4 4 4 e ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ ———-— hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: — für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——·ñ— Q——— 1 auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. pf. 8 A. „ ur— 82 tr— 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung d der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wer durch die Straßen einer großen Stadt geht und dieſelben nur oberflächlich anſieht, der bekommt freilich nur einen unvollkommenen Begriff von ihrer Phyſiognomie, indem er nur die vordere Partie und nicht die Kehrſeite der Medaille kennen lernt. Da giebt es prachtvolle Häuſer, welche man ſchon Paläſte nennen kann; großartige Ge⸗ bäude mit Spiegelfenſtern, mächtigen Portalen und ge⸗ ſchmackvollen Balkons; ſie bilden gleichſam den Vorhang, hinter dem ſich wieder eine ganz andere Stadt mit einer neuen, mehr oder minder unbekannten Bevölkerung erhebt. Faſt jedes dieſer glänzenden Gebäude hat nämlich einen Stiefbruder, das ſogenannte Hinterhaus, einen Prole⸗ tarier von dürftigem, herunter gekommenem Ausſehn und trauriger Geſtalt. Hier wohnt häufig die Armuth, das Elend, die Proſtitution und zuweilen das Verbrechen, nur durch einen Hof oder Garten von dem Reichthum, dem Luxus und dem Glücke getrennt. Dieſe Hinterhäuſer ſind 1858. XVe Neue Stadtgeſchichten. II. 1— 2 meiſt im eigentlichen Sinne die partie honteuse der Stadt mit ihren dumpfen, engen Wohnungen, welche kaum durch einen freundlichen Sonnenſtrahl erhellt werden, mit ſchmalen, gebrechlichen Treppen, klappernden Thüren und Schlöſſern, mephitiſchen Ausdünſtungen aller Art, rau⸗ chenden Küchen und feuchten Kellern, in denen das Waſſer oft Monate lang ſtehen bleibt. Die Bevölkerung derſelben gehört zum großen Theil den arbeitenden Klaſſen an; hier lebt der fleißige Handwerker, der trotz aller Anſtrengung nicht ſo viel verdient, um ſeine überaus zahlreiche Familie zu ernähren, die Wäſcherin, welche durch die fortwährende Berührung mit bald heißem und bald kaltem Waſſer an der Gicht leidet und kaum mehr einen Finger rühren kann, der heruntergekommene Muſiker, der Privatlehrer, der am Hungertuche nagt; die arme Wittwe mit ihrer kleinen Penſion, oder einer monatlichen Unterſtützung von zwei Thalern aus der Armenkaſſe, der Abenteurer, der entlaſſene Bediente, der beſtrafte Verbrecher, welcher unter polizei⸗ licher Aufſicht ſteht; das ganze Heer, aus dem ſich das Laſter und die Gefängniſſe zu rekrutiren pflegen. Das kriebelt und krabbelt, rennt und läuft, regt und drängt ſich wie in einem wimmelnden Ameiſenhaufen und dazwi⸗ ſchen ſchreien und lachen, ſpielen und irren unzählige Kin⸗ der von jedem Alter, denn grade die Armuth pflegt mit einer zahlreichen Nachkommenſchaft geſegnet zu ſein, die 3 ſich den lieben, langen Tag zum Aerger des geſtrengen Hauswirthes auf dem Hofe und vor den Thüren herum⸗ treibt. Zwiſchen den Bewohnern des Vorder⸗ und des Hinterhauſes findet ſo gut wie gar keine Gemeinſchaft ſtatt, höchſtens bilden die Dienſtboten des Erſteren eine Art von Verbindungslinie mit den Letzteren, ſo daß die vornehmen Herrſchaften allerlei ſchauderhafte Geſchichten erfahren, wie der Korbmacher im Hintergebäude ſeine Frau neulich ſchwer gemißhandelt, wie das Kind der Scheuer⸗ frau ſich faſt verbrannt hätte und ähnliche wichtige Ereig⸗ niſſe, wogegen die Anderen ebenfalls die Kunde von allerlei vielleicht noch intereſſanteren Vorfällen durch denſelben Kanal erhalten. Die Gränzſcheide zwiſchen den beiden getrennten Gebieten iſt der gemeinſchaftliche Hof, welcher allerdings nur ſelten und in gewiſſen Ausnahmefällen von der vorderen Geſellſchaft betreten wird. Deſto öfter be⸗ gegnen ſich die Kinder der verſchiedenen Parteien auf dem neutralen Boden und knüpfen ſo zuweilen ein freundſchaft⸗ liches Verhältniß mit einander an, da ſie ſich noch in dem glücklichen Alter befinden, wo man entweder keine Standes⸗ unterſchiede kennt, oder noch leichter darüber hinwegſieht. So ſpielten auch jetzt auf dem Hofe eines ſolchen Gebäudes in der Ludwigsſtraße zwei Kinder, deren Kleidung und Ausſehn auf den erſten Anblick ihre entgegengeſetzte Lebens⸗ ſtellung verriethen. Der Knabe von dreizehn Jahren war 4 1 1* 5 2 der vollkommen ausgeprägte Proletarier im grauen Lein⸗ wandkittel, mit grobem Hemdekragen, ohne Mütze und Halstuch. Seine gebräunten Wangen bezeugten, daß er ſich nicht vor Wind und Wetter ſcheute; lieber auf der Straße ſich herumtrieb, als in der Stube, oder gar auf der Schulbank ſaß. Wild und verworren hing das braune, flatternde Haar um die freie, offene Stirn, unter der die ſchwarzen, brennenden Augen bald finſter und trotzig, bald wieder heiter und lachend hervorſchauten, je nachdem das leicht bewegliche Herz des Knaben in ſchnellem Wechſel der Stimmung berührt wurde. Schön war grade das dunkle, von der Sonne verbrannte Geſicht nicht zu nennen, aber ein Zug von Schalkheit und gutmüthiger Treuherzigkeit verlieh ihm einen eigenen Reiz. Der Junge, welcher Wilhelm Hornung hieß, hatte es zwar, wie man zu ſagen pflegt, fauſtdick hinter den Ohren ſitzen, aber ein Duckmäuſer war er darum doch nicht. Er konnte wohl einen und noch mehr als einen dummen und leichtſinnigen Streich begehen, aber ſicher keine Schlechtigkeit, dazu ſah er zu ehrlich aus, obgleich er den Schalk im Nacken hatte und ſeine übermüthige Eulenſpiegel⸗Natur unvermuthet zuweilen hervorbrach. Seine Pflegemutter, die Wittwe Schneider, welche ſich von allerlei kleinen Hanthierungen und Geſchäften ernährte, hatte ihre liebe Noth mit ihm und mehr als ein Mal war ſie ſchon Willens den Knaben, 5 der ſeine Eltern nicht kannte, dem Waiſenhauſe zu über⸗ geben, aber dann wußte Wilhelm ſo lange zu ſchmeicheln und zu bitten, bis ſie ſich von Neuem entſchloß, ihn wieder zu behalten, obgleich ſie es nur um Gottes Willen that und ihre Vermögensverhältniſſe, wie man ſich denken kann, auch nicht die beſten waren. Sie hatte ſich einmal an ihn gewöhnt und mochte den Wildfang gut leiden, wenn er ihr auch viel zu ſchaffen machte und ſie ſchon ſeit Jahr und Tag keinen Heller mehr zu ſeiner Verpflegung erhielt. Früher war das anders geweſen; da hatte ſie regelmäßig durch die Hebamme Winklern alle Vierteljahre eine an⸗ ſehnliche Summe ausgezahlt bekommen, welche vermuthlich von den auch ihr unbekannten Eltern herrührte; aber ſeit⸗ dem die Winklern ſo plötzlich vom Schlage gerührt wurde, hörten auch die Unterſtützungsgelder auf und kein Menſch bekümmerte ſich mehr um den Jungen. Dennoch konnte ſich Frau Schneider nicht entſchließen, ihn fortzuthun, wie ihr von vielen Seiten gerathen wurde; ſie behielt ihn, zog ihn groß, gab ihm zu eſſen und das war keine Kleinigkeit; denn er aß, wie Knaben in ſeinem Alter thun, ſehr viel. Auch kleidete ſie ihn ſo gut ſie es vermochte; was ebenfalls nicht geringe Koſten in ihren Verhältniſſen verurſachte, da Wilhelm alle Monate mindeſtens ein Paar Hoſen zerriß, ſo daß die gute Frau der Meinung war, daß ihr Pflegling nicht wie andere Leute auf den Füßen, ſondern auf den Knieen ſpazieren ging. Abgerechnet dieſer kleinen Fehler war der Junge von Herzen gut; er wäre für ſie durch's Feuer gegangen, that was er ihr an den Augen abſehen konnte und zeigte ſich gegen alle Welt gefällig, am meiſten jedoch gegen daſſelbe Mädchen, welches jetzt mit ihm trotz des wiederholten Verbotes ihrer Eltern ſpielte. Sie war die Tochter des im Vorderhauſe wohnenden Barons von Freiſtadt und demnach einer weit höheren Lebensſphäre angehörig, aber Lieschen, oder die junge Baroneſſe Eliſe, wie ſie von den Bedienten, der Kammerfrau und ſelbſt der Gouvernante auf ausdrücklichem Befehl ihrer Mutter genannt werden mußte, machte ſich gar nichts aus dem Standesunterſchied und theilte nicht die Vorurtheile ihrer adligen Familie. Zum ſchweren Leidweſen derſelben zeigte ſie in vielen Fällen wirklich auffallend plebejiſche Neigun⸗ gen, denen man ſich gezwungen ſah nachzugeben, da ſie das einzige Kind ihrer Hochgeborenen Eltern war und blieb. Sie theilte mit ihrem Freunde aus dem Hinter⸗ hauſe nicht nur ihre Semmel, Obſt und Leckerbiſſen aller Art, ſondern auch ſeine oft ſehr wilden und für eine wohl⸗ erzogene Demoiſelle von zehn Jahren keineswegs paſſenden Spiele und Vergnügungen. So oft ſie konnte, entſchlüpfte ſie der Aufſicht ihrer Gouvernante und trieb ſich im Hofe mit Wilhelm herum, der ihr dermaßen geſiel, daß ſie ihm vor aller ebenbürtigen und ariſtokratiſchen Geſellſchaft den 7 Vorzug gab. Er verſtand es aber auch, ſie an ſich zu feſ⸗ ſeln; kein Junge konnte ſo hoch wie er einen Reifen werfen und ſo ſicher wieder auffangen, keiner ſo geſchickt klettern und von dem höchſten Baum, oder gar vom Dache den verworfenen Ball für Lieschen, oft mit Gefahr den Hals zu brechen, herunterholen. Ohne das Turnen gelernt zu haben, turnte er beſſer noch als Vater Jahn, denn es gab für ſeine geſchmeidigen Glieder keine Schwierigkeit, kein Hinderniß. Außerdem beſaß er eine merkwürdige Ge⸗ ſchicklichkeit im Erfinden und Anfertigen von allerhand Unterhaltungsmitteln; er baute die ſchönſten, holländiſchen Windmühlen; aus ſeiner Hand war ganz allein eine voll⸗ ſtändige deutſche Marine hervorgegangen, welche er mit Hülfe eines Meſſers aus Holzborke ſchnitt und in dem Kanal des Hofes vom Stapel laufen ließ, ſo bald dieſer durch einen vorangegangenen Regen angeſchwollen war. Bei ſolchen Gelegenheiten durfte Lieschen nicht fehlen und die junge Baroneſſe vergaß dann ſo weit ihre Abkunft, daß ſie die niedrigſten Dienſtleiſtungen bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten übernahm, höchſteigenhändig Matroſendienſte ver⸗ richtete und der jungen, deutſchen Marine durch einen Stoß oder einen kühnen Griff auf die Beine half, wenn dieſelbe in's Schwanken gerieth, oder von der Strömung fortgeriſſen, gar unterzugehen drohte. Umſonſt boten ihre Eltern alle möglichen Mittel auf, um dieſen Umgang mit 8 dem Proletarier, ſchlichtweg Gaſſenjunge genannt, zu ver⸗ hindern; weder Bitten noch ſelbſt Drohungen halfen hier. Lieschen hörte mit ſcheinbarer Unterwürfigkeit die Straf⸗ predigt und die weiſen Lehren der gnädigen Frau Mutter an; verſprach Beſſerung und entſchlüpfte ſchon im nächſten Augenblicke, um mit Wilhelm zuſammenzutreffen. Der Junge mußte es ihr angethan haben, denn er brauchte nur zu winken, nur ſein gewohntes Lied zu pfeifen, huſch! ſprang das Mädchen die Treppe herab und war an ſeiner Seite. Man konnte wohl an einen Zauber denken, wenn man ſie dann Beide mit einander ſah, den kräftig braunen Knaben im Leinwandkittel und das zarte blonde Locken⸗ köpfchen, welches ſich an ihn anſchmiegte und nicht von ihm ließ.— An dem heutigen Tage handelte es ſich, wie es ſchien, um ein ganz beſonderes Unternehmen, denn unſer Pärchen hatte ſchon am frühen Morgen die Köpfe zuſam⸗ mengeſteckt und fortwährend heimlich mit einander zu ziſcheln gehabt. Die Sache wurde aber als ein großes Staatsgeheimniß behandelt, trotzdem hatte ſich ein Lauſcher eingefunden und zwar in der Perſon des langen Heinrich. Dieſer war der Sohn und zukünftige Erbe des reichen Hausbeſitzers und Rentiers Roſenberg, der in demſelben Hauſe wohnte. Lieschen konnte den mageren Schleicher nicht leiden, der ſich in ihre Spiele eindrängte und gewöhn⸗ lich mit Wilhelm Skandal anfing, wobei er jedoch meiſt 9 den Kürzern zog. Hatte der verzogene Knabe bei ähnlichen Gelegenheiten, wo er durch ſeine Neckereien Streit verur⸗ ſachte, die gehörige Tracht Prügel empfangen, ſo rannte er, ſtatt ſich zur Wehr zu ſetzen, alsbald ſchreiend zu ſeinem Vater, dem er dann mit wiſſentlicher Uebertreibung den Vorfall klatſchte. Dann gab es einen großen Skandal, indem Herr Roſenberg zu Wilhelm's Pflegemutter eilte und ihr mit Aufkündigung der Wohnung drohte, wenn ſie nicht die Range, wie er den Schuldigen benannte, exem⸗ plariſch beſtrafen würde. Wäre es nach dem Sinne dieſes würdigen Hauswirthes gegangen, ſo ſäße unſer Freund ſchon längſt auf dem Zuchthauſe für all die loſen Streiche, die er bereits vollführt hatte. Die Unterredung der Kinder betraf nichts mehr oder minder als ein naturwiſſenſchaft⸗ liches Experiment, das der tolle Junge in irgend einem Buche aufgefunden, nämlich die Herſtellung eines feuer⸗ ſpeienden Berges, eines Vulkans auf dem friedlichen Hofe des Herrn Roſenberg. Die Idee ſpukte ſchon lange in ſeinem Kopfe und er wußte die erhabene Erſcheinung eines ſolchen Naturwunders ſeiner kleinen Freundin mit ſo leben⸗ digen Farben auszumalen, daß dieſe vor Begierde brannte und ihn täglich an die Ausführung mahnte. Das war aber keine Kleinigkeit, denn es gehörten dazu allerlei noth⸗ wendige Gegenſtände, Pulver, Schwefel, Salpeter und ähnliches Teufelszeug. Mit vieler Mühe nur gelang es 10 ihm, ſich dieſe Subſtanzen einzeln anzuſchaffen und der heutige Abend war zur Darſtellung dieſes keineswegs un⸗ gefährlichen Schauſpiels beſtimmt. Deshalb fanden ſchon am frühen Morgen mehrere Conferenzen ſtatt, die durch den langen Heinrich aber leider belauſcht wurden. „Wenn ich nicht mit dabei ſein kann,“ bemerkte die⸗ ſer, plötzlich hervortretend,„ſo ſag' ich Alles dem Vater.“ „Und wenn Du nur ein Wort redeſt,“ entgegnete Wilhelm,„ſo ſchlage ich Dich, daß Du windelweich wirſt.“ Dabei ballte er die Fäuſte und machte bereits die Miene, als ob er ſeine Drohung ſogleich ausführen wollte. Daran hinderte ihn indeß Lieschen mit mehr Beſonnen⸗ heit, als man ihr bei ihrem zarten Alter zutrauen durfte. „Es iſt beſſer,“ ſagte die angehende Diplomatin, „daß der Heinrich mit dabei iſt, denn wenn er wieder ſei⸗ nem Vater klatſcht, ſo wird aus der ganzen Geſchichte nichts.“ „Aber er muß uns verſprechen,“ meinte Wilhelm, „daß er Niemand eine Sylbe ſagt.“* „Ja, Heinrich, das mußt Du thun,“ fügte ſie mit großem Ernſt hinzu. „Gewiß! ich werde es keinem Menſchen verrathen,“ bekräftigte der lange Heinrich. „Das iſt nicht genug,“ antwortete der junge Feuer⸗ werker, der bereits den hinterliſtigen Charakter ſeines Geg⸗ 11 ners kennen gelernt hatte.„Du mußt uns ſchwören. Erſt ſagſt Du: meiner Treu!“ „Meiner Treu!“ wiederholte der Knabe. „So iſt es gut und wenn Du nicht Dein Wort hältſt, biſt Du ein Schuft.“ Jetzt erſt wurde Heinrich in das Geheimniß, welches er bisher nur oberflächlich mehr geahnt als gewußt hatte, vollſtändig eingeweiht und als förmlicher Theilnehmer zu⸗ gelaſſen. Er verſprach zur feſtgeſetzten Stunde ſich ein⸗ zufinden und gelobte nochmals feierlich das tiefſte Still⸗ ſchweigen, worauf ſich die Verbündeten diesmal in der beſten Eintracht trennten. Den Nachmittag brachte Wil⸗ helm damit zu, laut Vorſchrift, die er in dem alten Buch gefunden, den feuerſpeienden Berg herzurichten. Zu die⸗ ſem Zwecke grub er theils mit ſeinen Händen, theils mit einer Schaufel, die er ſich unter irgend einem Vorwande vom Hausknecht lieh, in einem verborgenen und nur ſelten betretenen Winkel des Hofes ein ziemlich anſehnliches Loch, worin er die bereits eingekauften und wohl verwahrten Subſtanzen nach einem gewiſſen Syſtem ordnete. Er bildete förmliche Abtheilungen und zwiſchen den einzelnen Schichten legte er loſe Erdſtücke, wie es in dem Rezepte angegeben war. In der Mitte des Kegels mußte ein hohler Raum bleiben, der gar nicht ſo leicht herzuſtellen war. Das Ganze belegte er mit friſchem Raſen und das Werk, welches in der That einem anſehnlichen Maulwurfs⸗ hügel glich, war nun zu ſeiner nicht geringen Freude end⸗ lich beendet. Während der Zeit, daß er arbeitete, ſtand Heinrich, wie es verabredet war, Wache, um jede verdäch⸗ tige Annäherung zu verkündigen und durch einen ſcharfen Pfiff den beſchäftigten Ingenieur zu warnen. Zum Glücke zeigte ſich Niemand auf dem Hofe und die Arbeit ging ohne jede Störung von Statten. Als Wilhelm aber fertig war und vor dem von ihm geſchaffenen Vulkane ausruhend ſtand, überkam ihm mit einem Male wieder jenes kurioſe Gefühl, das er regelmäßig empfand, wenn er einen dummen Streich vorhatte. Es war ihm grad ſo zu Muthe, als fühlte er eine kalte Hand im Nacken, die ihn von hinten packte und ſo lange ſchüttelte, bis ihm der Athem ausging. Am lieb⸗ ſten hätte er auch die ganze Unternehmung aufgegeben, aber er dachte an die Erwartung, welche er in Lieschen angeregt hatte und die nicht unbefriedigt bleiben durfte. Und was hätte der lange Heinrich dazu geſagt? Würde dieſer ihn nicht wegen ſeiner Feigheit und Mangel an Muth verhöhnt haben? Lieber den Buckel voll Prügel als den Hohn ſeines Gegners. Dieſer Gedanke verſcheuchte alle aufſteigenden Beſorgniſſe und im nächſten Augenblicke waren auch die letzten Skrupel beſeitigt, ſo daß er auf die Ausführung ſeines Vorhabens jetzt um ſo feſter beharrte. Unterdeß ſaß das ungeduldige Lieschen in dem Zimmer — 13 ihrer Mutter wie auf Nadeln und war anſcheinend ſehr aufmerkſam mit dem Auswendiglernen der franzöſiſchen Vokabeln beſchäftigt, von denen ſie trotz ihres ausgezeich⸗ neten Gedächtniſſes auch nicht eine einzige behielt, weil ihr Köpfchen mit ganz andern Dingen beſchäftigt war und ihr kleines Herz voll Erwartung klopfte. Endlich erhob ſich die Baroneſſe von ihrem Stuhl, um noch einen Beſuch abzuſtatten, Lieschen bemerkte mit großer Freude die An⸗ ſtalten der Mutter, um fortzugehen. Die kleine Schelmin blinzelte über das Buch hinweg und kicherte in ſich hinein, um nicht ihr Vergnügen zu verrathen. Wenn die Baro⸗ neſſe ſich nach ihr umwandte, machte ſie ein ſo frommes, unſchuldiges Geſicht und that ſo eifrig, als wollte ſie ſämmtliche Vokabeln vor Fleiß verſchlingen; kaum war aber dieſe fortgegangen, ſo flog auch ſie wie ein elaſtiſcher Federball zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter, grade nach dem Hof, wo ſie die Knaben bereits erwarteten. Es galt aber keine Zeit zu verlieren, da die Gouvernante, welche mit einem engliſchen Roman im Hinterzimmer ſaß, die Abweſenheit ihrer Pflegebefohlenen leicht entdecken konnte; deßhalb mußte auf ihren Wunſch die Vorſtellung des grandioſen Naturſchauſpiels alsbald beginnen.. Wil⸗ helm hatte ſich zu dieſem Zwecke mit einem langen Stück Feuerſchwamm verſehen, welchen er wie eine Lunte mit der Oeffnung des feuerſpeienden Berges in Verbindung ſetzte. 14 Vorſichtig zündete er das untere Ende mit einem mitge⸗ brachten Schwefelholze an, worauf er mit ſeinen Beglei⸗ tern in gehöriger Entfernung die Wirkung ſeiner neuen Höllenmaſchine unter lautem Herzpochen abwartete. Es trat eine erwartungsvolle Pauſe ein, welche die allgemeine Spannung auf das Höchſte trieb. Der Schwamm war zum Glück oder Unglück nicht trocken genug, um den zün⸗ denden Funken ſchneller fortzuleiten; ſchon hielten die Kin⸗ der das Experiment für verunglückt und der ſchadenfrohe Heinrich verzog ſein eben nicht allzuſchönes Geſicht zu einem hämiſchen Lächeln; dabei war er dem heimtückiſchen Vulkan um einen Schritt näher gekommen, trotzdem Wil⸗ helm, welcher beſſer mit der Natur ſolcher Gegenſtände aus mehrfacher Uebung vertraut war, ihn wiederholt warnte und zurückzuhalten ſuchte. In dieſem Augenblicke entzün⸗ dete ſich die Mine, ein rother Blitz ſchoß daraus hervor, dem ein lautes donnerähnliches Krachen folgte; zugleich ſchleuderte die Gewalt der Exploſion die lockeren Raſen⸗ ſtücke mit ziemlicher Kraft weit umher. Ein Hagel von Sand und kleinen Steinen regnete herab; dichter Rauch und Dampfwolken hüllten auf kurze Zeit die ganze Scene kein. Als derſelbe ſich verzogen hatte, wurde der angerich⸗ tete Schaden erſt ſichtbar. Zwar hatte der Ausbruch die⸗ ſes improviſirten Veſuvs nicht die Stadt, wie einſt Herku⸗ lanum und Pompeji, unter ſeiner Lava und einem Aſchen⸗ 15 regen begraben; auch war das Meer, nicht einmal der ſchmale Abzugskanal im Hofe aus ſeinem Bette getreten, kein Haus zuſammengeſtürzt, keine Katze, geſchweige ein Menſch verſchüttet worden, aber nichtsdeſtoweniger ſchie⸗ nen die angerichteten Verwüſtungen höchſt erheblich und in ihren Folgen beſonders für Wilhelm furchtbar. Da, wo der feuerſpeiende Vulkan noch geſtanden, war die Erde klaffend aufgeriſſen und ſchaudernd blickte das Auge in die gähnende Tiefe des eingeſunkenen Kegels nieder. Die unteren Fenſter des Hinterhauſes hatten mehr oder minder Schaden genommen und drei Scheiben waren vollſtändig zertrümmert; aber am ſchlimmſten war der lange Heinrich fortgekommen; er büßte ſeinen naturwiſſenſchaftlichen Eifer mit einer blutenden Beule am Kopfe, von einem der her⸗ umfliegenden Erdklöße getroffen. Zwar wollte ſeine Ver⸗ wundung nicht viel ſagen, aber je weniger ſie zu bedeuten hatte, deſto lauter war ſein Geſchrei, welches allein hin⸗ reichte, das ganze Haus herbeizurufen, wenn dies nicht ſchon der Donner der vulkaniſchen Exploſion gethan hätte. Männer und Frauen, Dienſtboten und Herrſchaften, die vorderen und hinteren Parteien waren ſogleich mit er⸗ ſchrockenen Geſichtern herbeigeeilt, an der Spitze der Haus⸗ wirth ſelbſt, welcher eine Pulververſchwörung oder gar ein Erdbeben befürchtete. Beim Anblick des Vaters ließ der würdige Sprößling noch einmal ſo laut ſeine Stimme 16 erſchallen, wobei er ungefragt ohne Weiteres den armen Wilhelm als den eigentlichen Urheber des erſchütternden Ereigniſſes anklagte, fortwährend ſeine eigene Unſchuld betheuernd. Den tollen Jungen hatte das ahnende Herz nicht betrogen, denn im nächſten Augenblicke fühlte er die kalte Hand in ſeinem Nacken, von der er vorher nur ge⸗ träumt hatte. Herr Roſenberg faßte ihn mit ſeinen Fäu⸗ ſten in der Abſicht, zuerſt die Exekution und ſpäter erſt die Unterſuchung vorzunehmen; ein Verfahren, das freilich nicht nach ſtrengen Rechtsbegriffen ſich vertheidigen ließ. Auch ſchien der ſo Angegriffene damit keineswegs einver⸗ ſtanden, denn er ſetzte ſich ſowohl mit Worten wie auch Handlungen dagegen herzhaft zur Wehre, wobei er mit großer Behendigkeit und aalglatter Geſchmeidigkeit den Händen ſeines Richters zu entſchlüpfen wußte. Er ver⸗ theidigte ſich unerſchrocken mit der Zunge und den übrigen Gliedern, und führte dabei ſeine Sache mit ſo eindring⸗ licher Beredtſamkeit, daß er zum Theil wenigſtens die An⸗ weſenden, wenn auch nicht von ſeiner Unſchuld, doch wenig⸗ ſtens von der Geringfügigkeit ſeines Vergehens überzeugte. Dabei machte ſich wieder die Verſchiedenheit zwiſchen den Bewohnern des Vorder⸗ und des Hinterhauſes geltend, denn während dieſe entſchieden Partei für den Angeklagten nahmen und ſeine That in einem weit milderen Lichte be⸗ trachteten, verdammten ihn jene und fanden keine Strafe ——— Iÿÿq 17 zu hart für den unverbeſſerlichen Taugenichts. Am meiſten wüthete aber Herr Roſenberg, ergrimmt über die zer⸗ ſprungenen Fenſterſcheiben und noch mehr über die zum Glück nur unbedeutende Verwundung ſeines Benjamin's. „Der Junge,“ ſchrie er mit zorngeröthetem Ge⸗ ſichte,„muß mir exemplariſch beſtraft werden. Das iſt keine Kleinigkeit! Das ganze Haus hätte in die Luft ge⸗ ſprengt werden können, oder wenigſtens abbrennen. Ich werde ſelber bei der Polizei Anzeige machen und auf die Einſperrung des Buben antragen. Noch heute muß er fort; ich kündige der Schneidern, wenn ſie ihn nicht augen⸗ blicklich wegjagt.“ „Und was ſoll aus der armen Waiſe werden, die weder Vater noch Mutter hat?“ fragte ein mitleidiger Schuhmacher, der Sprecher des Hinterhauſes, welcher ſel⸗ ber mit einer zahlreichen Familie geſegnet war. „Das geht mich gar nichts an und Sie eben ſo wenig,“ ſchnaubte der wüthende Hauswirth, welcher keinen Widerſpruch und am wenigſten von den Miethern zweiter oder gar dritter Klaſſe ertragen konnte. „Nun ich ſollte doch meinen, daß es Chriſtenpflicht iſt, ſich der Verlaſſenen anzunehmen,“ bemerkte der Schu⸗ ſter, aufgemuntert durch den Beifall der Seinigen, welcher ſich durch ein beiſtimmendes Murmeln zu erkennen gab. „Jugend hat keine Tugend, und wenn der Wilhelm ſich 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 2 vergangen hat und beſtraft werden ſoll, ſo muß Ihr Sohn auch das Seinige abbekommen. Gleiche Brüder, gleiche Kappen; denn ich habe geſehn, wie er dabei geſtanden und mit geholfen hat. Was dem Einen Recht iſt, iſt dem An⸗ dern billig.“ „Ich verbitte mir jede Einmiſchung,“ ſchrie Herr Roſenberg auf's Aeußerſte gereizt.„Da Sie aber mit Sprüchwörtern ſo herumwerfen, ſo will ich Ihnen auch damit dienen: Schuſter bleib' bei Deinem Leiſten und wer Pech anrührt, beſudelt ſich.“ „ Und Hochmuth kommt zum Fall,“ äußerte der auf⸗ gebrachte Schuſter, indem er keine Antwort ſchuldig blieb. „Der Krug geht ſo lange zum Waſſer bis er bricht. Den⸗ ken Sie, weil Sie ein Rennthier und Hauswirth ſind, daß Sie einen ehrlichen Mann ſo mir nichts dir nichts belei⸗ digen dürfen. Es iſt nicht Alles Gold, was glänzt. Man weiß, wie Sie zu dem vielen Gelde gekommen ſind, und mit anderer Leute Vermögen kann man leicht Häuſer kau⸗ fen und Paläſte bauen. Ich könnte Ihnen ein Lied vor⸗ ſingen, wie man zum reichen Manne wird, wenn man die zehn Gebote ſich um die Ohren ſchlägt und Fünfe grade ſein läßt. Unſereins muß ſich ſein Brod ſauer verdienen, dafür kann ich auch aller Welt grade in die Augen ſehn, was Jedermann nicht darf.“ „Das ſind Injurien, Injurien!“ bellte der Haus⸗ 19 wirth mit überſchnappender Stimme und zu den Anweſen⸗ den gewendet,„Sie haben es gehört und werden es be⸗ zeugen.“ Aber der Schuſter ließ ſich nicht abſchrecken und ein⸗ ſchüchtern; er redete wie es ihm um's Herz war und ſeine Worte fanden um ſo mehr im Hinterhauſe Anklang, da Herr Roſenberg bei ſeinen Miethern eben nicht ſehr beliebt ſchien. Den Einen hatte er geſteigert, den Andern barſch angefahren, weil er ſich gegen die gedruckte Hausordnung mit einer Kleinigkeit vergangen, dem war er grob gekom⸗ men und jenem hatte er wegen eines unbedeutenden Rück⸗ ſtandes mit Exmiſſion gedroht. Es herrſchte eine allge⸗ meine Mißſtimmung gegen ihn, und dieſer Umſtand kam Wilhelm inſofern zu Statten, daß ſein Verfolger vorläufig von jeder Gewaltthätigkeit gegen den Knaben abſtand und bei der vorhandenen Erbitterung es gerathen fand, ſeinen Rückzug anzutreten, innerlich auf Rache brütend. Mit ihm entfernten ſich die Bewohner des vorderen Gebäudes, den Hinterhäuslern den Sieg und das Schlachtfeld über⸗ laſſend. Dieſe ſtanden noch in verſchiedenen Gruppen, den Vorfall aufgeregt beſprechend, allmälig aber verloren ſie ſich auch und ließen Wilhelm allein zurück. Lieschen hatte ſich ſchon längſt mit der Gouvernante entfernt, welche durch den Spektakel ebenfalls herbeigelockt, ſich ihres Pfleglings trotz allen Sträubens bemächtigte und ohne 2* ihre Widerrede zu beachten, mit ſich fort zog.— Den armen Jungen, der ſich überdies nicht ganz ſchuldfrei fühlte, überkam in ſeiner Einſamkeit plötzlich das Gefühl ſeiner gänzlichen Verlaſſenheit, verbunden mit der Angſt vor dem Strafge⸗ richt, welches ſeiner wartete, ſo bald Frau Schneider zurück kehrte, die, durch ihre Geſchäfte abgehalten, bei der eben ſtattgefundenen Scene nicht zugegen war. Mit hängendem Kopfe ſchlich er die drei Treppen hinauf in die Dachwoh⸗ nung, wo er mit pochendem Herzen der Ankunft ſeiner Pflegemutter entgegen ſah. Zweites Capitel. Ermüdet von der vorangegangenen Aufregung, war der junge Sünder auf ſein ärmliches Lager hingeſunken und alsbald eingeſchlafen; er träumke von dem Vulkan, von Lieschen und dem Hauswirthe, mit dem er im Traume in ein ernſtliches Handgemenge gekommen war. Eben holte er zu einem herzhaften Hiebe aus, als eine unſanfte Hand ihn derb rüttelte und aus ſeinem Schlummer weckte. Als er ſich den Schlaf aus den Augen rieb und dieſe aufſchlug, ſtand Frau Schneider vor ihm mit zorniger Geberde: 21 „Ungerathener Schlingel!“ ſchrie ſie ihn an,„was haſt Du gemacht? Der Hauswirth hat mir ſo eben ge⸗ kündigt, wenn ich Dich nicht augenblicklich fortjage, und das will ich auch thun.“ „Liebſte, beſte Mutter,“ bat der erſchrockene Knabe, „ich will gewiß folgen, nur ſchicken Sie mich nicht fort. Mein Lebtag werde ich keinen feuerſpeienden Berg mehr los laſſen. Nur das eine Mal verzeihen Sie mir noch.“ „Ich kann nicht,“ antwortete die gute Frau,„ſelbſt wenn ich wollte. Herr Roſenberg duldet Dich nicht länger in ſeinem Hauſe und hat mir außerdem noch gedroht, bei der Polizei Anzeige zu machen. Mir bleibt nichts übrig, als Dich weg zu geben. Ich habe gewiß an Dir gehan⸗ delt, wie es Chriſtenpflicht iſt, Dich bis jetzt bei mir be⸗ halten, Dir zu eſſen gegeben und Dich gekleidet, was mir bei den theuren Zeiten ohnehin ſchwer genug gefallen iſt. Seit die Winklern geſtorben iſt, habe ich keinen Pfennig mehr für Dich bekommen und Alles muß ſein Ende haben. Das wirſt Du ſelber einſehen, denn an Verſtand fehlt es Dir nicht, wenn Du auch den Kopf voll dummer Streiche haſt. Es geht nicht länger ſo mit Dir und mit einem Worte, Du mußt fort, je eher, deſto beſſer.“ Das hatte der Knabe nicht erwartet; er war auf Prü⸗ gel gefaßt geweſen und gegen eine gehörige Tracht hätte er auch nichts einzuwenden gehabt, weil er ſich im Grunde 22 nicht frei von jeder Schuld fühlte; aber ein derartiger Ausgang war ihm auch nicht im Entfernteſten in den Sinn gekommen. Zwar hatte ihm Frau Schneider, die er wie ſeine wirkliche Mutter liebte und auch ſo benannte, zuweilen damit gedroht, doch war es ihr nie Ernſt geweſen, wie er, ſchlau genug, ihr abmerkte. Diesmal aber brauchte er nur ihr ſtrenges Geſicht zu ſehen, um zu wiſſen, daß ſie nicht mit ihm ſcherzte. Er ſtand vernichtet, vollkommen nieder⸗ geſchmettert da und große Thränen liefen über ſeine Wan⸗ gen. Zum erſten Mal empfand er ſo ganz klar, daß er nur ein armer Waiſenknabe ſei und eigentlich Niemand in der Welt angehöre. Dieſer Gedanke war für ihn weit ſchrecklicher, als die Ausſicht, ſein Aſyl zu verlieren und in die fremde Welt hinaus geſtoßen zu werden. Mit einer mehr als kindiſchen Verzweiflung klammerte er ſich an die Pflegemutter an, welche das einzige Weſen war, das ihn bisher zu lieben ſchien und welches er mit aller Wärme ſei⸗ nes jungen Herzens wieder liebte. Sie vermochte nicht, ihn fortzuſtoßen, wieder in ihren Entſchlüſſen wankend ge⸗ macht durch ſeine Bitten. Die gute Frau hätte ihn gern behalten, aber eben ſo gern wäre ſie der Sorge für den heranwachſenden Jungen los geworden, der ihr mit jedem Tage mehr zur Laſt fiel, da ſie ſelber nur mit Mühe und Noth ihren Lebensunterhalt gewann. Auf der andern Seite rieth ihr der gewiß verzeihliche Egoismus, die willkommene 23 Gelegenheit zu benutzen und ſich ihrer Bürde zu entledigen, auf der andern Seite aber ſprach ihr mildes Herz für ihn und die Zärtlichkeit, welche ſie, trotz aller loſen Streiche, für Wilhelm hegte. So ſchwankte ſie noch immer und viel⸗ leicht hätte ſie ſelbſt dem Zorne des Herrn Roſenberg ge⸗ trotzt, wenn nicht auch andere Beweggründe auf ſie ein⸗ gewirkt hätten. Da es ſchon ſpät war, ſo ſuchte ſie den noch immer weinenden Knaben vorläufig zu beruhigen. „Geh' jetzt zu Bette,“ ſagte ſie, anſcheinend beſänftigt. „Ich will mir auch die Sache überſchlafen. Vielleicht läßt ſich Herr Roſenberg morgen durch mich bereden und behält uns Beide noch in ſeinem Hauſe.“ Inſtinktmäßig fühlte Wilhelm, daß es doch nur ein leerer Troſt war, den ſie ihm gab. Sein Verſtand war früh gereift und trotz ſeines anſcheinenden Leichtſinns be⸗ ſaß er eine ſcharfe Beobachtungsgabe, eine für ſein Alter ſeltene Beurtheilungskraft. Deshalb ließ er ſich auch nicht ſo leicht beſchwichtigen und als die Pflegemutter ſchon längſt die kleine Oellampe ausgelöſcht hatte und ſich zum Ein⸗ ſchlafen anſchickte, lag er noch immer mit offenen Augen, ſeinen Befürchtungen hingegeben. Wunderlich genug ſah es in dem Kopfe des Jungen aus; es war ihm nicht ver⸗ borgen geblieben, daß Frau Schneider nicht ſeine rechte Mutter, daß ſeine Eltern entweder todt waren, oder ſich nicht um ihn kümmerten, daß er allein und ohne jede Stütze 24 da ſtehe. Bis jetzt hatte er darüber nur wenig nachgedacht und ſeine Eltern nicht vermißt, aber mit einem Male er⸗ wachte die Sehnſucht nach denſelben mit nie geahnter Kraft. Ein dunkles Gefühl ſchien ihm zu ſagen, daß ſie noch lebten und daß er ſie früher oder ſpäter finden müßte. Aber wie ſollte er das anfangen, da er weder ihren Namen, noch ir⸗ gend etwas Näheres von ihnen wußte? Wen ſollte er da⸗ rum fragen, da ſeine Pflegemutter ſelbſt ihm keinen Auf⸗ ſchluß geben konnte? Der Gedanke kam ihm wohl auch, wie ſo manchen Kindern, in die weite Welt zu gehen und ſie zu ſuchen, aber er war klug genug, um bereits zu wiſſen, daß er ohne Geld und Ausweis nicht weit kommen würde. Es blieb ihm nichts übrig, als ruhig ſein Geſchick zu er⸗ warten und daſſelbe hinzunehmen. Bald ſiegte auch der jugendliche Leichtſinn und die Hoffnung, welche in dem Kinderherzen noch durch keine argen Täuſchungen betrogen wurde, wiegte ihn zu einem ruhigen Schlummer ein.— Die Sonne ſchien bereits ſo hell ſie konnte durch die blin⸗ den Fenſterſcheiben, als Wilhelm ſeine Augen aufſchlug; ſie fielen auf die unterſetzte Geſtalt ſeiner Pflegemutter, welche mit der Bereitung des ärmlichen Frühſtücks beſchäf⸗ tigt war. Der Duft des dünnen Morgenkaffees ſtieg ihm ſo lieblich in die Naſe, daß er darüber alle ſeine Sorgen vergaß. Die Jugend hat meiſt ein kurzes Gedächtniß und lebt zu ihrem Glücke nur für den Augenblick. Mit einem 25 raſchen Sprunge war Wilhelm aus dem Bette und in ſeine Kleider gefahren. Er bot ſeiner Pflegemutter, wie gewöhn⸗ lich, einen guten Morgen im herzlichſten Tone, den ſie mit mehr Zurückhaltung, als ſonſt, ihm zurück gab. Er achtete weiter nicht darauf, da gegenwärtig das warme, dampfende Frühſtück ausſchließlich ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. So bald daſſelbe verzehrt war, entfernte ſich Frau Schneider, nachdem ſie zur Vorſorge Wilhelm eingeſchloſſen hatte. Er war demnach Arreſtant und ſeiner Freiheit be⸗ raubt. Da das nicht zum erſten Mal vorkam und ihm ſchon öfters paſſirt war, ſo fand er ſich auch in ſein Geſchick, ob⸗ gleich er lieber im Freien den ſchönen Morgen genoſſen hätte. An Unterhaltung fehlte es ihm nicht. Da war zunächſt unter ſeinem Fenſter ein Schwalbenneſt, das ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog; eine ganze Vogelfamilie, deren Leben und Treiben er jetzt in aller Muße beobachtete. Augenſcheinlich war auch bei dieſer jetzt Frühſtückszeit; die Jungen machten weit den Schnabel auf und verlangten, wie er aus ihrem Gezwitſcher und Gezirpſe deutlich ent⸗ nehmen konnte, ziemlich ungeſtüm ihr tägliches Brod, wel⸗ ches ihnen die Alten in den Schnabel ſteckten. Aber die kleinen Schreier hatten noch immer nicht genug und die Eltern ſahen ſich genöthigt, um ihnen den Mund zu ſtopfen, nach neuem Vorrath auszufliegen. Dieſen Zeitpunkt wollte aber ein räuberiſcher Sperling benutzen, um ſich in den 26 Beſitz des ihm anſtehenden Neſtes zu ſetzen, das er ohne weitere Mühe zu erobern hoffte. Mit den unbeholfenen Jungen glaubte er bald fertig zu werden und im Nothfall war er entſchloſſen, ſie ohne Barmherzigkeit heraus zu werfen. Zu dieſem Zwecke ſchickte er ſich zum Angriff an; der freche Kirſchendieb kannte keine Gewiſſensbiſſe und das erbärmliche Geſchrei der verlaſſenen Kinder rührte nicht das verhärtete Herz des exemplariſchen und unverbeſſer⸗ lichen Böſewichts. Aber diesmal hatte er die Rechnung ohne den Wirth gemacht; die Vorſehung wachte über den Hauptern der unſchuldigen Kleinen. Nicht umſonſt war Wilhelm ein Zuſchauer der beabſichtigten Frevelthat und ſein ritter⸗ licher Geiſt war mit einem Male erwacht. Er fand viel⸗ leicht unwillkürlich eine Gleichheit zwiſchen ſeinem Looſe und dem drohenden Schickſale der jungen Schwalben. Zeigte der unverſchämte Sperling nicht eine auffallende Aehnlichkeit mit dem aufgeblaſenen Hauswirth, der ihn ebenfalls aus dem warmen Neſte ſeiner Pflegemutter ver⸗ drängen wollte? „Warte nur, Du Hallunke!“ rief er dem Räuber mit edler Entrüſtung zu.„Ich will Dich lehren, arme Kinder, die Dir nichts gethan haben, zu maltraitiren.