„ ——— 8 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v 3 on.. Edugrd Oftmann in Gießen, 7 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — KLeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. b 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 2„ e 3„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— e 5 5 4 Verirrt und Erlöſt. 3 * Roman im zwei Baͤnden von Mar King. ——— Gotha:„ Hugo Scheube. 1855. J. An dem Ufer des Hallſtaͤdter See's hatte ſich eine zahlreiche Geſellſchaft eingefunden, um der ſelt⸗ ſamen Feier des Frohnleichnamstages auf dem Waſſer beizuwohnen. Das Staͤdtchen ſelbſt haͤngt bekanntlich nur an den ſo daß kein hinlaͤnglicher Raum fuͤr Plaͤtze und Straßen vorhanden iſt. Wie Schwal⸗ benneſter kleben die einzelnen Haͤuſer an den Bergen, eins uͤber das andere gebaut, terraſſenfoͤrmig empor⸗ ſteigend. Der ſteile Boden geſtattet keine Ausbrei⸗ tung und darum muͤſſen die aͤrmlichen Huͤtten immer hoͤher klimmen und ſich an die harte Felswand lehnen, welche ſie zwar vor den wilden Stuͤrmen ſchuͤtzt, ihnen aber auch den groͤßten Theil des Jahres das Licht der Sonne raubt. Es iſt ein wunderbarer Ahnblick, wie dieſe Haͤuschen Fiſchſchuppen aͤhnlich uͤber ein⸗ ander liegen, ſo daß die Thuͤr des oberen Nachbars oft geradezu auf das Dach der unteren Bewohner fuͤhrt. Daher erſcheinen von fern geſehn die verſchie⸗ 1. 1 — 2— denen Huͤtten gleichſam nur als die beſondern Stock⸗ werke eines einzigen, rieſig hohen Hauſes, deſſen Grundmauern von den Wellen des Sees beſpuͤlt wer⸗ den, waͤhrend das Dach die Spitzen der nackten Felſen uͤberragt. Nur die Naͤhe der großen Salz⸗ bergwerke, welche eine anſehnliche Ausbeute liefern, erklaͤrt es einigermaßen, daß ſich hier unter ſo un— guͤnſtigen Verhaͤltniſſen noch die Menſchen angeſiedelt haben, wo kaum die Ziegen fuͤr ſich und ihre Jungen hinreichende Nahrung finden. So eng und ſchmal ſind die Straßen und Gaͤßch w die zerſtreut liegenden Wohnungen verbind g ſie hoͤchſtens Fußpfade genannt werden koͤnnen. Der einzige groͤßere Platz in dem Staͤdtchen iſt der Kirchhof mit der aus dem fuͤnfzehnten Jahrhundert ſtammenden Kirche, ein ſchoͤnes, ſtattliches Gebaͤude, von dem aus man eine wundervolle Ausſicht auf den dunkel⸗ gruͤnen See genießt. Die meiſt armen Bewohner Hallſtadts ſind daher gezwungen, ihre groͤßeren Ver⸗ ſammlungen und Feſte auf dem Waſſerſpiegel zu feiern, der allerdings Raum genug ihnen darbietet. Kein Platz in der Welt laͤßt ſich aber mit dieſem wunder⸗ baren Saal vergleichen, der von maͤchtigen Geiſter⸗ haͤnden errichtet ſcheint. Als Waͤnde dienen die rie⸗ ſigen, roͤthlich ſchimmernden Felſenmauern, ſtatt der * — — 5 3 6— 8 Decke haͤngt der blaue Himmel daruͤber und der Boden i*ſt ein meilenlanger geſchliffener Kryſtall. Hier bege⸗ 1 hen die Hallſtaͤdter ihre Freudenfeſte, Kirchweih und Hochzeit, hier den Frohnleichnamstag, der beſonders andaͤchtig gefeiert wird, da ein großer Theil der Be⸗ voͤlkerung ſtreng katholiſch iſt. Zu dieſem in der That einzigen Schauſpiel eilen Jahr aus Jahrein die zahlreichen Badegaͤſte aus dem benachbarten Iſchl. Kaum reichen dann die wenigen . Kaͤhne hin, welche der Wirth der Goſaumuͤhle haͤlt, die an in des Sees und ungefaͤhr eine Stunde entfern Hallſtadt liegt.— Heute be— ſonders waren Schaaren von Neugierigen und viel⸗ leicht auch von Andaͤchtigen ſchon am fruͤhen Morgen angelangt. Alle etwa vorhandenen Fahrzeuge hatten ſich bereits entfernt. Die erwaͤhnte Geſellſchaft mußte ſich daher zum Warten bequemen. Da die Luft ſchwuͤl und druͤckend war, uͤberdies Schwaͤrme von Fliegen und Schaaren von Kindern das einzige Gaſt⸗ zimmer der Goſaumuͤhle unertraͤglich machten, ſo zo— gen es die Anweſenden vor, d draußen im Freien die Zeit bis zur Abfahrt zu verweilen. Die Geſellſchaft, welche aus mehreren Maͤnnern und Frauen beſtand, zaͤhlte zu den hoͤheren, ſie trug den unverkennbaren Stempel der exeluſiven Kreiſe. Dafuͤr ſprachen die 1* — — 4 8— zwar ungeſuchten aber eleganten Toiletten, die har⸗ renden Diener in goldſtrotzender Livree und die praͤch⸗ tigen Wiener Equipagen mit manchem alten aber auch neuen Wappen verſehn. Im Mittelpunkt dieſer Geſellſchaft ſtand ein ſeltſames Paar. Ein kleiner unterſetzter Mann von ungefaͤhr ſechzig Jahren fuͤhrte an ſeinem Arme eine junge Dame von uͤberraſchender Schoͤnheit. Beide bildeten faſt einen laͤcherlichen Con— traſt. Waͤhrend Er an eine wohlgelungene Karrika⸗ tur des trefflichen Punch erinnerte, glich das junge Maͤdchen einer antiken Statue verlaſſen, um unter den gewoͤhnlic morſchoͤn und marmorkalt zu wandeln. ſchien eher ein alter verliebter Geck zu ſein, der eifer⸗ ſuͤchtig ſeinen Schatz behuͤtet, als der Vater dieſer rei⸗ zenden Tochter, der er wirklich war. Boͤſe Zungen freilich zogen dieſe Verwandtſchaft ſtark in Zweifel und ſchrieben die aͤcht ariſtokratiſche Schoͤnheit Adol⸗ phinens den haͤufigen Beſuchen einer bekannten fuͤrſt⸗ lichen Perſon zu, welche in dem Hauſe des Herrn von Buſch und beſonders von Seiten ſeiner indeß verſtor⸗ benen Gemahlin ſtets eine außerordentliche Aufnahme genoſſen hatte. Durch die Verbindung mit dieſem ein⸗ tßreichen Beſchuͤtzer hatte Herr von Buſch ſich von einem unbedeutenden Lieferanten zu einem der groͤß⸗ —5b 5— ten Grundbeſitzer ſeines Landes emporgeſchwungen. Dabei wurde er eben ſo ſehr von ſeinem Gluͤck als von einem ausgezeichneten kaufmaͤnniſchen Inſtinct be⸗ guͤnſtigt. Herr von Buſch war kein ganz gewoͤhn⸗ licher Menſch, er beſaß einen angeborenen Scharf⸗ blick, einen durchdringenden Verſtand und ausgebildete Menſchenkenntniſſe, die er ſich in fruͤhſter Jugend ſchon erworben. Ohne dieſe Eigenſchaften waͤre er trotz der Protection ſeines Goͤnners nicht zu der hohen Stellung emporgeſtiegen, die er gegenwaͤrtig im Leben und in der Geſellſchaft zu behaupten wußte. Die Welt hatte laͤngſt ſeinen niedern Urſprung vergeſſen, ſelbſt die ſtrengſten Zirkel wagten ihm nicht den Zu⸗ tritt zu verſagen, als er einmal zum Freiherrn er⸗ nannt worden war. Es gab ſehr vornehme Damen, welche ſeine nicht empfehlenswerthe Phyſtognomie in⸗ tereſſant fanden und mancher Hochgeborene druͤckte ihm geheim und oͤffentlich die Hand. Waͤhrend der Vater gleichſam die ſtegreiche Macht des Geldes repraͤſen⸗ tirte, galt die Tochter als die unbeſtrittene Koͤnigin der Schoͤnheit und Grazie in den hoͤheren Kreiſen und Salons. Wow ſie erſchien, wurde ihr gehuldigt und ſelbſt die Frauen, welche in dieſem Punkt gewiß di ſchaͤrfſten Richterinnen ſind, geſtanden ihr, wenn auch mit allerlei ſtachligen Nebenbemerkungen, den Preis —o 6— der Vollendung zu. Mit Recht war daher Herr von Buſch auf eine ſolche Tochter ſtolz, durch deren An⸗ weſenheit ſein Haus einen neuen Glanz, ein Inter⸗ eſſe erhielt, welches er ihm mit ſeinen Millionen al⸗ lein nicht zu geben im Stande geweſen waͤre. Seine verzeihliche Eitelkeit und noch mehr ſeine weltmaͤn⸗ niſche Berechnung ſicherten Adolphinen einen faſt un⸗ bedingten Einfluß auf ihren Vater, wie auf ſeine Um⸗ gebung. Doch auch ferner Stehende und ſelbſt bedeu⸗ tende Perſonen konnten ſich dem Einfluſſe des Zau⸗ bers nicht erwehren, den ſie faſt wider ihren Willen ausuͤbte. Wo ſie ging und ſtand, zog ſie einen Schwarm von Verehrern und Anbetern nach, die ihr mehr oder minder gleichguͤltig waren. Sie bevorzugte Keinen nicht ein mal den Grafen Bangor, welcher als beruͤhmter Loͤwe bis jetzt kein Frauenherz vergebens beſtuͤrmte und der ſeit Monden ſchon ſich eifrig um ihre Gunſt bewarb. Fern von dieſer ariſtokratiſchen Geſellſchaft hielt ſich ein junger Mann, der erſt ſpaͤter eingetroffen war und zu den Uebrigen nicht zu gehoͤren ſchien. Sein Aeußeres verrieth eher den gewoͤhnlichen Fußreiſenden s den eleganten Badegaſt. Ein leichter Sommerrock von einfachen Stoff bekleidete ſeine kraͤftige Geſtalt, ein grober Strohhut beſchattete ſein gebraͤuntes Geſicht. — —5 7 6— Seine Fuͤße ſteckten in plumpen aber dauerhaften Ge— birgsſchuhen, die noch zum Ueberfluß oder aus Vor⸗ ſorge mit großen eiſernen Stiften beſchlagen waren. Auf dem Arm trug er an einem Lederriemen ein zu⸗ ſammengerolltes Tuch, wie es die Englaͤnder auf Rei⸗ ſen zum Schutz gegen ſchlechte Witterung mit ſich zu fuͤhren pflegen, waͤhrend er in ſeiner rechten Hand einen tuͤchtigen Wanderſtab von weißem Ahorn hielt. Nachlaͤſſig lehnte der Fremde an einem der Holz⸗ pfloͤcke, welche am Ufer zur Befeſtigung der Kaͤhne ſtanden. Von der Geſellſchaft unbeachtet, nahm auch er weiter keine Notiz von ihr, obgleich er nur wenige Schritte entfernt war. Weder ihr Lachen noch die lauten abgeriſſenen Worte, welche der Wind ihm zu⸗ fuͤhrte, ſtoͤrten ihn in ſeiner beſchaulichen Stellung. Ein anderes Schauſpiel nahm ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch. Er war zum erſten Mal in der Gegend, die er bewunderte. Sein Auge ſchweifte auf das gruͤnliche Gewaͤſſer, das zu ſeinen Fuͤßen ſpielte, auf die nackten Felſen, an welchen er den wunderba— ren Wechſel von Licht und Schatten beobachtete, je nachdem ein Sonnenſtrahl auf das roͤthliche Geſtein niederblinkte, oder eine dunkle Wolke uͤber die oͤden Gipfel ſtrich.— Der ſonnige Morgen hatte beſſeres Wetter verſprochen, als der Tag zu halten Willens —d 8— ſchien. Wie ſo oft im Hochgebirge war ein ploͤtzlicher Wechſel des Windes eingetreten. Zwar ſtand noch die Sonne in heißer Pracht und meiſt unverhuͤllt, aber der blaue Himmel war nicht mehr ſo ganz rein und klar wie noch kurz zuvor. Von den Spitzen und Kluͤften der Berge ſtieg hier und da ein feiner Nebel auf, der ſich hoch und hoͤher hob. Dunkle Wolken ballten ſich daraus am Horizont und die zunehmende elektriſche Spannung that ſich in der wachſenden Schwuͤle kund. Auf ſeinem Standpunkte konnte der Wanderer die drohende Veraͤnderung beſſer wahrneh⸗ men als die uͤbrige Geſellſchaft, da er eine freiere Aus⸗ ſicht genoß. Das neue Schauſpiel, welches ſich jetzt am Horizont darbot, beſchaͤftigte ihn ausſchließlich. Es war auch in der That ein praͤchtiger Anblick fuͤr einen Naturfreund, wofuͤr wir den Fremden halten muͤſſen. Die reizende Ausſicht, welche bisher ihm nach Iſchl zu frei ſtand, hatte ſich allmaͤlig mit einem dichten Flor umzogen. Dennoch war der Schleier nicht ſtark genug, um den noch immer maͤchtigen Sonnenſtrahlen zu wi⸗ derſtehn. Wo dieſe eindrangen, zerriß der Nebel immer von Neuem und ließ die darunter verborgene Pracht in doppelt uͤberraſchendem Zauber ſehn. Wie aus einem wogenden und wallenden Meere tauchte hier eine gruͤne Wieſe, dort ein dunkel ſchwarzer Fichten⸗ —— Feuerglut. Schnell wie der Blitz oder wie das gau⸗ Sonnenſchein uͤber Goſaumuhle und den benachbarten wald empor, bald eine kahle trotzige Felſenſtirn von einer Glorie wie ein ſtarrer Maͤrtyrer gekroͤnt, bald ein ſanft aufſchwellender Huͤgel ſchimmernd in gruͤner kelnde Spiel der dichteriſchen Phantaſie verſchwanden dieſe lachenden Bilder, um der vorigen Finſterniß zu weichen. Immer ſchwaͤcher wurde die Kraft der Son⸗ nenſtrahlen, immer ſeltener ihr Sieg uͤber den Nebel, der geſpenſtiſch weiter und weiter ſchritt, bis zuletzt nur noch ein einziger ſchimmernder Punkt in der Ferne ſichtbar blieb, ein gruͤner Juwel, die hochgelegene Matte, auf welche das ganze Licht vor ſeinem Schwinden noch eimnal in all ſeinem Glanze hernie⸗ derſtroͤmte. All dieſe Veraͤnderungen der Landſchaft, dieſes herrliche Spiel von Licht und Schatten, wie es nur in den hoͤheren Gebirgsregionen angetroffen wird, waren ſo allmaͤlig und unmerklich eingetreten, daß die uͤbrige Geſellſchaft kaum eine Ahnung von dem drohenden Ungewitter hatte, das ſich uͤber ihre Haͤupter zuſam⸗ menzog. Waͤhrend das fernere Iſchl bereits in Nebel eingeſponnen lag und die Berge, die es umgeben, nicht mehr ſichtbar waren, glaͤnzte noch der goldene Felſengruppen, welche ihre ſeltſamen Formen in dem —e 10— dunklen See wiederſpiegelten. Wie ſo oft das treuloſe Gluͤck am Schoͤnſten lacht, wenn es im Begriff ſteht, uns zu verlaſſen; ſo ſchimmerten auch jetzt hier die naͤchſten Punkte in hellem, faſt gleißenden Tagesglanz. Dieſe Beleuchtung hatte etwas Magiſches, Wunderba⸗ res. Die Gegenſtaͤnde und Perſonen erſchienen ver⸗ klaͤrt wie von einem uͤberirdiſchen Licht umfloſſen. War es nun Zufall oder eine noch unerklaͤrte Macht, welche in dieſem Augenblick den Fremden zwang Adolphinen anzuſehn. Sie war ihren Begleitern ein Wenig vor⸗ ausgeeilt, um nach den noch immer ſaͤumenden Kaͤh⸗ nen auszuſchaun. Der Unmuth uͤber dieſe unange⸗ nehme Verzoͤgerung belebte ihr ſonſt ruhiges Geſicht. So ſtand ſie am aͤußerſten Rande des Ufers weit vor— gebeugt. Die ſpielenden Wellen benetzten faſt den kleinen Fuß. Ihr glaͤnzendes Auge ſuchte in der Ferne die heimkehrenden Fahrzeuge. Einem Dichter oder Maler waͤre ſie in dieſem Augenblicke als das verkoͤrperte Bild der Sehnſucht oder Erwartung er⸗ ſchienen. Sie war in ihrem Eifer dem Fremden un⸗ bewußt ſo nahe getreten, daß ihn der Saum ihres ſeidenen Gewandes ſtreifte. Er mußte ſie anſehn. Faſt entſchluͤpfte ihm ein lauter Ausruf der Bewun⸗ derung, obgleich er ſonſt ſehr ruhig, ſehr beſonnen, ſelbſt ein Stuͤck von einem Philoſophen war. Er faßte —5 11— ſich jedoch bald wieder, wenn auch die Erſcheinung Adolphinens ihn ſo maͤchtig ergriffen hatte wie noch nie zuvor ein Weib. Kaum daß er noch zu athmen wagte, als fuͤrchte er, daß ein Hauch, ein Luͤftchen das reizende Bild wie ein Phantom entfuͤhren koͤnnte. Adolphine hatte keine Ahnung von dem Eindruck, den ſie ſo eben hervorgebracht, und wenn auch, ſie haͤtte nur uͤber die Vermeſſenheit des ſchlecht gekleideten Wanderers geſpottet, weil er es gewagt, ſein Auge zu ihr, der ſtrahlenden Sonne, emporzuheben. Jetzt blickte ſie aber nicht mehr nach den zoͤgernden Kaͤhnen, ſondern zu ihren Fuͤßen auf den dunklen See. Es war vielleicht der melancholiſche Geiſt, welcher auf dieſen Fluthen ruht, die druͤckende Schwuͤle der Luft oder eine truͤbe Erinnerung, welche ſie mit einem Male wie ein finſtrer Schatten uͤberflog. Die gluͤcklich geprieſene, angebetete und beneidete Adolphine ſeufzte, als ſie ſich allein glaubte, aus tie⸗ fer Bruſt. Etwas das einer Thraͤne glich ſchimmerte in ihren ſchoͤnen Augen. Dann aber wandte ſie ſich ploͤtmzlich mit einem bezaubernden Laͤcheln an ihre Be⸗ gleiter, die ihr nachgeeilt waren. Niemand als der unbekannte Wanderer hatte dieſe Thraͤne bemerkt. Inzwiſchen war einer der laͤngſt erwarteten Kaͤhne zuruͤckgekehrt. Graf Bangor hatte Adolphinens Unge⸗ duld bemerkt und trieb nun ſeiner Seits die ſaͤumige Wirthin und die zaudernden Ruderer an. Dies ge⸗ ſchah mit jenem Anſtrich von patriarchaliſcher Gutmuͤ⸗ thigkeit und Vertraulichkeit, welche die eingeborene Ariſtokratie hier dem niederen Volke gegenuͤber anzu⸗ nehmen ſucht. Selbſt den Dialekt der Umgegend von Iſchl verſchmaͤhte der gefeierte Loͤwe nicht, der auf dem ſchluͤpfrigen Parquet des Salons eben ſo zu Hauſe war wie an den Ufern des Hallſtaͤdter Sees. — Nazzi, Nazzi! rief er laut dem ihm bereits bekannten Faͤhrmann zu, wann's gleich fort geht, ſetzt's ein Ertrageld. — Schonſt Recht, Eure Gnaden, entgegnete der alte Schiffer ohne ſich durch das gegebene Verſprechen und die Ausſicht auf einen„Zwanziger“ zu groͤßerer Eile hinreißen zu laſſen, ſchonſt Recht, aber i moͤcht Ihnen Rath geben noch a Weng zu warten. — Warten, wozu noch warten? fragte der Unge⸗ duldige. Wir ſitzen ſchon laͤnger als eine Stunde hier und wenn wir nicht gleich abfahren, verſaͤumen wir die Proceſſion.. — — d 13 8— Die letzten Worte hatte Adolphine gehoͤrt. — O! das darf nicht ſein, ſagte ſie halb zu dem Grafen gewendet. Sie wiſſen, wie ich mich darauf gefreut habe. Dabei kraͤuſelten ſich ihre Lippen ſo anmuthig ſchmollend wie die eines verzogenen Kindes, dem man ein gewuͤnſchtes Spielzeug zu entziehen droht. Sie war in dieſem Augenblick entzuͤckend ſchoͤn. — Vorwaͤrts, alte Schnecke! ſchrie der Graf, in⸗ dem er ſeinen leichten Spazierſtock mit den duͤrren Beinen des Alten in Beruͤhrung brachte. Du hoͤrſt ja, daß das gnaͤdige Fraͤulein ſogleich nach Hallſtadt l'nuͤber will. Dem Grafen ſchien es gaͤnzlich unbegreiflich, wie ein Menſch und noch dazu ein Ruderknecht noch zoͤgern konnte, wenn Adolphine wuͤnſchte. Der Schiffer war jedoch durchaus anderer Meinung. Er ruͤhrte ſich nicht vom Fleck und ſtatt aller Antwort deutete er auf den umzogenen Himmel und den dunkel bewoͤlkten Horizont. Auch die uͤbrige Geſellſchaft war naͤher ge⸗ treten und nahm an der Unterhandlung mit dem alten Nazzi Theil. — Was giebt es denn? fragte Herr von Buſch. Warum will der Mann nicht fahren? „ S Wetter, Eure Gnaden, brummte der Schif⸗ —“d 14— fer, indem er verlegen ſeinen alten gruͤnen Hut in. den Haͤnden drehte. — Der Mann hat Recht, ſagte Herr von Buſch, der erſt jetzt auf das drohende Gewitter aufmerkſam wurde. Es giebt Regen, vielleicht Sturm. Unter dieſen Umſtaͤnden thun wir beſſer, zu warten, oder die Partie nach Hallſtadt fuͤr heute ganz aufzugeben. Die Umſtehenden waren damit auch ſogleich ein⸗ verſtanden, ſelbſt Graf Bangor redete jetzt von der Unternehmung ab. Haͤtte er indeß den verdrießlichen Blick Adolphinens bemerkt, der ſowohl ihm wie der ganzen Geſellſchaft galt, ſo waͤre er wahrſcheinlich 1. anderer Meinung geweſen. Sie warf ihren praͤchti⸗ gen Kopf ſtolz zuruͤck und ſagte im beſtimmten, feſten Ton: Ich fahre. — Aber Apdolphine, bemerkte der Vater mit Ver⸗ legenheit. — Mein Fraͤulein, bedenken Sie die Gefahr, ſchaltete der Graf dazwiſchen ein. — Um ſo beſſer, rief das entſchloſſene Maͤdchen aus, ein kleiner Schiffbruch wuͤrde nichts ſchaden. Es waͤre doch eine Abwechslung in dieſem einfoͤrmigen, langweiligen Badeleben. Ueberdies kann ich ſchwim⸗ men und wenn ich ſinke, werden Sie mich retten. Denken Sie, Graf, wenn Sie der Retter meines Lebens wuͤrden! 4 — In der That, es wuͤrde mich ſehr gluͤcklich ma⸗ chen, indeß— — Was muß ich hoͤren? Sie bedenken ſich? Aus meinen Augen, ungetreuer Ritter, ungehorſamer Ka⸗ valier. Sehen Sie, ein Weib beſchaͤmt euch Alle. Mit dieſen Worten eilte Adolphine uͤbermuͤthig lachend im raſchen Laufe nach dem Kahn. Che ſie noch der Graf erreichen und ſie unterſtuͤtzen konnte, ſprang ſie mit kecker Grazie in das Fahrzeug. Ihr Beiſpiel wirkte ermunternd auf die Uebrigen. Die Herren folg⸗ ten ihr ſogleich, zoͤgernd und mit einer gewiſſen Aengſt⸗ lichkeit endlich auch die anweſenden Damen. Den Beſchluß bildete Herr von Buſch, der galant der nicht mehr ganz jungen, aber noch immer verfuͤhreriſchen Baronin von Starenberg ſeinen Arm beim Einſteigen bot. In den Mienen ſeiner Freundin, denn nur als ſolche galt die ſchoͤne Wittwe vor der Welt, las er deutlich die Unzufriedenheit mit dem Benehmen Adol⸗ phinens. Der zaͤrtliche Liebhaber und ſchwache Vater begnuͤgte ſich nur leiſe mit den Achſeln zu zucken und gleichſam die Baronin ſtillſchweigend um Entſchuldi⸗ gung zu bitten. Als der alte Nazzi oder Ignaz die Herrſchaften —5 16 6— zur Abfahrt feſt entſchloſſen ſah, gab auch er ſeine paſſive Rolle auf und rief die Magd herbei, die ihn im Rudern unterſtuͤtzen ſollte. Dieſelbe kam mit zwei Ruderſtangen beladen, von welchen ſie die eine dem Schiffer reichte, der ſich nun anſchickte vom Lande abzuſtoßen. Dieſe Arbeit verrichtete er indeß ſo langſam als moͤglich, in⸗ dem er ſich noch immer der Hoffnung hingab, daß ſeine Paſſagiere nur zum Scherz den Kahn beſtiegen haͤtten. Von Zeit zu Zeit hielt er daher in ſeinem Geſchaͤfte inne und betrachtete aufmerkſam den Himmel uͤber ſich und den See mit bedenklicher, oder mindeſtens zwei⸗ felhafter Miene. Obgleich die Sonne noch nicht gaͤnz⸗ lich verhuͤllt war, ſo zeigten ſich doch ſchon in ihrer Naͤhe einzelne verdaͤchtige Wolken von dunkler Farbe mit fahlen, ſchwefelgelben Raͤndern. Auch der See war nicht mehr ſo ruhig und ſpiegelglatt wie kurz zu⸗ vor. Gleich einer duͤſtern Ahnung flog zuweilen ein breiter, maͤchtiger Schatten uͤber die bruͤtenden Ge— waͤſſer. Die Wellen, die ſich bisher kaum als leiſe Furchen und ſchillernde Waſſerſtreifen bemerkbar mach⸗ ten, waren jetzt groͤßer und lebendiger geworden. Sie hoben und ſenkten das Boot, welches noch immer das Ufer mit ſeiner Spitze beruͤhrte, als wollten ſie erſt ihre wachſende Kraft daran erproben. Dabei ſtei⸗ gerten ſie ihr bisheriges leiſes Plaͤtſchern und Mur⸗ 1 — f meln zu einem eigenthuͤmlichen Schnalzen, nicht un⸗ aͤhnlich dem Ton einer ſchwach geſchwungenen Peitſche. Mit gierigen Zungen leckten und nagten ſie an dem niedrigen Ufer und ließen an dem Rand einen ſchmutzig weißen Schaum zuruͤck. Zuweilen flog ein lauwar⸗ mer Windſtoß uͤber die duͤſtre Fluth und regte ſie in ihren Tiefen auf. Alle dieſe Anzeichen waren eben nicht geeignet den Schiffer, der ſich einigermaßen auf das Wetter verſtand, zu beruhigen. Da er kein allzugroßes Vertrauen in ſeine Kraͤfte und noch weni— ger in die der ihn begleitenden Magd ſetzte, ſo waͤre er lieber trotz des verſprochenen Trinkgelds davonge⸗ blieben, zumal an einem Feiertage, an dem er ge⸗ maͤchlich auszuruhen gedachte. Auch die Wirthin, welche ihren Gaͤſten noch eine gluͤckliche Reiſe wuͤnſchen wollte, ſtand am Ufer und ſchuͤttelte bedenklich mit dem Kopf, obgleich ihr der Reſpect und vielleicht der Nutzen, den ſie aus dem Fahrgeld zog, verboten, von der ge⸗ wagten Fahrt unter ſolchen Umſtänden abzurathen. Zwiſchen ihr und dem Faͤhrmann erhob ſich noch ein Geſpraͤch in dem eigenthuͤmlichen Dialekt der dortigen Gegend, das kein Ende nehmen wollte, bis Graf Bangor, der ſeinen vorigen Verſtoß in den Augen Adolphinens wieder gut zu machen ſuchte, durch ſein gebieteriſches„Vorwaͤrts!“ die Unterhaltung ab⸗ I. 2 * — 18 8— ſchnitt und die Abreiſe beſchleunigte. Mit Huͤlfe der ſtämmigen Magd war das Fahrzeug indeß wilrklich flott gemacht worden und auch ſie ſchickte ſich an in daſſelbe hineinzuſpringen. In demſelben Augenblicke folgte ihr der fremde Wanderer, der mit ihr zugleich den Kahn betrat. Seine Erſcheinung hier war ſo ploͤtzlich und unerwartet, daß ſie die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit der Geſellſchaft auf ſich zog. Mit einer leichten Verbeugung luͤftete er kaum merklich den Strohhut und ließ ſich auf einen noch leer ſtehenden Platz an der Spitze des Fahrzeugs nieder. Die ihm zunaͤchſt Sitzenden maßen den kecken Eindringling mit fragenden Blicken, die dieſer nicht zu bemerken ſchien. Selbſt das aͤcht ariſtokratiſche Anſtarren des Grafen, welcher ihn mit ſeiner Lorgnette vom Scheitel bis zu den Fuͤßen betrachtete, ſetzte ihn durchaus nicht in Verlegenheit. Dieſe Ruhe, oder Unverſchaͤmtheit, wo⸗ fuͤr der Graf ſie nahm, imponirten faſt dem„Loͤwen“, den ſonſt Nichts ſo leicht in Erſtaunen. ſetzte. Es lag nin Etwas in dem feſten Blick des Fremden, womit er das Anſtarren des Grafen erwiederte, das dieſen vielleicht zum erſten Mal erroͤthen ließ. Um ſeine Ver⸗ legenheit zu verbergen, beugte er ſich zu Adolphinen, die bisher vielleicht abſichtlich den ſich aufdraͤngenden Gaſt nicht der geringſten Beachtung gewuͤrdigt hatte. — 19— Auf die ihr leiſe zugefluͤſterte Bemerkung ihres Be⸗ gleiters hob ſie jetzt erſt ihre großen durchdringenden Augen zu dem Fremden empor. In ihren Blicken lag weder Neugier noch Verachtung. Sie betrachtete den unwillkommenen Stoͤrer mit derſelben pruͤfenden Theilnahmloſigkeit, mit welcher ſie gewohnt war Men⸗ ſchen und Dinge anzuſehn. Haͤtte ſie der Graf auf eine ſeltſame Felſenſpitze oder Baumgruppe aufmerk⸗ ſam gemacht, ſo wuͤrde ſie dieſe mit der gleichen, faſt beleidigenden Apathie angeſtarrt haben, um alsbald in ihre fruͤhere vornehm nachlaͤſſige Stellung zu ver⸗ ſinken. Dennoch entſprang dieſe zur Schau getragene Ruhe nicht aus ihrer innerſten Natur. Der ſchaͤrfere Beobachter mußte ſie erkuͤnſtelt, widernatuͤrlich finden. In den ernſten Zuͤgen dieſes ſchoͤnen ruhig kalten An⸗ geſichts glaͤnzten zwei tiefe dunkelblaue Augen, welche zuweilen wie ein loderndes Feuer aufblitzten, zuwei⸗ len duͤſter und ſchwermuthsvoll ſich umflorten. Dieſe Augen verriethen eine Seele, ein Leben, ein Herz, das unter dem kalten Marmor verborgen groß und maͤch⸗ tig ſchlug. Dieſe Augen hatten Thraͤnen und der Fremde, deſſen Blick jetzt dem ihrigen begegnete, hatte ſie weinen geſehn. Ohne daß es Adolphine ahnte, war in jenem fluͤchtigen Moment, wo ſie ſich unbelauſcht glaubte, eine geheimnißyolle Verbindung zwiſchen ihr 2* 20 8— und dem Manne geknuͤpft, den ſie jetzt noch ſo gleich⸗ guͤltig und theilnahmlos anſchaute. Der fluͤchtige Anblick des Wanderers war auch al⸗ lerdings nicht geeignet, einem noch dazu verwoͤhnten Maͤdchenauge irgend ein Intereſſe einzufloͤßen. We⸗ der ſeine Geſtalt, noch ſein Geſicht boten etwas Be⸗ ſonderes und Hervorragendes. Die einfache Toilette, welche wir bereits geſchildert haben, konnte ihm eben ſo wenig bei einer Dame zur Empfehlung dienen, die bisher immer nur gewohnt war, wenn auch nicht die vorzuͤglichſten, doch gewiß die am vortheilhafteſten ge⸗ kleideten Maͤnner des Tages in ihrer Naͤhe und Um⸗ gebung zu ſehn. Noch unangenehmer war der Ein⸗ druck, welchen der Fremde auf die uͤbrige Geſellſchaft hervorbrachte, die ihn faſt bis zur Unhoͤflichkeit vermied. Die Gegenwart eines Unbekannten, der noch dazu einer niederen Menſchenklaſſe anzugehoͤren ſchien, moͤg⸗ licher Weiſe aber doch auch fremde Sprachen verſtand, was eben jetzt nicht mehr zu den Seltenheiten gehoͤrt, legte den Anweſenden einen peinlichen Zwang auf und genirte die Unterhaltung.— Nur Graf Wenzel, der Onkel des„Loͤwen“, naͤherte ſich dem Verlaſſenen und zeigte ſich ihm von der herablaſſendſten Seite. Dafuͤr galt auch der alte, halb naͤrriſche Cavalier und Kam⸗ merherr fuͤr einen verkappten Demagogen und geheimen Anhaͤnger der rothen Republick bei allen ſeinen Bekann⸗ ten aus der Reſidenz. Die Anrede des ſich populaͤr machenden Grafen beantwortete der Fremde kurz aber hoͤflich. Sein Benehmen forderte durchaus zu keinen vertraulichen Mittheilungen auf und der communiſtiſche Kammerherr zog ſich bald wieder kopfſchuͤttelnd zuruͤck. Er hatte auf reſpectvolle Anerkennung von Seiten des Unbekannten gehofft und fand eine zuruͤckſtoßende Kaͤlte bei dem Menſchen, der ſeine uͤbergroße Herab⸗ laſſung durchaus nicht zu wuͤrdigen wußte und darum auch nicht laͤnger verdiente. Dieſes Schweigen, deffen Schuld allein der ſtoͤrende Gaſt trug, ſtimmte indeß ganz wunderbar zu der jetzt eingetretenen Ruhe und Stille der Natur, welche einem zu erwartenden Gewitter gewoͤhnlich voranzugehn und etwas Beaͤngſtigendes zu haben pflegt. Adolphine war vielleicht in der Geſellſchaft die einzige Dame, die frei von dieſer peinlichen Furcht blieb. Dennoch unterbrach ſie die eingetretene Stille mit keinem Wort. Es war ihr lieb, daß keine unzeitige Bemerkung, kein ſtoͤrendes Salongeſchwaͤtz ſie in der eigenen Stimmung ſtoͤrte, in welche ſie durch das wahrhaft große, wenn auch duͤ⸗ ſtere Schauſpiel der landſchaftlichen Scenerie verſetzt wurde. Sie hatte der Geſellſchaft halb den Ruͤcken gewendet und verſenkte ſich gaͤnzlich in die eigenthuͤm⸗ A —)22— liche Natur, welche ſie umgab.— Selbſt im hellſten Sonnenlicht behauptet der Hallſtaͤdter See eine duͤſtere Melancholie, in der zumeiſt ſein großer Zauber liegt. Die oͤden, kahlen Felſenwaͤnde, auf denen kaum ein Grashalm ſprießt, umſchließen ihn wie ein tiefes uner⸗ gruͤndliches Geheimniß. Seine dunkle Spiegelflaͤche gleicht einem rieſigen Menſchengeſicht, das die Hand des Schickſals gezeichnet hat. Von den ſtarren Bergen, aus der dunkeln Fluth ſteigt der Geiſt der Traurigkeit empor und geſellt ſich zu dem einſamen Wanderer, der daruͤber faͤhrt. Trotz des Gluͤckes, das ſie umgab, fuͤhlte Adolphine in ſich eine innige Sympathie mit dem finſtren See. Sie war ſich ja ſelbſt ein aͤhnliches Raͤthſel. Mitten in der Geſellſchaft kam ſie ſich ſo einſam und verlaſſen vor. Vielleicht dachte ſie an ihr eigenes Leben, als ſie in die unergründliche Tiefe nie⸗ derſah. Sie beugte ſich uͤber den Rand des Kahnes, als ſuchte ſie da unten den ihr verwandten Geiſt. Nur ihr eigenes Geſicht ſchaute ihr entgegen, vor dem ſie ſelbſt erſchrak. Graf Bangor und ihr Vater waren mit Entſetzen ihren Bewegungen gefolgt. — Apolphine! was thuſt du? fragte Herr von Buſch beſorgt. men, wenn du dich ſo uͤberbiegſt. Außerdem ſchaukelt Du kannſt noch den Schwindel bekom⸗ —e 23— der Kahn, was Frau von Starenberg nicht vertragen kann. 3 — O! Meeinetwegen brauchen Sie Adolphine nicht zu ſtoͤren, bemerkte die Baronin mit einer Reſig⸗ nation, die nur ſchlecht ihre Empfindlichkeit uͤber die geringe Ruͤckſicht verbarg, welche die Tochter ihres Freundes ihr ſowohl wie der uͤbrigen Geſellſchaft zu Theil werden ließ. — Ich muß um Verzeihung bitten, ſagte die Ge⸗ etadelte mit der ihr eigenen Gleichguͤltigkeit. Dieſer See hat mir's angethan. — Wer doch auch ſo gluͤcklich waͤre, fluͤſterte Graf Bangor nur Adolphinen vernehmlich. — Dann muͤßten Sie erſt ſo tief ſein, lautete ihre Antwort in ſpoͤttiſchem Ton. Doch im naͤchſten Augenblicke, als reuete ſie die faſt unartige Rede, reichte ſie dem mehr verlegenen als beleidigten Anbeter ihre feine ſchlanke Hand, welche dieſer, wie er glaubte, unbemerkt an ſeine Lip⸗ pen fuͤhrte. Auch die Uebrigen wurden wieder leben— diger. Man hatte ſich in die Gegenwart des Fremden gefunden und genirte ſich nicht mehr und laͤnger als es noͤthig war. Die Geſellſchaft unterhielt ſich in ge— wohnter Weiſe, die eigentlich doch nur fuͤr den gaͤnz⸗ lich Eingeweihten verſtaͤndlich iſt. Man gebrauchte — 24— gewiſſe Wendungen, Namen und Bezeichnungen fuͤr Perſonen und Gegenſtaͤnde, eine eigene Sprache, welche in den niedrigſten wie in den hoͤchſten Kreiſen zufäͤllig entſtehen mag und mit Abſicht beibehalten wird, um jeden Profanen von der Unterhaltung auszuſchließen. Den Stoff lieferten die Ereigniſſe und Erſcheinungen des Tages, bekannte Perſoͤnlichkeiten, die in Iſchl ſich zur Kur aufhielten, Anekdoten, wie ſie in jedem Bade vorkommen, wo eine muͤßige und ſorgloſe Menge ſich zuſammenfindet. Von nun an nahm Adolphine lebhaft an dieſem halb frivolen halb boshaften Salongeſchwaͤtz Antheil. Es war als wollte ſie dadurch ſich ſelbſt entfliehen und ihren Gedanken gewaltſam eine andere Richtung geben. In ihrer Rede entwickelte ſie eine uͤbermuͤthige Laune, eine ſchonungsloſe Ironie, welche nur durch die Grazie des Ausdrucks und den einſchmei⸗ chelnden Klang ihres ſonoren Organes einigermaßen gemildert wurden. Sie war reich an witzigen Bemer⸗ kungen und geiſtreichen Neckereien, mit denen ſie eben ſo wenig die Anweſenden wie die ferneren Bekannten verſchonte. Die uͤbrigen Herren und Damen ſtrengten ſich ebenfalls an und verſchwendeten ſo viel Geiſt, als ihnen irgend zu Gebot ſtand. Adolphinens mehr er⸗ zwungene als natuͤrliche Heiterkeit riß die Anderen fort und unter Scherz und Lachen wurde die drohende Gefahr vergeſſen. Ein dumpfer Donnerſchlag jedoch, welcher in den Felſen ein hundertfaͤltig rollendes Echo fand, unterbrach ploͤtzlich und unerwartet die frohe Stimmung, in die ſich die Geſellſchaft verſetzt ſah. Frau von Starenberg, welche ſich vor dem Gewitter fuͤrchtete, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. — Mein Gott! es donnert, rief Herr von Buſch erſchrocken aus. — Das Unwetter ſteht gerade uͤber uns, bemerkte Graf Bangor, indem er auf den Himmel deutete. Nach dem lauten, heiteren Geſpraͤch war ein un⸗ heimliches Schweigen eingetreten. Die Damen mit Ausnahme Adolphinens ſaßen ſtumm und bleich. Jetzt erſt bemerkte ſie die finſtern, gewitterſchwangeren Wol⸗ ken, welche die Sonne gaͤnzlich verhuͤllten. Der See hatte eine blaugraue Faͤrbung angenommen und die aufgeregten Wellen hoben und ſenkten den gebrechlichen Kahn. Der Wind wehte ſcharf von Hallſtadt her und erſchwerte das Rudern. Trotz der angeſtrengten Be⸗ muͤhungen des alten Nazzi und der jungen Magd ruͤckte das Fahrzeug nur wenig von der Stelle und machte eher eine ruͤckgaͤngige Bewegung. Die ſchwachen Kraͤfte ſeiner Lenker reichten nicht mehr aus und es ſchwankte bedenklich bald nach der einen, bald nach der andern Seite. Die drohende Gefahr gab auch endlich —“0 26— der ſtillen Geſellſchaft die Sprache wieder. Befuͤrch⸗ tungen und Rathſchlaͤge wurden in wilder, chaotiſcher Verwirrung laut. Die Damen forderten ungeſtuͤm die Ruͤckkehr nach Goſaumuͤhle, obgleich dieſelbe eben ſo ſchwer wie die Weiterfahrt zu bewerkſtelligen war. Einige Herren ſchlugen die Landung an einer hervor⸗ ſpringenden Felſenecke vor, ein Unternehmen, das fuͤr jeden Verſtaͤndigen in das Bereich des Unmoͤglichen gehoͤrte und ſicher den Untergang Aller nach ſich gezo⸗ gen haͤtte. Selbſt an Vorwuͤrfen und Beſchuldigungen fehlte es nicht, welche offen oder verſteckt meiſt gegen Adolphine gerichtet waren. Beſonders zeichnete ſich Frau von Starenberg durch ihre bitteren Bemerkungen aus, die mit Anfaͤllen der ausbrechenden Verzweiflung abwechſelten. Im Angeſicht der Gefahr ſtreiften dieſe wohlerzogenen Menſchen ihre gewohnten Ruͤckſichten und Formen ab. Der Egoismus zeigte ſich in ſeiner nackten und eben nicht anziehenden Geſtalt. Manches ſchoͤne Auge blitzte jetzt in ſtummer Wuth, das bisher nur Sanftmuth und Wohlwollen geheuchelt hatte. Von den zarten Lippen fielen harte Ausdruͤcke und bittere Reden. Oft kamen die geheimſten Gedanken wider Willen zum Vorſchein und der lange verhaltene Groll und Neid der Frauen gegen Adolphine brach uͤberraſchend hervor. Jeder wollte von der Partie —d 27— abgerathen und ſie im Voraus gemißbilligt haben. Selbſt der zaͤrtliche Vater wagte nicht ihre Vertheidi⸗ gung zu uͤbernehmen, nur Graf Bangor ſprach zuwei⸗ len beſaͤnftigend dazwiſchen und forderte zur Ruhe und Maͤßigung auf. Mitten in dieſem allgemeinen Auf⸗ ruhr der Menſchen und Elemente blieb Adolphine ru⸗ hig und gleichguͤltig wie immer. Kaum verrieth ein leiſes Zucken ihres kleinen ſtolzen Mundes die Verach⸗ tung, welche ſie in dieſem Augenblick empfand. Auch der unbekannte Wanderer hatte mit aͤhnlichen Gefuͤhlen das unwuͤrdige Schauſpiel betrachtet, das die noble Geſellſchaft ihm darbot. Faſt ergoͤtzte ihn die Furcht der Andern, die er durchaus nicht theilte. Ihre Unruhe und Angſt dienten nur dazu, die Lage, in der ſie ſich befanden, zu verſchlimmern. Durch ihre ver⸗ zagten Bewegungen war der Kahn in ein fortwaͤhren⸗ des Schwanken gerathen, ſo daß er jeden Augenblick umzuſchlagen drohte. Die beiden Ruderer zeigten ſich eben ſo ſchwach als ungeſchickt und hatten ihre Faſſung gaͤnzlich verloren. Der alte Nazzi beantwortete die an ihn gerichteten Fragen und geaͤußerten Befuͤrch⸗ tungen mit einem ſtumpfſinnigen„Ja, ja! es kann ſchonſt ſein,“ was eben nicht allzu troͤſtlich klang. Indeß ſtrengte er ſich an, wenn auch ziemlich fruchtlos, das uͤberfuͤllte Fahrzeug weiter zu bringen, waͤhrend — 28 6— die Magd ſtatt zu rudern aͤngſtlich ſtoͤhnte und bei jedem neuen Blitz und Donnerſchlag mit kreiſchender Stimme„Jeſu Maria!“ ſchrie. Ein blendender Strahl, der jaͤh herniederzuckte, trieb das Mißgeſchick auf die aͤußerſte Spitze. Die er⸗ ſchrockene Magd hatte aus Furcht das Ruder aus den Haͤnden fallen laſſen. Schnell jedoch, ehe es noch von den tobenden Wellen weitergetragen wurde, faßte der entſchloſſene Wanderer nach dem ſchwimmenden Holz, das er zur rechten Zeit ergriff. — Nuth, NMuth! rief er dem alten Nazzi zu. Ich verſtehe mich ein Wenig auf's Rudern und wenn du dich brav haͤltſt, ſo hat es weiter keine Noth. Die Magd zur Seite ſchiebend war er an ihre Stelle getreten und mit einigen kraͤftigen Stoͤßen ſei⸗ nes nervigten Armes lenkte er mit Sicherheit den Kahn. III. Es giebt Naturen, welche erſt im entſcheidenden Augenblick ihre ganze innere Energie entwickeln und unter ſcheinbarer Indolenz und Traͤgheit eine nie ge⸗ ahnte Kraft verbergen. Der Moment ſchafft aus ihnen — 29— Helden und Staatslenker, willig fuͤgen ſich die Schwa— chen, denn die Maſſe braucht und gehorcht ſtets einem Herrn. Solche Menſchen moͤchten wir die Genies der Thatkraft nennen, eine Klaſſe, die in unſerer Zeit immer ſeltener angetroffen wird. Der Wanderer, wel⸗ cher ſich unaufgefordert in der Gefahr die Leitung des Kahns angemaßt, gehoͤrte zu dieſen außergewoͤhnlichen Erſcheinungen. Schon ſein Aeußeres trug, trotzdem es nicht gleich und beſonders angenehm auffiel, fuͤr den ſchaͤrferen Beobachter den Stempel der bewußten Kraft. Seine kurze und gedrungene Geſtalt war wie aus ſchwerem Granit oder feſtem Eichenholz geformt. Auf dem ſtarken Nacken ruhte ein faſt allzugroßer Kopf. Tief unter der breiten und maſſiven Stirn lagen be⸗ ſchattet von den buſchigen Augenbrauen, die ſich an der Naſenwurzel kreuzten, zwei graue Augen ohne hervorſtechendes Feuer und beſonderen Glanz, ſtill glimmend, bis der Moment ſie zur lodernden Flamme anfachte. Alle uͤbrigen Zuͤge waren dem entſprechend nicht ſchoͤn, aber ſcharf und beſtimmt ausgepraͤgt. Die merklich gebogene Naſe und das feſte, harte Kinn ver⸗ riethen eine trotzige Entſchloſſenheit, welche Vertrauen forderte und gewann. Um ſo mehr mußte der feine bluͤhende Mund uͤberraſchen, der zu den uͤbrigen Thei⸗ len des Geſichts nicht paſſen wollte, dieſem jedoch einen —“0o 30— eigenen milden Zauber verlieh. Beſonders wenn der Fremde laͤchelte, denn er lachte ſelten oder nie, konnte man ihn ſogar im Moment ſchoͤn finden. Dann ſpielten die feinen neckenden Geiſter des Humors in den ſtren⸗ gen Zuͤgen und bildeten einen uͤberraſchenden und ange⸗ nehmen Contraſt. Schade nur, daß der ſchoͤne Mund faſt gaͤnzlich unter einem Wald von Haaren verbor— gen lag. In der uͤbrigen Figur herrſchten nicht Fett und Muskeln, ſondern mehr Sehnen und ſtarke Kno⸗ chen vor. Seine Bewegungen waren langſam, aber ſicher und entbehrten nicht der Grazie, die ſonſt nur ſelten bei der Staͤrke angetroffen wird. Mit dieſem Aeußeren verband der Fremde jene imponirende Feſtig⸗ keit und Willenskraft, welche ſtets, ſobald ſie ſich erſt zu erkennen giebt, die allgemeine Anerkennung findet. Kaum hatte er das Ruder ergriffen und die Lenkung des Fahrzeugs uͤbernommen, ſo kehrten die unterbrochene Ruhe und der geſtoͤrte Frieden zuruͤck. Die Verzwei⸗ felten begannen wieder zu hoffen, die Aufgeregten wa⸗ ren wie mit einem Zauberſchlag beſaͤnftigt und ſelbſt Frau von Starenberg hatte ſogar ihre Furcht ſo weit vergeſſen, daß ſie dem Fremden einige Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte und ihn mit pruͤfenden Blicken betrachtete. Seine kraͤftige Figur fand, wie es ſchien, Gnade in den Augen der erfahrenen Wittwe. Die Ruhe, welche —“0 31 8— jetzt wieder eingetreten war, trug dazu bei, den Kahn im fortwaͤhrenden Gleichgewichte zu erhalten, wodurch die Leitung deſſelben bedeutend erleichtert wurde. Eine gedruͤckte und aͤngſtliche Stimmung herrſchte zwar noch vor, da die Gefahr allerdings gemindert, aber durch⸗ aus nicht beſeitigt war. Das Unwetter hatte im Gegentheil eher zu- als abgenommen. Schneller folgte Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag. Es gab Momente, wo der Himmel und der ihn wiederſpiegelnde See zu brennen ſchien. Der rollende Donner, in den engen Felſenſpalten einge⸗ zwaͤngt, droͤhnte ohne Unterlaß furchtbar mit erſchuͤt⸗ ternder Gewalt. Wind und Wellen waren noch ſtuͤr⸗ miſcher als zuvor und bedraͤngten von allen Seiten den gebrechlichen Kahn. Es bedurfte der Anſtrengung aller Kraft, einer großen Vorſicht, um das Fahrzeug uͤber den Fluthen zu erhalten und die eingeſchlagene Rich⸗ tung nach Hallſtadt zu verfolgen, ohne gegen die vor⸗ ſpringenden Felskanten und Steinplatten gerrieben zu werden, wo die Strandung und der Untergang ganz unvermeidlich waren. Der Fremde unterzog ſich ſeiner ſchwierigen Aufgabe mit eben ſo viel Sachkenntniß als unerſchuͤtterlicher Ruhe. Sein ſcharfes Auge ſpaͤhte in die Ferne und beobachtete jede drohende Klippe, jeden Vorſprung trotz der eingetretenen Dunkelheit. —5 32— Wo ihn ſein Scharfblick verließ, wendete er ſich fra⸗ gend an den alten Nazzi, der in der Gegend bekannt und mit der Localitaͤt ganz vertraut war. Mit ſtar⸗ kem Arm ſchwang er leicht und behend das Ruder, welches er trotz des erfahrenſten Schiffers zu handha⸗ ben verſtand. Weil der Strohhut ihn genirte, hatte er ihn abgeworfen und der Wind ſpielte mit dem dich— ten dunklen Haar, das um ſeine ſcharfen Schlaͤfen flatterte. Oft beleuchtete ein Blitz herunterzuckend ſeine breite Stirn und das feſte, entſchloſſene Geſicht. War es das ſchwankende Licht oder eine andere Taͤu⸗ ſchung, Adolphine, die jetzt von Zeit zu Zeit einen fluͤhhtigen Blick auf den Fremden warf, glaubte dies Bild bereits in einer aͤhnlichen Situation und Beleuch⸗ tung ſchon geſehn zu haben. Vielleicht ſtieg in ihr eine jener wunderbaren Viſionen auf, welche wie die Mahnung an ein fruͤheres Traumleben zuweilen an unſerer Seele pochen. Wer kennt nicht jene ſeltſame Empfindung, wo wir beſtimmt glauben, dieſe Geſtalt, den Berg, das Thal geſehn, eine ganz beſondere Lage oder Stimmung bereits einmal durchlebt zu haben, obgleich wir ganz gewiß vom Gegentheil uͤberzeugt ſind. Wir quaͤlen uns dann mit dieſem Gaukelſpiel der Phantaſie und ſtrengen unſer Erinnerungsvermoͤgen vergebens an. Das Ganze iſt ein noch nicht aufge⸗ — 33— loͤſtes Raͤthſel, vielleicht eine Reliquie der uns unbe⸗ kannten Vergangenheit, oder die Ahnung der uns noch verhuͤllten Zukunft. Ein aͤhnliches Gefuͤhl hatte Adolphinen jetzt ergrif⸗ fen. Auch ſie bemuͤhte ſich eine fruͤhere Beziehung zu dem rettenden Wanderer zu entdecken, der ihr nicht unbekannt ſchien und den ſie doch ſicher nie zuvor geſehn. Dieſer Gedanke peinigte ſie und verdraͤngte ſogar das Intereſſe und die Dankbarkeit, die ſie fuͤr ihn zuerſt empfand. Seine Sicherheit galt ihr jetzt fuͤr Anmaßung, ſeine Feſtigkeit und Entſchloſſenheit als brutale Kraft. Der Mann ſchien ihr trotzig, ver⸗ wegen und zudringlich. Sie konnte ihm die Ueberle— genheit nicht verzeihn, mit welcher er im Augenblick der Gefahr ploͤtzlich hervortrat und ſich geltend machte. Mit weiblichem Inſtinkt ahnte ſie ſogleich eine Wil⸗ lenskraft, die ſie ſonſt nicht gewohnt war bei den Per⸗ ſonen vorauszuſetzen, welche ihr naͤher ſtanden. Sie fuͤhlte faſt eine kindiſche Angſt, wenn ſie in dies feſte energiſche Geſicht blickte oder an den ſtarken Arm dachte, der jetzt gegen ihren Willen den Kahn wie ihr Schick⸗ ſal lenkte. Einen ſolchen Mann hatte das verzogene Kind der Geſellſchaft auf ſeinem Lebenswege nirgends angetroffen. Sie war gewohnt zu herrſchen und dul⸗ dete ſelbſt, wo ſie liebte, keinen Widerſtand. I. 3 — do 34— Unbekuͤmmert um die wunderlichen Launen und Gedankenſpruͤnge des ſchoͤnen, eigenſinnigen Maͤdchens that der Wanderer wie bisher in ſeinem ganzen Leben nur ſeine Pflicht. Um dieſes kleine und doch ſo in— haltsſchwere Wort drehte ſich ſein ganzes Streben. Was er einmal fuͤr gut und recht erkannt, fuͤhrte er auch ſtark und muthig durch. Er war kein Freund von zerſtreuenden Gedanken, er handelte und gruͤbelte dann weiter nicht. Seine ganze Aufmerkſamkeit ſchenkte er dem Kahn, der Fluth und den Felſen, die er zu vermeiden ſuchte. Dabei nahm er von Adol⸗ phinen, trotz des maͤchtigen Eindrucks, den er beim erſten Anblick ihrer ſtrahlenden Schoͤnheit empfunden, wenig oder gar keine Notiz. Nur als aus einer fin⸗ ſtern Wolke der bisher noch immer zoͤgernde Regen in großen ſchweren Tropfen zum Entſetzen Aller in den offenen Kahn herniederſtuͤrzte, deutete er ſchweigend auf das zuſammengerollte Tuch, das in der Naͤhe Adol⸗ phinens auf dem Boden lag. Eigenſinnig zöoͤgerte ſie, obwohl ſie ſeinen Wink vollkommen verſtanden hatte. — Den Plaid, nehmen Sie doch den Plaid, rief er dringend und gebieteriſch. Sie werden ſonſt ganz naß und koͤnnen ſich erkaͤlten. Ohne auffallend und beleidigend zu ſcheinen konnte ſie ſeinen Wunſch nicht laͤnger unbeachtet laſſen. Sie hob daher das Tuch vom Boden auf und hüllte ſich in die weite gruͤne Decke, welche ihr vom Scheitel bis zu den Zehen reichte. So vermummt ſtarrte ſie gleich einem trotzigen Kinde vor ſich nieder, uͤber ſeine Zudringlich⸗ keit und ihre eigene Nachgiebigkeit zuͤrnend. Allmaͤ⸗ lig verſchwand dieſe ungerechtfertigte Stimmung und machte einer angenehmeren Platz. Sie fuͤhlte ſich be⸗ haglich unter der ſchirmenden Hülle, durch welche kein Tropfen des rauſchenden Regens durchdringen konnte. Unwillkuͤhrlich ſtimmte ſie leiſe ein bekanntes Lied von Burns in der ſchoͤnen Compoſition von Men⸗ delsſohn an, welches eine ganz aͤhnliche Situation poetiſch behandelt. Kaum vernehmlich ſummte ſie die liebliche Melodie. Sie glaubte ſich ungehoͤrt und un⸗ verſtanden, aber ein zuſtimmendes Laͤcheln um die Lip⸗ pen des Fremden ließ ſie nicht lange im Zweifel, daß ſie ſich geirrt. Sogleich verſtummte ſie, das Blut ſchoß ihr ploͤtzlich nach dem bleichen Marmorangeſicht. Entſchloſſen ließ ſie ungeachtet des ſtromenden Regens die ſchuͤtzende Decke von ihren Schultern fallen. Jetzt aber glaubte ſie gar einen ſpoͤttiſchen Zug um ſeinen Mund zu bemerken und ſogleich war ſie bereit den frechen Mann durch Verwerfung ſeines angebotenen Schutzes zu demuͤthigen. Im Augenblick lag der un⸗ ſchuldige Plaid wieder am Boden und ihre kleinen 3* — d 36 8— Fuͤße traten unnachſichtlich den Gegenſtand ihrer kin— diſchen Wuth. — Apdolphine! rief der aufmerkſame Vater, das Tuch des Herrn iſt ja herabgefallen. Du wirſt ganz naß. Zugleich ſtuͤrzte der dienſtbefliſſene Graf auf den ungluͤcklichen Plaid, den er mit eben ſo viel Zierlich⸗ keit als Sorgfalt um die Schultern Adolphinens legte. Um Aufſehn zu vermeiden ſah ſie ſich von Neuem ge⸗ zwungen, von dem verſchmaͤhten Tuch Gebrauch zu machen. Sie that es mit einem Unmuth, der ihr faſt Thraͤnen entpreßte, und der verwuͤnſchte Plaid brannte ſie wie das vergiftete Gewand Deianira's. Unterdeß war mit dem Eintritte des gefuͤrchteten Regens, gegen den ſich auch die Uebrigen ſo gut ge⸗ ſchuͤtzt, als die zur Vorſicht mitgenommenen Maͤntel und Tuͤcher erlaubten, die Kraft des Unwetters gebro⸗ chen. 8 Dann und wann zuckte noch ein Blitz, droͤhnte noch ein lauter Donnerſchlag, aber in immer groͤßeren Pauſen, die das ſchwaͤcher werdende Echo ausfullte. Die ſchweren Gewitterwolken hatten ſich entladen und ein friſcher Wind trieb die grauen Ueberreſte vor ſich her nach dem Hochgebirge. Feiner und leiſer ſpruͤhte der Regen, der bisher in ſchweren Tropfen herabge⸗ —eo 37— fallen war. Blaue Stellen wurden bereits am Him⸗ mel wieder ſichtbar, Sonnenſtrahlen wagten ſich ſchon einzeln ſchuͤchtern hervor. Nur der bewegte See be— wahrte noch immer ſeinen aufgeregten Trotz. Er und Adolphine zuͤrnten und vergaben nicht ſo leicht. Die gerettete Geſellſchaft eilte jetzt mit dem freu— digen Gefuͤhl der Sicherheit ihrem Reiſeziel entgegen. Die Huͤtten und Haͤuſer von Hallſtadt waren mit einem Male in ihrer eigenthuͤmlich romantiſchen Lage ſichtbar. Auf der entgegengeſetzten Seite lag das freundliche Oertchen Obertraun, deſſen Kirchthurm von den goldenen Strahlen der wieder hervorgetretenen Sonne beleuchtet wurde. Mit Wohlgefallen verweilte das Auge des Wanderers auf dem friſchen, maigruͤnen Fleck, welcher im ſchoͤnſten Contraſt zu den oͤden, nack⸗ ten Felſenſpitzen ſtand. Wie ein ſchoͤnes laͤchelndes Weib unter harten trotzigen Maͤnnern lugte die kleine, ſanft anſchwellende Landzunge aus den wilden Bergen hervor. Der indeß allmaͤlig beruhigte See breitete ſich an ſeinem Ende immer weiter aus und in ſeinen dunkelgruͤnen Fluthen ſpiegelten ſich die phantaſtiſch haͤngenden und ſchwebenden Gebaͤude von Hallſtadt ab. Von dem Kirchthurm ſchallte das feierliche, fromme Glockengelaͤute, welches die Ankoͤmmlinge zu begruͤßen ſchien und den Beginn des Hochamts ver⸗ —5 38— kuͤndete. Wie Friedensboten ſchwebten die heiligen Klaͤnge uͤber die geſtillten Wellen, von denen man wohl glauben konnte, daß ſie andaͤchtig lauſchten. Lang⸗ ſam glitt das Boot uͤber die Fluth. Eine ernſte Stille herrſchte drin, welche ſelbſt Frau von Starenberg, die nach beſeitigter Gefahr erſt ihrer ausgebildeten Sprach⸗ organe wieder maͤchtig war, nicht zu unterbrechen wagte. Graf Bangor vergaß Adolphinen zu ſchmei⸗ cheln und ſie dankte ihm fuͤr dieſen Mangel an Ga⸗ lanterie. Ihr kindiſcher Trotz war verſchwunden, faſt ſchaͤmte ſie ſich deſſen. Ueber ihr ſchoͤnes Geſicht zuckte eine tiefe Ruͤhrung, die ſie nicht zu unterdruͤcken ver⸗ mochte. Ein Gefuͤhl, das ſie ſonſt wohl zuweilen ſelbſt als nervoͤſe Schwaͤche verſpottete, hatte ſich ihrer bemaͤchtigt. Sie kannte es ſchon lange Zeit. Mitten im Gewuͤhl der vornehmen Kreiſe, im rauſchenden Taumel glaͤnzender Feſte, bei den Toͤnen der jubelnden Tanzmuſik, waͤhrend ſie beneidet und bewundert an dem Arme der geſuchteſten Maͤnner wirbelnd dahinflog, uͤberkam es ſie ploͤtzlich unerwartet und ungerufen. Es war eine Sehnſucht, fuͤr die ſie keinen Namen hatte, eine Wehmuth, die durchaus fuͤr ſie nicht ſchmerz⸗ lich war. Im Gegentheil, ſie liebte dieſe Empfindun⸗ gen, von denen ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte. Bei jedem großen Eindruck, und ſie war noch — e 39— trotz aller Zerſtreuung deſſen faͤhig, trat dieſer unbe⸗ kannte Geiſt an ſie heran. Im Theater, wenn ein aͤcht menſchlicher oder vielmehr goͤttlicher Ton ſie be⸗ ruͤhrte, in den Bilderſaͤlen, wo das Genie der alten Meiſter ihr entgegen leuchtete, an allen Orten und zu allen Zeiten, wann eine große Erſcheinung oder Perſoͤnlichkeit ihr begegneten, faßte ſie dieſer geheim⸗ nißvolle Zauber, deſſen ſie ſich nicht zu erwehren ver⸗ mochte. Vielleicht war es der Gedanke an ihr eigenes nichtiges und inhaltsleeres Daſein, vermiſcht mit der Sehnſucht nach einem Hoͤheren und Beſſeren, die nie gaͤnzlich aus ihrer Seele geſchwunden war. Vielleicht ſprach in ſolchen Augenblicken mit ihr der ſchuͤtzende Genius, der ſie bisher vor dem gaͤnzlichen Untergange in ſolch frivoler Umgebung bewahrt hatte. Waͤre es einem Manne wie unſerem Wanderer in einem ſolchen Augenblicke verſtattet geweſen einen Blick in das Innere Adolphinens zu thun, er wuͤrde ſie gerettet haben und um jeden Preis. Die Men⸗ ſchen gehen aber neben einander her wie ſtumme Raͤth⸗ ſel. Wer weiß von den Andern, von ihren Schmerzen und ihrer Luſt. Wir kennen hoͤchſtens die glatte taͤuſchende Oberflaͤche, die Nichts bedeutende Rinde. Tauſend zarte Adern und unendlich feine Nervenge⸗ flechte, die ſich verbinden, trennen und von Neuem —e 40- verſchlingen, hat das anatomiſche Meſſer aufgedeckt. Taͤglich bereichern uns die Naturwiſſenſchaften mit neuen Thatſachen. Nur die Erkenntniß des geiſtigen Menſchen liegt noch in der Kindheit. Wir meſſen die Hoͤhen der Berge, die Tiefe des Meeres, wer aber mißt die Spitzen und Abgruͤnde der Menſchenſeele? Wir berechnen die Entfernungen und Bewegungen der Geſtirne mit mathematiſcher Genauigkeit und verkuͤn⸗ den Sonnenfinſterniſſe und Kometen auf Jahre im Voraus, aber taͤuſchen uns ſtuͤndlich uͤber die Gefuͤhle und Empfindungen des eigenen Herzens. Die Kraͤfte der Natur ſind zum großen Theil erforſcht, der Dampf, die Elektrizitaͤt, Waſſer und Luft dienſtbar gemacht, doch die Tragweite unſerer Gedanken, die Gewalt des Willens und die Macht der Leidenſchaft ſpotten bis jetzt jeder menſchlichen Berechnung. Noch fehlen die Naturforſcher der Seele, die Genies, welche die Hie⸗ roglyphen des Geiſtes zu deuten wiſſen. Selbſt die Hoͤchſten, wie Shakeſpeare, ſtehen nur in der Vorhalle dieſer neuen Wiſſenſchaft. Ach! Der Menſch kennt von allen Weſen den Menſchen ſelbſt am Wenigſten. So nahe ſtanden ſich Adolphine und der Wanderer und doch ſo fern. Sie vergaß auf einen kurzen Augen⸗ blick die Welt und die