Whitekriars oder die Tage Karls des Zweiten. Ein hiſtoriſcher Roman. Nach der dritten Auflage des engliſchen Originals. Wie in einem Zauberſpiegel will ich Euch die wahre Färbung und Ge⸗ ſtalt eines vergangenen Zeitalters zei⸗ gen; die Launen, die Leidenſchaften, die Verbrechen, die Tugenden, die Spitzfindigkeiten, die Perſonen ſelbſt. Grexybeard's Warning. [/— Viertes bis ſechstes Bändchen. ——o— Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Erſtes Kapitel. Das papiſtiſche Complott. Der Oberſt und Mervyn richteten nun ihre Schritte gegen Weſten und lenkten gegen die Mall ein, als ihnen Oates in vollem Prieſterornate entgegenkam. Die beiden Ehrenmänner grüßten einander mit unend⸗ lichem Ergötzen; und ſo ſehr auch Blood einem Juden gleichſah, verſchmähte es dennoch der würdige Doktor nicht, deſſeen Arm zu nehmen und mit ihm einherzu⸗ ſtolziren, zur großen Bewunderung der Vorübergehen⸗ den, welche es der chriſtlichen Demuth zuſchrieben oder Bekehrungsverſuch vermutheten. Mervyn folgte ſeinem liebreichen Herrn mit, dem Anſcheine nach freiwilligen Schritten eines Menſchen, der ſeiner Hinrichtung entgegengeht, weil er weiß, daß er nicht widerſtehen kann. Sie gingen nun zu einem Wechsler, der für die Bequemlichkeit des ausſchweifenden Hofes und zu ſeinem eigenen Nutzen in St. Martins Gaſſe wohnte, im Hauſe zu den Goldkugeln, wo Mer⸗ vyn die Herren ein Stück Papier abgeben ſah, wo⸗ gegen ſie einen ſchweren Sack mit Goldſtücken erhielten, welche zwiſchen den beiden Würdeträgern getheilt wurden. Von dem Wechsler kehrten ſie Whitehall hinunter zur Mall zurück, unter fortwährendem leiſem, aber eifrigem Geſpräch. Mervyn verſtand nicht viel 6 von dem, was ſie ſagten; aber er hörte Blood die Frage thun, ob der Sauerteig bereits gähre; worauf Oates antwortete, daß Kirby, der Chemiſt, die Sache dem Könige eröffnet habe, der ſich ſtelle, als ob er ſie ganz leicht nähme; aber daß Doktor Tongue den Ge⸗ genſtand bei ſeiner Majeſtät Morgenſpaziergange, wel⸗ chem er gewöhnlich anwohne, um Befehle wegen des königlichen Laboratoriums zu empfangen, wieder in Erinnerung bringen wolle. Unter dieſen Berathungen gelangten die zwei Freunde auf die Mall, wo, von der großen Anzahl glänzender Cavaliers und maskirter Damen zu ſchlie⸗ ßen, der König bereits erſchienen ſein mußte. Sie wählten ihren Stand unter einem Maulbeerbaume, wo ſich mehrere Perſonen um eine Balladenſängerin ge⸗ ſammelt hatten, und bald darauf ſah Mervyn eine Gruppe von zwanzig oder mehr Edelleuten, ſehr reich gekleidet und alle mit entblößtem Haupte, in ſchnellem Schritte die Mall herunterkommen. Unter dieſen köonnte er leicht die hohe, bräunliche Figur des Königs unterſcheiden, der ſeinen Hut auf hatte und einen Fe⸗ derbuſch mit Edelſteinen trug. Er ſchien einen Schritt oder vielmehr Lauf angeſchlagen zu haben, der augen⸗ ſcheinlich einige der Höflinge außer Athem ſetzte, und ſah etwas ärgerlich aus, was ſich leicht erklären ließ, da Doktor Tongue ihm zur Seite ging und mit gro⸗ ßem Eifer zu ihm ſprach. Die königliche Partie näherte ſich, und da der König vorüberging, ohne ſie zu bemerken, ſo trat Blood keck hervor und rief, indem er ſich auf orien⸗ taliſche Art verbeugte:„Vivat Rex!“ 1 „Ein polniſcher Jude?“ ſagte Karl, indem er ſtehen blieb und ihn neugierig betrachtete.„Gut— vivat Ju- daus! Aber es ſcheint, Peeunde⸗ daß, wenn verſchiedene meiner wohlmeinenden Freunde ihren Willen durchſetzen werden, Du bald ein paar längere Ohren mit„Vivat“ wirſt kitzeln müſſen.„Tongue!“ rief er, indem er ſich —— 97 4 zu dem Geiſtlichen wandte,„der kurze Sinn Eurer Rede iſt der,— es iſt eine Verſchwörung im Werke unter dieſen ausnehmend glücklichen und ſo ſehr be⸗ günſtigten Leuten, den Katholiken, den Thron, indem ſie mir den Hals abſchneiden, zu erledigen und dann meinen Bruder darauf zu ſetzen. Ein allgemeiner Aufſtand, und ich weiß nicht viele Landungen und Einfälle ſind von den Jeſuiten und Andern, deren Namen man noch nicht weiß, beabſichtigt und ent⸗ worfen. Nun, all' dies iſt hinreichend, mir durch Schrecken den Appetit zu verderben und demnach muß es mich verdrießen, daß es mir ein Mann ſagt, der Chemie verſteht, und gewiß iſt es ein zu wichtiger Gegenſtand zur Verhandlung vor dem Mittageſſen.“ „Eure Majeſtät geruhen—“ fing Doktor Tongue wieder an, aber der König unterbrach ihn— „Wetter, Menſch, verſteht ihr mich— man hat Euch eines aufgebunden!“ rief er aus.„Und ich habe keine Zeit mit irgend eines Menſchen Thorheiten zu verlieren, außer mit meinen eigenen.“ „In Gottes Namen, Sire, laſſen Sie uns dieſe angebliche Verſchwörung gründlich unterſuchen,“ ſagte der Herzog von Buckingham, der ſich im Gefolge be⸗ fand. Vielleicht finden wir einige Perlen unter den Auſterſchaalen. Ueberdies würde es Eurer Majeſtät zu unberechenbarem Vortheile gereichen wenn die Leute glaubten, daß die Papiſten ſich gegen Ihr Leben ver⸗ ſchworen haben— wie Mylord Danby ſeinem ſüßen Lächeln nach zu denken ſcheint.“ „Und in Erwägung ſolcher gefährlichen Verſchwö⸗ rungen und Mordanſchläge, mein Lehnsherr,“ ſagte Earl von Danby mit ſeinem liſtigen Lächeln,„könnte das tollſte Parlament der Welt Euer Majeſtät keine Zuſchüſſe verſagen für unſere gegenwärtige Kriegs⸗ macht und vielleicht eher eine Vermehrung derſelben, ſtatt einer Verminderung oder Entlaſſung beſchließen, in Anbetracht, daß wir zwei ſo mächtige Feinde zu be⸗ kämpfen haben, wie der Pabſt und den Teufel.“ „Ausnehmend gut, meine Herren,“ ſagte Karl, indem er ſich auf einen ländlichen Stuhl unter dem Maulbeerbaume niederließ. Aber es iſt ein gefähr⸗ licher Spaß, des Nachbars Haus anzuzünden, um unſer eigenes zu wärmen. Aber beim Wetter, Meiſter Tongue, wir fühlen uns etwas fieberiſch, auf das hitzige Ballſpiel dieſen Morgen; und wie kommt es, Nocheſter, daß Ihr mehr Eurem Geiſte gleich ſeht, als Euch ſelbſt?“ „Ich blieb geſtern Nacht ſo lange bei meinen An⸗ dachtsübungen auf, Sire,“ erwiederte der Edelmann, deſſen Geſichtsfarbe in der That aſchenbleich war; „denn ich habe Pabſtthum genug in mir für einen luſtigen Kloſterbruder.“* „So, alſo Eure Majeſtät will ſich dieſen entſetz⸗ lichen, abſcheulichen, päbſtlichen Verſchwörungen trotzig ausſetzen?“ rief Doktor Tongue aus—„ja, ſo zu ſagen, ſich zur Zielſcheibe hergeben für tauſende von Pfeilen, abgeſchoſſen von unſichtbaren Bogen, aber alle gezielt gegen Ihr geheiligtes Leben, Ihre Ehre und Herrſchaft.“ „Meiner Treu, nein, ich wollte lieber wie Jo⸗ hann, ohne Land, mit meiner Krone auf des Pabſtes Fußſchemel regieren— ſo oft Ihr auch in Euren ein⸗ ſchläfernden Predigten Se. Heiligkeit Antichriſt nennt, Tongue,“ erwiederte Karl und blickte lächelnd unter ſeinen Höflingen umher, die einen Halbkreis um ſeinen Stuhl bildeten.„Wie, mein lieber Mann, ich zweifle keineswegs, daß es Dein natürlicher Wunſch iſt, De⸗ kan zu werden, aber— dem Weiſen iſt ein Wort ge⸗ nug, auf dieſe Art wirſt Du keiner. Ich habe nicht ſo viel übrige Zeit, um ſie mit jeder Hahn⸗ und Stier⸗Geſchichte zu verlieren, die ein Pfarrer in einem konfuſen Gemüthszuſtand angehört haben mag.“ „Aber, Sire, ſo hören Sie doch nur die einfache — —, — —, 9 gerade Erzählung des gottesfürchtigen Mannes und eifrigen Dieners Eurer Majeſtät an, des Doktor Titus Oates, ſagte Tongue mit dringendem Ernſte. „In der That, mein Lehnsherr, es wird weder dem Parlament noch der Menge gefallen, wenn wir uns ſäumig erzeigen wenigſtens auszufinden, was Wohrds an dieſen ſchrecklichen Angaben iſt,“ ſagte Lord Danby.“ „Es geht nicht, Danby,“ verſetzte der König, in⸗ dem er ihn mit einem bedeutenden Blicke anſah. „Wenn Ihr den Teufel einmal citirt, ſo ſeid Ihr dem thörichten Zauberlehrling zu vergleichen und er wird, da Ihr nicht Arbeit genug für ihn finden könnt, ſeinen Beſchwörer ſerreſene „Wir könnten wenigſtens ohne alle Gefahr den beſagten Zeugen vor dem geheimen Nathe verhören und die Gemüher beruhigen,“ erwiederte Danby. „Man ſagte mir, Mylord Shaftesbury habe im Sinn, mir dieſen Abend deshalb zu Leibe zu gehen. Wo⸗ hin könnte man nach dieſem Oates ſenden, Tongue?“ „Nicht weit von hier, Mylord,“ ſagte der Geiſt⸗ liche,„denn meiner Treu, ich glaube ich ſehe ihn dort im Gedränge zur Rechten und will ihm rufen, wenn es Euch beliebt?— Doktor Oates!“ „Hi— er!— bereit, dem Rufe des Herrn und der Poſaune Gideons zu folgen,“ rief die angeſpro⸗ Hene⸗ ehrwürdige Perſon, und trat mit Dreiſtigkeit hervor. „Er hat ein niederträchtiges Ausſeben,“ ſagte Karl leiſe zu Danby.„Und überdies, hört Ihr es nicht,— ſeine Stimme hat das heilige Näſeln!— kann etwas Gutes aus Nazareth kommen?— So, ehrwürdiger Herr, Euer Name iſt Oates?“ „Oates, ſo es Euer Majeſtät beliebt,“ antwor⸗ tete der Doktor.„Der Herr ſei geprieſen, für dies und alles andere Gute.“ „Und auch Eure Mutter, undankbarer, verlorner 10 Sohn!“ ſagte Karl im Tone des Vorwurfs.„Siiſt aber gut, daß Ihr dem Himmel dankt, obgleich Ihr ſo wenig Urſache habt.— Ihr ſeid alſo der Ehren⸗ mann, der ſich rühmet, all' die wunderbaren Geheim⸗ niſſe entdeckt zu haben, während Ihr Euch unter den Zeſuiten aufhieltet als Helfer und Mitwiſſer in all' ihren Verſchwörungen, Planen und Anſchlägen, zum Umſturz der reformirten Religion und zum Nieder⸗ metzeln von neun Millionen unſchuldigen Proteſtanten durch etlich und ſechzig blutdürſtige Papiſten?“ „Ich hielt mich unter ihnen auf, Sire, aber wie David unter den Kananitern,“ erwiederte Oates, in⸗ dem er ſeine Augen aufwärts kehrte und ſeine Hand auf's Herz drückte.„Aber Gott und ſeine heiligen Engel ſind Zeugen, daß ich niemals meine Religion veränderte, ſondern mich lediglich mit dem Vorhaben unter ſie miſchte, ſie zu verrathen.“ „So, Mann, dann ſeid Ihr ein ſchwarzer Böſe⸗ wicht, ein verfluchter Judas! Bildet Euch aber nicht ein, Ihr werdet von mir die dreißig Silberlinge für unſchuldiges Blut erhalten,“ ſagte Karl ernſt.„Kommt, meine Herrn, wir wollen nichts weiter von ſolch einem meineidigen Schurken anhören. Tongue, ich hielt Dich niemals für etwas Anders als für einen Eſel, aber dies beweist, daß Du einer biſt, ſo klar als irgend eine allgebraiſche Formel.“ „Aber, mein Lehnsherr, das Volk wird damit nicht Afrieden ſein,“ ſagte Danby.„Wir müſſen nicht den Schein auf uns laden, als ob wir dieſe Sache unterdrücken wollten; ſie ſollte feierlich unterſucht wer⸗ den, und vielleicht, wenn wir ihr auf den Grund gehen, finden wir etwas, das den Intereſſen Eurer Majeſtät erſprießlich iſt. Der Rath hält dieſen Abend ſeine Sitzung, und wenn Ihr Beweiſe habt, die die Unter⸗ ſuchung aushalten, ſo bringt ſie da vor.“ „Mylord, wenn ich nicht eine monſtröſe, ſchwarze Verſchwörung klar darthue, eine jeſuitiſche, abſcheuliche, 11 papiſtiſche—“ fing Oates an mit unerſchütterter Un⸗ verſchämtheit. „Ruhig! wir haben ſchon genug von dieſem hei⸗ ligen Geſchwätze gehört,“ unterbrach ihn Karl.„Danby, wenn Ihr mit glühenden Eiſen ſpielen wollt, ſo macht Euch gefaßt, daß Ihr Euch die Finger verbrennt; aber ich will nichts damit zu thun haben. Kommt, Mylord's, wir wollen unſers Wegs gehen, und Se. Ehrwürden das Krokodillsei ohne die Sonne unſers Beifalls ausbrüten laſſen.“ Der König ſtand auf und ging eilends weiter, gefolgt von dem ganzen Hofe, Bruder Titus aber blieb allein zurück, mit Ausnahme einiger Leute vom Pöbel, die ihn fortwährend von Ferne anſtaunten und mit einander flüſterten. Nachdem er ſich einen Augenblick beſonnen, wendete ſich Oates ſeitwärts und ſuchte den polniſchen Juden wieder auf. „Muth, lieber Bruder! runzle Dein häßliches Ge⸗ ſicht nicht ſo, daß der Teufel darüber erſchrecken könnte,“ rief Blood.„Ich ſehe wohl, Du haſt keine ſo glän⸗ zende Aufnahme gefunden, als Deine Tugenden ver⸗ dienen; ſie kennen Dich noch nicht recht. Wir werden noch den Tag erleben, wo das Weib im Scharlach ſelbſt auf ihren ſieben Hügeln zittern wird, wenn ſie Dich nennen hört.“ „O der Anfang iſt gut genug; die Eichel wächst am Ende zu einem Eichbaum,“ ſagte Oates, indem er ſich die Stirne wiſchte.„Wenn ich nur einmal erſt die Sache in's Gerede der Leute gebracht habe; jetzt geh ich ſchnurgerade wie ein Hexenſtecken vor Sir Ed⸗ mundbury Godfrey, damit nicht der Hof auf einmal mich und das Komplott unterdrücke.“ Blood gab dieſem Vorhaben höchlich ſeinen Beifall, da er aber nicht geneigt war, die öffentliche Aufmerk⸗ ſamkeit mit ihm zu theilen, ſo machte er es mit Oates aus, ihm aus der Entfernung zu folgen. Der kleine Volksknäuel hatte ſich unterdeß zu einem beträchtlichen mit geſuchter Einfachheit und trug ei 12 Auflaufe vergrößert, und ſobald ſich der Doktor in Bewegung ſetzte, fingen ſie an, ihm zu folgen, ohne beſtimmt zu wiſſen, warum oder wohin. Aber ein Londoner Pöbel beſitzt eine unerſchöpfliche Neugierde und läßt ſich von keiner Mühe oder Gefahr abſchrecken, dieſelbe zu befriedigen. Blood und Mervyn, deren Neugierde ebenfalls ſehr aufgeregt worden war, miſch⸗ ten ſich unter die Menge und es gelang ihnen, ſich in die Gerichtshalle zu drängen. Sir Edmundbury Godfrey, über deſſen Namen es verhängt war, ſo traurig in den Ohren der Nachwelt fortzutönen, war eine der beliebteſten obrigkeitlichen Perſonen des Tages, und der einzige, deſſen gearg⸗ wohnte Hinneigung zum Pabſtthum von dem Volke ver⸗ ziehen wurde, aus Rückſicht für die unerbittliche Strenge, mit welcher er die Geſetze gegen die Papiſten hand⸗ habte. Er war ein Mann von ſonderbaren Gewohn⸗ heiten, aber von großem Muthe und unbezweifelter Redlichkeit. Er beinahe allein von allen öffentlichen Beamten, blieb während des durch die Peſt verurſach⸗ ten Schreckens in der kranken Stadt zurück und erhielt durch ſeine kraftvolle Strenge die Ordnung in ſeinem ausgedehnten und verzweiflungsvollen Bezirken Für dieſe Dienſte wurde er von Karl zum Ritter geſchlagen und blieb, trotz ſeines harten, melancholiſchen Tempe⸗ ramentes der Liebling des Volkes während aller Wech⸗ ſetfälle jenes verhängnißvollen Zeitraumes mittelſt der⸗ ſelben unbeugſamen Eigenſchaften, die ihm zuerſt die öffentliche Gunſt verſchafft hatten. Sire Edmundbury hatte ein auffallendes Ausſehen und ſein Charakter war in ſeinem ganzen Aeußern ausgedrückt. Er war groß, von dunkler Geſichtsfarbe und ſtarken Zügen, aber ſein hoher Wuchs war durch eine gebückte Haltung beeinträchtigt und in ſeinen nie⸗ dergezogenen Lippen und in ſeiner gerunzelten Stirne lag etwas Strenges und Trauriges. Er kleidete ſich nen breiten Hut 13 mit einem goldenen Bande, deſſen große Krempen ſei⸗ nem herben Geſichte einen noch dunklern Anſtrich gaben. Sein Haar war lang, gerade und eiſengrau, und bei dem gegenwärtigen Anlaſſe lag ein Ausdruck von Un⸗ ruhe in ſeinen eingeſunkenen, grauen Augen, wie ein Vorgefühl des ſchrecklichen Schickſales, das ſeiner wartete. „Himmel! was für ein Durcheinander iſt dies, Gerichtsdiener?“ ſagte der Beamte, indem er auf die Menge blickte, welche den Gerichtsſaal überſchwemmte. „Was wollt Ihr, meine Herrn? Laßt die zuerſt ſprechen, die zerſchlagene Köpfe haben— pfui! ein Ruheſtörer im Prieſterrock!“ „Ihro Wohlwürden, weder ich, noch dieſe werthen Brüder in Chriſto ſind dergleichen,“ antwortete Oates mit lauter Stimme:„Ich bin gekommen, vor Euer Wohlwürden und vor Gott dem Allmächtigen eine Angabe niederzulegen, betreffend eine fürchterliche Ver⸗ ſchwörung der Papiſten, welche zu entdecken ich nach Fihem höchſten Willen das irdiſche Werkzeug geweſen in. 4 „Mir ſcheint, daß ein Mann in Eurer ehrwürdigen Tracht dieſen großen Namen zuerſt nennen ſollte,“ ſagte Sire Godfrey indem er bei dieſen Worten den Hut berührte.„Jedoch, wie Ihr wollt. Uebrigens wünſchte ich, daß Ihr die Sache irgend einem andern Richter vortrüget, da Ihr wißt, was der gemeine Mann von mir ſpricht,— nämlich, daß ich den Papiſten ge⸗ wogen ſei, wegen einer Gunſt, die ich von Sr. königl. Hoheit empfangen hätte, was indeſſen falſch iſt.“ „Gerade aus dem Grunde, daß Eure Unpartei⸗ lichkeit nicht bezweifelt werden kann, habe ich Euch aus allen obrigkeitlichen Perſonen dieſes großen ſün⸗ digen Sodoms und Gomorrahs ausgeſucht,“ erwiederte Oates.„Und ich rufe Euch auf, bei dem Eide den Ihr geſchworen habt, des Königs Gerechtigkeit und Gericht zu verwalten, daß Ihr mein Zeugniß aufnehmet gegen 14 dieſen entſetzlichen Anſchlag der Jeſuiten, die Kirche Gottes umzuſtürzen und willkürliche Macht und die Inquiſition in dieſem bis jetzt freien und evangeliſchen Lande einzuführen.“ „Ich weigere mich deſſen nicht; ich habe keine Gewalt, es abzulehnen,“ verſetzte der Richter.„Ich möchte Euch übrigens rathen, Eure Worte wohl zu er⸗ wägen, ehe Ihr ſie vorbringt; denn der Anfang des Haders iſt wie wenn einer dem Waſſer den Ausfluß verſchafft und Niemand weiß, wohin es fließen wird.“ „Hier iſt meine geſchriebene Angabe, mein Zeug⸗ niß gegen den ungläubigen Ahab,“ ſagte Oates, und zog triumphirend ein verſiegeltes Papier hervor.„Auf die Wahrheit aller der hier enthaltenen Anklagepunkte bin ich bereit, einen Eid abzulegen, wohlwürdiger Herr, und will mit der Stärke, die von oben kommt, Alles vor dem Parlamente und dem Volke von England beweiſen. Ich bin in dem Lager des Feindes geweſen und habe von daher Nachrichten mit mir gebracht, die das auf ſeinen Waffen ſchlafende Iſrael wie ein Don⸗ nerſtreich aufwecken ſollen.“ „Was meint Ihr damit? in welchem Lager, mein Herr?“ entgegnete Sire Edmundbury.„Soll ich das ſo verſtehen, als ob Ihr eine bewaffnete, feindliche Macht in dem Herzen dieſes Königreichs ausgeſpäht hättet und hieher kamt, um dies eidlich zu bekräf⸗ tigen? 2 „Ja, wahrlich,“ ſagte der kecke Oates.„Ich habe einen Feind im Herzen des Landes enideckt— einen, der in unſern Citadellen und Burgen Poſto gefaßt und unſere Hochwächter beſtochen hat; einen Feind, nicht in Stahl gepanzert, aber in der Wehre der Falſchheit; der keine Speere ſchwingt, aber Complotte; der nicht Schwert oder Helm trägt, aber Dolch und Maske:— die Jeſuiten!— die Jeſuiten! Ich habe mich lang ge⸗ nug in ihrem Lager aufgehalten, um alle ihre unge⸗ heuren, verrätheriſchen Anſchläge kennen zu lernen, und 15 ich habe nun den Staub von meinen Schuhen geſchüt⸗ telt zum ewigen Zeugniß gegen ſie.“ „Und dieſes verſtegelte Papier enthält Eure An⸗ gaben oder Anklagen?“ ſagte Sire Edmundbury, in⸗ dem er das Gemurmel der Menge mit einem Blicke zum Schweigen brachte.— „Das geht nicht an, mein Herr. Ich werde Euch auf deren Inhalt keinen Eid ablegen laſſen, ſo lang ich denſelben nicht kenne. In einer ſo wichtigen Sache ſoll nichts im Dunkeln gethan werden. Aber nach Allem ſcheint es mir angemeſſener, daß Ihr Euch mit Euren Papieren vor den Rath oder vor den Lordkanzler ſtellt, die ihrer Würde nach geeignetere Behörden für die Unterſuchung einer ſo wichtigen Sache ſind, welche die Sicherheit des Staats zum Gegenſtande hat!“ „Euer Würden weigert ſich alſo, meine Anklagen anzunehmen?“ rief Oates, und der Pöbel erhob ein Geſchrei, zu dem Bloods Stentorſtimme den Grund⸗ baß bildete; dieſer rief die Worte aus, welche nachher das Feldgeſchrei ſeiner Partei wurden:„Kein Pabſt⸗ thum, kein Pabſtthum!“ Dieſer Wuthlaut wurde augenblicklich in jeder Aſuufung mißtönender Stimmen wiederholt, und Sir Edmundbury rief, ſich ſchnell umkehrend,„Konſtabler, greift dieſe Schreier, führt ſie ſtracks nach Bridewell wegen Tumult im Gerichtshof aus Verachtung des königlichen Gerichts.“ Dieſe Drohung und die bekannte Strenge des Mannes bewirkte augenblicklich eine Stille. „Ich weigere mich nicht, Doktor Oates, da dies Euer Name iſt, Eure oder irgend einer andern Per⸗ ſon Angabe aufzunehmen,“ ſagte der Friedensrichter; aber ich will mich nicht als ein blindes Werkzeug ge⸗ brauchen laſſen. Leſet Euren Bericht vor und legt dann ſo viele Eide darauf ab, als Ihr wollt.“ Oates war nichts lieber, als auf dieſe Art die 16 ganze Schuld der Veröffentlichung ſeiner Erzählung, ehe der Rath ſie geprüft hatte, auf Sir Edmundbury zu ſchieben. Er las in ſeiner lauten, groben Aus⸗ ſprache, unter dem begierigſten Stillſchweigen aller Anweſenden, die kurze Schilderung jenes erſchrecklichen Complottes, durch welches ſo viel Blut vergoſſen wer⸗ den ſollte, ehe der Friede wieder hergeſtellt wurde. Die Grundlage dieſer Verſchwörung beſtand in der einmal angenommenen und feſt und vollkommen geglaubten Thatſache, daß die katholiſche Kirche in den ernſtlichſten Anſtrengungen begriffen ſei, die große nordiſche Ketzerei zu unterdrücken. Dies war ohne Zweifel richtig und daſſelbe könnte im Allgemeinen von allen folgenden Zeiten behauptet werden, und ſicherlich um ſo nachdrücklicher in dem Zeitalter, welches Au⸗ genzeuge von der Ausrottung der Reformation im ſüd⸗ lichen Europa und ihrer allmäligen Einſchränkung im Norden war. Die Hauptwerkzeuge und Verbreiter der römiſchen Kirche bei der Bewirkung dieſes Wunders waren ohne Zweifel die Jeſuiten, dieſe klügſte, ſcharf⸗ ſinnigſte, ehrgeizigſte und erfolgreichſte aller der großen Geſellſchaften, welche die Heere des Katholicismus über die ganze Erdkugel bilden. Das engliſche Volk des ſiebzehnten Jahrhunderts, auferzogen im engherzigſten und wildeſten Fanatismus, betrachtete dieſe Geſellſchaft für nicht viel Beſſeres, als für einen unmittelbaren Ausfluß des Teufels, und ihren Mitgliedern legte die Volkseinbildung kaum weniger Macht und Neigung bei, Böſes zu thun, als den hölliſchen Feinden, welche den Thron Beelzebubs ſelbſt umgeben. Der Volkshaß ſtellte dieſelben als die Urſache alles des Unglücks dar, welches die Nation in und außer des Landes traf. Die Jeſuiten waren es, welche die Waffen des katholiſchen Spaniens und Frankreichs gegen das große Bollwerk der Ketzerei richteten; die Jeſuiten waren es, welche London durch Feuer zerſtörten und deſſen Bevölkerung durch die Peſt aufrieben; die Jeſuiten veranlaßten die — beſtändigen Streitigkeiten zwiſchen Karl und ſeinen Unterthanen;— denn die große Menge hielt es ſtill⸗ ſchweigend für ausgemacht, daß ihr König, ſein Bru⸗ der und der ganze Hof mit Herz und Seele für das ungeheure Unternehmen der Wiedereinſetzung des Pabſt⸗ thums eingenommen und thätig ſeien. Auf dieſe eben angegebenen in dem öffentlichen Geiſte feſtgewurzelten Schlüſſe gründete Oates ſein wildes, unzuſammenhängendes Gebäude, welches, ge⸗ kittet mit Blut und Schrecken, am Ende unter ſeinem eigenen Gewichte zuſammenſtürzte, und eine geſpen⸗ ſtiſche Ruine zurückließ, zur Warnung für die Zukunft, wenn Nationen je aus der Erfahrung Weisheit ſchöpften. Um ihren großen Plan zu verwirklichen, fanden es die Jeſuiten, nach der Angabe des Oates, noth⸗ wendig, alle Schutzwehren der engliſchen Freiheit zu zerſtören und ihren Weg mit den Ruinen der gerühm⸗ ten engliſchen Verfaſſung zu pflaſtern. Es ſchien aber, daß ſie fürchteten, des Königs Unbeſtändigkeit und epi⸗ curäiſche Gleichgültigkeit möchten ihn untauglich ma⸗ chen zu einem Werkzeuge für ihre Abſichten und ſo wurde beſchloſſen, ſich ſeiner zu entledigen und an ſeine Stelle den Herzog von York zu ſetzen, den man als einen eingefleiſchten Papiſten rühmte. Zu dieſem Zwecke klagte Oates den Vater La Chaiſe, Beicht⸗ vater des franzöſiſchen Königs oder Le Shee, wie er ihn nannte, an, zwei tauſend Pfund Sterling bei ei⸗ nem Londner Goldſchmied hinterlegt zu haben, um einen Mörder zu dingen, Oliva und die ſpaniſchen Jeſuiten, ſetzte er hinzu, hätten dieſelbe Summe be⸗ willigt. Die Benediktiner aber, welche arm wären, blos ihre Gebete verſprochen. Es ſollte ein allgemeiner Aufſtand in Irland und eine Ermordung der Prote⸗ ſtanten daſelbſt ſtattfinden, wobei Frankreich mit einem großen Heere Hülfe leiſten wollte. In England ſollte der Herzog von York das Parlament auflöſen, alle Whitefriars. n. 2 18 Gewalt der Regierung an ſich reißen, Frankreich und Spanien ſollten ihn mit bewaffneter Macht und Geld unterſtützen. Die große Leichtigkeit, mit der die Na⸗ tion auf die gelinde Ueberredung durch die Axt und den Scheiterhaufen hin unter der Regierung der Maria die Religion änderte, ſollte den Jeſuiten zum ermuthigen⸗ den Vorbild bei ihrer großen Unternehmung dienen und daſſelbe mächtige Argument auch bei England zur Wiederbekehrung angewendet werden. Oates gab ferner an, daß eine allgemeine be⸗ rathende Verſammlung der Jeſuiten im Mai 1678 in London, im Wirthshauſe zum weißen Roß, ſtattgefun⸗ den habe, welche in fünf oder ſechs Unterabtheilungen in eben ſo vielen Zimmern getheilt geweſen ſei, die Alle über die beſten Mittel Rath geſchlagen hätten, den König zu ermorden und die übrigen wünſchenswerthen Veränderungen zu verwirklichen. Nach dem Zeugniſſe des ehrwürdigen Angebers wurde er ſelbſt— obgleich verdächtigt und ſogar von dem Provinzial der engli⸗ ſchen Jeſuiten, Van Huysman, perſönlich mißhandelt — beauftragt, die Zettel mit den gefaßten Beſchlüſſen, von Geſellſchaft zu Geſellſchaft herumzutragen. Aber er verweigerte, in ſeinem Berichte anzugeben, was für Beſchlüſſe dieſes waren. Dies jedoch erklärte er ſo, daß Sir George Wakemann, der Leibarzt der Königin, fünfzehntauſend Pfund für die Vergiftung des Königs erhalten ſollte, welche Summe er zum Theil ſchon wirklich empfangen hätte, und daß Coleman, der Sekretär der Herzogin von York, in verrätheriſchem Briefwechſel mit Frankreich ſtehe. Oates gab auch zu verſtehen, daß die große Feuersbrunſt in London von den Jeſuiten angelegt worden ſei, um die Stadt u plündern und Verwirrung zu verbreiten. Er ver⸗ ſicherte, daß der Pabſt in vollem Conſiſtorium er⸗ klärt hätte, daß die Krone von England, als ketzeriſch, ihm verfallen ſei; und obgleich er allerdings den Her⸗ zog von York zu einer Art von gekröntem Vicekönig 19 zu machen gedächte, hätte Se. Heiligkeit ihre Souve⸗ ränitätsrechte bereits ausgeübt durch Ernennung einer großen Anzahl von weltlichen Beamten, unter welchen Oates ſorgfältig mehrere der Vornehmſten des katho⸗ liſchen hohen und niedern Adels eingeſchloſſen hatte. Sir Edmundburys Erſtaunen und ſogar Entſetzen nahm mit jedem Worte dieſer außerordentlichen Depo⸗ ſition zu, aber ſein ehernes Geſicht zeigte nicht die min⸗ deſte Bewegung, während das Geſtöhne des Mißfallens und die Ausrufungen der Zuhörer die Heftigkeit der ihrigen beurkundeten. Selbſt Blood war erſtaunt und etwas beunruhigt über die vielartige Menge und Größe der Anklagen. Oates glückliche Unverſchämtheit zeigte jedoch, daß er für ſeinen Auftrag von Männern aus⸗ gewählt worden war, die das zu ihrem Geſchäft noth⸗ wendige Werkzeug vollkommen kannten. „Ich nehme Eure Anklage an, wie ich verpflichtet bin durch mein Amt, Herr Oates,“ ſagte der Richter nach einer kurzen Pauſe; Ihr möget nun Euren Eid ablegen; aber ob Ihr ein ganz abſcheulicher Meineidi⸗ ger ſeid oder der Retter dieſer Nation, weiß Gott der Herr allein und wird die Zeit ausweiſen.“ „Und ſeid verſichert, würdiger Sir Edmundbury,“ erklärte Oates, indem er ohne Zagen das heilige Buch küßte,„daß ich unter dieſem Zeichen ſiegen werde — und daß Korn und Wein deſſen ſein werden, der da erndtet und die Weinleſe ſowohl deſſen, der da ſäet, als deſſen, der da ſchneidet.“ „Was mich anbetrifft,“ erwiederte Sir Edmund⸗ bury mit prophetiſchem Trübſinn,„ſo werde ich keinen Dank erndten für meine Mühe und werde, wie ich glaube, der erſte Märtyrer ein. Dates lächelte etwas finſter und begann die feier⸗ lichen Worte des Eides dem Gerichtsſchreiber nachzu⸗ ſprechen; da flüſterte Blood zu Mervyn—„Laßt uns hinausgehen und dort auf ihn warten— es ſollte mich 20 nicht wundern, wenn das Dach einfiele!“ Und er drängte ſich mit unhöflichen Schulterbewegungen hinaus in's Freie, wohin ihm der erſtaunte Akoluthe auf der Ferſe nachfolgte, da er, in Erinnerung, daß Oates im Mai 1678 zu St. Omer war, ſeine Privatgründe hatte, an der Feſtigkeit der Gerichtshalle zu zweifeln. Zweites Kapitel. Das Geiſterhaus. Der Oberſt hielt in der Vorhalle des Gerichts⸗ hauſes, die von einem dichten Gedränge von Leuten enge belagert war, welche die wichtige Entdeckung ein⸗ ander zuflüſterten und beſprachen, ſowie ſie ihnen von den glücklichern Zuhörern mitgetheilt wurden. Mervyn hatte keine Zeit, ſein Erſtaunen in Worten auszudrü⸗ cken. Der Doktor folgte ihnen beinahe augenblicklich nach, nachdem er, wie er ſagte, den Stein zum Rollen gebracht hatte und wurde mit lauten Bezeugungen der Dankbarkeit, Achtung und Neugierde empfangen. Er machte ſich mit Mühe von dem Gedränge los, ertheilte ihnen huldreich ſeinen Segen und ging dann die Straße hinunter unter betäubenden Hurrah's. Er fand es in⸗ deſſen bald für thunlich, dieſer großen Popularität zu entgehen, indem er ſchnell in ein Seitengäßchen einbog, das zum Strand hinunter führte, wo ſich Blood mit ſeinem jungen Schützlinge wieder an ihn anſchloß. „Was denkt Zoͤr nun vom Stande der Dinge, Herr Oberſt?“ rief er in triumphirendem Tone.„My⸗ kord Shaftesbury hielt mich vor ein paar Stunden, kaum der Ehre ſeiner Verachtung würdig und wie 21 ſteht's nun? Innerhalb vierzehn Tagen werde ich ſtol⸗ zere Köpfe als ſeinen vor mir ſich beugen ſehen oder ich werde ſie auf den Block bringen!“ „Dann wollte ich, Du könnteſt meinen Feind, den alten Ormonde und ſeinen wilden Herrn Sohn auch auf die Liſte ſetzen,“ ſagte Blood grimmig lachend. „Aber, Herr Doktor, da unſere Sachen ſo gut im Gange ſind, ſo müßt Ihr mir in mein armes Haus in Alſatia folgen, und mit ſolcher Einſiedlerkoſt vorlieb nehmen, als ein vogelfreier Mann aufbieten kann.“ Oates willigte gerne ein, und der gaſtfreie Oberſt rief einen Bootführer herbei, der ſie nach ſeiner An⸗ weiſung den Fluß hinunter ruderte.. Mervyns Augen waren nun gewiſſermaßen geöff⸗ net, aber das Licht, das in ſeinen Verſtand fiel, war nichts weniger als angenehm. Die außerordentlichen Aufſchlüſſe, welche Oates gegeben hatte, verbunden mit ſeinen eigenen dunklen Ideen über den Gang der je⸗ ſuitiſchen Politik verwirrten zu gleicher Zeit ſeine Ur⸗ theilskraft und ſein Gefühl. Auf einer Seite ſtanden alle Vorurtheile ſeiner Jugend, die Liebe und Ehrfurcht, in denen er erzogen worden war; auf der andern eine geſpenſtiſche Erſcheinung von Schreckniſſen, von einer finſtern und ungerechten Politik, die er nicht in Ein⸗ klang bringen konnte. Seine Unkenntniß der Welt überhaupt und der wirklichen Lage der Menſchen und Verhältniſſe trugen dazu bei, ſein Urtheil aufzuhalten und ſeinen Verſtand zu einem Grade zu verwirren, der es ihm beinahe unmöglich machte, über die Wahrheit oder Falſchheit von Oates Angabe ſich eine Meinung zu bilden. Indeſſen fühlte er einen inſtinktmäßigen Abſcheu gegen dieſen Böſewicht, und hätte er die ſchreck⸗ lichen Folgen vorausſehen können, welche deſſen Mein⸗ eid nach ſich ziehen mußte, ſo hätte ihn ohne Zweifel nichts als wirkliche Gewalt bewegen können, länger den Weg ſeines Geſchickes zu gehen. Aber ſo ſchien er ⸗ 22 eher durch Verwirrung des Widerſtandes unfähig zu ſein, als einer anerkannten Autorität zu folgen. „Dort iſt mein Haus, oder Edelſitz könnte ich ſa⸗ gen, denn das iſt es in ſeinen guten Tagen geweſen,“ ſagte der Oberſt, indem er über die hüpfenden Wellen nach einem alterthümlich und verfallen ausſehenden Gebäude hindeutete, das mit einem hohen Balkone über den Strom hereinzuhängen ſchien und mit einer Menge hoher Schornſteine gekrönt war. Es war ein abgeſondert ſtehendes Gebäude, auf der Landſeite von einer hohen Gartenmauer umgeben, die es von dem wildeſten und abſchreckendſten Theile der Friary trennte. Mervyn kam es vor, als ob er noch nie eine ſo trau⸗ rige untröſtliche Wohnſtätte geſehen hätte. Das Holz⸗ werk und die Säulen der Balluſtrade ſchienen alle verfault und dem Einfallen nahe zu ſein, die Gitter⸗ fenſter waren zerbrochen und mit Lumpen ausgeſto pft, als ob ſie den kalten Zugwind vom Strome her ab⸗ wehren ſollten; der ganze Edelſitz ſchien eigentlich nur ſtehen zu bleiben, bis ein ſtarker Wind kommen würde, um ihn niederzuwehn. Das urſprüngliche Geſtelle des Hauſes war ganz von Holz geweſen, aber es ſchien, vor langer Zeit einmal mit Baaſſteinen ausgebeſſert und geflickt worden zu ſein, welche in zerfallenen Hau⸗ fen an den Wänden und Hauptbalken umher lagen. Mervyn ſchauderte beim Anblicke ſeiner künftigen Wohnung. „Und gehörte dieſes glorreiche Gebäude zu Eurem Erbe, Oberſt?“ ſagte Oates lachend.„Wenn dieß der Fall iſt, ſo wundere ich mich nicht, daß Seine Gnaden der Earl Armonde Euch in ruhigem Beſitz davon ge⸗ laſſen hat.“ „Nein,“ ſagte Blood, ebenfalls lachend,„ich heiße es nur das meinige, um es gegen den Vorwurf zu ſchützen, daß es Niemanden gehöre; aber, dem Himmel ſei Dank, ich bezahle weder Abgabe noch Miethe da⸗ für. In der That weiß ich den Namen ſeines Eigen⸗ 23 thümers nicht, oder ob es überhaupt einen hat. Ich nehme es in Beſitz, weil ſonſt Niemand den Muth hat, miethfrei zu wohnen, auf die Gefahr hin, von dem Geſpenſte eines alten Geizhalſes, der einmal da⸗ rin lebte, ſich zu Tode erſchrecken zu laſſen; ja und auch darin ſtarb, ehe er nach billiger Rechnung in den Büchern des Todes zahlbar war. „Wie meinſt Du das, Bruder?“ ſagte Oates et⸗ was ernſthafter. „Nun, es wurde verlaſſen wegen einer abergläu⸗ biſchen Geſchichte hinſichtlich ſeines vorigen Bewohners,“ erwiederte der Oberſt—„eine grauſige Legende, die auch den obdachloſeſten Elenden in der Friary jedem möglichen Schutze, den dieſes Hauſes zerbrochenes Dach gewähren könnte, den ſtürmiſchen Himmel als Decke vorziehen läßt. Man heißt es das Geiſterhaus und es iſt ſeit dreißig Jahren, unbewohnt geblieben, bis ich(fuhr er leiſer fort), der ich die Herde der Men⸗ ſchen vermeide, es zu meiner Höhle erkor, in der ich ſeither manche ruhige Nacht in Geſellſchaft meines guten Gewiſſens zugebracht habe. Indeſſen iſt es etwas un⸗ heimlich, allein hier zu ſein, und die Geſellſchaft dieſes Jungen wird mir äußerſt wohl thun.“ „Von welcher Geſchichte ſprecht Ihr, mein Herr?“ weßwegen nennt Ihr es das Geiſterhaus?“ ſagte Mer⸗ vyn mit großem Ernſte. „Aber ſcheut Ihr Euch nicht vor dem Zuhören dieſer Männer?“ flüſterte Oates, indem er auf die Rudersleute blickte, zwei ſtarke, verdächtig ausſehende Kerl, in einem Anzuge, der zwiſchen einer zerriſſenen Livree und der Matroſentracht die Mitte hielt. „Bewahre, es ſind beide ehrliche Kerls— das heißt teufliſche Schufte,“ antwortete Blood.„Sie können uns in Zukunft noch nützlich werden; denn ei⸗ ner derſelben iſt ein weggejagteér Bedienter des katho⸗ liſchen Lords Bellaſis, dem Eure Angabe eine Woh⸗ nung im Tower verſchaffen dürfte.“ 3 Nun, was macht denn dieſes Haus nicht geheuer? Geiſt oder Teufel?“ ſagte Oates.. „Man ſagt,“ antwortete Blood,„daß ein alter Geizhals, der letzte Beſitzer dieſes Edelſitzes, darinnen von ſeinem leiblichen einzigen Sohn, einem verſchwen⸗ deriſchen Elenden, ermordet wurde, um des alten Man⸗ nes Gold zu erhalten.“ „Ach! daß ein Menſch ſich ſein ganzes Leben ab⸗ mühen kann, nur um ſein eigenes Verderben zu be⸗ ſchleunigen,“ rief Mervyn ſchaudernd aus. „Du wirſt dieſe Bemerkung mehr allgemein ſtel⸗ len, wenn Du älter wirſt,“ verſetzte der Oberſt. Uebrigens verbreitet dieſe Sage einen heilſamen Schre⸗ cken um meine Wohnung her und verſchafft mir eine Einſamkeit, gegen welche die arabiſchen Wüſten volk⸗ reich ſind. Aber jetzt muß ich als Lootſen auftreten, dei zur Flutzeit erfordert es einige Geſchicklichkeit, zu anden.“ Der Oberſt nahm ſeinen Platz am Steuer, gebot den Leuten, ihre Ruder ſachte gehen zu laſſen und trieb nun mit großer Gewandtheit quer durch das Waſſer, obgleich die Flut hoch an die Seiten des Boots auf⸗ ſtieg. Da ſie ſich dem Ufer näherten, wurden die lum⸗ pigen Straßen und elenden Wohnungen von Alſatia erkennbar; aber Mervyns Aufmerkſamkeit war blos auf die geheimnißvolle Stätte gerichtet, die er allem Anſcheine nach als ſeine Heimath anzuſehen hatte. Sie ſteuerten unter dem zerfallenen Balkon einem finſtern, im Erdgeſchoße angebrachten Bogengange zu, der ſich in eine Steintreppe endigte, die zu einem maſſiven Thor mit eiſernen Querſtangen und Riegeln hinauf⸗ führte. Blood machte ihnen bemerklich, daß der Bo⸗ gengang zur Flutzeit immer hinlänglich Waſſer habe, um kleine Fahrzeuge bis zur Treppe zuzulaſſen, daß aber zur Zeit der Ebbe Niemand hineinkommen könne, ohne bis zum Halſe im Moraſt zu waden. Während er dieß ſagte, ſchoßen ſie ſchnell unter dem Bogen hin, 25 und augenblicklich war das Boot an der Treppe. Mer⸗ vyn bemerkte dabei, daß ein ſchwaches Licht durch ein oben angebrachtes Gitterfenſter hereinfiel. Blood ſandte das Boot weg, ſobald ſeine Gäſte an den Stufen waren, nahm einen ſchweren Schlüſſel aus ſeinem Wamms, ſchob zwei ſchwere Riegel zurück, öffnete das Thor und hieß ſie willkommen in ſeinem Schloß.„Ohne Zweifel,“ ſetzte er ſpaßhaft hinzu,„wird Euch der Geiſt ebenfalls willkommen heißen; denn ich werde Euch nicht auf ſeine Unkoſten traktiren, ſo lange er uns das Obdach ſeines alten, breſthaften Daches nicht mißgönnt. Damit ihr aber unſern Hausherrn auch kennt, wenn er euch begegnen ſollte, ſo will ich ihn ſo beſchreiben, wie ihn die Sage ſchildert. Es iſt ein magerer, eingeſchrumpfter, betrübter, alter Mann, mit einem abgedrehten Hals, den Kopf über die linke Schulter hängend, und angethan in graues Halbwollen⸗ zeug, mit rothen Strümpfen und bleiernen Schuhſchnal⸗ len— welches, wie ich glaube, die traditionelle Erin⸗ nerung von ſeinem Ausſehen bei der Leichenſchau iſt.“ Während ihnen der Oberſt dieſe einladende Be⸗ ſchreibung ſeines Miethsherrn gab, kamen ſie in eine zerfallene Halle, um welche eine hölzerne Gallerie oder ein Corridor lief, auf welchem ſich die Thüren der hauptſächlichſten Gemächer öffneten. Das zweite Stock⸗ werk erhob ſich darüber auf ſchweren geſchnitzten Säu⸗ len und war mit dem erſten durch eine Treppe verbun⸗ den, ſo daß das Dach der Halke ſo hoch war, als das ganze Gebäude; die Decke war inwendig mit ſchwarzem eichenem Schnitzwerk ſorgfältig verziert. Das Licht fiel urſprünglich von einer achteckigen Kuppel im Dache, mit Schnitzwerk ausgetäfelt und einem Rundfenſter von gefärbtem Glas, in der Mitte über die Stiege herun⸗ ter; aber Zeit und Verfall hatten das Dach vielfach geöffnet und das Sonnenlicht ſtrömte in mannichfachen Richtungen zwiſchen den ſtaubigen Querbalken durch. Das ganze Gebäude zeigte noch in ſeinem Verfalle, daß 26 es einſt einer wohlhabenden Familie zum Wohnſitz ge⸗ dient hatte, die mehr Geld als Geſchmack beſeſſen ha⸗ ben mußte. Die Wände waren von dunkelm Maha⸗ gony ſehr ſinnreich, aber oft ungeſchickt geſchnitzt, und die feuchten Ausdünſtungen des Stromes hatten ſie mit einem feinen, weißen Schimmel überzogen. Der Fuß⸗ boden war mit Steinen verſchiedener Farbe eingelegt geweſen, aber nun zerbrochen, und theilweiſe mit lan⸗ gem dünnem Graſe überwachſen, und Mervyn glitt beim Eintritte, mit keinem ſehr behaglichen Gefühle, über einen Froſch aus, der im Wege lag. Nachdem ſie eine breite Treppe mit ſchwerem Dockengeländer hinaufgeſtiegen waren, traten ſie unter Bloods Führung in ein Gemach, deſſen Thüre er hin⸗ ter ihnen mit einem Lärmen zuſchlug, der ein ganzes Heer von Schwalben unter dem Dache aufſtöberte. Sie befanden ſich nun in einem geräumigen, vier⸗ eckigen Gemache, deſſen trauriges, ödes Ausſehen ſich wie ein ſchweres Gericht auf Mervyns junges Herz preßte. Die Fenſter waren hoch und mißtrauiſch mit Eiſen vergittert, und ließen durch ihre engen Scheiben eine Art neblichtes Taglicht zu. Die Wände waren einſt mit verſchiedenen Gruppen aus der heidniſchen Mythologie in Leimfarben übermalt geweſen, aber die Feuchtigkeit und Unbild der Zeiten hatte die Zeichnun⸗ gen beinahe verwiſcht und blos zufällig hie und da einige Beine, Hände, Arme und Drapperie übrig ge⸗ laſſen, mit ein paar Stücken von Wolken und Baum⸗ ſchlag. Von einer menſchlichen Wohnung waren wenig oder gar keine Zeichen vorhanden, ausgenommen den ſchwarzen Feuerherd und einen Haufen Stroh, der wie das Lager eines wilden Thieres ausſah, ſowie einige Büſchel Reiſig, ein Mantel und eine ſchwere Muskete über dem geſchnitzten Kamingeſimſe. Blood lachte über die ſcheuen Blicke, welche ſeine Gefährten umherwarfen, ſchlug Feuer an ſeiner Piſtole und hieß ſie ein Feuer anzünden, während er hinaus⸗ 27 gehen wollte, um Fleiſch und etwas Grünes zum Kochen zu holen. Oates war mit dieſer Anordnung keineswegs zufrieden, da er ſich aber ſchämte, ſeine Furchtſamkeit einzugeſtehen, ſo nahm der Oberſt ſein Stillſchweigen für eine Einwilligung und ging weg. Mervyn hörte ihn ganz deutlich eine Reihe von Thüren aufriegeln und aufſchließen, aber er war ſo ſchnell verſchwunden, daß er kaum bemerkte, nach welcher Richtung er das Zimmer verlaſſen hatte. So, allein gelaſſen mit dem gräulichen Weſen, das ſich ſeinen Beſchützer nannte, begann Mervyn alles Schreckliche und Ungewiſſe ſeiner Lage zu empfin⸗ den. Zugleich fühlte er ſeine Unmacht, ſich daraus zu befreien, und daß Unterwerfung das Einzige ſei, das ihm gegenwärtig übrig blieb. Er ſprach kein Wort mit Oates, ſondern machte ſich mit dem Anzünden des Feuers und Spalten des Holzes zu ſchaffen; aber der Doktor, unruhig über die tiefe Stille der verlaſſenen Wohnung, fing an, ihn über ſeine Meinung hinſichtlich der heutigen Ereigniſſe zu befragen. Mervyn wich ſo gut er konnte dieſen Fragen aus, aber dennoch hatten ſie am Ende zu einem, dem Frager ſehr unwillkomme⸗ nen, Reſultate führen müſſen, als glücklicher Weiſe Blood zurückkam und ſeine Annäherung durch dieſelbe Folge von Aufriegeln und Aufſchließen ankündigte. Er brachte einen Korb voll Ochſenfleiſch in Schnitten, zwei oder drei Laibe Brod, Speck, Eier und einen großen Schollfiſch, nebſt verſchiedenen Beilagen zu ihrem Mahle. In Bezug auf Getränke verſicherte er, daß er ein Fäß⸗ chen Claret hätte, wie man ihn im königlichen Keller nicht beſſer finden könne und Branntwein von der beſten Sorte, beides von einem Schleichhändler erkauft, einem ſeiner vertrauteſten Freunde. „Ich gab ihm einen Zufluchtsort in meiner Woh⸗ nung,“ ſagte der Oberſt mit vieler Würde,„zu einer Zeit, da er von den Myrmidonen der Gerechtigkeit hart verfolgt war, und er machte ſich eine Hängematte 28 auf, die er mir zum Vermächtniß hinterließ, als er auf ſeine letzte Fahrt ausging— ſeine letzte, fürwahr! Denn der arme Teufel wurde durch die Ungerechtigkeit eines Admiralitätsgerichts an ſeine eigene Segelſtange aufgeknüpft. Ihr werdet ſein Zimmer bewohnen, Mer⸗ vyn und ſeine Hängematte ſehr bequem finden. Armer Jon Bluff! es wurde nie ein ehrlicherer Kerl aufge⸗ hängt, und das iſt viel geſagt.