e 7 ) F7 7. 8 —------== Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. 6. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein dey Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Gm⸗ ſ. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ½ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von l. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ F den angenommen.. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und d eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher.: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3„„ 3„=„„—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen— der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ——ͤͤͤͤͤͤͤſſ „r--⸗-— —̃—,— · Album. Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. . Dreizehnter Jahrgang. Sechszehnter Band. Neue Stadtgeſchichten. III. Die Erben. —— Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. Neue Stadtgeſchichten v Max Ning. III. Die Erben. Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. 3 ——— Erſtes Capitel. Mitten unter den glänzenden, ſtrahlenden, koketten Häuſern der Hauptſtadt giebt es einzelne Gebäude, welche ſchwarz, düſter, veraltet, zu ihrer Umgebung nicht zu paſſen ſcheinen und mit derſelben im ſchreienden Kontraſte ſtehen. Sie gleichen finſtern, hypochondriſchen Greiſen, unter der heitern Schaar lachender Jünglinge. Unheimlich ſtehen ſie da mit ihren dunklen Mauern, von denen Regen und Wind die Farbe längſt abgewaſchen und den Ueberwurf abgebröckelt hat, mit ihren blinden Fenſtern, engen und finſtern Treppen, mit dem ſpitzen Giebeldach und den wüſten Stuben. Sie verſchmähen es, die Mode des Tages mitzumachen und haben ſich entſchieden vor jeder Neuerung mit hartnäckigem Vorurtheil zu wahren gewußt. Dennoch ziehen ſie die Aufmerkſamkeit weit mehr auf ſich, als ihre modernen Geſchwiſter; man traut ihnen intereſſantere Er⸗ lebniſſe zu, als den neuen Alltagsgeſichtern, man vermuthet hinter den alten Mauern wunderliche Begebenheiten, 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 2 Geheimniſſe und glaubt auch, daß darin ganz abſonder⸗ liche Menſchen leben müſſen. Man wundert ſich ordentlich, daß nicht irgend ein uralter Kopf in der verwitterten Klei⸗ dung des früheren Jahrhunderts mit Perrücke oder Haar⸗ beutel hinausſchaut, wie ein Geſpenſt unter Lebenden. Unſere Phantaſie wird mächtig angeregt und wir denken uns mit ihrer Hülfe Myſterien, die nicht immer, aber doch mitunter der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen. Zuweilen findet man auch wirklich in einem ſolchen Hauſe Originale, wie ſie in der Gegenwart immer ſeltener werden, wunder⸗ liche Käuze, die in dieſen Höhlen hauſen, reiche Sonder⸗ linge, Männer und Frauen von ganz eigenthümlichem Gepräge, ausgezeichnet in ihrem Weſen, wie in ihrer Klei⸗ dung.— Ein derartiges Gebäude ſtand mitten in der Reſidenz, an der Ecke einer lebhaften Hauptſtraße, es war dreiſtöckig, mit ſchmalen, niedrigen Fenſtern, alt, aber durchaus nicht baufällig. Schon ſeit langen Jahren war keine Reparatur, geſchweige ein Umbau damit vorgenom⸗ men worden, nicht einmal den Anſtrich hatten die Beſitzer erneuern laſſen; es ſtach darum von den friſchen Nachbar⸗ häuſern gewaltig ab. Den ganzen Tag blieben die Thüren und meiſt auch die Läden geſchloſſen, ſo daß ein Fremder glauben mußte, es würde gar nicht bewohnt. Aber ſelbſt die nächſten Nachbarn konnten darüber keine gewiſſe Aus⸗ kunft geben, denn auch ſie erinnerten ſich ſeit langer Zeit 4 3 keine menſchliche Seele geſehen zu haben. Es war Alles ſo ſtill darin, daß man faſt den Wurm hören konnte, der an dem morſchen Täfelwerk und im Holze nagte und den Kalk, wie er zerbröckelte. Da gab es keine lachenden Kinder, welche vor der Hausthür ſpielten, keine plaudernden Mägde auf der Schwelle, kein Milchweib, welches Frühmorgens die Milch brachte und nicht einmal der Briefträger, der doch ſonſt in alle Häuſer kommt. Das alte Haus ſchien vollkommen taubſtumm zu ſein, denn man hörte nicht das geringſte Geräuſch darin, keinen Laut, kein Inſtrument, oder gar einen Lärm, ſelbſt die Hausglocke theilte dies all⸗ gemeine Schweigen, denn Niemand konnte ſich rühmen, ihr Geläute vernommen zu haben. Es lag etwas Geſpen⸗ ſtiſches und Unheimliches in dieſer ungewohnten Stille, noch dazu mitten unter dem Verkehr der lebendigen Straße. Beſuche kamen und gingen nicht, kein Wagen hielt in der Nähe und ſo geſchah es, daß wirklich Niemand recht wußte, ob das Haus lebende Weſen beherbergte, oder nicht. Aber es war doch bewohnt; ſeit Jahren hauſten zwei Schweſtern darin, die bereits ein hohes Alter erreicht hatten. Wie alt ſie ſchon geworden, wußte Keiner zu ſagen, vielleicht ſie ſelber nicht einmal. Sie hatten das Haus von ihrem Vater, der unter irgend einem verſtorbenen Könige Leibarzt geweſen war, zugleich mit einem bedeutenden Vermögen ererbt; das, wie gewöhnlich, von dem ufe übertrieben 4 1 1 18. 2 4 wurde und dadurch eine fabelhafte Höhe im Munde des Volkes erreicht hatte. Uralte Greiſe erinnerten ſich noch aus ihrer Jugendzeit an den Hofmedicus Arnold, oder Arnoldus, wie er ſich ſelber nannte; er ging immer in einem rhabarberfarbenen Frack, in einer geſtickten Weſte mit breiten Schößen, in ſeidenen Strümpfen, welche ſeine ſtattlichen Waden hervorhoben und in Schuhen mit großen, ſilbernen Schnallen. Den dreieckigen Hut hielt er ſtets in der einen, den großen Bambusſtock mit goldenem Knopf in der andern Hand; er trug den längſten Zopf in der ganzen Stadt und als dieſe Friſur ſchon längſt aus der Mode war, konnte er ſich nicht entſchließen, dieſelbe ab⸗ zuſchneiden. In ſeinem letzten Willen verordnete er aus⸗ drücklich, daß er mit dem Zopf begraben werden wollte; was auch gewiſſenhaft von ſeinen Töchtern befolgt wurde. Er galt für einen beſonders geſchickten Arzt, und wurde hauptſächlich bei ſehr gefährlichen Fällen zu Rathe gezogen; weshalb das gemeine Volk ihn auch den„Todtendoctor“ nannte. Nach und nach hatte ſich mit dieſer Bezeichnung eine beſonders ſchauerliche Nebenbedeutung verbunden und die Kinder auf der Straße erſchraken und liefen ſchreiend davon, wenn der„Todtendoctor“ ſich zeigte; die alten Weiber bekreuzten ſich bei ſeinem Anblick, indem ſie ihn mit dem Tode ſelbſt verwechſelten. Dieſe Furcht erſtreckte ſich bald auf ſein ganzes Haus und ſeine amilie, welche ſich uif ſeins 3 ſeine F— * 3 4 8 1 5. darum ohne alle Verſchuldung gemieden wurde. Der Doctor hatte zwei Töchter, die er zwar ſehr liebte, aber überaus ſtreng erzog. Das Vorurtheil, welches dem Vater anhaftete, übertrug ſich auch auf die beiden Mädchen, ſie hießen bald die„Todtenfräulein“ und kein Kind von gleichem Alter wollte mit ihnen ſpielen und ſich ihnen nahen. So wuchſen ſie auf ohne Freunde und Bekannte, denn der Doctor verkehrte mit Niemand, außer mit ſeinen Büchern und Patienten. Letztern gegenüber beobachtete er ebenfalls ein äußerſt zurückhaltendes, faſt hochmüthiges Benehmen, denn er war der Anſicht, daß der Arzt ſich nicht wegwerfen dürfe und dem Kranken wie ein Gott, voll Würde und Erhabenheit, erſcheinen müſſe, um ihm den nöthigen Reſpekt einzuflößen.— Auch ſeinen Töchtern gegenüber erſchien er in ähnlicher Weiſe, ſo daß ſie zu ihm wie zu einem höheren Weſen emporblickten, mehr von Ehrfurcht als von Liebe erfüllt. Die Mutter war bald nach der Geburt des jüngſten Kindes, eines Knaben, ge⸗ ſtorben, der ihr wenige Tage ſpäter nachfolgte. Sie war eine ſtille, ſanfte und gottesfürchtige Frau geweſen; das einzige weibliche Weſen, welches der Doctor wahrhaft und mit einer Leidenſchaft geliebt hatte, die ſonſt nicht in ſeiner mehr kalten und ſtrengen Weiſe lag. Der Pöbel trug ſich mit der Sage, daß er das Skelett ſeiner Frau und des Kindes in einem gläſernen Schrank noch aufbewahre, 6 während nur die leeren Särge begraben wurden. Aller⸗ dings ſtanden in ſeiner Studirſtube, welche Niemand be⸗ treten durfte, zwei mit beſonderer Sorgfalt präparirte Todtengerippe, mit welchen ſich der Hofmedicus oft Stun⸗ den lang beſchäftigte. Ob dieſelben aber ſeiner Gattin und dem todten Knaben angehörten, konnte freilich kein Menſch mit Gewißheit behaupten.— Andere Angehörige hatte der Doctor nicht und die Verwandten ſeiner Frau waren ihm aus ihm allein bekannten Gründen dermaßen verhaßt, daß ſie ſchon nicht bei ihren Lebzeiten, um ſo weniger erſt nach ihrem Tode, ſein Haus betreten durften. So wuchſen die Töchter ohne jede Geſ ellſchaft und in der größten Abgeſchie⸗ denheit auf; ſie kannten keinen Menſchen als ihren Vater und die alte Frau, welche ihm ſeit dem Tode der Gattin, die Wirthſchaft führte und dem Hausweſen vorſtand. Da die „Todtenfräulein,“ wie man ſie allgemein nannte, von den übrigen Kindern geflohen wurden, mit Niemand ver⸗ kehrten, mit Keinem ſpielten, ſo waren ſie lediglich auf ſich ſelber angewieſen. Je mehr die Außenwelt ſie mied, deſto inniger ſchloſſen ſie ſich einander an und ſo entwickelte ſich allmälig und naturgemäß eine geſchwiſterliche Liebe ohne Gleichen auf der Welt. Sie waren einander Alles, Schwe⸗ ſtern, Freundinnen und Geſpielinnen, kein Dritter drängte ſich in ihre Neigung ein und ſtörte dieſes innige Verhält⸗ niß. Sie hatten denſelben Geſchmack, dieſelben Wünſche, 7 Meinungen, Gedanken und nur einen Willen. Dieſe Gleichheit der Geſinnung erſtreckte ſich auf alle Einzel⸗ heiten, auf die geringſten Kleinigkeiten des Lebens. Stets trugen ſie denſelben Anzug, dieſelben Kleider und Hüte; ihre Lieblingsgerichte, ihre Speiſen waren dieſelben. Da⸗ durch wurde ihre Erſcheinung nur noch auffallender, wenn ſie, von gleicher Größe, um wenig Jahre nur von einander verſchieden, in dieſelben Stoffe gekleidet, Arm in Arm, wie zwei Abbilder aus derſelben Form, auf der Straße ſich zeigten; was freilich nur ſelten geſchah, da ſie am liebſten zu Hauſe blieben, wo ſie ungeneckt und ungeſtört von Andern mitſammen verweilten. Selbſt die Zeit der jung⸗ fräulichen Entwicklung und Reife brachte in dem Leben der Schweſtern keine Veränderung hervor. Sie kannten keinen Mann außer ihrem Vater näher und hatten weder Sehnſucht noch Gelegenheit dazu. Dem Hofmedicus war nie der Gedanke gekommen, ſeine Töchter zu verheirathen; ſie wurden älter und verblühten, aber er bemerkte es nicht, nur mit ſeinen Büchern und der Praxis beſchäftigt. Die Aermſten hatten keine Ahnung, daß es noch eine andere Liebe gebe, als die zwiſchen Geſchwiſtern und da ihr Vater ſtarb, waren ſie bereits verſchrumpfte, alte Jungfern, ohne es ſelbſt nur zu wiſſen. Dieſer Tod änderte nichts in ihren Verhältniſſen und Alles blieb wie bisher; ſie bezogen die Zinſen der bedeutenden Erbſchaft, ohne dieſelben ver⸗ 6 zehren zu können, wodurch das Kapital mit jedem Jahre größer wurde. Die Wirthſchafterin des Vaters beſorgte auch ihre Wirthſchaft, ganz in derſelben Weiſe; es wurde nicht ein Heller mehr oder weniger ausgegeben. Die Schweſtern bewohnten das Zimmer, das ſie auch bei Leb⸗ zeiten des Vaters inne hatten und trotzdem ihnen jetzt das ganze Haus gehörte, dachten ſie nicht daran, eine größere Wohnung zu beziehen, oder nur die geringſte Bequem⸗ lichkeit mehr ſich zu verſchaffen. Die Stuben des Leib⸗ medicus und beſonders ſein Studirzimmer, blieben unbe⸗ wohnt und das letztere nach wie vor auch unbetreten. Kein menſchlicher Fuß durfte ſich dem Heiligthum nahen, als ſäße noch der alte Herr darin, vor ſeinen aufgeſchlagenen Folianten. Eine dicke Staubkruſte lagerte ſich mit der Zeit auf den vergilbten Papieren und Folianten, die Ta⸗ peten wurden ſtockig und grünlicher Schimmel wucherte an den Wänden; von der Decke hingen die Spinnweben lang, wie ſchwarze Trauerflöre, nieder; die Dräthe, welche die Skelette zuſammenhielten, waren ſogar mit der Zeit verroſtet und zerbrochen, ſo daß die einzelnen Knochen pol⸗ ternd auseinanderfielen.— Die Schweſtern lebten aber ſo fort in dem alten Hauſe, einen Tag wie den andern, ohne ſich um die Außenwelt zu kümmern. Es wurde Krieg und Friede und wieder Krieg und wieder Friede, Könige ſtarben, Völker ſtanden auf, die Revolution tobte in den 9 Straßen der Stadt, Bürger kämpften gegen Bürger und ſie allein erfuhren nichts davon. Sie wohnten in ihrem Hinterzimmer mit der Ausſicht auf den Hof, auf die hohe Brandmauer des Nachbars und auf eine alte Linde, welche ſie ſchon mehr als fünfzig Mal im Frühling grünen und im Herbſt verwelken ſahen. Den ganzen Tag ſaßen ſie am Stickrahmen, oder waren mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt; nur ſelten verließen ſie das Haus, mit dem ſie ſo verwachſen waren, wie die Schnecke mit dem ihrigen. Es fing ihnen dann wie den Eulen und andern Nacht⸗ vögeln; ſobald ſie ſich zeigten, wurden ſie von dem Schwarm der löblichen Gaſſenjugend, wie von einer Schaar Dohlen und Raben verfolgt und wegen ihres wunderlichen Aus⸗ ſehens verſpottet. Ihre Erſcheinung war auch in der That auffallend genugz; ſie kleideten ſich, wie man ſich damals kleidete, als ſie noch jünger waren. Solche Ungeheuer von Hüten und Hauben wurden ſonſt nirgends in der Reſidenz geſehen; ein vorweltlicher Kopfputz bedeckte ihre grauen Scheitel und ihre Mäntel ſchienen aus einem vergangenen Jahrhunderte zu ſtammen. Sie kümmerten ſich nicht um die Mode; dabei wählten ſie immer die feinſten und theuer⸗ ſten Stoffe, die ſie auf Jahre im Voraus einkauften und ſo lange liegen ließen, bis ſie dieſelben brauchten. In ſo abenteuerlichem Aufzuge ſah man ſie durch die Straßen neben einander wandern, in den Händen einen großen, 10 verſchoſſenen Beutel, worin ſie allerhand Kleinigkeiten be⸗ wahrten und auf den Armen einen häßlichen Hund, den ſie mit beſonderer Liebe pflegten. Wo ſie ſich aber zeigten, hieß es„da kommen die Todtenfräulein!“— Die Gene⸗ ration, welcher ſie angehörten, war geſtorben und eine neue unterdeß und noch eine dazu herangewachſen; ſie hatten keine Bekannten, keine Freunde, keine Anverwand⸗ ten; und doch war der Name ihnen geblieben und hatte ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht fortgeerbt. Mitten in der großen Stadt lebten ſie in einer kaum denkbaren Abge⸗ ſchiedenheit, wie zwei Einſiedler im tiefſten Urwalde; kein Menſch verkehrte mit ihnen, ihre Hausthür blieb ver⸗ ſchloſſen, und die Läden der Vorderzimmer, in welchen einſt der Vater gelebt hatte, waren ſeit ſeinem Tode noch nicht geöffnet, die Stuben nicht gelüftet worden. Eines Tages aber bemerkte die Nachbarſchaft, zu ihrer nicht geringen Verwunderung, eine merkwürdige Veränderung. Vor dem alten Hauſe hielt ein Leichenwagen und eine große Menge von Trauerkutſchen, wie dies ſonſt nur bei einem reichen und vornehmen Begräbniſſe der Fall iſt. Eine große Menge von Leichenbittern ſtanden auf dem Flur und vor der Thür; ein Sarg wurde herabgetragen, gefolgt von der einen Schweſter, welche wie gebrochen der Leiche der an⸗ dern nachſchwankte. Die Lebende ſetzte ſich in tiefſter Trauer allein in den ſchwarzen Wagen, die übrigen 11 Equipagen blieben leer; kein Menſch folgte der Todten und es war ein ganz eigenes Schauſpiel, wie ſich der Zug in Bewegung ſetzte und Niemand außer der Schweſter der Geſtorbenen das letzte Geleit gab. Draußen auf dem Kirchhof nahm der Prediger die Leiche in Empfang; er hielt eine lange Rede, welche nur die Schweſter mit an⸗ hörte, weil Keiner ſonſt zugegen war. Darauf wurde die Leiche in dem Erbbegräbniß der Familie Arnold beigeſetzt und die einzige Leidtragende kehrte allein wieder in das noch mehr vereinſamte Haus zurück. Seitdem ſah man nur das eine Todtenfräulein, ſie lebte wie früher in der ſtrengſten Abgeſchiedenheit und verließ nur noch ihre Woh⸗ nung, um auf den Kirchhof zu gehen. Dort ließ ſie ſich die Gruft von dem Todtengräber aufſchließen und ver⸗ weilte oft den ganzen Tag bei der abgeſchiedenen Schwe⸗ ſter, mit der ſie lange Geſpräche führte, als lebte dieſe noch und könnte ſie vollkommen hören. Selbſt der Todten⸗ gräber, der doch an die Schrecken des Grabes gewöhnt war, empfand ein Grauen, wenn er zufällig vorüberging und die wunderlichen Reden hörte;z es war ihm immer, als wäre die Klagende nicht allein, als antworte ihr eine fremde Stimme.— Auch im Hauſe ſprach die Ueber⸗ lebende viel mit der Todten, dann lauſchte ſie, als warte ſie auf eine Antwort; beim Eſſen lagen immer zwei Ge⸗ decke wie früher auf dem Tiſch und die Lieblingsſpeiſen 12 der Verſtorbenen wurden grade ſo zubereitet und auf den Tiſch getragen, wie bei ihrem Leben. Sonſt war das alte Fräulein in allen andern Dingen ganz vernünftig; ſie be⸗ ſorgte ihre Angelegenheiten mit großer Umſicht und beſuchte alle halbe Jahre ihren Rechtsanwalt, der ihr Vermögen ſchon lange Zeit verwaltete und ließ ſich auf Heller und Pfennig Rechenſchaft ablegen; wobei ſie einen ſeltenen Scharfſinn entwickelte und weit mehr Geſchäftskenntniſſe zeigte, als man ihr bei dem einſamen Leben zutrauen konnte. Schon öfters hatte ſie der Advokat in ſchonender Weiſe auf die Nothwendigkeit aufmerkſam gemacht, ihren letzten Willen aufzuſetzen und über das große und immer mehr anwachſende Vermögen zu verfügen, aber davon wollte ſie nichts wiſſen und ſie verbat ſich ein für allemal, den Gegenſtand wieder in ihrer Gegenwart zu erwähnen. Vergebens fragte er ſie nach näheren oder entfernteren Anverwandten, ſie wußte ihm keine ſolchen zu nennen, oder wollte vielleicht nur nichts von ihnen wiſſen, indem ſie auch hierin dem Beiſpiele ihres Vaters folgte, der allen Verwandten den Zutritt zu ſeinem Hauſe verſchloß. So wurde das Fräulein alt und immer älter und zuletzt ſo ſchwach, daß ſie nicht mehr ihre gewohnten Spaziergänge nach dem Kirchhofe fortſetzen konnte. Eines Tages fand ſie ihr Rechtsanwalt, der einzige Menſch, der ſie, wenn auch ſelten, ſah, in einem Zuſtande, der ihm gerechte 13 Beſorgniſſe einflößte; ſie vermochte ſich kaum mehr von dem alten Lehnſtuhle zu erheben, auf dem ſie gewöhnlich ſaß, aber mit zitternder Hand ſtickte ſie noch immer an einer Arbeit, welche ſie mit der verſtorbenen Schweſter be⸗ gonnen und die ſie wie Penelope immer wieder auftrennte, um ſie immer von Neuem wieder anzufangen. Nur auf die wiederholte und dringende Mahnung des Advokaten entſchloß ſie ſich endlich, einen Arzt und eine Wärterin zur Pflege anzunehmen; ſie war ſo ſehr des Umganges mit Menſchen entwöhnt, daß ſie dieſe ihr aufgedrungenen Per⸗ ſonen nur duldete, ohne mit ihnen in irgend eine nähere Berührung zu treten. Der Arzt kam und ging wieder, wenn er ſeine Recepte verſchrieben hatte, indem er im Stillen das Honorar berechnete; die Wärterin ſaß an ihrem Bette und pflegte ſich weit mehr noch, als die Kranke, welche ſie als eine Art Blödſinnige anſah, auf die man keine beſondere Rückſicht zu nehmen brauchte. Kein Freund, kein Verwandter erſchien an dem Bette des armen Fräuleins; ſie lag einſam, verlaſſen; keine liebevolle Hand reichte ihr den erfriſchenden Trank und ſchuf ihr die kleinen Erleichterungen, welche ſelbſt das größte Leid minder drückend empfinden laſſen. Es giebt wohl nichts Trauri⸗ geres auf der ganzen Welt, als ein ſolches Krankenlager, das nur von fremden und theilnahmloſen Perſonen um⸗ ſtanden wird. Welche bange Tage und ſchauerliche Nächte 14 verlebt ein derartiger Patient. Sein Auge fällt nur auf gleichgültige oder widerliche Züge; nur der Eigennutz be⸗ zahlter Diener tritt ihm in widerwärtiger Geſtalt ent⸗ gegen.— Nach und nach wurde die Kranke immer ſchwächer, ihre Gedanken verwirrten ſich, Stunden lang ſprach ſie mit der todten Schweſter; die einzige Geſellſchaft, welche ihr übrig blieb, war ein Phantom. „Ich komme!“ rief ſie der Abgeſchiedenen zu und mit einem Lächeln in dem verwitterten Geſicht war ſie geſtorben. Die Wärterin drückte ihr die offen ſtehenden, gläſernen Augen zu und kreuzte die ſtarren Arme der Todten auf der Bruſt. Der Rechtsanwalt, welcher ſogleich von dem Ab⸗ ſcheiden des alten Fräuleins benachrichtigt worden war, machte die nöthige Anzeige beim Gericht. Am andern Morgen erſchienen die dazu beauftragten Perſonen und verſiegelten alle Schränke und Schubfächer in der Woh⸗ nung. Die Leiche wurde in einen koſtbaren Sarg gelegt und in Begleitung der Wärterin und des Doctors auf dem Kirchhof in derſelben Gruft beigeſetzt, wo bereits die vor⸗ angegangene Schweſter ruhte. Keine Thräne floß bei der Beſtattung, nur die dicke Wärterin bemühte ſich, gerührt auszuſehn. So waren nun beide„Todtenfräulein“ geſtor⸗ ben und auch bald vergeſſen, nur der wunderliche Name lebte fort in dem Gedächtniſſe der Nachbarſchaft.— Sie hatten indeß ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen; die 15 Volksſtimme ſprach von mehreren Millionen und übertrieb, wie dies immer bei ſolchen Gelegenheiten zu geſchehn pflegt; aber viele hunderttauſend Thaler waren wenigſtens zu⸗ rückgeblieben. Das Gericht nahm vorläufig Beſitz davon und forderte von Zeit zu Zeit in den Zeitungen und öffent⸗ lichen Blättern die unbekannten Erben auf, ſich zu melden und ihre Anſprüche, durch Beweiſe ihrer Verwandtſchaft mit der Verblichenen, geltend zu machen. Man kann ſich wohl denken, daß es nicht an Bewerbern fehlte, denn wer erbt nicht gern eine halbe oder gar eine ganze Million. Plötzlich fanden ſich Verwandte ohne Zahl aus allen Ge⸗ genden Deutſchlands, aus dem tiefſten Süden und dem höchſten Norden; Gliedgeſchwiſterkinder von väterlicher und mütterlicher Seite, Blutsfreunde im dritten, vierten, ſelbſt im fünften Grade, aber ihre Anſprüche mußten doch nicht ſtichhaltig geweſen ſein, denn ſie wurden insgeſammt abgewieſen. Meiſt waren es Abenteurer oder Schwindler, welche die Gelegenheit benutzen wollten, auf dieſe Weiſe plötzlich reich zu werden, ſie konnten jedoch ihre Verwandt⸗ ſchaft mit der Familie Arnold entweder gar nicht oder in ſo mangelhafter Art nachweiſen, daß das Gericht ſie als rechtmäßige Erben nicht anerkannte und ihnen Schweigen auferlegte. Es wurde eine neue Aufforderung von dieſem erlaſſen und ein friſcher Termin beſtellt. Derſelbe war faſt verſtrichen, ohne daß ein ſtichhaltiger Prätendent ſich gemeldet 16 hätte. Auch diesmal kamen zwar die Bewerber aus allen Weltgegenden und brachten ihre Stammbäume mit, aber bei näherer Prüfung wurden dieſelben als falſch befunden und die hoffnungsvollen Erbſchleicher mußten beſchämt wieder abziehn. Die verſchiedenen Verhandlungen über dieſen Gegenſtand, erlangten eine immer größere Oeffent⸗ lichkeit; die Zeitungen und beſonders die Gerichtsblätter beſchäftigten ſich vielfach mit der Arnold'ſchen Erbſchafts⸗ angelegenheit, welche dadurch eine gewiſſe Popularität er⸗ langte. Man ſprach darüber an allen Orten, in den Bier⸗ ſtuben und in den Familien, man fing an ſich immer mehr dafür zu intereſſiren und bald wurde die„Arnold'ſche Sache“ eine ſtehende Rubrik unter den Unterhaltungen des Tages. Heute wollte man wiſſen, daß ſich endlich der wahre Erbe gefunden, morgen hieß es wieder, daß die Nachricht falſch ſei; bald war der Glückliche ein armer Handwerker, der ſich bisher kümmerlich mit ſeiner Familie ernährte; bald ein junges Mädchen, eine Waiſe, die plötzlich dadurch zur reich⸗ ſten Partie und die Sehnſucht aller jungen, noch unver⸗ heiratheten Männer wurde. Auch die ſogenannten Spaß⸗ vögel bemächtigten ſich mit der Zeit dieſes allgemein an⸗ ſprechenden Stoffes und vermehrten durch Ausſtreuung von allerlei ſcherzhaften und unwahren Gerüchten die Verwir⸗ rung aber auch das Intereſſe daran. Mit einer Art von 17 fieberhafter Spannung verfolgte die ganze Hauptſtadt den ferneren Gang der Verhandlungen. Bis jetzt hatte noch immer der Fiskus die größte Ausſicht auf die Erbſchaft, da dieſe ihm nach Verlauf eines beſtimmten Zeitraumes zu⸗ fallen mußte, wenn ſich bis dahin kein wirklicher Anver⸗ wandter finden ſollte, der zur Familie Arnold gehörte und darüber den unumſtößlichen Beweis zu führen vermochte.— Wie gewöhnlich ärgerte man ſich, daß der Staat das ganze ſchöne Vermögen erben ſollte und gönnte es jedem Anderen noch weit mehr. Deshalb erregte die Nachricht ein faſt freudiges Aufſehn, daß ſich neuerdings zwei Bewerber auf ein Mal eingefunden hätten, deren Anſprüche mindeſtens ſo weit begründet waren, daß das Gericht ſich diesmal veranlaßt ſah, genauer darauf einzugehn und vorläufig ſich mit Prüfung derſelben ernſthaft beſchäftigte.— Es wurde zu dieſem Behufe eine neue Beweisaufnahme angeſtellt und in den Zeitungen ein vollſtändiges Geſchlechtsregiſter der Arnold'ſchen Familie von männlicher und weib⸗ licher Seite aufgeſtellt, ſoweit daſſelbe bis jetzt ermittelt war. Nur diejenigen Deſcendenten, welche einem dieſer öffentlich angegebenen Zweige angehörten, ſollten, um jeden fernern Anſpruch im Voraus zu begegnen, zur Bewerbung um die Erbſchaft zugelaſſen werden.— So weit war die Sache gediehn, als dieſelbe mit einem Male eine über⸗ raſchende Wendung nahm; ſämmtliche bisherige Präten⸗ 2. 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 18 denten wurden wiederum vom Gericht zurückgewieſen, indem ſich der wirkliche und allein berechtigte Erbe endlich gefun⸗ den zu haben ſchien.— Zweites Capitel. Draußen in der Vorſtadt lebte der Kaſſenbote Bauer, ein rechtſchaffener und ordentlicher Mann, der eine zahl⸗ reiche Familie zu ernähren hatte. Er that dies auf die anſtändigſte Weiſe, obgleich Niemand ſagen konnte, wie dies bei ſeinem geringen Gehalt und den ſechs Kindern möglich war. Er kam aber nicht allein mit der unbedeutenden Sum⸗ me aus, ſondern legte noch jährlich eine Kleinigkeit zurück. Dabei konnte ihm kein Menſch die geringſte Unredlichkeit vorwerfen; ſeine Rechnungen ſtimmten auf ein Haar und ſo große Summen auch durch ſeine Hände gingen, ſo hatte noch nie ein Heller dran gefehlt. Seit zwanzig Jahren ſtand er im Dienſte der Bank und nie war eine Klage über ihn laut geworden; viele Tauſende Thaler kaſſirte er tag⸗ täglich ein, auf ſeinen Schultern trug er die ſchweren Beutel, mit verführeriſchem Gold gefüllt, hinreichend um einen Menſchen für immer reich zu machen; aber er dachte 19 nicht daran, und es war ihm ſo gleichgültig, als ob er nur bloße Sandſäcke ſchleppte. Der fortwährende Anblick der ungeheuren Summen, welche in der Bank niedergelegt waren, dieſe Berge von Dukaten und Louisd'oren, die Haufen von Staatspapieren, Pfandbriefen und Bankanweiſungen hatten ſein Gefühl für den irdiſchen Mammon vollkommen abgeſtumpft. Es ging ihm wie den Zuckerbäckern, welche mitten unter lauter Süßigkeiten dieſelben verachten und nicht anrühren mögen, zur großen Verwunderung der naſchhaften Leute. Den ganzen Tag hatte er es mit dem Gelde zu thun, es zu zählen, zu wiegen und an die Kaſſe zu tragen; Wechſel einzuziehn und den Betrag abzuliefern. Er kam in alle großen Handlungshäuſer als ein faſt täglicher Gaſt und vom Prinzipal bis zum Laufburſchen herab kannte dort Jedermann den ehrlichen Kaſſenboten Bauer. Zuweilen ſetzte es für ihn auch ein kleines Vier⸗ groſchenſtück ab, als eine Belohnung für ſeine pünktliche Beſorgung, aber das Alles erklärte noch immer nicht, wie es ihm möglich war, mit ſeiner zahlreichen Familie auszu⸗ kommen und ſogar noch einige Erſparniſſe zu machen. Er hatte den Kindern eine ſorgfältige Erziehung geben, Jungen und Mädchen etwas Ordentliches lernen laſſen; ſie waren auch Alle wohlgerathen; aber woher er die Aus⸗ gaben für den in der Hauptſtadt keineswegs billigen Unter⸗ 2* 20 richt genommen, das blieb ein noch unaufgelöſtes Räthſel. Er hatte ſich jung verheirathet und ein tüchtiges Weib be⸗ kommen, das die ganze Wirthſchaft zuſammenhielt und außerdem noch durch ihre Arbeit Geld erwarb; ſie wuſch, und plättete die feine Wäſche für vornehme Herrſchaften und nahm dafür monatlich ein artiges Sümmchen ein. Bei der Arbeit half ihr das achtzehnjährige Hannchen, gewiß das netteſte Mädchen in der ganzen Kaiſerſtraße. Es war eine wahre Freude ſie anzuſehn, wenn ſie beim Waſchfaß mit ihren weißen und doch ſo kräftigen Armen ſtand und die rothen Wangen doppelt ſchön vom Fleiße glühten. Wenn die Alte von ihrer Tochter ſprach, ſo ging ihr das Herz auf und ſie konnte des Lobens und Preiſens kein Ende finden; das geht zwar manchen Eltern ſo, aber nur wenige haben ein ſo gutes Recht dazu. Ueberhaupt waren die ſämmtlichen ſechs Kinder ein wahrer Segen für das Haus, indem ſie frühzeitig ſchon ihr Brod verdienen halfen, die Mädchen nähten, ſtickten und ſtrickten, die Jungen hatten allerlei Talente, welche ſie zu benutzen verſtanden; der Aelteſte hatte nebenbei das Lackiren gelernt und war für eine große Fabrik beſchäftigt, die jüngeren beſaßen ſchöne Stimmen und ſangen bei allen muſikaliſchen Aufführungen mit, wofür ſie jedesmal zehn Groſchen bekamen; der Wil⸗ helm hatte ſogar eine Anſtellung bei der königlichen Oper als Chorſänger erhalten und bezog ſchon einen monatlichen 21 Gehalt von ſechs Thalern, worauf er nicht wenig ſtolz war, abgeſehn davon, daß er von Zeit zu Zeit ein Freibillet für ſeine Eltern und Geſchwiſter erhielt. So erwarben die Kinder ſchon frühzeitig ihren eigenen Unterhalt; ſie waren den Eltern nicht wie anderswo eine Laſt, ſondern eine Stütze und rechte Freude. Darum konnte der Kaſſenbote Bauer mit Recht auf ſie ſtolz ſein und trotz ſeines eigenen geringen Einkommens, befand er ſich in einer verhältniß⸗ mäßig glücklichen Lage; er brauchte auch keinen Menſchen zu beneiden, weil er ſo viel hatte, wie er bedurfte und außerdem noch jährlich Etwas erübrigen konnte.— Draußen auf der Straße war heut ein gar ſchlimmes Wetter; die Frühlingsſtürme brauſten und kämpften mit dem Winter, der ſich zum Abzug rüſtete, aber noch immer nicht weichen wollte. Der Wind pfiff durch die langen Schornſteine und rüttelte und ſchüttelte an den Thüren und Fenſtern, wahrſcheinlich um zu ſehn, ob ſie auch feſtſäßen. Von den Dächern warf der Unart die loſen Ziegel und das Fachwerk herab und man konnte ihn ordentlich ſchaden⸗ froh lachen hören; dann trieb er wieder die Wolken vor ſich her, daß der griesgrämliche Mond die Schlafmütze ſich über die Ohren zog, aus Furcht ſich zu erkälten. Weiche Schneeflocken mit Regen vermiſcht warf der Wind den Leuten neckend in's Geſicht und wenn ſie ſich feſter in ihre Mäntel und Kleider hüllten, ſuchte er dieſe ihnen zu ent⸗ 22 reißen. An einem ſolchen Märzabend iſt es am ſchönſten zu Hauſe, wenn das Feuer im Ofen praſſelt und ſingt, die Grille hinter dem Heerde ihr Liedchen anſtimmt und Alles näher aneinander rückt. Die Mutter beſſerte die Wäſche aus, Hannchen ſtrickte an einem warmen Wollenſhawl, der für den Vater beſtimmt war, die übrigen Kinder ſaßen bei der Arbeit und erwarteten die Ankunft des Kaſſenboten, der heute länger ausblieb als gewöhnlich. Frau Bauer war ſchon mehrere Male aufgeſtanden, um nach ihm durch das Fenſter zu ſehn, aber draußen war es ſtocfſnſter gewotden, nur die Gaslaternen leuchteten wie blutrothe Naſen durch die dunkle Nacht.. „Ich begreife nicht, wo der Alte bleibt,“ murmelte ſie ſtill für ſich, um ihre Beſorgniſſe nicht laut werden zu laſſen.„Er wird doch nicht in die ieiltibe gegangen ſein und dort wieder Solo ſpielen?“. Sie wußte, daß er zuweilen gern ein Spielchen machte, aber dies pflegte gewöhnlich erſt nach dem Abendbrode zu geſchehn und auch dann kam er immer ſchon vor zehn Uhr nach Hauſe, wie es ſich für einen ordentlichen Bürger und Hausvater ziemt, der den Seinigen als gutes Beiſpiel dienen ſoll. In Gedanken bereitete ſich Frau Bauer auf die zu haltende Gardinenpredigt vor; ſie hatte den Mund auf dem rechten Fleck und an Worten fehlte es ihr nicht bei ähnlichen Gelegenheiten.— Die Glocke vom Stephans⸗ 23 thurm ſchlug acht Uhr und um ſieben wurde pünktlich ſonſt die Bank geſchloſſen; es mußte deshalb etwas Wichtiges dem Kaſſenboten begegnet ſein, ſonſt wäre er ſchon längſt zu Hauſe geweſen, obgleich er eine gute halbe Stunde bis nach ſeiner Wohnung zu laufen hatte. „Das Abendbrod verdirbt und der Vater kommt noch immer nicht,“ klagte die Frau.„Es wird ihm doch nichts paſſirt ſein?“ 4 „Gewiß hat er wieder eine Beſorgung für den Buch⸗ halter,“ entgegnete die Tochter, von ihrer Arbeit aufblickend. „Vater iſt immer zu gut und gefällig, darum ſchicken ihn die Bankleute, wohin es ihnen beliebt und noch dazu in einem ſolchen Wetter.“ „Das iſt wahr; er ſollte es ſich nicht gefallen laſſen; er wird ohnehin den ganzen Tag herumgehetzt, daß er kaum mehr ſeine Beine ſchleppen kann. Wenn die Bankgeſchloſſen iſt, ſollten ſie ihm doch Ruhe gönnen, aber dann heißt es: Lieber Bauer beſorgt mir das, beſorgt mir dies und das gute Schaf thut was man ihm heißt und lauft und rennt, bis er vor Müdigkeit nicht mehr weiter kann. Er hat ein gar zu ſchweres Brod und täglich bitte ich zum lieben Gott um einen ordentlichen Gewinnſt in der Lotterie, damit 3 ſich zur Ruhe ſetzen und auf ſeine alten Tage pflegen kann.“ „Spielſt Du denn ein Loos?“ fragte Hannchen ver⸗ wundert. „Noch nicht, aber wenn Du nicht plaudern willſt, werd' ich Dir was anvertrauen. Ich habe ſchon drei Thaler zurückgelegt und wenn die nächſte Ziehung kommt, läßt mir die Frau Korbmacherin ein Sechszehntel ab, ihr iſt ein Viertel allein zu viel. Ich habe ſchon berechnet, wie viel auf unſer Theil kommt, wenn wir das große Loos ge⸗ winnen. Denke nur, es macht faſt zehntauſend Thaler; da⸗ mit kann man ſchon was anfangen.“ „Freilich! Das wäre eine ſchöne Sache,“ bemerkte das holde Hannchen mit einem halb unterdrückten Seufzer. Der Seufzer galt einem Abweſenden und zwar einem jungen Manne von ungefähr vier und zwanzig Jahren mit einem dunklen Lockenkopfe, einem ſchwarzen Schnurbart und treuen braunen Augen, der die Ehre hatte, ein weitläufiger Anverwandter der Familie Bauer zu ſein. Hannchen war ſo gut wie verſprochen mit dem Vetter, welcher den Namen Guſtav Rath führte, aber an Hochzeit war noch lange nicht zu denken und zwar aus dem ſehr einfachen Grunde, weil Beide nichts hatten und man bei aller Liebe doch nicht von der Luft leben kann. Zwar hatte der Geliebte das Hand⸗ werk eines Sattlers erlernt; auch galt er für einen tüchtigen Geſellen, aber zum Meiſterwerden da gehört Geld und beſonders in einer großen Stadt, wo die Wohnungen, das — ——, 8—4 225 25 Bürgerrecht, das ganze Leben, kurz Alles ſo theuer iſt. Mit ein Paar hundert Thalern wäre den jungen Leuten geholfen geweſen, aber woher die nehmen?— Heut zu Tage ge⸗ ſchehen keine Wunder mehr, die wohlthätigen Feeen, in dexen Schutz ſonſt die Liebenden ſtanden, ſind verſchwunden; großmüthige Fürſten, welche Abends, wie Harun⸗al⸗ Naſchid, verkleidet durch die Straßen ziehn und das Geld an brave Leute mit vollen Händen ausſtreuen, giebt es auch nicht mehr, ſeitdem die Kammern die Civilliſte ſo be⸗ ſchnitten haben. Höchſtens iſt noch die Lotterie eine Zuflucht für die Armen, aber um ein Loos zu nehmen, muß man doch auch Geld haben. Das leidige Geld! man kann es gar nicht mehr entbehren und alle Poeſie des Lebens wird an dem Mangel deſſelben zu Schanden.— Das war auch der Grund, warum das liebe Hannchen im Stillen ſeufzte, während ſie daran dachte, wie lange ſie noch bis zu ihrer Hochzeit warten müſſe. Aber die Trauer hielt nicht allzu⸗ lange an, denn ſie war von Natur ein friſches, fröhliches Gemüth und gewöhnlich ſo luſtig wie der Fink im grünen Baume.— Die Mutter ſpann indeß den einmal angeregten Gedanken von der Lotterie immer weiter aus, wie einen ſchönen Traum, von dem man ſich nicht losreißen kann, ob⸗ gleich man weiß, daß er entweder ſchwer oder gar nicht in Erfüllung gehn wird, das thut jedoch nichts; denn die bloße Beſchäftigung damit iſt ſchon ſo angenehm und gewährt „ 26 Einem ein großes und billiges Vergnügen. Die Phantaſie iſt noch immer die wohlthätige Fee, welche in Hütten ver⸗ kehrt und ihr Füllhorn ausſchüttet; ſie bekleidet die nackten Wände mit glänzenden Bildern, verwandelt die ſchmutzigen Dielen in prachtvolle Teppiche; der hölzerne Stuhl wird unter ihrer Berührung ein ſchwellender Divan und das trockene Brod ein herrlicher Braten. Mit ihrer Hülfe malte ſich auch Frau Bauer die Zukunft aus und trotzdem ſie über die Gegenwart grade nicht zu klagen hatte, wünſchte ſie doch in manchen Beziehungen eine Verbeſſerung. Ihrem Manne gönnte ſie mehr Ruhe; Hannchen hätte ſie gern verheirathet und auch das Loos der übrigen Kinder ge⸗ ſichert geſehn. Das waren gewiß verzeihliche und wahr⸗ haft mütterliche Wünſche, aber dabei blieb es nicht allein, denn nur wenig Menſchen wiſſen ſich zu beſchränken und verlangen vom Himmel, wenn ſie einmal in's Fordern kommen, immer mehr und mehr, weil ſie wohl im Stillen denken mögen, abgehandelt wird dochund man muß vor⸗ ſchlagen, um den geſetzten Preis zu bekommen. Die gute Frau Bauer hatte allen Grund zufrieden zu ſein und war es auch bisher geweſen; aber es bedurfte nur der leiſeſten äußeren Anregung, um eine ganze Legion von Wunſchteufeln in ihrem Herzen aufzujagen, wo ſie ſtill und verborgen ge⸗ ſchlummert hatten. Sie ſpielte noch nicht einmal in der Lotterie, ſondern ging nur mit der Abſicht um und ſchon 27 kam ihr, mit der Ausſicht auf den möglichen Gewinn, ihre bis⸗ herige zwar beſchränkte aber trauliche Wohnung viel zu eng und klein vor, der ganze Hausrath erſchien ihr ärmlich und nicht ausreichend. Was ſchaffte ſie nicht Alles in Gedanken für die zehntauſend Thaler an, auf welche ſie nicht einmal die entfernteſte Hoffnung hatte?