— 2 ** A ₰ e Bath V — o— Von Z. T. TI. Nokkmann. Ausgabe letzter Hand. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1831. ————enB=DT d Rath Krespel. Rath Krespel war einer der allerwunderlichſten Menſchen, die mir jemals im Leben vorgekommen. Als ich nach H— zog, um mich einige Zeit dort aufzuhalten, ſprach die ganze Stadt von ihm, weil ſo eben einer ſeiner allernärriſchſten Streiche in voller Blüthe ſtand. Krespel war berühmt als ge⸗ lehrter gewandter Juriſt und als tüchtiger Diplo⸗ matiker. Ein nicht eben dedeutender regierender Fürſt in Deutſchland hakte ſich an ihn gewandt, um ein Memorial auszuarbeiten, daß die Ausfüh⸗ rung ſeiner rechtsbegründeten Anſprüche auf ein ge⸗ wiſſes Territvrium zum Gegenſtand hatte, und das er dem Kaiſerhofe einzureichen gedachte. Das ge⸗ ſchah mit dem glücklichſten Erfolg, und da Krespel einmal geklagt hatte, daß er nie eine Wohnung ſeiner Bequemlichkeit gemäß finden könne, übernahm der Fürſt, um ihn für jenes Memorial zu lohnen, die Koſten eines Hauſes, das Krespel ganz nach ſeinem Gefallen aufbauen laſſen ſollte. Auch 4* — den Platz dazu wollte der Fürſt nach Krespels Wahl ankaufen laſſen; das nahm Krespel indeſſen nicht an, vielmehr blieb er dabei, daß das Haus in ſei⸗ nem vor dem Thor in der ſchönſten Gegend belegenen Garten erbaut werden ſolle. Nun kaufte er alle nur mögliche Materialien zuſammen und ließ ſie hinausfahren; dann ſah man ihn, wie er Tage lang in ſeinem ſonderbaren Kleide(das er übrigens ſelbſt angefertigt nach beſtimmten eigenen Prinzipien) den Kalk löſchte, den Sand ſiebte, die Mauerſteine in regelmäßige Haufen aufſetzte u. ſ. w. Mit ir⸗ gend einem Baumeiſter hatte er nicht geſprochen, an irgend einen Riß nicht gedacht. An einem guten Tage ging er indeſſen zu einem tüchtigen Mauer⸗ meiſter in H— und bat ihn, ſich Morgen bei An⸗ bruch des Tages mit ſämmtlichen Geſellen und Bur⸗ ſchen, vielen Handlangern u. ſ. w. in dem Garten einzufinden, und ſein Haus zu bauen. Der Bau⸗ meiſter fragte natürlicher Weiſe nach dem Bauriß, und erſtaunte nicht wenig, als Krespel erwiederte, es bedürfe deſſen gar nicht, und es werde ſich ſchon alles wie es ſeyn ſolle, fügen. Als der Meiſter anderen Morgens mit ſeinen Leuten an Ort und Stelle kam, fand er einen im regelmäßigen Viereck gezogenen Graben, und Krespel ſprach:„Hier ſoll das Fundament meines Hauſes gelegt werden, und dann bitte ich die vier Manern ſo lange hinaufzu⸗ führen, bis ich ſage,„nun iſt's hoch genug.“„Ohne Feuſter und Thüren, ohne Quermauer 2 fiel der Meiſter, wie über Krespel's Wahnſinn erſchrocken, ein.„So wie ich Ihnen es ſage, beſter Mann,“ er⸗ wiederte Krespel ſehr ruhig,„das Uebrige wird ſich alles finden.“ Nur das Verſprechen reicher Be⸗ lohnung konnte den Meiſter bewegen, den unſinni⸗ gen Bau zu unternehmen; aber nie iſt einer luſtiger geführt worden, denn unter beſtändigem Lachen der Arbeiter, die die Arbeitsſtätte nie verließen, da es Speis und Trank vollauf gab, ſtiegen die vier Mau⸗ ern unglaublich ſchnell in die Höhe, bis eines Tages Krespel rief:„Halt Da ſchwieg Kell' und Ham⸗ mer, die Arbeiter ſtiegen von den Gerüſten herab, und indem ſie den Krespel im Kreiſe umgaben, ſprach es aus jedem lachenden Geſicht: Aber wie nun weiter? —„Platz!“ rief Krespel, lief nach einem Ende des Gartens, und ſchritt dann langſam auf ſein Viereck los, dicht an der Mauer ſchüttelte er un⸗ willig den Kopf, lief nach dem andern Ende des Gartens, ſchritt wieder auf das Viereck los, und machte es wie zuvor. Noch einige Male wieder⸗ holte er das Spiel, bis er endlich, mit der ſpitzen Naſe hart an die Mauer angelaufen, laut ſchrie: „Heran, heran ihr Leute, ſchlagt mir die Thür ein, hier ſchlagt mir eine Thür ein!— Er gab Länge und Breite genau nach Fuß und Zoll an, und es geſchah wie er geboten. Nun ſchritt er hinein in das Haus, und lächelte wohlgefällig, als der Mei⸗ 7 3 ſter bemerkte, die Mauern hätten gerade die Höhe eines tüchtigen zweiſtöckigen Hauſes. Krespel ging in dem innern Raum bedächtig auf und ab, hinter ihm her die Maurer mit Hammer und Hacke, und ſo wie er rief: Hier ein Fenſter, ſechs Fuß hoch, vier Fuß breit!— dort ein Fenſterchen, drei Fuß hoch, zwei Fuß breit! ſo wurde es flugs eingeſchla⸗ gen. Gerade während dieſer Operation kam ich nach H—, und es war höehſt ergötzlich anzuſehen, wie hunderte von Menſchen um den Garten herum⸗ ſtanden, und allemal lant aufjubelten, wenn die Steine herausflogen, und wieder ein neues Fenſter entſtand, da wo man es gar nicht vermuthet hatte. Mit dem übrigen Ausbau des Hauſes und mit al⸗ len Arbeiten, die dazu nöthig waren, machte es Krespel auf eben dieſelbe Weiſe, indem ſie alles an Ort und Stelle nach ſeiner augenblicklichen Angabe verfertigen mußten. Die Poſſirlichkeit des ganzen Unternehmens, die gewonnene Ueberzeugung, daß alles am Ende ſich beſſer zuſammengeſchickt als zu erwarten ſtand, vorzüglich aber Krespel's Frei⸗ gebigkeit, die ihm freilich nichts koſtete, erhielt alle bei guter Laune. So wurden die Schwierig⸗ keiten, die die abenteuerliche Art zu bauen herbei⸗ sühren mußte; überwunden, und in kurzer Zeit ſtand ein völlig eingerichtetes Haus da, welches von der Außenſeite den tollſten Anblick gewährte, da kein Feuſter dem andern gleich war u. ſ. w. deffen 9 innere Einrichtung aber eine ganz eigene Wohlbe⸗ haglichkeit erregte. Alle, die hinein kamen, ver⸗ ſicherten dies, und ich ſelbſt fühlte es, als Krespel nach näherer Bekanntſchaft mich hineinführte. Bis jetzt hatte ich nämlich mit dem ſeltſamen Manne noch nicht geſprochen, der Bau beſchäftigte ihn ſo ſehr, daß er nicht einmal ſich bei dem Profeſſor Mn Dienſtags, wie er ſonſt pflegte, zum Mittagseſſen einfand, und ihm, als er ihn beſonders eingeladen, ſagen ließ, vor dem Einweihungsfeſte ſeines Hauſes käme er mit keinem Tritt aus der Thür. Alle Freunde und Bekannte verſpitzten ſich auf ein großes Mahl. Krespel hatte aber niemand gebeten, als ſämmtliche Meiſter, Geſellen, Burſche und Hand⸗ langer, die ſein Haus erbaut. Er bewirthete ſie mit den feinſten Speiſen. Maurerburſche fraßen rückſichtslos Rebhuhn⸗Paſteten, Tiſchlerjungen ho⸗ belten mit Glück an gebratenen Faſanen, und hung⸗ rige Handlanger langten diesmal ſich ſelbſt die vortrefflichſten Stücke aus dem Trüffel⸗Frikaſſee zu. Des Abends kamen die Frauen und Töchter, und es begann ein großer Ball. Krespel walzte etwas weniges mit den Meiſterfrauen, ſetzte ſich aber dann zu den Stadtmuſikanten, nahm eine Geige und dirigirte die Tanzmuſik bis zum hellen Morgen. Den Dienſtag nach dieſem Feſte, welches den Rath Krespel als Volksfreund darſtellte, fand ich ihn endlich zu meiner nicht geringen Freude bei dem Profeſſor Mrns. Verwunderlicheres als Krespels Betragen kann man nicht erfinden. Steif und ungelenk in der Bewegung glaubte man jeden Augenblick, er würde irgendwo anſtoßen, irgend einen Schaden anrichten. Das geſchah aber nicht, und man wußte es ſchon, denn die Hausfrau erblaßte nicht im min⸗ deſten, als er mit gewaltigem Schritt um den, mit den ſchönſten Taſſen beſetzten Tiſch, ſich herum⸗ ſchwang, als er gegen den bis zum Boden reichen⸗ den Spiegel manövrirte, als er ſelbſt einen Blu⸗ mentopf von herrlich gemaltem Porcellan ergriff, und in der Luft herumſchwenkte, als ob er die Far⸗ ben ſpielen laſſen wolle. Ueberhaupt beſah Kres⸗ pel vor Tiſche alles in des Profeſſors Zimmer auf das genaueſte, er langte ſich auch wohl, auf den ge⸗ polſterten Stuhl ſteigend, ein Bild von der Wand berab, und hing es wieder auf. Dabei ſprach er viel und heftig, bald(bei Tiſche wurde es auffal⸗ lend) ſprang er ſchnell von einer Sache auf die an⸗ dere, bald konnte er von einer Idee gar nicht los kommen, immer ſie wieder ergreifend, gerieth er in allerlei wunderliche Irrgänge, und konnte ſich nicht wieder finden, bis ihn etwas anderes erfaßte. Sein Ton war bald rauh und heftig ſchreiend, bald leiſe gedehnt, ſingend, aber immer paßte er nicht zu dem, was Krespel ſprach. Es war von Muſik die Rede, man rühmte einen neuen Komponiſten, da lä⸗ chelte Krespel, und ſprach mit ſeiner leiſen ſingen⸗ 41 den Stimme:„Wollt ich doch, daß der ſchwarzge⸗ ſiederte Satan den verruchten Tonverdreher zehn⸗ tauſend Millionen Klaftern tief in den Abgrund der Hölle ſchlüge!“— Dann fuhr er heftig und wild herans:„Sie iſt ein Engel des Himmels, nichts als reiner Gott geweihter Klang und Ton! — Licht und Sternbild alles Geſanges!“— Und dabei ſtanden ihm Thränen in den Augen. Man mußte ſich erinnern, daß vor einer Stunde von ei⸗ ner berühmten Sängerin geſprochen worden. Es wurde ein Haſenbraten verzehrt, ich bemerkte, daß Krespel die Knochen auf ſeinem Teller vom Fleiſche ſorglich ſäuberte, und geuaue Nachfrage nach den Haſenpfoten hielt, die ihm des Profeſſors fünfjäh⸗ riges Mädchen mit ſehr freundlichem Lächeln brachte. Die Kinder hatten überhaupt den Rath ſchon wäh⸗ rend des Eſſens ſehr freundlich angeblickt, jetzt ſtan⸗ den ſie auf und nahten ſich ihm, jedoch in ſcheuer Ehrfurcht und nur auf drei Schritte. Was ſoll denn das werden, dachte ich im Innern. Das De⸗ ſert wurde aufgetragen. Da zog der Rath ein Kiſtchen aus der Taſche, in dem eine kleine ſtäh⸗ lerne Drehbauk lag, die ſchrob er ſofort an den Tiſch feſt, und nun drechſelte er mit unglaublicher Geſchicklichkeit und Schnelligkeit aus den Haſen⸗ knochen allerlei winzig kleine Döschen und Büchs⸗ chen und Kügelchen, die die Kinder jubelnd empfin⸗ gen. Im Moment des Aufſtehens von der Tafel 12 fragte des Profeſſors Nichte:„Was macht denn unſere Antonie, lieber Rath?“=— Krespel ſchnitt ein Geſicht, als wenn jemand in eine bittere Po⸗ meranze beißt, und dabei ausſehen will, als wenn er Süßes genoſſen; aber bald verzog ſich dies Ge⸗ ſicht zur graulichen Maske, aus der recht bitterer, grimmiger, ja wie es mir ſchien, recht teufliſcher Hohn herauslachte.„Unſere? Unſere liebe Anto⸗ nie?“ frug er mit gedehntem, unangenehm ſingen⸗ den Tone. Der Profeſſor kam ſchnell heran. In dem ſtrafenden Blick, den er der Nichte zuwarf, las ich, daß ſie eine Seite berührt hatte, die in Krespels Innerm widrig diſſoniren mußte.„Wie ſteht es mit den Violinen?“ frug der Profeſſor recht luſtig, indem er den Rath bei beiden Händen erfaßte. Da heiterte ſich Krespels Geſicht auf, und er erwiederte mit ſeiner ſtarken Stimme:„Vor⸗ trefflich, Profeſſor, erſt heute hab' ich die treffliche Geige von Amati, von der ich neulich erzählte, welch' ein Glücksfall ſie mir in die Hände geſpielt, erſt heute hab ich ſie aufgeſchnitten. Ich hoffe, Antonie wird das übrige ſorgfältig zerlegt haben.“ „Antonio iſt ein gutes Kind,“ ſprach der Profeſ⸗ ſor.„Ja wahrhaftig, das iſt ſie!“ ſchrie der Rath, indem er ſich ſchnell umwandte, und mit einem Griff Hut und Stock erfaſſend, ſchnell zur Thüre hinausſprang. Im Spiegel erblickte ich, daß ihm helle Thränen in den Augen ſtanden. 13 Sobald der Rath fort war, drang ich in den Profeſſor, mir doch nur gleich zu ſagen, was es mit den Violinen und vorzüglich mit Antonien für eine Bewandtniß habe.„Ach, ſprach der Profeſſor, wie denn der Rath überhaupt ein ganz wunderli⸗ cher Menſch iſt, ſo treibt er auch das Violinbauen auf ganz eigene tolle Weiſe.“„Violinbauen?“ fragte ich ganz erſtaunt.„Ja,“ fuhr der Profeſſor fort,„Krespel verfertigt nach dem Urtheil der Ken⸗ ner die herrlichſten Violinen, die man in neuerer Zeit nur finden kann. Sonſt ließ er manchmal, war ihm eine beſonders gelungen, andere darauf ſpielen, das iſt aber ſeit einiger Zeit ganz vorbei. Hat Krespel eine Violine gemacht, ſo ſpielt er ſelbſt eine oder zwei Stunden darauf, und zwar mit höch⸗ ſter Kraft, mit hinreißendem Ausdruck, dann hängt er ſie aber zu den übrigen, ohne ſie jemals wieder zu berühren oder von andern berühren zu laſſen. Iſt nun irgend eine Violine von einem alten vor⸗ züglichen Meiſter aufzutreiben, ſo kauft ſie der Rath um jeden Preis, den man ihm ſtellt. Eben ſo wie ſeine Geigen, ſpielt er ſie aber nur ein einziges Mal, dann nimmt er ſie auseinander, um ihre in⸗ nere Struktur genau zu unterſuchen, und wirft, findet er nach ſeiner Einbildung nicht das, was er gerade ſuchte, die Stücke unmuthig in einen großen Kaſten, der ſchon voll Trümmer zerlegter Violinen ſſt.