Kreiſe, denen ſie durch Geburt und Vermoͤgen angehoͤrte. Er dagegen dachte an den —e 41— Jugendfreund, den er in Hallſtadt nach langer Tren⸗ nung zu finden hoffte. Vergangene Zeiten, ernſte und heitere Erinnerungen tauchten in ſeiner Seele auf. Die Freunde hatten ſich als Juͤnglinge getrennt und ſollten ſich als Maͤnner wiederſehen. Welche Veraͤn⸗ derungen waren ſeitdem in ſeinen eigenen Verhaͤltniſſen und Anſchauungen vorgegangen und wie mußte ſich auch der Geſpiele aus der Jugendzeit verwandelt ha⸗ ben. Wider ſeine ſonſtige Natur gab ſich der Wan— derer einer traͤumeriſchen Erwartung hin. Laͤſſig uͤber⸗ ließ er dem alten Nazzi jetzt die Leitung des Kahns, nachdem die Gefahr voruͤber und das Ufer ſo nahe war, daß man es mit der Hand zu faſſen glaubte. Nur zuweilen that er noch mechaniſch einen Schlag mit dem Ruder. Ein ploͤtzlicher Ruck, und das Fahr— zeug ſtieß an's Land. Die gerettete Geſellſchaft verließ ſogleich in heftiger Eile den Kahn und fuͤhlte ſich erſt ganz froh und ſicher auf feſtem Land. Niemand kuͤm⸗ merte ſich um den Fremden, der den Uebrigen folgte. Nur Adolphine hatte an ihn und ſeine Verdienſte um die Rettung Aller gedacht. Sie fluͤſterte ihrem Vater einige Worte in das Ohr. Er nickte ihr wie gewoͤhn⸗ lich ſeinen Beifall und naͤherte ſich dem Wanderer mit augenſcheinlicher Verlegenheit. Herr von Buſch wußte nicht Recht, was er thun und wie er den Unbekann⸗ — 5 42— ten behandeln ſollte. Am Liebſten haͤtte er eine funf⸗ zig oder hundert Guldennote aus ſeiner Brieftaſche herausgenommen und den Wanderer in die Hand ge⸗ druͤckt. Als Geſchaͤftsmann war er von Jugend auf gewohnt, jeden Dienſt ſogleich zu taxiren und baar zu bezahlen. Schon griff er unwillkuͤhrlich nach ſeinem Portefeuille, welches eine ziemliche Menge Banknoten enthielt, doch ein Blick, der ihn aus den Augen des Wanderers in dem Momente traf, verſetzte ihn in neue Zweifel. Es war ihm nicht moͤglich, dem Manne Geld anzubieten. Die Verlegenheit des Herrn von Buſch wuchs immer mehr. Die Geſellſchaft hatte den Beſchluß gefaßt, nach der Proceſſion ein ſplendides Mittags⸗ mahl einzunehmen. Das waͤre vielleicht eine paſſende Entſchädigung geweſen, doch man konnte unmsglich einen fremden und noch dazu ſo ſchlecht gekleideten Menſchen einladen und dadurch mit ihm in eine naͤhere Beruͤhrung treten. Herr von Buſch ließ daher dieſe Idee eben ſo ſchnell wieder fahren, als ſie in ihm entſtanden war. Wenn er wenigſtens den Namen und Stand ſeines Retters gewußt haͤtte. Ein gluͤcklicher Gedanke ſchoß ihm durch den Kopf. Er ergriff die Hand des Unbekannten und dankte ihm in allgemeinen Ausdruͤcken fuͤr ſeinen Dienſt. — Es wuͤrde mich gewiß ſehr gluͤcklich machen, 1reeeest ee. Se — 43— fuͤgte er mit anſcheinender Waͤrme hinzu, wenn ich den Namen unſeres Retters erfahren koͤnnte, um ihm ein dankbares Andenken in meinem Herzen zu bewahren. Bei dieſen Worten zog er aus einem zierlich ge⸗ ſtickten Taͤſchchen, einem Andenken„ſeiner Freundin“, ſeine Karte hervor, auf welcher die neue Freiherrn⸗ krone nicht fehlte. Der Fremde lehnte kurz und beſtimmt den Dank ab und tauſchte ſeine eigene Karte mit der des Barons, die er unbeſehen einſteckte. Faſt bereute dieſer ſeine Einladung zum Diner nicht angebracht zu haben. Ein Menſch, der Viſitenkarten bei ſich fuͤhrt, gehoͤrte nach der Meinung des Herrn von Buſch nicht mehr zu dem ganz gemeinen Poͤbel. Ein Blick jedoch auf dieſelbe erſtickte dieſes großmuͤthige Gefuͤhl in ſeiner Bruſt. Kaͤlter als beim Beginn der Unterredung griff er jetzt an ſeinen Hut, gruͤßte und kehrte zur Geſellſchaft zuruͤck. Adolphine ging ihm entgegen. Um ihren Fragen auszuweichen reichte ihr der Vater die Karte hin, welche er noch immer in ſeinen Haͤnden hielt. Sie las die einfachen Worte: Georg Becher, Faͤrber. — Ein Faͤrber, bemerkte Herr von Buſch mit ver⸗ aͤchtlichem Laͤcheln. Adolphine hoͤrte nicht auf ihn. Sie verſank in ein — 5 44— tiefes Nachdenken. Den Namen Becher hatte ſie ſchon vor langer Zeit und unter ſonderbaren Umſtaͤnden ver⸗ nommen. Er klang ihr wie ein laͤngſt bekannter Gruß. — Georg Becher! fluͤſterte ſie leiſe, Georg! Die Dazwiſchenkunft der uͤbrigen Geſellſchaft und die Anrede des Grafen ſtoͤrten ſie in ihren Erinnerun⸗ gen. Er reichte ihr den Arm, den ſie gedankenlos an⸗ nahm. Zerſtreut antwortete ſie auf ſeine Bemerkun⸗ gen. Der Name beſchaͤftigte ſie mehr, als z ſi ſich lei ber zu geſtehen wagte. . IV. Unterdeß verweilte der uns ſchon bekannte Faͤrber⸗ meiſter noch am Ufer. Er ſuchte den Freund, um deſſentwillen er zum großen Theil dieſe Gebirgsreiſe angetreten. Da er ihn am Strande anzutreffen hoffte, ſo erwartete er hier die Ankunft des Saͤumigen, dem er Ort und Stunde in ſeinem letzten Briefe genau vorher bezeichnet hatte. Einſtweilen benutzte er die ihm gegoͤnnte Muße zu einem Blick auf ſeine naͤchſte Umgebung. Eine Menge groͤßerer und kleinerer Fahr⸗ zeuge harrten hier auf den Beginn der Proceſſion. Der Gottesdienſt in der benachbarten Kirche war noch — d 45 6— nicht beendet. Von Zeit zu Zeit ertoͤnte der heilige Geſang der Meſſe, welche drin gefeiert wurde, beglei⸗ tet von den maͤchtigen Toͤnen der Orgel. Dann folgte wieder eine Stille, welche unwillkuͤhrlich zur Andacht ſtimmte. Plöͤtzlich oͤffneten ſich die Thuͤren des Tem⸗ pels und Paarweis kamen die Andaͤchtigen den ſteilen, engen Weg von der Kirche bis zum Srnßjat Voran zogen die laͤndlichen Muſiker, welche einen feierlichen Marſch blieſen, ihnen folgten die Bewohner von Hall⸗ ſtadt, meiſt Bergleute in threr eigenthuͤmlichen Tracht. Dieſen ſchloß ſich das Landvolk aus der naͤchſten Um-r gebung und den benachbarten Dorſſchaften an, kraͤftige Maͤnner mit ehrlichen Geſichtern, welchen die Froͤm— migkeit ſchoͤn ſtand. Sie hatten ſo eben mit ihrem Gott geſprochen und ein Abglanz des Ewigen ſchwebte noch veredelnd uͤber ihren harten Zuͤgen. Sie gingen mit unbedeckten Haͤuptern und hielten ihre gruͤnen Huͤte demuͤthig in der Hand. In ihrer Mitte bewegte ſich mit langſam abgemeſſenen Schritten der allgemein ver⸗ ehrte Prieſter mit der ſchweren, vergoldeten Monſtranz. Ein purpurner Baldachin bedeckte ihn und den heiligen Schatz, rothgekleidete Chorknaben ſchwenkten unablaͤſſig die Weihrauchfaͤſſer, aus denen der blaue Rauch duf⸗ tend emporwirbelte. Nebenher, zu beiden Seiten, ſchritten die Aelteſten und Angeſehenſten des Ortes —e 46— und trugen die Stangen des geſtickten Zeltes, waͤhrend Andere große brennende Wachskerzen in ihren Haͤnden hielten. Juͤngere und kraͤftigere Maͤnner ließen dage⸗ gen die gewichtigen Kirchenfahnen mit bunten Heili— genbildern und Maͤrtyrern geziert luſtig in den Luͤften flattern. Hinterdrein trippelten die Jungfrauen, von denen noch eine beſonders auserleſene Schaar durch ihre weißen Kleider und Roſenkraͤnze in den Haaren ſich auszeichneten. Es waren die ſchoͤnſten Maͤdchen aus Hallſtadt und der Umgegend, denen die beſondere Ehre zu Theil ward, das Bild der Gottesmutter zu umgeben. Wie beſchaͤmt uͤber ſolche Ehre neigten ſie das erroͤthende Geſicht und ſenkten die ſchoͤnen Augen zu Boden. Unter ihnen bemerkte man Einzelne, welche ſich durch uͤberraſchend feine Zuͤge und zarte Geſtal⸗ ten hervorthaten, wie man ſie wohl zuweilen bei dem weiblichen Theil der Bevoͤlkerung in jener Gegend an⸗ trifft. Beſonders bemerkte Georg ein junges Maͤdchen von ungefaͤhr ſiebzehn Jahren, das ſelber einer laͤnd⸗ lichen Madonna glich. Ihr roͤthlich blondes Haar ſtrahlte wie geſponnenes Gold und ihre runden Tauben⸗ augen blickten ſo gut und rein wie die Sterne des Himmels. Ein weißer Roſenkranz beſchattete die klare Stirn. Das Gluͤck der Unſchuld leuchtete aus ihren ſanften Mienen. Bald war das liebliche Bild, welches Georgs Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, wieder ver⸗ ſchwunden und neue Erſcheinungen draͤngten ſich an ſeine Stelle, aͤltere Frauen, Kinder in ungewohntem Feſttagsſtaat, Matronen, von der Laſt der Jahre und den Sorgen des Lebens oft ſchon vor der Zeit gebeugt. Zuletzt loͤſte ſich die Proceſſion in jene wirre aber ma⸗ leriſche Unordnung auf, welche die letzten Glieder eines großen Zuges gewoͤhnlich zu ergreifen pflegt. Am Strande, wohin die fromme Menge ſich begab, war⸗ teten die Ruderer mit ihren Kaͤhnen, zur Aufnahme der Proceſſion bereit. Die Fahrzeuge waren ſaͤmmt⸗ lich mit Blumen und Laubgewinden geſchmuͤckt und ver— mehrten den feſtlichen Eindruck des Ganzen. In einem großen Boote fanden die Muſiker Platz, ein zweites beſtieg der Prieſter mit den Aelteſten, und das naͤchſt⸗ folgende umſchloß die Schaar der bluͤhenden Maͤdchen. Eine Unzahl kleinerer Kaͤhne hielten in der Naͤhe der groͤßeren, wie dieſe bereit, ſich auf ein gegebenes Zeichen in Bewegung zu ſetzen. Die fremden Zu⸗ ſchauer ſtanden theils wie Georg am Ufer, theils auf den benachbarten Balkonen der beiden am See gelege⸗ nen Gaſthaͤuſer. Dort befand ſich auch die uns bereits bekannte Geſellſchaft.— Adolphine ſaß auf einem Stuhle, den ihr trotz des Gedraͤnges Graf Bangor zu verſchaffen wußte. Sie ſtuͤtzte ihren Arm auf den Al⸗ —e 48 6— tan und blickte in Gedanken vertieft nach dem frommen Schauſpiel zu ihren Fuͤßen. Der breite Strohhut ſchuͤtzte ſie vor den brennenden Sonnenſtrahlen, welche nach dem Gewitter wieder kraͤftig niederſchoſſen. Ein friſcher Wind, der die letzten dunkeln Wolken vor ſich hertrieb, ſpielte mit ihrem gruͤnen Schleier. Unbeach⸗ tet von ihr genoß Graf Bangor den reizenden Anblick, den ſie ſelbſt ihm darbot. Der ſonſt ſtrenge und kalte Ausdruck ihrer regelmaͤßigen Zuͤge hatte einer an ihr nur ſelten beobachteten Milde und Weichheit Platz ge⸗ macht. Sie kam ihm in dieſem Moment ſchoͤner vor als je, ohne daß er ſich den Grund dieſea Erſcheinung zu erklaͤren wußte. Adolphine hatte durchaus keine Ahnung von den Gefuͤhlen, welche ſie⸗ in der Seele ihres Begleiters eben jetzt erweckte und die einen laͤngſt gehegten Entſchluß in ihm zur Reife brachten. Sie gab ſich ganz und gar dem Eindrucke hin, welchen die Pro⸗ ceſſion hervorrief, und ſchwelgte in einer mehr künſtli⸗ chen als natuͤrlichen Stimmung, die ſie von Zeit zu Zeit mit Abſicht ſuchte. Angewidert von der Alltaͤglich⸗ keit des Lebens und der banalen Umgebung, in der ſie ſich meiſt langweilte, ſehnte ſich ihr Geiſt nach Emotion. Jeder Reiz war ihr willkommen, wenn er ſich nur ſtark genug erwies, um die Leere des Gemuͤ⸗ thes, welche ſie empfand, zu betaͤuben. Sie liebte ſich —?e 49— aufzuregen und darum hatte ſie auch die ganze Geſell⸗ ſchaft zu dieſer Fahrt nach Hallſtadt, wo die ſeltſame Feier ſtattfand, halb uͤberredend halb gebieteriſch ge⸗ trieben.— Mit demſelben Eifer ſtuͤrzte ſie ſich ſchon fruͤher auf die verſchiedenſten Erſcheinungen des Tages. Heute ſchwaͤrmte ſie fuͤr Religion, morgen fuͤr die Kunſt. Selbſt der Politik war das ſeltſame Maͤdchen nicht fern geblieben. Adolphine hatte alle Wendungen der neueren Geſchichte mit ungewoͤhnlicher Theilnahme verfolgt. Sie war abwechſelnd eine gluͤhende Anhaͤn⸗ gerin der jungen Freiheit und eine ebenſo eifrige Freun⸗ din der Reaction geweſen. Es gab eine Zeit, wo ſie ſich nicht nur mit den Farben des einigen Deutſchlands ſchmuͤckte, ſondern ſelbſt den ſocialiſtiſchen Lehren mit Bewunderung lauſchte. Als aber die heraufbeſchwo⸗ renen Elemente ſich in ihrer abſchreckenden Geſtalt offenbarten, wurde Adolphine von der entgegengeſetzten Stroͤmung der Zeit wie ſo viele Maͤnner und Frauen in unſeren Tagen ergriffen.— Von dem jungen Freiheitsrauſch blieb ihr nichts als der Ekel und die Verachtung fuͤr eine Generation, welche ihr nur das traurige Bild des Verraths, der Schwaͤche und der Gemeinheit zeigte. Ihr Glaube war erſchuͤttert und ſie wandte ſich mit Abſcheu von dem Volke ab, das ſie bei ſeinem erſten Auftreten vergoͤtterte. Immer 1. 4 —5 50— nuͤchterner und kahler erſchien ihr das Leben in der Gegenwart. Nach jenen Verirrungen, wie ſie ihre damalige Freiheitsliebe zu bezeichnen pflegte, uͤberließ ſie ſich, wie die Meiſten, einer ungezuͤgelten Genuß⸗ ſucht. Sie eilte von Vergnuͤgen zu Vergnuͤgen, von Feſt zu Feſt.— Sobald die Revolution beſiegt und ruhigere Verhaͤltniſſe zuruͤckgekehrt waren, erwachte in der Hauptſtadt ein wahrer Freudentaumel. Die hoͤhe⸗ ren Staͤnde beſonders hielten ſich fuͤr die gezwungenen Entbehrungen nunmehr ſchadlos. Zu keiner Zeit ſah man fruͤher in den ariſtokratiſchen Kreiſen ſo glaͤnzende Baͤlle und Partieen wie jetzt. Gleich einem lange zu— ruͤckgehaltenen Strom brauſte die ſchaͤumende Luſt in der von jeher als lebensfroh bekannten Reſidenz. Man wollte vielleicht ſo ſchnell als moͤglich die blutigen Er⸗ eigniſſe vergeſſen und die ſchreienden Erinnerungen uͤbertaͤuben. Es war aber etwas Gewaltſames und Unnaturliches in dieſem ploͤtzlich hervorbrechenden Ver⸗ gnuͤgungstrieb. Dem genaueren Beobachter konnte es nicht verborgen bleiben, daß die alte Unbefangenheit, die liebenswuͤrdige Naivetät fehlte, welche ſonſt hier zu finden war. Die Revolution hatte ihren Stachel zuruͤckgelaſſen und die geſe noch immer nicht in ihr voriges, ruhiges Bett wieder— gekehrt. Der laute Laͤrm verbarg nur ſchlecht eine ge— —5 51 6— heime Angſt und trotz des Jubelns ohne Ende fuͤhlte ſich Keiner wohl und ſicher. In einer ſolchen Stim— mung nahmen alle Vergnuͤgungen einen mehr bacchan⸗ tiſchen und ſtuͤrmiſchen Charakter an. Der materielle Genuß galt nunmehr fuͤr das Hoͤchſte, nachdem die Welt mit ihren geiſtigen Guͤtern Schiffbruch gelitten. Dennoch kam nicht die alte Luſt, ſo ſehr man ſie zu⸗ ruͤckrief. Der Zauber war zerſtoͤrt und keine Macht der Erde konnte ihn herſtellen.— Was ſich im großen Ganzen bemerkbar machte, erfuhr jeder Einzelne mehr oder minder nach dem Grade ſeiner Bildung und Em⸗ pfaͤnglichkeit an ſich ſelbſt. Auch Adolphine hatte ſich mit der ihr eigenen Energie in den Taumel geſtuͤrzt, nachdem ſie ihre unreifen Ideale ſchwinden ſah. Sie wollte ſich wie die Uebrigen betaͤuben und uͤberließ ſich wie alle Welt den geſellſchaftlichen Ertravaganzen. Auf dem glatten Parquet der ſtrahlenden Saͤle feierte ihr weiblicher Stolz eine Reihe unbeſtrittener Triumphe. Wo ſie erſchien, wurde ihr auch gehuldigt. Sie glaͤnzte durch eine nicht gewoͤhnliche Schoͤnheit, eine ausge— zeichnete Bildung und durch ihren ſicheren Takt. Das Haus ihres Vaters gehoͤrte zu den hervorragendſten der Reſidenz und galt fuͤr einen Mittelpunkt der feinen und eleganten Welt. Aber ſelbſt die ſonſt verſchloſſenen altariſtokratiſchen Kreiſe oͤffneten ſich dem Einfluſſe des 4* — 52 6— Herrn von Buſch und den ſiegreichen Reizen ſeiner Tochter. Abdolphine zaͤhlte bald zu den gefeiertſten Schoͤnheiten der Hauptſtadt und genoß im vollen Maße den ſuͤßen Rauſch der geſchmeichelten Eitelkeit. Zwei Winter waren ihr auf dieſe Weiſe vergangen, da ſtellte ſich eine geiſtige und koͤrperliche Abſpannung ein, welche unter ſolchen Verhaͤltniſſen nicht auszubleiben pflegt. Auf dem Gipfel ihrer Triumphe empfand ſie mit einem Male eine entſetzliche Leere und Einfoͤrmigkeit. Es war ihr eine Laſt, taͤglich dieſelben Geſichter zu ſehen und die gleichen Redensarten anzuhoͤren. Die Geſell⸗ ſchaft mit ihren abgenutzten Formen und ſtereotypen Wendungen widerte ſie an. Anfangs machte ſie wohl noch einen Verſuch, ihre Stimmung zu beherrſchen, aber bald gab ſie dieſes vergebliche Unternehmen wieder auf und uͤberließ ſich einer ſichtbaren Apathie. Dieſe Veraͤnderung blieb nicht unbemerkt. Eine Perſoͤnlich⸗ keit wie die ihrige mußte die allgemeine Beobachtung auf ſich ziehen und bald war ihre ſonderbare Verſtim⸗ mung das Tagesgeſpraͤch in den Salons, welche ſie beſuchte. Der weibliche Scharfſinn der juͤngeren Da— menwelt ſah darin nur einen Verſuch Adolphinens, ſich intereſſant zu machen. Die Melancholie verlieh ihr einen ganz beſonderen Reiz und einige Freundinnen, wenn ein ſo ſchoͤnes Maͤdchen ſolche uͤberhaupt beſitzt, — 53— copirten die ſchmachtende Abſpannung und die Zer⸗ ſtreutheit ihres Vorbildes ſo gut es ging. Vierzehn Tage war die Apathie Adolphinens foͤrmlich zur Mode geworden. Aeltere Frauen ſchuͤttelten jedoch bedenklicher den Kopf und muthmaßten eine geheime Leidenſchaft der Gefeierten. Man beobachtete, lauſchte, ſpionirte — doch Alles umſonſt. Keine Spur eines intereſſan⸗ ten Verhaͤltniſſes ließ ſich entdecken, auch nicht der Schatten einer Liebe zeigte ſich. Nachdem ſelbſt die ſchaͤrfſten Augen nichts geſehen und die feinſten Naſen der Geſellſchaft nichts gewittert, kamen die erfahrenſten Matronen uͤberein, Adolphinen ein Krankheitsatteſt auszuſtellen. Sie leidet an den Nerven: dieſer Aus⸗ ſpruch wurde ſo vielfach wiederholt, bis die Betheiligte es ſelber glaubte und ihre eigenthuͤmliche Stimmung lediglich einem Nervenuͤbel zuſchrieb. Auch Herr von Buſch wurde ſofort von dieſem neuen Ereigniſſe in Kenntniß geſetzt. Der beſorgte Vater bot natuͤrlich Alles auf, was in ſeinen Kraͤften ſtand, um das Leiden ſeiner Tochter zu beſeitigen. Er ließ den erſten Hofarzt herbei rufen. Derſelbe war ein eben ſo beruͤhmter als erfahrener Mann. Seine Praris in den vornehmſten Haͤuſern erleichterte ihm in dieſem wie in vielen andern Faͤllen die Diagnoſe der betreffenden Krankheit. Es waͤre keineswegs klug von ihm gewe⸗ — 5 54— ſen, wenn er die allgemeine Meinung zu Schanden gemacht und eine andere Anſicht als die in den feine— ren Zirkeln herrſchende abgegeben haͤtte. Durfte er ſo erfahrenen und ausgezeichneten Damen widerſprechen, bei denen er noch uͤberdies mit einem hohen Honorar als Hausarzt angeſtellt war? Ehe noch der beruͤhmte Mann die Leidende geſehn, wußte er bereits was ihr fehlte, denn er hatte hinlaͤnglich Gelegenheit gehabt, die oͤffentliche Stimme uͤber dieſen intereſſanten Fall zu hoͤren. Mit wuͤrdevollem Geſicht und mit Vertrauen einfoͤßender Haltung näͤherte er ſich ſeiner ſchoͤnen Patientin. Nach einem kurzen Examen, das eigent⸗ lich gaͤnzlich uͤberfluͤſſig war, wiederholte er nur mit einigen gelehrt klingenden Worten den bekannten Krankheitsnamen. Zugleich verordnete er fuͤr das Nervenuͤbel Adolphinens den Gebrauch der Bader und der Gebirgsluft in Iſchl. Jeder Arzt reitet ein medi⸗ ziniſches Steckenpferd, das unſeres Doctors hieß Iſchl. Er hielt beſonders die dortige Luft fuͤr ſo heilſam, daß er ſie in Flaſchen wohlverpfropft ſich nach der Re⸗ ſidenz zuſenden ließ und ſeinen vornehmen Patienten zum Einathmen empfahl. Die neue Methode hatte in den betreffenden Kreiſen viel Gluͤck gemacht, obgleich die neidiſchen Collegen den Urheber derſelben als Char⸗ latan oͤffentlich verſchrieen. Adolphine hatte gegen eine — 55 6— Badereiſe nichts einzuwenden. Sie hoffte in Iſchl wenn auch nicht Befriedigung, doch wenigſtens Ruhe zu finden. Auch liebte ſie die Natur und ihre Seele war fuͤr landſchaftliche Eindruͤcke empfaͤnglich. Leider gin⸗ gen ihre Traͤume von einer ſtillen Zuruͤckgezogenheit nicht in Erfuͤllung. Das vor einigen Jahren noch unbekannte Iſchl war ein Modebad geworden und bald ſah ſich Adolphine wieder von dem alten Treiben um— geben und in Anſpruch genommen. Fruͤhere Bekannte und Freunde waren ebenfalls eingetroffen und ließen ſich nicht vermeiden, neue Erſcheinungen draͤngten ſich heran. Wo ſich die gefeierte ⸗Schoͤnheit zeigte, war ſie wie in der Hauptſtadt von einem Schwarm maͤnn⸗ licher Anbeter und Verehrer umringt, unter denen Graf Bangor fuͤr ſie der beharrlichſte und ertraͤglichſte ſchien. So ſah ſich Adolphine gegen ihren Willen wieder verſtrickt und fortgeriſſen von dem Strudel der Welt. Dabei fuͤhlte ſie ſich einſamer als je und von einer Haſt und Unruhe gequaͤlt, welcher ſie vergebens zu entfliehen ſuchte. Auch in dieſem Augenblick war ſie allein, obgleich Graf Bangor in ihrer Naͤhe weilte. Sie ſuchte ſelbſt in dieſer religioſen Feier Zerſtreuung und Aufregung, welche ihr bereits zum Bedürfniß ge⸗ worden waren. Unterdeß nahm die Proceſſion ihren ruhigen Fort⸗ gang. Die Kaͤhne mit den Andaͤchtigen gefuͤllt entfern⸗ ten ſich vom Lande und fuhren immer weiter in den See hinaus. Gleich Geiſterſtimmen verhallten allmaͤ— lig die Toͤne der Muſtk und die frommen Lieder des Saͤngerchors. Dann ward mit einem Mal wieder Alles ſtill und man hoͤrte nur das leiſe Murmeln der Wellen, welche an die Felſen ſchlugen. Mitten auf dem Waſſer begann jetzt der feierliche Gottesdienſt. In einem Halbkreiſe lagerten ſich die g groͤßeren und kleineren Fahrzeuge. Man konnte trotz der Entfernung die wohltoͤnende Stimme des Prieſters vernehmen, der die goldene Monſtranz emporhob und dazu die vorge⸗ ſchriebenen Worte intonirte. Die fromme Gemeinde lag auf den Knieen und bekreuzte ſich. Wie durch ein hoͤheres Machtgebot feſt gebannt ruͤhrte ſich kein Boot von ſeinem Platz, bis der ſtille Segen geſpro⸗ chen war. Ringsumher herrſchte das Schweigen der Ehrfurcht. Andaͤchtig ſchienen ſelbſt die Wellen und Felſen zu lauſchen, als beugten ſie ſich mit den Men⸗ ſchen zugleich vor der hoͤheren Macht des Goͤttlichen. Der See wurde zum Altar, auf welchem das groͤßte Geheimniß der Schoͤpfung ſich verwirklichte, die Berge ringsumher verwandelten ſich in einen großen Dom mit rieſigen Mauern und erhabenen Pfeilern. Ueber Fels und Fluth, uͤber Prieſter und Gemeinde flammte . 3 — d 57 8— der goldene Sonnenſchein. Die Strahlen trafen blitzend die Monſtranz, welche wie eine zweite hoͤhere Sonne den Andaͤchtigen leuchtete. In dieſem erhabenen Au⸗ genblicke entfaltete die Kirche ihre wunderbare, myſti— ſche Gewalt. Himmel und Erde waren ihr unterthan und gehorchten ihrem Wort. Die Geſtalt des Prieſters, welche allein aufrecht und vom Licht umfloſſen ſtand, das von dem geweihten Gefaͤße ausſtrahlte, wuchs zuſehends und erhielt eine uͤberirdiſche Bedeutung. Es war als ob er nicht nur den Herzen der Andaͤch⸗ tigen, ſondern auch den Elementen gebiete und dieſen Stillſchweigen auferlegen koͤnne. Ploͤtlich aber ſchmet⸗ terten die Jubelfanfaren der Trompeten, jauchzte der Chor und die Kaͤhne zogen weiter, bis ſie faſt das Ende des Sees erreichten, wo die Berge im Halbrund ihn begraͤnzten. Dort wiederholte ſich daſſelbe Schau⸗ ſpiel nur in groͤßerer Entfernung, welche der Phan⸗ taſie wo moͤglich einen weiteren Spielraum uͤberließ. Waͤhrend der ganzen Zeit ſaß Adolphine auf dem Balkon erſchuͤttert von dem großartigen Eindrucke, den die Proceſſion in ihr hervorrief. Der anfaͤngliche Nervenſchauer, von dem ſie bei aͤhnlichen Gelegenhei⸗ ten befallen wurde, hatte eine tiefere Stimmung an⸗ geregt. Es liegt in jedem Gottesdienſte eine zwingende Gewalt, der ſich ſelbſt der Unglaͤubige nicht entziehen — 58— kann. Ein geheimnißvolles Band ſchlingt ſich-von dem frommen Beter bis zu ihm und ruft in dem verbor⸗ genſten Winkel auch des oͤdeſten Herzens noch die Erinnerungen der gottesfuͤrchtigen Kinderzeit und die Ahnungen eines hoͤheren Lebens wach. Jede groͤßere Verſammlung, welche einem aͤhnlichen Zwecke dient, vermehrt nur die Staͤrke dieſer Empfindung. Selbſt der fromme Wahn, den wir nicht theilen koͤnnen, er⸗ ſcheint uns ehrwuͤrdig, wenn die Maſſe ihm als Traͤ⸗ ger dient. Der Einzelne giebt ſeine Selbſtſtaͤndigkeit meiſt in ſolchen Faͤllen auf und wird wie der Stein zur Erde von der planetariſchen Schwerkraft des Gan⸗ zen angezogen. Nur die ſtaͤrkſten Geiſter oder die voͤllig Abgeſtumpften vermoͤgen noch zu widerſtehn. Adolphine machte keinen derartigen Verſuch. Sie uͤberließ ſich ſogar mit einem gewiſſen Entzuͤcken dem religioſen Gefuͤhl, das von Zeit zu Zeit ſie uͤberkam. In ihren Augen ſtanden Thraͤnen, die ſie gewaltſam unterdruͤckte. Sie wollte keine Zeugen ihrer Ruͤhrung haben. Das erhabene Schauſpiel loͤſte wenigſtens fuͤr den Moment, wo ſie ihm beiwohnte, die Feſſeln und den Zwang der materiellen Welt, ſie fuͤhlte ſich freier und beſſer als zu anderer Zeit. Daß ſie noch ſo denken und empfinden konnte, war ihr neu und uͤberraſchend, denn ſie hatte ſich ſelbſt in dieſer wie in mancher an⸗ — 59— deren Beziehung bereits aufgegeben. Sie kehrte jetzt erſt wieder in ſich ſelber ein und belauſchte mit einer geheimen Freude ihr Inneres, vor dem ſie ſonſt zuruͤck⸗ bebte. Allerdings trug auch dieſe ſchwelgeriſche Selbſt— ſchau noch die Spuren einer krankenden Gemuͤthsbe⸗ ſchaffenheit und des Gaͤhrungsproceſſes, von dem ihr ganzes Weſen ergriffen war. Sie fuͤhlte wohl Aehn⸗ liches und ihr Auge ſuchte den huͤlfreichen Arzt und Retter in der Noth. Unwillkuͤhrlich ſchaute ſie empor. Ihr Blick begegnete nur dem Grafen, der, gelangweilt von ihrem Stillſchweigen, gedankenlos mit ſeiner Lorg⸗ nette ſpielte, waͤhrend ihr Vater ſich mit Frau von Starenberg angelegentlich uͤber das zu erwartende Diner unterhielt. Ein kalter Schauer erfaßte ſie und verzweifelnd ſenkte ſie das ſchoͤne Haupt. V. Georg wartete noch immer am Ufer auf den Freund, um den er uͤberhaupt die Reiſe nach Hall— S ſtadt unternommen. Er ſchenkte der Proceſſion keines⸗ wegs dieſelbe innere Theilnahme, obgleich ſie auch — 60 8— ſein Intereſſe, wenn auch in anderer Art, in Anſpruch nahm. Die Ungeduld der Erwartung konnte keine derartige Stimmung in ihm aufkommen laſſen. Zu⸗ weilen zog er ſeine Uhr hervor. Die Stunde, welche er dem Freund beſtimmt, war laͤngſt vergangen. Schon vorher hatte er bei einigen Naheſtehenden Erkundigun⸗ gen nach dem Abweſenden eingezogen, aber ſie konn⸗ ten ihm nicht die gewuͤnſchte Auskunft ertheilen, weil ſie entweder ſelbſt fremd waren oder den Betreffenden nicht kannten. An eine faſt pedantiſche Puͤnktlichkeit in allen Dingen gewoͤhnt, wurde ihm dieſe unerklaͤr⸗ liche Verſaͤumniß immer peinlicher. Er ſtand jetzt faſt allein am Strande, nachdem die Andaͤchtigen auf den See gefahren und die Neugierigen ſich zerſtreut hatten. Um der peinlichen Langeweile zu entgehn, ſah er bald auf den See und die ferne Proceſſion, bald auf die naͤchſten Haͤuſer am Ufer, unter denen die beiden Gaſthoͤfe beſonders hervorragten. Sein herumſchwei⸗ fender Blick verweilte am Laͤngſten auf dem Balkon, welchen Adolphine nicht mehr verließ. Georg hatte ſie ſogleich wiedererkannt und das kurz vorher mit ihr durchlebte Abenteuer kam ihm aufs Neue in den Sinn. Seine einmal angeregte Phantaſie beſchäftigte ſich bald ausſchließlich mit ihr. Immer wieder blickte er un⸗ willkuͤhrlich zu ihr empor. Abgeſehn von den inneren Beruͤhrungspunkten, welche er wenn auch nur fluͤchtig mit dem ſeltſamen Maͤdchen gehabt, war ihre bloße aͤußere Erſcheinung ſchon intereſſant genug, um die Aufmerkſamkeit ſelbſt eines ſolch ruhigen Beobachters auf ſich zu ziehen. Obgleich ſich Georg eben nicht zu den poetiſchen Schwaͤrmern zaͤhlen durfte, ſo beſaß er doch einen hinlaͤnglich ausgebildeten Sinn fuͤr wahre Schoͤnheit, unter welcher Form ſie ihm auch entgegen⸗ trat. Adolphine ſtellte aber in dieſem Augenblick unbe⸗ wußt ein vollendet ſchoͤnes und maleriſches Bild dar. Sie ſaß uͤber den Balkon gebeugt. Dieſer war zur Feier des Tages mit Laubgewinden und Blumenguir— landen umſchlungen, welche einen lieblichen Rahmen fuͤr die ſchlanke Geſtalt abgaben. Der ausdrucksvolle Kopf ruhte geſtuͤtzt auf ihrer feinen Hand. Um das blaſſe, aber durchaus nicht kraͤnkelnde Geſicht ſpielten die dunklen Locken, welche ſie nach engliſcher Mode lang herniederflattern ließ. Die tiefen blauen Augen ſchweiften in die Ferne und verriethen eine geheimniß⸗ volle Sehnſucht. Dieſe nachdenkliche Stellung verlieh ihr einen eigenen Reiz und floͤßte dem Zuſchauer ein tieferes Intereſſe ein. Eine eigenthuͤmliche Poeſie pflegt jedes ſchoͤne Weib zu umgeben, das ruhig vor ſich niederſieht wie ein holdes Raͤthſel, deſſen Loͤſung —o 62— man herbeiwuͤnſcht. Von ſeinem Standpunkte aus konnte Georg unbemerkt dieſe Beobachtungen anſtellen und ſomit nachholen, was er auf dem Kahn und waͤhrend des Sturmes, wo er ausſchließlich mit an⸗ geſtrengtem Rudern beſchaͤftigt war, verſaͤumt hatte. Jetzt erſt uͤberließ er ſich ungeſtoͤrt der wunderbaren Anziehungskraft, die Adolphine auf jeden Mann aus⸗ uͤbte, der in ihre Naͤhe kam. Das ſchoͤne Bild praͤgte ſich tiefer ſeinem Herzen ein, als er vielleicht in die— ſem Augenblick ahnen konnte. Faſt vergaß er bei ihrem Anblick den Freund, deſſen Ausbleiben ihn ſo eben noch verdrießlich geſtimmt. Es bedurfte erſt der handgreiflichen Erſcheinung und Umarmung des Letz⸗ teren, um ihn von dem intereſſanten Schauſpiel abzu⸗ lenken. Eine Stimme neben ihm rief jetzt ſeinen Namen und er fuͤhlte ſich von vertrauten Armen umſchlungen. Adolphinens Bild verſchwand vor der Freude des Wiederſehns nach jahrelanger Trennung. Nachdem der erſte, ſtuͤrmiſche Empfang voruͤbergegangen, ſchau⸗ ten ſich die beiden Freunde, wie dies zu geſchehn pflegt, pruͤfend an. Dem ſcharfen Auge Georgs ent⸗ gingen dabei nicht die Veraͤnderungen, welche der Genoſſe ſeiner Jugend erlitten. Dieſer war Hiſtorien⸗ maler und hieß Ferdinand Obermann, ein Name, der —“o 63 6— in der Kunſtwelt hinlaͤnglich bekannt war und der bei ſeinem erſten Auftreten große Erwartungen angeregt hatte, die nicht immer und in ihrem ganzen Umfange in Erfuͤllung gingen. Georg hatte den Freund als heitern und friſchen Juͤngling verlaſſen voll Selbſtver⸗ trauen und ſprudelnder Lebenskraft, er fand ihn un⸗ ruhig, aufgeregt und halb gebrochen wieder. Das ſchoͤne glaͤnzende Auge Ferdinands ſchien ihm matt und ohne Feuer. Um ſeine Lippen ſpielte ein ſchmerzhaftes Laͤcheln, die hohe Stirn war vor der Zeit gefurcht und die bluͤhende Roͤthe ſeiner Wangen einer durchſich⸗ tigen, geiſterhaften Blaͤſſe gewichen. Trotz dieſer Maͤngel trugen ſeine Zuͤge den Stempel der urſpruͤng— lichen Schoͤnheit und vielleicht gaben grade die Ver— wuͤſtungen, welche ein bewegtes Leben angerichtet, ihm eine um ſo groͤßere Anziehungskraft fuͤr das weibliche Geſchlecht, das oft fuͤr dergleichen poetiſche Ruinen ſchwaͤrmt. Auch er muſterte den alten, bewährten Freund. Er konnte keine weſentliche Veraͤnderung an Georg finden. Dieſer war vollkommen ſich gleich ge⸗ blieben, feſt wie der Fels, dem weder die Zeit noch die Elemente ſo leicht Etwas anhaben.— Der Maler ſchien den Eindruck zu ahnen, den ſein trauriges Ausſehn hervorgerufen. Mit melancholi⸗ ſchem Laͤcheln redete er den Freund an. —e 64— — Du wirſt mich wahrſcheinlich ſehr veraͤndert fin⸗ den; doch davon ſpaͤter. Vorlaͤufig entſchuldige nur, daß ich dich warten ließ. Ich ging am fruͤhen Mor⸗ gen fort und wollte dich am Ufer hier treffen; aber das Gewitter uͤberraſchte mich und ich mußte unter⸗ wegs Zuflucht in einer Huͤtte nehmen. Dort ver— weilte ich laͤnger als es noͤthig war. Du kennſt ja den alten Traͤumer, der Alles um ſich her ſo leicht vergißt. — Ich kann mir ſchon denken, entgegnete Georg nachſichtig, gewiß hat ein maleriſcher Gegenſtand dich feſt gehalten, ein alter Baumſtamm, eine ſeltſam ge⸗ formte Wolke, das Halbdunkel in der Huͤtte, oder gar vielleicht eine ſchoͤne Sennerin, deren Bild du noch ſchnell deiner Mappe einverleibt haſt. — Du haſt wie immer das Richtige getroffen und wie ich ſehe mir bereits verziehn. Aber laß uns jetzt gehn. — Wohin? — Ich kann dich nicht einmal in meine Wohnung fuͤhren. Meine Wirthsleute ſind bei der Proceſſion und haben das Haus verſchloſſen und den Schluͤſſel mitgenommen. Die Gaſthaͤuſer ſind voll von Frem⸗ den und kein ruhiges Pläͤtzchen aufzufinden, wo man vertraulich ſich ausſprechen kann. Wenn du nicht zu — — 5d 65— muͤde biſt, wuͤrde ich dir den Vorſchlag machen in einen Kahn zu ſteigen, den der Wirth mir gern uͤberlaͤßt, und auf den See hinauszurudern. Dort ſind wir un⸗ geſtoͤrt. Georg war mit dem Vorſchlage einverſtanden und Beide naͤherten ſich dem Fahrzeuge, das am Ufer lag. Im Begriff hineinzuſteigen, blickte der Maler zufaͤllig zu dem Balkon empor, auf welchem Adolphine ſaß. Ploͤtzlich uͤberzog ſeine eingefallenen Wangen eine flam⸗ mende Roͤthe und ein Ausruf der Ueberraſchung kam von ſeinen Lippen. Georg ſah verwundert nach dem Freund. Auch Adolphine mußte den Ausruf wahr⸗ ſcheinlich gehoͤrt haben; ſie richtete ihre ſchoͤnen Augen forſchend nach der Seite, woher er kam, und ſtarrte wie aus einem Traum erwachend Ferdinand an. Dieſer gruͤßte reſpectvoll und in augenſcheinlicher Verwirrung, ſie dankte freundlich und gegen ihre ſonſtige Gewohn⸗ heit mit einem vertrauten Laͤcheln. — Du ſcheinſt die Dame zu kennen, bemerkte Georg, der ſich immer mehr fuͤr die Heldin ſeines Abentheuers zu intereſſiren anfing. Zweimal mußte er dieſelbe Frage wiederholen. — Ich kenne ſie ſchon laͤngere Zeit, entgegnete end⸗ lich Ferdinand. Der Zufall oder vielmehr der Ruf I. 3 5 — — 5d 66— 5— meines Talents hat mich in das Haus ihres Va⸗ ters gefuͤhrt, wo ich Adolphinen Zeichenunterricht er— theilte. Georg erzaͤhlte nun ſeiner Seits unbefangen ſeine Begegnung mit dem ſchoͤnen Maͤdchen. Der Maler hoͤrte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Nur zuweilen entſchluͤpfte ihm ein Ausruf des Erſtaunens, oder ein befremdendes Wort, deſſen Sinn der Freund ſich nicht zu deuten wußte. Zuletzt rief er faſt im warnenden Tone: — So haſt du auch und unter ſolch wunderbaren. Verhaͤltniſſen die Bekanntſchaft dieſer Loreley gemacht. Nimm dich in Acht! Ein Opfer iſt genug.— Auf Befragen Georgs wich er einer ferneren Er⸗ klaͤrung aus und abſichtlich lenkte er das Geſpraͤch auf die Heimath, die gemeinſchaftlichen Freunde und An⸗ verwandte. Bald trug ſie der Kahn wieder auf den See zuruͤck. Am aͤußerſten Ende des Waſſerſpiegels hielt die Pro⸗ ceſſion. Die Freunde hatten die entgegengeſetzte Rich⸗ tung eingeſchlagen, um ganz ungeſtoͤrt und allein zu ſein. In ihrer Naͤhe war es ſtill und ſie konnten ſich ohne Ruͤckhalt ihren Herzensergießungen uͤberlaſſen. — Wie freut es mich, begann der Maler, dich nach ſo langer Zeit wieder in meiner Naͤhe zu ſehn. —e 67— Du haſt mir ein großes Opfer gebracht, das ich dir nicht hoch genug anrechnen kann. — Meine Geſchaͤfte fuͤhrten mich nach Wien und Linz. Ich wollte die großen Faͤrbereien in beiden Staͤdten in Augenſchein nehmen und manchen Vortheil meines Gewerbes praktiſch kennen lernen. So kam ich in deine Nähe und ich konnte nicht der Verſuchung widerſtehn, dich in dieſer herrlichen Natur aufzuſuchen. — Ich kann mich noch immer nicht mit dem Gedan⸗ ken befreunden, daß du deine Studien aufgegeben und ein Handwerk ergriffen haſt. Wie konnteſt du einen ſolchen Entſchluß faſſen, da du doch urſpruͤng⸗ lich dich fuͤr den Lehrſtuhl der Naturwiſſenſchaften be⸗ ſtimmt hatteſt? — Der Grund war einfach, aber ſchmerzlich. Nach dem Tode meines Vaters uͤbernahm mein aͤlterer Bruder die Faͤrberei, waͤhrend ich die Univerſitaͤt bezog. Friedrich war ein tuͤchtiger und praktiſcher Menſch. Unermuͤdlich fleißig arbeitete er fuͤr uns Alle. Ich habe ja mit dir oft von ihm geſprochen, wie er an ſich immer nur zuletzt dachte, fuͤr jeden Einzelnen von uns mehr beſorgt als fuͤr ſich. Wie war er nicht bemuͤht, das fuͤr meine Studien noͤthige Geld ſtets herbeizu⸗ ſchaffen, welche Entbehrungen legte er ſich um meinet⸗ willen auf! — — d 68— Georg hielt von ſchmerzlicher Erinnerung uͤber⸗ waͤltigt inne. Mit maͤnnlichen Thraͤnen ehrte er das Andenken des kuͤrzlich erſt verſtorbenen Bruders. — Ein Nervenfieber, fuhr er nach einer Pauſe fort, uͤberftel ihn unerwartet und raffte ihn mitten in ſeinem ſegensreichen und thaͤtigen Leben fort. Wir Alle verloren viel an ihm, am meiſten meine Mutter, die an ihm die kraͤftigſte Stuͤtze vermißte und rathlos zuruͤckblieb. Das Geſchaͤft, welches durch ſeinen Fleiß einen bluͤhenden Aufſchwung genommen und uns Alle ernaͤhrte, konnte unmoͤglich von ihr allein fortge— ſetzt werden. Dazu gehoͤrte eine maͤnnliche Hand. Eben ſo wenig wollte ſie es einem Fremden uͤbergeben. Sie haͤngt mit ihrem ganzen Herzen daran. Auch haͤtte ſich ein Verkauf nur mit weſentlichen Nachtheilen be⸗ werkſtelligen laſſen. In dieſer Verlegenheit wandte ſie ſich an mich und ſchilderte mir ihre bedenkliche Lage. Sie verlangte meinen Rath und ſuchte Unterſtuͤtzung: bei mir, ohne irgend einen Wunſch entſchieden zu aͤußern. Ich entſchloß mich ſchnell und reiſte in die Heimath, um perſoͤnlich ihr nach Kraͤften beizuſtehn. Alles war in der groͤßten Verwirrung. Ich ordnete die verwickelten Angelegenheiten, ſo gut es ging. Bald indeß gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß meine andauernde Gegenwart hier nothwendig ſei. 2„— — 8 69 8— Ich befreundete mich mit dem Gedanken, ſtatt eines Gelehrten ein Handwerker zu werden. Meine chemi⸗ ſchen Kenntniſſe, die ich mir auf der Univerſttaͤt er⸗ worben, erleichterten mir dieſen Schritt und kamen mir bald trefflich zu Statten. Einen tuͤchtigen Geſel⸗ len fand ich vor und er ſtand mir zur Seite. Ihm verdanke ich meine praktiſche Ausbildung, die ich in kurzer Zeit erlangte. So wurde ich aus einem ange⸗ henden Doctor der Philoſophie ein Handwerker und Faͤrbermeiſter. — Und du bereuſt nicht dieſe Veraͤnderung, du ſchweigſt von den Opfern, die du den Deinigen ge⸗ bracht haſt? fragte theilnehmend der Freund. — Ich finde das Opfer keineswegs ſo groß und bin vollſtaͤndig mit meinem Schickſalswechſel ausge— ſoͤhnt. Ja, ich geſtehe dir offen, daß ich nicht zuruͤck⸗ tauſchen wuͤrde. Du laͤchelſt und ſcheinſt zu zweifeln, weil du auch noch an dem alten Vorurtheile haͤngſt und die buͤrgerliche Stellung des Handwerkers als eine niedrigere betrachteſt. Ich hingegen bin jetzt ſtolz darauf. Allerdings iſt dieſer Stand in letzter Zeit bedeutend herabgekommen. Um ſo mehr halte ich es fuͤr meine Pflicht, alle meine Kraͤfte fuͤr ſeine Hebung anzuſtrengen. Ich glaube in der That, daß ein tuͤch⸗ tiger Handwerker dem Staate und der Geſellſchaft mindeſtens eben ſo viel nuͤtzt, als der Gelehrte, der Kuͤnſtler, oder gar der Kaufmann. Nuͤrnberg, Augs⸗ burg und die ſchoͤnſten und maͤchtigſten Staͤdte Deutſch⸗ lands verdankten ihren Wohlſtand und Glanz einzig und allein dem Fleiß und der Tuͤchtigkeit ihrer Gewerke. — Die Zeit iſt voruͤber, wo das Handwerk noch einen goldenen Boden hatte. — Sie kann aber und muß wieder herbeigefuͤhrt werden. Auch hier erwarte ich einen nothwendigen Umſchwung. Das Handwerk darf nicht laͤnger nur den Unbemittelten und Ungebildeten uͤberlaſſen bleiben. Nicht mit Unrecht klagt man uͤber den zunehmenden Andrang der Studirenden. Alle Staatsaͤmter ſind üͤberfuͤllt, wir beſitzen ein Beamtenproletariat und eine Unzahl von Gelehrten, welche Noth leiden und kaum das trockene Brod verdienen. So kann es nicht laͤn⸗ ger gehn. Unſere Jugend wird die undankbare Staats⸗ carrière verlaſſen und ſich nothwendiger Weiſe dem Handwerk zuwenden muͤſſen. Eine Unzahl von beſſeren Elementen werden dadurch dieſem Stande zuwachſen und ihre Kraͤfte ihm zuwenden. Ich ſelbſt freue mich, daß das Schickſal mir eine derartige Laufbahn vorge⸗ zeichnet hat, in welcher ich unendlich ſegensreicher wirken kann, als wenn ich mein urſpruͤngliches Ziel verfolgt haͤtte. — Du biſt alſo zufrieden? — Gluͤcklich und zufrieden, entgegnete Georg, kurz und beſtimmt, wie es ſeine mitgebrachte Weiſe war; dann brach er das Geſpraͤch, ſo weit es ſich auf ihn bezog, wieder ab. Er liebte es nicht, viel von ſich ſelber zu reden, weit mehr beſchaͤftigte ihn die Lage des Freundes, die ihm weit bedenklicher als ſeine ei⸗ gene vorkam. Geſchickt wußte er die Rede auf die Verhaͤltniſſe des Malers zu bringen, ohne ſich dieſem mit ſeinem Vertrauen aufzudraͤngen. Nun kam die Reihe an Ferdinand ein Bild ſeines bisherigen Lebens zu entwerfen, ſo weit daſſelbe dem Faͤrbermeiſter unbekannt geblieben war. Er that es, wenn auch mit einer gewiſſen Zuruͤckhaltung, die dem Freunde nicht entgehen konnte. Viele Irrthuͤmer deu⸗ tete er nur leiſe an. Bei manchen Perioden verweilte er laͤngere Zeit, andere und gerade die wichtigſten uͤberging er hingegen mit gaͤnzlichem Stillſchweigen, oder beruͤhrte ſie nur fluͤchtig. Am wenigſten ſprach er von der juͤngſten Vergangenheit. Georg wurde von dieſem ſichtbaren Mangel an Vertrauen ſchmerzlich be⸗ rührt. Einzelne Andeutungen genuͤgten ihm indeß, ſich ein ziemlich klares Bild von den Zuſtaͤnden und Ver⸗ haͤltniſſen des Freundes zu verſchaffen. Im Stillen — e 72-— ergänzte er die Luͤcken, welche dieſer abſichtlich ließ. Dennoch zuͤrnte er ihm nicht wegen dieſer ungerecht⸗ fertigten Verſchloſſenheit. Er beſaß weit mehr Nach⸗ ſicht mit den Schwaͤchen Anderer, als mit ſeinen eige⸗ nen. Auch hoffte er bei einem laͤngeren Zuſammen⸗ leben uͤber gewiſſe Dinge und Ereigniſſe, welche ihn lebhaft intereſſtrten, einen genaueren Aufſchluß zu er⸗ halten. So viel wurde ihm klar, daß Ferdinand manche ſelbſtverſchuldete Taͤuſchung zu beklagen hatte, daß die Verlockungen der Welt ihn dem Abgrunde nahe gebracht, an welchem er jetzt rathlos und ver⸗ zweifelnd ſtand. Georg erkannte hier ſeine Pflicht, mit Rath und That dem Genoſſen ſeiner Jugend bei⸗ zuſtehn. Seine Aufgabe hoffte er bei einem laͤngeren Verweilen gewiſſenhaft zu erfuͤllen. Von fruͤherer Zeit her ſtand er immer zu dem juͤngeren Freunde in einem gewiſſen vaͤterlichen Ver⸗ nehmen. Seit den erſten Jahren ihrer Bekanntſchaft hatte er dieſe Rolle uͤbernommen und den juͤngeren, unbeſonnenen Ferdinand bald gewarnt, bald entſchul⸗ digt. Selbſt manche Unannehmlichkeit, welche aus einem ſolchen Verhaͤltniſſe nothwendiger Weiſe erwach⸗ ſen mußte, ertrug er mit Geduld und Selbſtverleug— nung. Jetzt hatte er hinlaͤngliche Gelegenheit, ſeine gewohnte Schonung und Nachſicht wieder zu uͤben. — — 73— Er ſuchte, den Hoffnungsloſen aufzurichten und den Zerknirſchten mit neuem Lebensmuthe zu erfuͤllen. Ferdinand nahm dieſen Zuſpruch dankbar auf und ging, wie gewoͤhnlich derartige ſanguiniſche Kuͤnſtler— naturen, von einem Ertrem zu dem andern uͤber. Bald vergaß er die fuͤr ihn traurige Vergangenheit und malte ſich eine neue Zukunft in den gluͤhendſten und ſchoͤnſten Farben aus. Er ſprach mit Begeiſterung von neuen Schoͤpfungen, die er auszufuͤhren gedachte und durch welche er eine glaͤnzende Stellung zu erlangen hoffte. Was er bisher geſchaffen, erklaͤrte er ſelbſt fuͤr nichtig, obgleich er es an empfindlichen Seitenhieben gegen Kritik und Publicum, welche ſich in letzter Zeit ihm gegenuͤber ſproͤde gezeigt, nicht fehlen ließ. Dabei tadelte er ſeine bisherigen Bilder um ſo ſchaͤrfer, je mehr in der Erwartung ſtand, von ſeinem Freunde widerlegt zu werden. Als dieſer aber vielleicht aus Unkenntniß oder Beſcheidenheit ſchwieg, nahm er im naͤchſten Augenblick ſeine eben erſt verworfenen Werke in Schutz und endete mit einem bitteren Ausfalle gegen die Boͤswilligkeit der Kunſtrichter, die Gleichguͤltigkeit und den materiellen Sinn unſerer Zeit jedem beſſeren und edleren Streben gegenuͤber. Was Georg jedoch am meiſten an dem Freunde be⸗ fremdete, war ſein Stillſchweigen uͤber die ſchoͤne Adol⸗ — 8d 74— phine, die Ferdinand jedenfalls genauer kannte, als er zugeben wollte. Dieſer ließ es trotzdem nicht an ver⸗ ſteckten Aeußerungen und halbverſtaͤndlichen Andeutun— gen fehlen, welche in dem Faͤrbermeiſter wohl den Glauben an ein naͤheres Verhaͤltniß mit ihr erwecken konnten. Bei dem Allen behauptete der Maler in die⸗ ſem Punkte wie in manchem andern eine Zuruͤckhaltung, die ſonſt nicht in ſeinem erpanſiven Weſen lag. So tauſchten die Freunde in nicht ganz befriedigen⸗ der Weiſe ihre Erlebniſſe aus. Der Kahn bedurfte kaum ihrer Leitung, die ruhigen Wellen trugen ihn ſo gut wie von ſelbſt. Die Richtung, welche ihr Fahr⸗ zeug nahm, war ihnen bei dieſer Unterhaltung gleich⸗ guͤltig. Auf dieſe Weiſe kamen ſie in die Naͤhe der Proceſſion und ſchloſſen ſich derſelben an. Mit den uͤbrigen Booten zugleich legte das ihrige am Ufer an. M. Nach vollendetem Gottesdienſt zerſtreute ſich die an— daͤchtige Menſchenmenge. Einzelne Gruppen ſchlugen den Weg nach ihren verſchiedenen, abgelegenen Woh⸗ nungen ein. Bekannte und Freunde, Nachbarn und Glieder derſelben Familie hielten zuſammen und wan⸗ — derten die ſteilen Wege und Gebirgspfade in Gemein⸗ ſchaft. In Begleitung eines alten Mannes, der ſeiner Kleidung nach ein Bergmann war, ging mit leichtem Schritt das junge Maͤdchen, welches bei der Proceſ⸗ ſion ſchon Georgs Aufmerkſamkeit wegen ihrer milden Schoͤnheit auf ſich gezogen hatte. Hinter dem Paare folgte ein kraͤftiger Burſche von einigen zwanzig Jah⸗ ren, der den gruͤnen Hut mit Alpenblumen und Gems⸗ bart geſchmuͤckt keck auf der Seite trug. Seine Augen blickten trotzig und verwildert. Der Valentin war ein Holzknecht und die ſind meiſt die roheſten Burſchen im Gebirge. Bei der ſchweren Arbeit, welche oft mit Ge⸗ fahr verbunden iſt, und der Wochen langen Abgeſchie⸗ denheit, fern von allem Verkehr mit anderen Leuten als mit den Gleichgeſinnten, bekommen die Holzknechte eine verwegene Art zu denken und zu handeln. Am Sonntag ſteigen ſie von den bewaldeten Bergen herab ins Thal und laſſen oft den Lohn der ganzen Woche im Wirthshauſe draufgehn. Wo ſie einkehren, giebt es gewoͤhnlich blutige Koͤpfe. So gar wuͤſt war nun der Valentin nicht, denn der alte Engel, ſo hieß der Bergmann, der zugleich ſein Ohm war, mochte ſolche Rohheit nimmer dulden und noch weniger die holde Anna, oder Nandel, wie man hier zu Lande ſagt. Der Valentin hatte Reſpect vor dem Alten, und für —————;; I — 76— das Maͤdchen haͤtte er ſich lieber mit ſeinem ſcharfen Beil die eigene Hand abgehauen, ehe er ſie erzuͤrnt. Jetzt ſchlenderte er vergnuͤgt hinter den Beiden, recht innerlich zufrieden, weil es heut einen Feſttag gab, an dem er nicht zu arbeiten brauchte und den er bei ſeinen Anverwandten zubringen durfte. Am Liebſten haͤtte er vor Freude daruͤber einen lauten Juchzer ausgeſtoßen, wie er ihn oft von Berg zu Thal ſonſt erſchallen ließ, aber am heiligen Tage ſchickte ſich ein ſo toller Aus⸗ bruch ſeines innerlichen Vergnuͤgtſeins nicht und der ſtrenge Ohm haͤtt' ihn gewiß deshalb ſcharf geruͤgt. Darum ging der Valentin ſo ruhig, als ihm moͤglich war, obgleich ihm das Herz vor Wonne in der ſtarken Bruſt wie ein Vogel huͤpfte. Zuweilen ſchielte er ſeit⸗ waͤrts nach dem Paar, das im eifrigen Geſpraͤch vor⸗ anzog. Da ſah er die blonden Loͤckchen Nandels, die unter dem weißen Roſenkranze wie goldene Schmet⸗ terlinge flatterten, den ſchlanken Hals, und wenn er ſich ein wenig nach Rechts oder Links bog, bald die eine oder die andere Wange, roſig wie Pfirſichbluͤthen im April. Bei ſolchem Anblick regte ſich von Neuem ſein Uebermuth, aber die hohe Geſtalt des Ohms, der in der ſchwarzen Bergmannstracht ganz beſonders ernſt und feierlich ausſah, und die grauen Haare deſ⸗ ſelben, die lang und ſchlicht bis zu dem ſteifen Kragen — e 77 ☚— ſeiner dunklen Jacke niederfielen, daͤmpften alsbald den tollen Sinn des Holzknechtes. Die Drei gingen ſo ruhig ihre Straße, bis ſie an den Muͤhlbach kamen, den ſie ſchon von Weitem rauſchen hoͤrten. Von hohem Felſen ſtuͤrzt der ſchmale Waſſer⸗ ſtreif gleich einem flatternden Silberbande in Mitten der Haͤuſer von Hallſtadt hernieder und fließt dann ſchaͤumend zu dem See, in den er ſich ergießt. Dort in der Naͤhe des Falles, welchem nicht die Hoͤhe, aber die Waſſermenge fehlt, um die beruͤhmten Cascaden von Tivoli zu uͤbertreffen, ſcheidet ſich der Weg und fuͤhrt auf der linken Seite des Bachs nach dem Doͤrf— chen Lahn, wo die großen Salzwerke und Siedereien ſtehen. In der Naͤhe hauſen die meiſten Bergleute und da lag auch das Haͤuschen, welches der alte Engel mit ſeinen Angehoͤrigen bewohnte. An dieſer Stelle begegnete ihnen der Maler mit ſeinem Freunde. Er rief ihnen ein lautes„Gott gruͤß' euch“ entgegen, welches beſonders von Nandel freund⸗ lich erwiedert wurde, waͤhrend Valentin ihm ein fin⸗ ſteres Geſicht machte und in ſeiner wilden Eiferſucht den Kuͤnſtler hinwuͤnſchte, wo der Pfeffer waͤchſt. Die ſer hatte keine Acht darauf. Er redete zunaͤchſt den Bergmann an, der ſein Hauswirth war, und ſtellte Georg als den längſt erwarteten Freund und Gaſt vor. N — 78— Der alte Engel reichte dieſem die gebraͤunte, von der Arbeit gehaͤrtete Hand und lud ihn ein in ſein Haus zu treten. Das ſchoͤne Nandel warf einen ſchnellen Blick auf den Fremden und ſtellte in Gedanken einen Vergleich mit dem ihr bekannten Maler an, der wie immer zu Gunſten des Letzteren ausfiel. Als die Thuͤr aufgeſchloſſen war, lief das holde Maͤdchen mit der Behendigkeit des Rehes den Maͤnnern voran, um die ihr laͤſtige Feſttagstracht in ihrer Kam⸗ mer abzuwerfen. Bald erſchien ſie wieder in der dunkeln Wollenjacke und der gebluͤmten Kattunſchuͤrze, welche ſie ſtatt der ſchwarzen ſeidenen umgenommen. Nur die ſilberne Kette, die fuͤnfmal um den ſchlan— ken Nacken lief und an der ein kleines goldenes Kreuz, ein Geſchenk des Bergmanns, hing, erinnerten an den Feiertag. Auch den Kranz hatte ſie vielleicht aus Vergeßlichkeit aufbehalten, oder weil ſie die Blumen liebte und ſich gern bei jeder paſſenden Gelegenheit mit ihnen ſchmuͤckte. Zu dieſer Veraͤnderung ihrer Toilette brauchte ſie nur einen Augenblick. Dem Nandel ging Alles ganz beſonders raſch von der Hand und dabei war es immer froͤhlich und wohlgemuth. Unterdeß waren die Maͤnner in die Wohnung ein⸗ getreten. Das Stuͤbchen erſchien nur klein, aber ſau⸗ ber und rein gehalten. Auf dem Tiſch lag heut aus⸗ ————„,— nahmsweiſe eine weiße, von Nandels Hand geſpon⸗ nene Decke. Auf den alten Moͤbeln war kein Bischen Staub zu ſehen. Vor den niedrigen Fenſtern ſtanden einige ſorgfaͤltig gepflegte Blumenſtoͤcke und ein friſcher Strauß von rothen Alpenroſen in einem Waſſerglaſe. Ein brauner Schrank enthielt das beſſere Kuͤchenge⸗ ſchirr, ein zweiter war mit allerhand Seltenheiten angefuͤllt, mit waͤchſernen Heiligenbildern, ſchoͤnen, glaͤnzenden Salzkryſtallen und Figuren aus demſelben Stoff, welche der Bergmann in ſeinen Mußeſtunden ſelber arbeitete und zum Verkauf nach Iſchl trug. Bei aller Einfachheit machte die Wohnung einen freund⸗ lichen Eindruck auf Georg, wozu freilich die liebliche Erſcheinung des Maͤdchens unbewußt viel beitrug. Wie ſie in das Stuͤbchen trat, war es grad als ob ein Sonnenſtrahl durchleuchtete, und ſelbſt das ernſte, fal⸗ tenreiche Geſicht des alten Engel und die finſteren Zuͤge Valentins erhellten ſich. Der Bergmann lud ſeine Gaͤſte zum Sitzen ein; ſogleich beeilte ſich Nandel die Stuͤhle mit einem Tuch raſch abzuwiſchen, obgleich kein Staͤubchen auf ihnen lag. Dabei ſtreifte ſie zufaͤllig den Rock des Malers. Gleich ſchoß ihr vor Verlegenheit und Scham das Blut zu Kopf. Es war ihr wie ein Sacrilegium, daß ſie das feine Kleidungsſtuͤck des Herrn mit ihrem ———ͤ———————;;— 4 4.