“ Dabei ſah er ſich in der Stube nach einer paſſenden Waffe um, damit den Junker Spatz zu bekämpfen. Sein Auge fiel auf den Kehrwiſch im Winkel, den er ſogleich 27 mit heroiſchem Schwung wie ein Schwert ergriff. Weit aus dem Fenſter vorgebeugt,— der tolle Junge hätte faſt herunter fallen können,— fuhr er mit dem Birkenreis dem angreifenden Sperling entgegen, der bereits den äuße⸗ ren Rand der Schwalbenburg erklettert hatte. Der Kampf war zu ungleich, um nicht ſchnell ein Ende zu finden, Herr Sperling war, wie alle gemeinen Seelen, frech gegen Schwächere wie er ſelber und feig gegen Stärkere, deshalb gab er Ferſengeld und flog davon. Erſt als er aus dem Bereiche der Gefahr entronnen und ſich ſicher fühlte, that er den Schnabel auf und raiſonnirte eben, wie nur ein Sperling raiſonniren kann. Mit dem ſtolzen Gefühle des Siegers legte Wilhelm die furchtbare Waffe ab und ſchwelgte im Gefühle ſeines allerdings nicht zu theuer er⸗ kauften Triumphs. Er ſah noch mit großer Befriedigung die Rückkehr des alten Schwalbenpaares und hörte den Bericht, welchen gewiß die erſchrockenen Jungen mit lau⸗ tem Zwitſchern von der ausgeſtandenen Gefahr und ſeinen Heldenthaten den würdigen Eltern abſtatteten. Dieſer kleine Zwiſchenfall ließ ihn ganz ſeine unfreiwillige Gefan⸗ genſchaft und die über alle Gebühr ſich ausdehnende Ab⸗ weſenheit ſeiner Pflegemutter einigermaßen vergeſſen.— Unterdeß befand ſich Frau Schneider in der Wohnung des grimmigen Hauswirths, der ſie zu einer wichtigen Confe⸗ renz ſchon am frühen Morgen beſchieden hatte. Es han⸗ 28 delte ſich um nichts Geringeres, als um Wilhelm's Zukunft, welche hier entſchieden werden ſollte. Mit ſtrenger Miene ſaß Herr Roſenberg in ſeinem Arbeitszimmer, angethan in dem purpurrothen Schlafrock, der ihm vollends das Aus⸗ ſehen eines zornigen Puterhahns verlieh. „Hat man ſich entſchieden,“ kollerte er die arme Frau an,„will man den unnützen Taugenichts fortjagen, wie er es verdient.“ „Es thut mir gar zu leid, und ich weiß noch immer nicht, ob es nicht ein Unrecht iſt, ſo mir nichts dir nichts ein Waiſenkind zu verlaſſen. Der Junge hat ja keinen Menſchen auf der Welt, der ſich ſeiner annimmt und wenn ich ihn auch verſtoße, ſo muß er betteln gehn, oder gar was Schlimmeres thun und ſtehlen.“ „Wofür giebt es denn ein Arbeitshaus für ſolche Herumtreiber? Dahin gehört er längſt. Wenn Sie ihn nicht behalten wollen, ſo werde ich darauf antragen, ihn dort einzuſtecken. Da wird ihm ſchon der Kitzel vergehen, wenn er Wolle kratzen oder haſpeln muß.“ „Mein Gott! Das kann doch nicht Ihr Ernſt ſein, Herr Roſenberg! Wenn der Junge erſt in's Arbeitshaus kommt, dann iſt es aus mit ihm. Was kann da noch Gu⸗ tes aus ihm werden, in der Geſellſchaft von beſtraften Dieben, Taugenichtſen und liederlichen Frauenzimmern. Schlecht iſt er nicht, wenn auch leichtſinnig und voll Ueber⸗ 29 muth. Dafür ſteh' ich Ihnen aber, wenn er erſt im Ar⸗ beitshaus nur ein Vierteljahr geſeſſen hat, dann bleibt auch kein gutes Haar an ihm.“ „Das ſind nur faule Ausflüchte. Ich ſehe ſchon, Sie wollen den Jungen nicht wegthun. Meinetwegen! Dann ſind wir aber geſchiedene Leute und Sie ziehen im nächſten Monate ohne Widerrede aus. Ich will mir nicht das Haus über dem Kopf anzünden laſſen.“ „Das ſoll ja nicht wieder vorkommen. Er hat mir ſein Wort darauf gegeben und, Alles, was wahr iſt, wenn er einmal'was verſpricht, ſo kann man Häuſer darauf bauen.“ „Das mag Sie thun, aber aus meinem Hauſe muß Sie'naus. Verſtanden?— Außerdem werde ich bei der Armenkommiſſion als Vorſteher darauf antragen, daß Ihr die monatliche Unterſtützung von zwei Thalern entzogen wird. Wenn Sie einen ſolchen Bengel, der Sie gar nichts angeht, noch ernähren kann, dann braucht Sie auch keine Unterſtützung mehr. Es giebt andere Leute, die es mehr bedürfen und verdienen als Sie.“ 3 Das hieß aber die gute Frau an der empfindlichſten Seite packen, denn die zwei Thaler waren für ſie keine Kleinigkeit, ſondern ein ganzer Schatz. Dieſelben wurden monatlich von ihr bei Seite gelegt und als ein Erſparniß ihrer alten Tage ſorgfältig gehütet, wenn die Zeit kommen 30 ſollte, wo ihr die Kraft zum Arbeiten fehlen würde. Wo⸗ von ſollte ſie dann leben und die Koſten ihrer Beerdigung beſtritten werden? Sie ſchauderte vor dem Gedanken, auf dem Armenkirchhof einmal in einem Naſenquetſcher begra⸗ ben zu werden. Wenigſtens einen anſtändigen Sarg wollte ſie haben und wenn ſie ſich auch das Brod vom Munde dafür abdarben müßte. Wozu hätte ſie denn gelebt, wenn ſie nicht einmal mit dem Troſte ſterben durfte, daß man ihrer Leiche die letzte Ehre anthun und nicht in die allge⸗ meine Grube, ohne Sang und Klang werfen würde. So dachte die Arme, wie die Meiſten in ihrem Stande und in ihren Verhältniſſen, deren letzte Ausſicht ein anſtändiges Begräbniß bleibt. Die Thränen ſtanden ihr in den Augen, als ſie ſah, daß ihr keine Wahl mehr übrig blieb und ſie entweder den Jungen, oder den Troſt ihres Alters aufge⸗ ben mußte. „Ich will ja gern,“ ſagte ſie nach einer ſchmerzlichen Pauſe,„Alles thun, was Sie wünſchen, und den Jungen fortgeben, wenn ich nur weiß, daß er nicht in's Arbeitshaus kommt und er ein einigermaßen erträgliches Unterkommen findet. Das halte ich für meine Pflicht und dazu hab' ich ihn zu lieb, um ihn nicht ſo ohne Weiteres in ſein Elend hinaus zu ſtoßen. 74 „Nun, nun,“ entgegnete Herr Roſenbergi im milderen Tone,„ich bin auch kein Unmenſch und, wie ich glaube, ein 31 guter Chriſt. Mit dem Arbeitshauſe war es mir nicht ſo ganz Ernſt, obgleich es dem Taugenichts nichts ſchaden würde, dort ein paar Monate zuzubringen. Aber ich will nicht darauf beſtehen und auf einen andern Ausweg ſinnen. Wenn man wenigſtens nachweiſen könnte, daß ſein Vater ein hieſiger Bürger war, ſo müßte ihn das Waiſenhaus ohne Weiteres aufnehmen. Aber da liegt der Hund begraben. Niemand kennt die Eltern, und wahrſcheinlich iſt der Junge ein Kind der Liebe, wie man zu ſagen pflegt.“ „Davon hat mir die Winklern nichts geſagt,“ entgeg⸗ nete treuherzig die gute Frau.„Es war vor dreizehn oder vierzehn Jahren, ich weiß nicht mehr, ob an einem Montag oder Dienſtag, es wird wohl an einem Dienſtag geweſen ſein, denn ich hatte, wie gewöhnlich, große Wäſche. Eben hing ich noch das letzte Stück auf die Leine, als die Wink⸗ lern vor mir ſtand. Ich kannte ſie ganz gut, denn ſie hatte mich zwei Mal entbunden, das eine Mal von einem todten Kinde und das andere Mal von einem lebenden, das ſchon nach drei Wochen mir wieder geſtorben iſt. Die Hebamme ſagte mir einen guten Abend und fragte mich bald dies und das, bis ſie zuletzt mit der Sprache heraus rückte und mir reinen Wein einſchenkte. Ich ſollte einen vor Kurzem erſt gebornen Jungen zu mir nehmen und warten. Dafür ver⸗ ſprach mir die Winklern zehn Thaler monatlich und die 3² bekam ich auch regelmäßig alle Vierteljahre im Voraus ausgezahlt.“ „Und nach den Eltern haben Sie weiter nicht gefragt?“ forſchte der Hauswirth. „Die Winklern hat mir nur geſagt, daß es ordentliche Leute und von weit her wären. Damit war ich auch zu⸗ frieden und kümmerte mich weiter nicht darum. Freilich, wenn ich gewußt hätte, daß ſie der Schlag plötzlich rühren und ich dann keinen Pfennig mehr bekommen würde, ſo hätte ich mich beſſer vorgeſehen.“ „Und hat Ihnen die Polizei keinen weiteren Aufſchluß geben können? Haben Sie denn nicht die nöthigen Schritte gethan?“ „Freilich bin ich vom Pontius zum Pilatus gelaufen, aber es hat Alles nichts geholfen. Der Junge war richtig mit ſeinem Taufnamen Wilhelm Hornung eingetragen, aber wer und wo die Eltern waren, wußte kein Menſch. Im Anfang ging es mir nahe, weil ich kein Geld mehr bekam und, wie Sie wohl wiſſen, unſereins nichts übrig hat, aber als ich von der Polizei aufgefordert wurde, mich zu erklären, ob ich den Jungen behalten oder der Kommune überlaſſen wollte, da beſann ich mich auch keinen Augen⸗ blick. Ich dachte, Gott hat Dir Deine Kinder genommen und dafür ein anderes gegeben; ſo zog ich ihn groß, als ob er wirklich mir angehörte und nun, da ich mich von ihm 33 trennen ſoll, weiß ich erſt, wie lieb der arme Schelm mir iſt.“ „Reden Sie keine Dummheiten,“ brummte Herr Ro⸗ ſenberg.„Sie ſollten lieber Gott danken, daß Sie ſo eine Laſt wieder los werden. Je größer der Schlingel wird, deſto mehr Sorgen muß er Ihnen machen.“ „Das iſt wohl wahr,“ entgegnete die gute Frau kleinlaut,„und ich habe auch gar nichts dagegen, wenn ich nur weiß, daß er gut untergebracht iſt. Das iſt nur noch meine einzige Sorge.“ „Es wird ſich wohl noch ein Ausweg finden laſſen. Ich will mir die Sache überlegen. Die gnädige Baroneſſe von Freiſtadt, der ebenfalls daran liegt, daß der Junge fort kommt, hat mir einen Vorſchlag gemacht, der ſich hö⸗ ren läßt. Wenn es glückt, ſo kann der Schlingel Gott danken. Sie hat nämlich die Abſicht, mit einem frommen, gottesfürchtigen Herrn zu ſprechen, der ein Waiſeninſtitut durch Beiträge milder, freigebiger Herrſchaften gegründet hat. Die Baroneſſe hofft, da ſie ſelber die Anſtalt bedeu⸗ tend unterſtützt, den Herrn Vorſteher zur Aufnahme Ihres Jungen zu bewegen. Deshalb gebe ich Ihnen den guten Rath, Nachmittag der gnädigen Frau aufzuwarten und ſich ſelber bei ihr den Beſcheid zu holen.“ . Mit dieſem ſchwachen Troſte entließ der Hauswirth die arme Frau, welche ſich immer mehr mit dem Gedanken 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 3 34 befreundete, ihren Pflegling zu verlieren, wozu allerdings die ihr eben eröffnete Ausſicht, ihn einigermaßen verſorgt zu ſehen, das Meiſte beitrug. Während aber Wilheln's ferne⸗ res Loos in dieſer Weiſe beſprochen und entſchieden wurde, fing er ſelber an, ſich in ſeiner gezwungenen Einſamkeit zu langweilen. Die Schwalbenwirthſchaft intereſſirte ihn nicht weiter, nachdem durch ſeine Dazwiſchenkunft das Drama mit dem Sperling einen befriedigenden Schluß erhalten hatte. Eine Zeit lang hörte er noch das eintönige Ge⸗ zwitſcher der Vögel, das ihn aber auf die Länge der Zeit ermüdete; dann dachte er an ſeine Freundin Lieschen und wunderte ſich, daß ſie ſich gar nicht ſehen ließ. Freilich konnte er nicht ahnen, daß auch ſie ſeit der geſtrigen Af⸗ faire ſtrengen Stubenarreſt hatte und nicht in den Hof kommen durfte. Um ſie zu rufen, griff er zu ſeinem ge⸗ wöhnlichen Mittel, das nur ſelten ſeine Wirkung verfehlte. Er bog ſich weit zum geöffneten Fenſter hinaus und pfiff die ihr bekannte Melodie, womit er ſie zu locken pflegte. Die kleine Schelmin hörte ihn wohl, aber ſie durfte ſich nicht vom Platze rühren, da die Gouvernante ſich als Wache an ihre Seite gepflanzt hatte und ſie nicht aus den Augen ließ. Kaum war aber dieſelbe wegen eines dringenden Geſchäftes fortgegangen, ſo öffnete ſich das auf den Hof hinausgehende Fenſter und es ſchaute der wilde Lockenkopf der gefangenen Prinzeſſin heraus. 35 „Lieschen!“ rief ihr Wilhelm, hoch erfrent über ihren Anblick, zu.„Was machſt Du denn?“ „Ich ſitze feſt und darf mich nicht vom Flecke rühren.“ „Und mich hat die Mutter auch eingeſperrt, aber wenn ſie nicht bald kommt, klettere ich zum Fenſter hinaus und über das Dach weg.“ „Du wirſt doch nicht toll ſein. Man kann ja den Hals dabei brechen.“ „Ich halt es aber nicht länger aus und wenn ich mich zu Tode fallen ſollte.“ „Und ich verbiete Dir, zum Fenſter hinaus zu ſteigen. Wenn Du es thuſt, ſo bin ich ewig böſe.“ „So werd' ich warten; aber weißt Du ſchon, daß ich aus dem Hauſe ſoll?“ „Ich weiß Alles. Mama hat auch geſagt, daß Du ein ungezogener Junge biſt und nicht bleiben darfſt, aber es wird nicht ſo ſchlimm ſein.“ „Diesmal glaub' ich's doch. Mutter Schneidern hat ein Geſicht gemacht, ſo ſauer wie die Eſſigflaſche und dann weiß ich, läßt ſie nicht mit ſich ſpaßen.“ „Aber ich geb' es nicht zu,“ ſagte das Mädchen trotzig. „Wenn ſie Dich fortbringen wollen, werde ich ſo lange ſchreien und weinen, bis ſie Dich wieder los laſſen. Das hält Mama nicht aus.“ „Es wird doch nichts nützen. Der Herr Roſenberg, 3* 36 mit der krummen Naſe, iſt zu bös auf mich, weil der dumme Heinrich einen Klaps vor ſeinen Dickkopf von dem feuer⸗ ſpeienden Berg bekommen hat. Warum ſteckt der ekliche Junge auch in Alles ſeine Naſe?“ „Das iſt ihm ganz Recht. Ich ſpreche auch kein Wort mehr mit ihm, weil er Dich verklatſcht hat.“ „Und wenn ich erſt wieder los komme, haue ich ihn, daß er an mich denken ſoll.“ Hier wurde die intereſſante Unterhaltung der Kinder durch den Eintritt der Gouvernante abgebrochen. Lieschen hatte ſie kommen hören und fuhr, ſo ſchnell ſie konnte, mit ihrem Köpfchen zum Fenſter hinein. Im nächſten Augen⸗ blicke ſaß ſie ſchon wieder am Tiſche und arbeitete ſo eifrig an ihrem Hefte, daß die Erzieherin ihr das ſchönſte Lob über ihren Fleiß ertheilte, worüber das Kind innerlich lachen mußte. „Die gnädige Frau Mama,“ ſagte die Gouvernante freundlich,„ſchickt Ihnen auch auf meine Fürſprache hier dies Stück Kuchen, unter der Bedingung, daß ſie ſo fort fahren und ſich nicht um den häßlichen Straßenjungen be⸗ kümmern, der Sie nur zu allen Ungezogenheiten verleitet. Ich werde jetzt auf einen Augenblick fortgehn, um in der Bibliothek mir ein Buch zu wechſeln. Unterdeß werden Sie Ihre Arbeit vollenden und ſich nicht vom Platze rühren.“ 37 Lieschen wußte in der That nicht, ob ſie ſich mehr über den eben erhaltenen Kuchen, oder über das Verſchwin⸗ den ihrer Aufpaſſerin freuen ſollte. Den Kuchen beſchloß ſie ſogleich mit ihrem Freunde zu theilen. Kaum hatte die Gouvernante ihr den Rücken gewendet, ſo ſtürzte ſie ſchon wieder an das Fenſter. „Wilhelm!“ rief ſie vorſichtig, damit ſie Niemand außer ihm hören konnte. Aber kein Wilhelm war zu ſehen und zu hören. Das lange Ausbleiben der Pflegemutter hatte den immer bedeu⸗ tenden Appetit des Jungen in einem Grade geſchärft, daß er eine Befriedigung deſſelben für das nothwendigſte Be⸗ dürfniß ſeines Lebens hielt. Er ſah ſich deshalb in dem Zimmer um und ſein Auge fiel auf den Vorrathsſchrank, der aber zu ſeinem größten Leidweſen verſchloſſen war. Ganz in Gedanken verſunken, wie demſelben beizukommen ſei, überhörte er die Stimme ſeiner Freundin. Dieſe ließ ſich jedoch nicht abhalten, noch einen zweiten Verſuch zu wagen; ſie ſpitzte ihr zartes Mündchen und pfiff wirklich mit der größten Virtuoſität dieſelbe Melodie, welche ſie von Wilhelm gelernt hatte. Dem Zauber war nicht zu wider⸗ ſtehn und mit einem Satze ſtand er am Fenſter, das dem ihrigen gegenüber lag, da beide auf den Hof hinaus gingen. „Was giebt's?“ fragte er neugierig. „Willſt Du Kuchen haben?“ 38 „Na ob!“ antwortete er mit lüſternen Blicken und von dem bloßen Gedanken freudig aufgeregt. „Aber, wie fangen wir es an? Ich kann nicht bis zu Dir hinüber reichen.“ „Warte nur einen Augenblick; ich komme gleich wieder.“ Nach einer Minute kehrte er mit einem Bindfaden zurück, den er in der Stube geſucht und auch glücklich ge⸗ funden hatte. An das eine Ende befeſtigte er einen alten Schlüſſel, um die Schnur zu beſchweren; dann ſchleuderte er mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit dieſelbe nach dem gegenüber liegenden, tieferen Fenſter, wo ſie Lieschen eben ſo gewandt haſchte. Daran befeſtigte ſie nun den in ein Papier geſchlagenen Kuchen, der auf dieſem Wege glück⸗ lich an ſeinen Beſtimmungsort gelangte und mit dem beſten Dank in Empfang genommen wurde. Beide ſaßen nun am Fenſter und verzehrten jedes ſeine Hälfte mit Empfin⸗ dungen, die ſich nicht ſchildern laſſen. Sie waren, trotz ihrer Gefangenſchaft, ſo glücklich über die gelungene Liſt, daß ſie, fortwährend ſchmauſend, mit fröhlichen, ſeligen Blicken einander anſahen und von ganzem Herzen anlach⸗ 3 ten. Ach wie wenig gehört dazu, mit zehn und dreizehn Jahren die höchſte Wonne zu genießen!— Wäre die Gou⸗ vernante nicht zurück gekommen und hätte ſie ſich nicht mit dem zweiten Bande ihres engliſchen Romans, der von einer 39 Gouvernante geſchrieben, das Schickſal einer Gouvernante verherrlichte, dicht neben Lieschen aufgepflanzt, ſo würden die Kinder noch ſo da geſeſſen haben bis zum ſpäten Abend und in die ſinkende Nacht hinein. So mußten ſie freilich von einander Abſchied nehmen mit der Hoffnung eines bal⸗ digen Wiederſehns. Endlich kam auch Frau Schneider von ihren verſchiedenen Gängen heim, um das eben nicht allzu üppige Mittagbrod zu bereiten und aufzutiſchen. Wie gewöhnlich ſprach Wilhelm das tägliche Tiſchgebet, aber weiter wurde nicht viel geſprochen, da ſie noch immer nicht wußte, was mit dem Jungen geſchehen ſollte. Gleich nach Tiſche aber entfernte ſie ſich wieder, um, wie der Hauswirth ihr angerathen oder vielmehr anbefohlen, der gnädigen Baroneſſe von Freiſtadt aufzuwarten und das Ergebniß der von dieſer gethanen Schritte zu erfahren. Lieschen's Mutter war eine große, ſtattliche Dame, welche ungemein vornehm ausſah und mit einem gewiſſen Stolze auf die übrige Menſchheit herabſchaute. Das hinderte ſie indeß nicht, wenigſtens vor Gott ſehr demüthig zu thun und eine fleißige Kirchgängerin zu ſein. Jeden Sonntag fuhr ſie in ihrer eleganten Equipage mit Kutſcher und ga⸗ lonirtem Bedienten auf dem Bocke in den Dom, wo ſie höchſt andächtig in ihrem beſonderen Stuhle der Predigt bis zum Schluſſe beiwohnte. Außerdem ſtand ſie im Ge⸗ ruche der größten Wohlthätigkeit; ſie war Mitglied aller 40 möglichen Vereine für arme Wöchnerinnen, kranke Kinder, verwahrloſte Individuen jeder Art. Sie ſtand an der Spitze der Krippen⸗ und Kleinkinderbewahr⸗Anſtalten, war Vorſteherin der Frauenhülfskaſſe, welche jede Weih⸗ nachten in einem eigends dazu gemietheten Lokale eine Aus⸗ ſtellung und förmlichen Markt von Stickereien abhielt. Dort konnte man ſie und noch andere meiſt noch ſchöne und junge Frauen gegen ein Eintrittsgeld von einigen Groſchen erblicken, wie ſie Barmherzigkeit übte, kunſtvolle Börſen, Lampenteller und ähnliche Kleinigkeiten gegen einen angemeſſenen Preis zum Beſten der Armuth verkaufte und mit einem graziöſen Lächeln das Geld dafür einſtrich. Jeden Winter veranſtaltete ſie auch einen oder mehrere Bälle zu ähnlichen Zwecken und es war gewiß ein ſchönes Schauſpiel, wenn die Herrſchaften ſo recht im Schweiße ihres Angeſichtes für die Dürftigen ſich abtanzten. Wohl⸗ thun war und blieb einmal die Paſſion der Baroneſſe und ſie ließ ſich nicht davon abhalten, obgleich die böſe Welt ihr nicht immer die reinſten und edelſten Motive unter⸗ ſchob. Sie kam dadurch vielfach mit dem Hofe und be⸗ ſonders mit der erhabenen Fürſtin in Berührung, welche ſelbſt aus innerem Herzensdrange ſich für das Loos der Armen intereſſirte. Dieſes häufige Begegnen auf dem⸗ ſelben Gebiete und ein gleiches Streben verſchaffte der Baronin die gewünſchte Aufnahme und Ruf bei der hohen 41 Frau, welche mit Freuden jedes Verdienſt anzuerkennen und zu ehren ſuchte. So gelangte die Baronin häufig an den Hof und wurde zu den intimeren Zirkeln zugelaſ⸗ ſen, lediglich in Folge ihrer Wohlthätigkeit. Aber nicht nur nach Oben, ſondern auch nach Unten fand ſie in ihrer Handlungsweiſe den wohlverdienten Lohn und vollkommene Befriedigung, indem ſie dadurch auf verſchiedene Perſonen einen gewiſſen Einfluß ausübte. In den meiſten Fällen hing es von ihrer Entſcheidung ab, ob der oder jener Dürf⸗ tige eine Unterſtützung erhalten ſollte. Natürlich mußte man ſich bei ihr darum bewerben, ihr die Aufwartung machen, ſich um ihre Gunſt und ihre Empfehlung bewerben. Die auch dem beſten Menſchen anklebende Eitelkeit fühlte ſich geſchmeichelt und die Rolle der Beſchützerin ſagte ihrem angeborenen Stolze im höchſten Grade zu. Aber dafür mußte ſie auch ſo manches Opfer bringen; ſie hatte den ganzen Tag alle Hände voll zu thun, bald einer Sitzung beizuwohnen, bald Subſcribenten für irgend einen milden Zweck zu ſammeln, und von Haus zu Haus, wenn auch nur für Andere, betteln zu gehen; heute gab es eine Aus⸗ ſtellung und morgen mußte ſie Holz austheilen, Wäſche nachſehen, oder ſich perſönlich von der Lage ihrer Schütz⸗ linge überzeugen. Ihr Eifer in dieſer Beziehung ging ſo weit, daß ſie zuletzt gar keine Zeit mehr übrig hatte, für ihr eigenes Hausweſen, die Erziehung ihrer Kinder und * 42 ähnliche Kleinigkeiten zu ſorgen. Aus Liebe zur Menſch⸗ heit unterließ ſie häufig ihre nächſten Pflichten und vor lauter Wohlthätigkeit vernachläſſigte ſie, ihrer eigenen Familie wohlzuthun. Daher kam es wohl auch, daß ihre Tochter Lieschen eine ſo wilde Hummel wurde; was dieſer aber gar nichts ſchadete, ſondern beſſer ſtand, als wenn ſie durch allzuviel Erziehen ſo eine geſchraubte, geleckte, ſteife, freud⸗ und gemüthloſe Demoiſelle geworden wäre, wie an⸗ dere Mädchen in ihrer Lage. Wenn die Baronin nur ihren Namen als bekannte Wohlthäterin regelmäßig jede Woche in den Zeitungen fand; von Zeit zu Zeit an dem Thee der Fürſtin Theil nehmen durfte, und von allen Armenvorſtehern, Waiſenvätern, Lehrern und Almoſen⸗ empfängern mit der gebührenden Ehrfurcht gegrüßt und angeredet wurde, ſo war ſie hinlänglich für alle ihre An⸗ ſtrengungen und Opfer belohnt.— Gar zu gern griff ſie in das Schickſal der armen Leute ein, wobei ſie es liebte, die Rolle der Vorſehung zu übernehmen, unbekümmert um die oft keineswegs günſtigen Folgen. Zuweilen ver⸗ ſchwendete ſie an wirklich Unwürdige nicht unbedeutende Gaben, oder ſie wandte dieſelben ſo an, daß ſtatt des ge⸗ hofften Segens den Dürftigen nur umgekehrt ein weit größeres Uebel daraus erwuchs. Dann klagte ſie wohl, wenn ſie auf Widerſtand ſtieß, über den ſchreiendſten Un⸗ dank, weil ſie trotz aller Bildung die einfache Wahrheit 43 nicht einſehn wollte, daß zum Wohlthun nicht nur guter Wille und Geld, ſondern vor Allem Gemüth, Einſicht und Verſtand gehört. So ſtand ſie auch jetzt wieder ein Mal im Begriffe, nach ihrer Weiſe dem armen Wilhelm wohl zu thun, wobei allerdings noch der Wunſch hinzukam, den ungerathenen Jungen aus dem Hauſe zu bringen, da ſie mit Entſetzen die täglich zwiſchen ihm und ihrer Tochter mehr und mehr heranwachſende Intimität endlich bemerkt und nicht länger zu dulden beſchloſſen hatte. Aus dieſem Grunde war ſie ſchon am frühen Morgen zu dem würdigen Waiſenvater Mehlkatz hinausgefahren, um mit dieſem die nöthige Rückſprache zu nehmen und Wilhelm's Aufnahme in deſſen Anſtalt zu vermitteln. Daß es ihr gelingen würde, daran zweifelte ſie auch nicht einen Augenblick, denn Herr Mehlkatz verdankte ihr und ihrer Protektion bereits ſo viel, daß er ihr einen ſo kleinen Gefallen unmöglich ab⸗ ſchlagen konnte. Mit gekrümmtem Rücken und in demüthig⸗ ſter Stellung empfing er ſeine hohe Gönnerin, deren Wünſche für ihn Befehle waren. „Welch ein Glück, welch eine Ehre!“ rief er in ſal⸗ bungsvollem Tone der Baroneſſe entgegen.„Sie ſelbſt beehren mich mit Ihrer Gegenwart in höchſt eigener Perſon.“ „Ich komme wegen einer Gefälligkeit, die ich von 44 Ihnen verlange,“ antwortete dieſe mit ihrem huldreichſten Lächeln. „Reden Sie, gnädigſte Frau! Was kann und ſoll ich thun? Geſegnet der Augenblick, wo mir die Gelegen⸗ heit geboten wird, mich Ihnen dankbar zu erweiſen.“ „Es handelt ſich um ein Werk der Barmherzigkeit.“ „Das kann ich mir denken; denn wo Sie erſcheinen, wandelt ja die chriſtliche Liebe in verkörperter Geſtalt.“ „Sie beſchämen mich, lieber Mehlkatz! Ich fühle es, daß mein Wille weiter reicht, als meine Kraft. Es giebt ſo viel Jammer und Elend auf dieſer ſündigen Welt, aber welcher Sterbliche vermag all die Thränen zu trock⸗ nen, welche unter dem Monde fließen?“ „Wahr, ſehr wahr und ſchön geſagt,“ entgegnete der fromme Waiſenvater mit gefalteten Händen und andäch⸗ tigen Mienen, als hörte er ſoeben einer erbaulichen Pre⸗ digt zu. „Ich weiß wohl,“ fuhr die Baronin durch ſeinen Beifall ermuntert fort,„daß all unſer Thun und Wiſſen nur Stückwerk iſt, aber das ſoll mich nicht abhalten, in meinem Streben für das Wohl der Menſchheit fort zu fahren. So lange dieſe ſchwachen Füße noch meinen Körper tra⸗ gen, ſo lange ich eine Hand ausſtrecken, meinen Mund öffnen kann, werde ich für meine Armen wirken und weder eine Mühe noch ein Opfer ſcheuen, ſei dies noch ſo groß.“ 45 „Ol wenn doch alle Welt ſo dächte, wie Sie, meine gnädige Frau,“ rief der gerührte Waiſenvater, indem er mit den plumpen Fingern ſich über die Augen fuhr, als wollte er eine Thräne abwiſchen. „Ich weiß ſchon lange,“ fuhr die Baronin mit dem⸗ ſelben Pathos fort,„daß Sie, würdiger Mann, zu den Unſrigen gehören, deshalb wende ich mich auch ohne Um⸗ ſtände an Sie mit meinem Geſuch. Es gilt eine arme Seele vom Verderben zu retten und aus den Klauen der Hölle zu reißen.“ „Sagen Sie nur, was ich thun ſoll, Ihre Wünſche werden mir ſtets Befehle ſein.“ „So hören Sie. In dem Hauſe, das ich bewohne, habe ich einen verwahrloſten Knaben kennen gelernt, eine Waiſe, die weder Vater noch Mutter hat, aber dies trau⸗ rige Loos ſich nur wenig zu Herzen nimmt. Der Junge i*ſt ein Ausbund aller Laſter und Untugenden. Unter uns geſagt, glaube ich, daß er vom böſen Feind beſeſſen iſt.“ „Das wäre ja ſchrecklich, ſchauderhaft!“ „Wenn Jemand noch im Stande iſt, dem Unglück⸗ lichen zu helfen und ihn wieder den Pfad der Tugend zu führen, ſo ſind Sie es ganz allein, verehrter Mann. Da⸗ rum wünſche ich, daß Sie dem verirrten, räudigen Schafe eine Stelle in Ihrem Hauſe gönnen. Wenn noch Beſſe⸗ rung möglich iſt, ſo unter Ihrer Zucht. Nur Strenge 46 kann hier fruchten und es iſt mir bekannt, daß Sie es bei Ihren Zöglingen nicht daran fehlen laſſen.“ „Ich verſtehe und begreife vollkommen Ihre Anſich⸗ ten. Wen der Herr liebt, den züchtigt er. Leider wird dieſer erſte Grundſatz aller Erziehungskunſt jetzt von den ſogenannten humanen Pädagogen gänzlich vernachläſſigt. Am Stocke zieht man am beſten die junge Pflanze groß und grade. In dieſer Beziehung können Sie ganz unbe⸗ ſorgt ſein. In meinem Syſteme laſſe ich es nicht an der nöthigen väterlichen Erziehung fehlen, und dennoch lieben mich die mir anvertrauten Kinder wie einen zweiten Vater.“. „Und der ſind Sie ihnen auch im eigentlichſten Sinne. Nie erblicke ich Ihre Zöglinge, ohne mich an ihrem geiſtigen und leiblichen Wohlſein zu erfreuen. Der Himmel ſegnet augenſcheinlich Ihr ſo ſchönes Werk.“ 3 „Er ſchickt mir die edelſten Gönner zu, die ihr Schärf⸗ lein zu dem Gedeihen beitragen, mildthätige Engel, wie Sie einer ſind. Wie wäre es ſonſt möglich, daß ich es durchführte bei den theueren Zeiten und wo die Ausgaben täglich ſich ſteigern. Ich habe oft darum ſchlafloſe Nächte und auch am Tage läßt mir die Sorge keine Ruhe. Eben war ich der Verzweiflung nahe, als Ihre Erſcheinung, meine Gnädige, mir wieder Troſt brachte. Ich ſah es als einen Wink des Himmels an, daß Sie in eigener 47 Perſon gekommen ſind. Ach! auch ich habe einen Wunſch auf meinem Herzen, den ich indeß kaum auszuſprechen wage.“ „Reden Sie dreiſt, und was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, werde ich für Sie thun.“ „Ihre Stellung und Ihre Verdienſte haben Ihnen Gnade in den Augen unſeres erhabenen Fürſtenpaares verſchafft. Nur ein Wort aus Ihrem Munde höheren Ortes würde mir helfen und eine anſehnliche Unterſtützung von Seiten des Staates meinem Unternehmen zuwenden. Ich glaube um ſo mehr zu meiner Kühnheit berechtigt, da ich in einer verhängnißvollen Zeit meine Loyalität und Treue gegen das hohe Regentenhaus bewährt habe, wo⸗ rüber ich die nöthigen Zeugniſſe beizubringen im Stande bin.“ „Noch heute hoffe ich Ihre Verdienſte und patrio⸗ tiſchen Geſinnungen an der geeigneten Stelle rühmen zu können.“ „Sie werden mich dadurch zum ewigen Danke ver⸗ pflichten. Und was den mir von Ihnen empfohlenen Knaben betrifft, ſo brauchen Sie ihn nur mir zuzuſchicken. Seiner Aufnahme ſteht nichts im Wege, da Sie dieſelbe wünſchen. Ich will ihn hüten wie meinen Augapfel, als wenn er mein eigenes Kind wäre.“ „Vor allen Dingen vergeſſen Sie aber nicht, die 48 nöthige Strenge anzuwenden,“ fügte die Baronin noch hinzu. Der würdige Waiſenvater ließ es ſich nicht nehmen und begleitete ſeine Gönnerin bis zu ihrem Wagen, wo er dem Bedienten zuvorkam, indem er den Kutſchenſchlag öffnete, ſie hineinhob und ſich mit einer tiefen Verbeugung empfahl. Innerlich vergnügt rieb er ſich die Hände, da ihm die Unterſtützung von Seiten des Staates, welche er bisher vergebens beanſprucht hatte, ſo gut wie gewiß ſchien. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, als er wieder in den gro⸗ ßen Saal trat, wo ſeine geliebten Zöglinge ſich indeß der Abweſenheit ihres zweiten Vaters erfreuten, und vielleicht deshalb zu laut geworden waren, den Stock aus purer Zärtlichkeit in einem Maße anzuwenden, daß die noch eben lachenden Geſichter der Kinder ſich in eben ſo viel weinende verwandelten.— Brittes Capitel. Mit dem Bewußtſein, welches jede gute That ver⸗ leiht, war die Baronin in ihre Wohnung zurückgekehrt. Wenige Stunden ſpäter verkündigte ſie mit triumphiren⸗ 49 der Miene Wilhelm's Pflegemutter das Reſultat ihrer Bemühungen um die verlaſſene Waiſe. „Danken Sie Gott,“ ſagte ſie,„und dem würdigen Manne, der ſich gleich bereit zeigte, meine Wünſche zu er⸗ füllen. Sie werden von einer großen Laſt in doppelter Hinſicht befreit, da Sie nun weder für das geiſtige noch leibliche Wohl des Knaben mehr verantwortlich ſind.“ Die arme Frau ſchien auch in der That über ihr Glück ſo erſtarrt zu ſein, daß ſie kaum ein Wort des Dan⸗ kes hervorzuſtammeln im Stande war; was die Baronin ſehr übel vermerkte. Statt der Wohlthäterin mit wohl⸗ geſetzten Worten zu danken und deren Gnade und Herab⸗ laſſung genügend zu preiſen, konnte die Gute kaum die Thränen zurückhalten, und es waren keine Freudenthränen, welche ſie abgewendet zu verbergen ſuchte. Ja, wäre es nur noch möglich geweſen, ſo hätte ſie am liebſten den Jun⸗ gen, welchen ſie trotz aller tollen Streiche liebte, bei ſich behalten. Jetzt erſt, wo ſie ihn verlieren ſollte, wußte ſie, wie er ihr an's Herz gewachſen war. Wieder hatte einmal die Baronin mit ihrer geſchäftigen Wohlthätigkeit das Rechte verfehlt und den armen Leuten umgekehrt, wenn auch in der beſten Abſicht, weh gethan. Frau Schneider fehlte nur der nöthige Muth, das auszuſprechen, aber in ihren Mienen war es deutlich zu leſen, daß ſie mit ſchwe⸗ rerem Herzen fortging, als ſie gekommen war. 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 4 50 1 „So ſind dieſe Menſchen,“ ſagte die Baronin zu der Gouvernante, welche ihr pflichtſchuldigſt beiſtimmte.„Man hat von ihnen weder Dank noch Anerkennung, auf die ich auch noch nie gerechnet habe.“ Vielleicht hätte ſie ſich noch länger und breiter über dies beliebte Thema ausgelaſſen, wenn es nicht Zeit geweſen wäre, an die Toilétte zu gehen, da ſie für den Abend eine Einladung zu einem Hoffeſte erhalten hatten Mit Hülfe ihres Kammermädchens beendigte ſie dies kei⸗ neswegs ſo leichte Werk, denn trotz aller Frömmigkeit hatte die Baronin, welche noch immer für eine ſchöne Frau gelten konnte, nicht aller weltlichen Eitelkeit entſagt. Ein dunkelbraunes Kleid von Moiree antique verlieh ihrer impoſanten Geſtalt zwar ein ernſtes Ausſehn, aber ſie hatte doch hinlänglich dafür geſorgt, daß ihr noch immer ſchöner Nacken und ihre vollen Arme den Blicken nicht gänzlich entzogen wurden. Sie wußte mit vielem Geſchick die Würde der Matrone mit der Eleganz der feinen Dame zu verbinden und während ihre Seele den Himmel ſuchte, ſchien ihr Herz noch nicht allen irdiſchen Vergnügungen entſagt zu haben. Jetzt trat ihr Gatte in das Boudoir, um ſie abzuholen; er war ein gutmüthiger Mann, und das iſt Alles, was man von ihm ſagen konnte. Seit lan⸗ gen Jahren lebte er mehr für ſich und ſeinen kleinen Neigun gen, indem er ſeine Gemahlin ſchalten und walten ließ 51 ohne ſich um ihre Wohlthätigkeit und ferneren Richtungen zu kümmern, wenn ſie ihn nur nicht damit inkommodirte. Beide führten eine muſterhafte Ehe, deren Verdienſt haupt⸗ ſächlich auf Rechnung der Baronin kam, da die Welt nicht genug an ihr loben und preiſen konnte, mit welcher Nach⸗ ſicht und Geduld die geiſtreiche Frau die Schwächen ihres unbedeutenden und in jeder Beziehung ihr untergeordneten Mannes ertrug. Wenigſtens ließ er es an äußeren Zei⸗ chen der Anerkennung nicht fehlen; er legte ihr die koſt⸗ bare Spitzenmantille mit der Gewandtheit eines Kammer⸗ dieners um die Schultern und reichte ihr den Marabout⸗ Fächer mit einem verbindlichen Lächeln hin. „Soyez sage!“ ſagte die Baronin zu Lieschen und küßte den Wildfang auf die Stirn.„Wenn Du mich nicht mehr kränken willſt, ſo werde ich Alles vergeſſen, was vor⸗ gefallen iſt.“ „Ich werde gewiß folgen und artig ſein,“ antwortete das Mädchen,„aber dann darf ich doch wieder hinunter.“ „Heute noch nicht, vielleicht morgen.“ „Aber warum denn heute nicht? Es iſt ja ſo ſchönes Wetter und der Doctor hat mir doch ſtreng anempfohlen, bei ſchönem Wetter auszugehen.“ „Du ſollſt morgen dafür mit mir ausfahren. Adieu, ma petite! Mademoiſelle wird Dir Geſellſchaft leiſten.“ Aber der Kleinen war mit der Geſellſchaft ihrer 4* 52² Gouvernante gar nicht gedient und ſie wäre viel lieber mit Wilhelm zuſammengekommen, der aus ſeinem Stuben⸗ arreſt entlaſſen, ſich im Hofe herumtrieb und vergebens ſeine Lockpfeife zum dritten oder vierten Male ſchon er⸗ tönen ließ. Die Aufpaſſerin rückte nicht von der Stelle und Lieschen ließ das Köpfchen hängen; ſie mußte, als es ſpät wurde, ſogar zu Bette gehen, ohne ihren Freund ge⸗ ſprochen zu haben. Unterdeß rollte die Baronin in der eleganten Equipage durch die Straßen der Stadt vor das königliche Schloß. Zwei Kammerdiener hoben ſie heraus und geleiteten ſie über die hell erleuchtete Treppe in den ſogenannten Cavalier⸗Saal, wo ſich nur der kleinere und ausgewählte Kreis der fürſtlichen Gäſte zu verſammeln pflegte. Hier herrſchte nicht der ſteife, ceremonielle Ton, wie ſonſt bei den größeren Hofgeſellſchaften. Das Herr⸗ ſcherpaar fühlte ebenfalls das Bedürfniß, ſich ohne Zwang zu geben und deshalb war in dieſem engeren Zirkel die gewöhnlich ſteife Etikette verbannt. Für Unterhaltung war hinlänglich geſorgt durch einen Verein geiſtig begabter und in jeder Beziehung hochgeſtellter Männer und Frauen. Die Zwiſchenpauſen wurden gewöhnlich durch eine ausge⸗ zeichnete Muſik ausgefüllt, welche entweder von der fürſt⸗ lichen Kapelle oder von durchreiſenden Virtuoſen ausgeführt wurde, denen dieſe ſeltene Ehre zu Theil wurde. Außer den einheimiſchen Hofchargen wurden auch noch bedeutende 53 Fremde zu dieſen Abendgeſellſchaften zugezogen, welche ihr Rang oder anderweitige Vorzüge dazu berechtigte. Die Baronin erſchien, bevor noch das fürſtliche Paar einge⸗ treten war; ſie hatte daher Zeit, mit ihrer Lorgnette die Anweſenden zu muſtern. Meiſt fand ſie ſchon ihr bekannte Geſichter, welche ſie nicht weiter intereſſirten, aber bald nahmen zwei bisher hier noch nicht geſehene Erſcheinungen ihre Aufmerkſamkeit ausſchließlich in Anſpruch. In der einen Ecke des Saales ſaßen ein Herr und eine Dame; beide ſchienen hier fremd zu ſein und doch glaubte ſie in ihnen alte Bekannte zu begrüßen. Der Anblick erweckte alte Erinnerungen in ihrer Seele und unwillkürlich fühlte ſie ſich wie von einem kalten Schauer überrieſelt. „Was fehlt Ihnen?“ fragte ſie ihr Gemahl, dem ihre zitternde Bewegung nicht entgangen war. „Nichts!“ antwortete ſie mit angenommener Gleich⸗ gültigkeit,„aber Du würdeſt mich verbinden, wenn Du den Hofmarſchall beiläufig fragen wollteſt, wer der Herr und die Dame iſt, welche dort neben der Bildſäule der Victoria ſitzen.“ „Ich will ſogleich Erkundigungen einziehen.“ „Aber ich bitte, nicht mit gewohnter Indiskretion, damit Herr von Halthauſen nichts merkt, er iſt immer ſo moquant und ich müßte dann wegen meiner Neugierde ſeine Anzüglichkeiten hören.“ 54 „Du kannſt ganz unbeſorgt ſein. Ich ſchmeichle mir, ein geborener Diplomat zu ſein.“ Mit ſelbſtgefälligem Lächeln entfernte ſich der Baron, um den Hofmarſchall herumſchleichend, bis er den Vielbe⸗ ſchäftigten zum Stehen brachte, während ſie mit augen⸗ ſcheinlicher Ungeduld das Reſultat ſeiner Erkundigungen abwartete und nur zerſtreut einigen Hofdamen ihrer Be⸗ kanntſchaft, von denen ſie angeredet wurde, antwortete. Endlich kehrte der Gemahl mit ſelbſtzufriedener Miene zurück, indem er ihr Lob wegen ſeiner diplomatiſchen Ge⸗ ſchicklichkeit einzuernten hoffte. Weitläufig wollte er zuerſt über die Art und Weiſe berichten, wie er den Hof⸗ marſchall liſtig angegangen und von ihm den gewünſchten Aufſchluß erhalten hatte, doch ſie unterbrach ungeduldig ſeine gedehnten Erörterungen. 