“ Blood ſtülpte nun ſeine Aermel zurück und machte ſich an's Kochen mit dem Eifer und der Geſchicklich⸗ keit eines Dilettanten. Dazwiſchen gab er eine Erzäh⸗ lung ſeiner früheren Feldzüge unter Cromwell zum Beſten, während welchen er ſeine Erfahrung in der Kochkunſt erlangt hätte. Uebrigens war ſein Selbſtlob nicht un⸗ verdient, denn, wenn man in Anſchlag nahm, daß ihm beinahe alle Geſchirre fehlten, führte er ſeine Aufgabe bewunderungswürdig aus. Der Fiſch und die Beef⸗ ſteaks waren vortrefflich auf den Kohlen gebraten, und obgleich nur eine Schüſſel und zwei Meſſer für alle da waren, ſo wurde doch das Mittageſſen mit großer Unparteilichkeit vertheilt und mit einem Appetit verzehrt, der bewies, daß ſie keine Koſtverächter waren. Blood fiſchte aus einem entlegenen Keller Claret und Brannt⸗ wein im Ueberfluſſe und von der erſten Sorte. Mervyn war von der Stärke dieſer Getränke bald überwältigt, vielleicht auch von einer delicaten Zuthat, mit der der Oberſt ſein Getränk würzte, und wurde ſo ſchläfrig, daß er, trotz ſeiner Abneigung gegen das Alleinſein in irgend einem Theile des düſtern alten Hauſes, Blood bat, ihm ſeine Hängematte zu zeigen. Dieſer Herr geleitete ihn zur Thüre, deutete auf das obere Stockwerk und wies ihn an, in das erſte Gemach rechts zu gehen. Mervyn fand bald das von ſeinem Wirthe be⸗ ſchriebene Zimmer, ſah ſich, nachdem er zu einer Thüre hineingegangen, deren roſtige Angeln das Zumachen verhinderten, in einem Gemache, das ganz leer war, 29 mit Ausnahme der geprieſenen Hängematte, die mittelſt eines Stricks von einer ausgeſchnitzten, im Dachbalken befeſtigten Kante herunterhing. Darauf lag eine Stroh⸗ matratze, die ziemlich nach Schimmel roch, und ein altes Segeltuch als Couvert. So ſchläfrig er auch war, ſo zauderte Mervyn dennoch, von den ihm zu Gebote ſtehenden Bequemlichkeiten Gebrauch zu machen, als Blood mit einer Lampe und einem Bund Stroh hereintrat. „Du mußt lernen in Rom zu thun, wie die Rö⸗ mer thun,*) und mußt mit einem Soldatenlager vorlieb nehmen,“ ſagte er ziemlich freundlich und breitete das Stroh auf die Hängematte.„So kümmre Dich nicht ab, mein Kind, und denke nicht, daß Du verlaſſen auf der Welt ſeiſt; denn ich habe Dich gerne, und Thomas Blood liebte oder haßte niemals, ohne daß ſich Jemand in Folge davon beſſer oder ſchlimmer befunden hätte. Ueberdieß,“ ſetzte er in ſeinem gewöhnlichen Tone hinzu, „wenn Du Dich gar zu unglücklich fühlſt, ſo haſt Du ja hier immer einen Strick zur Hand.“ Nach dieſer ſcherzhaften Bemerkung entfernte ſich der Oberſt mit ſeiner Lampe und ließ Mervyn allein und im Dunkeln, um über ſeinen troſtreichen und witzi⸗ gen Zuſpruch nachzudenken. *) Das Engliſche„And when at Rome io do as they do at Rome entſpricht dem Deutſchen„wenn man unter den Woͤlfen iſt, muß man mit ihnen heuleu.« Anmerk. d. Ueberſ. Drittes Kapitel. Der Staatsſtreich. An dem auf die vorerwähnten Ereigniſſe folgenden Tage widerhallte ganz London von allen einzelnen Umſtänden in Oates Anklage, natürlich je nach des Erzählers Stimmung vergrößert oder verändert. Oates erſchien vor dem Rathe mit einer ähnlichen Erzählung, wie er ſie vor Sir Edmundbury Godfrey gegeben hatte, nur mit vielen neuen Hinzufügungen von Per⸗ ſonen und Umſtänden. Er gab an, daß die Jeſuiten ſchon längſt einen Verdacht auf ihn geworfen hätten, und ihn nach Entdeckung ſeines Vorhabens würden ermordet haben, hätte er ſich nicht ihren Klauen zu entziehen gewußt. Er beſchuldigte ſie ferner, daß ſie die Rebellion in Schottland verurſacht und genährt hätten, um die Regierung in Verwirrung zu bringen und ihre Aufmerkſamkeit dorthin zu ziehen; nachträg⸗ lich ſeiner früheren Anklage Colemans, beſchuldigte er dieſen Mann der Mitwiſfenſchaft und thätigen Theil⸗ nahme an der ganzen Verſchwörung. Die dadurch erregte Gährung überſtieg alle Be⸗ griffe eines Jeden, der blos die ruhige Oberfläche der Nation beobachtet hatte, ohne die Bewegung der Lei⸗ denſchaften und Meinungen zu ergründen, die in der Tiefe ſtürmten und nun auf einmal mit aller Heftigkeit hervorbrachen. Viele von den Jeſuiten wurden mit ihren Papie⸗ ren verhaftet und auch gegen Coleman ein Verhaft⸗ befehl erlaſſen. Der Earl von Darby hoffte durch ſeinen außerordentlichen Eifer bei dieſem Ausbruch des Fanatismus es dem Shaftesbury und der populären Partei zuvorzuthun. Coleman hatte übrigens einen ganzen Tag vor ſich, um ſich zu flüchten, wahrſcheinlich 31 durch Begünſtigung der Behörden. Aber zu ſeinem Unglück hielt er es für hinreichend, eine ſo ſchlecht unterſtützte Anklage durch Wegſchaffung ſeiner Papiere zu vereiteln, was er auch heimlich ins Werk ſetzte, aber dabei eine Schublade in ſeinem Schranke vergaß, die einen Theil des Briefwechſels mit La Chaiſe, wäh⸗ rend der Jahre 1674, 1675 und eines Theils von 1676 enthielt. Dieſer ſchloß den thörichten und hochverräthe⸗ riſchen Briefwechſel des Sekretärs mit dem franzö⸗ ſiſchen Hofe in ſich, worin um Gelder unterhandelt wurde und enthielt vielen auf die Hoffnungen und Plane der katholiſchen Partei ſich beziehenden Stoff, der in jenem intriguanten und argwöhniſchen Zeitalter leicht zu Verſchwörungen gegen die Religion und Ver⸗ faſſung des Staats verdreht werden konnte. Als Oates und ſein Schlachtopfer vor dem Rathe einander gegenüber geſtellt wurden, kannte ihn Oates wirklich nicht, aber da er ſeine Stimme hörte, errieth er aus andern Umſtänden glücklich wer er war. Cole⸗ man wurde daher auf einen Verhaftbefehl gefänglich eingeſetzt. Der König, in deſſen Gegenwart Oates verhört wurde, ertappte ihn auf ſo vielen Falſchheiten, daß er erklärte, er ſchenke ihm durchaus keinen Glauben. Be⸗ ſonders entdeckte er in einem Theile von Oates Aus⸗ ſagen einen ganz auffallenden Verſtoß, der, wenn nicht der Wahnſinn des Zeitalters die Stimme der Vernunft übertäubt hätte, ſeinen ganzen Anſchlag hätte umſtürzen müſſen. Er hatte angegeben, er ſei, als er in Spanien geweſen, vor Don Juan geführt worden, der den eng⸗ liſchen Jeſuiten mit unbegränzter Freigebigkeit Solda⸗ ten und Geld verſprochen hätte. Carl fragte ruhig, was für ein Mann Don Juan dem Ausſehen nach ſei, und Oates erwiederte, nach dem allgemeinen Begriff, den man in England von den Spaniern hat, er ſei groß von Statur, mager und olivbraun. Der König hatte jedoch Don Juan in Paris ſelbſt geſehen und 32 wußte, daß er kurz, fett und von ſehr blühender Ge⸗ ſichtsfarbe war. Von dieſem Backſtein ſchloß er daher auf das ganze Gebäude. 8 Aber es war zu ſpät, den Strom der öffentlichen Meinung aufzuhalten und unglücklicher Weiſe hofften die verhaßten Miniſter des Tages die Volksgunſt wie⸗ der zu gewinnen, indem ſie ſich dem verfolgenden Lo⸗ ſungsruf anſchloſſen, der, wie ſie wohl einſahen, in den Händen der Gegenpartei ein unwiderſtehlicher He⸗ bezeug werden dürfte. Der König legte ſeine Anſicht von der ganzen Sache dadurch an den Tag, daß er am nächſten Tage die Stadt verließ, angeblich, um dem Pferderennen von Newmarket beizuwohnen. Uebrigens waren Colemans Briefe einmal ent⸗ deckt und ſchienen allen Ausſagen von Oates eine unheilsvolle Beſtätigung zu verleihen. Obgleich ſie ſeine eingebildeten Berſchwörungen in keinem einzelnen Umſtande beſtätigten, ſo war doch ihr Umriß im All⸗ gemeinen von einer ſolchen Art, daß es blos der Fär⸗ bung von Volksfanatismus und Furcht bedurfte, um die Uebereinſtimmung vollſtändig zu machen. Dieſer Briefwechſel bewies wörtlich, wie Niemand zweifelte, daß ſchon ſeit Jahren ein Aſchlag im Gange war, die große nordiſche Ketzerei auszurotten. Die Briefe wa⸗ ren voll von Geſuchen um Geld und Hinweiſungen auf die Nothwendigkeit einer bewaffneten Hülfe für die Ausführung gewiſſer, nicht näher bezeichneten Plane, was mit dem allgemeinen Argwohn des Volkes furcht⸗ bar zuſammenſtimmte. Aber nachdem der erſte Sturm der Volkswuth vorüber war, kam das engliſche Volk wie immer zum Gebrauche ſeiner Sinne zurück. Eine ſtrenge Verglei⸗ chung des Inhalts dieſer Briefe mit den Behauptungen von Oates ward angeſtellt, woraus ſich ergab, daß die letzteren in keinem einzigen Punkte oder beſonderen Umſtande durch jene beſtätigt wurden, und da die Verſchwörungsgeſchichte den Reiz der Neuheit für das 33 Ohr des Publikums verloren hatte, ſo würde ſie wahr⸗ ſcheinlich allmählich erloſchen ſein, wenn ihr nicht ein kräftigerer Windſtoß neues Leben eingehaucht hätte. Der Genius des Sturmes, der ſich um den Thron Carls II. erhoben hatte— der wilde, raſtloſe, aber tief politiſche Geiſt Shaftesburys— der mit intuitivſtem Scharfſinn die ganze reiche Ernte von Vortheilen über⸗ blickte, die ſich von dieſer Windsbraut erwarten ließ, wollte ſie nicht in einem kurzen fruchtloſen Gebrauſe dahin ſterben laſſen. Demgemäß ſammelte dieſe Wolke, obgleich Anfangs nicht größer, als eines Mannes Hand, allmählig alle ihre Schrecken und war, geſchwängert mit Blitzen und Finſterniß, auf dem Punkte, in einen Sturm auszubrechen, welcher, nach all den Vernichtun⸗ gen und Schreckniſſen, die er verbreitete, die Atmoſphäre der öffentlichen Meinung reinigte und ſie für die herr⸗ liche Sonne der Duldſamkeit empfänglich machte. Um auf unſern Helden zurückzukommen, ſo blieb er mehrere Tage lang eine Art Gefangener in Oberſt Bloods Niederlaſſung. Es war ihm zwar erlaubt, das ausgedehnte, alte Schloß frei zu durchwandern, aber nach einer kurzen Durchſicht einiger der untern Gemächer, wobei er mehrere Familienratten beunruhigte, die dort in langem, ungeſtörtem Beſitz gehaust hatten, kümmerte er ſich nicht viel weiter um die Benützung dieſes Vorrechtes. Das Gebäude bot untrügliche Zei⸗ chen der argwöhniſchen Furcht eines Geizhalſes dar, und der ſorgfältigen Anſtrengungen ſeines letzten un⸗ glücklichen Beſitzers, die Sicherheit nach außen zu her⸗ zuſtellen, die ihm im Innern abging. Beinahe alle Fenſter auf der Landſeite waren entweder zugebaut, oder ſo hoch und durch ſo ſtarke Eiſenſtangen geſichert, daß es un⸗ möglich war, hinaus oder hereinzukommen. Durch das Hinaufklettern an einem Pfeiler eines Zimmers, welches wohl, nach den verfallenen Ueberbleibſeln zu ſchließen, einmal die Bibliothek geweſen ſein mochte, Whitefriars. II. 3 34 und durch das Umherſpähen durch die zerbrochenen Scheiben eines Gitterfenſters, erhielt Mervyn den all⸗ gemeinen Eindruck, daß das Hotel einſt auf der Land⸗ ſeite von einem großen, jetzt zerſtörten Garten umge⸗ ben war, im Geſchmacke der Zeiten der Königin Eli⸗ ſabeth, mit Bildſäulen und Brunnen nach Art eines italieniſchen Luſtgartens verziert, aber jetzt zeigte ſich Alles verfallen und mit Unkraut überwachſen. Der Garten war mit hohen Steinmauern eingefaßt, die man oben mit Stacheln verſehen hatte, aber ſeine vor⸗ maligen glänzenden Beete und Terraſſen waren ſo ſehr in Verfall gerathen, daß man, hätten nicht noch einige hohe Blumen in melancholiſcher Schönheit aus der all⸗ gemeinen Zerſtörung hervorgeſchwankt, hätte glauben müſſen, es könne nie etwas anders, als eine Wildniß geweſen ſein. Eingeſchloſſen in dieſe düſtere Stätte, brachte Mer⸗ vyn ſeine Zeit höchſt traurig zu; ſeine völlige Einſam⸗ keit wurde nur in langen Zwiſchenräumen durch Beſuche von einer oder zwei gefährlich ausſehenden Perſonen unterbrochen, welche kamen und gingen, er wußte nicht in welcher Abſicht und wohin. Blood verſuchte es auf künſtliche Weiſe, ihm ſeine völlige Abgeſchiedenheit an⸗ nehmlich zu machen, indem er ihm vorſtellte, daß in Folge der großen Aufregung, in welche Oates Ent⸗ deckung die Nation verſetzt hatte, die Jeſuiten überall verhaftet und arg mißhandelt werden, und daß er, als ein Schüler von St. Omer, große Gefahr laufen würde. Er verſuchte ſogar den Jüngling durch die Andeutung zu ſchrecken, daß er bei der gegenwärtigen Stimmung des Volksgeiſtes nicht ohne Gefahr ſei, in Stücke ge⸗ riſſen zu werden, wenn man ihn entdeckte und machte eine ſchreckliche Beſchreibung von den Mißhandlungen, welche die auf Oates Ausſagen hin eingezogenen fünf Jeſuiten erlitten hätten. Auch war dieſe Drohung nicht ohne hinlängliche Begründung. Schaftesbury und ſeine Partei ergriffen 35 insgeheim jede Maßregel, die Furcht und Wuth des Pöbels noch ſtärker anzufachen, bis ſie zur unbändigen Höhe ſtiegen und die öffentliche Meinung aus einem Zuſtande der Gleichgültigkeit auf einmal in völlige Raſerei überging. Die traurigen Wirkungen von Dan⸗ bys Politik wurden nun augenſcheinlich. Wäre er nicht geweſen, ſo würde das Complott unter der Verachtung des Königs und der Gleichgültigkeit des Volks in ſeiner Geburt erſtickt ſein; aber dieſe große Verblendung eines, außerdem durch ſeine Gewandtheit im Vermeiden von Stürmen berühmten Staatsmannes— die irrige Hoff⸗ nung, daß er durch Anſchließen an den Sturm gegen Frankreich und das Papſtthum ſeine Popularität wie⸗ der erlangen könne, riß ihn hin zu ſeinem eigenen Ver⸗ derben und dem Untergang der Sache, der er zu dienen wünſchte. Während der langen und einſamen Stunden zu denen Mervyn verurtheilt war, drängten ſich ihm manche düſtere Gedanken über die Ereigniſſe ſeines Lebens auf, über die Flecken ſeiner Geburt, über ſeine unglückliche Flucht von St. Omer und alle die Zufälle, die ſeit ſeiner Ankunft in England über ihn gekommen waren; was ihm Alles bald räthſelhaft, bald tief betrübend vorkam. Es ſchien wirklich, als ob er von einem un⸗ widerſtehlichen Schickſale einer Beſtimmung entgegen⸗ geführt würde, die er nicht errathen konnte, die aber gewiß und unvermeidlich ſeiner wartete, und gegen welche ihm kein Zweifel, ſondern blos Gehorſam zu⸗ ſtand. Auch ſpukte in ſeiner Einbildung eine ver⸗ wirrende Idee von einer Verknüpfung ſeines Geſchickes mit dem berühmten Namen Aumerle, der ihm auf je⸗ dem Schritte in den Weg kam. Dieſe Idee erhielt neue Stärke, als er zufällig auf einem ſeiner Streif⸗ züge in die rattenbevölkerte Bibliothek auf eine Genea⸗ logie der Familie Aumerle ſtieß, aufbewahrt in den Blättern von Gascoignes„Mirror of Honour.“ Er lernte daraus, daß der zweite Titel dieſes uralten und reichen Hauſes Mervyn war; und obgleich Oates einen glücklichen Grund für dieſes merkwürdige Ueberein⸗ treffen des Namens aufgefunden hatte, ſo genügte er dennoch unſerem träumeriſchen Helden keineswegs. Was konnten aber für Beziehungen ſtattfinden zwiſchen dem Sohn eines zu St. Omer hingerichteten Räubers und dem hohen gräflichen Hauſe, deſſen Thaten und Ruhm einen Theil der Geſchichte Englands ausmachen— des alten, glorreichen Englands? Er hatte Blood auf eine indirekte und, wie er damals dachte, ſehr ſinnreiche Weiſe über dieſes große Haus Aumerle befragt; und hörte nicht ohne Bewe⸗ gung, daß es ſeit vielen Jahren erloſchen ſei, indem der letzte Earl— derſelbe, der im Tower Selbſtmord begangen habe— ohne Nachkommen geſtorben ſei. Er drang auch ſehr ungeſtüm in Blood, ihm ſeines Vaters Namen zu ſagen, da er ja ſelbſt geſagt, daß er ihn wiſſe; aber der Oberſt verſicherte ihn, daß es, gewiſſer Gründe halber, nothwendig ſei, die Mittheilung des⸗ ſelben aufzuſchieben; und dies legte Mervyns Unge⸗ duld einen neuen, ſtarken Zwang auf. Uebrigens behndel ihn der Oberſt mit vieler Güte; in der That mit mehr, als ſich von ſeiner rau⸗ hen Gemüthsart erwarten ließ. Er unterrichtete ihn mit Vergnügen im Gebrauche des Schwerts, worin er ſelbſt Meiſter war, und in andern Stücken, die ihm in ſeinem künftigen Berufe, dem eines Soldaten, wie er vorausſagte, nützlich ſein konnten. Er erzählte lange, aber unterhaltende Geſchichten aus ſeinen eigenen Feld⸗ zügen und von Cromwells Schlachten, an welchen er beinahe ſämmtlich Theil genommen hatte, und erman⸗ gelte nie bei der Rückkehr von ſeinen Ausflügen von den Neuigkeiten und Anekdoten, die über die Verſchwö⸗ rung im Umlauf waren, Bericht zu erſtatten. Abſichtlich oder nicht, gewährten dieſe Mittheilun⸗ gen immer tiefere Blicke in Oates wahren Charakter und ſeine Beweggründe, die den unſchuldigen Schüler 37 von St. Omer in Erſtaunen ſetzten. Blood ſchien ſich an ſeiner Verwunderung und ſeinem Schrecken zu er⸗ götzen, wobei er wahrſcheinlich ſein eigenes ausgebrann⸗ tes und zweifelfreies Gewiſſen mit der friſchen, ſchla⸗ ckenloſen Einfalt des Jünglings verglich und über ſeine Unkenntniß der laſterhaften Schaubühne, worauf er einſt eine Rolle zu ſpielen berufen war, lächelte. Eines Tages wagte ſich der Oberſt am hellen⸗ Tage, aber in einer ſehr ſorgfältigen Vermummung fort und fand Mervyn bei ſeiner abendlichen Rückkehr melancholiſch über einem alten Meßbuch brütend, das er von St. Omer mitgebracht hatte. Blood war auf⸗ fallend munter, ſagte lachend, daß ſie Geſellſchaft haben würden und wies Mervyn an, ihm das Zimmer zu deren Empfange bereiten zu helfen. Der Jüngling gehorchte mechaniſch und überzeugte ſich bald aus der Sorgfalt und Mühe, die ſich Blood gab, daß die Gäſte Leute von Nang ſein mußten, jedenfalls verſchieden von denen, die ſie bisher mit Beſuchen beehrt hatten. Blood kehrte den Herd, machte ein helles Feuer an, brachte zwei oder drei Bund Stroh ſtatt der Seſſel herbei und zündete einige Fackeln an, die er in dem Gemache herum aufſteckte. Nachdem er dieſe Anord⸗ nungen getroffen hatte, ſetzte er ſich unter einem derben Fluche nieder, mit einem halb komiſchen, halb verwun⸗ derten Ausruf über die Launen des Schickſals, das aus einem von Cromwells alten Eiſenfreſſern eine Hausmagd gemacht hätte. Hierauf kam es bei ihm zu Ausbrüchen der Ungeduld über das Spätkommen ſeiner Freunde, am Ende ſchlug er ſeinen Mantel um ſich und ging die Stiege hinab auf den Corridor, durch welchen er ſich gewöhnlich entfernte und den er Mer⸗ vyn niemals zu betreten verſtattete, um, wie er ſagte, nach den Gäſten zu ſehen. Es verging eine halbe Stunde, ehe er in Geſellſchaft eines Mannes zurück⸗ kam, in welchem, ſo eingehüllt und vermummt er auch 38 war, Mervyn augenblicklich ſeinen ehrwürdigen Freund, Doktor Oates, erkannte. „Und wie gefällt dem Joas der Dienſt des Tempels?“ ſprach Oates, indem er den Jüngling mit einem liſtigen Lächeln grüßte. 3 „Er zieht jeden Dienſt dem des Teufels vor!“ erwiederte Mervyn mit einem verbindlichen Blick auf „den Doktor. „Dann muß ſich die Königin Athalia in Acht nehmen, denn Jojada wird es ohne Zweifel über kurz oder lang in ſeinem Intereſſe ſinden, ſie zu ver⸗ rathen,“ ſagte Oates, indem er nun auch Blood häß⸗ lich angrinste. „Wenn's dazu kommt, Du Prophet in Israel!“ verſetzte der Oberſt,„wird Deine Gurgel des Henkers Stricke ſo nahe liegen, als je Deiner prieſterlichen Halsbinde!“— „Lieber Mann, ich eſſe, trinke und ſchlafe ſchon zwanzig Jahre mit dieſem Strick um meinen Hals, ohne bis jetzt den Handlanger des Todes kommen zu ſehen, um ſie feſt zu ziehen,“ entgegnete Oates;„und ich hoffe, ich werde es auch nie erleben; denn ich er⸗ blicke nun einen reichen Seehafen vor mir, in dem ich meine Sturmzerſchlagenen Schiffsbalken in Ruhe legen und nach Muße zerfallen laſſen kann auf eine ruhige, ehrliche Weiſe. Und laß Dir ſagen, Blood,“ ſetzte er in einem ſonderbar trübſinnigen Tone hinzu,„wenn's auch nur der Geiſtesanſtrengung und der raſtloſen Sorgen wegen wäre, die unſere Lebensart mit ſich bringt,'siſt gut, tugendhaft zu ſein. Deſſenungeachtet, Bruder Mervyn, hoffe ich einen ſo guten proteſtan⸗ tiſchen Heiligen abzugeben, als jemals einer im Cata⸗ log Eurer päbſtlichen Märtyrer glänzte.“. „Der böſe Feind, ſo viel mir bekannt iſt, könnte ebenſogut einen abgeben,“ ſagte Mervyn, indem ſeine Augen von Thränen der Wuth blitzten.„Aber ich ſage Dir, Oates— ich ſage Dir, Teufel! ſo gewiß als 39 Du den heiligen Glauben, über den Du ſpotteſt, mit einem Judaskuſſe verrathen haſt, ſo gewiß werden Deine Meineide offenbar werden ſchon hier auf Erden und Dein Name wird das Stichwort für entdecktes Verbrechen abgeben!“ „Willſt Du etwa dieſen Vogelſcheuch⸗Prozeß ein⸗ leiten, Du junge Maus in der Falle?“ ſagte Oates höhniſch. „Ich will, ſo mir der Himmel hilft, Leben und Geſundheit, Seele und Leib in dieſem guten Werke wagen!“ erwiederte Mervyn. „Ach ſo! dann müſſen wir Euch in der Falle an⸗ ſpießen, ſtatt daß wir Euch beim Schwanze anbinden und ein wenig mit Euch ſpielen, ehe wir Euch der Laße überliefern, Brüderchen Mervyn,“ verſetzte ates. „Ihr vergeßt, Freund Titus,“ ſagte der Oberſt mit Bedeutung.„Es iſt wahr, der Käſe war Euer, aber die Falle gehört mir und ich habe mein klein Mäuslein liebgewonnen und möchte gerne den Mann ſehen, der das, was ich liebe, auch nur unfreundlich anzuſchauen wagt.“ »Ei was! Ich ſelbſt mag den kleinen Ismael wohl leiden,“ ſagte Oates, indem er ſeinen Ton plötzlich veränderte, und werde an einem der erſten ſchönen Vormittage Beweiſe davon geben.“ „Lieber wollt ich mich von einer Schlange in ihren Schlingen erdrücken laſſen,“ verſetzte Mervyn, nahm ſein Meßbuch und ſetzte ſich in unmuthigem Schwei⸗ gen auf den Herd nieder. „Nun wohl, Blood, rede wie Du willſt,“ ſagte Oates, nach einer kurzen Pauſe,„aber, beim Leben! nir iſt es lieber, Du haſt dieſes wilde, junge Roß zu reiten, als ich. Ich glaube, ich kann leichter den Gang des tollen Elephanten der öffentlichen Meinung regieren.“ „Nimm nur ſelbſt Dich in Acht, daß er Dich nicht in Stücke reißt,“ antwortete der Oberſt.„Ein gutes Pferd bäumt ſich zwar und ſpielt, wirft aber den er⸗ fahrenen Reiter nicht ab. Horch!— auf St. Paul ſchlägt es Zwölf— dieſe Burſchen ſollten hier ſein!“ Eine andere kurze Pauſe folgte, während welcher nur das Krachen des brennenden Holzes hörbar war; dann vernahm man ein Plätſchern von Rudern außen und ein gellendes Pfeifen. Blood ſprang auf, nahm eine Fackel und verließ das Gemach. Mervyn fuhr fort zu leſen, ohne zu Oates aufzublicken, deſſen matte, boshafte Augen dagegen ihn fixirten. Bald wurden Fußtritte hörbar, welche die Treppe heraufkamen, und mehrere in eifrigem Geſpräch be⸗ griffene Stimmen, von denen Mervyn einige ſchon früher gehört zu haben glaubte. Die Thüre ging auf und Blood erſchien und leuchtete vier Cavalieren her⸗ ein, alle in langen Reitermänteln und Schlapphüten; in den zwei vorderſten erkannte Mervyn Shaftesbury und den Lord Howard. Der dritte war ein langer, ſtattlicher Herr, mit einem auffallend ſtolzen und fin⸗ ſtern Geſichte. Der letzte von den Cavalieren, ein junger, ſehr hübſcher Mann, und wie ſich beim Weg⸗ legen ſeines Mantels zeigte, ausgeſucht reich gekleidet, hatte ein heiteres, einnehmendes Geſicht, obgleich es denſelben Ausdruck verwegener Sittenloſigkeit an ſich trug, der uns beinahe in allen Portraiten von Carls II. Höflingen auffällt. Dieſer Cavalier war auch in der That der tapfere und ſchöne„Abſalom“ in Drydens Satyre, der That Alles, was er that, ſo leicht und frei, Als ob's natürlich, zu gefallen, ſei: Ein jeder Schritt nur Anmuth blicken ließ, Sein Antlitz war ein offen Paradies.“ „Ihr ſeht, mein Herr Herzog, man kümmert ſich um den Vorrang bei geheimen Anſchlägen eben ſo we⸗ nig als in Schlachten,“ ſagte Shaftesbury, indem er, ſich gegen Monmouth verbeugend, zuerſt eintrat. 41 „O, ich will Niemand das Recht ſtreitig machen, vor mir gehangen oder erſchoſſen zu werden,“ erwie⸗ derte der Herzog lachend, und am allerwenigſten Euch, Mylord Shaftesbury.“ „Das iſt Sache des Königs, alle dieſe Ehren zu ertheilen,“ ſagte Lord Howard, indem er ſcharf um⸗ herblickte.„Ei was!— Da iſt ja der Schützling des Herrn Oates?“ „Und des Oberſt Blood, Mylord,“ ſagte dieſer Herr mit einem leichten Lächeln;„und ich hoffe, ſo⸗ bald die Regierung von Monmouth und Shaftesbury ihren glorreichen Lauf beginnt, der Schützling von all' Euren Lordſchaften.“ „Still, Oberſt, ich bin kein Kabinetspolitiker, ich möchte nur gern das Schwert des Staates in Händen haben!“ antwortete der Herzog.„Gebt mir das— Soldaten, keine Schreiber— und laßt die Feder füh⸗ ren, wer da will.“ „Ihro Gnaden wählen mehr tapfer, als weiſe,“ ſagte Shaftesbury. Die Tage, wo Gewalt herrſchte, ſind vorüber oder im Verſchwinden begriffen und eine Zeit ſteht uns bevor, wo ein Gänſekiel mächtiger ſein wird, Gutes oder Böſes zu vollbringen, als das Schwert Alexanders.“ „Laßt uns bis dahin die unſrigen ſcharf halten,“ ſagte Monmouth, mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. „Vertrauet auf den Herrn, meine Brüder! wie Crom⸗ well zu ſeinen Eiſenfreſſern ſagte, aber haltet Euer Pulver trocken.“ „ Auf alle Fälle, Mylords, heiße ich Euch herz⸗ lich willkommen unter meinem armen Dache,“ ſagte Blood.„Erſuche Euch Alle höflichſt, verſchmäht mei⸗ nen rauhen Soldatengruß nicht und laßt Euch nieder. Aber, ich dachte, Mylord Shaftesbury, daß Oberſt Sydney und Lord Ruſſel zu der Berathung kommen würden?“ „Dann ſeid Ihr immer noch ein Neuling in den Geſchäften, Oberſt,“ antwortete der Earl.„Das ſind nicht die Leute für ein Geſchäft, wie das vorliegende. Ruſſel iſt zu ehrlich und Sidney zu unbeugſam gerecht, um ſich in die krumme Politik zu finden, welche die Zeit fordert. Um nützlich zu ſein, müſſen ſolche Män⸗ ner Glauben an ihre Sache haben und keinen Schatten von Unrecht in ihrer Reinheit wahrnehmen. Nun, Herr Oates, fuhr er fort, indem er ſich zu dieſer Perſon wandte„ſeit wir uns zuletzt ſahen, ſeid Ihr ein gro⸗ ßer Mann geworden. Iſt Euer Wamms Euch jetzt noch zu enge?“ „Ich hoffe, Mylord,“ ſagte der Herzog,„daß un⸗ ſer Freund, obſchon er ſich in plötzlichem, ungeheurem Wachsthum beſindet, ſich nicht als einen Sumpffilz zeigen und ebenſobald in Nichts zuſammenſchrumpfen wird. „Dem Fuß, der mich zertreten wollte, will ich den Weg ſchlüpfrig machen, Mylord,“ ließ ſich Oates mit Nachdruck hören. „Unſer Grund iſt bereits ſchlüpfrig genug— wir ſchleifen auf thauendem Eis,“ ſagte der dritte Cava⸗ lier in einem trüben Tone.„Herr Oates, ob dieſe Papiſtenverſchwörung wahr oder erdichtet iſt, fällt auf Euer eigenes Gewiſſen zurück; ich will das meinige nicht mit der Ergründung davon beſchweren; aber es i meint heilige Pflicht, da ich gewiſſenhaft daran glaube—⸗ „Und ich,“ unterbrach ihn Howard mit einer eigen⸗ thümlichen Geſichtsverziehung.„Und ich, Mylord Eſſex — aber betrachtet es, in welchem Lichte Ihr wollt, es iſt— der merkwürdigſte Plan, unſere Feinde zu ver⸗ treiben, auf den man ſeit Machiavellis Tagen ver⸗ fallen iſt.“ 4 „Und doch ſchmeichelt ſich der gute Danby, unſern Sturm zu zügeln, als ob er der Zauberer wäre, der ihn heraufbeſchworen!“ ſagte Shaftesbury ſcharf.„Ar⸗ 43 mer Hofedelmann! als ob ein Lordſchatzmeiſter jemals ein Volkstribun werden könnte.“ „Aber mir kommt doch die ganze Entdeckung nur als ein kränkliches Hurenkind vor, das niemals das Mannesalter erreichen wird,“ rief Eſſex. „Es braucht Krücken, Eſſex, blos Krücken,“ ver⸗ ſetzte der Earl.„Wir müſſen einen grand coup aus⸗ führen, einen, wie ihn Richelieu gethan haben würde, nicht wie Sydney's Marcus Brutus! Ich muß ge⸗ ſtehen, Meiſter Oates, ich verſprach mir wenig oder nichts von der erſten Veröffentlichung Eurer großen Verſchwörung; aber ſie machte überraſchend Glück und wenn wir ſie nur beim Leben erhalten können bis zur nächſten Parlamentsſitzung, ſo will ich Euch verbürgen, eine Maſchine daraus zu machen, welche dieſe Miniſter für immer aus ihrem Poſten werfen ſoll.“ „Und meinen verehrten Onkel York!“ rief Mon⸗ muth.„Es liegt mir nichts daran, das Rind im Walde zu ſpielen, um mich von allen möglichen Roth⸗ kehlchen der Faktion mit Moos zudecken zu laſſen.“ „Eure Liebe zu Sr. Hoheit kann unmöglich ge⸗ ringer ſein, als die meinige,“ verſetzte der Earl mit einem boshaften Lächeln.„Aber Ihr ſeid zu eilfertig, Monmuth— abrupt und raſch, nicht politiſch und ſachte, wie die zu thun pflegen, welche durch's Nieder⸗ reißen zu ſteigen gedenken. Ueber kurz oder lang wer⸗ det Ihr das Geſetz Eduards III. auf Euch anwend⸗ bar machen, deſſen Netz ich ſelber nur mit Mühe ent⸗ gehen kann.“ „Dann will ich mit dem Schwerte in der Hand hineinrennen und den Knoten entzwei hauen!“ ſagte Monmouth. „Eßt Eure Frucht nicht in der Blüthe, Herr,“ er⸗ wiederte Shaftesbury ruhig.„Der Tag kann kommen, wo es wohl gethan ſein wird, die Citadelle zu ſtürmen; bis jetzt haben wir blos ihre Schutzwehren nieder⸗ zureißen.“ 3 44 1 „Meiner Treu, ich bin auch dieſer zaudernden Politik müde,“ rief Howard.„Ich bin derſelben Mei⸗ nung wie Prinz Ruprecht— zuerſt fechten und dann bedenken.“ „Dieſer Meinung war er bei Marſton Moor,“ ſagte Shaftesbury.„Und dennoch zweifle ich, wenn die Sa⸗ chen zum völligen Entſcheid kommen, Mylord—“ „Ihr bezweifelt, was, Shaftesbury?“ unterbrach ihn Howard, hocherröthend.„Was meint Ihr mit dieſer Pauſe4⸗. „Nichts, Lord Howard,“ erwiederte der Earl ſehr ruhig,„nichts— als daß kein guter Landwirth ſein Korn ſchneidet, ſo lanae es noch grün iſt. Und mir däucht, daß Ihr, der Ihr das ſchönſte Weib und die reichſten Güter in England habt, in einem ſolchen ver⸗ zweifelten Spiele vorſichtiger ſpielen ſolltet, als wir armen traurigen Hageſtolzen.“ „Die Dame iſt ſchön, aber ſie iſt mein Weib,“ ſagte Howard leichtſinnig.„Und was die Güter be⸗ trifft, meiner Treu, ſo ſind ſie auf ihre Lebenszeit verdammt feſtgekettet, und gehen auf einen entfernten ſchuftigen Erben der Aumerles über.“ „Ich habe eine Frau, die ich innig liebe und Kin⸗ der, deren Rechte ich nicht einmal meinem Augapfel zu liebe in Gefahr bringen möchte,“ fiel der Earl von Eſſex ein, da es beſſer iſt, ein Hund von einer ſeltenen Race in England zu ſein, als ein armer Mann: aber ich will Alles auf's Spiel ſetzen— Leben, Kinder, Weib, Hab und Gut, lieber, als mich willkürlicher Gewalt und dem Pabſtthum unterwerfen.“ „Und ich,“ ſagte Monmouth,„habe eine ſüße Ge⸗ liebte, die ich heißer liebe, als Ihr alle Eure Weiber, aber ſie ſowohl, als ich, wir wollen Leben und Liebe auf den reichen Wurf einer Krone wagen, wenn auch das Schickſal ſelbſt gegen uns einſetzen ſollte.“ „Sorget nur, daß Euch Sodney nicht von einer Krone ſprechen hört,“ ſagte Shaftesbury ernſt.„Ich 4⁵ war Ohrenzeuge ſeines Schwures, daß es ihm eins ſei, wenn wir einen Tyrannen haben müſſen, ob er James von York oder James von Monmouth heiße. Sydney will eine freie und glorreiche Republik, ohne ſich zu kümmern, ob er ſelbſt der erſte oder letzte Bürger darin werde, wenn das Verdienſt den Rang darin beſtimmt— was ihm auch gleich ſein kann, denn das würde ihn zum erſten erheben.“ „Nun wohl, laßt ihn die alte Republik zurück⸗ rufen und dann werden ſie einen Cromwell brauchen,“ ſagte Monmouth lachend.„Aber, mir däucht, Oberſt, die Luft dieſes Zimmers iſt zu feucht, für jedes an⸗ dere Weſen, als einen Froſch. Habt Ihr einen Kel⸗ ler hier?“ „Es würde große Unkunde der Hoffitte verrathen, den Herzog von Monmouth einzuladen, ohne ſolche Vorkehrungen,“ antwortete Blood.„Ichabod, geh', zapf uns einen Humpen von dem ſchwarzen Faß auf der rechten Seite am Eingange, bezeichnet, La- chrymae C.“ „Bitte, ſimpeln Canarienſekt für mich, wenn es ſich mit Deinem Kellerzettel verträgt,“ ſagte der Her⸗ zog;z ich mag keinen von Euren papiſtiſchen italiäniſchen Weinen trinken, damit mich nicht Oates angibt. Iſt dieß hier Euer Ganymed, alter Donnergott? Ein hüb⸗ ſcher Junge, bei meinem Wort.“ „Ja wohl und geeignet für einen beſſern Dienſt, den Euer Gnaden ihm einmal verleihen können,“ ent⸗ gegnete Blood. „Meiner Treu, das will ich, wenn er ein Schwert führen kann,“ ſagte Monmouth.„Dein Glück iſt ge⸗ macht, Kind, wenn Du Dich für das Feld des Mars ſo gut eigneſt, als für das der Venus. Kann er blauen Stahl ziehen, Blood?“. „In einer guten Sache, mein Herr Herzog, auf Leben und Tod,“ verſetzte Mervyn kühn. Hergo „Mein Herr Herzog,“ wiederholte Shaftesbury. 46 „Woher weiß er das?— Iſt er zuverläßig, Blood, daß Ihr ihm ſo weit traut?“ „Ich will mich mit meinem Leben für ſeine Ehre verbürgen,“ ſagte Blood.. Mervyn warf einen zornigen Blick auf Shaftes⸗ bury und entfernte ſich mit dem Humpen. Der Keller war in einiger Entfernung und es dauerte mehrere Minuten, ehe er mit dem Weine zu⸗ rückkam. Sein Eintritt wurde beinahe von keinem außer Blood bemerkt, der ihm einen Wink gab, den Wein nieder zu ſetzen, denn Shaftesbury ſprach mit ungewöhnlichem Eifer und leiſer Stimme. „Die Verſchwörungsgeſchichte ſtrauchelt,“ ſagte er, „ſie kann nicht am Leben bleiben, wenn man ihr nicht neues Blut in die erſchöpften Adern gießt. Ihr wißt wohl, Oates, daß ſie durch die Ungläubigkeit des Kö⸗ nigs und das Nichterſcheinen Eurer Mörder einen ſchweren Schlag erhielt. Ich will nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, Dich Freund und die Verſchwö⸗ rung außzugeben, als die glückliche Entdeckung von Colemans Briefen ſtattfand; aber ſeid verſichert, ſie werden ihn zwar verdammen, jedoch Euch nicht recht⸗ fertigen. Die Leute kommen bereits wieder zur Ver⸗ nunft und Euer Credit iſt in Gefahr, an einer ſchlei⸗ chenden Auszehrung dahin zu ſterben, und deſſen Be⸗ ſitzer zu Tyburn ein Ende zu nehmen, wie der arme Mocedo.“ „Aber, Mylord, das iſt nicht möglich,“ ſagte Oates mit Zittern.„Die Nation hat an meiner Ent⸗ deckung des Complotts offenbar Theil genommen und Colemans Briefe beſtätigen, wenngleich nicht im Ein⸗ zelnen, in allem Allgemeinen meine Nachrichten aus Gath völlig und weſentlich.“ „Auf jeden Fall,“ ſagte Howard,„würde es nicht gut thun, die Verſchwörung aufzugeben. Es iſt eine Mine, die gegen den Ingenieur losgehen, oder, wie eine überladene Kanone, ihre Wuth gegen diejenigen, 47 die ſie geladen haben, loslaſſen und wir würden die Volkswuth blos aufgeregt haben, damit ſie ſich in un⸗ ſerm eigenen Verderben ſättigen könnte.“— „Und wenn ich falle, ſo werde ich nicht allein fallen, Ihr Edle von Iſrael,“ ſagte Oates düſter. Und ich werde den Philiſtern ein trauriges Spiel zum Be⸗ ſten geben.“ „Was will ein ſolcher verlorener Wicht, wie Du, mit ein paar lumpigen Erfindungen machen?“ ſprach der Earl mit unſäglicher Verachtung.„Du kannſt blos unter dem Gewicht Deiner eigenen Lügen zu dem grund⸗ loſen Pfuhl der Schande niederſinken.“ „O, Alles, was ich meine, Mylord,“ ſagte Oates in einem Tone kriechender Unterwürfigkeit,„iſt blos, daß ich, obwohl bereit, die Nation auf irgend einem Wege zu retten, den die hohen Lords hier mir zeigen werden, dennoch nicht den erforderlichen Muth in mir fühle, ein Blatt in dem Buch der Märtyrer einzu⸗ nehmen, wenn Tongue ſeine neue Ausgabe veran⸗ ſtalten wird.“ „Es wäre in der That zu viel, Dich aus einem Feuer in's andere zu bringen,“ verſetzte der Earl. „Und höre, Mann, wir haben nicht im Sinn, Dich aufzugeben,“ ſagte Monmouth; deßhalb brauchſt Du nicht länger als ein verdammter Geiſt auszuſehen, denn wiſſe, wir haben uns Alle auf demſelben Boote eingeſchifft und ſchwimmen oder ſinken zuſammen.“ „Mylord Monmouth, Ihr könnt gut rudern, aber verüiht nicht zu ſteuern!“ ſagte Shaftesbury ſehr harf. „Und man ſagt von Euch, Shaftesbury, daß Ihr gern bei ſtürmiſchem Waſſer ſegelt und Enre Geſchicklich⸗ keit in der Küſtenfahrt zwiſchen Untiefen und Riffen zeigt, wo die offene See ſicherer ſein würde,“ entgegnete der Herzog. „Potz Tod, Mylords!“ rief Blood ungeduldig aus,„ich dächte, es ſei von allen Seiten zugegeben, daß des Doktors Credit auf geradem oder krummem Wege und auf jede Gefahr hin, aufrecht erhalten wer⸗ den müſſe.“ „Der Oberſt hat Recht, es wäre unpolitiſch, eine ſo gute Sache zu verlaſſen!“ rief Shaftesbury nach einer tiefen Pauſe des Nachdenkens.„Sei gutes Muths, Bruder Oates. Costa che costa, wir müſ⸗ ſen und wollen Euch unterſtützen. Das Daſein der Verſchwörung muß durch einen gewandten Streich unterſtützt werden— irgend etwas, das Verdacht auf den Herzog von York bringt— wie zum Beiſpiel die üble Behandlung einer populären, obrigkeitlichen Per⸗ ſon, die in der Sache betheiligt war!— Wie wäre es, wenn eine ſolche von katholiſchen Böſewichtern an⸗ gefallen würde, maskirt und vermummt? „Soll vielleicht wieder eine wohlwürdige Naſe ge⸗ ſpalten werden, wie der Hof oder vielmehr der Oberſt hier den armen Coventry bediente,“ fragte Howard lachend. „Wenn es etwas iſt, das einen ſtarken Arm er⸗ orderi, ſo iſt meiner der Sache gewidmet,“ ſagte der Oberſt. „Wohl, es iſt kein Hochverrath, auf den Erfolg aller ehrlichen Unternebmungen zu trinken; rief Mon⸗ mouth.„Wo iſt der Sekt?— Ha, Ganymed! der Bube wärmt ſich gewiß das Blut auf Deine Koſten, Oberſt; aber es muß auch beinahe erſtarrt ſein.“ „Er iſt hier, Mylord,“ ſagte der Oberſt, indem er ſich nach ſeinem jungen Leibſchenken wandte, der Fanderſannen über das Gehörte bewegungslos da⸗ and. 4 „Beim Grab, Blood, ich brauche keine zween Zeu⸗ gen zu dem, was ein Kronanwalt in eine Menge ku⸗ rioſe Geſtalten konſtruiren könnte,“ ſagte Shaftesbury ſchnell.„Und es ſcheint mir zu ſpät, für einen ſolchen Flöhen Jungen, noch auf zu ſein, ſendet ihn zu Bette, erſt.