—e 80 ſchmutzigen Lappen beruͤhrt hatte. Demuͤthig wie eine Magd putzte ſie mit ihren Haͤnden und ihrer reinen Schuͤrze an dem vermeintlichen Fleck, bis Ferdinand ihr es wehrte und erklaͤrte, daß es genug ſei. Wie eine arme Suͤnderin ſchlich ſie ſich davon und machte ſich in der Kuͤche am Heerd zu thun. Auch der Va⸗ lentin verſchwand ſogleich, wahrſcheinlich um ſich drau⸗ ßen Feuer fuͤr ſeine Pfeife zu holen, die er immer bei ſich trug. Er kam aber nicht ſogleich wieder, was kein Wunder war, da er am liebſten in der Kuͤche rauchte, naͤmlich wenn das Nandel am Heerde ſtand. Der Wirth blieb ſo mit ſeinen Gaͤſten zuruͤck. Ferdinand war mit Georg uͤbereingekommen, daß die⸗ ſer fuͤr einige Zeit bei ihm verweilen und ſeine Woh— nung mit ihm theilen ſollte. Der alte Bergmann hatte ſchon fruͤher ſeine Zuſtimmung zu dieſem Abkom— men gegeben. Es handelte ſich nun darum, ob auch Georg mit der einfachen Koſt ſich begnuͤgen wollte, welche Nandel mit Anſtrengung aller ihrer gaſtrono⸗ miſchen Kenntniſſe fuͤr den Maler bereitete. Da der Faͤrbermeiſter, von Hauſe an die groͤßte Einfachheit gewoͤhnt, keinen Widerſpruch erhob, ſo wurden alle Theile bald uͤber die Bedingungen und den maͤßigen Preis einig. Die Freunde begaben ſich in die ihnen angewieſene Stube, welche unter dem Dache lag, von —?5ð 81— wo aus ſie die herrlichſte Ausſicht auf den See und die benachbarten Felspartieen genoſſen. Hier uͤberlie⸗ ßen ſie ſich nochmals ungeſtoͤrt einer traulichen Unter⸗ redung. Dazwiſchen zeigte Ferdinand einige angefan⸗ gene Skizzen zu groͤßeren Gemaͤlden, von deren bal— diger Ausfuͤhrung er mit Begeiſterung ſprach, obgleich keine derartigen Anſtalten bis jetzt zu ſehen waren. — Hier in dieſer ruhigen Abgeſchiedenheit, ſagte er ſelbſtgefaͤllig, hoffe ich endlich einmal meine Ideen zu verwirklichen und etwas Großes zu ſchaffen. Man hat mir Mangel an Fleiß und Vertiefung vorgewor⸗ fen, aber gewiß mit Unrecht. Die Welt, in welcher ich bisher gelebt, ließ keine innige Stimmung, keine Sammlung zu. Deshalb habe ich mich von ihr in dieſe einſame Gegend zuruͤckgezogen. Hier wird mich Niemand ſtoͤren, kein unreiner Gedanke, kein un— lauterer Wunſch die hohe Schoͤpfungsluſt entweihen. Moͤgen die Sirenen ſingen und locken ſo viel ſie wol⸗ len, ich halte meine Ohren zu und hoͤre nur auf die heilige Stimme meiner Kunſt. Georg beſtaͤrkte den Maler in ſeinen Entſchluͤſſen. Zwar war er kein Freund von dergleichen frommen Ver⸗ heißungen und es fiel ihm dabei das alte Spruͤchwort ſeines verſtorbenen Vaters ein, welches dieſer bei aͤhn⸗ lichen Gelegenheiten zu aͤußern pflegte und das alſo I. 6 — 82— lautete: Der Weg zur Hoͤlle iſt mit guten Vorſaͤtzen gepflaſtert. Er huͤtete ſich indeß ſein gerechtes Bedenken zu verrathen, weil er den Charak⸗ ter Ferdinand's allzu genau kannte. Nur um dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben, lenkte er daſſelbe auf die naͤchſte Umgebung. Er pries die Ordnung und Reinlichkeit, die in dem ganzen Hauſe herrſchte, die herrliche Ausſicht, welche ihre gemein⸗ ſchaftliche Wohnung nach dem See darbot. So kam er unvermerkt auf den alten Bergmann und deſſen Angehoͤrige, er fragte den Freund auf welche Weiſe er zu der Familie gekommen. — Der Zufall hat mich hergefuͤhrt, erwiederte der Maler auf ſeine Frage. Anfaͤnglich wohnte ich im Gaſthofe, aber die Menge der Fremden, welche taͤg⸗ lich den See beſuchen, verleideten mir bald den ge⸗ raͤuſchvollen Aufenthalt. Ich ſuchte ein ſtilles Plaͤtz⸗ chen lange und vergebens, bis ich eines Tages auf meinen einſamen Spaziergaͤngen an dieſe Huͤtte kam. Der Durſt quaͤlte mich, ich klopfte an die Thuͤr und verlangte von dem Maͤdchen, das du bereits kennſt, einen friſchen Trunk, Waſſer oder Milch. Das Nan⸗ del bat mich hineinzutreten und brachte mir in einem reinlichen Krug die gewuͤnſchte Milch. Ich glaubte ſie nie ſo gut getrunken zu haben. Als ich mich hinlaͤng⸗ ₰— —d 83 6— lich daran gelabt, warf ich noch einen fluͤchtigen Blick auf das Maͤdchen und die ſaubere Stube. Beide ge⸗ fielen mir. — Das will ich glauben, ſchaltete der Freund dazwiſchen launig ein. — Ich fragte ſogleich, ob es nicht hier noch ein Stuͤbchen fuͤr einen ruhigen Miether gaͤbe. Das Maͤdchen glaubte, daß ich nur ſcherze, und lachte dazu. Als ich ihr aber meinen vollen Ernſt zeigte, bejahte ſie meine Frage: Es haͤtte wohl noch ein Stuͤbchen, aber das waͤre doch zu ſchlecht fuͤr einen ſolchen Herrn. Ich ließ mich nicht abſchrecken und verlangte es zu ſehen. Sie fuͤhrte mich in unſere gegenwaͤrtige Woh⸗ nung. Dieſe entſprach allen meinen Wuͤnſchen und ich wollte ſogleich einziehen. Den gebotenen Preis, der laͤcherlich billig war, verdoppelte ich aus freien Stuͤcken. Das Nandel meinte jedoch, daß ſie ſich erſt mit dem Ohm beſprechen muͤſſe, den ſie ſpaͤt am Abend erſt aus dem Salzberg erwartete. Der alte Engel iſt ein wunderlicher Kauz und außerdem ein wahrer Men⸗ ſchenfeind. Er ſoll truͤbe Erfahrungen in ſeinem Leben gemacht haben. Es hielt ſchwer, ehe er ſich entſchloß, mich als ſeinen Miether anzunehmen. Aber das Nan⸗ del ſprach fuͤr mich und was das Maͤdchen will, ge— ſchieht am Ende, ſo baͤrbeißig der Alte auch dreinſieht. . 6* —d 84— — Es geht dem Ehrenmann wie vielen andern Maͤnnern. Ob verheirathet, ob ledig, wir ſtehen alle unter dem Pantoffel. — Auch du, lieber Georg? — Das will ich meinen, obgleich ich mich nicht beklagen kann. Meine gute Mutter fuͤhrt, wie du weißt, ein ſtrenges Regiment und ſie iſt eifrig bedacht, mir ihre Herrſchaft fuͤhlen zu laſſen. Dafuͤr haͤlt ſie auch das ganze Hausweſen tuͤchtig zuſammen und ſelbſt in der Faͤrberei ſteht ſie mir zur Seite wie ein Mann. — Und haſt du nicht daran gedacht, dich ſelbſt um eine tuͤchtige Hausfrau umzuſehen? — Du kennſt meine Anſichten von dem weiblichen Geſchlecht. Die meiſten Maͤdchen betrachten die Ehe nur noch als eine Verſorgungsanſtalt. Die materielle Richtung unſerer Zeit hat gerade unter den Frauen die traurigſten Verwuͤſtungen angerichtet. Sie, welche die Poeſie des Lebens uns bewahren und den Mann vor dem einſeitigen Verfolgen und Haͤngen am Irdi⸗ ſchen und Nichtigen beſchuͤtzen ſollen, ſind demſelben Fehler und im erhoͤhten Maßſtabe verfallen. Unſer Familienleben iſt an ſeiner Wurzel angegriffen. Das Herz iſt krank und darum ſiecht der ganze Koͤrper. —e 85— Nur ſo lange es edle Weiber giebt, kann es auch nicht an tuͤchtigen und hochherzigen Maͤnnern fehlen. — Du uͤbertreibſt. — Wollte Gott es waͤre ſo. An einzelnen Aus⸗ nahmen fehlt es ſicher nicht und auch die Schuld der Uebrigen iſt minder groß, weil ſie zum großen Theil auf uns Maͤnner zuruͤckfaͤllt. Wir ſchaffen aus den Frauen bald ein Idol, das wir knechtiſch verehren, bald Sklavinnen, die wir mit Fuͤßen treten. Warum behandeln wir ſie nicht, wie es ſich ziemt, menſch— lich?— Der eine Mißbrauch iſt ſo ſchlimm wie der andere. Ich hatte gerade heute Gelegenheit eine ſolche Goͤttin zu beobachten, mir ſchauderte vor dem verhunz⸗ ten Weſen, das die Welt aus einer vielleicht urſpruͤng— lich beſſeren Natur gemacht. — Von wem redeſt du? — Von einer, die du nur zu gut zu kennen ſcheinſt, von meiner neuen Bekanntſchaft. Bei dieſen Worten Georg's peraͤnderten ſich die Zuͤge des Malers. Augenſcheinlich ſuchte er ſeine innere Aufgeregtheit dem Freunde zu verbergen. Er heuchelte eine Ruhe, die er nicht beſaß. Dem ſcharfen Auge Georg's entging jedoch dieſer Kampf nicht. Er ergriff die Hand des Malers, als wollte er ihn um Vergebung bitten. —e 86— — Ich kann mich irren, fuͤgte er beſaͤnftigend hinzu. Ich habe ſie nur fluͤchtig geſehen und deine eigenen Worte und Andeutungen beſtaͤrkten mich nur in meiner vorgefaßten Meinung. Wenn ich ihr Un⸗ recht gethan, wuͤrde ich mich um Deinetwillen freuen. Ferdinand wollte ſprechen, aber eine gewiſſe Scheu hielt ihn in dieſem Augenblick ab, ſein Herz zu oͤffnen und den Freund zum Vertrauten ſeiner Schmerzen und Hoffnungen zu machen. Dieſer fuͤhlte, daß er einen wunden Fleck beruͤhrt, und unterließ es daher mit der Sonde weiter einzudringen. Fuͤr Beide war daher die Erſcheinung Nandel's eine willkommene. Sie hatte ſchuͤchtern angeklopft und, da ihr Niemand geantwortet, die Thuͤr ein wenig geoͤffnet. Durch den ſchmalen Spalt lauſchte das liebliche Geſicht. Ganz hineinzu— kommen haͤtte ſie nicht gewagt, da die Herren noch in ihrem Zimmer waren. Nur in der Abweſenheit des Malers betrat ſie die fuͤr ſie geweihten Raͤume, um ſie zu ſaͤubern. Mit heiliger Scheu beruͤhrte ſie dort jeden fuͤr ſie fremden Gegenſtand, die Farbenkaſten, Paletten und Pinſel, ſo wie den uͤbrigen kleinen Hausrath, den ſie in ſchoͤnſter Ordnung hielt. Jetzt ſtand ſie noch immer in der Thuͤr und rief verlegen zum Eſſen. Dabei klopfte ihr das Herz gewaltig, muthmaßlich wegen der Pruͤfung, welche ihrer Koch⸗ 5 — 0 6— kunſt heut beſonders bevorſtand. Zu Ehren des Feier⸗ tags hatte ſie ein neues Gericht geſchaffen und nun war ſie voll Sorge, ob die„Lebernockerln,“ ſo hieß die neue Speiſe, ihr gerathen und dem„Herrn“ ſchmecken wuͤrden. Gluͤckliches Kind, das noch keine andern Sorgen kannte!— VI. Der Tiſch war bereits gedeckt und die Maͤnner ſetz⸗ ten ſich. Nandel trug die Suppe mit den verhaäͤng⸗ nißvollen„Nockerln“ herein. Ihre Wangen gluͤhten noch von dem Feuer in der Kuͤche. Der Wirth und ſeine Gaͤſte langten fleißig zu und ließen es ſich ſchmecken. Als der Maler ſogar zum zweiten Male ſeinen Teller fuͤllte und die lockeren Kloͤſe lobte, lachte das ganze Geſicht des Maͤdchens vor Freude wie ein Roſengarten im hellen Sonnenſchein. Auch der Va⸗ lentin griff das Eſſen tapfer an trotz ſeiner Liebe und Eiferſucht, die dem geſunden Appetit des Holzknechts weichen mußten. Nandel ſelbſt hatte keine Ruhe zum Sitzen und Eſſen. Sie trippelte wie ein Roth⸗ kehlchen vom Tiſch zur Kuͤche und von der Kuͤche wie— —o 88— der zum Tiſch. Ihr Auge war uͤberall und wo etwas fehlte, flog ſie, um es herbei zu ſchaffen. Außer fuͤr die bereits Bekannten hatte ſie noch fuͤr einen abſon⸗ derlichen Gaſt zu ſorgen, den Georg erſt jetzt in einem Winkel der Stube bemerkte. Dort ſaß auf einem kleinen Stuhl und an einem eigenen Tiſchchen eines jener ungluͤcklichen Weſen, welche beſonders in den ſchattigen Gebirgsthaͤlern an⸗ getroffen werden, ein Kretin, von dem Landvolk auch „Troddel“ genannt. Unfoͤrmlich groß war der Kopf, welcher einem geſchwollenen Kuͤrbis aͤhnlich auf dem dicken, kurzen Nacken ſo aufſaß, daß die Spitze des breiten Kinns faſt den Bruſtknochen beruͤhrte. Die Geſichtszuͤge erſchienen greiſenhaft, die niedere Stirn mit ſtruppigen Haaren beſetzt, der große Mund gaͤhnte halbgeoͤffnet. Nur in den matten Augen leuchtete noch ein ſchwacher Strahl der menſchlichen Intelligenz. Auf den duͤnnen, krummen Beinen ruhete der kroͤtenartige Leib, wogegen die langen, ſtarken Arme und die rauhe, behaarte Bruſt eine ungewoͤhnliche Kraft ahnen ließen. Ein ſchwarzes Hemde und abgetragene Beinkleider von roher Leinwand bildeten die einzige Bekleidung des verwahrloſten Geſchoͤpfes, das mehr einem belebten Fleiſchklumpen als einem Ebenbilde Gottes aͤhnlich ſah. Zuſammengeballt wie ein ſchmutziges Lumpen⸗ —0 89 8— buͤndel, theilnahmlos und unfaͤhig jeder geiſtigen Bewegung kauerte der Troddel in ſeiner Ecke. Nur wenn das ſchoͤne Nandel dem haͤßlichen Un— hold den Teller hinreichte und die Speiſen vorſchnitt, was durchaus noͤthig war, ſtieß er ein thieriſches Grunzen aus, ein Zeichen ſeines Wohlbehagens. So lange ſie in ſeiner Naͤhe weilte, hing ſein Auge an dem ihrigen mit einem Ausdruck von Dankbarkeit. Wenn ſie ſich entfernte, verfiel er in ſeinen fruͤheren Stumpf— ſinn. Da der Bergmann die Theilnahme wahrnahm, welche Georg dem Kretin ſchenkte, ſo bemerkte er gleich⸗ ſam entſchuldigend:— — S iſt nur ein Troddel, der weder Vater noch Mutter hat. Er ißt heut mit uns wegen des Feiertags und weil er doch immer ein Chriſt bleibt, wenn er auch nichts von Gott und ſeinen Heiligen weiß. Boͤs iſt er nicht, wenn man ihn ruhig ſeiner Vege gehen laͤßt. Ich mag ihn lieber wie viele an⸗ dere Menſchen, die ihren Verſtand nur zu ſchlechten Unthaten gebrauchen. Gelt Sepp! du haſt mich auch lieb? Der Troddel grinſte und groͤlte als ob er die Worte ſeines Beſchuͤtzers verſtanden haͤtte, woruͤber der Va⸗ lentin in ein rohes Gelaͤchter ausbrach. Der Holz⸗ knecht neckte gar zu gern den Troddel und machte ſich —“o 90— uͤber ihn luſtig. Trotz ſeines Stumpfſinns wußte die⸗ ſer ſeine Freunde und Feinde mit thieriſchem Inſtincte zu unterſcheiden. Zwiſchen ihm und ſeinem Verfolger herrſchte eine gegenſeitige Abneigung, welche oft zu gewaltſamen Ausbruͤchen fuͤhrte. Der Kretin, vielleicht wegen des Gelaͤchters aufgebracht, fletſchte gegen Va⸗ lentin die Zaͤhne und ſtreckte ihm die Zunge heraus, wie er gewoͤhnlich that, wenn er gereizt wurde. Eine ſolche Herausforderung konnte der wilde Burſche nicht ungeahndet laſſen, er nahm einen gewichtigen Kalbs⸗ knochen, der vor ihm auf dem Teller lag, und ſchleu⸗ derte ihn gegen den unfoͤrmlichen Schaͤdel des Troddel. 8 Wurf verfehlte nicht ſein Ziel und traf die Stirn des Ungluͤcklichen, der ein lautes Geheul aus⸗ ſtieß. Jetzt erſt ſah der wuͤſte Holzknecht welch ein Unheil ſeine Neckerei und ſein Jaͤhzorn angerichtet hatten. Das Blut lief dem armen Sepp uͤber das Geſicht, und eine breite, wenn auch nicht gefaͤhrliche Wunde klaffte in der Naͤhe der Schlaͤfe, die zum Gluͤcke nicht beruͤhrt war. — Mach' daß Du rauskommſt, ſchrie der erzuͤrnte Ohm dem beſtuͤrzten Valentin zu. Du verdienſt nicht mit ordentlichen Leuten an einem Tiſche zu ſitzen. Was hat Dir die arme Creatur gethan, die tauſend⸗ — d 91— mal mehr werth iſt als ſolch ein nichtsnutziger Bub' wie Du? Da der Holzknecht nicht ſogleich ging und ſich noch trotzig zu vertheidigen ſuchte, nahm ihn der Alte ohne viel Umſtaͤnde am Arm und ſchob ihn mit einer unge⸗ ahnten Kraft zur Thuͤr hinaus. Der ſtarke Burſche machte keine Miene, laͤnger zu widerſtehn, und fuͤgte ſich murrend und fluchend in ſein Schickſal. Auch die Freunde waren aufgeſprungen, doch der Bergmann erſuchte ſie, ſich nicht ſtoͤren zu laſſen und ruhig am Tiſche ſitzen zu bleiben. — Der Valentin iſt ein Nichtsnutz, fuͤgte er im grollenden Ton hinzu. Dafuͤr iſt er eben ein Menſch, der alle fuͤnf Sinne beiſammen hat. Die Thiere im Walde ſind gutartiger, wie wir. Kein Wolf frißt den andern und kein Fuchs beißt Seinesgleichen. Nur die Hunde fallen einander an. Freilich ſie ſind bei dem Menſchen in die Schule gegangen und haben von ihm alle Schlechtigkeit gelernt. So machte der alte Engel ſeinem Herzen in unbe⸗ wachten Augenblicken Luft, wo er den ganzen verhal⸗ tenen Ingrimm ſeiner Menſchenverachtung ohne Ruͤck⸗ halt ausſtromte. Wer aber am meiſten bei dem pein⸗ lichen Auftritte leiden mußte, war Nandel. Obgleich eben ſo wie der Ohm uͤber Valentin's Rohheit empoͤrt, —— l—— — 5 92 8— ſprach ſie doch kein Wort, um ihn anzuklagen. Gegen die Gewohnheit der meiſten Frauen und Maͤdchen ihres Standes huͤtete ſie ſich, Oel in's Feuer zu ſchuͤtten. Das ließ ihr gutes Herz nicht zu, das ſelbſt mit einem Moͤrder noch Erbarmen gehabt haͤtte, wenn ſie auch ſeine That verdammen mußte. Sie war ſogleich dem Verwundeten zu Huͤlfe geeilt und knieete neben ihm. Mit kaltem Waſſer ſtillte ſie zuerſt das Blut, dann ſprang ſie ſchnell zu dem Schrank und wuͤhlte in den Schubladen, bis ſie ein Stuͤck alte, weiche Lein⸗ wand fand, die ſie zu einem ganz geſchickten Verbande zu verwenden wußte. In wenig Minuten war ſie damit fertig. Was ſie that, geſchah ſtill und ge⸗ raͤuſchlos, ohne ein Aufhebens davon zu machen. Die Freunde ſahen ihr wohlgefaͤllig zu und bewunderten im Stillen den zarten, feinen Sinn, der ſich in dem ſchlichten Landmaͤdchen offenbarte. Selbſt die finſte⸗ ren Zuͤge des alten Bergmanns verloren von ihrer gewohnten Strenge, wenn er zufaͤllig das Maͤdchen anſchaute. Sein Menſchenhaß ſchien ſich nüiht auf das liebliche Geſchopf zu erſtrecken. Waͤhrend der ganzen Zeit, ſo lang als die Ope⸗ ration des Verbindens dauerte, verrieth das haͤßliche Geſicht des Kretins keine Spur von den Schmerzen, die er wirklich empfand. Er bezeigte ſogar in ſeiner 1 1 1 — . — 5 93— Weiſe eine thieriſche Wolluſt, welche die lindernde Beruͤhrung des kalten Waſſers mit der Wunde in ihm hervorbrachte. Seine Augen wendeten ſich nicht von den ihrigen mehr ab und ſchienen dabei einen erhoͤhten Glanz anzunehmen. Der Sprache ſo gut wie beraubt lallte er unzuſammenhaͤngende Laute, welche ſeine Wohlthaͤterin allein verſtand. Sie druͤckten bald ſeine Wuth gegen den abweſenden Valentin, bald ſeine zaͤrt— liche Dankbarkeit fuͤr Nandel aus. Dieſe antwortete ihm und der Ungluͤckliche, welcher mit andern Menſchen nicht verkehren konnte, errieth oder fuͤhlte vielmehr, was ſie ihm ſagte. Er wollte ſie anlaͤcheln, aber auch dieſe Gabe hatte ihm die harte Natur verſagt, nur ein ſchwaches Grinſen vertrat die Stelle ſeiner erkennt— lichen Freundlichkeit. Das gute Maͤdchen erkannte ſein Bemuͤhen, ſich dankbar zu erweiſen. Sie ſtreichelte ihm die fleiſchigen, herabhaͤngenden Wangen und den ſtruppigen Kopf. Dabei beugte ſie ſich zu ihm herab und ihr Geſicht beruͤhrte faſt das ſeinige. — Welch ein Contraſt! fluͤſterte der Maler, der mit kuͤnſtleriſchem Auge das ſich ihm darbietende Bild auffaßte und der vielleicht eben durch den Gegenſatz erſt jetzt die Schoͤnheit des holden Kindes zu bemerken ſchien. 5 — Das MNaͤdchen iſt ein Schatz, bemerkte Georg —“ 94 8— im leiſen Ton, weit mehr von der rein menſchlichen, als der kuͤnſtleriſchen Erſcheinung dieſes eigenthuͤmli⸗ chen Schauſpiels angeſprochen. — Beide muͤſſen mir ſo ſitzen. Es giebt ein praͤch⸗ tiges Bild, Miranda und Kaliban aus Shakeſpear's Sturm. Den Alten koͤnnen wir als Proſpero benutzen. Georg antwortete nicht aus einem angeborenen Schicklichkeitsgefuͤhl, oder weil ihn der Gedanke des Freundes verletzte, in jedem Ereigniß nur einen Ge⸗ genſtand und eine Aufgabe fuͤr ſeine Kunſt zu ſehen. Ferdinand litt an einem nicht ſeltenen Fehler der mo⸗ dernen Talente, welche uͤber die Jagd nach kuͤnſtleri⸗ ſchen und dichteriſchen Motiven oft das beſſere Gefuͤhl einbuͤßen und die heiligſten Empfindungen durch ihre ſelbſtiſchen Zwecke ſich und anderen verderben. Trotz⸗ dem blieb auch ihm ein nachhaltiger Eindruck wenig⸗ ſtens von der aͤußeren Schoͤnheit Nandel's zuruͤck, welche er bisher kaum beachtet hatte, weil er den Edelſtein nur in geſchliffener Form und in der brillan⸗ ten Faſſung des Reichthums und der Vornehmheit zu ſchatzen wußte. Waͤre ihm das liebliche Geſicht in ir⸗ gend einer vornehmen Geſellſchaft begegnet, er haͤtte es ſicherlich nicht uͤberſehn.— Da das einfache Mahl auch ohne die eingetretene Stoͤrung bereits zu Ende ging, ſo erhoben ſich die 4 — — 95— Freunde und verabſchiedeten ſich von dem Wirth und dem ſchoͤnen Nandel. Der Maler, einem jener gut⸗ muͤthigen Antriebe folgend, welche ihm eben ſo ſchnell kamen als voruͤbergingen, naͤherte ſich dem ihm bereits bekannten Troddel und legte ein Geldſtuͤck in ſeine Hand. Der Kretin hatte zwar in ſeinem Stumpfſinn nur eine dumpfe Ahnung von dem Nutzen und Ge⸗ brauch des Geldes, doch ihn freute ſchon der blanke Schein des glaͤnzenden Silbers. Mit einem Freuden⸗ ſchrei zeigte er das Geld ſeiner Wohlthaͤterin, welche in ſeinem Namen dankte und es ihm abſchmeichelte, damit es ihm nicht verloren ging. Sie bewahrte ohne⸗ hin alle Almoſen, welche ihm zuweilen von Fremden und Einheimiſchen gereicht wurden. Haͤtte es noch eines Zaubermittels bedurft, um ihr Herz vollſtaͤndig fuͤr den Maler zu gewinnen, ſo waͤre es das Geſchenk fuͤr den armen Sepp geweſen. Sie hielt Ferdinand fuͤr den beſten„Herrn“ auf dieſer Welt und lobte ſeine Tugenden ſo lang dem verdrießlichen Ohm, bis er ihr in ſeiner muͤrriſchen Weiſe gebieteriſch Still⸗ ſchweigen auferlegte. Der Valentin trieb ſich derweil in der Naͤhe des Hauſes herum. Zuerſt wollte er in ſeinem Trotz nach dem Wald laufen und niemals wieder die Schwelle des ſtrengen Ohms betreten, er beſann ſich aber doch. — 96— Ein geheimer Magnet hielt ihn feſt, das Nandel. Aus dem Ohm machte er ſich nichts. Die Bande der Liebe waren fuͤr ihn weit ſtaͤrker, als die des Blutes. Aber ſelbſt die zaͤrtliche Leidenſchaft des Holzknechtes hatte einen rohen und wilden Charakter angenommen, der einmal in ſeiner Natur lag. Er war immer eifer⸗ ſuͤchtig, mißtrauiſch und oft ſo boshaft gegen das gute Maͤdchen geweſen, daß ſie vor ſeinem Ungeſtuͤm er— ſchrak. Manche Thraͤne hatte er ihr mit ſeinen wil⸗ den Reden und ſeinem unbegruͤndeten Verdacht ent— preßt. Das war eben nicht der rechte Weg um das Herz des Maͤdchens zu gewinnen. Das Nandel be⸗ ſaß eine eigene Art, ein feineres Weſen, als die an⸗ dern Dirnen. Sie konnte keine Rohheit dulden und jedes Unrecht, das ſie ſah, that ihr beſonders weh. Heute hatte es nun der Valentin ganz mit ihr ver⸗ dorben. Schon in der Kuͤche wurde ſie von ihm mit Vorwuͤrfen gequaͤlt und wegen des Malers aufgezo⸗ gen, dem ſie freundlicher begegnete, als der Eiferſuͤch⸗ tige wollte. Dabei ſtieß der Holzknecht ganz entſetz⸗ liche Drohungen gegen den nach ſeiner Meinung be⸗ guͤnſtigten Nebenbuhler aus. Die Unthat gegen den Troddel kam noch dazu, um ihn vollends in ihren Augen herabzuſetzen. Wir wiſſen, welcher Unterſchied zwiſchen dem wilden Burſchen und dem geſitteten 44 8 v — 97 8— Maler ſich ihr aufdraͤngte. Vielleicht fuͤhlte ſie da zum erſten Male, daß der Valentin nicht ſo Unrecht mit ſeinem Verdachte habe, aber klar wurde ſie ſich gewiß einer ſolchen Empfindung nicht bewußt. Der Gedanke, daß ſie„den Herrn“ lieben koͤnnte, lag ihr ſo fern wie die Sterne am Himmel, die ſie als ewig unerreichbar nur bewunderte. Das Auge der Eiferſucht iſt das ſchaͤrfſte von der Welt. Es ſieht bis ins Herz hinein und kein Fleck⸗ chen bleibt ihm verborgen. Inſtinctmaͤßig ahnte Valen⸗ tin die Gefahr, welche ſeiner Liebe drohte, obgleich die Betheiligten ſelbſt und am allerwenigſten der Maler an ein naͤheres Verhaͤltniß dachten. Bisher hatte Ferdinand das Maͤdchen kaum beachtet. Andere Gefuͤhle beherrſchten ſein Herz und machten ſeine Augen fuͤr die Reize Nandels ſo gut wie blind.— Auch in dieſem Augenblick beſchaͤftigte ſich der Holzknecht ausſchließlich mit dem Maler. Nicht dem Ohm grollte er, der ihm die Thuͤr gewieſen, ſondern dem gluͤckli⸗ chen Nebenbuhler, der jetzt wahrſcheinlich ungeſtöoͤrt mit dem Maͤdchen koſte. Am meiſten jedoch ſchmerzte .ihn, daß er vor den Augen deſſelben eine ſolche De⸗ muͤthigung und Beſchaͤmung erlitten. Bei dieſem Ge— danken ſchoß dem Burſchen das Blut zum Kopf und er knirſchte mit den Zaͤhnen. Schreckliche Entſchluͤſſe I. 7 — 98— keimten in ſeiner Seele, welche nur der Gelegenheit bedurften, um zur ſchrecklicheren That zu werden. Unmerklich nahen ſich dem Menſchen in ſolchen leiden⸗ ſchaftlichen Augenblicken die finſteren Gewalten und ſtreuen ihre blutige Saat. Andere Ereigniſſe draͤngen vielleicht fuͤr laͤngere Zeit ihre Entwicklung zuruͤck, aber das giftige Korn waͤchſt ſelbſt von ſeinem Eigner unbemerkt und reift im Stillen. Allmaͤlig verrauchte auch der Zorn Valentins und als gar das Nandel in der Thuͤr erſchien, um ſich nach gethaner Arbeit umzuſchaun, war ſein ganzer Groll vorbei. Er winkte ihr und pfiff aus der Ferne ein bekanntes Lied. Anfangs zoͤgerte ſie zu kommen, bald aber ſiegte ihre angeborene Gutmuͤthigkeit. Er that ihr leid und ſie konnte nicht ſo ſtreng wie der Ohm ſein. Wo moͤglich wollte ſie noch heut zwiſchen ihm und Valentin vermitteln und eine Verſoͤhnung zu Stande bringen. Aller Unfriede war ihr verhaßt. Deshalb naͤherte ſie ſich dem Holzknecht mit ſchuͤch- ternen Schritten. Er war auf Vorwuͤrfe gefaßt, ſie aber legte ſanft ihre Hand auf ſeine breiten Schultern und ſagte im bittenden Ton: — Komm Valentin! gieb dem Ohm ein gutes Wort. Du haſt Unrecht gethan und mußt ihm ab⸗ bitten. —— — 5 99 6— Als er trotzig zoͤgerte, faßte ſie ſeinen Arm und zog ihn mit ſich fort. Wie der Engel des Friedens trat ſie mit dem Reuigen in die Stube, wo der Bergmann noch am Tiſche ſaß. Auf ihre Bitten vergab er noch einmal dem Schuldigen. Als aber der Alte hinaus gegangen war und Valentin ſie in ſeiner ſtuͤrmiſchen Freude umfaſſen wollte, wehrte ſie ihn feſt und ent⸗ ſchieden ab. Ihre Liebe hatte er ſchon fruͤher unwie— derbringlich verloren. VIII. Wir kehren zu unſerer Geſellſchaft und Adolphi— nen zuruͤck, die wir einſtweilen im Wirthshauſe zu Hallſtadt verlaſſen haben. Hier herrſchte nach Been⸗ digung der Proceſſion ein geſchaͤftiges Treiben. Der Wirth und die Wirthin ſammt den Maͤgden und den fuͤr dieſen Tag noch beſonders gemietheten Aushelfe⸗ rinnen hatten alle Haͤnde vollauf zu thun, um die verſchiedenen Wuͤnſche der zahlreichen Gaͤſte zu befrie⸗ digen. Nach der religioſen Feier traten die irdiſchen Beduͤrfniſſe um ſo dringender hervor. In den hinte⸗ ren Zimmern verkehrte das wohlhabendere Landvolk und genoß bei einem Glaſe ſauren Weins die mitge⸗ 7* —e 100— brachten Speiſen. Die große Vorderſtube, welche auf den Balkon ging, war von den Iſchler Badegaͤſten angefuͤllt. An groͤßeren und kleineren Tiſchen ſpeiſten Bekannte und Freunde, welche die Partie gemein⸗ ſchaftlich unternommen und das Eſſen ſchon im Vor⸗ aus beſtellt hatten. Fuͤr Fremde und zu ſpaͤt Kom— mende bluͤhte keine Ausſicht, ihren Appetit zu ſtillen. Jedes Plaͤtzchen war mit Beſchlag belegt und ein Stuhl nur mit groͤßter Muͤhe zu bekommen. Aber ſelbſt die Gluͤcklichen, welche an den langen, weißge⸗ deckten Tafeln ſaßen, hatten noch mit manchen Hin⸗ derniſſen zu kaͤmpfen. Hier fehlte ein Teller, dort eine Gabel. Wer etwas haben wollte, mußte ſich durch das Gedraͤnge bis zur Kuͤche ſchlagen. So ſah man artige und galante Herren, welche fuͤr ſich und ihre Damen ſorgen wollten, wie Kellner bald mit einer Suppenſchuͤſſel, bald mit einem Gericht Fiſche oder Fleiſch erſcheinen. Sie und ihre erbeuteten Le⸗ bensmittel wurden mit einem froͤhlichen Gelaͤchter und lauten Scherzen begruͤßt. Grade dieſer Mangel an. Ordnung und die verſchiedenen Verlegenheiten, die aus der allgemeinen Verwirrung entſtanden, trugen dazu bei, die heitere Stimmung zu erhoͤhn. Alle dieſe anregenden und unterhaltenden Momente brachten auf Adolphine die entgegengeſetzte Wirkung — 5 101 4— hervor. Sie wurde nur dadurch verſtimmt. Jede laute Freude war ihr in letzter Zeit zuwider. Auf ihren Wunſch wurde fuͤr die Geſellſchaft in einem be⸗ ſonderen Stuͤbchen gedeckt. Es bedurfte aber der gan⸗ zen ritterlichen Aufopferung des Grafen Bangor, um dieſe Laune ſeiner Gebieterin zu befriedigen. Um ihretwillen ſtuͤrzte er ſich in das wogende Gedraͤnge, wobei er manchen buͤrgerlichen Fußtritt und Rippen⸗ ſtoß ungeahndet hinnehmen mußte, ehe er bis zu der Wirthin gelangte, welche in der Kuͤche die Oberauf⸗ ſicht fuͤhrte. Die wuͤrdige Frau ſtand an dem gluͤhen⸗ den Ofen mit erhitztem Geſicht in impoſanter Stel⸗ lung wie ein Feldherr am Tage der Schlacht. Es war fuͤr den Grafen nicht leicht ſich bei ihr Gehoͤr zu ver⸗ ſchaffen. Sie war von ihren Adjutanten und von einem Heer von Bittſtellern umlagert. Alle Augen ſahen nach ihr, alle Haͤnde ſtreckten ſich ihr entgegen. Die Koͤchin verlangte Butter und Schmalz von ihr, die Maͤdchen die beſtellten Gerichte, Herren und Damen, welche ſelbſt gekommen waren, nachzuſehn, forderten bald hoͤflich bald mit Ungeſtuͤm Befriedigung ihrer dringenden Beduͤrfniſſe. Jedem ſollte ſie abhelfen, Rede ſtehn und ihn verſorgen. Dieſe Kette von Hinder⸗ niſſen mußte erſt durchbrochen werden, ehe der Graf bis zu der Herrſcherin in dieſem Reich gelangen konnte. —?0 102— Endlich ſiegte er durch Gewalt und Liſt. Er trug der Wirthin ſeine Bitte vor, aber die Erfuͤllung war nicht ſo leicht als er gedacht. Sein Wunſch wurde ihm rundweg abgeſchlagen. Er verzweifelte, unmoͤg⸗ lich konnte er zu Adolphinen mit dieſer Antwort zu⸗ ruͤckkehren. Sie war gewohnt, alle ihre Wuͤnſche er⸗ fuͤllt zu ſehn. Der Graf ließ ſich daher nicht von einem abſchlaͤgigen Beſcheide ſogleich zuruͤckſchrecken, er vertraute auf ſein diplomatiſches Talent, welches ihn nur in ſeltenen Faͤllen taͤuſchte. Mit aller Liebens⸗ wuͤrdigkeit, die ihm zu Gebote ſtand, wann er wollte, wagte er noch einen neuen Sturm auf das Herz der Wirthin, Bitten, Schmeicheleien und Verſprechungen ſeiner unbegraͤnzten Dankbarkeit unterſtutzten ſeine Bemuͤhungen. Er verſchmahte ſelbſt einige Compli⸗ mente auf die Reize der wohlbeleibten Frau nicht und griff ſomit ſeinen Gegner von der ſchwaͤchſten Seite an. So vieler Anmuth war nicht zu widerſtehn. Das eigene Wohnzimmer der Familie wurde ihm endlich zuge⸗ ſtanden und einer Dienerin ſogleich der Befehl ertheilt, fuͤr die Geſellſchaft das Allerheiligſte zu erſchließen. Triumphirend kehrte der Graf zuruͤck und erzaͤhlte mit dem Stolze eines geſchickten Diplomaten von ſeiner gegluͤckten Miſſion, wobei er nicht verfehlte ſeine Ver⸗ dienſte in das rechte Licht zu ſtellen. —5 103 6— 8 — Das haben Sie gut gemacht, ſagte Adolphine und reichte ihm zum Dank die Hand, welche er zier— lich und mit ſchwaͤrmeriſchem Ausdruck an ſeine Lippen fuͤhrte. — Ol warum iſt es mir nicht vergoͤnnt, rief der Lowe begeiſtert aus, mehr fuͤr Sie zu thun! — Sie haben gethan, was ein edler Ritter in unſeren Zeiten vollbringen kann, lautete Adolphinens halb ſpoͤttiſche Antwort. Schade, daß es keine Dra— chen und Ungeheuer mehr zu bekaͤmpfen giebt, Sie wuͤrden gewiß zu meiner Ehre keinen Anſtand nehmen, einen kuͤhnen Strauß zu wagen. Doch es iſt um ſo beſſer. Wenigſtens brauchen Sie Ihr theures Leben keiner ſolchen Gefahr auszuſetzen. Indeß haben Sie ſich um uns verdient gemacht und wir ſinnen darauf, wie wir Sie einſt koͤniglich belohnen koͤnnen. — Bin ich nicht ſchon belohnt genug durch dieſe — Hand? Frau von Starenberg und ihr Verehrer warfen ſich bei dieſer verſteckten Anſpielung des Grafen be⸗ deutſame Blicke zu, welche Adolphine eben ſo wenig wie ſeine heimlichen Andeutungen bemerkte. Unmerklich aber arbeiteten alle Drei im geheimen Einverſtaͤndniſſe an dem Netze, in dem ſich das eigen⸗ ſinnige Kind fangen ſollte. Sie ſelbſt ſtrickte unbe⸗ —5 104— wußt an den Maſchen deſſelben mit. Alle Unſtaͤnde vereinigten ſich, um den Grafen an das gewuͤnſchte Ziel zu bringen. Er hatte ſich der Stolzen bereits unentbehrlich zu machen gewußt und ſie mit ſeiner Aufmerkſamkeit umgarnt. Seine Naͤhe, welche ſie Anfangs nur duldete, war ihr nach und nach zum Beduͤrfniß geworden. Die kleinen Dienſte, welche ſie ſich von ihm erweiſen ließ, gaben ihm ein Anrecht auf ihre Erkenntlichkeit und indem er ihre unzaͤhligen Wuͤnſche und Launen geſchickt zu befriedigen wußte, machte er ſie zu ſeiner Schuldnerin. So geſchieht es ja oft, daß bedeutende Frauen, und zu dieſen gehoͤrte Adolphine trotz aller Unarten, von den unbedeutend⸗ ſten Maͤnnern durch eine aͤhnliche Beharrlichkeit ge⸗ wonnen und erobert werden. Die Macht der Gewohn⸗ heit, die banalſte Alltaͤglichkeit unterjochen allmaͤlig Herz und Geiſt. Das Geheimniß der meiſten derar⸗ tigen Erfolge beruht auf dieſer Schwaͤche der weibli⸗ chen, oder vielmehr der menſchlichen Natur. Graf Bangor wurde außerdem in ſeinen Bemü⸗ hungen durch mannigfache aͤußere Vorzuͤge unterſtuͤtzt. Er galt im gewoͤhnlichen Sinne fuͤr einen der ſchoͤn⸗ ſten Maͤnner der Reſidenz, das heißt, er beſaß ein 8 regelmaͤßig gebildetes Geſicht ohne hervorſtechende Zuͤge, braune, nichts ſagende Augen, einen wohlge⸗ — d 105— pflegten dunklen Bart und eine ſchlanke, hohe Figur. Er wußte ſich ſogar ein intereſſantes Air zu geben. Sein ganzes Weſen war auf Schein und Blendung angelegt. Wenn man ſeine erhabene weiße Stirn, 3 die etwas gebogene Naſe und den feinen Mund be⸗ trachtete, ſo war man nur allzugeneigt dem Beſitzer dieſer Zuͤge einen uͤberlegenen Geiſt und ritterlichen Charakter zuzuſchreiben. Dennoch waren alle dieſe Schoͤnheiten nur die Maske, hinter der ſich die ur⸗ ſpruͤngliche Unbedeutendheit verbarg und ſelbſt den ſchaͤrferen Beobachter irre fuͤhrte. Er war der Typus einer entarteten Race. Nur die aͤußeren Formen wa⸗ ren ihm geblieben, der innere Gehalt laͤngſt ent⸗ ſchwunden. Er ſchien edel und geiſtreich, ohne es zu ſein. Allgemein galt der Graf fuͤr gutmuͤthig. Dieſe Gutmuͤthigkeit war jedoch nur der Ausdruck des Leicht⸗ ſinns und der Gedankenloſigkeit. In Stunden der Prüfung ſchien er nur zu ſehr geneigt, ſeinem Vortheil Alles aufzuopfern. Seine Fehler wußte er geſchickt zu verbergen. Er hatte ſich die feinſten und elegan⸗ teſten Manieren anzueignen gewußt. Bei den Frauen hatte er entſchiedenes Gluͤck, und auch die Maͤnner verkehrten gern mit ihm, weil ſein ſchmiegſamer Charakter keine Haͤrten und ſcharfe Ecken darbot. Er war fuͤr alle Welt bequem, gefaͤllig und zuvor⸗ — 106— kommend, ein trefflicher Geſellſchafter, der keinen Spaß verdarb. Ueber ſeine Vermoͤgensumſtäͤnde wußte Niemand Auskunft zu geben. Er lebte, wie es einem jungen Cavalier zukommt, auf großem Fuß. Seine Guͤter, deren Erbſchaft er ſeit Kurzem angetreten, waren zwar von bedeutendem Umfange, aber, wie Herr von Buſch am Beſten wußte, ſchlecht verwaltet und verſchuldet. Nichts deſto weniger wuͤnſchte dieſer eine naͤhere Verbindung des Grafen mit ſeiner Tochter. Die Fa⸗ milie der Bangors gehoͤrte zu den aͤlteſten und ange⸗ ſehenſten im Lande. Von Seiten des Vaters hatte der Graf demnach keinen Widerſtand zu befuͤrchten, außerdem fand er noch an Frau von Starenberg eine eifrige Bundesgenoſſin, deren Intereſſen mit ſeiner Bewerbung zuſammen fielen. So lange noch Adol⸗ phine im vaͤterlichen Hauſe verblieb, konnte Herr von Buſch nicht an eine zweite Ehe denken. Der reiche Parvenu war aber fuͤr die unbeguͤterte Wittwe eine willkommene Partie. So vereinten ſich die verſchiedenartigſten Umſtaͤnde Adolphinen zu einem Schritte zu verleiten, dem ſie noch immer auszuweichen verſuchte. Graf Bangor machte jetzt von ſeinem Recht Ge⸗ brauch, er fuͤhrte Adolphine als ſeine Dame zu Tiſche. „— — dꝛ 107- Auch waͤhrend des Eſſens uͤberhaͤufte er ſie mit Auf⸗ merkſamkeiten und Artigkeiten aller Art. Er fuͤllte ihr Glas mit ſchaͤumendem Champagner und fluͤſterte ihr dabei einen zaͤrtlichen Trinkſpruch ins Ohr. Kei⸗ nen Augenblick ließ er eine Pauſe in ſeinen Bemuͤ⸗ hungen eintreten. Er belauſchte jeden Blick, jeden Wink von ihr und entfaltete ſeine ganze Liebenswuͤr⸗ digkeit. Selbſt einen geiſtigen Anſtrich ſuchte er ſeiner Unterhaltung zu geben und es gluͤckte ihm ſogar zu⸗ weilen ein beiſtimmendes Wort, oder ein ſchwaches Laͤcheln ihr abzugewinnen. Ohne gerade geiſtreich zu ſein, ſtand ihm eine muntere Laune zu Gebot und ein gluͤckliches Gedaͤchtniß verſetzte ihn in die Lage, bald mit einem neuen Bonmot, oder einer eben erſt geleſenen Sentenz zu debutiren. An eigenen Gedan⸗ ken hatte er keinen beſonderen Ueberfluß, deſto beſſer verſtand er es, die fremden zu benutzen und anzuwen⸗ den. Adolphine hoͤrte ihm gedankenlos und zerſtreut zu. Nur zuweilen erwachte ſie aus ihrer Apathie und ſtarrte den Grafen, welcher eine Antwort von ihr er⸗ wartete, wie verwundert an. Er aber deutete ihre Zerſtreutheit zu ſeinen Gunſten und erharrte nur einen ungeſtoͤrten Augenblick, um mit ſeiner Erklaͤrung ent⸗ ſchieden hervorzutreten. Gleich nach Tiſch verließ die ganze Geſellſchaft ½ — 108— das ihr eingeraͤumte Zimmer, um nach dem bhnachbar⸗ 8 ten Waldbachſtrub, einem der ſchoͤnſten Waſſerfaͤlle der Gegend, ihre beabſichtigte Wanderung anzutreten. Ein Fuͤhrer und mehrere Traͤger fuͤr die Damen wurden herbeigeholt. Adolphine zog es vor mit den Herren zu gehn. Der Weg ſteigt vom Wirthshaus ſteil empor. Graf Bangor bot ihr ſeinen Arm. Ab⸗ ſichtlich blieb er mit ſeiner ſchoͤnen Begleiterin einige Schritte hinter den Uebrigen zuruͤck. Die Gelegenheit ſchien ihm jetzt guͤnſtig zu dem laͤngſt vorbereiteten Geſtaͤndniſſe. Indeß ließ ihm Adolphine keine Zeit ſein Vorhaben auszufuͤhren. Seine Einleitung ſchon unterbrach ſie durch allerlei Fragen und Bemerkungen. Bald ſchickte ſie ihn wieder fort, um eine ſeltene Blume zu pfluͤcken, wobei er ſeine Gewandtheit im Klettern zeigen konnte. War er gluͤcklich und ohne Schaden mit ſeiner Gabe zuruͤckgekehrt, ſo warf ſie die Blume, nachdem ſie einige Minuten mit ihr getaͤndelt, wieder fort, um ein aͤhnliches Spiel von Neuem zu beginnen. 4 Sie ließ ihn nicht zu Athem kommen und es gehoͤrte wirklich die Geduld und Ausdauer ihres Opfers da „ zu, um all dieſe Launen des verzogenen Kindes mit ſtets laͤchelndem Geſichte zu ertragen. In ihrem Benehmen lag jedoch weit weniger ab⸗ ſichtliche Koketterie, als es den Anſchein haben mag. 1 — — —o 109— Sie uͤbte nur eine inſtinctmaͤßige Nothwehr, welche die meiſten Frauen in aͤhnlicher Lage fuͤr erlaubt hal⸗ ten. Ihrer inneren Natur war ſogar dies Spiel zu⸗ wider. Sie machte nur von dem Recht des ſchwaͤche⸗ ren Geſchlechts Gebrauch, welches haͤufig durch die Zudringlichkeit der Maͤnner zu einer aͤhnlichen Verſtel— lung getrieben wird. Gegen den Grafen fuͤhlte ſie in dieſem Augenblick weder Liebe noch Abneigung. Viel⸗ leicht haͤtte ſte ihm zur gelegeneren Zeit Gehoͤr ge— ſchenkt. In ihrer gegenwaͤrtigen Stimmung war ihr ſein Geſtaͤndniß zuwider und ſie wich ihm darum aus. Das Herz der Frauen wird ſo haͤufig vom Moment beherrſcht. Nur wer den richtigen Augenblick zu er⸗ faſſen weiß, ſtegt in der Liebe wie im Leben. Der Graf, durch fruͤhere Triumphe verwoͤhnt, war erſtaunt, auf einen ſolchen Widerſtand zu ſtoßen. Indeß ſuchte er ſeinen Unmuth zu verbergen. Er war ein zu geſchickter Stratege auf dem Gebiete der Liebe, um wegen eines zuruͤckgeſchlagenen Angriffes ſeine Be⸗ lagerung aufzugeben. Was er nicht durch Ueberrumpe⸗ Kung erringen konnte, hoffte er durch Ausdauer und fortgeſetzte Bemuͤhungen zu erlangen. Der abgeſchla⸗ gene Sturm entmuthigte ihn nicht, ſondern reizte nur ſeinen Stolz und die Eroberungsluſt. Deshalb be⸗ zwang er ſich und zeigte keinen Groll. Der Gleich⸗ —2 110— muth, den er ihren Neckereien entgegen ſetzte, verfehlte nicht die beabſichtigte Wirkung. Bald kehrte ihr fruͤ⸗ heres Vertrauen zu ihm zuruͤck und ſie behandelte ihn mit ruͤckſichtsloſer Freundlichkeit. Die Geſellſchaft hatte den Weg uͤber Lahn einge— ſchlagen. Nicht weit von der Wohnung des Berg— manns trafen Adolphine und ihre Begleiter Georg und ſeinen Freund. Beide hatten ebenfalls die Abſicht, den beruͤhmten Waſeerfaͤllen einen Beſuch abzuſtatten. Adolphinen ſchien dies zufaͤllige Zuſammentreffen nicht unerwuͤnſcht. Nach der erſten, fluͤhtigen Begruͤßung blieb ſie ſtehn und redete den Maler heiter an. — Wie, Herr Obermann, Sie hier und davon weiß ich kein Sterbenswort? Iſt es Recht, eine alte Freundin und dankbare Schuͤlerin ſo zu vernachlaͤſ⸗ ſigen? Ferdinand ſtammelte verwirrt einige unzuſammen⸗ haͤngende Worte zu ſeiner Entſchuldigung. Sie beach⸗ tete dieſelben kaum und fuhr im ſcherzenden Tone fort: — Zur Strafe muͤſſen Sie mir den ganzen Nach⸗ mittag ſchenken. Ich laſſe Sie nicht mehr los. Auch mein Vater wird ſich freuen, Sie wieder zu ſehn. Jetzt erſt fielen ihre Blicke auf Georg, der beobach⸗ tend hinter dem Maler ſtand. Ein neckendes Läͤcheln ſpielte um ihren feinen Mund. Ferdinand beeilte —— —— —“ 111 8— ſich den Faͤrbermeiſter als ſeinen Jugendfreund foͤrm⸗ lich vorzuſtellen. — O! wir ſind ſchon alte Bekannte, bemerkte ſie mit ſonderbarer Betonung, Herr Becher hat uns Allen einen großen Dienſt erwieſen. Wir ſind ihm tief ver⸗ pflichtet und ſtehen noch in ſeiner Schuld. Ich ver⸗ geſſe nicht ſo leicht. Wieder laͤchelte ſie und warf Georg einen eigen⸗ thuͤmlichen Blick zu, der ihn in Verwirrung ſetzte. Es lag ſo viel Spoͤttiſches und Herausforderndes in ihrem Weſen, das er ſich nicht zu deuten wußte. Statt jeder Antwort verneigte er ſich nur ziemlich linkiſch und ungeſchickt. Ferdinand hatte indeß fuͤr ſich und ſeinen Freund ihre Einladung angenommen. Adolphine zeigte offen ihre Freude, nur Graf Bangor ſchien mit dieſem neuen Zuwachs der Geſellſchaft unzufrieden.— II. Dem Färbermeiſter war die Veraͤnderung nicht ent⸗ gangen, welche bei dieſer unvermutheten Begegnung ſich in dem ganzen Weſen und Benehmen des Malers kund that. Schon nach wenig Augenblicken, die dieſer in Adolphinens Naͤhe und im angelegentlichen Geſpraͤche 1 —%9112— mit ihr zubrachte, war Ferdinand kaum zu erkennen. Seine Melancholie ſchien fuͤr immer gebannt, die Ab⸗ geſpanntheit hatte einer faſt uͤbertriebenen Heiterkeit Platz gemacht. Seine Wangen roͤtheten ſich, das matte Auge glaͤnzte wieder. In der Unterhaltung zeigte Ferdinand jetzt eine ſprudelnde Laune, einen genialen Humor. Georg hoͤrte ihn mit Erſtaunen laut lachen und ſcherzen. Auch Adolphine war wie umgewandelt. Sie fuͤhlte ſich angeregt und durch dieſe neue Erſcheinung aus ihrer gewohnten Apathie geriſſen. Beide hatten ſo viele Beruͤhrungspunkte, kuͤnſtleriſche und geſellſchaftliche, welche ſie gegenſeitig austauſchten. Georg wurde bald von ihrer Seite entfuͤhrt und der muͤßigen Zuhoͤrerrolle uͤberhoben. Ohnehin klang das Geſpraͤch ihm fremd, da es nur um beſtimmte Perſoͤnlichkeiten und Ereigniſſe ſich drehte, die ihn wenig oder gar nicht intereſſiren konnten. Graf Wenzel hatte ſich ſeines Armes bemaͤchtigt und mit anerken⸗ nungswerther Herablaſſung ihn ſeiner bisherigen Ge⸗ ſellſchaft entriſen. Der alte Kammerherr und Ban⸗ gor's Onkel litt an einer entſetzlichen Langeweile, welche der Hauptgrund ſeiner Menſchenfreundlichkeit und mancher wunderlichen Schrullen war. Er genoß eine anſehnliche Penſion fuͤr nie geleiſtete Dienſte und 2 113 4— beſaß einen Ueberfluß an Zeit, den er in keiner Weiſe los zu werden wußte. Deshalb ſuchte er, um dieſe Leere auszufuͤllen, neue Bekanntſchaften und ſich jedem Fremden anzuſchließen. Außerdem verfolgte er aus demſelben Grunde eine Menge von verſchiedenen Lieb⸗ habereien, die ihm zum Verdruß ſeines Neffen viel Geld koſteten, aber doch einigermaßen ſeinem zwecklo⸗ ſen Daſein ein Intereſſe gaben. Laͤngere Zeit hatte er die Autographen beruͤhmter Maͤnner geſammelt, Ausgaben ſeltener Buͤcher, deren Inhalt ihn nicht weiter bekuͤmmerte. Auch Muͤnzen, Wappen und al⸗ terthuͤmliche Curioſitaͤten dienten ihm abwechſelnd als Steckenpferd. Spaͤter widmete er ſich mit dem groͤß⸗ ten Eifer allen den wunderbaren Richtungen und Stroͤmungen der Zeit. Sein Lieblingsumgang wa⸗ ren Klopfgeiſter, tanzende Tiſche und Pſychographen. Dem thieriſchen Magnetismus und dem erſt in juͤngſter Zeit entdeckten Od ſchenkte er ſeine ganz beſondere Aufmerkſamkeit und Zuneigung. Er glaubte ſteif und feſt an all dieſe geheimnißvollen Kraͤfte und hatte ſich aus den abgeriſſenen Saͤtzen myſtiſcher Schriftſteller und unverſtandener Naturphiloſophen, aus den ver⸗ zuͤckten Traͤumen der Seherin von Prevorſt und aͤhn⸗ licher Schwaͤrmer ein eigenes philoſophiſches und reli⸗ gioͤſes Syſtem gebildet, das im bunteſten Chaos 1. 8 2 —5 114— Wahres und Falſches, Wirkliches und Erdichtetes umfaßte. Jede Gelegenheit war dem Kammerherrn willkommen, um ſeine Weisheit an den Mann zu bringen und Propaganda fuͤr ſeinen Glauben zu ma⸗ chen. Er hatte ſich Georgs wie einer Beute bemaͤch⸗ tigt und ſo leicht ließ der ſeltſame Kauz ſein armes Opfer nicht mehr los. Der Faͤrbermeiſter mußte ſich geduldig in ſein Schick⸗ ſal fuͤgen, obgleich er im Stillen die Herablaſſung des Kammerherrn entſetzlich fand. Die Hoͤflichkeit zwang ihn ruhig, ſogar freundlich zuzuhoͤren. Der ſoge⸗ nannte gute Ton giebt in der Geſellſchaft jedem Schwaͤ⸗ tzer das Recht, ſein Opfer langſam zu Tode zu quaͤlen. Georg haͤtte ſich gern entfernt, um wieder in die Naͤhe des Malers zu gelangen, deſſen aufgeregtes Weſen ihn ernſtlich beunruhigte. Auch Adolphinen wuͤnſchte er ſich wieder zu naͤhern. Ihr raͤthſelhaftes Beneh⸗ men fing ihn bereits an zu reizen und zu intereſſiren. Der Kammerherr hielt jedoch ſeine Beute feſt und ſchleppte ihn gleich einem Gefangenen im ſelbſtgefaͤlli⸗ gen Triumphe fort. Ferdinand ſchwelgte indeß in einem lang entbehrten Gluͤck. Alle Qualen und Schmerzen, die er um Ihret⸗ willen gelitten, waren vergeſſen, die guten Vorſaͤtze wieder aufgegeben. Seine ſchlecht unterdruͤckte Lei⸗ — 115 36— denſchaft brach nun um ſo ungeſtuͤmer hervor, je laͤn⸗ ger er ein Adolphinens Naͤhe wieder verweilte. Er hatte noch ſo viel Kraft beſeſſen, vor ihren gefaͤhrli⸗ chen Reizen aus der Reſidenz zu fliehen, aber dieſes zufaͤllige Zuſammentreffen machte ihn vollkommen wi⸗ derſtandslos. Er gehoͤrte zu jenen liebenden Sangui⸗ nikern, welche durchaus der koͤrperlichen Erſcheinung und Gegenwart des geliebten Gegenſtandes beduͤrfen und deren Leidenſchaft mit der Naͤhe oder Entfernung der Geliebten waͤchſt, oder abnimmt. Eine laͤngere Abweſenheit haͤtte vielleicht ſeine Neigung verloͤſchen laſſen, ihr bloßer An lick fachte ſie von Neuem zur verzehrenden Gluth an. Adolphinens Benehmen konnte ihn dabei keineswegs zu beſonderen Hoffnungen er⸗ muntern. Sie behandelte ihn wie einen alten Freund oder Bekannten, dem man zufaͤllig begegnet und dem man unumwunden ſeine Freude zeigt. Der herzliche Ton und ihr zuvorkommendes Betragen waren bei einem ſolch unvermutheten Wiederſehn durchaus ge⸗ rechtfertigt und natuͤrlich. Wenn der Maler von Lei⸗ denſchaft verblendet dieſen Beweiſen einer angemeſſenen Vertraulichkeit eine falſche Deutung gab und ſich zu neuen Taͤuſchungen verfuͤhren ließ, ſo traf ſie gewiß die geringſte Schuld.— Allmaͤlig traten ſo die Wanderer in das enge, 8* — 116— ſchattige Thal, welches der Bach nach ſeinem Falle durchrauſchte. Eine angenehme Kuͤhle empfing ſie hier, doppelt willkommen auf die vorangegangene Hitze. Der Wieſengrund, den ſie jetzt durchwandelten, wurde von einem weichen Raſen gebildet, deſſen uͤppiges Gruͤn pittoreske Felſentruͤmmer unterbrachen. Groͤßere und kleinere Steinbloͤcke lagerten hier zerſtreut, von der maͤchtigen Waſſerfluth herabgeſchwemmt und in das Thal geſchleudert. Die ſegnende Hand der Natur hatte ſie beruͤhrt und wo dieſelbe aufgelegen, wucher⸗ ten feine Mooſe, zart gefiederte Farrenkraͤuter und duftende Blumen. Auch der Kränze windende Epheu blieb nicht aus, der ſich uͤberall einfindet, wo es Rui⸗ nen und Nacktes zu umkleiden giebt. Er ſchlang ſei⸗ nen gruͤnen, wehenden Schleier um die rauhen Felſen und ſeine uͤppigen Ranken flatterten wie weiche Locken um ein ſtarres Haupt. Auf einem der groͤßeren Stein⸗ bloͤcke ſtand eine kleine Einſiedelei, welche Adolphinens Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Sie wuͤnſchte eine Skizze von dem originellen Haͤuschen und ſeiner lieblichen Umgebung. — Ich werde ſie Ihnen ſogleich zeichnen, ver— ſprach der Maler bereitwillig. — Sie muͤſſen mir die Skizze ſelbſt nach Iſchl bringen, ergaͤnzte ſie freundlich. Das Bild ſoll mir —2 117— eine angenehme Erinnerung an unſeren gemeinſchaft⸗ lichen Spaziergang ſein. Ferdinands Herz pochte gewaltig. Er hoͤrte nur die Einladung heraus, welche nach ſeiner Meinung in Adolphinens Worten lag. Sie aber fuhr in dem⸗ ſelben verbindlichen Tone fort, wodurch ſein Irrthum nur beſtaͤrkt wurde: — Sie glauben gar nicht, wie ſehr mich unſer Zuſammentreffen erfreut. Zu meiner Beſchaͤmung muß ich Ihnen jedoch eingeſtehen, daß meine Freude nicht gaͤnzlich frei von jedem Eigennutze iſt. — Sie und eigennuͤtzig? das iſt mir neu. — Wenn Sie mir nicht zuͤrnen wollen, ſage ich Ihnen auch den Grund. — Ich kann Ihnen nicht zuͤrnen, rief Ferdinand mit einem Ausdrucke, den Adolphine nicht zu bemerken ſchien. — Gut! Dann werden Sie mir auch meine Bitte nicht abſchlagen. — Wie koͤnnen Sie glauben? — Sehen Sie ſich vor, warnte ſie, und geben Sie kein leichtſinniges Verſprechen, das Sie hinter⸗ her bereuen duͤrften. — Fordern Sie Alles, was in meinen Kraͤf⸗ ten ſteht. —”0 — Graf! Sie ſind Zeuge, daß Herr Obermann meine Bitte bewilligt hat, ehe ich ſie noch genannt. Der Angeredete nickte verdrießlich beiſtimmend. — Mein gnaͤdiges Fraͤulein! ſagte der Maler, Sie ſpannen meine Neugierde auf das Hoͤchſte. — Seid ihr Maͤnner auch neugierig? Ich dachte dieſes ſchoͤne Privilegium beſaͤßen nur die Frauen ganz allein. Doch ich will Sie nicht laͤnger auf der Folter laſſen. Ich will Sie nur erſuchen, unſern unterbro⸗ chenen Zeichenunterricht wieder aufzunehmen. Das Badeleben iſt viel langweiliger, als ich mir gedacht. Ich weiß wirklich nicht, was ich mit meinem Ueber⸗ fluß an Zeit anfangen ſoll. Zwei bis drei Stunden in der Woche werden mir genuͤgen. Sie kommen von Hallſtadt heruͤber, bis nach der Goſaumuͤhle ſchicke ich Ihnen unſere Equipage entgegen. Auch fuͤr Sie wird dieſe Zerſtreuung gut ſein. Sie koͤnnen doch nicht immer an Ihrer Staffelei ſitzen. Natuͤrlich ge— winne ich am meiſten dabei, einen geſchickten Lehrer und einen trefflichen Geſellſchafter, der zur allgemei⸗ nen Unterhaltung beitragen wird. Einen Augenblick zoͤgerte der Maler uͤberraſcht. Alle fruͤheren Bedenklichkeiten ſtiegen in ihm auf. Sollte er ſich aufs Neue einer Gefahr ausſetzen, der er kaum entronnen war? Er kaͤmpfte und ſchwankte, —e 119— aber die Verſuchung war zu lockend, die Verſucherin zu ſchoͤn. Bald entſchwand der letzte Reſt des ohnehin nur ſchwachen Widerſtandes in ſeiner Bruſt. Adol⸗ phine ſchien auf eine moͤgliche Weigerung gar nicht gefaßt zu ſein. Ohne ſeine Antwort zu erwarten, reichte ſie ihm mit ſiegreichem Laͤcheln ihre Hand. Das entſchied, alle ſeine guten Vorſaͤtze waren dahin, ſein Groll gegen ſie vergeſſen. Ferdinand vermochte nicht zu widerſtehn. Er nahm die ihm dargebotene Hand und kuͤßte ſie mit ſichtbarem Entzuͤcken. Um dieſen Preis haͤtte er ſeine Freiheit, ſeine Seligkeit verkauft. — Eingeſchlagen! ſcherzte ſie muthwillig. Nun aber halte ich Sie feſt, denn Ihr Kuͤnſtler ſeid gar leichte Voͤgel, die davon fliegen, ehe man's ſich ver⸗ ſieht. Sie ſelbſt haben mir den Beweis geliefert. Doch man muß mit Euch Nachſicht haben. Der ge⸗ woͤhnliche Maßſtab paßt nicht fuͤr Eure Natur. Darum erlaſſe ich Ihnen alle ferneren Entſchuldigungen uͤber Ihr raͤthſelhaftes Fortbleiben und Verſchwinden aus unſerem Hauſe. Sie ſehen, daß ich vergeben kann. Sie ſollen auch eine fleißigere Schuͤlerin an mir fin⸗ den, als ich fruͤher war. Ich will Sie nicht mehr durch meine Zerſtreutheit quaͤlen und Ihre guten Lehren mir zu Herzen nehmen. Jede Stoͤrung werd' ich zu —? 120— beſeitigen ſuchen, weil ich weiß, wie wenig Sie die⸗ ſelbe leiden moͤgen. — Dabei kommen wir Uebrigen, die wir keine Kuͤnſtler ſind, augenſcheinlich zu kurz, bemerkte der Graf, welcher mit dieſer neuen Anordnung durchaus nicht einverſtanden war. — Wenn Sie folgen und artig ſind, verſetzte Adolphine, ſo duͤrfen Sie auch unſeren Zeichenſtun⸗ den beiwohnen und mir zur Belohnung jedesmal den Bleiſtift ſpitzen. Nach wie vor aber bleiben Sie un— ſer Maitre de Plaiſir. Sie duͤrfen uns neue Aus⸗ fluͤge in die Umgegend von Iſchl vorſchlagen, wo wir Gelegenheit haben werden, unſere Kunſt in Ausuͤbung zu bringen und maleriſche Punkte aufzunehmen. Sie werden uns begleiten und dabei lernen, was es heißt, an der Hand eines wahren Kuͤnſtlers die Schoͤnheit der Natur bewundern und mit ſeinem Auge ihre Herr⸗ lichkeiten ſehn. — Wie waͤre es, wenn wir in der naͤchſten Woche unſere projectirte Partie nach dem Schafberge zur Ausfuͤhrung braͤchten? fragte der Graf, um ſich ge⸗ faͤllig zu erweiſen. — Herrlich! jubelte Adolphine. Graf! Sie ver⸗ dienen einen Orden. Sie buͤckte ſich und pfluͤckte ein Vergißmeinnicht, * 1 — 121*— das auf dem Raſen zu ihren Fuͤßen wuchs. Graf Bangor ſtreckte ſeine Hand begehrend nach dieſem Zei⸗ chen ihrer Gunſt. — Halt! ſagte ſie abwehrend. Sie muͤſſen nicht Alles fuͤr ſich verlangen. Andere Leute wollen auch Etwas haben. Hier iſt genug fuͤr Zwei. Mit dieſen Worten theilte ſie das Vergißmein⸗ nicht, an deſſen Zweigen mehrere Bluͤthen hingen, zwiſchen dem Maler und dem Grafen. Den Stengel mit den ſchoͤnſten Knospen behielt ſie ſpielend in der Hand. In dieſem Augenblick naͤherte ſich ihr der Faͤrber⸗ meiſter, welchem der Kammerherr beharrlich nicht von der Seite ging. — Kommen Sie, Herr Becher! rief ſie ihm ſchon von Weitem entgegen. Ich theile meine Orden aus. Keiner verdient ihn mehr, als der Retter unſeres Lebens. — Sie thun mir zu viel Ehre an, erwiederte Georg, welchem der Scherz mißfiel. — Muthig und beſcheiden, rief ſie laͤchelnd, ein aͤchter Mann, wie er ſelten noch gefunden wird. Anmuthig reichte ſte ihm den Zweig, den er lieber ausgeſchlagen haͤtte. — 5 122— — Und darf man wiſſen, wie der neue Orden heißt? fragte der Kammerherr, welcher leer ausging. — Der Orden vom Vergißmeinnicht, ent⸗ gegnete Adolphine beziehungsreich, indem ſie Georg wieder einen ihrer ſeltſamen und ihm unerklaͤrlichen Blicke zuwarf. — Und die Deviſe, Ihre Deviſe? forſchte der Kammerherr aufs Neue. — Wahrheit und Treue, ſagte Adolphine mit wunderbarem Ernſt. X. Der Kammerherr ſah ſich ploͤtzlich wieder in ſein Element verſetzt. Er ergriff ſogleich die Gelegenheit ſeinem Neffen und dem Maler eine vollſtändige Ab⸗ handlung uͤber alle moͤgliche Orden der Welt zu hal⸗ ten. Beſonders beſchaͤftigte er ſich mit der Geſchichte des goldenen Vließes, die er mit einer Breite und Umſtaͤndlichkeit abhandelte, welche ſeine beiden ge⸗ zwungenen Zuhoͤrer vollſtaͤndig zur Verzweiflung brachten. Es wurde ihnen nichts erſpart, weder die urſpruͤngliche Form des Ordens, deſſen Kette zuerſt aus wirklichen mit einander abwechſelnden Feuerſtei⸗ — v nen und Stahl beſtand, noch die Zahl der Ritter ſelbſt, die anfaͤnglich auf vierundzwanzig Mitglieder feſtgeſetzt war. Vergebens ſuchten ſeine Opfer ihm bei irgend einer eingetretenen Pauſe zu entſchluͤpfen. Der Kammerherr hatte ſich fuͤr alle ſolche Faͤlle vor— geſehen. Nach ſeiner Gewohnheit hielt er den Einen am Arme feſt, waͤhrend er den Andern am Rocke faßte. Was blieb da uͤbrig, als ſich geduldig dem Geſchicke zu ergeben. 