4 „Sage mir nur, wer die Fremden ſind. Weiter will ich von Dir nichts wiſſen.“ „Herr von der Lahr, der neue Regierungspräſident.“ „Ich habe mich nicht getäuſcht,“ murmelte ſie und dennoch war ſie überraſcht.„Und die Dame?“ fügte ſie noch dringender hinzu. 4 „Gräfin Bratinski, die Wittwe eines ruſſiſchen Ge⸗ nerals. Wie mir der Hofmarſchall anvertraut hat, iſt ſie unermeßlich reich. Die Fürſtin hat ſie in Baden⸗Baden kennen gelernt und ſie eingeladen.“ 8 5⁵ „Haſt Du nicht ihren Familiennamen auch erfahren können?“ „Der Hofmarſchall ſchien ſehr preſſirt und ehe ich mich umſah, war er mir ſchon wieder entſchlüpft.“ „Mein Gott! wie ungeſchickt.“ „Du ſcheinſt Dich ja außerordentlich für die Dame zu intereſſiren,“ antwortete der gutmüthige Ehemann, einiger⸗ maßen piquirt, ſtatt des erwarteten Lobes noch Vorwürfe zu erhalten. „Sch glaubte in der Gräfin eine Reminiscenz aus frü⸗ herer Zeit zu finden, doch ich kann mich wohl getäuſcht haben.“ „Sollte vielleicht der neue Regierungspräſident auch eine ſolche Reminiscenz ſein?“ fragte der Baron mit an⸗ ſcheinender Unbefangenheit. 4 . Sie ſchien indeß ſeine Frage überhört zu haben, oder ignoriren zu wollen. Nur eine auffallende Röthe ihres Geſichtes verrieth ihre innere Bewegung. Im nächſten Augenblicke wandte ſie ſich jedoch wieder mit ihrem freund⸗ lichſten Lächeln zu dem Miniſter, der in ihrer Nähe ſtand. Sie ergriff ſeinen Arm und zog ihn in eine Fenſterniſche, wo ſie ſehr angelegentlich mit ihm zu ſprechen ſchien und ihren Schützling, den Waiſenvater Mehlkatz, ihm auf das Wärmſte zu empfehlen ſuchte. „Mehleatz!“ ſagte der Miniſter, als wollte er ſich beſinnen,„den Namen muß ich ſchon gehört haben.“ 56 „Er ſtand und ſteht noch an der Spitze eines patrio⸗ tiſch loyalen Vereins, der in ſchlimmen Zeiten dem Regen⸗ tenhauſe die ausgezeichnetſten Dienſte geleiſtet hat.“ „Jetzt erinnere ich mich. Der Mann ſoll zu mir kommen und ich will ſehen, was ſich für ihn thun läßt.“ „Ich ſage Ihnen im Voraus meinen Dank.“ „Wer weiß, wie bald ich in die Verlegenheit kommen kann, einen Dienſt von Ihnen zu verlangen.“ „Sie ſcherzen, Exzellenz! was kann eine ſchwache Frau wie ich für Sie thun?“ „ Sagen Sie das nicht. Wir leben in einer Zeit, wo alle Gutgeſinnten zuſammenhalten müſſen, um gegen ihre ſie und Gegner einen feſten Wall zu bilden. Glauben Sie mir, es bereiten ſich am Hofe Dinge vor, die früher oder ſpäter meine Stellung untergraben müſſen. Die Berufung des neuen Präſidenten iſt das Reſultat einer ſolchen gegen das herrſchende Syſtem geſponnenen Cabale. Kennen Sie vielleicht Herrn von der Lahr?“ „Nur oberflächlich,“ antwortete die Baronin, indem ſie hinter dem rauſchenden Fächer ihr Geſicht verbarg. „Auch Einer von den Genialen,“ meinte der Miniſter, „welche die Welt auf den Kopf ſtellen wollen, nachdem ſie ſchon ſeit Jahrtauſenden auf den Füßen geſtanden hat. Nun wir werden ja ſehen, wie weit wir damit kommen werden.“ 57 Der Eintritt des Herrſcherpaares machte dem un⸗ muthigen Erguſſe des Miniſters ein unfreiwilliges Ende. Ehrfurchtsvoll erhoben ſich die Anweſenden, um den Für⸗ ſten und ſeine hohe Gemahlin zu begrüßen, welche freund⸗ lich dankend durch die Reihen der Eingeladenen ſchritten, rechts und links mit den Einzelnen ein kurzes Geſpräch anknüpfend. Auch die Baronin ging nicht leer aus, doch am längſten verweilte der Fürſt in der Nähe des eben nach der Reſidenz berufenen Präſidenten, der dadurch noch mehr die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, während die Fürſtin ſich beſonders angelegentlich mit der ruſſiſchen Gräfin unterhielt. Es war dieſer Umſtand ein wichtiges Ereigniß für den ganzen Hof und die Eingeweihten knüpf⸗ ten daran verſchiedene Muthmaßungen von einem nahe bevorſtehenden Regierungswechſel, von dem ſchon längſt ein dumpfes Gerücht gewiſſe, vertraute Kreiſe durchlief. Wie an jedem Hofe hatten ſich auch an dieſem zwei Par⸗ teien gebildet, welche ſich gegenſeitig bekämpften und ein⸗ ander ſchroff gegenüberſtanden. An der Spitze der Einen ſtand der gegenwärtige Premier, ein gewandter Bureau⸗ krat, ſchlau und unermüdlich in kleinen Auskunftsmitteln, ſtets bereit, ſein politiſches und ſociales Glaubensbekennt⸗ niß je nach der vorwaltenden Strömung der Meinungen einzurichten, dabei vorzugsweiſe darauf bedacht, ſich ſelbſt in ſeiner Stellung unter allen Verhältniſſen zu behaupten. 58 Auf ſeiner Seite ſtand eine zahlreiche Bureaukratie, auf die freilich nicht immer zu zählen war, und das ganze Heer der geſinnungsloſen Bürger, welche Ruhe und Frieden um jeden Preis wünſchten und von vornherein gegen jede Neuerung ſich erklärten, welche ſie in ihrer behaglichen Exiſtenz ſtören konnte. Sein ganzes Streben ging darauf, ſich eine gewiſſe Popularität zu erwerben, weshalb er auch mit dem Volke kokettirte, was ihn jedoch nicht abhielt, auch gewiſſen reactionairen Maßregeln Vorſchub zu leiſten, wo⸗ bei er mit vieler Schlauheit durchſchimmern ließ, daß er nur einem von Oben auf ihn ausgeübten Druck nachgeben müſſe. Ebenſo wenig wagte er, einen entſchiedenen Cha⸗ rakter ſeinem Fürſten gegenüber zu behaupten; er war im eigentlichſten Sinne der Diener zweier Herren, der zwiſchen zwei Stühlen Platz genommen und vor allen Dingen dar⸗ auf ſitzen bleiben wollte. Natürlich gerieth er dadurch oft in eine ſchiefe Lage und ſeine ſchwankende, hin und her lavirende Politik brachte ihn in kaum zu entwirrende Ver⸗ legenheiten, aus welchen er jedoch immer mit vielem Glücke bisher zu entſchlüpfen wußte. Seine Gegner warfen ihm vorzugsweiſe vor, daß er der Würde der Regierung und des Landes ſchade und ein Syſtem der allgemeinen Korrup⸗ tion begünſtige. Der Fürſt war ihm perſönlich keineswegs geneigt, aber von ſeiner Nothwendigkeit vollkommen über⸗ zeugt, da er ihm eine eben ſo tüchtige Geſchäftskenntniß 59 als große Popularität zutraute. Erſt in letzter Zeit ſchien dieſer Glaube bei verſchiedenen Gelegenheiten einen Stoß erhalten zu haben; die Lage des Miniſters wurde mit jedem Tage bedenklicher und mehrere Ernennungen, welche unmittelbar von dem Regenten ausgegangen waren, deu⸗ teten faſt mit Sicherheit auf ſeinen bevorſtehenden, nahen Sturz. Keine Berufung hatte aber in den unterrichteten Kreiſen mehr Aufſehn erregt, als die des Herrn von der Lahr, der ganz unerwartet aus der Provinz zu dieſer hohen Stellung nach der Reſidenz ſich verſetzt ſah. Er verdankte dieſe Auszeichnung lediglich nur ſeinen eigenen Verdienſten. Bei der letzten Rundreiſe des Fürſten hatte dieſer den da⸗ maligen Regierungsrath kennen und beſonders deſſen großes Verwaltungstalent in dem ihm anvertrauten Kreiſe ſchätzen gelernt. Von der Lahr gehörte einer erſt ſich bil⸗ denden, jüngeren, ſtaatsmänniſchen Schule an, welche mehr den ſocialen Standpunkt als den politiſchen zur Gel⸗ tung bringen will, mehr von Innen heraus das Volk zu entwickeln, als durch ſchnell ſich überlebende Geſetze und Verordnungen zu bevormunden ſtrebt. Er kannte das Volk und liebte es, indem er es zu ſeiner Hauptaufgabe machte, daſſelbe in ſeiner Eigenthümlichkeit zu erfaſſen. Oft hatte er in ſeiner früheren Stellung, als einfacher Fußwanderer die abgelegenen Thäler durchſtrichen, die Bewohner unerkannt in ihren Häuſern und Hütten aufge⸗ 60 ſucht, und im Geſpräche, ſo wie im Umgange mit ihnen ihre Bedürfniſſe und Wünſche erfahren. Die ſo durch eigene Anſchauungen gewonnene Ueberzeugung ſuchte er lebendig zu geſtalten und bald machte ſich der günſtige Einfluß ſeiner Maßregeln in den bisher vernachläſſigten Diſtrikten ſichtbar. Beſonders entfaltete er zur Zeit einer in jener Gegend ausgebrochenen Hungersnoth und damit verbundenem Nervenfieber eine unermüdliche Thätigkeit, welche dem drohenden Uebel ſchnell Einhalt that und von dem ſegensreichſten Erfolge begleitet war. Der Fürſt, welcher von dem beſten Willen beſeelt war, ſympathiſirte mit den Anſichten und Beſtrebungen des ausgezeichneten Beamten und beſchloß, demſelben die eben erledigte Stelle eines Regierungspräſidenten zu geben, um ihn als eine friſche Kraft nach der Reſidenz und in ſeine Nähe zu ziehen. Herr von der Lahr befand ſich im kräftigſten Mannesalter; er hatte ſo eben ſein acht und dreißigſtes Jahr überſchrit⸗ ten, als er zu ſeinem hohen Amte berufen wurde. Groß und ſchlank gewachſen, imponirte er durch ſein feſtes und ſicheres Auftreten. Sein großes, geiſtvolles Auge verrieth den klaren, tiefen Denker, während die ſcharf hervorſprin⸗ genden Schläfen und das wie ein Viſir geſchloſſene Kinn auf eine gewiſſe, rückſichtsloſe Willenskraft deuteten. Ein ſolcher Mann konnte der herrſchenden Partei in mancher Beziehung gefährlich werden und nicht mit Unrecht fürch⸗ 6 61 tete der ſchlaue Miniſter, an ihm einen energiſchen Neben⸗ buhler, ja möglicherweiſe ſeinen zukünftigen Nachfolger zu erhalten. Mit anſcheinender Freundlichkeit war er ihm entgegengekommen, während er im Stillen bereits die In⸗ trigne ſpann, um ſich Seiner ſo bald als möglich zu ent⸗ ledigen. Ohne es zu wollen, ſah ſich der neue Regierungs⸗ präſident zum Mittelpunkte vielfacher Aufmerkſamkeit und der allgemeinen Beobachtung erhoben, man forſchte nach ſeiner Vergangenheit, um aus ihr einen Angriffspunkt zu bilden. Was man jedoch über ihn erfuhr, war durchaus unerheblich. Er ſtammte aus einer alten, aber verarmten Familie und hatte längere Zeit in untergeordneten Stel⸗ lungen ſtets zur Zufriedenheit ſeiner Vorgeſetzten gedient. Das war Alles, was man von ihm wußte; denn auch ſein Privatleben, das man ſorgfältig unterſuchte, bot durchaus keinen Grund zu einer willkommenen Verleumdung. Die Baronin hätte freilich manchen näheren Aufſchluß geben können, aber ſie zog es vor, noch vorläufig aus ihr allein bekannten Urſachen zu ſchweigen. Sie konnte es indeß nicht vermeiden, daß ſie mit Herrn von Lahr im Laufe des Abends zuſammentraf. Auch er ſchien von ihrem Anblicke überraſcht zu ſein; eine plötzliche Röthe überflog ſein bleiches, edles Geſicht. Alte, ſchmerzliche Erinnerungen ſchienen wieder in ihm aufzuleben und er rang vergebens nach dem richtigen Ausdruck für dieſe unerwartete Begeg⸗ 62 nung nach ſo langer Abweſenheit. Er hatte ſie gekannt, als ſie noch ein junges, blühendes Mädchen war, ausge⸗ zeichnet durch Geiſt und Anmuth, aber auch durch Hoch⸗ muth und ungemeſſenen Stolz. Damals hatte er ſich noch als armer Regierungsaſſeſſor um ihre Hand beworben, ſie hatte auch ſeine Huldigungen ſcheinbar günſtig aufgenom⸗ men, aber als er ernſter mit ſeinen Abſichten hervorge⸗ treten war, ihn mit Hohn, faſt mit ſchnöder Verachtung zurückgewieſen. Jahre waren ſeitdem vergangen und nun ſtanden ſie einander in ſo gänzlich veränderten Verhält⸗ niſſen gegenüber; er faſt jugendlich, in friſcher unge⸗ brochener Kraft, ſo eben erſt zu dem einflußreichſten Poſten berufen; ſie dem Matronen⸗Alter nahe und an der Seite eines ungeliebten, unbedeutenden Mannes. Unwillkürlich drängte ſich der Baronin dieſe Betrachtung auf, aber mehr gewohnt nach Frauenart ſich zu bemeiſtern, fand ſie weit ſchneller ihre Faſſung wieder und den paſſenden Ton, welcher die Mitte zwiſchen alter Vertraulichkeit und den durch ihre gegenſeitige Stellung bedingten Zwang hielt. „Ich geſtehe,“ ſagte ſie mit einem eigenthümlichen, vieldeutigen Lächeln,„daß ich überraſcht war, Sie hier zu finden. Um ſo mehr freue ich mich über Ihr wohlver⸗ dientes Glück, obgleich ich Urſache hätte, Ihnen zu zürnen.“ „Und womit ſollte ich mir Ihre Ungnade zugezogen haben?“ fragte er ernſt. 63 „Damit, daß Sie eine alte Freundin ſo ſchnell ver⸗ geſſen konnten. Ich glaube einen Anſpruch auf Ihren erſten Beſuch in der Reſidenz zu haben.“ „Gnädige Frau! Ich ahnte in der That nicht—“ „Daß mir Ihre Erſcheinung angenehm ſein könnte,“ unterbrach ſie ihn, da er zu vollenden zögerte.„Laſſen wir die Vergangenheit, da wir beiderſeitig keinen Grund haben, uns über die Gegenwart zu beklagen. Sie ſehen, daß es mir leidlich gut geht; ich bin eine glückliche Mutter und wenn auch alle meine hochfliegenden Wünſche nicht in Er⸗ füllung gegangen ſind, ſo habe ich mich beſcheiden gelernt und meinen Troſt in dem Unvergänglichen geſucht, in der Religion, welche für jeden irdiſchen Verluſt entſchädigt.“ Trotzdem die Baronin die letzten Worte mit unge⸗ wöhnlicher Empfindung ſprach, ſo lag doch ein unerklär⸗ liches Etwas in dem Tone ihrer Stimme, in den ſcharfen, ſtechenden Blicken, was den Präſidenten an der Wahrheit zweifeln ließ. Dieſe zur Schau getragene Frömmigkeit, welche er als die Mode gewiſſer und ihm vorzugsweiſe feindlich geſinnter Kreiſe kannte, verletzte ihn aus ihrem Munde, der früher ganz entgegengeſetzte Maximenihm gegen⸗ über geäußert hatte. Es gab eine Zeit, wo das damals reizende Mädchen eben ſo mit den atheiſtiſchen Ideen der jungen, Hegel'ſchen Schule, mit Feuerbach und Gutzkow's Wally kokettirte, wie in dieſem Augenblick mit dem herr⸗ 64 A ſchenden Pietismus. Faſt waren ihm ihre früheren frivolen Anſichten noch angenehmer, als ihre jetzige zur Schau ge⸗ tragene Frömmigkeit. „Apropos!“ ſagte die Baronin in wunderlichem Ge⸗ dankenſprung.„Sind Sie verheirathet, lieber Präſident?“ „Noch nicht!“ antwortete er zögernd, als wollte er ferneren Nachforſchungen ausweichen. „Denken Sie nur. Ich habe mir durchaus eingebildet, Sie müßten verheirathet ſein und zwar mit der Dame, mit welcher Sie ſich ſo eifrig vorher unterhielten. Wenn ich nicht irre, Gräfin Bratinski. Sie können mir gewiß ſagen, was die Gräfin für eine geborene iſt.“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete er einſylbig. „Merkwürdig! Ich glaubte, daß Sie mit ihr näher bekannt wären,“ bemerkte ſie hingeworfen.„Auch mich er⸗ innert ſie an ein junges Mädchen, das ich ſchon früher und unter ganz anderen Verhältniſſen geſehen habe. Es wäre mir intereſſant, doch Näheres darüber zu erfahren.“ „Sie täuſchen ſich wahrſcheinlich, meine Gnädige! So viel ich weiß, iſt die Gräfin, welche allerdings das Deutſche ſo rein und geläufig wie ihre Mutterſprache redet, zum erſten Male hier in der Reſidenz. Sie hat abwech⸗ ſelnd auf den Gütern ihres verſtorbenen Mannes und in Italien gelebt, wo ihr Gatte als Geſandter in Florenz ſie kennen gelernt und geheirathet hat.“ 65 „Ei, ei!“ rief die Baronin ſchalkhaft drohend.„Sie ſcheinen mir ſehr genau unterrichtet zu ſein, Herr Regie⸗ rungspräſident.“ b Er ſchien nicht mehr zu hören, was ſie ihm ſagte; ſeine Augen und Gedanken waren nach einer andern Rich⸗ tung hin beſchäftigt, wie die Baronin bald inſtinktmäßig zu ihrem Verdruß erfuhr. Dort in der Ecke, neben der ſchwebenden Victoria, ſaß noch immer die ruſſiſche Gräfin in einfacher und doch koſtbarer Toilette. Ein weißes Kleid, ſo fein und leicht als wäre es aus ſilbernen Mondenſtrahlen gewebt, umfloß ihre zarte, graziöſe Geſtalt. Große, orientaliſche Perlen von unſchätzbarem Werthe ſchlangen ſich durch das glänzend ſchwarze Haar und um den mit friſch gefallenem Schnee wetteifernden Nacken. Sonſt hatte ſie keinen anderen Schmuck als den unausſprechlichen Liebreiz, der ſich in jedem Zuge, jeder Bewegung kund gab. Trotzdem ſie bereits das dreißigſte Jahr erreicht, vielleicht ſchon überſchritten haben mochte, bewahrte ſie eine gewiſſe Jungfräulichkeit und den Zauber der geiſtigen Jugend, welche, wenn auch nur ſelten, ſelbſt bei Matronen mit grauem Haare angetroffen wird, während ſie deſto öfter ſelbſt noch jungen Mädchen fehlt. Ueber dem blaſſen Geſichte leuchteten zwei wunderbare Sterne, mild und doch feurig; die dunkelbraunen Augen voll Güte und Klugheit, ein elektriſches Licht ausſtrömend, das unwillkürlich mit 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 5 66 magnetiſcher Kraft feſſelte und anzog. Ein ſanfter Schmer⸗ zenszug um die feinen Lippen verlieh ihr einen eigenen verklärenden Ausdruck. Man fühlte, daß die Weihe des Unglücks über dies Haupt ſich ausgegoſſen und eine unſicht⸗ bare Märtyrerkrone zurückgelaſſen hatte. Dies Herz mußte viel gelitten, viel gerungen und endlich den Sieg davon getragen haben. Jetzt näherte ſich ihr der Fürſt und redete ſie freundlich an, er forderte ſie auf, eine Probe des ihm wohlbekannten Geſangtalents zu geben, mit dem ſie ihn und ſeine hohe Gemahlin ſo oft während ſeines Aufent⸗ haltes in Baden⸗Baden entzückt hatte. Auf ſeinen Wunſch erhob ſie ſich und trat von ihm ſelbſt geleitet an das offen ſtehende Inſtrument, an dem der Kapellmeiſter bereits ſaß, um ſie zu accompagniren. Sie wählte die„casta divat aus Bellini's Norma. Bei dem erſten, langgezogenen Tone ſchon herrſchte eine athemloſe Stille in dem großen Saale und Jedermann fühlte, daß nicht eine gewöhnliche Dilettantin, ſondern eine vollendete Sängerin hier vor ihm ſtand. Dieſer Eindruck ſteigerte ſich von Accord zu Accord, noch vermehrt durch die geniale, ächt künſtleriſche Auffaſ⸗ ſung und die Behandlung des Vortrages. Das war die unglückliche Prieſterin ſelber, welche der keuſchen Göttin ihr Gelübde gebrochen und ihre bangen Klagen, ihren ſchmerzlichen Kampf zwiſchen der Liebe und der Pflicht in den herrlichſten Tönen aus der beladenen Bruſt entſtrömen 67 ließ. Man ſah ihr ſchweres Leiden, man hörte ſie tief innerlich weinen und verzweiflungsvoll ringen. Unwill⸗ kürlich wurden die Zuhörer ergriffen und fortgeriſſen, ſo daß ſie, wenigſtens ſo lange die Gräfin ſang, Alles rings⸗ umher vergaßen, ihre kleinen Intriguen, ihre oft jammer⸗ vollen und erbärmlichen Hofränke. Die heilige Kunſt zog triumphirend in dieſe Herzen ein und verdrängte, wenn auch nur auf kurze Momente, die irdiſchen Götzen der Eitelkeit, der Herrſchſucht und des Neides. Als der letzte Ton ver⸗ hallt war, herrſchte noch daſſelbe tiefe Schweigen; Niemand wagte ſeinen Beifall auszudrücken, bis der Fürſt ſelber das Zeichen zu einem hier noch nie vernommenen Applauſe gab. Leicht verneigte ſich die Gräfin mit einer graziöſen Ver⸗ beugung, kaum berührt von dem Beifall der Menge; nur als die Fürſtin, hingeriſſen von ihrem natürlichen Gefühle, ihr auf die weiße Stirn einen Kuß hauchte, färbte ſich ihre Wange röther und wie beſchämt über ſo viel Anerkennung neigte ſie ſich herab, als wollte ſie die Hand der hohen Frau küſſen, welche dieſe Bewegung hinderte, indem ſie die Gräfin zärtlich in ihre Arme ſchloß und mit ſich zu ihrem eigenen Platze fortzog.— Zwei Theilnehmer dieſes Schauſpieles verfolgten die eben ſtattgefundene Scene mit den verſchiedenſten Empfindungen. So lange die Gräfin ſang, ſtand Herr von der Lahr an einer Säule angelehnt wie feſtgebannt, unter dem zauberhaften Eindruck, den ihre 5* 68 Stimme wie ihr ganzes Weſen auf ihn hervorbrachten. Der ſonſt ſo klare und beſonnene Mann ſchien noch fortzuträu⸗ men, als ſie längſt ſchon geendet hatte. Gewaltſam mußte er ſich aus der Stimmung herausreißen, die ihm unter angeſtrengter Arbeit und Geſchäften aller Art verloren gegangen war. Jetzt überraſchte ihn mit einem Male wieder das laut gewordene Herz, das er geſtorben und zur Ruhe gekommen glaubte. Abſichtlich vermied er es, ſich der Gräfin zu nähern, welche, von einem Schwarm von Bewunderern umgeben, neben ihrer fürſtlichen Freundin ſaß und mit ruhiger Ergebenheit die banalen Phraſen des Lobes entgegennahm. Ihm kam es wie eine Entwürdi⸗ gung des Heiligſten vor, das in Worte zu faſſen, was ihr Geſang in ſeiner Seele wach gerufen. Er kannte dieſe Sirenenklänge, welche ihn an längſt vergangene Zeiten mahnten, aber wie der edle Dulder, der vielgeprüfte Odyſſeus, war er feſt entſchloſſen, ihnen nicht Gehör zu geben und ſeine Ohren zu verſtopfen. Nicht zum zweiten Male wollte er die bittere Täuſchung erfahren, die er ein⸗ mal durchgekoſtet und nur nach einem ſchweren Kampfe überwunden hatte und doch mußte er ſich eingeſtehn, daß die Gräfin, welche er erſt ſeit kurzer Zeit kennen gelernt hatte, ihm gefährlich werden konnte. Die Baronin Frei⸗ ſtadt, welche ihren einſtigen Anbeter nicht aus den Augen ließ, ſchien mit jenem ächt weiblichen Inſtinkt zu ahnen, 2 69 was in ſeiner Seele vorging. Sie haßte bereits die Gräfin, die ſie aus früherer Zeit zu kennen glaubte; ſie haßte ſie nicht allein deshalb, weil ſie heute die allgemeine Aufmerkſamkeit des Fürſten und des Hofes auf ſich zog und ohne ihr Zuthun den glänzenden Mittelpunkt der Geſellſchaft abgab, ſondern weit mehr noch wegen den Beziehungen zu dem Präſidenten. Wenn ſie auch ſelbſt kein Anrecht mehr auf dies ihr einſt treu ergebene Herz haben konnte, ſo ſollte auch keine an⸗ dere Frau daſſelbe beſitzen oder Anſpruch darauf haben. Erſt wollte ſie ſich die klare Ueberzeugung verſchaffen und dann handeln, das heißt: die Gräfin und im Nothfalle ſelbſt den frühern Geliebten verderben. Zeitiger als ge⸗ wöhnlich verlangte ſie, zur Verwunderung ihres gehorſamen Gatten, nach ihrer Equipage, um nicht länger Zeugin des Triumphs der ihr verhaßten Nebenbuhlerin zu ſein. Viertes Capitel. Endlich war der Tag gekommen, an dem Wilhelm aus ſeinen bisherigen Verhältniſſen ſcheiden und in die Muſteranſtalt des Waiſenvaters Mehlkatz übergehen ſollte. Je näher die Trennungsſtunde rückte, deſto gerührter 70 wurde die gute Frau Schneider, welche bereits die tiefſte Reue über ihre Einwilligung empfand. Reichlich floſſen ihre Thränen, während ſie das kleine Bündel ſchnürte, worin ſein Sonntagsanzug und einige neue Hemden lagen, welche ſie noch ſelbſt für ihren Pflegling genäht hatte. Auch ſeine Lieblingsſpeiſe kochte ſie zum Mittag, um ihm zum letzten Male wenigſtens noch etwas Gutes zu erweiſen. Es wäre Unrecht, wenn man nicht annehmen wollte, daß auch ihm der Abſchied nahe ging, aber er unterdrückte tapfer ſein Weinen, weil er glaubte, daß ſich das für einen Jungen nicht ſchicke. Er ſah eher trotzig als gerührt aus und wenn ihn ja einmal im Lauf des Vormittags ſein Ge⸗ fühl übermannen wollte, ſo verzog er nur den Mund und pfiff die alte Melodie. Bei den Bewohnern des Hinter⸗ hauſes, mit denen er befreundet war, hatte er ſich bereits empfohlen. Die meiſt armen, aber guten Leute entließen ihn mit ihren Segenswünſchen und ſelbſt mit einem kleinen Geſchenke, denn gerade die Armuth, welche ſelber nicht viel hat, beſitzt eine offene Hand. Der Schuſter, ſein alter Gönner, der ſich erſt vor Kurzem ſo wacker ſeiner ange⸗ nommen hatte, drückte ihm ſogar ein blankes Achtgroſchen⸗ ſtück in die Hand, welches Wilhelm anzunehmen ſich weigerte. „Nimm es nur!“ ſagte der brave Mann.„Du wirſt es ſchon einmal brauchen können. Es giebt nicht viel fette 71 Biſſen im Waiſenhauſe, denn, wie ich gehört habe, iſt dort Schmalhans Küchenmeiſter. Wenn es Dich einmal hun⸗ gert, ſo kannſt Du Dir wenigſtens Brod kaufen.“ Das klang nicht eben tröſtlich und vermehrte nur noch den bangen Widerwillen, mit welchem Wilhelm ſei⸗ nem neuen Beſtimmungsort entgegen ging. Dennoch hielt er es für ſeine Schuldigkeit, den Waiſenvater mit ſeiner Muſteranſtalt, wie dieſer ſelbſt ſein Inſtitut benannte, in Schutz zu nehmen. „Es wird wohl nicht ſo ſchlimm ſein,“ meinte er. „Eſſen ſoll es vollauf geben und auch über die Behandlung hab' ich noch keinen Jungen klagen gehört, ſo viele ich auch ſchon geſprochen habe.“ „Nun, nun!“ murmelte der Schuſter geheimnißvoll. „Mir kann es ſchon Recht ſein und ich will Dir auch das Herz nicht ſchwer machen. Thue Recht und ſcheue Nie⸗ mand! Schreib' Dir das hinter die Ohren und Du wirſt überall durchkommen. Wenn es Dir aber einmal ſchlecht gehen ſollte, ſo denke: der alte Gott lebt noch und auch der alte Meiſter Wenzel, der mit einem guten Rath und einem Paar Sohlen einem armen Jungen unter die Arme, oder unter die Füße greifen wird. Deine Stiefeln kannſt Du mir herbringen, wenn ſie zerriſſen ſind, die will ich Dir ſchon in den Stand ſetzen und wieder flicken.“ Eben ſo freundlich waren auch die übrigen Hausge⸗ 72 noſſen gegen ihn und von allen Seiten kam ihm ſo viel Theilnahme entgegen, daß ihm das kleine Herz immer ſchwerer und ſchwerer wurde. Erſt jetzt wurde ihm klar, daß das Hinterhaus mit ſeinen Bewohnern ſeine wahre Heimath war und daß er ſo recht eigentlich von den Seini⸗ gen getrennt und in die Fremde hinaus geſtoßen wurde. Ein nie gekanntes Gefühl von Wehmuth überkam den ar⸗ men Waiſenknaben, als er ſo, vielleicht zum letzten Male, über den Hof ging, auf dem er groß geworden und die ſchönſten Stunden einer zwar armen, aber glücklichen Kind⸗ heit durchlebt hatte. Noch einmal hing ſein Auge an den ihm lieb gewordenen Orten und prägte ſich mit unverlöſch⸗ baren Zügen die ſonſt eben nicht gerade ausgezeichnete Um⸗ gebung ein. Es war ein recht geräumiger und winkeliger Hof, wie ihn die Kinder zu ihren Spielen lieben; da gab es tief verborgene, bauſchige Verſtecke in Menge, Verſchläge aller Art, Hühnerſteigen, einen Pferdeſtall und auch ein Taubenhaus. Ueberall war Wilhelm hier herum gekrochen, bald allein, bald mit Lieschen hatte er jeden Winkel, jedes Verſteck auskundſchaftet; er war der Freund des Kutſchers geworden und hatte ſo manche Stunde mit ihm im Stalle bei den Pferden des Barons zugebracht, welche ihn ganz gut kannten und aus ſeiner Hand Brod und Heu fraßen. Er brauchte ſich nur zu zeigen und zu pfeifen, ſo ſchwirrten die Tauben des Herrn Roſenberg von allen Seiten herbei; 73 flatterten um ihn und waren ſo zahm, daß er ſie mit Hän⸗ den greifen konnte; denn die klugen Vögel wußten ſchon, daß er in ſeinen Taſchen gewöhnlich etwas Hafer und an⸗ dere Futterkörner trug, die er dem Kutſcher für ſeine Tau⸗ ben abgeſchmeichelt. Menſchen und Thiere auf dem Hofe kannten und liebten ihn; er war hier zu Hauſe und nun ſollte er von Allem Abſchied nehmen und fortgehn. Kin⸗ diſch genug hatte er geglaubt, daß der Fall niemals eintre⸗ ten könne, daß es immer ſo bleiben müſſe, einen Tag wie den andern und nun ſah er ſich bitter getäuſcht und betro⸗ gen. Er hatte keine Familie, kein Haus, keine Angehöri⸗ gen, aber wenigſtens doch den Hof und das Hinterhaus ge⸗ habt; jetzt ſollte er auch das noch verlieren, und dieſer Ge⸗ danke, der ſich dumpf in ſeiner Seele regte, machte ihn plötzlich unendlich traurig. Mag man es ihm übel deuten, oder den armen Jungen gar für undankbar verſchreien, aber der Abſchied von dieſen lebloſen Gegenſtänden und von ſeinen thieriſchen Freunden, den Pferden und Tauben, ging ihm faſt noch näher als von den Menſchen und ſelbſt von ſeiner guten Pflegemutter. Nur Lieschen machte eine Ausnahme; ſie hätte er gar zu gern noch einmal geſehen und geſprochen, bevor er fort mußte, aber ſie ließ ſich nicht blicken. Wahrſcheinlich war die ſtrenge Aufſicht daran ſchuld, welche in den letzten Tagen über ſie verhängt wurde. Ohne Abſchied aber von ſeiner kleinen Freundin fortzu⸗ 74 gehen, das ſchien ihm unmöglich, ganz und gar unbegreif⸗ lich.— Er hatte ſich auf die Schwelle des Hinterhauſes geſetzt und den von trübem Sinnen ſchweren Kopf auf ſei⸗ nen Arm geſtützt. So ſaß er eine ganze Weile und ſtarrte in den im lieb gewordenen Hof, bald auf das Taubenhaus, bald auf den Stall, aus dem ihm das Wiehern der Pferde wie ein Scheidegruß entgegen ſchallte. Er achtete jetzt nicht darauf in der Betrübniß ſeines Herzens, in jenem dum⸗ pfen Gefühle ſeiner gänzlichen Verlaſſenheit. Unmuthig über ſich und ſein Geſchick raufte er mit ſeinen Händen das Unkraut, welches an der Schwelle wucherte, und warf es, nachdem er es gedankenlos betrachtet hatte, wieder fort. Seltſam genug ſah es dabei in ſeinem Gehirn und Herzen aus; das ſtürmte und jagte wie ein wildes Heer und manche trotzige Frage an das Schickſal, mancher grollende Gedanke über die Vorſehung regte ſich in dem jungen⸗Gemüthe und reifte wie Sturm und Regen die werdende Pflanze, den Verſtand und die Willenskraft herausfordernd. Schnell jedoch wurde dieſen Betrachtungen ein Ende gemacht, als plötzlich ein dicker, zuſammen gedrückter Papierball dem klei⸗ nen Denker an die Stirn flog. Wilhelm blickte empor zu dem geöffneten Fenſter, an dem auch Lieschen richtig ſtand, mit den Händen ihm ein Zeichen machend. Er verſtand dieſe Sprache hinlänglich, um daraus zu erſehen, daß er das im zugeſchleuderte Papier öffnen und auch leſen ſollte. Sorg⸗ 75 fältig entfaltete er den gänzlich zerknitterten Bogen, indem er ſich bemühte, die darauf geſchriebenen, ſtelzbeinigen, krähenfüßigen Hieroglyphen zu enträthſeln. Eine Mei⸗ ſterin in der Kalligraphie war Lieschen, trotz aller Be⸗ mühungen ihrer Erzieherin, noch nicht geworden und leider müſſen wir es zu ihrer Schande ſagen, daß der Brief faſt eben ſo viele Dintenkleckſe, als Buchſtaben aufzuweiſen hatte. Das Schreiben, welches ſpäter einem Familien⸗ Archive einverleibt worden iſt, lautete folgendermaßen: „Lieber Wilhelm! Mama hat mir verboten, mit Dir zu ſprechen, ſonſt bekomme ich kein Mittagbrod, woraus ich mir gar nichts mache, da ich ohnehin Milchreis nicht gern eſſe. Aber ich kann doch nicht'runter in den Hof kommen, weil das Fräulein da ſitzt und aufpaßt. Ich ſchreibe aber partout und unter ihrer langen Naſe, denn ſie merkt es doch nicht und glaubt, daß ich meine Aufgabe arbeite. Ich habe gehört, daß Du heute fort mußt, was mir ſehr leid thut; Mama hat geſagt, daß Du ein ſehr unartiger Junge biſt und Gott danken ſollſt, daß ſich ein ſo gutes Unter⸗ kommen für Dich gefunden hat; was ich ihr aber nicht glaube. Wenn das ekliche Fräulein nicht wäre, möchte ich Dich noch einmal ſehen, bevor Du fort gehſt und von Dir Abſchied nehmen. Ich ſchicke Dir hiermit das goldene Kreuz, welches ich von der Tante Generalin zu meinem Geburtstage bekommen habe. Das ſchenke ich Dir und 76 verbleibe Dein theueres Lieschen. Poſt⸗Scriptum: Wenn es geht, ſo komme ich doch noch zu Dir, wenn das Fräulein es nicht merkt und bringe Dir auch noch ein Stück Torte. Das Kreuz behalte nur; denn, wenn mich Mama darnach fragen ſollte, ſo will ich ihr ſagen, daß ich es verloren habe. Lügen iſt ſchlecht, aber eine Nothlüge iſt erlaubt, hat die Gouvernante geſagt, als ſie neulich die Vaſe zerſchlagen und die Schuld auf unſern Azor geſchoben hat. Ewig die Obige.“— Den Brief und das Kreuz ſteckte Wilhelm in ſeine Hoſentaſche und lächelte dazu Lieschen an, welche am Fenſter ſtand und mit ihrer kleinen Hand ihm zuwinkte. So nahmen ſie von einander Abſchied, der trotz der Ent⸗ fernung nicht minder zärtlich war. Die kleine Julia mußte endlich dem Rufe ihrer Gouvernante folgen und ihr Romeo in die Verbannung gehn, ohne ſie noch einmal geſehen zu haben, weil ſie allzuſtreng hewacht wurde.— Gleich nach dem Eſſen machte ſich Withelm auf den Weg, in Beglei⸗ tung ſeiner Pflegemutter, um ſich dem würdigen Waiſen⸗ vater vorzuſtellen. Derſelbe empfing ihn mit ſüßlicher Freundlichkeit, die mindeſtens ſo lange anhielt, als die gute Frau Schneider zugegen war. „Sie können ganz ruhig ſein,“ ſagte er mit ſeiner fet⸗ ten, geſalbten Stimme.„Ich werde für den Jungen ſchon ſorgen, wie für mein eigenes Kind. Er iſt bei mir aufge⸗ 844 hoben, wie in Abraham's Schoos. 77 Dabei ſtreichelte er mit ſeinen plumpen Händen den wilden Lockenkopf des Knaben und ſah ihn mit ſeinen grün⸗ lichen Augen ſo grimmig⸗zärtlich an, wie die Katze die Maus, welche ſie eben zu verſpeiſen gedenkt. Die treffliche Pflegemutter zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit ſeiner Worte; ſie war vollkommen überzeugt, daß es ihr Wilhelm hier gut haben würde; darum ging ſie auch mit viel leichterem Herzen, als ſie gekommen war. „Ich habe nun noch eine Bitte,“ ſagte ſie, bevor ſie Abſchied nahm.„Sie erlauben wohl, daß der Wilhelm mich in jeder Woche einmal beſuchen darf.“ „Das thut mir leid,“ entgegnete der Waiſenvater, „aber es geht wirklich nicht. Es wäre dies gegen die Haus⸗ ordnung und ich kann keinem Knaben geſtatten, Beſuche zu machen. Dagegen ſteht es Ihnen frei, zur beſtimmten Zeit ihn in der Anſtalt zu ſehen. Das kann Ihnen doch im Grunde genommen gleich ſein.“ „Natürlich, natürlich!“ meinte Frau Schneider be⸗ ſcheiden.„Ich weiß ja ohnehin, daß er in den beſten Händen iſt. Nehmen Sie mir nur ja nicht meine Freiheit übel, aber ich dachte nur, daß es auch einmal dem Jungen Freude machen würde, zu mir zu kommen und ſeine alten Freunde und Bekannten zu ſehen.“ „Das will ich eben vermeiden. Meine Zöglinge ſollen in meiner Muſteranſtalt ihr Vaterhaus ſehen. Außer⸗ 78 dem machen wir gemeinſchaftliche Spaziergänge, da geht es gar luſtig zu und meine Kinder ſpringen wie die Böck⸗ lein im Freien. Es wird Dir ſchon bei uns gefallen, mein Söhnchen!“ fügte Herr Mehlkatz noch zu Wilhelm gewen⸗ det hinzu. Dies ſchien aber, wenigſtens für den Anfang, keines⸗ wegs der Fall zu ſein; denn der Knabe fühlte vom erſten Augenblick an einen entſchiedenen Widerwillen gegen das rothe finnige Geſicht des Waiſenvaters und fand ihn, trotz aller erheuchelten Freundlichkeit, unausſtehlich. Er witterte ordentlich ſchon die Behandlung, welche hier den Kindern zu Theil wurde, obgleich in der ganzen Reſidenz nur von der ausgezeichneten Güte und Humanität des Herrn Mehl⸗ katz die Rede war und ſeine Anſtalt in dem beſten Rufe ſtand. Das hielt jedoch Wilhelm nicht ab, ſich ungemein vor ſeinem neuen Aufenthaltsorte zu ſcheuen und inſtinkt⸗ mäßig auf ſeiner Hut zu ſein. Am meiſten aber kränkte ihn das Verbot, ſeine gute Pflegemutter und das alte Hin⸗ terhaus nicht mehr beſuchen zu dürfen; abgeſehen davon, daß er doch auch Lieschen wenigſtens alle acht Tage zu ſehen gehofft hatte. Daraus ſollte nun nichts werden und dieſer Gedanke ſchmerzte ihn noch weit mehr, als der Ab⸗ ſchied von Frau Schneider, die endlich fortging und ihn allein zurückließ. Er ſchaute ihr, in der Thüre ſtehend, ſo lange nach, bis er nicht mehr den alten Hut und das rothe 79 karrirte Wollentuch ſehen konnte, dann erſt fingen ſeine Thränen zu fließen an. Das dauerte aber nicht lange, denn aus dem Fenſter ſchallte die Stimme des Waiſenva⸗ ters, der ihn rief. Schnell fuhr ſich der Knabe mit dem Rockärmel über die naſſen Augen; man ſollte nicht ſehen, daß er geweint habe, dann eilte er die Treppe hinauf und trat wieder in das Zimmer. Mit dem Waiſenvater ſchien indeß eine merkwürdige Veränderung vorgegangen zu ſein; ſeine Phyſiognomie war wie durch einen Zauberſchlag mit einem Male eine andere geworden; ſtatt des frühern freund⸗ lichen Lächelns ſchwebte eine herbe Strenge um ſeinen ge⸗ kniffenen Mund und die grünlichen Augen ſtachen und bohrten ordentlich wie mit Stecknadeln. „Kannſt Du nicht gleich kommen, wenn ich Dich rufe,“ fuhr er barſch den Knaben an. „Ich habe ja nur die Mutter begleitet,“ entſchuldigte ſich dieſer. „Diesmal ſoll es Dir noch hingehn, aber künftig ſetzt es Etwas, wenn Du nicht ſogleich thuſt, was ich be⸗ fehle. Verſtanden! Ich will Dir überhaupt meine Mei⸗ nung ſagen. Du ſollſt ein nichtsnutziger, böſer Bube ſein, wie ich von guter Hand erfahren habe. Damit kommt man in meiner Muſteranſtalt nicht durch. Ich habe ſchon die Mittel, um einen ſolchen Taugenichts zu Raiſon zu bringen. Jetzt komm her, damit ich Dir die 80 Haare verſchneide, denn ich dulde keinen ſolchen Wirr⸗ kopf.“ Mit dieſen Worten ergriff Herr Mehlkatz eigenhän⸗ dig und nicht eben ſanft das Haupt des Jungen, und ehe dieſer noch wußte, wie ihm geſchah, fielen die langen, ſchö⸗ nen Locken unter der klirrenden Scheere. Ein unbeſchreib⸗ liches Gefühl ergriff bei dieſer Operation den armen Wil⸗ helm, als er ſeinen Haarſchmuck ſo fallen ſah; es war ihm grad zu Muthe, wie einem Sträfling unter der Hand ſei⸗ nes unbarmherzigen Zuchtmeiſters. Damit war es aber noch nicht abgethan, er mußte in Gegenwart des Waiſen⸗ vaters ſeinen bequemen Kittel ablegen und die ſchon bereit gehaltene Uniform der Waiſenknaben anziehen. Dieſelbe beſtand in einem grauen Rock von grobem Tuche mit einem ſtehenden Kragen und ditto Beinkleider und Weſte. Da ihm nicht erſt Maß genommen und er in den erſten beſten Anzug geſteckt wurde, ſo kam es, daß ihm der Rock viel zu eng und die Hoſen viel zu lang waren. Die unpaſſenden Kleider wollten nirgends recht ſitzen und zwängten und drückten ihn in allen Nähten. Er kam ſich wie eine Vo⸗ gelſcheuche vor, als wäre er vollkommen umgetauſcht wor⸗ den und ſich ſelber verloren gegangen. Unwillkürlich faßte ihn die Ahnung, daß er mit der Uniform ſeine perſönliche Freiheit eingebüßt und in ein ihm fremdes Verhältniß von Abhängigkeit und Knechtſchaft gerathen ſei. Trotzdem er — 81 ſich zuſammennahm und ſeinen Schmerz zu verbergen ſuchte, ſo konnte er doch nicht eine Thräne unterdrücken, welche auf den grauen Rock niederfiel. Sobald dieſe er⸗ zwungene Toilette angelegt war, muſterte Herr Mehlkatz ſeinen Pflegebefohlenen mit einem eigenthümlichen Lächeln. „So ſieht man doch wie ein vernünftiger Menſch aus,“ ſagte er.