“ 49 Blood wiederholte den Befehl, obgleich in mildem Tone, und⸗Mervyn entfernte ſich in ſtolzem Stillſchwei⸗ gen. Blood rief ihn jedoch zurück, um einen Becher Wein und eine Fackel mit ſich zu nehmen, denn er wäre ohne beides gegangen, darauf verbeugte er ſich ehrfurchtsvoll vor der Geſellſchaft und ging. —; Viertes Kapitel. Wanderungen in einem alten Edelhauſe. Mit traurigen und zögernden Schritten verließ Mervyn das Gemach; und da die Thüre nun zufiel und er ſich allein in dem verfallenen Corridor befand, ſturzte ſich das volle Gefühl ſeiner troſtloſen Lage über⸗ wältigend auf ihn. Er ging jedoch mechaniſch die ſtille Treppe hinauf, ſeinem elenden Zimmer zu, ſtellte dort ſeine Lampe auf den Boden und ſetzte ſich in höchſter Verzweiflung daneben. Er dachte an den ſü⸗ ßen, unſchuldigen Frieden ſeiner jungen Tage zu St. Omer unter dem ſtrengen, aber wohlwollenden Auge Van Huysmans und ſtellte eine betrübende Verglei⸗ chung an, zwiſchen ſeinem gegenwärtigen Elende und den goldenen Träumen der Unwiſſenheit, die ihn auf die ſtuͤrmiſchen Wogen der Welt hinausgelockt hatten. Trotz ſeiner Unbekanntſchaft mit den Leidenſchaften und der Politik des Zeitalters, blieb Mervyn noch Stoff genug zu fürchterlichen Vermuthungen über die An⸗ ſchläge der außerordentlichen Geſellſchaft übrig, die ſich ſo geheimnißvoll an einem ſolchen Platze verſammelt hatte. Bei ſeiner ſtrengen Erziehung in Unterwürfig⸗ keit und kindlicher Liebe zu der Kirche, in deren Schooß Whitefriars. II. 4 50 er aufgewachſen war, fühlte er ſein Gewiſſen durch die neu errungene Gewißheit gepeinigt, daß er in der Gewalt von Menſchen ſei, die ſich zu ihrer Vernich⸗ tung verſchworen hatten. Während ſeines langen und tiefen Nachſinnens über dieſen Gegenſtand, überraſchten ihn Erinnerungen an den feierlichen Segen, mit dem ihn Oliva eingeweiht hatte, mit voller Stärke und ſein gegenwärtiger Standpunkt im Dienſte der bitterſten Feinde der Kirche, nahm das gräßliche Ausſehen eines Verbrechens gegen den Himmel ſelbſt an. Indem ſich dieſe Gedanken auf ihn hereindrängten, fing er an, über die Ausführbarkeit einer Flucht aus dieſen Feſſeln, die er für eine Kette des Böſen hielt, zu überlegen. Die Ausſicht, allein und freundlos in die Welt geſtoßen zu werden, kam ihm nicht mehr ſo ſchrecklich vor, denn er fühlte eine Thatkraft und Ent⸗ ſchloſſenheit in ſich, die ihm ſeine erregte Phantaſie als Einfluſterungen eines guten Engels darſtellten. Auch ſchien der Augenblick günſtig; die Räuber ſeiner Frei⸗ heit waren mit ihren dunklen Anſchlägen beſchäftigt und er brauchte kein Nachſpüren von Blood zu be⸗ fürchten, der ſonſt gewöhnlich ſeine Bewegungen ängſt⸗ lich bewachte. Aber, war es möglich zu entkommen? Mervyn ſaß einige Zeit brütend da, endlich, mit einer unbeſtimmten Hoffnung, daß ſich vielleicht ein Aus⸗ gang finden laſſe, der ſeinen Forſchungen bis jetzt ent⸗ gangen ſei, ſtand er auf, nahm ſeine Fackel und ver⸗ ließ das Gemach. Schon mit einem Fuße in dem Corridor, horchte er einen Augenblick und ließ das Licht weithin und prüfend umher über und unter ſich fallen. Aber Alles war ſtill wie das Grab; die dünnen Streifen von Mondlicht, die zwiſchen den ſtaubigen Dachbalken hin⸗ durchdrangen, kreuzten ſich in phantaſtiſchen Geſtalten, erhellten die Halle unten und warfen ſie in ſchattige, undeutliche Maſſen, die auf den erſten Blick einer Verſammlung dunkler Geſpenſter glichen, die auf ſeine 51 Bewegungen lauerten. Ein aufmerkſamer Blick zer⸗ ſtreute ſchnell dieſe Täuſchung und er ſetzte vorſichtig ſeine Entdeckungsreiſe fort. Eines nach dem andern von den Zimmern, die auf den Corridor gingen, öff⸗ nete er und fand jedes gleich dunkel und ohne Aus⸗ ſicht. Nackte Wände mit feuchtem Schimmel über⸗ zogen, verfaulte Fußböden, die unſicher zu beſchreiten waren, hohe, enge Fenſter, mit dreifachen Stangen verrammelt und einige verfallene Ueberbleibſel einer vorigen Wohnung, die man wahrſcheinlich des Weg⸗ ſchaffens nicht Werth gehalten, das war Alles, was er entdeckte.. Aergerlich und niedergeſchlagen durch den traurigen Erfolg ſeiner Beſichtigung, kehrte er in den Corridor zurück und lehnte ſich einige Minuten lang gedankenvoll über die Balluſtrade. Da fiel ſein Auge zufällig auf das Treppengeländer unten, das, von weißen Mond⸗ ſtrahlen geſtreift, aus Stein gehauen zu ſein ſchien und ihn an eine andere Treppe erinnerte, die er bei ſeinem letzten Gange in den Keller beobachtet hatte, damals ſchon neugierig, zu wiſſen, wohin ſie führe. Augenblicklich fiel ihm ein, daß dieſe Staffeln viel⸗ leicht in dieſem fo umſichtig angelegten Gebäude zu einem, Blood noch unbekannten und daher nicht ver⸗ wahrten Auswege führen könnten. Auf alle Fälle ent⸗ ſchloß er ſich, ſie zu unterſuchen, denn, wenn ſie ihm auch eine vereitelte Hoffnung zeigten, ſo war's ja nicht die erſte. Er ſtieg alſo die alten zerfallenden Treppen hin⸗ unter und gab ſich ſehr viele Mühe, jedes Knarren zu verhüten, das ihn verrathen könnte und erreichte die Halle, wo er ſtille hielt und umher ſpähte. Da er nichts hörte und wahrnahm, ſchritt er mit mehr Keck⸗ heit weiter und trat durch eine wegen ihrer Aehnlich⸗ keit mit dem Wandgetäfel halb verſteckte Thüre in eine Küche, die groß genug ſchien, um für eine Armee darin das Eſſen zu kochen. Aber ſelbſt der Backſtein⸗ 52 boden war mit Gras überwachſen und die Fröſche hüpften ſogar auf den Herden herum; es zeigten ſich da viele Spuren von einem gelegentlichen Eindringen des Waſſers vom Strome, zu dem die Küchenfenſter hinunterreichten. Mit dieſer Küche ſtand eine Speiſe⸗ kammer in Verbindung, aus der eine Fallthüre in den Keller hinabging. Durch dieſe ſtieg Mervyn herzhaft hinunter und gelangte auf ein paar Stufen zum Bo⸗ den des Kellers hinab, der von großem Umfange und den allgemeinen Verhältniſſen des Baues angemeſſen war. Die Mauern glänzten von feuchtem, weißem Mooſe, und die Luft war ſo dick, daß Mervyns Fackel in einem Nebel zu brennen ſchien. Auf der gegen⸗ überſtehenden Seite des Kellers befand ſich über einer Reihe von Bogen die Stiege, welche er früher bemerkt hatte. Sie war enge und ohne Geländer und ſchien blos durch das ſtellenweiſe Hervorſtehen der Quader⸗ ſteine über die Mauer gebildet und lief, wie Mervyn beim Hinaufleuchten mit ſeiner Fackel ſah, in einen dunkeln Bogengang über dem Keller aus. Der junge Abenteurer ſtand keinen Augenblick an, ſeine Unterſuchung fortzuſetzen, und obgleich die Steine mit einer ſchlüpfrigen Kruſte überzogen waren, und einige derſelben unter ſeinem Tritte wankten, ſtieg er keck vorwärts. Etwa fünfzehn dieſer Staffeln brachten ihn zur Höhe des Bogenganges hinauf, der, wie ihn ein Blick überzeugte, in einen ſehr engen Thürweg aus⸗ ging. Die Thüre war jedoch maſſiv und ſchwer, ob⸗ gleich ſie ſeinem Drucke leicht nachgab und ſich ſchwer⸗ fällig an ihren Angeln zurückſchwang. Mervyn wollte eben ohne Bedenken vorwärts ſchreiten, als er noch glücklicherweiſe, aber mit einem tödtlichen Gefühle des Entſetzens wahrnahm, daß er auf dem Punkte ſtund, in einen tiefen viereckigten Brunnen zu treten, deſſen Tiefe für das Licht ſeiner Fackel unerreichbar war. Eine weitere Beobachtung zeigte ihm auf der entgegengeſetzten Seite, einen dem, 53 auf welchem er ſtand, ähnlichen Thorweg und eine dort angelegte ſchwere, eichene, mit Eiſen beſchlagene aus den Angeln gehobene Thüre. Auch waren Ueberbleibſel einer Zugbrücke da, deren Ketten noch an den Thür⸗ balken hingen, ſowie einige abgebrochene Stücke Eiſen an der Schwelle ſtaken. Dieſes Hinderniß ſchien beim erſten Anblick un⸗ überſteiglich, auch erinnerte ſich Mervyn mit Schau⸗ dern an einige Umſtände, von des alten Geizhalſes Ermordung, die er beim Erzählen kaum beachtet hatte, die ihm aber nun peinlich im Gedächtniſſe aufſtiegen. Er erinnerte ſich, gehört zu haben, daß der Vatermörder und ſeine Helfer, ſich einen Eingang zu des alten Ge⸗ mach verſchafften, indem ſie einen Balken über den Brunnen legten, worin er gewöhnlich in einem eiſer⸗ nen Kaſten ſeine Schätze aufbewahrte, und daß ſie, nach der ſchrecklichen That, ſeinen Leichnam in den Brunnen geworfen hätten, um ihm den Anſchein zu geben, als ob er durch einen Zufall um's Leben ge⸗ kommen wäre. Dieſe furchtbare Erinnerung raubte dem jungen Forſcher beinahe allen Muth und die Fackel zitterte in ſeiner Hand, wie bei einem Fieberanfalle; aber er raffte ſich mit großer Anſtrengung wieder zu⸗ ſammen⸗ und fing an den Brunnen ſorgfältig zu unter⸗ ſuchen. Mervyn zweifelte nicht, daß die Thüre gegenüber in des unglücklichen Geizhalſes Bettzimmer führe und noch weniger, daß dieſe zur Sicherheit einen Ausweg gehabt haben— wenigſtens in Verbindung mit einem ſolchen geweſen ſein müſſe. Er entſchloß ſich daher, auf jede Gefahr hin, eine Unterſuchung deſſelben zu wagen. Aber dies ſchien anfangs unmöglich, denn es war dem Anſcheine nach kein Mittel vorhanden, über die ſchreckliche Kluft hinwegzukommen, die dazwiſchen gähnte. Nach einigem Bedenken hielt er es jedoch nicht für ſchwer, darüber zu ſpringen, wenn er nur Mittel fände, ſich nach dem Anprallen auf der gegen⸗ überliegenden Schwelle zu erhalten. Im Aufblicken gewahrte er ein herunterhängendes Seil und da er ſchloß, es müſſe nothwendig von großer Stärke und wohl befeſtigt ſein, um das Gewicht des Goldes zu tragen, welches der Geizhals täglich in den Brunnen hinunterließ, ergriff er es und prüfte es genau. Ob⸗ gleich es etwas abgenutzt und durch die Zeit ſchwarz geworden war, hielt er es dennoch für hinlänglich ſtark, ſein leichtes Gewicht zu tragen, ſogar wenn er ſich frei daran hängen müßte; und er verließ ſich auf die Geſchicklichkeit und Schnellkraft, die ihm unter den Studenten von St. Omer beſtändig den Vorrang ge⸗ geben hatte. Doch fürchtete er, er werde ſeine Fackel zurücklaſſen müſſen, was bei einem ſolchen Abenteuer keine erfreuliche Ausſicht war; aber nach reiflicher Ueber⸗ legung ſchien es ihm möglich, ſie in ſeiner linken Hand zu behalten, und das Seil mit der rechten zu faſſen. Er hielt ſich nicht länger mit ängſtlicher Erwägung darüber auf, damit ihm nicht am Ende der Muth ſchwände, wand das Seil um die Hand und den Arm und ſprang. Die Ereigniſſe der nächſten zwei Augenblicke, denn es ging vorbei wie ein ZBlitz, erſchienen ihm ſpäter immer wie ein wahnſinniger Traum. Er erinnerte ſich, daß ſein Fuß auf der Spitze der Schwelle aus⸗ glitt— daß er zurückgeſchleudert ward und in einem andern Augenblicke kämpfend über dem Abgrunde hing, mit einem furchtbaren Schmerz in Schulter und Arm, als ob ſein eigenes Gewicht ſie ausreißen wollte. Und dann ſchien er mit ſeiner linken Hand nach dem Seile zu greifen, immer jedoch die Fackel feſthaltend und mit einer Empfindung, der keine Sprache auch nur im Entfernteſten gleichkommen könnte, ſah er die Flamme das Seil ergreifen— das Seil brannte! Das Uebrige war bloßes Werk des Inſtinkts, das Bewußtſein ging unter in unendlichem Schrecken. Aber er fand ſich, er wußte nicht wie, ſtehend auf der ſteinernen Schwelle 1 der Thüre, in ſeiner Hand noch die Fackel und ein Stück des Seils, das übrige Stück deſſelben brennend über ihm, bis hinauf zu der eiſernen Rolle, wo es aus⸗ löſchte. Der erſte Gebrauch, den Mervyn von ſeiner Sprache und Vernunft machte, war das Sprechen eines inbrün⸗ ſtigen„Laus!“ das ſich unwillkührlich auf die Lippen des jungen Akoluthen von St. Omer drängte. Er be⸗ ſtrebte ſich ſodann, die zerbrochene Thüre auf die Seite zu ſchieben, aber ihr ungeheures Gewicht wich ſeiner Stärke nicht; und da er gewiß war, daß er nicht auf dem Wege, den er gekommen, zurückkehren konnte, ſo mußte er verſuchen es gerade vor ſich hinzudrücken. Dies gelang ſeinen Anſtrengungen endlich und das maſſive Thor fiel auf den Boden des Gemaches mit einem donnernden Schlage, der durch das ganze Ge⸗ bäude wiederzutönen ſchien. Zugleich erhob ſich eine dicke Wolke von Staub, und erſtickte beinahe den jun⸗ gen Abenteurer; auch hörte er in dem Gemache einen plötzlichen krabbelnden Lärmen, der ſein Herz in heftige Bewegung brachte. Er überzeugte ſich jedoch bald, daß dieſes Raſſeln von Ratten herkam und ſah deut⸗ lich drei oder vier derſelben in wildeſter Eile über den Boden rennen und quicken, als ob ſie einer Katze in den Klauen wären. Mervyn befürchtete, daß das Gepolter der fallen⸗ den Thüre bis zu Blood und ſeinen Mitverſchwornen gedrungen ſein könnte und er horchte einige Minuten lang mit großer Aengſtlichkeit. Das tiefe, ununter⸗ brochene Stillſchweigen, welches darauf folgte, tröſtete ihn, ſo ſchrecklich es auch war, und er wagte es, einen flüchtigen Blick im Zimmer herumzuwerfen, wobei ſich ſeine Wange entfärbte, da er wahrnahm, wie richtig ſein Schluß geweſen, daß der unglückliche Geizhals hier gewohnt habe. Er ſah ſich in einem großen, unregelmäßigen Ge⸗ mache, das noch manche Spuren des Gebrauches an ſich trug, zu dem es ſein voriger Beſitzer beſtimmt hatte. Da war noch eine große, alte Bettlade von Mahagony mit ſauber geſchnitzten, gothiſchen Liebes⸗ göttern und Trauben und Laubgehängen, aber alles bedeckt mit Staub und Spinneweben. Das Bett, die Kiſſen, die reiche, alte Bettdecke von Damaſt, waren ſämmtlich noch vorhanden, aber alles von Ratten zer⸗ nagt, ſchwarz und verſchimmelt; und Mervyns Haar ſtieg zu Berge, als er ſich dachte, daß alle dieſe Dinge wahrſcheinlich gerade ſo geblieben waren, wie man ſie am Morgen nach dem Morde antraf. Die Wände waren mit Tapeten bedeckt, deren Zeichnung man unter dem dicken Staube nicht unter⸗ ſcheiden konnte und Mervyn ſah, daß die Kranzleiſten einſt vergoldet geweſen waren, aber wahrſcheinlich ein halbes Jahrhundert noch vor der Zeit des Geiz⸗ halſes. Sonſt war nicht viel Hausgeräthe mehr da, aber was ſich vorfand, war maſſiv, von dunklem Eichen⸗ holze und reich mit Schnitzwerk verziert. Bei der ge⸗ naueſten Prüfung jedoch ließ ſich der geſuchte Haupt⸗ gegenſtand nicht entdecken— ein Ausgang. Es waren zwar zwei Gitterfenſter mit eiſernen Querſtangen da, die ihm durch das Hereinſtrömen des ſchwachen Mond⸗ lichtes bemerklich wurden; aber da er näher ging und die Mauer aufmerkſamer unterſuchte, gewahrte er auch eine Thüre zwiſchen dieſen Fenſtern, ſtark befeſtigt mit roſtigen Riegeln.. So niederſchlagend dies furchtbare Hinderniß war, nöthigte ihn doch die Erinnerung an die Lage, in die er ſich ſelbſt verſetzt hatte, zur Ausdauer. Er ſtellte ſeine Fackel nieder, nachdem er zu dieſem Zwecke ein kleines Loch in den Boden getreten, und nahm alle ſeine Stärke zuſammen, um die Riegel aufzuſchieben. Der Roſt jedoch, verbunden mit ihrer Schwere, mach⸗ ten ſeine Anſtrengung für eine lange Zeit beinahe ganz unwirkſam; endlich gelang es ihm, mit einem derſelben und ermuthigt durch dieſen Schimmer von Glück, er⸗ neuerte er ſeine Bemühungen mit einem Eifer und einer Geduld, die am Ende durch das Nachgeben, der, wie er glaubte, letzten Schranke zwiſchen ihm und der Freiheit belohnt wurden. Er ſtemmte ſein Kniee gegen die Thüre und gab ihr einen ſo heftigen Stoß, daß ſie plötzlich aufging und er nachfiel, wobei er ſeine Fackel umſtieß und auslöſchte. Schnell ſprang er wie⸗ der auf die Füße und fand ſich, mit welchem Erſtaunen und Verdruß läßt ſich leicht denken, auf dem Balkone, den er bei ſeiner erſten Ankunft bemerkt hatte und der in einer ziemlichen Höhe über dem Strome hing. Der Mond ſchien mit ruhigem Glanze von einem dunkelblauen Himmel ohne Wolken, und ſo gereizt und beunruhigt Mervyn auch durch ſeine Lage war, mußte er ſich doch von der Schönheit und Kraft der ſeinem Blicke ſich darbietenden Scene beſänftigt fühlen. Aber wie er ſo auf die dunkeln Gewäſſer unter ihm blickte, auf die fernen Lichter, die an dem Geſtade hinunter⸗ ſchimmerten, und auf ſeinen iſolirten hoffnungsloſen Standpunkt, fühlte er ſich von der Unmöglichkeit des Entkommens überzeugt und ſein nächſter Gedanke war, wie er wohl unbemerkt auf ſein Zimmer zu⸗ rückkehren könne. Aber da drängte ſich ihm ſogleich die Erinnerung der Gefahren auf, die er durchgemacht hatte, bis er zu dieſem Punkte gelangt war, und die völlige Unmöglichkeit, ſich aaf demſelben Wege zurück zu wagen. Alle die Sagen, die er jemals gehört oder geleſen hatte, von Menſchen, die ſich, wie er, unwiſſend in Plätze verirrt hatten, von denen ſie keinen Ausweg mehr fanden und ſo elendiglich vor Hunger und Ent⸗ ſetzen ſtarben, zogen in düſterer Folge durch ſeine Ein⸗ bildung. Vor dieſen ſchreckenvollen Gedanken erloſch ſeine abergläubiſche Furcht, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, und er trat entſchloſſen zurück in das Zimmer des Geizhalſes. Alles war vollkommen ſtill, aber die Mondes⸗ ſtrahlen, die ſich durch die offene Thür hereinſtahlen, 58 warfen das alte ſtaubige Hausgeräthe in phantaſtiſche Gruppen, mit unheimlichen Geſtalten, die eine er⸗ ſchreckte Einbildungskraft leicht zu Geſpenſtern hätte umſchaffen können. Aber Mervyn fühlte, daß ſein Le⸗ ben nun von ſeiner kalten Selbſtbeherrſchung abhänge. Eine ſchnelle Ueberlegung bewies ihm jetzt, daß es noch einen andern Zugang zu dem Zimmer des Geiz⸗ halſes geben müſſe, als der über den Brunnen, worin er ſein Geld verwahrte. Er vermuthete, daß er den⸗ ſelben bei ſeinem vorigen haſtigen Umblick in der ſtau⸗ bigen Tapete überſehen haben möchte und hoffte, daß er, wenn er überall herumtaſtete, die Thüre entdecken werde, wenn anders eine vorhanden ſei. Er begann ſogleich und ſuchte an den Wänden herum mit einer gierigen Eile, die ſeinen Taſtſinn zu einer beinahe ſchmerzhaften Empfindlichkeit ſteigerte; aber er konnte keine Spur eines Ausweges finden. Er erhob ſeine Augen, warf einen troſtloſen Blick im Zimmer umher und glaubte jetzt zu bemerken, daß ſich die dunkeln Vorhänge des Bettes ſachte hin und her bewegten. Dieß ſchrieb er, nach einer Pauſe voll unbeſchreiblichen Entſetzens, der Luft vom Strome zu; da aber die Bewegung ſtärker ward, blitzte der Gedanke durch ſei⸗ nen Geiſt, daß dieſes Phänomen von einem„Durch⸗ zuge“ veranlaßt ſein müſſe, da die andern Theile des Damaſts ruhig blieben. Er entſchloß ſich, die Wand hinter dem Lager zu unterſuchen und ſtutzte überraſcht, da er ſich in einem Strahl von Mondlicht ſtehen ſah, das durch ein Loch in einer Ecke der Decke herabfiel. Dieſe Oeffnung ſchien gerade weit genug, um den Kör⸗ per eines ſchlanken Mannes durchzulaſſen, und Mervyn gewahrte die Ueberbleibſel einer Fallthüre, die in einem Dreiecke darüber lagen. Eine Art ſenkrechter Leiter war an der Wand angebracht, aus ſchmalen Holzſtücken beſtehend, ähnlich den Vorſprüngen, woran man in Ställen auf den Heuboden ſteigt; und Mervyn klet⸗ terte, ohne ſich viel zu beſinnen hinauf, wie in einem 59 Traume, drängte ſich durch die Oeffnung und befand ſich auf einem andern Boden... Es währte mehrere Augenblicke, ehe die Verwir⸗ rung ſeine Gedanken und die tiefe Dunkelheit rings umher ihm erlaubte, ſich einen Begriff über ſeinen Landungsplatz zu bilden. Er ſchloß ſodann aus eini⸗ gen verkümmerten Lichtſtrahlen, die ſich durch die Oeff⸗ nungen des Daches drängten, daß er in einer großen Bodenkammer oder unter dem Dache ſelbſt ſich befinde. Er war nun ſicher, einen Ausgang zu finden, wahrſcheinlich auf den obern Corridor, und ſetzte ſein Umhertappen fort. Kaum hatte er jedoch angefangen, als er einen leiſen murmelnden Ton von Männer⸗ ſtimmen vernahm, die in einer halblauten Unterredung begriffen waren. Der Ton kam offenbar von unten herauf, und er vermuthete, daß er ſich in der Nähe der Verſchwörer befinde, die er in ihren Berathungen unten zurückgelaſſen hatte. Zugleich bemerkte er zwei oder drei Lichtpunkte auf dem Boden und fand bei näherer Prüfung, daß die Ratten durch einige der Dielen Löcher genagt hatten, die bis durch die Decke des untern Zimmers gingen. Als er ſein Auge auf eines derſelben legte, ſah Mervyn mit großem Erſtau⸗ nen, daß er ſich gerade über dem Gemache befand, worin er die Verſchworenen zurückgelaſſen hatte, und daß ſie alle unten beiſammen waren, um den runden Tiſch ſitzend und in eifriger, enger Unterredung be⸗ griffen. Shaftesbury ſprach in ſeinen leiſen tiefen Tönen, und Mervyn vernahm nichts von dem, was ge⸗ ſagt wurde, als ein ununterbrochenes Gemurmel, bis dand Howard mit lauter zorniger Stimme zu ſprechen anfing. „Keineswegs, Mylord Shaftesbury!“ ſagte er haſtig.„Ich laſſe es mir von Keinem in der Bewun⸗ derung der dummen Gemeinplatz⸗Maximen der Mora⸗ lität zuvorthun— ſie ſind nützlich, den Pöbel zu be⸗ trügen— aber ich halte dafür, daß der Zweck, wie ich Euch oft habe ſagen hören, die Mittel heiligt und daß der Erfolg, wie ich ſelbſt weiß, Alles rechtfertigt.— Ich kann nicht einſehen, warum die Erhaltung dieſer großen Nation nicht das Opfer eines einzigen grauen, alten, brummenden Puritaners werth ſein ſollte.“ „Ich will nichts mit ſo blutigen Gewaltthaten zu ſchaffen haben, Howard,“ verſetzte der Earl mit ſtren⸗ gem Ernſte.„Es iſt mir nicht darum zu thun, an einem ſeidenen Stricke gehangen zu werden, was, wie man mir ſagt, die ſtolze Auszeichnung unſeres Ranges iſt. Wenn's aber etwas Geringeres wäre, um dieſem Newgategeſchwätz ein Ende zu ſetzen— nun ja, dann — zum Beiſpiel, wenn ihn die Papiſten in eine ein⸗ ſame verlorene Falle lockten, wie Euer altes Haus hier, Blood, über das ich mich beſtändig wundere, daß es der Teufel noch über Eurem Kopfe zuſammen hält! — Wenn Masken(luſtige Burſchen, die der Oberſt leicht unter ſeinen Tyburnhelden anwerben könnte) ihn ergriffen, bänden, knebelten— vielleicht ihn an einen Ort brächten, von dem man weiß, daß er unter des Herzogs Einfluſſe ſteht, als ob er da ermordet werden ſollte.— Und dann könnte noch bei Zeiten durch einen anonymen Angeber ſein Leben gerettet— und die Volks⸗ wuth dennoch in eine ſo wilde Raſerei gegeißelt wer⸗ den, als ob der arme alte Herr zu einer Paſtete für des Pabſt's Abendeſſen kleingehackt worden wäre. „Wahrlich und bei meiner Seligkeit, ich glaube, ich kann Euer Lordſchaft Rath in's Werk ſetzen,“ ſagte Oates eifrig.„Ich kenne einen, der die Schlüſſel zu Zimmern in Verwahrung hat, die einigen von des Herzogs von York papiſtiſchen Schurken in Sommmerſet⸗ Houſe gehören und wohin unſerere Sündenböcke leicht gebracht werden könnten.“ „MUnd meiner Treu, ich weiß keinen don dem ganzen Schub, der leichter in die Falle ginge!“ rief Howard.„Er geht allein aus, zu allen Stunden, in Sackgaſſen und Durchgängen, auf die Fährte von 61 Dieben und Bettlern(unter welchen beiden Rechts⸗ titeln er Dein Feind iſt, Blood). Er hat wahrhaftig ſeit kurzem ein merkwürdiges Projekt im Werke, das uns Judenbedrängte Lords zittern machen ſollte; näm⸗ lich die Monomanie hat ihn ergriffen, alle Bettler und Vagabunden aufzugreifen, um ſie nolens volens zur Arbeit zu zwingen!“ „Dieſe Eigenthümlichkeiten hatte ich im Auge, als ich ihn vor ſo vielen andern Wohlwürden von der Partei für des Doktors Début auswählte,“ ſagte Shaftesbury;„obgleich ich mich verbürge, daß es Hunderte gegeben hätte— zum Beiſpiel Sheriff Bethel und den Lordmayor, die einen beſſern Handel daraus gemacht haben würden.“ „Und erinnert ſich Mpylord nicht ſeiner Worte, daß er der erſte Märtyrer ſein würde?“ fragte Oates in ſeinem kriechenden Tone, der in Mervyns Herz tiefen Eckel erregte. „Aber ſeid Ihr Eures kleinen Huhns in der Kam⸗ mer ſicher?— Schläft der Burſche geſund in ſeinem Neſte?“ ſagte der Earl, indem er unruhig nach der Thüre blickte.„Wo iſt er, ich möchte nicht, daß er uns behorchte, denn, wie Doktor Tongue neulich ſehr richtig bemerkte,— es iſt zu ſtarke Koſt für Kinder.“ „O, er ſchläft feſt, ich verbürge mich dafür,“ ſagte der Oberſt und nahm eine Leuchte.„Indeſſen will ich gehen und nachſehen, denn ich habe immer gerne zwei 7 und athemlos in ſeine Hängematte werfen, war das Werk eines Augenblicks. Im nächſt darauf folgenden blickte ſchon Blood zur Thüre herein, die Leuchte über ſeinen Kopf haltend und mit ſeinen großen Wolfsangen 62 auf den ZJüngling ſtierend, der ſich vollkommen ſtille hielt. Glücklicherweiſe begnügte ſich der Oberſt mit⸗ der Ueberzeugung, daß ſein Gefangener geſichert ſei, ohne ihn genauer zu unterſuchen, ging auf den Zehen wieder heraus und ließ Mervyn in einem Zuſtande zu⸗ rück, der jede Hoffnung, ſeinen angenommenen Schlum⸗ mer mit einem wirklichen zu vertauſchen, vereitelte. Fünftes Kapitel. Die Verſchwürung. Beinahe die ganze, auf ſeine fruchtloſen Erfor⸗ ſchungen folgende Stunde, brachte Mervyn mit Nach⸗ ſinnen über alles eben Geſchehene und Gehörte zu, war aber unfähig, einen Leitfaden aus dem verſchlungenen Labyrinth zu entdecken, in das er verwickelt war. Der einzige klare Schluß, den er daraus ziehen konnte, war der, daß die Faktion, unter die er gerathen war, irgend 6 einen verrätheriſchen Anſchlag im Schilde führte, aber gegen wen oder durch welche Mittel, konnte er nicht errathen. Nur ſo viel verſtand er im Allgemeinen, daß er zur Unterſtützung von Oates niederträchtigen 3 Angaben dienen ſollte. Er war zu ſehr unbekannt mit den Menſchen und der ruchloſen Politik des Zeitalters, um die eigentliche Abſicht Shaftesburys zu errathen; auch hielt er es für unmöglich, daß ein Edelmann von ſo hohem Nange, früher die zweite, obrigkeitliche Per⸗ ſon im Reiche, eine ſo verwegene Verletzung der Ge⸗ ſetze ernſtlich beabſichtigen könne, Es wurde ihm endlich unleidlich, die Ungewißheit, in welche ihn dieſe Gedanken ſtürzten, zu ertragen und 63 er entſchloß ſich, zu ſeinem Loche im Dachboden zurückzukehren und wo möglich ein genaueres Ver⸗ ſtändniß deſſen, was er bereits gehört hatte, zu erhal⸗ ten. Dort angelangt, fand er jedoch, daß die ganze Geſellſchaft bereits weggegangen war, mit Ausnahme von Oates, der beim Feuer ſaß, in einer ernſtlichen Unterhaltung mit Blood begriffen, aber in ſo leiſem Gemurmel, daß er nichts Deutliches daraus zuſammen⸗ ſetzen konnte. Die beiden Ehrenmänner tröſteten ſich mit Glühwein, welchen Blood in einem kleinen Topfe am Feuer ſtehen hatte. Da es ihm unmöglich war, auszufinden, was ſie miteinander beſprachen, und er ſich fürchtete, entdeckt zu werden, ſo kehrte Mervyn endlich zu ſeiner Hänge⸗ matte zurück und ſuchte ſich von der Aufreizung ſeiner Nerven, in die er gerathen war, zu beruhigen. Es dauerte aber lange, ehe ihm dies gelang; und er er⸗ reichte es theilweiſe nur durch den feſten Entſchluß, den er faßte, bei der erſten Gelegenheit Blood ſelbſt über die Meinung des Gehörten zu befragen; und wenn ſeine Antworten unbefriedigend ausfallen ſollten— Alles zu wagen— ſelbſt das Leben— um nicht länger in ſeiner Gewalt zu bleiben. Mit dieſem Entſchluſſe fiel er in einen unruhigen, traumbewegten Schlummer, aus welchem er erſt ſpät am folgenden Morgen erwachte. Mit dem Morgen kehrte zwar ſeine zur Gewohn⸗ heit gewordene Furcht vor dem Manne, den er zur Rede ſtellen wollte, zurück, aber er beharrte auf ſei⸗ nem Vorhaben, wenn auch mit etwas geſunkenem Muthe. Er ging hinunter mit einem glühenden Ge⸗ ſichte und fieberiſchem Pulſe, fand aber zu ſeiner Er⸗ leichterung, daß Blood nicht da war. Das Haus war vollkommen verlaſſen; die Treppe, durch welche der Obriſt gewöhnlich wegging, verrammelt und verriegelt; wie gewöhnlich hatte er für des Jünglings Frühſtück geſorgt— kalte Rebhuhnpaſtete für ſein Mittageſſen zurückgeſtellt, woneben bedeutſam der Kellerſchlüſſel lag. ½ 8 2 — 64 Stunden vergingen in dieſer traurigen Einſamkeit; die Nacht kam und mit derſelben noch finſterere und traurigerere Phantaſien, wie fie ihm ſeine troſtloſe Lage und die Erinnerungen der verfloſſenen Nacht reichlich zuführten. Aber jeder andere Gedanke wurde am Ende von ſeiner Ungeduld und ſeinem Unwillen über Bloods lange Abweſenheit verſchlungen; denn es wurde Mitter⸗ nacht, ehe er die Thüren aufſchließen und Bloods Tritt auf der Stiege hörte. Eine andere Enttäuſchung wartete ſeiner. Blood kam in Begleitung der zwei Bootsleute, deren ver⸗ dächtiges Ausſehen Mervyn ſchon früher, da er mit ihnen hieher fuhr, aufgefallen war. So ſpät es auch war, wurden doch dieſe beiden Herrn zum Nachteſſen mit ihrem Prinzipal eingeladen. Aber Mervyn war entſchloſſen, eine Erklärung zu fordern und blieb bis zum Ende des Gelages ſitzen, zur Unzufriedenheit Bloods, was dieſer durch Stirnrunzeln und Winke über den Schaden, den das ſpäte Aufbleiben für ſeine Geſundheit haben könnte, zu erkennen gab. Mervyn nahm ſich ſeinerſeits keine Mühe, ſeinen Verdruß zu verbergen und der Oberſt, aus Furcht, ſeine Begleiter möchten dies bemerken, entließ ſie bei der erſten An⸗ deutung, daß ſie aufzubrechen wünſchten. Während ſeiner Entfernung, um die Gäſte zu ihrem Auslaßthore zu begleiten,(wo dies nun in die⸗ ſem Zauberſchloſſe geweſen ſein mochte) verſuchte Mer⸗ vyn ſeinen Muth zu ſammeln und es gelang ihm, ei⸗ nen Ausdruck von Ruhe anzunehmen, als der Oberſt wieder erſchien, die Schlüſſel in ſeinem Gürtel tra⸗ gend, wie gewöhnlich. Er nahm mit einem finſtern, aber etwas unruhigen Blick auf den Jüngling ſeinen Sitz wieder ein, ſchürte bedächtlich mit einem bren⸗ nenden Stück Holze das Feuer auf und fragte, was zum Teufel er damit meinte, daß er ihn ſo mit ſeinen großen melancholiſchen Augen anſtarre, die hinreichend ſeien, eine Katze zu ſolcher Verzweiflung zu bringen, daß ſie ſich ertränken möchte. „Meine Meinung, Herr Blood, iſt die,“ ſagte Mervyn leidenſchaftlich,„daß ich es müde bin, ohne Urſache eingekerkert zu bleiben und daß ich die freie Luft zu athmen wünſche, die blos Verbrechern ver⸗ ſagt iſt.“ „In der That, Monſeigneur?“ erwiederte Blood ruhig.„Nun wohl, auch mir würde es angenehm ſein, die Luft der Maulbeergärten bei offenem Tages⸗ licht zu athmen, bin aber deſſenungeachtet genöthigt, bei der Nacht umherzuſchweifen, gleich einem Wehr⸗ wolfe, wie es die deutſchen Sumpfköpfe heißen.“ „Aber ich habe kein Vergehen auf mir liegen, daß ich eingeſteckt werden ſollte wie ein Maſt⸗ hühnlein im Korbe,“ rief Mervyn aus, denn nun war das Eis einmal gebrochen und ſelbſt nicht die wohl⸗ gegründete Furcht vor dem Oberſt konnte ſeine einge⸗ hemmte Gefühle länger zurückhalten. „Aber Ihr ſeid ein kleiner Jeſuit, Monſieur,“ ſagte Blood,„und als ein ſolcher großer und gefähr⸗ licher Unternehmungen fähig; und auf das Einfangen eines jeden Jeſuiten ſind fünfzig Pfund Blutgeld aus⸗ geſetzt. Nun, ob Ihr gleich noch jung ſeid, Knabe, könnt Ihr wohl gehört haben, daß das Ichneumon das Krokodill im Ei umbringt, he? Ueberdies, mein lieber Ichabod,“ ſetzte er mit einer Art ſpöttiſchen Ernſtes hinzu,„nimmt man an, daß Ihr in dieſem Augen⸗ blicke über das atlantiſche Meer ſegelt, verkauft als Sklave eines Coloniſten in Virginia!“ „Wie, Oberſt Blood, ſoll ich denn mein Leben lang eingekerkert bleiben?“ erwiederte Mervyn. „Dir fehlt noch was anders, Mervyn, als die bloße Entbehrung der Freiheit— die einem Studenten von St. Omer nicht ſo viel ausmachen kann?“ ſagte Blood, indem er ihn argwöhniſch anſah.„Ihr erröthet, Whitefriars. II. 3 5 66 junger Herr,— meiner Treu, Kind, dieſe Geſichtsfarbe wird Euch in dieſer Welt nicht nützlich ſein. Geſteht die Wahrheit— Ihr habt etwas von der Unterhaltung in der vergangenen Nacht gehört und wißt nicht, was Ihr daraus machen ſollt?“ „Es iſt wahr, Oberſt,“ antwortete Mervyn ent⸗ ſchloſſen.„Ich läugne es nicht, und ich befürchte, daß Ihr mit einander verabredet habt, eine, ich weiß nicht welche geſetzwidrige That zu begehen, um die Lügen des ſchwarzen Apoſtaten Oates zu unterſtützen!“ Zlood blickte den jungen Sprecher mit einem Aus⸗ druck von Wildheit an, der ihn zittern machte, aber nur einen Augenblick lang, worauf die gewöhnliche liſtige Ruhe zurückkehrte. „Du haſt Recht, junger Jeſuit,“ ſagte er mit einem trüben Lächeln.„Du haſt Recht— und es freut mich, Kind, daß Du die Sache zur Sprache gebracht haſt, denn ich wünſchte mit Dir darüber zu ſprechen. Wiſſe, Mervyn, daß, ſo ruchlos und gewaltthätig ich auch in Deinen Augen erſcheinen mag, ich einer Handlung un⸗ fähig bin— das heißt, ich konnte keine thun— hm!— die mehr nach Verrätherei, als nach Tapferkeit ſchmeckte. Aber ich bin ein armer Mann, und Geld iſt zur gegen⸗ wärtigen Zeit von unendlichem JVerthe für mich. Ver⸗ ſtandet Ihr, gegen wen dieſer Anſchlag gerichtet war?“ „Gegen eine obrigkeitliche Perſon, einen Puritaner, däucht mir,“ antwortete Mervyn, ohne ſich zu beden⸗ ken.„Aber der Verdacht ſollte niederträchtigerweiſe auf den Herzog von York gedreht werden.“ „Auch wieder richtig,“ ſagte Blood, ſein Auge vor dem feſten Blick Mervyns niederſchlagend.„Wieder richtig, Neffe. Aber Du haſt etwas in Deiner edlen Freimüthigkeit, das mir den Muth gibt, Dir mehr als blos halbes Zutrauen zu ſchenken. Sheriff Bethel, wie man ihn immer noch heißt, ein äußerſt heftiger Anhänger der Partei, iſt der Mann, deſſen man ſich bemächtigen will; aber ich geſtehe Dir, ich bin bei dem 67 Complott blos, um es zu verrathen! Schaftesbury's Honorar iſt ſchon in meiner Börſe, alſo dies Motiv wirkt nicht länger und, Neffe, ich bin in der katho⸗ liſchen Kirche geboren und hoffe, in ihrem vergebenden Schooße zu ſterben. Aber unſere heilige Mutter Reli⸗ gion gibt für Nichts, Nichts; und welchen größeren Dienſt könnte ich ihr thun, als dieſes ungeheure Com⸗ plott, zu ihrem Umſturz angelegt, an's Licht zu ziehen? Ha, Mervyn, fühlt Ihr Mark genug in den Knochen, mir in dieſem großen Werke beizuſtehen?“ „Der Tod ſelbſt würde mir willkommen ſein in einer ſolchen Sache!“ rief der Jüngling aus, gewon⸗ nen von Bloods ernſtem Tone und anſcheinendem Gefühl. „O, wir werden nicht ſterben, ſondern eine reiche Belohnung einärnten für unſere gute That,“ erwie⸗ derte Blood.„Wir werden die Gunſt und Dankbar⸗ keit des Herzogs gewinnen, was, dünkt mir, die ſchwind⸗ lichte Gönnerſchaft einer wilden Partei wohl aufwiegt, die am Ende den König ſo tief reizen wird, daß er ſie alle wie eine Schnur von Zwiebeln aufhängt. Ueber⸗ dies, Kind, erinnerſt Du Dich noch, in weſſen Geſell⸗ ſchaft Du mich zuerſt ſaheſt?“ W „Ich weiß nicht, aber es kommt mir vor, als ob ich Euch ſchon lange vor den jetzigen Zeiten geſehen hätte,“ erwiederte Mervyn nachſinnend. „Pah, pah, Kind, Ihr ſaht mich niemals vor jener Nacht mit dem Könige und ſeinen luſtigen Geſellen,“ ſagte Blood ſehr ſcharf. „Wohl und da ſie Euch mit viel Achtung und Vertrauen zu behandeln ſchienen, ſo wundere ich mich über Eure Undankbarkeit, daß Ihr Euch zu Ihren Fein⸗ den ſchlagt,“ ſagte Mervyn. „O, wenn Du über jede menſchliche Undankbarkeit das Maul aufſperrſt, ſo wird es weit genug werden, ehe Du ſtirbſt, mein Junge,“ antwortete Blood mit liſtigem Lachen.„Aber in dieſer Hinſicht bin ich das 68 gerade Gegentheil von meinen Genoſſen, denn dieſe ſcheinen wahr und ſind falſch, während ich falſch ſcheine und wahr bin. Kurz, Mervyn, ich bin dem Hof mit Leib und Seele ergeben, und Alles, was ich thue, ge⸗ ſchieht nach deſſen Vorſchrift, damit ich die Verſchwo⸗ renen auf den Punkt hinleite, von dem ihre Anſchläge auf ſie ſelbſt zurückgeworfen werden können.“ „Ihr guten Engel!— Ihr ſeid ein Spion des Hofes?“ rief Mervyn aus. „Ja, und der Kirche, deren Befreiung in dieſer, wie einige glauben, blutbefleckten Hand liegt!“ ſagte der Oberſt ſeine Hand heftig in die Höhe werfend und die Luft mit ſeinem mißgeſtalteten Daumen und Finger faſſend. Mervyn ſchauderte und ein peinlicher, aber unbe⸗ ſtimmter Gedanke zuckte durch ſeinen Geiſt, deſſen Spu⸗ ren er augenblicklich wieder verlor.„Oberſt Blood,“ erwiederte er wehmüthig,„Ihr wißt, daß ſchon in meiner Kindheit heilige Hände mich für den Dienſt der Kirche weihten; aber was Ihr noch nicht wißt, das will ich Euch nun ſagen— daß ich willig meinen letz⸗ ten Tropfen Blut vergießen wollte, um ihre Verge⸗ bung zu erhalten und meine eigene gerechte Rache an dem liſtigen Ungeheuer Titus Oates zu nehmen!“ „Nun denn, mein lieber Junge, ich will Euer Mithelfer ſein,“ rief Blood, wie es ſchien, vor Freude außer ſich.„Ihr ſollt meine Mittelsperſon, mein Dol⸗ metſcher werden und Euch den Beifall aller treugeſinn⸗ ten, guten Menſchen erwerben.— Zu gleicher Zeit ſoll Euer Wunſch nach einer Veränderung befriedigt wer⸗ den, und ich brauche nicht mit äußerſter Lebensgefahr auf meinen ſchwierigen Verhandlungen mit dem Hofe herumzuſchleichen. Aber ehe ich Euch mein ganzes Ge⸗ heimniß anvertraue, ſchwört mir, daſſelbe unverletzlich zu bewahren, gegen Alle und unter allen Umſtänden, die Folter ausgenommen.“ „Und die Folter dazu— keine Qual ſoll etwas 69 anders aus mir preſſen, als mein Blut!“ ſagte Mer⸗ vyn mit begeiſterter Heftigkeit. „Wohlan denn, Junge, unſer königliches Gegen⸗ complott iſt auch ſchon reif,“ fuhr der Oberſt in dem⸗ ſelben Tone fort.„Ich habe Befehl vom Könige er⸗ halten, von Allem, was ich über dieſe hochverrätheriſche Verſchwörung weiß, ein Zeugniß vor der Obrigkeit abzulegen. Von allen Friedensrichtern in London hat ſeine Majeſtät denſelben Mann ausgewählt, vor wel⸗ chem Oates ſeine erſten Angaben deponirte—(Sire Edward— wie heißt er?— Oh, Sire Edward God⸗ frey) die meinigen aufzunehmen; und dies deßwegen, weil der Herzog ihm Dienſte erwieſen hat und man weiß, daß er der königlichen Sache zugethan iſt. Du wirſt ſehen, unſre Contremine wird dieſe proteſtantiſche Mine in die Luft ſchleudern und ein ganzes Meer un⸗ ſchuldigen, katholiſchen Blutes erſparen, außerdem, daß es die großen Plane der Kirche fördert. Jedoch davon ein Mehreres morgen früh, Mervyn; jetzt ſind wir beide müde und ich möchte Euch nicht für meine ge⸗ fährlichen Plane anwerben(denn ſie ſind gefährlich) ohne Euch Zeit zu gehöriger Ueberlegung zu geben; zudhſ geht mit Euren Kopfkiſſen zu Rathe, und gute acht.“ Mit dieſen Worten ſtand Blood auf, reichte Mer⸗ vyn eine Fackel und fing an Vorkehrungen, um ſchla⸗ fen zu gehen, zu treffen, indem er Piſtolen und Hirſch⸗ fänger aus dem Gürtel nahm. Da er wußte, daß ein Verſuch zur Verlängerung des Geſprächs nutzlos ſein würde, ſo zog ſich Mervyn auf ſein unfreundliches Zim⸗ mer zurück mit etwas leichterem Herzen, als er es verlaſſen hatte. Als er am Morgen mit erneuerten und aufgehei⸗ terten Blicken hinunterging, fand er Blood mit der Bereitung des Frühſtücks beſchäftigt. Er nahm die Unterhaltung der verfloſſenen Nacht bald wieder auf, 70 indem er fragte, wann ſeine neuen Dienſtleiſtungen an⸗ fangen ſollten. „Noch dieſen Morgen, wenn Du willſt, mein Sohn,“ erwiederte der Oberſt.„Ich habe geheime und ſichere Nachricht erhalten, daß die Ormondes auf die Vermuthung gekommen ſind, ich hätte in Alſatia Zuflucht genommen, und Spionen ſind ſchon nach allen Nichtungen ausgeſendet. Daher darf ich mich, ſo lieb mir mein Leben iſt, nicht blicken laſſen— und dennoch drängt mich der König, mein Zeugniß noch zu rechter Zeit abzulegen, um Coleman und die fünf überwieſenen Jeſuiten zu retten.“ „Aber wie— aber wie, Herr Blood?“ rief Mervyn. „Ich bin im Beſitze gewiſſer Zeichen, durch welche ich ohne Zweifel Sir Edward— ich meine Sir Ed⸗ mundbury bewegen kann— mit mir an irgend einem heimlichen Platze zuſammen zu kommen und dort meine Angaben aufzunehmen— wenn ich nur einen treuen Boten finden könnte,“ ſagte Blood langſam und beob⸗ achtete vorſichtig ſein jugendliches Schlachtopfer.„Aber wahrhaftig es muß einer von feuerfeſter Treue und Muth ſein, denn wenn die Partei mein Vorhaben nur argwohnt, ſo wird ſie die Rückſicht für ihr eigenes Le⸗ ben nöthigen, das meine alsbald aufzuopfern. Verſtehſt Du mich, Mervyn?“ „Aber Sir Edmundbury Godfrei!— warum gerade Er?“ fragte Mervyn. 3 „Ich kenne keinen Andern, deſſen ausſpürende Sin⸗ nesart, deſſen Muth und geheime Hinneigung zu un⸗ ſerer Sache ihn willig machen würden, einem ſolchen Verlangen ein Ohr zu leihen,“ antwortete Blood ru⸗ hig.„Ueberdieß habe ich einen Brief vom Herzog von York, der ihm die vollkommene Sicherheit, mit der er unſer Geſuch erfüllen kann und den Vortheil, den es für den König hat, verbürgt. Aber der Bote!— ich 71 weiß nicht, wem ich einen ſolchen Auftrag anvertrauen könnte.“ „Und was fordert man von dieſem Boten? Wenn es weiter nichts iſt, als lieber zu ſterben, als Euch zu verrathen, Blood; ich—“ ſagte Mervyn, aber er hielt plötzlich inne, betroffen von dem kalten boshaften Lä⸗ cheln in des Oberſten Auge. Zu gleicher Zeit ſchwebte ein unbeſtimmter augenblicklicher Argwohn eines tiefer angelegten Spieles vor ſeiner Einbildung, verſchwand aber alsbald in dem hellen Tageslichte ſeines jungen Herzens. „Was man von ihm erwartet, Kind?“ ſagte Blood, indem er ſich ſtellte, als ob er dieſen Anflug von Zweifel nicht bemerkte.„Nun wohl, er muß ein blo⸗ ßer Bote ſein— kein Ausplauderer vom Hörenſagen, der über alle die eiteln Einbildungen und Befürchtun⸗ gen ſchwätzt, welche das Gehirn müßiger Menſchen heimſuchen. Er muß, mit einem Worte, nichts wiſſen muß nichts ſein, als ein Bote— ſonſt könnte er Gefahr laufen, ſeinen Hals in die Schlinge zu bringen. Sodann müßt Ihr ſchwören— ich meine, wenn Ihr Herz genug habt, Euren eigenen und der Kirche Triumph zu erringen— daß, wenn der Friedensrichter, die in dieſem Papiere bemerkten Bedingungen nicht beobach⸗ ten will, daß weder Drohungen noch Bitten Euch ver⸗ mögen, ihm oder ſeinen Myrmidonen zu meiner Höhle hier den Weg zu zeigen.“ „„Aber was für Bedingungen ſtehen darin, Herr Blood?“ ſagte Mervyn,„ſind es Eure Bedingungen oder die des Herzogs?“ „Sie ſind von beiden,“ erwiederte Blood.„Aber meine ſind kurz dieſe, daß wenn er überhaupt kommt, er allein komme. Ich bin nicht ſo dumm, daß ich einen Kopf, auf den drei tauſend Pfund geſetzt ſind, in den Bereich der Mutter Gerechtigkeit wage; und daß er keinem Menſchen ſage, wohin oder zu welchem Zweck er gehe. Was des Herzogs Bedingungen anlangt, ſo — 72 wird er nichts dagegen einzuwenden haben, wenn er anders kein beſonderes Vorurtheil gegen die Verände⸗ rung der Ritterwürde in den Rang eines Baronets hegt, und ſeines armen Friedensrichteramtes in das eines erſten Hausmeiſters des Herzogs.“ „Ich will Euer Bote ſein, und wenn Tod der Botenlohn ſein ſollte,“ ſagte Mervyn mit einer Feier⸗ lichkeit, die ſogar Blood rührte.„Aber verſteht mich wohl, Oberſt! Wenn Verrath irgend einer Art den Kern dieſes Geheimniſſes bildet, ſo will und werde ich den Augenblick nicht überleben, der mich zum unbewuß⸗ ten Werkzeuge derſelben macht. Wenn Ihr unter die⸗ ſem ehrlichen Schein ein Unrecht bezweckt, verlaßt Euch darauf, ich werde eher ſterben, als es zulaſſen. Ich will ganz Alſatia auf Euch hetzen; Ihr müßt zuerſt mich, Roiden, ehe Ihr ein Haar ſeines Hauptes ver⸗ etzt. „Gott ſei uns gnädig! Was für ein Geſchwätz das iſt,“ ſagte der Oberſt, und riß die Augen in theils wirklichem, theils erkünſteltem Erſtaunen auf.