— Einen ſchönen langen Rock für den Kaſſenboten, für ſich ſelber ein neues Kleid, womit man ſich an Sonn⸗ und Feiertagen in der Kirche zeigen konnte; für die Mädchen Mäntel und Hüte, für die Knaben Jacken und Mützen. Unmöglich durfte man dann in der bisherigen Wohnung bleiben, wo man ſich kaum rühren konnte und dann mußten doch auch neue Möbel gekauft werden; die alten waren längſt wurmſtichig, das Sopha wacklig und ſo hart, daß man ſich Schwielen darauf lag; die Stühle gingen aus dem Leim, dem Tiſche ſielen die Beine aus und der Schemel hatte in der Mitte einen großen Sprung bekommen. Fort zum Trödler mit dem alten Plunder! Am liebſten hätte ſie ein eigenes Häuschen gehabt, mit einem kleinen, beſcheidenen Gärtchen; ſie wußte ein ſolches Grundſtück ganz in der Nähe, das der Eigen⸗ thümer gern zu einem mäßigen Preiſe verkaufen wollte; ſie handelte und feilſchte bereits mit ihm und war ſo vertieft in ihrem Geſchäft, daß ſie darüber das ungewohnte Aus⸗ bleiben des Mannes und ihre Angſt vergaß. Eben that ſie ein letztes Gebot und der Verkäufer ſchlug ein, ſie war 28 Hauseigenthümerin geworden; als die Thür ſich öffnete und der längſt erwartete Gatte vor ihr ſtand. Sie hatte ihn über den Kauf nicht kommen gehört, ſo ſehr war ſie davon in Anſpruch genommen worden. Jetzt mußte ſie ſich ordentlich beſinnen und zuſammennehmen, um zu wiſſen, wo ſie war. Sie befand ſich noch immer in der kleinen, engen Stube mit dem gelben Anſtrich und dem blauen Ofen, der eine ganz angenehme Wärme verbreitete. In der Mitte ſtand der wackelnde Tiſch und ringsherum ſaßen die Kinder bei ihrer Arbeit, oder ſie ſaßen vielmehr nicht, denn ſie waren aufgeſprungen und umringten jetzt den Vater. Hannchen war bemüht, ihm den naſſen Rock vom Leib zu ziehn, der die deutlichen Spuren ſeiner wäſſrigen Exiſtenz auf dem Boden zurückließ, zwei Mädchen ſchleppten den be⸗ quemen Schlafrock herbei; die Jungen Pantoffeln und Pfeife ſammt Tabakskaſten. Kein Sultan, Papſt oder Fürſt konnte beſſer bedient ſein als der arme Kaſſenbote und was für Diener hatte er? Da war zuerſt die Garderobe⸗ meiſterin Johanna, auch Hannchen genannt, ſchön wie eine Houri, oder wie eine blühende Roſenknospe mit ihren blonden Flechten um die weiße Stirn, mit den friſchen Wangen, den kleinen Grübchen darin, dem feinen, kecken Näschen und den ein wenig aufgeworfenen, ſchwellenden Lippen, welche ſüß und roth wie Kleeblüthe ausſahen; ferner zwei Zofen, welche ihrer Schweſter wie Miniaturbilder 29 glichen, nur mit dem Unterſchiede, daß die ältere Marie dunkle Haare und blaue Augen, die jüngere Auguſte helle Locken und dunkle Augen hatte. Beide waren gar lieblich anzuſchauen, wie ſie jetzt einherſprangen und Alles thaten, was ſie dem Vater abſehn konnten. Dann kamen die drei Pagen, wirklich luſtige Pagen, ſchlank gewachſen und voll Muthwillen, wenn ſie ſich nicht beobachtet ſahen, ſonſt aber gutmüthig und voll Reſpekt, muntere Burſchen, denen der Uebermuth aus den dunkeln, feurigen Augen blitzte. Das war die Dienerſchaft des Kaſſenboten, um die ihn ſelbſt ein Fürſt beneiden konnte und die ihm keinen Heller koſtete, ſondern im Gegentheil noch Geld einbrachte. Die Kinder waren aufgewachſen in der Furcht des Herrn und in guter elterlicher Zucht. Auf einen Schlag oder einen Katzenkopf kam es bei der Erziehung nicht an, denn ſowohl Meiſter Bauer wie ſeine Frau richteten ſich in dieſer Beziehung weit mehr nach den Sprüchen Salomon's, als nach den neueſten pädagogiſchen Theorien, welche die Kinder wie ungeſchälte Eier zu behandeln rathen. Der Kaſſen⸗ bote hatte von ſeinem ſeligen Vater manchen Hieb be⸗ kommen, den er jetzt ſeinen Jungen mit Zinſen wieder⸗ gab. Das war ſeine Logik: hat es mir nichts geſchadet, ſo wird es den Kindern auch nichts ſchaden und wenn der Baum grade wachſen ſoll, ſo muß er mit dem Stock groß gezogen werden; trotzdem liebte er die 30 Seinigen gewiß von ganzem Herzen und wurde auch von ihnen wiedergeliebt. Jetzt ſaß er recht behaglich im Schooße der Familie, ſich ausruhend und die ſteifen, durchnäßten Glieder am Ofen wärmend. Zuvor aber mußte er Rechenſchaft ab⸗ legen, wo er ſo lange geblieben, warum er nicht zur rechten Zeit gekommen. Es war, wie Hannchen vermuthet hatte, der Buchhalter hatte ihn noch einen Gang geſchickt, um eine Beſorgung auszurichten. „Du hätteſt nicht gehen ſollen, noch dazu bei dem Wetter,“ meinte die Frau. „Das geht nicht, der Herr Buchhalter iſt doch ge⸗ wiſſermaßen mein Vorgeſetzter, dem ich gehorchen muß.“ „Freilich, aber nur in allen Dingen, die zur Bank gehören und zu denen Du durch 2 in Amt verpflichtet biſt. Was kümmern Dich ſeine Geſchichten d0 „Na, ich bin von dem Gange auch nicht geſtorben und ein Trinkgeld hat es obendrein geſetzt, zehn Groſchen, das kann man ſich ſchon gefallen laſſen.“ „Ich wollte, Du brauchteſt nicht mehr Deine Beine zu ſtrapaziren und könnteſt Dich auf Deine alten Tage ausruhen.“— „Ja, wenn kleine Steinchen Geld wären. Ich danke Gott, daß ich mein Brod habe und ſo lange ich kann, will ich auch arbeiten.“ 31 „Wer weiß, vielleicht ſchickt uns Gott einmal unver⸗ muthet ein Paar tauſend Thälerchen, dann kannſt Du Dich pflegen.“ „Wie Du nur ſo redeſt. Sollte man nicht denken, daß Du auf eine reiche Erbſchaft hoffſt? Wir haben keinen Vetter in Amerika; die kommen nur noch in den närri⸗ ſchen Geſchichtsbüchern vor.“. „Wer weiß, was geſchieht,“ entgegnete ſie mit einem bezüglichen Lächeln.„Es braucht darum keine Erbſchaft zu ſein.“ Mehr zu ſagen hütete ſich aber Frau Bauer, weil ſie ihrem Manne nicht ganz traute; er war ſehr ökonomiſch und ſparſam; wahrſcheinlich hätte er es nicht gelitten, daß ſie in die Lotterie ſetzte. Sie wollte ihn mit den zehn⸗ tauſend Thalern, welche ſie ganz gewiß zu gewinnen hoffte, lieber übevraſchen. Deshalb ließ ſie auch jetzt das Ge⸗ ſpräch fallen und machte ſich mit dem Abendbrod zu thun. Der Kaſſenbote wandte ſich an die Kinder, die bei der Arbeit ſaßen und ſtill zuhörten. Es war heute Sonnabend und da pflegte er die Einnahmen der Woche regelmäßig nachzurechnen. Jedes Kind mußte dann das Geld ab⸗ liefern, was es im Laufe der Woche verdient hatte. Es kam da ein ganz artiges Sümmchen zuſammen. Der Aelteſte hatte als Lackirer einen Thaler und funfzehn Sil⸗ bergroſchen erarbeitet und die beiden Sänger zuſammen 32 faſt zwei Thaler erſungen; auch die Mädchen kamen nicht mit leeren Händen. Das Geld wurde, wie gewöhnlich, vor den Augen der Kinder in zwei gleiche Theile getheilt, von denen der eine für die Haushaltung verwendet wurde, während der andere in die Sparkaſſe wanderte, um für die Zukunft als Nothgroſchen den Seinigen zu dienen. Auf dieſe Weiſe war es Bauer möglich, mit ſeinem ge⸗ ringen Gehalt eine zahlreiche Familie zu ernähren und ſogar noch jedes Jahr einige Erſparniſſe zu machen. Für „Leute ſeines Schlages ſind Kinder ein wahrer Segen, weil ſie mit arbeiten und mit erwerben helfen. Die Kleinen waren auch ganz ſtolz auf ihre Thätigkeit und ihr Selbſt⸗ bewußtſein wurde nicht wenig durch dieſe weiſe Einrichtung gehoben.— Der Kaſſenbote hatte allen Grund, mit ſeinem Schickſale zufrieden zu ſein, wenn er ſo auf die fleißigen Buben und Mädchen blickte, mit denen ihn Gott geſegnet hatte. Er fühlte ſich auch recht glücklich und beſonders in dieſem Augenblick, wo er im Schlafrock und Pantoffeln mitten unter ihnen am warmen Ofen ſaß, während draußen die Frühlingsſtürme wütheten. Unterdeß war das Abend⸗ brod fertig geworden, Hannchen breitete eine zwar grobe, aber blühend weiße Decke über den Tiſch, auf welche ſie die Schüſſel mit Kartoffeln ſtellte, das gewöhnliche Leib⸗ gericht an Wochentagen, das höchſtens mit einer Mehl⸗ ſuppe abwechſelte. Bevor ſich aber der Vater niederſetzte, ——— holte er ein bisher ſorgfältig verborgenes Päckchen herbei, das er in der Taſche des durchnäßten Rockes mitgebracht hatte. Lächelnd entfernte er das zum Umſchlag dienende Zeitungsblatt; er freute ſich im Voraus auf die Ueber⸗ raſchung, welche er den Seinigen als Entſchädigung für das lange Ausbleiben bereiten wollte. Ein Stück Schinken kam zum Vorſchein, zart röthlich mit weißem Fett durch⸗ zogen, daß den Kindern das Waſſer im Munde ordentlich bei dem Anblick zuſammenlief und die Augen lüſtern zu glänzen anfingen. „Das hab’ich Euch mitgebracht,“ ſagte der Kaſſenbote. „Schinken! Schinken!“ jubelten die Jungen und Mädchen. „Aber Vater, was fällt Dir ein?“ fragte die Alte. „Du wirſt auf Deine alten Tage gar noch ein Ver⸗ ſchwender.“ „Es iſt heute Sonnabend, die Kinder haben dieſe Woche tüchtig gearbeitet, da wollte ich ihnen auch eine Freude machen. Die zehn Silbergroſchen vom Buchhalter mußten einmal ſpringen.“ „Nun, mir kann es recht ſein,“ meinte Frau Bauer, die den Ihrigen gern zuweilen eine kleine Freude gönnte. „Aber was iſt denn das noch? Ich glaube gar eine Citrone.“ „Nun ja, eine Citrone und ein Fläſchchen Rum. Du ſollſt uns einen Punſch machen.“ 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 3 34 „Ich glaube wirklich, daß es bei Dir im Kopfe nicht ganz richtig iſt?“ „Wie ich beim Kaufmann an der Ecke vorüberkam, dachte ich, daß ein Gläschen Warmes bei dem Wetter nichts ſchaden würde. Ich hatte noch fünf Groſchen übrig.“ „Und die haben Dich gedrückt.“ „Für einen Groſchen eine Citrone, für drei Groſchen Rum; Zucker haben wir im Hauſe; das giebt einen aus⸗ gezeichneten Punſch. Nicht wahr, Alte, Du trinkſt auch zuweilen gern ein Gläschen?“ „Du haſt einmal heute die Spendirhoſen angezogen,“ ſchmunzelte ſie freundlich, indem ſie Hannchen befahl, in einem Topf Waſſer auf dem Herd zu wärmen und aus dem Speiſeſchrank den ſorgfältig verſchloſſenen Zucker her⸗ beizuholen. Dieſe ernſthaften Anſtalten zu einem„Punſch“ verſetzten die kleine Geſellſchaft in die lebhafteſte Auf⸗ regung; der bloße Gedanke an das ſeltene Getränk be⸗ rauſchte ſchon die Kinder, ſie ſprangen von ihren Stühlen auf und äußerten ihre Freude in ziemlich lautem Jubel, bis der Vater mit ſeiner Stentorſtimme dazwiſchen fuhr. „Ruhig! und wer ſich vom Platze rührt, bekommt nichts,“ rief er im drohend väterlichen Tone. Das wirkte beſſer wie jedes andere Mittel; es wurde ſo ſtill, daß man faſt ein Mäuschen pfeifen hören konnte. Keines wagte mehr zu reden, geſchweige gar zu ſchreien —. t.— 4* 3⁵ und mit ſchalkhaftem Ernſt blickten Alle vor ſich nieder auf die irdenen Teller, voll Erwartung des kommenden Genuſſes. Nur zuweilen wendete ſich ein blonder oder brauner Lockenkopf und ſchielte nach der Küchenthür, wo der Zaubertrank geheimnißvoll von der Mutter und Hann⸗ chen bereitet wurde. Der Kaſſenbote benutzte die Stille, um einen Blick in das Zeitungsblatt zu thun, in welches der Schinken gewickelt war. Er hatte ſonſt keine Zeit zum Leſen, höchſtens am Sonntag vor und nach der Kirche, wo er den kleinen„Beobachter“ auf Löſchpapier gedruckt und die darin enthaltenen Mordgeſchichten mit beſonderer Auf⸗ merkſamkeit ſtudirte. Große Zeitungen, wie die, welche er jetzt in die Hand nahm, kamen nur ſelten in's Haus und dann meiſt durch Vermittlung des Käſekrämers oder des Wurſtmachers, wo ſie als die geiſtige Hülle eines materiel⸗ leren Inhalts dienten. Aber auch in dieſer Geſtalt waren ſie ihm ſtets willkommen und er ſtieß ſich weder an die Fettflecken, noch auch daran, wenn das betreffende Blatt von älterem Datum war; für ihn war die Politik immer neu, denn er köonnte ſich nicht viel um das kümmern, was in Frankreich oder gar in China geſchah. Aber wenn ſo eine Zeitung einmal zufällig, ſo wie heute, in ſeine Hände kam, fiel er mit einem wahren Heißhunger darüber her, um ſeine Kenntniſſe unentgeltlich zu bereichern. Kein Buchſtabe wurde ausgelaſſen und Zeile für Zeile ſorg⸗ 3* 36 fältig mit der größten Gewiſſenhaftigkeit geleſen. Es war gleichſam eine Schadloshaltung für die lange Entbehrung, mit dem Wunſche verbunden, doch auch Etwas von der Welt da draußen zu erfahren und ſich die nöthige Wiſſen⸗ ſchaft zu verſchaffen. Für viele Leute aus dem Volke iſt der Krämer zugleich auch der Bibliothekar, welcher durch fliegende Blätter den Keim der Bildung ausſtreut, wie gewiſſe Inſekten und Vögel den befruchtenden Samen ver⸗ breiten helfen. Solch ein Weisheitskorn war für den Kaſſenboten jetzt das Zeitungsblatt, in welches er ſich der⸗ maßen vertiefte, daß er faſt auch ſeinen Punſch vergaß. Während er las, wurde das kleine Stübchen immer größer, die Wände öffneten ſich und herein drang die bunte, fremde Welt. Könige und Kaiſer im glänzenden Staate, fremde Völker in bunter Tracht, rieſige Schiffe auf dem hohen Meer, mit Stürmen und Wellen kämpfend, brauſende Eiſenbahnzüge, von irgend einem ſchrecklichen Unfall be⸗ troffen, Staunen erregende Erfindungen, Schauſpieler, Tänzerinnen, Selbſtmörder und Verbrecher aller Art wir⸗ belten, in ſchwarze Lettern verwandelt, vor ſeinen Augen und ſchlangen um den Leſer ihren Zauberkreis. Es war eine magiſche Gewalt, die ihn feſthielt und nur ungern legte er das Blatt aus ſeinen Händen, weil Hannchen jetzt den dampfenden Punſch brachte. Sorgfältig faltete er die Zeitung zuſammen und legte ſie bei Seite, um ungeſtört 2— ᷣ 2—— —————-— 8—8ͤ— 37 am Sonntag weiter zu leſen. Jetzt wäre es doch nicht möglich geweſen, denn die Jungen und Mädchen waren nicht mehr zu bändigen. Der bloße Geruch des unge⸗ wohnten Getränkes verſetzte ſie in einen vollſtändigen Aufruhr und als die Mutter die kleinen Gläſer ihnen voll goß, da war kein Halten mehr. Das kleine Völkchen ge⸗ rieth ganz außer Stand und Band, ſie ſtießen mit den Gläſern zuſammen, ſie jubelten und jauchzten. Von der allgemeinen Luſt wurden auch die Alten angeſteckt; der Kaſſenbote und ſeine Frau ſahen ordentlich verjüngt aus, ihre Wangen wurden roth vom Punſch und noch weit mehr von der Freude über die geſunden, fröhlichen und wohlgerathenen Kinder.— Das war ein ſchöner, präch⸗ tiger Familienabend; die Glocke ſchlug bereits elf Uhr, als die Mutter zum Schlafengehen die Kinder wiederholt er⸗ mahnte. Arm in Arm zogen ſie davon, lachend und ſcher⸗ zend; der Kaſſenbote ſah ihnen mit zufriedenen Blicken nach. „Es ſind gute Kinder,“ ſagte er, ſeiner Alten wie zum Dank die Hand reichend. „Ich möchte auch mit keinem Könige tauſchen,“ fügte ſie hinzu.„Gottlob! wir haben alle Urſache zufrieden zu ſein.“ „Das bin ich auch,“ bekräftigte er.„Ich wünſche es un niemals beſſer. Aber es iſt Zeit, daß wir zu Bette gehen.“ 38 „Morgen kannſt Du Dich einmal ordentlich aus⸗ ruhen. Es iſt ja Sonntag; da kommt es nicht darauf an, ob wir eine Stunde früher oder ſpäter aufſtehen. Komm, Väterchen!“ Hannchen blieb noch zurück; ſie räumte das Abend⸗ brod, Teller und Glüſer fort, auch das Zeitungsblatt ſteckte ſie hinter den Spiegel, wo der Vater ſeine Papiere zu verwahren gewohnt war, damit er es am andern Morgen gleich finden ſollte. Nebenbei dachte ſie an den geliebten Guſtav, an ihren Sattler, und freute ſich auf den Sonn⸗ tag, wo er gewöhnlich zu kommen und ſie zu einem Spa⸗ ziergang abzuholen pflegte. Das hielt ſie aber nicht ab, recht müde zu ſein und ſich nach der Ruhe des Bettes zu ſehnen, denn wenn man den ganzen Tag tüchtig gearbeitet hat, ſo iſt der Schlaf Einem doppelt willkommen. Sie nahm die Lampe, um in die Kammer zu gehen, wo ihr Bett ſtand. In der vor Kurzem noch ſo lauten Stube war es jetzt mäuschenſtill und dunkel, nur der Mond ſchien durch die Fenſter und beleuchtete mit ſeinem ſanften Licht die ruhenden Schläfer, die runden Kindergeſichter und die glücklichen Alten. 39 Drittes Capitel. Auf die ſtürmiſche Nacht war ein ſchöner Morgen gefolgt, ein wahres Sonntagswetter, welches den nahenden Frühling mit allen ſeinen Schönheiten bereits ahnen ließ. Die goldene Sonne leuchtete hell und freundlich, am blauen Himmel hatte der Wind mit ſeinem gewaltigen Beſen alle dunklen Schnee⸗ und Regenwolken weggefegt; nur die naſſen Pflaſterſteine erinnerten noch an den geſtrigen Auf⸗ ruhr der Natur, aber auch ſie begannen zu trocknen und gegen Mittag ſahen die Straßen ſo rein, als wären ſie eben erſt für den Sonntag gefegt worden. Im März und April kommt Einem die Natur oft wie eine gute Hausfrau vor, welche einen vornehmen Gaſt erwartet, oder ein Feſt geben will, ſie räumt deshalb das ganze Wintergerumpel auf, wäſcht und ſcheuert ſo manchen lieben Tag, bis der ganze Unrath, der ſchmutzige Schnee, die Eisſtücke ge⸗ ſchmolzen ſind. Dabei geht es freilich etwas drüber und drunter her; auch macht ſie oft ein bitterböſes Geſicht, grade wie die Frauen, wenn ſie große Wäſche haben. Dafür lächelt ſie aber auch dazwiſchen, wenn ein Stück Arbeit beendet iſt, und ihr ganzes himmliſches Geſicht ſtrahlt vor Freude und Wonne, wenn ſie an ihren lieben Beſuch, den Junker Frühling denkt, der ſich vorläufig noch 40 jenſeits der Alpen herumtreibt und nur von Zeit zu Zeit ſeine Boten, den rothgeſtiefelten Herrn Storch als Courier, oder die große Touriſtin, Fräulein Schwalbe, abſchickt, um ſeine nahe Ankunft zu verkünden. Solch ein holdes Frauen⸗ lächeln ſchwebte an dieſem Sonntage über Himmel und Erde, doppelt freundlich nach der wilden, ſtürmiſchen Schauernacht. Der Kaſſenbote hatte die ganze Nacht von ſeinen Kindern und die Frau von ihrem noch nicht auf⸗ gegebenen Lotteriegewinnſt geträumtv; jetzt erwachten Beide und hatten ihre rechte Freude an dem ſchönen Tag, der ſo hell durch das Fenſter in die Schlafſtube ſchaute. „Es muß ſchon ſpät ſein,“ rief er faſt erſchrocken über das hereinbrechende Licht und ſich ſchlaftrunken noch die Augen reibend.„Ich habe gewiß die Uhr verſchlafen.“ „Was redeſt Du für dummes Zeug,“ ſagte ſie.„Es iſt ja heute Sonntag und Du haſt keinen Dienſt.“ „Richtig, es iſt Sonntag,“ antwortete er mit einem glücklichen Geſicht.„Es iſt Sonntag.“ Er zog den bereits herausgeſtreckten Fuß wieder zu⸗ rück, in dem beruhigenden Gefühl, daß er nichts zu ver⸗ ſäumen habe. Der Gedanke verſetzte ihn in die heiterſte Feſttagsſtimmung; er kam ſich wie ein Freiherr vor, der thun und laſſen konnte, was er wollte. So ein Rentier oder Geldmann, der von ſeinen Zinſen lebt und alle Tage Sonntag hat, kann ſich eigentlich von dieſer ſeligen und 3 8 41 beneidenswerthen Empfindung eines geplagten Kaſſenboten gar keine Vorſtellung machen; dafür kennt er auch die un⸗ ausſprechliche Wonne nicht, mit der heute der alte Bauer endlich langſam, äußerſt langſam ſein Bett verließ und ſich noch langſamer anzog, immer dazwiſchen mit der Gattin redend, der er die Begebenheiten der ganzen Woche erzählte, für die er bis jetzt gar keine Zeit noch hatte. Mit welcher Behaglichkeit nahm er nicht ſein Raſirzeug hervor, um ſich den Wochentagsbart abzunehmen. Bedächtig wurde das Meſſer auf dem ledernen Streichriemen gewetzt und eben ſo bedächtig die Seife zu Schaum geſchlagen. Dann ſtellte er ſich vor den Spiegel, vorſichtig eine Stelle nach der andern abkratzend, bis ihm ſein Geſicht untadlig rein und glatt, förmlich verjüngt aus dem Glaſe entgegen⸗ ſchaute. Unterdeß hatte die Alte die Morgenhaube auf⸗ geſetzt und war in die Küche gegangen, um nach dem Früh⸗ ſtück zu ſehen; ſie fand bereits Hannchen mit der Bereitung deſſelben beſchäftigÄt. Das junge Mädchen ſchaute träume⸗ riſch in die Gluth des Feuers und dachte an den Sonntag und wie ſchön es ſei, daß der Sattler nicht zu arbeiten brauche und den Nachmittag ſie abholen werde zu einem Gange durch die Stadt, oder gar in's Theater, das ſie leidenſchaftlich liebte, aber aus naheliegenden Gründen nur ſelten beſuchen durfte. Auch die Kinder waren bereits wach und freuten ſich, weil ſie nicht in die Schule zu gehen 42 brauchten und keine Arbeit zu machen hatten, ſondern tüchtig herumlaufen und die verſeſſenen Glieder ordentlich ſtrecken konnten. So war der Sonntag, der liebe Sonntag Allen ein willkommener Gaſt, für Jung und Alt ein wahrer Erlöſer aus dem Joche der Werkeltagsbeſchäftigung, ein Freudenbringer und Segenſpender in des Wortes ſchönſter Bedeutung. Er nahm den Müden die Laſt von den Schul⸗ tern, dem Schüler die Schreibfeder und das Buch aus den Händen, der armen Nätherin die fleißige Nadel; zu den Gebückten ſagte er, ſteht auf, zu den Beladenen, richtet euch empor und ſelbſt den Aermſten faßte er bei der Hand und führte ihn zur Kirche, wo er die Worte des Troſtes und des Heils anhörte. Er heißt nicht umſonſt der Ruhetag des Herrn, denn er gehört Gott an, dem Gott, der nicht will, daß der Menſch fortwährend ein Sklave der Arbeit ſei, der ſich freut, wenn ſich ſeine Kreaturen freuen und wenn ſie aufſehen von dem Treiben der Erde, von der ſchmutzigen Werkſtätte des täglichen Bedürfniſſes zu dem lichten Himmel und der reineren Aetherhöhe. Auch die große Stadt hat ihren Sonntag und ergötzt ſich daran; dann ſchweigt beſonders am Morgen das laute Getümmel und der geſchäftige Lärm; die Straßen und Häuſer ſehen ordentlich andächtig und fröhlich drein mit ihren hell ge⸗ putzten Fenſterſcheiben und friſch gewaſchenen Treppen. Aus den Küchen dringt ein angenehmer Bratengeruch, 43 Dienſtmägde tragen wohl auch goldbraune Kuchen über die Straße, den ſie vom Nachbar Bäcker holen; ſchön ange⸗ zogene Kinder ſtehen vor den Thüren und wagen ſich nicht recht zu ſpielen, weil ſie die reinen Kleider zu beſchmutzen fürchten. Die Kirchenglocken läuten und ſtatt des lauten Straßenlärms tönt jetzt wunderſamer Weiſe der feierliche Orgelklang, die Gläubigen zum Gebete ladend. Die Leute auf der Straße ſehen weit freundlicher aus, denn ſie haben die Woche mit ihrer Plage und Arbeit vergeſſen und denken nur noch an den Sonntag mit ſeiner Ruhe und der Luſt, von der ſie wieder acht Tage zehren werden.— In ſolch behaglicher Stimmung griff der Kaſſenbote nach dem Zei⸗ tungsblatte hinter dem Spiegel, um ſeine geſtern abge⸗ brochenen Studien der Welthändel wieder aufzunehmen und die Zeit zwiſchen dem Aufſtehen und dem Frühſtück zweckmäßig auszufüllen. Gewiſſenhaft arbeitete er das Inland und Ausland durch; er erfuhr, wie viele verdienſt⸗ volle Männer mit Orden geſchmückt, welche Geſandten, Miniſter und vornehme Herren angekommen und abgereiſt, daß eine neue Steuer im Anzug ſei und die Kammern ihren Abſchied erhalten; er ſah in Paris neue Straßen entſtehen und alte Freiheiten fallen, in England eine Expe⸗ dition ausrüſten, um barbariſche Völker mit den Seg⸗ nungen der Civiliſation bekannt zu machen; er las von dem Meerestelegraphen und von der ſtrengen Sonntags⸗ 44 feier, von den Klopfgeiſtern und den geprieſenen Fort⸗ ſchritten der Wiſſenſchaft. So rückte er allmälig weiter zu den Börſenkourſen und Theateranzeigen, zu den Auk⸗ tionen und billigem Ausverkauf, bis er zu den gerichtlichen Vorladungen gelangte. In ſeiner Leſewuth wurden auch dieſe durchgearbeitet, eine nach der andern, der Steckbrief hinter dem entſprungenen Sträfling, ſowie der nothwendige Hausverkauf, immer mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit. Nur noch wenige Zeilen und er hatte das ganze Blatt vom An⸗ fang bis zum Ende, von der Politik bis zur Annonce des Käſekrämers verſchlungen und dadurch ſeinen Wiſſensdurſt befriedigt. Plötzlich aber wurde ſeine bisher behaglich nachläſſige Haltung eine andere, ſeine Bewegungen ver⸗ riethen mit einem Male eine tiefe Erſch hütterung, die höchſte Spannung; die Augen bohrten ſich i in die Zeitung ein und wurden immer größer und größer, als drohten ſie aus ihren Höhlen herauszutreten; die Hände zitterten und ließen das Blatt fallen, der Kopf wurde ihm ſchwer, Alles drehte ſich im Kreiſe und er mußte ſich beſinnen, wo er war. Es konnte aber keine unangenehme Nauich ſein, welche er ſo eben erſt aus dem Journal geſchöpft hatte, te er ſprang mit glänzenden Blicken auf, um ſeine Frau zu rufen. „Was giebt es denn?“ fragte dieſe, noch ganz roth von der Hitze in der Küche. 4⁵ „Mutter!“ rief er ihr keuchend zu.„Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht! hier ſteht's in der Zeitung.“ „Iſt das große Loos ſchon draußen?“ forſchte ſie ganz erſchrocken nach, förmlich beſtürzt, weil ſie noch nicht in die Lotterie geſetzt hatte. „Was geht mich das große Loos an?“ „Nun, was iſt denn vorgefallen?“. „Nichts iſt vorgefallen, aber wir ſind mit den ver⸗ ſtorbenen Arnold's verwandt. Meine Mutter iſt eine ge⸗ borne Leitgebel und ihre Mutter eine Arnold.“ „Das wiſſen wir ſchon lange. Es muß bei Dir nicht richtig im Kopfe ſein, daß Du ſolche alte Geſchichten mir da vorerzählſt. Was kümmert das mich?“ „Was es Dich kümmert! Da komm' her und ſieh⸗ was in der Zeitung ſteht. Die unbekannten Erben und Anverwandten der Familie Arnold werden hier zum letzten Male aufgefordert vom Gericht, ſich zu melden und ihre Anſprüche geltend zu machen.“ „Und was geht das uns an?“ „Herrgott! Ob es uns angeht. Ein großes Ver⸗ mögen, viele Tauſende können wir bekommen, wenn wir uns melden.“ Dieſe Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht, die gute Alte erſchrak ſo heftig, daß ſie an allen Gliedern zitterte, ſie mußte ſich niederſetzen, denn ihre Füße wollten ſie 46 nicht tragen, ſie vermochte längere Zeit auch nicht ein Wort vorzubringen. „Iſt es denn auch wahr?“ ſtammelte ſie endlich. „Iſt es auch wirklich wahr? Vielleicht haſt Du nur falſch geleſen.“ „Hier ſteht es ſchwarz auf weiß gedruckt. Das Ge⸗ richt wird doch nicht lügen.“ „Und die Arnold's haben ein ſo großes Vermögen hinterlaſſen? Davon haſt Du mir ja früher kein Wort geſagt.“ „Ich hab' ja auch von der ganzen Geſchichte nichts gewußt. So viel ſteht feſt, daß meine Großmutter eine geborne Arnold war.“ „Eine Schweſter von dem Hofmedicus?“ „Das muß ſich erſt finden. Ich war noch zu jung, wie ſie geſtorben iſt, aber meine Schweſter wird es wiſſen; die hat ſie noch gekannt. Ich will ſogleich zu ihr gehen.“ „Du vergißt, daß wir mit dem Schwager ſchon ſeit Jahr und Tag böſe ſind.“ „Das thut nichts; bei einer ſolchen Gelegenheit ver⸗ gißt man das Vergangene. Wo iſt mein Stock und der Hut? 24 „So warte doch wenigſtens erſt, bis Du gefrühſtückt haſt. Du wirſt doch nicht nüchtern fortlaufen wollen.“ Sie konnte ihn nur mit Wüih zurückhalten, bis das —— 47 Frühſtück auf dem Tiſche ſtand. Haſtig goß er den heißen Kaffee hinunter, daß er ſich faſt damit die Lippen ver⸗ brannte. Dahin war die ſchöne Sonntagsſtimmung und die Kinder ſchauten verwundert auf das veränderte Benehmen des Vaters, da ſie natürlich keine Ahnung von dem hatten, was vorgefallen war. Sonſt pflegte er gleich am Morgen mit ihnen in die Kirche zu gehn und die Predigt anzu⸗ hören. „Gehen wir denn nicht in die Kirche?“ fragte der Jüngſte. „Die Mutter wird Euch begleiten,“ antwortete der Kaſſenbote faſt ärgerlich.„Ich komme vielleicht nach, wenn ich noch Zeit habe.“ Jungen und Mädchen ſahen ſich mit großen Augen gegenſeitig an. Das war noch niemals vorgekommen, zum erſten Mal in ihrem Leben geſchah es, daß der Vater an einem Sonntag die Kirche verſäumte und davon wie von einer gleichgültigen Sache ſprach. Das machte einen tiefen Eindruck auf die kleine Geſellſchaft, ſie ſteckten die Köpfe zu⸗ ſammen undziſchelten heimlich untereinander. Ihmaber klang ihre Frage wie ein ſtiller Vorwurf, daß er über die irdiſchen Angelegenheiten den himmliſchen Ruf überhören wollte. Die erwachende Leidenſchaft war jedoch ſtärker als das mahnende Gewiſſen. Ohne ſich länger aufzuhalten nahm er Hut und Stock; im nächſten Augenblick ſchon ſtand er 48 auf der Straße und auf dem Wege zu der Schweſter, welche in ziemlicher Entfernung wohnte. Schon zehn Jahre lang hatte er ſie nicht geſehn, obgleich ſie in derſelben Stadt wohnten. Die Schuld lag nicht an ihm, ſondern an dem Schwager, den reichgewordenen Schneidermeiſter Haſenfritz, welcher voll Hochmuth auf die armen Verwandten ſeiner Frau herniederſchaute, ſeitdem er zu Geld gekommen war. Die Art und Weiſe, wie er ſein Vermögen erworben hatte, war auch nicht die ehrenwertheſte und ſtimmte ganz und gar nicht mit der tüchtigen Geſinnung des ehrlichen Kaſſen⸗ boten. Meiſter Haſenfritz hatte ſich mit ein Paar Thalern in der Hauptſtadt niedergelaſſen, wo er bald ſich eine gewiſſe Kundſchaft unter der leichtſinnigen Jugend zu erwerben wußte, weniger durch die Gediegenheit und Trefflichkeit ſeiner Arbeit, als durch den Kredit, welchen er den jungen Leuten eröffnete. Dafür berechnete er aber auch ſeine Pro⸗ zente und ein Rock kam bei ihm immer um einige Thaler theurer zu ſtehn; außerdem aber lieferte er möglichſt ſchlechte 3 Waare, ſo daß ſeine Kleider ſchnell abgetragen waren. Weil er aber borgte, hatte er immer Zulauf und wenn erſt ein Student, ein angehender Juriſt oder Arzt angebiſſen hatte, ſo kam er auch nicht ſo leicht wieder los. Er ſpeku⸗ lirte auf die augenblickliche Verlegenheit, ließ ſich monat⸗ liche Abſchlagszahlungen gefallen und ſchmierte ſeine Kunden von Neuem an, ſo daß zu der alten Schuld immer friſche 49 Summen hinzukamen. Machte ein Schuldner aber einmal ein böſes Geſicht, tadelte er das ſchlechte Tuch und die un⸗ ſaubere Arbeit, oder wandte er ſich gar an einen andern Schnei⸗ der, dann war Meiſter Haſenfritz ſchnell mit der Klage bei der Hand und peinigte den Undankbaren mit Exekution und Perſonalarreſt, mit Drohungen und allen möglichen Tor⸗ turen ſo lange, bis er den letzten Heller aus ihm heraus⸗ preßte. Auf dieſe Weiſe hatte er nach und nach ein kleines Vermögen erworben, mit dem er ſeit längerer Zeit noch ein anderes Geſchäft verband. Er begnügte ſich nämlich nicht damit allein, ſeine Kunden zu bekleiden, ſondern ſeine Menſchenfreundlichkeit erſtreckte ſich ſogar ſo weit, ſie auch noch dazu mit Geld zu verſehn, wenn ſie es nothwendig brauchten. Natürlich nahm er dafür eine nicht ganz geringe Proviſion und außerdem ließ er ſich zur größeren Sicher⸗ heit ein Papier ausſtellen, das man in der kaufmänniſchen Sprache„Wechſelchen“ nennt. Er verfuhr jedoch dabei mit einer großen Vorſicht, ſo daß ihm bis jetzt das Gericht nichts anhaben konnte, weshalb er auch in der ganzen Nach⸗ barſchaft ſogar für einen Ehrenmann galt. Nur ſeine genaueren Bekannten und ſeine jungen Geſchäftsfreunde hießen ihn„einen Halsabſchneider und Wucherer“, wobei ſie ganz und gar vergaßen, was ſie ihm ſchuldig waren. Der Meiſter gab auf derartige Ehrentitel nichts, wenn er nur ſeinen Schnitt machte und das that er gehörig. Er 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 4 50 ſchor ſeine Schäfchen immer auf zwei Seiten, indem er ſie zugleich mit Kleidern und mit Geld verſorgte, wofür er doppelt ſich bezahlt zu machen verſtand. Das Schneider⸗ handwerk betrieb er jedoch in letzter Zeit nur noch zum Schein, deſto mehr aber ſeine andern Geſchäfte, denen er eine immer größere Ausdehnung zu geben ſich bemühte. An Kunden fehlte es ihm nicht und ſelbſt mancher feine Kavalier, Grafen und Barone, ſuchten die Bekanntſchaft des Meiſters Haſenfritz. Solche Geſchäfte pflegen aber, wenn ſie mit der nöthigen Vorſicht und Schlauheit betrieben werden, einen ſchönen Gewinn abzuwerfen, obgleich einfältige Leute häufig ſagen, daß kein Segen an dem Gelde ſei. Mit dem ſteigenden Wohlſtande ſtieg auch der Hochmuth des Schnei⸗ ders und er ließ denſelben ſeinen armen Verwandten tief empfinden, bis er zuletzt die Gelegenheit ergriff, jeden Um⸗ gang mit ihnen abzubrechen. Er ſchämte ſich, ſeitdem er ſo vornehme Leute in ſeinem Hauſe ſah, der einfachen Schwägersleute; nach und nach zog er ſich zurück; was ihm um ſo leichter wurde, da der Kaſſenbote von jeher den Mann ſeiner Schweſter und ſein Thun und Treiben, das ihm nicht verborgen bleiben konnte, innerlich verachtete und deſſen auch kein Hehl hatte.— e Die Frau war zwar von Herzen nicht böſe und liebte auch ihren Bruder, aber ſie war, wie viele Weiber in der Hauptſtadt, eitel und genußſüchtig. Der behagliche Wohl⸗ 51 ſtand, der ſie umgab, die ſchöne Einrichtung, die feinen Meubel und das gute Leben mußten ſie für den Mangel an wahrer Liebe und häuslichem Glück entſchädigen; ſie war eine jener gutmüthig paſſiven Naturen, welche Fünfe grade ſein laſſen und mit Allem zufrieden ſind, wenn ſie nur vollauf haben und es ihnen nicht an gutem Eſſen und Trinken fehlt. Anfänglich hatte ſie ſich über die Feind⸗ ſchaft mit ihren Verwandten gegrämt; nach und nach, da ſie doch daran nichts ändern konnte, ſich zufrieden gegeben und zuletzt kam es ihr vor, als müßte es ſo ſein. Jahr und Tag hatten ſich die Geſchwiſter nicht geſprochen, nur dann und wann auf der Straße geſehn und kaum flüchtig be⸗ grüßt; ſie waren ſich fremd geworden; was in der großen Stadt weit eher möglich iſt, als in der kleinen, wo man in einem Tage ſechsmal über einander ſtolpern kann.— Das Alles bedachte jetzt der Kaſſenbote, wie er vor dem Hauſe ſtand, wo ſein Schwager wohnte. Ein hell polirtes Meſſingſchild war an der Thür befeſtigt mit der Aufſchrift: Friedrich Haſenfritz, Tailleur; denn das deutſche Wort Schneider kam dem Beſitzer viel zu gemein vor, nicht einmal der„Herrenkleiderverfertiger“ genügte dem ſtolzen Patron. Neben dem Schilde hing ein Glockenzug mit einem Porzelan⸗ griff, worauf noch einmal der Name Haſenfritz in goldenen Buchſtaben zu leſen war. Bauer ſchellte und ein artiges, aber ziemlich naſeweiſes Dienſtmädchen öffnete; ſie war ſo fein 4* 52 angezogen, daß man ſie faſt für die Haustochter halten konnte. Böſe Zungen behaupteten, daß Herr Haſenfritz nicht umſonſt die ſchönſten Dienſtmädchen im ganzen Stadtviertel hielt, worüber er mit ſeiner Frau trotz ihrer Duldſamkeit doch zuweilen in Streit gerieth. „Wem ſoll ich der Herrſchaft melden?“ fragte das Mädchen, den Kaſſenboten von oben bis unten muſternd. „Ich bin der Bruder von Frau Haſenfritz,“ antwortete er haſtig. Das Mädchen ſchüttelte verwundert den Kopf, als glaubte ſie nicht recht an ſeine Worte; daran kehrte er ſich nicht; er ging, ohne ſie weiter zu beachten, an ihr vorüber und trat in das Zimmer, wo er die ganze Familie noch beim Frühſtück traf. Dieſelbe beſtand aus dem Herrn Haſenfritz, ſeiner Gattin und einem hoffnungsvollen Sohn von einigen zwanzig Jahren. Der Herr Schwager war ein kleiner, unterſetzter Mann mit einem ſchwammigen, rothen Geſicht, worin zwei pfiffige Augen unſtätt leuchteten. Ein verſchmitzter Zug um den ſinnlich aufgeworfenen Mund und eine gewiſſe Aufgeblaſenheit zeigten gleich, welch Geiſteskind er war, einer jener bürgerlichen Parvenüs, deren Charakter aus einer Miſchung von Schlauheit und Hochmuth beſteht, grob gegen Niedrigſtehende und Unter⸗ 53³ gebene, kriechend gegen Vornehme und wo es ſein Vortheil erforderte. Er trug einen eleganten Schlafrock, unter dem die feine Wäſche, die karrirten Modebeinkleider und die ſchwere, goldene Uhrkette mit einer gewiſſen Koketterie hervorſchaute. Vor ihm ſtand eine halbgefüllte Kaffeetaſſe und ein Käſtchen mit Cigarren, von denen er ſo eben eine angezündet hatte, indem er mit ſtarken Zügen den blauen Rauch heftig von ſich blies. Der Kaſſenbote ſchien zur Unzeit gekommen zu ſein; es hatte ſo eben eine unange⸗ nehme, häusliche Scene zwiſchen Vater und Sohn ſtatt ge⸗ funden. Monſieur Auguſt Haſenfritz gehörte nämlich zu den jungen Leuten, welche weit leichter Geld auszugeben, als einzunehmen verſtehn; dies gab zu allerlei Reibungen Veranlaſſung, wobei die ſchwache Mutter gewöhnlich die Partei des verzogenen Lieblings zu nehmen pflegte. Der junge Herr ſaß noch ſchmollend, mit ausgeſtreckten Beinen dem Vater gegenüber, deſſen Strafpredigt er mit einem Gemiſch von Verachtung und Gleichgültigkeit entgegennahm. Um ſeine ſchmalen Lippen und um das verwitterte und bereits verlebte Geſicht ſchwebte ein ſpöttiſches Lächeln, das dem Alten nur noch mehr aufbrachte. „So ſoll doch das Donnerwetter—“ ſchrie er laut Der Satz blieb ihm jedoch in der Kehle ſtecken bei dem unerwarteten Eintritt des Kaſſenboten, deſſen lautes An⸗ klopfen überhörtworden war. Auch Frau Haſenfritz war ganz 54 erſchrocken über den unverhofften Beſuch von ihrem Stuhle aufgeſprungen. „Mein Bruder!“ rief ſie verwundert, doch lag in dem Tone ihrer Stimme weit mehr Freundlichkeit, als er erwartete. Darauf trat eine verlegene Pauſe ein, weil Niemand gleich das rechte Wort zu finden wußte. Der Schneider⸗ meiſter ſah ſeine Frau mit halb grimmigen, halb fragenden Blicken an, während der ehrliche Kaſſenbote mit dem Hute in der Hand daſtand und nicht wußte, was er ſagen und wie er ſich benehmen ſollte. Der hoffnungsvolle Sohn zeigte bei dieſer Gelegenheit die größte Geiſtesgegenwart; er benutzte die Unterbrechung, um ſich der ihm langweiligen Strafpredigt zu entziehn. Ohne ſeinem Onkel eines Blickes zu würdigen, entfernte er ſich eine italieniſche Opernarie pfeifend. Erſt nachdem er verſchwunden war, fragte Frau Haſenfritz ſchüchtern nach der Urſache dieſes Beſuchs. „Ich komme,“ ſagte der Kaſſenbote,„wegen einer wichtigen Angelegenheit, wie Du Dir wohl denken kannſt.