8 Durch dieſe Zwangsmaßregeln ſah ſich Georg mit einem Male aus den Klauen des Unvermeidlichen be⸗ freit und Adolphinen allein gegenuͤber. Anfaͤnglich ſtockte ihr Geſpraͤch. Der Faͤrbermeiſter war durchaus nicht linkiſch und unbeholfen, aber er beſaß auch nicht jene banale Leichtigkeit, mit Frauen, noch dazu wenn dieſe ihm fremd waren, ein gleichguͤltiges und inhalts— leeres Geſpraͤch anzuknuͤpfen. Er war keiner jener muͤßigen Schwaͤtzer, welche es verſtehen, mit vielen Worten Nichts zu ſagen. Sein Bildungsgang und Lebenslauf war, wie wir bereits wiſſen, hoͤchſt eigen⸗ thuͤmlicher Natur. Er hatte die Univerſitaͤt beſucht und dort eine Menge gediegener Kenntniſſe erworben. Da die geringen Unterſtuͤtzungen, welche er von Haus erhielt, nicht vollkommen ausreichten, um alle ſeine Beduͤrfniſſe zu befriedigen, ſo hatte er ſich entſchließen —0 124— muͤſſen, durch Stundengeben den Ausfall in ſeinen Einkuͤnften zu decken. Der Zufall, oder vielmehr die Empfehlungen ſeiner Lehrer hatten ihn in manche vor⸗ nehme und reiche Familie gefuͤhrt. Selbſt als Hausleh⸗ rer war er laͤngere Zeit in einer ſolchen beſchaͤftigt. Er hatte alſo hinlaͤnglich Gelegenheit geh abt, das Leben in den hoͤheren Staͤnden kennen zu lernen und ſich den in ihnen herrſchenden Ton anzueignen. Ein ſcharfer, beobachtender Blick ließ ihn die Maͤngel und Gebre— chen zeitig entdecken, an denen unſere heutige Geſell— ſchaft leidet. Er hatte viel daruͤber nach hgedacht. Sein geſunder Geiſt ſchuͤtzte ihn vor ahnlichen Verirrungen. In Adolphinen, mit der er unter ſo ſeltſamen Umſtaͤnden immer wieder zuſammentraf, erblickte der Faͤrbermeiſter vorlaͤufig nur ein Produkt dieſer Kreiſe. Trotz ihrer Schoͤnheit haͤtte ſie ihn nicht weiter inter⸗ eſſtrt, wenn ſie ihm nicht durch ihr Verhaͤltniß zu dem Freunde ſeiner Jugend naͤher geruͤckt worden waͤre. Das Schickſal des Malers bekuͤmmerte ihn aufrichtig und er glaubte nicht zu irren, wenn er deſſen gegen⸗ waͤrtige Verſtimmung und Zerfahrenheit, die ihn tief ſchmerzte, auf ihre Rechnung ſchrieb. Er wollte ſie daher genauer beobachten, ſich ein Urtheil bilden, um dem Freunde rathend beizuſtehn. Bei dem ihm be⸗ kannten, ſchwankenden Charakter Ferdinands hoffte er vE — 5 125 4— dieſen noch den Feſſeln der Kokette zu entreißen. Fuͤr eine ſolche hielt er Adolphine noch bis jetzt. Ihr zeitweiliger Ernſt, ja der Schmerz, von dem er ein unwillkuͤhrlicher Zeuge geweſen war, erſchienen ihm kuͤnſtlich, unwahr, nur gemacht. Dennoch wollte er ſie nicht ohne Pruͤfung verurtheilen. Eine noch ſo kurze Unterhaltung hielt er deshalb wuͤnſchenswerth. Adolphine beobachtete ebenfalls dem Faͤrbermeiſter gegenuͤber ein ihr ſonſt ungewoͤhnliches Benehmen. Sie befand ſich in einer ihr ſelbſt wunderbaren Lage und Stimmung. Sonſt nur an den ercluſiveſten und gewaͤhlteſten Umgang gewoͤhnt, ſah ſie ſich ploͤtzlich in die Geſellſchaft eines Handwerkers verſetzt. Sie theilte alle Vorurtheile ihrer Standesgenoſſen in die⸗ ſer, wie in vielen anderen Beziehungen. Sie hielt jeden Handwerker fuͤr mehr oder minder ungebildet und unempfaͤnglich fuͤr all die Ideen und Anſchauun⸗ gen, welche ſie als ein ausſchließliches Eigenthum der beſſeren Geſellſchaft betrachtete. Zwar hatte ihr Ferdinand mitgetheilt, daß ſein Freund die Univerſi⸗ raͤt beſucht und erſt ſpaͤter dieſe gegenwaͤrtige Beſchaͤf⸗ tigung ergriffen habe. Selbſt dieſer Umſtand vermochte ihren Widerwillen nicht zu beſtegen. Sie konnte ſich von dem Gedanken nicht losmachen, daß jeder Hand⸗ werker ſchmutzige Haͤnde und rohe Sitten haben muͤßte. — 2 126— Unwillkuͤhrlich ſchielte ſie auch wirklich auf die Haͤnde des Faͤrbermeiſters, um zu ſehen, ob dieſelben nicht die Spuren ſeines Metiers an ſich truͤgen und blau waͤren. Sie uͤberzeugte ſich jedoch bald vom Ge⸗ gentheil. Dieſe kleinliche Wahrnehmung hob ihn in ihren Augen. Außerdem fuͤhlte ſie ſich ihm verpflich— tet und dem Retter ihres Lebens Dank ſchuldig. Dieſe Ruͤckſichten und noch mehr die Erinnerungen, welche ſein Name in ihr erweckten, ließen ſie anfangs einen mehr herablaſſenden, ſpaͤter einen freundlichen Ton anſtimmen. Dennoch koſtete ſie dieſe gebotene Annaͤherung eine gewiſſe Ueberwindung. Mit einer ihr ſonſt fremden Befangenheit begann ſie ein ziem⸗ lich gleichguͤltiges Geſpraͤch. Schon bei den erſten Worten, welche ihr Georg erwiederte, war ſie uͤber⸗ raſcht. Seine Sprache war gewaͤhlt, er druͤckte ſich zwar einfach, aber geſchickt und mit geiſtiger Ueber⸗ legenheit aus. Bald gab ſie. ihre bisherigen Vor⸗ urtheile auf und ohne es zu beabſichtigen, ſah ſie ſich in eine tiefere, ja bedeutende Unterhaltung hinein⸗ gezogen. Gleichſam um ihn vor ſich ſelber zu ent⸗ ſchuldigen, richtete ſie die Frage an ihn: — Wenn ich nicht irre, ſo haben Sie die Uni— verſttaͤt beſucht und waren fuͤr ein Lehramt beſtimmt? — Allerdings, mein Fraͤulein. * —2 —2 — Und welche Gruͤnde konnten Sie veranlaſſen, Ihren urſpruͤnglichen Plan wieder aufzugeben? Georg zoͤgerte. Ihre Frage erſchien ihm indiseret. In ihrem Tone lag ſogar ein verſteckter Vorwurf, den er, ſo leiſe auch dieſer klang, deutlich herausfuͤhlte. Er ſah ſie darum ſcharf und verweiſend an, ſo daß ſie durch ſeinen Blick einigermaßen in Verlegenheit gerieth. Nichts deſto weniger wiederholte ſie eigen⸗ ſinnig ihre erſte Frage. — Ich hatte fuͤr eine Mutter, eine Familie zu ſorgen, welche durch den Tod meines Bruders ihres bisherigen Ernaͤhrers beraubt wurden. — Alſo darum, fluͤſterte Adolphine mehr fuͤr ſich. Sie haben ein großes, ein mir unbegreifliches Opfer gebracht.. — Sie veranſchlagen es viel zu hoch, entgegnete Georg, fern von aller falſchen Beſcheidenheit. — Ich kann noch immer es nicht faſſen, wie ein Mann, der eine ordentliche Univerſitaͤtsbildung ge⸗ noſſen hat, ſpaͤter ein Handwerk ergreifen und ſich dabei gluͤcklich fuͤhlen kann. — Und doch muß es moͤglich ſein, erwiederte der Faͤrbermeiſter mit einem humoriſtiſchen Anſtrich, der bald wieder in den gewohnten Ernſt uͤberging. Sie ſehen in mir ein ſolches Eremplar. Ja, ich ſegne —2 128 6— ſogar mein Geſchick, das mir dieſe neue Laufbahn angewieſen hat. An Handwerkern unter den Gelehr⸗ ten mangelt es nicht, wohl aber an Gelehrten unter den Handwerkern. — Sie ſprechen in Paradoren. — Ich glaube mich hinlaͤnglich klar ausgedruͤckt zu haben. Mit meinen Worten wollte ich nur ſa⸗ gen, daß es nicht an mittelmaͤßigen Gelehrten, wohl aber an tuͤchtigen Handwerkern fehlt. Eitelkeit der Eltern und eigener Duͤnkel fuͤhrte viele junge Leute zum Studium, welche beſſer thaͤten, eine andere Be⸗ ſchaͤftigung zu ergreifen. Vielwiſſerei und Ueberbil⸗ dung, welche die natuͤrlichen Folgen dieſer Uebelſtaͤnde ſind, halte ich fuͤr das groͤßte Ungluͤck unſerer Zeit. Ein geſchickter und thaͤtiger Handwerksmann ſteht in meinen Augen viel hoͤher als das Heer der geiſtigen Muͤßiggaͤnger, Actenſchreiber und Verſeſchmierer, an denen es leider heut zu Tage nicht fehlt. — Ich gratulire Ihnen zu dieſer Anſicht, ſagte Adolphine ironiſch. Indeß werden Sie mir einge⸗ ſtehn muͤſſen, daß ſelbſt Ihr tuͤchtiger Handwerker in der Geſellſchaft eine ziemlich traurige Rolle ſpielt. — Wenn dies der Fall iſt, ſo trifft der Vorwurf lediglich die Geſellſchaft und nicht ihn. Den Verluſt jedoch kann er verſchmerzen. Wenn Sie aber unter . —d 129 ⁸— der Geſellſchaft die hoͤheren Staͤnde verſtehn, ſo hat er keinen Grund dieſelbe zu vermiſſen, oder gar zu beneiden. In fruͤherer Zeit hatte ich wohl ſelbſt Gelegenheit, einen Blick in ihr Weſen zu thun. — Sie machen mich in der That neugierig auf Ihr Urtheil. — Ihre ſo genannte Geſellſchaft iſt nicht benei⸗ denswerth. Sie leidet vorzugsweiſe an den Gebre⸗ chen unſerer Zeit, an der Luͤge und Ueberſaͤttigung. Die Beſſeren fuͤhlen es tiefer, als ich es ſagen kann, und ſehnen ſich nach einer Erloͤſung aus dieſen ver— ſunkenen Zuſtaͤnden. Ihre Bildung ſelbſt dient nur dazu, das Gefuͤhl ihrer Leiden zu verſchaͤrfen, ihre Troſtloſigkeit zu vermehren. Sorgfaͤltig ſuchen ſie ihre Schmerzen zu verbergen und heucheln entweder eine Gleichguͤlitgkeit, oder ſelbſt einen Frohſinn, um ſich ſelbſt und Andere zu taͤuſchen. In ſteter Furcht vor dem andringenden Proletariat und im Innern von Faͤulniß mehr oder minder angegriffen, gehen ſie einer troſtloſen Zukunft entgegen. — Sie malen mit den ſchwaͤrzeſten Farben, ver⸗ ſetzte Adolphine ſchmerzlich betroffen. Ihr war es, als ob eine feſte Hand den Verband von ihren eigenen Wunden abriſſe und ohne Nuͤckſicht mit der Sonde darin herumwuͤhlte. Sie zuͤrnte in I. 9 — 130— ihrem Stolz dem Farbermeiſter, welcher nicht allein die Gebrechen der Zeit, ſondern auch ihre eigenen Empfindungen ſo ſchonungslos bloß legte. Die Be⸗ rechtigung, ſo zu denken und zu ſprechen, hatte ſie bisher als ihr ausſchließliches Eigenthum angeſehn, und nun wagte ein Handwerker in ihrer Gegenwart denſelben Ton anzuſtimmen. Das war zu viel, was er ihr bot. Unwillig wollte ſie das Geſpraͤch mit ihm abbre⸗ chen und doch feſſelte ſie ein geheimer Grund und hielt ſie gegen ihren Willen feſt. Sie mußte noch mehr uͤber ihn und ſein Geſchick erfahren. Er inter⸗ eſſirte ſie trotz ſeines trotzigen und abſprechenden Weſens. Nach einer Pauſe ſetzte ſie ihr Geſpraͤch mit ihm wieder fort. — Wie es ſcheint, faſſen Sie Ihren neuen Stand von einer idealen Seite auf, die mir bisher voͤllig unbekannt geblieben iſt. Sie ſehen, daß ich mich gern von Ihnen belehren laſſen will. Georg ſah ſie fragend an. Er wußte nicht, ob ihre Worte Spott oder Ernſt enthielten. — Gewiſſermaßen, verſetzte er, thue ich das auch. Als ich in die Nothwendigkeit verſetzt wurde, meinen neuen Beruf zu ergreifen, ſo ſtellte ich mir allerdings —5 131— die Aufgabe, nicht gedankenlos im hergebrachten Schlendrian zu verfahren. Zunaͤchſt ſuchte ich mir die noͤthigen praktiſchen Kenntniſſe zu verſchaffen. Manche Erfahrung mußte ich theuer erkaufen. Meine wiſſenſchaftliche Bildung war mir hier von geringem Nutzen und gereichte mir eher zum Nachtheil. Ich begriff oft die einfachſten Handgriffe nicht, weil mein gelehrter Duͤnkel mir noch immer im Nacken ſaß und ich den Wald vor lauter Baͤumen nicht ſah. Ich mußte von vorn anfangen und bei meinem eigenen Geſellen in die Schule gehn, der mir in allen dieſen Dingen uͤberlegen war. Allmaͤlig begriff ich den Unterſchied zwiſchen Wiſſen und Erfahrung. Jetzt erſt kamen mir meine naturwiſſenſchaftlichen Kenntniſſe zu Statten. Ich fuͤhrte manche Verbeſſerung ein, die mir gelang. Ich ſann ſogar auf neue Entdeckun⸗ gen, von denen ich mir einen bedeutenden Erfolg verſprechen darf, wenn ſie mir gelingen. Sie ſehen, daß es mir ſelbſt in meinem Beruf nicht an Illuſio⸗ nen und Phantaſieen fehlt. Ich will nicht wie meine Standesgenoſſen ſtehn bleiben, denn Stillſtand iſt der Tod des Handwerks. Wir muͤſſen raſtlos nachſinnen und arbeiten, alle Ergebniſſe der chemiſchen und phy⸗ ſikaliſchen Fortſchritte fuͤr unſere Zwecke nutzen. So bleibe ich im ſteten Verkehr und in inniger Verbindung 9* — d 132— mit der Bildung und Wiſſenſchaft. Dabei fuͤhle ich mich als Glied eines Ganzen, zu deſſen Hebung ich gern Alles beitragen moͤchte, was in meinen Kraͤf⸗ ten ſteht. Bald hoffe ich, meine Gedanken zu ver⸗ wirklichen. Zunaͤchſt bin ich darauf bedacht, durch Beiſpiel und Belehrung auf meine Standesgenoſſen einzuwirken, die geſunkene Juduſtrie in meiner Va⸗ terſtadt wieder zu beleben, durch Stiftung einer Ge⸗ werbeſchule und von Handwerkervereinen fuͤr beſſeren Unterricht und Bildung zu ſorgen. Doch das ſind Traͤume und Plaͤne, welche noch fern in der Zukunft liegen. Sie koͤnnen ſich dafuͤr nicht intereſſiren. — Doch, doch! entgegnete Adolphine, welche nachſinnend ihm zugehoͤrt. Ich bin Ihnen wirklich Dank ſchuldig fuͤr die Lection, welche Sie mir ertheilt haben. Georg ſchwieg verletzt durch den ironiſchen Ton, den er wieder herauszuhoͤren glaubte. Diesmal that er ihr gewiß Unrecht. Das Bild, welches er vor ihr entrollt, floͤßte ihr unwillkuͤhrlich Achtung ein. Sie haͤtte ihm auch wahrſcheinlich offen dieſelbe ge⸗ zollt, waͤre nicht in dieſem Augenblick der Graf her⸗ angekommen. Er hatte ſich gluͤcklich von dem Kam⸗ merherrn befreit und eilte nun herbei, um Adolyht⸗ nen nicht mehr zu verlaſſen. —e 133— Das Thal, in dem ſich unſere Wanderer befanden, verengte ſich immer mehr. Die Gegend wurde rauher und wilder. Steil ſtieg der enge Fußpfad empor. Der Weg war durch den vorangegangenen Regen ſchluͤpfrig geworden. Adolphine, welche den Arm des Grafen abgelehnt, gleitete auf dem feuchten Boden aus. Sie ſtuͤtzte ſich auf Georg, der in ihrer Naͤhe geblieben war und ſie vor dem Fallen bewahrte. Einen Moment ruhte ſie erſchrocken in ſeinen Armen. Ein eigenthuͤmliches Gefuͤhl durchſchauerte ihn und ſte in demſelben Augenblick. Zum zweitenmal war ſie ihm verpflichtet. Sie ſtammelte einen kurzen Dank, dann riß ſie ſich los mit wildem Ungeſtuͤm. Hochroth ſtuͤrmte ſie die rauhen Stufen hinauf. An einem Felſenvorſprung hielt ſie an, die ſtaunenden Begleiter hinter ſich zuruͤcklaſſend. Ueber der nackten Felſenmauer ſchwebte ihr der kleine Schleierfall entgegen, ein entzuͤckender An⸗ blick. Das Gießbaͤchlein, welches ihn bildet, loͤſt ſich in unzaͤhlige, feine Perlenſchnuͤre auf, mit denen die glaͤnzenden Sonnenſtrahlen ein anmuthiges Spiel trieben. Ein Gewebe aus Waſſer und Feuer, aus Licht und Schaum flatterte zu Adolphinens Fuͤßen. Wie muthwillige neckende Geiſter huͤpften die aufge— loͤſten Wellen um die ſtarre Felſenbruſt. Sie konnte —” 134— nicht muͤde werden, darauf zu ſehn. Von Allem uͤberſaͤttigt, war ſie doch empfaͤnglich geblieben fuͤr die ewige Schoͤnheit der Natur. Ihr Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem Waſſerfall, von dem es wieder aufwaͤrts zu den trotzigen Bergesrieſen ſchwebte.— Plotzlich ſtieß ſie einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Sie glaubte zu traͤumen, eine Erſcheinung zu haben. Hoch uͤber dem Waſſerfall, auf ſchwindelnder Spitze, wohin kein Menſchenfuß gelangt, ſtand eine maͤnnliche Geſtalt und ſchaute wie ſie in die Tiefe nieder. War es der Geiſt dieſer Felſen von Wolken getragen; irgend ein ſeltſames Nebelgebild? Deutlich konnte ſie jetzt bei laͤngerem Hinſtarren die Formen und Bewegungen, ſelbſt die einzelnen Geſichtszuͤge erkennen, und doch traute ſie ihren eigenen Augen nicht. Er ſtand noch immer da, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, unbewegt. Unwillkuͤrlich blieb ſie von der ſeltſamen Erſcheinung gefeſſelt, von ſeinem magnetiſchen Blick, von dem eigenen melancholiſchen Zauber, der dieſen Mann und ſein ganzes Thun und Treiben umgab. Sie hatte von ihm gehoͤrt, ihn ſelbſt dann und wann fluͤchtig in der Reſidenz geſehn. Jetzt war ſie doppelt uͤberraſcht ihn hier und in einer ſol⸗ chen Scenerie zu finden. Was ſie von ihm wußte, glich ebenfalls einem ſeltſamen Maͤrchen, einer un⸗ —0 135— heimlichen Sage, die ihr in dieſem Augenblick bei⸗ fiel.— Laute Stimmen und die Schritte ihrer Be⸗ gleiter wurden nun hoͤrbar, ſie wandte ſich um, un— willig uͤber die Stoͤrung. Noch einmal richtete ſie jedoch ihren Blick empor. Die Erſcheinung war ver⸗ ſchwunden, ſie glaubte wirklich nur getraͤumt, eine Taͤuſchung ihrer Phantaſie erlebt zu haben. — Apolphine! was machſt Du hier, Du wirſt dich noch erkaͤlten, rief ihr der beſorgte Vater entge⸗ gen, der Frau von Starenberg neben den Traͤgern herſchreitend nicht verlaſſen hatte. Auf ſeinen Wunſch mußte ſie einen leichten Mantel umthun, um ſich ge⸗ gen den Zug zu verwahren. Dieſe zaͤrtliche Sorg⸗ falt war ihr laͤſtig. Kein Luͤftchen durfte ſie beruͤhren, auf jedem Schritt und Tritt ſah ſie ſich ihrer Freiheit beraubt und von einer peinigenden Aufmerkſamkeit umgeben, die ſie noch mit Dank hinnehmen mußte. Stillſchweigend ſetzte die Geſellſchaft ihren Weg fort. Das Brauſen des Waldbachſtrub's ſchallte immer naͤher und hinderte jedes Geſpraͤch. Nur zu⸗ weilen ſtieß Frau von Starenberg einen aͤngſtlichen Schrei aus, wenn die Traͤger einem Abgrund nach ihrer Meinung allzunahe kamen, oder mit dem Seſſel an einen Baum ſtreiften, der ihnen im Wege ſtand. Die Wittwe verwuͤnſchte innerlich die ganze beſchwer⸗ —2 136— liche Partie und ihr Groll wuchs gegen Adol— phine, die Urheberin aller dieſer abenteuerlichen Un⸗ ternehmungen, von denen ſie ſich nicht gut ausſchlie— ßen konnte. Je mehr ſie aber die einzige Tochter ihres Freundes haßte, deſto ſorgfaͤltiger verbarg ſie vorlaͤufig ihr Gefuͤhl unter einer erheuchelten Zaͤrt⸗ lichkeit. Ja ſie beſchaͤftigte ſich ſchon ſeit einigen Stunden faſt ausſchließlich im Stillen nur mit dem Gluͤcke des„geliebten Kindes“, wie ſie Adolphine ſtets in Gegenwart des Herrn von Buſch zu nen⸗ nen pflegte. Frau von Starenberg wollte ſie um jeden Preis mit dem Grafen Bangor vereinigen, um das einzige Hinderniß aus dem Wege zu raͤumen, das ihrer eigenen Verbindung mit dem reichen Frei⸗ herrn entgegenſtand. In ihrem Kopfe war der Plan entſprungen, den ſie geſchickt dem Parvenue als ſei⸗ nen eigenen beizubringen wußte. Waͤhrend Adolphine nach Freiheit ſchmachtete, waren die neuen Feſſeln be⸗ reits geſchmiedet, die den unſteten Geiſt fuͤr immer binden ſollten. So ſchleppten dieſe Menſchen bis ins Heiligthum der Natur ihre kleinlichen Gedanken und Abſichten mit ſich herum. Sie hoͤrten nicht auf die gewaltige Stimme, die ihnen entgegendonnerte, nur auf die niedrigen Einfluͤſterungen des Eigennutzes und der Leidenſchaft. — 137— Gleich der Poſaune des Weltgerichts droͤhnte der gewaltige Waſſerfall, angeſchwellt noch von der vor⸗ angegangenen Regenfluth. Das Thal bebte vor ſei⸗ nem Donnerruf, die Baͤume zitterten und ſchwankten auf den Felſen, die in ſeiner Naͤhe ſtanden. Kochend, ſchaͤumend, wirbelnd, ziſchend kam der Bach herabge⸗ ſchoſſen und die Luft aͤchzte unter ſeiner Wucht. Das war kein anmuthiges Spiel mehr, wie am Schleier⸗ fall, keine neckenden Elfen, welche um die Felſen tanz— ten. Rieſige Geiſter, entfeſſelte Titanen kaͤmpften einen heißen Kampf. Das trotzige Geſtein, der ſtarre Erdkoloß rang mit dem feuchten Element. Der alte Streit wurde hier, wenn auch im verjuͤngten Maße, fortgeſetzt, der in dieſen Thaͤlern einſt fuͤrchterlicher getobt haben mochte, als vor Jahrtauſenden gegen die aufſteigenden Alpenwaͤlle die rollenden Wellen der Urfluth von allen Seiten heranſtuͤrmten, um ſich ge⸗ waltſam Bahn zu brechen. Aus jenen Tagen ſtammt vielleicht noch der Hallſtaͤdter See ſelbſt, die Grab⸗ ſtaͤtte einer rieſigen Vergangenheit, und die Melan⸗ cholie, welche ihn umgiebt, iſt nur die Trauer der Natur, eine Erinnerung an jene furchtbaren Wehen der Schoͤpfung. Dort die Ruhe des Todes und hier das laute Ringen des Lebens. Welch ein Con⸗ traſt! — 138*- Zwiſchen den Spitzen der Berge bricht der Bach ungeſehn hervor. Von einer vorſpringenden Felſen⸗ wand wird auch noch der Waſſerfall zum Theil be⸗ deckt. Um ſeinen vollen Anblick zu genießen, muß⸗ ten die Wanderer noch mehrere ſteile Stufen empor⸗ klimmen. Jetzt erſt konnten ſie das majeſtaͤtiſche Schauſpiel in ſeiner ganzen Herrlichkeit uͤberſchaun. Aus der Tiefe ſtarrte ihnen der grauſe Keſſel entge⸗ gen, angefuͤllt mit kochendem Schaum und ſprudeln⸗ dem Giſcht. Unaufhoͤrlich donnerte die Waſſerlawine von der Felſenwand. Neue Maſſen folgten den fruͤ⸗ heren und waͤlzten ſich von einem Abhang zu dem andern. Mit jedem Hinderniß wuchs ihre Kraft und Wuth. Vergebens aber ruͤttelten ſie an dem al⸗ ten Geſtein, das ihnen bereits Jahrtauſende getrotzt. Ihr Ungeſtuͤm brach ſich an ſeinem Widerſtand und prallte an dem ſtarren Felſen ab. Hoch empor ge⸗ ſchleudert loͤſte ſich die Fluth in einzelne Tropfen auf. Ein dichter Spruͤhregen ſpritzte bis zu den Wanderern und erfuͤllte die ganze Atmoſphaͤre mit feinem Waſſer⸗ dunſt. Unzaͤhlige kleine Waſſerſtroͤmchen, rinnende Silberfaͤden tropften von allen Seiten nieder und glaͤnzten wie Demanten in dem hellen Sonnenſchein. Dazwiſchen leuchteten gruͤne Mooſe gleich ausgeſtreu⸗ ten Smaragden mit unzaͤhligen Waſſerperlen beſaͤet. —5 139— Farrenkraͤuter gediehen praͤchtig in der feuchten Kuͤhle und ſelbſt ein zartes Birkenſtaͤmmchen wuchs aus einem Bergſpalt hervor, unbekuͤmmert um den Auf⸗ ruhr der Elemente, der in ſeiner Nähe tobte. So miſcht ſich das Liebliche mit dem Erhabenen in der Natur. Von beiden Seiten bildeten die hohen Fels⸗ waͤnde den entſprechenden Rahmen fuͤr das gewaltige Bild. Ein duͤſterer Fichtenwald zog ſich von der Hoͤhe bis zu dem Thal hinab, allmaͤlig duͤnner wer⸗ dend, bis nur noch einzelne Baͤume den ruhigeren Lauf des Baches verfolgten. Durch die Luͤcke, welche die Berge und der Wald gelaſſen, lachte der blaue Himmel mit ſeiner goldenen Sonne. Wo ihre Strah⸗ len auffielen, ſchimmerten die Steine, glaͤnzte das Waſſer, flammte das Laub. Es war ein Gedicht, wie es nur die Natur dichten kann, voll von erhabe— ner Schoͤnheit, deren Geheimniß ſie nur allein be⸗ ſitzt. Waſſer und Erde, Felſen und Wellen, Waͤlder und Wolken, Licht und Schatten, Donner und Saͤu⸗ ſeln hatte ſte wunderbar gemiſcht, um das Menſchen⸗ herz zu erſchuͤttern und zu ruͤhren. Adolphine lauſchte dieſer Wunderſprache mit Ent⸗ zuͤcken. Die Natur erſchien ihr rieſengroß und die Menſchen ach! wie klein.— — 140*— II. Vielleicht von dieſem Gedanken erfuͤllt, entfernte ſich das ſeltſame Maͤdchen nur einige Schritte von ihrer Umgebung und trat dicht bis an den Rand des Abgrunds, vor dem ſie ſtand. Zu ihren Fuͤßen tobte der Waſſerfall. Ohne Furcht zu verrathen blickte ſie in die ſchwindelnde Tiefe. Eine Miſchung von Wonne und Grauen erfaßte ſie. Die Geiſterſtimmen, welche ſie vernahm, fanden ein Echo in ihrem eigenen Her⸗ zen; ſie glaubte ihr Zuͤrnen und Wuͤthen, dies Grollen und Stoͤhnen zu verſtehen. Im Waſſerfall erkannte ſie das Abbild des Lebens ſelbſt, ein ewiges Ringen, den endloſen Kampf. Wozu, warum?— Und den⸗ noch wurde ſie nicht muͤde dieſem Schauſpiel zuzu⸗ ſehen.— Wenn uns Alles anwidert, was Menſchenhand und Menſchenhirn geſchaffen und gedacht, wenn der Fluch der Ueberſaͤttigung uns aus jeder Erſcheinung entgegenweht; ſo fluͤchten wir zur Natur zuruͤck. Stundenlang ſitzen wir am Ufer des Meeres und lauſchen dem einfoͤrmigen Rauſchen ſeiner Wellen, ohne zu ermuͤden. Vom Berge blicken wir ins Thal hinab, wo ſich zwiſchen gruͤnen Wieſen und goldenen Kornfeldern das Silberband des Stromes ſchlaͤngelt. —e 141— Wie oft ſchon haben wir dieſelbe Ausſicht genoſſen und immer erfreuen wir uns ihrer von Neuem. Nach Abwechslung ſehnt ſich unſer Geiſt und dieſe finden wir nur— in der Natur. Selbſt das vollendetſte Kunſtwerk bleibt ſich ewig gleich. Es iſt etwas Fer⸗ tiges und Abgeſchloſſenes, unveraͤnderlich. Aber das Meer wechſelt mit jedem Augenblick, Licht und Schat⸗ ten wandeln uͤber Berg und Thal und ſchaffen ſtets ein neues Bild. Das war es auch, was Adolphine jetzt unbewußt empfand, was ſie ſo maͤchtig hinriß, daß ſie faſt dieſem gewaltigen Zug erlag. Ihr Auge ruhte ſo lange auf den fliehenden Wellen, bis ſie ſelbſt von einem aͤhnlichen Drang ergriffen wurde, mit ihnen hinabzuſtuͤrzen in den Schlund. Kaum vermochte ſie der Lockung zu widerſtehn. Der Boden wankte unter ihren Fuͤßen, der Schwindel erg riff ihr Gehirn und nur mechaniſch noch hielt ſie cin dem Baumſtamm feſt, der in ihrer Naͤhe ſtand. Dieſe Bewegung war der uͤbrigen Geſellſchaft nicht entgangen, welche her⸗ beieilte. Von allen Seiten wurden ihr zaͤrtliche Vor⸗ wuͤrfe wegen ihrer Tollkuͤhnheit gemacht. Sie mußte auf Wunſch des Vaters ſogleich ihren gefaͤhrlichen Standpunkt aufgeben und ihm nach einem ſicheren Orte folgen, wo es auch wieder moͤglich war fern —0 142— vom betaͤubneden Donner des Waſſerfalls einige Worte zu ſprechen. Der Fuͤhrer miſchte ſich beſcheiden in die Unterhaltung und erzaͤhlte von einigen Ungluͤcksfaͤllen, die ſich hier bereits zugetragen. — Ja, wenn einer den Tod nicht ſucht, ſagte der ehrliche Mann, ſoll er lieber davon Pleiben. Man wird gar zu leicht torklig(ſchwindlig), wenn man ſo hinunterſieht. Wer aber das Leben uͤberdruͤſſig hat, der wird's hier ſicher los. Wenn er nicht ertrinkt, ſo faͤllt er ſich zu Tod. — Iſt ein ſolcher Fall denn ſchon vorgekommen? fragte Herr von Buſch, den bei dem bloßen Denken ſchon ſchwindelte. — Freilich! Vor achtzehn Jahren iſt ein Maͤd⸗ chen hier hineingeſprungen. Das ſchoͤnſte Maͤdchen in Hallſtadt und viele Meilen'rum. Ein Geſicht hat die Margareth gehabt wie die Kaiſerin und ſolche Augen hab' ich mein Lebtag nicht mehr geſehn. — Unverſchaͤmter Kerl! murmelte Graf Bangor, indem er Adolphine anſah. Dieſe ſchien jedoch das indirecte Compliment ihres Anbeters nicht bemerkt zu haben und wandte ſich an den Fuͤhrer mit der Frage: — Warum hat das arme Maͤdchen ſich ſelbſt ge⸗ toͤdtet? — O! das iſt eine lange und traurige Geſchichte. —”d 143— — Erzaͤhlt ſie nur. Der Fuͤhrer bemuͤhte ſich ſo viel als moͤglich in der folgenden Erzaͤhlung den ihm gelaͤufigen Dialekt zu vermeiden und begann die Geſchichte folgendermaßen. — Die Margreth iſt, wie ich geſagt, das ſau⸗ berſte Madel in Hallſtadt geweſen. Die Burſchen waren alle vernarrt in ſie und keiner fragte darnach, ob ſie Geld hatte oder nicht. Arm war ſie wie eine Kirchenmaus und doch riſſen ſich die bravſten Buben um ſie und liefen ſich die Sohlen von den Schuhen ab. Mehr Liebhaber hat ſie gehabt als Finger an beiden Haͤnden, aber Alles ging bei ihr mit Zucht und Ehren zu. Schlecht war ſie nicht, nur ein we⸗ nig ſtolz und uͤbermuͤthig, wie die Madeln manchmal thun, ſo lang ſie jung und ſchoͤn ſind. Keiner konnte ihr was Unrechts nachſagen; ſo ging's eine Weil' bis ſich Einer fand, der ihr ſo lang nachzog, bis er's Ja⸗ wort von ihr hatte. Alle wunderten ſich darum. Der Mann war nicht mehr ſo jung, mehr als dreißig Jahr alt, ſchoͤn war er juſtement auch nicht, aber ſonſt brav und rechtſchaffen. Die Margreth hat's ihm aber angethan, er ruhte nicht bis ſie ſich mit ihm verſprach und ſie Brautleute wurden. Der Engel⸗ franz— — Wird nicht ſo der Bergmann Engel in Lahn „ — 144— geheißen? fragte der Maler, den die Erzaͤhlung zu intereſſiren begann. — Freilich!'S iſt ja der Naͤmliche, von dem ich rede. Dazumal ſah er wohl auch anders aus als jetzt und war auch nicht ſo unwirſch mit den Men— ſchen, ſondern freundlich und gutherzig gegen Jeder⸗ mann. Erſt ſeitdem die Geſchichte paſſirt, iſt er ſo gräͤmlich und falſch auf die Welt geworden.— Der Engelfranz hatte ſein Haͤuschen vom Vater geerbt und ſein Brod verdiente er ſich als Bergmann. Er konnte eine Frau ſchon ernaͤhren und brauchte mit der Hochzeit nicht zu warten. Aber die Margreth hat es nicht ſo preſſirt gehabt, ſie wollt' vor her noch nach Linz hinab, wo eine Mutterſchweſter lebte, die nach ihr mit einem Mal verlangte. Die Frau war eine Wittwe, hatte keine Kinder und ein Paar hundert Gulden, die ihr Schweſterkind von ihr erben ſollt'. Deswegen hatte der Engelfranz auch nichts dawider, daß ſie nach Linz zog und dort bei der Muhme ein Paar Wochen blieb. Aber aus den Wochen wurden Monate und aus den Monaten ein Jahr und daruͤber. Die Margreth kam von Linz nicht ſo bald wieder heim. Sie hat dort einen vornehmen Herrn kennen gelernt, einen reichen Cayalier, der bei ihrer Mutterſchweſter wohnte. Wie ſich die Geſchichte zugetragen, weiß kein Menſch bei — — 145(— uns. Man erzaͤhlt ſich aber Wunderdinge. Der Ba⸗ ron ſoll ihr bei ſeiner Seligkeit und dem Allerheilig⸗ ſten zugeſchworen haben, ſie zu heirathen, wenn ſein geſtrenger Vater erſt todt ſein wuͤrde. Die Marga⸗ reth hat ihm eben geglaubt, an ihm gehangen und Alles auf der Welt um ihn vergeſſen. Aber die Freude ſollte nicht lange dauern. Der Baron hat fortgemußt nach Boͤhmen oder Maͤhren, wo er zu Hauſe war. Zuvor aber hat er ihr mit einem furcht⸗ baren Eid verſprochen wiederzukommen und ſie abzu⸗ holen. Ihre Muhme, die vielleicht an allem Ungluͤck Schuld geweſen, war auch derweil geſtorben und hat ihr die Paar hundert Gulden richtig hinterlaſſen. Da kam die Margreth wieder nach Hallſtadt zuruͤck, aber anders als ſie gegangen war. Wo ſie ſich zeigte gab's Geſpoͤtt und Gerede; ſie ließ ſich nicht irren, lebte ſtill und eingezogen fuͤr ſich und ſah keinen Menſchen als den Engelfranz. — Ihren fruͤheren Braͤutigam? fragte Adolphine verwundert. — Ja, der ließ nicht ab von ihr und als alle Leute ſchon mit Fingern nach ihr wieſen, hielt er treu zu ihr. Ihm hat ſie auch Alles anvertraut, wie ſie mit dem Baron bekannt geworden und daß der ihr einen heiligen Eid geſchworen, ſie zu ſeinem Weib zu ma⸗ I. 10 — 5 146 6— chen, ſobald er koͤnnte. Offen und ehrlich hat ſie mit dem Engelfranz geredt und ihm nichts verſchwiegen. Er ſah wohl, daß ſie fuͤr ihn verloren ſei, aber darum war er ihr nicht gram, ſondern hing an ihr mit gan⸗ zem Herzen, als waͤre eben nichts paſſirt. Die Mar⸗ greth wartete von Tag zu Tag, von Woche zu Woche auf die Ruͤckkehr des Barons. Der aber ließ ſich nimmer ſehn. Das nahm ſie ſich zu Gemuͤth, man konnte ſehn, wie ſie immer bleicher, immer tiefſinni⸗ ger wurde. Die rothen Wangen hatten ihre Farb' verloren und die Augen waren zwar noch immer ſchoͤn, aber ganz verweint. Das Leiden war ihr ins Geſicht geſchrieben und wenn ſie Einem begegnete, bekreuzte man ſich wie vor einem irren Geiſt, der im Grab nicht Ruhe findet. So trieb ſie's fort und fort. Sie wollte nicht glauben, daß der vornehme Schatz ſchlecht an ihr handeln koͤnnt', und wartete von Tag zu Tag. Er kam nicht, aber wohl ein Brief von ihm, der ſie von Neuem hoffen ließ. Sie zeigte das Schreiben dem Engelfranz, der nicht von ihrer Seite wich. Er troͤſtete ſie, obgleich er ſelbſt an die Ehrlichkeit des Barons zweifeln thaͤt. Wieder verging ein Tag um den andern und ihr Schatz ließ ſich nicht ſehn. Als er nimmer kam, wie er ihr doch zugeſchworen hatt', da zog ſie Morgens in der Fruͤh ihre beſten Kleider — 147 8— an, ging hierher nach dem Waldbachſtrub und ſtuͤrzte ſich von dem Fels herab in den wuͤſten Fall. — Entſetzlich! ſtoͤhnte eine Stimme neben Adol— phine, welche ſie bisher noch nicht gehoͤrt und die von Keinem aus der ihr bekannten Geſellſchaft kam. Unbemerkt von den Uebrigen, deren Aufmerkſam⸗ keit von der Erzaͤhlung des Fuͤhrers in Anſpruch ge— nommen wurde, war der Mann herangetreten, wel⸗ chen Adolphine hoch uͤber dem Waſſerfall ſchwebend bisher fuͤr eine phantaſtiſche Erſcheinung gehalten hatte. Er ſtand jetzt dicht neben ihr und ſie konnte ihn genauer als vorher betrachten und ſich von der Wirklichkeit ſeiner Exiſtenz vollkommen uͤberzeugen. Baron Briolan, deſſen abenteuerliches Leben und originelles Weſen vielfach in den Geſellſchaftskreiſen. und in ihrer Gegenwart beſprochen wurden, war ein unwillkuͤrlicher Ohrenzeuge der ergreifenden Geſchichte geweſen. Jener Ausruf kam von ihm ſo ploͤtzlich und unerwartet, daß nicht nur Adolphine, ſondern auch ihre Begleiter betroffen nach ihm ſahen. Ruhig und kalt begruͤßte er indeß die Geſellſchaft mit einer Miſchung von Zuruͤckhaltung und Hoͤflichkeit. Graf Bangor und beſonders deſſen Onkel, der Kammerherr, ſchienen mit dem Baron naͤher bekannt, ſo weit dies ſein verſchloſſenes Benehmen zuließ. Sie redeten ihn 10* — 148— an, er aber ſuchte das Geſpräch mit ihnen abzukuͤrzen. Er druͤckte dabei ſo deutlich ſeine Abſicht aus, daß ſelbſt Graf Wenzel ihn nicht laͤnger aufzuhalten wagte. Eben ſo ſchnell und unerwartet wie er gekommen war er auch wieder verſchwunden. Er hinterließ je⸗ doch der Geſellſchaft einen hinreichenden Stoff fuͤr die Unterhaltung. Alles was Adolphine uͤber ihn hoͤrte, klang ſo außerordentlich und ungewoͤhnlich, daß ſie ſein raſches Scheiden bedauerte. Auch der Fuͤhrer miſchte ſich wieder in das Geſpraͤch und erzaͤhlte von den einſamen und kuͤhnen Gebirgswanderungen des Barons. Nach ſeiner Ausſage ſchweifte dieſer wo⸗ chenlang allein ohne eine menſchliche Begleitung in den wildeſten Gegenden umher, auf Felſen, die ſelbſt der kuͤhnſte Gemſenjaͤger zu betreten ſcheut. Man hatte ihn auf Spitzen geſehn, die bisher fuͤr unzu⸗ gaͤnglich galten. Der Fuͤhrer, der fuͤr ſeinen Stand ein ganz aufgeklaͤrter Mann war, gab dennoch ziem⸗ lich deutlich zu verſtehn, daß der Baron moͤglicherweiſe mit dem Teufel einen Bund geſchloſſen haben koͤnnte. Graf Bangor ſprach von ſeinen unermeßlichen Reich⸗ thuͤmern, ſeinen Guͤtern in Boͤhmen, die mehrere Quadratmeilen betrugen. Trotzdem lebte der Baron noch immer unvermaͤhlt und das ungeheure Vermoͤ⸗ gen erbten entfernte Seitenverwandten, die der Baron — d 149— ſelten oder gar nicht ſah. Frau von Starenberg er⸗ waͤhnte ſein Anſehn bei Hofe und welche Schritte bisher vergebens gethan wurden, um ihn in die naͤchſte Umgebung des Monarchen zu bringen, eine Ehre, die er ſtets noch abgelehnt hatte. Am abenteuerlich⸗ ſten klangen die Ausſagen des Onkel Wenzel, welche die Meinung des aberglaͤubiſchen Fuͤhrers zu beſtaͤ⸗ tigen verſuchten. Der Kammerherr ſchrieb dem Ba⸗ ron geheime Naturkraͤfte, einen magnetiſchen Einfluß zu, von dem er bereits mehrfache Proben abgelegt. — Das ſcheint in der That ſo zu ſein, bemerkte Adolphine, denn ſeitdem der Baron von Briolan ſo ploͤtzlich und faſt geiſterhaft unter uns erſchienen, beſchaͤftigen wir uns ausſchließlich nur mit ihm. Dies beweiſt wenigſtens, daß er ſelbſt aus der Ferne auf uns wirkt, und ich fange an mich vor der magneti⸗ ſchen Kraft, die Sie ihm zuſchreiben, wirklich zu fuͤrchten. Der Kammerherr nahm ſogleich den Handſchuh auf, welchen ihm ſeine ſchoͤne Gegnerin neckend hin⸗ geworfen.— — Spotten Sie nur, ſagte er, ſo viel Sie wollen, aber das Factum laͤßt ſich nicht abſtreiten, daß der Baron eine große magnetiſche Kraft beſitzt. Ich war ſelbſt Zeuge wie er in einer groͤßeren Geſellſchaft eine — 150— junge Dame mit wenigen Strichen ſeiner Hand ein— ſchlaͤferte. — Vielleicht war ſie gelangweilt, ſchaltete Adol— phine lachend ein. Mich wird der Baron nicht ſo leicht zum Schlafen bringen. — Es kommt auf einen Verſuch an, entgegnete hartnaͤckig ihr Gegner. — Ich bin dazu bereit. Der Baron kann ſeine Zauberkuͤnſte an mir probiren, wenn er will. — Aber Adolphine, was faͤllt Dir ein? mahnte Herr von Buſch. — Ich kann es nimmermehr glauben, rief das ſchoͤne Maͤdchen ſich ereifernd aus, bis ich mich ſelbſt uͤberzeugt habe. Sie muͤſſen mir die Gelegenheit ver⸗ ſchaffen, Graf Wenzel, den Magnetiſeur zu ſehen. Ich bin doch neugierig, ob wirklich einige Striche hinreichen, meine Willenskraft zu laͤhmen und mich zu einem bloßen Werkzeug zu erniedrigen. In den naͤchſten Tagen werden Sie den Baron bei uns ein⸗ fuͤhren und ich wette darauf, daß der ganze Zauber nicht meine Pruͤfung aushaͤlt. Es waͤre ja entſetzlich, wenn der bloße Wille eines Menſchen hinreichen ſollte, unſer Denken und Empfinden zu unterjochen und uns zu vollkommen bewußtloſen Sklaven des ſeinigen zu machen. Iſt es nicht ſo? Muß der Magnetiſtrte nicht dem Magnetiſeur in allen Stuͤcken folgen, denkt, fuͤhlt und ſchmeckt nicht dieſer fuͤr ihn und mit ihm? Die bloße Vorſtellung einer ſolchen vollſtaͤndigen Hin⸗ gebung koͤnnte mich ſchon raſend machen. — DesMhalb denke lieber nicht daran, beſchwich⸗ tigte der Vater. Adolphine empfand indeß einen geheimen Schauer vor der dunklen Macht, von der ſie ſprach. Und gerade weil ſie ſich der Furcht bewußt war, trieb ſie ein gewiſſer Kitzel immer von Neuem auf den ver⸗ faͤnglichen Gegenſtand zuruͤckzukommen. Sie glich wie⸗ der dem Kinde, das ſich vor Geſpenſtern fuͤrchtet und doch am liebſten Geſpenſtergeſchichten erzaͤhlen hoͤrt. Dahinter verſteckte ſich noch unbewußt der Wunſch dem intereſſanten Mann naͤher zu treten, deſſen ganzes Weſen ein ſo außerordentlicher Nimbus umgab. Alles Außergewoͤhnliche hatte nur allein noch Reiz fuͤr ſie. Hier begegnete ſie endlich einem Manne, welcher von allen Seiten ihr als ein eigenthuͤmliches Phaͤnomen geſchildert wurde und der uͤberdies noch den Zauber einer geheimnißvollen Romantik mit ſeiner ausgezeich⸗ neten Perſoͤnlichkeit verband. Sie wollte ihn kennen lernen, das intereſſante Raͤthſel erforſchen und deshalb forderte ſie von dem Kammerherrn halb im Scherz halb im Ernſt, daß er — 152* ihr den Baron ſo bald als moͤglich zufuͤhren ſollte. Dieſer verſprach ihren Wunſch zu erfuͤllen, obgleich er bei der Zuruͤckgezogenheit, in welcher Briolan lebte, auf Schwierigkeiten zu ſtoßen fuͤrchtete. Der Baron liebte nicht die Geſellſchaft und hielt ſich von den Frauen beſonders fern. Grade dieſer Umſtand, wel⸗ chen Graf Wenzel erwaͤhnte, trug nur dazu bei, ihr Verlangen zu ſchaͤrfen. — Er wird und muß kommen, ſagte ſie in ihrer beſtimmten Weiſe, die keinen Widerſpruch vertrug. Hierauf wendete ſie ſich an Georg mit der uͤber⸗ raſchenden Frage: — Sie als Naturkundiger muͤßten doch eigentlich uns uͤber den Magnetismus den beſten Aufſchluß ge⸗ ben. Glauben Sie daran? — Die Wiſſenſchaft glaubt nicht, ſagte er ernſt. Sie hat es nur mit poſitiven Thatſachen zu thun. — Das hab ich mir gedacht, entgegnete ſie laͤchelnd. Aber es giebt viele Dinge, von denen ſich unſere Phi⸗ loſophie nichts traͤumen laͤßt. Georg ſchwieg und vermied es ein Geſpraͤch fortzu⸗ ſetzen, das nach ſeiner Meinung zu keinem Reſultate fuͤhren konnte. Er ſah in Adolphinens Wunſch nur die frivole Sucht der hoͤheren Staͤnde, ihr inhalts⸗ leeres Leben durch das Wunderbare zu zerſtreuen. — 153 6— XII. Der Tag neigte ſich bereits ſeinem Ende entgegen, die Schatten wurden laͤnger und die brennenden Son⸗ nenſtrahlen hatten ihre Glut verloren, als die Ge⸗ ſellſchaft ihren Ruͤckweg antrat. Ferdinand und Georg begleiteten ſie bis an den See, wo ſie ſich verabſchie⸗ deten. Der Maler mußte Adolphinen ſein Verſpre⸗ chen erneuern, bald nach Iſchl zu kommen und den unterbrochenen Zeichenunterricht wieder aufzunehmen. Auch der Faͤrbermeiſter wurde freundlich von ihr ein⸗ geladen. Beide ſtanden noch am Ufer und ſahen der Abfahrt mit verſchiedenen Gefuͤhlen zu. Die ſchei⸗ dende Sonne goß ihr goldenes Licht uͤber Fels und See. Adolphinens ſchoͤnes Geſicht leuchtete den Freun⸗ den mild. Sie nickte ihnen noch aus der Ferne einen Gruß. Bald verſchwand ſie und der Kahn, der ſie trug, wurde von einer vorſpringenden Felſenecke be⸗ deckt. Noch immer ſtarrte Ferdinand wie feſt gebannt der holden Erſcheinung nach. Seine Augen, oder viel⸗ mehr ſein ganzes Herz folgten ihr. — Komm! ſagte Georg. Ich bin muͤde. Die heutige Tour hat mich doch ein Wenig mitgenommen. Der Maler ſchrak zuſammen. Er hatte den Freund — 154— gaͤnzlich vergeſſen. Unwillkuͤrlich ſeufzte er aus tief⸗ ſter Bruſt. — Ferdinand! Du leideſt, ſprach der Freund in theilnehmendem Ton.. — Unausſprechlich! — Du darfſt nicht nach Iſchl, Du ſollſt die Ko⸗ kette nicht mehr wiederſehn. — Kann ich denn, hab' ich noch einen Willen? — Sei ein Mann! Was ein ſolcher will, das kann er auch. Bekaͤmpfe eine Leidenſchaft, welche früher oder ſpaͤter mit einer furchtbaren Enttaͤuſchung enden muß. Ich habe Adolphinen genau beobachtet. Sie hat kein Herz, oder, was viel ſchlimmer iſt, ein Herz, das wie dieſer See voll Abgruͤnde und wun⸗ derbarer Launen iſt. Ihre Ruhe iſt truͤgeriſch, in der Tiefe ſchlummern die treuloſen Geiſter, welche erbarmungslos ihr Opfer hinabziehn. Waͤhrend Georg noch ſprach, glaͤnzte der See im Abendſchein. Auf kurze Zeit verſchwand ſeine duͤſtere Melancholie. Weich und ſanft wie ein laͤchelndes Kind lag er an der Felſen Bruſt gebettet. In ſeinen Wellen ſpiegelten ſich die roſigen Wolken, die am Himmel ſchwebten. Goldene Lichter zogen druͤber hin wie das Laͤcheln eines Gluͤcklichen. — Ol wie ſchoͤn, rief der Maler hingeriſſen aus. ——— —%) 155— — Ich kann Deine Neigung wohl begreifen, fuhr Georg ruhig fort, indem er die Worte des Malers auf Adolphinen bezog. Der Kuͤnſtler iſt der Schoͤn⸗ heit unterthan und ſelbſt ein proſaiſcher Menſch wie ich muß ihren Zauber willig anerkennen. Ich mag den Eindruck nicht leugnen, den ſie auf mich hervor⸗ gebracht. Dennoch beſchleicht mich bei ihrem Anblick ein geheimes Grauen. Ihr Geſicht erinnert mich an die Zuͤge einer Marmorſtatue. So oft ich ein Anti⸗ kencabinet beſucht habe, uͤberkam mich eine aͤhnliche Empfindung. Du wirſt mich vielleicht verſtehn. Mir iſt dann, als ob die ſchoͤnen Bilder von mir eine Seele forderten, die der Kuͤnſtler ihnen zu geben ver⸗ geſſen hat. Sie blicken mich ſo traurig an und das einzige Gefuͤhl, das ſie mir erwecken, iſt Bewunde⸗ rung mit Mitleid gemiſcht. — Du bemitleideſt ſie? fragte der Maler ver⸗ wundert. — In den wenig Stunden, die mir zur Beobach⸗ tung vergoͤnnt waren und die ich nur um Deinetwil⸗ len vorgenommen, erkannte ich in ihr eines jener weiblichen Weſen, welche ein Produkt unſerer Erzie⸗ hung und Geſelſſchaft ſind. Ohne Leitſtern auf dem Lebensweg hat ſie ſich ſelbſt verloren. Unbefriedigt jagt ſte nach Allem, was ihr Zerſtreuung und Ge⸗ — 156 8— nuß verſpricht. In demſelben Augenblicke angezogen wirft ſie im naͤchſten wie ein Kind das Spielzeug fort, nachdem es fuͤr ſie den Reiz der Neuheit verlo⸗ ren. Sie greift nach der Erde, nach dem Himmel. Gieb ihr einen Stern und ſie wird ihn bald wieder uͤberdruͤßig hinwerfen. Ihre Wuͤnſche ſind Legion, doch jeder erfuͤllte Wunſch ſchafft ihr nur neue Pein. So vernichtet ſie Alles, was in ihre Naͤhe kommt, jeden Mann, der die Gefahr nicht kennt. Sie gleicht der Sphinr, welche ihre Naͤthſel aufgiebt, ſich ſelbſt und Andern zum Verderben. Je laͤnger Georg ſprach, deſto ſchaͤrfer und herber lautete ſein Urtheil uͤber Adolphinens Charakter bis zur wirklichen Ungerechtigkeit. Er zeigte dabei eine Haͤrte, die ſonſt ſeinem ruhigen Weſen fremd war. Sein Eifer galt vielleicht nicht nur dem Freunde, ſon⸗ dern unbewußt dem eigenen Herzen. Indem er Fer⸗ dinand warnte, wollte er ſich ſelbſt behuͤten.— Bei feſten Naturen und wirklichen Charakteren findet die Liebe nur mit Widerſtreben Eingang. Oft nimmt ſie die ſeltſamſten Formen der Abneigung und ſogar des Haſſes an. Der Starke laͤßt ſich ſchwer bezwingen und ſtraͤubt ſich maͤnnlich gegen das Joch der Siege⸗ rin.— Indem Georg Adolphinens Weſen mit Klar⸗ heit auffaßte und den bitterſten Tadel uͤber daſſelbe — 5 157— ausſprach, regte ſich in ſeiner Bruſt bereits ein Gefuͤhl, das im Widerſpruch mit ſeinen Worten ſtand. Ge⸗ waltſam kaͤmpfte er dagegen an, die ſanfte Regung, welche er bisher nicht gekannt, rief in ihm dieſe Bit⸗ terkeit des Urtheils hervor. Das ſuͤße Gift, das be⸗ reits durch ſeine Adern ſchlich, bewirkte dieſe ſtarke Reaction. Er wußte wie wenig Worte gegen jede Leidenſchaft vermoͤgen, dennoch ſuchte er den Freund zu uͤberzeugen und redete dieſem immer heftiger von ſeiner Neigung ab. Der Maler uͤbernahm, wie jeder Liebende gethan haͤtte, die Vertheidigung Adolphinens. — Ihre Fehler, ſagte er, gehoͤren der Geſellſchaft an, in welcher ſie lebt, und werden von ihren Tugen⸗ den aufgewogen. Die Launen, die Du tadelſt, ſind nur die Ausbruͤche eines Geiſtes, den die Alltaͤglichkeit des Lebens anwidert. Verſetze Adolphine in eine reinere und beſſere Atmoſphaͤre und ſie wird ſich rein und gut entwickeln. Wie oft habe ich mit ihr allein die herrlichſten Stunden durchlebt. Welch ein Geiſt ſchlummert unter dieſen Auswuͤchſen. Sie gemahnt mich an jene wunderbaren Gemaͤlde alter Meiſter, welche eine Stuͤmperhand mit ihren Kleckſen und Karrikaturen bedeckt hat, die von Staub und Moder unkenntlich geworden ſind. Entferne dieſen zufaͤlligen — 158„— Flecken und du wirſt anbetend vor einem Wunder⸗ werke niederknien. Sie iſt keine gewoͤhnliche Natur und darum darf ſie auch nicht mit dem gewoͤhnlichen Maßſtabe gemeſſen werden. Ein Weib, das der hoͤchſten Begeiſterung faͤhig iſt und die Luͤge und Hohlheit durchſchaut und verachtet, in der ſie aufge⸗ wachſen und zu der ſie erzogen iſt, beſitzt einen un⸗ verwuͤſtlichen Kern, dem wir unſere Achtung nicht verſagen koͤnnen. Selbſt die Launen, denen ſie ſich überlaͤßt, will ich nicht miſſen. Sie ſind der noͤthige Schatten, der das Licht daͤmpft, und geben ihrer Er⸗ ſcheinung jene intereſſante Eigenthuͤmlichkeit und Ori⸗ ginalitaͤt, die uns beim erſten Anblick gleich frappirt. Georg hoͤrte dieſe beredte Vertheidigung mit einer Miſchung von Wohlgefallen und Widerſtreben an. Der Maler ſprach ja nur offen aus, was er im Stil⸗ len dachte. Dennoch unterbrach er ihn mit der Frage: — Du haſt Sie wohl nicht umſonſt eine Lorelei genannt?. — Wenn ich's gethan habe, ſo geſchah es im Un⸗ muth uͤber mich ſelbſt.— Ich wollte meine Leiden verſchließen und ſelbſt vor Dir verbergen; doch wozu das laͤngere Schweigen, da Du meine Neigung mit gewohntem Scharfblick laͤngſt errathen haſt. Ich liebte Adolphine von dem erſten Augenblick, wo ich ſie ſah — 159 8— und kennen lernte. Als ihr Zeichenlehrer erhielt ich Zutritt in ihr Haus. Es iſt ungefaͤhr uͤber ein Jahr, daß ich es betreten. Haͤtte ich es lieber nie gethan. Waͤhrend ſie nach meiner Anweiſung zeichnete, ver⸗ tiefte ich mich in den Anblick ihrer Reize, die du ſel⸗ ber kennſt. In dieſen ſchoͤnen Stunden, wo wir un⸗ geſtoͤrt blieben, war es mir vergoͤnnt, dem herrlichen Geſchoͤpf naͤher zu treten. Was weiß die Welt von Adolphinen? Dieſe ſieht nur die verwoͤhnte Salon— dame, das verzogene Kind der Geſellſchaft, die Ko— kette, wie Du ſelbſt ſie nannteſt. — Ich geſtehe, der Ausdruck iſt zu hart, lenkte Georg beſaͤnftigend ein. — Ich aber ſah, fuhr der Maler fort, was der Welt verborgen war, einen hohen Geiſt, der fuͤr al⸗ les Schoͤne und Wahre gluͤhte, eine aͤchte Kuͤnſtler⸗ natur mit großen Talenten begabt. Vor mir ließ ſie die ſtolze, eitle Maske fallen und zeigte mir eine Seele, die Du an ihr vermiſſeſt. Ich allein weiß, was Adolphine vermag, weſſen ſie faͤhig iſt. O! ſie iſt gut und wahr, liebenswuͤrdig wie ein Kind. — Und klug wie die Schlangen, bemerkte Georg, um den Enthuſiasmus des Freundes zu daͤmpfen. — Spotte nur immerhin. Waͤre es Dir wie mir vergoͤnnt geweſen, einen Blick in ihr Herz zu thun, — d 160— Du wuͤrdeſt eben ſo mit Begeiſterung von ihr reden. Es waren ſchoͤne Tage, die ich in ihrer Naͤhe durch— lebte. Sie nahm den lebendigſten Antheil an meinen Compoſitionen. Sie weckte meinen Muth und meine beſten Bilder verdank' ich ihrem Rath und Urtheil. Mit ihrem Kunſtgeſchmack und feinem Takt ſtand ſie mir zur Seite. Wenn ſie gewollt, wuͤrde ſie ſelbſt eine bedeutende Kuͤnſtlerin geworden ſein. Ich habe Skizzen von ihrer Hand geſehn, die mich wahrhaft uͤberraſchten. Mehrere Monate waren ſo fuͤr mich auf dieſe Weiſe verfloſſen. Ich liebte Adolphine und glaubte auch ihr nicht gleichguͤltig zu ſein. Sie be— vorzugte mich auffallend und bewies mir ein Ver⸗ trauen, das ich mit keinem andern Manne theilte. Dennoch wagte ich nicht, ihr meine Leidenſchaft zu geſtehn. Ich war arm, hatte keine geſicherte Exiſtenz und ſie galt fuͤr die reichſte Erbin in der Reſidenz. Dieſer Umſtand legte mir Schweigen auf. Ich wollte mir erſt einen Namen machen, eine glaͤnzende Stellung erwerben. Fruͤher konnte ich ihr meine Hand nicht bieten, ohne in ihren Augen und vor der Welt als ein gewoͤhnlicher Gluͤcksjaͤger zu erſcheinen. — Du haſt Recht daran gethan. Der Mann muß unter allen Bedingungen ſeine Selbſtſtaͤndigkeit ſich bewahren. —“ 161 8— — Haͤtte ich dieſe Bedenklichkeiten nicht gehegt, ich waͤre vielleicht gluͤcklicher. Adolphine wurde mit der Zeit gegen mich zuruͤckhaltender. Sie blieb zwar freundlich wie fruͤher, aber ſie vermied es laͤnger mit mir allein zu ſein. Ihre alte Dienerin, ein Erbſtuͤck der Familie, wich nicht mehr von ihrer Seite. Sie traute entweder mir, oder ſich ſelbſt nicht mehr. Zu⸗ gleich bemerkte ich eine auffallende Veraͤnderung an Adolphinen. Sie ſtuͤrzte ſich mit fieberhaftem Unge⸗ ſtuͤm in die Geſellſchaft, uͤber die ſie mehr als je ſpoͤttelte. Von einem Feſt eilte ſie zum andern, von Ball zu Ball. Unſere Zeichenſtunden geriethen in Unordnung, fielen aus und endlich blieb ich ganz fort, ohne daß ſie mich gehen hieß, oder daß ich gekuͤndigt haͤtte. Jetzt begann fuͤr mich die traurigſte Periode meines Lebens. So lange ich mit Adolphinen ruhig verkehren und ſie ungeſtoͤrt ſehn durfte, kannte ich die Staͤrke meiner Leidenſchaft noch nicht. Erſt ſeit⸗ dem ich ihr fern ſtand, fuͤhlte ich mich von einem gluͤhenden Feuer verzehrt. Jetzt folgte ich ihr uͤberall nach, wo ich ihre Gegenwart vermuthete. Stunden⸗ lang wartete ich in meinen Mantel eingehuͤllt, uner⸗ kannt vor ihrer Hausthuͤr, nur um ſie in ihren Wagen einſteigen zu ſehn. Unter den Fenſtern der Ballſaͤle ſtand ich wie eine Bildſaͤule und ſtarrte I. 11 - 162 6— empor, gluͤcklich wenn ich ihren fluͤchtigen Schatten erhaſchte. Ich draͤngte mich ſelbſt in die Geſellſchaf⸗ ten, welche ſie beſuchte, und bettelte um eine Einla⸗ dung, weil ich ſie zu ſehn hoffte. Dabei ſtuͤrzte ich mich in Ausgaben, welche mein kleines Einkommen vollends zerruͤtteten. Wie ein Geck machte ich die ſorgfaͤltigſte Toilette, um ihr zu gefallen. Du kennſt nicht die Opfer, die ein derartiges Leben von uns fordert. Ich hungerte, um elegant oder, wie man es nennt, ſtandesgemaͤß zu erſcheinen. Mit meinem Mittagseſſen bezahlte ich die noͤthigen Glacee⸗ handſchuh, und die Glanzſtiefel, welche ich trug, koſteten mich oft das Abendbrod eines ganzen Monats. Jetzt erſt lernte ich ein Elend kennen, das mich den Bettler beneiden ließ. Nicht dieſen ſoll man bedauern, ſondern jene Bettler der Geſellſchaft, die Armuth in glaͤnzender Toilette, das Ungluͤck, welches ſich in den ſtrahlenden Salons bewegt— — Und in Champagner ſchwelgt, dachte Georg. Aus Schonung fuͤr den Freund unterdruͤckte er jedoch dieſe Bemerkung. Eben ſo ſehr aber huͤtete er ſich eine Aeußerung des Mitleids zu verrathen, welche der Maler von ihm erwartete. Nach einer kleinen Pauſe fuhr derſelbe fort: — Naturlich konnte ich unter ſolchen Umſtaͤnden — 163 8— kein irgend bedeutendes Kunſtwerk ſchaffen. Ich arbeitete nur noch, um das fuͤr meine wahnſinnige Ausgaben noͤthige Geld zu gewinnen. Meine Gemaͤlde trugen den Stempel der Fluͤchtigkeit und Unluſt. Ich ſank zum gewoͤhnlichen Stuͤmper herab. Die Kritik, welche mich bisher als ein vielverſprechendes Talent begruͤßt hatte, wandte ſich von mir ab und ehandelte mich mit ſchonungsloſer Unbarmherzigkeit. Das Pu⸗ blicum, das ſelten eine eigene Meinung hat, ließ mich fallen und betrachtete mich als ein verkommenes Talent. Was kuͤmmern ſich dieſe Menſchen um das Geſchick des Kuͤnſtlers? Sein Leben geht ihnen nichts an. Ob ſein Werk unter den traurigſten Verhaͤlt⸗ niſſen entſtanden, ein Reſultat der Noth und Duͤrf⸗ tigkeit iſt, darum ſorgen ſie nicht. Jedes Bild, das ich malte, war ja nur ein Schrei um Brod. Ich fiel in die Haͤnde der Kunſthaͤndler, welche mich ausbeu⸗ teten. Statt zu ſchaffen und dem inneren Drange zu gehorchen, mußte ich fuͤr ſie um ein Lumpengeld copiren und Alles malen, was ſie beſtellten. — Warum haſt Du Dich in Deiner damaligen Lage nicht an mich gewendet? Ich waͤre Dir gern mit Rath und That beigeſprungen. Ein offenes Bekenntniß haͤtte Dir jede Verlegenheit erſpart. — Nein! ich wollte keinem Menſchen und am 11 † — 164 3— allerwenigſten Dir zur Laſt fallen. Ich beſaß noch Stolz genug, um meine Qual allein zu tragen. Du erinnerſt Dich, daß ich grade in jener Zeit Dir Briefe ſchrieb, welche meine Verhaͤltniſſe Dir als glaͤnzend ſchilderten. — Das war nicht Recht von Dir. Du haſt mich getaͤuſcht. Nicht der Stolz, den ich achte, Deine Citelkeit, verfuͤhrten Dich zu einer Luͤge. Verzeihe, daß ich dieſen harten Ausdruck gebrauche, aber ich finde kein milderes Wort fuͤr Deinen Mangel an Vertrauen. — Wir wollen nicht rechten, ſagte der Maler etwas verletzt. Er hatte Anerkennung erwartet, wo er Tadel fand.