———.== Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 von. 5 5 Eduard Olltmann in Gießen, ſe Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 9 den angenommen..— Ar 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dort liegt ein Laden neben dem andern; es herrſcht eine rege Thätig⸗ keit, ein tüchtiges Geſchäftsleben. Hinter den Schreibtiſchen ſitzen die Commis vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, vor ihnen liegen die großen Bücher aufgeſchlagen und die Federn ſchwirren über das Papier; große Zahlen werden da eingeſchrieben, Beſtellungen ausgeführt, Briefe nach allen Weltgegenden abgeſchickt. In den Hallen und Höfen haben die Arbeiter und Werkleute alle Hände voll zu thun; da werden Fäſſer gepackt, Kiſten zugeſchlagen, Wagen auf⸗ und abgeladen. Die Straßen und Häuſer zeigen eine ganz beſondere, gewerbsmäßige Phy ſiognomie, man ſieht ihnen ordentlich die ſtete Arbeit an, aber auch die Wohlhabenheit und den Reichthum ihrer Beſitzer. Die Meiſten derſelben haben ſich erſt allmälig emporgearbeitet, oft mit geringen Mitteln angefangen, aber durch ihren — 6 Fleiß, durch Unermüdlichkeit ein bedeutendes Vermögen erworben. Deshalb erhält das Geld in ihren Augen einen hohen Werth; es iſt gleichſam die Verkörperung ihres Strebens, das Reſultat ihrer Thätigkeit, ihrer Jahre langen Anſtrengungen. Es giebt ihnen Anſehn, Macht, Credit; in runden Zahlen drückt es den ganzen Inhalt ihres Daſeins aus. Man ſagt von einem ſolchen Kauf⸗ mann, daß er ſo und ſo viel tauſend Thaler werth ſei. Kein Wunder daher, wenn ſie ein beſonderes Gewicht auf ihren Reichthum legen, das Geld lieben und über Alles ſchätzen. Ein ähnliches Gefühl beſeelt die meiſten Glieder einer ſolchen Familie. Die Söhne kommen früh auf das Comptoir des Vaters und der Klang des Goldes ſchmeichelt ſich ſchon zeitig in ihr Ohr. In jungen Jahren wird ihnen die Macht deſſelben klar gemacht; ſie werden für ihr Wohl⸗ verhalten damit belohnt; ein gutes Schulzeugniß erhalten ſie bezahlt, für ordentliches Betragen kommt ein Geldſtück, oder eine ſeltene Schaumünze in ihre Sparbüchſe. Auch die Töchter nehmen unwillkürlich an dieſem allgemeinen Verlangen Theil; ſie hören wie die Mutter mit dem Vater das wachſende Vermögen beſpricht, von großen Summen redet; ſie lernen die unzähligen Genüſſe kennen, welche das Geld verſchafft. So entwickelt ſich oft in zarter Jugend bei ihnen ein deutlich ausgeſprochener Zahlenſinn und wenn ſie auch wie alle andern Mädchen aufwachſen, eine ſorg⸗ 7 fältige Erziehung genießen, die Eigenſchaften ihres Her⸗ zens und Verſtandes ausbilden, ſo miſcht ſich doch eine gewiſſe Berechnung, eine vorwiegende Verſtandesrichtung ſelbſt in ihre Neigungen und zärtlichen Leidenſchaften. Stets von Wohlſtand umgeben, ſeit ihrer Kindheit an Luxus ge⸗ wöhnt, vermögen ſie nur ſelten ſich mit dem Gedanken an Entbehrungen bekannt zu machen. Das Wort„Ein⸗ ſchränkung“ ſteht nicht in ihrem Lexikon und niemals werden ſie an das Glück einer Ehe glauben, welche mit Opfern mancher Art verbunden iſt.— Auch in der Familie Brandeis war dieſe Anſicht allgemein verbreitet. Der Vater hatte durch ſeine Tüch⸗ tigkeit als Geſchäftsmann ein anſehnliches Vermögen er⸗ worben, das allerdings im Verhältniſſe zu ſeinen zahl⸗ reichen Kindern nicht übermäßig groß erſchien, obgleich es vollkommen zum anſtändigen Leben ausreichte. Er war in ſeiner Art ein ſtreng redlicher Mann, fleißig, arbeitſam und hatte lediglich ſich ſelber und ſeiner Solidität die ehrenwerthe Stellung zu verdanken, welche ſeine Firma in der Handelswelt einnahm. Im Uebrigen war er kein Freund von gewagten Spekulationen, er hatte mühſam Groſchen für Groſchen erworben, nach und nach ſein Ge⸗ ſchäft immer mehr und mehr ausgedehnt, bis er es zu der gegenwärtigen Höhe emporgebracht. Er ſah deshalb mit einer eignen Miſchung von Stolz und wieder von Be⸗ 8 dauern auf ſeine durchlaufene Bahn zurück.„Meine Kin⸗ der,“ pflegte er dann bei ähnlichen Gelegenheiten zu ſagen, „ſollen ſich nicht mehr ſo plagen, wie ich. Gott Lob, wenn ich einmal ſterbe, hinterlaſſe ich ihnen ſoviel, daß ſie leben können. Die Jungen werden ſich noch bei meinem Leben etabliren können und die Mädchen ſollen gute Partieen machen.“ Das wiederholte er faſt täglich vor ſeinen Kin⸗ dern und die meiſten Geſpräche mit ſeiner gleichgeſinnten Frau liefen mehr oder minder auf denſelben Gegenſtand hinaus. Unter einer guten Partie verſtanden aber Beide einen reichen Schwiegerſohn, wo möglich einen jungen Kaufmann, oder gar einen Banquier und angehenden Millionair. Zu dieſem Behufe wurde Nichts von ihnen vernachläſſigt, um den Kindern und beſonders den Töch⸗ tern eine ausgezeichnete Erziehung zu geben; ſie erhielten die beſten Lehrer, ſelbſt eine eigene Gouvernante. Die Aelteſte, ein ſchönes Mädchen von achtzehn Jahren, war erſt vor Kurzem aus einer der theuerſten und vornehmſten Penſionen in das elterliche Haus zurückgekehrt, welches bald durch die reizende Erſcheinung einen beſonderen An⸗ ziehungspunkt für viele junge Männer bot. Antonie war auch in der That von der Natur überaus reich ausgeſtattet, eine ſchlanke, edle Geſtalt, ein feines, ariſtokratiſches Ge⸗ ſicht von dunkel ſchwarzem Haar umgeben, Augen voll Geiſt und Leben, ein Mund mit bezauberndem Lächeln, 9 wobei ſie zwei Reihen weißer Perlenzähne zeigte. So war ſie körperlich entwickelt wieder gekommen und auch ihre geiſtige Bildung nicht zurückgeblieben. Sie ſprach engliſch und franzöſiſch mit derſelben Geläufigkeit wie ihre Mutter⸗ ſprache, ſpielte Klavier mit hinreißender Virtuoſität und ſang meiſterhaft die herrlichen Lieder von Schubert mit einem dramatiſchen Ausdruck, einem Gefühl, das unwill⸗ kürlich die Seele des Zuhörers tief bewegte. Seit ihrer Rückkehr fand manche Veränderung in dem elterlichen Hauſe ſtatt.— Die Mutter hielt es für nothwendig, die herangewachſene Tochter in die Geſellſchaft einzuführen, ſie vorzuſtellen, Bälle mit ihr zu beſuchen und alle die ge⸗ wöhnlichen Mittel anzuwenden, welche Mütter in ähnlichen Fällen zu gebrauchen pflegen, um ihre heirathsfähigen Töch⸗ ter an den Mann zu bringen. Es konnte nicht fehlen, daß Antonie gleich bei ihrem erſten Auftreten in den betreffen⸗ den Kreiſen durch ihre Anmuth und Schönheit das größte Aufſehn erregte. Sie bezauberte alle Welt und beſonders die Männer, welche ſich ihr näherten. Auf dem Kauf⸗ mannsballe, wo ſie debutirte, war die Erſcheinung des wunderbar ſchönen Mädchens ein vollſtändiges Ereig⸗ niß. Ein Flüſtern erhob ſich im ganzen Saal, als ſie an der Hand ihres Vaters vorüber ſchwebte, der nicht wenig ſtolz auf den Eindruck war, welchen das Töchter⸗ chen ſichtlich hervorbrachte. Selbſt die enragirten Whiſt⸗ 10 ſpieler legten ihre Karten bei Seite und ſchauten der ſtolz dahin wandelnden Schönheit nach. „Ein Blitzmädchen!“ ſagte der geheime Kommerzien⸗ rath Eſſling, einer der reichſten Kaufleute.„Ich habe gar nicht gewußt, daß Brandeis ſchon eine ſo erwachſene Toch⸗ ter hat. Das Kind iſt zum Anbeißen; das Waſſer läuft Einem ordentlich im Munde zuſammen.“ „Das wäre ein Biſſen für Ihren Herrn Sohn,“ meinte der Börſenmäkler Krautheim, welcher ihm gegen— über ſaß. .„Ei was! Mit dem Schlingel iſt nichts anzufangen. Sie wiſſen ja, daß er nicht heirathen will. Lieber läuft er dem Komödiantenvolke nach und treibt ſich mit ſeiner Tän⸗ zerin herum.“ „Jugend hat keine Tugend. Eine ordentliche Frau wird ihm ſchon den Kopf wieder zurecht ſetzen. Der alte Brandeis hat ein ſchönes Vermögen ſich erworben und ſein Schäfchen im Trocknen.“ „Pah! Das will nicht viel ſagen,“ meinte der reiche Kommerzienrath mit einer verächtlichen Handbewegung. „Was kann er mitgeben? Höchſtens zwanzig bis dreißig tauſend Thaler. Gottlob! Darauf braucht mein Sohn nicht erſt zu warten. Wenn ihm das Mädchen ſonſt ge⸗ fällt, ſo kann er ſie auch ohne einen Pfennig nehmen.“ 11 „Das weiß ich wohl, daß das Geld bei Ihnen keine Rolle ſpielt, aber das Mädchen iſt ſonſt ſchön wie ein Engel und wohl erzogen; ſpricht franzöſiſch und engliſch wie Waſſer, ſpielt Klavier und ſingt wie die Sonntag.“ „Sie ſtreichen ſie ja heraus, als ob es ein Ballen Zucker oder Indigo wäre, den Sie mir wieder einmal anſchmieren wollen. Haben Sie einen Auftrag von Brandeis und Compagnie bekommen?“ „Pure Freundſchaft, Herr Kommerzienrath, für Sie und Ihr reſpektables Haus,“ ſchmunzelte der ſchlaue Bör⸗ ſenmakler.„Weiß Gottl ich habe ſonſt keine andere Ab⸗ ſicht, als dem Herrn Eduard eine Frau zu verſchaffen. Die Waare iſt ſolide und preiswürdig. Darauf können ſie ſich verlaſſen.“ „Mir würde ſie auch anſtehn, aber der Junge iſt majorenn, hat ſeinen eigenen Willen, wie ſein eigenes Geſchäft.“ „Nun ein Vater, ſollte ich glauben, hat doch immer noch ein Wörtchen mitzureden. An Ihrer Stelle würde ich ihn einmal ordentlich in's Gebet nehmen und ihm ernſtliche Vorſtellungen machen. Es iſt Zeit, daß er ſolide wird. Wenn Sie wollen, brauchen Sie mir nur einen Wink zu geben und ich ſpreche mit dem alten Brandeis. Ich fin feſt überzeugt, daß der mit beiden Händen zu⸗ greift.“* 12 „Das Geſchäft läßt ſich hören und wenn es zu Stande kommt, ſoll es Ihnen auch nicht an einer guten Proviſion fehlen.“ „Daran habe ich wirklich nicht gedacht.“ „Aber ich. Umſonſt iſt der Tod und die Sache liegt mir mehr am Herzen, wie Sie glauben. Sondiren Sie das Terrain und ich will meinen Sohn vornehmen. Das tolle Junggeſellenleben muß ein Ende nehmen; er ruinirt ſich und kommt noch um ſeinen ganzen Credit.“ So gab Antonien's Erſcheinung vielfach die Veran⸗ laſſung zu ähnlichen Geſprächen und Spekulationen. Da waren junge Kaufleute, welche gern die Schwiegerſöhne des wohlhabenden Brandeis geworden wären; Väter und Mütter, die für ihre Söhne eine Frau aus angeſehener Familie ſuchten; Juriſten und Doctoren der Medicin, welche durch eine Verbindung mit der reichen Kaufmanns⸗ welt den zweifelhaften Zuſtand ihrer Finanzen zu ver⸗ beſſern und zu heben wünſchten. Sie Alle ließen ſich dem ſchönen Mädchen vorſtellen und überhäuften ſie mit Schmei⸗ cheleien und waren glücklich, wenn ſie noch einen Tanz von ihr zugeſagt erhielten. Das elegante Ballbuch faßte kaum mehr die Namen der Eingeſchriebenen. Sie hatte nur eine einzige Quadrille übrig und der Ball war noch gar nicht angegangen, Welch' ein Triumph und wie freute ſie ſich über dieſen glücklichen Erfolg, trotzdem ſie gar nicht über⸗ 13 mäßig eitel war. Und die übrigen jungen Damen em⸗ pfanden bereits einen gewiſſen Neid und ſahen in Antonien eine gefährliche Concurrentin; ſie konnten natürlich gar nicht begreifen, warum ſich die Herren um den Neuling drängten; ſie wußten auch gar nicht, wo denn eigentlich die große Schönheit ſtecke. Solche Reize hatte man wohl ſchon geſehen und mit der Bildung ſollte es auch nicht ſo weit her ſein. Derartige Bemerkungen blieben nicht aus; man muſterte Antonien vom Kopf bis zu den Füßen, um mit chriſtlicher Liebe irgend einen Fehler zu entdecken, man ziſchelte ſich allerlei in die Ohren und Fräulein Mühlen⸗ berg, die bereits etwas ältliche ſcharf blickende Tochter des Börſenälteſten, hatte es glücklich herausgebracht, daß bei näherer Beſichtigung, Antonien's Teint nicht ganz rein ſei, daß ſie am Nacken einen oder gar zwei ſchwarze Punkte habe, ſo groß wie ein Sechſer, nämlich durch das Ver⸗ größerungsglas der weiblichen Eiferſucht geſehen. Dies hinderte jedoch nicht, daß Antonie hier eine Menge Freun⸗ dinnen fand, die ſich ſo überaus herzlich freuten, ſie wieder⸗ zuſehen, von denen ſie ſich umarmen ließ und mit denen ſie Arm in Arm durch den Saal ging, plaudernd und ſcher⸗ zend, wie es die jungen Damen lieben. Auch ſie lachte und überließ ſich ihrer angebornen, heitern Laune; es war der erſte größere Ball, dem ſie in der Reſidenz beiwohnte; früher hatte ſie höchſtens an ganz kleinen Tanzvergnügungen 14 im engſten Familienkreiſe Theil genommen. Es war das ein ungeheurer Abſtand, ein jäher Sprung, ein Abſchnitt in ihrem Leben. Für ein junges Mädchen iſt der Ballſaal das Schlachtfeld, der Kampfplatz, wo es um den Preis der Schönheit und Anmuth ringt, wo es die höchſten Triumphe zu feiern, den Lorbeer zu gewinnen und alle Nebenbuhle⸗ rinnen zu beſiegen gedenkt. Wie ſchlägt nicht da das Herz voll Erwartung, wie fliegen nicht die Pulſe, wie geſpannt ſind nicht alle Nerven. Der Glanz der Gasflammen, die Pracht der Toiletten, die rauſchenden Klänge der Muſik, der ſtürmiſche Tanz, bringen eine wunderbare Aufregung hervor und üben einen magiſchen Zauber aus, bis die Zeit auch dieſes Gefühl wie jedes andere nach und nach ab⸗ ſtumpft, der Ernſt des Lebens die ſchimmernden Lichter auslöſcht und den Kranz der Luſt unter dem heißen Hauche verwelken läßt.— Nachdem die jungen Damen ihre An⸗ züge genügend beſprochen, laut bewundert und im Stillen verdammt hatten, kam die Reihe an die anweſenden Herren, wobei auch die Abweſenden nicht vergeſſen wurden. Das große Wort führte das kritiſche Fräulein Mühlenberg; mit ſcharfer Zunge und noch ſchärferen Worten übte ſie ohne Anſehn der Perſon Gerechtigkeit. Sie war bereits in jenes zweifelhafte Alter getreten, wo die Mädchen hart⸗ näckig ſich an eine Jahreszahl klammern und niemals älter werden. Die Milch der frommen Denkungsart hatte ſich 15 längſt in gährend Drachengift, der jugendliche Moſt in ſauren Eſſig verwandelt. Wie Caligula wünſchte ſie der ganzen Männerwelt nur einen Hals, um mit einem Streiche die falſche Brut zu vertilgen, welche ſo undankbar war, ſie nicht nur beim Tanze, ſondern auch im Leben ſitzen zu laſſen. Mußte ſie es nicht dulden, daß ihr jetzt die jüngſten Backfiſche vorgezogen wurden, nachdem ſie bereits verſchiedene Generationen auf Bällen erlebt hatte; war ſie nicht, wenn ſie tanzen wollte, faſt allein auf die Commis ihres Vaters angewieſen, oder auf einige gehalt⸗ loſe Referendarien, welche an dem Tiſche des Börſen⸗ älteſten von Zeit zu Zeit ein Diner einnahmen und des⸗ halb ein Uebriges thaten. Vergebens wandte ſie alle Mittel an, um noch einen Mann zu feſſeln, um an ihm ihre Rache an dem ganzen Geſchlechte auszulaſſen. Sie legte Roth auf ihr gelbes Geſicht, den feinſten pariſer Kar⸗ min; ſie ließ ihre ſtechenden Augen und ihren Geiſt ſpielen; das Alles wollte aber nicht helfen. Keiner blieb an der Leimruthe hängen und es ſchien ihr Loos zu ſein, ewig eine alte Jungfer zu bleiben. Ohne Schonung, wie man ſich leicht denken kann, ging ſie die anweſenden Herren durch, rechts und links die Geißel der Satyre unbarm⸗ herzig ſchwingend. Ihre Worte fanden auch meiſt An⸗ klang; die jungen Damen pflichteten ihr gewöhnlich bei, obgleich ſie im Stillen oft ganz anderer Meinung waren, 16 auch wenn ſie am ärgſten mit ſchmälten und ſpotteten, wobei ſie grade dadurch nach Mädchenart nur ihre wahre Meinung und zärtliche Vorliebe zu verbergen ſuchten. Antonie hörte mit Erſtaunen zu; ſie bekam eben nicht den vortheilhafteſten Begriff von der hier vertretenen Männer⸗ welt und da Fräulein Mühlenberg in ihrer anerkennungs⸗ werthen Unparteilichkeit keine Ausnahme machte, ſo drängte ſich ihr die Ueberzeugung auf, daß Alle nur wenig oder gar nichts taugten. Sie hörte die wunderlichſten Ge⸗ ſchichten von der Lebensart dieſer Herren, Dinge, von denen allerdings in ihrer Penſion nie die Rede war und die von den Mädchen unter einander in ziemlich ungenirter Weiſe verhandelt wurden. So ſah ſie ſich mit einem Male in Myſterien eingeweiht, von denen ihre ſchuldloſe Seele bisher keine Ahnung hatte, ſie that einen Blick in das Weſen der Geſellſchaft, welcher ſie vermöge ihrer Stellung angehörte, einen Blick, der plötzlich ſie in das wirkliche Leben und ſeine Verirrungen einweihte. Ihr natürlicher Verſtand ließ ſie allerdings die Uebertreibungen, welche ſich Fräulein Mühlenberg in ihrem zu weit gehenden Männerhaſſe zu Schulden kommen ließ, wohl erkennen, aber ihr eigener ſkeptiſcher Geiſt fand immer noch hin⸗ reichende Veranlaſſung, um die wenigen Ideale, welche ihr geblieben waren, vollends aufzugeben. In der Penſion hatte ſie ſchon eine Enttäuſchung erfahren, welche nicht 17 ohne Einfluß auf ihre Anſchauungsweiſe blieb. Wie die meiſten Schülerinnen war auch ſie für einen der Lehrer auf's Höchſte begeiſtert und eingenommen geweſen. Sie ſah in ihm den vollkommenſten aller Männer und hing an ſeinen Lippen, wenn er mit wohltönender Sprache und einem gewiſſen Pathos die Verſe ihrer Lieblingsdichter vortrug. Unwillkürlich trug ſie ihre jugendliche Schwär⸗ merei für die Poeſie auf den Mann über, der ſie mit den Muſen bekannt machte; ihre lebhafte Phantaſie ſchmückte ihn mit allen möglichen ſchönen und edlen Eigenſchaften aus. So oft er in das Lehrzimmer trat, fand er einen friſchen Blumenſtrauß auf ſeinem Sitz, den Antonie heimlich hingelegt. Wie freute ſie ſich, wenn er daran roch und ſich an dem ſinnigen Geſchenk erfreute. Um ſo unangenehmer wurde ſie berührt, als der noch junge und wirklich liebenswürdige Mann, der freilich von ihrer kin⸗ diſchen Neigung keine Ahnung hatte, ſich mit einer alten aber vermögenden Wittwe verlobte, welche er lediglich wegen ihres Geldes heirathete. Sie war empört über ſolch' eine niedrige Geſinnung und ihre Zärtlichkeit ver⸗ wandelte ſich in die tiefſte Verachtung. Damals faßte ſie den vorſchnellen Entſchluß, ſich nie wieder zu verlieben, oder gar einem Manne anzugehören. Es war dies der erſte, bittere Schmerz, der ihr manche heiße Thräne koſtete. Mit der Zeit vernarbte zwar die Wunde, aber die zarte 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 3 4 Seele des Mädchens konnte nicht ſo leicht dieſe Zerſtörung ihres Ideals überwinden. Deshalb fielen die Worte ihrer neuen Bekannten auf einen fruchtbaren Boden. Fräulein Mühlenberg gab nur eine Schilderung der Männerwelt, welche mit Antonien's eigenen Erfahrungen überein⸗ ſtimmte. „Sehen Sie,“ ſagte das biſſige Fräulein,„dort den langen Referendarius, der die Wanda Brauer engagirte. Er ſieht wie die theure Zeit aus. Der gute Mann drückt beide Augen zu, wenn er nur ein Mädchen mit Geld be⸗ kommt. Bei der Liebe fragt er zuerſt den Magen und dann das Herz, oder er verwechſelt vielmehr beide mit ein⸗ ander. Er glaubt zu lieben, während er doch nur ſein Brod und eine anſtändige Verſorgung ſucht. Dabei kommt es ihm gar nicht an, ob der Gegenſtand lahm und bucklig iſt. In ſeinem Eifer überſieht er ganz das Aergerniß an Wanda's Schultern. Ei!“ rief die Boshafte, ſich um⸗ ſchauend,„da iſt ja auch das ſaubere Früchtchen, der junge Herr Eſſling, ein netter Patron, der das Geld ſeines reichen Vaters mit dem Corps de Ballet durchbringt. Das iſt ja ein wahres Wunder, daß man den Herrn einmal wieder in anſtändiger Geſellſchaft begegnet. Das iſt ihm ſchon lange nicht paſſirt und es ſcheint ihm ſelber ganz wunderbar vor⸗ zukommen. Aber Alles was wahr iſt; eine feine Toilette verſteht der Schwiemel zu machen und wenn man den 19 Morndſchein auf ſeinem Kopfe abrechnet, ſo hat er ſich trotz, ſeiner Lebensweiſe noch ganz gut konſervirt.“ Obgleich die Beſchreibung des Genannten nicht eben allzu ſchmeichelhaft klang, ſo war ſie doch mindeſtens ge⸗ eignet, die Neugierde Antonien's zu erregen. Sie blickte nach ihm hin und ihre Augen begegneten den ſeinigen. Der junge Eſſling näherte ſich bereits dem dreißigſten Jahre; trotz ſeiner bekannten Ausſchweifungen ſchien er eher jünger als älter auszuſehen, wozu allerdings ſein ge⸗ wählter Anzug und die Sorgfalt, welche er auf ſeine Toi⸗ lette verwendete, das Meiſte beitrugen. Sein dunkles Haar war künſtlich genug ſo friſirt und gelegt, daß es zum großen Theil die nur hier und da verdächtig durchſchim⸗ mernde Platte bedeckte. Sein nicht unſchönes Geſicht wurde durch einen Zug von Liſt und Schlauheit verun⸗ ſtaltet. Es lag etwas Schlaues, Gleißendes, Glattes in ſeinem ganzen Weſen, das wie geleckt erſchien. Um den ſchmalen Mund ſchwebte fortwährend ein halb ſpöttiſches, halb verächtliches Lächeln, als wollte er ſich über alle Welt manquiren. Durch die gebogene Naſe erhielt ſeine Phy⸗ ſiognomie Aehnlichkeit mit einem Raubvogel. Unter der ziemlich hohen Stirn funkelten die kleinen, aber glänzenden Augen hervor, welche jetzt Antonien durch die einge⸗ klemmte Lorgnette anſtarrten. Das ironiſche Lächeln bekam dabei einen ganz eigenthümlichen, lüſternen, faſt faunen⸗ 2* 20 haften Ausdruck. Ohne ſich Rechenſchaft darüber zu geben, empfand ſie einen unerklärlichen Schauder bei ſeinem An⸗ blick. Er ſaß oder lag vielmehr nachläſſig auf einem Stuhle, von mehreren jungen und älteren Herren umge⸗ ben, mit denen er ſich im überlauten Tone unterhielt. Ob⸗ gleich ſein Aeußeres nicht unangenehm und ſelbſt geeignet war, Intereſſe für ihn einzuflößen, ſo wandte ſich doch das Mädchen verletzt von ihm ab. Die freche Art, womit er ſie un⸗ genirt und faſt herausfordernd noch immer anſtarrte, be⸗ leidigte und erregte ihr Mißfallen. Ihre Wangen wurden roth; ſie mußte unwillkürlich vor ſeinen ſtechenden, man möchte ſagen unverſchämten, Blicken die ihrigen nieder⸗ ſchlagen, obgleich ſie ſonſt eben nicht ſich ſo leicht ein⸗ ſchüchtern ließ. Er hingegen ſchien den keineswegs günſtigen Eindruck, den er hervorgebracht, ebenfalls bemerkt zu haben; denn ſein höhniſches Lächeln wurde nun noch ſpöttiſcher und eine diaboliſche Freude zuckte über das verwitterte Geſicht. „Wer iſt das Mädchen dort im weißen Kleide mit dem Roſenkranz?“ fragte er den ihm zunächſt ſtehenden Herrn. „Fräulein Brandeis,“ lautete die Antwort.„Sie iſt eben erſt aus der Penſion gekommen.“ „Gar nicht übel für einen Backfiſch. Das erſte, ver⸗ nünftige Frauenzimmer, das ich hier heute Abend ſehe. Da iſt doch Race, Leben, Feuer drinn, ein anderer Schlag 21 wie unſere gewöhnlichen Milch⸗ und Waſſerſuppengeſichter. Ich will mich ihr vorſtellen und ſie engagiren, obgleich ich ſonſt, wie Ihr wißt, auf Eurer langweiligen Rieſſomm⸗ nicht zu tanzen pflege.“ „Nehmen Sie ſich nur in Acht, daß Sie keinen Korb bekommen.“ „Laſſen Sie das meine Sorge ſein. Wo ich anpoche wird mir aufgethan. Dafür heiße ich Eſſling.“ Mit dieſen Worten ging er, ohne die ferneren Ein⸗ reden ſeiner Umgebung zu beachten, geradezu und mit ſtolzer Zuverſicht auf den Ort los, wo Antonie noch mit den übrigen Damen ſtand. „Fräulein Mühlenberg,“ ſagte er dieſe anredend, „wird wohl die Güte haben, mich der jungen Dame vorzu⸗ ſtellen. Sie kennen mich am beſten; wir ſind ja Jugend⸗ freunde und deshalb rechne ich auf Ihre Güte. Faſt muß ich glauben, daß Sie mich bereits hinlänglich empfohlen haben werden, denn ich weiß ja, ſo wie alle Welt, daß Sie ſtets das Beſte von Ihrem Nebenmenſchen hinter ſeinem Rücken ſagen.“ Die ſo ironiſch Angeſprochene ſchien keineswegs Willens, ſeinem Wunſche zu entſprechen; ſie machte ihm mit gleicher Münze zahlend eine ſpöttiſche Verbeugung, indem ſie ihren Unmuth über ſeine Stachelreden hinter einem ſauer⸗ ſüßen Lächeln zu verbergen ſuchte. 22 „Sie genießen,“ entgegnete ſie,„einen ſo ausge⸗ zeichneten Ruf, daß Sie meiner Empfehlung nicht erſt bedürfen. Was aber unſere Jugendfreundſchaft betrifft, ſo erlaube ich mir nur zu bemerken, daß davon nicht die Rede ſein kann, da ich, wie Sie wiſſen—“ „Erſt Ihr zwanzigſtes Jahr zurückgelegt haben,“ fiel hier Eſſling lächelnd ein.„Ich ſehe ſchon, daß ich mich ſelber vorſtellen muß. Erlauben Sie daher, Fräulein Brandeis, daß ich mich als Eſſling junior bei Ihnen einführe. Sie werden bereits von mir gehört haben; und ich ſchmeichle mir, Ihnen par renomméo nicht unbekannt zu ſein. Jetzt habe ich nur den Wunſch, mir den nächſten, noch freien Tanz von Ihnen erbitten zu dürfen.“ „Ich bedaure recht ſehr,“ entgegnete Antonie kalt, ob⸗ gleich ſie die letzee Quadrille noch zu vergeben hatte; aber ſein ganzes Weſen und Benehmen mißfiel ihr in ſo hohem Grade, daß ſie ihm kein Hehl daraus machte. Dies hinderte ihn jedoch nicht, ruhig auszuharren. Er blieb in ihrer Nähe ſtehen und wußte ſie mit vieler Gewandtheit gegen ihren Willen in ein lebhaftes Geſpräch zu verflechten. Es ließ ſich ihm nicht eine feine Beobachtungsgabe, ſcharfer Witz und klarer Verſtand abſprechen. Wenn Eſſling wollte und ſich bemühte, konnte er ſogar angenehm erſcheinen. Der Widerſtand, den er fand, reizte ihn nur, ſich in einem beſſeren Licht zu zeigen und dies gelang ihm auch in den 23 meiſten Fällen, wenn auch nicht bei Antonien ſo ſchnell wie ſonſt, das ihm ungünſtige Vorurtheil zu beſiegen. Noch immer hoffte er, nach und nach ihre Gunſt zu erlangen und dies wäre ihm vielleicht auch noch gelungen, wenn nicht der eben beginnende Walzer die Unterhaltung mit ihrunterbrochen hätte. Ein glücklicher Tänzer näherte ſich ihr und ent⸗ führte ſie, bald ſchwebte ſie leicht wie eine zarte Elfe im Kreiſe, verfolgt von Eſſling's düſter glühenden Blicken. Im nächſten Augenblicke überließ ſie ſich ganz und gar ihrer jugendlichen Tanzluſt, ohne einen andern Gedanken als das Vergnügen und die Aufregung gewährt. Sie war noch in jenem glücklichen Alter, wo der Tanz um des Tanzes willen intereſſirt. Die Herren ſchienen ihr gleich⸗ giltig, wenn ſie nur ſonſt gewandt waren und die Touren kannten. Die gewöhnlichen Ballgeſpräche eigneten ſich nicht, um dem geiſtreichen Mädchen mehr als oberflächliche Antworten abzulocken. Sie fühlte weder Luſt noch Neigung, auf ein tieferes Geſpräch einzugehen, das ohnehin die meiſten Tänzer nur in Verlegenheit geſetzt haben würde. Kaum hielt ſie es der Mühe werth, dem Herrn, mit dem ſie engagirt war, einen Blick zu ſchenken; es genügte ihr, daß er leicht und ſicher ſeine Pas ausführte. Dieſer ſchien jedoch angelegentlich bemüht, eine Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen. Aſſeſſor Bolten gehörte einer geachteten Beamtenfamilie an; ſeine Mutter war die Wittwe eines 24 Regierungsrathes, der mit Hinterlaſſung einer zahlreichen Familie und eines unbedeutenden Vermögens geſtorben war. Mit Hülfe ihrer kleinen Penſion gab ſie unter den ſchwerſten Entbehrungen ihren Kindern eine ſorgfältige Erziehung. Der älteſte Sohn hatte die juriſtiſche Carriere nicht ohne Erfolg eingeſchlagen, obgleich ſein kleiner Gehalt vorläufig nur eben hinreichte, ihn ſelber ſtandesgemäß zu erhalten. Zwei jüngere Schweſtern ernährten ſich und die Mutter durch Klavierſtunden und weibliche Arbeiten. Unter ſolch beſchränkten Verhältniſſen war der junge Mann aufge⸗ wachſen; aber gerade dadurch wurden ſeine Energie, ſeine Thätigkeit und ſein Fleiß ganz beſonders herausgefordert. Das Vorbild der edlen Mutter, ihre Bereitwilligkeit, ſich für die Ihrigen aufzuopfern, ihr zarter, edler Sinn hatten ihn mit der höchſten Achtung für das ganze Frauengeſchlecht erfüllt und ſeinem männlichen Weſen einen eigenthümlichen Zug weiblicher Milde und Anmuth beigemiſcht. Ueber ſein ſchönes, regelmäßig geformtes Geſicht lag eine anzie⸗ hende Melancholie ausgegoſſen, wie man ſie bei den Män⸗ nern zu finden pflegt, welche frühzeitig an Entbehrungen ſich gewöhnen müſſen. Sein ganzes Sein und Denken hatte eine mehr ideale Richtung angenommen, indem er vermöge ſeiner Lage von äußeren Zerſtreuungen der Jugend abgehalten, ein höheres Streben mit allen ſeinen Kräften verfolgte. Der Ernſt des Lebens war ihm früh erſchienen, aber nicht in dem düſteren Gewande der Verbitterung, wofür ihn der milde Sinn und das Beiſpiel ſeiner Mutter ſchützte, ſondern in der freundlichere Geſtalt eines weiſen Lehrers, der ihm den richtigen Weg zu ſeinem Ziele zeigte. Sein ſchönes Geſangtalent und eine gediegene, muſikaliſche Bil⸗ dung hatten ihn in die Geſellſchaft eingeführt, wo er überall wegen ſeines feinen Benehmens und ſeines geſitteten Be⸗ tragens gern geſehen und gelitten wurde. Auch mit der Familie des Kaufmanns Brandeis war er auf dieſe Weiſe bekannt geworden und Antonie hatte ihn bereits einige Male in dem elterlichen Hauſe geſehen, ohne ihm jedoch näher zu treten. Die Schuld trug wohl ſeine eigene Zu⸗ rückhaltung, eine ihm angeborene Schüchternheit, welche zum Theil aus einem gewiſſen Stolz der Dürftigkeit ent⸗ ſprang. Er wollte nicht zudringlich erſcheinen und wurde deshalb häufig für verſchloſſen, ſelbſt für beſchränkt von oberflächlichen Beurtheilern gehalten. Den jungen Mäd⸗ chen erſchien er aus demſelben Grunde als ein trockener Aktenmenſch, weil er nicht jene gewöhnliche Fertigkeit beſaß, über Nichts ſchöne Worte zu machen und abgedroſchene Phraſen mit einem wichtigen Anſtriche vorzubringen. An⸗ tonie theilte dies Vorurtheil, obgleich ſie ihm als Tänzer und beſonders wegen ſeiner ſchönen Stimme volle Gerechtig⸗ keit wiederfahren ließ; nur ſang er nach ihrer Meinung viel zu kalt und ſeelenlos, weil er fern von jeder Effekt⸗ 26 haſcherei ſchlicht und keuſch die Gedanken des Componiſten wieder zu geben ſich bemühte. Die Muſik war bisher der einzige Berührungspunkt zwiſchen Beiden geweſen und ihr Geſpräch drehte ſich auch jetzt meiſt nur um ähnliche Gegen⸗ ſtände. Mochte es aber die unmittelbare Nähe des ſchönen Mädchens, oder eine nicht gewöhnliche Aufregung ſein, die den Aſſeſſor ihr plötzlich in einem beſſeren Lichte erſcheinen ließ. Er ſprach mit Begeiſterung, mit überraſchender Sicherheit und Gediegenheit, ſo daß ſie unwillkürlich von ſeiner Unterhaltung gefeſſelt wurde. Im Laufe ſeiner Rede verrieth er unbewußt, daß er ſich ſelbſt ſchon als Componiſt, wenn auch unter einem andern Namen, verſucht habe; ſie kannte ſeine Lieder voll Poeſie und zauberhafter Melodie; ſie hatte dieſelben oft geſungen, ohne den Ver⸗ faſſer zu ahnen. Dieſe Entdeckung erhöhte ſeinen Werth in ihren Augen und ſie ſprach ihre Bewunderung für ſeine Schöpfungen ihm gegenüber unumwunden aus. Er wich ihrem Lobe mit erröthender Beſcheidenheit aus, die nur ſein Verdienſt vermehrte. Leider ging der Tanz ſchneller zu Ende, als Beide wünſchen mochten; denn ſie hatten ein⸗ ander noch ſo viel zu ſagen, was nun ungeſagt bleiben mußte. Als der Aſſeſſor Antonie auf ihren Platz zurück⸗ führte und ſich mit einer Verbeugung empfehlen wollte, erſuchte ſie ihn dringend, ſeine neueſte Compoſition, von der er mit ihr geſprochen hatte, ihr zu bringen. 27 „Kommen Sie morgen,“ bat ſie mit einer ſchmei⸗ chelnden Miene, der kein Menſch zu widerſtehen vermochte, „und bringen Sie Ihre neueſten Lieder mit. Ich freue mich darauf wie auf das erſte Veilchen. Jedes geiſtige Werk erhält ein doppeltes Intereſſe, wenn man erſt den Autor kennt. Wenn ich ein gutes Buch leſe, ein ſchönes Lied höre, ſo entſteht auch gleich der Wunſch in mir, den Verfaſſer zu ſehen und perſönlich kennen zu lernen. Seine Schöpfung tritt uns dann gleichſam verkörpert näher. Ich erwarte Sie und Sie werden kommen, nicht wahr, Herr Aſſeſſor?