“ „Es wird wohl eine Bettelei ſein,“ dachte der Schwager im Stillen, der mit aus Furcht, daß er von der ärmeren Familie ſeiner Frau einmal in Anſpruch genommen wer⸗ den könne, jeden Umgang mit derſelben abgebrochen hatte. 5⁵ Aus demſelben Grunde miſchte er ſich auch anfänglich gar nicht in das Geſpräch; er gab nur den ſtillen Zuhörer ab bis zu dem Augenblick, wo ſein Intereſſe auf das Höchſte in Anſpruch genommen wurde. „Wir haben uns lange nicht geſehn,“ bemerkte die Schweſter, indem ſie ſogleich und auch im ferneren Verlaufe der Unterhaltung immer von Zeit zu Zeit mit ängſtlichen Blicken die Mienen ihres Mannes beobachtete, um darnach das Maß ihrer Freundlichkeit und ihr Benehmen gegen den Bruder abzumeſſen. „Darüber wollen wir ein ander Mal reden,“ ant⸗ wortete dieſer.„Was geſchehn iſt, iſt geſchehn und läßt ſich auch nicht ändern. Heut handelt es ſich um eine Auskunft, die ich von Dir verlange. Die Sache geht Dich eben ſo ſehr an wie mich ſelber! Kannſt Du mir ſagen, ob unſere Mutter mit dem Hofmedicus Arnold verwandt war, hat ſie nicht darüber mit Dir geſprochen?“ „Unſere Großmutter war eine geborene Arnold; ſie hatte auch einen Bruder, der Medicin ſtudirt hat; das weiß ich ganz gewiß. Aber was geht das uns an?“ „Das ſollſt Du gleich ſehn.“ Mit dieſen Worten überreichte er ihr das verhäng⸗ nißvolle Zeitungsblatt, welches er ſorgfältig in der Taſche zuſammengefaltet bei ſich trug. Neugierig drängte ſich der Schwager hinzu und ſteckte ſeine Naſe auch hinein. Schnell 56 überflog er den Inhalt der gerichtlichen Aufforderung, ſeine kleinen Augen wurden größer und größer, ſie blitzten und funkelten vor Freude und Geldgier. „Daß ich das überſehen konnte?“ fragte er faſt ärger⸗ lich.„Natürlich, meine Gans von einer Frau hat mir niemals von ihrer Verwandtſchaft etwas geſagt. Wer hätte dies ahnen ſollen?“ „Haſt Du mich denn darum gefragt?“ erwiederte ſie gekränkt,„haſt Du Dich überhaupt um die Meinigen ge⸗ kümmert? Du biſt Schuld, daß ich meinen Bruder hier ſeit Jahr und Tag nicht geſehn habe.“ „Wer Teufel ſollte auch wiſſen,“ murmelte er beſtürzt, indem er ſich verdrießlich in die Lippen biß.„Ein wahres Glück, daß der Schwager das Blatt geleſen und uns auf⸗ geſucht hat, ehe der Termin verſtrichen iſt. Wir wollen ſchon die Sache in die Hände nehmen; ich kenne die Ge⸗ richte und die Advokaten. Die ſchöne Erbſchaft ſoll uns nicht entgehn.“ „Vor allen Dingen müſſen wir den Beweis führen, daß wir in grader Linie mit dem Hofmedicus Arnold ver⸗ wandt ſind,“ bemerkte der Kaſſenbote. „Das bin ich feſt überzeugt,“ erwiederte die Schweſter. „Unſere Familie ſtammt wie Du weißt aus Zwickau, wo der Vater unſerer Großmutter als Tuchmacher lebte. Die Mutter hat mir oft genug davon erzählt und daß ihr 57 einziger Bruder in Wien Medicin ſtudirt und ſich als Arzt niedergelaſſen hat.“ „Wenn das erſt feſt ſteht, ſo haben wir die gegrün⸗ detſten Anſprüche auf die Erbſchaft.“ „Man muß ſogleich an den Magiſtrat in Zwickau ſchreiben,“ ſagte der Schwager, der in Prozeßgeſchichten hinlänglich bewandert war.„Auch wollen wir einen tüch⸗ tigen Rechtsanwalt befragen.“ „Ich ſelber verſtehe nichts davon,“ entgegnete der Kaſſenbote. „Das thut nichts; ich will mich ſchon der Sache an⸗ nehmen und Du ſollſt dabei nicht zu kurz kommen. Wie freue ich mich, Dich einmal wieder bei uns zu ſehn. Wir haben noch ſo viel mit einander zu beſprechen. Stecke Dir doch eine Cigarre an, ächte Havaneſer, das Stück drei Groſchen.“. Herr Haſenfritz war wie umgewandelt und erſchöpfte ſich in Höflichkeiten. Der gute, liebe Bauer mußte ſich zu ihm auf's Sopha ſetzen und er ſelbſt reichte ihm den an⸗ gezündeten Wachsſtock, damit er ſich die Cigarre anrauchen konnte. „Du bleibſt doch bei uns zum Eſſen, lieber Schwager,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Das wird wohl nicht gut angehn, meine Alte und 58 die Kinder erwarten mich. Auch wollte ich die Kirche nicht verſäumen.“ „Ach was Kirche! Ich gehe das ganze Jahr nicht in die Kirche, außer zum Abendmahl; deswegen bin ich doch ein guter Chriſt und Menſch. Heute mußt Du bei uns bleiben.“ „Ich kann wirklich nicht. Es wäre das erſte Mal an einem Sonntage, daß ich nicht zu Hauſe äße. Meine Frau würde ſich halb todt ängſtigen.“ „Aber wenigſtens ein Glas Wein wirſt Du nicht aus⸗ ſchlagen. Wir müſſen unſere Verſöhnung feiern.“ Die Schweſter vereinigte ihre Bitten mit denen des Mannes, ſo daß der ehrliche Kaſſenbote nicht gut ausweichen konnte; er war ohnehin innerlich erfreut über die ſtattgefun⸗ dene Ausgleichung der bisherigen Familienzwietracht. Das Herz war ihm ſo voll davon und er fühlte das Bedürfniß, bei der wiedergewonnenen Schweſter zu verweilen, um mit ihr über alle Verhältniſſe vom Grunde aus zu ſprechen, alte Erinnerungen wieder aufzufriſchen und ihr ſeine nie ge⸗ ſchwundene Liebe zu beweiſen. Die in ihrer Weiſe gut⸗ müthige Frau erkundigte ſich nach ſeinen Kindern; das war der richtigſte Ton, den ſie unwillkürlich angeſchlagen hatte. um ihn zum Bleiben zu bewegen. War einmal das Ca⸗ pitel auf dem Tapet, dann konnte der Kaſſenbote Stunden lang darüber mit ſtrahlenden Augen reden und er merkte 59 gar nicht, wie ſchnell die Zeit verflog.— Auf einen Wink des Schwagers, der jetzt von Liebe und Güte überfloß, wurde eine Flaſche Wein aus dem Keller geholt und mit drei Gläſern auf den Tiſch geſtellt. Goldhell funkelte das edle Naß in dem geſchliffenen Kriſtall und verbreitete einen angenehmen Duft in dem ganzen Zimmer. Wie lange war es ſchon her, daß der alte Bauer keinen Wein geſehn, geſchweige gar getrunken hatte. Der einzige Luxus, den er ſich gewöhnlich erlaubte, war ein Gläschen Bier und eine Pfeife Tabak, das Pfund zu fünf Silbergroſchen und das auch nur ausnahmsweiſe an Sonn⸗ und Feiertagen. Da ging es bei dem Meiſter Haſenfritz ganz anders her; dem ſah man ſo recht an, daß der ſein Schäfchen im Trocknen hatte und ein Paar Thaler gar keine Rolle bei ihm ſpielten. Das Zimmer, worin ſie ſaßen, war, wenn auch nicht mit dem beſten Geſchmack, aber wenigſtens mit dem größten Luxus eingerichtet, ein wahrer Parvenü⸗Luxus, ſchreiende Tapeten, mittelmäßige Kupferſtiche und ſchlechte Oelbilder in prächtigen Rahmen, vergoldete Spiegel und theure Möbel, die aber nicht zuſammen paſſen wollten und aus⸗ ſahen, als wären ſie auf dem Trödelmarkt oder auf einer Auktion erſtanden. Das war auch zum Theil der Fall, zum Theil hatte ſie der Meiſter von ſäumigen Schuldnern für einen Spott⸗ preis als Abſchlagszahlung angenommen. Der prachtvolle 2 60 Schreibſekretair hatte einem jungen Kaufmann angehört, der vor Kurzem Bankrott geworden; auf dem weichen Divan dehnte ſich noch vor einem Jahre der Baron, der Schulden⸗ halber die Reſidenz verlaſſen mußte. Hätten die verſchie⸗ denen Lehnſtühle, Sophas und Oelgemälde Sprache be⸗ kommen, ſie hätten wunderliche Geſchichten von ſelbſtver⸗ ſchuldetem Elend, von wilder Verſchwendung und zu ſpäter Reue, von taumelnden Orgien und verzweifelten Ent⸗ ſchlüſſen erzählen können; der ehrliche Kaſſenbote wäre dann entſetzt aufgeſprungen und hätte nicht den Wein ge⸗ trunken, der ſo einladend und duftend ihm in die Naſe ſtieg, denn ſelbſt dieſer Wein war nur die Beute eines ge⸗ plünderten Schlachtopfers.— „Auf Dein Wohlſein, lieber Schwager!“ rief Herr Haſenfritz.„Du und die Deinigen ſollen leben!“ Die Gläſer klangen heller wie das Glockengeläute in der Kirche, welches Bauer ſeit langer Zeit einmal an einem Sonntag überhört hatte. Er trank und das flüſſige Feuer that ihm wohl und erwärmte ſeine von der fortwährenden Arbeit erſchöpften Glieder. „Nicht wahr,“ ſcherzte der Schwager ſchmunzelnd,„ein nettes Weinchen, es läßt ſich trinken.“ „Delikat,“ murmelte der Gaſt mit zuſammen⸗ gekniffenen Augen.„So Etwas habe ich nicht gekoſtet ſo lange ich lebe.“ 61 „Die Flaſche koſtet auch zwei Thaler, ächter Dom⸗ dechant. Der wird nur meinen beſten Freunden vor⸗ geſetzt.“ „Schmeckſt Du prächtig!“ ſagte der Kaſſenbote, mit den Lippen ſchmatzend und die Naſe von Neuem in das Glas ſteckend, um mit allen Sinnen den herrlichen und ungewohnten Genuß einzuſchlürfen. Das zweite Glas hatte ihn in eine heitere Stimmung verſetzt und er kam ſich ordentlich wie vergnügt vor. Bei dem dritten wurde er bereits zärtlich und ſein argloſes Herz vergaß das Vergangene. „Sollſt leben, Schweſterherz!“ ſchrie er laut und er⸗ hob ſein Glas,„und der Schwager dazu!“ Wieder klangen die Gläſer und dazwiſchen frohes Ge⸗ plauder, das rohe Gelächter des Schwagers und das feinere der Frau, welche ſeit langer Zeit wieder einmal von Herzen ſich freuen durfte über die Gegenwart des Bruders und über die gute Laune ihres Tyrannen. Trotz ihrer Be⸗ ſchränktheit merkte ſie doch an ſeinem veränderten Benehmen, daß ſchon die Ausſicht auf die Erbſchaft vortheilhaft auf ihn einwirkte und ihr ein gewiſſes Anſehn in ſeinen Augen gab. Mit weiblicher Schlauheit hoffte ſie für ihre Stellung im Hauſe Nutzen davon zu ziehn. „Noch ein Glas!“ bat Herr Haſenfritz. 62 „Es wird mir zu viel werden,“ wehrte der Gaſt mit vorgehaltener Hand. Der liebenswürdige Wirth wußte aber ſo freund⸗ ſchaftlich zu nöthigen, die Schweſter ſo traulich zuzureden, der Wein duftete ſo würzig und angenehm, daß Freund Bauer nicht anders konnte und alle ſeine nüchternen Vor⸗ ſätze aufgeben mußte. Er trank noch dies Glas und noch eins, bis die Flaſche leer war und eine zweite auf dem Tiſche ſtand, diesmal ſogar eine mit Champagner, mit ächtem Champagner, die Flaſche zwei Thaler und zwanzig Groſchen, wie Herr Haſenfritz nicht verfehlte, hinzuzuſetzen. Das knallte und ziſchte, perlte und ſchäumte, daß dem ehrlichen Bauer Hören und Sehen verging, aber es ſchmeckte auch herrlich und ging ſo glatt und ſüß die Zunge hinunter, daß er in ſeinem ganzen Leben nichts Beſſeres getrunken zu haben glaubte. 1 „Das Teufelszeug ſteigt mir zu Kopf,“ bemerkte er, von einem gewiſſen Schwindel ergriffen. 19 „Ich bitte Dich,“ lachte der Schwager, der an der⸗ gleichen Genüſſe ſchon gewöhnt war.„Das wird Dir nichts ſchaden, es iſt ein Frauengetränk, ſo leicht, daß man's kaum merkt.“ 1 Hriatni. uti „Ich fürchte, daß ich mir einen Rauſch trinke.“ „Wer niemals einen Rauſch gehabt, der iſt kein braver Mann,“ ſang Herr Haſenfritz mit ausgelaſſener Luſtigkeit 63 und ſchenkte die Spitzgläſer von Neuem ſo voll, daß der milchweiße Schaum über den Tiſch floß. Ein dunkles Bewußtſein ſagte dem Kaſſenboten, daß er zu Hauſe von ſeiner Frau erwartet werde, die prachtvolle Pendeluhr des Schwagers ſchlug bereits zwei Uhr; er hatte alſo die Kirche längſt verſäumt. Erſchrocken fuhr er von ſeinem Stuhle auf; das war ihm nicht eingefallen, daß es ſchon ſo ſpät geworden war.. „Ich muß fort,“ rief er mit ſtammelnder Zunge.„Ich muß fort. Meine Alte, meine gute Alte—“ Die Rührung überwältigte ihn, ſo daß er den ange⸗ fangenen Satz nicht vollenden konnte; er mußte ſich mit dem Rockärmel die ſtrömenden Thränen abwiſchen. Es kam ihm vor, als hätte er an ſeiner Frau und den Kindern ein großes Unrecht begangen. Die Schweſter redete ihm zu, aber nun ließ er ſich nicht mehr halten, mit dem Ver⸗ ſprechen bald wieder zu kehren, nahm er zärtlichen Abſchied. Mit ziemlich unſicheren Schritten wankte er über die Straße, nur von einem dunklen Inſtinkt geleitet kam er in ſeiner Wohnung an, wo über dies ungewohnte Aus⸗ bleiben des Vaters keine geringe Beſtürzung herrſchte. Wie immer am Sonntag wurde der Tiſch um zwölf Uhr gedeckt und das Mittagseſſen bereit gehalten. Die Kinder wurden ungeduldig, über Mangel an Appetit hatten ſie ſich grade nicht zu beklagen. Frau Bauer ſtand erwartungsvoll am 64 Fenſter und ſchaute auf die Straße hinaus, wer aber nicht kam, war der Kaſſenbote. Es ſchlug ſchon ein Uhr, das junge Völkchen ließ ſich kaum mehr beſchwichtigen, ſie murrten zwar, aber ohne den Vater zu eſſen, wäre Keinem eingefallen. Die Mutter ärgerte ſich, weil die Suppe verdarb, das Fleiſch ganz weich wurde und in Stücke zerfiel, ſo daß es gar kein Anſehn hatte, noch mehr thaten ihr aber die hungernden Kinder leid. Gegen die ſonſtige Haus⸗ ordnung wurde ihnen ein Stück Brod verabreicht, worüber ſie wie die Raben herfielen und einſtweilen ſich auch zufrie⸗ den gaben. Aber die Uhr ſchlug zwei und der Vater kam noch immer nicht zurück; das war ein nie zuvor erlebtes Ereig⸗ niß und noch dazu an einem Sonntage. Es mußte etwas vorgefallen ſein, das ließ ſich Frau Bauer nicht ausreden. Angſt und Gram erfüllten zu gleicher Zeit ihre Seele und kämpften mit einander. Hannchen ſuchte ihr die Befürch⸗ tungen zu beſchwichtigen, obgleich ſie ſelbſt nicht ganz frei von ihnen war. „Schicke doch Wilhelm zu Haſenfritzens,“ mahnte ſie, „um zu ſehn, wo der Vater bleibt. Gewiß werden ſie ihn dort aufgehalten haben.“ Wilhelm ſtand ſchon auf dem Sprung, als der Ver⸗ mißte mitten unter die Seinigen trat, in einem aufgeregten Zuſtande, der ihnen nicht entgehen konnte. Er ſuchte ſoviel 65 als möglich eine feſte Haltung zu behaupten, was ihm aber nicht vollkommen gelang, da er bald nach der einen, bald nach der andern Seite, wenn auch nicht grade allzu bemerkbar, ſchwankte. Sein Geſicht zeigte eine verdächtige Röthe, die Augen ſchwammen und irrten im Kreiſe herum, während eine ungewohnte Luſtigkeit und ein fortwährendes Lächeln in ſeinen Zügen ſchwebte. „Herrgott!“ rief die Frau beſtürzt aus und ſchlug die Hände verwundert über dem Kopf zuſammen.„Bauer! was iſt denn mit Dir vorgefallen?“ „Nichts iſt vorgefallen,“ ſtammelte er.„Der Schwa⸗ ger läßt Dich grüßen und die Schweſter auch; ſie iſt gut, ſehr gut. Laſſen Euch Alle grüßen.“ Die Kinder ſahen ſich verwundert an und dann wieder den Vater, der ihnen ganz verändert vorkam; ſie wurden von ſeiner Luſtigkeit angeſteckt, lachten und kicherten, weil ſie wohl merken mochten, daß er einen Rauſch ſich ange⸗ trunken hatte. Das war für ſie ein neues, noch nie da⸗ geweſenes Schauſpiel; ſie bekamen mit einem Male ein ganz anderes Bild, als ſie bisher von ihm hatten. Das ſchnitt aber der Frau Bauer am meiſten in's Herz, als ſie ſah, wie da mit einem Male der Reſpekt verloren ging. Deshalb unterdrückte ſie auch alle die Vorwürfe, welche auf der Zunge ſchwebten; ſie nahm den berauſchten Mann am Arm und führte ihn fort in die Nebenſtube, wo er ſich auf 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 5 66 ihr Zureden zu Bette legen mußte; was er auch, ſelbſt das Bedürfniß nach Ruhe ſpürend, willig that. Nach einer kurzen Weile kam ſie zurück, als wenn nichts geſchehen wäre. „Der Vater iſt krank,“ ſagte ſie im ernſten Tone, „und wird nicht mit uns eſſen.“ Die Kinder warfen ſich erſtaunte Blicke zu; ſie ahnten wohl, daß die Worte der Mutter nur eine Ausrede waren und wie eine Lüge klangen, aber Keiner wagte, ſeine Ge⸗ danken laut werden zu laſſen. Man ſetzte ſich zu Tiſche und das Mittagsbrod wurde ſchweigend eingenommen. Die Mutter vermochte keinen Biſſen hinunterzubringen, ſo nahm ſie ſich das Ereigniß zu Herzen, das in einer langen und glücklichen Ehe heute zum erſten Mal ihr be⸗ gegnet war. Ungeſehen wiſchte ſie eine Thräne aus ihren Augen und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt. Sie mochte wohl von trüben Ahnungen ergriffen ſein, welche ſie, trotz aller Anſtrengung, vor den Ihrigen heiter zu ſcheinen, nicht gänzlich verbergen konnte. 67 Diertes Capitel. Das war ein ſchlimmer Sonntag für Frau Bauer, und doch hatte ſie ſich die ganze Woche ſchon darauf ge⸗ freut. Nun war ihr ganzes Vergnügen zu Waſſer geworden und zwar im eigentlichſten Wortſinne, denn ſie weinte und konnte ſich gar nicht zufrieden geben über das Betragen ihres Mannes, obgleich andere Weiber, wenn der Mann einmal trunken nach Hauſe kommt, nicht ſo viel Aufhebens davon machen. Bei ihr that es nur die Neuheit der Sache und der ganz ungewohnte Anblick; auch ſchämte ſie ſich an ſeiner Stelle und fürchtete das böſe Beiſpiel. Darum hatte ſie die Kinder heute fortgeſchickt und allein gehen laſſen; was ebenfalls zu den unerhörten Dingen gehörte, aber ſie wollte ihnen den Anblick des berauſchten Vaters entziehen; außerdem ſollten ſie nicht darunter leiden und nach wie vor ihr Sonntagsvergnügen haben. Sie gab ihnen etwas Geld mit auf den Weg und empfahl ihnen ſich fein ordentlich aufzuführen, ſobald es dunkeln würde zurückzukommen und die Feſttagskleider wohl in Acht zu nehmen. Nur mit halbem Ohr hörte die kleine Bande ihre mütterlichen Ermahnungen und ſtürmte dann hinaus in's Freie, die Buben im raſchen Lauf, die Mädchen ſchüchtern hinterdrein; ſo ging es in das nahe Wäldchen und in die Anlagen, wo die Stadtkinder im Beginn des Frühjahrs 5* 68 ſich mit allerlei Spielen, Ball⸗ und Reifenwerfen zu er⸗ götzen pflegten. Da ging es mitunter bunt drüber her, die Knaben der verſchiedenen Schulen lieferten einander Schlachten und die Mädchen ſahen zu, oder faßten ſich unter die Arme und tanzten zu der Drehorgel, welche der alte Invalid mit dem Stelzfuß ſpielte.— Hannchen war bei der Mutter zurückgeblieben und tröſtete ſo gut ſie konnte; zuweilen ſchielte ſie nach der Thür und dem Fen⸗ ſter, denn Sonntags pflegte nach dem Eſſen immer der Sattler zu kommen, um mit ihr und den Eltern einen Spaziergang zu machen. Mitunter ging ſie auch ohne ſie mit ihm, nur in Begleitung einer Freundin, oder ſelbſt ganz allein, denn ſie waren ja ſo gut wie verlobt. Sie hing voll Vertrauen an dem Geliebten und die Mutter fürchtete ſich nicht, ſie mit ihm gehen zu laſſen, denn ſie kannte ihn als einen braven und zuverläſſigen Burſchen, dem die Ehre des Mädchens über Alles heilig war. Man irrt gar ſehr, wenn man aus dem freieren Umgange zwi⸗ ſchen den getrennten Geſchlechtern beim Volke einen Rück⸗ ſchluß auf den Mangel an guter Sitte und Moralität machen wollte. Ein Mädchen, wie Hannchen, brauchte nicht einen Tugendwächter auf Schritt und Tritt; ſie hütete ſich am beſten ſelber und ein Burſche, wie Guſtav Rath, beſaß im Grunde ſeines Herzens weit mehr Achtung vor dem Mädchen ſeiner Wahl, als manch! feiner Herr 69 mit ſeiner ſogenannten Bildung und der eingekniffenen Lorgnette. Beide heuchelten nicht eine falſche Kälte und verbargen nicht hinter gedrechſelten Redensarten ihre Em⸗ pfindungen, ſondern ſie ſprachen, wie es ihnen um's Herz war und geſtanden ſich gegenſeitig ihre Liebe. Sobald Guſtav von der Arbeit abkommen konnte, oder einen Feiertag hatte, eilte er zu Hannchen und das fanden der Kaſſenbote und ſeine Frau ganz in der Ordnung, denn ſie hatten es eben ſo gemacht in ihren jungen Jahren und noch nicht daran vergeſſen. Auch mochten ſie den Guſtav wohl leiden und er war ihnen zum Schwiegerſohn will⸗ kommen, weil es gewiß in der ganzen Stadt keinen fleißi⸗ geren und ordentlicheren Geſellen gab. Er trieb ſich nicht wie die Andern in Kneipen herum, beſuchte keine ſchlechten Orte, wo es liederliche Frauenzimmer und ſchlimme Händel gab; davor behütete ihn ſein geſunder Sinn und ein an⸗ geborner Abſcheu vor jeder Gemeinheit. Er hielt etwas auf ſich und ſeine Ehre, die er durch ein ſolches Treiben zu beeinträchtigen fürchtete. Deshalb war er kein Freuden⸗ ſtörer, oder melancholiſcher Schmachtlappen, vielmehr ein friſcher und lebensluſtiger Geſelle, der mit ſeinen braunen Augen keck und fröhlich in die Welt hinausſchaute. Er lachte auch gern und wenn er lachte, zeigte er zwei Reihen geſunder und weißer Zähne, um die ihn gewiß die vor⸗ nehmſte Dame beneidet hätte. Der kleine, ſchwarze Schnurr⸗ 70 bart ſtand ihm recht gut, das fand nicht nur Hannchen, ſondern manches andere Mädchen, beſonders die Tochter ſeines Meiſters, die ihn mit überaus freundlichen Augen anſchaute, obgleich der Undankbare nichts davon merken zu wollen ſchien und doch war ſie gar nicht übel und hatte außerdem noch einmal eine ſchöne Mitgift zu erwarten. Darum kümmerte ſich Guſtav nicht und Hannchen war ihm ohne einen Pfennig Ausſteuer lieber als die Reichſte in der Stadt; er rechnete nicht, wie heut zu Tage die Meiſten rechnen, welche mehr auf den Beutel als auf's Herz, mehr auf die Ausſtattung und das Vermögen als auf die Bravheit und Tugend eines Mädchens ſehen. Das ſoll freilich weit öfter unter den höheren Ständen vor⸗ kommen, aber auch der gewöhnliche Bürger und Hand⸗ werksmann iſt bereits von der allgemeinen Geldkrankheit angeſteckt und folgt dem Beiſpiel, das von Oben kommt. Der Eigennutz regiert jetzt die Welt und wenn das ſo fortgeht, wird es bald keine wahre und aufrichtige Liebe mehr geben, ſondern nur noch in den Romanen und in alten Hiſtorienbüchern zu finden ſein. Guſtav dachte wohl auch daran, einmal Meiſter zu werden und Geld zu ver⸗ dienen, aber nur durch ſeine eigene Kraft, mit Hülfe ſeiner Hände, dann wollte er auch ſein Hannchen heimführen und ſie redlich ernähren mit ſeiner Arbeit und durch ſeinen Fleiß. Er war zu ſtolz, um durch eine reiche Heirath, 71 wobei ſein Herz nicht mitſprechen durfte, einmal ſein Glück zu machen. Wenn er überhaupt einen Fehler hatte, ſo war es ein übermäßiger Stolz, der ihn höchſt empfind⸗ lich ſein ließ, ſo daß er auch die kleinſte Beleidigung, die geringſte Kränkung nicht ſo leicht ertrug. Er hielt viel auf Ehre, das hatte er von der Zeit noch her, wo er beim Militär als Unteroffizier geſtanden. Da er immer ſeine Pflicht als Soldat gethan, ſo hielten auch ſeine Vor⸗ geſetzten etwas von ihm und behandelten ihn mit Aus⸗ zeichnung; darum ließ er ſich auch nichts bieten und war ſchnell beleidigt und dann aufbrauſend. Von ſeiner Dienſt⸗ zeit ſchrieb ſich auch die nette Haltung und das ſichere Auftreten her; auch gab er viel auf einen ſaubern Anzug. Wie er ſo im Sonntagsrock, der ihm wie angegoſſen ſaß und auf dem kein Federchen haften durfte, in militäriſcher Haltung feſt und aufrecht über die Straße ging, ſchaute ihm wohl manche Dirne und ſelbſt manche Dame mit Vergnügen nach; was er jedoch gar nicht zu bemerken ſchien, denn ſeine Gedanken waren bei Hannchen und flogen ihm voran, ſo ſchnell er auch zu ihr zu kommen ſuchte. Sie ſaß am Fenſter und hatte ihn erblickt, über ihr Geſicht fuhr ein heller Strahl, die ſchöne Frühlingsſonne glänzte nicht freundlicher als ihre roſig angehauchten Wangen; ihre leuchtenden Augen ſagten für jeden, der ſich darauf verſtand: er kommt. 72² „Guten Abend!“ rief er mit wohlklingender Stimme und bot der Mutter und Hannchen ſeine von der ſchweren Arbeit rauhen, aber kräftigen Hände. „Biſt Du endlich da?“ fragte das Mädchen.„Haſt uns heute einmal lange warten laſſen.“ „Ich konnte nicht früher kommen; ein Landsmann hat mich abgehalten, der mir Briefe von Hauſe brachte. Aber wo ſteckt denn Vater Bauer?“ „Er ſchläft,“ ſagte die Mutter beſchönigend. „Das iſt doch ſonſt nicht ſeine Art, am Tage zu ſchlafen.“ „Der Kopf that ihm weh und da hat er ſich gelegt. Wir müſſen heute ſchon den Kaffee ohne ihn trinken,“ ent⸗ ſchuldigte ſie verlegen, denn das Lügen fiel ihr ſchwer. „Und wo ſind die Kinder?“ „Die hab' ich fortgeſchickt, damit ſie ihn nicht ſtören.“ „Das thut mir leid, mir fehlt was, wenn ich die Kinder nicht um mich ſehe. Ich hab' ihnen auch etwas mitgebracht.“ Guſtav zog aus der Taſche einige Lederbälle, die er in den Mußeſtunden aus bunten Flecken und Abfall zu⸗ ſammengenäht hatte, er kam faſt nie mit leerer Hand und die Kinder liebten ihn als gehörte er zur Familie, obgleich er nur ein weitläufiger Verwandter war. 73 Nachdem der Kaffee getrunken war, forderte Guſtav zu einem Spaziergang in's Freie auf. „Ihr könnt gehn,“ ſagte die Mutter,„ich bleibe aber bei meinem Alten und will warten, bis er aufgeſtanden iſt.“ Hannchen wollte der Mutter Geſelſſchaft leiſten, doch dieſe drang ſelbſt auf ihre Entfernung und redete ihr zu. 3 ddn haſt ohnehin die ganze Woche gearbeitet und kannſt Dir eine Zerſtreuung am Sonntag machen; aber geht nicht zu weit und kommt bald wieder.“ Das Mädchen ſetzte ſich den blauen Hut auf, der vortrefflich zu ihrem blonden Haar ſtand und nahm das warme Wollentuch um, denn trotz des Sonnenſcheins war der Abend noch immer kühl. Mit mütterlichem Wohl⸗ gefallen ſah Frau Bauer der Tochter nach, in der ſie ſich ſelber verjüngt fand. Es war ein ſchmuckes Paar, wie es ſo über die Straße ging; er ſchlank wie eine junge Tanne, auch ſo gerade gewachſen und ſie blühend wie eine eben aufgegangene Roſenknospe. Beide waren jung, geſund und hatten das Herz voll Liebe; nichts fehlte mehr zu ihrem Glück. So gingen ſie Arm in Arm bald luſtig, bald gefühlvoll mit einander ſchwatzend, oder ſie ſchaute nur ſtumm zu ihm empor und lächelte ihn ſo ſelig an, daß er mit keinem Kaiſer getauſcht hätte. Sie folgten dem bunten Menſchenſtrom, der ſich durch das Thor ergoß, hinaus in's Freie, um die friſche Luft und das ſchöne Wetter zu ge⸗ nießen. Das war ein Schauſpiel, wie es nur die große Stadt zu bieten vermag. Wie eine rieſige Karavane be⸗ wegte ſich die Menſchenmenge im luſtigen Sonntagsſtaat, ſchön geputzte Frauen und Mädchen, junge Männer in feinen Kleidern, Stutzer mit eingekniffenen Lorgnetten, ehrliche Handwerker mit ihren Kindern auf den Armen, oder gefolgt von blonden Mädchen und braunen Knaben. In der Mitte des Weges fuhren abgehetzte Droſchken, angefüllte Geſellſchaftswagen und elegante Equipagen, worin ſich die vornehmen Damen nachläſſig ausgeſtreckt wiegten. Sonntagsreiter bemühten ſich, ihre ſtörriſchen Miethgäule zu regieren und wurden von den kühn dahin⸗ ſprengenden Offizieren ausgelacht. Da gab es fortwäh⸗ rend was zu ſehen und wie in einem Kaleidoſkop wechſelte das bunte Schauſpiel; hier ein ſchönes, auffallendes Kleid nach der neueſten Mode, dort ein neuer Hut, oder irgend ein koſtbarer Schmuck. Beſonders waren die Frauen mit der Muſterung der Frühlingstoiletten beſchäftigt und ſie blieben oft zum Aerger der ungeduldigen Ehemänner ſtehen, mit kritiſchen Blicken ſich oder vielmehr ihre Anzüge mu⸗ ſternd und allerlei Gloſſen darüber anſtellend, wie zum Beiſpiel: Was doch die Neumann für einen Staat macht, wie geſchmacklos ſich die Müllern kleidet, wie die Schmidt's weit über ihre Kräfte Luxus treiben und, daß man es eben 75 ſo gut und noch weit beſſer haben könne; worauf der Herr Gemahl gewöhnlich nur durch ein kurzes Brummen zu antworten pflegte. Köchinnen gingen mit dem Schatz untergefaßt, in grellen Kleidern, mit rothen, ſtrotzenden Wangen; in der Hand hielten ſie die ſchweren Taſchen, angefüllt mit Lebensmitteln für ſich und den geliebten Grenadier oder Küraſſier. Bekannte begrüßten ſich und wechſelten im Vorübergehen einige freundliche Worte; dicke Herren ſuchten durch das Gedränge ſich zu winden, überall anſtoßend und unter der Laſt ihres Körpers keu⸗ chend; luſtige Studenten mit bunten Mützen zogen Arm in Arm vorüber, allerlei Scherzreden und loſe Worte ſich zurufend. Auf allen Geſichtern aber las man die Freude an dem Feiertag und dem beginnenden Frühling, der ſich bereits mit fröhlichem Vögelgezwitſcher und braunen Kno⸗ ſpen an den Bäumen und Sträuchern ankündigte. Waren es auch nur Spatzen, welche ſangen, ſo hoffte man doch bald auf Nachtigallatz fehlte auch noch der Blumen Zier, ſo nahm man geputzte Menſchen dafür. Es war der erſte ſchöne Tag nach vielen trüben und die Ahnung der kom⸗ menden veſeren Zeit glänzte wie ein freundlicher Sonnen⸗ ſtrahl in allen Zügen. Wer aber am glücklichſten und ſeligſten dreinſchaute, das war ſicher der Sattler mit ſeinem Hannchen; ſo vielen Mädchen er auch begegnete, er würdigte ſie keines Blickes und die Schönſten kamen in 76 ſeinen Gedanken nicht der Geliebten gleich, die jetzt an ſeinen Armen wie ein Engel des Himmels hing. Bei dem blinden Harfenſpieler blieb ſie voll Mitleid ſtehen, um ihre kleine Börſe hervorzuziehen und ein Geldſtück in die vor ihm ſtehende Büchſe zu legen und als der Blinde ihr dankend zurief: Gott ſegne Sie, Madame und Ihren Mann dazu; da wurde ſie über und über roth; ihr friſcher Mund verzog ſich zu einem halb verſchämten, halb muth⸗ willigen Lächeln, daß ihr Guſtav am liebſten einen Kuß gegeben hätte, wenn es vor den vielen Leuten ſchicklich ge⸗ weſen wäre. So mußte er ſich freilich nur mit einem kräftigen Drucke ſeiner Hand begnügen, den ſie mit ihrem weichen, warmen Händchen ebenſo erwiederte. „Kaufen Sie mir nichts ab?“ rief die alte Kuchen⸗ frau dem Pärchen zu.„Friſche Kuchen, Apfelſinen, das Stück nur zwei Groſchen.“ Guſtav fuhr in die Taſche und holte den gefüllten Geldbeutel heraus, worin ſein ganzer Wochenlohn lag; es klang nach harten Thalern, denn er wurde gut bezahlt und brauchte wenig für ſich ſelber. Für Hannchen hätte er den ganzen Korb am liebſten gekauft, wenn ſie es verlangt hätte; da war ihm nichts zu theuer. Aber ſie litt es nicht, ſie wollte ihn durchaus zurückhalten und ſchalt ihn einen Verſchwender; nur mit Mühe ließ ſie ſich ein Stückchen aufnöthigen, das ſie noch mit ihm zu theilen beſchloß. Wie 77 ſie einen Augenblick hinwegſah, ſteckte er noch zwei Apfel⸗ ſinen ein, für die er der Frau das Geld heimlich in die Hand drückte, damit Hannchen den Luxus nicht merke, denn ſie war eine ausgezeichnet gute Wirthin, gar nicht wie andere Mädchen auf Näſchereien und Vergnügungen ver⸗ ſeſſen, ſondern immer nur auf Erſparniſſe bedacht. Als er mit einem verlegenen Lächeln die italieniſchen Gold⸗ früchte ihr anbot, da that ſie anfänglich ganz böſe, ließ ſich aber doch von ihm beſänftigen. Gar zierlich und geſchickt wußte ſie damit umzugehen und die Schale zu entfernen, daß auch nicht ein Tröpfchen Saft daneben lief, dann theilte ſie mit ihm und er mußte ſeine Hälfte eſſen, wäh⸗ rend ſie mit ihren kleinen weißen Zähnen in das gold⸗ röthliche Fleiſch hineinbiß, daß es eine Freude war, mit anzuſehen. un„Die andere,“ ſagte ſie,„nehmen wir der Mutter „Ich kann ja lieber noch eine kaufen.“ „Das gebe ich nicht zu. Du mußt nicht das ſauer verdiente Geld ſo fortwerfen. Du haſt eine gar zu leichte Hand zum Ausgeben und wenn wir gute Freunde bleiben ſollen, ſo laß das ſein.“ 8 Der Sattler ließ ſich gern in dieſer Weiſe ſchelten und ſah bereits in Gedanken das treffliche Mädchen als tüchtige Frau in ſeiner Wirthſchaft ſchalten und das Seinige 78 zuſammenhalten. Er ſprach mit ihr von ſeiner Einrichtung, der Zukunft und wie er in zwei Jahren ſo viel erſpart zu haben hoffe, um ſich als Meiſter niederzulaſſen und ſie als ſein Weib heimzuführen. Solche Reden hörte Hannchen mit Wohlgefallen; ihre Wangen wurden röther und ihre Augen glänzten dabei vor Vergnügen. Dann erzählte er von ſeiner Wanderſchaft durch alle deutſchen Länder, die er nach guter, alter Sitte vorgenommen, von dem ſchönen Wien und ſeiner Fahrt auf der Donau, von der Stadt Nürnberg mit ihren gothiſchen Häuſern, ſpitzen Giebeln und kunſtvollen Kirchen, von dem grünen Rhein mit ſeinen Rebenhügeln und verfallenen Schlöſſern. Sie hörte ihm andächtig zu, wie dem Prediger in der Kirche, denn jedes Wort, das er ſprach, war für ſie ein Evangelium. Da⸗ zwiſchen richtete ſie eine oder die andere Frage auch an ihn und als er von den Goldhauben der Münchner Bür⸗ gerstöchter ſprach und wie ſchön die leider verſchwundene Tracht den Mädchen ſtände, da drohte ſie ſchalkhaft mit dem Finger und neckte ihn mit ſeinen Münchner Lieb⸗ ſchaften, obgleich ſie wußte, daß ſie ſeine erſte und einzige Liebe ſei.— So verging der kurze Nachmittag und die Sonne neigte ſich zum Untergehen; roſige Schäfchen zogen am blauen Himmel und von den letzten Strahlen getroffen erglühte die Stadtmauer, die Villen und Häuſer am Wege wie in Gold getaucht. Die blaſſe Mondſichel und der 79 Abendſtern verkündigten die herannahende Nacht; blaue Schatten lagerten ſich über die Stadt und hüllten ſie in einen luftigen Schleier, aus dem die Spitzen der Thürme und die rothen Dächer noch einmal flammend empor⸗ tauchten. Die unzähligen Menſchen aber dachten noch nicht an den Heimweg, wenn auch der Wind noch ſo kühl wehte; ſie wollten die Sonntagsfreude nicht ſo ſchnell aufgeben und zu ihren beſchränkten Wohnungen zurückkehren. Aller⸗ wärts auf dem Wege fehlte es nicht an Verlockungen, die Wirthshäuſer thaten ihre Thüren auf, Vergnügungsörter aller Art winkten den Gäſten. Das Schönſte darunter war das neu erbaute„Tivoli,“ von deſſen Wunderpracht Hannchen ſchon ſo viel gehört, ohne es bis jetzt geſehen zu haben. Es ſollte Alles übertreffen, was die Reſidenz in dieſer Art aufzuweiſen hatte und die ſo glücklich geweſen waren, einen Blick hineinzuthun, behaupteten, daß es Seinesgleichen weder in London noch Paris gebe. Da waren Säle über und über mit Gold belegt, die koſtbaren Decken mit Malereien und Stuck geſchmückt; Wände von reinſtem Spiegelglaſe, worin man ſich von allen Seiten beſchauen konnte, Speiſezimmer mit echten Sammttapeten und ſchwellenden Polſterſtühlen, auf denen man, wenn man ſich niederließ, zu verſinken glaubte. In der Mitte rauſchte ein herrlicher Springbrunnen, in dem ſich die un⸗ zähligen Gasflammen wiederſpiegelten; ringsherum ſtanden 80 rieſige Blumenkörbe, Palmen und Orangenbäume, ſo daß man mitten im Winter wie in einem Garten unter Blu⸗ men und Wohlgerüchen wandelte. An dieſem Feenpalaſt ging das Pärchen jetzt vorüber, hell leuchteten die Fenſter ſchon von Weitem und eine rauſchende Muſit ſchallte ihnen verlockend entgegen. Ein Menſchenſtrom drängte ſich nach dem neuen Etabliſſement, unzählige Equipagen und Droſch⸗ ken hielten davor und Herrn und Damen ſtiegen aus. „Es muß doch ſchön ſein,“ ſagte Hannchen, ohne ſich etwas dabei zu denken. „Wir können es ja auch einmal verſuchen,“ er⸗ wiederte er, indem er ſich umwandte. „Wo denkſt Du hin. Das iſt viel zu theuer und koſtbar für uns.“ „Unſer Geld iſt auch kein Blei,“ meinte er faſt em⸗ pfindlich.„Ich kann eben ſo gut hin, wie mancher feine Herr, der vielleicht den Rock, den er anhat, noch dem Schneider ſchuldig iſt.“ „Ich gehe aber nicht.“ „Auch nicht, wenn ich Dich bitte?“ fragte er und ſeine Stirn faltete ſich, wie es meiſt geſchah, wenn man ihm widerſprach. „Es iſt ſchon ſpät und die Mutter ſitzt allein. Wir wollen machen, daß wir nach Hauſe kommen.“ „Nicht, bevor wir das Tivoli geſehen haben. Wer 81 weiß, wann wir wieder einmal hierherkommen. Thue es mir zu Liebe. Ich weiß, daß Du auch gern einmal Dir die Pracht anſchauen möchteſt.“ „Ich mache mir nichts daraus und dann will ich nicht, daß Du ſo viel Geld wegwirfſt.“ „Auf die Paar Groſchen kann es mir nicht an⸗ kommen. Ein ſchlechter Geſelle, der nicht am Sonntag etwas draufgehen läßt.“ „Du haſt ſchon heute genug ausgegeben. Wenn ich Dich nicht abhalte, ſo bringſt Du noch mehr durch.“ „SIch kann thun und laſſen was ich will.“ „So geh' Du in's Tivoli, ich will Dich nicht ab⸗ halten,“ rief ſie ebenfalls gereizt und drehte ſich hinweg, um ihre hervorbrechenden Thränen zu verbergen. Das war aber Guſtav nicht entgangen und er fühlte über ſeine Heftigkeit alsbald die bitterſte Reue, er klagte ſich an, er bat um Entſchuldigung; er flehte und ließ nicht ab, bis ſie wieder lächelte und ihm zur Verſöhnung die Hand reichte. „Mein verwünſchter Stolz!“ ſagte er.„Ich allein hab' die Schuld.“ „Ich bin zu empfindlich geweſen,“ entgegnete ſie. „Wenn es Dir Vergnügen macht, das Tivoli zu ſehen, hätte ich nicht dagegen ſein ſollen.“ 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 6 82 „Nein! Du biſt ein Engel und ich verdiene gar nicht Deine Güte.