„Denkt Ihr denn, Herr, ich ſei ein Mörder von Handwerk und habe ein beſonderes Gelüſte nach einem Londoner Pöbelauflauf, der mich aus Alſatia verjage?“ „Nein, Blood, ich will Euch vertrauen,“ verſetzte Mervyn mit Ernſt.„Ich will Euch vertrauen, wenn Ihr mir ſchwören wollt, bei all Euren Hoffnungen auf Vergebung jenſeits, daß Ihr nichts als ein ehrliches Spiel im Sinne habt; denn ich gedenke mein Leben auf dieß Spiel zu ſetzen.“ „Glaubſt Du, daß einem Manne, der ſolche An⸗ ſchläge haben könnte, ein ſolcher Eid ſchwer fiele?“ er⸗ wiederte Blood grinſend.„Es geſchehe aber, wie Du willſt; ich ſchwöre es! Möge mich der Himmel für ewig freiſprechen oder verdammen, wenn ich Sir Ed⸗ mundbury Godfrey an Leib oder Leben zu ſchädigen gedenke. Aber nun, Mervyn, müßt Ihr Eurerſeits Euer Wort verpfänden, daß, wenn Euer Unternehmen fehl⸗ 73 ſchlagen ſollte, Ihr keinen Verſuch zum Entkommen macht— ſtill! ich meine, daß Ihr die Nachricht hieher zurückbringen wollt.“ „Ich verbürge meine Ehre, Blood!“ ſagte Mervyn. 1 4 „Ein Jude würde Euch keinen Pfennig auf dieſes Gfand leihen,“ bemerkte Blood lächelnd.„Aber Ihr ſeid ein Edelmann von der Natur dazu gemacht und Euer Wort iſt mir lieber als die Verſchreibung eines Kaufmannes.“ „Aber wie, wenn Sir Edmundbury meiner Aus⸗ ſage nicht glaubt und mich feſtnehmen läßt?“ fragte Mervyn. 4 4 „Er wird nicht— er darf nicht, nachdem er die⸗ ſen Brief geleſen hat,“ antwortete der Oberſt, indem er einen mit dem königlichen Wappen geſiegelten her⸗ vorzog.„Und ſollte er es thun, ſo habe ich des Kö⸗ nigs Wort dafür, daß Ihr begnadigt werdet.“ „Aber, wie ſoll ich ihn bewegen, hieher zu kom⸗ men?“ ſagte Mervyn mit zögerndem Zweifel.„Wird ihn nicht gerade dieſe Loyalität abhalten, zu kommen?“ „Heiliges Leben! nein, ich verbürge es,“ ſagte der Oberſt eifrig.„Wie, Mann, er hat die Gewohnheit, bei Tage und Nacht in jeder möglichen Verkleidung um die Friary herum zu ſchleichen; und wenn er ſich das Lager ſeines Wildes gemerkt hat, plötzlich ſtürzen die Bluthunde des Geſetzes in's Heiligthum und räu⸗ men auf, wie die Habichte unter den Küchlein. Nun, wohl, wenn Ihr nicht gehen wollt, ſo laßt Oates die Herrſchaft in der Küche behalten, und er wird am Ende ein herrliches Feſtmahl auftiſchen!“ Der bloße Laut dieſes verhaßten Namens fachte alle Leidenſchaften Mervyns zur Flamme an, und er willigte ſogleich in alle Anordnungen des Oberſts. Es wurde entſchieden, daß er ſogleich auf ſein Abenteuer ausgehen ſollte. Blood brachte aus ſeiner Garderobe einen kurzen orangebraunen Sammtmantel herbei, ge⸗ 74 ſtickt mit dem königlichen Wappen, und einem drei⸗ eckigen Hut mit Goldfedern, was er zum Behuf einer Verkleidung angeſchafft zu haben verſicherte, falls er einwilligen würde, das Amt zu übernehmen. Mervyn legte dieſe Livrée nicht ohne eine kleine Zufriedenheit über die durch die Zauberkraft der Kleidung in ſeinem Ausſehen bewirkte Veränderung an, und wurde ſodann von Blood zu dem Thore geleitet, wodurch er zuerſt eingetreten war, wo er munter in ein Boot ſprang, das auf ihn gewartet zu haben ſchien; erwiederte Blvods Händedruck und„Behüt' Dich Gott!“ ohne weder das finſtre Lächeln, womit ihn der Oberſt fort⸗ rudern ſah, noch das geheime Signal zu bemerken, das dieſer mit den Bootsleuten austauſchte. Sechstes Kapitel. Sir Edmundbury Godfrey. Es war gegen zehn Uhr an einem Samſtag Mor⸗ gen, als Mervyn den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte, und da er an's Ufer geſprungen, ſich zum erſten Mal in der Mitte einer großen Stadt, ſeiner eigenen Ver⸗ antwortlichkeit überlaſſen ſah. Die Neuheit ſeiner Lage gab ihm freudigen Muth, und er blickte mit ſtolzen und zufriedenen Blicken um ſich, als ob er fühlte, daß die Stunde der Prüfung gekommen ſei und ihn nicht unwürdig finden werde. Sie waren jetzt an den Stu⸗ fen von Weſtmünſter und von da beſchrieb ihm einer der Bootsleute den Weg zu Sire Edmundburys Haus, das hinter den Whitehallgärten lag. Es war ein nie⸗ driges, aber außerordentlich ſchmuckes und hübſches Ge⸗ 75 bäude, umgeben von einem freundlichen Garten und all' den gewöhnlichen Anzeigen eines Mannes von ei⸗ nigem Range und anſehnlichem Vermögen. Die Hausthüre ward von einer langen, ſteifen, puritaniſch ausſehenden Dienſtmagd aufgethan, die mit der froſtigſten Schicklichkeit angezogen und alt und häßlich genug war, alles Scandal von dem Beamten, einem Wittwer, abzuhalten. Mervyn wurde augen⸗ blicklich vorgelaſſen, da er eine Botſchaft hinaufſandte, die ihn Blood gelehrt hatte und in ein Gemach ge⸗ führt, worin der Friedensrichter gewöhnlich ſeine amt⸗ lichen Geſchäfte beſorgte. Es war leer und ohne Haus⸗ rath mit Ausnahme von ein paar Bänken, einem Pult für den Schreiber, einem hohen Stuhl für die Magi⸗ ſtratsperſon ſelbſt, und einer alten Wanduhr. Sire Edmundbury ſaß an dieſem Schreibpulte und durch⸗ ſah einige Papiere; neben ihm lag eine dicke, kleine, ſilberbeſchlagene Bibel. Ihm zur Seite ſaß ein großer Mann, mit harten Geſichtszügen, in der Kleidung eines Indepedenten⸗Predigers, und einer ſchwarzen, runden Kappe, die ſeine dünnen, grauen Haare eingränzte. Sie ſchienen in einem Geſpräche begriffen, das bei Mer⸗ vyns Eintritt aufhörte. Die üblichen Begrüßungen wur⸗ den gewechſelt, und Mervyn bemerkte, daß der Geiſtliche mit auffallendem und nachdrücklichem Erſtaunen von ihm auf Sir Edmundbury blickte. Der Jüngling über⸗ reichte indeſſen ſeinen Brief mit keiner andern Erklä⸗. rung, als einer tiefen Verbeugung, auf welche Sir Edmundbury haſtig dankte und das Sigel mit ſichtli⸗ cher Bewegung erbrach. Er las den Inhalt mit ge⸗ falteter Stirne und wie es ſchien zweimal, ehe er einen Beſcheid gab.— „Der Himmel erbarme ſich über uns Alle, aber da iſt zu ſehen, wie er ſeinen Willen auf Erden thut, ja, und zu Zeiten mit ſittlichen Zeichen!“ ſagte er end⸗ lich, indem er ſich zu dem Geiſtlichen wandte.„Ich habe, wie Ihr wißt, ſoeben einen ſtrengen Verweis 76 von Mylord Danby erhalten, wegen meiner Aufnahme, von Oates Angabe, ehe dieſer vom Rathe verhört worden ſei, und nun kommen Creigniſſe an's Tages⸗ licht, welche— jedoch ich vergeſſe, Herr Baxter, daß Ihr die Verſchwörungsgeſchichte liebt.“ „Aber Gerechtigkeit noch mehr, Bruder Godfrey,“„ verſetzte der Doktor mit Nachdruck.„Wenn die un⸗ glücklichen und verirrten Menſchen, welche nun auf die ſchrecklichen Anklagen hin eingekerkert ſind, unſchuldig ſein ſollten, Gott verhüte, daß ein Tropfen ihres Blu⸗ tes vergoſſen werde und wenn es die Kirche ſelbſt vom Untergange retten könnte! Aber was für eine neue Entdeckung habt Ihr denn gemacht? Ach Bruder, Bru⸗ der, ich fürchte, ſie fließt aus einer zu unreinen Quelle, als daß es gutes, heilſames Waſſer ſein könnte. Dieſer junge Mann trägt des Herzogs Livree, ich bin deß gewiß, in ſeinem Herzen eben ſo wohl, als auf ſeinem Rücken.“ „Ich bin in keines Herrn Dienſte, als in dem der wahren und gerechten Sache, Herr!“ antwortete Mervyn. i, dann däucht es mir, daß Du klüger gethan hätteſt, das glitzernde Deckwerk zu Hauſe zu laſſen, be⸗ ſonders auf einem Beſuche zu mir, Herr Page,“ ſagte Godfrey, etwas unmuthig.„Aber man gibt mir zu verſtehen, daß Ihr nichts von dem Inhalt Eurer Bot⸗ ſchaft wiſſet, und ſo weit iſt Alles recht. Ich muß auf kurze Zeit ausgehen, Bruder Baxter; aber werdet nicht ungeduldig, denn Ihr könnt Euch auf mein Wort ver⸗ laſſen, daß dieſes Tagewerk uns die Gunſt des Hofes verſchaffen wird und Aller derer, welche die Gerechtig⸗ keit lieb haben, deren ſchneeweißer Mantel rein zu er⸗ 3 halten, ſelbſt auf die Gefahr meines Lebens, ich durch meinen Amtseid verpflichtet bin.“ „Und dennoch ſei anf Deiner Hut, mein werther Freund!— das Sprüchwort ſagt, ſchau, ehe Du ſpringſt,“ ſagte Baxter feierlich.„Es ſteht mir nicht zu, Euch über Euren Eingang und Ausgang zur Rede zu ſtellen, aber ich möchte anempfehlen— Nehmet Eure Füße in„ 77 Acht, damit ſie nicht, ehe Ihr Euch deſſen verſehet, in einen papiſtiſchen Fallſtrick verwickelt werden!“ „Nein, Richard, nein!“ ſagte Sir Edmundbury eilfertig;„Ich bin in dem Stadtbezirke, wohin ich nun gehe, ſchon oft geweſen und habe mich bis jetzt nicht ſchlimmer darauf befunden. Dies Document enthält Sachen, die ich nicht bezweifeln oder aufſchieben kann. Und ſieht dieſer Jüngling einem treuloſen Botſchafter gleich?“ „Ich ſprach von Eurer geiſtlichen und nicht von Eurer leiblichen Sicherheit, Bruder,“ verſetzte Baxter kalt.„Und was den Jüngling betrifft, ſo wage ich es zu verbürgen, daß er ehrlich iſt, denn er hat Ehre deutlich in ſeinem Geſichte geſchrieben. Wohl, ſo gehet denn, wenn Eure Pflicht es erheiſcht.“ „Ihr ſagt, daß Ihr nichts von der Sache wißt, die in dieſem Briefe von mir gefordert wird, junger Mann?“ hub Godfrey zu Mervyn an, indem er ihn ernſtlich anſah. „Ich ſoll Eure Wohlwürden dahin geleiten— wo⸗ hin wißt Ihr— zu einer Zuſammenkunft mit dem Schreiber des Briefes,“ antwortete Mervyn. „Wenn Du mit Deinem ehrlichen Geſichte, meine Sicherheit verbürgen willſt,“ hob der Friedensrichter an und hielt ſodann mit einem erzwungenen Lächeln inne, und, indem er ſeine Tabacksdoſe hervorzog und eine lange aromatiſche Priſe einzog, ſetzte er hinzu— „aber was kannſt Du thun, ſei es zu retten oder zu verderben?“ „Ich verpfände mein Leben und meine Ehre für Cuer Wohlwürden vollkommene Sicherheit,“ entgegnete ervyn. „Wohlan denn, mein koſtbarer Herr Baxter, ich muß gehen,“ ſagte Godfrey, indem er aufſtand und mit einer kleinen Glocke neben ihm ſchellte.„Ich werde um zwei Uhr zum Mittageſſen heim kommen—(Rachel, bringe mir meinen Mantel und Degen— ſie liegen neben der großen Uhr)— und hoffe Euch alsdann hier zu finden, Bruder.“ „Bitte, nimm mich als Deinen Gefährten mit,“ ſagte Baxter, indem er unruhig ſeine Stellung wech⸗ ſelte.„Wir leben in einer grauſamen und ruchloſen Zeit, und wer weiß, was für Anſchläge gegen uns Alle im Werke ſind, jetzt, da ſich die Jeſuiten eingeſchloſſen und dem Untergange nahe ſehen.“ „Mit Eurer Gunſt, Herr, das geht nicht an,“ ſagte Mervyn mit Feſtigkeit. „Nein, gewißlich— nein, Richard,“ erklärte God⸗ frey, indem er Hut und Mantel anlegte, die ihm Ra⸗ chel, gravitätiſch den Mund zuſammenziehend, entgegen⸗ hielt.„Ich bin ein zu alter Vogel, als daß ich mich mit Spreuer fangen ließe. Aber ich fürchte kein Uebles: Der ſtarke Glaube, der mir zur Seite ging durch die großen Gerichte des Stadtbrandes und der Peſt und mich allein von allen denen, die mit Anſehen bekleidet waren, auf meinem Poſten erhielt, wird mich annoch bewahren. Wo nicht— Sein Wille geſchehe!— mein mir beſtimmter Lauf iſt dann vollbracht!“ Er ſetzte ſodann einen eigenthümlichen Hut mit dem Goldbande auf, gürtete ſein Schwert um, ſchüttelte Baxters Hand und ſchickte ſich an, fortzugehen. „Doch, hoffe ich, wirſt Du dieſen Stab geiſtlichen Lebens nicht zurücklaſſen,“ ſagte Baxter und reichte ihm das dicke Bibelbüchlein.„Mir däucht, kein chriſtlicher Pilger ſollte ſich in die Sandwüſten der Welt wagen, ohne das Geleite dieſer heiligen und köſtlichen Feuer⸗ ſäule, die in der Dunkelheit vor ihm hergehe!“ 4 Godfrey ſtimmte willig bei und ſteckte den Band in ſeine Taſche und murmelte dabei, daß es nothwen⸗ dig ſein werde, die Angaben zu protokolliren, und ſie verließen das Gemach unter der wiederholten Ver⸗ ſicherung des Sir Edmundbury, daß er um zwei zum Mittageſſen kommen werde. Sie fanden das Boot an der Weſtmünſtertreppe auf ſie wartend, ſchifften ſich ein, und ruderten ſogleich Whitefriars zu. Ein dicker Nebel, der über dem Strome lag, verhinderte die Reiſenden, etwas mehr als eine verwirrte Maſſe von Häuſern an dem Ufer zu erblicken, und Mervyn war ſo in Gedanken vertieft, daß er zu⸗ ſammenfuhr, als das Boot in den gewölbten Weg vor Bloods Hauſe hineinſchoß, und es kaum begreifen konnte, daß ſie ſchon am Ziele ſeien. Einer der Bootsleute zog einen ſchweren Schlüſſel heraus, den ihm, wie er ſagte, der Oberſt auf den Fall gegeben hätte, daß er bei ihrer Ankunft nicht zu Hauſe wäre. Mervyn ſteckte ihn in das Schloß, und drehte den roſtigen Riegel mit einiger Schwierigkeit auf, während Godfrey mit tiefer, neugieriger Aufmerkſamkeit um ſich blickte. Das Thor ſchwang ſich ſchwerfällig zurück, und Mervyn lud Godfrey ein, einzutreten, der nach einer ſonderbaren zögernden Pauſe Folge leiſtete. Er ſchlug darauf das Portal zu, verriegelte es und ſah ſich nun mit Sir Edmundbury allein in der verfallenen Halle des Gei⸗ ſterhauſes. Siebentes Kapitel. Oates geiſtlicher Beſuch. „Am Morgen deſſelben Tages, an welchem die eben erzählten Begebniſſe ſich zutrugen, ſah man Titus Oa⸗ tes oder Sanct Titus, für den ihn das Volk nun nahezu hielt, den Strand hinunter ſchleichen und in die Werkſtätte des Silberſchmieds Prance gehen. Er fand den armen Mann, wie gewöhnlich, ſehr beſchäf⸗ tigt und bat unter Verſicherung, daß er ihn nicht 80 ſtören wolle, blos, daß einer der Lehrjungen ihn an⸗ melden möchte. Aber durch die Ereigniſſe der wenigen Tage, welche Oates berühmt gemacht hatten, war ſein Verhältniß zu dem dicken Silberſchmied völlig um⸗ geſtaltet worden. Prance war ihm eigentlich niemals hold geweſen, aber die Furcht vor ſeiner Frau und die Aengſtlichkeit, ſeine papiſtiſchen Geſinnungen zu verbergen, hatten ihn vermocht, eine große Herzlichkeit gegen Oates vorzuſpiegeln. Jetzt aber hielt er ihn für beinahe ebenſo furchtbar, als den eingefleiſchten böſen Feind in Perſon und behandelte ihn deshalb mit ſo übermäßiger Freundlichkeit, daß der Doktor ſelber ſich verwunderte. Indem er ſich einmal über's andere wegen dringender Geſchäfte entſchuldigte, begleitete er ihn bis zu der Thüre von ſeiner Frau Wohnzimmer und verließ ihn mit einem ſo tiefen Gefühl der Er⸗ leichterung, als ob er der Folter entgangen wäre. Oates klopfte beſcheidentlich an und eine weibliche Stimme, mild, mit unterdrückter Bosheit, lud ihn zum Eintritte ein. Miſtreß Prance ſaß bei einem behaglichen Kaminfeuer und war gerade mit dem Stricken von ein paar ſcharlachrothen Strümpfen be⸗ ſchäftigt; aber ihr munteres Matronenantlitz erröthete noch mehr, da ſie den ehrwürdigen Beſucher eintreten ah. „Bleibet doch ſitzen, Schweſter, bleibet ſitzen,“ ſagte er mit einem Tone herablaſſender Wichtigkeit. „Ich bin noch derſelbe arme Diener des Hä—ern, den Ihr von allen andern zuerſt mit Ehre aufnahmet. Wird der Werth des Diamants deswegen größer, daß ihn der Juwelier glänzend geſchliffen hat? Aber Ihr habt ohne Zweifel gehört, was ſich zugetragen und wie ich berufen worden bin, mein Zeugniß abzulegen und ein Prophet in Iſrael zu werden.“ „Wir haben es in der That vernommen, Meiſter Oates, und mit aufrichtigſter Erhebung des Herzens,“ ſagte Miſtreß Prance mit einem Seufzer.„Aber wie 81 Ihr einen Augenblick der koſtbaren Zeit Eures Ausjä⸗ tens und Schneidens in dem Weinberge für mich er⸗ übrigen könnt, das ſetzt wirklich Eurer Güte die Krone auf und iſt ein koſtbares Wahrzeichen der De⸗ muth.“ „Meine gegenwärtige Sendung, Schweſter Su⸗ ſanna,“ ſagte Oates feierlich,„betrifft nichts Geringe⸗ res, als die Rettung Eures Ehemannes, ja, und ſo⸗ gar Eurer ſelbſt von Verderben und dem Bettelſtabe!“ „Was meint Ihr damit, Meiſter Oates?“ ſagte die Matrone, indem ſie ihre Arbeit fallen ließ und den Heiligen mit großem Ernſte anſah. „Schrecket nicht zuſammen; ich habe kein Uebles, ſondern Gutes gegen Euch im Sinne,“ erwiederte Oates, indem er ihre fette, weiße Hand ergriff und zärtlich drückte. „Ihr wißt, ich habe Euch jederzeit— mit der Liebe eines Bruders angeſehen— einer heiligen Freundſchaft, welche alle Liebe fleiſchlichgeſinnter Menſchen überſteigt. Auch wißt Ihr, daß ich jetzt gewaltig bin zu retten oder zu verderben— daß ein Wort von mir— oder wenig⸗ ſtens ein Eid— Euren Eheliebſten an den Galgen bringen und Euch in der Blüthe Eurer Jahre und Schönheit zur Wittwe machen könnte.“ „Ei, hört doch einmal, Meiſter Oates? ich hoffe nicht,“ ſagte Miſtreß Prance, während ihr Lächeln ein kleines Grübchen auf der fetten Wange ſehen ließ. „Ich weiß gewiß, ich würde mich ſchrecklich ausneh⸗ men in ſchwarzen Trauerkleidern, nnd der arme, liebe Prance! Gewiß, es bringet mich zum Heulen„ wie eine Zwiebel, wenn ich nuͤr daran denke.⸗ „Euer Eheherr iſt in Gefahr, Suſanna; man iſt ſeinen Kniffen auf die Spur gekommen!“ ſagte Oates mit Nachdruck.„Und noch etwas mehr als ſein Leben ſteht auf dem Spiele; denn wenn ſein Dienen am Al⸗ tar der ägyptiſchen Götzenbilder herauskommt, ſo iſt ſawoßt ſein Vermögen als ſein Hals der Krone ver⸗ allen.“ Whitefriars. II. 6 82 „Herr, hilf uns, Meiſter Oates! das kann nicht Euer Ernſt ſein?“ rief Miſtreß Prance in großer Be⸗ ſtürzung. „Ich ſpreche im Ernſt, Schweſter Suſanna,“ ſagte Oates;„ſeine Winkelzüge und ſein Verkehr mit den verrätheriſchen Jeſuiten ſind bekannt in der Ecke, aus welcher dieſer Sturmwind bläst, auf dem ich reite. Man hat im Sinne, alle den papiſtiſchen Abtrünnigen zuerkannten Schreckniſſe über ihn zu verhängen!“ „Barmherzige Güte! und was ſoll man da an⸗ fangen? Lieber Doktor! was können wir thun?“ „Wir?“ ſagte Oates.„Wir! ich kann nichts thun, Miſtreß Prance, ſo lange ich keine beſſere Gründe zum Einſchreiten habe, als die, welche ich an⸗ zuführen wagen darf. Freilich, wenn er auf irgend einer offenen That entdeckt würde, die ihn in unſere Gewalt brächte, ſo könnte ich hoffen, meinen auf dieſe Art erlangten Einfluß anzuwenden, um Euch von Ar⸗ muth und Elend zu retten und ihn von gänzlichem Verderben in dieſer und der zukünftigen Welt.“ „Aber wie!— man müßte ihn der Meſſe in der Fnfain Kapelle anwohnen ſehen?“ ſagte die Matrone haſtig. „Nein, nein; in einem Verbrechen von ſo fürch⸗ terlichen Folgen möchte ich ihn nicht abfangen, nicht für fünfzig Seckel!“ antwortete der würdige Mann mit einem liſtigen Lächeln;„ich möchte ihn blos auf einer unbedeutenden Handlung ertappen, die ſeine Verbin⸗ dung mit der Partei darthäte, und dann könnte ich mich des dadurch erhaltenen Anſehens bedienen, um ihm ſanftmüthig, wie ein Bruder dem andern, die Gefahr und den Irrthum eines ſolchen papiſtiſchen Thuns vorzuhalten und ihn mit Güte zum Heiligthum zurückzuführen.“ „Aber wie kann man dieſes anſtellen, koſtbarer Meiſter Qates?“ ſagte Miſtreß Prance, indem ſie ihre Augen mit der Schürze wiſchte. 83 „Es fällt mir etwas ein, Suſanna,“ verſetzte der Doktor tröſtend;„trocknet dieſe hellen Edelſteine, meine theure Schweſter in der Liebe und tröſtet Euch. Sag⸗ tet Ihr mir nicht einmal, daß, ſo lange Gadden, der Jeſuit, von Somerſetthouſe abweſend iſt, Euer mernn die Schlüſſel zu ſeinen Zimmern in Verwahrung at?“ „Ja, wahrlich, theurer Oates! aber Ihr ſchwuret bei Allem, was heilig iſt, Ihr wollet es niemals aus⸗ ſagen,“ ſagte Miſtreß Prance in ſichtbarer Beſtürzung. „Still, thörichtes Weib!“ erwiederte Oates un⸗ muthig,„aber wir müſſen zu einer kleinen ehrlichen Liſt unſere Zuflucht nehmen. Sagt zu Prance, als ob es vom Herzog von York käme, daß der verbannte Zeſuit heimlich zurückgekehrt ſei und die Schlüſſel zu ſeinen Zimmern brauche; und daß er ſich deshalb um Mitternacht in dem Hofe von Somerſethouſe mit ihnen einfinden müſſe. Dann werde ich ihn an Gaddens Statt dort erwarten; und werde, indem ich ihn ſo auf der That extappe, eine Autorität über ihn erhalten, die ich anwenden will, um ihn zu einem Erkenntniß ſeines Irrthumes zu bringen. Nach dieſem(denn es muß ihm gar manches bekannt ſein) kann ich ihn auf meinem großen Kreuzzuge gegen die Jeſuiten, der ein eben ſo einträgliches als heiliges Werk zu werden ver⸗ ſpricht, verwenden.“ Miſtreß Prance hörte dieſem hinterliſtigen Vor⸗ ſchlage mit bedeutendem Zweifel zu, wie ſich auch auf ihrem Geſichte ausdrückte. Bei all ihrer unbegrenzten Ehrfurcht für ihren geiſtlichen Rathgeber, machte ſie ſein Vorſchlag ſtutzen; denn auch in der, auf's aller⸗ künſtlichſte zuſammengeſchmolzenen Falſchheit, bleibt immer ein nicht zu beſchreibender Mangel an Wahr⸗ ſcheinlichkeit übrig, der ein Körnlein Zweifel in des argloſeſten Schluckers Trank miſcht. Aber der gewin⸗ nende Ton und die Verſprechungen von Oates, und vor allem der Schrecken und die Majeſtät, die ſeine 84 jüngſten Unternehmungen über ihn verbreitet hatten, vermochte ſie endlich, ihm das verlangte Verſprechen zu geben. Und damit, wenigſtens ſo weit er auf unſere Erzählung Bezug hat, endigte der Beſuch. 4 Achtes Kapitel. Godfrey's letzter Ausflug nach Alſatia. Beinahe in demſelben Augenblicke, in welchem Oates ſeinen Vertrag mit Schweſter Suſanne abſchloß, folgte der umwiſſende Gegenſtand dieſer hinterliſtigen Vorkehrungen Mervyn in Bloods Haus. Er blickte um ſich, zuerſt etwas überraſcht von der Stille und Verödung, die hier zu herrſchen ſchien; folgte aber, ohne etwas zu ſagen, dem Jünglinge nach, der zu dem Ge⸗ mache hinanſtieg, wo er den Oberſt zu finden erwar⸗ tete. Da ſie den Corridor erreicht hatten, kam es Mervyn vor, als ob er die Thüre unten hinter ihnen zuſchließen höre, aber nach einem augenblicklichen Stille⸗ ſtehen, ſchrieb er es dem aufgereizten Zuſtand ſeiner Nerven zu und eilte vorwärts. S ie gingen in das gemalte Zimmer, wo Mervyn mit Gewißheit Blood zu finden hoffte, aber zu ſeiner Ueberraſchung, war es völlig verlaſſen, und wenige noch glühende Kohlen auf dem Herde waren die einzige An⸗ zeige einer bewohnten Stätte. Er verbarg jedoch ſeine Verwunderung, bemerkte gegen Sir Edmundbury, daß der Herr, mit dem er hier zuſammenkommen ſollte, durch einen Zufall aufgehalten worden ſein müſſe und fing an, die Kohlen zu einem Feuer anzublaſen. Während er damit beſchäftigt war, ſetzte ſich God⸗ frey nieder, ſchaudernd wie es ſchien vor Kälte, und 8⁵ warf einen langen und ängſtlichen Blick im Zimmer umher. „Iſt dies nicht das alte, zerfallene Haus,“ ſagte er mit einem unmerklichen Schauder,„das in White⸗ friars unter dem, Namen von„Aumerles Thorheit“ bekannt iſt?“ „Ich hörte es niemals anders, als das Geiſter⸗ haus nennen,“ erwiederte Mervyn.„Aber dieſe Aumer⸗ les müſſen eine große Familie geweſen ſein; überall hört man von ihnen.“ „Ja, ein großes und glorreiches Geſchlecht, von einem Blute, das, von der Heptarchie bis auf unſere Zeit, unverfälſcht von normäniſcher Beimiſchung ge⸗ floſſen iſt,“ antwortete Godfrey.„Sie rühmen ſich mit Stolze, daß auch nicht ein Tropfen von dem niedrigen und gemeinen Blute der Abenteurer, die Wilhelm den Baſtard auf ſeiner Eroberung begleiteten, den Fluß ihrer reinen Abkunft befleckt habe. Sie find ſo ächt Engliſch, Herr, als die Eichen. Ich muß das und mehreres von ihnen wiſſen; denn mein Großvater, war ein halbes Jahrhundert lang ihr erſter Haus⸗ meiſter und wohnte in dieſem Hauſe.“ „Aber ſie ſind nun erloſchen— alle?“ ſagte Mer⸗ vyn, mit einer Aufmerkſamkeit, für die er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte. „Mylady Howard iſt der letzte Sprößling und Erbe,“ erwiederte Godfrey.„Und wie ſie die letzte iſt, ſo iſt ſie auch, ſo zu ſagen, die Eſſenz von allen ihren guten und böſen Eigenſchaften. Sie verließ ihren edlen, reichen und liebenden Gemahl, dem Verſchwen⸗ der Howard zu Liebe; und da ſie durch jenes Tod frei wurde, ſchenkte ſie ſich ſelbſt und ihren ganzen Reich⸗ thum ihrem Verführer. Aber ich wundere mich über dieſe Wahl eines Stell dich ein. Das Haus ſteht in einem böſen Geruch.“ „Aber Euer Wohlwürden fürchtet ſich gewiß nicht vor Geſpenſtern?“ ſagte Mervyn. 86 „Was für ein Geiſt ſoll denn hier umgehen?“ fragte Godfrey, nachdenklich. „Oh, ein dürrer, alter Mann mit einem grauen Bart, in Bauernzeug gekleidet mit ein paar bleiernen Schnallen an den Schuhen,“ ſagte Mervyn, indem er ſich zum Lachen zwang. „Ach, ſo erinnere ich mich, meinen unglücklichen Großdattr geſehen zu haben,“ verſetzte Sir Edmund⸗ ury. „Was— Ihr ſeid ein Nachkomme des alten Geiz⸗ halſes, Herr?“ rief Mervyn. „Biſt Du allein in dieſer ſkandalgierigen Stadt in Unwiſſenheit darüber?“ erwiederte Godfrey mit melancholiſchem Ernſte.„Ich bin der Sohn jenes elenden Verbrechers, der ſeine Hand in dem Blute ſeines Vaters färbte, und, nachdem er der gerechten Strafe für ſein Verbrechen entflohen, zum ungläubigen Türken überging und unter ſeiner Fahne vor Belgrad fiel.“. „Gott vergebe ihm, wenn das möglich iſt!“ ſagte Mervyn ſich bekreuzend. „Amen!“ fügte Godfrey hinzu.„Aber immer noch bleibt es mir ein Räthſel, daß der Herzog mich zu einer Zuſammenkunft hieher eingeladen haben ſoll.“ „Herzog, Herr! welcher Herzog?“ ſagte Mervyn, dem dieſes Wort nun erſt auffiel. 1 „Ich ſehe, Knabe, Du biſt nicht in das Geheim⸗ niß eingeweiht,“ erwiederte Godfrey.„Die Zeit wird Alles aufklären. Aber werde nicht neugierig, die ge⸗ fährlichen Staatsgeheimniſſe zu wiſſen; denn große Männer bekümmern ſich wenig darum, was für un⸗ ſchuldige Blumen ſie auf ihrem Wege zum Triumph zertreten.“ „Ich bitte Euch, wohlwürdiger Herr, erklärt mir die Sache,“ ſagte Mervyn ernſt.„Ich fürchte keine Folgen für mich, aber für Euch. Sagt mir, erwartetet Ihr, den Herzog von Monmouth hier zu finden?“ 87 „Nein, der Himmel verhüte!“ rief Godfrey und fuhr zuſammen. Darauf ſchwieg er und blieb geraume Zeit in tiefes, düſteres Sinnen verloren, welches Mervyn nicht zu unterbrechen wünſchte, beſonders da er ſeinen eigenen, unruhigen Phantaſien nachhing. Während dieſer Pauſe, ſchürte er mechaniſch das Feuer auf, und hörte die ferne St. Pauls Glocke 3 Uhr ſchlagen. Godfrey zählte die Schläge an ſeinen Fingern und bemerkte dann mit Lächeln,„wie oft habe ich in mei⸗ ner Kindheit dieſem feierlichen Glockenſchläge gelauſcht, wie er ſich über das Waſſer näher ſchwang, und mich verwundernd gefragt, von welcher fernen Welt er wohl herüber komme. Aber der Herzog bleibt lange über die verabredete Zeit aus. Ich wette, wenn eine ſchöne Dame ſeiner wartete, ſtatt einer alten Magiſtrats⸗ perſon— aber ich vermuthe, das langweilige Geſchäft wegen der Seeſchlacht mit den Holländern hält ihn auf dem Admiralitätshofe zurück.“ „Und zudem iſt Euer Wohlwürden Mittageſſens⸗ zeit vorüber,“ ſagte Mervyn.„Aber obgleich wir kei⸗ nen Ueberfluß an Geräthe in unſerer Höhle hier haben, ſo ſind wir doch, dem Himmel ſei Dank, hinlänglich mit Labſal für den Leib des Menſchen verſehen und haben auch etwas für einen Freund übrig;“ und Mer⸗ vyn brachte den Vorrath ſeiner Speiſekammer herbei mit einem Humpen voll glühenden Clarets. Der Alte trank gierig einen Becher Wein aus und wurde allmählig heiterer, während der Claret und eine Wildprätpaſtete unter ihren Bemühungen ver⸗ ſchwanden. Während ſie ſo bei ihrem Mahle ſaßen und plau⸗ derten, vermehrte das tiefere Dunkel der Abenddäm⸗ merung die natürliche Düſterheit des Gemaches und die Unterhaltung nahm nnwillkührlich einen trübern Anſtrich. Mervyn wurde insgeheim immer unruhiger, denn er konnte auf keinen wahrſcheinlichen Grund für 88 Bloods verläugnete Abweſenheit rathen; obgleich ſie für die Lauterkeit ſeines Vorhabens zu ſprechen ſchien. Auch bei Godfrey fand eine untere Strömung der Ge⸗ danken ſtatt, die auf der Oberfläche der Unterhaltung in kleinen Wellen ſichtbar wurde und manchmal deren Fluß unterbrach. In der That, wurde ihr Geſpräch immer einſylbiger und verlor ſich am Ende in ein Hin⸗ brüten. 4 Dieſe Stille dauerte mehrere Minuten und wurde von Godfrey unterbrochen, der aus ſeiner Taſche das geheiligte Buch zog, womit Baxter ihn verſehen hatte. „Es war wohlgethan von dem ehrwürdigen Manne,“ ſagte er,„mich mit dieſem geſegneten Sturmzeug des Heils zu waffnen. Geharniſcht in ſeinen Verheißungen, wie in Stahl und Eiſen, hielt ich, zur Zeit der großen Peſt, auf meinem Poſten Stand, da alle meine Amts⸗ brüder geflohen waren, und bot den unſichtbaren Pfei⸗ len des Todes die Stirne ohne auch nur einen Augen⸗ blick in meinem Vorſatze zu wanken. Und dieſe Erin⸗ nerung, Jüngling, iſt nun eine der ſüßeſten Tröſtungen meines kummervollen Greiſenalters und wird, gleich einem Engel des Lichts„himmliſchen Frieden athmend, über meinem Todbette ſtehen! Und wiſſe mein Sohn,“ ſetzte er mit beſonderer Feierlichkeit hinzu,„wiſſe, daß wenn alle Macht und aller Reichthum dieſer Welt uns keinen einzigen balſamiſchen Troſtgedanken mehr bieten können, die Rückerinnerung an eine einzige gute That, uns ſo ſüß aus dem Anhauch des Todes entgegen duftet als Veilchen aus dem Kranze einer jungen Braut. Leſe mir ein Stück daraus vor— wenn Du anders nicht jeder Uebertragung dieſes guten Buches mißtrauen mußt, die nicht Douay auf dem Tittelblatte hat?“ „MNein, ich fürchte keinen Baſilisken, in ein paar Druckblättern,“ ſagte Mervyn, ergriffen von dem Ernſte des Alten.„Wo ſoll ich leſen?“ „Oeffne auf's Gerathewohl, Kind; Du kannſt auf nichts ſtoßen, das nicht gut wäre,“ rief Sir Ednund⸗ 4 89 bury.„Ich will Deine Geduld nur noch eine halbe Stunde lang auf die Probe ſtellen, und wenn dann Seine Hoheit nicht kommt, nach Hauſe gehen.“ Mervyn öffnete und begann zu leſen, aber durch einen merkwürdigen Zufall enthielten die erſten Worte, auf die ſein Auge fiel, jene ſchrecklichen Ausſprüche der Rache, welche die Sünden der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geſchlecht heimſuchen ſollte. Er brach plötzlich ab und Godfrey lächelte, aber mit einem geiſtergleichen Ausdrucke des Geſichtes und bat ihn, fortzuleſen.„Ich fürchte mich nicht vor Dir, Wahrheit anzuhören, Knabe, obgleich dieſer Fluch unſtreitig der dunkelſte Schatten auf meinem Lebenspfade iſt. Aber was kann es mit dieſer langen Verſpätung hier für eine Bewandtniß haben? Es wird ſchon ſpät,“ ſetzte er auf einmal hinzu, denn ein plöͤtzliches Auflodern der Glut im Kamin zeigte ihm, wie dunkel das Gemach geworden war.. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Mervyn.„Ich hoffte den Oberſt hier auf uns wartend L finden.“ „Den Oberſt!— Was für einen Oberſt?“ rief Sir Edmundbury mit einiger Ueberraſchung aus; aber ſogleich ſetzte er hinzu,„Oh! ich verſtehe Eure Vorſicht; aber Ihr treibt ſie zu weit. Ich ſage Euch, der Her⸗ zog rühmte mir in ſeinem Briefe Eure Eigenſchaften und befahl mir, mich Eurer Leitung unbedingt anzu⸗ vertrauen.“ „Herzog!— welcher Herzog? Sagte man Euch nicht— ich meine, kamt Ihr nicht hieher— um das Zeugniß des Oberſt Blood aufzunehmen?“ „Oberſt Blood!— es wäre beſſer für mich, einem ausgehungerten Tiger zu begegnen,“ erwiederte God⸗ frey, hielt aber plötzlich inne.„Junge, Du haſt nicht das Geſicht eines Verräthers— aber ich ſage Euch, ich wollte lieber dem Teufel in Perſon begegnen! Wie, ich war ja beſtändig an der Spitze von denen, die wegen ſeines verwegenen Mordanſchlags auf den Her⸗ 90 zog von Ormonde Jagd auf ihn machten, und ich habe gehört, er habe geſchworen, daß er mein Blut haben nüjſt oder den letzten Tropfen ſeines eigenen vergießen wolle.“ „Iſt dieß möglich?“ rief Mervyn und wurde ſo weiß als eine Bildſäule.„Nein, nein; da muß ein hölliſcher Betrug dahinter ſtecken. Ich habe den Herzog von York in meinem Leben noch nie geſehen.“ Mervyn erzählte ſodann mit einem leidenſchaftli⸗ chen Ernſte, der den alten und erfahrenen Beamten von ſeiner Wahrhaftigkeit überzeugte, kürzlich die Um⸗ ſtände, die ihn zu Bloods Gefangenen oder Gaſte ge⸗ macht hatten, die Berathſchlagung, die er belauſcht hatte— und den Kunſtgriff, durch welchen ihn Blood vermocht hatte, ſein Bote zu werden. „Ich ſehe jetzt Alles!“ rief Sir Edmundbury,„man hat mich hieher gebracht, wie einen Ochſen ins Schlacht⸗ haus. Ich ſehe Alles, Kind, aber ich ſpreche Dich frei von jedem Antheil an meinem Verderben. Aber, o Gott, ſei meiner Seele gnädig, denn ich weiß, daß das düſtere Schauſpiel meines Lebens ſich immer noch dunklern Kataſtrophen nähert. Der politiſche Schurke ahmte des Herzogs Handſchrift nach; und ich zweifle nicht, arme Waiſe, daß er auch Dich zum Opfer auf⸗ bewahrt.“ „Wohlan, ſo rettet Euch,“ rief Mervyn mit Hef⸗ tigkeit.„Laßt uns fliehen, ehe dieſe Ungeheuer zurück⸗ kehren.“ „Ich fürchte nur, ſie haben ihre Vorkehrungen da⸗ gegen zu gut getroffen?“ erwiederte Godfrey mit Kopf⸗ ſchütteln.„Aber weine nicht, Jüngling. Ich ſpreche Dich frei von jedem Tadel und wundere mich nur über meine eigene thörichte Uebereilung.“ „Aber ich ſpreche mich nicht ſelber frei!“ ſagte Mervyn leidenſchaftlich.„Und wenn Ihr Muth habt — und man ſagt Ihr habt ihn bis zur Tollkühnheit— 91 ſo könnt Ihr noch jetzt entkommen! Es gibt einen Weg hinaus, wo einer hereingeht.“ „Aber kein Boot,“ ſagte Godfrey ruhig. „Aber es kann eines auf Rufesweite vorüberfah⸗ ren,“ erwiederte der Jüngling und ergriff einen Feuer⸗ brand.„Folgt mir, wir koöͤnnen es wenigſtens ver⸗ ſuchen.“. Godfrey verſtand ſich dazu, obgleich man wohl ſehen konnte, daß er ſich keinen günſtigen Erfolg ver⸗ ſprach und ſie gingen über den Corridor in die Halle. Hier aber fanden ſie ihre Befürchtungen verwirklicht! das maſſive Eingangsthor war undurchdringlich von außen verrammelt und verriegelt, und nachdem ſie ſich in fruchtloſen Anſtrengungen, es aufzubrechen, erſchöpft hatten, waren ſie genöthigt, davon abzuſtehen. „Es iſt vergebens, gegen das Schickſal zu ſtreiten,“ ſagte Godfrey zuletzt.„Das Spiel muß zu Ende ge⸗ ſpielt werden. Mein ganzes Leben war ein Vorgefühl dieſes Augenblicks, der über mir ſchwebte und es findet mich nicht unvorbereitet.“ „Laßt uns noch nicht verzweifeln,“ verſetzte Mer⸗ vyn haſtig,„wir haben vielleicht noch einige Minuten übrig. Können wir keinen Ausweg finden— erinnert Ihr Euch keines Auswegs aus dem Hauſe nach der Landſeite?“ „Es gibt einen durch die hintere Treppe des ge⸗ malten Zimmers,“ ſagte Godfrey nach kurzem Beſinnen. „Aber ich wette, er iſt ſo gut verwahrt, als das Waſ⸗ ſerthor.“ Derſelbe Schluß drängte ſich auch Mervyn auf, denn er wußte, daß die erwähnte Treppe diejenige war, durch welche Blood gewöhnlich wegging. Dennoch war ein Strohhalm von Hoffnung in dem Gedanken ent⸗ halten, den er begierig ergriff; in wilder Haſt rannte er nach dem Gemache zuruck, wohin ihm Godfrey lang⸗ ſamer folgte. Eine Thüre, beinahe ebenſo ſtark, als die auf der Waſſerſeite, und gleichfalls von außen verriegelt und verrammelt, ſpottete ihrer Hoffnungen, und Godfrey ſetzte ſich mit trotziger Reſignation nieder. Aber Mervyns Hülfsmittel waren noch nicht er⸗ ſchöpft. Seine gewandte Einbildungskraft gab ihm ein neues ein. „Das Gebäude iſt ausgedehnt, verwickelt, Blood und ſeinen Geſellen wohl ſelbſt nicht ganz bekannt,“ ſagte er.„Wenn Ihr Euch nur wenigſtens verbergen könntet, Sir Edmundbury, ſo würde ich vorgeben, daß Ihr Euch geweigert hättet zu kommen, oder daß Ihr etwas Unrechtes geargwohnt und wieder fortgegangen wäret— eher Alles, als daß ſie Euch hier finden ſollten.“ „Und wo könnte ich mich verſtecken? ſie werden alle Löcher und Thürſpalten durchſuchen,“ entgegnete Godfrey. Mervyn zögerte, da die Erinnerung an die Ge⸗ mächer, die er neulich durchwandert, ihm vorſchwebten, und ſchlug ſie nach der Reihe zu einem Verſtecke vor, indem er eilfertig ihre Lage beſchrieb und die Vortheile, welche ſie für Sicherheit darboten. Während er ſprach, ſah ihn Godfrey blos mit einem zerſtreuten unheimli⸗ chen Blicke an und murmelte: „Ich wollte lieber ſterben, als das entſetzliche Zimmer betreten,“ er ſtand auf und wankte nach der Thüre, hinzuſetzend in demſelben verwirrten Ton— „Aber folgt mir— folgt mir. Ich erinnere mich, es iſt ein Boden und eine Fallthüre da, durch welche ich auf das Dach hinaus kann, ſie werden mich ſchwerlich dort ſuchen.“ Mervyn, obgleich kaum wiſſend, was er thun ſolle, ergriff eine Lampe und zündete ſie an; aber Sir Edmundbury war bereits im Corridor und ſtolperte die zerfallene Treppe hinauf. Mervyn folgte ihm ſchnell und ſah ihn die Thüre des Corridors aufmachen, auf den er ſelbſt bei ſeinem Entkommen aus dem Zimmer des Geizhalſes neulich gelangt war. Er trat hinein 93 und fand Godfrey, augenſcheinlich wild vor Schrecken, an den Wänden herumtappen. Er entriß ihm die Lampe und hielt ſie empor, die ſchweren Dachbalken prüfend. Mervyn gewahrte ſogleich die Einrahmung einer Fallthüre, bedeckt mit Spinnweben und loſem Stroh, aber in der Mitte des Daches in beträchtlicher Höhe über ihnen. Er zeigte es Godfrey, der einen Freudenruf ausſtieß, ihm die Leuchte zurückgab und ſich nach einem Mittel zum Hinaufklettern umſah. Aber da war weder eine Leiter, noch loſe Bretter, noch ir⸗ gend ein Geräthe, wodurch es ihnen möglich geweſen wäre, die Fallthüre zu erreichen. In demſelben Augenblicke, in welchem ein ſorg⸗ fältiges Umherſpähen und ein bedeutender Blickwechſel ſie von dieſer ſchrecklichen Thatſache überzeugten, hörten ſie eine Thüre in dem Gemache unten zuſchlagen und beide fuhren, als wie von einem Schuſſe getroffen, auf. Ein Augenblick athemloſen Stillſchweigens folgte und man hörte deutlich den Lärm von Fußtriten und Stimmen. „Ich bin verloren, die Bluthunde haben meine Fährte!“ flüſterte Godfrey in einem Tone, der Mer⸗ vyn durch Mark und Bein ging.„Sie ſind unten.“ Der Jüngling antwortete nichts, ſondern ſetzte die Lampe nieder, ſchlich ſtill über den Boden hin und kroch zu ſeinem frühern Beobachtungsplatz über dem Loche. Die Richtigkeit ihrer Vermuthungen zeigte ſich alsbald. Gerade ging die Thüre von Bloods Treppe auf und bei dem Scheine der rothen Glut im Kamine ſah er mehrere Männer in ſchwarzen Mänteln, in deren Händen bloße Schwerter blitzten. Er ſprang auf und ſah Godfrey bei einer andern Spalte knieen und in das Zimmer hinunterblicken. „Auf— auf!“ keuchte Mervyn beinahe ſprachlos vor Entſetzen.„Noch iſt es nicht zu ſpät, Sir Ed⸗ mundbury!— Rettet Euer Leben und das meinige!— Dieſe Treppen hinunter— hieher— zu des Geizhalſes 94 Stube unten! Sie werden Ench dort nicht vermuthen; und wenn ſie es thun, ſo iſt Widerſtand möglich. Sie können blos auf einem Wege hineinkommen, auf dieſer ſteilen Leiter, einer nach dem andern, und Ihr könnt nach Recht und Geſetz ihnen das Schwert durch den Leib rennen, wenn ſie hinabſteigen. Um's Himmels⸗ willen, ſetzet Euch nicht ihrer Wuth aus. Verbergt Euch— unter das Bett— im Bett— ſie wagen nicht, Euch dort zu vermuthen!“ So jung und beinahe kraſtlos vor Furcht als er war, zog er Godfrey nach ſich, wie durch Bezaube⸗ rung, zu der Fallthüre, durch die er ſich erinnerte, aus des Geizhalſes Zimmer geſtiegen zu ſein. God⸗ frey zauderte noch einen Augenblick, aber ein Ruf aus den Zimmern unten— Bloods Stimme in ihrem fürchterlichſten TDone—„Mervyn!“ rufend, ſchien eine mechaniſche Gewalt über ihn auszuüben. Er ſetzte ſei⸗ nen Fuß auf die enge Treppe, drückte ſeine große, hagere Geſtalt mit einiger Schwierigkeit durch die Oeffnung und fing an, hinabzuſteigen, während Mer⸗ vyn die Lampe hielt und ſeinen Mantel anfaßte, als ob er ihm dadurch helfen könnte. Da er ihn glücklich unten angelangt ſah, gewann Mervyn in einigem Grade ſeine Geiſtesgegenwart wieder, kniete nieder, ließ das Licht der, Lampe ſo weit als möglich in das traurige Zimmer fallen und ſah Sir Godfrey ſich un⸗ ter die elenden Decken von des alten Geizhalſes Bett verbergen. Beinahe in demſelben Augenblicke vernahm er Bloods Stimme, die ſeinen Namen immer lauter und zorniger ausrief. Er hielt einen ſchrecklichen Augen⸗ blick ſtille, um zu horchen und hörte ſchwere Tritte den Corridor heraufkommen. Es war gerade noch möglich, daß er ſein eigenes Zimmer erreichen konnte, ehe ſie eintraten, und ihn auf einer Stelle finden, die ſie auf einmal auf die Spur ihres Schlachtopfers ge⸗ führt hätte und er rannte nach der Thüre. Aber in 95 demſelben Augenblicke flog ſie mit Gewalt auf und vier Männer, bewaffnet und verlarvt, wie er ſie in dem Zimmer unten geſehen hatte, ſtürzten herein.„Wo iſt Godfrey, Bube?“ brüllte eine Stimme, deren ver⸗ haßter Ton allen Muth, der ihm übrig geblieben war, zur Verzweiflung ſteigerte. „Wo ich hoffe, daß Ihr ihn nicht finden werdet, Teufel!“ erwiederte er in einem Tone von Trotz und Kraftgefühl, daß ſie alle zurückfuhren. „Schurke, haſt Du uns verrathen?“ rief die vor⸗ derſte Maske aus, deren ſchreckliche Stimme keine an⸗ dere als die Blood's ſein konnte. „Schurke, gebe ich Dir in's Geſicht zurück, Du ſchwarzer Verräther!“ brüllte Mervyn und ſeine Augen ſprühten Feuer.„Godfrey iſt fort, geflohen— ich habe ihn gerettet und ich rühme mich deſſen! ich ent⸗ deckte Eure mörderiſchen Abſichten noch zeitig genug, miasſe zu vereiteln— und jetzt thut Euer Schlimm⸗ es!