“ Natürlich ſagte er mit tauſend Freuden zu; ſie ſtreckte ihm die Hand entgegen, als wollte ſie ihm den Handſchlag abfordern. Er neigte ſich herab nnd drückte einen Kuß auf die ſchlanken, roſigen Fingerſpitzen; dabei glaubte er einen leiſen, kaum merklichen Druck von ihrer Seite zu ſpüren. Das war mehr, als er erwartet hatte. Zweites Capitel. — Es war ſchon ſpät am Tage, als der junge Eſſling in ſeiner Wohnung erwachte. Sein Schlafzimmer, ſo wie das ganze Quartier, welches er inne hatte, war mit wahr⸗ haft orientaliſchem Luxus ausgeſtattet. Eine dunkle Sam⸗ 28 mettapete gab dem Kabinet etwas Heimliches, ſchon zum Schlummer Einladendes. Blaue Seidenvorhänge mit ſchweren Quaſten dämpften das helle Licht und verbreiteten eine angenehme Dämmerung. An den Wänden hingen einige koſtbare Oelgemälde; ſie ſtellten die berühmteſten Schönheiten älterer und neuerer Zeit vor, von den bedeu⸗ tendſten Malern gemalt, eine Kleopatra, nachläſſig auf ſchwellenden Purpurkiſſen hingelagert, wie ſie im goldenen Schiffe ihrem Antonius entgegenzieht. In den Augen der dünklen Schönheit loderte das verzehrende Feuer der Wol⸗ luſt und um ihre üppig feinen Lippen ſpielten wie kleine Schlangen die Grazien der Verführung und Koketterie. Ihr gegenüber war eine büßende Magdalena angebracht, doppelt reizend durch ihre ſüßen Formen und die Thränen der Reue, welche über die ſchönen Wangen floſſen und die blonden, wogenden Haare benetzten, die ſich über den bloßen Nacken und den weißen, aufathmenden Buſen wie ein gol⸗ dener Mantel breiteten. Aus dem goldenen Rokokorahmen lauſchte die Marquiſe von Pompadour, umflattert von loſen Amoretten, während ein junges Mädchen von Greuze, aus deren Mieder eine friſche Roſenknospe hervorlauſchte, zum Kuſſe einlud. Neben dieſen Portraits der weiblichen Schönheit waren aber noch andere Bilder vorhanden, die beſſer verhüllt geblieben wären, geeignet, die Phantaſie zu erhitzen und den verdorbenen Geſchmack ihres Beſitzers 29 hinlänglich verrathend. Dieſer lag noch immer ſchlafend auf einem wahrhaft ſybaritiſchen Lager, deſſen Elaſtizität und Weichheit nichts zu wünſchen übrig ließ; hinter ſeidenen Gardinen, welche von einem vergoldeten Amor feſtgehalten wurden. Auf dem eleganten Divan und dem Lehnſtuhle lag noch ſeine Ballgarderobe in der größten Unordnung, wie er ſie eben beim ſchnellen Ausziehen hingeworfen hatte. Ein koſtbarer Toilettentiſch von Polyſanderholz enthielt in unzähligen Gläſern, Flaſchen und Doſen die Verſchöne⸗ rungsmittel, womit der Eigenthümer dieſer Räume die Verwüſtungen ſeiner Ausſchweifung geſchickt zu übertünchen wußte. Das ganze Schlafzimmer mit ſeiner Decorirung charakteriſirte den Herrn deſſelben beſſer, als es die ge⸗ naueſte pſychologiſche Schilderung zu thun vermag; ſinnliche Aufreizung, verbunden mit einem nicht geſchmackloſen Luxus, bildeten den Grundzug deſſelben. Die Bronceuhr, welche auf dem Kamine ſtand, ſchlug bereits zehn Uhr, als der junge Eſſling bei ihrem Klange erwachte und verwundert die Augen aufſchlug. Er griff nach der auf dem Nacht⸗ tiſche liegenden Glocke, um ſeinem Bedienten zu ſchellen. Dieſer erſchien ſogleich und warf einen ſchlauen, prüfenden Blick auf ſeinen Gebieter, um die Laune deſſelben zu ſtu⸗ diren. Der Burſche zeigte eine glatte, geleckte Phyſiogno⸗ mie, eine Verſchmitztheit, welche Ihresgleichen ſuchte. Er war der Leporello dieſes modernen Don Juan's, aber ohne 30 die Gutmüthigkeit und den Humor ſeines ſpitzbübiſchen Vorbildes. „Iſt Niemand da geweſen?“ fragte Eſſling, indem er mit Hülfe des Dieners in ſeinen ſeidenen Schlafrock ſchlüpfte und eine ſchnelle Morgentoilette machte. „Nur der Agent Veitel. Ich hab' ihn gegen Mittag wieder her beſtellt.“ „Sind keine Briefe für mich angekommen?“ Der Bediente reichte auf einem ſilbernen Präſentir⸗ brett die eingegangenen Schreiben, ſowie die heutige Mor⸗ genzeitung hin. Eſſling erbrach die verſchiedenen Blllete, deren Inhalt er flüchtig durchlas, während der Diener, welcher Stephan hieß, anſcheinend mit dem Ordnen der zerſtreut umherliegenden Garderobe beſchäftigt, kein Auge von der Phyſiognomie des Herrn verwendete, den er voll⸗ ſtändig auszuſpioniren ſchien. Einige unbedeutende Briefe wanderten ſogleich in den geſtickten Papierkorb, wichtiger mußte wohl das Briefchen auf Roſapapier ſein, welches mit einem Amor zugeſiegelt, ein ganz eigenthümliches Parfüm verbreitete. Der Inhalt deſſelben war gewiß dem Empfänger nicht ſehr angenehm, denn beim Leſen deſſelben verdüſterte ſich ſein blaſirtes Geſicht und die ſchmalen Lippen verzogen ſich zu einem unangenehmen Lächelnl. „Das Weib wird immer unverſchämter,“ murmelte er für ſich.„Aber was hilft's; ich kann ſie nicht entbehren. ———— G8e⏑——— unu nmu Sie iſt noch das einzige Frauenzimmer, das mich zu amü⸗ ſiren verſteht; bei allen Uebrigen ſchlafe ich vor Langeweile ein. Sie ſoll diesmal noch den Brillantſchmuck haben; doch ich will ernſthaft mit ihr reden. Wenn das ſo fort⸗ geht, ſo ruinirt ſie mich.“ Er ergriff nach dieſem halblauten Selbſtgeſpräch die Morgenzeitung, die er flüchtig durchblätterte. Nicht der Leitartikel und der politiſche Theil, ſondern einzig und allein die mitgetheilten Börſencourſe erregten ſeine Aufmerkſam⸗ keit. Eſſling war ein kühner Geldſpekulant, der bisher vom Glücke begünſtigt ſein bedeutendes Vermögen faſt ſchon verdoppelt hatte. Er liebte das Geld, weil es ihm eine Reihe unentbehrlicher Genüſſe verſchaffte, deshalb war ſein ganzes Streben auf Erwerb gerichtet. In ſeinem Weſen vereinte ſich der ſchmutzigſte Geiz mit der ausſchweifendſten Verſchwendungsſucht. Wo es galt, ſich ein Vergnügen, eine Bequemlichkeit zu verſchaffen, da ſtreute er das Geld mit vollen Händen aus, während er ſonſt auf die gemeinſte Weiſe knickerte. Für ſeine Perſon war ihm keine Ausgabe zu groß, für Andere auch die unbedeutendſte Summe uner⸗ ſchwinglich. Er konnte hunderte und ſelbſt tauſende von Thalern in Champagner, Auſtern und ähnlichen Luxus⸗ artikeln, für ſeine vielfachen Liebſchaften mit Leichtigkeit ausgeben, um ſo ſchwerer dagegen zu irgend einem löblichen Zwecke ein Opfer bringen. Jedes Mittel ſchien ihm erlaubt, 32 welches ihm Geld brachte; neben ſeinen Börſenangelegen⸗ heiten betrieb er noch ein umfangreiches und einträgliches Wuchergeſchäft: er kaufte und verkaufte mit Nutzen zweifel⸗ hafte Hypotheken, lieh auf Pfänder und Wechſel jungen Verſchwendern und Ghesseſfern welche durch ſeine Hülfe dem Ruin um ſo ſchneller und ſicherer entgegen gingen. Mit kalter Gleichgiltigkeit half er an ihrem Untergang mit und kannte keine Rückſicht, keine Barmherzigkeit. Trotz ſeiner Jugend war er als einer der ſchlimmſten Blutſauger und Gurgelabſchneider in der Reſidenz bekannt und ge⸗ fürchtet. Ueber die Verachtung der Welt wußte er ſich jedoch hinweg zu ſetzen; er beſaß die ſchönſte Equipage, ein ausgezeichnetes Reitpferd; ſeine Dinels und Soupers waren ihrer Feinheit und des herrſchenden Luxus wegen berühmtv; ſie wurden trotz alle dem von der eleganten Männerwelt beſucht. Eine Schaar von ſo genannten Freunden umgab ihn und ſchmeichelte ihm, weil er von Zeit zu Zeit in einem Anfalle ſeiner Vauu ſie mit Genüſſen aller Art förmlich über⸗ ſchüttete und dann und wann ſelbſt bedeutendere Summen ihnen freigebig ſpendete. Dafür behandelte er ſie mit einer wegwerfenden Vertraulichkeit, die faſt an Verachtung grenzte. Er hielt die ganze Welt für käuflich und gemein und daher ſtammte ſeine Geringſchätzung aller Menſchen. In ſeinen Augen gab es keinen ehrlichen Mann und keine keuſche Frau. Mit Geld glaubte er Alle zu erkaufen, jede Tugend 33 zu beſtechen, jede Unſchuld zu verführen. Darum war er einzig und allein darauf bedacht, ſein Vermögen zu ver⸗ mehren, weil er das Geld als die Hauptmacht der Gegen⸗ wart, als den Quell aller Genüſſe betrachtete. Während er ſeine Morgentoilette beendete und der Bediente mit der Bereitung der Chocolade beſchäftigt war, klopfte es leiſe an der Thür. Auf das laute„Herein!“ erſchien die gebückte Geſtalt des Agenten Veitel, welcher mit Herrn Eſſling junior in einer eigenthümlichen Ge⸗ ſchäftsverbindung ſtand. „Nur herein!“ rief er ſeinem Gaſt entgegen.„Was bringen Sie mir, alter Geſchäftsfreund!“ „Was ſoll ich bringen? Geld will ich Ihnen bringen, wenn Sie ſchnell zugreifen.“ „Laſſen Sie hören!“ „Sie kennen doch den Baron von Kirchberg, der das ſchöne Gut hat, das Ihnen ſo in die Augen ſticht. Er hat es geerbt von ſeinem Herrn Vater, welcher keinen Pfennig darauf ſchuldig war.“ „Deſto mehr der Sohn,“ unterbrach ihn Eſſling. „Er will jetzt verkaufen das Gut und Sie können es bekommen um einen Spottpreis, wenn Sie es klug an⸗ fangen. Das Waſſer geht ihm bis an den Hals, denn es laufen viele Wechſelchen auf ihn herum. Was meinen Sie, wenn wir die Papierchen aufkaufen. Wir werden 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 3 ———ͦ—ÿ—ÿ—ꝛ—xOꝛ:ñꝛñꝛO;&LB⁊& B—Q— 34 ſie billig bekommen, weil der Credit des Herrn Baron nicht auf den beſten Füßen ſteht. Dann werden wir klagen und drohen mit der Exekution und mit dem Perſonal⸗ arreſt und es wird ihm nichts übrig bleiben, als Ihnen zu überlaſſen das ſchöne Gut.“ „Der Vorſchlag läßt ſich hören, nur fürchte ich, daß die Sache wieder Spektakel macht. Der Baron hat eine große Familie in der Stadt, viele Bekannte; die werden Lärm ſchlagen.“ „Was machen Sie ſich daraus? Ein Bischen Lärm wird Ihnen nichts ſchaden, wenn Sie erſt das Gut haben. Sie geben eine Jagd, ein großes Diner mit Auſtern und Faſanenbraten; damit ſtopfen Sie den Leuten die Mäuler. Die am meiſten ſchreien, eſſen auch am meiſten und ſind dann wieder ſtill. In vier Wochen kräht kein Hahn darnach.“ G „Ich will mir die Sache überlegen; einſtweilen kaufen Sie nur alle laufende Wechſel auf. Das Uebrige wird ſich ſinden.“ „Und Sie werden nicht mich vergeſſen und mir eine Extra⸗Proviſion bewilligen, weil ich Ihnen zu ſo einem ſchönen Geſchäfte verholfen habe.“ „ Darauf ſoll es mir nicht ankommen. Sie wiſſen, daß ich kein Knauſer bin. Leben und leben laſſen iſt mein Spruch.“ 3⁵ „Ich weiß, daß Sie ſind ein großmüthiger Herr,“ entgegnete der Agent und ſteckte ſich die Cigarre an, welche ihm Herr Eſſling mit herablaſſender Miene hinreichte. Er mochte erſt einige Züge geraucht haben, als der Bediente eintrat und ſeinem Herrn einige Worte leiſe in das Ohr flüſterte. „Ich bekomme Beſuch,“ ſagte dieſer,„und möchte nicht gern, daß Sie hier geſehen werden. Steffen ſoll Sie die Hintertreppe herunterführen.“ „Geniren Sie ſich nicht,“ antwortete Veitel,„und brauchen Sie Ihre ganze Bequemlichkeit. Ich kann mir ſchon denken,“ fügte er mit eingekniffenen Augen hinzu, „was für einen Beſuch Sie erwarten.“ Ohne auf die verſtändliche Anſpielung zu hören, drängte Eſſling den läſtigen Gaſt zum Fortgehen. Der Bediente, für alle derartige Fälle bereits vorbereitet, führte den Agenten über die geheime Hintertreppe in's Freie und kehrte bald darauf wieder zurück. „Alſo mein Vater,“ fragte ihn Eſſling,„wartet draußen? Was will der an ſo frühem Morgen bei mir? Wir haben uns ſchon lange nicht geſehen; es muß alſo eine wichtige Angelegenheit ſein, in der er mich zu ſprechen wünſcht. Laß ihn eintreten, denn er wird leicht ungeduldig und ich muß den Alten ſchonen.“ Einige Augenblicke ſpäter erſchien der Kommerzien⸗ 3* —ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—xxOYñ;— 36 rath vor ſeinem Sohne, der ihm bis an die Thür entgegen ging. Der Vater, welcher in mancher Beziehung trotz ſeines vorgerückteren Alters mit dem würdigen Sprößling ſympathiſirte, hielt es doch für angemeſſen, von Zeit zu Zeit eine ernſte Miene anzunehmen und ihm gegenüber den Strafprediger zu ſpielen. Er kümmerte ſich nur in ſo weit um das Leben und Treiben ſeines Sohnes, als es die Oeffentlichkeit berührte. Im Stillen hielt auch er Manches erlaubt, was er vor den Augen der Welt mißbilligte. Seine ganze Moral beſchränkte ſich darauf, jeden Skandal zu vermeiden und öffentlich kein Aergerniß zu geben, ſonſt war auch er kein Verächter des ſchönen Geſchlechts und in Geſchäften nicht immer der ſolideſte geweſen; er hatte es aber ſtets verſtanden, den äußeren Anſchein zu wahren und ſeinen Ruf zu behaupten. Darin lag der einzige Unter⸗ ſchied zwiſchen Beiden. 3 „Du haſt mich warten laſſen,“ begann der Kommer⸗ zienrath, nachdem er ſich geſetzt und der Bediente das Zimmer verlaſſen hatte, um am Schlüſſelloche zu lauſchen. „Verzeihen Sie,“ entgegnete der Sohn,„aber ich bin ſo eben erſt aufgeſtanden. Sie wiſſen, daß ich geſtern auf dem Kaufmannsballe war und erſt ſpät zu Bette ge⸗ kommen bin.“ „Das iſt nichts Neues bei Deiner Lebensart. Wenn 37 Du es ſo fort treibſt, mußt Du in einigen Jahren zu Grunde gehen.“ „Sie irren, lieber Vater! Mein Hausarzt giebt mir da eine beſſere Hoffnung; er findet meine Conſtitution ausgezeichnet und verſpricht mir bei einer Lebensart, ganz wie die Ihrige, ein ganz reſpektables Alter. Doch bei aller Liebe für mich, welche ich bei Ihnen vorausſetzen darf, werden Sie gewiß nicht ſo zeitig hergekommen ſein, um mir eine diätetiſche Vorleſung zu halten. Ich lebe, wie ich es verantworten kann und befinde mich dabei, wenn Sie das beruhigen kann, ganz wohl und munter.“ „Es handelt ſich auch diesmal nicht um Deine Ge⸗ ſundheit,“ antwortete der Kommerzienrath, indem er aus ſeiner goldenen Schnupftabaksdoſe eine Priſe nahm.„Mein Beſuch verbindet noch einen andern Zweck.“ „Das hab' ich mir gedacht,“ murmelte der Sohn und blies den Rauch ſeiner echten Havanna vor ſich hin, die blauen Wölkchen und Kreiſe gleichmüthig betrachtend. „Es geht ſo länger nicht,“ fuhr der Kommerzienrath mit Pathos fort.„Als Vater fühle ich mich verpflichtet, Dir die Wahrheit zu ſagen, obgleich Du bereits majorenn und leider allzu früh ſelbſtſtändig geworden biſt.“ Der Redner hielt hier inne, gleichſam um die Wir⸗ kung ſeiner Einleitung abzuwarten, um dann mit Nach⸗ druck fortfahren zu können. Eſſling junior hatte ſich bequem 38 in den Lehnſtuhl zurückgelegt und ſah halb mit ſpöttiſchen, halb mit ergebenen Blicken auf ſeinen Vater, wie auf ein unvermeidliches, aber im Ganzen mehr langweiliges als unangenehmes Ereigniß. „Bitte! geniren Sie ſich nicht,“ ſagte er mit ironi⸗ ſcher Höflichkeit.„Ich bin dergleichen ſchon gewöhnt.“ „Ich bin auch einmal jung geweſen,“ eiferte der Kommerzienrath, welcher einigermaßen durch die Kalt⸗ blütigkeit des Sohnes aus dem Text gekommen war.„Ich weiß auch, daß Jugend keine Tugend hat, aber ſo arg wie Du hab' ich es nie getrieben. Stets habe ich wenigſtens die äußeren Dehors ſowohl im Geſchäft, wie im bürger⸗ lichen Leben beobachtet. Nie hat man mich mit einer Schaufpielerin, oder gar mit einer verrufenen Tänzerin öffentlich ausfahren geſehn. Meinen Ruf hätte ich nie⸗ mals, ſo wie Du es thuſt, auf's Spiel geſetzt. Auch in der Geſchäftswelt kann Niemand mir etwas Nachtheiliges nachſagen; ich habe mein Geld und zwar viel Geld, aber ſtets mit Anſtand verdient, während an Deinem Namen ein ſchwerer Makel haftet. Wie ſteh' ich an der Börſe geachtet da; dagegen ſpricht man von Dir nicht eben in der ehrenvollſten Weiſe.“ „Ich habe nie geahnt,“ unterbrach ihn der jüngere Eſſling,„daß die Börſe nach Moral frägt, bisher ſchien mir einzig und allein das Geld der Maßſtab ihrer Ach⸗ * 4 4 4 39 tung zu ſein. In dieſer Beziehung glaube ich aber, daß meine Unterſchrift ſo viel gilt, als die Ihrige, wenn es darauf ankommt. Ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, daß es mir nicht an dem nöthigen Credit fehlen wird.“ „Ich ſpreche auch nicht von Deinem Credit, ſondern nur von Deinem Renommée.“ „Das kommt in heutiger Zeit auf Eins hinaus. Man ſchätzt den Menſchen nicht nach dem, was er iſt, ſondern was er hat. Das habe ich oft genug aus Ihrem eigenen Munde gehört, um mir dieſe ſchöne und voll⸗ kommen wahre Maxime einzuprägen. Geld iſt die Loſung und alles Uebrige nicht der Rede werth. Trotz des ſchlechten Rufes, deſſen ich mich nach Ihrer Anſicht erfreue, kann ich den beſten Umgang haben, wenn ich will. Ich brauche nur zu winken und ich ſehe die feinſte Geſellſchaft bei mir. Iſt mein Champagner darum ſchlechter, weil ich, ob mit Recht oder Unrecht, wollen wir nicht unterſuchen, in den Augen der Welt übel angeſchrieben bin? Und wer ſind die Leute, welche mich anſchuldigen und die Naſe rümpfen? Dummköpfe, denen es an Verſtand fehlt, eben ſo zu han⸗ deln wie ich. Die gern möchten, aber nicht können und darum die Trauben ſauer ſchelten. Lehren Sie mich die Welt kennen; ſie iſt und bleibt eine gemeine Straßendirne, welche ſo lange ſchimpft, bis man ihr ein Geldſtück hin⸗ ·. 40 wirft, das ſie mit gekrümmten Rücken aus dem Straßen⸗ kothe aufhebt.“ „Aber man muß doch auf ihr Urtheil geben,“ wandte der Kommerzienrath nur noch ſchüchtern gegen dieſe furcht⸗ bar ſchneidende Logik ein. „Ich nicht und Sie auch nicht, weil wir Beide un⸗ abhängig ſind durch unſer Vermögen. Wenn Sie es dennoch thun, ſo geſchieht es nur aus Eitelkeit. Sie wollen zu dem Gelde noch den Ruhm haben, ein ſogenannter ehrenwerther Mann zu ſein. Ich weiß, Sie ſpekuliren ſchon ſeit Langem auf einen Orden; Sie werden ihn auch bekommen, wie Sie den Titel„Kommerzienrath“ bekommen haben. Unter uns geſagt, der Spaß hat Sie ein ſchönes Stück Geld gekoſtet. Ich bin nicht ſo ehrgeizig, vielleicht kommt auch bei mir die Zeit. Vorläufig will ich mich amüſiren, jedes Vergnügen kennen lernen und mein Lehen genießen. Schade nur, daß man ſo ſchnell damit fertig wird. Die Natur iſt keineswegs ſo erfinderiſch wie man glaubt, ich finde ſie ziemlich beſchränktn und langweilig. Für Amüſement hat ſie wirklich ziemlich ſchlecht geſorgt.“ „Und denkſt Du nicht an die Täge, die Einem nicht gefallen wollen. Du wirſt im Vlre einſam und verlaſſen daſtehn.“ „Aha! Will es da hinaus. Jetzt begreife ich, lieber Vater, und erkläre mir Alles. Sie haben die Abſicht, mich 41 zu verkuppeln. Warum haben Sie mir das nicht gleich geſagt? Ich habe ſelber ſchon daran gedacht. Das wäre doch einmal eine Abwechſelung in dem einförmigen Leben. Ich habe meine bisherigen Liaiſons wirklich ſatt bekommen. Auf die Länge der Zeit widern Einen all dieſe Verbin⸗ dungen an. Außerdem ſind ſie koſtſpielig und werden um ſo theurer, je älter man wird. Ich brauche eine Frau zu meiner Unterhaltung, um in meinem Hauſe zu repräſen⸗ tiren, die Wirthin zu machen.“ „Ich freue mich, Dich auf ſo gutem Wege zu finden.“ „Auf dem allerbeſten von der Welt. Ich könnte mich entſchließen, auf der Stelle zu heirathen, wenn mir ſonſt das Mädchen nur gefällt. Laſſen Sie nur hören, welch' eine Schöne Sie mir zum Weibe auserwählt haben; denn Schönheit iſt die erſte Anforderung an meine Zukünftige.“ —„Du wirſt hoffentlich mit meiner Wahl zufrieden ein.“ „So drücken Sie nur los; Sie ſehen ja, daß ich vor Ungeduld vergehe, die Bekanntſchaft meiner Braut zu machen.“ „Wie gefällt Dir Fräulein Brandeis? Du haſt ſie geſtern auf dem Balle geſehen.“ „Nicht übel; zwar noch Backfiſch, aber von dem Holze, aus dem ſich eine ordentliche Dame einmal 42 ſchnitzen läßt. Auch gegen die Familie hätte ich nichts einzuwenden.“ „Wenn das Deine ernſte Meinung iſt, ſo will ich die Sache in Ordnung bringen. Ich habe bereits unſerm Krautheim den Auftrag gegeben, bei dem Alten behutſam anzuklopfen.“ „Ich fürchte auch nicht einen Korb zu bekommen,“ ſagte der Sohn ſelbſtgefällig.„Brandeis ſelbſt iſt ein zu guter Spekulant, um nicht mit beiden Händen zuzugreifen; und das Mädchen ſcheint mir klug genug, um ihren Vor⸗ theil einzuſehen. Ich ſelbſt bin neugierig, wie ich mich als Bräutigam, Gatte und Vater einmal ausnehmen werde.“ Der Kommerzienrath war mit dieſer mehr frivolen, als ernſtlich gemeinten Einwilligung vorläufig zufrieden, da es ihm nur darum zu thun war, den Sohn durch eine Verbindung mit einer ſoliden und anſtändigen Familie vor der Welt zu rehabilitiren.— Drittes Capitel. Die ſich häufig wiederholenden Beſuche des Aſſeſſors Bolten ſchienen dem Kaufmann Brandeis grade nicht an⸗ genehm zu ſein; er ſchrieb dieſelben nicht mit Unrecht den 43 aufblühenden Reizen ſeiner älteſten Tochter zu. An dieſer Bewerbung lag ihm um ſo weniger, da der junge Mann trotz ſeiner übrigen trefflichen Eigenſchaften in dem Haupt⸗ punkte des Vermögens dem ſicheren Geſchäftsmann keine feſten Garantieen bot. Antonie ließ ſich die Huldigungen des neuen Anbeters gefallen; ſie ſang mit ihm die zärt⸗ lichſten Lieder und Duette. Wenn er aber im Laufe der Unterhaltung dieſelben Gefühle, welche er ihr gegenüber in Noten ausdrücken durfte, jetzt in ſchlichter Proſa vor⸗ bringen wollte, ſo wich ſie ihm mit vieler Gewandtheit aus. Ihr Herz ſprach wohl im Stillen laut und lebendig zu ſeinen Gunſten, aber ihr, Verſtand wachte über ihre Gefühle und berechnete alle Folgen eines voreiligen Ent⸗ ſchluſſes. Sie war und blieb in allen Fällen die kluge Kaufmannstochter, welche die Zukunft im Auge behielt und ſich nicht leicht in eine gewagte Spekulation einließ. Wäre der Aſſeſſor nur wohlhabend geweſen, ſie hätte ihn gewiß jedem und auch dem reichſten Bewerber vorgezogen. Aber mit ihm zu darben, zu entbehren; dazu fehlte ihr der Muth. Es gab Augenblicke, wo ſie ſelbſt das größte Opfer für ihn bringen wollte; doch dieſe Stimmung ver⸗ ſchwand eben ſo ſchnell, wenn ſie an ſein beſchränktes Ein⸗ kommen und ſich als ſeine Gattin dachte, kämpfend mit der Noth des Lebens, voll Sorge um die täglichen Be⸗ dürfniſſe, ſich jeden noch ſo unbedeutenden Wunſch ver⸗ 44 ſagend. Bolten machte aus ſeinem geringen Einkommen ihr kein Geheimniß; ſie kannte auch manche ehrenwerthe Beamtenfamilie, welche von einer ähnlichen unbedeutenden Summe leben mußte. Eine ihrer Schulfreundinnen hatte dieſes Loos gezogen und Antonie hörte, ſo oft ſie zum Be⸗ ſuche kam, die ewigen Klagen der jungen Frau. Da fehlte es bald an dieſem, bald an jenem; die Einrichtung war zwar anſtändig, aber im Ganzen ärmlich; das Hausweſen auf das Knappeſte eingerichtet, auf Luxusgegenſtände und Vergnügen durfte nicht gerechnet werden. Der ſonſt liebens⸗ würdige Mann war gewöhnlich ernſt und verſtimmt, zu⸗ weilen ſogar mürriſch; die Frau, früher heiter und aus⸗ gelaſſen, jetzt meiſt trübſinnig und melancholiſch. Die Sorge hatte ihre blühenden Wangen ſchon gebleicht und wenn Antonie kam, fand ſie ſie oft in Thränen. Es fehlte nicht an kleinen und ſelbſt an größeren Zwiſtigkeiten, denn wo der Mangel einkehrt, da ſtellt ſich auch ſein ganzes Gefolge, Zwietracht, Vorwürfe und die anderen Feinde der Liebe ein. Das Elend wurde aber um ſo drückender, da die Verhältniſſe zu einem gewiſſen, äußern Aufwand nöthigten, der auf der anderen Seite nur durch die größten Entbehrungen erkauft werden mußte. Nicht der geborne Bettler iſt zu bedauern, ſondern der Arme, welcher ſeiner Stellung täglich unerſchwingliche Opfer bringen muß. Antonie war Zeugin ähnlicher Scenen und ſie ſchauderte, 45 wenn ſie an das Beiſpiel dieſer Jugendfreundin dachte, welche lediglich ihrer Neigung folgend, aus Liebe gehei⸗ rathet hatte. Sie fürchtete ein ähnliches Geſchick, wenn ſie Bolten Gehör gab. Deshalb bekämpfte ſie auch ohne Zuthun ihres wachſamen Vaters, ihr aufkeimendes Gefühl für ihn. Der Aſſeſſor ſchwankte fortwährend, wie jeder Liebende, zwiſchen Furcht und Hoffnung. Es gab Tage, wo Antonie ihm ſo freundlich begegnete, daß er ihrer Nei⸗ gung gewiß zu ſein glaubte, aber ſchon die folgende Stunde ließ ihn wieder irre an ihrem Herzen werden. Es war nicht Koketterie, was ſie mit ihm trieb, ſondern lediglich der Kampf zwiſchen den Eingebungen ihres warmen Her⸗ zens und ihrer kalten Vernunft. Darum wurde er immer von Neuem wieder von ihr angezogen und abgeſtoßen. Ihr Zögern, ihr Ausweichen nahm er für eine gewöhnliche Mädchenlaune, die er durch ſeine Beharrlichkeit endlich zu überwinden meinte. Er liebte ſie zu ſehr, um nicht an ihre Gegenliebe zu glauben.— Mehrere Wochen ſchon hatte das Verhältniß in ähnlicher Weiſe fortgedauert, als ihr Vater eines Tages ihr den nahe bevorſtehenden Beſuch des jungen Eſſling ankündigte. Zugleich ließ er einige Winke über deſſen Abſichten fallen, welche Antonie nicht mißverſtehen konnte. „Der Kommerzienrath,“ ſagte Herr Brandeis zu ſeiner Tochter,„wünſcht eine Verbindung unſerer Familien. Was das Vermögen betrifft, ſo kenne ich keine beſſere Partie für Dich. Eſſling junior beſitzt ſelbſt mehrere hun⸗ derttauſend Thaler und wird einſt ſeinen Vater beerben.“ „Aber ſein Ruf,“ wandte Antonie ein,„ſoll, wie ich gehört habe, nicht der beſte ſein.“ „Ich habe die nöthigen Erkundigungen bereits ein⸗ gezogen; ſie lauten allerdings nicht übertrieben günſtig. Im Ganzen iſt er nicht ſchlimmer, wie die meiſten jungen Leute in ſeinem Alter. Ich halte Dich für vernünftig genug, um die Welt zu nehmen, wie ſie einmal iſt. Man muß ihr Urtheil weder ganz verachten, noch ein allzu großes Gewicht darauf legen. Ich kenne manchen Mann, der es in ſeiner Jugend arg getrieben hat, und der jetzt als Muſter der Solidität gilt. Die Ehe hat ſchon Viele gebeſſert und eine kluge Frau vermag aus uns zu machen, was ſie will.“ „Ich fühle mich durchaus nicht berufen, ein ſo ge⸗ fährliches Experiment vorzunehmen. Mit einem Worte, der junge Eſſling gefällt mir nicht. Sie thun am Beſten, wenn Sie ihm ſogleich abſchreiben, da ich feſt entſchloſſen bin, ihn abzuweiſen.“ Brandeis war auf eine derartige entſchiedene Ant⸗ wort nicht gefaßt; er glaubte ſeine Tochter zu kennen und kannte ſie auch beſſer, als ſie ſich ſelber. Antonie folgte hier nur wieder der Eingebung ihres Herzens, die ſtets 1 47 die richtige war; ſie empfand eine inſtinktmäßige Ab⸗ neigung gegen den blaſirten Mann, der ihr gleich bei jener erſten Begegnung ſo widerlich erſchienen war. Ihr Stolz empörte ſich auch, wenn ſie an ſeinen überaus ſchlechten Ruf dachte. Ihr Gatte ſollte vorwurfsfrei der Welt in's Auge blicken können. Zugleich regte ſich in dieſem Augen⸗ blicke jenes Gefühl für Bolten, das ſie vergebens zu unter⸗ drücken ſuchte. Auch ſie liebte den Aſſeſſor, wenn auch nur mit der Rückſicht, welche ihre ſkeptiſche Natur und die Verhältniſſe ihr auferlegten. Jetzt, wo ſie ihn für immer aufgeben ſollte, ſprach ihr Herz mit lauter Stimme zu ſeinen Gunſten. „Du willſt alſo den jungen Eſſling nicht ſehen,“ ſagte der Vater nach einer Pauſe.„Ich werde Dich auch nicht zwingen, obgleich ich es könnte. Aber eben ſo wenig werde ich jemals meine Einwilligung zu einer Verbindung mit dem Aſſeſſor Bolten geben, der muthmaßlich der Grund Deiner jetzigen Weigerung iſt. Ein und für alle⸗ mal ſag' ich Dir, laß Dir jeden Gedanken an ihn ver⸗ gehen. Ich bin durchaus nicht geſonnen, meine Tochter an einen Bettler fortzuwerfen, der ohnehin noch ſeine Mutter und zwei unverſorgte Schweſtern zu ernähren hat.“ „Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß Bolten ſich mir gegenüber noch nicht erklärt hat. Ich ſelber achte ihn, aber ich beſitze auch die nöthige Ueberlegung, um alle ——— 48 Verhältniſſe zu berückſichtigen. Ich würde am wenigſten irgend einen Schritt hinter Ihrem Rücken gethan haben.“ „Das iſt mir lieb und daran erkenn' ich meine kluge Tochter wieder. Du weißt jetzt, wie ich darüber denke. Der Aſſeſſor hat nichts und ich werde mir niemals einen Schwiegerſohn nehmen, der nicht einmal ſeine Frau er⸗ nähren kann, willſt Du ihm aber Deine Hand gegen meinen Willen reichen, ſo darfſt Du auf keinen Pfennig von meiner Seite rechnen. Meinetwegen magſt Du mit ihm darben und hungern; ich ziehe meine Hand von Dir. Das iſt mein letztes Wort in dieſer Angelegenheit und die Firma Brandeis iſt dafür hinlänglich bekannt, daß ſie ihr Wort hält. Du haſt Zeit, Dir die Sache bis morgen zu überlegen, was ich dem jungen Eſſling, oder vielmehr dem Kommerzienrath in dieſer Angelegenheit ſchreiben ſoll.“ Mit dieſen Worten wandte er ihr den Rücken und ließ Antonien allein zurück. Sie kannte ihren Vater und wußte, daß er, trotz aller Liebe zu ihr, nicht nachgeben würde. Hatte er einmal einen Entſchluß gefaßt, ſo war kein Menſch im Stande, ihn davon abzubringen. Bolten war für ſie verloren, denn nie hätte Brandeis ſeine Ein⸗ willigung zu einer Verbindung mit dem vermögenloſen Aſſeſſor gegeben. Jeder andere Mann war ihr mehr oder minder gleichgültig, da ſie ohnehin nicht die beſte Meinung von der Mehrzahl der Männerwelt hatte. In dieſem ——MO 8 8BS8 8A 49 Lichte geſehen, erſchien ihr ſogar der junge Eſſling minder verächtlich, weil er wenigſtens den Muth hatte, offen mit ſeinen Laſtern und Fehlern aufzutreten. Er war kein Heuchler und machte aus ſeinen Geſinnungen kein Hehl. Das imponirte ihr, wie den Frauen immer der Muth gefällt, ſelbſt wenn ſie ihn bei einem Verbrecher finden. Auch gegen ſeine äußere Erſcheinung hatte ſie nichts ein⸗ zuwenden, ſein blaſirtes Geſicht verlieh ihm einen inter⸗ eſſanten Ausdruck, auch verſtand er es ſich vortheilhaft zu kleiden; ſeine Toilette war die feinſte, höchſt geſucht, ohne lächerlich und auffallend zu ſein. Derartige Betrachtungen ſtellte jetzt Antonie im Stillen an und nach und nach ver⸗ lor der Gedanke, den jungen Eſſling zu empfangen, das Empörende und Widrige, was er für ſie im erſten Augen⸗ blicke gehabt hatte. Sie wollte ihn wenigſtens ſehen und kennen lernen; damit vergab ſie ſich noch nichts und war auch zu nichts verbunden. Sie behielt ja noch immer ihren freien Willen, den ihr der Vater auch zugeſichert hatte. Der letzte Reſt ihrer Abneigung wurde noch durch das Zureden der Mutter beſeitigt. Madame Brandeis war eine kluge Frau und wußte am beſten, ein junges Mädchen in ähnlichen Verhältniſſen zu behandeln; ſie drohte und ſchalt nicht, ſondern redete ausſchließlich zu dem Verſtande ihrer Tochter. Sie ließ dem Aſſeſſor die vollſte Gerech⸗ tigkeit wiederfahren, aber indem ſie dies that, zeigte ſie 4 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 50 auch die Folgen einer Ehe, welche lediglich aus Leiden⸗ ſchaft, ohne Berückſichtigung der äußeren Verhältniſſe ge⸗ ſchloſſen wird. „Deine Freundin Julie,“ ſagte die erfahrne Mutter, „mag Dir zur Warnung dienen. Du kennſt aus eigner Anſchauung die Lage einer Familie, welche mit der Noth zu kämpfen und ſich täglich Beſchränkungen aufzulegen hat. Jede nöthige Ausgabe wird ein Quell von neuen Streitigkeiten. Die fortwährende Sorge um die Exiſtenz raubt einer ſolchen Ehe alle Freude, jeden Genuß. Die Kinder ſelbſt, welche andern Eltern das größte Vergnügen machen, werden unter ſolchen Umſtänden eine neue Laſt. Du erinnerſt Dich gewiß, mit welchem Schrecken Deine Freundin ihrer zweiten Entbindung entgegenſah. Wie traurig ſah ſie den Zeitpunkt herannahen, der mit faſt unerſchwinglichen Ausgaben für ſie verbunden war. Ihr Mann war dadurch ebenfalls auf das tiefſte verſtimmt und ließ häufig an dem unſchuldigen Weibe ſeinen Un⸗ muth aus. Dabei muß Zulie arbeiten wie eine Magd und verſagt ſich ſelbſt das kleinſte Vergnügen. Neulich, als ich ſie auf Deine Bitten zu einer Geſellſchaft geladen hatte, war ſie gezwungen, mir abzuſagen, weil es ihr an einem paſſenden Kleide fehlte, wie ſie Dir unter Thränen geſtand. Sage Du ſelber, ob Du Dir ſolche Entbeh⸗ rungen auferlegen willſt. Wir wollen Dich durchaus nicht — 51 zwingen, aber eben ſo wenig können wir als vernünftige Eltern zugeben, daß Du Dich ſelbſt unglücklich machſt.“ Solche Worte im mütterlich beſorgten Tone geſpro⸗ chen verfehlten ihre Wirkung nicht. Antonie mußte ihnen beipflichten, weil ſie die Richtigkeit derſelben nur zu klar einſah. Dennoch hatte ſie mit ihrer Neigung für Bolten und mit ihrem Widerwillen gegen Eſſling noch einen ſchwe⸗ ren Kampf zu beſtehn. In beſſeren Stunden traute ſie ſich wohl den Muth zu, die größten Opfer ihrer Liebe zu brin⸗ gen, aber zuletzt behielt doch immer die kalte Ueberlegung die Oberhand. Sie ſchauderte vor der Armuth und dem Elend zurück, das ſie in einer ſolchen Verbindung ſah; auch fürchtete ſie noch weit mehr als Alles das Mitleid und den Spott der Welt. Hätte ſie nur eine wahre Freundin in ihrer Umgebung gehabt, vor der ſie ihr Herz ausſchütten durfte, aber ſie kannte keinen Menſchen, dem ſie ſich an⸗ vertrauen konnte. Von Zulie wollte ſie keinen Rath ſich holen, da die arme Frau durch ihr Beiſpiel hinlänglich ihr als Lehre und Warnung diente. Von dem Vater beſtürmt, von der ſanfteren Mutter überredet, faßte ſie endlich den Entſchluß Bolten aufzugeben. Einmal dahin gebracht, war es ihr gleichgültig, welchem Manne ſie angehören ſollte, vorausgeſetzt, daß er die hinlänglichen Mittel und ein ge⸗ nügendes Vermögen beſaß, um ſie wenigſtens durch äuße⸗ ren Glanz für dieſes Opfer zu entſchädigen. Wie viele 44 Mädchen in ähnlicher Lage traf ſie gleichſam ein Abkom⸗ men mit ihrem Herzen, indem ſie ſein Schweigen mit der Ausſicht auf eine glänzende Zukunft erkaufte. Sie hoffte und forderte eine Entſchädigung durch die Erfüllung jedes Wunſches, jeder Laune, durch Vergnügungen aller Art, mit denen ſie ſich ſelbſt betäuben wollte. Um dieſen Preis verleugnete ſie ihr beſſeres Ich.