Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———j——— auf 1 Monat: 1 Mr.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —e ——————— V 1 — 8 Verirrt und Erlöſt. Romanin zwei Baäanden von 3 Mar Ring. 3 Zweiter Theil. 4 Gotha: Hugo Scheube. 1855. I.. Am aͤußerſten Ende des langgedehnten Staͤdt⸗ 9 chens Waldau ſtand das Haus des Faͤrbermeiſter Becher, ein altes Gebaͤude mit ſpitzem Giebeldach, durch Generationen bereits vom Vater auf den Sohn vererbt. Ein Vorbau, in der dortigen Gegend die „Laube“ genannt, fuͤhrte in die eigentliche Wohnung. Die Zimmer waren niedrig, aber traulich und an⸗ heimelnd, die Decken von braunen Balken getragen, mit rohem, doch nicht ungefaͤlligen Schnitzwerk ver⸗ ſehn. Georg hatte ſchon laͤngſt der Mutter den Vor⸗ ſchlag gemacht bei einem nothwendigen Umbau dieſe ſtörenden Balken zu entfernen und mit einer Rohr⸗ decke zu vertauſchen, Frau Becher ſtraͤubte ſich jedoch dagegen, wie uͤberhaupt gegen jede Neuerung. Auch die alten Moͤbel aus dunklem Nußbaumholz, zwar ſo— lide, aber etwas plump und ſchwerfaͤllig, mochte ſie eben ſo wenig miſſen. Sie litt nicht einmal, daß ein Stuhl von dem Platz entfernt wurde, den er ſcho II. 1 3 3 — do 2 4— ſeit Jahren behauptete. Dagegen konnte der Sohn in ſeiner Faͤrberei ſchalten und walten, wie er wollte. Dieſe lag abgetrennt von dem alten Hauſe in dem weitlaͤufigen Hofe und war in neuerem Geſchmack gebaut. Dort wohnte auch Georg in dem oberen Stockwerk, waͤhrend in den unteren Raͤumen ſich die großen Keſſel, Apparate und die Mangel befanden. An den Hof ſchloß ſich ein weitlaͤufiger Garten mit alten Baͤumen, vielen Kuͤchengewaͤchſen und einigen Blumenbeeten an. Derſelbe graͤnzte an den hellen Bach, deſſen Waſſer dem Faͤrber bei ſeinen Arbeiten weſentliche Dienſte leiſtete. Aus dem Garten trat jetzt ein hellblondes Maͤd— chen von neunzehn bis zwanzig Jahren. Nicht ihr Geſicht, ſondern weit mehr ihr Gang und ihre ent— ſchiedene Haltung erinnerten an den abweſenden Faͤrbermeiſter, deſſen Schweſter ſie auch war. Ern⸗ ſtine trug einen Korb mit Blumen gefuͤllt. Wollte man jedoch einen Schluß aus dieſer poetiſchen Beigabe auf ihre Gemuͤthsart ziehn, ſo wuͤrde man ſicher einen großen Irrthum begehn. Sie war nichts we⸗ niger als eine empfindſame Schwaͤrmerin. Auch die Blumen ſollten einem praktiſchen Zwecke dienen. Sie wollte mit ihnen das Zimmer des Bruders verzieren, der in dieſen Tagen von ſeiner Reiſe zuruͤckerwartet wurde. Im Voruͤbergehn trat ſie in die Faͤrberei. An dem großen Keſſel ſtand der Geſelle Karl, den wir bereits fluͤchtig kennen, und beobachtete aufmerk— ſam die Miſchung von aufgeloͤſtem Indigo, in welcher eine anſehnliche Maſſe von Leinwand und Wollen— ſtoffen lag. Unter dem Keſſel gluͤhte das Feuer und die aufſteigenden Daͤmpfe erfuͤllten den weiten Raum mit einem faſt undurchdringlichen Nebel. Trotz der herrſchenden Daͤmmerung konnte Ernſtine nicht unbe⸗ merkt vorbeiſchluͤpfen. Der fleißige Geſelle hatte ſie geſehn und naͤherte ſich der Schweſter ſeines Brod⸗ herrn mit einem freundlichen Gruß, den ſie ebenſo erwiederte. — Hat der Meiſter geſchrieben? fragte Karl. — Heute fruͤh haben wir einen Brief von ihm erhalten, dem er ſelbſt auf dem Fuße folgt. Ich will ſeine Zimmer in Ordnung bringen, ehe er kommt, und zum Gruß noch ſchnell eine Guirlande binden. — Kann ich Ihnen dabei helfen? — Das waͤr' mir ſchon Recht, wenn Sie nur nichts verſaͤumen. — Eigentlich habe ich nichts mehr zu thun, die Farbe kocht. Der Lehrburſch kann aufpaſſen und von Zeit zu Zeit ſeh' ich dann ſelber nach. 1* ℳ —sb 4— — Sie hatten viel Arbeit in dieſer Woche. An Beſtellungen hat es nicht gefehlt. — Gott Lob, die Kunden mehren ſich mit jedem Tag. Faſt kein Tuchmacher und Weber laͤßt jetzt auswaͤrts faͤrben. Wenn es ſo fortgeht, wird der Meiſter noch einen Keſſel aufſtellen muͤſſen. — Er ſprach vor ſeiner Abreiſe von einer Dampf⸗ maſchine, die er fuͤr noͤthig haͤlt. Die Mutter iſt dagegen. Sie wiſſen, daß ſie nicht gern eine neue Einrichtung machen laͤßt. Sie haͤngt am Alten, doch am Ende wird Georg durchdringen. Er hat eine eigene Art. Zuletzt ſetzt er immer noch ſeinen Wil⸗ len durch. — Jal wenn Einer nur recht will, geht Alles, ſagte der Geſelle mit einem gewiſſen Nachdruck, der ſeinen Worten eine nahe Beziehung gab. — Kommt Zeit, kommt Rath, verſetzte Ernſtine. Mit dieſem zweideutigen Troſt eilte ſie, ſchnell, um das verfaͤngliche Geſpraͤch abzubrechen, nach der hoͤher gelegenen Wohnung des Bruders, waͤhrend Karl dem herbeigerufenen Lehrling noch einige Anwei⸗ ſungen ertheilte, wie ſtark und wie lange Zeit er das Feuer noch zu unterhalten habe. Darauf wuſch ſich der Geſelle die blau gefaͤrbten Haͤnde und zog, da er bisher mit aufgeſtreiften Hemdeaͤrmeln gearbeitet hatte, —8e 5— eine gruͤne Jacke an, die an einem Nagel unter dem Fenſter hing. Mit einem Kamm fuhr er ſich einige Male durch das ſchlichte, braune Haar, wobei er einen ſelbſtzufriedenen Blick in den kleinen, zerbro⸗ chenen Handſpiegel warf, deſſen er ſich bei ſeiner kurzen Toilette bediente. Noch einmal ſchaͤrfte er dem Lehrjungen die groͤßte Aufmerkſamkeit ein, dann ver⸗ ließ er die Werkſtaͤtte, um Ernſtine beim Winden der Kraͤnze zu unterſtuͤtzen. Er fand ſie bereits in voller Arbeit und nahm an ihrer Seite Platz. Aus dem Korbe reichte er ihr Laub und Blumen zu und foͤrderte ſo das Werk. Dabei konnte es unmdoͤglich ausbleiben, daß ſich ihre Haͤnde beruͤhrten, ihre Blicke begegneten. Karl, der weit empfindſamer als das Maͤdchen war, ſtieß mitunter einen hoͤrbaren Seufzer aus. — Was fehlt Ihnen denn ſchon wieder? fragte Ernſtine, der ſeine truͤbe Stimmung nicht entging. Sie wiſſen, daß ich die melancholiſchen Leute gar nicht leiden mag. — Das iſt ja eben mein Ungluͤck. Es wird mir nichts uͤbrig bleiben, als fortzugehn, damit Sie ſich nicht uͤber mich zu aͤrgern, brauchen. — Ei! Was faͤllt Ihnen ein? verſetzte ſie mit ſchlecht verhehlter Beſtuͤrzung. Sie wollen uns ver⸗ — 5b 6— laſſen und warum denn, wenn man fragen darf? Steht Ihnen Lohn und Koſt nicht an, oder haben Sie uͤber ſchlechte Behandlung zu klagen? — Im Gegentheil. Ich hab' es hier nur gar zu gut. Ich, verdiene nicht mein Loos. — Ich glaube wirklich, Karl, daß Sie uͤberge⸗ ſchnappt ſind. Weil Sie es bei uns zu gut haben, wollen Sie fortgehn. Das begreife, wer da kann. Fuͤr meinen Verſtand iſt das zu hoch. — Ich moͤchte nicht gern undankbar erſcheinen. — Eine ſchoͤne Dankbarkeit, ſpottete Ernſtine. Jetzt, wo Georg Sie ſo weit gebracht, wo Sie ihm faſt unentbehrlich ſind, wollen Sie ihn verlaſſen! Sie vergeſſen, daß er Ihnen ſein Geheimniß anver⸗ traut hat, daß er dabei auf Ihre Huͤlfe rechnet. Koͤnnen Sie wirklich von ihm in dieſem Augenblicke abtreten, wo er Ihrer am meiſten bedarf, wo er, wie er mir geſagt, ſeinem Ziele naͤher ſteht als ſonſt? — Er wird das tuͤrkiſche Garn auch ohne mich faͤrben, wenn er uͤberhaupt damit zu Stande kommt. — Wie, Sie zweifeln noch daran? — Bis jetzt ſind alle Verſuche, die wir gemacht, nicht gluͤcklich ausgefallen. Die Sache hat noch einen Haken, den wir nicht ausfindig machen koͤnnen. Ich ‿ — 5 7— zweifle, daß wir je dahinter kommen. Das Geld iſt ſo gut wie fortgeworfen und mancher ſchoͤne Thaler iſt bereits auf unnuͤtze Experimente draufge⸗ gangen. — Sie reden gerade wie die Mutter. — Und ſie hat Recht. Glauben Sie mir, daß wir niemals hinter das Geheimniß kommen. Unſere Farbe iſt juſt nicht ſchlecht, aber es fehlt ihr das Feuer und der Glanz, den das aͤchte tuͤrkiſche Garn hat. So ſchoͤn roth faͤrben wir nie, dahin bringen wir es nicht, wenn der Meiſter auch noch ſo viel ſtudirt. Der letzte Verſuch hat uͤber hundert Thaler gekoſtet und wir mußten die Waare fortwerfen. Kein Menſch wollte ſie uns abnehmen. Wenn das ſo fort⸗ geht, ruinirt ſich nur der Herr. — Nein! Karl, Sie irren ſich. Dahin laͤßt es Georg nicht kommen. Er iſt verſtaͤndig und beſonnen. Auch unternimmt er nichts ohne reifliche Ueberlegung. — Es thut mir leid, daß ich Ihnen widerſpre⸗ chen muß. Was hat denn ſeine Reiſe fuͤr einen Zweck gehabt? Rein aus Verdruß hat er ſie angetreten, weil ihm ſeine verwuͤnſchten Erperimente nicht gelin⸗ gen wollten. Wenn er wieder kommt, faͤngt der Kram von Neuem an. Geben Sie Acht, die Sache geht nicht und thut nimmer gut. Ich muß ſchweigen, — ꝗͦ-— 8 —e 8— obgleich es mir das Herz abdruͤckt. Die Leute wun⸗ dern ſich und ſpotten. Der alte Faͤrber in der Stadt, der Neidhammel, lacht uns aus und fragt auch jedes Mal, wenn er mich ſieht, wie es mit der Tuͤrkei ſteht? Und bei ſolchen Niedertraͤchtigkeiten darf man nicht muckſen und ſoll noch gute Miene zum boͤſen Spiele machen. Ich moͤchte am Liebſten dem Schurken das Fell braun und blau faͤrben, wenn es nur anginge. — Das iſt alſo der Grund Ihres Verdruſſes und darum wollen Sie uns jetzt verlaſſen? — Das nicht, ſtammelte der Geſelle verlegen, aber gehen muß ich doch. Es wird das Beſte fuͤr mich ſein. Der Geſelle ſtieß von Neuem einen tiefen Seuf⸗ zer aus. Auch Ernſtine war nachdenklich geworden und uͤberlegte. Wider ihre ſonſtige Gewohnheit ruh⸗ ten ihre Haͤnde muͤßig im Schoos, der mit Blumen bedeckt war. Plöotzlich aber ſchien ſie zu einem Ent⸗ ſchluß gelangt zu ſein. — Wir koͤnnen nichts dagegen haben, ſagte ſie ſehr ernſt, wenn Sie gehen wollen, und mein Bruder wird, ſo ſehr er Sie auch braucht, Ihnen gewiß nicht hinderlich ſein. Aber Eins muͤſſen Sie mir verſpre⸗ chen, Karl! ,— ⸗ *7 — 9 G — Alles, was Sie wollen, rief der Geſelle feu⸗ rig aus. — Bleiben Sie nur noch ſo lange, bis Georg zu einem Reſultat gekommen iſt. Ich kenne ihn. So⸗ bald er zu der Ueberzeugung gelangt, daß ſeine Ver⸗ ſuche vergeblich ſind, ſo wird er auch davon abſtehen. So lange er aber noch eine Moͤglichkeit des Gelin— gens ſieht, ſetzt er alle ſeine Kraͤfte daran und hat fuͤr nichts Anderes Sinn. Wenn Sie uns jetzt ver⸗ laſſen, kann er unmoͤglich ſein Ziel erreichen. Er muß ſich dann mit tauſend Kleinigkeiten beſchaͤftigen, die ihn ſtoͤren und von ſeinen Gedanken abziehn. Er darf aber durch Nichts gehindert ſein. Denn das weiß ich auch, wenn der Menſch was Großes unter⸗ nimmt, ſoll er alle Nebendinge fahren laſſen. Das iſt jedoch unmoͤglich, wenn Sie ihm nicht beiſtehen. Mir zu lieb werden Sie das Opfer bringen, nicht wahr? — Gewiß! murmelte der Geſelle, wenn es mir auch noch ſo ſchwer faͤllt. — Lange wird es ohnehin nicht dauern. So⸗ bald Georg von ſeiner Reiſe gekommen iſt, will ich ernſtlich wegen der Angelegenheit mit ihm ſprechen. Er giebt Etwas auf mein Wort. Ueberzeugt er ſich — 6 10— von der Nutzloſigkeit ſeiner Anſtrengungen, dann wird er ſie auch aufgeben. — O! Sie kennen den Meiſter ſchlecht. Was der will, fuͤhrt er bis zu Ende und ſollte er ſelbſt dabei zu Grunde gehen. — Das fuͤrchte ich nicht. Im Gegentheil, ich hoffe, daß er ſeiner Endeckung naͤher iſt als ſonſt. Er un⸗ ternimmt Nichts, was er nicht reiflich uͤberlegt. Um das Geſchwaͤtze der Leute kuͤmmert er ſich freilich nicht. Geben Sie Acht, er ſetzt es durch und dann iſt auch Ihr Gluͤck gemacht. — Mein Gluͤck? fragte verwundert der Geſelle. Was hab' ich damit zu ſchaffen? — Mehr als Sie glauben. Georg hat mir Alles anvertraut. Er haͤlt viel auf Sie, ſo wie wir Alle hier im Hauſe. — Das iſt ja eben mein Ungluͤck, klagte der Ge⸗ ſelle. Ernſtine uͤberhoͤrte vielleicht abſichtlich die Worte des ehrlichen Burſchen, die ihr ſein ganzes Herz und ſeine redlichen Geſinnungen verriethen. — Mein Bruder, fuhr ſie ruhig fort, will Ihnen, wenn ſeine Plaͤne gelingen, die Faͤrberei uͤbergeben und ſich lediglich mit der Fabrikation des tuͤrki⸗ ſchen Garnes beſchaͤftigen. Es ſollte dies noch ein —o 11— Geheimniß ſein, doch die Umſtaͤnde zwingen mich, Sie damit bekannt zu machen. Mit der Zeit koͤnnen Sie ſein Compagnon werden. — Fraͤulein Ernſtine! Sie ſcherzen und wollen mich zum Beſten haben! Das iſt ja eine reine Un— moͤglichkeit. Ich bin ja nur ein armer und unwiſſen— der Junge, der keinen Pfennig im Vermoͤgen hat. — Aber ehrlich, ordentlich und arbeitſam. Ich denke, das iſt auch Etwas werth. — Nein, nein! Ich kann es noch immer nicht glauben. Ich ſoll der Compagnon des Herrn Becher werden? Das iſt ein Traum. — Allerdings, wenn Sie uns verlaſſen, kann daraus nichts werden. Mein Bruder muͤßte einen fremden Geſellen annehmen und kaͤme dadurch in hun⸗ dert Verlegenheiten. Einen Andern darf er nicht ſo bald in ſeine Unternehmungen einweihen, er muͤßte ihn pruͤfen, laͤngere Zeit beobachten, und wer weiß, ob der ihm ſo zur Hand gehn wird, wie Sie. Dann bleibt dem armen Georg freilich nichts uͤbrig, als ſeine Plaͤne zu verſchieben, oder ganz aufzugeben. Sie ſehen, daß es ſich nicht allein um das Gluͤck meines Bruders, ſondern um das Ihrige, um das unſere handelt. Karl war uͤberraſcht. Ernſtine redete zu ernſt, um — 12*— einen Zweifel in ihm aufkoumen zu laſſen. Er kannte ſie von Jugend auf und war mit ihr ſo gut wie zu⸗ ſammen aufgewachſen. Aus ihrem ganzen Weſen ſprach die lautere Wahrheit und Beſonnenheit. Jetzt verkuͤndete ſie ihm ein Gluͤck, das er nie zu denken gewagt. Der Grund, warum er ſeinen Brodherrn ploͤtzlich verlaſſen wollte, war ja kein anderer, als die innigſte Liebe zu der Schweſter deſſelben. Der ehrliche Geſelle hielt mit Recht eine derartige Leiden⸗ ſchaft fuͤr unvertraͤglich mit ſeiner Stellung und Pflicht. Deshalb wollte er entfliehen. Mit einem Male er— offneten ſich ihm die ſchoͤnſten Ausſichten fuͤr die Zu— kunft. Er ſollte der Compagnon ſeines Meiſters werden. Als ſolcher durfte er ſchon weit eher die Augen zu Ernſtinen erheben und ſich einer angeneh⸗ men Hoffnung uͤberlaſſen. Freilich uͤberſah er, daß all die glaͤnzenden Luftſchloͤſſer, die er ſchnell er— baute, noch auf ſchwankendem Grunde ruhten und von dem Gelingen einer Erfindung abhingen, die er ſelbſt fuͤr hoͤchſt zweifelhaft, faſt fuͤr unmoͤglich hielt. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm, der Liebende ſieht in jeder Seifenblaſe ein Zauberſchloß. Karl hatte ploͤtzlich einen Ausweg gefunden, um dem Zwieſpalt ſeiner Liebe mit der Pflicht zu entgehen. Seine Anweſenheit in dem Geſchaͤfte des Faͤrbermei⸗ — e 13— ſters ſchien ihm jetzt nothwendiger als je. Ja, es waͤre eine entſetzliche Undankbarkeit geweſen, den Meiſter in einem ſolch kritiſchen Augenblicke zu verlaſſen, wo er der Huͤlfe ſo ſehr bedurfte. Das Alles war ihm in dieſem Momente klar geworden. Die Liebe hatte ihm und ſeinen Gedanken eine ganz andere Richtung gegeben und der ehrliche Burſche vermochte nicht laͤn— ger den Lockungen dieſer feinen Sophiſtin zu wider⸗ ſtehen. Waͤhrend er noch ſo that, als ob er ernſtlich uͤber⸗ legen wollte, hatte er laͤngſt ſeinen Entſchluß gefaßt. — Nun fragte Ernſtine nach einer kurzen Pauſe. Wozu ſind Sie entſchloſſen? — Ich bleibe auf alle Faͤlle, verſetzte der Geſelle mit Entſchiedenheit. — Das iſt brav von Ihnen und wird meinem Bruder recht lieb ſein. — Und Ihnen? Sie antwortete nicht, ſondern reichte ihm die Hand ohne alle Ziererei, die er feſt in der Seinigen hielt. Beide ſprachen nicht von Liebe und ſchwuren ſich nicht ewige Treue, wie es bei ſolchen Gelegen⸗ heiten wohl zu geſchehen pflegt. Dazu war der Ge⸗ ſelle zu ſchuͤchtern und Ernſtine zu beſonnen. Einige Augenblicke ſpaͤter ſaßen ſie wieder ruhig —5 14— mit ihrer Arbeit beſchaͤftigt und doch wußten ſie, daß ſie einander fuͤr immer angehoͤrten. II. Gegen Abend langte Georg von ſeiner Reiſe an. Mutter und Schweſter freuten ſich ſeiner Wiederkunft. Das ganze Haus bis zu dem kleinen Lehrjungen herab empfing ihn mit ungekuͤnſtelter Herzlichkeit. Dennoch vermochte er eine gewiſſe Traurigkeit nicht zu verbergen, die dem ſcharfen Auge der Frau Becher nicht entging. Auf ihre viele Fragen antwortete er meiſt ausweichend. Oberflaͤchlich erwaͤhnte er ſein Zuſammentreffen mit Adolphinen und ihrem Vater. — Alſo das ſtolze Fraͤulein haſt Du geſehen? ſagte Frau Becher. Mich wundert nur, daß ſie mit Dir geſprochen hat. — Du thuſt ihr Unrecht, liebe Mutter, und theilſt das Vorurtheil ihrer Verwandten, die gegen Fraͤulein von Buſch ohne allen Grund erzuͤrnt ſind. — Eil ſieh doch, ohne allen Grund. Iſt es denn erhoͤrt, daß man ſeine Angehoͤrigen ſeit Jahren nicht mehr aͤſtimirt und uͤber die Achſeln anſieht? Das mag ſo Brauch und Sitte in der vornehmen Welt ſein. Wir hier halten noch auf Freundſchaft. Blut iſt kein Waſſer und wer ſeine Verwandten nicht ehrt, hat kein rechtſchaffnes Herz. Aber freilich der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamm und wie die Alten brummen, die Jungen ſummen. Der gnaͤdige Herr von Buſch erinnert ſich nicht gern an ſeine Vergangenheit. Hier zu Lande kennt man ihn und wir wiſſen, wer er iſt und woher er ſtammt. Ein Hauſirer iſt er geweſen und er mußte Gott danken, daß die arme Mathilde ſich ſeiner erbarmte. Was hab' ich die gute Seele vor ihm gewarnt, aber ſie wollte nicht hoͤren. Ich hab' ihm nie was Gutes zugetraut und wie ich ihr prophezeit, ſo iſt es auch gekommen. Seit ihrer Ver⸗ heirathung hat ſie keine froͤhliche Stunde mehr gehabt. In die Reſidenz iſt ſie mit ihm gezogen, wo er durch ſeine Schwindeleien ein reicher Mann geworden iſt. Kein Menſch weiß, wie er zu dem vielen Gelde ge⸗ kommen, aber mit rechten Dingen iſt es nicht dabei zugegangen. Und gluͤcklich iſt die arme Mathilde durch das große Vermoͤgen nicht geworden. Er hat ſie ſchlecht behandelt und zu Tode gekraͤnkt. — Du ſcheinſt die Geſchichte des Herrn von Buſch genauer zu kennen und magſt in Bezug auf ihn auch Recht haben. Was kann aber die Tochter fuͤr ſeine Fehler? Sie iſt nichts weniger als ſtolz. Ich habe — 8e 16— Gelegenheit gehabt, ſie genauer kennen zu lernen, und ich kann ihr meine Achtung nicht verſagen. — So, ſo! murrte Frau Becher, die nicht ſo leicht zu uͤberzeugen war. Du biſt wohl viel mit ihr zuſammen geweſen? Am Ende hat ſie Dich auch ver— zaubert. Man erzaͤhlt ſich ja Wunderdinge von ihrer Schoͤnheit. Sie ſoll ja ſchon Grafen und Fuͤrſten den Kopf verdreht haben. Herr, mein Gott! Du wirſt Dich doch nicht auch in ſie verliebt haben? Trotz ſeines Ernſtes mußte Georg uͤber die Be⸗ fuͤrchtungen ſeiner Mutter laͤcheln. — Daruͤber kannſt Du ganz ruhig ſein, entgeg⸗ nete er, Du vergißt den Abſtand unſerer gegenſeiti⸗ gen Stellung und der Verhaͤltniſſe. Die Freundlich⸗ keit, welche Fraͤulein von Buſch mir erwies, verdanke ich lediglich einem ſonderbaren Zuſammentreffen und der Liebe, die ſie noch immer zu ihren Anverwandten traͤgt. Mit Vergnuͤgen erinnerte ſie ſich der Kinder⸗ zeit und ihres Beſuches in Waldau. Sie hat mir nicht allein viele Gruͤße, ſondern auch einen Brief an ihre Großmutter mitgegeben. Ich will morgen ſelbſt in die Brettmuͤhle gehn und ihre Auftraͤge aus⸗ richten. — Das iſt ſchoͤn, verſetzte die Mutter einigerma⸗ ßen ausgeſoͤhnt. Ich werde, wenn ich Zeit habe, —5 17— ſelber Dich begleiten. Es iſt ſchon uͤber eine Woche her, daß ich bei Saͤgemuͤllers geweſen bin. Ich fuͤrchte mich faſt, daß die Großmutter mir tuͤchtig den Kopf waſchen wird. — Die alte Frau iſt doch munter? Das Fraͤu⸗ lein hat ſich beſonders viel nach ihr erkundigt. — Munter und geſund wie eine Forelle im Waſ⸗ ſer. Die ſcheint der Tod vergeſſen zu haben. Die Mutter Kerner uͤberlebt uns Alle noch. Dafuͤr ſtammt ſie auch aus der guten, alten Zeit, wo man von Nerven⸗ und anderen Krankheiten nichts wußte. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich ſie nur ſehe und mit ihr ſprechen kann. Bei Der koͤnnte mancher Doc⸗ tor und Profeſſor noch in die Schule gehen. — Du haſt Recht. Sie iſt eine ſeltene Frau. — Sie haͤlt auch auf Dich große Stuͤcke und wenn Herr Wagner einmal uͤber Deine Gelehrſamkeit und Speculationen herzieht, nimmt ſie redlich Deine Partei. Mich wundert's nur, daß die alte Frau die neue Welt und Zeiten lobt. Manchmal ſpricht ſie ſo wunderlich, daß man ſie kaum verſteht. Mir iſt es rein unbegreiflich, woher ſie Alles nimmt. Sie lieſt nicht, ſtudirt nicht und doch redet ſie ſo, daß man's gleich drucken laſſen koͤnnt'. Alſo es bleibt dabei, morgen gehen wir nach der Brettmuͤhle. II. 2 —d 18— Die Mutter entfernte ſich, um das Abendbrod zu bereiten und Ernſtinen in der Kuͤche zu unterſtuͤtzen. Georg blieb allein zuruͤck in der eigenthuͤmlichen Stim⸗ mung eines Reiſenden, der nach laͤngerer Abweſenheit in die Heimath wiederkehrt und deſſen Geiſt noch. in fremden Gegenden und Umgebungen verweilt. In ſeiner Seele zitterten noch die juͤngſten Erlebniſſe und Eindruͤcke nach. Ein Bild tauchte ſtets von Neuem her⸗ vor und trotz aller Anſtrengungen, es zu verdraͤngen, wurde die Erinnerung daran nur immer lebendiger. Vergebens kaͤmpfte er mit Vernunftgruͤnden gegen eine Leidenſchaft, deren Thorheit und Hoffnungsloſig— keit er nur zu gut erkannte. Selbſt dieſer Streit gab ſeiner Neigung nur neue Nahrung. Er empfand ein ſchmerzliches Vergnuͤgen an dieſer Art von Selbſt⸗ peinigung. Wenigſtens durfte er dabei an Sie den⸗ ken. Das letzte Geſpraͤch mit Adolphinen auf hoher Alpe unter dem klaren Sternenhimmel hatte uͤber ſein Geſchick entſchieden. — Ja wohl hat die Mutter Recht, ſeufzte er jetzt im Stillen. Auch ich habe nicht ſtraflos die holde Zauberin geſehn. Armer Ferdinand! Und doch iſt er weniger zu beklagen als ich. Solche Naturen, wie er, ſind leicht erregt und leicht erſchoͤpft. Seine Raſerei wird hoffentlich bald voruͤber ſein. Wer noch — eo 19— ſo toben kann wie er, wird auch bald getroͤſtet ſein. Im Grunde genommen hat er ſie mehr begehrt als geliebt. Dazu kennt er ſie zu wenig. Aber mir hat ſie ein Vertrauen ohne Graͤnzen gezeigt, mich ließ ſie in die Tiefen ihrer Seele ſchauen. Ich weiß, welche Schaͤtze ihr Geiſt, ihr Gemuͤth verbirgt. Und das Alles wird vielleicht bald einem Manne angehoͤren, der davon keine Ahnung hat, an deſſen Seite Adol⸗ phine nicht gluͤcklich werden kann. Doch ich bin ein Thor. Was kuͤmmert's mich. Ich werde ſie nicht mehr wiederſehen. Von nun an will ich denken, daß ich nur getraͤumt habe. Ein Narr iſt der Menſch, der ſein Herz an Traͤume haͤngt und daruͤber die Wirklichkeit vergißt. Es war Georg nur angenehm, daß in dieſem Augenblick der Geſelle eintrat, um uͤber gewiſſe, neu eingelaufene Beſtellungen zu reden. Mit Haſt ergriff er die gebotene Gelegenheit und bald vertiefte er ſich in die Berichte, die ihm Karl von dem Zuſtande der Faͤrberei gab. Er ließ ſich eine genaue Rechenſchaft von allen Vorfaͤllen im Geſchaͤfte abſtatten und aͤußerte ſchließlich ſeine Zufriedenheit uͤber die Art und Weiſe wie der erprobte Geſelle in ſeiner Abweſenheit ver⸗ fahren. Auch hier konnte er es nicht verhindern, daß er wieder an Adolphine erinnert wurde. Er 2* 8 — d 20— mußte Karl bei dieſer Gelegenheit Gruͤße von deſſen Mutter beſtellen und ſo war er wieder mit einem Schlage in jenen Zauberkreis verſetzt, dem er trotz aller Anſtrengung nicht mehr zu entfliehen ver⸗ mochte. Nach dem Abendbrod ſchuͤtzte er ſogleich eine na⸗ tuͤrliche Ermuͤdung vor und begab ſich in ſeine abge— legene Wohnung. Ernſtinens Begleitung, die ihn noch heut gern geſprochen hätte, lehnte er unter dem⸗ ſelben Vorwande ab. Bald war er allein auf ſeinem Zimmer, wo er ſich ungeſtoͤrt ſeinen Gedanken uͤber⸗ laſſen durfte. Jetzt fielen ſeine Augen auf den noch unausgepackten Reiſekoffer. Er ſchloß denſelben auf und nahm ein Kleidungsſtuͤck nach dem andern behut⸗ ſam heraus. Dazwiſchen lagen kleine Reiſeerinnerun⸗ gen, Blumen und Steine, die er auf ſeinen Gebirgs⸗ wanderungen geſammelt, auch einige Geſchenke fuͤr Mutter und Schweſter, welche er am andern Morgen erſt uͤberreichen wollte. Ploͤtzlich faßte er einen groͤ⸗ ßeren Gegenſtand, von dem er nicht wußte, wie er unter ſeine Sachen gekommen ſein konnte. Er mußte ſich erſt beſinnen, ob er denſelben auch wirklich hinein⸗ gelegt. Bald erkannte er das ſorgfaͤltig eingeſchla⸗ gene Bild Adolphinens, das er dem Maler faſt mit Gewalt entriſſen hatte. Jetzt ſtand die letzte Scene, — 21— die er mit dem Freunde durchlebt, wieder lebendig vor ſeinen Augen. Nach ſeiner Ruͤckkehr von der verhaͤngnißvollen Beſteigung des Schafberges hatte naͤmlich Georg ein ernſtes, ſchmerzliches Zwiegeſpraͤch mit dem Maler. So ſchonend als moͤglich entſprach er den Wuͤnſchen Adolphinens, dieſen auf die Hoffnungsloſigkeit ſeiner Leidenſchaft aufmerkſam zu machen. — Und Sie gab Dir den Auftrag mit mir dar⸗ uͤber zu ſprechen? brauſte Ferdinand auf. O! die Schlange, jetzt durchſchau' ich ſie; nachdem ſte mich zu Tode verwundet, uͤberlaͤßt ſie Dir, ihr Werk zu vollen⸗ den und mich vollends zu vernichten. — Ferdinand, ſei ein Mann und faſſe Dich, bat Georg. Was kann Adolphine dafuͤr, daß Du ihr eine eben ſo thoͤrichte als hoffnungsloſe Neigung zu⸗ gewendet haſt? — Du vertheidigſt ſie noch? Haſt Du mich nicht ſelbſt vor ihr gewarnt, haſt Du ſie nicht in meiner Gegenwart eine Kokette geheißen? Ol ſie iſt noch ſchlimmer als eine ſolche, ein weiblicher Vampyr, der mein Herzblut ausgeſaugt, eine verlockende Sirene, die ſich an meinen Schmerzen weidet. — Halt ein! gebot Georg. Der Schmerz macht Dich raſend und ungerecht. Adolphine iſt nicht herz⸗ — 22— los wie Du glaubſt. Ich halte ſie nur fuͤr ungluͤck— lich. Wenn ſie gegen Dich gefehlt, ſo geſchah es gewiß nicht mit Abſicht. Sobald ſie Deine Neigung bemerkt hat, wandte ſie ſich an mich, als Deinen Freund, Deinen Bruder. Ich finde ihr Benehmen eben ſo ſchonend als ehrenwerth und aufrichtig. — Schoͤn! vertheidige nur die Verraͤtherin. Doch darf ich mich daruͤber wundern? Sie hat Dich wie mich beſtrickt und ſie wird Dich wie mich betruͤgen. Denkſt Du, daß ich blind bin, daß ich Deine gluͤ⸗ hende Liebe fuͤr ſie nicht bemerkt habe? Ha, ha! der Philoſoph hat Feuer gefangen, der kalte Denker iſt ein gluͤhender Liebhaber geworden. Der Maler ſtieß bei dieſen Worten ein hoͤhniſches Gelaͤchter aus, vor dem es dem ruhigen Freunde graute. — Ferdinand! Du biſt wirklich kindiſch. Darf ich ein Weib, das Du ungerecht anklagſt, nicht ver⸗ theidigen, ohne mich einem unwuͤrdigen Verdacht in Deinen Augen auszuſetzen? Aber ſo warſt Du ſtets, ſo ſind die meiſten Menſchen. Statt ſeine eigene Schuld zu erkennen, buͤrdet man ſein Vergehen den Andern auf. Was hat Apolphine verbrochen, daß Du ſie anſchuldigſt und ſie mit Vorwuͤrfen uͤber⸗ haͤufſt? Sie hat ſich Dir gegenuͤber nur freundlich —d 23— benommen, ſie iſt Dir mit zarter Ruͤckſicht entgegen⸗ gekommen, ſie hat Dich vor Vielen mit ihrem Ver⸗ trauen beehrt und zum Dank ſchmaͤhſt Du ſie, weil ſie Deine thoͤrichte Leidenſchaft nicht erwiedern will, nicht erwiedern kann. — Immer beſſer! ſchrie der Maler außer ſich. Ol ich ſehe klar, nur zu klar. Um den Beifall des eitlen Weibes zu erlangen, das ſich an meinen Qua⸗ len weidet, verraͤthſt Du unſere alte Freundſchaft. Immerzu, ſtoße den Dolch in mein wehrloſes Herz, hilf noch meiner Feindin und unterſtuͤtze ſie in ihrem ſchaͤndlichen Werk. Der Lohn wird nicht ausbleiben. Sie wird auch Dir laͤcheln, ſie wird auch mit Dir ſpielen und am Ende, wenn ſie Deiner muͤde gewor⸗ den, Dich wegwerfen, wie ſie mich verworfen hat. — Ferdinand! Du biſt krank, verſetzte Georg mitleidig, und darum will ich Deine entehrenden Worte nicht gehoͤrt haben. Ich verzeihe Dir Deine ſinnloſen Beſchuldigungen, aber um Eins bitte ich Dich, maͤßige Deine Sprache, wenn Du in meiner Gegen⸗ wart von Fraͤulein von Buſch redeſt. Ich dulde keine Beſchimpfung eines Weibes, dem ich trotz aller Ver⸗ irrungen nicht meine Achtung verſagen kann. Grade die Ruhe, welche Georg waͤhrend dieſer Unterredung behauptete, brachte bei dem aufgeregten 4 — 24— Maler die entgegengeſetzte Wirkung hervor und er er⸗ eiferte ſich nur deſto heftiger. Er haͤufte Verwuͤnſchung auf Verwuͤnſchung, Beſchuldigung auf Beſchuldigung gegen die Treuloſe und den verraͤtheriſchen Freund. Fortwaͤhrend geberdete er ſich wie ein Raſender und ſein wilder Schmerz kannte weder Maß noch Ziel. Im⸗ mer mehr redete er ſich kuͤnſtlich in eine graͤnzenloſe Wuth hinein. Er gefiel ſich in dieſer ſinnloſen De⸗ clamation und ſpielte die Rolle des Gekraͤnkten und Verlaſſenen mit einer gewiſſen Uebertreibung, die Georg an der Wahrheit dieſer Empfindung zweifeln ließ. Zufaͤllig erblickte Ferdinand das Bild Adolphi⸗ nens, welches er zur Vollendung nach Hallſtadt mit— genommen hatte. Mit einem lauten Schrei, der von einer graͤßlichen Verwuͤnſchung begleitet wurde, ſtuͤrzte der Raſende auf die Staffelei los, um das unſchul⸗ dige Gemaͤlde mit ſeinen Haͤnden zu vernichten. Laͤn⸗ ger behauptete auch Georg ſeine Ruhe nicht. Ehe noch der Maler ſein Zerſtoͤrungswerk vollenden konnte, riß ihn Georg mit kraͤftiger Hand zuruͤck. — Wahnſinniger! Was willſt Du thun? don⸗ nerte er dem tobenden Freunde entgegen. — Laß mich! ſtoͤhnte dieſer. Ich muß das Bild vernichten. O! das ich ſie eben ſo aus meinem Her⸗ zen reißen koͤnnte, wie dies Portrait! Jal das ſind —e 25— ihre falſchen, heuchleriſchen Zuͤge, denen ich Glauben geſchenkt und die mich betrogen haben. Ich muß ſie zerſtoͤren, wie ich jede Erinnerung an Sie aus meinem Gedaͤchtniß fuͤr immer banne. Eine Luͤgnerin iſt die Natur, eine ſchaͤndliche Luͤgnerin. Sie gab dieſem Weibe Alles, nur nicht ein Herz. Kann man in dieſe ſchoͤnen Augen blicken, dieſe holden Zuͤge be— trachten, ohne eine Seele zu vermuthen? Es iſt nicht wahr, Alles Trug und Taͤuſchung. Auch die Schlange ſchillert in ihrer bunten Haut und verlockt den armen Wanderer, den ſie um ſo ſicherer mit giftigem Zahn verwundet. Fort mit der Schlange, fort mit ihr! Noch einmal machte der Maler einen Verſuch, nachdem er dieſe Tiraden beendet, um ſich von Georg loszureißen und ſeinen unſinnigen Beſchluß auszufuͤhren. Indeß der Faͤrbermeiſter hielt ihn noch⸗ mals mit Gewalt zuruͤck und hinderte ſomit die Zer⸗ ſtoͤrung des ſchoͤnen, wohlgelungenen Bildniſſes. Nach dieſem letzten Ausbruch einer ungeſtuͤmen Verzweiflung verſank der Raſende in ein dumpfes Bruͤten, welches bald mit einer ſentimentalen Ruͤh⸗ rung wechſelte. Ein Thraͤnenſtrom folgte nach und beſchloß dieſen fuͤr Georg peinlichen Auftritt. Der Faͤrbermeiſter haͤtte ſicher mit jedem wahren Schmerze Mitleid empfunden. In Ferdinand begegnete er aber —o 26 8— wieder jenem wunderbaren Gemiſch von Uebertreibung und Gefuͤhlsſchwaͤrmerei, von Verzagtheit und Toll⸗ heit, welche den ſchwachen Charakteren eigen zu ſein pflegt. Auch hier erblickte Georg nur ein Symptom der Zeit, welche keine Empfindung in ihrer urſpruͤng⸗ lichen Reinheit mehr zulaͤßt, ſondern mit einer luͤgen⸗ haften Zuthat verſetzt. Alles ſchien ihm nur halb, und die Graͤnzen zwiſchen Wahrheit und luͤgneriſchem Selbſtbetrug verruͤckt. Nirgends fand er das reine Gold des Herzens, uͤberall war es mit unedlerem Metalle innig verbunden. Selbſt der Schmerz des Freundes glich nur zu ſehr einem Schauſpiel und Georg fuͤhlte, daß der Maler bemitleidet ſein wollte. Ferdinand ſchien indeß keineswegs vollſtaͤndig be⸗ ruhigt. Sein Leiden hatte nur die Maske gewechſelt und nahm jetzt die Geſtalt ſchwachmuͤthiger Reue an. Mit zaͤrtlicher Heftigkeit warf er ſich an die Bruſt des Faͤrbermeiſters und bat dieſen wegen ſeiner thoͤ⸗ richten Reden mit ruͤhrenden Worten um Verzeihung. — Vergieb mir, Georgl ſchluchzte er noch immer weinend. Der Schmerz hat mich uͤbermannt. Ich nehme meine thoͤrichten Beſchuldigungen gegen Dich zuruͤck. Du bleibſt doch mein Freund und wirſt mich nicht verlaſſen. — Daruͤber kannſt Du ruhig ſein, verſetzte Georg — 27 8— mit wahrer Herzlichkeit. In meinen Augen biſt Du hinlaͤnglich entſchuldigt. Was Fraͤulein von Buſch jedoch betrifft— — Nenne nicht ihren Namen, wenn ich Dich bit⸗ ten darf, rief der Maler noch immer gereizt. — Du wirſt auch ihrem Benehmen mit der Zeit voͤllige Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Vorlaͤufig wirſt Du ſie natuͤrlich nicht wiederſehn. — Nie, niemals! — Wenn Du meinem Rathe folgen willſt, ſo verlaſſe Hallſtadt ſo wie die Umgebung von Iſchl ſo bald als moͤglich. Selbſt ein zufaͤlliges Zuſammen— treffen mit ihr muͤßte Dir unangenehm ſein. — Wohin ſoll ich gehn? — Ich wuͤrde Dich gern mit mir nehmen. Wenn es Dir Recht iſt, ſo begleiteſt Du mich und wir brechen morgen fruͤh auf. Ferdinand uͤberlegte den wohlgemeinten Vorſchlag des Freundes. 1 — Auf einen Tag kommt es nicht an, ſetzte Georg freundlich hinzu, als er den Maler zoͤgern ſah. Obgleich mich dringende Geſchaͤfte nach Waldau rufen, ſo will ich gern dies kleine Opfer bringen und warten bis Du Deine Angelegenheiten geordnet haſt. — d 28— — Ich danke Dir, entgegnete Ferdinand. Doch ich finde einen andern Plan. Laͤngſt habe ich mich nach Italien geſehnt. Venedig liegt in der Naͤhe mit ſeinen Kunſtſchaͤtzen und ſeiner erhabenen Ver— gangenheit. Ich ſchreibe nur noch nach der Haupt⸗ ſtadt um einige Empfehlungsbriefe, die in wenig Tagen ankommen werden, und dann will ich mich nach der Lagunenſtadt begeben. Dort finde ich vielleicht, was ich bedarf, Ruhe fuͤr mein Herz und Begeiſte⸗ rung fuͤr meine Kunſt. — Ich will Dich nicht zwingen, mir zu folgen, obgleich es mir lieber geweſen waͤre, wenn Du mit mir gegangen. Glaube mir, je ſchneller Du hier fortkommſt, deſto beſſer fuͤr Dich. Du wuͤrdeſt gewiß bei den Meinigen eine herzliche Aufnahme finden. Damit endete das Geſpraͤch. Georg unterließ es, dem Freunde ferner zuzureden. Er war ſchon damit zufrieden, daß dieſer ihm das feſte Verſprechen gab, Adolphinen nicht wieder zu ſehn und Hallſtadt ſo bald als moͤglich zu verlaſſen. Vollkommen beruhigt und ausgeſoͤhnt nahm er von dem Maler Abſchied. Vor der Abreiſe draͤngte dieſer ihm das Bild als ein Andenken auf. — Nimm es, ſagte er dabei ſchon ruhiger, und verwahre es. Ich kann es doch nicht behalten. ..— 29— Georg ſtraͤubte ſich Anfangs gegen das gefaͤhrliche Geſchenk, doch Ferdinand legte daſſelbe, waͤhrend er ihm beim Einpacken half, ſorgfaͤltig verhuͤllt in den Koffer. So war der Faͤrbermeiſter in den Beſitz des Gemaͤldes gelangt, das jetzt vor ſeinen Blicken ſtand und ihn noch einmal ſchmerzlich an die juͤngſt durch⸗ lebte Vergangenheit gemahnte. Mit einem Seufzer trennte er ſich von dem hol— den Anblick und ſchloß das Portrait in ſeinen Schrank, wo es von keinem Neugierigen geſehn werden konnte. Einen Augenblick dachte er daran, an Adolphine zu ſchreiben und ihr mit ſeinem Briefe das Bild im Namen des Malers zu uͤberſenden. Bald verwarf er dieſen Gedanken, er fuͤhlte, daß er ſich nicht ſo leicht von dem Schatze trennen konnte, den ihm der Zufall in die Haͤnde geſpielt. Es war faſt Mitternacht, ehe Georg trotz ſeiner Ermuͤdung die ihm noͤthige Ruhe fand. Noch im Traume wanderte er an Adolphinens Seite durch die reizenden Gegenden, die er ſo eben verlaſſen. — 5 30 6— III. Der naͤchſte Morgen fand den Faͤrbermeiſter ſchon wieder ruͤſtig bei der Arbeit. Eine Natur wie die ſeinige war am allerwenigſten fuͤr eine muͤßige Ge⸗ fuͤhlsſchwelgerei geſchaffen. Er wußte wohl zwiſchen den Anforderungen des Lebens und den Empfindungen ſeines Herzens zu unterſcheiden. Die letzteren mußten ſich ſeinem feſten Willen fuͤgen und ſelbſt die heftigſte Leidenſchaft konnte ihn nicht von der ſtrengen Bahn der Pflicht, die er ſich vorgezeichnet, jemals ablenken. Man iſt nur zu ſehr geneigt derartige Menſchen fuͤr proſaiſch zu erklaͤren, weil ſie der Leidenſchaft in ihrer Bruſt beſtimmte Schranken ſetzen, aber nicht das verzehrende Feuer, ſondern das wohlthaͤtige Licht iſt das Symbol der wahren Liebe. Je groͤßer die Kraft, deſto mehr Selbſtbeherrſchung, und nur der Schwaͤch⸗ ling erliegt den ungezuͤgelten Trieben. Der aͤchte Mann wird durch eine reine Liebe nicht zum Skla⸗ ven, ſondern erſt recht zum Herrn aller niedrigen An⸗ wandlungen. Sie ſtaͤrkt, erhebt und laͤutert ihn. Die verſchiedenartigen Anforderungen und Ge⸗ ſchaͤfte ließen Georg nicht Zeit, ſelbſt wenn er dazu geneigt geweſen waͤre, ſeinen Traͤumen nachzuhaͤngen. Zunaͤchſt galt es die wichtige Angelegenheit zu ordnen, — e 31 8— welche ihn ſo ploͤtzlich von Iſchl zuruͤckgerufen. Er hatte die Faͤrberei nach einem neuen Plane erſt vor Kurzem gebaut und erweitert. Die Ausgaben waren bedeutend und uͤberſtiegen faſt ſeine Kraͤfte. Eine Ver⸗ groͤßerung des Etabliſſements ſchien ihm jedoch noth⸗ wendig, ſo wie die Einfuͤhrung von einigen koſtſpie⸗ ligen Verbeſſerungen der Preſſen und der Mangel. Um ſein Betriebscapital nicht zu ſchwaͤchen, ſah er ſich daher genoͤthigt einige tauſend Thaler aufzunehmen und dafuͤr eine ſichere Hypothek zu bieten. Bei ſeiner anerkannten Redlichkeit fand er auch einen wohlhabenden Kaufmann, der ihm das Geld unter dieſen Bedingungen und gegen maͤßige Zinſen vor— ſtreckte. Waͤhrend Georgs Abweſenheit war ſein Glaͤubiger, der ſchon laͤngere Zeit kraͤnkelte, geſtorben. Die Erben verlangten die geliehene Summe zuruͤck, um ſie zu theilen. Dieſe Forderung ſetzte Georg einigermaßen in Verlegenheit und machte ſeine Ruͤck⸗ kehr durchaus nothwendig. Das noͤthige Geld beſaß er zwar, oder vielmehr ſeine Mutter, in deren Namen die Faͤrberei fortge⸗ fuͤhrt wurde. Wenn er aber, wie es verlangt wurde, die Summe mit einem Male zahlte, ſo mußte er dazu den groͤßten Theil des eben ſo nothwendigen Betriebs⸗ capitals verwenden. Was ihn noch weit mehr — 32 8— chmerzte, war das Aufgeben ſeiner Lieblin sidee, 3, g g mit der er ſich ſeit Jahren beſchaͤftigte und von der er ſich den reichſten Segen fuͤr die Zukunft verſprach. Wie wir bereits wiſſen, hatte der Faͤrbermeiſter mehr⸗ fache Verſuche angeſtellt, das Geheimniß der ſoge⸗ nannten tuͤrkiſchen Garnfaͤrberei ſelbſtſtaͤndig zu ent⸗ decken, und zu dieſem Behufe bedeutende Summen auf⸗ gewendet. Mittelſt ſeiner chemiſchen Kenntniſſe hoffte er noch immer dies Problem zu loͤſen und er glaubte ſeinem Ziele naͤher als je zu ſtehn. Nach ſeiner Mei⸗ nung bedurfte es nur noch einiger Verſuche, einer klei⸗ nen Anſtrengung und das Raͤthſel war geloͤſt. Die Er⸗ perimente koſteten aber ziemlich große Summen und nach Zahlung der ihm gekuͤndigten Hypothek behielt Georg nicht mehr ſo viel uͤbrig, um dieſelben fortzuſetzen. Den Gedanken konnte er kaum ertragen. Mit der zaͤhen Ausdauer, die ſolchen Charakteren eigen, hing er an ſeinen Plaͤnen. Dieſer Entdeckung, von deren Moglichkeit er ſo feſt uͤberzeugt war, hatte er den Schlaf ſeiner Naͤchte, die Ruhe ſeines Lebens, all ſein Nachdenken geopfert. Je theurer ſie ihm zu ſtehn kam, deſto werther war ſie ihm geworden. Er liebte ſie, wie die Mutter das Kind vor Allen, wel⸗ ches ihr die meiſten Sorgen gemacht, die haͤufigſten Thraͤnen gekoſtet hat. —d 33— Auch die bloße Idee vermag eine Leidenſchaft her— vorzurufen, die heftiger als jede irdiſche, perſoͤnliche werden und eine nie geahnte Hoͤhe erreichen kann. Der abſtracte Denker, der Philoſoph, liebt ſein Syſtem oft mit einem Fanatismus, der bei weitem jede andere Neigung uͤbertrifft. Der Gedanke iſt ihm Kind und Geliebte zugleich, er ſelbſt Liebender und Vater in einer Perſon. Nicht der Dichter allein wird bei ſeinen Schoͤpfungen von jenem ſchoͤnen Wahnſinn des Schoͤpfungstriebs ergriffen, auch der Phyſiker, der den geheimnißvollen Kraͤften der Natur nachſpuͤrt, der Chemiker, welcher einen noch unbe— kannten Stoff entdecken will, der Phyſiolog, der die wunderbaren Bahnen und Verſchlingungen der Ner— ven verfolgt, ſie Alle gleichen darin dem leidenſchaft⸗ lichen Liebhaber, dem begeiſterten Saͤnger. So hat die Wiſſenſchaft ebenfalls ihre Poeſte, ihre Leiden und Freuden, Entzucken und Verzweiflung. Der ruhige Forſcher wird zum Schwaͤrmer und giebt Alles fuͤr die Verwirklichung ſeiner Idee. Er vergißt die ganze Welt und verachtet ihre Vorurtheile. Das Schoͤpfungsfieber ergreift ihn, ſeine Pulſe ſchlagen heftiger, alle ſeine Nerven ſind geſpannt, ſein Auge flammt von himmliſcher Begeiſterung. Wenn er das Problem nicht loͤſt, wenn ſeine Entdeckung fehl ſchlaͤgt, II. 3 —?d 34— kann er daruͤber zu Grunde gehn, wie ein Liebender, der an gebrochenem Herzen ſtirbt. Etwas Aehnliches empfand Georg, indem er ſeine Plaͤne verfolgte.— Es blieb ihm nichts Anderes uͤbrig, als das ihm fehlende Capital aufzutreiben, oder einen Aufſchub bei ſeinen Glaͤubigern zu erwir— ken. Zu dieſem Zwecke entſchloß er ſich, die Wittwe des Kaufmanns zu beſuchen und ſie um Nachſicht zu bitten. Madame Veit wohnte auf dem Markte in dem großen, ſtattlichen Hauſe, das ihr zugehoͤrte. Sie beſaß außer einem anſehnlichen Vermoͤgen und einem bluͤhenden Geſchaͤft zwei heirathsfaͤhige, wohl— erzogene Toͤchter, welche fuͤr die beſten Partieen im ganzen Staͤdtchen galten. Der tuͤchtige und gebildete Faͤrbermeiſter waͤre der praktiſchen Frau als Schwie⸗ gerſohn ſehr willkommen geweſen und wenn Georg bisher die ziemlich deutlichen Winke und Andeutungen nicht verſtanden, ſo war das lediglich ſeine Schuld. An Zuvorkommenheit gegen ihn hatte es die wohl⸗ habende Familie bisher nicht fehlen laſſen. Selbſt das Geld, welches er von dem Verſtorbenen ſo leicht geliehn erhalten, war nur eine Lockſpeiſe fuͤr ihn ge— weſen. Er brauchte nur zuzugreifen und ſein Gluͤck war gemacht. Mutter und Töoͤchter mochten ihn wohl leiden und einen Korb hatte er nicht zu befuͤrchten. —-— Frau Becher hatte ſchon fruͤher es fuͤr ihre Pflicht gehalten, den Sohn auf dieſe guͤnſtigen Umſtaͤnde aufmerkſam zu machen, ehe er ſeinen Gang antrat, fand jedoch wie immer in ihm eine deutlich ausgeſpro⸗ chene Abneigung gegen jedes Heirathsproject, obgleich er den geruͤhmten Eigenſchaften der beiden jungen Damen volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Die Aufnahme, welche er bei ſeinen Glaͤubigern fand, war eine aͤußerſt freundliche und ſchmeichelhafte. Die Mutter begruͤßte ihn mit einem honigſuͤßen Laͤcheln und die Toͤchter mit jungfraͤulichem Erroͤthen. Er wurde in das beſondere Prunkzimmer gefuͤhrt, wo die reiche Wittwe nur die Honoratioren des Ortes empfing. Dort konnte er den beſten Begriff von der Wohlhaben⸗ heit der Familie erhalten. An der Decke hing ein maſſiver Kronleuchter, ſaͤmmtliche Moͤbel waren noch wie neu und wenn auch nicht grade geſchmackvoll und paſſend, aber wenigſtens theuer genug in der Reſi⸗ denz bezahlt. Sopha und Stuͤhle ſteckten noch im Negligé, in ihren Ueberzuͤgen von grauer Leinwand. Nur bei außerordentlichen Gelegenheiten ſtreiften ſie die gemeine Huͤlle ab und erſchienen in ihrer Pracht von rothem Pluͤſch. Sie bildeten dann einen ſchreien⸗ den Contraſt zu den hellgruͤnen Tapeten mit großen gelben Blumen. An den Waͤnden hingen neben ein⸗ 3 † — — 36 6— gen Familienportraits, die der Stadtmaler mit vieler Kunſt gepinſelt und welche zum Sprechen getroffen waren, das heißt ſo einfaͤltig als moͤglich ausſahen, in ſchmale Goldleiſten gefaßte Steindruͤcke von be⸗ kannten trivialen Bildern. Die Hauptzierde beſtand aber in dem vollen Silberſchrank, der ſo geſtellt war, daß das Auge jedes Beſuchers ihn zuerſt erblicken und ſeinen koſtbaren Inhalt bewundern mußte. In dieſem Allerheiligſten, das ſonſt nur die Hono⸗ ratioren, die Frau Buͤrgermeiſterin, Stadtrichterin und die Salzinſpectorin betreten durften, empfing die Wittwe des ſeeligen Herrn Veit und Compagnie ihren Gaſt. Sie war eine ſtattliche, imponirende Frau mit einem Doppelkinn und einem leiſen Anflug von ſchwar⸗ zem Flaum unter der gebogenen Naſe. Sie trauerte noch in ſchwarzer Kleidung um den Verſtorbenen, ſonſt haͤtte ſte Georg wahrſcheinlich in einer unge— heuern Haube, mit Blumen wie eine Wieſe beſteckt, und einem gelbſeidenen Atlaskleide empfangen, wo⸗ durch die Aehnlichkeit der Frau Veit mit einer reifen, gewichtigen Melone noch mehr hervorgetreten waͤre. Ihre beiden Toͤchter waren junge, durchaus nicht haͤßliche Maͤdchen. Minchen, die aͤltere, glich auf⸗ faͤllend der Mutter, die in ihrer Jugend einſt ſchoͤn geweſen ſein konnte. Linchen, die juͤngere, ſchlug 3 4 — 37— mehr nach dem Vater, eine ſchmachtende Blondine mit waſſerblauen Augen, waͤhrend ihre bruͤnette Schwe⸗ ſter dunkles Haar und ſchwarze, feurige Augen zeigte. Die Maͤdchen waren wohlerzogen, ſprachen franzoͤſiſch, klimperten auf dem Fluͤgel und fertigten allerlei Sticke⸗ reien an, welche in Geſtalt von Sophakiſſen, Lampen⸗ tellern und Ofenſchirmen zur Parade aufgeſtellt waren. Der Unterſchied zwiſchen Beiden beſtand nur darin, daß Minchen ſich mehr um die Kuͤche und Wirthſchaft bekuͤmmerte, Linchen dagegen vorzugsweiſe eine aͤſthe⸗ tiſche Richtung verfolgte und den groͤßten Theil des Tages bis ſpaͤt in die Nacht hinein Romane las. Georg mußte ſich auf einen Lehnſtuhl niederlaſſen und von ſeiner Reiſe erzaͤhlen. Linchen hoͤrte mit ſchwaͤrmeriſchen Blicken zu, Minchen dagegen unter⸗ ließ nicht von Zeit zu Zeit den verehrten Gaſt durch den Praͤſentirteller zu unterbrechen und ihn zu dem von ihrer eigenen Hand gebackenen Kuchen zu noͤthi— gen. Erſt als Georg das Geſpraͤch auf den eigent⸗ lichen Zweck ſeines Beſuches brachte und von Geſchaͤften zu reden anfing, entfernten ſich die jungen Damen, wobei Linchen ihm einen ſchmachtenden, Minchen da⸗ gegen einen feurigen Blick zuwarf. — Ja, jal ſagte die wuͤrdige Wittwe mit muͤtter⸗ licher Zaͤrtlichkeit ihnen nachſehend. Da gehen die armen Waiſen, die ihren Ernaͤhrer verloren haben. Ach! was iſt eine Frau ohne Mann, ein Kind ohne Vater? Wer haͤtte auch denken ſollen, daß mein Veit mich und die unverſorgten Maͤdchen ſo bald verlaſſen wuͤrde. Was iſt der Menſch? Heut roth, morgen todt. Madame Veit ließ bei dieſen Worten ihrem allzeit fertigen Thraͤnenſtrom freien Lauf. Georg troͤſtete ſie, ſo gut er es vermochte, in ihrem Schmerz, obgleich er daran denken mußte, daß der kleine, magere Herr Veit keineswegs die gluͤcklichſte Ehe gefuͤhrt und mehr als billig unter dem Pantoffel ſeiner großen, ſtarken Frau geſtanden. — Ich bedaure Sie gewiß von ganzem Herzen, ſagte gutmuͤthig der Faͤrbermeiſter. Auch ich verlor an Herrn Veit einen aufrichtigen Freund, dem ich zu Dank verpflichtet war. Der Ungluͤcksfall, welcher Ihre werthe Familie betruͤbt, beruͤhrt mich vielfach ſchmerzlich. Sie wiſſen, daß ich ſein Schuldner bin, und der Zweck meines Beſuches betrifft hauptſaͤchlich das mir von Ihnen gekuͤndigte Capital. — Was ſoll ich thun? Die Nauͤdchen wachſen heran und koͤnnen ſich jeden Augenblick verheirathen. Sie wiſſen gar nicht, wie ihnen zugeſetzt wird; die jungen Leute ſind auf meine Toͤchter verſeſſen, wie „* — 6 39— * Fliegen auf den Honig. Hundert Partieen haͤtten ſie ſchon machen koͤnnen, aber ſie koͤnnen ſich nicht ent— ſchließen. Minchen will nur einen ſoliden Mann und Linchen einen gebildeten. Das kann ich ihnen auch nicht verdenken. Geld haben ſie genug und an einer guten Ausſteuer werde ich es nicht fehlen laſſen. Ich habe den Kindern eine noble Erziehung geben . laſſen und darum brauchen ſie ſich nicht an den Erſten, Beſten wegzuwerfen. Ja, wenn ich einen Mann faͤnde, der ihnen anſtaͤnde— — Das duͤrfte doch nicht ſchwer ſein, verſetzte 5 Georg, da die Wittwe ihn fragend anblickte. — Glauben Sie wirklich, Herr Becher? Nun das freut mich, das Sie eine ſo gute Meinung von den armen Dingern haben. Sie wiſſen gar nicht, wie große Stuͤcke meine Maͤdchen von Ihnen halten. Minchen lobt Sie immer wegen Ihres ſtillen und be⸗ ſcheidenen Benehmens und bei Linchen haben Sie einen rechten Stein im Brett. Die koͤnnte Ihnen den ganzen Tag und die halbe Nacht zuhoͤren, wenn Sie reden. Die Wittwe ſah Georg wieder ſo bedeutend mit einem muͤtterlichen Laͤcheln an, daß derſelbe uͤber ihre Abſichten nicht laͤnger in Zweifel bleiben konnte. Um ſeine Verlegenheit zu verbergen, huſtete er einige⸗ mal laut. — e 40— — Ei, ei! Sie haben von Ihrer Reiſe einen fa⸗ talen Huſten mitgebracht, bemerkte Frau Veit. Doch Sie wollten mit mir von der Hypothek ſprechen. — Ich habe nicht auf eine ſo baldige Ruͤckzahlung gerechnet und ich geſtehe Ihnen aufrichtig, daß ich einigermaßen dadurch in Verlegenheit komme. — Nun, wir werden ſehn, was ſich thun laͤßt. Ich werde noch einmal mit dem Vormund daruͤber ſprechen. Ginge es nach mir allein, ſo wuͤrde ich das Geld noch ſtehen laſſen. Es iſt ja ſicher bei Ihnen und Sie haben immer puͤnktlich die Zinſen ausgezahlt. — Sie wuͤrden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir nur noch ein Jahr hoͤchſtens Zeit lie⸗ ßen. Bis dahin hoffe ich mit Leichtigkeit meine Schuld Ihnen abzutragen. — Wie geſagt, wenn es mein Geld waͤre, wuͤrde ich kein Wort daruͤber verlieren, aber es iſt das Ver⸗ moͤgen meiner armen Kinder. Wer weiß, wie bald ein Schwiegerſohn ſich einſtellt, und der verlangt Ba⸗ ribus. Die jungen Naͤnner ſehen heut zu Tage Alle auf das liebe Geld. Sehen Sie, Herr Doctor, Sie ſollten ſich auch umthun und ein reiches Maͤdchen ſuchen, dann iſt Ihnen und auch mir geholfen. Deutlicher konnte die Wittwe ſich unmoͤglich aus⸗ druͤcken und nach ihrer Meinung mußte Georg wirk⸗ N — v.