchlüpft zu ſeyn Ihr nudcſanderit Lächeln, ihre himm ihren Füßen. Aber in demſelben Augenb ck zog ſich ein ſchwarzes Leichentn ch ü des Felſens, der hinter ihm lag, un t ein ſcharf ſchmerzliches Geſchrei drang durch das Her Grafen, der in dieſem Augenblicke erwa Der Tag ſtieg erröthend herauf; es war 4 der letzte, den Guſtav in der Heimath verbrin⸗ gen ſollte; er begrüßte die Sonne mit Unruhe und Trauer, und eilte ſchnell in das Cabinet der Mutter, um die iene glücklichen Frau kennen zu ernen, chne weiter an den Traum zu denken. 4. ☛ 79 Er fand einen langen Zwiſchenraum vor? Cäcilie de Verville war ſchon lange die Gattin des Grafen de Nereé geweſen, ehe ſie wieder einige Bemerkungen auf dieſen einzelnen Blät⸗ tern niedergeſchrieben hatte. „Ich habe die Hoffnung, Mutter zu wer⸗ den! Ungeſehenes und mir bereits ſo theures Weſen! Durch welche Gewalt hauchſt Du mei⸗ nem Herzen eine Empfindung ein, die ich Glück nennen möchte, wenn nicht dies Wort von mei⸗ nen Lippen eine Beleidigung gegen den ſei, welchen ein ſtrenges Geſchick unter fernen Him⸗ Pgegelden gefeſſelt hält? Darf ich das Le⸗ ben fühlen, wenn nicht in den ſtillen Leiden meiner Sehnſucht? Von dem Augenblicke an, daß meinem Gatten die Hoffnung blüht, einen Erben zu erhalten, iſt er ſorgfältig um mich bemüht, ſeine düſtere, oft unmuthsvolle Laune ſcheint milder genmßeen zu ſeyn; er ladet Ge⸗ ſellſchaft ein; er ſucht mich in die Welt einzu⸗ ——— — —————— führen. Mit glänzendem Schmuck bedeckt, ge ſucht, bewundert, ſcheint es, als ſei ich vom Glücke umgeben.— O! Du, den ich nicht zu nennen wage; einer Deiner Blicke nur wußte es mir zu ſchenken. Dieſer glänzende Aufwand, dies lärmende Gepränge verbirgt ein todtwundes Herz.—. „Ach! mitten in der Welt bin ich ja ein⸗ ſamer als je. Der Bruder, die Eltern ſind todt, und er————— 77 „Er hat nicht ſeinen Schwur verletzt! er hat mir nie mehr geſchrieben; allein ich weiß, daß er die unglückliche Frau, die Ernſt verführt und verlaſſen, gefunden habe. Sie war dem Tode nahe; ſeine ſchöne Sorgfalt hat ihr das Leben wieder gegeben; die kleine achtjährige Er⸗ neſtine iſt ſeine Tochter geworden. Ich danke dir, Himmel. Jetzt wird es ihm Noth thun, das Leben zu ertragen.+——— ———— ⸗ 3 3n „Du biſt da, Guſtav! Du lächelſt mich. anz; ☛ 81 an; Du ſtreckſt mir Deine kleinen Arme entge⸗ gen, wenn man Dich von mir entfernen will. O! bleibe nur, mein Sohn, bleibe nur in mei⸗ nem Schooße. In Deiner Nähe klopft mein Herz nicht ſo ſchmerzlich mehr; die drückende Beklommenheit, die das Unglück erregt, löſt ſich auf; meine Gedanken ſind rein und ruhig, wie Deine ſüßen Blicke.——— 47 „Herr de Nereé iſt nicht mehr; in ſeinen letzten Augenblicken hat er mir für meine Sorgfalt um ihn, gedankt; er hat meine Ge⸗ duld, die Sanftheit, womit ich den Ausbruch ſeiner Launen, die ſeine Leiden gehäſſiger ge⸗ macht, ertragen habe, gelobt. Ich fühlte, daß ich erröthete. Ach! der Vater meines Sohnes ſollte Anſpruch auf andere Empfindungen als die der Pflicht gehabt haben!—“ „Ich kehre auf das Schloß Verville zu⸗ rück; meine Kindheit entſchwand ſo glücklich dort; allein die liebenden Eltern, die über meine Schritte wachten, finde ich auch nicht wieder. Lebewohl. I. Thl. 6 ☛ 82 Dort kannte ich das Gefühl, verſchönert, und das liebenswürdige Weſen, das mir es einflößte, iſt auf immer verſchwunde Jede Stelle dort, jeder Schritt bieten mir innerungen dar; Glück können ſie mir nicht de bieten; was habe ich geſagt? Verzeihe mir, mein Guſtav! Für ihn werde ich vielleicht ſter⸗ ben; für Dich möchte ich doch gern leben!—“ Hiermit war Alles, was Beziehung auf die traurigen Lebensbegegniſſe der Gräſin hatte, zu Ende. Die übrigen Papiere ieſem Be⸗ hältniſſe enthielten kleine Beme i auf den Tod, einzelne Gedanken, Alles von einer reinen, leidenden und entſagenden Seele ausgeſprochen. 1 Guſtav drückte die Blätter, die ihm die Leiden der Mutter verrathen, mit ſtiller Ver⸗ ehrung an ſeine Lippen; das Rüthſe, aus dem — ihre langen Leiden entſtanden, war ihm zwar nicht gelöſt, aber er kannte nun ihr Unglück, das das Leben ungen, Ge⸗. 3 ——-———— ☛ 83 ☚ und das war ihm genug; es ſchien ihm ſogar ein Vergehen, mit forſchender Neugierde das entdecken zu wollen, was ſie ſorgſam in ihrem verſchwiegenen Buſen begraben. Mit dieſem Gefübl verließ er tiefer gebeugt als je das Zim⸗ mer; die Vorſtellungen von der Vergangenheit der geliebten 4 ingeſchiedenen beſtürmten ſein Gemüth, und⸗ obgleich er ſich immer als ein liebender, zärtlicher Sohn gezeigt, war es ihm doch jetzt, als hätte er weit mehr um die Mut⸗ terr recht zu beglücken, thun können. Welches Weſen, das ſeine Lieben me, hat nicht a dieſe ſchmerzliche Betrachtung ellt? Seine Pflichten erfüllt, mit treuer Ergebung geliebt zu haben, erſcheint dann nie hinreichend. Wer kann dafür ſtehen, daß nicht ein übereiltes Wort, eine unfreiwillige Lebhaftigkeit während des ver⸗ trauten Zuſammenlebens, den, der nicht mehr da iſt, verletzt hätten? Was würden wir nicht Alles thun, um dies Wort, dieſe Lebhaftigkeit zurücknehmen zu können! 5 Der Baron Saint⸗ Clement, der bei dem 4 6* Denkmal, das er errichten ließ, und deſſen bal nes Verluſtes hörte auf einen Augenblick auf; er nur kurz. i— „ Dir nahe, und doch ſo fern!“ ſeufzte ⁴☛☚ 84 erſten Anblick ſemnes junges Freundes ſeinen lei⸗ denden Zuſtand bemerkte, ſuchte die Abreiſe zu beſchleunigen. Ehe Guſtav es ſich verſah, ſtan⸗ den die Poſtpferde ſchon in dem Schloßhofe, wo er zum zwanzigſten Male den Dienern ü er⸗ trug, die Blumen wohl zu pflegen, wele Mutter ſo ſehr geliebt hatte; er unterhielt ſich lange mit dem Verwalter von dem heiligen dige Vollendung er vor allem empfahl. Es war ihm, als hätte er noch tauſend Dinge zu ſagen Dar des Wagens ergriff ihn ſicht: bar. Er h noch ein letztes, ein ſchweres Lebewohlnzu ſagen, und wenige Minuten her⸗ nach warf er ſich bei dem Grabe der Gräfin nieder. Zun letzten Mal ſprach er mit der ge⸗ deſee aenn, die hier ſo ſtill ruht, er drückte die heißen Lippen an den kalten Marmor. Er glaubte ſich in ihrer Nähe, und das Gefühl ſei⸗ 3 ☛ 85 ☛☚ der!„fern, wohin ich auch gehe! Wohlan, ich ehe. weil Du es ſo zewont⸗ aber was ia Mutter!“ fuhr er leiſe ſchaudernd dein Herz iſt dem Deinen nur zu ie weiß icht, was Dein Caicee 4 geboren.“ Allein die ſchwarze Wolke der l ſchon vorüber; er erröthete über Alles, was es ihm auferlegte, zu jertragen. Er fühlte den Segen des gefundenen Nachlaſſes. „Nein! Nein! verzeihe mir, theure Mutter!“ fügte er auf einmal ſchnell hinzu;„wenn auch 1 ich werde Deiner würdig ſeyn. Dein Geiſt u 3 1 E . 1.—.„ muth; ſo wie ſeine Mutter, ſo— auch Lineuil, würde auch er wiſſen, das Leben und — 86 e ſchwebe nur getroſt Deinen Sohn, damit nie eine kleinmüthige Verzweiflung ſich ſeiner Seele bemächtige.“ Seine Lippen berührten noch einmal leiſe den Marmor, indem ſein glänzender Blick den 3 Himmel ſuchte; und ohne ein Wort mehr ſagen, erhob er ſich entſchloſſen und eilte mi raſchen Schritten nach dem Schloſſe. 2 Der Baron, der den Ausbruch ſeines Schmer⸗ zes in dem Augenblick der Abreiſe befürchtet hatte, ſtarrte den Jüngling mit frohem Erſtauf nen an, als dieſer bleich, aber ruhig ihn zu⸗ erſt in den Wagen zu ſteigen hieß. Nur ei⸗ nen Augenblick bedeckte er leicht die Augen, als ſein Blick auf die trauernden thränenvollen Züge der untergebenen Hausgenoſſen, die den Wa⸗ gen umringten, ſiel. Der Poſtillon knallte mit der Peitſche, und die Pferde begannen ihren Lauf. Schnell gefaßt ergriff er die Hand des bejahrten Freun⸗ des.„Herr Baron!“ ſagte er,„ Sie haben bis jetzt nur ein unvernünftiges Kind in mir „ A — = a 5 5 ſehen können; ich werde mich beſtreben, Ihnen deutlich zu machen, daß ich es wenigſtens nicht 3u ſehr bin um Ihre väterliche Güte zu ver⸗ „ nnen.“ 1 Der Baron drückte liebevoll ſeine Hand. Sie reiſten ſehr ſchnell, und mit dem über den ſchriftlichen Nachlaß der M utter und alle die ſchmerzlichen Erinnerungen, welche die Trennung 8 von der Heimath in ihm erregten, ganz vergeſ⸗ ſenen Heft ſeines liebenden Lehrers in ſeinem * ortefeuille, kam Guſtav in Paris an, wo ein 3 ganz andres Daſeyn, als das ſeiner achtzehn 4 erſten Lebensjahre, es gänzlich in Vergeſſenheit brachte. Achtes Capitel. Gaſtav trat, jung, reich, liebenswürdig und ſchön in, Welt hinein. Welche Anſprüche l auf einen zuuunden Sein So begegneten ☛☚ 88 ☛ ihm auch wohlwollendes Lächeln, Verſicherun, gen grenzenloſer Ergebenheit, Bezeigungen der innigſten Freundſchaft bis zum Beneiden, vo 1 allen Seiten. Niemand in der Welt läßt ſic leichter hinreißen, als ein achtzehm 4 ling mit einer reinen, unbefange glühender Phantaſie, der ſeine ganze 4 ſchenkunde aus den Büchern gehol 1 den Erzählungen ſeiner Mut ten Lehrers gezogen. Näts ßend als die Welt, wenn man ſi 8 uud Gu⸗ ſtav, durch ein bezauberndes Pri zma b. r chtet. Alles, was ſein Auge erblickte, erreg te ſeine Begeiſterung. Seiner Meinung nack waren zwei Augen zu wenig, und ein Herz nicht groß genug, um Alles, was ihm liebenswürdig er⸗ ſchien, aufzufaſſen, zu bewundern und zu lieben. Der Baron de Saint⸗Clement, im Beſitz eines glänzenden Vermögens, war häufig in der Welt geſehen; er huldigte allen znen Freuden, und obgleich er ſich von der Scj des Geiſtes eben nicht bemerkbar gemacht hatte, 2* 5 5 — ☛̈ o 89 ☚ war doch ſein Haus der Vereinigungspunkt aller ausgezeichneten Leute in Paris. Der Graf de Nercé wurde von ihm in mehrere Häuſer eingeführt, und er entſprach bald durch ſeine Liebenswürdigkeit der zuvor⸗ kommenden Aufnahme, die er dort fand. Sein Geeiſt, ſeine Beſcheidenheit, die Offenheit und der Adel ſeiner Seele erwarben ihm die Hoch⸗ achtung der Männer; viele erkannten ſeinen Werth, ſuchten und verdienten ſeine Freund⸗ ſchaft. 4 Seine Anmuth, ſeine Haltung, ſeine Be⸗ geiſterung, für alles Schöne ſetzten die Herzen der Frauen in Bewegung; ein Wort mit ihm geſprochen wurde ein Gegenſtand des Neides. Der erſte Anblick ſo vieler Reize bezauberte, verblendete ihn; alle geſielen ihm, keine aber gewann ſeine Liebe; und alle machten Anſprüche darauf, ihn zu feſſeln. Nur eine, die reizende, lebhafte, coquette, leichtſinnige Athenais, wußte ein Herz, das ſich ſehnte, beſiegt zu werden, zu umſchlingen. Ei⸗ . 90 nige Monate hindurch liebte ſie ihn auch recht. treuherzig. Guſtav war ſo ſchön, ſo glühend, 3 wer wollte ihn nicht geliebt haben? Kann aber der gefallſüchtige Leichtſinn dauernd gefeſſelt werden? um dies zu bewirken, hätte Guſtav vielleicht eine weniger reine Seele, eine befleckte Phantaſie, weniger Liebe, weniger Offenheit, weit weniger Zartgefühl beſitzen müſſen, und wenn auch; wer, ſelbſt im Beſitz aller der Erfahrung, an der es Guſtav gänzlich fehlte, hätte ſich hier eines vollkommenen Erfolges rüh⸗ men können? Am Ende des dritten Monats eines Glü⸗ ckes, das wie ein Traum erſchienen, kam der General L*** von der Armee zurück. Der Frieden war ſo eben geſchloſſen; ein glänzender Ruf begleitete ihn. Die Frauen vergaßen eie nen Augenblick Guſtav, um den Günſtling der Fortuna zu bewundern. Athenais ſchien nur einen ſehr ſchwachen Eindruck auf ihn zu machen. Immer des glän⸗ zenden Erfolgs gewohnt, fühlte ihre Eigenliebe A —— ☛ 91 * . ſich 2 ſie ſchwur ſich ſelbſt, ſich ein Herz zu unterwerfen, das ihrer Gewalt ſich entziehen zu wollen ſchien, aber ihr nicht lange widerſte⸗ hen ſollte. Ihre Schönheit hatte einen größe⸗ ren Eindruck auf den General gemacht, als er ſich hatte merken laſſen. Beide waren heim⸗ lich zu ſehr mit einander beſchäftigt, um ſich nicht bald zu verſtehen. Der Mann von glän⸗ zendem Ruf erhielt den Sieg. Guſtav wurde aufgeopfert. Die erſte Leidenſchaft hat groͤßeren Ein⸗ fluß auf das Leben, als man ſich vorſtellt; wer alle Frauen für falſch und treulos hält, würde ſie nicht ſo unbillig verdammen, wäre er nicht um ſeine erſte Liebe betrogen worden. Eine Frau, die ihre Liebe verräth, verwundet tiefer ihr ganzes Geſchlecht, als den, welchen ſie ge⸗ täͤuſcht. Der Graf de Nereé erhielt eine ſchreck⸗ liche Lehre; ſein ſchönes Vertrauen war ge⸗ täuſcht, ſeine Seele tief verwundet, alle ſeine Begriffe von Glück und Liebe wie ein Traum a zerſtört. Die magiſche Binde, von der täu⸗ ſchenden Phantaſie gewebt, entfiel ſeinen Bli⸗ cken. Aber wer malt den Zuſtand des Ent⸗ täuſchten. Empfindungen, die er zuvor nie gekannt, beſtürmten und erfüllten ſein Inneres. Hatte die reizende, üppige Athénais, die keinen Reiz von der Natur, um ihn nicht zu nutzen, bekommen zu haben glaubte, mehr als er ſelbſt ahnete, ſeine Sinne entflammt, und zum Glück für ſeine ſpätere Ruhe, ſeine Phantaſie mehr als ſein Herz hingeriſſen: um ſo heftiger wü⸗ theten nun die Leidenſchaften in ſeinem Innern, als ſie ſich früher verlangend und glühend ge⸗ nährt, ohne von der nach dem Höheren trach⸗ tenden Seele gemäßigt und niedergehalten wor⸗ den zu ſeyn. Mißtrauen, Eiferſucht, gehäſſi⸗ ger, nur zuwohl begründeter Argwohn wogten wie ein ſturmbewegtes Meer in ſeiner Seele, in der ſein reiner Wille unterging; in ſolchen Augenblicken machte das ſchwarze, empörte, ko⸗ chende Blut ſein thieriſches Recht geltend. Er — — ☛ 93 wollte Rache, nur Rache— aber an wem? an dem ſtolzen Nebenbuhler, der den jugendli⸗ chen Neuling in der Welt keck überſah, als wäre er gar nicht vorhanden, und ſeine feurigen Blicke nur verlangend in den willig begeg⸗ nenden Sonnenaugen des leichtſinnigen Mäd⸗ chens ſpiegelte? Oder an ihr, die ihn getäuſcht, vergeſſen, die ſeine lauernde, zornſprühende Ge⸗ genwart nicht zu bemerken ſchien, oder ihn auch mit einem gezwungenen Lächeln, mit leeren Worten zu begütigen ſuchte, als ſei ſeine Liebe, oder die ihrige, oder alle beide nur ein Spielwerk geweſen. Er ſchäumte, aber er ſchwieg noch. Nur ſeine glühenden Blicke maßen alle beide. Es war deutlich, daß er es dem Zufall anheim gegeben, ſeine Schritte zu lenken. Seine un⸗ glückliche Liebe, die er verfluchte, und deren Feſſeln er nicht zerreißen konnte, hielt ihn noch immer zurück. Der Nebenbuhler war mit Guſtavs Ver⸗ hältniſſen zu Athenais nicht unbekannt, und —— — ☛ 94 σQꝗ☛ glaubte es, ihrem Ruf ſchuldig zu ſeyn, den anmaßenden Jüngling, der ſeine Abſichten kreuzte, zu ſchonen; indeſſen ſchienen jedoch ſeine Blicke, wenn auch nicht ſeine Worte, den Grafen rei⸗ zen zu wollen, und da nun vollends ein zu jeder andern Zeit gleichgültiges Wort einen die⸗ ſer Blicke begleitete, floß das ſchon volle Maß bei Guſtav über. Briefe wurden gewechſelt; die Stunde beſtimmt. Von dieſem Augenblick an hatte Guſtav ſeine lange ſchwankende Faſſung wieder erhal⸗ ten. Auf alle Fälle bereit, hielt er es für nothwendig, einige Beſtimmungen niederzuſchrei⸗ ben; einige halbvergeſſene Documente durchzu⸗ ſehen. So fiel ihm auch das längſtvergeſſene Portefeuille in die Hände, und mit dieſem das Heft ſeines um ſein Glück ſo beſorgten Lehrers. Der Anblick der Aufſchrift an ihn von der wohlbekannten Hand rührte ihn ſonderbar.— „Ich habe mir nichts vorzuwerfen,“ fagte er leiſe,„und doch vielleicht iſt die Stunde da, ☛☛ 95 vor der Du mich gern gewarnt wiſſen wollteſt! Wäre es vielleicht darum weniger ſo gekommen. wenn ich weniger vergeßlich geweſen wäre? Aber dieſes war immer unrecht, und ſo mag ich denn dieſes Unrecht büßen. Jetzt iſt keine Zeit, das Verſäumte nachzuholen, aber wenn ich zurückkehre, ſoll das mein erſtes Geſchäft ſeyn.“ Er legte das Heft noch uneröffnet auf den Tiſch und eilte hin, wo ihn die Ehre und die Rache riefen. Sie ſchlugen ſich. Beide kehr⸗ ten verwundet zurück. Es ſchien indeſſen, gls hätte die Erinnerung an den väterlichen Lehrer dem Jüngling auch alle theuern Erinnerungen wieder gegeben. Die Kälte, womit er focht, ja ſelbſt die plötzliche Entſagung ſeiner Rache, als der ſchon leicht verwundete Gegner, bei dem Anblick von Guſtavs Blute inne hielt, ſchien zu beweiſen, daß das Gelübde, welches er am Grabe ſeiner Mutter gethan, in ſeiner Seele wieder aufgelebt. 