“ „Du biſt tauſendmal beſſer als ich,“ lächelte ſie, ihn zärtlich anblickend. Faſt hätten ſie ſich von Neuem darüber geſtritten, wer eigentlich Schuld ſei und wer das beſte Herz habe und aus lauter Liebe wären ſie wieder uneinig geworden. Solche Liebesleute ſind himmliſche Narren, aber dieſe Narrheit iſt gewiß mehr werth und köſtlicher als alle Weisheit der klugen Leute ohne Herz und Gemüth. Solch ein kleiner Zank zwiſchen wahrhaft Liebenden iſt wie ein milder Frühlingsregen, der das Erdreich neu erquickt und die Knospen der Neigung raſcher zum Blühen bringt. Die Verſöhnung, welche darauf folgt, gleicht der Sonne, die doppelt ſchön nach dem kurzen Regenſchauer ſcheint. Faſt ſcheint es, als ob man ſich nur zankte, um die köſtliche Wonne der Verſöhnung zu genießen. So erging es auch dem Sattler und Hannchen; beide waren wieder ein Sinn und ein Herz, zärtlicher, weicher und hingebender als je. Sie ſchmiegte ſich weit inniger an ihn und folgte ihm jetzt ohne Widerrede über die koſtbaren Marmortreppen in den prachtvollen Saal, von deſſen Glanz ſie geblendet die Augen niederſchlug. Es fehlte nicht viel, ſo hätte ſie laut vor Ueberraſchung und Verwunderung aufgeſchrieen. Nein, ſo ſchön, ſo gottvoll hatte ſie ſich das Alles nicht gedacht; 83 ihre Blicke ſchweiften verwirrt zur Decke empor und wieder zurück zu dem eingelegten Moſaikfußboden, den ſie kaum mit ihren Füßen zu betreten wagte. Sie ging wie im Traume, als hätte ſie ein Zauberer in das Feenreich mit einem Mal verſetzt. Der Zauberer war aber ihr geliebter Sattler und ihre dankbaren Blicke hingen an ihm mit dem Ausdruck der reinſten, unausſprechlichen Liebe, als hätte er ihr die ganze Pracht geſchenkt und zu ihren Füßen niedergelegt. Er kam ihr ordentlich weit größer vor als ſonſt und in ihre Dankbarkeit miſchte ſich unwillkürlich auch ein gewiſſer Reſpekt, mit dem man zu ſeinem Wohl⸗ thäter emporzuſehen pflegt. Guſtav theilte ihr Entzücken und weidete ſich an ihrem kindlichen Erſtaunen, während er ſelbſt weit ruhiger blieb und nur in ihrem Genuſſe ſchwelgte. Am meiſten aber wunderte ſich Hannchen, daß die mehrſten Leute ſo gleichgültig, ſelbſt gelangweilt in den herrlichen Sälen herumſtanden oder ſaßen. Das konnte ſie nicht begreifen, aber ſie wußte freilich nichts von der modernen Blaſirtheit, wie der Genuß die Reizbarkeit ab⸗ ſtumpft und wie das frühreife Geſchlecht der Hauptſtadt, oder der ganzen Gegenwart, bald keine rechte Freude mehr haben wird. Davon hatte das gute, ſchuldloſe Kind keine Ahnung; denn trotzdem ſie in der Reſidenz wohnte, lebte ſie bei ihren Eltern in ſtrenger Abgeſchiedenheit meiſt zu Hauſe, in beſchränkten Verhältniſſen. Manche vornehme 6* 84 Dame hätte das einfache Mädchen um ſeine Empfäng⸗ lichkeit und die geiſtige Friſche, mit der ſie jeden Eindruck in ſich aufnahm, beneiden können und dafür gern alle ihre Weltbildung, Erfahrung und ſogenannte feine Lebensart hingegeben. Hannchen war wie berauſcht von der ſie um⸗ gebenden Herrlichkeit und als gar die treffliche Muſik von dem erhöhten Orcheſter herab ihre ſchmetternden Töne erſchallen ließ, ein luſtiger Walzer nach dem andern ſie an⸗ jubelte; da wußte ſie ſich vor Vergnügen kaum zu laſſen; ihr ganzer Körper ſchauerte vor Wonne, ihre tanzluſtigen Füße ſchlugen den Takt und wären am liebſten aufge⸗ ſprungen, um mit dem geliebten Sattler auf dem glatten Boden hinzufliegen.— Der Saal war mit Menſchen vollgepfropft, nur mit Mühe und Noth fand Guſtav für ſich und ſeine Begleiterin einen Tiſch, den er in Beſitz nahm. Nachdem er ſie untergebracht, eilte er zum Buffet, um eine kleine Erfriſchung zu holen, denn wenn Aug' und Ohr befriedigt ſind, meldet ſich wohl auch der Magen und verlangt ebenfalls ſeinen Antheil. Hätte Hannchen eine Ahnung gehaet, ſie hätte ihn gewiß zurückgehalten, ſo war er im Gedränge verſchwunden, ohne ihr ein Wort zu ſagen. Sie ſaß allein, aber bald fand ſich zu ihr eine Geſellſchaft, welche ihr keineswegs willkommen war. Ihre Schönheit und ihr friſches Ausſehen hatten die Aufmerk⸗ ſamkeit eines jungen Mannes auf ſich gezogen, deſſen 8⁵ Phyſiognomie gerade nicht die beſten Abſichten verrieth. In den verlebten Zügen lag das Geſtändniß einer früh⸗ zeitig verbrauchten Kraft, das durch die eingefallenen wäſſerigen Augen nicht widerlegt wurde. Dieſelben waren von ſparſamen Wimpern beſchattet und die Augenbrauen ſahen aus, als hätten ſie Mottenſchaden gelitten. Haare und Bart waren ſemmelblond, dünn und ſchütter; das Bärtchen ſpitz, wie es die Ziegenböcke zeigen. Ein fatales, ſelbſtgefälliges Lächeln ſchwebte um die ſchmalen, welken Lippen; in der einen Hand die Lorgnette, in der andern das dünne Spazierſtöckchen, glotzte ſie der Stutzer in einer Weiſe an, daß ſie ſich abwenden mußte und ihre Augen niederſchlug. Sie empfand vor dem fatalen Geſichte einen Widerwillen und doch kam es ihr ſo bekannt vor. Je größer aber ihre Verlegenheik wurde, deſto mehr Spaß ſchien es dem Gecken zu machen, deſto zudringlicher wurde er. Mit tänzelnden Schritten näherte er ſich jetzt dem Tiſche, woran ſie ſaß; er ſetzte ſich ihr gegenüber und ſtarrte ſie durch das eingekniffene Glas an, ſich das dünne Bärtchen ſtreichend. Darüber wurde ſie ganz feuerroth, ihre Wangen glühten; ängſtlich wendete ſie ſich ab und ſah ſich nach dem noch immer abweſenden Sattler um, der ihr viel zu lange ausblieb. Der eitle Narr räuſperte ſich und huſtete, um ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Huſte nur, ſo viel Du willſt, dachte Hannchen im Stillen, 86 ich rege und rühre mich nicht. Als er ſah, daß ihm das nichts half, that er den Mund mit den falſchen, eingeſetzten Zähnen auf. „Fräulein!“ ſagte er im ſüßlichen Tone.„Sie ſitzen ſo allein; Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen Geſellſchaft leiſte?“— Aus Furcht und Aerger vermochte ſie kein Wort hervorzubringen; er nahm ihr Verſtummen für eine ſchüch⸗ terne Einwilligung und rückte mit ſeinem Stuhle näher heran. So viel er aber ihr näher kam, um ſo viel ent⸗ fernte ſie ſich wieder von dem Zudringlichen, ſo daß er merken konnte, was die Glocke für ihn geſchlagen hatte. Aber weit eher laſſen ſich die unvernünftigen Fliegen von einem Zuckerkorb verſcheuchen, als ſo ein Mädchenjäger, wenn er ſeine Netze für ein unſchuldiges Opfer auswirft. Er ſchien ſich gar nicht um ihren deutlich ausgeſprochenen Widerwillen zu kümmern, denn er war von ſeiner Liebens⸗ würdigkeit und Unwiderſtehlichkeit ſo vollkommen über⸗ zeugt, daß er Hannchen's ziemlich unfreundliches Benehmen nur für gewöhnliche Mädchenziererei nahm, worin er ſich jedoch ſehr irrte. „Darf ich Ihnen,“ fragte er nach einer Pauſe,„etwas anbieten, eine Taſſe Chocolade, oder ein Glas Eis?“ „Ich danke,“ antwortete ſie leiſe. „Sie müſſen was annehmen,“ bat er zudringlich und 87 rief dem vorübergehenden Kellner zu, zwei Portionen Vanillen⸗Eis zu bringen.„Aber recht kalt muß es ſein,“ fügte er hinzu und lachte über ſeinen eigenen ſchlechten Witz. Der Kellner mußte den ſauberen Herrn ſchon kennen und auch die Art ſeines weiblichen Umganges, denn der Burſche ſah Hannchen mit unverſchämten Blicken an und grinſte dazu. Zum Glück hatte ſie keine Ahnung von dem, was ſich der freche Menſch dachte, ſonſt wäre ſie gewiß vor Scham in die Erde geſunken, oder aufgeſprungen. Das hätte ſie auch ſo am liebſten gethan, wenn ſie nicht gefürchtet hätte, daß der Sattler zurückkommen und ſie dann unter den vielen Menſchen nicht finden würde. Es lag wie Zentnerlaſt auf ihrem Herzen, wie die Ahnung eines ihr nahe bevorſtehenden Unglücks. Der junge Stutzer ſaß noch immer da, trotzdem ſie ihm keine Antwort gab, er ſtreckte ſeine magern Beine lang vor ſich hin und ſchien ſich förmlich an ihrer Bangigkeit zu weiden. Vergebens aber bemühte er ſich, ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, höchſtens brachte er ein einſilbiges Ja oder Nein von ihr heraus und auch das nur mit großer Noth, um nicht unhöflich zu erſcheinen und weil ſie ihm auch nicht ihre wahre Angſt zeigen wollte; den Triumph gönnte ſie ihm nicht. Damit war er aber vorläufig ſchon zufrieden und je mehr ſie ſchwieg, deſto redſeliger war er; das mußte ihm aber der Neid laſſen, daß er eine große Suade beſaß und zu ſprechen verſtand er 88 auch, wie nicht bald Einer. Die Worte floſſen ihm nur ſo vom Munde wie Honig und Zucker, denn er hatte eine förmliche Profeſſion daraus gemacht, unſchuldige Mädchen zu beſchwatzen, und an Uebung fehlte es ihm nicht; das mußte man ihm ſchon von Weitem anſehn. Er wußte allerhand ſchnurrige Geſchichten zu erzählen, vom Theater und Maskenbällen ſchön zu reden; auch fehlte es ihm nicht an Witz, der freilich nicht aus ſeinem Kopfe ſtammte, ſondern vom Buchhändler und aus allerlei ſchlechten Blättern geholt war. Hannchen war juſt nicht verwöhnt und ſie lachte auch einigemal, anfänglich leiſe, mitunter auch laut, denn junge Mädchen lachen immer gern, oft über die größten Dummheiten am allermeiſten. Als er ſie aber ſo fröhlich ſah, glaubte erſchon bei ihr gewonnenes Spiel zu haben und er miſchte verſchiedene Zweideutigkeiten in's Geſpräch, über die ſie ganz roth wurde, obgleich ſie zum Glück nicht Alles verſtand, was aus ſeinem ungewaſchenen Mund kam. Damit hatte er es aber wieder mit ihr ver⸗ dorben und das Bischen Freundlichkeit, das ſie ihm bezeigt, verſchwand wie ein Sonnenſtrahl vor den dunklen Wolken, um einer ernſten Miene Platz zu machen. Sie war zwar kein ſolch geziertes Weſen, das am liebſten den Schemelbeinen Hoſen anziehn möchte, weil ſie nackt ſind, auch erſchrak ſie nicht vor einem luſtigen Spaß, mochte er auch ein wenig derb ausfallen, aber Hannchen war ein 89 ehrbares Mädchen und duldete keinen Schmutz weder an ihren Kleidern noch an Worten. Eine natürliche Weiblich⸗ keit und ein angebornes Schamgefühl hüteten ſie beſſer wie alle Gouvernanten, Erzieher und Keuſchheitswächter, mit denen die vornehmen Leute ihre Töchter zu beſchützen ſuchen. Wie die Mimoſe bei der leiſeſten Berührung zuſammenſchauert und die kleinen Blättchen einzieht; ſo zog auch ſie ſich vor jeder unſauberen Begegnung zurück. Die Gegenwart des Wüſtlings mußte ſie freilich noch ertragen, denn ſie war ihm ſchutzlos gegenüber, da der Sattler un⸗ erklärlich lange ausblieb; aber von nun an gönnte ſie ihm auch nicht das geringſte Wort, oder einen Blick; ſie lachte nicht mehr über ſeine Witze, mochten ſie auch noch ſo komiſch klingen. Das war aber dem jungen Herrn keineswegs angenehm; zwar nicht zum erſten Mal, aber doch höchſt ſelten, widerfuhr es ihm, daß ein Mädchen und noch dazu ein ſo ſchönes und liebliches wie Hannchen ihn nicht nur mit Gleichgültigkeit, ſondern gradezu mit Verachtung behandelte. Das wurmte ihn und forderte zugleich ſeine Eitelkeit heraus; er mußte mit ihr näher bekannt werden, koſte es auch was es wolle. Von nun an hütete er ſich, ihr auch nur mit einem zweideutigen Worte beſchwerlich zu fallen; er nahm ein ganz anderes, geſetztes Betragen an und hatte er früher mit einer Art von Wegwerfung und Leichtigkeit mit ihr geſprochen, ſo ſchlug er jetzt dafür einen faſt ehrerbietigen 90 Ton ihr gegenüber an, ſo daß Hannchen faſt an ihm irre wurde. Der junge Herr war, wie man zu ſagen pflegt, mit allen Hunden gehetzt und konnte ſich auch verſtellen, daß man glaubte, er hätte nie ein Wäſſerlein getrübt. Er bat ſie förmlich wegen ſeines früheren Benehmens um Ent⸗ ſchuldigung und gab nicht eher Ruhe bis ihm Hannchen ihre Verzeihung verſicherte. „Ich weiß nicht,“ ſagte er mit ſcheinheiligem Geſicht, „was Sie von mir denken werden, Sie werden mich für einen ſchlechten Menſchen halten; aber glauben Sie, daß ſind nicht die Schlimmſten, welche mit dem Munde nur ſo reden. Lernen Sie mich erſt genauer kennen. Mein Vater iſt der Rentier Haſenfritz und ich heiße Auguſt.“ „Auguſt!“ wiederholte Hannchen nachdenklich,„Auguſt Haſenfritz.“ „Der Name ſcheint Ihnen nicht fremd zu ſein, mein Fräulein! Auch kommen Sie mir, je länger ich Sie anſehe, deſto bekannter vor. Sollte ich ſchon früher einmal das Glück gehabt haben. Meine Eltern wohnen in der NRieeichsſtraße.“ 4 Jetzt konnte ſie nicht länger mehr zweifs, daß es ihr Couſin war, Auguſt Haſenfritz, mit dem ſie einſt als Kind geſpielt und den ſie damals, als die Eltern noch mit einander ſich vertrugen, auch recht lieb gehabt hatte. Seit⸗ 91 dem waren freilich Jahre, lange Jahre vergangen; aus dem Knaben war ein Mann, aus ihr ſelber eine blühende Jung⸗ frau geworden. Auguſt war in eine Penſionsanſtalt gekommen, hatte weite Reiſen zu ſeiner Ausbildung gemacht und war erſt ſeit einigen Monaten von Paris zurückgekehrt. Kein Wunder, daß ſie ihn nicht wieder erkannte, obgleich ſein Geſicht ihr gleich anfänglich nicht fremd erſchienen. War es die Erinnerung, oder die geheimnißvolle Macht der Bluts⸗ verwandtſchaft; ſie freute ſich herzlich über ihre Entdeckung und vergaß ſchnell den erſten, unangenehmen Eindruck dieſer unerwarteten Begegnung. Lächelnd begrüßte ſie den überraſchten Couſin, indem ſie ihren Namen und ihre Fa⸗ milie nannte. „Hannchen!“ rief er voll angenehmen Erſtaunens. „Wie Sie wären—“ „Sag' doch nur Du,“ antwortete ſie treuherzig und ohne Arg. „Das will ich auch thun, wie vor alter Zeit. Wer hätte das auch ahnen können, aber ich fühlte mich gleich ſo hingezogen. Es war die Stimme der Natur, der Ruf des Blutes. Zehn Jahre alſo, daß wir uns nicht geſehn haben. Wie ſchnell die Zeit vergeht. Du warſt damals erſt acht, ich dreizehn Jahre. Denkſt Du noch daran, wie wir mit einander ſpielten und ich Dir immer Bohnen mitbrachte. 92 Für jede neue Bohne bekam ich einen Kuß von Dir. Ol ich wußte ſchon damals die Schönheit zu würdigen.“ Sie wurde roth vor der Erinnerung und den eigen⸗ thümlich lüſternen Blick, den ihr der ſo unvermuthet wieder⸗ gefundene Couſin zuwarf. Sie mußte unwillkürlich an ſein früheres Benehmen zurück denken und trotz ihrer ver⸗ wandtſchaftlichen Liebe fühlte ſie doch einen leiſen Schauer bei ſeinen Worten. Bald aber wußte er dieſe warnende Stimme zu verſcheuchen; er konnte, wenn er nur wollte, recht liebenswürdig ſein und ihr argloſes Gemüth gab ſich voll⸗ kommen der Freude über dieſes unerwartete Zuſammen⸗ treffen hin. Der zurückkehrende Sattler fand ſie im an⸗ gelegentlichen Geſpräch mit ihrem Couſin. Vor Schreck blieb Guſtav ganz entſetzt ſtehn und wußte kaum ein Wört⸗ lein hervorzubringen, als er ſie ſo in der Geſellſchaft eines jungen und ihm gänzlich fremden Mannes ſah. Erſt als er von ihr das Verhältniß erfuhr, in dem ſie zu Auguſt Haſenfritz ſtand, faßte er ſich einigermaßen, obgleich er einen gewiſſen Widerwillen kaum zu unterdrücken vermochte. Beim erſten Anblicke empfanden die beiden Leute gleich eine unwillkürliche Abneigung für einander, die aus ihrer gänz⸗ lich verſchiedenen Natur entſprang. Es konnte auch keinen größeren Contraſt geben, als der zwiſchen dem ehrlichen, körperlich und geiſtig kerngeſunden Sattler und dem ſchlauen, blaſirten und abgelebten Wüſtling, der, trotzdem er erſt 93 zweiundzwanzig Jahre zählte, bereits das Leben nach allen Seiten erſchöpft zu haben ſchien. Verſtohlen maßen ſich Beide mit mißtrauiſchen, feindlichen Blicken; es bedurfte gewiß nur der geringſten Veranlaſſung, um dieſe gehäſſige Stimmung zum Ausbruch zu bringen. Für Guſtav war es mit der Sonntagsluſt vorbei, auch Hännchen drang, da es ſchon ſpät war, auf die Rückkehr. Der Couſin bot ſich zur Begleitung an, wofür ihn der Sattler dahin wünſchte, wo der Pfeffer wächſt; denn für einen Verliebten giebt es gewiß keine größere Pein, als die unberufene Einmiſchung eines Dritten. Aergerlich und verſtimmt ſchlenderte er nebenher, denn der gewandtere Haſenfritz war ihm zuvorgekommen und hatte, ohne viel zu fragen, Hannchen ſeinen Arm an⸗ geboten. Das erboſte den Sattler und er hätte am liebſten mit aller Welt Händel angefangen, um ſeine innerliche Wuth zu vertoben. Anfänglich merkte das Mädchen gar nicht, was in ihm vorging und warum er ſo ſtill nebenher trabte, ohne ſich an der Unterhaltung zu betheiligen, welche der Couſin ſehr lebhaft zu führen wußte. In ihrer Arg⸗ loſigkeit hatte ſie gar keine Ahnung von ſeinem Zorn; ſie plauderte mit Haſenfritz ganz unbefangen und lachte auch zuweilen über ſeine oft drolligen Bemerkungen aus voller Bruſt. Je fröhlicher ſie aber war, deſto grimmiger wurde der Sattler und ihr luſtiges Gelächter ſchnitt ihm in's Herz wie ein zweiſchneidiger Dolch. Es iſt ein gar ſchlimmes 94 Ding um die Eiferſucht, welche den Verliebten die größte Pein bereitet. Alle Qualen der Hölle ſind dagegen nur eine Kleinigkeit; das peinigt und brennt, prickelt und ſtachelt wie ein tollgewordener Weſpenſchwarm, als wenn zehn⸗ tauſend Teufel in der Bruſt losgelaſſen würden. Je größer die Liebe, deſto furchtbarer der Schmerz; ein ſolcher Gift⸗ tropfen genügt, um das ganze Blut in Aufruhr zu bringen, daß es gährend durch die Adern brauſt, das Gehirn des Menſchen zum Sieden bringt und zum Wahnſinn treibt. Die Eiferſucht iſt im Paradieſe der Liebe der Engel mit dem feurigen Schwerte, der das Glück heraustreibt und für immer aus der Bruſt verbannt.— Von ſchwarzen Gedanken erfüllt, trat der Sattler jetzt den Heimweg an. Wie hatte er ſich auf den Sonntag die ganze Woche lang gefreut, wie glücklich war er noch vor wenig Stunden geweſen und nun war Alles ſo ganz anders. Er verwünſchte ſeinen Einfall, nach dem„Tivoli“ zu gehn; er ärgerte ſich über die Muſik, die ihn verlockt, über die Menſchen, denen er gefolgt, über Hannchen, über ſich und am allermeiſten über den Couſin, der doch eigentlich die geringſte Schuld hatte. Wunderlich iſt doch des Menſchen Herz und ſeine Stimmung wechſelt wie der Wind, der die Wolken dort am Himmel treibt; jetzt ſtrahlt der Mond im ſanften Silberlicht und glänzt in ſchönſter Pracht; im nächſten Augenblick verſchwindet erin dunkle Trauerſchleier eingehüllt. Alles iſt vergänglich, die V 9⁵ Freude wie der Schmerz, die höchſte Wonne wie die tiefſte Trauer und ewig nur das Göttliche in der Liebe wie in der Natur. Darum hüte ſich der Menſch und halte feſt an ſich und Andere mit reinem Vertrauen und inniger Treue.— Zuletzt mochte Hannchen doch wohl merken, weshalb der Geliebte ſo ſtumm und verdroſſen neben ihr her ſchlenderte; das that ihr leid, aber ſie konnte doch darum dem Couſin nicht ihren Arm entziehn und ihm den Rücken wenden. Um den Sattler wieder gut zu machen, richtete ſie nach Mädchen⸗ art ihre Fragen ausſchließlich an ihn und redete ihn freund⸗ lich an, aber er war zu verbittert, um ihr eben ſo zu ant⸗ worten. Höchſtens brummte er einmal in den Bart, oder er gab ihr einen kurzen, faſt ſchnöde klingenden Beſcheid, wodurch ſie ſich wiederum gekränkt fühlte, um ſo mehr, da ſie ſich ihrer guten Abſicht bewußt war. Das that nicht gut und goß nur Oel in's Feuer. Der ſchlaue Haſenfritz mochte wohl ahnen, was zwiſchen den Liebesleuten vorging und ſchürte Seinerſeits die glimmenden Kohlen an, es lag nicht an ihm, wenn daraus kein Brand entſtand. Als Hannchen vor ihrer Hausthür ſtand und den Sattler fragte, ob er nicht mit hinaufkommen wolle, da antwortete er mit einem trotzigen Nein; und ſie wandte ſich ab, um ihre Thränen zu verbergen. Im nächſten Augenblicke ſchon empfand er Reue, aber es war zu ſpät, um ſeinen Fehler wieder gut zu machen. Dafür bot er ihr zum Abſchied die 96 Hand; ſie nahm dieſelbe kalt, ohne ſeinen herzlich gemeinten Druck zu erwiedern, mit dem er ſie, nur ihr verſtändlich, im Geheimen um Verzeihung bat. Der Couſin ſtand daneben und hätten die Liebenden für etwas Anderes Sinn gehabt, ſo würde ihnen das ſchadenfrohe Lächeln aufgefallen ſein, das um ſeine welken Lippen ſchwebte. In zärtlichen Worten nahm er von Hannchen Abſchied; ſie wollte ihn nicht einladen, mit ihr zu den Eltern hinaufzukommen, weil ſie die zwiſchen beiden Familien herrſchende Feindſchaft als noch beſtehend betrach⸗ tete und ſie es daher unter ſolchen Umſtänden nicht ſchick⸗ lich fand, ihn aufzufordern. Daß bereits eine Verſöhnung ſtatt gefunden und aus welchem Grunde, davon hatte ſie keine Ahnung. „Auf Wiederſehn, ſchöne Couſine!“ rief ihr Haſen⸗ fritz zu und nahm ihre Hand, die ſie ihm willig überließ. Der Sattler ſtand dabei und knirſchte mit den Zäh⸗ nen; dann drehte er ſich haſtig um und ging, ohne ſie eines ferneren Blickes zu würdigen, oder ihr eine„gute Nacht“ zu ſagen.— Mit ſchwerem Herzen kehrte ſie zurück, mit leich⸗ terem war ſie gegangen. So endete der Sonntag düſter und traurig, der ſo ſchön begonnen hatte. 97 Fünftes Capitel. Am nächſten Morgen erwachte der Kaſſenbote in ſei⸗ nem Bette mit wüſten Kopfſchmerzen; er mußte ſich erſt förmlich beſinnen, was am vergangenen Tage mit ihm vor⸗ gegangen war. Faſt kam es ihm wie ein Traum vor und hätte er nicht das verhängnißvolle Zeitungsblatt wieder vor Augen gehabt, er würde noch immer gezweifelt haben. So aber lag die Wirklichkeit Schwarz auf Weiß vor ihm und die große Erbſchaft alſo doch nicht nur geträumt. Jetzt erinnerte er ſich auch, daß er bei Schwager Haſenfritz ge⸗ weſen und mit dieſem aus einer Flaſche getrunken habe, mehr als ihm zuträglich geweſen. Wer ihm früher geſagt. hätte, daß dies möglich ſei, den hätte er tüchtig ausgeſchol⸗ ten, einen Narren, einen Faſelhans genannt. Seit zehn Jahren hatte er mit keinem Fuße das Haus ſeines Schwa⸗ gers betreten, weder dieſen, noch die Schweſter geſehn; und nun war er wieder mit ihnen ausgeſöhnt und eines Herzens, eines Sinnes. Solcher Wechſel erſchien ihm ſelber ſo wunderbar, daß er noch immer nicht recht daran glauben konnte. Einen Rauſch hatte er als ganz junger Mann gehabt, aber ſeit er verheirathet war, kam ſo was nicht mehr bei ihm vor und er ſchämte ſich ordentlich, daß ihm in ſeinen alten Tagen das paſſiren konnte. In dieſes Ge⸗ 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 7 98 fühl körperlicher und geiſtiger Niedergeſchlagenheit miſchte ſich allerdings der angenehme Gedanke der bevorſtehenden Erbſchaft. Der Kaſſenbote war von Natur grade nicht geldgierig und bis jetzt mit ſeinem Looſe ſtets zufrieden ge⸗ weſen, aber der geſtrige Tag und das Zwiegeſpräch, wel⸗ ches er in der Nacht mit ſeiner Frau gepflogen, blieb doch nicht ganz ohne Eindruck auf ſein zufriedenes Gemüth. So bald er ſeinen Rauſch ausgeſchlafen, mußte er ihr noch am Abend Alles erzählen, wie er bei dem Schwager auf⸗ genommen worden und was ſie dort mit einander geſprochen und verabredet hatten. Haarklein mußte er ihr Alles berich⸗ ten, die ganze Einrichtung ihr ſchildern, ſo weit er ſich da⸗ ran erinnern konnte. Das that er auch und bei der Er⸗ wähnung von all der Pracht und Herrlichkeit, von den Ta⸗ peten und Polſterſtühlen, von den Stutzuhren und den feinen Teppichen, regte ſich in ihrem Herzen ein gewiſſer Neid. „Wir können es auch einmal ſo haben,“ meinte ſie, „wenn wir das Geld bekommen.“ „Dies wird wohl noch eine Weile dauern,“ ant⸗ wortete er mit einem Seufzer.„Das Prozeſſiren koſtet Zeit und vor Allem Geld.“ „Das wird ſich ſchon finden. Dafür laß Du nur den Schwager ſorgen, der iſt mit allen Hunden gehetzt.“ 99 „Er wollte, wie ich mich erinnere, heute Abend her⸗ kommen und die Schweſter mitbringen, damit wir mit ein⸗ ander verabreden, was nöthig iſt.“ „Ja, wer hätte das gedacht, daß die uns einmal auf⸗ ſuchen würden. Ich weiß nur nicht, wie wir ſie aufnehmen ſollen. Wir wohnen ſo beſchränkt und es ſieht ſo gemein und bürgerlich bei uns aus; die werden ſchön die Naſe rümpfen.“ „Ja, ja,“ ſagte er kleinlaut, indem er einen Blick auf die ärmlichen Wände, auf den wackligen Tiſch und die plumpen, alten Stühle warf.„Es iſt wahr, mit unſerer Einrichtung können wir keinen Staat machen. Ein Schrank beim Schwager koſtet ſo viel wie unſer ganzes Gerümpel.“ Es war zum erſten Male, daß dem wackeren Mann die Aermlichkeit ſeiner Umgebung und ſeiner Verhältniſſe auffiel. Früher hatte er nicht daran gedacht, einen Ver⸗ gleich anzuſtellen; er fühlte ſich in ſeinen vier Pfählen ſo glücklich und vielleicht noch weit glücklicher wie der König. Jedes einzelne Stück in ſeiner Wohnung war ihm lieb und werth, es war gleichſam mit ihm verwachſen und gehörte zu ihm; auch wäre ihm niemals der Gedanke eingefallen, daß es anders ſein könne, daß es ſchönere Stühle, ein weicheres Sopha, Tapeten und Bilder auf der Welt gäbe und daß er jemals danach verlangen werde. Sein geſun⸗ 7* 100 der Sinn indeß bekämpfte noch die in ihm aufſteigende Verſuchung. „Was thut's,“ ſetzte er mit einem leichten Lächeln hinzu.„Mögen ſie die Naſe rümpfen; ich mache mir nichts draus. Gott Lob! Wir haben keine Urſache, andere Leute zu beneiden.“ 3 „Und wenn wir die Erbſchaft ausgezahlt erhalten, können wir uns auch Alles anſchaffen und in eine beſſere Wohnung ziehn.“ „Kommt Zeit, kommt Rath. Man gießt kein un⸗ reines Waſſer aus, bevor man reines hat,“ antwortete er mit philoſophiſchem Gleichmuth, oder vielleicht mit der Logik des Fuchſes, dem die Trauben zu ſauer waren, weil ſie ihm zu hoch hingen. Mutter Bauer konnte aber den Gedanken an den an⸗ gekündigten Beſuch nicht ſo ſchnell wieder los werden; ſie war voll Sorge und wie die meiſten Frauen an ihrer Stelle, wollte ſie ſich gar nicht darüber zufrieden geben, daß ſie vor den reichen Verwandten beſchämt da ſtehn würde. Wäre es nach ihr gegangen, ſo hätte ſie am liebſten den Beſuch abbeſtellt, um nicht ihre bis dahin zwar ſo glück⸗ lichen aber doch beſchränkten Verhältniſſe Preis zu geben. Das ging aber nicht an, da ſich kein vernünftiger Grund für ein ſolches Verfahren finden ließ, wodurch außerdem die eben wieder hergeſtellte Freundſchaft leicht einen Stoß , 101 bekommen hätte. Sie mußte es ſich noch für eine große Ehre rechnen, daß der reiche Herr Schwager ſich ſo herabließ. „Wir müſſen ihnen doch etwas Ordentliches vor⸗ ſetzen, wenn ſie auf den Abend kommen. Die ſind nicht an Kartoffeln und Mehlſuppe gewöhnt.“ „Da haſt Du Recht; man darf ſich nicht vor ihnen lumpen laſſen.“ „Wir werden wohl einen Braten geben und auch eine Flaſche Wein. Was das wieder koſten wird. Das Fleiſch wird mit jedem Tage theurer.“ „Was ſein muß, muß ſein. Ich werde Dir das nöthige Geld dazu geben, Einmal iſt kein Mal und alle Tage haben wir doch nicht den Beſuch.“ 3 Sonſt war der Kaſſenbote nicht ſo ſchnell mit der Hand in der Taſche, um Geld heraus zu langen, aber auch er wollte vor dem Schwager nicht wie ein armer Mann erſcheinen, der er auch nicht war, ſondern zeigen, daß er etwas draufgehen laſſen könne, bei der paſſenden Gelegen⸗ heit. Damit endete das eheliche Zwiegeſpräch in der Nacht und der Gegenſtand erſchien der Frau ſo wichtig und be⸗ ſchäftigte dermaßen ihren Geiſt, daß ſie darüber die Gar⸗ dinenpredigt vergaß, welche ſie ihm eigentlich zugedacht hatte, wegen ſeines langen Ausbleibens und des Rauſches, den er ſich am Morgen angetrunken hatte. Ja ſie war 102 ſo aufgeregt über all die Ereigniſſe, Mittheilungen und Nachrichten, daß ſie kaum ein Auge die ganze Nacht zu⸗ machte, wogegen der Mann, noch von den Weindünſten umnebelt, um ſo ſchneller wieder einſchlief.— Auch auf Hannchen's holde Augen wollte ſich der Schlummer nicht ſo bald niederlaſſen, wie gewöhnlich. Sonſt brauchte ſie ſich nur in's Bett zu legen und ſie ſchlief ſogleich ermüdet von der Arbeit ein, von den lieblichſten und angenehmſten Träumen umgaukelt, in denen die Erſcheinung des Satt⸗ lers natürlich immer die Hauptrolle ſpielte. Das war heute ganz anders und ſo ſehr ſie ſich auch bemühte, der Schlaf wollte nicht kommen und grade, wo ſie ihn am nöthigſten bedurfte, um ihren erſten ernſtlichen Liebes⸗ kummer zu verſcheuchen. Der kalte Abſchied vom Geliebten hatte ihr gar zu weh gethan; ſie konnte ſich gar nicht darüber beruhigen; bald war ſie erzürnt über ihn, bald aufgebracht gegen ſich ſelbſt, jetzt fand ſie, daß er ſie be⸗ leidigt und dann wieder, daß ſie ihn gekränkt. Ihr Herz war ſo betrübt, ſo ſchwer, daß ſie laut auf ihrem Lager ſeufzte. Dabei liebte ſie ihren Sattler mehr als je, denn das iſt eben das Eigene und Wunderbare der wahren Liebe, daß die wirklichen oder vermeintlichen Kränkungen, ſo ihr von dem Geliebten widerfahren, wie Oel oder friſcher Windhauch nur die Gluth noch ſchüren. Je mehr ſie leidet und gequält wird, deſto feſter wird ſie auch, gleich 103 edlem Stahl, der im Feuer ſich erſt härtet.— Der helle Mond ſchaute durch das Fenſter herein, er allein konnte das ſchöne Hannchen ſehen, wie ſie in ihrem Bette halb aufgerichtet daſaß und die Thränen ihr über die Wangen liefen. Die Thränen der Liebe in der Jugend ſind aber wie nächtlicher Thau, der die Blüthen und Blättchen des Herzens tränkt und von der Morgenſonne wieder hinweg⸗ geküßt wird, während die Thränen des Elends und der Verzweiflung im ſpäteren Alter wie froſtiger Reif ſich auf das Leben niederſenken und nicht mehr weichen wollen.— Wäre aber das Mädchen an ihr Fenſter getreten und hätte ſie hinausblicken können auf die einſame, mondbeſchienene Straße, ſo würde ſie einen Schickſalsgefährten gefunden haben. An der Ecke ſtand ein Mann und ſchaute zu ihr empor, zuweilen ging er auch auf und nieder mit ſtürmi⸗ ſchen Schritten. So trieb er es bis der Morgen graute, zur Verwunderung des Nachtwächters, der ihn faſt für einen Spitzbuben gehalten hätte. Es war aber kein Dieb, ſondern nur der verliebte Sattler, dem ſeine Leidenſchaft ebenfalls nicht Ruhe ließ und der unter dem Fenſter der Geliebten ſeine nächtliche Promenade machte, das Herz voll Leid und doch voll Zärtlichkeit für Hannchen.— Der Morgen kam endlich und mit ihm der gewohnte, einför⸗ mige Gang eines Werkeltages; da wird nicht viel gefragt nach deinen Schmerzen, deiner Luſt; du mußt dich regen, 104 ſchaffen und arbeiten, um dem täglichen Bedürfniſſe zu genügen. Nur den reichen und vornehmen Leuten iſt es vergönnt, ſich ihren Gefühlen zu überlaſſen und ihren Ge⸗ danken nachzuhängen. Der Arme, oder minder Wohl⸗ habende, darf nicht die Hände in den Schooß legen, nicht einmal weinen und leiden kann er, wie und wenn er will. Das hat aber auch ſein Gutes und hält von lähmender Gefühlsſchwärmerei zurück. Am Waſchfaß ſtand die Mutter und Hannchen half ihr das feine Linnen ſäubern, nur ihre bleicheren Wangen und minder glänzenden Augen ver⸗ riethen ihren Schmerz; doch war ſie fleißig und tüchtig bei der Arbeit wie immer, nur ſang ſie nicht dazu, wie es ſonſt zu geſchehen pflegte. Auch die Kinder waren nicht ſo munter und fröhlich aufgeſtanden und zur Schule ge⸗ gangen. Es gab nämlich vor dem Frühſtück noch ein großes Strafgericht. Die Mutter hatte nicht umſonſt die zerriſſenen und beſchmutzten Sonntagskleider mit ſcharfen Blicken gemuſtert, bevor ſie dieſelben hinwegräumte. Das junge Volk hatte ſich geſtern ohne Aufſicht gar zu wild herumgetummelt und nicht in Acht genommen; dafür bekam es nun Schelte und auch handgreifliche Bemerkungen hinter die Ohren, für künftige Fälle. Die Exekution ging na⸗ türlich nicht ohne Geſchrei, Bitten, Thränen und Sträuben ab, ſo daß ein allgemeiner Aufruhr in der ſonſt ſo fried⸗ lichen Wohnung herrſchte. Unter ſolchen verdrießlichen 105 Eindrücken verließ Vater Bauer die Seinigen, um ſich auf die Bank und an ſein gewohntes Geſchäft zu begeben. Seine Laune war nicht die beſte, wie man ſich wohl denken kann; der Kopf that ihm weh, die müden Beine wollten ihn nicht tragen; grade heute gab es aber übermäßig viel zu thun und zu laufen, wie gewöhnlich nach einem Sonn⸗ tage, wo Alles liegen bleibt. In ſeiner Zerſtreutheit ver⸗ tauſchte er wohl zuweilen einen Wechſel mit dem andern und reichte einen leichten Beutel für einen ſchweren dem Kaſſirer hin, worüber dieſer allerhand anzügliche Redens⸗ arten fallen ließ, über Confuſion und Nachläſſigkeit auch einmal klagte; was gewiß dem alten, erprobten Diener ſehr weh that. In ſo gereizter Stimmung genügt aber oft ein Wort, dem Faß den Boden auszuſtoßen, während man ſonſt hundert ſchlimmere mit leichtem Sinn erträgt. Die Erbſchaft ſpukte ihm auch im Kopf herum und machte ihn empfindlicher, da er ſich im Geiſte dann und wann für einen unabhängigen Mann anſah, der ſich nicht mehr Alles gefallen zu laſſen braucht. Es fehlte nicht viel, ſo wäre er mit ſeinen Vorgeſetzten hart zuſammengerathen; aber dieſe ſahen dem alten Mann für heute noch Manches nach, weil ſie bisher höchſt zufrieden mit ihm geweſen waren. Statt aber ſolche Schonung anzuerkennen, beklagte er ſich im Stillen über ſein Schickſal, das ihn zu dieſer Abhängigkeit verurtheilte; doppelt laſtend bei der Ausſicht auf die nach 106 ſeiner Meinung nahe bevorſtehende, günſtige Veränderung ſeiner Verhältniſſe. So viel ſtand bei ihm feſt; den Poſten eines Kaſſenboten wollte er je früher, deſto lieber aufgeben, wenn ſich ſeine Hoffnungen erſt erfüllen ſollten.— Wäh⸗ rend er dieſem Gedanken nachhing und ſich die Zukunft im roſigten Lichte ausmalte, nahm Frau Bauer zu Hauſe in ihrer Wohnung eine vollſtändige Revolution vor. Da wurde gewaſchen, geſcheuert, gebürſtet, gerieben, gekehrt und gefegt, bis jedes Winkelchen ſo ſauber und geleckt aus⸗ ſah, daß es eine Freude war. Die alten Stühle und Schränke glänzten wie neu polirt, der Fußboden war ſo rein und blank, daß man darauf eſſen konnte, die Fenſter⸗ ſcheiben ſtrahlten noch einmal ſo hell und auf dem Spiegel war auch kein Stäubchen mehr zu ſehen. Das hatte nicht wenig Mühe gekoſtet und der Schweiß ſtand der arbeit⸗ ſamen Wirthin auf der Stirn in großen Perlen, aber zu⸗ frieden war ſie doch noch immer nicht, denn trotz aller Anſtrengung konnte ſie nicht die altmodiſchen und bereits abgenutzten Möbel in neue und moderne umwandeln und ſo viel ſie auch rückte und bald hier, bald da eine Aende⸗ rung vornahm, deshalb blieb doch Alles, wie es geweſen war, die Wände räucherig, die Fenſter klein, die Dielen ſchief und die ganze Wohnung wollte nicht um einen Fuß größer und geräumiger werden. Das aber ſchmerzte ſie und erfüllte ihr Herz mit großem Kummer, weil ſie die “ 107 Verwandten ihres Mannes erwartete, vor denen ſie nicht um ein Königreich beſchämt dageſtanden hätte. Aus der Wohnung lief ſie in die Küche, wo der Braten auf dem Herde ſtand, den ſie mit fieberhafter Angſt beobachtete, damit er nicht ſchwarz werde, oder hart bliebe, oder zu weich ausfalle. Der Kopf brannte ihr ordentlich und ſie wußte nicht, was ſie zuerſt thun ſollte, ob waſchen, oder kochen, Gardinen aufſtecken, am Feuer ſtehen, Fenſter poliren, oder Speck ſchneiden. Dazu kam noch, daß mit Hannchen heute gar nichts anzufangen war; das Mädchen war wie umgetauſcht, ſo zerſtreut, daß, wenn die Mutter Salz verlangte, ſie ihr Zucker brachte und wenn ſie Seife holen ſollte, ſie richtig nach den Kohlen griff. Es war nicht mit ihr auszuhalten und die Mutter, da ſie einmal beim Waſchen war, unterließ auch nicht, in gehöriger Weiſe ihr den Kopf zu waſchen. Endlich war Alles ſo gut im Stande, wie es unter ſolchen Verhältniſſen nur immer möglich war und Frau Bauer dachte an ihren eigenen Anzug. Zuvor warf ſie aber noch einmal einen prüfenden Blick auf ihre Umgebung, mit der Schürze fuhr ſie hier und da noch über einen Stuhl, oder eine Kommode, um ſie abzuwiſchen, obgleich auch nicht die leiſeſte Spur von Staub darauf lag. Wenn aber einmal ſolch eine Haus⸗ frau in's Reinmachen kommt, dann giebt es kein Ende und immer noch etwas zu thun. Jetzt ſchlug die alte 108 Schwarzwälder Uhr Sechs und draußen begann es ſchon dunkel zu werden. Sie erſchrak, und wenn die angekün⸗ digten Gäſte ſie ſo in ihrem Küchenanzuge überraſcht hätten, ſie würde den Tod davon gehabt haben, denn was hätten ſich die Leute von ihr denken müſſen. Schnell holte ſie aus dem Schrank ihr beſtes Sonntagskleid hervor, womit ſie allerdings auch keinen allzugroßen Staat machen konnte, aber es war doch von Seide, wenn auch ausgebleicht und verſchoſſen. Das zog ſie an und dann ſetzte ſie vor dem Spiegel die neue Haube mit den ſchreiend rothen Bändern und den vielen Blumen auf, die ſie zu Weihnachten von ihrem Alten zum Geſchenk bekommen hatte. Sie gefiel ſich ſelber in ihrem Putz und konnte nicht ſo bald von dem Spiegel wieder weg kommen, auch fand ſie, daß es keine Kunſt ſei, ſchön zu ſein, wenn man es nur dazu hat; denn Kleider machen Leute und wenn man in Sammt und Seide geht, ſo ſehen Einem die Leute nach. Derartige Gedanken kamen ihr ſo ganz von ſelbſt, als ſie vor dem Glaſe ſtand und ſich wohlgefällig darin betrachtete, was freilich nicht allzuoft zu geſchehen pflegte. Endlich war ſie mit ihrem Anzuge fertig und auch Hannchen mußte ein beſſeres Kleid anlegen, worüber dieſe ſich nicht wenig wunderte. Aus den Reden der Mutter erfuhr ſie nach und nach unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, was vorgefallen und daß die Eltern ſich mit der Familie des Onkels ausgeſöhnt habe, 5 8 109 von wegen der Erbſchaft, die ſo plötzlich wie vom Himmel heruntergeſchneit war. Während die Mutter erzählte, dachte die Tochter nur an den Sattler; wie leicht der jetzt Meiſter werden und ſie heirathen könne, wenn erſt der Prozeß entſchieden und der Vater das viele Geld bekommen hätte. Alles Uebrige kümmerte ſie nicht und ſie hörte ziemlich gleichgültig und kaum aufmerkend den ferneren Bericht an, von den fabelhaften Reichthümern, welche Frau Bauer mit lebhafter Phantaſie noch um viele Tauſende vergrößerte; worauf es ihr gar nicht ankam.— Der von der Bank heimkehrende Kaſſenbote fand bereits Gattin und Tochter in vollem Feſttagsſtaat. „Was iſt denn los?“ fragte er ſie verwundert an⸗ ſtaunend.„Iſt denn heute ein Feiertag?“ 3 „Nun Väterchen! haſt Du denn ſchon vergeſſen, daß wir den Schwager und Deine Schweſter erwarten.“ „Und dazu habt Ihr Euch ſo in Wichs geworfen! Ich ſage ſchon, mit dem Weibsvolk iſt es nicht auszu⸗ halten; ziehen die ſich an, grad' als wenn der König kom⸗ men wollte.“ „Man muß ſich doch bei einer ſolchen Gelegenheit zeigen, damit man nicht über die Achſeln angeſehen wird.“ „Meinetwegen! Ich habe auch unterwegs eine Flaſche Wein geholt.