“ „Höll und Wuth, Du Balg! Was erfrechteſt Du Dich?“ gellte Blood und erhob ſeine ſchwere Fauſt, als ob es blos ein Wort brauchte, um den Jüngling in Atome zu zerſchmettern. „Wenn DOu ſchlägſt, Blood, ſo ſchlage ich da⸗ gegen!“ rief der heldenmüthige Aufſchößling, hob ſei⸗ nen Arm und blickte den Oberſt mit einem entſchloſ⸗ ſenen Ausdruck von Wuth und Trotz an. „Knabe,“ ſchrie Blood, indem er ſein Gelenk faßte und es in ſeinem Schraubſtockgleichen Druck bei⸗ nahe lähmte.„Du weißt nicht, Du Tollkopf von Ge⸗ burt, daß ein Schlag, ein einziger Fauſtſchlag, Dei⸗ nen Vater das Leben koſtete, und, was ihm theurer war, ſeine Ehre!"“ 3„Laß mich den jungen Nichtswürdigen züchtigen,“ ſagte Oates, ſich vordrängend.„Ich verbürge mich, daß ich ihn ſeine Pflicht gegen rechtmäßig Vorgeſetzte 2 96 lehren will— den jungen, papiſtiſchen Jeſuitenver⸗ ſchwörer!“ 3 „Hände weg, Meiſter Oates, wenn Ihr Eure Naſe nicht ſo platt als Eure Stimme haben wollt,“ ſchrie Blood, indem er den mörderiſchen Griff Oates an des Knaben Hals losſchüttelte.„Keiner ſoll ihm ein Leid thun, der nicht zuvor meine Gurgel zu einer Auſter gemacht hat. Aber nun ſagt mir, lieber Mer⸗ vyn, bei Eurem Leben, ſagt mir, was Ihr mit dem Alten angefangen habt? Ich bin gekommen, das be⸗ wußte Zeugniß abzulegen und dieſe Herrn ſind als Zeugen gegenwärtig.“ „Warum iſt denn dieſer verdammte Böſewicht in Eurer Geſellſchaft?“ rief Mervyn.„Nein, Blood, ich ſage Euch, ich habe Euren grauſamen, treuloſen An⸗ ſchlag entdeckt und Godfrey iſt mit meiner Hülfe ent⸗ kommen.“ „Gottes Blut und Wunden! dann ſind wir Alle verloren— wir werden einer wie der andere gehenkt werden!“ ſtöhnte Oates. „Wohl, dann werden der Teufel und der Henker erhalten, was ihnen gebührt!“ erwiederte Mervyn, indem Hohn und Haß aus ſeinen ſchönen Augen blitzten. „S'iſt aber unmöglich— der Alte kann uns nicht angeſchmiert haben!“ ſagte eine andere der Masken, unter der Mervyn ohne Mühe Bedlow, den Boots⸗ mann, erkannte.„Ich verriegelte das Waſſerthor und den andern Weg könnte man ohne ein Faß Pulver nicht aufſprengen.“ „Bedlow hat Recht, er muß im Hauſe verſteckt ſein,“ rief Blood.„Jagt, ſucht, Kinder; unſer Leben hängt von dem Erfolge ab.“ „All Euer Suchen wird vergeblich ſein,“ rief Mervyn, in ſeiner Aufregung die eigenthümliche Lage des Hauſes vergeſſend.„Er iſt durch die Fallthüre in dem Dach entkommen— ſucht, ſucht friſchweg! Er iſt 97 ſchon lange aus Eurer Gewalt— aber ich hoffe, Ihr werdet bald in der ſeinigen ſein.“ „Gebt mir Eure Fackel, Bedlow!— wenn er auf's Dach ſtieg, muß er noch dort ſein,“ ſagte Blood bedächtlich.„Das Haus iſt völlig iſolirt— umgeben von Gärten und Waſſer— er kann uns nicht ent⸗ kommen ohne ſeinen Hals zu brechen.“. „Aber wie konnte Godfrey zur Fallthüre hinauf⸗ kommen?“ rief Oates, indem er mit ſeinen nieder⸗ trächtigen Augen emporſchielte.„Da ſehe ich kein mög⸗ liches Mittel, wenn er nicht wie eine Ratte hinauf⸗ kletterte.“. „Er iſt ein langer Mann und konnte mit der Hülfe dieſes jungen Schelmen hier die Balken errei⸗ chen und ſich hinaufſchwingen,“ verſetzte Blood und rieb ſich lachend die Hände.„So, dann haben wir ihn. Oates, laßt mich auf Eure groben Schultern ſteigen, Bedlow, halte das Zicklein im Zaum.“ Bruder Titus leiſtete dieſer Aufforderung ſogleich Folge, und Blood, von ſeinen breiten Schultern wie von einem Aufſteigſtein aufſpringend, erfaßte ein Quer⸗ brett und drückte ſich durch die Dachbalken. Er hielt ſich an die ſchwache Stütze von einigen Sparren und ſo gelang es ihm, die Fallthüre zu erreichen, die er mit roſtigen Riegeln feſt verſchloſſen fand. Mervyns Bericht von dem Entkommen war offenbar unmöglich. Einen Hagel von Flüchen herausdonnernd, theilte der Böſewicht ſeinen Geſellen dieſen Umſtand mit und in⸗ dem er ſeinen ſchweren Körper und die ganze Länge ſeines Armes herunterließ, ſprang er die übrige Höhe bequem herab. Er faßte ſodann Mervyn beim Kra⸗ gen, ſchüttelte ihn derb und ſchwur, daß er ihn in Scherben ſchlagen wolle„ wenn er nicht ſogleich die Wahrheit ſage. „Thut, was Ihr wollt, Ihr Schurken, ich habe keine Macht, Euch zu widerſtehen,“ ſagte Mervyn Whitefriars. n. 7 98 trotzig; aber während er ſprach, kam ihm ein neuer Gedanke, und er ſetzte hinzu,„mordet mich, wenn Ihr wollt, aber Ihr könnt Sir Edmundburys Entkommen nicht verhindern. Er kannte die Geheimniſſe dieſes Hauſes zu wohl, um meine Warnung nicht anzunehmen und ſprang von dem Balkon in den Fluß.“ „Ei, da muß er ertrunken ſein, denn alle Welt weiß, daß Sir Edmund nicht ſchwimmen kann!“ ſagte Oates mit boshafter Freude. „Sagt vielmehr zerſchmettert, Mann, denn es iſt — Ebbe,“ entgegnete Blood unmuthig.„Auf jeden Fall wollen wir gehen und die Sache unterſuchen; aber wenn er todt iſt, ſo kommt ſein Blut über ſein eige⸗ nes, altes, eiſernes Stück von einem Schädel und uͤber den jungen Narren, der ihn dazu überredete.“ Er ging ſodann, zu Mervyns Erſtaunen, welcher hoffte, ſie könnten blos uber den Brunnen einen Zu⸗ gang finden, gerade auf die Fallthüre zu, und ſchlug, nachdem er einen ſorgfaltigen Blick hinunter geworfen, vor, hinabzuſteigen. Er fand es aber ſchwer, ſeinen ſtarken Leib hindurch zu zwängen, und nachdem dieß geſchehen war, unter vielen bittern Flüchen auf den alten Geizhals, der es ſo eingerichtet, ſchien er immer noch abgeneigt, ſich in's Dunkel hinein zu wagen und nahm die Lampe aus Bedlows Hand. Auch dieſer Ehrenmann folgte ſodann mit Oates, der einen großen Widerwillen zeigte, aber am Ende vor der noch grö⸗ ßeren Furcht, Bloods Zorn zu reizen, ſich bewegen ließ. Mervyn folgte gleichfalls, weil er glaubte, daß er da⸗ durch weniger Beſorgniß bewieſe, und ging durch das Zimmer dem offenen Balkone zu, ohne einen Blick auf das Bett zu werfen. 3 —— ——— α Neuntes Kapitel. Das erſte Opfer des papiſtiſchen Complotts. Mervyn fand den Oberſt, wie er ſich mit halbem Leibe über die Balluſtrade hinaushing und das Licht ſeiner Fackel ſo fern, als möglich, auf den Strom hin⸗ unterſandte, um die Schatten zu brechen und vielleicht des alten Mannes verſtümmelten Körper zu entdecken. Der Mond ſchien durch einen weißen Nebel und zeigte Alles nur unbeſtimmt, aber Mervyn ſah, daß es Ebbe war und nichts unten ſichtbar, als der grüne ſchleimige Unterbau des Hauſes und wellenförmiger Schlamm, überſtreut mit Unkraut und Schutt. Ein ſorgfältiger Augenſchein überzeugte Blood bald, daß der geſuchte Gegenſtand nicht hier ſei, und er kam auf ſeine frühere einung zurück. Die Banditen gingen daher wieder an ihre Hausſuchung, und nach Oates Vorſchläge in die Stube des Geizyalſes. Während der ſtrengen Unterſuchung, die nun folgte— ſie ſpähten unter das Bett, auf das Geſtelle, leuchteten in's Kamin hinauf, in alle Winkel und Spal⸗ ten des alten Zimmers— litt Mervyn die tödtlichſte Seelenangſt, von Furcht und Erwartung. Mit bewun⸗ derungswürdiger Kraft jedoch zeigte er keine innere Bewegung, gab keinen Laut von ſich, der ſie etwa in ihrer Nachſuchung hätte leiten können. Durch eine merkwürdige Nachläßigkeit, wie ſie ſich aber oftmals in ähnlichen Fällen heftiger Durchſuchung zeigt, ver⸗ gaßen Blood und ſeine Helfer in das Bett zu ſchauen; Godfrey aber lag platt und bewegungslos da, und das Bett ſchien ſo unverändert, daß es keinem einfiel, es genau zu unterſuchen. „Hier iſt er auf keinen Fall,“ ſagte zuletzt Blood 10⁰ und warf ſich in ſeinen Stuhl;„er iſt entwiſcht, obgleich ich mir nicht einbilden kann, wie.“ „Ja, wenn Ihr glaubt, daß er entkommen iſt, Oberſt,“ ächzte Oates in augenſcheinlichem Schrecken, „ſo halte ich es für's Beſte, daß wir uns auch davon machen. Es bleibt uns nichts als die Flucht übrig; denn bei der geringſten Gefahr wird uns unſere Par⸗ tei verläugnen und uns an den Galgen bringen, um ihre Unſchuld zu beweiſen.“ „Du denkſt immer zuerſt daran, den Schuft und Deine niederträchtigen, mißgeſtalteten Gliedmaßen zu erhalten!“ entgegnete Blood bitter.„Das iſt aber nicht die Art, in der ſich Männer von Ehre und Muth aus ihren Schwierigkeiten ziehen. So, Meiſter Mer⸗ vyn, der alte Herr iſt alſo durch Eure Hülfe entron⸗ nen? halt, was iſt hier? So, der Heilige hat ſeine Bibel zurückgelaſſen?“ und er hob das eben erwähnte Buch auf und reichte es Oates. „Gut— er hat es zurückgelaſſen,“ ſagte Mervyn, da Bloods Auge auf's Neue auf ihn fiel.„Und wenn Ihr weiſe wäret, Blood, ſo würdet Ihr mit mir Gott danken; denn Ihr ſeid dadurch vor einer Blutſchuld bewahrt worden, und den ſchrecklichen, ewigen Strafen, die der Himmel über Mörder verhängt hat!“ Eine tiefe Röthe überflog des Oberſten Antlitz und er murmelte etwas, das keiner deutlich verſtand, ſetzte aber in einem mildern Tone hinzu:„Und, bitte, was haſt Du denn der alten Vogelſcheuche entdeckt, wohlweiſer Herr?“ „Nichts, als was nothwendig war, um ihm ſeine Gefahr zu zeigen und ihr zu entfliehen,“ antwortete Mervyn. „Was iſt zu thun, Oberſt?“ ſtammelte Oates. „Jetzt ſchon, wenn es überhaupt geſchehen konnte, iſt der Alte zu Hauſe angekommen und ſendet ſeine Mus⸗ ketiere, um uns als Galgenfrüchte aufzugreifen. Was haben wir zu thun?“ 101 „Alles, nur nicht davonzulaufen, Oates,“ erwie⸗ derte Blood höhniſch.„Laßt uns Alle feſt ſein und wir können leicht dem tollen alten Graubart die Spitze bieten. Muth, Titus! Rühmſt Du Dich, den Teufel geweckt zu haben und rennſt davon, wenn er mit dem Schwanze wedelt?“ „Ich kann immer noch nicht glauben, daß er aus dem Hauſe gekommen iſt,“ ſagte Bedlow. „Auch ich nicht,“ ſagte Blood.„Kommt, Ihr Herren, laßt uns das ganze Gebäude durchſuchen, den Keller, des Jungen Hängematte— überall?“ Dieſer Befehl ſchien einen Berg von Blei von Mervyns Herz zu wälzen, und er folgte dem unge⸗ ſchickten Hinaufſteigen von Oates mit unbeſchreiblicher Erleichterung. Er konnte noch nicht recht an dieſe außerordentliche Rettung glauben, bis Blood ſelbſt, der letzte von der Bande, auf den Dachboden ſprang und die Fallthüre hinter ſich zumachte. Die Gauner ſchrit⸗ ten ſodann zu einer ſorgfältigen Durchſtöberung des Hauſes, und ſtießen Schwerter in jedes Loch und jeden Winkel, der möglicher Weiſe einen Verſteck hätte ge⸗ währen können; Mervyn erwartete das Ergebniß in dem gemalten Zimmer, bei jedem Laut zitternd wie Eſpenlaub. Beinahe eine Stunde war auf dieſe Art verſtrichen, und ſeine zuckenden Nerven fingen an, ſich zu beruhigen, als er plöͤtzlich einen gellenden Schrei hörte, in welchem er ſogleich Godfrey's Stimme er⸗ kannte. Zugleich hörte er es die Treppe heraufſtürmen und Blood mit zwei oder drei ſeiner Verbündeten ſprangen an ihm vorüber, rufend:„Da iſt er— Wup, Wup!“ „Mervyns Haare ſtiegen wirklich zu Berge und im nächſten Augenblicke, er wußte eben ſo wenig, wie, als in einem wilden Traume— fand er ſich in dem Geiſterzimmer. Ein gräßliches Schauſpiel empfing ihn. Blood hatte bereits Sir Edmunds Schulter ergriffen, welcher aufrecht in ſeinem Bette ſaß, geſpenſtiſch weiß, 10² die Augen beinahe aus dem Kopfe herausſtarrend, die Hände gefaltet, den ganzen Körper in fieberiſchen Zu⸗ ckungen, ſchreiend und gellend aus aller Macht. „Er iſt mein Gefangener! Sir Edmund, ergebt Euch, da Ihr Euch nicht wehren könnt, und es ſoll Euch kein Leid geſchehen.“ „Schafft ihn weg!— ſchafft ihn weg!“ ſchrie Godfrey, der jedoch kein Zeichen des Widerſtandes machte, als ob er des Oberſts Gegenwart gar nicht bemerkte, ſon⸗ dern vor ſich hin in die leere Luft deutete.„Schafft ihn weg! Oh, im Namen der Barmherzigkeit, laßt ihn nicht mit ſeinen langen dürren Händen mich anfaſſen!“ heulte Godfrey, deſſen Stimme nun ganz gebrochen wurde. „Was zum Teufel ſieht er?“ murmelte Oates und machte ſich näher an Blood. „Schaut doch nur dort den magern, alten, blaſſen Mann, mit ſeinen eingeſchrumpften Gliedern und ſei⸗ nen kalten, glitzernden Augen,“ ſagte Godfrey mit er⸗ ſchöpftem Weinen.„Warum grinſeſt und maulſt Du mich an? ich that's ja nicht, Herr! Siiſt nicht mein Verbrechen, daß Dich mein Vater erſchlug!“ „Er iſt reif für Bedlamz bindet und knebelt ihn!“ ſagte Blood ſich ungeduldig wegwendend.— Mervyn wußte in der Verwirrung und dem Ent⸗ ſetzen ſeines Geiſtes nicht, was er thun ſollte und ſtarrte betäubt vor ſich hin, während Oates und Bed⸗ low ihr Schlachtopfer banden, deſſen Schreien ſich nun in ein blödſinniges Gemurmel verlor. Eine kleine Pauſe erfolgte, denn es ſchien unmög⸗ lich, Sir Edmund, ſo wie er war, an Händen und Fü⸗ ßen gebunden, aus dem Zimmer zu ſchaffen. Zuletzt löste Blood die Riemen und befahl Godfrey, die Trep⸗ pen hinaufzuſteigen, wohin ihm Oates zum Empfange vorangegangen. Der unglückliche Gefangene gehorchte mechaniſch und die ganze Bande folgte nach; Mervyn wurde von Bedlow in einem nahezu bewußtloſen Zu⸗ ſtande mit fortgeſchleppt und Alle gingen nach dem 103 Waſſerthore, wobei Blood den Gefangenen am Gürtel feſthielt. Mervyn erinnerte ſich nachher, daß ſie auf einer Planke über den Schlamm gingen und am Rande des Waſſers ein Boot angelegt fanden. Sie ſtiegen hinein, Bedlow und Oates ergriffen die Ruder und ſo ſchoſſen ſie über das Waſſer dahin, das ſich kaum in dem dicken Nebel erkennen ließ. Die Fahrt ſchien Mervyns verwirrter Phantaſie unermeßlich lang zu dauern und während der ganzen Zeit wurde kein Wort geſprochen. Godfrey ſchien in einer Betäubung dazuſitzen, aber Mervyn kam es vor, als ob in ſeinen glanzloſen Augen ein Vormurf für ihn läge. Auf einmal lief das Boot an einem ab⸗ hängigen Vorſprung des Ufers auf den Grund und beim Aufſehen erblickte Mervyn Maſſen von unkennt⸗ lichem und hohem Bauwerk ſich in dem geſpenſtiſchen Nebellichte des Mondes aufthürmen. Ein Aufruf des Oberſts belehrte ihn, daß ſie in Sommerſethouſe ſeien, damals die Reſidenz der Königin und ihres papiſtiſchen Hofs, wie das Volk es nannte. Oates pfiff leiſe als ſie landeten; ſogleich öffnete ſich ein Thor zur Linken und ein Mann mit einer Blendlaterne und einem Schlüſſelbunde kam zum Vor⸗ ſchein. Mervyn kam es nun vor, daß ſeine Sinnen völlig zerrüttet ſein müßten, denn er glaubte in den bleichen, verdächtig ausſehenden Zügen der Perſon vor ihnen Prance, den Silberſchmied, zu erkennen! Wer es auch geweſen ſein mochte, er fuhr in großer Be⸗ ſtürzung zurück, wurde aber ſogleich von Blood er⸗ griffen. „Bei Eurem Leben, wagt Euch nicht, Tölpel! eine Piſtole iſt Euch am Kopfe,“ ſagte der Oberſt.„Ihr habt nichts zu thun, als uns Gaddens Zimmer zu weheh Alles, was wir thun, geſchieht auf des Herzogs efehl. „Aber— aber— man ſagte mir von Alle dem nichts!“ rief der Mann und blickte mit Schrecken auf 104 Sir Edmundbury,„und— wenn Blut fließen ſoll, ſo kann ich nicht dabei ſein, ich kann nicht. Ich konnte niemals ein Kalb ſchlachten ſehen, obgleich mein Vater ein Metzger war— ich kann nicht.“ „Du Narr! wirſt doch einmal bei Deinem Tode zugegen ſein,“ murmelte Blood.„Aber da gibts nichts umzubringen in dieſer Sache. Haſt Du die Schlüſſel zu Gaddens Gemächern— ſprich!— zeig uns den Weg— den Augenblick!“ Der Mann ſträubte ſich nicht länger, ſondern führte die ganze Geſellſchaft in einem ſchmalen, terraſſenför⸗ mig aufſteigenden Garten vor dem Palaſte, wobei God⸗ frey jedem Geheiß ſeiner Wächter Folge leiſtete. Sie gingen in den Palaſt durch einen mit Bogengängen umgebenen Hof, an deſſen Ende eine Schildwache ſchritt, und traten in einen andern engen Hof, umge⸗ ben von hohen Thürmen. Sir Edmundbury hatte ſich ſeither vollkommen leidend verhalten, unbewußt Alles deſſen, was vorging, obgleich Mervyn einmal oder zweimal an dem Ausdrucke ſeiner Augen zu ſehen glaubte, daß ſeine Vernunft wiederkehre. Unglücklicher⸗ weiſe fiel, gerade da ſie in den Bogengang traten, ein undeutliches Bild von der Schildwache Godfrey in die Augen und die Hoffnung der Befreiung ſtieg dadurch ohne Zweifel in ihm auf. Er, Blood und Oates waren einige Schritte vor Mervyn und Bedlow voraus, als dieſe ihn plötzlich ſich mit einem verzweifelten Ruck von ihnen losreißen und mit dem Rufe:„Mord, Hülfe!“ zum Schwerte greifen ſahen. 3 Alles, was noch lange darauf erfolgte, erſchien Mervyn wie die Phantaſiegebilde eines ſchrecklichen Traumes. Er ſah Blood dem Sir Edmundbury mit einem Knittel über den Kopf ſchlagen, daß er zurück⸗ taumelte, immer noch um Hülfe rufend und ſchreiend, daß er ſie kenne, indem er ihre Namen nannte! Dann hörte er Oates ausrufen„nieder mit ihm— er kennt uns!“ und alle Viere ſtürzten über ihn her, und der 105 Unglückliche fiel, ſich immer noch wehrend, mit einem tiefen, erſtickten Schrei zu Boden. Mervyn verſuchte, vorwärts zu ſpringen, aber er wurde von ſeinem Wäch⸗ ter zurückgehalten— er verſuchte„Mordjo“ zu ſchreien, aber ſeine Zunge klebte am Gaumen feſt. Nach dieſem erinnerte er ſich, Oates geſehen zu haben, knieend auf Sir Edmundburys Bruſt, der ſich heftig ſträubte; dann verſetzte ihm Blood noch einen Schlag auf den Kopf, während Bedlow und die beiden Bootsleute die zwei Enden von der Halsbinde ihres Schlachtopfers anzogen. Eine dunkle Erinnerung blieb ihm noch, daß er Prance ſtöhnend und die Hände ringend bei den Mördern ſte⸗ hen ſah— dann kam ein ſchwaches, erſticktes Röcheln, aber Mervyn ſah nichts mehr, er fiel ſinnlos auf das Pflaſter nieder. Zehntes Kapitel. Gewiſſen und Politik. Das erſte Aufdämmern von Mervyns Bewußtſein war von einem Gefühle großer Kälte begleitet und da er ſich an ſeinen Ellbogen aufrichtete, ſah er, daß er ſich in einem Boote befand, gerudert von zwei Mas⸗ ken, in denen er mit tödtlichem Ekel in ſeinem Herzen Oates und Blood erkannte. Darauf lag er geraume Zeit in einem Zuſtande träumender Betäubung, wäh⸗ rend die Mörder mit einander ſprachen, wovon er aber keine beſtimmten Laute, ſondern nur ein fortwährendes Geflüſter vernahm. Zuletzt war er ſich bewußt, daß ihn Blood auf die Arme nahm und ihn Stufen hinan⸗ trug und dann ſchwand ſeine Erinnerung wieder, bis er ſich auf einmal auf einem Haufen Stroh liegend 106 fand. Er erinnerte ſich nachher in etwas, eines häß⸗ lichen, eingeſchrumpften Mannes, mit einem langen, grauen Barte, der ihm einen Schwamm an die Naſe hielt und ſeinen Puls fühlte. Aber die Erſchütterung, die ſein Gemüth erlitten, überwältigte ſeine Jugend⸗ kraft und er verfiel auf's Neue in Gefühlloſigkeit. Auf dieſe folgte ein wilder, geſtörter Schlaf, von Träumen unbeſchreiblichen Entſetzens durchkreuzt, der, er wußte nicht, wie lange, währte; aber zuletzt erwachte er auf⸗ geſchreckt und in einen tiefen Abgrund des Meeres zu verſinken glaubend, mit Sturmgeheul und wirbelnden Wellenmaſſen über ihm. Aus dieſer ſchrecklichen Phantaſie tauchten nach und nach ſchwache Schimmer des Gedächtniſſes auf und die Ereigniſſe, deren Zeuge er geweſen war, ſtürzten in verwirrten Maſſen auf ſein geiſtiges Auge ein. Zuerſt glaubte er, es ſei blos die Exinnerung eines unge⸗ wöhnlich ſchreckhaften Traumes; aber die Wirklichkeit alles jüngſt Erlebten drängte ſich ihm überwältigend auf, da er plötzlich Oates Stimme in einem blos ge⸗ murmelten Geſpräche auffing, das ſchon einige Zeit gewährt hatte, ehe er deutlich darauf Acht gab. Er erhob ſein ſchwimmendes Haupt, und da er mit An⸗ ſtrengung um ſich blickte, erkannte er, daß er ſich in dem gemalten Zimmer befinde, auf des Oberſten Bett oder eigentlich Wildlager, Auf der entgegengeſetzten Seite des Zimmers ſaß dieſe Perſon, in einer Unter⸗ redung mit Oates begriffen. Die erſten Worte, die er deutlich unterſchied, hatten die Form eines von Blood gemurmelten Fluches, worauf eine kurze Pauſe folgte und ſodann eine Frage, wovon Mervyn ſo vier verſtand, daß ſie den Earl von Shaftesbury betreffe. „Oh, es hilft nichts, der alte Aldersgate will nicht anbeißen,“ erwiederte Oates.„Ich verſuchte es auf jede Weiſe, die ſich nicht bis zu einem offenen Ge⸗ ſtändniß erſtreckte. Aber es iſt vergebens, zu hoffen, daß eine Schlange ſich werde in's Netz locken laſſen; — 107 er iſt zu vorſichtig, auf etwas einzugehen, das nach Blut riecht. Als ich ſeine Frage beantwortete, wie der alte Krummbuckel weggeſchaft und aufgehoben wor⸗ den ſei, wollte er meine verſteckten Winke nicht ver⸗ ſtehen, ſondern fertigte mich mit der Erklärung ab, wenn er glauben könnte, wir hätten ihm nur ein Haar gekrümmt, ſo würde er uns Alle ausfinden und an den Galgen knüpfen laſſen, wie Zwiebeln in einer Markt⸗ büſchel.“ „Dem alten Aldersgate ſähe das ganz gleich,“ ſagte Blood ruhig.„Er iſt aus der gottesfürchtigen Schule der Schurkerei, die nach vollbrachter That das Werkzeug mit Abſcheu wegwirft. Er wird ſich jeden Vorwandes freuen, unſerer los zu werden, Meiſter Oates.“ „Aber doch hat er eine offene Hand, dieſer Fürſt in Iſrael,“ entgegnete der Doktor.„Siehſt Du wohl hier!— er wollte weiter Nichts verſtehen, als daß wir den alten Hackſchnabel gefangen genommen hätten; und für dieſen kleinen Dienſt blechte er mir vierzig franzö⸗ ſiſche Piſtolen aus. Ich bemerkte jedoch, daß er tod⸗ tenbleich wurde, als ob er mich nur zu gut verſtände, und der leichtſinnige Herzog von Monmoulh, der dabei ſtund, lachte herzlich und gab mir dieſen ciſelirten Ring. Und dann ſagte er, es ließe ſich annehmen, daß der Herr unterdeſſen hungrig geworden ſei, und deßhalb würde die gewöhnliche Höflichkeit erfordern, Mylord Danby darüber Bericht zu erſtatten, alle Schuld auf den Herzog von York zu ſchieben und anzuzeigen, wo man den alten Sündenbock finden könne.“ „Natürlich, ohne Namen?“ ſagte Blood, und Oa⸗ tes nickte bejahend. „Ja, aber unter den vorliegenden Umſtänden geht das nicht,“ rief der Oberſt in ſeinem gewöhnlichen, ſorgloſen Tone.„Ich bin gewiß, der Earl wird aus dieſem Handel herausſchlupfen, und er iſt gewandt ge⸗ nug in den Kniffen des Geſetzes, Euch, Oates, zu ver⸗ 108 rathen, ohne ſich ſelbſt zu verwickeln. Ueberdies ſind eines Mörders Schuhe immer roth und laſſen Spuren zurück, die früher oder ſpäter die Schweißhunde des Geſetzes auf ſeine Fährte bringen.“ „Bitte, Herr Oberſt,“ ſagte Oates haſtig,„ſeid ſo gütig und bedenkt, daß Ihr ſo tief im Koth ſieckt, als ich im Schlamm.“ „Was, Schurke, Ihr unterſteht Euch doch nicht, zu behaupten, daß ich am eigentlichen Mord thätigen Antheil nahm? Daß ich an dieſen auch nur dachte, als ich das Geſchäft übernahm?“ rief Blood wild. „Und dachte ich daran?“ ſagte Oates leiſe und demüthig. „Aber wer hielt den armen Alten nieder, das möchte ich gerne wiſſen? erwiederte der Oberſt mit erhöhter Stimme.„Wer drehte ſeinen Hals um, wie den eines Huhns, Meiſter Oates?“ „Und wer war der Helfershelfer und Mitſchuldige? Wer betäubte den alten Herrn mit einem Schlage, der einen Ochſen hätte fällen können 2„ verſetzte Titus. „Nicht, als ob ich Euch deßwegen tadelte, denn das ganze Complott, die Rettung dieſes Landes und unſe⸗ rer heiligen reformirten Religion hing davon ab.“ „Mache mir nicht übel mit dieſem mörderiſchen Pſalmenton, Oates,“ unterbrach ihn der Oberſt.„Nun, ich gebe zu, daß wir es Alles in der beſten Abſicht thaten— und ſo laßt ſie immerhin unſern Weg in die Ewigkeit pflaſtern. Vor der Hand aber muß unſere Sorge ſein, den Teufel zu betrügen. Wir müſſen den politiſchen Earl ſelber glauben machen, daß die Papi⸗ ſten den ſtörrigen, alten Kerl erſchlagen haben— oder ihm wenigſtens einen Vorwand geben, ſich ſo zu ſtellen.“ „Aber wie?“ rief der Doktor—„wie das?⸗ „Wohl, Ihr wißt, daß Godfrey dem Anſcheine nach jetzt von den Papiſten gefangen gehalten wird, in Gaddens Zimmer,“ erwiederte der Oberſt nachdenklich. „Jener Tyor Prance glaubt in der That, daß wir 109 im Dienſte des Herzogs von York ſeien— ſeine ver⸗ kappten Diener.— Oates, wir müſſen den Leichnam in irgend einen Graben im Felde draußen ſchaffen, und ihn vom Zufall, ſei es Hund oder Kuh, dort finden laſſen.“ „Aber wird nicht unſere Liſt zu handgreiflich ſein? Werden wir nicht durch einen Finger entdeckt werden, der im Dunkeln auf uns deutet?“ ſagte Oates ſchau⸗ ernd. „Ich habe mich ſchon oft gewundert, wie ein ſo großer Haſenfuß, als Du, es zu einem ſo unvergleich⸗ lichen Schurken gebracht hat!“ rief Blood.„Aber ſo iſt es! Nun wohl, Mann, wir wollen ſolche Vorkeh⸗ rungen treffen, daß am jüngſten Tage die ganze Welt erſtaunen wird, wenn ſie hört, wie wir es anſtellten! — Wir wollen ihn auf die Felder bei St. Pankraz bringen, mit ſeinem eigenen Degen im Leibe, als ob die Papiſten die Leute wollten glauben machen, daß er es mit eigener Hand gethan; aber der Streifen um ſeinen Hals wird dem widerſprechen, und ihnen die Schuld anhängen. Prance muß zum Geſtändniß ge⸗ bracht werden, und wir wollen ſein Zeugniß aufpol⸗ ſtern, wie die Gelegenheit es fordern wird.“ „Das iſt ein gewagtes Spiel, aber es muß zu Ende geſpielt werden,“ ſtöhnte Oates.„Aber, o Him⸗ mel! wie erſchütterte es meine Seele, die Leute zu ſe⸗ hen, wie ſie ſich den ganzen Sonntag über in Gruppen ſammelten und ſich über Godfrey's Ausbleiben ver⸗ wunderten! Shaftesbury's Leute waren geſchäftig in allen Kaffeehäuſern und öffentlichen Plätzen. Ich hörte tauſend Gründe für ſeine Abweſenheit anführen. Aber die Papiſten machen ſich auf's Schlimmſte gefaßt und gehen herum, und wetten darauf, daß Grodfrey Selbſt⸗ mord begangen habe, da er immer ſo traurig und ſchwarzgallicht ausgeſehen habe. ˙S iſt außerordentlich bequem, gemordete Menſchen Selbſtmörder zu heißen. Nicht wahr, Blood?„ „Vielleicht werdet Ihr es nächſtens ſo finden,“ verſetzte der Oberſt kaltblütig.„Denn Ihr ſeid kein Liebling von gewiſſen Leuten, die liſtige und ſtarke Arme finden werden, ſie zu rächen.“ „Je nun, was wir thaten, war Nothwehr,“ ſagte Oates, und gab ſeinen ſpaßhaften Ton auf.„Es war nicht unſere Schuld. Da er uns erkannte, ſo blieb uns keine andere Wahl übrig zur Selbſtvertheidigung. Ihr kennt das Sprichwort?“ „Ihr ſeid nicht vergeblich bei den Jeſuiten gewe⸗ ſen, Oates,“ erwiederte Blood.„Aber jetzt haben wir etwas Nothwendigeres zu thun, als die feinen Haare der Caſuiſtik zu ſpalten. Ihr müßt Eure alten Maſchi⸗ nen in Gang bringen— Eure thörichte Eva!— aber ſeid Ihr auch ſicher, daß ſie nach einer Berathung mit ihrem Manne Euch nicht im Verdachte eines Antheils an dem Abenteuer hat?“ „Ich habe dafür geſorgt,“ ſagte Titus mit grim⸗ migem Lächeln.„Ich habe ihr vorgeworfen, daß ihr Mann ſein Verſprechen nicht gehalten habe, und be⸗ hauptete, daß ich um zwölf Uhr da geweſen ſei, wie es ausgemacht war— aber Ihr wißt, wir kamen nicht vor zwei Uhr hin. Ich fand das arme Weib in ſol⸗ chem Schrecken, daß ſie kaum ſprechen konnte, ſondern die ganze Zeit über weinend da ſaß— woraus ich den Schluß zog, daß der verzweifelnde Prance ſie zu ſeiner Vertrauten gemacht haben müſſe, und daß keines von Beiden die Wahrheit ahne. Ihr müßt Euerem Alchy⸗ miſten wieder etwas zu thun geben, Blood, und ihn des Herzogs Hand nachahmen laſſen in einem Briefe an dieſen Prance, worin ihm befohlen wird, ſich bereit zu halten, den Leichnam fortzuſchaffen, mit Beihülfe von einigen Masken, wie früher. Laßt ihn mit einer Sänfte in Sommerſethouſe auf uns warten, und ver⸗ laßt Euch darauf, Alles wird wohl und ſchnell voll⸗ bracht werden.“ 111 „Das iſt auf jeden Fall ein bloßer Verſuch,“ ſagte Blood trocken. „Aber— Oberſt Blood,“ fing Oates wieder an, mit ſichtbarer Verlegenheit,„wir ſind Brüder in Ge⸗ fahr, wie Ihr wißt, und in Betreff dieſes Knabens!“ ſetzte er hinzu, ſo leiſe, daß nur das ſchärfſte Aufhor⸗ chen ſeine Worte unterſcheiden konnte—„das Wahre von der Sache iſt, Oberſt, er weiß zu viel— er muß verſchwinden!“. „Unſinn, Bruder Wehrwolf!“ rief der Oberſt, ſcharf.„Das arme Kind iſt im Delirium, und wenn er geneſen iſt, können wir ihn leicht bereden, daß all dieſes blos ein wilder Fiebertraum geweſen ſei. Auf jeden, auch den ſchlimmſten Fall, Meiſter Oates, will ich, daß ihm kein Leid geſchehe— nicht ein Finger ſoll ihm geritzt werden! Er iſt mir von Werth— und ſo⸗ gar lieb— und genug ſeines Blutes dampfte ſchon durch mich zum Himmel auf.“ Mervyn hatte Geiſtesgegenwart genug, ſein Haupt auf das Kiſſen zu ſenken, und ſich in tiefem Schlaf zu ſtellen, als ſich der Böſewicht näherte. Er hatto ein Gefüuͤhl, daß Oates Blick auf ihn gerichtet ſei— daß er ſeine Züge beim Schein einer Lampe prüfe— und er fühlte ſich keineswegs ſicher, daß nicht der Elende dieſe Gelegenheit benützen würde, ihm den Hals abzu⸗ ſchneiden. Er ſtellte ſich daher an, als ob er im Schlaf eſtorf würde, und Oates zog ſich leiſe auf den Zehen zurück. „Wie unruhig er ſchläft!“ hörte er ihn zu Blood murmeln.„Ich hoffe, das Fieber iſt nicht anſteckend— aber ich fühle mich wirklich etwas übel. Laſſet uns etwas warmen Sekt zu uns nehmen, Blood; das er⸗ heitert und— Er brach ſchnell ab, denn man hörte ein lautes Klopfen in dem Corridor, durch welchen Blood ge⸗ wöhnlich ſeine Ausgänge machte. Beide fuhren zuſam⸗ men und Oates wurde optenblaß.„Gottes Barm⸗ 112 herzigkeit! wenn es des Godfrey's Geiſt wäre?“ und er hielt ſich an Blood's Gürtel. 1 „Weg, Memme! faſſe mich nicht mit Deinen ſchlechten Händen an. Es iſt viel wahrſcheinlicher, daß Shaftesbury uns einen ſchlauen Streich geſpielt hat! Ich will hinauf und recognosciren; auf jeden Fall ſol⸗ len ſie mich nicht lebendig kriegen, wie einen Bären zur Hetze.“ Damit langte er ſeine Piſtolen vom Kaminſtück und verſchwand für kurze Zeit durch ſeine geheime Treppe. Mervyn erwartete den Erfolg ſeines Spähers mit einer Bewegung, die ſich nur ſchwach beſchreiben läßt, und ſo ſorgfältig er dieſe auch zu verbergen ſuchte, konnte er ſich doch nicht enthalten, einen Blick auf Oates ſchreckenvolles Geſicht zu werfen. Aber ſeine Hoffnung ſchwand, als der rückkehrende Blood Oates in einem mürriſchen Tone anzeigte, daß es Claude Duval ſei, halb betrunken und mit einem Schnappſack voll Lebensmittel auf dem Rücken. Er nahm ſodann einen Bund Schlüſſel und ging hinaus, ihn einzulaſſen. Kurz darauf hörte Mervyn eine Stimme, welche⸗ den Refrain eines muntern franzöſiſchen Jagdliedes luſtig trillerte und alle Fragen Blood's während des Heraufſteigens in demſelben Tone beantwortete. Aber beim Hereintreten hielt Claude inne. „Was für ein verdammtes Geſchwätz der Mann da führt!“ rief er aus.„Als ob Claude Duvul gleich den ehrlichen Weltmenſchen wäre, und einem Bruder in der Noth den Rücken zukehrte. Gut, Mann, ich bringe Euch hier ein paar kleine Zugaben für Eure Speiſekammer und zwei oder drei Flaſchen Lebenswaſſer, Euch die Naſe warm zu halten. Mais vogue la, galère! was für ein Kamerade iſt das hier?“ 1 „Ein armer Arbeiter im Weinberge des Herrn!“ erwiederte Oates mit ſeiner gewöhnlichen hypokriti⸗ ſchen Stimme? 3 „Keine Verſtellung, Oates, wir ſind luſtige Mönche, 113 glücklich zuſammen getroffen,“ ſagte der Oberſt, indem er ſeinen Beſucher mit Argwohn anblickte.„Aber iſt es auch gewiß, Claude, daß Ihr in keinem andern Geſchäſte kommt?“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Duval, freudig.„Aber nicht um Euch auszuſpüren, alter Fuchs, und den Or⸗ monde⸗Hunden zu verrathen, wie Euer Auge anzu⸗ deuten ſcheint. Ich möchte gern Euren Neffen ſehen, denn ich habe ein Wohlgefallen an ihm genommenen und möchte ihm gerne etwas zu Liebe thun.“ „Wahrhaftig! aber mein Neffe iſt zu unwohl ge⸗ genwärtig, um ſich viel zu unterhalten,“ ſagte Blood. „Das üppige und ausgelaſſene Leben hat den Schul⸗ knaben krank gemacht. Er fuhr geſtern Nacht mit drei Segeln im Winde, und kann heute kaum einen Hund von einem Graben unterſcheiden.“ 4½ „Wo iſt er denn? Was! auf dieß Stroh hinge⸗ ſtreckt?“ rief Claude und ging zum Bette, wohin ihm der Oberſt augenblicklich nachfolgte. Oates niemals in eine ſolche Anordnung einwilligen und daß ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach ihren Grund⸗ eufzen.„Wie ähnlich er ihm ſieht, mit dieſem Whitefriars. II. 8 114 ſchönen glühenden Geſichte!“ murmelte er, indem er des Knaben Hand ergriff und ſich beſorgt über ihn beugte. Mervyn fühlte eine heiße Zähre auf ſein Ge⸗ ſicht fallen, ſtellte ſich, als ob er aus dem Schlaf auf⸗ fahre und ſtarrte Claude mit einem zerſtreuten Blicke an. Blood ſprach zu ihm und fragte ob er den Herrn kenne. Er wendete ſein Haupt herum und murmelte etwas Unzuſammenhängendes und that, als ob er wie⸗ der in Schlaf fiele. 3 Duval kehrte zum Feuer zurück, ſetzte ſeinen Pack⸗ korb nieder, bemerkte, daß der Anblick des armen Jun⸗ gen ihm den Appetit genommen hätte, und daß er, da der Oberſt Geſellſchaft habe, zu einigen Freunden ge⸗ hen wolle, die auf ihn warten. „Einige Wollenhändler von Mancheſter ſollen aus⸗ gzogen werden, und wir treten im Engel zuſammen,“ ſetzte er nachläſſig hinzu.„Wenn ich etwas habhaft werde, das der Mühe werth iſt, will ich Eurem Nef⸗ fen ein kleines Geſchenk bringen; obgleich ich denke, um frei heraus zu ſprechen, daß er nicht die Ehre hat, mit Euch verwandt zu ſein.“ „Wie, wenn es mein Sohn wäre?“ ſagte Blood unmuthig. „Er hat nicht das Spitzbubengeſicht,“ erwiederte Claude mit Lachen.„Aber ich möchte gerne ein paar Worte mit ihm ſprechen, wenn er von Frankreich kommt — ma belle, belle France! Von woher kommt er—, wißt Ihr es nicht, Meiſter Oates? Von St. Omer? „Wahrhaftig nein, obgleich ich manchen gefährli⸗ chen Tag dort zugebracht habe,“ erwiederte Oates. Mervyn fühlte eine ſtarke Verſuchung, ihn einen Lügner zu heißen, aber er bezwang ſich, und horchte auf das, was wohl folgen würde, mit der durch die ausgeſprochene Muthmaßung natürlicherweiſe aufgereg⸗ ten Neugierde. Claude jedoch ſtand einige Minuten nachdenkend da, bemerkte dann, daß er noch vor Ab⸗ 115 lauf der Stunde in gslington ſein müſſe und nahm ſeinen Hut, um zu gehen. „Und bitte, Herr, da Ihr aus der Stadt kommt,“ ſagte Oates, nachdem er ſich mühſam geräuſpert,„bitte, Herr, hat man nichts Neues von Sir Edmundbury Godfrey gehört?“ „Oh ja, man hat ihn gefunden,“ ſagte Claude eifriger. Die beiden Herrn fuhren auf. „Wo, wo?“⸗ ſchnappte Oates. ging ein Gerücht, daß man Godfrey zuletzt in der Nähe von ſeiner Durchlaucht Hauſe am Strande ge⸗ ſehen hätte,“ verſetzte Claude.„ „Iſt's möglich! he— he— hel eine Frau genom⸗ men! Iſt ſie jung und hübſch?“ rief Oates aus, ki⸗ chernd und mit einem Winke zu Blood. „Wie, Herr, bezweifelt Ihr meine Worte?⸗ ſagte Claude ſcharf.„Aber ich weiß wohl, was Eure Partei hofft— daß es ſich als ein Mord ausweiſen werde „Gut, gut, Herr, ich beſtreite des Herzogs Mit⸗ theilung nicht,“ erwiederte Oates mit unterdrücktem Lachen;„das würde mir nicht gut anſtehen, der ich einer ſeiner ordentlichen Kaplane geweſen bin;— aber man wird ſehen, was man ſehen wird.“ „„Ich muß Dir auch noch ſagen, Blood, daß ich meinen Entſchluß hinſichtlich Eures Anſchlages geän⸗ dert habe. Ich will nichts damit zu ſchaffen haben. Für mich taugt die Haide, ein ſchnelles Pferd und Piſtolen! Claude Duval verſteht das Schwert zu führen, aber nicht das Meſſer.„Pfui! es iſt ja ein alter Mann mit grauen Haaren, mit dem will ich Nichts zu thun haben.“ 116 „Wie Ihr wollt, Herr,“ erwiederte der Oberſt, „aber bedenkt, daß Ihr die ſplendideſte Belohnung weg⸗ werft, die jemals einem ſterblichen Diebesmenſchen an⸗ geboten ward.“ „Ich bin kein Dieb, Herr— ich bin ein Räuber!“ ſagte Claude ſtolz.„Aber, lebt wohl; Ihr arbeitet in Eurem Fache und ich in dem meinigen. Ich werde morgen wieder kommen und Euren Neffen beſuchen.“ Blood lächelte bitter, hielt vorſichtig die Hand vor die Lampe und leuchtete Claude die Treppe hinunter. Beim Hinausgehen blickte er nach dem Bette zurück und Mervyn's Auge begegnete ſeinem mit einem Aus⸗ druck, der ihn augenſcheinlich ſtutzen machte. Er machte eine zweifelnde Bewegung rückwärts, aber Mervyn ſchloß die Augen und Blood's Rufen von der Treppe aug nöthigte ihn, zu folgen. Der Oberſt kehrte beinahe in demſelben Augen⸗ blicke zurück und legte ſeine Schlüſſel mit einem zu⸗ friedenen Grinſen nieder.„Claude möchte gerne mei⸗ nen Neffen, wie er heißt, auslocken. Aber, beim Zeus, wenn ſie je wieder zuſammenkommen, ſo ſoll es unter der Cenſur meines Knittels geſchehen.“ „Guter Gott! wie es mich in den Schuhen ſchüt⸗ telte, ſo lange er hier war!“ ſagte Oates,„ein Wort könnte Alles verrathen; Alles verderben.“ „Wohl, wir müſſen an unſere Aufgaben gehen; ich muß zum Himmel hinaufſteigen, um Tinte, meine Nabenfeder und Elkanah dort zu finden,“ ſagte der Oberſt.„Aber halt— die habt Ihr ja am Gürtel hangen, wie ſich's für einen Gelehrten, den Ihr vor⸗ ſtellt, ſchickt.“ „Ja, ja, aber wird es ſicher ſein, dieſes liſtige, junge Zicklein hier allein zu laſſen?“ fiel Oates ein. „Wer weiß, ob er nicht ein falſches Spiel treibt?“ „Oh, ich will ihn ſo wohl einſchließen, daß keine Fliege entkommen könnte,“ entgegnete Blood.„Und 117 wenn er hinauskäme, ſo wäre es nur aus der Brat⸗ pfanne in's Feuer.“ Dieſer letzte Wink, daß er in dem Hauſe ſollte allein gelaſſen werden, verurſachte Mervyn Herz⸗ klopfen; denn er war entſchloſſen, ſollte es ihn auch das Leben koſten, aus den Klauen dieſer Böſewichte zu entfliehen. Der Oberſt und ſein Gaſt blieben noch lange in engem Geflüſter bei einander, ſo lange, daß es Mer⸗ vyn ganz unerträglich ſchien; endlich brachen ſie auf, da es ſchon beinahe Nacht war, fingen an, ſich für das Abenteuer in Mäntel und Masken zu hüllen und gingen zuletzt fort. Da er deſſen ungeachtet eine ſchnelle Rückkehr befürchtete, ſo blieb Mervyn eine geraume Zeit unbe⸗ weglich liegen. Erſt, als er keinen Laut mehr ver⸗ nahm, außer dem Zerbröckeln des brennenden Holzes im Kamine, wagte er es endlich, ſich aufzurichten und zu horchen. Die tiefe Stille rings umher erſchreckte ihn. as Zimmer war dunkel, mit Ausnahme der rothen Glut der verkohlten Brände und eine ſolche Maſſe ent⸗ ſetzlicher Erinnerungen überfielen ihn, als er den Platz erblickte, auf welchem er Godfrey zuletzt geſehen, daß ſein Hirn wogte und wirbelte. Dieß ging vorüber und es war ihm, als ob er eine Stimme hörte, die ihn ermahnte, zu fliehen und die Mörder vor's Gericht zu bringen. Er ſtand wankend auf, denn er war bei⸗ nahe zu ſchwach zum Stehen und nach einem brünſti⸗ 118 lung in ſeiner Erinnerung auf. Die entſetzliche Be⸗ ſtrafung des Vatermörders, ſelbſt noch in dem Blute ſeiner Kinder, ſtellte ſich ihm mit unbeſchreiblichem Grauen dar. Ein übernatürliches Gericht ſchien zu⸗ gegen zu ſein und die unmittelbare Rache des Him⸗ mels durch die Ruinen des abſcheulichen Gebäudes zu ſchreiten. Meroyn kam es vor, als ob er durch das Verweilen hier an ihrem zernichtenden Geſchicke Theil nehmen würde, und er erhob ſich auf ſeine zitternden Beine und ohne Kleider, ohne Geld oder Freunde in der weiten Welt, that er den feierlichen Schwur, eher zu ſterben, als in dieſem Hauſe zu bleiben. Gerade wie er dieſen Eid ausſprach, ſah er aus einem Riß in der Tapete einen Zipfel des Mantels, den er bei dem Gange zu Godfrey anhatte, hervorhängen, und da er mcßſüchie, fand er alle ſeine Kleider vom vorigen age. Mervyn überlegte einige Minuten lang, welche Mittel für ſeine Unternehmung er ergreifen ſollte, und entſchloß ſich endlich, zu dem einzigen, das überhaupt möglich ſchien— zu einem Verſuche über den Balkon zu entkommen. Sein Schrecken bei dem Gedanken, daß er jenes furchtbare Zimmer betreten müſſe, erſtickte beinahe ſeinen Entſchluß wieder, aber er war jetzt ein Verzweifelter und beſchloß, ſeinen Widerwillen zu über⸗ winden. Entſchloſſen ſchritt er nach der Thüre auf den Corridor und wagte, nachbem er einen Augenblick ge⸗ horcht und die düſtern Gallerien rings überſchaut hatte, ſeinen Fuß auf die Treppe zu ſetzen. Auf's Neue über⸗ wältigte ihn ein abergläubiſches Gefühl und er ſtand einige Minuten lang vor ſich hinſtarrend, ohne den Muth zu haben, die zerfallene Stiege hinanzuſteigen, über welche ein mattes, trübes Mondlicht herunter⸗ ſtrömte. Zuletzt nahm er ſich mit großer Anſtrengung zuſammen, rannte die Treppen hinauf und ſprang athemlos auf den Dachboden. Er tappte ſeinen Weg nach der Fallthüre hin und fand dieſe blos durch die 119 entdeckte Leere, denn das Zimmer unten war ſo ſchwarz als die Nacht. Unbeſchreibliches Entſetzen durch⸗ drang Mervyn, da er ſich noch einmal in dieſem un⸗ heimlichen Gemache fand. Er wagte keinen Blick auf das Bette zu thun, aber eine ſchreckliche Phantaſie ver⸗ folgte ihn, daß zwei hagere alte Männer, beide ſchwarz im Geſicht— jede ſeiner Bewegungen bewach⸗ ten. Er hielt ſtille, als er den Fußboden erreicht hatte und horchte geſpannt umher; da herrſchte Grabes⸗ ſtille; aber plötzlich kam es ihm vor, als ob er ein tiefes Seufzen oder vielmehr Stöhnen hörte. Sein Haar ſtieg recht eigentlich zu Berge und einige Augen⸗ blicke lang ſtand er regungslos. Aber da er fort⸗ horchte, gab ihm das hohle Sauſen des Windes, der gerade ſehr ſtark ging, wieder ſeine Zuverſicht und er machte ſogleich den Schluß, daß das Gehörte derſelben Urſache zuzuſchreiben ſei. Er that eine Bewegung nach der Thüre; aber ein zweiter tiefer Seufzer— der unmög⸗ lich mit dem Winde verwechſelt werden konnte— traf ſein Ohr. Bis zur Raſerei getrieben und in höch⸗ ſter Verzweiflung kehrte er ſich gegen das Bett und ſah mit nahezu zerſpringenden Augäpfeln, daß ſich die ſchimmlichte Decke bewegte! Der Schrecken würde ohne Zweifel ſeine Vernunft überworfen haben, hätte er nicht in demſelben Augenblick ein Geſicht wahrgenom⸗ men, das ihn anglozte und ein hohles Lachen gehört, das ihm bekannt ſchien. Ein blitzſchneller Gedanke überzeugte ihn, daß es Blood war, verſteckt in dem Bette des Geizhalſes und daß er dieſes liſtige Mittel ergriffen habe, um zu entdecken, ob ſeine Bewußtlo⸗ ſigkeit eine wahrhafte oder eine erbeuchelte ſei. „„So, mein junger Herr, Alles iſt, wie Ihr ſeht, in der Ordnung; nur völlig fehlgeſchlagen,“ rief der Süerſd. ſich von ſeinem Lager aufrichtend und herzlich achend. Mervyn faßte augenblicklich ſeinen Entſchluß und ſtellte ſich mit einer, für einen ſo jungen Menſchen 120 ſeltenen Geiſtesgewandtheit, als ob er Blood gar nicht ſähe und ſein Lachen nicht vernähme, ſondern ſetzte ſeine Lampe bedächtig auf den Boden, kniete vor ei⸗ nem ſchwerfälligen Wandſchrank nieder und begann dann ſeine Leuchte zu ſchwingen, wie ein Rauchfaß vor dem Altare. Er hob eine lateiniſche Veſperhymne an mit ſußer, ruhiger Stimme, wie er als Akoluthe zu St. Omer im Chor zu ſingen gewohnt war, wo Alles ſeine melodiſchen Töne bewundert hatte. Wäh⸗ rend er ſo ſang, betrathtete ihn Blood mit langem, geſpanntem Erſtaunen, er hob ſich ſachte aus dem Bette und ging auf den Zehen zu ihm. Mervoyn hörte ihn murmeln:„das arme Kind iſt im Delirium,“ und ſah ihn in Thränen ausbrechen. Blood rief ihn ſanft beim Namen, und Mervyn, mit verſtelltem Zuſammenfahren, rief:„Ja, Vater!