„Und nun will ich Dich ſelbſt in den Saal zu Deinen künftigen Kameraden führen und Dir Deine Beſchäftigung anweiſen.“ An der Hand des Waiſenvaters trat Wilhelm in ein großes, wüſtes Zimmer, wo ſich funfzig bis ſechzig Kna⸗ ben von ungefähr gleichem Alter wie er ſelber befanden. Die meiſten ſaßen an langen Tiſchen und waren mit ver⸗ ſchiedenen techniſchen Arbeiten beſchäftigt; die Einen kolo⸗ rirten Stickmuſter; die Andern machten Pappkäſtchen, wie ſie in den Apotheken gebraucht werden, noch Andere übten ſich im Korbflechten. Es herrſchte dabei eine todtenähn⸗ liche Stille und keiner der vielen Anweſenden wagte nur laut zu huſten. Das Ganze machte ungefähr den Ein⸗ druck einer großen Strafanſtalt, wo ebenfalls die Zücht⸗ linge dazu angehalten werden, die Koſten ihres Unterhalts ſelber zu verdienen, nur mit dem Unterſchiede, daß dort Verbrecher, hier unſchuldige Kinder einer ſolchen Behand⸗ lung unterworfen wurden. Den Erlös für die gelieferten Arbeiten ſteckte der würdige Waiſenvater in ſeine Taſche, 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 6 82² indem er vorgab, damit zum großen Theile die Koſten ſei⸗ ner Anſtalt zu beſtreiten. Bei ſeinem Eintritt ging ſicht⸗ bar ein allgemeiner Schauder durch die kleine Verſamm⸗ lung, wie wenn die wehrloſen Schafe die Nähe des Wol⸗ fes ſpüren. Sämmtliche Knaben bückten ſich über ihr Tagewerk und ſchienen ſo eifrig, daß ſie ſich weder rechts noch links umſchauten. Herr Mehlkatz ging, immer noch Wilhelm an der Hand führend, von einem Tiſche zum andern und ließ ſich die gethane Arbeit vorweiſen. Wehe den Armen, welche ungeſchickt oder nachläſſig befunden wurden; ſie erhielten ſogleich ihre Strafe, wobei eben ſo ſehr die Mannigfaltigkeit wie die raffinirte Erfindungs⸗ gabe ihres Peinigers zu bewundern war. Er ſchien es heute eigends darauf abgeſehen zu haben, Wilhelm im Voraus auf das Schickſal aufmerkſam zu machen, das Seiner wartete. Der Waiſenvater beſaß ein ordentliches Strafgenie, bald zog er den Schuldigen an den Haaren, oder am Ohrläppchen in einer beſonders empfindlichen Weiſe, bald theilte er im Vorübergehn mit gewichtiger Hand Schläge, Püffe und Backenſtreiche aus. Er hatte eine gewiſſe Art, zwiſchen ſeiner Fauſt die zarten Finger der Kinder zu quetſchen, daß ſie wie in einem Schraub⸗ ſtocke ſaßen, oder er pochte mit ſeinen geballten Knöcheln gegen die empfindlichſten Theile, ſo daß die Gequälten laut aufſchrieen. Er mußte zu dieſem Zwecke förmlich die Ana⸗ 83 tomie des menſchlichen Körpers ſtudirt haben, um die Stellen kennen zu lernen, welche am meiſten für den Schmerz zugäng⸗ lich waren. Dabei ſah man ihm die Wolluſt an, mit der er die grauſamen Strafen vertheilte; ſein ganzes Geſicht verzog ſich zu einem lachenden Grinſen und nie verfehlte er, die ver⸗ ſchiedenen Torturen mit plumpen Scherzreden zu begleiten, welche den widerlichen Eindruck nur noch verſtärkten. „Nun, mein Söhnchen!“ ſagte er zu einem blaſſen Knaben, den er eben bearbeitet hatte.„Wie ſchmecken Dir dieſe Zuckernüſſe? Hoffentlich wird Eure Wohlgeboren das nächſte Mal nicht wieder die Vorzeichnung beſchmutzen und ſich hübſch in Acht nehmen.“„Ei, ei!“ rief er einem andern Unglücklichen zu, den jetzt die Reihe traf,„Du biſt ja ſchon wieder mit Deiner Aufgabe im Rückſtande ge⸗ blieben. Willſt Du mir nicht einmal Deine kleine, liebe Hand geben, damit ich Dir ſie freundſchaftlich drücke. Wie, Du willſt nicht? Bin ich denn nicht Dein Freund, Dein alter Freund, der Dich von ganzem Herzen liebt? So ſperre Dich doch nicht. Reich' mir die Hand, mein Le ben!“ Die bekannte Melodie aus dem Don Juan leiſe vor ſich brummend, faßte er mit eherner Fauſt die zarten Finger des Kindes und quetſchte ſie, daß es laut aufſchrie. Je mehr er zu ſtrafen hatte, deſto beſſer wurde ſein Humor, und ein plumper Witz jagte den andern. Jetzt wandte er ſich auch an Wilhelm, der mit leicht zu errathenden 6* 84 Gefühlen dem eben nicht tröſtlichen Schauſpiele bei⸗ wohnte. „Das gefällt Dir wohl nicht?“ grinſte er mit heiſe⸗ rem Lachen.„Kann es mir ſchon denken und ſehe es Dir an den Augen an, daß Du lieber fort wärſt; aber dafür iſt geſorgPt. Das Haus iſt verſchloſſen und des Nachts laſſ' ich meine Hunde los, die lieben Hunde, welche keinen Spaß verſtehn und die unartigen Kinder beißen, wenn ſie Miene zum Entlaufen machen. Nicht wahr, mein Bürſch⸗ chen, ich habe Deine Gedanken errathen? Man möchte lieber zu Hauſe ſein, wo man nichts wie tolle Streiche ge⸗ macht und den lieben Herrgott um die ſchöne Zeit beſtoh⸗ len hat. Hier kann man keine Pulverminen anzünden, keine Fenſterſcheiben einſchlagen. Man hört, daß ich be⸗ reits Alles weiß und was für ein ſauberes Früchtchen man iſt. Ich werde Ihm aber ſchon ſeinen Kitzel austrei⸗ ben, darauf kann Er ſich verlaſſen. Jetzt an die Arbeit! Denn Müßiggang iſt aller Laſter Anfang. Hier wirſt Du Dich hinſetzen und das Stickmuſter nach der Vorzeich⸗ nung hübſch mit Farben ausfüllen. Da der Arnheim wird Ihm zur Hand gehn und Ihn unterweiſen. Arnheim! Du wirſt Deinem neuen Kameraden zeigen, was er zu thun hat und auf ihn aufpaſſen. Wenn er Dir nicht folgt, denn brauchſt Du es nur mir zu ſagen, er kann dann meine nähere Bekanntſchaft machen.“ 6 8⁵ Der ſo angeredete Arnheim war ein kleiner, in ſei⸗ nem Wachsthum zurückgebliebener Knabe, mit krummen Beinen und einem verſchmitzten Geſicht, dem er einen ſcheinheiligen Ausdruck nach dem Vorbilde des Waiſen⸗ vaters zu geben ſich bemühte. Mit komiſcher Wichtigkeit näherte er ſich jetzt Wilhelm, als deſſen Lehrer er ſich be⸗ trachtete, um ihm den nöthigen Unterricht in ſeiner neuen Beſchäftigung zu ertheilen. Bald ſaß unſer Freund wie die übrigen Waiſenknaben und beſchäftigte ſich wie dieſe mit ſeiner rein mechaniſchen Arbeit, unter der Anleitung ſeines Aufſehers, der in ſeiner Perſon den Schulmeiſter mit dem Spion vereinte und deshalb von den andern Kindern eben ſo ſehr gehaßt, als gefürchtet wurde. Da der Waiſenvater ein eben ſo großes politiſches als natio⸗ nal⸗ökonomiſches Talent beſaß, ſo hatte er in ſeiner Weis⸗ heit ein vollkommenes Syſtem der gegenſeitigen Beobach⸗ tung und Angeberei in ſeiner Muſteranſtalt eingeführt, ſo daß die eine Hälfte der Knaben von der andern bewacht wurde. Außerdem waren die ſtrengſten Strafen gegen diejenigen verhängt, welche irgend eine Klage ihren Kame⸗ raden oder gar ihren Angehörigen gegenüber, bei deren Beſuchen verlauten ließen. So kam es, daß kein Menſch von den Vorgängen innerhalb des Hauſes nur die ent⸗ fernteſte Ahnung hatte. Dagegen war Herr Mehlkatz darauf bedacht, dem Publikum und den Gönnern ſeines wohl⸗ 86 thätigen Inſtituts von demſelben die beſte Meinung bei⸗ zubringen, und in der That verſtand er dies in einer Art und Weiſe zu thun, daß ſelbſt ſeine Gegner, und an denen fehlte es ſelbſt dem würdigen Manne nicht, ihm ihre An⸗ erkennung nicht verſagen konnten. Wenn man durch die Straßen der Hauptſtadt ging und ihm an der Spitze ſei⸗ ner rein gewaſchenen und gebürſteten Heerde begegnete, den ehrenwerthen Vorſteher und die heiter ausſehenden Kinder in ihren zwar nicht luxuriöſen, aber angemeſſenen und paſſenden Kleidern ſah, ſo blieb man unwillkürlich ſtehen und freute ſich an dem Anblick, wenn man nicht wußte, daß die Knaben bei Androhung der fürchter⸗ lichſten Strafen fröhliche Geſichter ſchneiden mußten und die kleidſamen Trachten nur für ſolche beſondere Gelegen⸗ heit angelegt werden durften. Fragte dann ein Fremder nach dem wackeren Manne und ſeinen Pfleglingen, ſo ant⸗ wortete ihm ein gefälliger Bewohner der Reſidenz mit einem gewiſſen Stolze:„Das iſt Herr Mehlkatz mit ſei⸗ ner Muſteranſtalt; ein würdiger, ein braver Mann, der ſich um die armen, verlaſſenen Waiſen die größten Ver⸗ dienſte erworben und ſchon längſt einen Orden oder eine andere Auszeichnung verdient hat.“— Wenigſtens einmal in der Woche wurden die Kinder ſo von ihm ausgeführt und zwar durch die ſchönſten und lebhafteſten Straßen, um die Aufmerkſamkeit aller Menſchenfreunde auf ſich zu 87 ziehen. Außerdem liebte es Herr Mehlkatz noch, durch allerlei öffentliche Schauſpiele ſich und ſeine Muſteranſtalt bei dem Publikum zu empfehlen, wobei er des Sprüch⸗ worts eingedenk war, daß Klappern zum Handwerk gehöre. Zu dieſem Zwecke veranſtaltete er in jedem Jahre in irgend einem beliebten Lokale förmliche deklamatoriſch⸗muſika⸗ liſche Unterhaltungen und Aufführungen, wozu er die hohen Behörden und das verehrte Publikum durch eigends ge⸗ druckte Zettel und Zeitungsannoncen einlud. Kurz, er verſtand die in der Reſidenz ſo nöthige Kunſt, den Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen, und es gelang ihm auch, ſich und ſeinem Unternehmen nicht nur begeiſterte Freunde und Anhänger, ſondern auch reiche und mächtige Gönner zu verſchaffen, die es ihm nicht an Unterſtützung jeder Art fehlen ließen. Ueber die Vergangenheit und das Privat⸗ leben des Herrn Mehlkatz war ein dunkler Schleier gebrei⸗ tet; Niemand konnte rechte Auskunft über ihn geben, und dieſe herrſchende Dunkelheit wurde leider von böswilligen Zungen zu allerlei Gerüchten und üblen Nachreden be⸗ nutzt, wobei er ſich jedoch damit tröſten konnte, daß der Un⸗ ſchuldige viel leiden muß. Im Uebrigen jedoch ließ er ſich derartige Verleumdungen nicht zu Herzen gehn; er lebte mit ſeiner vollkommen würdigen Gattin und den Spröß⸗ lingen dieſer Ehe ſehr gut und anſtändig von ſeinem Me⸗ tier als Waiſenvater, indem er als Begründer und Vor⸗ 5 88 ſteher ſeiner Muſteranſtalt ſich ſelbſt zunächſt mit einem an⸗ ſtändigen Gehalte bedachte und aus ſeiner Stellung in jedem Falle den größten Nutzen zog. Das ihm zur Seite geſetzte Cu⸗ ratorium, welches aus lauter ehrenwerthen, aber meiſt be⸗ ſchränkten Bürgern beſtand, prüfte jährlich ſeine Rechnungen und fand dieſelben ſtets auch vollkommen richtig. So war es ihm nach und nach gelungen, ſich nicht nur ein ausreichen⸗ des Einkommen, ſondern auch ein gewiſſes Anſehn zu ver⸗ ſchaffen und auf Koſten der in manchen Stücken allzu leicht⸗ gläubigen Reſidenz zu leben. Fünftes Capitel. Der neue Regierungspräſident ſaß in ſeiner Arbeits⸗ ſtube, welche das Gepräge der ſoliden Einfachheit in ihrer ganzen Einrichtung an ſich trug. Das große Schreibpult war mit Aktenſtücken und Schriftſtücken aller Art beladen. Ueber demſelben hing das Bild des verehrten Fürſten, dem er mit aufrichtiger Liebe und Treue ergeben war. An den Wänden ſtand in geräumigen Schränken ſeine auser⸗ leſene Bibliothek, welche die vorzüglichſten wiſſenſchaft⸗ lichen Werke enthielt; aber auch die Schöpfungen des dich teriſchen Genius waren nicht ausgeſchloſſen; nach ihne 89 griff er in ſeinen Mußeſtunden, um ſeinen Geiſt in ihrem Umgange zu erfriſchen und vor pedantiſcher Einſeitigkeit durch ihre idealen Geſtalten zu bewahren. Seit dem frü⸗ hen Morgen hatte er ſich angeſtrengt, mit den Pflichten ſeines Amtes beſchäftigt, da der Bereich ſeiner Thätigkeit ein weit umfaſſender war. Er fand ein hinlängliches Feld für ſeinen unermüdlichen Fleiß; die meiſten Verhältniſſe in einem Zuſtande der größten Verwirrung und Unord⸗ nung, wie ſie ihm ſein Vorgänger hinterlaſſen hatte; Miß⸗ bräuche aller Art, ſchleppenden Geſchäftsgang, Klagen von den verſchiedenſten Seiten und vor allen Dingen einen ge⸗ wiſſen bureaukratiſchen Schlendrian, den er mit all ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln zu bekämpfen beſchloß. Dabei ſtieß er vielfach auf die größten Hinderniſſe, welche von Seiten einer ihm feindlich geſinnten Partei ausgingen, die mit ſei⸗ ner Berufung keineswegs einverſtanden war. Aber er war nicht der Mann, der ſich ſo leicht abſchrecken ließ; mit kraftvoller Energie widmete er ſich ganz und gar ſeinem Berufe und die Menge der Arbeit, die Verantwortlichkeit ſeiner hohen und einflußreichen Stellung forderte nun ſeine ganze Spannkraft und die Elaſticität ſeines reich begabten Geiſtes heraus. Sein ſcharfer Blick durchſchaute bald mit Klarheit die verwickeltſten Verhältniſſe; er war uner⸗ ſchöpflich in Hülfsmitteln und mit den geſteigerten Anfor⸗ derungen wuchs auch ſeine ihm eigene Tüchtigkeit. Aus 90 einem kleineren Wirkungskreiſe nach einem weit größeren berufen, gleichſam in den Mittelpunkt der großen Staats⸗ maſchine verſetzt und in das innerſte Getriebe derſelben plötzlich eingeweiht, fühlte er ſich durch dieſen Umſtand wunderbar gehoben und in demſelben Maße entfaltete ſich ſeine ſtaatsmänniſche Begabung, welche unbewußt in ihm bisher geruht und auf den günſtigen Moment zu ihrer Entwickelung nur gewartet hatte. Nach und nach erhielt er eine feſte Sicherheit, er imponirte ſeinen Gegnern durch ſein ganzes Auftreten und brachte dieſelben zum Schweigen. Ohne nach Popularität zu ſtreben, gewann er in kurzer Friſt die Achtung der Hauptſtadt und von hier aus des ganzen Landes, ſo wie das Vertrauen des Monarchen noch im größeren Maße als früher. Mit einer gewiſſen Befriedigung durfte er auf das bisher Ge⸗ leiſtete und ſchon in kurzer Friſt Errungene blicken, und doch überkam ihn mitten in ſeinem ſegensreichen Wirken zuweilen ein unerklärliches Gefühl einer gewiſſen Leere und faſt bitterer Wehmuth. Dann verſank er wohl in ein dumpfes Brüten, in eine hypochondriſche Stimmung, aus welcher er ſich nur mit Gewalt herausreißen konnte. Es gab Augenblicke in ſeinem jetzigen Leben, wo er gern mit dem unterſten Subalternen getauſcht hätte, der im Kreiſe ſeiner Familie zwar beſchränkt, aber glücklich leben durfte. Das Getriebe der großen Stadt, die Intriguen 91 des Hofes, die genauere Einſicht in die verſchiedenſten Verhältniſſe und ſeine täglich vermehrte Menſchenkenntniß brachten eine Abſpannung und einen moraliſchen Ekel in ihm hervor, den er nur mit Mühe niederzukämpfen ver⸗ mochte. Er litt an jener Krankheit unſerer Zeit, welche wie die Seekrankheit jeden erfaßt, der auf dem hohen Meere unſerer modernen Civiliſation herumgetrieben wird und den Schwindel erregenden Anblick der ſich kreuzenden Intereſſen und Begebenheiten ertragen muß. Es iſt da ſchwer, einen feſten Anhaltepunkt zu finden, jene Ruhe, nach der die Beſten ſich am meiſten ſehnen, welche der ver⸗ wirrten Gegenwart vollkommen zu fehlen ſcheint. In ſei⸗ nen früheren, weit beſchränkteren Verhältniſſen war dieſe Stimmung nicht ſo zum Durchbruch gekommen, wie hier, in der Reſidenz, wo die ganze Atmoſphäre mit einem eige⸗ nen elektriſchen Fluidum überladen iſt, wo die geiſtigen Fühlfäden im gereizten Zuſtande weit empfindlicher gewor⸗ den ſind. Auch er hatte den Zwieſpalt zwiſchen den idea⸗ len Anforderungen der Sittlichkeit und dem realen Leben, zwiſchen dem wahren Sein und dem lügenhaften Schein im Staate, in der Kirche und ſelbſt in der Familie, jene moderne Zerriſſenheit erfaßt und in ihren vernichtenden Conſequenzen durchgedacht. Die Berührungen, in welche ſein Amt ihn brachte, waren nicht geeignet, ihn zu beruhigen und zu heilen, ſondern nährten nur noch ſeinen Trübſinn, 92²2 wenn er auch grade durch ſeine Thätigkeit Anregung und Zerſtreuung und wohl auch hier und da den Lohn fand, wel⸗ chen das eigene Bewußtſein und die Anerkennung der Beſſeren verleiht.— Er hatte weder Luſt noch Aufforderung, neue Bekanntſchaften zu machen, da ſeine Zeit eine höchſt be⸗ ſchränkte war und vielfach in Anſpruch genommen wurde. Des Anſtandes halber konnte er dem Beſuche bei der Ba⸗ ronin nicht ausweichen. Das Wiederſehen nach ſo langer Zeit und unter ſo gänzlich veränderten Verhältniſſen war für beide Theile gleich unerquicklich und geſpannt. An⸗ fänglich verſuchte die Dame einen ſentinnnazalen Ton anzu⸗ ſtimmen; ſie ſprach von einer himmliſchen Freundſchaft, welche bei ihnen die Stelle der früheren irdiſchen Liebe vertreten könne und als dies nicht bei ihm verfing, ſo lei⸗ tete ſie geſchickt die Unterhaltung auf das politiſche Gebiet, wobei ſie nicht verfehlte, ihren Einfluß am Hofe hervorzu⸗ heben. Zum Schluſſe trug ſie ihm offen eine Art von Bündniß an und forderte die Rolle der politiſchen Egeria für ſich. Mit Widerwillen wandte er ſich ab von der Frau, welche er einſt ſo heiß geliebt hatte. Welch ein Blick war es, den er jetzt in dieſe von Ehrgeiz, unterdrück⸗ ter Sinnlichkeit und Herrſchſucht zerriſſenen Seele that, die mit dem Firniß der gemachten Religioſität die Schä⸗ den und Flecken ihres Weſens zu überpinſeln und mit einem gleißenden Heiligenſchein ſich zu umgeben ſuchte. muühns 93 war von dem blühenden, geiſtreichen Mädchen übrig ge⸗ blieben, welche er einſt anbetete? Eine frömmelnde Ko⸗ kette, geſchminkte Verweſung. Er ging mit dem Vorſatze nicht wieder zu kommen und ließ eine erbitterte Feindin zurück, welche im Verein mit dem Miniſter an ſeinem Sturze arbeitete. Zwar fürchtete er weder die Rache ſei⸗ ner verſchmähten Geliebten, noch die Machinationen ſeiner Gegner, aber die fortwährenden kleinen Angriffe und Rei⸗ bungen, denen er ſich ausgeſetzt ſah, verbitterten ſein ohne⸗ hin verdüſtertes Gemüth nur noch mehr. Er ſah ſich von einem Netze umſponnen, von geheimen Aufpaſſern um⸗ geben. Schon öfters war es vorgekommen, daß ihm aller⸗ lei wichtige Dokumente fehlten, auf kurze Zeit aus ſeinem Arbeitszimmer verſchwanden und ſich erſt nach einigen Tagen vergeblichen Suchens wieder fanden. Zuweilen bemerkte er, daß ſeine Briefe und Correſpondenzen, die er in beſtimmte Fächer niederlegte, nicht mehr dieſelbe Ord⸗ nung zeigten, als hätte ſie eine ihm unbekannte Hand durch⸗ wühlt. Selbſt ſein verſchloſſenes Bureau war nicht mehr ſicher und mußte durch Nachſchlüſſel geöffnet worden ſein. Ebenſo erging es mit ſeinen vertraulichen Aeußerungen, welche unerwartet an die Oeffentlichkeit gelangten. Die Wände ſchienen Ohren zu haben und fortwährend glaubte er ſich von unſichtbaren Lauſchern und Spionen umringt. Er hatte ſchon mehrere Male in kurzer Zeit aus dieſem 94 Grunde mit ſeinen Bedienten gewechſelt, ohne damit zum Ziele zu gelangen. Alles dies verleidete ihm den Aufent⸗ halt in der Reſidenz und machte ihn noch reizbarer. In ſolcher Stimmung befand ſich eben der Regierungsprä⸗ ſident, als ſein neuer Bediente eintrat und ihm eine Karte überreichte, welche jener, ohne den darauf ſtehenden Namen weiter zu beachten, wieder aus der Hand legte. „Welchen Beſcheid ſoll ich bringen?“ fragte der Do⸗ meſtique, der noch immer auf Antwort wartete. „Laſſen Sie nur eintreten!“ entgegnete Herr von der Lahr zerſtreut, indem er fortfuhr, ſich mit ſeinen wichtigen Arbeiten ohne Unterbrechung zu beſchäftigen. Er ſaß noch ganz vertieft an ſeinem Schreibtiſch, ſo daß er faſt den angemeldeten Beſuch vergeſſen hatte. Das Rauſchen eines ſeidenen Kleides und der leiſe Tritt eines leichten Fußes mußten ihn erſt aus ſeinen Gedanken wecken. Er blickte auf und wandte ſich um; ein Ruf der Ueber⸗ raſchung entſchlüpfte ſeinen Lippen. Vor ihm ſtand die Gräfin Bratinski in einem ſchwarzen Gewande, das der zierlichen Geſtalt den ungeſuchten Ausdruck der Würde und Einfachheit verlieh. Mit lieblicher Stimme grüßte ſie den Präſidenten, wobei ſich ihre bleichen, edlen Züge mit einem roſigen Hauche färbten. Kaum hatte er ſich ſo weit gefaßt, um ihren Gruß zu erwiedern und ihr einen Sitz auf dem 95⁵ Divan anzubieten. Ohne Verlegenheit ließ ſie ſich nieder, während er auf einem Stuhle neben ihr Platz nahm. „Ich muß mich entſchuldigen,“ begann ſie im unbe⸗ fangenen Tone,„wenn ich Ihnen, Herr Präſident, Ihre koſtbare Zeit raube. Sie können ſich wohl denken, daß nur ein Gegenſtand von größter Wichtigkeit mich hierher und zu Ihnen geführt hat.“ Er verneigte ſich und bat ſie, da ſie ein Pauſe machte, ruhig fortzufahren. „Es handelt ſich,“ fügte ſie hinzu,„um einen Dienſt, den ich von Ihnen mir erbitten muß. Ich bin hier, wie Sie wiſſen, fremd und habe keine Bekannte als das hohe Fürſtenpaar. Dieſes mit meinen Angelegenheiten zu be⸗ läſtigen, wäre im höchſten Grade unſchicklich; ſie haben mir ohnehin ſchon mehr Gnade erwieſen, als ich verdiene. Andere Perſonen intereſſiren ſich nicht für mich und ich kann mich auch nicht dem erſten Beſten in ſo delikaten Ver⸗ hältniſſen, wie die meinigen ſind, anvertrauen. Am wenigſten möchte ich mich direkt an eine Behörde wenden, weil ich leider weiß, wie langſam und geſchäftsmäßig, ſelbſt wie verletzend öfters von dieſen die zarteſten Gegen⸗ ſtände verhandelt werden. Ich geſtehe Ihnen, daß ich weder die Folter des Wartens, noch die Indiskretion einer neugierigen Polizei zu ertragen vermag. Der Zufall ließ mich Sie am Hofe kennen lernen; ich hörte ſo viel Schmei⸗ 96 chelhaftes über Ihren Charakter und unſer kurzes Zuſam⸗ menſein beſtätigte nur den Ruf, der Ihnen voranging. Auch bin ich eine Schülerin Lavater's und beſchäftigte mich früher viel mit Phyſiognomik. Ihre Züge, wie Ihr gan⸗ zes Weſen flößten mir das größte Zutrauen ein und Sie haben ſich nur ſelber meine aufdringliche Gegenwart zuzu⸗ ſchreiben.“ „Wofür ich Ihnen und mir ſelber dankbar bin,“ entgegnete verbindlich der Präſident.„Sagen Sie nur, gnädige Gräfin, womit ich Ihnen dienen kann und ich verſpreche Ihnen Alles zu thun, was ich in meiner Stel⸗ lung vermag.“ „Grade Ihre Stellung giebt mir die Hoffnung, daß Sie meinen Wunſch erfüllen können. Als Regierungs⸗ präſident haben Sie auch die Einſicht in die Perſonal⸗ akten der Polizei, ſo wie Ihnen auch die Regiſter der Ge⸗ burts⸗ und Sterbeliſten offen ſtehen.“ „Allerdings! Ich kann Ihnen zu jeder Zeit den ge⸗ wünſchten Aufſchluß in dieſer Beziehung verſchaffen, wenn Sie mich nur genauer über den Gegenſtand Ihrer Nach⸗ forſchungen unterrichten wollen.“ Dabei blickte er ſie fragend an, weil die Gräfin ihn auf ihre Antwort warten ließ. Augenſcheinlich befand ſie ſich in einer großen Verlegenheit, welche von Minute zu Minute noch zu ſteigen ſchien. Nachdenklich ſaß ſie da, als fürchtete ſie, bereits zu viel geſagt und gethan zu haben. Obgleich der Präſident den Grund ihrer jetzigen Befangen⸗ heit nicht ahnen konnte, ſo bemühte er ſich, ihre auch ihm auffallenden Beſorgniſſe zu beſchwichtigen. „Sie haben,“ ſagte er im überzeugenden Tone,„mir ein ehrenvolles Vertrauen bewieſen, das ich hoch zu ſchätzen weiß. Auf meine ſtrengſte Diskretion dürfen Sie für alle Fälle bauen. Dafür bürgt Ihnen das Wort eines Ehrenmannes, ſo wie das Intereſſe, welches Sie mir trotz unſerer kurzen Bekanntſchaft einflößten. Glauben Sie jedoch auf einem andern Wege zu Ihrem Ziele zu gelan⸗ gen, haben Sie auch nur noch das geringſte Bedenken, mich vielleicht in Ihre innerſten Familiengeheimniſſe einzuweihn, ſo werde ich auch dieſes Bedenken ehren und ſelbſt für dies halbe Zutrauen Ihnen immer dankbar ſein. In jedem Falle aber dürfen Sie auf meine Verſchwiegenheit, wie auf meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu dienen, rechnen.“ Dieſe mit edler Würde vorgebrachten Worte verfehl⸗ ten ihren Eindruck auf die Gräfin nicht; ſie machten ihrem Schwanken ein Ende, obgleich ſie auch jetzt noch mit einer auch ihm ſichtbaren Zurückhaltung verfuhr. „Sie haben Recht,“ entgegnete ſie mit einem ſanften Lächeln, als wollte ſie ihn um Vergebung bitten.„Ich kam hierher, um Ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen und war auch entſchloſſen, Ihnen Alles zu geſtehen, aber es 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 7 98 giebt Dinge, die ſich auch dem beſten Freunde, ſelbſt dem nächſten Anverwandten nicht ſagen laſſen, die beſſer in ewige Vergeſſenheit gehüllt bleiben. Ich will nicht die alten Wunden wieder aufreißen, welche eben ſt vernarbt ſind; mir fehlt die Kraft, ſelbſt vor Ihnen mein eigen thümliches Schickſal, eine terrrigt Vergangenheit, voll Ver⸗ irrungen und zum Theil halbverſchuldeter Leiden, herauf zu beſchwören. Ich fürchte mich vor meinen eigenen Erin⸗ nerungen. Ach! ich bin ja nur ein ſchwaches Weib und habe mehr ertragen müſſen, als ein Menſch vermag.“ Die Gräfin hielt, von ihren Geſühlen plötzlich über⸗ raſcht, einen Augenblick inne, ſie ſchien vollkommen ver⸗ geſſen zu haben, wo und bei wem ſie ſich befand, und über⸗ ließ ſich ohne Zurückhaltung ihrem namenloſen Schmerz. Selbſt ihre Thränen vermochte ſie nicht länger zu unter⸗ drücken; ſie ſtrömten über ihre blaſſen Wangen und ver⸗ riethen mehr als Alles die tiefe, erſchütternde Bewegung der unglücklichen Frau. Der Präſident befand ſich in einer eigenen Lage, als Zeuge dieſer unerwarteten Ausbrüche, der halben Bekenntniſſe einer gramerfüllten Seele, welche ſich ſelbſt nicht von einer verborgenen Schuld freiſprach. Er fühlte das tiefſte Mitleid und hätte von ganzem Her⸗ zen gern geholfen, aber er fürchtete, durch ein unzeitig ge⸗ ſprochenes Wort, eine übel angebrachte oder ungeſchickte Tröſtung nur noch neue und weit heftigere Auftritte herbeizu⸗ 99 führen. Was er bisher gehört, erfüllte ihn mit bangen Vermuthungen und ungewiſſen Beſorgniſſen. Die leiſe Selbſtanklage, die er aus ihren leidenſchaftlichen Worten vernommen zu haben glaubte, erweckten in ihm die Erin⸗ nerung an allerlei verdächtige Gerüchte, welche ſeit einiger Zeit auf Koſten der nichts ahnenden Gräfin die Salons und gewiſſe Kreiſe der Reſidenz durchliefen. Er hatte ſie ebenfalls gehört und ſie mit edler Entrüſtung bekämpft und zurückgewieſen, weil er nicht ohne Grund die Baro⸗ nin und ihren Anhang als die unlautere Quelle dieſer ge⸗ häſſigen Verleumdungen muthmaßte. Jetzt aber klangen ihre eigenen Reden ſo ſonderbar und ſchienen jenes bös⸗ willige Geſchwätz, wenn auch nicht zu beſtätigen, ſo doch wenigſtens zu unterſtützen. Aber trotzdem wollte er daran nicht glauben und wenn ihr eigener Mund ſie angeklagt hätte. Dieſe edlen Züge konnten nicht lügen, dieſe klugen und doch ſo treuen, frommen Augen nicht heucheln; ſelbſt die Heftigkeit, mit der ſie ſich ihrem Schmerze hier über⸗ ließ, ſprach wenigſtens für ihre Offenheit, für den Mangel und die Unfähigkeit jeder Verſtellung. Sie konnte wohl unglücklich, ſehr unglücklich, aber gewiß nicht ſchuldig ſein. Trootz der kurzen Bekanntſchaft und ſo mancher trü⸗ ben Erfahrung, welche der Präſident im Umgange mit Frauen gemacht hatte, empfand er gleich bei ſeiner erſten Begegnung mit der Gräfin ein Gefühl von Achtung für 7* 100 dieſelbe, das nicht ſo leicht wankend gemacht werden konnte. Nach und nach hatte dieſe wieder die nöthige Herrſchaft über ihr aufgeregtes Herz gewonnen, mit dem weißen, fei⸗ nen Schnupftuch trocknete ſie die letzten Spuren der Thrä⸗ nen von ihren Wangen und aus ihren Augen. „Schelten Sie mich nur eine Thörin,“ ſagte ſie mit noch bebender Stimme,„aber ich konnte nicht anders. Darin ſind die Männer weit beſſer daran; ſie vermögen ſich weit beſſer zu beherrſchen, als wir armen, von unſern reizbaren Nerven abhängigen Frauen. Ich ſchäme mich jetzt vor Ihnen und rechne auf Ihre Nachſicht.“ Sie reichte ihm mit reizender Liebenswürdigkeit ihre zarte Hand, welche er zerſtreut in der ſeinigen ſo lange hielt, bis ſie ihm dieſelbe leiſe entzog. Das Zeichen ihrer unbefangenen Vertraulichkeit that ihm ſo unendlich wohl; ihr ganzes Benehmen gegen ihn verrieth ein ſo unſchuldi⸗ ges, faſt kindliches Weſen, daß er all' ſeine aufſteigenden Zweifel ſogleich wieder vergaß. So konnte nur die raffi⸗ nirteſte Kokette, die vollendetſte Schauſpielerin, oder die reinſte Unſchuld, die fleckenloſeſte Frauenwürde ſprechen und handeln. „Mein Mangel an Selbſtbeherrſchung,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort,„hat mich von dem Zwecke meines Hierſeins abgebracht. Jetzt fühle ich mich ſtark genug, den für mich ſo wichtigen Gegenſtand weiter zu verfolgen, 101 wenn Sie mir noch einige Augenblicke ſchenken wollen. Ich habe Sie unwillkürlich zum Zeugen meines Schmerzes gemacht und muß deshalb um Ihre Verzeihung bitten. Sie werden mir gewiß nicht zürnen, denn wer ſelbſt gelit⸗ ten hat, und das haben Sie, wie jeder bedeutende Menſch, der wird auch mit den Leiden Anderer Geduld haben.“ „Sie können auf meine ganze Theilnahme rechnen. Geben Sie mir nur Gelegenheit, Ihnen dieſelbe beweifen zu können. Ohne mich in Ihr Geheimniß eindrängen zu wollen, biete ich Ihnen nochmals meine Dienſte an. Sprechen Sie Ihre Wünſche aus, deuten Sie mir dieſelben nur an, wo ſie eine natürliche Bedenklichkeit zurück hält. Ich werde mich mit jeder mir zugetheilten Rolle begnügen, wenn ich Ihnen nur nützlich ſein kann.“ „Ich habe mich in Ihnen nicht getäuſcht. Sie ſind ein edler, ein in jeder Beziehung diskreter Mann. Wie gern wollte ich Ihnen Alles mittheilen, Sie in meine ge⸗ heimſten Verhältniſſe einweihen, wenn dies in meiner Macht läge. Die Verhältniſſe ſind leider ſtärker wie wir und wir ihnen unterthan. Wir glauben die Herren zu ſein und ſind nur die Sclaven, oder, wie der Dichter ſagt, die Narren des Schickſals. Das meinige iſt eine fortlaufende Kette von Verwickelungen der ſeltſamſten Art geweſen. Ich will und muß darüber ein Sie vielleicht befremdendes Stillſchweigen beobachten und die Laſt, die mir aufgelegt, * 10² allein tragen. Für eine Unglückliche wage ich Ihr Mit⸗ leid, Ihre Theilnahme in Anſpruch zu nehmen, ohne Ihnen dafür irgend einen Erſatz zu bieten. Nicht einmal das dem Wohlthäter ſchuldige Vertrauen kann ich Ihnen ſchenken. Ach! ich bin ja ſo arm, daß ich nicht einmal, wie der Aermſte, laut klagen darf.“ „Auch ſo,“ antwortete er mild,„werde ich Ihnen gern mit Rath und That beiſtehen. Es bedarf keiner Ent⸗ ſchuldigung mehr von Ihrer Seite. Nennen Sie mir nur den Gegenſtand Ihrer Wünſche, wenn derſelbe überhaupt im Bereiche meines Wirkungskreiſes liegt.“ „Wohlan denn!“ rief die Gräfin nach einem kurzen Nachdenken.„Sie ſollen erfahren, was mich zu Ihnen geführt hat. Ich ſuche in der Reſidenz ein uneheliches Kind, das ſeine unglückliche Mutter hier geboren und einer armen Frau zur Erziehung übergeben hat, weil ſie ſelbſt die Mutterpflichten in ihrer damaligen Lage nicht erfüllen konnte. Die Frau iſt indeß geſtorben, das Kind unbekann⸗ ten Leuten überlaſſen worden, die ich vergebens zu ermit⸗ teln mich bemühte. Halten Sie es für möglich, mir die nöthige Auskunft zu verſchaffen?“ Der Präſident ſchwieg, wie es ſchien, von dieſer Mit⸗ theilung überraſcht. Der Eifer, mit dem ſie ſprach, der ſichtbare Kampf, mit dem ſie die Worte hervor brachte, ihr Erröthen und Erbleichen, die er der natürlichen Scham 103 zuſchrieb, beſtärkten ihn nur noch in ſeiner vorgefaßten Meinung. So konnte nur die Mutter des geſuchten Kin⸗ des ſelbſt reden, ſie nur allein dieſe Spannung und ein ſolches Intereſſe zeigen. Von den widerſprechendſten Ge⸗ fühlen wurde er zu gleicher Zeit beſtürmt; Mitleid, Schmerz und getäuſchter Glaube raubten ihm die nöthige Faſſung und er bedurfte erſt einiger Minuten, um ſich vollkommen zu ſammeln. Sie ſchien keine Ahnung von den Vorgängen in ſeinem Innern zu haben und behauptete eine ihm voll⸗ kommen unerklärliche Ruhe und Unbefangenheit. Sein Zögern hielt ſie lediglich für Nachdenken, für ein Beſin⸗ nen, ehe er ihr eine entſcheidende Antwort geben konnte. „In der That,“ entgegnete er,„iſt Ihr Vorhaben, meine Gnädige, mit großen Schwierigkeiten verbunden, da Ihnen, wie es ſcheint, alle nähern Angaben zu fehlen ſchei⸗ nen. Die Zahl der in einem Jahre gebornen unehelichen Kinder iſt in der Reſidenz nicht gering. Es dürfte daher wohl vor allen Dingen nöthig ſein, einige genauere Daten aufzufinden. Viel gewonnen wäre ſchon, wenn Sie mir ungefähr den Monat und die Jahreszahl nennen könnten.“ „Es werden jetzt dreizehn Jahre ſein, daß die Ent⸗ bindung hier in der Hauptſtadt ſtatt gefunden hat, und zwar, wenn ich nicht irre, im Monat Mai.“ „Und ſonſt wollen oder können Sie mir keine beſtimm⸗ tere Auskunft geben? Ich müßte wenigſtens doch das 104 Geſchlecht und den Namen des Kindes wiſſen, um in den Regiſtern der Polizei die nöthigen Nachforſchungen zu halten.“ „Ich weiß nur, daß das Kind ein Knabe war. Den Namen kann ich leider nicht angeben, da ich bei der Taufe nicht zugegen war.“ „Auch nicht den Namen der Frau, der das Kind zur Pflege übergeben wurde?“ 1 „Derſelbe iſt mir vollkommen unbekannt geblieben, trotz aller von mir ſchon bisher angewendeten Mühe.“ „Dann kann ich Ihnen beim beſten Willen nur wenig Troſt geben; doch das ſoll mich nicht abhalten, alle mir zu Gebote ſtehenden Mittel anzuwenden, um Ihre Nachfor⸗ ſchungen zu unterſtützen. Sie werden wohl ſelbſt aber ein⸗ ſehen, daß unter ſolchen Verhältniſſen nur ein glücklicher Zufall uns auf die richtige Spur bringen kann. Einſt⸗ weilen will ich ſogleich das Nöthige anordnen und eine ge⸗ naue Recherche nach den zu jener Zeit gebornen Kindern anſtellen laſſen, obgleich ich nur wenig Hoffnung habe, da⸗ durch zu dem gewünſchten Reſultate zu gelangen.“ „Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Bereitwillig⸗ keit. Sparen Sie keine Koſten; kein Opfer wird für mich zu groß ſein, wenn ich nur dadurch zu meinem Ziel gelange. Ich gebe um ſo weniger die Hoffnung auf, da ich weiß, daß Sie ſich für meine Angelegenheit intereſſiren und ge⸗ 10⁵ wiß Alles thun werden, was in Ihren Kräften ſteht, um eine Unglückliche zu tröſten und die Erfüllung ihrer ſchmerz⸗ lichen Verpflichtungen zu erleichtern. Doch ich habe Sie ſchon zu lange mit meinen Privatangelegenheiten beläſtigt und Ihre koſtbare, dem Staate gewidmete Zeit in Anſpruch genommen.“ Mit dieſen Worten erhob ſich die Gräfin von ihrem Sitze, um von dem Präſidenten Abſchied zu nehmen. Er begleitete ſie bis an die Thür, wo ſie ihm mit einem freund⸗ lich anmuthigen Lächeln ihre Hand reichte. „Nicht wahr,“ bat ſie ihn innig,„Sie werden mich und meine Bitte, trotz Ihrer überhäuften Geſchäfte, nicht vergeſſen. So bald Sie irgend eine Spur gefunden ha⸗ ben, ſo benachrichtigen Sie mich ſchriftlich oder mündlich. Meine Adreſſe iſt Ihnen wohl bekannt. Auf Wiederſehn!