— So vorbereitet fand der junge Eſſling gleich bei ſeinem erſten Beſuche eine günſtigere Aufnahme, als er erwartete. Er ſchrieb die⸗ ſelbe lediglich ſeiner eignen, unwiderſtehlichen Liebens⸗ würdigkeit zu und fühlte ſich dadurch nicht wenig geſchmei⸗ chelt. Antonie gefiel ihm und regte in ſeinem bereits ab⸗ geſtorbenen Herzen ein Gefühl an, das er geneigt war, für Liebe zu halten; eine Miſchung von ſinnlichem Wohlge⸗ fallen und gewöhnlicher Berechnung. Schnell überſchlug er in Gedanken die Vortheile, welche ihm ein ſchönes Weib bringen konnte. Er wollte ein Haus ausmachen, die junge Ariſtokratie, mit der er in Geſchäftsverbindung ſtand, darin empfangen; dazu brauchte er eine Frau mit allen Reizen der Natur und der Erziehung ausgeſtattet. An⸗ tonie entzückte ihn durch die Eleganz ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung, durch die Feinheit ihrer Aaneren; er bewun⸗ derte die Art und Weiſe, wie ſie graziös den Thee ein⸗ ſchenkte, wobei ſie ihre weiße Hand im beſten Lichte zeigte. Ihre übrigen Eigenſchaften kümmerten ihn nicht, da ſie in 53 dieſen Punkten vollkommen ſeinen Wünſchen entſprach.— Am nächſten Tage ſchon ſtattete der Kommerzienrath einen Beſuch in dem Hauſe des Herrn Brandeis ab, wobei er förmlich um die Hand Antonien's für ſeinen Sohn anhielt. Die beiden Geſchäftsmänner brachten zuerſt die materiellen Angelegenheiten in Ordnung. Da wurde kein noch ſo un⸗ bedeutender Punkt vergeſſen, die Mitgift feſtgeſtellt, das Ableben der einen oder der andern Partei ſorgfältig er⸗ wogen und für dieſen Fall die nöthigen Beſtimmungen getroffen, ſelbſt an die Möglichkeit einer Scheidung dachte man noch bevor die Verbindung geſchloſſen war. Für Alles wurde geſorgt, das Geſetz befragt und zwar weit genauer als die Neigung und das Herz der jungen Leute. Herr Brandeis zeigte bei dieſer Gelegenheit ſeine wahre väterliche Geſinnung für Antonie, indem er die vortheil⸗ haftſten Bedingungen für ſie zu erlangen und ihre Zukunft ſicher zu ſtellen ſuchte. Er machte ihr ein bedeutendes Na⸗ delgeld und ein anſehnliches Witthum aus für den Fall, daß ihr Gatte zeitiger ſterben ſollte. So glaubte er hin⸗ länglich ſeine Pflicht gethan und das Glück ſeines Kindes geſichert zu haben. Der Kommerzienrath zeigte bei dieſer Gelegenheit eine anerkennungswerthe Nachgiebigkeit, ſo daß das Geſchäft ohne große Umſtände erledigt wurde. Beſon⸗ ders war er in allen Geldſachen äußerſt generös, während Herr Brandeis in dieſer Beziehung weit genauer ſchien. —QCQC—˖—COQ—̈—CQ—Q—ꝑ—ꝑ——C—C—— 54 „Wir machen,“ ſagte der alte Eſſling,„durchaus kei⸗ nen Anſpruch auf die Mitgift Ihrer Tochter. Mein Sohn braucht das Geld nicht; Sie können ſich aus ſeinen Büchern überzeugen, daß die Summe gar nicht für ihn in Betracht kommt. Sie können auch, wenn Sie wollen, das Kapital ruhig in Ihrem Geſchäfte laſſen und nur die Zinſen zah⸗ len, wenn Ihnen damit gedient iſt.“ Einer ſolchen Großmuth war unmöglich zu wider⸗ ſtehn; Herr Brandeis wurde davon faſt bis zu Thränen gerührt; aber auch er wollte nicht zurückſtehn und ein Uebriges nach ſeiner Meinung thun, obgleich es ihm überaus lieb war, wenn er das Geld noch ferner behalten durfte, da er es zu höheren Zinſen zu benutzen hoffte. „Ich nehme,“ ſagte er mit bewegter Stimme,„Ihr Anerbieten nur unter der Bedingung an, daß ich es ſtatt mit fünf mit ſechs Prozent verzinſen darf. Außerdem ſteht es Ihrem Sohne jederzeit zur Verfügung, wenn er es brauchen ſollte.“ Das war ein hoher Trumpf, den er da ausſpielte. Er wollte nur zeigen, daß auch er in Geldſachen ſich nicht lumpen ließ; denn Herr Brandeis hielt auf ſeine kauf⸗ männiſche Ehre und brauchte in dieſem Punkte keinen Menſchen nachzuſtehen. Gott Lob! dafür war ſeine Firma 55 hinlänglich bekannt und wohl angeſchrieben.— Nachdem ſo die Ehrenmänner mit einander ohne viel Handeln einig geworden waren, ſchüttelten ſie einander freundſchaftlich die Hände und kehrten zu der Familie zurück. Hier wurde ein kleines Dejeuner ſchnell aufgetragen, das, trotzdem es den Anſchein einer Improviſation haben ſollte, von der ſorgſamen Hausfrau bereits längſt vorbereitet war. Der Kommerzienrath, ein bekannter Feinſchmecker, ließ der Küche der Madame Brandeis die vollſte Gerechtigkeit wiederfahren. In der einen Hand ein junges Rebhuhn⸗ flügelchen, in der andern ein Glas Champagner ſtieß er auf das ſo eben glücklich beendete Geſchäft mit ſeinem zu⸗ künftigen Schwäher an, wobei er demſelben einen bedeu⸗ tungsvollen Blick zuwarf. Antonie war augenblicklich nicht zugegen, da ſie noch an der Toilette beſchäftigt war; ſie wurde aber gerufen, um in aller Form ihrem Schwieger⸗ vater vorgeſtellt zu werden. Der alte Herr, der kein Damenfeind war, überhäufte ſie mit ſeinen Artigkeiten und Schmeicheleien, wobei er ſich im Stillen an die Stelle ſeines Sohnes wünſchte. Zuletzt erbat er ſich einen Kuß von ihr, den ſie ihm nach einigem Zögern auch gewährte. „Das macht Einen ordentlich um zwanzig Jahre jünger,“ ſagte er mit zuſammengekniffenen Augen.„Ja, ja, mein Kindchen. Ich werde mir öfter ſolch eine Herz⸗ 56 ſtärkung ausbitten. Als Vater habe ich ein Recht darauf, nicht wahr?“ Als er ſich darauf empfahl mit dem ſcherzhaften Verſprechen, ſeinen Stellvertreter zu ſchicken, den Antonie vielleicht lieber küſſen würde, ließ er die ganze Familie entzückt über ſein Benehmen zurück. „Ein feiner, liebenswürdiger Mann,“ ſagte die Mutter. „Und ſo coulant im Geſchäfte,“ ſetzte Herr Brandeis hinzu,„wie ich noch Keinen gefunden habe.“ Antonie ſchwieg; der Würfel war gefallen. Noch an demſelben Tage erſchien der junge Eſſling, um ihr Jawort zu fordern. Sie konnte es ihm nicht mehr verweigern, obgleich ſie bis zum letzten Augenblicke ſchwankte. Nach⸗ dem es ausgeſprochen war, empfand ſie die bitterſte Reue und ſie hätte es gern zurückgenommen. Es war zu ſpät; ſie mußte ſeinen Kuß und ſeine Umarmung dulden. Nur mit Mühe unterdrückte ſie die hervorbrechenden Thränen; ſie weinte unbemerkt über das Opfer ihrer Liebe, welche ſie den äußern Verhältniſſen hingemordet hatte. Jetzt gab es keine Rückkehr mehr für ſie; in dumpfer Verzweiflung überließ ſie ſich widerſtandslos dem Schickſal, das ſie ſelbſt heraufbeſchworen.— Lange Zeit hielt dieſe Stimmung in⸗ deß nicht an und bald fand Antonie ſich vollkommen in ihre neue Lage, ausgeſöhnt mit ihrem Geſchick. Der Glanz 57 der Geſchenke, welche ſie von ihrem Bräutigam empfing, waren ganz dazu geeignet, ſie zu blenden und alle aufſtei⸗ genden Befürchtungen zu verſcheuchen. Der junge Eſſling überhäufte ſie mit Aufmerkſamkeiten aller Art, nie hatte ſie prachtvollere Bouquette erhalten. Ein ächt türkiſcher Shawl, den ſie ſich ſchon lange gewünſcht hatte, verſetzte ſie in einen Taumel von Entzücken. Ihr zukünftiger Schwiegervater überreichte ihr in einem koſtbaren Etui einen Brillantſchmuck von hohem Werthe. Als ſie den zierlichen Sammetkaſten öffnete, ſtieß ſie einen lauten Schrei der Ueberraſchung aus. Ihre Augen funkelten mit den edlen Steinen um die Wette, das ganze Haus wurde herbeigerufen, um ihre Bewunderung zu theilen. Voll Seligkeit flog ſie dem ſchmunzelnden Kommerzienrath um den Hals und küßte ihn diesmal unaufgefordert und von freien Stücken. Ihr Bräutigam ließ es auch nicht an Vergnügungen aller Art fehlen; er führte ſie in's Theater, an alle öͤffentliche Orte, wo ſich die feine Geſellſchaft ver⸗ ſammelte. Er beſaß eine ausgebreitete Bekanntſchaft unter der jungen Ariſtokratie, mit der er in Geſchäftsverbindung ſtand und deshalb auf einem vertrauten Fuße lebte. An⸗ tonien's Eitelkeit und der Stolz ihrer Eltern fühlten ſich nicht wenig dadurch geſchmeichelt, wenn ſich der Baron oder jener Kavalier ihr in der Loge vorſtellen ließ und ihrer Schönheit huldigte. Der glückliche Bräntigam ſchien 58 durchaus nicht zur Eiferſucht geneigt; er war im Gegen⸗ theil äußerſt erfreut, wenn ſeine Wahl, Antonien's ele⸗ gante Geſtalt, ihr feines Benehmen den Beifall ſolcher Kenner fanden. Auch ihn leitete urſprünglich nur die Eitelkeit dabei und ſeine Zärtlichkeit für ſie wuchs in dem⸗ ſelben Maße, als ſie Bewunderung fand. Ein Umſtand konnte ihr freilich dabei nicht entgehn, daß Eſſling's ariſto⸗ kratiſcher Umgang ſich ihm gegenüber einen kordialen Ton herausnahm, der ihr zuweilen unangenehm auffallen mußte; doch im Strudel der ihr gebotenen Zerſtreuungen vergaß ſie meiſt, ihn deshalb zur Rede zu ſtellen; wenn ſie es ein⸗ mal that, ſo fand er immer hinreichende Gründe, um ihre Beſorgniſſe zu beſchwichtigen. Faſt täglich fuhr ſie mit ihrem Bräutigam in deſſen glänzender Equipage; er beſaß das ſchönſte Geſpann in der Hauptſtadt und unwillkürlich blieben alle Vorübergehende ſtehn, um ihnen nachzuſehn. Wenn ſie ſo an ſeiner Seite, in ſchöner Toilette, bald mit einem neuen Hut, bald in einem prachtvollen Mantel nach⸗ läſſig zurückgelehnt in dem herrlichen Wagen durch den be⸗ lebten Park dahinflog, gezogen von den feurigen Roſſen, welche der Kutſcher vom Bock herab lenkte, während ein reich galonirter Bediente in geſchmackvoller Livrée hinten auf⸗ ſaß, alle Blicke, alle Lorgnetten ſich nach ihr richteten, die vorbeiſprengenden Offiziere und Herrn ihrer Bekanntſchaft reſpektvoll grüßten, ihre zu Fuß gehenden Freundinnen 59 mit neidiſchen Blicken ihr folgten und ihren herablaſſenden Gruß erwiederten; dann glaubte Antonie glücklich zu ſein und täuſchte ſo ſich ſelbſt über die Empfindungen ihres Herzens.— Eines Tages, als ſie ſo in Geſellſchaft ihres Bräutigams einen Ausflug machte, begegnete ſie zufällig dem Aſſeſſor Bolten, der ſich ſeit ihrer Verlobung nicht mehr im Hauſe ihrer Eltern ſehn ließ. Er blieb ſtehn und ſah ihr, wie es ſchien, mit vorwurfsvollen Blicken nach. Sein ganzes Weſen drückte eine ſchmerzliche Bewegung bei dieſem un⸗ vermutheten Zuſammentreffen aus; ſein Geſicht war noch ernſter und bleicher als gewöhnlich, um ſeine Lippen ſpielte ein trauriges Lächeln und in ſeinen Augen kämpfte deutlich Zorn mit Liebe. Er wußte nicht, ob er grüßen oder ſich wegwenden ſollte. Seine Verlegenheit und ſeine trübe Hal⸗ tung waren ihr nicht entgangen; ihre Wangen überzogen ſich mit einer auffallenden Röthe und ſie empfand wenig⸗ ſtens augenblicklich die tiefſte Reue. Dem ſcharfen Auge Eſſling's war ihre Verwirrung nicht entgangen, deren Ur⸗ ſache ihm auch nicht gänzlich unbekannt geblieben war. Augenſcheinlich weidete er ſich an dem unerwarteten Schauſpiel mit dämoniſcher Luſt; ein höhniſches Lächeln zuckte über ſein blaſirtes Geſicht. Im Stillen genoß er den Triumph über ſeinen Nebenbuhler, den er jetzt nicht mehr zu fürchten hatte. „Aſſeſſor Bolten!“ ſagte er im wegwerfenden Tone. 60 „Der arme Schluͤcker ſieht recht übel aus, als hätte er ſich heut nicht ſatt gegeſſen.“ Antonie merkte ſeine Abſicht und ſchwieg verletzt. Es freute ihn, daß der Pfeil getroffen hatte. „Du kennſt ihn,“ fuhr er in gleicher Weiſe fort. „Wenn ich nicht irre, iſt er früher oft in Euere Familie gekommen. Er ſoll ſogar ſo kühn geweſen ſein, Dir ernſt⸗ lich den Hof zu machen.“ „Und wenn dies der Fall geweſen wäre,“ antwortete ſie gereizt,„ſo ſehe ich kein Unrecht d'ran. Der Aſſeſſor iſt ein achtungswerther Mann, durch deſſen Liebe ſich jedes Mädchen geehrt fühlen muß.“ „Wie Du Dich ereiferſt. Du nimmſt ſehr warm Partei für den armen Teufel, der mir im Grunde Leid thut. Ein Aſſeſſor ohne Gehalt ſpielt doch eine recht trau⸗ rige Figur.“ „Nicht in meinen Augen, wenn ſeine Armuth zu⸗ gleich Zeugniß für ſeinen Edelmuth ablegt. Er ernährt ſeine Mutter und zwei Schweſtern mit ſeinen Arbeiten. Wie ich gehört habe, beſitzt er ausgezeichnete Kenntniſſe und die Achtung ſeiner Vorgeſetzten.“ „Und dennoch immer nur— ein Aſſeſſor ohne Ge⸗ halt,“ ſpottete Eſſling, der ſich über ihre lebhafte Verthei⸗ digung im Stillen ärgerte. „Weil es ihm an Protektion fehlt, weil in der Welt 61 nicht das Verdienſt, ſondern leider nur das Geld regiert,“ entgegnete ſie, ſich immer mehr ereifernd, ſo daß ihre ſchö⸗ nen Augen ſich mit Thränen füllten.— Eſſling hielt es für gerathen, einſtweilen dem Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung zu geben, um nicht Antonie noch mehr aufzubringen. Vorläufig begnügte er ſich mit ſeinem Triumph und der kleinen Kränkung, die er ihr be⸗ reitet hatte. Er gehörte zu den Menſchen, welche zum Glücke nur ſelten vorkommen, die eine geheime Freude daran empfinden, Andern und beſonders ihrer nächſten Umgebung weh zu thun. Das machte ihm Vergnügen; es war ein Reizmittel für ſeine abgeſtumpften Sinne, das ſchöne Mädchen zu quälen und bis zu Thränen zu treiben. Er verſprach ſich davon noch manchen Genuß und freute ſich an dem Gedanken, jetzt ein Mittel gefunden zu haben, um dieſen Zweck ſo leicht zu erreichen. Das konnte die Einförmigkeit in der Ehe, vor der er ſich fürchtete, zuweilen würzen. Augenblicklich bemühte er ſich jedoch, Antonien's Unwillen zu bekämpfen, was ihm auch mit Hülfe eines neuen Geſchenkes bald gelang. Beim Anblick einer reizen⸗ den Damenuhr, die er ihr noch an demſelben Abend über⸗ reichte, vergaß ſie ihren Groll gegen ihn und ihre Liebe für den unglücklichen Aſſeſſor. 62 Viertes Capitel. Bald nach Antonien's Hochzeit, welche einige Wo⸗ chen ſpäter ſtattfand, trat das junge Paar ſeine größere Reiſe nach der Schweiz und Italien an. Die großartigen Naturſcenen, die fortwährende Abwechslung der Gegen⸗ ſtände und Menſchen, denen ſie begegnete, ließ Antonie nicht zur Beſinnung kommen und über ihre Lage nach⸗ denken. Eſſling war auf Reiſen und wo es ſich um Ver⸗ gnügungen handelte wahrhaft verſchwenderiſch; er liebte es beſonders mit einer gewiſſen Oſtentation aufzutreten und vor Fremden den Gentleman zu ſpielen. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, da, wo er ſich unbemerkt und unbekannt glaubte, den ſchmutzigſten Geiz zu zeigen. Mit vollen Händen warf er das Geld fort, um ſich einen Genuß, eine Bequemlichkeit zu verſchaffen, oder wenn ſeine Eitelkeit in's Spiel kam, wogegen er oft auf das gemeinſte um ein Trinkgeld knickerte, einen Armen, der ihn um eine milde Gabe anſprach, in empörender Weiſe zurückwies. Seine Frau war zu ſehr mit ihren eigenen Zerſtreuungen be⸗ ſchäftigt, um auf derartige kleine, aber charakteriſtiſche Züge zu achten. Sie ſchwärmte in der herrlichen Alpen⸗ welt des Berner Oberlandes, beſtieg den Rigi und erfreute ſich an der köſtlichen Ausſicht und dem göttlichen Sonnen⸗ 63 aufgang. Eſſling war zu blaſirt, um ihre Empfindungen zu theilen, aber er ſtörte ſie auch nicht, indem er ſie ge⸗ währen ließ, wenn ſie ihn nur ſonſt nicht inkommodirte. Antonie war für dieſe nicht geahnten Genüſſe ihm im höch⸗ ſten Grade ſogar dankbar, ſie ſchloß ſich inniger an ihn an und empfand für ihn, wenn auch nicht die wahre und volle Liebe des Weibes, ſo doch wenigſtens eine annähernde Neigung. Hätte er es überhaupt verſtanden, oder nur ge⸗ wollt, dieſe Neigung zu nutzen, den glimmenden Funken anzufachen, ſo wäre es ihm mit Leichtigkeit gelungen, ſich ihres Herzens zu bemächtigen. Aber daran ſchien ihm nichts gelegen; er war für jedes zartere Gefühl abge⸗ ſtumpft und beſaß weder die Luſt noch die Fähigkeit, ſich das Glück einer reinen Liebe zu verſchaffen. So oft ſich ihm ſeine junge Frau näherte, ihm ihr Innerſtes erſchlie⸗ ßend, fand ſie ſtatt der gehofften Sympathie eine kalte Gleichgültigkeit, die ſie von jedem ferneren Verſuche zurück⸗ ſchreckte. In dem Buſen jedes Weibes lebt das Bedürfniß nach Liebe; dieſe göttliche Pflanze der Menſchheit kommt unter allen Verhältniſſen unter den traurigſten Beding⸗ ungen fort, ſie trotzt den Stürmen und klammert ſich an den harten Stein. Wo nur noch eine Ausſicht, eine Hoff⸗ nung winkt, verträgt ſie mit Geduld alle Leiden, die Ty⸗ rannei des geliebten Mannes, ſeine Härte, ſelbſt ſeine Grauſamkeit, wenn ſie nur zuweilen von einem warmen 64 Sonnenſtrahl ſeiner Zärtlichkeit wieder angelächelt wird. Hundertmal zurückgewieſen, kehrt ſie immer wieder, von Froſt betroffen, treibt ſie neue Knospen: ein Tröpfchen Thau, das kleinſte Zeichen der Gegenliebe genügt ihr, um ihr Leben zu friſten, ihre himmliſchen Blüthen zu ent⸗ wickeln. Wenn aber Alles vergebens, wenn die unglück⸗ liche Pflanze elend ohne jede Nahrung verkümmern muß, dann verwandelt ſich ihre göttliche Natur, der Balſam ihrer Säfte wird zum verderblichen Gift und die Liebe zu dem tödtlichen Haß.— Einer ſolchen Umwandlung ging auch Antonie entgegen, nicht plötzlich ſondern allmälig; ohne daß ſie ſelber eine Ahnung hatte, ſammelte ſich in ihrer Bruſt der Giftſtoff an, Tropfen für Tropfen, bis das Maß voll war und die Phiole ihren vernichtenden Inhalt ergoß.— Vorläufig war ſie noch zu ſehr durch die Außenwelt zerſtreut, um ſich ihrer Stimmung klar be⸗ wußt zu ſein; ſie eilte von einem Vergnügen zum andern, ſie taumelte von Luſt zu Luſt und ließ ſich dadurch betäu⸗ ben, ſo daß ſie die Leere ihres Herzens und ihre unbefrie⸗ digte Sehnſucht darüber vergeſſen konnte. Eſſling ließ es ihr gegenüber nicht an den gewöhnlichen Aufmerkſamkeiten fehlen; er war in ſeiner Weiſe ſogar freundlich und lie⸗ benswürdig. Wenn ſie aber auf den Spitzen der Alpen, im Angeſicht der großartigen Natur von erhabenem Schauer ergriffen, ihrer Bewunderung Worte lieh, ihr 65 entzückter Blick den ſeinigen ſuchte, ihre Hand ihm ent⸗ gegen kam, ſo fand ſie nur ſein kühles, ironiſches Lächeln, ſein theilnahmloſes Auge und keine warme Hand, welche die ihrige drückte. Das war ihm ja nichts Neues mehr, er hatte Alles bereits geſehn und ſah es jetzt nur wieder, weil es einmal Mode war und die Sitte es ſo wollte. Mit der Cigarre, welche er nicht ausgehen ließ, im Munde und der eingeklemmten Lorgnette betrachtete er die Wun⸗ der der Natur, welche ihn eigentlich im Innern auf das Höchſte langweilten. Nur aus Gefälligkeit für Antonie brachte er irgend eine banale Phraſe vor: Superbe, mag⸗ nifique! u. ſ. w.; worüber ſie ſich noch mehr als über ſein Schweigen im Grunde ärgerte.— Mehr Theilnahme zeigte Eſſling für die größern Städte, welche die Reiſen⸗ den auf ihrem Wege berührten. Beſonders gefiel es ihm in Venedig, wo er überdies einen Bekannten traf. Als er mit Antonien auf dem Markusplatze vor dem Kaffee Fla⸗ viani ſaß und die zweite Portion Eis mit großer Behag⸗ lichkeit herabſchlürfte, rief er plötzlich beim Anblicke eines jungen Mannes aus, der in dieſem Augenblick vorüber⸗ ſchlenderte: „Alle Wetter! Baron Wallenberg.“— Der alſo Angerufene ſchien zu ſchwanken, ob er dieſe kordialen Worte beachten, oder mit einem flüchtigen Gruße vorübergehen ſollte. Ein Blick auf Antonie, deren Schön⸗ 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten, I. 5 heit ſeinen ſcharfen Blicken nicht entgangen war, ließ ihn ſich für das Erſtere entſcheiden. Er näherte ſich dem Tiſche und ſchüttelte Eſſling die Hand, welche ihm dieſer ſchon von Weitem entgegenſtreckte. „Meine Frau!“ ſagte dieſer vorſtellend,„Baron Wallenberg, ein alter Geſchäftsfreund.“ Der Baron nahm an Antonien's Seite auf einem der vielen leeren Stühle Platz und drückte jetzt in gut gewählten Worten ſein Vergnügen aus, ſo unvermuthet fern von der Heimath werthe Landsleute anzutreffen. Bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange; Wallenberg beſaß ein feines, einnehmendes Weſen, das er der ſchönen, jungen Frau gegenüber im reichſten Maße geltend machte. Er gehörte, wie ſie erſt ſpäter erfuhr, einer der angeſehenſten Familien in der Hauptſtadt an und hatte nach dem Tode ſeines Vaters ein bedeutendes Vermögen ererbt, das er in ziemlich ſorgloſer Weiſe verſchwendete. Einige unbedeu⸗ tende Geſchäfte hatten ihn früher mit Eſſling bekannt ge⸗ macht, der bei augenblicklichen Geldverlegenheiten von der jungen Ariſtrokratie gewöhnlich in Anſpruch genommen wurde. Zeitig genug aber hatte der Baron jede Verbin⸗ dung mit ihm wieder abgebrochen, da er ſich übervortheilt glaubte und noch immer hinlänglichen Credit beſaß, um bei ſolideren Banquiers die gewünſchten Summen zu einem mäßigen Zinsfuß aufzutreiben. Zwei ſchöne Güter, welche 67 noch ziemlich ſchuldenfrei waren, boten dieſen die genügende Sicherheit. Wäre er Eſſling allein begegnet, ſo hätte er ihn gewiß vermieden; Antonien's Reize, welche ſogleich einen tiefen Eindruck machten, änderten ſeinen Entſchluß. Er verſprach ſich ein intereſſantes Abenteuer und dieſer Ge⸗ danke allein beſtimmte ihn, die Vertraulichkeiten des ihm widerwärtigen Wucherers zu dulden und in deſſen Geſell⸗ ſchaft auszuharren. Wallenberg war einer jener heiteren Genußmenſchen, denen der Augenblick Alles gilt. Wie alle ſchwachen Charaktere, und ein ſolcher war auch er, zeigte er einen hohen Grad von Gutmüthigkeit mit Leichtſinn ver⸗ bunden. Ohne ſich jemals mit ernſthaften Studien be⸗ ſchäftigt zu haben, beſaß er doch eine gewiſſe allgemeine Bildung, indem er ſich mit ſchneller Auffaſſungsgabe der Gedanken Anderer bemächtigte, ſo daß er bedeutender ſchien, als er wirklich war. Es fehlte ſeinen Geſprächen nie an Stoff und ein natürlicher Witz machte ihn zu einem liebens⸗ würdigen Geſellſchafter; er fügte ſich leicht, widerſprach nur ſelten und war immer ſchnell zu befriedigen und zu amü⸗ ſiren. Mit dieſen angenehmen Eigenſchaften verband er die beſten geſellſchaftlichen Formen und ein anſprechendes Aeußere; freundliche Züge und einen ſchlanken, gefälligen Wuchs. So war er in der Reſidenz der Liebling der Frauenwelt, welche ihn vielfach verzogen und verwöhnt hatte. Auch Antonie fand ihn angenehm und ließ ſich ſeine 5* 68 Huldigungen um ſo eher gefallen, da ſie weit davon ent⸗ fernt war, ein beſonderes Gewicht darauf zu legen. Ihr Gatte ſchien ſogar ihr freundliches Entgegenkommen für den Baron gern zu ſehen und daſſelbe zu begünſtigen. An Wallenberg's Seite, der ihr höflich ſeinen Arm bot, wandelten ſie über den Markusplatz, der ſich mit der hereinbrechenden Dunkelheit immer mehr belebte und anfüllte. Bald ſchim⸗ merte der ganze Raum im hellſten Glanz von unzähligen Gasflammen beleuchtet. Phantaſtiſch ragte der Dom mit ſeinen mächtigen Kuppeln empor wie ein Rieſenbau von Geiſterhänden errichtet, daneben erhob ſich die ſchlanke Cam⸗ panile, der Glockenthurm, in origineller Form. Der große Platz ſchwärmte von Menſchen wie ein rieſiger Bienenkorb. Das drängte und ſtieß ſich, lärmte und ſchrie von allen Seiten. Dazwiſchen tönte die Regimentsmuſik und ließ in der lauen Luft die weichen, italieniſchen Melodien Bellini's und Verdi's klingen. Wenn ſie verſtummte, ertönte von Neuem das laute Geſumme und das Toſen des Volks, welches mit ſüdlicher Lebhaftigkeit ſich dem Vergnügen hingab. Antonie, welche den Lärm nicht liebte, äußerte den Wunſch ſich zu entfernen. „Sie werden doch nicht ſchon in Ihr Hotel wollen?“ fragte der Baron, dem eine ſo ſchnelle Trennung unge⸗ legen kam. „ 88 69 „Ich kann den Spektakel nicht lange vertragen,“ ent⸗ gegnete ſie.„Der ganze Markusplatz mit ſeinem Treiben erinnert mich allzuſehr an gewiſſe Vergnügungsörter unſerer Reſidenz. Ich finde ihn nur ſchön und poetiſch, wenn ein heiliges Schweigen über ihn ausgebreitet liegt. Der laute Lärm des Volkes verleidet mir den Aufenthalt und kommt mir wie eine Entweihung vor!“. „Dem Uebel läßt ſich bald abhelfen,“ meinte Wallen⸗ berg.„Wir brauchen nur eine Gondel zu beſteigen und uns nach dem Lido rudern zu laſſen. Was meinen Sie zu meinem Vorſchlag?“ „Ich finde ihn reizend. Du biſt doch auch damit zu⸗ frieden?“ wendete ſie ſich fragend an Eſſling. „Ich habe wenigſtens nichts dagegen,“ erwiederte dieſer.„Der Markusplatz und ewig der Markusplatz; dies wird Einem mit der Zeit auch langweilig. Und wenn man einmal in Venedig iſt, ſo muß man auch eine Gondelfahrt im Mondſchein mitmachen. Das gehört dazu; nicht wahr, Baron? Ich glaube, Sie ſind ebenfalls ein ſolcher Mond⸗ ſchwärmer wie meine Frau?“ Wallenberg ſchien die Worte überhören zu wollen; er ging ſchweigend neben Antonien nach der Piazetta, wo der Dogenpalaſt mit ſeinen Hallen und Bogengängen wie ein Zaubermärchen im Silberſchimmer des Mondes lag. Auf ſchlanken Säulen ruhte der geflügelte Löwe der Republik, 70 das verſteinerte Sinnbild ihrer früheren Macht. Hier war es ſtill und nur von Zeit zu Zeit drang ein verlorener Ton von dem lebendigen Markusplatz herüber. Die Wellen plätſcherten leiſe und wie klagend, die breiten Marmor⸗ treppen küſſend. Der Mond ſpiegelte ſich im Waſſer der Lagunen, das ſeine Strahlen zitternd zurückwarf und im eigenen Glanze das Ufer mit ſeinen Paläſten, Kirchen und Monumenten verdoppelt wieder gab. In dieſer wunder⸗ baren, magiſchen Beleuchtung ſchien die Piazetta wie ein Rieſenſchiff zu ſchwanken, ſich zu heben und zu ſenken, als wollte ſie hinaus ſchwimmen in das weite Meer. Es war ein zauberhafter Anblick, groß und ergreifend. In däm⸗ mernder Ferne tauchten gleich nebelhaften Lotosblumen die benachbarten Inſeln aus dem Meere empor; hier und da glitt wie ein Geiſt, eine einſame Gondel oder eine verſpä⸗ tete Fiſcherbarke vorüber, erleuchtet von dem trauten Lämpchen, das vor dem Bilde der Madonna brannte. Wallenberg rief nach einer Gondel und ſogleich legte das dunkle, ſargähnliche Fahrzeug bei, mit dem blinkenden Beil von polirtem Eiſen an der Spitze. Rückwärts, wie es Brauch iſt, beſtieg Antonie die ſchwankende Gondel und ließ ſich auf die ſchwellenden Lederpolſter niederſinken; ihr gegenüber nahmen die beiden Herren Platz. Es war eine wundervolle Nacht, wie ſie nur Venedig kennt, die lauen, ſanften Lüfte fächelten wie mit weichen Händen Kühlung zu; die Gondel 71 glitt auf den ſtillen Kanälen pfeilſchnell und geräuſchlos hin, vorbei an dem Kloſter der Armenier, wo die Mönche ſich zum Abendgebet verſammelt hatten. Aus dem Fenſter der Kirche ſtrahlte heller Kerzenglanz, die Klänge der Orgel miſchten ſich mit den ſonoren Stimmen der frommen Beter und ſchwebten wie ein Chor himmliſcher Geiſter zitternd über das Waſſer. Antonie war tief ergriffen und diesmal fand ſie ein Echo ihrer Stimmung an Wallenberg, der ſich jedem Eindrucke leicht hingab. „Hier hat der Dichter Byron gelebt,“ ſagte er im Laufe des Geſprächs.„Ich begreife vollkommen, wie er ſich, angeekelt von der Welt, in dieſes ſtille Aſyl zurückziehn konnte, um den Frieden zu finden, den er draußen vergeb⸗ lich ſuchte.“ „Ihr Byron war ein Narr,“ bemerkte Eſſling ſpöttiſch. „Außerdem ſoll er, wie ich gehört habe, in Venedig nicht eben das erbaulichſte Leben geführt haben. Seine Geliebte war eine gemeine Dirne aus dem Volk.“ „Das ſind Verirrungen, die man dem Genie zu Gute halten muß,“ entſchuldigte der Baron. „Geht mir mit Euren Genies! Die dürfen ſich Alles erlauben. Wenn Unſereins einmal eine Liaiſon hat, da giebt es gleich Geſchrei an allen Ecken und Enden. So ein Dichter kann thun, was er will; man findet es ſchön, und alle Frauen ſind vernarrt in ſo einen Kerl. Du ſchwärmſt ja auch für dieſen Byron,“ fügte er, zu ſeiner Gattin gewendet, hinzu. „Ich liebe an Byron,“ entgegnete Antonie gereizt, „ſein Genie, ich bewundere die Schöpfungen ſeiner Phan⸗ taſie, wenn ich auch all ſeine Verirrungen als Menſch nicht billigen kann. Aber ſelbſt dieſe, das geſtehe ich offen, erſcheinen mir in einem andern Licht, da ſie nur wie flüch⸗ tiger Staub das Götterbild von edlem Erz bedeckten; ſie machten nie ſein innerſtes Weſen aus; ſie berührten nicht den beſſeren Kern in ihm; während ſie bei gewöhnlichen Menſchen der Ausfluß einer gemeinen und verdorbenen Geſinnung ſind. Eine ſo reiche Natur wie Byron darf nicht mit dem Maßſtabe der alltäglichen Moral gemeſſen werden. Der einzige Nachtheil, welcher daraus erwächſt, beſteht nach meiner Meinung nur darin, daß ſolch ein Bei⸗ ſpiel verderblich auf die flachen Menſchen wirkt; ſie halten ſich für berechtigt, die Flecken des Genies zu tragen und ſtolziren damit, ohne deſſen Verdienſte dafür aufzuweiſen.“ „Vortrefflich, gnädige Frau!“ rief Wallenberg.„Ich danke Ihnen im Namen des Dichters für Ihre glänzende Vertheidigung.“ Dabei führte er galant ihre Hand an ſeine Lippen, um einen Kuß darauf zu drücken. Eſſling that, als ob er das Entzücken des Barons nicht bemerkte; er begnügte ſich damit, einen ironiſchen Blick ſeiner Frau und ihrem An⸗ 73 beter zu zuwerfen. Wie alle kleinlichen Menſchen grollte er im Stillen, daß er Unrecht behielt und er nahm ſich vor, an Beiden bei der nächſten, paſſenden Gelegenheit ſeine Rache auszulaſſen. Der ſchöne Abend, die herrliche Luft, der ſanfte Nond⸗ ſchein, die Fahrt auf den Lagunen, hatten Antonien nach und nach in eine eigene Stimmung verſetzt, der ſie ſich un⸗ bedenklich überließ. Sie war zugleich ausgelaſſen heiter und ſchwermüthig; bald erging ſie ſich in anmuthigen Scherzen, bald ſchlug ſie ernſtere Saiten an, Gedanken, die ihr ſelbſt fremd vorkamen. Sie befand ſich in einem ge⸗ wiſſen Rauſch, den die fremdartige Umgebung vielleicht verſchulden mochte. Iſt doch der Menſch weit mehr von der Außenwelt abhängig, als er ſelber ahnt. Nicht nur das Meer, ſondern auch das Herz hat ſeine Ebbe und Fluth, von der geheimnißvollen Macht der Geſtirne angezogen, von den Lüften getragen und gewiegt.— Es mußte ein beſonderer Zauber in dieſer Mondbeglänzten Atmoſphäre liegen. Unwillkürlich nahm Antonien's Geiſt einen höheren Aufſchwung, ſie erſchien ſelbſt ihrem blaſirten Mann neu und überraſchend. So wie ſie war, mußte ſie einen bedeu⸗ tenden Eindruck auf Wallenberg machen; er glaubte, nie eine ſchönere und liebenswürdigere Frau geſehen zu haben. Seinerſeits ſtrengte er ſich an, ihr zu gefallen; er bot ſein ganzes geſellſchaftliches Talent auf, um ſie zu gewinnen In ſeiner Berblendung nahm der eitle und verzogene Mann ihre Freundlichkeit bereits für die Zeichen einer beginnenden Neigung; ihren Worten legte er eine ungeahnte Bedeutung unter, in ihren Aeußerungen fand er einen geheimnißvollen, ihn begünſtigenden Sinn. Dieſer Gedanke belebte ihn und gab ihm faſt die Gewißheit ſeines Triumphs, der ihm um ſo ſüßer erſchien, da er gleichſam in Gegenwart des betrogenen Mannes und unter deſſen Augen ſeinen Sieg verfolgte. Nun verdoppelte er ſeine Liebenswürdigkeit, ſeine Galanterie und das Streben, Antonien zu erobern. Sie überließ ſich gern einer Unterhaltung mit dem gebil⸗ deten und, wie es ſchien, fein fühlenden Manne, der in den meiſten Punkten mit ihr harmonirte. Lange hatte ſie dieſen Genuß entbehrt und in ihrer Argloſigkeit fand ſie nichts Bedenkliches daran. Die Zeit verſchwand ihr ange⸗ nehm und ſchnell in ſeiner geiſtreichen Gegenwart; nur auf die wiederholte Mahnung Eſſling's konnte ſie ſich ent⸗ ſchließen, die Gondel zu verlaſſen. Wallenberg war zuerſt an das Ufer geſprungen und reichte ihr die Hand, um ihr beim Ausſteigen zu helfen. Sie fühlte einen leiſen Druck, den ſie gedankenlos erwiederte; woraus er neue Hoffnungen für ſeine Leidenſchaft ſchöpfte. Er war nicht beſſer und nicht ſchlimmer als die meiſten jungen Leute in ſeinem Stande und in ſeinem Alter; jedes Abenteuer war ihm willkommen und reizte ſeine Begierde. Die Zukunft kümmerte ihn nicht, eben ſo wenig dachte er an die Mög⸗ lichkeit ernſthafter Verwicklungen, welche für ihn daraus entſtehen könnten. Auch verachtete er Eſſling zu ſehr, um auf ihn Rückſicht zu nehmen. In ſeinen Augen war er nur der gemeine Wucherer, ein Menſch, der eine ſolche Frau gar nicht verdiente. Sein Gewiſſen flüchtete ſich hinter dieſen Gedanken und fand ſogar eine gewiſſe Recht⸗ fertigung und Befriedigung unter den gegebenen Verhält⸗ niſſen. Natürlich begleitete er ſeine neuen Freunde bis zu ihrem Hotel, wo er von ihnen einen ſehr warmen Abſchied nahm.