— Indeß bemerkte Georg ſeine Ver⸗ ſtimmung und um ihn zu verſoͤhnen fuͤgte er hinzu: — Wie ich ſehe haſt Du Dich durch Deine Kraft wieder emporgearbeitet. — Nicht durch die meinige allein, entgegnete Fer⸗ dinand. In den Geſellſchaften, welche ich mit ſolchen Opfern bezahlte, gelang es mir, wenn auch nur ſel⸗ ten, mit Adolphinen einige Worte zu ſprechen. Ich ſah, wie ihr Auge manchesmal mich ſuchte, und ich glaubte einen ſtillen Vorwurf in demſelben zu leſen. Sie ſchien meine Kaͤmpfe zu ahnen und die Zerruͤt⸗ tung zu kennen, der ich materiell und geiſtig entge⸗ —“ 165— genging. Kein Tadel, kein Vorwurf kam wegen mei⸗ nes Treibens uͤber ihre Lippen und doch bemerkte ich die Unzufriedenheit mit mir in ihrem Geſpraͤch. Sie achtet Dich nicht mehr, ſagte ich mir ſelbſt und dieſer Gedanke weckte meinen Kuͤnſtlerſtolz von Neuem. Seit einiger Zeit vermied ſie es von meinen Bildern und Arbeiten mit mir zu reden. Sonſt nahm ſie den innigſten Antheil daran und ich mußte ihr jedesmal die Skizze zeigen. Moͤglich daß ſie mich ſchonen wollte, aber ich wurde gerade durch dieſe Nachſicht, wenn ſie derſelben faͤhig war, gereizt. Sie lobte die Leiſtun⸗ gen anderer Kuͤnſtler in meiner Gegenwart und ſchwieg uͤber die meinigen. Die haͤrteſte Kritik hat mich nicht mehr verletzt als dieſer ſtumme Tadel, der mich verurtheilte. Um jeden Preis wollte ich ihre Achtung und Anerkennung mir wieder erringen. So kam die letzte Kunſtausſtellung im vergangenen Win⸗ ter. Unter Entbehrungen aller Art malte ich jenes Bild, das Du bereits im Kupferſtiche kennſt und das ein ungewoͤhnliches Aufſehn erregt hat. — Der Gefangene, dem ſein Todesurtheil vorge⸗ leſen wird? — Ja! Ich malte mit meinem Herzblut meine eigene Paſſionsgeſchichte, meine Schmerzen, meine —eo 166— Todesqualen. Trotz des traurigen Gegenſtandes, den ich gewaͤhlt, ſammelten ſich vorzugsweiſe um mein Bild die Beſucher der Kunſtausſtellung. Die Kritik ließ mir endlich wieder volle Gerechtigkeit widerfahren. Auch Adolphine ſah mein Gemaͤlde und ſprach mit Anerkennung ſelbſt mit Begeiſterung von dieſer neuen Leiſtung. Nichts deſto weniger beſaß ich den Muth, ſie zu meiden. Meinem beleidigten Kuͤnſtlerſtolze war Genuͤge gethan. Ich ſuchte ſie nicht wieder auf. Bis zum heutigen Tage ſah ich ſie nicht mehr. Mein Bild fand einen unbekannten Kaͤufer, der großmuͤthig die von mir geforderte Summe unter der Bedingung verdoppelte, daß ich nie nach ſeinem Namen forſchen ſollte. Ich ging die ſeltſame Bedingung ein. Das Geld, welches ich dafuͤr erhielt, reichte hin, meine Schulden zu bezahlen und mir bei einiger Einſchraͤn⸗ kung fuͤr ein Jahr wenigſtens den Lebensunterhalt zu ſichern. Da mir die Stadt verhaßt geworden, beſchloß ich die Sommermonate im Gebirge zu verleben und fleißig zu arbeiten. So glaubte ich mit der Zeit Herr meiner thoͤrichten Leidenſchaft zu werden. Nun iſt Adolphine hier. Ihr Anblick vernichtet mit einem Male wieder alle meine Entſchluͤſſe. Ol ich fuͤhle, daß ich ſie nie, nie vergeſſen kann. — Und Du willtt den Pfeil immer tiefer in Dein — 167— Herz druͤcken, Dich vollends zu Grunde richten? fragte ihn Georg vorwurfsvoll. — Was ſoll ich thun? Ich bin Fataliſt. Das Schickſal muß ſich erfuͤllen. — Thor! entgegnete der Freund. Das gewoͤhn⸗ liche Spruͤchwort ſagt: Jeder iſt ſeines Schickſals Schmied. An Deinem Wahn geht der Einzelne, geht, wie uns die Geſchichte lehrt, ein ganzes Volk zu Grunde. Freilich iſt es bequemer, die Haͤnde feig in den Schoos zu legen, als mit ſchweren Schlaͤgen und heißer Muͤhe das ſproͤde Metall zu bewaͤltigen und ſich daraus entweder ein tapferes Schwerdt zum Dreinſchlagen, oder eine ſegensreiche Pflugſchaar zu ſchmieden. Ueber dem Schickſal ſteht des Menſchen Wille, und ſelbſt der Zufall demuͤthigt ſich vor der Kraft des Mannes, der ihn zu nutzen, oder wenig⸗ ſtens ſchadlos zu machen weiß. Dein Schickſal ruht in Deiner Hand. Sag'! Was hindert Dich von Hallſtadt fortzugehn, Adolphine und die ganze Sipp— ſchaft nicht wieder zu ſehn? — Soll ich wie ein furchtſamer Schulknabe fort⸗ laufen, nachdem Sie mich ſo freundlich eingeladen hat? — Das Beſte waͤr' es wohl und ſchon Rouſſeau giebt ſolchen Leuten, wie er ſelber einer war, den Rath jeder Colliſion aus dem Wege zu gehn und, — d 168— wo der moraliſche Muth uns im Stich laͤßt, Reißaus zu nehmen. Ich wuͤrde es Dir nicht verdenken, denn die Verſuchung iſt ſchoͤn und maͤchtig. Komm! Wir brechen morgen auf. Die Welt iſt groß genug. Wir koͤnnen unſer Zelt auch wo anders aufſchlagen. Georgs Vorſchlag war trotz des humoriſtiſchen Anſtrichs ehrlich und ganz ernſt gemeint. Er wollte den Freund und auch muthmaßlich ſich ſelbſt einer Gefahr entziehn, die er nicht gering veranſchlug. Der Maler leiſtete indeß einen entſchiedenen Wider⸗ ſtand, ohne die ſchlagenden Gruͤnde Georgs zu wider— legen. Im Hintergrunde ſchlummerte noch immer die Hoffnung, Adolphinens Herz zu gewinnen. Selbſt die kleinen Gunſtbezeigungen, die ihm am heutigen Tage von ihr zu Theil geworden, deutete er zu ſeinem Vortheil. Sophiſtiſch wie alle Liebenden knuͤpfte er an die zufaͤlligen Worte, an truͤgeriſche Blicke und Mienen eine Reihe von gewagten Vermu⸗ thungen und Folgerungen, die er dem Freund zum Theil nur leiſe und verzagt andeutete, zum Theil aus natuͤrlicher Scheu verſchwieg. Georg gab es endlich auf den Unverbeſſerlichen zu bekehren und uͤberließ ihn ſeiner Selbſttaͤuſchung, ſtets bereit mit Rath und That ihm beizuſpringen und als ruhiger Beobachter im Augenblick der Noth einzuſchreiten. — e 169— Sie hatten ſich im Laufe des Geſpraͤchs unbemerkt vom Ufer entfernt und ihrer Wohnung genaͤhert. Vor der Thuͤr trafen ſie Nandel allein. Das holde Kind ſaß auf der Bank und ſchaute zu dem hellen Mond empor, deſſen milder Schein grad ihr rundes Geſicht beleuchtete. Sie ſang eines der vielen Lieder, die ſie wußte. Es handelte von der Liebe eines armen Maͤdchens zu einem ſtolzen Koͤnigsſohn. Als ſie die „Herren“ von Weitem erkannte, verſtummte ſie und lief vor ihnen in ihr Kaͤmmerlein. Bald darauf kam ſie mit Licht und fuͤhrte die Freunde in ihr Zimmer, wo die Betten bereits aufgeſchlagen waren. Schuͤch⸗ tern fragte ſie, ob ihnen nicht der Ohm begegnet ſei. Er war mit einem fremden Herrn fortgegangen und nooch nicht zuruͤckgekehrt. — Du fuͤrchteſt Dich wohl, mit uns allein zu ſein? fragte Ferdinand in ſcherzendem Ton. Sie antwortete nicht, nur eine Purpurroͤthe uͤber⸗ zog das liebliche Geſicht. — Gute Nacht! fluͤſterte ſie, nachdem ſie noch die Herren gefragt, ob ſie ſonſt nichts zu ſchaffen haͤtten. Da dieſe es verneinten, eilte ſie die Treppe ſchnell hinab und wartete noch immer auf den Ohm, der gegen ſeine Gewohnheit heut laͤnger ausblieb als ſonſt. — 2 170 8— XIII. Fuͤr den Fußwanderer, der nicht an Schwindel leidet, zieht ſich am See ein Weg nach Hallſtadt, welcher die Soolenleitung heißt. Eigentlich iſt derſelbe nur fuͤr die Soole angelegt, die in hoͤlzernen Rinnen auf dieſe Weiſe bis nach Iſchl gelangt, aber auch der Reiſende, welcher den See nicht befahren will, kann ihn benutzen. Der Pfad windet ſich uͤber Berge und Abgruͤnde romantiſch hin. Wenn er auch keine Gefahr bietet, ſo gehoͤrt doch ein ſicherer Fuß und ein freier Kopf dazu. Senkrecht ſteigen die Felſen, uͤber die er geht, bis zum See hinab. Der Wanderer blickt ſchaudernd in die Tiefe, die zu ſeinen Fuͤßen liegt. Meiſt ſind die ſteilen Waͤnde nackt und kahl, an anderen Stellen dagegen mit wildem Geſtruͤpp und rankendem Geſtraͤuch bewachſen, die eine gruͤne, natuͤrliche Bruſtwehr bilden. An dem Abhange ſtehen dunkle Fichten und ſchlanke Tannen, deren Gipfel oft der Fuß des Wanderers ſtreift, ſo daß die Voͤgel, die darin niſten, erſchrocken emporfahren und aͤngſtlich ihn umflattern. Zwiſchen Steintruͤmmern kriechen die nack⸗ ten Wurzeln der Baͤume und ſuchen taſtend nach dem Erdreich, aus dem ſie ihre Nahrung ziehen. Zuwei⸗ len hemmt eine hervorſpringende Felskante oder das — 171— dichte Brombeergebuͤſch die Ausſicht auf den See. Nur die aufſteigende Kuͤhle verraͤth die Naͤhe ſeiner Gewaͤſſer. An anderen Stellen ſchlaͤngelt ſich der Weg dicht am Rande einer Schlucht, die in den See muͤndet. Ein Sturz von der Hoͤhe muͤßte den Tod unausbleiblich herbeifuͤhren und der Leichnam wuͤrde ſpurlos in der dunklen Fluth verſchwinden. Dennoch gehoͤren derartige Ungluͤcksfaͤlle zu den Seltenheiten und das hoͤlzerne Kreuz, welches im Gebirge ſo oft die Staͤtte bezeichnet, wo ein Menſch umgekommen, wird nirgends hier geſehen. Die heimiſchen Bewohner ſind zu genau mit jeder Windung des Weges bekannt und benutzen ihn nur meiſt am Tage. Selten daß in der Dunkelheit oder ſelbſt in hellen Mondſcheinnaͤchten, wie heut, ein Menſch ihn betritt.— Nichts deſto weniger gingen ihn jetzt zu ſo ſpaͤter Stunde zwei einſame Wanderer. Es waren der von Nandel erwartete Bergmann, und Baron Briolan, den wir am Waldbachſtrub geſehn. Dieſer hatte in Lahn den alten Engel aufgeſucht und auch vor ſeiner Hausthuͤr aufgefunden. Nachdem ſie einige Worte mit einander geredet, forderte der Baron den Bergmann auf, ihn auf dem Wege nach Iſchl zu begleiten. Der Engel⸗ franz, welcher vielleicht eine Beſtellung auf ſeltene Salzkryſtalle, mit denen er handelte, von dem vor⸗ — 172— nehmen Herrn erwartete, zeigte ſich ſogleich bereit, ihm Geſellſchaft zu leiſten und mitzugehen. Sie wa⸗ ren in der Daͤmmerſtunde aufgebrochen und hatten bereits eine tuͤchtige Strecke zuruͤckgelegt, ohne daß der Baron die gehoffte Beſtellung machte. — Was Teufel, dachte der Bergmann, kann der Herr von mir wollen; ſollte er ſich fuͤrchten, in der Dunkelheit allein zu gehen? Doch der ſieht mir gar nicht furchtſam aus.— Dabei warf er einen Blick auf die hohe Geſtalt ſeines ſchweigenden Gefaͤhrten.— Der Mond war unterdeß aufgegangen und goß ſein volles Licht uͤber Erde und Himmel aus. Sein Bild ſchwamm nuf dem See und erfuͤllte die dunkle Fluth mit zauberiſchem Silberglanz. In eigenthuͤm⸗ licher Beleuchtung ſchimmerten phantaſtiſch die Spitzen der Berge, die Gipfel der Baͤume, waͤhrend im Grund und in den tieferen Schluchten die Nacht mit ihren Schatten und leichten Nebeln lagerte. Alles war ſtumm, kein Menſch in der Naͤhe. Endlich ſchien der Baron aus ſeinen Gedanken, denen er bisher nach⸗ hing, zu erwachen. — Ihr ſeid der Bergmann Engel? fragte er den Alten. — Wie ich bereits dem gnaͤdigen Herrn geſagt — 0 173 6— habe. Ich handle mit Kryſtallen und ſchnitze Salz⸗ bilder fuͤr die Badegaͤſte. Wenn Sie etwas brauchen, ſo ſtehe ich zu Dienſt. — Ihr ſeid ein wackerer Mann. — Nicht beſſer und nicht ſchlechter wie alle Men⸗ ſchen. Doch der Herr wollen gewiß eine Beſtellung machen? — Nicht doch. Ich wollte nur ein Wort im Ver⸗ trauen mit Euch ſprechen. Deshalb erſucht' ich Euch, mich zu begleiten. Wir ſind hier allein. — Ganz allein, erwiederte der Bergmann, dem das Weſen des Herrn immer raͤthſelhafter vorkam. Dieſer fuhr nach einer kleinen Pauſe fort: Ihr ſeid nicht verheirathet? 3 Der Bergmann ſtutzte. Was konnten einen Frem⸗ den ſeine haͤuslichen Angelegenheiten intereſſiren? — Aber Ihr ſeid verlobt geweſen? ſagte der Ba⸗ ron, trotzdem Engel ſich nicht erinnerte, ſeine erſte Frage beantwortet zu haben. — Jal ich war verlobt, murmelte der Bergmann zugleich unwillig und verwundert uͤber die ſeltſamen Fragen, die Briolan ihm that. — Mit einenm ſchoͤnen und ungluͤcklichen Maͤdchen, ſetzte dieſer ſich ſelbſt vergeſſend hinzu. Arme Mar⸗ garetha! — 174 9— Der Bergmann zuckte bei Nennung dieſes Namens zuſammen. Der Baron hatte die letzten Worte mit zitternder Stimme und merklicher Bewegung geſpro⸗ chen. Woher wußte er uͤberhaupt den Namen, wozu dieſe unerklaͤrliche Theilnahme an dem Geſchick der Ungluͤcklichen? Eine dunkle Ahnung erfaßte den er⸗ ſchuͤtterten Zuhoͤrer. Er mußte ſich um jeden Preis Gewißheit verſchaffen. — Sie ſcheinen die arme Margaretha gekannt zu haben? forſchte der Bergmann, indem er den aufſtei⸗ genden Verdacht durch eine erheuchelte Ruhe zu ver⸗ bergen ſuchte. Der hochgeſtellte Ariſtokrat ſchien nicht gewohnt auf die directen Fragen eines Untergeordneten zu ant⸗ worten. Vielleicht mißfiel ihm auch die kurze, rauhe Art des Bergmanns und deſſen wilder Blick, vielleicht war er wieder mit ſeinen eigenen Gedanken zu ſehr beſchaͤftigt, um auf die Worte eines Anderen zu ach⸗ ten. Er ging mit haſtigen Schritten, ſo daß ihm kaum der Bergmann folgen konnte. Ploͤtzlich blieb er ſtehen, um eine neue Frage an ſeinen Begleiter zu richten. — Was iſt aus ihrem Kind geworden? — Welches Kind? forſchte Engel uͤberraſcht, in⸗ — 175— dem er mit ſeinen Augen den Baron zu durchbohren. ſchien. — Das Kind der Ungluͤcklichen, mein Kind! rief Briolan mit erſchuͤtterndem Ton. Der Bergmann zitterte, er mußte ſich an die gegen⸗ uͤberſtehende Felswand lehnen. Es blieb kein Zwei⸗ fel mehr. Dort der Mann, mit dem er ſprach, war der Verfuͤhrer ſeiner Braut, der Vernichter ſeines Le⸗ bensgluͤckes und zu ſeinen Fuͤßen gaͤhnte der Abgrund, lag der ſtille See. Ein Stoß mit ſeiner Fauſt und er war geraͤcht und ſein Verbrechen hatte keinen Zeu⸗ gen. Die ſtumme Fluth verſchlang ihr Opfer und verbarg es fuͤr immer. Die Verſuchung war groß, doch der Bergmann zoͤgerte.— Der Baron hatte keine Ahnung von der ihm dro⸗ henden Gefahr. Sorglos wie fruͤher ging er am Rande der ſteilen Felſenwand, auf welcher ſich die Wanderer in dieſem Augenblick befanden. Ein einzi⸗ ger Gedanke erfuͤllte ſeine Seele. Seit dem ſchrecklichen Tode Margarethens, der ihm nicht verborgen geblieben war, hatte ihn die Ruhe verlaſſen. Der leichtſinnige Verfuͤhrer wurde von Gewiſſensbiſſen gequaͤlt. Je aͤlter er geworden, deſto lebendiger erwachte das Gefuͤhl der Reue. Es verließ — 176 6— ihn nicht mehr, weder auf ſeinen glaͤnzenden Beſitzun⸗ gen, noch in dem Treiben der Hauptſtadt, in das er ſich zuweilen ſtuͤrzte, um dem drohenden Geſpenſte zu entgehen. Die Erinnerung verfolgte ihn auf ſeinen weiten Reiſen, in ſeinen Traͤumen. Wie Kain wurde er unſtett umhergejagt. Achtzehn Jahre hatte er den Schauplatz ſeiner Verbrechen gemieden. Familienver⸗ haͤltniſſe fuͤhrten ihn hierher, und durch einen Zufall mußte er wider ſeinen Willen die Erzaͤhlung jener graͤßlichen Begebenheit aus dem Munde des Fuͤhrers in Gegenwart Adolphinens und ihrer Geſellſchaft mit anhoͤren. Hier erfuhr er auch zum erſten Male den Namen des Braͤutigams, den die Ungluͤckliche ihm ſtets hartnaͤckig verſchwiegen hatte. Mit dem feſten Entſchluſſe, ſeine Unthat, ſo weit dies noch ihm moͤg⸗ lich war, zu ſuͤhnen, ſuchte er den Bergmann auf. Vor allen Dingen wollte er von ihm Nachrichten uͤber das Leben des Kindes einziehn, das die arme Mar⸗ garethe vor ihrem Tode geboren. An demſelben wollte er Alles gut machen, was er an der ungluͤcklichen Mutter geſuͤndigt. Die Reue, welche er fuͤhlte, wurde noch durch eine maͤchtige religioſe Schwaͤrmerei unter⸗ ſtuͤtzt. Baron Briolan hatte ſich auf den Rath einer frommen Schweſter, die ganz unter dem Einfluſſe der Geiſtlichkeit ſtand, mit ſeinen Gewiſſensbiſſen in den —?d 177— Schoos der Kirche gefluͤchtet. Aus einem frivolen Weltkinde war er ein glaͤubiger Katholik geworden.— Jetzt forderte er immer dringender von dem Berg⸗ mann Auskunft uͤber ſein Kind. — Sage mir, ob mein Kind lebt, wo es iſt, wiederholte er eifrig, und ich will dich reichlich belohnen. Als Engel hartnaͤckig ſchwieg und von der Exiſtenz eines ſolchen Weſens nichts wiſſen wollte, wurde Briolan immer heftiger. Der Bergmann ſchien ſich nur an den Ausbruͤchen ſeiner Reue und Verzweif⸗ lung zu weiden. — Menſch! ich werde dich zum Sprechen zwingen, rief der Baron endlich erbittert aus. Du mußt mir mein Kind ſchaffen. 4 — Ich weiß von keinem Kinde. — Die Gerichte werden mich unterſtuͤtzen. Ich werde ſie zu meiner Huͤlfe rufen. Der Bergmann blickte finſter nach dem Baron. Ein verzweifelter Entſchluß kaͤmpfte in ſeiner Seele. Keine Menſchengewalt haͤtte ihm ein Geſtaͤndniß ent⸗ riſſen. Eher war er zu dem Aeußerſten entſchloſſen. Selbſt der Mord, vor dem er vorher noch zuruͤckge— ſchaudert, ſchien ihm jetzt geboten. Er ſtand in der Naͤhe ſeines Todfeindes ganz allein. Kein Zeuge war zugegen. Wenn er ihn jetzt niederwarf, ſo konnte T. 12 —2 178(— ihn nicht einmal ein Verdacht treffen. Der alte Men⸗ ſchenhaß erwachte in ſeiner Bruſt. Schon ſtreckte er die Hand aus, ein Stoß und Briolan haͤtte aufge⸗ hoͤrt zu leben. In dieſem verhaͤngnißvollen Augenblick hoͤrte der Bergmann einen keuchenden Ton hinter ſich, der im⸗ mer naͤher und naͤher kam. Es klang wie das Stoͤh⸗ nen eines gejagten Thiers. Engel lauſchte, der Laut ſchien ihm bekannt. Er wandte ſich nach der Seite, um zu ſpaͤhn. Auch der Baron war aufmerkſam geworden und richtete ſeinen Blick nach jener Gegend. In der klaren Mondnacht beobachteten jetzt Beide einen dunk⸗ len Schatten, der in heftiger Eile ihnen nachfolgte. Bald glich Es einem Thier, das auf allen vier Fuͤßen uͤber Steine und Geroͤlle ſetzte, bald einer rollenden Kugel, die den ebenen Pfad niederſchoß. Jetzt huſchte Es wie eine ſchleichende Katze und dann richtete es ſich wieder empor und wuchs zu einem wunderbaren Spuk. Im ſchwankenden Mondlicht wechſelten Form und Geſtalt des geſpenſtiſchen Weſens. Je naͤher es aber kam, deſto mehr nahm ſeine Menſchenaͤhnlichkeit zu. Schon ſah man einen großen, unfoͤrmlichen Kopf, der tief in den Schultern ſteckte, und den verhaͤltniß⸗ maͤßig niedrigen Rumpf, welcher einen langen, ſchwar⸗ zen Schatten warf und in ſeltſamen Spruͤngen und —d 179— Verrenkungen heranruͤckte. Jetzt konnte der Bergmann nicht laͤnger zweifeln. Es war der Kretin, den Nan⸗ del beſorgt nach dem Ohm ausgeſchickt, um ihn zu ſuchen. Auch der Troddel hatte ſeinen Wohlthaͤter erkannt und ſtieß ein ſcharfes Geheul aus, womit er ſeine Gegenwart verkuͤndete. — Was iſt das fuͤr ein ſeltſamer Burſch? fragte der Baron von der ploͤtzlichen Erſcheinung des Kretins uͤberraſcht und von ſeinen Gedanken abgezogen. Durch das Gehirn des Bergmanns ſchoß in dieſem Moment ein ſeltſamer Gedanke. Er hatte einen Aus⸗ weg fuͤr ſich und ſeine Rache gefunden. — Sehen Sie ſich den armen Sepp nur genau an, ſagte er, indem er auf die Mißgeſtalt in ſeiner Naͤhe deutete. Der Mond ſchien ſo hell und klar, daß auch kein Zug der uͤberaus haͤßlichen Bildung dem Baron ver⸗ borgen bleiben konnte. Er ſah das unfoͤrmliche Ge⸗ ſicht mit der niederen Stirn, den lebloſen Augen, ohne Augenbrauen, die zur Kugel angeſchwollene Naſe, den breiten, verzerrten Mund, welchen die ſcharfen Schneidezaͤhne uͤberragten. Es entging ihm Nichts, weder die verkruͤmmte Bruſt, noch die geſchweiften Saͤbelbeine, welche mit den großen, platten Fuͤßen endeten. Schaudernd wandte der Baron ſein belei⸗ 12* — 180— digtes Auge von der furchtbaren Mißgeburt ab, die grinſend ihn ebenfalls anſtarrte. Dem Bergmann war dieſe Bewegung nicht ent⸗ gangen. Mit ſcharfen Blicken beobachtete er ſeinen Todfeind und den Eindruck, welchen die Erſcheinung des Troddels auf dieſen hervorbrachte. Ein haͤmiſches Laͤcheln flog uͤber ſein verwittertes Geſicht, als er in den Mienen des Barons den Abſcheu las, den dieſer nicht verbergen konnte. — Nun, was meinen Sie? fragte er hoͤhniſch. Iſt's nicht ein ſauberer Bub? Kann er ſich nicht fuͤr Geld ſehen laſſen? Der Baron antwortete nicht. Die Sprache des Bergmanns klang ihm ſo befremdend und herausfor⸗ dernd, daß er nur argwoͤhniſch ihn von Oben bis Unten betrachtete. — Eil gnaͤdiger Herr, rief dieſer mit dem ganzen Ingrimm, deſſen ſeine menſchenfeindliche Seele faͤhig war. Der arme Sepp ſcheint Ihnen nicht zu gefal⸗ len. Das hab' ich mir gleich gedacht und deswegen lieber von ihm geſchwiegen. Freilich er hat kein glat⸗ tes Geſicht wie Sie, keine ſchoͤne Augen. Auch iſt er nicht ſo ſchlank gewachſen. Schadet nichts. Wenn Sie ihn auch nicht wollen, ſo werd' ich ihn weiter behalten. Ich geb' ihn ohnehin um keinen Preis der —e 181— Welt. Es iſt ja mein Angedenken, das ich Ihnen verdanke. — Menſch! ſchrie Briolan entſetzt, der endlich den Sinn jener dunklen Rede zu ahnen begann. Du meinſt doch nicht—? Der Baron vermochte nicht den Gedanken, vor dem ihm ſchauderte, auszudenken und den angefan⸗ genen Satz zu vollenden. Der Bergmann aber richtete ſich hoch empor, ſo daß ſeine ganze duͤrre, hohe Geſtalt uͤber den Felſen im Mondlicht ſichtbar wurde, und rief mit lauter Stimme, die den Verfuͤhrer niederſchmettern mußte: — Ja! Das iſt Ihr Kind, das Kind der Suͤnde, das Kind der Schande. Die Frevel der Vaͤter werden heimgeſucht an Kind und Kindeskind. Briolan taumelte und ſeine Sinne drohten zu ſchwinden. Nur mit Gewalt hielt er ſich aufrecht. Er wollte reden, doch die Sprache verſagte ihm. Der Schlag kam ſo uͤberraſchend und ploͤtzlich, daß er ihm faſt erlag. Der Bergmann ſah noch den furcht⸗ baren Schmerz, der uͤber dem bleichen Antlitz zuckte. — Mag er leben! murmelte der Menſchenfeind, indem er,einen Blick voll unſaͤglicher Verachtung auf den ungluͤcklichen Vater ſchleuderte, welcher jetzt mit beiden Haͤnden ſein Geſicht bedeckte. —0 182 9— Als Briolan ſich einigermaßen erholt hatte und aus ſeiner Verzweiflung aufſtarrte, war ſein Begleiter mit dem Kretin verſchwunden. Er blieb allein mit ſeiner Schuld. XIV. Baron Briolan, Beſitzer mehrerer großen Herr⸗ ſchaften, Inhaber vieler Orden und wirklicher Kam⸗ merherr, ſtammte von einer alten Belgiſchen oder viel⸗ mehr Walloniſchen Familie ab. Seine Vorfahren waren zur Zeit des dreißigjährigen Krieges eingewan⸗ dert. Sie hatten bei der Schlacht am weißen Berge mitgefochten und unter Wallenſtein und ihrem Lands⸗ mann Tilly der Regierung weſentliche Dienſte gelei⸗ ſtet. Ihre Treue und Tapferkeit blieb nicht unbelohnt. Von den confiscirten Guͤtern fiel ihnen ein reicher Antheil zu.— Der Erbe ihres Namens und ihrer gro⸗ ßen Beſitzthuͤmer zeigte bereits in ſeiner Jugend außer⸗ ordentliche Anlagen, welche eine ſorgfaͤltige Erziehung, die ihm ſein Vater ertheilen ließ, zur vollen Entwick⸗ lung bringen ſollte. Leider wurde dabei mehr auf die Ausbildung ſeines Geiſtes, als ſeines Charakters ge⸗ ſehn. Sein Hofmeiſter war ein guter und ſehr gelehr⸗ — 183— ter Mann, aber zu ſchwach und nachſichtig gegen ſei⸗ nen vielverſprechenden Zoͤgling. Er bewunderte das Talent ſeines Schuͤlers und wurde wie alle Welt von ſeiner bezaubernden Liebenswuͤrdigkeit hingeriſſen. Fruͤhzeitig lernte der Knabe ſpielend die meiſten alten und neueren Sprachen. Von einem wahrhaften Wiſ⸗ ſensdurſt beſeelt las er ohne Auswahl die halbe Biblio⸗ thek auf dem Schloſſe durch. Seine ohnehin lebhafte Phantaſie, in ſeinen Adern rollte das ſuͤdliche Blut ſeiner Ahnen, wurde zur verderblichen Glut entfacht. In einem Alter, wo andere Kinder ſich mit dem Ball und Kreiſel beſchaͤftigen, traͤumte er bereits von unausſprechlichen Genuͤſſen und Vergnuͤgungen. Ueber ſeine geiſtige Bildung wurde jedoch ſeine koͤrperliche Erziehung nicht vernachlaͤſſigt. Auch hier zeichnete er ſich durch die hoͤchſte Gewandtheit aus. Er war bald der kuͤhnſte Reiter, der beſte Schuͤtze und ein vollendeter Turner. Mit einer unverwuͤſtli⸗ chen Kraft verband er eine nur ihm eigene Grazie. Sein Vater hatte ihn zum Staatsdienſte beſtimmt, er ſollte die diplomatiſche Carrière einſchlagen, um vielleicht ſpaͤter als Geſandter aufzutreten. Sein Adel und ſein Vermoͤgen eroͤffneten ihm die beſten Ausſich⸗ ten zu einem ſolch hohen Poſten. Einſtweilen jedoch —0 184-— trat er in ein Regiment, weil die militairiſche Lauf⸗ bahn leichter als jede andere im Kaiſerſtaat zu der Diplomatie uͤberfuͤhrt. Ein Offizierpatent war fuͤr den jungen, reichen Baron nicht ſchwer zu erlangen, nachdem er kaum ein halbes Jahr als Cornet bei einem Reiterregiment gedient. Auch in ſeiner neuen Stellung ragte er trotz ſeiner Jugend unter den aͤlteren Kameraden her⸗ vor. Seine ungewoͤhnlichen Kenntniſſe und ſein fruͤh entwickelter Geiſt gaben ihm bald ein gewiſſes Ueber⸗ gewicht; dabei geizte er nicht mit ſeinem Geld, das ihm reichlich von Hauſe zufloß. Bald war„das Kind“, wie Briolan wegen ſeines faſt knabenhaften Ausſehns genannt wurde, der verzogene Liebling des ganzen Regiments, wie er es im elterlichen Schloſſe geweſen. Durch ſeine jetzige Unabhaͤngigkeit war es ihm leicht gemacht als Juͤngling die Genuͤſſe in kurzer Zeit zu erſchoͤpfen, die er als Knabe ſchon geahnt. Kein Offizier that es ihm in tollem Treiben und wuͤſtem Leben gleich. Das Kind war in einigen Monden bereits wegen ſeiner wilden Abenteuer beim ganzen Regiment verrufen und bekannt. Aber auch hier wurde ihm viel nachgeſehn. Seine Schwaͤchen waren mit ſo vieler Anmuth verbunden, daß ſie eher. zu ſeinem Lobe als zu ſeinem Tadel ausſchlugen. Kein Kamerad verlor mit ſo vielem Anſtande im Spiel ſein Geld, ſchwaͤrmte ſo luſtig wie er Nacht fuͤr Nacht, fuͤhrte die verwegenſten Liebes⸗ und Ehrenhaͤn⸗ del mit ſo entſchiedenem Gluͤcke aus. Selbſt der alte, ſtrenge Oberſt, ein Freund ſeines Vaters und deſſen beſonderer Aufſicht er empfohlen war, konnte dem „Kinde“ nicht im Ernſte boͤs ſein, und wenn er auch ſo that, wo es Briolan gar zu arg getrieben, ſo lachte er heimlich und freute ſich uͤber den tollen Burſchen. Zeigten ſich ſelbſt aͤltere und ſittliche Maͤnner nachſichtig gegen ihn, ſo waren es die Frauen in noch weit groͤßerem Maße bis zur Vergoͤtterung. Das „Kind“, wie Briolan auch bei ihnen hieß, wurde ver⸗ zogen, angebetet und mit Liebkoſungen uͤberhaͤuft. Durch ſeine unerhoͤrten Erfolge wuchs ſeine Kuͤhnheit, die vor keinem Hinderniß zuruͤckſchreckte. Mit der Naivetaͤt und Ausgelaſſenheit eines Knaben verband er bald die Frechheit und Verſchlagenheit des vollen⸗ deten Wuͤſtlings. Spielend zerſtoͤrte er ein Lebens⸗ gluͤck, ſcherzend vernichtete er ein ſchuldloſes Herz. Seine roſigen Wangen ließen keinen Verdacht auf⸗ kommen und die raffinirteſte Treuloſigkeit barg ſich bei ihm unter ſo ſanften, zarten Formen, unter einer faſt „ 186— maͤdchenhaften Grazie. Sein anſcheinend ſchwacher Koͤrper war jedoch wie aus Stahl geſchmiedet und vermochte den groͤßten Ausſchweifungen Jahre lang zu widerſtehn. Merkwuͤrdiger Weiſe vernachlaͤſſigte der Baron bei dieſem extravaganten Leben ſeine an⸗ gefangenen Studien nicht. Er blieb ihnen trotz aller Zerſtreuungen getreu. Nach einer durrcchſchwaͤrmten Nacht griff er zu ſeinen Buͤchern, und wenn er ſich ſatt geleſen, floh er wieder zum Spieltiſch und zu neuen Zechgelagen. Im Fluge ſammelte er Kennt⸗ niſſe, und ſeine Kameraden, die ſein Wiſſen mit Recht bewunderten, konnten nie begreifen, wo und wie er Zeit zu ſeinen Arbeiten fand. Ihm genuͤgten aller⸗ dings eben ſo viele Augenblicke als ihnen Stunden und ſelbſt Tage, um ſich auszubilden. Er war eine beſonders begabte, geniale Natur. 3 Doch weder die Liebe der Frauen, noch die Freund⸗ ſchaft der Maͤnner und die Offenbarungen der Wiſſen⸗ ſchaft gaben einem Geiſt wie Briolan's dauernde Be⸗ friedigung. Sein aͤtzender Verſtand, noch geſchaͤrft durch dieſe Lebensart, zerſetzte jeden Genuß, jedes Gefuͤhl und jede Perſoͤnlichkeit, die in ſeine Naͤhe kam. Wie der eifrige Naturforſcher unter dem Mikroſkop den kryſtallhellen Waſſertropfen in einen ſchmutzigen Sumpf verwandelt ſieht, der von ſcheußlichen Unge⸗ — — —d 187— heuern wimmelt, ſo erblickte auch der fruͤhreife Juͤng⸗ ling in der Welt, die ihn umgab, nur ein widerliches Gemiſch von Thorheit, Schwaͤche und Betrug. Die Freunde betrachtete er als die Schmarotzer ſeines Geld⸗ beutels, die Frauen als die Sirenen der Sinnlichkeit, die Buͤcher als gedruckte Luͤgen voll gegenſeitiger Wi⸗ derſpruͤche. Kaum zwanzig Jahrealt beſaß er die Weltanſchauung eines ergrauten Man⸗ nes, der durch das Leben und die Erfah⸗ rung zum Peſſimiſten geworden iſt. Trotz dieſer Anſicht war ſeine Genußſucht keines⸗ wegs ſchon abgeſtumpft. Noch immer leerte er mit friſcher Luſt den Becher des Vergnuͤgens, ohne ihn zu erſchoͤpfen. Ein gluͤckliches Temperament ſchuͤtzte ihn vor Ueberſaͤttigung und ein von der Natur reich ausgeſtattetes Gemuͤth vor den verderblichen Folgen ſeiner Denkungsweiſe. Er war ſelbſt mancher edlen Regung und Handlung faͤhig, aber der kuͤhle Ver⸗ ſtand ſpottete hinterdrein uͤber ſein gutes, ſchwaches Herz. So vereinte dieſer ſeltſame Menſch die ent⸗ ſchiedenſten Gegenſaͤtze, Begeiſterung und Sophiſtik, Edelmuth und Schlechtigkeit in derſelben Bruſt. Von einem Ertrem ſprang er uͤberraſchend zu dem andern uͤber und keinen Augenblick war er, noch Andere ſei⸗ nes Weſens, froh und ſicher. Ihm fehlte der mora⸗ —“ 188— liſche Schwerpunkt, ein richtiges Wollen, welches mit ſeiner Intelligenz und Ueberzeugung in Einklang ſtand. Derartige Naturen, welche zum Gluͤck unter Maͤn⸗ nern nur ſelten angetroffen werden, ſind um ſo gefaͤhr⸗ licher, je begabter ſie uns erſcheinen. Sie taͤuſchen ſich ſo wie die Welt, welche nur zu ſehr geneigt iſt, ihre Fehler wegen der glaͤnzenden Eigenſchaften zu uͤberſehn und ſelbſt ihre verwerflichſten Handlungen noch zu entſchuldigen. Die Genialitaͤt gilt als ein vollſtaͤndiger Ablaßbrief und der Zauber des Intereſ⸗ ſanten wirft leider auf ihre dunkelſten Thaten noch einen gewiſſen truͤgeriſchen Glanz. Dieſe Nachſicht, welche die Geſellſchaft ihm ge— waͤhrte, ſchenkte Briolan im erhoͤhten Maßſtabe auch ſich ſelbſt. Wenn er zuweilen Vergleichungen und Selbſtpruͤfungen anſtellte, ſo hielt er ſich noch immer fuͤr viel beſſer und vollkommener als ſeine Umgebung, die er genau zu kennen glaubte und deshalb verach⸗ tete. Regte ſich auch zuweilen ſein Gewiſſen, ſo ver⸗ theidigte er ſich mit gewandter Sophiſtik und rief ſein gutes Herz zum Zeugen auf. Dieſes brachte viele Beweiſe zu ſeinem Vortheil bei. Er hatte den Duͤrf⸗ tigen manche Wohlthat erwieſen ohne damit zu prun⸗ ken, oft frommer und beſſer empfunden und gehandelt —5 189 3— als viele, die ſich wahre Chriſten nennen. Er war ſeinen Freunden beigeſprungen, trotzdem er nicht an Freundſchaft glaubte, und hatte ſelbſt die Unſchuld und den guten Ruf eines Weibes hier und da ge⸗ ſchont. Solchen Verdienſten gegenuͤber haͤtte eigent⸗ lich der ſtrengſte Richter verſtummen muͤſſen, aber das Gewiſſen iſt wie Gott und laͤßt ſich nicht taͤuſchen und blenden, wie die ſchwachen Menſchenaugen. Von allen Opfern der Vergangenheit laſtete keins ſo ſchwer auf ſeiner Seele als die arme Margarethe. Er hatte ſo manches Vertrauen getaͤuſcht, ſo viele Herzen gebrochen, ſchoͤnere und geiſtreichere Frauen gekannt und die glaͤnzendſten Eroberungen gemacht. Kein Weib aber konnte die Erinnerung an das ſchlichte Landmaͤdchen verdraͤngen. Es war ihm, als ob er nur gegen ſie geſuͤndigt. In ihr allein ſah er die ganze Summe ſeiner Schuld. Nicht ihr ſchrecklicher Tod war die einzige Urſache, daß ihn das Andenken Margarethens nicht verlaſſen wollte. In einſamen Stunden, wo er ihrer gedachte, mußte er ſich einge⸗ ſtehn, daß ſie allein ihn ſo wahr, ſo uneigennuͤtzig geliebt wie keine Andere außer ihr. Sie beſaß den Zauber, welcher ewig bindet, die hoͤchſte Selbſtver⸗ leugnung, die vollkommenſte Hingebung des liebenden Weibes. Wenn er ſein Schuldbuch aufſchlug und Ab⸗ —“o 190— rechnung hielt mit der Vergangenheit, ſo fand er uͤberall ein Wort zu ſeiner Rechtfertigung, einen wirklichen oder ſcheinbaren Grund fuͤr ſeine Treuloſigkeiten, aber vor ihrem Namen mußte er verſtummen und ſiich ſchul— dig bekennen. Sein Witz verließ ihn, ſeine Sophiſtik war hier zu Ende. Darum ſtand er jetzt erſchuͤttert, gedemuͤthigt vor ſich ſelbſt. Noch einmal machte er einen ſchwachen Verſuch, den Bergmann zuruͤckzurufen. Seine Stimme ver⸗ hallte ungehoͤrt. Er blieb allein.— Schaudernd dachte er an die Folgen ſeiner jugend⸗ lichen Verirrungen, an den ſchrecklichen Tod der Ver⸗ fuͤhrten, an das mißgeborne Kind, welches ſie ihm hinterlaſſen. Er war Vater eines Kretins! Er hatte den Bergmann mit dem feſten Entſchluſſe aufgeſucht, ſeine Schuld zu ſuͤhnen. Das Kind ſeiner Liebe wollte er vollkommen anerkennen und adoptiren. So glaubte er endlich Ruhe zu finden. Und jetzt—— Es war vergebens, alle Hoffnungen vernichtet, jeder Ausweg verſperrt. Wie hatte er ſich bereits ein neues Leben an der Seite ſeines Kindes ausgemalt! — — 191— Von gleichguͤltigen und habſuͤchtigen Verwandten um⸗ geben, unter denen ſeine fromme Schweſter die einzige Ausnahme zu machen ſchien, wollte er ſich einen na⸗ tuͤrlichen Erben ſeines Namens und Vermoͤgens ein⸗ ſetzen. Er mußte auf dieſe Ausſicht verzichten. Was halfen ihm ſeine Plaͤne und Entſchluͤſſe? Sie waren mit einem Male wieder vereitelt. Sein Leben blieb, wie es bisher geweſen, wuͤſt und oͤde. Mit ſolchen Gedanken trug ſich Baron Briolan, als er einſam ſeinen naͤchtlichen Weg am See fort— ſetzte. So war auch der letzte Reiz dahin. Er hatte nichts mehr auf dieſer Welt, was ihn intereſſirte. Die Menſchen waren ihm gleichguͤltiger als je, die Wiſ⸗ ſenſchaft ließ ihn unbefriedigt. Seit Jahren reiſte er uͤber Meer und Land. Er hatte das alte Europa und das junge Amerika geſehn, in Aegypten vor den Py⸗ ramiden geſtanden, in Indiens Palmenwaͤldern gelebt. Ueberall fand er nur das ewige Einerlei. Er war nach Jahren in die Heimath zuruͤckgekehrt. Nach langer, langer Zeit hatte er wieder den Schau⸗ platz ſeiner Verirrungen betreten. Da leuchtete ihm ein Hoffnungsſtrahl und jetzt grinſte ihm ſtatt deſſelben die entſetzliche Mißgeburt entgegen. Statt eines ge⸗ — 192— hofften Sohnes, einer holden Tochter draͤngte ſich ein ſtumpfſinniger Kretin an ihn heran, den er nicht zu⸗ ruͤckweiſen konnte, deſſen Vater er war. So vernichtend und erſchuͤtternd wirkte die Aus⸗ ſage des Bergmanns auf ihn, daß er kaum einen Augenblick an der Wahrheit derſelben zweifelte. Wel⸗ chen Grund konnte auch Engel haben, um ihm eine ſo entſetzliche Luͤge zu berichten? Der reiche und vornehme Mann kam ſich ſo elend or, daß er den armen Burſchen beneidete, welcher ruͤſtig vor ihm herſchritt und kein anderer als der uns bereits bekannte Valentin war. Der Holzknecht hatte das ſchoͤne Nandel verlaſſen und eilte jetzt nach dem benachbarten Wald, um mit ſeinen Kameraden ſich zu vereinigen und in der naͤchſten Fruͤhe ſein muͤh⸗ ſeliges Tagewerk wieder zu beginnen. Er ſang ein ausgelaſſenes Lied, waͤhrend Briolan von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer ausſtieß. Was haͤtte dieſer darum geſchenkt, einmal aus voller Bruſt ſo jauchzen zu koͤnnen! Mit einem lauten Gruß rief Valentin ihn an. Er ſchien ſich uͤber den einſamen Spaziergaͤnger zu wundern, der noch ſo ſpaͤt zur Nachtzeit auf dieſem Wege wanderte. — Eure Gnaden wollen wohl nach Iſchl? ſragte der Holzknecht zuthunlich. ———— QQ⏑—.—ͤ— —— —“ 193— Briolan nickte nur mit dem Kopf. Jede Begleitung war ihm gewiß in dieſem Augenblicke unangenehm. Der Burſche ließ ſich jedoch durch das ablehnende Benehmen des Barons nicht irre machen, es war ihm gerade darum zu thun einen Geſellſchafter auf ſeinem Weg zu haben. Sein Herz war voll von Aerger und Eiferſucht und uͤberdies hatte er einige Tropfen uͤber den Durſt genommen, um ſeinen Groll vermuth⸗ lich zu ertraͤnken. — Wenn's Ihnen Recht iſt, gehen wir zuſammen bis zum Goſauzwang. Es macht ſich beſſer zu Zweien. Man kann doch ein Wenig discuriren. Ungern nahm der Baron die ihm aufgedrungene Begleitung an. Er wollte aber nicht dem augen⸗ ſcheinlich Trunkenen durch eine entſchiedene Weigerung reizen, doch nahm er ſich vor, ſo wenig als moͤg— lich mit ihm zu ſprechen. Der Valentin ließ ſich in⸗ deß durch das Schweigen ſeines einſylbigen Gefaͤhrten nicht ſtoͤren. Je ſtiller dieſer war, deſto mehr ſchwatzte er. Bald wußte Briolan die ganze Lebensgeſchichte deſſen und erfuhr noch nebenbei des Holzknechtes Ver⸗ wandtſchaft mit dem alten Engel. Dieſe Nachricht er⸗ regte einigermaßen das Intereſſe des Barons und mit mehr Theilnahme, als er ihm Anfangs erwieſen, lauſchte er auf die verworrenen Mittheilungen des 1. 13 —d 194— Burſchen. Dieſer erzaͤhlte in ſeinem Unmuth bunt durch einander von dem ſchoͤnen Nandel und dem haͤßlichen Troddel, um deſſentwillen er ſich heut mit dem ver⸗ drießlichen Ohm verzuͤrnt. — Denken Eure Gnaden, um ſo ein Thier hat mich der Ohm an der Bruſt gepackt und rausgewor⸗ fen, mich, ſeiner Schweſter leiblich Kind, wegen des vermaledeiten Bankerts. Weiß Gott! Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Er hat den Strolch lieb wie ſeinen eigenen Sohn und's iſt doch nur ein Troddel, den er von der Straße aufgeleſen. Der Baron murmelte einige Worte, welche der Holzknecht zum Gluͤck nicht verſtand und fuͤr eine beiſtimmende Entgegnung hielt. Dadurch aufgemun⸗ tert fuhr er in demſelben rohen Tone fort: — Eine Suͤnd' und Schand' iſt es, wie er mich behandelt hat. Und was hab' ich denn gethan? Weil ich mir einen Spaß gemacht, wirft er mich zur Thuͤr raus. Was iſt's denn weiter und wenn ich ſchon dem Kerl ein Knoͤchel an den Kopf geſchmiſſen hab'. Nicht einmal ſo groß iſt's geweſen wie meine Fauſt. Und das Nandel hat ſich auch gehabt, als wenn ich eine Hoſtie geſtohlen. Und's iſt doch nur ein Troddel ohne Verſtand und ſchlimmer wie das liebe Vieh. Aber freilich der Ohm haͤlt auf ihn und ich weiß V — 195— wohl warum. Die Leut' wiſſen's auch und haben's mir ſchon oft erzaͤhlt. Der Alte hat ein Schatz gehabt, ſoll ein bildſauberes Madel geweſen ſein. Und das Madel iſt deſperat geworden und in den Waldbach⸗ ſtrub nein geſprungen. Der Troddel aber iſt ihr Kind und deswegen darf man dem Kerl kein ſchief Geſicht ziehn. Aber wenn der Malefizbub mir noch einmal die Zung' rausſteckt, ſo ſchlag' ich ihn todt wie einen tollen Hund. Waͤhrend dieſer Rede zuckten dem Baron mehr⸗ mals die Faͤuſte und er mußte gewaltſam an ſich halten, um nicht einen fuͤr ihn gefaͤhrlichen Streit mit dem Holzknecht anzufangen. Es waren Hoͤllen⸗ qualen, die er empfand. Auch der letzte Zweifel, wenn er noch einen ſolchen hegen konnte, mußte vor den Ausſagen des trunkenen Valentins verſtummen. Das rohe Geſchwaͤtz klang ſo unbefangen und natuͤr⸗ lich, daß Briolan vollkommen von der Wahrheit deſſen, was ihm der Bergmann mitgetheilt, jetzt uͤberzeugt wurde. Er war der Vater des Kretins, der noch tief unter dieſem wilden und verwahrloſten Buben ſtand. Zum Gluͤck trennte ſich der Holzknecht jetzt von ihm. Sie hatten naͤmlich den Goſauzwang erreicht. So wird in der dortigen Gegend die Rieſenbruͤcke 13* —d 196— genannt, welche mehr als vierhundert Fuß lang uͤber ein ganzes Thal die von Hallſtadt kommende Salz⸗ ſoole von einem Berg zum andern leitet. Der hoͤl⸗ zerne Bau, mit einer bewunderungswuͤrdigen Kuͤhn⸗ heit ausgefuͤhrt, ruht auf einigen mächtigen Stein⸗ pfeilern, welche thurmhoch emporſteigen. Zu beiden Seiten mit hohen Bruſtwehren eingefaßt bietet dieſe ſchwebende Bruͤcke einen zwar gefahrloſen, aber be⸗ ſonders zur Nachtzeit unheimlichen Weg. Der Mond beleuchtete in dieſem Augenblick den Abgrund mit ſeinen hohen dunklen Fichten, welche von ſolcher Hoͤhe geſehn zu niedrigem Buſchwerk zu— ſammenſchrumpften. Kaum hoͤrbar war das Rauſchen* der Baͤche, das aus der Tiefe wie eine ferne Klage toͤnte. Der Baron lehnte ſich uͤber die Bruͤſtung und blickte in die Schlucht hinab als waͤr's ein rieſig Grab. Die weißen Nebel ſtiegen empor und nahmen ihm bekannte Geſtalten an. Er ſah ein bleiches Weib mit triefenden Haaren. Margaretha! Dort auf dem Felſen kauerte eine entſetzliche Mißgeſtalt.. Mit einem Schrei bedeckte Briolan ſein Geſicht. Er glaubte ſeinen Sohn erkannt zu haben. — Ohne weitere Abenteuer war Adolphine gluͤcklich nach Iſchl zuruͤckgekehrt. Sie befand ſich jetzt allein auf ihrem Zimmer, nachdem ſie Herr von Buſch ver⸗ laſſen. Der zaͤrtliche Vater war nicht eher gegangen, bevor er nicht einen fluͤchtigen Kuß auf ihre ſchoͤne Stirn gedruͤckt. — Geh nur bald zu Bett', hatte er ihr dabei geſagt. Du mußt Dich von der anſtrengenden Partie erholen. Daß Du mir morgen ja keine bleiche Wan⸗ gen und eingefallene Augen zeigſt! Hoͤrſt Du, ma chere! Ich will Dich ſchoͤn ſehn, ſchoͤner als je. Seine Lippen mit den Fingerſpitzen beruͤhrend warf er ihr noch einen zweiten Handkuß zu und ver⸗ ſchwand mit einem verzerrten Laͤcheln, das eher einem faunenhaften Gecken als einem beſorgten Vater an⸗ zugehoͤren ſchien. Adolphine blieb nachdenkend zuruͤck. Die letzten Worte waren von Herrn von Buſch mit einem gewiſſen Nachdruck ausgeſprochen worden, auch der ſchlaue Blick und das eigenthuͤmliche Laͤcheln, von denen ſie begleitet waren, hatten etwas Befremden⸗ des fuͤr ſie. Schon auf dem Ruͤckwege hoͤrte ſie zwi⸗ ſchen ihm und Frau von Starenberg allerlei verſteckte Anſpielungen und Reden fallen, welche auf ein heim⸗ —?d 198— liches Verſtaͤndniß zwiſchen den Beiden deuteten. Sie uͤberließ ſich den verſchiedenſten Muthmaßungen, bis dieſe durch den Eintritt ihrer Kammerfrau unterbro⸗ chen wurden. Dieſelbe war eine Frau ungefaͤhr in dem Alter von vierzig Jahren, ſchlank gewachſen mit einem blaſſen, wohlwollenden Geſicht, das eine zuruͤckhal⸗ tende Klugheit verrieth. Sie warf bei ihrem Eintritt einen forſchenden Blick auf das ſchoͤne Geſicht ihrer Herrin. Thereſe allein verſtand die geheimnißvolle Schrift deſſelben zu leſen, der Marmor hatte fuͤr ſie Sprache und Leben. Es war dies ſeit Jahren ihr einziges Studium, jeden Wunſch, jeden Gedanken ihrer Gebieterin zu errathen. Durch dieſe fortwaͤh⸗ rende Beobachtung erlangte mit der Zeit ihr Blick eine wunderbare Schaͤrfe, nicht die leiſeſte Veraͤnde⸗ rung entging ihrem Auge. Nachdem ſie ihre Pruͤfung beendet und die bren⸗ nende Kerze, welche ſie in der Hand hielt, auf den Tiſch geſetzt, naͤherte ſie ſich Adolphinen mit einer ge⸗ wiſſen reſpectvollen Vertraulichkeit. 6 — Wollen das gnaͤdige Fraͤulein nicht zu Bette gehn? fragte die Kammerfrau. — Ach! Du biſt es, Thereſe? entgegnete die ſchoͤne Herrin, indem ſie ihren Kopf ein wenig nach der — . —e 199— Seite neigte, auf welcher die Kammerfrau ſtand. Ge⸗ wiß hat Dich Papa geſchickt, aber ich habe noch keine Luſt zu ſchlafen. — Erlauben Sie wenigſtens, daß ich Ihre Nacht⸗ toilette machen darf. — Das kannſt Du thun, liebe Thereſe. Ich habe ohnehin mit Dir zu ſprechen. Die Kammerfrau ging in das Nebenzimmer. Nach einigen Minuten kehrte ſie mit der Nachttoilette zu⸗ ruͤck. Adolphine legte den grauſeidenen Schlafrock und die weichen Morgenſchuhe an. Ihr uͤppiges Haar wurde von einem weißen Haͤubchen bedeckt. So ſaß ſie bequem zuruͤckgelehnt in dem ſchwellenden Lehn⸗ ſtuhl. Die Kammerfrau ſtand vor ihr und betrach⸗ tete ſie mit muͤtterlichem Wohlgefallen. Sie hatte Adolphine aufwachſen ſehn, ſie zum Theil erziehen helfen, darum hing ſie an ihr faſt mehr wie an ihrem eigenen Kinde. Zwiſchen der alten Dienerin und ihrer jungen Gebieterin beſtand ein innigeres Ver⸗ haͤltniß, als es den Anſchein hatte. Beide waren einander durch die Reihe der Jahre unentbehrlich ge⸗ worden. Vor Thereſen hatte der verzogene Liebling ſelten ein Geheimniß. Ihr ſchenkte ſie ein unbegraͤnz⸗ tes Vertrauen. — Weißt Du auch, ſagte Adolphine nach einer — 200— kleinen Pauſe, daß ich heut ein wirkliches Abenteuer erlebt habe und in Lebensgefahr geweſen bin? — O, mein Gott! ſchrie die Kammerfrau mit ungeheucheltem Entſetzen. — Nun beruhige Dich nur. Du brauchſt nicht gleich ſo zu erſchrecken. Wie Du ſiehſt, bin ich gluͤck— lich und ohne Schaden davon gekommen. — Ach! erzaͤhlen Sie nur. — Um es kurz zu machen, das Geywitter uͤber⸗ raſchte uns auf dem See. Unſere Faͤhrleute verloren die Beſinnung. Zum Gluͤck befand ſich auf dem Kahn ein Mann, der uns gerettet hat. — Gott ſei Dank. — Du wirſt ihn bald hier in Iſchl ſehn. Ich hab' ihn eingeladen, uns zu beſuchen. Es iſt ein. alter Bekannter von Dir. — Von mir? fragte Thereſe verwundert. — Und dazu ein Landsmann. — Aus Waldau? O, mein Gott! Wer kann das ſein?. — Das ſag' ich Dir nicht. Ich moͤchte Dich gern uͤberraſchen. Du ſollſt einmal rathen. Er kennt auch Deinen Sohn und ſieht ihn alle Tage. — Doch nicht Herr Becher? — Ja, ja, Herr Becher, ſcherzte Adolphine, welche „ — — e 201— ſich an dem Erſtaunen der alten Dienerin weidete. Du haſt es getroffen, der brave Herr Becher, wie Du ihn zu nennen beliebſt. Ich habe ihn wieder⸗ geſehn. Es moͤgen wohl zwoͤlf Jahre her ſein, daß wir das letzte Mal in Waldau waren. Damals lebte noch meine gute Mutter. Ein tiefer ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt. Ernſte Trauer umſchwebte ihr Geſicht und ihre Stimme zitterte. Die Kammerfrau wiſchte ſich die feuchten Augen. — Ich denk' es noch wie heut, ſagte dieſe. Sie waren damals acht Jahr, der Georg doppelt ſo alt. Seine Mutter und die ſelige Madame waren Schul— freundinnen. Sie ſpielten am Liebſten mit dem wil— den Burſchen. Im Scherz nannte er Sie ſeine kleine Braut. — Und jetzt hat mich mein Herr Braͤutigam nicht einmal wiedererkannt, aber ich habe mich geraͤcht. Nicht mit einem Worte verrieth ich mich. Dafuͤr ſoll er mir noch buͤßen. — Mein Himmel! Das iſt kein Wunder. Ihr Herr Vater fuͤhrt jetzt einen fremden Namen, ſeitdem er geadelt iſt, und Sie ſind eine große Dame gewor⸗ den. Ja! es hat ſich Vieles geaͤndert. Das konnte ſich Herr Becher nicht traͤumen laſſen; daß Sie ein — d 202— gnaͤdiges Fraͤulein ſind, um das ſich Grafen und Fuͤrſten die Fuͤße ablaufen. Aber erzaͤhlen Sie mir doch von Herrn Becher. — Was iſt da viel zu erzaͤhlen? Ich glaube, daß Dein Sohn, der bei ihm als Geſelle arbeitet, ſeinem Meiſter ſtark geſchmeichelt hat. Zu ſeinem Vortheil hat ſich der Herr Faͤrbermeiſter gerade nicht geaͤndert. Ich war Anfangs recht aͤrgerlich uͤber ſein Benehmen. Der Handwerker verleugnet ſich nicht. Ich war ſogar entſchloſſen, mich nicht weiter um ihn zu bekuͤmmern. Der Zufall fuͤhrte uns wieder zu⸗ ſammen. — Der Zufall! wiederholte die Kammerfrau. Vielleicht war es eine Schickung vom Himmel. — Was brauchſt Du Dich daruͤber zu wundern? Dieſes Hallſtadt iſt ſo eng, daß man ſich uͤberall be⸗ gegnen muß. Ich traf ihn in Begleitung des Herrn Obermann, mit dem er ſehr befreundet ſcheint. — Alſo der Maler iſt auch wieder da? fragte Thereſe kopfſchuͤttelnd. — Das hat mich am meiſten gefreut, daß ich den hier angetroffen habe. Ich will wieder zeichnen und malen. Das wird mich zerſtreuen. Morgen packſt Du meine Bleiſtifte und Farben aus. Die Kammerfrau nickte nur, waͤhrend ſie ihre — 203— Gebieterin genau beobachtete. Adolphinens Gleich⸗ guͤltigkeit, womit ſie beilaͤufig des Malers Erwaͤh— nung that, ſchien einen aufſteigenden Argwohn The— reſens wieder zu beſchwichtigen. — Alſo Herr Becher wird uns auch beſuchen? forſchte ſie beruhigt. Weiß denn Ihr Herr Vater, daß der Faͤrbermeiſter in Waldau lebt? — Ich glaube nicht und es iſt auch nicht noth— wendig, daß er es erfaͤhrt. Du kennſt ſein Vorur— theil gegen Alles, was ihn daran erinnert. — Es iſt himmelſchreiend, daß er von Ihrer guten Großmutter nichts hoͤren will. Wenn ich nicht waͤre, haͤtte ſie ja nicht einmal gewußt, daß noch ihre naͤchſten Anverwandten leben. Sie duͤrfen ihren Namen nicht einmal in ſeiner Gegenwart nennen. — Das ſoll mich indeß nicht abhalten, mit Herrn Becher zur gelegenen Stunde von meinen Anver⸗ wandten zu ſprechen. Ich geſtehe Dir, daß ich eine Sehnſucht nach ihnen und nach dem kleinen Waldau empfinde. Ich habe bis jetzt dem Vater hierin ge⸗ folgt, doch ich gebe noch nicht die Hoffnung auf, ihn umzuſtimmen. Eine Reiſe zu dem Grabe meiner Mut⸗ ter gehoͤrt zu meinen Lieblingswuͤnſchen. Auch die Großmutter moͤchte ich gern wiederſehn. Ich erinnere mich ihrer nur noch dunkel. —d 204— — Eine praͤchtige und kreuzbrave Frau, freilich von altem Schrot und Korn, ſchlicht und buͤrgerlich. Darum mag der Herr Vater jetzt von ihr und der ganzen Familie nichts wiſſen. Gott verzeih mir meine Suͤnde, aber ich glaube wirklich, daß er ſich ſeiner guten Schwiegermutter ſchaͤmt und ſich nicht gern der alten Zeiten erinnert. Da war Ihre ſelige Frau Mutter ganz anders. Jedes Jahr fuhren wir nach Waldau und blieben vierzehn Tage, manchmal auch vier Wochen in der Saͤgemuͤhle. Die ehrte und liebte ihre Angehoͤrigen, wie es ſich fuͤr ein Kind ziemt. Das Geld hatte ſie nicht ſtolz gemacht und wenn ſie auch mit Grafen und Fuͤrſten lebte, ſo wurde ſie darum nicht eitel und hochmuͤthig. Ach! ſte war zu gut fuͤr dieſe Erde, darum hat ſie der Himmel ſo zeitig aus der ſchlechten Welt genommen. Der geruͤhrte Ton der Kammerfrau ging allmaͤlig in ein lautes Schluchzen uͤber, was ihr ſtets zu be⸗ gegnen pflegte, wenn ſie auf ihre verſtorbene Herrin zu ſprechen kam. Adolphine wurde von dieſer treuen Anhaͤnglichkeit tief ergriffen. Auch ihre Augen wurden feucht. Nichts auf Erden war ihr ſo heilig als das An— denken an ihre Mutter. Je aͤlter ſie wurde, um ſo ſchmerzlicher empfand ſie ihren Verluſt. Seit v —"0 205— dem Tode der Hingeſchiedenen erſchien ihr das ganze Leben leer an Liebe. Sie hegte die Erinnerung an die Verſtorbene mit einer faſt an Uebertreibung graͤn⸗ zenden Pietaͤt. Alles Gute, Edle und Schoͤne legte ſie ihr bei. Ihre Mutter war in ihren Augen das Ideal weiblicher Vollkommenheit. Dieſen Glauben hielt ſte mit der ganzen Kraft ihres Herzens feſt. Wie ein lichter Stern ſtrahlte er ihr hoch uͤber allem Zweifel erhaben und goß Troſt und Frieden in ihre Bruſt. In einſamen Stunden kniete ſie vor dem Bilde ihrer Mutter und vertraute ihm ihre Schmer⸗ zen und Verirrungen unter Thraͤnen an. Aus dem⸗ ſelben Grunde war ihr die alte Kammerfrau eine liebe Geſellſchafterin, der ſie manche Freiheit geſtattete. Thereſe war eine Landsmaͤnnin der Verſtorbenen und hatte dieſe von Jugend auf gekannt. Sie war ihr von Waldau nach der Reſidenz gefolgt. Auf dem Sterbebette hatte ſie der Mutter das Verſprechen geben muͤſſen, die Tochter nicht zu verlaſſen. Die treue Dienerin hatte Wort gehalten und in Adolphi⸗ nens Herzen das Andenken an die Mutter lebendig erhalten und durch ihre Erzaͤhlungen genaͤhrt. Der Freiherr, welchem alle Mahnungen an ſeine verſtor⸗ bene Frau widerwaͤrtig waren, haͤtte dieſe lebendige Erinnerung gern aus der Naͤhe ſeiner Tochter ent⸗ — d 206— fernt. Indeß er wagte es nicht. Er ſcheute Adol⸗ phinens Eigenſinn, welche in dieſem Punkt, wie bei andern Gelegenheiten, ihn vollkommen zu beherrſchen ſchien. Nachdem die Kammerfrau ihre Thraͤnen getrocknet, wollte ſie ſich entfernen, um ihre Gebieterin unge— ſtoͤrt dem Schlaf zu uͤberlaſſen. — Jetzt aber haben wir genung geſchwaͤtzt und genung geweint, ſagte ſie unter Thraͤnen laͤchelnd. Es iſt ſchon ſpaͤt und der Schlaf vor Mitternacht iſt der beſte. Sie werden auch muͤde ſein und nach dem heutigen Schreck bei der Partie ſchlafen wollen. — Nein! ich bin nicht muͤde, eher aufgeregt. Du ſollſt noch da bleiben und mir von Waldau erzaͤhlen. Das aber hieß die gute Thereſe an ihrer ſchwa⸗ chen Seite faſſen. Sie konnte den Bitten ihres Lieb⸗ lings nicht laͤnger widerſtehn. Aber zur Ruhe mußte ſich doch Adolphine und in ihr Bett legen. Nur un⸗ ter dieſer Bedingung wollte die Kammerfrau da blei⸗ ben. Sie half der ſchoͤnen Herrin beim Auskleiden, wickelte ihr zuvor ſorgſam das weiche Seidenhaar ein und reichte ihr das weiße, feine, mit Spitzen reich beſetzte Jaͤckchen hin. Dann zog ſie ihr die Schuhe und Struͤmpfe von dem kleinen Fuß und deeckte ſie mit einer leichten Seidendecke zu. Dabei bewunderte — —e 207— ſie mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit die verborgenen Reize ihrer Gebieterin, welche ſie fuͤr das ſchoͤnte Weib auf Erden hielt. Nachdem dies geſchehen war, 8 ſchraubte ſie die Aſtrallampe niedriger und ruͤckte ſich einen Lehnſtuhl dicht an das Bett. — Biſt Du noch immer nicht fertig? fragte Adol⸗ phine ungeduldig. — Gleich, im Augenblick. — Setz' Dich und nun erzaͤhle auch, bis ich ein⸗ geſchlafen bin. Thereſe gehorchte und ließ ſich nicht laͤnger bitten. Sie ſprach von ihrem Geburtsort mit jener Waͤrme, welche ſtets die Erinnerung an die Heimath zu be⸗ gleiten pflegt. Sie ſchilderte die kleine Stadt mit ihren Gaſſen und Gaͤßchen, mit all den Haͤuſern und ihren damaligen Bewohnern. Sie fuͤhrte Adolphine zu ihren Großeltern, deren ſie ſich nur noch dunkel erinnerte. Da ſtand der alte Großvater mit den Silberhaaren und dem rothen freundlichen Geſichte vor ihren Augen und die treffliche Großmutter, welche ihr immer etwas Gutes zuſteckte und ſich ſtets ſo nett und ſauber trug. An der Hand Thereſens beſuchte ſie die ihr bekannt und lieb gewordenen Plaͤtze, den Kirch⸗ hof, wo ihre Mutter ſeit Jahren ruhte. Dort kniete ſie nieder in heißem Gebet. Dann ging es weiter nach dem kleinen Waͤldchen, wo ſie mit Georg friſche Haſelnuͤſſe gepfluͤckt hatte, nach der Brettmuͤhle, welche dem Onkel Saͤgemuͤller gehoͤrte. Sie hoͤrte das Rauſchen des klaren Baches und das Klappern der Muͤhlraͤder.