“ Mit einer graziöſen Bewegung verſchwand die Gräfin und ließ den Regierungspräſidenten in einer unbeſchreibli⸗ chen Aufregung zurück. Ohne es zu wollen, war er der Vertraute der liebenswürdigen Frau in einer Angelegenheit von ſo delikater Natur geworden, die ihn, wie er ſich ſelber geſtehen mußte, mehr beſchäftigte, als es ſeiner Ruhe zu⸗ träglich war. Vom erſten Augenblicke, wo er ſie in dem Hofzirkel kennen gelernt hatte, fühlte er ſich wunderbar zu ihr hingezogen. Der Zufall ließ ihn in ihre Nähe kommen und einige Worte mit ihr wechſeln. Bald ſah er ſich in 106 ein Geſpräch verflochten, worin er ihren hervorragenden Geiſt, verbunden mit der zarteſten Weiblichkeit kennen und ſchätzen lernte. Das waren nicht die gewöhnlichen Phra⸗ ſen, das ihn anwidernde Salongeſchwätz, was ihm hier entgegentrat. Sie hatte eine eigene Art, ſelbſt das Unbe⸗ deutende in einer überraſchenden Weiſe zu behandeln und demſelben neue und intereſſante Seiten. abzugewinnen. Was andere Frauen ihres Standes vorzugsweiſe beſchäf⸗ tigt, die Neuigkeiten des Tages, die alltäglichen Ereigniſſe am Hofe, ſchienen für ſie keinen Werth zu haben; ſie ließ ſich nicht von derartigen Frivolitäten hinreißen; ihr ganzes Weſen zeigte eine ernſtere Richtung, ein edleres und ideelles Streben. Dabei verrieth ſie, ohne es zu wollen, eine ſel⸗ tene und gediegene Bildung, wie man ſie nur durch eifriges Studium und im Umgange mit geiſtreichen Männern ge⸗ winnt. Sie mußte viel geſehen, noch mehr aber erlebt haben, nicht nur äußerlich, wie ſo viele Menſchen, welche Be⸗ gebniſſe für Erlebniſſe nehmen, ſondern innerlich, in der Tiefe ihrer Seele, wo ſie die gewonnenen Reſultate wie einen koſtparen Schatz verbarg, den ſie nur den Freunden in geweihten Augenblicken zeigte. Trotz der Neuheit ihrer Bekanntſchaft durfte ſich aber der Präſident zu ihren Freun⸗ den zählen; ſie hatte ihn ſogleich und ſeinen Werth erkannt. Für gleich geſtimmte und bedeutendere Naturen bedarf es oft nur einer flüchtigen Berührung, um ſich gegenſeitig 107 aufzuſchließen. Die künſtlichen Schranken der Geſellſchaft fallen für ſie weit ſchneller fort, als für die Menge und ſie verſtehen ſich mitten unter dem Gewühl der Gleichgültigen noch beſſer, wie die Freimaurer an ihrem myſteriöſen Händedruck. So erging es Beiden; ſie waren mit jedem zufälligen Begegnen einander näher gekommen und ohne darüber zu ſprechen wußten ſie, daß ſie zu derſelben geiſti⸗ gen Fahne geſchworen hatten. Der Präſident fühlte ſich in den ihm fremden Hofkreiſen, wo er meiſt nur auf ge⸗ heime Feinde und Gegner ſtieß, nicht mehr vereinſamt und unbehaglich; er wußte, daß wenigſtens eine theilnehmende Seele zugegen war und dieſer Gedanke gab ihm eine beſſere Stimmung. Unwillkürlich richtete er ſeine Augen, bei ſei⸗ nem Eintritt in die Geſellſchaft, auf den Platz, wo er meiſt ſicher war, die Gräfin zu finden. Ihre Blicke begeg⸗ neten ſich und wenn er auch im Verlaufe eines ganzen Abends kaum dazu gelangte, einige flüchtige Worte mit ihr zu wechſeln, ſo genügte dies Beiden und entſchädigte ſie für manche Stunde der unausbleiblichen Langeweile. Dies Verhältniß, wenn man es ſo nennen will, gründete ſich zunächſt auf die vollkommenſte Achtung ihrer Charak⸗ tere und nun drohte für ihn dieſer Grund zu wanken. Der Beſuch der Gräfin und ihre unerwarteten Mittheilungen, verbunden mit den auftauchenden Gerüchten der geſchäftigen Verläumdung, hatten einen Verdacht in ſeiner Seele erweckt, 108 der ihn um ſo ſchmerzlicher berührte, je höher er die in⸗ tereſſante Frau bisher geſtellt hatte. Ihre Worte, ſo wie ihr aufgeregtes Benehmen waren nur zu ſehr geeignet, ihn in ſeinen Vermuthungen zu beſtärken. Gerade er legte bei ſeinen Grundſätzen das größte Gewicht auf die ſittliche Reinheit der Frau, welche er über Alles verehrte und die ihm in kurzer Zeit ſo theuer geworden war. Nun hatte ſie ſelber den ſchönen Glauben an ſie durch ihre eigenen Worte zerſtört, das Fundament untergraben, worauf ſeine Freundſchaft und Theilnahme für ſie ruhte. Ließ ſie nicht ſelbſt eine geheime Schuld ahnen, klangen ihre Reden nicht wie eine Anklage gegen ſich? Und doch wollte und konnte er nicht daran glauben, ſelbſt wenn ſie noch beſtimmter ge⸗ ſprochen und ganz unumwunden ihre Vergehungen ihm einge⸗ ſtanden hätte. Je mehr er nachſann, deſto weniger fand er einen Ausgang aus dieſem Labyrinth ſeiner Zweifel und Befürchtungen. Einſtweilen beſchloß er, das ihm anver⸗ traute Geheimniß tief in ſeinem Buſen zu verſchließen und die Wünſche der Gräfin durch die genauſten Nachforſchun⸗ gen zu erfüllen, indem er ſich dabei der Hoffnung überließ, daß er grade auf dieſem Wege ſich am ſicherſten von der Grundloſigkeit ſeines Verdachtes überzeugen würde. Sechstes Capitel. Es waren nicht eben die angenehmſten Tage, welche Freund Wilhelm in der Muſteranſtalt des Herrn Mehlkatz verlebte. Die Antipathie gegen den würdigen Waiſenva⸗ ter befand ſich von ſeiner Seite im fortwährenden Steigen begriffen und wurde von dieſem endlich vergolten. Aller⸗ dings waren vielfache und nicht immer gerecht verhängte Strafen am wenigſten geeignet, die Liebe des tollen Jungen zu befördern. Derſelbe hatte bereits die Bekanntſchaft mit den verſchiedenen Methoden des gerade nicht väterlichen Erziehungsſyſtems gemacht und eine genügende Anzahl von Backenſtreichen, Stößen, Püffen und andern Torturen er⸗ litten, wozu ihm meiſt die Angebereien ſeines Lehrers und Aufpaſſers verhalfen. Er ſelber war nicht frei von jeder Schuld, da er ſich wenig oder gar nicht in die einmal ge⸗ gebenen Verhältniſſe zu ſchicken wußte. Hätte er, wie die meiſten Knaben, nur ein wenig zu heucheln verſtanden, ſo wäre es ihm gewiß beſſer gegangen und er hätte es wohl gar ſo weit, wie der kleine Arnheim, in der Gunſt ſeiner Vorgeſetzten bringen und zum geheimen Ober⸗Spion er⸗ nannt werden können. Hierzu fehlte ihm aber all' und jedes Talent; er vermochte nicht ein ſcheinheiliges Geſicht 110 zu ſchneiden und zerknirſcht zu thun, wenn ihn Herr Mehl⸗ katz ſo eben erſt gezüchtigt hatte. Das hieß nun Unbuß⸗ fertigkeit und verdammungswerther Trotz. Er verhehlte auch nicht ſeinen Widerwillen gegen die Muſteranſtalt, in die er doch ohne ſein Zuthun und ſelbſt gegen ſeinen Wunſch aufgenommen worden war. Deswegen beſchul⸗ digte man ihn der Undankbarkeit; ein Vorwurf, den er am wenigſten zu verdienen glaubte, da er auch in der That für die kleinſte ihm erzeigte Wohlthat bis an ſein Lebensende erkenntlich blieb. Noch weniger war er im Stande, wie es doch von ihm verlangt wurde, ſeine Kameraden und Mitſchüler zu verrathen und anzugeben. Das litt ſein ihm angebornes Gefühl von Ehre nicht und lieber duldete er ſelbſt die härteſte Strafe, ehe er ſich zu einer ſolchen Schändlichkeit hergab. Unter dieſen Umſtänden konnte es ihm natürlich nicht an Prügeln fehlen und er bekam mehr davon zu ſehen, als vom Eſſen, mit dem es überhaupt in der Muſteranſtalt ſein eigenes Bewenden hatte. Der Wai⸗ ſenvater war ein Freund der Mäßigkeit— bei Andern und beſonders bei ſeinen Pfleglingen; ihnen predigte er auch täglich über den Satz: daß der Menſch nicht lebe, um zu eſſen, ſondern umgekehrt. Er ſelber legte auch kein beſon⸗ deres Gewicht auf die leibliche Nahrung, ſofern dieſelbe nicht gut zubereitet und reichlich vorhanden war. In die⸗ ſem Falle aß er für drei und auch mehr, was ihm meiſt 111 gut bekam, wie ſein blühendes Ausſehen bewies. Mit die⸗ ſem geſegneten Appetit verband er einen eben ſolchen Durſt, den er jedoch nur durch den Genuß von bairiſchem Bier und ähnlichen Getränken zu befriedigen gezwungen war. Er hatte einen angebornen Widerwillen gegen kaltes Waſ⸗ ſer, das er, wie ein toller Hund, nicht anzuſehen vermochte, ohne einen gewiſſen Ekel zu empfinden. Der arme Mann konnte nichts dafür; es war ein Naturfehler, eine Art Waſ⸗ ſerſcheu, die er ſich ohne ſeine Schuld zugezogen hatte. Da er ſtets von dem Grundſatze ausging, daß man kein Aer⸗ gerniß geben dürfe, ſo zeigte er ſich ſelten oder nie an öffent⸗ lichen Orten in ſeiner wahren Geſtalt, nur in ſeinen vier Pfählen überließ er ſich einem ihm unentbehrlichen Genuſſe. In ſeiner ſogenannten Arbeitsſtube erquickte er ſeine ſchlaffen Lebensgeiſter mit einem Schlückchen Magenbitter oder Danziger und ſtärkte ſeine Seele auf dieſe Weiſe zum Gott gefälligen Werke. Stets auf das Heil ſeiner Anſtalt, mit der er ſich vollkommen identificirt hatte, und auf Er⸗ ſparniſſe bedacht, unterwarf er ſeine Zöglinge einer muſter⸗ haften Diät, wobei er beſonders auf die Wahl der Speiſen ſein Augenmerk richtete. Ohne den Stoffwechſel und den Einfluß der Nahrungsmittel auf die geiſtige Entwickelung des Menſchen nach Moleſchott ſtudirt zu haben, handelte er doch unbewußt nach denſelben Grundſätzen, indem er ſeinen Zöglingen ſo wenig Fleiſch als möglich vorſetzte, 112 wahrſcheinlich, um alle fleiſchlichen Gelüſte in ihnen zu unterdrücken. Bekanntlich ſind die Pflanzen freſſenden Thiere, wie Schafe, Ochſen u. ſ. w. auch die zahmſten und geduldigſten, deshalb gab Herr Mehlkatz den Waiſen⸗ knaben vorzugsweiſe nur Kartoffeln, grobe Kohlſorten und auch die nicht immer in hinreichender Quantität zu eſſen. Der günſtige Einfluß auf den Gehorſam und die übrigen Tugenden der Kinder ließ ſich gar nicht verkennen; ſie wurden mit jedem Tage einer frommen Heerde ähn⸗ licher, die der gute Hirt mit ſeinem Stabe und ſeinen Hunden, auch Unteraufſeher genannt, leicht regieren konnte. Leider gab es aber auch in dieſem Schafſtall der Muſter⸗ anſtalt noch immer einige räudige Schafe, welche allen Vegetabilien und ſelbſt der wiederholten Entziehung aller Nahrungsmittel Trotz boten und ihre verdorbene Natur behaupteten. Zu dieſen gehörte unſer Freund Wilhelm, der bald an der Spitze der verruchten Buben ſtand, welche der Waiſenvater als unverbeſſerlich bezeichnete. Der Junge machte ihm viel zu ſchaffen; er zeigte durchaus keine Anlage zu einem Muſterknaben, ſondern weit eher zu dem Ge⸗ gentheil. Seine Arbeiten machte er zwar pünktlich, auch war er fleißig und verrieth in jeder Beziehung die beſten Gaben, aber was nützte ſein Talent, da er, vom Geiſte der Widerſpänſtigkeit beſeelt, bei jeder Gelegenheit ſich durch ſeine wilden Streiche hervorthat? Gleich in den erſten 113 Tagen ſeines Hierſeins hatte er ſeinem Lehrer und Auf⸗ paſſer, dem kleinen Arnheim, zur Freude der übrigen Wai⸗ ſenkinder, deſſen gemeine Spiondienſte vorgehalten und ihm gedroht, ihn für ſeine Angebereien die Bekanntſchaft mit ſeinen Fäuſten machen zu laſſen. Dieſer war ſogleich zu Herrn Mehleatz gerennt, dem er ſeine Klagen und Be⸗ fürchtungen vorheulte. Ungeachtet der darauf folgenden Strafe hatte Wilhelm ſeine Drohung wahr gemacht und den Muſterſchüler mit einigen wohl angebrachten Katzen⸗ köpfen regalirt. Dafür wurde er von Rechtswegen bei Waſſer und Brod auf einige Tage eingeſperrt. Dieſe wohlgemeinte, väterliche Züchtigung ſchien aber durchaus nicht die gewünſchte Wirkung gehabt zu haben; er kam aus ſeinem Gefängniſſe, wie wir leider ſagen müſſen, nicht ge⸗ beſſert heraus. Als ihm kurze Zeit darauf ſeine Pflege⸗ mutter zu der vorgeſchriebenen Stunde beſuchte, hatte er ſogar die Frechheit, ſich über die ihm hier zu Theil gewor⸗ dene Behandlung zu beſchweren, wodurch er gegen das Grundgeſetz der Anſtalt verſtieß. Das war Hochverrath, geradezu das größte Verbrechen in den Augen des Waiſen⸗ vaters, welcher ſogleich davon benachrichtigt wurde. Die Folge war, daß Wilhelm von nun an mit Niemand von außerhalb mehr verkehren und die Seinigen nicht wieder ſehen ſollte, bis er deutliche Spuren ſeiner Beſſerung zeigen würde. Das war aber das Schlimmſte, was ihm wider⸗ 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 8 114 fahren konnte und reifte ſeinen Entſchluß, koſte es was es wolle, die Muſteranſtalt zu verlaſſen. Unter den übrigen Knaben hatte er nur einen einzigen gefunden, mit dem er ſich befreundete. Derſelbe hieß Gottfried Hartmann und war der Sohn einer armen Wittwe, deren Mann Bankerott gemacht und um die Schande nicht zu überleben, ſich ſelbſt das Leben genommen hatte. Der arme Junge wurde von ſeinen wohlhabenden Anverwandten in die Muſteranſtalt gebracht, wobei ſie noch glaubten, ein gottgefälliges Werk gethan zu haben. Er war ſanft und ſchüchtern, wie ein junges Mädchen, weshalb er ſich bisher von den übrigen Kindern verſpottet ſah. Seine Empfindlichkeit machte ihn zur Zielſcheibe ihrer knabenhaften Witze und da er die Gut⸗ müthigkeit und Gefälligkeit ſelber war, ſo ließ er ſich von ihnen Alles gefallen und zu allen möglichen Dienſtleiſtun⸗ gen gebrauchen. Die Arbeiten, welche kein Anderer machen wollte oder konnte, wurden dem guten Gottfried aufgebür⸗ det, der das Aſchenbrödel der ganzen Anſtalt war. Es iſt Niemand mehr geneigt, den Tyrannen zu ſpielen, als der Sclave ſelbſt, wenn ihm dazu die Gelegenheit geboten wird. Jeder Untergebene, der von ſeinen Vorgeſetzten mißhandelt wird, freut ſich, wenn er einen noch niedriger Stehenden findet, dem er ſein Uebergewicht zeigen kann. Das liegt einmal in der menſchlichen Natur, oder vielmehr in den Verhältniſſen. Herr Mehlkatz gab, als Obertyrann, ein 115 Beiſpiel und ſchuf nach ſeinem Vorbilde eine Menge kleiner Despoten, welche vor ihm krochen und ſich von ihm Alles gefallen ließen, weil ſie wenigſtens den Troſt hatten, daß ſie es eben ſo machen konnten. Es herrſchte in dieſer Be⸗ ziehung ein vollkommen ausgebildetes Syſtem; die Muſter⸗ anſtalt zeigte hierin eine muſterhafte Rangordnung, eine Art ſocialer Stufenleiter von Prügelnd iud Geprügel⸗ ten, an deren letzter Sproſſe der arme Gottfried ſtand.⸗ Am meiſten hatte dieſer von dem einzigen Sohne des Herrn Mehlkatz zu leiden, der gleichſam das Muſter aller Muſterknaben und das getreue Abbild ſeines würdigen Va⸗ ters war. Um ſein Ideal zu erreichen, ſtrebte der liebe Junge, welcher Chriſtian hieß, ſchon zeitig darnach, es ſei⸗ nem ehrenwerthen Erzeuger in jeder Beziehung gleich zu thun. Aus eigener Machtvollkommenheit hatte ihn der Vater, trotzdem der Sohn kaum das funfzehnte Jahr er⸗ reicht hatte, zu ſeinem alter ego und Statthalter beſtellt. In dieſer Eigenſchaft entwickelte Herr Chriſtian bewun⸗ derungswürdige Eigenſchaften, die ſeinen Beruf zum Nach⸗ folger nicht länger bezweifeln ließen. Zunächſt legte auch er ein beſonderes Gewicht auf die Verbeſſerung ſeiner Fi⸗ nanzen, indem er alle Knaben einer gewiſſen Steuer unter⸗ warf, wofür er denjenigen, welche ſich freiwillig zu dieſer Auflage verſtanden, ſeinen Schutz und Beiſtand gewährte. Dieſe Leiſtungen wurden meiſt in Naturalien, aber auch in Geld erhoben, wo daſſelbe aufzutreiben war. Einige Kinder erhielten von Zeit zu Zeit kleine Gaben, ein Ta⸗ ſchengeld von ihren Angehörigen; dieſes floß nun zum gro⸗ ßen Theil in die Taſche des jungen Vice⸗Directors. Außer dieſen directen Steuern, hatte derſelbe auch indirecte Wege eingeſchlagen, um ſeine Finanzen zu heben. Mit vielem faßte dieſes frühreife Genie die Tendenz der erkannte den Handel als den Hauptquell des Nationa glſtandes. Zu dieſem Zwecke wurde er ſelber Kaufmann und etablirte ein Geſchäft mit Bleiſtiften, Schiefer, Bällen, ſelbſt mit Lebensmitteln aller Art, wobei er urh bis zu einer gewiſſen Höhe Credit gab, natürlich gegen mehr als landesübliche Zinſen. Nicht alle Knaben waren jedoch mit ſeinem Verfahren einverſtanden; Einzelne, die zu arm waren, konnten aus dieſem Grunde ihre Abga⸗ ben nicht entrichten oder ihren Verpflichtungen nachkom⸗ men. Noch Andere lehnten ſich entſchieden gegen dieſen willkürlichen Tribut auf und erſchienen geradezu als Steuer⸗ verweigerer. Ihnen ließ der Herr Chriſtian das ganze Gewicht ſeines Zornes fühlen, indem er ſie auf jede mög⸗ liche Weiſe als Rebellen mit Recht chikanirte, maltraitirte und bei ſeinem Vater anſchwärzte. Zuweilen aber riß ihn ſeine Entrüſtung ſo weit hin, daß er die geringſte Veranlaſ⸗ ſung ergriff, um an ihnen in handgreiflicher Weiſe ſein Müthchen zu kühlen. Der arme Gottfried befand ſich, wegen Gegenwart —— 117 ſeiner bedrückten Verhältniſſe, leider unter der Zahl derje⸗ nigen, welche ihre Abgaben nicht entrichten konnten. Da⸗ für mußte er um ſo ſchwerer büßen, da er ohnehin ſchwäch⸗ lich und vereinſamt, nicht auf den Beiſtand der übrigen Knaben rechnen durfte. Gegen ihn glaubte alſo der kleine Tyrann ganz ohne Rückſicht verfahren zu können und er fand eine faſt teufliſche Freude daran, den Unglücklichen zu mißhandeln. Meiſt ohne alle Urſache neckte und pei⸗ nigte er den Armen auf die empfindlichſte Weiſe, er ſpritzte ihm Dinte in's Geſicht, oder beſchmutzte ihm mit Farben die Wangen, wiſchte die Pinſel an ſeinen Haaren ab und beſchuldigte ihn dann bei dem Waiſenvater wegen Unrein⸗ lichkeit, um ihm die deshalb verhängte Strafe zuzuziehen. Mit anerkennungswerther Geduld hatte Gottfried ſeit län⸗ gerer Zeit dieſe Verfolgungen ſeines Peinigers ertragen, bis das Maß voll war und ſelbſt ſeine milde Natur ſich empören mußte. Eines Ta. wo es Chriſtian ärger mit ihm trieb als je, raffte der Knabe ſeinen ganzen Muth zu⸗ ſammen, um ſich zur Wehre zu ſetzen. Ueber dieſe Ver⸗ meſſenheit war der kleine Tyrann ſo empört, daß er über ſein Opfer in raſender Wuth herfiel und mit der geballten Fauſt ihm in's Geſicht ſchlug, daß ſogleich ihm das Blut aus der Naſe ſtrömte. Dies hielt jedoch Herrn Chriſtian nicht ab, in ſeiner Züchtigung fort zu fahren, und nach Kräf⸗ ten darauf los zu ſchlagen. Plötzlich aber fühlte er ſich von 118 hinten gepackt und ſelber zu Boden geriſſen. Zwei kräftige Arme umſchlangen ihn und bearbeiteten ihn von allen Sei⸗ ten ſo ausgezeichnet, daß er faſt das Aufſtehen vergaß und kein Glied zu rühren vermochte. Umſonſt wandte und drehte er ſich, um los zu kommen; vergebens ſuchte er durch Beißen und Kratzen ſich zu wehren; er hatte es mit einem überlegenen he zu thun. „Ich will Dir lehren, den armen Gottfried zu ſchla⸗ gen!“ ſchrie Freund Wilhelm, denn er war es. „Laß mich los,“ flehte der unter ihm liegende Chriſtian. „Nicht eher, bevor Du mir verſprichſt, dem guten Jungen nie wieder etwas zu Leide zu thun.“ „Ich werde es dem Vater ſagen, wenn Du mich nicht los laſſen willſt.“ „Sag' es meinetwegen dem Teufel. Ich kümmere mich nicht darum. Aber das verſpreche ich Dir, wenn Du den Mund aufthuſt, um zu klatſchen, ſo geht es Dir ſchlecht.“ „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ heulte der Bube und flehte die nächſt ſtehenden Knaben an. Kein Fuß rührte ſich aber, um ihm beizuſpringen; es ging ihm wie allen Tyrannnen in der Zeit der Noth, wo ſie des Beiſtandes bedürfen. Der Zauber war von ihm gewichen und ſeine jämmerliche Ohnmacht Allen klar 119 geworden. Innerlich freuten ſich die meiſten Knaben über die wohlverdiente Züchtigung; er hatte auch nicht einen Freund, und ſeine Anhänger, die ihm früher ſchmeichelten, ſtanden jetzt wie feſt gebannt, mindeſtens verlegen oder in⸗ different. Sie fürchteten, ſich hinein zu miſchen; Keiner wagte auch nur einen Finger zu ſeinen Gunſten aufzuheben oder gar gegen Wilhelm aufzutreten. Dieſer kniete mit einem Fuße auf der Bruſt des Gefallenen und glich in die⸗ ſer Stellung einem jungen Recken, der zum Schutz und im Dienſte der Unſchuld gegen den Dämon der Finſterniß kämpft. Seine braunen Wangen glühten im Eifer des Gefechts, ſeine dunklen Augen funkelten von Kampfes⸗ luſt; jede Muskel war an ihm geſpannt und ſein ganzer Körper ſchien vor Aufregung zu zittern. Unter dem knap⸗ pen Anzug traten jetzt die jugendlich ſchwellenden Formen plaſtiſch hervor und es fehlte dem kleinen Athleten weder an Kraft, noch an einer reinen Grazie. Dabei flößte er ſeinen Kameraden durch ſein muthiges Benehmen ein Ge⸗ fühl von Bewunderung ein, ſo daß ſie unwillkürlich ſeine Partei ergriffen und in ihrem Herzen ſeinen Triumph her⸗ bei wünſchten. Dieſer ſtand aber nicht in den Sternen ge⸗ ſchrieben, denn das grauſame Schickſal hatte es anders be⸗ ſchloſſen und unſern Freund um die Früchte ſeines Sieges gebracht. Als der Unterliegende keine Hülfe bei ſeiner nächſten Umgebung fand, ließ er immer lauter und lauter ſeine ſchreiende Stimme ertönen, bis ſie zu den Vaterohren endlich drang. Herr Mehlkatz hörte den Ruf ſeines Spröß⸗ lings bis in ſein Arbeitszimmer, wo er den ſüßen Kelch des Bittern leerte. Nur wenig Schritte führten ihn in den Arbeitsſaal, auf das Schlachtfeld, wo Wilhelm Thaten, eines Helden würdig, verübte. Der junge Heros ſtreckte bereits die Hand nach dem unſterblichen Lorbeer aus, den ihm die Mitwelt ſeiner Schul⸗ und Leidensgefährten ertheilte, als die tückiſchen Götter den rächenden Vater herbeiführten. Mit einem kühnen Griff faßte dieſer das Haupt des Schuldigen ſo ſtark, daß dieſer wörtlich Haare laſſen mußte. „Schlingel!“ donnerte er Wilhelm an, der gar nicht wußte, woher dieſer Blitz aus heiterem Himmel kam.„Wie kannſt Du Dich unterſtehen, meinen Chriſtian zu ſchlagen? Das iſt ja noch nicht da geweſen.“ Ehe noch der Angeredete und Angegriffene ſich ver⸗ antworten konnte, fühlte er rechts und links zwei gewaltige Fäuſte, welche ihre Spuren auf ſeinen Wangen zurücklie⸗ ßen. Dieſen Augenblick benutzte der gute Chriſtian, um wo möglich noch lauter zu ſchreien und auch ſeinerſeits den Rücken und die Schulterblätter ſeines ſiegreichen Gegners zu bearbeiten. „Er hat mich erwürgen wollen,“ klagte er mit krei⸗ ſchender Stimme,„und ich hab' ihm nichts gethan.“ „Das iſt nicht wahr,“ entgegnete Wilhelm.„Ich V ——— —— 121 hab' ihn nur abhalten wollen, den Gottfried zu miß⸗ handeln.“ „Er lügt, er lügt,“ ſchrie der würdige Sohn ſeines Vaters.„Ich habe den Gottfried, weil er ſo unreinlich wieder war, ganz ſanft zur Rede geſtellt, da⸗ bei hat er ſich an meiner Hand die Naſe blutig geſtoßen, aus reiner Bosheit. Du kannſt fragen, ob es nicht wahr iſt. Was hat ſich der Wilhelm hinein zu miſchen gehabt, da ihm die ganze Geſchichte nichts anging. Er iſt aber ein böſer Junge, der keine Gelegenheit vorbei gehen läßt, um mich zu maltraitiren.“ „Ol ich kenne die Range,“ rief der Waiſenvater mit einem giftigen Blick aus ſeinen grau⸗grünlichen Augen. „Er iſt eine Viper, eine undankbare Schlange, die ich an meinem eigenen Buſen erwärmt habe,“ ſetzte er pathetiſch hinzu. „Jal er iſt eine Schlange,“ wiederholte Chriſtian, indem er ganz wie ſein Vorbild bei ähnlichen Gelegenhei⸗ ten die Augen verdrehte und das Weiße derſelben zum Himmel kehrte. Nochmals ſuchte Wilhelm, wenn auch vergebens, ſich zu vertheidigen und die ganze Angelegenheit in ihrem wah⸗ ren Lichte darzuſtellen; er berief ſich dabei auf das Zeugniß ſeiner Kameraden. Leider mußte er bei dieſer Gelegenheit die Wankelmüthigkeit und die Erbärmlichkeit des großen 122 Haufens kennen lernen. Nicht Einer der Anweſenden, die ihn noch vor wenigen Augenblicken wegen ſeines Muthes angeſtaunt hatten, wagte jetzt, eingeſchüchtert von der Ge⸗ genwart des gefürchteten Tyrannen, ihm beizuſtehen— und den Mund für ihn aufzuthun. Alle flohen ihn; er ſtand allein, verlaſſen, gemieden wie ein Verpeſteter. Der Scla⸗ venſinn der übrigen Knaben wurzelte bereits ſo tief, daß Keiner nur den Verſuch machte, den Hergang ſo zu erzäh⸗ len, wie er wirklich ſtatt gefunden hatte. Sie ſahen ſich verlegen an, ſtotterten, als ſie befragt wurden, und ver⸗ ſtummten vor den drohenden Blicken des Waiſenvaters. Nur der ſchwache Gottfried machte einen vergeblichen Ver⸗ ſuch, ſeinen Vertheidiger zu rechtfertigen, wurde jedoch von Chriſtian überſchrien und von Herrn Mehlkatz zum Schwei⸗ gen verwieſen. „Genug!“ ſagte dieſer nach einer verhängnißvollen Pauſe. „Ich brauche nichts mehr zu wiſſen. Die Schuld ſteht dem Böſewicht auf der Stirn geſchrieben, aber die Strafe ſoll auch angemeſſen dem Verbrechen ſein. Ich will ein Exem⸗ pel ſtatuiren, daß Dir die Luſt vergehen wird, noch einmal die Hand gegen meinen Stellvertreter zu erheben. Ja, ja, mein Söhnchen! Du ſollſt mich kennen lernen,“ fügte er in einem Anfalle ſeines grauſam tückiſchen Humors hinzu.„Ich werde Dich an einen Ort bringen, wo es Heulen und Zähneklappern giebt. Für ſolche Burſchen habe ———— ———ÿ—— 123 ich mir ein eigenes Kabinetchen einrichten laſſen, das ſehr ſchön, ſehr lieblich iſt, nur ein wenig finſter und ſchaurig. Dort wirſt Du hoffentlich zur Beſinnung kommen und die Reue finden, die Dir Noth thut.“ Mit dieſen Worten aeif er den widerſtandsloſen Jungen und ſchleppte ihn mit ſich fort. Die übrigen Kna⸗ ben blieben ſchaudernd zurück, da ſie bereits wußten, was dieſe Drohung zu bedeuten habe. Auch Wilhelm hatte ſchon früher das Gerücht von einem unterirdiſchen Kerker vernommen, der in außerordentlichen Fällen zur Anwen⸗ dung kam. Man redete davon in der Muſteranſtalt, wie von dem Aufenthalt der Verdammten, in einem myſteriöſen Tone. Die lebendige Phantaſie der Jugend trug das Ihrige dazu bei, den geheimnißvollen Ort mit allen mög⸗ lichen Schrecken auszuſtatten. Da ſollte es Schlangen, Mäuſe und ähnliche Unthiere geben, man fabelte von Ket⸗ ten und Folterwerkzeugen aller Art, man ſprach von einer Behandlung, welche der Tortur in keiner Beziehung nach⸗ ſtehen ſollte. Alle dieſe fürchterlichen Bilder fielen dem armen Wilhelm ein, als er, feſtgehalten von den ſtarken Armen des Waiſenvaters, eine in die Tiefe führende Treppe mehr herabgeſtoßen, als geführt wurde. Endlich blieb ſein Peiniger vor einer Lattenthür ſtehen, die er mit einem Schlüſſel öffnete und wieder hinter ſich verſchloß. Von hier führte ein dunkler Gang, wie es ſchien, unter der Erde 8 ½ fort; Wilhelm mußte noch einige Stufen niedriger ſteigen und gelangte ſo in eine Art Keller, wo die Vorräthe der Anſtalt verwahrt wurden. Hier zündete erſt Herr Mehl⸗ katz ein mitgebrachtes Licht an, welches den gerade nicht allzu freundlichen Ort beleuchtete. Der Anblick war kei⸗ neswegs für einen Knaben von vierzehn Jahren ſehr ein⸗ ladend, beſonders wenn er an die hier herrſchende Finſter⸗ niß dachte. Von den grünlichen Wänden träufelte das Waſſer herab und es herrſchte eine drückende, erſtickende Luft, vermiſcht mit den Ausdünſtungen von ranziger Butter, faulen Häringen und gährendem Kohl, mit denen die Zög⸗ linge der Anſtalt geſpeiſt wurden. „Nun, wie gefällt es Dir hier?“ fragte der Tyrann ſein Opfer. Trotzig ſchwieg Wilhelm, denn er war keine ſchwäch⸗ liche Natur, die ſich ſo leicht einſchüchtern ließ. Im Vor⸗ übergehen hatte er einen Blick auf ſeine Umgebung gewor⸗ fen und zu ſeiner Beruhigung von den gefürchteten Mord⸗ inſtrumenten und eiſernen Feſſeln nichts bemerkt. Dies hob wieder einigermaßen ſeinen Muth, der ihn während der unterirdiſchen Wanderung bereits zu verlaſſen drohte. „Aha!“ rief der Waiſenvater, über die vermeintliche Verſtocktheit des Knaben noch mehr erbittert.„Ich ſehe ſchon, daß ich für einen ſo hohen Gaſt mein beſtes Quar⸗ tier zeigen muß. Alſo vorwärts!“ 125 Wieder ſchloß Herr Mehlkatz, aber diesmal eine ſtarke mit Eiſenblech beſchlagene Thür auf, welche Wilhelm gänz⸗ lich überſehen hatte. Ein Lichtſtrahl fiel in das niedrige, kaum einige Fuß lange Gewölbe und beleuchtete mit ſei⸗ nem unheimlichen Schwanken dieſen Muſterkerker, der allerdings den Phantaſiegebilden und Vorſtellungen, welche ſich die Waiſenknaben davon machten, bei Weitem mehr entſprach. Licht und Luft ſchienen gänzlich ausgeſchloſſen zu ſein; kaum daß durch ein ſchmales Kellerloch ein matter Tagesſchimmer drang. Eine feuchtkalte Atmoſphäre mit penetrantem Modergeruch durchfröſtelte den armen Jungen bei ſeinem Eintritt bis auf's Mark ſeiner Knochen. In einer Ecke wurde eine eigenthümliche Vorrichtung ſichtbar; dieſelbe beſtand in einem hölzernen Block mit zwei Löchern, in welche die Füße eines Menſchen ungefähr paſſen konn⸗ ten. Bei dieſem Anblick überkam Wilhelm doch eine ge⸗ wiſſe Angſt, der er ſich bisher erwehrt hatte. „Nun,“ fragte ihn höhniſch der Waiſenvater,„gefällt es Dir hier beſſer, mein Söhnchen?“ „Sie werden mich doch nicht in dieſem Loche laſſen?“ ſchrie. Wilhelm verzweifelnd. „Und warum denn nicht, mein Söhnchen? Sperre Dich nicht und mache keine Umſtände; wenn Du nur einen Laut von Dir giebſt, ſo werde ich Mittel finden, Dich zur Ruhe zu bringen.“ 126 „Um Gotteswillen! ich halte es hier nicht aus.“ „Aha! Du fürchteſt Dich. Das iſt mir lieb, denn die Furcht iſt der Anfang zum Gehorſam. Nun Adieu, mein Söhnchen! Benutze Deine Zeit, um zu bereuen.“ „Nein, nein! Ich kann, ich will nicht bleiben.“ „So! Man will nicht in dem ſchönen Quartier blei⸗ ben,“ entgegnete Herr Mehlkatz, indem er ſich an der Ver⸗ zweiflung und an der Furcht des hülfloſen Knaben zu wei⸗ den ſchien.„Man will ſchrein, Spektakel machen.“ „Ja! Das werde ich thun,“ rief Wilhelm im ent⸗ ſchloſſenen Tone. „Da bleibt freilich nichts übrig, als Dich in den Bock zu ſperren, da wird Dir ſchon der Kitzel vergehen.“ Mit dieſen Worten ergriff der Tyrann den armen Jungen und brachte deſſen Beine, ſo ſehr er ſich auch ſperrte und ſträubte, in das Marterinſtrument, ſo daß er ſich weder rühren, noch regen konnte. Das war jedoch keines⸗ wegs ganz leicht, da ihm Wilhelm einen kräftigen Wider⸗ ſtand entgegenſetzte. Er mußte die größte Gewalt anwen⸗ den und der Schweiß rann ihm über das finnige Geſicht. Um ſich von ſeiner Anſtrengung zu erholen, ſetzte er ſich auf ein leeres Faß, zu ſeinen Füßen ſtand der Blechleuch⸗ ter mit dem niedergebrannten Licht, welches die von Wuth und Schadenfrende verzerrten Züge des Waiſenvaters be⸗ leuchtete. So hockte er dem Opfer gegenüber, das er mit 127 untergeſchlagenen Armen grinſend und höhniſch lachend anſtarrte; er glich in dieſer Stellung weit mehr einem teufliſchen Geſpenſt, welches ſich an den Qualen der Verdammten ergötzt, als einem menſchlichen Weſen. Wilhelm ſchauderte und fürchtete ſich, mit ihm allein zu ſein; er vermochte nicht den Blick dieſer Augen auszu⸗ halten, welche wie die einer Katze im Dunkeln zu funkeln ſchienen. „Biſt Du nun ruhig, mein Söhnchen?“ höhnte von Neuem Herr Mehleatz.„Nicht wahr, das iſt ein präch⸗ tiges Sopha, auf das ich Dich geſetzt habe? Die Beinchen werden ſich ſchon daran ewnhnen. wenn ſie Dir auch an⸗ fänglich ein wenig weh thun ſollten. Das giebt ſich und bald wirſt Du hier ruhn wie in Abraham's Schoos.“ Dabei ſtieß er ein tückiſches Gelächter aus und erhob ſich von ſeinem Sitze, um fortzugehen. Hinter ſich warf er die ſchwere Thüre zu, die er ſorgfältig verſchloß. Das Licht nahm er mit ſich und ließ den geängſtigten Knaben allein in der ungewohnten Finſterniß. Dieſer hörte noch das ſchaurige Lachen ſeines Peinigers, dann verſank er in eine ngühs Verzweiflung. Er ſchrie und tobte, rief um Hülfe, aber kein Menſ ſch konnte ihn hören, da ſein unterirdiſcher Kerker in einiger Entfernung von der Woh⸗ nung lag und nach dem Privatgarten des Waiſenvaters ging, den Niemand als er ſelber und ſeine Familie betreten 128 durfte. Eben ſo vergeblich waren ſeine Bemühungen, ſeine Füße aus den engen Löchern zu befreien. Bald mußte er davon abſtehn, da er nur dadurch ſeine Lage verſchlimmerte; er fühlte, wie ihm die Beine anſchwollen und jede Bewe⸗ gung vermehrte nur noch ſeinen Schmerz. Dazu kam die Angſt vor der Einſamkeit und dem ſchauerlichen Aufenthalt, ganz geeignet, um die Phantaſie eines vierzehnjährigen Knaben auf das Höchſte aufzuregen und mit Schrecken zu erfüllen. All die böſen Gerüchte, welche in der Anſtalt von ſeinem Kerker im Umlauf waren, fielen ihm jetzt ein; jeden Augenblick erwartete er eine Schlange herankriechen zu ſehen, oder eine Kröte zu erblicken. Bei dem leiſeſten Geräuſch fuhr er zuſammen; ſeine Nerven waren auf das Aeußerſte geſpannt, der Kopf brannte, ſeine Pulſe ſchlugen und ſeine Gedanken verwirrten ſich. So durchlebte er in einem erſchöpfenden Halbſchlummer, von entſetzlichen Träu⸗ men gequält, eine lange, traurige Nacht. Als am andern Morgen der Waiſenvater kam, um eigenhändig dem Ge⸗ fangenen ſein Frühſtück zu bringen, welches in einer alten Breodkruſte und einem Kruge Waſſer beſtand, fand er Wilhelm faſt ohne Bewußtſein und in einem Zuſtande, der die ſchleunigſte Hülfe nöthig machte. Es blieb ihm daher nichts übrig, als Wilhelm aus ſeinem Kerker zu entlaſſen und auf ſein Bett zu tragen, wo derſelbe alsbald zu phan⸗ taſiren und irre zu reden begann. Der herbeigerufene 129 Arzt ſchüttelte bedenklich mit dem Kopf und erklärte die Krankheit für ein beginnendes Nervenfieber. Siebentes Capitel. Die kräftige Conſtitution und die geſunde Natur Wilhelm's machten die Prophezeiung des weiſen Aeſkulap zu Schanden und ließen den Knaben ſchon nach einigen Tagen, die er in Fieberhitze zubrachte, wieder geneſen. Während dieſer Zeit erfreute er ſich von Seiten des Wai⸗ ſenvaters der ſorgfältigſten Pflege und der ſchonendſten Behandlung. Dies geſchah jedoch weit weniger aus Reue über ſein eingeſchlagenes Verfahren, oder gar aus einem plötzlichen Anfall von Menſchlichkeit, ſondern aus Furcht vor den möglichen Folgen ſeiner Grauſamkeit. Er ſelber ſorgte dafür, daß der Knabe regelmäßig ſeine Mediecin empfing, er brachte ihm die Krankenſuppen mit eigener Hand und beobachtete ihn auf das Genaueſte. Im An⸗ fange war er darauf bedacht, keinem Menſchen als dem ihm bekannten Arzte den Zutritt zu dem Patienten zu ge⸗ ſtatten; dieſe vermeintliche zarte Schonung hatte ihren Grrund in der Furcht, daß Wilhelm plaudern und die ihm zugefügte Behandlung erzählen könne. Aus derſelben Be⸗ 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 9 130 ſorgniß unterließ er es, der Frau Schneider Nachricht von dem keineswegs unbedentenden Unwohlſein ihres Pfleglings zu geben. Er wollte ſie nicht erſt beunruhigen und die gute Pflegemutter von ihrer Beſchäftigung abziehn; auch war ihm keineswegs damit gedient, daß ſie aus einem anderen Munde als aus ſeinem eigenen die eigentliche Veranlaſſung erfahren ſollte. Wie leicht wird nicht die Wahrheit entſtellt, aus einer Mücke ein Elephant gemacht und eine Kleinigkeit wie dieſe gleich an die große Glocke gehängt. Das bedachte der kluge Waiſenvater und ſtets für den Kredit ſeiner Muſteranſtalt beſorgt, ſuchte er die fatale Geſchichte zu vertuſchen. Da er jedoch nicht den ganzen Tag bei dem Patienten verweilen konnte oder wollte, indem ihn ſeine übrigen Berufsgeſchäfte in An⸗ ſpruch nahmen; es auch ſeiner Frau, welche der Wirth⸗ ſchaft vorſtand, an der nöthigen Zeit gebrach, ſo ſah er ſich genöthigt, ihm einen Wärter in der Perſon des kleinen Gottfried zu ſtellen. Dieſe Wahl war ebenfalls eine Con⸗ ceſſion, welche er dem Knaben machte; weil dieſer auf Be⸗ fragen, welcher Knabe ihm zur Geſellſchaft der liebſte wäre, den Namen gerade nannte. Etwaige Bedenken, welche Herr Mehlkatz dagegen haben konnte, wurden durch die Unbedeutenheit des Gewählten beſeitigt. Was hatte er von dem„Aſchenbrödel“ der Anſtalt zu befürchten, von einem Knirpſe, den er nur ſcharf anzuſehen brauchte, um 131 ihn einzuſchüchtern. So kam Gottfried in das Kranken⸗ zimmer zu ſeinem Beſchützer, den er bis zu deſſen Geneſung nicht mehr verließ. Er war ganz glücklich in ſeinem neuen Beruf als Krankenpfleger und Geſellſchafter, wozu er ſich ſeinem ſanften und faſt weiblichen Charakter nach ganz be⸗ ſonders eignete. Außerdem fühlte er die größte Dankbar⸗ keit für Wilhelm, zu dem er mit einer Empfindung von ehrfurchtsvoller Bewunderung emporblickte, die jedoch keineswegs die innigſte Liebe ausſchloß. So kam es, daß die beiden Knaben ſich ſchnell und dauernd mit einander be⸗ freundeten; ihre zarten Seelen, noch jedem Eindruck offen, ſchloſſen mit einander den ſchönen, heiligen Tugendbund. Das waren herrliche Stunden und Tage, die ſie ſo unge⸗ ſtört mit einander verleben durften. Gottfried ſaß neben dem Bette und hielt meiſt die Hand des Freundes in der ſeinigen, die ſanften Augen voll überſtrömender Zärtlich⸗ keit auf Wilhelm gerichtet. Er errieth deſſen Wünſche, bevor ſie noch ausgeſprochen waren und beeilte ſich, ſie zu erfüllen. Bald reichte er ihm das Zuckerwaſſer, um ſeinen Durſt zu ſtillen, bald die ſaftigen Apfelſinenſcheiben, welche der Waiſenvater trotz aller Sparſamkeit für den Patienten gekauft hatte, um ihn durch derartige Leckereien und ſeine Klagen zu beſchwichtigen. Aber Wilhelm wollte nicht eſſen, wenn nicht Gottfried auch davon ſeinen Theil nahm und dieſer weigerte ſich aus lauter Beſcheidenheit. 9* 132 „So koſte doch nur!“ bat der Kranke.„Du haſt gewiß ſchon lange keine Apfelſinen gegeſſen; es ſchmeckt prächtig.“ „Ich weiß ſchon, aber ich will nicht. Du haſt ohne⸗ hin ſo wenig.“ „Ol mehr als zuviel.“ „Ich mache mir aber gar nichts daraus,“ log Gott⸗ fried, indem er eine möglichſt gleichgültige Miene annahm, als wäre er mit Südfrüchten von Jugend auf genährt worden. „Du mußt und ſollſt aber eſſen!“ rief Wilhelm mit Entſchiedenheit und ſteckte ihm eine Scheibe mit Gewalt in den halb geöffneten Mund, ſo daß ihm der Saft über das Kinn lief. Darüber lachten Beide von ganzem Herzen und der freundſchaftliche Streit, der ſich in ähnlicher Weiſe öfters im Tage wiederholte, fand eine befriedigende Löſung. Dann wurden ſie wohl auch wieder ernſter und ſprachen von ihren Verhältniſſen, von ihrer Hoffnung und ihren Befürchtungen. Wilhelm ſchüttete vor ſeinem Freunde das wunde Herz aus und erzählte ihm umſtändlich die Schrecken und Qualen, welche er in der Folterkammer erlitten. Schaudernd hörte Gottfried zu und in Gedanken duldete er mit ihm, indem ſeine rege Phantaſie ſich noch Alles in weit grelleren Farben ausmalte. G 133 „Ich hätte es nicht ausgehalten,“ ſagte er mit geſtei⸗ gerter Bewunderung.„Ich wäre darüber geſtorben! So im Finſtern zu ſitzen und die Füße nicht rühren zu können; es iſt ſchrecklich. Mich überläuft eine Gänſehaut, wenn ich nur daran denke. Armer Wilhelm! Was haſt Du leiden müſſen.