3 ⁴☛ 96 Seine Wunde war zwar die Kräfte et⸗ was lähmend, aber an ſich unbedeutend, und kaum war er verbunden, und befand ſich wieder allein, als er mit unruhiger Neugierde das Heft ergriff, und nach dem er es raſch geöff⸗ net, Folgendes las: 8 2 Die Zeitalter jugendlicher Liebe. Novelle. Die goldne Zeit. Julien Mellvill war in einem Dorfe unweit Hayvre geboren. Schon in der Wiege verlor er ſeinen Vater; die Gebete ſeiner Mutter, für ſeine Erziehung leben zu dürfen, waren vergeb⸗ lich. Julien wurde ein Waiſe noch früher, als er ſeinen doppelten Verluſt faſſen konnte. Allein er war auf die Freundſchaft vererbt; eine Freundin ſeiner Mutter mit einem warmen glü⸗ henden Herzen und noch wärmerer Phantaſie nahm ſeine zarte Jugend in ihre Obhut, die nur zu ſehr das Gepräge liebender Nachſicht trug⸗ Lebewohl. I. Thl. 8 7 ☛ 98 7 Aber auch ſie, die nicht glücklich war, und ihren einzigen Erſatz in ſeiner Liebe ſuchte und fand, ſollte er bald verlieren. Er, immer ge⸗ wohnt, ſeine kleinen Wünſche erfüllt zu ſehen, kannte keinen andern Schmerz, keine andre Thränen, als die, welche die Klagen und Er⸗ zählungen der mütterlichen Freundin ſeinem kindlichen Mitleid ablockten, und ihm eine weh⸗ müthige Weichheit einflößten, die ihm bei ih⸗ † rem auch frühen Verluſt den erſten herben Schmerz noch fühlbarer machte. Das Kind ſchien frühzeitig reif für Kummer zu ſeyn. Noch hatte er einen Onkel übrig, den er nie geſehen hatte; Herr Antony, ein würdiger Geiſtlicher, der 1792 emigrirt und wieder nach Frankreich zurückgekehrt war, ſo eben zum Director des Seminariums der kleinen Stadt*rr ernannt worden. Der Verluſt des Knaben hatte ſeine weiche, fromme Seele fröm⸗ mer als je geſtimmt; unbekannt mit der Welt und in einer ſcheuen Furcht vor ihr und ihren Leidenſchaften erzogen, glaubte er nur als Se⸗ 1 ☛ 99 minariſt Hoffnung und Troſt finden zu kön⸗ nen. Er eilte zu den Füßen ſeines Onkels, der ihn mit Freuden in ſeinen Armen empfing. Seine kleinen Anlagen waren nicht verſäumt; ein ge⸗ wiſſer frühreifer Ernſt, ein ſtilles ſchweigſames Benehmen, das ihm ſeine einſame Erziehung gegeben, gefielen dem guten Prieſter, und Ju⸗ lien wurde ein Platz unter den jungen Leu⸗ ten, die ſich der Religion widmeten, angewieſen. Seine fromme, flammende Seele fügte ſich leicht der äußerlichen Strenge, die ihm vorgeſchrieben warz bald wurde er der Liebling ſeiner Lehrer, das Muſter ſeiner Gefährten. Sein Fleiß war ſo anhaltend eifrig, daß ſein Onkel mit Recht ein Anzeichen heftiger Leiden⸗ ſchaftlichkeit darin zu gewahren glaubte, und ſuchte um ſo mehr den Ideen des Jünglings eine religiöſe Richtung zu geben, und ihn in Demuth und Selbſtverläugnung zu üben. Das Wort Liebe, und die Begriffe, die ſich in dieſem vereinen, war Julien zwar nicht unbe⸗ kannt, aber es klang wie ein Greuel in ſein 7* Ohr. Seine mütterliche Freundin war das Opfer einer bis an ihren Tod dauernden Leiden⸗ ſchaft geworden, und mehr um ihrem Herzen Genüge zu thun, als, wie ſie wähnte, um ſein Herz gegen die Einwirkungen der Liebe zu be⸗ feſtigen, hatte ſie ihm ihre Leiden als War⸗ nung aufgeſtellt, noch ehe er dieſe zu faſſen verſtand; von der Liebe ſelbſt hatte er noch nicht die geringſte Ahnung; aber er kannte die Feh⸗ ler, wozu ſie verleiten kann, und hatte die Qua⸗ len geſehn, welche ihr zugeſchrieben werden. Indeſſen wer kann ſein Schickſal voraus⸗ ſehen? Julien hatte ſein funfzehntes Jahr er⸗ reicht. Eines Tages, es war der Oſtermon⸗ tag, befanden ſich die Seminariſten in der Kirche, wo eben gepredigt wurde, in der Nähe einer Koſtſchule für junge Mädchen. Als Ju⸗ lien zufällig die Augen einen Augenblick erhob, begegneten ſie den Blicken eines jungen Mäd⸗ chens, das nur durch ein zierliches Geländer von ihm getrennt war. Dieſer Blick war nur ein Blitz, aber er zerſtörte auf einmal jede Ruhe, ☛☚ 101 alle Ideen in der Seele des Jüngling⸗ Eine Unruhe, die er nie früher gekannt, bemächtigte ſich ſeiner Sinne. Er ward bald roth, bald erblaßte er; er zitterte; er dachte nicht an Liebe; er erinnerte ſich nicht der Vergangenheit. Gott, der heilige Ort, die Feier des Tages, Alles war vergeſſen. Eine neue Welt war urplötzlich dem Jüngling aufgegangen; er dachte es nicht, aber er fühlte, daß er von dieſem Augenblicke an erſt begann zu leben, und er verſenkte ſich ganz in die unwiderſtehliche Empfindung, die wie Feuer ſein Herz durchdrang. Das junge Mädchen ſchien beinahe von ſeinem Alter zu ſeyn. Sie war ein wahres Engelbild und betete mit Inbrunſt. Julien ver⸗ ſchlang das reizende Weſen mit ſeinen Blicken; und die Predigt war zu Ende, ehe er wußte, daß ſie begonnen ſei. Die Bewegung, die rings um ihn entſtand, entriß ihn ſchmerzlich ſeinem Ent⸗ zücken. Er ſtand mechaniſch auf. Die Hand⸗ ſchuhe des jungen Mädchens waren herunterge⸗ fallen; er bückte ſich lebhaft, raffte ſie zitternd, ☛ 102 faſt krampfhaft auf, und überreichte ſie der Ei⸗ genthümerin ohne ein Wort hervorbringen zu können. Das junge Mädchen nahm ſie und erhob, um zu danken, die Blicke auf den, der ihr ſie wiedergab; allein die Unruhe, die ſie in Juliens Zügen bemerkte, war anſteckend; ſie ſtammelte erröthend einige unverſtändliche Worte hervor, und entfernte ſich ſchnell. Julien, wie eingewurzelt, verließ, der letzte von ſeinen Geführten, die Kirche, ſchaudernd vor Furcht, daß ſeine Vorgeſetzten das Vorge⸗ fallene bemerkt hätten. Zum erſten Mal fühlte er, daß er Feſſeln trüge, und ein dunkles Ge⸗ fühl in ſeinem Innern verkündete ihm, daß er nicht mehr Prieſter werden könne. Niemand hatte ihn bemerkt; aber es war ihm, als wäre ſeine Seele in der Kirche ge⸗ blieben.- ei ſeiner Rückkehr in das Seminarium fand Julien alles rings um ihn verändert. Langeweile und Mißbehagen geſellten ſich zu Allem, wo er früher heitere Pflichten und ☛ 403 Glück gefunden hatte. Seine Studien wurden nachläſſig getrieben. Alle ſeine Gedanken wa⸗ ren nur auf die Stunde gerichtet, die ihn die Liebe kennen gelehrt hatte. Allein er wagte nicht, dies Wort auszuſprechen, das ihn für die Zukunft bange gemacht haben würde. Die Empfindung, die ſeine Seele erfüllte, ließ er in einen Brief ausſtrömen, ohne ſich der Hoff⸗ nung bewußt zu ſeyn, die ihm die Worte ein⸗ flößte. Endlich kam der folgende heißerſehnte Sonn⸗ tag herbei. Die ehrwürdige Langſamkeit der Diakonen, die geregelten Bewegungen 8 nariſten, denen ſich zu fügen der ungedu ldige Julien gezwungen war, brachten das Blut in ſeinen Adern zum Kochen. Er nahm begierig ſeinen vorigen Platz ein; es war ihm, als müſſe ihm hier aufs neue das Glück kommen. Auf einmal rötheten ſich ſeine Wangen; er bebte; ſeine Blicke hatten diejenige bemerkt, die er ſchon ſeine Freundin nannte; in heißen Zü⸗ gen athmete er Liebe ein; er betet nicht mehr, 1 ³☛ 104 aber er betet an; er wirft ſich auf die Knie nieder, aber die Gottheit empfängt nicht allein ſeine Huldigung. 3 Er kehrte in das Seminarium zurück, von einer Flamme umlodert, die nicht mehr zu lö⸗ ſchen war. Tage und Wochen vergehen, Ju⸗ lien einſam, träumend, nur mit ſeiner jungen Geliebten beſchäftigt, hoffte auf die Erfüllung ſeiner ſtillen Wünſche, denn ihre Blicke ſuchten und begegneten ſich immer. Die Pflichten, die ihm oblagen, wurden ihm immer gehäſſiger. Der Stand des Prie⸗ ſters, in dem er früher den Hafen des Heils er⸗ blickt, erſchien ihm jetzt als eine furchtbaxe Sela⸗ verei. Er wollte das Joch abſchütteln; aber bald traten die religiöſen Ideen, die ihm beige⸗ bracht waren, drohend vor ſein Gewiſſen und beunruhigten ihn über ſeine Liebe. Der Brief, den er noch immer im Buſen trug, der Brief, deſſen Entdeckung ihm aus dem Seminarium verbannen würde, kam ihm wie ein Gewicht vor, das ihn zu Boden drückte. 1 ⁴☛ 105 Der Jüngling, ſonſt ſo eifrig in der Er⸗ füllung der Pflichten der Frömmigkeik, ent⸗ fernte ſich nun von dem Richterſtuhl der Buße. Noch zu unverdorben, um ſeine Fehler zu ver⸗ bergen, fühlte er zugleich, daß es ihm unmög⸗ lich ſeyn würde, der Stimme, die ihm zu ver⸗ geſſen gebot, zu gehorchen, und in dieſer Ver⸗ wirrung ſeiner Seele betrachtete er jeden Tag, jeden Augenblick, als eine Friſt, die ihm das Unglück noch geſtattete, und ſo überließ er ſich unthätig den Empfindungen, die ihn beherrſchten⸗ Er war in dem Seminarium beliebt; Alle kannten ſeine Frömmigkeit; ſein Berufag ſchien trotz ſeiner Jugend ſo beſtimmt ausgeſprochen, daß ſeine plötzliche Abkühlung nicht einmal be⸗ merkt, ſondern vielmehr als Krankheit angeſe⸗ hen wurde; denn die Unruhe ſeiner Seele hatte ſchon einen ſichtbar zerſtörenden Einfluß auf ſeine Geſundheit geäußert. So waren zwei Monate verſtrichen. Ju⸗ lien noch immer von ſeinen Träumen gefeſſelt, verzweifelte beinahe, ſelbſt blos den Namen der⸗ ——ͤ———— ☛☛ 106 jenigen, die ier liebte und die er nur des Sonn⸗ tags während der Predigt ſah, eutdecken zu kön⸗ nen. Die furchtſamen Verſuche, die er gewagt, um ihr den Brief mitzutheilen, waren alle ge⸗ ſcheitert; allein der Zufall iſt oft den Liebenden günſtiger, als die eifrigſt erdachten Plane; das bewies ſich an Julien. Am Tage des Frohnleichnamsfeſtes machte die Proceſſion Halt in einer Linden⸗Allee, an deren Ende ein Ruhealtar errichtet war; durch die zuſtrömende Menge entſtanden kleine Verwir⸗ rungen. Alle knieten, um den Segen des heili⸗ gen Saeraments zu empfangen, und durch eines dieſer Mirakel, welche die Liebe mitunter hervor⸗ bringt, fand Julien ſich loplic an der Seite ſeiner Geliebten. Er glaubte in dieſer unerwarteten Annähe⸗ rung die Gunſt der Vorſehung, die ſeiner Liebe zulächelte, zu erblicken; er fühlte, daß das Glück dieſes Augenblicks vielleicht nie wiederkeh⸗ ren würde, wenn er es entſchlüpfen ließ; ſchnell ergriff er den Brief, den er immer im Buſen ☛☛ᷓ 107 ☚ trug, und warf hurtig einen furchtſamen Blick zu allen Seiten; alle Herzen waren mit dem Höchſten beſchäftigt, jede Stirn gegen die Erde gebückt; er flüſterte kaum vernehmbar zu dem jungen Mädchen.„Ach! Mademoiſelle! ver⸗ zeih—“ Sie bebt zuſammen, wie von einer elektriſchen Berührung getroffen; das Schrei⸗ ben ruhte ſchon in ihrer zitternden Hand, ſie beeilte ſich„beide in eine Falte des Schleiers zu verbergen. Alle erhoben ſich wieder; und Julien, von deſſen Herzen ein großes Gewicht gewälzt war, bemerkte einen Prieſter, deſſen Auge ſtarr auf ihm ruhte. Er ſchauderte; al⸗ lein er war nicht mehr der furchtſame Jüng⸗ ling, den nur ein ernſter Blick zur Reue be⸗ wegte; er zitterte nur aus Furcht, ſie bloß⸗ zuſtellen, die ihm ſo theuer war. Als er aber ſah, daß der Tag zu Ende ging, ohne irgend einen Umſtand aufzuweiſen, der die Entdeckung ſeiner Unvorſichtigkeit ver⸗ rieth, faßte er aufs neue Muth, und ſeine ☛ 108 Phantaſie wiegte ſich in giner Zukunft voller Glück und Liebe. Bis hieher war es ihm gelungen, ſich der Pflicht der Beichte zu entziehn, die ſonſt nichts Drückendes für ihn gehabt. Der Prieſter, der ſeit ſeinem Eintritt in das Seminarium im⸗ mer in ſeinem Herzen geleſen, wunderte ſich über ſein Ausbleiben und ſuchte ihn auf, um ihm mit Milde ſeine Nachläſſigkeit vorzuwerfen. Julien fühlte wohl, daß die liebevollen Ermah⸗ nungen bald in ernſte Strenge übergehen dürf⸗ ten; aber wie konnte er wagen, zu geſtehen, daß die inbrünſtige Frömmigkeit, die Alle an ihm bewundert hatten, zwar nicht verdünſtet, allein von einer gewaltigen Leidenſchaft beſiegt war. Er kniete in großer Bewegung vor dem Beichtvater nieder, ſagte ſeine Gebete mit im⸗ mer wachſender Unruhe her und ſchwieg. Der gute Prieſter, der ihn lieb hatte, hielt ihn für krank und fragte. Der junge, angehende Geiſt⸗ liche fühlte ſich gedrungen, auf eine Stimme — ☛ 109 zu erwiedern, die ihm als das Organ Gottes erſchien. Das Geſtändniß ſeiner Liebe ſchwebte auf ſeinen Lippen; allein tief aus ſeinem Inne⸗ ren rief es ihm zu:„Unglücklicher! willſt Du auf immer von ihr geriſſen werden?“ Er hielt inne; die leichten Fehler ſeines unſchuldigen Lebens entſchlüpften mit einem ſchweren Seuf⸗ zer ſeiner Bruſt und ſeinem Munde; er erhielt Abſolution, und neigte die Wangen, die bald vor Reue erblaßten und bald von dem Sieg der Liebe glüheten, gegen die Erde. Es war ihm, als hätte er eine Entheiligung begangen; wenigſtens wagte er nicht, ſich dem heiligen Tiſche zu nähern. Das übrige des Schuljahres ging auf dieſe Weiſe zu Ende, ohne daß er wagte, zum Abend⸗ mahle zu gehen, und ohne daß es unter. der Menge der jungen Leute bemerkt wurde; ſeine frommen Gefährten, nur mit dem eignen Inneren beſchäftigt, dachten nicht daran, Ver⸗ irrungen zu erſpähen, von denen ſie nicht die geringſte Ahnung hatten. ☛ 110£☛ Julien hatte indeſſen ſeine Geliebte wieder geſehen; er hatte dieſelbe Milde, dieſelbe Theil⸗ nahme in ihren Augen wieder gefunden; das ſagte ihm wenigſtens, daß ſein Brief nicht übel aufgenommen wäre. Allein wer war wohl dieſer Engel, deſſen Güte ijn nicht zurüctgeſio⸗ ßen hatte? 12 Die Kerten traten ein und belebten ſeine Hoffnung. Eines Abends, als er einſam die Spoaziergänge, welche die kleine Stadt umrin⸗ gen, beſuchte, und ſich ſeiner Gewohnheit nach einſam auf einer Bank hingeworfen, verſuchte ſeine thätige Phantaſie, den Schleier zu durch⸗ dringen, der ſeine Zukunft bedeckte, ſein Herz rief ſie hervor, für die es nur ſchlug. Da wurde er nicht weit von ſich eine Schaar jun⸗ ger Mädchen gewahr. Das Blut ſtrömte ge⸗ waltſam zuſammengedrängt in ſein Herz zurück; denn er hatte ſogleich diejenige, die er anbetete, unter ihnen erkannt. Er ſah eine plötzliche Röthe ihre lieblichen Wangen färben; im Vor⸗ beigehen wandte ſie die Augen verwirrt hinweg. ———— 7 ☛ 111 Er folgte ihr mit den Blicken, er ſtand auf, machte einige Schritte, konnte ſich aber nur mit Mühe aufrecht erhalten. Er ſah, wie ſie ſich einer Linde nahte, an der eine alte Bank lehnte, wie ſie ein Blatt aus dem Buſen zog, es ne⸗ ben den Baum fallen ließ, einen ſchnellen Blick dem glücklichen Liebenden zuwarf, und ſich mit den vorausgegangenen Gefährtinnen wieder zu vereinen beeilte. Julien ſtand einen Augenblick wie einge⸗ wurzelt, dann ſtürzte er nach dem Baume hin, überzeugt, daß er von Niemand geſehen würde, küßte er die Stelle, die das Mädchen durch eine leichte Verührung eingeweiht, ergriff das ihm beſtimmte Schreiben, öffnete es entzückt und las knieend folgende Worte: „Jal! mein Herz entſpricht dem Ihrigen; allein mein Vater iſt abweſend! Würde er auch dieſen Schritt billigen? Die würdige Frau, bei der ich die Ferien zubringe, kenne ich nicht ſo genau, daß ich wagen ſollte, ſie zur Richterin meines Benehmens zu machen; ⁴☛ 112 ☛☚ indeſſen fühle ich doch gar zu tief Alles, was Sie leiden müſſen, um mich nicht zu entſchließen, Ihnen eine Antwort zu ge⸗ ben.— Ich habe oft von Ihrem Oheim mit Hochachtung, von Ihnen ſehr lobend ſprechen gehört. Meine Mutter lebt nicht mehr. Ihr geliebtes Bild, das mein Va⸗ ter in mir täglich mehr und mehr wieder findet, hat ihn noch nie Kraft gelaſſen, meinen Wünſchen zu widerſtehen. Ich darf nicht befürchten, ihn ſtrenger zu finden, wenn es das Glück meines Lebens betrifft. Wie ſehne ich mich nach der Rückkehr meines väterlichen Freundes, um ihm die Empfin⸗ dungen meines Innerſten anvertrauen zu können! Ich fühle, daß ich Sie liebe; unnd wenn Sie aufrichtig ſind, welche ſchöne Zukunft! Ich werde dies Blatt bei mir ttragen, bis ich Gelegenheit finde, Ihnen es zuzuſtellen. Sie ſind in meinem Her⸗ zen— A delaide de Sivry.“ 9! „ 7 ☛ꝙ 113 9! Entzücken der erſten Liebe! Wonne, die ein erſtes Geſtändniß einflößt! Welch Herz iſt ſo kalt, daß das Andenken ſeines ſüßeſten Wahns es nicht erwärmt! O! Augenblick, der Alles um uns verſchönert, der jeder Strenge ein lächelndes Anſehen gibt, und das Todte ſelbſt belebt! Wer glaubt nicht dann an die Ewigkeit ſeiner Gefühle? und endlich, wenn dem Schnee des Alters die lieblichen Täuſchun⸗ gen auch erblichen ſind oder die kalte Vernunft ſie entzaubert hat; wer ergötzt ſich dann nicht noch an der Exinnerung des glücklichſten Tages ſeiner Jugend? Julien hörte nicht auf, den Brief immer aufs neue durchzuleſen; er drückte ihn an ſeine Bruſt, und das Blatt, indem es ſeiner Liebe ein neues Leben gab, verdoppelte das unruhige Klopfen ſeines Herzens. Er wiederholte mit Entzücken den Namen Adelaide; das Geſtänd⸗ niß, das ſie ihrem Vater thun wollte, erſchreckte ihn nicht. Die Zukunft malte ſich immer hel⸗ ler vor ſeine Augen, aus denen die froheſte Lebewohl. I. Thl. 8 ☛̈ 114 Hoffnung glänzte, und erſt als der Jüngling die Schwelle des Oheims wieder betrat, dachte er mit Schmerz daran, daß ihm noch andre Pflichten, als die der Liebe oblagen. Er hegte für den Herrn Antony eine tiefe Ehrfurcht. Er zitterte, ihm zu mißfallen, wenn er ihm ſeine gegenwärtige Abneigung für einen Stand, zu dem men ihn berufen glaubte, ge⸗ ſtände. Er wagte indeſſen zu reden, und mit niedergeſchlagenen Augen ſtellte er dem Oheim vor, daß er, ſein Herz unterſuchend, es nicht tugendhaft genug gefunden, um das Gewicht des heiligen Prieſteramts zu ertragen. Der gute Alte machte nicht die kleinſte Einwendung.„Mein Kind!“ gab er ihm zur Antwort,„wenn Dir Gottes Stimme nicht mehr erklingt, wenn ein innerer Beruf Dich nicht unwiderſtehlich zu einem ſo ernſten Stande hinzieht, magſt Du eine andre Bahn wählen.