— aber gewiß, ich kann es nicht beſſer.“. „Vater,“ murmelte der Oberſt und ſagte, indem er eine Stimme annahm, wie ſie einem Bruder zu St. Omer, wohin er des Knaben Fieberphantaſien verirrt glaubte, angemeſſen ſchien;„mein Sohn, ich verlange keinen beſſern Geſang; Du fingſt wie ein Engel— aber geh wieder zu Bette. Ach, armes Kind! wie heiß ſeine Haut iſt.“ Beſorgt, daß er ſeine Rolle nicht übertreiben möge, ließ ſich Mervyn völlig paſſiv zu ſeinem Bette in dem gemalten Zimmer zu⸗ rückfuhren, wo ſich der Oberſt zu ihm niederſetzte. Er fuhr eine Zeit lang fort, abgeriſſene Stücke von Kir⸗ chenmelodien zu ſingen und nicht ohne Wirkung; denn da er einmal zu Blood aufblickte, ſah er deſſen Augen voll von Thränen! Vielleicht, daß mildere Ankläuge früherer Jugend und Unſchuld dieß rauhe Herz über⸗ fielen und rührten, ſo ſehr es auch Jahre von Blut⸗ vergießen und Gewaltthat ausgebrannt hatten. Zuletzt ftel der Jüngling in einen verſtellten Schlaf, in der Hoffnung oder Gewißheit, daß ſein Wächter an ſein ſchreckliches Geſchäft gehen müſſe. Und ſo kam es auch 121 — eine ferne Glocke ſchlug neun Uhr und ſchien ihn aufzumahnen. Er ſtand auf, deckte Mervyn mit der Sorgfalt einer Mutter zu, und, als ob er befürchtete, dieſer möchte beim Aufwachen im Dunkeln ſich fürchten, richtete er eine Lampe her und ſetzte ſie auf den Tiſch. Er ſtellte ſogar etwas kühlendes Getränke in ſeinen Bereich, legte Holz an's Feuer und ging weg. Eilftes Kapitel. Algernoan Sydney und ſeine Tochter. Mervyn lauſchte dießmal mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit auf die ſich entfernenden Tritte ſeines Wäch⸗ ters. Er hörte ihn die Thüren hinter ſich zuſchlagen, und die Riegel vorſchieben; aber ſeine Furcht war ſo groß, daß er fort fuhr zu horchen, bis die Glocke von St. Pauls Kirche zehn Uhr ſchlug. Da wagte er ſich aus dem Bette, und in Verzweiflung über die Um⸗ ſtände, die ihn gefangen hielten, wartete und zauderte er nicht länger. In einem Augenblicke war er in dem Geiſterzimmer— aber er blickte furchtlos umher, ſprang nach der Thüre und verſuchte ſie zu öffnen— umſonſt. Eine kurze, Unterſuchung zeigte ihm, daß Blood ſie mit einem Vorlegeſchloß verſchloſſen und den Schluſſel dazu mitgenommen habe. Mervyns Muth ſank, war aber noch nicht unter⸗ drückt. Er verſuchte die Fenſter und fand, daß ſie nicht aufgehen wollten, und wenn auch offen, durch Kreuzſtangen von außen geſichert wären; er verſuchte das Thor mit einem hölzernen Pfoſten zu öffnen. Aber vergebens erſchöpfte er ſeine jugendliche Stärke in dieſem Unternehmen; die von einem Geizhalſe be⸗ rechneten Sicherheitsmittel waren undurchdringlich. Zuletzt ſetzte er ſich, überwältigt von Ermüdung und fehlgeſchlagenen Hoffnungen, zum Ausruhen nie⸗ der, und fing an zu überlegen, daß wenn er auch auf dem Balkon wäre, er beim Sprung in den Strom, ſelbſt zur Flutzeit, ſein Leben aufs Spiel ſetzen würde; — und doch blieb ihm keine andere Hoffnung. Da beſeelte ihn der Abſcheu und Schrecken, in einer ſol⸗ chen Mörderhöhle zurückzubleiben, aufs Neue. Er wußte, daß er ein guter Schwimmer ſei und glaubte, daß ihm der Himmel in einer gerechten Wagniß bei⸗ ſtehen würde; und wie durch Eingebung, kam ihm die Erinnerung an die Fallthüre im Dache in den Sinn. Einmal auf dem Dache angelangt, dachte er, ſei es vielleicht möglich, auf den Balkon hinab zu klettern, der nur ein Stockwerk tiefer lag. Die Furcht vor der Rückkehr ſeines Kerkermeiſters,— denn es ſchlug zwölf Uhr, da er horchte,— war ein neuer Sporn zur An⸗ ſtrengung für ihn und er begab ſich wieder auf den Dachboden. 4 Nach zwei oder drei vergeblichen Sprüngen ge⸗ lang es ihm, ſich zu den Querbalken aufzuſchwingen und er hob ſich, Bloods neulich gegebenes Beiſpiel nachahmend, von einem Balken zum andern, bis er die Fallthüre im Dach erreicht hatte. Der Riegel da⸗ ran ſtak aber ſo feſt, und durch dreißigjährigen Roſt geſichert, daß er wirklich Riegel und Krampe losbrach, ohne ſie aus einander zu bringen. Darauf nahm er alle ſeine Stärke zuſammen und ſchob die Thüre in ihren Rinnen zurück, und erblickte mit unſäglicher Freude den geſtirnten Himmel und den hellen Mond rein und heiter über der blauen Tiefe ſchwebend. Hinaufgeklettert, er wußte nicht wie, ſchwang er ſich auf'’s Dach. 3 Nachdem die erſte Begeiſterung des Entzückens vorüber war, blickte er ſorgfältig um ſich. Er befand 1 123 ſich auf dem Vorſprung des hohen Giebeldaches; hin⸗ ter ihm die Dächer und die wilden Umriſſe von Al⸗ ſatia;z vor ihm der Strom, ſchneeweiß aufbrauſend unter einem ſtarken Wind und dem hellen Mondlicht. Auf dieſer Seite mußte jedenfalls der Balkon ſich be⸗ finden, und er kroch auf Händen und Füßen längs des Giebels fort, um zu ſehen, wie weit es hinunter ſei. Zu ſeiner großen Verwunderung und Beſtürzung ſah er, daß dieſer viel tiefer unten war, als er ge⸗ rechnet hatte, und daß es unmöglich ſei, ſo weit zu ſpringen, ohne die größte Gefahr, den Hals zu brechen. Die friſche Luft und die Ausſicht auf Freiheit hatten ihn jedoch wunderthätig geſtärkt. Er entſchloß ſich, zurückzukehren und die Ueberzüge und Decken von des Geizhalſes Bett zu holen, um ſich daraus ein Seil zu machen, an dem er ſich hinablaſſen könnte. Er war nun gefühllos gegen alle Furcht des Ueberna⸗ türlichen; er lief hinunter und riß die Decke herab. Mit einiger Schwierigkeit ſchleppte er ſie nach ſich, aber zuletzt gelang es ihm und er eilte in das ge⸗ malte Zimmer nach einem Meſſer, und beladen mit dieim Schätzen fand er ſeinen Weg bald wieder auf's Dach. Er ſchnitt und riß nun drei breite Streifen von der ganzen Länge der Ueberdecke,— und obgleich Al⸗ les ſehr alt und brüchig ſchien, glaubte er doch, nach⸗ dem er es ſtellenweiſe geflochten und in Knoten ge⸗ ſchlungen hatte, es werde ſtark genug ſein, ſein Gewicht zu tragen. Die Zeit verſtrich ſchnell während dieſer Vorrichtung und mit klopfendem Herzen hörte er in feierlichem und melancholiſchem Gemurmel über das Waſſer die Glocken von mehreren Kirchen Ein Uhr ſchlagen. Er fing an, die mögliche Rückkehr ſeines Feindes zu überrechnen und fühlte, daß keine Zeit zu verlieren ſei. Ohne ſich mit einer wünſchenswerthen, ſorgfältigen Bereitung des Seiles aufzuhalten, ſah er ſich nach etwas um, woran er es befeſtigen könne, — und konnte zu ſeinem äußerſten Verdruſſe nichts fin⸗ den. Aber im Verlauf dieſer kummervollen Ueberſicht fiel ſein Auge auf die offene Fallthüre und er beſchloß, ſeine Leine daran feſt zu machen. Dieß that er ſo haltbar als er konnte, nachdem er zuerſt die Angeln der Fallthüre unterſucht und ſie hinlänglich feſt für ſeinen Zweck gefunden hatte. Er warf ſodann das Seil mit einem ans Ende gebundenen Stück Holze über das Dach hinaus und kroch bis zum Rand des Daches hinab. Im Hinunterblicken ſah er, daß das Stück Holz in einiger Entfernung über dem Boden des Balkons ſchwebte, aber er hoffte, das Fehlende leicht durch einen Sprung zu erſetzen und ſchickte ſich an, ſich über das Dach hinaus zu ſchwingen. Es war große Gefahr vorhanden, daß ſein zerbrechlicher Ap⸗ parat an irgend einem Theile auseinandergehen und ihn auf, oder über den Balkon hinabſtürzen könne; aber Mervyn entſchloß ſich, ſolche ſchreckliche Wahr⸗ ſcheinlichkeiten nicht in Anſchlag zu bringen. In einem kurzen, halblauten Gebete, ſeine Seele ihrem Geber empfehlend, ſchritt er, das Seil faſſend, über die Aus⸗ ladung, und fand ſich, mit einem Gefühle, dem kein Wort, auch nur die entfernteſte Gerechtigkeit thun könnte, baumelnd in der Luft in ſo ſchwindlichter Höhe. Die Geiſtesgegenwart, Gewandtheit und Vorſicht, welche äußerſte Gefahr in muthigen Naturen ſo häufig entwickelt, verließen auch unſern jungen Abenteurer bei dieſem ſchrecklichen Schritte nicht. Sachte ließ er ſich nieder, von Knoten zu Knoten, mit ſorgfältiger Vermeidung jeder Veranlaſſung zu einem ſchnellen Ruck; denn er ſah nun, daß ſein ſchwaches Tauwerk, an der ſcharfen Ecke des Daches auseinandergehen müſſe, ſobald der Druck den Mittelpunkt verlieren und ſich rechts oder links wenden würde. Der Schweiß ſtrömte ihm über's Geſicht und er fühlte einen beſtän⸗ digen Drang, auf jede Gefahr hinabzuſpringen, um nur dem tödtlichen Seelenſchmerz zu entgehen, der in der Befürchtung deſſelben lag. Der Schrecken ſeiner Stellung nahm jedoch allmälig ab, je weiter er hin⸗ unter kam und als er ſich ungefähr in der Mitte be⸗ fand, wurde er ruhiger und gefaßter. Dieſes Gefühl verwandelte ſich in unbegrenzte Freude, als er das Holzſcheit unter ſeinen Füßen fühlte, und er wagte es zum erſten Male, hinunter zu blicken. Eine neue Schwierigkeit drohte ihm nun. Die übrig gebliebene Höhe war weit größer, als er ſich eingebildet hatte, und betrug beinahe zwölf Fuß, aber ein Auskunftsmittel bot ſich alsbald ſeiner ſchnellen Einbildung dar. Er ließ ſich allmählig hinab, bis die ganze Länge ſeines Körpers von dem Holze hinunter⸗ hing, das er in ſeinen Händen feſthielt. Aber auch da nahm er noch Anſtand, denn ſeine Füße waren ohne Schutzwehr, und er fürchtete auf eine ſolche Art zu fallen, daß er ein Glied brechen könne— was allem weiteren Unternehmen ein Ende machen würde. Ein Zufall erſparte ihm die ſchreckliche Nothwendigkeit ei⸗ ner Wahl; das Stück Holz brach von dem Seile los, und er fiel auf den Balkon, ohne andern Schaden zu nehmen, als ein ſchmerzhaftes Uebertreten ſeines rech⸗ ten Fußgelenkes und eine Quetſchung, die er vom Geländer erhielt. Aber die größte Gefahr erwartete ihn noch, ſo dachte wenigſtens Mervyn, als er über die Baluſtrade auf den Strom hinunterſchaute. Es war Hochfluth, wovon alle ſeine Hoffnungen abhingen; aber das Waſſer war auch von einem mächtigen Winde aufgejagt, ſo daß Mervyn, wenn er die Tiefe, in die er fallen mußte, ſeine körperliche Schwäche und die Stärke der Flutſtrömung in Anſchlag nahm, kaum an die Möglichkeit, das jenſeitige Ufer zu erreichen, denken e. 3 Das Surrey⸗Ufer war damals nicht wie jetzt, eine Reihe von Waarenniederlagen, Gießereien und Schiffs⸗ werften, wo der Handel ſeine Krahnen und Maſchinen zur Schau ſtellt. Es war ein langes, flaches Ufer, 126 bedeckt mit Schilf, Weidenbäumen und Grasplätzen, unterbrochen von einigen zerſtreut liegenden Dörfern und Höfen. Auf der Londoner Seite dagegen hatte ſich die Stadt ſchon ſo weit ausgedehnt, als das Auge hinunter oder ſtromaufwärts reichen konnte, und ſchwarze Schatten und ſeltſame vorſpringende Lich⸗ ter ſchwammen auf den dunklen Wellen, überall, wo kein Mondlicht hinfiel. Mervyn ſah deutlich die vier Zinnen des„Tower“ zu ſeiner Linken; und ferne zur Rechten, noch jenſeits der Tenraſſen⸗Gärten des„Tem⸗ pels,“ erkannte er die weißen Maſſen von Sommer⸗ feihens das, wie zu einem Feſte, hell erleuchtet ien.— Während er in einem Anfalle von Verzagen dieſe Scene überblickte, ſah er in einer beträchtlichen Ent⸗ fernung ſtromabwärts eine kleine, aber ſehr ſchöne Barke, wie ſich ihrer die Bürger zu Luſtfahrten zu be⸗ dienen pflegten, zu einer Zeit, wo die Themſe, gleich den Lagunen von Venedig, noch die Lieblingsſtraße ihrer Bewohner war. Sie wurde durch mehrere Wind⸗ lichter ſichtbar, welche von Männern in Livree gehal⸗ ten wurden, die in der Barke ſaßen, und Mervyn glaubte eine weibliche Figur in dem vordern Ende des Boots zu unterſcheiden, neben einem Herrn in dunkel⸗ farbigen Kleidern. Nach der Richtung des Bootes zu ſchließen, zweifelte Mervyn nicht, daß es die Mitte zwiſchen Alſatia und Surrey halten würde und daß es wahrſcheinlich eine Geſellſchaft führe, die zu einer mitternächtlichen Luſtpartie in Sommerſethouſe gehen wolle, wo die Wittwe Karls 11. reſidirte. Er dachte, daß wenn ihm nur hinlängliche Stärke bliebe, die Barke zu erreichen, das Mitleid die Perſonen am Bord derſelben bewegen würde, ihn einzunehmen. Sein Entſchluß war bald gefaßt, er fuhr fort, die kleine Barke, die leicht und ſchnell vor der Flut hertanzte, mit der größten Aengſtlichkeit zu beobachten. Näher und näher kam ſie, und er ſchickte ſich zu ſeinem ſchreck⸗ 127 lichen Sprunge an, indem er auf die Balluſtrade klet⸗ terte und ſich auf ihren verfallenen Rand ſtellte, ſich feſthaltend an einem der Pfeiler. Während ſeine geſpannten Blicke an dieſem unge⸗ wiſſen Stern der Hoffnung hingen, der glänzend über dem Gewäſſer einherzog, ſenkte ſich der traurige Gegen⸗ ſatz, den ihm eine Welt bot, in die er ſich als in ein Meer von Liebe und Freude zu ſtürzen geſehnt hatte, ſchwer und tief ins Herz. Da ſtand er, eine Waiſe, allein, ſchutzlos, im Schritte zur höchſten Gefahr be⸗ griffen, während jene Schwelger des Lebens, voller Luſt, in vollkommener Bequemlichkeit und Sicherheit vorüberruderten! Er hatte jedoch nicht viel Zeit übrig, dieſen traurigen Gedanken nachzuhängen, denn wäh⸗ rend er zögernd ſtand und das Boot näher kam, hörte er, oder glaubte er einen Lärmen zu hören, als ob des Geizhalſes Zimmer hinter ihm aufgeriegelt werde. Horchend mit geſträubtem Haar, vernahm er deutlich Bloods furchtbare Stimme und Oates Hyänengewin⸗ ſel. Licht blitzte durch die Fenſtergitter— ſeine Kerker⸗ meiſter waren von ihrem entſetzlichen Werke zurück⸗ gekehrt! Noch zauderte er, jede Muskel erſtarrt von Furcht. Wiederholte Schläge geſchahen auf die Balkon⸗ thüre, als ob die Perſon, die ſie that, zu ungeduldig wäre, das Aufriegeln zu erwarten. Im ſelben Augen⸗ blick hörte Mervyn einen Ausruf von oben und da er aufblickte, ſah er Oates teufliſches Geſicht von dem Dachende auf ihn lauern, während die rechte Hand eine Piſtole nach ſeinem Kopfe gerichtet hielt. Mit einem wilden Hilfsruf zum Himmel ſprang er— und der Knull einer Piſtole, begleitet von einem Triumph⸗ geſchrei des Schurken, der ſie abfeuerte, ließen ſich in demſelben Augenblicke hören. Der Schuß pfiff indeſſen über ſein Haupt und Mervyn ſtürzte mit äußerſter Gewalt in die Wellen, ſank in ihre ſchlammige Tiefe und ſtieg mit übernatür⸗ licher Anſtrengung wieder auf. Das kalte Waſſer ſchien 128 ſeine brennenden Glieder mit wohlthätiger Friſche ab⸗ zukühlen, ſeine Kraft kehrte wunderbar zurück und er kam ſich ſtärker vor, als ein junges Roß. Vom Bal⸗ kon herunter glänzten Fackeln, gellendes Geſchrei traf ſein Ohr, und wohlwiſſend, welche Gefahr es ihm brächte, geſehen zu werden, tauchte er unter und kam erſt außer dem Kreiſe des Lichtſcheines wieder zum Vorſchein. Seine triefenden Augen unterſchieden ſo⸗ gleich die näherkommende, aber noch in beträchtlicher Entfernung befindliche Barke, und er ſtreckte mit An⸗ ſtrengung jede Nerve und Muskel nach ihr hin. Er fand jedoch, daß ſeine Stärke der entgegenrollenden Flut nicht gewachſen war und mußte ſich begnügen, ſich ſo viel als möglich in der Linie der Barke zu erhal⸗ ten und ſchwache Schreie um Hülfe entgegenzuſenden. Das Boot näherte ſich nun ſehr ſchnell, angetrie⸗ ben von den Fluthwellen und einem ſtarken Winde, und Mervyn's Kräfte waren ſo erſchöpft, daß er nur noch wie ein Stück Holz ſich von dem Waſſer tragen laſſen konnte. Plötzlich ſchien es, als ob ihn ſeine letzte Hoffnung verlaſſen wollte; die Barke veränderte ihre Richtung und ſchien nach dem Surrey⸗Ufer zu ſteuern. Zuſammenraffend alle Kräfte zu einer letzten verzwei⸗ felten Anſtrengung, ſchrie er:„Hilfe, ich ertrinke!“ und plötzlich ſchien ſich das weibliche Angeſicht gegen ihn zu wenden, und in dem Uebermaß der Angſt erſchien es ihm als das eines Engels der Barmherzigkeit. Er that einen zweiten Ruf und ſtrebte mit letzter er⸗ ſchöpfter Anſtrengung durch die anrauſchenden Wogen zu brechen. In dieſem Augenblicke warfen die Män⸗ ner in der Barke den Schein ihrer Fackeln auf ihn und eine männliche Stimme rief ihm zu, ſich zu hal⸗ ten, Hilfe ſei da. Die Barke wendete ſich ſchnell der Stelle, an der er ſich befand, zu und Mervyn fühlte alle Kräfte in ihm wieder belebt. Wüthend ſtieß er die Wellen weg, kam der Barke nahe und dann erſt verließ ihn ſeine letzte Stärke. Es ſchien ihm jedoch, 129 als ob im Sinken unter das⸗Stürzen und Getöſe der Wellen die weiße Hand des Engels im Boote die ſeinige faßte— daß ihn etwas bei den Haaren er⸗ griff— dann ſchwand Geſicht, Gefühl, Gedächtniß, und ex wußte nichts mehr von ſich. Wie lange dieſer Zuſtand der Gefühlloſigkeit dau⸗ erte, und was ſich während derſelben zutrug, blieb Mervyn völlig unbekannt; aber ſeine erſte Erinnerung rückkehrenden Lebens war, daß er geraume Zeit in einer Art von Traumſchlummer lag, ohne ein Wort zu ſprechen, und blos die reichen Vorhänge eines Bet⸗ tes anſtierend, auf dem er ruhte. Allmälig erhellte ſich ſein Gedächtniß, zuerſt jedoch erſchienen ihm die ſchreckensvollen Umſtände der kürzlich durchlebten Sce⸗ nen nur unbeſtimmt, wie im Traume. Endlich floß ein lichterer Gedankenzug durch ſein verſtörtes Gehirn, und er richtete ſich im Bette auf, zu ſehen wo er wäre, denn er konnte ſeine Erinnerung an die Ein⸗ richtung beim Oberſt mit ſeiner gegenwärtigen Be⸗ guemlichkeit nicht in Einklang bringen. Er ſah ſich in einem ſehr ſchönen, mit Seidendamaſt behangenen und reich möblirten Zimmer. Eine alte Frau ſaß neben ſeinem Bette, über einem offenen Meßbuche eingenickt und in dem Roſte eines Kamines vor ihr brannte ein behagliches Feuer. Mervyn war zufrie⸗ den damit, er wußte nicht, warum, und er legte ſich wieder zurück, und nachdem ihn das müßige Achtgeben auf der alten Frau zeitweiſes Kopfnicken eine Zeitlang unterhalten hatte, kam eine neue Reihe von Erinner⸗ ungen über ihn; die einzelnen Umſtände ſeiner Flucht bis zu dem Augenblicke, da er bewußtlos unter die Wellen ſank, zogen in lebendigen Maſſen an ihm vor⸗ bei; und unfähig, zu begreifen, wo er war, nahm er ſich die Freiheit, den Schlummer der alten Frau zu ſtören.„Sie fuhr im Aufwachen zuſammen, ſo daß ihr die Brille von der langen Habichtsnaſe fiel, rieb ſich Whitefriars, II. 9 1³⁰ die Augen unter vielen Ausrufungen der Verwunderung und begann die Bettdecken, die er in Unordnung ge⸗ bracht hatte, ſo dicht um ihn zu ſchlagen, als um eine egyptiſche Mumie. 3 „Gottes Segen über Deine ſüßen Augen, Kind, um ſeinetwillen, dem Ihr ſo gleich ſeht, wie zwei Kir⸗ ſchenſteine einander,“ ſagte ſie liebkoſend.„Und ſchlaft wieder ein, mein Liebling, und ſprecht kein Wort, denn der Doktor hat's verboten, bei Leib und Leben.“ „Aber, wo bin ich Mutter? um der Barmherzigkeit willen, ſagt mir, wo ich bin, und wer Ihr ſeid?“ hub Mervyn mit ſchwacher Stimme an. „Nun wohl, mein Huhnchen, ich bin der Miſtreß Sydney Wärterin,“ erwiederte die Alte,„ich heiße Alice Penryn, und war mein Lebenlang, ſo alt ich auch bin, blos in zwei Dienſten; was ein Zeugniß iſt, das wenige Dienſtboten aufweiſen können. Zuerſt diente ich bei den edlen Aumerles— o Herr, ja! Ich war die Amme des armen, jungen Earls, der ſich im Tower ſelbſt umbrachte, und mich, das kann ich verburgen, mehr als ſeine Mutter behandelte, denn als einen Dienſt⸗ boten. Dann hatte ich die Pflege ſeines armen Kleinen—“ „Aber, Mutter, ſagt mir, wo ich bin, und wie ich hieher kam?“ unterbrach ſie Mervyn. „Ja, das wie, das iſt ja gerade, was keines von uns ausfindig machen kann,“ ſagte Alice.„Aber was das wo anlangt— ſo ſeid Ihr in Aumerles Haus, das heißt in Lord Howards, weh über den Taß!“ „Gütiger Himmel! Lord Howards! Aber wie kam ich hieher?“ fragte der verwirrte Kranke. „Nun wahrhaftig, fiſchte Euch nicht vorgeſtern Nachts der ehrenwerthe Oberſt Sydney auf, da er Miß Aurora von dem Ball in Sommerſethouſe nach Hauſe führte?“ ſagte die Wärterin.„Aber, armes Herz! Ihr wart ſo empfindungslos als ein Stein, da man 2—0 ᷣ 8⁸ 131 Euch aus dem Waſſer zog, und der Himmel weiß, daß nur die Güte des Höchſten Euch vom Ertrinken rettete.“ „Und weiß Mylady Howard— hat ſie mich ge⸗ ſehen? Erinnerte ſie ſich nicht, mich vorher geſehen zu haben?“ rief Mervyn. „Ja, wahrlich ſie thats und war ſo beſtürzt über. den Anblick, daß ſie völlig in Ohnmacht verging,“ ent⸗ gegnete die Wärterin.„Aber ſie wollte es durchaus nicht zugeben, daß Ihr anderswo verpflegt würdet, als in ihrem Hauſe, obgleich ich mich gewißlich wundere, Kind, wie ſie Euch nur anſehen kann, ſo ähnlich ſeht Ihr— doch, das thut nichts zur Sache.“ „Aber wer— wer war das— was für eine Dame war in dem Boot?“ ſagte Mervyn, indem ſein bleiches Geſicht ſich begierig röthete. „Meine Güte! und wer anders, als die liebe, ſüße, gute Aurora?“ erwiederte die alte Frau mit Begeiſterung.„Aber ich ſollte nicht mit Euch ſprechen, Liebling, ſo ſchlaft wieder ein, oder der Doktor wird böſe werden. Gewißlich, es war Miſtreß Sydney und ſie erzählte mir, ſie hätte ihre Hand zu Eurer Rettung ausgeſtreckt, und Ihr hättet dieſelbe ergriffen und Ihr würdet beide ertrunken ſein, aber ihr Vater faßte Euch am Haar, und zog zugleich ſie zurück.“ 1 „Gott ſegne ſie immerdar!“ rief Mervyn bis zu Thränen erweicht; aber finſtere Erinnerungen drängten ſich iym auf und mit wildem Blicke fragte er die Wärterin,„aber— aber hat man Godfreys Leiche ge⸗ funden?“ „Herr, behüt uns! er rast wieder,“ ſtöhnte Alice. „Ich wußte, daß es ſo kommen würde; Doktor Brooke, verbot mir, unter keinen Umſtänden mit Euch zu ſpre⸗ chen. O, Kind, Ihr habt dieſe zwei Tage über nichts gethan, als über Godfreys Mord ſchwadronirt und ge⸗ rast, und der arme, liebe, koſtbare Mann iſt nun ganz gewiß gefunden worden. Und die Leute ſagen— Schande für ſie— ermordet von uns armen, unglücklichen Ka⸗ 132 tholiken, die wir kaum mehr unſere Köpfe unſer eigen nennen können.“ „Wo fand man ihn?“ fragte Mervyn athemlos. „In einem Graben, in St. Pankraz⸗Feld, drei⸗ viertel Stunden Wegs von der Stadt,“ ſagte Alice; ſeinen ſilbergefaßten Degen bis zum Griff in ſeinem Leibe ſteckend, und alle ſeine Guineen in der Taſche; ſo daß ſich nicht annehmen ließ, daß es Diebe gethan hätten, obſchon Claude Duval den Earl von Harring⸗ ton erſt vorgeſtern in Piccadilly beim hellen Tage be⸗ raubte.“ „Könnte ich den Oberſt Sydney ſprechen— nur einen Augenblick?— mein Leben hängt davon ab!“ ſagte Mervyn und faltete begierig bittend ſeine Hände. „Er wird bald kommen und nach Euch ſehen,“ erwiederte die Wärterin ruhig.„Er geht jetzt gerade zu Tiſche.— Mylady Howard gibt ein großes Feſt und alle Leute von Rang ſind dabei— der Herzog von Monmouth, Lord Shaftesbury, Lord Ruſſel und ſeine Gemahlin, der—“ „O, bei Eurer Seelen Seligkeit, ſagt ihm, er möchte zu mir kommen!“ rief der Jüngling leidenſchaft⸗ lich aus.„Es iſt Mord— Tod— Verrath— ich weiß nicht was Alles! Ich kann nicht, ich will nicht ſterben mit dieſer Laſt von Entſetzen auf meiner Bruſt!“ „Still, um der Güte willen, mein Liebling, oder ſie ſagen, daß ich daran Schuld ſei,“— ſagte Alice. „Und Ihr wißt— daß Ihr mich zum Schwätzen brach⸗ tet— aber, Himmel, da iſt Lady Aurora!“ „Die ſüße, leiſe, melodiſche Stimme eines jungen Mädchens ließ ſich in demſelben Augenblicke hören; und eine Geſtalt, in Mervyns Augen ein Engel des Lichts, ſchwebte ſanft herein. Es war ein blühendes, äußerſt anmuthiges Mädchen, wie es ſchien, ſehr jung; ihre Stimme hatte den lieblichen Klang und ihre Form die zarte Rundung und das Ebenmaß, wie es dem Uebergange von der ätheriſchen Grazie der Kindheit 133 zu der reiferen, volleren Schönheit des Weibes eigen⸗ thümlich iſt. Ihre Geſichtszüge waren beinahe rein griechiſch. Die Geſichtsfarbe weiß, im reichen Blühen und Glühen der Wangen und Lippen, und eine Fülle dunklen, nußbraunen Haares umfloß in Ringellocken nach der damaligen Mode ihr ſchönes Geſicht und ihren Nacken. Sie hätte gerade, wie ſie war, einem Maler zu einer himmliſchen Hebe ſitzen können, ſo friſch, freu⸗ dig und voll reichen, anmuthigen Lebens erſchien ſie. Auch lag in ihren lachenden Augen eine Munterkeit, in ihrem Lächeln ein roſigter Glanz, der eine lebendige, warme, herzige Natur bezeichnete und aus der Ruhe ihrer vollkommenen Züge ſprach Seelenadel und Würde. Sie war ſehr einfach gekleidet— weiß, mit einem Strauße von Moosroſen im Buſen und ein Bogen von halbgeöffneten Knospen ſchlang ſich durch ihre reichen Locken. „Nun, Wärterin, was macht er?— Wie gehts Eurem Kranken?“ fragte das liebliche Geſchöpf, leicht bis beinahe vor's Bett tretend. „Still! Er iſt wieder bei ſich!“ rief Alice, da ſich Mervyn plötzlich von ſeinem Kiſſen aufrichtete. „Mir iſt beſſer— wohl— Dame, Gott ſegne Euch!“ rief Mervyn, alles Andere vergeſſend über dem ſchreck⸗ lichen Gedanken, der ihn drängte.„Aber wenn Ihr Euer Werk vollenden, wenn Ihr meine Seele vom Verderben erretten wollt, ſo bittet den Oberſt Sydney um einen Augenblick, nur um einen Augenblick ruhiges Gehör, für das, was ich ihm zu ſagen habe!“ „MNiſtreß Sydney erröthete lebhaft und blickte die Wärterin in ſtummer Ueberraſchung an. „Ach Jemine!l er ſpricht wieder irre von Godfrey's Mord,“ ſeufzte die gute Alte.„Ihr braucht den Oberſt nicht zu rufen Honigſüße; ſeine Gegenwart kann nichts helfen.“ „„Ich ſchwöre Euch, Dame, ich bin vollkommen bei Sinnen!“ rief Mervyn mit ſchreckender Heftigkeit.„Aber 134 ich habe etwas auf dem Herzen, das es zerſpringen wird, wenn ich es nicht ausſprechen kann! Er muß mich anhören— ich will Gehör haben!“ „Schellt einem Bedienten, Wärterin— mein Vater würde ſich wundern, daß ich— aber wer weiß? Viel⸗ leicht hat der arme Jüngling etwas Schweres auf dem Herzen liegen,“ ſagte Miſtreß Sydney mit einiger Verlegenheit.„Bitte, Herr, bleibt ruhig— mein Vater wird zu Euch kommen.“ Und ſie verſchwand wie ein Lichtſtrahl aus den Blicken des jungen Leidenden. Zufriedengeſtellt durch dieſes Verſprechen, ließ Mervyn ſein ſchmerzendes Haupt auf das Kiſſen zu⸗ rückſinken und ſchlummerte oder lag eine Zeitlang in Ohnmacht. Er erwachte oder kam wieder zu ſich mit einem ſtarken Geruche von Veilchen in der Naſe, und als er ſeine müden Augen aufſchlug, war der erſte Gegenſtand, auf den ſie fielen, das duſtere, ſchöne Ge⸗ ſicht der Lady Howard, die ihm belebende Aethermittel vorhielt und ſich über ihn beugte, mit einem vollen Blicke ihrer ſcharfen Augen in die ſeinigen. Es lag ein gewiſſer Ausdruck in dieſen Augen, vor dem Mer⸗ vyn bis auf's Mark hinein ſchauderte, und er richtete ſich mit einem ſchwachen Ausruf im Bette in die Höhe. Die alte Alice ſtand der Lady zur Seite mit einem Teller voll Stärkungsmitteln, den Mund eingekniffen, und ihrer ganzen Länge nach mit ſo viel Unmuth aus⸗ gerüſtet, als ſie zu zeigen wagte. Aber Mervyns Auge ward ſogleich von einer Ge⸗ ſtalt auf der andern Seite des Bettes feſtgehalten. Es war ein Herr, der ſchon über die mittlern Jahre hinaus war; groß und edelgeformt; ſeine Züge erha⸗ ben, würdig und ausdrucksvoll, die Augbrauen etwas ſtrenge gebogen, aber der Mund und die hohe weit⸗ gewölbte Stirne zeichneten ſich durch einen Ausdruck geiſtreicher Milde aus. Der Geſammteindruck ſeines Geſichtes, ſelbſt der Blick ſeiner tiefblauen, durchdrin⸗ genden Augen hatte etwas melancholiſches. Im Ge⸗ 2 135 genſatz zu der Mode des Tages, trug er ſein natürli⸗ ches Haar, das immer noch ſein dunkles, unterſilbertes Kaſtanienbraun behalten hatte. Es war hoch über der Stirne geſcheitelt und fiel in ſchweren Locken über ſeine Schultern im Raphaeliſchen Style, welchen Milton und andere aus Italien zurückkehrende Reiſende des Tages nachahmten. Uebrigens war nichts Geſuchtes in ſeinem Ausſehen. Sein Anzug, obgleich von rei⸗ chem Stoffe, war dunkelfarbig, ohne das Putzgetändel des Zeitalters. Er beſtand hauptſächlich aus ſchwar⸗ zem Sammt, mit Silber geſchlitzt, auch trug er eine Halsbinde und Hemdkrauſe von der feinſten Leinwand, als wie in Verachtung der weichlichen Hofſitte, künſtlich gearbeitete Spitzenkrägen zu tragen. Ein Degen mit Silbergriff und ein Halbmantel von aſchgrauem Sammt, und ein Hut mit einfacher Schnalle vollendeten den Aufzug eines Mannes, der, ſo ſehr er auch Deiſt und Republikaner ſein mochte, ohne Zweifel eines der edel⸗ ſten Muſter von einem engliſchen Gentleman war, die jemals die glorreiche Erde von England Mutter nannten. Mervyn wußte inſtinktmäßig, daß dieſer Mann Oberſt Sydney ſein müſſe und fühlte ſich auf's Aeußerſte aufgeregt. Er verſuchte zu ſprechen, aber ſeine Stimme verſagte und er konnte blos die ihm dargebotene Hand faſſen und convulſiviſch mit Thränen baden. Sydney ſprach einige beſänftigende Worte zu ihm, bat ihn, ru⸗ hig zu bleiben, wobei ihn Lady Howards ſchmeichelnde Stimme und Ermahnungen unterſtützten. „Seid nicht erſchrocken, guter Junge,“ ſagte ſie liebkoſend.„Ihr ſeid außer aller Gefahr und in edler Hut. Aber man ſagte Oberſt Sydney, daß Euch ein unglückliches Anliegen auf dem Herzen laſtet, das Ihr gerne kund machen wolltet. Was iſt es, mein gutes Kind?“ Und auf's Neue heftete ſie ihre großen, forſchen⸗ den, ſchönen, aber furchtbaren Augen auf ihn. 136 „Oberſt Sydney, im Namen des oberſten Richters aller Menſchen, wenn Gerechtigkeit, wenn menſchliche Gefühle noch irgend auf Erden vorhanden ſind— laßt Blood und den Teufel Oates feſtnehmen— ohne Ver⸗ zug!“ rief Mervyn wild aus.„Sie ſind Mörder! ſie haben Godfrey gemordet! Ich will es beweiſen— oder der Blitz möge mich erſchlagen, während ich ſpreche!“ „Seid ruhig, junger Mann,“ ſagte Sydney, mit⸗ leidig auf die Lady Howard blickend; aber ſie hatte ihr Geſicht abgewendet.„Seid ruhig! es iſt klar, daß Eure erhitzte Phantaſie, wie es oft geſchieht, die Schat⸗ ten und Färbungen deſſen, was gerade vorgeht, auf⸗ fängt und in phantaſtiſche Schreckensbilder verkehrt. Wenn die furchtbaren Ereigniſſe der letzten Tage auf geſunde und ruhige Gemüther einen ſo verwirrenden Einfluß ausüben, was müſſen ſie erſt bei einer wilden und verwirrten Einbildungskraft, wie der Deinigen, bewirken?“ „Ich ſage Euch, Oberſt, wenn es im Himmel oder auf Erden Wahrheit gibt, ſo ſpreche ich ſie!“ rief der Jüngling mit verzweifelter Heftigkeit.„Monmouth, Shaftesbury, Eſſer— ja, Lady, Lord Howard ſelbſt, obgleich ſie es nicht ſo gemeint hatten— veranlaßten dieſe furchtbare That— Blood und Oates führten ſie nur aus.“ 8 „Ich habe Euch ſchon erklärt, Oberſt Sydney, weshalb ich mich durch dieſes wilde Irrereden einer kranken Phantaſie nicht beleidigt fühle,“ ſagte die Gräfin mit leiſer, erregter Stimme.— „Gewiß Mylady, es würde unbillig ſein,“ ſagte Sydney mit Bedeutung. „O ſicherlich, ſicherlich, Lady Howard, werdet Ihr bezeugen, daß ich in Geſellſchaft von Blood in Euer Haus kam— daß ich von ihm Euch vorgeführt wurde“ — fieng Mervyn an, als ihn die Lady haſtig unter⸗ rach.. „Herr Blud?“ ſagte ſie, den Namen auffallend 137 kurz ausſprechend.„Herr Blud, ich erinnere mich in der That, daß er mit einer Botſchaft von Lord Shaf⸗ tesbury zu mir kam und einen Jungen von Eurer Größe mit ſich brachte,— aber das iſt ſchon lange her. Doch, ich erinnere mich jetzt— ach, armes Kind, er ſprach mit mir über ein Gebrechen, in Eurem ſonſt vortrefflichen Verſtande, der Euch zu Zeiten verrückt mache; daß aber der Anfall bald vorübergehe— bitte, ſeid ruhig.“ „Und vielleicht ſprangſt Du in einem Anfall Dei⸗ ner Krankheit von einer der Brücken in den Strom hinunter?“ ſagte Sydney ernſt.„Tollheit allein kann eine ſolche Handlung entſchuldigen; denn wiſſe, Kind, daß ſchon die edeln Griechen und Römer den Mann für entehrt hielten, der ein Leben, das ſeinem Vater⸗ lande noch nützlich werden konnte, feige wegwarf.“ „Ich habe kein Leben weggeworfen! Ich wagte mein Leben, um es zu retten!“ rief Mervyn, verwirrt durch die neue Verſchlingung ſeiner Lage.„Ich floh aus einer Räuberhöhle. Oberſt Sydney, ich verlange nicht, daß Ihr mir ein Wort glaubt, das ich nicht mit Thatſachen belegen werde. Gebt mir einen Verhafts⸗ befehl und einige Soldaten und wenn ich Euch nicht in daſſelbe Haus führe— es iſt in Alſatia, wo ſie Godfrey hinlockten und ihn ermordeten— laßt mich mit dem Zeichen Kains gebrandmarkt und von wilden Pferden zerriſſen werden!“ „Könnte es möglich ſein, daß dieſe Narrheit nur verſtellt wäre— daß dieſer Jüngling in dem ſchlechten Dienſte des Hofes iſt, um die letzte, gräßliche Entde⸗ Aung zu hintertreiben?“ ſagte Lady Howard, indem ſie dem überraſchten Blicke Sydneys mit einem ähnli⸗ chen begegnete.„Mein armes Kind, wenn Ihr in ſolche Umtriebe verwickelt ſeid, ſtehet um Gotteswillen davon ab, denn ſie werden nur zu Eurer Schande und Strafe ausfallen.“ „Der König und ſeine Günſtlinge ſind unzweifel⸗ 138 —haft ſchlecht genug, einen ſolchen Plan zu entwerfen, aber ich kann nicht glauben, daß dieſer offene Junge darum weiß; er kann betrogen ſein,“ bemerkte Sydney kalt.„Fühlt nur ſeinen Puls, Lady Howard, wie er hupft! es iſt Delirium und ſein ganzer Körper iſt brennend heiß. Sucht dieſe fürchterlichen Vorſtellungen zu verbannen, Jüngling, und mit der Ruhe wird Eure hellere Vernunft zurucktehren.“ „So wollt Ihr mir alſo nicht glauben? Ihr wollt mir nicht helfen, dieſe Mörder aufzujagen?“ keuchte Mervyn, beinahe erſtickt von innerer Bewegung. „Es iſt unmöglich— Ihr ſeid raſend, Knabe,“ ſagte Lady Howard aufſtehend.„Wir wollen bald wieder nach Euch ſehen, wenn Ihr ruhiger ſeid. Kommt, Oberſt, die Geſellſchaft wartet auf uns.“ „Dann komme auf Euer Haupt Alles Blut, das durch die Axt öffentlicher Mörder vergoſſen werden wird!“ ſchrie der Jügling mit aller Stärke, die ihm übrig geblieben war.„O, Oberſt Sydney, man nennt Euch einen gerechten Mann und wollt Ihr Engländer unter dem Namen der Gerechtigkeit hinmorden laſſen?“ „Nein, lieber wollte ich ſterben, als daß auch nur ein Haar eines engliſchen Hauptes ungerechterweiſe ſollte ausgerauft werden,“ ſagte Sydney mit ſeinem großartigen Lächeln.„Aber Ihr ſeid jetzt keiner ver⸗ nünftigen Unterredung fähig. Ich will Euch wieder beſuchen, wenn ich geſpeist habe, und hoffe, dieſe wil⸗ den Trugbilder eines kranken Gemüths abgekuhlt zu finden.“ „Sagt dem Lord Shaftesbury von mir, daß er ein gräulicher Verſchwörer iſt!“ rief der Jüngling, durch den Unglauben an ſeine ſchauderhafte Erzählung zur Raſerei gebracht.„Aber ich will nicht länger das Blut auf meinem Kopfe laſten haben! Ich will nicht ruhig im Bette bleiben, während ehrliche Männer ihr Leben durch den Meineid hölliſcher Mörder verlieren! - 139 Ich will hinaus— ſo wie ich bin— und es überall laut verkünden!“ Er machte einen ſtarken, beinahe krampfhaften Verſuch, ſich im Bette aufzurichten, faßte die reiche Decke, als ob er ſie zum Mantel gebrauchen wollte, aber Lady Howard hielt ihn mit einem ſchwachen Aus⸗ ruf beim Hemdärmel feſt. Sein Geſicht ſchien herum zu wirbeln, ſein Hirn ſchwoll, als ob es den Schädel erſprengen wollte, und er ſank bewußtlos auf ſein Kiſ⸗ er zurück. Zwölftes Kapitel. Die Herrſchalt des Fanatismus. Dieſe Erholung von geiſtiger Folterqual ſollte ein ſchnelles Ende nehmen. Mehrere Stunden ſchienen verſtrichen zu ſein, denn da Mervyn plößzlich erwachte, war es Nacht, aber das Zimmer war voll von Fackeln. Man hörte Sydneys Stimme in lauten Vorſtellungen und Bitten, die alte Wärterin weinte und rang die Hände und ſein erſter Blick zeigte Mervyn das Zimmer voll von Musketieren. Dann hörte er eine andere Stimme, die abſcheuliche Stimme von Oates! Ihre Töne ſchienen ihn mit unbeſchreiblichem Ekel und Haß zu erfüllen, er ſprang auf und ſchrie—„Nehmt den Mörder feſt!“ daß das Zimmer widerhallte. „Ja, ja, Ihr Herren, nehmt ihn feſt!— Da iſt das ſchändliche Werkzeug der Papiſten!“ rief Oates, und wendete ſich mit einem von teufliſcher Wuth glühen⸗ den Geſichte um.„Nehmt ihn feſt— Ihr habt den Verhaftsbefehl von Sr. Majeſtät und von mir.“ „Aber er iſt nicht in einem Zuſtande, in welchem 140 er fortgeführt werden könnte, Herr Oates ſagte Oberſt Sydney mit großer Heftigkeit.„Der Arzt er⸗ klärt ihn für lebensgefährlich krank, und es wird auf Gefahr Eures eigenen Lebens ſein, wenn Ihr ihn wegzuſchaffen verſucht.“ „Unbezweifelt, Oberſt Sydney, geehrter Herr,“ entgegnete Oates.„Wenn er auf dem Wege nach Newgate ſtirbt, um ſo beſſer für ihn, ſo entgeht er dem Galgen. Aber ich geſtehe, Oberſt Sydney, es überraſcht mich, einen ſo vortrefflichen, ächten Prote⸗ ſtanten und Verabſcheuer willkürlicher Gewalt die Partei eines jungen papiſtiſchen Schurken und Spionen ergreifen zu ſehen, der gedungen ward, die wahre proteſtantiſche Religion umzuſtürzen, und die Entdek⸗ kung des verdammlichen, abſcheulichen Komplotts zu hintertreiben, welches—“ Der würdige Herr war ſo weit in ſeiner Rede gekommen, als die Fortſetzung durch ein plötzliches Zuſchnüren ſeines Halſes unterbrochen wurde. Mervyn war aus dem Bette geſprungen, hatte ihn bei der Gurgel gefaßt mit raſendem Griffe und ſchrie:„Greift ihn, greift ihn,“ aus Leibeskräften. Oates gellte „Mordjo,“ und verſuchte umſonſt ſich loszureißen, bis einer der Soldaten zuſprang, Mervyn ergriff, mit großer Gewalt wegriß und ihm die Hände feſeelte. Als dieß geſchehen war, verſuchte Oates noch, ſeinem jungen Opfer einen Fauſtſtreich zu verſetzen; aber Syd⸗ ney riß ihm den Arm zurück, und betheuerte, er werde den Jungen nicht mißhandeln laſſen, was auch ſein Vergehen ſein möge. „Wollt Ihr Euch des Königs Befehl widerſetzen, Herr Sydney?“ keifte Oates.— „Zeigt ihn mir und ich werde Euch antworten,“ erwiederte Sydney mit ruhiger Würde.„Ihr habt eine ungeſetzliche Verhaftung unternommen, denn Ihr habt dem Gefangenen Euren Verhaftsbefehl nicht ge⸗ zeigt.“ 141 „Hier iſt er,“ ſagte Oates, dem Oberſt unhöflich ein Pergament in die Hand ſchiebend, der es bedächt⸗ lich und laut ablas, und fand, daß es ein in gehöriger Form abgefaßter Verhaftsbefehl war, der den Vor⸗ zeiger ermächtigte, zu ergreifen, feſtzunehmen, feſtzu⸗ halten und vor den wohlwürdigen Aldermann Bethel, oder irgend einen Andern von Sr. Majeſtät Friedens⸗ richtern zu bringen. Die Perſon eines gewiſſen Icha⸗ bod Mervyn, Novizen der Jeſuiten von St. Omer. „Wohl, Oberſt, gebt Ihr den Leib und die Per⸗ ſon dieſes Verbrechers willig auf, gemäß dem Befehl Eures Königs und meinem?“ ſagte Oates mit bos⸗ haftem Lächeln. „Ich übergebe dieſen Angeklagten, aber nicht Ver⸗ brecher,“ entgegnete Sydney.„Ein Geſchwornengericht ſeines Landes und nicht Eure allzufertigen Lippen müſ⸗ ſen ihn als ſolchen erklären, wenn er einer iſt; aber Ihr verhaftet ihn, auf die Gefahr hin, einen Mord zu begehen.“ „Der größte Schaden würde ſein, daß der Henker um ſeine Gebühr betrogen wäre,“ erwiederte Oates; „ſo, Gerichtsdiener, zieht Eurem Gefangenen die Klei⸗ der an— mit Gewalt, wenn er ſich widerſetzt.“ „Wenn ich vor eine Obrigkeit geführt werden ſoll, ſo will ich freiwillig und gerne gehen, ihr Herren,“ ſagte Mervyn.