“ „Zum zweiten Male ſoll es mir nicht paſſiren. Ich will Dir etwas ſagen, aber Du darfſt es Dir vor keiner menſchlichen Seele merken laſſen.“ „Lieber laſſ' ich mich todtſchlagen,“ betheuerte der Kleine und er hätte ſicher Wort gehalten. „Ich bleibé nicht hier,“ ſagte der Kranke entſchloſſen. „Bei der nächſten Gelegenheit reiß' ich aus und laufe da⸗ von.“ Ein ſolches Uebermaß von Kühnheit hatte Gottfried von ſeinem Freunde nicht erwartet; das überſtieg Alles, was er noch bisher vernommen. Er blieb ganz ſtumm vor Entſetzen und Bewunderung auf ſeinem Stuhle. So was wäre ihm auch nicht im Traume eingefallen; dazu fehlte ihm der Muth wie jeder Unternehmungsgeiſt. Noch immer ſaß er da mit offenem Munde und weit aufge⸗ riſſenen Augen, als traute er ſeinen eigenen Ohren nicht. „Nun, was ſagſt Du dazu?“ fragte ihn Wilhelm. „Das wollteſt Du thun!“ rief Gottfried, der ſich von ſeinem Erſtaunen noch gar nicht erholt hatte. 134 „Und Du mußt mitkommen. Ich habe mir ſchon Alles ausgedacht.“ „Das iſt ja gar nicht möglich. Wie ſollen wir denn herauskommen aus dem verſchloſſenen Hauſe?“ „Das iſt auch gar nicht nöthig. In vierzehn Tagen werden wir nach dem Birkenwäldchen geführt, um dort vor den Leuten zu ſingen und Komödie zu ſpielen. Da wird ſich ſchon eine Gelegenheit finden, um uns heimlich zu ent⸗ fernen.“ „Aber wohin ſollen wir denn gehen und was ſoll aus uns werden?“ „Ich will die Mutter Schneider bitten, daß ſie uns Beide bei ſich aufnimmt. Das muß ſie thun, denn ich weiß, daß ſie mich lieb hat und mir nichts abſchlagen kann.“ „Aber mich kennt ſie ja nicht einmal.“ „Das ſchadet nichts. Ich ſage ihr gleich, daß ich von Dir nicht laſſen will.“ „Sie thut es doch nicht,“ entgegnete Gottfried, der vielleicht ſchon ähnliche Erfahrungen erworben hatte und überhaupt nachdenklicher und ernſter als ſein ſorgloſer Freund war.„Deine Mutter iſt arm und kann mir nicht umſonſt zu eſſen geben.“ „Das iſt wahr, aber wir können ja Beide arbeiten. Haben wir nicht das Coloriren gelernt. Der Muſter⸗ — 13⁵ händler bezahlt den Herrn Mehlkatz und ich weiß, daß er viel Geld für unſere Arbeit einnimmt. Ich werde zu ihm gehen und um Arbeit bitten. Das Geld geben wir der Mutter Schneider, die uns dafür Koſt und Wohnung giebt.“ Kurz, Wilhelm wußte ſeinen neuen Freund vollkom⸗ men zu übereden, ſeine Beſorgniſſe und Einwände zu be⸗ ſchwichtigen und ihn gänzlich für ſeinen erſonnenen Plan zu gewinnen. Die Ausführung des gewagten Unterneh⸗ mens wurde nach allen Seiten reiflich in Erwägung gezo⸗ gen und bis zu dem nahe bevorſtehenden Feſte verſchoben, das der Director der Muſteranſtalt unter dem Andrange des Publikums jährlich zweimal veranſtaltete.— Endlich nahte dieſer ſehnlichſt erwartete Tag heran; die vorange⸗ henden Wochen wurden mit großen Zubereitungen verbracht. Die Waiſenknaben freuten ſich aus mannigfachen Gründen, beſonders weil ſie in der letzten Zeit eine beſſere Koſt er⸗ hielten, damit ſie beſſer ausſehen ſollten. Sie wurden förmlich nach einem gewiſſen Syſteme gefüttert und fett ge⸗ macht. Jetzt bekamen ſie auch wieder einmal Fleiſch und andere nahrhafte Subſtanzen zu ſehen. Alles war darauf berechnet, dem Publikum Sand in die Augen zu ſtreuen, damit es einen möglichſt vortheilhaften Begriff von der Vorzüglichkeit der Muſteranſtalt erhalte. Die beſten Kleider wurden hervorgeſucht, den ganzen Tag geflick, 136 gebürſtet, genäht und gewaſchen. Die fähigſten Kinder mußten jetzt ſchnell verſchiedene Deklamationsſtücke, Scenen aus Luſt- und Trauerſpielen, ſo wie Lieder einſtudiren. Die Uebrigen wirkten im Chore mit und dienten zur Be⸗ gleitung. Es wurden mehrere Proben abgehalten, Mas⸗ ken und Coſtume für die Auftretenden angefertigt. Zu den Letzteren gehörte auch Wilhelm, der im Coſtume eines Soldaten aus den Zeiten Friedrich des Großen ein patrio⸗ tiſches Gedicht ſprechen ſollte, während ſein Freund Gottfried, der eine liebliche Stimme beſaß, wegen ſeines mädchenhaften Ausſehens die Rolle eines ſingenden Gärt⸗ nermädchens zugetheilt erhielt. Herr Chriſtian, das Muſter aller Muſterknaben, der von ſeinem würdigen Vater für ein Genie in jeder Beziehung gehalten wurde, hatte als Genius im weißen Gewande und mit bunten Flügeln den Prolog zu ſprechen und wirkte außerdem bei den verſchiedenſten Scenen, Geſängen und ſelbſt Tänzen mit, durch welche die Zuſchauer ergötzt werden ſollten.— Durch große Anzeigen in den Zeitungen und ellenlange Plakate an den Anſchlagſäulen wurde die Reſidenz auf den zu erwartenden Genuß aufmerkſam gemacht. Außerdem verfehlte Herr Mehlkatz nicht, die Gönner ſeiner Anſtalt nebſt ihren Familien und die höchſten Behörden perſönlich einzuladen und ſich ihrer Geneigtheit zu empfehlen. Er ließ ſich zu dieſem Zwecke bei dem Miniſter melden, dem 137 er bereits durch die Baronin empfohlen war. Dieſer hatte mit dem Waiſenvater eine längere Unterredung, worin er ihm ſeiner beſonderen Protektion verſicherte und eine na⸗ mentliche Unterſtützung von Seiten des Staates für deſſen Unternehmen zuſagte. Eine ſolche Gnade hatte Herr Mehlkatz hauptſächlich gewiſſen geheimen Dienſten zu ver⸗ danken, welche er dem Staatsmanne ſchon ſeit einiger Zeit als ein brauchbares Werkzeug ſeiner Intriguen leiſtete. Er brachte ihm nämlich von Zeit zu Zeit wichtige Nachrichten über gewiſſe Perſonen und Verhältniſſe, welche der Mini⸗ ſter durch dieſen ergebenen Spion beobachten ließ. Auch bei dieſer Audienz überreichte der Waiſenvater ſeinem. hohen Beſchützer ein wichtiges Aktenſtück, von dem er ſich eine Abſchrift durch Beſtechung der Dienerſchaft einer ge⸗ wiſſen ebenfalls hochgeſtellten Perſon zu verſchaffen gewußt hatte. Das Dokument mußte diesmal für den Empfänger einen ganz beſonderen Werth haben, denn über ſein kaltes, verſchloſſenes Diplomatengeſicht zuckte ein Lächeln des Triumphes. Auch griff er in ſeine neben ihm ſtehende Schatulle und zog eine Rolle mit Goldſtücken hervor, welche Herr Mehlkatz nach einigem Sträuben in die Taſche ſteckte. „Unterlaſſen Sie es ja nicht,“ ſagte der Miniſter mit einem bedeutungsvollen Lächeln,„den Herrn Präſidenten von der Lahr einzuladen, da Ihre Anſtalt zunächſt unter ſeinem Reſſort ſteht. Gehen Sie ſogleich zu ihm und 138 ſuchen Sie ſich ihm zu nähern. Für die mir erwieſenen Gefälligkeiten bleibe ich vorläufig in Ihrer Schuld, die ich bei der nächſten Gelegenheit abzutragen gedenke.“ „Eure Excellenz beſchämen mich.“ „Ich bin mit Ihnen zufrieden. Fahren Sie nur ſo fort, mich von Allem in Kenntniß zu ſetzen und unterhalten Sie die von Ihnen angeknüpften Verbindungen mit dem Hauſe des Präſidenten und der Gräfin Bratinski. Der Beſuch der Dame in dem Hauſe des Herrn von Lahr iſt Goldes werth für unſere Sache. Suchen Sie nur ge⸗ nauere Daten zu erfahren und beſonders über die Ver⸗ gangenheit der Gräfin mir die nöthige Auskunft zu ver⸗ ſchaffen; was Ihnen bei Ihrer Bekanntſchaft nicht ſchwer fallen wird.“ „Das Kammermädchen iſt eine Verwandte meiner Frau und der Bediente des Präſidenten ein ehemaliger Zögling meiner Muſteranſtalt. Ich habe Beiden die größte Vorſicht und Verſchwiegenheit anempfohlen.“ „Das haben Sie gut gemacht. Sparen Sie kein Geld, um die mir nöthigen Korreſpondenzen und Doku⸗ mente zu verſchaffen. So bald Sie etwas brauchen, wenden Sie ſich nur direct an mich. Mein Kammerdiener hat den Befehl, Sie ſtets unangemeldet vorzulaſſen.“ Mit den Verſicherungen der innigſten Ergebenheit empfahl ſich Herr Mehlkatz, indem er nochmals verſprach, 139 alle ihm ertheilten Aufträge pünktlich zu erfüllen, ſo weit er dies im Stande war. Es bedarf wohl nicht erſt der Bemerkung, daß der Miniſter, welcher kein Mittel ver⸗ ſchmähte, ſich auf ſeinem Poſten zu behaupten, ſeine Geg⸗ ner und Rivalen im Verborgenen beobachten ließ und zu dieſem Zwecke eine förmliche, geheime Polizei eingerichtet hatte, an deren Spitze der würdige Waiſenvater ſtand. Dieſer begab ſich nach der Wohnung des Präſidenten, um denſelben perſönlich zu dem bevorſtehenden Feſte einzuladen und auch nebenbei bei dem in ſeinem Solde ſtehenden Be⸗ dienten neuere Erkundigungen einzuziehen. „Sie kommen gerade recht,“ ſagte der Letztere,„und erſparen mir den Gang zu Ihnen.“ „Was iſt denn vorgefallen?“ „Eine Depeſche von der höchſten Wichtigkeit, ein Ka⸗ binetsſchreiben von des Fürſten eigener Hand.“ „Du haſt doch eine Kopie gemacht?“ fragte Herr Mehlkatz geſpannt. „Diesmal hab' ich's nicht gewagt. Es handelt ſich um ein großes Staatsgeheimniß. Wenn wir verrathen werden, geht es uns an Kopf und Kragen.“ „ Dummes Zeug! Du wirſt mir die Abſchrift mor⸗ gen bringen.“ „Ich kann wirklich nicht. Die Depeſche liegt auch verſchloſſen in einem geheimen Fach.“. 140 „Du haſt doch Deinen Nachſchlüſſel.“ „Ich wage es aber nicht. Es könnte uns gar zu ſchlimm gehen, wenn es herauskommt. Am Ende bleibe ich ganz allein an der Pfanne kleben.“ „Sei kein Thor! Du bekommſt auch diesmal ſechs Goldfüchſe.““ „Unter zehn kann ich es nicht thun. Ich habe Frau und Kinder zu ernähren. Weiß es Gott, wenn ich nicht das Geld brauchte, ſo würden mich nicht zehn Pferde dazu gebracht haben, einen ſo guten Herrn zu ver⸗ rathen.“ „Das ſind Redensarten. Doch meinetwegen, Du ſollſt die zehn Louisd'ore haben, und zwar fünf ſogleich als Abſchlag.“ Das Gewiſſen des Bedienten war nicht ſo zart und empfindlich, daß es ſich nicht von dem Klange des Goldes beſchwichtigen ließ. Gegen die Auszahlung der fünf Louis⸗ d'ore und die Ausſicht auf eben ſo viel, erklärte er ſich bereit, die gewünſchte Abſchrift des wichtigen Dokumentes zu lie⸗ fern. Hierauf ging er, um keinen Verdacht zu erregen und meldete ſeinem Herrn die Gegenwart des Waiſenvaters. Herr von der Lahr ließ ihn eintreten und nahm die Ein⸗ ladung zu dem Feſte, welche jener im demüthigſten Tone und unter verſchiedenen Katzenbuckeln vorbrachte, in höf⸗ licher Weiſe an. Mit vielem Intereſſe erkundigte er ſich 141 dabei nach den Verhältniſſen der Muſteranſtalt, der Zeit ihres Beſtehens und der Zahl der Waiſenknaben. „Ich habe mir ſchon längſt vorgenommen,“ ſagte er im Verlaufe des Geſpräches,„Ihnen und Ihren Pfleg⸗ lingen einen Beſuch abzuſtatten, aber leider haben mich meine vielen anderweitigen Geſchäfte abgehalten.“ „Der Herr Präſident ſind zu gütig,“ entgegnete Herr Mehlkatz.„Wozu wollen Sie ſich erſt bemühen?“ „Ich thue nur meine Pflicht, da die Ueberwachung aller wohlthätigen Anſtalten in den Bereich meiner Amts⸗ thätigkeit zählt. Machen Sie ſich darauf gefaßt, daß ich Sie nächſtens überraſche.“. „Sie werden mich jederzeit mit Ihrem Kommen glücklich machen,“ antwortete er mit einer tiefen Vernei⸗ gung, wenn auch innerlich nichts weniger als mit einer ſolchen Ueberraſchung einverſtanden, welche ihn möglicher Weiſe in Verlegenheit bringen konnte. „Jedenfalls,“ fuhr Herr von der Lahr fort,„werde ich Ihrer heutigen Einladung Folge leiſten, obgleich ich, unter uns geſagt, kein beſonderer Freund von ſolchen öffent⸗ lichen Schauſtellungen der Jugend bin; ſie geben nur Veranlaſſung zu Zerſtreuungen und Eitelkeit.“ Der Waiſenvater zuckte mit den Achſeln und ent⸗ ſchuldigte ſich mit dem Wunſche, ſeine Anſtalt auf jede Weiſe dem Publikum zu empfehlen. Hierauf entfernte er 142 ſich unter einer Unzahl von Verbeugungen und einem Schwall von ehrfurchtsvollen Complimenten und Verſiche⸗ rungen der tiefſten Ergebenheit. Der Präſident ſchien eben nicht davon erbaut zu ſein und ſah dem Beſucher mit einem gewiſſen Mißtrauen nach, obgleich dieſer Fehler ſonſt nicht in ſeiner Natur lag. Aber grade die faſt ſkla⸗ viſche Unterwürſigkeit des Herrn Mehlkatz und ſein ganzes Weſen flößten unwillkürlich dem Menſchenkenner Abnei⸗ gung und Verdacht ein. Herr von Lahr mußte, ohne daß er den eigentlichen Zuſammenhang ahnen konnte, an aller⸗ lei Unannehmlichkeiten denken, die ihm wieder in den letz⸗ ten Wochen vorgekommen waren. Daß ein Unberufener ſeine geheimſten Briefſchaften durchſtöberte, daß er von Spionen umgeben war, wurde ihm faſt zur Gewißheit. Wichtige Papiere, die er an einem beſtimmten Orte ver⸗ wahrt hatte, verſchwanden und kehrten eben ſo plötzlich wieder; Documente, deren Inhalt nur ihm allein bekannt war, gelangten in die Offentlichkeit, wodurch ihm manche unangenehme Stunde bereitet wurde. Die genaueſten Nachforſchungen, welche er deshalb anſtellte, führten zu keinem Reſultate. Er hatte aus dieſem Grunde einen gänzlichen Wechſel ſeines Hausſtandes vorgenommen, ohne dadurch dem Uebel abzuhelfen. Der neue Bediente, der ihm ganz beſonders empfohlen worden war, ſchien ein Muſter von Treue und Ehrlichkeit zu ſein, ſo daß 143 ihn auch nicht der geringſte Verdacht treffen konnte. Einigemal glaubte ihn allerdings der Präſident in der Dunkelſtunde im eifrigen Geſpräche mit einem Fremden bemerkt zu haben, aber das war auch Alles und keineswegs hinreichend, um ihn zu entlaſſen. Jetzt war ihm eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit dieſes Unbekannten, der ſich in der Nähe ſeiner Wohnung öfters ſehen ließ, mit dem Waiſenvater aufgefallen. Es ſchien ihm dieſelbe unterſetzte, breitſchul⸗ trige Geſtalt, derſelbe ſchleichende Gang zu ſein; doch er konnte ſich eben ſo leicht täuſchen, da er den Fremden nur aus der Ferne und in der Dämmerung beobachtet hatte. Außerdem bewies dieſer Umgang, ſelbſt wenn er ſtatt fand, nichts gegen die Treue und Ergebenheit des Bedienten. Wäre ihm nicht das Geſicht und das Benehmen des Herrn Mehlkatz widerlich aufgefallen, ſo hätte er auch nicht das geringſte Gewicht auf dieſen Umſtand gelegt. Selbſt jetzt noch kämpfte er einen etwa aufſteigenden Verdacht wieder nieder, denn er ſelber wußte, wie wenig auf die Phyſiognomie eines Menſchen zu geben ſei, wie leicht man damit Unrecht thun könne. Bald wurde er durch ſeine Beſchäftigungen dermaßen in Anſpruch genommen, daß er den Beſuch und Alles, was ſich für ihn daran knüpfte, voll⸗ kommen vergaß.— Unterdeß war der große Tag für die Muſteranſtalt gekommen, wo ſie vor dem Publikum der großen Reſidenz 144 mit ihren Leiſtungen glänzen ſollte. Durch die beſſere Koſt in der letzten Zeit war es wirklich geglückt, den Kna⸗ ben ein geſünderes und faſt wohlgenährtes Ausſehen zu verleihen. Sie hatten ihre Feiertagskleider angelegt, welche ſie nur bei ähnlichen feſtlichen Gelegenheiten anziehen durf⸗ ten und wodurch ihre Erſcheinung nicht wenig gehoben wurde. Die Kinder gewährten in den kleidſamen Jacken von grünem Tuche mit rothen Aufſchlägen, in den luftigen, friſch gewaſchenen Sommerbeinkleidern und in ihrer wei⸗ ßen Wäſche mit breitem, übergelegtem Kragen einen durch⸗ aus heiteren Anblick. Die Erwartung des Feſtes und der ungewohnte Genuß einer reichlichen Mahlzeit brachte heute eine fröhliche Stimmung ohne beſonderes Commando her⸗ vor, die ſich in den lächelnden und munteren Geſichtern zeigte. So marſchirten ſie in Begleitung eines eigends dazu gemietheten Muſikkorps und unter Anführung des würdigen Waiſenvaters mit ihren fliegenden Fahnen und mit Laub bekränzten Mützen durch die vorzüglichſten Stra⸗ ßen der Reſidenz. Wo ſie vorüberkamen, ſchaute die neu⸗ gierige Bevölkerung ihnen mit einer gewiſſen Befriedigung nach, ihr gutes Ausſehen und die nette Tracht, die fröh⸗ lichen Mienen und vor allem die Verdienſte des Herrn Mehlkatz um die armen Waiſen preiſend. Daß das Alles nur Trug und Blendwerk war, davon hatten die guten Leute freilich keine Ahnung. Sie konnten ja unmöglich 145 wiſſen, wie es im Innern der Anſtalt und der Kinder aus⸗ ſah, weder die Entbehrungen, noch die Qualen, die bitte⸗ ren Empfindungen, den aufgehäuften Haß, die Demüthi⸗ gungen und Kränkungen dieſer jugendlichen Märtyrer un⸗ ter der ſcheinbar glänzenden Außenſeite muthmaßen. Wie mancher Bettelknabe, der zu Mittag nichts gegeſſen hatte, beneidete die luſtige Schaar, wie manche arme Mutter wünſchte, ihre heranwachſenden Kinder in ähnlicher Weiſe verſorgt zu wiſſen. Wie ſchmunzelten die gutmüthigen Bürger und freuten ſich über den wackeren Mann, über den tüchtigen Herrn Mehlkatz, der an der Spitze des Zuges im ſchwarzen Leibrock mit der weißen Weſte und Binde ſo. ſtattlich einherſchritt, deſſen gleißendes Geſicht von Liebe und Menſchenfreundlichkeit ordentlich zu glänzen ſchien. Selbſt viele kluge und wackere Leute ließen ſich irre führen, wurden überraſcht und beſchloſſen, dieſe wahrhafte Muſter⸗ anſtalt nach ihren beſten Kräften zu unterſtützen; was auch der eigentliche Zweck der ganzen Schauſtellung war. Und welch ein elegantes und feines Publikum hatte ſich einge⸗ funden, die erſten Behörden der Regierung und der Stadt, an ihrer Spitze der Miniſter ſelbſt. Es wimmelte von Equipagen, Gönnern der Anſtalt zu Roß und zu Fuß, von frommen, gottſeligen Männern und empfindſamen Frauen, welche gern ihre Wohlthätigkeit bei allen Gelegen⸗ heiten öffentlich zeigen, für die Armen ſammeln, ſpeiſen, 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 10 146 tanzen und jetzt ihre Operngläſer auswiſchten. Das in der Nähe gelegene Birkenwäldchen bot einen reizenden An⸗ blick dar; unter den ſchattigen Bäumen war eine förmliche Bühne aufgeſchlagen, worauf die Kinder ihre theatraliſchen Vorſtellungen geben ſollten. In unüberſehbarer Reihe nahmen die Zuſchauer ihren Platz ein; auf den erſten Bän⸗ ken ſaßen die Honoratioren, darunter der neue Präfident und in ſeiner Nähe die Gräfin Bratinski, welche ebenfalls gekommen war. Nach einem Vorſpiel der Muſik gab Herr Mehlkatz das Zeichen und der Vorhang flog in die Höhe, ein lautes Ah! begrüßte die erſte Scene. Sämmtliche Waiſenkinder ſtanden maleriſch gruppirt, mit gefalteten Händen zu beiden Seiten der Büſten des geliebten Herr⸗ ſcherpaars und ſtimmten die Nationalhymne an. Das war zu rührend und klang ſo patriotiſch; die Herrn applaudir⸗ ten aus Leibeskräften und die Damen wehten mit ihren weißen Schnupftüchern und klatſchten ebenfalls in ihre zarten Hände. Es fehlte nicht viel und man hätte ſogleich den Director der Muſteranſtalt heraus gerufen. Beſonders machte es ſich gar zu ſchön, wie der Chriſtian ganz in roſen⸗ rothen Tricot eingenäht, als Genius mit bunten Flügeln die Büſten mit einem Lorbeerkranze ſchmückte. Schade nur, daß der Junge für ſeine Rolle ſchon zu groß oder vielmehr zu lang war, er ſah auch wirklich mit ſeinen magern Storchbeinen eher einem gerupften Vogel, als einem 147 Engel ähnlich, den er doch vorſtellen ſollte. Aber das that nichts, denn er benahm ſich dafür ſo dreiſt und mit einer ſolchen Keckheit in der nächſten darauf folgenden Ab⸗ theilung, wo er mit großem Beifalle ein komiſches Lied ſang, als wäre er auf den Brettern zu Hauſe und zum Schau⸗ ſpieler geboren. Mit einer großen Allongenperrücke auf dem Kopfe und in einem altmodiſchen Frack trat er als Char⸗ latan auf, der für alle möglichen Krankheiten Rath weiß. Aus der Taſche hingen ihm lange Recepte und Medicin⸗ gläſer mit allerlei Inſchriften gegen den Hochmuth, den Neid, Goldtinkturen für Geizhälſe, Schönheitswaſſer für alte Frauen und Pillenſchachteln für Hypochonder. Er ſang, wenn auch mit wenig Stimme, dafür mit edler Drei⸗ ſtigkeit, ſchnitt Geſichter wie ein Buffo und tanzte ſogar auf einem Bein, daß es nur eine Freude war. Dabei zog er eine große Schnupftabaksdoſe hervor und nahm mit lächerlichen Geberden eine Priſe. Alle Freunde des Herrn Mehlkatz bewunderten das Talent des Sohnes, auf den ſein Vater nicht wenig ſtolz war.„Das iſt ein geſchickter Burſche,“ hieß es da,„der kann es noch weit bringen, und wie er ſingen und tanzen kann; er ſchnupft ſchon wie ein Großer. In dem Jungen ſteckt etwas.“ Andere waren jedoch damit nicht einverſtanden und fanden das kecke Auf⸗ treten und das freche Selbſtbewußtſein des halberwachſe⸗ nen Buben gradezu widerlich und verletzend. An böswil⸗ 10* * 148 ligen Kritikern fehlt es leider nie in einer großen Stadt; auch hatten die Zeitungen ihre Berichterſtatter zu dem Feſte hinausgeſchickt und man weiß, wie die es treiben und über Alles raiſonniren, obgleich der Waiſenvater ihnen ihre Billete in das Haus geſendet hatte, mit einem beſon⸗ ders freundlichen Schreiben, worin er ſie erſuchte, ſeine Muſteranſtalt mit Schonung und Nachſicht zu beurtheilen und dem Publikum zu empfehlen. Darauf gaben aber die Undankbaren nichts und mit Ausnahme einiger Scri⸗ benten, welche er zuweilen zu ſich einlud, raiſonnirte und ſpottete das böſe Volk.— Nachdem Gottfried mit lieb⸗ licher Stimme und in der Tracht eines Gärtnermädchens ſein Lied faſt bebend vor Schüchternheit vorgetragen hatte, erſchien unſer Freund Wilhelm in der alten Uniform eines Soldaten unter Friedrich dem Großen. Ein Dreimaſter ſaß auf ſeinem Kopf; die Haare waren gepudert und mit Hülfe von Kleiſter daraus zwei große Locken gebildet; im Nacken hing ihm ein langer Zopf. Unter der ſeltſamen Friſur ſchaute ſein friſches, offenes Geſicht hervor und der natürlich nur angeklebte Schnurrbart gab ihm ein komiſch martialiſches Ausſehen. Er trug einen blauen Rock mit großen, rothen Aufſchlägen, graue Beinkleider, welche ſich den Kamaſchen anſchloſſen, einen Säbel an der Seite. In der Hand hielt er ſein Seitengewehr, ſo marſchirte er in militairiſcher Haltung über die Bühne, ſalntirte, wie ihm 149 vorgeſchrieben war und begann die erſten Strophen des patriotiſchen Gedichtes ohne Anſtoß und mit vielem kriege⸗ riſchen Feuer herzuſagen. Er fühlte wirklich, was er ſprach und von jeher war der„alte Fritz“ ſein Lieblings⸗ held geweſen. Darum ſah man ihm auch die ächte Be⸗ geiſterung an den muntern Augen an und ſelbſt die Tadler und anweſenden Kritiker nickten ihm freundlich Beifall zu. Er ließ ſich von ſeinem erhabenen Gegenſtande ſo hinrei⸗ ßen, daß er darüber Alles vergaß, die Zuſchauer, den Waiſenvater, welcher hinter ihm mit dem Buche ſtand, um einzuhelfen, obgleich Wilhelm das Gedicht wie am Schnür⸗ chen herſagen konnte, ſo daß auch nicht ein Wörtchen fehlte. Plötzlich aber ſchlug er die Augen auf, ſeine Blicke fielen auf einen Lockenkopf, der einem ganz jungen Mädchen ge⸗ hörte, jetzt wendete ſie ſich um und ſah ihn an, die freu⸗ digſte Ueberraſchung malte ſich in ihren holden Zügen mit dem Ausdruck der Verwunderung gemiſcht. Ihr klei⸗ ner Mund verzog ſich zu einem ſchelmiſchen Lächeln, ſie nickte und winkte ihm unbemerkt von ihrer Mutter zu. Er konnte nicht mehr zweifeln, daß es Lieschen war, ſeine Freundin, welche neben der Baronin ſaß. Mit einem Male wurde er wie von einem Schwindel gefaßt; Freude und Scham bemächtigten ſich ſeiner Seele; er glaubte in die Erde verſinken zu müſſen, weil ſie ihn in einem ſolchen Aufzuge erblickte. Ein dunkles Gefühl ſtieg in ihm auf, 150 als müßte er durch dieſe öffentliche Schauſtellung in ihren Augen verlieren; er kam ſich wie ein gemeiner Comödiant jetzt vor, der zur Beluſtigung des Publikums und auf Be⸗ fehl ſeine Kunſtſtücke machte; er ſchämte ſich der entwür⸗ digenden Rolle, welche er gezwungen ſpielen mußte, ſeiner untergeordneten Stellung, ſeiner ganzen erbärmlichen Lage. Das Alles zog ſeine Aufmerkſamkeit vollends von ſeinem Vortrage ab; er konnte kein Wort mehr vorbringen. Vergebens ſoufflirte Herr Mehlkatz und rief ihm mit drohender Stimme zu; der Junge konnte ſich auf nichts beſinnen; er ſah nur Lieschen und dachte nur an ſie. Das Publikum wurde unruhig, man huſtete und vermehrte da⸗ durch Wilhelm's Verwirrung, der endlich mit brennenden Wangen und Thränen in den Augen ſeinen Rückzug an⸗ treten mußte. Man kann ſich leicht den Zorn denken, mit welchem der Waiſenvater den unglücklichen Deklamator empfing. Seine ſtechenden Augen verkündeten nichts Gu⸗ tes; trotzdem er jeden Skandal heute zu vermeiden ſuchte und von Liebe und Zärtlichkeit für ſeine Zöglinge über⸗ floß, weil er ſich von allen Seiten beobachtet wußte, ſo konnte er es doch nicht unterlaſſen, Wilhelm's Hand im Vorübergehen zu ergreifen und unbemerkt zu quetſchen, daß dem Jungen Hören und Sehen verging. Dieſer nahm ſich aber zuſammen und unterdrückte männlich ſeinen Schmerz, indem der Entſchluß, noch heute ſeinem Peiniger 151 zu entfliehen, ihn mit Leichtigkeit dieſe letzte Mißhandlung ertragen ließ. Ihn ſchmerzte gegenwärtig einzig und allein der Gedanke, ſich vor Lieschen mit Schmach bedeckt zu haben; das machte ihn ganz traurig. Hinter den Couliſ⸗ ſen traf er Gottfried, der bereits ſeine Kleidung als Gärt⸗ nermädchen abgelegt hatte. Der gute Knabe ſuchte ſeinen Freund wegen des öffentlichen Durchfalls zu tröſten, da er die tiefe Trauer deſſelben lediglich auf dieſe Rechnung ſchrieb, worin er ſich jedoch täuſchte. Da ſie ohnehin auf der Bühne nichts mehr zu thun hatten und belauſcht zu werden fürchteten, ſo verließen ſie dieſelbe und ſuchten einen verborgenen ſchattigen Platz unter den Bäumen des Wäld⸗ chens auf, wo ſie ungeſtört mit einander verkehren konnten. Dort beſchloſſen ſie, kurz vor der Heimkehr, welche erſt in der ſpäten Dämmerung ſtattfand, bei der allgemeinen, un⸗ ausbleiblichen Verwirrung des Aufbruches ihre Flucht zu bewerkſtelligen. So hofften ſie am wenigſten bemerkt zu werden und glücklich davon zu kommen. Nachdem ſie noch einmal alle Maßregeln beſprochen und ſich die ſtrengſte Verſchwiegenheit gelobt hatten, blieben ſie noch einige Zeit ſitzen, da Wilhelm in Erinnerung ſeiner Niederlage keinen Menſchen und am wenigſten ſeiner kleinen Freundin unter die Augen treten wollte. Es war ein verſchwiegenes, lau⸗ ſchiges Plätzchen, rings von Gebüſchen und Hecken wie von einer grünen Mauer umgeben, recht geeignet zu einem 15² Verſteck und Zufluchtsort. Das Laub ſtand ſo dick, daß die Sonnenſtrahlen mit Mühe eindrangen; die goldenen Lichter ſtahlen ſich nur hier und da durch einen Spalt zwi⸗ ſchen den Zweigen durch, um mit den vom Winde beweg⸗ ten Blättern zu ſpielen. Es herrſchte ein tiefes Schwei⸗ gen, höchſtens kam von Zeit zu Zeit der verwehte Klang eines Liedes zu ihren Ohren, dann wurde es wieder ſo ſtill, daß man nur das Summen eines Käfers, das Flüſtern der Bäume und den fernen Geſang eines kleinen Vogels aus dem höchſten Gipfel der rothen Fichten oder ſchlanken Birken hörte. Hier ſaßen ſie und am liebſten wären ſie für immer da geblieben, fern von der Welt, der ſie trotz ihrer Jugend keinen Dank wußten. Sie hatten ſich auf den grünen Raſen geworfen und überließen ſich ganz jenem ſüß dämmernden Träumen, das am Buſen der Natur den Unglücklichen einen wunderbaren Troſt gewährt. In ſo unmittelbarer Berührung, der mütterlichen Erde nah, fühlt ſelbſt der Aermſte ſich wie ein Kind an der Mutterbruſt; gleich ihren Armen ſtrecken ſich ſchirmend die Bäume über ihn und ſchützen ihn vor dem Sonnenbrand; wie in ihrem Schoos ruht er weich auf dem kühlen Raſen, geſtreichelt von der zarten Hand des Windes, welcher leiſe über ſeine glühende Stirn fächelt. So ruht er aus in tröſtender Selbſtvergeſſenheit, in ihrer Frieden bringenden Nähe. Wenn uns Alles verläßt, ſo nimmt uns die treue Mutter 153 Erde auf; ſie giebt uns ein Lager, wo der Schlaf uns ſchnell die müden, thränenſchweren Augen ſchließt und ein Grab, worin das gebrochene Herz endlich ſeine Ruhe findet.— Die beiden Knaben mochten wohl Aehnliches empfinden, denn bald verſtummten ihre Klagen und mit verſchlunge⸗ nen Armen lagen ſie im Halbſchlummer unter dem Schat⸗ ten der Bäume. Sie ſchliefen nicht, ſie träumten nur mit halb geſchloſſenen Augen; ihre Seele irrte wie ein Schmet⸗ terling an einem heißen Sommertage von Blume zu Blume, von Kelch zu Kelch taumelnd. Die Außenwelt zerfloß und hüllte ſich in Nebel, ſie ſahen nur noch wie durch einen Schleier; ſie hörten aus der Ferne verworrene Klänge, welche ſie nicht mehr zu unterſcheiden wußten. Aber plötz⸗ lich ſchreckte ſie der Laut einer Stimme empor, die ſie nur zu genau kannten. Es war das rauhe, bellende Organ des Waiſenvaters, der ganz in ihrer Nähe ſich vernehmen ließ. Er ſchien ſich mit einem andern Manne an dieſem abgelegenen Orte zu unterhalten. Seine Gegenwart wirkte auf die Kinder wie der Anblick der Klapperſchlange auf den erſchrockenen. Vogel. Sie wagten nicht, ſich zu rühren, kaum zu athmen, um ſich nicht zu verrathen. Wilhelm war zuerſt erwacht und behorchte ſo unwillkürlich das Ge⸗ ſpräch, welches folgte. „Du haſt doch,“ fragte Herr Mehlkatz den Unbekann⸗ 154 ten, der jedoch nur der Bediente des Präſidenten war,„die Depeſche mitgebracht?“ „Verſteht ſich,“ antwortete dieſer.„Was ich ver⸗ ſpreche halte ich.“ „Schnell gieb her. Ich habe keinen Augenblick Zeit und mich nur während der Pauſe fortgeſchlichen. Meine Abweſenheit darf nicht bemerkt werden.“ „Eben ſo wenig wie die meinige. Das gäbe eine ſchöne Geſchichte, wenn Jemand uns behorchte.“ „Dummes Zeug. Hier kann uns Niemand hören, deshalb habe ich Dich auch hierher geführt.“ „Wer weiß. Der Teufel hat manchmal ſein wunder⸗ liches Spiel.“ „Rede keinen Unſinn und laß mich die Abſchrift ſehn.“ „Und Sie mir das Geld.“ „Trauſt Du mir nicht?“ „Sicher iſt ſicher. Alſo heraus mit den Goldfüchſen, eher bekommen Sie keine Zeile zu ſehen.“ „Ich kann doch nicht die Katze im Sack kaufen. Zu⸗ erſt muß ich mich doch überzeugen, daß die Depeſche ſich der Mühe lohnt. Wer weiß, was darin ſteht. Wenn der Präſident nicht dadurch zum Falle gebracht wird, ſo nützt uns der ganze Bettel nichts.“ „Diesmal wird er dran glauben müſſen. Es iſt ein Staatsgeheimniß, das kein Menſch wiſſen ſoll. Wenn der 155⁵5 Fürſt erfährt, oder vielmehr glaubt, daß mein Herr nicht reinen Mund gehalten hat, ſo wird er raſen. Der Präſi⸗ dent muß dann ſeinen Abſchied nehmen.“ „Das wollen wir ja auch. Aber mach' nur fort und gieb das Papier. Hier iſt der Reſt in blanken Louis⸗ d'oren.“ „Lumperei!“ rief der Bediente, das Geld nehmend. „Das lohnt ſich nicht der Mühe. Wenn ich nicht noch zehn Stück nachbezahlt bekomme, ſo wird aus dem ganzen Handel nichts.“ „Kerl!“ brauſte der Waiſenvater auf.„Mach' mich nicht toll mit Deinen unverſchämten Forderungen. Du vergißt, daß ich Dich auf's Zuchthaus bringen kann, wenn ich nur den Mund aufthue.“ „Das werden Sie nicht thun, weil Sie eben ſo gut wiſſen, daß Sie mir dort Geſelſſchaft leiſten müßten. Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Warum wollen Sie einem armen Diener nicht einmal ſo einen kleinen Nebenverdienſt gönnen. Sie bekommen gewiß das Doppelte, wo nicht das Dreifache.“ „Gut! Du ſollſt noch drei Louisd'ore bekommen,“ ſtöhnte Herr Mehlkatz, der von dieſen eindringlichen Vor⸗ ſtellungen überzeugt ſchien.. „Nicht unter zehn,“ ſagte der Bediente im feſten Ton. „Wenn man ſo viel wie ich riskirt, muß man auch etwas dafür haben.“ „Gut! Du ſollſt das Geld bekommen. Aber jetzt gieb die Abſchrift. Hier iſt das Geld.“ „Und hier die Depeſche. Ich wußte, daß wir gute Freunde bleiben. Eine Hand wäſcht die andere.“ „Jetzt aber werde ich rechts gehen und Du links, daß wir nicht zu gleicher Zeit geſehen werden. Kein Menſch darf eine Ahnung haben.“ „Verſteht ſich. Reiner Mund bleibt die Hauptſache.“ Wilhelm bemerkte durch die Zweige die Figur des Waiſenvaters und die Uniform des Bedienten. Beide ent⸗ fernten ſich mit leiſen ſchnellen Schritten auf verſchiedenen Wegen, Herr Mehleatz kehrte zu ſeinen Zöglingen zurück, während der Bediente ſich hinter den Stuhl des Präſiden⸗ ten ſtellte, mit einer Miene der treuſten Ergebenheit und voll Reſpect.— Erſt nachdem eine geraume Zeit vergangen war, öffneten die Knaben den Mund. „Haſt Du gehört?“ fragte Wilhelm. „Freilich; Er war es,“ antwortete Gottfried, noch an allen Gliedern zitternd.„Wenn er uns hier getroffen hätte—“ „Geh! Ich hatte keine Furcht. Er ſchien ſich weit mehr zu fürchten, daß ihn Jemand höre.“ 157 „Haſt Du denn verſtanden, wovon ſie eigentlich mit einander geſprochen haben?“ „Nicht ganz. Aber ſo viel weiß ich ſchon, daß es 'was Unrechtes war, was die mit einander vorhatten.“ „Warum meinſt Du das?“ „Weil,“ antwortete Wilhelm mit einer gewiſſen Ueber⸗ legenheit,„ehrliche Leute ſich nicht vor den Menſchen zu ſcheuen brauchen, wie der Waiſenvater that. Außerdem hat der Andere geſagt, daß er Herrn Mehlkatz in's Zucht⸗ haus bringen will, wenn er ihm nicht ſo viel Geld giebt, wie er verlangt. In's Zuchthaus kommen aber nur Diebe oder Mörder. Folglich muß er entweder geſtohlen oder gemordet haben.“ „So was trau' ich ihm ſchon zu. Er iſt ein gar zu ſchlechter Kerl.“ „Das iſt er. Aber ich möchte nur wiſſen, was ihm der Präſident gethan hat, den er durchaus zu Gr inde rich⸗ ten will?“ „Am Ende will er ſelber Präſident werden,“ meinte Gottfried in ſeiner naiven Einfalt. „Wo denkſt Du hin,“ lachte Wilhelm.„So ein Präſident, hab' ich gehört oder geleſen, iſt ein großer Mann und ſpricht alle Tage mit dem Fürſten. Das wäre mir ein ſchöner Präſident, der Waiſenvater, mit dem rothen, finnigen Geſicht.“ „Was geht das uns an, mag er werden, was er will, wenn wir ihn nur nicht zu ſehn brauchen. Es bleibt alſo dabei. So bald es finſter wird und die Andern nach Hauſe gehen, treffen wir uns wieder hier.“ 4 „Und dann reißen wir aus und laufen, was wir kön⸗ nen, zu Mutter Schneider.“ Achtes Capitel. Die Knaben beeilten ſich jetzt, unbemerkt wieder zu den Uebrigen zu gelangen. Sie ſchlugen deshalb den näch⸗ ſten Weg durch das Gebüſch ein, um ſo bald als möglich nach dem Spielplatz zu kommen. Auf der Stelle, wo die Unterredung zwiſchen dem Waiſenvater und dem Bedienten des Präſidenten ſtatt ge⸗ funden erblickte Wilhelm mit ſeinen ſcharfen Augen einen Brief, welcher dem letzteren entfallen ſein mußte, ohne daß dieſer es bemerkt zu haben ſchien. Der Junge nahm das Schreiben auf und ſteckte es in die Taſche, nach⸗ dem er die ihm wohlbekannte Handſchrift des Herrn Mehl⸗ katz ſogleich wieder erkannt hatte. Gottfried verlangte, daß der Brief geleſen werden ſollte, worauf indeß unſer Freund nicht eingehen wollte. 1 159 „Das ſchickt ſich nicht,“ meinte er.„Mutter Schnei⸗ der hat mir immer geſagt, daß man eben ſo wenig einen fremden Brief leſen, wie ein fremdes Haus ohne Erlaub⸗ niß betreten darf. Ich werde den Brief dem Waiſenvater zurück geben.“ „Aber dem gehört er ja nicht. Es ſteht ja ein ganz anderer Name darauf.“ „Das hab' ich gar nicht gewußt. Da will ich doch gleich einmal nachſehen. Richtig! An den Bedienten Friedrich Waldmeier, im Hauſe des Herrn Präſidenten von Lahr. Freilich, da müſſen wir das Schreiben dem Be⸗ dienten oder dem Präſidenten ſelber bringen.“ Damit war die Sache abgethan und der Brief wurde faſt wieder vergeſſen über den nachfolgenden Ereigniſſen. Die Knaben erreichten ohne fernere Abenteuer den gemein⸗ ſchaftlichen Spielplatz und miſchten ſich unter die übrigen Zöglinge der Anſtalt, ohne daß ihre Gegenwart vermißt worden war, wie ſie ſich bald ſelber überzeugen konnten. Sie kamen gerade noch zur rechten Zeit, um dem Schluſſe der Vorſtellung beizuwohnen, wo ſie bei dem gemeinſchaft⸗ lichen Chorgeſang mitwirken mußten. Das Publikum applaudirte aus Leibeskräften und die große Menge ſchien von dem Schauſpiel wahrhaft erbaut zu ſein. Anderer Meinung war jedoch gewiß der Präſident von Lahr; er äußerte ziemlich unverholen ſeine Mißbilligung. „Mich widern,“ ſagte er zu der Gräfin Bratinski gewendet,„derartige Aufführungen in der innerſten Seele an. Ich ſehe nur darin einen Verderb für die Jugend, deren Eitelkeit dadurch eine nur allzu reichliche Nahrung findet. Haben Sie nicht auch die Bemerkung gemacht, daß die meiſten Kinder und beſonders der Sohn des Waiſenva⸗ ters, eine Selbſtgefälligkeit und Dreiſtigkeit zur Schau tru⸗ gen, welche mich höchſt unangenehm berührten. Es fehlt den Knaben alle Kindlichkeit, die nothwendiger Weiſe bei die⸗ ſem Treiben zu Grunde gehen muß. Ich werde bei näch⸗ ſter Gelegenheit mit Herrn Mehlkatz und den Curatoren der Anſtalt ein ernſtes Wort reden.