“ Dieſe unerwartete Güte machte einen ſo gewaltſamen Eindruck auf Julien, daß er im Begriff war, dem Entſchluß, ſeinen Oheim zu ☛ 115 Ꝙ verlaſſen, zu entſagen; allein das verführeriſche Bild Adelaidens ſtellte ſich zwiſchen ihn und den Greis; das Opfer wurde ihm unmöglich, und Julien geſtand ſchnell, daß er ſich zu dem Wirkungskreis eines Advokaten berufen fühlte. Herr Antony gab gern ſeine Einwilligung, ihm die. Rechte ſtudiren zu laſſen. Der Jüng⸗ ling legte entzückt die traurige Tracht eines Jüngers des Seminariums ab. Ganz frei, und da obendrein ſeine Reiſe nach Paris noch einige Wochen verſchoben wurde, verließ er ſel⸗ ten die Nähe des Hauſes, in dem ſeine junge Freundin wohnte, und dann nur, um zu der Bank zurückzukehren, bei der ſie ihren Brief niedergelegt, oder auch um die Kirche zu beſu⸗ chen, wo ihre Blicke ſich zuerſt begegnet waren, wo ihre Herzen ſich verſtanden und wo er noch Andacht ſuchte und fand. Adelaide kehrte wieder in die Koſtſchule zurück; die Tage verſtrichen, ohne daß er ſie wiederſehen konnte. Welche Qual, abreiſen, ohne Abſchied von dem zärtlichen Mädchen ſchei⸗ 8* 4 den zu müſſen! Endlich, den Abend vor der Abreiſe, öffnete ſich die Thür des Hauſes, das ſie umſchloß. Alle die jungen Mädchen traten voller Heiterkeit; von einer Lehrerin begleitet, heraus, um ſich im Freien zu ergehen. Ade⸗ laide bemerkte ſogleich Julien. Sie erröthete, lüchelte und wandte ſich um, um verſtohlen ihm noch ein Lächeln zuzuwerfen. Ein ſo reizender Magnet war nicht von⸗ nöthen, um ihn nach ihr zu ziehen. Er hielt ſich indeſſen in einer ſo großen Entfernung, daß er nicht die Aufmerkſamkeit der Duenna erregen konnte. Die jungen Mädchen begaben ſich nach einer Wieſe, durch welche ein Bach in vielen Krümmungen ſich ſchlang; mehrere alte Trau⸗ erweiden, an dem Rand des Stromes zerſtreut, gaben dieſer Gegend etwas Maleriſches. Julien, an einer halbverborgenen Stelle hingeworfen, ſchien ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf einen Ent⸗ wurf von der anmuthigen Landſchaft, den er mit flüchtigen Zügen zeichnete, zu richten, wäh⸗ ☛ 117 ☛ rend ſeine Blicke verſtohlen an dem reizenden Gegenſtand, der ihren höchſten Reiz ausmachte, hingen. kunzt. . Adelaide, in einem leichten weißen Kleide, mit einem Strohhut und einem kleinen ſeide⸗ nen Tuch um den Hals geſchlungen, erſchien ihm in der Pracht einer Göttin; wie ſie, heiter und anſtellig, die erſte unter ihren Gefährtin⸗ nen, ihnen ihre Spiele angab; ein Bild voller Leben und Freude entwickelte ſich für Juliens Blicke, der nur Augen für die Geliebte hatte. Mehrere Arten von Beluſtigungen wurden vorgenommen und eben ſo ſchnell beendet. Ein neues Spiel kam an die Reihe. Welche ent⸗ fernten und verbargen ſich; andre ſuchten ſie wieder auf; lautes Gelächter verkündete, daß man die Flüchtlinge gefangen. Adelaide, leich⸗ ter oder behender als die Uebrigen, war noch nicht eingeholt worden. Auf einmal bemerkte ſie, daß ſie nicht bemerkt wurde, und richtete ſchnell ihren Lauf gegen die Stelle, wo Julien verborgen ſaß. Eine hohle Weide, bot ihr nur ⁴☛̈ 118 wenige Schritte von ihrem jungen Freund ent⸗ fernt einen willkommenen Schlupfwinkel, der Baum ſelber verbarg ſie den Blicken ihrer Ge⸗ ſpielinnen. Dieſer Augenblick wurde mit Ent⸗ zücken benutzt. — Es zieht mich zu Ihren Füßen hin, und ic darf dieſen Platz nicht verlaſſen,“ flüſterte Julien.„Morgen gehe ich nach Pa⸗ ris; ich will die Rechte ſtudiren und mich wür⸗ dig machen, Ihre Hand dermaleinſt zu erhal⸗ ten; aber damit ich Muth ſchöpfe, eine ganze Ewigkeit zu leben, ohne Sie zu ſehen, theure Adelaide! lehre mich auch der ſüße Laut Ihres Mundes, was ich hoffen darf.“ „„— Ich liebe Sie,““ erwiederte Ma⸗ demoiſelle de Sivry,„„und ich werde meine Empfindungen nie verändern. So lange ich Ih⸗ nen theuer ſeyn werde, ſoll nichts in der Welt mich vermögen, meine Liebe aufzuopfern. Zu dem wünſcht mein Vater nur mich glücklich zu ſehen.“ Adelaidens junge Geſpielinnen, die nicht ⁴☛☚̈ꝗ 119 bemerkt, daß ſie ſich dem Bache genähert, ſuchten ſie auf einer andern Seite der Wieſe. Julien verließ ungeachtet der Bitte der Gelieb⸗ ten ſeinen Platz; er ergriff ihre bebende Hand, die er mit Küſſen bedeckte.„Süßes Leben!“ flüſterte er:„reichen Sie mir in dieſem Au⸗ genblick der Trennung ein Pfand ihrer Liebe, das mir die Leiden einer langen Abweſenheit lindern kann! Darf ich Ihnen ſchreiben?“ ,— Jetzt iſt es unmöglich!““ erwie⸗ derte ſie;„„wenn mein Vater zurück iſt, ſoll er entſcheiden.““ Adelaidens Name, der in einer kleineren Entfernung mit Ungeduld gerufen wurde, ſchlug an die Ohren des jungen Paars. Julien, au⸗ ßer ſich vor Liebe und Furcht, drückte noch einen Kuß auf die Hand des Mädchens, und preßte ſie heftig an ſein Herz:„Lebewohl“ flüſterte er mit verſagender Stimme.„„Lebewohl““ ſtammelte Adelaide mit Thränen in den Augen. Die Gefahr, welcher ihre Unvorſichtigkeit ſie bloßgeſtellt, der Ort, wo ſie ſich befanden, Al⸗ 120 ½ les war in dieſem Augenblicke vergeſſen; ſie ſa⸗ hen, ſie fühlten nur ſich allein; ſie ſchwuren ſich ewige Liebe; der Gedanke ſelbſt an die Tren⸗ nung, die mit dem Augenblick anfangen ſollte, 3 war völlig entflohn. Plötzlich entdeckte Adelaide eine ihrer Ge⸗ ſpielinnen, die ſich leiſe und furchtſam nahete. Sie konnte Julien noch nicht ſehen; allein der nächſte Augenblick würde Alles verrathen. Ade⸗ laide drängte den Jüngling zurück, löſte ſchnell 4 das kleine ſeidne Tuch von ihrem Halſe ab, trocknete mit einer leichten Berührung deſſelben die Thränen ab, die ihre Wangen benetzten, warf es dem glücklichen Julien zu, und eilte der kleinen Freundin entgegen, die einen Freu⸗ denſchrei erhob. Bald war ſie von den übri⸗ gen umringt, und mußte ſich gern oder nicht der allgemeinen Heiterkeit hingeben. Julien verbarg das Pfand der Liebe, das ihm Adelaide gelaſſen, an ſein Herz. Das Zeichen zur Rückkehr ward gegeben. Er folgte 3 von weitem der Geliebten; er genoß des Glückes, — — 121 ſie noch einmal zu ſehen. Aber bald war das Haus erreicht; Adelaide war die letzte, die hin⸗ eintrat; ſie wandte ſich noch in der Thür. Ju⸗ lien hoffte auf einen Blick, aber er wurde von der Lehrerin, die dieſe kleine Schaar begleitet, aufgefangen. Die Thür fiel raſſelnd zu; und dieſer Ton, in dem Herzen des Jünglings wie⸗ derhallend, überwältigte ihn, und ließ ihn au⸗ genblicklich alle Qualen der Trennung empfinden. Nun konnte ihn nichts mehr zurückhalten; er beſchleunigte aus allen Kräften die Stunde der Abreiſe, weil er fühlte, daß das einzige Mittel, ſich ihr wieder zu nähern, nur ſei, ſich würdig zu machen, ihre Hand zu erhalten. Das Bild ſeiner jungen Freundin begleitete ihn nach Paris, und machte ihn unzugänglich den Verſuchungen, welche dieſe gefährliche Stadt darbietet. Außerdem war ſein Herz noch zu rein, ſein Empfindungen zu exaltirt, um von der gemeinen Verdorbenheit angeſteckt zu wer⸗ den. Er lag mit Eifer ſeiner Studien ob; ſeine ſüßeſte Erholung beſtand darin, ganze Hefte an ☛ 122 ſeine Adelaide zu ſchreiben, in der Hoffnung, ihr dieſelben dereinſt zuſtellen zu können. So verging ein Jahr. Das Andenken an Mademoiſelle Sivry füllte noch mit beherrſchen⸗ der Gewalt Juliens Herz. In den erſten Mo⸗ naten nach ihrer Trennung hatte er immer in der Hoffnung gelebt, einige Zeilen von ihr zu bekommen; allein keine Sylbe berichtete ihn, daß ſie ſeiner noch gedachte. Dies Stillſchwei⸗ gen, das ſie ihm vorher verkündet hatte, be⸗ trübte ihn, ohne doch das Zutrauen, das er in ihre Worte geſetzt, zu ſchwächen. Mit einer reinen Freude eilte er alſo beim Anbeginn der Ferien nach dem Ort zurück, o er die Liebe kennen gelernt. Der Oheim nahm ihn mit väterlicher Güte auf; mit welchem Entzücken eilte er in dem erſten Augenblick, wo die Schicklichkeit ihm erlaubte, den Greis allein 4 2* zu laſſen, jede Stelle zu beſuchen, wo er Ade⸗ laide geſehen. Seine Seele ſchwamm in den 9 ſeligſten Hoffnungen. Allein als er den fol⸗ genden Tag, einen Sonntag, die ganze Koſt⸗ —yyy——— ☛ 123 ſchule, zu der ſeine Geliebte gehörte, in der Meſſe ſah, und ſie nicht in der Mitte ihrer Gefährtinnen fand, bemächtigte ſich die lebhaf⸗ teſte Unruhe ſeines Herzens; aber ein tödtlicher Schrecken preßte ihm das Herz zuſammen, als er denſelben Abend, wo die Koſtgängerinnen einen Spaziergang unternahmen, Adelaide nicht unter ihnen erblickte. Mehrere Tage ging er wie träumend um⸗ her, mehrere Nächte entfloh ihm der Schlaf; länger konnte er nicht der verzehrenden Ungeduld der Angſt ſeiner Seele widerſtehen. Sie könnte ja krank, ſie konnte ja ſogar todt ſeyn. Ohne ei⸗ nen ſchicklichen Vorwand einmal zu ſuchen, klopfte er unbedenklich an die Pforte der Koſtſchule. Er fragte nach Mademoiſelle de Sivry, und erfuhr mit ſchmerzlichem Erſtaunen, mit betäubendem Kum⸗ mer, daß ihr Vater vor beinahe ſechs Monaten ſie abgeholt hatte; man vermuthete, daß ſie mit ihm eine Reiſe in die Fremde angetreten; keine Nachricht von ihr war ſeitdem eingelaufen. Julien zog ſich wie vernichtet zurück. Alle ☛ 124 Bitterkeit zerſtörter Hoffnungen, alle Qualen, die das Unglück einer erſten Liebe erzeugt, der Kleinmuth, der nur zu leicht die junge Seele befällt, die auf einmal das ſchnellſegelnde Schiff. ihrer jugendlichen Wünſche ſcheitern ſieht, er⸗ goſſen ſich in das Herz des Jünglings; betro⸗ gen ihn um die Gegenwart und lehrte ihn, für die Zukunft zu zittern. Die ſilberne Zeit. N Bergebens ſtrebt die Freude, ſich über die Flüchtigkeit der Stunden beklagend, ihre Flucht zu hemmen, vergebens der Schmerz, ihren lang⸗ ſamen Gang zu beſchleunigen; unveränderlich in ihrem Lauf, unempfänglich für Freuden wie für Leiden verſenkt die Zeit Sehnſucht und Wünſche in die Vergangenheit, und führt all⸗ mählig neue Hoffnungen, neue Klagen, die ☛ 125 G8 1. auch bald zugleich mit ihnen, deren Vruſt ſe ſie er⸗ füllen, vergehen, herbei. Julien verlebte das folgende Jahr, ohne das mindeſte von der Mademoiſelle de Sivry zu hören. Erſt gab er ſich ganz der Gewalt ſeines Kummers hin, und da kein Blatt, kein Zeichen eines Andenkens ſeine immer ſchwächere Hoffnung belebte, glaubte er ſich zuletzt vergeſ⸗ ſen. Seine jungen Freunde, die ihn immer düſter, in ſich gekehrt fanden, und ihn deſſen ungeachtet lieb hatten, ſuchten theilnehmend ſei⸗ nen Kummer zu zerſtreuen; ſie malten ihm lä⸗ chend die Liebe als eine Leidenſchaft vor, die nur Unglück bringt, wenn ſie überſpannt iſt; ſie ſuchten vergebens ihm Geſchmack an ihren Freuden einzuflößen. Es gelang ihnen nicht, ein Herz zu heilen, das eine unſchuldige Liebe ganz erfüllt hatte; allein ihre freundlichen Be⸗ mühungen, die Abweſenheit, die Entfernung, das lange Stillſchweigen Adelaidens brachten ihn dahin, die Liebe zu verwünſchen. Er machte ſich Vorwürfe, daß er liebe, und bemühete ſich, — * ³☛ꝑ 126 nicht mehr zu lieben. Er warf ſich in Zerſtreu⸗ ungen, um in dem Lärm der Welt ſie zu ver⸗ geſſen, die noch in ſeiner Seele herrſchte. Er beſuchte die Schauſpiele, beſah Merkwürdigkei⸗ ten, und lag ſeinen Studien mit doppeltem Ei⸗ fer ob. Indeſſen gab er ſich den gewöhnlichen Ausſchweifungen der Jugend keinesweges hin; ſeine reine Seele nannte ſie noch Laſter. Al⸗ lein er glaubte, daß er weniger liebe, weil er ſich weniger den Gedanken an die Geliebte überließ. Er hatte bald das achtzehnte Jahr erreicht, und vereinte Alles in ſich, was den Stolz ei⸗ ner Mutter würde erhöhet haben; Alles, was ein Mädchen anziehen mußte. Groß, wohlge⸗ bildet, ſchön ſogar, ſprach ein lebhafter Geiſt und eine brennende Seele aus ſeinem ganzen Weſen; eine Menge wohlerworbener Kenntniſſe verſchönerten ſeine reiche, kecke Phantaſie. Noch in den Hörſälen wurde er als ein tüchtiger Rechtsgelehrter angeſehen. Er war das Orakel ſeiner Gefährten, der Freund ſeiner Lehrer; — — ☛ 127 eingeführt in mehrere ſehr gebildete Cirkel, zeich⸗ nete er ſich durch große Beſcheidenheit und eine ſichtbare Schwermuth aus. Die Frauen be⸗ ſonders ſchenkten ihm viel Theilnahme; aber er gab ſich nicht der lockenden Verſuchung hin, denn er trug noch immer in ſeinem Buſen das ſeidne Tuch Adelaidens. Eine junge, vornehme Frau aus Elſaß, die ſich Alice de Falkland nannte, machte eines Abends ſeine Bekanntſchaft in einem Hauſe, das er oft beſuchte. Sie hatte ſchon von ihm reden hören, als von einem jungen Manne, der die größten Anlagen entwickelte, und recht bald einer der erſten Advokaten der Pariſer Schranken wer⸗ den würde.“Auch wußte ſich, daß eine ſtille Schwermuth, die einer unglücklichen Liebe zuge⸗ ſchrieben wurde, ihm den Ausdruck von rühren⸗ der Sehnſucht verleihe, dem das Herz der Frauen nie widerſteht. Sie war begierig, ihn kennen zu lelnen. Sie war in einem wichtigen Prozeß be⸗ griffen, worüber ſie ſich gern mit ihm berathen ☛☚ p 128 möchte; doch mit dem erſten Blick auf Julien fühlte ſie ſich ſo verwirrt, daß ſie kaum ein Wort hervorbringen konnte. Ein alter Verwand⸗ ter, der ſie begleitete, beeilte ſich, den Jüngling anzureden, und theilte ihm ihren Wunſch mit. Julien, ſonderbar betroffen über die Unruhe, die er in den Augen der jungen Frau bemerkte, näherte ſich ihr mit lebhafter Theilnahme. Es kam ihm vor, als ſei ſie ſchwermüthig und lei⸗ dend wie er ſelbſt; er fühlte ſich unwiderſtehlich angezogen, und erbot ihr ſeine Dienſte aus der Fülle ſeines Herzens. Sie war eine junge zweiundzwanzigjährige Wittwe; ein ſanftes Lächeln ſchwellte ihre Lip⸗ pen; ein tiefes zärtliches Gefühl ſprach aus ih⸗ ren von einer milden Sehnſucht belebten Bli⸗ cken; der rührende Klang ihrer Stimme traf das Herz, ſie war nicht ſchön, aber ſie war hinreißend. Indeſſen regten ſich nur Empfin⸗ dungen der Freundſchaft in Juliens Buſen, und nachdem ihm Alice auf ſeine Bitte ihre Adreſſe erröthend gegeben, betrat der Jüngling, ſehr gün⸗ ☛ 129 günſtig für ſie geſtimmt, ſein einſames Zim⸗ mer wieder. 5 Es war ihm, als hätte er dieſe Frau im⸗ mer gekannt, und obgleich noch immer Adelai⸗ dens Geliebter, war er doch ſchon der Freund der ſanften Alice. Er beſuchte ſie den folgen⸗ den Morgen, bat ſie, ihm ihren Prozeß aus einander zu ſetzen, und verſprach, ſich mit den berühmteſten Anwalden zu berathen. Er be⸗ merkte an der jungen Wittwe eine Seele ohne Vorbehalt, ein empfindungsvolles Herz, einen gebildeten Verſtand. Er erſtaunte über ſo viele Vollkommenheiten.„Eine ſolche Frau muß geliebt werden,“ ſagte er ſtill bei ſich ſelbſt, „und gewiß liebt ſie auch.“ Er beſchäftigte ſich nun ganz mit ihrem Prozeß, der auch gewonnen wurde, und viel⸗ leicht war es, ohne daß er ſich ſelbſt bewußt war, die Sehnſucht, ihr zu gefallen, die ihn be⸗ geiſterte; denn ſeine Arbeiten, die Rechtswiſſen⸗ ſchaft ſelbſt, Alles wurde deshalb zur Seite ge⸗ ſchoben.— Lebewohl. I. Thl. 9 ☛ꝙ 130 Er beſuchte häufig die liebenswürdige Wittwe, die ihm bald eine treue Freundin wurde. Er vertrauete ihr ſeine Liebe; ſie hörte ihn, ſie wurde gerührt, ſie ermuthigte ſeine Beſtändigkeit; aber auch er wollte den Zuſtand ihres Herzens kennen.„Ich habe nie geliebt“ erwiederte ſie, „Freundſchaft iſt meinem Herzen genug,“ und Julien war ihr Freund; er berauſchte ſich mit langen Zügen in dem Zauber, den Alice um ſeine Seele verbreitete. Er erblickte in dem Benehmen der jungen Frau ein Wohlwollen, das ihn immer dreiſter machte, allein er be⸗ merkte nicht, daß er leidenſchaftlich geliebt wurde; obgleich ſie nur in ſeiner Seele lebte und webte; er war noch ohne Erfahrung. Eines Tages, als er in ihrem Salon ihre Rückkehr von einigen Beſuchen erwartete, ſprang der Deckel eines kleinen Seecretairs, an dem er zufällig lehnte, auf. Mehrere kleine von ihr gezeichnete Skizzen lagen vor ſeinen Augen ausgebreitet. Die Unſchicklichkeit ſeiner Neu⸗ gierde erkennend, wollte er ſo eben den Deckel 1 ——- ☛% 131 Ꝙ wieder zudrücken, als er ſein Bild entdeckte. Dieſer Zufall machte ihn betroffen; ſein Herz fing an heftig zu klopfen; er machte den Se⸗ eretair ſchnell zu, und eilte, wie von einem plötzlichen Sonnenſtrahl verblendet, ſich in eine Ecke des Zimmers zu werfen. Tauſend kleine Umſtände wiederholten ſich jetzt wie von ſich ſelbſt in ſeinem Gedächtniſſe; endlich empfand er, daß er geliebt ſei; er wollte entfliehn, aber konnte er das? Aliee erſchien; trotz ſeiner Un⸗ ruhe glaubte er, an der neuen Geliebten tau⸗ ſend Kennzeichen einer noch nicht ausgeſproche⸗ nen Leidenſchaft zu bemerken. Von der Stunde an war ſeine Ruhe ver⸗ loren. Das Andenken Adelaidens und die Liebe der holden Alice kämpften mit einander in ſeinem Herzen. Wäre Adelaide erſchienen, würde ſie geſiegt haben; aber es war, als rief ihm eine Stimme zu, daß ſie ihn vielleicht vergeſſen hätte. Er ſchrieb ihr, und wußte hernach nicht, wohin er den Brief ſchicken ſollte. Anfangs beſuchte er die junge Wittwe ſeltner; bald aber konnte . 