“„Wie iſt es aber mit Antonien? frug ich VIII. 2 414 ich ſchnell und heftig.„Das iſt nun,“ fuhr der Profeſſor fort,„eine Sache, die den Rath mich könnte in höchſtem Grade verabſcheuen laſſen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß bei dem im tiefſten Grunde bis zur Weichlichkeit gutmüthigen Charak⸗ ter des Rathes es damit eine beſondere geheime Bewandkuiß haben müſſe. Als vor mehreren Jah⸗ ren der Rath hieher nach H— kam, lebte er ana⸗ choretiſch mit einer alten Haushälterin in einem finſtern Hauſe auf der— Straße. Bald erregte er durch ſeine Sonderbarkeit die Neugierde der Nachbarn, und ſogleich, als er dies merkte, ſuchte und fand er Bekanntſchaften. Eben wie in meinem Hauſe gewöhnte man ſich überall ſo an ihn, daß er unentbehrlich wurde. Seines rauhen Aeußern un⸗ erachtet, liebten ihn ſogar die Kinder, ohne ihn zu betäſtigen, denn trotz aller Freundlichkeit behielten ſie eine gewiſſe ſcheue Ehrfurcht, die ihn vor allem Zudringlichen ſchützte. Wie er die Kinder durch allerlei Künſte zu gewinnen weiß, haben Sie heute geſehen. Wir hielten ihn alle für einen Hageſtolz, und er widerſprach dem nicht. Nachdem er ſich ei⸗ nige Zeit hier aufgehalten, reiſte er ab, niemand wußte wohin, und kam nach einigen Monaten wie⸗ der. Den andern Abend nach ſeiner Rückkehr wa⸗ ren Krespels Fenſter ungewöhnlich erleuchtet, ſchon dies machte die Nachbarn aufmerkſam, bald vernahm man aber die ganz wunderherrliche Stimme eines Frauenzimmers, von einem Pianoforte begleitet. Dann wachten die Töne einer Violine auf, und ſtrit⸗ ten in regem feurigem Kampfe mit der Stimme. Man hörte gleich, daß es der Rath war, der ſpielte. Ich ſelbſt miſchte mich unter die zahlreiche Menge, die das wundervolle Konzert vor dem Hauſe des Rathes verſammelt hatte, und ich muß Ihnen ge⸗ ſtehen, daß gegen die Stimme, gegen den ganz ei⸗ genen tief in das Innerſte dringenden Vortrag der Unbekannten, mir der Geſang der berühmteſten Sän⸗ gerinnen, die ich gehört, matt und ausdruckslos ſchien. Nie hatte ich eine Ahnung von dieſen lang ausgehaltenen Tönen, von dieſen Nachtigallwirbeln, von dieſem Auf⸗ und Abwogen, von dieſem Steigen bis zur Stärke des Orgellautes, von dieſem Sinken bis zum leiſeſten Hauch. Nicht einer war, den der ſüſeſte Zauber nicht umfing, und nur leiſe Seufzer gingen in der tiefen Stille auf, wenn die Sänge⸗ rin ſchwieg. Es mochte ſchon Mitternacht ſeyn, als man den Nath ſehr heftig reden hörte, eine andere männliche Stimme ſchien, nach dem Tone zu urtheilen, ihm Vorwürfe zu machen, dazwiſchen klagte ein Mädchen in abgebrochenen Reden. Hef⸗ tiger und heftiger ſchrie der Rath, bis er endlich in jenen gedehnten ſingenden Ton ſiel, den Sie kennen. Ein lauter Schrei des Mädchens unter⸗ brach ihn, dann wurde es todtenſtille, bis plötzlich es die Treppe herabpolterte, und ein junger Menſch 46 ſchluchzend hinausſtürzte, der ſich in eine nahe ſte⸗ hende Poſtchaiſe warf und raſch davon fuhr. Tags darauf erſchien der Rath ſehr heiter, und niemand hatte den Muth, ihn nach der Begebenheit der vo⸗ rigen Nacht zu fragen. Die Haushälterin ſagte aber auf Befragen, daß der Rath ein bildhübſches, blutjunges Mädchen mitgebracht, die er Antonie nenne, und die eben ſo ſchön geſungen. Auch ſey ein junger Mann mitgekommen, der ſehr zärtlich mit Antonien gethan, und wohl ihr Bräutigam ſeyn müſſe. Der habe aber, weil es der Rath durch⸗ aus gewollt, ſchnell abreiſen müſſen.— In welchem Verhältniß Antonie mit dem Rath ſteht, iſt bis jetzt ein Geheimniß, aber ſo viel iſt gewiß, daß er das arme Mädchen auf die gehäſſigſte Weiſe tyrau⸗ niſirt. Er bewacht ſie, wie der Doktor Bartholo im Barbier von Sevilla ſeine Mündel, kaum darf ſie ſich am Fenſter blicken laſſen. Führt er ſie auf inſtändiges Bitten einmal in Geſellſchaft, ſo verfolgt er ſie mit Argusblicken, und leidet durchaus nicht, daß ſich irgend ein muſikaliſcher Ton hören laſſe, viel weniger, daß Antonie ſinge, die übrigens auch in ſeinem Hauſe nicht mehr ſingen darf. Anto⸗ nien's Geſang in jener Nacht iſt daher unter dem Publikum der Stadt zu einer, Phantaſie und Ge⸗ müth aufregenden Sage von einem herrlichen Wun⸗ der geworden, und ſelbſt die, welche ſie gar nicht hörten, ſprechen oft, verſucht ſich eine Sängerin 17 hier am Orte:„Was iſt denn das für ein gemei⸗ nes Quinkeliren? Nur Antonie vermag zu ſin⸗ gen.“— 3 Auf ſolche phantaſtiſche Dinge bin ich ganz ver⸗ ſeſſen. Jene Aeußerungen des Publikums über An⸗ tonien's Geſang hatte ich ſelbſt ſchon öfters ver⸗ nommen; aber ich ahnte nicht, daß die Herrliche am Orte ſey, und in den Banden des wahnſinnigen Krespels, wie eines tyranniſchen Zauberers liege. Natürlicher Weiſe hörte ich auch ſogleich in der folgenden Nacht Antonien's wunderbaren Geſang, und da ſie mich in einem herrlichen Adagiv(lächer⸗ licher Weiſe kam es mir vor, als hätte ich es ſelbſt komponirt) auf das Rührendſte beſchwor, ſie zu ret⸗ ten, ſo war ich bald entſchloſſen, ein zweiter Aſtol⸗ fo, in Krespels Haus, wie in Alzinens Zauberburg einzudringen, und die Königin des Geſanges aus ſchmachvollen Banden zu befreien. Es kam alles anders, wie ich es mir gedacht hatte; denn kaum hatte ich den Rath zwei⸗ bis dreimal geſehen, und mit ihm eifrig über die beſte Structur der Geigen geſprochen, als er mich ſelbſt einlud, ihn in ſeinem Hauſe zu beſuchen. Ich that es, und er zeigte mir den Reichthum ſeiner Violi⸗ nen. Es hingen deren wohl dreißig in einem Ka⸗ binett, unter ihnen zeichnete ſich eine durch alle Spuren der hohen Alterthümlichkeit(geſchnitzten Löwenkopf u. ſ. w.) aus, und ſie ſchien, höher ge⸗ 2* 18 henkt und mit einer darüber angebrachten Blumen⸗ krone, als Königin den andern zu gebieten. Dieſe Violine, ſprach Krespel, nachdem ich ihn darum be⸗ fragt, iſt ein ſehr merkwürdiges, wunderbares Stück eines unbekannten Meiſters, wahrſcheinlch aus Tar⸗ tinis Zeiten. Ganz überzeugt bin ich, daß in der innern Struktur etwas beſonderes liegt, und daß wenn ich ſie zerlegte, ſich mir ein Geheimniß er⸗ ſchließen würde, dem ich längſt nachſpürte. Aber— lachen Sie mich nur aus, wenn Sie wollen— dies todte Ding, dem ich ſelbſt doch nur erſt Leben und Laut gebe, ſpricht oft aus ſich ſelbſt zu mir auf wunderliche Weiſe, und es war mir, da ich zum er⸗ ſten Male darauf ſpielte, als wär' ich nur der Magnetiſeur, der die Somnambule zu erregen ver⸗ mag, daß ſie ſelbſtthätig ihre innere Anſchauung in Worten verkündet.— Glauben Sie ja nicht, daß ich geckhaft genug bin, von ſolchen Phantaſtereien auch nur das mindeſte zu halten, aber eigen iſt es doch, daß ich es nie über mich erhielt, jenes dumme todte Ding dort aufzuſchneiden. Lieb iſt es mir jetzt, daß ich es nicht gethan, denn ſeitdem Antonie hier iſt, ſpiele ich ihr zuweilen etwas auf dieſer Geige vor.— Antonie hört es gern— gar gern. Die Worte ſprach der Rath mit ſichtlicher Rüh⸗ rung, das ermuthigte mich zu den Worten: O mein beſter Herr Rath, wollten Sie das nicht in meiner Gegenwart thun? Krespel ſchnitt aber ſein ſüßſau⸗ V . 19 res Geſicht, und ſprach mit gedehntem ſingenden Ton: Nein, mein beſter Herr Studioſus! Damit war die Sache abgethan. Nun mußte ich noch mit ihm allerlei zum Theil kindiſche Raritäten beſehen; endlich griff er in ein Kiſtchen und holte ein zuſam⸗ mengelegtes Papier heraus, das er mir in die Hand drückte, ſehr feierlich ſprechend: Sie ſind ein Freund der Kunſt, nehmen Sie dies Geſchenk als ein theu⸗ res Andenken, das Ihnen ewig über Alles werth bleiben muß. Dabei ſchob er mich bei beiden Schul⸗ tern ſehr ſanft nach der Thür zu, und umarmte mich an der Schwelle. Eigentlich wurde ich doch von ihm auf ſymboliſche Weiſe zur Thür hinausge⸗ worfen. Als ich das Papierchen aufmachte, fand ich ungefähr ein Achtel⸗Zoll langes Stückchen einer Quinte, und dabei geſchrieben:„Von der Quinte, womit der ſelige Stamitz ſeine Geige bezogen hatte. als er ſein letztes Konzert ſpielte.“— Die ſchnöde Abfertigung, als ich Antonien's erwähnte, ſchien mir zu beweiſen, daß ich ſie wohl nie zu ſehen be⸗ kommen würde. Dem war aber nicht ſo, denn als ich den Rath zum zweiten Male beſuchte, fand ich Antonien in ſeinem Zimmer, ihm helfend bei dem Zuſammenſetzen einer Geige. Antonien's Aeußeres machte auf den erſten Anblick keinen ſtarken Ein⸗ druck, aber bald konnte man nicht loskommen von dem blauen Auge und den holden Roſenlippen der ungemein zarten lieblichen Geſtalt. Sie war ſehr 20 blaß, aber wurde etwas Geiſtreiches und Heiteres geſagt, ſo flog in ſüßem Lächeln ein feuriges In⸗ karnat über die Wangen hin, das jedoch bald im röthlichen Schimmer erblaßte. Ganz unbefangen ſprach ich mit Antonien, und bemerkte durchaus nichts von den Argusblicken Krespels, wie ſie der Profeſſor ihm angedichtet hatte, vielmehr blieb er ganz in gewöhnlichem Gleiſe, ja er ſchien ſogar mei⸗ ner Unterhaltung mit Antonien Beifall zu geben. So geſchah es, daß ich öfter den Rath beſuchte, und wechſelſeitiges Aneinandergewöhnen dem kleinen Kreiſe von uns dreien eine wunderbare Wohlbehag⸗ lichkeit gab, die uns bis ins Innerſte hinein erfreute. Der Rath blieb mit ſeinen höchſt ſeltſamen Skuri⸗ litäten mir ſehr ergötzlich; aber doch war es wohl nur Antonie, die mit unwiderſtehlichem Zauber mich hinzog, und mich manches ertragen ließ, dem ich ſonſt ungeduldig, wie ich damals war, entronnen. In das Eigenthümliche, Seltſame des Rathes miſchte ſich nämlich gar zu oft Abgeſchmacktes und lang⸗ weiliges, vorzüglich zuwider war es mir aber, daß er, ſobald ich das Geſpräch auf Muſik, insbeſondere auf Geſang lenkte, mit ſeinem diaboliſch lächelnden Geſicht und ſeinem widrig ſingenden Tone einfiel, etwas ganz Heterogenes, mehrentheils Gemeines auf die Bahn bringend. An der tiefen Betrübniß, die dann aus Antonien's Blicken ſprach, merkte ich wohl, daß es nur geſchah, um irgend eine Auffor⸗ 21 derung zum Geſauge mir abzuſchneiden. Ich ließ nicht nach. Mit den Hinderniſſen, die mir der Nath entgegen ſtellte, wuchs mein Muth ſie zu überſteigen, ich mußte Antonien's Geſang hören, um nicht in Träumen und Ahnungen dieſes Geſan⸗ ges zu verſchwimmen. Eines Abends war Krespel bei beſonders guter Laune. Er hatte eine alte Cre⸗ moneſer Geige zerlegt, und gefunden, daß der Stimmſtock um eine halbe Linie ſchräger als ſonſt geſtellt war. Wichtige, die Praxis bereichernde Erfahrung Es gelang mir ihn über die wahre Art des Violinenſpielens in Feuer zu ſehen. Der, groſ⸗ ſen, wahrhaftigen Sängern abgehorchte Vortrag der alten Meiſter, von dem Krespel ſprach, führte von ſelbſt die Bemerkung herbei, daß jetzt gerade umge⸗ kehrt der Geſang ſich nach den erkünſtelten Sprün⸗ gen und Läufen der Inſtrumentaliſten verbilde. Was iſt unſinniger, rief ich, vom Stuhle aufſpringend, hin zum Pianoforte laufend, und es ſchnell öffnend: Was iſt unſinniger als ſolche vertrackte Manieren, welche, ſtatt Muſik zu ſeyn, dem Tone über den Boden hingeſchütteter Erbſen gleichen. Ich ſang manche der modernen Fermaten, die hin⸗ und her⸗ laufen, und ſchnurren wie ein tüchtig losgeſchnürter Kreiſel, einzelne ſchlechte Accorde dazu auſchlagend. Uebermäßig lachte Krespel und ſchrie:„Haha! mich dünkt, ich höre unſere deutſchen Italiener oder un⸗ ſere italieniſchen Deutſchen, wie ſie ſich in einer 22 Arie von Pucitta oder Portogallo, oder ſonſt einem Maestro di Capella oder vielmehr Schiavo d'un primo Uomo übernehmen.“ Nun, dachte ich, iſt der Zeitpunkt da.»Nicht wahr,“ wandte ich mich zu Antonien,„von dieſer Singerei weiß Antonie nichts?“ und zugleich intonirte ich ein herrliches⸗ ſeelenvolles Lied vom alten Leonardo Leo. Da glüh⸗ ten Antonien's Wangen, Himmelsglanz blitzte aus den neubeſeelten Augen, ſie ſprang an das Piauo⸗ forte, ſie öffnete die Lippen.— Aber in demſelben Augenblick drängte ſie Krespel fort, ergriff mich bei den Schultern, und ſchrie in kreiſchendem Tenor —„Söhnchen— Söhnchen— Söhnchen.