“ „Ich glaube,“ entgegnete ſie ſanft,„daß Sie die Sache zu ſtreng nehmen. Wenn ich Ihnen auch in man⸗ chen Beziehungen beipflichte, ſo habe ich doch einzelne Vor⸗ träge nicht ohne Beifall verfolgt. Sie werden vielleicht lachen, wenn ich Ihnen offen geſtehe, daß mir der arme Knabe, welcher als Soldat Friedrich's des Großen mitten in ſeinem Vortrag ſtecken blieb, ſehr gefallen hat; trotz ſeines Mißgeſchicks flößte er mir ein, mir ſelbſt unerklärliches In⸗ tereſſe ein. Er erinnert mich—. Doch ich bin eine Thörin und langweile Sie nur mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich weiß, daß meine Wünſche doch nicht in Erfüllung gehen werden. Es iſt Alles vergebens; ſelbſt Ihre Nachforſchun⸗ gen, für die ich Ihnen zu ewigem Danke verpflichtet bin, 161 haben auch nicht das geringſte Refultat geliefert. Ich muß jede Hoffnung aufgeben und doch klammere ich mich an einem Strohhalm feſt. Das Geſicht des Knaben ſchien mir eine gewiſſe Aehnlichkeit mit einer geliebten Perſon zu beſitzen; auch ſtimmt das Alter mit dem jenes Kindes überein, das ich ſchon ſeit Jahren ſuche. Doch, was kann das nützen? Ich will mich keiner neuen Täuſchung mehr ausſetzen.“ Dieſe im reſignirten Tone ausgeſprochenen Worte regten in der Bruſt des Präſidenten die alten Zweifel wie⸗ der auf. Seit jenem verhängnißvollen Geſpräche mit der Gräfin kämpfte er fortwährend ſchwankend mit ſeiner nur ihm bekannten Leidenſchaft für die liebenswürdige Frau. Er hatte weder den Muth, ihr ſeine Liebe zu geſtehn, noch die Kraft, mit ihr zu brechen. So wurde er abwechſelnd von ihr angezogen und wieder abgeſtoßen. Sie ſchien die⸗ ſen innern Zwieſpalt nicht zu bemerken und verkehrte mit ihm ſtets in demſelben unbefangenen und vertraulichen Ton. Alle ſeine Bemühungen, die geheimnißvolle Exiſtenz jenes unehelichen Kindes zu entdecken, waren fruchtlos ge⸗ blieben. Umſonſt hatte er die ihm zu Gebote ſtehenden Mittel zu dieſem Zwecke in Bewegung geſetzt; wobei der Gedanke, dieſes Räthſel aufzuklären und vielleicht dadurch die Ueberzeugung von der Unſchuld der Gräfin zu gewin⸗ nen, noch ein ganz beſonderer Sporn für ſeine Thätigkeit 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 11 war. Sie ſprach, ſo oft ſie ihm begegnete, von dieſem Ge⸗ genſtande mit einer Rückſichtsloſigkeit, welche ihn bald zur Verzweiflung brachte, bald mit neuen Hoffnungen er⸗ füllte. Freilich, wenn er noch dazu an die immer lauter auftretenden Gerüchte dachte, welche auf Koſten der Gräfin in der Reſidenz und beſonders am Hofe cirkulirten, ſo em⸗ pfand er neue Beſorgniſſe, daß er ſeine Liebe an eine Un⸗ würdige, eine tief Gefallene verſchleuderte. Auch ſeine Stellung zu dem Fürſten hatte in der letzten Zeit eine für ihn keineswegs erfreuliche Wendung genommen. Das Vertrauen, womit ihm Anfangs der Monarch entgegen ge⸗ kommen war, ſchien bereits zu ſchwinden, ohne daß ſich der Präſident den Grund zu erklären vermochte. Schon einige Male hatte der Fürſt Winke und Andeutungen fallen laſſen, welche auf eine nahe bevorſtehende Ungnade zu deuten wa⸗ ren. Seine Feinde und Gegner benutzten dieſe Stimmung und beſchuldigten Herrn von Lahr der Unvorſichtigkeit, wo⸗ mit er wichtige Beſchlüſſe und Dokumente zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gebracht haben ſollte; ihr gehäſſiger Ei⸗ fer ging ſogar ſo weit, daß ſie ihn eines förmlichen Ein⸗ verſtändniſſes mit fremden Mächten geradezu bezüchtigten. Es bedurfte nur eines Beweiſes für den Fürſten und der Präſident war für ihn zum Sturze reif. Dieſer ſchien je⸗ doch die ihm drohende Gefahr wenig oder gar nicht zu be⸗ achten; er ging wie bisher ſeinen gewohnten Gang mit der 163 Sicherheit und dem Stolze, den ihm ſein redliches Selbſt⸗ bewußtſein und das Gefühl ſeiner Tüchtigkeit verlieh. Weit mehr als ſeine Lage und bedrohte Stellung beſchäf⸗ tigte ihn der Zuſtand ſeines Herzens, welches von den wi⸗ derſprechendſten Gefühlen beſtürmt wurde.— Die Baronin, welche ebenfalls als beſondere Gönnerin des Waiſenvaters den Vorſtellungen der Muſteranſtalt beiwohnte, wie ſie überhaupt bei keiner ähnlichen Gelegenheit fehlen durfte, hatte ſich jetzt dem Präſidenten genähert. Ohne unhöflich zu ſein, konnte er ihr nicht länger ausweichen, obwohl er ſchon ſeit einiger Zeit, ſo weit dies möglich war, ſie zu ver⸗ meiden ſuchte, da ihn ſein Inſtinkt vor der frömmelnden Intriguantin warnte. Sie und ihre ganze Richtung waren ſeinem freien, offenen Sinn zuwider und mit gewohnter Offenheit hielt er im Geſpräche ſeine Meinung nicht zu⸗ rück, obgleich er gern jede Ueberzeugung ehrte, ſo fern ſie ſich eben ſo duldſam Andern gegenüber zeigte. „Nun, Herr Präſident!“ rief ſie ihm mit ſüßlichem Tone zu.„Es freut mich von ganzem Herzen, Sie bei einer ſolchen Gelegenheit zu ſehen. Sie widerlegen ſo am beſten das Gerücht, das Sie gewiß mit Unrecht als einen Feind unſerer frommen Beſtrebungen für die Menſchheit bezeichnet.“ „ Ich glaube, daß ich mich vor Ihnen, gnädige Frau, nicht erſt rechtfertigen darf. Nur unterſcheide ich zwiſchen 11* 164 wahrer Frömmigkeit, Menſchenliebe und Frömmelei. Sie gleichen einander wie das Ideal und die Carricatur.“ „Immer geiſtreich, immer witzig. So oft ich das freilich nur ſeltene Glück habe, mich Ihnen zu nähern, höre ich ſtets eine überraſchende Idee. Aber nicht das Wiſſen und der Geiſt, ſondern der Glaube und das Herz allein machen ſelig. Ich hoffe, daß Sie einer alten Freun⸗ din ihre Offenherzigkeit nicht übel deuten werden.“ „Gewiß nicht, wenn ich mir ſchmeicheln darf, Sie noch zu meinen Freunden zählen zu dürfen.“ „Pfui!“ ſchalt die Baronin.„Sie ſcheinen noch zu zweifeln. Sie ſollen gleich einen Beweis erhalten, ſelbſt auf die Gefahr hin, Ihren Unwillen mir zuzuziehen. Zwar weiß ich wirklich nicht, ob ich Recht thue.— Sie verkehren ſeit einiger Zeit viel mit der Gräfin Bratinski, welche ebenfalls hier iſt.“ „Allerdings,“ antwortete der Präſident mit ſchlecht verhehlter Verlegenheit.„Ich ſchätze und achte dieſe lie⸗ benswürdige Dame.“ „Wir können mit einander aufrichtig reden. Ich will Sie nun über dieſe liebenswürdige Dame aufklären. Der Zufall hat mich mit ihrer Vergangenheit bekannt ge⸗ macht, wofür Sie ſich gewiß intereſſiren und mir zum Danke verpflichtet ſein werden. Die Gräfin war nicht im⸗ mer Gräfin; es gab eine Zeit, wo ſie, wie ich jetzt mit Be⸗ 165 ſtimmtheit weiß, als Choriſtin an einer kleinen Provinzial⸗ bühne mit einem Gehalte von zehn Thalern monatlich engagirt war. Damals ſah ich ſſie öfters und deshalb kam ſie mir auch gleich bei ihrem erſten Auftreten am Hofe ſo bekannt vor. Später verlor ich ſie aus den Augen. Natürlich, derartige Damen wandern von Ort zu Ort wie Zugvögel durch die weite Welt. In Wien ſoll die Schöne an einem hochgeſtellten Kavalier einen Beſchützer gefunden haben. Sie wiſſen, was in der Theaterſprache ein ſolcher Beſchützer ſagen will. Er ſorgte für die junge Choriſtin mit wahrhaft väterlicher Liebe und ſchickte ſie ſpäter, als er ſie hinlänglich kennen gelernt hatte, zu ihrer ferneren Ausbildung nach Italien. Hier trat ſie in ver⸗ ſchiedenen Städten nicht ohne Beifall auf, und zur rechten Zeit, als ihre Stimme eben ſo ſehr wie ihre Reize im Ab⸗ nehmen war, bot ihr der ruſſiſche Geſchäftsträger in einem Anfalle ſarmatiſcher Laune ſeine Hand. Daß die Ehe keine glückliche war, iſt weltbekannt. Beide Gatten beob⸗ achteten im Anfange die äußeren Dehors und übten gegen einander einen hohen Grad von Schonung und Nachſicht aus. Später ſoll es zu allerlei ſkandalöſen Auftritten gekommen ſein; man ſprach ſogar von Scheidung. Zur rechten Zeit ſtarb der Graf und ſetzte ſeine Gattin, die frühere Sängerin, zur Univerſalerbin ſeines bedeutenden Vermögens ein, worüber ſich die Welt und beſonders alle 166 Bekannten nicht wenig wunderten. Nun was ſagen Sie zu dieſen Nachrichten, für deren Wahrheit ich mich verbür⸗ gen kann.“ Die Baronin warf dabei einen triumphirenden Blick auf den Präſidenten, der zu wenig Meiſter der Verſtellung war, um ſeine Verwirrung zu verbergen. Ohne ſeine Antwort abzuwarten, wandte ſie ſich zu dem Miniſter, der in ihrer Nähe ſtand und ihr den Arm bot, um mit ihr einen Spaziergang durch die Reihen der Kinder zu machen. Herr von der Lahr blieb allein zurück; der Pfeil hatte ſein Herz getroffen und die Wunde blutete im Stillen fort. Unterdeſſen hatten die Waiſenknaben an den aufgeſchlage⸗ nen Tiſchen im Freien Platz genommen, wo ſie ihr Ves⸗ perbrod einnahmen. Die Zuſchauer zerſtreuten ſich und befriedigten ebenfalls die Bedürfniſſe ihres Appetits. Es folgten darauf allerlei gemeinſchaftliche Spiele, woran ſich die verſchiedenen Gruppen betheiligten. Der Zufall führte Lieschen mit ihrem alten Freunde Wilhelm zuſammen, ſie hatte den Augenblick abgewartet, wo ſich die Baronin mit dem Miniſter entfernte und ſie ſich unbemerkt glaubte. „Wilhelm!“ rief ſie mit ihrer friſchen Silberſtimme. Er ſchrack ordentlich zuſammen, als er ſie ſo ſchön und prachtvoll wie ein Fräulein mit geflochtenen Zöpfen wieder ſah, ſie ſchien ihm in der kurzen Zeit, wo er ſie nicht geſehen hatte, um ein ganzes Stück gewachſen, ſo daß 167 er ſich neben ihr in ſeiner Waiſenuniform, die er mit dem Soldatenanzug vertauſcht hatte, ganz klein und erbärmlich vorkam.. „Wilhelm!“ wiederholte ſie faſt, aufgebracht über ſeine gewiß verzeihliche Schüchternheit.„Du kennſt mich wohl nicht mehr. Ich habe mich den ganzen Tag darauf gefreut, Dich hier zu ſehen, und nun thuſt Du, als hätten wir nie zuſammen geſpielt und ſtehſt da wie ein Holzklotz.“ „Ach!“ antwortete er.„Ich ſchäme mich vor Dir.“ „Dummer Junge! Was ſchämſt Du Dich?“ fragte ſie mit ihrem früheren, vertraulichen Lächeln. „Weil ich ſtecken geblieben bin und mein Gedicht nicht zu Ende ſagen konnte.“ „Was iſt da weiter? Ich bleibe auch immer ſtecken, wenn ich vor der Gouvernante etwas aufſagen ſoll.“ „Das iſt'was Anderes, aber vor ſo vielen Menſchen. Es ſchnürte mir die Kehle zu und ich konnte kein Wort vorbringen, als ich Dich da unten ſitzen ſah.“ „Du haſt mich alſo bemerkt, wie ich Dir Geſichter ſchnitt.“ „Freilich! und das allein hat mich ſo verwirrt ge⸗ macht.“ „Na gräme Dich nicht. Das nächſte Mal wird es ſchon beſſer gehn. Aber jetzt laß Dich einmal anſehen, Du kommſt mir ſo verändert vor.“ 168 „Das machen die abgeſchnittenen Haare.“ „Pfui! Warum haſt Du Dir Deine Locken ſo ab⸗ ſcheeren laſſen? Weißt Du auch, daß Du recht garſtig ausſiehſt.“ „Man hat mich nicht gefragt. Der Waiſenvater kam mit ſeiner Scheere und Ritz Ratz lagen meine Haare am Boden.“: „Ich hätte es an Deiner Stelle nicht gelitten; ge⸗ ſchrien, gebiſſen, gekratzt, bis er mich losgelaſſen hätte.“ „Das nutzt nichts; er iſt ſtärker wie ich und ein recht böſer Mann.“ „Da geht es Dir wohl recht ſchlecht in Deiner An⸗ ſtalt?“ fragte ſie im mitleidigen Tone.„Erzähle mir doch, was Du machſt.“ „Ich will Dir Alles erzählen, aber nicht hier, wo es die Leute hören können. Wir wollen zur Seite gehn, wo uns Niemand ſehen kann. Aber Du mußt mir verſpre⸗ chen, keinem Menſchen etwas von dem zu ſagen, was ich Dir anvertrauen werde.“ „Darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Ich bin keine Klatſchlieſe wie andere Mädchen.“ Leiſe entſchlüpften ſie aus dem Gedränge und ſuch⸗ ten einen der vielen verſchwiegenen Plätze im Birkenwäld⸗ chen auf, wo ſie ſich niederließen und gegenſeitig ihr klei⸗ nes Herz ausſchütteten. Hier erfuhr Lieschen das traurige 169 Geſchick ihres Freundes, ſeine Einſperrung in die Folter⸗ kammer des Waiſenvaters, ſeine Krankheit in Folge der⸗ ſelben und ſeinen Entſchluß, durch die Flucht ſich ferneren Leiden zu entziehn. „Das iſt Recht,“ ſagte ſie.„Du mußt zu Mutter Schneider zurück, dann können wir uns wieder alle Tage ſehen und mitſammen ſpielen.“ „Wenn Sie mich aber nicht aufnehmen will, was ſoll dann aus mir werden 2“ fragte er beſorgt. „Sie muß Dich aufnehmen und ſie wird es auch, denn ſie iſt Dir gut. So oft ich nach Dir frage, fängt ſie zu weinen an, die liebe Frau Schneidern.“ „Wenn der Waiſenvater aber kommt, mich zurück⸗ zufordern und abzuholen, da wird ſie wieder nicht den Muth haben, mich zu behalten. Gut iſt ſie wohl, aber auch arm. Und dann muß ſie auch den Gottfried bei mir laſſen, von dem ich Dir ſchon erzählt habe.“ „Ja, der Gottfried muß bei Dir bleiben,“ entſchied Lieschen ſehr ernſthaft.„Er ſcheint ein guter Junge zu ſein.“ „Das iſt er,“ bekräftigte Wilhelm.„Er hat bei mir geſeſſen, ſo lange ich krank war und ſich nicht von meinem Bette fortgerührt. Dafür hab' ich ihn auch ſo lieb, daß ich es gar nicht ſagen kann.“ 170 „Lieber wie mich?“ fragte die Kleine in einer An⸗ wandlung von kindiſcher Eiferſucht. „Nein, das nicht,“ entgegnete er treuherzig,„aber faſt ſo lieb.“ Damit war Lieschen auch vollkommen befriedigt und zur Belohnung umſchlang ſie Wilhelm unaufgefordert mit ihren zarten Armen und gab ihm einen herzhaften Kuß mit ihren friſchen, rothen Lippen, ohne daß ſie in ihrer Unſchuld wußte, was ſie that. Beide waren eben noch Kinder und folgten dem natürlichen Gefühle in ihrer Bruſt, ihr Kuß war rein und ſchuldlos wie die Liebe der Engel, ihre Lippen berührten ſich, wie wenn eine Roſenknospe ſich zur andern neigt.— Die untergehende Sonne goß ihren goldenen Schimmer gleich einer Strahlenglorie über das holde Kinderpaar aus. Ihre Wangen glühten, ihre Haare ſtrahlten, ihre ganze Geſtalt war, von Licht umfloſ⸗ ſen, wie zwei kleine Heilige auf goldenen Grund gemalt.— Allmälich trat die Dämmerung ein, das Zeichen zum Rück⸗ weg drang bis zu ihrem verſchwiegenen Aſyl. Wilhelm ſprang auf und riß ſich los. „Ich muß fort,“ ſagte er.„Gottfried wartet ſchon auf mich. Jetzt in dem Gedränge können wir am leich⸗ teſten entkommen. Du mußt auch zur Mutter zurück.“ Damit war Lieschen um ſo eher einverſtanden, da ſie ihren Freund, im Fall die Flucht nicht mißglückte, noch 7 26 171 heute oder ſpäteſtens morgen zu ſehen hoffte. Deshalb nahm ſie auch nur einen kurzen, wenn auch nicht minder herzlichen Abſchied von ihm. Leicht und ſchnell wie ein flüchtiges Reh hüpfte ſie davon und zu ihrer Mutter zurück. „Wo haſt Du denn geſteckt?“ fragte die Baronin. „Und wie ſiehſt Du aus, kleine Herumtreiberin!“ „Ich habe nur im Wäldchen Blumen geſucht,“ log die Kleine, wobei ſie jedoch über und über roth wurde, „aber ich fand nichts Geſcheutes dort.“ Die Baronin war zu ſehr mit ihren eigenen Gedan⸗ ken beſchäftigt, um die Wahrheit dieſer Ausſage zu unter⸗ ſuchen; ſie hatte ſo eben eine intereſſante Unterredung mit dem Miniſter gehabt, welche noch in ihrer Seele nach⸗ klang. Es waren ihr Ausſichten eröffnet worden, durch die ſie nicht nur ihren Ehrgeiz, ſondern auch ihre Rache gegen den Präſidenten und die Gräfin Bratinski zu befriedigen hoffte. Der Miniſter ſprach von dem nahe bevorſtehenden Sturze des Erſteren, ſo wie von der Verbannung der Letz⸗ teren aus der Nähe des Herrſcherpaares wie von einer aus⸗ gemachten Sache. „Dann haben wir freies Feld,“ flüſterte er leiſe, um nicht gehört zu werden.„Ich biete meiner ſchönen Freun⸗ din ein Schutz⸗ und Trutzbündniß für die Zukunft an.“ 172 „Das ich mit tauſend Freuden annehme,“ antwortete die Baronin. „Unſere Intereſſen gehen Hand in Hand. Sie werden zur Oberhofmeiſterin ernannt.“ „Und mein Mann erhält den nächſten, erledigten Geſandtſchaftspoſten.“ „Ich verſtehe und werde dafür ſorgen, daß er ſo weit als möglich verſetzt wird. Zur Unterſtützung geben wir ihm einen tüchtigen Legationsrath mit, der die Geſchäfte für ihn beſorgen kann.“ Damit zeigte ſie ſich vollkommen einverſtanden, da ſie ſchon längſt darauf bedacht war, natürlich unter der ſtreng⸗ ſten Beobachtung der äußeren Formen, ſich ihres Gatten zu entledigen, deſſen Unbedeutendheit ihr täglich läſtiger fiel. Sie als Oberhofmeiſterin in der Reſidenz, er als Ge⸗ ſandter auf ſeinem fernen Poſten; das war ihr höchſter Wunſch, deſſen Erfüllung ſie jetzt in naher Ausſicht ſah. Sie hoffte ihren Mann um ſo leichter zu dieſem freund⸗ ſchaftlichen Auskunftsmittel zu bewegen, da das eheliche Verhältniß zwiſchen Beiden nur den Namen nach beſtand. Das einzige, ſchwache Band, welches die Gatten an ein⸗ ander feſſelte, war ihre Tochter Lieschen ganz allein.— Die Baronin ließ ſich von dem Miniſter bis zum Wagen begleiten, wo die Verbündeten von einander einen höflichen Abſchied nahmen. Die Mutter hatte keine Zeit und keinen 173 Sinn für das anmuthige, kindliche Geplauder der Kleinen, ſie wiegte ſich bereits im Bewußtſein ihrer künftig hohen Stellung, nur mit ihren ehrgeizigen Plänen und mit dem Triumph über die ihr verhaßten Gegner augenblicklich be⸗ ſchäftigt, ſo daß auch Lieschen, da ſie von der Baronin keine Anwort erhielt, bald wieder verſtummte und mit ihren Gedanken nur noch bei Wilhelm war, dem ſie von ganzer Seele das Gelingen ſeiner Flucht wünſchte. Welch ein wunderbarer Contraſt ſaß hier ſo nahe neben einander auf einem Sitz, ein altes Herz voll Haß und Ehrgeiz, ein junges Herz voll Güte und Liebe, die Frucht vom Wurmie angenagt, von der faulen Verderbniß ergriffen und die unſchuldsvolle, friſche Knospe, erfüllt von ſüßem Duft, geſchwellt von jeder ſchönen Hoffnung und geſegnet vom Himmel mit goldenem Sonnenſchein und erquickendem Thau.— Sobald Wilhelm von Lieschen Abſchied genom⸗ men, war er, ohne in dem Gedränge der Aufbrechenden und bei der vorhandenen Dunkelheit bemerkt zu werden, wie er es mit Gottfried verabredet hatte, zu der bezeich⸗ neten Stelle geeilt, wo er den treuen Freund bereits vor⸗ fand. Sie warteten noch mit klopfendem Herzen einige Minuten, ehe ſie ſich entfernten. Im entſcheidenden Au⸗ genblick fühlten ſie doch eine natürliche Beklemmung; es war ihnen, als müßte man ſie ſogleich vermiſſen und ſie verfolgen. Anfänglich ſchreckten ſie auch bei dem Rauſchen 174 eines Blattes, oder wenn ein Vogel vor ihnen aufflog. In jedem Vorübergehenden glaubten ſie einen Verfolger, oder gar den Waiſenvater ſelber zu erblicken; bei jedem Schritte drehten ſie ſich um und ſchauten zurück, ob ihnen auch Niemand nachkomme. Erſt als ſie ohne Abenteuer eine größere Strecke zurückgelegt hatten, wurden ſie dreiſter und auch ruhiger. Es war bereits ganz dunkel, als ſie die Stadt und die Wohnung der Mutter Schneider erreichten. Wie ſchlug Wilhelm das Herz, da er ſo nach langer Zeit wieder den alten Hof betrat. Es war ganz ſtill, die mei⸗ ſten Bewohner hatten ſich ſchon zurückgezogen und ſaßen in ihren Stuben. An dem erleuchteten Fenſter glaubte er den Kopf des treuen Flickſchuſters zu erblicken; er zeigte den dunkeln Schatten ſeinem Freunde mit einem eigenen Gefühl von Furcht und Freude. Aus dem nahen Stalle tönte das Wiehern der Pferde, welchen der Kutſcher ihr Futter vorſtreute. Wilhelm wäre am liebſten gleich hin⸗ gegangen, um den alten Bekannten zu begrüßen. Seine Beine zitterten ordentlich, als er die Schwelle überſchritt und gefolgt von Gottfried die gebrechliche Treppe herauf⸗ ſtieg. Vor der Thür blieb er ſtehen, um zu lauſchen, ob auch ſeine Pflegemutter zu Hauſe ſei. Durch die Ritze und das Schlüſſelloch drang der ſchwache Lichtſtrahl ihrer kleinen Lampe. Er glaubte ſie zu hören, wie ſie mit Tel⸗ lern und Schüſſeln handthierte; gewiß war ſie beim Abend⸗ 175 brod und dachte vielleicht an ihn. Schüchtern öffnete er jetzt die Thür und ſteckte ſeinen Kopf herein; die gute Frau erſchrak über den ſpäten Beſuch und ſchrie vor Furcht laut auf. „Wer iſt da?“ fragte ſie zuſammenfahrend. „Ich bin es ja,“ antwortete der Junge. „Wilhelm!“ rief ſie ganz verwundert und glaubte, ihren Augen nicht trauen zu dürfen. „Ich bin es,“ mußte er noch einmal wiederholen, ehe ſie ihn wieder erkannte. „Gütiger Himmel! Was machſt Du in ſo ſpäter Nacht hier? Wie kommſt Du her und warum biſt Du nicht in der Anſtalt? Was will der fremde Junge dort?“ Das waren viele Fragen auf ein Mal, zu denen er eine geraume Zeit bedurfte, ehe er ſie nach der Reihe be⸗ antworten konnte. Bei ſeiner Erzählung ſchlug ſie ein Mal über das andere die Hände über den Kopf vor Ver⸗ wunderung, Mitleid und Schreck zuſammen. Und als er geendet hatte, ſaß ſie noch immer ſtumm vor Erſtaunen da; ſie wußte gar nicht, was ſie ſagen oder thun ſollte. „Das ſind ſchöne Geſchichten,“ meinte ſie.„Was wird Herr Roſenberg, was wird die Frau Baronin, was wird der Herr Waiſenvater ſagen? Der Kopf dreht ſich mir und ich weiß nicht, was ich anfangen ſoll und noch dazu mit zwei Jungen.“ 176 „Das hab' ich mir gleich gedacht,“ fiel Gottfried ſchüchtern ein.„Aber der Wilhelm wollte mich nicht hören. Am beſten wird wohl ſein, wenn ich gehe.“ „Wenn Du gehſt, geh' ich auch,“ ſagte Wilhelm ent⸗ ſchloſſen. „Und wohin wollt Ihr denn?“ ſchalt Frau Schneider, bei der ſich das Mitleid regte und die angeborene Güte die Oberhand gewann.„In ſo ſpäter Nacht, wo ſchon alle Häuſer geſchloſſen ſind, müßt Ihr am Ende auf der Straße liegen. Für heute könnt Ihr Beide bleiben und morgen will ich ſehen, was ſich thun läßt.“ Den Knaben fiel ein Stein vom Herzen und mit dem glücklichen Leichtſinn der Zugend machten ſie ſich über das Abendbrod her, welches die Pflegemutter mit ihnen theilte; wobei ſie keinen geringen Appetit entwickelten; die gute Frau ſah ihnen zu und freute und ärgerte ſich zu gleicher Zeit. Bald ſchimpfte ſie über die Grauſamkeit des Waiſenvaters und dann wieder über die tolle Flucht der Jungen, welche ihr neue Verlegenheiten zu bereiten drohte. Sie hätte Beide gern behalten, aber eben ſo gern wieder fortgeſchickt, da ihr Einkommen kaum für ſie ſelber hin⸗ reichte. So ſchwankte ſie und konnte zu keinem Entſchluſſe kommen, bis ſie ſich mit dem Gemeinſpruch tröſtete: Guter Rath kommt über Nacht. Da die Jungen von dem weiten Spaziergang müde waren und ihnen der Schlaf zu den 177 Augen herausſah, ſo ſchleppte ſie den Strohſack und das Kopfkiſſen wieder herbei, auf welchem Wilhelm früher ge⸗ ruht hatte. Bald war das Lager bereitet; die Freunde ſanken darauf hin und ſchliefen ſchon im nächſten Augen⸗ blick ſo feſt, wie eben Knaben in dieſem Alter zu ſchlafen pflegen, während ſie voll Sorge um ihren Pflegling kein Auge zumachen konnte.— Neuntes Capitel. In das Schloß des Fürſten trat der Präſident von der Lahr zur ungewohnten Frühſtunde. Der Monarch hatte ihn rufen laſſen, angeblich wegen einer wichtigen An⸗ gelegenheit. Schon im Vorzimmer war dem Präſidenten das Benehmen der anweſenden Höflinge aufgefallen, ſie mieden ihn und zogen ſich von ihm zurück; ihre Mienen weiſſagten nichts Gutes für ihn. Er war ſchon hinlänglich mit dieſem Barometer vertraut, um darnach die Höhe oder die Tiefe der fürſtlichen Gunſt zu meſſen. Sonſt drängten ſich Alle bei ſeinem Erſcheinen um ihn, heut grüßte ihn kaum einer dieſer Leute. Der dienſtthuende Kammerherr, welcher nie verfehlte, ihm ſeine goldene mit dem Namenszug ſeines Herrn in Brillanten verſehene Doſe 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 12 178 zu präſentiren, öffnete dieſelbe jetzt in ſeiner Gegenwart mit vielem Geräuſch und nahm eine Priſe Spaniol, ohne nur die Miene zu machen, ihm davon anzubieten. Ein⸗ zelne Gruppen ſtanden an den Fenſtern und unterhielten ſich flüſternd von ſeinem bevorſtehenden Sturz; ſo bald er ſich ihnen zufällig näherte, ſchwiegen ſie plötzlich und ſahen ihn mit einem mitleidigen Achſelzucken an. Auch mußte er gegen alle ſonſtige Gewohnheit längere Zeit warten, ehe er vorgelaſſen wurde. Alle dieſe Zeichen deuteten auf einen Sturm, dem er im Bewußtſein ſeiner Unſchuld muthig und unbefangen entgegen zu gehen beſchloß. Endlich öffneten ſich die großen Flügelthüren; er hörte ſeinen Namen rufen und ſtand im nächſten Augenblicke vor dem Fürſten. Dieſer ſaß an einem mit koſtbaren Schnitzereien verzierten Schreib⸗ tiſche, auf welchem mehrere Aktenſtücke lagen. Beim Ein⸗ tritte des Präſidenten wendete ſich der Monarch mit einer raſchen Bewegung um und maß mit ſeinen klaren, ſcharfen Augen denſelben. Ruhig und gefaßt hielt er den prüfen⸗ den Blick aus, ohne ſeine Augen niederzuſchlagen. „Ich habe Sie rufen laſſen,“ begann der Fürſt nach einer Pauſe. „SIch ſtehe zu Befehl und erwarte die Aufträge Eurer königlichen Hoheit,“ erwiederte der Präſident mit einer tiefen Verneigung. Eine peinliche Pauſe folgte, während welcher der 179 Monarch unter den verſchiedenen Papieren zu blättern ſchien, welche auf dem Schreibtiſche lagen. Endlich zog er ein Schriftſtück hervor, das er dem Präſidenten vor⸗ hielt. „Kennen Sie dieſe Depeſche?“ fragte er mit ſcharfer Betonung. „Allerdings!“ antwortete dieſer nach einem flüchtigen Blicke, den er darauf gethan.„Es iſt daſſelbe Aktenſtück, das ich vor wenig Tagen erſt aus dem Kabinet erhalten habe.“ „Und das Sie dem franzöſiſchen Geſandten überlie⸗ ferten, mein Ihnen geſchenktes Vertrauen mißbrauchend.“ Dieſe unverdiente Beſchuldigung traf den Präſidenten wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel; er hätte eher den Einſturz des Himmels erwartet; doch ſchon im näch⸗ ſten Augenblick war er gefaßt; nur daß eine edle Entrüſtung ſeine bleichen Wangen jetzt röthete. Mit Würde wies er jene Anklage zurück, indem er ſich auf ſeinen bisherigen tadelloſen Lebenswandel berief und die Unmöglichkeit eines ſo ſchändlichen Verrathes ſich darzuthun bemühte. Das war nicht die Sprache eines Schuldigen und ſo ſehr auch der Fürſt gegen ihn durch die Feinde des Präſidenten ein⸗ genommen war, ſo verfehlte doch dieſes offene, männliche Benehmen nicht, einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. „Ich will Ihnen glauben,“ ſagte der Monarch nach 12* * 180 einigem Nachdenken,„glauben, daß eine ſ chändliche Cabale gegen Sie im Werke iſt; daß Sie kein Verräther ſind. Aber mindeſtens trifft Sie der Vorwurf einer groben Fahr⸗ läſſigkeit. Die Depeſche war nur mir und Ihnen allein bekannt, kein anderer Menſch konnte darum wiſſen. Wie iſt es möglich, daß ſie in die Hände des Geſandten kam?“ „Der Vorfall bleibt mir unerklärlich. Ich hatte ſie gleich nach dem Empfange ſorgfältig in ein geheimes Fach gelegt, zu dem ich allein den Schlüſſel habe.“ „Dann muß Ihre Umgebung nichts taugen. Viel⸗ leicht iſt Ihr Bedienter kein zuverläſſiger Mann.“ „Ich habe keinen Grund ihm zu mißtrauen,“ entgeg⸗ nete der Präſident mit Beziehung.„So lange mir die Beweiſe fehlen, verdamme ich nicht leicht einen Menſchen.“ „Man hat mir geſagt,“ fuhr der Fürſt mit einem ſonderbaren Blicke fort, daß Sie zu der Gräfin Bratinski in einem intimen Verhältniß ſtehen.“ „Ich habe dieſe Dame im Schloſſe Eurer königlichen Hoheit und am Hofe ſelbſt kennen gelernt.“ .„Leider haben wir uns in dieſer Perſon getäuſcht. Nach genauen Erkundigungen, die wir eingezogen haben, iſt die Gräfin nur eine Theaterprinzeſſin. Sie ſcheint mir eine Intriguantin zu ſein und ſoll mit der franzöſiſchen Geſandtſchaft in Verbindung ſtehen.“ „Dieſe Thatſachen, wenn ich ihnen auch Glauben 181 ſchenken will, waren mir bis jetzt vollkommen unbekannt. Auch habe ich nie mit der Gräfin über Politik geſprochen, noch weniger ihr irgend eine derartige Mittheilung ge⸗ macht.“ „Und ich habe ſie von meinem Hofe verwieſen. Ich fürchte, daß ſie allein hier ihre Hände im Spiele hat. Doch die Sache mag hiermit ihr Bewenden haben. Sie haben das auf Sie geſetzte Vertrauen getäuſcht, Herr Präſident.“ „Ich bin bereit dafür zu büßen und bitte, mich mei⸗ nes ohnehin ſchwierigen Amtes zu entheben. Zugleich wünſche ich ſelbſt die ſtrengſte Unterſuchung dieſer Ange⸗ legenheit. Wenn ich ſchuldig befunden werde, ſo will ich gern die ſchwerſte Strafe erleiden.“ „Sie ſprechen mit großer Zuverſicht. Ihr Ab⸗ ſchiedsgeſuch ſehe ich mich leider gezwungen, anzunehmen. Vorläufig jedoch werden Sie die Geſchäfte Ihres Amtes noch ſo lange fortführen, bis der von mir Ihnen beſtimmte Nachfolger eingetroffen iſt. Eine Unterſuchung wünſche ich aus mannigfachen Gründen nicht und beſonders weil ich an Ihre Schuld weder glauben kann, noch will.“ 4 Mit einer Handbewegung entließ der Fürſt den Präſidenten, der ſich vollkommen unſchuldig fühlte und deshalb ſtolz und aufrecht durch die Schaar der lauernden Höflinge ſchritt. Beim Herausgehn begegnete er auf der 182² Treppe dem Miniſter, welcher ſeinen Gruß mit einem höhniſchen Lächeln erwiederte. Erſt als er wieder im Freien war, gab er ſich dem bittern Gefühle hin, wel⸗ ches jeder Ehrenmann bei einer unverdienten Kränkung empfinden muß. Bald war er jedoch vollkommen über die fürſtliche Ungnade getröſtet; er beſaß den ächten Mannes⸗ ſtolz, kein niederer Ehrgeiz beſeelte ihn, ſondern einzig und allein der Gedanke, dem Staate und ſeinen Mitbür⸗ gern zu dienen und in ſeiner Stellung nützlich zu ſein. Ohne ſein Zuthun war er zu ſeinem hohen Poſten berufen worden und ohne Schmerz ſchied er jetzt aus demſelben. Das Urtheil der Welt, das Geſchwätz der Menge war ihm vollkommen gleichgültig. Ruhig und gefaßt begab er ſich nach ſeiner Wohnung, um daſelbſt ſeine Geſchäfte noch in Ordnung zu bringen und den ihm unbekannten Nach⸗ folger Alles zu übergeben. Als er eben in die Thür des Hauſes treten wollte, fiel ihm die Geſtalt eines Knaben auf, der hier zu warten ſchien. Dieſer näherte ſich ihm höflich und mit abgezogener Mütze in der Hand. „Was willſt Du und wen ſuchſt Du hier?“ fragte der Präſident mit gewohnter Freundlichkeit. „Ich möchte gern den Bedienten oder den Herrn Präſidenten ſelber ſprechen,“ antwortete dreiſt der Junge, welcher unſer Freund Wilhelm war.— 183 „Der Präſident bin ich ſelber. Was bringſt Du mir?“ „Ich habe geſtern im Birkenwäldchen einen Brief ge⸗ funden, den ich hier abgeben will.“ Damit reichte er dem Präſidenten das erbrochene Schreiben hin. Dieſer warf einen zerſtreuten Blick darauf und las immer aufmerkſamer, immer geſpannter. Der Inhalt überraſchte ihn auf das Höchſte; plötzlich waren alle ſeine bisherigen Zweifel gelöſt, das räthſelhafte Ver⸗ ſchwinden der Depeſche mit einem Male erklärt. Der Brief enthielt die Beweiſe, daß ſein eigener Bedienter der Thäter war, angeſtiftet von einer fremden Perſon, welche ſich aus Vorſicht nur mit dem Anfangsbuchſtaben ihres Namens unterzeichnet hatte. Dem aufmerkſamen Knaben entging die Bewegung nicht, welche der Leſer deutlich in ſeinen Zügen verrieth. „Der Waiſenvater,“ fügte er hinzu,„hat den Brief geſchrieben; ich kenne ſeine Handſchrift.“ „Welcher Waiſenvater?“ fragte der Präſident ver⸗ wundert. „Nun Herr Mehleatz, der die Muſteranſtalt hat.“ „Komm jetzt mit, mein Sohn; Ich muß Dich nochn genau über die Art und Weiſe befragen, wo und wie Du den Brief gefunden haſt.“ Wilhelm folgte ihm willig und gern, da ihm das freundliche Geſicht und wohlwollende Betragen des Prä⸗ 184 ſidenten ſogleich das größte Zutrauen einflößte. Er mußte ſich niederſetzen und ausführlich Alles berichten, was er geſtern im Birkenwäldchen geſehn und gehört hatte. Mit großer Naivetät erzählte er auch das Geſpräch, welches zwiſchen dem Waiſenvater und dem Bedienten ſtatt ge⸗ funden hatte. Der Präſident zeigte die größte Theilnahme und freute ſich an dem offenen Sinn und dem geſunden Urtheil des treuherzigen Knaben. „Ich dachte mir gleich,“ fügte dieſer hinzu,„daß eine Schelmerei dahinter ſtecken muß, denn die Beiden hatten große Furcht vor dem Zuchthauſe.“ „Dem ſollen ſie auch nicht entgehn,“ ſagte der Prä⸗ ſident.„Du haſt wohl gethan, mir den Brief zu über⸗ geben. Wie biſt Du aber dazu gekommen, mich vor der Thüre zu erwarten.“. „Ich habe mich ſo ſehr gefürchtet, weil ein Präſi⸗ dent ein ſo großer Mann ſein ſoll, weit mehr wie ein Waiſenvater. Deshalb getraute ich mir gar nicht anzu⸗ klopfen. Ich wollte lieber warten, bis Jemand kommen würde!“ „„ Der Zufall oder vielmehr die Vorſehung hat es gut gefügt und Du ſollſt dafür noch beſonders belohnt werden. Mein Diener hat Dich alſo nicht geſehen?“ „Nein, ich hätte ihm ja ſonſt den Brief gegeben,“ meinte Wilhelm in ſeiner naiven Unſchuld.. 185 „Es iſt ſo beſſer, daß ich ihn erhalten habe. Jetzt ſollſt Du mir noch einen Gefallen thun. Du ſcheinſt mir ein braver und tüchtiger Junge zu ſein. Ich werde einen Brief ſchreiben, den Du ſogleich auf die nächſte Polizei⸗ wache tragen wirſt. Unterwegs ſprichſt Du aber mit kei⸗ nem Menſchen. Beeile Dich und komm bald wieder.“ Das verſprach Wilhelm und ſprang mit dem em⸗ pfangenen Billet davon, um ſchon nach wenigen Augen⸗ blicken mit einigen bewaffneten Poliziſten zurückzukehren. Jetzt klingelte der Präſident mit der vor ihm ſtehenden Glocke, indem er zuvor Wilhelm und die Wache erſucht hatte, ſich in ein nebenanbefindliches Zimmer zurückzuziehn und auf ein von ihm gegebenes Zeichen wieder zu erſchei⸗ nen. Bald darauf trat der ehrliche Friedrich mit ſeinem frommen Geſichte ſo unbefangen wie immer ein. Er ſchien ſich nur zu wundern, daß ſein Herr ſo ſchnell zu⸗ rückgekommen war, weit früher, als er ihn vermuthet hatte. Indeß war die Zeit nicht ungenutzt für ihn ver⸗ gangen, da er während der Abweſenheit des Präſidenten in einer benachbarten Reſtauration ſein zweites Frühſtück eingenommen hatte.* „Was befehlen Ihre Gnaden?“ fragte er mit un⸗ terwürfigen Mienen.„Soll ich vielleicht den Sekretair rufen?“ „Das iſt nicht nöthig,“ entgegnete der Präſident, 186 ihn mit ſeinen Blicken durchbohrend.„Du ſchreibſt ja auch eine gute Hand. Ich will Dir einen Brief diktiren.“ „Ihre Gnaden belieben nur zu ſcherzen. Wie käme ich zu einer ſolchen Ehre.“ „Du ſiehſt, daß ich auf Deine Beförderung denke. Setz' Dich nur ohne Umſtände und ſchreib', was ich Dir ſage.“. „Ich gehorche!“ ſagte der Bediente, der ſich die ſeltſame Laune ſeines Herrn gar nicht zu erklären ver⸗ mochte. „Wenn Du fertig biſt,“ befahl der Präſident,„ſo ſchreib': Verehrter Herr und Freund! Ich danke Ihnen für das empfangene Geld, für den Sündenlohn, wofür ich meinen nur zu nachſichtigen Herrn verrathen habe.“ Jetzt fing es dem ehrlichen Friedrich an unheimlich zu werden; er rückte auf dem Stuhle unruhig hin und her, ſeine Augen bald nach ſeinem Herrn, bald nach der Thür richtend, als wollte er ſich für alle Fälle den Rück⸗ zug ſichern. Seine Hände fingen ihm zu zittern an und auf ſeiner niederen Stirn brachen die hellen Schweiß⸗ tropfen hervor. „Du ſchreibſt ja nicht, Friedrich,“ rief der Präſident dem armen Sünder zu.„Nur weiter, wenn ich bitten darf. Vorwärts, wie folgt: Den Nachſchlüſſel habe ich richtig durch Ihren Boten bekommen und damit auch das 187 geheime Schubfach geöffnet, wo die bewußte Depeſche ſich befindet. Anbei folgt die gewünſchte, wortgetreue Ab⸗ ſchrift.“ Die Feder war dem Elenden jetzt aus der Hand ge⸗ fallen; ſo ſaß er da mit leichenblaſſem, fahlem Angeſicht, vollſtändig gelähmt und erdrückt von der Laſt ſeines Ver⸗ brechens. „Gnade!“ ſtammelte er, nach Luft ringend und von ſeinem Sitze auftaumelnd. „Was redeſt Du von Gnade?“ fragte Herr von Lahr kalt.„Du haſt vergeſſen, die Adreſſe zu machen: An den Waiſenvater, Herrn Mehlkatz, wohlgeboren, in der Thurmgaſſe.“ „Gnade!“ flehete von Neuem der Bediente.„Ich bin nur verführt worden, ich allein hätt' es nie über mein Herz gebracht, ſolch einen gütigen Herrn zu verrathen. Er hat mich überredet und mit ſeinem verwünſchten Gelde meine Augen verblendet.“ „Du bekennſt alſo?“ „Daß ich ſchuldig bin, daß— ich auf Geheiß des niederträchtigen Mehlkatz, der mich dazu verleitet hat, mit⸗ telſt des Nachſchlüſſels Ihren Schreibtiſch geöffnet und öfters Dokumente und Depeſchen abgeſchrieben habe, die er mir abnahm und wofür er mich bezahlte.“ „Dein offenes Bekenntniß ſoll Dich vor der härteren 188 Strafe bewahren. Einſtweilen ſehe ich mich jedoch ge⸗ nöthigt, Dich der Polizei zu übergeben und Dich feſtnehmen zu laſſen.“ Der Präſident gab das verabredete Zeichen und die Wache bemächtigte ſich des Verbrechers, der unter Thrä⸗ nen und Schluchzen ſeine Reue zu erkennen gab. Auf Verlangen wiederholte Friedrich ſein Geſtändniß, das jetzt vollſtändig von einem vereidigten Schriftführer und in Gegenwart der Zeugen zu Protokoll genommen wurde. Nachdem dies geſchehn war, ſtürzte ſich der Bediente noch einmal zu den Füßen ſeines Herrn, deſſen Gnade anflehend und ihm ſeine unglückliche Familie empfehlend. „Für die Deinigen,“ ſagte dieſer ſtreng aber menſch⸗ lich,„will ich Sorge tragen, weil ſie mich dauern. Ueber Dein Schickſal habe ich nicht, ſondern einzig und allein das Geſetz und Deine Richter zu beſtimmen.“ Darauf flüſterte er dem Beamten einige leiſe Befehle in's Ohr, welche dieſer ſogleich auszuführen verſprach, während der Gefangene in einem indeß herbeigeholten Wa⸗ gen geräuſchlos nach dem Polizeigefängniſſe gebracht wurde. Der Präſident blieb allein mit Wilhelm zurück; er ließ ſich den Namen des Knaben und die Wohnung der Pflegemutter ſagen. „Geh' jetzt, mein Sohn,“ fügte er gütig hinzu, in⸗ dem er ſeine Hand auf den Kopf des Jungen legte.