— Wie ein Kind horchte ſie auf die Maͤrchen der eigenen Kinderzeit. Durch das halbgeoffnete Fenſter lauſchte der Mond, toͤnte das Rauſchen der vorbeiflie⸗ ßenden Traun und begleitete mit lebendigem Plaͤt⸗ ſchern jedes Wort der unermuͤdlichen Erzaͤhlerin. Adolphine lag mit untergeſtuͤtztem Arm auf dem wei⸗ ßen Kiſſen. Ihre glaͤnzenden Augen waren halb ge— ſchloſſen und die langen, zarten Wimpern bedeckten wie ſeidene Vorhaͤnge die ſtrahlenden Augen und daͤmpften ihre tiefe Glut. Ein freundliches Laͤcheln ſchwebte jetzt um den kleinen, trotzigen Mund. Ihre ſonſt ernſten Zuͤge waren mild und in Wehmuth auf⸗ geloͤſt. Wer haͤtte in dieſem ſanften, laͤchelnden Kinde die ſtolze, ſchroffe Salondame wiedererkannt? Und Thereſe mußte fortfahren und ihr von der Mutter erzaͤhlen, von deren Ausſehn, Leben und Gewohnheiten, von den uͤbrigen Verwandten und Freunden in Waldau. Die Erinnerung war ſo ſuͤß, und ein Gefuͤhl, das Adolphine lange nicht gekannt, —" 209— uͤberkam ſie. Treue Augen blickten ſie an, freund⸗ liche Haͤnde winkten ihr zu. Sie war nicht mehr allein, wie ſonſt. Sie ſah ſich von Menſchen um— geben, die ohne Falſch und Arg mit ihr verkehrten. Es war Alles ſo ganz anders, als in der Welt, in der ſie bisher gelebt. Lichte Geſtalten umſchwebten ſie, ein holdes, ſanftes Geſicht voll unausſprechlicher Liebe und Zaͤrtlichkeit beugte ſich zu ihr nieder und hauchte einen Kuß auf ihre Lippen. — Mutter! murmelte Adolphine traumbefangen. Thereſe erhob ſich lauſchend und fand ihre ſchoͤne Herrin eingeſchlafen. Vorſichtig, um ſie nicht zu wecken, ordnete die treue Dienerin die verſchobene Decke, dann ſchraubte ſie die Lampe noch niedriger und ſchloß leiſe das Fenſter, welches bisher auf Adol⸗ phinens Wunſch offen geblieben war. Auf den Zehen ſchleichend ordnete ſie noch alles Noͤthige und ſtellte die Nachtglocke auf den Tiſch. Mitt eneem zaͤrtlichen Blick, den ſie auf die Schlum⸗ mernde warf, verließ ſie das Zimmer, um ſich in der Naͤhe ebenfalls zur Ruhe zu begeben. — Ja, ja! murmelte ſie, waͤhrend ſie ſich langſam auskleidete. Sie iſt ein Engel, das ganze Ebenbild der Verſtorbenen. I. 14— — 5d 210-— XVI. Am andern Morgen erwachte Adolphine wunder⸗ bar geſtaͤrkt, aber ſpaͤter als ſie ſich vorgenommen hatte. Sie verſchlief deshalb ihre gewoͤhnliche Brun⸗ nenpromenade. Der helle Tag ſchien bereits durch das Fenſter, als ſie ſich im Bette aufrichtete. So⸗ bald ſie nur mit der Glocke das Zeichen gab, erſchien die Kammerfrau und half ihr beim Ankleiden. Schnell warf ſie einen dunklen Morgenrock uͤber, der ihre ſchwellenden Formen leicht und bequem verhuͤllte. Um das lockige Haar knuͤpfte ſie ein ſchwarzes Spitzen⸗ tuch. Waͤhrend ſie damit beſchaͤftigt war, erkundigte ſie ſich nach dem Freiherrn, ihrem Vater. — Der gnaͤdige Herr, berichtete Thereſe, ſind mit Frau von Starenberg bereits auf Promenade, wollen aber bald zuruͤckkommen und dann das Fruͤh⸗ ſtuͤck gemeinſchaftlich im Garten einnehmen. — Gut! Ich werde einſtweilen hinuntergehn und ihn erwarten. Adolphine griff nach einem Buche, das zufaͤllig auf dem Tiſche lag und begab ſich in den Garten. Das Haus, welches Herr von Buſch in Geſellſchaft der Baronin von Starenberg bewohnte, lag an der ſogenannten Esplanade, dem geſuchteſten und elegan⸗ — — —0 211— teſten Stadttheil. Der daran ſtoßende Garten blieb Apdolphinens Lieblingsaufenthalt. Hier verlebte ſie die wenigen einſamen Stunden, welche ihr gegoͤnnt wur⸗ den, hier fluͤchtete ſie hin, wenn ſie allein ihren Gedan⸗ ken nachhaͤngen wollte. Mit dem Buche in der Hand wandelte ſie zwiſchen duftendem Flieder und Blumen⸗ beeten zu ihrem Lieblingsſitz, einer ſchattigen Linden⸗ laube. Durch das ſchirmende Blaͤtterdach ſpielten die glaͤnzenden Sonnenſtrahlen, uͤber ihrem Haupte zwit⸗ ſcherten die Voͤgel einen friſchen Morgengruß. Sie oͤffnete das zierliche Buch, mit feinem Goldſchnitt ver⸗ ſehn, und las zunaͤchſt den Titel. Derſelbe lautete: Ruinen. Der Verfaſſer hatte ſich nicht genannt. Ihr Buchhaͤndler hatte ihr das Baͤndchen als eine neue und bedeutende Erſcheinung angeprieſen, darum nahm ſie auch das Buch nach Iſchl mit, um es mit groͤßerer Muße als in der Hauptſtadt zu durchleſen. Bisher war ſie noch nicht dazu gelangt. Jetzt erinnerte ſie ſich in den Kreiſen, wo dergleichen Erſcheinungen oberflaͤchlich beſprochen werden, von dieſen Gedichten bereits gehoͤrt zu haben. Sie wurden Baron Briolan, ob mit Recht oder Unrecht wiſſen wir nicht, zugeſchrie⸗ ben. Der Umſtand verlieh dem Buche in ihren Augen ein neues Intereſſe. Bald vertiefte ſie ſich drein. Aus dem Werke wehte ihr ein eigener Geiſt en⸗ 14* — d 212— gegen. Der Verfaſſer gehoͤrte entſchieden der moder⸗ nen Schule an. Bald erinnerte er an Heine, bald an Byron, dennoch bewahrte er ſich eine gewiſſe wilde und ausſchließlich ihm gehoͤrige Originalitaͤt. Den Grundton ſeiner Poeſieen bildete ein kuͤhner Skepti⸗ zismus voll bitterer Menſchenverachtung. Mit dieſer Stimmung wechſelten aber die zarteſten Erguͤſſe, die reinſten Empfindungen in vollendet ſchoͤner Form. Zuweilen erging ſich der Verfaſſer in den Irrgaͤrten einer dunkeln, ſchwaͤrmeriſchen Myſtik. Neben ſchrof⸗ fen und verworrenen Gedanken fand ſie die lieblich⸗ ſten Bilder, goldene Sterne, welche aus duͤſteren Wolken um ſo herrlicher hervorſtrahlten. Wenn der Verfaſſer von vergangener Liebe klagend ſprach, klang ihr ein wahrer, inniger Ton entgegen, der ein Echo in ihrem Herzen fand. Sie fuͤhlte ſich gefeſſelt und angezogen. Nur un⸗ gern legte ſie das Buch aus der Hand, als ſie ihren Vater in Begleitung der Baronin kommen ſah. Herr von Buſch ſchien trefflich gelaunt. Er be⸗ gruͤßte ſeine Tochter mit dem gewoͤhnlichen Morgen⸗ kuß und einem freundlichen Laͤcheln. — Ausgeſchlafen, mein Engel? fragte er mit ſuͤß⸗ licher Stimme. Ich wollte Dich nicht ſtoͤren laſſen, deshalb bin ich allein auf Promenade gegangen. Un⸗ — — 213— ſere Freundin hat Deine Stelle erſetzt und mich be⸗ gleitet. Wir haben Beide einen gehoͤrigen Appetit mitgebracht. Die Morgenluft zehrt und ich freue mich auf das Fruͤhſtuͤck. In einem zum Garten gehoͤrigen, eleganten Pa⸗ villon war der Kaffee bereits ſervirt und die Geſell⸗ ſchaft ſetzte ſich um den gedeckten Tiſch. Frau von Starenberg uͤbernahm das Amt der liebenswuͤrdigen Wirthin und fuͤllte die Taſſe des Freiherrn, wobei ſie ihre wohl conſervirte, nur etwas zu volle Hand auf das Beſte praͤſentiren konnte. Nach dem Fruͤh⸗ ſtuͤck, welches unter gleichguͤltigen Geſpraͤchen verlief, brachte der Bediente die indeß eingegangene Corre⸗ ſpondenz fuͤr den Freiherrn auf einem Teller. Ein Schreiben ſchien ganz beſonders ihn zu beſchaͤftigen. Beim Leſen deſſelben ſah man ihm die Freude an, welche er nicht zu verhehlen vermochte, und ſeine Mie⸗ nen druͤckten den hoͤchſten Grad von Zufriedenheit aus. — Charmant, charmant! ſchmunzelte er, indem er den Brief ſorgfaͤltig zuſammenfaltete und einſtweilen in ſeine Bruſteaſche ſteckte. — Lieber Papa! rief Adolphine, welche ſeine Freude bemerkte, Sie haben gewiß eine gute Nach⸗ richt erhalten, die Sie uns nicht vorenthalten duͤrfen. — Allerdings, Finchen! ſagte der Vater, welcher —eo 214— nur in ausgezeichneter Laune ihr dieſen abgekuͤrzten Namen zu geben wagte. — Sind die Actien wieder geſtiegen? — Unſere Actien ſtehen vortrefflich, entgegnete der Freiherr, indem er ſeiner Freundin einen bedeut⸗ ſamen Blick zuwarf. — Ich freue mich mit Ihnen, obgleich es mir lieber waͤre, wenn Sie im Bade wenigſtens mit den haͤßlichen Actien nichts zu thun haͤtten, die Ihnen gewoͤhnlich ſo viel Unruhe verurſachen. Sie regen ſich nur auf und der Arzt hat Ihnen erſt neulich un⸗ terſagt waͤhrend der Kur an Geſchaͤfte zu denken. — Bah! Das ſind nur Redensarten. Der Mann muß doch fuͤr's Geld etwas ſagen. Auch bin ich bisher ſeinen Befehlen ziemlich nachgekommen. — Und eben erſt im Augenblick haben Sie von Ihren Actien geredet. — Nicht von den meinigen, ſondern nur von den Deinigen. — Sie ſcherzen. Ich ſpeculire doch nicht in Actien, das uͤberlaſſe ich Anderen; der kleine Stich galt Frau von Starenberg, welche ihr Geld unter Anleitung des Freiherrn auf dieſe Weiſe anlegte. — Du wirſt es eben ſo machen, bemerkte Herr von Buſch, wenn Du Deine eigenen Capitalien zu —;— — p —.,— — 215— verwalten haben wirſt. Vorlaͤufig biſt Du noch ſo gluͤcklich einen Vater zu beſitzen, der fuͤr Dich es thut. — Ah! Jetzt begreif' ich erſt. Sie wollen mich gewiß uͤberraſchen und haben das kleine Vermoͤgen, welches mir die ſelige Mutter hinterlaſſen, in Actien angelegt und vielleicht ſchon verdoppelt. 3 Das Geſicht des Freiherrn verlaͤngerte ſich um ein Bedeutendes. Seine Tochter hatte da eine unange⸗ nehme Saite beruͤhrt. Er liebte es nicht an die Ver⸗ ſtorbene erinnert zu werden. Frau von Starenberg uͤberfiel zu gleicher Zeit ein hoͤchſt unangenehmer Huſten. Sie entfernte ſich alsbald unter dem Vor⸗ wande, daß die feuchte Gartenluft ihr nicht zutraͤglich ſei, und begab ſich auf ihr Zimmer. Vater und Tochter blieben jetzt allein zuruͤck. Die Eroͤffnungen, welche er ihr zu machen hatte, verſetzten ihn in einige Verlegenheit. Er fuͤrchtete den Eigen⸗ ſinn und Widerſtand, den ſie ſchon oft bei aͤhnlichen Gelegenheiten gezeigt. Auch jetzt vermied er den ſcharfen Blick, mit den ihn Adolphine betrachtete. Sie kannte ihn zu genau, um nicht irgend eine be⸗ ſondere und wichtige Mittheilung, die ſie betraf, von ihm zu erwarten. Es war in der That ein eigenes Verhaͤltniß, das —d 216— zwiſchen Beiden ſchon ſeit laͤngerer Zeit ſtattfand. Herr von Buſch hatte nach und nach ſeiner Tochter eine Herrſchaft eingeraͤumt, die ihm doch zuweilen laͤſtig fiel und die er ſei es aus Zaͤrtlichkeit und wirklicher Liebe, oder aus Schwaͤche und Gewohnheit nicht abzuwerfen wagte. Laͤngſt war ſeine vaͤterliche Autoritaͤt an ihr verloren gegangen und nur mit einem gewiſſen Zagen nahte er ſich dem eigenen Kinde. Dadurch war jede Offenheit und Vertraulichkeit aus ihrem gegenſeitigen Umgange verbannt. Nur auf Umwegen ſuchte er noch ſeine Wuͤnſche durchzuſetzen und mit Liſt ihr ſeinen Willen unterzuſchieben. Auch in dieſem Augenblick naͤherte er ſich nur ver— ſteckt ſeinem Ziel. Ihrem Scharfblick war indeß ſeine Verlegenheit nicht entgangen, und waͤhrend er unter gleichguͤltigen Reden und erzwungenen Scherzen ſie auf ſeine wichtigen Mittheilungen vorzubereiten ſuchte, un⸗ terbrach ſie ihn in dieſen Bemuͤhungen mit der ploͤtz⸗ lichen Frage: Nicht wahr, der Brief, den Sie ſo eben erhalten, hat ein beſonderes Intereſſe fuͤr mich und mein Geſchick? — Allerdings, ſtotterte er befangen. Darauf fuͤgte er ſich verbeſſernd hinzu: So einigermaßen. — Und darf man wiſſen, was er enthaͤlt und von wem er kommt? — ,— — ,— — e 217— Dem Freiherrn fiel eine Laſt von der Bruſt. Sie kam ihm ſelbſt entgegen, was er nicht erwartet hatte. Statt jeder Antwort reichte er ihr das Schreiben mit einem erzwungenen Laͤcheln hin. Sie nahm es und vertiefte ſich in ſeinen Inhalt. Waͤhrend ſie damit beſchaͤftigt war, verwandte er kein Auge von ihr. Aengſtlich und mit angehal⸗ tenem Athem belauſchte er jede Miene, jede Bewe⸗ gung. Ihr Geſicht blieb wie immer kalt und theil⸗ nahmlos. Kein Zucken, nicht das leiſeſte Beben ver⸗ rieth ihre innere Erregung. — Nun?— fragte er geſpannt, nachdem ſie mit dem Briefe zu Ende gekommen. — Das habe ich laͤngſt erwartet, entgegnete ſie im gleichguͤltigen Ton. — Ja, ja! Du biſt klug, mein Finchen, ſehr klug. Der Graf ſitzt feſt, verwundet, gefangen. He he! Zum Sterben verliebt! Der Freiherr bemuͤhte ſich von Zeit zu Zeit ein froͤhliches Laͤcheln auszuſtoßen, das aber ſogleich wieder verſtummte, als er den ernſten Blicken ſeiner Tochter begegnete. — Du wirſt doch nicht, ſtammelte er wieder ein⸗ geſchuͤchtert, ihm ebenfalls einen Korb ertheilen, wie ſo vielen Anderen? — 218— — Und wenn ich es thaͤte? fragte Adolphine ſtolz. — Nein, nein! Das wirſt Du nicht thun. Er iſt ein ſchoͤner, ein ſehr ſchoͤner Mann, ein vollen⸗ deter Cavalier. Gott! Wenn ich ein Maͤdchen waͤre, ſo wuͤrde ich mich keinen Augenblick beſinnen, und auch Du wirſt Dich nicht beſinnen, mein Finchen! Ich weiß, daß Du ihn leiden kannſt. Du haſt ihn immer gern geſehn. Nicht wahr? Bedenke nur, daß Du eine Graͤfin wirſt. Meine Tochter, eine Graͤfin! O! mein Kopf ſchwindelt mir bei dem bloßen Ge⸗ danken. — Bitte, lieber Vater, laſſen Sie uns im ern⸗ ſten Tone ſprechen, unterbrach ihn die Tochter. Ich bin mit Ihnen einverſtanden, daß der Antrag des Grafen wohl der Ueberlegung werth iſt. — Recht, ganz Recht! Wir wollen uͤberlegen, doch ich habe bereits fuͤr Dich uͤberlegt und meine Erkundigungen uͤber ſeinen moraliſchen Charakter ein— gezogen. Sie lauten im Allgemeinen guͤnſtig, hoͤchſt guͤnſtig. Einige kleine Liaiſons wollen nichts ſagen. Welcher junge Mann vom Stande haͤtte dergleichen nicht gehabt. — Ich weiß wohl, erwiederte Adolphine mit ver⸗ aͤchtlichem Achſelzucken. — — —d 219— — Sonſt iſt ſein Ruf rein wie Gold. Und ein Herz beſitzt er, wie kein zweites auf der Welt. Seine Gutmuͤthigkeit iſt ja ſpruͤchwoͤrtlich in der Reſidenz. Du wirſt ihn um den Finger wickeln koͤnnen. Er iſt, als waͤre er eigends fuͤr Dich beſtellt und ausgeſucht. Iſt er nicht gut, faſt zu gut? — Eine gewiſſe Gutmuͤthigkeit iſt ihm nicht ab⸗ zuſprechen, pflichtete die Tochter bei. — Siehſt Dul rief der Vater uͤber dieſes Einge⸗ ſtaͤndniß entzuͤckt, von dem er noch weiteren Gebrauch zu machen hoffte. Das freut mich, daß Du ihm Gerechtigkeit widerfahren laͤßt. Ich fuͤr mein Theil wuͤnſche mir keinen beſſeren Schwiegerſohn. Seine Guͤter ſind zwar etwas ſtark verſchuldet, aber das uͤberlaſſe mir. Ich werde ſchon mit ſeinen Glaͤubi⸗ gern accordiren. Deine Mitgift wird natuͤrlich ſicher⸗ geſtellt. Außerdem ſtrecke ich ihm noch zweimal hun⸗ derttauſend Gulden vor. Das reicht hin ſeine deran⸗ girten Verhaͤltniſee in Ordnung zu bringen. Die Guͤter ſind eine halbe Million noch unter Bruͤdern werth und haften uns fuͤr unſer Geld. Er bleibt unſer Schuldner und ſomit haben wir ihn immer in der Hand. Er darf ſich nicht mauſig machen. Du wirſt unumſchraͤnkte Herrin Deines Willens ſein und an ihm ſtets den gefaͤlligſten Ehemann finden. Denke — —0 220— nur, Finchen, Graͤfin Bangor, eine der erſten Damen am Hofe, mit der Zeit vielleicht Ehrendame Ihrer Majeſtaͤt! Du weißt, ſein Onkel iſt Kriegsminiſter und eine ſeiner Tanten Oberhofmeiſterin. O! die Bangors ſind eine reſpectable, hoͤchſt reſpectable Fa⸗ milie und unſer Wappen wird ſich mit dem ihrigen vereint ganz beſonders gut ausnehmen. Adolphine war an dieſe Sprache ihres Vaters be⸗ reits gewoͤhnt. Sie ſah die Dinge ſogar in demſel— ben Licht. Seine Gruͤnde und Auseinanderſetzungen waren ganz auf ihren Charakter berechnet. Von ſei⸗ ner vaͤterlichen Autoritaͤt machte er ſo gut wie gar keinen Gebrauch, nur ihren Stolz und ihre Eitelkeit ſuchte er zu reizen. In der Geſellſchaft, in welcher ſie lebte, ſah ſte die Ehe langſt zu einem bloßen con⸗ tractlichen Verhaͤltniſſe herabgeſunken. Zwar ſtraͤubte ſich ihr beſſeres Gefuͤhl gegen dieſe materielle Auf⸗ faſſung. Sie hatte ſich ein anderes Gluͤck getraͤumt. Wo aber war der Mann, welcher ihrem Ideale ſich nur einigermaßen naͤherte?— Sie hatte ſo viele Maͤnner kennen gelernt, Diplomaten und Kuͤnſtler, reiche Grundbeſitzer und vornehme Ariſtokraten, aber nirgends einen Mann. Zuletzt mußte ſie dem Gra⸗ fen Bangor wenigſtens das negative Verdienſt zuge⸗ ſtehn, daß er ſie am wenigſten anwiderte. Er war — —— —d 221— ihr vollkommen gleichguͤltig und dieſer Umſtand ſprach allein fuͤr ihn. Dennoch ſchwankte ſie auch in dieſem Augenblick, ſich zu entſcheiden. Sie ſuchte nach einer Ausflucht, um dem Draͤngen ihres Vaters zu entgehn. — Sie wiſſen, ſagte ſie nach kurzer Ueberlegung, daß der Fuͤrſt, als mein Pathe, mir das Verſprechen abgenommen hat, einen ſolchen Schritt nie ohne ſei⸗ nen Rath und ſeine Beiſtimmung zu thun. Sie ſelbſt ſind dem Fuͤrſten ſchon ſo viel ſchuldig, daß Sie dieſe Ruͤckſicht nur gerechtfertigt finden werden. Schrei⸗ ben Sie ihm und ich werde mich gern und willig ſei— ner Entſcheidung fuͤgen. Waͤhrend Adolphine dieſe anſcheinend gleichguͤlti⸗ gen Worte ſprach, ging dem Freiherrn eine wun⸗ derbare und hoͤchſt ſeltſame Veraͤnderung vor. So⸗ bald er den Namen des Fürſten nur aus ihrem Munde hoͤrte, ſchwand das bisherige, ſuͤße Laͤcheln von ſei— nen Lippen. Seine kleinen, ſchwarzen Augen began⸗ nen unheimlich zu funkeln. Das Geſicht, welches durch die buſchigen Augenbrauen und die gebogene Naſe an den Kopf einer Eule erinnerte, nahm immer mehr den Ausdruck und die Phyſiognomie eines blut⸗ gierigen Raubvogels an. In ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich ein wilder, unverſoͤhnlicher Haß aus, deſſen —e 222— Ausbruch nur durch eine geheime Furcht vor ſeinem maͤchtigen Goͤnner und geheimen Gegner zuruͤckgehal— ten wurde. Krampfhaft druͤckte der Freiherr die goldene Tabacksdoſe zuſammen, welche er in ſeinen Haͤnden ſpielend hielt. 1 — Der Fuͤrſt, der Fuͤrſt! ſtammelte er mit unter⸗ druͤckter Wuth. Was geht mich der Fuͤrſt an? Adolphine warf ihrem Vater einen verwunderten Blick zu. Er fuͤhlte, daß er bereits zu weit gegangen, und ſuchte darum ihren aufſteigenden Argwohn zu be⸗ ſeitigen. Mit der ungeheuerſten Anſtrengung gelang es ihm auch, die Tochter zu taͤuſchen und Herr ſeiner Aufregung zu werden. Im naͤchſten Moment gab er ſeinen Zuͤgen wieder den uͤheren, freundlichen und wohlwollenden Ausdru ogar ein Laͤcheln gelang ihm noch, wenn daſſelbe auch einem haͤßlichen Grin⸗ ſen naͤher kam. Von Zeit zu Zeit warf er aber einen aͤngſtlich lauernden Seitenblick auf Adolphine. — Du mußt mich nicht mißverſtehn, ſagte er im ruhigeren Tone. Ich weiß am Beſten, was wir dem Fuͤrſten ſchuldig ſind. Ihm allein verdanken wir un— ſere Lage. Ich halte es ebenfalls fuͤr meine Pflicht, ihn von den Bewerbungen des Grafen in Kenntniß zu ſetzen. Das ſoll ſogleich geſchehn, wenn Du Dich entſchieden haſt. Als Dein Pathe hat er gewiſſerma⸗ — e 223— ßen dieſe Ruͤckſicht zu fordern. Dagegen muß ich mich entſchieden gegen jede Einmiſchung in unſere Familien⸗ verhaͤltniſſe erklaͤren. Das Verſprechen, welches Du ihm gegeben, hat durchaus keine Bedeutung, es iſt eine reine Formalitaͤt. Mein Gott! Der Fuͤrſt hat andere Dinge im Kopfe und mehr zu thun, als ſich um unſere haͤuslichen Angelegenheiten zu kuͤmmern. Auch bin ich feſt davon uͤberzeugt, daß er Deine Wahl nur billigen wird. Dennoch werde ich Deinen Willen thun und ihm ſchreiben. Zugleich will ich aber auch dem Grafen die Anzeige machen, daß er kommen darf, um ſich das Jawort aus Deinem eigenen Munde ab⸗ zuholen. Goͤnnen Sie mir noch einige Tage. Ich moͤchte mich nicht uͤbereilen, entgegnete ſie noch immer aus⸗ weichend. — Zum lUeberlegen haſt Du, wie ich glaube, Zeit genug gehabt. Du kennſt den Grafen hinlaͤng⸗ lich. Schon ſeit Monaten kommt er in unſer Haus. Nur Deinetwegen hat er uns nach Iſchl begleitet. Wollteſt Du ihn abweiſen, ſo mußteſt Du es fruͤher thun. Jetzt iſt es faſt zu ſpaͤt. Alle Welt weiß, daß er Dir den Hof macht. Er weicht nicht von Deiner Seite und Du haſt ſeine Aufmerkſamkeiten immer — o 224— gern geſehn. Trittſt Du jetzt zuruͤck, ſo compromit⸗ tirſt Du nur Dich. 1 — Wohl wahr! bemerkte ſie, zum Theil nur von ſeinen Gruͤnden uͤberzeugt. Unmuthig aber ſetzte ſie hinzu: Iſt es nicht entſetzlich, daß jeder Mann, der uns nicht mißfaͤllt und den wir um uns dulden, ſchon ein Anrecht auf unſer Herz zu haben glaubt! — Das iſt einmal der Lauf der Welt. Im Grunde genommen ſehe ich nicht ein, warum Dir auch der Graf mißfallen ſollte. Die Vortheile liegen klar auf der Hand und eine beſſere Partie duͤrfte ſich nicht ſo leicht fuͤr Dich finden.. — Wenn ich ihn aber nicht liebe! — Un ſo beſſer, rief der Freiherr, um ſo beſſer. Deine Wahl iſt dann keine blinde. Ich habe Dir immer einen ſcharfen Verſtand zugetraut, der die ungeſtuͤmen Regungen des Herzens zu beherrſchen weiß. Man ſoll bei einem ſolchen Schritte ſich nicht von einer thoͤrichten Leidenſchaft, ſondern von der ruhigen Ueberlegung leiten laſſen. Zuerſt muß man die Verhaͤltniſſe beruͤckſichtigen. Das habe ich bereits fuͤr Dich gethan. Wenn ich nicht dieſe Verbindung in jeder Beziehung fuͤr Dich vortheilhaft gefunden haͤtte, ſo wuͤrde ich Dir nicht dazu rathen. Glaube — — —— — 225 4— mir, mein Kind, daß Dein Gluͤck mir mehr am Her⸗ zen liegt, als das meinige. Der Freiherr wiſchte ſich die Augen, als ob er weinte. Es mußte ihm ein Staͤubchen Schnupftaback hineingefallen ſein, denn es zeigten ſich wirklich die Spuren einiger Thraͤnen. In Adolphinens Herzen regte ſich noch immer, wenn auch nur ein ſchwacher Widerſpruch. Die Denk⸗ weiſe ihres Vaters war ihr ſelbſt nicht fremd. Er⸗ ziehung und Beiſpiel ließen ſie ſogar die Richtigkeit ſeiner Anſichten uͤber Liebe und Ehe nicht bezweifeln. Die Gleichguͤltigkeit, welche ſie den Maͤnnern gegen⸗ uͤber empfand, unterſtuͤtzten ſeine Bemuͤhungen. Den⸗ noch zoͤgerte ſie auch jetzt noch ihre Einwilligung zu ge⸗ ben. Sie hatte einſt von einem unausſprechlichen Gluͤck, von einer großen und heiligen Liebe einen ſchoͤnen Traum getraͤumt. Die Erinnerung an ihren Traum rauſchte in dieſem verhaͤngnißvollen Augenblick an ihr voruͤber. Sie glaubte eine bekannte Stimme zu hoͤren, einen Warnungsruf zu vernehmen. Eine lichte Ge⸗ ſtalt wandte ſich weinend von ihr ab. War es ihr Genius, der ſie mit verhuͤlltem Haupt verließ, die Mahnung des Jdeals, welches ſie, wie jede Frau, geheim in ihrem Buſen verſchloß und das ſie ſchnoͤde jetzt verleugnen wollte? I. 15 * — e 226 6— Doch der Schatten verſchwand, der Traum zerrann und die Wirklichkeit mit ihren aͤußeren Verlockungen ſiegte. Es war nicht einmal ein Kampf zu nennen, was ſich in Adolphinens Herzen regte, nur ein ſchwa⸗ ches Straͤuben, ein leiſer Widerſtand. Dann fuͤgte ſie ſich reſignirt dem modernen Frauenſchickſal. Sie ver⸗ leugnete ihr beſſeres Selbſt und brachte ſich ſelbſt auf dem Altar des Materialismus zum Opfer dar. Der Freiherr belauſchte aͤngſtlich dieſen kurzen Moment apathiſcher Ueberlegung. Sein Auge hing an ihrem Munde. — Schreiben Sie dem Grafen, ſagte ſie mit kal— ter Ruhe, daß ich mich durch ſeinen Antrag geehrt fuͤhle. Ich erwarte ihn. — Finchen! Das iſt der ſchoͤnſte Tag meines Lebens. Jetzt weiß ich erſt wie einem gluͤcklichen Vater zu Muthe iſt. — Vergeſſen Sie auch nicht dem Fuͤrſten die noͤ⸗ thige Anzeige zu machen. — Du kannſt Dich darauf verlaſſen, entgegnete der entzuͤckte Freiherr, welcher am Ziele aller ſeiner Wuͤnſche zu ſtehn glaubte. — Und jetzt geſtatten Sie mir, daß ich mich zu⸗ ruͤckziehe. Ich kann unmoͤglich in dieſer Toilette den —,— ——— Grafen empfangen. Ich will mich ſogleich umkleiden laſſen. — Thue das, mein Kind, mein Engel. Der gluͤckliche Freiherr umarmte noch mehrere Male ſeine Tochter, die ſich geduldig ſeine uͤbertrie— benen Liebkoſungen gefallen ließ. Derartige Aus⸗ bruͤche ſeiner vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit gehoͤrten allerdings zu den Seltenheiten und kamen nur bei außerordent⸗ lichen Gelegenheiten, wie die jetzige, vor. Schnell aber, als fuͤrchtete er von ihrer wechſelnden Laune ſchon im naͤchſten Augenblicke einen Widerruf, been⸗ dete der Freiherr dieſe ungewohnten Herzensregungen und eilte, um ſeine Freundin zunaͤchſt von dem Er⸗ folge der auch fuͤr ſie hoͤchſt wichtigen Verhandlung zu unterrichten. Adolphine blieb zuruͤck. Ihr Geſicht war nicht das einer gluͤcklichen Braut. Eine tiefe Trauer be⸗ maͤchtigte ſich ploͤtzlich ihrer Seele. Sie haͤtte auf— ſchreien moͤgen und dem Vater nachſtuͤrzen, um das gegebene Wort von ihm zuruͤckzufordern. Herr von Buſch kannte in der That ſeine Tochter ſehr genau. Nur ihr Stolz hielt ſie zuruͤck, ſie wollte nicht in den Augen ihres Vaters kindiſch erſcheinen und ſich eine neue Bloͤße geben. Langſam erhob ſie ſich und ſtrich mit ihrer Hand 15* — 228— uͤber die weiße Stirn, als wollte ſie alle truͤben und quaͤlenden Gedanken verſcheuchen. Dann ging ſie auf ihr Zimmer. Sie mußte ja noch Toilette machen, um ihren Verlobten zu empfangen.— XVII.. 8 Am aͤußerſten Ende von Iſchl liegt eine kleine Villa, welche die Schweſter des Baron Briolan, eine Graͤfin Kollmar bewohnte. Sie war Wittwe, kin⸗ derlos und lebte ſchon ſeit langen Jahren zuruͤckge⸗ zogen von der Welt in Geſellſchaft einer gleichgeſinn⸗ ten Freundin. Das nur einſtoͤckige Haus lag tief verſteckt in einem Garten, von dem es rings eingeſchloſſen wurde. Eine hohe Mauer und die alten Taxusbaͤume dahin⸗ ter verliehen dem Gebaͤude einen kloͤſterlichen Anſtrich. Kein profaner Blick konnte ſo leicht dieſe ſchattige Einſamkeit durchdringen. Das Portal blieb den gan⸗ zen Tag verſchloſſen und oͤffnete ſich nur den ganz genau Bekannten. Trat man durch die Pforte von Eichenholz in den Garten, ſo erblickte man hinter den dichten Baͤumen, welche gleichſam eine zweite Mauer bildeten, die reizendſten Anlagen, wohlgeord⸗ —o 229— nete Blumenbeete und eine Reihe kunſtvoll gezogener Roſenlauben, welche jetzt in vollſter Bluͤthe ſtanden. Roſenduft und Roſenſchimmer ſchwebten von allen Seiten her. Die ſchoͤnſten, hochſtaͤmmigen Baͤume umgaben jedoch ein ſteinernes Kreuz, das in der Mitte des Gartens ſtand. Die rothen Bluͤthen hin⸗ gen wie wuͤrzige Blutstropfen um das weiße Mar⸗ morbild. Von dem Garten fuͤhrte ein Vorſaal zu der eigentlichen Wohnung. Dieſe Halle, welche im Som⸗ mer auch als Speiſeſaal diente, konnte durch eine Glasthuͤre vollkommen geſchloſſen werden. Durch die bunten Glasſcheiben erſchien das Tageslicht nur ge— daͤmpft als ſanfte, blaͤuliche Daͤmmerung. Der Fuß⸗ boden war mit Moſaik ausgelegt und im Hinter— grunde verbreitete ein plaͤtſchernder Springbrunn eine angenehme Kuͤhle. Zu beiden Seiten ſtiegen einige Steintreppen empor, welche nach den Ge⸗ maͤchern fuͤhrten.— Das Wohnzimmer der Graͤfin war mit grauen Tapeten bekleidet, die vollkommen zu dem kloͤſterlichen Charakter des ganzen Hauſes paßten. Nur der dazu verwendete Stoff zeichnete ſich durch Feinheit und, wie Alles hier, durch Gediegenheit aus. An den Waͤnden hingen in dunklen Rahmen von geſchnitztem Holz die herrlichſten Heiligenbilder, meiſt Originale —5 230-— aͤlterer Meiſter, dazwiſchen einige vorzuͤgliche Copieen. Die uͤbrigen Moͤbel erſchienen einfach, doch von den ſeltenſten Hoͤlzern im gothiſchen Geſchmack gearbeitet. Stuͤhle und Sopha waren mit weichen Kiſſen von dunklem Sammt bedeckt. Um Thuͤre und Fenſter wall⸗ ten lange, ſchwere Vorhaͤnge von demſelben Stoff. Jede einzelne Scheibe enthielt ein koſtbares Glasge⸗ maͤlde, der Bibel und Heiligengeſchichte entlehnt, gluͤ⸗ hend in bunter Farbenpracht. Ueber dem getaͤfelten Fußboden lag ein großer, weicher Teppich ausgebrei⸗ tet, der jeden Schall im Zimmer daͤmpfte. Auf der zierlichen Etageère in Form einer altdeutſchen Kapelle ſtand die Statue der Jungfrau aus Elfenbein ge⸗ ſchnitzt, zu beiden Seiten von gefuͤllten Blumenvaſen umgeben. In einer Ecke befand ſich ein eigenthuͤm⸗ liches Moͤbelſtuͤck, der Betſchemel, uͤber dem ſich ein kleiner Hausaltar erhob. In der Mitte deſſelben hing eine treffliche Copie der buͤßenden Magdalena von Corregio. Roſenbouquets waren auch hier viel⸗ fach verſchwendet und verbreiteten in der ganzen Woh⸗ nung einen ſuͤßen Duft. So glich dies eigenthuͤmliche Zimmer halb einem eleganten Salon, halb einer zierlichen Kapelle. Die Einrichtung verband mit dem gediegenſten Lurus eine religioſe Weihe und kloͤſterliche Einfachheit. Bou⸗ — — 231 8— doir und Zelle waren geſchmackyoll mit einander ver⸗ ſchmolzen und die urſpruͤnglich widerſtrebendſten Ele⸗ mente gluͤcklich vereinigt. Es herrſchte hier eine fromme und doch wieder weltliche Atmoſphaͤre, eine wohl⸗ thuende Stille, ganz geſchaffen fuͤr eine Frau von Stande, welche ſich aus der großen Welt zuruͤckgezo— gen hat, ohne ihre fruͤheren Gewohnheiten gaͤnzlich zu verleugnen. In dieſem kloͤſterlichen Boudoir oder frommen Salon ſaß die Schweſter des Baron Briolan. Sie war mit einer kirchlichen Arbeit, mit dem Sticken einer reichen Altardecke beſchaͤftigt. Ihr Geſicht glich dem ihres Bruders, nur war es weicher, ſchwaͤchli⸗ cher. Ein ſchwaͤrmeriſcher Zug um Mund und Augen ſchien Beiden gemeinſam. Die Blaͤſſe ihres Geſichtes mußte auffallen und deutete ein tiefes, koͤrperliches oder Seelenleiden an. Dieſe zuckenden Lippen, welche ſie zuweilen ſchmerzhaft bewegte, erzaͤhlten eine trau⸗ rige Paſſionsgeſchichte. Sie ſtanden im Widerſpruch mit dem muͤhſam errungenen Frieden, der wie eine Maske auf ihrem bleichen Antlitz lag. Auch in ihrer Kleidung zeigte ſich dieſelbe kloͤſterliche Einfachheit, die doch nicht einer gewiſſen Eleganz entbehrte. Ein dun⸗ kelfarbener Seidenrock ſchloß dicht bis an den Hals, ohne ihre noch immer ſchoͤnen Formen zu verbergen. — 232— Die Aermel des Gewandes reichten ebenfalls, den Arm verhuͤllend, bis zu der ſorgfaͤltig gepflegten, aͤcht ariſtokratiſchen Hand, welche emſig mit der Nadel und dem Golddrath beſchaͤftigt war. Von Zeit zu Zeit jedoch hielt ſie in ihrer Arbeit inne und blickte mit der innigſten Theilnahme zu ihrem Bruder auf, der neben ihrem Stuhl in der Naͤhe des Fenſters ſtand. Sein Geſicht trug unverkennbar die Spuren der vorangegangenen Nacht. Er ſah tiefbe⸗ kuͤmmert und gebrochen aus. Mit klangloſer Stimme erzaͤhlte er der Schweſter, vor der er kein Geheimniß hatte, die Abenteuer, die er vor Kurzem erſt erlebt. — So ſtand ich, ſchloß er traurig, auf dem Go⸗ ſauzwang umgeben von den Geſpenſtern der Erinne⸗ rung und ſtarrte in den Abgrund. Der Verſucher ſtand neben mir. Ich hoͤrte ſeine Stimme. Er deu⸗ tete auf die Tiefe zu meinen Fuͤßen und fluͤſterte mir zu: Da Unten wohnt der Friede. — Gott Lob, daß Du nicht auf ihn gehoͤrt, ver⸗ ſetzte die Graͤfin mit gefalteten Haͤnden. O Leon! Was haͤtte ich ohne Dich begonnen, haſt Du nicht an mich gedacht? — Vielleicht waͤre es beſſer g geweſen, ich haͤtte es nicht gethan und laͤge jetzt ſtumm und ruhig da. — Die heilige Jungfrau hat Dich und mich vor *—— einem ſolchen Verbrechen beſchuͤtzt. O Gott! die Sinne vergehen mir, wenn ich daran denke. — Aber was ſoll ich beginnen? Ich kann das entſetzliche Bild dieſer Mißgeburt noch immer nicht los werden. Mein Sohn ein Kretin! — Daran erkenne ich den Finger Gottes. Beu⸗ gen wir uns unter ſeiner ſtrafenden Hand. Rufe die Heiligen an. O geliebter Leon! folge meinem Rath, fluͤchte Dich mit Deinen Schmerzen, mit Allem, was Dein Herz bedraͤngt, zu den Fuͤßen unſeres goͤtt⸗ lichen Erloͤſers. Er wird Dich troͤſten und wieder aufrichten. Die Graͤfin hatte ihre Stickerei fallen laſſen und war im Eifer des Geſpraͤches aufgeſprungen. Ueber ihr bleiches Geſicht flog eine fieberhafte Roͤthe, ihre dunklen Augen leuchteten in ſchwaͤrmeriſcher Glut. Sie ergriff den zoͤgernden Bruder bei der Hand und zog ihn mit ſich zu dem Altar, vor dem ſie nieder— kniete. — Bete, bete! rief ſie in frommer Verzuͤckung, damit der Herr Dich erleuchte und uns unſere Schuld vergebe. Sie hob die Haͤnde empor zu dem Bilde der reui⸗ gen Magdalena, welche ſie zu ihrer Schutzpatronin gewaͤhlt, und ihre Lippen murmelten feurige Worte, — 234 6— gluͤhende Gebete. Briolan kniete von ihrer Inbrunſt ergriffen neben ihr in tiefſter Andacht. Auf dieſe Weiſe beſchwichtigte er momentan wohl die nagenden Schmerzen ſeiner Seele, ohne fuͤr die Dauer Ruhe und Frieden zu gewinnen. Wie ge⸗ woͤhnlich ſchloß auch diesmal die aufregende Scene mit einer Umarmung, wobei die Graͤfin einen reichen Thraͤnenſtrom vergoß. Nach einer Pauſe winkte ihm die Schweſter. — Komm ſagte ſie, Joſephe erwartet uns. Sie hat ſchon mehrere Mal nach Dir gefragt. — Wie geht es der Armen? forſchte der Baron theilnahmvoll. — Sie hat einige Stunden geſchlummert, wie mir die Kammerfrau geſagt, welche die ganze Nacht bei ihr gewacht hat. Aber ihr Schlaf war meiſt un⸗ ruhig, von Traͤumen und Viſionen unterbrochen. Oft hat ſie laut aufgeſchrieen und Deinen Namen mit klaͤglicher Stimme genannt. — Armes, armes Weib! — O! Sie iſt eine Heilige und trägt ihr Loos mit himmliſcher Ergebung. Komm! ſie ſehnt ſich nach Deinem Anblick. Nur Du allein vermagſt ihre Leiden zu lindern. Von einem Tag zum andern ſehe ich ihrer Aufloͤſung entgegen. Dann bin ich ganz verwaiſt. —-— — — Ploͤtzlich wurde die Graͤfin in ihren Klagen durch einen wunderbaren Geſang unterbrochen. Es lag etwas Ueberirdiſches in dieſen Toͤnen, welche wie eine Glasharmonika die Nerven angriffen. Es waren Bruchſtuͤcke einer alten Kirchenhymne. — Hoͤrſt Du ſte? fragte die Schweſter von einem leichten Schauder ergriffen. Es iſt als ob eine Stimme vom Himmel kaͤme. So moͤgen die Choͤre der Engel lauten. Vielleicht ſchwebt ihr Geiſt in die⸗ ſem Augenblick empor zu Gottes Thron und ſingt im Verſcheiden noch ein Schwanenlied. Laß uns eilen, damit wir noch ihren Segen empfangen. Briolan ſtand wie feſtgebannt. Nur mit Wider⸗ ſtreben folgte er der draͤngenden Schweſter nach dem Zimmer, wo die kranke, oder nach ihrer Meinung ſchon ſterbende Joſephe lag. Die Graͤfin aber ſchob jetzt mit ihrer Hand den ſchweren Sammtvorhang zuruͤck und oͤffnete leiſe und geraͤuſchlos die Thuͤr. Der Baron ſtand noch immer zoͤgernd an der Schwelle. — Briolan! rief eine ſanfte und doch tief ein⸗ ſchneidende Stimme. Er vermochte ihr nicht laͤnger zu widegkehen. —“ 236— XVIII. Das Zimmer, welches er betrat, war ganz dun⸗ kel, die Laͤden geſchloſſen, ſo daß auch kein Strahl des Tageslichtes hineindringen konnte. Nur eine rothe Ampel, welche an der Decke hing, goß ihren magiſchen Schein auf das Geſicht der Kranken, welche mit halbgeſchloſſenen Augen auf einem koſtbaren Bette lag. Sie war vollkommen mit einer ſeidenen Decke verhuͤllt, nur der Kopf war ſichtbar. Das lange, ſchwarze Haar, welches uͤber die gelblichen Wangen und die Schlaͤfen niederfiel, gab ihm ein geiſterhaftes Ausſehen. Sie ſtreckte noch immer mit halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen dem Baron ihre magere, faſt durchſich⸗ tige Hand entgegen.— — O Briolan! ſeufzte ſie, warum haben Sie mich verlaſſen? Doch nein, ich war ja mit Ihnen. Ich ſtand dabei, wie Sie verzweiflungsvoll in die Tiefe niederſtarrten. Ach! welche Schmerzen haben Sie mir bereitet! Ich fuͤhlte die Schauer des Todes. Nein, nein! Sie duͤrfen noch nicht ſterben. — Höoͤrſt Du ſie? fluͤſterte leiſe die Graͤfin. Jo⸗ ſephe weiß Alles. Sie iſt eine Heilige. — Vo haben Sie mich geſehen? fragte Briolan in hoͤchſter Aufregung. . — — — — e 237— — Dort auf der Bruͤcke, welche vom Leben zum Tode fuͤhrt, hauchte die Hellſeherin. Die Reue nagte an Ihrem Herzen. Der Herr hat Ihnen eine ſchwere Pruͤfung auferlegt, doch Sie werden beſtehn. — Joſephe! kennen Sie die Urſache meiner Schmerzen? — Der Geiſt hat mir Alles offenbart. Sie woll⸗ ten vergangene Suͤnden wieder gut machen, aber ſtatt der gehofften Seligkeit fanden Sie nur die Schrecken des Todes. — Alſo iſt es wahr, bin ich der Vater— Der Baron vollendete nicht. Er konnte den Na— men des Kretins nicht uͤber ſeine Lippen bringen. — Sie ſind es, ſagte die Somnambule, denn eine ſolche war die kranke Geſellſchafterin der Graͤfin. — Was ſoll ich beginnen, was kann ich jetzt noch thun, um mein Verbrechen zu ſuͤhnen? fragte Briolan von Neuem in ſeinem Glauben beſtaͤrkt. — Legen Sie Ihre Haͤnde mir auf und dann will ich Ihnen antworten. 4 Der Baron fuͤhrte einige Striche niſſßen Fin⸗ gern vom Scheitel bis zur Zehe der Leidenden in be⸗ ſtimmt wiederkehrenden Pauſen, wobei er ſein Auge durchdringend auf das bleiche Geſicht der Somnam— bule richtete. Sie ſchloß jetzt ihre Augen gaͤnzlich, —2 238 uͤber ihre Lippen ſchwebte ein eigenthuͤmlich verklaͤrtes Laͤcheln. — Schlafen Sie? fragte er. — Ich ſchlafe, antwortete die Kranke mit voll⸗ ſtaͤndig geſchloſſenen Augen. — Wollen Sie mir jetzt Auskunft ertheilen? — Gern und willig. — So reden Sie. — Der Geiſt redet, nicht ich, die ich nur ein ſchwaches Werkzeug in den Haͤnden des Gewaltigen bin. Ich hoͤre ihn rauſchen. Er kommt mit ausge⸗ breiteten Fittigen ſauſend wie ein Adler durch die Luft einher. Willkommen, willkommen! Engel des Lichts, Heiliger des Himmels! Ich beuge mich vor deiner Macht.— Jetzt beruͤhrt er mein Herz und es glüht wie eine helle Flamme. In meiner Seele wird es Licht. Ich ſehe mein Inneres, tauſend rothe Aeder⸗ chen und weiße Faͤden, ein wunderbares Geſpinnſt, das von mir bis zu Dir heruͤberreicht, Leon, Freund meiner Seele. Wie ſich das verbindet und verzweigt, mein Lebenafließt in das Deine uͤber, wie der Quell in den der ihn fortfuͤhrt, weit, weit weg zu dem maͤchtigen Ocean, der alles Irdiſche umfaßt. — Reden Sie klarer, ich verſtehe Sie nicht. — Lege Deine Hand auf meine Stirn, damit die 1 3 —— — —“ 239 8— aufgeregten Elemente zur Ruhe kommen. So. Jetzt finde ich mich und Dich in dem wirren Chaos wieder. Frage mich und ich werde Dir antworten. — Ich verlange, daß Sie mir Ihren Rath er⸗ theilen. Sagt Ihnen der Geiſt, was ich in dieſer dunkeln Angelegenheit zu thun habe? — Höoͤre ſeine Stimme. Er will, daß Du keine weiteren Nachforſchungen anſtellen ſollſt. Laß die Todten in ihrem Grabe, ſtoͤre nicht ihren Frieden. — Sie reden von der todten Margaretha und ich verlange Auskunft uͤber den Lebenden. — Auch Er, den Du meinſt, ſoll ein Todter fuͤr Dich ſein. — Sprechen Sie von meinem— Sohn? — Von ihm, der Dir tauſend Schmerzen bereitet und deſſen Anblick Dein Herz erſchuͤttert hat. Du ſollſt nicht mehr an ihn denken. Das Kind der Suͤnde muß in der Dunkelheit verſchwinden, aus der es em— porgetaucht. Hoͤrſt Du mich? — Ich hoͤre. Aber Sie wiſſen, Joſephe, mein Gewiſſen mich quaͤlt, daß ich meine ld auf irgend eine Weiſe ſuͤhnen moͤchte. Geben Sie mir den Weg an, den ich einzuſchlagen habe, um mein Vergehen wieder gut zu machen. — Der einzige Weg iſt Buße und reuiges Gebet. daß 4* —" 240— — Ich habe Beides bereits vergebens verſucht, ohne Erleichterung zu verſpuͤren. — Kleinmuͤthiger! Nur der Glaube allein macht ſtark. Du aber biſt noch ſchwach im Glauben. Du 4 mußt Dich noch tiefer beugen und noch mehr demuͤthi⸗ gen. Wirf ab von Dir den irdiſchen Glanz, der Dich umgiebt, laß fahren Dein weltlich Hab' und Gut. Was nützen Dir Deine Schaͤtze, Deine Guͤter, Deine Schloͤſſer! Du findeſt in ihnen keine Ruhe. Die Speiſe, die Du genießeſt, ſaͤttigt Dich nicht, und der Schlaf flieht von Deinem Lager. Wahr, wahr! murmelte Briolan tief ergriffen. — Suche nicht Troſt bei Deinen Buͤchern, fuhr die Somnambule in demſelben Tone fort. Sie koͤn⸗ nen Dir nicht helfen, ſondern verwirren Deinen Geiſt noch mehr. Was nuͤtzt die Weisheit, welche ſie leh⸗ ren? Biſt Du gluͤcklicher dadurch geworden? Sie haben Dich und die ganze Menſchheit nur zum Ab⸗ fall von Gott gebracht. Fliehe die Irrlehren Deiner Philoſophen, welche ſich in ihrem Stolz vermeſſen, den Hi ſelbſt zu ſtuͤrmen, und die nicht im Stande ſind, den Wurm im Staube zu begreifen. — Ich weiß, daß Sie Recht haben, Joſephe! Doch was ſoll ich beginnen? forſchte der Baron immer mehr eiſchüttert— — 241*— Das Geſicht der Kranken faͤrbte ſich jetzt roͤther. Ihre Glieder wurden von einem convulſtviſchen Zucken ergriffen, die Sprache klang lauter und ihr Auge flammte in eigenthuͤmlichem Glanz. — Werde ein Streiter der Kirche, rief ſie mit zitternder, bewegter Stimme. Deine Vorfahren ſind es vor Dir geweſen. Heute wie fruͤher drohen dem wahren Glauben von allen Seiten Gefahren. Die Luͤge des Atheismus und der Ketzerei erhebt ihe ver— fluchtes Haupt von Neuem und hat ſich mit dem Geiſt der Revolution verbunden. Es gilt jetzt die alte Schlange mit ihrer jungen Brut zu zertreten. Auf und ruͤſte Dich, waffne Dich mit dem heiligen Schwerdte und ziehe es im Namen der Heiligen ge— gen Satan und ſeine Genoſſen. So ſpricht der Geiſt zu Dir. Verlaſſe die ſchnoͤde Welt mit ihrer verlockenden Luſt, wende Dich von ihr ab. In drei Monaten ſollſt Du aufbrechen und nach Rom wan⸗ dern. Dort wirſt Du in der kleinen Kirche Santo Pietro in Carcere am Eingange links zu dem dritten Beichtſtuhl am fruͤhen Morgen treten, noch ehe die Meſſe begonnen hat. Du findeſt daſelbſt einen wuͤr⸗ digen Bruder, Namens Ignatius. Ihm beichteſt Du Deine Schuld und er wird Dir vollſtaͤndige Abſolu⸗ tion ertheilen. 1. 16 242— — Weiter, weiter! draͤngte Briolan von der Wahrheit des Gehoͤrten uͤberzeugt. — Forſche nicht mehr, ſagte die Hellſeherin mit einer abwehrenden Handbewegung. Was Dir zu thun uͤbrig bleibt, wird Dir der fromme Bruder ſa⸗ gen. Folge ſeinem Rath, ſelbſt wenn er das groͤßte Opfer von Dir fordert. — Was kann er verlangen? — Vielleicht daß Du in ſeinen Orden trittſt, der Welt entſagſt und ein Streiter der Kirche wirſt. Der Baron machte noch einen Verſuch, die Kranke zum Sprechen zu bewegen, aber ſie ertheilte ihm keinen weiteren Auſſchluß. — Wecke mich, fluͤſterte ſie wieder mit tonloſer Stimme, der Geiſt iſt von mir gewichen. Du haſt ihn durch Deine Zweifel erzuͤrnt. Briolan that, wie die Somnambule von ihm ver⸗ langte. Nach einigen Gegenſtrichen, die er von den Fuͤßen aufwaͤrts nach ihrem Haupte fuͤhrte, erwachte ſie anſcheinend aus tiefem Schlaf. Sie ſah ſich ver⸗ wundert um und winkte dann den Geſchwiſtern ſie zu verlaſſen. Tief erſchuͤttert gingen die Beiden und ließen die Kranke allein mit ihrer Waͤrterin. Joſephe zeigte ſich erſchoͤpft und verlangte nach friſchem Waſſer. ———— Die Dienerin entfernte ſich. Jetzt erſt erhob die Hell⸗ ſeherin ihr Haupt mit mehr Kraft, als man ihr bei ihrer Schwaͤche und Hinfaͤlligkeit zutrauen konnte. Sie legte ihr feines, durch die fortwaͤhrende Nerven⸗ aufregung geſchaͤrftes Ohr an die Wand und lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf das folgende Ge⸗ ſpraͤch der Geſchwiſter. Als die Waͤrterin mit dem gewuͤnſchten Getraͤnk nach einer geraumen Weile wieder eintrat, fand ſie die Kranke in ihrer fruͤheren Lage mit halb geſchloſſenen Augenlidern wieder an. Nur ein ſeltſames Laͤcheln ſchwebte um die fahlen Lippen. XIX. Adolphine war ſeit einigen Tagen die Braut des Grafen Bangor. Sie gab ihm das Jawort mit einer Gleichguͤltigkeit als handelte es ſich bloß um ihre Zuſtimmung zu einem Ballengagement oder einer Vergnuͤgungspartie. Nur eine einzige Bedingung knuͤpfte ſie an ihre Einwilligung. Sie wuͤnſchte die öffentliche Verlobung um einige Wochen noch aufge⸗ ſchoben zu ſehn. Der Grund, den ſie angab, war ein ſeltſamer, aber bei ihrem Charafter ganz begreif⸗ 16 † —? 244 5— lich. Sie erklaͤrte dem Grafen mit groͤßter Unbefan⸗ genheit, daß ſie ſich erſt an den Gedanken gewoͤhnen und in ihre neue Stellung zu ihm hineinfinden muͤſſe. Auch dagegen hatte der gluͤckliche Dandy nichts ein⸗ zuwenden und er willigte um ſo lieber in dieſe neue Laune ſeiner Zukuͤnftigen, da auch er manche Ruͤck⸗ ſichten auf entferntere, aber einflußreiche Verwandte zu nehmen hatte. Zwar glaubte er auf ihre Zuſtim⸗ mung ſicher rechnen zu koͤnnen, doch er hielt es fuͤr ſchicklich und angemeſſen, ſie ſchon vorher in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Die Publication der Verlobung blieb demnach mit Vorwiſſen des Herrn von Buſch und zu deſſen innerer Beruhigung bis zur nahe bevorſtehen⸗ den Ankunft des Hofes verſchoben, wo auch dann Adolphine durch die Tante des Grafen, welche Ober⸗ hofmeiſterin der Herzogin war, zum erſten Mal foͤrm⸗ lich praͤſentirt und als Verlobte den hohen Herrſchaf⸗ ten vorgeſtellt werden ſollte.— Einſtweilen war ſomit in den Verhaͤltniſſen keine weſentliche Aenderung eingetreten. Die betheiligten Perſonen bewahrten ſorgfaͤltig das Geheimniß und Adolphine behandelte den Grafen ſowohl offentlich vor den Augen der Welt, wie im vertrauteren Familien⸗ kreiſe mit der gewohnten, freundlichen Duldung, die ſie ihm bereits auch fruͤher angedeihen ließ. Taͤglich erſchien Graf Bangor zur beſtimmten Stunde in gewaͤhlter Toilette mit untadelhaften Glacéhandſchuhen, laͤchelnd wie immer und in Begleitung des unvermeidlichen, koſtbaren Blumenbouquets. Taͤglich wiederholte er, wenn Adolphine ſich zufaͤllig allein mit ihm befand, dieſelben zaͤrtlichen Phraſen und Reminiscenzen aus einem juͤngſt geleſenen Roman. Woltte er jedoch dieſe Graͤnzen uͤberſchreiten und ſich von der ihm zugetheil⸗ ten, mehr paſſiven Rolle, die ihm unmoͤglich auf die Dauer gefallen konnte, emancipiren; ſo wurde er ernſthaft an ſein gegebenes Verſprechen gemahnt, bis zur feſtgeſetzten Friſt den status quo zu achten. Ueber ſeine Verzweiflung, die er dann aͤußerſt komiſch in Worte kleidete, ſpottete Adolphine auf das anmu⸗ thigſte, und ſie wußte guch im Verſagen noch immer ſo liebenswuͤrdig zu erſcheinen, daß ſogar die trau⸗ rige Aehnlichkeit mit dem verſchmachtenden Tantalus fuͤr den Blaſirten einen neuen und pikanten Reiz ent⸗ hielt. Er ertrug ihre Launen ſtets mit einer anerken⸗ nenswerthen Geduld, wenigſtens mußte ſie ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er es an Unter⸗ wuͤrfigkeit nicht fehlen ließ. Ja, es gab Zeiten, wo ſie uͤber den Sklavenſinn ihres Verlobten faſt empoͤrt war. Ihrem Uebermuthe ſetzte er ſtets nur ſein ewig ſich gleich bleibendes Laͤcheln entgegen. In ſolchen —2 246 6— Augenblicken haͤtte ſte ihn mißhandeln moͤgen, nur um zu ſehn, ob wirklich ſeine Phyſiognomie keines anderen Ausdrucks faͤhig waͤre. Haͤtte ſie ſich nur die Muͤhe genommen, ihn ſchaͤrfer zu beobachten, ſo wuͤrde ſie vielleicht dieſe ſtereotype Freundlichkeit nur fuͤr die Maske genommen haben, welche ſie auch in der That war. Die anſcheinende Harmloſigkeit des Grafen verdeckte ganz geſchickt eine tuͤchtige Portion von Liſt und Schlauheit und Adolphine war trotz ihrer geiſtigen Ueberlegenheit ſchließlich die Getaͤuſchte und Dupirte. Freilich hatte ſie keine Gelegenheit, ſolche Beobachtungen anzuſtellen. Ihr Vater ſowohl wie der Graf ſorgten raͤglich fuͤr neue Zerſtreuungen, denen ſie ſich willig jetzt wieder uͤberließ. Sie wurde von Beiden mit den zarteſten Aufmerkſamkeiten uͤber⸗ haͤuft. Ihre Wuͤnſche ſah ſie erfuͤllt, noch ehe ſie dieſelben ausgeſprochen hatte. Aus der Reſidenz langten taͤglich die herrlichſten Geſchenke an, koſtbare Stoffe, elegante Schmuckſachen, jene hundert glaͤnzende Kleinigkeiten, welche wohl im Stande waren ſelbſt den verwoͤhnteſten Geſchmack zu befriedigen. Ihr Zimmer verwandelte ſich nach und nach in ein kleines Muſeum, voll von intereſſanten Seltenheiten, mit denen ſie ſich zu umgeben liebte. Auf den Tiſchen lagen die theuer⸗ ſten Kupferwerke und Buͤcher in praͤchtigen Einbaͤn⸗ — — 247— den, welche oft fuͤr den mangelhaften Inhalt ent— ſchaͤdigen mußten. Ihre Etageren waren angefuͤllt mit kunſtreichen Schnitzwerken aus Elfenbein und Holz, wie ſte in der Gegend von Iſchl und im gan— zen Salzkammergut haͤufig angefertigt werden. Der Graf hatte ihr ein herrliches Album aus Wien kom— men laſſen. Es war ein Meiſterwerk von einer wahren Kuͤnſtlerhand angefertigt. Es enthielt nicht nur Zeichnungen und Aquarellen von den beſten Malern, ſondern auch ſeltene Handſchriften von allen ihren Lieblingsdichtern. Außerdem fehlte es natuͤrlich nicht an Vergnuͤgungspartieen und Spazierfahrten in der naͤchſten Umgebung. Jeder Tag brachte eine neue Ueberraſchung. Adolphine hatte keine Zeit, nur einen Augenblick uͤber ihre Lage nachzudenken. Sie lebte in einem fortwaͤhrenden Taumel der angenehm⸗ ſten Zerſtreuungen. Auch der Maler und ſein Freund hatten ſich eines Tages laut ihrem Verſprechen eingefunden. Sie wurden von dem Freiherrn mit wuͤrdevoller Herab⸗ laſſung, von Adolphine mit ungeheuchelter Freude und Herzlichkeit empfangen. Beide mußten an dem Mittagsmahle Theil nehmen, welchem außer ihnen nur noch Frau von Starenberg beiwohnte. Der Graf hatte ſich wegen dringender Geſchaͤfte entſchuldigen — 248 ☛ laſſen. Sein Hauptglaͤubiger war aus der Reſidenz angelangt, um ſeinem ſaͤumigen Schuldner einige faͤl⸗ lige Wechſel zu praͤſentiren. Dieſes Geſchaͤft mußte noch geordnet werden. In ſeiner Verlegenheit ſah ſich der Graf genoͤthigt, den mahnenden Wucherer mit ſeiner bevorſtehenden Verlobung bekannt zu machen. Derſelbe ließ ſich mit einem neuen Wechſel zufrieden ſtellen, faͤllig ſeinen Tag nach der Hochzeit. Sogar zu einem nochmaligen Vorſchuß erklaͤrte ſich der Ehren⸗ mann bereit, natuͤrlich unter erſchwerenden Bedingun⸗ gen und gegen einen Prozentſatz, der nichts weniger als chriſtlich war. Dieſe Angelegenheiten hinderten die Gegenwart des Grafen bei dem Diner. Gleich nach Tiſch zog ſich der Freiherr auf ſein Zimmer zuruͤck, um ſein gewohntes Miteagsſchlaͤfchen zu machen. Auch die Baronin entfernte ſich unter einem ſchicklichen Vorwande. Erſt als Adolphine ſich mit ihren Gaͤſten allein ſah, nahm ſie keinen Anſtand ſich dem Faͤrbermeiſter als ſeine kleine Jugendfreundin vorzuſtellen. Georg wurde von dieſer Entdeckung auf das angenehmſte uͤberraſcht. Er ſah ſie lange Zeit und ſprachlos an, als traute er ihren Worten nicht. Seine Verlegen⸗ heit verſetzte ſie in die heiterſte Stimmung und ſie be⸗ — — — — e 249 6— gegnete ihm von nun an mit liebenswuͤrdiger Zuvor⸗ kommenheit.