— Seit jenem Abende war der Baron der ſtete Be⸗ gleiter des jungen Ehepaars und nahm an allen Partieen Theil. Eſſling ſchien damit vollkommen einverſtanden und an ſeiner Geſellſchaft Wohlgefallen zu finden. Antonie fühlte ſich ihrerſeits von den Aufmerkſamkeiten des ge⸗ wandten und liebenswürdigen Kavaliers geſchmeichelt; nur zuweilen, wenn ſeine Leidenſchaft in unbewachten Momenten ſtärker hervorbrach, wurde ſie beunruhigt und zog ſich ſcheu zurück. Wallenberg nahm dieſe Zurückhaltung theils für eine gewöhnliche aber wohlberechnete Koketterie, theils für bürgerliche Bedenklichkeit und ließ ſich keineswegs in ſeinen Bewerbungen abſchrecken. Er ſuchte ihre Grundſätze nach und nach zu bekämpfen, wobei er ſich auf die freieren Sitten der italieniſchen Umgebung berief. „Mir gefällt,“ ſagte er eines Tages,„die Mode des Cicisbeats und ſie verdient auch bei uns in Deutſchland eingeführt zu werden.“ „Als ob es bei uns an Hausfreunden fehlte,“ bemerkte Eſſling ironiſch. „Zwiſchen dem italieniſchen Cicisbeo,“ entgegnete der Baron,„und dem deutſchen Hausfreunde iſt noch ein himmelweiter Unterſchied. Der Eine iſt gleichſam der na⸗ türliche Freund, der Andere der Gegner des Mannes. Noth⸗ wendigerweiſe tritt nach dem Aufhören der Flitterwochen ein Nachlaß der kleinen, galanten Aufmerkſamkeiten ein. Der Mann wird durch das Leben, durch ſeine Geſchäfte, durch was weiß ich abgezogen. Er muß ſich Stunden lang von ſeinem Hauſe entfernt halten und wenn er zurückkehrt, hat er oft in dem Treiben der Welt ſeine gute Laune ein⸗ gebüßt. Die junge Frau fühlt ſich verlaſſen; ſie vermißt jene zarten tauſend Rückſichten, welche den Weibern zur Nothwendigkeit geworden ſind; ſie muß ſich langweilen. Es tritt eine bedenkliche Stimmung ein. Da erſcheint zur rechten Zeit der Cicisbeo, gleichſam der Erſatzmann des anderweitig abgehaltenen Ehegatten. Ihm liegt es ob, für die nöthigen Zerſtreuungen zu ſorgen, jene kleineren Dienſte zu leiſten, jene Pflichten zu erfüllen, an denen der Mann ſich durch die Umſtände verhindert ſieht. Der Cicisbeo übernimmt die Unterhaltung; er fährt mit der Frau ſpa⸗ 77 zieren, wenn dem Gemahl die Zeit fehlt, er trägt ihren Shawl, ihren Sonnenſchirm, er bringt Bouquette und füllt ihre Bonbonieren; beglückt durch einen Blick, durch ein Lächeln ihrer Anerkennung.“. „Sie ſchildern,“ ſagte Eſſling,„den Stand eines Cicisbeo ſo verlockend, daß ich für meine Perſon keinen Anſtand nehmen würde, Ihnen dieſen Poſten bei meiner Antonie zu übertragen.“ „Und was meinen Sie, gnädige Frau?“ fragte der Baron. „Ich liebe nicht die Surrogate,“ antwortete Antonie mit leichtem Achſelzucken.„Weder der italieniſche Cicisbeo, noch der deutſche Hausfreund ſind nach meinem Geſchmack. Wenn es dem eigenen Mann an Zeit fehlt, die nöthigen Aufmerkſamkeiten ſeiner Frau zu ſchenken, ſo wird ſie auch leicht den fremden Erſatz entbehren können.“ Weit entfernt, ſich von einer derartigen Antwort ab⸗ ſchrecken zu laſſen, ſetzte der Baron ſeine Bewerbungen nur um ſo nachdrücklicher fort, ohne jedoch darum ſeinem Ziele näher zu rücken. Dieſer Widerſtand entflammte ihn nur noch mehr und forderte ſeine Eitelkeit heraus. Es ging ihm wie den meiſten Männern in ähnlichen Verhältniſſen; er glaubte anfänglich nur zu ſpielen, aber allmälig wurde er ſelbſt ernſtlich von den Flammen ergriffen, die er in Antonien anzufachen bemüht war. Sie wurde um ſo kälter, je leiden⸗ 78 ſchaftlicher er vor ihr erſchien. Die geringe Achtung, welche ſie im Ganzen für die Männerwelt hegte, vielleicht auch die Erinnerung an Bolten, dem ſie unbewußt eine gewiſſe Nei⸗ gung bewahrt hatte, ſchützten ſie beſſer als alle Grundſätze vor ſeinen Nachſtellungen. Vergebens änderte er den bis⸗ her ſcherzhaften Ton, umſonſt ließ er die zärtlichſte und wahrſte Neigung blicken, ſie wies ihn ſtets in die gehörigen Schranken zurück und brachte ihn dadurch vollends zur Verzweiflung. So rückte der Tag ihrer Abreiſe heran; Wallenberg benutzte einen Augenblick, wo Eſſling durch einige Beſorgungen abgehalten, gerade abweſend war, um zu ihren Füßen zu ſinken und mit einer förmlichen Erklärung ſeiner Liebe hervor zu treten. Entrüſtet ſprang ſie von ihrem Stuhle auf und eilte in das Nebenzimmer, das ſie hinter ſich verriegelte. Er bat und flehte in den rührendſten Ausdrücken um ihre Verzeihung, aber ſie blieb feſt und öffnete nicht, ent⸗ ſchloſſen, ihn nicht wieder zu ſehn. Es blieb ihm nichts übrig, als ohne Hoffnung fortzugehn.— Als ihr Gatte wiederkehrte, erzählte ſie ihm, noch voll der edelſten Ent⸗ rüſtung, den eben ſtattgefundenen Auftritt; ſie forderte von ihm einen entſchiedenen Schritt gegen den Baron und deſſen Zudringlichkeit, indem ſie über die ihr angethanene Belei⸗ digung klagte. „Thorheit!“ erwiederte Eſſling, zu ihrem größten Er⸗ —— 79 ſtaunen mit unerklärlicher Ruhe.„Wer wird ſo viel Auf⸗ hebens von einer Kleinigkeit machen!“ „Und das nennſt Du eine Kleinigkeit?“ fragte ſie erbittert. „Allerdings. Der Baron iſt ein galanter Lebemann, der es nicht ſo genau nimmt, wenn er ſich einer ſchönen Frau gegenüber befindet. Du legſt ein viel zu großes Gewicht auf ſeine Worte. Wenn er Dir den Hof macht, ſo ſehe ich noch kein Verbrechen darin. Wenn ein Mann ſich mit allen Anbetern ſeiner Frau erzürnen oder gar ſchlagen ſollte, ſo hätte man viel zu thun. Ich werde mich hüten, ihn deshalb zur Rede zu ſtellen; Wallenberg iſt im Stande, mich zu fordern; er ſchießt verteufelt gut, ſo viel ich weiß, und ich habe keineswegs Luſt, mein Leben für eine ſolche Bagatelle zu wagen.“ „Meine Ehre, meinen Ruf nennſt Du eine Ba⸗ gatelle!“ „Wer redet denn davon? Du haſt ihm gefallen und er hat es Dir geſtanden. Das iſt Alles und darum brauchſt Du nicht gleich außer Dir zu gerathen. Eine andere Frau hätte ihn höchſtens ausgelacht und mit einem Scherze ab⸗ gefertigt. Du biſt noch zu ſpießbürgerlich, meine Liebe, und nimmſt jede Lumperei zu ernſt. Das wird ſich hoffent⸗ lich mit der Zeit noch geben.“ Antonie ſtand erſtarrt wie ein Marmorbild, als ſie 80 ihren Mann ſo ſprechen hörte. Sie vermochte kein Wort hervorzubringen, um ſo trauriger ſah es in ihrem Innern aus. Sie mußte Eſſling verachten, wegen ſeiner frivolen Grundſätze, noch mehr wegen der Feigheit, die aus ſeinem ganzen Benehmen hervorleuchtete. Am wenigſten verzeiht die Frau dem Manne den Mangel an Muth, wo es ſich darum handelt, ſie zu ſchützen. In dieſem Augenblick ging eine große Umwandlung mit ihr vor; ſie fühlte, daß ſie verlaſſen war; die Stützen brachen, an die ſie ſich bisher vertrauungsvoll gelehnt hatte; der moraliſche Halt ſank zu ihren Füßen und ſie fand ſich allein in einer Welt voll Gemeinheit und Frivolität. Schaudernd wandte ſie ſich ab, um die hervor⸗ ſtürzenden Thränen vor ihm zu verbergen, da ſie ſich der. 3 3 gen, eigenen Schwäche ſchämte. Fünftes Capitel. Von ihrer Reiſe zurückgekehrt, wurde Antonie bald ausſchließlich von ihren häuslichen Angelegenheiten in An⸗ ſpruch genommen; nichtsdeſtoweniger blieb ein Stachel in ihrem Herzen zurück. Sie war eine viel zu offene Natur 81 und zu wenig der Verſtellung fähig, um eine Liebe zu heucheln, welche ſie für ihren Gatten nicht empfinden konnte. Die erſten Grundbedingungen jeder Neigung, Achtung und Vertrauen zu dem Manne, waren ihr für immer geraubt. Sie dachte öfters über ihre eigne Lage nach und hatte ſich ein beſtimmtes Benehmen, gewiſſe Grundſätze vorgezeichnet, nach denen ſie von nun an leben wollte. In der ſtrengſten Erfüllung ihrer Pflichten als Hausfrau, hoffte ſie den inneren Halt und die Befriedigung zu finden, welche ſie ſonſt vermißte. Sie nahm ſich thätig der Wirthſchaft an, ſorgte für die Bedürfniſſe Eſſling's, kam allen ſeinen Wünſchen zuvor, aber im Innern blieb ſie kalt und theilnahmlos für ihn. Sie duldete ſeine Lieb⸗ koſungen und ſeine Zärtlichkeit, ohne dieſelben zu erwiedern. Zwiſchen Beiden fehlte jener freundliche Austauſch der Gefühle und Gedanken, welcher der glücklichen Ehe einen ganz beſondern Reiz verleiht und eigentlich den Haupt⸗ inhalt giebt. Sie blieben ſich fremd, trotzdem ſie mit einander lebten und täglich verkehrten. Kam Eſſling von der Börſe, oder aus ſeinem Comptoir, ſa fand er den Tiſch mit den ausgeſuchteſten Speiſen beſetzt, jeden möglichen Comfort, nur nicht den liebevollen Blick und das theil⸗ nehmende Herz der zärtlichen Frau. Seine eigne Denkart und noch mehr die Art und Weiſe ſeiner Geſchäfte, welche ſich nicht immer zur Mittheilung eigneten, ließen ihn aller⸗ 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 6 82² dings dieſen Mangel überſehen. Allmälig aber ſtellte ſich durch Antonien's abgemeſſenes Betragen und ihre Kälte, ein Gefühl von Leere und Langeweile ein. Er ſuchte nach den alten Zerſtreuungsmitteln, um dieſe Empfindung los zu werden. Bald war er von ſeinen früheren Freunden umringt, mit denen er wie ſonſt verkehrte; wenn auch jetzt mit mehr Rückſicht auf ſeinen Ruf und Schonung für ſeine veränderten Verhältniſſe. Zweideutige Menſchen, deren ganzes Weſen die gebildete und fein fühlende Frau abſtieß, waren jetzt ſeine tägliche Geſellſchaft. Sie ſaßen an ſeinem Tiſche, tranken und rauchten in Antonien's Gegenwart und führten oft Geſpräche, welche ſie mit dem größten Widerwillen gegen einen derartigen Umgang er⸗ füllen mußten. Dabei ließ es Eſſling jedoch nicht be⸗ wenden; er brachte ſeine Zeit am Spieltiſch zu, oder an ſolchen Orten, an denen er als Junggeſelle gern verweilte. Oft kehrte er ſpät nach Mitternacht in ſeine Wohnung zurück von derartigen Orgien, die er vorläufig noch vor ihr zu verheimlichen ſuchte. Sie machte ihm wegen ſeines Ausbleibens keine Vorwürfe, da es ihr im Grunde gleich⸗ gültig ſein mußte, was er trieb und wo er blieb; ſie forſchte weder nach ſeinen Geſchäften, noch nach ſeinen nächtlichen Vergnügungen. Dafür ließ auch er ihr die größte Freiheit und ſie hatte ſich in keinem Punkte über ihn zu beklagen. Er wahrte wenigſtens den äußerlichen Anſtand, ſorgte für 83 ihre Garderobe und all die kleinen Bedürfniſſe einer eleganten Frau in wahrhaft verſchwenderiſcher Weiſe. Da gab es keine neue Mode, die ſie nicht mitmachen mußte; häufig überraſchte er ſie mit einem neuen Seidenſtoffe, einer prachtvoll geſtickten Mantille, einem theuren Hut. Nichts war ihm koſtbar genug und er fand eine Art Ge⸗ nugthuung und Beſchwichtigung ſeines von Zeit zu Zeit erwachenden Gewiſſens, wenn er ſie in glänzender Toilette an ſeiner Seite ſah. Seine Eitelkeit fühlte ſich dabei außerdem geſchmeichelt, wenn alle Welt ſeine ſchöne Frau bewunderte oder gar beneidete. Auch an Vergnügungen anderer Art ließ er es ihr nicht fehlen; es verging faſt kein Tag, wo er ihr nicht ein Billet zur Oper, zu einem neuen Ballet oder zu einem Balle brachte. Zuweilen fuhr er mit ihr in ſeiner eleganten Equipage aus und ſein Stolz wurde hinlänglich befriedigt, ſo oft die Vorüber⸗ gehenden ſtill ſtanden, um das blühende Weib oder die echten Racepferde anzuſtaunen. Beides war ihm gleich angenehm und ein Lächeln der Genugthuung umſchwebte ſeine ſchmalen, blutleeren Lippen. Was er beſaß, was ſein war, ob Menſch, ob Thier, mußte Aufſehen erregen, wenn es ihm ſelber gefallen und für ihn einen Werth haben ſollte. Er hielt ſich eine Frau zum Staate, wie er mit feinen Vollblutpferden Parade machte. Deshalb war ihm Antonie allein noch lieb und er überhäufte ſie mit 6* 84 allem möglichen Luxus, um ihre Schönheit nur noch mehr zu heben. Sie war eine Puppe, die er ſchmückte, um ſeinen Reichthum und ſeinen Geſchmack zu zeigen. Wäre ſie minder reizend geweſen, als ſie wirklich war, ſo hätte er ſie gänzlich vernachläſſigt, ſogar mißhandelt.— Die Welt, welche nur zu ſehr geneigt iſt, nach dem äußern Scheine zu urtheilen, hielt die Frau für glücklich, weil ſie im Wohl⸗ ſtande, ja ſogar im Luxus lebte und ſich keinen Wunſch zu verſagen brauchte.— Was fehlte ihr und worüber hatte ſie zu klagen? Beſaß ſie nicht Alles, was ein Weiberherz entzückt? Die ſchönſte Equipage in der Hauptſtadt, eine eigene Loge im Theater, die glänzendſte Toilette, Shawls und Spitzen von ungeheurem Werth? Niemand ahnte den geheimen Gram, der an ihrem Herzen nagte, kein Menſch hatte eine Ahnung, daß unter dieſem äußeren Glanz das Elend einer unbefriedigten Exiſtenz, das ganze Weh eines liebeleeren Daſeins verborgen lag. Was weiß die blinde Welt von ſolchen Schmerzen, von einer Armuth der Seele, die weit ſchwerer wie die Noth des hungernden Bettlers drückt?— Wäre Antonie eine der gewöhnlichen Frauen geweſen, ſo hätte ſie ſich mit der Zeit in ihr Schickſal gefunden und vollkommen mit demſelben aus⸗ geſöhnt; ſie hätte nur wie Tauſende ihrer Mitſchweſtern in ähnlicher Lage gehandelt und die Mahnungen ihrer unſterblichen Seele, die innere Stimme unter dem Ge⸗ 8⁵ räuſch der frivolen Zerſtreuungen und unter dem beſtechen⸗ den Glanze des Reichthums betäubt und nach und nach vollkommen ertödtet. Es gab auch Augenblicke in ihrem Leben, wo ſie ſich willig mit einer gewiſſen dumpfen Re⸗ ſignation dem Taumel des Genuſſes überließ; ſie war noch jung und der Verführung zugänglich; das Beiſpiel der übrigen Frauen, in ähnlicher Lage, war verlockend genug. Aber immer von Neuem erwachte ſie zu dem ſchmerzlichen Bewußtſein jener Leere und Unbefriedigung, welche ſie, trotz des Luxus, womit ihr Gatte ſie umgab, in ihrer Seele tief empfand. Mitten im Vergnügen über⸗ ſchlich ſie das Gefühl einer unausſprechlichen Traurigkeit, eines unſäglichen Elends und ſie mußte ſich bezwingen, um ihre Thränen zu verbergen.— Ihren Eltern und denen, die ihr am nächſten ſtanden, erging es wie der Welt. Sie hatten keine Ahnung und ſicher auch kein Verſtändniß für die Leiden der Tochter, die ſie unter ſo glänzenden Ver⸗ hältniſſen verſorgt glaubten. Antonie, welche unter ſolchen Umſtänden ſchnell herangereift war, durchſchaute jetzt voll⸗ kommen das egoiſtiſche Treiben und die durchaus mate⸗ riellen Lebensanſchauungen des väterlichen Hauſes, wo einzig und allein das Geld den Maßſtab und das Gewicht aller irdiſchen Glückſeligkeit abgab. Welche Hülfe, welchen Zuſpruch durfte ſie von ihren Anverwandten erwarten, deren ganzes Streben dem Erwerbe und Gewinn zuge⸗ 86 wendet war? Sie wäre nicht verſtanden, mit ihren Klagen abgewieſen, vielleicht verhöhnt und belächelt worden. Selbſt ihre Mutter theilte, wie ſie wußte, dieſelbe Anſicht und deshalb verſchloß ſie auch vor dieſer ihre geheimen Ge⸗ danken. Auch hielt ſie ein gewiſſer Stolz zurück, oder viel⸗ mehr der letzte Reſt ihrer kindlichen Liebe, daß ſie nicht ihre Eltern betrüben und zu Mitwiſſern ihrer Leiden machen wollte. Mußte nicht jedes Wort wie eine Anklage gegen dieſelben klingen und trugen ſie nicht den größten Theil der Schuld?— So unterhielt ſie ſelbſt die Täu⸗ ſchung und ließ die Welt ſo wie ihre Anverwandten in dem Wahne, daß ſie wahrhaft glücklich ſei.— Nur eine Vertraute hatte ſie, vor der ſie kein Geheimniß kannte, und dieſe war ihre Freundin Julie, welche an den Doctor Braun verheirathet, mit mancher Noth bisher kämpfen mußte. Julie ſelbſt war keine gewöhnliche Natur, eine jener ſeltenen Frauen, welche gleichſam mit dem Miß⸗ geſchick geiſtig zu wachſen ſcheinen. Sie beſaß einen edlen Stolz, mit dem ſie alle Hinderniſſe nach und nach beſiegte. Gegen den Willen ihrer Eltern hatte ſie die Verbindung mit dem unvermögenden Manne geſchloſſen, indem ſie lediglich der Neigung ihres Herzens folgte. Die erſten Jahre ihrer Ehe waren keineswegs glückliche zu nennen, da ſie mit ungewohnten Entbehrungen zu kämpfen hatte; außerdem kamen mehrere ſchnell auf einander folgende Ent⸗ 87 bindungen und damit verbundene Krankheiten hinzu, welche bald das geringe Einkommen ihres Mannes erſchöpften. Die Armuth meldete ſich und trübte, wie dies leider meiſt zu geſchehen pflegt, auch ihr eheliches Glück. Wo ſich das Elend einniſtet, da gedeiht auch die Liebe nur ſchwer oder gar nicht. Die Sorge um das tägliche Brot verdrängt die zärtlichen Gefühle, der Mangel iſt der größte Feind der ſtillen Häuslichkeit. Julien's Gatte, ſonſt ein treff⸗ licher Menſch, verlor den Muth und ſeine gute Laune; er wurde mürriſch, im höchſten Grade reizbar. Auch ſie ver⸗ mochte ſich nicht ſogleich in ihre traurige Lage zu finden, da ſie in dem elterlichen Hauſe unter ganz andern und beſſern Verhältniſſen aufgewachſen war. Ihr Schickſal war um ſo bedauernswerther, da ſie vermöge ihrer Stel⸗ lung noch gezwungen wurde, vor den Augen der Welt ihre Umſtände zu verbergen und ſich die ſchwerſten Opfer auf⸗ zulegen, von denen Niemand eine Ahnung hatte. Sie mußte äußerlich eine Zufriédenheit und einen Wohlſtand heucheln, während ſie oft das Nöthigſte entbehrte und ihre Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Jede andere Frau wäxe vielleicht in einer ähnlichen Lage untergegangen, aber Iuews Energie wurde nur dadurch um ſo mehr ange⸗ ſpornt. Sobald ſie ſich von ihrer letzten Krankheit erholt hatte, arbeitete ſie unermüdlich bei Tag und Nacht. Früher hatte ſie nur zu ihrem Vergnügen kleinere Stickereien, *☛ 88 welche wegen ihrer Schönheit bewundert wurden, ange⸗ fertigt; jetzt that ſie es, um ſich und die Ihrigen zu ernäh⸗ ren. Heimlich verkaufte ſie dieſe Gegenſtände an einen befreundeten Kaufmann und beſtritt mit dem Erlös die Koſten der Wirthſchaft. Nebenbei verrichtete ſie noch alle Dienſtleiſtungen der Magd, die ſie aus Erſparniß abge⸗ ſchafft hatte; ſie wuſch, trug Waſſer, kochte und pflegte die Kinder, welche prächtig gediehen. Zu Allem hatte ſie merkwürdiger Weiſe Zeit, weil ſie dieſelbe auf's Beſte zu benutzen wußte. Wer die ſchwächliche Frau ſah, hätte ihr dieſe Kraft nicht zugetraut, aber in ihrem anſcheinend ge⸗ brechlichen Körper wohnte ein eiſerner Wille, eine Seelen⸗ ſtärke, wie ſie ſelten nur gefunden werden. Ihr Beiſpiel richtete den geſunkenen Muth des Mannes auf; er wollte nicht hinter ihr zurückbleiben und ſich von einem Weibe beſchämen laſſen. Statt, wie bisher, müſſig auf die Pa⸗ tienten zu warten, welche nicht kommen wollten, um über ſein Mißgeſchick zu klagen, raffte er ſich jetzt empor und ſuchte auf andere Weiſe ſein Brot zu erwerben. Er bewarb ſich um die Stelle eines Correktors für eine mediciniſche Zeitſchrift, die er auch bei ſeiner bekannten wiſſenſchaft⸗ lichen Bildung und auf die Verwendung eines Univerſitäts⸗ freundes erhielt. So mechaniſch ſeine gegenwärtige Be⸗ ſchäftigung war, ſo erfüllte er ſie doch mit ſtrenger Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, welche der Herausgeber auch zu würdigen 89 wußte. Da dieſer im näheren Umgange mit Braun deſſen Befähigung und mediciniſche Kenntniſſe kennen lernte, ſo vertraute er ihm nach und nach einen Theil der Redaction an, weil er ſelbſt als Profeſſor der Univerſität und viel⸗ beſchäftigter Arzt den verſchiedenartigen Anforderungen nicht ganz genügen konnte. Auch in dieſer neuen Stellung rechtfertigte Julien's Gatte das in ihm geſetzte Vertrauen. Je näher er mit dem Geheimerath bekannt wurde, deſto unentbehrlicher wurde er dem Letzteren, der ihn eines Tages ſogar mit dem ehrenvollen Antrage überraſchte, als Aſſi⸗ ſtenzarzt der von ihm geleiteten Klinik einzutreten. Mit Freuden nahm Braun den gütigen Vorſchlag an und bald ſollte es ihm auch nicht an einer ziemlich einträglichen Privatpraxis fehlen, die fortwährend noch im Zunehmen begriffen war. An die Stelle der Noth war jetzt ein ge⸗ nügendes Einkommen getreten und mit dem ſteigenden Glücke die Zufriedenheit zurückgekehrt. Die Zeit der Prü⸗ fung war von den Eheleuten überſtanden; ſie hatten alle Leiden überwunden und lebten in der glücklichſten Har⸗ monie, doppelt einander lieb und werth, nachdem ſie ſich gegenſeitig im Unglück bewährt hatten.— Nicht umſonſt aber hatte Julie dieſe Schule der Armuth durchgemacht; ihr Charakter war nur noch feſter und entſchiedener her⸗ vorgegangen. Ein idealer Zug, der faſt an Schwärmerei grenzte, machte ſich in ihrem ganzen Weſen bemerkbar; 90 eine Verachtung der äußeren Glücksgüter und des gewöhn⸗ lichen Mammons. Sie hatte andere und höhere Schätze kennen, die Welt mit ihrem nichtigen Treiben und ihrem ſcheinheiligen Mitleid verachten gelernt. Im Elend. fand ſie ſich verlaſſen, von ihren nächſten Anverwandten zurück⸗ gewieſen, wo ſie Hülfe ſuchte, ſelbſt wo ſie nur Theilnahme forderte, gemieden. Jetzt, wo ſie ſich, wenn auch nicht in glänzenden, doch wenigſtens in beſſeren Verhältniſſen be⸗ fand, kamen ungerufen die alten Freunde wieder, aber Julie zog ſich von ihnen mit einer gewiſſen Bitterkeit zurück. Sie lebte nur noch ausſchließlich für ihr Haus, ihren Gatten und ihre Kinder.— Sobald Antonie von ihrer Reiſe gekommen war, ſuchte ſie die Iugendfreundin auf. Sie fand dieſelbe in einer beſcheidenen Wohnung, einfach, aber nicht ärmlich eingerichtet. Ein älteres Kind mit lieblichen Zügen ſpielte zu ihren Füßen, während ſie das Jüngſte auf ihren Armen hielt. Julien's Benehmen war anfänglich kalt und abgemeſſen, erſt als ſie im Ver⸗ laufe der Unterhaltung Antonien's Klagen hörte, wurde ſie wärmer und theilnehmender. Sie hätte die im Ueber⸗ fluß und Glück lebende Freundin zurückgewieſen, für die Betrübte war ſie voll Mitgefühl. „Ich bedaure Dich,“ ſagte ſie mit ungeheuchelter Theilnahme,„Dein Geſchick, obgleich ich Dir nicht ver⸗ heimlichen darf, daß ein Theil der Schuld Dich ſelber 91 trifft. Du haſt Dich, wie die meiſten Frauen, von dem Reichthum und dem Vermögen Deines Mannes blenden laſſen.“ „Was ſollte ich thun? Mir blieb keine Wahl, da meine Eltern dieſe Partie wünſchten und mich faſt dazu gezwungen haben.“ „Ich weiß wohl aus eigner Erfahrung, wie unſere Eltern in der heutigen Zeit, bei der Wahl eines Mannes für ihre Töchter, das Hauptgewicht auf ſeine materiellen Eigenſchaften legen. Leider aber ſind die Mädchen mehr oder minder mit ihnen einverſtanden. Sei aufrichtig, lege die Hand auf Dein Herz und ſage mir, ob ich Dir Unrecht thue. Du haſt in der Ehe ebenfalls nur eine Verſorgungs⸗ anſtalt geſehen, einen Freibrief für ein angenehmes Leben, für alle Genüſſe des Luxus. Der Mann ſelbſt war Dir die Nebenſache; im beſten Falle haſt Du gehofft, mit der Zeit ihn erträglich zu finden.“ „Wahr, nur zu wahr,“ murmelte Antonie mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. „Du haſt Dich über Deine Gefühle mit Abſicht ſelbſt getäuſcht. Das Herz aber verlangt mehr, die Ehe muß die Frucht der Liebe ſein, wenn ſie nicht zur Hölle werden ſoll. Ich kann aus eigner Erfahrung ſprechen. Um die ſchweren Opfer, welche ſie uns auferlegt, mit Freudigkeit zu tragen, müſſen wir mit all unſerem Sein und Denken 92 uns dem Manne unſerer Wahl hingegeben haben. Du biſt beklagenswerth, weil Du Dich durch die äußern Verhält⸗ niſſe haſt beſtimmen laſſen. Von allen Sünden iſt die gegen den heiligen Geiſt die ſchwerſte und eine ſolche haſt Du begangen. Als ich erfuhr, daß Du Eſſling Deine Hand reichen konnteſt, gab ich Dich verloren. Ich konnte Dich nicht mehr achten und darum zog ich mich von Dir zurück.“ „Warum haſt Du mich damals nicht gewarnt, da Du ihn kannteſt.“ „Ich wußte, daß Du ebenfalls von ſeinem Charakter hinlänglich unterrichtet warſt. Auch kam Deine Verlobung ſo plötzlich und unerwartet, daß ich keine Zeit gehabt hätte, Dir meine Anſicht mitzutheilen. Vielleicht wäre ich als überſpannte Schwärmerin von Dir nur noch verſpottet worden. Später ſah ich Dich anſcheinend glücklich, in einem Strudel von Zerſtreuungen, im Taumel des Glückes. In meiner traurigen Lage, die wir Gott Lob überwunden, wollte ich mich Dir nicht aufdrängen. Du ſchienſt mich vergeſſen zu haben und ich zählte Dich zu den Todten. Im Stillen weinte ich über die verlorne Freundin, deren Geſchick mir zu Herzen ging. Ich konnte und wollte nicht glauben, daß Du zu jenen gewöhnlichen und gemeinen Weibern gehörſt, welche ſich für eine Equipage, einen Shawl oder einen neuen Hut verkaufen. Ich trauerte 93 um Dein beſſeres Ich, um Deine edleren Eigenſchaften, die in einem ſolchen Treiben nothwendiger Weiſe nach meiner Meinung zu Grunde gehen mußten.“ „Auch Du haſt mich verkannt, Du, meine einzige und beſte Freundin. Hätteſt Du nur einen Blick in meine Seele gethan, Du würdeſt Mitleid mit mir empfunden haben. Welche Qualen habe ich erdulden, welche Be⸗ ſchimpfungen ruhig tragen müſſen. Im größten Luxus beneidete ich noch Deine Armuth, im Genuſſe des ver⸗ wünſchten Reichthums das Bettelweib um ihre Lumpen. O! Du haſt keine Ahnung, wie unglücklich, wie gedemü⸗ thigt ich mich fühle.“ Ein Thränenſtrom ſtürzte aus Antonien's Augen und überwältigt von ihren Gefühlen ſank ſie an die Bruſt der Freundin. Dieſe ſuchte die Arme zu beruhigen und durch mildes Zureden zu beſchwichtigen. Faſt bereute ſie ihre frühere Härte, womit ſie den Stachel noch tiefer in die Wunde des verletzten Herzens gedrückt zu haben glaubte. „Nein, nein!“ ſchluchzte Antonie.„Laß mich ruhig weinen. Das thut mir wohl. Ich habe Deine Vorwürfe verdient. Nur noch die eine Bitte habe ich an Dich, bleib meine Freundin, verlaß mich nicht. Ich habe ja außer Dir keinen Menſchen auf der Welt, dem ich mich mit meinem Elend anvertrauen kann.“ „Ich bin Deine Freundin und werde es auch 94 bleiben,“ entgegnete Julie tief ergriffen.„Vor allen Dingen aber fordre ich von Dir, daß Du Deinem Schmerze muthig entgegentrittſt. Nichts iſt gefährlicher, als dieſe Wolluſt der Trauer, dieſes ſchlaffe, egoiſtiſche Hingeben an den Schmerz. Was geſchehen iſt, läßt ſich nicht ändern. Du mußt Dein Schickſal ertragen, aber trage es mit Würde, mit Stärke und Achtung Deiner ſelbſt. Suche, wie Du bisher gethan haſt, in der treueſten Pflichterfüllung eine Stütze gegen die Verſuchung, die nicht ausbleiben wird. Du gehſt ſchweren Prüfungen ent⸗ gegen. Auf mich darfſt Du zählen. Wenn Du mich brauchſt, ſo rufe mich und ich will Dir mit Rath und That gern beiſtehen. Nur das Eine verſprich mir, ſtets aufrichtig gegen Dich und mich zu ſein; denn die Lüge iſt der Tod; nur die Wahrheit kann Dich retten.“ Die Ankunft von Julien's Gatten unterbrach die ferneren Mittheilungen der Freundinnen. Doctor Braun umarmte ſeine Frau und begrüßte Antonien; dann beugte er ſich zu den Kindern herab. Der ältere Knabe durch⸗ wühlte ſeine Taſchen und ſtieß ein lautes Freudengeſchrei aus, als er die mitgebrachte Düte mit Bonbons und Con⸗ fituren fand, während die jüngere Schweſter ihre zarten Arme dem Vater entgegenſtreckte und ihr blondes Lockenköpfchen an ſeine Bruſt ſchmiegte. Es war ein Bild des glücklichſten Familienlebens, das Antonie mit Wehmuth erfüllte. 9⁵ Nachdem die Kinder beſchwichtigt waren und wieder ruhig ſpielten, ſetzte ſich Braun zu den Damen und er⸗ zählte Neuigkeiten aus der Praxis und verſchiedene Tages⸗ ereigniſſe, wofür ſich Julie lebhaft intereſſirte. „Denke nur,“ ſagte er zu ſeiner Frau,„daß Bolten Geheimerath geworden iſt. Ich freue mich von ganzem Herzen. Er hat dieſe raſche Carriere lediglich ſeinen Ver⸗ dienſten zu verdanken.“ „Aſſeſſor Bolten?“ fragte Antonie überraſcht, indem ſie nur mit Mühe ihre Bewegung zu unterdrücken ver⸗ mochte. „Kennen Sie den Aſſeſſor?“ bemerkte der Doctor gleichgültig. „Er pflegte früher in das Haus meiner Eltern zu kommen. Doch habe ich ſchon lange nichts von ihm ge⸗ ſehen. Ich hörte, daß er die Reſidenz verlaſſen hat und nach einer Provinzialſtadt verſetzt worden iſt.“ „Das war auch der Fall. Plötzlich und ohne allen Grund ging er fort von hier und trug auf ſeine Verſetzung an. Seine Freunde, zu denen auch ich gehöre, mißbilligten den Schritt. Wir fürchteten, daß er dort vergeſſen werden und Zeitlebens Aſſeſſor bleiben würde. Doch wir irrten uns darin. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Der unbe⸗ greifliche Schritt führte zu Bolten's Glück. Der Präſi⸗ dent des dortigen Gerichts, einer unſerer tüchtigſten Ju⸗ riſten, lernte ihn kennen und ſein großes Talent ſchätzen. Er vertraute ihm das Referat über einen großen, wichtigen Prozeß an und Bolten entledigte ſich ſeiner Aufgabe zur vollkommenen Zufriedenheit ſeines Vorgeſetzten. Durch einen beſonderen Zufall kam ſeine Arbeit zur Kenntniß des Juſtizminiſters. Dieſer war erſtaunt und verwundert, daß ihm eine ſo bedeutende Capacität bisher entgangen war und es nicht weiter als zum Aſſeſſor gebracht hatte. Er erkundigte ſich genauer und erhielt von allen Seiten die beſten Zeugniſſe für unſern Freund; ſo daß er keinen Anſtand nahm, ihn vorläufig nach der Reſidenz zurückzu⸗ rufen und bei der neuen Geſetzgebungskommiſſion zu be⸗ ſchäftigen. Doch ich fürchte, die gnädige Frau mit meinem Berichte zu langweilen.“— „Durchaus nicht,“ erwiederte Antonie, welche vor Begierde brannte, mehr von dem Schickſale des Freundes zu erfahren. „Auch hier,“ fuhr Braun fort,„rechtfertigte Bolten das ihm geſchenkte Vertrauen auf das Vollſtändigſte; er leiſtete dem Staate in ſeiner neuen Stellung weſentliche Dienſte, und die Verbeſſerungen in unſerer gegenwärtigen Geſetzgebung ſind größtentheils ſein Werk. Seine Be⸗ ſcheidenheit und perſönliche Liebenswürdigkeit nahmen den Miniſter dermaßen ein, daß er ihn immer in ſeiner un⸗ mittelbaren Nähe haben wollte und deshalb zum vor⸗ 97 tragenden Rath ernannt hat. Bolten ſelbſt iſt durch dieſe wohlverdiente Beförderung überraſcht, da er eine ganze Reihe älterer Vordermänner überſprungen hat. Alle Un⸗ parteiiſchen gönnen ihm ſein Glück und nur der Neid und die Bosheit reden von einer Protection, die er ſeinem Ver⸗ hältniſſe zu der Tochter des Miniſters zu verdanken hat.“ „Was für ein Verhältniß?“ fragte Julie.„Davon haſt Du mir ja kein Wort geſagt.“ „Weil ich ſelbſt nicht recht daran glaube,“ entgegnete Braun.„Die Welt urtheilt, wie Du weißt, nach dem äußern Schein. Weil der Miniſter eine Tochter hat, die ſchön und geiſtreich ſein ſoll, weil Bolten häufig in das Haus des Miniſters vermöge ſeiner Stellung kommt, wird er von den Klatſchſchweſtern der Reſidenz bereits als der zukünftige Schwiegerſohn ſeines Chefs bezeichnet. Dieſe gemeinen Seelen können ſich durchaus nicht denken, daß ein Mann einmal lediglich durch Talent und Fleiß empor⸗ ſteigen und Carriere machen kann. Gleich denken ſie an geheime Urſachen, an Protectionen, an Schleichwege. Ich kenne Bolten beſſer und weiß, daß er vorläufig an keine Heirath denkt.“ „Und warum nicht, wenn man fragen darf?“ forſchte die Frau Doctorin. „Ich muthmaße, daß er eine unglückliche Liebe hat. Zwar hat ſich Bolten niemals darüber ausgeſprochen, 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 7 98 denn dazu iſt er viel zu discret, aber ſein Benehmen bei gewiſſen Gelegenheiten rechtfertigt meinen Glauben. Er geht in keine Geſellſchaft, vermeidet jede Berührung mit Damen und zieht ſich überhaupt von der Welt zurück. Das Alles deutet bei einem Manne von Bolten's Cha⸗ rakter entſchieden auf ein früheres Verhältniß hin. Sind Sie nicht auch der Meinung, gnädige Frau?“ Antonie, an welche die letzten Worte gerichtet waren, ſchrak ſichtbar zuſammen. Ihre Gedanken weilten in der Vergangenheit und in ihrem Herzen regte ſich die Reue. Ol wenn ſie doch damals den Muth gehabt hätte, ihrer urſprünglichen Neigung zu folgen!