“ 1 „Doch recht guten. Du weißt, daß Haſenfritz ſich 110 drauf verſteht. Wenn er ihm nicht ſchmeckt, ſo verzieht er den Mund.“ „Das kann er thun. Ein Schurke, der mehr giebt, als er hat und kann.“ Endlich kam der mit ſo großer Bangigkeit erwartete Beſuch, Herr Haſenfritz nebſt Gemahlin und in Begleitung ſeines Sohnes. Dieſer hatte ſich um ſo lieber ange⸗ ſchloſſen, da ihm Couſine Hannchen noch von der geſtrigen Begegnung her im Kopfe lag. Sonſt hätte er ſich nicht ſo leicht bereit finden laſſen, den ſchönen Abend in für ihn höchſt langweiliger Geſellſchaft zuzubringen, während die Hauptſtadt ſo viele Zerſtreuungen, Theater, Bälle und Spielpartieen bot. Außerdem war er in die Verhältniſſe von ſeinem Vater eingeweiht worden und die Ausſicht auf die bedeutende Erbſchaft gab der Familie Bauer in ſeinen Augen ein höheres Intereſſe, als ſie ſonſt wahrſcheinlich für ihn gehabt haben würde. Trotzdem, oder eben weil Herr Auguſt Haſenfritz ein angehender Verſchwender war, hatte er einzig und allein nur noch Achtung vor dem Geld, mit dem man ſich ſolche Genüſſe erkaufen kann, wie er ſie liebte.— Der Empfang von Seiten des Wirths und der Wirthin war ein überaus herzlicher, wenn auch ſehr ver⸗ legen. Die Gäſte zeigten ihrerſeits ſo viel Liebenswür⸗ digkeit, als ihnen überhaupt nur zu Gebote ſtand. Herr Haſenfritz Senior ſchüttelte dem Kaſſenboten wiederholt 111 die Hand und bot ihm bereits zum vierten Male eine Priſe aus der goldenen Doſe an, welche er zwiſchen den Fingern ſpielend hielt, um ſie nach allen Seiten glänzen und be⸗ wundern zu laſſen. Mit herablaſſender Miene geruhte der Schwager, ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen und wie ihm das kleine Weinfrühſtück bekommen; und als ihm der Kaſſenbote in ſeiner Einfalt erzählte, wie es ihm er⸗ gangen, da wollte er ſich faſt ausſchütten vor Lachen. „Alſo einen Katzenjammer hat's gegeben,“ ſcherzte er.„Das kommt davon, wenn man nichts vertragen kann. Doch Du wirſt es ſchon gewohnt werden. Beſuche mich nur öfter, dann bringſt Du es vielleicht auch noch ſo weit, wie ich ſelber. Drei Flaſchen Rothwein ſind mir nur eine Kleinigkeit, die trinke ich im Handumdrehen und doch wirſt Du mir nichts anſehen.“ Das war keine angenehme Nachricht für den Kaſſen⸗ boten, der nur eine einzige Flaſche Wein aufzutiſchen hatte, welche nun gar für fünf Perſonen ausreichen ſollte, denn auf Hannchen war gar nicht gerechnet. Er ängſtigte ſich halb todt und ebenſo ging es ſeiner Frau, wenn ſie an den kleinen Braten, an das grobe Tiſchgedeck, an all' die tauſend Kleinigkeiten dachte, welche die Welt einmal ver⸗ langt und die ſie bisher nur ſelten oder gar nicht vermißt hatte. Sie ſaß wie auf Nadeln, während die Schwägerin in eleganter Toilette von ihrer Einrichtung, von der koſt⸗ 112 baren Wäſche, von den vornehmen Beſuchen und feinen Mittagsbroden erzählte, oder vielmehr prahlte. Dann wurden all' die Koſtbarkeiten ausgekramt, das echte Shawl⸗ tuch für achtzig Thaler, die Goldbroche, die ſchweren Arm⸗ bänder, die feinen Spitzen; kurz der ganze theure, aber geſchmackloſe Luxus einer Parvenü⸗Familie, womit dieſe zu imponiren und den Mangel an innerem Werthe und wahrem Glücke zu erſetzen ſucht. Dagegen konnte Frau Bauer nichts aufweiſen, als ihre wohlgerathenen Kinder. Sie hatte zwar nie von der edlen Mutter der Gracchen geleſen, oder gehört, welche bei einer ähnlichen Gelegenheit, als eine römiſche Dame vor ihr mit ihren Schätzen prahlte, ihre beiden Söhne dieſer als den höchſten Schmuck zeigte. Aber auch ſie ſtellte mit mütterlichem Stolze ihre kleine Nachkommenſchaft der Schwägerin jetzt vor. Zu dieſem Behufe hatte ſie die Mädchen und die Buben gewaſchen und gekämmt, mit reinen Kragen und Kleidern verſehen, aber da die Sonntagsröcke zerriſſen waren, ſo ſah die ganze Geſellſchaft nicht eben beſonders aus, abgeſehen davon, daß ſie zum Aerger der Mutter vor den reichen Ver⸗ wandten ſo ſcheu und linkiſch thaten, daß dieſe am liebſten aus der Haut fahren wollte. Keins that den Mund auf, obgleich doch ſonſt ihre Sprachwerkzeuge den ganzen Tag nicht ſtill ſtanden; jetzt brachten ſie kein Wort hervor und ſobald ſie nicht mehr bemerkt wurden, zogen ſie ſich in die 113 audere Stube zurück, wohin ſie ohnehin verwieſen worden wären, weil ſie an dem Abendbrode nicht Theil nehmen ſollten, da Manches dabei zu beſprechen war, was die Kinder nicht hören durften. Hannchen erſchien nur ab und zu; ſie hatte in der Küche alle Hände voll zu thun, das Abendbrod zu rüſten, den Tiſch zu decken und darauf zu ſehen, daß Alles zur Zufriedenheit der Gäſte ausfalle. Still und geräuſchlos vollführte ſie ihr Werk, ſo oft ſie kam, verwendete der Couſin keinen Blick von ihr. Er hatte ſie gleich bei ſeinem Eintritt begrüßt und ſie gefragt, wie ihr die geſtrige Partie im Tivoli bekommen; worüber ſie natürlich erröthete. Frau Haſenfritz ſchien ebenfalls den Geſchmack ihres Sohnes zu theilen, denn ſie war die Freundlichkeit ſelbſt gegen ihre holde Nichte, lobte ihre Schönheit und Wirthlichkeit, ſtreichelte ihr die glühenden Wangen und küßte ſie voll Zärtlichkeit. „Dein Hannchen,“ ſagte ſie zur Schwägerin,„iſt ja ein prächtiges Mädchen geworden, ſeit ich ſie nicht geſehen habe. Ich habe ſie mir gar nicht ſo groß gedacht. Ja, ja, aus Kindern werden Leute. Wie lange wird es noch dauern und ſie verheirathet ſich. Der kann es nicht an einer guten Partie fehlen.“ „Sie macht uns viel Freude,“ antwortete Frau Bauer mit mütterlichem Stolz.„Das Kind iſt brav und gut.“ 1958. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 8 114 „Die darfſt Du nicht an den erſten beſten wegwerfen. Für einen ſimpeln Handwerker iſt das Mädchen viel zu gut und wenn wir erſt die Erbſchaft bekommen, ſo kann ſie noch ganz andere Anſprüche machen.“ „Das denk'’ ich auch,“ ſtimmte die Mutter bei.„Sie braucht ſich nicht zu beeilen und kann noch immer etwas Ordentliches abwarten. Das Mädchen verdient einen tüchtigen Mann.“ Nun legte Frau Bauer los; rühmte und lobte ihre Tochter, was ſie auch mit gutem Gewiſſen thun konnte. Das Herz ging ihr förmlich auf, wie ſie von ihrem Hann⸗ chen ſprach, von ihrer Tüchtigkeit, ihrer Wirthlichkeit und all den vielen guten Eigenſchaften, welche das Mädchen in der That beſaß. Sie konnte gar kein Ende finden und ihre Augen glänzten vor mütterlicher Wonne. Die Schwä⸗ gerin Haſenfritz hörte ihr mit vieler Andacht zu und machte im Stillen ihre Pläne für die Zukunft, denn ſie hatte es trotz ihrer phlegmatiſchen Gutmüthigkeit fauſtdick hinter den Ohren ſitzen.— Endlich machte das Abendbrod, wel⸗ ches von Hannchen hereingebracht wurde, der intereſſanten Unterhaltung ein Ende. Alle ſetzten ſich zu Tiſch, der Schwager neben Frau Bauer und der Kaſſenbote zu ſeiner Schweſter, während Herr Haſenfritz junior bei dem lieb⸗ lichen Hannchen einen Platz fand. Beim Eſſen herrſchte anfänglich eine gewiſſe Verlegenheit, denn die braven 115 Wirthsleute fürchteten fortwährend, ihren Gäſten nicht zu genügen und dieſe wechſelten mit einander verdächtige und ironiſche Blicke des Einverſtändniſſes. Die gelben abge⸗ ſtoßenen Teller von Steingut, das grobe Tiſchtuch, die einfachen Gabeln und Meſſer gaben dieſen hinlänglichen Stoff zu einem unterdrückten Lächeln und der Herr Schwa⸗ ger konnte kaum die einſame Flaſche Wein betrachten, ohne einen ſchlechten Witz darüber zu machen. „Die iſt für einen Zahn gerechnet,“ ſagte er laut. „Bauer! Du biſt wohl Mitglied vom Mäßigkeitsverein ſeit geſtern geworden.“ Der ehrliche Kaſſenbote murmelte eine unverſtändliche Antwort und wagte kaum aufzublicken, aber ſeine Schweſter warf ihrem Gemahl einen ſtrafenden Blick zu, den dieſer ſich mehr zu Herzen nahm, als es ſonſt mit ihren Ermah⸗ nungen geſchah; denn, wo es ſeinen Vortheil galt, konnte er gar ſehr politiſch ſein und auch ein Auge, oder, wo es Noth that, ſelbſt beide zudrücken. Um ſeinen Fehler wieder gut zu machen, lobte er dafür den Braten und bat ſich von der Wirthin noch ein zweites Stück aus, worüber dieſe ihn überaus freundlich anlächelte. Auch den Wein trank er, ohne den Mund zu verziehen; was ihm ſehr ſauer ankam, da das Gewächs an den Trank ihn erinnerte, den man Viermänner⸗Wein nennt, weil drei Männer dazu ge⸗ hören, um den vierten zu halten, wenn er davon trinken 8* 116 ſoll. Herr Haſenfritz that ſogar ein Uebriges; er füllte ſein Glas von Neuem, indem er ſich von ſeinem Platz erhob und einen Toaſt auf die Wirthsleute, auf ſeinen braven Schwager und ſeine gute Schweſter ausbrachte, der auch allgemeinen Anklang fand. Darüber waren beide ſo gerührt, daß ihnen die Thränen in den Augen ſtanden und ſie die lieben Anverwandten unter zärtlichen Küſſen und Händedrücken umarmten. „Alles vergeſſen und vergeben,“ ſtammelte der ehr⸗ liche Kaſſenbote, weil er vor Rührung ſchluchzend kaum ein Wort hervorzubringen vermochte. Als er ſich aber von dieſer Gemüthsbewegung abol hatte, ſtand auch er auf, um eine Rede zu halten. Er ſprach von vergangenen Zeiten, von Liebe und Freund⸗ ſchaft, von Eltern und Kindern, von der Erbſchaft und von der Verwandtſchaft, von Leben und Sterben und noch Vieles, was zuweilen paßte, meiſt aber nicht recht paſſen wollte. Aber Alles war überaus gut gemeint und kam von Herzen, wenn es auch mitunter komiſch klang und weder Hand noch Fuß zu haben ſchien. Oft war der Redner um das richtige Wort, oder um einen Ausdruck verlegen, aber dann brauchte man nur ſein freundliches Geſicht und ihm in die ehrlichen Augen zu ſehen, um zu wiſſen, was er ſagen wollte und daß die treue Seele von wahrer Zärtlichkeit und Liebe überfloß. Darauf achtete 117 aber der naſeweiſe Herr Neffe nicht, und es fehlte nicht viel, ſo hätte er dem würdigen Redner geradezu in's Ge⸗ ſicht gelacht, wenn er ſich nicht vor Hannchen gefürchtet hätte, welche neben ihm ſaß und jede Verſpottung des Vaters gewiß übel genommen haben würde. Als dieſer ſich aber endlich niederſetzte, mußte er ſich den Schweiß von der Stirn wiſchen, ſo ſehr hatte ihn ſeine Beredt⸗ ſamkeit angeſtrengt, denn er war es nicht gewohnt, ſo viel und ſo anhaltend hintereinander und auf einem Fleck zu ſprechen. Es war ihm faſt ſo ſchwer gefallen, wie der ſchwerſte Beutel, den er auf die Bank getragen. Nach und nach wurde die Tiſchgeſellſchaft immer vertraulicher und wärmer, nachdem einmal das erſte Eis gebrochen war. Die Frauen hatten einander ſo viel zu ſagen, ſich heimlich in's Ohr zu ziſcheln und die Männer von Geſchäften, be⸗ ſonders aber von der Erbſchaftsangelegenheit zu ſprechen. Auch die jungen Leute redeten eifrig mitſammen und die Mütter ſchienen mit Vergnügen dieſe beiderſeitige An⸗ näherung zu ſehen. Da der Braten verzehrt und die Flaſche Wein getrunken war, ohne daß ſich jemand den Magen verdorben, oder einen Rauſch geholt hatte, ſo wurde die Tafel aufgehoben. Vater Bauer bot ſeinem Gaſte eine Pfeife mit echtem Varinas an, den er nur aus⸗ nahmsweiſe und an Feiertagen zu rauchen pflegte, aber der Schwager zog ſeine geſtickte Cigarrentaſche hervor und 4 118 zündete ſich einen Glimmſtengel an, desgleichen that auch Herr Haſenfritz junior, der ſich nicht erſt bitten ließ und ohne Umſtände nach den Cigarren ſeines Vaters langte. Darauf wurde der Familiencongreß eröffnet, denn um einen ſolchen handelte es ſich doch eigentlich, und die Erb⸗ ſchaftsangelegenheit förmlich zur Sprache gebracht. Es mußten die nöthigen Schritte zuvor erwogen werden, ehe man Anſprüche vor Gericht erhob. Mit gewichtiger Miene nahm Schwager Haſenfritz das Wort, der in Prozeß⸗ geſchichten bereits ſich eine bedeutende Erfahrung erworben hatte. „Ich habe,“ ſagte er bedächtig,„bereits die nöthigen Erkundigungen eingezogen und bin auch bei meinem Ad⸗ vokaten geweſen. Die Sache verlohnt ſich der Mühe, denn das Vermögen beläuft ſich faſt auf eine halbe Million.“ „Auf eine halbe Million!“ rief der Kaſſenbote faſt erſchrocken aus.„So groß hab' ich es mir doch nicht gedacht.“ „Je mehr, deſto beſſer. Aber die Geſchichte wird Geld koſten, viel Geld und es können Jahre darüber ver⸗ gehen, ehe die Maſſe ausgeſchüttet wird. Die Prozeß⸗ koſten werden Tauſende verſchlingen. Ich kenne das und weiß, was es heißt, eine ſo verwickelte Sache zu führen. Wir müſſen nach Zwickau reiſen, um an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen, Vorſchüſſe machen beim Gericht 2 119 und bei unſerem Sachwalter, mit den betreffenden Be⸗ amten uns verſtändigen, Termine bezahlen, Recherchen anſtellen, Beweiſe aufnehmen, Kopialien und Gebühren decken; die Extraausgaben ungerechnet, denn wer gut fahren will, der muß auch gut ſchmieren. Das iſt keine Kleinigkeit und kein Kinderſpiel, und ehe man ſich es ver⸗ ſieht, ſind ein Paar hundert Thälerchen fort im Hand⸗ umdrehen.“ Das hatte ſich der Kaſſenbote freilich nicht ſo ſchlimm gedacht und jedes Wort des umſichtigen Schwagers fiel wie eine Centnerlaſt auf ihn herab, es traf ihn wie Hagel⸗ ſchlag aus blauem Himmel und fiel niederſchlagend auf die grüne Saat ſeiner jungen Hoffnungen. Kaum ver⸗ mochte er vor Schreck ein Wort noch vorzubringen. „So arg,“ ſtammelte er endlich,„habe ich mir die Koſten doch nicht vorgeſtellt. Ich glaubte ſo mit hundert, höchſtens hundertfünfzig Thaler fortzukommen und die hätte ich noch allenfalls aufgetrieben.“ Haſenfritz ſchlug ein lautes Gelächter über die Ein⸗ falt des Kaſſenboten auf; er konnte ſich gar nicht darüber zu gut geben und fing immer von Neuem wieder zu lachen an. „Hundert Thaler, hundert Thaler,“ rief er ein über das andere Mal, indem er ſich ausſchütten wollte.„Das iſt auf einen Zahn. Das Gericht hat einen guten Magen 120 und ſchlingt ſo eine Kleinigkeit mir nichts, dir nichts hin⸗ unter. Mit hundert Thalern fängt ſich gar nichts an; ſo viel koſten die bloßen Trinkgelder für die Gerichtsboten und das Porto in einer ſo großen Sache.“ „Aber woher das viele Geld nehmen,“ fragte Vater Bauer ganz beſtürzt,„und nicht ſtehlen? Das kann ich ja nicht durchführen, da fange ich lieber gar nichts an.“ Einen Augenblick ſchien Herr Haſenfritz nachzudenken, ehe er dem ängſtlich Lauſchenden eine Antwort gab. Ueber die gemeinen Züge des Schneiders flog ein ſelbſtgefällig pfiffiges Lächeln und er warf ſich ordentlich in die Bruſt voll Hochmuth und Eitelkeit. „Nur nicht den Muth verloren,“ ſagte er,„nur nicht gleich die Büchſe in's Korn geworfen, das biſt Du Deiner Familie ſchuldig. Sollſt ſehen, daß ich es gut meine und Dir helfen will. Unſer Vortheil geht jetzt Hand in Hand. Du und meine Frau ſeid die einzigen Erben, deshalb müſſen wir auch feſt zuſammenhalten. Du führſt den Prozeß in Deinem und in ihrem Namen und natürlich tragen wir zur Hälfte auch die Koſten. Ich werde Dich nicht ſtecken laſſen und ſchon ſorgen, daß es Dir an Geld nicht fehlen wird. Die Sache iſt gar nicht ſo gefährlich, wie ſie ausſieht. Wenn erſt Eure Anſprüche vom Gericht anerkannt ſind, dann finden ſich auch ſchon die nöthigen Gelder. Da giebt es Kapitaliſten, welche Vorſchüſſe ma⸗ 121 chen, wenn ſie ſehen, daß etwas zu verdienen iſt. Wie geſagt, laß Dir nur keine grauen Haare wachſen; ich werde Dir ſchon mit Rath und That unter die Arme greifen. Mein Advokat hat bereits eine Eingabe angefertigt, die Du nur morgen dem Gericht zu übergeben brauchſt, um einſtweilen Dir Dein Recht zu wahren. Das Uebrige findet ſich und ſo lange ich lebe, ſoll es Dir nicht an Mit⸗ teln fehlen.“ Das freundliche Anerbieten des Schwagers klang ſo verführeriſch und ſchien ſo ehrlich gemeint, daß der Kaſſen⸗ bote ganz an ihm irre wurde und im Stillen ihm alles Unrecht abbat, was er an ihm begangen zu haben glaubte. Er hatte ihn immer früher für einen eigennützigen Men⸗ ſchen, für einen Wucherer und Halsabſchneider gehalten, ihm nur das Schlimmſte und nicht einen Funken Liebe zugetraut; nun aber mußte er zu ſeiner Beſchämung ein⸗ geſtehen, daß er ſich getäuſcht, daß Haſenfritz die groß⸗ müthigſte Seele auf Gottes Erde war, ein edler Mann voll Aufopferung und Hingebung für die Seinigen. Darum meinte er nicht recht gehört zu haben, oder nur zu träumen, er zweifelte noch immer an der Wahrheit dieſes Aner⸗ bietens, aber der Schwager wiederholte noch ein Mal ſeine früheren Worte, ſo, daß Bauer freilich jetzt daran glauben mußte. Hätte er nur die Abſicht des ſchlauen Schneiders durchſchauen können, ſo würde er ihm nicht ſo innig gedankt 122 haben wie er es jetzt that. Herr Haſenfritz war aber ein feiner Kunde und ließ ſich nicht ſo leicht in die Karten ſehn. Vorläufig ſchloß der Familiencongreß zur allgemeinen Zufriedenheit; man hatte ſich vollkommen verſtändigt, die nöthigen Schritte verabredet und hielt die große Erbſchaft für ſo ſicher, als wenn das Geld bereits in der Taſche wäre. Unter den zärtlichſten Freundſchaftsverſicherungen nahmen die Gäſte von ihren Wirthsleuten Abſchied, mit dem Ver⸗ ſprechen, bald wiederzukommen. Man umarmte und küßte ſich, ſchüttelte einander die Hände und auch Herr Haſen⸗ fritz, Junior, war heute die Liebenswürdigkeit und Feinheit ſelbſt gegen ſeine Couſine geweſen, ſo daß auch die letzte Spur ihres Widerwillens verſchwinden mußte, wenn ihr arglos gutes Herz überhaupt im Stande war, einen ſolchen längere Zeit zu bewahren. Sechstes Capitel. Nun aber begann für den Kaſſenboten ein neues, ganz verändertes Leben voll Aufregung und fortwährender Un⸗ ruhe. Mit einem Schlage war Alles umgekehrt, ſeine Lage eine ganz andere geworden. 123 Früher lebte er ſtill in ſeinem beſchränkten Kreiſe, zu⸗ frieden mit ſeiner geringen Stellung, glücklich mit den Kindern, welche den Stolz und die Freude ſeines Daſeins ausmachten. Jetzt mußte er den ganzen Tag an den großen Prozeß und ſeine Erbſchaft denken, Termine abhalten, Ad⸗ vokaten ſprechen, Schreiber beſuchen, Beweismittel herbei⸗ ſchaffen. Er hatte keinen Augenblick mehr Zeit für ſich und die Seinigen und wollte er all den Anſtrengungen genügen, ſo konnte er nicht gut länger Kaſſenbote bleiben. Das ſah er ein und er ſprach oft mit ſeiner Frau darüber, aber zu einem feſten Entſchluſſe konnte er ſo leicht nicht kommen, weil er das ſichere Brod nicht leichtſinnig aufgeben mochte. „SIch will nicht unreines Waſſer ausgießen, bevor ich reines habe und dann weiß ich nicht, wovon wir leben ſollen, wenn ich abgehe.“ „Du mußt mit dem Bruder ſprechen und was der Dir anrathen wird, das thue dann. Man kann nicht zweien Herrn dienen, entweder vernachläſſigſt Du den Prozeß, oder Dein Amt; denn Beides läßt ſich nicht zugleich halten.“ „Das ſeh' ich wohl ein, aber es fällt mir ſchwer, das Gewiſſe für das Ungewiſſe hinzugeben. Der Sperling in der Hand iſt mehr werth, als die Taube auf dem Dache.“ 124 „Alles gut und ſchön, aber damit iſt nichts gethan und die ſchöne Erbſchaft geht am Ende uns verloren. Für ein Paar hundert Thaler willſt Du eine halbe Million hingeben. Hat man je ſolch einen Unverſtand geſehn. Du handelſt wie ein ſchlechter Vater an Deinen Kindern, wenn Du nicht Alles daran ſetzeſt, den Prozeß zu gewinnen. Sie würden Dir ewige Vorwürfe machen.“ Das half; denn der ehrliche Kaſſenbote hatte weit mehr ſeine Kinder im Auge, als ſein eignes Glück; er hielt es für ſeine Schuldigkeit, jedes Opfer für ihr Wohl und ihre Zukunft zu bringen, ohne an ſich ſelber zu denken. Außerdem wurde ihm ſeine Stellung mit jedem Tage läſtiger und es gehörte ein weit ſtärkerer Charakter dazu, den über⸗ raſchenden Wechſel dieſer Verhältniſſe zu ertragen und ge⸗ duldig bis an's Ende auszuharren. Das Gericht hatte vorläufig ſeine Anſprüche auf das Vermögen des Hof⸗ medicus Arnold und ſeine Verwandtſchaft mit demſelben anerkannt und nur eine genauere Prüfung, nebſt Herbei⸗ ſchaffung einiger noch fehlender Beweismittel angeordnet. Wenn er im Stande war, dieſelben beizubringen, wozu er die gegründetſte Hoffnung hatte, ſo erhielt er die bedeutende, für ihn ungeheure Summe ausgezahlt. Das konnte ſchon in wenigen Monaten geſchehn und dann war er ein reicher Mann, der ſich nicht mehr mit Herumlaufen und dem Schleppen der ſchweren Geldbeutel zu plagen hatte. Je 125 näher aber der Termin für ihn heranzurücken ſchien, je günſtiger ſich die Angelegenheit geſtaltete, deſto größer wurde auch ſeine Ungeduld, deſto fieberhafter ſeine Auf⸗ regung. Wer in ſeinem Leben einen ähnlichen, bedeutenden Prozeß geführt hat, bei dem Alles zu gewinnen, oder zu verlieren ſteht, der wird am beſten die Gemüthsſtimmung des Kaſſenboten begreifen können. Das ſtachelt und reizt, prickelt und brennt, ſo daß ein Menſch darüber wahnſinnig werden und ſeine Beſinnung verlieren muß. Kein leiden⸗ ſchaftlicher Spieler kann mit mehr Spannung und größerer Aufregung den Lauf des Roulets, oder dem launiſchen Wechſel der Karten folgen, als ein Prozeſſirender den ver⸗ ſchiedenen Wendungen und Chancen des Rechts. Der grüne Tiſch des Richters und die grüne Bank des Spielers üben denſelben dämoniſchen Zauber auf die Betheiligten aus. Dort wie hier herrſcht nach dem Glauben der Menge der Zufall, Dank unſerer oft verwickelten und unklaren Geſetzgebung. Ein Wort, oft ein Buchſtabe entſcheidet über Reichthum oder Armuth. Dort wie hier ſchwankt das Zünglein der Wage zwiſchen Glück und Elend, zwiſchen Hoffnung und Verzweiflung. Gleicht nicht der ſchlaue Ad⸗ vokat dem Croupier, der zum Spiele auffordert, dem Muth⸗ loſen zuredet und zu neuen Anſtrengungen anſpornt? Je größere Summen bereits in den Schlund gefallen, je mehr 126 Opfer man gebracht hat, deſto höher ſchwillt auch die Be⸗ gierde. Ein Geldſtück zieht das andere nach ſich, bis das letzte verſchwunden iſt und kein Pfennig mehr in der Taſche übrig bleibt. Das Prozeßfieber iſt eine gar ſchlimme Krankheit und hat ſchon Manchen um Haus und Hof, um Glück und Ehre gebracht grad' wie die Spielwuth. Jede freie Stunde, welche er ſich abmüßigen konnte, verlebte der Kaſſenbote auf dem Gericht, oder bei ſeinem Advokaten. Da gab es zu fragen, Erkundigungen einzuziehn, einen Rath zu holen. Jeder Schritt koſtete aber Geld, denn die Herrn Advokaten laſſen ſich gut bezahlen. Der Sachwalter, den ihm Schwager Haſenfritz empfohlen hatte, war ein feiner Kunde, in allen juriſtiſchen Ränken und Pfiffen ſehr bewandert, er verſtand es, ſeine Klienten zu behandeln und nebenbei auch zu ſchröpfen. Solch ein fetter Prozeß war für ihn eine willkommene Revenu und er hatte den beſten Willen, daran ſo lange als nur irgend möglich zu zehren. Nicht alle Tage kommt eine Erbſchaft von einer halben Million Einem in die Hände, darum war er entſchloſſen, ſo viel Nutzen als möglich davon zu ziehn und ſeinen Schnitt dabei zu machen. Er ließ ſich ſeinen Rath mit Gold aufwiegen und die Vorſchüſſe drohten bald die kleinen Erſparniſſe des Kaſſenboten zu verſchlingen. Aber dabei blieb es nicht allein; eine ganze Meute kleiner und großer Rechtsverdreher, von Winkeladvokaten, 127 Geſchäftsleuten und Schreibern kam noch hinzu, um eben⸗ falls ihren bald größeren, bald geringeren Profit zu nehmen. An jedem Gericht giebt es eine Menge ſolcher Raubvögel, welche nur auf die Gelegenheit lauern; ſie wittern und ſpüren die fette Beute in der Luft, ſie kreiſen und treiben ſich in den Sälen, Hallen und Gerichtsſtuben herum; ſie haben allerlei Verbindungen, kennen die ver⸗ ſchiedenen Hinterthüren, rühmen ſich ihrer einflußreichen Bekanntſchaften und wiſſen ſich ein Anſehn zu geben, als hänge die Entſcheidung lediglich von ihnen ab. Meiſt ſind es verdorbene Juriſten, entlaſſene Schreiber in ſchäbig an⸗ ſtändigen Kleidern mit einem Aktenhefte unter'm Arme, das gewöhnlich nur aus einigen leeren Papierbogen beſteht. Hört man ſie ſprechen, ſo ſollte man glauben, daß ſie geheime Räthe ſind und mehr wiſſen als der Präſident und das höchſte Tribunal. Sie lauern den Prozeß führenden Parteien auf, drängen ſich unaufgefordert mit ihrem Rath heran und wiſſen die Leichtgläubigen zu bethören. Vater Bauer hatte ihre Bekanntſchaft bald gemacht, denn die Nachricht, daß er als Erbe der Arnold'ſchen Maſſe auf⸗ getreten ſei, war wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt verbreitet. Von allen Seiten regnete es nun Mitttheilun⸗ gen, Rathſchläge, wohlgemeinte Waruungen, daß er nicht wußte wo ihm der Kopf ſtand. Da kam ein Kanzliſt, der ihm, natürlich gegen eine angemeſſene Belohnung, den 128 Stand der Akten im Geheim entdecken wollte; ihm folgte der Protokollführer mit einer ähnlichen Eröffnung und kaum war dieſer verſchwunden, ſo erſchien ein Anderer mit der höchſt wichtigen Nachricht, daß die Richter in der be⸗ treffenden Angelegenheit dieſen oder jenen Entſchluß gefaßt hätten, daß man ſo oder ſo ausſagen, handeln und ver⸗ fahren müſſe, wenn man den Prozeß gewinnen wolle. Alle dieſe Ehrenleute hielten die Hände auf und gaben damit nicht undeutlich zu verſtehn, daß ſie auf eine Gabe rechne⸗ ten. Vater Bauer hatte weder den Muth, noch die Kraft, die zudringlichen Geſellen ein und für allemal abzuweiſen, weil er voll ängſtlicher Befürchtungen ihnen wirklich einen gewiſſen Einfluß zutraute, den ſie in der That nicht hatten. War auch die Summe nicht groß, welche er zu ſolchen Zwecken verwendete, ſo wiederholten ſich dafür dieſe Aus⸗ gaben um ſo öfter, da derartige Blutegel nicht ſo leicht wieder los laſſen, wenn ſie einmal ſich feſt geſogen haben. Ein größerer Verluſt aber als der an Geld, war der Ver⸗ luſt an guter Laune, an Zufriedenheit und häuslichem Glück; die natürliche Folge von derartigen Zuſtänden. Da verging jetzt kein Tag ohne Aerger, Aufregung, Befürch⸗ tungen aller Art; der ſtille Friede war dahin und ſchien für immer verloren.— Am meiſten aber beſchäftigte ſich der Kaſſenbote jetzt mit dem Gedanken, ſeine Stellung an der Bank aufzugeben, da er keine Möglichkeit ſah, dieſelbe 129 llänger unter dieſen veränderten Verhältniſſen beizubehalten. Mit Recht befürchtete er jedoch einen voreiligen Schritt zu thun, weil er ſonſt keine andern Mittel hatte, ſich und ſeine Familie zu ernähren. Auf den Rath ſeiner Frau entſchloß er ſich deshalb endlich, mit dem Schwager Haſenfritz Rück⸗ ſprache zu nehmen und dieſem ſeine Verlegenheit anzu⸗ vertraun. „Das hab' ich mir längſt gedacht,“ ſagte dieſer, nach⸗ dem er ihn angehört hatte.„Ich bin auch nicht dafür, daß Du Dich noch ſchinden und plagen ſollſt wegen lumpiger hundert Thaler.“ „Aber wovon ſoll ich mit den Meinigen derweil leben, bis der Prozeß entſchieden iſt? Die Sache ſchleppt ſich länger hin, als ich gedacht habe.“ „Wir müſſen darüber nachdenken; es wird ſich wohl ein Auskunftsmittel finden. Wenn ich nicht mein Geld in hunderterlei Geſchäften ſtecken hätte, ſo ſollte es mir nicht darauf ankommen, Dir ein Paar tauſend Thälerchen auf Deinen Antheil an der Erbſchaft vorzuſtrecken.“ 4 „Ich hätte es auch nicht angenommen. Du haſtohne⸗ hin ſchon ſo viel für uns gethan, daß ich Dir nicht genug danken kann.“. „Ach!“ antwortete der Schneider mit dem Ausdruck einer angenommenen Gutmüthigkeit.„Ich wüßte nicht wofür. Ich habe nur meine Pflicht als Menſch und Ver⸗ 9 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 130 wandter gethan; und ich möchte Dir auch diesmal von ganzem Herzen gern helfen, wenn ich nur wüßte, wie man es anfangen ſoll. Vielleicht läßt ſich das Geld bei einem Geſchäftsmann auftreiben. Leider kenne ich nur Wenige, die reell ſind und gewiſſenhaft. Du glaubſt gar nicht, was es für Schurken und Wucherer in der Welt giebt.“ Dabei verdrehte er ſeine Augen und ſeine Mienen drückten einen ſo tiefen Abſcheu vor allen derartigen Hals⸗ abſchneidern aus, daß man ihn für den ehrlichſten Mann auf Erden halten mußte, wenn man ihn nicht ganz genau kannte. Auch der Kaſſenbote ließ ſich diesmal täuſchen, trotzdem er ſeinen Schwager früher nicht viel traute, aber deſſen Betragen in der letzteren Zeit ließ den braven Mann an eine vollſtändige Beſſerung ſeines Verwandten glauben. In dieſer Angelegenheit beſonders zeigte ihm Haſenfritz ſo viel Theilnahme und freundliche Geſinnung; er ſchien ſo bekümmert über die eigenthümliche Lage des guten Bauer, es ſchmerzte ihn ſo ſehr, nicht gleich und in dem Maße helfen zu können, wie er wollte. „Ich will mir Mühe geben,“ fügte er hinzu,„um einen ehrlichen Capitaliſten für Dich aufzutreiben, der Dir die nöthige Summe einſtweilen vorſtreckt. Auf der Stelle will ich mich umſehn und ſo bald ich einen ge⸗ 13- funden habe, will ich Dir ſchreiben und darauf Acht geben, daß Du nicht über das Ohr gehauen wirſt.“ „Und Du glaubſt wirklich, daß Jemand mir auf meine Ausſicht Geld geben wird?“ „Wir wollen es wenigſtens hoffen. Der Prozeß ſteht günſtig; in einigen Monaten iſt die Sache zum Spruche reif und wenn Du noch die verlangte Urkunde beibringſt, was Dir nicht ſchwer fallen kann, ſo bekommſt Du und meine Frau das Geld ausgezahlt. Ich kenne Geſchäftsleute, welche auf geringere Sicherheit ihre Capi⸗ talien ausborgen, wenn ſie nur eine angemeſſene Proviſion erhalten.“ „Ich weiß noch immer nicht, ob ich auch Recht daran thue, meine ſichere Stelle aufzugeben und außerdem mir eine ſo ſchwere Schuldenlaſt aufzubürden. Wo ſoll ich das Geld hernehmen, wenn wir den Prozeß verlieren?“ „Daran iſt nicht zu denken. Ich weiß, daß die Sache ganz gut ſteht und der Advokat giebt die beſten Hoffnungen. Unter dieſen Umſtänden wird ſich wohl ein Geſchäftsmann finden, der Dir die nöthige Summe borgen wird. Im ſchlimmſten Falle kannſt Du ja einen Antheil an Deiner Erbſchaft, vielleicht ein Achtel, oder ein Viertheil, abtreten. Die Hauptſache iſt, daß Du jetzt Geld bekommſt und dafür will ich ſchon ſorgen.“— „Ich überlaſſe Dir ganz und gar, die nöthigen 9* 132 Schritte zu thun, weil ich überzeugt bin, daß Du meinen Vortheil wahrnehmen wirſt.“ Als der Kaſſenbote fort war, rieb ſich Herr Haſenfritz vergnügt die Hände, darauf nahm er Hut und Stock, um einen ſeiner alten Geſchäftsfreunde aufzuſuchen, mit dem er in ähnlichen Angelegenheiten gemeinſchaftlich zu handeln pflegte. Zwiſchen Leuten dieſes Schlages beſteht ein ge⸗ heimer Bund und einem ächten Wucherer fehlt es niemals an Helfershelfern; ſie unterſtützen ſich gegenſeitig mit Rath und That, ſo lange es ihnen Vortheil bringt. Der gemein⸗ ſchaftliche Eigennutz iſt das feſteſte Band für gemeine Seelen. Ueber die ganze Hauptſtadt war eine derartige Brü⸗ derſchaft verbreitet, welche ſich gegenſeitig kannte, ihre be⸗ ſonderen Zeichen, Gewohnheiten und Einrichtungen hatte; dazu gehörten Leute aus allen Ständen, in den verſchieden⸗ ſten Lebensverhältniſſen, vom gemeinen Trödeljuden bis zum reichen Hausbeſitzer, vom Pfuſchmakler bis zum vornehmen Banquier; Alle von der gleichen Geldgier und dem Stre⸗ ben beſeelt, unter jeder Bedingung und ohne Rückſicht auf die dazu führenden Mittel, ſchnell reich zu werden. Jeder Einzelne dieſer Verbindung verfolgte ſeinen eigenen Weg; der Eine beſchäftigte ſich mit dem Ankauf von Wechſeln und Hypotheken, der Andere mit dem Ausborgen von Geldern zum unerlaubten Zinsfuß; ein Dritter hing 133 ſich an junge Verſchwender, ein Vierter hatte es vorzugs⸗ weiſe mit Kaufleuten zu thun, welche im Begriffe ſtanden Bankerott zu machen. Ueberall wo die Verhältniſſe eine ſchlechte Wendung nahmen, wo eine Familie dem Ruin entgegen ging, wo es an Geld und Credit fehlte, fand ſich dieſe Bande ein wie die Raben, wo ſie ein Aas wittern, gleichſam von dem Geruch der Auflöſung herbeigelockt. Sie umſchwärmten das dem Ruin geweihte Opfer erſt aus der Ferne, dann immer näher und näher, langſam es ausſaugend, tropfenweiſe das Blut deſſelben ſchlürfend, bis es immer ſchwächer wurde, zuſammenbrach und endlich in ihre Klauen fiel. Dieſer ehrenwerthen Korporation gehörte auch Herr Haſenfritz an; wo es ſein Vortheil er⸗ forderte, kannte er keine Freundſchaft, keine verwandtſchaft⸗ lichen Rückſichten. Geld und noch immer mehr Geld war ſein Loſungswort; er konnte nie genug haben. Sein Ge⸗ wiſſen beſchwerte ihn weiter nicht, denn an der Stelle, wo bei andern Leuten das Herz zu ſitzen pflegt, hatte er wahr⸗ ſcheinlich einen Geldbeutel, oder vielleicht nur einen kalten Stein in der Bruſt. Die ungeheure Erbſchaft ganz an ſich zu bringen, war von dem Augenblick, wo der Prozeß eine überraſchend günſtige Wendung nahm, ſein einziges Dichten und Trachten. Deshalb redete er dem Kaſſenboten zu, ſeine Stelle und das ſichere Brod aufzugeben, weil dieſer ihm dann um ſo leichter in die Hände fallen mußte. Deshalb 134 heuchelte er eine Zärtlichkeit und Hingebung, die er weder empfand, noch überhaupt zu empfinden fähig war und des⸗ halb zeigte er ſich jetzt ſogleich bereit, den verlangten Vorſchuß für ihn bei einem ſeiner Helfershelfer aufzutrei⸗ ben, obgleich er ſelbſt die Summe und eine noch weit größere in ſeiner Kaſſe liegen hatte. Der Freund, den er jetzt zu dieſem Zwecke aufſuchte, war ein gewandter Mann, ganz und gar zu einem derartigen Unternehmen ge⸗ eignet, wie es der Schneider mit ſeinem Schwager vor⸗ hatte. Herr Würmle ſah gar nicht wie ein gewöhnlicher Wöcherer aus, ſondern weit eher wie der ehrlichſte Bieder⸗ mann. Gewöhnlich haben die Romanſchriftſteller und Dra⸗ matiker eine ganz falſche Anſicht und ein unrichtiges Bild über dieſe Menſchenklaſſe verbreitet; ſie malen eine dürre, ausgetrocknete Geſtalt in abgeſchabten und geflickten Kleidern, mit langen, mageren Händen, welche Geierklauen ähnlich ſehn; eine ſpitze Phyſiognomie, lauernde, grüne Schlangen⸗ augen, unter buſchigen Augenbrauen verſteckt; eine ge⸗ krümmte Naſe, ſchmale, blutleere Lippen, ein ſcharfes Kinn und einen langen Hals; dazu die widerlichſten Gewohn⸗ heiten und Umgebungen. Dieſe Sorte von Wucherern ſcheint indeß entweder ausgeſtorben zu ſein, oder nur in der Phantaſie der Dichter gelebt zu haben. Die anderen Halsabſchneider haben nicht die entfernteſte Aehnlichkeit 13⁵ mit einer ſolchen, alten Vogelſcheuche; dafür lieferte Herr Würmle den beſten Beweis, Er wohnte in keiner Höhle, wo von der ſchwarzen, nie gefegten Decke die Spinnen⸗ weben Ellen lang herabhängen, oder Pilze auf den feuchten Wänden wachſen. Sein ganzes Mobiliar beſtand auch nicht in einem Holzſtuhl und in einem Tiſch, ſondern aus den feinſten und beſten Mahagoni⸗ und Poliſanderarbeiten, welche aus dem erſten Möbelmagazin der Hauptſtadt ihm geliefert wurden. Den Boden bedeckten koſtbare engliſche und franzöſiſche Teppiche und die ganze Einrichtung zeigte einen überraſchenden Comfort und geſchmackvollſten Luxus. Auch war Herr Würmel kein dürrer, magerer Geizhals, oder finſterer Gurgelabſchneider, ſondern ein dicker, kugel⸗ runder Mann mit dem freundlichſten Geſichte von der Welt, über das fortwährend ein heiteres Lächeln ſchwebte. Sah man ihn an, und hörte man ihn ſprechen, ſo mußte man ihn für die verkörperte Gemüthlichkeit und Gut⸗ müthigkeit halten. Dabei war ſeine Laune ſo vortrefflich, ſeine Stimmung immer gleich heiter, wie ſie nur ein Menſch haben kann, der das reinſte Gewiſſen beſitzt. Er galt für den liebenswürdigſten Geſellſchafter, für einen ausgezeichneten Familienvater und genoß nicht nur die Achtung Aller, die ihn nicht kannten. Seine Frau und ſeine Kinder hingen mit der größten Liebe an ihm, ſeine Freunde, und es fehlte ihm an ſolchen nicht, rühmten ohne 136 Doppelſinn ſeine Verdienſte und übrigen guten Eigen⸗ ſchaften. Herr Würmle war auch ein gebildeter Mann, weit über ſeinen gegenwärtigen Stand unterrichtet, denn er hatte die Univerſität beſucht und ſelbſt die juriſtiſchen Staatsprüfungen durchgemacht. Da er aber auf eine An⸗ ſtellung länger warten mußte, als ihm lieb war und es ihm an den nöthigen Geldern fehlte, ſo beſchäftigte er ſich in ſeinen Mußeſtunden mit Ertheilung von juriſtiſchen Rath⸗ ſchlägen, zu denen ihm allerdings die geſetzmäßige Erlaub⸗ niß fehlte. Dieſe Beſchäftigung war ſehr einträglich für ihn, da er beſonders ſich mit ſolchen Prozeſſen befaßte, welche ehrliche Advokaten aus verſchiedenen Gründen ab⸗ wieſen. Würmle war keineswegs ſo ſkrupulös und erwarb ſich hauptſächlich durch ſeinen Beiſtand, den er leichtſinnigen, oder böswilligen Bankerotteuren leiſtete, nicht allein einen großen Ruf, ſondern auch ein anſehnliches Einkommen. Da aber die vorgeſetzte Behörde ſo beſchränkt war, dieſe Thätigkeit nicht verträglich mit Würmle's richterlicher Stellung zu halten und ihm ſogar einen Wink gab, bei Zeiten ſeinen Abſchied zu fordern, bevor ihm derſelbe auf⸗ genöthigt würde; ſo befolgte er die ihm ertheilte Erlaubniß, ſich aus dem Staatsdienſt in das Privatleben zurück zu ziehn. Nichts deſto weniger blieb er dem Dienſte der Ge⸗ rechtigkeit treu, indem er der Göttin Themis manche Naſe 92 137 drehte und ihre hin und her ſchwankende Wage zuweilen mit falſchem Gewicht verſah, oder ihr die Binde noch tiefer über das Geſicht zog, als ſie dieſelbe ohnehin ſchon trägt. Vor ihrem Schwerte hatte er aber keine Furcht, weil er ſich immer in der gehörigen Entfernung und außerhalb der Weite hielt, bis wohin ihr Arm reichte, ſo daß ſie ihm nie etwas anhaben konnte. Seine juriſtiſchen Kenntniſſe gingen demnach der Welt nicht verloren, er war der Hort und Schutz aller Bedrängten und Leidenden, welche mit der beſtehenden Geſetzgebung ſich nicht befreunden konnten. Für ruinirte Kaufleute, oder vielmehr ſolche, die durch den Ruin ihrer Gläubiger reich werden wollten, zeigte er eine menſchenfreundliche Symphatie; die ganze achtungswerthe Sippſchaft, welche den offenen und gewaltſamen Einbruch in die Kaſſe eines Nebenmenſchen wegen der Gefährlichkeit verabſcheut, dagegen ohne Gewiſſensbiſſe fünfzig und mehr Prozente nimmt, erfreute ſich ſeiner größten Theilnahme. Sie durfte auf ſeinen Rath und Beiſtand rechnen, voraus⸗ geſetzt, daß er gut dafür bezahlt wurde; denn umſonſt iſt nicht einmal der Tod. Seine Clienten fuhren dabei ge⸗ wöhnlich gut, denn er hatte die Geſetze mit demſelben Eifer ſtudirt, wie mancher Dieb das Schloſſerhandwerk, um für alle Fälle den paſſenden Schlüſſel zu finden. Er kannte alle Schliche, Hinterthüren und Oeffnungen, durch die der Angeklagte entſchlüpfen konnte und der Gerechtigkeit ein 138 Schnippchen zu ſchlagen, machte ihm die größte Luſt. Da ſolche Dienſte meiſt ſehr gut belohnt werden, ſo hatte er in kurzer Zeit ſich ein anſtändiges Vermögen erworben, mit dem er von Zeit zu Zeit ein kleines, aber ſicheres Ge⸗ ſchäftchen machte; was er„Naſchen“ nannte. Auf gewagte Spekulationen ließ er ſich nicht ein; höchſtens kaufte er einmal eine billige Hypotheke, beſonders wenn er die ge⸗ naueſten, gerichtlichen Erkundigungen zuvor eingezogen hatte; was für ihn, bei ſeiner ausgebreiteten juriſtiſchen Be⸗ kanntſchaft, nicht ſchwer hielt.