— — Wer haͤtte das ahnen ſollen? ſagte er mit ko⸗ miſchem Erſtaunen. — Sie machen mir nicht einmal das gewoͤhnlichſte Compliment, daß ich mich zu meinem Vortheile ge⸗ aͤndert habe. Das iſt gar nicht artig von Ihnen, Herr Becher! ſcherzte ſie anmuthig. — Und Sie haben mich gleich erkannt? — Das wohl nicht, aber ſchͤn auf dem Kahne quaͤlte mich eine üunbeſtimmte Erinnerung, welche ich nicht wieder los werden konnte. Sie werden ſelber wiſ⸗ ſen, wie unangenehm es iſt, wenn man im Leben einem Menſchen begegnet, den man ſchon irgendwo geſehn zu haben glaubt, ohne ſich der genaueren Umſtaͤnde zu erinnern. So ging es mir auch mit Ihnen. Erſt als ich Ihre Karte las, war ich meiner Sache gewiß. — Und Sie wollten ſich mir nicht zu erkennen geben? — Das war nur die gerechte Strafe für Ihre Vergeßlichkeit und— Sie zoͤgerte noch einen zweiten Grund ihm anzu⸗ geben. Georg, welcher mit den Famil ienverhaͤltniſſen nicht ganz unbekannt war, ergaͤnzte ihn im Stillen. Er wußte um die Spannung, die zwiſchen dem Frei⸗ herrn und ſeinen Anverwandten ſchon ſeit Jahren be— ſtand. Schon ſchrieb er auch Adolphinen aͤhnliche Geſinnungen zu, als ſie ihn ploͤtzlich mit der Frage unterbrach: — Wie geht es den Meinigen, ſehen Sie die⸗ ſelben zuweilen? — Ich habe Ihre Großmutter und Tante noch kurz vor meiner Abreiſe beſucht. — Erinnern ſie ſich noch meiner, denken ſie an mich? Erzaͤhlen Sie mir Alles, was Sie von ihnen wiſſen. O! kein Menſch kann es ahnen, wie ich mich nach Waldau ſehne. In meinen Traͤumen be⸗ ſchaͤftige ich mich nur damit. — Sie erinnern ſich noch?— An jedes Plaͤtzchen und an jeden Winkel. Ich ſehe das Haus der Großeltern lebendig vor mir ſtehn, die Saͤgemuͤhle und vor Allem den Kirchhof— mit dem Grabe meiner Mutter. Ihre Stimme zitterte bewegt. Der Faͤrbermeiſter bat ihr im Stillen jedes harte Urtheil ab, das er bisher uͤber ſie gefaͤllt. Sie zeigte ihm ein Herz und ein tiefes Gefuͤhl, welches ſich unter allem Wuſt und aller Verbildung friſch und lebendig erhalten hatte. Er war um ſo mehr davon uͤberraſcht, je weniger er ihr aͤhnliche Empfindungen zutraute. Ueberhaupt er⸗ ———— ——, —e 251— ſchien ſte ihm heute in einem ganz anderen und vor⸗ theilhafteren Lichte, als bei der erſten Begegnung. In ihrem Weſen zeigte ſie keine Spur von jenem verletzenden Hochmuthe, von dem uͤhermuͤthigen Stolze, der ihn anfaͤnglich ſo ſehr zuruͤckgeſtoßen hatte. Sie behandelte ihn wie einen alten Bekannten mit der liebenswuͤrdigſten Natuͤrlichkeit. War ſie in der That jene unwiderſtehliche Zauberin, vor der ihn der Maler gewarnt hatte?— Durch ihre Unterhaltung angeregt, gab ſich auch Georg mit mehr Sicherheit und Offenheit. Zunaͤchſt erzaͤhlte er von ihren Anverwandten, mit denen er vielfaͤltig in Beruͤhrung kam. Er entwarf ihr ein ſprechendes Bild von ihrer Großmutter, einer wuͤr⸗ digen Matrone, deren ſich auch Adolphine noch mit beſonderer Liebe und Zaͤrtlichkeit erinnerte. Die Ori⸗ ginalitaͤt und Herzensguͤte der alten Frau trat durch ſeine Schilderung wieder recht lebendig vor die Seele ſeiner aufmerkſamen Zuhoͤrerin. Sie wurde nicht müde, ihm zuzuhoͤren. Faſt vergaß ſie daruͤber die Anweſenheit des Malers, welcher ſich indeß mit den Vorbereitungen fuͤr die beabſichtigte Zeichenſtunde be⸗ ſchaͤftigte. Sie ſchien ihn erſt jetzt wieder zu bemer⸗ ken und entſchuldigte ſich wegen ihrer Zerſtreutheit. — Bald haͤtte ich vergeſſen, ſagte ſie freundlich, — 252— daß wir unſern Zeichenunterricht wieder aufnehmen wollen, Herr Obermann! Sie vergeben mir gewiß, wenn ich uͤber meine lieben Waldauer Sie warten ließ. Ich will nur noch meine Kammerfrau rufen, die indeß mit Herrn Becher von ihrer Heimath plau⸗ dern kann. Sie kennen doch gewiß unſere alte Thereſe. — Die Mutter meines braven Geſellen? — Wiederholen Sie das Wort in ihrer Gegen⸗ wart und Sie werden ſie recht gluͤcklich machen. — Gewiß, das will ich thun. Ihr Sohn ver⸗ dient mein Lob im reichſten Maße. Adolphine laͤutete mit der Tiſchglocke und die treue Dienerin erſchien, beſcheiden an der Thuͤre war⸗ tend. — Tritt nur naͤher, rief die guͤtige Herrin. Da ſteht Herr Becher aus Waldau, der Dir gute Nach⸗ richten von Deinem Sohne zu bringen hat. Das Geſicht der Kammerfrau druͤckte ungeheuchelt die innigſte Freude aus. Mit Herzlichkeit ergriff ſie die dargebotene Hand des Faͤrbermeiſters. Adolphine nickte ihr laͤchelnd zu, als wollte ſte ſagen: hab ich's ſo Dir recht gemacht?„ — Nun, frage nur tapfer darauf los, ſcherzte ſie. Der Herr Becher wird es Dir nicht uͤbel nehmen. Unterdeß wollen wir unſern Unterricht beginnen. Ich I —5 253 6— ſehe, daß mein Lehrer ungeduldig wird, und ich darf ihn nicht gleich in der erſten Stunde erzuͤrnen. Mit dieſen Worten naͤherte ſie ſich dem aufgeſtell— ten Zeichentiſch. Der Maler ließ ſie niederſetzen und legte ihr einige mitgebrachte Blaͤtter zum Copiren vor. — Sie werden Ihre Noth mit mir haben, be⸗ merkte Adolphine, waͤhrend ſie nach ſeiner Anweiſung einige Linien zog. Seitdem ich Ihren Unterricht ent⸗ behre, habe ich weder Blei noch Pinſel angeruͤhrt. — Bei Ihrem Talent werden Sie ſchnell wieder das Verſaͤumte einholen. Sie ſind zur Kuͤnſtlerin geboren. — Nein, da kenne ich mich beſſer. Wollte Gott, Sie ſpraͤchen wahr. Ich halte es fuͤr den herrlichſten Beruf des Menſchen, Unvergaͤngliches und Ewiges zu ſchaffen, das gelingt nur Wenigen in unſerer Zeit. Wir ſind leider Epigonen. Wohin ich blicke, ſehe ich nur Halbes und Unfertiges. Uns fehlt der Glaube, die Begeiſterung. Auch die Kunſt iſt unwahr, wie das Leben ſelbſt. Sie ſah dabei den Maler traurig an. Bald aber griff ſie wieder zu dem Blei und vertiefte ſich mit Haſt in ihre Arbeit. Von Zeit zu Zeit warf ſie einen Blick auf den Faͤrbermeiſter, der im eifrigen Geſpraͤch mit Thereſe begriffen war. Ihre hingeſtreu⸗ — 254— ten Worte ſtanden in Beziehung zu ihm. Unwillkuͤr⸗ lich ſtellte ſie zwiſchen ihm und dem Maler einen Ver⸗ gleich im Stillen an. Der ſelbſtbewußte Handwerker mit ſeiner feſten Abgeſchloſſenheit und der, wie es ihr vorkam, beſchraͤnkten, aber tuͤchtigen Natur ge— wann ihr eine entſchiedene Theilnahme ab. In ihm glaubte ſie noch eine jener ungebrochenen Eriſtenzen zu finden, denen ſie bisher im Leben ſo ſelten begeg⸗ net war. Sie konnte es ſich nicht verhehlen, daß mit jeder Stunde eines laͤngeren Beiſammenſeins er ihr ein ſteigendes Intereſſe abgewonnen. In dem Maler hingegen erkannte ſie einen ihr nur allzunah verwand⸗ ten Geiſt. Ferdinand trug ja die Spuren derſelben Bildung, die gleichen Fehler und Maͤngel wie ſie ſelbſt. Die Kuͤnſtlernatur glich zu ſehr ihrer weib⸗ lichen. Sie fuͤhlte ſich von dem gleichnamigen Pole eher abgeſtoßen, als wie angezogen. Georgs ſiche⸗ res und beſtimmtes Weſen ſagte ihr bei Weitem mehr zu, obgleich ſie an ihm eine gewiſſe Pedanterie und einen Mangel an geiſtiger Beweglichkeit zu tadeln fand. Waͤhrend ſie ſeinem Charakter volle Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ, vermißte ſie an ihm die poe⸗ tiſche Begeiſterung, die ſte vor allem Andern forderte. Beide Maͤnner ſtanden ihrem Ideale fern. An ihren Verlobten dachte ſie am wenigſten in dieſem Augen⸗ 4 — e 255 8— blick. Er beſchaͤftigte ſie nur, wenn er zugegen war. Seine Abweſenheit fiel ihr nicht einmal auf. Ferdi⸗ nand benutzte, ſo weit dies ihm geſtattet war, die ihm gebotene Gelegenheit. Bald verbeſſerte er eine falſch gezogene Linie und gab ihr die noͤthigen An⸗ weiſungen mehr im Tone eines nachſichtigen Bewun⸗ derers, als eines ſtrengen Lehrers. Beruͤhrte er dann, wie es nicht anders geſchehen konnte, zufaͤllig ihre Hand, ſtreiften ihre wogenden Locken ſein ergluͤhen⸗ des Geſicht, ſo faßte ihn ein unausſprechlicher Won⸗ neſchauer. Neue Hoffnungen belebten ſeinen Geiſt und ein freundliches Wort, ein Laͤcheln des Dankes von ihrem Munde beſtaͤrkten ihn in ſeinem Wahn. Schon nach wenig Worten hatte der Faͤrbermei⸗ ſter das ganze Zutrauen der alten Kammerfrau ge⸗ wonnen. Er kam von Waldau und ſprach von ihrem Sohne mit gerechter Anerkennung. Das genuͤgte, um ihre ganze Neigung zu gewinnen. Leiſe fluͤſternd mußte er ihr Rede und Antwort ſtehen, weit mehr noch bekam er von ihr zu hoͤren. Mit gewohnter Discretion gab ſie ihm doch manchen wuͤnſchenswer⸗ then Aufſchluß uͤber die Verhaͤltniſſe des Freiherrn und deſſen Tochter. Er lernte in kurzer Zeit den Charakter Adolphinens beſſer kennen, als durch jah⸗ relange Beobachtung. Das Lob, welches Thereſe ihr — 256 6— unaufgefordert zollte, klang ſo natuͤrlich und war ganz dazu geeignet, manche ſeiner vorgefaßten Mei⸗ nungen zu beſeitigen. Als die Kammerfrau ſich wie⸗ der entfernte, war er vollkommen mit ſeiner Jugend⸗ freundin ausgeſoͤhnt.. Sobald Thereſe gegangen war, hob auch Adol⸗ phine die Zeichenſtunde auf und wendete ſich an den Faͤrbermeiſter. — Ich habe nicht geglaubt, daß meine Thereſe Sie ſo bald loslaſſen wuͤrde. Sie liebt Waldau uͤber alle Maßen und ich glaube, daß ſie mich mit ihrer naͤrriſchen Liebe ebenfalls angeſteckt hat. Ich wuͤrde viel darum geben, wenn ich es noch einmal wieder⸗ ſehen duͤrfte.. — Und ſollte das unmoͤglich ſein? Sie wuͤrden ſicher von Ihren Anverwandten mit offenen Armen empfangen werden. — Das waͤre mehr, als ich von ihnen erwarten darf, doch bei Gott die Schuld trifft nicht mich. Wenn Sie dieſelben wiederſehen, ſo ſagen Sie ihnen, und beſonders meiner Großmutter, daß ich ſie nicht ver⸗ geſſen habe, daß ich ſie liebe, wie ich ſie als Kind geliebt. Wollen Sie ihnen das ſagen? — Von Herzen gern und ich bin uͤberzeugt, daß ich ihnen damit eine große Freude bereiten werde. . 1 — 257*— — Und fuͤgen Sie noch hinzu, daß ich weder ſtolz noch uͤbermuͤthig bin, wie meine Angehoͤrigen vielleicht von mir urtheilen werden. Nein, nein, das bin ich nicht. O, mein Gott! wie gern wollte ich mich ihnen anſchlie⸗ ßen, innig und herzlich. Ach! ich bin ja ohnehin allein, ich habe keinen Menſchen auf der weiten Welt— Sie vollendete nicht, um ihren Vater zu ſchonen. Herr von Buſch war nur die alleinige Urſache dieſer Entfremdung. Er hatte allen Verkehr mit der Fami⸗ lie ſeiner verſtorbenen Frau nach deren Tode abge⸗ brochen. Ihm war jede Beruͤhrung mit ihnen unan⸗ genehm, weil er ſich nur ungern an den Urſprung ſeines Gluͤckes und an die Vergangenheit erinnerte. Adolphine ſchwieg aus aͤhnlichen Ruͤckſichten und uͤber⸗ waͤltigt von ihrem Gefuͤhl. Erſt nach einer laͤngeren Pauſe ſetzte ſie hinzu: — Hoffentlich ſehe ich Sie vor Ihrer Abreiſe noch einigemal. Sie ſollen mir noch recht viel von Wal⸗ dau erzaͤhlen. Nur in Gegenwart meines Vaters bitte ich Sie keine Erwaͤhnung davon zu thun. Er beſitzt einmal einen Widerwillen gegen Alles, was von dort— her kommt. Es iſt eine Schwaͤche, die ich ſchonen muß. Georg verſprach ihr gern und willig das Geheim⸗ niß zu beobachten. So fanden ſich ſtets neue Bezie⸗ hungen, welche dieſe ſcheinbar fremden und entgegen⸗ J. 17 — 258— geſetzten Naturen mit einander verbanden. Adolphine zeigte ſich ihm in dieſer Angelegenheit von einer neuen und ihr vortheilhaften Seite. Sie entwickelte mehr Gemuͤth und einen liebevolleren Sinn, als er ihr zugetraut. In der Unterhaltung, an welcher auch der Maler bald wieder einen lebhaften Antheil nahm, gab ſie ſich mit großer Natuͤrlichkeit, offen, wahr und voll Vertrauen. Unbemerkt floſſen die Stunden in angenehmſter Stimmung fuͤr die Freunde hin. Dies⸗ mal mußte der Maler Georg zum Aufbruche mah⸗ nen. Auch der Freiherr hatte ſich wieder eingefunden. Er ließ ſich die angefangenen Zeichnungen von ſeiner Tochter zeigen.. — Apropos, Herr Obermann! ſagte er bei die⸗ ſer Gelegenheit. Ich moͤchte gern ein Bild von mei⸗ ner Adolphine beſitzen. Sie koͤnnen daſſelbe wohl hier anfertigen. Der entzuͤckte Maler ſagte ſogleich bereitwillig zu. Er erhielt dadurch eine neue Gelegenheit, ſich oͤfter in Iſchl einzufinden. Adolphine ſchien indeß weni⸗ ger von dem Wunſche ihres Vaters erbaut zu ſein. Sie errieth ſogleich die Abſicht deſſelben. Das Bild war fuͤr den Grafen zum Geſchenk beſtimmt. Haͤtte Ferdinand dies ahnen koͤnnen, ſo wuͤrde er ſicher nicht die gleiche Bereitwilligkeit gezeigt haben. Un⸗ 8 — 259— verholen ſprach er ſeine Freude uͤber den ihm gewor⸗ denen Auftrag aus. Der Freiherr verhandelte noch leiſe mit ihm uͤber die Form und den Preis des Bil— des, waͤhrend der Faͤrbermeiſter von Adolphine ſeinen Abſchied nahm. — Wir ſehen uns bald wieder, fluͤſterte ſie freund⸗ lich. Unſere Partie nach dem Schafberge ſoll im Laufe der naͤchſten Woche ſtattfinden. Sie werden hiermit feierlichſt dazu eingeladen. Georg ſagte fuͤr ſich und den Maler zu. Zufrie— den mit dem ſchoͤn verlebten Tag traten die Freunde ihren Ruͤckweg an. — Iſt Sie nicht ein Engel? fragte Ferdinand berauſcht den ſchweigenden Faͤrbermeiſter. Diesmal blieb derſelbe ihm die Antwort ſchuldig, zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchaͤftigt. XX. Am andern Tage, nachdem ſein Glaͤubiger wie⸗ der abgereiſt war, erſchien Graf Bangor in Beglei⸗ tung ſeines Onkels, um Adolphine zu einem bereits verabredeten Spaziergang nach der Dachſtein⸗ ausſicht abzuholen. Herr von Buſch und Frau 17* 260 6— von Starenberg ſchloſſen ſich an und die Geſellſchaft nahm den Weg nach der ſo genannten Schmalnau, einem nicht allzu hohen Huͤgel, der ein bekannter Vergnuͤgungsort der Iſchler Badegaͤſte iſt. Diesmal hielt man ſich daſelbſt nicht auf, ſondern verfolgte den Fußpfad, welcher in das Thal und von dieſem nach der Ausſicht fuͤhrt. Man hatte die ſpaͤte Nachmit⸗ tagsſtunde gewaͤhlt, um den impoſanten Anblick des herrlichen Dachſteins und ſeiner Gletſcher bei Abend⸗ beleuchtung zu genießen und wo moͤglich das ſeltene Alpengluͤhen zu beobachten. In dem gruͤnen Thal lagen zerſtreute Huͤtten, umgeben von den dazu ge⸗ hoͤrigen Feldern und Wieſen, durch welche ein ſilber⸗ helles Waſſer ſich ſchlaͤngelte. Es war zur Zeit der Heuaͤrndte und das Landvolk bei der Arbeit beſchaͤf⸗ tigt. Das friſche Gras verbreitete ſeinen wuͤrzigen Duft. Die Sonne ſchien in goldener Pracht, am Himmel war kein Woͤlkchen zu bemerken. Nur die tieferen Huͤgel warfen bereits laͤngere Abendſchatten, während die hoͤheren Berge noch im hellſten Lichte ſtrahlten. Von ihren Spitzen toͤnte das harmoniſche Gelaͤute der weidenden Kuͤhe und Ziegen. Zuweilen klang auch das Jauchzen eines Hirtenbuben oder der Geſang einer Magd. Dann wurde es wieder noch ſtiller als zuvor. — 261 8— Der Eindruck der ganzen Gegend war ein friedli— cher. Alles ſtimmte harmoniſch zu einander. Die milde Luft, der blaue Himmel, die gruͤnen Huͤgel und das ſtille abgeſchiedene Thal verſchmolzen zu einem weichen, duftigen Bild. Auch Adolphine war ſeit dem Beſuche der Freunde milder und freundlicher als je. So erſchien ſie dem Grafen, der heut weniger uͤber ihre Launen zu klagen hatte. Zuweilen, wo der Weg ſteiler ging, ſtuͤtzte ſie ſich auf ſeinen Arm und ließ ſich laͤngere Zeit von ihm fuͤhren, was ſie ſonſt gewoͤhnlich gern vermied. Sie gingen mit dem Onkel Wenzel voran, waͤh⸗ rend Herr von Buſch mit ſeiner Freundin zuruͤckblieb. — Ein ſchoͤnes Paar! fluͤſterte Frau von Staren— berg leiſe, indem ſie auf die Verlobten deutete. — GCottlob! Aber es hat Muͤhe gekoſtet, ehe wir ſo weit gekommen ſind. Ich habe nicht geglaubt, daß es ſo leicht gehen wuͤrde. — Jetzt aber ſtehen wir am Ziel. — Endlich, wenn Nichts dazwiſchen kommt. — Alſo Sie trauen ihr nicht, Sie fuͤrchten im⸗ mer noch? — Sie kennen ja Adolphine ſo gut wie ich. Wer kann von ihr ſagen, was ſie in der naͤchſten Stunde thun will und thun wird. —2 262— — Sie ſind immer zu ſchwach und nachgiebig gegen ſie geweſen. So haben Sie ſich alle Autoritaͤt aus den Haͤnden ſpielen laſſen. — Mein Gott! Sie ſind ja von meinen Verhaͤlt⸗ niſſen unterrichtet. Was kann ich unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden thun? Man muß eben gute Miene zum boͤ⸗ ſen Spiele machen. — Ich wuͤrde an Ihrer Stelle Verlobung und Banhfi ſo viel als thunlich zu beſchleunigen ſuchen, damit Sie endlich einmal Herr im eigenen Hauſe werden. — Wir muͤſſen doch die Ankunft des Hofes ab⸗ warten, ſo wie die Zuſtimmung der Oberhofmeiſterin. — Was Letztere betrifft, ſo koͤnnen Sie ganz un⸗ beſorgt ſein. Sie wird uns keine Schwierigkeiten machen, im Gegentheil duͤrften wir an ihr die beſte Bundesgenoſſin finden, im Fall der Fuͤrſt hierher nach Iſchl kommt.— Bei Nennung ſeines Goͤnners zuckte der Freiherr zuſammen. — Ich denke, daß er ſchwer erkrankt auf ſeinem Schloſſe liegt. So melden wenigſtens die Zeitungen. — Es ſoll wieder beſſer mit ihm gehen. — Verwuͤnſcht! murmelte Herr von Buſch. Alſo kommt er doch?. — 263 6— — Nu ja! der Badecommiſſar hat es mir geſagt und bereits Quartier fuͤr ihn beſtellt. Aber ich be— greife nicht, warum Sie ſo erſchrocken ſind. Sie werden doch jetzt nicht mehr auf ihn eiferſuͤchtig ſein, nachdem Ihre Frau laͤngſt todt und die ganze Geſchichte vergeſſen iſt? — Das iſt es nicht allein, ſtoͤhnte Herr von Buſch, aber der Fuͤrſt kümmert ſich um Adolphine weit mehr, als ihm zukommt. Welch ein Recht hat er auf meine Tochter? Ol wenn ich nicht ſo viele Ruͤckſich⸗ ten zu nehmen haͤtte! — Aber Adolphine hat keine Ahnung von dem ganzen Verhaͤltniſſe. — Ich glaube bis jetzt noch nicht, aber wer ſteht mir dafuͤr, daß ſie nicht eines Tages Alles erfaͤhrt, dann buͤße ich noch den letzten Reſt von Liebe und Reſpect ein, die ſie fuͤr mich hat. Iſt es nicht hart, eine Tochter zu beſitzen, an der man ſo viel Liebe um⸗ ſonſt verſchwendet, die man in jedem Augenblick ver⸗ lieren kann und die man fuͤrchten muß?— — Sie plagen ſich mit bloßen Hirngeſpinnſten. — Sagen Sie das nicht. In jedem Briefe, und er ſchreibt mir noch immer oft genug, erkundigt er ſich nach Adolphine und ich muß ihm foͤrmlich Rechen⸗ ſchaft von ihrem Thun und Laſſen geben. Wer weiß, — 264— wie er die Verlobung anſehn wird? So viel ſteht feſt: wenn ſie die geringſte Abneigung zeigt, und ich bin deſſen noch immer nicht ſicher, ſo zwingt er mich, ihr den freien Willen zu laſſen. — Dahin laͤßt es Adolphine ſelbſt nicht kommen. Der Graf mag ihr zwar gleichguͤltig ſein, aber nicht ſeine Stellung und ſein Rang. Sie iſt ehrgeizig und tritt nicht ſo leicht zuruͤck. Werden ihr Schwie⸗ rigkeiten in den Weg gelegt, ſo beſteht ſie um ſo mehr. auf ihren Willen. — Wenn ich ſie nur ſchon verheirathet ſaͤhe, dann waͤr' ich aller Sorgen los und ich duͤrfte hoffen, daß Sie, theure Freundin, nicht laͤnger zoͤgerten. — Sie wiſſen die Bedingung, unter der ich nur die Ihrige werden kann. Adolphine muß Ihr Haus verlaſſen. Ich mag keine erwachſene Stieftochter und am Wenigſten eine Herrin neben mir. — Sie haben Recht. So lange ſie im Hauſe bleibt, darf ich es nicht wagen. O! wenn der Tag ſchon da waͤre! — Er wird kommen. Beherrſchen Sie Ihre Un⸗ geduld. Dabei reichte ſte dem Freiherrn mit Koketterie die volle Hand, auf die er einen lauten Kuß druͤckte. — Ruhig! ſagte ſie auf das vorangehende Paar . — e 265-— *— 7 deutend. Was ſollen die jungen Leute von uns den⸗ ken? Man darf nie die Dehors vor der Welt aus den Augen ſetzen. Unter minder bewegten Geſpraͤchen hatten indeß Adolphine und ihre Begleiter ihr Ziel erreicht. Es war dies ein ſanfter Huͤgel, auf der Spitze mit einem Pavillon gekroͤnt. Jetzt erſt bemerkten ſie einen ein— ſamen Mann, der bereits vor ihnen das ſchattige Plaͤtzchen eingenommen hatte. Sie erkannten in ihm den Baron Briolan. Er ſaß allein auf einer Bank, wie es ſchien, ſo tief in Gedanken verſenkt, daß er gaͤnzlich die Naͤhe der Angekommenen uͤberſehn haben mußte. Deshalb wohl blieb er nach wie vor ruhig ſitzen. Adolphine hatte ſo die beſte Gelegenheit, ihre Neugierde zu befriedigen und ſeine intereſſante Perſon ganz in der Naͤhe zu betrachten. Der Baron mochte bereits das vierzigſte Jahr uͤberſchritten haben, dafuͤr ſprachen die tieferen Furchen auf ſeiner erhabenen Stirn und die ſparſamen, aber noch immer dunklen Haare, welche ſeine eingefallenen Schlaͤfen umgaben. Sein Geſicht trug einen aͤchten ariſtokratiſchen Typus. Der fein geſchnittene Mund verlieh ihm etwas Traͤu⸗ meriſches, und die langen, weichen Augenlider, welche die tief dunkelblauen Augen beſchatteten, gaben ihm ein ſanftes, faſt weibliches Ausſehn. Sein Teint —2 266— 8 war gelblich wie bei Suͤdlaͤndern und hatte einen matten Glanz wie gebrauchtes Elfenbein. Unwillluͤr⸗ lich floͤßte er durch einen unbeſchreiblichen Zug in ſeinem ganzen Weſen Theilnahme und Intereſſe ein. Man fuͤhlte ſogleich, daß man einem ungewoͤhnlichen und geiſtig begabten Menſchen gegenuͤberſtand. Seine Kleidung war zwar hoͤchſt einfach, aber von unge⸗ ſuchter Eleganz. Er trug einen leichten, dunklen Rock und ein ſchwarzes Seidentuch nachlaͤſſig um den Hals geſchlungen. Der niedere Filzhut mit dem brei⸗ ten Rande, welcher ſein Geſicht beſchattete, paßte gut zu der ganzen Erſcheinung, die dadurch einen phantaſtiſchen Anſtrich erhielt und an manches Rem⸗ brandt'ſche Portrait erinnerte. Jetzt ſchlug er ſein Auge zufaͤllig auf, es traf Adolphinen und ſie fuͤhlte ſich wie gebannt. Es ſchien ihr als braͤchen aus ſeinen Blicken blaue Flammen hervor und zuͤngelten nach ihr. Unwillkuͤrlich faßte ſie mit der Hand nach dem Herzen, ſie glaubte dort einen eigenthuͤmlichen Schmerz zu empfinden. Auch er mußte die Geſellſchaft erkannt haben, denn er erhob ſich von ſeinem Sitz, gruͤßte hoͤflich und ſchickte ſich an, ihnen ſeinen Platz einzuraͤumen. In dieſem Augenblick war Graf Wen⸗ zel an der Seite des Barons und griff nach deſſen Arm. 3 —d 267— — Endlich trifft man Sie, ſagte der aufdringliche Kammerherr, indem er ihn noch immer feſt hielt. Theurer Baron! Wo ſtecken Sie? Vergebens hab' ich Sie geſucht und nirgends gefunden. Ich glaube wirklich, daß Sie eine Nebelkappe wie der hoͤrnerne Siegfried beſitzen und ſich unſichtbar machen koͤnnen. Aber jetzt kommen Sie nicht los, Sie ſind mein Kriegsgefangener. — Und ich fuͤge mich mit Ergebung in mein Ge⸗ ſchick, entgegnete Briolan mit einem leiſen Anſtrich von Ironie. — GutV! dann folgen Sie mir zu der edlen Dame dort, welche mir den Auftrag gegeben hat, Sie in ihre Hand zu liefern. Mit dieſen Worten fuͤhrte Graf Wenzel ſein Opfer der uͤberraſchten Adolphine zu, welche ſich kaum noch ihres Wunſches erinnerte, den ſie bei Erwaͤhnung der magnetiſchen Kraͤfte des Barons am Waldbach⸗ ſtrub gethan. Schnell jedoch war ſie Meiſterin ihrer augenblicklichen Verwirrung geworden und redete Briolan artig an. Sie geſtand ihm offen ihr Verlan⸗ gen ein, einen Mann kennen zu lernen, den die Natur ſo wunderbar begabt. — Verzeihen Sie meiner weiblichen Neugierde. Ich muß Sie doppelt um Vergebung bitten, da wir — e 268— * Sie noch dazu geſtoͤrt. Ich weiß den Werth der Ein— ſamkeit zu ſchaͤtzen, um die wir Sie durch einen kin⸗ diſchen Einfall gebracht haben. — Wie, auch Sie lieben ſchon die Einſamkeit? fragte der Baron mit Verwunderung. — Wenn wir einſam ſind, ſind wir am wenigſten allein. 4- — Ah! Sie kennen alſo eine traurigere Einſam⸗ keit. — Die der Geſellſchaft, fluͤſterte Adolphine kaum hoͤrbar fuͤr die Uebrigen. In dieſen wenigen Worten lag fuͤr Briolan ein ganzes Bekenntniß. Er hatte einen ihm verwandten Geiſt gefunden und fuͤhlte ſich von ihm angezogen. Statt, wie er beabſichtigt hatte, ſogleich aufzubrechen, blieb er bei der Geſellſchaft, in welcher er anfaͤnglich nur eine unwillkommene Stoͤrung ſah. Es giebt in unſerer Zeit eine Freimaurerei, einen geheimen Bund der Seelen, die ſich verſtehn. Ein Blick, ein Wort nur genuͤgt und die Eingeweihten er⸗ kennen ſich leicht und finden ſich unter der gleichguͤl⸗ tigen Maſſe heraus, mit der ſie zu leben gezwungen ſind. Sie uͤberſpringen in wenig Augenblicken die Schranken, mit denen die Geſellſchaft ſich bewegt, unnd treten einander unerwartet und ploͤtlich naͤher, — d 269— als dies ſonſt bei jahrelanger Bekanntſchaft zu ge— ſchehn pflegt. Mitten im Gewuͤhl der großen Welt treffen ſich zwei Menſchen, die ſich vorher nie geſehn, oder kaum beachtet haben. Der Zufall fuͤhrt ſie zu⸗ ſammen, und von einer Seite zu der andern ſpringt der zuͤndende Geiſtesfunke, der wie ein Blitz ſie ſelbſt erhellt, waͤhrend die uͤbrige Welt im Dunkel liegt. Dann erſt haben ſie ſich geſehn und als Glieder einer Genoſſenſchaft begruͤßt. Sie ſind einander kein Raͤthſel mehr, ſie haben kein Geheimniß fuͤr ein⸗ ander. Es liegt ein ganz eigenthuͤmlicher Reiz in einem derartigen gegenſeitigen Erkennen und Verſtehn. Um ſo verfuͤhreriſcher iſt der Genuß, je weniger die blinde Menge ihn ahnen kann. Man iſt nicht mehr allein in der Geſellſchaft, man hat einen Vertrauten, dem man ſich geheimnißvoll mittheilt, einen Freund, mit dem man im Verborgenen verkehrt. Die Schran⸗ ken ſind gefallen, die Formen zerbrochen und ein neuer, geiſtiger Bund geſchloſſen, von dem kein Pro⸗ faner weiß. So erging es in dieſem Moment Adolphinen und dem Baron. Sie vergaß den geheimen Schauer, den ſein myſterioͤſes Weſen in ihr hervorgerufen, und er ſeine Seelenſchmerzen und ſeine religioſe Zerknir⸗ ſchung. Beide uͤberließen ſich willenlos der geheimen —o 270— Anziehungskraft, welche aus der Aehnlichkeit ihrer Anſchauungen und ihrer wirklichen oder eingebildeten Leiden hervorging. Hier hatten ſich zwei verwandte Naturen gefunden, welche ein Produkt der Ueberbil⸗ dung unſerer Zeit und der daraus folgenden Ueber⸗ ſaͤttigung waren, das Weib mit verkehrter, der Mann ohne jede moraliſche Willenskraft. Bald hatten ſie ſich in ein lebhaftes Geſpraͤch verknuͤpft. Sie gaben ſich ein geiſtiges Sybaritenmahl zum Beſten und ſchwelg⸗ ten in einer wirren Gefuͤhlstrunkenheit. Es waren aber nicht immer die hohlen Schlagwoͤrter der Zeit und die verbrauchten Phraſen der Gegenwart, welche ſie austauſchten. Dazwiſchen klangen wahre Toͤne und wirkliche Empfindungen, wodurch ihre Unterhal⸗ tung allerdings fuͤr Beide einen eigenen Reiz gewann. Baron Briolan beſaß eine Fuͤlle von gediegenen Kennt⸗ niſſen und intereſſanten Erlebniſſen, die er trefflich anzubringen wußte. Bald ſprach er mit Begeiſterung von einem Kunſtwerke, das er auf das Feinſte zu wuͤrdigen verſtand, bald erzaͤhlte er von ſeinen weiten Reiſen und ſchilderte beredt die Wunder der ſuͤdlichen Tropenwelt und die Schrecken des Polarkreiſes, die er beide geſehn. Adolphine lauſchte ihm, wie Desde⸗ mona ein ſtathemlos auf Othello gehorcht, und bewun⸗ derte ſeinen reichen Geiſt, der alle ſeine Schaͤtze vor — d 271— ihr ausbreitete. Erſt die Einmiſchung der Uebrigen, die allmaͤlig ſich naͤherten und an dem Geſpraͤche An— theil nahmen, weckten ſie aus ihrem traumaͤhnlichen Zuſtande und gaben ſie der Wirklichkeit zuruͤck. Sie ſah verwundert um ſich und bemerkte da ihren Verlobten, der ihr noch nie ſo nuͤchtern, klein und unbedeutend erſchienen war, als in dieſem Augenblick. Graf Bangor war noch zu ſehr von ſeiner perſoͤnlichen Liebenswuͤrdigkeit uͤberzeugt, um irgend eine eifer⸗ ſuͤchtige Regung in ſeinem Herzen zu verſpuͤren. Auch ſchuͤtzte den Baron ſein vorgeruͤcktes Alter vor jeg⸗ lichem Verdacht. Faſt haͤtte uͤber die Liebenswuͤrdigkeit und den Geiſt Briolans die Geſellſchaft den eigentlichen Zweck ihres Hierſeins vergeſſen, wenn nicht dieſer ſelbſt mit ſeiner Empfaͤnglichkeit fuͤr alles Schoͤne Adolphinen und die Uebrigen auf das eintretende Naturſchauſpiel aufmerkſam gemacht haͤtte. — Sehen Sie jetzt den Dachſtein, rief er ent⸗ zuͤckt aus. Die ſcheidende Sonne beleuchtet ſeine eiſi— gen Gletſcher und kroͤnt ſein weißes Haupt. O! wer jetzt dort oben ſtehn koͤnnte und die Welt zu ſei— nen Fuͤßen ſehn! — Sie ſind ſchon da geweſen? fragte Adolphine. — Vor einigen Tagen, als ich Sie am Wald⸗ —d 272-— bachſtrub traf. Ich kam eben von einer Beſteigung des Dachſteins zuruͤck. Faſt haͤtte ich es vorgezogen, dort fuͤr immer meine Wohnung aufzuſchlagen. — Das kann doch nur Ihr Scherz ſein? So zwiſchen Schnee und Eis, fern von aller menſchlichen Geſellſchaft zu leben!— — Und doch hab' ich in Tyrol auf meinen Rei— ſen einen Mann getroffen, der in der Naͤhe der Glet⸗ ſcher ſchon ſeit Jahren hauſt. Auf einer Matte, die ſelten nur ein anderer Fuß betritt, hat er ſich eine duͤrftige Huͤtte aufgebaut. Da lebt er Sommer und Winter von den Kraͤutern und Wurzeln, die er in ſeinem Garten pflanzt. Er verkehrt mit keinem Men⸗ ſchen und flieht ihren Anblick. Seine einzige Be⸗ ſchaͤftigung iſt, den Weg gangbar zu erhalten und die gefaͤhrlichſten Stellen auszubeſſern. Es hat fuͤr mich etwas ungemein Ruͤhrendes, daß dieſer ausge⸗ ſprochene Menſchenfeind doch noch fuͤr die ihm Ver⸗ haßten ſich bemuͤht. — Weiß man nichts Naͤheres von ihm? — Er ſoll ein reicher Bauersſohn ſein. Die Schlech⸗ tigkeit der Welt hat ihn daraus vertrieben, wie man ſagt. Ich war neugierig ihn kennen zu lernen und ſtieg faſt mit Lebensgefahr zu dem Einſiedler empor. Als er mich kommen ſah, floh er in ſeine Huͤtte und — d 273— ſchloß ſich ein, ſo daß ich ihn nicht ſprechen konnte. Im vergangenen, harten Winter erinnerten ſich die Leute im Thal des Armen und ſtiegen zu ihm empor, um ihn vor dem Tode durch Erfrieren und Verhun⸗ gern zu ſchuͤtzen. Nur mit Gewalt brachten ſie ihn herab. Er ſprach mit Niemand und wollte von Kei⸗ nem etwas annehmen. Kaum war aber die mildere Witterung eingetreten, ſo floh er wieder zu ſeiner einſamen Matte zuruͤck und in die Berge, wo er viel⸗ leicht jetzt noch lebt. — Was muß der Arme gelitten haben! ſagte Adolphine ergriffen von der Erzaͤhlung des Barons. Er kann kein gewoͤhnlicher Menſch ſein, es gehoͤrt ein heroiſcher Entſchluß zu einer ſolchen Entſagung. — Und doch iſt ſie nicht die groͤßte, murmelte Briolan gedankenvoll, indem er ſeines eigenen Vor⸗ habens ſich erinnerte. XXI. Die Sonne war im Untergehen. Noch einmal flammte im Weſten ihr rieſiges Bild. Wohin das Auge ſah, war, die Welt im Glanz gebadet. Im Vordergrund ſchimmerten die gruͤnen Wieſen und gelb⸗ I. 18 —5 274— lichen Felder, der blitzende Bach und die kleinen Huͤt⸗ ten mit ihren funkelnden Fenſterſcheiben. Das ganze Thal ſchwebte in einem goldenen Hauch, einer wogen⸗ den und flammenden Atmoſphaͤre. Doch nicht lange und die Daͤmmerung erſchien mit ihren gedaͤmpften Farbentoͤnen. Nur ein heller Lichtſtreif zog von Huͤgel zu Huͤgel, von Baum zu Baum. Die rothen Fichten⸗ ſtaͤmme ergluͤhten wie rieſige Fackeln und ihre gruͤnen Nadeln verwandelten ſich in Feuerbuͤſchel. Auch ſie erloſchen. Dahinter aber ſtanden noch die glimmen⸗ den Berge und die ſchroffen Felſen, deren roͤthliches Geſtein wie ein gläͤnzendes Kuppeldach aus Kupfer leuchtete. Ueber all die ſchattigen Huͤgel, blaͤulichen Bergruͤcken und violetten Kaͤmme ragte das ſtrahlende, ſilberweiße Haupt des Dachſteins in erhabener Maje⸗ ſtaͤt. Er allein leuchtete in ungetruͤbter Klarheit. All⸗ maͤlig faͤrbten ſich auch ſeine Zinken und Hoͤrner mit roſigem Licht. Ein Feuerglanz ſchwebte uͤber ſeine Gletſcher und Eisfelder. Einige Minuten gluͤhte der Rieſe wie ein Standbild aus geſchmolzenem Erz, waͤhrend drunten im Thal bereits die Dunkelheit ein⸗ getreten war und die Huͤgel in tiefen Schatten ruhten. Nur der Himmel und der Dachſtein waren roſig an⸗ gehaucht.. Schuͤchtern wagte ſich der blaſſe Mond am Hori⸗ — 25 275— zont hervor und die goldenen Sterne verkuͤndeten die eingetretene Nacht. Stumm bewunderten Adolphine und Briolan das erhabene Schauſpiel der Natur. Nur Graf Bangor unterließ nicht ſeinem Enthuſitasmus durch einen oder den andern banalen Ausruf Luft zu machen. — Magnifique, ſuperb! ſchrie er von Zeit zu Zeit. Herr von Buſch mahnte zum Aufbruch wegen der eingetretenen Kuͤhle. Der Baron begleitete die Ge⸗ ſellſchaft oder vielmehr Adolphinen auf dem Heimwege. Anfaͤnglich ſtockte das Geſpraͤch unter dem gewaltigen Eindruck des eben Geſehenen. Bisher hatte Adolphine eine gewiſſe Scheu zuruͤckgehalten mit Briolan uͤber ſeine magnetiſche Begabung mehr zu ſprechen. Graf Wenzel uͤbernahm hier wieder die Vermittlung und kam von Neuem auf den intereſſanten Gegenſtand zuruͤck. — Sie glauben gar nicht, ſagte der Sonderling, wie ſehr ich mich nach einem Aufſchluß ſehne. Seit einem Jahre ſuche ich nach einem Magnetiſeur. Ich erwarte vom Magnetismus endlich die Loͤſung aller meiner Zweifel. Da habe ich mir ein Buch ange⸗ ſchafft: Die Unſterblichkeit durch den Magnetismus bewieſen. Das hat mich ganz verwirrt gemacht. Es ſtehen ganz unglaubliche Dinge darin. Die Magne⸗ 18* —2 276— tiſirte verkehrt und ſpricht mit den Geſtorbenen und giebt eine ganz genaue Beſchreibung von ihrem Zu— ſtande nach dem Tode. Merkwuͤrdiger Weiſe erſchei⸗ nen ihr die Geiſter durchaus in derſelben Geſtalt wie waͤhrend ihres Lebens. So kommt ein Offizier vor, der in Afrika geblieben iſt, der traͤgt noch immer ſeine Uniform und das Kreuz der Ehrenlegion. Das ſcheint mir hoͤchſt beachtungswerth, denn daraus ließe ſich ja der Schluß ziehn, daß wir im kuͤnftigen Leben unter denſelben Bedingungen forteriſtiren, wie gegen⸗ waͤrtig, und daß auch im Himmel noch eine gewiſſe Rangordnung beſteht, was allerdings aͤußerſt wuͤn⸗ ſchenswerth waͤre. Ich moͤchte gar zu gern darüͤber ins Klare kommen. Wenn Fraͤulein von Buſch auf ihrem Willen beharrt und ſich von Ihnen, Herr Baron, magnetiſiren ließe, ſo wuͤrde mir damit der groͤßte Gefallen geſchehen. — Es war nur ein kindiſcher Wunſch, bemerkte Adolphine, ich fuͤrchte mich jetzt vor dieſen Myſterien der Natur. — Aber bedenken Sie, mein gnaͤdiges Fraͤulein, bat der Sonderling, daß es ſich hier um einen hoͤchſt wichtigen Aufſchluß handelt, durch den Sie mir und der ganzen Welt eine Wohlthat erzeigen wuͤrden. Die Unſterblichkeit zu beweiſen, iſt keine Kleinigkeit. Ich » wuͤrde gluͤcklich ſein, wenn Sie ſich magnetiſiren lie⸗ ßen. Das geht ja ganz leicht, nicht wahr, Herr Baron? — Doch nicht ſo leicht, als Sie ſich vorſtellen, entgegnete Briolan. Nach meinen Erfahrungen ge⸗ hoͤrt eine gewiſſe Empfaͤnglichkeit dazu. Nur dann gelingt das Experiment. Nicht jede Perſoͤnlichkeit eig— net ſich dafuͤr. Es giebt auch hier eine gewiſſe Po— laritaͤt, wie uͤberall in der Natur. Die verwandten Pole ſtoßen ſich ab, waͤhrend die entgegengeſetzten ſich anziehn. Ich kann noch nicht wiſſen, ob das gnaͤdige Fraͤulein die noͤthigen Eigenſchaften beſittzt. — Das ließe ſich doch leicht ermitteln, es kommt ja nur auf einen Verſuch an. Adolphine ſchwieg nachdenklich und ſchien durchaus nicht geneigt, die Neugierde des Kammerherrn zu be⸗ friedigen. Sie empfand ein geheimes Grauen vor dieſer unbekannten Macht, deren Einfluß ſie bereits zu ſpuͤren glaubte. Und doch reizte ſie wieder das Geheimnißvolle des Gegenſtandes, ihn nicht zu ver— laſſen. — Iſt es denn wirklich wahr, fragte ſie den Ba⸗ ron, daß die Magnetiſirten jeden Willen an den Magnetiſeur verlieren und ihm gehorchen muͤſſen? Ich denke mir dieſen Zuſtand wahrhaft entſetzlich. — 278 6— — Allerdings iſt es ſo nach meinen eigenen Er⸗ fahrungen. Die Magnetiſirte fuͤhlt, denkt und han⸗ delt nur unter dem Einfluſſe ihres Magnetiſeurs, aber ich kann ein derartiges Verhaͤltniß durchaus nicht ſo abnorm und ſchrecklich finden, wie Sie, mein gnaͤdiges Fraͤulein. Wie oft im Leben begegnet es uns, daß eine Perſon uns geiſtig beherrſcht und ohne unſer Wiſſen einen bedeutenden Einfluß auf unſere Thaten und unſern Willen ausuͤbt. — Wohl wahr, fluͤſterte Adolphine befangen. — Und iſt unſer ſo genannter freier Wille nicht hoͤchſt problematiſch und durchaus noch nicht erwieſen? Muͤſſen wir nicht in jedem Augenblicke bald den Zu⸗ fall, bald eine hoͤhere Macht anerkennen, die unſerem Geſchick eine unerwartete Wendung verleihen? Des Menſchen Geiſt iſt wie das Waſſer, ſagt der Dichter und mit Recht. Jede Beruͤhrung, jeder Windhauch beſtimmt ſeine wechſelnde Richtung und Form. — Dennoch ſollen wir Rechenſchaft von unſerm Thun und Denken geben. Hier iſt ein Abgrund, vor dem wir ſchwindelnd ſtehn. — Nur der Glaube kann uns retten, rief der Baron mit ſchwaͤrmeriſchem Eifer, die Religion mit ihren Segnungen. Auch ſie verlangt ein voͤlliges Aufgeben unſeres eigenen Willens, ein Unterordnen —.— —e 279— unter eine hoͤhere Macht. Ich moͤchte ſie den goͤtt— lichen Magnetismus nennen, der zur vollſten Beſe⸗ ligung uns fuͤhrt. Erſt dann, wenn wir keinen an— dern Willen haben als den, welchen die Kirche lehrt. und offenbart, haben wir die Stufe erreicht, zu der wir uns in dieſem Leben aufſchwingen koͤnnen. Der thieriſche M dagnetismus iſt gleichſam nur die Vorhalle, ein Symbol des goͤttlichen, durch den wir uͤber allen Streit und Kampf der irdiſchen Natur emporgehoben werden. Magnetismus und Religion ſind daher nah verwandt und ſtehen in engſtem Zuſammenhang. In dieſem Sinne entwickelte Baron Briolan ſeiner aufmerkſamen Zuhoͤrerin einen neuen ILeenkreis, den ſie mit Lebhaftigkeit ergriff. Hier glaubte ſie endlich die Befriedigung zu finden, nach der ihre Seele rang. Briolan hatte freilich ohne klare Abſicht den zuͤndenden Funken in ihr empfaͤngliches Gemuͤth ge⸗ worfen, der hier vielfachen Stoff und Nahrung fand. Auch Adolphine war in dieſer Beziehung ein Kind der Zeit und der Geſellſchaft, mit der ſie den Hang nach dem Wunderbaren und Myſtiſchen theilte. Was im Grafen Wenzel als Karrikatur und Beduͤrfniß erſchien, die geiſtige Leere ſeines Daſeins auszufuͤllen, that ſich in ihr als eine tiefe Sehnſucht nach einem Hoͤheren kund. — 280— Neben dem herrſchenden Unglauben, der in unſe⸗ ren Tagen eine allgemeine Verbreitung gefunden hat, gewinnt der Aberglaube mit ſeinem wunderbaren Ge⸗ folge eine um ſo groͤßere Bedeutung. Wir haben erſt kuͤrzlich mit eigenen Augen die Verwirrung ange⸗ ſehn, welche die tanzenden Tiſche und klopfenden Geiſter angerichtet haben. Je mehr durch die mate⸗ rielle Richtung unſerer Zeit die geiſtigen und religioͤ⸗ ſen Intereſſen in den Hintergrund gedraͤngt werden, auf deſto wunderlichere Abwege und Irrthuͤmer ge⸗ raͤtht die Seele, welche ungeſtuͤm ihr Recht fordert und die Schranten des Irdiſchen zu ſprengen verſucht. Auf der einen Seite erblicken wir den Pietismus mit ſeinen Schwaͤrmern, Viſionaͤren und Inſpirirten, auf der andern den Magnetismus, die Nachtſeite des phyſiſchen Lebens. Betruͤger und Selbſtbetrogene tau⸗ chen an allen Orten auf. Dieſe Erſcheinung iſt nicht neu, ſie hat immer ſ ſtattgefunden, wenn eine einſei⸗ tige Verſtandesrichtung das Gemuͤth gaͤnzlich zu un⸗ terjochen drohte. Auch tritt ſie als ein Zeichen allge⸗ meiner Zerſetzung und Aufloͤſung dann auf, wenn alle moraliſchen Bande ſich zu lockern beginnen. Je⸗ denfalls darf ſie der denkende Beobachter nicht gering veranſchlagen. Er ſieht in ihr die krankhaften Symptome einer ſich vorbereiteten Kriſis, eines viel⸗ —— —d 281— leicht ſpaͤter gerechtfertigten Dranges nach einer hoͤhe⸗ ren Offenbarung, welcher ſtets der menſchlichen Seeler inne wohnt. Dabei darf nicht uͤbergangen werden, daß derartige Zeichen meiſt die Vorlaͤufer großer Re⸗ volutionen waren. Die Caglioſtros, St. Germains und ſelbſt Mesmer waren die Vorgaͤnger von Danton, Marat und Robespierre. Baron Briolan war vollkommen von der Wahr⸗ heit ſeiner Behauptungen uͤberzeugt. Er brauchte ja nur an Joſephe zu denken, deren er abſichtlich nicht Erwaͤhnung that, weil die Somnambule ihm Be— wahrung des Geheimniſſes eingeſchaͤrft. Er ſelbſt zweifelte nicht an den Wundern des Magnetismus. Hier glaubte er nach langem Umherirren auf dem unſi⸗ chern Meer des Wiſſens endlich feſten Grund gefaßt zu haben. Mit all ſeinem Geiſte war er beim blinden Glauben, oder Aberglauben angelangt. Magnetismus und Religion ſchmolzen fuͤr ihn zuſammen und bilde— ten nur eine myſtiſche Macht, von der er alles Heil fuür ſich und Andere erwartete. In dieſem Sinne ſprach er ſich folgendermaßen Adolphine gegenuͤber aus. — Wir ſtehen vielleicht an einem großen Wende⸗ punkt. Das Reich des menſchlichen Verſtandes geht zu Ende; wie zu den Zeiten, da Rom ſeinem Unter⸗ — — 282— gange nahe war, geht auch jetzt ein droͤhnender Ruf und ein Klagegeſchrei durch die ganze Welt. Wir ſind uͤberſaͤttigt durch unſer Wiſſen. Auch damals kam nicht das Heil von den Schriftgelehrten der Juden und den Philoſophen Griechenlands, den Er⸗ ben platoniſcher und ariſtoteliſcher Weisheit, ſondern durch ſchlichte, einfaͤltige, aber glaubensſtarke Men⸗ ſchen. Die Offenbarung wurzelt nicht im Verſtande, ſondern in den dunkleren Regionen des Herzens und des Gemuͤthes. Alles Herrliche und Große fließt aus dieſen noch nicht bekannten und ewig unerforſchten Quellen. Was iſt die Poeſte, was die Begeiſterung des Kuͤnſtlers, womit er ſchafft und bildet? Ein Rauſch der Seele, unabhaͤngig von unſerer Bildung und dem berechnenden Verſtand. Die heiligen Pro⸗ pheten redeten was ihnen das Herz eingab, ergriffen von einer goͤttlichen Gewalt, die außer ihnen lag und von der ſie oft wider ihren Willen beherrſcht wurden. Selbſt die heidniſchen Orakel der fruͤheren Zeit legen ein Zeugniß fuͤr dieſe Meinung ab. Unter Kraͤmpfen und Zuckungen verkuͤndete die Prieſterin die kommen⸗ den Ereigniſſe. Doch was brauche ich nach Beiſpielen zu ſuchen! Geſchieht nicht in jedem Augenblick das groͤßte Wunder ſichtbar vor unſeren Augen? Was zieht das Herz zum Herzen, was flicht das ewige —e 283— Band zwiſchen die getrennten Geſchlechter zur ewigen Vereinigung, die ſelbſt dem Tode trotzt? Koͤnnen Sie das Geheimniß der Liebe ohne Magnetismus be⸗ greifen? Ja, hier offenbart ſich ſchon die Macht, welche die ganze Welt erfuͤllt. Vor jedem wahrhaft Liebenden ſollten wir niederknien, denn er iſt ein Traͤger des Goͤttlichen. Adolphine hoͤrte mit geſenktem Haupte und gero⸗ theten Wangen dieſer neuen Offenbarung zu. Es: war ihr in dieſem Augenblick, als ſaͤhe ſie wieder die blauen Flammen aus Briolans Augen nach ihrem Herzen zucken. — Laſſen wir die Liebe, fuhr dieſer mit einem ſchwermuͤthigen Laͤcheln fort. Sie gehoͤrt der Jugend und iſt nur oft die taͤuſchende Morgenroͤthe, hinter der ſich der Sturm der Leidenſchaft verbirgt. Nur der Glaube allein beſeligt uns und kann uns Troſt und Frieden geben. Er ruht in den Tiefen des Ge⸗ muͤths, wo alle großen und geheimnißvollen Kraͤfte ſchlummern. Zu ſeiner Erweckung dient der Magne⸗ tismus. Dieſer iſt allerdings nur die erſte Stufe, welche uns zum Himmel fuͤhrt und dem Hoͤchſten naͤher bringt. Der Hellſehende wird Prophet, der Prophet zum Wunderthaͤter. Wo aber finden wir gegenwaͤrtig die groͤßte Empfaͤnglichkeit fuͤr das neue —d 284 8— Heil? Da, wo es zu allen Zeiten gefunden wurde, in der unverdorbenen Natur des Weibes, welches ſich das Gemuͤth mehr bewahrt hat, als der Mann mit ſeinem einſeitigen Verſtande und materiellen Treiben. Von der Frau geht die neue Erloͤſung aus. Waͤhrend Briolan mit wohltoͤnender Stimme ſo ſprach, lauſchte Adolphine mit namenloſem Entzuͤcken ſeinen fuͤr ſie neuen und halbverſtaͤndlichen Worten. Jetzt erſt hatte ſie den Mann gefunden, zu deſſen gei— ſtiger Hoͤhe ſie mit ſtaunender Bewunderung empor⸗ blickte. Wie ſo anders maͤchtig und ſchwungvoll klang ſeine Sprache im Vergleiche zu ihrer nuͤchternen, alltaͤglichen Umgebung! Fuͤr ſie war es eine Geiſter⸗ ſtimme aus einer ſchoͤneren Welt, die ſie im Traum vernommen. Das Gewoͤhnliche erhielt eine hoͤhere Bedeutung und die ganze Natur ſo wie der Menſch erſchien ihr erſt jetzt klar und aufgeſchloſſen. Sie fuͤhlte ſich von ſtarken Armen emporgetragen und ſchwebte an ſeiner Seite beſeligt uͤber all dem Irdi⸗ ſchen. Darum redete ſie nicht und jedes Wort der Uebrigen erſchien ihr wie eine Entweihung, nachdem er geſprochen. So wandelte ſie in verzeihlicher Taͤu⸗ ſchung und Aufregung neben dem fuͤr ſie ſo bedeuten⸗ den Mann. An der Villa ſeiner Schweſter, wo auch der Ba⸗ ͤ — e 285— ron zur Zeit wohnte, nahm er mit freundlichen Worten von der Geſellſchaft und von ihr Abſchied. Sie fragte ihn nicht, ob ſie ihn wiederſehn wuͤrde, ſie forderte ihn nicht auf. Das verſtand ſich von ſelbſt, ſo daß es ihr nur wie eine Profanation vor⸗ gekommen waͤre, wenn ſie ihn eingeladen haͤtte. — Gute Nacht! rief er ihr nochmals zu, und in dem Tone ſeiner Stimme lag fuͤr ſie allein das feſte Verſprechen eines baldigen Wiederſehns. Als Graf Bangor ihre Hand ergriff, um den ſte⸗ reotypen Kuß darauf zu druͤcken, entzog ſie ihm die⸗ ſelbe haſtig. Auch daruͤber graͤmte ſich der gutmuͤthige Loͤwe nicht, er war bereits an ihre Launen gewoͤhnt. Nur gegen den Onkel Wenzel aͤußerte er einige Be⸗ denklichkeiten uͤber die Vorliebe ſeiner Braut fuͤr magnetiſche Studien, die ihm doch unangenehm er⸗ ſchienen. — Laß ſie doch, ſagte der Sonderling be⸗ ſchwichtigend. Wenn ich nur erſt ſo weit waͤre, um von ihr zu erfahren, ob ich wirklich unſterblich bin. Das iſt doch aͤußerſt wichtig zu wiſſen, und ob es auch im Jenſeits noch Standesunterſchiede giebt.— —o 286- IMII. Diesmal war Adolphinens Seele in ihren Tiefen aufgeregt. Endlich glaubte ſie auf ihrem Lebenswege den wahren Erloͤſer gefunden zu haben. Es war dies nur ein Irrthum, eine neue Taͤuſchung mehr, fuͤr die ſie ſchmerzlich buͤßen ſollte. Baron Briolan beſaß nicht die Eigenſchaften, um ein krankendes Weib auf den rechten Weg zu leiten. Er ſelbſt taumelte an demſelben Abgrunde, ſein ganzes Leben war eine fortlaufende Kette von Irrthuͤmern. Auch er ſah ſich von Adolphinens Erſcheinung tief ergriffen. Bei ihrem Anblick ſchwanden alle ſeine fruͤheren Vorſaͤtze und frommen Plaͤne aus ſeinem Gedaͤchtniſſe. Sie war ſeit langer Zeit wieder das erſte weibliche Weſen, fuͤr das er ſich zu intereſſiren vermochte. Wie allen Neubekehrten und reuigen Suͤndern wohnte auch ihm der Trieb bei, Proſelyten zu machen. Er hatte ſogleich die Aehnlichkeit ihrer Lage und Gemuͤthsſtimmung mit der ſeinigen erkannt. Beide waren oder ſchienen wenigſtens uͤberſaͤttigt und ſehnten ſich nach einem neuen, unbekannten Heil. Er glaubte nur ein frommes Werk, ſeine eigentliche Miſſion zu erfuͤllen, wenn er ſich dem ſchoͤnen Maͤd— chen naͤherte. Sie ſollte aus denſelben Quellen des — —— — 287— wahren Heils ſchoͤpfen, die er jetzt gefunden zu haben glaubte. Unbewußt aber miſchten ſich in dieſes reli⸗ gioͤſe Gefuͤhl wieder unheilige Empfindungen, welche ihren irdiſchen Urſprung nicht verleugnen konnten. Der ploͤtzliche Bekehrungseifer war nicht ganz rein und frei von jeder irdiſchen Nebenabſicht. Ohne Verabredung trafen ſich die gleichgeſtimmten und verwandten Seelen bald auf einſamen Spazier— gaͤngen, bald in der Geſellſchaft, welche Baron Brio⸗ lan nicht mehr ſo aͤngſtlich floh. Ihre Unterhaltung beruͤhrte die wichtigſten und bedeutendſten Fragen der Menſchheit, Gegenſtaͤnde, welche leider in der Gegen⸗ wart und zu haͤufig als ein geiſtreicher Zeitvertreib betrachtet werden, als ein Mittel, gegenſeitig mit Gedanken und Gefuͤhlen vor einander zu prunken. Derartige Geſpraͤche ſind oft nur allzuſehr geeig⸗ net, die wohlthaͤtigen Schranken zu uͤberſpringen und eine gefaͤhrliche Annaͤherung zwiſchen den getrennten Geſchlechtern hervorzurufen. Mit den hohen Gedan— ken ſchleichen ſich die zaͤrtlichen Gefuͤhle des Herzens ein, unter abſtracten Ideen verbirgt ſich die verzeh⸗ rende Leidenſchaft. Der Spiritualismus dient nur als Maske einer feineren Sinnlichkeit und die Philo⸗ ſophie und Poeſie uͤbernehmen die Rollen der Gele⸗ genheitsmacherinnen.— —? 288— Adolphine hatte keine Ahnung von der Gefahr, der ſie durch den vertrauten Umgang mit Briolan ausgeſetzt war. Ihr ſonſt ſo klarer Geiſt, zuweilen nur durch eine voruͤbergehende Laune getruͤbt, ſchien ſich in der That unter einem zauberhaften Bann zu befinden. Der Baron mußte wirklich die geheimen, magnetiſchen Kraͤfte beſitzen, welche ihm allgemein zugeſchrieben wurden. Sie zitterte vor ſeiner Naͤhe und doch fuͤhlte ſie ſich widerſtandslos zu ihm hinge— zogen. Eine daͤmoniſche Macht beherrſchte ſie. Wenn er ſie oft Minuten lang mit ſeinen dunkelblauen und geheimnißvollen Augen anſtarrte, dann empfand ſie, wie ein ſeltſamer Schauer ihr ganzes Nervenſyſtem durchrieſelte. Seiner ſchmeichelnden Stimme vermochte ſie nicht zu widerſtehn, und ſelbſt wenn ſich ihr Ver⸗ ſtand gegen ſeine Worte auflehnte, ſo mußte ſie ihm 1 ſtets und oft gegen ihre beſſere Ueberzeugung beiſtim⸗ men. 1 Sie ſelbſt vermochte ſich keine Rechenſchaft von dieſem neuen Gefuͤhle zu geben, das ſie ploͤtzlich uͤberkam. Sie kaͤmpfte auch nicht dagegen an. We⸗ der ihr Vater noch Graf Bangor bemerkten irgend eine auffallende Veraͤnderung an ihr. Ihren Verlob⸗ ten behandelte ſie ſtets mit derſelben Duldſamkeit, und mit bewunderungswuͤrdiger Gleichguͤltigkeit ſah ſie —o 289— ſogar den Tag herannahen, an welchem ſie ihm fuͤr immer angehoͤren ſollte. Faſt taͤglich erſchien auch jetzt der Maler in dem Hauſe des Freiherrn, um ihr Bild zu beenden. An⸗ fangs kam er in Begleitung des Faͤrbermeiſters, ſpaͤ— ter allein, da dieſer es vorzog, einige Ausfluͤge ins Gebirge zu unternehmen. Dieſe Stunden eines un⸗ geſtoͤrten Zuſammenſeins ſteigerten Ferdinands ver⸗ zehrende Neigung zur wildeſten Leidenſchaft. Nur muͤhſam bezwang er ſich, um nicht ploͤtzlich mit einem unerwarteten Geſtaͤndniſſe hervorzubrechen. Nach ſei⸗ ner Angabe hatte Adolphine ein praͤchtiges, ſchwarzes Sammtkleid angelegt, ihr Haar kuͤnſtlich mit einer Perlenſchnur durchwunden. Er wollte ſie nicht in dem gewoͤhnlichen Frauencoſtuͤme darſtellen, das er als unmaleriſch verwarf. Sie war mit ſeinen Gruͤnden vollkommen einverſtanden und fuͤgte ſich gern und willig dieſer Kuͤnſtlerlaune. In der fremden Tracht erſchien ſie ihm wie eine jener fuͤrſtlichen Frauen, welche in der Bluͤthezeit Italiens den Kuͤnſtler be⸗ geiſterten. In ſeiner erhitzten Einbildung ſah er ſie als ſeine Leonore, ſich als den ungluͤcklichen Taſſo an. So ſpielte er gleichſam ein Trauerſpiel in Ge⸗ danken, wobei er ſich und ihr die Hauptrollen zuge⸗ dacht hatte. I. 19 — 5d 290— Waͤhrend Ferdinand ihre Zuͤge auf die Leinwand hinwarf und dabei ihr Bild immer tiefer ſeinem Her⸗ zen einpraͤgte, beſchaͤftigte ſich Adolphine, nichts ahnend, mit den Farbenſkizzen und Aquarellen, welche er zu ihrer Unterhaltung mitgebracht hatte. Ein Bild ſprach ſie darunter beſonders an. Der Gegenſtand war ein Landmaͤdchen aus der dortigen Gegend in ihrer kleidſamen Tracht. Schon der fluͤchtige Augen⸗ ſchein belehrte ſie, daß ſie ein wohl gelungenes Por⸗ trait vor ſich hatte. — Ein reizendes Bild, ſagte ſie im Anſchauen verſunken. Ich moͤchte wohl das Original ſehen, welches Ihnen dazu geſeſſen hat. — Ein niedliches Landmaͤdchen, eine Anverwandte meines Wirthes in Lahn, verſetzte der Maler. — Das Geſicht gefaͤllt mir ungemein. In dieſen Zuͤgen liegt eine Herzenseinfalt, die doch wieder nicht des geiſtigen Ausdruckes entbehrt. — Grade uͤber allzuvielen Geiſt hat das ſchoͤne Nandel ſich nicht zu beſchweren. — Sie ſcheint Ihnen gleichguͤltig? — Wie jede Frau ohne Geiſt, ſagte Ferdinand mit Nachdruck. — Und doch behauptet man, daß gerade die kluͤg⸗ — 291. 6— ſten Maͤnner ſich zu beſchraͤnkten Frauen hingezogen fuͤhlen. Ich habe dieſe Neigung nie begreifen koͤnnen. Nur das Weib, welches Schoͤnheit mit Geiſt vereint, kann mich zur Bewunderung hinreißen. — Sie werden bis jetzt noch keine Gelegenheit gefunden haben, ein ſolch vollkommenes Ideal anzu⸗ beten. 