“— Und gleich fuhr er fort, ſehr leiſe ſingend, und in höflich gebeugter Stellung meine Hand ergreifend:„In der That, mein höchſt verehrungswürdiger Herr Studioſus, gegen alle Lebensart, gegen alle guten Sitten würde es anſtoßen, wenn ich laut und leb⸗ haft den Wunſch äußerte, daß Ihnen hier auf der Stelle gleich der hölliſche Satan mit glühenden Krallenfäuſten ſanft das Genick abſtieße, und Sie auf dieſe Weiſe gewiſſermaſſen kurz expedirte; aber davon abgeſehen, müſſen Sie eingeſtehen, Liebwer⸗ theſter! daß es bedeutend dunkelt, und da heute keine Laterne breunt, könnten Sie, würfe ich Sie auch gerade nicht die Treppe herab, doch Schaden leiden an Ihren lieben Gebeinen. Gehen Sie fein zu Hauſe, und erinnern Sie Sich freundſchaftlichſt 23 Ihres wahren Freundes, wenn Sie ihn etwa nie mehr— verſtehen Sie wohl?— nie mehr zu Hauſe antreffen ſollten?“— Damit umarmte er mich, und drehte ſich, mich feſthaltend, langſam mit mir zur Thüre heraus, ſo daß ich Antonien mit keinem Blick mehr anſchauen konnte.— Ihr geſteht, daß es in meiner Lage nicht möglich war, den Rath zu prügeln, welches doch eigentlich hätte geſchehen müſ⸗ ſen. Der Profeſſor lachte mich ſehr aus, und ver⸗ ſicherte, daß ich es nun mit dem Rath auf immer verdorben hätte. Den ſchmachtenden ans Fenſter hinaufblickenden Amoroſo, den verliebten Abentheu⸗ rer zu machen, dazu war Antoͤnie mir zu werth, ich möchte ſagen zu heilig. Im Innerſten zerriſſen, verließ ich H— aber wie es zu gehen pflegt, die grellen Farben des Phantaſiegebildes verblaßten, und Antonie— ja ſelbſt Antonien's Geſang, den ich nie gehört, leuchtete oft in mein tiefſtes Gemüth hinein, wie ein ſanfter tröſtender Roſenſchimmer. Nach zwei Jahren war ich ſchon in B ange⸗ ſtellt, als ich eine Reiſe nach dem ſüdlichen Deutſch⸗ land unternahm. Im duftigen Abendroth erhoben ſich die Thürme von H—; ſo wie ich näher und näher kam, ergriff mich ein unbeſchreibliches Gefühl der peinlichſten Angſt; wie eine ſchwere Laſt hatte es ſich über meine Bruſt gelegt, ich konnte nicht athmen; ich mußte hinaus aus dem Wagen ins Freie. Aber bis zum phyſiſchen Schmerz ſteigerte * ⁵ 24 ſich meine Beklemmung. Mir war es bald, als hörte ich die Akkorde eines feierlichen Chorals durch die Lüfte ſchweben— die Töne wurden deutlicher, ich unterſchied Männerſtimmen, die einen geiſtlichen Choral abſangen.—„Was iſt das?— was iſt das?“ vief ich, indem es wie ein glühender Dolch durch meine Bruſt fuhr!—„Sehen Sie denn nicht,“ erwiederte der neben mir fahrende Poſtillion,„ſehen Sie es denn nicht? da drüben auf dem Kirchhof begraben ſie einen!“ In der That befanden wir uns in der Nähe des Kirchhofes, und ich ſah einen Kreis ſchwarzgekleideter Menſchen um ein Grab ſte⸗ hen, das man zuzuſchütten im Begriff ſtand. Die Thränen ſtürzten mir aus den Augen, es war als begrübe man dort alle Luſt, alle Freude des Lebens. Raſch vorwärts von dem Hügel herabgeſchritten, konnte ich nicht mehr in den Kirchhof hineinſehen, der Choral ſchwieg, und ich bemerkte unfern des Thores ſchwarzgekleidete Menſchen, die von dem Begräbniß zurückkamen. Der Profeſſor mit ſeiner Nichte am Arm, beide in tiefer Trauer, ſchritten, dicht bei mir vorüber, ohne mich zu bemerken. Die Nichte hatte das Tuch vor die Augen gedrückt und ſchluchzte heftig. Es war mir unmöglich in die Stadt hineinzugehen, ich ſchickte meinen Bedienten mit dem Wagen nach dem gewohnten Gaſthofe, und lief in die mir wohl bekannte Gegend hinaus, um ſo eine Stimmung los zu werden, die vielleicht nu 25 phyſiſche Urſachen, Erhitzung auf der Reiſe u. ſ. w. haben konnte. Als ich in die Allee kam, welche nach einem Luſtorte führt, ging vor mir das ſon⸗ derbarſte Schauſpiel auf. Rath Krespel wurde von zwei Tranermännern geführt, denen er durch aller⸗ lei ſeltſame Sprünge entrinnen zu wollen ſchien. Er war, wie gewöhnlich, in ſeinen wunderlichen grauen, ſelbſt zugeſchnittenen Rock gekleidet, nur hing von dem kleinen dreieckigen Hütchen, das er martialiſch auf ein Ohr gedrückt, ein ſehr langer ſchmaler Trauerflor herab, der in der Luft hin⸗ und her flatterte. Um den Leib hatte er ein ſchwarzes Degengehenk geſchnallt, doch ſtatt des Degens einen langen Violinbogen hineingeſteckt. Eiskalt fuhr es mir durch die Glieder. Der iſt wahnſinnig, dacht' ich, indem ich langſam folgte. Die Männer führ⸗ ten den Rath bis an ſein Haus, da umarmte er ſie mit lautem Lachen. Sie verließen ihn, und nun fiel ſein Blick auf mich, der dicht neben ihm ſtand. Er ſah mich lange ſtarr an, dann rief er dumpf: „Willkommen Herr Skudioſus! Sie verſtehen es ja auch— damit packte er mich beim Arm, und riß mich fort in das Haus— die Treppe hinauf in das Zimmer hinein, wo die Violinen hingen. Alle waren mit ſchwarzem Flor umhüllt, die Violine des alten Meiſters fehlte, an ihrem Platze hing ein Cypreſſenkranz.— Ich wußte, was geſchehen— Autonie! ach Antonie! ſchrie ich auf in troſtloſem VIII. 3 26 Jammer. Der Rath ſtand wie erſtarrt mit über⸗ einandergeſchlagenen Armen neben mir. Ich zeigte nach dem Cypreſſenkranz.„Als ſie ſtarb,“ ſprach der Rath ſehr dumpf und feierlicher:„Als ſie ſtarb, zerbrach mit dröhnenden Krachen der Stimmſtock in jener Geige, und der Reſonanzboden riß ſich aus⸗ einander. Die Getreue konnte nur mit ihr, in ihr leben, ſie liegt bei ihr im Sarge, ſie iſt mit ihr begraben worden.“— Tief erſchüttert ſank ich in einen Stuhl; aber der Rath fing an mit rauhem Ton ein luſtig Lied zu ſingen, und es war recht graulich anzuſehen, wie er auf einem Fuße dazu herumſprang, und der Flor(er hatte den Hut auf dem Kopfe) im Zimmer und an den aufgehängten Violinen herumſtrich; ja ich konute mich eines über⸗ lauten Schreies nicht erwehren, als der Flor bei einer raſchen Wendung des Rathes über mich her⸗ fuhr; es war mir, als wollte er mich verhüllt hinab⸗ ziehen in den ſchwarzen entſetzlichen Abgrund des Wahnſinns. Da ſtand der Rath plötlich ſtille, und ſprach in ſeinem ſingenden Ton:„Söhnchen!— Söhnchen!— warum ſchreiſt Du ſo? haſt du den Todtenengel geſchaut?— das geht allemal der Ce⸗ remonie vorher!“— Nun trat er in die Mitte des Zimmers, riß den Violinbogen aus dem Gehenke, hielt ihn mit beiden Händen über den Kopf, und zerbrach ihn, daß er in viele Stücke zerſplitterte. Laut lachend rief Krespel:„Nun iſt der Stab über 27 mich gebrochen, meinſt du Söhnchen? nicht wahr? Mit Nichten, mit Nichten, nun bin ich frei— frei — frei— Heiſa frei!— Nun bau ich keine Geigen mehr— keine Geigen mehr, heiſa! keine Geigen mehr.«— Das ſang der Rath nach einer ſchauerlich luſtigen Melodie, indem er wieder auf einem Fuße herumſprang. Voll Grauen wollte ich ſchnell zur Thüre hinaus, aber der Rath hielt mich feſt, indem er ſehr gelaſſen ſprach:„Bleiben Sie, Herr Stu⸗ dioſus, halten Sie dieſe Ausbrüche des Schmerzes, der mich mit Todesmartern zerreißt, nicht für Wahnſinn, aber es geſchieht nur alles deshalb, weil ich mir vor einiger Zeit einen Schlafrock anfertigte, in dem ich ausſehen wollte, wie das Schickſal oder wie Gott!— Der Rath ſchwatzte tolles grauliches Zeug durch einander, bis er ganz erſchöpft zuſam⸗ menſank. Auf mein Rufen kam die alte Haushäl⸗ terin herbei, und ich war froh, als ich mich nur wieder im Freien befand. Nicht einen Augenblick zweifelte ich daran, daß Krespel wahnſinnig gewor⸗ den, der Profeſſor behauptete jedoch das Gegentheil. „Es giebt Menſchen,“ ſprach er,„denen die Natur oder ein beſonderes Verhängniß die Decke wegzog, unter der wir andern unſer tolles Weſen unbemerk⸗ ter treiben. Sie gleichen dünn gehäuteten Inſekten die im regen ſichtbaren Muskelſpiel mißgeſtaltet er⸗ ſcheinen, ungeachtet ſich alles bald wieder in die gehörige Form fügt. Was bei uns Gedanke bleibt, 28 wird dem Krespel alles zur That. Den bittern Hohn, wie der, in das irdiſche Thun und Treiben eingeſchachtelte Geiſt ihn wohl oft bei der Hand hat, führt Krespel aus in tollen Gebehrden und geſchickten Haſenſprüngen. Das iſt aber ſein Blitz⸗ ableiter. Was aus der Erde ſteigt, giebt er wie⸗ der der Erde, aber das Göttliche weiß er zu be⸗ wahren; und ſo ſteht es mit ſeinem innern Be⸗ wußtſein recht gut, glaub' ich, unerachtet der ſchein⸗ baren nach außen herausſpringenden Tollheit. An⸗ tonien's plötzlicher Tod mag freilich ſchwer auf ihm laſten, aber ich wette, daß der Rath ſchon mor⸗ genden Tages ſeinen Eſekstritt im gewöhnlichen Ge⸗ leiſe weiter forttrabt.“— Beinahe geſchahe es ſo⸗ wie der Profeſſor es vorausgeſagt. Der Rath ſchien andern Tages ganz der vorige, nur erklärte er, daß er niemals mehr Violinen bauen, und auch auf keiner jemals mehr ſpielen wolle. Das hat er, wie ich ſpäter erfuhr, gehalten. Des Profeſſors Andeutungen beſtärkten meine in⸗ nere Ueberzeugung, daß das nähere ſo ſorgfälkig ver⸗ ſchwiegene Verhältniß Antoniens zum Rath, ja daß ſelbſt ihr Tod eine ſchwer auf ihm laſtende, nicht abzubüßende Schuld ſein könne. Nicht wollte ich H— verlaſſen, ohne ihm das Verbrechen, welches ich ahnote, vorzuhalten; ich wollte ihn bis in's In⸗ nerſte hinein erſchüttern, und ſo das offene Geſtänd⸗ niß der gräßlichen That erzwingen. Je mehr ich der Sache nachdachte, deſto klarer wurde es mir, 29 daß Krespel ein Böſewicht ſein müſſe, und deſto feuriger, eindringlicher wurde die Rede, die ſich, wie von ſelbſt zu einem wahren rhetoriſchen Meiſter⸗ ſtück formte. So gerüſtet und ganz erhitt lief ich zu dem Rath. Ich fand ihn, wie er mit ſehr ruhiger lächelnder Miene Spielſachen drechſelte. „Wie kann nur,“ fuhr ich auf ihn los,„wie kann nur auf einen Augenblick Frieden in Ihre Seele kommen, da der Gedanke an die gräßliche That Sie mit Schlangenbiſſen peinigen muß?“— Der Rath ſah mich verwundert an, den Meißel bei Seite legend.„Wie ſo? mein Beſter,“ fragte er;— „ſetzen Sie Sich doch gefälligſt auf jenen Stuhl!“— Aber eifrig fuhr ich fort, indem ich, mich ſelbſt im⸗ mer mehr erhitzend, ihn geradezu anklagte, Anto⸗ nien ermordet zu haben, und ihm mit der Rache der ewigen Macht drohte. Ja, als nicht längſt eingeweihte Juſtizperſon, erfüllt von meinem Beruf, ging ich ſo weit, ihn zu verſichern, daß ich alles anwenden würde, der Sache auf die Spur zu kom⸗ men, und ſo ihn dem welttlichen Richter ſchon hie⸗ nieden in die Hände zu liefern.— Ich wurde in der That etwas verlegen, da nach dem Schluſſe meiner gewaltigen pomphaften Rede, der Rath, ohne ein Wort zu erwiedern, mich ſehr ruhig anblickte, als erwartete er, ich müſſe noch weiter fortfahren. Das verſuchte ich auch in der That, aber es kam nun alles ſo ſchief, ja ſo albern heraus, daß ich 5* 30 gleich wieder ſchwieg. Krespel weidete ſich an mei⸗ ner Verlegenheit, ein boshaftes ironiſches Lächeln flog über ſein Geſicht. Dann wurde er aber ſehr ernſt, und ſprach mit feierlichem Tone:„Junger Menſch! Du magſt mich für närriſch, für wahnſin⸗ nig halten, das verzeihe ich Dir, da wir beide in demſelben Irrenhauſe eingeſperrt ſind, und Du mich darüber, daß ich Gott der Vater zu ſeyn wähnte, nur deshalb ſchilſt, weil Du Dich für Gott den Sohn hältſt; wie magſt Du Dich aber unterfangen, in ein Leben eindringen zu wollen, ſeine geheim⸗ ſten Fäden erfaſſend, das Dir fremd blieb und bleiben mußte?— Sie iſt dahin, und das Geheim⸗ niß gelöſt!“— Krespel hielt inne, ſtand auf, und ſchritt die Stube einige Male auf und ab. Ich wagte die Bitte um Aufklärung; er ſah mich ſtarr an, faßte mich bei der Hand, und führte mich an das Fenſter, beide Flügel öffnend. Mit aufgeſtütz⸗ ten Armen legte er ſich hinaus, und ſo in den Gar⸗ ten hinabblickend, erzählte er mir die Geſchichte ſeines Lebens.— Als er geendet, verließ ich ihn gerührt und beſchämt. Mit Antonien verhielt es ſich kürzlich in folgen⸗ der Art.— Vor zwanzig Jahren trieb die bis zur Leidenſchaft geſteigerte Liebhaberei, die beſten Gei⸗ gen alter Meiſter aufzuſuchen und zu kaufen, den Nath nach Italien. Selbſt baute er damals noch keine, und unterließ daher auch das Zerlegen jeuer 31 alten Geigen. In Venedig hörte er die berühmte Sängerin Angela— i, welche damals auf dem Theatro di S. Benedetto in den erſten Rollen glänzte. Sein Enthuſtasmus galt nicht der Kunſt, allein, die Signora Angela freilich auf die herr⸗ lichſte Weiſe übte, ſondern auch wohl ihrer Engels⸗ ſchönheit. Der Rath ſuchte Angela's Bekanntſchaft, und trotz aller ſeiner Schroffheit gelang es ihm, vorzüglich durch ſein keches und dabei höchſt aus⸗ drucksvolles Violinſpiel ſie ganz für ſich zu gewin⸗ nen. Das engſte Verhältniß führte in wenigen Wochen zur Heirath, die deshalb verborgen blieb, weil Angela ſich weder vom Theater, noch von dem Namen, der die berühmte Sängerin bezeichnete, trennen oder ihm auch nur das übeltönende„Kres⸗ pel“ hinzufügen wollte.