— Er ſah von Zeit zu Zeit noch immer einige alte Kollegen entweder im Auſternkeller, oder auch in ſeiner Wohnung; denn Herr Würmle machte ein Haus und gab große Geſellſchaften, welche ſogar von ehrlichen und anſtändigen Leuten, Künſtlern, Offizieren, Profeſſoren, Schauſpielern und Adligen beſucht wurden, die mit ihm entweder in Verbindung ſtanden, oder zuweilen gern ein gutes Diner einnahmen.— Zu ſeinen beſten Clienten und Geſchäftsfreunden gehörte Herr Haſenfritz, dem er ſchon manchen vortrefflichen Rath ertheilt hatte; der aber auch ſtets ſich dankbar und erkenntlich erwieſen hatte. Deshalb freute ſich auch Würmle beim Anblicke ſeines alten, treuen Kunden; er reichte ihm die Hand entgegen und nöthigte ihn, auf dem bequemen Polſterſtuhl an ſeiner Seite Platz zu nehmen. „Nun was giebt es, alter Freund?“ ſagte der 139 Aſſeſſor; denn ſo wurde Würmle von ſeinen Bekannten titulirt.„Wir haben uns ſchon lange nicht geſehen, ſeit der Geſchichte mit Hoppenrad, wo Ihr Euern Schnitt gemacht habt auf meinen Rath.“ „Dafür werde ich Euch auch ewig dankbar ſein.“ „Nur keine Anweiſungen auf die Ewigkeit,“ lachte Würmle gemüthlich.„Die geb' ich Euch immer mit Pro⸗ teſt zurück. Mir iſt ein ſicherer Wechſel, der höchſtens drei Monate zu laufen hat, weit lieber.“ „Ihr wißt, leben und leben laſſen, das iſt meine Parole. Ich komme heute, mir wieder einmal Euern Rath und Beiſtand zu holen.“ „Daran ſoll es nicht fehlen, wenn Ihr es nicht an Baarem fehlen laſſen wollt. Jetzt dürft Ihr Euch über⸗ haupt nicht lumpen laſſen, wo Eure Frau eine ſo reiche Erbſchaft macht.“ „Das iſt wohl noch weit im Felde. Ich habe Euch einen Vorſchlag zu thun: Wollt Ihr ein Paar hundert Thälerchen Riſiko verdienen?“ „Närriſche Frage. Dafür verdient Ihr, ein Paar Jahre Zuchthaus zu bekommen.“ „Um Gottes Willen!“ rief der Schneider erſchrocken. „Mit ſolchen Dingen darf man nicht ſeinen Scherz treiben.“ „Alſo Ernſt, wenn Ihr wollt. Wo es etwas zu 140 verdienen giebt, bin ich immer dabei, nur muß es auf an⸗ ſtändige und rechtliche Weiſe ſein.“ „Verſteht ſich, immer rechtlich und anſtändig!“ be⸗ kräftigte Haſenfritz, indem er ſeine ehrlichſte Miene er⸗ heuchelte.„Habt Ihr je mich Freunden gegenüber anders geſehen?“ „Kommt zur Sache und haltet Euch nicht bei ſolchen Kleinigkeiten auf,“ entgegnete der Aſſeſſor ironiſch.„Wo⸗ mit kann ich Euch dienen und was für ein Geſchäft wollt Ihr mir vorſchlagen?“ „Ihr ſollt ſehen, Aſſeſſor, wie gut ich es mit Euch meine. Ein Anderer an meiner Stelle würde die Geſchichte allein abmachen und den ganzen Profit für ſich nehmen; ich gönne Euch aber die Hälfte für ſo manchen Gefallen, den Ihr mir früher erwieſen habt. Ich bin Euch wirklich vielen Dank ſchuldig.“ „Und den wollt Ihr jetzt aus dem Beutel eines An⸗ dern bezahlen. Ihr macht mich in der That neugierig. Schießt nur los, alter Freund!“ „Es handelt ſich einfach um ein Darlehn, das ein Mann nöthig braucht. Ich könnte ihm das Geld geben, denn ich habe es zu Hauſe liegen; aber es geht nicht. Ich will aus verſchiedenen Gründen bei dem Geſchäft nicht genannt ſein; da habe ich gleich an Euch gedacht. Das 141 wäre ein gefundenes Freſſen. Wie geſagt, ein Paar hun⸗ dert Thälerchen ſind im Handumdrehen gewonnen.“ „Und ohne Riſiko?“ fragte der Aſſeſſor nachdenklich. „Hört, die Sache ſieht mir nicht ganz richtig aus, ſonſt hättet Ihr ſchon mit beiden Händen zugegriffen.“ „Ihr hört ja, daß ich nicht kann; ich brauche einen Dritten dazu und deshalb habe ich mich an Euch gewendet. Wir machen halb Part; ich ſtehe Euch gut dafür, daß Ihr nichts verlieren und mindeſtens Eure dreihundert Thaler verdienen ſollt.“ „Dann habt Ihr bereits eben ſo viele Tauſende und vielleicht noch mehr in Eurer Taſche ſicher. Guter Freund! wir kennen uns; bei mir kommt Ihr nicht ſo leicht an; mir müßt Ihr reinen Wein einſchenken. Heraus mit der Sprache, denn Ihr wißt, daß ich nicht ſo leicht zu fan⸗ gen bin.“ „Aber ich ſchwöre Euch bei Allem, was heilig iſt“— „Spart Eure Schwüre für's Gericht auf, in meiner Praxis gebe ich nichts darauf. Wenn ich das Geſchäft machen ſoll, ſo müßt Ihr haarklein beichten. Ich kaufe nicht die Katze im Sack und wo ich nicht klar ſehe, fange ich nichts an. Ihr habt grade das Geſicht, als wolltet Ihr einen großen Coup gegen Einen ausführen und mich ſcheint Ihr nur zu gebrauchen, um die gebratenen Kaſtanien aus 142 dem Feuer zu holen. Ich habe aber keine Luſt, mir die Hände für einen Andern zu verbrennen.“ „Auch nicht für fünfhundert Thaler?“ fragte der Schneider, der ſich durchſchaut ſah. „Auch nicht für fünfhundert,“ entgegnete der Aſſeſſor immer gemüthlich, immer lachend. „Nun denn, ſo wollen wir achthundert ſagen,“ rief Herr Haſenfritz, in Hitze gerathend. „Nicht für tauſend,“ erwiederte der Aſſeſſor, indem er den Chor aus Robert der Teufel: Ha! das Gold iſt nur Chimäre, vor ſich hinpfiff. „Iſt das erhört!“ jammerte der Schneider.„Tauſend Thaler biete ich und er greift nicht zu.“ „Gebt Euch weiter keine Mühe. Wenn ich nicht die Wahrheit von Euch erfahre, ſo kann aus dem Geſchäft nichts werden.“ „Gut! dann will ich mich an einen Andern wenden, der mit tauſend Freuden darauf eingeht.“ „Das thut Ihr nicht, weil Ihr keinen Andern gleich bei der Hand habt, ſo wie mich, ſonſt hättet Ihr Euch auch nicht ſo viel Mühe mit mir gegeben. Wir kennen uns, nicht wahr? Warum wollt Ihr vor einem alten Freunde den Geheimnißvollen ſpielen?“ „Nun meinetwegen, ich will Euch Alles ſagen, aber ich rechne auf Eure Verſchwiegenheit. Mein Schwager, 143 der Kaſſenbote Bauer, braucht das Geld zur Fortführung ſeines Prozeſſes wegen der Arnold'ſchen Erbſchaft.“ „Ich begreife; Eure verwandtſchaftliche Zärtlichkeit erſtreckt ſich ſo weit, daß Ihr ihm das Geld nur gegen den bei Euch üblichen Zinsfuß vorſtrecken wollt. Den ſchämt Ihr Euch aber zu fordern, auch könnt Ihr, im Fall der Schuldner ſeinen Verpflichtungen nicht nachkommt, doch den Mann Eurer Schmweſter nicht pfänden, oder gar einſperren laſſen. Dazu braucht Ihr einen Dritten und der ſoll ich ſein.“ „Wo denkt Ihr hin?“ antwortete der Schneider mit ſcheinheiliger Miene, innerlich erfreut, ſeinen Helfershelfer hinter das Licht geführt zu haben. „Aber dafür giebt man keine tauſend Thaler,“ fuhr der Aſſeſſor freundlich fort.„Das könnt Ihr billiger haben; folglich hat die Sache noch einen Haken. Ihr wollt dem ehrlichen Schwager die halbe, vielleicht die ganze Erb⸗ ſchaft aus der Hand ſpielen.“ „Wer hat Euch das geſagt?“ fragte Haſenfritz auf⸗ ſpringend. „Ihr ſelber habt Euch verrathen,“ entgegnete der Aſſeſſor mit ſich gleich bleibender Ruhe.„Hättet Ihr mir weniger geboten, ſo wäre ich nicht auf dieſe Vermuthung gekommen. Ein Geſchäftsmann darf nicht hitzig werden. Ihr könnt aber ganz ruhig ſein, wenn Ihr mich zum 144 Compagnon annehmt. Wir wollen das Geſchäft zur Hälfte machen und theilen die Gefahr wie den Gewinn.“ „Das geht nicht.“ „Nicht?“ ſagte der Aſſeſſor.„Das thut mir leid, dann will ich die Sache mit Eurem Schwager allein ab⸗ machen. Ihr bringt mich da auf eine gute Idee. Man kann ihm ja einen Theil, oder die ganze Erbſchaft für ein Billiges abkaufen. Der Mann iſt in Verlegenheit und wird das Gewiſſe dem Ungewiſſen vorziehen. Das iſt auch Eure Abſicht.“ „Ich ſehe ſchon, daß ich vor Euch nichts verbergen kann,“ ſagte der Schneider, indem er ſich ärgerlich auf die Lippen biß.„Man muß ſich mit Euch verhalten; wir wollen uns verſtändigen. Gut! Ihr ſollt das Geſchäft mit mir zuſammen machen. Darauf gebe ich Euch mein Wort.“ „Euer Wort iſt zwar viel werth, aber lange nicht ſo viel, als die von mir geſammelten Kenntniſſe von Euren verſchiedenen Operationen. Sollte ich jemals durch Euch in die Verlegenheit kommen, davon vor Gericht Gebrauch zu machen, ſo wißt Ihr am beſten, was auf derlei Kleinig⸗ keiten, wie Fälſchung und Betrug erfolgt. Die Richter verſtehen keinen Spaß. Ich habe Euch in meinen Händen, aber Ihr nicht mich und das iſt mir lieb.“ Der Aſſeſſor ſtieß dabei ein ſo lautes, gemüthliches 145 Gelächter aus, daß er bei ſeiner Korpulenz faſt zu erſticken drohte, worüber der Schneider keineswegs ſich allzuſehr betrübt hätte. Nichts deſto weniger eilte dieſer ſeinem Freunde zu Hülfe und klopfte ſo tüchtig mit ſeinen Fäuſten auf deſſen Rücken, bis dieſer wieder zu ſich kam. Mit noch vor Lachen thränenden Augen bat ihn Würmle, zu bleiben und eine Flaſche Wein mit ihm auf das Glück ihrer gemeinſchaftlichen Unternehmung zu leeren; was auch in aller Gemüthlichkeit geſchah. Siebentes Capitel. Seit jenem Sonntag und dem Spaziergang nach dem Tivoli, hatte ſich Hannchen mit ihrem Sattler aus⸗ geſöhnt und wieder gezankt und wieder ausgeſöhnt, wie das bei Verliebten öfters zu geſchehen pflegt. An Urſachen für derartige kleine Zwiſtigkeiten mangelte es aber nicht, denn die Eiferſucht des Sattlers fand eine hinlängliche Nahrung in den häufigen Beſuchen des Couſins, der ein faſt täglicher Gaſt in dem Hauſe des Kaſſenboten war und ſich beſonders die Gunſt der Frau Bauer zu erwerben wußte, indem er das alte Sprüchwort befolgte: Wer die Tochter haben will, muß es mit der Mutter halten. Dieſe 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 10 146 hatte ſich vollkommen mit der Familie Haſenfritz in Folge der Erbſchaft ausgeſöhnt und ſtand jetzt in dem beſten Vernehmen mit ihrer Schwägerin. Zwiſchen den beiden Frauen beſtand mit einem Male wieder eine dicke Freund⸗ ſchaft, wie man zu ſagen pflegt; ſie konnten kaum ohne einander einen Tag ſein und hatten ſich fortwährend Mit⸗ theilungen zu machen und mit einander zu ziſcheln und zu verkehren. Bei den Beſuchen im Hauſe des Schwagers lernte die Kaſſenbotin die herrliche Einrichtung und den dort herrſchenden Ueberfluß kennen, aber nicht etwa ober⸗ flächlich, wie ihr Mann, ſondern mit erſchöpfender Gründ⸗ lichkeit. Dafür ſorgte die Haſenfritz, welche ſie vom Keller bis zum Boden herumführte und jedes einzelne Stück be⸗ wundern ließ. Was gab es da für Schätze, von denen ihr bisher gar nichts geträumt hatte, welche ihre gerechte Be⸗ wunderung erregten. Da war ein Silberſchrank, worin in zierlichen Kaſten Dutzende von Löffeln, Gabeln und Meſſern verſchloſſen lagen, ausreichend für mehr als dreißig Perſonen damit zu ſpeiſen; auch fehlte es nicht an Tortenſchiebern, Zuckerſchalen, Salzfäßchen und großen Armleuchtern; Alles von echtem Silber und ſo kunſtvoll gearbeitet, daß ihr die Augen vor Erſtaunen und Entzücken übergingen und ſie die Hände einmal über das andere über dem Kopfe zuſammenſchlug. Da wurde jedes einzelne Stück hervorgelangt, von allen Seiten betrachtet, gewogen 147 und auf Heller und Pfennig abgeſchätzt. Dazu erzählte die Schwägerin etwas weitläufig, wann und wie ſie die Löffel bekommen, daß die ſchweren Leuchter ein Geſchenk ihres Mannes in ihrem Wochenbette ſei, daß die Meſſer und Gabeln aus dieſer oder jener Verlaſſenſchaft her⸗ rührten und wie ein Dieb einmal ſo verrucht geweſen, eine Suppenkelle ihr zu ſtehlen, dafür aber ſchon zwei Jahre im Zuchthaus ſitzen müſſe. Kurz, jedes Stück hatte ſeine abſonderliche und höchſt intereſſante Geſchichte, welche auch eine andächtige Zuhörerin fand. Dann kam der Schmuck, die ſchöne Kette, das Armband mit Demanten beſetzt, die kleine Uhr, nicht größer wie ein Achtgroſchenſtück und mit einem rothen Liebespaar auf blauer Emaille gemalt. Das war zu reizend, zu allerliebſt und es gehörte eine nicht ge⸗ wöhnliche Seelenſtärke dazu, um nicht Neid zu empfinden. Aber was bedeutet das gegen den gefüllten Wäſchſchrank, ſo groß, daß er die halbe Wand einnahm und von oben bis unten war er angefüllt mit dem feinſten Linnen, mit rieſigen Tiſchtüchern, unzähligen Servietten und der zar⸗ teſten Wäſche, weiß wie friſch gefallener Schnee und zart wie Spinnengewebe, immer zu Dutzenden geordnet und jede Abtheilung zierlich mit rothen Bändern geknüpft. Es war, als thäten ſich die Pforten des Paradieſes auf; denn für eine gute Hausfrau giebt es keinen ſchöneren und er⸗ habeneren Anblick in der ganzen Schöpfung. Stellt eine 10* 148 ſolche der herrlichſten Natur gegenüber, zeigt ihr den Unter⸗ gang der Sonne, das Glühen der Alpen, die Herrlichkeit des Meeres, den Zauber der Tropengegenden, Raphael's Madonnen, Tizian's Venus, die erhabenſten Denkmäler und Bauwerke des Alterthums; ſie wird nicht aus der Faſſung kommen, aber einem gefüllten Wäſchſpind gegen⸗ über von einem ſinnberückenden Schwindel ergriffen wer⸗ den. Die Schlange im Paradieſe hätte mit Eva ein viel leichteres Spiel gehabt, wenn ſie ihr ſtatt des verbotenen Apfels einen vollen Wäſchſpind gezeigt und vielleicht noch einige Roben und Shawls dazu gelegt hätte. Auch die Garderobe mußte noch die Muſterung paſſiren, die ſeidenen und abgepaßten Kleider, die Sammetmäntel mit und ohne Stickerei, die Hüte und Hauben nach dem neueſten Mode⸗ journal gearbeitet; denn Herr Haſenfritz liebte es, wenn ſeine Frau großen Staat machte, nicht, weil er ſie darum ſchöner fand, oder ihr gern eine Freude machte, ſondern um ſeinen Reichthum zur Schau zu tragen und damit zu prahlen. Wozu hat man denn das Geld, pflegte er zu ſagen, wenn man es nicht zeigt.— Alſo zeigte auch ſeine würdige Gattin der Schwägerin Alles, was ſie beſaß und es war gewiß keine geringe Probe, auf welche Frau Bauer geſtellt wurde, denn nur ein Dritttheil der vorhandenen Herrlichkeit und Pracht hätte genügt, die innigſten Freun⸗ dinnen für immer zu verfeinden, da eine Frau Alles ver⸗ 149 zeiht, nur nicht, daß eine andere feineres Linnen, ſchönere Kleider, Hüte und Schmuckſachen beſitzt. Nachdem aber einmal eine weibliche Freundſchaft eine ſolche Feuerprobe überſtanden hat, dann iſt ſie gewiß unzerſtörbar und von ewiger Dauer. Wenn ja noch ein Tröpfchen giftigen Neides in der Seele des Gaſtes zurückblieb, ſo war der auf dieſe Schauſtellung folgende Kaffee ganz geeignet, den⸗ ſelben fortzuſpülen. War das aber auch ein Kaffee, kein ſolch dünnes Getränk wie im Hauſe des Kaſſenboten, nein, jeder Zoll ein König, zu jeder Taſſe war ein Loth genom⸗ men; ſo ſtark und aromatiſch duftete er, daß ſchon der bloße Geruch Einen berauſchen und entzücken mußte. Und dieſe Sahne, ſo dick, daß man ſie ſchneiden konnte; dazu der beſte Kuchen aus der erſten Conditorei der Reſidenz; freilich der ſchmeckte anders wie die trocknen Dreierſem⸗ meln vom Bäcker. Den Frauen ging das Herz dabei auf, grade wie den Männern beim Glaſe Wein und es fehlte nicht viel, ſo hätten ſie mit den vergoldeten Taſſen ange⸗ ſtoßen und einander ewige Liebe und Freundſchaft ge⸗ ſchworen, die mitunter grade ſo lange dauern, wie der Weindunſt und der Kaffeegeruch.— Die Unterhaltung zwiſchen den Beiden war ſehr lebhaft im Gange, denn der Kaffee ſoll auf Weiberzungen grade ſo wirken, wie das Waſſer auf ein Mühlrad, das bei gehörigem Zufluß nie⸗ mals in's Stocken kommt. Wie dieſes, drehte ſich aber 150 auch das Geſpräch im gewohnten Kreiſe der ſchlechten Dienſtboten, der theuren Lebensmittel, der Nachbarn und der eigenen Familie herum. „Ja, ja!“ ſagte Frau Bauer zu ihrer Schwägerin. „Du kannſt lachen, Du haſt es gut; brruchft Dich nicht zu ſchinden und zu plagen, ſo wie ich.“ „Nun, lange wird es nicht währen und Du wirſt es auch haben können, wie Du willſt. Der Prozeß kann nicht ewig dauern und dann haſt Du, was das Herz begehrt.“ „Das iſt ſchon wahr, aber bis wir ſo weit halten, wird es noch manchen ſauren Tropfen Schweiß koſten. Vorläufig müſſen wir uns mit Mühe und Noth durch⸗ bringen; mein Alter weiß nicht, wo ihm der Kopf ſteht und wenn es nach ihm ginge, ſo würde er ſchon längſt ab⸗ geſprungen ſein und die Erbſchaft gelaſſen haben. Das gebe ich aber nicht zu; davor bin ich Mutter.“ „Haſt Recht, das ſind wir unſern Kindern ſchuldig. Du beſonders, wo Du ſechs Stück zu verſorgen haſt, uns macht der Eine ſchon genug zu ſchaffen.“ „Bisher habe ich die Sechs noch nicht geſpürt; ſie waren immer gut und fleißig, haben uns Freude gemacht und mehr eingebracht, als gekoſtet. Jetzt aber wollen ſie auch nicht mehr ſo recht pariren; ſie werden größer und auch wilder und unbändiger mit jedem Tage. Der Aelteſte möchte ſchon den Herrn ſpielen; er läuft bis zum ſpäten 151 Abend herum. Neulich hat ihn mein Alter getroffen, wie er ſich eine Cigarre grade anrauchen wollte. Du kannſt Dir denken, was es da für einen Skandal gegeben hat.“ „Davon weiß ich auch ein Lied zu ſingen. Unſer Auguſt macht uns auch zu ſchaffen. Alle Tage giebt es zwiſchen ihm und meinem Mann etwas und ich habe alle Hände voll zu thun, um nur im Hauſe den Frieden zu erhalten. Am beſten wird es ſein, wenn der Junge eine vernünftige Frau bekommt, die wird ihm ſchon den Kopf zurecht ſetzen.“ 1 „Nun, daran kann es ihm nicht fehlen. Mädchen giebt es wie Heu, man kann die Elbe damit zuſtopfen.“ „Das wohl, aber unſer Auguſt nimmt nicht gleich die erſte beſte; er iſt zu wähleriſch. Die beſten Partieen konnte er ſchon machen, ſchöne Mädchen mit vielem Gelde; aber er wollte nicht. Da muß ſchon'was Appartes ſein, etwas ganz Abſonderliches. Ich wüßte ſchon Eine, die er gern nehmen thät und die mir auch als Schwiegertochter anſtände; aber die Sache hat noch einen Haken.“ „Laß hören,“ antwortete die Kaſſenbotin, welche, wie die meiſten Frauen, nichts lieber hörte, als vom Hei⸗ rathen und nichts lieber that, als Ehen ſtiften.„Vielleicht ban ich Dir einen guten Rath geben, oder ſonſt Dir elfen.“ „Freilich könnteſt Du das am beſten, wenn Du nur wollteſt; denn unſer Auguſt hat ſich in Dein Hannchen verſchoſſen; er iſt verliebt bis über die Ohren.“ Ueber dieſe unerwartete Mittheilung erſchrak die gute Frau ſo heftig, daß ſie faſt die ſchöne Mundtaſſe zu Boden geworfen hätte. Das hatte ſie ſich nicht träumen laſſen, daß der einzige Sohn des reichen Schwagers ſich in ihre Tochter verlieben, daß die einſt ſo hochmüthige Schwägerin ſich ſo tief herablaſſen würde, bei ihr um Hannchen's Hand zu werben. Das war zu viel, ein Triumph, weit größer, als ihn Frau Haſenfritz vorher mit ihrem Leinwandſchrank gefeiert hatte. „Alſo mein Hannchen will Dein Auguſt haben?“ fragte ſie noch einmal, um ſich zu überzeugen, ob ſie auch recht gehört hatte. „Das Mädchen hat dem Jungen den Kopf verdreht; er hat es mir ſelber geſagt. Du kannſt Dir gar nicht denken, wie ich mich gefreut habe; denn was könnte uns Angenehmeres paſſiren, als wenn unſere Kinder ſich hei⸗ rathen und unſer Geld einmal nicht an fremde Schwieger⸗ töchter und Söhne kommt.“ „Freilich, freilich!“ pflichtete die Kaſſenbotin bei. „Mir wäre es gewiß ſehr lieb, wenn das Mädchen nur nicht ſchon eine Liebſchaft mit dem Sattler hätte. Ich fürchte, daß ſie von dem nicht wieder abläßt.“ „Biſt Du nicht die Mutter? Du haſt doch auch ein 153 Wort mit drein zu ſprechen. Wenn Du ihr nur gehörig zuredeſt, ſo giebt ſie doch vielleicht noch nach. Mein Auguſt iſt doch mehr werth, wie ſo ein hergelaufener Ge⸗ ſelle, der nichts iſt, nichts hat, nicht einmal Bildung. Wie lange dauert's noch, ehe der einmal Meiſter wird; darüber kann das Mädchen eine alte Jungfer werden und einen grauen Zopf bekommen.“ So gab ein Wort das andere und eine Taſſe Kaffee folgte ebenfalls auf die andere und als Frau Bauer von ihrer Schwägerin endlich Abſchied nahm, da war die Sache ſchon ſo gut wie abgemacht, daß Hannchen den Sattler fahren laſſen und den Couſin heirathen ſolle. Die beiden Verbündeten ſchloſſen mit einander einen Offenſiv⸗ und Defenſiv⸗Vertrag, worin ſie ſich zur Erreichung dieſes Zweckes feierlich verpflichteten, alle ihnen zu Gebote ſtehen⸗ den Mittel anzuwenden, alle Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, um ſchließlich aus ihren Kindern ein Paar zu machen. Zu dieſem Behufe hatte Frau Bauer noch an demſelben Abend mit ihrer Tochter ein längeres Zwie⸗ geſpräch, welches dem armen Mädchen viele heiße Thrä⸗ nen koſtete und keineswegs von ihr ſo gut aufgenommen wurde, wie die Mutter hoffte. Da gab es Reden und Gegenreden, Bitten und Drohungen, Schreien und Schluch⸗ zen; der häusliche Friede litt darunter und das Familien⸗ glück erhielt einen tüchtigen Stoß. 154 „Du wirſt und ſollſt den Couſin nehmen,“ ſchrie Frau Bauer mit hochrothem Geſicht. „Und ehe ich das thue, lieber ſtürze ich mich in's Waſſer,“ rief Hannchen mit trotziger Entſchloſſenheit. Damit endeten für heute die Unterhandlungen, aber die Mutter gab darum ihren Lieblingsplan nicht auf und es gelang ihr auch, den Mann dafür zu gewinnen in einer geheimen Conferenz, welche die Ehegatten gewöhnlich vor dem Schlafengehen zu haben pflegten, wenn die Kinder alle bereits im Bette lagen. Dann entwickelte Frau Bauer einen hohen Grad von eindringlicher Beredtſamkeit, die ſchon darum ihren Eindruck nicht verfehlte, weil der Kaſſen⸗ bote gewöhnlich im Voraus mit den Anſichten und Be⸗ ſchlüſſen ſeiner Gemahlin einverſtanden war, beſonders in allen inneren, häuslichen Angelegenheiten und wo es ſich um die Kinder und deren Verhältniſſe handelte. Dies war in der letzten Zeit noch weit mehr als früher der Fall, da er durch den Erbſchaftsprozeß ausſchließlich in Anſpruch genommen wurde und ſich wenig oder gar nicht mehr um Dinge kümmerte, welche damit nichts zu thun hatten. Es fiel ihm daher gar nicht ſo ſchwer, wie ſie es ſich gedacht hatte, ihn für ihre Pläne zu gewinnen, obwohl er gegen den Sattler und deſſen Bewerbungen nichts einzuwenden hatte. Die beſſere Anſicht, die er von dem Charakter des Schwagers gefaßt und ſeine Erkenntlichkeit für denſelben 15⁵ machten ihn für das Projekt ſeiner Frau nur deſto zu⸗ gänglicher. Hannchen's Einreden und ihr Schmerz kamen nicht in Betracht, denn von den Kindern forderte der Alte einen unbedingten Gehorſam; jede Widerrede gegen ſeinen Willen und Beſchluß galt in ſeinen Augen als Empörung. So ſah ſich das arme Mädchen verlaſſen, ohne Hülfe, ohne Stütze, denn ihr Geliebter durfte oder konnte viel⸗ mehr nicht in's Haus kommen, ſeitdem ihm ihre Eltern mit zwar ſchonenden, aber doch klaren Worten angezeigt hatten, daß er beſſer thäte fortzubleiben, da ihre Tochter für den Couſin beſtimmt ſei und dieſer bereits ihr Jawort habe. Dieſe Nachricht war für den Sattler ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel, eher hätte er den Untergang der Welt erwartet; er raſte und wüthete und es fehlte nicht viel, daß er ſich gleich das Leben genommen hätte. Das war ein trauriger Abend in der Familie des Kaſſenboten, als Guſtav nach dieſer Erklärung von Hannchen Abſchied nahm. Hätte Vater Bauer davon Zeuge ſein können, wer weiß, ob er ſich nicht eines Beſſeren beſonnen hätte; aber ſo war er wieder zum Advokaten gegangen, um mit dem zum fünfzigſten oder hundertſten Male Rückſprache zu nehmen, vielleicht ging er auch nur, um die ſchmerzliche Scene zu vermeiden, denn er hatte im Grunde ſeines Herzens den guten Burſchen weit lieber, als den blaſirten Haſenfritz junior, der immer ſo hochmüthig auf alle Welt 156 herabſchaute, als wollte er ſagen:„Blaſt mir den Staub weg!“— Der Sattler traf alſo den Kaſſenboten nicht an, aber dafür die Frau, welche ſich vorgenommen hatte, ihm heute reinen Wein einzuſchenken und ein und für alle Mal der Geſchichte, wie ſie ſich ausdrückte, ein Ende zu machen. Er war die ganze Woche nicht dageweſen, weil er von der Arbeit nicht abkommen konnte; ſomit hatte er auch keine Ahnung von der ihn betreffenden Angelegenheit. Freund⸗ lich, wie immer, trat er ein und grüßte mit lauter Stimme, aber kein ähnlicher Gegengruß ſchallte ihm wie früher zu; ſonſt pflegte die Alte ihm von ihrem Stuhle herzlich zuzunicken und Hannchen ihm entgegenzuhüpfen; heute blieben ſie Beide wie feſt gebannt auf ihren Plätzen, die Mutter wendete ſich verlegen ab, weil ſie nicht den Muth fühlte, ſeine treuen Blicke auszuhalten und Hannchen wollte an ihm vorüberſchlüpfen mit vorgehaltenen Händen, um ihre hervorſtürzenden Thränen zu verbergen. „Um Gottes Willen, was iſt hier vorgegangen?“ fragte er erſchrocken.„Es iſt doch kein Unglück geſchehen?“ Niemand antwortete ihm; es herrſchte eine lange Pauſe, welche nur durch das Schluchzen des Mädchens unterbrochen wurde. Er hatte ihre Hand gefaßt, um ſie zurückzuhalten; innig bat und beſchwor er ſie, ihm Aus⸗ kunft zu ertheilen, wegen dieſes räthſelhaften Benehmens; aber ſie vermochte kein Wort hervorzubringen. 157 „Hannchen!“ flehte er.„Gieb Antwort, was iſt paſſirt? Du ſiehſt, daß ich es vor Ungewißheit nicht länger aushalten kann. Was auch geſchehen ſein mag, verberge mir nichts.“ Je mehr er in ſie drang, deſto reichlicher nur floſſen ihre Thränen, ihre Lippen blieben jedoch krampfhaft ver⸗ ſchloſſen. Nur ihr gebrochenes Auge ruhte auf ihm mit einem Ausdrucke unverkennbarer Betrübniß. „So reden Sie, Mutter,“ bat er, zu Frau Bauer gewendet.„Löſen Sie mir dies Räthſel, daß ich nicht begreifen kann. Was iſt mit Hannchen geſchehen?“ „Nun einmal,“ ſagte die Kaſſenbotin mit nieder⸗ geſchlagenen Augen,„mußt Du es doch erfahren; immer beſſer von uns als von fremden Leuten. Hannchen wird ſich mit ihrem Couſin verloben.“ Es war ihm bei dieſer unverhofften Nachricht als hätte er einen Schlag mit der Axt oder dem Hammer vor den Kopf bekommen; vor ſeinen Augen wurde es plötzlich dunkel, ſeine rothen Wangen waren mit einem Male bleicher wie die Wand. So ſtark er ſonſt war, er mußte ſich an der Tiſchecke feſt halten, ſonſt wäre er umgefallen; krampfhaft griff er danach und drückte ſo mächtig, daß man die Decke krachen hörte. Die Zähne klapperten an einander und er knirſchte mit ihnen, krampfhaft ſie zuſam⸗ menbeißend, als würde er von heftigem Fieberfroſt ge⸗ 158 ſchüttelt. Er wollte aufſchreien, aber die Kehle war ihm zuſammengeſchnürt; nur ein heiſeres, häßliches Lachen klang hohl und ſchauerlich aus ſeiner Bruſt. b „Guſtav!“ rief das Mädchen, entſetzt vor ſeinem An⸗ blick.„Komm zu Dir; ermanne Dich!““ Er ſah ſie mit ſtieren, aufgeriſſenen Augen an, wie ein Menſch, der unerwartet aus einem entſetzlichen Traum erwacht und noch nicht ſeine Beſinnung wieder erhalten hat. Das war zu viel und ſchnitt Hannchen tief in's Herz. Hätte ſie die Mutter in dieſem Augenblick auch zerriſſen, ſie wäre nicht von ihm gewichen. Mit einem Jammer⸗ ſchrei umſchlang ſie ihn und barg ihr in Thränen ge⸗ badetes Geſicht an ſeine Bruſt. Ihr ſtilles Weinen brachte ihn zum Bewußtſein und allmälig kehrte ſeine Beſinnung wieder zurück. Langſam ſtrich er mit der Hand über ihre Haare, als wollte er ſich überzeugen, daß ſie es wirklich ſei; dann zog er ſie feſt und feſter an ſein Herz, ſich trotzig umſchauend, gleichſam die Welt herausfordernd, ihm die Geliebte zu rauben, wenn ſie den Muth dazu hätte. Sein Blick war wie der des Löwen, der dem Jäger droht, wenn er ihm ſein Junges nehmen will; es mußte etwas Furcht einflößendes in ſeinen funkelnden Augen liegen, denn Frau Bauer wagte nicht die Liebenden zu trennen und ihre Tochter aus ſeinen Armen zu reißen. Hannchen ſelbſt aber wand ſich allmälig aus ſeiner Umſchlingung, bleich 159 wie der Tod, mit erloſchenen Blicken und gebrochener Geſtalt. „Laß mich!“ bat ſie ihn mit ſanfter Stimme und ihn ſchwach abwehrend, als er ſie zurückhalten wollte.„Du haſt ja gehört, was die Mutter geſagt hat.“— „Ich kann es nicht glauben,“ jammerte er mit ge⸗ rungenen Händen.„O Hannchen! das hab' ich nicht verdient.“ Die Mutter winkte ihr und ſie ging gehorſam in die Nebenſtube, wo ſie ungeſtört ihren Thränen freien Lauf ließ, während Frau Bauer dem Sattler die nöthigen Vor⸗ ſtellungen machte. Er hörte ihr in dumpfer Betäubung zu und weil er kein Wort erwiederte, hielt ſie ihn voll⸗ kommen von ihren vernünftigen Gründen überzeugt. Der Sturm, der verſchloſſen in ſeinem Innern tobte, den konnte ſie freilich nicht ſehn und darum nahm ſie ſeine Ruhe für natürlich und wahr, obgleich dieſelbe nur das Brüten der Verzweiflung ſchien. „Es iſt gut,“ murmelte er, ſtarr ſie anblickend.„Ich bin ja mit Allem zufrieden.“ „Das freut mich und wird auch Hannchen freuen,“ antwortete ſie gutmüthig und wirklich froh, daß er ſich die Trennung, wie ſie meinte, nicht allzuſehr zu Herzen nahm. „Weil Du aber ſo vernünftig biſt,“ fügte ſie hinzu,„ſo .160 ſollſt Du auch von ihr Abſchied nehmen; ich ſelber will ſie rufen!“ Sie ging in die Kammer, um die Tochter zu holen, wobei Sie ihr zur Beruhigung mittheilte, daß der Guſtav ſich wohl mit der Zeit über ihren Verluſt leichter tröſten würde, als ſie es gedacht. Freilich irrte ſie darin, aber was man gern hört und ſich wünſcht, das glaubt man auch gern und überredet ſich ſelber und Andere leicht. „Komm nur,“ ſagte ſie zu dem Mädchen.„Er iſt ganz ruhig und Du brauchſt Dich nicht zu fürchten. Wenn ein Jahr um iſt, ſo hat er Dich vergeſſen und nimmt eine Andere. So ſind jetzt die jungen Leute, wie der Wind. Heute Die und morgen Jene.“ Hannchen antwortete nicht; ſie ſchüttelte nur mit dem Kopf, denn ſie wußte es beſſer und verſtand ſich weit mehr auf die Phyſiognomie des Geliebten als die Mutter, deren Augen durch die Zeit ſehr ſtumpf geworden waren und die längſt vergeſſen oder nie gewußt hatte, wie weh das Scheiden thut. Ein Blick in das todtenbleiche Geſicht des Sattlers ſagte ihr, daß er eher ſein Leben als ſeine Liebe laſſen würde. In ſeinen Augen dämmerte eine furchtbare Verzweiflung, jener ſtumme Jammer, der weit ſchrecklicher iſt, als das laute Toben des Schmerzes. Sie hätte ihn lieber raſen und wüthen geſehn, als ſo ſtumm vor ſich hin⸗ brüten. Noch einmal gab ſie ihm die Hand und das Herz 161 wollte ihr faſt brechen, wie er ſie jetzt ſo kalt hinnahm und bald wieder fahren ließ. „Ich wünſche Dir Alles Glück!“ ſagte er mit tonloſer Stimme. Zwar klang es wie Spott, aber es war nicht ſo ge⸗ meint; er ſprach nur ſo vor ſich hin, weil er doch ihr etwas ſagen wollte und ihm die alte Redensart grade in den Mund gekommen war. Dann drehte er ſich um und ſuchte ſeine Mütze, welche vor ihm auf dem Tiſche lag. Er konnte ſie nicht finden, und Frau Bauer war ſo freundlich, ſie ihm in die Hand zu drücken, damit er ſchneller fort⸗ komme. Er wäre auch ohne ſie und mit bloßem Kopfe fort⸗ gegangen, ſo wenig achtete er auf Alles, was ihn betraf. Mechaniſch dankte er und ebenſo nahm er Abſchied, als wenn es keine Trennung für das Leben ſei, als würde er morgen ſchon wiederkehren. Das that Hannchen am meiſten weh und nur mit Mühe und Noth hielt ſie die Thränen zurück; welche ſie in Gegenwart der Mutter unter⸗ drücken mußte. Als er aber, ohne ſich nur noch einmal nach ihr um⸗ zuſehn, durch die Thür verſchwunden war, da brach ihre mühſam errungene Faſſung zuſammen. „Er wird ſich ein Leids thun,“ ſchrie ſie laut und machte Miene ihm nachzuſtürzen. Die Mutter aber faßte ſie am Arm und hielt 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 11 162 ſie mit Gewalt und ernſtem Zureden zurück, indem ſie ihre thörichten Befürchtungen verſpottete.. „Der ſieht mir nicht aus, als ob er ſich Deinetwegen das Leben nimmt. Da kenn' ich die Mannsperſonen beſſer. In acht Tagen hängt er ſich aber an eine Andere. Ich will dem Guſtav nichts Böſes nachſagen, denn er iſt ein anſtändiger und ſolider Menſch und ich hab' auch gar nichts gegen ihn, nur daß er nicht mehr zu uns paßt. Wenn Du Dir aber einbildeſt, daß er beſſer iſt wie die Andern, da biſt Du auf dem Holzwege. Er wird ſich auch nicht den Kopf abbeißen und wenn Du es nicht ſein kannſt, ſo wird er ſich tröſten und eine Andere nehmen.“ „Eher glaub' ich, daß der Himmeel einfällt,“ ant⸗ wortete Hannchen, den abweſenden Geliebten in Schutz nehmend, indem ſie ihren Schmerz faſt über ſeine Ver⸗ theidigung vergaß. „Der Himmel wird nicht einfallen,“ eiferte die Mutter, „und der Guſtav wird in Jahr und Tag Dich vergeſſen haben, ſo wie Du ihn. Das iſt einmal der Lauf der Welt.“ Damit ging Frau Bauer und überließ die Tochter ihrem Schmerz und ihren Thränen, die jetzt ungehindert floſſen. Aber Hannchen war keine jener ſchlaffen Naturen, welche das Leid geduldig ertragen und die Hände ruhig in den Schoos legen; unter einem ſanften Aeußeren verbarg 163 ſie eine trotzige Entſchloſſenheit, eine feſte Willenskraft. Sie wollte dem Sattler einen Beweis ihrer Liebe geben, ihm zeigen, daß ſie nur aus Gehorſam gegen ihre Eltern ſo gehandelt habe. Daher lag ihr Alles daran, ihn noch einmal zu ſehn und zu ſprechen, nicht in Gegenwart der Mutter, ſondern allein, ohne Zeugen, um ihm ihre Unſchuld darzuthun. Wie ſie aber das Bedürfniß fühlte, ſich vor ihm zu reinigen, ſo erwartete ſie von ſeiner Seite irgend einen kühnen Vorſchlag, eine That, welche allen Leiden ein Ende machen ſollte. Sie war mit Allem zufrieden und wollte ihm bis an's Ende der Welt, bis in die Ewigkeit folgen, wenn er es von ihr verlange. Das beſchloß ſie ihm zu ſchreiben und heimlich den Brief ihm zukommen zu laſſen. Mit dieſem Vorſatz aber war auch wieder ihre Ruhe zurückgekehrt und Frau Bauer konnte ſich gar nicht genug über den Leichtſinn der jungen Welt wundern, die jetzt vor Verzweiflung ſterben will und im nächſten Augenblick ſchon wieder ſcherzen und lachen kann. Hannchen aber ſchrieb in ſtiller Nacht, als Alles ſchlief, den Brief an ihren Sattler und trug ihn, bevor der Morgen graute, nach dem nächſten Briefkaſten, ſcheu ſich umblickend, damit ſie nicht bemerkt würde.— 11* 164 Achtes Capitel. Der Kaſſenbote hatte von der ganzen Angelegenheit grade ſo viel erfahren, als er zu wiſſen brauchte; auch kümmerte er ſich nicht allzuviel um die Herzensangelegen⸗ heiten der Tochter, da er ohnehin den Kopf voll Sorgen trug. Durch die Vermittlung des Schwagers erhielt er das nöthige Geld zur Fortführung des Prozeſſes von dem Aſſeſſor ausgezahlt, wogegen er einige Wechſel auf ziemlich kurze Friſt ausſtellte. Wegen den möglichen Folgen be⸗ ruhigte ihn Haſenfritz, indem er auf die baldige günſtige Beendigung des Prozeſſes hinwies. Leider aber lies die⸗ ſelbe noch immer warten und vergrößerte ſich über die Ge⸗ bühr, da es ihm noch immer nicht gelingen wollte, die von dem Gericht geforderten Dokumente trotz aller Bemühung aufzutreiben. Einſtweilen aber brachte das erhaltene Geld eine vollkommene Revolution in ſeinem Hausweſen hervor. Frau Bauer legte auf einen Theil deſſelben Beſchlag, um es für durchaus nöthige Bedürfniſſe, wie ſie ihm mit großer Beredtſamkeit auseinanderſetzte, zu ver⸗ wenden. Mit einem Male wußte ſie ihn zu überzeugen, daß ihre bisherige Wohnung viel zu klein für ihre große Familie ſei, obgleich ihm das früher nie ſo aufgefallen war. Eng und beſchränkt waren freilich die alten Stuben, 165 aber auch traulich und gemüthlich; er hatte ſich darin weit glücklicher befunden, als in den neuen, großen Räumen. So ein Umzug iſt aber immer mit großen Koſten ver⸗ bunden, weil das Eine das Andere nach ſich zieht; die alten Stühle und Tiſche, Schränke und Bettſtellen mußten fort zum Trödler wandern; ſie ächzten und ſtöhnten, knarrten und kreiſchten, als man ſie mit Gewalt von ihren früheren Plätzen rückte und forttrug. Der braune Sorgen⸗ ſtuhl, in dem er ſo oft geſeſſen, machte ordentlich ein be⸗ trübtes Geſicht und wenn der Kaſſenbote nur darauf gehört hätte, ſo würde er eine förmliche Abſchiedsrede von dem bejahrten Freunde vernommen haben, dem er ſo manchen geheimen Gedanken anvertraut, mit und auf dem er ſo viele frohe Stunden im Kreiſe der Seinigen verlebt hatte. Dafür kamen nun lauter friſche Möbel aus dem Magazin, an die man ſich erſt gewöhnen mußte und die keineswegs ſo ſolide und gediegen waren, ſondern junges, leichtſinniges Volk, das bald Riſſe und Sprünge machte, zwar von vornehmem und gefälligem Aeußern, aber inner⸗ lich ohne Kern und Kraft; Stühle, von denen man immer herunterrutſchte, ein Sopha, auf dem man ſich nicht ſtrecken konnte und Mahagoniſchränke, die nicht ſchließen wollten; Alles mehr für's Anſehen und zum Staat als für den Ge⸗ brauch und die Bequemlichkeit gemacht. Die Frau Schwä⸗ gerin hatte die ganze Einrichtung mit ausſuchen helfen 166 und ſchon dafür geſorgt, daß dieſelbe recht nobel und modern ausfiel, wobei nicht auf den Preis geſehen werden durfte. Das koſtete ein ſchweres Geld und doch war Vater Bauer nicht halb ſo zufrieden damit, wie mit ſeinem alten Gerümpel, in dem er ſich weit behaglicher fühlte. Er kam ſch in ſeiner eigenen Wirthſchaft wie ein Fremder vor und glaubte immer, nicht bei ſich zu Hauſe zu ſein. Unwillkürlich ging er öfters in Gedanken bis zu ſeiner alten Wohnung; dort aber blieb er vor der Thüre ſtehen; denn es fil ihm ein, daß er nichts mehr da zu ſuchen habe; dann ſtieß er einen tiefen Seufzer aus und kehrte wieder um. Weit leichter fand ſich ſeine Frau in dieſe neuen Verhältniſſe, denn ſie liebte, wie viele Weiber, die äußere Pracht und den Luxus. Das Feilſchen und Kaufen, Einrichten und Anſtellen machte ihr auch viel Vergnügen und wenn ſie ſo den ganzen Tag von einem Laden in den andern ziehn und mit der Schwägerin herumlaufen konnte, ſo war ſie über und über ſelig. „Jetzt,“ ſagte ſie mit einem zufriedenen Blick auf ihre Umgebung,„wohnen wir doch wie vernünftige Menſchen und können uns vor den Leuten ſehn laſſen. Wir brauchen uns nicht zu ſchämen, wenn einmal ein Beſuch kommt.