9* 132 er keinen Tag verleben, ohne ſie zu ſehen; er überredete ſich ſelbſt, daß er ſie nicht liebe. Er gelobte ſich ſelber, ſeinen erſten Verpflichtungen treu zu bleiben, und gab ſich dem gefährlichen Glück, geliebt zu ſeyn, hin. Alle Tage ſah er Alice; ſein Leben ver⸗ ſchwebte in einem ununterbrochenen Zauber; unmerklich gewöhnte er ſich, Adelaiden zu ver⸗ geſſen; endlich wurde er inne, daß er die Em⸗ pfindungen, die er eingeflößt, ſelber theilte. Er ſprach aber keine Geſtändniſſe aus, und hatte keine empfangen, und ſo glaubte er noch im⸗ mer treu zu ſeyn. Blöde, wie er war, genügte ihm anfangs ein leichtes Schmeichelwort. Ein zärtlicher Blick, ein Seufzer, ein Händedruck befriedigten ſeine Wünſche. Er lernte zum er⸗ ſten Mal die füßen Vorſpiele der Liebe kennen. Eines Abends ſah er Alicen verſtohlen ei⸗ nen Ring küſſen, den er leicht mit ſeinen Lip⸗ pen berührt; ſie glaubte ſich unbemerkt. Er bebte vor Freude, und die Freude gab ihm Muth; er wurde dreiſter, und in wenigen Ta⸗ —— 8 ☛ꝙ 133 gen immer glücklicher; bald wurden Küſſe der Liebe angeboten und angenommen. Wenn einmal die Sehnſucht der Liebe durch ihre berauſchenden Genüſſe erweckt iſt, ſchreitet ſie immer weiter. Die beide Liebenden hatten ſich eines Tages vorgenommen, eine lange Spazierfahrt zu unternehmen; ſie hatten vorher zuſammen gegeſſen, und ſich noch nie ſo weich geſtimmt gefühlt; ein plötzliches Ungewit⸗ ter nöthigte ſie, ihr einſames Beiſammenſeyn zu verlängern. Juliens Herz glühete; die ſanfte Alice bezauberte ihn mit ihren liebkoſenden Bli⸗ cken. Allmählig vergaßen ſie die ganze Welt; die Vergangenheit hatte ihre Rechte an ſie ver⸗ loren; die Gegenwart umſchlang ſie mit un—⸗ ſichtbaren Ketten. Die Gedanken verſchwam⸗ men vor der Gewalt der Empfindungen. Alice wurde in dem Wahnſinne des Glücks, der ſich ihres Geliebten bemeiſterte, hineingezogen, und beide ergaben ſich der Trunkenheit ihrer Herzen. Alice verbarg ihr Geſicht; der glückliche Julien, noch bezaubert von dem Glück einer Lei⸗ ☛☚̈ꝙ 134 denſchaft, die er ſo lange zurückgedrängt, be thauete ſie mit Liebesthränen, ſchwor ihre ewige Anbetung zu, widmete ihr ſein Leben, entſagte allem Andern in der Welt, rief jeden Fluch des Himmels auf ſein Haupt hernieder, wenn er jemals ein Gefühl hegte, das Alicen nicht ge— hörte. Er flehte Gott, ihn zu verwerfen, wenn er nicht durch Uebermaß der Treue und der Liebe ſich einer Glückſeligkeit würdig machte, die das Maas ſeiner Kräfte überſtieg. Er begab ſich ſehr ſpät zu Hauſe, trun⸗ ken vor Liebe und zärtlich geliebt. Indem er ſich auszog, löſte er Adelaidens Tuch, von dem er ſich zum erſten Male trennte, und das er nicht mehr tragen durfte, von ſeinem Buſen ab. Er entriß ſich lebhaft einem Andenken, das ſein Herz beklommen machte, und ſeine Be⸗ geiſterung ſtörte. Er lebte nur in ſeiner ver⸗ götterten Alice, er pries das Glück des Lebens, und berauſchte ſich in den Träumen der Liebe. Indeſſen ſagte ihm doch ein dunkles Gefühl, daß er feierliche Schwüre mit Füßen ge⸗ — ☛☛̈ 135 treten; daß vielleicht eine andre Geliebte noch auf das Herz zählte, das er ihr ſo eben ent⸗ zogen hatte. Aber ſeine Seele blieb nicht an dieſen flüchtigen Gedanken haften, ſie erblickte nur eine Zukunft voller reizender Bilder. Den nächſten Morgen eilte er ſehr früh zu Alicen hin. Sie empfing ihn nicht ohne Verwirrung, jedoch ſehr zärtlich. Julien er⸗ klärte, daß er nicht ohne ſie leben könne. Alice willigte mit Freude ein, ſeine Gattin zu wer⸗ den. Sie beſaß ein ſehr großes Vermögen; aber ſie war unabhängig, und Julien ohne Anverwandte, den Herrn Antony ausgenommen; und die Erkenntlichkeit, welche er dem guten, zwar ein wenig verſäumten Greiſe ſchuldig war, verpflichtete ihn zu einer kindlichen Anfrage. Es wurde ausgemacht, daß er zu ihm hinrei⸗ ſen und ſich mündlich die Genehmigung des Oheims erbitten ſolle. Aber die Liebe verſchiebt ſelbſt die Erreichung ihrer Wünſche, wenn ſie mit einer Trennung von der Geliebten gekauft werden muß. Iulien ſchob ſeine Reiſe von ⁴☛ 136 Tage zu Tage auf. Er entſetzte ſich vor der Abweſenheit einer Wach, und erfreuete ſich ſeines Glücks. Mehr als ein Monat war verſtrichen, in welchem er nicht daran gedacht, die Stunden des Lebens zu zählen, da er einen Tag, wäh⸗ rend er ſeine Verlobte auf einige Beſuche be⸗ gleitete, die Mademoiſelle Sivry nennen hörte, die, wie geſagt wurde, ſich in Italien mit ih⸗ rem Vater aufhielt; dieſer Name wiederhallte in ſeinem Herzen. Es wurde hinzugefügt, daß ſie vor kurzem eine angeſehene Verbindung aus⸗ geſchlagen, und daß man ſie in Liebe mit ei⸗ nem unbekannten jungen Manne vermuthete. Dieſe Aeußerung, dieſe Ausdrücke legten Ju⸗ lien auf die Folter. Seine erſte Bewegung war, einige Fragen thun zu wollen; allein ſchnell bedenkend, wer ſich an ſeiner Seite befand, ſchwieg er, und ſtrebte ſein Erröthen zu ver⸗ bergen. Madame de Falkland und Julien erfuh⸗ ren nichts weiter. Julien kannte nicht den 8 * ☛☛ꝙ ꝑ 137£☛ Mann, der von Adelaide geſprochen, und mochte ihn auch nicht wiederſehen; allein er war von dieſer Stunde in ſich gekehrt, zerſtreut; er ging faſt wie im Traume umher. Alice fragte ihn tiußerſt ſanft,„ob er diejenige, die er verlo⸗ ren, vermiſſe.“ Er ſchien die Frage faſt übel nehmen zu wollen; betheuerte ihr ſeine Liebe, und zeigte ihr offenbar eine Seele, welche die Reue nur einen Augenblick berührt hatte. Alice ermuthigte, tröſtete ihn; und er vergaß all⸗ mählig dies kleine Begegniß, um nur daran zu denken, die Liebe der holden Wittwe zu ver⸗ dienen. Er hoffte, daß Adelaide eine andre Wahl getroffen; er mochte ſich nur zu gern vergeſſen glauben, und ſuchte die Ledorſtehende Heirath zu beſchleunigen. Der Tag ſeiner Abreiſe nach der Stadt, wo der Oheim wohnte, war beſtimmt. Er wollte den folgenden Morgen abgehen, als er den guten Antony ſelbſt, mit verſtörten Zügen und Kummer an der Stirn gemalt, in ſein Zimmer eintreten ſah. Julien flog in ſeine ⁴☛ 138 Arme, und fragte ihn eifrig, welcher Anlaß ihn nach Paris führte! 1 „Große Unglücksfälle!“ erwiederte er.— „Ich habe einen alten Freund, einen ach⸗ tungswerthen Handelsmann, mit dem ich ſeit meiner Jugend verbunden geweſen bin, und der ſeine Heimath in unſrer kleinen Stadt, ſeit ich mich daſelbſt niedergelaſſen, hak. Während der vielen Jahre der Emigration habe ich ihm das Leben und das Glück, Gutes thun zu können, zu verdanken. Er hat ni aufgehört, alle Jahre mir bedeutende Hülfsquellen in die Fremde zu überſenden. Ich habe, Dank ſeiner edlen Groß⸗ muth, die noch nie erkaltet iſt, weit über meine Nothdurft leben und vieles Unglück lindern können. Als ich zurückkam, wollte er von kei⸗ nem andern Dank wiſſen, als die Freude, mich zu ſehen. Wohlan! dieſer wackere Mann hat jetzt, einer Menge Falliten, deren Opfer er —,— geworden, zu Folge, und wegen unerfüllter Verpflichtungen ein Vermögen verloren, von dem er einen ſo würdigen Gebrauch gemacht. Er —— — —2— ☛ 139 entdeckte mir ſeine Verlegenheit; er dachte ſo wie ich, daß er nur unter dem Druck des Au⸗ genblickes litte. Er brauchte ſechzigtauſend Fran⸗ ken; in der Ueberzeugung, daß er mir ſie bald zurück liefern könne, nahm ich ſie aus der Kloſterkaſſe, die meinen aber die aufgehobenen Debitoren ſind Nie men. Mein alter verloren; ich habe ſeine E ich die meine retten. Ich habe die Wohltha⸗ ten des braven Mannes mit Leuten getheilt, deren mehrere ſich ſeit der Zeit bereichert ha⸗ ben. Sie ſind hier, ich will ſie beſuchen.“ Julien ergriff gerührt die Hand ſeines Obhut anvertrauet iſt; ahlungstermine ſeiner er zu Stande gekom⸗ d hat ſein Vermögen gerettet; jetzt muß Oheims.„Mein Vater!“ begann er,„„ich ſtand in Begriff, zu Ihnen zu reiſen, um mit Ihnen von meiner Verheirathung zu reden; da⸗ von aber ſpäter. Ruhen Sie ſich heute aus, morgen wollen wir Ihr Geſchäft in Ordnung bringen. Wenn Sie erſt beruhigt ſind, werde ich von mir ſprechen.““ ⁴☛ 140 Er beſchäftigte ſich um den Oheim mit lie⸗ bender Sorge. Denſelben Abend machte Herr Antony ihm einige kleine Fragen, ſeine Heirath betreffend, von der er einige Worte hatte fal⸗ len laſſen, und ungeachtet der Jugend ſeines Neffen war er mit Allem zufrieden. Den folgenden liefen ſie von Mor⸗ gen bis Abend herur bülfe bei den Freun⸗ den zu ſuchen; au 4 ag konnte er nicht Alicen ſehen, di meinte, daß er de Se Abſchieds⸗ ſtunde hatte erſparen wollen. Noch zwei brachte er mit ſeinem Onkel in dieſem demüthi⸗ genden Geſchäft zu; vergebens. Der Hülfe, welche jeder unbedenklich angenommen, ſtellten ſich nun tauſend Bedenklichkeiten entgegen, da es darum galt, ſie wieder zu leiſten. Alice wunderte ſich, nachdem vier Tage verlaufen waren, in denen ſie keinen Brief von ihrem Geliebten empfangen, ihn ſelbſt erſchei⸗ nen zu ſehen. Er verkündete ihr, daß er die Zuſtimmung ſeines Oheims hatte; daß der gute 1 ggereiſt glaubte, und / ⁴☛☚☛ 141 Greis wichtiger Geſchäfte wegen ſich in Paris befände, und daß dieſe ſie beide ſo lange von ihr entfernt gehalten. Die Blicke einer Frau leſen immer in dem Herzen desjenigen, den ſie liebt. Alice bemerkte deutlich an den verwirr⸗ ten Zügen ihres Verlobten, daß er ihr etwas ihm Schmerzliches verbarg; ſie fragte, aber Ju⸗ lien verſteckte ſich hin gere Vorwände, und verließ ſie, nachdem verſprochen, ihr den folgenden Tag den 99, Der Oheim u zſtlich und wollte wieder abreiſen. Julien nchte ihn zu ermuthi⸗ gen und bewog bhn, neue Verſuche anzuſtel⸗ len, die keinen glücklicheren Erfolg hatten. Als ſie aber des Abends in den Gaſthof zurück⸗ kehrten, wo der Oheim eingekehrt war, fanden ſie daſelbſt ein Paquet, an den Herrn Antony adreſſirt. Der gute Prieſter öffnete es ſchnell; es enthielt die ſechzigtauſend Franken, die er nöthig hatte, ſammt einem Schreiben von un⸗ bekannter Hand, das ihn erſuchte, ſich dieſer ☛ 142 Summe zu bedienen, bis er Gelegenheit fände, ſie erſetzen zu können. Juliens Verwunderung war der des Oheims ähnlich; vergebens ſuchten ſie den Reſt des Abends, den großmüthigen Freund in ihren Gedanken heraus zu finden. Herr Antony rief alle in ſein Gedächtniß zurück, die er einer ſol⸗ chen That fähig gla Aber alle hatten ſich zurückgezogen; au ar ihm die Hand⸗ ſchrift durchaus f ber er ging ruhig zu Bette, und den in Morgen, nachdem er ſeinen Platz auf d b beſtellt hatte, be⸗ ſuchte er mit dem Reffen die junge Wittwe, die er bald Tochter und Niece nennen zu dür⸗ fen hoffte. Nun eröffnete ihr Julien den Zweck der Reiſe ſeines Oheims, die Urſache ſeiner Verſtimmung von geſtern, und die wun⸗ derbare Weiſe, wodurch ihre Verlegenheit ge⸗ hoben worden. Alice theilte ihre Freude und bezeigte dem Oheim ihres Verlobten kindliche Zärtlichkeit. Alle Maßregeln wurden nun ge⸗ 7 ⁴☛ 143£̈ troffen, die Verbindung, die kein Geheimniß mehr war, zu beſchleunigen. Während dieſe Neuigkeit in den Cirkeln der beiden Liebenden immer wieder beſprochen wurde, war Herr Antony glücklich nach dem Seminarium zurückgekommen. Alles ging nach Wunſch; der Hochzeitstag war ſchon beſtimmt. Da empfing Alice einen Brief von einer alten Tante, die ihr ſehr theuer war, und krank zum Sterben in Straßburg darnieder lag. Da dieſe Tante ihr ihr ganzes Vermögen hinter⸗ ließ, wünſchte ſie, in ihre eigne Hände das Teſtament zu übergeben, und in ihren Armen zu ſterben. Alice mußte augenblicklich abreiſen. Julien, untröſtlich über dieſen Aufſchub, wollte wenigſtens Madame de Falkland begleiten; ſie machte ihm aber begreiflich, daß die Sitte es nicht geſtatte, und daß er den Ruf derjenigen, die ſeine Gattin werden ſollte, ehren müſſe. Er müßte zurückbleiben, ſie werde ihm aber alle Tage ſchreiben, und zweifelte nicht an ſeiner Beſtändigkeit. 4 144 ☛☚̈ Sein Herz war voller Liebe. Er ſchwor ihr noch einmal ewige Treue; ſah ſie mit Thrä⸗ nen in den Wagen ſteigen, dem er lange mit den Augen folgte, ſchloß ſich dann in ſeinem Zimmer mit dem Bild der ſüßen Freundin ein, an die er ſogleich einen Brief begann, um we⸗ nigſtens die Schmerzen auszuſprechen, womit dieſe plötzliche grauſame Trennung ſein Herz erfüllte.— X Die bleierne Zeit. Vier Monate waren vergangen, ehe noch Ma⸗ dame de Falkland ſelbſt nur einen Augenblick die Tante verlaſſen konnte, die ſich in einem ſo ſchwachen Zuſtande befand, daß ihr Tod von Stunde zu Stunde erwartet wurde. Aliee ſchöpfte nur Muth aus Inuliens Liebe, aus den Briefen, die er ihr täglich ſchrieb, und aus der Zuverſicht, ihm zu gehören. Er war * im⸗ ☛̈ 145 immer derſelbe; ſeine warme Hingebung nicht durch die Abweſenheit kühler geworden; und ſie freute ſich beinahe über eine Trennung, die ihr nur bewies, wie leidenſchaftlich ſie geliebt wurde. Mit dem Anfange des fünften Monats fühlte die Kranke ſich etwas beſſer; ihre Ge⸗ ſundheit nahm ſichtlich zu; die Aerzte ſprachen ſchon davon, ſie in die Bäder von Spa zu ſchi⸗ cken. Alice eilte, Julien davon Nachricht zu geben, mit der Hinzufügung, daß wenn der Himmel dieſe Reiſe geſtattete, könnten ſie ſich dort ſehen. Dieſe Botſchaft entzückte ihn; ſein Herz ſchlug treu und ſehnte ſich nur nach Wieder⸗ 3 vereinigung mit der Geliebten; kein fremdes Gefühl trübte ſeine Liebe, die noch durch Ali⸗ cens Briefe genährt wurde. Wenn auch das Andenken an Adelaide wie eine Wolke über ſein Herz hinzog, verwehte doch bald der Ge⸗ danke, wie glücklich er ſei, den vorüberziehen⸗ den Schatten, und er lebte nur für ſie, die ſich ihm ganz hingegeben. Lebewohl. I. Thl. 10 ☛☚ꝑ 146 Seine Freunde fanden ihn immer heiterer, immer belebter; ſie ſprachen mit ihm von ſei⸗ ner Hochzeit, die immer näher zu rücken ſchien; kleine Feſte, ſie zu feiern, wurden verabredet, und zu gleicher Zeit überredeten ſie ihn, Antheil an einem Ball, den ein gemeinſamer Freund in ſeinem Hauſe gab, zu nehmen. Er glaubte nicht, ein unſchuldiges Vergnügen ſich ver⸗ ſagen zu müſſen; und zu der beſtimmten Stunde begab er ſich, ſehr elegant angezogen, dahin. Er wollte ſich in der Welt zeigen, ſein Leben erfolgreich machen. Er hoffte, daß es ſeiner Braut ſchmeicheln, daß es ihr lieb ſeyn würde, zu ſehen, daß ihre Wahl geehrt wurde; er verhehlte ihr auch in ſeinen Briefen dieſen Gedanken nicht. Er nahete ſich der glänzenden Verſammlung, mit dem Herzen voller Liebe für ſeine Verlobte; er ſagte den Frauen Artigkei⸗ ten, ohne eine der andern vorzuziehen, denn ſie waren ihm Alle gleichgültig. Allein um Mitternacht erſchien eine junge Dame, die alle 8 4 X ☛ 147 ☚ Blicke der Anweſenden auf ſich zog; ihr Name war Eglantine Müller. Alle Frauen flüſterten unter ſich; die Männer entweder bewunderten ſie in der Stille, oder ſchwärmten emſig um ſie herum. Sie ſchien ungefähr zwanzig Jahre — alt zu ſeyn, und war eine vollkommne Schön⸗ heit. Große, ſchwarze Augen, überwölbt von feinen Ebenholzbogen; blonde Locken, eingefloch⸗ ten mit Bändern und Roſen; frühlingsfriſche Lippen, ein ſchöner Kopf, ein Hals von blen⸗ dender Weiße, eine leichte edle Haltung, An⸗ muth in jeder Bewegung, dies Alles vereint wurde an Eglantinen bewundert. Ihr Anzug war nicht weniger geſchmack⸗ voll. Dieſer Glanz machte Julien betroffen. Er wollte mehr von dieſer Frau wiſſen. Er erfuhr, daß ſie ſich eines glänzenden Vermö⸗ gens erfreue, übrigens ſehr wenig bekannt war; man wußte ihm nicht einmal zu ſagen, ob ſie verheirathet oder Wittwe ſei, ſie wurde indeſ⸗ ſen Madame genannt. Ein Hof von zahlrei⸗ chen Anbetern bewegte ſich um ſie. 10*† ☛ 148 G Julien verſchlang ſie mit ſeinen ſonſt ver⸗ ſchämten Blicken. Die ſchönen Augen Eglanti⸗ nens begegneten den ſeinigen. Er ſchlug ſie ſogleich nieder, und empfand in ſeinem Herzen eine Unruhe, vor der er ſich entſetzte. Er dachte an Alicen, und zog ſich in einen Winkel zu⸗ rück. Bald fing der Tanz wieder an. Julien, auf ſeiner Hut, näherte ſich nicht mehr Eglan⸗ tinen. Er tanzte mit einer vierzigjährigen Dame, und ſtrebte, das Bild zu verjagen, das wider ſeinen Willen ſeiner Seele vorſchwebte. Nach dem Contretanze wollte das Geſchick, daß er dicht neben Madame Müller zu ſitzen kam. Er bebte; eben wollte er aufſtehen, als ſie ihn anredete. „Es iſt ſchon lange her, daß ich wünſche, Sie kennen zu lernen. Ihr Name iſt ſchon berühmt, und Sie ſind noch ſo jung.“ „„O! Madame!““ erwiederte Julien er⸗ röthend.„„Man hat Sie auf meine Koſten getäuſcht!“ „Nein! Nein!“ fiel ſie ſchnell ein;„Ihre ☛̈% 149 Verdienſte ſind zu ſchön, um den Beiſtand der Uebertreibung zu brauchen, damit Sie aner⸗ kannt werden.“ Julien, ein wenig betroffen über Lob⸗ ſprüche von ſo ſchönen Lippen, fuhr mit Ver⸗ wirrung ſich zu entſchuldigen fort. Eglantinens Lob wurde immer beredtſamer.„Sie ſind das Muſter unſrer heutigen Jugend,“ verſetzte ſie, „indem man über das Alles, was Ihre Ta⸗ lente während einer ſo ſchnellen Entwickelung verſprechen, erſtaunen muß, lernt man noch mehr, Ihren Charakter verehren; und doch“ fügte ſie mit dem liebenswürdigſten Lächeln von der Welt hinzu,„erregt Ihr treues Herz noch die größte Bewunderung. Ich kenne diejenige, die eine ſo ſchöne Seele ſich eigen zu machen gewußt hat, und ich nehme aufrichtigen Antheil an ihrem Glücke; ſie verdient es.“ „„— 9! Madame!““ ſagte Julien ſto⸗ ckend. „Sie heirathen ja bald!