— Mit der tollſten Ironie beſchrieb Krespel die ganz eigene Art, wie Signora Angela, ſobald ſte ſeine Frau worden, ihn marterte und quälte. Aller Eigenſinn, alles launiſche We⸗ ſen ſämmtlicher erſten Sängerinnen ſey, wie Kres⸗ pel meinte, in Angela's kleine Figur hineingebannt worden. Wollte er ſich einmal in Poſitur ſetzen, ſo ſchickte ihm Angela ein ganzes Heer von Abba⸗ tes, Maeſtro's, Akademiko's über den Hals, die, unbekannt mit ſeinem eigentlichen Verhältniß, ihn als den unerträglichſten, unhöflichſten Liebhaber, der ſich in die liebenswürdige Laune der Signora nicht zu ſchicken wiſſe, ausfilzten. Gerade nach ei⸗ nem ſolchen ſtürmiſchen Auftritt war Krespel auf Angela's Landhaus geflohen, und vergaß, auf ſei⸗ ner Cremoneſer Geige phantaſirend, die Leiden des Tages. Doch nicht lange dauerte es, als Signora, die dem Rath ſchnell nachgefahren, in den Saal trat. Sie war gerade in der Laune, die Zärtliche zu ſpielen, ſte umarmte den Rath mit ſüßen ſchmach⸗ tenden Blicken, ſie legte das Köpfchen auf ſeine Schulter. Aber der Rath, in die Welt ſeiner Ak⸗ korde verſtiegen, geigte fort, daß die Wände wie⸗ derhallten, und es begab ſich, daß er mit Arm und Bogen die Signora etwas unſanft berührte. Die ſprang aber voller Furie zurück,„bestia tedesca“ ſchrie ſie auf, riß dem Rath die Geige aus der Hand, und zerſchlug ſie an dem Marmortiſch in tauſend Stücke. Der Rath blieb erſtarrt zur Bild⸗ fäute vor ihr ſtehen, dann aber, wie aus dem Traume erwacht, faßte er die Signora mit Rieſenſtärke, warf ſie durch das Fenſter ihres eigenen Luſthauſes, und ſtoh, ohne ſich weiter um etwas zu bekümmern, nach Venedig— nach Deutſchland zurück. Erſt nach einiger Zeit wurde es ihm recht deutlich, was er gethan. Obſchon er wußte, daß die Höhe des Feuſters vom Boden kaum fünf Fuß betrug, und ihm die Nothwendigkeit, Signora bei obbenannten Umſtänden durch's Fenſter zu werfen, ganz einleuch⸗ tete; ſo fühlte er ſich doch von peinlicher Unruhe gequält, um ſo mehr, da Signora ihm nicht un⸗ 35 deutlich zu verſtehen gegeben, daß ſie guter Hoff⸗ nung ſei. Er wagte kaum Erkundigungen einzu⸗ ziehen, und nicht wenig überraſchte es ihn, als er nach ungefähr acht Monaten einen gar zärtlichen Brief von der geliebten Gattin erhielt, worin ſie jenes Vorganges im Landhauſe mit keiner Sylbe erwähnte, und der Nachricht, daß ſie von einem herzallerliebſtrn Töchterchen entbunden, die herz⸗ lichſte Bitte hinzufügte, daß der Marito amato e padre felicissimo doch nur gleich nach Venedig kommen möge. Das that Krespel nicht, erkundigte ſich vielmehr bei einem vertrauten Freunde nach den näheren Umſtänden, und erfuhr, daß Signora damals leicht wie ein Vogel in das weiche Gras herabgeſunken ſey, und der Fall oder Sturz durch⸗ aus keine andere als pſychiſche Folgen gehabt habe. Signora ſey nämlich nach Krespels heroiſcher That wie umgewandelt; von Launen, närriſchen Einfäl⸗ len, von irgend einer Quälerei ließe ſie durchaus nichts mehr verſpüren, und der Maeſtro, der für das nächſte Carneval componirt, ſey der glücklichſte Menſch unter der Sonne, weil Signora ſeine Arien ohne hunderttauſend Adänderungen, die er ſich ſonſt gefallen laſſen müſſen, ſingen wolle. Uebrigens habe man alle Urfache, meinte der Freund, es ſorgfältig zu verſchweigen, wie Angela kurirt wor⸗ den, da ſonſt jedes Tages Sängerinnen durch die Fenſter fliegen würden. Der Rath gerieth in nicht 34 geringe Bewegung, er beſtellte Pferde, er ſetzte ſich in den Wagen.„Halt!“ rief er plötzlich.— „Wie,“ murmelte er dann in ſich hinein:„iſt's denn nicht ausgemacht, daß, ſobald ich mich blicken laſſe, der böſe Geiſt wieder Kraft und Muth er⸗ hält über Angela?— Da ich ſie ſchon zum Fenſter hinausgeworfen, was ſoll ich nun in gleichem Falle thun? was iſt mir noch übrig?“— Er ſtieg wieder aus dem Wagen, ſchrieb einen zärtlichen Brief an ſeine geneſene Frau, worin er höflich be⸗ rührte, wie zart es von ihr ſey, ausdrücklich es zu rühmen, daß das Töchterchen gleich ihm ein kleines Mahl hinter dem Ohre trage, und— blieb in Deutſchland. Der Briefwechſel dauerte ſehr leb⸗ haft fort. Verſicherungen der Liebe, Einladungen, Klagen über die Abweſenheit der Geliebten, ver⸗ fehlte Wünſche, Hoffnungen u. ſ. w. flogen hin und her von Venedig nach H—, von H— nach Venedig. — Angela kam endlich nach Deutſchland, und glänzte, wie bekannt, als Prima Donna auf dem großen Theater in F*s*. Ungeachtet ſie gar nicht mehr jung war, riß ſie doch alles hin mit dem unwiederſtehlichen Zauber ihres wunderbar herr⸗ lichen Geſanges. Ihre Stimme hatte damals nicht im mindeſten verloren. Antonie war indeſſen heran⸗ gewachſen, und die Mutter konnte nicht genug dem Vater ſchreiben, wie in Antonien eine Sängerin vom erſten Range aufblühe. In der That beſtätig⸗ 35 ten dies die Freunde Krespels in F“*, die ihm zu⸗ ſetzten, doch nur einmal nach F*r* zu kommen, um die ſeltne Erſcheinung zweier ganz ſublimer Sänge⸗ rinnen zu bewundern. Sie ahneten nicht, in wel⸗ chem nahen Verhältniß der Rath mit dieſem Paare ſtand. Krespel hätte gar zu gern die Tochter, die recht in ſeinem Innerſten lebte, und die ihm oͤfters als Traumbild erſchien, mit leiblichen Au⸗ gen geſehen, aber ſo wie er an ſeine Frau dachte, wurde es ihm ganz unheimlich zu Muthe, und er blieb zu Hauſe unter ſeinen zerſchnittenen Geigen ſitzen. Ein junger Componiſt B.. in F's verliebte ſich in Antonien ſo ſehr, daß er, da Antonie ſeine Liebe recht herzlich erwiederte, der Mutter anlag, doch nur gleich in eine Verbindung zu willigen, die die Kunſt heilige. Angela hatte nichts dagegen, und der Rath ſtimmte um ſo lieber bei, als des jungen Meiſters Compoſitionen Gnade gefunden vor ſeinem ſtrengen Richterſtuhl. Krespel glaubte Nachricht von der vollzogenen Heirath zu erhalten, ſtatt derſelben kam ein ſchwarzgeſiegelter Brief von fremder Hand überſchrieben. Der Doctor R.. meldete dem Rath, daß Angela an den Folgen einer Erkältung im Theater heftig erkrankt, und gerade in der Nacht, als am andern Tage Antonie getraut werden ſollen, geſtorben ſey. Ihm, dem Doctor, habe Angela entdeckt, daß ſie Krespels 36 Fran, und Antonie ſeine Tochter ſey; er möge da⸗ her eilen, ſich der Verlaſſenen anzunehmen. So ſehr auch der Rath von Angela's Hinſcheiden er⸗ ſchüttert wurde, war es ihm doch bald, als ſey ein ſtörendes unheimliches Princip aus ſeinem Leben gewichen, und er könne nun erſt recht frei athmen. Noch denſelben Tag reiſte er ab nach F**.— Herzzerreißend ſchilderte mir der Rath den Mo⸗ ment, als er Antonien ſah. Selbſt in der Bizar⸗ rerie ſeines Ausdrucks lag eine wunderbare Macht der Darſtellung, die auch nur anzudeuten ich gar nicht im Stande bin.— Alle Liebenswürdigkeit, alle Anmuth Angela's wurde Antonien zu Theil, der aber die häßliche Kehrſeite ganz fehlte. Es gab kein zweideutig Pferdefüßchen, das hin und wieder hervorgucken konnte. Der junge Bräutigam fand ſich ein, Antonie mit zartem Sinn den wun⸗ derlichen Vater im tiefſten Innern richtig auffaſ⸗ ſend, ſang eine jener Motetten des alten Padre Martini, von denen ſie wußte, daß Angela ſie dem Rath in der höchſten Blüthe ihrer Liebeszeit unauf⸗ hörlich vorſingen müſſen. Der Rath vergoß Ströme von Thränen, nie hatte er ſelbſt Augela ſo ſingen hören. Der Klang von Antonien's Stimme war ganz eigenthümlich, und, ſeltſam, oft dem Hauch der Aolsharfe, oft dem Schmettern der Nachtigall gleichend. Die Töne ſchienen nicht Raum haben zu können in der menſchlichen Bruſt. Autonie vor 37 Freude und Liebe glühend, ſang und ſang alle ihre ſchöuſten Lieder und B.. ſpielte dazwiſchen, wie es nur die wonnetrunkene Begeiſterung vermag. Krespel ſchwamm erſt in Entzücken, dann wurde er nachdenklich, ſtill— in ſich gekehrt. Endlich ſprang er auf, drückte Antonien an ſeine Bruſt, und bat ſehr leiſe und dumpf:„Nicht mehr ſingen wenn Du mich liebſt,— es drückt mir das Herz ab— die Angſt— die Angſt— Nicht mehr ſin⸗ gen.— 1 „Nein,“ ſprach der Rath andern Tages zum Doctor R..,„als während des Geſanges ihre Röthe ſich zuſammenzog in zwei dunkelrothe Flecke auf den blaſſen Wangen, da war es nicht mehr dumme Familienähnlichkeit, da war es das, was ich ge⸗ fürchtet.“— Der Doctor, deſſen Miene vom An⸗ fang des Geſprächs von tiefer Bekümmerniß zeigte, erwiederte:„Mag es ſeyn, daß es von zu früher Anſtrengung im Singen herrührt, oder bat die Na⸗ tur es verſchuldet, genug Antonie leidet an einem organiſchen Fehler in der Bruſt, der eben ihrer Stimme die wundervolle Kraft und den ſeltſamen, ich moͤchte ſagen über die Sphäre des menſchlichen Geſanges hinaustönenden Klang giebt. Aber auch ihr früher Tod iſt die Folge davon, denn ſingt ſie fort, ſo gebe ich ihr noch höchſtens ſechs Monate Zeit. Den Rath zerſchnitt es im Innern wie mit hundert Schwertern. Es war ihm, als hinge zum Hoſſmann's erzähl. Schriften. VIII. Bd. 4 —— 38 erſten Male ein ſchöner Baum die wunderherrlich⸗ ſten Blüthen in ſein Leben hinein, und der ſolle recht an der Wurzel zerſägt werden, damit er nie mehr zu grünen und zu blühen vermöge. Sein Entſchluß war gefaßt. Er ſagte Antonien Alles, et ſtellte ihr die Wahl, ob ſie dem Bräutigam folgen und ſeiner und der Welt Verlockung nach⸗ geben, ſo aber früh untergehen, oder ob ſie dem Bater noch in ſeinen alten Tagen nie gefühlte Ruhe und Freude bereiten, ſo aber noch Jahre lang leben wolle. Antonie ſiel dem Vater ſchluchzend in die Arme, er wollte, das Zerreißende der kom⸗ menden Momente wohl fühlend, nichts deutlicheres vernehmen. Er ſprach mit dem Bräntigam, aber unerachtet dieſer verſicherte, daß nie ein Ton über Antonien's Lippen gehen ſolle, ſo wußte der Rath doch wohl, daß ſelbſt B... nicht der Verſuchung würde widerſtehen können, Antonien ſingen zu hö⸗ ren, wenigſtens von ihm ſelbſt componirte Arien. Auch die Welt, das muſikaliſche Publikum, mocht' es auch unterrichtet ſeyn von Antoniens Leiden, gab gewiß die Anſprüche nicht auf, denn dies Volk iſt ja, kommt es auf Genuß an, egoiſtiſch und grau⸗ ſam. Der Rath verſchwand mit Antonien aus F** und kam nach H—. Verzweiflungsvoll vernahm B... die Abreiſe. Er verfolgte die Spur, holte den Rath ein, und kam zugleich mit ihm nach H—. —„‚Nur einmal ihn ſehen und dann ſterben,“ flehte 59 Antonie.„Sterben?— ſterben?“ rief der Rath in wildem Zorn, eiskalter Schauer durchbebte ſein Inneres.— Die Tochter, das einzige Weſen auf der weiten Welt, das nie gekannte Luſt in ihm entzündet, das allein ihn mit dem Leben verſöhnte, riß ſich gewaltſam los von ſeinem Herzen, und er wolle, daß das Entſetzliche geſchehe.— B... mußte an den Flügel, Antonie ſang, Krespel ſpielte lu⸗ ſtig die Geige, bis ſich jene rothen Flecke auf An⸗ tonien's Wangen zeigten. Da befahl er einzuhal⸗ ten; als nun aber B.. Abſchied nahm von An⸗ tonien, ſank ſie plötzlich mit einem lauten Schrei zuſammen.„Ich glaubte(ſo erzählte mir Krespeh, ſie wäre, wie ich es vorausgeſehen, nun wirklich todt, und blieb, da ich ein Mal mich ſelbſt auf die höchſte Spitze geſtellt hatte, ſehr gelaſſen und mit mir einig. Ich faßte den B... der in ſeiner Er⸗ ſtarrung ſchaafsmäßig und albern anzuſehen war, bei den Schultern, und ſprach:(der Rath fiel in ſeinen ſingenden Ton) da Sie, verehrunswürdigſter Claviermeiſter, wie Sie gewollt und gewünſcht, Ihre liebe Braut wirklich ermordet haben, ſo kön⸗ nen Sie nun ruhig abgehen, es wäre denn, Sie wollten ſo lange gütigſt verziehen, bis ich Ihnen den blanken Hirſchfänger durch das Herz renne, damit ſo meine Tochter, die, wie Sie ſehen, ziem⸗ lich verblaßt, einige Couleur bekomme durch Ihr ſehr werthes Blut. Rennen Sie nur geſchwind! 