— —-—— —² 41— lich den Kopf verloren haben, wenn er ſie nicht ver— ſtand. Zum Gluͤck fuͤr den Faͤrbermeiſter kehrten in dieſem verhaͤngnißvollen Augenblicke die jungen Da⸗ men zuruͤck, welche, wie wir faſt vermuthen duͤrfen, an der Thuͤre gelauſcht hatten und den Feldzugsplan ihrer Mutter durch einen kuͤhnen Angriff auf das Herz des Heirathscandidaten unterſtuͤtzen wollten. Minchen praͤſentirte wieder ihren ſelbſtgebackenen Kuchen, Lin⸗ chen ſetzte ſich an den Fluͤgel und ſang mit ſchwaͤr⸗ meriſchem Ausdruck und leidlicher Stimme ein bekann⸗ tes Lied, das von Zaͤrtlichkeit und Liebe uͤberfloß. Da Georg aus Artigkeit den Kuchen eben ſo ſehr wie den ruͤhrenden Geſang belobte, ſchoͤpften die wuͤrdige Wittwe und ihre heirathsfaͤhigen Toͤchter neuen Muth. Georg erhielt die nochmalige Verſicherung der Frau Veit, daß ſie mit dem Vormund wegen der gekuͤndig⸗ ten Hypothek Ruͤckſprache nehmen wollte, und zugleich die Aufforderung, ſo bald als moͤglich ſeinen ange— nehmen Beſuch zu wiederholen. Die ganze Familie begleitete ihn noch bis an die Treppe, wo ihn Min⸗ chen erſuchte, ſeine Mutter, die ſie als Kernwirthin verehrte, herzlich zu gruͤßen, waͤhrend Linchen ihm noch einen ſchmachtenden Blick aus ihren waſſerblauen Augen zuwarf. — e 42 6— IWV. Nachdem Georg noch ſo manches dringende Ge⸗ ſchaͤft abgethan, begab er ſich des Abends nach der Saͤgemuͤhle in Begleitung ſeiner Mutter. Die Be— ſitzung, zu welcher noch Felder und Wieſen gehoͤrten, lag eine Viertelmeile von der Stadt entfernt an dem Ufer eines kleinen Baches, der die Muͤhle trieb. Dort wohnte die Tante Adolphinens, welche an den Saͤgemuͤller Wagner verheirathet war. Ein Fußpfad, der ſich durch das uͤppige Gruͤn der Wieſen ſchlaͤngelte, fuͤhrte bis zu der laͤndlichen Beſitzung. Schon von Weitem hoͤrten die beiden Wanderer das Rauſchen des Waſſers, welches geſchuͤrzt auf die Raͤder fiel, und das eintoͤnige Kreiſchen der großen Saͤge, unter deren ſcharfen Zaͤhnen ſich die dickſten Balken in Bret⸗ ter verwandelten. Seit langen Jahren beſtand die innigſte Freundſchaft und Geſchaͤftsverbindung zwi⸗ ſchen der Familie des Faͤrbermeiſters und der des Saͤ⸗ gemuͤllers, welcher nebenbei einen Holzhandel trieb. Auf dem kurzen Spaziergang zur Muͤhle mußte Georg ſeiner Mutter ausfuͤhrlichen Bericht uͤber ſeine Unterhandlung mit der Wittwe Veit abſtatten. Trotz⸗ dem er ihr abſichtlich manchen kleinen Zug verſchwieg, ſo war ſie doch hinlaͤnglich von den Wuͤnſchen der 2— — d 43— reichen Wittwe unterrichtet, denn in einer kleinen Stadt kennt man ſogar die geheimen Gedanken ſeiner Nebenmenſchen, mit denen man in ſteter Beruͤhrung lebt. — Du biſt ein rechter Thor, ſagte die beſorgte Mutter, wenn Du nicht mit beiden Haͤnden zugreifſt. Die Mutter wartet nur, daß Du den Mund aufthuſt, und die Toͤchter moͤchten heut vor morgen unter die Haube kommen. Wenn Du Eine nimmſt, ſind wir alle Sorgen los. — Liebe Mutter! Das kann doch Dein Ernſt nicht ſein. — Und warum denn nicht? wenn man fragen darf. Haſt Du an den Maͤdchen Etwas auszuſetzen? Sie ſind beide brav und gut gezogen. Die Minna beſonders koͤnnte mir gefallen. Die verſteht die Wirthſchaft und wird das Ihrige zuſammenhalten. Geld hat ſie auch und ſchoͤn iſt ſie, das muß ihr der Neid laſſen. Ein Paar Augen hat ſie wie zwei feu— rige Kohlen und dabei ſieht ſie wie die Geſundheit ſelber aus. — Du kennſt meine Anſichten, entgegnete Georg verſtimmt. Ich habe gegen beide Maͤdchen nichts ein— zuwenden, aber folgt daraus, daß ich Eine heirathen muß? —e 44— — So machſt Du's immer und wirſt daruͤber zum ) 3 alten Junggeſellen. — Ich ſehe nicht das Ungluͤck ein. — Aber ich. Ein Mann, der ledig bleibt, iſt mit Strumpf und Schuh verloren. Jetzt geht es noch zur Noth, weil ich Dir zur Seite ſtehe, aber wenn ich einmal todt bin— — Liebe Mutter! Wie kannſt Du daran denken? — Wir ſind Alle nur ſterbliche Menſchen. Deine Schweſter kommt auch in die Jahre, wo ein Maͤdchen einen Mann braucht. Wer ſoll Dir dann die Wirth⸗ ſchaft fuͤhren, was ſoll aus Dir werden? Ein alter Junggeſelle, der um ſein Hab und Gut betrogen wird und mit der Zeit um Alles kommt. — Sorge nicht um mich. So ſchlimm wird es nicht ſein. — Sorge machſt Du mir und das rechtſchaffen. Weil wir einmal dabei ſind, ſo will ich Dir auch offen meine Meinung ſagen. Gut biſt Du Georg, aber Dein Ungluͤck iſt, das Du ſtudirt haſt. Waͤrſt Du ein Faͤrber, wie Dein Vater einer war, ſo kuͤm⸗ merteſt Du Dich nur um Dein Geſchaͤft und damit Baſta! Aber Dein Kopf iſt noch voll von gelehrten Schrullen. Du willſt nichts thun, wie die Andern. Ich hab' nichts dagegen geſagt, daß Du die alte Faͤr⸗ j — do 45— berei eingeriſſen und eine neue gebaut, obgleich die Geſchichte unſer halbes Vermoͤgen gekoſtet und uns in Schulden gebracht hat, die ich mein Lebtag nicht gekannt. Dein Vater wuͤrde ſich im Grabe vrumdrehn, wenn er's wuͤßte. — Die Neuerung war nothwendig. Unſer Ge⸗ ſchaͤft hat ſich, ich darf es wohl ſagen, durch meine Bemuͤhungen ſo ſehr vergroͤßert, daß die alten Keſſel nicht mehr ausreichten. Die Koſten werden, wenn die Beſtellungen ſo fortgehn, in einigen Jahren voll⸗ kommen gedeckt ſein. — Gott geb' es! Dagegen ſage ich auch nichts. Das mußt Du beſſer verſtehen. Dein ſeeliger Vater haͤtte freilich nicht daran gedacht und ſich mit der al— ten Werkſtaͤtte beholfen, es waͤre auch ſo gegangen. Doch davon will ich ſchweigen, wenn Du nur die verwuͤnſchte tuͤrkiſche Garnfaͤrberei laſſen wollteſt. — Du weißt, daß ich zu meinen Verſuchen nur mein eigenes Vermoͤgen und meine Erſparniſſe ver⸗ wende. Weder Dein noch Ernſtinens Geld haben damit Etwas zu thun. — Wenn auch. Glaubſt Du denn, daß ich es ruhig mit anſehen kann, wie ein Thaler nach dem andern draufgeht, bis Du keinen Pfennig mehr haben wirſt? Da muͤßte ich eine wahre Rabenmutter ſein. —e 46 6— Nein, lieber Georg, Dein Geld iſt auch mein Geld und Dein Elend auch das meinige. Wenn es Dir ſchlecht geht, ſo geht es auch mir ſchlecht, und was Du leideſt, leide ich mit. — Ich habe nie an Deiner Liebe gezweifelt. Du biſt die beſte Mutter auf der Welt, ſagte Georg ge— ruͤhrt, aber nicht uͤberzeugt. — Wenn Du das glaubſt, ſo wirſt Du mich auch hoͤren. Ich haͤnge einmal am Alten und halte von allen Euren neuen Erfindungen und Verbeſſerungen nichts. Du willſt auch eine Dampfmaſchine aufſtel⸗ len. Thu' mir das nicht an. Seit der Dampf in die Welt gekommen, ſehe ich nichts wie Armuth und Elend. Fruͤher lebten in Waldau dreihundert Tuch⸗ macher und naͤhrten ſich redlich, jetzt ſind kaum hun— dert und die muͤſſen betteln und am Hungertuche na⸗ gen. Das Alles hat uns der geprieſene Dampf ge⸗ bracht. — Du irrſt, liebe Mutter. Der Dampf traͤgt nicht die Schuld, ſondern Faulheit und Gleichguͤltig— keit. Unſere Tuchmacher ſind groͤßten Theils durch eigene Schuld verarmt, weil ſie bei ihrem alten Schlendrian verharrten und keine Fortſchritte machen wollten. Die Natur gab uns aber jene Kraͤfte, da⸗ mit wir ſie benutzen. Wer nicht die neuen Erfindun⸗ — d 47— gen und Verbeſſerungen ſich anzueignen weiß,„wird nothwendiger Weiſe bald von ſeinem Nachbar uͤber⸗ fluͤgelt werden. Haͤtten unſere Tuchmacher den ver⸗ beſſerten Webſtuhl und den Dampf eingefuͤhrt, ſo waͤren ſie nicht zu Grunde gegangen. Jetzt ſind ſie vom Markte verdraͤngt worden, weil ihre Waare weder an Guͤte, noch an Biliigeit mit concurriren kann. Darum will ich mir eben dieſe Warnung zu Herzen nehmen und bei meinem Gewerbe Alles redlich nutzen, was die Viſſenſchaft und praktiſche Erfahrung mit jedem Tage bringt. — Ja, wenn's auf Worte ankommt, behaͤltſt Du immer Recht. Dafuͤr haſt Du auch ſtudirt. Aber wenn Du mich nur ein Bischen lieb haͤtteſt, ſo wuͤr⸗ deſt Du den verwuͤnſchten Dampf und vor Allem die tuͤrkiſche Garnfaͤrberei fahren laſſen. Gieb Acht, Georg! Es reut Dich noch einmal, daß Du Deiner Mutter nicht gefolgt biſt. Wie die meiſten Frauen ließ ſich auch die Mutter Georgs nicht durch noch ſo triftige Gruͤnde uͤberzeu— gen und von ihren Vorurtheilen abbringen. Je kla⸗ rer er ſeine Plaͤne entwickelte, deſto hartnaͤckiger blieb ſie bei ihrer Meinung ſtehn. Zuletzt ſchwieg ſie inner⸗ lich verſtimmt. So fand der Faͤrbermeiſter von allen Seiten und ſelbſt von denen, die er uͤber Alles liebte —b 48— und„verehrte, einen unerwarteten Widerſtand. Wo er Liebe und Entgegenkommen erwartete, traf er nur Tadel und Widerwillen. Es bedurfte ſeiner ganzen Feſtigkeit und Willenskraft, um ſeiner vorgezeichneten Aufgabe treu zu bleiben. Es ſchmerzte ihn tief, daß er innerhalb ſeiner Familie mit dieſen eingewurzelten Vorurtheilen zu kaͤmpfen hatte, daß er hierin, wie in ſo vielen andern Dingen, ohne Unterſtuͤtzung blieb. Stillſchweigend ſetzten Mutter und Sohn ihren Weg bis zur Muͤhle fort. Es war ein milder, freund⸗ licher Auguſtabend. Sie fanden die ihnen befreundete Familie vor der Thuͤr des Wohnhauſes unter den ſchattigen Linden verſammelt. In der Mitte der lan⸗ gen Tafel, an welcher das gemeinſchaftliche Veſper⸗ brod eingenommen wurde, ſaß die alte wuͤrdige Groß⸗ mutter von einer Schaar bluͤhender Kinder und Enkel umringt. Es war eine Freude ſie anzuſehn. Trotz der Jahre nahm ſie ſich ſtattlich und imponirend aus. Von der gewoͤhnlichen Gebrechlichkeit des Alters zeigte ſich an ihr noch keine Spur. Ihr Haar war zwar ſilberweiß, aber ſie trug es mit Ehren und dies Ge⸗ fuͤhl verlieh ihr einen gewiſſen Stolz, der ihr wohl zukam. Ihre blauen Augen leuchteten wie Sterne klar und durchdringend, ihre Stimme klang noch im⸗ mer friſch und hell und wenn ſie lachte, ſah man zwei —o 49— Reihen geſunder Zaͤhne, wie ſie heut zu Tage ſelbſt bei Juͤngeren nur ſelten noch zu finden ſind. Ihr Geſicht zeigte trotz aller Runzeln und Kraͤhenfuͤße die Spuren einer ungewoͤhnlichen Schoͤnheit. In ihrem Anzuge that ſich eine aufs Hoͤchſte getriebene Sau⸗ berkeit kund. Die ſchneeweiße Haube, Schuͤrze und Buſentuch bluͤhten, wie man zu ſagen pflegt. Mit dieſen aͤußeren Vorzuͤgen vereinte die ſeltene Frau eine innere Tuͤchtigkeit und Begabung, welche unwill⸗ kuͤrlich Reſpect einfloͤßen mußte. Frau Kerner hatte viel Leid und Freud durchlebt, gute und ſchlechte Tage geſehn, das Leben und die Menſchen kennen gelernt. Jetzt ſtand ſie am Ziele und ſchaute mit mildem Geiſt auf die durchlaufene Bahn. Sie hatte ſich eine prak⸗ tiſche Philoſophie und Religion angeeignet und uͤber⸗ raſchte oft ſelbſt Gebildete durch die Originalitaͤt ihrer Anſichten, die Richtigkeit ihres Urtheils und die Fein⸗ heit ihres Gefuͤhls. Jetzt hatte ſie zuerſt mit ihrem ſcharfen Auge Georg und Frau Becher ſchon von weitem erkannt. — Je ſpaͤter der Abend, deſto ſchoͤner die Gaͤſte, rief ſie ihnen ſcherzend entgegen. Eil Herr Faͤrber⸗ meiſter, da ſind Sie ja auch wieder zuruͤck. Weiß Gott, Sie haben mir recht gefehlt, aber dafuͤr muͤſ⸗ II. — 50— ſen Sie mir auch jetzt von Ihren Reiſen erzaäͤhlen und wie es Ihnen da ergangen iſt. Georg nahm an ihrer Seite Platz und bald hatte er ſich mit ihr angelegentlich vertieft. Er begann mit ſeinen Reiſeabenteuern, mit den Staͤdten, die er ge⸗ ſehen, mit den Merkwuͤrdigkeiten, die ihm beſonders aufgefallen waren. Sie hoͤrte ihm mit großer Auf⸗ merkſamkeit zu, denn ungeachtet ihres hohen Alters nahm ſie an allen Dingen den lebendigſten Antheil und ſuchte noch immer den Kreis ihrer Kenntniſſe zu erweitern. So begleitete ſie den Erzaͤhler bis nach Iſchl und auf den Hallſtaͤdter See. Jetzt erſt er⸗ waͤhnte er ſein Zuſammentreffen mit dem Freiherrn und Adolphinens Erſcheinung. Es geſchah dies mit Abſicht, um die Großmutter allmaͤlig auf das Kom— mende vorzubereiten. Er ſah wie ſie immer ernſter und gedankenvoller wurde. Ihre deutlich ausgeſprochene Verſtimmung hielt ihn indeß nicht ab, Adolphinens Gruͤße zu beſtellen und deren Brief zu uͤbergeben. — Das kann nicht ſein, ſagte die Großmutter in ſtrengem Ton. Wir haben nichts mit einander zu ſchaffen. Ihr Weg iſt nicht der unſrige. Mit zitternder Hand wies ſie das uneroͤffnete Schreiben zuruͤck. — Leſen Sie den Brief, bat Georg. Was auch —5 51 4— der Grund dieſer Feindſchaft ſein mag, ſo bin ich feſt davon uͤberzeugt, daß Fraͤulein von Buſch nicht die Schuld traͤgt. — Der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme, ver— ſetzte die Großmutter mit einer ſonſt ihr fremden Bit⸗ terkeit. — Bedenken Sie, das Fraͤulein iſt Ihre Enkelin, die Tochter Ihrer Tochter. Sie thun ihr Unrecht. Ich habe Gelegenheit gehabt, ihre wahren Geſinnungen gegen Sie und ihre uͤbrigen Verwandten kennen zu lernen. Sie hat keinen ſehnlicheren Wunſch, als Sie zu ſehn und das Grab ihrer Mutter zu beſuchen. — Und das hat ſie Ihnen und von freien Stuͤcken geſagt? — Allerdings und dabei ſtanden ihr die Thraͤnen in den Augen. — Nun! Ich mag keinem Menſchen Unrecht thun und am allerwenigſten der Tochter meiner Mathilde. Geben Sie nur den Brief her. Ich will doch ſehn, was drinnen ſteht. Frau Kerner oͤffnete den Brief und las ohne erſt eine Brille zu gebrauchen. Trotz ihrer ſiebzig Jahre war ihr Auge klar und ungetruͤbt geblieben. Waͤhrend ſie ſo beſchaͤftigt war, herrſchte eine feierliche Stille. Alle Anweſenden ſahen geſpannt auf die Zuͤge der 4* — 52 6— Großmutter, welche als das Oberhaupt der Familie betrachtet wurde. Selbſt ihr Schwiegerſohn, der Be⸗ ſitzer der Saͤgemuͤhle, wagte kein Wort dazwiſchen zu reden und fuͤgte ſich in dieſer, wie in allen andern Familienangelegenheiten, ihrer Entſcheidung. Frau Kerner las noch immer. Anfaͤnglich behielt ihr Geſicht den fruͤheren, ernſten Ausdruck, allmaͤlig aber wurden ihre ſtrengen Zuͤge milder und weicher. Ueber die Falten und Faͤltchen, welche ſich um die Stirn und Wangen lagerten, lief es wie ein Son⸗ nenſtrahl. Die blauen, hellen Augen erhielten einen ganz abſonderlichen, feuchten Glanz. Die alte Frau fuhr mit der Hand nach ihren Wimpern, als wollte ſie dort eine ungewohnte Thraͤne abwiſchen. Alles war ſo ſtill und feierlich im ganzen Kreiſe, nur der Abendwind ſpielte in den Zweigen der Linde, unter welcher die Großmutter mit gefalteten Haͤnden und ſeelig verklaͤrtem Antlitz ſaß. — Es wird aber mehr Freude im Himmel ſein um einen Suͤnder, der ſich bekehrt, als um hundert Gerechte, rief ſie mit feſter und doch geruͤhrter Stimme. Ihnen aber danke ich, Herr Becher! Sie haben mein altes Herz erquickt. — Was ſteht denn in dem Brief? fragte der Schwiegerſohn. —5 53— — Das ſollt Ihr ein andermal erfahren. Jetzt aber laßt mich mit dem Herrn Faͤrbermeiſter noch ein Paar Worte im Vertrauen ſprechen. Sorgfaͤltig barg ſie Adolphinens Schreiben unter dem weißen Buſentuch, dann erhob ſie ſich an dem Arme Georgs, mit dem ſie in das Haus ging. Ver⸗ wundert ſchauten ihr die Zuruͤckgebliebenen nach. — Das iſt ſo Mutters Art, bemerkte die Saͤge⸗ muͤllerin. Es muͤſſen doch ganz beſondere Dinge in dem Briefe ſtehn, denn ſonſt haͤtte ſie nicht ſo ſchnell nachgegeben. Fruͤher durfte man ja kein Wort mit ihr von der verwuͤnſchten Geſchichte ſprechen. Ich bin wirklich neugierig. — Wie immer, ſagte der Saͤgemuͤller, wofuͤr er einen derben, aber freundlichen Schlag von der Hand ſeiner gutmuͤthigen Frau erhielt. Unterdeß ſaß Georg neben der Großmutter in ihrem heimlichen Zimmer, wohin er ihr gefolgt war. Es ſah darin ſo ſauber und aufgeraͤumt, wie in ihrer Seele aus. Kein Staͤubchen lag auf den alten Stuͤhlen und Schraͤnken. Die weißen Vorhaͤnge leuchteten wie friſch gefallener Schnee. Durch das Fenſter ſchien die milde Sonne mit ihren letzten Abend⸗ ſtrahlen und verklaͤrte das alte, freundliche Geſicht. ————rͤ%ͤ%‧ͤ‧ͤſ‧ſ‧⁄‧⁄‧ſ‧ſ‧⁄‧%ſ‧ſ⁄‧⁄‧ſſ‧‧ — e 54— Nur das eintoͤnige Picken der Schwarzwaͤlder Uhr unterbrach die Stille. — Hier ſind wir ungeſtoͤrt, ſagte ſie. Jetzt kann ich Sie ausfragen und Ihnen Alles ſagen, was mein Herz bedruͤckt. Ach! der Brief hat manche alte Wunde wieder aufgeriſſen, aber mir auch viele und große Freude gemacht. Sie wiſſen nicht, was es heißt, ein verlornes Kind wieder zu finden. So iſt es mir jetzt zu Muth. Seit Jahren hab' ich von meiner Enkelin nichts erfahren und nun mit einem Male klopft ſie wieder an. — Und Sie werden ſie gewiß freundlich wieder aufnehmen und Ihr Herz aufthun? — Das will ich meinen und haͤtte auch ihr Va⸗ ter mir noch mehr Herzeleid zugefuͤgt, als er gethan. Was kann das gute Kind dafuͤr? O! ich habe in ihrem Brief zwiſchen den Zeilen geleſen. Sie iſt eben ſo wenig gluͤcklich, wie es ihre verſtorbene Mutter war. Was nuͤtzt ihr all die Pracht und Herrlichkeit? Die kann keinen Menſchen gluͤcklich machen. Ich ſehe Alles, wie es kommen wird, und meine Seele blutet, wenn ich daran denke. Verſchachert wird ſie werden an den oder jenen vornehmen Herrn, denn ihr Vater denkt nur auf Nutzen und Gewinn. Er liebt ſo we⸗ nig ſeine Tochter, wie er ſeine Frau geliebt. —5 55— — Fraͤulein Adolphine ſcheint mir indeß einen hohen Grad von Freiheit zu genießen und Herr von Buſch laͤßt ihr in allen Dingen ihren Willen. — Der Schein truͤgt. Glauben Sie mir, den Mann kenne ich beſſer. Der thut nichts ohne einen geheimen Grund. Wer weiß, was er mit ihr vor⸗ hat?— Der iſt ſo fein, daß ihn kein Menſch durch— ſchauen kann. Mich nimmt's nur Wunder, daß meine Enkelin in ſolcher Geſellſchaft brav geblieben iſt. Das Gute hat ſie von ihrer Mutter und wenn was Boͤſes an ihr iſt, ſo ſtammt es nur von ihrem Vater her. Gott beſchuͤtze ſie vor ſeinen Raͤnken. Doch was ſchwatz' ich da? Sagen Sie mir lieber, wie meine Adolphine ausſieht. Man erzaͤhlt ja Wunderdinge von ihrer Schoͤnheit und von ihrem Geiſt. Georg erroͤthete. Um die Neugierde ſeiner alten Goͤnnerin zu befriedigen, machte er einen ſchwachen Verſuch ihr ein Bild von Adolphinens aͤußerem und innerem Weſen zu entwerfen. Er fuͤhlte dabei, wie ſehr er hinter ſeiner Aufgabe zuruͤckblieb. Die Großmutter nickte zuweilen laͤchelnd, dann wieder ernſt, faſt traurig. — O! wie gern noͤcht' ich ſie noch einmal vor meinem Ende ſehn. — e 56— — Fraͤulein Adolphine hegt, ſo viel ich weiß,— denſelben Wunſch. — Ich will ihr ſchreiben. So wird ſie wenigſtens erfahren, daß ich keinen Groll mehr gegen ſie habe, daß ich ſie liebe, wie ich ihre arme Mutter geliebt habe. Das wird ihr wohl thun. Ach! ich fuͤrchte, daß ſie keinen Menſchen hat, der es ehrlich mit ihr meint. Ihr fehlt halt die Mutter und in dieſem Augenblicke mehr als je. Die will ich ihr zu er⸗ ſetzen ſuchen, ſo weit ich alte Frau das noch ver⸗ mag. Freilich verſteh ich wenig von der Welt, in der meine Enkelin lebt, aber geſunde Augen hab' ich noch und ich weiß, das nicht Alles Gold iſt, was 15 da glaͤnzt. Meine arme Mathilde hat mir viel da⸗ von erzaͤhlt, ſte hat genug von der Schlechtigkeit der 21 Welt gelitten. Wollte Gott! ſie waͤre immer hier geblieben und haͤtte niemals das vornehme Leben kennen gelernt. Es geſchieht da viel Unrecht und. manche Niedertraͤchtigkeit. Muͤßiggang iſt aller Laſter Anfang. So denk' ich mit meinem einfachen Verſtand. Weil die reichen Leute und Herrſchaften nicht wiſſen, was ſie mit der lieben Zeit und dem vielen Gelde anfangen ſollen, ſo gerathen ſie auf allerlei Abwege und Teufeleien. Muͤßten ſie brav arbeiten, wie Un⸗ ſereins, ſo wuͤrden ſie auch beſſer ſein. Sehen Sie, —— — — — 57— Herr Becher, das iſt meine Meinung. Sie moͤgen mich deswegen auslachen oder nicht. — Gott behuͤte! Frau Kerner. Im Gegentheil, ich ſtimme in der Hauptſache vollkommen mit Ihnen uͤberein, ja ich hatte ſogar Gelegenheit, in dieſem Sinne mit Fraͤulein Adolphine mich auszuſprechen. — Das iſt brav von Ihnen und in meinem naͤch— ſten Briefe will ich ſie auch daran erinnern. Lieber waͤr' es mir noch, wenn ich ſie ein Paar Wochen hier haben koͤnnte. So ein Brief thut's doch nicht. Er kann eben nicht reden mit dem Herzen und dem Mund. Die Schrift iſt todt und das Wort nur macht lebendig. Wenn meine Enkelin nach Waldau kaͤme, ich glaube, ſie ginge nie mehr zuruͤck in ihre feinen Geſellſchaften. Ich wollte ſie ſchon feſt halten zu ihrem Gluͤck, und ich wette darauf, daß der Herr Becher mir gern helfen wuͤrde. Georg wußte nicht, wohin er ſeine Augen wenden ſollte. Die alte Frau ſah ihn ſo ſonderbar mit ihren ſcharfen, blauen Augen an, als waͤren ihr alle Ge— heimniſſe ſeines Herzens bereits bekannt. Vielleicht waren ihm im Eifer ſeines fruͤheren Geſpraͤches, in der Schilderung von Adolphinens Schoͤnheit einige unbewachte Aeußerungen entſchluͤpft, welche der klu⸗ gen Frau vollkommen genuͤgten. Oder beſaß ſie wirk— lich jenes wunderbare Ahnungsvermoͤgen, welches man zuweilen bei ganz alten Leuten findet, gleichſam als Vorlaͤufer einer hoͤheren Entwickelungsſtufe unſeres Geiſtes. Der Faͤrbermeiſter blieb betroffen ihr die Antwort auf die letzten Worte ſchuldig. Indeß war es dunkel geworden. Georg ſtand auf, um mit ſeiner Mutter, welche bei der Familie des Saͤgemuͤllers im angelegentlichen Geſpraͤche ſaß, den Heimweg anzutreten. — Sie wollen ſchon gehen? ſagte die wuͤrdige Matrone. Nun Gott lohne es Ihnen, daß Sie mit einer ſolchen Nachricht noch mein altes Herz erfreut haben. Ihnen allein hab' ich es zu danken, daß ich meine Enkelin wiedergefunden. — Nicht mir, ſondern dem Zufall. — Sagen Sie lieber, wenn es Ihnen nicht ſchwerer kommt, dem lieben Gott. Ich bin zwar keine Froͤmmlerin, wie Sie wiſſen, und laſſe auch den Kopf nicht ſchief haͤngen vor lauter Zerknirſchung, aber Ehre wem Ehre gebuͤhrt. Es iſt zwar jetzt Mode von Gott ſo wenig als moͤglich zu reden, doch es koͤnnte nichts ſchaden, wenn man ſeinen Namen öfters nennte. Nichts fuͤr ungut, Herr Becher. Sie wiſſen, daß ich ſpreche, wie mir's ums Herz iſt. Nun Gott befoh- len! Morgen ſchreibe ich an meine Enkelin und wenn . — — 8e 59— Sie nichts dagegen haben, vermelde ich auch einen ſchoͤnen Gruß vom Herrn Faͤrbermeiſter. Gegen dieſes Anerbieten hatte er natuͤrlich nichts einzuwenden. Mit einem herzlichen Haͤndedruck ver⸗ abſchiedete er ſich von der trefflichen Frau. So oft er ſie verließ, kam er ſich beſſer, reiner vor. Dieſen Ein⸗ druck machte die herrliche Großmutter auf jeden Mann, der fuͤr eine ſo bedeutende und urſpruͤngliche Natur noch empfaͤnglich war. Am meiſten freute ſich Georg, daß ihm das von Adolphine aufgetragene Verſoͤh— nungswerk gegluͤckt war. V. Unterdeß lebte Adolphine in Iſchl unter den uns bereits hinlaͤnglich bekannten Verhaͤltniſſen. Ihre letzte Unterredung mit dem Faͤrbermeiſter war an ihrer Seele nicht ſpurlos voruͤber gegangen. Seine Worte wirkten in ihr lebendig fort. Seit jener Nacht hatte ſie oft an ihn gedacht. Seine warnende Stimme hatte ſie aus ihrer ſorgloſen Apathie und Sicherheit aufgeſchreckt. Ihr Bewußtſein war wieder erwacht und ſie beobachtete ſich und ihre ganze Umgebung mit weit mehr Aufmerkſamkeit. Nach und nach kam ſie —e 60— zu einer klareren Erkenntniß ihrer eigenthuͤmlichen Lage. Das Gefuͤhl einer nahen und drohenden Ge⸗ fahr wurde in ihr lebendig, ihr Mißtrauen rege. Ihre fruͤhere Gleichguͤltigkeit war verſchwunden, dafuͤr hatte ſich eine unerklaͤrliche Traurigkeit ihrer Seele bemaͤchtigt, von der ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte. Sie ahnte im Voraus neue Schmerzen, ge⸗ waltige Kaͤmpfe und Erſchütterungen, ohne ſelbſt zu wiſſen, woher ihr dieſelben drohten. Den Baron hatte ſie in den letzten Tagen nur ſelten geſehn. Sie vermied es, mit ihm allein zu⸗ ſammen zu treffen. Georgs Warnungen hatten ſie in Bezug auf dieſen ſeltſamen Mann vorſichtig ge— macht. So lange ſie Briolan aber nicht ſah, ver⸗ mochte ſie auch ſein Benehmen und ſeine Worte einer ruhigen Pruͤfung zu unterwerfen. Dann verlor er ſeinen fruͤheren Nimbus. Wenn er aber ſich in Per⸗ ſon ihr wieder naͤherte, ſein daͤmoniſcher Blick dem ihrigen begegnete, ſeine verlockende Stimme ihr Ohr beruͤhrte, ſo uͤbte er noch immer ſeine alte Anzie⸗ hungskraft auf ſie, jenen ſie verwirrenden Zauber, dem ſo manches Frauenherz ſchon unterlegen war. Der Baron ſelbſt ſchwankte fort und fort zwiſchen religid— ſer Schwärmerei und verzehrender Sinnlichkeit. Die Traͤume und Prophezeiungen der Somnambule for⸗ —— —— — e 61— derten dringender als je eine vollſtaͤndige Entſagung. Immer beſtimmter wies Joſephe auf Rom und das Kloſter hin. Seine heißbluͤtige Natur erzuͤrnte ſich gegen eine ſolche Zumuthung und doch beſaß er nicht die Kraft einen feſten Entſchluß zu faſſen. Heute wollte er Iſchl verlaſſen und als reuiger Suͤnder Buße thun und am naͤchſten Tage ſtand Adolphinens Bild wieder verlockend vor ſeiner Seele. In dieſer Raſerei faßte er den Entſchluß, ſich ihrer zu bemaͤch⸗ tigen und mit ihr zu entfliehen. In ihrem Beſitze hoffte er die Hoͤlle zu vergeſſen, welche in ſeinem Innern tobte. Selbſt ſein vorgeruͤckteres Alter war nur ein Stachel mehr fuͤr ihn. Es iſt dies keine un⸗ gewoͤhnliche Erſcheinung. Bejahrte Maͤnner lieben, wenn ſie der Leidenſchaft verfallen, mit einer Glut, die oft an Wahnſinn graͤnzt, und ſind dann zu jeder Thorheit faͤhig, wie das duͤrre Holz am hellſten brennt. In einer ſolchen Stimmung befand ſich der Baron, als er an einem ſchwuͤlen Nachmittag Adolphinen allein gegenuͤberſaß. Wegen der brennenden Son⸗ nenhitze waren die Fenſter geſchloſſen und die gruͤnen Jalouſien herabgelaſſen. Es herrſchte eine kuͤnſt— liche Daͤmmerung. Die Luft im Zimmer war druͤckend und preßte ihre Bruſt zuſammen. Briolan ſchien ihr auffallend ſchweigſam, nur ſeine gluͤhenden Augen ſprachen beredter, als es Worte vermoͤgen. Adol⸗ phine fuͤhlte ſich auf dem Divan wie feſtgebannt. Eine unausſprechliche Angſt hatte ſich ihrer bemaͤch⸗ tigt. Sie wollte ſich erheben, aber eine unerklaͤrliche Mattigkeit hielt ſie gegen ihren Willen zuruͤck. Die Glieder verſagten ihr den Dienſt. — Laſſen Sie uns in den Garten gehen, bat ſie geaͤngſtigt. Der Baron ſchwieg noch immer, um ſeine Lippen ſchwebte ein eigenthuͤmliches Laͤcheln. Je laͤnger ſie ihn anblickte, deſto mehr ward ſie von Furcht ergriffen. — Briolan! rief ſie entſetzt. Warum reden Sie nicht, was thun Sie?— Wenden Sie Ihre Augen ab. Warum ſtarren Sie mich ſo eigen an? Kom⸗ men Sie, wir wollen ins Freie. Ich halte es hier nicht mehr aus. Dieſe Luft preßt meine Bruſt zu⸗ ſammen. Ich muß erſticken. — Bleiben Sie!l herrſchte er ihr gebieteriſch zu mit ausgeſtreckten Haͤnden dicht vor ihr ſich hinſtellend. — Sie wollen mich magnetiſiren. Thun Sie es nicht, ich bitte Sie darum. Sie machte noch einen ſchwachen Verſuch, ihm zu entfliehen, aber ſie hatte nicht mehr die Kraft, nur einen Schritt zu thun. Die daͤmoniſche Kraft des Barons feſſelte ſie. Sie ſah nur noch, wie er mit — o 63— ſeinen Haͤnden magiſche Streiche durch die Luft in einer beſtimmten Richtung zog. Feurige Streifen in allen Farben ſchwebten vor ihren Augen, flammende Kreiſe, welche immer naͤher ruͤckten und ſie wie ein Zaubernetz zu umſchlingen drohten. — Halten Sie ein! rief ſie noch mit ſchwacher Stimme und flehender Geberde. Ihre Stimme verhallte ungehoͤrt. Er war ihr naͤher getreten. Sie fuͤhlte den heißen, verzehrenden Athem ſeiner Lippen, die faſt die ihrigen beruͤhrten. Seine Augen flammten wild in einer daͤmoniſchen Glut. Ihre Sinne fingen an zu ſchwinden. Nur noch ein ſchwaches Bewußtſein daͤmmerte in ihrer Seele und auch dieſer Funke drohte zu erloͤſchen. Mit der letzten Kraft kaͤmpfte ſie gegen die zuneh⸗ mende Mattigkeit an. Sie erkannte noch die bleichen, verzerrten Zuͤge ſeines Geſichtes, in denen die wider⸗ ſprechendſten Leidenſchaften kaͤmpften. Ein eiſiger Schauer ſchuͤttelte ſie. Noch einmal raffte ſie den letzten Reſt ihrer gelaͤhmten Willenskraft auf, um ſich ſeiner gefaͤhrlichen Naͤhe zu entziehn. — Warum wollen Sie fliehen? fragte der Baron mit dem verfuͤhreriſchen Silberton ſeiner melancholi⸗ ſchen Stimme. Sie ſollen, Sie muͤſſen mich hoͤren. — 5 64— — Ich hoͤre, murmelte ſie, ſich in ihr Schickſal ergebend. — Apolphine! Der Augenblick iſt gekommen, wo ſich mein und Ihr Geſchick entſcheiden wird. 1 — Was wollen Sie von mir? Geben Sie mich frei.. — Nicht eher, bevor ich in Ihrem Herzen geleſen habe. Ich will meine Gewalt nicht mißbrauchen, nur Gewißheit muß ich mir verſchaffen. Warum miß⸗ trauen Sie mir, warum fuͤrchten Sie ſich vor der Gewalt meiner graͤnzenloſen Liebe? Nur gewoͤhnliche Frauen zagen vor der gotterfuͤllten Leidenſchaft. Sie gehoͤren zu den hoͤheren Naturen. Werfen Sie darum kuͤhn jede hemmende Feſſel fort. Der blinde Haufe mag an alten Vorurtheilen haͤngen, wir aber ſind daruͤber erhaben. Die Auserwaͤhlten ſpotten der Ge⸗ ſetze, wir koͤnnen ſie entbehren, ſie ſind nicht fuͤr uns gemacht. Unſer einziges Gebot iſt Liebe und jedes andere Geſetz wird von ihr aufgehoben und vernichtet. Ja, ich liebe Sie, Adolphine. Wagen Sie es mit mir und durch mich frei zu werden. Ich will Sie mit meinen ſtarken Armen hoch emporheben uͤber dieſe niedere und gemeine Welt. Sie darf uns nicht hin⸗ dern, einander fuͤr immer anzugehoͤren. So ſteigen wir von Stufe zu Stufe lichtverklaͤrt empor, bis wir — — e 65— aufgehn in dem großen flammenden Liebesmeer, wo der Koͤrper Geiſt, Geiſt zum Koͤrper wird. Jeder Zwieſpalt iſt beendet, der Kampf ſchweigt und wir ſinken in ſeeligem Entzuͤcken als Erloͤſte an die Bruſt der ewigen Liebe. Sie wandte ſich mit Abſcheu von ihm ab. — O! fuhr er immer dringender, immer feuriger fort. Sie begreifen nicht, welche Seeligkeiten uns er— warten. Ihre Seele ahnt nichts von dieſem hoͤchſten Gluͤck. Was die Welt Liebe nennt, iſt ja nur der dunkle Schatten jener ewigen Sonne, jenes hellſten Lichtes, das nur fuͤr die Eingeweihten ſcheint. Adol⸗ phine! Ihr Geiſt ringt nach Erloͤſung. Sie ſchmach⸗ ten nach Offenbarung jenes geheimnißvollen Myſte⸗ riums, das ſich nur den Liebenden erſchließt. Auch ich ſtehe duͤrſtend vor dieſen Quellen. Unſere Sehn⸗ ſucht wird geſtillt werden, aber erſt dann, wenn wir fuͤr immer einander angehoͤren. Auch die letzte Schranke muß zuvor fallen, Herz in Herz, Seele in Seele ſich ruͤckhaltslos ergießen. Warum zagen Sie, warum ſprechen Sie nicht aus, was Ihre Bruſt be⸗ wegt?— Sagen Sie, daß Sie mich lieben, ſo wie ich von gluͤhenden Flammen verzehrt werde. Sie wollte reden, doch die Sprache war ihr ver⸗ II. 5 — — 66 ſagt. Nur Entruͤſtung roͤthete ihr bleiches, edles An⸗ geſicht. 2 — Thorichte Pruderie! murmelte Briolan fuͤr ſich. Doch ſollte es meine Seeligkeit koſten, ſo will. ich ſie zum Reden bringen. Es giebt noch ein Mittel. Ich werde ſie vollends magnetiſiren. Ich kann ſie zwingen, mir ihre geheimſten Gedanken zu offenbaren. Sie wird und muß es thun. Von Neuem erhob der Baron ſeinen Arm. Seine Haͤnde ſchwebten leiſe, wie beſchwoͤrend uͤber ihrem Haupt. Sie fuͤhlte ein eigenthuͤmliches Wehen und wie nach und nach ihr Bewußtſein ſchwand. Vor ihren aͤußerlichen Augen wurde es vollends dunkel, auch der letzte lichte Funke erloſch. Eine Flamme ſtieg dafuͤr in ihrem Innern auf, ein wunderbares Licht. Sie ſah Dinge, die ſie vorher nie geſehn, und hoͤrte wunderbare Toͤne, die bald naͤher und bald ferner klangen. So lag ſie regungslos auf dem Di⸗ van mit geſchloſſenen Augen, ohne jegliche Bewe⸗ gung, im vollſtaͤndigen magnetiſchen Schlaf. Ihr Oberkoͤrper war in das Sopha zuruͤckgefallen, das ſchoͤne Haupt ruhte ſtarr und bleich auf dem rothen Sammtkiſſen, die Arme waren herabgeſunken, die Glie⸗ der ſchlaff und ohne Kraft. Ein Laͤcheln des Triumphs ſpielte um die verwitterten Zuͤge des Barons als —d 67 8— er das ſchoͤne Weib, einem marmornen Göoͤtterbilde gleich, widerſtandslos in ſeine Gewalt gegeben ſah. Waͤhrend aber die Magnetſſirte fuͤr die Außenwelt vollkommen abgeſtorben ſchien, erwachte in ihrer Seele ein beſonderes, bisher ungeahntes Leben. Leiſe be⸗ ruͤhrte ſie der Baron um ſich mit ihr in genaueſten Rapport zu ſetzen. Ploͤtlich erſchloß ſich ihr im Zu— ſtande des Hellſehens der ganze Charakter Briolans. Sie dachte und empfand mit ihm. Die feinſten Ver⸗ ſchlingungen ſeiner Gedankenwelt, die verborgenſten Wuͤnſche und Empfindungen in ſeiner Bruſt wurden ihr in dieſem Augenblicke offenbart. Sie blickte in den Abgrund ſeines Lebens, ſie ſchaute in ſeine Ver⸗ gangenheit. Vor ihren geiſtigen Augen ſchwebten die dunklen Schatten ſeines Weſens voruͤber, wilde Traͤume, wuͤſte Erinnerungen, gemordetes Vertrauen, verrathene Liebe. Aus den zahlloſen Windungen ſeines Gehirns, das wie ein Uhrwerk unter einer Glasglocke ihr die geheimſten Triebfedern verrieth, quollen die Geiſter der ohnmaͤchtigen Reue und der ungeſtillten Begierde hervor. Jede Nervenfaſer ver⸗ wandelte ſich in ein lebendes Weſen. Wie Schlangen waͤlzten ſich die Gedanken an ihr voruͤber. Ein wun⸗ derbares Chaos tauchte daͤmmernd vor ihr auf. Dunkle Ungethuͤme verfolgten und bekaͤmpften ſich. Es war 5* —0 68 8— ein Schauſpiel, wie ihn ein ſchmutziger Waſſertropfen,* unter dem Mikroſkop betrachtet, zu bieten pflegt. Das wimmelte von dunklen Geſchoͤpfen, raubſuͤchtigen Ungeheuern und ſcheußlichen Larven, die das Gehirn eines jeden, ſelbſt des beſten Menſchen und ver⸗ ſchweige eines Briolans ſchlummernd und ungeſehn verbirgt. Dieſer Zuſtand des magnetiſchen Hellſehens ver⸗ r ſetzte ſie in die hoͤhcſte Aufregung. Das ſchoͤne Ge— ſicht Adolphinens wurde von einem krampfhaften Zu⸗ cken befallen. Durch ihren Koͤrper flog eine ſichtbare Erſchuͤtterung, wie von elektriſchen Schlaͤgen verur— 8 ſacht. Haß und Abſcheu ſprachen deutlich aus ihren Zuͤgen. Sie verriethen dem kundigen Magnetiſeur, daß ihm trotz aller ſeiner Anſtrengungen nur zum. Theil ſein Werk gelungen war. Er erkannte einen unerwarteten Widerſtand, eine Willenskraft, welche die ſeinige nicht gaͤnzlich zu bewaͤltigen vermochte. Unmuthig und von dieſer Entdeckung unangenehm uͤberraſcht wollte der Baron noch einen Verſuch mit ſeiner Kunſt machen. Sie errieth ſeine Gedanken. — Halt ein! rief ſie ihm mit tonloſer Stimme entgegen, wie dieſelbe bei Somnambulen haͤufig ge⸗ funden wird. Halt ein! Ich kenne Dich und ſtatt Liebe erweckſt Du nur meinen Abſcheu. —e 69— — Du ſollſt, Du mußt mich lieben, herrſchte er ihr zu, dem Wahnſinn nahe. — Blicke dort auf jene Wand! hauchte ſie mit erhobener Hand nach dem Bilde Nandels deutend, welches der Maler auf ihren Wunſch zuruͤckgelaſſen und das in ihrem Zimmer einen Platz gefunden hatte. Unwillkuͤrlich wandte Briolan ſeine Augen nach der angedeuteten Richtung. Ein lauter Schrei ent⸗ rang ſich ſeiner Bruſt. Mit beiden Haͤnden bedeckte er ſein Geſicht, aber das Bild wollte ihn nicht mehr verlaſſen. Es waren die Zuͤge der armen Marga⸗ retha, welche durch ſeine Schuld ſich das Leben ge⸗ nommen hatte. Die Aehnlichkeit war taͤuſchend, er glaubte eine Viſion zu haben und ſein Opfer ſelbſt zu erblicken. Das Entſetzen davor uͤbermannte ihn, ſeine Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiß und ein Froſtſchauer ſchuͤttelte ſeine Glieder. Nicht laͤnger vermochte er den Anblick dieſes Bil⸗ des zu ertragen. Wie von Furien gepeitſcht ſtuͤrzte er aus dem Zimmer ins Freie, unbekuͤmmert um Adolphine und ihren Zuſtand. Nach der Flucht des Barons erwachte auch ſie. Ihr Bewußtſein kehrte allmaͤlig wieder zuruͤck, doch der eben ſtatt gefundenen Scene vermochte ſie ſich —e 70— nicht zu erinnern. Nur eine ihr unerklaͤrliche Abnei⸗ gung gegen Briolan blieb in ihrem Herzen zuruͤck. M. Die endlich erfolgte Ankunft des Hofes verdraͤngte allmaͤlig jedes andere Ereigniß in dem vielbeſuchten Badeort. Taͤglich langten neue Gaͤſte aus der Naͤhe und Ferne an. Der hohe Adel ſchaarte ſich um die⸗ ſen ſtrahlenden Mittelpunkt. Die Hofchargen und Geſandten konnten nicht ausbleiben. Die Promenade belebte ſich mit glaͤnzenden Uniformen und ausgeſuch⸗ ten Toiletten. Die Saiſon hatte jetzt erſt ihren Hoͤhenpunkt erreicht. Die Unterhaltung drehte ſich nun ausſchließlich um die ſtattfindenden Feſte und Feierlichkeiten. Die Herren traͤumten von Repraͤſen⸗ tationen, die Damen von großer Cour und Ball. Nur diejenigen, welche ein Anrecht auf eine ſolche Auszeichnung hatten, wurden mitgezaͤhlt. Wer nicht ſo gluͤcklich durch Rang oder Stellung war, gehoͤrte zu der gewoͤhnlichen Maſſe, war ein Nobody, wie die Englaͤnder dieſen Zuſtand zu bezeichnen pflegen. . Adolphine ſah dieſem Treiben und Draͤngen mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit zu, obgleich ſie mehr da⸗ — — —, — 71 4— bei intereſſirt war als all die Uebrigen, da ihre Ver⸗ lobung bei der naͤchſten großen Cour veroͤffentlicht werden ſollte. Mit dem Hofe war auch die Tante des Grafen, die Oberhofmeiſterin eingetroffen. Adol⸗ phine ſtattete derſelben die ſchuldige Viſtte ab und wurde von der ſtolzen und etwas ſteifen Dame wider Erwarten aͤußerſt freundlich aufgenommen. Die kluge Frau kannte hinlaͤnglich die Macht des Geldes und hatte ihre Einwilligung zu dieſer Verbindung um ſo lieber gegeben, da ſie die ziemlich troſtloſen Ausſich⸗ ten und Verhaͤltniſſe ihres Neffen nur allzugenau kannte. Mit dem Freiherrn hatte die Oberhofmeiſte⸗ rin kurz vorher eine laͤngere Unterredung gehabt und demſelben ihre Vermittlung in dieſer Angelegenheit und die Vorſtellung bei Hofe zugeſichert. Herr von Buſch ſtand am Ziele ſeiner Wuͤnſche. Seine Tochter wurde Graͤfin Bangor, er ſelber hof⸗ faͤhig und gleich nach Adolphinens Verheirathung durch die Hand der Frau von Starenberg begluͤckt. Durch dieſe Verbindung hoffte er vollends mit ſeiner buͤrgerlichen Vergangenheit zu brechen. Dieſer treffli⸗ chen Frau von Starenberg war er zum groͤßten Dank verpflichtet. Ihren Bemuͤhungen allein war es ge⸗ lungen, die adelſtolze Oberhofmeiſterin vollends zu gewinnen. Beide waren Jugendfreundinnen, in der⸗ — d 72— ſelben Penſion erzogen worden. Die ſpaͤteren Ver⸗ haͤltniſſe hatten eine laͤngere Trennung herbeigefuͤhrt. Jetzt erinnerten ſie ſich von Neuem der Vergangenheit und die Oberhofmeiſterin nahm unter den obwaltenden Umſtaͤnden keinen Anſtand die etwas anruͤchige Ju⸗ gendgeſpielin wieder unter gehoͤrigen Vorſichtsmaß⸗ regeln bei ſich zu ſehn. Fruͤher hatte bereits ein ge⸗ heimer Briefwechſel zwiſchen den Damen in dieſer wichtigen Angelegenheit ſtattgefunden. Wir glauben ſogar nicht zu irren, wenn wir Frau von Staren⸗ berg als die eigentliche Urheberin des betreffenden Heirathsprojectes anſehn. Von Tag zu Tag erwartete der Freiherr die ihm von der Oberhofmeiſterin zugeſicherte Einladung von Seiten des Hofes. Endlich erſchien der erſehnte Brief mit der darin eingeſchloſſenen Karte. Es war dies fuͤr Herrn von Buſch ein großer, ein entſcheidender Moment. Athemlos ſtuͤrmte er in das Zimmer ſei— ner Tochter. — Apdolphine! rief er ihr ſchon von Weitem ent⸗ gegen. Rathe, was ich Dir hier bringe. Dabei ließ er das Papier vor ihren Blicken hin und herſchweben. — Sie wiſſen, daß ich nicht im Rathen gluͤck⸗ lich bin. 1 . — — —“o 73 6— — Aber deſto mehr im Heirathen, lachte Herr von Buſch, uͤber ſeinen eigenen Witz entzuͤckt. — Ich begreife Sie wieder nicht. — Da, lies! Wir ſind zur Cour befohlen. Ueber⸗ morgen wirſt Du bei Hofe vorgeſtellt und Deine Ver— lobung feierlichſt proclamirt. In ſeiner Wonne umarmte er die Tochter, welche ziemlich kalt und ruhig ſeine Nachricht entgegennahm und keineswegs ſeine uͤbergroße Freude zu theilen ſchien. Waͤre Herr von Buſch nicht zu ſehr mit ſich und ſeinen eigenen Gefuͤhlen beſchaͤftigt geweſen, ſo haͤtte ihn ſogar die zunehmende Blaͤſſe ihres Geſichtes und der Schmerzenszug um ihre feinen Lippen be⸗ lehren muͤſſen, daß ſie das Gegentheil von dem, was er empfand. So entfernte er ſich wieder, ohne daß ihm ihr Benehmen aufgefallen waͤre, um die herrliche Nachricht ſeiner Freundin mitzutheilen, welche bereits hinlaͤnglich durch die Oberhofmeiſterin unterrichtet war. Als ſich Adolphine allein ſah, uͤberließ ſie ſich einem truͤben Nachdenken. Die ihr mitgetheilte Ein⸗ ladung entſchied ihr Geſchick fuͤr immer. Von dem⸗ ſelben Augenblicke, wo ſie derſelben Folge leiſtete, war ſie die erklaͤrte Braut des Grafen, ein Ruͤcktritt nicht mehr moͤglich. Dieſer Gedanke erfuͤllte ſie mit Ban⸗ gen. Sie erkannte jetzt, aber leider zu ſpaͤt, daß Bangor ihr mit jedem Tage gleichguͤltiger geworden war, waͤhrend ſie von der Zeit gerade den umgekehr⸗ ten Erfolg erwartet hatte. Immer klarer wurde ihr, daß ſie dieſen Mann weder achten, noch lieben konnte. Sie ſchauderte vor dem Leichtſinn, vor dem frevelhaf— ten Spiel, das ſie mit ihrem eigenen Herzen getrie⸗ ben hatte. Eine unbegreifliche Scheu hielt ſie indeß zuruͤck, offen mit dieſem Geſtaͤndniſſe vor ihren Vater hinzutreten. Sie war im Voraus von der Nutzloſig⸗ keit eines ſolchen Schrittes uͤberzeugt. Der Charak⸗ ter ihres Vaters floͤßte ihr ein zunehmendes Mißtraun ein. Oft war es ihr als heuchelte er nur eine Liebe und Zaͤrtlichkeit, welche er in der That nicht fuͤr ſie empfand. — O, meine Mutter! rief ſie mit gepreßter Bruſt. In dieſem einen Worte lag der ganze, große Schmerz ihres Lebens zuſammengefaßt. Ein heißer Thraͤnenſtrom benetzte ihre Wangen. Sie hoͤrte Schritte nahen, darum verwiſchte ſie eiligſt die verraͤtheriſchen Spuren ihrer Leiden. Es war Thereſe, welche ihr heimlich einen Brief aus Waldau uͤberbrachte. Das Schreiben war laut der mit Georg getroffenen Verabredung unter der Addreſſe der treuen Kammerfrau angelangt. —— —e 75— — Ein Brief von der Großmutter, rief dieſe freudig aufgeregt. — Er kommt vielleicht zur rechten Zeit, verſetzte Adolphine. Ich ſehne mich nach einem treuen und verwandten Herzen. Ich fuͤhle taͤglich mehr, daß ich allein in der Welt ſtehe. Ein vorwurfsvoller Blick der Dienerin erinnerte ſie an die aufopfernde Liebe derſelben. — Du biſt mir freilich viel, ſagte ſie mit freund— licherem Laͤcheln, aber eine Mutter kannſt Du mir doch nicht erſetzen. Vergieb mir, gute Thereſe. Sie nahm darauf den Brief und las ihn. Die Antwort der wuͤrdigen Frau that ihr in dieſem Augenblick unendlich wohl. Es war die Sprache der innigſten Liebe. Adolphine mußte in der That die guten, klugen Zeilen bewundern, welche mit der groͤßten Schlichtheit das feinſte Seelenverſtaͤndniß verbanden. Aus jeden Worte toͤnte ihr der Schlag eines großen Herzens, wehte der Hauch eines origi⸗ nellen, an keiner Ueberbildung kraͤnkelnden Geiſtes. Immer klarer und lebendiger trat das Bild der wuͤr⸗ digen Großmutter vor ihre Seele. All die alten Erinnerungen lebten wieder auf. Auch an den beige⸗ fuͤgten Gruͤßen des Faͤrbermeiſters erfreute ſie ſich. Sie hatte ihm ein gutes Andenken bewahrt. Ganz —— —8 76— Waldau erſchien ihr wie ihre eigentliche Heimath, als eine Zufluchtsſtaͤtte aus all dem verwirrenden Treiben ihrer Umgebung. Der Brief fiel wie ein Sonnenſtrahl in das truͤbe Dunkel der Gegenwart. Sie wurde heiterer und ihr Geſchick kam ihr lange nicht mehr ſo traurig vor, ſeitdem ſie wußte, daß es noch Menſchen gab, von denen ſie eine uneigen⸗ nuͤtzige Liebe erwarten durfte.— Einige Tage ſpaͤter fand das bereits erwaͤhnte Hoffeſt ſtatt, zu welchem Herr von Buſch mit ſeiner Tochter die Einladung erhalten hatte. Am Arme ihres Vaters und in Begleitung des Grafen erſchien Adolphine in dem ſtrahlenden Salon. Die Elite der Geſellſchaft war bereits verſammelt. Man wartete nur noch auf das Erſcheinen des Hofes. Rings auf den Fauteuils ſaßen die Damen der Ariſtokratie in blendendem Ballſtaat. Es waren auffallende Schoͤn⸗ heiten darunter, ſtolze und uͤppige Frauen, ausge⸗ zeichnet durch das doppelte Vorrecht, welches Rang und Reize ihnen gaben. Sie bildeten einen ſtrahlen⸗ den Kranz. Dennoch erregte Adolphinens Erſcheinen Aufſehn und Bewunderung. Ein weißes Atlaskleid mit den koſtbarſten Spitzen beſetzt umſchloß ihre hohe, ſchlanke Geſtalt. Durch das dunkle Haar ſchlang ſich ein Kranz von natuͤrlichen Kamelien. Sie hatte — 77— jeden andern Schmuck verſchmaͤht, nur eine Schnur aͤcht orientaliſcher Perlen wand ſich um den blenden— den Nacken und Hals. In ihrer Haltung verrieth ſich keine Spur von der gewoͤhnlichen Befangenheit, obgleich der Boden, auf dem ſie ſich zum erſten Male bewegte, ihr voͤllig fremd war. Ein natuͤrlicher An⸗ ſtand und eine angeborene Grazie leitete ſie ſicher auf dem ſchlüpfrigen Parauet. Wo ſie voruͤberging erhob ſich ein Fluͤſtern und Murmeln. Die Blicke der Maͤnner und Frauen folgten ihr mit verlangen⸗ dem oder neidiſchem Staunen. Alle Welt nannte bald ihren Namen und beſchaͤf⸗ tigte ſich nur mit ihr. Was aber wußte die Geſellſchaft von den gehei⸗ men Leiden, den verborgenen Qualen, welche unter dieſer glaͤnzenden Huͤlle ſcummerten? Die Welt ur⸗ theilt nur nach dem Schein. Sie ſieht die ſchoͤnen Augen, und nicht die heimlich geweinten Thraͤnen, das reizende Laͤcheln der rothen Lippen, welche kurz zuvor von bitteren Klagen uͤberſtroͤmten. Dieſe herr⸗ liche Toilette verbirgt ſo oft ein zu Tode verwunde— tes Herz. Der mit Juwelen bedeckten Bruſt entringt ſich ungehoͤrt ein ſchmerzlicher Seufzer. Hinter dem gemalten Vorhang wuͤthet ungeſehn das Trauerſpiel des Lebens. —e 78-— Aehnliche Gedanken beſtuͤrmten Adolphinens Geiſt, 4 waͤhrend ſie anſcheinend ruhig durch die glaͤnzende Verſammlung ging. Lebhafter als je erkannte ſie dieſen Zwieſpalt, die Luͤge der Geſellſchaft, welcher. ſie bald fuͤr immer angehoͤren ſollte. Der Graf wich nicht von ihrer Seite und fluͤſterte ihr die Chronique ſcandaleuſe der ihm bekannten Herren und Damen zu. Mitten in dieſer Unterhaltzng oͤffneten ſich mit hoͤrbarem Geraͤuſch die Fluͤgelthuͤren, welche in die inneren Apartements fuͤhrten. Dienſtthuende Kam⸗ merherrn eilten voran und verkuͤndeten das Erſcheinen des Hofes. Es war das auch eine Art von Son⸗ 4 nenaufgang. Glaͤnzende Uniformen, ſchimmernde De⸗ manten, wogende Federn und bunter Kopfputz bilde⸗ ten die Morgenroͤthe, aus welcher die Erdenſonne hervortrat. Alle Creaturen wendeten derſelben ihr Antlitz zu, um nur einen freundlichen Blick zu er⸗ haſchen. Gluͤcklich war derjenige, dem ein ſolcher Strahl im Voruͤbergehn zu Theil wurde. Das war ein Buͤcken und Neigen, ein Rauſchen und Fluͤſtern. Dann wurde es wieder ſo ſtill wie in der Kirche. Mit einem Male fuͤhlte ſich Adolphine bei der Hand ergriffen. Die Oberhofmeiſterin, ihre zukuͤnftige Tante, ſtellte ſie dem hohen Herrſcherpaare vor. Sie glaubte 3 den Grafen, ihren Verlobten, an ihrer Seite zu ſehn —— — 79— und doch kam ihr Alles nur wie ein Traum vor. Eine imponirende, ſchoͤne Frau nickte ihr mit gnaͤdi⸗ ger Herablaſſung zu, ein freundlicher Mann in blauer Uniform mit einem glaͤnzenden Stern auf der Bruſt ſprach einige Worte, welche ſie nicht verſtand, und wuͤnſchte ihr Gluͤck, ſie wußte nicht wozu. Me— chaniſch machte ſie die drei ihr vorgeſchriebenen Ver⸗ beugungen. Die Augen aller Anweſenden ſchienen ausſchließlich auf ihr zu ruhn. Sie fuͤhlte ſich einer. Ohnmacht nahe. Ein fremder Arm hielt ſie feſt. An der Hand ihres Verlobten ſchritt ſie wieder durch die geoffneten Reihen. Jetzt erſt wußte ſie, was mit ihr geſchehen. Sie war vorgeſtellt und Braut des Grafen Ban— gor.