“ fuhr Eglantine fort. 9. ³☛ᷣ 150 „„Sobald die Umſtände es geſtatten wol⸗ len,““ erwiederte der junge Mann. In dieſem Augenblick fiel die Muſik ein; man begann zu walzen. Julien, in vertrautem Geſpräch mit Madame Müller, hatte ſie von ihrem Cirkel entfernt. Er fühlte, daß die Sitte heiſthte, ihr ſeinen Arm anzubieten und ſo walzte er mit ihr. Hatten die Lobſprüche, die ſie ihm ſo reichlich ertheilt, ihn ſchon hingeriſſen, wie konnte er denn dem Reiz widerſtehen, eine ſo ſchöne Frau zu umfaſſen? Er trank ihren Athem ein; der warme Schnee ihrer Arme ruhte auf den ſeinigen; ſeine Blicke erhoben ſich nur von dem halbbedeckten Buſen, deſſen Alabaſter⸗ Weiße von den leiſen Bebungen der Liebe belebt wurde, um an Augen zu haften, aus denen Satt ih keit und Wolluſt glänzten. Mit einer ſo natürlichen Einfachheit wußte ſie ihren Geiſt und ihre Anmuth geltend zu ma⸗ chen, daß es dem Jüngling nicht einfiel, daß ſie ihm zu gefallen ſuchte; und ſein Herz berauſchte ſich in Begierden. deren Strafbarkeit er fühl te, ohne 4 — à ⁴☛ 151 die Kraft zu beſitzen, ſie zu bekämpfen. Der Gedanke an Alice geſtaltete ſich zu einem Vor⸗ wurf in ſeiner Seele. Er wollte ſeine Unruhe der Umgebung verbergen; allein, faſt ohne es zu wiſſen, drückte er Eglantinen die Hand, indem er ſich zurückzog und ſchlug die Augen nieder. Er kam in einer heftigen Bewegung nach Hauſe. Er konnte nicht ſchlafen; er ſprang wieder aus dem Bette, warf ſich Alles, was in ſeinem Herzen vorging, mit Bitterkeit vor und beſchloß, die gefährliche Frau nicht mehr zu ſehen. Nit Heftigkeit wandte er ſeine Blicke auf das Bild derjenigen, der alle Schläge ſei⸗ nes Herzens einzig gewidmet ſeyn ſollten; er prägte ſich es recht deutlich ein, daß er ſie al— lein lieben dürfe. Ach! iſt die Liebe noch da gegenwärtig, wo man ſie mit ſo vieler Mühe ſuchen muß? Er ſchrieb an ſie, die ſein ſchul⸗ diges Herz verrieth; er erzählte ihr von dem Balle, aber gar nichts von Eglantinen. Er mochte gern die flammenden Ausdrücke der Liebe, ſie ſeine Briefe belebten, wiederfinden, allein ⁴☛ 153 ſchrecklichſte Unentſchloſſenheit wüthete in ſeinem Inneren; endlich gewann der Dämon ſtrafba⸗ rer Liebe den Sieg.„Ich will hingehn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ich will ſie noch einmal ſehn; ich fühle, daß ich ſie lieben muß; aber ich werde die unüberwindliche Schwäche in mein Herz verbergen; ich werde darum nicht weni— ger für das Glück meiner Alice leben,“ als könne man eine Frau glücklich machen, von der man ſein Herz losgemacht hat! Er ging wirklich auf den Ball. Nie war Eglantine ſo ſchön erſchienen! Sie nahm Ju⸗ lien mit einer Gewogenheit auf, die ihn vol⸗ lends berauſchte. Seeine brennende Phantaſie malte ihm tau⸗ ſende Reize vor, die ſeine Blicke nicht verſchlin⸗ gen konnten. Er fühlte ſich in der Gewalt einer unbezwinglichen Leidenſchaft. Es war nicht mehr die zärtliche Sehnſucht, die ſein Herz für Adelaide und für Alice erfüllt hatte; es war eine lodernde Flamme, die ſeine Sinne verwirrte. Eglantinens wollüſtige Blicke erregten * nur erkünſtelte Phraſen ſtanden ihm zu Gebote; es ſchien, als wäre ſeine Feder eingetrocknet. Vielleicht würde er ſich wieder aufgerich⸗ tet haben, hätte er der treuen Freundin die Verirrungen dieſes Abends aufrichtig geſtanden. Verſtellung führt immer neue Fehler herbei. Nach einem langen inneren Kampf glaubte Julien ſich indeſſen ruhiger, weil er überwäl⸗ tigt war; beim Anbruch des Tages ſchlief er endlich ein. Seine Träume zeigten ihm dun⸗ kel und verworren die zwei Frauen, die er ge⸗ liebt hatte, und die, welche er wider ſeinen Wil⸗ len zu lieben begann. Er hatte während des Balles von Jemand gehört, daß Eglantine den folgenden Abend die Oper beſuchen wollte, und ſogleich beſtimmt, ſie dort wieder ſehen zu wol⸗ len. Er ging aber nicht hin, und ſah drei Tage hindurch keinen ſeiner Freunde. Den vierten Tag aber empfing er ein Bil⸗ let von ihr, die ſchon ſeine Vernunft beſiegt. Die Reihe war an ihr, einen Ball zu geben; ſie erſuchte ihn, daſelbſt zu erſcheinen. Die 64 2½ ⁴☛ 154 einen Liebeskrampf in ſeinem Buſen, der ſich in ſchweren Seufzern Luft gab. Er fühlte, daß er das Leben hingeben könne, um ſie nur einen Tag ganz zu beſitzen. Noch mehr außer ſich als das erſte hal kehrte er nach Hauſe. Sein Wahnſinn hatte einen ungeheuern Fortſchritt gemacht, denn er ertrug ohne Entſetzen den Gedanken, treulos zu ſeyn. Er ſagte nicht mehr:„ich werde ſie lieben und meine Schwäche verbergen;“ er ſagte:„Sie muß die meinige ſeyn, und dann werde ich von ganzer Seele zu meiner Alice zurückkehren.“ 2 Welcher Liebende iſt nicht Dichter gewe⸗ ſen? Sein Verlangen ſtrömte in Verſen voller Feuer aus, die er ſogleich zerriß. In einem Beſuch, den er bei Madame Müller ablegte, geſtand er, von den böſen Geiſtern ſeine Ruhe verlockt, daß er Verſe mache. Eglantine war coquett; allein ſie hatte nicht Julien ſehen kön⸗ nen ohne in heftige Liebe zu ihm zu entflam⸗ men; ſie verlangte nach einem Geſtändniſſe, 4 * ☛ 155 und ihr ganzes Benehmen mußte den jungen Unbeſtändigen ermuthigen.„Wohlan denn!“ ſagte ſie lächend:„So werden Sie mir auch ein Quadrain improviſiren?“ Juliens Blicke ruheten auf ihr; ſein Herz klopfte unbändig; eine innere Stimme fragte ihn ganz leiſe: ob er auch Alles vergeſſen dürfe. Allein die Pflicht war fern, das Glück war da. Eglantine reichte ihm eine Feder; ſie waren allein. Er ſchrieb hurtig zehn Zeilen, die ſeine Inbrunſt ausdrückten, legte die Feder heftig bewegt nieder, und entfloh. Er war verſchwunden, ehe die junge Circe das Gedicht durchgeleſen. Seine Knie zitterten. Er ſah nicht zurück, denn die Scham lebte noch in ſei⸗ ner Bruſt, und er ſchauderte vor Furcht, eine Frau, deren Zorn ihm in dieſem Augenblick den Tod gegeben hätte, beleidigt zu haben. Er eilte in ſein Zimmer, ſich einzuſchließen, und ohne wieder zu Athem zu kommen, ſchrieb er wie in einem Fluge einen langen Brief, in dem er mit Feuerzügen den Sturm ſeiner Seele „— —ᷣ—ÿ—ÿ—x:— ☛ 156 malte. Er ſchickte es ſogleich zu Eglantinen fort und erſt dann beſtrebte er ſich, Klarheit in die äußerſte Vetdorrenheit da aller ſeiner. Ideen zu bringen. Mit der tödtlichſten, Beklemmung erwar⸗ tete er die Antwort. Dieſe Qual dauerte drei Tage. Endlich, einem Zuſtande, der alle ſeine Kräfte aufrieb, nachgebend, entſchloſſen, ſein Ge⸗ ſchick kennen zu lernen, durch keine Vorſtellung mehr abgehalten, eilte er unbedenklich zu Ma⸗ dame Müller hin. Sie empfing ihn mit ſicht⸗ barer Gemüthsbewegung, allein ohne Zorn. „Haben Sie meinen Brief geleſen,“ fragte er mit der Unruhe eines Varbrechers, der ſein Urtheil erwartet! „Ja!* gab ſie kurz zur Antwort, und ſchwieg. Allein dies Wort war hinreichend. Julien warf ſich zu den Füßen der angebeteten Frau. Seine Sprache war ſo belebt, daß Eglantine vor dem Wahnſinn der Leidenſchaft, der jedem Worte entſtrömte, beinahe erſchrak. Sie ge⸗ 1 ☛ 157 ſtattete ihm, ſie zu lieben, ſagte ihm, daß ſie ſeine Gluth theile, und flößte ihm Hoffnung ein.— Von dieſer Stunde an athmete er nur für Eglantinen. Zwar ſchrieb er noch jeden Tag an ſeine treue Alice; allein es war blos eine Gewohnheit, wenn ſie ihn weniger geliebt hätte, würde ſie die Verwandlung ſeines Her⸗ zens bemerkt haben. Eglantine erfüllte ſeine Träume, alle ſeine Gedanken. Die Zerſtörtheit einer raſenden Lei⸗ denſchaft ſprach ſich in ſeinen Bewegungen, in ſeinen Blicken aus. Eine ſolche Leidenſchaft kennt keine Ruhe; immer muß ſie fortſchreiten, vom Raube zum Raube ſtürmen, um vielleicht auf einmal zu verfliegen, wenn ſie Alles er⸗ reicht. Eglantine, die keinen Tag verlebte, ohne Julien zu ſehen, loderte in demſelben Feuer, das ſie angelegt hatte, auf; allein mehr coquet, als glühend, beherrſchte ſie ihr Herz und ihre Sinne. Ihre Liebe koſtete ihr nicht die Ruhe, während der unbeglückte Julien ſich in einer 7 ☛ 158 Inbrunſt, die nur der volle Beſitz ſeiner neuen Liebe befriedigen konnte, verzehrte. Eines Tages, als ſie ihm tauſend Gunſtbe⸗ 3 zeigungen geſtattet, war er unerſättlich.„Sie lieben mich alſo?“ fragte ſie. „Wie?“““ rief er beſtürzt.„„Sehen Sie denn nicht, daß ich keinen andern Gedanken habe als Sie? „Nein! Sie lieben mich nicht!“ verſetzte ſie, ſich ſeinen Armen entziehend;„eine andre Liebe wohnt noch in Ihrem Herzen.“ „„Ach! ich fuhl⸗ nur zu ſehr, daß ig nur . Sie liebe!“ „Wohlan! wenn Sie mich lieben,“ fuhr ſie fort,„müſſen Sie jeder andern Neigung entſagen. Sie wiſſen, wie theuer Sie mir ſind, ich habe Ihnen Alles gegeben, ein Ge⸗ ſchenk ausgenommen, das mich in Ihren Au⸗ gen entehren würde. Nur als Ihre Gattin werde ich in Zukunft Ihrer Liebe nicht wider⸗ ſtehen.“ 3 Julien, in der Verworrenheit ſeiner Seele, 4₰ ☛ 159 verſprach Alles. Allein ſeine Geliebte war auch ſeine Gebieterin geworden.„Beſchleunigen wir die glückliche Stunde,“ fuhr ſie fort,„damit ich in Ihren Armen das Glück finden darf, das Sie in den meinen ſuchen.“ Ein Strahl der Vernunft berührte wieder den jungen Mann; er fühlte das Entehrende ſeines Benehmens! Hatte er auch, meineidig rückſichtlich der verſchwundenen Adelaide, ſich dieſen Fehler verzeihen zu dürfen geglaubt, wie ganz anders war doch jetzt der Fall! Heilige Bande, feierliche Verpflichtungen banden ihn an Alicen. Er verließ ſie düſter und ſin⸗ nend.. Auf dem Heimwege verglich er Alice und Eglantine; die Erſtere liebenswürdig, nachſich⸗ tig, natürlich, nur für den Geliebten athmend; die Andre hinreißend aber coquet, geiſtreich aber liſtig, glühend aber heftig, herrſchſüchtig, und genug gegen die Liebe bewaffnet, um ihr kalt⸗ blütig zu widerſtehn. Err begehrte Eglantinen, allein er mochte ☛ 160 ☚ nur mit Alicen leben 1 dennoch hatte er verſpro⸗ chen, die Erſtere zu heirathen, und, in der That, ſie drang in ihn, dieſen Augenblick zu beſchleunigen. Er fühlte, daß er ſterben müſſe, wenn Eglantine die ſeinige nicht würde; allein ein Ueberreſt von Ehre ſagte ihm, daß er lieber ſterben ſollte, als ihr Gatte werden. Den Abend deſſelben Tages empfing er einen Brief von Alicen, der ihm von dem Tode der Tante und von ihrer nahen Rückkehr nach einer Abweſenheit von ſieben Monaten Nach⸗ richt gab. Dieſer Brief, der nur die zärtlichſte Liebe athmete, zerriß ſein Herz. So ſollte er ſie denn wiederſehen, aber ſtrafbar, der Liebe, die ſie ihm ſo treu aufbewahrt, unwürdig ge⸗ worden. Er wurde den nächſten Morgen krank und ging nicht aus. Er wünſchte ſich den Tod; „warum,“ ſeufzte er,„habe ich nicht aufge⸗ hört zu leben, da ich zu den Füßen der ſanften Alice der glücklichſte aller Sterblichen war!“ Allein ſeine Vernunft, ſeine Reue ver⸗ mochten nicht, Eglantinens Bild zurückzudrängen; es 164£ es war ihm unmöglich, ſich den folgenden Tag abzuhalten, ſie zu ſehen. Sie fand ihn bleich, verſtört, und ſie triumphirte. Bis jetzt hatte er ſie nur ins geheim beſucht; er fürchtete, daß Alice davoͤn benachrichtigt werden würde; er hatte ſich nie öffentlich mit ihr gezeigt. Heute warf ihm Eglantine, die in ſeiner Seele las, den Kleinmuth ſeiner Liebe vor; doch bald flößte er ihr ſelber Mitleid ein, und wohl empfindend, daß ſie ein ſo leidenſchaftliches Herz ſchonen müſſe, redete ſie nur von Ergebung und Glück, ohne das Wort Ehe auszuſprechen. Aus Furcht, lange mit ihm allein zu ſeyn, bat ſie ihn, ſie auf einen Beſuch zu beglei⸗ ten in eben daſſelbe Haus, wo einſt in Alicens, Gegenwart von Mademoiſelle de Sivry ge⸗ ſprochen worden war. So wie er den Salon betrat, ſiel ihm dies kleine Begegniß, das ihn ſo heftig berührt hatte, ein, und eine dunkle Ahnung von Unglück beengte ihm das Herz. Kaum war ein geſelliges Geſpräch begonnen, als Madame de Roſelle angemeldet wurde. Lebewohl. I. Thl. 11 ☛ 162 ☚ Die Verſammlung ſtand auf; die angemeldete Dame trat mit ihrem Gatten herein, und Ju⸗ lien erkannte, im Inneren vernichtet, Adelaide wieder Es waren dieſelben wohlbekannten Augen voller Sanftheit und Anmuth; ihre Geſtalt hatte ſich höchſt reizend entwickelt, ihre Züge nur waren traurig und blaß. Julien, außer Stande, ſich aufrecht zu halten, fühlte ſich ge⸗ zwungen, faſt noch früher als die Uebrigen ſich niederzuſetzen, Die Augen der Madame de Roſelle richteten ſich auf ihn; auch ſie erkann⸗ te ihn wieder; und die gewaltſame Beklemmung, die ſie bei ſeinem Anblick ergriff, zwang ſie, ſich auf ihren Gatten zu ſtützen. Niemand be⸗ merkte übrigens ihre Unruhe, denn man wußte nicht, daß ſie ſich kannten. 1. Herr und Madame de Roſelle ſollten zu Mittag in dieſem Hauſe eſſen; auch Julien und Eglantine mußten da bleiben. Er erholte ſich doch bald wieder, und ſah ſo fort dieſen Zufall als ein Glück an, der ihm Gelegenheit gab, 463 ☛Ꝙ mit Adelaiden zu reden. Allein ihr Gatte, der ſie ſehr zu lieben ſchien, wich keinen Augen⸗ blick von ihrer Seite. Julien fühlte ſich übri⸗ gens beunruhigt über den Ausdruck von in⸗ neren Leiden, der aus ihren Zügen ſprach; ob⸗ gleich ihre heitern Mienen ſie gern verläugnen mochten. Indeſſen nach Tiſche, während Eglan⸗ tine mit dem Herrn de Roſelle an dem Forte⸗ piano ſaß; näherte er ſich zitternd Adelaiden. „Wo kann ich Sie ſehen?“ fragte er mit faſt verſagender Stimmez„ich muß, ob nur einen Augenblick, mit Ihnen reden; Ihre Verzei⸗ hung thut mir Noth! Sie müſſen mich haſſen!“ „„Ich! Sie haſſen?““ erwiederte ſie ganz leiſe mit einem Blick, der ihm das Herz brach, dann fügte ſie nach einigen Augenblicken Nachſinnen hinzu:„Ja! Sie ſollen mich noch einmal ſehen! 66 „Einmal!“ unterbrach ſie Julien. ,, Kommen Sie den Tag nach Uebermorgen zu mir, in der Mittagsſtunde,““ verſetzte ſie; „„ich werde allein ſeyn.““ 11* ☛☛ꝙ 164 Sie ſtand ſchnell auf, und ſtellte ſich faſt wankend hinter den Stuhl ihres Gatten. Eglantine, von Bewundern umgeben, bemerkte nicht, wie das Opfer ihrer Verführung, in den ſchwarzeſten Gedanken vertieft, ſich in einen Winkel des Saals zurückgezogen. Der Abend war ſchon weit vorgerückt, als 4 die Geſellſchaft ſich trennte. Eglantinens Blicke ſuchten Julien, und fanden ihn auf der Stelle, wo ihn Adelaide verlaſſen. Da er kein Wort ſprach, ſchrieb ſie einem kleinen Anflug von Eiferſucht ſeine finſtere Stimmung zu; denn ſie hatte mit dem ganzen männlichen Theil des Cirkels coquettirt. Sie machte ihm weder Fra⸗ gen noch Vorwürfe, bemühte ſich aber im Ge⸗ gentheil, liebenswürdig zu ſeyn, und es gelang ihr allmählig, ihn aufs neue zu bezaubern. Die Stimmung ſeines Herzens, als er ſich von ihr trennte, iſt ſchwer zu beſchreiben. Er brannte für ſie, dachte mit Wehmuth an Adelaiden, und warf ſich mit Bitterkeit vor, Alicen be⸗ trogen zu haben. ☛ 165 ☚ Endlich ermuthigte er ſich.„Daß ich Adelaide täuſchen könnte,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „wird Eglantine an mir rächen. Gebe der Himmel nur, daß ich bald für Alicen leben dürfe!“) Indeſſen kehrte Adelaidens Bild immer öfter in ſein Herz zurück, ſei es, daß die Spu⸗ ren der erſten Liebe unverdilgbar ſind, oder daß die leidende Hinfälligkeit, die er an ihr bemerkt, ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt ge⸗ troffen. Er ſehnte ſich nach dem Augenblicke, der zu ihrer Unterredung beſtimmt war. Er wollte ihr ſchwören, daß nur ſein Kopf ihn irre geführt, daß ſein Herz ihr noch gehöre; und ſo war der Unſinnige in demſelben Augenblick zum zweiten Male ihr, ſich ſelbſt, der Wahrheit, die er nicht mehr erkennen konnte, untreu. Den folgenden Morgen empfing er ein Billet von Alicen; ſie war ſo eben angekommen und freute ſich zu dem Glücke, ihn wiederzu⸗ ſehen. Aber ihre Freude wiederhallte nicht in ſeiner Bruſt; er erſchrak tödtlich; aber 4 4☛ 166 das Mitleid vertrat die Stelle der Liebe, und zeigte ihm ſeine Pflicht. Mit verſtellter Sehn⸗ ſucht eilte er zu der jungen Witwe. Sie em⸗ pfing ihn mit dem Entzücken der Liebe. Be⸗ troffen über ſeine Bläſſe, über ſein gezwunge⸗ nes Benehmen, fragte ſie ihn nach der Urſache dieſer Veränderung.„Ich habe viel gelitten während Ihrer Abweſenheit!“ erwiederte er. „„Ach!““ rief ſie getäuſcht,„ſo be⸗ weiſen Sie mir völlig, daß ich Ihnen noch im⸗ mer theuer bin; bald werden alle unſre Wünſche erfüllt werden.“ℳn. Zulien ſchauderte; aber er verbarg ſeine Gefühle.„ Ich habe indeſſen einen Vorwurf Ihnen zu machen,“ verſetzte ſie;„Sie haben die Geſchäfte, mein Vermögen betreffend, ein wenig verſäumt. Sie erwähnen mit keiner Sylbe meines Prozeſſes, der mit neuen Urkun⸗ den aufs neue aufgenommen iſt.”“ 3 „„Ich weiß kein Wort davon.”⸗ „Nun ich verzeihe Ihnen. Wir wer⸗ den uns ja von dieſer Stunde an nicht wieder 4 ☛̈ 167 trennen; ich werde Ihnen das Glück meines Le⸗ bens zu verdanken haben, und Sie werden mein Vermögen noch einmal retten. Meine arme Tante iſt geſtorben,“ fügte ſie hinzu;„aber da es ſich mit ihr zu beſſern ſchien, wurde nicht mehr an das Teſtament gedacht. Sie hat keines hinterlaſſen. Folglich habe ich nur einen Antheil von ihrem Nachlaß, der aus nicht mehr als 5000 Franken jährlichen Renten beſteht, erhalten; aber ich bin außerdem ja reich genug.