40 aber ich könnte Ihnen auch ein flinkes Meſſerchen nachwerfen!— Ich muß wohl bei dieſen Worten etwas graulich ausgeſehen haben; denn mit einem Schrei des tiefſten Entſetzens ſprang er, ſich von mir losreißend, fort durch die Thüre, die Treppe hinab.— Wie der Rath nun, nachdem B.. fort⸗ gerannt war, Antonien, die bewußtlos auf der Erde lag, aufrichten wollte, öffnete ſie tiefſeufzend die Augen, die ſich aber wieder zum Tode zu ſchlie⸗ ßen ſchienen. Da bꝛach Krespel aus in lautes, troſtloſes Jammern. Der von der Haushälterin herbeigerufene Arzt erklärte Antonien's Zuſtand für einen heftigen, aber nicht im mindeſten gefährlichen Zufall, und in der That erholte ſich dieſe auch ſchnel⸗ ler, als der Rath es nur zu hoffen gewagt hatte. Sie ſchmiegte ſich nun mit der innigſten kindlich⸗ ſten Liebe an Krespel, ſie ging ein in ſeine Lieb⸗ lingsneigungen, in ſeine tollen Launen und Ein⸗ fälle. Sie half ihm alte Geigen aus einander le⸗ gen, und neue zuſammen leimen.„Ich will nicht mehr ſingen, aber für Dich leben,“ ſprach ſie oft ſanft lächelnd zum Vater, wenn jemand ſie zum Geſange aufaefordert und ſie es abgeſchlagen hatte. Solche Momente ſuchte der Rath indeſſen ihr ſo viel möglich zu erſparen, und daher kam es, daß er ungern mit ihr in Geſellſchaft ging, und alle Muſik ſorgfältig vermied. Er wußte es ja wohl, wie ſchmerzlich es Antonien ſeyn mußte, der Kunſt, 41 die ſie in ſolch hoher Vollkommenheit geübt, ganz zu entſagen. Als der Rath jene wunderbare Geige⸗ die er mit Antonien begrub, gekauft hatte und zer⸗ legen wollte, blickte ihn Antonie ſehr wehmüthig an, und ſprach leiſe bittend:„Auch dieſe?“— Der Rath wußte ſelbſt nicht, welche unbekannte Macht ihn nöthigte, die Geige unzerſchnitten zu laſſen, und darauf zu ſpielen. Kaum hatte er die erſten Töne angeſtrichen, als Antonie laut und freu⸗ dig rief:„Ach das bin ich ja— ich ſinge ja wie⸗ der.“ Wirklich hatten die ntberhellen Glockentöne des Inſtruments etwas ganz eigenes wundervolles, ſie ſchienen in der menſchlichen Bruſt erzeugt. Kres⸗ pel wurde bis in das Innerſte gerührt, er ſpielte wohl herrlicher als jemals, und wenn er in kühnen Gängen mit voller Kraft, mit tiefem Ausdruck auf⸗ und niederſtieg, dann ſchlug Antonie die Hände zu⸗ ſammen, und rief entzückt:„Ach das hab' ich gut gemacht, das hab' ich gut gemacht!“— Seit die⸗ ſer Zeit kam eine große Ruhe und Heiterkeit in ihr Leben. Oft ſprach ſie zum Rath:„Ich möchte wohl etwas ſingen, Vater!“ Dann nahm Krespel die Geige von der Wand, und ſpielte Antonieu's ſchönſte Lieder, ſie war recht aus dem Herzen froh. — Kurz vor meiner Ankunft war es in einer Nacht dem Rath ſo, als höre er im Nebenzimmer auf ſei⸗ nem Pianoforte ſpielen, und bald unterſchied er deutlich, daß B... nach gewöhnlicher Art prälu⸗ 4* 42 diré. Er wollte aufſtehen, aber wie eine ſchwere Laſt lag es auf ihm, wie mit eiſernen Banden ge⸗ feſſelt, vermochte er ſich nicht zu regen und zu rüh⸗ ren. Nun ſiel Antonie ein in leiſen hingehauchten Tönen, die immer ſteigend und ſteigend zum ſchmet⸗ ternden Fortiſſimo wurden, dann geſtalteten ſich die wunderbaren Laute zu dem tief ergreifenden Liede, welches B... einſt ganz im frommen Styl der al⸗ ten Meiſter für Antonie componirt hatte. Krespel ſagte, unbegreiflich ſey der Zuſtand geweſen, in dem er ſich befunden, denn eine entſetzliche Augſt habe ſich gepaart mit nie gefühlter Wonne. Plötzlich umgab ihn eine blendende Klarheit, und in derſel⸗ ben erblickte er B... und Antonien, die ſich um⸗ ſchlungen hielten, und ſich voll ſeligen Entzückens anſchauten. Die Töne des Liedes und des beglei⸗ tenden Pianofortes dauerten fort, ohne daß Anto⸗ nie ſichtbar ſang, oder B... das Fortepiano be⸗ rührte. Der Rath fiel nun in eine Art dumpfer Ohnmacht, in der das Bild mit den Tönen ver⸗ ſank. Als er erwachte, war ihm noch jene fürch⸗ terliche Angſt aus dem Traume geblieben. Er ſprang in Antoniens Zimmer. Sie lag mit geſchloſſenen Augen, mit holdſelig lächelndem Blick, die Hände fromm gefaltet, auf dem Sopha, als ſchliefe ſie, und träume von Himmelswonne und Freudigkeit. Sie war aber todt.— 45 —-—r—————ℳ-:——— Die Fermate. Hummel's heiteres lebenskräftiges Bild, die Ge⸗ ſellſchaft in einer italieniſchen Lokanda, iſt bekannt worden durch die Berliner Kunſtausſtellung im Herbſt 1814, auf der es ſich befand, Aug' und Gemüth gar Vieler erluſtigend.— Eine üppig verwachſene Laube, ein mit Wein und Früchten beſetzter Tich, an demſelben zwei italieniſche Frauen einander gegenüberſitzend, die eine ſingt, die andere ſpielt Chitarra, zwiſchen beiden hinterwärts ſtehend ein Abbate, der den Muſikdirector macht. Mit aufge⸗ hobener Battuta paßt er auf den Moment, wenn Signora die Cadenz in der ſie mit himmelwaͤrts gerichtetem Blick begriffen, endigen wird im langen Trillo, dann ſchlägt er nieder und die Chitarriſtin greift keck den Dominanten Akkord. Der Abbate iſt voll Bewunderung, voll ſeligen Genuſſes, und da⸗ bei ängſtlich geſpannt. Nicht um der Welt Wil⸗ len möchte er den richtigen Niederſchlag verpaſſen. Kaum wagt er zu athmen. Jedem Bienchen, je⸗ 46 dem Mücklein möchte er Maul und Flügel verbin⸗ den, damit nichts ſumſe. Um ſo mehr iſt ihm der geſchäftige Wirth fatal, der den beſtellten Wein gerade jetzt im wichtigſten höchſten Moment her⸗ beiträgt. Ausſicht in einen Laubgang, den glän⸗ zende Streiflichter durchbrechen. Dort hält ein Reiter; aus der Lokanda wird ihm ein friſcher Trunk auf's Pferd gereicht. Vor dieſem Bilde ſtanden die beiden Freunde Eduard und Theodor.„Je mehr ich, ſprach Eduard, dieſe zwar etwas ältliche, aber wahrhaft virtuoſiſch begei⸗ ſterte Sängerin in ihren bunten Kleidern anſchaue, je⸗ mehr ich mich an dem ernſten ächt römiſchen Profil, an dem ſchönen Körperbau der Chitarrſpielerin er⸗ götze, jemehr mich der höchſt vortreffliche Abbate beluſtigt, deſto freier und ſtärker tritt mir das Ganze ins wirkliche rege Leben. Es iſt offenbar karrikirt im höhern Sinn, aber voll Heiterkeit und Anmuth! Ich möchte nur gleich hineinſteigen in die Laube, und eine von den allerliebſten Korb⸗ flaſchen öffnen, die mich dort vom Tiſche herab an⸗ lächeln, Wahrhaftig, mir iſt es, als ſpüre ich ſchon etwas von dem ſüßen Duft des edeln Weins. Nein, dieſe Anregung darf nicht verhauchen in der kalten nüchternen Luft, die uns hier umweht. Dem herrlichen Bilde, der Kunſt, dem heitern Italia, wo hoch die Lebensluſt aufglüht, zu Ehren, laß 47 uns hingehen und ein Flaſche italieniſchen Weins ausſtechen.— Theodor hatte, während Eduard dies in abgebro⸗ chenen Sätzen ſprach, ſchweigend und tief in ſich ge⸗ kehrt da geſtanden.„Ja, das laß uns thun!“ fuhr er jetzt auf, wie aus einem Traum erwachend. Aber kaum loskommen konnte er von dem Bilde, und als er, dem Freunde mechaniſch folgend, ſich ſchon an der Thür befand, warf er noch ſehnſüch⸗ tige Blicke zurück, nach den Sängerinnen und nach dem Abbate. Eduard's Vorſchlag ließ ſich leicht ausführen. Sie gingen quer über die Straße, und bald ſtand in dem blauen Stübchen bei Sala Tarone eine Korbflaſche, ganz denen in der Weinlaube ähnlich, vor ihnen.„Es ſcheint mir aber, ſprach Eduard, nachdem ſchon einige Gläſer geleert waren, und Theodor noch immer ſtill und in ſich gekehrt blieb,„es ſcheint mir, als habe Dich das Bild auf ganz beſondere und gar nicht ſo luſtige Weiſe ange⸗ regt, als mich?“„Ich kann verſichern,“ erwiederte Theodor,„daß auch ich alles Heitere und Anmu⸗ thige des lebendigen Bildes in vollem Maaße genoſſen, aber ganz wunderbar iſt es doch, daß das Bild getreu eine Szene aus meinem Leben mit völliger Portrait⸗ ähnlichkeit der handelnden Perſonen darſtellt. Du wirſt mir zugeſtehen, daß auch heitere Erinne⸗ rungen dann den Geiſt gar ſeltſam zu erſchüttern vermögen, wenn ſie auf ſolche ganz unerwartet N 48 ungewöhnliche Weiſe plötzlich, wie durch einen Zau⸗ berſchlag geweckt, hervorſpringen. Dies iſt jetzt mein Fall.“„Aus Deinem Leben?“ fiel Eduard ganz verwundert ein,„eine Szene aus Deinem Leben ſoll das Bild darſtellen? Für gut getroffene Portraits habe ich die Sängerinnen nnd den Ab⸗ bate gleich gehalten, aber daß ſie Dir im Leben vorgekommen ſeyn konnten? Nun ſo erzähle nur gleich, wie das Alles zuſammenhängt, wir bleiben allein, niemand kommt um dieſe Zeit her.“ „Ich möchte das wohl thun,“ ſprach Theodor,„aber leider muß ich ſehr weit ausholen— von meiner Jugendzeit her.“„Erzähle nur getroſt,“ erwie⸗ derte Eduard,„ich weiß ſo noch nicht viel von Deinen Jugend⸗Jahren. Dauert es lange, ſo folgt nichts ſchlimmeres daraus, als daß wir eine Flaſche mehr ausſtechen, als wir uns vorgenommen; das nimmt aber kein Menſch übel, weder wir, noch Herr Tarone.“ „Daß ich nun endlich,“ fing Theodor an,„alles an⸗ dere bei Seite geworfen, und mich der edeln Muſica ganz und gar ergeben, darüber wundere ſich niemand, denn ſchon als Knabe mochte ich ja kaum was ande⸗ res treiben, und klimperte Tag und Nacht auf meines Onkels altem, knarrenden, ſchwirrenden Flügel. Es war an dem kleinen Orte recht ſchlecht beſtellt um die Muſik, niemanden gab es, der mich hätte unterrichten konnen, als einen alten eigenſinnigen „ 49 Organiſten, der war aber ein todter Rechenmeiſter, und quälte mich ſehr mit finſtern übelklingenden Tokkaten und Fugen. Ohne mich dadurch abſchrecken zu laſſen, hielt ich treulich aus. Manchmal ſchalt der Alte gar ärgerlich, aber er durfte nur wieder ein Mal einen wackern Satz in ſeiner ſtarken Ma⸗ nier ſpielen, und verſöhnt war ich mit ihm und der Kunſt. Ganz wunderbar wurde mir dann oft zu Muthe, mancher Satz vorzüglich von dem al⸗ ten Sebaſtian Bach glich beinahe einer geiſterhaften graulichen Erzählung, und mich erfaßten die Schauer, denen man ſich ſo gern hingiebt in der phantaſtiſchen Jugendzeit. Ein ganzes Eden er⸗ ſchloß ſich mir aber, wenn, wie es im Winter zu geſchehen pflegte, der Stadtpfeifer mit ſeinen Ge⸗ ſellen, unterſtützt von ein paar ſchwächlichen Dilet⸗ tanten, ein Konzert gab, und ich in der Sympho⸗ nie die Pauken ſchlug, welches mir vergönnt wurde, wegen meines richtigen Takts. Wie lächerlich und toll dieſe Konzerte oft waren, habe ich erſt ſpäter eingeſehen. Gewöhnlich ſpielte mein Lehrer zwei Flügel⸗Konzerte von Wolff oder Emanuel Bach, ein Kunſtpfeifer⸗Geſell quälte ſich mit Stamitz, und der Acciſe⸗Einnehmer blies auf der Flöte ge⸗ waltig und übernahm ſich im Athem ſo, daß er beide Lichter am Pult ausbließ, die immer wieder angezündet werden mußten. An Geſang war nicht zu den ken, das tadelte mein Onkel, ein großer Freund VIII. 5 und Verehrer der Tonkunſt, ſehr. Er gedachte noch mit Entzücken der älteren Zeit, als die vier Kantoren der vier Kirchen des Orts ſich verbanden zur Auffüh⸗ rung von: Lottchen am Hofe, im Konzertſaal. Vor⸗ züglich pflegte er die Toleranz zu rühmen, womit die Sänger ſich zum Kunſtwerk vereinigt, da außer der katholiſchen und evangeliſchen noch die refor⸗ mirte Gemeinde ſich in zwei Zungen, die deutſche und franzöſiſche, ſpaltete, der franzöſiſche Kantor ließ ſich das Lottchen nicht nehmen, und trug, wie der Onkel verſicherte, brillbewaffnet die Parthie mit dem anmuthigſten Falſet vor, das jemals aus einer menſchlichen Kehle herauspfiff. Nun verzehrte aber bei uns(am Orte, mein' ich) eine fünf und fünfzigjährige Demoiſelle, Namens Meibel, die karge Penſion, welche ſie als jubilirte Hofſängerin aus der Reſidenz erhielt, und mein Onkel meinte rich⸗ tig, die Meibel könne für das Geld noch wirklich was weniges jubiliren im Konzerte. Sie that vor⸗ nehm, und ließ ſich lange bitten, doch endlich gab ſie nach, und ſo kam es im Konzerte auch zu Bra⸗ vour⸗Arien. Es war eine wunderliche Perſon, die Demoiſelle Meibel. Ich habe die kleine hagere Geſtalt noch lebhaft in Gedanken. Sehr feierlich und ernſt pflegte ſie mit ihrer Parthie in der Hand in einem buntſtoffnen Kleide vorzutreten, und mit einer ſanften Beugung des Oberleibes die Verſom i⸗ lung zu begrüßen. Sie trug einen ganz ſonder⸗ 51 baren Kopfputz, an deſſen Vorderſeite ein Straus von italiäniſchen Porzellain⸗Blumen befeſtigt war, der, indem ſie ſang, ſeltſam zitterte und nickte. Wenn ſie geendigt und die Geſellſchaft nicht we⸗ nig applaudirt hatte, gab ſie ihre Parthie mit ſtol⸗ zem Blick meinem Lehrer, dem es vergönnt war, in die kleine Porzellain⸗Doſe zu greifen, die einen Mops vorſtellte, und die ſie hervorgezogen, um dar⸗ aus mit vieler Behaglichkeit Tabak zu nehmen. Sie hatte eine garſtige quäkende Stimme, machte allerlei ſkurrile Schnörkel und Colloraturen, und Du kannſt denken, wie dies, verbunden mit dem lächerlichen Eindruck ihrer äußeren Erſcheinung auf mich wirken mußte. Mein Onkel ergoß ſich in Lobeserhebungen, ich konnte das nicht begreifen, und gab mich um ſo eher meinem Organiſten hin, der, überhaupt ein Verächter des Geſanges, in ſei⸗ ner hypochondriſchen boshaften Laune, die alte poſſirliche Demoiſelle gar ergötzlich zu parodiren wußte. Je lebhafter ich jene Verachtung des Geſanges mit meinem Lehrer theilte, deſto höher ſchlug er mein muſikaliſches Genie an. Mit dem größeſten Eifer unterrichtete er mich im Contrapunkt und bald ſetzte ich die künſtlichſten Fugen und Tokkaten. Eben ſolch ein künſtliches Stück von meiner Ar⸗ beit ſpielte ich einſt an meinem Geburtstage,(neun⸗ zehn Jahr war ich alt worden) dem Onkel vor, 52 als der Kellner aus unſerm vornehmſten Gaſthauſe ins Zimmer trat, zwei ausländiſche eben gekommene Damen ankündigend. Noch ehe der Onkel den groß⸗ geblümten Schlafrock abwerfen und ſich ankleiden konnte, traten die Gemeldeten ſchon hinein.