— Ich verlange bloß ein geduldiges Gehün für die Abſcheulichkeiten, die ich zu enthüllen abe. „ Ich verſpreche Euch, junger Herr, Ihr ſollt vor die Obrigkeit gebracht werden, ja und vor einen Rich⸗ ter und eine Jury, und dann zu einem Luftbade nach Tyburn,“ ſagte Oates grimmig. „Mir ſcheint, daß Ihr Euch für einen Mann in Eurer heiligen Kleidung mehr gleich einem böſen Feind, als einem Chriſten benehmet, Meiſter Oates,“ be⸗ merkte Sydney, indem er den Strick löſte, den Oates feſt um des Jünglings Handgelenke ſchnürte.„Dieſes 142 Binden und Feſſeln eines Unterthanen des Königs, wenn er keinen Widerſtand leiſtet, iſt gegen das Ge⸗ ſetz und ich werde es nicht zugeben!“ „Alle Welt weiß, Herr Oberſt, daß nach Eurem Wunſch und Willen Seine Majeſtät gar keine Unter⸗ thanen haben würde,“ ſpottete Oates.„Und was Eure Religion anbetrifft, ſo gibt es keinen Lehrjungen, der einen Stock von einem Ball unterſcheiden kann, der nicht wüßte, daß Ihr der atheiſtiſchen, deiſtiſchen, pantheiſtiſchen Anbetung griechiſcher und römiſcher Göt⸗ ter ergeben ſeid, und— „Beim Himmel! ich könnte mich beinahe aufge⸗ legt finden, mein Schwert in Deinem ſchlechten, fal⸗ ſchen Blut zu verunehren!“ ſchrie Sydney blaß vor Zorn und an ſein Degengefäß langend. „Ihr ſeid Zeugen, Ihr Herrn, daß der Oberſt des Königs Verhaftsbefehl verhindert,“ ſagte Oates mit ſeiner Eulenſtimme. „Gebt Euch nicht mit dieſem Elenden ab, edler Herr,“ fiel Mervyn ein, bebend an allen Gliedern vor Wuth und Fieberhitze;„laßt mich nur vor eine Magiſtratsperſon führen, und wenn ich ihn nicht ſo ſchwarz darſtelle, daß die Hölle anſtehen wird, ihn aufzunehmen, ſo laßt die Leute mich als einen Lügner anfüͤhren, bis zum jüngſten Tage, der meine Wahr⸗ heit im Donnerton verkünden wird.“ Mervyn wußte nicht, was für eine Gerechtigkeit vom Fanatismus gehandhabt wird, aber der Oberſt war damit bekannt und ſchüttelte kummervoll den Kopf. Demungeachtet ſchien Oates verlegen zu ſein und trieb zu möglichſter Eile an. Mervyn war bald mit einigen Kleidungsſtücken bedeckt, die ihm Sydney lieh, und der Oberſt erlangte es, mehr von Oates Klugheit, als Menſchlichkeit, daß der Gefangene imn einer Kutſche in die Stadt gebracht wurde. Etwas Uebernatürliches ſchien Mervyns Stärke wieder belebt zu haben. Er trat feſt auf, dachte klar und deutlich, ———ꝛẽ—— 143 fühlte keine Unruhe— ſein Weg und Verhalten ſchien ſo offen und augenſcheinlich vor ihm zu liegen. Er hatte noch nicht gelernt, daß es nicht hinreicht, die Wahrbeit zu ſagen, um Glauben zu finden. In kurzer Zeit war der Zug in Ordnung, und der unbewußte Erbe von Aumerle wurde unter der Obhut von Diebsfängern als ein Hochverräther und Verbrecher über die mit vergoldetem Geländer einge⸗ faßte Treppe ſeines eigenen prächtigen Schloſſes hinun⸗ tergefuhrt. 1 Mittlerweile hatte ſich ein Pöbelhaufen um das Schloß verſammelt, und da ſie hörten, daß ihr viel⸗ geliebter Doktor einen von Godfrey's Mördern ge⸗ fangen genommen hätte, grüßten ſie die Erſcheinenden mit gellendem Schreien, Pfeifen und Ziſchen, ver⸗ miſcht mit heftigen Beifallszeichen für Oates. Sydney, der entſchloſſen war, den Gefangenen zu begleiten, befahl dem Kutſcher, ſchnell zu fahren, und ſo hatten ſie bald den lärmenden Pöbel hinter ſich. Das Ge⸗ rücht verbreitete ſich indeſſen nah und fern, und als Oates ſeinen Gefangenen triumphirend zur Guildhall hineinführte, war der Gerichtshof bereits zum Er⸗ ſticken voll. Mervyn ſtand einige Augenblicke vor den Schran⸗ ken, ehe er ſich einen klaren Begriff von der Scene bilden konnte, in der er die Hauptrolle zu ſpielen hatte, ſo verwirrt und betäubt waren ſeine Sinne. Der An⸗ blick des Oberſt Sydney neben ihm ermuthigte ihn jedoch in Etwas, und er ſchaute unter dem Gemur⸗ mel und Lärmen der drängenden Menge neugierig um ſich, als ob er nicht weiter bei dem Auftritte bethei⸗ ligt ſei, als jeder andere Zuſchauer auch. Er be⸗ merkte nun, daß er ſich in einer Art von Schafpferch befand, inmitten einer hohen Halle, und vor ihm ſaß auf einem erhöhten Stuhle ein ſtarker, aufgedunſener kann mit einem runden, fetten Geſcchte, kleinen, blinzelnden, rachſüchtigen Augen und ein Paar über 144 einen hervorragenden Rathsherrnbauch gefalteten Hän⸗ den. Er war mit dem Scharlachmantel und der gol⸗ denen Kette ſeines Amtes angethan und ſaß da in feierlicher Amtsmiene, und mit dem wichtigen Aus⸗ ſehen, das ſich gemeine Menſchen unfehlbar zu geben ſuchen, wenn ſie eine Verrichtung übernehmen, der ſie nicht gewachſen ſind. Dieß war Herr Sheriff Bethel, wie man ihn bis zu ſeinem Ende nannte, wegen ſeiner, ſo lang er in Amt und Würde ſtand, vollbrachten Thaten— ein Mann, den man wegen ſeiner hart⸗ näckigen Oppoſition gegen den Hof für einen großen Patrioten hielt und der vom Volke vergöttert wurde. Mervyn konnte jedoch ſeine fette, wohlgenährte Geſtalt durchaus nicht mit dem Charakter von Knauſerei in Uebereinſtimmung bringen, welcher dem Sheriff die unſterbliche Verſpottung durch Drydens Satyre zuzog. „Ach, Doktor— würdiger Doktor Oates— ſo ſo, Ihr bringt einen Gefangenen— he? einen Jeſui⸗ ten, he? ſagte der Friedensrichter, nachdem Stille er⸗ halten worden war.„Wohl, wohl, Niemand kann läugnen, daß Ihr einer der größten Retter unſerer Nation ſeid, die der Herr ſeit vielen Jahren erweckt hat. Möge er Euch in Geſundheit und Stärke erhal⸗ ten, um Euer Werk zu vollenden und uns, und Alle, unſere koſtbare Leben und Freiheiten vor dem ver⸗ dammlichen, häßlichen Complotte zu retten. Nun, Herr, was liegt gegen dieſen jungen Schurken vor? Er hat ein ausgezeichnetes Galgengeſicht— iſt er auch in der Verſchwörung?“ „Euer Wohlwürden,“ erwiederte Oates in einer frömmelnden Stimme,„der Himmel weiß, mit wel⸗ cher Angſt und Sorge ich gegen dieſen jungen Burſchen auftrete, wozu mich jedoch meine Pflicht nöthigt, ange⸗ ſehen, daß auch der heilige Abraham der Stimme des Herrn gehorſamte, da ihm befohlen wurde, Iſaak zu ſchlachten, ſeinen einzigen Sohn Iſaak! Aber, o! wie herzzerreißend— denn, wahrlich, mein Eingeweide 145 brennt für ihn— iſt die Pflicht, ihn nicht blos des ſchmählichſten Undankes gegen mich anzuklagen, ſondern der Theilnahme, ich fürchte nur einer allzu tiefen, an dem kürzlich verübten, empörenden, ſchrecklichen, bluti⸗ gen, papiſtiſchen Morde des Sir Edmundbury God⸗ frey, dieſes ſo vortrefflichen Handhabers des Geſetzes, der nun, ſo Gott will, unter den Erwählten im Pa⸗ radieſe iſt!“ „Hört mich an— nur ein einziges Wort, wohl⸗ würdiger Richter— ich beſchwöre Euch, wenn Ihr nicht wollt, daß dieſes Dach über unſern Häuptern zuſam⸗ men ſtürzen ſoll! rief Mervyn, indem er ſeine Hände wild zuſammenſchlug. „Schweig, Elender!“ ſagte Bethel ſtrenge.„Was Ihr zu Eurer Vertheidigung zu ſagen haben könnet, wird ſpäter angehört werden; aber ich glaube, man wird keinen ſolchen Erzeſel in England finden, der dem, was ein Jeſuit ſagen oder ſchwören mag, Glauben beimeſſen wird, angeſehen der von Eurer abſcheulichen Kirche und dem Antichriſt, als ihrem Haupte, ange⸗ ſprochenen verdammlichen Gewalt von allen Eiden zu abſolviren.“ „Ja, ich klage dieſes Satanskind an, daß er von der papiſtiſchen Partei gedungen ward—(ich wollte, ich dürfte ſagen, von wem, aber das ſind Zielſcheiben zu hoch für andere Pfeile, als die des Allerhöchſten!)“ fuhr Oates fort, vor Leidenſchaft ſchwarz im Geſichte. „Ich ſage noch einmal, dieſer abſcheuliche Jeſuitenvogel iſt gedungen, eine ſchlechte und höchſt verläumderiſche Anklage gegen mich aufzutrumpfen, gegen mich Titus Oates, in der Abſicht, die Complottsentdeckung zu un⸗ terdrücken, die proteſtantiſche Religion und Reforma⸗ tion umzuſtürzen, und willkürliche Gewalt und franzö⸗ ſiſche Herrſchaft, oder vielmehr Tyrannei, einzuführen!“ „Nehmt Euch in Acht, Herr Oates!— Dies ſind außerordentliche Anſchuldigungen, die Ihr, wie mir Whitefeiars. II. 10 146 ſcheint, Mühe haben werdet, zu begründen,“ ſagte Oberſt Sydny.„Laßt mich Euer Wohlwürden eine ver⸗ nünftigere Darſtellung der Sache mittheilen. Dieſer arme Junge leidet an Anfällen von Geiſtesverwirrung, während eines ſolchen ſprang er, wie ich fürchte, in die Themſe, aus der ich ihn mit einiger eigener Gefahr rettete. Er lag darauf in einem hitzigen Fieber, und in dieſem Paroxismus verfiel ſeine Raſerei auf das allverſchlingende Thema der letzten ſchrecklichen Ent⸗ deckungen, welche die Gemüther aller Menſchen in Bän⸗ häuſer entſetzlicher Vermuthungen verwandeln.“ „Raſerei!— O, daß es Raſereien wären!“ ſagte Mervyn,„gebt mir nur⸗Gehör, und ich will dieſe Ra⸗ ſereien als Wahrheit darthun, die ſo feſt begründet iſt, als der Himmel über uns! Nehmt dieſes Ungeheuer feſt! Er iſt ein Mörder! Er ermordete Sir Edmund⸗ bury, entweder mit eigener Hand, oder durch die Hand eines Andern!“ „Er ſcheint auf jeden Fall jetzt raſend zu ſein, Herr Sydny,“ ſagte Bethel ſcharf. „Euer Wohlwürden, er iſt ſo geſund und bei Sin⸗ nen, als ich; es iſt blos ſeine kunſtreiche Bosheit,“ ſagte Oates mit wüthendem Grimme.„Er iſt beſto⸗ chen und von denen, die von dem Schweiß und Blut dieſer unglücklichen Nation ihr Geld erpreſſen, und dazu abgerichtet, um unſers Herrn und Meiſters Vor⸗ ſehung in den neulich gemachten Entdeckungen einer niederträchtigen, verdammlichen, nie genug zu verab⸗ ſheienden Verſchwörung des Antichriſts zu hintertrei⸗ en. „Ich fürchte, ich fürchte, da ſteckt eine mörderiſche ſtarke Hand hinter dieſer Intrigue, ehrwürdiger Mei⸗ ſter Oates,“ entgegnete Bethel, indem er mit einem unheilvollen Ausdrucke den Kopf ſchüttelte.„Aber auf welchen beſondern Klagepunkt hin ſoll ich ihn feſtſetzen? Obgleich ſich Jeder genug in Acht zu nehmen hat, Ge⸗ rechtigkeit gegen die Papiſten zu üben, ſeit dem tödt⸗ lichen, erſchrecklichen Exempel, das wir kürzlich erlebt haben. Aber demungeachtet,“ ſprach Bethel zu ſeinem Schreiber„Minſhull, macht ein Mittimus für New⸗ gate fertig.“ „Aber, wenn Euer Wohlwürden erlauben, wir müſſen zuerſt eine handgreifliche, geſetzliche Klage haben, ſonſt verfällt Euer Wohlwürden der neuen Habeas- Akte, und wer weiß, was ſonſt noch,“ ſagte der Schrei⸗ ber, ein dünner, rothhaariger Mann, der ſich über kine vor dem Stadt⸗Aelteſten ſtehenden Schreibepult ehnte. „Nun ja, gut, gut, Herr Oates, und was iſt Eure Klage?“ ſagte Bethel mürriſch. „Laßt mich zuerſt Euer Wohlwürden erklären,“ erwiederte Oates,„daß dieſer elende Junge das Fin⸗ delkind eines Räubers iſt, den die Jeſuiten von St. Omer in der egyptiſchen Finſterniß des papiſtiſchen Aberglaubens aufgezogen, als ich—“ „Ha, St. Omer!“ rief eine Stimme aus der enge. G— „Wer ſpricht da?“ entgegnete Oates, ſich ſchnell umwendend. 4 „Geſegneter Herr Oates,“ erwiederte eine weiner⸗ liche Stimme,„es war ein Burſche, ſündlich ausſtaf⸗ firt in Satans Netzwerk, ſage, Carmoiſin mit Gold geſtict; aber er drängte ſich hinaus, da Ihr Euch um⸗ ehrtet, um ihn zu vermahnen.“ „Ein wohldieneriſcher Sklave des Hofs; irgend ein lockerer Promovirter der Weltluſt,“ bemerkte Oates kalt.„Aber, wie ich Euch ſagte, Euer Wohlwürden, da ich nach St. Omer kam, fand ich den kleinen Ju⸗ das hier in dem Hauſe der Knechtſchaft, und löste, wie ich hoffte, ſeine geiſtlichen Ketten, ja, ich brachte ihn zur Heerde zurück, als ein koſtbares Milchlamm der Seligkeit. Aber ich habe ſeitdem zu meinem Scha⸗ den gefunden, daß er mir blos als ein jeſuitiſcher Spion angehängt wurde.“ 8 148 „Was, Du verworfener Lügner und Schurke!“ rief Mervyn aus.. „Schweig!“ ſchrie Bethel;„wenn Ihr es wagt, den Zeugen zu unterbrechen, ſo will ich Euch in die beilennende Ehrfurcht gegen den Gerichtshof peitſchen aſſen. „Das wird mit Eurer Erlaubniß nicht geſchehen, Herr Sheriff,“ ſagte Sydney.„Die Geſetze Englands geſtatten nirgendwo dem Sheriff ſolche Gewalt, und ſc deide darauf ſehen, daß Ihr das Geſetz nicht über⸗ reitet.“ „Wie, was geht Euch der Bube an, Oberſt?“ fragte Bethel mit großer Verwunderung. „Er iſt ein Menſch,“ erwiederte Sydney. „Ei nun, was das betrifft, ſo hoffe ich, wir ſind Alle Menſchen, Oberſt Sydney,“ ſagte Bethel mit rothglühendem Geſicht,„wenigſtens kann ich nicht ſehen, daß einer von uns einen Thierskopf hat, obgleich es Pferdefüße unter uns geben mag, ſo viel mir bekannt iſt! Aber Ihr hört, den Leuten hier gefallen Euere Spitzfindigkeiten und Witzfindigkeiten nicht— und Ihr kennt Euere eigene Maxime— Vox populi, vox Dei! So, wenn Ihr nicht ſtill ſein könnt, Oberſt, müßt Ihr den Gerichtsſaal verlaſſen.“ 1a Sydney nichts antwortete, ſagte der Richter weiter: „Nun, Herr Oates, fahrt fort, zum Dritten⸗ male.“ „Wenn es Euer Wohlwürden geliebt,“ ſagte Oates mit erkünſtelter Demuth,„es war ſo wie ich ſagte— verführt von ſeinen Thränen und ſeiner ge⸗ heuchelten Liebe zu mir, geſtattete ich ihm, ſich heim⸗ lich von dem Seminar zu entfernen, und mir zu die⸗ ſem Lande des Lichts zu folgen, wenn wir es noch ſo nennen dürfen, trotz der dunkeln Wolken, die ſich über uns zuſammenziehen. Und nun gebt Acht, Ihr Herren, ſobald er hier landet, läßt er ſich in einen 1 149 Briefwechſel mit gewiſſen hohen Perſonen ein, die hier nicht genannt werden ſollen, ohne Zweifel auf den Befehl ſeiner Obern in St. Omer. Euer Wohl⸗ würden— ich fing ihn auf der That ab, als er vom Sankt James⸗Palaſt kam, wo, das weiß der Him⸗ mel, nicht viel Gutes für die proteſtantiſche Religion gelernt werden kann. Aber dennoch auf ſeine verſtellte Reue hin, vergab ich ihm. Da ich ihn jedoch auf's Neue auf denſelben Streichen ertappte, ſo entließ ich ihn vor ungefähr vierzehn Tagen aus meinem Dienſte, und habe ſeither nichts weiter von ihm gehört oder geſehen, bis mir die Dienſtmagd jenes hingeopferten Herrn entdeckte(hingeopfert, weil er uns Alle mehr als ſein eigenes Leben liebte!), daß er es war, der Sir Edmund in die Falle lockte! Auch ſagen ſie, daß er als ein Page des Herzogs verkleidet war,— aber Gott verhüte, daß ich ſagen ſolle, mit Seiner Hoheit Wiſſen und Kenntniß! Aber darauf ward Sir Ed⸗ mundbury von Niemand mehr geſehen, bis man ſeine koſtbaren Gliedmaßen, verſtümmelt und blutig, im Pan⸗ kraz⸗Graben fand.“ „Oberſt Sydney,“ rief Mervyn in dieſem Augen⸗ blicke mit einer ſo verzweiflungsvollen Stimme, daß ſie ihm gewiſſermaßen Gehör erzwang.„Ich rufe die Blitze des Himmels auf mein Haupt herunter, wenn ich falſch rede, indem ich ſage, daß dieſer Mann,— dies Ungehener— Sir Edmundbury Godfrey's Mord zu wege brachte! Hört mich nur an, Ihr Herren! Bei meinem Leben, bei meiner Seele, ſo gewiß wir Alle einſt vor dem ewigen Richter da oben erſcheinen werden—“ aber, erſtickt von innerer Bewegung brach er ab und konnte nur auf Oates hindeuten, heraus⸗ keuchend,„Mörder!“ Dieſe natürliche Beredtſamkeit machte einen gro⸗ ßen und allgemeinen Eindruck. Selbſt Oates, mit al⸗ ler ſeiner Unverſchämtheit, ſtand einen Augenblick bleich daz aber er faßte ſich bald wieder. 1 1⁵50 „O Du Wolf in der Wolle eines Lämmleins!“ rief er aus,„wagt Ihr zu leugnen, daß Ihr Godfrey aus ſeinem Hauſe locktet? ja und daß Ihr königliche Lipree trugt? Schaut, er hat noch jetzt Ueberreſte davon an ſich! Aber hier ſind Zeugen, die nicht ab⸗ geleugnet werden können. Hier iſt Doktor Baxter und die Magd Rachel, die ihm an jenem verhängnißvollen Morgen das Haus öffuete, und, wie ſie verſchämt be⸗ kennt, ihr Auge von ſeiner fleiſchlichen Schönheit ange⸗ nehm gekitzelt fühlte, ſo daß ſie ihn nur an demſelben Merkzeichen erkennt!“. Jetzt hörte man ein heilloſes Weinen, und Rachel erſchien vor den Schranken, in einen ſchwarzen Man⸗ tel und Hut gekleidet. „Weint nicht, Miß Rachel, Euer Zeugniß iſt un⸗ nöthig,“ ſagte Mervyn entſchloſſen.„Ich leugne kei⸗ nen von den angeführten Umſtänden, daß Sir Edmund⸗ bury ſein Haus unter meiner Leitung verließ, aber—“ „Dann beweiſt, wo Ihr dieſen gottesfürchtigen Märtyrer zurückließt, und wo Ihr ſelbſt ſeither Euch aufgehalten habt!“ ſchrie Oates. „Nun, wenn er dieſen Punkt zugibt, ſo gibt er er auch den Mord zu, und wir werden endlich der Verſchwörung auf den Grund kommen!“ ſagte Bethel mit einem ſprechenden Blick auf die Menge, die ihn mit verwirrtem Gemurmel beantwortete. „Aber ſicherlich, und um bloßer Gerechtigkeit wil⸗ len, werden Euer Wohlwürden anhören, was dieſer arme Junge zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen hat?“ fiel Sydney ein. „Der Gerichtshof läßt ſich nichts vorſchreiben, Herr Sydney,“ ſagte Bethel.„Ihr müßt entweder die Geſchäfte ruhig vor ſich gehen laſſen oder die Halle verlaſſen. Es thut mir leid, einen Herrn von Eurem Range zurechtweiſen zu müſſen, aber— „Von meinem Range, Herr!“ unterbrach ihn Syd⸗ ney.„Euer Wohlwürden irren; Niemand hat einen 151 Rang vor einem engliſchen Gericht, es ſei denn der voon Schuld oder Unſchuld. Wenigſtens weiß ich, daß es ſo unter Cromwell war, ſo ſehr er auch ein Tyrann und Uſurpator geweſen ſein mag, und wenn unter ei⸗ ner geſetzmäßigen Regierung, wie wir Alle hören, das ſie iſt,— aber ich will nicht weiter ſagen, und Euch blos erſuchen, ehe Ihr urtheilt und verdammt, des Gefangenen Vertheidigung anzuhören.“ „Ich dächte, wir müſſen zuerſt die Zeugen ver⸗ nehmen? ſagte Bethel ärgerlich.„Wohl, Herr Bax⸗ ter: meiner Treu, wir ſind ſtolz darauf, einen ſo ge⸗ ſegneten Zeugen hier zu ſehen, als jemals dieſſeits des Märtyrthums gefunden ward!“ Baxter erſchien, während dies Compliment aus⸗ geſprochen wurde, verbeugte ſich nachläßig gegen den Gerichtshof, kehrte ſich um und blickte Mervyn feſt ins Geſicht. Es lag nicht in der Natur eines Menſchen, dieſes Forſchen ohne Bewegung auszuhalten, beſonders in Verbindung mit den ſchrecklichen Beſchuldigungen, die, wie Mervyn wohl fühlte, ihn wie ein Netz um⸗ wickelten. Oates zeigte triumphirend auf ſeine Ver⸗ änderung der Farbe und der ehrwürdige Puritaner ſeufzte ſchwer. Er legte ſodann ſein Zeugniß über die von uns beſchriebene Scene ab, welches von Rachels Angaben mehr als vollſtändig unterſtützt wurde. Alle Anweſenden ſtarrten mit Entſetzen auf den Gefangenen, der ſelber über die Menge von Anſchein gegen ihn be⸗ ſtürzt war. Sogar Sydney war überraſcht. „Nun, Oberſt Sydney,“ ſagte Bethel übermüthig, „was habt Ihr zu Gunſten Eures Clienten zu ſagen?“ „Es iſt kein Client von mir, Herr— ja er iſt ſogar weniger mein Client als der Eurige,“ erwiederte Sydney.„Indeſſen, obgleich ich ſehe, daß eine An⸗ ſchuldigung gegen den Gefangenen vorliegt, ſo ſehe ich doch nicht, daß ſie bewieſen iſt, wenn auch gerichtlich Verdacht gegen ihn gehegt werden mag, den er viel⸗ 152 leicht zerſtreuen kann, wenn man ihm erlaubt zu ſpre⸗ chen. Es iſt ſicherlich gerecht, den Jüngling in ſeinen Erklärungen anzuhören. Vielleicht kann er uns ſagen, durch welchen Zufall ich ihn in der Themſe fand, ſich um ſein Leben wehrend und wie es ſchien auf der Flucht vor einem teufliſchen Feinde begriffen.“ „Das kann ich,“ ſagte Oates eifrig; da ich ihn nämlich ſah, in der ſchrecklichſten Geſellſchaft, die man ſich denken kann, ſo ging ich ihm nach, denn mein Herz blutete vor Mitleid; da lief er denn die Treppen am Tower hinab, und da er ein guter Schwimmer iſt und vermuthen mochte, ich wolle ihn zu ſchwerer Strafe ziehen, ſprang er mir ins Waſſer, wie ein Piche und das war Alles, was man von ihm weiter a ℳ. „Ich glaube, Herr Oates, ich hörte Euch ſchwö⸗ ren, daß Ihr ihn ſeit vierzehn Tagen nicht mehr ge⸗ ſehen hättet?“ hielt Sydney entgegen. „Ich meinte damit im Allgemeinen, daß er ſeit⸗ her nicht mehr in meinen Dienſten war,“ ſagte Oates mit einiger Verlegenheit.„Ueberdies war es ſo dun⸗ kel, daß ich kaum ſein Geſicht hinlänglich unterſcheiden konnte, um ſagen zu können, ich ſah ihn!“ „Gott gebe, daß keine Bosheit in dieſer Sache ſei!“ rief Sydney. „ SIch habe Euch bereits gewarnt, Herr, ich will eine ſolche Behandlung der Zeugen des Königs nicht zugeben,“ ſagte Bethel zornig.„Blos meine große Hochachtung vor Eurem ehrenwerthen Namen und Charakter hält mich zurück, Euch wegen Verachtung des Gerichts feſtnehmen zu laſſen, was ich mit dieſem argen Verbrecher gewiß ſogleich thun werde, wegen Mitwiſſen und Beihülfe an Sir Edmundbury Godfrey's Mord. Aber ich hoffe, daß ihm die Gnade von Oben zu Theil werden wird, um zu bereuen, und daß er durch ein offenes Bekenntniß aller ſeiner Schandthaten, wenn und was ſie auch blosſtellen mögen, die irdiſche 1⁵³ Begnädigung verdienen möge.“ Er gab hierauf dem Schreiber ein Zeichen, der mit viel sang froid eine Feder zu ſpitzen begann. „Wohl es ſei, aber jetzt hört mich— ich ver⸗ lange keine Gnade— nichts als Gerechtigkeit!“ ſchrie Meroyn, im Tone wahnſinniger Verzweiflung.„Ich bin unſchuldig, und wenn ich nicht beweiſe, daß dieſe Elenden ſo gewiß an Godfreys Mord ſchuldig ſind, als Kain an dem Abels war, ſo möge dieſes Dach auf uns alle herabſtürzen und mich allein erſchlagen.“ „Ein verdammlicher, papiſtiſcher Beweisgrund, der ſtark nach dem Sauerteige des Aberglaubens ſchmeckt,“ ſagte Bethel den Kopf ſchüttelnd.„Es iſt meine Pflicht, junger Mann, Euch zu verwarnen, daß Iyr nichts ſprecht, das Euch ſelbſt anſchuldigt, denn Euer Leben iſt in Gefahr.“ „Ihr wollt mich alſo nicht anhören?— Ihr müßt mich hören!“ rief Mervyn in heftiger Beweg⸗ ung.„Gute Leute, hört mich! Dieſer Meuchelmörder und gedungene Spion, lockte mich von St. Omer weg, unter falſchen Vorſpiegelungen, welche—“ 1„Wir können nicht zugeben, daß Ihr ſolche Sprache hier führt, junger Menſch!“ unterbrach ihn der Richter. „Ihr mußt— ich will gehört werden!“ ſchrie Mervyn.„Ja, er verlockte mich nach England, und durch ſeine Veranſtaltung wurde ich in gewiſſem Sinne genöthigt, an den Verbrechen ſeiner Faktion Theil zu nehmen. Ich wurde von ihm und ſeinem Helfers⸗ helfer, Oberſt Blood, in Whitefriars gefangen gehal⸗ ten, wo ich ein zufälliger Zeuge von der grauſamen Verſchwörung, Shaftesburys, Monmouths, Eſſex und Lord Howards wurde, eine proteſtantiſche Magiſtrats⸗ perſon zu mißhandeln und die Schuld auf die päbſt⸗ liche Partei zu wälzen. Sie machten mich in der That zu ihrem unwiſſenden Werkzeuge, den armen alten Mann in ihre Hände zu liefern, aber—“ „Euer Wohlwürden,“ unterbrach ihn Oates,„wollt 154 Ihr ihn ein ſolches Miſchmaſch von wildem Unſinn gegen ſolche hochedle Perſonen vorbringen laſſen, be⸗ ſonders wenn ich Euch verſichere, daß ich den Oberſt ndo in meinem Leben kein einziges mal geſehen abe. „Herr Bethel, erlaubt mir zu bemerken, der Knabe hat das Fieber und dies iſt Irrereden, wie Dr. Brook bekräftigen kann,“ ſagte Sydney. 1 „ch fürchte, dieſes Irrereden iſt die Erſtgeburt eines neuen Complotts, um das alte aufzupolſtern,“ erwiederte der Friedensrichter, indem er ſein weiſes Haupt ſchüttelte.„Auf jeden Fall thut er beſſer, das, was er zu ſagen hat, bis zu ſeinem Verhör vor einer Jury ſeiner Landsleute bei ſich zu behalten.“ „Nein, nein— hier, hier!“ ſchrie Mervyn, indem ſeine Augen Flammen ſpruhten und er wie ein Be⸗ ſeſſener bebte.„Ich ſage Euch, Richter, ich klage Oates als den Mörder des armen alten Mannes an!“ „Herr, ſei uns allen barmherzig! uns armen, ir⸗ renden Würmern, eingeſchloſſen in eine Hütte von Fleiſch!“ rief der Doktor aus.„In chriſtlicher Liebe Euer Wohlwürden, laßt uns ihn für verrückt an⸗ nehmen.“ 4 „Wir dürfen die Gerechtigkeit nicht hintanſetzen, weil Euer frommes Gemüth ſo demüthig zur Verge⸗ bung geneigt iſt,“ ſagte Bethel.„Er ſcheint in der That von Sinnen zu ſein;— aber ſeine Anſchul⸗ digungen ſind ihm von älteren Köpfen eingegeben. Für jetzt, Herr Oates, ſchicke ich ihn nach Newgate auf Euer Zeugniß; er kann dort einen Arzt haben. Aber ich fürchte, daß er am Ende in Schuh und Strümpfen ſterben wird.“ „Ich biete Bürgſchaft an, ſo hoch man ſie fordert,“ rief Sydney. fr 736 nehme keine an!“ erwiederte der Richter harf. Ein lautes Hurrah ſtieg von der Menge auf und 15⁵ Mervyn mußte ſich an den Schranken feſthalten, um nicht zuſammenzuſinken. Er machte keinen weitern Verſuch, gehört zu werden. Selbſt Sydney ſchien er⸗ ſtaunt und verwirrt über das Gehörte zu ſein, und auch er verließ die Gerichtsſchranken, während der Verhaftsbefehl geſchrieben wurde, nachdem er noch Mervyn zugeflüſtert hatte, er werde ihn in Newgate ſprechen. 5 Zwei oder drei Conſtabler ergriffen nun Mer⸗ vyn und legten ihm Handſchellen an, nahmen ihn zwi⸗ ſchen ſich und verſchafften ſich mittelſt ihrer Amtsſtäbe einen Weg aus der Halle, aber nicht ohne große Schwierigkeit. Ein Pöbelhaufen wartete vor der Thüre und empfing die Conſtabler und ihren Gefan⸗ genen mit furchtbar gellendem Geſchrei. Steine und Ziegelſtücke flogen ihnen um die Köpfe, und nur mit der größten Mühe konnten ſie ſich einen Weg durch die Menge bahnen, als plötzlich Oates erſchien, und die Volkswuth ſich in einen allgemeinen Zuruf der Freude und Ehrfurcht verwandelte.„Hüte ab!“ tönte es von allen Seiten und in einem Augenblick war Alles unbedeckt. Die Weiber ſammelten ſich um ihn, die Männer drängten ſich nach der Ehre, dem großen Verfechter der Religion die Hand zu ſchütteln. Dates benützte die Gelegenheit, das Volk zu er⸗ ſuchen, den Gefangenen zu ſchonen, indem er es ver⸗ ſicherte, daß die Geſetze ihn in ſicherer Verwahrung hätten, und daß ſich bedeutende Geheimniſſe von ihm erwarten ließen. Dieſe Vorſtellungen waren von gro⸗ ßer Wirkung, und man ließ die Bedeckung ohne viele Beläſtigung, außer Ziſchen und Schimpfen, ihren Weg ziehen, bis ſie Cheapſide erreichten. Dreizehntes Kapitel. Zefreiung oder nicht. Als die Conſtabler mit ihrem Gefangenen ſich der Cheapſide näherten, nöthigte ſie der Andrang eines neuen Auflaufes, einige Minuten ſtille zu halten, nach⸗ dem ſie vergeblich mit ihren Stäben um ſich geſchla⸗ gen. Ein Chor von Stimmen ließ ſich hören, die eine Pſalmenmelodie ſangen, und das Geſchrei„God⸗ freys Leichnam! Godfreys Leichnam,“ ertönte nah und ferne. Als er dieß hörte, ſprang Oates, der die Menge von einem hohen Aufſteigſtein angeredet hatte, davon herunter und drängte ſich ins Gewühl. Die Conſtab⸗ ler, da ſie die Urſache des Aufenthaltes ausfindig ge⸗ macht hatten, ſtrengten ſich an, einen Durchgang zu erzwingen, ehe die erhitzten Volksmaſſen näher kämen. Aber der Andrang war zu groß, und ſie ſahen ſich ge⸗ nöthigt, mit ihrem Gefangenen auf die Stufen eines Metzgerladens ſich zu flüchten, während einer von ih⸗ nen ſeinen Weg zurückkämpfte, um Verſtärkung zu ho⸗ len. In dieſem Augenblick fühlte ſich Mervyn am Aermel gezupft und eine Stimme, die er ſchon vorher gehört zu haben glaubte, flüſterte ihm ins Ohr,„Euer Leben iſt in Gefahr— haltet Euch wachſam— Freunde ſind bei der Hand!“ 4 3 Der Gefangene wendete ſich herum, aber ſein un⸗ bekannter Freund war in der Menge verſchwunden. Er hielt ſich übrigens überzeugt, daß es Claude Du⸗ val geweſen, und das Bewußtſein, daß er in dieſer ungeheuren Menge wenigſtens einen Freund habe, war ihm unbeſchreiblich troſtreich.. Die Conſtabler wurden immer mehr für ihre ei⸗ gene und des Gefangenen Sicherheit beſorgt; denn der Pöbel um ſie her gab unzweideutige Anzeichen von 157 Gewaltthätigkeit, und bewarf ſie mit Koth und Stei⸗ nen. Glücklicherweiſe nahm der größte Strom ſeine Richtung nach Cheapſide hinunter, Godfreys Leichnam entgegen, welcher von St. Pankraz Feldern nach der Guildhall gebracht wurde, wo eine Todtenſchau gehal⸗ ten werden ſollte. Aber da es unmöglich war, ſich einen Weg zu erzwingen, und ihre Stellung jeden Au⸗ genblick unſicherer wurde, ſo nahm einer der Conſtab⸗ ler des Mezgers Karren, der vor dem Laden ſtand, in Beſchlag und ſtieg mit dem Gefangenen hinein; Mervyn erhielt ſeinen Sitz zwiſchen zwei Conſtablern, an Händen und Ellbogen gebunden, während der Deizi auf das Pferd ſchlug und es durch die Menge rieb. Mittlerweile nahm der Volkshaufen an Zahl und Wildheit furchtbar zu. Der Pöbel, welcher Godfreys Leichnam begleitete, hatte ſich angeſchloſſen, und Zu⸗ wachs an neuen Nachrichten und Streitkräften ge⸗ bracht, und die Neuigkeit von der Gefangennehmung eines Jeſuiten und angeklagten Mörders des unglück⸗ lichen Richters verbreitete ſich nah und fern. Wie ſie die Newgateſtraße hineinkamen, hörte Mervyn einen Lärmen von aneinandergeſchlagenen Knochen und Hack⸗ meſſern, dem gewöhnlichen Zeichen der Mezger, ſich zu verſammeln, und eine ungeheure Anzahl wild aus⸗ ſehender Männer in blauen Hemden, mit bloßen Ar⸗ men und die Werkzeuge ihres blutigen Handwerks ſchwingend, ſtrömten von den Umgebungen des Markt⸗ platzes herbei Das Geſchrei und die Wuth dieſer Haufen, ſelbſt die Steine, die um ihre Köpfe ſausten, ſchienen Mervyn durchaus nicht zu beunruhigen: er behielt dieſelbe Ruhe der Verzweiflung bei. Jedes Fenſter füllte ſich mit Zuſchauern, die Dä⸗ cher waren voll daran hängender Menſchen; und ſo, unter dem Geſchrei und dem Angriffe der Volkshaufen, näherten ſie ſich Newgate, deſſen ſtarke Mauern und ſtachelumkränzte Zinnen in einiger Entfernung ſichtbar 158 wurden. Aber der Zwiſchenraum dahin war von ei⸗ ner eingekeilten, ſchreienden und ringenden Menſchen⸗ maſſe ſo verrammelt, daß man es unmöglich fand, weiter zu fahren und der Karren anhielt, während die Gerichtsdiener abſtiegen, um ſich einen Durchgang zu erzwingen. Während ſich um ſein Gefährte ein verzweifelter Kampf entſpann, ward Mervyn's Auge von einem Schauſpiel angezogen, welches, ſo ſchrecklich es auch war, ihm als eine natürliche Erſcheinung des verwirr⸗ ten und ſtürmiſchen Traumes erſchien, der ihn umhüllte. Eine ungeheure Volksmaſſe ſtrömte, Welle auf Welle, den Newgate Hügel herunter, unter dem betäubendſten Gelärme; ein Theil derſelben war im Abbrüllen eines Kirchenliedes begriffen, während die übrigen im gräß⸗ lichen Chore ſchrieen und gellten. Einige hatten Fa⸗ ckeln, die ſie gleich Bachanten in der Luft ſchwangen; über dem wilden, unbeſtimmten Schimmer dieſes Lich⸗ tes ſah Mervyn etwas Undeutliches auf einer Trag⸗ bahre, mit einem Tuche bedeckt, um welche ſich der Haufe ſammelte und wie die See im Wirbel drängte. Dunkle Geſichter, bleifarb vor Ermüdung und Leiden⸗ ſchaft, umgaben den Leichnam; unter ihnen konnte Mervyn die abſcheulichen Züge von Oates nicht ver⸗ kennen. Der Elende wies nach ihm hin, der hier im Karren ſaß, und ſchien die Volkswuth gegen ihn zu richten; denn in demſelben Augenblicke ertönten Aus⸗ rufungen:„Ein Gericht Gottes, ein Gericht! reißt ihn in Stücke! ertönte auf allen Seiten, und viele von den Fackelträgern ſtürzten ſchreiend gegen ihn. Meſſer, Aexte, Schwerter, blitzten in jeder Hand, und ein Hagel von Steinen fiel über die Conſtabler, die ſich vergebens bemühten, ihren Gefangenen zu ſchützen. Einer derſelben wurde von einem gewaltigen Fleiſcher zu Boden geſchlagen und einer der andern arg mit Füßen bearbeitet; aber der Dritte, der noch bei Mer⸗ vyn im Karren ſaß, verſuchte mit Peitſchenhiehen das 159 Pferd über Alles wegzujagen, das im Wege ſtand. Der Pöbel ergriff jedoch die Zügel und ſchlug das arme Thier an den Kopf und die Bruſt, um es zurückzunö⸗ thigen. Aber das Pferd bäumte ſich und ſchlug ſo wü⸗ thend aus, daß es zuletzt das Geſchirr über den Kopf ſtreifte und in fürchterlichen Sprüngen den Hügel hin⸗ unterrannte. Der Pöbel wich auf beiden Seiten aus, ſchreiend, preſſend und über einander hinſtürzend. Der Conſtabler, der an Mervyn's Seite ſaß, ſprang aus dem Karren und ſiel unter ſchwerem Gekrach mit dem Kopf auf das Pflaſter; aber der Gefangene war zu wohl verwahrt um einen Verſuch zur Flucht zu machen. Das Thier ſetzte ſeinen wilden Galopp fort bis nahe von den Bahrträgern, die in Verwirrung aus dem Wege rannten, aber ſeine Füße verwickelten ſich in die loſen Leitriemen und es fiel hülflos am Eckſteine nie⸗ der, wo es blutend liegen blieb und vergebens ſich auf⸗ zurichten ſtrebte. Mervpyn ſtand auf mit dem Vorſatz, hinauszuſprin⸗ gen, um ſich vor dem Ausſchlagen des geſtürzten Pfer⸗ des zu retten, als Oates auf ihn hinzeigte, in ſeinen ſchrecklichſten Tönen heulend:„Siehe da, Gottes Ge⸗ richt!— der Mörder, der Mörder!“ Alsbald ſtürzte der Pöbel auf den Karren los, einige kletterten über die Räder, andere von hinten hinauf, andere in ihrer Hitze über das keuchende Pferd. Mervyn ward von zwanzig Händen zugleich gepackt, geſchlagen oder viel⸗ mehr, er wußte nicht wie, uͤber die Lannen in die Straße geriſſen; unter wildem Geſchrei:„Kein Pabſt⸗ thum!— Reißt ihn in Stücke!— Keinen Antichriſt!“ wurde er zur Bahre hingeſchleift, unter Schlägen und jeder Art von Beſchimpfung. Manche unter dem Pöbel, unter andern auch Oates, ſchrieen:„Schleppt den Mörder hieher und ſeht, ob der Leichnam wieder blutet!“ und dieſe Probe ſchien zu Mervyn's Glück den ruchloſen Geſellen, die ihn ge⸗ packt hatten, zu gefallen. Es war damals ein allge⸗ 160 meiner Glaube, der ſich noch in einigen entfernten Ge⸗ genden erhalten hat, daß der Leichnam eines ermorde⸗ ten Menſchen bei Annäherung des Mörders wieder zu bluten anfange. Unbarmherzig gebläut, die Kleider vom Leibe ge⸗ riſſen, bleich wie der geſpenſtiſche Leichnam vor ihm, wurde Mervyn dicht zur Bahre hingeſtoßen, und Oates packte ihn mit einer Hand, während er mit der andern das blutige Tuch aufhob. So geſpannt war die Neu⸗ gierde mit der die Menge auf das Reſultat ibres philoſophiſchen Experimentes wartete, daß der Aufruhr plötzlich aufhörte und eine tiefe Todesſtille durch die Maſſe herrſchte. Mervyn ſtarrte mit einem eiskalten. Schauder auf das grauſenvolle Schauſpiel, das ſeinem Auge aufgezwungen wurde. Sir Edmundbury's Leiche lag zuſammengebogen auf der Bahre, bedeckt mit Koth und Schlamm. Sein Fleiſch hatte bereits das Aus⸗ ſehen beginnender Verweſung, und ſchien, als ob es einige Tage lang im Waſſer gelegen hätte, ſo aufge⸗ dunſen und farblos war es. In ſeiner Bruſt war eine tiefe Wunde, worin man ſein Schwert bis an's Heft hineingeſtoßen gefunden hatte, und der Leib war von Hiebwunden und Quetſchungen entſtellt. Der Hals war augenſcheinlich gebrochen, denn ſein Kopf hing los auf einer Seite und die gläſernen Augen ſtanden weit offen; die Zunge hing heraus, das Fleiſch herum war verzogen und gefleckt und andere ſchreckliche An⸗ zeichen des Erwürgens ſtellten ſich widrig dar. Mervyn blickte auf dieſes ſchreckliche Schauſpiel mit keinem andern Zeichen der Bewegung, als einem erſtickten Stöhnen, und unfähig, ein Wort zu ſtammeln, ſchaute er umher, keuchend, und deutete auf Oates. Auf's Neue ertönte wild gellendes Wuthgeſchrei, Fackeln wurden geſchwungen und zahlloſe Stimmen befahlen ihm, den Leichnam anzurühren. Er gehorchte mecha⸗ niſch und ſtreckte ſeine Hand nach der des entſeelten Richters aus, und im ſelben Augenblicke ſtieß Oates 161 künſtlich an den Leichnam, ſo daß ein paar Tropfen ſeronnenen Blutes aus der Naſe und den Wunden oſſen.— Dieß war hinreichend. Ein Gebrüll wie das der Meeresbrandung über Felſen, hallte in ſein Ohr, die Maſſe drängte überwältigend auf ihn ein und Oates Schrei:„Blut um Blut, ſagt der Herr!“ gellte laut aus dem Tumult hervor. Mervyn glaubte ſich ver⸗ loren. Eine rauhe Hand packte ihn am Kragen ſeines Hemdes, dem letzten Ueberbleiſel von dieſem Kleidungs⸗ ſtück— und ein Metzger brach durch die Menge und ſchwang ſein Hackmeſſer zu einem Streich nach ſeinem Haupt, der es unfehlbar geſpaltet haben würde. Aber ein Kampfſtock fuhr plötzlich dazwiſchen und zugleich taumelte der Fleiſcher zurück unter einem ſchrecklichen Schlage auf ſeinen eigenen Schädel. Mervyn erkannte ſogleich in ſeinem Retter— einem Mann in Fuhrmanns⸗ tracht— die mächtige Geſtalt von Oberſt Blood. „Nein, nein, Ihr Herrn, ehrliches Spiel iſt Alles werth!“ ſagte der Oberſt und ließ ſeinen Knittel in gewaltigen Streichen umher fliegen.„Hängt ihn, wenn Ihr wollt, aber keinen Mord!“ „Nimm das als Rückzahlung und wenn Du der Teufel ſelbſt oder Oberſt Blood wäreſt!“ ſchrie der zurückgeſchlagene Kerl und kehrte mit verdoppelter Wuth zum Angriff. „O, Du biſt noch nicht der Mann zum Stock⸗ kampf mit mir,“ ſagte der Oberſt, parirte gewandt den Hieb und ſandte einen andern nach, der ſeinen Gegner bewußtlos auf die Steine ſtreckte.„Nehmet Euch in Acht, ihr Herren, was wir thun! Hier kommt ein Boote Seiner Majeſtät, um den Gefangenen vor den königlichen Rath zu führen! Hände weg, oder die meinigen kommen!“„ Während er ſprach, erſchien ein Reiter in der Uniform von des Königs Leibwache, machte ſich Bahn Whitefriars. II. 11 durch die Menge und rief:„Platz, Platz, im Namen des Königs!“ Er ſchwang ein Papier über den Köpfen des Pöbels, der ſich haufenweiſe vor dem Stampfen eines mächtigen Roſſes zurückzog, das er rückſichtslos mitten durch ſie hinzuſpornen ſchien. Keuchend und athemlos kam er an und ohne die Krempen eines gro⸗ ßen Hutes, der über ſein Geſicht hing, zu lüften, hielt er die Schrift Oates vor's Geſicht, der immer noch den Jüngling feſtgepackt hielt. „Ein Verhaftsbefehl vom Staats⸗Sekretär!“ rief er.„In des Königs Namen, übergebt Euren Gefan⸗ genen, der vor den Rath geführt werden muß.“ „Um durch die Mächte des Antichriſts, die dort den Vorſitz haben, gerettet zu werden!“ ſchrie Oates. „Männer von London! wollt Ihr es leiden?“ „Kein Pabſtthum!— Reißt ihn in Stücken!“ war das Echo der Menge, aber keiner wagte ſich in den Bereich von Bloods furchtbarem Schlagſtock, beſon⸗ ders, da mehrere athletiſche Geſtalten, bewaffnet mit demſelben Werkzeuge, ſich ihm zur Seite aufgeſtellt hatten. Der Bote zog gleichfalls ſein Schwert, trieb ſein Pferd zurück und rief Mervyn zu, hinter ihm auf⸗ zuſteigen. Aber wüthend über die wahrſcheinliche Flucht ihres Opfers, faßte der Pöbel Muth und machte einen Angriff auf ihn. Bloods ungeheure Stärke konnte dem Stoße nicht widerſtehen und er wurde, ob⸗ gleich wüthend um ſich ſchlagend, zurückgedrängt; aber der Cavalier, da er ſah, wie verzweifelnd die Sachen ſtunden, bog ſich über den Sattel herunter und riß Mervyn zu ſich hinauf und vor ſich hin. Darauf ſchwang er ſein Schwert in blitzenden Zirkeln, machte eine wüthende Charge und ſprengte mit dem Rufe: „Im Namen des Königs!“ vorwärts und rannte nie⸗ der oder ſetzte über Alle, die ſich ihm in Weg ſtellten. Eine beträchtliche Strecke weit wurden ſie mit Steinen, Koth und allen möglichen Schimpfwörtern verfolgt. Aber die Schreie und Geſchoſſe wurden 163 ſchwächer und weniger und der Gaul, ein großes und ſtarkes Thier, ſtürmte in geſtreckten Sätzen hinweg. Sie wendeten ſich ſchnell Fetter⸗lane hinunter, welche Gaſſe vollkommen dunkel und verlaſſen war, und nach⸗ dem ſie durch eine enge Straße unfern der Tempel⸗ Gärten gallopirt waren, ritten ſie über die Grenze von Alſatia. Eine andere enge Straße hinaufſtürmend, an einer hohen, öden Mauer angelangt, hielt der Reiter plötzlich vor einem verfallenen Thore, das in einen Garten zu führen ſchien; aber das letzte, deſſen ſich Mervyn erinnern konnte, war, daß ſein Befreier vom Pferde ſprang und ausrief:„jetzt, Herr, ſeid Ihr ſicher!— Ich bin Claude Duval!“ Bewußtlos ſank Mervyn in ſeines Befreiers Arme. Vierzehntes Kapitel. Eine Entdeckung. Mervyns Bewußtſein kehrte mit einem Gefühl von Stechen und Kälte im Arm zurück und als er ſeine Augen aufſchlug, ſah er, daß Jemand ſeinen Arm über ein Becken hielt und daß er, wiewohl ſehr langſam und blos tröpfelnd, blutete. Er betrachtete aufmerk⸗ ſam die Perſon, die ihn hielt und ſah, daß es ein dünner, langer Mann war, mit einem bleichen, lei⸗ chenähnlichen Geſichte, einer großen Habichtsnaſe, klei⸗ nen, braunen Rattenaugen, kahlem Haupte, einem langen Barte und einer hervorſtehenden Unterlippe, die beſtändig zu zittern ſchien. Er war in einen ſchäbigen, ſchlecht paſſenden, ſchwarzen, alten Anzug gekleidet, mit Silberſchnallen an den Schuhen und einer langen, 164 rothen Kappe, die ſich in eine beſchmutzte Goldquaſte endigte. Claude Duval und Blood ſaßen an dem Bette und bewachten ſeine Anſtalten mit ſichtlicher Theilnahme. 4 „Sind wir ſicher?“ murmelte er, nach einem matten Blicke im Zimmer umher. „So ſicher als in Dower Caſtle,“ ſagte der Oberſt. „Aber Oates!— er wird mich ausfindig machen und ich werde in Stücke geriſſen werden!“ „Oh, iſch es ein Geſchäft von Herrn Oates?“ bemerkte der Arzt.„Gebt mir die Binde, Herr Du⸗ val— danke, mein Herr!— ich habe nich gerne mit Penei Oates zu thun— er anführt die Bibel ſo ein.“ „Wie, wenn der ſchwarze Schurke unſern Antheil an der Befreiung argwöhnt und die Miliz auf uns hetzt?