“ Iulien verließ ſie ſchnell, um wie er ſagte, wegen ihres Prozeſſes ſich zu erkundigen. Er begab ſich nach dem behörigen Ort, fand die neuen Actenſtücke ſehr beunruhigend, und nahm einige Maßregeln; allein er konnte nicht den ganzen Tag dabei verweilen, ohne Eglantinen geſehen zu haben. Sie ſchrieb ſeine traurige Melancholie der unbefriedigten Inbrunſt der Liebe zu, die ſie ihm eingeflößt zu haben, ſich groß that; und ſie warf neue Feuerbrände in ſein von den wildeſten Begierden ſchon ge⸗ ☛ 168£ nug erhitztes Herz, ohne doch dem Geliebten, was ſie dem Gatten aufbewahrte, zu vergönnen. Den Abend begab ſich Julien zu der ſanfk⸗ ten Alice zurück. Sie war ſo liebenswürdig, ſo zärtlich, daß er, die Augen voller Thränen, vor ſie niederkniete, um ihr Alles zu geſtehen; denn wenn er bei ihr war, mußte er ſie lie⸗ ben. Aber er hielt wieder inne, er wagte nicht, ihr verdachtloſes Herz dem Schmerze zu eröffnen. Sie tröſtete ihn über den Kummer einer Abweſenheit, die ſich nicht wiederholen ſollte; ſie glaubte, daß ſeine Sorge um den neuen Prozeß, den er ihr unter einer ſehr bedrohli⸗ chen Geſtalt darſtellte, der einzige Grund ſeiner gegenwärtigen Schwermuth ſei, und ergoß jede Anmuth der treueſten Liebe in ein Herz, das von ſtrafbaren Leidenſchaften zerriſſen war. Die drei Tage, welche ſeiner Zuſammen⸗ kunft mit Adelaiden vorausgehen ſollten, waren indeſſen verſtrichen. Alice glaubte ſich in ſiche⸗ rem Beſitz von Juliens Herzen. Eglantine fühlte ſich ihres Sieges gewiß; Adelaide ſehnte * 1 ☛☚ 469 ſich nach der Stunde, in der ſie denjenigen, 3 den ſie ſo ſehr geliebt, und trotz der Stimme, der Pflicht und des Gewiſſens noch immer lieb⸗ te, wiederſehen ſollte. G Dieſer Augenblick kam. Julien, der dieſen Tag im Gericht erſcheinen ſollte, weil der Pro⸗ zeß ſeiner Verlobten an der Reihe ſtand, hatte einem ſeiner Freunde ſeine Vertheidigung über⸗ geben, und eilte zu Madame de Roſelle. Sie war allein; er kniete vor ihr nieder:„Verzei⸗ hung!“ ſtammelte er; ſein zuſammenge⸗ preßtes Herz, von tauſend ſtreitende Gefühlen ſchwellend, geſtattete ihm nicht mehr zu ſagen. Adelaide ſchwamm in Thränen.„„Ich werde Sie gewiß betrüben!““ ſagte ſie endlich; „allein Sie müſſen Alles wiſſen. Außerdem werden wir, wenn dieſe Stunde zu Ende iſt, nie mehr in dieſer Welt mit einander reden!“ „Großer Gott! Nein! Nein!“ rief der Jüngling. „„Hören Sie mich!““nahm Sie das Wort wieder.„„Ich liebte Sie, Julien, und ich fühle, X 8 170 p daß ich Sie noch liebe; aber eine eiſerne Schran⸗ ke hat ſich zwiſchen uns erhoben. Nach Ihrer Abreiſe nach der Hauptſtadt ſah ich meinen vortrefflichen Vater wieder. So ſehr muß man eine Tochter lieben, wie er mich, um das zu ſeyn, was er mir geweſen. Ich legte das Ge⸗ heimniß unſrer Liebe in ſeinem Buſen nieder. Des Mißverhältniſſes unſrer Glücksumſtände ungeachtet mißbilligte er nicht meine Wahl; Fer verlangte nur, daß ich Ihnen nicht ſchriebe; er wollte Sie prüfen. Er verſprach mir, über Sie zu wachen, ihr Betragen zu beobachten, und Sie als Schwiegerſohn zu umarmen, wenn Sie ſich dazu würdig bezeigten. Dieſe Be⸗ dingungen machten mich ruhig und glücklich; denn Sie hatten mir Schwüre gethan, auf d die ich feſt vertrauete.“”““ Ein ſchwerer bittrer Seufzer atchre Juliens Lippen. Sie fuhr lebhaft fort. „Mein Vater ließ mich eine lange Reiſe in Italien und in der Schweiz machen. Im vorigen Jahre, als ſein vertrauter Correſpon⸗ ☛ 171 ☛ 1. dent Ihnen ſehr verdienſtliche Lobſprüche er⸗ theilt, führte er mich nach Paris, wo Sie ſich aufhielten. Ich hatte ſehr bedeutende Partien ausgeſchlagen; ich war Ihnen treu. Stellen Sie ſich meinen Schmerz or, als ich Ihre Verbindung mit Madame de Falkland erfuhr; indeſſen bereit, Sie zu entſchuldigen, glaubte ich anfangs, daß Ihr Herz, obgleich von einer Ver⸗ führerin verlockt, mich doch nicht vergeſſen hat⸗ te. Aber ich lernte den Werth meiner Neben⸗ buhlerin kennen, ich wurde inne, daß ſie Sie von ganzer Seele liebte, und ſie heirathen wür⸗ de. Ich konnte mich nicht überreden, es zu glauben; ich muß es Ihnen geſtehen. Mein Vater, der treue Vertraute meines Kummers, ließ ſich herab, ſich bei Ihrem Oheim nach der Wahrheit zu erkundigen. Er erfuhr mit vol⸗ ler Gewißheit, daß die ſchöne Witwe Ihnen ihre Hand geſchenkt, und daß die Hochzeit bald vor ſich gehen würde.““ „Ich weinte lange; ich beklagte mich über die Liebe, ich wollte Sie aus meinem Herzen ——õõ—õ —-O— 1 1 ☛ 172 verbannen. Mein Vater glaubte den Augen⸗ blick ſeiner Abſicht günſtig. Er ſchlug mir ei⸗ nen Ehemann vor; Sie haben ihn geſehen; Sein edles und hübſches Aeußere, die Güte ſeiner Seele, ſein offener Charakter verdienten ein ergebenes Herz, das noch nicht geliebt hatte. Mein Vater ſchrieb mir nichts vor; er ließ die Vernunft, und die väterliche, liebende Sorgfalt reden; und ich reichte dem Manne, den er mir gewählt, die Hand. Er iſt mein Bruder, und mein Freund. Er beſitzt meine ganze Hochach⸗ tung; und meine Tage dürfen nur beſtimmt ſeyn, ihm das ruhige Glück zu vergelten, das er um ſie zu verbreiten ſtrebt. Ach! ich wür⸗ de glücklich geweſen ſeyn, hätte ich Sie nie gekannt. 1¹ „„Wir haben uns wieder begegnet; gewiß haben Sie die innere Zerſtörung derjenigen, die Sie aufgeopfert, nicht ohne Mitleid bemerkt. Es gibt mir eine Empfindung von Glück, Sie betrüben zu können; ich genieße dieſer Rache, ☛ 173 und dennoch würde ich Alles hingeben, um Sie glücklich zu wiſſen.““““ „Das Geſtändniß meiner Liebe entſchlüpft zum letzten Male meinen Lippen. Morgen rei⸗ 5 ſen wir ab; ich verlaſſe Frankreich! Sie wer⸗ den mich nie wiederſehen. Leben Sie wohl! Mögen Sie in den Armen derjenigen, die Sie mir vorgezogen haben, glücklich ſeyn. Ich zittre, Ih⸗ nen jemals mehr zu begegnen. Jetzt bin ich es wohl zufrieden, Sie wiedergeſehen zu haben; es wird meinen Todeskampf kürzer machen!“ Ihre letzten Worte wurden vom lauten Schluchzen unterbrochen. Adelaide ſtand auf, um ihn zu verlaſſen.. Der unglückliche Julien, noch auf den Knien, umklammerte ihre Füße.„Ach! wie wenig habe ich Sie gekannt,“ rief er mit krampf⸗ haftem Schmerz;„beſtrafen Sie mich, geben Sie mir den Tod, und ich werde Sie ſegnen.“ „„Wenn ich Ihnen noch theuer bin,““ verſetzte die zitternde Adelaide,„„ſo haben Sie mich ja wiedergeſehen! das iſt genug. Verlaſ⸗ — —— —— ☛ 174 ſen Sie mich; ſchonen Sie den Ruf derjeni⸗ gen, deren Zukunft Sie vernichtet haben.“““ Julien wollte einige Worte hervorſtam⸗ meln.„Ich höre die Stimme meines Gatten!“““ rief ſie erſchrocken.„„„Lebewohl auf immer!“ Zulien küßte den Saum ihres Kleides, er⸗ hob ſich ſchweigend, bleich wie der Tod, und verließ das Haus. Zerſtörung ſprach aus al⸗ len ſeinen Zügen; er irrte umher, ohne zu wiſ⸗ ſen wo, ohne Gedanken, ohne Willen, ohne Zweck. Zwei ſeiner Freunde begegneten ihm. Er warf einen wilden Blick auf ſie, erkannte ſie nicht, und ging vorüber. Ueberraſcht. über ſeinen Zuſtand glaubten ſie ihn von Wahnſinn befallen, bemächtigten ſich ſeiner, und, da er ſich ohne den mindeſten Widerſtand von ihnen leiten ließ, führten ſie ihn nach Hauſe und beſtürmten ihn mit Fra⸗ gen, worauf er keine Antwort gab. In ſeinem Zimmer angelangt, ſchwieg er hartnäckig wie zuvor; wollte nichts genießen und man mußte ihn zu Bette bringen. Es wurde V ☛ 175 nach einem Arzt geſchickt, der ihn bedeutend krank fand. Madame de Falkland wurde den folgenden Morgen davon benachrichtigt. Ihre Unruhe, ihn nicht bei ihr zu ſehen, war ſchon ſo groß geweſen, daß ſie unbedenklich ſich zu dem Kranken begab. Er kannte ſie nicht; denn er hatte den Gebrauch der Sinne verloren, und in ſeinem Wahnſinn rief er unaufhörlich ſeine drei Geliebten. Die liebende Alice ſah jest ein, daß eine neue Leidenſchaft ſeinen düſtern Kummer und vielleicht ſelbſt die Krankheit, von der der Ge⸗ liebte niederlag, hervorgebracht habe. Sie gab ſich keinesweges der Empfindung der Eiferſucht hin, ganz dem Unglücklichen, den ſie liebte, ge⸗ weiht, wich ſie nicht mehr von ſeiner Seite, und ergab ſich der unermüdlichen, aufmerkſa⸗ men Sorge, die nur Liebe einflößen kann. Eglantine ihrer Seits, als Julien ganz ausblieb, ſchrieb ihm am Abend des zweiten Tages. Der Brief wurde an Madame de Falkland geliefert, und, da Antwort ſogleich 176£☛ verlangt wurde, eröffnete ſie ihn. Das ganze Geheimniß von Juliens neuer Leidenſchaft lag nun offen vor ihren Blicken. Die Ausdrücke der Liebe aus der Feder ihrer Nebenbuhlerin zerriſſen ihr armes Herz; es war ihr unmög⸗ lich eine Antwort zu geben, als glücklicher Weiſe ein Freund des Kranken hereintrat. Er ſchrieb, daß Julien ſich im Bette befand, und da er fühlte, daß die beiden Frauen ſich hier nicht⸗ begegnen dürften, fügte er hinzu, daß die Krank⸗ heit ſeines Freundes ihm nicht erlaubte, irgend Jemanden zu ſehen. Eglantine verſuchte nicht, dieſe Verfügung zu verletzen; ſie begnügte ſich, zweimal des Tages hinzuſchicken, um nach dem Befinden des Geliebten zu fragen; und Madame de Falkland fand einigen Troſt in dem Gedanken, daß ſie ihn allein pflege, und daß er ihrer Sorge viel⸗ leicht das Leben zu verdanken habe. Ddie Krankheit dauerte länger als einen Monat; während dieſer Zeit wurde der Prozeß in der höchſten Juſtanz eiitſchieden; Alice hatte ihre ☛ 177 Ꝙ ihre Sache verloren, von ihrem ganzen Reich⸗ thum blieben ihr nur die 5000 Franken jährlicher Renten, die ſie geerbt hatte, übrig. Ihr Herz aber war zu voll, um ſich mit dem Verluſt ih⸗ res Vermögens zu beſchäftigen. Sie ließ kei⸗ nen andern Kummer erblicken, als den Schmerz, den ihr der Kranke einflößte, den ſie mit noch größerer Liebe zu pflegen ſchien. Da Julien den Gebrauch der Vernunft wieder erhielt, fürchtete der Arzt die Wirkun⸗ gen des Eindrucks, und erſuchte Alicen, ſich zu entfernen. Juliens erſte Sorge nach ſeinem langen Wahnſinn war, wer der Engel ſei, der ihn immer umſchwebt hatte? Madame de Falkland wurde ihm genannt. Er brach in Thränen aus.„Ach! laß ſie kommen,“ flehte er;„ſie ſoll Alles wiſſen.“ Aber den Tag wurde ihm nicht geſtattet, ſie zu ſehen, und ſelbſt den folgenden Tag nur auf einen Augenblick. Aber noch denſelben Abend drückte er ihre Hände. Lebewohl. I. Thl. 12 ——— —— —õõää —— — ☛ 178 „Ich habe Ihnen Vieles zu geſtehen,“ be⸗ gann er;„ich bin Ihrer unwürdig.“ „Ich weiß Alles,““ gab ſie zur Auuwout „„und ich liebe Sie ewig.“““ Er zuckte bei dieſen Worten ſo krampfhaft zuſammen, daß der Arzt erſchrocken hinzu trat. Sie mußten ſich trennen; den folgenden Tag aber hatte der Kranke ſich ſo weit erholt, daß ihm geſtattet wurde, ſein Herz durch ſeine Ge⸗ ſtändniſſe zu erleichtern. Er erzählte aufrich⸗ tig und getreu ſein unerwartetes Zuſammentref⸗ fen mit Adelaide; er theilte ihr auch ſeine Lei⸗ denſchaft für Eglantinen mit; denn er glaubte jetzt, Alicen allein zu lieben. „Denke nur daran geſund zu werden,“ erwiederte ſie;„und vergeſſen wir der Ver⸗ gangenheit. Das Glück ruht immer in der Zu⸗ kunft.“ Seine jugendlichen Kräfte riefen bald ſei⸗ ne Geſundheit zurück; aber auch ſeine Erinne⸗ rung an Eglantine, die er verſprochen hatte, nicht mehr zu ſehen. Indeſſen überredete er ☛ 179 ſich immer mehr, daß er nur Alicen liebte, weil er ſie allein lieben müſſe. Allein zu zärt⸗ lich und zu liebend hatte ſie ſich dem Geliebten ganz hingegeben, in dem Glauben, ihn durch Aufopferungen feſthalten zu können, da doch die Männer nur ueih Widerſtand gefeſſelt werden. 1t⸗OM i So bald Julien wieder N anegehen durfte, war ſein erſter Beſuch bei Alicen. Die alte Gewohnheit, ſie alle Tage in ihrem Hauſe zu ſehen, kehrte zurück. Er dachte wohl Eglan⸗ tinens, aber er that Alles, um ſie aus ſeinem Herzen zu verbannen. Er beſuchte ſie nicht mehr; er hatte den Muth, ihre Dulth nicht zu erwiedern. Seine Geſundheit war völlig hergeſtellt; Eglantine, wohl wiſſend, daß er wieder aus⸗ ginge, erſtaunte, ihn nicht bei ſich zu ſehen. Anfangs dachte ſie grollen und ſtillſchweigen zu wollen, in der Hoffnung, daß die Liebe ihn zu ihr zurückführen möchte; als ſie aber er⸗ fuhr, daß er ſich bald mit Alieen zu vermäh⸗ 12* ⁴☛ 180 len gedachte, ſah ſie wohl ein, daß es nicht länger Zeit war, zu ſchmollen. Sie liebte ihn, ſo heiß ſie nur lieben konnte. Sie trat eines Morgens, ſo eben wie er ſich zu ſeiner Braut begeben wollte, in ſein Zimmer. Eglantine war ſchön; ſie hatte ſich ſehr einfach, aber um ſo reizender angezogen. Julien wurde verblendet, ſtammelte einige Entſchuldigungen hervor, und hatte in einem Angenblick ſeine reſten Entſchlüſſe vergeſſen. mani 2 5 „Sie haben mich vergeſſen.“ ſagte ſie „„Wie können Sie das glauben?““ ver⸗ ſetzte er. 2n „Ach! Sie lieben mich eahe Sie habem mich nie geliebt.“ „Das meinen Sie nicht!, „Ich bin davon überzeugt!“ fuhr Eglan⸗ tine fort.„Seit ihrer unſeligen Krankheit bin ich Ihnen nichts mehr. Wie! Weil eine An⸗ dre Ihnen eine Sorgfalt bewieſen, die ich Ih⸗ nen ſo gern gezeigt hätte, brachen Sie alle Ihre Schwüre. Daß ich nicht über Ihre theure Ge⸗ ☛ 181 ſundheit, über Ihr Leben gewacht, klagen Sie deswegen einen treuloſen Freund an, der mir Ihre Thür verſchloſſen hat!“ „Was ſagen Sie da!" „Leſen Sie!“ fuhr ſie fort, und zeigte ihm den Brief, den ihr ſein Freund geſchrieben, worin dieſer ihr erklärte, daß Niemand Julien ſehen konnte. Julien fühlte ſich gerührt, empört.„Ich komme,“ nahm ſie das Wort,„um das Herz zurückzufordern, das Sie mir geſchenkt, oder auch Sie zu erſuchen, mir den Tod zu geben.“ „„Ach! ich fühle nur ſo ſehr, wie ganz ich Sie liebe, wie ſehr ich Sie vergöttere,““ rief der Jüngling.„„Ich werde Sie ewig lie⸗ ben! warum aber muß ich Sie wiederſehen? Ich kann Ihnen nicht gehören; heilige Pflich⸗ ten feſſeln mich; ich muß Alieens Gatte wer⸗ den.““ „Nein! oder wollen Sie mein Henker wer⸗ den“ erwiederte Eglantine mit flehender Stim⸗ me, mit flehendem Blick!„Sie wollen es ja ☛ 182 nicht. Nur Sie allein, nur die heiße Liebe, die an Sie mich zieht, knüpft mich an das Le⸗ ben. Der Tag, an dem ich Sie verliere, wird mein letzter ſeyn! Mein Sarg ſoll der Altar ſeyn, vor dem Sie einer andern, als mir, die Hand reichen. Ich liebe Sie, Julien! Neh⸗ men Sie mein Leben, aber nehmen Sie mir⸗ nicht Ihr Herz.“ Mit dieſen Worten warf ſie ſich zu ſeinen Füßen. Ihre demüthige Stellung, ihre Thrä⸗ nen, ihre rührende Schönheit brachen das Herz des Jünglings.„„Wie!““ rief er:„„Ich? Ich ſollte Ihnen den Tod geben? ich Ihre See⸗ le zur Verzweiflung bringen! rede! was ver⸗ langen Sie von mir. Ich bin gebunden.“ „Alle andre Bande müſſen denen der Lie⸗ be nachſtehen; Ihr Athem macht ſie zerreißen. Ich verlaſſe dieſe Stelle nicht, ehe Sie verſpre⸗ chen, meine Liebe mit Liebe zu vergelten.“ Julien ſchwor ihr es; allein ſie war nicht damit zufrieden; ſie flehte ihn, ſich dieſer Lie⸗ be zu überlaſſen, ſie ganz glücklich zu machen, ☛̈ 483 ſie nicht länger zu fliehen; die ſüßeſten Namen belohnten ſeine Schwäche. Sie trennten ſich erſt nach einer langen Unterredung, und Julien blieb bis zum Abend in feinem Zimmer ver⸗ ſchloſſen. Dann erſt begab er ſich, innerlich zer⸗ ſtört, zur Madame de Falkland, die ihn den ganzen Tag erwartet hatte. Er zitterte beim Eintreten, ihr mißfallen zu haben; ach! die Frau, deren Zorn gefürchtet wird, iſt nicht mehr geliebt; indeſſen machte ſie ihm nicht den kleinſten Vorwurf; ſie fragte ihn blos mit Unruhe, als ſie ſeine Bläſſe bemerkte, ob er ſich krank fühle? Er verſicherte: Nein! ſuchte, ſo wie gewöhnlich, ſich zu verſtellen, und nahm ſich vor, nur kurze Zeit bei ihr zu bleiben. Allein Alice hatte eben dieſen Abend ge⸗ wählt, um ihm zu eröffnen, daß ſie ihr gan⸗ zes Vermögen verloren. Julien wurde vernich⸗ tet, eben weil er ſie nicht mehr liebte; denn er fühlte, daß er diejenige, die er im Glanz des Reichthums hatte heirathen ſollen, nun im ☛ 161 Schooß des Unglücks nicht mehr verlaſſen konn⸗ te.„Ich bin der Urheber dieſes ganzen Un⸗ heils,“ ſagte er heftig;„aber ich habe noch Kraft. Morgen ſoll Alles zu unſrer ſchleuni⸗ gen Verbindung in Stand gebracht werden.