— — Ein ſchoͤnes Paar, fluͤſterten die Anweſenden. — Ein ſchoͤnes Paar, wiederholte die Herzogin zu ihrer Oberhofmeiſterin gewendet. Ihr Neffe muß gluͤcklich ſein. Fraͤulein von Buſch iſt ein Engel. Ich wuͤnſche ſie nach ihrer Verheirathung oͤfters bei Hofe zu ſehn. — Meine Nichte wird ſich uͤberaus gluͤcklich ſchätzen. — Es freut mich, daß der Graf endlich zur Ver⸗ nunft gekommen iſt und eine Verbindung aus wahrer —5 80 8— Inclination geſchloſſen hat. Sie wird ihn hoffentlich zu Raiſon bringen. — Das hoffe ich auch und darum habe ich auch meine Einwilligung zu dieſer Partie gegeben, die doch immer gewiſſermaßen eine Mesalliance bleibt. — Aber Herr von Buſch iſt, wie ich hoͤre, reich, ſehr reich. Allerdings ſieht er ſehr vulgair aus, aber die Tochter iſt um ſo ſchoͤner. Aecht ariſtokra⸗ tiſches Ausſehn. Stimmen Sie mir nicht bei, mon prince? Die letzten Worte waren an einen ihrer Begleiter gerichtet, den bekannten Fuͤrſten, welcher bisher noch keine Gelegenheit gefunden hatte, ſich Adolphinen zu naͤhern, ſo ſehr er dies auch wuͤnſchte. Er be⸗ merkte das eigenthuͤmliche Laͤcheln der Herzogin und den ſeltſamen Blick, mit dem ſie ihn dabei firirte. — In der That, erwiederte er ohne die geringſte Verlegenheit zu verrathen, Fraͤulein von Buſch beſitzt ein aͤcht ariſtokratiſches Weſen, doch vor Allen einen Adel der Geſinnung und des Geiſtes, wie er nur ſelten angetroffen wird. — Ah! Sie kennen ſie genauer, wie ich ſehe. Nun, Ihr Schuͤtzling ſoll auch der meinige werden. Doch wir wollen uns niederlaſſen, um dem Tanze zuzuſehn. Bleiben Sie in unſerer Naͤhe, lieber — 5 81 8— Fuͤrſt. Wir haben Sie ohnehin ſo lange entbehren muͤſſen. Hoffentlich haben Sie ſich von Ihrer letzten Krankheit ſchon erholt. — Nur noch eine kleine Schwaͤche iſt zuruͤckgeblie⸗ ben, die ſich beim Gebrauch der Kur verlieren wird. Es thut mir in der That leid, daß mein Unwohlſein mich verhindert hat fruͤher einzutreffen. — Nun, Sie haben noch nicht viel verſaͤumt. Wir haben heute unſern erſten Cercle und ich freue mich, daß Sie dabei nicht fehlen. Sie ſind uns Al— len unerſetzlich. Der Fuͤrſt verneigte ſich, waͤhrend ſeine Augen von einem Ende des Saales hinſchweiften, um Adol⸗ phine zu entdecken. Er verwuͤnſchte ſeine Stellung in dieſem Augenblick, welche ihn zwang in der Naͤhe der Herzogin auszuharren. Mit der ihm eigenen Selbſtbeherrſchung wußte er indeß ſeine Unruhe vor den ihn ſcharf bewachenden Augen zu verbergen und bald ſah man ihn anſcheinend in ein intereſſantes Geſpraͤch mit der hohen Frau vertieft. Von der Tribune ertoͤnten die einladenden Klaͤnge der Ballmuſik. Der ritterliche Monarch, ein ausge⸗ zeichneter und leidenſchaftlicher Taͤnzer, naͤherte ſich im Verlaufe des Abends auch Adolphinen, deren Grazie und Schoͤnheit ihm ſchon bei der Vorſtellung aufge⸗ II. 6 —d 82— fallen war. Mit liebenswuͤrdiger Zwangloſigkeit gab er ihr den Vorzug von mancher ahnenſtolzen Graͤfin, die gegruͤndetere Anſpruͤche auf eine ſolche Auszeich⸗ nung zu haben glaubte. Seine unerwartete Auffor⸗ derung uͤbergoß ihr zartes Geſicht mit flammender Purpurroͤthe. Bald ſchwebte ſie in ſeinen Armen durch den Saal. Es war dies ein Ereigniß. Der ganze Hofkreis gerieth in eine unbeſchreibliche Aufre⸗ gung. Adolphine feierte einen vollſtaͤndigen Triumph, ſte war die erklaͤrte Koͤnigin des Abends. Die Ari⸗ ſtokratie fluͤſterte und murmelte. Die Damen beſon⸗ ders ziſchelten hinter ihren Faͤchern verborgen, den Schlangen unter Roſen gleich. — Paſſable Figur, fluͤſterte eine kleine, unterſetzte Graͤfin mit ſtechenden Augen, aber ſie hat keinen Aus⸗ druck im Geſichte. Was fuͤr eine Geborene iſt die junge Dame? — Neuer Adel, verſetzte die befragte Baronin, deren Geſichtsfarbe dem Pergamente ihres vergilbten Stammbaums glich. Ihr Vater, dort der kleine Mann mit dem Vogelgeſicht, iſt, wenn ich nicht irre, Viehhaͤndler geweſen und wegen ſeiner Verdienſte baroniſtrt worden. In der That, der Mann hat viel bei ſeinen Lieferungen verdient. — CQuel horreur! Und ſolche Leute werden zu⸗ — e 83— gelaſſen! Das ſind die traurigen Folgen dieſer Revo— lution. — Taisez vous! Man koͤnnte Sie hoͤren. Dort ſteht der neue Juſtizminiſter, ebenfalls ſolch ein buͤr⸗ gerlicher Parvenue. — Wir leben in einer ſchrecklichen Zeit. Buͤrger⸗ liche Miniſter, die laͤßt man ſich noch zur Noth ge— fallen, aber wenn es je dahin kommen ſollte, daß die Frauen der Roture auch Hofdamen werden ſollten, es waͤre ſchauderhaft. Bei dem bloßen Gedanken be⸗ komme ich ſchon meine Migraine. — Geben Sie Acht! die kleine Buſch wird ange⸗ ſtellt. Sie hat einen hohen Beſchuͤtzer. — Schon! O, erzaͤhlen Sie, liebe Baronin. — Kommen Sie mit in das Cabinet. Dort ſind wir ungeſtoͤrt. Es iſt eine allerliebſte Geſchichte. — Sie machen mich wirklich neugierig. Arm in Arm verließen die Damen den Saal, um in der Einſamkeit ſich ihren Herzenserguͤſſen zu uͤber⸗ laſſen. Die letzten Toͤne der Quadrille waren verhallt. Der ritterliche Monarch fuͤhrte ſeine ſchoͤne Taͤnzerin an ihren Platz zuruͤck und dankte ihr mit liebenswuͤr⸗ diger Galanterie. In Gegenwart der Herzogin ſprach er ſich aner⸗ 6* — 84— kennend uͤber Adolphinens Anſtand und die Feinheit ihres Geiſtes aus. Seine Worte pflanzten ſich mit telegraphiſcher Schnelligkeit von Mund zu Munde fort. Von dieſem Augenblicke war Adolphine die ge⸗ ſuchteſte Dame des Balles. Von allen Seiten wurde ihr gehuldigt, die vornehmſten und eleganteſten Maͤn⸗ ner drängten ſich heran, um ſich ihr vorſtellen zu laſ⸗ ſen. Ihr Notizbuch faßte nicht die Zahl der Herren, welche einen Tanz von ihr wie eine Gnade erbaten. Der Neid der Damen wuchs zuſehend. Adolphine hatte den Gipfelpunkt ihres irdiſchen Gluͤckes erreicht. Herr von Buſch war ſtolz auf die Erfolge ſeiner Tochter und Graf von Bangor laͤchelte nur, wenn ihm von allen Seiten zu ſeiner Wahl Gluͤck gewuͤnſcht wurde. Nur wenig Frauen haͤtten der lockenden Verſuchung widerſtanden und ihre Ruhe behauptet. Auch Adol⸗ phinens Geiſt wurde von all dieſen Auszeichnungen berauſcht. Der Glanz des Feſtes, die Naͤhe des Hofes, die Anerkennung, welche ihr von den hoͤchſten Perſonen zu Theil wurde, und das Gefuͤhl eines unbeſtrittenen Triumphes verdraͤngten in ihr vorlaͤufig alle truͤben Gedanken. Noch einmal uͤberließ ſie ſich der verfuͤhreriſchen Luſt, welche der befriedigten Eitel⸗ keit entſtromte. Sie glaubte ſogar an die Moͤglich⸗ —5 85— keit eines kuͤnftigen Gluͤckes. In dieſer ſchimmernden Atmoſphaͤre fand ſie ja den hoͤchſten Glanz mit der feinſten Sitte vereint, die blendende Pracht und den lockenden Genuß gleichſam durch die Naͤhe des herrlichen Herrſcherpaars geadelt und verklaͤrt. Ihre Augen ſtrahlten in natuͤrlichem Glanz, ihr Laͤcheln war nicht mehr erzwungen. Sie ſchwebte in freudi⸗ ger Aufregung an der Seite ihres Verlobten und athmete mit Wohlgefallen den Weihrauch ſeiner Hul⸗ digungen und den Duft der Schmeicheleien ein, welche ihr aus jedem Munde entgegenkamen. Auch der ihrer Familie ſo ſehr befreundete Fuͤrſt hatte endlich Gelegenheit gefunden, ſich Adolphinen zu naͤhern und ihr einige freundliche Worte zuzu⸗ fluͤſtern. Eine laͤngere Unterhaltung war fuͤr Beide nicht moͤglich, denn auch er wurde von den verſchie— denſten Seiten in Anſpruch genommen, waͤhrend Adol⸗ phine von einem bewundernden Schwarme umringt kaum ſo viel Zeit behielt, ſeinen Gruß mit ihrem freundlichſten Laͤcheln zu erwiedern. Als ſie ſich nach ihm wieder umſchaute, war er von ihrer Seite ver⸗ ſchwunden. Der Monarch hatte den beruͤhmten Staatsmann ihr entfuͤhrt, um einige wichtige Gegen⸗ ſtaͤnde mit ihm zu verhandeln. — 86— VI. Waͤhrend Adolphine ſich harmlos dem Vergnuͤgen und dem Tanze uͤberließ, hatte die gelbe Baronin der kleinen Graͤfin eine pikante Geſchichte mitgetheilt, welche dieſe unmoͤglich ihren anweſenden Freundinnen verſchweigen konnte. Mit einer wahrhaft bewunde⸗ rungswuͤrdigen Schnelligkeit machte dieſe Neuigkeit, oder vielmehr das alte Geruͤcht, die Runde von einem Ende des Saales zu dem andern. Bald war jede Dame hinlaͤnglich unterrichtet. Adolphinens Erfolge hatten ihr bereits zahlloſe Neider und Feinde erweckt. Eine kleine Verſchwoͤrung war im beſten Gange. Wo ſie ſich zeigte, entſtand ein geheimnißvolles Fluͤſtern. Alle Lorgnetten waren auf ſie gerichtet. Man ſtarrte ſie mit jenen impertinenten, halb herausfordernden, halb veraͤchtlichen Blicken an, welche ein ausſchließ⸗ liches Privilegium gewiſſer ariſtokratiſcher Kreiſe bil⸗ den. Anfaͤnglich achtete ſie nicht auf dies verletzende Betragen der weiblichen Mitglieder der Geſellſchaft. Bald aber wurden in ihrer naͤchſten Naͤhe auch Aeuße⸗ rungen laut, welche ſie nicht laͤnger uͤberhoͤren konnte. Zwar wurde ſie ſelbſt von der Verleumdung weniger beruͤhrt als das Andenken ihrer Mutter. Man deu⸗ tete auf ein Verhaͤltniß derſelben zu dem Fuͤrſten. Es — ——— — waren aber nur vereinzelte Worte, an ſich unver⸗ ſtaͤndliche Reden, die, verbunden mit den ihr bekann⸗ ten Thatſachen, ſie beunruhigten. Was ſie hier und da erlauſchen konnte, war vollkommen geeignet, ſie auf das ſchmerzlichſte zu verletzen. Sobald ſie einer ſolchen verleumderiſchen Gruppe naͤher trat, verſtummte ſogleich das vorher laut gefuͤhrte Geſpraͤch und ging in ein leiſeres Gefluͤſter uͤber. Mitunter aber draͤng⸗ ten ſich einige Damen gefliſſentlich in ihre Naͤhe und warfen einzelne verfaͤngliche Worte und noch imper— tinentere Blicke ihr mit Abſicht zu. Gequaͤlt von dieſen raͤthſelhaften Andeutungen und bereits ermuͤdet ſehnte ſich Adolphine nach Ruhe und aus dem Saal fort. Ihr Verlobter hatte ſie verlaſſen, um einige nothwendige Verabredungen mit ſeiner Tante, der Oberhofmeiſterin, zu treffen. Es gluͤckte ihr, wenn auch mit Muͤhe, unbemerkt zu ent— ſchluͤpfen. Sie irrte aufs Gradewohl durch mehrere mit einander zuſammenhaͤngende Zimmer, welche zu⸗ naͤchſt an den Saal ſtießen. Alle waren beſetzt. End⸗ lich fand ſie ein kleines Cabinet, nur durch eine weiße Ampel von Milchglas matt erhellt. Sie warf einen Blick durch die halbgeöffnete Thuͤre des Cabinets, es ſchien vollkommen leer zu ſein und ihr ein er⸗ wuͤnſchtes Aſyl zu gewaͤhren. Als ſie jedoch die — d 88— Schwelle uͤberſchritten hatte, ſah ſie ihren Irrthum ein. Es war ihr bereits ein Mann zuvorgekommen. Schnell wollte ſie ſich wieder entfernen, aber eine bekannte Stimme hielt ſie zuruͤck. Es war die des Fuͤrſten. Unwillkuͤrlich mußte ſie an die eben gehoͤrten Ge— ruͤchte wieder denken. Sie zoͤgerte und ſchwankte, ob ſie bleiben ſollte. Ehe ſie aber noch zu einem Ent⸗ ſchluß kommen konnte, hatte er ſich von ſeinem Sitze erhoben und ihre Hand ergriffen. Ein leiſes Zittern uͤberfiel ſie bei dieſer nahen Beruͤhrung. Der Fuͤrſt, ein ſchlanker und trotz ſeines Alters noch immer ſchoͤn zu nennender Mann, betrachtete ſie mit einer Miſchung von Beſorgniß und liebevoller Zaͤrtlichkeit. Er hatte ſeine Zuͤge gewoͤhnlich voll— kommen in der Gewalt, um ſo mehr mußte Adolphine der Ausdruck ſeines fein geſchnittenen Geſichtes in dieſem Augenblicke uͤberraſchen. Sie hatte ihn fruͤher nie anders als laͤchelnd geſehn. Der Gleichmuth und die Selbſtbeherrſchung, welche der vollkommene Diplo⸗ mat in den ſchwierigſten Lagen des Lebens zu be⸗ haupten wußte, ſchien ihn jetzt gaͤnzlich verlaſſen zu haben. Seine hohe, klare Stirn war gerunzelt, der Blick ſeiner ſcharfen, hellblauen Augen kummervoll. Ein ihm faſt ungewoͤhnlicher Ernſt lagerte in ſeinen 1 3— 3 — — — — * —e 89-— aͤcht ariſtokratiſchen Mienen. Statt wie ſonſt mit einem Scherz das Geſpraͤch zu beginnen, lud er Adol— phinen im feierlichen Tone ein, an ſeiner Seite Platz zu nehmen. Alle dieſe Umſtaͤnde vermehrten nur noch die Un⸗ ruhe, in welche ſie durch die vorangegangenen Ge⸗ ruͤchte verſetzt worden war. — Endlich ſehen wir uns ungeſtoͤrt, begann der Fuͤrſt. Ich habe ein ſolches Zuſammentreffen ſehn— lichſt herbeigewuͤnſcht. Sie waren jedoch von galan— ten Herren umlagert und ich ebenfalls in Anſpruch genommen. Ich bin dem Zufall zu großem Dank ver⸗ pflichtet, daß er uns noch am heutigen Abend zuſam⸗ menfuͤhrt, ich haͤtte Sie ſonſt trotz meiner vielen Ge⸗ ſchaͤfte morgen ſelber aufgeſucht. — Eure Durchlaucht ſind wie immer zu gnaͤdig. — Eigentlich haͤtte ich alle Urſache, meine ſchoͤne Pathin, mit Ihnen zu zuͤrnen. Sie haben mir nicht das Vertrauen gezeigt, welches ich mit Recht von Ihnen fordern darf. Gaben Sie mir nicht das feier— liche Verſprechen, keinen wichtigen Lebensſchritt ohne meinen Rath zu unternehmen? Und nun finde ich Sie hier als die Verlobte der Grafen Bangor. Sie haben mir nicht Wort gehalten. — Verzeihen Eure Durchlaucht, erwiederte Adol⸗ — 90— phine, aber ſo viel ich weiß, hat mein Vater Ihnen bereits vor vier Wochen die betreffende Anzeige ge⸗ macht. — Ich habe keinen ſolchen Brief erhalten. Sie 3 muͤſſen ſich irren. — Keineswegs. Mein Vater hat mir ſogar die Verſicherung gegeben, daß dieſe Verbindung den voll— kommenen Beifall Eurer Durchlaucht hat. — Das iſt zu viel, rief der Fuͤrſt erzuͤrnt. Ihr Vater hat Sie hintergangen. — Unmoͤglich! Welche Gruͤnde koͤnnten ihn dazu beſtimmt haben? Nein, nein! Eure Durchlaucht muͤſ⸗ ſen ſich irren. 3 — Wollte Gott es waͤre ſo. Adolphine, mein geliebtes Kind! Ich muß leider annehmen, daß Sie das Opfer einer ſchaͤndlichen Intrigue geworden ſind,. an deren Spitze Ihr eigener Vater ſteht. Bei dieſen Worten, welche der Fuͤrſt im Tone der zaͤrtlichſten Beſorgniß ſprach, fuͤhlte ſich Adolphine von einem tiefen Schauder ergriffen. Ihr war es, als 1 oͤffnete ſich ploͤtzlich ein Abgrund zu ihren Fuͤßen. Wohin ſie blickte, ſah ſie ſich von Verrath umgeben. Dem Fürſten war ihre Bewegung nicht entgangen. — NRuhe, Ruhe! meine Tochter, ſagte er, indem 3 er ſeine feine, kalte Hand auf ihre brennende Stirn — 91— legte. Noch iſt nicht Alles verloren. Ich durchſchaue die ganze Machination. Man fuͤrchtete meine Da⸗ zwiſchenkunft. Deswegen wurde ich in vollkommener Unkenntniß gelaſſen. Leider hat mich meine Krank⸗ heit verhindert, fruͤher in Iſchl einzutreffen, ſonſt haͤtte mir Ihre Verlobung kein Geheimniß bleiben koͤnnen. Sie ſelbſt haͤtten mich davon unterrichtet. Geſtern treffe ich hier ein. Ich konnte Sie unmoͤg— lich des Nachts aufſuchen. Auch der heutige Tag verging in dringenden Geſchaͤften. Denken Sie mein Erſtaunen, als ich Sie am Hofe und als Braut des Grafen wiederfand! Augenblicklich ward es mir klar, daß man Sie zu dieſer Verbindung gezwungen hat. — Ich bin nicht gezwungen worden. Mein Ent⸗ ſchluß war frei. — Bedenken Sie wohl, was Sie mir ſagen. Taͤuſchen Sie mich nicht. Ich habe ein heiliges An⸗ recht auf Ihr Vertrauen. Ihre Mutter— Der Fuͤrſt vollendete nicht. Seine Stimme zit⸗ terte. Der ſonſt ruhige und kalte Mann ſchien von einer ſchmerzlichen Erinnerung tief ergriffen zu ſein. Adolphinens Zweifel wurden faſt zur Gewißheit. Ein unausſprechlicher Schmerz durchwuͤhlte ſie. Erſt nach einer laͤngeren Pauſe fuhr der Fuͤrſt in ruhigerem Tone fort: — e 92*— — Ich habe Ihre Mutter gekannt, eine jener herrlichen Frauen, welche der Himmel zuweilen auf die Erde ſchickt, um den Menſchen an die Goͤttlichkeit ſeines Urſprungs zu erinnern. Wir waren Freunde, mehr als das. Selbſt der Tod konnte meine Vereh⸗ rung fuͤr ſie nicht verloͤſchen. Sie lebt in meinem Herzen fort. Auf dem Krankenlager, als ſie bereits ihr erſt ſpaͤter eingetretenes Ende ahnte, bat ſie mich, meine Freundſchaft auf ihre einzige Tochter uͤberzutragen. Sie ahnte nicht mit Unrecht manche traurige Verwickelung fuͤr ihr Kind. So viel es meine uͤberhaͤuften Geſchaͤfte geſtatteten, bin ich dieſer mir aufgetragenen Verpflichtung nachgekommen. Ich blieb in fortwaͤhrender Verbindung mit Ihrem Vater, obgleich ich Grund genug hatte laͤngſt mit ihm zu bre⸗ chen. Stets war ich um Sie beſorgt. Ja, Adol⸗ phine! Ich liebte Sie, wie ein Vater nur ſein Kind lieben kann. Darum darf ich auch in dieſem Augen— blick Ihr volles Vertrauen fordern. Bei dem Anden⸗ ken Ihrer mir unvergeßlichen Mutter beſchwoͤre ich Sie, mir nichts zu verſchweigen. Reden Sie, verſu— chen Sie mich nicht zu taͤuſchen. Von dieſer Antwort haͤngt das Gluͤck Ihres Lebens ab. Haben Sie in der That freiwillig dem Grafen Ihre Hand gereicht? — Niemand hat mich gezwungen oder uͤberredet. — 93 3— — Wies rief der Fuͤrſt verwundert aus. Sie lieben dieſen Bangor?— Sie lieben ihn?— Adolphinens Lippen blieben krampfhaft, feſt ge⸗ ſchloſſen. Von den mannigfachſten Gefuͤhlen uͤber⸗ waͤltigt vermochte ſie kein Wort hervorzubringen. Der Fuͤrſt beobachtete ſie unausgeſetzt mit ſeinen ſcharfen Blicken. Seine Zuͤge verriethen eine mehr als zaͤrt⸗ liche Theilnahme, einen tieferen Schmerz, welchen Niemand dieſem fuͤr kalt und herzlos verſchrieenen Diplomaten zugetraut haͤtte. Dieſe ungewoͤhnliche Theilnahme war aber fuͤr ſie nur eine Beſtaͤtigung jenes entſetzlichen Argwohns, der ſich ihres Herzens bemaͤchtigt hatte. Die unbeſtimmten Geruͤchte, welche ſie ſchon fruͤher gehoͤrt hatte, die Verleumdungen, die im Saale in ihrer Naͤhe gefluͤſtert wurden, erhielten jetzt erſt eine feſte Geſtalt. Da ſtand das furchtbare Geſpenſt, der dunkle Schatten, ein ſchwarzer Fleck in dem Leben ihrer Mutter.— Wie das in ihrem Herzen wuͤhlte und ſie peinigte! O, es war ein entſetzlicher Gedanke!— Wenn ihre Befuͤrchtungen ſich als wahr erwieſen, dann fiel mit einem Male die ganze Welt in Truͤmmer, dann war Alles, Alles nur eine grauenvolle Luͤge, dann brach auch die letzte ſittliche Stuͤtze, der einzige moraliſche Halt zuſammen. Sie ſelber gab ſich rettungslos verloren. —8 94— Je laͤnger ſie dabei den Fuͤrſten betrachtete, deſto mehr wuchs auch ihr Verdacht. Sie ſchwankte, ob ſie fliehen oder bleiben ſollte, angezogen und abge⸗ ſtoßen von ſeiner Ehrfurcht gebietenden Perſoͤnlichkeit. Wilde und unnatuͤrliche Gedanken ſchoſſen wie zuckende Irrlichter durch ihr Gehirn. Sie fuͤrchtete ſich vor ihrem eigenen Bilde, das ihr aus dem gegenuͤberſte⸗ henden Goldtrumeaur in unbeſtimmten Umriſſen ent⸗ gegendaͤmmerte. Eine Aehnlichkeit mit ihm, die ſie entdeckt zu haben glaubte, ließ ſie erbeben und zu⸗ ſammenſchaudern. Der Fuͤrſt, welcher ihr Schweigen aus natuͤrli— chen Gruͤnden erklaͤrlich fand, ſuchte die Aufgeregte durch milde, freundliche Worte zu beruhigen. — Nur die aͤußerſte Noth, mein geliebtes Kind, zwingt mich zu dieſer indiscreten Frage. Es handelt ſich um Ihr Lebensgluͤck. Von Ihrem Ausſpruch haͤngt Ihre ganze Zukunft ab. Darnach werde ich meine Maßpregeln treffen. Ich muß demnach, ſo ſchmerz⸗ lich Ihnen auch die Antwort fallen mag, auf meine erſte Frage zuruͤckkommen. Lieben Sie den Grafen? Ein klangloſes, aber doch deutlich vernehmbares Nein entſchluͤpfte ihren Lippen. Sie wollte und konnte nicht laͤnger ihm gegenuͤber ihr Stillſchweigen behaupten und rechtfertigen. Der Fuͤrſt ſchien ihr —— — e 95— bereits ein groͤßeres Anrecht auf die Wahrheit zu ha⸗ ben, als ſie ſich einzugeſtehen wagte. — Ich habe Ihre Antwort erwartet, ſagte er von ihrem Geſtaͤndniſſe keineswegs uͤberraſcht. Wie waͤre es auch ſonſt moͤglich, daß ein Mädchen von Ihrem Geiſt dieſen Gecken waͤhlen konnte? — Der Graf iſt nicht ohne manche gute Eigen⸗ ſchaft. — Wenigſtens verſteht er es, den Schein der Gutmuͤthigkeit zu verbreiten. Man hat Sie getaͤuſcht, Ihre Unerfahrenheit auf die unverantwortlichſte Weiſe gemißbraucht. Ich durchſchaue Alles. Ihr Vater, verzeihen Sie mir, daß ich ihn anklage, hat hoͤchſt gewiſſenlos gegen Sie gehandelt. Ich weiß, daß er Sie nicht liebt, daß er Grund zu haben glaubt, Sie ſelbſt zu haſſen. Die Erwaͤhnung ihres Vaters beruͤhrte ſie auf das ſchmerzlichſte, dennoch hielt ſie es fuͤr ihre Pflicht, ihn noch zu vertheidigen. — Sie thun ihm Unrecht, Durchlaucht! Er hat mir niemals einen Wunſch verſagt, im Gegentheile mich mit unzaͤhligen Beweiſen ſeiner Liebe und Zaͤrt⸗ lichkeit uͤberhaͤuft. — Sagen Sie vielmehr ſeiner Eitelkeit. Eine andere Empfindung vermochten Sie dem vollendeten — e 96— Egoiſten nicht einzufloͤßen. Ich kenne ihn durch und durch. Ihre Schoͤnheit, die Bewunderung, welche Ihnen zu Theil wurde, ſchmeichelten ſeinem Stolz. Waͤren Sie minder ſchoͤn, minder liebenswuͤrdig ge⸗ weſen, er haͤtte Sie ſeinen Haß empfinden laſſen. Ja er haßt Sie, weil Sie ihn fortwaͤhrend an Ihre durch ihn ungluͤckliche Mutter erinnern. Seine ſchein⸗ bare Liebe zu Ihnen fließt aus truͤben Quellen. Furcht und Eigennutz ſind die einzig wahren Gefuͤhle, deren dieſer Mann noch faͤhig iſt. Mich fuͤrchtet er und in Ihnen ſieht er nur ein ſchaͤtzenswerthes Ca⸗ pital, um das er ſich beneidet weiß, von dem er mit der Zeit die hoͤchſten Zinſen zu ziehen hofft. — Er iſt mein Vater, rief Adolphine vorwurfs⸗ voll, obgleich die Worte des Fuͤrſten mit ihren eige⸗ nen Gefuͤhlen uͤbereinſtimmten. — Meine harte Anklage ſtuͤtzt ſich auf unwider⸗ legbare Beweiſe, welche ich Ihnen zur Zeit mitthei⸗ len werde. Herr von Buſch verdient weder Ihre Ach⸗ tung, noch die kindliche Liebe, welche Sie ihm ſchenken. — Halten Sie ein! flehte Adolphine erſchuͤttert. Ich kann nichts mehr hoͤren. — Ich ehre Ihren Schmerz, aber das ſoll mich nicht abhalten, Ihnen die volle Wahrheit zu ſagen. —d 97— Sie ſollen nicht das Opfer einer gemeinen Intrigue werden, die ich vollkommen durchſchaue. Ihre Ver⸗ lobung wurde mir geheim gehalten, nur um mich zu verhindern dagegen Einſpruch zu thun. Man wußte, daß ich mit den Verhaͤltniſſen und dem Charakter des Grafen zu genau bekannt bin, um Sie nicht vor ihm zu warnen. Deswegen hat Ihr Vater mir keine Mit⸗ theilungen gemacht, waͤhrend er Ihnen das Gegentheil verſicherte. Ich kenne dieſen Bangor. Er iſt Ihrer vollkommen unwuͤrdig. Er gehoͤrt zu jenen Menſchen, welche durch ihre Harmloſigkeit alle Welt zu taͤuſchen wiſſen. Man traut ihnen keine beſondere Schlechtig⸗ keit zu, weil man ſie fuͤr viel zu unbedeutend haͤlt. Ich aber bin hinlaͤnglich uͤber ihn informirt. Sie wiſſen, daß mir die Acten unſerer geheimen Polizei zu Gebote ſtehn. Der Graf hat ſich ſolcher Hand⸗ lungen ſchuldig gemacht, die dicht an Verbrechen ſtreifen. Nur ſein Rang und die Stellung ſeiner Anverwandten haben ihn bisher vor der gerechten Strafe geſchuͤtzt, die ihn fruͤher oder ſpaͤter noch er— eilen wird. Und einem ſolchen Menſchen wollte man Sie Preis geben! — Mein Vater hatte ſich taͤuſchen laſſen, wie alle Welt. — Ich habe Gruͤnde das Gegentheil zu glauben, II. 7 —d 98— verſetzte der Fuͤrſt mit ſchonungsloſer Bitterkeit. Ihr Lebensgluͤck war dem Freiherrn ſtets gleichguͤltig. Er dachte bei dieſer Verbindung nur an ſeinen eigenen Vortheil. Zunaͤchſt war es ihm nur darum zu thun, Sie aus ſeinem Hauſe zu entfernen, weil Frau von Starenberg darauf dringt. Dieſe intrigante Frau leitete die ganze Angelegenheit. Daruͤber kann ich keinen Zweifel haben. Sie beherrſcht Ihren Vater vollſtaͤndig. Er will ſie heirathen und hat ihre Ein— willigung nur unter der Bedingung erlangen koͤnnen, daß er Sie zuvor entfernt. Deshalb beguͤnſtigte Ihre zukuͤnftige Stiefmutter den Grafen, der ſte von der ihr unbequemen Stieftochter befreien ſollte. Ich wundre mich, daß Sie mit Ihrem Geiſte dies abge⸗ kartete Spiel nicht laͤngſt durchſchaut haben. — Ich achtete nicht darauf. Schon vor dem Tode meiner Mutter war mein Vater mit Frau von Sta⸗ renberg befreundet. Auch mir begegnete ſie zu allen Zeiten mit faſt muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit. — Um Sie nur deſto ſicherer zu verderben. Auch dieſe Frau von Starenberg, wie ſie ſich nennt, iſt nur eine Abenteurerin, deren Vergangenheit ich vor Ihren jungfraͤulichen Blicken nicht entſchleiern will. Jetzt ſpielt ſie die vornehme Dame, die Tugendhafte. —5o 99 8— Durch ihre Vermittlung kam Graf Bangor in das Haus Ihres Vaters, mit dem er bald in intime Ge⸗ ſchaͤftsverbindung trat. Nach und nach hatte ihm Herr von Buſch eine bedeutende Summe auf die ohnehin verſchuldeten Familienguͤter vorgeſchoſſen. Bei den zerruͤtteten Vermoͤgensumſtaͤnden des Grafen ſchien das Geld ſo gut wie verloren. Indeß Ihr Va⸗ ter iſt ein gewandter Geſchaͤftsmann, dies Lob muß ich ihm laſſen. Ich ſelbſt habe ſein Talent kennen gelernt und zu mannigfachen Operationen benutzt. Durch eine naͤhere Verbindung mit dem Grafen hoffte er die ihm geliehenen Summen zu retten. Es ließ ſich ein Arrangement treffen. Ich weiß, daß ein ſol⸗ ches ſtattgefunden hat. Der Preis deſſelben war Ihr Gluͤck. Herr von Buſch ſicherte ſein Geld, indem er aus ſeinem Schuldner ſeinen Schwiegerſohn ohne alle Bedenklichkeiten machte. Er erſpart noch dabei einen Theil Ihrer Mitgift, die er fuͤr fernere Specu⸗ lationen verwenden kann. Außerdem rechnet er auf den Einfluß der hochgeſtellten Verwandten, welche der Graf am Hofe beſitzt, vielleicht ſpeculirt er ſogar auf die Eroberungen, welche ſeine Tochter noch ma⸗ chen wird. Wer kann die Combinationen eines ſolch feinen Kopfes durchſchauen! Er iſt der geborne, Kauf⸗ mann, der mit Allem handelt, mit der Ehre ſeines 7* —e 100— Hauſes, mit dem Ruf ſeiner Familie und mit dem Gluͤcke ſeines einzigen Kindes. Adolphine ſaß vernichtet und gedemuͤthigt vor dem Fuͤrſten, deſſen Worte ſie nicht bezweifeln konnte. Alle ſeine Angaben waren nur zu gerechtfertigt und ſtanden mit den ihr bekannten Thatſachen in vollſter Uebereinſtimmung. Ploͤtzlich wurde es Licht vor ihren Augen, aber welch ein Licht! Ein zerſchmetternder Blitz erhellte den dunklen Abgrund, die wuͤſte Hoͤlle, in welcher ſie bisher arglos gelebt hatte. Sie ſah ſich von ihrem eigenen Vater aufgeopfert und verra⸗ then, von einem Manne wie Bangor getaͤuſcht. Ihr Stolz fuͤhlte ſich bei dem bloßen Gedanken empoͤrt, daß ſie von einem ſo unbedeutenden Manne betrogen worden. Das war zu viel. Ein Thraͤnenſtrom machte ihrem bedraͤngten Herzen Luft. — Beruhigen Sie ſich, mahnte zaͤrtlich der Fuͤrſt. Sie ſtehen unter meinem Schutz. Sie haben ein hei⸗ liges Anrecht auf meine Huͤlfe. Ueberhaͤufte Ge⸗ ſchaͤfte und dieſe ungluͤckſeelige Krankheit haben mich bisher verhindert, meinen Verpflichtungen Ihnen ge⸗ genuͤber nachzukommen. O! Sie koͤnnen nicht ahnen, wie theuer Sie mir ſind. Ich ſehe Sie als das Ver⸗ maͤchtniß einer Heiligen an, zu der ich ſchuldbewußt — 8 101— emporſchaue. Ich habe Vieles gut zu machen, was ich an Ihrer Mutter verbrochen. Der Fuͤrſt ſchwieg, ſelbſt auf das Tiefſte erſchuͤt— tert. Die Erinnerung hatte ihn uͤbermannt. Auf ſeinen Lippen ſchwebte ein Geſtaͤndniß, das er mit Muͤhe zuruͤckdraͤngte. Noch ſchien es ihm nicht gera— then, Adolphinen mit der Vergangenheit bekannt zu machen. Sein ploͤtzliches Verſtummen galt ihr aber nur als ein Beweis fuͤr die Schuld ihrer Mutter. Auch der letzte Zweifel mußte ihr jetzt ſchwinden. Sie weinte nur noch heftiger, nicht allein wegen der Taͤuſchungen, die ihr widerfahren. Ihre Thraͤnen galten dem geſchaͤndeten Andenken der noch immer heißgeliebten Mutter. Der Fuͤrſt wurde von ihrem Schmerze tief ergrif⸗ fen. Er beugte ſich zu ihr hernieder und druͤckte einen vaͤterlichen Kuß auf ihre bleiche Stirn. — Sie muͤſſen ſich faſſen, fuͤgte er beſaͤnftigend hinzu. Lernen Sie bei Zeiten jeden Schmerz beſie— gen. Die Geſellſchaft verlangt, daß wir unſere Wun⸗ den verbergen und mit heiterem Laͤcheln tragen. Nie⸗ mand, am wenigſten Ihr Vater und Ihr Verlobter duͤrfen heute ahnen, was wir miteinander geſprochen haben. Zaͤhlen Sie auf mich. Ich werde Mittel finden, alle dieſe Intriguen zu vernichten. Es koſtet — 6 102— mich nur ein Wort und Ihr Vater wird und muß ſich fuͤgen. Trocknen Sie darum Ihre Thraͤnen und geben Sie mir Ihren Arm. Ich werde Sie in den Saal begleiten. Beide traten in den Saal, wo Adolphine bereits von dem Freiherrn und dem Grafen vermißt worden war. Als Herr von Buſch ſie an der Seite des Fuͤr⸗ ſten ſah, verfaͤrbte ſich ſein Geſicht. — Ich habe das Fraͤulein Ihnen entfuͤhrt, ſagte der Fuͤrſt mit leichtem Anſtand. Sie wiſſen, daß ich ein altes Anrecht als ihr Pathe habe. — O! Eure Durchlaucht ſind zu gnaͤdig, ſtam— melte der Freiherr mit einem Laͤcheln, das ihm nicht vom Herzen ging. Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen den Grafen Bangor als meinen zukuͤnftigen Schwie⸗ gerſohn vorſtellen darf. Der Graf verneigte ſich und brachte einige gleich⸗ guͤltige und gewoͤhnliche Phraſen vor. Der Fuͤrſt, welcher das Peinliche dieſer Scene fuͤr Adolphine fuͤhlte, brach das Geſpraͤch ſchnell ab. — Auf Wiederſehen! rief er dem Freiherrn zu. Es lag in dem Ton ſeiner Stimme ein ironiſcher Anſtrich, der faſt wie eine Drohung klang. Herr von Buſch vermochte nicht den ſcharfen Blick aus⸗ zuhalten. Er ſchlug ſeine Augen zu Boden. Mit — —d 103— einem freundlichen Nicken und einem Gruß, der aus⸗ ſchließlich Adolphinen galt, entfernte ſich der Fuͤrſt. Die Zuruͤckbleibenden verließen ebenfalls bald nach ihm den Saal. Der Freiherr wagte nicht, ſeine Tochter um den Gegenſtand ihrer Unterhaltung mit dem Fuͤrſten zu fragen. In gedruͤckter Stimmung ſchieden die ſo nah Verbundenen. Ein Augenblick hatte die wohlberechneten Plaͤne vernichtet. VII. Adolphine war kaum auf ihrem Zimmer angekom⸗ men, als ſie mit Heftigkeit den glaͤnzenden Ballſtaat von ſich warf. Sie ſprach dabei kein Wort mit ihrer Kammerfrau, die ihr beim Auskleiden behuͤlflich ſein wollte. — Mein Gott! was iſt Ihnen geſchehen? fragte dieſe beſtuͤrzt. Sie gluͤhen uͤber und uͤber. Ihre Haͤnde fuͤhlen ſich brennend heiß an. Sie haben das Fieber. Erlauben Sie, daß ich den Arzt rufen laſſe. — Neinz entgegnete die Aufgeregte in ungewohn⸗ — 104— tem, ſtrengem Ton. Ich will keinen Arzt. Verlaſſe mich.. — Geſtatten Sie wenigſtens, daß ich die Nacht uͤber bei Ihnen bleibe. — Gehe nur, wenn ich Dich heiße, rief ſie un⸗ geduldig mit dem kleinen Fuß aufſtampfend. Thereſe entfernte ſich auf's Hoͤchſte verwundert. Als ſich Adolphine ohne Zeugen ſah, warf ſie ſich auf den Divan und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden. So lag ſie lange Zeit. Die Ereigniſſe des heutigen Abends zogen noch einmal an ihrer Seele voruͤber. Ploͤtzlich ſprang ſte vom Sopha auf, als koͤnnte ſie durch dieſe heftige Bewegung ihren unheimlichen Ge⸗ danken entfliehen. Die Worte des Fuͤrſten toͤnten immer fort in ihren Ohren. Ein entſetzliches Miß⸗ trauen hatte ſich ihrer bemaͤchtigt. Seine Mitthei⸗ lungen und die durch ihn erweckten Befuͤrchtungen waren die giftige Saat, welche jetzt in der Einſamkeit ungeſtoͤrt weiter wucherte. — Getaͤuſcht, betrogen! murmelte ſie, indem ſie mit heftigen Schritten in dem Zimmer auf und nieder ging. Die Luft des Schlafcabinets duͤnkte ihr er⸗ ſtickend, ſie preßte ihr das Herz zuſammen. Adolphine trat an das Fenſter, um es zu oͤffnen. Es war eine milde, ſternenklare Nacht. Sie blickte zum Himmel empor mit ſtarrem, glanzloſem Auge. — Auch Dul klagte ſie in wilder Fieberglut. Sie redete mit dem abgeſchiedenen Geiſt ihrer Mutter und zuͤrnte der Verklaͤrten. Draußen herrſchte der ſtille Frieden, tiefe naͤch— tige Ruhe, waͤhrend ihr armes Herz von den bitterſten Qualen zerriſſen wurde. Die Natur blieb ihr ſtumm, ohne Troſt fuͤr ſte, der Anblick derſelben war nicht beſaͤnftigend. Da ſtanden die hohen Berge, ver— ſchleierte Raͤthſel, ohne Antwort auf ihre Fragen zu geben. Drunten rauſchte der geſchwaͤtzige Fluß immer dieſelbe eintoͤnige, unverſtaͤndliche Sprache murmelnd. In der Hoͤhe flimmerten die Sterne, jene unbekannten, theilnahmsloſen Welten. Was kuͤmmerten die ſich in ihrem ewig reinen Glanz um eine gepeinigte Men⸗ ſchenſeele! Da war kein Zuſammenhang mit ihrem Schickſal wahrzunehmen, kein Einwirken auf das Loos der Sterblichen. Alles ging im ruhigen, beſtimmten Gang, waͤhrend Adolphine verzweifelte. Und die Menſchen— was waren ſie ihr in die⸗ ſer Nacht geworden! Schreckliche Larven, furchtbare Geſpenſter. Wozu erxiſtirten uͤberhaupt dieſe ſchwachen, boshaften und luͤgneriſchen Gebilde? Tugend und Sittlichkeit, mit denen dies verdorbene Geſchlecht —e 106— prunkte, waren vielleicht nur die Fiebertraͤume eines wahnwitzigen Gehirnes, oder die Empfindungen von vollkommenen Schurken, welche unter der ſchoͤnen Maske um ſo ſicherer ihre Opfer zu beruͤcken hofften. Der fromme Glaube war von ihr gewichen. Das ganze Daſein kam ihr wuͤſt und leer vor. Immer tiefer druͤckte ſie den Stachel in ihre Seele. Mit ſchmerzlicher Wolluſt zerſtoͤrte ſie die bisher ver⸗ ehrten Goͤtterbilder. In wilder Freude ſah ſie ein Jdol nach dem andern niederſtuͤrzen. Selbſt das Bild ihrer Mutter war ihr nicht mehr heilig genug, ſie gab es Preis. Als ſie es fallen ſah, floſſen ihre Thraͤnen unaufhaltſam, aber ohne Erleichterung. Kein Balſam vermochte dieſe Wunde mehr zu heilen. So verfloß die Nacht in Pein und Qual. Adol⸗ phine hatte ſie durchwacht in fieberhafter Aufregung, von Gedanken beſtuͤrmt, die ſie fruͤher nie geahnt. Das Ungluͤck hatte ſie in ſeine ſtrenge Schule genom⸗ men und ſie den groͤßten Schmerz kennen gelehrt, den das Leben bietet; denn es giebt kein ſchlimmeres Leid, als wenn man Das verachten muß, was man einſt geliebt. Das war ihr Geſchick. Auch das letzte Band war zerriſſen und ſie ſtand allein. Der Tag kam heran. Der Himmel leuchtete in Sonnenglanz, die gruͤnen Berge tauchten aus der 5 3 — e 107— Nebelfluth erfriſcht und jugendlich empor. Durch die Baͤume wehte der Morgenwind und ſchuͤttelte den funkelnden Thau herab. Die Voͤgel zwitſcherten un⸗ ter Adolphinens Fenſter. Nur ſie wurde nicht das neue Leben gewahr. Bleich und verwacht ſaß ſie noch immer am Fenſter. Sie hatte keinen Entſchluß ge⸗ faßt, das ganze Daſein war ihr noch gleichguͤltiger als fruͤher. Mechaniſch erwiederte ſie den Gruß der treuen Dienerin, welche ſich beſorgt nach ihrem Be⸗ finden erkundigte. — Es geht beſſer, antwortete ſie und verſank in ein dumpfes Bruͤten. Ihr Vater kam ſchon am fruͤhen Morgen und zeigte eine auffallende Zaͤrtlichkeit. Sie vergalt ſeine Beſorgniß mit einem erkuͤnſtelten Laͤcheln. Luͤge fuͤr Luͤge, Heuchelei fuͤr Heuchelei, dachte ſie im Stillen und freute ſich uͤber die Taͤuſchung, welche ihr ſo wohl gelang. Er verließ ſie, ohne auf ihre Unter⸗ redung mit dem Fuͤrſten anzuſpielen. Nur zuweilen betrachtete er ſie, wenn er ſich unbemerkt glaubte, mit lauernden Blicken, als wollte er ihre geheimſten Ge⸗ danken leſen. Endlich entfernte er ſich nach kurzer Zeit wieder mit einiger Unruhe, die er indeß vor⸗ laͤufig zu verbergen ſuchte. Das Band zwiſchen Va⸗ ter und Tochter war laͤngſt gelockert. Beide huͤteten — d 108— ſich inſtinktmaͤßig jetzt zu ſprechen, um es nicht vol— lends zu zerreißen. Gegen Mittag erſchien ihr Ver⸗ lobter in Begleitung ſeines Oheims. Sie ſchützte Kopfweh vor, um ihn nicht empfangen zu duͤrfen. So verging der Tag, den ſie auf ihrer Stube zu⸗ brachte, wuͤſt und eintoͤnig. Erſt die naͤchſte Nacht brachte der Ermuͤdeten einen dumpfen Schlaf von wir⸗ ren Traͤumen unterbrochen. Sie befand ſich wieder auf dem Hallſtaͤdter See. Er war ſpiegelglatt, als ſie im Kahn daruͤber fuhr. Ploͤtzlich langte aus der Tiefe eine rieſige Hand nach ihr und ſuchte ſie hin— abzuziehn. Ihre Mutter, welche neben ihr ſaß, wollte ſie zuruͤckhalten, aber vergebens. Der dunkle Arm zog ſie mit unwiderſtehlicher Macht in die feuchte Gruft. Die Wellen ſchlugen uͤber ihr zuſammen und ſie verſank. — Georgl ſchrie ſie im Schlaf und erwachte von ihrem eigenen Ruf. Sie war allein, die Nachtlampe brannte auf dem Tiſch. Verſtoͤrt blickte ſie empor, bald aber entſann ſie ſich ihres Traumes. Er ſtand lebendig vor ihren Augen. Nur darauf konnte ſie ſich nicht beſinnen, wie ſie zu dem Namen gekommen, der ihr ſo mit einem Male beigefallen. Sie dachte daruͤber lange Zeit nach, dabei erinnerte ſie ſich wieder an den abweſen⸗ — e 109— den Faͤrbermeiſter. Es war ihr ganz eigen zu Muth, daß ſein Bild ſo unverſehens aus dem Chaos ihrer Seele emportauchte und einen faſt beruhigenden Ein— fluß auf ihr ſonſt zerruͤttetes Gemuͤth ausuͤbte. Mit der Erinnerung an ihn war ſie wieder eingeſchlafen. Sein Name, den ſie angerufen, ſchien eine beſchuͤtzende Macht auf ſie auszuuͤben. Kraͤftiger als geſtern erhob ſie ſich von ihrem Lager. Bald kam auch ihr Vater, um ſich wieder nach ihrem Wohlſein zu erkundigen. Er freute ſich, als er ſie beſſer fand. — Eine Braut darf nicht krank ſein, ſetzte er ſcherzend hinzu. Seine Worte brachten die entgegengeſetzte Wirkung hervor, welche er vielleicht erwartete. Statt zu laͤ⸗ cheln, ſah ſie ihn mit entſetzten Blicken an, als haͤtte ſie eine Schlange geſtochen. Ihre Bewegung war ihm nicht entgangen, da er ſie fortwaͤhrend ſcharf mit lauernden Augen beobachtete. — Apdolphine! ſagte er anſcheinend betruͤbt, Du haſt etwas auf Deinem Herzen! Warum verbirgſt Du mir Deinen Kummer? Du weißt, daß Du kei⸗ nen beſſeren Freund als Deinen Vater haſt. Der Freiherr betonte dieſe letzten Worte ſo nach⸗ druͤcklich als moͤglich. Als ſie darauf hartnaͤckig ſchwieg, ———— —e 110—. ergriff er ihre Hand, die ſie ihm nur widerſtrebend. uͤberließ. — Hab' ich das um Dich verdient? ſprach er dringender. Du entziehſt mir Dein Vertrauen und mit welchem Grund? Bin ich nicht Dein Vater? Sie zuckte leiſe zuſammen, doch immer noch merk— lich genug. Er ſah ſie verwundert, faſt erſchrocken an. Eine dunkle Purpurroͤthe ſtieg ihm ins Geſicht, das von Ueberraſchung und Zorn noch verzerrter ſchien, als ſonſt. Es herrſchte eine peinliche Pauſe, welche keiner der Anweſenden zu unterbrechen wagte. Beide ran⸗ gen nach Faſſung. Sie fuͤhlten, daß eine erſchuͤt⸗ ternde Kataſtrophe nahe bevorſtand. Wie Gewitter⸗ ſchwuͤle laſtete es noch auf ihnen. In der Ferne hoͤr⸗ ten ſie den Donner grollen, ſahen ſie das Zucken der Blitze. Der Freiherr ſuchte ſich noch zu bezwingen, es gelang ihm auch beſſer als ſeiner Tochter. Er wußte, was fuͤr ihn auf dem Spiele ſtand. Der Kaufmann war wieder in ihm erwacht und er berech⸗ nete im Stillen ſeinen Vortheil, den er nicht aus den Haͤnden laſſen wollte. Deshalb unterdruͤckte er den aufſteigenden Zorn und heuchelte eine Ruhe, die er nicht empfand. — Adolphine! ſagte er ſanft auf einen andern — d 111-— Gegenſtand uͤberlenkend. Dein Braͤutigam hat heut zeitig hergeſchickt, um ſich nach Deinem Befinden zu erkundigen. Er ließ anfragen, wann er ſeinen Beſuch machen darf. Du haſt ihn geſtern abgewieſen. Willſt Du ihn nicht heut empfangen? — Ich will ihn nicht wiederſehn, ſagte ſie eiſig kalt. — Was ſoll das heißen? ſchrie der Freiherr er⸗ ſchrocken. Das kann doch nicht Dein Ernſt ſein? — Ich ſcherze nicht. — Um ſo ſchlimmer fuͤr Dich. Ich kann und werde Deine Launen nicht laͤnger dulden. Das graͤnzt an Wahnſinn. — Es waͤre kein Wunder, wenn es ſo waͤre, ver⸗ ſetzte ſie bitter. — Erklaͤre Dich deutlicher, wenn ich Dich bitten darf. Dieſe Verlobung iſt in Gegenwart des ganzen Hofes geſchloſſen worden. Die hoͤchſten Herrſchaften haben daran Theil genommen und ſie gleichſam durch ihre Gegenwart ſanctionirt. Muß ich Dich darauf aufmerkſam machen, daß ein Zuruͤcktreten ſo gut wie unmoͤglich iſt? Wir ſind außerdem durch die Ehepac⸗ ten bereits gebunden. Eine namhafte Summe ſteht fuͤr mich auf dem Spiel, eine Wandelpoͤn von mehr als dreimal hunderttauſend Gulden, die der zuruͤck— — 112— tretende Theil dem andern zu zahlen hat. Nein, nein! Ich kann es nicht glauben, daß Du ſo thoͤricht ſein kannſt. Ich habe Dich nicht gezwungen. Du hatteſt Zeit zum Ueberlegen. Jetzt iſt es zu ſpaͤt. Du wirſt, Du mußt den Grafen heirathen. — Auch dann, wenn ich ſo ungluͤcklich werden ſollte— wie meine Mutter? Es lag ein ſchneidender Hohn in dieſer Frage, vor dem der Freiherr zuſammenſchrak. Laͤnger hielt er es nicht fuͤr noͤthig die bisher noch erzwungene Ruhe beizubehalten. Ohne Umſtaͤnde warf er die Maske ab und zeigte ſich in ſeiner wahren Geſtalt. Der Krieg war erklaͤrt und jede Schonung duͤnkte ihm uͤberfluͤſſig. Mit funkelnden Augen trat er dicht an Adolphine heran. — Du haſt den Fuͤrſten geſprochen, ſagte er ploͤtz⸗ lich und ſein Ingrimm brach in ſeinen Zuͤgen unge— ſcheut hervor. Es war unmoͤglich mehr Haß zu verrathen, als in dieſen anſcheinend gleichguͤltigen Worten lag. Eine jahrelang zuruͤckgehaltene Wuth brach mit rohem Un⸗ geſtuͤm hervor. — Jal hauchte Adolphine. Ich habe eine laͤngere Unterredung mit dem Fuͤrſten gehabt. — Und darf man ihren Inhalt wiſſen? — 8 113 8— 8 — Erlaſſen Sie mir dieſe Bekenntniſſe, welche mir den Frieden und das Gluͤck meines Lebens rauben. — Wie, er hat es gewagt rief der Freiherr empoͤrt. Er hat Dir geſtanden— — Daß ich getaͤuſcht worden bin, daß Graf Ban⸗ gor ein ruinirter Wuͤſtling iſt, daß Sie— — Daß ich nicht Dein Vater bin, daß Deine Mutter mich ſchaͤndlich hintergangen und betrogen hat. — Um des Himmels Willen! ſchrie Adolphine auf. Sie vollendete nicht. Ihre Sinne ſchwanden und ſie ſank, von der ſchrecklichen Gewißheit uͤberwaͤl⸗ tigt, lautlos und ohne Beſinnung auf den Boden. Mit wilder Schadenfreude beugte ſich der Freiherr zu ſeinem Opfer nieder. Er empfand auch nicht das geringſte Mitleid mit ihrer traurigen Lage. Sie war ihm Nichts, eine Null, die ihn in ſeinen Berechnun⸗ gen geirrt und die er jetzt fuͤr immer von der Schreib⸗ tafel ſeines Gedaͤchtniſſes auszuloſchen im Begriffe ſtand. Kaltbluͤtig ergriff er die Klingel und ſchellte. Die Kammerfrau erſchien. Er deutete auf die Lebloſe ohne eine Bewegung zu verrathen. — Ihrem Fraͤulein iſt unwohl geworden. Laſſen Sie den Arzt holen. II. 8 6 —e 114— Darauf entfernte er ſich, um mit Frau von Starenberg ſeine ferneren Schritte zu berathen. IX. Den angeſtrengten Bemuͤhungen der guten Thereſe gelang es noch vor dem Erſcheinen des Arztes die Ohnmaͤchtige wieder in das Leben zu rufen. Bald kehrte ihr die Beſinnung zuruͤck. Das Unheil, welches ſie geahnt, war eingetroffen. Das Andenken ihrer Mut— ter ſchien ihr fuͤr immer befleckt. Sie war nicht das Kind ihres Vaters, ſondern des Fuͤrſten. In dem Hauſe des Freiherrn von Buſch hatte ſie kein Recht, keine bleibende Staͤtte mehr. Dieſer Gedanke verlieh ihr bald wieder eine nie gekannte Energie. Geſtern fehlte ihr die Kraft und der Wille, einen feſten Ent— ſchluß zu faſſen, das war mit einem Male anders geworden. Das Ungluͤck rief ihren Trotz, eine Art von ver⸗ zweifelten Muth hervor. Ihr Plan war ſchnell ge⸗ faßt. Sie beabſichtigte, keine Stunde laͤnger in den ihr verhaßten Verhaͤltniſſen zu bleiben und den Frei⸗ herrn fuͤr immer zu verlaſſen. Das ſchien ihr un⸗ umgaͤnglich nothwendig. Im Hintergrunde regte ſich —“o 115— noch ein anderer Gedanke. Sie war mit Ekel gegen eine Welt erfuͤllt, in der ſie ſich von allen Seiten verrathen ſah. Laͤngſt hatte ſie die Nichtigkeit und Hohlheit aller geſellſchaftlichen Zuſtaͤnde erkannt. Die Luͤge grinſte ſie aus allen Ecken und Winkeln an. Ihr wollte ſie durch einen kuͤhnen Schritt entgehn. Nachdem ſie zu dieſem beſtimmten Entſchluß gelangt war, uͤberlegte ſie nur noch die Art und Weiſe der Ausfuͤhrung. Sie war jetzt mit einem Male ruhig geworden. Keine Miene verrieth ihren furchtbaren Kampf, den ſie ſo eben durchgekaͤmpft. Die treue Kammerfrau ließ ſich vollkommen taͤuſchen, trotzdem ihr die vor— angegangene Szene unerklaͤrlich blieb. Adolphine ſchwankte noch, ob ſie die bewaͤhrte Dienerin in ihr Geheimniß ziehn ſollte. Sie hatte das Vertrauen zu allen Menſchen verloren und doch ſah ſie die Noth⸗ wendigkeit ein, ſich eine Begleiterin fuͤr ihre beabſich⸗ tigte Flucht zu verſchaffen. Auch daruͤber war ſie noch nicht klar, wohin ſie zunaͤchſt ihre Schritte len— ken ſollte. Sie hatte keinen beſtimmten Ort im Sinne. Der verborgenſte Fleck waͤre ihr der liebſte geweſen. Sie wollte nur vergeſſen ſein und, wo moͤglich, ſelbſt vergeſſen. Unter einem geſchickten Vorwande wußte ſie vor⸗ 8*† —e 116— laͤufig Thereſe zu entfernen. Sobald ſie wieder„ allein war, ſuchte ſie mit Haſt unter ihren Kleidungs⸗ ſtuͤcken das Nothwendigſte fuͤr ihre Reiſe. Sie durch⸗ wuͤhlte ihre Schraͤnke. Mancher koſtbare Schmuck fiel in ihre Haͤnde. Sie warf ihn veraͤchtlich zur Seite. Weder von ihrem Vater, noch von ihrem Braͤutigam mochte ſie ein Geſchenk behalten. Mit Geld war ſie hinlaͤnglich verſehn. Der Freiherr hatte ihr vor Kurzem erſt in einer glaͤnzenden Mappe das 3 Vermoͤgen ihrer Mutter mit den aufgelaufenen Zin⸗ ſen eingehaͤndigt. Es war zu ihrem Nadelgeld be— ſtimmt. Jetzt nahm ſie keinen Anſtand, daſſelbe zu benutzen; das Geld, in Staatspapieren und Actien angelegt, war ja ihr unbeſtrittenes Eigenthum und obgleich die Summe nicht allzu bedeutend war, ſo. reichte ſie doch hin, ihr eine beſcheidene Exriſtenz zu verſchaffen. Im Nothfalle war ſie entſchloſſen, durch ihre Haͤndearbeit, oder durch Unterricht ihr ferneres Leben zu friſten. Die Freiheit duͤnkte ihr um dieſen Preis nicht zu theuer erkauft. Schneller als ſie es vermuthet kehrte indeß die gute Thereſe wieder. Adolphine hatte in ihrem Schmerze vergeſſen, die Thuͤre hinter ſich zuzuſchließen. So fand ſie ſich denn mitten in ihrer verrätheriſchen Arbeit uͤberraſcht. Auf einem Stuhle lagen die Klei⸗ W —2 117-— dungsſtuͤcke zu einem kleinen Buͤndel zuſammenge⸗ ſchnuͤrt. — Mein Gott! Was ſoll das heißen? frug Thereſe beſtuͤrzt. — Schwoͤre mir, daß Du mich nicht verrathen willſt, dann ſollſt Du Alles erfahren. — Ich Sie verrathen! ſagte die Kammerfrau vor⸗ wurfsvoll. Haben Sie je dergleichen von mir geſehn, oder gehoͤrt? Aber, um des Himmels willen, was haben Sie vor, was iſt hier geſchehn? — Frage mich nicht. Ich muß fort und ſollte ich allein und zu Fuß aus dieſem Hauſe gehn. Willſt Du mich begleiten? — Bis in den Tod und wohin Sie wollen. O, mein Gott! Ich hab' es laͤngſt geahnt, daß es ſo kommen würde. — Gut! Du ſollſt mit mir gehn. Noch heut Abend verlaſſen wir Iſchl unbemerkt. — Wie wird das moͤglich ſein ohne Paß, ohne Geld? — An Geld fehlt es mir nicht. Du mietheſt heimlich einen Wagen, der uns nach Salzburg brin⸗ gen ſoll. Zwei harmloſe Frauen, welche in ihrer eigenen Equipage reiſen, wird kein Menſch nach einem Paſſe fragen. Von Salzburg gehen wir nach Muͤn⸗ — 118— chen, wo uns Niemand kennt. Dort uͤberlegen wir, was wir ferner beginnen. — O, mein Fraͤulein! bedenken Sie, was Sie thun wollen! Was wird Ihr Herr Vater ſagen? Ich weiß nicht, was zwiſchen Ihnen vorgefallen iſt, aber uͤbereilen Sie ſich nicht. Sollte es keinen andern Ausweg geben? — Neinl! verſetzte Adolphine feſt und beſtimmt. — Nun denn in Gottes Namen, ſo will ich Ihnen folgen, wohin Sie auch immer gehn, und keine Sylbe weiter fragen. Mit dieſem Beſchluſſe war auch Adolphine zufrie⸗ den. Die treue Kammerfrau entwickelte nun eine energiſche Thaͤtigkeit, nachdem ſie einmal von der Nutzloſigkeit jedes ferneren Einwandes ſich uͤberzeugt hatte. Thereſe wußte ſich bald ihrer ungluͤcklichen und verlaſſenen Herrin vollends unentbehrlich zu machen. Still und heimlich ſchaffte ſie die beiderſeitigen Hab⸗ ſeligkeiten aus dem Hauſe, dann ſuchte ſie einen be⸗ kannten und zuverlaͤſſigen Lohnkutſcher auf, bei dem ſie den Wagen fuͤr die Nacht beſtellte. Das Alles geſchah von ihrer Seite mit ſo vieler Vorſicht, daß Niemand Verdacht ſchoͤpfen konnte. Unterdeß blieb Adolphine auf ihrem Zimmer. Sie ſchrieb einige Briefe, welche erſt nach ihrer Abreiſe an — —e 119— die betreffenden Perſonen gelangen ſollten. Von ihrem Verlobten und dem Freiherrn nahm ſie darin fuͤr im⸗ mer Abſchied. Auch an den Fuͤrſten wollte ſie ein Schreiben richten und ihn ebenfalls von ihrer Abreiſe in Kenntniß ſetzen. Sie glaubte damit nur eine hei— lige Pflicht zu erfuͤllen. Schon mehrere Male hatte ſie vergeblich die Feder angeſetzt, ohne daß es ihr gelingen wollte. Sie konnte fuͤr ihr aufgeregtes Ge⸗ fuͤhl nicht den ihr genuͤgenden Ausdruck finden. Wie ſollte ſie ihn auch anreden, mit welchem Namen ihn begruͤßen? Unmuthig zerriß ſie ſtets den angefange⸗ nen Bogen, dann verſank ſie wieder in ein tiefes Nachdenken. Sie erſchrak uͤber den Mangel an kind⸗ lichem Gefuͤhl, das ſie ihm zu ſchulden glaubte. Er blieb ihr fremd wie fruͤher, in ihrem Herzen regte ſich kein zaͤrtliches Gefuͤhl fuͤr ihn, ja ihre Stimmung war eher eine gleichguͤltig kalte, als eine liebevolle. Ueber ſich ſelbſt erzuͤrnt hatte ſie ſo eben einen neuen Brief begonnen, als der Bediente eintrat und den Baron Briolan meldete. Sie ſtand ſchon im Begriff, ihn abweiſen zu laſſen. Ihre gegenwaͤrtige Stimmung ſchien ihr nicht geeignet, irgend einen Beſuch und am wenigſten dieſen zu empfangen. Ehe ſie jedoch den Befehl ertheilen konnte, war der Baron bereits eingedrungen. Er ſah bkeich und verſtoͤrt aus. — 120— Noch nie hatte Adolphine fruͤher ſein vorgeruͤckteres Alter ſo bemerken koͤnnen. Heute fiel es ihr auf; er erſchien ihr hinfaͤllig, faſt greiſenhaft. Statt ihm ent⸗ gegen zu gehn, zog ſie ſich vor ihm zuruͤck. Seit jenem letzten Zuſammentreffen mit ihm empfand ſie eine geheime Scheu in ſeiner Gegenwart. Dieſe Be⸗ wegung war ihm nicht entgangen; er begruͤßte ſie mit einem truͤben Laͤcheln. — Fuͤrchten Sie nichts mehr von mir, ſagte er dumpf. Ich komme um Abſchied zu nehmen. Bald werde ich fuͤr Sie nur noch wie ein Todter ſein. — Was iſt geſchehn? fragte Adolphine uͤberraſcht. Der tiefe Schmerz, der ſich in Briolans Geſicht ausſprach, ließ ſie fuͤr kurze Zeit das eigene Ungluͤck vergeſſen. — Sie ſollen Alles erfahren. Ich bin Ihnen die volle Wahrheit ſchuldig. Das ſoll meine Buße ſein. Adolphine! Koͤnnen Sie mir vergeben? — Sie ſprechen in Raͤthſeln mit mir, die ich nicht verſtehen kann. Ich wuͤßte nicht, was Sie mir zu⸗ gefuͤgt. — Mehr als Sie ahnen koͤnnen. Doch die Schuld trifft mich nicht allein. Ich bin ſelbſt nur hinter⸗ gangen worden von einer frechen Abenteurerin, von meinen eigenen Anverwandten— —5o 121*— 3— Auch Sie? rief Adolphine unwillkuͤrlich aus. — Hoͤren Sie, was Ihnen nicht laͤnger verbor⸗ gen bleiben kann. Bald wird es ohnehin die Welt erfahren. Jene Somnambule, die ich ſelbſt magneti⸗ ſirte, iſt eine Betruͤgerin, ich ſelbſt wurde getaͤuſcht. — Unmoͤglich! — Meine habſuͤchtigen Anverwandten benutzten dieſe Creatur, welche, von Eitelkeit verfuͤhrt, durch — Geld beſtochen, ein ſchaͤndliches Spiel mit mir und mei⸗ ner unſchuldigen Schweſter getrieben hat. Man miß⸗ brauchte meine ungluͤckliche Stimmung, meinen Hang 1 zum Wunderbaren, um ſich meines Vermoͤgens zu bemächtigen. Ich wurde noch zur rechten Zeit ge— warnt. Doch ich wollte nicht der Anklage Glauben ſchenken. Erſt die Geſtaͤndniſſe meines eigenen Kam⸗ merdieners oͤffneten mir die Augen. Auch er war mit im Bunde gegen mich, eine kleine Wohlthat, die ich ihm erwies, ruͤhrte ihn ſo tief, daß er mir den Betrug entdeckte. Religion und Magnetismus ſtan⸗ den im Dienſte der gemeinſten Intrigue. Jetzt trete ich vor Sie hin, beſchaͤmt, gedemuͤthigt vor mir ſelbſt. Sie haben meine Irrthuͤmer mit mir getheilt, Sie ſollen durch mich wieder enttaͤuſcht werden. — Luͤge, Alles Luͤge! murmelte Adolphine von Neuem durch dieſe Entdeckung erſchuͤttert. —⸗——xxxxꝛ—————ẽͤͤͤͤͤ —?d 122— Er ſchwieg. So ſtanden ſich Beide ſtumm und— ergriffen gegenuͤber, zwei Schiffbruͤchige am oͤden Strande des Daſeins. Sie hatten Alles verloren, den Glauben an die Welt, die Liebe zur Familie. Sie waren mit all ihrem Geiſt und ihrem Wiſſen zu Bettlern geworden, ein Spott der Thoren, ein Spiel— ball der Betruͤger. Keiner wagte zuerſt die aͤngſtliche Stille zu unterbrechen. Sie waren gegenſeitig von. Scham und Reue erfuͤllt. — Und Sie wollen Iſchl jetzt verlaſſen? fragte Adolphine, nur um den peinlichen Gedanken zu ent⸗ gehn, die ſich ihr aufdraͤngten. — Was ſoll ich hier noch thun? Ich habe Alles verloren, Alles, was ich noch auf Erden mein nen⸗ nen durfte. — Alles, Alles, wiederholte ſie mit gefalteten Haͤnden. — Adolphine! Auch Sie ſind mir nun entriſſen. Sie haben ſich verlobt, verlobt mit dieſem Bangor? — Halten Sie ein! flehte ſie mit abgewandtem Geſicht. Ich will nichts mehr hoͤren. — Ich will reden, weil ich muß, trotz Ihres Ver⸗ botes. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich mich in dieſem Augenblick wie einen Sterbenden betrachte. Im Tode iſt Wahrheit und beim Scheiden fallen alle —= 123— jene elenden Ruͤckſichten fort, welche die luͤgneriſche Welt von uns verlangt. Ja, ich liebte Sie, Adolphine! und ich kaͤmpfte einen heißen, wilden Kampf. Thor! der ich war. Ich wollte der Welt entſagen und Sie zugleich beſitzen. Wochenlang ſchwankte ich zwiſchen Hoͤlle und Himmel und konnte zu keinem feſten Ent⸗ ſchluſſe kommen. Liebe und Glaube, Religion und irdiſche Luſt rangen in meiner Seele. Ich war zu ſchwach, um beide zu umfaſſen, darum habe ich Alles eingebuͤßt. Sie gehoͤren einem andern Manne an. Auch der letzte Troſt iſt mir entriſſen. Adolphine war tief erſchuͤttert. Noch einmal trat der Verſucher an ſie heran. Ein falſches Mitleid mit ſich und dem Baron beſchlich ihr Herz. Sie ſtand ſchon im Begriff ihm die Wahrheit zu geſtehn, die er zum Theil ahnte. Ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen. Als er ſie weinen ſah, ſchoß eine wilde Freude uͤber ſein Geſicht. — Sie weinen, ſagte er triumphirend. Laſſen Sie mich dieſe Thraͤnen hinwegkuͤſſen. Nein, Sie lieben dieſen Bangor nicht. Es iſt nicht moͤglich. Ich kann es nicht denken, daß ein Weib wie Sie einem ſolchen Manne angehoͤren ſollte. Faſſen Sie Muth und ſagen Sie mir Alles. Ich will Sie aus ſeinen Haͤn⸗ den befreien. Ein Wink von Ihnen und ich bleibe. — d 124— Adolphine! Noch iſt es Zeit. Vielleicht bluͤht Ihnen und mir eine beſſere Zukunft und wir werden gluͤck— lich ſein. Nein, das Leben hat noch nicht allen Reiz fuͤr mich verloren, wenn ich Ihre Thraͤnen fuͤr mich deuten darf. Folgen Sie mir und trotzen wir der Welt. Es giebt fuͤr mich wieder nur ein Gebot und das heißt Genuß. O! wir waren Narren der Mei— nung, eines Wahns. Was kuͤmmert uns das Ge⸗ ſchwaͤtz der Thoren, das Geſchrei des blinden Hau⸗ fen? Wir ſtehen uͤber ihm. Wir wollen genießen. Fort mit den kindiſchen Ruͤckſichten, mit der Geſpenſter⸗ furcht. Wagen wir es nur und wir ſind frei. Waͤhrend er ſo ſprach, erhielten ſeine eingefalle— nen Augen wieder ihren alten, daͤmoniſchen Glanz und funkelten wie zuckende Irrlichter, die den Wan— derer verlocken. Aber der Zauber war fuͤr Adolphine geſchwunden. Ihr Mitleid hatte ſich vollends in Ver⸗ achtung, in Abſcheu verwandelt. — Gehen Sie, ſagte ſie mit beleidigter Wuͤrde. Ich will Ihnen auch dieſen letzten Irrthum noch ver⸗ geben. Unſere Wege trennen ſich. Niemals werde ich die Ihrige. Sie haben mich noch zur rechten Zeit gewarnt. Waͤre ich ein Mann, ſo wuͤrde ich Rechen⸗ ſchaft fuͤr die Beleidigung gefordert haben, die Sie mir heute angethan. Doch nein, ich muß Ihnen noch 8 — e 125 8— zum Dank verpflichtet ſein. Es iſt beſſer ſo, wie es gekommen. Auch dieſe Maske iſt gefallen und ich habe Nichts mehr auf dieſer Welt, was ich achten darf. — Hoͤren Sie mich, Adolphine, flehte Briolan. Laſſen Sie uns nicht im Zorne ſcheiden. Ich geſtehe gern mein Unrecht ein. Hier biete ich Ihnen meine Hand, Rang, Vermoͤgen, Alles was ich noch auf dieſer Erde beſitze. — Jedes Wort aus Ihrem Munde iſt nur eine neue Beleidigung. Verlaſſen Sie mich. Sie deutete mit ihrer ausgeſtreckten Hand gebieteriſch nach der Thuͤre. Briolan wagte nicht, ihrem Befehl zu wi— derſtehen. Selbſt im Zorn erſchien ſie ihm noch im⸗ mer ſchoͤn und anbetungswuͤrdig. Noch einmal ſuchte er ſich ihr zu nahen, aber der ſtarre Ausdruck ihres Geſichtes bannte ihn. Wie verſteint blieb er in ehrerbietiger Entfernung ſtehen. — Verloren, Alles verloren! rief er im wilden Schmerz und ſchwankte gaͤnzlich gebrochen zur Thuͤre hinaus. —eo 126— X. Droben auf einſamer Alp ſaß das ſchoͤne Nandel in der Abenddaͤmmerung. Mit ihren ſanften Tauben⸗ augen ſtrengte ſie ſich an in die bereits dunkelnde Ferne zu ſehen. Ihr unſchuldiges Herz pochte dabei voll banger Erwartung. Seit Wochen ſchon lebte ſie nicht mehr in dem Hauſe des ſtrengen Ohms. Er hatte ſich von ihr getrennt. Ohne ihr einen Grund anzugeben brachte er ſie in dieſe Sennhuͤtte, welche einem ſeiner Anverwandten angehoͤrte. Es war ein herrliches Plaͤtzchen, mitten zwiſchen den hohen Ber⸗ gen gelegen. Vom Thal auf fuͤhrte ein ſteiler Weg, den nur ſelten ein menſchlicher Fuß betrat, zu der gruͤnen Matte empor. Dort wohnte ſie allein und huͤtete das Vieh, welches ihrer Aufſicht anvertraut war. Höͤchſtens einmal der Woche ſah ſie das ernſte, gerunzelte Geſicht des Bergmanns. Dann und wann ſprach auch der Valentin bei ihr vor. Der Holz⸗ knecht war in der letzten Zeit noch mehr verwildert und ſie fuͤrchtete ſich vor den Ausbruͤchen ſeiner rohen Wuth. Lieber blieb ſie ganz einſam als in ſeiner trotzigen Geſellſchaft. Wer ſie aber faſt gar nicht mehr verließ, das war der Troddel. Er wich nicht —“o 127— mehr von ihrer Seite und die friſche Bergluft ſchien ihm auch wohlzuthun. Dabei leiſtete er ihr ſtets die beſten Dienſte. Den ganzen Tag war er mit dem Vieh beſchaͤftigt. Hatte ſich eine graſende Kuh zwi⸗ ſchen Felſen verirrt, ſo daß ſie weder vorwaͤrts, noch ruͤckwaͤrts wußte und bloͤkend da ſtand, ſo kletterte der Sepp wie eine Katze am Abgrund und fuͤhrte die Verirrte wieder auf den rechten Weg. Er kannte jeden Vorſprung, jeden Steg, wußte wo die ſaftig⸗ ſten Kraͤuter und die ſchoͤnſten Alpenblumen ſtanden. Wie ein treuer Schaͤferhund war er den ganzen Tag auf den Beinen und erſparte dem ſchoͤnen Nandel manche Muͤhe und Arbeit. Dafuͤr war ſie ihm auch dankbar. Sie gab ihm die beſte Milch und den ſchoͤn⸗ ſten Kaͤſe, ſetzte ſich zu ihm und redete mit ihm wie mit Ihresgleichen. Der Troddel horchte hingegen auf jedes Wort von ihr und ſchien ſie vollkommen zu ver— ſtehen. Ueberhaupt hatte der kurze Aufenthalt auf der ſonnigen Alp einen weſentlichen Einfluß auf ſeine geiſtigen Faͤhigkeiten ausgeuͤbt. Aus der thieriſchen Huͤlle brach ſchon oͤfter ein Strahl der goͤttlichen Ver⸗ nunft und es gab Augenblicke, wo er einem menſch— lichen Weſen immer aͤhnlicher wurde. Und noch ein Gaſt ſuchte das ſchoͤne Nandel in ihrer Einſamkeit auf. Er war es, den ſie jetzt ſo — 128— ſehnſuchtsvoll erwartete und nach dem ſie in der uͤber⸗ handnehmenden Dunkelheit ausſpaͤhte. Der Maler hatte Hallſtadt nicht ſogleich verlaſſen, wie er ſeinem Freunde verſprochen. Erſt erwartete er die Empfehlungsbriefe, welche laͤngere Zeit aus⸗ blieben. Spaͤter verweilte er unter allerlei Vorwaͤn⸗ den, da er ſich ſelber nicht einmal den wahren Grund eingeſtehen wollte. Nach jenem heftigen Ausbruch ſeiner Verzweiflung verfiel er in eine Krankheit, die ihn mehrere Tage an ſein Bette feſſelte. Damals war noch Nandel im Hauſe ihres Oheims und ver⸗ pflegte ihn. Da geſchah es wohl, daß ſie oft laͤngere Zeit in ſeiner Näͤhe verweilte. Bald mußte ſie ihm einen Heiltrank reichen, den der Arzt verordnet hatte, bald brachte ſie ihm ein Krankenſuͤpplein, welches ſie ſelbſt gekocht und ihm mit zaͤrtlicher Sorgfalt aufnoͤ⸗ thigte. Zuletzt kam ſie auch ohne das und blieb im⸗ mer laͤnger und ganz von freien Stuͤcken in der Krankenſtube. Ihre Geſellſchaft mochte zu ſeiner ſchnellen Heilung noch mehr beigetragen haben, als der geſchickte Sali⸗ nendoctor mit ſeiner Medicin. Wenigſtens erquickte ihn ihr Anblick, ſo oft ſie in die Stube trat, wie Bluͤthenduft. Er gehoͤrte eben zu den ſchwachen Na⸗ turen, deren Herz der Liebe bedarf. Nachdem ſich —2 129— Adolphine von ihm losgeſagt, Georg ihn verlaſſen hatte, ſtreckte er die Arme ſehnſuͤchtig nach einem an— dern Weſen aus. Wie die Schlingpflanze ſuchte er ſich an dem Naͤchſten feſtzuhalten und wieder vom Boden emporzuranken. Da ſaß das holde Nandel neben ihm und er brauchte erſt nicht weit zu gehn. Ihre Schoͤnheit war ihm ſchon laͤngſt aufgefallen, da⸗ fuͤr war er Kuͤnſtler genug. Wegen ihrer Verſchaͤmt⸗ heit und der Scheu, die ſie ausſchließlich ihm gegen— uͤber zeigte, hatte er ſie leider fuͤr beſchraͤnkt gehalten. Außerdem draͤngte das ſtrahlende Bild Adolphinens das liebliche und beſcheidene Nandel in den Hinter⸗ grund. Jetzt aber traten alle ihre Vorzuͤge lebendig hervor, wie das ſanfte Mondlicht, wenn die blen⸗ dende Sonne am Horizont verſchwunden iſt. Grade ein ſolch wundes Herz, wie Ferdinand be⸗ ſaß, iſt einer neuen Leidenſchaft beſonders zugaͤnglich. Im friſch gepfluͤgten Boden gedeiht die Saat am Beſten und auf Ruinen waͤchſt Alles um ſo luſtiger. Starke Maͤnner ſind Felſen. Eine ungluͤckliche Liebe ſchlaͤgt wie der Blitz eine ewige Spur in ihre Seele, waͤhrend die ſchwaͤcheren Naturen dem Waſſer gleichen. Wenn der gluͤhende Strahl hineinfaͤhrt, ſo ziſcht und tobt es gewaltig auf, aber eine Stunde ſpaͤter— und die Oberflaͤche iſt wieder glatt, wie zuvor. So er⸗ II. 9 — e 130 8⁸— ging es dem Maler. Mit jedem Tage gefiel ihm das ſchoͤne Nandel beſſer. Jetzt erſt entdeckte er hundert gute Eigenſchaften, die er fruͤher uͤberſehn. Sie be— ſaß nicht nur fromme Taubenaugen, ſondern auch ein wahres Taubenherz. Ihr ganzes Weſen war Guͤte und Hingebung. Sie lebte nur fuͤr Andere und Aufopferung ſchien ihr Beduͤrfniß zu ſein. Nach⸗ dem ſie einmal ihre anfaͤngliche Scheu vor dem „Herrn“ uͤberwunden hatte, zeigte ſie auch mehr Geiſt als er von ihr erwartete. Ihre vermeintliche Beſchraͤnktheit war nur die Huͤlle eines geſunden Ver⸗ ſtandes, dem es ſelbſt nicht an einer gewiſſen Schalk— haftigkeit gebrach. Ihre Natuͤrlichkeit entzuͤckte ihn und ſogar der Mangel an gewoͤhnlicher Bildung gab ihr in ſeinen Augen einen neuen Reiz. Er traͤumte ſich bereits in eine Idylle, in eine Dorfgeſchichte hin⸗ ein, nachdem das mehr dramatiſche Verhaͤltniß zu Adolphinen ein ſo ungluͤckliches Ende fuͤr ihn genom⸗ men hatte. Das ſchoͤne Nandel ſelbſt brauchte ſich nicht erſt zu verlieben, denn ſie liebte ihn vom erſten Augenblick an, da ſie ihn geſehn. Er war ihr Alles, ihr Herr und ihr Gebieter und ſie duͤnkte ſich ſchon gluͤcklich, wenn ſie ihm nur als treue Magd dienen durfte. Ihre Neigung verrieth ſich in jedem Blick, in jeder E* 4 r — 131— Bewegung. Sie wußte ſich nicht zu verſtellen, und ehe ſie ſich ſelber uͤber ihre Liebe klar geworden, lag ſie in ſeinen Armen und an ſeiner Bruſt. Dieſes Gluͤck ſollte nur kurze Zeit andauern. Beide wurden von den mißtrauiſchen Blicken des Bergmanns und von den noch ſchaͤrferen Augen des eiferſuͤchtigen Valentins bewacht. Eines Tages ver⸗ ſchwand das ſchoͤne Nandel ploͤtzlich aus dem Hauſe. Der ſtrenge Ohm brachte ſie auf die hohe, weit ent⸗ legene Alpe. Dort glaubte er ſie ſicher vor den Nach— ſtellungen des Malers, dem er zu gleicher Zeit die Wohnung kuͤndigte. Aber die Liebe hat Fluͤgel, we⸗ der Berg noch Thal vermag ſie aufzuhalten. Je mehr Hinderniſſe ihr in den Weg treten, deſto ſchneller und maͤchtiger wächſt ſie empor. Der Funke, welcher ſonſt vielleicht erloſchen waͤre, wird vom Wind zur Flamme angefacht. Ferdinand blieb in Hallſtadt und miethete ſich im Gaſthauſe ein. Den ganzen Tag ſtreifte er im Ge⸗ birge umher, um die Spur des ſchoͤnen Nandel zu ſuchen. Daß ihm ſein Wunſch nicht ſo bald in Er⸗ fuͤllung ging, ſteigerte nur ſeinen Eifer. Der alte Engelfranz hatte dafuͤr geſorgt, daß ihm die Ent⸗ deckung ſchwer ward. Die einſame Alpe war nur we⸗ nig Menſchen bekannt und lag auf faſt unzugaͤnglicher 0 9* — d 132— Hoͤhe. Niemand außer ihm und dem Valentin wußte um das Geheimniß. Auch dem Troddel blieb Nan⸗ dels neuer Aufenthalt vorlaͤufig verborgen. Aber dem Kretin war das Leben in Lahn verleidet, ſeit— dem er nicht mehr das holde Antlitz ſeiner Wohlthaͤ⸗ terin erblickte. Den erſten Tag war er ſo betruͤbt, daß er keinen Biſſen anruͤhren mochte. In allen Winkeln und Kammern kroch er herum, um ſie zu ſuchen. Am naͤchſten Morgen war auch er verſchwun⸗ den. Von jenem wunderbaren Inſtinkt geleitet, wel⸗ cher bei den niederen Weſen die Stelle der Vernunft zu vertreten ſcheint, kletterte er von Berg zu Berg, von Klippe zu Klippe, bis er die abgelegene Senn⸗ huͤtte und den Gegenſtand ſeiner Nachforſchungen endlich fand. Mit einem lauten Freudenſchrei ſtuͤrzte er erſchoͤpft, halbtodt zu ihren Fuͤßen. Durch ihre Sorgfalt und Pflege erholte er ſich bald wieder und ſeitdem verließ er ſie nur ſelten. Der muͤrriſche Berg⸗ mann hatte nichts gegen ſeine Geſellſchaft einzuwen— den und fuͤrchtete von dem bloͤden, der Sprache faſt beraubten Geſchoͤpf keinen Verrath des Geheimniſſes. Nachdem der Maler bereits einige Tage vergebens nach Nandel ausgeſpaͤht, ſah er auf einem Felsvor⸗ ſprung ein ſeltſames Weſen kauern, das ihn mit allerhand wunderlichen Toͤnen und Zeichen gruͤßte. —2 133 8— Er erkannte ſogleich den Kretin und naͤherte ſich dem⸗ ſelben. Eine geheime Ahnung ſagte ihm, daß er am Ziele ſeiner Nachforſchungen ſtehe. Es war ihm un— moͤglich ein Geſpraͤch mit dem Ungluͤcklichen anzu⸗ knuͤpfen, der nur thieriſche Laute aus rauher Kehle hervorſtieß. Ferdinand beſchloß ſich jedoch unbedingt der Leitung eines ſolchen Fuͤhrers anzuvertrauen und ihm zu folgen. Sobald der Troddel ſeinen alten Freund, den Maler, bemerkte, ſetzte er ſich ſchnell in Bewe⸗ gung. Kaum vermochte ihm dieſer nachzufolgen. Es war ein harter, ungebahnter Weg voll vorſpringen— den Baumwurzeln und wuͤſtem Geroͤlle. Glatte Kie⸗ fernadeln erſchwerten das Gehen und bei jedem Schritt glitt der Fuß aus. Immer ſteiler ſtieg der Berg empor und der Maler bereute ſchon ſeinen thoͤrichten Entſchluß. Es war eine halsbrechende Partie und der Kobold, welcher vor ihm herſchoß, ſchien ihm keineswegs ein ſicherer Fuͤhrer. Ploͤtzlich verlor ſich auch die bisher noch ſichtbare Spur eines Fußpfades unter einem Labyrinth herabgeſtuͤrzter Felſentruͤmmer. Der Maler hielt es nicht fuͤr gerathen, weiter zu gehen, und fuͤrchtete ſchon, moͤglicher Weiſe in den tiefen Abgrund zu ſtuͤrzen. Erſchoͤpft ruhte er auf einem Steine aus und uͤberlegte, ob er nicht bei Zeiten ſeinen Ruͤckzug antreten ſollte; aber der Trod⸗ — e 134-— del winkte ihm von Neuem und zerrte an ſeinem Rock. So oft Ferdinand ſtehen blieb, ſah er ihn mit ſeinen glanzloſen Augen an und deutete mit ſeinen langen Armen nach dem ſeltſam geformten Gipfel des Ber⸗ ges. So ließ der Kretin nicht von ſeinem Begleiter, bis dieſer Miene machte, ihm zu folgen. Dann ſprang er wieder behende voran wie ein Hund, der ſeinem Herrn vorauseilt, geſchickt uͤber die Steine ſetzend und mit bewunderungswuͤrdiger Sicherheit am ſchwindelnden Abgrunde emporklimmend. Vorſichtig folgte ihm der Maler nach. So waren ſie ſchon mehrere tauſend Fuß geſtiegen. Zu ihren Fuͤßen lag ein Gewirre von unbekannten Bergruͤcken und Schluch— ten, aus deren Tiefe die Bergwaſſer wie Silberfaͤ⸗ den glaͤnzten. Ihnen gegenuͤber erhob ſich der Dach⸗ ſtein mit ſeinen ewigen Gletſchern und meilenlan⸗ gen Schneefeldern. Aus dem Abgrunde ſtarrte der Hallſtaͤdter See herauf, wie ein großes, dunkles Menſchenauge, in deſſen Tiefe ſich ein noch dunkleres Geheimniß birgt. Es war ſo ſtill auf der Hoͤhe, als waͤre die ganze, große Welt geſtorben und alles Le⸗ ben todt. Faſt fuͤrchtete ſich Ferdinand vor der laut⸗ loſen Einſamkeit, vor dieſem Schweigen der Natur. Da toͤnte droben aus der Ferne der trauliche Klang der Glocken und Gloͤckchen, welche die Naͤhe einer — 135 6— Alpenwirthſchaft verkuͤnden. Dazwiſchen ſchallte eine liebliche Menſchenſtimme, ſilbern und heller als all die Glocken und Gloͤckchen ringsumher. Ferdinand kannte das Lied und die Saͤngerin. Jetzt folgte er ſeinem Fuͤhrer ohne alle Furcht und kam ihm faſt zuvor. Immer lauter toͤnte Nandels Geſang und er konnte die einzelnen Worte ſchon verſtehen. Sein Herz pochte ihm laut in der Bruſt. Es bedurfte nur noch einiger Schritte und er ſtand an dem erwuͤnſchten Ziel. Da lag die Alpe, wie ein Smaragd im hellen Sonnenſchein. Ein großer Ahornbaum beſchattete die Huͤtte, vor deren Thuͤr ein geſchwaͤtziges Bruͤnnlein floß. Ringsumher weideten zerſtreut die braunen und rothen Rinder oder ruhten behaglich wiederkaͤuend in dem duftigen Gras, auf einem Bluͤthenteppich, wie ihn ſchoͤner kein Fuͤrſt in der Welt haben mag. An einem Abhang ſaß das ſchoͤne Nandel. Ihr Sitz war ein großer Stein mit Moos bekleidet, weich wie Sammt. Ueber ihrem Haupte wuchſen Alpenro⸗ ſen und Primeln, zwitſcherte der zahme Bergfink ſein friſches Lied. Sie blickte ſehnſuchtsvoll in die Tiefe. Ihre Gedanken weilten im Thale bei dem Manne ihrer Liebe. Sie ahnte nicht ſeine Naͤhe und er wurde nicht muͤde die holde Geſtalt zu betrachten. — Nandell rief er ihr endlich zu. — d 136— Sie horchte auf. Die Stimme kam ihr ſo bekannt vor. Doch ſie wagte nicht an ihr Gluͤck zu glauben. — Ich bin es, wiederholte er. Jetzt erſt blickte ſie zu ihm empor. Mit einem lauten Freudenſchrei ſtuͤrzte ſie an ſeine Bruſt. XI. Das waren himmliſche Stunden, welche der Ma⸗ ler auf der Alp verlebte. Er kehrte immer wieder zuruͤck. Da ſaß er mit dem lieblichen Kinde in der gruͤnen Einſamkeit und lauſchte ihrem ſuͤßen Ge⸗ ſchwaͤtz. All ſein Ehrgeiz war geſchwunden und die Natur, als deren Verkoͤrperung ihm Nandel erſchien, uͤbte ihre Wunderkraft auf ſein krankes Herz. Ruhe und Frieden kehrten ihm hier zuruͤck und er vergaß die Welt mit ihrem Treiben, ihren Qualen und Schmerzen. Kein irdiſcher Wunſch, keine wilde Be⸗ gierde beſtuͤrmte ſeine Bruſt. Sie ſchwiegen in der Gegenwart dieſer Unſchuld, welche ſo ganz Liebe, Hingebung und Vertrauen war. Beide dachten nicht an die Zukunft, der Augen— blick war ihnen Alles. Ihnen genuͤgte ſchon, ſich zu — 2 — ſehen, mit einander ſprechen zu duͤrfen. Was woll— ten ſie auch mehr? Die uͤbrige Welt war fuͤr ſie nicht vorhanden, kein ſtoͤrender Laut drang zu ihrem Aſyl empor. Sie lebten wie auf einer noch unent⸗ deckten Inſel im fernen Ozean. Den einzigen Schmerz empfanden ſie wenn Ferdinand ging, aber ſelbſt dieſe kurze Trennung erhoͤhte nur die Freude des taͤglichen Wiederſehens. Der Maler fuͤhlte ein Gluͤck, an das er bisher nicht mehr geglaubt. Er feierte gleichſam eine Art von geiſtiger Wiedergeburt. Seine moderne Zerriſ⸗ ſenheit machte einem innigen Wohlbehagen Platz. Er konnte uͤber ſeine fruͤheren Plaͤne und Beſtrebungen im Stillen laͤcheln. Adolphinens Bild ſchwand immer mehr aus ſeinem Gedaͤchtniſſe. Sie war ihm nur noch die Repraͤſentatin einer mit ſich ſelbſt zerfalle— nen Geſellſchaft. Ihren Geiſt vermißte er an Nandel nicht, deren Natuͤrlichkeit und Herzenseinfalt ihm jetzt weit hoͤher galt. Es ging ihm wie dem reichen Praſ⸗ ſer, der zuweilen einen Trunk aus dem friſchen Berg⸗ quell dem koͤſtlichſten Weine vorzieht. So verſchwanden die ſchoͤnen Tage den Liebenden in anſcheinender Einfoͤrmigkeit und doch voll ent— zuͤckender Abwechslung. Wer vermag dieſen geheimniß⸗ —d 138— vollen Reiz einer gluͤcklichen Neigung zu ſchildern? Ihre Wonnen und Freuden ſtroͤmen aus verborgenen Quellen, die der Profane nie entdeckt. Ein Blick wird zum Ereigniß, ein leichtes Wort erhaͤlt eine ſchwere Bedeutung. Ein Laͤcheln praͤgt ſich ewig dem Gedaͤchtniß ein und der Greis zehrt noch an der Erin⸗ nerung eines weſenloſen Nichts. Ferdinand und Nandel genoſſen dieſes Gluͤck im reichſten Maße. Je⸗ der Stein, jeder Baum war fuͤr ſie ein Monument. Hier hatte ſie geſeſſen, dort war ſie zum erſten Mal ihm begegnet. Heute brachte er ihr das von ihm ge— malte Bild ihrer Schutzheiligen, welches ſie uͤber ihr jungfraͤuliches Bett heftete, und morgen gab ſie ihm den fuͤr ihn gepfluͤckten Blumenſtrauß. Alles war ſchoͤn, groß und bedeutend. Wenn ſie ſprach, lauſchte er mit Entzuͤcken auf die unverdorbene und uͤberra⸗ ſchende Sprache der Natur. Da entdeckte er hundert neue Wendungen und poetiſche Gedanken von einer Friſche und Unmittelbarkeit, welche er bei keinem ſo⸗ genannten Volksdichter bisher gefunden hatte. Sie dagegen hoͤrte ihm andaͤchtig zu, wenn er von der Welt, von Kunſt und Bildung ſprach. Seine Worte klangen ihr wie eine heilige Offenbarung. Er wurde ihr Lehrer und mit ſeinen Augen erſchaute ſie das wunderbare All. — e 139— Aus dieſer Unterhaltung erwuchs fuͤr Beide ein neuer Umſchwung ihres ganzen Weſens. Der Maler naͤherte ſich wieder der Natur und Wahrheit, waͤhrend Nandel den engen Horizont ihrer Gedankenwelt ſich taͤglich mehr erweitern ſah. So gewannen ſie gegenſeitig und ergaͤnzten ſich mehr und mehr. Ferdinand gefiel ſich in der Rolle des Lehrers, wobei er ſelbſt doch zum unbewußten Schuͤler wurde. Seine Liebe wuchs mit jedem Tag, aber dies Gefuͤhl war weit verſchieden von der Leidenſchaft, mit wel— cher er Adolphinen noch vor Kurzem folgte. Aus einem Sklaven war er ein freier Mann geworden. Oft glaubte er das Alles nur zu traͤumen, die Moͤg— lichkeit eines ſolchen Gluͤckes erſchien ihm wie das. Phantaſiegebilde des Dichters. Die Alpe duͤnkte ihm das verlorene Paradies, welches ihm allein ſich wie⸗ der oͤffnete. Hier war der Himmel blauer, die Sonne goldener, reinere Luͤfte umwehten ihn. Die Natur hatte ſich auf dieſen Hoͤhen ihre urſpruͤngliche Jung— fraͤulichkeit bewahrt. Nirgends glaubte Ferdinand die Blumen duftiger, die Kraͤuter friſcher und glaͤnzender geſehn zu haben. Ein eigener Schmelz lag auf jedem Blatt, eine wunderbare Farbenpracht um Fels und Wieſen ausgebreitet. Jeder Augenblick brachte einen neuen Reiz hervor und der Wechſel der Beleuchtung — 5d 140 6— befriedigte und entzuͤckte ſein Kuͤnſtlerauge. Das waren gewiß die genußreichſten Studien, welche er in der Naͤhe der Geliebten machen durfte. Bald ſchaute er die erhabenen Formen der nahen Gletſcher, bald ſah er in die gruͤne, daͤmmernde Tiefe, oder in die blaue Ferne. Zuweilen verſuchte er in fluͤchtigen Zuͤgen das Geſehene mit dem Bleiſtift in ſeinem Skizzenbuche feſtzuhalten. Dann ſtand das ſchoͤne Nandel bewundernd neben ihm und unwillkuͤrlich er⸗ ſchien ihr holdes Bild im Vordergrunde der land⸗ ſchaftlichen Szenerie. Wenn ſie ſich dann ſelbſt wohl— getroffen erblickte, ſtieß ſie einen Freudenſchrei uͤber ſeine Geſchicklichkeit aus und dankte ihm mit ſuͤßem Laͤcheln. Auch der Troddel wurde nicht vergeſſen und trotz ſeiner abſchreckenden Geſtalt wußte ihm der Maler den Ausdruck der Treue und Ergebenheit zu geben, den ſein Geſicht zuweilen deutlich zeigte. Tag auf Tag verfloß auf dieſe Weiſe in unaus⸗ ſprechlicher Seligkeit. Die Liebenden bemerkten nicht das Unwetter, welches ſich drohend uͤber ihren Haͤup⸗ tern zuſammenzog. Trotz aller Vorſicht konnten die Beſuche Ferdinands nicht unbemerkt bleiben. Der Holzknecht hatte Verdacht geſchoͤpft und legte ſich, ſo oft er von ſeinem muͤhevollen Geſchaͤft abkommen konnte, auf die Lauer. Zwar gelang es ihm nicht, —? 141 6— den Maler auf der Alpe ſelbſt zu uͤberraſchen. So⸗ bald der Abend kam und die Dunkelheit eintrat, mußte Ferdinand ſcheiden und nach Hallſtadt zuruͤckkehren. Das ſchoͤne Nandel litt ihn dann nicht länger in ihrer Naͤhe, theils aus jungfraͤulicher Scham, theils aus Furcht und Beſorgniß wegen eines gefaͤhrlichen Zu⸗ ſammentreffens mit dem ungeſtuͤmen Valentin. Dieſer pflegte ſie dann ploͤtzlich in der Nacht bald allein, bald in Geſellſchaft ſeiner Kameraden zu uͤberfallen. Solche Beſuche gehoͤren im Gebirge zu den gewoͤhn⸗ lichen Ereigniſſen. Jeder Holzknecht hat auf der Alpe ſeine befreun— dete Sennerin, die er in der Nacht heimſucht, wenn er es nicht vorzieht in der gemeinſchaftlichen Kaſerne, einem Blockhaus aus rohen Balken und Brettern er— richtet, mit ſeinen Gefaͤhrten zu ſchlafen. So oft der Valentin abkommen konnte und in einem nicht allzufern liegenden Walde beſchaͤftigt war, machte er von dieſer Sitte Gebrauch. Nach der angeſtrengte⸗ ſten Arbeit ging er oft noch ſtundenlang und erſtieg die hohe Alp, um ſeine Sennerin zu ſehn. Bei die⸗ ſen Wanderungen geſchah es oft, daß er dem Maler begegnete. Dieſer Umſtand genuͤgte dem eiferſuͤchti— gen Burſchen, um ſeinen Verdacht zu erregen. Auch das Benehmen Nandels war nicht geeignet, ſeinen — d 142— Argwohn zu zerſtreuen. Sie vermochte nicht zu heu⸗ cheln und zeigte ihm unverholen die ſteigende Abnei⸗ gung, welche ihr ſeine Rohheit einfloͤßte. Die fruͤ⸗ here Vertraulichkeit zwiſchen Beiden hatte aufgehoͤrt und nur mit Widerſtreben oͤffnete ſie ihm ihre Huͤtte, wenn er ungeſtuͤm Einlaß forderte. Den Ausbruͤchen ſeiner wilden Zaͤrtlichkeit wußte ſie ſtets mit einer weiblichen Wuͤrde zu begegnen, welche ſelbſt dem wuͤ⸗ ſten Burſchen Achtung einfloͤßte. Je mehr er aber ſich bezwingen mußte, deſto hoͤher ſtieg ſein Groll gegen einen gluͤcklicheren Nebenbuhler, den er mit Recht in der Perſon des Malers vermuthen durfte. Bald wußte er ſich durch fortwaͤhrendes Lauſchen, Spioni⸗ ren und Beobachten Gewißheit zu verſchaffen. Sobald er zu dieſer Ueberzeugung gelangt war, hatte er nur noch den einzigen Gedanken, Rache an dem beguͤnſtigten Nebenbuhler zu nehmen. Wie die meiſten Holzknechte, welche eine eigene Corporation mit beſtimmten Gebraͤuchen, Sitten und Rehien in jener Gegend bilden, war auch Valentin ein geuͤbter Schuͤtze. Seit einigen Tagen hatte er ſich von der Arbeit losgemacht und bei dem Meiſter⸗ knecht, dem oberſten Aufſeher der Genoſſenſchaft, ſich abſagen laſſen. Er ſtreifte nun ſo heimlich als moͤg⸗ lich in der Naͤhe der Sennhütte, um ſeine Racheplaͤne zur Ausfuͤhrung zu bringen. Unter dem groben, wol⸗ lenen Ueberwurf, welcher bei den Holzknechten die Stelle des Mantels vertritt und einem Sacke mit zwei Oeffnungen zum Durchſtecken der Arme gleicht, hielt Valentin ſeine geladene Buͤchſe verborgen. Zwi— ſchen Felstruͤmmern und Geſtraͤuch verſteckt erwartete er die Ankunft ſeines Nebenbuhlers. Der Maler ließ ihn nicht vergebens harren. Der Holzknecht ſah ihn ſchon von Weitem kommen und den ſteilen Pfad emporklimmen. Sein wildes Herz pochte vor boͤſer Luſt. Jetzt naͤherte ſich das ahnungsloſe Opfer mit heiterem Geſicht. Ferdinand war ſo gluͤcklich und froͤhlich, wie noch nie in ſeinem Leben. Er mußte ſeinem Herzen Luft machen und ſang ein heiteres Lied, welches der Geliebten zugleich ſein Kommen verkuͤnden ſollte. Jeder Ton ſteigerte die Wuth des Burſchen und ſchnitt ihm tief in die Seele. Er pruͤfte ungeſehn den Hahn und ſpannte ihn. So ſtand er wie der Jaͤger, der das Wild belauſcht. Schon hob er das Gewehr empor und legte auf den Maler an, als er ein Geraͤuſch im Dickicht zu ver⸗ nehmen glaubte. Valentin ſtutzte und ſchaute ſich er⸗ ſchrocken um. Der Maler war gerettet und verſchwand von einer vorſpringenden Felswand gedeckt, ſo daß — e 144— der Holzknecht ſeinen frevelhaften Anſchlag fuͤr jetzt nicht mehr ausfuͤhren konnte. — Um ſo beſſer, murmelte er verdrießlich. Auf⸗ geſchoben iſt nicht aufgehoben. Er ſoll mir nicht ent⸗ gehn und Nandel ſelbſt ſoll Zeuge meiner Rache ſein. Vor ihren Augen werde ich ihn niederſchießen wie einen tollen Hund. Mit dieſen Worten eilte er ins Gebuͤſch, um dem ſtoͤrenden Geraͤuſche nachzuſpuͤren. Er konnte nichts entdecken und doch ſchien es ihm, als ob ein menſch— liches Weſen hier in der Naͤhe ſein muͤßte. Er ſah in dem ſchluͤpfrigen, feuchten Boden deutliche Spuren von Fußtritten. Zuweilen war es ihm auch als ra⸗ ſchelte es dicht neben ihm im dunklen Gehoͤlze. Wenn er aber drauf los ging, ſo ſah er ſich getaͤuſcht. Zu— letzt hielt er dies unheimliche und ihn beunruhigende Weſen fuͤr einen Fuchs, der nach ſeiner Hoͤhle kehrte und nach gewohnter, ſchlauer Weiſe den Verfolger zu aͤffen ſuchte.. Seeine Rache gab der Valentin darum nicht auf. Den Tag uͤber hielt er ſich verborgen im Gebuͤſch. Wie es aber zu daͤmmern begann, ſtieg er vorſichtig empor, um ſich der Sennhuͤtte zu naͤhern. Zwiſchen Felſen und Straͤuchern klimmte er auf ungebahntem Weg. Es gehoͤrte der ſichere Fuß und der ſchwindel⸗ — 145— freie Kopf des Holzknechtes zu dieſer gefaͤhrlichen Wan⸗ derung. Kein Anderer haͤtte es ihm ſo leicht nach⸗ gethan. Aber die Gewalt der Leidenſchaft trieb ihn zu ungewohnten Anſtrengungen und uͤber ſeine Ge⸗ danken vergaß er die Gefahr. Ein blinder Inſtinkt leitete ihn ſicher an den furchtbaren Abgruͤnden und gaͤhnenden Schluchten voruͤber. Unbemerkt hatte er ſo ſein Ziel erreicht. Zuweilen ſchien es ihm aber als hoͤrte er das eigenthuͤmliche Geraͤuſch dicht neben ſich, doch er achtete nicht mehr darauf. Ein friſcher Heuhaufen lag in der Naͤhe der Huͤtte. Dort verbarg er ſich ungeſehn von den Liebenden, waͤhrend er ſeiner Seits ſie genau beobachten konnte. Der Maler ſaß neben dem Maͤdchen, deſſen Hand er in der ſeinigen hielt. — Es iſt ſchon ſpaͤt, bemerkte Nandel. Geh, damit Dich der Valentin nicht trifft. Der wuͤſte Bub hat nichts Gutes gegen Dich im Sinn. Der Holzknecht, welcher jedes Wort deutlich von ſeinem Standpunkte aus vernehmen konnte, knirſchte vor Ingrimm mit den Zaͤhnen. Er zog ſeine Buͤchſe geraͤuſchlos unter dem Kittel hervor. Ferdinand ſuchte die aͤngſtliche Geliebte zu be⸗ ruhigen. — Ich fuͤrchte keinen Menſchen auf der Welt. II. 10 —0 146— Warum ſoll ich denn ſchon wieder Abſchied nehmen? Die Sonne iſt kaum untergegangen und der Dachſtein gluͤht noch roſig wie mein Nandel hier. — Sprich nicht ſo und mach', daß Du fortkommſt, verſetzte ſie in ſchalkhaftem Ton, waͤhrend ihr die Trennung doch innerlich nahe ging. — Wann wird der Tag kommen, wo ich Dich nicht mehr verlaſſen darf? — Ich ginge gleich mit Dir, wohin Du vwillſt, ſagte ſie ſich anſchmiegend. Aber jetzt darfſt Du nicht laͤnger bleiben. Herr du mein Jeſus! Wenn jetzt der Ohm kaͤme, ich verginge gleich vor Angſt.— Sie riß ſich bei dieſen Worten aus ſeinen Armen los, aber immer von Neuem umſchlang er ſie und ſuchte ſie feſtzuhalten. — Noch einen Kuß, flehte er. — Meinetwegen, aber er muß fuͤr heut der letzte ſein. Ihre Lippen begegneten ſich. Es war als ob ſie ſich heut nimmer trennen wuͤrden. Valentin ſchoß das Blut zu Kopf. Vor ſeinen Augen war es dunkle Nacht. Endlich ging der Maler. Sie winkte ihm noch mit der Hand zum Abſchied zu. — Gott behuͤt' Dich, mein Schatz, viel tauſend⸗ mal, rief ſie ihm aus voller Seele nach. Da krachte ein Schuß und das Echo droͤhnte hun⸗ dertfach den Schall zuruͤck. Erſchrocken wendete ſich der Maler um. Er ſah das ſchoͤne Nandel wanken und fallen. Im naͤchſten Augenblick kniete er bereits neben der Getroffenen am Boden. Der wilde Valentin hatte ſein Ziel gefehlt und ſtatt des Malers Nandel ſelbſt erſchoſſen. Ihr rothes Blut faͤrbte den gruͤnen Raſen. Der Holzknecht ſtarrte einen Augenblick wie vom Blitz getroffen, dann ergriff er die Flucht und eilte den ſteilen Pfad hinab. Ehe er jedoch einige Schritte gelaufen war, wurde er im Ruͤcken von zwei rieſigen Armen gleich eiſernen Klammern gepackt. Er wollte ſich von ſeinem Gegner befreien, den er fuͤr den Maler hielt. Mit aller Kraft, die ihm zu Gebote ſtand, ſuchte er ſich loszureißen. Er hatte es jedoch mit einem furchtbaren Feind zu thun, der ihm zwar an Gewandtheit, aber nicht an Staͤrke wich. Bald lag er am Boden und ſein Angreifer uͤber ihm. Beide rangen in ſtummer Wuth. Es war ein furchtbarer Kampfplatz. Zwei Schritte von ihnen entfernt drohte der finſtere Abgrund, Beide 10*¼ —5 148— zu verſchlingen. So rangen ſie in der Naͤhe des Todes lautlos in ſtiller Wuth. Jeder verſuchte den Andern hinabzuſtoßen. Wie zwei Schlangen wanden ſte ſich auf dem engen Raum und hielten ſich feſt um⸗ ſchlungen. Keiner ſtieß einen Laut aus, kaum war ihr keuchender Athem hoͤrbar. Nur die Augen be— gegneten ſich und gluͤhten in unausloͤſchlichem Todes⸗ haß. Jetzt hatte auch der Holzknecht ſeinen Gegner erkannt. Es war der Kretin. Der Troddel hielt ihn mit ſeinen langen Armen umklammert. Gleich einem Kobold lag er auf ſeinem Feind, ein ſpukhafter Alp, welcher ihm die Bruſt zu⸗ ſammenſchnuͤrte. Vergebens machte Valentin die furcht⸗ barſten Anſtrengungen, ſich des Verhaßten zu ent⸗ ledigen. Der lebendige Klumpen wich und wankte nicht. 3 Immer naͤher ruͤckten Beide dem verhaͤngnißvollen, ſteilen Abhang. Kaum einen Schritt waren ſie noch von der grauſen Tiefe entfernt. Der bedraͤngte Holzknecht hatte ſeine Hand endlich frei gemacht und faßte nach dem dicken Hals der Mißgeburt, um den Kretin zu erwuͤrgen. Das Ge⸗ ſicht deſſelben nahm ſchon eine blaͤuliche Faͤrbung an und ſeine glanzloſen Augen traten aus ihrer Hoͤhle, —”o 149— aber er ließ darum doch nicht los und leiſtete noch immer einen verzweifelten Widerſtand. Er ſchien keine Ahnung von der nahen Gefahr zu haben. Valentin aber warf einen entſetzten Blick in den Abgrund und ſeine Beſinnung drohte zu ſchwinden. Ein kalter Schauer rieſelte durch ſeine Glieder, ſeine Kraft war gelaͤhmt. Dazu kam der furchtbare An⸗ blick, welchen das geſchwollene Geſicht des Troddels bot. Der unfoͤrmliche Kopf wurde immer groͤßer und druͤckte wie eine zentnerſchwere Laſt auf der Bruſt des Holzknechtes. Mit ſeinen ſcharfen Zaͤhnen hatte er die wuͤrgende Rechte Valentins jetzt gefaßt und biß mit der grimmigen Wuth eines wilden Thieres hinein. Sich fortwaͤlzend lagen ſie an dem aͤußerſten Rande des Felſens. Die geringſte Bewegung noch und ſie ſtuͤrzten zerſchmettert in den Abgrund. Inſtinktmaͤßig hielten ſie im Kampfe inne und regten ſich nicht. Es war ein kurzer Waffenſtillſtand eingetreten. Durch eine Liſt hoffte ſich der Holzknecht von ſei⸗ nem Gegner zu befreien, der noch immer auf ihm rittlings ſaß. Er benutzte die eingetretene Pauſe, um neue Kraͤfte zu ſammeln. Mit einer ploͤtzlich ſchnellenden Bewegung, die er ſeinem Koͤrper gab, —?5 150— wollte er die druͤckende Laſt abwerfen. Er hatte ſich verrechnet. Der Kretin war ihm zu ſchwer und dieſe letzte Anſtrengung beſchleunigte nur das grauſenvolle Ende. Ein lauter Schrei, ein dumpfer Fall und Beide ſtuͤrzten in die Tiefe. XII. Waͤhrend dieſes Kampfes kniete der Maler neben dem lebloſen Koͤrper der Geliebten, alle anderen Vor⸗ gaͤnge nicht beachtend. Das furchtbare Ereigniß hatte ihm anfaͤnglich jede Beſinnung geraubt. Seine Thraͤ⸗ nen benetzten ihre bleichen Wangen, mit ſeinen Kla⸗ gen glaubte er noch immer ſie ins Leben zuruͤckrufen zu koͤnnen. Sie lag wie eine Schlummernde auf dem gruͤnen Raſen ausgeſtreckt, nur das ſtroͤmende Blut verkuͤndete die grauenvolle That. — Nandel, Nandel! ſchrie er verzweiflungsvoll. Die bleichen Lippen blieben geſchloſſen, der ſuͤße Mund war verſtummt, nachdem er noch vor wenig Augenblicken ſo hold gelaͤchelt, ſo anmuthig mit ihm geſcherzt hatte. Zwiſchen den Minuten lag ein Abgrund. —0 151— Der Maler rang verzweiflungsvoll die Haͤnde. Dann beugte er ſich wieder zu ihr hinab. Ihr Koͤr⸗ per fuͤhlte ſich noch warm an. Vielleicht lebte ſie noch. Dieſer Gedanke durchzuckte ihn wie ein heller Sonnenſtrahl. Er war fruͤher Zeuge bei einem Duell geweſen und hatte dem Verwundeten unter Anleitung eines Arztes beigeſtanden. Schnell unterſuchte er die Wunde, aus welcher das Blut in rothen, warmen Tropfen niederrieſelte. Er haͤtte ſein halbes Leben fuͤr die Gegenwart eines kundigen Arztes geſchenkt. Die Kugel hatte die Bruſt getroffen. Als er die Kleider des Maͤdchens zum Behuf der Unterſuchung abſtreifte und das Buſentuch entfernte, erfuͤllte ihn ein heiliger Schauer. Er erroͤthete fuͤr die Bewußt⸗ loſe. Es war nur eine kleine Oeffnung ſichtbar, aus welcher ununterbrochen der Blutſtrom ſich ergoß. Die⸗ ſer mußte zuerſt geſtillt werden. Er nahm ſein Ta⸗ ſchentuch und tauchte es in den benachbarten Brun⸗ nen, dann ſtuͤrzte er in die Huͤtte und holte aus dem ihm bekannten Winkel etwas vorraͤthiges Leinenzeug. So gut er es verſtand und vermochte, brachte er einen nothduͤrftigen Verband zu Stande. Darauf lagerte er den Koͤrper auf indeß herbeigeſchleppte Kiſſen, welche er von ihrem jungfraͤulichen Bette hnahm. Von Zeit zu Zeit netzte er den Verband mit friſchem, kal⸗ — 152— ten Waſſer. Mit aͤngſtlicher Sorgfalt beobachtete er nunmehr den Koͤrper des ſchoͤnen Nandels, um viel— leicht noch irgend eine Lebensſpur zu entdecken. Er betete, aber nicht mit den Lippen, ſondern mit ganzer Seele, ſo heiß, ſo innig, wie er ſelbſt als Kind nicht gebetet hatte. Zuweilen legte er ſein gluͤhendes Ge— ſicht an ihre Bruſt, um den ſtockenden Herzſchlag zu belauſchen, aber er hoͤrte nichts als das haͤmmernde Pochen in der eigenen Bruſt. Doch regte ſie ſich nicht, klang das nicht wie ein tiefer ſchmerzlicher Seufher⸗ In der That bemerkte Ferdinand jett ein leiſes Zucken in der ſchlaffen Hand. Sie ſchlug die bisher geſchloſſenen Augen auf und ſtarrte ihn an, als waͤre ſie aus einem tiefen Traum erwacht. — Nandel, mein Nandel! kennſt Du mich nicht? ſchrie er wie außer ſich. Erſt nach einigem Beſinnen ſchien ſie ihn wieder zu erkennen, denn ein ſchwaches Laͤcheln irrte uͤber ihrem Geſicht. Sie machte eine Bewegung, als wollte ſie mit der Hand nach der Stirne greifen. Da erſt fuͤhlte ſie den Schmerz, welchen ihr die Wunde ver⸗ urſachte, ſie ſtieß einen leiſen Schrei aus, den ihr Leid ihr entpreßte. Auch einen Verſuch zu ſprechen machte ſie, doch ſie mußte davon abſtehn, weil ſie zu — e 153— ſchwach war. Aber die Hand reichte ſie ihm hin, die er mit ſeinen Thraͤnen und Kuͤſſen bedeckte. Ein Zeichen der Liebe wollte ſie ihm ſelbſt in ihren groͤßten Leiden geben. Durch dieſe Bewegungen hatte ſich der leichte Verband wieder verſchoben und das Blut ſickerte von Neuem hervor. Unablaͤſſig legte der Maler kalte Umſchlaͤge auf die Wunde und bewachte ihren Erfolg. Das weiße Linnen faͤrbte ſich immer wieder roth und er fuͤrchtete, daß ſich die Verwundete trotz aller An⸗ ſtrengung verbluten wuͤrde. Kein Menſch war in der Naͤhe, er ſtand allein ohne Huͤlfe, ohne Rath. Aber je groͤßer die Noth, deſto naͤher iſt auch die Rettung. In ſeiner Ohnmacht wendete ſich der Maler an Den, der allein helfen kann. Lange Jahre hatte er nicht mit Gott geſprochen. Im Treiben der Welt hatte er den Vater im Himmel vergeſſen, jetzt in ſeiner Verlaſſenheit und Einſamkeit ſtreckte er die ge⸗ falteten Haͤnde zu ihm empor und er wurde gehöͤrt. Er glaubte ſchwere Naͤnnertritte zu vernehmen. — Zu Huͤlfe! ſchrie er dem Kommenden entgegen. Nach einigen peinlichen Minuten ſah er die hohe Geſtalt des Bergmanns vor ſich ſtehn. — Was giebt es hier, was iſt geſchehn? fragte der Alte in ſtrengem Ton. Ferdinand ſetzte ihn mit wenig Worten von dem ungluͤckſeligen Ereigniſſe in Kenntniß. — Das hat der Valentin gethan, erwiederte fin⸗ ſter der Engelfranz. O Menſchen, Menſchen! Dabei warf er dem Maler einen vernichtenden Blick zu, in welchem ſich der ganze Haß ſeines verbit⸗ terten Lebens ausſprach. 8— — Wir Beide ſprechen uns noch, ſetzte er leiſer hinzu. Jetzt muß nur Rath geſchafft werden. Um der Leidenden willen frage ich Sie nicht, was Sie hier auf der Alp zu ſchaffen hatten. Eilen Sie nach Hallſtadt und holen Sie den Arzt und Leute herbei. Ich werde unterdeß bei Nandel bleiben. Gehen Sie. Ferdinand zoͤgerte nicht. Er flog beim Monden⸗ ſchein den ſteilen Pfad in kurzer Zeit hinab. Wie er hinuntergekommen, ohne ſein Leben bei dieſer ſtuͤrmiſchen Eile einzubuͤßen, wußte er ſelber nicht. Die Verzweiflung beſchleunigte ſeine Schritte und fuͤhrte ihn ſicherer, als alle Vorſicht. Er fand noch Licht im Staͤdtchen. Mit kurzen Worten unterrichtete er den ihm bereits bekannten Salinenarzt von dem traurigen Vorfall. Dieſer zeigte ſich ſogleich willig mit zu gehn. In Begleitung einiger Bergleute, welche —5 155— eine Tragbahre mitnahmen, trat der Maler mit dem Doctor den beſchwerlichen Weg zur Alpe an. Zwei Maͤnner mit Fackeln bewaffnet leuchteten ihnen. So gelangten ſie zu der Sennhuͤtte, wo ſie die Verwun⸗ dete unter der Obhut des finſtern Alten fanden. Der Arzt unterſuchte beim Fackellicht die Wunde ſo gut es unter ſolchen Umſtaͤnden moͤglich war. Ferdi— nands Auge hing an ſeinen Lippen, aber der Doctor ſchwieg und der Maler wagte nicht zu fragen. Nan⸗ del wurde auf die Tragbahre gehoben. Die Fackel⸗ traͤger leuchteten voran und der Trauerzug ſetzte ſich langſam in Bewegung. Den Beſchluß bildete der menſchenfeindliche Bergmann, der wie gebrochen hin⸗ terdrein wankte. Es war Nitternacht voruͤber als ſie endlich das Haus des Engelfranz erreichten. Hier wurde Nan⸗ del behutſam auf das Bett gebracht. Der Doctor legte einen neuen Verband an und traf noch einige noͤthige Verordnungen, worauf er ſich mit den Uebri⸗ gen entfernte. Nur der Maler blieb zuruͤck. Er waͤre um keinen Preis der Welt gegangen. Der Bergmann ſah ihn verwundert an, aber ſprach kein Wort mit ihm. Beide wachten ſtumm an dem Lager und theilten ſich in ihre Pflege. In derſelben Nacht noch ſtellte — 156— ich auch ein heftiges Wundfieber ein. Die bleichen Wangen der Kranken faͤrbten ſich mit einer verdaͤch⸗ tigen Roͤthe, ihre frommen Taubenaugen erhielten einen ungewohnten Glanz, ihre zuckenden Lippen murmelten unzuſammenhaͤngende und verwirrte Re⸗ den. Zuweilen ſchrie das arme Maͤdchen erſchrocken auf. Wenn ſich aber der Maler ihr naͤherte, wurde ſie wieder ruhiger, ſie reichte ihm die Hand und ſtrengte ſich an ihm zuzulaͤcheln und ihre Schmerzen zu verbergen. Ihr Laͤcheln ſchnitt ihm tief ins Herz. Am fruͤhen Morgen erſchien der beſorgte Arzt wieder. Jetzt erſt ſprach er von Ferdinand befragt ſeine Befuͤrchtungen aus. Er hielt die Wunde nicht gradezu fuͤr toͤdtlich, aber immer noch fuͤr lebensge⸗ faͤhrlich. Die Kugel hatte zwar kein groͤßeres Gefaͤß verletzt, jedoch die Lungen getroffen. Der Doctor ſchuͤttelte bedenklich mit dem Kopf. Bei ſeinem Aus⸗ ſpruche ſah der Bergmann den Maler erbleichen und weinen. Der Engelfranz vergoß keine Thraͤne, aber als er zur gewohnten Arbeit aufbrach, reichte er zum erſten Male Ferdinand die Hand. — Ich muß fort, ſagte er traurig. Bleiben Sie bei der Kranken. Darauf ging er mit dem Arzte und ließ den Ma⸗ —2 157— 6 ler allein mit der alten Frau, welche ſeit einiger Zeit das Hausweſen verſah. Der Tag war traurig. Die Fieberphantaſieen mehrten ſich. Gegen Abend erkannte Nandel weder ihren Freund, noch den Ohm, der von ſeinem Werke zuruͤckgekehrt war. Trotz aller Einwendungen des Malers wich der Alte nicht von dem Lager der Kran— ken. Er ſaß zu ihren Fuͤßen, jede ihrer Bewegungen aͤngſtlich belauſchend. Dabei ſprach er kein Wort. Aber das ſtarre Eis ſeines Haſſes ſchien zu ſchmelzen. Ein heftiger Kampf ging in ſeinem Innern vor. Zuweilen ſah er den Maler unbemerkt von der Seite an, als wollte er ihn ausforſchen. Ferdinand machte kein Hehl mehr aus ſeiner Liebe, er zeigte ſeine Neigung offen vor aller Welt. Die Vorurtheile des Alten ſchwanden immer mehr und als der Morgen anbrach, ſprach er ſogar einige freundliche Worte und ſuchte den Betruͤbten aufzurichten, obgleich er eben ſo ſehr und vielleicht noch mehr des Troſtes bedurfte. Die Gefahr fuͤr Nandels Leben ſtieg mit jedem Tage. Ferdinand war der Verzweiflung nah und er aͤußerte unverholen ſeinen Schmerz. Minder ſtuͤrmiſch zeigte der Bergmann ſeine Trauer, welche um ſo tiefer war. Er ſchwankte nur noch wie ein Schatten — 158— umher und vermochte nicht mehr⸗ ſeine gewohnte Arbeit zu verrichten. Nichts iſt wohl in der Welt mehr geeignet die Menſchen einander zu naͤhern und gegenſeitig zu ver⸗ binden, als ein großer, gemeinſchaftlicher Schmerz. Die Stunden, welche wir an dem Krankenlager eines geliebten Weſens zubringen, bleiben unvergeß⸗ lich. Hoffnung und Furcht knuͤpfen da ein feſtes Band. Unſer Gebet und unſere Wuͤnſche ſteigen ver⸗ eint zum Himmel auf, und die Liebe, welche wir einem Dritten ſchenken, ſchleicht ſich unbemerkt von Herzen zum Herzen. Die Staͤtte der Leiden wird zu einem Altar, an dem die feindlich Geſchiedenen ſich verſoͤhnt die Haͤnde reichen. Heilig iſt der Schmerz, heilig das Krankenbett, weil es von der Liebe umſchwebt wird, weil die Engel der Duldung und Zaͤrtlichkeit es umringen, weil das rein Menſchliche dort ſich wieder offenbart. An dem Lager des armen Nandel gab der Men⸗ ſchenfeind ſeinen Haß auf. Reue kehrte in ſein Herz zuruͤck und er haͤtte ſelbſt dem Todfeind verziehen, waͤre er wie der Maler in ſeiner Naͤhe geweſen. Mehrere Tage noch ſchwebte die Kranke zwiſchen Leben und Tod. Das waren traurige Stunden, welche der Maler mit dem Bergmann verlebte, und — 159— doch brachten ſie fuͤr Beide den reichſten Segen. Auch mit Ferdinand ging eine wohlthaͤtige Veraͤnderung vor. Ein bedeutender und wahrer Schmerz, den er jetzt zum erſten Male empfand, laͤuterte ſein ganzes Weſen und verſcheuchte das ganze Heer ſeiner fruͤhe— ren, nur eingebildeten Leiden. Das Blut, welches Nandel fuͤr ihn vergoſſen, war gleichſam eine neue Taufe, aus der er gereinigt und gebeſſert hervorging. Er fuͤhlte ſich gehoben und erloͤſt von aller irdiſchen Citelkeit, von dem Wahn und der Luͤge, welcher er bisher verfallen war. Aus tiefſter Trauer und harter Pruͤfung ging er als ein aͤchter Mann hervor. Nach Verlauf einer Woche trat in dem Befinden der Kranken eine zwar ſchwache, aber merkliche Beſ⸗ ſerung ein. Die Phantaſieen hatten aufgehoͤrt und die Beſinnung war zuruͤckgekehrt. — Ferdinand! fluͤſterte Nandel, als ſie den Ge— liebten wieder erkannte. Nie hatte ihm ſein Name ſuͤßer geklungen, als von den blaſſen Lippen der Leidenden. Mit Muͤhe bezwang er ſich. Er haͤtte laut aufſchreien moͤgen vor Jubel. Seine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen der Freude und des Dankes. Langſam ſchritt jetzt die Geneſung unter der ſorgfaͤltigſten Behandlung — d 160— und Pflege fort. Nach drei Wochen vermochte die Kranke ſich in ihrem Bette aufzurichten. Der Arzt erklaͤrte, daß bei der Jugendkraft Nandels keine wei— tere Gefahr zu befuͤrchten waͤre und die vollkommene Heilung der Natur uͤberlaſſen werden koͤnnte. Bald durfte ſte auch aufſtehen und einige Stunden außer⸗ halb des Bettes zubringen. Es war an einem jener herrlichen Herbſttage, welche den Gebirgsgegenden einen neuen Reiz ver⸗ leihen, als Nandel zum erſten Male ſeit langer Zeit wieder von Ferdinand und dem Ohm unterſtuͤtzt und gefuͤhrt ins Freie trat. Der Himmel war rein und klar, wie in Licht gebadet. Statt der druͤckenden Sommerſchwuͤle wehte eine erfriſchende Luft, welche die bleichen Wangen der Kranken leicht roͤthete. Das Laub der Baͤume ſchimmerte noch im gruͤnen Glanz, nur hier und da faͤrbte ſich ein Blatt mit mattem Golde. Ueber die ganze Natur lag jene unnennbare herbſtliche Wehmuth ausgegoſſen und das Gemuͤth der Menſchen trug eine aͤhnliche ernſte und doch wieder geruͤhrte Stimmung. Nach einigen Schritten mußte die Geneſene ſchon wieder ruhen. Sie ließ ſich zu der Bank geleiten. Der entwoͤhnte Anblick hatte ſie tief ergriffen. Sie —“ 161— mußte ihrem uͤbervollen Herzen Luft machen. Worte fehlten ihr und darum weinte ſie. Auch der alte Bergmann fuhr ſich mit der rauhen Hand uͤber die tiefliegenden finſtern Augen. — Warum weinſt Dus fragte der Maler. — O! die Welt iſt ſo ſchoͤn und ich lebe noch und darf das Alles ſehn. Darum weine ich vor Freude und danke Gott. Sie hatte ihre Haͤnde gefaltet und betete leiſe. Ein ſtiller, reiner Gottesdienſt wurde ſo von den Be— theiligten hier abgehalten. Darauf legte der Alte die Haͤnde der Liebenden in einander. — Gott ſegne Euch! ſagte er mit ungewohnter Milde und Freundlichkeit. Noch an demſelben Tage hatte er ein langes und ernſtes Zwiegeſpraͤch mit dem Maler, der bei ihm um die Hand des ſchoͤnen Nandels anhielt. Der En⸗ gelfranz verſchwieg ihm Nichts und legte ihm ein voll⸗ ſtaͤndiges Bekenntniß ab. — Nandels Vater lebt noch, ſagte er dem Ma— ler, und obgleich er es nicht um mich verdient und ich ihm Rache geſchworen, ſo bleibt er doch immer ihr Vater und Sie muͤſſen mit ihm reden. — Wer iſt er? Ich will mich ſogleich an ihn wenden. II. 11 — 162— — Baron Briolan. Der Maler eilte alsbald nach Iſchl um den Baron zu ſprechen. Derſelbe war bereits abgereiſt und Nie⸗ mand vermochte ihm uͤber ſeinen Aufenthalt beſtimmte Auskunft zu geben. Auch die Graͤfin Kollmar, ſeine Schweſter, war nicht mehr im Bade. Sie hatte ihre Wohnung aufgegeben und nur eine alte Dienerin zu⸗ ruͤckgelaſſen. Dieſe wußte ebenfalls nichts Naͤheres von dem Geſchwiſterpaar. Unverrichteter Sache kehrte Ferdinand nach Hall⸗ ſtadt zuruͤck. Im Stillen ſegnete er die Abweſenheit des Barons, von dem er nur neue Hinderniſſe er⸗ wartete. Endlich gab der Bergmann ſeinem Draͤngen nach. Der Maler trat mit dem wieder geneſenen Nandel an den Altar und der wuͤrdige Prieſter legte ſegnend die Haͤnde der Liebenden in einander. Kein anderer Zeuge war zugegen als der Engelfranz, wel⸗ cher die Stelle des abweſenden Vaters vertrat. Den andern Tag wollte Ferdinand ſich mit ſeiner jungen Frau nach Venedig begeben. Er forderte den Bergmann auf ihn zu begleiten. Nach einigem Straͤuben willigte derſelbe ein. Er betrachtete die Tochter der ungluͤcklichen Margarethe wie ſein eige— nes Kind und vermochte ſich nicht von ihr zu trennen. Vor ihrer Abreiſe gingen alle Drei auf den Kirch⸗ —eo 163— hof. Nandel kniete auf dem Grabe ihrer armen Mutter. Zwei friſche Graͤber lagen an der Kirchhofsmauer. Dort ruhten die Ueberreſte des wilden Holzknechts und des treuen Troddels. Man hatte die zerſch met⸗ terten Leichen in einer tiefen Schlucht gefunden und hier beſtattet. Die Lebenden ſprachen noch ein Gebet fuͤr den Frieden der Hingeſchiedenen. Bald darauf verließen ſie gemeinſchaftlich Hall— ſtadt fuͤr immer und traten ihre Reiſe nach Venedig an, wo Ferdinand durch ſeine Kunſt ſich eine ehren⸗ volle Stellung zu erwerben hoffte. XIII. Unterdeß lebte Georg in Waldau einzig und al⸗ lein mit ſeinem Problem beſchaͤftigt und darauf be⸗ dacht ſeine Aufgabe zu loͤſen. Die Arbeit in der Faͤrberei uͤberließ er ſeinem erprobten Geſellen, waͤh⸗ rend er ausſchließlich die uͤbrige Zeit ſeiner Entdeckung widmete. Durch einige gelungene Erperimente und Verſuche glaubte er ſeinem Ziele bedeutend naͤher ge⸗ kommen zu ſein und er uͤberließ ſich neuen, ſchoͤnen 11* — 164— Hoffnungen fuͤr die Zukunft. Die Mutter ſchuͤttelte bedenklich mit dem Kopf uͤber das Treiben des Soh⸗ nes. Ihr entgingen weder die neuen Ausgaben, noch die Geldverlegenheiten, in denen ſich Georg befand. Vorlaͤufig begnuͤgte ſie ſich nur auf ihre fruͤheren Heirathsprojecte wieder zuruͤckzukommen, die Georg mit ſtillſchweigender Duldung anhoͤrte. Sie indeß nahm ſeinen Mangel an Widerſpruch fuͤr eine halbe Einwilligung und hatte mit der Wittwe Veit haͤufige und intime Zuſammenkuͤnfte. Die reiche Kaufmanns⸗ frau lud ſogar die Frau Faͤrbermeiſter zu einem Nach⸗ mittagskaffee ein, wobei ſie nicht unterließ ihrer neuen Freundin alle ihre Schaͤtze und beſonders den vollen Silberſchrank und die bereits fertig liegende Ausſtat— tung ihrer Toͤchter zu zeigen. Das war wohl ein Anblick, welcher das Herz einer Mutter ruͤhren konnte, noch dazu wenn dieſelbe im Begriff ſtand, eine wohl⸗ habende Schwiegertochter fuͤr ihren einzigen Sohn zu ſuchen. Da lag in den Schraͤnken die ſchoͤnſte Leib⸗ waͤſche, weiß wie Schnee und mit rothen Seidenbaͤn⸗ dern gebunden, da waren herrliche Damaſtgedecke mit den reizendſten Blumenmuſtern und in ihrem Gefolge die zierlichſten Servietten. Thurmhoch ruhten in luf⸗ tigem Raume die Betten und Matratzen aufgeſpeichert. Frau Becher ſchlug ein uͤber das andere Mal voll — 5 165— Bewunderung die Haͤnde uͤber dem Kopf zuſammen. Fuͤr eine tuͤchtige Hausfrau giebt es ja keinen hoͤhe— ren Genuß, als ſchoͤne Waͤſche. Die Faͤrbermeiſterin verſtand ſich darauf und ſprach ſich uͤber Alles aͤußerſt lobend, ſelbſt mit Enthuſiasmus aus. Madame Veit fuͤhlte ſich von dieſer Anerkennung hoͤchlichſt geſchmei⸗ chelt. — Das iſt noch gar nichts, ſagte ſie ruhmredig; wenn ſich erſt der rechte Mann fuͤr meine Toͤchter findet, dann ſollen Sie ſehen, was ich zu thun im Stande bin. Auf tauſend Thaler mehr oder weniger kommt es mir dabei nicht an. Man hat es ja, Gott ſei Dank. Und eine Hochzeit will ich anrichten, daß man noch in zehn Jahren davon in Waldau ſprechen ſoll. Der guten Mutter ſchwindelte der Kopf von Al⸗ lem dem, was ſie hier zu ſehen und zu hoͤren bekam. Im Stillen nahm ſie ſich vor mit Georg ein ernſtes Wort zu ſprechen. Die reiche Wittwe ließ es neben⸗ bei wieder nicht an zarten Anſpielungen fehlen, die auf einen fruchtbaren und empfaͤnglichen Boden fielen. Ohne mit der Sprache grad herauszuruͤcken, fand doch zwiſchen den beiden Frauen ein ſtilles Einver⸗ ſaͤndniß ſtatt. Der Weg war geebnet. Fuͤr heut begnuͤgte man ſich, die diplomatiſchen Unterhandlun⸗ — 166— gen zu eroͤffnen, welche auf ein inniges Buͤndniß zwi⸗ ſchen den beiden Familien abzielten. Nach dieſer Beſichtigung wurde erſt der Kaffee eingenommen. Wir koͤnnen die Verſicherung geben, daß derſelbe ausgezeichnet war. Minchen hatte den⸗ ſelben eigenhaͤndig bereitet, dazu einen ganz vortreff⸗ lichen Kuchen gebacken und dabei weder Zucker, Ro— ſinen noch Butter geſpart. Bei jedem Biſſen pries Frau Becher die Meiſterin und dieſe war ſtolzer auf das Lob der erfahrenen Matrone als ein junger Kuͤnſtler auf die erſte anerkennende Kritik. Auch Lin⸗ chen durfte ihr Licht nicht unter den Scheffel ſtellen. Sie mußte eine neue Polka ſpielen, welche die hei— tere Stimmung noch vermehrte und ein glaͤnzendes Zeugniß fuͤr ihre muſikaliſche Bildung in den Augen der genuͤgſamen Faͤrbermeiſterin ablegte. Die Muͤtter ſchieden mit den zaͤrtlichſten Freund⸗ ſchaftsverſicherungen und unter wiederholten Umar⸗ mungen. Frau Becher kuͤßte die beiden Maͤdchen auf die Wange mit dem innerlichen Wunſche eine von ihnen bald als Schwiegertochter begruͤßen zu dürfen. In ihrem Herzen gab ſie natuͤrlich dem wirthſchaftli— chen Minchen den Vorzug, okbgleich ſie feſt entſchloſ— ſen war, der Neigung ihres Sohnes keinen Zwang aufzulegen, unter der Bedingung, daß er eine von — 167— Beiden waͤhlen moͤchte. Daß dies aber geſchehen muͤſſe, verſtand ſich bei ihr ganz von ſelbſt. Dieſer Beſuch hatte manche gewichtige Folgen fuͤr alle Betheiligten. Zunaͤchſt wurde das ganze Staͤdt— chen dadurch in eine gelinde Aufregung verſetzt. Es war dies ein Ereigniß von der groͤßten Wichtigkeit, welches alle weiblichen Koͤpfe und Zungen in Waldau beſchaͤftigte. Schon an demſelben Abend wurde faſt in allen Familien daruͤber geſprochen und ſehr ernſt— haft debattirt. Große Staͤdte haben ihre politiſchen Kreiſe, Thea⸗ ter und Kunſtausſtellungen. In kleineren Oertern mangelt dieſer Stoff, dafuͤr beſchaͤftigt man ſich um ſo mehr mit ſeinen Nebenmenſchen und den haͤusli⸗ chen Vorkommniſſen. Ein unerwarteter Beſuch, ein gegebener Kaffee vertritt hier die Stelle anderer In⸗ tereſſen. Statt der Kunſtausſtellung und des Theaters beſucht man am Sonntag die Kirche und beobachtet natuͤrlich nur beim Herausgehen die neuen Hauben, Huͤte und Naͤntel, welche man ſpaͤter einer gedie⸗ genen, wiſſenſchaftlichen Kritik unterwirft. Statt der politiſchen Parteikaͤmpfe hat man die buͤrgerlichen Freundſchaften und Feindſchaften, welche oft das ganze Staͤdtchen in eine eben ſo große und eben ſo gerechtfertigte Aufregung verſetzen und die tiefſten —0 168— Spaltungen herbeifuͤhren. Wir koͤnnen ſogar mit Sicherheit behaupten, daß dieſe Kaͤmpfe aus aͤhnli— chen edlen Motiven entſtehn und mit der gleichen Er⸗ bitterung gefuͤhrt werden. Es giebt auch hier Stel⸗ lenjaͤger und Wahlumtriebe, geheime und offene In⸗ triguen, welche ſich mannigfach kreuzen und begeg⸗ nen. So erhalten die kleinſten Umſtaͤnde oft eine große Bedeutung und verurſachen keine geringe Be— wegung. Der Beſuch, welchen die Frau Becher der reichen Kaufmannswittwe abſtattete, gab den Politikern von Waldau den reichſten Stoff zum Nachdenken. Die Zuſammenkunft zweier gekroͤnter Haͤupter haͤtte un⸗ moͤglich mehr Aufſehn erregen koͤnnen. Die Frau Buͤrgermeiſterin hatte noch an demſelben Abend eine laͤngere Conferenz mit der Frau Salzinſpectorin, an welcher auch die Poſtmeiſterin und die Apothekerin und die Stadtrichterin Theil nahmen. Das Ereigniß wurde als ein ſehr ernſtes und bedeutendes in Be⸗ tracht gezogen. Man ſtellte die verſchiedenſten Hy— potheſen und Meinungen daruͤber auf. Ein Theil der Verſammlung ſah darin nur eine rein geſchaͤft⸗ liche Angelegenheit. Man wußte, daß Frau Veit eine Geldforderung an den Faͤrbermeiſter hatte. Muth⸗ maßlich handelte es ſich alſo nur um einen Hoͤf⸗ — 8 169— lichkeitsbeſuch bei der reichen und einflußreichen Kauf⸗ mannswittwe, um einen Aufſchub fuͤr die zu leiſtende Zahlung zu erlangen. Dagegen witterte die aͤußerſt kluge und ſcharfſin⸗ nige Poſtmeiſterin viel tiefer liegende Gruͤnde und Beziehungen. — Hat Frau Veit nicht zwei Toͤchter, die ſie ſo bald als moͤglich zu verheirathen wuͤnſcht, heute noch lieber als morgen? Der Herr Faͤrbermeiſter ſticht ihr und den Maͤdchen in die Augen. — Ich daͤchte da brauchte man den Faͤrbermeiſter nicht, verſetzte die Apothekerin, Mutter eines ver⸗ wachſenen Sohnes, welcher in die Fußtapfen ſei⸗ nes Vaters zu treten drohte. Es giebt noch andere junge Maͤnner— — Mit krummen Beinen und roth geraͤnderten Augen, dachte die Frau Buͤrgermeiſterin, indem ſie die Stadtrichterin leiſe anſtieß. — Ich glaube, ſagte dieſe, daß unſere Freundin Recht hat. Naͤchſtens hoͤren wir eine Verlobung. Der Herr Faͤrbermeiſter wird entweder Minchen oder Linchen nehmen. Am Liebſten wuͤrde Frau Veit ihm alle Beide geben. Die Salzinſpectorin, eine gutmuͤthige, wohlbe⸗ leibte Dame, lachte uͤber die Bemerkung der geiſtrei⸗ —e 170-— chen Stadtrichterin und gab das Signal zu einem allgemeinen beifaͤlligen Gelaͤchter; nur die Apothekerin ſchnitt ein ernſtes Geſicht, indem ſie an ihren hoff— nungsloſen Sproͤßling dachte. Das Reſultat dieſer und aͤhnlicher Zuſammenkuͤnfte im Staͤdtchen war der allgemein verbreitete Glaube, daß Georg naͤchſtens ſich mit einer Tochter der reichen Wittwe verloben wuͤrde. Im Vertrauen erzaͤhlte man ſich bereits, daß er ſo gut wie verſprochen waͤre, und berechnete die Mitgift bis auf Heller und Pfen⸗ nig. Weder Frau Becher noch Madame Veit wider⸗ ſprachen dem Geruͤcht. Wenn ihnen von Freunden und Bekannten gratulirt wurde, ſo wieſen ſie aller⸗ dings die Gluͤckwuͤnſche mit allerlei ausweichenden Redensarten ab. Dies geſchah aber ſtets in einer Weiſe, daß die Gratulanten eher in ihrer Meinung beſtaͤrkt, als davon abgebracht wurden. Georg ſelbſt blieb in vollkommener Unwiſſenheit uͤber all dieſe Vorfaͤlle. Er war viel zu ſehr mit ſei— nen Arbeiten beſchaͤftigt, um auf die verſchiedenen Geruͤchte und das Geſchwaͤtz im Staͤdtchen zu achten. Von Zeit zu Zeit beſuchte er die Wittwe Veit und gab allerdings dadurch den Frau Baſen Waldau's neue Nahrung. Sein Verhaͤltniß als Schuldner zwang ihn zu dieſer Aufmerkſamkeit. Er hatte auch —e 171— wirklich den gewuͤnſchten Aufſchub erlangt und konnte ſich daher ſorglos mit um ſo groͤßerem Eifer ſeiner Entdeckung widmen. Allerdings hatte Frau Becher, wie ſie ſich vorge⸗ nommen, einen Verſuch auf ſein Herz gemacht und mit muͤtterlicher Ueberredungskraft auf die Vortheile einer Verbindung mit Minchen oder Linchen wieder hingewieſen. Georg zeigte aber einen ganz entſchie⸗ denen Widerſtand und brach nach ſeiner Weiſe das Geſpraͤch kurz, doch ohne zu verletzen, ab. Die gute Mutter ließ ſich indeß keineswegs abſchrecken. Mit weiblicher Beharrlichkeit hoffte ſie das Ziel zu erlan— gen. Immer wieder kam ſie auf den bewußten Ge⸗ genſtand zuruͤck. Sie benutzte jede Gelegenheit das Vermoͤgen, die herrliche Einrichtung und Ausſtattung der Wittwe, ſo wie die trefflichen Eigenſchaften der Toͤchter in ſeiner Gegenwart zu ruͤhmen. Wie ge⸗ woͤhnlich ſtarke Maͤnner ſetzte auch er dieſen verſteck— ten Anſpielungen und heimlichen Angriffen nur ein beharrliches Schweigen entgegen, welches ſie nach Frauenart fuͤr eine Billigung ihrer Plaͤne nahm. Die Unterhandlungen zwiſchen ihr und der reichen Kaufmannsfrau hatten den beſten Fortgang. Madame Veit gab ihr ſogar den Beſuch zuruͤck, ein Ereigniß, welches das Staͤdtchen in der vorgefaßten Meinung nur beſtaͤttigte. An dem Tage, wo dieſe Thatſache bekannt wurde, erkrankte die Apothekerin vor Aerger und konnte daher nicht den Kaffee beſuchen, welchen die Frau Poſtmeiſterin gab und wo die naͤheren Um⸗ ſaͤnde dieſes Beſuches mit der groͤßten Ausfuͤhrlich⸗ keit beſprochen wurden. Unbekuͤmmert um all dieſe Vorgaͤnge freute ſich Georg an den bisherigen Reſultaten ſeiner Arbeit, welche in der letzten Zeit bedeutend vorgeſchritten war. Seine fruͤhere Ruhe ſchien zuruͤckzukehren. Er konnte ſich nicht den maͤchtigen Eindruck verhehlen, den Adol⸗ phine in ſeinem Herzen zuruͤckgelaſſen. Durch ihre Erſcheinung war das Gleichgewicht und der harmo— niſche Friede ſeines bisherigen Lebens geſtoͤrt. Maͤnn⸗ lich kaͤmpfte er gegen die Leidenſchaft an, deren Hoff— nungsloſigkeit er am Beſten einſah. Es wollte ihm nicht ſogleich gelingen. Seine Neigung zu ihr hatte tiefe Wurzeln in ſeiner Bruſt geſchlagen. Erſt durch angeſtrengte Thaͤtigkeit wurde er wieder Herr ſeiner Empfindungen. Jetzt lernte er von Neuem den vollen Segen kennen, der in jeder ernſten Beſchaͤftigung liegt. Jede Arbeit hat neben ihrem materiellen Nutzen auch noch einen hohen ſittlichen Werth. Sie bildet das beſte Gegengewicht gegen Phantaſie und Leiden⸗ — 173— ſchaft, welche uns nur zu leicht von dem richtigen Wege ableiten. Sie erhebt, ſtaͤrkt uns und ſchuͤtzt uns vor Verſuchungen. — Geſegnet ſei die Arbeit, dachte Georg im Stil— len, wenn er unter Retorten und Probirglaͤſern ſaß. Aber er ſah ſich noch immer weit von ſeinem eigent⸗ lichen Ziel entfernt. Mancher Verſuch war ihm ge— gluͤckt, doch die bisher erlangten Proben entſprachen noch nicht vollkommen den davon gehegten Erwar⸗ tungen. Durch einen ihm eigenthuͤmlichen chemiſchen Prozeß war es ihm zwar gelungen dem zum Faͤrben benutzten Krapp eine glaͤnzendere Roͤthe zu verleihn, dagegen ſtraͤubte ſich die vegetabiliſche Baumwollen⸗ faſer die ſo gewonnene Farbe anzunehmen und dauernd feſt zu halten. Hier fand er die groͤßte Schwierigkeit, welche er trotz aller Anſtrengung nicht beſtegen konnte. Das eigent⸗ liche Geheimniß der tuͤrkiſchen Garnfaͤrberei blieb ihm noch immer unbekannt und verſchloſſen, aber die erlang⸗ ten Reſultate ermunterten ihn zu neuen Hoffnungen. Die fortgeſetzten Verſuche hatten indeß ſeine letzten Huͤlfsmittel faſt erſchoͤpft. Die Aufſtellung einer Dampfmaſchine fuͤr ſeine Faͤrberei erſchien ihm noth⸗ wendiger als je. Das unumgaͤngliche Capital fehlte ihm jedoch und er ſah ſich gezwungen, wenn er ſein Geſchäͤft, — 5 174— wie er beabſichtigte, erweitern wollte, von Neuem Geld aufzunehmen. In ſeiner Verlegenheit kam ihm die reiche Kaufmannswittwe auf das freundlichſte ent⸗ gegen. Sie ſelbſt trug ihm bei einem ſeiner Beſuche, welche er ihr abſtattete, von freien Stuͤcken ein fluͤſſi⸗ ges Capital an. Trotz mancher aufſteigenden Bedenk⸗ lichkeit ergriff Georg dieſes Auskunftsmittel mit der groͤßten Dankbarkeit. Nachdem er ſich von der augenblicklichen Noth be⸗ freit ſah, griff er ſein Werk mit neuem Eifer an. Tag und Nacht war er in ſeinem Laboratorium be⸗ ſchaͤftigt. Mit unermuͤdlicher Geduld pruͤfte er den erhaltenen Farbeſtoff, unterwarf er die Baumwolle einem abgeaͤnderten Verfahren, von dem er ſich einen endlichen Erfolg verſprach. Aber neue Zweifel ſtiegen in ſeiner Seele auf und er ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoffnung. Zuweilen erſchien ihm ſeine ganze bisherige Arbeit werthlos und vergeblich. Er uͤberließ ſich dann einer momentanen Verzagtheit, aus der er ſich nur mit Muͤhe emporraffte. Wie jeder produktive Geiſt hatte auch er die Geburtsſchmerzen ſeiner Ent⸗ deckung zu uͤberſtehn. Zu ſeiner eigenen Beruhigung und Belehrung entſchloß er ſich endlich einem bewaͤhrten Chemiker an⸗ zuvertraun, der weltberuͤhmt jetzt ſeit Kurzem einen —eo 175— Lehrſtuhl an der Univerſitaͤt in Muͤnchen bekleidete. Um nicht den erneuten Widerſpruch ſeiner Mutter zu er⸗ regen, ſchuͤtzte er eine nothwendige Geſchaͤftsreiſe vor. Frau Becher war damit zufrieden und Georg trat ſeine Reiſe an. Er war bereit ſeine bisherigen Ar⸗ beiten dem Urtheile des beruͤhmten Profeſſors zu un⸗ terwerfen. Von ſeinem Ausſpruche wollte er ſeine ferneren Schritte abhaͤngig machen. Ja er faßte ſogar den Entſchluß, die Aufgabe ſeines Lebens fal⸗ len zu laſſen und auf jeden ferneren Verſuch zu ver⸗ zichten, wenn der Profeſſor ſich wider Erwartung gegen den eingeſchlagenen Weg ausſprechen und die Entdeckung des Geheimniſſes als zu koſtſpielig oder gar unmoͤglich ihm vorſtellen ſollte. Ehe Georg zu dieſem Entſchluſſe gelangte, hatte er noch einen maͤchtigen Kampf mit ſich ſelber zu be⸗ ſtehn, aber auch hier ſiegte wieder ſeine Beſonnenheit und Selbſtbeherrſchung. Er fuͤrchtete, daß ihn der Entdeckungseifer bereits zu weit gefuͤhrt. Deshalb wollte er ſich dem Urtheile eines Sachkundigen unter⸗ werfen. Selbſt die Verzichtung auf ſeinen Lieblings⸗ wunſch erſchien ihm geboten, wenn es die Unſtaͤnde forderten. Er fuͤhlte, daß er nicht laͤnger ſeinen uͤbrigen Pflichten genuͤgen konnte, ſo lange all ſein Denken und Trachten ausſchließlich auf dieſen einzi— —% 176— gen Punkt gerichtet blieb. Er wollte auch noch die⸗ ſes Opfer bringen, um den Wohlſtand ſeiner Familie zu begruͤnden. Zuvor wollte er ſich aber Gewißheit verſchaffen. Von ſolchen Gedanken beſeelt, die er Niemand anvertrauen konnte, machte er ſich auf den Weg, um aus dem Munde eines unparteiiſchen Richters ſein Urtheil zu vernehmen. Den Politikern ſeiner Vater⸗ ſtadt gab indeß dieſe ploͤtzliche Reiſe neuen Stoff zu allerlei Muthmaßungen. Schließlich kam man daruͤ— ber uͤberein, daß Georg nach der benachbarten Haupt⸗ ſtadt gegangen ſei, um die noͤthigen Einkaͤufe und Beſtellungen vor ſeiner Hochzeit zu machen. Seine nahe bevorſtehende Verbindung mit der Familie der reichen Wittwe war bereits eine feſtſtehende Thatſache. Die Frage blieb allein noch unentſchieden, ob Minchen oder Linchen die von ihm Erkorene ſei. XIV. Sobald Georg in Muͤnchen angelangt war, be⸗ gab er ſich nach dem Laboratorium des beruͤhmten Che⸗ mikers. Er fand denſelben mitten unter ſeinen Zoͤg⸗ lingen, welche mit mehr oder minder wichtigen Ana⸗ — d 177— lyſen und Unterſuchungen ſich beſchaͤftigten. Hier ſah er eine ehrfurchtgebietende Thaͤtigkeit. Was in dieſer Werkſtaͤtte des Wiſſens gefunden wurde, war dazu beſtimmt in das Leben zu treten und den Wohlſtand der Bevoͤlkerung zu mehren. In dem großen Ofen deſtillirten organiſche und unorganiſche Stoffe, welche in ihre Beſtandtheile aufgeloͤſt und erkannt werden ſollten. In groͤßeren und kleineren Schalen dampften allerlei helle und dunkle Fluͤſſigkeiten. Einige Schuͤ⸗ ler waren unter Anleitung des Meiſters bemüht, die verſchiedenen Erdarten chemiſch genau zu unterſuchen. Die Reſultate ihrer Arbeiten kamen dem Ackerbau zu Huͤlfe und begruͤndeten eine Revolution in der Land— wirthſchaft. Andere Gruppen hatten es mit techniſchen Zwecken zu thun, die den mannigfachen Handwerken und Fabriken zum weſentlichen Fortſchritte dienten. Dort an einem dritten Tiſche wurden rein wiſſen⸗ ſchaftliche Aufgaben geloͤſt, die ſchwierigſten Berech⸗ nungen angeſtellt und der geheimnißvollen Zuſammen⸗ ſetzung und Thaͤtigkeit des organiſchen Lebens nach⸗ geforſcht. Georg, der kein Fremdling auf all dieſen Gebie⸗ ten war, warf einen bewundernden Blick auf die groß⸗ artige Anſtalt, deren eigentliche Seele der beruͤhmte Lehrer war. Dieſer kam ihm mit der groͤßten Freund⸗ II. 12 — 5 178— lichkeit und Humanitaͤt entgegen. Einige Worte des Faͤrbermeiſters genuͤgten dem Profeſſor Achtung vor dem Streben des Handwerkers einzufloͤßen. — Ich ſehe, ſagte der Chemiker, daß ich es mit keinem bloßen Dilettanten zu thun habe, und freue mich von Herzen Ihnen dienen zu koͤnnen. Die Aufgabe, welche Sie ſich geſtellt haben, iſt allerdings eine ſchwierige. Wir beſitzen in Deutſchland nur wenig Fabriken, welche das tuͤrkiſche Garn ſo zu faͤrben verſtehn, wie die Orientalen. Natuͤrlich ſuchen dieſe ihr Geheimniß zu bewahren. Sie ſelbſt ſind auf dem beſten Wege, ſelbſtſtaͤndig die Aufgabe zu loͤſen. In— deß kann ich Ihnen nicht verſchweigen, daß zu Ihren ferneren Arbeiten noch ein bedeutendes Capital gehoͤrt. Ich werde Ihre bisherigen Reſultate einer genauen Pruͤfung unterwerfen und Ihnen die Mittel und Wege angeben, durch die Sie vielleicht ſchneller und minder koſtſpielig zu Ihrem Ziele gelangen werden. — Ich danke Ihnen im Voraus fuͤr Ihre Muͤhe, aber ich fuͤrchte faſt, Sie bereits allzulange mit mei⸗ ner Angelegenheit aufgehalten zu haben. Es waͤre dies ein Raub, den ich an der ganzen Menſchheit be⸗ ginge.. — Seien Sie daruͤber ganz unbeſorgt. Ich ſelbſt habe mir grade die Aufgabe geſtellt, die Wiſſenſchaft mit dem Leben zu vermitteln. Nur zu lange Zeit hat der Zwieſpalt zwiſchen Theorie und Praris be⸗ ſtanden. Was der Gelehrte in ſeiner Studirſtube ſchafft, der Chemiker in ſeinem Laboratorium findet, ſoll ſo bald als moͤglich auch das Gemeingut Aller werden. Es laͤßt ſich nicht leugnen, daß in letzter Zeit ſehr viel in dieſer Beziehung von der einen Seite geſchehn iſt; aber um ſo mehr vermiſſe ich die noͤthige Bildung von der andern Seite. Unſere Handwerker ſind noch weit zuruͤck. Selten findet man einen ſolch durchgebildeten Mann, wie Sie. — Es iſt dies nicht mein Verdienſt, verſetzte Georg beſcheiden. Ich habe ſtudirt und war ſelbſt Willens als Lehrer der Chemie an einer Univerſitaͤt aufzutreten. Familienverhaͤltniſſe noͤthigten mich auf dieſen Wunſch zu verzichten. — Dieſer Umſtand erhoͤht nur meine Achtung fuͤr Sie. Wie ſelten treffen wir einen Gelehrten, der eine tuͤchtige Univerſitaͤtsbildung genoſſen hat und ſich ſpaͤter in das praktiſche Leben zu ſchicken weiß. Ich erachte es fuͤr ein großes Ungluͤck, daß in Deutſch⸗ land noch immer eine unausfuͤllbare Kluft zwiſchen den Gebildeten und dem ſogenannten Volk beſteht. Das muß noch anders werden. Sehen Sie auf 12* — d 180— England. Dort haben meine Arbeiten einen wahrhaft fruchtbringenden Boden angetroffen und der gewoͤhn⸗ liche Farmer hat meinen Unterſuchungen eine praktiſche Anwendung zu geben verſucht. Der engliſche Land⸗ bau ſteht daher auf einer Stufe, von der wir in Deutſchland noch keine Ahnung haben. Dieſelbe Er⸗ ſcheinung wiederholt ſich in allen Zweigen der Indu⸗ ſtrie, in denen wir dieſem bewunderungswuͤrdigen Volke weit nachſtehn, trotzdem wir gewoͤhnlich zu al— len Entdeckungen und Verbeſſerungen den erſten An⸗ ſtoß geben. Wir Deutſchen ſind die Lehrer der an⸗ dern Nationen, aber unſere Schuͤler, welche ihr Wiſſen beſſer zu benutzen verſtehn und dadurch reich werden, ſpotten uͤber den armen Dorfſchulmeiſter, der kuͤmmerlich ſein Daſein friſtet und mit Noth und Elend fortwaͤhrend zu kaͤmpfen hat. — Das iſt leider wahr. Nur fragt es ſich, ob der uͤbermaͤßige Wohlſtand eines Volkes daſſelbe wirk⸗ lich groß macht und foͤrdert. Man klagt nicht mit Unrecht üͤber die allzu materielle Richtung unſerer Zeit. Sollte der deutſche Dorfſchulmeiſter nicht darum zu loben ſein, weil er ſich die hoͤheren Guͤter des Lebens bewahrt hat, ein edleres Streben, ein tiefe⸗ res Wiſſen, den Sinn fuͤr Kunſt und reine Wiſſen⸗ ſchaft? — In dieſe allgemeine Klage uͤber die materielle Richtung der Zeit moͤchte ich nicht ſo ganz unbedingt einſtimmen. Jedes Zeitalter hat ſeine beſondere Auf⸗ gabe zu erfuͤllen. Die Gegenwart ſcheint mir dazu beſtimmt, durch die praktiſche Anwendung der wiſſen⸗ ſchaftlichen Reſultate einen vermehrten und allgemei⸗ nen Wohlſtand zu begruͤnden. Ich finde darin durch— aus nichts an ſich Verwerfliches. Die ganze Menſch— heit wird von einem gewiſſen Inſtinkt geleitet, wel⸗ chen ich die Vernunft der Maſſe nennen moͤchte. Mit dem erhoͤhten Wohlſtand geht die Bildung und Auf⸗ klaͤrung Hand in Hand. Erſt wenn der Hunger ge⸗ ſtillt, das materielle Beduͤrfniß befriedigt iſt, kann der Menſch ſich ſeiner hoͤheren und geiſtigen Aufgabe zuwenden. Wer moͤchte es leugnen, daß wir auch in dieſer Beziehung vorgeſchritten ſind. Unſere Sitten ſind milder und minder barbariſch als die unſerer Vaͤter. Je mehr Handel und Gewerbe bluͤhn, deſto ſicherer werden wir einen lang andauernden Frieden genießen. Blutige Eroberungskriege ſind faſt unmoͤg— lich geworden, weil ſie gegen die Intereſſen der Voͤl⸗ ker verſtoßen. Die Wiſſenſchaft und die Induſtrie haben in der letzten Zeit einen bewunderungswuͤrdigen Aufſchwung genommen. — Dagegen ſind die Gegenſaͤtze zwiſchen Arm und Reich, zwiſchen Capital und Pauperismus um ſo ſchroffer hervorgetreten. — Hierin muß ich Ihnen leider Recht geben. Das Geld ſelbſt iſt eine Macht geworden und be⸗ herrſcht den Markt. Aber neben dem Gift liegt auch das Heilmittel. Als beſtes Gegengewicht gegen die uͤberhand nehmende Speculationswuth des Handels⸗ ſtandes betrachte ich den gebildeten und ſelbſtſtaͤndi⸗ gen Handwerker, der leider noch immer in Deutſch— land uns fehlt. Im Mittelalter bildete dieſer Stand den Kern des Buͤrgerthums. Er muß auf jede Weiſe kraͤftig gefoͤrdert werden. Dies geſchieht aber keines⸗ wegs durch mittelalterlichen Zunftzwang, ſondern durch zweckmaͤßige Inſtitute und Gewerbsſchulen, welche ihn auf ſeinen kuͤnftigen Beruf vorbereiten. Maͤnner wie Sie, Herr Faͤrbermeiſter, halte ich des⸗ halb fuͤr berufen, eine neue und beſſere Richtung dem Handwerk zu geben. Wollte Gott, daß mehrere Ihrem Beiſpiele nachfolgten, den gelehrten Duͤnkel bei Seite ſetzend ihr gediegenes Wiſſen dieſer Aufgabe widmeten. Wir haben Gymnaſien und Univerſitaͤten fuͤr den Gelehrtenſtand, warum ſoll das Handwerk nicht auch ſeinen beſondern Anſtalten und Akademien beſitzen, in denen neben der praktiſchen Ausbildung auch der geiſtige Fortſchritt beruͤckſichtigt werden ſoll? —— — e 183— Ich kann mir einen Mann wie Sie, Herr Becher, ganz gut an der Spitze eines ſolchen Inſtitutes denken. Georg fuͤhlte ſich durch die Anerkennung des be— ruͤhmten Chemikers auf das Hoͤchſte geehrt. Die kurze Zeit, welche ihm vergoͤnnt war, in ſo anregender Unterhaltung zu verbringen, wurde fuͤr ſein ganzes, kuͤnftiges Leben bedeutungsreich. Sein eigenes Den⸗ ken und Streben war ſchon fruͤher auf daſſelbe Ziel hingerichtet, welches der Profeſſor ihm mit klaren Worten jetzt bezeichnete. Alle ſeine Arbeiten, ſelbſt die Entdeckung der tuͤrkiſchen Garnfaͤrberei gingen bei ihm von keineswegs ſelbſtſuͤchtigen Motiven aus. Im Hintergrunde ſeiner Seele ſchwebte der Gedanke, die engen Graͤnzen des bloßen Handwerks zu durch⸗ brechen, neue Induſtriezweige, zunaͤchſt fuͤr ſeine ver⸗ armte Vaterſtadt und dann fuͤr das ganze Land zu ſchaf⸗ fen. Durch dieſe Unterredung wurde er ſich nur bewuß⸗ ter und in jeder Beziehung gehoben und gekraͤftigt nahm der Faͤrbermeiſter von dem Gelehrten Abſchied. Schon am folgenden Tage erhielt Georg von dem Profeſſor eine Einladung. Der Chemiker hatte die bisher erlangten Reſultate der Entdeckung einer ge⸗ wiſſenhaften Pruͤfung unterworfen. Mit banger Er⸗ wartung ging der Faͤrbermeiſter dieſem Ausſpruch entgegen. — Ich freue mich, ſagte der beruͤhmte Mann, Ihnen uͤber Ihre Arbeit nur Guͤnſtiges ſagen zu duͤrfen. Ihre Behandlung des Krapps hat meinen ganzen Beifall und beweiſt mir von Neuem, wie tief Sie in Ihren Gegenſtand eingedrungen ſind. Hier kann ich Ihnen nichts ſagen, was Sie nicht ſelbſt ſchon durch eigenes Nachdenken gefunden haͤtten. Ja ich muß Ihnen zugeſtehen, daß ich durch Ihre Arbeit uͤber die Natur der Farben und ihre Behand⸗ lung manchen intereſſanten und mir bisher unbekann⸗ ten Aufſchluß erhalten habe. Der beſcheidene Faͤrbermeiſter erroͤthete bei dieſen unerwarteten Lobſpruͤchen. — Groͤßere Schwierigkeiten, fuhr der Chemiker fort, bietet allerdings der zweite Theil Ihrer Auf⸗ gabe, wo es ſich darum handelt die Farbe mit den zu faͤrbenden Stoffen zu vereinigen. Hier ſcheinen die Orientalen allerdings beſondere Vortheile zu kennen, welche ſie vielleicht den eigenthuͤmlichen kli⸗ matiſchen Verhaͤltniſſen zu danken haben. Dieſe zu erforſchen und zu benutzen duͤrfte Ihnen nicht ſchwer fallen. Wir kennen bereits die Stoffe, welche ſie dazu verwenden; ſie muͤſſen einer genauen, chemiſchen Analyſe unterworfen werden. Nebenbei empfehle ich Ihnen auf den Einfluß der Sonne und der Thaubil⸗ — 6 185 ◻-— dung Ruͤckſicht zu nehmen. Vielleicht gluͤckt Ihnen in dieſer Jahreszeit ein Erperiment, das Ihnen fruͤ⸗ her nicht gelungen. Sie beſitzen, wie ich ſehe, eine Ausdauer und Willenskraft, wie ſie ſelten angetrof⸗ fen wird. Unter dieſen Verhaͤltniſſen kann ich Ihnen mit Gewißheit einen guͤnſtigen Ausgang Ihrer For- ſchungen verbuͤrgen. Georg dankte von ganzem Herzen dem Profeſſor fuͤr ſeine Theilnahme. — Geben Sie mir, ſetzte dieſer noch hinzu, doch ja eine baldige Nachricht von Ihrem Unternehmen. Ich intereſſire mich fuͤr daſſelbe, faſt mehr noch aber fuͤr Ihre eigene Perſon. Ich wuͤrde es bedauern, daß Sie der Univerſitaͤt und dem Lehrſtuhle entſagt haben, wenn Sie nicht in Ihrem jetzigen Wirkungs⸗ kreiſe unendlich mehr Segen ſtifteten. — Das war auch mein Troſt, verſetzte Georg, als ich mich nach hartem Kampfe zu meiner gegen⸗ waͤrtigen Laufbahn entſchloß. Ich hatte mir ſchon damals vorgenommen, dem Handwerkerſtande meine beſondere Aufmerkſamkeit zuzuwenden und das Ergeb⸗ niß meiner praktiſchen Erfahrungen zu allgemeinen Zwecken zu verwenden. Ich beklage mit Ihnen, Herr Profeſſor, daß bei uns in Deutſchland noch eine weite Kluft die Wiſſenſchaft von dem Leben — d 186— trennt. Hier zu vermitteln und durch mein Beiſpiel einen Anſtoß zu geben, das war die Aufgabe, die ich mir geſtellt habe. Leider vermag der Einzelne nicht viel und ich habe mit Vorurtheilen in den naͤchſten und weiteren Kreiſen meiner Vaterſtadt zu kaͤmpfen. — O!l ich kenne das, erwiederte der Profeſſor laͤchelnd. Es giebt auch Spieß- und Pfahlbuͤrger in der Gelehrtenrepublik. Unſer Vaterland wimmelt von ſolchem Volk, das bei jeder Neuerung den Kopf bedenklich ſchuͤttelt und ein Zetergeſchrei erhebt. Ich habe auch bereits meinen Theil bekommen. Seit Py⸗ thagoras den Goͤttern hundert Ochſen fuͤr einen Ge⸗ danken geopfert hat, zittern all die Ochſen vor jedem neuen Gedanken und proteſtiren dagegen mit ihrem Bruͤllen. Indeß man muß ſich nicht einſchuͤchtern laſſen. Alſo vorwaͤrts, mein Freund! Geben Sie ein Beiſpiel, was die innige Verbindung eines rechten Wollens und eines tuͤchtigen Wiſſens zu leiſten ver⸗ mag. Ich zweifle, ſeit ich Sie kenne, nicht mehr an dem Gelingen Ihrer Arbeit. Georg ſchied von dem Chemiker mit dem Gefuͤhl der aufrichtigſten Verehrung und Dankbarkeit. Seine Zweifel waren geloͤſt und mit friſchem Muthe ſah er der Zukunft entgegen. In gluͤcklichſter Stimmung wanderte er durch die ſchoͤnen Straßen des neuen — — 187— Muͤnchen. In dieſem Augenblicke achtete er aber nicht auf die bewunderungswuͤrdigen Gebaͤude und Palaͤſte, an denen er voruͤberging, ohne ſie einer Aufmerk⸗ ſamkeit zu wuͤrdigen. Er war noch ganz erfuͤllt von dem eben Gehoͤrten und ſein Geiſt ſchwelgte in ſchoͤ— nen Traͤumen. In Gedanken hatte er bereits alle Schwierigkeiten beſiegt, ſeine Entdeckung war gemacht. An der Stelle der kleinen Faͤrberei erhob ſich eine ſtattliche Fabrik, in welcher hundert tuͤchtige Arbeiter Beſchaͤftigung und Brod fanden. Die armen Tuch⸗ weber, welche ihn von Herzen dauerten, fertigten unter ſeiner Anleitung andere Stoffe an. Er ge— waͤhrte ihnen Vorſchuß und Credit. Der fruͤhere Wohlſtand kehrte in ſeine verarmte Vaterſtadt zuruͤck. Neue Etabliſſements wurden begruͤndet, Handwerker⸗ ſchulen angelegt. Er ſelbſt durfte ſich als den Schoͤ⸗ pfer, als den Mittelpunkt dieſer gaͤnzlich veraͤnderten und guͤnſtigen Lage ſo vieler Menſchen betrachten. Sein Streben hatte die reichſten Fruͤchte getragen. Er hatte ſich und den Seinigen ein reiches Auskommen verſchafft und noch weit uͤber den regen Familien⸗ kreis hinaus eine ſegensvolle Wirkſamkeit geuͤbt. So dachte ſich Georg ſeine Aufgabe. Der ſonſt beſonnene Faͤrbermeiſter erging ſich dies⸗ mal in Phantaſieen, welche wir ihm nicht veruͤbeln — —0o 188 0 wollen. Warum ſoll nur der Dichter das Privile⸗ gium der Schwaͤrmerei genießen? Iſt der tuͤchtige Handwerker, der ſich zu erheben weiß, nicht eben ſo berechtigt, den Reſultaten ſeiner Thaͤtigkeit vorzugrei⸗ fen und ſich die Zukunft in goldenem oder roſenfar⸗ bigem Lichte auszumalen? Auch er iſt ein Poet, das heißt vom ſchoͤpferiſchen Hauch beſeelt. Der bloße praktiſche Sinn genuͤgt nicht allein und oft ſind die verſpotteten Traͤume der Einbildungskraft die Muͤtter großer Entdeckungen, das friſche Wellenbad, aus dem ſich der beſtaͤubte Verſtand verjuͤngt erhebt. So in Gedanken vertieft, daß er kaum des Weges achtete, befand ſich Georg zu ſeinem eigenen Erſtau⸗ nen in einer ganz entgegengeſetzten Gegend, als die war, in welcher ſein Gaſthof lag. Er wollte eben uͤber ſeine Zerſtreutheit laͤchelnd umkehren, als ſich die Thuͤr eines kleinen Hauſes oͤffnete, aus welchem eine alte Frau mit einem Deckelkorbe an ihrem Arme heraustrat. Als die Alte ihn erkannte, ſtieß ſie einen lauten Freudenſchrei aus und eilte ihm entgegen. — Sie hier, Herr Becher! rief ſie laut. O! Dann iſt Alles gut. Kommen Sie, denn Sie hat uns Gott geſchickt. Mit dieſen Worten ergriff ſie ſeine Hand und — e 189—„ zog ihn, ehe er noch Etwas erwiedern konnte, mit ſich fort in das kleine Haus. XV. Es war ein beſcheidenes Wohnzimmer, in welches ſich Georg wie mit einem Zauberſchlage verſetzt ſah. Die verwaſchenen Gardinen und die gebrauchten Moͤ⸗ bel, deren Flecken und Gebrechen trotz der friſchen Politur zum Vorſchein kamen, verkuͤndeten deutlich genug ein Chambregarniſtenquartier. Statt der ge⸗ wohnten Unordnung herrſchte aber hier ein Grad von Sauberkeit und Reinlichkeit, der von vornherein auf eine weibliche Bewohnerſchaft ſchließen ließ. In einer Ecke ſtand ein Naͤhtiſchchen mit einer angefangenen Arbeit. Auch ein altes, wurmſtichiges Pianoforte lehnte an der Wand. Es war geöͤffnet, als haͤtte eben Jemand darauf geſpielt. Es ſchien uͤber dieſe Zumuthung noch ganz erſtaunt mit offenem Munde jetzt dazuſtehn. Die Vorhaͤnge waren herabgezogen, ſo daß Georg kaum eine weibliche Geſtalt erkennen konnte, welche den Ruͤcken ihm zugewandt am Fenſter ſaß. In ihren Haͤnden hielt ſie ein aufgeſchlagenes „— eo 190— Buch, ohne darin zu leſen. Ihr Geiſt ſchweifte weit uͤber die Blaͤtter deſſelben hinweg. Bei dem Geraͤuſch, welches ſein Eintreten ver⸗ urſachte, drehte ſie ſich nach der Thuͤr und ſah mit verſtoͤrtem Blick nach ihm. 1. Jetzt erſt erkannte er ſie. Er war dermaßen uͤber⸗ raſcht, daß er kaum den gewoͤhnlichen Gruß hervor⸗ zubringen vermochte. Adolphine und in dieſer Umgebung! Die glaͤn⸗ zende Salondame in einem Chambregarnie! Sie war von ihrem Stuhle aufgeſprungen und blickte ihn verwundert, faſt zuͤrnend an. Die treue Thereſe ſtand bewegt im Hintergrund und beobachtete mit geſpannter Aufmerkſamkeit die duͤſteren Mienen ihrer Gebieterin. Keiner wagte zu ſprechen. Es herrſchte ein pein⸗ liches Stillſchweigen. Unterdeß hatte Georg Zeit ſich zu ſammeln und die Zuͤge Adolphinens zu betrachten. Sie hatte ſich weſentlich veraͤndert. Eine tiefe Melancholie, eine ernſte Trauer umſchwebte ihr An⸗ geſicht. Trotz dieſes ſchmerzlichen Ausdrucks ſchien ſie ihm ſchoͤner als je. Ihr Seelenleiden verlieh ihr ein bedeutenderes Ausſehn. Die fruͤhere Starrheit war gewichen und —d 191— ein wahrer Schmerz hatte ihr ein edleres Gepraͤge aufgedruͤckt. Ein einfaches Hauskleid von dunkler Farbe be⸗ kleidete die ſchlanke Geſtalt. Sie hatte allen un— noͤthigen Schmuck in ihrer jetzigen Lage abgelegt. Ihr dunkles Haar lag in ungekuͤnſtelten Wellen um die bleichen Schlaͤfe wie der naͤchtige Himmel uͤber einem weißen Schneegefilde. Auch die trotzigen Augen fun⸗ kelten nicht mehr in ſinneberuͤckendem Glanz. Sie waren ſtiller geworden, mehr nach Innen gewendet, und kreiſten nicht wie fruͤher in raſtloſer Fluͤchtigkeit, noch ſtarrten ſie apathiſch vor ſich hin. So wie Adol⸗ phine ſich jetzt zeigte, erſchien ſie Georg menſchlicher, wahrer und weiblicher. Nur einen Augenblick dauerte ihr wieder hervor⸗ brechender Unmuth, dann ſchwebte ein melancholiſches Laͤcheln um ihren feingeformten Mund. Sie ſtreckte ihm ihre Hand entgegen, die er noch immer ſtaunend in der ſeinigen hielt, als wollte er ſich von ihrer Gegenwart uͤberzeugen, als fuͤrchte er wiederum von einem Traumbild nur geaͤfft zu werden. Jetzt wagte auch die treue Thereſe ſich ihrer Ge— bieterin wieder zu naͤhern. Die Kammerfrau erzaͤhlte ihr unerwartetes Zuſammentreffen mit dem Faͤrber⸗ 4 — de 192— meiſter. Waͤhrend ſie ſprach, richtete Adolphine einen mißtrauiſchen Blick auf die Dienerin. — Alſo dem Zufall habe ich Ihre Gegenwart zu danken? ſagte ſie zu Georg, indem ſie das Wort Zufall ganz beſonders betonte. — In der That, verſetzte er im natuͤrlichen Tone, ich bin uͤberraſcht, Sie hier zu finden, und— — Und in einer ſolchen Umgebung, ergaͤnzte ſie duͤſter. Seit unſerem letzten Begegnen hab' ich viel erlebt. Sie verſank in ein ernſtes Nachſinnen, welches Georg nicht ſogleich zu unterbrechen wagte. In ihrem Innern kaͤmpfte noch das Mißtrauen und die Scheu mit der Freude des Wiederſehns. Sie wußte nicht, ob ſie ihm vertrauen konnte, trotzdem er gerade ihr durch ſein bisheriges Benehmen eine wahre Ach⸗ tung eingefloͤßt hatte; aber was war ſeitdem mit ihr geſchehn, welche Erfahrungen hatte ſie an den Menſchen, an ihrer naͤchſten Umgebung machen muͤſ⸗ ſen! Ihr Herz war noch krank und wund, ſo reiz⸗ bar, daß es bei der leiſeſten Beruͤhrung zuſammen⸗ ſchauerte. Sie hatte den Beſchluß gefaßt, es ſorg⸗ ſam zu verſchließen und zu behuͤten, noch vorſichtiger als fruͤher damit umzugehn. Es ſollte nicht mehr fuͤhlen und empfinden, ſondern kalt wie Eis, hart — 193— wie Stein werden. Freundſchaft und Liebe waren fuͤr immer daraus verbannt, jede zaͤrtliche Regung verwieſen. So dachte ſie und taͤuſchte ſich uͤber ſich ſelbſt. Indem Georg vor ihr ſtand und in gewohn⸗ ter, ruhiger Weiſe mit ihr ſprach, ſchmolz ihr Ent⸗ ſchluß vor ſeinem feſten Blick, vor ſeinen ehrlichen Worten, vor ſeinem ruͤckſichtsvollen und doch wieder ſo innig anſprechenden Benehmen. Ihre anfaͤngliche Kaͤlte und Sproͤdigkeit ſchreckte ihn nicht zuruͤck. Er ahnte ihr ungewohntes Geſchick und zeigte ſich ihr milder und nachgiebiger, als dies ſonſt wohl in ſei— ner Natur zu liegen ſchien. Das ruͤhrte ſie und noch mehr eine zarte Theilnahme, die er ihr erwies, ohne nach dem Grunde ihrer Leiden zu forſchen. Bald ver⸗ ſchwand auch ihr Mißtrauen, ſie vermochte es ſeinem ehrlichen Weſen gegenuͤber nicht laͤnger feſtzuhalten. Nach und nach thaute die kuͤnſtliche Eisrinde ihres Herzens und darunter regte ſich ein neues Leben. Sie weinte innerlich und es that ihr wohl, daß ſie wieder menſchlich mit einem Menſchen verkehren durfte. Dieſe Umwandlung geſchah ſo allmaͤlig, daß ſie ſich kaum derſelben bewußt wurde. Waͤre dies der Fall geweſen, ſicher haͤtte ſich der alte Trotz geregt und ſte dem beſten Freunde nach wie vor ihr Herz verſchloſſen. Wieder befand ſich Adolphine unter dem II. 13 Einfluß einer ihr uͤberlegenen Willenskraft. Diesmal aber war es kein boͤſer Zauber, der ſie umſtrickte, ſondern ein guter Engel ſtand an ihrer Seite, aller⸗ dings nicht in glaͤnzender Geſtalt und phantaſtiſchem Licht: Georg beſaß nicht die blendenden Eigenſchaften eines Briolan. Sein ehrliches Geſicht trug nicht den Stempel ariſtokratiſcher Schoͤnheit und Feinheit, ſei— ner kraͤftigen Geſtalt mangelte die beſtechende Eleganz und Gewandtheit. Der Baron glich wohl einem exo⸗ tiſchen Wunderbaum mit prachtvollen aber giftigen Purpurbluͤthen, waͤhrend Georg der knorrigen, doch feſten, zuverlaͤſſigen Eiche aͤhnelte, welche in Sturm und Ungewitter treu ausharrt. So mochte er in dieſem Augenblicke Adolphinen vorkommen, die huͤlf- und rathlos einer feſten Stuͤtze mehr als je bedurfte. Als ſie jenen ploͤtzlichen Ent⸗ ſchluß zur Ausfuͤhrung brachte und das vaͤterliche Haus verließ, hatte ſie nicht alle Folgen dieſes jaͤhen Schrittes im Voraus bedacht. Aus den gewohnten Verhaͤltniſſen herausgeriſſen, einſam, verlaſſen und nur auf die Begleitung einer Dienerin beſchraͤnkt, welche eben ſo rath- und huͤlflos wie ſie ſelber war, hatte ſie alle die Unannehmlichkeiten erfahren muͤſſen, denen einzelſtehende Frauen ſelten oder nie entgehn. Schon ihre Reiſe bis Muͤnchen, ſo kurze Zeit dieſelbe dauerte, ſtieß auf mannigfache Hinderniſſe. Aller⸗ dings ſchuͤtzte ſie ihr Geſchlecht und die Art und Weiſe ihres Auftretens vor polizeilichen Nachforſchungen und Belaͤſtigungen. Dagegen entging ſie in den Wirths⸗ haͤuſern und Gaſthoͤfen, in welchen ſie uͤbernachtete, nicht der neugierigen Zudringlichkeit, zu welcher ſich die meiſten Maͤnner berechtigt glauben, wenn ſie einem ſchutzloſen Weibe begegnen. Noch unangenehmer ge⸗ ſtalteten ſich die Verhaͤltniſſe in einer groͤßeren Stadt. Ihre Schoͤnheit zog ihr manche Verfolgung zu und trotz ihres zuruͤckgezogenen Lebens ſah ſie ſich mehr⸗ fachen Nachſtellungen und unangenehmen Auftritten ausgeſetzt. So wurde ſie genoͤthigt, oͤfters ihre Woh— nung zu wechſeln, bis ſie endlich in dieſer abgelege⸗ nen Gegend und am aͤußerſten Ende der Vorſtadt ein ſtilles Aſyl gefunden hatte. Aber auch jetzt war ihre Lage nicht beneidenswerth. Das verwoͤhnte Kind der Geſellſchaft, die gefeierte Salondame entbehrte die hundert Annehmlichkeiten des Lebens. Aus Furcht vor allſeitigen Nachſtellungen wagte ſie keinen oͤffent⸗ lichen Ort, weder das Theater, noch die zahlreichen Kunſtanſtalten der reichen Reſidenz zu beſuchen. Die meiſte Zeit brachte ſie auf ihrem Zimmer und in Ge⸗ ſellſchaft ihrer Kammerfrau zu. Dieſer jaͤhe Wechſel vermehrte ihre Betruͤbniß. Erſt jetzt fuͤhlte ſie ſich 13* —5 196— gaͤnzlich verlaſſen, losgeriſſen wie ein Blatt von ſei⸗ nem Stamm. Trotz ihres Mißtrauens beſchlich ſie oft genug die Sehnſucht, wenn auch nicht nach ihrem Vater, ſo wenigſtens nach ihrer Familie in Waldau. Ein Gefuͤhl von Stolz und Scham hielt ſie bis jetzt zuruͤck, ſich an dieſelbe zu wenden, wie ſie wohl zu⸗ weilen beabſichtigte, und die treffliche, von ihr ſo ſehr geachtete Großmutter in Kenntniß zu ſetzen. So verging ihr Tag auf Tag in duͤſterer Einſam⸗ keit. Die Erſcheinung des Faͤrbermeiſters weckte die alten Erinnerungen und neue Wuͤnſche in ihrer Bruſt. Ihr anfaͤngliches Mißtrauen verließ ſie nach und nach. Sie hatte ſeine Gegenwart urſpruͤnglich nicht dem Zu— fall, ſondern einer geheimen Verabredung mit der Kammerfrau zugeſchrieben, welche ſie eines verſteckten Briefwechſels mit ihren Anverwandten in Waldau beſchuldigte. Dieſer Umſtand weckte von Neuem ihren Stolz und darum begegnete ſie Georg anfaͤnglich mit zuruͤckſtoßender Kaͤlte. Bald kam ſie jedoch von ihrem Irrthum zuruͤck und ſeine ehrliche Verſicherung ge⸗ nuͤgte, jeden derartigen Verdacht zu entfernen. Es lag in dem Weſen des Faͤrbermeiſters eine Wahrheit und Treuherzigkeit, welche unwillkuͤrlich Vertrauen einfloͤßte. Auch Adolphine vermochte nicht lange Zeit ihre Verſchloſſenheit ihm gegenuͤber zu behaupten. Sie — e 197*— theilte ihm von ihren letzten Erlebniſſen ſo viel mit, als ſie uͤberhaupt einem Menſchen erzaͤhlen durfte. Nur das Andenken an ihre Mutter hinderte ſie, ihm die volle Wahrheit einzugeſtehn. Georg hoͤrte ihr mit ſteigender Ueberraſchung zu. — Und was wollen Sie jetzt beginnen? fragte er theilnahmsvoll. Sie koͤnnen unmoͤglich in dieſer, wie Sie ſich ſelbſt eingeſtehen muͤſſen, fuͤr eine Dame peinlichen und unangenehmen Lage verbleiben. — Trauen Sie mir ſo wenig Muth und Beharr⸗ lichkeit zu? Warum ſoll ein Weib nicht eben ſo ſelbſt⸗ ſtaͤndig wie ein Mann ſich im Leben behaupten koͤn⸗ nen? Ich bin entſchloſſen hier in Muͤnchen zu bleiben, mit der Zeit meine Studien wieder aufzunehmen und mich vollends als Malerin auszubilden. Vorlaͤufig beſitze ich noch ein hinlaͤngliches Vermoͤgen und wenn dieſes nicht ausreichen ſollte, ſo werde ich von meiner Haͤndearbeit mich zu ernäͤhren wiſſen. — Staͤnden Sie ganz allein und vereinſamt auf der Welt, ſo wuͤrde ich keinen Augenblick Ihren Ent⸗ ſchluß mißbilligen. — Ich habe mich von meinem Vater losgeſagt. Nie, nie kehre ich zu ihm zuruͤck, rief Adolphine mit Heftigkeit. Alle meine fruͤheren Verbindungen ſind geloͤſt und ich empfinde keine Reue darum. Zur —0 198— rechten Zeit kam ich zur Erkenntniß und ſah den Ab⸗ grund, der zu meinen Fuͤßen lag. Die Geſellſchaft, in welcher ich bisher gelebt, hat mich mit Abſcheu und Ekel erfuͤllt. Lieber will ich in Noth und Elend dar⸗ ben, als zu jener verpeſteten Atmoſphaͤre zuruͤckkehren. Alles iſt dort Luͤge und Heuchelei. Erſparen Sie mir die Erinnerung an jene furchtbaren Ereigniſſe, welche mich dem Wahnſinn nahe brachten. — Ich bin weit entfernt, Ihnen dieſen Rath zu geben. Weder auf den Hoͤhen noch in den Tiefen des Lebens gedeiht das wahre Gluͤck. Wenn ich auch nicht mit Ihnen die hoͤheren Staͤnde und die Kreiſe, denen Sie bisher angehoͤrt haben, fuͤr durchaus ver⸗ dorben halte und manche edle Erſcheinung auch dort gewiß zu treffen iſt, ſo hat ſich doch auch mir die Ueberzeugung aufgedraͤngt, daß der Ueberfluß, wel⸗ cher in jenen Regionen herrſcht, leicht zur Ueberſaͤt⸗ tigung fuͤhrt und in Faͤulniß uͤbergeht. Es haben ſich in juͤngſter Zeit gerade in den hoͤheren Staͤnden bedenkliche Zeichen einer allgemeinen Zerſetzung und Aufloͤſung gezeigt. Genußſucht, Eitelkeit und Lurus haben die verderblichſten Leidenſchaften in Bewegung geſetzt. Die Gier nach Geld und Einfluß thut ſich in einer abſchreckenden Weiſe kund und aͤußert ſich oft in der gemeinſten Form. Dabei ſucht man doch —e 199— noch den aͤußeren Anſtand und die Sitten als einen letzten Anhalt zu behaupten, wodurch ein vollkomme⸗ nes Syſtem der Heuchelei und Lüge ſich mit der Zeit entwickelt hat. Selbſt die hoͤheren Guͤter des Lebens, Bildung, Moral und Religion dienen nur dazu, die allgemeine Verwirrung und Taͤuſchung zu vermehren. Sie ſind eben nur Masken geworden, welche vom Eigennutz, der Laune des Augenblicks und der Mode benutzt und vorgenommen werden, um dahinter um ſo ungeſtoͤrter die ſelbſtſuͤchtigſten Zwecke zu ver⸗ folgen.— — O! wie wahr iſt Ihre Schilderung, rief Adol⸗ phine entſetzt. Dieſe Welt iſt reif zum Untergang. — Wie oft habe ich dieſe Meinung gehoͤrt, ver⸗ ſetzte Georg mit mildem und doch uͤberlegenem Laͤcheln, wie oft ſie in geiſtreichen Buͤchern geleſen! Sie iſt faſt zur nichtsſagenden Phraſe herabgeſunken.— Verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, mein Fraͤulein. — Und doch gab es Zeiten und Geſchlechter, wo möglich noch verdorbener, noch kranker wie die Gegen⸗ wart. Was bedeutet die heutige Verderbniß gegen die Laſterhaftigkeit von Rom und Byzanz unter ſeinen Kaiſern? Welche Barbarei ſehen wir mit der Voͤl⸗ kerwanderung hereinbrechen und waͤhrend des ganzen Mittelalters herrſchen! Welche Zuſtaͤnde treten uns —o 200— zur Zeit der Regentſchaft in Frankreich und waͤhrend der Regierung Karl des Zweiten von England ent⸗ gegen!— Auch damals verzweifelten die Beſſeren an der Moͤglichkeit einer Wiederherſtellung und ſie erfolgte dennoch. Dieſe Rettung geht zu allen Zeiten aus dem Schooſe der Familie auf naturgemaͤßem Wege vor ſich. Wenn Tugend, Moral und Sittlich⸗ keit in der Geſellſchaft abzuſterben drohn, ſo fluͤch⸗ ten ſich dieſe heiligen Guͤter des Daſeins an den haͤus⸗ lichen Heerd, wie bei einer allgemeinen Koͤrperkrank⸗ heit die bedrohte Lebenskraft nach dem Herzen flieht, um von dort aus gegen den feindlichen Tod anzu⸗ kaͤmpfen. — Aber wenn die Familie ſelbſt von Zerſetzung und Faͤulniß ergriffen iſt? fragte Adolphine ſchwer— muͤthig. Wo ſollen wir dann noch Heil und Rettung ſuchen? — Im Einzelnen mag dieſer Fall wohl vorkom⸗ men, in der Geſammtheit zu keiner Zeit. Es herr⸗ ſchen hier ewige Naturgeſetze. Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt ſteht ſo feſt und un⸗ abaͤnderlich wie der Himmel ſelbſt und der Lauf der Geſtirne.— Aus dieſer Quelle ſtroͤmt ein neues Leben. Aber unſere Zeit iſt noch nicht einmal auf dieſes letzte Huͤlfsmittel beſchraͤnkt, ſie beſitzt noch andere — 201— Stuͤtzen, an denen ſie ſich aufrichten kann und wird. Ich wenigſtens ſehe unter der Faͤulniß bereits die Keime einer nahen Beſſerung. Die Symptome der Krankheit ſind mit denen der Heilung in meinen Augen eng verbunden. Schon daß jeder von uns die Luͤge und Heuchelei, welche in der Gegenwart herrſcht, ſo tief empfindet, gilt mir fuͤr einen Beweis, daß wir uns von derſelben befreien werden und koͤnnen. Durch die ganze Menſchheit geht jetzt ein Ringen und Stre⸗ ben nach Wahrheit, welches allerdings oft die wun— derlichſten Abwege einſchlaͤgt. Wir haben Alles darum angezweifelt, negirt und verworfen. Jetzt aber ſuchen wir um ſo eifriger nach dem poſitiven Inhalte des Lebens. Ich gebe Ihnen zu, daß auch hier neue Irrthuͤmer unausbleiblich ſind, aber ſchon die Rich— tung nach einem Bleibenden und Ewigen verdient die vollſte Anerkennung und gereicht der Welt zum Heil. Auf den Truͤmmern der alten, eingeſtuͤrzten Tempel wird ſich ein neues Gotteshaus erheben, aus dem in ſeinen Tiefen aufgewuͤhlten Boden der Geſellſchaft eine ſchoͤne, friſche Saat erwachſen. — Und wie ſoll der neue Gott heißen? fragte Adolphine unglaͤubig ihr ſchoͤnes Haupt ſchuͤttelnd. — Was thut der Name, verſetzte Georg im hei⸗ ligen Eifer, wenn der Glaube und der Wille nur — 202 8— da ſind. Noch fehlt es leider an Beiden in unſerer Zeit. Wir Alle haben ſo viele ſchmerzliche Taͤuſchun⸗ gen erlitten, ſo viele Irrthuͤmer zu beklagen, daß wir zu glauben verlernt haben. Noch ſchlimmer ſteht es um unſere Willenskraft. In dem Mangel eines feſten Wollens liegt nach meiner Anſicht das groͤßte Ungluͤck unſerer Zeit. Tauſende kennen das Gute und duͤrſten nach der Wahrheit, aber ſie gelangen nie zu der Feſtigkeit, ihre Erkenntniß mit Hintanſetzung aller Vortheile lebendig zu machen und durchzufuͤhren. Unſer Wiſſen und die geſteigerte Bildung haben wie wucherndes Unkraut unſere Thatkraft gelaͤhmt und erſtict. Was uns fehlt, ſind energiſche Charaktere und abgeſchloſſene Perſoͤnlichkeiten. Die Erziehung muͤßte mehr auf das Herz und die Geſittung als auf den Kopf und die einſeitige Bildung des Geiſtes ſehn. Wiſſen ohne Gewiſſen iſt gefaͤhrlicher als Unwiſſen⸗ heit. Wir beſitzen Schulen, in denen alles Moͤgliche gelehrt, aber nicht erzogen wird. Daher kommt es, daß wir ſtatt Maͤnner Pedanten oder Schwaͤchlinge, ſtatt edler Frauen und Matronen eitle Naͤrrinnen oder verſchrobene Blauſtruͤmpfe ſo haͤufig im Leben antreffen. Wie ſelten finden wir jetzt noch einen Menſchen, deſſen Worte und Gedanken mit ſeinen Handlungen uͤbereinſtimmen! Da liegt die Kluft, “ — 203— welche eine kuͤnftige und beſſere Erziehung auszufuͤl⸗ len hat. Noch nie hatte Georg ſo viel und eindringlich mit Adolphinen geſprochen. Seine Worte vermehrten nur die Achtung, welche ſie fuͤr ihn empfand. Abſichtlich vermied er es, ihre beſondere Lage zu beruͤhren und ihr ſeine Meinung aufzudraͤngen. Statt deſſen be⸗ muͤhte er ſich, nur im Allgemeinen ihre finſtere Welt⸗ anſchauung und ihren Zweifel an der Menſchheit zu bekaͤmpfen. Je laͤnger ſie ihm zuhoͤrte, deſto klarer wurde ihr Geiſt, deſto hoͤher lernte ſie den trefflichen Mann ſchaͤtzen. Nach und nach nahm erſt ihr Ge⸗ ſpraͤch wieder eine individuellere Faͤrbung an. Georg unterrichtete Adolphine uͤber den eigentlichen Zweck ſeiner Reiſe. Er wußte ihr eine lebhafte Theilnahme fuͤr ſeine Arbeiten einzufloͤßen und weihte ſie in ſein Streben ein. Sie gewann dadurch eine neue An— ſchauung von dem ſonſt ihr niedrig erſcheinenden Handwerke. Sie ſpottete nicht mehr uͤber die ſoge— nannte Proſa des Lebens, welche ihr hier als das Ringen nach einem feſten und lohnenswerthen Ziel entgegentrat. Ihr ſchnell erfaſſender Verſtand ließ ſie die Tragweite ſeiner Erfindung und die eigentliche tiefere Bedeutung derſelben vollkommen erfaſſen. — Wie gluͤcklich ſind Sie, ſagte ſie beifaͤllig. —“ 204*— Sie beſitzen ein feſtes Ziel, wiſſen, was Sie wollen, und wollen auch, was Sie wiſſen. Um wie viel beſſer iſt ein Mann in dieſer Welt daran, als wir armen Frauen! Unſer Loos iſt immer beklagenswerth. O! waͤre ich ein Mann wie Sie geworden! — Sie thun ſich und Ihrem Geſchlechte mit dieſem Wunſche Unrecht. Die Frau hat eine andere und nicht minder hohe Aufgabe, als der Mann. Nur muß ſie ihre Stellung nicht verkennen. Ihr ſind und ſollen ſtets die Kaͤmpfe erſpart ſein, die uns erwarten. So bewahrt ſie ſich den reinen, ungetruͤbten Sinn. Im beſchraͤnkten Kreiſe, geſchuͤtzt vor jeder unzarten Be⸗ ruͤhrung mit dem Leben ſchaltet ſie am haͤuslichen Heerde als die Schutzgoͤttin aller ſanfteren Gefuͤhle und der Tugend. Weh ihr, wenn ſie mehr will, wenn ſie, von thoͤrichten Emancipationsgeluͤſten ver⸗ fuͤhrt, nach einer Selbſtſtaͤndigkeit ſtrebt, welche ihr die Natur verſagt. Sie iſt dazu geſchaffen, das hei⸗ lige Band der Familie feſt zu knuͤpfen. Von der Außenwelt beleidigt, gekraͤnkt und doch immer wieder angezogen kehrt der Mann ſtets aufs Neue in ihren Schoos zuruͤck. Hier findet er Troſt und Erhebung, Friede und Ruhe, vor Allem aber die Liebe und Hin⸗ gebung, welche er in der Welt vergebens ſucht. Reißt ſich das Weib von der Familie los, will ſie —— —“ 205— ein ſelbſtſuͤchtiges Eigenleben fuͤhren, ſo iſt ſie ver⸗ loren und treibt wie ein ſchwaches Blatt auf der wirbelnden Fluth. Was Ihnen auch begegnet ſein mag, geben Sie darum dieſen feſten Halt nicht auf. Kehren Sie in die Heimath zuruͤck. — Vo iſt meine Heimath? fragte Adolphine mit truͤbem Laͤcheln. — Ueberall wo wir treue Liebe finden. Noch be⸗ ſitzen Sie Verwandte. Noch lebt jene wuͤrdige Frau, welche Ihnen durch die Bande des Blutes heilig und verehrungswerth ſein muͤßte, wenn ſie es nicht ſchon durch die edelſten Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes waͤre. — Sie reden von meiner Großmutter? O! er⸗ zaͤhlen Sie mir mehr von ihr. — Lernen Sie ſie ſelber kennen. Sie werden in ihr eine wahre Mutter wieder finden. — Mutter, Mutter! fluͤſterte Adolphine ſeufzend. — Nein! Sie duͤrfen nicht laͤnger in dieſer ge— faͤhrlichen Abgeſchloſſenheit hier leben. Die alte Frau ſtreckt Ihnen ſehnſuchtsvoll ihre Arme entgegen. Sie werden an einem Herzen ruhn, das ganz von Liebe fuͤr Sie erfuͤllt iſt und der Liebe beduͤrfen Sie. Stoßen Sie ſich nicht an aͤußere Verhaͤltniſſe. Sie haben ja ſelbſt die Erfahrung gemacht, daß nicht dieſe den — d 206— Werth der Menſchen und des Lebens beſtimmen. Fol⸗ gen Sie meinem Rath, verlaſſen Sie Muͤnchen und gehen Sie nach Waldau. — Nach Waldaus? ſagte Adolphine nachſinnend. — Es waͤre eine unausſprechliche Freude fuͤr mich, wenn ich Sie Ihrer Familie wiedergeben duͤrfte. Glauben Sie mir, Sie werden in dem kleinen Kreiſe das finden, was Sie bis jetzt in der großen Welt vergebens geſucht haben, aufrichtige und uneigen⸗ nuͤtzige Liebe. Auch die Kammerfrau war jetzt naͤher herangetre⸗ ten und vereinte ihre Bitten mit denen des Faͤrber⸗ meiſters. Adolphine ſchwankte, endlich gab ſie ſeinen uͤberzeugenden Gruͤnden nach und uͤberließ ſich ſeiner ferneren Leitung. Die letzten Ereigniſſe hatten ihren Trotz gebrochen. Sie vermochte ſich ſogar mit dem Gedanken zu befreunden, jetzt als eine Huͤlfsbeduͤrf⸗ tige in den Schoos der ihr verwandten Familie ein⸗ b zukehren, ein Gedanke, welcher ihr fruͤher, noch vor wenigen Tagen, unertraͤglich erſchienen waͤre. Aller⸗ dings trug zu dieſer Umwandlung die Anweſenheit Georgs das Meiſte bei. Er beſaß eine Feſtigkeit, woran ihre Laune ſcheiterte, eine Willenskraft, welche ihr imponirte. Ihren Einſpruͤchen und Gegenreden wußte er mit einer Klarheit und Ruhe zu begegnen, — 207— daß ſie bald gern und willig ſein Uebergewicht aner⸗ kannte. So gelang es ihm, ſie zu der Reiſe nach Waldau zu bewegen, welche laͤngſt in ihrer Seele ſchlummerte. Alle Bedenklichkeiten verſchwanden vor der Gewalt ſeiner Gruͤnde. Der Faͤrbermeiſter ver— ſchob gern ſeine eigene Abreiſe noch um einen Tag, um Adolphinen als Begleiter zu dienen. Auf ſeinen Rath ſchrieb ſie noch einen Brief an die Großmutter, um dieſe auf ihre Ankunft vorzubereiten. Georg ſchied von ihr mit dem Bewußtſein, auch in dieſem Falle ſeine Pflicht gethan zu haben, obgleich er ſich keineswegs die Folgen und Gefahren dieſes Zuſammentreffens fuͤr ſeine eigene Ruhe verhehlen konnte. Allerlei Entſchluͤſſe und Vorſaͤtze kreuzten ſich in ſeinem Innern mit freudigen Empfindungen und zaͤrtlichen Gefuͤhlen, die er vergebens zu bekaͤmpfen verſuchte. Die gute Thereſe begleitete ihn bis an die Thuͤr. — Das hat Gott gethan, ſagte ſie, indem ſie ſeine Hand erfaßte. Der Droben hat Sie uns zur rechten Zeit geſchickt. — Morgen reiſen wir nach Waldau, verſetzte er, um ihrer uͤberfließenden Dankbarkeit aus dem Wege zu gehn.. — Nach Waldau, wiederholte die alte Dienerin — 208— und wiſchte ſich eine Thraͤne aus dem Auge, in wel— chem noch einmal alle Jugenderinnerungen glaͤnzten. XVI. Es konnte nicht ausbleiben, daß durch dieſe Fahrt der Faͤrbermeiſter Adolphinen naͤher ruͤckte. Er war mit einem Male ihr Geſellſchafter und mehr als das, ihr Beſchuͤtzer geworden. Dieſes Amtes entledigte er ſich mit einer zarten Fuͤrſorge, welche ihr uͤberaus wohl that. Es giebt wohl wenig Gelegenheiten, welche jede Scheidewand ſo ſchnell beſeitigen, als eine ge⸗ meinſchaftliche Reiſe. Schon dem gewoͤhnlichen Frem⸗ den gegenuͤber nimmt man einen vertraulicheren Ton an, als in der Heimath. Die Ruͤckſichten im Um⸗ gange fallen mehr oder minder fort und ſelbſt der Zuruͤckhaltende und Schweigſame wird mittheilend und geſpraͤchig. Der raſche Wechſel der Szenen bringt eine freiere Stimmung hervor und die kleinen Abenteuer und unausbleiblichen Beruͤhrungen fordern von ſelbſt zur Unterhaltung auf. Erſt auf dieſer Reiſe lernte Adolphine ihren Be⸗ gleiter vollkommen wuͤrdigen. Georg war einer jener ſeltenen Maͤnner, die ſich allmaͤlig erſt in ihrer Treff⸗ —e 209— lichkeit bei laͤngerem Umgange entwickeln. Er