— Du weißt, wie jede fremde Erſcheinung auf den, in kleinſtädtiſcher BeengtheitErzogenen, elektriſch wirkt; — zumahl dieſe, welche ſo unerwartet in mein Le⸗ ben trat, war ganz dazu geeignet, mich wie ein Zauberſchlag zu treffen. Denke Dir zwei ſchlanke hochgewachſene Italiänerinnen, nach der letzten Mode phantaſtiſch bunt gekleidet, recht virtuoſiſch keck und doch gar anmuthig auf meinen Onkel zuſchrei⸗ tend und auf ihn hineinredend mit ſtarker aber wohltönender Stimme.— Was ſprechen ſie denn für eine ſonderbare Sprache?— nur zuweilen klingt es beinahe wie deutſch!— Der Onkel verſteht kein Wort— verlegen zurücktretend— ganz verſtummt zeigt er nach dem Sopha. Sie nehmen Platz— ſie reden unter einander, das tönt wie lauter Mu⸗ ſik.— Endlich verſtändigen ſie ſich dem Onkel, es ſind reiſende Saͤngerinnen, ſie wollen Konzert geben am Orte und wenden ſich an ihn, der ſolche muſi⸗ kaliſche Operationen einzuleiten vermag. Wie ſie mit einander ſprachen, hatte ich ihre Vornamen herausgehorcht, und es war mir, als könne ich, da zuvor mich die Doppelerſcheinung ver⸗ wirrt, jetzt beſſer und deutlicher jede einzeln erfaſ⸗ 55 ſen. Lauretta, anſcheinend die ältere, mit ſtrah⸗ lenden Augen umherblitzend, ſprach mit überwallen⸗ der Lebhaftigkeit und heftiger Geſtikulation auf den ganz verlegenen Onkel hinein. Nicht eben zu groß, war ſie üppig gebaut, und mein Auge verlor ſich in manchen mir noch fremden Reizen. Tereſina, größer, ſchlanker, länglichen ernſten Geſichts, ſprach nur wenig, indeſſen verſtaͤndlicher dazwiſchen. Dann und wann lächelte ſie ganz ſeltſam, es war beinahe als ergötze ſie ſehr der gute Onkel, der ſich in ſei⸗ nen ſeidenen Schlafrock wie in ein Gehäuſe einzog, und vergebens ſuchte, ein verrätheriſches gelbes Band zu verſtecken, womit die Nachtjacke zugebun⸗ den, und das immer wieder ellenlang aus dem Bu⸗ ſen hervorwedelte. Endlich ſtanden ſie auf, der On⸗ kel verſprach für den dritten Tag das Konzert an⸗ zuordnen, und wurde ſammt mir, den er als einen jungen Virtuoſen vorgeſtellt, höflichſt auf Nachmit⸗ tag zur Ciocolata von den Schweſtern eingeladen. Wir ſtiegen ganz feierlich und ſchwer die Treppen hinan, es war uns beiden ganz ſeltſam zu Muthe, als ſoctten wir irgend ein Abentheuer beſtehen, dem wir nicht gewachſen. Nachdem der Onkel gehörig dazu vorbereitet, über die Kunſt viel ſchönes ge⸗ ſprochen, welches niemand verſtand, weder er, noch wir andern, nachdem ich mit der brühheißen Cho⸗ kolade mir zwei Mal die Zunge verſengt, aber ein Skävola an ſtoiſchem Gleichmuth, gelächelt hatte 5 2 54 zum wüthenden Schmerz, ſagte Lauretta, ſie wolle uns etwas vorſingen. Tereſina nahm die Chitarra, ſtimmte und griff einige volle Akkorde. Nie hatte ich das Inſtrument gehört, ganz wunderbar erfaßte mich tief im Innerſten der dumpfe geheimnißvolle Klang, in dem die Saiten erbebten. Ganz leiſe fing Laurette den Ton an, den ſie aushielt bis zum Fortiſſimo und dann ſchnell losbrach in eine kecke krauſe Figur durch anderthalb Oktaven. Noch weiß ich die Worte des Aufangs:„Sento l'amica speme.“ — Mir ſchnürte es die Bruſt zuſammen, nie hatte ich das geahnet. Aber ſo wie Lauretta immer küh⸗ ner und freier das Geſanges Schwingen regte, wie immer feuriger funkelnd der Töne Strahlen mich umfingen, da ward meine innere Muſik, ſo lange todt und ſtarr, entzündet und ſchlug empor in mächti⸗ gen herrlichen Flammen. Ach!— ich hatte ja zum er⸗ ſtenmale in meinem Leben Muſik gehört.— Nun ſan⸗ gen beide Schweſtern jene ernſten tief gehaltenen Duet⸗ ten vom Abbate Steffani. Tereſina's volltönender himmliſch reiner Alt drang mir durch die Seele. Nicht zurückhalten konnte ich meine innere Bewe⸗ gung, mir ſtürzten die Thränen aus den Augen. Der Onkel räusperte ſich, mir mißfällige Blicke zuwerfend, das half nichts, ich war wirklich außer mir. Den Sängerinnen ſchien das zu gefallen, ſie erkundigten ſich nach meinen muſikaliſchen Studien, ich ſchämte mich meines muſikaliſchen Treibens und 5⁵ mit der Dreiſtigkeit, die die Begeiſterung mir ge⸗ geben, erklärte ich geradezu heraus: erſt heute hätte ich Muſik gehört!„Il bon fanciulo,“ lispelte Lau⸗ retta recht ſüß und lieblich. Als ich nach Hauſe gekommen, befiel mich eine Art von Wuth, ich er⸗ griff alle Tokkaten und Fugen, die ich zuſammen⸗ gedrechſelt, ja ſogar fünf und vierzig Variationen über ein kanoniſches Thema, die der Organiſt kom⸗ ponirt und mir verehrt in ſauberer Abſchrift, warf alles ins Feuer und lachte recht hämiſch, als der doppelte Contrapunkt ſo dampfte und kniſterte. Nun ſetzte ich mich ans Inſtrument und verſuchte erſt die Töne der Chitarra nachzuahmen, dann, die Me⸗ lodien der Schweſtern nachzuſpielen, ja endlich nach⸗ zuſingen.„Man qguäcke nicht ſo ſchrecklich und lege ſich fein auf's Ohr,“ rief um Mitternacht endlich der Onkel, löſchte mir beide Lichter aus und kehrte in ſein Schlafzimmer zurück, aus dem er hervor⸗ getreten. Ich mußte gehorchen. Der Traum brachte mir das Geheimniß des Geſanges— ſo glaubte ich — denn ich ſang vortrefflich„sento amica speme. — Den andern Morgen hatte der Onkel alles, was nur geigen und pfeifen konnte, zur Probe be⸗ ſtellt. Stolz wollte er zeigen, wie herrlich unſere Muſik beſchaffen, es lief indeſſen höchſt unglücklich ab. Lauretta legte eine große Szene auf, aber gleich im Recitativ tobten ſie alle durcheinander, leiner hatte eine Idee vom Akkompagniren. Lau⸗ 56 retta ſchrie— wüthete— weinte vor Zorn und Ungeduld. Der Organiſt ſaß am Flügel, über den fiel ſie her mit den bitterſten Vorwürfen. Er ſtand auf und ging in ſtummer Verſtocktheit zur Thüre hinaus. Der Stadtpfeifer, dem Lauretta ein: Asino maledetto, an den Kopf geworfen, hatte die Violine unter den Arm genommen und den Hut trotzig auf den Kopf geworfen. Er bewegte ſich ebenfalls nach der Thüre, die Geſellen, Bogen in die Saiten geſteckt, Mundſtücke abgeſchraubt, folg⸗ ten. Blos die Dilettanten ſchauten umher mit weinerlichen Blicken und der Accis⸗Einnehmer rief tragiſch:„O Gott, wie alterirt mich das!“— Alle meine Schüchternheit hatte mich verlaſſen, ich warf mich dem Stadtpfeifer in den Weg, ich bat, ich flehte, ich verſprach ihm in der Angſt ſechs neue Menuetts mit doppeltem Trio für den Stadtball.— Es gelang mir ihn zu beſänftigen. Er kehrte zu⸗ rück zum Pulte, die Geſelleen traten heran, bald war das Orcheſter hergeſtellt, nur der Organiſt fehlte. Langſam wandelte er über den Markt, kein Winken, kein Zurufen lenkte ſeine Schritte zurück. Tereſina hatte alles mit verbiſſenem Lachen ange⸗ ſehen, Lauretta, ſo zornig ſie erſt geweſen, ſo hei⸗ ter war ſie jetzt. Sie lobte über Gebühr meine Bemühungen, ſie fragte mich, ob ich den Flügel ſpiele und ehe ich mir's verſah, ſaß ich an des Organiſten Stelle vor der Partitur. Noch nie 57 hatte ich den Geſang begleitet oder gar ein Orche⸗ ſter dirigirt. Tereſina ſetzte ſich mir zur Seite an den Flügel und gab mir jedes Tempo an, ich be⸗ kam ein aufmunterndes Bravo nach dem andern von Lauretta, das Orcheſter fügte ſich, es ging immer beſſer. In der zweiten Probe wurde alles klar und die Wirkung des Geſanges der Schweſtern im Konzerte war unbeſchreiblich. Es ſollten in der Reſidenz bei der Rückkunft des Fürſten viele Feier⸗ lichkeiten ſtatt finden, die Schweſtern waren hinüber⸗ berufen, um auf dem Theater und im Konzerte zu ſingen; bis zur Zeit, wenn ihre Gegenwart noth⸗ wendig, hatten ſie ſich entſchloſſen, in unſerm Städtchen zu verweilen, und ſo kam es denn, daß ſie noch ein paar Konzerte gaben. Die Bewunde⸗ rung des Publikums ging über in eine Art Wahn⸗ ſinn. Nur die alte Meibel nahm bedächtig eine Priſe aus dem Porzelan⸗Mops und meinte: ſolch impertinentes Geſchrei ſey kein Geſang, man müſſe hübſch duſe ſingen. Mein Organiſt ließ ſich gar nicht mehr ſehen, und ich vermißte ihn auch nicht. Ich war der glückſeligſte Menſch auf Erden!— Den ganzen Tag ſaß ich bei den Schweſtern, akkom⸗ pagnirte und ſchrieb die Stimmen aus den Partitu⸗ ren zum Gebrauch in der Reſidenz. Lauretta war mein Idael, alle böſen Launen, die entſetzlich auf⸗ brauſende Heftigkeit— die virtuoſiſche Quälerei am Flügel— alles ertrug ich mit Geduld!— Sie, 58 nur ſie hatte mir ja die wahre Muſik erſchloſſen. Ich fing an das Italiäniſche zu ſtudiren und mich in Kanzonetten zu verſuchen. Wie ſchwebte ich im höchſten Himmel, wenn Lauretta meine Compoſition ſang und ſie gar lobte! Oft war es mir, als habe ich das gar nicht gedacht und geſetzt, ſondern in Lauretta's Geſange ſtrahlte erſt der Gedanke her⸗ vor. An Tereſina konnte ich mich nicht recht ge⸗ wöhnen, ſie ſang nur ſelten, ſchien nicht viel auf mein ganzes Treiben zu geben und zuweilen war es mir ſogar, als lache ſie mich hinterrücks aus. Endlich kam die Zeit der Abreiſe heran. Nun erſt fühlte ich, was mir Lauretta geworden und die Unmöglichkeit mich von ihr zu trennen. Oft, wenn ſie recht smorfiosa geweſen, liebkoſte ſie mich, wie wohl auf ganz unverfängliche Weiſe, aber mein Blut kocht auf und nur die ſeltſame Kälte, die ſie mir entgegen zu ſetzen wußte, hielt mich ab, hell auſtodernd in toller Liebeswuth ſie in meine Arme zu faſſen.— Ich hatte einen leidlichen Tenor, den ich zwar nie geübt, der ſich aber jetzt ſchnell ausbildete. Häufig ſang ich mit Lauretta jene zärtliche italiäniſche Duettini, deren Zahl un⸗ endlich iſt. Eben ein ſolches Duett ſangen wir, die Abreiſe war nahe—„senza di te ben mio, vivere non poss'io— Wer vermochte das zu ertragen! — Ich ſtürzte zu Lauretta's Füßen— ich war in Verzweiflung! Sie hob mich auf„aber mein Freund! 59 dürfen wir uns denn trennen 2— Ich horchte voll Erſtaunen hoch auf. Sie ſchlug mir vor, mit ihr und Tereſina nach der Reſidenz zu gehen, denn aus dem Städtchen heraus müßte ich doch ein Mal, wenn ich mich der Muſik ganz widmen wolle. Denke Dir einen, der in den ſchwärzeſten bodenloſen Abgrund ſtürzt, er verzweifelt am Leben, aber in dem Angenblick, wo er den Schlag, der ihn zer⸗ ſchmettert, zu empfinden glaubte, ſitzt er in einer herrlichen hellen Roſenlaube und hundert bunte Lichterchen umhüpfen ihn und rufen: Liebſter bis dato leben ſie noch!— So war mir jetzt zu Muthe. Mit nach der Reſidenz! das ſtand feſt in meiner Seele!