“ Aliee drückte ihn an ihr Herz. Den nächſten Morgen wurde das Aufge⸗ bot beſorgt; es wurde entſchieden, daß die Trau⸗ ung in zwölf Tagen vor ſich gehen ſolle. Ju⸗ lien bat nur, daß Alles in der größten Stille betrieben werde. Er fürchtete Eglantinens Verzweiflung. Alice fügte ſich ſeinen Wün⸗ ſchen, ohne nach der Urſache derſelben zu fragen. Indeſſen in der redlichen Abſicht, ſeine Verpflichtungen zu erfüllen, und aus Furcht, daß Eglantine in ihrer Beſtürzung, ihn nicht bei ihr zu ſehen, ſich erkundigen, Alles erfahren Nund noch einmal ſein Herz einem gefährlichen Sturm bloßſtellen könne, beſuchte er ſie heim— lich, um jedem Argwohn vorzubeugen. Sie nahm ihn ſo liebevoll auf, daß er mit dem 185 Tod im Inneren, bei dem Gedanken, ſie aufge⸗ ben zu müſſen ihr Zimmer wieder verließ. Durch dieſe Vorſtellung wurde die Leiden⸗ ſchaft, die ihm dieſe Frau angezaubert, immer unbändiger. Alle Augenblicke ſtand er im Be⸗ griff, Vernunft, Ehre, Zukunft mit Füßen zu treten, und ſeinem Gewiſſen zum Trotze, der Gatte derjenigen zu werden, die ihm mit ſol⸗ cher Kraft widerſtand und ihn mit ſolcher Ge⸗ walt entflammte. Er ſah ſie die folgenden Tage wieder und es war um den letzten Reſt ſeiner Ruhe und Beſonnenheit, um ſeine Ver⸗ nunft geſchehen. Er huldigte zu gleicher Zeit Alicen und Eglantinen; täuſchte ſie beide, und verlor ſich ſelbſt. Den Abend vor der beſtimmten Trauung kam er zu Eglantinen. Der Gedanke, daß er ſie von dieſer Stunde an nie mehr ſehen durfte, machte ihn ſo finſter, daß ſie ihn erſchrocken fragte, was ihm fehle; ſie wußte ihn ſo in ihre Reize zu verſtricken, daß er den Kopf ganz verlor, außer ſich, ihr Alles geſtand, mit der ver⸗ * — ☛☚̈ꝙ 186 zweifelten Klage, daß er der unglücklichſte aller Menſchen ſei. Eglantine, vernichtet durch eine Nachricht, die ihr ſo ganz unerwartet kam, ſank in Ohnmacht. Julien ſuchte ihr mit der zärtlichſten Sorge aufs neue Leben einzuhau⸗ chen; ſie kam wieder zu ſich ſe lbſt; aber große Thränen entſtrömten ihren Augen; ſie lege ih⸗ re zitternde Hand auf ſein Herz, ſank zu ſei⸗ nen Füßen, umklammerte ſeine Knie, und fleh⸗ te ihn, ſie noch nicht zu tödten. Ihr Wahnſinn war furchtbar; es gelang Julien, ſie zu beruhigen.„Was wollen Sie denn, daß ich thue?“ ſagte er endlich.„So ſei den endlich mein, und mag mich der Him⸗ mel auch vernichten; ich werde mit Dir fern von dieſem Ort, wo mir nur Tod und Elend aun⸗ gränzen, entfliehen.“ „„Ja!““ wiederholte Eglantine mit ver⸗ ſagender Stimme.„Ich will die Deine ſeyn, Du mußt mir gehören; laß uns entfliehen, wenn Du meine Nebenbuhlerin fürchteſt. Hier iſt Gold— ich bin reich; wir werden glücklich — ⁴☛ 187 ſeyn! Nur ein Jahr des Glücks in Deinen Ar⸗ men, dann laß mich ſterben!“ Julien, ganz in Flammen, wiederholte die⸗ ſen ſträflichen Wunſch, und nach berauſchen⸗ den Entzückungen wurde entſchieden, daß ſie noch denſelben Abend heimlich abreiſen wollten. Eglan⸗ tine übernahm, alles zu beſorgen. Julien ver⸗ ließ ſie, ihr zuſchwörend, in zwei Stunden be⸗ reit zu ſeyn, und beruhigte ihre Zweifel mit den fürchterlichſten Eiden. Es war ſechs Uhr des Abends; um acht Uhr ſollte eine Poſtchaiſe bereit ſeyn; und in⸗ deſſen zählte Alice die Minuten, Julien erwar⸗ tend. 12. So wie er in ſein Zimmer trat, erblickte er ſeinen ehrwürdigen Oheim, der auf ihn warte⸗ te. Herr Antony war nach Paris geeilt, um der Trauung, von der ihm Alice Nachricht ge⸗ geben, beizuwohnen. Iulien erſchrak über ſei⸗ ne Gegenwart; der gute Prieſter bemerkte ſeine Verlegenheit nicht.„Ich wollte ſelbſt kommen, mein Sohn!“ ſagte er,„um Eure Verbindung ☛ 188 zu ſegnen; endlich erwartet Dich denn ein ru⸗ higes Glück. Ich kenne deine Verirrungen“ fügte er hinzu;„allein Gott verzeiht dem Herzen, das zurückkehrt. Wie nahe biſt Du daran ge⸗ weſen, Dich ſelbſt zu Grunde zu richten. Ma⸗ dame de Falkland hat, indem ſie mir ihre ſtillen Hoffnungen anvertraut, mir auch nicht die Lei⸗ den verhehlt, die ihr dieſe Eglantine, die Dich verlockt hatte, zugefügt. Kennſt Du wirklich nicht die Geſchichte dieſer Frau? Doch nichts mehr da⸗ von, Gott ſei gelobt, daß Du ſie vergeſſen!“ Bei Eglantinens Namen hatte Julien den Kopf in die Höhe gerichtet. Redend wieder⸗ holte er:„„Eglantinens Geſchichte?““n mn „Ei! die hat ſie Dir nicht mitgetheilt?“ ſagte Herr Antony mit einem bittern Lächeln 7 „Nein! Es iſt mir auch nie Lingefallen darnach zu fragen.“““ 1 „Du hältſt ſie denn wohl noch immer für eine achtungswerthe Witwe?“ „Das thut die ganze Welt!““ „Mein Sohn! Sie iſt die Tochter eines * . ☛ 189 achtungswerthen Mannes, die ſich noch ſehr jung von einem Geliebten entführen ließ, und ihr glänzendes Vermögen hat ſie nur der Be⸗ raubung derjenigen, welche ſie zu Grunde ge⸗ richtet, zu verdanken.““ 1— „Großer Gott! und wer wagt eine ſolche Beſchuldigung?““ rief Julien. „Alle, die ſie kennen.“ IJulien ſchlug verwirrt die Augen nieder. Er hatte in der That nie von ihr geſprochen, nie Erkundigungen ihretwegen eingezogen. Er wünſchte in dieſem Augenblick, daß ihn die Er⸗ 4 de verſchlingen möchte. „Lieber Oheim!“ ſagte er endlich gepreßt nach einem kurzen Sinnen:„Alice erwartet mich. Ich habe noch tauſend Geſchäfte für Morgen zu beendigen. Seien Sie ſo gütig voraus hinzugehen; es wird ſie freuen, Sie wiederzuſehen. Ich werde bald nachkommen.“ Herr Antony ging, ohne die düſtern Blicke zu bemerken, die ſein Neffe ſtarr auf den Boden * ☛ 490 heftebes ſein Herz zog ihn nach der neuen Ver⸗ wandten hin.. Sobald Julien allein war, da er ſich der wildeſten Verzweiflung hin. Pflicht, un⸗ ſinnige Liebe, die Gegenwart des Oheims, die Flucht, wozu er ſich verpflichtet, Eglantinens Schande, alles vereinte ſich, um ihn zuvernichten. „Was kümmert mich“ rief er endlich; nwas ſie geweſen iſt; genug, daß ſie jetzt mich liebt. Möge ſie auch eine Verlorne geweſen ſeyn; hat die Liebe denn nicht die Gewalt, Al⸗ les zu reinigen!“ tiu In dieſem Augenblich ſchlug die Uhr ſie⸗ ben. Er ſchien ſich etwas zu faſſen; er nahm mechaniſch ſeine Piſtolen herunter; ſchob einige Papiere zurück, und erblickte auf dem Tiſch ei⸗ nen Brief, geſtempelt aus Nizza, den der. Die⸗ ner dahin gelegt. 1 Da er trotz dem Sturm ſeines Inneren doch noch immer zum Entßiiehen entſchloſſen war, ergriff er den Brief, ſteckte ihn zu ſich, mit der Abſicht, ihn erſt den folgenden Tag zu leſen; ☛ 191 .allein die Handſchrift brachte ſein Herz zum Beben. Es war Adelaidens. Sehnelk brach er das Siegel und las. „Von meinem Sterbebette ſchreibe ich „Ihnen dieſe Zeilen. Die gänzliche Auflö⸗ „ſung meiner Kräfte geſtattet mir nur noch „wenige Stunden in dieſer Welt, und ich „will ſie verwenden, um eine Unglückliche, „die keine anderen genußreichen Augenblicke ver⸗ „lebte, als die, worin ſie Sie lieben durfte, „in Ihr Gedächtniß zurückzurufen.“ „Wenn Sie dies Schreiben leſen, werde ich „nicht mehr auf der Erde ſeyn. Hätte ich Sie „mie gekannt, oder vielmehr, wären Sie mir „treu geblieben, würde ich lange glücklich ge⸗ „lebt haben. Verzeihen Sie mir, Julien, die⸗ „ſen letzten Vorwurf; es iſt ſchrecklich, im zwan⸗ „zigſten Jahre zu ſterben.“ „Mögen Sie des Glücks genießen, das „mir auf dieſer Erde verweigert wurde. Mö⸗ „gen Sie die, welche Sie mir vorgezogen, „ſo innig lieben, wie ſie es verdient. Der Glaube 192 G „tröſtet mich, daß wenn ſie nicht igut und „tugendhaft geweſen, würden Sie mich nicht „vergeſſen haben; denn Sie können nur die „Tugend lieben.“ „Ach! Sie ſind Ihr ja auch weit n mehr ſchul⸗ „dig, als mir. Das Mißverhältniß eines weit „größern Vermögens, deſſen Anſprüche ſie Ih⸗ „nen aufgeopfert, abgerechnet, wird ſie Ihnen, „da ſie ihre Gattin wird, gewiß auch den Dienſt, „den ſie Ihrem Oheim geleiſtet, geſtanden ha⸗ „ben, denn ſie iſt es, die ihm heimlich die „ſechzigtauſend Franken zugeſtellt hat. Sie „ſehen, ich weiß Alles, was Sie rechtfertigen „kann. Lebewohl. Ich kann die Feder nicht „mehr halten. Lebewohl bis in die Ewigkeit.“ Julien hatte kaum dieſen Brief durchge⸗ leſen, als ſein Kopf wüſt und wirr wurde! Wie! Alice wäre es, die ſo viel für ihn ge⸗ than, die ſeinen Oheim gerettet, die ihm Alles geopfert; und dieſe gütige, himmliſche Frau iſt es, die ich jetzt im Begriff ſtehe, zu verrathen? Es warf ſich Adelaidens Tod vor, das ganze Un⸗ * ☛‿ 193 glück der edlen Alice, ſeine ſchändliche unmänn⸗ liche Liebe zu Eglantinen, ſeine niedrige Un⸗ dankbarkeit, die Unwürdigkeit ſeiner Seele. Eine wahnſinnige Verzweiflung bemächtigte ſich ſeiner. Er ging lange mit großen Schritten in dem Zimmer auf und nieder; ſchwere Seuf⸗ zer entſtrömten ſeiner Bruſt. 4 Der Oheim, durch Juliens langes Ausblei⸗ ben endlich auf deſſen düſtere Stimmung auf⸗ merkſam gemacht, konnte ſeine Ungeduld und Unruhe nicht länger bemeiſtern und kam mit der Braut, um ihn abzuholen. Der Pförtner berichtete ihnen, etwas verſtört, daß er ſo eben ein ſonderbares Geräuſch in dem Zimmer des jungen Mannes gehört. Sie eilten hinauf; ſie klopften anz Nie⸗ mand gab Antwort. Der tödtlichſte Schrecken malte ſich in Alicens und des guten Herrn Antony Zügen. Der Pförtner ſtieß die Thür ein. 8 Julien ward todt gefunden. An ſeiner Seite lagen eine entladene Piſtole und Adelai⸗ Lebewohl. I. Thl. 13 5 1 . ☛ 194 dens Brief. Um ſeinen Hals war das kleine ſeidene Tuch locker geſchlungen. Seine linke Hand, gewaltſam geballt, umfaßte Alicens Bild, gegen ſein Herz zerdrückt. Auf dem Tiſch lag ein Blatt, worauf folgende Zeilen: „Funfzehn Jahre alt, lernte ich die Liebe kennen; als ich das achtzehnte Jahr erreicht hatte, beglückte ſie mich; im zwanzigſten machte ſie mich raſend.“ Ohne den Beiſtand und die Gegenwart des guten Oheims, den kein menſchliches Be⸗ gegniß ganz aus der Faſſung zu bringen ver⸗ . mochte, würde Alice kaum dieſen Anblick über⸗ lebt haben. Der Prieſter flößte ihr Kraft und Duldung zum Leben ein. Eglantine war den näichſten Morgen verſchwunden. 85* 41* Neuntes Capitel. As Guſtav die kleine Novelle zu Ende gele⸗ ſen, verſank er in ein tiefes Sinnen. Es war 4 4195 nichts Geſchichtliches darin, was eine eigentliche Beziehung auf ſeinen gegenwärtigen Zuſtand haben konnte, und doch fühlte er ſich tief ge⸗ troffen. Sie hatte ihm den reißenden Wirbel der Leidenſchaften gezeigt, und den Abgrund, worein er den ſtürzt, der nicht durch frühe Selbſt⸗ beherrſchung gelernt, den tauſend Stimmen des wogenden Bluts, der lockenden Täuſchung aufgeregter Sinne zu widerſtehen; hatte ihn gelehrt, daß die Liebe, die nicht auf innere Hochachtung begründet iſt, nicht dieſen Namen verdient, ſondern blos ein ſinnverwirrender wahn⸗ ſinniger Rauſch iſt, der nur einen größern Ekel und Widerwillen bei dem wieder Nüchter⸗ nen hinterläßt, als der, welcher von dem un⸗ mäßigen Genuß des Weines erregt iſt. Und in der That, obgleich mit einem wunden, noch ſchmerzlich glühenden Herzen, war es doch dem Grafen, als wäre er wieder nüchtern geworden; er ſchauderte bei dem Ge⸗ danken, wie nahe er daran geweſen, einen Men⸗ ſchen zu tödten; ein Unglück, das ihm vielleicht 13* ☛ 196 die Ruhe ſeines künftigen Lebens gekoſtet ha⸗ ben würde; und verdiente Athenais, daß ihret⸗ wegen ein Menſchenleben zu Grunde gienge, daß ein rechtliches Gemüth ſich ihretwegen eine lange Reue aufbürdete? War es die geleſene Erzählung, die da⸗ durch entſtandenen Betrachtungen, oder das ver⸗ goſſene Blut, das den Grafen ſich ſelbſt zurück— gab? Seine Phantaſie war plötzlich erkaltet, ſeine Leidenſchaft in ſeine Bruſt zurückgedrängt; erloſchen wohl nicht; es iſt ein Wahrzeichen der Liebe ähnlichen Leidenſchaft, daß ſie unbe⸗ friedigt auch ohne Achtung beſtehen kann. Gu⸗ ſtav fühlte, daß es zu ſeiner Heilung erforder⸗ lich war, ſie, die ihn ſo tief verwundet und ſo tief gekränkt, nicht mehr zu ſehen. Um ihr nicht mehr zu begegnen, lehnte er alle Einla⸗ dungen ab. Sein Duell mit dem General C*** hatte indeſſen Aufſehen erregt; mehr als je ſchien man ſich um ihn zu ſtreiten. Aber mit Ent⸗ ſchloſſenheit widerſtand er lange allen Verſu⸗ ☛̈ 197 chungen; er nahm ſeine zur Seite gelegten Studien wieder auf; ſuchte verſäumte Talente auszubilden, und unter ſolchen Beſchäftigungen verging die Zeit ſchneller, als er gehofft. Der Baron, erſtaunt über dieſe plötzliche Neigung zur Einſamkeit, neckte ihn unaufhör⸗ lich, und nannte ihn den hübſchen Menſchen⸗ feind. Um ihn wegen ſeines Mißgeſchickes zu tröſten, erzählte er ihm tauſend Geſchichten, die alle der ſeinen mehr oder weniger ähnlich waren. Das heitere Lachen des Baron ſteckte zuletzt Guſtav an; er lachte mit, und von der Stunde war es um ſeine Menſchenfeindſchaft geſchehen. Guſtav erſchien wieder in der Welt, und wurde mit offnen Armen aufgenommen. Er erſtaunte ſelbſt über das Wohlgefallen, das er daran fand, und bald fühlte er aufs neue ſein Herz, bei dem Anblick einer ſchönen Frau ſtärker klopfen; allein er wollte nicht lieben; er ſchwur es in ſeinem Herzen. Ach! wie ſchwer machen es zwei ſternenhelle Augen, einen ſolchen Eid zu halten! ☛☚ꝑ 198 ☛̈ r So waren mehr als zwei Jahre verſtri⸗ chen; einige Verhältniſſe, faſt ehen ſo ſchnell wieder zerriſſen, als ſie geknüpft waren, befrie⸗ digten ſein Herz nicht. Er ſuchte Glück, und fand nur Vergnügen. Die Welt ergötzte ihn zwar noch, aber ſie berauſchte ihn nicht mehr; er begann immer mehr, ſie ſchaal zu finden. Oft dage⸗ gen ſchwebte Schloß Verville vor ſeiner Phanta⸗ ſie; das Andenken an ſeine Mutter, an ſeine glück⸗ liche Kindheit, an Theobald kehrte immer hãufi⸗ ger in ſeine Seele zurück. Bald empfand er einen unwiderſtehlichen Trieb, die Stätte wie⸗ derzuſehen, wo die Ueberreſte der liebenswürdig⸗ ſten, zärtlichſten aller Mütter ruheten; ach! wie waren alle Frauen der Gegenſtand ſeiner augenblicklichen Begeiſterung, doch weit entfernt, ihr ähnlich zu ſeyn! Würde er je eine finden, die fähig wäre, ſo, wie ſie, ihn zu lieben! Eine ſolche Begleiterin durchs Leben würde ihm die höchſte Gabe des Himmels ſeyn, mit welcher Liebe würde er das Glück, das er ihr zu ver⸗ danken hätte, vergelten! — 2 ⁴☛ 199 Dieſe Gedanken übten täglich größere Ge⸗ walt über ihn aus. Je länger Guſtav in Pa⸗ ris verblieb, deſto mehr fühlte er, daß er dort nie den Schatz, nach dem ſeine Sehnſucht trach⸗ tete, finden würde!„Nein!“ ſagte er oft zu dem Baron;„unter dieſen Frauen, die nur darnach ſtreben, alle Blicke zu feſſeln, und alle Herzen zu verlocken, ſchlägt nicht dasjenige, das nur für mich klopfend, nur in meiner Liebe glücklich werden wird. Allen dieſen ſchönen Bildern, die Sehnſucht und Wünſche in mir erregen, fehlt es an dem, was allein Glückz her⸗ vorbringt!“ 8 Seis Der Baron lachte, und ſtrebte ſolche Vorſtellungen, die er überſpannt und romantiſch nannte, zu widerlegen; es gelang ihm aber nicht, Guſtav zu überzeugen. Da empfing er einen Brief von Theobald, der ihm deſſen Rückkehr nach Frankreich ver⸗ kündete. Die Hoffnung, den Freund ſeiner frü⸗ heſten Jugend bald wiederzuſehen, verlieh allen ſeinen Erinnerungen eine neue noch größere Ge⸗ ☛ 200 walt, derer, im Verein mit den lauen Sinn und Geiſt erfriſchenden Lüften des hervortretenden Frühlings, nicht länger zu widerſtehen ver⸗ mochte. Er theilte dem Baron ſeine Abſicht, nach Verville zurückkehren zu wollen, mit. Dieſer Entſchluß betrübte den Herrn de Saint Clement. Guſtav hatte ihm eine war⸗ me Neigung eingeflößt, und er wähnte ſchon, daß er ihn feſt an ſich gefeſſelt hatte. Er fand ſelber nicht länger die Befriedigung in der gro⸗ ßen Welt, die er früher gefunden, und er er⸗ ſchrak zum erſten Male über das Gefühl der Einſamkeit, die ihm zwiſchen den eignen Wän⸗ den nach der Abreiſe feines jungen Mündels entgegentreten würde; aber weder ſeine Bitten, noch die Vorſtellungen der vielen Freunde Gu⸗ ſtavs, die ſeinen Entſchluß lächerlich und bizarr fanden, vermochten dieſen zu erſchüttern. Von den ſchaalen Vergnügungen der Welt, die ſei⸗ nen Geiſt unberührt ließen, eben darum bald geſättigt, fühlte er nun erſt die Leere, welche getäuſchte Hoffnungen in ſeiner Bruſt nachge⸗ 1 — — ☛ᷓ 201 laſſen. Die Schwermuth, die ſich in dem dum⸗ pfen Raum ſeines Innern entwickelte, trieb ihn an das Grab ſeiner Mutter; den zärtlichſten Vorwürfen, den flehendſten Blicken, den lebhaf⸗ teſten Bitten zum Trotze, denen er nur ſchwei⸗ gend ein ſanftes Lächeln entgegen ſetzte, reiſte er in den erſten Tagen des Aprils nach Verville. Ein wenig ſtolz auf ſeinen muthigen Wi⸗ derſtand, die reine wohlthuende Luft der lieben Heimath einathmend, fühlte Guſtav ſich bald ſich ſelbſt wieder gegeben. Jetzt ſah er ein, daß er nicht für die Welt geſchaffen ſei; Liebe und Tugend waren ihm ernſte und heilige Be⸗ griffe. Dort wurde mit der erſteren getändelt, und die letztere oft lächerlich gemacht. Wie oft hatte er den Namen Freund entheiligen hören? und er, der Zögling der reinen, liebevollen Cäcilie des ſittlich ſtrengen milden Bermont hatte ſei⸗ ne Sinne von den lockenden Sirenen überli⸗ ſten laſſen können! allein ein ſcharfer Blick hin⸗ ter den Schleier, und er verſank wie Nebel; er hatte ſich der Wolluſt, die er nicht durch die ⁴☛☚ 202 ☛ Aumuth der Liebe verſchönern konnte, wushi entriſſen. Sein erſtes Geſchäft war, Theobalds Brief, in welchem der Freund ihn von Bordeaux aus erſucht hatte, ſeinen Beſuch ruhig abzuwarten, weil eine Reihe wichtiger Geſchäfte ihn fürs erſte nöthigten, von Ort zu Ort herumzureiſen, zu erwiedern. Er ſchrieb ihm Folgendes: „Endlich, nach einem Zwiſchenraum von „vier Jahren, ſollen wir uns bald wiederſehen, „um uns nicht mehr zu trennen. Wie oft mit „den Blicken auf das unermeßliche Meer gehef⸗ „tet, habe ich von ihm meinen Freund zurück⸗ „gefordert! Wie oft in ernſtem Sinnen verſun⸗ „ken auf den Höhen, die das Schloß beherrſchen, „mich nach dem Freunde geſehnt! Du hatteſt „mich verſtanden, hatteſt mich mir ſelbſt klar „gemacht. Ol bleibe nicht lange aus! Seit ich „Dich in Frankreich weiß, wird mir Deine Ab⸗ „weſenheit erſt recht peinlich.