gewann mit der Zeit in den Augen des Beobachters. Wie ein Schacht mit edlem Erz erfuͤllt verbarg er ſeine Schaͤtze in der Tiefe. Man mußte ſich nicht die Muͤhe verdrießen laſſen, ihnen nachzugraben. Er be⸗ ſaß nicht die Eitelkeit, welche uͤberall zu glaͤnzen und zu blenden ſucht. Auch fehlte ihm jene oberflaͤchliche Gewandheit, welche auf kurze Zeit beſticht, aber eine ernſtere Pruͤfung nicht beſteht. Er ſprach weder viel, noch uͤber Alles. Meiſt ſchwieg er ſtill, wenn er nicht etwas Bedeutendes, oder zur Sache Gehoͤriges zu ſagen hatte. Das unnuͤtze Reden war ihm ver⸗ haßt. Einmal aber angeregt und ergriffen ſuchte er den Gegenſtand durch gruͤndliche Beleuchtung zu er— ſchoͤpfen, ohne deshalb in ermuͤdende Pedanterie zu verfallen. Es war fuͤr Adolphine ein Genuß, dieſem Charak⸗ ter nachzuſpuͤren und ſeine Eigenthuͤmlichkeit zu erfor⸗ ſchen. Sie begann ſich nach und nach lebhafter fuͤr ihn zu intereſſtren und es freute ſie, wenn ſie ihm immer von Neuem eine tiefe Aeußerung, ein bedeu⸗ tendes Wort zu entlocken wußte. Dabei fuͤhlte ſie ihm gegenuͤber eine Sicherheit wie ſonſt bei keinem andern Manne. Keine Ahnung ſtieg in ihrer Seele auf, daß ſie ihn lieben, daß er ihr eine tiefere Nei⸗ II. 14 — d 210— gung widmen koͤnnte. Dieſe Empfindung, oder viel⸗ mehr dieſer Mangel an Empfindung gab ihrem Um⸗ gang eine ruͤckſichtsloſe Freiheit und Naivetaͤt, deren ſie ſich von Herzen erfreute. Doch ganz gleichguͤltig war ihr Georg darum nicht. Wenn er ihr ſo ſchweigend gegenuͤberſaß, ruhte ihr Auge verſtohlen auf ſeiner kraͤftigen Geſtalt und den feſten, ſtrengen Zuͤgen, die einen maͤnnlichen Geiſt und einen entſchiedenen Charakter verriethen. Zuweilen ſchoſſen wieder ganz ſeltſame Gedanken und Launen durch ihren Kopf. Der alte, neckende Geiſt regte ſich in ihrer Bruſt. Ploͤtzlich fiel es ihr ein, daß ſie ihn reden hoͤren, oder lachen ſehn wollte. Dann weckte ſie ihn aus ſeinem ſtillen Nachdenken durch eine Bemerkung, eine witzige Mittheilung und es gelang ihr faſt immer. Dieſe kleinen Spielereien gewaͤhrten ihr eine angenehme Unterhaltung und reg⸗ ten auch den Faͤrbermeiſter wieder an. Wenn er aber dann den hingeworfenen Spielball aufnahm und das Geſpraͤch in wuͤrdiger Weiſe fortfuͤhrte, das ſie leichtfinnig begonnen, ſo bereute ſie ſchon im naͤchſten Augenblick den fruͤheren Uebermuth. Der Pfeil kehrte ſich gegen den eigenen Schuͤtzen zuruͤck und ritzte, wenn auch nur oberflächlich, ihr Herz. Der geheime Gedanke, ihn ohne ſein Wiſſen gekraͤnkt zu haben, — 211— machte ſie milder und ſanfter gegen ihn. Dennoch konnte ſie ſolchen Verſuchungen nicht widerſtehn, ob⸗ gleich ſich ein verborgenes Grauen mit einmiſchte, wie es wohl ein Kind empfinden mag, das mit einer kraͤftigen und doch wieder gutmuͤthigen Dogge ſpielt. Geoorg achtete zu wenig auf dieſes durchaus weib⸗ liche Verfahren. Ihn freute die Heiterkeit, welche ſte immer mehr zeigte, je naͤher ſie dem Ziele ihrer Reiſe kam. Es war dies eine neue reizende Erſchei⸗ nung und es ſchien ihm, als ob ihre innere Natur ſich klarer und freier entwickelte, ſeitdem ſie den ihr ſchaͤdlichen Einfluͤſſen ihrer fruͤheren Umgebung ent⸗ ruͤckt war. Die Beweglichkeit ihres Geiſtes mißfiel ihm nicht, waͤhrend der Ernſt und die Gediegenheit ſeines Weſens bereits ihr imponirte. Am Meiſten wurde ſie durch den Umfang ſeiner Kenntniſſe uͤber⸗ raſcht. Allmaͤlig, wie es in ſeiner Natur lag, zeigte er ihr ein Wiſſen, das ſie wohl zu wuͤrdigen verſtand, verbunden mit einer wohlthuenden Klarheit und Ord⸗ nung. So fehlte es Beiden nicht an vielfachen Anknuͤ⸗ pfungspunkten. Ihr gegenſeitiges Intereſſe an ein⸗ ander ſtieg mit jeder Stunde eines laͤngeren Beiſam⸗ menſeins. Es fand hier mehr als ein bloßer Aus⸗ tauſch von Ideen ſtatt. Beide ergaͤnzten ſich, wie 14* ſich Mann und Weib ergaͤnzen muͤſſen. Sie zeigte ihm ein feines Verſtaͤndniß, ein liebevolles Eingehn in ſeine Ideen, welches er bisher an ſeinen naͤchſten Anverwandten vermißt hatte, waͤhrend Adolphine an ihm jene Feſtigkeit und Charakterſtaͤrke ſchaͤtzen lernte, welche ihr ſelbſt abgingen und ihr einen maͤnnlichen Schutz gewaͤhrten. Ihr Geſpraͤch nahm daher mit der Zeit eine wo moͤglich noch vertraulichere Wendung und beruͤhrte bald auch ſolche Gegenſtaͤnde und Per⸗ ſonen, welche Beide bisher abſichtlich und mit einer gewiſſen Scheu vermieden hatten. Zu dieſen gehoͤrte Baron Briolan. Adolphine theilte Georg die Taͤu⸗ ſchungen und Selbſtbekenntniſſe des ſeltſamen Mannes mit. Der Faͤrbermeiſter empfand bei dieſer Erzaͤhlung eine ſtille Genugthuung, eine leicht erklaͤrliche Freude, denn er hatte nicht mit Unrecht die Gefahr eines ſolchen verfuͤhreriſchen Umganges fuͤr Adolphinens Herz gefuͤrchtet. Es war ihm leicht und ſeelig zu Muth, als er ſie jetzt von jeder derartigen Verirrung freiſprechen konnte. — Gott Lob! rief er heiter aus. Sie ſind noch zur rechten Zeit enttaͤuſcht und dieſem gefaͤhrlichen Spiel entzogen worden. Jetzt darf ich Ihnen wohl geſtehn, daß mich der Einfluß, welchen der Baron auf Sie auszuuͤben ſchien, ernſtlich beunruhigte. Dies — 213— frivole Experimentiren mit geheimnißvollen Natur⸗ kraͤften floͤßt mir immer ein Grauen ein. — Sie verwerfen demnach den thieriſchen Mag⸗ netismus und halten den Baron fuͤr einen Betruͤger? — Weder das Eine noch das Andere. Als Adolphine ihn darauf verwundert anſchaute, fuhr Georg im ruhigen Tone fort: Sie duͤrfen mich nicht falſch verſtehn. Ich zweifle nicht an der Exiſtenz dieſer und aͤhnlicher Kraͤfte im Menſchen und ich bin weit entfernt von dem gelehrten Duͤnkel ſo vieler Phyſiologen und naturwiſſenſchaftlich gebildeter Maͤn⸗ ner, welche ohne Weiteres den thieriſchen Magnetis⸗ mus in das Reich der Fabeln und der Charlatanerie verweiſen. So lange aber dieſe Kraft nicht wiſſen⸗ ſchaftlich gepruͤft und ſo weit dies moͤglich nach al— len Richtungen feſtgeſtellt iſt, muß dieſelbe mit Recht uns Mißtrauen einfloͤßen, beſonders wenn ſie in un⸗ berufene Haͤnde faͤllt und zu ſelbſtſuͤchtigen Zwecken gemißbraucht wird. Am allerwenigſten duͤrfen wir in ihr eine neue Quelle des Heils und der Offenba⸗ rung ſehn. Das iſt ein trauriger Irrthum, von den gefaͤhrlichſten Folgen begleitet. Leider weiß ich, daß beſonders in den hoͤheren Staͤnden dieſe Meinung Hand in Hand mit pietiſtiſcher Froͤmmelei und ſinnli— cher Frivolitaͤt geht. Beide Richtungen der Zeit ſu⸗ — 214— chen im Magnetismus einen Bundesgenoſſen. Aus dieſer Verbindung gehen dann wahrhaft entſetzliche Irrthuͤmer und Taͤuſchungen hervor. Sie ſelbſt ſtan— den in Gefahr, einer aͤhnlichen Verirrung zu er⸗ liegen. Damals hielt ich es fuͤr meine Pflicht, Sie zu warnen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mir durch meine Kuͤhnheit Ihren Unwillen zuzuziehn. — Sie hatten Recht und ich danke Ihnen von ganzem Herzen, ſagte Adolphine mit einem ſeelenvol⸗ len Blick auf Georg. — Baron Briolan ſelbſt iſt ein trauriges Beiſpiel, auf welche Abwege ein geiſtreicher und hoch begabter Mann in unſerer Zeit gelangen kann, wenn ſeine Bil⸗ dung nicht auf ſittlichen Prinzipien beruht. Ermuͤdet und erſchoͤpft warf er ſich in die Arme eines trauri⸗ gen Myſticismus und ſuchte Befriedigung und Troſt in den truͤgeriſchen Traͤumen und Weiſſagungen einer ſogenannten Somnambule. Von einer Luͤgnerin hoffte er Wahrheit, von einer Gottverlaſſenen Goͤttliches. Jetzt erſt darf ich Ihnen geſtehn, wie ſehr mich Ihre Freundſchaft mit einem derartigen Menſchen fuͤr Sie ſelber fuͤrchten ließ. Ich erblickte in ihm eines jener Zwittergeſchoͤpfe unſerer Civiliſation, ein wunderba⸗ res Gemiſch von glaͤnzenden und verderblichen Eigen⸗ ſchaften, von Luͤge und Wahrheit, von hellem Wiſſen — 215— und dumpfem Glauben, von Frivolitaͤt und Pietis⸗ mus, ſchwach im Guten wie im Boͤſen, mit einem Worte den Repraͤſentanten einer Zeit, die an ſich ſelber irre geworden, einer Geſellſchaft, welche ſich gaͤnzlich verloren giebt. Adolphine hatte ihm ſchweigend zugehoͤrt und nickte nur von Zeit zu Zeit beiſtimmend. Ploͤtzlich wie es ihre Gewohnheit war fragte ſie Georg: wo aber fin⸗ den wir den Retter und Erloͤſer aus aller Noth der Gegenwart? — Da, wo er ſtets zu finden iſt, in der Harmo⸗ nie unſerer Erkenntniß mit dem Willen. — Auch der Geiſt kann irren, unſer Wille fehl gehn. — Der Irrthum iſt ſogar nothwendig, um zur Wahrheit zu gelangen. Wir beſtitzen aber hinlaͤng⸗ liche Stuͤtzen, an denen wir uns aufrichten köͤnnen. Die Erfahrung der Jahrhunderte, das Leben aller großen und herrlichen Menſchen, die mit und vor uns gelebt, ſteht uns huͤlfreich zur Seite. Wir duͤr⸗ fen nicht nur die Schäͤtze der Weiſen, ſondern un⸗ mittelbar goͤttliche Offenbarungen als die Leitſterne unſeres Lebens benutzen. Es giebt eine Geſetzmaͤßig⸗ keit in der ſittlichen Welt, wie in der Natur. Wenn wir dieſe ſtets befolgen, uns an die gegebenem Beiſpiele —“ 216— und Vorbilder halten, wenn wir den Muth haben, die einfachen und doch ewig wahren Lehren des Gu⸗ ten und Schoͤnen, die wir von Jugend auf kennen, welche in unſerem Herzen trotz aller Verwirrung fort⸗ leben, treu zu beachten, dann brauchen wir nicht zu verzweifeln, dann iſt unſere Rettung nahe. Waͤhrend Georg ſo aus voller Ueberzeugung ſprach, nahmen ſeine Zuͤge deutlich einen edleren Ausdruck an. Die ſchlichten Worte, welche keineswegs eine beſonders neue Wahrheit in einem geiſtreichen Ge⸗ wande lehrten, erhielten doch durch die Innigkeit und Lauterkeit ſeines Weſens, durch den Klang ſeiner volltönenden Stimme eine Kraft und Bedeutung fuͤr Adolphine. Sie gewann immer mehr Zutrauen zu dem Manne, den das Schickſal ihr zum zweitenmale ſelbſt als Retter und Beſchuͤtzer zugeſchickt zu haben ſchien.. Unterdeß lebte ihre Großmutter zu Waldau in freudiger Aufregung und Erwartung. Adolphinens nahe bevorſtehende Ankunft, welche ſo ganz unvermu⸗ thet kam und von geheimnißvollen Umſtaͤnden noch dazu begleitet war, verſetzte die ganze Familie des Saͤgemuͤllers in Spannung und Unruhe. Es war dies ein wichtiges Ereigniß fuͤr all die Betheiligten. Beſonders ſah Frau Kerner dem nahenden Augenblick ————— —e 217 8— mit Sehnſucht entgegen. Lange Jahre hatte die treff⸗ liche Frau den Verluſt ihrer Enkelin beklagt und deren Anblick vermißt. Alte Feindſchaft und Vorur⸗ theile hatten ihr dieſe Entbehrung auferlegt. Jetzt war es ihr zu Muthe, als wuͤrde ihr ein Kind von Neuem geſchenkt. Sie ſelbſt hatte das beſte Zimmer im Hauſe fuͤr Adolphinen hergerichtet und mit eige⸗ ner Hand die ſchneeweißen Decken aufgelegt und die Vorhaͤnge befeſtigt. Die Großmutter warf einen zu⸗ friedenen Blick auf ihr Werk und muſterte mit ſchar⸗ fem Auge alle getroffenen Vorbereitungen. Wo ihr Etwas zu fehlen ſchien, half ſie ſogleich nach. Bald ruͤckte ſie den altmodiſchen Spiegel zurecht, weil er ſchief hing, bald wiſchte ſie den Staub von den einfachen, aber ſoliden Moͤbeln ab. Erſt als Alles ſo ſauber und reinlich wie ſie ſelber war, ließ ſie ſich mit gefalteten Haͤnden auf das großblumige Sopha nieder. Die ungewohnte Arbeit hatte doch die alte Frau erſchoͤpft und ſie mußte ein Wenig ausruhn. Es war ein freundlich helles Zimmer, im erſten Stockwerk gelegen. Allerdings beſaß es keine moder⸗ nen Tapeten. Dafuͤr hatte der Maler aus Waldau, ein großer Kuͤnſtler in ſeiner Art, eine hochgelbe Farbe gewaͤhlt und eine Blumenguirlande gepinſelt, welche, je groͤßer die Entfernung war, eine um ſo —2 218— ſchoͤnere Wirkung that. Sein Meiſterwerk blieb aber das Deckenſtuͤck, ein ſein ſollender Vogel, muthmaßlich ein Papagei, wenn man der Verſicherung des Kuͤnſt⸗ lers Glauben ſchenken wollte. An der Wand hing ein wirklich gutes Oelgemaͤlde, eine ſchoͤne, blaſſe Frau mit ſanften Zuͤgen und liebevollen Augen, das Bild ſtellte Adolphinens Mutter vor. Auf daſſelbe hatte die alte Frau ihren klaren Blick gerichtet. In ihren Augen ſchimmerte eine Thraͤne. Sie dachte der Vergangenheit. In demſelben Zimmer war die geliebte Tochter nach einer langjaͤhrigen, ungluͤcklichen Che an einer Lungenkrankheit geſtorben. Als Adol⸗ phinens Mutter die Naͤhe des Todes fuͤhlte, war ſie nach Waldau gereiſt, um bei den Ihrigen die letzten Tage zu beſchließen. Jetzt erwartete die wuͤrdige Matrone ihre Enkelin, welche ebenfalls eine Zufluchts⸗ ſtaͤtte hier ſuchte. Solche Gedanken bewegten Frau Kerner, als die Saͤgemuͤllerin eintrat. Sie fand die Matrone in tie⸗ fem Nachſinnen. Frau Wagner naͤherte ſich ihr mit leiſem Schritt, um ſie nicht zu ſtoͤren. Sie glaubte, daß die Mutter ſchlafe. Dieſe richtete ſich auf. — Was bringſt Dus fragte ſie die Tochter. — Ich wollte nur nachſehn, ob Alles auch im Stande ſei, um das Fraͤulein zu empfangen. 1 —— — o 219— — Ich kenne kein Fraͤulein, nur meine Enkelin, verſetzte die Alte mit Nachdruck. — Gott weiß, ob es ihr bei uns gefallen wird. Die iſt gewiß verwoͤhnt. — Sie findet bei uns, was ihr bisher gefehlt, aufrichtige Liebe und treue Herzen. Glaub' mir, Dorothee, die ſind mehr werth als alle Schaͤtze der Welt. Deine arme Schweſter hat es leider erfahren, daß Vermoͤgen nicht gluͤcklich macht. Es waͤre ihr beſſer geweſen, ſie haͤtte niemals Waldau verlaſſen; doch Gott hat es ſo gewollt und ich murre nicht. — Du weinſt noch immer um ſie, ſagte die juͤngere Tochter mit leiſem Vorwurf. — Und ich werde ſie beklagen bis an mein Le⸗ bensende. — Das iſt nicht Recht, Du haſt noch andere Kinder, welche Dich lieb haben. — Das iſt wahr, aber ein Mutterherz kann nicht aufhoͤren zu trauern. Die Todten und die Ungluͤck⸗ lichen ſind Einem die Liebſten. Darum haͤnge ich auch an Adolphine mit meiner ganzen Seele. Mir iſt's, als ſtaͤnde wieder meine arme Mathilde aus dem Grabe auf und traͤte vor mich hin. Ihr ſeid gluͤcklich und darum beduͤrft ihr meiner nicht, aber die Adolphine braucht eine Mutter, an deren Bruſt — 220— ſie ihren Kummer ausſchuͤtten kann. Sie ſoll nur kommen, an Troſt und Liebe ſoll es ihr nicht fehlen. — Ich fuͤrchte nur, daß ſie zu uns nicht paſſen wird. — Hat ſich was zu paſſen, verſetzte die Matrone in aufflammendem Eifer. Das Maͤdchen iſt keine eitle Naͤrrin, die auf all den vornehmen Krimskrams viel giebt. Da ſteckt ein guter Kern noch drin, ver— laß Dich auf mich. Ich hab's aus ihrem Briefe rausgeleſen und der Faͤrbermeiſter hat es auch ge⸗ ſagt. Der kann nicht luͤgen. — Es iſt doch wunderbar, daß der ſie grade wieder treffen mußte. — Alles Gottes Fuͤgung, entgegnete die Alte kurz. Aber jetzt wollen wir zum Eſſen gehn, wenn Du fertig biſt. Ich hab' den ganzen Morgen recht⸗ ſchaffen gearbeitet und da ſtellt ſich der Hunger zur Belohnung ein. Nach Tiſch ſoll der Knecht anſpan⸗ nen, dann fahren wir nach der Stadt. Die Poſt kommt um vier Uhr und ich will meine Enkelin ſelber abholen. Das laſſe ich mir nicht nehmen. Trotz ihres hohen Alters ſchritt die Matrone ihrer Tochter ruͤſtig voran und ſetzte ſich alsbald an den bereits gedeckten Mittagstiſch. Mit dem geprieſenen Hunger hatte es aber nicht ſo ganz ſeine Richtigkeit. —— Sie aß nicht viel, denn die Freude und Erwartung hatten ſie ſatt gemacht. Gleich nach dem Eſſen ſetzte ſie ihre ſchoͤnſte Spitzenhaube auf und zog den dunkel⸗ braunen Seidenrock an. Ein Paar ſelbſtgeſtrickte Hand⸗ ſchuh bedeckte ihre noch immer vollen Haͤnde. So ſchritt ſte aus dem Hauſe, eine ſtattliche Erſcheinung, das Bild einer wuͤrdigen Buͤrgerfrau, wie es unſere Zeit kaum noch aufzuweiſen hat. Ihr Schwiegerſohn, der Saͤgemuͤller, half ihr auf den Wagen und ergriff dann ſelbſt die Zuͤgel, um die Großmutter nach Wal⸗ dau zu fahren. Sie kamen noch zur rechten Zeit in die Stadt und ſtiegen an der Poſt ab, wo ſie Adol⸗ phinen erwarteten. Bei jedem Geraͤuſch fuhr die Alte von einem freudigen Schauer ergriffen zuſammen. Als aber das Poſthorn, ein in unſerer Zeit unge⸗ woͤhnter Klang, erſchallte, da ſtuͤrzte die Großmutter mit jugendlicher Eile vor die Thuͤr. Sie ſah eine ſchlanke Dame im einfachen Reiſeanzug an dem Arme des Faͤrbermeiſters aus dem Wagen ſteigen. Hinter⸗ drein folgte die treue Thereſe, deren Geſicht ihr be⸗ kannt erſchien. Jetzt hielt ſie ſich nicht laͤnger zuruͤck. — Apolphine! mein Kind, mein Kind! rief ſie mit erſchuͤtternder Stimme. Das war ein Ton, der von Herzen kam und zu Herzen ging. — d 222— Ein junges Maͤdchen und eine greiſe Frau lagen ſich weinend in den Armen. Graue und dunkle Locken floſſen zuſammen. Adolphine hatte eine Heimath gefunden. XVI. Die diesmalige Kunſtausſtellung in Venedig bot wenig Bemerkenswerthes und Ausgezeichnetes dar. Es iſt hinlaͤnglich bekannt, daß die italieniſche Male⸗ rei in der juͤngſten Zeit wenig oder gar keine Fort⸗ ſchritte gemacht hat. Je groͤßer und bedeutender die Vergangenheit, deſto kleiner und ſchwaͤcher iſt die Gegenwart. In den Saͤlen der Akademie, wo das Meiſterwerk eines Tizian, die unſterbliche Verklaͤrung der heiligen Jungfrau haͤngt, waren die Waͤnde wie zum Spott mit den ſchwachen Leiſtungen der entarte⸗ ten Nachkommen bedeckt. Nur ein Gemaͤlde machte eine ruͤhmliche Ausnahme. Es war die Arbeit eines Fremden, eines deutſchen Kuͤnſtlers, der ſich ſeit eini⸗ ger Zeit in Venedig aufhielt. Um das Bild, die Perle der Ausſtellung, ſammelten ſich einheimiſche und fremde Kunſtkenner und Liebhaber, die es be⸗ wunderten. Der gewaͤhlte Gegenſtand, ſo wie die —— —e 223— Ausfuͤhrung waren gleich ausgezeichnet und anſpre⸗ chend. Man ſah zu den Fuͤßen einer Heiligen einen jungen Moͤnch auf den Knieen liegen, in tiefſte An⸗ dacht verſunken. Waͤhrend der maͤnnliche Theil der Beſchauer die Heilige beſonders hervorhob und die aͤcht weibliche Demuth und Innigkeit nicht genug prei⸗ ſen konnte, ſchwaͤrmten die anweſenden Frauen fuͤr den jungen Moͤnch mit dem ſanften Ausdruck der Liebe und Hingebung in dem intereſſanten Geſicht. Wir brauchen wohl nicht erſt zu ſagen, daß der Maler des Bildes kein anderer als der uns bekannte Ferdinand war. Er hatte ſich mit Nandel und dem Bergmann in der Naͤhe des botaniſchen Gartens, ſo ziemlich am Ende der weitlaͤufigen Inſelſtadt nieder⸗ gelaſſen. Dort fuͤhrte er ein ſtilles, eingezogenes Leben, gluͤcklich im Beſitz der jungen, lieblichen Frau. Taͤglich entdeckte er an dieſer neue uͤberraſchende und treffliche Eigenſchaften. Zu ſeiner Beſchaͤmung mußte er ſich eingeſtehn, daß er ihre geiſtigen Gaben bisher gaͤnzlich verkannt und zu niedrig geſchaͤtzt hatte. Er beſaß ebenfalls von fruͤher her das Vorurtheil der Ge⸗ bildeten, welche den unteren Klaſſen der Geſellſchaft geringere Faͤhigkeiten in dieſer Beziehung zuſchreiben. Bald aber wurde er eines Beſſeren belehrt. Er fand hinlaͤnglich Gelegenheit von ſeinem Irrthume zuruͤck⸗ —“ 224— zukommen und den feinen Verſtand und das richtige Gefuͤhl des Nandels zu bewundern. Sie machte uͤber— dies unter ſeiner Leitung die erfreulichſten Fortſchritte in allen Zweigen des ihr noͤthigen Wiſſens. Ihm war es aber der herrlichſte Genuß ihre allmaͤlige Entwickelung, dies ſtille Wachſen und Entfalten des Geiſtes zu belauſchen. Es uͤberkam ihn oft ein hei⸗ liger Schauer vor dem Walten dieſer unverdorbenen Natur. Wie ein jungfraͤulicher Boden gab ſie hun⸗ dertfaͤltig die Saat wieder, welche er ausſtreute. Er wurde dadurch demuͤthig und er beugte ſich mit all ſeinen Kenntniſſen und der ganzen Bildung vor ihrer Herzenseinfalt. Sein ganzes fruͤheres Leben erſchien ihm jetzt nich— tig und eitel. Nun erſt hatte ſein ſchwankendes und zerfahrenes Weſen einen feſten Halt bekommen. Die Arbeitsluſt war ihm wieder zuruͤckgekehrt und in beſter Stimmung malte er das Bild, welches auf der Aus⸗ ſtellung ſo allgemein gefiel. Unwillkuͤrlich hatte er ſeiner Heiligen die frommen Zuͤge des holden Nan— dels gegeben und ſich ſelbſt als reuigen Moͤnch zu ihren Fuͤßen abgebildet. So ſehr aber das Bild ihm am Herzen lag, war er dennoch bereit daſſelbe um einen angemeſſenen Preis zu verkaufen. Er ſah nicht ohne Sorge die kleine Summe, welche er beſaß, da⸗ — 225— hinſchwinden und gab ſich daher allerlei Beſorgniſſen hin, welche zuweilen einen duͤſtern Schatten uͤber ſei⸗ nen Freudenhimmel warfen. Vor Nandel verbarg er ſeinen Kummer auf das Sorgfaͤltigſte, denn es ſchien ihm ſuͤndhaft ſie nur entfernt zu betruͤben. Bis jetzt hatte ſein Bild nur Bewunderer, aber noch immer keinen Kaͤufer gefunden. Die Italiener beſaßen noch ihre alten Meiſter in Huͤlle und Fuͤlle, die durchreiſenden Fremden aber waren zu andern Zwecken nach Venedig gekommen und brauchten ihr Geld fuͤr Vergnuͤgungen und Luſtbarkeiten. Taͤglich wanderte Ferdinand nach der Akademie zu Fuß und auf Umwegen, um das Geld fuͤr die Gondel zu erſparen. Dort ſtellte er ſich in der Naͤhe ſeines Bildes auf. Er hoͤrte oft ſein Lob mit lauter Zunge preiſen, aber Niemand dachte an den armen Kuͤnſtler, und von Weihrauch allein konnte er nicht leben. Er ſah wieder das drohende Geſpenſt der Armuth zu ſich heranſchleichen, diesmal in doppelt trauriger Geſtalt, da er nicht mehr allein zu leiden und entbehren hatte. Um dieſelbe Zeit langte in Venedig Baron Brio⸗ lan an. Er hatte Iſchl verlaſſen und war verzwei⸗ felter als je in den Bergen Tyrols einige Zeit um⸗ hergeirrt. Dort hatte er die einſamſten Thaͤler auf⸗ II. 15 —d 226 6— geſucht, die gefaͤhrlichſten Gletſcher und Felsſpitzen beſtiegen. Er jagte nach Ruhe und Vergeſſenheit, die er nirgends fand. Zu den alten Schmerzen waren neue, tiefe Wunden hinzugetreten. Er fuͤhlte ſich zum Sterben muͤde und ſehnte den Tod fuͤr ſich herbei. Die letzten Ereigniſſe, die doppelte Taͤuſchung, welche fein Glaube und ſeine Liebe zugleich erlitten, hatten die Spannkraft ſeines Weſens vollends gelaͤhmt und ſeine Energie vernichtet. Sein dunkles Haar war in wenig Wochen grau geworden, der Glanz ſeiner Augen erloſchen und ſeine hohe Geſtalt ſchien gebrochen und gekruͤmmt. Aus einem Manne war er ein hinfaͤlliger Greis geworden, der ſeiner Aufloͤſung entgegenſah. So glich er einem erloſchenen Vulkan. In Venedig, der ſtillen Stadt der Todten, wollte er jetzt ſeinen eigenen Tod erwarten. Nur ſein treuer Kammerdiener begleitete ihn. Briolan bewohnte einen jener verfallenen Palaͤſte, an denen die verarmte In⸗ ſelkoͤnigin noch immer ſo reich iſt. Der Marmor war zerbroͤckelt, von den Elementen angenagt. In den oden Saͤlen hauſte das Geſpenſt der Vergangenheit. Die alten Moͤbel waren wurmſtichig, die Ueberzüge verbleicht, die ſeidenen Vorhaͤnge zerſchliſſen. Alles deutete auf einen langſamen aber ſicheren Verfall, auf eine fortſchreitende Aufloͤſung. Hier hauſte der Baron —— — e 227— in vollkommener Abgeſchiedenheit am Tage. Er ſah keinen Menſchen und verkehrte nur mit ſeinen trau⸗ rigen, quaͤlenden Gedanken. Nur in der Daͤmmer⸗ ſtunde verließ er ſein Aſyl und beſtieg die Gondel, deren Aehnlichkeit mit einem Sarge ihm wohlgefiel. Auf den ſtillen, einſamen Canaͤlen ließ er ſich hin⸗ ausrudern nach dem Lido, an deſſen ſandigem Ufer er im bleichen Mondenſcheine raſtlos auf⸗ und nieder⸗ wandelte. Zuweilen kehrte er wohl auch auf ſeinem Wege in dem Kloſter der Armenier ein, unter deſſen kuͤhle Bogengaͤnge er wie Byron ſich mit ſeiner zer⸗ riſſenen Seele fluͤchtete. Die Erloͤſung, nach welcher er ſich ſehnte, ward ihm auch dort nicht zu Theil. Die frommen Geſaͤnge der Moͤnche, die heiligen Toͤne der Orgel vermochten nicht den erloſchenen Glauben wieder anzufachen. Bald wurde er auch ihrer uͤber⸗ druͤſſig und er beſtieg von Neuem auf den Arm des Dieners geſtuͤtzt die ſchwankende Gondel und ruderte an St. Servolo voruͤber, wo er die Wahnſinnigen mit ihren Ketten klirren hoͤrte und ihre bleichen, wild verzerrten Geſichter durch die eiſernen Gitter ihm entgegenſtarrten. Ein Schauder erfaßte ihn. O, nur das nicht! murmelte er, indem er ſein abgezehrtes Geſicht mit den Haͤnden bedeckte. So ſaß er in dumpfes Bruͤten verſunken und fuhr in 15* — d 228— ſeiner Gondel an dem licht und glanzerfuͤllten Mar⸗ kusplatz lautlos voruͤber, ohne das froͤhliche Treiben und heitere Leben mit einem Blick zu wuͤrdigen. Die Zeit des Karnevals war fuͤr ihn voruͤber, der Aſcher⸗ mittwoch des Lebens hatte ihm das Memento mori zuge⸗ rufen und ſeine Stirn mit dem Kreuze der Vergaͤng⸗ lichkeit gezeichnet. Erſt in den einſamen, abgelegenen Canaͤlen wagte er ſich umzuſchauen. Hier fand ſein truͤber Geiſt die reichſte Nahrung. Er ſog ſich feſt an den Ruinen und Truͤmmern der Vergangenheit, welche ihm das eigene Leben wiederſpiegelten. Aus Schlamm und Moder hauchte ihn die Verweſung an. Ueberall ſah er nur die Spuren des Verfalls. Er glaubte den Zahn der Zeit in der lautloſen Einſam⸗ keit zu vernehmen, der ſtill und geraͤuſchlos das Zer⸗ ſtörungswerk vollendet. Wie Schatten ſchwebten die ehemaligen Palaͤſte an ihm voruͤber, geſpenſterhaft im bleichen Mondenlicht. Die Lichter waren ausge⸗ loͤſcht, welche beim glaͤnzenden Mahl der ſtolzen No⸗ bili geleuchtet, der laute Jubel war verſtummt. Al⸗ les todt und vernichtet, wie ſein eigenes Herz. Wenn er dann ſeine einſame Wohnung in ſpaͤter Stunde wieder betrat, floh der Schlummer ſein raſt⸗ loſes Auge. Um Nitternacht irrte er noch durch die oden Saͤle. Auch hier wehte ihm der Moderduft aus —d 229— allen Ecken entgegen. Die koſtbaren Moſaiken wa⸗ ren zerbrochen. Der kalte Marmorboden hallte ſeine Schritte wieder, als ginge hinter ihm der Tod. Seine Phantaſie bevoͤlkerte die wuͤſten Raͤume mit Schreck⸗ bildern der Vergangenheit. Muͤde und gebrochen ſuchte er ſein Lager auf, und wenn der Schlummer ſich endlich des Ungluͤcklichen erbarmte, ſo wurde ſein Schlaf durch aͤngſtliche Traͤume unterbrochen. Zuweilen kam er ſich ſelber wie ein verdammter Geiſt vor, verurtheilt auf dieſem Kirchhof der Geſchichte umherzuirren. Das Bewußtſein ſeiner Perſoͤnlichkeit ging ihm verloren und er fuͤrchtete wirklich dem Wahnſinn zu verfallen. Ueberreizung und Erſchoͤpfung wechſelten in dem zerruͤtteten Koͤrper ab. Ein hinzugerufener Arzt rieth ihm dringend Zer⸗ ſtreuung an. Was konnte ihm noch Zerſtreuung und Genuß verſchaffen? Er lohnte den weiſen Doctor ab und ſchlug, als ihn dieſer verlaſſen hatte, ein bitteres Gelaͤchter an. Von Zeit zu Zeit machte er wohl noch einen Ver⸗ ſuch ſich aufzuraffen. Dann verließ er ſeinen Palaſt, um eins der vielen Kunſtwerke, an denen Venedig ſo reich iſt, zu betrachten. Am Liebſten verweilte er noch in der Akademie vor den Schoͤpfungen Tizians und Paolo Veroneſe's. In den letzten Tagen, wo — 230 6— ſein Koͤrper⸗- und Seelenleiden bedeutend zugenom⸗ men hatte, verzichtete er auch auf dieſe Unterhal⸗ tung, welche ihn wenigſtens augenblicklich von ſeinen ſelbſtvernichtenden Gedanken abzog. Auf Zureden des Dieners entſchloß er ſich jedoch wieder einmal ſein finſteres Aſyl zu verlaſſen und den letzten, ihm noch gebliebenen Genuß an der Kunſt zu ver⸗ ſuchen. Faſt waͤre er wieder umgekehrt, als er die Menge ſah, welche ſich nach den Saͤlen der Akavemie hin⸗ draͤngte. Auf ſein Befragen hoͤrte er zum erſtenmal von der ſtattfindenden Kunſtausſtellung, die er bis⸗ her vollkommen ignorirt hatte. Es war dies eine Abwechslung und verſprach ihm eine momentane Zer⸗ ſtreuung. Deshalb entſchloß er ſich dem Menſchen⸗ ſtrome zu folgen. Briolan beſaß einen hinlaͤnglich gebildeten Geſchmack, um ſich mit Widerwillen von den ſchwachen Leiſtungen der neueren Maler abzu⸗ wenden. Er wollte bereits wieder den Saal verlaſ⸗ ſen und ſich nach den geweihten Raͤumen begeben, wo die Werke der alten Meiſter in unſterblicher Schoͤn⸗ heit leuchteten. Zufaͤllig fuͤhrte ihn ſein Weg an dem Gemaͤlde Ferdinands voruͤber, das auch jetzt von Beſchauern umlagert war. Im Vorbeieilen warf der Baron einen ſeiner gelangweilten Blicke auf das Bild. — r8 —“ 231— Ueberraſcht blieb er ſtehen. Sein Fuß wurzelte im Boden feſt. Zum zweiten Mal begegnete ihm daſſelbe holde Angeſicht, welches die ſchmerzlichſten und zugleich fuͤßeſten Erinnerungen in ſeinem Herzen hervorrief. Diesmal entfloh er nicht. Es war kein Traum ſeiner aufgeregten Phantaſie, kein Geſpenſt, das ihm aus der Leinwand entgegenſtarrte. Die Heilige des Bil⸗ des trug die Zuͤge der armen Margaretha, welche um ihn und durch ſeine Schuld den grauenvollſten Tod erlitten; doch ſie zuͤrnte ihm nicht. In himmli⸗ ſcher Verklaͤrung und von uͤberirdiſchem Glanz um⸗ floſſen ſchaute ſie zu dem Suͤnder nieder. Ihre Augen leuchteten troſtreich und liebevoll, wie goldene Sterne, welche den Verirrten nach der Heimath weiſen; von ihren halbgeoffneten Lippen ſchienen Worte der Ver⸗ ſoͤhnung und des Friedens auszuſtroͤmen. — O Margaretha, Erloͤſung! war Alles, was Briolan bei dieſem Anblick erſchuͤttert hervorzubringen vermochte. Dann drang er ploͤtzlich durch die betrachtende Menge, welche ſcheu zur Seite wich. Es lag in ſeinem Weſen eine ſo eigenthuͤmliche Bewegtheit, daß wohl Jedermann fuͤhlen mochte, wie ſich hier etwas Außerordentliches zugetragen. Noch einmal verſchlang —2 232— er das ſchoͤne Bild ungehindert mit ſeinen Augen, da ihm die Uebrigen willig Platz machten. So ſtand er lange Zeit davor, die Welt und Alles um ſich her vergeſſend. Jetzt erſt bemerkte er auch den Moͤnch zu den Fuͤßen der Heiligen. Er erkannte ſogleich in dieſer veraͤnderten Geſtalt den Maler, welchen er in Iſchl in Adolphinens Geſellſchaft oͤfters angetroffen. Er las die Unterſchrift des Bildes und den Namen „Ferdinand Obermann.“ Sogleich begab er ſich zu dem Cuſtoden der Akademie. — Iſt das Bild Nummer 250 noch zu verkaufen? fragte er mit aͤngſtlicher Spannung. — Allerdings, Signore! — Was ſoll es koſten? — Dreitauſend Lire. — Ich will Euch reichlich belohnen, wenn Ihr mir die Wohnung des Malers angeben koͤnnt. — Ol die weiß ich ganz genau. Er hat mir ſte aufgeſchrieben, damit ich ihn ſogleich benachrichtige, wenn ſich ein Kaͤufer findet. Hier, Signore, haben Sie die Adreſſe. Der Cuſtode zog aus einem Schubfache die Karte Ferdinands hervor, auf welcher ſeine Wohnung an⸗ gegeben war. Briolan ſteckte das Blatt zu ſich und gab dem Cuſtoden reichlich fuͤr die ertheilte Auskunft. —" 233 2— — Ich will ſelber den Maler aufſuchen, ſagte er im Fortgehen. — Excellenza! erwiederte der ſchlaue Italiener, Sie thaͤten beſſer, mir den Handel zu uͤberlaſſen. Dieſe Maler ſind ein ſtolzes Volk, aber wir Leute vom Fach wiſſen am Beſten wie man ſie behandeln und mit ihnen handeln muß. Der junge Mann, welcher das Bild gemalt hat, iſt ſchon halb reif. Die Noth ſieht ihm aus den Augen und er wuͤrde die Haͤlfte des gebotenen Preiſes nehmen. Wenn Sie aber jetzt hingehen, verderben Sie wieder Alles. Briolan hoͤrte nicht mehr auf den eigennuͤtzigen Rath des Cuſtoden. So ſchnell es ſeine Kraͤfte er⸗ laubten, eilte er nach der Gondel. — Nach dem botaniſchen Garten! rief er dem Schiffer zu. Dieſer gehorchte und die Gondel flog durch das Gewirre der Canaͤle ſtill und lautlos hin. XVIII. Mit Huͤlfe der erhaltenen Adreſſe fand der Ba⸗ ron am aͤußerſten Ende des Canals ein aͤrmliches, einſtoͤckiges Haͤuschen. Er klingelte an dem verroſte⸗ ten Klingelzug. Eine alte Frau, die Beſttzerin dieſes beſcheidenen Eigenthums, oͤffnete ihm. — Wohnt hier der Maler Obermann? fragte Briolan. Ehe die Alte ihm antworten konnte, erſchien be⸗ reits der Gewuͤnſchte. Er hatte durch das geoͤffnete Fenſter die Stimme des Barons gehoͤrt. Als er denſelben wiederſah, erkannte er kaum den Mann, welchen er in Iſchl unter andern Verhaͤltniſſen geſehen hatte. Ein zitternder Greis ſtand vor ſeinen Augen. — Baron Briolan! rief Ferdinand uͤberraſcht und erſchuͤttert, als er den Vater ſeines Weibes ſo unvermuthet wiederſah. — Herr Obermann! ſtammelte der Baron. Der Zufall fuͤhrte mich in die Akademie. Ich ſah daſelbſt ihr ausgeſtelltes Bild. In den Zuͤgen der von Ihnen gemalten Heiligen glaubte ich eine Aehnlichkeit mit einem mir ſchmerzlich theuren Weibe zu entdecken. Sie haben ſicher nach einem Portrait gearbeitet, da Sie das Original unmoͤglich gekannt haben. Jetzt bin ich gekommen, um von Ihnen mir den noͤthigen Aufſchluß zu erbitten. Das Bild ſelbſt betrachte ich als mein Eigenthum und ich zahle jeden Preis dafuͤr, den Sie fordern wollen. Ferdinand hoͤrte ſchweigend aber tief bewegt die Worte Briolans. — Sie ſollen das Original ſelber ſehen, ſagte er nach einer Pauſe. — Treiben Sie nicht Ihren Scherz mit einem Ungluͤcklichen. — Ich bin weit davon entfernt. Der naͤchſte Augenblick wird Sie vom Gegentheil belehren. Er⸗ lauben Sie jedoch, daß ich Sie vorbereite. Ihr Ge⸗ ſundheitszuſtand ſcheint mir der Schonung zu beduͤr⸗ fen. Der Anblick kann Sie zu ſtark erſchuͤttern. — Ol ich fuͤhle mich ſtark genug, entgegnete der Baron, welchen eine Ahnung uͤberkam. — Geſtatten Sie mir, daß ich Sie fuͤhre. Geben Sie mir Ihren Arm. — Aber das Original, das Original Ihres Bildes— — Iſt mein Weib, mein geliebtes Weib. Briolan wagte nicht mehr zu fragen. Willenlos folgte er dem Maler in das kleine Stuͤbchen, welches dieſem zugleich als Wohnzimmer und Atelier diente. Dort ſaß auf einem niedrigen Holzſeſſel das holde Nandel eifrig mit dem Ausbeſſern von Kleidungs- ſtuͤcken beſchaͤftigt. Sie hatte das liebliche Geſicht auf ihre Arbeit gerichtet. Bei dem Geraͤuſch, welches — d 236 0— die Eintretenden verurſachten, ſchlug ſie ihre frommen Augen neugierig auf. Der Baron blieb tief ergriffen ſtehen. Er mußte ſich an den Maler feſthalten, um nicht der Gewalt ſeiner Empfindung zu erliegen. — Vergebung, Vergebung! war das einzige Wort, welches ſich mit einem durchdringenden Schrei aus ſeiner Bruſt rang. Die junge Frau war vor ſeinem Ausruf erſchrocken emporgeſprungen. Fragend und verwundert ſah ſie auf ihren Gatten. Ferdinand ergriff ſelbſt innerlich bewegt ihre Hand und legte ſie in die des Barons. — Ich bringe Dir, ſagte er mit zitternder Stimme, einen Freund. — Freund? wiederholte Nandel uͤberraſcht und mit geſenktem Blick. — Der Dich wie ein Vater lieben wird. — Wie ein Vater, fluͤſterte der Baron mit kaum hoͤrbarer Stimme. Sein Herz pochte mit ungeſtuͤmen Schlaͤgen und drohte ihm die Bruſt zu ſprengen. — Um Gotteswillen! reden Sie im Ernſt? fragte er den Maler, welcher nicht laͤnger ſein Geheimniß zu verbergen vermochte. —= 237— — Ja! Er iſt Dein Vater, Nandel! Das Ihre Tochter, Herr Baron! Nur ein leiſes Schluchzen war zu vernehmen. Benetzt und gebadet von den Thraͤnen ſeiner Toch⸗ ter, der Tochter Margarethens, empfand Briolan eine Seligkeit, wie er ſie fruͤher nie gekannt. Immer von Neuem ſah er ſie mit Vateraugen an, flehte er um ihre Vergebung, welche ſie ihm fuͤr ſich wie fuͤr ihre arme Mutter gern bewilligte. — Mein Kind, meine Tochter! wiederholte er bald laut, bald leiſe, als wollte er dieſe ſuͤßen Na— men unausloͤſchlich ſeinem Gedaͤchtniſſe einpraͤgen. Dann ſchloß er Nandel wieder in ſeine Arme und der Friede kam uͤber ihn, der ihn bisher geflohn. Erſt nachdem dieſer Sturm voruͤbergerauſcht war, konnte er dem Berichte Ferdinands ein ruhigeres Ge⸗ hoͤr ſchenken. Unterdeß war der alte Engelfranz, welcher die Einkaͤufe fuͤr die kleine Hauswirthſchaft beſorgte, ebenfalls zuruͤckgekehrt. Der Bergmann ſtutzte bei dem unerwarteten Anblick des Barons. Der alte Zorn regte ſich in ſeiner Bruſt. In aller Eile theilte ihm der Maler dies ſeltſame Zuſammentreffen mit. Finſter ſchweigend hoͤrte er den Bericht. Briolan trat ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der En⸗ -2 238 8— gelfranz wandte ſich grollend ab. Da trat das ſanfte Nandel zu ihm, mild wie der Engel der Verſoͤhnung. Sie ſprach mit ihm und der feierliche Augenblick gab ihren Worten eine ungeahnte Kraft. — Und vergieb uns wie unſern Schuldigen, flehte ſie mit gefalteten Haͤnden. Die trotzigen Lippen des Bergmanns bewegten ſich, als beteten ſie leiſe mit. — Meine Mutter vergiebt ihm, wie ich ihm ver⸗ gebe. Vom Himmel herab ſegnet ſte ihn und uns in dieſer Stunde. Willſt Du allein noch zuͤrnen? Gott hat Alles ſo wunderbar gefuͤgt und mir zwei Vaͤter ſtatt des Einen gegeben. Wende Dich nicht ab, bleibe bei uns. Keine Schuld iſt ſo groß, daß ſie nicht gebuͤßt werden kann. Du darfſt und wirſt nicht ſtrenger ſein, als der Richter im Himmel. Wer kann ſich ruͤhmen, frei von Suͤnde zu ſein? Um meinetwillen und um meine Mutter verzeihe ihm, wie ich ihm laͤngſt verziehen habe. So ſprach ſie und ſchmeichelnd hielt ſie ihn feſt, da er ſich zu entfernen drohte. In ſeinem Herzen kaͤmpfte noch immer der alte Haß und die neue Liebe, doch die ſtarren Zuͤge ſeines harten Angeſichts begannen ſchon zu ſchmelzen. Auch Ferdinand vereinte ſeine Bitten mit den ihrigen. — — d 239 6— Es war ein wunderbares Schauſpiel wie ſich der vornehme Baron vor dem armen Bergmann demuͤ⸗ thigte. Dieſer ſtand aufrecht mit funkelnden Augen, jener gebrochen und ſeine Blicke ſuchten beſchaͤmt den Boden. Endlich nahm der Engelfranz die ihm dargebotene Hand. Er that es nach einem harten Kampf. Brio⸗ lans Thraͤnen fielen auf die harte, ſchwielige Fauſt des Arbeiters. Jetzt erſt fuͤhlte ſich der Baron voll⸗ kommen entſuͤhnt und erlöſt. Auf ſein Erſuchen verließ der Maler mit ſeiner jungen Frau und dem Engelfranz ihre bisherige Wohnung, welche ſie mit dem einſamen Palaſt ver⸗ tauſchten. Das Bild verſchwand von der Kunſtaus⸗ ſtellung und hing von nun an in der Wohnſtube des Barons. Fuͤr Briolan begann auf kurze Zeit ein neues Leben. Eine heilige und wahre Liebe, die Liebe des Vaters zu ſeinem Kinde gewaͤhrte ihm eine nie ge⸗ kannte Befriedigung. Die finſtern Nebel ſchwanden und die beſſere Natur, welche in ihm bisher geſchlum⸗ mert, entwickelte ſich ungeſtort. Sein ganzes Weſen erſchien gelaͤutert und verklaͤrt. Je mehr ſein Koͤrper dahinſchwand, deſto reiner wurden ſeine Empfindun⸗ gen und Gedanken. Er üuͤberließ ſich nicht laͤnger —2 240.— einer unfruchtbaren Reue und zerknirſchten Selbſtpei⸗ nigung. Faſt mit Heiterkeit ſah er ſeiner fortſchrei⸗ tenden Aufloͤſung entgegen. Seine Tochter uͤberhaͤufte er mit den ſprechendſten Beweiſen ſeiner vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit, auch trug er Sorge, ihr Geſchick und das ihres Gatten auf eine großmuͤthige Weiſe zu ſichern. Das holde Nandel verließ ihn nicht und pflegte den Kranken mit jener aufopfernden Hingebung und zarten Sorgfalt, deren Geheimniß die Frauen nur allein beſitzen. Sie hatte jetzt hinlaͤnglich Gelegen⸗ heit den reichen Schatz an Liebe zu verwerthen, wel⸗ chen die Natur als ſchoͤnſte Mitgift ihr verliehen. Unermuͤdlich wachte ſie an ſeinem Lager. Mit ihren Haͤnden ordnete ſie die herabgeſunkenen Kiſſen, reichte ſie ihm Medizin und Speiſen. Er wollte von Nie⸗ mand Etwas annehmen, als von ihr. Trotz der zu⸗ nehmenden Schwaͤche behielt ſein Geiſt noch lange die fruͤhere Kraft und Klarheit. Er ſprach mit ſeiner Tochter viel und oft. Dieſe Unterhaltungen trugen dazu bei, das Werk ihrer Bildung, welches Ferdinand unternommen, unmerklich zu vollenden. Als der Winter kam, naͤherte ſich Briolan ſeiner Aufloͤſung. Die hinzugerufenen Aerzte gaben keine Hoffnung mehr. Der Baron fuͤhlte ſelbſt das Heran⸗ b nahen des Todes und bemerkte ihn an den verwein— ten Augen ſeiner Tochter, an der ſtillen Trauer des Malers, obgleich Beide ihn ſorgfaͤltig uͤber ihren Schmerz zu taͤuſchen ſuchten. Er hatte jetzt haͤufig ernſte und laͤngere Zwiegeſpraͤche mit ſeinem Schwie⸗ gerſohn, den er taͤglich lieber gewann. Auch Fer⸗ dinand ſchoͤpfte aus dieſen Unterredungen mit dem begabten und hochgebildeten Mann einen reichen Schatz fuͤr das ganze Leben. — Ich fuͤhle, daß ich bald ſterben werde, ſagte eines Tages der Baron zu ihm. Meine Tage ſind gezaͤhlt, doch ich fuͤrchte nicht den Tod. Mein Leben war eine fortlaufende Kette von Verirrungen, erſt am Ende derſelben lernte ich das wahre Gluͤck kennen, welches einzig und allein in der Liebe beſteht. Ferdinand bat ihn, ſich nicht aufzuregen. Der Kranke ließ ſich nicht daran hindern, ſeinen Gefuͤhlen Worte zu verleihn. — Ich habe nach allen Seiten das Leben zu er— ſchoͤpfen geſucht. Bald glaubte ich im Genuß, bald im Wiſſen das wahre Heil zu finden. Ach! der Ge⸗ nuß brachte mir nur bittere Reue und meine Kennt— niſſe keine Befriedigung. Ich ſtuͤrzte in die Arme des Myſticismus, ich wollte die Erloſung im Schooſe des II. 16 —d 242 6— Glaubens mir gewinnen. Auch hier wurde mir die Taͤuſchung nicht erſpart. — Wer haͤtte nicht aͤhnliche Irrthuͤmer zu bekla⸗ gen, entgegnete Ferdinand in truͤbe Erinnerungen verſenkt. — Zu ſpaͤt kam ich zur wahren Erkenntniß, doch ſie reichte hin, um mich mit dem Leben auszuſoͤhnen. Mein ganzes Daſein war ein verfehltes, weil ich die von der Natur mir verliehenen Gaben nicht zu ge⸗ brauchen verſtand. Ich hatte meine Aufgabe nicht be⸗ griffen. Der Mann muß ſich mit einem geliebten Weibe verbinden, zunaͤchſt fuͤr ſeine Familie ſorgen und den Ueberſchuß ſeiner Kraͤfte der Menſchheit und dem Staate widmen. Statt in dieſem Sinne zu handeln, uͤberließ ich mich den ungezuͤgelten Trieben und Leidenſchaften, den Eingebungen meiner erhitzten Phantaſie. Moͤge mein Geſchick Ihnen, mein Freund und Sohn, eine Warnung ſein. — Ich beſitze den beſten Schutz gegen den Daͤ⸗ mon in des Menſchen Bruſt, ein geliebtes Weib. — Haͤtte ich ein ſolches auf meinem Wege mir zu erringen gewußt, es ſtaͤnde jetzt beſſer um mich.“ Arme Margarethe! Ich habe dieſen Schatz nicht zu wuͤrdigen verſtanden. Ein unſeeliges Geſchick ließ mich jedem Weibe Verderben bringen, dem ich begegnete. —5 243— Die Natur hatte mir ein verderbliches Geſchenk ge⸗ macht, eine faſt magiſche Gewalt uͤber das Frauenherz verliehn. Ich brachte Allen nur Unheil, denen ich mich naͤherte. Noch vor Kurzem ſtand ich im Begriff, ein vielleicht irre geleitetes, aber an ſich edles We— ſen zu verderben. Sie kennen Fraͤulein von Buſch. Ferdinand ſchauerte leicht zuſammen und vermied es, dem forſchenden Blicke des Barons zu begegnen. — Wenn Sie das Freaͤulein wiederſehn, ſetzte Briolan nach einer Pauſe hinzu, ſo bitten Sie in meinem Namen, daß ſie mir verzeihe. Sie hat mir einen Grad von Achtung eingefloͤßt, wie wenig Frauen. Ich wuͤnſche von ganzem Herzen, daß ſie glücklicher werden moͤchte, als ſie es bisher geweſen. O! warum ſind die begabteſten Menſchen in unſerer armen Zeit grade die Ungluͤcklichſten? — Vielleicht weil ſie den Zwieſpalt des Lebens am tiefſten fuͤhlen, weil ihre feine Organiſation den Druck und die Schwere des Daſeins am meiſten empfindet. — Das iſt es nicht allein. Das Uebel hat noch einen andern und tieferen Grund. Dieſer liegt in unſerer Erziehung und geſellſchaftlichen Bildung. Wir treten mit den hoͤchſten Anſpruͤchen an das Leben und finden uns nur zu ſchnell enttaͤuſcht und uͤber⸗ 16* — d 244-— ſaͤttigt. In der Beſchraͤnkung und treuen Pflichter⸗ fuͤllung beruht allein das Lebensgluͤck und das Gluͤck des Weibes ganz beſonders. Sehen Sie Ihre Frau, meine Tochter an. Sie hat nur den einfachen Ver⸗ haͤltniſſen, in welchen ſie aufgewachſen, die Natuͤr⸗ lichkeit ihres Verſtandes und die Guͤte des Herzens zu verdanken. Ihre jungfraͤuliche Seele iſt fuͤr jeden ſchoͤnen und wahren Eindruck empfaͤnglich, waͤhrend Fraͤulein von Buſch trotz ihrer Bildung ein verfehl— tes Daſein fuͤhrt. — Wir wollen hoffen, daß auch ſie noch zur Er⸗ kenntniß kommt. — Es waͤre mir Troſt und Veraößgung, wenn ich das noch erlebte, verſetzte der Baron mit einem tiefen Seufzer. Ich ſelbſt habe mich ihr gegenuͤber einer ſchweren Suͤnde anzuklagen und die Verwirrung ihrer Seele noch gemehrt. Fuͤr derartige Geiſter giebt es keine andere Rettung, als aus den gekuͤnſtelten Zuſtaͤnden ſich mit Gewalt herauszureißen und zu den einfachſten und natuͤrlichſten Verhaͤltniſſen zuruͤck⸗ zukehren. — Ich kann mir Fraͤulein von Buſch nicht als Hausfrau denken. Sie ſcheint mir mehr fuͤr den Salon, als fuͤr den haͤuslichen Heerd berufen. — Und doch muß und wird ſie die Geſellſchaft — e 245— verlaſſen, wenn ſie nicht zu Grunde gehen will. Auf— richtig geſagt, ihr Schickſal floͤßt mir die groͤßte Un⸗ ruhe ein und ich wuͤrde gern Alles beitragen, was in meinen Kraͤften ſteht, demſelben eine andere Wen⸗ dung zu geben. Wenn ſie den Grafen Bangor, die⸗ ſen geiſt- und herzloſen Dandy heirathet, ſo iſt ſie fuͤr immer verloren. — Ich glaube kaum, daß ſich ein Mann finden duͤrfte, der ihr genuͤgt und den ſie zu begluͤcken im Stande waͤre. — Er muͤßte ihr zu imponiren wiſſen und eine entſchiedene Willenskraft beſitzen, unter dem ſich ihre Laune beugt. Ich kenne ſie genauer, ſie beſitzt ein edles Herz, einen durchdringenden Verſtand. Wenn ſie erſt mit voller Ueberzeugung liebt, ſo wird ſie zu jedem Opfer ſich bereit finden laſſen. Ich wuͤnſche auch ihr von ganzem Herzen eine baldige Erkenntniß ihrer bisherigen Irrthuͤmer. Ach! wir Alle beduͤrfen der Erloͤſung, einer Regeneration. Der Eintritt Nandels unterbrach die Unterhal⸗ tung. Der kranke Briolan begruͤßte ſie mit einem ſchwachen, aber zaͤrtlichen Laͤcheln. — Haſt Du auch geſchlafen? fragte er ſie mit vaͤterlicher Beſorgniß. Du entziehſt Dir meinet⸗ wegen den Schlummer. —o 246— — Das thu' ich gern, lautete ihre Antwort, die von Herzen kam. — Das darf aber nicht ſein. Deine Geſundheit leidet darunter. Zum Gluͤck wirſt Du nicht mehr lange Zeit bei mir zu wachen brauchen. Nandels Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, welche die abgezehrten Haͤnde Briolans benetzten. Sein Herz fuͤhlte eine fruͤher nie gekannte Wonne. vereinigt hielt. — Die Liebe iſt das hoͤchſte und reinſte Gluͤck auf dieſer Welt. So genoß der Sterbende noch einzelne Sonnen⸗ blicke eines guͤnſtigen, und wie er ſelber ſich oft ein⸗ geſtand, kaum verdienten Geſchickes. Endlich ſchlug die Stunde des Abſchiedes fuͤr ihn. Der Tod trat nicht ploͤtzlich und unerwartet wie ein heimtuͤckiſcher Feind zu ihm heran, ſondern in milder und verſoͤhnender Geſtalt. Er fand ihn umgeben von liebevollen Herzen, welche der Aufloͤſung mit ungeheucheltem Schmerze und wahr⸗ haften Thraͤnen entgegenſahen. Nandel wich nicht mehr von ſeiner Seite. Wie der Engel der Liebe und Verſoͤhnung ſtand ſie an ſeinem Lager. Briolan ſegnete ſie vor ſeinem Sterben. -— 247— Ein lichter Sonnenſtrahl verklaͤrte in dieſem Augenblick ſeine bleichen Zuͤge. Es herrſchte eine feierliche Stille in der Kranken⸗ ſtube. Das Krankenbett wurde zum Altar. Dem Suͤnder war vergeben. Ein Laͤcheln umſchwebte ſein zuckendes Angeſicht. Er war nicht mehr. Mit einem Schmerzensſchrei ſtuͤrzte die Tochter an die Bruſt ihres Gatten. Zu den Fuͤßen des Todten kniete der alte Berg⸗ mann im bruͤnſtigen Gebet. — Herr! vergieh uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigen! AU Seit einigen Wochen lebte Adolphine bei ihren Anverwandten in Waldau. Ihre gegenwaͤrtige Lage ſtand im ſchreiendſten Contraſt zu ihrer fruͤheren Stellung. Aus dem Treiben und Wogen der großen Welt, ſah ſie ſich ploͤtzlich in das beſchraͤnkteſte Still⸗ leben einer buͤrgerlichen Familie verſetzt. Es bedurfte der Zeit, ehe ſie ſich mit ihrer neuen und ſo gaͤnz⸗ lich fremden Umgebung zu befreunden vermochte. Sie — 5 248— vermißte ſo gut wie Alles, was ihr fruͤher unent— behrlich ſchien. Es war ihr zu Muthe wie dem ver— woͤhnten Europaͤer, der ploͤtzlich auf eine einſame Inſel im Ozean ſich verſchlagen ſieht. Aber in dieſem Gegenſatz lag ein ſtiller Reiz fuͤr ſie. Das einfache Stuͤbchen, welches ihr eingeraͤumt worden war, zeich— nete ſich, wie wir bereits wiſſen, keineswegs durch uͤbertriebenen Lurus aus. Es ließ ſich allerdings nicht mit der Zimmerreihe vergleichen, die ſie einſt bewohnt hatte. Da gab es keine prachtvollen Tape⸗ ten, keine Spiegel, welche bis an die Decke reichten in ihren ſtark vergoldeten Rokokorahmen. Es fehlten die ſchwellenden Divans und Fauteuilles, ihr Schreib⸗ ſecretair von duftendem Roſenholz, mit Silber und Schildplatt kunſtvoll ausgelegt, ihre Oelbilder und Kupferſtiche, ihre Statuetten und Nippſachen, welche ihrer Wohnung einen phantaſtiſchen Reiz verliehen. Davon konnte hier keine Rede ſein. Den einzigen Zim⸗ merſchmuck bildeten die naiven Pinſeleien des Wal⸗ dauer Raphaels und ein Paar alte Porzelanvaſen, ihr zu Ehren mit Aſtern und Georginen angefuͤllt. Den⸗ noch fuͤhlte ſich Adolphine in ihrem Stuͤbchen ſo heimlich und wohl. Hier ſtoͤrte ſie kein Geraͤuſch der großen Welt, keine rollende Equipagen, kein unangenehmer Beſuch, den man Anſtands halber nicht abweiſen kann. —— — d 249 6— Durch das geoffnete Fenſter ſchaute die goldene Mor⸗ genſonne herein und ihre Strahlen gaben den alten Moͤbelſtuͤcken einen friſchen Glanz. Wenn ſie hinaus— blickte, ſtreckten ihr die fruchtbeladenen Obſtbaͤume im Garten ihre gruͤnen Arme entgegen. Ein alter Weinſtock rankte ſich hoch empor und ſeine Blaͤtter bekleideten wie ein herrlicher Teppich die ganze Wand. Vor ihr lag die gruͤne Wieſe, von dem ſilbernen Baͤchlein durchzogen, das freundliche Waldau mit ſeinen rothen Dächern und im Hintergrund eine Reihe fruchtbarer Huͤgel, bis der ausgedehnte Wald die Aus⸗ ſicht begraͤnzte. Die ganze Gegend trug zwar einen flachen, aber freundlich friedlichen Charakter. Schon nach einem Aufenthalte von einigen Tagen fuͤhlte ſich Adolphine in dieſer Umgebung heimiſch. Noch mehr aber ſprach ſie der Familienkreis allmaͤlig an, mit dem ſie taͤglich vertrauter wurde. Außer den uns bereits bekannten Perſonen gehoͤrten zu demſel⸗ ben noch zwei Toͤchter und drei Soͤhne. Eine aͤltere Tochter war ſeit einem Jahre an einen benachbarten Foörſter gluͤcklich verheirathet. Alle dieſe juͤngeren und aͤlteren Anverwandten begegneten ihr mit zuvor⸗ kommender Liebe. Sie lernte bald in ihnen manche treffliche Eigenſchaft ſchaͤtzen, die ihr den allerdings fuͤhlbaren Mangel an hoͤherer Bildung erſetzen muß⸗ ten. Saͤmmtliche Kinder des Saͤgemuͤllers hatten eine gute Schulbildung genoſſen, aber auch nicht mehr. Ihre Kenntniſſe reichten nicht allzuweit, da⸗ fuͤr beſaßen ſie eine tuͤchtige Portion von geſundem Mutterwitz und hausbackenem Verſtande. Sie ver⸗ mochten freilich nicht mit Adolphinen zu ſympathiſiren und ihrem kuͤhnen Gedankenfluge zu folgen, aber ſie kraͤnkelten auch nicht an einer verwirrten Einbildungs⸗ kraft und wollten nicht mehr ſcheinen, als ſie wirk⸗ lich waren. Die Toͤchter halfen der Mutter im Haus⸗ weſen, die Soͤhne gingen dem Vater bei ſeinem Ge⸗ ſchaͤfte ruͤſtig zur Hand. Dabei waren ſie zufrieden und klagten hoͤchſtens einmal, wenn ihnen die Arbeit uͤber den Kopf wuchs. Anfaͤnglich erſchien Adolphi⸗ nen die Geſellſchaft ihrer Couſins und Couſinen keineswegs intereſſant, auch die Letzteren waren in ihrer Gegenwart befangen und behandelten ſie mehr wie einen vornehmen Gaſt mit einer gewiſſen ſcheuen Ehrfurcht. Bald aber ſchwand dieſe natuͤrliche Span⸗ nung und Adolphine wurde mit den verſchiedenen Mitgliedern ihrer Familie genauer bekannt. Zunaͤchſt ſchloſſen ſich ihr die beiden