“ Dagegen ließ ſich nichts einwenden und der Kaſſen⸗ bote ſtimmte ihr ſtillſchweigend bei, obgleich er in ſeinem 167 Herzen anderer Meinung war, aber er wollte ſeiner Alten nicht die Freude verderben. Ihr Geſchäft als Wäſcherin hatte ſie auch aufgegeben, nicht aus Bequemlichkeit, ſondern weil ſie keine Zeit mehr fand und es ſich auch nicht mehr ſchicken wollte, für andere Leute zu arbeiten, in der Aus⸗ ſicht auf eine ſo große Erbſchaft. Das hätten auch die ſtolzen Verwandten nicht gelitten und Herr Auguſt Haſen⸗ fritz hätte ſich bedankt, die Tochter einer Wäſcherin zum Weibe zu nehmen. Der Kaſſenbote verwandelte ſich in einen Rentier und ſeine Frau wurde eine Rentiere, die keine Hand mehr rühren durfte. Ebenfalls auf den Rath der Schwägerin wurde ihre Garderobe ihrem neuen Stande angemeſſen umgewandelt, neue und modiſche Kleider, Hauben und Hüte angeſchafft, ſelbſt ein Pariſer Steifrock durfte nicht fehlen, worüber der Mann große Augen machte, weil er in dem ungeheueren Umfange ſeine gute und beſcheidene Alte faſt nicht wieder erkannte. Die Kaufleute, bei denen ſie dieſe Einkäufe machte, waren lauter liebe und charmante Leute, gar nicht intereſſirt und eigennützig. Was nicht bezahlt wurde, ſchrieben ſie auf Rechnung, weil Frau Haſenfritz ihnen im Vertrauen mittheilte, daß die Schwägerin die reiche Arnold'ſche Erb⸗ ſchaft nächſtens ausgezahlt erhalten würde. Die ganze Stadt aber wußte um den Prozeß, und wie gewöhnlich wurde das zu erwartende Vermögen unih bei Weitem über⸗ 168 trieben. Einem zukünftigen Millionair aber giebt jeder Menſch, und beſonders jeder Kaufmann, gern Kredit, da er auf die fernere Kundſchaft rechnet. Wenn daher Frau Bauer, wie ſie es nicht anders kannte und von früher ge⸗ wohnt war, den Beutel vorziehen wollte, um die Rechnung zu berichtigen, da wehrten ſich die Leute förmlich, das Geld zu nehmen und machten ſich eine große Ehre daraus, ihr zu borgen. Ueberhaupt hat man gar keinen Begriff, wie leichtſinnig und leichtgläubig die Kaufleute in der Reſidenz in dieſer Beziehung ſind, wenn ihnen nur die geringſte Sicherheit oder Ausſicht geboten wird. Kredit i*ſt der Zauber, mit dem ſie die Kunden locken, die Menge an ſich ziehen und den immer mehr überhand nehmenden Luxus unterſtützen. Dadurch aber laſſen ſich gar Viele verführen und geben weit über ihre Kräfte aus, machen Schulden und ruiniren ſich, weil ſie nicht an's Bezahlen denken. Man beſinnt ſich wohl, ehe man einen baaren Thaler ausgiebt, aber ein Paar Thaler, die in's Buch geſchrieben werden, machen Einem keine Sorge, bis das Neujahr kommt und mit ihm die Rechnungen, denen bald der ungeſtüme Mahner und der Exekutor folgt. So ging es auch der Kaſſenbotin; ſie wurde mit Anerbietungen beſtürmt, die Kaufleute drängten ihr die Waaren förmlich auf, überhäuften ſie mit Artigkeiten, Adreſſen, Karten und Empfehlungen, das Alles in der Vorausſetzung der 169 großen Erbſchaft, welche noch im weiten Felde lag. Es gehörte aber, dem zu widerſtehen, eine feſtere Willenskraft und ein ſtärkerer Charakter als die gute Frau beſaß und wenn ja noch ein Bedenken in ihrer Seele aufſtieg, ſo war die Schwägerin gleich bei der Hand, um daſſelbe zu verſcheuchen. Wie aber die Alten brummen, ſo pflegen die Jungen zu ſummen. Das gute, alte Sprüchwort bewährte ſich auch in der Familie des Kaſſenboten. Der Vater hatte Anderes zu thun, als ſich um die Kinder zu kümmern und dieſe geriethen ohne Aufſicht außer Rand und Band. Sie hatten ebenfalls von der Erbſchaft gehört, denn die Sache konnte doch nicht vor ihnen verſchwiegen bleiben. Die dadurch veränderten Verhältniſſe wirkten auch auf ſie⸗ zurück; ſie wollten nicht mehr in derſelben Weiſe, wie früher, leben und arbeiten. Die kleinen Nebenverdienſte behielten ſie für ſich und verwendeten ſie zu allerlei Aus⸗ gaben, Näſchereien und Spielzeug, da die ehemalige, ſtren⸗ gere Kontrole fehlte. Beſonders entwickelte der Aelteſte, welcher bisher das Lackiren von Blech⸗ und anderen Waaren betrieben hatte, einen entſchiedenen Hang zum Geldaus⸗ geben und Verſchwenden, worin er durch das Beiſpiel des Herrn Haſenfritz junior beſtärkt wurde. Dieſem machte es Vergnügen, den heranwachſenden Jungen mit allerlei verbotenen Genüſſen bekannt zu machen; er lehrte ihn 170 Cigarren rauchen, Bier trinken und Billard ſpielen. Der hoffnungsvolle Zögling trat bald in die Fußſtapfen ſeines Lehrers und ließ ſich nicht einmal von den Uebelkeiten abſchrecken, durch welche ſeine noch unverdorbene Natur gegen die erſten Verſuche im Tabakrauchen und ähnlichen Studien proteſtirte. Kam einmal der Kaſſenbote durch Zufall dahinter, ſo gab es einen furchtbaren Auftritt, von Schlägen und Heulen begleitet, wogegen ſich der Sohn im Gefühle ſeiner Berechtigung auflehnte. Das böſe Bei⸗ ſpiel wirkte auf die übrigen Geſchwiſter zurück, ſo daß es nicht an häuslichem Zwiſte und fortwährenden, unange⸗ nehmen Scenen fehlen konnte. Dem alten Bauer wurde dadurch der Aufenthalt in ſeinem eigenen Hauſe verleidet, er ſuchte ſich ebenfalls außer demſelben zu zerſtreuen und ließ ſich öfterer an öffentlichen Orten ſehen, welche er ſonſt vermieden hatte. Dazu kam noch die fortwährende Auf⸗ regung, die der Prozeß mit ſich brachte, der wider Er⸗ warten verzögerte Gang deſſelben, die verſchleppte Ent⸗ ſcheidung und die ewigen Fragen der Bekannten um den endlichen Ausgang. Das machte ihn nur um ſo ver⸗ drießlicher und er fing oft ohne Grund und Urſache Zank mit der Frau an, die er früher nicht mit einem böſen Wörtchen beleidigt hätte. In ſolch widerwärtiger Stim⸗ mung beſuchte ihn der Schwager Haſenfritz, der ſeit der Verſöhnung einen unbedingten Einfluß ausübte. Ohne 171 deſſen Rath wurde nichts mehr unternommen, kein Schritt gethan, nicht einmal eine Stecknadel angeſchafft. Der ſchlaue Schneider hatte es verſtanden, das argloſe Gemüth des ehrlichen Kaſſenboten dermaßen zu umgarnen, daß dieſer ohne ihn nicht das Geringſte that. Er beherrſchte ihn und die ganze Familie vollſtändig durch ſeinen pfiffigen Geiſt und dadurch, daß er ſich bei allen Gelegenheiten dem unerfahrenen Manne, dem es an der nöthigen Lebens⸗ klugheit fehlte, vollkommen unentbehrlich zu machen wußte. Was Haſenfritz ſagte, galt wie das Evangelium: man hörte auf ihn, als wenn ihm Perlen aus dem Munde fielen, und der gutmüthige Bauer hatte eine ſo hohe Mei⸗ nung von dem Verſtande und den guten Abſichten des Schwagers, daß er jeden Zweifel daran wie ein Verbrechen betrachtete. Es fehlte ihm ſonſt nicht an einer richtigen Beurtheilung der Menſchen und Verhältniſſe, auch war er keineswegs bei all ſeiner Gutmüthigkeit ein beſchränkter Kopf zu nennen, aber in dem einen Punkte ſchien er gänz⸗ lich mit Blindheit geſchlagen. Wie die meiſten ehrlichen Menſchen ſetzte er auch bei Andern ähnliche Geſinnungen voraus und wenn er einmal vertraute, ſo geſchah dies im ausgedehnteſten Maße ohne Beſchränken, ohne Hinterge⸗ danken. Nebenbei beſaß er noch einen hohen Grad von Beſcheidenheit und Mangel an Selbſtſchätzung; er ließ ſich leicht imponiren und von ſchönen Reden beſtechen, 172* da er Alles für wahr hielt, was man ihm ſagte. Wie oft erlebt man es nicht, daß gerade ganz vernünftige und brave Leute auf dieſe Weiſe ſich von irgend einem Schurken beſtricken laſſen, indem ihre Argloſigkeit und ehrenwerthe Geſinnung ſie die Gefahr nicht bemerken läßt. Die ge⸗ meine Pfiffigkeit trägt meiſt den Sieg über die grade Ehr⸗ lichkeit davon, weil ſie die tauſend krummen Wege und ſchmutzigen Pfade kennt und ungeſcheut einſchlägt, welche ein reiner Sinn zu betreten verabſcheut. Deshalb heißt es nicht umſonſt: Seid fromm wie die Tauben und klug wie die Schlangen. Mit der bloßen Güte kommt man nicht mehr durch die Welt, ſondern es gehört noch dazu eine tüchtige Portion menſchlicher Lebensklugheit. Dieſe mangelte freilich dem ehrlichen Kaſſenboten und deshalb mußte er auch in die Schlingen des wucheriſchen Schwa⸗ gers fallen, der vor keinem Mittel zurückſchreckte, wenn es ihn nur zum Ziele führte. Es iſt aber eine Art dämo⸗ niſche Macht, die dem Böſen anhaftet, ein hölliſcher Zauber, der das Opfer mit Verblendung ſchlägt und der meiſt nicht eher ſchwindet, bis es bereits zu ſpät iſt. Dieſer Macht war bereits der alte Bauer ſo ſehr verfallen, daß er dem Rathe des Schwagers in allen Stücken folgte und kaum noch einen Widerſpruch zu erheben wagte. Haſen⸗ fritz fand den Kaſſenboten nicht in der beſten Laune, ein Blick ſeiner pfiffigen Augen genügte ihn darüber aufzuklären. M4 1 173 „Nun wie gehts, wie ſtehts?“ fragte er mit an⸗ ſcheinender Unbefangenheit.„Du ſiehſt ja aus, als ob Dir ein Schiff untergegangen wäre, oder als hätte Dir die Katze das Frühſtück vor der Naſe weggeſchnappt. Wo drückt Dich denn der Schuh?“ „Das weißt Du ſo gut wie ich,“ antwortete Bauer verdrießlich.„Der Prozeß will kein Ende nehmen, immer kommen neue Verzögerungen. Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, mich hätten nicht zehn Pferde dazu gebracht, erſt anzufangen.“ „Wie Du nur wieder ſprichſt. Ich denke, daß Du keinen Grund haſt, Dich zu beklagen. Du brauchſt Dich nur umzuſchauen, um zu ſehen, daß Du Dich verbeſſert haſt. Wenn ich an Deine frühere Wohnung und an Deine Einrichtung denke, ſo muß ich glauben, daß Du jetzt dagegen wie ein König lebſt.“ „Wenn der König ſo viel Sorgen, Kummer und Aerger hat, wie ich, ſo möchte ich auch nicht König ſein.“ „Ich begreife nicht, woran es liegt,“ ſagte der Schneider mit der unſchuldigſten Miene von der Welt. „Es iſt wahr; früher habe ich in einer Stube und einer dunklen Kammer gewohnt, worin wir uns kaum rühren konnten. Die Stühle waren wacklig. Der Tiſch wurmſtichig. Ich mußte mich den ganzen Tag mit den ſchweren Geldſäcken ſchleppen und meine Alte mit der 174 Wäſche plagen. Dafür aber konnten wir ruhig ſchlafen und ich war keinem Menſchen etwas ſchuldig.“ „Wenn es weiter nichts iſt. Die vornehmſten Leute haben Schulden und je vornehmer, deſto mehr. Daran wirſt Du Dich gewöhnen.“ „Aber der Aſſeſſor, der mir auf Deine Veranlaſſung das Geld gegeben hat, will nicht länger warten. Die Wechſel ſind Ende dieſer Woche fällig; ich habe ihn um Aufſchub gebeten. Darauf iſt er nicht eingegangen. Wer hat denn gedacht, daß der Prozeß ſich noch ſo lange hin⸗ ziehen wird. Ich habe beſtimmt auf die Entſcheidung gehofft. Nun ſitze ich in der Klemme und weiß mir keinen Rath, weder aus noch ein.“ „Das iſt freilich ſchlimm,“ bemerkte der Schneider mit erheuchelter Theilnahme.„Ich kenne den Aſſeſſor; der läßt nicht mit ſich ſpaßen. So ein Wechſel iſt eine böſe Sache. Ehe man ſich's verſieht, wird Proteſt aufge⸗ nommen, Exekution verfügt und wenn die fruchtlos aus⸗ fällt, wird man eingeſperrt.“ „Herr des Himmels!“ fuhr der Kaſſenbote bei dieſer tröſtlichen Ausſicht auf.„Die Schande überlebt' ich nicht.“ Erſchrocken ſprang er von ſeinem Stuhle empor und ging mit gerungenen Händen verzweiflungsvoll in haſtigem Gange auf und nieder, ſich und ſeine Kinder bejammernd, 175 ſein Schickſal und vor Allem die traurige Erbſchaft ver⸗ wünſchend, welche er nicht mit Unrecht als den Quell und die Urſache aller ſeiner gegenwärtigen Leiden betrachtete. Das war es eben, was der ſchlaue und hinterliſtige Schneider wollte; deshalb hütete ſich dieſer auch, ihm zu widerſprechen; er ließ ihn forttoben, ohne nur einen Verſuch zu machen, die übertriebenen Befürchtungen des Kaſſen⸗ boten zu verſcheuchen. Scheinbar redete er ihm zwar zu und that auch ſo, als ob er ihn beruhigen wollte, aber ſeine Worte waren weit eher geeignet den armen Mann, welcher ohnehin ſeine Beſinnung verloren zu haben ſchien, nur noch weit mehr aufzuregen. Mit einer Art von teufliſcher Schadenfreude weidete ſich Haſenfritz an der Verlegenheit des Unglücklichen und ungeſehen flog ein hämiſches Lächeln über ſeine plumpen Züge. In dieſem Augenblick zeigte er die größte Aehnlichkeit mit der Katze, welche mit der gefangenen Maus ihr Spiel treibt, ſich an ihrer Angſt ergötzend, indem ſie ihr Opfer jetzt fahren läßt, um es im nächſten Moment wieder im raſchen Sprunge mit ihren ſcharfen Klauen zu ergreifen. So verfuhr der Schneider mit dem argloſen Bauer, bald gab er ihm einige Hoffnung, die er ſelber ihm ſogleich wieder raubte, bald vermehrte er nur die Beſorgniſſe vor dem Gläubiger und trieb den Unerfahrenen vollends zur Ver⸗ zweiflung. So jagte er ihn zwiſchen Furcht und Hoff⸗ 176 nung hin und her, bis er ihn nach ſeiner Meinung mürbe gemacht zu haben glaubte und für reif hielt, mit ſeinem längſt vorbereiteten Vorſchlage hervorzutreten. Es war die ganze Handlungsweiſe eine Art moraliſcher Hetze, eine ſyſtematiſche Bearbeitung und Tortur, die der Schneider ſchon in vielen Fällen mit Erfolg angewendet hatte und die in der Praxis unſerer Wucherer nicht eben ſelten vor⸗ zukommen pflegt. Als Haſenfritz den richtigen Zeitpunkt gekommen hielt, lenkte er wieder ein, indem er eine große Theilnahme mit dem Schickſal ſeines Schwagers heuchelte und ſich als ſein Freund, Wohlthäter und einziger Retter geberdete. „Hier muß geholfen werden,“ ſagte er ſcheinbar ge⸗ rührt.„Wenn ich das Geld liegen hätte, ſo würde ich mich keinen Augenblick beſinnen, aber leider bin ich grade in dieſem Augenblick gänzlich außer Stande.“ „Ol ich weiß, daß Du gern Alles hergeben möchteſt, um mich zu retten.“ „Das weiß Gott! betheuerte der Schneider, indem er zur Bekräftigung ſeine Hand auf die Stelle legte, wo bei andern Menſchen das Herz zu ſchlagen pflegt.„Ich würde mein letztes Hemde für Dich geben, wenn Du es verlangſt.“ „Was ſoll ich aber anfangen?“ jammerte der Kaſſen⸗ 177 bote.„Der Aſſeſſor verlangt ſein Geld und will ſich nicht gedulden, bis der Prozeß entſchieden iſt.“ Der Schneider antwortete nicht; er ſchien nachzu⸗ denken und einen zufrieden ſtellenden Ausweg aus dieſer Verlegenheit zu ſuchen. Augenſcheinlich ging ihm das Geſchick ſeines Anverwandten ſehr zu Herzen, denn man ſah ihm ordentlich die Trauer an und wie bemüht er war, einen paſſenden Rettungsweg aufzufinden. Ein mitlei⸗ digeres Geſicht konnte kein Menſch machen und dabei hatte noch Haſenfritz den Vorzug, daß er zu jeder Stunde und unter allen Verhältniſſen damit aufwarten konnte. End⸗ lich ſchien er nach langer und reiflicher Ueberlegung, die er eigentlich nicht einmal brauchte, zu einem glücklichen Reſultat gekommen zu ſein. „Ich hab's!“ rief er laut.„So wird und muß es gehen, wenn Du nichts dawider haſt.“ „Was Du mir rathen wirſt, will ich gewiß thun. Ich weiß, daß ich keinen beſſeren Freund auf der Welt habe, als Dich.“ „Das darfſt Du auch glauben,“ antwortete der Schneider, indem er ſeine Augen zum Himmel richtete, oder vielmehr zur Stubendecke, wo eben eine dicke Kreuz⸗ ſpinne eine unvorſichtige Fliege in ihrem Netz fing und langſam ausſaugte. 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 12 178 „Sage nur, was ich thun ſoll!“ bat der argloſe Kaſſenbote,„um aus dieſer Verlegenheit zu kommen.“ „Ich will Dir einen Vorſchlag machen, wie Du Dich mit leichter Mühe und ohne alle Anſtrengung ein und für alle Mal aus der Klemme ziehen und außerdem noch eine hübſche Summe gewinnen kannſt.“ „Das kann doch nur Dein Scherz ſein; ich wüßte ſonſt nicht, wie ich dazu käme.“ „Die Sache iſt ganz einfach,“ ſagte der Schneider, wobei er den Schwager mit lauernden Blicken in's Auge faßte, um die Wirkung ſeiner Worte zu beobachten.„Ich will Dir meine Meinung ſagen; Du kannſt dann noch immer thun und laſſen, was Du willſt; aber darfſt mir auch nicht böſe ſein, wenn Dir meine Anſicht nicht gefällt.“ Alles dies und auch die Zögerung, ehe er mit ſeinem Vorſchlage hervortrat, war lediglich nur darauf berechnet, die Spannung auf das Höchſte zu ſteigern und ſich außer⸗ dem den Anſchein der uneigennützigſten Freundſchaft zu geben. Das Mittel war ganz und gar auf die aufgeregte Stimmung und den heftigen Charakter des Kaſſenboten berechnet, der wiederholt mit Worten und mit Schwüren ſich verpflichtete, Alles zu thun, was der treue Schwager ihm rathen würde, den er bereits im Voraus als ſeinen größten Wohlthäter verehrte. „Straf mich Gott!“ rief er faſt außer ſich,„wenn ich 179 — nicht thue, was Du von mir verlangſt. Wenn Du mir's heißen willſt, ſo ſpringe ich, ohne mich zu beſinnen, in's Waſſer, ſo feſt bin ich überzeugt, daß Du nur auf mein Beſtes bedacht biſt.“ „Dein Vertrauen ſoll Dich auch nicht täuſchen,“ antwortete der Schneider gerührt.„Ich müßte ja ein ausgemachter Schurke ſein, wenn ich Dich hintergehen könnte. Lieber hätt' ich ſelbſt den größten Schaden, ehe Du nur einen Heller verlieren ſollſt. Aber es giebt Um⸗ ſtände, wo man das Gewiſſe dem Ungewiſſen vorzieht, wo ein Thaler in der Taſche mehr werth iſt, als hundert in der Ausſicht. Was iſt denn Geld? Nichts, wenn man es hat und nicht braucht, Alles, wenn es Einem fehlt und man nicht weiß, woher man es nehmen ſoll und nicht ſtehlen. Iſt das nicht wahr?“ „Gewiß!“ bekräftigte der Kaſſenbote, obgleich er nicht begriff, wo hinaus eigentlich der Schwager mit den allgemeinen Reden wollte und was dieſe mit ſeiner eigenen Verlegenheit zu ſchaffen hatten. „Wenn Du alſo damit einverſtanden biſt,“ fuhr der Schneider wie ein geſchickter Taſchenſpieler fort, Eins mit dem Andern verwechſelnd,„ſo wird Dir auch mein Vor⸗ ſchlag gefallen, den ich Dir zu machen habe. Der Aſſeſſor hat mir neulich einen Wink gegeben, den ich Dir im Ver⸗ trauen mittheile. Er ſcheint nicht übel Luſt zu haben, 12* 180 Dir einen Theil oder gar die ganze Erbſchaft abzukaufen. Ich dachte mir damals, daß Du nicht drauf eingehen willſt, und habe Dir auch deshalb nichts davon geſagt, aber jetzt, wo Du in Verlegenheit biſt, läßt ſich ſchon eher ein Wort darüber ſprechen und wenn Du geneigt wäreſt, ſo brauchſt Du mir es nur zu ſagen. Ich kann dann mit ihm ſprechen und das Geſchäft in Deinem Namen abſchließen. Dafür ſteh' ich Dir, daß er Dich nicht über's Ohr hauen ſoll, wenn ich dabei bin.“ „Und Du glaubſt wirklich,“ fragte Bauer, hoch erfreut über dieſen Ausweg, aber noch immer zweifelnd, „daß er darauf eingehen wird. Ich kann mir nicht vor⸗ ſtellen, daß ein Mann ſein Geld auf ein ſo ungewiſſes Unternehmen wagen wird.“ „Warum denn nicht? Es iſt ein Geſchäft wie jedes andere. Wenn ich ein Bergwerk kaufe, weiß ich auch nicht, ob es was bringen wird und wenn ich an der Börſe in Aktien ſpekulire, ob ich dabei gewinne. Ein echter Geſchäfts⸗ mann muß immer etwas wagen, wenn er gehörig verdienen will. Grade ſolche Geſchäfte liebt der Aſſeſſor und des⸗ halb zweifle ich nicht, daß er darauf eingehen wird, wenn Du nicht zu hohe Forderungen machſt.“ „Mein Gott! ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur die Verlegenheit wieder los werde, aber die ganze Erbſchaft möchte ich nicht ſo hingeben, man kann doch nicht 181 wiſſen, was dabei herauskommt und wenn der Prozeß ge⸗ wonnen wird, ſo hätte ich vielleicht nur eine Lumperei davon.“ „Du mußt am beſten wiſſen, was Du zu thun haſt. Ueberlege Dir die Sache, wir können ja morgen noch darüber ſprechen, aber Du haſt keine Zeit zu verlieren, da die Wechſel am Ende dieſer Woche fällig ſind.“ „Das iſt es ja eben, was mir ſo große Sorge macht,“ ſagte der Kaſſenbote, noch immer unentſchloſſen.„Ich muß das Geld haben und doch möchte ich nicht gern leicht⸗ ſinnig handeln und die ſchöne Erbſchaft ſo verſchleudern.“ „Ja, dann kann ich Dir nicht helfen,“ antwortete der Schneider kalt, indem er nach ſeinem Hut griff und that, als ob er gehen wollte.. „So lauf doch nicht! Ich will ja nur Deine Anſicht hören, weil ich mir allein nicht traue. Mein Gott! Ich bin ſo unerfahren in all' den Sachen und wenn Du mich im Stich laſſen willſt, ſo weiß ich nicht, was ich an⸗ fangen ſoll:“ Der Schwager, dem es mit dem Fortgehen keines⸗ wegs Ernſt war, ſtellte wieder den Hut hin und machte ein ernſtes Geſicht, indem er ſeine Hand auf die Schultern des Kaſſenboten legte. „Ich ſehe allerdings,“ ſagte er im ſtrengen Tone, „daß Du in Geſchäftsſachen noch ein wahres Kind biſt, 182 ſonſt wäre ich ſchon längſt auf und davon. Aber Deine Lage jammert mich; Du thuſt mir leid. Ich will Dir nun mein letztes Wort ſagen, dann thue, was Du wilſtt, ich waſche meine Hände in Unſchuld. Wenn ich in Deiner Haut ſtecken würde, ſo möchte ich mich keinen Augenblick beſinnen. Ich würde meinen Antheil an der Erbſchaft verkaufen und eine beſtimmte Summe für die ungewiſſe Hoffnung nehmen. Wo ſteht denn geſchrieben, daß Du den Prozeß gewinnen wirſt. Bis dahin wird noch manche Woche vergehen, vielleicht kann es noch Jahre dauern, wenn es Dir nicht gelingt, die verlangten Dokumente bei⸗ zubringen. Wovon willſt Du aber mit Deiner Familie dann leben und woher die Koſten nehmen, welche noch viele hundert Thaler betragen können.“ „Aber was wird meine Frau und was werden die Kinder dazu ſagen? Ich kann ſie doch ſo mir nichts, Dir nichts um jede Ausſicht bringen. Das wäre eine Schlech⸗ tigkeit von mir.“ „Sind ſie darum gebeſſert, wenn Du in's Schuld⸗ gefängniß wanderſt und das geſchieht, wenn Du das Geld nicht zur rechten Zeit auftreibſt. Beſſer ſind doch ein Paar tauſend Thaler, als Sitzen bis in die aſchgraue Ewigkeit. Darum nimm Vernunft an und mache mit dem Aſſeſſor das Geſchäft. Du brauchſt ja nicht die ganze Erbſchaft 183 zu verkaufen, er wird ſich mit der Hälfte, vielleicht mit einem Viertel ſchon begnügen.“ „Das läßt ſich eher hören und was glaubſt Du, was ich fordern kann?“ „Einſtweilen nimm, was er Dir bieten wird. Du biſt in ſeiner Hand und der Aſſeſſor iſt ein ſchlauer Fuchs, der ſeinen Vortheil nicht aus den Augen läßt. Ich werde ſehen, was ich aus ihm herauspreſſen kann.“ „Ich verlaſſe mich ganz auf Dich.“ „Und ich werde für Dich handeln, als wenn Du mein leiblicher Bruder wäreſt. Gott! wie iſt es mir darum zu thun, Dich aus dieſer augenblicklichen Verlegenheit zu be⸗ freien. Ich wollte Dir ja gern mit tauſend Freuden helfen, wenn ich einen andern Ausweg wüßte.“ Der ehrliche Kaſſenbote dankte dem Schwager mit Thränen in den Augen, für deſſen vermeintliche Theil⸗ nahme. Haſenfritz verſprach ihm, noch heute die Angelegenheit mit dem Aſſeſſor in's Reine zu bringen und er beeilte ſich auch in der That, denſelben aufzuſuchen. „Das Schaf,“ ſagte er zu ſeinem würdigen Freunde, „iſt richtig in die Falle gegangen, aber mehr als den vierten Theil wollte er nicht hergeben.“ „Sie hätten auf die Hälfte beſtehen ſollen. Wir 184 haben ihn jetzt ganz in unſerer Gewalt und können mit ihm machen, was wir wollen.“ „Ich hatte Furcht, daß er uns abſpringt, wenn wir ihn zu weit treiben und das Geld von anderer Seite ſich verſchafft. Das Geſchäft macht jeder mit ihm und Sie wiſſen, daß es noch andere Leute giebt, die nur auf die Gelegenheit lauern, um anzukommen. Außerdem bleibt er doch immer mein Schwager, der Mann meiner Schweſter,“ fügte der Schneider mit einem Anſtrich von Empfind⸗ ſamkeit hinzu. „Sie ſind ein gottvoller Kerl!“ lachte der gemüth⸗ liche Aſſeſſor aus vollem Halſe. „Man muß doch mit ſeinen Verwandten Mitleid haben und was wir heute nicht bekommen, wird uns morgen nicht entgehen; erſt ein Viertel, dann die Hälfte und zuletzt nehmen wir ihm das Ganze ab. Das iſt viel ſicherer und auch anſtändiger.“ „Sie kommen mir wie jener vor, der aus purem Mitleid ſeinem Hunde nicht auf einmal die Ohren ab⸗ ſchneiden wollte, ſondern jeden Tag nur ein kleines Stück⸗ chen. Das heiß ich, ein weiches Herz haben.“ „Laſſen Sie Ihre faulen Witze ſein und gehen Sie lieber zum Notarius, damit dieſer den Contract und die Verſchreibung bereit hält, wenn ich mit dem Schwager 185⁵5 komme. Ich liebe nicht den Aufenthalt, denn das giebt erſt Zeit zum Beſinnen.“ „Da haben Sie ganz Recht,“ pflichtete ihm der Aſſeſſor bei.„Nur keine unnöthige Verzögerung, ſonſt ſpringen noch die Leute im letzten Augenblick ab.“ „Halten Sie auch ein ordentliches Frühſtück parat, denn ſo ein Glas Wein zur rechten Zeit hat ſein Gutes. Mein Schwager verträgt ohnehin nicht viel und wenn er erſt Etwas im Kopfe hat, kann man mit ihm anfangen, was man will.“ „Seien Sie unbeſorgt. Auf eine Flaſche Champagner ſoll es mir nicht ankommen.“ Die beiden Ehrenmänner gaben ſich die Hand; ſie hatten ſich verſtanden und ſchieden mit der frohen Aus⸗ ſicht auf den zu hoffenden Gewinn voll gegenſeitiger Hochachtung. Neuntes Capitel. Der Sattler hatte indeß Hannchen's Brief richtig durch den Poſtboten erhalten und daraus erſehen, daß ſie ihn noch immer liebte und nur der Gewalt weichen mußte. Was ſollte ſie auch thun? Bei dem Vater fand ſie keinen 186 Schutz und die Mutter quälte ſie vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, bis ſie endlich aus Verzweiflung nach⸗ gab und die Bewerbungen des ihr verhaßten Couſins ertrug. Zum Schein und nur um Ruhe zu bekommen, ließ ſie ſich ſeine Artigkeiten gefallen und nahm von ihm auch allerhand Geſchenke an, mit denen er ihr Herz zu gewinnen glaubte. Hannchen war jedoch nicht wie ſo viele Mädchen, die für einen goldenen Ring, ein Kettchen oder Armband, ihre Zärtlichkeit verkaufen und denen jeder Mann will⸗ kommen iſt, wenn er nur Geſchenke zu machen verſteht und ſein Auskommen hat. Wäre Herr Haſenfritz junior nicht ſo eitel und eingenommen von ſich geweſen, ſo hätte er ihre deutlich ausgeſprochene Abneigung bemerken müſſen. Sie ſchauderte vor jeder näheren Berührung mit dem Wüſtling und wich ihm, wo ſie nur immer konnte, auf hundert Schritte aus. Das Alles hinderte jedoch nicht, daß ſie ſich mit ihm verlobte und daß die Hochzeit ſchon in ſechs Wochen ſtatt finden ſollte. Das arme Mädchen konnte nicht anders; ſie war von Jugend auf an Gehorſam gewöhnt und jede Gegenrede mußte vor dem Zorn des Vaters und der Tyrannei der Mutter verſtummen. Frau Bauer war in allen Dingen eine gute Fran, ſie liebte ihre Kinder, aber wenn ſie ſich einmal etwas eingebildet hatte, dann ſetzte ſie auch ihren Willen durch, mochte es biegen oder brechen. Der elterliche Deſpotismus iſt aber gewiß 187 der ſchlimmſte, weil er ſich erſtlich mit dem Anſehen der göttlichen Autorität bekleidet und ein gut erzogenes und gehorſames Kind ſich nur in den äußerſten Fällen dagegen aufzulehnen wagt. Ein Tropfen erweicht wohl auch einen Stein, geſchweige die fortwährenden Reden einer Mutter das Herz einer Tochter, die von Jugend auf an Liebe und Unterwürfigkeit gewöhnt war. Was Drohungen nicht vermögen, das thun die Bitten und wo Vorwürfe nicht helfen wollen, da wirken Thränen. An all dieſen Mitteln ließ es aber die Kaſſenbotin nicht fehlen; ſie peinigte, predigte, ſchalt, bat, quälte und drängte ſo lange, bis das arme Mädchen keine andere Rettung ſah, als ſich vorläufig in ihr Geſchick zu ergeben. Der Gedanke aber ſtand ganz feſt bei ihr, daß ſie den Hochzeitstag nicht überleben wolle, mit dieſem täglich klarer werdenden Entſchluſſe kehrte ein ſchon lange nicht gekannter Friede in ihr Herz zurück; ſie wurde ſogar heiter und täuſchte vollkommen ihre Um⸗ gebung, ſo wie ihren Bräutigam, ohne daß ſie ſich dieſer Abſicht bemußt geworden war. Ihre frühere Laune ſchien zurückgekehrt zu ſein; ſie konnte mitunter auch wieder lachen, obwohl ein eigenthümlich wehmüthiger Zug in ihrem Geſichte vorherrſchte. Den Sattler hatte ſie ſeitdem nicht mehr geſprochen, ſo dringend er auch auf eine Unter⸗ redung mit ihr beſtand. Sie fürchtete nämlich ſeine Hef⸗ tigkeit und noch mehr ihre eigene Schwäche, deswegen 188 hatte ſie ſeine wiederholte Bitte um eine heimliche Zu⸗ ſammenkunft ein und für alle Mal ihm rundweg abge⸗ ſchlagen; außerdem wurde ſie von allen Seiten auf jedem Schritt und Tritt beobachtet und die Mutter ließ ſie aus demſelben Grunde nicht mehr ohne die Begleitung der Geſchwiſter ausgehen. Die Nachricht von ihrer Verlobung und nahe bevorſtehenden Verheirathung brachte ihn vol⸗ lends zur Verzweiflung; in ſeiner Raſerei beſchuldigte er Hannchen der ärgſten Treuloſigkeit; er ſuchte ſie zu ver⸗ geſſen und da die Tochter ſeines Meiſters ſchon längſt ein Auge auf ihn geworfen hatte, ſo näherte er ſich derſelben, weniger aus Liebe, als, um ſich an der ſchuldig geglaubten Geliebten zu rächen. An einem Sonntag, als Hannchen mit ihrem Bräutigam und den Eltern vor das Thor ging, traf ſie den Sattler an dem Arme der aufgeputzten Mei⸗ ſterstochter. Er warf ihr einen Blick voll Verachtung zu und doch ſo traurig, daß es ihr das Herz zerſchnitt. Sie erbleichte und zitterte ſo heftig, daß ihre Bewegung dem Couſin nicht entging, aber im nächſten Augenblicke raffte ſie ihren ganzen Stolz zuſammen, keine Miene, kein Zucken verrieth den großen Schmerz, den ſie empfand und vor aller Welt zu verbergen ſuchte. Er dagegen wurde roth vor Zorn, das Blut ſchoß ihm zu Kopfe, die breite Stirnader ſchwoll ihm an, mit ſeinen Händen drückte er krampfhaft den rothen Arm ſeiner Begleiterin, daß ſie faſt 189 laut aufgeſchrien hätte, doch in ihrer Einfalt nahm dieſe den plötzlichen Ausbruch ſeiner Wildheit für eine ihr zu⸗ gedachte und nur zu derb ausgefallene Liebkoſung, womit ſie ſich auch ſchnell zufrieden gab. Der Sattler ging, die Eltern grüßend, vorüber, ohne Hannchen eines Blickes mehr zu würdigen. So endete dieſe unerwartete Begeg⸗ nung, ſeine Liebe ſchien ſich i in Haß umgewandelt zu haben und Alles aus zu ſein; wie es aber in ihrem und in ſeinem Herzen ausſah, das ahnte kein Menſch in dieſem Augen⸗ blick; denn wir wiſſen oft von unſern genauſten Bekannten ſo gut wie gar nichts und laſſen uns nur von dem ober⸗ flächlichen Schein in unſerm Urtheil beſtimmen. Wo wir Freundſchaft und Liebe zu finden glauben, ſchlummert in der Tiefe nur Kälte und Abneigung, wo wir Haß und Feindſchaft ſehen, herrſcht oft die glühendſte Liebe. Das ganze menſchliche Leben iſt ein Maskenſpiel, wir täuſchen uns und Andere, hinter den Larven, welche wir der Welt zeigen, ſteckt ein anderes Geſicht; wir ſcheinen zu lachen und weinen innerlich, wir jauchzen und jubeln, während wir vor Schmerz aufſchreien möchten. Nur das göttliche Auge, welches in die Tiefen der Seele ſchaut, vor dem nichts verborgen bleibt, kennt uns arme Menſchen, die wir uns ſelber nicht einmal kennen. So glaubte auch Hannchen, daß ſie von dem Sattler gehaßt würde und von ihm verrathen ſei, während er ſie deſſelben Vergehens, in 4 190 gleicher Täuſchung befangen, anſchuldigte. Im nächſten Augenblick jedoch übernahm ſie ſchon ſeine Vertheidigung vor der Mutter, die mit echt weiblicher Diplomatie die Tochter gegen den früheren Geliebten aufzuhetzen ſuchte. „Haſt Du ihn geſehen?“ fragte ſie leiſe triumphirend. „Das hätt' ich nun und nimmermehr geglaubt, aber habe ich's Dir nicht oft geſagt. Wer hat nun Recht?“ „Was geht es uns an?“ antwortete Hannchen mit trübem Lächeln.„Kann er nicht eben ſo gut wie ich, thun und laſſen, was er will?“ „Und ſo ein häßliches Frauenzimmer ſich zu nehmen,“ fuhr die Alte ſpöttiſch fort,„einen ſolchen dicken und ver⸗ wachſenen Knirps, die noch dazu ſchielt! Du haſt doch geſehen, daß ſie ſchielt. Das wird einmal eine tüchtige Wirthin abgeben, ein Auge im Keller, das andere auf dem Boden.“ „Sie muß ihm doch gefallen haben,“ antwortete Hannchen kalt und war bemüht, das ihr peinliche Geſpräch abzubrechen. „Die und ihm gefallen,“ ereiferte ſich Frau Bauer. „Da kenne ich meine Leute beſſer; Guſtav ſagt auch: Geld! Mädel ich hab' Dich lieb! Wäre ſein Meiſter nicht ſo ein ſteinreicher Mann, ſo ging er mit der Tochter nicht heute Arm in Arm; aber freilich die Geldbeutel machen Krummes gleich und wenn es ihm nicht auf ein Paar 191 Thaler ankommt, ſo kann er ihr auch die ſchieligen Augen operiren laſſen, damit ſie ihn grade anſehen kann. Auf's Geld iſt er verſeſſen, ein falſcher Duckmäuſer, der ſieht, wo er bleibt und ſo ein Scheuſal nimmt er ſich nun, weil er bald den Alten zu beerben hofft.“ „Mutter! Ich bitte Dich, ſchimpfe nicht auf Guſtav, wenn Du mir einen Gefallen thun willſt. Daß er mich ſo bald vergeſſen hat, will ich ihm verzeihen, denn eigent⸗ lich trage ich allein die Schuld. Daß er aber aus Geiz und weil er am Gelde hängt, das Mädchen nimmt, iſt nicht wahr, wenn Du es auch hundert Mal mir agſt. Eher will ich Alles von ihm glauben, als daß er ſo gemein ſein kann. Seinen Charakter kenne ich und der iſt gewiß von einem ſolchen Fehler frei.“ So vertheidigte ſie jetzt den Mann, den ſie doch in ihrem Innern weit ſchwerer anklagen mußte, der Mutter gegenüber und ſchwieg gegen ihre ſonſtige Gewohnheit, da ſich auch der Bräutigam, der unterdeß mit dem Kaſſenboten gegangen war, Hannchen wieder näherte. Sie duldete mit mehr Freundlichkeit als ſonſt, ſeine Zärtlichkeit, aber da auch er übermüthig den ihm ſchon von der erſten Begeg⸗ nung her verhaßten Sattler und die Meiſterstochter ver⸗ ſpottete, warf ihm Hannchen einen zornigen Blick zu, indem ſie ihm zugleich ihr Mißfallen über ſeine ſchlechten Witze entſchieden zu erkennen gab. Er biß ſich auf die blaſſen ——yÿyÿÿÿy—— 192 Lippen und verſtummte, weil er ſie nicht aufbringen wollte; denn trotz aller Blaſirtheit liebte er ſie, wie er eben zu lieben im Stande war. Grade ihre Kälte und der Wider⸗ ſtand, den ſie ſeinen Bewerbungen entgegenſetzte, reizte ihn, ſowie ihre körperliche Schönheit ſeine Sinnlichkeit entflammte. Deshalb ließ er auch jetzt das ihr unan⸗ genehme Geſpräch fallen, wofür ſie ihn durch ein dankbares Lächeln und ihr hingebendes, ſanftes Weſen und Benehmen belohnte. Seit dem Spaziergange ſchien überhaupt eine wohlthätige Veränderung mit ihr vorgegangen zu ſein; ſie ergab ſich in ihr Geſchick mit vermeintlicher Ruhe und wer ſie ſo ſah, konnte ſie wohl für eine glückliche und zufriedene Braut halten. Sie ſelbſt nahm ſich nach dieſem Zuſam⸗ mentreffen mit Guſtav vor, jeden Gedanken an ihn muthig zu bekämpfen; was ſie auch wirklich that, ſo weit dies möglich war. Früher war ſie bereit geweſen, für ihn und mit ihm zu ſterben, wenn er es verlangt hätte; jetzt aber, wo er ſich nach ihrer Meinung nur allzuſchnell getröſtet hatte, trug ihr geſunder und kräftiger Verſtand über die blinde Leidenſchaft den Sieg davon, ſie glaubte wenigſtens vollkommen geheilt zu ſein und wollte von nun an nur für ihre Eltern und Geſchwiſter leben. Ihnen brachte ſie ſich zum Opfer dar, indem ſie den ihr widerwärtigen Couſin zum Manne nahm; dennoch hoffte ſie, ihm eine treue Frau zu ſein und vollkommen alle ihre Pflichten ihm gegenüber 193 zu erfüllen. Sie bemühte ſich, den Widerwillen, welchen ſie gegen ihn unwillkürlich empfand, zu überwinden, ſeine Liebe mit wenigſtens duldender Freundlichkeit zu erwiedern und zeigte ſchon jetzt die Tugend, welche die meiſten Frauen in einer Ehe ohne Liebe üben müſſen und ſollen, demüthige Ergebung in ihr Geſchick.