“ 1 „Und doch— ich glaubte, daß mancher⸗ „lei Leiden, und ernſte, traurige Betrachtungen ☛ 203 „meine Seele abgeſtumpft hatten, allein Dein „Schreiben hat mich neu geboren.“ „Obgleich es in meinem Charakter liegt, „daß die Einſamkeit mir Noth thue, ſah ich „mich doch in den Wirbel der großen Welt „hineingeſchleudert; unbeſonnen, verblendet, ließ „ich mich von gemachten Ergötzlichkeiten hinrei⸗ „ßen, und ich geſtehe, daß ſelbſt unſer Brief⸗ „wechſel darunter gelitten; allein mein Blick „durchdrang die Blumen, die den Abgrund be⸗ „bedeckten, und zwei und zwanzig Jahre alt, „entriß ich mich dieſen Verſuchnngen, dieſen „Gefahren, und mit innerem Wohlbehagen „tauſchte ich die Welt mit dem friedlichen Anf⸗ „enthalt meiner Kindheit um.“ „Der Vergnügungen gibts hier wenig; „aber ich lebe ruhig. Der Pinſel, die Muſik, mit⸗ „unter die Jagd, und vor Allem einſame Spa⸗ „ziergänge, von lieben Erinnerungen belebt, „theilen meine Tage. Du, der du mich kennſt, „deſſen ruhige Vernunft ſo oft die Ueberſpan⸗ „nung meines Kopfs und meines Herzens gemä⸗ ³☛ 204 „ßigt hat, Du mußt wiſſen, daß ich weit mehr „brauche, um glücklich zu ſeyn! Die zwei Jahre, „die ich in der Welt verlebt, haben mich zu „der Ue berzeugung gezwungen, daß meine glü⸗ „hende Seele nie befriedigt werden wird, daß „ich die Träume von Glück verbannen muß, „die meine junge, lebhafte Phantaſie aus den. „Feen⸗Mährchen, womit das Kind eingewfegt „wurde, gewebt.“ „Ich habe gekannt, was man in der Ge⸗ „ſellſchaft glückliche Abenteuer nennt; „jung und reich haben mich die Frauen nicht 4 „zurückgewieſen. Fern ſei es von mir, mich „zum ſtrengen Richter der liebenswürdigen und „zärteren Hälfte des menſchlichen Geſchlechts „aufzuwerfen! ich habe vielleicht zu viel verlangt; „ich forderte Liebe; ich wollte einen Schatten „erhaſchen, der das Feſthalten nicht ertrug. „Genug davon; ein nachgelaſſenes Heft unſers „guten Lehrers hat mich zu rechter Zeit ge⸗ „warnt; ſinnliche Leidenſchaften, und ſind dies ⁴☛☚̈ o 205 G „nicht alle Leidenſchaften? ſollen mich nicht über⸗ „wältigen.“ „Mein Vermögen gibt mir Mittel, hieri in „meiner erwählten Ruhe viel Gutés zu ſtiften; das „iſt wahrer Genuß! indeſſen bin ich von mei⸗ „ner ganzen Umgebung gewiß der traurigſte; „meine Beſtimmung iſt nicht erfüllt, ich habe „nicht das Höchſte gekannt; die Wonne, mit „allen Kräften der Seele geliebt zu werden und „zu lieben!“ „Mit einem Wort, ich bin nicht glücklich; nallein ich habe mir nichts vorzuwerfen; oft ge⸗ „täuſcht, bin ich nie treulos geweſen, und ich „werde immer ein Geſchlecht verehren, zu dem „meine Mutter, die beſte, die hinreißendſte al⸗ „ler Frauen gehörte.“ „Und nun, Du biſt wieder da, mein Ge⸗ „ſchick erhellt ſich aufs neue. Nie habe ich die „heilige Freundſchaft verletzt, die wir uns in „den Händen meiner theuern Mutter gelobt; an „ihrem Grabe werden wir unſer Gelübde er⸗ „neuern; ihre Manen werden unſre Wiederver⸗ K ☛ 206 „einigung umſchweben. Der Gedanke, daß bald „Deine Gegenwart meine Einſamkeit beleben 98„ſoll, verſchönert mir die Natur, und tauſend „liebe Erinnerungen erwachen in meiner Seele. „Und Du ſäumſt noch, mich der Heiterkeit der „Jugend wieder zu geben.“. Was Guſtav in dieſem Schreiben ausge⸗ ſprochen, ſprach ſich auch in ſeinem Gemüthe aus. Er wurde allmählig heiterer, obgleich er noch allen Umgang mit der größeren Welt floh; indeſſen that er doch an ſeinen Intendan⸗ ten zum erſten Mal einige Fragen, die Be⸗ wohner der nächſten Güter betreffend; mehrere derſelben hatten Beſitzer gewechſelt, unter an⸗ dern das des Herrn d'Adelmar; Niemand hat⸗ te es bewohnt ſeit der Zeit, da er mit ſeiner Toch⸗ ter nach Paris gereiſt war; und das Gerücht wollte, daß er es herabgekommener Vermögens⸗ umſtände zu Folge verkauft haben ſollte. Gu⸗ ſtav bedauerte Mademoiſelle d'Adelmar; er konnte nicht umhin zu lächeln, indem er ſich das glühende Geſicht und die Ungeſchicktheit ☛☚ 207 des jungen Mädchens ins Gedächtniß zurück⸗ rief; obgleich er dabei bemerkte, daß dieſe über⸗ triebene Schüchternheit, wäre ſie nur von grö⸗ ßerer Anmuth begleitet geweſen, mehr werth ſei, als das freie Benehmen der weiblichen Ju⸗ gend, die ihm in Paris begegnet war. Die Schule der zwölf Waiſen, die dem Grafen Erziehung und Unterhalt zu verdanken hatten, war an der Küſte des Meeres am Fuß des Felſens, der das Grab ſeiner Mutter um⸗ ſchloß, hingebaut. Eine Capelle von einfacher, aber edler Bauart, ſtieß dicht an dies Gebäu⸗ de, wo Guſtav im ruhigen Anſchauen und Ge⸗ nuß ſeines gelungenen Werkes viele Stunden verbrachte. Viele Frauen der Gegend hörten gern un⸗ ter dem Vorwand, daß dieſe Capelle ihrer Woh⸗ nung näher ſei, dort die Meſſe; allein dieje⸗ nigen von ihnen, die ſie in der Abſicht beſuch⸗ ten, eine Bekanntſchaft mit dem hübſchen Ein⸗ ſiedler einzuleiten; fanden ſich in ihrer Erwar⸗ tung getäuſcht. Guſtav beſuchte zwar Sonn⸗ ☛ 208 tags die Capelle, allein er ſprach mit Nieman⸗ den und verſchwand, ſobald der Cultus been⸗ det war. Nun wurde ein anderes Mittel ver⸗ ſucht, um ihn der Geſellſchaft zurückzugeben. Der Park am Schloſſe war ſehr groß und prächtig; man ließ um Erlaubniß bitten, Hihn zu beſuchen, was ſogleich geſtattet wurde; allein eine Glocke am Eingange verkündete im⸗ mer die Ankunft der Beſucher; und befand der Graf ſich dann im Garten, zog er ſich gern ins Schloß zurück. Wenn er zufällig Jemandem begeg⸗ nete, war ein artiger Gruß im Vorbeigehen die ganze Unterhaltung. Die Frauen, dieſes wunderlichen Beneh⸗ mens bald müde, ſchloſſen ein Bündniß gegen ihn; indeſſen konnten doch diejenigen, die ſich am meiſten angeregt fühlten, ſeinem Betragen eine lächerliche Seite abzugewinnen wenn ſie die ſchönen Züge, die Schwermuth und Ueber⸗ druß des Daſeyns ausſprachen, erblickten, nicht umhin, ihn zu beklagen, und aufs neue Verſu⸗ che zu machen, ſich ihm zu nähern. Zehn⸗ 4 209 Zehntes Capitel. Die Rückkehr des Inni⸗Monats hatte Gu⸗ ſtavs ſtillen Kummer erneuert, und der Ein⸗ ſamkeit ſeiner Seele die Ueberſpannung wieder⸗ gegeben, welche die Welt einen Angenblick ent⸗ kräftet zu haben ſchien; nur zu oft durchlas er die Erinnerungen ſeiner Mutter, und je⸗ desmal beneidete er Lineuil das Glück, ſich ſolch ein treues Herz eigen gemacht zu haben. Oft auf dem Felſen hingeworfen glaubte er das herrliche Mädchen vor ſich zu ſehen, wie ſie jenen Kuß, das erſte Pfand des Glücks und das letzte der Liebe empfing. Nur zu nahe mit dieſen Bildern verwandt, führten ſie ihm die kurzen glücklichen Augenblicke in den Armen der reizenden Athenais und die Täuſchung von ſteter Treue, die ſie damals verſchönert hatte, vor die Augen. Die regbaren Sinne vermehr⸗ ten die Verwirrung ſeiner Gedanken, er ſprach laut, als wolle er der ihn umringenden Na⸗ Lebewohl. I. Thl. 14 ☛̈ 210 ☛ tur ein für ihn beſtimmtes Weſen, ein We⸗ ſen ſeiner heißen Sehnſucht würdig, abfordern. Eines Abends ſaß Guſtav an dem Grabe ſeiner Mutter; die Luft war den ganzen Tag über brennend geweſen; jetzt wehete ein leiſer Abendwind ſanfte Kühlung herunter. Der Himmel war rein und ruhig, der Mond ſchwamm an dem tiefblauen dunklen Gewölbe, und verbrei⸗ tete ſtill umher ſein ſilberweißes Licht. Der Duft der Blumen, noch ſtärker beim Anbruch der Nacht, füllte die Atmoſphäre mit ſüßberau⸗ ſchenden Ergüſſen; nie hatte das Herz des Jüng⸗ lings ſo ſehnſuchtsvoll geſchlagen; nie hatte er ſich ſo allein empfunden; er flüchtete ſich in die Vergangenheit, die Liebkoſungen ſeiner Mutter, ihre zarte Sorgfalt, ihre milden Schmeichel⸗ worte, der Stolz, der in ihrem Auge brannte, wenn es auf ihm ruhete, ſchwebten ihm vor, lebendiger als je. Ihr Geiſt, ihre mütterliche Liebe, ſprachen ſich ſo ganz in ihren letzten Worten aus: ſie hatte um ihres Sohnes willen gern leben wollen! Ach! war ⁴☛.☛ 211 das nicht, ihn ſelbſt dem vorzuziehen, den ſie ſo innig geliebt, von dem die Trennung ihr Herz ſo tödtlich verwundet. Nie, nie hatte er Alles, was ſie ihm geweſen, ſo tief empfunden. Er konnte ſich eines unfreiwilligen Ausrufes nicht enthalten:„O!“ rief er laut in einem gepreß⸗ ten Ton, der mehr als ſeine Worte, ein ſchmerz⸗ liches bitteres Hadern mit ſeinem Geſchick aus⸗ ſprach!„Ol meine Mutter! wer wird mich lie⸗ ben, wie Du?“ „„Ich!““ erwiederte eine ſanfte, zitternde Stimme.— Guſtav ſprang raſch auf, um zu entdek⸗ ken, woher dieſe Worte kamen; in dieſem Au⸗ genblick ſtreifte ein leichter Kahn dem Fuß des Felſens vorüber, und entfernte ſich mit fliegen⸗ der Schnelligkeit; er kann nicht mehr die, die darin ſind, unterſcheiden, allein das verworrene Flüſtern eines Geſprächs noch vernehmen, das zu erkennen zu geben ſcheint, daß der Zufall allein dieſe Antwort hervorgebracht habe. Er entfernte ſich langſam, in Gedanken — 8„ ⁴☛ 212 ☛ verſunken; und gegen ſeinen Willen machte dies ſonderbare Zuſammentreffen ſein Herz beben. Den folgenden Tag erſchien er tiefer, als ſonſt, in ſich gekehrt; ein ſcharfer Beobachter würde indeſſen einen Anflug von Lebhaftigkeit, den Unruhe und Hoffnung vereint ausſprachen, in ſeinen Bewegungen bemerkt haben. Was kann er denn hoffen? in welcher Er⸗ wartung ſucht ſein Auge ſo oft den Zeiger der Uhr! Er weiß es nicht ſelbſt; allein zu der ge⸗ wöhnlichen Stunde ſeiner kleinen Wanderun⸗ gen eilte er ſchnell nach dem Felſen, ſeine Blicke hafteten auf dem Meere; er ſeufzte, als wäre er in ſeiner Erwartung getäuſcht; und fich ſelbſt vorwerfend, daß er hier an etwas Anderes früher, als an die Mutter denken konnte, wandte er ſich mit einem ſchmerzlichen Lächeln, das ſeinen Gedanken entſprach, dem Grabe zu. Wer malt ſein Erſtaunen? Ein zuſam⸗ mengelegtes verſiegeltes Blatt ruhte auf dem Marmor; er fühlte ein Beben im Innern. ⁴☛ 213£☚ Mit raſchem Eifer öffnete er das Schreiben und las:. „Guſtav! Sie leiden! fern von mir ſei „die kleinliche Ziererei, welche die ſogenannte „Schicklichkeit vorſchreibt. Ein freundliches Herz „ſchlägt dem Ihrigen entgegen, indem es „deſſen Schmerzen theilt. Alles trennt uns; „Sie werden mich nicht kennen; allein ſollte „die Ueberzeugung, auf immer geliebt zu ſeyn, „nicht weghauchen können die Schwermuth, die „einen Trauer⸗Schleier über Ihre Tage ver⸗ „breitet?“. „So war es denn keine Täuſchung!“ rief Guſtav;„jener Ton, der in der Tiefe meiner Seele wiederhallt, gehört den Lippen eines mit⸗ fühlenden Weſens; dies Wort, das Geſtändniß der innigſten Ergebung, war an mich gerich⸗ tet; jetzt bin ich nicht mehr auf der Erde allein; ja, dieſe Frau, die meine Mutter zum Vorbild ihrer Liebe wählt, die iſt es, die mein Herz gerufen.“ Die romantiſche Phantaſie des Grafen ☛ 2144 loderte mittelſt des Geheimniſſes, das ſich über dies Begegniß verbreitete, immer flammender auf; er verlieh der Unbekannten jeden Zauber des Geiſtes und der Anmuth; er antwortete, in einem Schreiben, das ſein Entzücken, ſo ge⸗ liebt zu ſeyn, ausſprach, und mit glühendem Zagen entwarf er eine Schilderung des Glük⸗ kes zweier Weſen, die eine gegenſeitige treue Liebe verbindet. Sein Herz liegt offen der, die nur zu wollen brauchte, um die angebetete Herrin al⸗ ler ſeiner Empfindungen, die Gefährtin ſeines Lebens zu werden. Ein Anflug von Schmer⸗ muth war über die Erzählung von den Jah⸗ ren, die er der Welt und der Thorheit gewid⸗ met hatte, gehaucht. Guſtavs reiner und edler Sinn ahnten keinen Augenblick die Möglichkeit, daß die Frau, die ihm zuvorkommt, die ihm eine unverlangte Liebe widmet, der ſeinigen unwürdig ſeyn könne. Er empfindet, daß ſie nie, wenn er glücklich geweſen wäre, die angeerbte Sitte der Welt, die eine Frau zuerſt zu lieben oder ⁴☛ 215 wenigſtens es zu bekennen nicht geſtattete, ver⸗ letzt haben würde. Er hat die Worte: Sie werden mich nicht kennen, geleſen, ohne eine Beziehung darein legen zu wollen; er bemüh⸗ te ſich, ſie, die er ſchon liebte, zu ermuthigen, er flehte ſie an, ſich ihm zu zeigen. Nachdem er den Brief dort hingelegt, wo er das Schreiben der Unbekannten gefunden, eilte er ſchnell zurück; mit welcher Beklommen⸗ heit erwartete er den nächſten Tag; er verbot der Dienerſchaft, in Zukunft dem Felſen zu nahen, und dieſe, ihrem Herrn ergeben, freute ſich, ihn weit belebter, als früher zu ſehen, ohne ſich um die Veranlaſſung dieſes Verbots zu bekümmern. Es iſt nicht ſchwer, das Unglück zu ſchil⸗ dern: die Welt iſt zu reich an Muſtern zu ei⸗ nem ſolchen Bilde. Wo aber finden wir leb⸗ hafte, hinreichend glänzende Farben, um das Gemälde des Glücks täuſchend hinzuſtellen? Dies Ziel, verſchieden für Alle, von Jedwedem erſehnt und ſo ſelten erreicht, ſtand nahe und ſonnenhell vor Guſtavs Blicken. Unabhängig, Gebieter eines unermeßlichen Vermögens fühlte er ſich aller Hinderniſſe überhoben! Endlich ſah er einen der bezaubernden Träumsè ſeiner Ju⸗ gend der Erfüllung nahe; ſeine Phantaſie hatte ſeine ganze Lebhaftigkeit, die ganze Gluth, wel⸗ che vor Kurzem hoffnungsloſe Sehnſucht, und Unmuth getäuſchter Hoffnungen nisdsdedeja wieder gewonnen. Nach einer Nacht voller Unruhe und ſü⸗ ßer Träuine begegnete ſeinem Blicke ein klarer und milder Himmel; ein Vorzeichen des Glücks; hätte er nur ſeine Ungeduld gefragt, würde er gleich nach dem Felſen hingeeilt ha⸗ ben; allein ein tiefes Gefühl hielt ihn zurück; es war ihm, als müſſe er die Stunde abwar⸗ ten, in der er die ſüße Stimme vernommen, die noch immer in ſeiner Seele wiederhallte; dieſe Stunde war ihm von nun an heilig; ſo wie für ihn, ſo auch für ſie, müßte es diejenige ſeyn, in der ſich ihre Gedanken vereinten. Der Tag kam ihm ſehr lang vor, und doch hatte er keine ☛ 217 Langeweile; ein unſichtbares Weſen begleitete ihn überall, drängte ſich in ſeinen Vorſtellun⸗ gen, und verlieh Guſtavs ſonſt ſtolzen Blicken eine milde Gluth.. Kaum war der Mittag vorüber, da ver⸗ tiefte ſich Guſtav ſchon in den Park, und ſuchte durch immer ſchnellere Schritte die Zeit, die er noch warten mußte, abzukürzen. Glücklichen Träumen hingegeben, merkte er nicht, daß meh⸗ rere Fremde ihm naheten; er wurde begrüßt, angeredet, obgleich unzufrieden, daß er geſtört wurde, vergaß er doch nicht die Geſetze der Ar⸗ tigkeit. Seine Seele war jedoch innerlich hei⸗ ter; und eine ſo lange verſchleierte anmuthige Lebhaftigkeit drang in ſeinen Geſprächen ſie⸗ gend hervor. Unter der Geſellſchaft befanden ſich zwei ſchöne Frauen, die ſchon früher vergeblich ge⸗ ſtrebt, Guſtavs Aufmerkſamkeit zu feſſeln, heute ſchien es ihnen zu gelingen; mit beklomme⸗ nem gepreßten Herzen fragten ſich die gewech⸗ ſelten Blicke; iſt dies wirklich der kalte, unem⸗ ☛ 218 ☛. pfängliche, abſtoßende Mann. Sie ergaben ſich willig der ſüßen Gefahr, ihn zu betrachten, ihn anzuhören, mit tauſend kleinen Kunſtgriffen, mit geheimer Hoffnung wetteiferten beide, ihm zu gefallen. Da tönt die ferne Glocke die beſtimmte Stunde herab, und der kurze Zauber iſt verſchwunden. Guſtav ſtockt, wird zerſtreut, beurlaubt ſich flüchtig, und entfernt ſich mit ſolcher Eile, daß die beiden überraſchten Frauen, ſich beſtürzt anſehend, und, als beantwortete jede den Gedanken der Andern, einſtimmig rie⸗ fen:„Er iſt doch immer derſelbe!“ Guſtav war indeſſen ſchnell nach dem Fel⸗ ſen geeilt; ja! ein neuer Brief erwartete ihn. Er öffnete ihn ſchnell und las. „Ich liebe Sie, Guſtav! mit dem ganzen „Gefühl des Glücks, wiederhole ich Ihnen die „Zuſicherung einer Empfindung, die mächtiger „iſt, als meine Pflichten, als die Sitte, als „die Furcht ſelbſt, von Ihnen verkannt zu wer⸗ „den. Wenn mich Ihr Brief nur den klein⸗ „ſten Zweifel, den kleinſten Tadel hätte erblik⸗ 219 „ken laſſen, würde er mir den Tod gegeben „habenz aber unſre Herzen haben ſich verſtan⸗ „den. Sie haben empfunden, daß diejenige „Ihrer würdig ſei, die ihrer Leidenſchaft würde „widerſtanden haben, aber Alles darum hinge⸗ „geben, um Ihrer Seele Troſt einhauchen „zu können.“— „O! Guſtav! wie ſtolz bin ich auf meine „Wahl! und wie überglücklich, Ihnen ſagen „zu können: ich bin Ihrer werth. Indeſſen „erheben ſich beinahe unüberſteigliche Scheide⸗ „wände zwiſchen uns. Ich kann Ihnen ſie „nicht erblicken laſſen. Die Ueberzeugung Ihrer „Liebe wird ohne Zweifel die ſtärkſte beſeitigen, „und die Zukunft den Schleier, der mich be⸗ „deckt, vielleicht lüften.“ „Thun Sie keine Schritte, um mich per⸗ „ſönlich kennen zu lernen. Sie werden ver⸗ „geblich ſeyn, und können nur bewirken, daß „Sie mich verlieren. Nur für Sie zu ath⸗ „men, ſei mein künftiges Geſchick; und ſollte ⁴☛ 220 „der Tod mich treffen, würde mein letzter Seuf⸗ „zer ſeyn: Guſtav, ich liebe Dich!’“ Entzückt preßte der Graf das Blatt an ſeine Lippen, an ſein Herz. Er wußte die ſtolze Seele zu würdigen, der ein bloßer Argwohn den Tod gegeben hätte; mit freudigem Selbſt⸗ gefühl wiederholte er mehrmals: ie iſt mei⸗ maner ganzen Liebe würdig.“ G Ende des erſten Theils. Fſiſnſennnſſfſffſfſf 9 11 12 13 14 15 1 ſſſſſſſſſmnſnnſnſnnnnin. 6 17 18