„Du 189 haſt mir einen größeren Dienſt erwieſen, als Du ahnen kannſt. Deine Zukunft ſoll von nun an meine Sorge ſein. Nur das Verſprechen fordere ich von Dir, daß Du keinem Menſchen von dem hier Vorgefallenen etwas ſagſt. Ich weiß, daß Du Dein gegebenes Wort halten wirſt. Wir ſehen uns vielleicht noch heute, ſpäteſtens morgen, wo ich die Frau Schneider ſelber aufſuchen will.“ „Im Hinterhauſe drei Treppen hoch beim Rentier Roſenberg,“ bemerkte der Knabe aus Vorſicht. „Ich werde es ſchon behalten,“ lächelte der Präſi⸗ dent.„Auf Wiederſehn, mein kleiner Freund!“— Als Wilhelm hinaus auf die Straße trat, ſchwankte er wie ein Trunkener, Alles drehte ſich mit ihm im Kreiſe; er wußte gar nicht wie ihm geſchehen war und wo ihm der Kopf ſtand. Der Präſident, ein ſo großer und mäch⸗ tiger Herr, der mehr noch zu befehlen hatte als ein Wai⸗ ſenvater, hatte ihn ſeinen Freund genannt und verſprochen, für ſeine Zukunft zu ſorgen; er wollte Mutter Schneider ſogar aufſuchen im Hinterhauſe drei Treppen hoch. Das hatte ſich Wilhelm nicht träumen laſſen, als er am Mor⸗ gen fortgegangen war, mehr aus Angſt vor den Verfol⸗ gungen des Herrn Mehlkatz und von einer natürlichen Unruhe getrieben, als aus übertriebener Dienſtfertigkeit und um den gefundenen Brief abzugeben. Er hatte die Nacht neben Gottfried vortrefflich geſchlafen und war in 190 beſter Stimmung aufgewacht, aber das Geſicht der Alten ſchien ihm nichts Gutes zu verkünden; ſie ſah ſo eigen und gedrückt aus. Der ſchlaue Burſche hatte früher aus ihren Mienen ein förmliches Studium gemacht und wußte gleich, wenn er nur ihre Naſenſpitze ſah, woher der Wind wehte. Es kam ihm nicht recht geheuer vor; ent⸗ weder war ſchon eine heimliche Botſchaft vom Waiſen⸗ vater angelangt, oder Frau Schneider erwartete eine ſolche und fürchtete ſich vor den daraus entſtehenden Ver⸗ wicklungen. So viel war ihm klar, daß die gute, aber ſchwache Frau wenn auch den Willen, doch nicht den Muth haben würde, ſeine Auslieferung abzuſchlagen. Ihr gan⸗ zes Benehmen kam ihm verdächtig vor und mit Recht zweifelte er daran, an ihr eine wirkliche Stütze im ent⸗ ſcheidenden Augenblick zu finden. Deshalb hielt er es für gerathen, ſich vorläufig wieder zu entfernen, um der drohenden Gefahr wenigſtens für den Augenblick auszu⸗ weichen. An die Zukunft dachte er weiter nicht, wenn er nur der momentanen Verlegenheit entging. Das iſt die Art der glücklichen Jugend, welche nur die Gegenwart im Auge hat und um den morgigen Tag ſich weiter keinen Kummer macht. Sobald Frau Schneider nun wegſah, gab Wilhelm ſeinem Freunde einen Wink, den dieſer ſogleich verſtand. Beide ſchlichen leiſe über den Hof auf die Straße hinaus, wo ſie ſich bei Weitem ſicherer 191 fühlten. Als die Pflegemutter zurückkam, welche aller⸗ dings noch immer zweifelhaft war, was ſie thun ſollte und ſich bei der ganzen Nachbarſchaft Rath erholen ging, war das Neſt leer und die Vögel bereits ausgeflogen. Mit einer ſchon lange entbehrten Seligkeit, die nur der volle Genuß der Freiheit gewährt, ſtreiften die Jungen durch die Straßen, als wäre die ganze Hauptſtadt ihr Eigenthum und ihnen geſchenkt. Mit welcher Wonne trieben ſie ſich ohne jede Beſchäftigung herum, wie oft blieben ſie nicht hier vor einem Bilderladen, dort vor einem Schaufenſter ſtehn. Mit welch lüſternen Augen liebäugelten ſie auf dem Markt mit den rothen Kirſchen und duftenden Erdbeeren; welche Liebesblicke warfen ſie nicht dem Korbe der Kuchenfrau zu, den Geruch der friſch gebackenen Schmalzkuchen und der braunen Brezeln mit weit geöffneten Nüſtern einſchlürfend und ſich daran we⸗ nigſtens halb ſättigend. Was hatten ſie nicht Alles zu ſehn und zu bewundern, hier eine Vogelhecke, welche der Mann mit der gebogenen Naſe feil hielt, der ſelber ſeinen Vögeln ähnlich ſah; dort die gemalte Ankündigung einer ſo eben erſt eröffneten Menagerie, worauf der Beſitzer abgebildet war, wie er höchſt muthig ſeinen Kopf in den Rachen eines grimmigen Löwen ſteckte, während ſeine holde Frau ſich eine gräuliche Schlange um die weißen Arme und den Nacken als Halskette und Armband legte, 192 ſchauderhaft aber wunderſchön. Dann überkam wohl die Knaben mitten im Genuß und beim Anſtaunen all dieſer Herrlichkeiten eine unnennbare Angſt, als fühlten ſie bereits die plumpen Fäuſte des Herrn Mehlkatz ſchon im Nacken; plötzlich fingen ſie an zu laufen und ſprangen in das nächſte, beſte Haus, um ſich zu verbergen. So waren ſie auch in die Nähe des Präſidialgebäudes gekommen, deſſen Höhe und ſtattliche Architektur ihnen imponirte. Während ſie dieſelbe anſtaunten, glaubte Gottfried in einem Anfalle jener Furcht die dunkle Geſtalt des Waiſenvaters um die Ecke biegen zu ſehen. Er hatte nur noch Zeit, dem Freunde warnend zuzurufen. Dieſer eilte durch die offen ſtehende Thür in dem feſten Glauben, daß ſein Begleiter ihm fol⸗ gen würde. Als ſich aber Wilhelm umſah, fand er ſich allein in dem mächtigen Gebäude, wo ihn die Menge der Treppen, Gänge und Thüren in die größte Verlegenheit ſetzten. Ein bärbeißiger Portier fragte ihn noch zum Ueber⸗ fluſſe, was er hier wolle. Zum Glück fiel ihm der gefun⸗ dene Brief ein und er verlangte dreiſt nach dem Bedienten des Präſidenten. Der Hausmeiſter wies ihn eine Treppe hoch und ſo gelangte er an die Thür, wo der Zufall ihn dem Herrn von Lahr begegnen ließ. Unterdeß war Gott⸗ fried dem Verderben gradezu in den Rachen gerannt. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuſcht; es war wirklich der Waiſenvater, der von ſeinen Nachforſchungen nach den 193 Flüchtlingen unverrichteter Sache zurückkehrte. Er war bei Frau Schneider geweſen, wo er nicht mit Unrecht zu⸗ erſt die Ausreißer vermuthet und geſucht hatte. Kaum erblickte er den Knaben, als er ſogleich auf ihn losſtürzte und am Kragen packte. „Hab' ich Dich,“ rief er mit grimmiger Schaden⸗ freude.„Aha! mein Söhnchen, haſt mich nicht ſo nahe geglaubt. Aber jetzt ſag' mir auch, wo Dein Buſenfreund, der Wilhelm, ſteckt. Heraus mit der Sprache und nicht gelogen, ſonſt ſollſt Du die Bekanntſchaft mit meinem Stocke machen.“ „Ich weiß es nicht,“ ſtammelte Gottfried ganz nie⸗ dergedonnert von dieſer unverhofften Begegnung. „Warte, ich werde Dich ſchon zum Reden zwingen. Wenn Du geſtehſt, will ich Dir die Strafe ſchenken, wo nicht, ſollſt Du mich kennen lernen.“ Dabei ſchwang er drohend ſeinen dicken Weißdorn und machte ein fürchterliches Geſicht, aber der Knabe blieb feſt und ließ ſich nicht einſchüchtern; lieber hätte er ſich die Zunge abgebiſſen, ehe er zum Verräther an ſeinem Freunde geworden wäre. Mit den Drohungen war es Herrn Mehlkatz jedoch vorläufig nicht Ernſt, denn er befand ſich auf der Straße, wo er ihn nicht züchtigen konnte, ohne Aufſehen zu erregen. Von ſolchen öffentlichem Skandale war er kein Freund, er zog es vor, in der Stille derartige 1858. XV. Neue Stadtgeſchichten. II. 13 194 Exekutionen vorzunehmen. Deshalb bezwang er noch ſeine Wuth und begnügte ſich, eine vorbeifahrende Droſchke an⸗ zuhalten, worin er mit ſeinem zitternden Opfer nach der Muſteranſtalt fuhr. Dort wandte er mit Beguemlichkeit alle ihm zu Gebote ſtehenden Mittel an, um von Gottfried ein Geſtändniß zu erpreſſen, er verfuhr dabei nach allen Regeln der Tortur, zuerſt verſuchte er ſeine Ueberredungs⸗ kraft und als dieſe nichts half, ließ er ſeiner Rache freien Lauf. Mit einem Lederriemen bearbeitete er den Rücken des Armen ſo lange, bis er ſeine Hand nicht rühren konnte und das Blut aus den Striemen hervorfloß; erſt dann hörte er auf, aber ſein Zorn war noch keineswegs abge⸗ kühlt. Das wimmernde, halb lebloſe Kind trug er hinab in denſelben Keller, wo vor einigen Wochen Wilhelm ge⸗ ſchmachtet hatte. Hier ſperrte er ihn in den Block und befeſtigte ihn zum Ueberfluſſe mit einer roſtigen Kette an der Wand. Mit einem dämoniſchen Hohngelächter ſchloß er die eiſerne Thür, dann ſetzte er ſich, um ſich von ſeinen Anſtrengungen zu erholen, gemüthlich zu einem zweiten Frühſtück nieder, als wenn nichts geſchehen wäre. Er ſaß noch bei Tiſche, wo er es ſich trefflich ſchmecken ließ, als er durch einen plötzlichen Beſuch überraſcht wurde. Der Be⸗ amte der Kriminalpolizei ſtand vor ihm mit einem Ver⸗ haftsbefehl. Die rothe Naſe des Waiſenvaters wurde weiß wie Wachs und der Biſſen blieb ihm vor Schreck im 19⁵ Munde ſtecken, als dieſer ihn aufforderte, ihm in das Ge⸗ fängniß ſogleich ohne Umſtände zu folgen. In ſeinen ver⸗ zerrten Zügen ſprach ſich deutlich ſein Schuldbewußtſein aus, ehe er noch den Grund ſeiner Anklage erfuhr. Sein ganzes Leben war ja, wie ſich ſpäter herausſtellte, nur eine Kette von Vergehen aller Art. Dennoch ſuchte er ſich ſchnell wieder zu faſſen; er nahm die Miene der gekränk⸗ ten Unſchuld an. „Das kann nur ein Irrthum ſein,“ ſagte er mit er⸗ heuchelter Ruhe, welche von ſeinen unſtätten Blicken und zuckenden Bewegungen Lügen geſtraft wurde.„Sie ſchei⸗ nen nicht zu wiſſen, wer ich bin. So behandelt man nicht einen Mann, der ſich der allgemeinen Achtung erfreut, den Seine Excellenz der Miniſter ſelbſt mit ſeinem Vertrauen beehrt. Ich werde mich bei ihm beſchweren und Sie kön⸗ nen ſich darauf verlaſſen, daß er mir volle Satisfaction verſchaffen wird.“ „Das kümmert mich nicht, ich handle hier nur im Auftrage der mir vorgeſetzten Behörde. Zuvor aber wer⸗ den Sie mir Ihre ſämmtlichen Papiere übergeben. Ich habe die Ordre, Alles zu verſiegeln und die ſtrengſte Haus⸗ ſuchung zu halten. Sie werden mir daher die nöthigen Schlüſſel einhändigen.“ „Das werde ich nicht thun,“ geiferte der Waiſen⸗ 13* 196 vater.„Hat man je gehört, ſo einem Ehrenmanne zu be⸗ gegnen.“ „Zwingen Sie mich nicht,“ ſagte der Beamte, ohne ſich von den Einreden beirren zu laſſen,„erſt Gewalt an⸗ zuwenden.“ „Von mir bekommen Sie die Schlüſſel nicht.“ „Dann werde ich einen Schloſſer kommen laſſen. Erſchweren Sie nicht durch unnützen Widerſtand Ihre ohnehin ſehr ſchlimme Sache.“ Dieſe mit Ernſt und Entſchiedenheit vorgebrachte Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Zitternd reichte Herr Mehlkatz die Schlüſſel zu ſeinem Bureau, welches der Be⸗ amte ſorgfältig durchſuchte, ohne irgend etwas Verdächtiges zu finden. Schon athmete der Schuldbeladene Verbrecher wieder auf; er konnte ein ſpöttiſches Lächeln dabei nicht unterdrücken, als er das ihm günſtige Reſultat gewahrte. Der Beamte war jedoch in ſeinem Berufe zu gewandt, um nicht bei einem ſo ſchlauen Kunden auf der Hut zu ſein. Mit der größten Aufmerkſamkeit durchforſchte er nochmals den Schreibſekretair, bis ſein ſcharfes und hinlänglich ge⸗ übtes Auge ein geheimes Schubfach entdeckte. Ein Druck mit dem Finger an der verborgenen Feder und ein Kaſten kam zum Vorſchein, worin ſich die Abſchriften der ent⸗ wendeten Depeſchen und noch manche andere, ſchwer gra⸗ virende Schriftſtücke wohlverwahrt vorfanden. Leichen⸗ 197 bläſſe bedeckte bei dieſer Entdeckung das Geſicht des Wai⸗ ſenvaters, welches förmlich aſchgrau wurde; an die Stelle der früheren Frechheit trat jetzt bei ihm der höchſte Grad von Niedergeſchlagenheit und feiger Zerknirſchung. „Machen Sie mich nicht unglücklich,“ flehte er leiſe. „Ich will auch gegen Sie erkenntlich ſein. Tauſend Tha⸗ ler, wenn Sie mir geſtatten, dieſe unglückſeligen Papiere zu vernichten.“ „Elender Schurke,“ rief der entrüſtete Beamte.„Wie dürfen Sie es wagen, mirein derartiges Anerbietenzumachen. Ich ſehe mich genöthigt, dieſen Beſtechungsverſuch als einen neuen Beweis Ihrer Schuld zu Protokoll zu nehmen.“ „Um des Himmels Willen!“ rief der geängſtigte Waiſenvater, indem er ſeine Hände verzweiflungsvoll rang, „verzeihen Sie mir, ich weiß ja nicht, was ich ſage; ich bin unzurechnungsfähig. Schonen Sieeinen armen, unglücklichen Familienvater und machen Sie mich nicht noch elender, als ich ohnehin ſchon bin. Bedenken Sie, daß, wenn ich auch gefehlt habe, ich dafür auch Verdienſte um die Menſchheit habe. Wie viele arme, verwahrloſte Waiſen verdanken mir nicht allein ihre Exiſtenz. Wenn mich Alles auch verdammt, ſie werden mich freiſprechen und mein Anden⸗ ken ſegnen.“ Dabei floſſen die allzeit fertigen Thränen der Rüh⸗ rung über ſeine Wangen und ſeine Sprache klang ſo pathe⸗ 198 tiſch und würdevoll, daß der Beamte, trotzdem er ein gro⸗ ßer Menſchenkenner war, unwillkürlich Mitleid empfand und ſeine Theilnahme verrieth. Leider erſchien in dieſem für Herrn Mehlkatz ſo günſtigen Moment einer der mit⸗ gebrachten Poliziſten, welche das Haus umſtellt hatten, mit der ſonderbaren Meldung, daß im Garten, wo ſein Poſten war, durch ein Kellerloch bald ein leiſes Wimmern, bald ein dumpfes Stöhnen ſich hörbar mache. „Was hat das zu bedeuten, können Sie uns darüber Aufſchluß ertheilen?“ fragte der Beamte. „Es iſt nur einer meiner Zöglinge,“ entgegnete ſtot⸗ ternd der Waiſenvater,„den ich wegen ſeiner ſchlechten Aufführung eingeſperrt habe.“ „In den Keller, das ſcheint mir doch nicht der geeig⸗ nete Ort zu ſein. Geben Sie mir den Schlüſſel, damit ich mich überzeuge.“ Das war ein neuer Donnerſchlag für den Schuldi⸗ gen; er ſuchte in allen Taſchen und erklärte ſchließlich, den gewünſchten Schlüſſel verlegt zu haben. Der Beamte, welcher hier ein neues Verbrechen ahnte, befahl ſogleich ſeinem Untergebenen, ohne Verzug mit den mitgebrachten Werkzeugen die Kellerthür ſelbſt gewaltſam zu öffnen. Dieſer ging und kehrte ſchon nach kurzer Zeit zurück, an der Hand den armen Gottfried haltend, der vor Schmerz und Schwäche ſich kaum auf den Füßen zu halten ver⸗ 199 mochte. Der Knabe bot einen entſetzlichen Anblick dar, ſein Rücken war zerfleiſcht, mit Blut unterlaufen, mit Striemen bedeckt. Die Füße, in den Bock, geſpannt trugen deutlich die Spuren der ausgeſtandenen Folterqualen, das ſcharfe Holz hatte tiefe, ſchmerzhafte Eindrücke hinterlaſſen; die Beine waren angeſchwollen. Todtenbläſſe bedeckte das junge, ſchuldloſe Geſicht. Voll Entrüſtung ſtellte der Beamte dieſe Unterſuchung an, indem er ſofort den That⸗ beſtand feſtſtellen ließ. „Und Sie glauben wirklich,“ fragte er mit vernich⸗ tenden Blicken den Waiſenvater,„daß dieſer unglückliche Knabe Sie für Ihre Wohlthaten ſegnen wird? Ol über eine ſolche Heuchelei.“ Herr Mehleatz ſchlug die Augen zu Boden nieder, er war entlarvt, die täuſchende Maske des Menſchenfreun⸗ des, womit er ſo lange die ganze Reſidenz irre geleitet, fiel voon ihm ab und ſeine wahre, teufliſche Geſtalt kam zum Vorſchein. Er verſuchte noch, ſich zu entſchuldigen, aber der empörte Beamte gebot ihm mit mehr Strenge, als dieſer ſonſt bei der Ausübung ſeines ſchwierigen Be⸗ rufes zeigte, ſtill zu ſchweigen. Hierauf ließ er ihn unter Bewachung nach dem Gefängniß abführen, während er voll Mitleid den armen mißhandelten Gottfried ſelbſt nach dem nächſten Krankenhauſe brachte, wo derſelbe bald unter der ſorgfältigſten Pflege von ſeinen Wunden und den aus⸗ 200 geſtandenen Leiden genas. Die Muſteranſtalt des Herrn Mehlkatz wurde vorläufig auf höhere Anordnung geſchloſ⸗ ſen und die Waiſenknaben entweder anderen frommen Stiftungen überwieſen, oder ihren Verwandten zurück⸗ gegeben. Zehntes Capitel. Das war kein kleiner Schreck für die Mutter Schnei⸗ dern, als der Präſident im Laufe des Tages ſie aufſuchte und ſich angelegentlich nach Wilhelm erkundigte. Noch mehr wunderte ſie ſich aber, als der große Herr ſich ſo freundlich und anerkennend über den Jungen äußerte. Sie konnte ſich gar nicht denken, daß es ihm mit dieſem Lobe Ernſt war. Auf ſein Befragen mußte ſie ihm haar⸗ klein Alles noch einmal erzählen, wie ſie zu dem Wilhelm gekommen und was ſie für ihn gethan, ſeitdem die Wink⸗ lern nicht mehr zahlte, weil ſie todt war. Und der Prä⸗ ſident zog eine ſchöne Schreibtafel hervor und notirte Wort für Wort ihre ganze Geſchichte, welche die gute Frau mit bewunderungswürdiger Ausführlichkeit vortrug. „Sie ſind eine brave Frau,“ ſagte darauf der Prä⸗ ſident,„und Ihr Lohn wird nicht ausbleiben. Einſt 201 weilen kann der Junge noch bei Ihnen bleiben, bis ich mich entſchieden habe, was mit ihm geſchehen ſoll. Natür⸗ lich übernehme ich von heute ab die Koſten ſeines Un⸗ terhaltes.“ Mit dieſen Worten legte der freundliche Herr ſo viel Thalerſtücke auf den Tiſch, wie die gute Frau in ihrem ganzen Leben noch nicht auf ein Mal zuſammen geſehen hatte. Sie blieb ganz ſtumm und ſtarr vor freudiger Ueberraſchung, ſo daß ſie kein Wörtchen vorzubringen im Stande war. „Wenn es zu wenig iſt, ſo brauchen Sie es nur zu ſagen,“ fügte er hinzu. „Herr du meine Güte,“ ſchrie ſie, die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlagend.„Das iſt viel zu viel, damit reiche ich ja ein ganzes Jahr.“ „Was übrig bleibt, können Sie für ſich behalten.“ Es fehlte nicht viel und die alte Frau wäre vor ihrem Wohlthäter auf die Kniee geſunken. Er hatte nur zu wehren, daß ſie ihm nicht die Hände und die Füße küßte. Um ihrem Danke auszuweichen, entfernte er ſich ſchnell und ſtieg in ſeine Equipage, welche vor der Hausthür war⸗ tete. In einer Viertelſtunde waren bereits alle Bewoh⸗ ner des Hinterhauſes von der großen Ehre unterrichtet, welche der Mutter Schneidern widerfahren war. Das gab ein Gerede und machte ein ungeheures Aufſehn, der ganze Hof war voll von der wichtigen Neuigkeit, welche 202 auf telegraphiſchem Wege bis in's Vorderhaus und ſelbſt zu den Ohren des Herrn Roſenberg drang. Und der Hauswirth ſtieg ſelber die drei Treppen hinauf und ließ ſich Alles ganz genau erzählen. Natürlich war er die Güte und Freundlichkeit ſelber jetzt gegen die gute Frau und vom Herauswerfen war jetzt keine Rede mehr, ſeitdem er wußte, welch eine hohe Protektion ſeine Mietherin ge⸗ noß. Für Wilhelm begann eine ſchöne Zeit; er wurde der Held des Tages, gehätſchelt und auf Händen getragen von aller Welt. Die Einſperrung des Waiſenvaters hatte ſich wie ein Flugfeuer durch die ganze Reſidenz verbreitet und auch das Hinterhaus Kunde davon erhalten. Wie gewöhnlich wurde Vieles hinzugeſetzt, übertrieben und man las haarſträubende Geſchichten von den ausgeſtandenen Leiden der Kinder, den ſchweren Ketten, dem dunklen Kel⸗ ler und den Folterwerkzeugen in allen Zeitungen, für die das Ereigniß ein gefundenes Freſſen war. Vierzehn Tage ſprach man von nichts Anderem in der Reſidenz und die Blätter überboten ſich in Schilderungen der Myſterien dieſer Muſteranſtalt. Zugleich erſchienen allerlei Andeu⸗ tungen eines großen Staatsverbrechens, in das Herr Mehlkatz mit verwickelt ſein ſollte. Aus Schonung für ſeine hochgeſtellten Mitſchuldigen wurde dieſe Angelegen⸗ heit mit einer gewiſſen Heimlichkeit verhandelt, welche die Neugierde des Publikums nur noch mehr reizte. So viel „ 203 ſtand indeß feſt, daß der bisherige Miniſter von ſeinem Poſten entlaſſen und der Präſident von Lahr zu dieſer hohen Stellung berufen wurde. Man kann ſich denken, welch ein Donnerſchlag dieſe Ernennung für ſeine Gegner wie für die ganze ihm feindliche Partei war, welche ſeinen Sturz für gewiß hielt. Am meiſten wurde die Baronin davon ergriffen; die ehrgeizige und intriguante Dame, welche alle ihre Wünſche und Hoffnungen, ſo wie die Er⸗ füllung ihrer Rache vereitelt ſah, nahm ſich dieſe unerwar⸗ tete Wendung ſo ſehr zu Herzen, daß ſie ernſtlich krank wurde. Die fortwährende Aufregung, ihre unglücklichen, häuslichen Verhältniſſe, der gekränkte Stolz, der jähe Sturz wirkten zerrüttend auf ihre Geſundheit, ſie verfiel in eine Geiſteskrankheit, welche ihre Abführung in ein Irrenhaus endlich dringend nöthig machte. Der Wahn⸗ ſinn, von dem ſie beherrſcht wurde, äußerte ſich als fürch⸗ terlicher Hochmuth; ſie bildete ſich nämlich ein, die mäch⸗ tigſte Königin der Welt zu ſein, vor der die ganze Welt im Staube liegen müſſe. Mit einer phantaſtiſchen Papier⸗ krone auf den verwirrten Locken und lächerlich aufge⸗ putzt, ſaß ſie in der einſamen Zelle und ließ ſich von den Narren der Anſtalt huldigen. Der Arzt gab nur wenig Hoffnung, daß ihre Leiden geheilt würden. Tief erſchüt⸗ tert wurde Herr von Lahr, als er den Zuſtand der Un⸗ glücklichen erfuhr und obgleich er wußte, wie ſehr er von 204 ihr gehaßt wurde und welche Schuld ſie traf, ſo ließ er es nicht an ſeinem aufrichtigen Mitleid fehlen. Seine Zeit wurde jetzt noch weit mehr als früher in Anſpruch genom⸗ men; dies hielt ihn jedoch nicht ab, ſich angelegentlich mit Wilhelm's Schickſal zu beſchäftigen. Vor allen Dingen war es ihm darum zu thun, die dunklen Spuren ſeiner Ge⸗ burt zu verfolgen und die Eltern des Knaben ausfindig zu machen. Die von der Mutter Schneider darüber erhaltene Auskunft bot nur ſchwache Anhaltspunkte dar, dennoch ver⸗ folgte er dieſe mit der ihm eigenen Beharrlichkeit. Nach manchen vergeblichen Schritten war es ihm gelungen, eine Tochter der verſtorbenen Hebamme Winkler ausfindig zu machen, welche er zu ſich kommen ließ. Dieſe erinnerte ſich noch ganz genau einer Dame, welche in dem Hauſe ihrer Mutter heimlich mit dem Knaben niederge⸗ kommen war. Sie ſelbſt hatte bei der Wöchnerin das Amt einer Wärterin während ihrer Niederkunft und in der folgenden Zeit verſehen und vermochte daher aus der Erinnerung eine genaue Beſchreibung der Pa⸗ tientin zu geben, welche den höheren Ständen anzuge⸗ hören ſchien. „Wenn ich nicht irre,“ ſagte die Frau,„ſo hat ſie meiner ſeligen Mutter ihr Bild mit dem Auftrage hinter⸗ laſſen, es dem Kinde einzuhändigen, ſo bald daſſelbe her⸗ angewachſen ſein würde. Nach dem Tode meiner Mutter 20⁵ hat ſich das Portrait auf unſerem Boden herumgetrieben, wo es vielleicht noch iſt.“ „Sie werden mich ſehr verbinden,“ entgegnete Herr von Lahr,„wenn Sie mir das Bild herbeiſchaffen können. Rechnen Sie auf meine Dankbarkeit.“ „Ich will ſogleich nachſehen, und wenn ich es finde, es ſogleich Eurer Excellenz zuſtellen.“ In der That kam am folgenden Tage die Frau mit einem alten, kaum mehr kenntlichen Oelgemälde, das ſie ihm übergab. Nachdem daſſelbe gereinigt war, ſo daß die dargeſtellte Figur deutlich zum Vorſchein kam, ließ der Miniſter einen Ausruf der bangen Ueberraſchung hören. Aus dem alten, wurmſtichigen Rahmen trat ihm Zug für Zug das Bild der Gräfin Bratinski entgegen. Es war daſſelbe liebliche, aber leidende Angeſicht, der geiſtreiche Mund, die tiefen, ſchwärmeriſchen Augen, daſſelbe Haar, nur etwas heller, ſo wie die ganze Geſtalt natürlich weit jugendlicher erſchien. Herr von Lahr erſchrack vor dieſer ſprechenden Aehnlichkeit, welche er gern hinweggeleugnet hätte; ſie galt ihm als der unwiderlegliche Beweis, daß die ſchuldige Gräſin Wilhelm's Mutter war. Mit zerriſ⸗ ſenem Herzen wandte er ſich von dem Bilde ab, um es immer wieder von Neuem anzuſtarren und in Gedanken mit dem Originale zu vergleichen. Endlich war ſein Ent⸗ ſchluß gefaßt; er ließ die Gräfin um eine Unterredung unter 206 vier Augen bitten. Zur feſtgeſetzten Stunde begab er ſich in ihre Wohnung, das ſorgfältig verhüllte Bild mit ſich führend. Sie kam ihm unbefangen wie immer entgegen und reichte ihm wie einem Freunde die kleine, weiße Hand. „Was bringen Sie mir?“ fragte ſie, auf das verhüllte Portrait deutend. „Ein Bild,“ antwortete er im ruhigen Tone, wäh⸗ rend es in ſeinem Innern ſtürmte.„Sie ſollen mir ihr Urtheil ſagen, ob ſie es getroffen finden.“ „Kenne ich das Original?“ „So genau, wie Sie ſich ſelber kennen.“ Mit dieſen Worten ließ er plötzlich die Hülle fallen, indem er ſie dabei ſo ſcharf in's Auge faßte, daß ihm keine ihrer Bewegungen entgehen konnte. So bald die Decke geſunken war und ihr Blick auf das Portrait fiel, ſtand ſie da, vom Starrkrampf gefaßt, einer Bildſäule ähnlich, bis ein reicher Thränenſtrom ihr gepreßtes Herz erleichterte. Er zweifelte nicht mehr an ihrer Schuld; ſie hatte ſich in ſeinen Augen hinlänglich verrathen. Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn, als hätte er das Höchſte auf dieſer Welt verloren. „Meine Schweſter, meine arme, unglückliche Ottilie,“ ſchluchzte ſie laut auffammernd und das Bild mit ihren Küſſen bedeckend. 207 „Ihre Schweſter?“ fragte er, wie aus einem Traum erwachend und zu neuem Leben zurückgekehrt. „Ja, meine Schweſter!“ wiederholte ſie mit unendlich rührender Stimme.„Ol ſagen Sie, wie Sie zu dem Bilde gekommen ſind? Und das Kind, ihr Kind?“ fügte ſie in banger Erwartung hinzu. Es lag eine ſolch überzeugende Wahrheit in ihren abgebrochenen Worten, daß auch der letzte Zweifel ſchwin⸗ den mußte. Tief beſchämt ergriff Herr von Lahr die Hand der Gräfin, die er reuevoll an ſeine Lippen führte, in der Stille ſeinen Verdacht abbittend. Er war ſo erſchüttert, voon Freude uund Glück ſo aufgeregt, daß er vergebens nach Faſſung rang. Seine männlichen Augen füllten ſich mit Thränen, ſein Herz pochte, alle ſeine Pulſe flogen. Sie ſah ihn verwundert mit ihren unſchuldsvollen Blicken an, welche bis in die Tiefe ſeiner Seele drangen, da ſie dieſe ſonderbare Stimmung des ſonſt immer ſo ruhigen Mannes nicht zu deuten wußte. Endlich nach einer längeren Pauſe vermochte er im Zuſammenhauge Alles zu erzählen, was ſich zugetragen, wobei er als eine Art Selbſtbuße ſeine be⸗ leidigenden Beſorgniſſe nicht verſchwieg. „Können Sie mir vergeben, Adele?“ fragte er am Schluſſe ſeines langen Berichts. Sie ſprach nicht, ſie lächelte nur, wie ein liebendes 208 Weib zu lächeln vermag, und er wußte, daß ſie ihm ver⸗ ziehen hatte. „Jetzt,“ fügte ſie hinzu,„wo der Zufall Sie in mein Geheimniß eingeweiht, wo ich Ihnen zu dem größten Danke verpflichtet bin, dürfen Sie auch Alles erfahren, die Leiden und das Elend, das ich Jahre lang verſchloſſen halten mußte. Sie wiſſen bereits, daß ich nicht immer Gräfin Bratinski war. Mein Vater lebte als Muſiker an einem kleinen Hoftheater von ſeinem ſpärlichen Gehalt, womit er kümmerlich ſich und uns ernährte. Frühzeitig entwickelte ſich bei mir mein Geſangstalent; ich wurde in den Chor aufgenommen und bezog, wie Sie ſich denken können, eine äußerſt geringe Gage. Dennoch reichte die⸗ ſelbe hin, nach dem plötzlichen Tode des Vaters, mich und meine jüngere Schweſter, welche bei mir lebte, zu erhalten. Wir liebten uns gegenſeitig wie zwei Weſen, die ſonſt Nie⸗ mand weiter auf der Welt haben. Wir waren uns noch mehr, als Geſchwiſter ſich ſonſt zu ſein pflegen. Ich ſorgte für Ottilie wie eine Mutter und ſie hing an mir wie ein dankbares Kind, obgleich der Unterſchied unſerer Jahre keineswegs ſo bedeutend war. Sie beſaß eine hinreißende Liebenswürdigkeit, einen heiteren Sinn, während ich ſchon damals weit mehr zum Ernſt und Nachdenken hinneigte. Der Zufall änderte plötzlich meine Lage; die Erkrankung der zweiten Sängerin machte eine ſchnelle Beſetzung ihrer 210 feierte Sängerin ſeine Frau nennen zu kennen, einen gro⸗ ßen Einfluß ausgeübt zu haben ſchien. Der Beſitz machte ihn bald gleichgültig, unſere Charaktere paßten nicht, wie ich mich leider ſpäter überzeugte, recht zu einander. Es fehlte ihm die erſte Bedingung des Mannes, Würde; ich konnte ihn nicht achten, obgleich er mir vielfache Beweiſe ſeiner Zärtlichkeit und Gutmüthigkeit gab. Da unſere Ehe kinderlos blieb, ſo mangelte uns auch dies feſſelnde, ſchöne Band, welches ſonſt auch getrennte Naturen zu vereinigen vermag. So ſah ich mich vernachläſſigt, auf⸗ gegeben, koketten Frauen von zweifelhaftem Rufe geopfert. Der Graf war in dieſer Beziehung höchſt leichtfertig und gewiſſenlos, daneben beſaß er eine gewiſſe Virtuoſität in der Kunſt zu verführen; er war im Stande, gerade ein argloſes Gemüth, ein unſchuldiges Weſen ganz für ſich einzunehmen und zu bethören. Die aufblühenden Reize meiner Schweſter hatten ſeine Sinnlichkeit erregt. Erlaſ⸗ ſen Sie mir die Mittel, welche er anwendete, um ſie zu verderben. Sie erlag, täuſchte mich und verließ mich heimlich, um die traurigen Folgen und ihre Verzweiflung zu verbergen. In einem Briefe, den die Unglückliche zu⸗ rückließ, geſtand ſie ihre Schuld, meine Vergebung an⸗ flehend, ohne jedoch ihren Verführer mir zu nennen. Der Ort, wohin ſie ſich gewendet, blieb mir verborgen und ich konnte ihn ungeachtet aller Mühe nicht ausfindig machen. Kurze Zeit darauf erkrankte mein Gatte und zwar ſo ſchnell und gefährlich, daß er ohne Teſtament ſtarb, ohne Anord⸗ nungen zu treffen, ohne ſeine geheimen Papiere zu ver⸗ nichten. In ſeinem Nachlaſſe fand ich die Beweiſe ſeiner Schuld, ſeinen Briefwechſel mit meiner Schweſter. Ich erſah daraus, daß ſie ſich nach Deutſchland gewendet und hier in der Reſidenz einen Knaben geboren habe, der frem⸗ den Leuten zur Pflege anvertraut werden mußte, weil ſie ſelbſt gefährlich erkrankt war. Ihr letzter Brief, kurz vor ihrem bald darauf folgenden Tode geſchrieben, war an mich gerichtet und enthielt das volle Geſtändniß ihrer Schuld. Der Graf hatte dieſes Schreiben unterſchlagen, um mir den Schmerz, ſich die Beſchämung zu erſparen. Sie hatte mich beſchworen, für ihr hinterlaſſenes Kind Sorge zu tragen, indem ſie es meinem Edelmuth als ihr einziges, trauriges Vermächtniß empfahl. Leider mangel⸗ ten alle genauern Angaben, weil ſie vorausſetzte, daß der Graf, welcher vollkommen unterrichtet geweſen ſchien, mir die näheren Umſtände mittheilen würde. Dies konnte nicht geſchehen, da der Tod ihn früher ereilt hatte und ſelbſt die leiſeſten Spuren über das Verbleiben des Kindes trotz aller meiner Bemühungen nicht aufzufinden waren. In den vorhandenen Briefen fehlte jede Andeutung, den⸗ noch gab ich nicht die Hoffnung auf. So bald ich mich von dieſem doppelten Verluſte erholt und meinen un⸗ 14* 212 nennbaren Schmerz einigermaßen überwunden hatte, kehrte ich nach Deutſchland zurück, um das Kind meiner unglücklichen Schweſter aufzuſuchen. Ich wandte mich vergebens an die betreffenden Behörden, endlich auch an Sie, obſchon ich wußte, welchen Mißdeutungen ich mich ausſetzte.“ „Sie beſchämen mich,“ unterbrach ſie Herr von der Lahr.„Ich geſtehe, welch ein Thor ich war, die edelſte Frau der Welt ſo zu verkennen.“ „Ich habe Sie vollkommen entſchuldigt. Jetzt aber habe ich nur den einen Wunſch, das Kind meiner Ottilie, meiner armen Schweſter, zu ſehen und in meine Arme zu ſchließen. Laſſen Sie mich nicht länger auf dieſen längſt erſehnten Augenblick warten.“ In dem Wagen des Miniſters fuhr die Gräfin bei der Wittwe Schneider zum nicht geringen Erſtaunen der Nachbarſchaft vor. Das war ein Schauſpiel, das ſich nicht ſchildern läßt, wie ſie den überraſchten Knaben in die Arme ſchloß, an ihr Herz drückte und ſeine friſchen Wan⸗ gen mit ihren Thränen benetzte. Wilhelm wußte nicht wie ihm geſchah, als die ſchöne Frau ihn mit ſich nahm und ihm erklärte, daß ſie ſich nie mehr von ihm trennen würde. Die Pflegemutter war ebenfalls ganz außer ſich über den vornehmen Beſuch, ſie weinte, als ſie die Gräfin weinen ſah, dann lachte ſie wieder über das Glück, welches 213 ihrem Pfleglinge widerfahren war und darauf weinte ſie wieder, wenn ſie an den bevorſtehenden Abſchied dachte. Sie war ganz verwirrt in ihrem Kopfe und redete Wilhelm bald mit„Du,“ bald voller Reſpekt mit„Sie“ an, was dieſer natürlich nicht leiden wollte. Aber die Freude der guten Frau erreichte erſt ihren Höhenpunkt, als die Gräfin ihr in ihrem eigenen Hauſe eine Stelle als Wirthſchafterin und eine lebenslängliche Verſorgung anbot. Das war zu viel und Mutter Schneider mußte ſich niederſetzen, weil ſie die zitternden Beine nicht mehr tragen wollten. Und nun nahm Wilhelm für immer Abſchied von dem Hinter⸗ hauſe, das bald von ſeinem Glücke unterrichtet war. Alle gönnten es ihm von ganzem Herzen und am meiſten der alte Flickſchuſter, der ihm die Hände ſchüttelte. „Ich hab' es immer geſagt,“ meinte der Prophet des Hinterhauſes,„daß in dem Jungen etwas Vornehmes ſteckt. Der wird es noch weit bringen.“ „Den ſeh' ich noch einmal Miniſter werden,“ ſetzte der Kutſcher mit wichtiger Miene hinzu.„Wenn er Pferd und Wagen hält, nimmt er mich und keinen Andern. Er i*ſt ein dankbares Gemüth und gar nicht ſtolz.“ Und der ganze Hof pflichtete dem Ausſpruche bei und war ſeines Lobes voll. Jedermann wollte ſchon längſt gewußt haben, daß der Wilhelm kein gewöhnlicher Junge ſei. Auch der Hauswirth war herbeigeeilt und ſtand mit 214 2 abgezogener Mütze und verbeugte ſich, als die Herrſchaften vorübergingen, faſt bis zur Erde, er, der ſonſt kaum dankte, wenn man ihn grüßte. Im Vorderhauſe ſtand aber ein junges Mädchen auf der Treppe, von dem Auflauf herbei⸗ gelockt. Es war Lieschen, aber ſie ſah ganz anders aus, wie früher; ſie ſchien größer und auch viel ernſter ge⸗ worden zu ſein. Das Unglück, welches ihre Mutter ge⸗ troffen, hatte ſie wunderbar gereift, und doch war ſie noch immer nur ein Kind, aber wunderbar entwickelt und ganz anders wie ſonſt. Und als Wilhelm ſie erblickte, da ſtürmte er die Treppe hinauf, ſchneller wie der Wind und zog ſie mit ſich fort, ſie mochte wollen oder nicht. „Komm doch,“ ſagte er zu ſeiner kleinen Freundin. „Ich will Dir meine neue Mutter zeigen.“ „Wer iſt das Kind?“ fragte die Gräfin, die erröthen⸗ den Wangen des lieblichen Mädchens ſtreichelnd. „Das iſt ja Lieschen,“ antwortete er, als müßte das Jedermann wiſſen. „Wenn ich nicht irre, die Tochter der Baronin von Freiſtadt,“ flüſterte Herr von der Lahr bewegt. Die Gräfin neigte ſich mitleidig zu der ſchüchternen Kleinen und drückte einen mütterlichen Kuß auf die reine, ſchuldloſe Stirn. Wilhelm aber berichtete in aller Schnel⸗ ligkeit, wie lieb und theuer ihm Lieschen ſei und welche innige Freundſchaft zwiſchen ihm und ihr von Jugend auf — 215 beſtanden habe. Er ſprach dabei ſo eifrig und hielt ſie ſo feſt, als wollte er ſich niemals von ihr trennen. „Ich werde,“ ſagte die Gräfin lächelnd,„Deine Freundin bitten, uns zu beſuchen, wenn ihr Vater nichts dagegen hat. Willſt Du zu mir kommen?“ fragte ſie freundlich. Und Lieschen ließ ihre klugen Augen von der Gräfin zu Wilhelm und von dieſem zur Gräfin ſchweifen und nickte mit dem kleinen Köpfchen, wobei ſich ihre Freude in dem offenen Geſicht verrieth. „Willſt Du kommen?“ wiederholte Wilhelm noch einmal. „Von ganzem Herzen,“ antwortete ſie, ſich von einem natürlichen Inſtinkt geleitet an die Gräfin näher anſchmiegend. Sie kam auch und bald war das Haus der Gräfin, oder vielmehr des Miniſters, ihre wahre Heimath, ſeitdem Herr von der Lahr ſich mit der angebeteten Frau verhei⸗ rathet hatte. Wilhelm erhielt eine ſeinem Stande ange⸗ meſſene Erziehung, er ſtudirte fleißig und machte ein Exa⸗ men nach dem andern mit Auszeichnung. Unterdeß wächſt auch Lieschen zu einer blühenden Jungfrau heran. Beide ſind die beſten Freunde, obgleich ſich das ſchöne Mädchen allmälig ein wenig zurückzieht und nicht mehr die wilden Spiele ihres Jugendgenoſſen theilt. Es ſcheint ſogar, als ob ſie ihn abſichtlich miede, auch wird ſie jedes Mal 216 roth, wenn von ihm die Rede iſt. Sie ſchilt auch zuwei⸗ len und zankt mit ihm, dagegen vertheidigt ſie ihn oft mit allzulebhaftem Eifer, ſo daß ſie ſich ganz erhitzt, wenn ihn andere Mädchen, in gleichem Alter wie ſie, angreifen. Sie ſelbſt iſt lange nicht mehr die wilde Hummel, welche ſie einſt war, ſondern ſanft und überaus weiblich zart. An der Miniſterin hängt ſie mit ganzer Seele und liebt ſie wie ihre wirkliche Mutter, ſeitdem die Baronin im Irrenhauſe geſtorben iſt. Ihr Vater kümmert ſich nur wenig um ſie, und läßt ihr in allen Stücken ihren freien Willen, den ſie jedoch nicht mißbraucht. In dem Mini⸗ ſter ſieht ſie das Ideal eines Mannes; ſie ſchwärmt für ihn wie gewöhnlich jüngere Mädchen für ältere Männer. Es hat jedoch durchaus keine Gefahr; die Miniſterin iſt nicht eiferſüchtig, beſonders ſeitdem ſie weiß, daß Lies⸗ chen ſich mit Wilhelm, der die Univerſität ſo eben mit ſei⸗ nem Freunde Gottfried bezieht, im Stillen verſprochen hat; ein Geheimniß, das wir unſern Leſern unter dem Siegel der Verſchwiegenheit anvertrauen, obgleich es bald alle Welt erfahren wird. Ende des zweiten Cheils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 4 nſnſnſſniſſn ſſ ſſſſſſſſtiſſ fffff 2 13 14 15 16 17 18 19