— Dem Anſchein nach war das Glück und der Friede wieder in die Familie des Kaſſen⸗ boten zurückgekehrt, aber dieſe Ruhe glich nur der ſchwülen Stille vor dem Ausbruche eines gewaltigen Sturmes. Je näher der Tag ihrer Hochzeit heranrückte, deſto trau⸗ riger wurde Hannchen wieder; ſie brachte die Nächte ohne Schlaf zu und wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, ſtanden ihre ſchönen Augen voll Thränen. Sie war bereits zwei⸗ mal von der Kanzel herab aufgeboten worden; in wenigen Tagen ſollte die Trauung ſtattfinden; die Mutter hatte alle Hände voll zu thun und die Braut noch Manches zu beſorgen, was ihr an der Ausſtattung fehlte. Jetzt wurde ſie auch nicht mehr ſo ſtreng wie früher bewacht und ge⸗ hütet, weil die Ihrigen das Verhältniß mit dem Sattler für gänzlich abgebrochen hielten; ſie konnte gehen, thun und laſſen, was ſie wollte. Eines Abends, als ſie eben von einer Freundin kam, welche ſie gebeten hatte, ihre Brautjungfer zu werden, ging ſie wieder allein durch die menſchenleeren Gaſſen. Sie hatte ſich verſpätet und eilte jetzt mit ſchnellen Schritten, weil es eine abgelegene Gegend .1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 13 194 war, in der ſie ſich befand; auch glaubte ſie Männertritte hinter ſich zu hören. Das Herz ſchlug ihr ängſtlich in der Bruſt; es überkam ſie eine ſonſt nie gekannte Furcht, eine Ahnung, als müßte ihr irgend etwas Unangenehmes be⸗ gegnen; ſie wagte nicht, ſich umzuwenden und nach ihrem Verfolger zu ſehen. Jetzt hatte er ſie ereilt und zwei kräftige Arme hielten ſie von hinten feſt. Ein lauter Schrei entrang ſich ihrer Bruſt, als ſie einen ihr völlig fremden Mann erblickte, der noch dazu im trunkenen Zu⸗ ſtande zu ſein ſchien. Es war der gemüthliche Aſſeſſor, der ſolche nächtliche Abenteuer liebte und auf dieſe nicht eben anſtändige Weiſe Damenbekanntſchaften ſuchte. „Wohin, mein ſchönes Kind?“ ſtammelte er mit ſchwerfälliger Zunge.„Nehmen Sie mich doch mit.“ „Laſſen Sie mich,“ rief Hannchen voll Entrüſtung, indem ſie ſich aus ſeinen Armen zu reißen beſtrebte. Aber der Berauſchte hielt ſie nur um ſo feſter und ſuchte ſie durch ſeine ekelhaften Liebkoſungen und Ver⸗ ſprechungen zu beſchwichtigen. Er glaubte, es mit einer gewöhnlich en, leichtfertigen Dirne zu thun zu haben, gegen die er keine beſondere Rückſicht nöthig achtete. Vergebens ſah ſie ſich nach Hülfe um, der Platz war unbewohnt und keine menſchliche Seele in der Nähe. Während ſie mit dem Trunkenbold noch rang, ſchien längs der Mauer eines benachbarten Gartens ſich ein dunkler Schatten zu bewegen. 195⁵ „Zu Hülfe!“ ſchrie das Mädchen laut. Im nächſten Augenblick ſah ſich der Aſſeſſor von zwei kräftigen Fäuſten gepackt, gegen die er ſich umſonſt zu wehren wagte; es waren ehrliche, derbe Arme, durch die Arbeit abgehärtet und geſtählt. Mit einem Griff ſchleu⸗ derte der Angreifer den Mädchenjäger fort, welcher ohne⸗ hin nicht auf feſten Füßen ſtehend, ſtolpernd niederfiel, ſich wieder aufraffte und fluchend ſeinen Rückzug antrat. Jetzt erſt ſah ſich Hannchen nach ihrem Retter um; ſie hätte vor Schreck in die Erde ſinken mögen; denn die wohlbekannte Geſtalt des Sattlers ſtand vor ihr im hellen Mondenſchein. Beide ſtarrten ſich an, als hätten ſie ſo eben ein Geſpenſt geſehen, und keiner vermochte längere Zeit nur ein Wort hervorzubringen. „Biſt Du es?“ fragte ſie endlich leiſe. Wohl hatte ſie Urſache, ſo zu fragen, denn ſein Aus⸗ ſehen hatte ſich dermaßen verändert, ſeit ſie ihn zum letzten Mal geſehen, daß ſie ihn kaum wiedererkannt hätte. Seine bleichen, hohlen Wangen, die eingefallenen Augen, das verwilderte Ausſehen und ſeine vernachläſſigte Kleidung verriethen ihr, was er gelitten, um ſie allein gelitten hatte. Die Paſſionsgeſchichte ſeiner Liebe ſtand deutlich in ſeinem Geſichte geſchrieben und ſie konnte kaum ihre Thränen zurückhalten, als ſie ihn ſo elend wiederfand. Mit einem Male ſchlug die Liebe, welche Beide ſchon erloſchen wähnten, 13* 196 mit hellen, lodernden Flammen in ihren Herzen auf; es bedurfte nur dieſer zufälligen Begegnung an dem einſamen Orte, um plötzlich alle früheren Gefühle wieder aufzu⸗ regen. Die wahre Liebe kann nicht ſterben, ſie lebt bis zum letzten Athemzuge, ſie ſchlummert nur, wenn man ſie todt hält und feiert ihre Wiederauferſtehung. Ein Blick, ein Wort, eine leiſe Berührung, weckt ſie aus ihrem Sarge auf und ſie erhebt ſich in neuer Kraft und in all' ihrer gottvollen Herrlichkeit. So hatten Hannchen und Guſtav jetzt noch kein Wort geſprochen und doch waren ſie ſchon ausgeſöhnt, vollkommen wieder mit einander verbunden; ſie wußten, daß ſie ſich noch immer angehörten und daß keine Gewalt der Erde ſie mehr trennen würde. Hand in Hand gingen ſie anfänglich ſtumm neben einander her; denn das Herz war ihnen ſo voll, daß die Sprache zu arm war, um ihre Gefühle auszudrücken. Wo die Lippe ſchweigt, ſpricht das Auge, wenn der Mund verſchloſſen bleibt, redet der Druck der Hand und ein Seufzer, ein leiſer Hauch gilt mehr, als alle Worte auf der Welt. So wanderten ſie neben einander her durch die ſtillen Straßen, vorbei an dem alten grauen Thurm, der ſchon viele Jahrhunderte geſehen und auf unzählige Liebende niedergeſchaut und noch ſchauen wird. Die Glockenuhr kündigte mit lauten Schlägen die Zeit; ſie achteten nicht darauf; denn ihnen gehörte die ganze Ewigkeit, die ſie jetzt vercieße. Und weiter zogen ſie vorüber an dunklen Hütten und glänzend erleuchteten Paläſten, an Gärten, aus denen ihnen eine luſtige Muſik entgegentönte, bis ſie zu dem ſtillen Kirchhof kamen, wo die Todten unter dem grünen Raſen ſchlum⸗ merten und die weißen Leichenſteine im Mondſchein ſchim⸗ merten. Hannchen blickte durch das eiſerne Gitter und der alte Entſchluß tauchte wieder in ihrer Seele auf. „So möchte ich auch liegen,“ ſagte ſie leiſe, ‚„und Du an meiner Seite.“ „Wo Du biſt, will auch ich ſein,“ antwortete er, indem er ſie feſter an ſich zog. Sie ſetzten ſich untet der blühenden Linde, welche vor dem Kirchhof ſtand, auf die ſteinerne Bank und hörten auf das ſchmelzende Lied der Nachtigall. Es war ein ſtilles Plätzchen, recht für zwei unglücklich Liebende geſchaffen; ſo ruhig und fern von all' dem Geräuſch der lärmenden Stadt, als ſäßen ſie auf einer einſamen Inſel, von allen Qualen und Sorgen des Lebens befreit. In dämmernder Ferne lag das Häuſermeer der Reſidenz von nächtlichen Schatten bedeckt; vor ihnen der Friedhof im hellen Mon⸗ denſchein mit ſeinen Gräbern und Blumen, deren Duft der laue Abendwind zu ihnen trug. Die Todten ſchienen ſie zu grüßen und ihnen zuzurufen, das Loos der Seligen und ihre Ruhe zu theilen. Eine tiefe Sehnſucht nach dieſem ewigen Frieden erfaßte die Liebenden und ſie be⸗ 198 neideten die Schläfer unter dem kühlen Raſen, deren Bett mit blühenden Roſen und weißen Lilien beſtellt war. Immer ſchluchzender klagte die Nachtigall, als wollte ſie mit ihren bangen Tönen alle Leiden und Schmerzen ihrer kleinen Bruſt noch einmal ausſchütten und dann an gebro⸗ chenem Herzen ſterben. Bald lauſchten die Beiden den ſchmerzlichen Melodien, bald ſahen ſie zu dem dunkelblauen Himmel empor, von dem die goldenen Sterne in zitterndem Lichte niederſchauten, das Verlangen in der Menſchenſeele weckend, ihnen nahe zu ſein. In ſolchen Momenten er⸗ liſcht die bange Furcht vor dem dunklen Jenſeits, die Bande löſen ſich, welche die Seele an dieſe Erde feſſelt; ſie ſtreift die irdiſchen Ketten ab und ſchwingt ſich frei empor zu ihrer wahren Heimath; und wie es Augenblicke giebt, wo der Glückliche ausruft: Das Leben iſt doch ſchön, ſo ruft das ſchwer beladene Herz: Der Tod iſt ſchöner.— „Und ehe ich den Couſin heirathe,“ ſagte ſie,„lieber will ich ſterben.“ „Aber nicht allein. Ich gehe mit Dir in die Ewigkeit. Das ſchwöre ich Dir.“ Noch einmal umſchlangen ſie ſich, ſo feſt und innig, als wollten ſie zuſammenwachſen und ſich niemals mehr trennen. Jetzt wußten ſie, daß ſie einander angehörten, wenn auch nicht im Leben, ſo doch im Tode. Darauf gingen ſie, nachdem ſie für den folgenden Tag Ort und 199 Stunde verabredet hatten, wo ſie ſich wieder treffen woll⸗ ten, um für immer vom Leben Abſchied zu nehmen.— Der Sattler begleitete ſie bis an die Ecke der Straße; weiter nahm ſie nicht ſeine Begleitung an. Dort reichte ſie ihm die Hand. „Auf Wiederſehn!“ rief er ihr zu. „Morgen und dann für immer,“ flüſterte ſie, die Augen zum Himmel emporrichtend. Sie fand den Bräutigam in ihrer Wohnung vor, der ihr wegen ihres langen Ausbleibens Vorwürfe machte und empfindlich ſchien. Je näher der Hochzeitstag heran⸗ rückte, deſto offener zeigte er ſich in ſeiner wahren Geſtalt als künftiger Tyrann, ſo daß ſie in ihrem Entſchluſſe nur noch mehr beſtärkt wurde. Nur beim Anblick ihrer Eltern empfand ſie eine tiefe Bewegung; ſie war noch trauriger als ſonſt; dieſe merkten nichts und ſchoben die Art und Weiſe, wie ſie ihnen mit zitternder Stimme gute Nacht bot, auf eine zufällige Verſtimmung, ohne weiter darauf zu achten. So bald der Couſin gegangen war nnd all ihre Angehörigen im. tiefen Schlafe lagen, ſchrieb ſie heimlich einen Brief an ihre Eltern, worin ſie ihnen ihr Vorhaben meldete und im Voraus um ihre Verzeihung bat. Zu⸗ gleich erſuchte ſie dieſelben, ihre und Guſtav's Leiche auf⸗ zuſuchen und auf demſelben Kirchhof zu begraben, wo ſie den Abend vorher mitſammen zugebracht. Manche heiße 200 Thräne fiel auf das Papier und löſchte hier und da einen Buchſtaben aus. Das Schwerſte war für ſie gethan; ſie kniete nieder und betete, indem ſie zu Gott ſich wandte und ihn anflehte, ihr ein milder Richter zu ſein. Angekleidet, wie ſie war, erwartete ſie auf ihrem Bette wachend den Morgen, der zur Ausführung der That beſtimmt war, ohne davor zu⸗ rückzuſchrecken, ohne die geringſte Furcht vor dem Tode, dem ſie entgegenging. So bald die Nacht verſchwand und die erſten Spuren der Morgendämmerung ſich am Himmel zeigten, verließ ſie ungeſehen das Haus, welches ſie mit dem Schlüſſel öffnete, in deſſen Beſitz ſie ſich noch am Abend zu ſetzen wußte. Leiſe auf den Zehen ſchlich ſie an den Betten der Kinder vorüber, denen ſie ein ſtummes Lebewohl mit weinenden Augen ſagte, und die ſie niemals wieder zu ſehen hoffte. Den Brief an ihre Eltern legte ſie im Wohnzimmer auf den Tiſch, ſo daß er dem Vater beim Exwachen ſogleich in die Augen fallen mußte Als ſie an der Schlafkammer der Eltern vorüberkam, erfaßte ſie ein banger Schauer, ihre Kniee bebten, ihre Thränen floſſen reichlicher und einen Augenblick ſchwankte das arme Kind, indem es an die Schmerzen dachte, welche ſie ihnen zu bereiten im Begriffe ſtand. Aber der Gedanke an die verhaßte Verbindung und an ihr Verſprechen, daß ſie Guſtav gegeben, ſiegten über ihre aufſteigenden Bedenken. 201 Mit ſcheuen Schritten und klopfendem Herzen erreichte ſie die Straße, wo an einem Vorſprunge gelehnt der Geliebte ſie bereits erwartete. Noch war es nicht Tag geworden, im Oſten ſchimmerte ein roſiger Purpurſtreif, der den Auf⸗ gang der Sonne verkündigte. Alles war ſtill, die Häuſer und Läden geſchloſſen, kein Menſch weit und breit zu ſehen, kein Geräuſch ließ ſich hören, nur ein gefangener Vogel, der in ſeinem Bauer vor einem Fenſter hing, grüßte ſie mit ſeinem ſchmetternden Geſang. Arm in Arm verließen ſie die Stadt und wanderten zum Thore hinaus; die Schild⸗ wacht vor demſelben, ein rothbäckiger, munterer Burſche, ſchaute ihnen nach und rief ihnen lachend„viel Vergnügen!“ zu; er hielt ſie für ein frohes Liebespaar, das den ſchönen Morgen im Freien vergnüglich zubringen wollte. Ihre bleichen, ſchmerzdurchwühlten Züge waren ihm nicht auf⸗ gefallen; er hätte wohl ſonſt vielleicht Lärm geſchlagen, wenn ihm ihre Abſicht bekannt geworden wäre. Ungehin⸗ dert gelangten ſie hinaus in den herrlichen Park, der den größten Theil der Reſidenz umgab und von den Spazier⸗ gängern der eleganten Welt fleißig beſucht wurde. Dieſe aber ſchliefen noch zu ſo früher Zeit und Niemand begeg⸗ nete ihnen, nicht einmal einer von den angeſtellten Arbei⸗ tern. Auf dem Raſen lag noch der friſche Thau wie ein grauer Perlenſchleier und von dem grünen Laub der Bäume ſchüttelte der Morgenwind die fallenden Tropfen auf ihre 20² Kleider nieder. Ein unendlicher Zauber war über dieſes Stück Natur in der Nähe der geräuſchvollen Hauptſtadt ausgebreitet; es wehte hier eine erquickendere Luft, ein jungfräulicher Hauch ſchien über die ſchattigen Lauben und dunklen Gebüſche ausgegoſſen, den der helle Tag ihn mit ſeinen lärmenden Beſuchern, den geputzten Damen, den dahinfahrenden Equipagen und eitlen Reitern zerſtört. Noch ſtand am Himmel die blaſſe Mondſichel und der goldene Liebesſtern, während die erſten Strahlen der Sonne bereits die ſchlanken Spitzen der hohen Fichten mit rother Glut umſtrömten, die rieſigen Fackeln glichen. Goldene Lichter irrten durch das grüne Laubgeflecht und lagerten ſich auf den Raſen, ſo daß der graue Perlenſchleier vom Thau gebildet ſich in ein funkelndes Demantgeſchmeide verwandelte. Die Vögel waren auch bereits auf den Zweigen und in ihren Neſtern wach; ſie jubilirten und ſangen dem kommenden Tag entgegen. Es war ein köſt⸗ licher Morgen; das rauſchte und jauchzte, ſtrahlte und leuchtete, als wollte ſich die Welt noch einmal dem ſcheiden⸗ den Paare in all ihrer Pracht und Herrlichkeit offenbaren, um es von ſeinem thörichten Entſchluſſe abzubringen. Jede Blume, jedes Blatt ſchien ihnen zuzurufen:„genießt und lebt!“— Sie aber hörten nicht auf die Stimme der mah⸗ nenden Natur, ihr Ohr blieb taub für ſolche Lockungen, ihr Auge blind für all den Reiz; ſie hatten ſich, und die 203 ganze Welt mit ihren Schätzen ſollte ſie nicht mehr von ihrem Vorhaben abbringen. „Haſt Du Furcht?“ fragte er die Geliebte. „Mit Dir zu ſterben?“ entgegnete ſie, vorwurfsvoll zu ihm emporſchauend. „Bald ſind wir am Ziel.“ „Unſere Sünde wird uns Gott vergeben, aber ich kann ja nicht anders, ich kann den Couſin nicht nehmen.“ „Nun ſoll uns Niemand mehr trennen,“ rief er, in⸗ dem er ſie an ſein Herz preßte. „Ach!“ ſeufzte ſie.„Mir thut nichts ſo weh, als die armen Eltern. Was werden ſie ſagen, wenn ſie uns nun Beide todt finden?“ „Sie haben es ſo gewollt,“ entgegnete er finſter. „Warum haben ſie Dich gezwungen, einem ſolchen Menſchen die Hand zu geben?“ „Lieber den Tod von Deiner Hand, als mit ihm alle Reichthümer und Schätze der Erde. Ach! was hab' ich um ihn ſchon gelitten.“ „Das hat jetzt ein Ende und nun wird uns Niemand mehr trennen.“ „Wenn ſie uns nur in daſſelbe Grab legen wollten. Wenigſtens im Tode möchte ich bei Dir ſein!“ Während ſie ſo ſprachen von ihrem nahen Ende, bogen ſie allmälig von dem bisherigen Park ab und gelangten 204 ſo in das nahe daran ſtoßende Wäldchen, wo ſie ſich ganz ſicher glaubten. Hier zog der Sattler zwei von ihm ge⸗ kaufte Piſtolen aus der Taſche hervor, um ſie zu laden. Hannchen ſah ihm ruhig zu, wie er das Pulver in den Lauf ſchüttete, dann die Kugel hineintrieb und die mit⸗ gebrachten Kupferhütchen aufſetzte. „Nur fehle mich nicht!“ bat ſie,„und ziele auf mein Herz.“ „Fürchte Dich nicht!“ beruhigte er mit einem trüben Lächeln.„Ich bin ja Soldat geweſen.“ Trotz dieſes Troſtes zitterten ſeine Hände und er bebte weit mehr als das Mädchen. Er beſaß wohl den Muth ſich ſelber zu tödten, aber nicht, das holde Kind, welches dort ergeben auf dem Raſen ſaß, zu beſchädigen. Im entſcheidenden Augenblicke drohte ihn ſeine Kraft zu ver⸗ laſſen; er ſuchte bald nach dem, bald nach jenem Grunde, um die beſchloſſene That noch zu verzögern. Sie bemerkte endlich ſeine Bangigkeit und Unruhe, wie ihm der Angſt⸗ ſchweiß auf der Stirn ſtand. „Was fehlt Dir?“ fragte ſie, indem ſie ihre Hand auf ſeine Schultern legte. „Barmherziger Gott!“ ſtöhnte er erſchüttert.„Ich kann Dich nicht erſchießen, ich kann nicht.“ „Gieb her!“ ſagte ſie entſchloſſen,„und zeige mir, wie ich es zu machen habe. So wollen wir zu gleicher Zeit 205⁵ ſterben, ob mir ſchon der Tod von Deiner Hand lieber ge⸗ weſen wäre.“ Er gab ihr die geladene Waffe, nachdem er den Hahn zuvor geſpannt und unterwies ſie, wie ſie es von ihm verlangte. Mit dem Finger deutete er auf die Stelle, worauf ſie den mörderiſchen Lauf richten ſollte. „Und nun vergieb mir,“ flehte ſie,„all die Schmer⸗ zen, die Du um meinetwillen gelitten haſt.“ Sie umarmten ſich noch einmal und ihre Lippen be⸗ rührten ſich zu einem langen, nicht enden wollenden Ab⸗ ſchiedskuß. Die Verabredung war getroffen, daß auf ein Zeichen, welches Guſtav geben ſollte, Beide zu gleicher Zeit die Piſtolen abzudrücken hatten. Zuvor wandte er ſich noch einmal um, weil er ein Geräuſch in der Nähe gehört zu haben glaubte. Hannchen, in der Angſt überraſcht und ſo⸗ mit in ihrem Vorhaben geſtört zu werden, wartete nicht erſt das Zeichen ab. Vielleicht wollte ſie auch dem Ge⸗ liebten in die Ewigkeit voraneilen, um nicht Zeuge ſeines Todes zu ſein, vielleicht war es nur Zufall, daß ihre Fin⸗ ger den Hahn früher berührten, ehe ſie der Waffe die nöthige Richtung gegeben hatte. Der Schuß fiel und im nächſten Augenblick kniete Guſtav neben der hingeſunkenen Geliebten auf dem grünen Raſen, der von ihrem Blute roth gefärbt wurde. Die Kugel hatte, wie er ſich raſch überzeugte, nur 206 die Schulter geſtreift und war in das dicke Fleiſch des Oberarmes gedrungen. Bald ſchlug ſie, wieder aus ihrer Ohnmacht erwachend, die Augen auf; ſie lächelte ihn wehmüthig mit ihren bleichen Lippen zu. Bei dem Anblick des ſtrömenden Blutes über⸗ fiel ihn ein unnennbares Gefühl von troſtloſer Verzweif⸗ lung und das ganze Gewicht der beabſichtigten That fiel wie eine ſchwere Laſt auf ihn. Dahin ſchwanden die fin⸗ ſteren, mordluſtigen Entſchlüſſe; er hatte jetzt keinen andern Gedanken, als Hannchen zu retten. Alsbald zerriß er ſein Taſchentuch, um das Blut zu ſtillen und einen kunſtloſen, vorläufigen Verband anzulegen, worin er als gedienter Sol⸗ dat ſich einige Erfahrung erworben hatte. Aengſtlich be⸗ lauſchte er den Ausdruck ihres Geſichtes und den Schlag ihres Herzens. Er verſtand auch bereits ſo viel, um ein⸗ zuſehen, daß die Wunde keineswegs gefährlich war; in der Freude ſeines Herzens wußte er nicht, was er beginnen ſollte; er lachte und weinte zu gleicher Zeit, küßte ihre Hand und ihren Mund, wobei er ſich wie närriſch ge⸗ berdete. „Soll ich denn nicht ſterben?“ fragte ſie mit matter Stimme, über ſein unerklärliches Benehmen erſtaunt. „Nein!“ jubelte er.„Du darfſt nicht ſterben, Du mußt leben und ſelbſt mit dem Couſin. Nur nicht ſterben, nur nicht ſterben!“ ſetzte er mit gefalteten Händen hinzu. „Ich bin ja mit Allem zufrieden, wenn ich Dich nur am Leben weiß.“ Ein Schauder erfaßte ihn jetzt, wo er nur an die Möglichkeit ihres Todes dachte, weil ſchon die leichte Ver⸗ wundung ihn faſt zur Verzweiflung brachte. Ihr flie⸗ ßendes Blut gab ihm die Beſinnung wieder zurück; er hatte nur den einen Wunſch, daß ſie am Leben bleibe; alles Uebrige kümmerte ihn nicht, mochte aus ihm nun werden, was da wolle. Hannchen ließ ihn ruhig gewähren, der Blutverluſt hatte ſie ſchwach gemacht; auch folgte natur⸗ gemäß der vorangegangenen, höchſten Anſpannung eine wohlthätige Erſchöpfung ihrer aufgeregten Lebensgeiſter. Mit bleichen aber verklärten Zügen und halb geſchloſſenen Augen lag ſie da in ſeinen Armen und an ſeine Bruſt ge⸗ lehnt, wie ein ſtilles Marmorbild; ſo hörte ſie die tauſend ſüßen Schmeichelnamen und auf die Liebkoſungen, mit denen er ſie überhäufte. Es war eine ſelige Ermattung, die ſüße Ruhe nach dem furchtbarſten Sturme, welche ſie jetzt empfand und die ihr ſo unendlich wohl that. So hätte ſie ewig bleiben mögen, hier unter den ſchattigen Bäumen, fern von der böſen Welt, von den Armen der Liebe gehalten. Nur zuweilen mahnte ſie ein zuckender Schmerz in der Schulter an ihre Verwundung, dann ent⸗ fuhr wohl auch den Lippen, welche meiſt ein ſeliges Lächeln zeigten, ein banger Seufzer und ein Schmerzenslaut.— Längſt war es Tag, aber kein Menſch in der Nähe, obgleich jetzt der Sattler ſich einen ſolchen herbeiwünſchte, um die durch fortwährende Blutverluſte erſchöpfte Geliebte an einen paſſenderen Ort zu bringen, wo ſie auch ärztlichen Beiſtand erhalten konnte. Er ſelbſt wagte nicht, ſie zu verlaſſen, um aus der Nähe die nöthige Hülfe herbeizuholen, nicht einmal zu rufen getraute er ſich in ſeiner ſonderbaren Lage; es blieb ihm daher nichts übrig, als geduldig bei der Geliebten zu warten und ihren Schlaf zu bewachen, dem ſie zum Glück und in Folge ihrer Schwäche unterlag; ſo daß ſie wenig⸗ ſtens für kurze Zeit all ihre vergangenen und zukünftigen Leiden vergaß. Zehntes Capitel. Es war noch früher Morgen, als der Kaſſenbote in ſeiner Wohnung erwachte. Beim Aufſtehen fiel ſein erſter Blick auf den zurückgelaſſenen Brief der Tochter; er er⸗ kannte ſogleich ihre Handſchrift und eine düſtere Ahnung überfiel ihn, bevor er noch das Schreiben erbrach. Seine Kniee zitterten, als er zu Ende geleſen hatte; entſetzt ſtürzte er nach ihrem Schlafzimmer, um ſich von der fürchterlichen 209 Wahrheit zu überzeugen. Er fand ſie nicht, ihr Lager war noch unberührt. Ohne Beſinnung eilte er nach dem von ihr angegebenen Ort, wo er wenigſtens ihren Leichnam zu finden hoffte. Seiner Frau verſchwieg er noch die nie⸗ derſchmetternde Nachricht, die ſie ohnehin zeitig genug er⸗ fahren ſollte; deshalb entfernte er ſich heimlich, ohne von ihr erſt Abſchied zu nehmen. Auf dem Wege überließ er ſich ſeiner natürlichen Verzweiflung, indem er ſich ſelbſt die größten Vorwürfe über ſein bisheriges Benehmen in dieſer Angelegenheit machte. Nicht mit Unrecht gab er ſich die Schuld, an dem vermeinlichen Tode ſeines Kindes, das er mit wahrer väterlicher Zärtlichkeit liebte. Nie war ihm Hannchen theurer geweſen, als in dieſem Augenblick, wo er ſie geſtorben glaubte. Geht es doch den meiſten Men⸗ ſchen ſo; erſt, wenn der Tod oder eine große Gefahr ihre Angehörigen bedroht, bricht die bis dahin oft verborgene oder irre geleitete Liebe in ihrer ganzen Kraft hervor; dann möchte man wohl ſich ſelber für ſie opfern, man achtet nicht das eigene Leben, das Bild des Leidenden oder Dahinge⸗ ſchiedenen ſteht vor uns im verklärten Lichte, wir vergeſſen all die kleinen Mängel und Schwächen, die ihnen anhaften, wir erkennen meiſt zu ſpät die Größe des uns widerfah⸗ renen Verluſtes. Wären wir nur halb ſo gerecht, freund⸗ lich, mild und nachſichtig gegen die Lebenden, wie wir ge⸗ gen die Geſtorbenen ſind, ſo würden wir manchen großen 1858. XVI. Neue Stadtgeſchichten. III. 14 Schmerz uns und ihnen erſparen, manche Thräne trocknen, manche bittre Stunde von ihnen abwehren. Warum muß erſt der Tod uns in ſeine harte Schule nehmen, um uns Liebe und Menſchlichkeit zu lehren?— Mit zerriſſenem Herzen eilte der unglückliche Vater jetzt denſelben Weg, den die Liebenden vor ihm gegangen waren; nun klagte und jammerte er über ſeine Härte gegen Hannchen, über die blinde Nachgiebigkeit, mit denen er den Plänen ſeiner Frau gefolgt war. Bald rang er die Hände, bald raufte er ſich das graue Haar, daß die Vorübergehenden ihm er⸗ ſchrocken und mitleidig nachſahen. Wer ihm begegnete und in das bleiche, entſetzte Geſicht ſchaute, dem mußte ſich die Ueberzeugung aufdrängen, daß er einem Unglück⸗ lichen gegenüberſtand. Aber die Leute in einer großen Stadt haben mehr zu thun, als auf einander zu achten. Stumm und theilnahmlos gehen ſie an einander vorüber und Keiner kümmert ſich um den Verluſt des Andern. Auch nahm ſich der Kaſſenbote nach Kräften zuſammen, wenn er fremden Menſchen begegnete und bekämpfte ſeinen Schmerz, um nicht Aufſehen zu erregen; denn er wollte nicht, daß die Sache ruchbar würde. Es lag ihm Alles daran, den gewaltſamen Tod ſeines Kindes zu verheim⸗ lichen, deshalb hatte er es auch vermieden, die Hülfe der Polizei in Anſpruch zu nehmen, wie er anfänglich Willens war. Seine Tochter eine Selbſtmörderin: das durfte 211 Keiner wiſſen, nur er allein trug die furchtbare Laſt und das Bewußtſein ſeiner Schuld. So wankte er weiter, ge⸗ peinigt von ſolchen Selbſtvorwürfen, zugleich überließ er ſich den ſchwarzen Gedanken, welche von allen Seiten ſeine Seele jetzt beſtürmten. Es wurde ihm mit einem Male klar, daß mit der Ausſicht auf die unerwartete Erbſchaft ein böſer Geiſt in ſein Haus eingezogen ſei; dahin war der ſtille Frieden und das frühere Glück. War er nicht zufrieden geweſen mit ſeiner beſcheidenen Stellung, ſeinem kleinen Verdienſt und im Kreiſe ſeiner wohlgerathenen Familie? Jetzt war das Alles zerſtört, vernichtet und ſtatt des geträumten Wohlſtandes das Unheil, die Zwietracht, der Tod in ſeiner furchtbarſten Geſtalt bei ihm eingekehrt. Mit Wehmuth gedachte er der vergangenen Zeit, der be⸗ ſcheidenen Wohnung, ſeiner faſt ärmlichen Einrichtung, in der er ſich ſo behaglich und wohl einſt gefühlt hatte, ſeiner ſtillen Freuden nach gethaner Arbeit, ſeiner fleißigen, immer geſchäftigen Frau, die jetzthem Müßigange und dem Luxus nach dem Beiſpiele der Schwägerin ergeben war; ſeiner Söhne und Töchter, die augenſcheinlich verwilderten und ſein väterliches Anſehn zu verlachen anfingen. Das arme Hannchen hatte ſich, um der von ihren Eltern ihr aufge⸗ zwungenen Verbindung zu entgehn, dem Tode freiwillig in die Arme geworfen. O!l das war mehr, als der alte Mann zu ertragen vermochte. Eine derartige Kataſtrophe 14* öffnete ihm die Augen und riß ihn aus ſeiner Verblen⸗ dung; er ſah es, furchtbar erſchüttert, daß er mit all den Seinigen auf dieſem Wege dem Verderben entgegen ging. Dieſe Wahrheit ſtand vor ihm in gräßlicher Geſtalt; die ſchreckliche Lehre drängte ſich ihm auf, daß die Sucht der heutigen Welt nach Geld und materiellem Genuß dem Ein⸗ zelnen wie der Geſammtheit zum Verderben gereiche; denn ein böſer Dämon ſchlummert im Reichthum und der Mammon wird gewöhnlich nur um einen theuren Preis erworben. „Verwünſchtes Geld, verwünſchte Erbſchaft!“ mur⸗ melte der Kaſſenbote.„Ol hätte ich nie das unglückliche Zeitungsblatt geſehen und nie die Schwelle des Schwagers überſchritten!“ Nun kam die Reue, die Begleiterin der Schuld, na⸗ gend, brennend, reißend mit ihren grimmigen Klauen, der Vampyr, welcher ſich von unſerem Herzblut nährt und das Mark unſerer Knochen mit gieriger Zunge ſchlürft. Wie ein ſchwarzer Schatten folgte ſie dem Unglücklichen, ihren Hohn ihm leiſe in's Ohr flüſternd, mit unfruchtbaren Vor⸗ würfen ihn belaſtend. Aber auch die unterdrückte Willens⸗ kraft begann ſich wieder zu regen und in dieſer Stunde des Jammers reiften allerlei wohlthätige Gedanken und Ent⸗ ſchlüſſe, wenn auch vorläufig noch unbewußt und unklar; wie auf den rauchenden Trümmern ſeines Hauſes der 213 Beſitzer mitten unter der Zerſtörung des Alten an den Neubau und die verbeſſerte Einrichtung ſeiner künftigen Wohnung denken mag. Iſt doch kein gegenwärtiger Ver⸗ luſt ohne künftigen Gewinn für den tüchtigen Mann.— Aber all dieſe ämmernden und wogenden Gedanken, dieſes Gemiſch von Vorwürfen, Plänen, von Reue und Zer⸗ knirſchung wurden von dem Schmerz über den Verluſt der geliebten Tochter zurückgedrängt. So ein Kind iſt ein Stück unſerer ſelbſt, Leben von unſerem Leben, Blut von unſerem Blut. Wir ſterben mit und ein Theil von uns wird auch begraben, oft unſer ganzes wahres Glück mit eingeſargt, weil wir in unſeren Kindern unſere Hoffnung, unſere Zukunft ſehen, die mit ihnen vernichtet wird. Das fühlte der unglückliche Vater, noch unglücklicher durch die Qual, daß er ſelbſt all dies Unheil zum Theil heraufbe⸗ ſchworen, zum Theil durch ſein Verhalten nicht kräftig ge⸗ nug abgewendet hatte. Zuweilen blitzte wohl durch dieſe dunkle Nacht noch ein matter Hoffnungsſtrahl, um eben ſo ſchnell wieder zu verſchwinden. Der Kaſſenbote dachte wohl daran, daß ein glücklicher Zufall die Ausführung der ſchrecklichen That verhindert haben, daß er vielleicht noch zur rechten Zeit kommen könne; er faltete bei dieſem Ge⸗ danken die Hände und betete ſo heiß und innig, wie er noch nie gebetet hatte, zu Gott um Mitleid, und Rettung für das arme, verirrte Kind. 214 „O Herr!“ flehte er leiſe.„Sei uns gnädig und höre mich. Laß meiner Tochter nicht ihr ſchreckliches Vor⸗ haben ausführen. Du kannſt ja ſchon ein Wunder gethan haben. Ich will auch von nun an nicht mehr auf die Stimme des Eigennutzes hören, ſondern in Demuth und zufrieden mit dem Looſe, das Du mir beſtimmt haſt, leben.“ So ungefähr lauteten die Worte, die er im Stillen zum Himmel richtete. In ſolchen Stunden der Bangig⸗ keit erwacht das unterdrückte religiöſe Bewußtſein und der ſchwache Menſch ſucht im Gefühle ſeiner Ohnmacht die Hülfe des höheren Weſens oft durch ein Gelübde, durch ein zu bringendes Opfer zu gewinnen, weil er nach irdiſchem Maßſtabe die Gottheit dadurch zu verſöhnen oder ſeinen Wünſchen geneigter zu machen glaubt. So wirft während eines wüthenden Sturmes der Schiffer oft die theuerſten Güter in das Meer, um ſein Leben zu retten. Spottet nicht über dieſen Aberglauben, der tief in unſerer Natur begründet liegt; er befreit uns oft von dem egoiſtiſchen Hänger an den gemeinen Gütern des Lebens und nähert uns wieder dem Höheren, mit dem wir auf ſolche Weiſe in unmittelbare Berührung treten. Der Kaſſenbote that das Gelübde, wenn er ſeine Tochter noch am Leben fände, auf die Erbſchaft zu verzichten, oder vielmehr das Geld, welches ihm dadurch zufallen würde, größten Theils zu wohlthäti⸗ gen Zwecken zu verwenden. Wunderbar fühlte er ſich 215 durch dieſen Entſchluß beruhigt und geſtärkt, ſo daß er vertrauungsvoll ſeinen Weg fortſetzte. Endlich gelangte er in das bezeichnete Wäldchen, wo er Hannchen noch am Leben traf; ſie ſchlug ſo eben ihre Augen auf und ihr erſter Blick traf den armen Vater, der mit kummervollem Ge⸗ ſichte vor ihr ſtand. Sie ſtieß einen leiſen Schrei aus und ſank von Neuem in eine Ohnmacht, aus der ſie jedoch bald durch ſeine Küſſe und milden Worte geweckt wurde. Kein Vorwurf entſchlüpfte ſeinen Lippen; die Freude über ihre glückliche Rettung verſchloß ihm den Mund. Während ſie ohne Bewußtſein dalag, hatte ihn der Sattler von Allem, was geſchehen war, ſchnell in Kenntniß geſetzt. Tief erſchüttert hörte er den Bericht, dem Himmel für die Erhaltung ſeines Kindes dankend. „Ich verzeihe Euch,“ ſagte er noch mit bebender Stimme.„Achl ich ſelber hatte ja die größte Schuld.“ Er konnte die über ſeine Wangen ſtrömenden Thrä⸗ nen nicht länger zurückhalten. Als Hannchen den Vater weinen ſah, ſchlang ſie ihren Arm um ihn und küßte in inniger Rührung ſeine Hand. „Du mußt auch Guſtav vergeben,“ flüſterte ſie ſchwach. „Ich allein habe ihn aufgefordert, mich zu tödten. Lieber wollte ich ſterben, als die Frau des verhaßten Couſins werden.“ „Das ſollſt Du auch nicht,“ antwortete der Kaſſen⸗ 216 bote.„Ich werde Dich nicht zu einer Heirath mehr zwin⸗ gen, die Dich nur unglücklich machen würde.“ Dieſe Worte wirkten wie der beſte Balſam und gaben dem Mädchen neue Kraft, ſo daß ſie ſich mit Hülfe ihrer Begleiter zu erheben und einige Schritte zu gehen vermochte. Da die Wunde keineswegs gefährlich ſchien und die Blu⸗ tung durch den vorläufigen Verband geſtillt war, ſo be⸗ ſchloß man, um jedes Aufſehn zu vermeiden, Hannchen bis zum Park zu führen und dort aus der Nähe einen Wagen herbeizuſchaffen, um ſie ſo unbemerkt nach Hauſe zu bringen. Dies gelang auch vollkommen und kein Menſch hatte eine Ahnung von dem, was die Liebenden aus Verzweiflung gethan hatten. Vor der Thür ſtieg der Kaſſenbote ab, um ſeine Frau von Allem zu unterrichten. Vor Schreck erſtarrte die Mutter, aber bald fand ſie ihre Beſinnung wieder; ſie eilte der Tochter entgegen und der Anblick des bleichen Kindes weckte auch in ihrem Herzen die tiefſte Reue über ihr bisheriges Benehmen. Mit der größten Schonung wurde Hannchen zu ihrem Bette geleitet; ein ſchnell indeß herbeigerufener Arzt entfernte die noch im Fleiſche ſitzende Kugel, wobei die Verwundete den Schmerz unterdrückte. Während der Operation hielt Guſtav ihre Hand in der ſeinigen und mit ſanftem Lächeln ſuchte die Dulderin den Geliebten und die ängſtlichen Eltern zu be⸗ ruhigen. Der Doctor empfahl vor allen Dingen die größte — 217 körperliche und geiſtige Ruhe und verſprach unter dieſer Bedingung die ſchnellſte Heilung ſchon in wenig Tagen; außerdem gelobte er, da ihm die Veranlaſſung nicht ver⸗ ſchwiegen bleiben konnte, die ſtrengſte Diskretion über den Vorfall. Weit beſſer aber als alle ſeine Verordnungen half die friſche Jugendkraft des Mädchens, die Zärtlich⸗ keit der Eltern und vor Allem die Nähe des Geliebten, der wieder unter den Augen und mit Bewilligung der Alten ſein früheres Verhältniß anknüpfen durfte. Das Glück der Liebenden verbreitete wieder ſeinen Abglanz über die ganze Familie und brachte eine, hier ſchon lange Zeit nicht mehr gekannte, freudige Stimmung hervor. Dieſe Veränderung konnte dem Hauſe Haſenfritz nicht entgehn, um ſo weniger, da der Kaſſenbote dem Schwager ſelbſt die nöthige Anzeige davon machte. Na⸗ türlich entbrannte zwiſchen den Verwandten die alte Fehde mit erneuter Kraft und es fehlte nicht an verſchiedenen Auftritten und heftigen Scenen aller Art, welche mit einem vollſtändigen⸗Bruche endeten. Für die Familie Bauer er⸗ wuchs aus dieſer Feindſchaft nur der größte Vortheil, in⸗ dem dieſelbe von dem verderblichen Beiſpiele befreit, zu ihrer früheren Einfachheit wieder zurückkehrte. Der Kaſ⸗ ſenbote benutzte den Reſt des Geldes, welches er von dem Aſſeſſor erhalten hatte, um damit den Sattler zu unter⸗ ſtützen, der nun endlich Meiſter wurde und Hannchen als 218 ſeine Frau heimführte. Bald darauf erfuhr Bauer, daß ſeine frühere Stellung bei der Bank durch das Ableben ſeines Nachfolgers erledigt war; er bewarb ſich darum und erhielt dieſelbe von Neuem, da ihn der Director als einen zuverläſſigen und brauchbaren Mann mit Freuden wieder anſtellte. Mit der früheren Beſchäftigung nahm er auch die alte Einfachheit an; ſein Hausweſen gewann dadurch nur an innerer Behaglichkeit. Zufrieden mit ſeinem Ge⸗ ſchicke trägt er nach wie vor die ſchweren Beutel; er beauf⸗ ſichtigt ſeine Kinder, welche ebenfalls die verlaſſene Arbeit wieder beginnen mußten und die durch Liebe und Strenge zu tüchtigen und ehrenwerthen Mitgliedern der Geſellſchaft von ihm erzogen werden. Nur Frau Bauer denkt wohl noch von Zeit zu Zeit an die aufgegebene Herrlichkeit und das vornehmere Leben mit Wehmuth zurück, doch die Aus⸗ ſicht, bald Großmutter zu werden, mindert ihre Trauer um die verlaſſenen Fleiſchtöpfe Aegyptens, oder vielmehr die ſchönen Kaffees bei der Frau Schwägerin. Der Prozeß um die Erbſchaft ſchwebt noch immer und wird wohl noch ſo manches Jahr ſchweben, da mit jedem Tage neue Prä⸗ tendenten auftreten, welche begründetere Anſprüche zu haben glauben. Weil es bisher dem Kaſſenboten noch nicht ge⸗ lungen iſt, die vom Gericht verlangten Dokumente beizu⸗ bringen, ſo dürfte es äußerſt zweifelhaft ſein, ob er je in den Beſitz der halben Million gelangen wird. Er kümmert 219 ſich nicht weiter viel darum, indem er zu der Ueberzeugung gekommen iſt, daß das Geld ihn nicht glücklicher machen kann, als er ſich gegenwärtig fühlt. Deſto mehr iſt der Aſſeſ⸗ ſer auf den Ausgang begierig, um ſein vorgeſchoſſenes Geld mit reichlichen Zinſen wieder zu erhalten. Wenn Bauer an ſeine Verirrungen und die ihm auferlegten Prü⸗ fungen zurückdenkt, ſo faltet er wohl dankbar mit einem Blicke zum Himmel die Hände. „Der Droben,“ ſagt er mit inniger Rührung,„hat noch Alles wohl gefügt. Er weiß am Beſten, was dem Menſchen frommt. Gott bewahre mich und uns Alle vor jeder ferneren Verſuchung.“ „Amen!“ ſetzt Frau Bauer mit einem Seufzer hinzu. „Wenn wir aber doch den Prozeß noch gewinnen ſollten?“ „Dann baue ich ein großes Krankenhaus und gründe eine Unterſtützungskaſſe für hülfsbedürftige Bürger, wie ich es Gott verſprochen habe. Ich wünſche aber, daß der Staat das Geld bekäme und überhaupt ſollten alle derar⸗ tigen, großen Hinterlaſſenſchaften, wo keine nächſten Anver⸗ wandten vorhanden ſind, an den Fiskus zurückfallen, der damit wohlthätige Anſtalten ausſtatten und in's Leben rufen mag.“. „Es iſt aber doch ſchön, wenn man eine halbe Mil⸗ lion beſitzt,“ meinte die Alte. „Aber beſſer, wenn man geſunde Glieder, einen frohen 220 Sinn und wohlgerathene Kinder um ſich hat. Ich möchte nicht um alle Schätze der Welt eins durch meine Schuld verlieren.“ Dabei ſah er das gute Hannchen an, welche ſich grade zu Beſuch bei den Eltern mit ihrem Mann, dem Herrn Sattlermeiſter Rath befand; ſie verſtand den Blick und erwiederte ihn mit einem Lächeln der Dankbarkeit und kind⸗ lichen Liebe. Auf einen Wink von ihr ſchleppten die jün⸗ geren Geſchwiſter den bekannten Lehnſtuhl herbei, den ſie glücklich bei einem Trödler entdeckt und gekauft hatte, um den Vater mit dem alten Freunde zu überraſchen. Er ſetzte ſich mit vielem Vergnügen darauf und zündete die lange Pfeife an, die ihm nie beſſer ſchmeckte, als hier im Kreiſe der glücklichen Familie.—— Ende des dritten und letzten Cheils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 4 “ TiinnſſmPnſenſſſſſfſſſſſſiiſſiiſſſſſſſſnnſſinſſſf 9 1 1 1 ſinſſnſinſnſſi 6 7 8 10 1 2 3 1 4 15 16 17