— Jetzt war es zu ſpät und Bolten für ſie verloren. Die Nachricht von ſeiner Beförderung erfüllte ſie mit ſchmerzlicher Freude; ſeine Anweſenheit in der Hauptſtadt und ſeine intime Bekanntſchaft mit dem Manne ihrer Freundin vermehrten ihre Verwirrung. Sie fürchtete ihm zu begegnen und den ſtillen Vorwurf in ſeinen Blicken. Vielleicht hatte er ſie vergeſſen und das wäre noch das Beſte für ihn und ſie. Eine Zentnerlaſt drückte auf ihre Bruſt, die Luft drohte ſie zu erſticken; ſie mußte fort, um verborgen und ungeſehen über ihr Geſchick zu weinen.— Plötzlich nahm ſie Abſchied und entfernte ſich, weil ſie ſich von den ſcharfen Blicken der Freundin beobachtet glaubte. Zulie ließ es ſich nicht nehmen und begleitete ſie bis zur Treppe. 99 „Wir ſehen uns doch bald wieder,“ ſagte ſie.„So oft Du mich beſuchſt, wirſt Du mir willkommen ſein, aber verlange nicht, daß ich Dein Haus betrete. Unſre Männer paſſen nicht zu einander, eine Harmonie iſt, wie Du ſelber einſehen wirſt, nicht möglich.“ „Und ich,“ antwortete Antonie,„kann unter dieſen Verhältniſſen nicht mehr kommen.“ „Was hindert Dich daran?“ fragte die Freundin verwundert.„Hier ſind wir ungeſtört.“ „Frage nicht und forſche nicht. Ich habe triftige Gründe, die ich Dir nicht ſagen kann, nicht ſagen darf.“ „Wodurch hab' ich Dein Vertrauen plötzlich ver⸗ ſcherzt?“ „Glaube mir, es giebt Dinge, die wir vor uns ſelber verbergen müſſen. Zürne mir nicht, wenn ich ſo von Dir ſcheide. Ach! ich bin weit unglücklicher als Du glaubſt.“ Mit dieſen Worten umarmte ſie die ſtaunende, faſt beleidigte Freundin. Dieſe beſaß neben ihrer Energie einen hohen Grad von Gutmüthigkeit; ſie ahnte ein Ge⸗ heimniß Antonien's, in das ſie vorläufig ſich nicht ein⸗ drängen wollte. „So wollen wir uns wenigſtens,“ ſagte ſie,„an einem dritten Orte ſprechen. Was auch kommen mag, denn ich ſehe neue Verwicklungen; wir wollen Freunde bleiben. Wenn Du meiner bedarfſt, ſo ſchreibe mir 7* 100 und beſtimme Zeit und Ort. Ich werde Dir zur Seite ſtehen.“ „O! Du biſt gut, beſſer als ich,“ flüſterte Antonie unter Thränen. Sechstes Capitel. Ein neues Ereigniß war für Antonien eingetreten, das vorläufig alle ihre Gedanken und Gefühle in Anſpruch nahm und ihnen eine neue, ungekannte Richtung gab. Sie fühlte ſich Mutter und erwartete mit ahnungsvollem Hoffen ihre bevorſtehende Entbindung. Auf ihren Mann ſchien dieſe Nachricht ebenfalls einen bedeutenden Eindruck hervorzubringen. Er wünſchte ſich einen Sohn, einen Nachfolger und Erben ſeines Vermögens. Deshalb gab er unverholen ſeine Freude zu erkennen. So fand eine Art von Verſöhnung und Annäherung zwiſchen den Ehe⸗ gatten ſtatt, das lockere Band knüpfte ſich wieder feſter. Von nun an behandelte Eſſling ſeine Frau mit der ſcho⸗ nendſten Rückſicht und ließ es ihr an der zärtlichſten Sorg⸗ falt nicht fehlen. Antonie erkannte ſein verändertes Be⸗ nehmen dankend an; ſie fing an ihn milder zu beurtheilen und bat im Stillen ihm das Unrecht ab, das ſie ihm gethan 101 zu haben glaubte.— Es gab Tage und Stunden, wo ſie ſich der Hoffnung überließ, mit ihm und durch ihn noch glücklich zu werden. All ihr Denken und Sinnen war nur auf das junge Leben gerichtet, welches unter ihrem Herzen lag. Liebliche Bilder umſchwebten ſie, ihre Phantaſie malte ihr die mütterliche Seligkeit mit den glänzendſten Farben. Gern ertrug ſie jetzt die mit ihrem Zuſtande ver⸗ bundenen Leiden; ſie erwartete ja den ſchönſten Lohn dafür, ein Kind und in dieſem alle Freuden und Wonnen des Daſeins. Sie war wieder mit dem Leben vollkommen ausgeſöhnt, der Zwieſpalt war gelöſt, aller Streit in ihrem Buſen hatte aufgehört. Kein unlauterer Gedanke trübte die heilige Stimmung der künftigen Mutter. Sie kam ſich weit beſſer und reiner als jemals vor. Jeder Egoismus war in ihr geſchwunden. Was kümmerte ſie noch die Welt, was die Geſellſchaft, in der ſie lebte? Ihr Herz hatte nur noch Raum für das eine beſeligende Gefühl und davor mußte jedes andere verſtummen. Bolten's An⸗ weſenheit in der Reſidenz war ihr jetzt gleichgültig; ſie fürchtete weder, noch wünſchte ſie ihm zu begegnen. Eſſling ſelbſt erwartete mit Ungeduld den entſcheidenden Moment. Er hatte verſchiedene und höchſt wichtige Gründe, ſich die Geburt eines männlichen Erben zu wünſchen; hauptſächlich weil ſein eigner Vater, der Kommerzienrath, wie er wohl wußte, zu Gunſten eines Enkelſohnes in ſeinem Teſtamente 102 höchſt vortheilhafte Beſtimmungen getroffen hatte. Es war alſo nicht nur verzeihliche Eitelkeit, ſondern eben ſo ſehr Eigennutz und Intereſſe, die ihn in dieſer Beziehung leiteten. So rückte allmälig der, von beiden Gatten aus verſchiedenen Gründen erſehnte Augenblick heran. Ma⸗ dame Brandeis, die Mutter Antonien's, eilte ſogleich, als ſie benachrichtigt wurde, an das Lager ihrer Tochter. Der Hausarzt kam und nahm ſeinen Poſten in dem benach⸗ barten Zimmer ein, wo er ſich die Zeit mit einer Flaſche Rothwein und den echten Havanna⸗Cigarren vertrieb. Eſſling leiſtete ihm dabei Geſellſchaft, er zeigte eine weit größere Theilnahme und Aufregung, als man von ſeinem kalten Charakter erwarten ſollte. Von Zeit zu Zeit ſah er ungeduldig auf die Uhr, dann ſtürzte er wieder ein Glas Wein herab, oder er that einen tiefen Zug aus dem Glimmſtengel, die blauen Tabakswolken heftig fortblaſend. „Ich erwarte einen Sohn,“ ſagte er zu dem herbei⸗ gerufenen Geheimrath gewendet und dieſen gleichſam ver⸗ antwortlich für ſeinen Wunſch machend. „Das wünſchen alle Väter mehr oder minder,“ ant⸗ wortete der Doctor mit den Achſeln zuckend.„Ich wette jedoch, daß eine Tochter Ihnen eben ſo willkommen ſein wird, wenn erſt Alles glücklich beendet und Ihre Frau außer Gefahr iſt.“ „Eine Tochter,“ murmelte der zukünftige Vater, ——— 103 „damit wäre mir nicht gedient. Wenn Sie mir einen Sohn ſchaffen, ſo wiege ich das Kind mit Gold auf.“ „Das ſteht nicht in meiner Hand. Darüber hat der Himmel allein zu beſtimmen.“ Ein leiſes Wimmern aus der Nebenſtube, worin Antonie lag, gefolgt von einem Schmerzensſchrei, rief den Geheimrath ab. Eſſling that einen Schritt, als wenn er ihn begleiten wollte. „Nein!“ ſagte er zurückbleibend.„Ich kann nicht meine Frau leiden ſehen. Sagen Sie ihr das, lieber Doctor, wenn ſie nach mir fragen ſollte.“ Hinter dem ſcheinbaren Mitgefühl verbarg ſich nur ſeine egoiſtiſche Feigheit. Der Anblick aller Schmerzen war ihm zuwider. Nicht die Gefahr, worin Antonie jetzt möglicher Weiſe ſchwebte, berührte ihn, ſondern lediglich der Wunſch, einen Sohn zu bekommen, der bei ihm zu einer Art von fixer Idee geworden war. Eine peinliche Viertelſtunde verging ihm ſo; geſpannt lauſchte er auf jeden Laut, auf jede Bewegung in dem benachbarten Zim⸗ mer. Plötzlich ſchlug ein bisher noch nicht gehörter Ton an ſein Ohr, eine weinende Kinderſtimme. Trotz ſeines blaſirten Weſens, überkam ihn ein eignes Gefühl, in ſeinem öden Herzen regte ſich eine bisher noch nie gekannte Empfindung. Es war ihm, als würde ſein Auge feucht, als netzte eine Thräne ſeine Wange, als löſte ſich unter 104 einem warmen Hauche die Eisrinde, welche über ſeinem Herzen lag. Er war Vater und ſelbſt dies verhärtete Ge⸗ müth konnte ſich dem Rufe der Natur und ihrer gewal⸗ tigen Mahnung nicht gänzlich entziehen. Einen Augenblick wenigſtens umſchwebte ihn die heiligſte Liebe und er mußte ſich in Ehrfurcht beugen vor dieſem größten Wunder, vor dem erhabenſten Myſterium der Schöpfung.— Das ging indeß eben ſo ſchnell vorüber, wie es gekommen war. Bald ſchwanden die himmliſchen Geiſter aus ſeiner Nähe und machten den Dämonen des Eigennutzes, der Eitelkeit und der Berechnung Platz. 3 „Iſt es ein Sohn?“ fragte er den Arzt, der ihm zu ſeiner Vaterſchaft gratulirte. „Es iſt Ihr Kind,“ antwortete der würdige Mann. „Ein geſundes Kind und auch Ihre Frau hat die ſchweren Stunden glücklich überſtanden.“ „Kein Sohn!“ murmelte Eſſling finſter. „Sie hören ja, ein reizendes Mädchen, ganz das Ebenbild ſeiner Mutter. Ihre Frau hat nach Ihnen ver⸗ langt. Sprechen Sie mit ihr, aber mit Vorſicht. Vor allen Dingen laſſen Sie nicht merken, daß Sie einen Thronerben erwarteten. Nun, was nicht iſt, kann noch kommen. Sie ſind Beide jung;“ ſetzte der Geheimerath tröſtend mit gutmüthigem Lächeln hinzu. 105 Eſſling trat mit ſchlecht verhehltem Verdruß an das Lager ſeiner Frau, welche ihm ſtrahlend von mütterlichem Glück ſein erſtes Kind entgegenhielt, umgeben von allen Reizen der jungen Mutter, ſchön in ihrer Bläſſe und der ſanften Ermattung, welche, verbunden mit der Seligkeit der überſtandenen Gefahr und des errungenen Unterpfandes, die Wöchnerin wie im Lichte der Verklärung erſcheinen ließ. Antonie war nie bezaubernder geweſen, ein mattes aber unnennbar ſeliges Lächeln umſchwebte das feine, bleiche Geſicht, ſie glich einer Heiligen, die alle irdiſchen Wünſche und Begierden abgeſtreift, von einer einzigen und großen Liebe ganz durchdrungen, den Himmel in ſüßeſter Ver⸗ zückung vor den begeiſterten Blicken offen ſieht. Ihre Augen ſchienen größer und ſtrahlender, ihre Züge bedeu⸗ tender als ſonſt. Ihr ganzes Weſen drückte eine erhöhte Stimmung, einen Aufſchwung aller Gedanken aus.— Aber ihr Gatte hatte weder für ſie, noch für die zarte Knospe ein Verſtändniß. Er hielt ſich zwar ſtreng an die Vorſchriften des Arztes und heuchelte eine Freude, welche er nicht empfand, doch im Innern war ihm die Mutter und das Kind mindeſtens gleichgültig. Antonie ließ ſich von ihren eigenen Gefühlen täuſchen, vorläufig war ſie ſo durch und durch von ihrer Liebe erfüllt, daß ſie von ihrem Ueberfluſſe ſeinem Mangel lieh und deshalb weder Eſſling's Aerger über ſeine getäuſchten Erwartungen, noch ſeine 106 Kälte bemerken konnte. Sie ſelbſt war ſo ſelig, ſo weich, ſo aufgeſchloſſen für den geringſten Beweis von Zärtlich⸗ keit, daß ſie wirklich ein nie gehofftes, nie geahntes Glück empfand.— Antonie erholte ſich unter ſolchen Umſtänden auf⸗ fallend ſchnell; ſie war nur ſchöner geworden und ein ihr bisher fremder Reiz geblieben. Auch das kleine Töchter⸗ chen, welches in der Taufe den Namen der Freundin Julie erhalten, gedieh zuſehends und verſprach wirklich, wie der Geheimrath vorhergeſagt, das Ebenbild der Mutter zu werden. Doctor Braun und ſeine Frau wurden zu der Taufe eingeladen und erſchienen auch. Julie freute ſich mit dem Glücke der Freundin, aber wie ſie richtig vermu⸗ thet hatte, fand darum doch keine Annäherung zwiſchen den beiden Männern ſtatt; ſie waren in ihren Anſichten und Grundſätzen durch und durch verſchieden. Der Kommer⸗ zienrath, welcher ebenfalls zugegen war, beſchenkte ſeine Schwiegertochter ſehr reichlich, ohne jedoch dem Kinde ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Er konnte es nicht verwin⸗ den, daß es ein Mädchen war und beſtärkte ſeinen Sohn nur noch mehr in ſeinem Vorurtheil.— Allmälig wurde auch Antonie dieſen Widerwillen Eſſling's gegen das Kind gewahr; ſie war nicht wenig davon betroffen; ihr Mutter⸗ ſtolz empörte ſich nnd ſie ſtellte ihn deshalb ernſtlich zur Rede. Derartige Auftritte wiederholten ſich und das ehe⸗ 107 liche Verhältniß mußte nothwendig darunter leiden.— Die frühere Kälte, welche durch die jüngſten Ereigniſſe geſchwunden ſchien, ſtellte ſich von Neuem ein. Eſſling warf jetzt nach und nach ſeine bisherige Maske gärzlich ab; er ſetzte jede Schonung bei Seite, indem er ſich einem wilden und ausſchweifenden Leben ohne Rückſicht ergab. Je mehr ſich Antonie von ihrem Manne vernachläſſigt ſah, deſto mehr ſuchte ſie Erſatz in der Liebe für ihr Kind; die⸗ ſem wendete ſie ihr ganzes Herz zu und in der ſtrengſten Erfüllung ihrer mütterlichen Pflichten fand ſie die ge⸗ wünſchte Befriedigung. Sie wurde ſo ausſchließlich davon in Anſpruch genommen, daß ſie faſt keinem andern Ge⸗ danken Raum gab. Ein Blick, ein Lächeln ihres Lieblings entſchädigte ſie hinlänglich für alle Entbehrungen und wenn ſie über ihr eheliches Verhältniß, das ſich mit jedem Tage rauriger geſtaltete, verzweifeln wollte, ſchöpfte ſie neuen Muth an der Wiege ihres Kindes. So lebte ſie in größter Zurückgezogenheit, ſelbſt Julie ſah ſie nur ſelten, da die Freundin aus unbekannten Gründen noch mehr als früher ſie zu meiden ſchien. So kam es, daß Antonie nichts von den verſchiedenen Gerüchten erfuhr, welche auf Koſten ihres Mannes die Reſidenz erfüllten. Eſſling war⸗ das Geſpräch des Tages geworden; er hatte eine Verbin⸗ dung mit einer bekannten Schauſpielerin angeknüpft, die, wie die Fama behauptete, bereits mehrere Männer ruinirt 108 hatte. Die ſchöne Amanda war eine blendende Erſchei⸗ nungz geſchaffen, ſelbſt noch einen blaſirten Wüſtling, der bereits alle Genüſſe des Lebens erſchöpft hatte, zu ent⸗ zücken. Mit einer herrlichen, üppigen Figur verband ſie die Reize der gefährlichſten Koketterie; ſie war weit mehr Künſtlerin hinter den Couliſſen als auf dem Theater, ob⸗ gleich ſie auch auf der Bühne eine hervorragende Stellung durch ihr Talent einnahm. In gewiſſen Rollen, beſonders wenn ſie in Männerkleidern erſchien, galt ſie für unüber⸗ troffen und die alten Kunſtkenner rühmten mit einem fauniſchen Lächeln die plaſtiſche Schönheit ihres Beines. Nicht umſonſt war ſie die berühmte Schauſpielerin; ſie ſetzte ihre Kunſt auch im gewöhnlichen Leben fort und ſpielte bewunderungswürdig mit Allem Comödie. Die ganze Skala der Empfindungen war ihr geläufig, von dem tiefſten Gefühle bis zum ausgelaſſenſten Jubel. Alles ſtand ihr zu Gebot nur nicht eine warme Empfindung, ein einziges wahres Gefühl. Die Natur hatte ſie mit ihren reichſten Gaben, mit Schönheit, Grazie, Geiſt und Talent überſchüttet; nur Eins war ihr verſagt— das Herz. Wie ein ſchadenfroher Dämon lockte ſie die Män⸗ ner an ſich heran, um ſie zu verderben. Wenn ſie wie die Mücken blind um die Flammen ihrer ſtrahlenden Augen kreiſten und endlich rettungslos von der Gluth ergriffen wurden, dann ſchlug ſie wohl ungehört und ungeſehen ihr 109 höhniſches Gelächter auf. Sie war durch die Schule der Armuth und des Elends gegangen, ehe ſie zu ihrer gegen⸗ wärtigen Stellung gelangt war. Vielleicht hatte ſie auf dieſem Wege Erfahrungen gemacht, welche wohl das Herz verſteinern und jede beſſere Regung für immer ertödten können. Schlau und berechnend war ſie nur auf die An⸗ ſammlung eines bedeutenden Vermögens für ihre ſpäteren Lebensjahre und auf den Genuß des Augenblicks bedacht. Je reicher die Opfer waren, die ſich ihr näherten, deſto willkommener. Eſſling hatte ihre Bekanntſchaft geſucht, um ſich zu zerſtreuen und die Sirene verſtand es nur zu gut, ihn zu reizen und in ihren Netzen feſt zu halten. Sie beſaß einen Grad von unwiderſtehlicher Anziehungskraft für ihn, da ſie ihn abwechſelnd feſſelte und abſtieß, mit kalter Berechnung ihn in fortwährender Aufregung und Spannung erhaltend. Durch die koſtbarſten Geſchenke und große Summen glaubte er ſich ihren alleinigen Beſitz ge⸗ ſichert zu haben, ſeine Eitelkeit wurde nur noch mehr durch die große Anzahl von Nebenbuhlern geſchmeichelt, die ſie ihm ſcheinbar opferte. Es befanden ſich darunter die an⸗ geſehenſten Kavaliere der Hauptſtadt, Männer, die ſich durch ihren Rang und ihr Vermögen auszeichneten. Um dieſe zu verdrängen, ſcheute er keine Anſtrengung und er war auf dem beſten Wege ſich für Amanda zu ruiniren, indem er ſich genöthigt ſah, ihre ausſchweifendſten An⸗ 110 ſprüche zu befriedigen. Sie hatte ſich ihm zur Nothwen⸗ digkeit gemacht und er vermochte nicht ohne ſie zu leben. Hundertmal ſagte ihm ſein Verſtand, daß er von ihr ge⸗ täuſcht und hintergangen werde, aber ſeine Leidenſchaft hatte bereits den Höhenpunkt erreicht, wo die Stimme der Vernunft nicht mehr gehört wird. Selbſt ihre mitunter offen zur Schau getragene Verdorbenheit war nur ein Reiz mehr für ihn, ein pikanter Haut⸗Gout, welchen der ſinnliche Feinſchmecker in ſeiner Blaſirtheit nicht entbehren möchte.— Den größten Theil ſeiner Zeit brachte er in ihrer glänzend eingerichteten Wohnung, oder im Theater zu. Ihre Zimmer waren mit wahrhaft fürſtlichem Luxus verſehen, zu dem er ſelbſt das Meiſte beiſteuerte. Die ächten Sammettapeten waren mit Oelgemälden und Kupferſtichen bedeckt, die darauf berechnet ſchienen, einen ſinnlichen Eindruck zu machen. Hier lachte ſchelmiſch eine Nymphe, im Begriff in's Bad zu ſteigen, dort umarmte ſich ein glühendes Liebespaar. Beſonders zeichnete ſich ihr Boudoir durch das höchſte Raffinement der Koketterie aus. Stundenlang weilte Eſſling in der verführeriſchen Um⸗ gebung und vergaß bei einem ausgeſuchten Souper und ſchäumenden Champagner, den er für ihren Keller lieferte, ſeine Pflichten als Gatte und Vater.— Antonie hatte davon bisher keine Ahnung, bis ihr die Augen von den ſogenannten mitleidigen Seelen geöffnet wurden. Fräu⸗ — 111 lein Mühlenberg, die trotz aller Bemühungen von ihrer Seite noch immer eine alte Jungfer war und bereits einen gewiſſen ſäuerlichen Geſchmack bekommen hatte, konnte es ſich nicht verſagen, die junge Frau bei der erſten Gelegen⸗ heit, die ſich ihr darbot, von dem unverzeihlichen Beneh⸗ men ihres Gatten zu unterrichten. Bei einem Damen⸗ kaffee, zu dem Antonie gebeten war, ohne die Einladung gut ausſchlagen zu können, näherte ſich das Fräulein mit der Freundlichkeit einer Katze, welche vorläufig Sammet⸗ pfötchen macht, um deſto ſicherer ſpäter ihre Krallen zu zeigen. Die Geſellſchaft beſtand aus lauter reſpektablen Frauen, welche über ihre Nebenmenſchen zu Gericht ſaßen und mit chriſtlicher Liebe aburtheilten, während die klirren⸗ den Theelöffel und die Taſſen dazu bildlich das Heulen und Zähneklappern der Verdammten darſtellten. Fräu⸗ lein Mühlenberg war die einzige unverheirathete Dame in dem auserwählten Kreiſe; ſie hatte dieſes Vorrecht ledig⸗ lich ihren Verdienſten zu verdanken. Ihre Zunge war wo möglich noch ſpitzer, ihre Naſe noch röther und ihr Kinn noch länger geworden.— Nachdem ſie ſchon eine genügende Anzahl von Reputationen vernichtet, manchen guten Ruf zerriſſen und über die zunehmende Frechheit der dienenden Klaſſe laut gejammert hatte, brachte ſie das Geſpräch durch eine geſchickte Wendung auf das Theater und die Schau⸗ ſpieler. Anfänglich begnügte ſie ſich, lediglich die Leiſtun⸗ 112 gen der Künſtler einer ſcharfen Kritik zu unterwerfen. Sie war auf alle Vorſtellungen abonnirt und mußte daher ein Urtheil haben. In ihren Mußeſtunden beſchäftigte ſie ſich ſogar ſelbſt mit der Abfaſſung von kleinen Gelegenheits⸗ ſtücken; überhaupt zeigte ſie die größte Neigung, mit der Zeit ein vollkommener Blauſtrumpf zu werden. Allmälig wußte ſie geſchickt auf den Lebenswandel einzelner Mit⸗ glieder zu kommen, von denen ſie manche pikante Geſchichte und erbauliche Anekdote in ihre Unterhaltung einflocht. Zuletzt war ſie dahin gelangt, wohin ſie wollte. Aus⸗ ſchließlich richtete ſie an Antonie ihre Worte, ohne daß dieſe eine Ahnung hatte, wie ſie zu dieſer Ehre kam. „Haben Sie denn,“ fragte ſie in aller Unſchuld,„die Amanda in ihrer neuen Rolle als Pariſer Taugenichts geſehen?“ „Ich gehe nur äußerſt ſelten in's Theater und dann ſehe ich am liebſten nur ein klaſſiſches Stück.“ „Um ſo öfterer habe ich das Vergnügen, Ihrem Herrn Gemahl zu begegnen; er pflegt nie zu fehlen, wenn Fräulein Amanda auſtritt.“ Dabei ſah Fräulein Mühlenberg Antonie ſo bedeut⸗ ſam an, daß dieſe irgend eine geheime Beziehung merken mußte, wenn ſie nicht ganz auf den Kopf gefallen war. Auch von den übrigen anweſenden Damen wurde ſie auf das ſchärfſte fixirt; Alle waren auf ihr Benehmen bei die⸗ ſer Gelegenheit geſpannt. Sie zeigte jedoch eine ſolche Ruhe und Unbefangenheit, daß Fräulein Mühlenberg ganz aus der Faſſung kam und im Stillen die junge Frau für eine vollendete Heuchlerin hielt. Sie konnte nicht glauben, daß Antonie von dem Verhältniß ihres Mannes nichts wußte und wenn dies der Fall wirklich ſein ſollte, war es nicht Menſchenpflicht, ſie darüber aufzuklären? „Dieſe Amanda,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, die ſie brauchte, um ſich zu erholen,„iſt eine gefährliche Perſon. Beſonders ſoll ſie es Kf verheirathete Männer abgeſehen haben, die ſie ruinirt. Ich an Ihrer Stelle, liebe Freun⸗ din, würde es nicht ſo ruhig mit anſehen, daß Herr Eſſ⸗ ling ſich ſo oft in der Geſellſchaft dieſer Amanda ſehen läßt; aber freilich, wer ſo liebenswürdig iſt wie Sie, hat keine Nebenbuhlerin zu fürchten.“ „Mein Mann in der Geſellſchaft dieſer Perſon,“ rief Antonie gereizt.„Das iſt nicht wahr und geradezu erlogen.“ „Nein, was zu viel iſt, iſt zu viel,“ eiferte Fräulein Mühlenberg.„Verſtellen Sie ſich nicht länger, liebe An⸗ tonie. Was alle Welt weiß, kann doch Ihnen nicht unbe⸗ kannt geblieben ſein. Aber Gott behüte mich, daß ich Un⸗ frieden zwiſchen Eheleuten ſtiften ſollte. Hätte ich nur eine Ahnung gehabt, daß Sie ſo gar nichts wiſſen, ſo hätte ich mir lieber die Zunge abgebiſſen, ehe ein Wort über meine 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 8 114 Lippen gekommen wäre. Sie werden mich am Ende für eine Verleumderin halten, doch fragen Sie nur die Da⸗ men hier; ſie werden Ihnen Alles beſtätigen, was ich ge⸗ ſagt habe.“ „Nun ſo ſchlimm wird es nicht ſein,“ ließ ſich eine barmherzige Schweſter aus der Geſellſchaft vernehmen.„Die Welt ſpricht immer mehr als daran iſt und man darf nicht Alles glauben, was man hört.“ „Da haben Sie ganz Recht,“ fiel das Fräulein ſchnell wieder ein.„Die Hälfte kann man immer ſtreichen, von dem was die böſen Zungen reden. Ich glaube auch nicht, daß der Brillantſchmuck, den Amanda neulich auf dem Opernhausballe trug, von einem gewiſſen Herrn kommt. Man wirft nicht gleich zwei bis dreitauſend Thaler mir nichts dir nichts fort; ſo viel ſoll er nämlich gekoſtet haben. Werweiß, von wem ſie ihn erhalten hat; denn an Anbetern fehlt es nicht dem ſaubern Früchtchen?— Aber die Equi⸗ page mit den zwei Schimmeln; das hat ſeine Richtigkeit. Mein Vater hat die Pferde kaufen wollen, aber eh' er ſich's verſah, waren ſie ſchon fort. Wie er ſich beim Stallmeiſter erkundigte, wer ſie denn gekauft; ſagte der Mann:„Herr Eſſling junior.“ Doch der Stallmeiſter kann ſich geirrt haben. Meinen Sie nicht auch, liebe Antonie? Roß⸗ täuſcher und Pferdehändler, hab’ ich oft gehört, ſprechen niemals die Wahrheit; das Lügen gehört einmal zu ihrem — 115 Geſchäft. Wie geſagt, ich will keinen Menſchen zu nahe treten und ſelbſt meinen ärgſten Feind nicht unſchuldig an⸗ klagen. So viel ſteht feſt, daß die Equipage fünfhundert Louisd'ore gekoſtet hat und daß Herr Eſſling darin mit der „Perſon“ zum erſten Male ausgefahren iſt, um ſie einzu⸗ weihn. Was wahr iſt, muß wahr bleiben und ſo leid es mir thut, ſo muß ich mich rechtfertigen, weil man ſonſt glauben kann, daß ich gelogen habe.“ Trotzdem ſie überraſcht war, behielt Antonie ihre Würde und Faſſung. Ruhig hörte ſie die Auseinander⸗ ſetzungen des Fräuleins an, das ſich vertheidigend die Ge⸗ legenheit wahrnahm, Eſſling anzuklagen, und unter dem Mantel der chriſtlichen Nächſtenliebe der giftigen Zunge freien Lauf ließ. Leider mußte ihr die junge Frau im Stillen Recht geben; ſie kannte ihren Mann und wußte was ſie von ihm zu erwarten hatte. Deshalb konnte ſie auch nicht ſeine Vertheidigung übernehmen; ſie begnügte ſich damit, von ihrem Sitze aufzuſtehn und die Geſellſchaft, welche eine deutliche Schadenfreude zeigte, mit Anſtand zu verlaſſen. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie im Abgehen zu Fräulein Mühlenberg gewendet,„für Ihre freundſchaftliche Theil⸗ nahme. Der Himmelvergelteſie Ihnen, wie Siees verdienen.“ Die artige Frau des Hauſes ließ es ſich nicht nehmen, ihren Gaſt bis zur Treppe zu begleiten, um nebenbei viel⸗ 8* — 116 leicht noch irgend eine Aeußerung zu hören, welche ſie noch ganz friſch ihrer Geſellſchaft hinterbringen konnte; denn als liebenswürdige und charmante Wirthin hatte ſie ja die Aufgabe, für die Unterhaltung der Zurückgebliebenen zu ſorgen. Zu ihrem größten Verdruß behauptete Antonie eine ihr gänzlich unbegreifliche Haltung, nicht eine Thräne, nicht der leiſeſte Seufzer, kein Zug in ihrem ſchönen Ge⸗ ſicht, verriethen auch nur die geringſte Bewegung. Höch⸗ ſtens war ſie ein wenig bleicher als ſonſt geworden und ein ſcharfes Auge hätte vielleicht ein krampfhaftes Zucken um ihre feinen Lippen bemerkt. Die Wirthin lauerte noch immer auf einen Ausbruch des unterdrückten Gefühls, auf irgend eine heftige Scene, aber leider vergebens. Es blieb ihr daher nichts übrig, als ſich mit dem zärtlichſten Kuſſe von der Welt und einigen innigen Umarmungen zurückzuzie⸗ hen und die erwartungsvolle Kaffeegeſellſchaft wieder aufzu⸗ ſuchen. Ein allgemeines„Nun?“ ſchallte ihr von wenig⸗ ſtens dreißig Damenlippen entgegen. „Kalt wie Eis, ruhig wie ein Stockfiſch,“ lautete ihre Antwort. „Sie hat nicht einmal geweint!“ rief eine der wür⸗ digen Damen.„Das hätte mir paſſiren ſollen; ich wäre außer mir gerathen.“ „Sie muß entweder ſehr dumm, oder ganz herzlos ſein,“ näſelte die Juſtizräthin. 117 „Eine wahre Pute,“ pflichtete die Frau Steuer⸗ direktor bei.. „Sie kann ihren Mann nie geliebt haben;“ bemerkte die Wirthin noch voll ſittlicher Entrüſtung, weil Antonie ihr nicht ſchluchzend um den Hals gefallen und ſie zur Ver⸗ trauten ihres häuslichen Kummers gemacht hatte. „Geliebt!“ lachte Fräulein Mühlenberg.„Wo denken Sie hin; ſie hat Eſſling lediglich wegen ſeines Geldes ge⸗ nommen; eine reine Convenienzpartie. Nun hat ſie ihren Lohn dafür. Alle Mädchen ſollten ſich ein Beiſpiel daran nehmen.“ „Da haben Sie Recht!“ ſchrie der ganze Chor von allen Seiten, am lauteſten aber diejenigen, welche ſelbſt ſich in ähnlicher Lage befanden und ihr Herz verſchachert hatten. „Die wird ſich zu tröſten wiſſen,“ fuhr das Fräulein fort,„wenn ſie es nicht ſchon gethan hat. Irre ich nicht, ſo hat ſie bereits ſchon früher mit dem jetzigen Geheim⸗ rath Bolten ein Verhältniß gehabt. Wie Du mir, ſo ich Dir. Gleich und gleich geſellt ſich gern. Wenn Er ein Auge zudrückt, dann wird Sie beide zudrücken. Das giebt eine muſterhafte Ehe, wo Keiner dem Andern Etwas vorzuwerfen hat.“ In ſo liebevoller Weiſe unterhielt ſich die reſpektable Geſellſchaft, ſeitdem Antonie ſich entfernt hatte. 118 Alle waren darüber entrüſtet, daß ſie die Nachricht mit einer unverzeihlichen Gleichgültigkeit aufgenommen und nicht einmal ein Bischen in Ohnmacht gefallen war. Wenn ſie wenigſtens geweint, eine Thräne vergoſſen hätte, aber ſelbſt das nicht.— Jedenfalls mußte ſie kein Herz beſitzen; vielleicht billigte ſie ſogar noch das Benehmen ihres Man⸗ nes, weil ſie in einem ähnlichen Falle dieſelbe Freiheit für ſich verlangte.— Während die werthen Freundinnen in dieſer Art über die Abweſende aburtheilten, ſchwankte An⸗ tonie mit gebrochenem Herzen ihrer Wohnung zu. Nicht ihre Liebe, denn dieſe war ſchon längſt geſchwunden, aber ihr weiblicher Stolz war auf das tiefſte verletzt. Als ihr Eſſling entgegenkam, erfaßte ſie ein Schauder und ſie ſtieß die Hand zurück, welche er ihr mit heuchleriſcher Freundlich⸗ keit entgegenſtreckte. „Mein Gott!“ rief er verwundert aus.„Was hat das zu bedeuten. Du ſiehſt auch ſo blaß und angegriffen aus. Ich will ſogleich den Geheimrath kommen laſſen.“ „Bemühe Dich nicht,“ antwortete ſie kalt.„Es wird wohl bald vorübergehn.“ „Ich würde Dir gern Geſellſchaft leiſten und Dir Deine Migraine vertreiben helfen, aber ich habe dringende Geſchäfte. Du mußt mich entſchuldigen.“ „Ich will Dich nicht zurückhalten. Wahrſcheinlich wirſt Du von Fräulein„Amanda““ erwartet.“ 119 Bei Nennung dieſes Namens ſchrak der Wüſtling einen Moment zuſammen, doch im nächſten Augenblick hatte er ſeine gewöhnlich freche, höhniſche Haltung wieder ange⸗ nommen. Seine erſte Bewegung war ihr nicht entgangen und ſie konnte nicht mehr an ſeiner Schuld zweifeln. „Was ſoll die Thorheit?“ fragte er barſch, um ihren Vorwürfen durch ſeine Rauheit zuvorzukommen und ſie einzuſchüchtern. „Ich weiß Alles,“ erwiederte ſie, indem ſie ihm feſt in's Geſicht blickte. Er vermochte dieſen Blick nicht auszuhalten und ſchlug ſeine Augen zu Boden, während eine flüchtige Röthe ſein gelbliches Geſicht überzog. „Gut!“ rief er mit frechem Trotze.„Um ſo beſſer, dann habe ich erſt nicht nöthig, Dir Geſtändniſſe zu machen. Nur das Eine will ich Dir noch ſagen, daß ich von Dir auch nicht den geringſten Vorwurf dulde. Ich bin Herr im Hauſe und kann thun und laſſen, was ich will. Richte Dich darnach, wenn Dir Dein Frieden, Deine Ruhe lieb ſind.“ Mit dieſer unbeſtimmten Drohung verließ er das Zimmer, ohne ihre Antwort abzuwarten, hinter ſich die Thür heftig zuwerfend. Erſt nachdem er ſie verlaſſen und ſie allein war, überließ ſie ſich ihrem vollen Schmerze. Schluchzend ſank ſie auf das Sopha nieder und heiße Thrä⸗ 120 nen ſtrömten über ihre Wangen. Die von aller Welt um ihr Glück, um ihre Reichthümer beneidete Frau hätte gern mit dem ärmſten Weibe getauſcht. Sie ſah ſich hinter⸗ gangen, beleidigt und wie eine Magd von ihrem ausſchwei⸗ fenden Manne behandelt, den ſie ſelbſt verachten mußte. Das war zu viel und ſie wünſchte ſich den Tod.— Aus dem Nebenzimmer ließ ſich eine laute Kinderſtimme vernehmen, welche die Unglückliche aus ihrem Gram erweckte. Immer dringender mahnte ſie das kleine Weſen an ihre Mutter⸗ pflicht. Mühſam riß ſie ſich empor und nahm den Liebling aus der Wiege, ihn an ihren Buſen drückend. Das Kind lächelte die ihm wohlbekannte Mutter an und Antonie vergaß bei dieſem Anblick ihr elendes Loos.— Siebentes Capitel. Das Kind war jetzt Antonien's einziger Troſt, ein Blick aus den ſchuldloſen Augen, welche den blauen Him⸗ mel wieder ſpiegelten, ein Lächeln von den ſüßen Lippen, eine Berührung der kleinen niedlichen Hand genügten, ſie mit dem Leben auszuſöhnen und boten ihr eine hinläng⸗ liche Entſchädigung für den Verluſt ihres häuslichen Glückes. Zwiſchen ihr und Eſſling fand nunmehr keine — 121 Annäherung ſtatt; durch ein ſtummes Uebereinkommen war eine Art von Waffenſtillſtand, eine Neutralität zwiſchen den Gatten eingetreten. Nur nach Außen und der Geſell⸗ ſchaft gegenüber wurde der Anſtand beobachtet und eine Einigkeit geheuchelt, die längſt von Beiden gewichen war, im Innern des Hauſes begegneten ſie einander mit der größten Gleichgültigkeit. Antonie machte ihm keinen Vor⸗ wurf über ſeinen Lebenswandel; er mochte kommen oder gehen; ſie kümmerte ſich nicht länger um ſein Thun und Laſſen. Er war mit dieſer Toleranz vollkommen einver⸗ ſtanden und vergalt dieſelbe durch eine gewiſſe Schonung und Nachgiebigkeit für ihre Wünſche. So war der Friede wenigſtens ſcheinbar wieder hergeſtellt und ein erträgliches Verhältniß auf längere Dauer gegründet. Dergleichen Ehen, welche weit öfter vorkommen als man denkt, gewin⸗ nen mit der Zeit, durch die Macht der Gewohnheit, das Anſehen einer vollkommen glücklichen Verbindung und ver⸗ mögen auch den oberflächlichen Beobachter zu täuſchen. Sie gleichen dem trügeriſchen Sumpf, der ſich mit Blumen ſchmückt, aber nirgends einen feſten Halt gewährt. Die Zeit der Prüfung, irgend ein ernſthaftes Ereigniß zeigt ihre Nichtigkeit und die Hohlheit des Grundes, auf dem das Gebäude ruht.