4 — Ich kenne es, faſt taͤglich ſchwebt es vor mei⸗ nen entzuͤckten Augen, rief der Maler leidenſchaftlich aus. Adolphine ſah ihn betroffen an. — Wollen Sie das Bild des Maͤdchens mir uͤber⸗ laſſen? fragte ſie ihn nach einer Pauſe ablenkend. — Gern. Sie duͤrfen es behalten. — Doch nur unter der Bedingung, daß Sie als Gegengeſchenk von mir die Fiſcherfamilie von Ro⸗ bert annehmen, welche Sie neulich bei mir ſo ſehr bewunderten. — Armer Robert, ſeufzte der Maler. — Sie beklagen ihn? — Was nuͤtzte ihm ſein Genie, was die Aner⸗ kennung ſeiner Zeitgenoſſen? — Er ſtarb, ſo viel ich weiß, durch ſene eigene 19* — o 292 6— Hand. Weiß man den Grund fuͤr ſeine unbegreif⸗ liche That? — Unbegreiflich? declamirte Ferdinand mit erhoͤh⸗ tem Pathos. O! ich begreife ihn vollkommen. Er nahm ſich das Leben, weil er ungluͤcklich liebte. Er ging an dieſen erbaͤrmlichen Verhaͤltniſſen zu Grunde, die auch mich— Der Maler vollendete nicht. Er ſprang bewegt von ſeinem Sitze auf. Seine Stimme zitterte und ein heißer Thraͤnenſtrom ſchoß uͤber ſeine Wangen. Adolphine verſtand erſt jetzt vollkommen den Sinn ſeiner Worte, und ſein fruͤheres Betragen wurde ihr mit einem Male klar. Er war wieder dicht an ſie herangetreten; dabei machte er eine Bewegung, als wollte er ihre Hand ergreifen. Ein kalter, ruhi⸗ ger Blick aus ihren Augen wies ihn zuruͤck. Ferdi⸗ nand hatte ein halbes Entgegenkommen von ihrer Seite mit Beſtimmtheit erwartet. Ihre Ruhe impo⸗ nirte ihm und er wagte nicht mehr das Geſtaͤndniß abzulegen, welches bereits auf ſeinen Lippen ſchwebte. Stumm und verlegen griff er nach ſeinem Hut. Kaum daß er im Stande war, einige unbedeutende Abſchieds⸗ worte zu ſtammeln. Sie begleitete ihn, als waͤre eben nichts geſchehen, mit gewohnter Hoͤflichkeit bis an die Thuͤr. Dort wandte er ſich noch einmal mit —?d 293— flehentlichem Blicke nach ihr zuruͤck. In ſeinem We⸗ ſen lag etwas Studirtes, Abſichtliches. Sein Ab⸗ gang erinnerte ſie an einen bekannten Schauſpieler in einer aͤhnlichen Situation. Sie laͤchelte und er ſchoͤpfte verblendet neue Hoffnungen ſogar aus dieſem ironiſchen Laͤcheln. — O aͤber dieſe Maͤnner! rief Adolphine, als ſie ſich wieder allein ſah. Sie verſank in ein tiefes Nachdenken. In ihrem Herzen regte ſich jetzt ein weibliches Mitleid fuͤr Fer⸗ dinand. Eine Frau und ſelbſt die Stolzeſte verzeiht am leichteſten noch eine Liebeserklaͤrung, auch wenn ſie von einem ihr gleichguͤltigen Manne abgelegt wird. Von allen Suͤnden findet dieſe noch am ſicherſten Ver⸗ gebung. Der Arme dauerte ſie ſogar. Sie ſann auf ein Mittel, ihn von ſeiner Thorheit zu heilen. Das Beſte erſchien auch ihr ſeine baldige Entfernung. Sie dachte daruͤber nach. Weder ihrem Vater noch dem Grafen wollte und konnte ſie ſich anvertrauen. Da⸗ gegen erſchien ihr der Faͤrbermeiſter ganz geeignet, auf den Freund einzuwirken und dieſen ſo ſchonend als moͤglich aus ihrer Naͤhe zu entfernen. Sie be⸗ ſchloß daher mit Georg bei der naͤchſten Gelegenheit Ruͤckſprache zu nehmen und ihm Alles zu geſtehen. So kurze Zeit ſie auch mit ihm erſt wieder verkehrte, — eo 294— ſo hatte ihr doch ſein ganzes Weſen ein unbedingtes Vertrauen eingefloͤßt. Sie rechnete auf ſeine Dis⸗ cretion und Tuͤchtigkeit, in welche ſie keine Zweifel ſetzte. Bei der hochfahrenden Ruͤckſichtsloſigkeit, die ihr bereits zur zweiten Natur geworden war, uͤber⸗ ſah ſie das Bedenkliche einer aͤhnlichen Situation. Auch war ihr der Faͤrbermeiſter kein Fremder mehr, ein Freund ihrer Jugend und vor allen Dingen als ein wahrer Mann bekannt. Das Benehmen des Malers hatte ſie verſtimmt. Seine Gegenwart fing ihr an laͤſtig zu werden. Sie fuͤrchtete, daß ſich aͤhnliche Scenen wiederholen duͤrf— ten, und ſo ſchien ihr ſeine Entfernung das Ge⸗ rathenſte. Sich ſelbſt hielt ſie ihm gegenuͤber fuͤr vollkommen ſchuldlos. Sie glaubte ihm nie eine Veranlaſſung zu ſeinem heutigen Benehmen gegeben zu haben. Daß ſie ihn freundlich und zuvorkommend behandelt hatte, konnte ihr nach ihrer Ueberzeugung nicht zum Vorwurfe gemacht werden. Dennoch regte ſich in ihrem Herzen eine Stimme, welche ſie leiſe anklagte. Sie mußte ſich eingeſtehn, daß ſie nicht immer die ſtrenge Grenzlinie, ſowohl Ferdinand, wie Anderen gegenuͤber, beobachtet habe. Statt aber ſich ſelbſt zu zuͤrnen, klagte ſie im Stillen uͤber die Eitel⸗ keit und Zudringlichkeit der Maͤnnerwelt. Es ging — —= 295— ihr in dieſem Augenblick wie den meiſten Frauen, welche eine oft unbewußte Koketterie treiben. Um ihre Kraͤfte in fortwaͤhrender Uebung zu erhalten, reizen ſie und ziehen an. Wenn aber das Spiel ſich in Ernſt verkehrt, wenn der abgeſchoſſene Pfeil zuruͤck— fliegt, dann klagen derartige Frauen, welche zum Ge— fallen geſchaffen ſind, uͤber die Maͤnner und erſchrecken vor jeder Beruͤhrung, die ſie ſelbſt herbeigefuͤhrt. Verſtimmt und gereizt nahmen ihre Gedanken eine immer ernſtere Richtung. Sie durchlebte jetzt eine Stunde der Selbſtpruͤfung, der ſchwarzen Melancho— lie, welche ſie zuweilen uͤberſchlich. Auch das Ver⸗ haͤltniß zu ihrem Verlobten ſtieg als ein drohendes Geſpenſt vor ihren Blicken auf. Bisher hatte ſie ſo wenig als moͤglich daruͤber nachgedacht. Zerſtreu⸗ ungen aller Art hinderten ſie daran. In ihrer ge⸗ genwaͤrtigen Stimmung ſchauderte ſie vor dem Leicht⸗ ſinn, mit dem ſie ihr Geſchick an einen ihr faſt wi⸗ derwaͤrtigen Mann geknuͤpft. Jetzt erſt erkannte ſie den ganzen Umfang ihrer Schuld. Das Hoͤchſte, was das Weib beſitzt, ihre Liebe, hatte ſie verſchleudert. Zum erſten Male wurde ihr die Entweihung klar, welche die Frau begeht, wenn ſie eine Ehe ohne ge⸗ genſeitige Neigung ſchließt. — Ich kann nicht mehr zuruͤck, ſeufzte ſie im — 0o 296— Stillen. Nirgends ſehe ich einen Ausweg. Der Graf hat mein Wort. Es giebt keine Rettung mehr fuͤr mich. Durch eigene Schuld muß ich zu Grunde gehen. Doch warum klage ich?— Bin ich doch nur Eine von den vielen Tauſenden, die daſſelbe Schick⸗ ſal mit mir theilen. Das iſt die Beſtimmung der Frauen, das iſt unſer Loos. Briolan hatte Recht, als er neulich ſagte: Die Ehe iſt ein unſittliches In⸗ ſtitut, weil es ewig und immer das Grab der Liebe bleiben wird. Es muß eine idealere Verbindung zwi— ſchen den verwandten Geiſtern geben, eine myſtiſche Vereinigung, die er mich ahnen ließ. Was konnte er damit meinen? Sollte wirklich der Magnetismus, wie der Baron behauptet, auch auf dieſem Gebiete eine nothwendige geſellſchaftliche Revolution hervor⸗ bringen?. Geſchickt hatte der Baron dieſen Samen in ihre argloſe Seele zu ſtreuen gewußt. Seine Offenbarun⸗ gen fanden einen fruchtbaren Boden. Sie traͤumte von einem hoͤheren Bunde der Geiſter, von einem ewigen, geheimnißvollen Rapport. Aus dem Mag⸗ netismus hatte Briolan mit gewohnter Beredtſamkeit in einer ihrer juͤngſten Unterhaltungen eine neue Theorie der Liebe und Ehe abgeleitet, welche ganz auf Adolphinens phantaſtiſch uͤberreizte Stimmung — 0 297— berechnet war. Seine Worte machten um ſo mehr Eindruck, je groͤßer der Zwieſpalt war, in dem ſie ſich befand. Ihr Geiſt wurde von der Kuͤhnheit ſei⸗ ner Anſichten geblendet und fortgeriſſen. In ihm glaubte ſie auch in dieſem Augenblick den Erloͤſer aus all der Verwirrung gefunden zu haben. Durch die Erinnerung an den Baron gehoben, vermochte ſie wieder die truͤben Geiſter zu beſchwichtigen. Das Reſultat ihrer Selbſtpruͤfung war eine ſchwaͤrmeri⸗ ſche Exaltation, eine Art Opiumrauſch, welcher ihre Schmerzen einſchlaͤferte.— Ein lautes und frohes Gelaͤchter in ihrem Vorzimmer verſetzte ſie aus dieſem dumpfen Bruͤten wieder in die nuͤchterne Wirklichkeit. Deutlich erkannte ſie die Stimmen ihres Vaters und ihres Verlobten. Einen Augenblick ſpaͤter traten Beide noch lachend in das Zimmer. Q — Apolphine! rief ihr der Freiherr zu. Ich⸗ bringe Dir eine erfreuliche Nachricht. — Nein! Sie muͤſſen ſie aus meinem Munde zu⸗ erſt erfahren, rief der Graf dazwiſchen. Ich habe den Brief erhalten. — Welchen Brief? fragte Adolphine. — Von meiner Tante. Die Frau Oberhofmeiſte⸗ rin iſt entzuͤckt, Sie als ihre zukuͤnftige Nichte begruͤ⸗ — d 298 8— ßen zu duͤrfen. Zugleich zeigt ſie mir die nah bevor⸗ ſtehende Ankunft des Hofes an. — Du wirft ſogleich vorgeſtellt werden, ſchrie Herr von Buſch mit vor Freude uͤberſchnappender Stimme. Bei der großen Cour wird Deine Verlobung pro⸗ clamirt. So hat es die gnaͤdige Frau Oberhofmei⸗ ſterin proponirt. Ich laſſe Dir eine Hofrobe kommen, die Alles uͤbertreffen wird. Nun, was ſagſt Du? Biſt Du nicht gluͤcklich? — Gluͤcklich! wiederholte ſie mit einem ſchmerzli— chen Laͤcheln. Gewiß! ich bin gluͤcklich. — Und in vier Wochen machen Sie mich ſelbſt zum Gluͤcklichſten auf Erden, ſagte der Graf, indem er ſie zaͤrtlich anblickte. — Ja, ja! rief der Freiherr. Reiße nicht ſo verwundert Deine Augen auf. In vier Wochen biſt Du Graͤfin Bangor. — So ſchnell? Das kann unmoͤglich ſein. Der Fuͤrſt hat noch nicht geantwortet. — Der Fuͤrſt? fragte der Verlobte verwundert. Was hat der Fuͤrſt mit unſerer Heirath zu thun? — Fragen Sie meinen Vater. Der Fürſt iſt mein Pathe, ohne deſſen Zuſtimmung ich keinen Schritt thun kann und will. — 299 — Aber Adolphine! mahnte Herr von Buſch, in⸗ dem ihm der Angſtſchweiß auf der Stirne ſtand. — Ich erklaͤre Ihnen, lieber Vater, daß ich ohne Einwilligung des Fuͤrſten weder bei Hofe erſcheinen, noch mich trauen laſſen werde. Ich wenigſtens will ihm mein gegebenes Verſprechen halten. — Erklaͤren Sie mir nur—, forſchte der Graf, indem er dieſen Auftritt mit den auch zu ſeinen Ohren gekommenen Geruͤchten in Zuſammenhang brachte. — Laune, nichts als Laune, ſtammelte der Frei⸗ herr. Gewiſſermaßen eine Ruͤckſicht, die wir dem Fuͤrſten ſchuldig ſind. Er iſt Adolphinens Pathe und hat ſich immer unſerem Hauſe ſehr freundlich erwieſen. Ich habe auch bereits an ihn geſchrieben und ihm die Verlobung angezeigt. In dieſen Tagen muß ſeine Antwort eintreffen. Den Grafen ſchien dieſer Umſtand unangenehm zu beruͤhren. Er blieb den ganzen Tag verſtimmt. Auch Herr von Buſch hatte ſeine heitere Laune ein⸗ gebuͤßt. Jede Erinnerung an den Fuͤrſten brachte ihn aus der Faſſung. Deshalb verſchwieg er auch ſeiner Tochter die nahe bevorſtehende Ankunft deſſel⸗ ben, welche den Freiherrn in die groͤßte Unruhe ver⸗ ſetzte. Adolphine ſelbſt klammerte ſich mit dumpfem Inſtinkt an dieſe letzte Stuͤtze. Von dem Ausſpruche — eo 300 8— des Fuͤrſten erwartete ſie eine Loͤſung ihrer verwirrten Verhaͤltniſſe. Sie betrachtete ihn als den Schutzgeiſt ihrer Jugend. Als ſolcher hatte er ſich ihr bisher gezeigt, um ſo mehr befrendete ſie jetzt ſein unerklaͤr⸗ liches und raͤthſelhaftes Stillſchweigen. Bald empfahl ſich der Graf, welcher mit Herrn von Buſch nach dem Kurhauſe ging. Adolphine blieb allein mit ihren traurigen Gedanken. XXIII. Auf dem ſchoͤnen Wege von Iſchl nach St. Wolf⸗ gang befand ſich an einem herrlichen Sommermorgen die uns bereits hinlaͤnglich bekannte Geſellſchaft, um die beabſichtigte Beſteigung des Schafberges noch vor Ankunft des Hofes zu unternehmen. Georg und der Maler hatten ſich auf die an ſie ergangene Einla— dung ebenfalls angeſchloſſen. In zwei Wagen roll⸗ ten ſie durch das lachende Thal. Ein landſchaftliches Bild zog nach dem andern an ihren Augen voruͤber. Gruͤnende Wieſen, goldene Felder, braune Hütten, im ſchattigen Gebuͤſch verſteckt, folgten ſich im ſchnellen Fluge. Dazu leuchtete der praͤchtigſte Sonnenſchein und der friſche Morgenwind ſpielte mit dem Laube —eo 301-— der Baͤume und den ſchweren, wogenden Aehren, welche eine reiche Aerndte verſprachen. Die Voͤgel jubilirten in der Luft und eine wirbelnde Lerche ſtieg wie der verkoͤrperte Geiſt der Flur empor und ſchmet⸗ terte aus blauer Hoͤhe ihr friſches Lied herab. Bald fuͤhrte die meiſt ebene Straße an einem ſchwellenden Huͤgel voruͤber, der wie mit gruͤnem Sammt belklei— det ſchien, dann lenkte ſie wieder nach einem ſchatti⸗ gen Hain voll angenehmer Kuͤhle, doppelt willkommen nach einer ſo eben zuruͤckgelegten, ſonnigen Strecke. Nach und nach traten auch die kuͤhnen Formen der nahe liegenden Bergſpitzen beſtimmter hervor. Hier ſtand ein ſolch rieſtger Kalkkegel vereinzelt, dort ruͤck⸗ ten zwei Bergruͤcken zuſammen und bildeten einen luftigen Ausſchnitt mit der Fernſicht in ein enges Thal, das im Hintergrunde durch andere, noch hoͤher auftauchende Felſengruppen abgeſchloſſen wurde. Aus der blauen Ferne kehrte dann der geſaͤttigte Blick in die naͤchſte Umgebung wieder und ſchwelgte von Neuem angeregt in der Fuͤlle lieblicher Erſcheinungen. Hier bluͤhte auf bemoostem Steine eine blaue Glockenblume und laͤutete vom Wind beruͤhrt mit allen ihren Gloͤck⸗ chen, dort ſchwebte ein gelber Schmetterling um den rothen Klee und ſaugte begierig den ſuͤßen Nektar ein. Das Auge der Menſchen that wie er und flog 8 —”o 302— von Blume zu Blume, von Huͤgel zu Huͤgel und wurde nicht ſatt in ſchoͤnem Genuß. Es lag in der ganzen Natur eine deutlich ausge⸗ ſprochene Freudigkeit. Die Menſchen wurden mit fortgeriſſen. Sie konnten dem friſchen Hauch nicht widerſtehn, der um Laub und Bluͤthen ſpielte, die Lunge ausdehnte und das Herz im raſcheren Takte ſchlagen ließ. Der helle Sonnenſchein duldete keine Schatten und ſeine goldenen Strahlen ſcheuchten jeden Truͤbſinn fort. Die reine Bergluft, geſchwaͤngert von dem wuͤrzigen Duft der geſunden Alpenkraͤuter, glich einem verjuͤngenden Trank und hatte etwas Berau⸗ ſchendes an ſich. Das empfand Adolphine, die ſie in vollen Zuͤgen einathmete. Wie Nebel ſchwanden die duͤſteren Gedanken aus ihrem Herzen und eine lie⸗ benswuͤrdige Heiterkeit bemaͤchtigte ſich ihrer Seele. Sie ſcherzte mit ihrem Verlobten, der an ihrer Seite ſaß, und richtete von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort an Georg, welcher den Ruͤlſſttz eingenommen hatte. Der Faͤrbermeiſter war heut auffallend ernſt und ſprach noch weniger als ſonſt. Seine Zerſtreut⸗ heit fiel ſogar Adolphine auf. — Was fehlt Ihnen? fragte ſie theilnehmend im Laufe des Geſpraͤchs. —e 303— — Ich habe Briefe aus der Heimath erhalten, die mich zur Ruͤckkehr in wenig Tagen zwingen. — Das thut mir leid. Sie haben gewiß auf einen laͤngern Aufenthalt gerechnet. — In der That, ich hatte vier Wochen zu mei⸗ ner Reiſe beſtimmt. — Und Ihr Freund, Herr Obermann, bleibt hier? — So viel ich weiß, gedenkt er den ganzen Som⸗ mer in Hallſtadt zuzubringen. Dieſe obenhin geſprochenen Worte, auf welche der Graf kaum achtete, erhielten durch ihre eigen⸗ thuͤmliche Betonung eine beſondere Bedeutung. Adol⸗ phine wurde durch die nahe bevorſtehende Abreiſe des Faͤrbermeiſters unangenehm beruͤhrt. Sie hatte ihn zum Vermittler zwiſchen ſich und Ferdinand gebrau⸗ chen wollen, um einer drohenden und unangenehmen Erklaͤrung des Letzteren vorzubeugen. Bisher hatte ſie noch nicht Gelegenheit gehabt mit Georg uͤber ihre Befuͤrchtungen zu ſprechen. Sein ploͤtzlicher Entſchluß noͤthigte ſte, ihn noch vor ſeiner Abreiſe allein zu ſehn und zum Vertrauten ihres Geheimniſſes zu machen. Dabei hoffte ſie, daß er den Maler vermoͤgen wuͤrde, ebenfalls mit ihm zu gleicher Zeit die Umgebung von Iſchl zu verlaſſen. Dieſen Gedanken hing ſie nach, als ſie ploͤtzlich verſtummte. Was der Graf in ſeiner — d 304— Sorgloſigkeit nicht beachtete, war indeß dem Faͤrber— meiſter nicht entgangen. Er ahnte in den Fragen Adolphinens einen geheimen Sinn und antwortete demnach anſcheinend unverfaͤnglich und doch mit ver⸗ borgener Beziehung. So entwickelte ſich von Neuem zwiſchen den urſpruͤnglich ſich fernſtehenden Perſonen, dem einfachen Handwerker und der verwoͤhnten Salon⸗ dame, ein gewiſſes Einverſtaͤndniß. Beide begegneten ſich in denſelben Gedanken. Der bisher eben verlaufende Weg machte jetzt eine Steigerung. Adolphine benutzte das langſamere Fah⸗ ren des Wagens und verlangte dieſen zu verlaſſen, um die kleine Anhoͤhe zu Fuß zu erſteigen. Der Graf erhob einige Einwendungen, indem er an die groͤßere Partie nach dem Schafberg erinnerte und vor Ermuͤ⸗ dung warnte. — Kommen Sie doch, rief ſie ihren Begleitern zu, ohne ſich an ſeine Worte viel zu kehren. Wir wollen hier ausſteigen. Der kleine Huͤgel wird uns nicht ermuͤden und ich laſſe mich ja ohnehin den Schaf⸗ berg hinauftragen. Im Wagen genießen wir die herr⸗ liche Ausſicht doch nur halb. Oeffnen Sie, Herr Becher! Georg war ſogleich aufgeſprungen, um die Wa⸗ genthuͤr zu oͤffnen und den Tritt herabzulaſſen. Sie — 6e 305— ſuͤtzte ſich auf ſeinen Arm. Einen kurzen Augenblick ruhte ihre kleine Hand in ſeiner nervigten Rechten und ihr Geſicht beruͤhrte faſt das ſeinige. — Ich muß Sie ſprechen und allein, noch heut, fuͤſterte ſie dem Ueberraſchten zu. Ehe er ſich von ſeinem Erſtaunen erholen konnte, war ſie ſeinen Armen ſchon entſchluͤpft und lachte den Grafen aus, der langſam und reſignirt nachkam. Ihre kleine Liſt war gegluͤckt und ſie erwartete, daß der Faͤrbermeiſter im Laufe des Tages die Gelegen⸗ heit ſuchen und finden wuͤrde, ſich ihr unbeachtet zu naͤhern. Georg blieb in einiger Verlegenheit zuruͤck, er ahnte wohl, daß nur ein wichtiger Umſtand eine Dame wie Adolphine zu einem ſolchen Schritt ver⸗ leiten konnte. Da er kein Meiſter in der Verſtellungs⸗ kunſt war, ſo vermochte er kaum ſeine Unruhe zu verbergen. Er bewunderte um ſo mehr die weibliche Faſſung Adolphinens, welche vollkommen Herrin ihrer Mienen blieb und hoͤchſt aufmerkſam den unbedeuten⸗ den Reden des Grafen zu lauſchen ſchien. Allmaͤlig war indeß der Huͤgel erſtiegen worden und ein Theil des Wolfgangſees breitete ſich vor ihren Blicken aus. Er zeigte einen ganz verſchiedenen Cha⸗ rakter als der von Hallſtadt. Waͤhrend dieſer duͤſter und melancholiſch rings von dunklen oͤden Felſen um⸗ 1.— 20 —8e 306— geben wie ein naͤchtiges Geheimniß den Beſucher mit Trauer erfuͤllt, lachten hier die blauen Fluthen, glaͤn⸗ zend, faſt kokett, im hellen Sonnenſchein. Ueppige Wieſen und geſegnete Felder umgaben ſeine Ufer. Einzelne Huͤtten und Doͤrfer lagen in der Naͤhe und ſelbſt die phantaſtiſchen Felſengruppen ſchienen in ſol⸗ cher Umgebung ihre Strenge verloren zu haben und ſpiegelten ſich mit Wohlgefallen in den azurnen Ge⸗ waͤſſern. — Magnifique, ſuperb! rief Graf Bangor im⸗ mer von Neuem aus. Den Wolfgangſee laſſ' ich mir gefallen, gegen den haͤlt der Hallſtaͤdter keinen Ver⸗ gleich aus. — Das hab' ich mir wohl gedacht, verſetzte Adol— phine mit einem Anflug uͤbler Laune. Ich glaube auch, daß Ihnen Halm lieber wie Shakeſpeare iſt. Der Graf machte ein verlegenes Geſicht. Er hatte noch nie daruͤber nachgedacht und wußte nicht, was er entgegnen ſollte. Adolphinens Oberlippe kraͤuſelte ſich unmerklich wie immer, wenn man ihr widerſprach, und ſie verlangte jetzt wieder nach dem Wagen. Bald erreichten ſie das Staͤdtchen St. Wolfgang, von dem der See ſeinen Namen fuͤhrt. Der Flecken, welcher ungefaͤhr ſechshundert Einwohner beſitzt, iſt ein in ganz Oeſtreich und den benachbarten Laͤndern wohlbe⸗ —? 307— kannter Wallfahrtsort. Nachdem die Reiſenden ein kleines Fruͤhſtuͤck eingenommen, beſuchten ſie die alte, beruͤhmte Kirche, welche reich an Reliquien und Bil— dern aus der Heiligengeſchichte iſt. Ferdinand machte Adolphine beſonders auf den ſchoͤnen, kunſtreichen Altar aufmerkſam, eines der wuͤrdigſten Monumente mittelalterlichen Fleißes. Um dieſes Meiſterwerk deutſcher Holzſchnitzerei zu bewundern, war ſie naͤher heran getreten. Der Saum ihres Kleides ſtreifte bei dieſer Bewegung einen der vielen Andaͤchtigen, welche im Halbdunkel knieend auf dem Boden und den Stufen lagen. Der fromme Beter wendete ihr ſein Geſicht zu. Sie erroͤthete als ihr Auge dem ſeinigen begegnete, denn ſie hatte in ihm Baron Briolan er⸗ kannt. Schweigend entfernte ſie ſich wieder.— Um die Zeit bis zum Mittagseſſen auszufuͤllen, deſſen Beſtellung und Anordnung Herr von Buſch uͤbernommen, beſuchte die Geſellſchaft die noch ziem— lich wohlerhaltenen Ruinen des ehemaligen Kloſters, welches in der Naͤhe der Kirche liegt. Durch die offe⸗ nen Bogenfenſter genießt man die herrlichſte Ausſicht auf die verſchiedenen Punkte des Sees und ſeine maleriſchen Umgebungen. Jedes einzelne Fenſter bil⸗ det gleichſam den Rahmen fuͤr ein beſonderes land⸗ ſchaftliches Bild. Es war dies ein Panorama einzig 20* — e 308— in ſeiner Art. Bald erblickte man einen Abſchnitt des Sees blau wie Ultramarin, bald eine Klippe, welche ſich in ſeinen klaren Fluthen ſpiegelte. An dem einen Bogen ſah man ein reizendes Schloͤßchen in gothiſchem Geſchmack, das der Beſitzer von St. Wolf— gang auf einer vorſpringenden Landzunge erbaut, an dem andern Fenſter ſchimmerte der Falkenſtein mit der Einſiedelei des Heiligen und der Kreuzkapelle, welche rings von aufgehaͤuften Steinen umgeben iſt, von den Haͤnden der Pilger zuſammengetragen. Ein frommer Glaube knuͤpft ſich an ihr Werk. Nach der Sage wird ſogleich, wenn die hinlaͤngliche Anzahl Steine vorhanden ſind, ſich von ſelbſt an dieſer Stelle eine neue herrliche Kirche erheben, die keiner Menſch en⸗ haͤnde zu ihrem Bau bedarf. In der Betrachtung dieſer Naturſchoͤnheiten wurde Adolphine durch die Ankunft Briolans unterbrochen, der in Begleitung zweier Fremden ſich dem Freiherrn naͤherte, um ſeine Geſellſchafter vorzuſtellen. Der eine war der Abt eines boͤhmiſchen Kloſters, ein Be⸗ kannter des Barons, der andere ein naher Verwand⸗ ter deſſelben, der muthmaßliche Erbe ſeiner Guter. Adolphinen war ein geywiſſer feierlicher Ernſt nicht entgangen, der ſich in den Zuͤgen des Barons aus⸗ ſprach. Er ſchien tief ergriffen als er ſich ihr naͤherte. — 309— — Wir haben uns ſchon heut geſehn, ohne daß es mir vergoͤnnt war Sie zu begruͤßen, ſagte er mit Beziehung auf ihr Zuſammentreffen in der Kirche des Heiligen. — Sie beſchaͤmen uns arme Weltkinder durch Ihre Froͤmmigkeit. Waͤhrend wir nur an Vergnuͤgen denken, dienen Sie dem Herrn. — Ich habe allen Grund dazu. Er hat mich hoch begnadigt, rief der Baron mit ſchwaͤrmeriſchem Blick. Mir iſt ein Wunder hier begegnet, ein doppel⸗ tes Wunder, das wohl im Stande iſt, den Unglaͤu⸗ bigſten zu bekehren. — Darf man es erfahren? Wollen Sie uns mit⸗ theilen, was Ihnen begegnet iſt? 3 — Das ſollten Sie thun, ſagten zu gleicher Zeit Herr von Buſch und Graf Wenzel, der ſich beſonders fuͤr alles Wunderbare intereſſirte. — Selbſt auf die Gefahr hin von Unglaͤubigen verſpottet zu werden, will ich doch die Wahrheit ver⸗ kuͤnden. Das Ereigniß iſt zu merkwuͤrdig und be⸗ deutſam fuͤr mich. Eine Freundin meiner Schweſter, ihre Geſellſchafterin, befindet ſich, wie bereits gegen ihren Willen in ganz Iſchl bekannt geworden iſt, im Zuſtande des Hellſehns. Geſtern forderte ſie mich waͤhrend ihres magnetiſchen Schlafes auf, eine Reiſe —5 310— nach St. Wolfgang zu unternehmen, um in der Kirche des Heiligen mein Gebet zu verrichten. Zugleich verkuͤndete ſie mir die Ankunft dieſer Herren, mei⸗ nes Verwandten und des ehrwuͤrdigen Praͤlaten, die Beide in einer Entfernung von mehr als hundert Mei⸗ len lebten und von Venedig uͤber Salzburg nach ihrer Heimath zuruͤckkehren wollten. Hier in St. Wolfgang fuͤhlen meine Freunde das Beduͤrfniß ebenfalls ihre Andacht zu verrichten und ſo trafen wir uns, ohne Verabredung, ohne eine Ahnung von unſerem Hier⸗ ſein zu haben. Es iſt dies ein Wunder, fuͤr das ich dem Heiligen um ſo mehr danken muß, da die Anweſenheit der Freunde mir in dieſem Augenblick erwuͤnſchter iſt als je. Ich bedarf ihres Rathes und ihrer Unterſtuͤtzung. Der Himmel ſelbſt hat ſie mir geſchickt. Der Baron ergriff zum Schluß ſeiner Rede die Haͤnde der beiden Fremden und druͤckte ſie mit ſchwaͤr⸗ meriſchem Enthuſiasmus, als ſaͤhe er in ihnen des Himmels Boten. Die uͤbrige Geſellſchaft unter⸗ ließ ebenfalls nicht bald mehr bald minder laut ihre Empfindungen und Gedanken uͤber dieſe außerordent⸗ liche Begegnung zu aͤußern. Nur Georg verhielt ſich durchaus ruhig und ſchweigſam. Die ganze Er⸗ ſcheinung des Barons, ſeine Schwaͤrmerei und ſein — 311— Bekehrungseifer machten durchaus keinen guͤnſtigen Eindruck auf den nuͤchternen und feſten Mann. Er empfand vom erſten Augenblick an ein Vorurtheil gegen dieſe mit Oſtentation geoffenbarte Froͤmmigkeit, welche ſchnell wieder modernen Phraſen und ſpielen⸗ den Witzen weichen mußte. Der heilige Glaubens⸗ eifer harmonirte nicht mit der weltlichen Aufmerkſam⸗ keit, die Briolan bald ausſchließlich Adolphinen er⸗ wies. Die geiſtreichen Spruͤnge und Paradoren, welche der Baron hauptſaͤchlich in der Unterhaltung mit ihr vorbrachte und die ihren vollen Beifall zu haben ſchienen, fanden an dem Faͤrbermeiſter einen ſtrengen Beurtheiler. Er durchſchaute ihre Schwaͤchen, hielt es jedoch nicht fuͤr angemeſſen, ſich unaufgefor— dert in ein Geſpraͤch zu miſchen, das ihn nicht weiter beruͤhrte. Indem er mit gewohnter Ruhe beobachtete, entging ihm Adolphinens Befangenheit und wechſelnde Aufregung nicht. Bald war ſie ſtill und nachdenklich, dann ploͤtzlich wieder aͤußerſt lebendig und faſt uͤber⸗ muͤthig. Je laͤnger Georg dem Paare ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zuwendete, deſto klarer wurde ihm die nahe Beziehung, in welcher Beide zu einander ſtanden und die ihrer uͤbrigen Umgebung nicht aufzufallen ſchien. Es war dies eine ſchmerzliche Entdeckung fuͤr ihn, die er, ohne es zu wollen, machte. Seit einiger Zeit — 312 6— ſchon nahm er ein lebendigeres Intereſſe an dem ſelt⸗ ſamen Maͤdchen. Er glaubte unter der täuſchenden Oberflaͤche tiefere und beſſere Eigenſchaften an ihr entdeckt zu haben. Seine Jugenderinnerungen gaben ihr außerdem ein Anrecht auf ſeine Freundſchaft. Nun war er noch durch mannigfache Beziehungen gleichſam mit in ihr Schickſal verflochten worden. Alle dieſe Verhaͤltniſſe legten ihm eine Art Verpflich⸗ tung auf, ſeine Theilnahme auf entſprechende Weiſe zu bethaͤtigen. Darum war ihm jetzt die Ausſicht auf ein ungeſtoͤrtes Zwiegeſpraͤch mit ihr, das ſie ſelbſt gefordert, nicht mehr unangenehm, ſondern ſo— gar hoͤchſt erwuͤnſcht. Sein Entſchluß war gefaßt. Adolphine ſollte aus ſeinem Munde die Wahrheit hoͤren, und ſelbſt auf die Gefahr hin, ſie fuͤr immer zu erzuͤrnen, wollte er mit maͤnnlichem Ernſte und wenn es Noth thaͤte ſelbſt mit heilſamer Strenge ihr gegenuͤber treten. Er ſtand ja uͤberdies im Begriff abzureiſen. Viel⸗ leicht ſah er ſie nie im Leben wieder. —o 313— XXIV. Bald nach Tiſche empfahl ſich Baron Briolan, der mit ſeinen Begleitern nach Iſchl fuhr, waͤhrend die Zuruͤckbleibenden ſich fuͤr ihre Bergpartie vorbe⸗ reiteten. Der Freiherr hatte die Equipagen zuruͤck⸗ geſchickt mit dem Befehl die Geſellſchaft in Weißen— bach am andern Tage zu erwarten. Die beſtellten Fuͤhrer und Traͤger fuͤr die Damen ſammelten ſich vor der Thuͤr des Wirthshauſes und ſtaͤrkten ſich durch einen friſchen Trunk zur bevorſtehenden Reiſe. Der Graf ſchluͤrfte noch behaglich ſeinen Kaffee auf dem Altane an der Seite der Frau von Starenberg, der er die Vorzuͤge ſeiner Kamaſchen und Bergſchuhe angelegentlich auseinanderſetzte. Die gefaͤllige Wittwe hoͤrte ihm weit aufmerkſamer als Adolphine zu, welche ſeit der Abreiſe des Barons an auffallender Zerſtreut⸗ heit litt. Die Thurmuhr ſchlug jetzt vier Uhr und der Fuͤhrer mahnte zum Aufbruche, da man vor Sonnen⸗ untergang noch das Ziel erreichen wollte. Der Zug ſetzte ſich langſam in Bewegung. Allmaͤlig ſtieg der Weg empor und fuͤhrte in der Naͤhe des Sees vor⸗ uͤber, der noch einmal in ſeiner ganzen Schoͤnheit ſichtbar wurde. Da lag der blaue Spiegel und auf — d 314— den ſchillernden Wellen zitterten die goldenen Sonnen⸗ ſtrahlen, welche von ihnen zuruͤckgeworfen als tau⸗ ſend und aber tauſend zuckende Lichter druͤber tanzten. Das ſchimmerte und glaͤnzte, funkelte und leuchtete wie ein Feuerwerk, ſo daß das Auge ſchier geblendet wurde. Weiße Schwaͤne zogen langſam mit ihrem ſilbernen Gefieder durch die Fluth. Wenn ſie nieder⸗ tauchten und den ſchlanken Hals bewegten, blitzte es von farbigen Funken. Dazwiſchen fuhren groͤßere und kleinere Kaͤhne mit ſchwellendem Segel und lan— deten am jenſeitigen gruͤnen Ufer, das ſich wie ein ſmaragdener Rahmen um das lachende Gemaͤlde ſchlang. Bald verſchwand das liebliche Bild. Auf ſonnigem Pfade gelangte man zu einer kleinen Muͤhle, welche ein kleiner Gebirgsbach trieb. Ein rieſiger Birnbaum, der vor der Thuͤr ſtand, bot willkommenen Schatten. Die Traͤger ruhten von ihrem beſchwerlichen Geſchaͤfte aus und trockneten ſich die heiße Stirn. Nach kurzer Zeit brachen ſie wieder auf. Das jetzt ziemlich be⸗ ſchwerliche Steigen verhinderte jedes lebhafte Geſpraͤch. Die Sonne ſtand noch hoch und ihre Strahlen brann⸗ ten heiß. Von Zeit zu Zeit wehte ein kuͤhles Luͤft— chen vom See empor. Friſche Laubwaͤlder wechſelten mit kahlen Strecken. Je hoͤher aber die Reiſenden kamen, deſto mehr mußten die Buchen und Eichen — - 315— den Tannen und Fichten weichen, welche ſich ſchon von Weitem durch ihren harzigen Duft verkuͤndeten. Der Schafberg mit ſeiner ſeltſamen Geſtalt ſchien bereits ſo nahe zu liegen, daß man ihn mit Haͤnden zu greifen glaubte, und dennoch war noch ein langer und ſchwieriger Weg zuruͤckzulegen. Die Traͤger machten immer haͤufiger Raſt. Adol⸗ phinen dauerten die armen Leute. Um ihnen ihre Laſt zu erleichtern, entſchloß ſie ſich eine Weile zu gehn. Sie bat ſich den Alpenſtock des Fuͤhrers aus, der ihr ihn willig uͤberließ. Georg war ſogleich an ihrer Seite. Er hoffte, daß der guͤnſtige Augenblick gekommen ſei, um mit ihr allein zu ſprechen. Der Graf vereitelte indeß jeden derartigen Verſuch, in— dem er ihr ſeinen Arm anbot, den ſie jedoch nicht annahm unter dem Vorwand, daß der Alpenſtock ihr vollkommen genuͤge. Faſt uͤber eine Stunde waren die Reiſenden bereits geſtiegen. Sie naͤherten ſich jetzt der hoͤheren Alpen— region. Hier bluͤhten Kraͤuter, die das flache Land nicht kennt, die rothe Alpenroſe, die oft wie eine roſige Wolke uͤber einem Felſen ſchwebte und das nackte Geſtein mit einem Purpurmantel deckte, der blaue Enzian und gelbe Primeln, welche in dieſer Hoͤhe einen eigenen metalliſchen Glanz erhalten, einen —“ 316— Schimmer, den die niedriger bluͤhende Pflanzenwelt nie erlangt. Auch der edle Speik, dem die Berg⸗ bewohner geheime Heilkraͤfte zuſchreiben, zeigte ſich hier und da und wurde ſogleich von dem aufmerkſamen Fuͤhrer gepfluͤckt. Er ſchmuͤckte damit die Huͤte der Herren und ſeinen eigenen gruͤnen Hut, als ein Zei— chen der Alpennaͤhe, die ſie bereits erreicht hatten. Adolphine erhielt von ihm mit linkiſcher Galante⸗ rie einen ganzen Strauß friſcher Alpenblumen, die ſie heut das theure Bouquet des Grafen nicht vermiſſen ließen. Sie neckte ihren Verlobten damit. — Sehen Sie, GrafW! ſagte ſie ſcherzend. Das nenn' ich einen Strauß, den ich mir in einer Hoͤhe von ſechstauſend Fuß ſelbſt geholt. Ich glaube die Blumen duften um ſo ſchoͤner, je naͤher ſie dem Himmel ſtehn. Bald mußte ſie jedoch wieder den Seſſel beſteigen und ſich tragen laſſen, da der Boden auf einer groͤ⸗ ßeren Strecke ſich feucht und ſumpfig zeigte. Hier begannen bereits die gruͤnen Matten und das Ge— laͤute der weidenden Ziegen und Rinder deutete auf die Naͤhe der Sennhuͤtten. Von dieſen bis zu dem Gipfel des Berges war nur noch eine kurze Strecke, welche die Geſellſchaft in einigen Minuten zuruͤcklegte. Ein wohleingerichtetes Wirthshaus daſelbſt nahm ſie —5 317— einſtweilen auf bis zum Sonnenuntergang, dem Hauptgenuß der zwar anſtrengenden, aber aͤußerſt lohnenden Partie. Nach einer kurzen Ruhe erſchienen unſere Reiſen— den auf dem Abhang, den die Spitze des Berges bildet, um das impoſante Schauſpiel zu genießen, welches ſich ihnen darbot. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Auge die ganze Fuͤlle und Herrlichkeit der Erſcheinungen in ſich aufnehmen konnte, die ihm hier geboten wurden. Raſtlos flog der Blick von Gipfel zu Gipfel, von See zu See. Ein Ozean von Rieſenbergen, wie verſteinte Meereswogen, er⸗ hebt ſich hoch bis in die Wolken hinein. Die weißen Gletſcher und Schneefelder gleichen dem erſtarrten Wellenſchaum. Es iſt die Kette der Steiermaͤrkſchen und zum Theil der Tyroler Alpen, welche hier ploͤtz⸗ lich in erhabener Majeſtaͤt hervortritt. So groß, ge⸗ waltig und uͤberraſchend iſt der Anblick, daß nur ſtumme Bewunderung uͤbrig bleibt. Das ſind die Dome, die ſich Gottes Hand gebaut, die Urzeugen der Schoͤpfung, von Lawinen umbrauſt und von Ad⸗ lern umkreiſt. Der Watzman, der Ankogel und wie all die Spitzen und Hoͤrner heißen moͤgen lager— ten am Horizont in blauen Duft gehuͤllt und dazwi⸗ ſchen ſchlang ſich der Kranz gruͤnender Huͤgel, naͤher — 318(— und ferner liegende Hoͤhenzuͤge von Thaͤlern und Seen unterbrochen, welche wie rieſige Waſſerlilien ſchimmerten. Hoch am Himmel leuchtete noch die Sonne, aber ſie naͤherte ſich ihrem Untergang und ein Schauſpiel begann, das auf Erden wenige ſeines Gleichen findet. Von allen irdiſchen Duͤnſten befreit rollte der flammende Feuerball langſam im Weſten nieder und die Purpurglut goß ſich noch einmal uͤber die unzaͤhligen Berge und Thaͤler aus. Bis in die tiefſten Schluchten hinein ſtroͤmte die ſchimmernde Fluth des Lichts, ein glaͤnzendes Meer das vom Himmel zur Erde floß, bald roſig, bald golden, bald in violettem Farbenſchmelz die Spitzen der Berge um⸗ kreiſend, die Thaͤler und Huͤgel uͤberfluthend, daß ſie aufleuchteten in uͤberirdiſchem Feuer verklaͤrt. Noch funkelte am Himmel die gluͤhende Sonnen— ſcheibe, welche einem flammenden Rubine glich, und die naͤchſten Wolken fingen ihre Strahlen auf und ver⸗ wandelten ſich in einen Roſengarten, zwiſchen denen die Koͤnigin luſtwandelte, und je tiefer ſie niederſtieg, deſto mehr Roſen bluͤhten auf ihrem Wege, bis der ganze Himmel nur ein Bluͤthenfeld wurde. Aber als waͤre ſie unwillig ſchon ſo ſchnell von dem herr⸗ lichen Anblick ſcheiden zu muͤſſen, ruhte die Sonne noch einmal zoͤgernd im Weſten auf den Bergen aus, — e 319-— dann ſank ſie langſam, langſam, nach und nach bis der letzte glimmende Funke verloſch. Drunten im Thal fingen die Seen mit ihrem Spiegel die goldenen Strahlen auf und leuchteten blitzend wie gruͤne und blaue Edelſteine, waͤhrend uͤber die Wieſen und Felder ſich die Schatten der Daͤmme⸗ rung ausbreiteten und die Nebel von den Schluchten und Kluͤften zu den Huͤgeln aufwaͤrts ſtiegen und dieſelben in graue, daͤmmernde Schleier huͤllten. Da flammten noch einmal die Gletſcher und Schneefelder in roſigen Farben. Ein Feuerſchein lagerte auf ihnen wie eine Glorie und leuchtete, weil drunten ſchon Alles in Dunkelheit verſank. Stumm und tief ergriffen bewunderten unſere Rei⸗ ſenden das herrliche Schauſpiel. Selbſt Graf Ban⸗ gor unterließ es diesmal durch irgend eine abgedro⸗ ſchene Phraſe den maͤchtigen Eindruck zu ſtoͤren. Adol⸗ phine fuͤhlte ſich leichter, wie befreit von einem ſchwe⸗ ren Druck. Nur im ſtrahlenden Blick verrieth ſich ihr Entzuͤcken. Alle kleinlichen und nichtigen Gedan⸗ ken verſchwanden vor der Groͤße der ſie umgebenden Natur. Sie fuͤhlte ſich hoch uͤber das Gewoͤhnliche und Alltaͤgliche emporgehoben. Ein ſolcher Moment konnte ſie wieder auf einige Zeit aus ihrer gewoͤhn⸗ lichen Apathie herausreißen. Mit gefalteten Haͤn⸗ —“o 320— den betete ſie, ohne ſichtbar die Lippen zu bewegen, ſprachlos, innerlich zu dem ewigen Geiſt. Der kuͤhle Abendwind, der auf dieſen Hoͤhen ſelbſt im heißen Sommer empfindlich weht, mahnte zum Aufbruch. — Komm, Apolphine! rief der beſorgte Vater. Es zieht hier oben fuͤrchterlich. Du kannſt Dich noch erkaͤlten. Sie zogerte ſich von dem erhabenen Anblick zu trennen. Gedankenvoll ſtarrte ſie noch immer in die dunkele Ferne. — Wollen Sie nicht mitgehen? fragte der Graf. Die Abendluft iſt in der That hoͤchſt ſchaͤdlich. Die Ausſicht iſt in Nebel gehuͤllt. Ich ſchlage Ihnen des— halb vor, daß wir uns auf unſer Zimmer begeben, um ein leider gewiß nur frugales Abendbrod einzu⸗ nehmen. Die Bergluft hat mir einen koloſſalen Ap⸗ petit verurſacht. Die Partie iſt herrlich, ſuperbe Gegend, nur wuͤnſchte ich auch, daß wir etwas Er⸗ traͤgliches zum Eſſen faͤnden. Ungern nahm Adolphine den Arm des Grafen. Bei Tiſche fand ſie noch immer keine Gelegenheit, mit Georg, wie ſie es wuͤnſchte, allein zu ſprechen. Auch im Verlaufe des heutigen Tages hatte der Ma⸗ ler ihr mehrfach ſich zu naͤhern geſucht und in ſeinen — 321— Blicken und Worten eine nur ihr auffallende Leiden⸗ ſchaftlichkeit gezeigt, durch die ſie compromittirt zu werden fuͤrchtete. Es lag ihr daher Alles daran, mit dem Faͤrbermeiſter noch vor deſſen bevorſtehender Abreiſe uͤber dieſe Angelegenheit zu ſprechen und von ihm Rath und Abhuͤlfe zu verlangen. Gleich nach dem Eſſen zog ſich der Freiherr zuruͤck und forderte auch die uͤbrige Geſellſchaft auf, ihr La⸗ ger zu ſuchen, um nicht den morgigen Sonnenauf⸗ gang zu verſaͤumen. Die Freunde mußten daher, wenn auch ungern, ſich verabſchieden. Im Hoſpiz ſelbſt waren bereits alle vorhandenen Pla3ͤtze beſetzt. Nur mit Muͤhe hatten ſie noch ein Unterkommen in einer der tiefer liegenden Sennhuͤtten gefunden. Eine hoͤchſt einfache Schlafkammer, welche dicht an den Stall graͤnzte, wurde ihnen von der keineswegs allzu reinlichen und ſchoͤnen Sennerin angewieſen. Trotz ſeiner Liebe verſank der Maler uͤbermuͤdet in den tief⸗ ſten Schlummer. Der Faͤrbermeiſter konnte nicht ſo bald zur Ruhe kommen. In naͤchſter Naͤhe hoͤrte er das Bruͤllen der Kuͤhe, das Bloͤken der Kaͤlber, bald die tiefen Glocken der Rinder, bald das helle Gelaͤute der Ziegen. Es war ein hoͤlliſches Concert, das ihn kein Auge ſchließen ließ und zur Verzweiflung brachte. Dazu kam noch die Spannung und Gereiztheit, in I. 21 — 322 8— die ihn Adolphinens uͤberraſchende Aufforderung ver⸗ ſetzt hatte. Er mußte es ſich ſelber zugeſtehen, daß dies ſeltſame Maͤdchen ihm ein ſteigendes Intereſſe einfloͤßte. Ohne ſein Zuthun ruͤckte ihn der Zufall ihr immer naͤher. Ihr ganzes Weſen, die eigenthuͤm⸗ liche Lage, in welcher ſie ihm erſchien, beunruhigten ihn und erregten ſeine Neugierde. Seine eigenen Gefuͤhle fuͤr ſie waren ihm ein Raͤthſel. Den Gedanken, daß er ſie bereits liebte, oder eine innigere Neigung zu ihr je faſſen koͤnnte, wies er als eine Thorheit mit Entſchiedenheit zuruͤck; und doch feſſelte ihn ihre Er⸗ ſcheinung mehr, als dies je ein Weib vorher vermochte. Er entſchuldigte dieſe dunkle Neigung mit ſeiner Jugendfreundſchaft, mit den innigen Beziehungen, in welchen er zu ihren Verwandten in Waldau ſtand, aber er konnte es ſich nicht verſchweigen, daß alle dieſe Gruͤnde noch immer nicht ausreichten, um ſeine ge— genwaͤrtige Stimmung zu rechtfertigen. Selbſt eine Art von Eiferſucht regte ſich bereits in ſeinem Herzen. Der Widerwille, den er gegen Baron Briolan empfand, wurzelte tiefer als in der Verſchiedenheit der Cha⸗ raktere und Lebensanſichten dieſer beiden Maͤnner. Andere Gruͤnde, welche ihm ſelber noch ein Geheim⸗ niß waren, miſchten ſich in ſeine Beſorgniſſe und An⸗ tipathieen. Eine ſeltene Unruhe hielt ihn jetzt trotz — —“ 323— der heutigen Anſtrengung noch immer wach. Nachdem er ſich einige Zeit ſchlaflos auf der primitiven Stroh⸗ matratze, welche ihm die Sennerin eingeraͤumt, her— umgewaͤlzt hatte, faßte er den verzweifelten Entſchluß die Nacht im Freien zuzubringen. Er hatte ſich halb⸗ angekleidet auf das Bett geworfen. Seine Toilette war daher ſchnell beendet. Der kalten Nachtluft wegen nahm er den Plaid, den er als Mantel gebrauchte. Ohne daß Ferdinand erwachte verließ er geraͤuſchlos die Huͤtte mit ihren menſchlichen und unmenſchlichen Bewohnern. Draußen im Freien athmete er erſt wieder auf. Die großartige Ruhe, welche ihn empfing, wirkte auch beſaͤnftigend auf ſein Gemuͤth. Die ganze Welt lag zu ſeinen Fuͤßen ſchlafend, traͤumend. Kein Luͤftchen regte ſich. Der Mond ſtand wie ein ſtiller treuer Waͤchter am blauen Himmel. Unzaͤhlige Sterne fun⸗ kelten in magiſcher Pracht. Ein milder Glanz durch⸗ zitterte das weite All. Vor ſeinen Blicken erhoben ſich die rieſigen Berge, die ſchroffen Felſen und wei⸗ chen Huͤgel verklaͤrt in zauberiſchem Licht. Die Um⸗ riſſe und Contouren ſchienen ſchaͤrfer und beſtimmter als am hellen Tag und doch wieder ſanfter und har⸗ moniſcher. In den Schluchten und Thaͤlern ſchwank⸗ ten phantaſtiſche Schatten. Die Gletſcher und Schnee⸗ 21* — 324— felder ſchimmerten wie ſilberne Zauberſchloͤſſer und Tempel von Genien bewohnt. Aus den Seen ſtieg feiner, leichter Nebel auf, welcher, vom Mondlicht durchwebt, wundervolle Zauberſchleier uͤber die ge⸗ heimnißvollen Tiefen breitete. Alles lag ſo ſtill, hei⸗ lig und beſaͤnftigt vor ſeinen Augen da. Vom Him— mel ſtieg der Friede in ſein Herz herab und aus der Tiefe wehte ihn Verſohnung an.— An einen alten, abgeſtorbenen Ahornbaum gelehnt feierte Georg einen ſtillen Gottesdienſt. Dann ſtieg er langſam wieder zu dem Gipfel empor, wo Adol⸗ phine im Hoſpiz verweilte. Dort oben auf der Spitze des Berges wollte er das Anbrechen des Tages er⸗ warten. Eine Bank ſtand vor der Thuͤr des Hauſes, auf die er ſich niederzuſtrecken gedachte. Als er naͤher kam, fand er den Platz bereits eingenommen. Wenn er nicht irrte, ſah er dort eine weibliche Geſtalt. Sie ſaß in nachdenklicher Stellung, vom Scheitel bis zu den Fuͤßen in einen dunklen Shawl gehuͤllt, ſo daß er ihre Zuͤge nicht ſogleich zu erkennen vermochte. Bei dieſem Anblick pochte ſein Herz, doch wußte er nicht warum. Das Geraͤuſch ſeiner Schritte ſtoͤrte ſie in ihrer Selbſtverſunkenheit, ſie wandte den Kopf nach der Seite hin, von der er kam. Durch die ſchnelle Be⸗ 8 * + — F — 325 6— wegung fiel das Tuch von ihrem Haupt. Der Mond beleuchtete ein bleiches, ernſtes Geſicht von dunkeln Locken phantaſtiſch eingerahmt. Es war Adolphine. Der Faͤrbermeiſter wollte ſich, ſobald er ſie er— kannt, uͤber dieſes naͤchtliche Zuſammentreffen verlegen, wieder entfernen. Sie winkte ihm ſtillſchweigend mit der Hand. Als er zoͤgerte, rief ſie ſeinen Namen. — Bleiben Sie, fuͤgte ſie unbefangen hinzu. Die herrliche Nacht hat Sie, wie ich ſehe, eben ſo wie mich hinaus gelockt. Sobald Frau von Starenberg feſt eingeſchlafen war, ſchlich ich mich fort, um in dieſer mondbeſchienenen Zauberwelt zu ſchwelgen. — Ich fuͤrchte nur, Sie zu ſtoͤren, erwiederte Georg, indem er ſich anſchickte wieder fortzugehn. In ſolchen Stunden liebt man am meiſten die Ein⸗ ſamkeit. — Sie haben Recht, und doch, ich weiß nicht wie es kommen mag, daß Sie von allen Menſchen mir in dieſem Augenblicke noch der willkommenſte ſind. Jeder Andere wuͤrde mich genirt und verſcheucht haben. Sie ſehen, daß ich offen bin und Ihnen vertraue. Außerdem bedarf ich Ihres Rathes und Ihrer Huͤlfe. Wollen Sie mir beide gewaͤhren? —“d 326 2— — So weit dies in meinen Kraͤften ſteht, von Herzen gern, obgleich ich noch immer nicht ahnen kann, wozu Sie meiner beduͤrfen. — Sie ſollen es ſogleich erfahren. Die betref⸗ fende Angelegenheit iſt ſo delicater Natur, daß ich mich Ihnen gegenuͤber einigermaßen in Verlegenheit befinde. Ich halte Sie fuͤr einen ehrenwerthen Mann und deshalb erwarte ich, daß Sie meinen jetzigen Schritt nicht mißdeuten werden. Ihr Freund, Herr Obermann, iſt die Veranlaſſung zu unſerem ſeltſamen Zwiegeſpraͤch. — Ferdinand! rief der Faͤrbermeiſter uͤberraſcht. Was iſt mit ihm geſchehn? — Bis jetzt noch nichts, aber ich fuͤrchte ſeine Unbeſonnenheit, ſeine Leidenſchaft. Als ſein Freund werden Sie meine Worte verſtehn und mich einer weiteren Eroͤrterung uͤberheben. — Ich weiß Alles, murmelte Georg uͤber ihre Ruhe erſtaunt, faſt verletzt. — Dann erwarte ich von Ihnen, daß Sie ihn dahin vermoͤgen, mit Ihnen zu gleicher Zeit Hallſtadt und die Umgegend von Iſchl zu verlaſſen. Sie wer⸗ den ſelber die Nothwendigkeit dieſes Schrittes ein⸗ ſehn. Ich muß jeden Augenblick fuͤrchten durch ſeine — ———/— — — 327 8— Heftigkeit compromittirt zu werden. Wollen Sie mir dieſen Gefallen erweiſen? — Ich werde mich dieſes Auftrags an ihn ent⸗ ledigen, ſo ſchwer er mir auch faͤllt. In dem Ton ſeiner Worte lag eine kalte Abge— meſſenheit. Adolphine fuͤhlte den unausgeſprochenen Tadel ſeiner Antwort. — Ich haͤtte an ihn ſchreiben koͤnnen, ſagte ſie, um ſich zu entſchuldigen, aber ich zog es vor, durch einen erprobten Freund das Unangenehme, was in meinem Wunſche liegt, zu mildern. Wenn aber mein Auftrag Ihnen zuwider iſt, ſo nehmen Sie an, daß ich ihn nicht gegeben. — Ich werde ihn getreu vollfuͤhren, um ſo mehr, da ich meinem Freund laͤngſt zu einer Entfernung aus Ihrer Naͤhe gerathen habe. Der Ungluͤckliche wollte damals meine wohlgemeinten Warnungen nicht hoͤren. — Sie haben ihn gewarnt, vor mir gewarnt? fragte ſie beleidigt und gereizt. Georg zoͤgerte, ihr auf dieſe directe Frage zu ant⸗ worten. 1 — Ol ich begreife, entgegnete ſie bitter, Sie ha⸗ ben mich fuͤr kokett und leichtſinnig gehalten. Die Maͤnner ſind ſchnell mit einem ſolchen Urtheil fertig. Eine derartige Meinung entehrt und beſchimpft mich. — 328— Ich haſſe nichts ſo ſehr wie die gemeine Gefallſucht der Frauen. Worauf gruͤndet ſich Ihre Beſchuldigung? Ich verlange und erwarte, daß Sie mir die Wahr⸗ heit ſagen. — Sie ſoll Ihnen werden, ſagte Georg mit einer Ruhe, welche ihr imponirte. Die ganze Wahrheit ſollen Sie von mir erfahren, nicht weil Sie dieſelbe ungeſtuͤm von mir verlangen, ſondern weil ich damit einer heiligen Pflicht genuͤge. Der Zufall hat uns wunderbar zuſammengefuͤhrt, doch der Zufall iſt ja haͤufig nur das Incognito der Vorſehung, ein Weg den ſie einſchlaͤgt, um uns zu leiten und ans Ziel zu fuͤhren. Verzeihen Sie mir dieſe Abſchweifung und werden Sie nicht ungeduldig uͤber das, was ich Ihnen zu ſagen gedenke. Ja, ich habe Sie fuͤr kokett gehalten, doch von dieſer Meinung bin ich laͤngſt zu⸗ rückgekommen. Waͤren Sie nur kokett, ſo koͤnnten Sie wie viele Frauen gluͤcklich ſein, das aber ſind Sie nicht. Adolphine ſah ihn betroffen an. Unmerklich zuckte ſie bei ſeinen Worten zuſammen. — Was hat mein Gluͤck mit unſerer Angelegen⸗ heit zu thun? fragte ſie trotzig. — Mehr als Sie ahnen. Der arme Ferdinand leidet, weil Sie ihn als ein Spielwerk betrachteten, — 2 329— um Ihre muͤßigen Stunden auszufuͤllen, weil Sie, vielleicht unbewußt, ihn anzogen und wieder abſtie⸗ ßen, um eine neue Unterhaltung ſich zu verſchaffen. Darum kann ich Sie nicht von jeder Schuld ihm ge⸗ genuͤber frei ſprechen. Ich habe ihn gewarnt, wie ich Sie in dieſem Augenblicke warne. Doch ich fuͤrchte Sie bereits erzuͤrnt zu haben. Ich verſtehe nicht die Sprache der feinen Welt. Darum duͤrfte es beſſer ſein, wenn wir unſere Unterredung abbrechen. Er hatte ſich von ſeinem Platze erhoben, doch Adolphine hielt ihn an der Hand zuruͤck. — Reden Sie nur weiter, fuͤgte ſie hinzu, und fuͤrchten Sie nicht meinen Unwillen zu erregen. Eine ſolche Sprache iſt mir zwar neu, doch Sie ſehen, daß ich beſſer bin, als Sie glauben. Ich kann die Wahrheit ertragen, ſelbſt wenn ſie in rauhem Tone mit mir redet. — Haͤtte ich nicht dieſe Meinung von Ihnen, ſo wuͤrde ich geſchwiegen haben. Jetzt will und darf ich Ihnen nicht laͤnger vorenthalten, was ich Ihnen noch zu ſagen habe. — Sie ſollen mich auch geduldig finden; doch Sie ſprachen vorhin von einer Warnung, die mich betrifft. — 330— — Huͤten Sie ſich vor Baron Briolan, ſagte Georg mit feierlichem Ernſt. — Baron Briolan! rief ſie erſchrocken aus. Was wiſſen Sie von dem Baron? — Nichts, was ſeine Vergangenheit betrifft, und doch genug, um fuͤr Sie ſeine gefahrbringende Naͤhe zu fuͤrchten. Ich habe nur kurze Zeit Gelegenheit gehabt ihn zu beobachten, aber ſie reichte fuͤr mich hin, um mir einen tiefen Widerwillen gegen ihn ein⸗ zufloͤßen. — Sie thuen ihm gewiß Unrecht. Ihre Abnei⸗ gung richtet ſich wohl hauptſaͤchlich gegen ihn, weil er als Magnetiſeur auftritt. Vom wiſſenſchaftlichen Standpunkte muͤſſen Sie natuͤrlich nur einen Char— latan in ihm ſehn. — Waͤre er nur das allein, ſo wuͤrde ich ihn nicht fuͤrchten und Sie nicht warnen. Gern geſtehe ich Ihnen ein, daß ich eine Art von Abneigung ge— gen all dieſe Experimente mit den geheimnißvollen Naturkraͤften habe. In den meiſten Faͤllen laufen ſie bald auf einen feineren, bald auf einen groͤberen Betrug hinaus. Oft iſt der Magnetiſeur nicht der Betruͤger, ſondern der Betrogene, und das glaube ich auch von dem Baron. — Und was mißfällt Ihnen ſonſt an ihm? Sie — 331— muͤſſen ihm wenigſtens einen hervorragenden Geiſt und ungewoͤhnliche Kenntniſſe zugeſtehn. Selbſt eine univerſelle Bildung iſt ihm nicht abzuſprechen. Ich habe wenig Maͤnner kennen gelernt, die ihm gleichen. Offen geſtehe ich Ihnen meine Bewunderung fuͤr ihn ein. — Grade ſein Geiſt beunruhigt mich. Dieſe Fuͤlle von Wiſſen ohne Zweck und Ziel mußte ihn nothwen⸗ diger Weiſe zur Ueberſaͤttigung fuͤhren. Ein Gedanke erſtickt bei ihm den andern, ein Paradoron jagt das naͤchſte. Sein Kopf gleicht einem verwilderten Gar⸗ ten, wo die Baͤume ſo nahe ſtehen, daß ſie ſich den Boden ſtreitig machen und gegenſeitig das Licht ver⸗ dunkeln. Keine Frucht kann da mehr gedeihn. All⸗ maͤlig tritt eine allgemeine Faͤulniß ein. Solche Na⸗ turen muͤſſen fruͤher oder ſpaͤter dem craſſeſten Aber⸗ glauben verfallen, beſonders wenn ſie ohne ſittlichen Schwerpunkt leben. Das, fuͤrchte ich, iſt der Fall mit dem Baron. Er ſucht und findet nur noch ſein Heil in dem dumpfeſten Aberglauben. Seine guten Eigen⸗ ſchaften vermehren noch die Gefahr. Mit ihnen weiß er zu blenden und durch aͤußeren Glanz und Schimmer die Bloͤßen ſeines Weſens zu bedecken. Er erſcheint mir als der ausgebildete Typus einer Men⸗ ſchenklaſſe, welche in unſerer Zeit immer haͤufiger wird, und die ſich vorzugsweiſe in den hoͤheren Staͤnden ließ. Ein heißer Trieb nach Wahrheit und Wiſſen vorfindet. Dort herrſcht nicht nur die phyſiſche, ſon⸗ dern auch geiſtige Blaſirtheit, oder beide gehen viel— mehr Hand in Hand. Adolphine hatte bisher ihm ruhig und ohne Un⸗ terbrechung zugehoͤrt. Die Schaͤrfe ſeines Urtheils ſchien nicht ohne Eindruck auf ihr empfaͤngliches Ge— muͤth zu bleiben. Vor allen Dingen aber empfand ſie fuͤr den Faͤrbermeiſter ſelbſt einen Grad von Ach⸗ tung und Anerkennung, der ſich mit jedem ſeiner Worte ſteigerte. Im Anfange regte ſich wohl noch ihr Stolz gegen den Handwerker, der ſich eine ſolche Sprache ihr gegenuͤber herausnahm. Bald aber wich dieſes Gefuͤhl einem beſſeren. Ihr Ohr war noch nicht fuͤr die Stimme der Wahrheit verſchloſſen. Sie ſehnte ſich nach Erloͤſung aus einer Welt des Truges und der Verirrung. Deshalb geſtattete ſie dem Ju⸗ gendfreunde, was ſie von keinem Mann bisher gedul⸗ det hatte, eine ſcharfe und unumwundene Beurthei⸗ lung ihres Charakters und ihrer Verhaͤltniſſe. Ja, ſie forderte ihn dazu foͤrmlich auf. Es erſchien ihr neu und originell, im Angeſicht dieſer großen Natur ſeine ungeſchminkten Darlegungen zu hoͤren. Aber diesmal war es mehr als Laune, was ſie Wohlge⸗ fallen an dieſer ungewoͤhnlichen Unterhaltung finden — — 333 6— bildete den Grundton ihres ganzen Weſens. Wo ſie volle Befriedigung zu finden hoffte, legte ſie mit großer Selbſtverleugnung, kuͤhn und entſchieden alle Vorurtheile und Gewohnheiten ihres bisherigen Lebens ab. In ſolchen Stunden brach ihre innere und beſ⸗ ſere Natur wie die Sonne durch Dunſt und Nebel hervor. Dann erſchien ſie wahrhaft bezaubernd, lie⸗ benswuͤrdig, einfach, ſelbſt herzlich. So ſah ſie Georg und die Erinnerung an dieſes naͤchtliche Zwiegeſpraͤch blieb ihm unvergeßlich, un⸗ ausloͤſchlich ſeinem Gedaͤchtniſſe eingepraͤgt. Mitternacht war laͤngſt voruͤber, als Adolphine von dem Faͤrbermeiſter Abſchied nahm. Sie reichte ihm die Hand. Er fuͤhrte ſte an ſeinen Mund. Ein heiliger Schauer erfaßte ihn. Noch nie zuvor hatte er die Hand eines Maͤdchens geküßt. — Wir ſcheiden als Freunde, ſagte ſie im Gehn. Denken Sie meiner, wie ich Ihrer und dieſer Nacht ſtets gedenken werde. Morgen erhalten Sie einen Brief fuͤr die Großmutter. Auch dieſe Moͤglichkeit einer Ausſoͤhnung mit meinen Anverwandten verdanke ich Ihnen. Wenn ich nach Waldau komme, ſehen wir uns wieder. Bis dahin Gute Nacht und Lebe⸗ wohl! 3 —o 334— 8 — Gute Nacht und Lebewohl! wiederholte Georg wie im Traume. Sie verſchwand durch die geoͤffnete Hausthuͤr gleich einer Erſcheinung. Lange, lange ſtarrte er ihr nach wie feſtgebannt. — Nie, nie! vergeſſe ich dieſe Nacht, ſagte er und ein ſonſt ungewohnter Seufzer entrang ſich ſeiner maͤnnlich ſtarken Bruſt. Ende des erſten Bandes. Druck der Teubner'ſchen Officin in Leipzig. 2 —. — Traum . wie im Sie verſchr gleich einer Er: nach wie feſtge ſon ein und lie 5 iner mann ſe — EmmrmrnaaanauanaannaaqmmnmmmmmmEmnn Wrmrnmraraarnxraaaaaaumaumwwzwmnmmmmammn 7 5 1 8 9 10 11 12 13 14 1 6 17 18 19 20 5 4 8 8 3 8 4 * 8 8 z 4 ℳ . 3 4 * 9 * 1 * 2 5 4 1 * ₰ —