Maͤdchen an, beſonders die juͤngere, eine zarte Blondine, welche Mathilde wie die verſtorbene Mutter Adolphinens hieß und dieſer auch ſehr aͤhnlich ſah. Zwiſchen Beiden entſtand bald eine innigere Freundſchaft. Die juͤngere Cou⸗ ſine ſah zu der aͤlteren mit einem Gefuͤhl von auf⸗ richtiger Verehrung auf, waͤhrend dieſe ſich unwider⸗ ſtehlich zu dem ſanften, naiven Kinde hingezogen fuͤhlte. Sie hatte ſich ſtets eine Schweſter gewuͤnſcht und jetzt eine ſolche gefunden. Das Gefuͤhl war ihr neu und ganz geeignet den von Zeit zu Zeit wieder— kehrenden Truͤbſinn zu verſcheuchen. Die aͤltere Cou⸗ ſine Elsbeth, ein raſches, nußbraunes Maͤdchen, wie es im Volksliede heißt, empfand weit weniger das Beduͤrfniß, ſich der fremden Anverwandten anzuſchlie⸗ ßen. Das ſchoͤne Maͤdchen hatte bereits ihr Herz an den Bruder ihres Schwagers verſchenkt, der eben⸗ falls ein wackerer Jaͤgersmann war, aber noch immer auf eine Anſtellung wartete. Sie hatte ſeinetwegen mehrere treffliche Partieen und darunter auch einen reichen Holzhaͤndler ausgeſchlagen. Den Eltern ſchien dieſe Verbindung wuͤnſchenswerth und deshalb gab es zuweilen ſtrenge Worte und allerlei Vorwuͤrfe, welche indeß nie in wirkliche Haͤrte oder gar Grau⸗ ſamkeiten ausarteten. Dafuͤr ſorgte ſchon die Saͤge⸗ muͤllerin, eine gute, anſpruchsloſe Frau, die den ſtrengen und jaͤhzornigen Sinn ihres Mannes mit aͤcht weiblicher Milde zu beſaͤnftigen verſtand. Alle dieſe Umſtaͤnde erfuhr Adolphine erſt nach und nach. — 252(— Auch in dieſem ſtillen Kreiſe ſah ſie mannigfache Conflicte ſich entwickeln, aber dieſelben trugen einen ganz verſchiedenen Charakter, als ihre eigenen. Trotz aller Widerſpruͤche blieb das Band beſtehn, welches die Familie an einander knuͤpfte. Eliſabeth ertrug ihr Geſchick ohne Murren und ihre Eltern ſetzten ſie darum bei keiner Gelegenheit ihren uͤbrigen Geſchwi⸗ ſtern nach. Man heuchelte nicht, man ſuchte ſich nicht gegenſeitig zu taͤuſchen. Jedermann ſprach ſich offen uͤber ſeine Gefuͤhle und Anſichten aus. Kam auch ein⸗ mal eine heftigere Szene vor, ſo war dieſelbe ſchnell vergeſſen, weil der Grundton aller dieſer zwiſtigen Verhandlungen immer noch eine unerſchuͤtterliche Liebe blieb. Auch die Soͤhne des Hauſes entwickelten eine gewiſſe Oppoſttion, theils dem ſtrengen Vater, theils den Schweſtern gegenuͤber, wie dies bei Bruͤdern haͤu⸗ fig zu geſchehen pflegt. In Beiden regte ſich bereits der verzeihliche Trieb nach Selbſtſtaͤndigkeit, welche den Juͤngling zum Mann heranreifen laͤßt. So gewann fuͤr Adolphine mit der Zeit ein jedes einzelne Familienmitglied trotz aller Einfachheit ein beſonderes Intereſſe. Sie war bald mit ihren Ver⸗ haͤltniſſen und Charakteren vertraut. Zu ihrer eige⸗ nen Ueberraſchung entdeckte ſie, wie gering noch ihre Menſchenkenntniſſe waren. Sie hatte fruͤher nur die — — o 253— Oberflaͤche geſehn. Die Gebildeten, mit denen ſie bis— her verkehrt, beſaßen in der Bildung ſelbſt ein Mittel ihre Gedanken und Empfindungen zu verbergen. In der Geſellſchaft ſcheint, in der Familie erſt giebt ſich der Menſch ganz ſo, wie er iſt. Hier fallen die tauſend Ruͤckſichten und der Zwang fort, welche die ſo genannte Sitte und der Anſtand von uns fordern. Die Familie iſt daher der beſte Pruͤfſtein des Charak⸗ ters. Adolphine lernte jetzt erſt das rein Menſchliche erkennen und verſtehen. Was ſie bisher geſehn, kam ihr nur wie eine verzerrte Karrikatur einem lebens⸗ wahren Originale gegenuͤber vor. Daher vermochte ſie ſich nach und nach fuͤr ihre ſchlichte, aber durch⸗ aus wahre Umgebung zu intereſſiren. Bald gelangte ſie zu der Einſicht, daß kein Menſch dem andern un— bedeutend ſein kann, wenn man nur Gelegenheit hat, ſich mit ihm genauer zu beſchaͤftigen und ſein Weſen tiefer zu durchdringen. Ihr anerzogener Hochmuth ſchwand und je klarer in ihr dieſe Einſicht wurde, deſto mehr naͤberte ſie ſich ihren Anverwandten. Theilnahme erweckt Theilnahme und Liebe erzeugt Liebe. Adolphine war bald in dieſem Kreiſe keine Fremde mehr. Am Innigſten jedoch ſchloß ſich Adolphine ihrer Großmutter an. In ihr ſah ſie das Ideal des ver⸗ —?5 254— klaͤrten Alters. Aller Zwieſpalt war hier ausgeglichen, jeder Mißton zur vollkommenſten Harmonie aufge⸗ loͤſt. Dieſe ſeltene Frau beſaß die Bildung des Her⸗ zens und des Geiſtes, welche nur in der Schule eines reinen und doch vielbewegten Lebens erworben wird. Wo ihre allerdings mangelhaften Kenntniſſe nicht ausreichten, kam ihr der natuͤrliche und unge— truͤbte Verſtand zu Huͤlfe und wenn auch dieſer ſie im Stich zu laſſen drohte, brauchte ſie nur dem ſiche⸗ ren Takte ihres nie ſich verwirrenden Gefuͤhls zu fol⸗ gen. Eine lange Erfahrung der menſchlichen Schwaͤchen hatte ſie nicht unduldſam gemacht. Sie war mild und freundlich wie die Sonne, welche uͤber Gerechte und Gottloſe ſcheint. Die ganze Familie ſah zu ihr empor. Von ihrem Schwiegerſohne wurde ſie geehrt und bei allen Gelegenheiten zu Rathe gezogen. Ohne ihre Zuſtimmung unternahm er kein wichtiges Geſchaͤft. Ihre Kinder und Enkel hingen an ihr mit einer Liebe ohne Graͤnzen und von Bekannten wie von Fremden wurde ihr die hoͤchſte Achtung und Aner⸗ kennung zu Theil. Adolphine kam nur ſelten von ihrer Seite. Sie begleitete die Großmutter auf allen ihren Wegen. Mit Recht bewunderte ſie dieſe milde Lebens⸗- weisheit, die ſcharfe und doch wieder ſo nachſichtige Beobachtungsgabe und vor Allem den aͤcht religid⸗ —d 255— ſen Sinn, welcher immer fern von jedem Aberglauben blieb. Unumwunden ſprach ſie ſchon in den erſten Ta⸗ gen ihre offene Verehrung fuͤr die herrliche Frau aus. Da ſaßen Beide wieder in der Gartenlaube, welche ſich bereits zu verfaͤrben begann. Es war ein milder Abend, der dem nahenden Herbſte mehr noch als dem ſcheidenden Sommer angehoͤrte. Sie waren allein, all die uͤbrigen Hausbewohner bei ihren Haus⸗ und Feldarbeiten beſchaͤftigÄt. Bis in die umrankte Laube drangen die ſcheidenden Sonnenſtrahlen, ſpiel⸗ ten mit dem gruͤnen Laube und umfloſſen mit ihrem goldenen Licht das wuͤrdige Antlitz der Matrone. — Wie biſt Du doch ſo gut und lieb, ſagte Adolphine ſich an dieſem Bilde erfreuend. — Ci Du wirſt mich alte Frau noch eitel machen, verſetzte die Großmutter ſchalkhaft mit erhobenem Finger drohend. Du und der Herr Faͤrbermeiſter ſeid uͤber einen Leiſten geſchlagen. Ich bin halt nicht beſſer und ſchlechter wie alle Andern. — Ol wenn es ſo waͤre, wenn alle Menſchen Dir glichen! Aber leider iſt das nicht der Fall. Die Welt iſt voll von Bosheit. — Nun ſo arg iſt es auch nicht, wie Du meinſt. Der Menſch iſt nicht ſchlecht von Jugend auf. Das kann ich nicht glauben, wenn's auch in der Bibel —2 256 5— ſteht und wenn's der Herr Paſtor jeden Sonntag von der Kanzel predigt. Allen Reſpect vor der Bibel. Ich leſe taͤglich mein Capitel, ſeitdem ich uͤberhaupt leſen kann, aber der Vers hat mir nie in den Kopf 3 gewollt. Ich denk' es mir halt ſo. Die Bibel ruͤhrt 4 von Gott her, das iſt ganz gewiß. Aber Menſchen⸗ haͤnde haben ſie zuerſt geſchrieben. Da kann wohl ein Schreibfehler mit drunter vorgekommen ſein; grad ſo, wie wenn der Lehrer den Schuljungen Was dic⸗ tirt, wobei es auch an Schnitzern niemals fehlt. Deshalb nehm' ich meinen geſunden Menſchenverſtand immer mit zu Huͤlfe, der doch auch eine Gabe Gottes iſt, ſo gut wie die Bibel ſelbſt. Der aber ſagt mir, daß der Menſch nicht von Natur boͤſe ſein kann; denn erſtens waͤre das gegen alle goͤttliche Vernunft und Gerechtigkeit, weil Gott doch ſeine ſchoͤne Erde nicht fuͤr lauter nichtsnutzige Creaturen geſchaffen haben kann. Zweitens aber braucht man nur die kleinen Kinder anzuſchaun, um die Menſchen recht von Herzen lieb zu haben. Freilich iſt es Schade, daß aus den kleinen, ſchoͤnen Kindern mitunter ſolche große, haͤßliche Schlingel werden. Als Adolphine uͤber die ihr originell erſcheinende Philoſophie der Großmutter den Mund zu einem Laͤcheln verzog, ſtimmte dieſe mit lautem Lachen ein. — 2 257— — Das freut mich, daß ich Dich doch auch ein⸗ mal lachen ſehe. Ich glaubte ſchon Du haͤtteſt es verlernt und in Deiner vornehmen Geſellſchaft abge⸗ ſchworen. — Es waͤre kein Wunder, ſagte Adolphine wieder ernſt. Wer ſo viele ſchmerzliche Erfahrungen gemacht hat, wie ich in der letzten Zeit, der duͤrfte wohl einen hinlaͤnglichen Grund zur Traurigkeit haben. — Seh mir Einer einmal an, rief die Großmut⸗ ter ſcherzend. Spricht ſo eine junge Schnecke vor mir von ihren Erfahrungen. Du haſt ja kaum zu leben angefangen. — Und doch hat es mir trotz meiner Jugend nicht an inneren Leiden gefehlt. — Das mag wohl wahr ſein und ich glaube gern, daß Du auch Dein Theil gehabt, aber darum darfſt Du doch den Kopf nicht haͤngen laſſen, wie Du's thuſt. In heutiger Zeit uͤbertreibt ein Jeder ſeine Leiden und wird leicht ungeduldig. Die Menſchen wollen nichts von Schmerzen wiſſen, nur die Freuden dieſer Welt genießen. Darum werden ſie auch gleich ſo ungeberdig. Einen Muͤckenſtich halten ſie ſchon fuͤr eine toͤdtliche Wunde und ein Dornenritz verur⸗ ſacht ihnen ewige Schmerzen. Viele ſind ſogar un⸗ gluͤcklich, weil es Mode iſt und ohne allen vernuͤnf⸗ II. 17 — 258— tigen Grund. Da will es mir immer ſcheinen, als ob ſolche Leute Staat mit ihrer Truͤbſeligkeit machen wollten, wie manche junge Wittwe mit ihren Trauer⸗ kleidern, weil ſie weiß, daß ihr Schwarz gut zu Ge⸗ ſichte ſteht. — Du glaubſt doch nicht, daß mein Schmerz er⸗ kuͤnſtelt iſt? fragte Adolphine empfindlich. — Gott ſoll mich bewahren! Du haſt allerlei Fatalitaͤten erlebt, die Einem wohl zu Herzen gehen koͤnnen; aber das Alles, was Du mir bereits geſagt haſt, reicht noch immer nicht aus, um mir Deine an⸗ haltende Traurigkeit zu erklaͤren. Sieh, mein Kind! Ich will mich nicht in Dein Vertrauen draͤngen, aber Du haſt noch Was auf Deinem Herzen, was her⸗ unter muß. Sei aufrichtig gegen mich und ſage mir, was Dich quaͤlt. Druͤckt Dich noch ein anderer Kum⸗ mer, ſo theile mir ihn mit. Ich will Dir ihn tragen helfen. So Zwei eine Laſt heben, ſo wird die Buͤrde leicht.. Adolphine kaͤmpfte einen ſchweren Kampf. Wie gern haäͤtte ſie der geliebten Großmutter ihre Zweifel und den Argwohn mitgetheilt, welcher ihr Leben ver⸗ giftete; aber durfte, konnte ſie es thun? Der Gedanke an ihre Unterredung mit dem Fuͤr⸗ ſten entpreßte ihr heiße Thraͤnen. —? 259 8— — Meine Mutter, meine Mutter! ſchluchzte ſie bewegt. — Deine Mutter iſt todt, ſagte die Großmutter mit tiefem Ernſt. Freilich iſt das ein Ungluͤck, das uns Alle, Dich aber am ſchwerſten getroffen hat. Ein Kind, daß ſeine Mutter nicht hat, hat auch die Liebe nicht, und die Liebe hat Dir bisher gefehlt. Nun aber ſollſt Du ſie nicht mehr vermiſſen. Ich will Dir eine Mutter ſein. Adolphine warf ſich erſchuͤttert an die Bruſt der alten Frau. Auch dieſe weinte und umſchlang mit ihren zitternden Armen die bluͤhende Geſtalt ihrer Enkelin. — Weine nur immerhin Deine Schmerzen aus. So lag ja auch meine ſeelige Mathilde an dieſer alten Bruſt. Alles was ſie quaͤlte und bedraͤngte hat ſie mir vertraut. — Ol erzaͤhle mir von ihr, bat Adolphine ihre Thraͤnen trocknend. Die Großmutter hatte ſich wieder hingeſetzt und ſchien ruhig und gefaßt. Nur eine milde Wehmuth zitterte noch in ihren durchfurchten Zuͤgen. Adol⸗ phine ſchmiegte ſich an ihre Seite, aufgeregt und er⸗ wartungsvoll. — Du warſt noch ein Kind, begann die wuͤrdige 17 5 — 260 6— Matrone, als Deine Mutter hier in Waldau ſtarb. Seitdem ſind Jahre vergangen und Du wirſt Dich kaum noch ihrer Zuͤge entſinnen, verſchweige von ihrem Leben Etwas genaueres wiſſen. — Theile mir Alles mit, was Du von ihr weißt. — Es iſt eine traurige Geſchichte und es thut mir immer weh, wenn ich daran denken muß. Aber Du haſt ein Recht darauf und ich will ſie Dir nicht vorenthalten, da Du Manches daraus lernen kannſt. Deine Mutter zeigte von Kindesbeinen auf einen ganz abſonderlichen Geiſt. Stundenlang ſaß ſie in einem Winkel des alten Hauſes und traͤumte. Wenn ich ſie dann frug, woran ſie daͤchte, ſo antwortete ſie mit einem ganz beſonderen Laͤcheln„an die Welt.“ Wurde in ihrer Gegenwart von fremden Staͤdten— von vornehmen Leuten, von Pracht und Glanz ge⸗ ſprochen, da begannen ihre Augen zu leuchten und zu funkeln, als ſtaͤnde ſie vor der Chriſtbeſcheerung. Adolphine ſchauderte leiſe zuſammen. — Was fehlt Dir? fragte die Großmutter. — Nichts, murmelte ſie und bat ſie fortzufahren. — Schon in der Schule hielt ſie viel auf ſich und auf alles Aeußere. Sie war immer am ſauber⸗ ſten angezogen und was ſie auf dem Leibe trug, paßte ihr wie angegoſſen und ſtand ihr gut. Immer — e 261— wußte ſie ein Band oder eine Schleife ſo anzubrin— gen, daß ſie ſchoͤner ausſah, als die uͤbrigen Maͤd⸗ chen. Ich kuͤmmerte mich nicht drum und ließ es immerhin geſchehen, weil ich darin nichts Boͤſes ſah. Sie lernte beſſer als alle meine andern Kinder und hatte einen ſeltenen Geiſt. Dabei war ſie ſanft und gut, ſo gut, daß ſie Alles that, was ſie Einem an den Augen abſehn konnte. Ueber ihre Schoͤnheit war in ganz Waldau nur eine einzige Stimme und wenn man das ſchoͤnſte Kind nannte, ſo war es meine arme Mathilde. Ihr feines und artiges Weſen mochte wohl auch ſchuld ſein, daß ſie bei allen Honoratio⸗ ren in der Stadt wohlgelitten wurde und in die vor⸗ nehmſten und reichſten Haͤuſer kam, wo ſie mit den Kindern ſpielte und verkehrte. Ihr ganzes We⸗ ſen erhielt dadurch einen beſondern Schnitt. Sie wußte ſich immer in artigen Worten und gewaͤhlten Reden auszudruͤcken und Dein guter Großvater pflegte oft im Scherz deswegen zu ſagen: Die Mathilde nimmt keinen Mann, wenn es nicht zum wenigſten ein Graf iſt. So wuchs ſie immer mehr heran und alle Welt beneidete mich um das ſchoͤne und wohlge⸗ zogene Kind. Mit der Zeit ſtellten ſich die Freier ein. Es gab damals kaum einen anſehnlichen Burſchen in Waldau, der ſich nicht um ſie bewarb. Mancher — 262— haͤtte mir als Schwiegerſohn ſchon angeſtanden, aber ich miſchte mich nicht drein, weil ich keines meiner Kinder zwingen wollte. Auch Dein Großvater ſtimmte mir in dieſer Hinſicht bei. Er war noch dazu ſo in das Maͤdchen vernarrt, daß er ſie am liebſten immer im Hauſe behalten haͤtte. Endlich kam auch ihre Zeit. Eines Tages erſchien in Waldau Dein Vater. Er war als ein junger Burſche fortgegangen, um ſein Gluͤck in der weiten Welt zu ſuchen. Lange Jahre hatte man nichts von ihm gehoͤrt. Seine Eltern waren arme, aber ehrliche Leute, die indeß geſtorben waren. Er hatte nur noch eine Schweſter hier, die ſeitdem auch hinuͤbergegangen iſt. Damals aber lebte ſie noch mit einem heruntergekommenen Tuchmacher verheirathet. Bald verbreitete ſich das Geruͤcht, daß der Buſchmann, ſo hieß Dein Vater fruͤher, ehe er geadelt worden iſt, einen Schatz ge⸗ funden haben muͤſſe, oder die Kunſt verſtanden haͤtte aus Blei Gold zu machen. Als ein armer Burſche war er fortgegangen und als reicher Mann zuruͤckge⸗ kehrt. Man erzaͤhlte ſich von ſeinem Vermoͤgen Wun⸗ derdinge. Wie immer wurde mehr Weſens draus gemacht, als wirklich dran war. So gar groß ſtand er damals noch nicht da, wie er mit der Zeit gewor⸗ den iſt. So ein fuͤnfzig Tauſend Gulden mochte er — 263— wohl haben, die er ſich als Lieferant bei der Armee erworben hatte. In Waldau galt er aber fuͤr uner⸗ meßlich reich. Er ſpielte den großen und vornehmen Herrn, trug modiſche Kleider, feine Waͤſche, hatte Ringe an den Fingern, eine funkelnde Buſennadel in dem geſtickten Jabot und eine goldene Uhrkette mit Berloques. Nach der Reihe herum machte er bei allen Honoratioren und in guten Buͤrgerhaͤuſern ſei⸗ nen Beſuch. So kam er auch zu uns. Ueberall wurde er freundlich aufgenommen, einmal weil man wußte, daß er Geld hatte, und dann, weil er von weit her kam und viel zu erzaͤhlen wußte von der Welt und vom Kriege, den er als Lieferant mit an⸗ geſehn. Manche Mutter mochte wohl auch an ihre unverſorgten Toͤchter dabei im Stillen gedacht haben, denn Dein Vater war noch unverheirathet, wohlha⸗ bend, juſt nicht allzuſchoͤn, aber manierlich und zu ſprechen wußte er wie ein Buch. Ich kann grad nicht ſagen, daß er mir abſonderlich gefallen haͤtte, deſto mehr aber ſtand er Deiner ſeeligen Mutter an. Er kannte die Welt, nach der ihr Herz verlangte, hatte alle großen Staͤdte geſehn, war in Paris geweſen und konnte davon Stunden lang erzaͤhlen. Sie wurde nicht muͤde ihm zuzuhoͤren. Auch ihm gefiel das junge, ſchoͤne Maͤdchen. Bald wußte ich, woran — o 264— ich war. Er hielt um ihre Hand an und da wir eigentlich nichts gegen ihn einzuwenden hatten, ſo ließen wir ſie mit ihm ziehn. Er hatte in der Haupt— ſtadt ſeine Wohnung aufgeſchlagen. Dort fuͤhrte er ſie hin. Die Großmutter machte hier eine kurze Pauſe, als wollte ſie neue Kraft fuͤr die Fortſetzung ihrer Geſchichte ſammeln. Die Erinnerung an die Ver— gangenheit ſchien ſie immer trauriger zu ſtimmen. Adolphine war voll geſpannter Erwartung und bat ſie fortzufahren. Sobald ſie ſich erholt hatte, nahm ſie den abgeriſſenen Faden wieder auf. — Alles ging beſſer, als ich geglaubt hatte. Deine Mutter fand ſich bald in das neue Leben, fuͤr welches ſie wie gemacht ſchien. Die Geſchaͤfte Deines Vaters verbeſſerten ſich mit jedem Tage. Aus einem wohlhabenden wurde er bald ein wirklich reicher Mann. Er hatte ſich das Vertrauen der Regierung zu erwerben gewußt, welche ihm fortwaͤhrend alle gro⸗ ßen Lieferungen uͤbertrug. Wie er dazu gekommen war, wußte kein Menſch. Es mag wohl nicht immer mit rechten Dingen zugegangen ſein, denn Dein Va⸗ ter iſt ein Mann, dem alle Wege gut ſind, wenn ſie nur zum Ziele fuͤhren. Sein einziges Streben war aber Geld und immer wieder Geld; naͤchſtdem auch Ehre, aber nicht die Ehre vor Gott, ſondern vor den Men⸗ ſchen. Beide wurden ihm auch reichlich zu Theil. Sein Vermoͤgen wuchs zuſehends und es fehlte ihm auch nicht an vornehmen Freunden und Goͤnnern. Er machte ein großes Haus aus. Die Schoͤnheit Deiner Mutter und ihr feines Weſen war bald in der ganzen Reſidenz bekannt. Das ſchmeichelte aber ſeinem Stolz, denn er liebte ſie nur aus Eitelkeit und weil man von ihr ſprach und viel Ruͤhmens machte. Das paßte ganz in ſeinen Kram, und je mehr die vornehmen Herren ihren Anſtand und ihre Schoͤnheit lobten, deſto beſſer gefiel ſie auch ihm. Deine Mutter war noch jung und nahm die Artig— keiten mit Vergnuͤgen an, ohne ſich was Beſonderes dabei zu denken. So lebten Beide gluͤcklich und ver⸗ gnuͤgt einige Jahre hin. Alles aber iſt nicht Gold, was ſo ausſieht. Dein Vater hatte wahrſcheinlich zu ſchnell reich werden wollen und dabei nicht immer Gott und ſein Geſetz vor Augen gehabt. Ploͤtzlich erfuh⸗ ren wir, daß eine große Unterſuchung gegen ihn im Gange ſei. Er ſollte die Landesregierung um eine große Summe betrogen haben. Bei den Gerichten ſchwebte der Prozeß, und wenn ihm ſeine Schuld be⸗ wieſen worden waͤre, ſo haͤtte ihn ſicher eine gewal⸗ tige Strafe getroffen. Du kannſt Dir unſeren Schreck — 5d 266— nicht denken. Dein guter Großvater machte ſich ſo— gleich auf den Weg, um zu rathen und zu helfen, ſo weit dies anging. Als er ankam, fand er Deinen Vater im Gefaͤngniß. Die Richter zuckten' mit den Achſeln und ſagten ihm, daß Alles umſonſt ſei. Mein Seeliger mußte wohl an die Schuld unſeres Schwiegerſohns glauben, denn er wollte Deine Mut⸗ ter ſogleich mit ſich nehmen und ſie von ihrem Manne ſcheiden laſſen. Das aber gab die arme Mathilde nimmer zu. Er iſt mein Mann, ſagte ſie, und ich habe vor Gott geſchworen Gutes und Boͤſes im Leben mit ihm zu theilen. Alles Zureden war da umſonſt, und ſie handelte wie jede rechtſchaffene Frau handeln muß. Sie ließ es aber nicht dabei bewenden, ſon⸗ dern rannte von Pontius zu Pilatus und von Pila⸗ tus zu Pontius, um ihren Mann zu befreien. Sie ſuchte alle alten Freunde auf, damit dieſe ſich fuͤr ihn verwendeten. Doch in der Noth gehen hundert Freunde auf ein Loth. Ueberall wurde ſie zuruͤckge⸗ wieſen, mit leeren Redensarten, oder mit einem kal⸗ ten Bedauern abgeſpeiſt. Da faßte ſie in ihrer Ver⸗ zweiflung einen kuͤhnen Entſchluß, ſie ging zu dem Fuͤrſten.— — Zu dem Fuͤrſten? fragte Adolphine mit fieber⸗ hafter Spannung. — 267— — Der war zu jener Zeit der maͤchtigſte Mann im ganzen Land. Was er befahl, geſchah, und er allein konnte helfen, wenn hier Huͤlfe noch moͤglich war. Sie warf ſich ihm zu Fuͤßen und ſprach wohl mit Engelzungen, denn er ließ ſich von der Unſchuld Deines Vaters uͤberzeugen und ordnete ſogleich ſeine Freilaſſung an. — Mein Vater war demnach unſchuldig? — Er muß es wohl geweſen ſein, denn der Fuͤrſt iſt fuͤr einen ſtreng rechtlichen Mann bekannt, der ſelbſt den groͤßten Leuten nicht durch die Finger ſieht. Auch hat Deine Mutter bis an ihr Lebensende ihren Mann fuͤr ſchuldlos gehalten. So hat ſte mir auf Be⸗ fragen alle Zeit geantwortet. Dein Vater kam nicht allein wieder los, ſondern behielt auch nach wie vor ſeine Lieferungen und Geſchaͤfte mit der Regierung. Er ſtieg ſogar immer hoͤher in der Gunſt des Fuͤrſten, der ſeit jener Zeit ſich oͤfters bei ihm ſehen ließ. Nach einem Jahre wurde er auch geadelt. Dieſe Ehre galt fuͤr eine Entſchaͤdigung, weil er unſchul⸗ dig angeklagt worden war. Kurzum das Gluͤck ſchien doppelt ihm Alles verguͤtigen zu wollen, was es an ihm verſchuldet haben mochte. Wieder hielt die Großmutter hier inne. Es mochte ihr wohl ſchwer fallen, die traurige Kataſtrophe zu — 268 6— beruͤhren, der ſie ſich jetzt naͤherte. Adolphine zit— terte vor Erwartung. Von dieſer Unterredung hing ja ihr Glaube an die Menſchheit ab. Hoffnung und Furcht beſtuͤrmten abwechſelnd ihre Bruſt. So haͤngt der Angeklagte an den Lippen ſeines Richters, wie ſie an dem Munde ihrer Großmutter in dieſem Augen⸗ blicke hing. Mit einem ſchmerzlichen Seufzer fuhr dieſelbe fort: — Nur ein Umſtand hatte noch zu dem vollkom⸗ menen Gluͤck Deiner Mutter gefehlt. Ihre Ehe war bisher kinderlos geblieben. Kurze Zeit aber, nachdem Dein Vater geadelt worden war, wurdeſt Du gebo⸗ ren. Der Tag war ein Freudenfeſt. Bei Deiner Taufe ging es hoch her, als wenn Du eine kleine Prinzeß geweſen waͤrſt. Der Fuͤrſt ſelbſt ſtand bei Dir zu Gevatter. Er war aͤußerſt herablaſſend und kam jetzt noch oͤfter, als fruͤher, um ſeine kleine Pa⸗ thin zu ſehn, die er jedesmal reich beſchenkte. Da es das erſte Wochenbett Deiner Mutter war, ſo ließ ich es mir nicht nehmen und reiſte hin, um ſie zu pflegen. Sie erholte ſich auch bald und ſah ſchoͤner aus, als je zuvor, wie das bei manchen Frauen vor⸗ zukommen pflegt. Aber wenn ſie auch bluͤhend wie eine Roſe war, ſo nagte doch innerlich an ihr ein —“d 269— ſchwarzer Wurm. Seit Deiner Geburt erſchien ſie mir traurig und verſtoͤrt. Manchmal uͤberraſchte ich ſie mit rothgeweinten Augen. Wenn ich ſie darum befrug, leugnete ſie und wollte nicht geweint haben. Ein geheimer Kummer, den ſie Niemand und ſelbſt mir nicht anvertrauen wollte, zehrte ſichtbar an ihrem Leben. Auch Dein Vater war ein ganz Anderer ge⸗ worden. Er ſchien muͤrriſch und zerſtreut. Er be⸗ handelte Deine Mutter nicht mit der Ruͤckſicht und Liebe, die er ihr ſchuldig war. Zuweilen fuhr er ſie in meiner Gegenwart hart an, im naͤchſten Augen⸗ blicke aber uͤberhaͤufte er ſie mit Zaͤrtlichkeiten, die mir aber nur geheuchelt vorkamen. Es war, als ob er ſie fuͤrchtete. Ich ſah das Alles ruhig mit an und miſchte mich nicht drein, weil Eheleute nach meiner Meinung immer am beſten ohne einen Dritten fahren und ſelbſt eine Mutter bei ſolchen Gelegenheiten nur Oel ins Feuer gießt. Meine Ohren konnte ich indeß nicht verſchließen und ich bekam mancherlei zu hoͤren, was mir nicht lieb war und wodurch ich mir den Kum⸗ mer Deiner Mutter wohl erklaͤren konnte, ohne daß ſie mir ihn eingeſtand. — Und was war der Grund? fragte Adolphine haſtig. — Eiferſucht, pure Eiferſucht auf den Fuͤrſten. — 5 270— Es giebt uͤberall boͤſe Zungen, in großen wie in klei⸗ nen Staͤdten, Zwiſchentraͤger, Ohrenblaͤſer und wie die ganze Sippſchaft heißen mag. Die fluͤſterten An⸗ fangs heimlich, dann immer lauter und lauter ein abſcheuliches Geruͤcht. Man verleumdete Deine Mutter, weil ſich der Fuͤrſt oft in ihrer Naͤhe ſehen ließ. — Man verleumdete ſie, wiederholte Adolphine unglaͤubig, doch mein Vater— — Dein Vater ſchenkte dieſen Luͤgen leider ſeinen Glauben. Ich will ihn deshalb nicht anklagen, denn Deine Mutter trug wohl ſelber Schuld. — Alſo doch ſchuldig, murmelte Adolphine und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden, um ihren Schmerz zu verbergen. — Kind, Kind! rief die Großmutter entſetzt, die Adolphinens Verdacht erſt jetzt zu begreifen anfing. Was faͤllt Dir ein? Du glaubſt doch nicht etwa—. O mein Gott! was iſt das fuͤr eine Welt, wo die Kinder an der Unſchuld ihrer Eltern zweifeln! Arme Mathilde! dir iſt wohl in deinem Grabe. — Du glaubſt, daß ihr mein Vater Unrecht ge⸗ than hat? fragte Adolphine noch immer hartnaͤckig. — Ich bin ihre Mutter. Frau Kerner ſprach dieſe Worte mit einer ein⸗ —d 271 ◻-— fachen Wuͤrde, mit einem Tone der Ueberzeugung, welcher von Herzen kam und zu Herzen ging. Adol— phine war erſchuͤttert. — Ja, haͤtte die ganze Welt es mir geſagt, fuhr die Großmutter im heiligen Eifer fort, haͤtte ſie es mir ſelber eingeſtanden, ich haͤtt' es nimmermehr ge— glaubt.— Als ſie auf dem Todtenbette lag, worauf ſie die ſchaͤndlichen Geruͤchte und die Behandlung Dei— nes Vaters geworfen hatten, da erſt ſprach ſie mit mir uͤber ihren Schmerz.„Ich darf nicht reden, ſagte ſie unter Thraͤnen, ein Schwur ſchließt mir den Mund, aber ſo wahr ein Gott lebt, ich bin unſchuldig und meinem Manne immer treu geweſen.“ Sie war kei⸗ ner Luͤge faͤhig und am wenigſten im Angeſicht des Todes, der den verſtockteſten Suͤnder noch zur Wahr⸗ heit zwingt. — Ja, ſie war unſchuldig, rief Adolphine mit leuchtenden Augen. Im Uebermaße ihrer Seeligkeit warf ſie ſich wei⸗ nend an die Bruſt der geliebten Großmutter. Seit dieſer Unterredung war auch der letzte Reſt von Adolphinens Truͤbſinn beſeitigt. Eine bisher nie gekannte Heiterkeit erfuͤllte ihr ganzes Weſen. Jetzt erſt fuͤhlte ſie ſich ganz heimiſch in der ihr ſo lieb ge— wordenen Familie. Sie nahm an allen Ereigniſſen und Beſchaͤftigungen derſelben lebendigen Antheil. Statt auf ihrem Zimmer, oder im Garten zu traͤu⸗ men und uͤber finſtere Gedanken zu bruͤten, ſuchte ſie den innigen Verkehr mit den ſaͤmmtlichen Hausgenoſ⸗ ſen. Mit Mathilde, welche als Abbild ihrer Mutter ihr beſonders theuer war, ſchweifte ſie uͤber Felder und Wieſen. Es war zur Aerndtezeit. Mit der Saͤge⸗ muͤhle war eine ziemlich ausgedehnte Landwirthſchaft verbunden. Adolphine fand an dieſen laͤndlichen Be⸗ ſchaͤftigungen viel Vergnuͤgen. Sie lernte den Werth der Arbeit ſchaͤtzen und kam in mannigfache Beruͤh⸗ rung mit den Maͤgden und Knechten, die ihr ein menſchliches Intereſſe abgewannen. Das Getriebe eines großen Hausweſens und die Pflichten einer Hausfrau gaben ihr ſo manchen Stoff zum Nachden⸗ ken. Ihr ganzes bisheriges Leben kam ihr nichtig vor, wenn ſie es mit dem geregelten Fleiße ihrer jetzigen Umgebung verglich. —o 273— Ihre Tante war in dieſer Beziehung ein wahres Muſter zu nennen. Still und geraͤuſchlos leitete ſie das Ganze. Vom fruͤhen Morgen bis zum ſpaͤten Abend ruhten ihre Haͤnde nicht und doch blieb ſie im— mer ſanft, geduldig und gut gelaunt. Ihrem Bei⸗ ſpiele folgten Soͤhne und Toͤchter nach. Der Saͤge— muͤller war viel auf Reiſen, in den benachbarten For⸗ ſten, wo er die noͤthigen Einkaͤufe beſorgte. Gegen Abend kam er meiſt zuruͤck und dann war die ganze Familie wieder vereinigt und ruhte von der Arbeit bei unterhaltenden Geſpraͤchen aus. Dann ſchoͤpfte die Großmutter aus dem Schatze ihrer Erfahrungen und Erinnerungen. Sie war un⸗ ermuͤdlich, wenn ſie zu erzaͤhlen anfing. Alle hoͤrten ihr mit Freuden zu und ihre Reden brachten ein gei⸗ ſtiges Element in den kleinen, gluͤcklichen Kreis. Auch an Beſuchen fehlte es nicht. Freunde und Nachbarn aus dem nahen Waldau zeigten ſich von Zeit zu Zeit. Daß der Faͤrbermeiſter nicht hier fehlen durfte, brau⸗ chen wir kaum zu erwaͤhnen. Er war auf der Saͤge⸗ muͤhle ein von jeher gern geſehener Gaſt. Bald kam er allein, bald in Begleitung ſeiner Mutter, oder ſeiner Schweſter. Sein Erſcheinen war fuͤr Alle gleich erwuͤnſcht. Die Großmutter hatte ihn beſonders lieb und die alte II. 18 —0 274— Frau ſtimmte, wenn er fortging, ſtets ſein Loblied aus vollem Herzen an. Gegen den Saͤgemuͤller mußte ſie ihn haͤufig in Schutz nehmen. Dieſer, ein prakti— ſcher und ſtets nur auf den naͤchſten Erwerb bedach⸗ ter Mann, mißbilligte, wie die meiſten Kleinſtaͤdter und Landsleute, Georgs weitausſehende Unternehmun⸗ gen und die wiſſenſchaftlichen Erperimente, welche kein Geheimniß mehr waren. Adolphine ſchien hingegen das guͤnſtige Vorurtheil ihrer Großmutter fuͤr den Faͤrbermeiſter vollkommen zu theilen, wo moͤglich ſie noch in dieſer Beziehung zu uͤbertreffen. Sie hatte ſich ſo ſehr an ſeine Gegenwart gewoͤhnt, daß ſie ſein laͤngeres Ausbleiben ſchmerzlich empfand. Wenn er zu der beſtimmten Stunde, wo ſie ihn erwarten durfte, nicht eintraf, ſo ergriff ſie eine ihr unerklaͤrliche Un⸗ ruhe und Ungeduld. Zuweilen ging ſie dann mit Mathilde in der Daͤmmerung durch die Wieſen und ſcheute nicht den Abendthau, oder die bereits ſchon kuͤhler werdende Nachtluft. Es mochte natuͤrlich nur zufaͤllig ſein, daß ſie ſtets denſelben Weg einſchlug, auf dem er zu kommen pflegte. Wenn ſie von Wei⸗ tem ſeine dunkle Geſtalt zu erblicken glaubte, ſo ſchlug ihr das Herz ungewoͤhnlich ſtark in der Bruſt. Der Umgang mit ihm war ihr, trotz aller Anhaͤnglichkeit und Liebe zu ihrer Familie und beſonders zu ihrer — 275— Großmutter, ein wahres Beduͤrfniß geworden. Bei ihm fand ſie die Theilnahme und das Verſtaͤndniß, welches ſie ihre jetzige Umgebung doch zuweilen noch vermiſſen ließ. Zwiſchen ihr und dem Faͤrbermeiſter gab es ſo viele Beruͤhrungspunkte, ſo viele Anregun— gen und Erinnerungen, die das gegenſeitige Band taͤglich feſter knuͤpfen mußten. Georg ſelbſt wurde von Adolphinen immer mehr angezogen. In dieſer neuen Umgebung entwickelten ſich vor ſeinen Augen alle die guten Eigenſchaften, welche bisher in ihr geſchlummert hatten. Ihre Apa⸗ thie war gaͤnzlich geſchwunden, alle Launenhaftigkeit fuͤr immer verbannt. Sie war mild und freundlich gegen Jedermann. Den Faͤrbermeiſter behandelte ſie mit einer ſchweſterlichen Vertraulichkeit. Ein freudiges Familienereigniß trug noch dazu bei, ſte mit ihm in eine naͤhere, faſt verwandtſchaft⸗ liche Beziehung zu bringen. Die an den Foͤrſter ver⸗ heirathete Tochter des Saͤgemuͤllers war von einem Knaͤblein geneſen. Seit einigen Tagen war die Groß⸗ mutter bereits in dem einſamen Jaͤgerhauſe, um ihre Enkelin zu pflegen. Adolphinen und dem Faͤrber⸗ meiſter wurde die Ehre zugedacht, den kleinen Welt⸗ buͤrger in der benachbarten Dorfkirche aus der Taufe zu heben. An einem ſch onen Herbſtmor en fuhren )) D 18 † —d 276— Beide nach der Wohnung der Woͤchnerin, welche in dem ſogenannten Rothforſt lag. In ihrer Geſellſchaft befand ſich die feurige Elsbeth, deren Herz voll freu— diger Erwartung ſchlug, da ſie darauf rechnen konnte, ihren Geliebten ebenfalls in dem Foͤrſterhauſe anzu⸗ treffen. Unumwunden ſprach ſie ihre Hoffnungen aus. In ihrem Uebermuthe ließ es das kecke Maͤdchen nicht an allerlei verfaͤnglichen Worten und Anſpielungen auf das Verhaͤltniß ihrer Geſellſchafter fehlen. Sie ſah bereits Beide als ein ausgemachtes Liebespaͤrchen an und darum fand ſie ihre Freude daran, ſie tuͤchtig zu necken. Zuweilen ſang ſie auch mit heller Stimme dazwiſchen: Es brennt kein Feuer, keine Kohle ſo heiß, Als heimliche Liebe, von der Niemand nichts weiß. Adolphine erroͤthete, und Georg, welcher kutſchirte, gab in ſeiner Verlegenheit den Pferden manchen tuͤch⸗ tigen Hieb, daß ſie uͤber Stock und Stein auf dem geebneten Waldweg dahinſchoſſen. Die luſtige Els⸗ beth trug die Koſten der Unterhaltung faſt ganz allein. Je lauter ſie war, deſto ſtiller blieben ihre Gefaͤhr⸗ ten. Jeder hatte mit ſeinen Gedanken zu thun. Von Zeit zu Zeit warfen ſie ſich wohl einen verſtohlenen Blick zu. Es wagte keiner zu ſprechen. Um ſo mehr fuͤhlten Beide in dieſem Augenblicke. Im Stillen be⸗ 4 —o 277— ſchaͤftigten ſie ſich ausſchließlich mit einander. Els⸗ beths luſtige Reden zogen mit einem Male den Schleier von ihren gegenſeitigen Empfindungen fort. Was keiner von ihnen bisher ſich eingeſtanden, das hatte ein Dritter laͤngſt bemerkt und unbefangen ausge⸗ ſprochen. Adolphine war erſchrocken und Georg ſcheu. und erzuͤrnt auf das uͤbermuͤthige Maͤdchen, welches ſeine geheimſten Gedanken ausplauderte. Ihm kam das wie eine Entweihung vor. So gelangten ſie zu dem Foͤrſterhauſe. An der Thuͤr kam ihnen die Großmutter entgegen. Die uͤbrigen Taufgaͤſte warteten in der reinlichen Stube, welche mit Nachbarn und Freunden vollge⸗ pfropft war. Unter ihnen befand ſich auch der ſchlanke Jaͤgerburſch, um deſſentwillen Elsbeth den reichen Holzhaͤndler ausgeſchlagen hatte. Die Gegenwart der Eltern legte ihnen zwar einigen Zwang auf, aber ihre Augen leuchteten und ſprachen deſto mehr. Die Foͤrſterin, Adolphinens Couſine, ein holdes Weibchen, noch bleich und angegriffen, zeigte ihr mit muͤtterlichem Stolz den Neugeborenen, einen kraͤftigen Knaben, der mit lautem Schrei ſie begruͤßte. Nach einem einfachen Fruͤhſtuͤcke ſetzte ſich der Zug zur Kirche in Bewegung. Die Großmutter hatte es ſich nicht nehmen laſſen; ſie trug auf ihren zitternden — 5 278— Armen den bluͤhenden Urenkel in weiche Kiſſen ein⸗ gebunden und mit einem zierlich weißen Haͤubchen und Kleid mit roſigen Baͤndern geſchmuͤckt. Hinter⸗ drein folgten Paar um Paar die uͤbrigen Gaͤſte. Adolphine ging an der Seite des Faͤrbermeiſters, wie ſich das bei Gevatterleuten ganz von ſelbſt verſtand. Auch Elsbeth hatte ſich mit ihrem Geliebten zuſam⸗ mengefunden. Der ſchmucke Burſch nahm ſich in dem gruͤnen, knappen Jaͤgerrock gar vortheilhaft aus und wenn man ihn nur ſah, ſo konnte man es ihr gewiß nicht verdenken, daß ſie ihn allen Andern vorzog. Beide hatten ihre Arme verſtohlen in einander geſchlungen und bildeten wohlweislich das letzte Paar, weil ſie ſo am beſten von den Eltern unbemerkt ihre Gedan⸗ ken und Gefuͤhle austauſchen konnten. Der Weg fuͤhrte mitten durch den Wald. Das Laub ſchimmerte bereits in herbſtlichem Farbenſchmuck. Die goldenen und rothen Blaͤtter flatterten wie bunte Faͤhnchen und wehten dem Taͤufling ihren Gruß zu. Die goldene Sonne ſchenkte ihm ihr mildes Licht, die friſche, wuͤrzige Waldluft ſpielte um ſeine zarten Wan⸗ gen und rief Heil und Willkomm dem kuͤnftigen Waid⸗ mann entgegen. Amſel und Droſſel blickten neugierig von ihrem luftigen Hauſe auf das ſchlummernde Kind und ſangen es luſtig an. Es war dies eine Art — o 279— Naturtaufe, die der kleine Weltbuͤrger bei ſeinem erſten Ausgang noch fruͤher empfing, bevor er in das Gotteshaus gelangte. Ein Viertelſtuͤndchen war kaum ſo vergangen, als der Zug vor der Dorfkirche hielt. An der Thuͤr der⸗ ſelben wartete bereits der Paſtor mit dem alten Dorf⸗ kuͤſter, um die Gaͤſte zu begruͤßen. Nachdem er einige freundliche Worte mit den Anweſenden gewechſelt, be⸗ gann die heilige Handlung. Adolphine nahm aus den Haͤnden der Großmutter das roſige Kind, wel⸗ ches jetzt erſt erwachend die hellen Aeuglein zu ihr aufſchlug und ſie anſtarrte. Es war ihr ganz wun⸗ derbar zu Muth, wie ſie dies junge Leben ihrem Her⸗ zen ſo nahe fuͤhlte. Der Taͤufling ſchrie laut auf und ſie ſchaukelte in holder, jungfraͤulicher Verwir⸗ rung das Kind auf ihren Armen, bis es ſich wieder beruhigt hatte. Der Prediger richtete einige paſſende Worte an ſeine Zuhoͤrer. Er pries vor Allem das Gluͤck, wel⸗ ches ununterbrochen aus dem Schooſe der Familie hervorgeht. Dieſe verglich er bald mit dem Baume voll Bluͤthen, Frucht und kuͤhlem Schatten, bald mit dem reinen Quell, an dem der muͤde Wanderer Ruhe und Erquickung findet. Dann begruͤßte er den Taͤuf⸗ ling als ein neues Glied in dieſem Kreiſe, als ein — 280— Pfand der Liebe, als einen friſchen Zuwachs zu dem ſchon vorhandenen Gluͤck. Von ihm wendete er ſich an die Großmutter, der es noch vergoͤnnt war, die Geburt dieſes Urenkels zu erleben. Ihr gab er das Zeugniß eines reinen, untadelhaften Wandels vor Gott und den Menſchen, darum hatte ihr auch der Herr die Krone des Alters verliehen, Kinder und Enkel, einen wahren Bluͤthenkranz. — Wiege und Grab, ſagte der wuͤrdige Redner, ſtehen hier dicht bei einander. Fuͤr den Gerechten iſt ja das Grab nur die Wiege, wo wir einem hoͤheren und beſſeren Daſein entgegenreifen. Wohl denen, welche ſchuldlos wie dieſes Kind an der Schwelle eines neuen Lebens ſtehn; denn nur fuͤr die, welche ſind wie die Kinder, thut ſich der Himmel auf. Waͤhrend der Paſtor in dieſer Vergleichung fort⸗ fuhr, ſtand die Großmutter mit gefalteten Haͤnden. Auf ihrem milden Antlitz ſchwebte bereits ein Ab⸗ glanz jener Herrlichkeit, die ihr verheißen war. Adolphine ſchaute zu ihr empor voll inniger Ver⸗ ehrung. Ein frommer Schauer erfaßte ſie. Anfang und Ende des Lebens beruͤhrten ſich in ihrer naͤchſten Naͤhe, zur ſeeligen Harmonie verſchmolzen. Es uͤber⸗ kam ſie wie eine Offenbarung. Das Goͤttliche in jedem Menſchen wurde ihr vollkommen klar. Das —— —5b 281— Alltaͤgliche erhielt fuͤr ſie eine hoͤhere Bedeutung. Sie ahnte das heilige Myſterium des Daſeins. Ihre eigene Beſtimmung, das Loos des Weibes, gewann in ihren Augen eine uͤberirdiſche Weihe. Erde und Himmel, Gottheit und Menſchenthum zitterten durch ihre Seele. Als der Prediger zum Schluß den Segen uͤber den Taͤufling und die Taufzeugen ſprach, da war es ihr, als waͤre ſie erſt jetzt mit ihrer Familie vollkom⸗ men verbunden, als haͤtte ſie ſelbſt ein geheimes Ver— loͤbniß gefeiert. Bei der Ueberreichung des Kindes beruͤhrten ihre Haände die des Faͤrbermeiſters. Sie glaubte einen leiſen Druck geſpuͤrt zu haben. Auch dieſe fluͤchtige Annaͤherung erhielt eine fromme Bedeutung fuͤr ſie. Auf dem Heimweg war ſie noch ſtiller als zuvor. Sie hatte der Großmutter das wieder eingeſchlafene Kind abgenommen und trug es in ihren Armen bis zum Jaͤgerhauſe. Mit geſenktem Haupte ſchritt ſie neben Georg, ein Abbild der jungfraͤulichen Mutter, welche das Chriſtenthum verehrt. Der Faͤrbermeiſter wagte kaum ſie anzublicken, noch weniger ſie anzu⸗ reden. Es lag etwas Mildes und doch wieder Hohes in ihren edlen Zuͤgen. So ſchoͤn war ſie ihm noch nie erſchienen. Als ſie in das Zimmer trat, wo die Woͤchnerin zuruͤckgeblieben war, legte ſie das Kind leiſe auf den Schoos der Mutter. Die Foͤrſterin weckte es mit ihren Kuͤſſen. Bei Tiſch ſaß Adolphine, wie das uͤblich iſt, neben dem Faͤrbermeiſter. Der Wein, welchen der Wirth reichlich zu Ehren ſeines Erſtgeborenen fließen ließ, rief bald die heiterſte Stimmung hervor. Luſtige Trink⸗ ſpruͤche und frohes Gelaͤchter wechſelten mit einander ab. Der junge Vater brachte einen Toaſt der wuͤr⸗ digen Großmutter aus, die den Ehrenplatz behauptete. Auch der Taufzeugen wurde freundlichſt gedacht. Zum Gluͤcke vermied der Redner jede Anſpielung, welche bei ſolchen Gelegenheiten ſonſt nicht fehlen. Sowohl der Faͤrbermeiſter, wie ſeine ſchoͤne Nachbarin floͤßten aber den Anweſenden ein Gefuͤhl von ruͤckſichtsvoller Achtung ein, ſo daß in ihrer Naͤhe jeder lautere Spaß verſtummte. Außerdem beſaß die Geſellſchaft ſchon an und fuͤr ſich ein Schicklichkeitsgefuͤhl, wie es zuweilen ſelbſt in hoͤheren Kreiſen nicht gefunden wird. Ein unerwartetes Ereigniß ſteigerte, wenn dies noch moͤglich war, die frohe Laune. Waͤhrend des Mahls war die Woͤchnerin an ihren Vater, den Saͤgemuͤller, herangetreten. Das holde — —“ 283— Weibchen hatte ſchon vorher mit Elsbeth ſich ver⸗ ſchworen. Die Schweſtern kannten die„Swache Seite des Saͤgemuͤllers. Bei der Flaſche und wenn er ein Glas Wein getrunken, vermochte er nichts abzuſchla⸗ gen, am wenigſten ſeiner Lieblingstochter, der Foͤrſte⸗ rin. Leiſe ſchlich ſich dieſe jetzt heran und umſchlang ihn mit ihren Armen. — Du Scahmeichelkatzchen! ſagte Herr Wagner, willſt gewiß wieder was betteln. Sag' nur gleich, was es giebt. — Nicht eher, bevor Du mir verſprichſt, meinen Wunſch zu erfuͤllen. — Na, ſprich nur! Den Hals wird es ja doch nicht koſten. — Alſo Du thuſt, was ich will? — Meinetwegen, nur mach' es nicht zu arg. Auf ein ſeidenes Kleid ſoll as mir nicht ankommen. Das haſt Du redlich fuͤr den huͤbſchen Jungen verdient. — Ich nehm' es an, verſetzte ſchnell die Foͤrſterin, aber das iſt mir nicht genug. — Ei Potz Tauſend! Du willſſt wohl gar noch eine goldene Kette? Auch die will ich Dir kaufen. — Nein, die Kette brauch' ich nicht. Die hat mir ſchon mein Mann geſchenkt. — Was ſonſt? So ſag's doch nur grad heraus. —e 284 6— — Wirſt auch nicht boͤſe ſein? — Gewiß nicht. Heut waͤr's mir nicht möglich, wenn ich auch wollte. — Das iſt ſchoͤn. Alle haben's gehoͤrt und ſollen Zeugen ſein. — I! das klingt ja ſehr feierlich, entgegnete der Saͤgemuͤller, der noch immer keine Ahnung hatte. — Vater! rief jetzt die Foͤrſterin, mach' ein Ende und gieb der Elsbeth den Mann, den ſie lieb hat. — Alle Donner— ſchrie der Ueberraſchte. Das kann nicht ſein, das iſt gegen die Abrede. Ihr Weibs⸗ leute habt mich betrogen. Aber die harten Worte verſtummten bald in ſei⸗ nem Munde. Von allen Seiten wurde er mit Bitten, Kuͤſſen, Thraͤnen und Umarmungen foͤrmlich erſtickt. Die Forſterin und Elsbeth hingen an ſeinem Halſe. Die Saͤgemuͤllerin war ebenfalls gewonnen und redete in ihrer Weiſe mild ihm zu. Als aber gar die Groß⸗ mutter zu ihm herantrat und die Partei der Lieben⸗ den nahm, da vermochte der Hartnaͤckige nicht laͤnger zu widerſtehn. — Nun, in Gottes Namen, rief er laut, aber laßt mich doch nur los. Ihr erdruͤckt mich ja. — Und noch heute muß Verlobung ſein, bat die Förſterin. — e 285— — Meinetwegen, entgegnete der Saͤgemuͤller. Ich bin doch einmal hier verrathen und verkauft. — Das Brautpaar ſoll leben, Vivat hoch! ſchrie der Foͤrſter und alle Gaͤſte ſtimmten jubelnd ein. Das frohe Feſt hatte ſeinen Gipfelpunkt erreicht. Der Laͤrm wurde immer lauter und tobender. Adol⸗ phine ſehnte ſich nach Ruhe und Einſamkeit. Unbe⸗ fangen aͤußerte ſie dieſen Wunſch und der Faͤrbermeiſter verließ mit ihr das vollgedraͤngte Zimmer. Vor der Thuͤr begruͤßte ſie eine feierliche Stille. Der Mond war bereits aufgegangen und ſein Silberlicht erhellte mild den nahen Wald. Schweigend gingen ſie zwi⸗ ſchen den Baͤumen neben einander her. Je voller ihr Herz war, deſto weniger vermochten ſie davon zu reden. Endlich begann Adolphine von den Begeben⸗ heiten des heutigen Tages zu ſprechen. — Wie lebhaft, ſagte ſie, hat mich dies Alles an Ihre Worte in Muͤnchen gemahnt! Jetzt erſt fuͤhle ich die Wahrheit tief, daß alles Gluͤck nur im Schooſe der Familie ruht. Ich bin keine Fremde mehr und das hab' ich Ihnen zu verdanken. — Nicht mir, ſondern dem innern Drang, der Sie die Nichtigkeit unſerer geſellſchaftlichen Zuſtaͤnde auch ohne mich erkennen ließ. — Was in meiner Seele ſchlummernd und vor — d 286 8— mir ſelbſt verborgen lag, haben Sie erſt mir klar gemacht. Der wuͤrdige Paſtor ſprach daſſelbe, wenn auch nur mit andern Worten aus. Ich muß Ihnen geſtehn, daß ich nie ſo andaͤchtig geweſen bin, als in der kleinen Dorfkirche. Die Bedeutung der Reli⸗ gion ging mir da ploͤtzlich auf. Nie erſchien ſie mir ſo heilig und ehrwuͤrdig als in jenem Augenblick, wo ſie eine alltaͤgliche Begebenheit mir in einem hoͤheren Lichte zeigte. — Das iſt die Aufgabe jeder Religion. Leider ſind die meiſten Prieſter weit entfernt, ihre eigent⸗ liche Miſſion zu begreifen. Sie beſchaͤftigen ſich weit mehr mit metaphyſiſchen Speculationen, den unſicht⸗ baren, uͤberirdiſchen Myſterien, als mit der Wirklich⸗ keit und dem Leben, und doch offenbart ſich in dieſem allein das Goͤttliche. In aͤlteſten Zeiten war der Familienvater auch der Prieſter, das Haus ſeine Kirche, die Kinder und Angehoͤrigen ſeine Gemeinde. Dahin muͤſſen wir zuruͤckkommen. Jeder Menſch ſoll ein Prieſter in ſeiner Familie ſein. — Heißt das nicht die Religion aufloͤſen? — Nicht die Religion, hoͤchſtens die Kirche, und auch dieſe nicht. Es wird zu allen Zeiten ein Cul— tus beſtehn. Der menſchliche Geiſt bedarf ſtets fuͤr den unſichtbaren Inhalt die ſichtbare Form, aber dieſe —5 ¹ 287— darf nicht zu einer bloßen Aeußerlichkeit herabſinken, nicht die Wahrheit erſticken. Das religioſe Beduͤrf⸗ niß, welches ſich in unſerer Zeit ſo maͤchtig wieder regt und auf mannigfache Abwege zuweilen abſicht— lich geleitet wird, ringt nach einer nothwendigen Wie⸗ dergeburt. Seinen Inhalt will es aus dem Leben, aus der Erde ſchoͤpfen, der wir einmal angehoͤren. Auch die Form wird und muß ſich finden, ja ſie iſt zum Theil ſchon da. Die Familie ſammelt ſich, wie wir es heute thaten, um die Wiege des Neugebornen. Ehe die Kirche ſich ſeiner bemaͤchtigt, tauft ihn die Mutter mit ihren Thraͤnen, ſegnet ihn der Vater mit ſeinem Freudengruß. Die Anverwandten eilen her⸗ bei um das gluͤckliche Ereigniß freudig zu begehn. Freunde und Bekannte werden mit herbeigezogen und nahen mit ihren Wuͤnſchen und Geſchenken. Das iſt nach meiner Meinung auch ein Gottesdienſt und die Sitte vertritt die Stelle der Ceremonie.— Wenn ein Menſch dem Tode erliegt, ſammeln ſich nicht da ſeine Lieben um das Sterbebett? Gebete auf den Lippen und Thraͤnen in den Augen umſtehen ſie den Scheidenden. Aus dem Schmerz ſelbſt, den ſie em— pfinden, ſchoͤpfen ſie die Gewißheit eines Wiederſehns. Die Lebenden beſtatten ihren Todten und wie der Trauerzug voruͤbergeht, gruͤßen ſelbſt Fremde die Leiche —d 288 6— mit unbedecktem Haupte. Man erweiſt damit dem Todten die letzte Ehre. Am Grabe angelangt wirft jede Hand eine Scholle Erde auf den Sarg, die letzte ruͤhrende Liebesgabe, und im naͤchſten Fruͤhjahr ſchmuͤcken die Zuruͤckgebliebenen den ſchwarzen Huͤgel mit duftenden Blumen und gruͤnem Epheu. So bildete ſich unbewußt fuͤr den Inhalt auch die Form. Das Symbol iſt vorhanden, wenn wir es nur ſehen wollen. Noch nie hatte Georg zuvor uͤber aͤhnliche Gegen— ſtaͤnde mit Adolphinen geſprochen. Endlich war die Stunde gekommen, wo er ſeine geheimſten Gedanken vor ihr erſchloß. Sie ſtaunte uͤber die Fuͤlle und die Tiefe ſeiner Empfindungen. Da war nichts Anerzo⸗ genes, nichts Gemachtes und Erkünſteltes. Was er ſprach und fuͤhlte, ſtand in vollkommenſter Harmonie mit ſeinem Charakter und ſeinem bisherigen Leben. Sie wurde nicht muͤde ihm zuzuhoͤren. Dabei dachte ſie nicht, daß ſie mit ihm allein in der Nacht durch den ſtillen Wald ging. Auch er wandelte in ſuͤßer Selbſtvergeſſenheit neben ihr her. Beide beruͤhrten mit keinem Worte ihr gegenſeitiges Verhaͤltniß, kein unlauterer Wunſch, keine fremde Leidenſchaft ſtoͤrte ſie in ihrem innigen Vertrauen. Ihre Seelen feierten eine innige Verbindung, von der ihre Sinne nichts ahnten. Es war das reinſte Gluͤck, welches Adolphine — 289— ſeit langer Zeit wieder genoß. Auch ſie wurde offen und mittheilſam. Sie ließ den treuen und bewaͤhr⸗ ten Freund in die Tiefe ihrer Seele ſchauen. Sie verſchwieg ihm nichts, weder ihre Zweifel, noch ihre Irrthuͤmer. Mit Zartheit nahm er ihre Bekenntniſſe entgegen. Sein Tadel, den er nicht zuruͤckhielt, war mild und belehrend, die Winke, welche er ihr er— theilte, treffend und ganz fuͤr ihre gegenwaͤrtige Lage berechnet. Es fand ein gegenſeitiger Austauſch der Gedanken ſtatt, hinter denen ſich ſchuͤchtern noch das aufkeimende Gefuͤhl verbarg. Das iſt der wahre Lie— besfruͤhling, wenn die Ahnung die Erfuͤllung, der Geiſt noch die Materie uͤberwiegt, wenn die Bluͤthe ſich keuſch verhuͤllt und der maͤchtige Trieb die erſten ſchuͤhhternen Knospen treibt. Das Herz gleicht dann der fruchtbaren Erde, welche das Samenkorn tief im Innern birgt. Geheimnißvoll im dunklen Schooſe keimt und waͤchſt das ſuͤße Myſterium, ungeſehn und unbewußt. Ein warmer Regen, ein fruchtbares Ge⸗ witter locken die junge Pflanze uͤber Nacht hervor. Spaͤter kommt der heiße Sommer des Lebens, die Glut der Leidenſchaft, der entblaͤtternde Herbſt und der erkaͤltende Winter. Auch die Liebe hat ihre Jah— reszeiten und durchlaͤuft den Wechſelkreis des Irdiſchen. Nur in edlen Gemuͤthern bewahrt ſie ihren ewigen Reiz. II. 19 —e 290— Wie Nachtwandler ſchritten Adolphine und Georg durch den ſchweigenden Wald. Der Mond lockte ſie immer weiter von dem Foͤrſterhauſe fort. Nur aus der Ferne noch ſahen ſie wie Funken die noch immer hellen Fenſter ſchimmern. Sie gingen und wußten ſelber nicht wohin, nach einem unbekannten Ziele, nach einer Heimath, die in dunkler Ferne lag. XXI. Die Anweſenheit Adolphinens auf der Saͤgemuͤhle und die haͤufigen Beſuche des Faͤrbermeiſters bei ihren Anverwandten konnten den guten Waldauern nicht verborgen bleiben. Das war ein willkommener Stoff fuͤr die Baſen und Gevatterinnen des Staͤdtchens. Bei jeder Zuſammenkunft wurde von nichts Anderem geſprochen. Natuͤrlich waren auch die reiche Frau Veit und ihre beiden Toͤchter von all dieſen Um⸗ ſtaͤnden bald unterrichtet. Der letzte Kaffee, den die Apothekerin gab, ver⸗ wandelte ſich in ein furchtbares Tribunal, wo uͤber Adolphinens Ruf und Georgs Benehmen der Stab ohne Schonung gebrochen wurde. Waͤhrend das Klir⸗ ren der Taſſen und Loͤffel gleich dem Zaͤhneklappern —’o 291— den Verdammten klang, ſaßen die Damen foͤrnlich zu Gericht. Ueber die großen Suͤnder hatten ſie die kleinen, als da ſind Dienſtboten, Schullehrer, Hand⸗ werker u. ſ. w., vollkommen vergeſſen. Die Wichtig⸗ keit des abzuhandelnden Gegenſtandes draͤngte alle uͤbrigen Intereſſen in den Hintergrund. Man ſprach weder von der Theuerung der Gaͤnſe und Eier, noch von den neueſten Moden, Huͤten, Hauben, Baͤndern und aͤhnlichen bedeutenden Gegenſtaͤnden. Die Buͤrger⸗ meiſterin hatte ſogar das neue Atlaskleid der Salz⸗ inſpectorin noch nicht bemerkt und die Stadtrichterin von keinem neuen Diebſtahl oder Bankrott erzaͤhlt. Sie pflegte ſonſt in den Mußeſtunden zu dieſem Zwecke die Acten ihres Mannes zu ſtudiren und der Kaffeegeſellſchaft einige pikante Mittheilungen daraus zu machen. Die Apothekerin, als Mutter eines er- und ver— wachſenen Sohnes, hatte die Rolle des oͤffentlichen Anklaͤgers uͤbernommen. Der weibliche Staatsanwalt gab ein erſchuͤtterndes Bild von dem Verbrechen der beiden hinzurichtenden Uebelthaͤter. Sie hielt die Beweisſtuͤcke in der Hand, einen Brief aus der Re— ſidenz, welchen ſie von einer hoͤchſt wahrheitsliebenden Freundin ſo eben erhalten hatte. Auf dieſes Schreiben gruͤndete ſie mit unerbittlichem Scharfſinn und ver⸗ 19* — 292 8— nichtender Logik eine Reihe von haarſtraͤubenden Be— ſchuldigungen. Leider befand ſich in der Geſellſchaft kein Stenograph, der ihre ausgezeichnete Rede fuͤr die MEle, un, auftome haͤtte, wir muͤſ⸗ ſen uns deshalb nur mit einigen auf uns gekomme⸗ nen Bruchſtuͤcken begnuͤgen. — Bei Nacht und Nebel, ſchrie die Apothekerin im heiligen Tugendeifer, iſt das ſaubere Fraͤulein auf und davon gelaufen. — Allein? fragte die boshafte Stadtrichterin. — Sie wird wohl einen Geſellſchafter gefunden haben, bemerkte die witzige Buͤrgermeiſterin. Bei Nacht geht ja keine anſtaͤndige Dame allein aus. Die Salzinſpectorin lachte aus vollem Halſe, waͤhrend Frau Veit nur ingrimmig die Lippen ein wenig verzog. — Nun will das Fraͤulein draußen auf der Saͤ⸗ gemuͤhle bei ihren Anverwandten einige Zeit bleiben, fuhr die Apothekerin fort. Das wird wohl ſeine gu⸗ ten Gruͤnde haben. Man weiß ja, was es zu be⸗ deuten hat, wenn ſolche Damen ploͤtzlich die Einſam⸗ keit ſuchen, in die Baͤder oder ſonſt wohin reiſen. Die weiblichen Richter nickten zuſtimmend mit den Koͤpfen. Daruͤber konnte gar kein Zweifel mehr ſein. — 293— Durch dieſen ſtummen Beifall fuͤhlte ſich die Apothe⸗ kerin nicht wenig geehrt und ermuntert. — Ja, wie man's treibt, ſo geht's, der Krug geht ſo lange zum Waſſer, bis er bricht. Die ehrli⸗ chen Leute auf der Saͤgemuͤhle thun mir herzlich leid. Es ſind ſehr, ſehr reſpectable Kunden meines Man⸗ nes, bleiben nie einen Pfennig ſchuldig, aber was wollen ſie machen? Sie koͤnnen doch dem Fraͤulein nicht die Thuͤre weiſen? Außerdem iſt es nichts Neues, was ihnen paſſirt. Dieſer Theil der Rede brachte auf alle Anweſende eine unbeſchreibliche Wirkung hervor und zeugte mehr als Alles fuͤr die Meiſterſchaft dieſes weiblichen Ci⸗ cero. Die Apothekerin theilte Lob und Tadel mit gleicher Gerechtigkeit aus, ſie klagte an und entſchul⸗ digte zugleich. Mitleid und Bosheit, Verleumdung und Anerkennung wußte ſie geſchickt zu einer Miſchung zu verbinden. Gleich ihrem Gatten vergoldete ſie die bittere Pille und faͤrbte die graͤuliche Mirtur mit dem angenehmen Syrup der Menſchenfreundlichkeit. Der Schluß ihrer Worte war ganz und gar darauf berech⸗ net die Sympathieen ihrer Zuhoͤrerinnen ihr vollends zu gewinnen. — Ja, jal ſeufzte ſie und verdrehte dabei fromm die gruͤnlichen Augen. Der Apfel faͤllt nicht weit 4—eo 294— vom Stamme. Man ſoll zwar von den Todten nur das Beſte ſagen, aber die Mutter des Fraͤuleins hat es auch arg getrieben. Man ſpricht nicht gern davon. Auch dieſer rhetoriſche Kunſtgriff verfehlte ſeine Wirkung nicht. Die Apothekerin wurde von ihrem Auditorium gezwungen Alles zu erzaͤhlen, was ſie von Adolphinens Mutter wußte. Freiwillig haͤtte das brave Weib ſich nie dazu entſchloſſen, von den Todten im Grabe ſchlecht zu reden. Fuͤr ihre Zunge reichten ja die Lebenden aus. Was blieb ihr aber uͤbrig? Sie mußte doch den Freundinnen auf deren dringende Bitten den Willen thun. Es geſchah mit Widerſtreben, ſie wurde ſo ſehr genoͤthigt, ſchließlich aber geſchah es doch. Nach dieſer intereſſanten Ab⸗ ſchweifung kehrte die ehrenwerthe Verſammlung bald wieder zu dem Gegenſtande ihrer ernſten Verhand⸗ lung zuruͤck. Die Hauptſuͤnderin wurde abgeurtheilt und die Reihe kam an ihren Mitſchuldigen, den armen Faͤrbermeiſter. Hier erhielt der Prozeß eine mehr dramatiſche Faͤrbung, da Frau Veit als Hauptzeugin gegen den Verbrecher auftrat. Die reiche Wittwe benahm ſich, trotzdem ſie die betheiligte Partei war, mit edler Maͤßigung. Ihre Beſchuldigungen trugen durchaus keinen gehaͤſſigen Charakter, ſie ſprach we⸗ — —e 295— der von ihren getaͤuſchten Erwartungen, noch von den gebrochenen Herzen ihrer theuern Toͤchter. Mit gro⸗ ßem Edelmuthe verſchwieg ſie ſogar ihre fruͤheren Abſichten und bewahrte in dieſem Punkt eine voll⸗ kommene Gerechtigkeit. Nur einige veraͤchtliche Ne⸗ benbemerkungen uͤber die zerruͤtteten Vermoͤgensum⸗ ſtaͤnde des Faͤrbermeiſters konnte ſie unmoͤglich un⸗ terdruͤcken und ſolche harmloſe Bezeichnungen, wie Lump, Schuldenmacher, verdorbener Student und Projectenmacher koͤnnen wir ihr unmoͤglich zu hoch anrechnen, da ſie einen gerechten Grund fuͤr ihren Zorn zu haben glaubte. Dieſer zuruͤckgedraͤngte Schmerz, dieſe wunderbare Unparteilichkeit machte einen um ſo tieferen Eindruck auf die Herzen der Richter. Einſtimmig erkannten ſie gegen Georg, den ſie des ſchwaͤrzeſten Undanks, des gemeinſten Verrathes ſchuldig erklaͤrten. Es war um ihn geſchehn. Alle Muͤtter heirathsfaͤhiger Toͤchter, und deren gab es in der Verſammlung eine hinlaͤng⸗ liche Anzahl, ſprachen ihr Anathema uͤber ihn. Er fand auch keinen einzigen Vertheidiger. Frau Veit wurde mit dieſem Urtheil bekannt gemacht und die Execution in ihre Hand gelegt. So endete die wichtige Sitzung des weiblichen Schwurgerichts zu Waldau.