— Vorläufig hatte ſich Antonie in ihr Schickſal gefunden; ſie lebte einzig und allein für das Kind. Die kleine Julie hatte ſich auffallend raſch entwickelt und 122 war beſonders geiſtig ihren Jahren vorangeeilt. Der Ge⸗ heimrath ſchüttelte manchmal bedenklich mit dem Kopf, wenn er das frühgereifte, ſchwächliche Kind erblickte. Es glich einer exotiſchen Pflanze im Treibhauſe mit ſeinem feinen, faſt durchſichtigen Teint, ſeinen großen, dunklen Augen, die Einen ſo wunderbar fremd anblickten, als wären ſie nicht von dieſer Welt. Der Arzt verſchwieg auch ſeine Beſorg⸗ niſſe nicht vor der Mutter und mahnte zur Vorſicht. An⸗ tonie bedurfte einer ſolchen Mahnung nicht; ſie hegte und pflegte das Töchterchen mit der aufopferndſten Zärtlichkeit. Trotz aller Sorgfalt kränkelte das reizende Kind und wurde mit jedem Tage bläſſer und ſchwächer; zuſehends nahmen ſeine Kräfte ab. Weder der Aufenthalt auf dem Lande, noch der Beſuch eines renommirten Bades hatten den ge⸗ wünſchten Erfolg. Nicht ſchnell, ſondern nach und nach entwickelte ſich eine nerveuſe Reizbarkeit, die den erfahrenen Arzt eine verborgene Krankheit des Gehirns vermuthen ließ. So ſchonend er auch ſeine Befürchtungen vorbrachte und ſo behutſam ſeine Mittheilungen waren, der mütterliche Inſtinkt ließ ſie die Gefahr ahnen, bevor dieſelbe noch vor⸗ handen war. Sie wich nicht mehr aus der Krankenſtube und von dem Lager der Kleinen. All ihr Denken und Trachten war nur auf den einen Punkt gerichtet; ſie ſelbſt bewachte den unruhigen Schlummer des Kindes, ſie ſelbſt reichte ihm die verordnete Medicin und pflegte es mit der 123 aufopferndſten Geduld. Wenn ſie ſich ungeſehn glaubte, ſo ſank ſie auf ihre Kniee und betete um die Erhaltung ihres Lieblings zum Himmel ſo heiß, ſo innig, wie nur eine zärtliche Mutter beten kann.— Dann kamen auch wohl Tage und Stunden, wo ſie ſich von Neuem der tröſtenden Hoffnung überließ und die Geneſung ſicher glaubte. Ohne dieſe beſeligenden Augenblicke hätte ſie der geiſtigen und körperlichen Anſtrengung erliegen müſſen. Vergebens drangen ihre Eltern und auch die Freundin Julie, welche in den Stunden der Prüfung es nicht an Theilnahme fehlen ließ, in Antonie, ſich zu zerſtreuen und ſich zu ſchonen. „Redet mir nicht,“ erwiederte ſie dann heftig,„von Schonung. Ich fühle, daß ich Rieſenkräfte habe. Und was liegt mir noch an dem erbärmlichen Leben, wenn mein Kind nicht gerettet werden kann?“ „Denk an Dich, denk' an Deinen Mann!“ mahnte die Mutter, welche die Verhältniſſe nur oberflächlich wie die übrige Welt beurtheilte. „An meinen Mann!“ murmelte Antonie und verſank in ein dumpfes Brüten, als müſſe ſie ſich erſt darauf beſin⸗ nen, daß ſie auch noch einen Gatten habe. Eſſling ließ ſich, lediglich um den äußeren Anſtand zu bewahren, ebenfalls von Zeit zu Zeit, wenn auch ſelten, an dem Bettchen ſeiner kranken Tochter ſehn. Die eigen⸗ thümliche Atmoſphäre der Krankenſtube war ihm nicht gerade 124 angenehm und er verweilte nur ſo lange, als es ſchicklich war. Niemals aber verfehlte er, der kleinen Julie irgend ein Spielzeug oder ein Geſchenk mitzubringen, die Kleine ſtreckte ihm ſchon von Weitem ihre zarten, abgemagerten Aermchen entgegen und reichte ihm die fieberhaft brennenden Lippen zum Kuſſe hin. Das Kind hing trotz aller Gleichgültigkeit, mit der es früher von ihm behandelt worden war, mit einer wahrhaft rührenden Liebe an dem Vater. „Papa!“ bat es mit krankhaft leiſer Stimme.„Bleibe bei mir, geh' nicht fort!“ Er aber ging und ließ ſich nicht zurückhalten. Gerade in dem häuslichen Jammer, der ihm entgegen trat, ſuchte und fand er einen neuen Vorwand, ſich zu zerſtreuen. Er wollte die unangenehme Empfindung, welche ihn trotz ſeines verhärteten Herzens wider Willen beſchlich, um jeden Preis los werden. Die Mahnungen des väterlichen Gefühls, das ſich unbewußt in ſeinem Innern regte, waren ihm läſtig und er entfloh ihnen ſo bald er konnte.— Durch ſein Be⸗ nehmen vermehrte er nur noch die Kluft, welche zwiſchen ihm und ſeiner Frau beſtand. Der herzloſe Egoiſt ging nach wie vor ſeinem Vergnügen nach. Er bedurfte jetzt doppelt der Zerſtreuungen, um ſich wegen mancherlei unan⸗ genehmer Vorfälle zu betäuben, die abgeſehn von der ihn nicht allzuſehr rührenden Krankheit des Kindes von verſchiedenen 12⁵ Seiten auf ihn einſtürmten. Gegen alle Vermuthung hatte ſich ſein Vater, der Kommerzienrath, trotz ſeines vorgerück⸗ ten Alters noch entſchloſſen, ſeinen bisherigen Wittwerſtand aufzugeben und zu einer zweiten Verheirathung zu ſchreiten. Wahrſcheinlich hoffte der alte Herr noch auf junge Nach⸗ kommenſchaft. Eine rüſtige Wittwe in den„beſten Jahren“ war die Auserwählte ſeines Herzens. Man kann ſich leicht denken, wie der Sohn dieſen Entſchluß ſeines Vaters auf⸗ nahm, da er dadurch die Ausſicht auf die reiche Erbſchaft bedeutend geſchmälert ſah. Zwiſchen Beiden kam es zu heftigen Auftritten, welche allerdings geeignet waren, das ohnehin nur lockere Verhältniß der Pietät gänzlich zu löſen. Ueberhaupt hatte der jüngre Eſſling bei allen ſeinen Ge⸗ ſchäften in jüngſter Zeit ein entſchiedenes Mißgeſchick. Er verlor bedeutende Summen an ſchlechte Schuldner, welche ſich plötzlich Bankrott erklärten. Trotzdem hätte er mit ſeinem Vermögen noch immer ſehr gut auskommen können, wenn er es nur verſtanden hätte, ſich einigermaßen einzu⸗ ſchränken. Aber er vermochte nicht, für ſeine Perſon auch dem geringſten Genuſſe zu entſagen. Beſonders koſtete ihm der fortgeſetzte Umgang mit Amanda ein ſchweres Geld, indem er ſich genöthigt ſah, täglich größere Ausgaben für die anſpruchsvolle Schöne zu machen. In demſelben Maße, wie er ſein Vermögen ſchwinden ſah, fühlte er die Nothwendigkeit, den Abgang deſſelben durch neue verwickelte 126 Spekulationen zu erſetzen. Kein Mittel ſchien ihm uner⸗ laubt, um Geld und zwar viel Geld zu gewinnen. Sein Gewiſſen war nicht wähleriſch und auch der letzte Reſt von Scham wich dem Drange der Umſtände. Er wucherte noch mehr als früher, um ſeine empfindlichen Verluſte ſo bald als möglich wieder zu erſeten.— Von dem Allen hatte Antonie keine Ahnung, da ſie jetzt noch weniger als früher ſich um das Treiben ihres Mannes kümmerte. Die Kran⸗ kenſtube ihres Kindes war die Welt, in der ſie lebte. Unter abwechſelnder Furcht und Hoffnung beobachtete ſie die Fort⸗ ſchritte des unheilbaren Leidens. Immer näher rückte die traurige Stunde der Auflöſung, wo ſich das junge Leben von demi gebrechlichen Körper trennen ſollte. Mit der Kleinen war indeß eine wunderbare Veränderung vorge⸗ gangen, wie man ſie wohl zuweilen auch bei ältern Patien⸗ ten in den letzten Tagen, die dem Tode vorangehen, zu bemerken pflegt. Es war als ob die Seele ſich bereits zum Fluge in ihr Heimathland rüſtete und vor den Pforten der ewigen Seligkeit ſtehe. Oft ſprach ſie unbegreifliche Worte, erſchütternde Reden, die doppelt ergreifend und befremdlich aus dem Kindermunde klangen; ſie richtete dieſelben an jene unſichtbaren Geiſter, welche zu ihr herniederſtiegen, um ſie bald für immer zu entführen. Wenn ſie dann aus dieſen Phantaſien erwachte, ſchwebte ein verklärendes Lächeln um die bleichen, abgezehrten Züge. 127 „Wo ſind die Engel hingekommen?“ fragte ſie mit flüſternder Stimme die betrübte Mutter. „Welche Engel, mein ſüßes, armes Kind?“ „Mit denen ich geſpielt habe. Ach! ſie waren ſo ſchön und hatten goldene Flügel und weiße Lilien in den Händen. Sie haben mir verſprochen, mich mit zu nehmen und nun ſind ſie fortgeflogen.“ „Das hat Dir nur geträumt, mein Liebchen.“ „O nein! Ich habe ſie geſehn und ſie haben mich geküßt. Ich konnt' es deutlich fühlen.“ „Das war ich ſelber; ich habe Dich geküßt, während Du geſchlafen haſt.“ „Nein, Mama! Die Engel küſſen anders wie Du. Ich will auch ſolch ein Engel werden.“ „Und Deine arme Mama verlaſſen!“— rief Antonie, welche ihre Thränen nicht mehr zurückhalten konnte. „Nicht weinen, einzige, gute, goldene Mama! Ich werde ja beim lieben Gott ſein und der wird mir ſchon er⸗ lauben, Dich zu beſuchen. Und auch Du wirſt in den ſchö⸗ nen Himmel zu mir kommen, wo die artigen Kinder und die guten Mamas ſind.“ „Jal ich werde Dir nachkommen!“ Die Kleine faßte Antonien's Hand mit ihren kleinen, fieberheißen Händchen und drückte ſie an das laut klopfende Herz. So blieb ſie, bis ſie wieder in einen betäubenden 128 Schlummer fiel, aus dem ſie von Zeit zu Zeit träumend oder halblaut phantaſirend emporfuhr. Die Mutter wagte ſich nicht zu rühren, um ihren Liebling nicht im leiſen Schlummer zu ſtören. So ſaß ſie an dem Lager, bis der Geheimrath kam, um ſich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen. Dem Schaͤrfblick des erfahrenen Arztes konnte es nicht verborgen bleiben, daß die Minuten gezählt waren und das ſchwache Lebensflämmchen dem Erlöſchen nahe. „Folgen Sie meinem Rathe,“ ſagte er voll milder Schonung,„und begeben Sie ſich zur Ruhe. Ueberlaſſen Sie die Aufſicht der erfahrenen Wärterin. Sie bedürfen der Ruhe, wenn Sie ſich nicht aufreiben wollen.“ „Um ſo beſſer,“ murmelte Antonie.„Ich will nicht leben, wenn mein Kind ſtirbt.“ „Wir wollen das Beſte hoffen.“ „O! täuſchen Sie mich nicht. Sie finden Julie ſchlecht, ſehr ſchlecht. Warum wollten Sie mich denn ſonſt entfer⸗ nen, wenn dies nicht der Fall wäre? Aber ich wanke und weiche nicht von meinem Platz.“ Unter ſolchen Umſtänden mußte der Geheimrath nach⸗ geben, obgleich er ernſtlich für Antonien's Geſundheit fürchtete. Er traf zum Schein noch einige Anordnungen, von deren Nutzloſigkeit er vollkommen überzeugt war. 129 „Wenn Sie meiner bedürfen ſollten,“ fügte er hinzu, „ſo ſchicken Sie nach mir und wäre es auch in ſpäter Nacht.“ Sobald der Arzt gegangen war, verſank Antonie in das dumpfe Brüten der Verzweiflung. In ſeinen Mienen hatte ſie ihr Todesurtheil oder was daſſelbe war das Todesurtheil ihres Kindes geleſen. Laute Schritte weckten ſie aus ihrer Betäubung; ſie erkannte den Tritt ihres Mannes, der noch zur ſpäten Stunde das Haus verließ, um den Abend in Geſellſchaft ſeiner erklärten Geliebten zu verleben. Die nahe Gefahr öffnete ihren Mund und ſie rief ihm durch die halbgeöff⸗ nete Thür. „Eſſling!“ „Was giebt's?“ fragte er zerſtreut und über die Ver⸗ zögerung aufgebracht. 4 „Willſt Du nicht einen Augenblick eintreten. Der Arzt iſt eben bei Julie geweſen.“ „Ich habe ſo wenig Zeit, indeß da Du es wünſcheſt. Hat der Geheimrath Dir eine beſondere Mittheilung ge⸗ macht?“ „Das nicht, aber ich fürchte, daß es ſchlimmer geht, als je.“ „ Du biſt viel zu ängſtlich und machſt Dir und mir unnöthige Sorgen.“ 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 9 130 „In den Mienen des Doctors lag mehr, als er mir ſagen wollte. Ich glaube, daß unſer Kind die Nacht nicht überlebt.“ „Thorheit! Du wirſt doch nicht mehr verſtehen wollen als der Geheimrath. Er hätte mir wenigſtens doch eine Mittheilung gemacht.“ „Du warſt nicht zugegen. Ol ich ängſtige mich ſo ſehr, wie ich es Dir gar nicht ſagen kann. Thu' mir den einzigen Gefallen und gehe nicht fort. Laß mich nicht allein mit dem ſterbenden Kinde.“ „Du übertreibſt, wie gewöhnlich,“ erwiederte er kalt. „Ich habe mein Verſprechen gegeben zu kommen, und ich muß mein Wort halten. Es ſind dringende Geſchäfte, die mich abhalten.“ „Kann es für einen Vater ein noch dringenderes Ge⸗ ſchäft geben?“ fragte ſie vorwurfsvoll. Er hörte ſie nicht mehr. Als ſie ſich nach ihm um⸗ ſah, war er bereits verſchwunden. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, wovon das Kind erwachte.— Gegen Mitter⸗ nacht ſtellten ſich heftige Krämpfe bei der Kleinen ein, in den Pauſen redete ſie irre. Der ſchnell herbeigerufene Medicinalrath kam, nur um die Ohnmacht ſeiner Kunſt einzugeſtehen.. „Giebt es keine Hülfe, keine Rettung mehr?“ fragte Antonie im verzweiflungsvollen Tone. 131 Statt der Antwort zuckte er mit den Achſeln; ſie verſtand dieſe ſtumme Beſtätigung ihrer Befürchtungen. Für ſeine Troſtgründe war ſie unemnpfänglich, ſo wie für das Zureden der gutmüthigen Wärterin. Der Todeskampf begann, jene fürchterlichen, unvergeßlichen Augenblicke, wo die zurian eibenden noch mehr leiden als der Sterbende. Aengſtlich klammerte ſich das Kind an die Mutter, mit den großen geiſterhaften Augen ihre Hülfe anflehend. Von Zeit zu Zeit flüſterte es mit erlöſchender Stimme ſüße Schmeichelnamen, die doppelt rührend in das Herz der Unglücklichen einſchnitten. „Mein Kind, mein armes Kind!“ jammerte Antonie. „Stören Sie nicht die letzten Augenblicke,“ mahnte der Arzt,„erſchweren Sie ihm nicht das Scheiden.“ Mit gewaltſamer Anſtrengung unterdrückte ſie ihr Schluchzen und nur den heißen Thränen geſtattete ſie noch den leiſen Lauf. Ueber das Lager ihres Lieblings gebeugt, lauſchte ſie voll tiefem Schmerze auf jede Bewegung, jeden Athemzug. Auf ihren Lippen ſchwebten glühende Gebete zum Himmel, während ihr Herz unter der ſchweren Laſt zu erliegen drohte. Welch' ein Leid ließ ſich mit dem Ihrigen vergleichen, welch' eine Qual mit der der Mutter, die an dem Lager des ſterbenden Kindes ſaß! Wie gern hätte ſie mit ihrem eignen Leben ſeine Rettung erkauft, wie freudig ſich und ihre Zukunft hingeopfert!— Die 9* 8 132 Kleine lag fortwährend in dumpfen Delirien, immer ſeltner waren die lichten Augenblicke, immer ſchneller folgten ſich die Krampfanfälle, welche in furchtbarer Weiſe den zarten Körper erſchütterten. Die ſchwache Bruſt hob und ſenkte ſich wie von einer unſichtbaren Gewalt getrieben, daß die leichte Bettdecke darüber erzitterte, kaum noch hörbar ſchlug das kleine Herz, bereits von der erſtarrenden Hand des Todes berührt. Kurz vor dem Scheiden ſchien das Be⸗ wußtſein noch einmal zurückzukehren, das Kind öffnete die halbgeſchloſſenen Augen und ein eignes Lächeln ſpielte um die trocknen Lippen. Halb ſingend, halb ſprechend flüſterte es leiſe vor ſich hin: „Die Engel kommen!“ Ein ſchnelles Zucken, das über den ganzen Körper glitt, und das Leben war dahin. Ueber der Leiche weinte die Mutter. Vergebens verſuchte der Geheimrath, Antonien aus dem Todtenzimmer mit Hülfe der Wärterin zu ent⸗ fernen; ſie wollte ſich von dem geſtorbenen Töchterchen nicht trennen. „Laßt mich,“ bat ſie innig.„So lange ich mein Kind noch ſehe, glaube ich, daß es auch noch lebt.“ Der Arzt mußte ſich ihrem Willen fügen, da all ſein Zureden und Mahnen ohne Erfolg blieben. Nach einigem Verweilen entfernte er ſich, nachdem er alle ſeine Troſt⸗ gründe erſchöpft hatte. Sie blieb allein bei der Leiche der —— „. * 133 4 Kleinen.— Gegen zwei Uhr des Morgens kehrte Eſſling zu⸗ rück, leiſe wollte er vorüberſchleichen und ſo unbemerkt in ſein Zimmer gelangen. Auf dem Flur begegnete er der Wärterin, welche ihn von dem Tode des Kindes in Kenntniß ſetzte. Die plötzliche und unerwartete Nachricht überraſchte ihn und verſcheuchte die Weindünſte, welche ihn umnebelten. Ein leiſer Schrei entfuhr ihm unbewußt. „Und was macht meine Frau?“ fragte er.„Sie hat ſich doch hoffentlich zu Bett gelegt?“ „Die gnädige Frau wachen noch und weingg, daß es einen Stein erbarmen muß,“ lautete die Antwort des gutmüthigen Weibes, deſſen Augen ſelbſt in Thränen ſchwammen. Hätte ſich Eſſling nicht vor dem Dienſtboten geſchämt, ſo wäre er gern vorübergegangen, um eine Scene, die er fürchtete, zu vermeiden. So blieb ihm freilich nichts anderes übrig und er mußte, um nicht herzlos zu erſchei⸗ nen, in das Todtenzimmer treten. Auf der Schwelle faßte ihn ein kalter Schauer; er fürchtete ſich vor dem Tode und vor Allem, was ihn daran erinnern konnte. Das Leben hatte ſo viel Reiz für ihn, trotz ſeiner oft ausgeſprochenen Blaſirtheit.— Bei dem Geräuſche, das er verurſachte, wandte ſich Antonie um und zeigte ihm ihr bleiches, in Thränen gebadetes Geſicht. 134 „Alſo todt!“ murmelte er mit erheuchelter Rührung. „O Gott! das arme Kind!“ Sie antwortete nicht, ſondern deutete ſtumm auf die kleine Leiche, welche noch mit gebrochenen Augen und ge⸗ falteten Händen auf dem weißen Bettchen lag. Er machte einen Verſuch, ſich zu nähern, aber Furcht und Scheu vor der Todten hielt ihn zurück; er vermochte kaum einen Schritt nach dem Lager zu thun, wo ſein Kind ſo eben ausge⸗ rungen. Seine feigen Bewegungen waren ihr nicht entgangen. „Willſt Du Dein Kind nicht noch einmal ſehen?“ fragte ſie mit tonloſer Stimme. Es blieb ihm nichts übrig; er mußte ſich überwinden und die Leiche berühren, da er ſich von Antonien's ſcharfen Augen beobachtet ſah. Dabei bemühte er ſich, einige Thränen zu vergießen, die ihm auch zu Gebote ſtanden, wenn er wollte. Sie ließ ſich jedoch nicht täuſchen und eben ſo wenig von ſeinen banalen Troſtgründen beſchwich⸗ tigen. Ihr Blick drang bis auf den Grund dieſes öden Herzens, in dem kein menſchliches Gefühl mehr zu finden war. Es fröſtelte ſie, wie ſich hinter der Maske der Rüh⸗ rung die eiſige Kälte des vollendeten Egoiſten nicht ver⸗ kennen ließ.— In dieſem Moment fand die geiſtige Scheidung der beiden Ehegatten ſtatt. Der Tod, der allgemeine Verſöhner genannt, zerriß das letzte Band. Sonſt pflegt wohl an ¹ —,-—— —— 13⁵ dem geöffneten Grabe eines Kindes der Engel der Liebe und Vergebung zu ſtehen, um die Herzen und die Hände zu vereinigen. In dem gemeinſamen Leid ſchmilzt der Haß und die ſich miſchenden Thränen erweichen das ver⸗ härtete Gemüth und lockern wie eine wohlthuende Ueber⸗ ſchwemmung das dürre Erdreich, auf dem neue Blüthen erſtehen. Das war hier nicht der Fall, die Gruft wurde zu einem Abgrund und mit ihrem Kinde begrub Antonie den letzten, ſchwachen Reſt ihrer Zuneigung. Es war ihr, als ob ſie wieder frei geworden wäre, als hätte Eſſling jedes Recht an ſie verloren; ſie fühlte ſich wie eine Fremde in dem Hauſe ihres Gatten. Achtes Capitel. Wider alle Erwartung erholte ſich Antonie von dem furchtbaren Schlage, der ihr Mutterherz getroffen, in kurzer Zeit. Der Schmerz vermochte weder ihre Geſundheit, noch ihre Schönheit zu zerſtören; er gab ihr nur die Weihe der Verklärung; ihrem ganzen Weſen ein tieferes Gepräge, einen bedeutenden Zug geiſtiger Ueberlegenheit. Sie war durch die Schule des Lebens gegangen und hatte den Becher der Wehmuth und Trauer bis auf den letzten 136 Tropfen geleert. Wer die bleiche, wunderbar zarte Frau in dunklem Trauerkleide ſah, mußte ihr unwillkürlich Theilnahme und Mitleid ſchenken. Die Schlacken ihres Charakters waren von ihr abgefallen, aus ſchweren Prü⸗ fungen war ſie geläutert und gereinigt hervorgegangen; ſie hatte die irdiſchen Güter verachten gelernt, die Eitelkeit der Welt abgeſtreift und in ihrem Unglücke die höheren Mächte des Himmels von Angeſicht zu Angeſicht geſehen. Das drückte ſich in ihrer ganzen Erſcheinung jetzt aus und Niemand konnte ihr nahen, ohne ihr den Zoll der Achtung und Bewunderung darzubringen.— Längere Zeit war ſeit dem Tode des Kindes vergangen, als ſich Antonie zu ihrer Freundin Julie begab, um dieſer für die ihr be⸗ wieſene Theilnahme und wahrhaft aufopfernden Hingebung zu danken. Als ſie in das Zimmer trat, kam ihr Julie entgegen und ſchloß die ſchwer Geprüfte in ihre Arme. Zugleich erhob ſich ein Herr von ſeinem Stuhle, um ſie zu begrüßen. Jetzt erſt erkannte ſie in ihm den früheren Aſſeſſor, jetzigen geheimen Juſtizrath Bolten. Jahre waren verfloſſen, ſeitdem ſie ihn zum letzten Male geſehen. Er erſchien ihr männlicher, feſter in ſeinem ganzen Auf⸗ treten, ſeiner Würde und hohen Stellung vollkommen be⸗ wußt, ohne deshalb die mindeſte Spur von Anmaßung zu verrathen. Sein tiefes, durchdringendes Auge begegnete dem ihrigen und in ſeinen Blicken konnte ſie, wenn ſie 137 darauf geachtet hätte, noch immer das Geſtändniß ſeiner unveränderten Neigung leſen. Er ſelbſt war augenſcheinlich überraſcht; ſo hatte er ſich nicht vorgeſtellt, Antonien wieder zu finden. Statt des lebensluſtigen, faſt über⸗ müthigen Mädchens trat ihm die gereifte, durch Prüfung aller Art entwickelte Frau entgegen. Zwar war der Zauber und der Glanz der erſten Jugend von ihrer verführeriſchen Geſtalt und von ihren Roſenwangen geſchwunden, dafür umfloß ſie eine unausſprechliche Würde, ein edler Aus⸗ druck, der unwillkürlich zur Achtung zwang. Ihr Geſicht ſchien ihm bedeutender und beſonders lag in ihren Blicken jener wunderbare Glanz, den das Menſchenauge erſt erhält, wenn es von der Erde abgewendet, über das Grab hinaus das Jenſeit ſchaut.— Keine Bewegung verrieth an ihr, wie tief ſie von dieſem unerwarteten Zuſammentreffen be⸗ rührt wurde, nur eine flüchtige, ſchnell verſchwindende Röthe verkündigte die Mahnung ihres Herzens. „Geheimrath Bolten, ein alter Freund, wenn ich nicht irre,“ ſagte Julie vorſtellend. „Kaum darf ich hoffen,“ ſetzte er hinzu,„daß ſich die gnädige Frau noch meiner erinnern wird.“ „Ich freue mich,“ erwiederte Antonie mit leiſer Stimme,„Ihnen zu begegnen, um Ihnen meine Glück⸗ wünſche, wenn auch ſpät, zu Ihrer Beförderung darzu⸗ bringen.“ 138 Er wollte ihr ein freundliches Wort des Troſtes über ihren herben Verluſt ſpenden, aber er fürchtete, den Schmerz von Neuem aufzuregen. Sie ahnte, was in ſeiner Seele vorging und reichte ihm ſtumm die Hand, welche er ehr⸗ furchtsvoll an ſeine Lippen führte. Durch dieſes Zeichen ihrer Freundſchaft kehrte das alte Vertrauen bald zurück. Bolten erhielt ſeine frühere Sicherheit und mit dem ihm eignen Takt berührte er mit keinem Worte die für Beide gleich traurige Vergangenheit. Er wußte dem Geſpräche eine mehr allgemeine Wendung zu geben, wofür ihm ſo⸗ wohl Julie wie Antonie dankten, da er ihnen jede Ver⸗ legenheit erſparte. In ſeiner Unterhaltung gab er ſich in jedem Worte als der ehrenwerthe und tüchtige Charakter zu erkennen, der er immer und unter allen Verhältniſſen geblieben war. Sein Urtheil über Menſchen und Dinge lautete mild und nachſichtig, wobei ihm eine reiche Erfah⸗ rung zu Gebote ſtand. Julien’s Mann, der hinzukam, belebte durch allerhand Einwürfe und geiſtreiche Bemer⸗ kungen nur noch mehr das Geſpräch und Antonie fühlte ſich zum erſten Male ſeit dem Tode ihres Kindes von ihren trüben und ſchwermüthigen Gedanken, wenigſtens für die Zeit ihres Beſuches, abgezogen. Hier fand ſie, was ſie im eignen Hauſe vermißte, eine liebenswürdige und feine Ge⸗ ſelligkeit, ein tieferes Eingehen, ein bedeutenderes Wort; das Intereſſe drehte ſich nicht nur, wie bei ihrem Manne und ſelbſt bei ihren Eltern, um die materiellen Güter, um den leidigen Erwerb. Unwillkürlich drängee ſich ihr der Unterſchied zwiſchen ihrem Leben und dem ihrer Freundin auf; ſie fühlte ſich in eine beſſere und reinere Atmoſphäre verſetzt, als wäre ſie der niederen beſchränkten Ausſicht und zu einer höheren Region entrückt, wo eine geſündere Luft ſie anwehte und die Welt in ſonniger Klarheit zu ihren Füßen lag. Durch ihren Gatten wurde ſie herab⸗ gezogen, durch ihre Freunde, zu denen ſie auch wieder im Stillen Bolten zählte, emporgehoben.— Im Laufe der Converſation berührte Julien's Mann zufällig das neue ſtrengere Eheſcheidungsgeſetz, welches der Geſetzkommiſſion vorlag. Bolten war mit der Aus⸗ arbeitung deſſelben betraut und ſein Freund fand ein ge⸗ wiſſes Vergnügen, die Anſichten des Geheimeraths, welche ſich auf die Heiligkeit und Unverletzbarkeit der Ehe grün⸗ deten, mit anerkennungswerthem Scharfſinn zu bekämpfen. „Ich muß Dir offen geſtehen,“ ſagte der Doctor, „daß ich im Voraus gegen das ganze Geſsdl Eingenmnaiien bin. Statt die Scheidung zu erſchweren, ſollte man ſie zu erleichtern ſuchen. Grade als Arzt habe ich nur zu häufig Gelegenheit gehabt, einen Blick in das Innere ſo mancher Häuslichkeit zu thun und ich darf wohl ſagen, daß es ehe⸗ liche Vahältniſſe giebr, welche dringend eine Trennung forde 140 „Ich kann,“ erwiederte Bolten,„Deine Anſichten in dieſem Punkte nicht theilen. Die Ehe hat für mich ſelbſt in ihrer tiefſten Entartung etwas Heiliges; ſie erſcheint mir als ein unantaſtbares Sakrament, das nur durch den Tod des einen oder des andern Gatten gelöſt werden darf. Ich weiß wohl ſo gut wie Du, daß es Verbindungen giebt, welche beiden Theilen zum Unglück gereichen, aber die Scheidung halte ich von meinem Standpunkte für ſchlim⸗ mer als das beſtehende Uebel ſelbſt. Sie öffnet dem Leichtſinn und der Sittenloſigkeit die Thore und gerade durch eine laxere Geſetzgebung würde nur das ganze In⸗ ſtitut der Ehe in Frage geſtellt werden. Als Menſch kann ich den unglücklichen Ehemann oder die durch ihn elend gemachte Frau bedauern, als Geſetzgeber habe ich höhere Rückſichten zu befolgen. Der Staat ſelbſt und die bürger⸗ liche Geſellſchaft wäre bedroht, wenn die Grundlage des Familienlebens auf ſo unſicherem Boden ruhte und jeder Schwankung des ſubjectiven Beliebens Preis gegeben würde. Drum prüfe, wer ſich ewig bindet, ob ſich das Herz zum Herzen findet.“ „Grade weil die Prüfung ſo ſchwer und der Irr⸗ thum ſo leicht iſt,“ wandte Doktor Braun dagegen ein, „müßte die Geſetzgebung ihre Strenge aufgeben und eine mildere Praxis einſchlagen. Das Herz und die Liebe laſſen ſich nicht durch neue Paragraphen und juriſtiſche 141 Ketten zwingen, das Gefühl und die Leidenſchaft ſpotten ihrer. Eine Ehe ohne gegenſeitige Neigung ſchadet der Moral weit mehr als die Leichtigkeit, womit ein derartiges verkehrtes Bündniß gelöſt werden ſoll. Aber nicht immer bleibt es bei der bloßen Gleichgültigkeit; wir ſehen häufig Haß, Widerwillen und Abneigung die Stelle der Liebe ein⸗ nehmen. Das ganze Leben wird vergiftet, das Daſein zur Hölle und die Familie, für deren Erhaltung Du ſo beſorgt biſt, als deren Anwalt Du auftrittſt, befindet ſich in einem Zuſtande chroniſcher Fäulniß, die nur durch einen kühnen Schnitt gehoben werden kann.“ „Aus Dir ſpricht der Arzt, der ſchnell und gern zum Skalpel und Meſſer greift. Quod ferrum non sanat, ignis sanat: ſo lautet Euer Wahlſpruch. Der Staats⸗ mann und Geſetzgeber läßt ſich von einem andern Grund⸗ ſatz leiten; er will und muß das Beſtehende ſchützen, die heiligel Sitte zu bewahren, mit einem Worte die Ehe zu conſerviren ſuchen. Deshalb wird er nicht gleich zum Meſſer greifen, ſondern durch heilſame Diät und zweck⸗ mäßige Behandlung die erkrapkten⸗ Theile erhalten und die Trennung hindern. Nicht das ſubjective Gefühl, ſondern die objective Thatſache entſchenet hier. Das Herz iſt nur zu leicht geneigt, ſeinen augenblicklichen Eingebungen zu folgen,* Sympathien und Antipathien zum Geſetze zu erhe u ſelbſt giebſt mir zu, daß es leicht irren kann. 142 Wenn es geirrt, ſo muß es nun ſeinen Irrthum büßen. Das fordert die höhere Gerechtigkeit, welche wir Alle an⸗ erkennen. Wäre der Staat eine bloße Fiction, lebten wir in dem urſprünglichen Naturzuſtande, ſo würdeſt Du gegen mich Recht behalten. Aber der Menſch iſt zugleich Bürger und Mitglied der Geſellſchaft. Als ſolcher hat er Pflichten zu erfüllen; nicht ſein Wille und Gelüſte dürfen herrſchen, ſondern eine Ordnung und Geſetzmäßigkeit, welche das Wohl des Ganzen ſtets bezwecken. Wer dieſen heiligen Kreis durchbricht, fordert das Unglück und die Strafe heraus, die ihn nothwendiger Weiſe treffen. Die Liebe iſt frei, die Ehe aber gebunden.“ „Und Sie würden demnach,“ fragte Antonie, welche dem Geſpräche der Männer mit der größten Aufmerkſamkeit gefolgt war,„unter allen Umſtänden gegen eine Scheidung ſein, ſelbſt wenn die gewichtigſten Gründe vorlägen?“ „Unter allen Umſtänden,“ antwortete Bolten, der, wie es häufig zu geſchehen pflegt, durch die fortwährende Beſchäftigung mit dieſem Gegenſtande, ein hartnäckiger Vertheidiger ſeiner Meinung geworden war. „Sollte es keine Ausnahme geben?“ wandte ſie ſchüchtern ein.„Das Geſetz ſelbſt läßt, ſo weit es mir bekannt, derartige Fälle zu; zum Beiſpiel: körperliche Mißhandlungen, welche das Leben bedrohen. Alſo nur der Körper wird geſchützt, der elende Leib, und unſer Geiſt, 143 die unſterbliche Seele, unſer Herz, kann nach Belieben gequält und gepeinigt werden. Wie ungerecht iſt doch eine ſolche Gerechtigkeit!“ Bolten ließ auf ſeine Antwort warten; er war er⸗ ſtaunt, betroffen, aus dem Munde Antonien's einen ſolchen Widerſpruch zu hören. In dem Tone ihrer ſanften Stimme zitterte ein tieferes Leid, das ſich unwillkürlich jetzt verrieth. Er hatte abſichtlich früher jedes Geſpräch über ihr eheliches Verhältniß vor Julien und deren Mann vermieden, des⸗ halb theilte auch er die allgemeine Meinung, nach welcher Antonie als eine glückliche Gattin galt. Dieſer Irrthum war um ſo leichter, da ihm ſtets nur das frühere Bild des lebensluſtigen, genußſüchtigen und verzogenen Mädchens vorſchwebte, das er jedoch, trotz aller Fehler und Schwä⸗ chen, unendlich lieb gewonnen hatte. Erſchien ſie ihm auch bei dieſer erſten Begegnung nach langer Trennung ganz verändert, tiefer und bedeutender, ſo war er doch haupt⸗ ſächlich geneigt, dieſe vortheilhafte Wandlung ihres Weſens auf Rechnung jenes Verluſtes zu ſchreiben, den ſie erſt kürzlich durch den Tod des Kindes erlitten hatte. Andere Motive waren ihm vollkommen unbekannt, am wenigſten dachte er an eine unglückliche Ehe Antonien's mit Eſſling, deſſen Perſon ihm bisher fremd geblieben war. Um ſo mehr wurde er jetzt überraſcht; denn in ihren Worten lag ein kaum verborgenes Geſtändniß, eine bittere Klage über 144 ihr Geſchick. So konnte nur eine Frau ſprechen, die in. ihren innerſten Gefühlen verletzt war. Unwillkürlich hatte ſie das Geheimniß ihres Herzens ihm verrathen und ihre Worte trafen ihn wie ein Blitzſtrahl, der die dunkle Nacht mit ſeinem grellen Licht erhellt. Eine bedenkliche Pauſe war jetzt eingetreten; Bolten bedurfte einiger Augenblicke, um ſich zu ſammeln. Auch Antonie wurde befangen und durch ſein Schweigen nur noch verlegener. Zum Glücke kam ihr Julie zu Hülfe und ſuchte der ernſten Unterhaltung eine gezwungene, ſcherzhafte Wendung zu geben. „Iſt es nicht ein himmelſchreiendes Unrecht,“ ſagte ſie,„daß die Geſetze ausſchließlich von Euch Männern ge⸗ macht werden. Ein Hageſtolz, wie Sie, Herr Geheimerath, dürfte gar nicht mitreden, da Sie doch keine Erfahrung haben können. Wwie mein Mann ſagt, iſt aber die Praxis die Hauptſache. Was will ſo ein alter Junggeſelle von der Ehe wiſſen?— Die Ehe iſt, wie die Medicin, eine Erfahrungswiſſenſchaft; ſie muß durchgemacht werden, wenn man ein richtiges Urtheil fällen will. Wenn Sie erſt ein Jahr verheirathet ſein ſollten, werden Sie ſchon anders denken. Vor allen Dingen müßte man uns Frauen zu Rathe ziehen.“— „Da würde etwas Schönes herauskommen,“ ſpottete i Mann. 145 „Und warum denn nicht, wenn man fragen darf?“ ſcherzte Julie in demſelben Tone.„Weil Ihr Euch die Herrn der Schöpfung nennt, glaubt Ihr auch alle Weisheit gepachtet zu haben. Daß ſich Gott erbarme! Wir werden nicht gefragt und nicht gehört; darum ſieht es auch jetzt ſo elend in der Welt aus. Iſt es nicht eine ſchändliche Un⸗ gerechtigkeit und Einſeitigkeit bei einem Geſetze, das uns am meiſten angeht, unſre Anſicht gänzlich zu überſehen? Eure Geſetze ſind auch darnach und ich ſtimme dem großen Rechtslehrer von ganzen Herzen bei, der unſerer Zeit die Fähigkeit der Geſetzgebung gänzlich abgeſprochen hat, gewiß lediglich nur, weil die Frauen nicht dabei betheiligt werden.“ „Ich bin neugierig,“ bemerkte Bolten, für Julien's Dazwiſchenkunft dankbar,„wie Sie den Beweis für Ihre Behauptung führen wollen.“ „Nichts leichter. Das Geſetz iſt aus der Sitte hervorgegangen. Das müſſen Sie mir doch zugeſtehen.“ „Auf Sitte und Gebrauch beruht allerdings jede Geſetzgebung.“ „Wer aber bewahrt die Sitte, als die Frau allein; ſie iſt die Hüterin und Beſchützerin dieſes Heiligthums und wird als ſolche auch von jeher anerkaunt und geprieſen. Folglich beruht nach Ihren eigenen Worten die ganze Ge⸗ ſetzgebung lediglich auf uns und die Männer ſollten Gott und unſerer Güte danken, daß wir ihnen überhaupt noch 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 10 4 1 146 geſtatten, mitzureden und gar noch in eine Angelegenheit, die unſre eigentliche Domäne ausmacht. Wo das Herz und die Liebe im Spiele ſind, müſſen wir Frauen ganz allein den Ausſchlag geben; denn dafür ſeid ihr Männer ohne Ausnahme viel zu unerfahren.