— Nicht ermüden will ich Dich damit, wie ich es anfing dem Onkel zu beweiſen, daß ich nun durchaus nach der ohnehin nicht ſehr entfernten Reſi⸗ denz müßte. Er gab endlich nach, verſprach ſogar mitzureiſen. Welch ein Strich durch die Rechnung! — Meine Abſicht mit den Sängerinnen zu reiſen, durfte ich ja nicht laut werden laſſen. Ein tüchtiger Katarrh, der den Onkel befiel, rettete mich. Mit der Poſt fuhr ich von dannen, aber nur bis auf die nächſte Station, wo ich blieb, um meine Göttin zu erwarten. Ein wohlgeſpickter Beutel ſetzte mich in den Stand, alles gehörig vorzubereiten. Recht romantiſch wollte ich die Damen, wie ein beſchützen⸗ der Paladin zu Pferde begleiten: ich wußte mir einen nicht beſonders ſchönen, aber nach der Ver⸗ 60 ſicherung des Verkäufers geduldigen Gaul zu ver⸗ ſchaffen, und ritt zur beſtimmten Zeit den Sänger⸗ innen entgegen. Bald kam der kleine zweiſitzige Wagen langſam heran. Den Hinterſitz hatten die Schweſtern eingenommen, auf dem kleinen Rückſſitz ſaß ihr Kammermädchen, die kleine dicke Gianna, eine braune Neapolitanerin. Außerdem war noch der Wagen mit allerlei Kiſten, Schachteln und Körben, von denen reiſende Damen ſich nie trennen, vollgepackt. Von Gianna's Schooße bellten mir zwei kleine Mopſe entgegen, als ich froh die Er⸗ warteten begrüßte. Alles ging glücklich von ſtatten, wir waren ſchon auf der letzten Station, da hatte mein Pferd den veſondern Einfall nach der Heimath zurückkehren zu wollen. Das Bewußtſein, in der⸗ gleichen Fällen nicht mit ſonderlichem Erfolg Strenge brauchen zu können, rieth mir, alle nur mögliche ſanfte Mittel zu verſuchen, aber der ſtarrſinnige Gaul blieb ungerührt bei meinem freundlichen Zu⸗ reden. Ich wollte vorwärts, er rückwärts, alles, was ich mit Mühe über ihn erhielt, war, daß ſtatt rückwärts auszureißen, er ſich nur im Kreiſe drehte. Tereſina bog ſich zum Wagen heraus und lachte ſehr, während Lauretta beide Haͤnde vor dem Ge⸗ ſicht, laut aufſchrie, als ſey ich in größter Lebens⸗ gefahr. Das gab mir den Muth der Verzweiflung, ich drückte beide Sporen dem Gaul in die Rippen, lag aber auch in demſelben Angenblick unſauft hin⸗ 64 abgeſchleudert auf dem Boden. Das Pferd blieb ruhig ſtehen, und ſchaute mich mit lang vorgereck⸗ tem Halſe ordentlich verhöhnend an. Ich vermochte nicht aufzuſtehen, der Kutſcher eilte mir zu helfen, Lauretta war herausgeſprungen und weinte und ſchrie, Tereſina lachte unaufhörlich. Ich hatte mir den Fuß verſtaucht und konnte nicht wieder auf's Pferd. Wie ſollte ich fort? Das Pferd wurde an den Wagen gebunden, in den ich hineinkriechen mußte. Denke Dir zwei ziemlich robuſte Frauen⸗ zimmer, eine dicke Magd, zwei Möpſe, ein Dutzend Kiſten, Schachteln und Körbe, und nun noch mich dazu in einem kleinen zweiſitzigen Wagen zuſam⸗ mengepackt.— Denke Dir Lauretta's Jammern über den unbequemem Sitz— das Heulen der Möpſe — das Geſchnatter der Neapolitanerin— Tereſi⸗ na's Schmollen— meinen unſäglichen Schmerz am Fuße, und Du wirſt das Anmuthige meiner Lage ganz empfinden. Tereſina konnte es, wie ſie ſagte, nicht länger aushalten. Man hielt, mit einem Satz war ſie aus dem Wagen heraus. Sie band mein Pferd los, ſetzte ſich quer über den Sattel und krabte und kourbettirte vor uns her. Geſte⸗ hen mußte ich, daß ſie ſich gar herrlich ausnahm. Die ihr in Gang und Stellung eigene Hoheit und Grazie zeigte ſich noch mehr auf dem Pferde. Sie ließ ſich die Chitarra hinausreichen, und, die Zügel um den Arm geſchlungen, ſang ſie ſtolz ſpaniſche VIII. 6 62 Romanzen, volle Akkorde dazu greifend. Ihr hel⸗ les ſeidenes Kleid flatterte, im ſchimmernden Fal⸗ tenwurf ſpielend, und wie in den Tönen koſende Luftgeiſter, nickten und wehten die weißen Federn auf ihrem Hute. Die ganze Erſcheinung war hoch romantiſch, ich konnte kein Auge von Tereſina wen⸗ den, unerachtet Lauretta ſie eine phantaſtiſche När⸗ rin ſchalt, der die Keckheit übel bekommen würde. Es ging aber glücklich, das Pferd hatte allen Starr⸗ ſinn verloren, oder es war ihm die Sängerin lieber als der Paladin, kurz— erſt vor den Thoren der Reſidenz, kroch Tereſina wieder ins Wagengehäuſe hinein. Sieh mich jetzt in Konzerten und Opern, in al⸗ ler möglichen Muſik ſchwelgen— ſieh mich als fleißigen Correpetitore am Flügel, Arien, Duetten, und was weiß ich ſonſt einſtudiren. Du merkſt es dem ganz veränderten Weſen an, daß ein wun⸗ derbarer Geiſt mich durchdringt. Alle kleinſtädti⸗ ſche Scheu iſt abgeworfen, wie ein Maeſtro ſitze ich am Flügel vor der Partitur, die Szenen meiner Donna dirigirend.— Mein ganzer Sinn— meine Gedanken ſind ſüße Melodie.— Ich ſchreibe unbe⸗ kümmert um kontrapunktiſche Künſte, allerlei Kan⸗ zonetten und Arien, die Lauretta ſingt, wie wohl nur im Zimmer.— Warum will ſie nie etwas von mir im Konzert ſingen?— Ich begreife es nicht! — Aber Tereſina erſcheint mir zuweilen auf ſtol⸗ ————y 65 zem Roß mit der Lyra, wie die Kunſt ſelbſt in küh⸗ ner Romantik— unwillkührlich ſchreib' ich manch' hohes ernſtes Lied!— Es iſt wahr, Lauretta ſpielt mit den Tönen, wie eine launiſche Feenkönigin. Was darf ſie wagen, das ihr nicht glücke? Tere⸗ ſina bringt keine Roulade heraus— ein ſimpler Vorſchlag, ein Mordent höchſtens, aber ihr langge⸗ haltener Ton leuchtet durch den finſtern Nachtgrund und wunderbare Geiſter werden wach und ſchauen mit ernſten Augen tief hinein in die Bruſt.— Ich weiß nicht, wie ich ſo lange dafür verſchloſſen ſeyn konnte.— Das den Schweſtern bewilligte Benefiz⸗Konzert war herangekommen, Lauretta ſang mit mir eine lange Szene von Anfoſſi. Ich ſaß wie gewöhnlich am Flügel. Die letzte Fermate trat ein. Lauretta bot alle ihre Kunſt auf, Nachtigalltöne wirbelten auf und ab— aushaltende Noten— dann bunte krauſe Rouladen, ein ganzes Solfeggio! In der That ſchien mir das Ding diesmal beinahe zu lang, ich fühlte einen leiſen Hauch; Tereſina ſtand hinter mir. In demſelben Augenblick holte Lauretta aus, zum anſchwellenden Harmonika⸗Triller, mit ihm wollte ſie in das a Tempo hinein. Der Satan regierte mich, nieder ſchlug ich mit beiden Händen den Akkord, das Orcheſter folgte, geſchehen war es um Lauretta's Triller, um den höchſten Moment, der alles in Staunen ſetzen ſollte. Lauretta, mit 64 wüthenden Blicken mich durchbohrend, riß die Par⸗ thie zuſammen, warf ſie mir an den Kopf, daß die Stücke um mich her flogen, und rannte wie raſend durch das Orcheſter in das Nebengemach. So wie das Tutti geſchloſſen, eilte ich nach. Sie weinte, ſie tobte.„Mir aus den Augen, Frevler,“ ſchrie ſie mir entgegen—„Teufel, der hämiſch mich um al⸗ les gebracht— um meinen Ruhm, um meine Ehre — ach um meinen Trillo.— Mir aus den Augen, verruchter Sohn der Hölle!“— Sie fuhr auf mich los, ich entſprang durch die Thüre. Während des Konzerts, das eben jemand vortrug, gelang es end⸗ lich Tereſinen und dem Kapellmeiſter die Wüthende ſo weit zu beſänftigen, daß ſie wieder vorzutreten ſich entſchloß; ich durfte aber nicht mehr an den Flügel. Im letzten Duett, das die Schweſtern ſan⸗ gen, brachte Lauretta noch wirklich den anſchwellen⸗ den Harmonikatriller an, wurde über die Maaßen beklatſcht und gerieth in die beſte Stimmung. Ich konnte indeſſen die üble Behandlung, die ich in Ge⸗ genwart ſo vieler fremder Perſonen von Lauretta erduldet, nicht verwinden, und war feſt entſchloſſen den andern Morgen nach meiner Vaterſtadt zurück zu reiſen. Eben packte ich meine Sachen zuſam⸗ men, als Tereſina in mein Stübchen trat. Mein Beginnen gewahrend, rief ſie voll Erſtaunen:„Du willſt uns verlaſſen?“ ich erklärte, daß, nachdem ich ſolche Schmach vou Lauretta erduldet, ich län⸗ 65 ger in ihrer Geſellſchaft nicht bleiben könne.„Alſo die tolle Aufführung einer Närrin,« ſprach Tere⸗ ſina,„die ſie ſchon herzlich bereut, treibt Dich fort? Kannſt Du denn aber beſſer leben in Deiner Kunſt, als bei uns? Nur auf Dich kommt es ja an, durch Dein Betragen Lauretta von ähnlichem Beginnen abzuhalten. Du biſt zu nachgiebig, zu ſüß, zu ſanft. Ueberhaupt ſchlägſt Du Lauretta's Kunſt zu hoch an. Sie hat keine üble Stimme und viel Umfang, das iſt wahr, aber alle dieſe ſonderbaren wirblich⸗ ten Schnörkel, die ungemeſſenen Läufe, dieſe ewi⸗ gen Triller, was ſind ſie anders, als blendende Kunſtſtückchen, die ſo bewundert werden, wie die waghalſigen Sprünge des Seiltänzers? Kann denn ſo etwas tief in uns eindringen und das Herz rüh⸗ ren? Den Harmonika⸗Triller, den Du verdorben, kann ich nun gar nicht leiden, es wird mir ängſt⸗ lich und weh dabei. Und dann dies hoch hinauf Klettern in die Region der drei Striche, iſt das nicht ein erzwungenes Ueberſteigen der natürlichen Stimme, die doch nur allein wahrhaft rührend bleibt? Ich lobe mir die Mittel⸗ und die tiefen Töne. Ein in das Herz dringender Laut, ein wahrhaftes Por- tamento di voce geht mir über alles. Keine un⸗ nütze Verzierung, ein feſt und ſtark gehaltener Ton — ein beſtimmter Ausdruck, der Seele und Ge⸗ müth erfaßt, das iſt der wahre Geſang und ſo ſinge ich. Magſt Du Lauretta nicht mehr leiden, ſo 6* 66 denke an Tereſina, die Dich ſo gern hat, weil Du nach Deiner eigentlichen Art und Weiſe eben mein Maeſtro und Compoſitore werden wirſt.— Nimm mir's nicht übel! Alle Deine zierlichen Kanzonet⸗ ten und Arien ſind gar nichts werth gegen das ein⸗ zige.“— Tereſina ſang mit ihrer ſonoren vollen Stimme einen einfachen kirchenmäßigen Kanzone, den ich vor wenigen Tagen geſetzt. Nie hatte ich geahnt, daß das ſo klingen könnte. Die Töne dran⸗ gen mit wunderbarer Gewalt in mich hinein, die Thränen ſtanden mir in den Augen vor Luſt und Entzücken, ich ergriff Tereſina's Hand, ich drückte ſie tauſend Mal an den Mund, ich ſchwur, mich niemals von ihr zu trennen.— Lauretta ſah mein Verhältniß mit Tereſina mit neidiſchem verbiſſenem Aerger an, indeſſen ſie bedurfte meiner, denn trotz ihrer Kunſt war ſie nicht im Stande, Neues ohne Hülfe einzuſtudiren, ſie las ſchlecht und war auch nicht taktfeſt. Tereſina las alles vom Blatt, und daneben war ihr Taktgefühl ohne Gleichen. Nie ließ Lauretta ihren Eigenſinn und ihre Heftigkeit mehr aus als beim Accompagniren. Nie war ihr die Begleitung recht— ſie behandelte das als ein nothwendiges Uebel— man ſollte den Flügel gar nicht hören, immer pianissimo— immer nachgeben und nachgeben— jeder Takt anders, ſo wie es in ihrem Kopfe ſich nun gerade geſtaltet hatte im Mo⸗ ment. Jetzt ſetzte ich mich ihr mit feſtem Sinn 67 entgegen, ich bekämpfte ihre Unarten, ich bewies ihr, daß ohne Energie keine Begleitung denkbar ſey, daß Tragen des Geſanges ſich merklich unter⸗ ſcheide von taktloſer Zerfloſſenheit. Tereſina anter⸗ ſtützte mich treulich. Ich komponirte nur Kirchen⸗ ſachen und gab alle Soli der tiefen Stimme. Auch Tereſina hofmeiſterte mich nicht wenig, ich ließ es mir gefallen, denn ſie hatte mehr Kenntniß und (ſo glaubte ich) mehr Sinn für deutſchen Ernſt als Lauretta. Wir durchzogen das ſüdliche Deutſchland. In einer kleinen Stadt trafen wir auf einen italiäni⸗ chen Tenor, der von Mailand nach Berlin wollte. Meine Damen waren entzückt über den Landsmann; er trennte ſich nicht von ihnen, vorzüglich hielt er ſich an Tereſina, und zu meinem nicht geringen Aerger ſpielte ich eine ziemlich untergeordnete Rolle. Einſt wollte ich mit einer Partitur unter dem Arm gerade ins Zimmer treten, als ich drin⸗ nen ein lebhaftes Geſpräch zwiſchen meinen Damen und dem Tenor vernahm. Mein Name wurde ge⸗ nannt— ich ſtutzte, ich horchte. Das Italiäuiſche verſtand ich jetzt ſo gut, daß mir kein Wort ent⸗ ging. Lauretta erzählte eben den tragiſchen Vor⸗ fall im Konzert, wie ich ihr durch unzeitiges Nie⸗ derſchlagen den Triller abgeſchnitten.„Asino te- desco,“ rief der Tenor— es war mir zu Muthe, als müßte ich hinein, und den luftigen Theaterhel⸗ 68 den zum Fenſter hinauswerfen— ich hielt an mich. Lauretta ſprach weiter, daß ſie mich gleich fortja⸗ gen wollen, indeſſen ſey ſie durch mein flehentliches Bitten bewogen worden, mich noch ferner um ſich zu dulden aus Mitleid, da ich bei ihr den Geſang ſtudiren wollen. Tereſina beſtätigte dies zu mei⸗ nem nicht geringen Erſtaunen.„Es iſt ein gutes Kind,“ fügte ſie hinzu,„jetzt iſt er in mich ver⸗ liebt, und ſetzt alles für den Alt. Einiges Talent iſt in ihm, aber er muß ſich aus dem Steifen und Ungelenken herausarbeiten, das den Deutſchen ei⸗ gen. Ich hoffe mir aus ihm einen Compoſitore zu bilden, der mir, da wenig für den Alt geſchrieben wird, einige tüchtige Sachen ſetzt, nachher loſſe ich ihn laufen. Er iſt mit ſeinem Liebeln und Schmach⸗ ten ſehr langweilig, auch quält er mich zu ſehr mit ſeinen leidigen Compoſitionen, die zur Zeit ganz erbärmlich ſind.