— — d 296— Nach Beendigung dieſes großen Prozeſſes fuͤhlte man ſich ſo ſehr erſchoͤpft, daß einige minder bedeu⸗ tende Verhandlungen vorlaͤufig bis zum naͤchſten Kaffee liegen blieben, wo ſie ſicher ihre gruͤndliche Erledi⸗ gung gefunden haben werden. Die Freundinnen um— armten ſich und ſchieden mit dem ſuͤßen Bewußtſein ihre Pflicht redlich gethan zu haben. Ihr Wahlſpruch lautete: ſiat justitia, pereat munqus. Die Folgen der gepflogenen Verhandlungen ließen nicht allzulange auf ſich warten und ſetzten ganz Waldau in die allergroͤßte Aufregung. Zunaͤchſt brachte das loͤſchpapierne Wochenblaͤttchen eine Ver⸗ lobungsanzeige. Als Verlobte empfahlen ſich Min— ſchen Veit und Gabriel Plumper, Apotheker zweiter Klaſſe. Georgs Mutter ließ, als ſie dieſe Nachricht las, vor Schreck einen Teller auf den Boden fallen. Die Truͤmmer deſſelben waren ein Sinnbild ihrer ver⸗ nichteten Hoffnungen. Das war aber noch nicht das Schlimmſte, was ihr und ihrem Sohne begegnen konnte. Georg erhielt noch an demſelben Tage die gerichtliche Aufforderung, das ihm von der Wittwe Veit geborgte Capital nebſt Zinſen bei Vermeidung der Execution innerhalb vierzehn Tagen zu zahlen. Dieſe ploͤtzliche Kuͤndigung einer bedeutenden Summe, welche er im Augenblicke nicht aufzutreiben vermochte, — — e 297— machte ihm weit mehr Kummer als der Verluſt der ihm zugedachten, reichen Braut. Die Letztere konnte er verſchmerzen, das Geld aber um ſo weniger entbeh⸗ ren, da er im Begriffe ſtand in ſeiner Faͤrberei nicht allein eine neue Dampfmaſchine aufzuſtellen, ſondern auch bereits Einrichtungen getroffen hatte, um die Fabrikation des tuͤrkiſchen Garnes im Großen zu be⸗ treiben. Geſtuͤtzt auf die Winke und Belehrungen des Muͤnchner Profeſſors war er trotz Adolphinens Anweſenheit mit ſeinen Erperimenten ſo weit fortge⸗ ſchritten, daß er am Ziele ſeines heißen Strebens ſtand. Das Geheimniß war endlich von ihm entdeckt. Ein gelungener Verſuch kroͤnte in einer Stunde ſeine Jahre langen Bemuͤhungen. In ſeinen Haͤnden hielt er das brennend rothe Geſpinnſt. Kein Makel war daran, die Farbe hatte alle Eigenſchaften der aͤchten tuͤrkiſchen. Sie beſaß den noͤthigen Glanz, die Dauerhaftigkeit, welche von ihr gefordert wird, bewaͤhrte ſich in allen Proben, denen er ſie gewiſſenhaft unterwarf. Er haͤtte laut aufjubeln moͤgen. In der Freude ſeines Herzens rief er ſeinen Geſellen, das ganze Haus herbei. Der bedaͤchtige und praktiſche Karl betrachtete und pruͤfte mit ſeinem Meiſter das gewonnene Reſultat. Zuletzt konnte er keinen Zweifel mehr hegen. Was er nie —d 298— fuͤr moͤglich hielt, war dem Fleiße und dem wiſſen— ſchaftlichen Eifer in Verbindung mit der praktiſchen Erfahrung gegluͤckt. Er beugte ſich vor der hoͤheren Intelligenz und erkannte willig und von ganzem Her⸗ zen den Vorzug ſeines Meiſters an. — Das Garn iſt aͤcht gefaͤrbt, ſo wahr ich lebe, ſagte er treuherzig. Georg reichte dem Geſellen ſeine Hand und dankte ihm fuͤr die bewieſene Ausdauer und die Sorgfalt, mit der ihn Karl bei ſeiner muͤhevollen Arbeit unter⸗ ſtutzt hatte. — Auch Du ſollſt die Fruͤchte meiner Entdeckung mit genießen, fuͤgte er hinzu. Du haſt mir redlich bei meinem Werke geholfen und mich unterſtuͤtzt. Ohne Dich waͤre ich nicht ſo weit gekommen. So⸗ bald ich erſt die noͤthigen Einrichtungen fuͤr dieſen neuen Gewerbezweig getroffen habe, werde ich Dir die bisherige Faͤrberei ganz allein uͤberlaſſen. Natuͤr⸗ lich hoͤrt dann Dein Verhaͤltniß als Geſelle auf, Du trittſt als Freund, als Compagnon in mein Geſchaͤft unter Bedingungen, die wir ie gemeinſchafilid noch feſt⸗ ſtellen wollen. Karl ſtarrte ſeinen Meiſte ſprachlos an. Sein Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen. —e 299— — Das iſt zu viel, das hab' ich nicht verdient, ſtammelte er bewegt. — Laß Deinen Dank, entgegnete Georg ableh⸗ nend. Ich kenne Dich und weiß um Deine Wuͤnſche. Meine Schweſter hat mit mir geſprochen. — Und Sie ſind nicht boͤs? — Warun ſollte ich Dir zuͤrnen? Von meiner Seite haſt Du kein Hinderniß zu befuͤrchten. Was die Mutter betrifft, welche vielleicht anderer Anſicht ſein duͤrfte, ſo hoffe ich ſie vollkommen umzuſtimmen. Ich werde mit ihr zur gelegenen Zeit uͤber die ganz Angelegenheit ſprechen. Mir biſt Du als Schwager von Herzen willkommen, ich wuͤnſche mir keinen beſſeren. Georg umarmte ſeinen tuͤchtigen Geſellen, der vor Ueberraſchung kein Wort hervorzubringen ver⸗ mochte. Ernſtine kam noch hinzu und erdruͤckte ihren Bruder faſt mit ihren ſtuͤrmiſchen Liebkoſungen. Dieſe gluͤcklichen Verhaͤltniſſe erlitten durch den Zorn der Frau Veit eine weſentliche Storung. Die Kuͤndigung des Capitals fiel wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel. Der Faͤrbermeiſter ſah ſich außer Stand geſetzt, in ſo kurzer Friſt ſeinen Verpflichtun⸗ gen nachzukommen. Auf Nachſicht durfte er nicht rechnen. In Waldau ſelbſt beſaß er keinen Freund, —eo 300— der ihm die noͤthigen Capitalien vorgeſtreckt haͤtte. Er befand ſich in der groͤßten Verlegenheit und litt um ſo mehr, da er ſeine Schweſter und Karl mit leiden ſah. Die Verleumdung ſeiner Gegner und Feindinnen trug ihre Fruͤchte. Bald war das ganze Staͤdtchen von ſeinen zerruͤtteten Vermoͤgensumſtaͤn⸗ den unterrichtet. Man ſprach bereits oͤffentlich von ſeiner Zahlungsunfaͤhigkeit. Die Schadenfrohen ſpot⸗ teten uͤber ſeine ſchlechte Wirthſchaft, uͤber ſeine Ver⸗ geudung und ungluͤcklichen Erperimente. Sein Credit war in wenigen Tagen gaͤnzlich untergraben und alle Mikbuͤrger hielten ihn fuͤr einen ſinnloſen Verſchwen⸗ der, fuͤr einen Menſchen, der ſein Gluͤck mit Fuͤßen getreten, weil er eine ſo glaͤnzende Partie von ſich geſtoßen hatte. Auch nicht Eine Stimme erhob ſich zu ſeiner Vertheidigung. Wie es gewoͤhnlich zu geſchehen pflegt, galt der ungluͤckliche Faͤrbermeiſter nicht nur fuͤr ruinirt, ſondern fuͤr gewiſſenlos, undankbar und ſchlecht. Es gab kein Vergehen, deſſen er ſich nicht ſchuldig gemacht haͤtte. In den Augen der Waldauer erſchien er als ein Ungeheuer. Die Geruͤchte, welche uͤber ihn im Umlauf waren, verbreiteten ſich von Haus zu Haus, bis ſie endlich auch die Saͤgemuͤhle erreichten. Seinen Freunden daſelbſt war ſchon fruͤher ſein verſtimmtes Weſen —e 301*— aufgefallen. Eine natuͤrliche Delicateſſe hielt ſie ab, ihn daruͤber zur Rede zu ſtellen und ſich in ſein Ver⸗ trauen zu draͤngen. Der Saͤgemuͤller war kein reicher Mann, ſein Vermoͤgen lag in ſeinem Geſchaͤfte ver— ſteckt. Baares Geld hatte er nicht uͤbrig. Selbſt wenn er wollte, konnte er Georg nicht helfen. Des⸗ wegen unterließ er es uͤber dieſe unangenehmen Ver⸗ haͤltniſſe mit ihm zu ſprechen. Adolphine erfuhr je— doch ſowohl durch einige hingeworfene Aeußerungen der Großmutter, wie auch durch ihre Kammerfrau den Stand der Dinge. Die treue Thereſe hatte ihren Sohn geſprochen und dieſer ihr mit ſchmerzlichen Be⸗ dauern die Vernichtung ſeiner eigenen Ausſichten und die ſeines geachteten Meiſters entdeckt. Karl ließ es jedoch dabei nicht bewenden und beruͤhrte zugleich den wahren Grund des Mißgeſchicks. Aus dieſer Quelle lernte Adolphine das Benehmen des Faͤrber⸗ meiſters und ſein Verhaͤltniß zu der Familie der rei⸗ chen Wittwe kennen. Ihr Scharfblick durchſchaute ſogleich die eben nicht allzuſehr verwickelten Verhaͤlt⸗ niſſe. Es blieb ihr kein Zweifel mehr, daß ſie ſelbſt die einzige Urſache ſeines Ungluͤcks war, daß er nur um ihretwillen litt und verfolgt wurde. Ihr Entſchluß war ſogleich gefaßt. Sie dachte zu groß, um ſich durch irgend eine Ruͤckſicht oder Bedenklichkeit von ihrem —d 302 8— Vornehmen abhalten zu laſſen. Eine gewiſſe Scheu machte ſie ſelbſt der geliebten Großmutter gegenuͤber verſchloſſen. Sie bewahrte ihr Geheimniß vor aller Welt. Es war kurz vor dem Termin, wo Georg die Summe zaͤhlen oder ſeine Faͤrberei verkauft werden ſollte. Alle ſeine Bemuͤhungen das noͤthige Geld auf⸗ zutreiben blieben bisher fruchtlos. Dennoch hatte er nicht den Muth verloren. Er brachte den Abend wie gewoͤhnlich in der Saͤgemuͤhle zu und bemuͤhte ſich ſo viel als moͤglich heiter zu ſcheinen. Adolphine be⸗ wunderte den ruhigen Heroismus, mit dem er ſeine traurige Lage ertrug. Kein Wort, keine Miene ver⸗ rieth, was er duldete. Als er aufbrach, entfernte auch ſie ſich ungeſehn. Er ging allein den bekannten Weg voll truͤber Gedanken. Ploͤtzlich fuͤhlte er eine leichte Hand auf ſeinen Schultern. Sie war ihm ſo leiſe nachgekommen, daß er ſie nicht fruͤher bemerkte, bevor ſie vor ihm ſtand. — Sie hier? fragte er uͤberraſcht. — Ich habe Sie aufgeſucht, um mit Ihnen un⸗ geſtoͤrt zu ſprechen, verſetzte ſie mit einem Erroͤthen, das die dunkle Nacht ſeinen Blicken verbarg. — Und was wuͤnſchen Sie? forſchte er geſpannt, — 303— allezeit bereit zu helfen, obgleich jetzt ſelbſt der Huͤlfe beduͤrftig. — Ihr Vertrauen verlange ich, ſagte ſie mit feſtem Ton, waͤhrend ſie innerlich erbebte. — Sie beſttzen es bereits. — Aber nicht in dem Umfange, wie ich es wuͤnſche. Warum verſchweigen Sie mir Ihren Kummer? Ich weiß, daß Sie ſich in einer peinlichen Verlegenheit befinden und bin entſchloſſen, Ihnen zu helfen. — Ich begreife nicht, ſtammelte Georg verlegen, ohne den Satz zu vollenden. — Sie wiſſen, daß ich ein kleines Vermoͤgen be⸗ ſitze, uͤber das ich nach Gutduͤnken verfuͤgen kann. Das Geld wird hoffentlich hinreichen. — Unmoͤglich! murmelte Georg. — Ich dulde keine Weigerung. Sie muͤſſen die Summe von mir annehmen. — Mein Fraͤulein! Was verlangen Sie? — Daß Sie Ihren falſchen Stolz aufgeben, daß Sie mich als Ihre beſte Freundin, als Ihre Schweſter anſehn. Ich kenne Ihre Plaͤne, Ihre Ausſichten, Ihr feſtes Streben nach einem großen Ziel. Wollen Sie das Alles fahren laſſen um elender Ruͤckſichten willen? Nimmermehr! Ich halte Sie fuͤr keinen ge⸗ woͤhnlichen Menſchen, darum dulde ich keine Weigerung. 4 —eo 304— — Aber dies Geld iſt Ihre einzige Huͤlfsquelle und ſichert Ihre eigene Unabhaͤngigkeit. — Ich bedarf ſeiner nicht, wenigſtens nicht in dieſem Augenblick. Meine Zukunft iſt geſichert, ſo lange ich hier in Waldau und im Schooſe meiner Familie leben kann. Sie kraͤnken mich, wenn Sie mein Anerbieten zuruͤckweiſen. — O! erſparen Sie mir dieſe Demuͤthigung, flehte Georg in hoͤchſter Aufregung. — Wie, Sie glauben ſich gedemuͤthigt, wenn Sie das Geld aus meiner Hand empfangen? O, uͤber Euch Maͤnner! Ihr habt keine Ahnung von unſerer Opferfreudigkeit. Wie gern wollte ich Alles, Alles geben, was ich beſitze, um Sie zu erretten. Adolphine hatte die Hand des Faͤrbermeiſters er⸗ griffen, um ihm die Brieftaſche mit dem Gelde auf⸗ zunoͤthigen. All ſein Straͤuben war vergebens. Sie beſtegte endlich nach heißem Kampfe ſeinen Widerſtand. Im haſtig aufgeregten Geſpraͤche waͤgte ſie und er die Worte nicht. Beide wurden wider Willen zu einem Geſtaͤndniſſe hingeriſſen, das ſie unter andern Umſtaͤnden nicht gewagt haͤtten. — Ihr Gluͤck iſt das meinige und wenn Sie lei⸗ den, leide ich mit Ihnen, ſagte Adolphine, indem ſie halb bewußtlos in ſeine Arme ſank. —e 305 Georg vermochte nicht zu antworten. Die Fuͤlle ſeines Gluͤckes machte ihn ſprachlos. Unter dem Sternenhimmel feierten die Liebenden eine ſtille Verlobung. Der Faͤrbermeiſter riß ſich endlich taumelnd los und ſchwankte ſeelig ſeiner Wohnung zu. XXII. Adolphine hatte kein Geheimniß vor ihrer Groß⸗ mutter. Die wuͤrdige Frau ſchien keineswegs von dieſer Mittheilung uͤberraſcht. Sie hatte das Herz ihrer Enkelin beſſer verſtanden, als dieſe ſelbſt. — Gott Lob, daß es ſo gekommen iſt! rief ſie freudig aus. Ich kenne den Georg, der iſt durch und durch brav, gut und tuͤchtig. Einen ſolchen Mann hab' ich ſtets fuͤr Dich gewuͤnſcht. Du brauchſt eine feſte Stuͤtze in dieſer Welt. Hoffentlich wirſt Du Deine Wahl nie zu bereuen haben. Er iſt ein ganzer Mann und gilt mehr als fuͤnfzig ſolche Wind⸗ beutel, die Dich fruͤher umſchwaͤrmt haben. Freilich hat die Sache, wie jedes Ding auf dieſer Erde, ihren Haken. Haſt Du Dir auch gehoͤrig uͤberlegt, was Du zu thun Willens biſt? II. 20 —0o 306— — Gewiß, liebe Großmutter. — Du willſt alſo Alles aufgeben, was Du bis⸗ her beſeſſen haſt, Deinen Rang, Deinen Namen und Deinen Stand? Mit dieſem Schritte entfernſt Du Dich fuͤr immer aus den Kreiſen, in denen Du bis⸗ her gelebt haſt. Ich halte das grade fuͤr keinen all⸗ zugroßen Verluſt, aber es koͤnnte doch eine Zeit kom⸗ men, wo Dir Dein Entſchluß leid thaͤte. — Nie, niemals! — Es wird Dir ſchwer fallen, Dich in die neuen Verhaͤltniſſe hineinzufinden. Du biſt ein anderes Le⸗ ben gewohnt. Pruͤfe Dich darum, ob Du ein ſo großes Opfer bringen kannſt. Wenn Du ſchwankſt, wenn Du nicht ganz ſicher biſt, dann haſt Du noch immer Zeit zuruͤckzutreten. Ich kenne den Faͤrber⸗ meiſter und weiß, daß er lieber ſich ſelbſt, als Dich ungluͤcklich ſehen wuͤrde. — Ich habe Alles hinlaͤnglich uͤberlegt, verſetzte Adolphine feſt und entſchieden. — Nun, dann ſegne Dich Gott! ſagte die Groß⸗ mutter. Du haſt den beſſern Theil erwaͤhlt. Seitdem betrachtete ſich Adolphine als die wirk⸗ liche Verlobte des Faͤrbermeiſters. Eine maͤchtige Um⸗ wandlung war mit ihr vorgegangen. Die Liebe voll⸗ endete das Werk ihrer Laͤuterung. Sie entſagte den — fruͤheren Gewohnheiten und ohne Reue und Bedauern blickte ſie auf ihre glaͤnzende Vergangenheit. Ein neues Leben begann fuͤr ſie, eine Vorbereitung auf die Pflichten ihrer kuͤnftigen Stellung. Unter An⸗ leitung ihrer Großmutter und ihrer Tante nahm ſie an den haͤuslichen Beſchaͤftigungen regen Antheil, um den Anforderungen einſt zu genuͤgen, welche an ſie als Hausfrau geſtellt werden durften. Allmaͤlig ver⸗ ſchwanden auch die modiſchen und eleganten Kleider und ſie bemühte ſich es an Einfachheit ihren Ver⸗ wandten gleich zu thun. Georg war auf das ange⸗ nehmſte uͤberraſcht, als er ſie in ſchlichtem Hauskleide wiederfand. Sie kam ihm ſo ſchoͤner vor, als je. Er druͤckte ſeine Zufriedenheit mit dieſer Umwandlung offen aus und ſein herzliches Lob erfreute ſie mehr, als die fruͤheren Schmeicheleien und Complimente ihrer ariſtokratiſchen Umgebung.— Vermittelſt des von ihr empfangenen Geldes hatte der Faͤrbermeiſter die ihm gekuͤndigte Summe an Frau Veit zu deren Verwunderung ſogleich bezahlt und den Ueberſchuß auf Adolphinens ausdruͤckliches Verlangen fuͤr die Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne verwendet. Die Dampf⸗ maſchine war bereits aufgeſtellt, Farbenvorraͤthe ein⸗ gekauft und Georg begann die Production des tuͤrki⸗ ſchen Garnes in kleineren Quantitaͤten. Die von 20*. — 308— ihm gelieferten Proben fanden in der Handelswelt die vollkommenſte Anerkennung und von allen Seiten liefen weit mehr Beſtellungen ein, als er bei den geringen Mitteln und den Arbeitskraͤften, welche ihm vorlaͤufig zu Gebote ſtanden, befriedigen konnte. Die guten Waldauer thaten, was die Welt immer thut. Sie urtheilten nach dem Erfolge und da derſelbe ſich dem Faͤrbermeiſter guͤnſtig erwies, ſo war er bald wieder ein aͤußerſt tuͤchtiger und hoͤchſt ſolider Mann in ihren Augen. Nur die reiche Wittwe und ihre Toͤchter blieben unverſoͤhnlich.— So genoſſen die Liebenden ein ſtilles, wohlver⸗ dientes Gluͤck. Ein Umſtand nur erregte Adolphinens Beſorgniß, der Gedanke an ihren Vater. Herr von Buſch hatte den Aufenthalt ſeiner Tochter ausfindig gemacht und mehrmals an dieſelbe geſchrieben. Ge— bieteriſch verlangte er ihre Ruͤckkehr. Er drohte ſelbſt mit gerichtlichen Zwangsmitteln, da ſie noch minorenn war und ſich daher unter vaͤterlicher Gewalt befand. Er ſchien neue Plaͤne mit ihr zu haben, die er na⸗ uͤrlich verſchwieg. In ſeinem letzten Briefe kuͤndigte er ihr ſeine nahe bevorſtehende Ankunft an. Adol⸗ phine verbarg dem Faͤrbermeiſter nicht ihre Beſorgniſſe. Georg ſuchte ſie zu beruhigen. Auf den Nath der Großmutter wandte ſie ſich in ihrer Verlegenheit an —’o 309— den Fuͤrſten. Sie that es ohne Widerſtreben, da ſie von ihrem fruͤheren Verdachte gaͤnzlich zuruͤckgekom⸗ men war und in ihm lediglich wieder nur den Freund ihrer verſtorbenen Mutter und ihren eigenen Be⸗ ſchuͤtzer ſah. Eines Tages waren die Waldauer nicht wenig erſtaunt, als ein eleganter Reiſewagen mit vier Pfer⸗ den beſpannt vor dem dortigen Gaſthauſe zur golde⸗ nen Krone hielt. Aus demſelben ſtieg ein aͤltlicher Herr von ſeinem Kammerdiener unterſtuͤtzt. Sogleich ſammelte ſich nicht nur die loͤbliche und unbeſchaͤftigte Straßenjugend, ſondern auch mehrere reſpectable Buͤr⸗ ger des Staͤdtchens vor dem genannten Hôtel. Daß der Fremde ſehr vornehm war, daruͤber konnte kein Zweifel ſein. Man brauchte ja nur die Equipage, die herrlichen Pferde, die Livréen der Bedienten und das Gepaͤck zu betrachten. Der Angekommene mußte wenigſtens ein regierender Herr ſein, der incognito reiſte. So viel ſtand ohne Widerrede feſt. Bald verbreitete ſich dieſe Nachricht mit Blitzesſchnelligkeit. Bei der Wichtigkeit dieſes Ereigniſſes, das grade zur Mittagszeit ſtatt fand, ließen die Hausfrauen ihren Braten verbrennen, vergaßen die Maͤnner daruͤber mit ihnen zu zanken. Der Buͤrgermeiſter dachte be⸗ reits daran, den Magiſtrat zu verſammeln, um eine — 310— Deputation an den fremden Prinzen abzuſchicken und denſelben zu begruͤßen. Moͤglicherweiſe konnte dabei ein Orden fuͤr ihn abfallen und die Rede, welche er zu halten gedachte, in die Zeitung kommen. Vor allen Dingen handelte es ſich aber darum, Gewißheit zu erlangen. Das Oberhaupt der Stadt begab ſich des⸗ halb in Perſon nach dem Gaſthauſe. Dort erfuhr er von dem Wirth den Stand und Namen des Fremden, welcher kein anderer als der uns bekannte Fuͤrſt ſel⸗ ber war. Wer beſchreibt aber das Erſtaunen des Waldauer Conſuls und der ganzen Stadt, als nach kurzer Zeit der Reiſewagen wieder vorfuhr, der Fuͤrſt in denſelben ſtieg und der Kammerdiener ſich bei dem Wirth um den Weg nach der Saͤgemuͤhle erkundigte. Das wuͤrdige Oberhaupt Waldau's beeilte ſich ſogleich die gewuͤnſchte Auskunft zu ertheilen, wofuͤr ihm der freundliche Dank des Fuͤrſten zu Theil wurde, der in dem zuruͤckgeſchlagenen Wagen ſaß und das Geſpraͤch mit anhoͤrte. Der Eifer des Buͤrgermeiſters ging ſo— gar viel weiter, als ſeine Wuͤrde ihm geſtattete. Er erbot ſich von freien Stuͤcken zum Fuͤhrer in der Hoff⸗ nung dem allgewaltigen Fuͤrſten ſich zu naͤhern. Die— ſer indeß lehnte mit einigen verbindlichen Worten dies allzu freundliche Anerbieten ab. Fort rollte der Wagen und der Buͤrgermeiſter blieb mit abgezoge⸗ — e 311— nem Hute und mit offenem Munde vor dem Wirthe ſtehn. — Hat man je ſo was erlebt? rief der erſtaunte Conſul aus. Kommt der Fuͤrſt erpreß, wie es ſcheint, nach Waldau, um den Saͤgemuͤller zu beſuchen! — Es wird wohl wegen des fremden Fraͤulein ſein, das dort ſeit einem Monat lebt, entgegnete der Wirth. — Sie haben Recht. Das muß ich meiner Frau gleich ſagen. Und der Buͤrgermeiſter von Waldau ſetzte heut zum zweiten Male ſeine Wuͤrde aus den Augen. Er vergaß ſein Anſehn ſo weit, daß er aus dem gewohn⸗ ten ehrbaren Gang in eine uͤbermaͤßige Haſt verfiel, wobei ſelbſt ein Buͤrgermeiſter nicht immer das ge⸗ hoͤrige Decorum behaupten kann. Seine langen Frack⸗ ſchoͤße flatterten im Winde und der Hut ſchwankte gefährlich von dem rechten zu dem linken Ohr. In ſeiner Eile haͤtte er faſt den Apotheker umgerannt, der ſeinen Laden verlaſſen hatte, um ebenfalls auf Befehl ſeiner Gattin genauere Erkundigungen uͤber dies ſtadterſchuͤtternde Geheimniß einzuziehen. Nach einer fluͤchtigen Entſchuldigung theilte der Conſul ſei— nem Collegen, der Apotheker war Magiſtratsmitglied, ſo viel mit, als er ſelber wußte. Eine halbe Stunde — 312— ſpaͤter gab es kein Haus mehr in Waldau, welches nicht von der Ankunft des Fuͤrſten und deſſen Beſuch auf der Saͤgemuͤhle unterrichtet war. Das Ereigniß wurde beſprochen, gloſſirt, mit Commentaren und Vermuthungen verſehn und brachte in dem Staͤdtchen eine vollkommene Revolution hervor.— Unterdeß war der Furſt laͤngſt an das Ziel ſei⸗ ner kurzen Fahrt gelangt. Seine unerwartete Er⸗ ſcheinung gab auch bei dieſen einfachen, guten Leuten Veranlaſſung zu einer Reihe von hoͤchſt aufregenden Szenen. Die Saͤgemuͤllerin hatte in der Eile ihre Schuͤrze verkehrt umgebunden und ihr Gatte machte in einer Minute eben ſo viel Verbeugungen als der Pendel ſeiner Schwarzwaͤlder Uhr Schwingungen. Die Maͤdchen hatten ſich in der Kuͤche verſteckt und kamen, ſo lange der vornehme Beſuch dauerte, nicht wieder zum Vorſchein. Am unbefangenſten blieb die wuͤrdige Großmutter. Sie ſprach mit dem Fuͤrſten wie mit Ihresgleichen, wobei ſie es dennoch nicht an dem ihm zukommenden Reſpect fehlen ließ. Nachdem ſich Adolphine von ihrem erſten Erſtau⸗ nen erholt hatte, dankte ſie dem Fuͤrſten fuͤr ſeine Güte.. — Ich kann noch immer nicht glauben, ſagte ſie, daß Eure Durchlaucht ſich meinetwegen nach Waldau — 313— bemüht haben. Es waͤre dies eine Gnade, die ich kaum erwarten darf. — Und dennoch iſt es ſo. Ich ſelbſt habe mich aufmachen muͤſſen, um den holden Fluͤchtling einzu⸗ holen. Wiſſen Sie auch, daß ich ernſtlich erzuͤrnt war. Dieſe Flucht, welche Sie ohne mein Vorwiſſen unter⸗ nommen, hat zunaͤchſt die ganze Badegeſellſchaft in Iſchl und ſpaͤter in der Reſidenz das groͤßte Aufſehn erregt. Ich war im hoͤchſten Grade um Sie beſorgt und aufgebracht. Alle meine angeſtellten Nachfor⸗ ſchungen indeß blieben fruchtlos, bis Ihr Brief mir Ihren gegenwäaͤrtigen Aufenthalt verrieth. Ich habe ſogleich mit Ihrem Vater eine laͤngere Conferenz ge⸗ habt, deren Reſultat ich Ihnen perſoͤnlich uͤberbrin⸗ gen wollte. — Eure Durchlaucht beſchaͤmen mich! — Ich werde Ihnen die noͤthigen Mittheilungen machen, aber nicht hier. Kommen Sie und folgen Sie mir zu dem Grabe Ihrer Mutter. — Zu dem Grabe meiner Mutter? fragte Adol⸗ phine verwundert. — Dort ſoll Ihnen Alles klar werden, was Sie bisher geguaͤlt und beaͤngſtigt hat. Fuͤhren Sie mich auf den Kirchhof. Adolphine ſaß ſchweigend an der Seite des Fuͤr⸗ —5 314— ſten im Wagen. Sein feierliches Weſen beaͤngſtigte ſie von Neuem. Ein ungewoͤhnlicher Ernſt ruhte auf ſeinem gefurchten Angeſicht. Waͤhrend des kurzen Weges ſprach er nur wenig, er ſchien zerſtreut, ganz in truͤbe Erinnerungen verſunken zu ſein. Endlich hielt die Equipage vor dem Thore des Friedhofes von Waldau. Der Fuͤrſt ließ ſich von Adolphine zu dem Grabe ihrer Mutter leiten. Ein einfacher Stein bezeichnete ihre Ruheſtaͤtte. Rings umher waren Blu⸗ men von einer ſorgſamen Hand gepflanzt und der dunkle Epheu breitete ſeine gruͤne Decke uͤber den Huͤ⸗ gel. Der Fuürſt ſtand mit unbedecktem Haupte neben Adolphine vor dem Grabe. Eine Thraͤne glaͤnzte in ſeinem Auge. Niemand hatte den Fuͤrſten je weinen geſehn. Er wußte ſeine Schmerzen ſonſt wohl zu werbergen. Auf dem einſamen Kirchhof legte er die heitere Maske des Weltmanns ab. Er war tief er⸗ ſchuͤttert. Endlich ſchien er ſich gefaßt zu haben. Er nahm Adolphinens Hand mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit. — Wundern Sie ſich nicht, ſagte er mit beben⸗ der Stimme, daß ich Sie hierher gefuͤhrt habe. Ich wollte das Grab Ihrer Mutter ſehen, um daſelbſt mein Unrecht zu beweinen, um die Vergebung eines —e 315— Engels zu erflehn, deſſen Gluͤck ich vernichtet, deſſen Leben ich verkuͤrzt habe. Adolvhine blickte ihn ſchmerzlich ſtaunend an. — Ja! ich klage mich an, weil ich ſchuldig bin. Ich habe Ihre Mutter getoͤdtet. — CEs iſt nicht moͤglich, rief Adolphine betroffen. — Sie ſollen Alles erfahren. Der Augenblick iſt gekommen, wo ich endlich mein Schweigen wenig— ſtens Ihnen gegenuͤber brechen darf. Es wird mir eine Erleichterung gewaͤhren, die Tochter der ſchuld⸗ los Geopferten als Zeugin meiner aufrichtigen Reue zu haben. Hoͤren Sie mich ruhig an.— Eines Ta⸗ ges kam ein ſchoͤnes, liebenswuͤrdiges Weib und warf ſich mir zu Fuͤßen, um meine Gnade fuͤr ihren ſchul— digen Gatten anzuflehn. Sein Schickſal lag in mei⸗ ner Hand, ich konnte ihn verderben oder retten. Dieſe Frau war Ihre Mutter. — Arme, arme Mutter! ſeufzte Adolphine. — Sie war ſchoͤn, reizend. Ihr Schmerz ruͤhrte mich, aber ich war entſchloſſen, den ſchuldigen Gatten die ganze Strenge der Gerechtigkeit fuͤhlen zu laſſen. Ich blieb daher anfaͤnglich taub fuͤr alle Bitten. Ihre Mutter ließ ſich indeß nicht abweiſen. Sie umklammerte meine Kniee mit ihren zarten Armen und benetzte meine Haͤnde mit ihren Thraͤnen. Je —e 316— laͤnger ich ſie anſah und hoͤrte, deſto ſchwankender wurde ich in meinem Entſchluſſe, deſto mehr fuͤhlte ich meine Strenge dahinſchmelzen.— Zu jener Zeit grade ſtand ich in einem vertrauten Verhaͤltniſſe mit einer vornehmen Dame. Die Umſtaͤnde forderten das ſtrengſte Geheimniß. Nicht allein das Gluͤck meiner Geliebten, ſondern meine eigene Stellung hing von der Bewahrung deſſelben ab. Der leiſeſte Verdacht haͤtte uns Beide verderben muͤſſen. Schon laͤngſt war ich darauf bedacht die oͤffentliche Meinung und die Spione, welche uns von allen Seiten um⸗ gaben, durch eine, wie es mir damals ſchien, erlaubte Liſt irre zu fuͤhren. Ich wollte vor den Augen der Welt eine oͤffentliche Geliebte haben, um meine ge— heime Neigung nur um ſo tiefer zu verbergen. — Entſetzlich! ſtoͤhnte Adolphine. — Sie haben bereits errathen, was ich that. Ich bot Ihrer Mutter dieſe Stellung an. Sie ſollte vor der Welt meine Geliebte ſcheinen, ohne es je zu ſein. Unter dieſer Bedingung bewilligte ich die Be⸗ gnadigung ihres Gatten. — Und meine Mutter— wies ſie nicht empoͤrt dieſen Antrag zuruͤck? fragte Adolphine entruͤſtet. — Anfaͤnglich weigerte ſie ſich ſtandhaft. Als ſie aber ſah, daß ihr kein anderes Mittel uͤbrig blieb, —= 317— nahm ſie meine ſeltſame Bedingung an. Sie blieb rein und keuſch vor Gott und mir, vor den Leuten und ihrem Gatten galt ſie als ein treuloſes Weib, als meine Geliebte. Sie brachte das groͤßte Opfer, das ein Weib zu bringen im Stande iſt. Ich begreife, daß eine Frau ihren Ruf fuͤr nichts achtet, wenn ſie liebt, wenn die Gewalt der Leidenſchaft ihr Herz be— herrſcht. Ihre Mutter that weit mehr. Sie trotzte der Welt und der oͤffentlichen Meinung, um ihren Gatten zu retten. Fuͤr ſeine Ehre und ſein Gluͤck gab ſie das Hoͤchſte, was ſie beſaß, ihre eigene Ehre hin. Je laͤnger ich daruͤber nachdenke, deſto groͤßer erſcheint mir ihre That, deſto unverzeihlicher mein Benehmen. Ich forderte einen Schwur von ihr, nie die Wahrheit unſeres Verhaͤltniſſes, unter keiner Be⸗ dingung und an keinen Menſchen, zu verrathen. Sie hat ihren Eid gehalten, ſelbſt ihrem Gatten gegen⸗ uͤber, trotz aller Schmach und der veraͤchtlichen Be— handlung, welche ſie von ihm und nur um ſeinet⸗ willen erduldete. — O! unterbrach Adolphine den Fuͤrſten, jetzt iſt mir Alles erklaͤrlich und mein Vater iſt in meinen Augen weit weniger ſchuldig, als ich glaubte. — Sie irren und leider muß ich Ihnen dieſe Taͤuſchung benehmen. Er genoß die Fruͤchte dieſer — o 318— vermeintlichen Untreue ſeiner Gattin, er duldete den ſcheinbar vertrauten Umgang und raͤchte ſich doch feig und hinterliſtig an der ſchuldloſen Frau. Mit Miß⸗ handlungen und Schmaäͤhungen uͤberhaͤuft, erdruͤckt von der Verachtung der getaͤuſchten Welt erlag Ihre ungluͤckliche Mutter unter der ihr aufgebuͤrdeten Ver⸗ pflichtung. Ich ſah ſie allmaͤlig hinwelken und beſaß doch nicht die Kraft und den Muth, ſie zu erretten. Wie oft ſtand ich auf dem Punkt, ihr den grauſam abge⸗ preßten Schwur zu erlaſſen und ihren befleckten Ruf wieder herzuſtellen. Wie oft wurde ich verſucht der Welt zuzurufen:„Knieet nieder vor dieſer Heiligen und demuͤthigt euch vor dieſer Maͤrtyrerin! Die ihr ſchmaͤht, iſt der hoͤchſten Verehrung, der Anbetung wuͤrdig und ſteht rein und hocherhaben wie ein Engel des Himmels da.“ Aber ich mußte dieſe beſſeren Anwandlungen meines Herzens immer wieder unter⸗ druͤcken. Es war ja nicht mein Geheimniß allein, das ich Preis zu geben im Begriffe ſtand. Meine wirkliche Geliebte war verheirathet, ihr Gatte haͤtte ſie getoͤdtet, wenn er von ihrer Schuld uͤberzeugt worden waͤre. Ol ich bin feig geweſen, ich habe er— baͤrmlich gehandelt, nicht um meinetwillen, ſondern fuͤr das Weib, welches ich liebte, deren Gluͤck und Ruf ich zu ſchonen hatte. —do 319— — Und Sie haben ihr das Gluͤck und den Ruf meiner Mutter geopfert, verſetzte Adolphine bitter laͤchelnd. — Ich fuͤhle die Gerechtigkeit Ihres Vorwurfes. O! wenn meine Reue hingereicht haͤtte, das Leben Ihrer Mutter zu erhalten, ſo wuͤrde ſie noch jetzt unter uns wandeln und mir vergeben koͤnnen. Ich that Alles, was damals in meinen Kraͤften ſtand, um ihr Loos zu erleichtern. Ich umgab ſie mit der liebevollſten Aufmerkſamkeit. Durch mich wurde Ihr Vater ein reicher Mann, durch meine Verwendung in den Adelſtand erhoben. Ich handelte dabei gegen meine Ueberzeugung, ſelbſt gegen meine Pflicht, um ihn zum Schweigen zu bringen, um ihn durch Be⸗ friedigung ſeines Ehrgeizes milder fuͤr ſeine Gattin zu ſtimmen. Es war umſonſt. Alle dieſe Auszeich— nungen gaben nur ſeinem Verdachte, ſeinem Haſſe neue Nahrung. Ihre arme Mutter ertrug die Lei⸗ den, welche ihr der Grauſame bereitete, mit der Ge⸗ duld eines Engels. Keine Klage entſchluͤpfte ihrem Munde, ſie verbarg ihre Qualen ſorgfaͤltig vor ihrer Umgebung und beſonders vor mir. Ein Wort von ihr haͤtte hingereicht, und Ihr Vater, welcher ſich gaͤnzlich in meiner Macht befand, waͤre verloren ge⸗ weſen. Ich konnte ihn zerſchmettern, vollkommen zu — 320— Grunde richten. Sie ſchwieg, nur ihre zunehmende Hinfaͤlligkeit verrieth den Kummer, der an ihrem Her⸗ zen nagte. Ein Bruttleiden entwickelte ſich und be⸗ ſchleunigte ihre Aufloͤſung. Einige Wochen vor ihrem Tode verlangte ſie nach dem Vaterhauſe zuruͤckzu— kehren. Dort wollte ſie ſterben. Ihr Gatte verſagte . ihr ſelbſt dieſen Troſt. Da erſt wandte ſie ſich an 6 mich und es bedurfte meines ernſten Einſchreitens, 4. um ihr dieſe Erlaubniß auszuwirken. Vor ihrer Ab⸗ reiſe nahm ſie von mir fuͤr immer Abſchied. Kein Vorwurf kam dabei uͤber ihre Lippen. Ich wagte nicht ihre Verzeihung anzuflehn. Sie haͤtte mir ſie ſicher gewaͤhrt. Sie verlangte nichts mehr fuͤr ſich, ſie dachte nur an ihren Gatten, fuͤr den ſie um meine dauernde Gewogenheit bat, an ihr Kind, deſſen fer— neres Geſchick ihr heiße Thraͤnen entpreßte. — Meine Mutter, meine arme Mutter! ſchluchzte Adolphine, uͤberwaͤltigt von ihrem Schmerz. Auch der Fuͤrſt war tief ergriffen. Erſt nach einer langen Pauſe vermochte er fortzufahren. — Nach einigen Wochen erhielt ich durch Ihren Vater eine kalte, foͤrmliche Anzeige von dem Tode Ihrer Mutter. Die Nachricht erſchuͤtterte mich tief und meine Schuld trat immer lebendiger vor meine Seele. Was ich an ihr nicht gut zu machen ver⸗ — 321 6— mochte, wollte ich wenigſtens fuͤr die zuruͤckgelaſ⸗ ſene Tochter thun. Damals legte ich im tiefſten Schmerze und voll inniger Reue das Geluͤbde ab, uͤber das Gluͤck dieſes Kindes mit den Augen eines Vaters zu wachen. Ich brach nicht mit dem Freiherrn, wie ich urſpruͤnglich beabſichtigte, ich maͤßigte meine Verachtung, nur um Sie, das theure Vermaͤchtniß der Heiligen, mit der noͤthigen Sorgfalt umgeben zu koͤnnen. Nach wie vor beſuchte ich Ihr Haus, ich beobachtete Ihre Entwicklung und freute mich an Ihren Fortſchritten und den Erfolgen, welche Sie durch Ihre Schoͤnheit und Ihren Geiſt Frrangen. Sie wenigſtens ſollten gluͤcklich werden, Ihnen wollte ich ein heiteres, ſelbſt ein glaͤnzendes Loos bereiten. Das Schickſal hat alle meine Plaͤne auch in dieſer Be— ziehung vereitelt. Sie ſtanden im Begriff, die Beute eines elenden Wuͤſtlings zu werden. Zur rechten Zeit war es mir zwar vergoͤnnt Sie zu warnen, doch Sie ſelbſt gaben durch dieſe ploͤtzliche Flucht Ihrem Schick⸗ ſal eine unerwartete Wendung. Endlich erfuhr ich von Ihnen ſelbſt Ihren neuen Aufenthaltsort und ich eilte ſogleich hierher, um mein Geluͤbde zu loͤſen. Vor vierzehn Tagen erhielt ich uͤberdies die Nachricht von dem Tode jener Dame, fuͤr die Ihre arme Mut⸗ ter gelitten hat. Jetzt konnte mich nichts mehr ab⸗ II. 21 — d 322 6— halten, Ihnen die volle Wahrheit zu ſagen. Hier am Grabe der Geopferten wollte ich wenigſtens ihrer Tochter meine Schuld geſtehn, meine Reue zeigen und aus Ihrem Munde ein Wort der Vergebung hoͤren. Adolphine! koͤnnen Sie mir im Namen der Verſtorbenen verzeihn? Der Fuͤrſt hielt erſchoͤpft inne und blickte ſie fra— gend an. Erſchuͤttert reichte ſie ihm die Hand. — Ich thue, was meine Mutter gethan haͤtte; ja, ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen. — GCott ſegne Sie fuͤr dieſes milde Wort, rief der Fuͤrſt, indem er Adolphine an ſein Herz zog und einen vaͤterlichen Kuß auf ihre reine Stirn druͤckte. Still war es auf dem Kirchhof, nur ein teiſes Schluchzen wurde hoͤrbar. Der Abendwind rauſchte durch die Baͤume und die trockenen Kraͤnze auf den Graͤbern zitterten bewegt von ſeinem Hauch. Die letzten Strahlen der ſchei⸗ denden Sonne trafen den gruͤnen Huͤgel, unter dem die Mutter ſchlief. Thraͤnen benetzten ihn, Thraͤnen der wahrſten Reue und der innigſten Liebe. — b 323 6— XXIII. An dem Arme des Fuͤrſten verließ Adolphine den Kirchhof. Er hatte ſeinen Wagen nach der Saͤge⸗ muͤhle vorangeſchickt. Langſam in vertrautem Ge— ſpraͤche folgten ſie demſelben. Die Erſchuͤtterung war einer milden Wehmuth, einer zaͤrtlichen Stimmung gewichen. — Ihre Zukunft, ſagte der Fuͤrſt, ſoll fortan meine einzige Sorge ſein. Ich habe mit Ihrem Va— ter vor meiner Abreiſe ernſte Ruͤckſprache genommen und Ihnen jede moͤgliche Freiheit geſichert. Sie ſelbſt duͤrfen beſtimmen, wo und wie Sie leben wollen. Seien Sie aufrichtig gegen mich und machen Sie mich mit Ihren Wuͤnſchen bekannt. Sie ſollen ſo— gleich erfuͤllt werden. Was wollen Sie zunaͤchſt be— ginnen? — Ich werde in Waldau bleiben, entgegnete Adolphine mit Feſtigkeit. Hoffentlich nur fuͤr kurze Zeit. Die Geſell⸗ ſchaft der Hauptſtadt wird Sie nicht laͤnger entbehren wollen. Unſere Salons ſind ihrer ſchoͤnſten Zierde beraubt, ſobald Sie ihnen fehlen. Sie ſollen unter meinem Schutz und an meiner Seite dieſelben zum erſten Mal wieder betreten. Dann werden alle Ge⸗ 21*† — e 324 6— ruͤchte verſtummen muͤſſen, welche auf Ihre Koſten wegen der letzten Vorfaͤlle in Umlauf ſind. — Ich will nicht wieder dahin zuruͤckkehren, ent— gegnete Adolphine traurig laͤchelnd. Ich habe mir vorgenommen, mich von der Geſellſchaft fuͤr immer zuruͤckzuziehn. In ihr fand ich nicht das Gluͤck, wel⸗ ches ich ſuchte. — Adolphine!l rief der uͤberraſchte Fuͤrſt, das kann doch unmoͤglich Ihr Ernſt ſein. Sie ſind zu jung, um der Welt, dem Leben zu entſagen. Ueberlaſſen Sie das dem Alter. Welche Gruͤnde koͤnnen Sie zu einem ſolchen Schritt beſtimmen? — Meine Erlebniſſe und die Erfahrungen der letzten Zeit. Das Ungluͤck hat mich eines Beſſeren belehrt. Jene Geſellſchaft, in die Sie mich wieder zuruͤckfuͤhren wollen, war mir laͤngſt nichtig und fri— vol erſchienen. Ich ſehnte mich, ihr zu entfliehn. Sie kam mir wie die taͤuſchende Fata Morgana vor. Vor meinen Blicken ſah ich eine glaͤnzende Landſchaft, Palmen mit lockenden Fruͤchten beladen, Palaͤſte von Marmor mit goldenen Zinnen, Silberquellen und kuͤhlende Springbrunnen. Als ich aber der Efrſchei⸗ nung naͤher trat, war ſie zerronnen, die Schloͤſſer und Palmen loͤſten ſich in Dunſt und giftige Nebel auf, die rauſchenden Quellen verwandelten ſich in duͤrren f 0 Sand und oͤdes Geſtein, unter dem die Schlangen und Scorpione hauſten. Alles war Trug, Luͤge und Taͤuſchung der Sinne und des Herzens. — Ich verſtehe Sie vollkommen, ich begreife Ihren Schmerz. Wer haͤtte nicht aͤhnliche Erfahrun⸗ gen gemacht? Aber wo finden Sie die Wahrheit? — In der Familie, in der Liebe, antwortete Adolphine mit leuchtenden Blicken. — Sie lieben, Adolphine? fragte der Fuͤrſt ver⸗ wundert. — Ich liebe einen einfachen, ſchlichten Mann, einen Handwerker, den ich hoͤher ſtellen muß, als alle Maͤnner, welche ich fruͤher in der Geſellſchaft kennen gelernt habe. Der Fuͤrſt blickte ſie lange ſprachlos an. — Das iſt nicht moͤglich. Adolphine! Ich kann es nicht glauben, wenn Sie es mir auch geſagt haben. — Lernen Sie den Mann erſt naͤher kennen und Sie werden meine Wahl nur billigen. — Und Sie wollen Allem entſagen, was bisher Reiz fuͤr Sie gehabt, in dieſer kleinen Stadt und unter beſchraͤnkten Verhaͤltniſſen leben? Bedenken Sie, was Sie thun wollen. Ihr Entſchluß graͤnzt an Wahnſinn. 3 —?d 326— — Ich war auf Ihren Widerſpruch gefaßt; aber Nichts kann mich wankend machen. Eine innere Stimme giebt mir Recht. Ich habe ſie nur allzulange uͤberhoͤrt. Jetzt will ich ihr Folge leiſten, entſtehe auch daraus, was da immer wolle.— Ich habe Al— les reiflich uͤberlegt. Glauben Sie, daß ich mich hinlaͤnglich gepruͤft habe, ehe ich dieſen verhaͤngniß⸗ vollen Schritt gethan. Ich folge keiner augenblick— lichen Laune mehr, ſondern einer wahren Nothwen⸗ digkeit. Wer wie ich die Faͤulniß der Geſellſchaft kennen gelernt, die allgemeine Aufloͤſung und Zerruͤt— tung an ſich ſelbſt erfahren hat, fuͤr den giebt es nur ein Heil, eine Rettung, wenn er ſich gewaltſam aus dieſen Kreiſen losreißt, einer kranken Atmoſphaͤre ent⸗ flieht, um in einer reineren und geſuͤnderen Luft zu leben. O! koͤnnte ich das ausſprechen, was mich in dieſem Augenblick ſo ganz erfuͤllt! Es bereiten ſich neue, wunderbare Revolutionen vor, nicht politiſcher Natur, ſondern rein menſchliche Umwandlungen. Die arme Menſchheit ringt zum zweiten Male nach einer Wiedergeburt, nach ihrer Erloͤſung. Durch Stuͤrme und Kaͤmpfe vielleicht der furchtbarſten Art wird ſie dahin gelangen. Dieſelbe Sehnſucht, von welcher wir die Geſammtheit jetzt ergriffen ſehn, thut ſich in einzel⸗ nen Perſonen beſonders kund. So erging es mir. — — — 327— Ich fuͤhlte mich unbefriedigt, uͤberſaͤttigt, krank am Herzen und am Geiſt. Unter Schmerzen und Qua⸗ len kam ich zur Beſinnung. Ich gewann die Ueber⸗ zeugung, daß die Geſellſchaft ſich verjuͤngen, daß wir Alle zu jener Unſchuld zuruͤckkehren muͤſſen, welche wir durch unſer fruͤheres Leben eingebuͤßt haben. Deshalb ziehe ich dieſe einfachen und beſchraͤnkten Verhaͤltniſſe meinem fruͤheren, glaͤnzenden Leben vor, einen erprobten, ehrenwerthen Handwerker, dem es nicht an Bildung fehlt, den Helden der Salons oder den uͤberbildeten Geiſtern und charakterloſen Sophiſten unſerer Geſellſchaft.— Der Fuͤrſt hatte ſchweigend zugehoͤrt. Zuweilen ſchuͤttelte er bedenklich mit dem Kopf, manchesmal flog auch ein mild ſpoͤttiſches Laͤcheln uͤber ſeine verwit— terten Zuͤge. Der alte Diplomat kannte die Men⸗ ſchen und zweifelte an einer Wiedergeburt derſelben. Solche Traͤume lagen ihm fern und doch uͤberkam es ihn, waͤhrend Adolphine begeiſtert ſprach, wie ein Schauer, eine leiſe Ahnung kommender Zeiten. — Die Jugend, verſetzte er endlich nachgiebiger als Adolphine erwartete, hat das Recht zu ſchwaͤr⸗ men und das Privilegium zu traͤumen. Ich will Ihnen Beides nicht nehmen. Die Hauptſache bleibt fuͤr mich Ihr Gluͤck. Ich werde den Mann ſehn und —2 328 0— kennen lernen, der unſeren Dandies und Lions den Rang abgelaufen hat. So geſchah es. Der Fuͤrſt hatte mit dem Faͤrber— meiſter eine laͤngere, ernſte Unterredung. Dem alten Menſchenkenner genuͤgte eine kurze Zeit, um Georgs Tuͤchtigkeit kennen und achten zu lernen. Trotzdem verſuchte er noch einmal, Adolphine in ihrem Ent— ſchluſſe wankend zu machen. In glaͤnzenden Farben malte er ihr die Zukunft, welche ſie in der Reſidenz erwartete. Sie widerſtand muthig allen ſeinen Lockun⸗ gen und Verſprechen. Treu blieb ſie ihrem einmal gefaßten Vorhaben und ihrer Liebe. Endlich ſtimmte der Fuͤrſt ihr ebenfalls bei und verſprach ihr, die Einwilligung ihres Vaters zu ihrer beabſichtigten Vermaͤhlung herbeizuſchaffen. Es war dies die ein— zige Gunſt, welche er ihr aufzunoͤthigen vermochte. Alle uͤbrigen, großmuͤthigen Anerbietungen wies ſie und der Faͤrbermeiſter mit Entſchiedenheit zuruͤck. Sie bedurften nichts mehr zu ihrem Gluͤcke. Einige Wochen nach dem Beſuche des Fuͤrſten langte die Zuſtimmung des Freiherrn von einem kal⸗ ten Gluͤckwunſche begleitet an. Die Hochzeit wurde in tiefſter Stille gefeiert. Nur die naͤchſten Anver⸗ wandten nahmen an dem Feſtmahl Theil. Die wuͤr⸗ dige Frau Kerner legte die Hand ihrer Enkeltochter ——— — e 329— in die des ſeeligen Braͤutigams. Sie vertrat die Stelle der Mutter. Die Trauung fand, zum Aerger der guten Waldauer, auf der Saͤgemühle ſtatt. Sie konnten daher keine Brautſchau halten, entſchaͤdigten ſich aber hinlaͤnglich durch ihre Gloſſen und Anmer— kungen auf Koſten des gluͤcklichen Paares. Waͤhrend die Familie noch bei Tiſche ſaß und die neu Vermaͤhlten leben ließ, ſchlichen dieſe leiſe aus dem jubelnden Kreis. Arm im Arm wanderten ſie ungeſehn nach dem Kirchhofe. Sie beteten zu der Mutter und flehten die Ver⸗ klaͤrte um ihren Segen an. Stumm und ſeelig ſanken ſie ſich in die Arme. Unter Thraͤnen laͤchelnd ſagte Adolphine zu dem geliebten Mann: — Weißt Du, was Erloͤſung iſt? — Die Liebe, verſetzte Georg, indem er die hold Erroͤthende auf ihre Lippen kuͤßte Endee. 3 8 — — — ₰ 2ʃ 5 02 5 — — 5 8 5 3 — 2 0 — Im Verlage von Hugo Scheube in Gotha iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Wahrnehmungen in Paris 1853 und 1854. Von Woldemar Seyffarth. Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Allen Beſuchern der Pariſer Weltausſtellung, bei welcher augenblicklich der Herr Verfaſſer als k. ſaͤchſ. Spezial⸗Commiſſar fungirt, wird dies Buch, welches unſere geachtetſten Zeitſchrif⸗ ten— Allgemeine Ztg., Koͤlniſche Ztg., Minerva, Deutſches Muſeum, Repertorium, Hamburger Literar. u. Kritiſche Blaͤtter, Bremer Sonntagsblatt u. v. a.— als eine der vorzüglich⸗ ſten Erſcheinungen unſerer touriſtiſchen Literatur einſtimmig anerkannt haben, angelegentlichſt empfohlen. Nach dem Orient! Reiſe im Gefolge der alliirten Armeen nach der Türkei, Walachei und Rrim. Von Eugen Jonve. Aus dem Franz. von G. F. v. Jenſſen⸗Tuſch. Zwei Bände à 2 Lieferungen. Preis jed. Liefer. 18 Ngr. Der Verfaſſer, Redacteur des Courrier de Lyon, giebt hier, in einem Buche vereinigt, ſeine Berichte an genanntes Journal, die ſich durch außerordentliche Friſche, eine Fuͤlle neuer Beobachtungen und Freimuth vor vielen anderen auszeichnen und uͤberdies noch das voraushaben, daß er ſeine Reiſe im unmittelbaren Gefolge der franzoͤſiſchen Orientarmee machen durfte. Daß vom erſten Baͤndchen bereits eine zweite Auflage noͤthig wurde, duͤrfte der beſte Beweis ſein, wie guͤnſtig das auch von der Kritik ruͤhmlichſt erwaͤhnte Buch vom Publikum aufgenommen worden iſt. Die vier Jahreszeiten. Von E. A. Roßmäßler. Mit vier Charakterlandſchaften in Tondruck nach Zeichnungen von F. H. von Kittlitz und 97 Illuſtrationen in Holzſchnitt und Typen⸗Naturſelbſtdruck von Eduard Kretzſchmar. Preis geh. 3 Thlr. Eleg. geb. 3 ¼ Thlr. Ueber den Werth dieſes Werkes ein Wort zu ſagen iſt bei dem Namen ſeines Verfaſſers gewiß uͤberfluͤſſig. Nur auf die vier, von der Meiſterhand des Herrn von Kittlitz gezeichneten Landſchaften, deſſen„Vegetationsanſichten“ Alex. von Hum⸗ boldt in ſeinem Kosmos ſo uͤberaus hoch ſtellt, und auf den hier zum erſten Male in aͤhnlicher Weiſe zur Anwendung gebrachten Naturſelbſtdruck, der die Blaͤtter unſerer Laubbaͤume in unvergleichlicher Naturtreue wieder giebt, ſei aufmerkſam gemacht. Das Buch duͤrfte ſich, bei ſeiner ganzen wirklich prachtvollen Ausſtattung, zu Geſchenken vorzugsweiſe eignen. Der Waſunger Nrieg zwiſchen Sachſen-Gotha-Altenburg und Sachſen-Mleiningen. (1747 u. 1748.) Von A. unn Witzleben, k. preuß. Major u. interim. Commandeur d. H. S. Coburg⸗Gothaiſchen Regiments. Mit einer Karte d. Kriegsſchauplatzes. Eleg. geh. Preis 18 Ngr. Das Buͤchlein, welches bereits von mehren geachteten Blaͤt⸗ tern auf das Guͤnſtigſte beurtheilt wurde, iſt nicht nur fuͤr den Militair intereſſant, dem der Verfaſſer durch ſeine fruͤheren Schriften ruͤhmlichſt bekannt iſt, ſondern, bei der Komik ſeines Sujets, das uns einen Einblick in ſeltſame Verhaͤltniſſe des damaligen deutſchen Reiches gewaͤhrt, eine wirklich ergöoͤtz⸗ liche Lectuͤre fuͤr Jedermann und kann beſonders Leſe⸗ zirkeln und Leihbibliotheken zur Anſchaffung beſtens empfohlen werden. Binnen Kurzem erſcheint in demſelben Verlage: Anthropologie fuͤr gebildete Laien. Von D. Horſt Bretſchneider, H. S. Coburg⸗Goth. Leibarzt ꝛc. In 3 Abtheilungen mit einem Bilderatlas. Preis jeder Abtheilung ca. 1 Thlr. Proſpecte dieſes Werkes, welches ſich, bei wiſſenſchaftlicher Gruͤndlichkeit und vollkommener Beherrſchung des Stoffes, durch klare und elegante Darſtellung auszeichnen wird, ſind in allen Buchhandlungen zu haben. Menſchen und Dinge in Rußland. Von Nikolaus Hoffmann. Preis circa 1 ½ Thlr. Der Verfaſſer, welcher Rußland durch vieljuaͤhrigen Aufent⸗ halt in St. Petersburg ſowohl, als in den inneren Provinzen, gruͤndlich kennt und daſſelbe feit langer Zeit zum Gegenſtande umfaſſender Studien gemacht hat, giebt in dem obigen Werke die Reſultate ſeiner Beobachtungen und Forſchungen nach allen Richtungen und Verhaͤltniſſen des ruſſiſchen Staates und Volkes, ganz beſonders auch ruͤckſichtlich der laͤndlichen Bevoͤlke⸗ rung und ihrer agrariſchen und Culturzuſtaͤnde, woruͤber wir noch ſo wenig eingehende und gewiſſenhafte Schilderungen be⸗ ſitzen. Daß er dabei ſich voͤllig frei haͤlt von jeder leidenſchaft⸗ lichen Auffaſſung und Darſtellung und unparte iiſch auch dem mannigfachen Guten im ruſſiſchen Volk und Staate bereitwillige Gerechtigkeit widerfahren laͤßt, wird dem Buche ſicher nur zur Empfehlung dienen. Der halt in E gruͤndli umfaſſend die Reſult Richtungen ganz beſon rung und noch ſo w ſitzen. D lichen Auff mannigfach Gerechtigke Empfehlun ilſnich 6 11 ſſſnſſſſſſſifſſſſſſnſſnnſſſſff 7 8 9 10 11 12 13 1 ſſſiſſſiſſ 5 ſſſſſſſſſſninnſſiſtſüiſ 4 1 8 1 16 17 1 9 1 — ₰ 4 1 2 4 —=. 4 3 8 —— 4 * 7 4 . 3 3 K 4 * 4 8 3 . * 8* 2 * —* 1 K 7 — “