“ „Vortrefflich!“ lachte Julien's Gatte.„Du haſt wie ein Demoſthenes geſprochen.“ „Ich bin beſiegt,“ fügte Bolten hinzu, indem er galant Julien's Hand an ſeine Lippen führte. Im Grunde ſeines Herzens war er froh, daß das ernſthafte Geſpräch eine ſolche Wendung durch die kluge und gewandte Frau genommen hatte. Antonie drückte der Freundin unbemerkt die Hand. Auf ſie hatte indeß die Art und Weiſe, wie Bolten gegen die Eheſcheidung auf⸗ getreten war, einen tiefen Eindruck gemacht. Sie hatte im Stillen ſchon darüber früher nachgedacht und eine Trennung ihrer Verbindung als die letzte Zuflucht an⸗ geſehen, obgleich ſie bisher dieſem Gedanken nur wie einem Traume nachgehangen, mit dem der Unglückliche ſich in ſeinen Leiden zu tröſten ſucht. Bolten's Anſicht ſchien ihr auch dieſen Ausweg zu verſperren; ſeine Gründe hatten ſie zwar nicht überzeugt, aber doch wenigſtens erſchüttert. Der einmal angeregte Gegenſtand klang indeß in ihrer Seele nach und indem ſie nochmals alle Behauptungen, die dafür und dagegen ſprachen, reiflich immer von Neuem 147 einer Prüfung unterwarf, wurde ſie ſich ſelbſt darüber klarer. Wie es aber gewöhnlich zu geſchehen pflegt, be⸗ freundete ſie ſich immer mehr mit dem Gedanken, der ihr urſprünglich fremd, erſt durch die ſtattgefundene Unter⸗ haltung in ihrer Seele allmälig reifte. Sie gelangte zu der Ueberzeugung, daß es auch hier wie überall eine Grenze geben müſſe, ein Maß deſſen, was ein Weib in ähnlichen Verhältniſſen dulden dürfe. Wenn ſie auch Bolten's Meinung bis zu einem gewiſſen Punkte bei⸗ pflichtete und beſonders den Eingebungen der Laune und der Willkür, ſo wie er, keine Herrſchaft und am aller⸗ wenigſten eine Entſcheidung bei einem ſo hochwichtigen Schritte einräumen wollte, ſo konnte ſie ſich doch nicht gänzlich zu ſeiner Anſicht bekennen und ſeine, wie es ihr ſchien, allzu beſchränkte Strenge billigen. Weder der ab⸗ ſolute Zwang, noch die abſolute Freiheit, entſprachen ihrer eigenen Geſinnung; es mußte noch ein Drittes geben, von dem ſie die Löſung des einmal in ihr aufgetauchten Zwie⸗ ſpaltes erwartete. Indem ſie aber ihm weder vollkommen beipflichten, noch ihm widerlegen konnte, überließ ſie der Zeit und den folgenden Ereigniſſen die endliche Entwir⸗ rung ihrer ſich immer mehr verwickelnden Lebensſchickſale. Auch an Bolten ſelbſt ging dieſe zufällige Begegnung mit Antonien nicht ſpurlos vorüber. Er hatte ſeine Nei⸗ gung bereits für überwunden und abgethan gehalten und 10* 148 nun mußte er zu ſeiner Beſchämung ſich eingeſtehen, daß ihn ſein eignes Herz getäuſcht. Mit jener Antonie hatte er allerdings abgeſchloſſen, welche einſt mit ſeinen heiligſten Gefühlen ein ſchnödes Spiel getrieben und ihn ſo wie ihr beſſeres Selbſt verrathen und für äußeres Wohlleben ver⸗ leugnet hatte. Aber die Antonie, welche er jetzt erblickte, war ein ganz anderes Weſen geworden, ein herrliches Weib, das noch dazu unglücklich war und ihr Unglück mit edler Reſignation, mit bewunderungswerther Würde zu tragen wußte. Alles, was er von Iulien erfuhr und ſo oft er kam, war Antonie der Gegenſtand ihres gemein⸗ ſamen Geſpräches, erfüllte ihn mit Staunen und Bewun⸗ derung für die edle Frau. „Wir haben ſie nicht gekannt,“ ſagte die treue Freundin.„Antonie hat für ihren Irrthum ſchwer ge⸗ büßt. Dieſer Eſſling iſt der elendeſte Mann auf Gottes Welt.“ „Um ſo weniger begreife ich, wie Antonie ihn nehmen konnte.“ „Sie wiſſen noch nicht, lieber Geheimrath, was Ueberredung vermag. Antonien's Eltern tragen den größten Theil der Schuld, obgleich ich die Freundin ſelbſt nicht ganz freiſprechen kann. Ihr Fehler läßt ſich jedoch durch ihre Erziehung entſchuldigen. Sie kennen ja die Familie Brandeis aus eigner Erfahrung; Sie werden daher wiſſen, 149 welche Richtung unſere arme Antonie von Jugend auf er⸗ halten hat. In materiellen Anſchauungen aufgewachſen, faſt gezwungen zu dieſer widerwärtigen Partie, hat ſie die Schule des Unglücks kennen gelernt. Nur ihre beſſere Natur konnte ſie vor dem gänzlichen Untergange ſchützen.“ „Ich bedaure ſie von ganzem Herzen.“ „Und doch rauben Sie ihr den einzigen Troſt, der ihr noch übrig bleibt.“ „Ich verſtehe Sie nicht, verehrte Freundin.“ „Wäre hier nicht eine Scheidung vollkommen gerecht⸗ fertigt? Eine Ehe ohne Liebe, wo ſelbſt die Achtung fehlt, iſt die Hölle auf Erden. Und Sie reden dem Fortbeſtehn einer ſolchen Verbindung noch das Wort.— In der Theorie mögen Sie vielleicht Recht haben, aber die Praxis verlangt einen andern Ausweg. Ich allein weiß, was Antonie bis⸗ her gelitten hat. Soll ſie niemals die Kette brechen, nie die Laſt abſchütteln dürfen, welche ſie zu Boden drückt. Das iſt eine Grauſamkeit, die Sie nicht vertheidigen können.“ Derartige Geſpräche kehrten immer wieder und Bol⸗ ten's ſtrenge Auffaſſung von dem Weſen der Ehe wurde einigermaßen erſchüttert. Es gab ſogar Augenblicke, wo der pflichtgetreue Mann mit ſchwerem Herzen an die ihm übertragene Ausarbeitung des neuen, beſchränkenden Ge⸗ ſetzes ging. In ſeinem Innern regte ſich die alte Neigung 150 für Antonien und im Stillen wünſchte er die Freundin frei von jedem drückenden Bande. Während er über die Akten gebeugt mit ſeiner Feder die Sache der Ehe vom religiöſen und moraliſchen Standpunkte vertheidigte, die Scheidung nur in wenigen Ausnahmefällen zuläſſig erklärte und an bindende Paragraphen ſchmiedete, ſtand plötzlich vor ſeinen Augen das Bild der unglücklichen Frau mit bittend erho⸗ benen Händen und ſanften klagenden Zügen. Es bedurfte ſeiner ganzen Willenskraft und Energie, um die Arbeit, welche den Kammern vorgelegt werden ſollte, zu beenden. Als er dieſelbe dem Miniſter überbrachte und dieſer ſich mit höchſter Anerkennung darüber ausſprach, hatte der hochge⸗ ſtellte Gönner des Geheimraths keine Ahnung, welche Kämpfe dieſer darum beſtehen mußte. „Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ ſagte der gütige Chef,„und werde Sie dem Fürſten noch zu einer ganz be⸗ ſonderen Belohnung vorſchlagen, die Sie auch reichlich ver⸗ dient haben. Sprechen Sie offen Ihre dahin zielenden Wünſche mir gegenüber aus.“ „Exzellenz!“ ſtammelte Bolten verlegen,„ſind viel zu gnädig. Wenn ich eine Bitte wagen darf.—“ „Reden Sie ganz ungenirt.“ „Ich fühle mich derartig angegriffen, daß ich zu mei⸗ ner Erholung einer Reiſe bedarf.“ 151 „Zugeſtanden, wenn Sie nur zur Eröffnung der Kammern wieder zurückkommen.“ „Das kann ich nicht beſtimmt verſichern.“ „Dann müßte ich Ihnen Ihren Wunſch verſagen, ſo leid es mir auch thut. Ich habe Sie zum Regierungs⸗ kommiſſar bereits beſtimmt, um das neue Ehegeſetz zu vertheidigen. Niemand kann dies beſſer thun als Sie, der Sie ſich Jahrelang mit dieſer Angelegenheit beſchäftigt haben. Ihnen ſtehen alle Hülfsmittel, die reichſte Erfahrung, alle Quellen und die überzeugendſte Beredtſamkeit zu Gebot. Sie dürfen ſich nicht der Aufgabe entziehn, die Sie zur Hälfte ſchon und zwar in der glänzendſten Weiſe gelöſt haben. Wollen Sie Ihr eigenes Werk, die Frucht der mühevollſten Anſtrengung, des ausdauerndſten Fleißes, ſelbſt vernichten? Mit Ihnen ſteht oder fällt das Geſetz. Nie⸗ mals wird Ihnen eine ähnliche Gelegenheit geboten werden, ſich die Huld und Gnade unſeres erhabenen Monarchen zu erwerben, der ſich ganz beſonders für den glücklichen Er⸗ folg des von ihm zum größten Theile angeregten Geſetzes intereſſirt. Nicht als Ihr Chef, als Ihr Freund muß ich mich gegen dieſe Reiſe erklären.“ Solchen Gründen vermochte Bolten nicht zu wider⸗ ſtehn, obgleich er gern den Triumph und die Belohnung jedem Andern überlaſſen hätte. Der Gedanke war ihm peinigend, öffentlich vor den Kammern den Geſetzentwurf 1⁵5² zu vertheidigen, der ſeine Freundin, wenn er angenommen wurde, für immer unglücklich machen ſollte. Er mußte jedoch der Nothwendigkeit, den Bitten und zuletzt den Be⸗ fehlen des Miniſters nachgeben. „Zählen Sie,“ ſagte dieſer begütigend,„bei jeder andern Gelegenheit auf mich, wenn ich auch heute in Ihrem eigenen Intereſſe Ihren Wunſch verſagen mußte. Zur Schonung Ihrer Geſundheit will ich die Beſtimmung treffen, daß Ihnen für die minder wichtigen Angelegen⸗ heiten ein Hülfsarbeiter beigegeben wird. Was meinen Sie zu dem Aſſeſſor Hillebrand? Er ſcheint mir ein tüch⸗ tiger Mann zu ſein und wenn er Ihnen genehm ſein ſollte, ſo kann er gleich Morgen eintreten.“ „Herr Aſſeſſor Hillebrand wird mir zu jeder Zeit willkommen ſein, da ich ſein Talent mit Freuden aner⸗ kenne. Haben Eure Exzellenz ſonſt noch einen Befehl für mich?“ „Keinen Befehl, aber eine Bitte. Sie laſſen ſich jetzt nur noch äußerſt ſelten in meiner Familie ſehn. Sie wiſſen, wie ſehr Sie mir und den Meinigen ſtets willkommen ſind.“ „Exrzellenz überhäufen mich mit Ihrer Güte.“ „Sie müſſen ſich mehr Zerſtreuung machen, ſich in der Geſellſchaft mehr ſehen laſſen. Nach der Arbeit kenne ich keine beſſere Erholung, als ein Stündchen im befreun⸗ 153 deten Kreiſe zuzubringen. Meine Damen beklagen ſich und, wie mir ſcheint, nicht mit Unrecht über Vernachläſſigung von Ihrer Seite. Wollen Sie Ihren Fehler wieder gut machen, lieber Geheimrath?“ „Erzellenz! Können zweifeln?“ „Gut! So kommen Sie heute Abend zu uns und trinken eine Taſſe Thee mit einigen Freunden. Sie nehmen doch meine Einladung an?“ „Mit dem größten Vergnügen,“ entgegnete Bolten ſich verneigend. „Und wegen meines abſchläglichen Beſcheids,“ be⸗ merkte der Miniſter,„dürfen Sie nicht böſe ſein. Es geſchieht nur zu Ihrem eigenen Beſten. Glauben Sie mir, daß Ihr Wohl mir am Herzen liegt wie einem Freunde, einem Vater.“ Unmöglich konnte ein Vorgeſetzter liebenswürdiger ſein, als der Miniſter gegen Bolten war; aber grade dieſe Zuvorkommenheit drückte ihn wie eine ſchwere Laſt. Miß⸗ geſtimmt, als hätte er ſo eben eine beleidigende Zurück⸗ ſetzung von ſeinem Chef erfahren, verließ er das Cabinet. Die Einladung zu dem Thee, ſo freundſchaftlich dieſelbe lautete, kam ihm ungelegen. Der Miniſter hatte eine Tochter und die Welt ſah in Bolten den zukünftigen Bräu⸗ tigam des liebenswürdigen Mädchens, deren einflußreicher Vater ſein erklärter Gönner war.— Der Abend nahte 154 und es blieb ihm nichts übrig, als der ehrenvollen Ein⸗ ladung Folge zu leiſten. Mit ſchwerem Herzen ſtieg er die breite Treppe des Miniſterhotels hinauf, wo ihn der Kammerdiener höflich empfing und in das Theezimmer geleitete. Die Miniſterin kam ihm mit wohlgemeinten Vor⸗ würfen und freundlichem Lächeln entgegen. Die Geſellſchaft war eine auserleſene zu nennen, nur die nächſten Hausfreunde und Verwandten waren zugegen, ſo wie einige jüngere Beamten, welche der Miniſter vor⸗ zugsweiſe mit ſeiner Gunſt beehrte. Unter dieſen befand ſich auch der Aſſeſſor Hillebrand, ein talentvoller, aber ehr⸗ geiziger Mann, der auf dem beſten Wege war, ſeine Car⸗ riere, wie man zu ſagen pflegt, zu machen. Er bewarb ſich auffallend um die Gunſt der Haustochter, die ſich ſeine Huldigungen gefallen ließ, da ihm eine ausgezeichnete Unterhaltungsgabe und eine große perſönliche Liebens⸗ würdigkeit zu Gebote ſtanden. Nichts deſto weniger brach ſie das eben begonnene Geſpräch mit ihm ab, ſo bald ſich Bolten ihr mit ſeinem Gruße näherte. „Guter Gott!“ ſagte ſie mit erheucheltem Erſtaunen. „Es geſchehen noch Wunder in dieſer glaubensarmen Zeit. Herr Geheimrath Bolten läßt ſich wieder in Geſellſchaft ſehn.“ 15⁵ „Meine anſtrengenden Arbeiten,“ erwiederte er,„mö⸗ gen mich bei Ihnen, mein gnädiges Fräulein, entſchuldigen.“ „Ich werde mich noch mit Papa zanken, daß er Ihnen ſo viel aufbürdet. Sein Glück iſt, daß er Ihnen wenigſtens einen Theil Ihrer Laſten abgenommen und Herrn Hille⸗ brand, wie dieſer mir eben ſagte, aufgeladen hat. Dem Aſſeſſor kann es nicht ſchaden; der hat ohnehin ſoviel Allo⸗ tria im Kopf, daß ihm eine ernſte Beſchäftigung nur gut thun wird.“ „Sie ſind zu beſorgt für mich,“ ſcherzte der Aſſeſſor, ſich in das Geſpräch miſchend.„Ich hoffe, daß der Herr Geheimrath mit mir zufrieden ſein wird.“ „Das will ich Ihnen auch gerathen haben,“ bemerkte die Miniſtertochter mit ſchalkhaftem Ernſte;„ſonſt dürfen Sie auf meine Protektion nicht rechnen. Sie dürfen unſern Geheimrath nicht mehr ſo viel arbeiten laſſen, damit er wieder Zeit erhält, einen Abend bei ſeinen Freunden zu verweilen. Ich glaube, daß der viele Aktenſtaub, den er ſchlucken mußte, ſeine ſchöne Stimme gänzlich ruinirt hat. Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor, daß ich ihn nicht ſingen hörte. Schnell! kommen Sie, lieber Bolten, wir wollen das Duett probiren, das wir ſchon früher mit ein⸗ ander geſungen haben.“ Mit dieſen Worten zog das lebhafte Mädchen ihn zu dem Inſtrumente fort, während Hillebrand, der ein ausge⸗ 7 S zeichneter Klavierſpieler war, ſich bereit erklärte, die ſchwie⸗ rige Begleitung zu übernehmen. Die übrige Geſellſchaft verſtummte, um dem ihr gebotenen muſikaliſchen Genuſſe zuzuhören. Um das Inſtrument bildete ſich ein Kreis, bereit den Sängern zu applaudiren. Nie hatte Bolten ſo ſchlecht geſungen, als grade heut. Er war zerſtreut, be⸗ fangen und kam immerwährend aus den Takt. Bald fiel er nicht zur rechten Zeit ein, bald überſah er eine Pauſe, oder eine Note, ſo daß zuletzt auch das Fräulein die Geduld verlor und ärgerlich, mitten in dem Duette, auf⸗ hörte. „Es geht nicht,“ ſagte ſie verdrießlich.„Der Herr Geheimrath iſt anderweitig beſchäftigt. Gott weiß, wo ſeine Gedanken ſein mögen? Gewiß überall nur nicht hier bei uns.“ Bolten erröthete und wollte verlegen eine Entſchul⸗ digung vorbringen. Ihr ſcharfes Auge ſchien ihn zu durch⸗ bohren und vermehrte nur noch ſeine Befangenheit. Eine Ahnung, daß ihn bereits ein anderes Verhältniß feſſelte, ſtieg in ihrer Seele auf. Ihr Stolz empörte ſich; ſie hatte ſich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, die Seinige zu werden, obgleich es bisher von ſeiner Seite noch zu keiner Erklärung gekommen war.— Sollte Sie ſich getäuſcht haben?— Seine Zurückgezogenheit, ſein ganzes Betragen in letzterer Zeit, die ſeltenen Beſuche im Hauſe des Mi⸗ 157 niſters erhielten jetzt in ihren Augen die wahre Bedeutung. Es war für ſie kein Zweifel mehr, daß er eine Andere liebte. Ihre eigene Neigung für ihn gründete ſich weit mehr auf die Achtung, die ihr Vater ihr für den Geheim⸗ rath mitgetheilt hatte, auf eine Bewundrung ſeines Talen⸗ tes, als auf eine urſprüngliche Leidenſchaft; ihr Verſtand ſprach lauter als ihr Herz. Es koſtete ihr daher keinen ſchweren Kampf, um ihn aufzugeben, noch dazu da der Erſatz ſo leicht war und der gewandte Hillebrand ihr im Grunde weit beſſer gefiel.— Aber fühlen ſollte er wenig⸗ ſtens, daß ſie ſich von ihm zurückgeſetzt und beleidigt hielt. Den ganzen übrigen Abend vermied ſie abſichtlich jede An⸗ näherung; ſie behandelte ihn mit einer auffallenden Kälte, während ſie ſichtbar dem überglücklichen Aſſeſſor den Vor⸗ zug gab, der ſich bereits im Geiſte als den Schwiegerſohn des Miniſters und als rechte Hand deſſelben ſah. Als der Bediente mit der Meldung kam, daß die Tafel ſervirt ſei, wollte Bolten ſeinen Arm dem Fräulein bieten. „Ich bedaure,“ ſagte dieſe kalt, indem ſie auf Hille⸗ brand deutete, welcher nicht wußte, wie ihm geſchah. Im Vorübergehn richtete noch die miniſterielle Toch⸗ ter einen faſt ſpöttiſchen Blick auf ihn; eine Art Kriegs⸗ erklärung, die nicht ohne Folgen für ſeine fernere Laufbahn 158 ſein durfte, da der Miniſter trotz aller Gerechtigkeit ein ſchwacher Vater war, der ſeine Tochter anbetete. Neuntes Capitel. Nach längerer Abweſenheit war auch Herr von Wallen⸗ berg von ſeiner Reiſe zurückgekehrt. Er hatte Italien ver⸗ laſſen, um ſich nach Paris zu begeben, wo er durch Ver⸗ gnügungen aller Art ſeine Niederlage bei Antonie zu ver⸗ geſſen ſuchte. Während der Sommermonate wählte er Baden⸗Baden zu ſeinem Aufenthalte; dort ließ er ſich an der Spielbank öfters ſehn und verlor große Summen. Ueberhaupt war er auf dem beſten Wege, ſich durch ſeine verſchwenderiſche Lebensweiſe zu ruiniren. Ein großer Theil ſeines Vermögens war bereits aufgezehrt; er ſah ſich genöthigt, mehrere Hypotheken auf ſeine Güter aufzu⸗ nehmen. Von all dieſen Verhältniſſen ſchien Eſſling genau unterrichtet zu ſein und darauf einen Plan gegründet zu haben, um ſeine eigenen Verluſte auf Koſten des leicht⸗ ſinnigen Wallenberg zu erſetzen. Vorläufig begnügte er ſich mit dem Ankaufe dieſer Hypotheken, welche er unter 159 der Hand und zu einem mäßigen Preiſe zu erwerben ſuchte; was ihm auch gelang. Kaum hatte er die Zurückkunft des Barons erfahren, als er ihn auch aufſuchte und wieder in ſeine Geſellſchaft zu ziehn ſuchte, als wenn nichts vorge⸗ fallen wäre.— Antonie war nicht wenig erſtaunt, als eines Tages Wallenberg in Begleitung ihres Mannes in das Zimmer trat. Seit der letzten Begegnung mit ihm, hoffte ſie ihn nicht wiederzuſehn. Sie empfing ihn faſt mit ver⸗ letzender Gleichgültigkeit und Kälte, ohne jedoch den beab⸗ ſichtigten Erfolg zu erreichen. Der Baron ließ ſich keines⸗ wegs zurückſchrecken und wiederholte ſeine Beſuche, ſo oft es ihm die Schicklichkeit erlaubte. Seine Leidenſchaft lebte bei ihrem Anblick von Neuem auf; ſie kam auch ihm ver⸗ ändert, aber ſchöner vor als je, und noch immer hatte er nicht die Hofſnung aufgegeben, ihren Widerſtand zu be⸗ ſiegen. Ihrem Manne gegenüber ſprach ſie jetzt unverholen ihren Widerwillen gegen den Baron aus; ſie erſuchte ihn gradezu, ſie mit deſſen unwillkommener Gegenwart zu ver⸗ ſchonen, da ſie inſtinktmäßig eine ihr drohende Gefahr ahnte.. „Thorheit!“ erwiederte Eſſling auf ihre Bitten. „Wallenberg denkt nicht mehr an die alberne Geſchichte und wenn dies auch der Fall wäre; ich ſtehe mit ihm in Geſchäftsverbindung und ich kann einen meiner beſten Kunden nicht das Haus verbieten.“ 160 „Wenn Du mit ihm zu thun haſt, ſo nimm ihn auch in Deinem Zimmer auf. Bei mir hat er nichts zu ſuchen und ich bitte Dich, es ihm ſelbſt zu ſagen, damit ich nicht dazu gezwungen werde.“ „Das geht nicht an. Ich habe meine Gründe und ich wünſche, daß Du dem Baron mit der nöthigen Höflich⸗ keit begegneſt.“ „Das kann ich nicht verſprechen.“ „Wenn Du meine Wünſche nicht erfüllen willſt, ſo werde ich einen andern Ton anſtimmen müſſen. Ich befehle Dir, Herrn von Wallenberg nach wie vor zu empfangen. Verſtehſt Du mich!“ Dieſe Drohung, welche Eſſling in einem kurzen, ſcharfen Tone ausſtieß, war von einem wüthenden Blick begleitet, der ſie Alles, ſelbſt die UAnwendung roher Gewalt befürchten ließ. Es blieb ihr nichts übrig, als vorläufig zu gehorchen und auf ihrer Hut zu ſein. Der Baron ſetzte nach wie vor ſeine Beſuche fort, die ſie ruhig dulden mußte. Anfänglich beobachtete er auch eine gewiſſe Zurückhaltung, erſt nach und nach wurde ſein Betragen und ſeine Sprache leidenſchaftlicher; doch ein ſtrenger Blick aus ihren ſchönen Augen, eine ſtolze Bewegung wieſen ihn in ſeine Schranken zurück. Er war noch nicht ſo verdorben, um die Liebe einer Frau erzwingen zu wollen; auch ſchmeichelte es ſeiner 161 Eitelkeit, das mit der Zeit und durch ſeine Liebenswür⸗ digkeit zu erobern, was ihm freiwillig nicht geſtattet wurde. Unabläſſig war er bemüht, Antonien's Gunſt zu erlangen, ohne ſich jedoch nur des geringſten Fortſchrittes rühmen zu dürfen. Nach wochenlanger Aufmerkſamkeit ſtand er noch immer auf demſelben Punkte. Ihre Zurückhaltung, die ſie ihm entgegenſetzte, fachte nur noch mehr die ver⸗ zehrende Flamme an und grade die Hinderniſſe ſtachelten nur um ſo heftiger ſeine Begierde nach dem herrlichen Weibe; ſie mußte um jeden Preis die Seine werden.— Eſſling ſchien für dieſe häuslichen Vorgänge vollkommen blind zu ſein; ſo oft Antonie das Geſpräch auf den Baron brachte, ſchnitt er alle Erörterungen in rauher Weiſe ab. Er hatte ſeinen eigenen Plan, den er mit der ihm an⸗ geborenen Schlauheit verfolgte. Seine Abſicht ging darauf hinaus, den Baron zur Abtretung ſeiner Güter, um einen billigen Preis, zu bewegen. Dazu hoffte er ihn durch die Reize Antonien's zu bringen, der er bei dem vorhabenden Geſchäfte, oder vielmehr Betruge, eine entehrende Rolle zugedacht hatte. Zur Erreichung ſeiner Pläne ſcheute er auch die niedrigſten, die gemeinſten Mittel nicht. Schon ſeit längerer Zeit ſtand er wegen dieſes Geſchäftes mit Wallenberg in Unterhandlung. Im Beſitz der Hypotheken, hatte er dem Baron den Vorſchlag gemacht, gegen eine Jahresrente ihm ſeine Güter einzuräumen. Für eine 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 11 162 jährliche Summe von zehntauſend Gulden auf Lebenszeit und Löſchung der Hypotheken, hatte ſich Wallenberg zu der gewünſchten Abtretung bereit erklärt. Eſſling war auf dieſe Forderung auch eingegangen und hatte von einem beglaubigten Notar den betreffenden Contract entwerfen laſſen. Es fehlte nur noch die Unterſchrift der Bethei⸗ ligten. Dieſelbe ſollte an einem beſtimmten Tage abge⸗ geben werden, wozu Eſſling den Baron in ſeine Wohnung eingeladen hatte.— „Ich erwarte,“ ſagte er zu Antonien,„heute Beſuch und wünſche, daß Du die glänzendſte Toilette machſt. Für ein exquiſites Souper werde ich Sorge tragen.“ „Und darf ich fragen, wer Dein Gaſt ſein wird?“ „Der Baron. Das beabſichtigte Geſchäft iſt ſo gut wie abgeſchloſſen. Es handelt ſich nur um einige unbe⸗ deutende Nebenpunkte. Alles kommt darauf an, Wallen⸗ berg bei guter Laune zu erhalten. In Deinem, wie in meinem Intereſſe erſuche ich Dich, ihn mit Zuvorkommen⸗ heit zu empfangen. Unſere ganze Zukunft hängt von Deinem Benehmen ab.“ „Was ſoll ich thun?“ „Ich fordere nichts von Dir, was ſich mit Deiner und meiner Ehre nicht verträgt. Du ſollſt nur ein wenig liebenswürdiger gegen ihn ſein, wie gewöhnlich. Mein Gott! das kann Dir doch nicht ſchwer fallen. Bedenke, 163 daß unſere Exiſtenz auf dem Spiele ſteht. Ich will dem Baron ſeine Güter gegen eine Jahresrente abkaufen, die Summe iſt mir noch zu hoch und ich hoffe mit Deiner Hülfe, ihn nachſichtiger zu ſtimmen. Wallenberg iſt ein galanter Mann und wird in Gegenwart einer ſchönen Frau, wie Du, ſich billiger finden laſſen.“ Antonie warf ihm einen mißtrauiſchen Blick zu, den er bemerkte. „Fürchte Dich nicht,“ beſchwichtigte er die in ihr auf⸗ ſteigenden Beſorgniſſe.„Ich gebe Dir mein Wort, daß ſich die Sache ganz ſo verhält, wie ich Dir geſagt habe.“ „Wenn auch; die mir zugetheilte Rolle mißfällt mir im höchſten Grade. Du weißt, daß ich ſeit jenem Abende in Venedig, den Baron nicht leiden mag. Nur auf Deinen Wunſch habe ich ſeine Beſuche geduldet.“ „Du ſollſt nicht länger von ihm beläſtigt werden. So bald dies Geſchäft abgeſchloſſen iſt, breche ich jede intimere Verbindung mit ihm ab. Das verſpreche ich Dir bei meiner Ehre. Es iſt das letzte Mal, daß Du Wallen⸗ berg zu ſehen brauchſt. Außerdem will er längere Zeit wieder verreiſen. Was haſt Du von ihm zu beſorgen? Bin ich nicht zugegen? Ich werde mich keinen Augenblick von Dir entfernen. Die Artigkeiten, welche der Geck Dir ſagt, können Dir nicht ſchaden, uns aber den größten Nutzen bringen, wenn Du ſie ruhig, oder vielleicht mit 11 2* 164 einem nachſichtigen Lächeln anhörſt. Bedenke, daß dies kleine Lächeln uns in Zukunft vor allen Sorgen ſchützen kann. Ertrage daher nur heute noch ſeine Aufmerkſam⸗ keiten. Du wirſt bald für immer von ihm befreit werden. Eine ſorgenloſe Exiſtenz iſt doch nicht mit einem liebens⸗ würdigen Lächeln zu theuer erkauft. Wenn Du Dich nur dieſen Abend meinen Wünſchen fügſt, ſo will ich Dir, ſo lange ich lebe, dankbar ſein und mich in jeder Beziehung nach Deinen Wünſchen richten.“ Wenn Eſſling wollte, ſtand ihm eine ſeltene Ueber⸗ redungskraft zu Gebote; er verſtand es, zu ſchmeicheln, zu verführen. Bitten, Schwüre und Verſprechungen waren ihm geläufig, ſelbſt Thränen konnte er vergießen, wenn es nöthig war. Mit dieſen Mitteln gelang es ihm auch noch einmal, Antonien für ſeine Wünſche zu gewinnen und ihre aufſteigenden Bedenken zu beſeitigen, obgleich ſie eine innere Stimme zu warnen ſchien. Wider ihren Willen und nur auf ſeinen Wunſch ſchmückte ſie ſich für den er⸗ warteten Baron, während Eſſling die nöthigen Anord⸗ nungen für das ausgeſuchte Souper traf. Als er ſeine Frau in geſchmackvollſter Toilette wieder erblickte, flog ein ſpöttiſches und doch zufriedenes Lächeln des Triumphs über ſein verwittertes Geſicht. „Beim Himmel!“ murmelte er.„Wenn der Baron nicht in die Falle gehen ſollte, ſo iſt es nicht meine und 165 nicht ihre Schuld. Ich könnte mich faſt in meine eigene Frau verlieben; wäre ſie nur nicht ſo verdammt langweilig für mich.“ Um ſie bei guter Laune zu erhalten, lobte er ihr Ausſehen in überſchwänglichen Ausdrücken, hier und da noch zu irgend einer Verbeſſerung ihrer Toilette rathend, wobei er ſelbſt mit ſeinen Händen nachzuhelfen ſuchte. Galant führte er ſie zu dem großen Trumeau, in dem ſie ſich von allen Seiten betrachten mußte. „Du ſiehſt wirklich wie ein Engel aus,“ rief er faſt mit ungeheuchelter Bewunderung aus.„Niemand kann Dir widerſtehen.“ Mit einem Anfluge früherer Zärtlichkeit küßte er Antonien's weiße Hand und um ſeiner Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit die Krone aufzuſetzen, ſchmückte er den ſchönen Arm mit einem koſtbaren Brillantſchmuck, den er eigens für dieſe Gelegenheit gekauft hatte. „Ich habe Dir ihn ſchon lange zugedacht,“ ſagte er verbindlich.„Du ſollſt von nun an ſtets in mir den ge⸗ fälligſten Ehemann finden; da ich ſehe, daß auch Du meine Wünſche gern erfüllſt.“ Während Antonie das prachtvolle Armband mit ver⸗ zeihlicher Neugierde betrachtete, beobachtete ſie Eſſling mit ironiſchen Blicken. „Mit Speck fängt man Mäuſe,“ dachte er im Stillen. 166 „Alle Weiber ſind auf einen Schlag; ſie iſt nicht beſſer wie die Andern und wird ſich bald in ihre Rolle finden.“ Es dunkelte bereits, als Herr von Wallenberg zum Souper erſchien. Antonie erwiederte ſeinen Gruß freund⸗ licher als ſonſt, um ſich den Wünſchen ihres Mannes ge⸗ fällig zu zeigen. Ihr bezauberndes Lächeln und ihre unge⸗ wohnte Freundlichkeit ſetzten das leicht entzündliche Blut des Barons in heftige Bewegung; er glaubte, daß ſie endlich beſiegt von ſeiner zärtlichen Beharrlichkeit, ſich für ihn intereſſirte. In beſter Stimmung knüpfte er mit ihr ein längeres Geſpräch an, dem ſie heute auch mit größerer Theilnahme zuzuhören ſchien. Eſſling begnügte ſich mit der Rolle des Beobachters, indem er mit ſcharfen Blicken das Paar verfolgte. Von Zeit zu Zeit, wenn Antonie die Galanterien Wallenberg's nach ſeiner Meinung zu kalt aufnahm, machte er ihr ein halb bittendes, halb ermah⸗ nendes Zeichen, um ſie an ihr Verſprechen zu erinnern. Unterdeß kündigte der Bediente an, daß das Souper auf die Herrſchaften warte. Der Baron reichte Antonien ſeinen Arm und führte ſie in den kleinen Saal, wo angerichtet war. Mit wahrhaft verſchwenderiſchem Luxus war hier ein Mahl bereitet, das den vollkommenſten Feinſchmecker mit Bewunderung erfüllt hätte. Die ſeltenſten Leckerbiſſen hätten auch den verwöhnteſten Gaumen befriedigt und entzückt. Was die Jahreszeit nur Seltenes und Koſtbares 167 darbot, war mit Mühe und Geldopfer herbeigeſchafft, die feine engliſche Auſter, friſch im Seewaſſer ſchwimmend, der piquante Hummerſalat, die echte franzöſiſche Trüffel mit ihrem würzigen Duft. Eine Batterie der herrlichſten Weine ſtand auf dem Tiſch gepflanzt, feuriger Burgunder in rother Gluth, alter Rheinwein, wie flüſſiges Gold im Glaſe funkelnd, und der ſchäumende, perlende Champagner in Eis geſtellt. „Greifen Sie zu,“ ſagte Eſſling mit erheuchelter Fröhlichkeit,„oder wenn es Ihnen lieber iſt, Baron, ſo ſoll Sie meine Frau bedienen. Auf Ihr Wohl!“ „Auf das Wohl unſerer ſchönen Wirthin!“ rief Wallenberg mit Begeiſterung. „Immer galant gegen die Damen,“ lachte der Gaſt⸗ geber.„Antonie! Du mußt mit uns anſtoßen.“ Sie that es; die Gläſer klirrten und klangen. Der Baron leerte das ſeinige bis auf den Grund und Eſſling beeilte ſich, daſſelbe immer von Neuem zu füllen. „Noch ein Glas auf den Abſchluß unſres Geſchäftes,“ nöthigte er ſeinen Gaſt.„Ich kann Ihnen meinen Cham⸗ pagner empfehlen, derſelbe iſt direkt bezogen. Die Wittwe Cliquot hat noch mehr von dieſer Sorte.“ „Excellent!“ ſtammelte Wallenberg, dem der Wein bereits zu Kopfe ſtieg.„Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich Ihr Glas mit dieſem Nektar füllen darf.“ 168 Antonie nippte mit den Lippen den feinen Schaum und ſtellte dann das Glas zur Seite, weil ſie nicht mehr trinken wollte. Während ſich Wallenberg, ſchon halb berauſcht, unbemerkt glaubte, griff er nach dem Reſt, den ihr ſchöner Mund berührt hatte, und ſtürzte denſelben in einem Anfalle verliebter Raſerei hinunter. Antonie ſah zum Glücke nichts, um ſo ſchärfer ihr Mann. Ein dämo⸗ niſches Lächeln zuckte über ſein Geſicht. „Jetzt iſt der Narr ſo weit,“ dachte er im Stillen, „wie ich ihn haben will. Was der Wein allein nicht ver⸗ mocht hat, wird die Liebe vollends thun. Wenn Antonie nicht mit ihrer Prüderie mein Spiel verdirbt, ſo bring' ich ihn dahin, den Contract noch heute ungeſehen zu unter⸗ ſchreiben. Ich muß mich beeilen, ehe er die Beſinnung ganz verliert.“ Plötzlich hob Eſſling die Tafel auf und erklärte, daß er ſich nur auf einen Augenblick entfernen müſſe, um die Urkunde zu holen, welche in dem benachbarten Cabi⸗ nette lag. „Meine Frau,“ fügte er mit einem Seitenblick hinzu, „wird Ihnen während meiner Abweſenheit Geſellſchaft leiſten.“ „Ich wünſche mir keine beſſere,“ antwortete der Baron. „Hoffentlich werden Sie ſich nicht langweilen.“ „Sie verdienen, für dieſen Zweifel geſtraft zu werden. 169 Gehen Sie nur und bringen Sie mir den Wiſch. Ich werde unterſchreiben, je ſchneller, deſto lieber. Ich bin kein Freund von Geſchäften.“ „Endlich hab' ich ihn,“ flüſterte Eſſling, indem er ſich entfernte und den Baron in dem höchſten Grade von Aufregung zurückließ. Kaum hatte jener die Thür hinter ſich geſchloſſen, als Wallenberg, von Liebe und Wein zum Aeußerſten gebracht, ſich zu Antonien's Füßen warf und mit einer Art von raſender Beredtſamkeit ſeine Leidenſchaft geſtand und um ihre Gegenliebe flehte. Das hatte ſie nicht erwartet; ent⸗ rüſtet ſprang ſie auf; ihre Geberden verriethen Zorn und Ueberraſchung. „Stehen Sie auf, entfernen Sie ſich,“ rief ſie ge⸗ bieteriſch,„ehe mein Mann zurückkommt.“ „Ihr Mann!“ lachte der Baron in ſeinem Ranſche. „Von dem hab' ich nichts zu fürchten. Der drückt beide Augen zu. Ich bin nicht ſo dumm, wie Sie glauben. Es i*ſt ja Alles zwiſchen uns abgemacht. Ich unterſchreibe und Sie werden die Meine. Anders thu' ich's nicht. Wozu ſperren Sie ſich noch? Der Handel hat ſeine Richtigkeit, natürlich muß man die Dehors und den Anſtand zu be⸗ wahren wiſſen. Ha, ha, ha! Sie ſpielen Ihre Rolle zum Entzücken, meine Gnädige.“ Vor Antonien's Augen zuckte es wie ein greller Blitz, 170 der den Abgrund zu ihren Füßen erleuchtete. Mit einem Male wurde ihr das ganze niederträchtige Gewebe klar; ſie erkannte die ihr zugetheilte, gemeine Rolle; jetzt wußte ſie, wozu dieſes Souper, die Entfernung ihres Gatten, das Alleinlaſſen mit dem Baron dienen ſollten. Ein Schauder erfaßte ſie; ſie mußte ſich an dem Stuhle feſt⸗ halten, um nicht umzuſinken. „Ewige Barmherzigkeit!“ murmelte ſie.„Iſt es bereits dahin gekommen.“ Wallenberg ſuchte ſich ihr zu nähern und ihren Arm zu ergreifen; ſie ſtieß ihn mit all ihr noch zu Gebote ſtehenden Kraft zurück. „Was ſoll das heißen?“ fragte er mit ſtieren Augen. „Hinweg, Elender! Und rühren Sie mich nicht an, oder ich ſchreie um Hülfe.