“„Wenigſtens bin ich ihn jetzt los,“ ſiel Lauretta ein,„was hat mich der Menſch verfolgt mit ſeinen Arien und Duetten, weißt Du wohl noch Tereſina?«— Nun fing Lauretta ein Duett an, das ich komponirt, und das ſie ſonſt hoch gerühmt hatte. Tereſina nahm die zweite Stimme auf und beide parodirten in Stimme und Vortrag mich auf das grauſamſte. Der Tenor lachte, daß es im Zimmer ſchallte, ein Eisſtrom goß ſich durch meine Glieder— mein Entſchluß war gefaßt nu⸗ widerruflich. Leiſe ſchlich ich mich fort von der Thuͤr in mein Zimmer zurück, deſſen Fenſter in die Seitenſtraße gingen. Gegenüber war die Poſt ge⸗ legen, eben fuhr der Bamberger Poſtwagen vor, der gepackt werden ſollte. Die Paſſagiere ſtanden ſchon vor dem Thorwege, doch hatte ich noch eine Stunde Zeit. Schnell raffte ich meine Sachen zu⸗ ſammen, bezahlte großmüthig die ganze Rechnung im Gaſthofe und eilte nach der Poſt. Als ich durch die breite Straße fuhr, ſah ich meine Damen, die mit dem Tenor noch am Fenſter ſtanden, und ſich auf den Schall des Poſthorns herausbückten. Ich drückte mich zurück in den Hintergrund, und dachte recht mit Luſt an die tödtende Wirkung des gall⸗ bittern Billets, das ich für ſie im Gaſthauſe zu⸗ rückgelaſſen hatte.— Mit vieler Behaglichkeit ſchlürfte Theodor die Neige des glühenden Elatiko aus, die ihm Eduard eingeſchenkt.„Der Tereſina—“ ſprach dieſer, indem er eine neue Flaſche öffnete und geſchickt den oben ſchwimmenden Oeltropfen weaſchüttete,„der Tere⸗ ſina hätte ich ſolche Falſchheit und Tücke nicht zu⸗ getraut. Das anmuthige Bild, wie ſie zu Pferd, das in zierlichen Courbetten daher tanzt, ſpaniſche Romanzen ſingt, kommt mir nicht aus dem Ge⸗ danken.“„Das war ihr Culminations⸗Punkt,“ ſiel Theodor ein.„Noch erinnere ich mich des ſeltſamen Eindrucks, den die Szeue auf mich machte. Ich vergaß meine Schmerzen; Tereſina kam mir in der 70 That, wie ein höheres Weſen vor. Daß ſolche Momente tief in's Leben greifen, und urplötzlich manches eine Form gewinnt, die die Zeit nicht verdüſtert, iſt nur zu wahr. Iſt mir jemals eine kecke Romanze gelungen, ſo trat gewiß in dem Augenblick des Schaffens Tereſina's Bild recht klar und farbigt aus meinem Innern hervor.“ „»Doch,“ ſprach Eduard,„laß uns auch die kunſt⸗ reiche Lauretta nicht vergeſſen, und gleich, allen Groll bei Seite geſetzt, auf das Wohl beider Schwe⸗ ſtern anſtoßen.“— Es geſchah!—„Ach“ ſprach Theodor:„wie wehen doch aus dieſem Wein die holden Düfte Italiens mich an— wie glüht mir doch friſches Leben durch Nerven und Adern!— Ach warum mußte ich doch das herrliche Land ſo ſchnell wieder verlaſſen!“«„Aber“ fiel Eduard ein: „noch fand ich in Allem, was Du erzählteſt, keinen Zuſammenhang mit dem Hummelſchen Bilde, und ſo, glaube ich, haſt Du noch mehr von den Schwe⸗ ſtern zu ſagen. Wohl merke ich, daß die Damen auf dem Bilde keine anderen ſind, als eben Lauretta und Tereſina ſelbſt.“„So iſt es in der That,“ er⸗ wiederte Theodor:„und meine ſehnſüchtigen Stoß⸗ ſeufzer nach dem herrlichen Lande leiten ſehr gut das ein, was ich noch zu erzählen habe. Kurz vor⸗ her, als ich vor zwei Jahren Rom verlaſſen wollte, machte ich zu Pferde einen kleinen Abſtecher. Vor einer Lokanda ſtand ein recht freundliches Mädchen, 71 und es ſiel mir ein, wie behaglich es ſein müße, mir von dem niedlichen Kinde einen Trunk edeln Weins reichen zu laſſen. Ich hielt vor der Haus⸗ thüre, in dem von glühenden Streiflichtern durch⸗ glänzten Laubgange. Mir ſchallten aus der Ferne Geſang und Chitaratöne entgegen. Ich horchte hoch auf, denn die beiden weiblichen Stimmen wirkten ganz ſonderbar auf mich, ſeltſam gingen dunkle Erinnerungen in mir auf, die ſich nicht ge⸗ ſtalten wollten. Ich ſtieg vom Pferde und näherte mich langſam und auf jeden Ton lauſchend der Wein⸗ laube, aus der die Muſik zu ertönen ſchien. Die zweite Stimme hatte geſchwiegen, die erſte ſang allein eine Kanzonetta. Je näher ich kam, de⸗ ſto mehr verlor ſich das Bekannte, das mich erſt ſo angeregt hatte. Die Sängerin war in einer bunten krauſen Fermate begriffen. Das wirbelte auf und ab— auf und ab— endlich hielt ſie einen langen Ton— aber nun brach eine weibliche Stimme plötzlich in ein tolles Zanken aus— Verwünſchun⸗ gen, Flüche, Schimpfreden!— Ein Mann prote⸗ ſtirt, ein anderer lacht.— Eine zweite weibliche Stimme miſcht ſich in den Streit. Immer toller und toller brauſt der Zank mit aller italiäniſchen Rabbia!— Endlich ſtehe ich dicht vor der Laube, ein Abbate ſtürzt heraus und rennt mich beinahe über den Haufen, er ſieht ſich nach mir um, ich er⸗ kenne meinen guten Signor Ludovico, meinen muſi⸗ kaliſchen Neuigkeitsträger aus Rom!—„Was um 72 des Himmelswillen! ruf ich“—„Ah, Signor Maeſtro!— Signor Maeeſtro“ ſchreit er:„Retten Sie mich, ſchützen Sie mich vor dieſer Wüthenden, vor dieſem Krokodill, dieſem Tiger, dieſer Hyäne, dieſem Teufel von Mädchen.— Es iſt wahr, es iſt wahr, ich gab den Takt zu Anfoſſtis Kanzonetta, und ſchlug zu unrechter Zeit mitten in der Fermate nieder, ich ſchnitt ihr den Trillv ab aber warum ſah ich ihr in die Augen, der ſataniſchen Göttin! — Hole der Teufel alle Fermaten!“— In ganz beſonderer Bewegung trat ich mit dem Abbate raſch in die Weinlaube und erkannte auf den erſten Blick die Schweſtern, Lauretta und Tereſina. Noch ſchrie und tobte Lauretta, noch ſprach Tereſina heftig in ſie hinein— der Wirth, die nackten Arme über einander geſchlagen, ſchaute lachend zu, während ein Mädchen den Tiſch mit neuen Flaſchen beſetzte. So wie mich die Sängerinnen erblickten, ſtürzten ſie über mich her.„Ah, Signor Teodoro!“ und uͤberhäuften mich mit Liebkoſungen. Aller Streit war vergeſſen.„Seht hier,“ ſprach Lauretta zum Abbate:„einen Compoſitore, graziös wie ein Italiäner, ſtark wie ein Dentſcher!“— Beide Schweſtern, ſich mit Heftigkeit ins Wort fallend, erzählten nun von den glücklichen Tagen unſers Beiſammenſeyns, von meinen tiefen muſikaliſchen Kenntuiſſen, ſchon als Jüngling, von unſern Uebun⸗ gen, von der Vortrefflchkeit meiner Compoſitionen, 73³ nie hätten ſie etwas anderes ſingen mögen, als was ich geſetzt.— Tereſina verkündigte mir end⸗ lich, daß ſie von einem Impreſſario zum nächſten Carnevel als erſte tragiſche Sängerin engagirt wor⸗ den, ſie wolle aber erklären, daß ſie nur unter der Bedingung ſingen werde, wenn mir wenigſtens die Cumpoſition einer tragiſchen Oper übertragen würde. — Das ernſte Tragiſche ſey doch nun ein Mal mein Fach u. ſ. w. Lauretta meinte dagegen; Schade ſey es, wenn ich nicht meinem Hange zum Zierlichen. Anmuthigen, kurz zur Opera buffa nachgeben wollte. Für dieſe ſey ſie als erſte Sän⸗ gerin engagirt, und daß niemand anders als ich die Oper, in der ſie zu ſingen hätte, componiren ſolle, verſtehe ſich von ſelbſt. Du kannſt denken, mit welchen beſonderen Gefühlen ich zwiſchen beiden ſtand. Uebrigens ſiehſt Du, daß die Geſellſchaft, zu der ich trat, eben diejenige iſt, welche Hummel mahlte, und zwar in dem Moment, als der Abbate eben im Begriff iſt in Lauretta's Fermate hinein⸗ zuſchlagen.„Aber dachten ſie denn,“ ſprach Eduard: „gar nicht an dein Scheiden, an das gallbittere Billet?«„Auch nicht mit einem Wort,“ erwiederte Theodor,„und ich eben ſo wenig, denn längſt war aller Groll aus meiner Seele gewichen, und mein Abentheuer mit den Schweſtern mir ſpaßhaft ge⸗ worden. Das einzige, was ich mir erlaubte, war, dem Abbate zu erzählen, wie vor mehreren Jahren Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. VIII. Bd. 7 74 mir auch in einer Anfoſſiſchen Arie ein ganz gleicher Unfall begegnet, wie heute ihm. Ich drängte mein ganzes Beiſamenſeyn mit den Schweſtern in die tragikomiſche Szene hinein, und ließ, kräftige Seitenhiebe austheilend, die Schweſtern das Ueber⸗ gewicht fühlen, das die, an mancher Lebens⸗ und Kunſterfahrung reichen Jahre, mir über ſie gegeben hatten. Und gut war es doch, daß ich hineinſchlug in die Fermate, denn das Ding war angelegt auf ewige Zeiten, und ich glaube, ließ ich die Sänge⸗ rin gewähren, ſo ſäß' ich noch am Flügel.“„Doch Signor,“ erwiederte der Abbate:„welcher Maeſtro darf ſich anmaßen, der Pirma donna Geſetze zu geben, und dann war ihr Vergehen viel größer als das meinige, im Konzertſaal, und hier in der Laube— eigentlich war ich nur Maeſtro in der Idee, niemand durfte was darauf geben— und hätte mich dieſer himmliſchen Augen ſüßer Feuer⸗ blick nicht bethört ſo wär' ich ein Eſel geweſen.“ Des Abbate letzte Worte waren heilbringend, denn Lauretta, deren Augen während der Abbate ſprach, wieder zornig zu funkeln anfingen, wurde dadurch ganz beſänuftigt. Wir blieben den Abend über beiſammen. Vier⸗ zeyn Jahre, ſo lange war es her, als ich mich von den Schweſtern trennte, ändern viel. Lauretta hatte ziemlich gealtert, indeſſen war ſie noch jetzt nicht ohne Reiz. Tereſina hatte ſich beſſer erhalten 75 und ihren ſchönen Wuchs nicht verloren. Beide gingen ziemlich bunt gekleidet, und ihr ganzer An⸗ ſtand war wie ſonſt, alſo vierzehn Jahre jünger als ſie ſelbſt. Tereſina ſang auf meine Bitte einige der ernſten Lieder, die mich ſonſt tief ergriffen hatten, aber es war mir, als hätten ſie anders in meinem Innern wieder geklungen und ſo war auch Lauretta's Geſang, hatte ihre Stimme auch weder an Stärke und Höhe zu merklich verloren, ganz von dem ver⸗ ſchieden, der als der ihrige in meinem Innern lebte. Schon dieſes Aufdringen der Vergleichung einer innern Idee, mit der nicht eben erfreulichen Wirklichkeit, mußte mich noch mehr verſtimmen, als es das Betragen der Schweſtern gegen mich, ihre erheuchelte Extaſe, ihre unzarte Bewunder⸗ ung, die doch ſich wie gnädige Protektion geſtaltete, ſchon vorher gethan.— Der drollige Abbate, der mit aller nur erdenklichen Süßigkeit den Amoroſo von beiden Schweſtern machte, der gute Wein reich⸗ lich genoſſen, gaben mir endlich meinen Humor wieder, ſo daß der Abend recht froh in heller Ge müthlichkeit verging. Auf das eifrichſte luden mich die Schweſtern zu ſich ein, um gleich mit ihnen das nöthige über die Parthien zu verabreden, die ich für ſie ſetzen ſollte.— Ich verließ Rom ohne ſie weiter aufzuſuchen.— „Und doch,“ ſprach Eduard:„haſt Du ihnen das Erwachen Deines innern Geſanges zu verdanken.“ „Allerdings,“ erwiederte Theodor,„und eine Menge uter Melodien dazu, aber eben deshalb hätte ich ie nie wiederſehen ſollen. Jeder Komponiſt erinnert ſich wohl eines mächtigen Eindrucks, den die Zeit nicht vernichtet. Der im Ton lebende Geiſt ſprach, und das war das Schöpfungswort, welches urplötz⸗ lich den ihm verwandten, im Innern ruhenden Geiſt weckte; mächtig ſtrahlte er hervor und konnte nie mehr untergehen. Gewiß iſt es, daß, ſo an⸗ geregt, alle Melodien, die aus dem Innern her⸗ vorgehen, uns nur der Sängerin zu gehoͤren ſcheinen, die den erſten Funken in uns warf. Wir hören ſie und ſchreiben es nur auf, was ſie geſungen. Es iſt aber das Erbtheil von uns Schwachen, daß wir, an der Erdſcholle klebend, ſo gern das Ueber⸗ irdiſche hinabziehen wollen in die irdiſche ärmliche Beengtheit. So wird die Sängerin unſere Geliebte — wohl gar unſere Frau!— Der Zauber iſt ver⸗ nichtet und die innere Melodie, ſonſt herrliches verkündend, wird zur Klage über eine zerbrochene Suppenſchüſſel oder einen Tintenfleck in neuer Wäſche. Glücklich iſt der Komponiſt zu preiſen, der niemals mehr im irdiſchen Leben die wiederſchaut, die mit geheimnißvoller Kraft ſeine Muſik zu entzünden wußte. Mag der Jüngling ſich heftig bewegen in Liebesqual und Verzweiflung, wenn die holde Zauberin von ihm geſchieden, ihre Geſtalt wird ein himmelherrlicher Ton, und der lebt fort in ewiger Jugendfülle und Schönheit, und aus ihm werden die Melodien geboren, die nur ſie und wieder ſie ſind. Was iſt ſie denn nun aber anders als das höchſte Ideal, das aus dem Innern her⸗ aus ſich in der äußeren fremden Geſtalt ſpiegelte. „Sonderbar aber ziemlich plauſibel,“ ſagte Eduard, als die Freunde Arm in Arm aus dem Taroniſchen Laden hinausſchritten ins Freie.