“ Bleich, wie ein Marmorbild, ſtand ſie mit drohender Geberde vor ihm aufgerichtet; ihr Anblick ſchien ihn einiger⸗ maßen zur Beſinnung zu bringen, doch bald ſiegte ſeine Leidenſchaft und der Rauſch von Neuem über das Auf⸗ dämmern eines beſſeren Gefühls in ihm. „Sträube Dich nicht,“ ſchrie er laut,„mein holdes Täubchen! Ich denke, wir haben lange genug mit einander Comödie geſpielt. Wozu die Verſtellung?“ So ging er, oder er wankte vielmehr mit offenen Armen auf ſie zu, bereit, wie es ſchien, im Nothfalle von 171 der brutalen Gewalt Gebrauch zu machen. Die einzige Thüre, durch welche ſie vor ſeiner Raſerei fliehen konnte, führte in das Cabinet, wo ſich Eſſling befand, ſie war verſchloſſen. Bedurfte es noch eines Beweiſes für das Einverſtändniß ihres Mannes mit dem Baron? Sie ließ ſich jedoch nicht zurückhalten und pochte laut und heftig, während der Baron ſie zu hindern ſuchte. „Wozu der Skandal?“ fragte er, indem er ſie zu beſchwichtigen ſuchte.„Sie machen nur unnützes Aufſehen und morgen ſind wir das Gerede der ganzen Welt.“ „Was kümmert's mich.“ „Sie ſind dann compromittirt und Ihr Mann dazu.“ „Ich fürchte mich nicht. Ohnehin ſoll die Welt Ihr Betragen erfahren, Herr Baron!“ Dieſe Sprache verfehlte nicht gänzlich die Wirkung auf den Bethörten; eine Ahnung überkam ihn, daß er zu weit gegangen, daß Antonie mit ihrem Gatten nicht ein⸗ verſtanden ſein dürfte. Er hielt es daher für gerathen, einen andern Ton anzuſtimmen. Statt, wie bisher, ge⸗ bieteriſch ihre Liebe zu fordern, bat, flehte und ſchmeichelte er, indem er ſein früheres Benehmen mit der Gewalt ſeiner Leidenſchaft für ſie zu entſchuldigen verſuchte. Seine Aus⸗ drücke wurden gewählter, ſeine ganze Haltung gemeſſener. Aber ſeine Schmeicheleien verfehlten eben ſo ihren Zweck, wie ſeine früheren Drohungen. 172 „Gehen Sie, verlaſſen Sie mich!“ rief ſie entrüſtet. „Nur unter dieſer Bedingung, daß Sie mich von Ihrer Gegenwart befreien, will ich vergeſſen, was geſchehen iſt.“ „So kann Sie nichts verſöhnen. O! hören Sie mich an, Antonie! Ich liebe Sie bis zur Raſerei. Was hindert Sie, mir anzugehören? Sie haben ſich überzeugt, daß Ihr Mann auf Ihren Beſitz vollkommen verzichtet hat. Ja, er iſt Ihrer nicht werth. Trennen Sie ſich von ihm, ich biete Ihnen meine Hand, wenn Sie unter keiner andern Bedingung die Meinige werden wollen.“ „Ihre Anträge beſchimpfen mich nur.“ Unwillig wandte ſie ſich ab, doch grade ihr Wider⸗ ſtand reizte ihn noch mehr. „Und ich will und muß Sie beſitzen,“ ſchrie der Ra⸗ ſende,„koſte es mein Leben, meine Seligkeit.“ Er umſchlang die Widerſtrebende, deren Schreien er mit ſeinen Küſſen zu erſticken ſuchte. Mit dem letzten Aufwande ihrer ſinkenden Kraft ſtieß ſie ihn zurück und gewann das Fenſter, welches ſie mit einem raſchen Griffe öffnete. „Kommen Sie nicht näher,“ rief ſie in entſchloſſenem Tone,„oder ich ſtürze mich herab und mache Sie zu meinem Mörder.“ Ueberraſcht und von Furcht ergriffen, taumelte der 173 Baron, welcher ihr nachgeeilt war, vor dieſer Drohung zurück.— In demſelben Augenblicke erſchien Eſſling in der Thür des Cabinettes, indem er die Contracte in der Hand hielt. „Was iſt hier geſchehen?“ fragte er mit heuchleri⸗ ſcher Miene. „Du weißt es, Elender!“ rief ihm die beleidigte Frau entgegen. „Sie haben mich betrogen!“ donnerte der Baron. Er war entlarvt, trotzdem er ſeine Unſchuld zu be⸗ haupten wagte. Sie hörte nur mit einer unſäglichen Ver⸗ achtung ſeine Vertheidigung an, während Wallenberg mit geballten Fäuſten vor ihm ſtand. „Ich werde gehen,“ ſagte Antonie kalt.„Geben Sie ſich weiter keine Mühe, Ihr Benehmen zu rechtfertigen. Zum letzten Male habe ich mich täuſchen laſſen.“ „Und was wollen Sie thun?“ fragte Eſſling verlegen. „Ich werde mich zu meinen Eltern begeben und auf Scheidung antragen.“ „Ohne meine Erlaubniß dürfen Sie das Haus nicht verlaſſen.“ —————— 174 „Wagen Sie es, mich zurückzuhalten, wenn Sie den Muth beſitzen.“ Außer ſich über ihre Feſtigkeit, wollte Eſſling ſich auf Antonien mit erhobenen Armen losſtürzen, um ſie vielleicht zu mißhandeln; als er ſich plötzlich von der ſtarken Hand des Barons gefaßt fühlte. Der Rauſch, von welchem dieſer befallen war, hatte vor der Gewalt der Ereigniſſe weichen müſſen und mit dem klareren Bewußtſein kehrte ihm auch die urſprünglich edlere Geſinnung wieder. Mit den Weindünſten wichen auch die böſen Geiſter und der Edelmann regte ſich in ihm. Ueber ſeine eigene Handlungs⸗ weiſe tief beſchämt und voll Reue, empörte ihn um ſo mehr Eſſling's Abſicht, dem wehrloſen Weibe mit aufge⸗ hobener Fauſt zu drohen. „Zurück!“ ſchrie er dem wüthenden Eſſling entgegen. „Ihre Frau ſteht unter meinem Schutz. Wehe Ihnen! Wenn Sie ſie nur mit einem Finger zu berühren wagen. Sie haben uns Beide hintergangen.“ Ohnmächtig knirſchte der Feigling mit den Zähnen, da er nicht den Muth beſaß, einem Manne entgegen zu treten. „Fürchten Sie nichts!“ ſetzte jetzt der Baron zu Antonien gewendet hinzu.„Ich gebe Ihnen mein Ehren⸗ wort, daß ich Ihr Vertrauen, um das ich mit Beſchämung 175 bitte, durch kein unerlaubtes Wort, keine Miene ferner kränken will. Glauben Sie an meine aufrichtige Reue und Beſſerung. Ich habe Sie und die Würde der Frauen durch Sie wieder achten gelernt. Können Sie mir vergeben?“ „Von ganzem Herzen,“ flüſterte ſie erſchöpft. „Wohlan! So beweiſen Sie mir Ihre Verzeihung durch die That. Reichen Sie mir Ihren Arm; ich ſelber werde Sie, da es ſchon ſpät iſt, führen, wohin Sie be⸗ fehlen.“ Ohne zu zögern gab ſie ihm die Hand, welche der Baron ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen führte. „Und nun wird dieſer Menſch Ihnen wohl die Er⸗ laubniß geben, ſein Haus für immer zu verlaſſen.“ Mit einer ſpöttiſchen Verbeugung gegen Eſſling, führte der Baron Antonien durch die Thür, ohne daß ihn dieſer zu hindern wagte. Nur ein leiſer Fluch, den er vor ſich hermurmelte, begleitete die Scheidenden. 7. ——õ———— Zehntes Capitel. Es war bereits tiefe Nacht, als Antonie, von dem Baron geleitet, in das Haus ihrer Eltern trat. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie zu Wallenberg,„und werde den mir geleiſteten Dienſt niemals in meinem Leben vergeſſen.“ „Ich bin belohnt genug,“ erwiederte er,„wenn Sie mein früheres Betragen mir vergeben können.“ „Von ganzem Herzen. Sie haben wie ein Ehrenmann gehandelt.“ Tief erſchüttert nahm der Baron von ihr Abſchied, nachdem er ſie in Sicherheit gebracht hatte. Sie fand ihre Eltern noch wach und nicht wenig erſtaunt, ſie zu ſo ſpäter Stunde zu ſehn. Mit kurzen Worten benachrichtigte ſie dieſelben von den ſtattgefundenen Ereigniſſen. „Ich werde nie,“ ſchloß ſie ihre Rede,„zu meinem unwürdigen Gatten zurückkehren.“ „Bedenke,“ antwortete der Vater,„den Skandal, der mit einer Scheidung verbunden iſt. Außerdem wird es nicht ſo leicht ſein, Dich von Eſſling zu trennen.“ 177 „Keine Gewalt der Erde kann mich zwingen, mit einem Nichtswürdigen zu leben.“ „Du biſt heute zu aufgeregt. Guter Rath kommt über Nacht.“ Antonie beharrte auf ihrem Entſchluß, ſie ſprach un⸗ verholen und energiſch ihre Abſicht aus, ohne auf die fer⸗ neren Einwürfe der Ihrigen zu hören. Herr Brandeis fürchtete vor Allem das Aufſehn eines Prozeſſes, der mög⸗ licher Weiſe ſeinem Kredit ſchaden konnte. Auch die Mutter ſuchte ſie ſanfter zu ſtimmen und ihr den Vorfall in einem milderen Lichte vorzuſtellen. Im Innern waren Beide jedoch tief betrübt; ihre Berechnungen hatten ſie getäuſcht. Statt das Glück ihrer Tochter zu begründen, hatten ſie dieſelbe dem Elend aus⸗ geſetzt.— In den folgenden Tagen war in der Haupt⸗ ſtadt von nichts Anderem die Rede, als von der bevor⸗ ſtehenden Scheidung Antonien's. Die Klatſchſchweſtern und beſonders Fräulein Mühlenberg fanden eine will⸗ kommene Gelegenheit, ihre ſpitzen Zungen gehen zu laſſen. Sie bemächtigten ſich des ſchönen Stoffes, den ſie nach ihrer Weiſe ausſchmückten und mit Zuſätzen verſahen. Bald verbreiteten ſich allerlei ehrenrührige und gemeine Gerüchte auf Antonien's Koſten. Es hieß allgemein, daß ſie mit dem Baron von Wallenberg eine Liaiſon angeknüpft 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 1² 178 und von dieſem entführt worden ſei. Eſſling ſpielte den gekränkten und getäuſchten Ehemann in meiſterhafter Weiſe und hütete ſich, die Wahrheit zu ſagen. Dieſe Verleum⸗ dungen gelangten auch endlich auf verſchiedenen Umwegen zu Volten's Ohren; er war im höchſten Grade verletzt und aufgeregt. Julie indeß war ſogleich herbeigeeilt und hatte aus Antonien's eigenem Munde die ſchmähliche Behandlung erfahren, die ſie von ihrem Gatten erlitten. Sie verthei⸗ digte mit der ihr eigenen Energie die Unſchuld der Freun⸗ din bei jeder Gelegenheit und es gelang ihr auch, Bolten von ſeinem Irrthum abzubringen, obgleich Antonie ihr das Verſprechen abgenommen, ihm grade den wahren Grund ihrer Trennung nicht zu ſagen, weil ſie ſich der erbärmlichen Rolle ſchämte, die ſie gezwungen dabei ſpielen mußte. Einſtweilen fand die Unglückliche eine Zuflucht in dem Hauſe ihrer Eltern, aber auch nicht mehr. Sie waren entſchieden gegen jede Scheidung und da Antonie noch nicht das geſetzmäßige Alter der Majorennität erreicht hatte, ſo waren alle Schritte, die ſie thun wollte, ſo gut wie vergeb⸗ lich, wenn ihr Vater ſich nicht damit einverſtanden erklärte. In einem heuchleriſchen Briefe, der mit bewunderungs⸗ würdigern Schlauheit geſchrieben war, forderte ſie Eſſling halb bittend und halb drohend auf, zu ihm zurückzukehren. Sie würdigte ſein Schreiben keiner Antwort und wartete ruhig ſeine ferneren Schritte ab, indem ſie mit der Zeit die — — 179 Zuſtimmung ihres Vaters zur Löſung ihrer unglücklichen Ehe erwartete. So lebte ſie in ſtrengſter Zurückgezogen⸗ heit; nur die treue Julie ließ ſich von Zeit zu Zeit ſehn, während ſie von ihren früheren Bekannten gemieden wurde, als hätté ſie ein ſchweres Verbrechen begangen. Es iſt dies keine ungewöhnliche Erſcheinung, daß die Welt in ähnlichen Fällen meiſt auf Seiten des Mannes ſteht und nur zu ſehr geneigt iſt, die unſchuldige Frau zu verdammen. Antonien's Zurückgezogenheit ſelbſt wurde übel gedeutet und wie ein halbes Eingeſtändniß ihres Vergehens betrachtet, während Eſſling mit frecher Stirn ſich öffentlich beklagte und alle theilnehmende und mitleidige Seelen, beſonders unter den Weibern, für ſich zu gewinnen wußte. Grade die Frauen ſind bei ſolchen Gelegenheiten am erſten bereit, den Stein auf ihre Mitſchweſter zu werfen, zumal wenn dieſelbe ſchön und liebenswürdig iſt, wie Antonie es war. Obgleich dieſe das volle Bewußtſein ihrer Reinheit in ſich trug, ſo wurde ihre Lage dadurch weſentlich verſchlimmert und ſelbſt ihre eigenen Eltern, die doch von Allem eſſer unterrichtet waren, ließen ſich von dem Urtheil der Welt gewiſſermaßen be⸗ ſtimmen. Sie begegnete in ihrem Hauſe mißmüthigen Geſich⸗ tern, verſtimmten Gemüthern; es fehlte nicht an Kränkun⸗ gen und Anſpielungen verletzender Art für ſie.— Die von ihr beabſichtigte Scheidung, welche ſich durch den Wider⸗ willen ihres Vaters von Tag zu Tag verzögerte, wurde 12* 180 noch von anderer Seite bedroht und angegriffen. Das neue Ehegeſetz, mit deſſen Abfaſſung der Geheimrath Bolten betraut wurde, war endlich ſo weit gediehn, daß es den Kammern vorgelegt werden konnte. Die Verhandlungen hatten bereits begonnen und da der Gegenſtand von dem höchſten Intereſſe war, ſo erregte er auch eine allgemeine Betheiligung. Nur mit Mühe und durch beſondere Verwendung konnte man ein Billet erlangen; die Gallerie und Zuhörerräume waren ſtets be⸗ ſetzt und der Andrang des Publikums wuchs mit jedem Tage. Niemand folgte indeß wohl mit größerer Spannung dem Ausgange als Antonie, deren Schickſal hier entſchieden wurde. Erhielt das Geſetz die Zuſtimmung der Volksver⸗ treter, ſo war ihr jede Hoffnung benommen, das ihr ver⸗ haßte Band zu löſen. Sie befand ſich in einem Zuſtande der höchſten Aufregung, um ſo mehr da ſie wußte, daß Bolten mit ſeinem ganzen Talente und mit ſeiner bewun⸗ derungswürdigen Beredtſamkeit die Vertheidigung des Geſetzes übernommen hatte. Die Zeitungen und ſelbſt die Blätter der Oppoſition waren voll Anerkennung und Bewunderung für den ausgezeichneten Redner. Mehrere beſchränkende Paragraphen hatten bereits lediglich durch ſeine geiſtreichen Worte die Billigung der Kammern er⸗ halten und es war kein Zweifel mehr, daß er das ganze 181 Geſetz bei der Schlußdebatte durchbringen würde. Seine Siege indeß machten ihm wenig oder gar keine Freude; er dachte unwillkürlich an Antonie, für die er nun auf dieſe Weiſe die unauflöslichen Ketten noch feſter ſchmiedete. Er ſelbſt zerſtörte ſein eigenes Glück, indem er in der Stille wohl die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, die reizende Frau, wenn ſie erſt wieder frei wäre, zu beſitzen. Während er aber als Redner und Politiker einen Triumph nach dem andern feierte, zertrümmerte er mit ſeinen Händen das Gebäude ſeiner ZInkunft. Es blieb ihm keine Wahl; er mußte die einmal übernommene Pflicht gegen ſeinen Willen thun. Trotzdem Julie der Freundin Stillſchweigen gelobt hatte, ſo konnte ſie es doch nicht ertragen, Antonie von dem Geheimrath verkannt zu wiſſen. Sie hatte ihm Alles geſagt, oder vielleicht, um ihrem Verſprechen treu zu bleiben, ſich nach und nach die Wahrheit entlocken laſſen. Er wußte ſomit, daß ſie unſchuldig, daß Eſſling der erbärmlichſte Menſch auf Erden ſei. Nichtsdeſtoweniger war er ge⸗ zwungen, die geliebte Frau durch ſein Talent und ſeine eigenthümliche Stellung zu verderben und für immer der Willkür des verhaßten Gatten Preis zu geben. Jeden Tag verwünſchte er ſeine glänzenden Erfolge und während ihn die Welt bewunderte, verachtete er ſich ſelbſt und ſeine Siege. Wie oft bereute er jetzt, den Auftrag des Miniſters übernommen zu haben; er zürnte über ſeine Schwäche und. 182 Nachgiebigkeit in dieſer Beziehung; daß er nicht den Muth gehabt, ſeinem Vorgeſetzten gegenüber entſchieden abzu⸗ lehnen. Dazu kam noch, daß er in Widerſpruch mit ſeinen eigenen Ueberzeugungen gerieth und eine Sache öffentlich ver⸗ theidigte, die er im Stillen nicht billigen konnte. Seine An⸗ ſichten hatten ſich nach und nach gänzlich geändert; aus einem Gegner der Eheſcheidungen und Vertheidiger der ſtrengeren Geſetze, war er ein Anhänger der milderen Praxis geworden, nicht aus egoiſtiſchen Gründen, ſondern weil ihm ſeine Er⸗ fahrung eines Beſſeren belehrt hatte. Antonien's Fall warf alle ſeine bisherigen allgemeinen und abſtracten Sätze über den Haufen. Die Mißhandlungen und geiſtigen Leiden des edlen, unglücklichen Weibes ſchrieen nach ſeiner Mei⸗ nung dringend und laut genug um Abhülfe. Hier fand er die gewichtigſten Gründe, welche ſeine frühere Ueberzeugung vollkommen zu Schanden machten. Nicht den Leib ſondern die Seele, das Herz und alle edlen Eigenſchaften einer Frau ſah er jetzt der vohen Gewalt eines nichtswürdigen Mannes hingeopfert. Was war eine körperliche Mißhandlung, ein brutaler Fauſtſchlag gegen dieſe fortwährende geiſtige Vergiftung und den moraliſchen Todtſchlag, den Eſſling an ſeiner Gattin zu vollführen verſuchte? Durften der Staat und die bürgerliche Geſellſchaft ein derartiges Ver⸗ brechen nicht nur ruhig dulden, ſondern hegen und noch durch ihre Geſetze gleichſam ſanktioniren und beſchützen?— —— O— 183 Von ſolchen Gedanken wurde Bolten beſtürmt, während er ſich durch ſeine eigenthümliche Lage genöthigt ſah, im Wi⸗ derſpruche mit ſich ſelbſt, auf dem einmal betretenen Wege fortzugehn. Wollte er nicht ſeine ganze Stellung auf's Spiel ſetzen, ſo blieb ihm nichts übrig, als eine Sache zu vertheidigen, die er für ſeine Perſon aufgegeben hatte; nur um den Pflichten ſeines Amtes nachzukommen, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich für immer elend zu machen.— Bis⸗ her hatte Antonie ſich nicht entſchließen können, den Ver⸗ handlungen, welche ſie ſo nahe angingen, beizuwohnen, trotzdem ſie von Julie vielfach dazu aufgefordert worden war. Am letzten Tage, wo noch einmal über das ganze Geſetz abgeſtimmt werden ſollte, nachdem die einzelnen Paragraphen angenommen waren, gab ſie endlich dem Dringen der Freundin nach. In Begleitung derſelben betrat ſie den Saal, worin ſich die Volksvertreter verſam⸗ melten. Julie war durch Bolten ſelbſt mit den nöthigen Billets verſehn; ſo daß ſie einen der beſten Plätze auf der Tribüne, grade gegenüber der Rednerbühne, fanden und zwar in erſter Reihe dicht an der Brüſtung. Der Zuſchauer⸗ raum war zum Erſticken angefüllt und Antonie fand ſo manche alte Bekannte, die entweder ſie jetzt nur kalt, oder gar nicht begrüßten. Sie achtete nicht darauf, wie ſie es wohl ſonſt gethan hätte; denn ihre ganze Aufmerkſamkeit war hauptſächlich auf die heutige Schlußverhandlung ge⸗ 184 richtet.— Am Miniſtertiſch ſaßen bereits ſämmtliche Mit⸗ glieder und Würdenträger der Regierung, auf den Bänken die Deputirten, welche eine ungewöhnliche Aufregung zeig⸗ ten. Der Gegenſtand war von höchſter Wichtigkeit; man wußte, daß ſich der König ſelbſt äußerſt lebhaft für das Geſetz intereſſirte. Wie bei jeder bedeutenden Debatte, herrſchte ein Leben und Treiben in den verſchiedenen Parteien, das an das laute Summen eines Bienenſtocks gemahnte. Plötzlich ertönte die Glocke des Präſidenten und es trat eine tiefe Stille ein. Die Wogen beruhigten ſich und alle Anwe⸗ ſenden folgten mit ungeſtörter Aufmerkſamkeit der begin⸗ nenden Sitzung. Mehrere der eingeſchriebenen und früher gemeldeten Redner vertheidigten oder griffen von ihrem Standpunkte bald mit mehr, bald mit weniger Geiſt, mit größerem oder geringerem Beifall das Geſetz in ſeiner Totalität an. Es wurde auf Schluß der Debatte ange⸗ tragen; zuvor ertheilte der Präſident noch einmal Bolten, der die Stelle des Regierungskommiſſarius verſah, das Wort. Er begann; eine lautloſe Stille herrſchte in dem ganzen, großen Saale, nur von Zeit zu Zeit durch die Aus⸗ brüche des Beifalls unterbrochen. Selbſt die Gegner konn⸗ ten dem ausgezeichneten Redner nicht ihre Bewunderung verſagen und wider Willen ſahen ſie ſich heute mehr als je gezwungen, ſein Talent anzuerkennen. Einmal angeregt — — — — 185⁵ und nachdem er gewaltſam den Widerſpruch in ſeinem In⸗ nern überwunden, entwickelte er zuerſt mit einer ausgezeich⸗ neten Klarheit alle Gründe, welche zu Gunſten des Geſetzes ſprachen; ſpäter berückſichtigte er die Einwände der Gegner, indem er dieſelben durchaus nicht leicht nahm, ſondern mit der größten Unparteilichkeit ſo ſtart hervorhob, als dieſe ſelbſt es nur wünſchen konnten. Er ließ auch dem Feinde und deſſen Anſprüchen volle Gerechtigkeit widerfahren, ja er verweilte ſogar bei dieſen Einwürfen faſt länger als dies nöthig war und häufte immer von Neuem gewichtige Angriffe und Schwierigkeiten gegen das Ehegeſetz, um ſie dinen um ſo glänzender zu bekämpfen. Wie es häufig zu geſchehen pflegt, hatte der Redner ſich ſelbſt in einen Eifer hineingeſprochen, der ihm keineswegs natürlich war; er ließ ſich von ſeinem Gegenſtande hinreißen, obgleich dieſer bereits nicht mehr mit der vollen Ueberzeugung der Wahr⸗ heit ihn ergriffen hatte. Bolten befand ſich in jenem eigenthümlichen rauſchartigen Zuſtande, worin den Schau⸗ ſpieler, oder den Künſtler überhaupt, der Anblick eines großen Publikums, der Beifall der Menge, die Auf⸗ regung, womit jede öffentliche Leiſtung mehr oder minder verbunden iſt, zu verſetzen pflegen. Eine ihm ſelbſt unbe⸗ kannte und fremde Kraft ſchien aus ihm zu ſprechen, die Worte flogen ihm zu, die Sätze reihten ſich mit zwingender Logik an einander, ohne ſein Zuthun, faſt ohne ſeinen Willen. 186 Niemals hatte er glänzender und überzeugender geredet, ohne ſelber überzeugt zu ſein. Sein Gönner, der Juſtiz⸗ miniſter, nickte ihm Beifall zu, die Verſammlung applau⸗ dirte ihm, die Zuſchauer auf der Tribune folgten mit athemloſer Spannung ſeinem Vortrage. Selbſt Antonie konnte ſich des Zaubers nicht erwehren und lauſchte mit Entzücken ſeinen Worten, die ihren eigenen Ruin voll⸗ endeten.— Plötzlich aber trat eine unerklärliche Wendung ein; mitten in ſeiner Rede verwirrte ſich Bolten und häufte Widerſprüche auf Widerſprüche. Mit derſelben unerbitt⸗ lichen Schärfe und geiſtigen Tiefe, mit der er bisher ſein Syſtem und die Maßregeln der Regierung vertheidigt hatte, griff er daſſelbe zum Erſtaunen der Zuhörer an. Er kehrte die eigenen Waffen gegen ſich und glich dem Pro⸗ pheten, der gekommen war, um zu fluchen und ſtatt deſſen ſegnete. Alle Welt war beſtürzt, man ahnte ein Geheim⸗ niß, ein unerklärliches Räthſel. Bolten hatte zufällig ſeine Blicke nach der Tribune gerichtet und Antonien bemerkt; er war von dem ängſtlichen Ausdrucke, dem tiefen Leidens⸗ zuge ihres bleichen Geſichtes wunderbar ergriffen und er⸗ ſchüttert worden. In ihren Mienen glaubte er einen ſtillen Vorwurf zu leſen, ihr Auge ſchien bittend und klagend auf ihn gerichtet zu ſein. Seine Sinne verwirrten ſich; er ſah nur Sie, er dachte nur an die Qualen, welche er ihr be⸗ reiten mußte. Die Lüge, in die er ſich verſtrickt, der Zwie⸗ — — 187 ſpalt ſeines Innern waren mit einem Male geſchwunden. Und hätte es ſein Leben gekoſtet, er konnte nicht anders. Was waren Rang, Anſehen, Beförderung und ſeine ganze Stellung in dieſem Moment, wo er die theure Freundin durch ſeine Schuld leiden ſah? Die Schuppen fielen von ſeinen Augen, die Nebel des Ehrgeizes ſchwanden; er wollte Alles daran ſetzen, um Antonien frei zu machen, um die Geliebte zu beſitzen. Unter ſteigender Aufregung der Ver⸗ ſammlung ſprach er fort und fort, ſeine eigenen Gründe widerlegend, ſich ſelbſt bekämpfend und im ſchnellen Wechſel ſeine bisherige Rolle tauſchend. So groß aber war die Gewalt, welche er über ſeine Zuhörer ausübte, daß ſie athemlos und ohne Unterbrechung ihm folgen mußten. Die Miniſter ſahen ſich beſtürzt an, die eigene Partei war verwirrt und die Gegner jauchzten ihrem ungehofften Bundesgenoſſen lauten Beifall zu. Mit einer bewunde⸗ rungswerthen Kunſt fand er den ſchwierigen Uebergang von einem Extrem zum andern; ergreifend ſchilderte er den Zuſtand einer unglücklichen Ehe, den Zwang und die daraus folgenden Qualen für beide Gatten, die Zerſtörung der Familie durch die drückenden Feſſeln eines ſteten Zu⸗ ſammenlebens, die Folgen einer Verbindung, welche ſtatt Liebe nur Haß und Verachtung zu ihrem Fundamente hat. Aus ſeinen Worten ſprach eine ſolche Ueberzeugung, eine Wahrheit, welche unwillkürlich dem Zuhörer einleuchten 188 mußte. Er berief ſich auf die tägliche Erfahrung und indem er ſein Gemälde durch treffende Züge und Beweiſe aus dem wirklichen Leben unterſtützte, weckte er das Echo in jeder Bruſt.— Als er geredet hatte, herrſchte die tiefſte Stille; der größte Triumph des Redners. Kein Beifalls⸗ zeichen ertönte; denn die Anweſenden waren zu ſehr er⸗ griffen; zu ſehr mit dieſem plötzlichen und unerklärlichen Wechſel beſchäftigt. Jedermann bemühte ſich, eine Löſung dieſes unerwarteten Ereigniſſes zu finden. Unter dem Eindrucke dieſer glänzenden Schlußrede, welche durch das Geheimnißvolle noch einen beſonderen Reiz erhielt, ließ der Präſident zur Abſtimmung ſchreiten. Das Reſultat war vorauszuſehen. Selbſt viele Anhänger der Regierung fielen im letzten, entſcheidenden Augenblick von ihr ab und das Geſetz wurde in ſeiner Totalität verworfen, trotzdem die einzelnen Paragraphen angenommen waren. Die Tri⸗ bunen und Gallerien, welche ſich bisher ſtumm verhalten hatten, brachen in einen lauten Beifallsſchrei aus und ließen Bolten hoch leben.— Der Präſident ſah ſich ge⸗ nöthigt, die Zuſchauerplätze räumen zu laſſen.— Am nächſten Tage waren die liberalen Zeitungen voll Aner⸗ kennung für den Regierungskommiſſar, der noch in der letzten Stunde in ihr Lager übergetreten und zur Er⸗ kenntniß gekommen war; wogegen die Regierungsblätter offen gegen den Abtrünnigen auftraten und auf ſeine Ent⸗ — — 189 fernung aus dem Staatsdienſte mit Ungeſtüm drangen. Kam es auch nicht zu dieſem Aeußerſten, ſo erfuhr er doch noch an demſelben Tage die Folgen ſeiner Handlungsweiſe. Ein Handſchreiben des Miniſters kündigte ihm ſeine Ver⸗ ſetzung in eine entfernte Provinz an, wohin er in eine ziemlich unbedeutende Stelle mit einem geringen Gehalte verbannt wurde. Keine Klage über ſeine vereitelten Hoff⸗ nungen und Ausſichten entſchlüpften ſeinen Lippen; mit männlicher Faſſung und Würde nahm er ſein Schickſal hin, indem er mit ſich ſelbſt zufrieden war. Die wenigen Tage, welche ihm noch vergönnt waren, in der Reſidenz zu verweilen, brachte er in Geſellſchaft ſeines Freundes, des Doctor Braun und deſſen Gattin zu. In ihrer Woh⸗ nung traf er auch noch einmal vor ſeiner Abreiſe mit Antonien zuſammen. Ihr feuchter Blick, der Druck ihrer zarten Hand, entſchädigten ihn hinlänglich für die Ungnade des Miniſters. Sie ſprach ihren Dank nicht in Worten aus, aber als er von ihr ſchied, nahm er das Bewußtſein mit, von ihr geliebt zu werden, wie noch nie ein Mann.— Endlich gab auch ihr Vater ihren Bitten nach und ertheilte ſeine Einwilligung zu der beabſichtigten Scheidung, welche ohne fernere Hinderniſſe vom Gericht auch eingeleitet wurde. Es war dies eine trübe Zeit für ſie. Das ganze Privatleben, die innerſten Geheimniſſe eines Frauen⸗ herzens, die geheimſten Gefühle und Handlungen werden 190 bei ſolch traurigen Gelegenheiten an das Tageslicht ge⸗ zerrt, von unberufenen Händen angetaſtet und der Ver⸗ leumdung, der gehäſſigſten Deutung Preis gegeben. An⸗ tonie litt unausſprechlich, nur der Gedanke ſchützte ſie vor Verzweiflung, endlich die verhaßte Verbindung gelöſt und ſich befreit zu ſehen. Während ihr Vater und gerichtlicher Beiſtand die ganze Angelegenheit mit läſſigem Wider⸗ willen betrieb, war der erbärmliche Gatte unerſchöpflich in Ränken, Ausflüchten und Hinderniſſen. Er ſcheute ſich nicht, ſelbſt vor Gericht die beleidigendſten Anſchuldigungen vorzubringen. Mit kalter Berechnung häufte er Kränkung auf Kränkung, Schmähung auf Schmähung, um Antonien hier ſowohl wie in der öffentlichen Meinung vollends zu Grunde zu richten. Er erlangte wenigſtens ſo viel dadurch, daß ſich der Prozeß über Gebühr in die Länge zog und die Unglückliche täglich neue und bittere Schmerzen um ſeinetwillen erdulden mußte. Noch war kein Ende abzu⸗ ſehen, als ein neues Ereigniß den verwirrten Knoten mit einem Male löſte. Die zügelloſen Ausſchweifungen, welchen Eſſling ſich von jeher und beſonders in letzter Zeit ergeben, hatten ſeine Geſundheit vollends zerrüttet. Ein krebs⸗ artiges Geſchwür, das immer mehr und ſchnell um ſich griff, warf ihn auf das Krankenlager. Die Aerzte erklärten ſein Uebel für unheilbar und er ſelbſt fühlte die Wahrheit ihres Ausſpruchs. Von den Qualen der Hölle ergriffen, 191 ohne Schlaf bei Tag und Nacht, blaſirt und erſchöpft im höchſten Grade; außerdem von einem unausbleiblichen Bankerotte bedroht, reifte ein fürchterlicher Entſchluß in ſeiner Seele. Das Leben hatte keinen Reiz für ihn; es war ihm durch eigne Schuld zur Laſt geworden. Für ihn gab es keine Freude, keinen Genuß, die er nicht bereits bis zur Hefe geleert. Zu feig, ein ſolches Daſein länger zu ertragen, brütete er über Selbſtmord; aber Tage und Wochen vergingen, ehe er den Entſchluß zur That werden ließ. Es war ein lang hingezogener Todeskampf voll furchtbarer Verzweiflung und grauenhafter Selbſtvernich⸗ tung. Heute faßte er neue Hoffnung, wenn ſeine unſäg⸗ lichen Schmerzen nur ein wenig milder ſchienen, morgen raſte er wieder und ſtieß die entſetzlichſten Verwünſchungen gegen ſich und die Welt aus. Furcht vor dem Tode und Ekel vor dem Leben erhielten ihn in fortwährendem Schwanken und in einer verlängerten Agonie; er vermochte weder zu leben, noch zu ſterben; bis endlich ſeine Leiden einen unerträglichen Höhepunkt erreicht hatten. Sobald einmal der Gedanke feſt in ſeiner Seele ſtand, ging er an die Ausführung deſſelben, mit einem Raffinement und einer Verſtocktheit, die vollkommen ſeines verdorbenen Charakters und Herzens würdig waren. Selbſt den letzten Augenblick dieſes jämmerlichen Daſeins benutzte er, um ſeinen Haß zu befriedigen. Mit ſchlauer Berechnung ſchrieb 192 er einen Brief, worin er Antonien als die eigentliche Ur⸗ ſache ſeines Todes anſchuldigte, indem er vorgab, nur aus Verzweiflung über ihre Liebloſigkeit und ihr ſtrafbares Benehmen ſich das Leben nehmen zu wollen. Das Schrei⸗ ben legte er auf ſeinen Arbeitstiſch, wo es am nächſten Tage gefunden werden mußte. Durch die Veröffentlichung deſſelben hoffte er ſeiner Frau für immer in der öffent⸗ lichen Meinung zu ſchaden und den Fluch der allgemeinen Verachtung auf ihr ſchuldloſes Haupt zu laden. Ein letztes Lächeln der Schadenfreude verzerrte das entſtellte Geſicht, wenn er an die Folgen ſeiner Rache dachte. Hierauf wußte er unter irgend einem Vorwande ſeinen Bedienten zu ent⸗ fernen, der die Stelle eines Krankenwärters bei ihm zu⸗ gleich verſah. Sobald derſelbe gegangen war, ſchenkte er aus einer bereit ſtehenden Flaſche ſich mehrere Gläſer Champagner ein, die er ſchnell hintereinander hinunter ſtürzte. Er bedurfte einer ſolchen künſtlichen Stärkung, dieſes berauſchenden Mittels, um ſeine zitternden Nerven und Lebensgeiſter zu beleben. Noch einen Blick warf er auf ſeine Umgebung, dann griff er zu dem Piſtol, das ver⸗ borgen in einem Schubfach ſeines Bureaus lag. Ein Schauer faßte ihn, als er den Hahn ſpannte und in die dunkle Mündung ſah. Zweimal legte er die Waffe wieder fort, da ihm der Muth fehlte. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm ein todtenbleiches Geſicht, das ſeiner Angſt zu 193 ſpotten ſchien. Er ſtieß ein gräßliches Gelächter aus und griff zum drittenmal nach dem Piſtol, das er an ſeine Stirn, wie zum Verſuche, ſetzte. Ein faſt willenloſer Druck mit dem Finger und der Elende hatte geendet.— Ein Jahr mochte ſeit dieſer Kataſtrophe vergangen ſein, als Antonie Bolten ihre Hand reichte. In einer kleinen Vorſtadtkirche fand die Trauung ſtatt, bei welcher Niemand zugegen war als Doctor Braun mit ſeiner Gattin und— Baron Wallenberg, der in jener verhängnißvollen Nacht ſich die Achtung der edlen Frau wieder zu gewinnen wußte. An demſelben Abend reiſte das Ehepaar nach ſeinem Beſtimmungsorte ab, einer kleinen Provinzialſtadt, wo Bolten die beſcheidene Stelle eines Gerichtsdirectoͤrs bekleidete. Sein Nachfolger, als vortragender Rath im Miniſterium, wurde Aſſeſſor Hillebrand, der die Tochter ſeines hohen Vorgeſetzten glücklich als Gatte heimgeführt hatte. Bolten beneidete ihn nicht, glücklich im Beſitze ſeiner Geliebten. „Wird es Dir auch,“ fragte er ſie beim Eintritt in ſeine Wohnung,„in dieſen kleinen und beſchränkten Ver⸗ hältniſſen gefallen?“ „Du kannſt noch fragen?“ antwortete ſie.„Ich habe nicht umſonſt die Schule des Lebens kennen gelernt. Das wahre Glück beruht nicht auf Reichthum, Rang und Stel⸗ 1858. XIV. Neue Stadtgeſchichten. I. 13 194 lung; nur die Liebe giebt dem Daſein einen Werth. Alles Uebrige iſt eitel und vergänglich.“ „Du haſt Recht, meine theure Freundin! Wohl Dem, der noch zeitig genug zu dieſer Erkenntniß gekommen iſt, wie wir Beide.“. Feſt und innig ſchmiegte ſich Antonie an den Mana ihrer Wahl, der ſie an ſich zog und einen innigen Kuß auf ihre ſchönen Lippen drückte. 1 Sie hatten keinen Grund, den gethanen Schritt zu bereuen und waren mit ihrem Schickſal zufrieden, das ſie auf mannigfachen Umwegen und durch manche Prüfung zum Ziele geführt hatte. Ende des ersten Cheils. — g— ſſſſff 5 1 uunn „ ſſſnſſſſſſſſſſſſſſſſſſinſſnſſfiſſe 14 8 9 10 11 12 13 ſſſſſſſſſiſſtnſinnntſiihin 6 17 18 19 4 1 7