“ ſagte Claude. „Er wagt es nicht— ich weiß zu viel,“ erwie⸗ derte Blood mit Bedeutung. So weit war die Unterhaltung gekommen, als ſüßes Wohlbehagen und Vergeſſenheit auf Mervyn niederſanken und er nichts mehr von ſich wußte. Fieber mit Delirium hielt ihn mehrere Tage lang befangen, ohne daß er wußte, wie die Zeit verſtrich oder welche Ereigniſſe ſie ausfüllten. Zuweilen hatte er einen vor⸗ übergehenden Schimmer von Bewußtſein, wo er ſich dann erinnerte, daß Claude Duval und der Oberſt ihn mit ängſtlicher Sorgfalt zu beobachten ſchienen. Selbſt nachdem die Wuth des Fiebers der Geſchicklich⸗ keit des Juden hatte weichen müſſen, lag er noch Stunden und Tage lang in Gedanken verloren, die für ihn keinen deutlichen Sinn hatten. Die erſte ver⸗ nünftige Frage, die er that, war die: ob Godfreys Mord ein Traum ſei? 3 Blood weigerte ſich, zu antworten, bis er in ge⸗ eigneterem Zuſtande für ein Geſpräch ſein würde; dan 165 er aber bemerkte, daß ihn dieſes Verbot nur noch un⸗ ruhiger zu machen ſchien, ſo erwiederte er kurz, daß Alles wahr ſei. Eine kurze Pauſe folgte und Mervyn fragte, was aus Claude Duval geworden ſei. Der Oberſt war ſichtlich mißvergnügt über dieſe Frage und antwortete kurz, daß er auf einem ſeiner Räuberzüge im Norden herumſtreiche. Mervyn fragte hierauf, durch welche Mittel ſein Entkommen bewirkt worden ſei, und über dieſen Punkt verbreitete ſich der Oberſt etwas mehr. Er ſagte, daß er und Claude Duval, ſobald ſie von ſeiner Verhaftung Nachricht erhalten, ſich zu einer Befreiung auf jede Gefahr hin verbunden hätten; und er fügte bei, daß, wenn Claudes Streich, einen königlichen Boten zu ſpielen, nicht gelungen wäre, ſich eine Bande von entſchloſſenen Kerls in dem Volksgemenge befunden habe, die eine gewaltſame Befreiung unternommen haben würden. „Und das Ungeheuer florirt noch immer und mä⸗ ſtet ſich mit Blute?“ ſagte Mervyn mit einem erſchöpf⸗ ten Seufzer.„Und Godfreys Mord iſt immer noch ungerächt!“ „Und muß es bleiben, wenn Ihr nicht zum Vater⸗ mörder werden wollt!“ rief Blood. „Vatermörder!“ ſagte Mervyn, indem er auffuhr und, ſterbensweh im Herzen, wieder zurückſank.„Ein Vatermörder!“ „Ja, ein Vatermörder!“ entgegnete Blood und ſchritt in großer Bewegung durch das Gemach.„Ich weiß, Ihr ſeht mich als einen von Godfreys Mör⸗ dern an, obgleich meine Abſicht blos auf die Aus⸗ führung von Shaftesburys Plan hinging:— und als ſolchen möchtet Ihr mich an den Galgen bringen. Aber wiſſet, Knabe, daß Ihr damit Euren eigenen Va⸗ ter hängen würdet!“ „Meinen Vater?— Ihr lügt, Schurke!“ rief Mervyn, indem ſein bleiches Geſicht von Leidenſchaft heiß und roth wurde.„Ich ſage, es iſt eine Lüge!— Ihr ſeid nicht mein Vater!“ „Wer, als ein Vater würde für Euch gethan haben, was ich that?, ſagte Blood, plötzlich inne haltend und Mervyn mit einem ſeltſam betrübten Aus⸗ druck anblickend.„Habe ich nicht mein Leben gewagt, um das Eurige zu ſichern? mein letztes Goldſtück hin⸗ gegeben, um Euch durch Oates aus den Händen jener verdammten Jeſuiten zu retten, die Euch blos zu ei⸗ nem Opfer ihrer Politik aufzogen? Ich übergab Euch zwar in der That ihrer Hut— ich, ein geächteter, elender Wanderer, ohne Heimat— verfolgt von den Bluthunden des Geſetzes— übergab Euch, ein einzi⸗ ges Kind, ihren Händen. Und ſie ſagten Euch— die Schelmen! Ihr wäret der Sohn eines Miſſethäters, der wegen des Mordes eines Bauern zu St. Omer gehängt worden ſei. Schaue mich nicht mit ſo ungläu⸗ bigen Augen an!— Ich ſchwöre Dir, Mervyn, ich bin Dein Vater und als ſolcher bin ich bereit, den letzten Tropfen meines Blutes in Deiner Vertheidi⸗ gung zu vergießen. Und nun, Knabe, willſt Du we⸗ gen meiner Handlung, die nicht ungeſchehen gemacht werden kann, Dich in das hölliſche Regiſter derer ein⸗ ſchreiben, die ihre Väter erſchlagen haben?“ „Warum nicht?— dieß iſt das Haus, wo Vater⸗ mörder geboren und aufgezogen werden, bis ſie ſtark genug zum Morden ſind,“ ſtöhnte Mervyn.„Oh und ſeid Ihr mein Vater? Ein Mörder! und ich habe mein ganzes Leben hindurch mich geſehnt, habe gebetet, ge⸗ dürſtet, geträumt, mich tollkühn in dieſe böſe, grauſame Welt geſtürzt— nur um dieſes zu erfahren? Aber es iſt nicht wahr, Blood!“ fuhr er fort mit blitzenden Augen.„Ihr habt dieſe Falſchheit nur gemünzt, um der durch Euer Verbrechen verſchuldeten Strafe zu ent⸗ gehen! Aber hofft nicht, hofft nicht, mich ſo zu täuſchen. Begrabt mich in den Mittelpunkt der Erde, wenn Ihr 167 wollt— ich werde auferſtehen und Euer Verbrechen verkünden.“ „Vier Fuß feſter Erde würden Euch ganz bequem bis zur allgemeinen Auferſtehung feſthalten, Kind,“ ver⸗ ſetzte Blood ruhig;„und, wenn Ihr nicht mein Sohn wäret, was hinderte mich denn, Eure Drohungen mit dieſem Dolche zum Schweigen zu bringen? Könnt Ihr Widerſtand leiſten? Hätte ich Euch nicht neulich in des Henkers Klauen zurücklaſſen können?— war nicht der Pöbel bereit, Euch in Stücke zu reißen, als ich Euch rettete?“ „Aber warum hättet Ihr Euch dann ſo lange ver⸗ borgen gehalten?“ rief Mervyn. „Weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, ei⸗ nen Geächteten, einen Mann, der wie ein wildes Thier gejagt wird, Euch als Vater vorzuſtellen!“ ſagte Blood, in einem von Bewegung erſtickten Tone.„Aber beſ⸗ ſere Zeiten kommen. Shaftesbury wird bald im Be⸗ ſitz der Gewalt ſein und ich werde begnadigt— und in meinen Nang wieder eingeſetzt werden! Es war meine Abſicht, Euch als Sohn anzuerkennen, ſobald ich Euch dieſen Namen ohne Furcht geben und Ihr ihn ohne Scham würdet annehmen können.“ „Das kann niemals geſchehen,“ keuchte der un⸗ glückliche Jüngling.„Zwar kann ich in der Welt meinen Entſchluß nicht verfolgen, mich ſelbſt oder die Mörder Godfreys auf' Schaffot zu bringen— aber Euch als Vater anerkennen, ohne Scham, Entſetzen, Abſcheu, die bitterſte Seelenangſt— nie, nie, nie!⸗ „Aber ich will Dich zwingen, mich zu lieben, Knabe,“ ſagte Blood.„Du ſollſt mir mehr verdanken, als nur das Leben, das ich Dir erhalten habe. Ich muß etwas haben, das mich liebt, ſo roh, wild und ruchlos ich auch ſcheine! Aber fürchtet nicht, daß ich Euch mit meiner Verwandtſchaft zur Laſt fallen werde. Ich gedenke mein Leben in einer Schlacht gegen die 168 Türken zu enden oder unter die Mönche von La trappe — zu gehen— ha, ha!“ „Und meine Mutter!— habe ich eine Mutter?“ ſagte Mervyn. 1 „Eine Mutter!— ja— aber ſie iſt die Frau ei⸗ nes Andern,“ erwiederte Blood mit ſichtbarer Bewe⸗ gung.„Ja, darin Bube, that ich Dir wahrhaftig Un⸗ recht. Ich betrog ihre Unſchuld und ſie meine Liebe! Genug!— ſie iſt das Weib eines Mannes von hohem Range und haßt Dich mehr, als Gift, Tod und Hölle — die ſie alle drei verdient hat.“ Ein Schauder rann durch Mervyns Adern und er wendete ſich zu ſeinem Kiſſen mit einem leiſen Stöh⸗ nen, das wie der Abſchiedsſeufzer der Hoffnung tönte. Blood ſtürte heftig am Feuer und wiſchte ſich den kleb⸗ richten Thau weg, den die innere Unruhe über ſeinen buſchigten Augbrauen ſammelte. „Ich habe Euch das Geheimniß meiner Seele an⸗ vertraut, Mervyn,“ ſagte er endlich.„Und hütet Euch, es nicht einmal in Euren Gebeten zu erwähnen. Eure Mutter ſelbſt— die Wölfin— ſchmachtet nach nichts ſo ſehr, als ihren Rachen mit Eurem Blute zu feuchten.“. Dieſer Entdeckung fügte Blood noch mehrere ein⸗ zelne Umſtände hinzu, welche der Legende ein Gepräg der Wahrſcheinlichkeit aufdrückten. Er verweigerte es auf's Beſtimmteſte, die Perſon zu bezeichnen, die er Mervyns Mutter nannte; aber in Folge einiger Winke, die er fallen ließ, in Verbindung mit der Verſicherung, daß es Lady Howard geweſen, welche den Jüngling an Oates verrathen hätte, ſchoß eine wilde Vermuthung durch ſeinen Geiſt, daß ſie es ſein könnte. Er konnte indeſſen zu keiner Gewißheit kommen und blieb im Dunkeln. Das Entſetzen und die Verzweiflung, einen ſolchen Vater zu finden, gaben ihm hinlänglichen Stoff zum Nachdenken. So verſtrich die Zeit und Mervyn erholte ſich all⸗ 169 mählig, aber nur, um ſich in einer engeren Gefangen⸗ ſchaft zu finden, als er jemals geweſen war. Die Güte des Oberſts war zwar unerſchöpflich, und er ließ ſeinen angeblichen Sohn ſo wenig als möglich allein, aber dennoch ſtellten ſich manche traurige Stunden der Einſamkeit ein. Mervyn erhielt jeden Tag Nachrichten von Oates Fortſchritten— erzählt, um ihn in Furcht zu erhalten— die ihn bis zur Raſerei aufreizten. Das Meer der Volksgunſt für Oates und ſeine Beſchützer ſchwoll in voller Hochflut über die Ufer. Das Parla⸗ ment wurde in einer ſehr ſtürmiſchen Stimmung er⸗ öffnet; das Miniſterium ſchwankte; Prance war in Newgate; Coleman verurtheilt; katholiſche Pairs, Edel⸗ leute und Prieſter wurden täglich feſtgenommen; eine Wolke von Angebern zeigte ſich in jeder Richtung. Blood ſchien nun das Aufkommen einer populären Staatsge⸗ walt zuverſichtlich zu erwarten, und mit ihrer Einſe⸗ tzung ſeine unverzügliche Begnadigung. Eines Abends, als ſie dieſe Sachen verhandelten, fiel ein Geſpräch auf den Herzog von Ormonde, von dem der Oberſt verſicherte, daß er der Urheber ſeines ganzen Unglücks ſei. Er erzählte gerade ſeinen wohl⸗ bekannten Anſchlag, dieſen Edelmann in Tyburn zu hängen, eine That, auf die er ſehr ſtolz war, als er von einem durchdringenden, aber melodiſchen Pfeifen unterbrochen wurde, das, wie es Mervyn ſchien, von dem Fluſſe herkam. „ Nah, es iſt Claude Duval,“ murmelte er nach einem augenblicklichen Horchen;„was hat der ſo ſpät hier zu ſuchen?“ Er nahm indeſſen eine Lampe und ging hinaus, um ihn einzulaſſen, und Mervyns Herz hüpfte freudig, als er Claudes joviale Stimme auf der Treppe hörte. Da ſie heraufgekommen waren, bemerkte er mit Er⸗ ſtaunen, daß eine dritte Perſon gegenwärtig ſei, ein Fremder. Es war ein Mann von hoher Statur, in einen langen, ſchwarzen Mantel verhüllt, der einen 170 ſpaniſchen Hut mit breiten Krempen trug, wodurch ſein Geſicht zum Theil verſteckt war. Aber als er oben angekommen, blickte er auf, und wie das Fackellicht voll auf ſeine ſtrengen, melancholiſchen Züge fiel, erſchrak Mervyn über dieſe Erkennung eines alten Bekannten wie er glaubte. Claude lief den andern voraus, auf Mervyn zu, umarmte ihn lebhaft, flüſterte,„um des SHimmels willen, zeigt keine Ueberraſchung!“ und be⸗ gann ihm laut über ſein beſſeres Ausſehen Glück zu wünſchen. Unterdeſſen traten auch der Fremde und Blood ein, und der erſte Blick von jenem, ſowie ſeine aus⸗ drucksvolle Geberde, verſetzten Mervyn in ein nervö⸗ ſes Zittern. Claude beeilte ſich, dieſe Symptome der Beobachtung zu entziehen; aber obgleich Blood ſeine Beſucher höflich willkommen hieß, ſo machte er doch eine Art von unwillkührlicher Bewegung nach ſeinen Piſtolen. „Oberſt Blood, Ihr werdet mich entſchuldigen,“ ſagte Claude,„aber da ich wußte, daß Euch die Noth⸗ Mitleid gelehrt hat, ſo habe ich dieſen Herrn, einen franzöſiſchen Geiſtlichen, hieher gebracht, um ein paar Stunden lang Zuflucht bei Euch zu finden, denn das Gerücht hat ſich verbreitet, daß Oates die Reſidenz der Königin zu unterſuchen gedenkt, wo er bis jetzt wohnte.“— „Der Herr iſt willkommen— Euer geiſtlicher Va⸗ ter, wie ich vermuthe, Claude?“ erwiederte der Oberſt mit einem argwöhniſchen Blick. „Morbleu!(ich bitte Euch um Verzeihung, Vater!) ich wurde nicht mit ihm bei einer ſo lobenswerthen Veranlaſſung bekannt,“ ſagte Duval.„Ich begegnete Seiner Ehrwürden auf der Straße nach Dower; da ich aber in Frankreich ſchon mit ihm bekannt war, ſo erſparte mir dieſe Erkennung das Verbrechen eines Kirchenraubs.“ „Ja, und Ihr gabt mir Beutel und Börſe ehrlich 1 171 zurück, obgleich etwas ſchwerer, als der Apoſtel an⸗ empfiehlt,“ verſetzte der Fremde mit Lächeln.„Und nun macht er ſeine Güte vollkommen, indem er mich vor Herrn Oates Hausſuchung rettet.“ „Und Ihr ſeid, wie ich vermuthe, nach England in Geſchäften wegen dieſer neulichen Unruhen gekom⸗ men?“ ſagte Blood.„Ich wette, daß Seine Heilig⸗ keit deswegen nicht ruhig ſchlafen kann.“ „Ich bin in England in meines Meiſters Dienſt und Geſchäft, den Sünder und den Verlorenen zurück⸗ zurufen!“ erwiederte der Geiſtliche mit einem bedeu⸗ tenden Blick auf Mervyn. Blood lud die Fremden ein, ſich zu ſetzen, und Mervyn erbot ſich zitternd, des Prieſters Hut und Mantel abzunehmen, die weiß von Schnee waren. Aber dieſer lehnte die Aufmerkſamkeit etwas ſtrenge ab, und begnügte ſich, ſeinen großen Hut abzulegen. Er nahm ſodann den angebotenen Sitz ein und fing an über verſchiedene Gegenſtände zu ſprechen. Mer⸗ vyn fühlte demungeachtet, daß ſein Auge beinahe be⸗ ſtändig auf ihm ruhte, und obgleich er ſeinen Blick nicht zu erwiedern wagte, blieb er ſeiner Bewegung kaum mehr Meiſter. Claude beſuchte den Oberſt ſelten in ſeiner Höhle, ohne Vorkehrungsmittel gegen den Hunger mit ſich zu bringen, und ſo unterließ er es auch dießmal nicht. Er ſprach Mervyn an, ihm einen mitgebrachten Korb ausleeren zu helfen, wozu ſich dieſer ſogleich bereit finden ließ, froh über die Gelegenheit, ſeine Gefühle zu verbergen. Während des Mahls berührte die Unterhaltung allgemeine Gegenſtände, ging aber natürlich zuletzt auf Politik über. Der franzöſiſche Geiſtliche ſprach gut Engliſch, obgleich mit einem fremden Accent; und ließ ſich über die zur Sprache gekommenen Punkte mit einer Geläufigkeit aus, die ihn als vollkommenen Meiſter über ſeinen Gegenſtand beurkundete, Er ſchloß eine lebendige Beſchreibung der Gefahren, von welchen der Katholicismus bedroht ſey, indem er ſeufzend be⸗ merkte, daß die Kirche weniger in Gefahr von Außen, als von Innen ſtehe— daß ſich in ihrem eigenen Schooße Verräther finden ließen, und blickte auf Mervyn. „Nun, er iſt wenigſtens kein Verräther an dem Biſchof von Rom, wenn dieſer in der That ſein Ober⸗ herr iſt,“ ſagte Blood mit finſterem Lachen. „Ich habe die Geſchichte gehört,“ antwortete der Prieſter;„aber ich glaube, daß Falſchheit ſelbſt gegen einen ſolchen Elenden, als Oates iſt, die Sache der Wahrheit niemals fördern kann.“ 3 „Ich ſprach kein Wort, das nicht wahr war,“ erwiederte Mervyn mit unſicherer Stimme. „Nein, Ihr Herrn, es war blos das Irrereden im Fieber,“ ſagte Blood nachläßig. „Aber, Junge,“ ſprach der Prieſter, indem er ſich nun zum erſtenmal an Mervyn ſelbſt wandte,„man ſagte mir, daß Oates geſchworen habe, Du ſeieſt in ſeinen Dienſten geweſen, und hätteſt ihn an die katho⸗ liſche Partei verrathen?“ „Er log— der Schurke!“ ſagte Mervyn heftig. „Er allein betrog— hat mich von dem erſten Augen⸗ blick, da ich ihn ſah, betrogen!“ „Wie das, mein Sohn?“ ſagte der Fremde mit einem Blicke unterdrückter, aber äußerſter Aengſtlichkeit. Mervyn warf einen Blick auf Blood, und ob⸗ gleich er beobachtete, daß deſſen Augenbrauen ſich tief zuſammenzogen, ging er kühn auf eine Erzählung ſeiner Flucht und eine leidenſchaftliche Vertheidigung ſeines Verhaltens ein. Der Geiſtliche hörte mit tiefer Aufmerkſamkeit zu, aber ſein ſtrenges Geſicht verrieth wenig Bewegung, und trotz Bloods ſichtbarem Mißbehagen, fuhr Mer⸗ vyn in ſeiner Geſchichte bis zu ſeiner Landung in Eng⸗ land fort. Hier wurde ſeine Stimme unſtät und end⸗ lich brach er in ein leidenſchaftliches Weinen aus. 173 „Genugl weine nicht länger,“ ſagte der Prieſter mit ſanfter und bewegter Stimme.„Keine Sünde iſt ſo groß, daß ſie die Kirche nicht dem aufrichtig Bereuen⸗ den vergeben könnte! Sage mir, Kind, biſt Du willig, in ihren mütterlichen Schooß zurückzukehren?“ „O, wie ſehr wünſchte ich esn“ erwiederte Mer⸗ vyn;„aber es kann nicht ſein.“ „Es kann, es wird, es ſoll geſchehen!“ verſetzte der Fremde mit ſichtlicher Bewegung.„Kehre zurück, mein Sohn, in die Arme der Kirche, welche ausge⸗ ſtreckt ſind, den verlorenen Sohn willkommen zu heißen, wie— wie die meinigen!“ Und Mervyn lag in ſeiner väterlichen Umarmung. „Was heißt Alles das?“ rief Blood, indem er wild des Knaben Arm faßte.„Ich bin ſein Vater! ich will es wiſſen?“ „Sein Vater!— Ihr!“ rief Duval aus. „Still, Claude!“ unterbrach ihn der Geiſtliche, „Oberſt Blood, ich bin hier, um den Waiſen zurück⸗ zufordern, den Eure Künſte von meiner Vormundſchaft weglockten. Ich bin der Rektor von St. Omer. Wir find zwei gegen einen, aber ich bin willig, ihn mit Gold auszulöſen— ich biete Euch hundert Piſtolen an.“ „Ich will nicht vor einem undläubſgen Geſchlecht den Abraham ſpielen und meinen einzigen Sohn opfern,“ ſagte Blood bitter.„Und wenn Ihr zwei gegen einen ſeid, ſo habe ich auch meine Freunde im Rückhalt.“ Damit zog er ein furchtbares Paar Piſtolen vor. „Wir bellen auch nicht ohne Zähne, Meiſter Blood,“ entgegnete Claude, und riß ebenfalls pfeilſchnell ein Paar heraus; aber der Oberſt ſenkte die ſeinigen mit einem verächtlichen Lachen, denn Mervyn hatte ſich zwiſchen ſie geworfen.. Eine augenblickliche Pauſe entſtand, während wel⸗ cher die Gegner einander wachſam und zornig beobach⸗ teten, wie es ſchien, unentſchloſſen, was zu thun ſei. Sie wurde durch eine heißere, wohlbekannte Stimme im Corridor unterbrochen, welche plärrte: .„Heiſa, he! was geht hier vor? Wie, Mei⸗ ſter Blood, Meiſter Blood, was iſt das? Seid Ihr ein Norfolker Gutsherr geworden und haltet offen Haus, für alle, die einſprechen?“ „Es iſt der Höllenteufel, Oates!“ rief Blood. Fünfzehntes Kapitel. Der fehlgeſchlagene Streich. Kaum hatte der Oberſt die Worte geſprochen, als der ſo angekündigte Ehrenmann die Thüre aufriß und zögernd eintrat. Mervyn fuhr bleich zurück; ſelbſt Blood ſtierte ihn an, wie ein wildes Thier, das man in ſeiner Höhle überraſcht hat, und Claude ſtellte ſich vor den Geiſtlichen, als ob er ihn verbergen wollte. Aber dieſer wollte das Manöver nicht gut heißen; er ſchob Duval ſanft bei Seite und trat vor Oates mit einer Strenge und Majeſtät im Blick und Haltung, die für den Augenblick ſogar deſſen erprobte Unver⸗ ſchämtheit, niederſchlug. Sie blickten einander mehrere Augenblicke ſchweigend an. 3 „Herr, ſei uns armen Pilgrimmen gnädig!“ rief Oates endlich aus.„Da ſſt ein ſchöner Keſſel voll Fiſche beiſammen! Wer hätte gedacht, ſo viele würdige Herrſchaften hier zu treffen! So, ſo, Herr Blood, ſeid Ihr ein Pfaffenhehler geworden? Potz tauſend, Das verſpricht mehr Stockfiſche, als mein Netz faſſen kann! Aber jene papiſtiſche Schlange in einer aſchfarbenen, blauen Proteſtantenhöhle zu finden. Ich hoffte blos Euch und den Balg da zu treffen!“ 175 „Was meint Ihr, Schurke!“ rief der Oberſt. Sprich ſchnell und ſcheer Dich fort! Beim Himmel, ich ſehe nicht, was mich zurückhält, Henkersdienſt an Dir zu verſehen.“ „Nein Bruder, ich habe gegen Euch nichts Böſes im Sinn— ſonſt hätte ich meine Geſellſchaft gleich mit mir hereingebracht,“ entgegnete Oates mit merk⸗ würdigem Gleichmuth.„Ich will nur das Zicklein da haben— verſteht Ihr mich? Und da uns der Zufall ein Vergnügen bereitet hat, welches all unſer Fleiß nicht bewerkſtelligen konnte, ſo müſſen uns auch dieſer ehrwürdige Herr und der papiſtiſche Straßenräuber mit ihrer Geſellſchaft beehren. Ja, glotzt nur wie Ihr wollt; ich ſage, Ihr müßt!'s wäre eine Schande, Euch länger auf eigene Koſten zehren zu laſſen, da die Regierung für Herren Eures Gelichters für freie Wohnung in Newgate und im Tower geſorgt hat.“ „Ihr ſeid toll, Volkstribun— Ihr ſeid toll!“ ſagte Blood.„Seht Ihr nicht, daß Ihr in meiner Gewalt ſeid? Wären dieſe Herrn meine bitterſten Feinde— und es ſind ſehr gute Freunde von mir— ſo würde ich ihre Sicherheit verfechten, und wenn ich's mit mei⸗ nem Leben zu bezahlen hätte!“. 3 „Pah, pah, ich riskire Nichts, ich weiß, was ich thue,“ erwiederte Oates.„Helft mir ſie feſt nehmen und wir wollen uns in den Lohn wie Brüder theilen. Hundert Guineen für Claude, öffentlich ausgerufen— eben ſo viel für dieſen jungen Mörder— zweihundert Moidores vom Parlament für den Jeſuiten angeboten, todt oder lebendig! Ihr kennt ihn nicht, Blood!— Das iſt der Erzverſchwörer Van Huysman, das Haupt der entſetzlichen Berathſchlagung, die im Wirthshauſe zum weißen Roß gehalten wurde, bezweckend den Mord ſeiner geheiligten Maj—“ 4 „Hörſt Du Hund, ſchnell fort!— oder Du wirſt ſogleich Deinen verdammten Lohn erhalten,“ ſagte Claude, indem er ſeine Piſtolen auf den Kopf des Schurken richtete. „Ruhig, Claude, ruhig!“ ſagte Van Huysman, milde.„Von einem einzelnen Menſchen— oder Teufel, ich weiß nicht, wie ich ſagen ſoll— haben wir nichts zu befahren. Ja, Oates, ich bin der, für den Ihr mich haltet— Van Huysman! Elender! und zitterſt Du vor mir, der Du Deinen Gott nicht gefürchtet haſt? Schlange, die ſich in's Paradies der Unſchuld ſtahl! Judas, der mit elnem Kuſſe Verrath beging! Ja, ich bin der, der die wohlwollende Abſicht des Zufalls vereitelte und Dich vom Tode im Fleiſche rettete, wie es ſich zeigt, nur deßwegen, daß Du Dein ewiges Verderben und das dieſes geliebten, unglücklichen Kindes ſollteſt bewerk⸗ ſtelligen können!“ Während dieſer Strafrede ſchlug Oates die Augen nieder und ſah verwirrt und unentſchloſſen aus, ſich in die Lippen beißend. „Ei, ei, ja, ja,“ verſetzte er haſtig,„Ihr mögt mich immer undankbar ſchelten, auch wegen jener Lebens⸗ erhaltung! Der Herr bewahrte mich für ein großes Werk auf! Er machte die Steine zu Verkündigern ſei⸗ nes Ruhmes; Preis und Ehre ſei ihm! Aber ich will meine Rache haben— ich will! Die verdammungs⸗ würdige Verſchwörung! Erinnert Euch, wie Ihr mich in St. Omer behandeltet! mich an einen abgeſonderten Tiſch ſetztet, als ob ich mit der Peſt angeſteckt ſei. Ich will meine Rache haben. Ich habe einen Verhafts⸗ befehl in meiner Taſche gegen alle Jeſuiten, papiſtiſche Schurken und was Alles! Ich will's ausführen!— es iſt nun die Zeit gekommen!“ „Sie iſt gekommen, Meiſter Oates!“ ſagte Claude, heftig.„Wir ſind vier gegen Einen; und ich bin ge⸗ rade in der Laune, eine alte Schuld abzutragen, indem ich Dir einen direkten Paß in die Hölle ausſtelle!l!! „Keineswegs, Musje, ihr ſeid blos vier gegen vierzig,“ erwiederte Oates unverzagt.„Ihr denkt doch 177 nicht, daß ich ein ſolcher Narr ſei, mich in des Wall⸗ fiſchs Rachen ohne Harpune zu wagen, wie der ſelige Jonas? Das Haus iſt umſtellt, meine Herrn!— ein einziges Pfeifen bringt ein Boot voll Musketiere herauf, die unten auf mich warten. Auch ſeid Ihr auf der Landſeite eingeſchloſſen; Widerſtand iſt vergeblich. Ich habe das Lärmhorn der Schildwache mit Silber ver⸗ ſtopft, aber ich biete Euch Bedingungen an. Blood, hört mich,“ fuhr er in einem leiſen, teufliſchen Ge⸗ flüſter fort.„Lady Howard hat mir viertauſend Pfund Sterlinge angeboten, wenn ich den Junker hier an den Galgen bringe, und Ihr ſollt ein nettes Tauſend da⸗ von einſtreichen— he?“ „Viertauſend Pfund! gut, Du herrliche, unvergleich⸗ liche Mörderin!“ rief Blood.„Viertauſend Pfund! wie zum Teufel! ſie bot mir blos tauſend an, wenn ich es thun wollte und das noch eigenhändig! Bin ich ein ſo viel wohlfeilerer Spitzbube, als dieſe Kröte aus des Teufels Milch und Rogen? Beim hölliſchen Feuer! Ich muß es Alles haben; keiner ſoll ihn anrühren, als ich ſelbſt. Lieber will ich ſterben! ſeht zu, Oates! Macht Euch augenblicklich unſichtbar, oder— oder— Euer Leben iſt in Gefahr!“ „Ich kann nicht glauben, daß Ihr ſo dumm ſeid!— Was! tugendhafter Oberſt?— zweitauſend, meinet⸗ wegen!“ rief Oates.„Horch! meine Leute werden un⸗ geduldig und ſchlagen an das Thor.“ „ Wo ſie lange genug ſchlagen können, Teufel!“ rief Mervyn, indem er wieder in das Gemach trat, nachdem er in der Verwirrung unbemerkt auf einen Augenblick ſich entfernt hatte.„Dieſe Thüren ſind drei⸗ fach eiſenfeſt gegen Alles außer Artillerie; ich habe ſie verriegelt! Kommt, wenn Ihr Männer ſeid! den hin⸗ tern Weg; nach dem Garten! Es geht um's Leben!“ Damit ſprang er plötzlich auf Oates und ſchlug ihm den Arm weg, gerade noch zur rechten Zeit, um deſſen Whitefriars. I. 12 178 Piſtolen aufwärts zu entladen, ſtatt gegen ihr urſprüng⸗ liches Ziel. Augenblicklich war Claude auch über jenen her, ſchlug ihm die Piſtolen aus der Hand und ver⸗ ſetzte ihm einen fürchterlichen Streich mit dem Griffe der ſeinigen. Oates fiel,„Mordjo!“ ſchreiend aus Leibeskräften, aber ein zweiter mächtiger Schlag von Blood ſchien ihn ſtille zu machen. Letzterer wollte ihm gerade noch einen dritten geben, als Van Huysman ſeinen Arm aufhielt. „Verſchont ihn— die Rache iſt Sein!“ rief er aus.„Laßt ihm Zeit zur Reue, wenn es möglich iſt! Habt Ihr einen Weg zur Flucht übrig, wie Mervyn ſagt? Dann laßt uns augenblicklich fliehen!“ „Horcht, unten!“ rief Claude. Ein dumpfer Lärm von Stimmen und ſchwere Schläge auf das Portal tönten den Gang herauf. Blood ergriff eine Fackel und öffnete mit bereit gehaltenen Piſtolen die Thüre zu jener geheimnißvollen Treppe, durch welche ſich Mervyn ſo oft hinunterzu⸗ dringen geſehnt hatte. Er riegelte die Thüre hinter ihnen zu, um die Verfolgung aufzuhalten und beob⸗ achtete dieſelbe Vorſicht mit den Thüren der drei fol⸗ genden Gemächer durch die ſie gingen. Sie ſchritten durch eine Reihe verödeter und verfaulender Zimmer, ſtiegen eine andere Treppe hinab und fanden ſich in einer Halle, die durch einen verfallenen Portico auf den Garten hinausging. Blood löſchte ſchnell die Fackel aus und winkte ihnen, einen Augenblick im Schatten des Porticos zu halten. Vor ihnen lag der zerſtörte Garten mit ſeinen zerbrochenen Bildſäulen und verwachſenen Terraſſen. Es war eine kalte Nacht und obgleich der Mond ſehr hell ſchien, fiel doch der Schnee ſo dick, daß ſelbſt das erfahrene Auge des Oberſt verwirrt wurde. Er horchte aufmerkſam und hörte Anfangs keinen Laut als das Krachen der froſtgebogenen Baumzweige. Aber auf einmal ſiel ihm der Glanz einer Partiſane in's 179 Auge, und er zählte noch drei andere, außerhalb längs der Gartenmauer. Die Mauer ſchien jedoch am Sei⸗ tenende nicht bewacht zu ſein; wahrſcheinlich weil ſie da von außen mit einem tiefen Graben oder Kanal eingeſchloſſen war, der in die Themſe ausfloß. Blood ſah, daß es hier blos einen Ausweg gebe und ergriff dieſen ſogleich. Indem er ſeinen Gefährten winkte, ihm in ſeinen Bewegungen zu folgen, ließ er ſich auf alle Viere nieder und kroch vorſichtig hart an der Mauer hin, wobei ihm Hände und Füße tief in den Schnee ſanken. Auf dieſe Art gelangten ſie an's Ende des Gartens; denn es wäre unmöglich geweſen, über den offenen Grund zu kommen, ohne von einer Schildwache bemerkt zu werden, die auf ein zerbroche⸗ nes Piedeſtal am Thore geſtiegen war. Der Wind ging ſehr ſtark und wehte Blood den Hut vom Kopfe, aber er wagte nicht, nach ihm zu gehen. Es war klar, daß der Knall jener Piſtole nicht zum Ohr der Sol⸗ daten gedrungen war; wahrſcheinlich erſtickt durch die dicken Mauern dazwiſchen und das Geräuſch des Stromes. Die Flüchtlinge hielten nun auf ein Signal vom Oberſt ſtill, immer noch geduckt ſitzend, wie große Fröſche. Dieſer richtete ſich vorſichtig in die Höhe, flüſterte Mervyn zu, daß er ſich in Acht nehmen müſſe, nicht im Graben zu erſticken, bog ſich nieder und hieß ihn über ſeine Schultern auf den Wall ſteigen. Mer⸗ vyn machte dem Geiſtlichen ein Zeichen, zuerſt hinüber zu gehen, aber Blood kneipte ihn ſtark in den Arm, murmelte„ich will der Letzte ſein— er iſt ſicher!“ und ſo wagte der Jüngling nicht länger zu zaudern. In einem Augenblicke war er hinüber und ſtand bis zum Gürtel in einem Graben voll ſchwarzen, dicken Schlam⸗ mes, vor ſich die ſchleimigten Balken eines Schiffsholz⸗ Gartens, die ſo hoch und ſteil aufſtiegen, daß das Schlimmſte noch zu thun übrig ſchien. Von Claude unterſtützt, folgte Van Huysman mit 180 etwas mehr Schwierigkeit, und mit einem Platſchen, das die Aufmerkſamkeit der Wache zu erregen ſchien, denn ſie hörten Jemand rufen,„Kamerad, hörſt Du das?“ Claude ſprang mit franzöſiſcher Behendigkeit, beinahe mit einem Satze, hinüber, und Blood folgte. „Flieht, flieht!— Jeder einen andern Weg,“ rief er aus.„Wenn der Prieſter zum Palaſt der Königin zu⸗ rückkehrt, wird er ſicher ſein— Claude, ſorge für Dich ſelber, Mervyn und ich wollen uns an einem Orte in Shadwell verbergen. Adje, Alle!“ Und er kletterte an dem Schiffsbauholze hinauf mit der Schnelligkeit einer wilden Katze... „Lebe wohl, mein Kind! wir werden uns wieder⸗ ſehen,“ ſagte Van Huysman. 3 „Jeder ſorge für ſich,“ murrte Blood, riß Mer⸗ vyn aus Huysman's Umarmung und rann mit ihm fort. Claude und Huysman verſchwanden in einer an⸗ dern Richtung und nicht zu frühe, denn ganz Alſatia war von dem Krachen der Schießgewehre aufgeſchreckt. Der Mönch mit dem Horn, ängſtlich, daß ſein Verrath möchte entdeckt werden, fing hellauf zu blaſen an. Das Geſchrei:„Hülfe, Hülfe! ein Büttel, ein Büttel!“ ſchallte nah und fern—„Gerichtsdiener, Gerichtsdie⸗ ner!— Amtsſtäbe, Amtsſtäbe!“ Der Lärmen wurde noch vergrößert durch das laute Plärren von dem Horne des Wächters; Fenſter öffne⸗ ten ſich überall; Männer ſtürzten aus den Häuſern mit bloßen Schwertern und Musketen, Weiber mit Schau⸗ feln, Feuergabeln oder andern aufgegriffenen Waffen, alle ſchreiend und gellend in der ſchrecklichſten Verwir⸗ rung. Unter dieſem Aufruhr rannten die Bankerottirer und Alle, die ſonſt beſondere Gründe hatten, die Die⸗ ner des Geſetzes zu vermeiden, in verzweifelter Haſt nach dem Strome ſchreiend:„Eine Jolle, eine Jolle! — zehn Guineen für ein Boot, ein Boot!“ Eine Menge kleiner Boote kamen ſogleich zum Entſatz dieſer Un⸗ glücklichen herbei, aber unter Allen hörte man Blood's 181 ſchreckliche Stimme heraus. Ein Skuller nahte ſich, gerudert von einem rieſenmäßigen Kerl, der ſich jedoch in vorſichtiger Entfernung von den Treppen hielt, aus⸗ rufend:„Zuerſt das Geld her, Geld zuerſt!— laß mich nicht anführen!“ „Ja, das iſt der einzige Freund in der Noth!“ rief Blood, indem er einen Moidor in das Boot warf. „Hieher, hieher— einen zweiten kriegt Ihr an der Shadwell⸗Schleuße.“ Der Skuller ſtieß ſogleich an den Stufen an, und ein Haufen elender Flüchtlinge ſtürzte darauf zu. Aber der Oberſt ſchlug ſie rechts und links mit ſeinem Schlag⸗ ſtock nieder, zog Mervpyn hinein, folgte ſelbſt und ſtieß ſogleich ab unter einem allgemeinen Ruf der Verzweif⸗ lung von Seiten der Menge. Des Oberſts Herz jedoch war ſtahlfeſt gegen alle Bitten, und er lachte höhniſch, während ſie jeder Ruderſchlag weiter weg führte. „Die Vögel ſind entflogen, für welche die Schlinge gelegt war,“ bemerkte er.„Aber ich werde mich dieſer Tage am Vogelfänger Oates rächen!— Die Schurken! Ich wette, ſie ſaufen ſich an meinem Claret voll!“ Dies ſchien ein bitterer Gedanke für ihn zu ſein, denn er ließ ſich darüber aus, bis ſie beinahe in Shad⸗ well angekommen waren, was ſie, da ſowohl der Wind als die Flut ihnen günſtig waren, bald erreichten. Blood entließ den Fährmann nach ihrer Landung mit einem Moidor über die Gebühr, um ſoh ſeiner Verſchwiegenheit zu verſichern, und Mervyn ſah ſich auf einem Steindamme, der zu zwei oder drei einzeln ſtehenden Häuſern führte. Shadwell war zu jener Zeit ein ärmliches Dorf, umgeben von ſumpfigten Feldern und hauptſächlich von Fiſchern und Leuten bewohnt, die auf verſchiedene Art ſich ihren Lebensunterhalt auf dem Strome verdienten. Blood ging eine enge ſchmu⸗ tzige Gaſſe hinauf und hielt vor den Trümmern eines Hauſes, das, nach den ſchwarzen abgekohlten Balken zu ſchließen, die ſich im Mondlicht zeigten, ohne Zwei⸗ 182 fel niedergebrannt war. Zu Mervyn's großer Ueber⸗ raſchung bückte ſich der Oberſt und pfiff vor einer Art von Fallthüre, die unter den Haufen von Schutt durch erleuchtete Spalten an den Seiten ſichtbar wurde und nicht zum Keller des Hauſes führte. Dieſes Pfeifen wurde durch ein anderes beantwortet, worauf Blood wieder in einem ganz eigenthümlichen Tone entgegnete; man hörte Riegel aufſchieben, die Fallthüre ging auf, und auf einer Steintreppe erſchien eine Weibsperſon, welche mit ihrer Hand ſorgfältig eine Fackel beſchat⸗ tete, deren Schein ſie zugleich voll in des Beſuchers Geſicht fallen ließ. Es war eine große, männlich aus⸗ ſehende Geſtalt, mit grobem, zottigem Geſicht und deutlichen Spuren eines Bartes, und einem Arme, der, bis zum Ellbogen entblößt, eine Muskelſtärke zur Schau ſeliie⸗ wie man ſie bei dem ſchönen Geſchlechte nicht findet. „In's Teufels Namen! wer— was wollt ihr?“ war ihre lakoniſche, aber ausdrucksvolle Anrede. „Bei unſerem Herrn Heinrich! aber ich ſollte dieſe Stimme kennen!“ rief der Oberſt, indem er die Ama⸗ zone aufmerkſam beaugenſcheinigte.„Egad! aber iſt's möglich? Ja, ſo iſt's— und dennoch nein, es iſt un⸗ möglich! Wie, Tom Hunt, Tom Hunt, habt Ihr mich vergeſſen?“. „Der Donner auch! was— bei Dolch und Piſto⸗ len, der große Oberſt ſelbſt!“ rief die ſcheinbare Dame, ſtürzte die letzten Treppen hinauf und gab Blood eine Bären⸗Umarmung, daß er beinahe um Gnade ſchrie. „Sackerlot und's Wetter!— Was, Oberſt, Oberſt, wenn Ihr mir nicht ſo willkommen ſeid, als einem hungri⸗ gen Pfarrer die Oſtergeſchenke, ſo hängt mich auf, und das iſt Alles, was ich ſagen kann! Halloh, Jungen, halloh, da unten— der Sberſt, der Oberſt!“ Dieſer Freudenruf ſchien einen gellenden Chor zu einem ſonderbaren Geſange zu unterbrechen, der aus dem Keller herauf tönte. Eine Todtenſtille folgte und . 183 dann rief eine Stimme:„Moll, ſage ich, Moll! was heiſt das Geplärr? Marie, ſind die Hakenmänner*) da?“ „Nein, nein, Jungenz alle ſo ſicher, als St. Pauls Kirchthurm— der Oberſt beſucht uns!“ erwiederte die Amazone. „Wer iſt bei Euch da unten, Hunt?“ ſagte Blood. „Oh, nur die Bande— Parrot, Kapitän Maſon, Carſtairs, Rumſey und ein paar andere ſchulgerechte Teufelsblüten,“ verſetzte der verkappte Räuber.„Alles iſt ſo ſicher, als Ein Uhr des Morgens, wenn's kalt iſt und die Wache ſchläft. Kommt herunter, kommt herunter, würdiger Oberſt. Aber was habt Ihr da für einen Friſchling?“ „Den jungen Brauchbaren, von dem ich ſprach,“ antwortete der Oberſt.„Braucht ihn jetzt nicht näher zu unterſuchen, Hunt; er wird noch roth. Geh voran, aber wie, in des Schwarzen Namen, kommt Ihr zu dieſem Aufzuge?“ „Oh, es iſt Alles wegen des unangenehmen Han⸗ dels mit dem Geizhals von Aldersgate— Roth⸗Naſe, der Narr ſchlug ihm den Kopf ein, weil er ſchrie, wie Ihr wißt,“ ſagte Tom grinſend.„Aber ſeht, wie gut ich mich darein finde! Kommt, meine Herrn— hieher, meine Herrn! Ach ja, ob ihr willkommen ſeid, denk' ich— ach ja!“ Und indem ſie den trippelnden Gang eines Keller⸗ mädchens nachahmte, führte ſie die Amazone eine Stein⸗ treppe, an der mehrere Stufen los waren, in das Diebsneſt hinunter. Während ſie hinabſtiegen, erhielt Mervyn einen deutlicheren Begriff von der Geſellſchaft, in die er ſich begeben ſollte. Sie war in einem großen Keller ver⸗ ſammelt, der augenſcheinlich früher zu einer Niederlage von Schiffsgütern gedient hatte; die Mauern waren *) Schaarwächter mit Hacken. . 184 nackt, ſchwarz und triefend von Näſſe, obgleich ein ungeheures Feuer von Seekohlen brannte. Mehrere roh gearbeitete Tiſche, Stühle und Bänke waren das einzige Hausgeräthe, und ein buntes Gemenge von Männern und Weibern unterhielt ſich mit Würfelſpiel, Trinken, Schwören und Rauchen, Alles in einer Art von braunem Nebel, deſſen Dünſte Mervyn beinahe den Athem zurückhielten. Die Kleidung dieſer Herrſchaften war ſo mannigfaltig und abſtechend, als möglich; einige prangten im reichſten Sammt, ausgeſchmückt mit allen glänzenden Zierrathen der Mode; andere gingen in Fetzen und Lumpen; jedoch ſchien die vollkommenſte Gleichheit unter ihnen zu herrſchen. Blood's Erſcheinen zog die Aufmerkſamkeit aller auf ſich, und kaum wurde er erkannt, als ſich das Er⸗ götzen und die Begeiſterung der Geſellſchaft in einem lauten, langen, wiederholten Freudenruf Luft machte. Der Oberſt empfing dieſe Ehrenbezeugung mit der ru⸗ higen Gleichgültigkeit eines Mannes, der daran gewöhnt iſt, ſchüttelte einigen darunter die Hände und nahm gegen die ganze Bande einen Ton der Ueberlegenheit an, den man ihm unbedingt einzuräumen ſchien. „Schön, meine Herrn,“ ſagte er, nachdem der erſte Lärmen nachgelaſſen hatte,„Dank für Eure freundliche Aufnahme, die nothwendiger Weiſe ganz uneigennützig ſein muß, denn hier iſt meine Börſe(und er warf eine leere auf den Tiſch). Jungens, ich muß dieſe wieder gefüllt kriegen— ſie haben mich aus Alſatia aufge⸗ jagt— mich und meinen Sohn— aber meiner Treu, ſie ſollen finden, daß ſie es beſſer unterlaſſen hätten!“ „Ich habe nichts als meinen Moidor, aber der iſt Euer, freigebiger Oberſt,“ rief Tom Hunt.„Halt! der Höllenhund hole es, ich habe nur das Herausgeld auf einen. Ich gab ſieben Schillinge davon einem Schaar⸗ wächter, daß er Parrot los ließe.“. 4 „Ja, und das hat er gethan; Jack Parrot iſt nicht der Mann, der ſo etwas vergißt,“ ſagte ein langes, 185 mageres Individuum hinter einem hölzernen Trink⸗ geſchirr, deſſen Inhalt ſeinen Zuſtand etwas erhöht zu haben ſchien. „Alles, was wir haben, iſt Euer, Oberſt,“ jauchzte ein anderer Strauchdieb.„Ich ſchneide dem Schuft die Gurgel ab, der Euch's abſchlüge, wenn Ihr auch die Haut von ſeinem Buckel verlangtet!“ Dieſe Drohung oder vielleicht noch andere Be⸗ weggründe hatten ein allgemeines Ziehen der Börſen zur Folge. „Nein, nein, Kameraden! Tom Blood nimmt keine Wohlthaten an, auch nicht von Männern, deren Glück er gemacht hat,“ rief dieſer Ehrenmann.„So lang als die Welt noch Narren hervorbringt, welche ſäen, wird es auch weiſe Männer geben, welche ernd⸗ ten; und dieſe Piſtolen hier ſollen mir ein ſo gutes Einkommen verſchaffen, als das ſchuldenfreiſte Gut in England— ſteckt nur Eure Börſen wieder ein.“ „Wir müſſen wieder an's alte Project, Oberſt. Ich bin gewiß, es iſt ſchon beinahe zum Faulichtwer⸗ den reif,“ ſagte Tom Hunt mit einem ſchlauen Blicke. „Stille, das Maiblümchen iſt friſch,“ erwiederte Blood mit Bedeutung.„Kommt, Ihr Herren, ſetzt Euch und fahrt fort in Eurer Luſtbarkeit. Mir däuchte, ich hörte ein Lied brüllen; wenn's der Fall war, ſo brüllt zu. Ich bin ganz dazu aufgelegt, den Concert⸗ meiſter zu machen; denn wenn ein Mann verzweifelt iſt, ſollte er luſtig ſein, da er nichts mehr zu fürch⸗ ten hat.“ Die neuen Gäſte nahmen Platz und jedem wurde ein Krug voll Punſch vorgeſetzt; worauf auf Blood's wiederholte Aufforderung der Geſang wieder aufge⸗ nommen wurde, bei dem Tom Hunt den Vorſänger machte und die Andern in ſchreiendem Chore einfielen. Nachdem er zu Ende war, wurde Trinken und lär⸗ mende Unterhaltung zur Ordnung des Feſtes. Mervyn fühlte bald den betäubenden Einfluß der 186 dicken Atmoſphäre, in die er aus der friſchen, kalten Stromluft eingetreten war und nickte auf ſeinem Stuhle ein. Dies wurde von Parrot bemerkt, der ihm große Aufmerkſamkeit erzeigte und ihn zur Ruhe auf einen Mantel, den er über eine Bank gebreitet, einlud. Die Einladung wurde begierig angenommen und in we⸗ nigen Minuten ſchlief er mitten unter dem Lärmen und Getöß ringsherum feſt ein. Sechzehntes Kapitel. Oberſt Blond's Anſchlag. Mehrere Stunden verſtrichen, ehe Mervyn von ſeinem tiefen Schlummer der Erſchöpfung erwachte, und als dieß geſchah, ſtrömte das Morgenlicht durch die Riſſe der oben befindlichen Fallthüre. Die lärmende Geſellſchaft war indeſſen weggegangen und nur Blood zurückgeblieben, der mit großer Sorgfalt auf einige Schnitte Ochſenfleiſch Acht gab, die auf den Kohlen gebraten wurden. Mervyn fühlte ſich ſchwach und ſchwindlicht und ſetzte ſich zum Feuer, indem er mehr aus Uebelkeit als aus Kälte ſchauderte. „Wie blaß Du ausſiehſt, Kind!“ ſagte der Oberſt in gütigem Tone.„Muth gefaßt!— Das Schickſal muß nahezu müde ſein, uns herum zu ſtoßen wie ei⸗ nen Fußball und der Rand des Uebels iſt der Anfang des Glücks. Wir wollen nicht länger in dieſen Keller gepackt bleiben; denn Du würdeſt hinwelken wie eine Noſe, die des Lichts beraubt iſt. Wenn Dir's recht iſt, wollen wir hinaus und dieſen hellen Morgen auf dem Waſſer genießen, nach einem Frühſtück von einem Beafſteak und einem Kruge Bier.“. 1 1 187 „Aber werden wir nicht von jenen Bluthunden verfolgt und aufgegriffen werden?“ entgegnete Mer⸗ vyn traurig. „Meiner Treu, nein, wenn mein Vorhaben Stich hält,“ antwortete der Oberſt.„Aber wir müſſen uns verkleiden. Du biſt ein ſo hübſcher und bartloſer Junge, daß ich Dich für ein Mädchen ausgebe, und ich ſelber werde die Tracht eines Doktors der Gottesge⸗ lahrtheit anlegen, nicht der erſte Wolf in Schaafsklei⸗ dern, Mervyn! Und ſo umgewandelt, können wir Got⸗ tes friſche Luft einathmen und uns an ſeiner Sonne wärmen in aller Freiheit, wie, ha,— ha, das Wort will heraus— wie die Schlangen.“ „Alles— nur um aus dieſem ekelhaften Räuber⸗ loche wegzukommen,“ ſagte Mervyn haſtig. „ Ja, und ich trage ein Projekt mit mir herum, das Dich vielleicht in einen guten Freihafen einlaufen läßt,“ ſagte Blood nachſinnend. Was denkt Ihr da⸗ von, Junge, wenn ich Euch einen ſtillen, behaglichen Zufluchtsort hinter dem Bart des Geſetzes ſelbſt ver⸗ ſchaffe?— eine Wohnung im Tower?“ „Ich könnte auch in Newgate in die Koſt gehen,“ erwiederte Mervyn finſter.. G„Aber als ein Gefangener— nur dort möchte ich Euch als Gaſt unterbringen,“ ſagte Blood.„Du kannſt Dir wohl denken, Mervyn, daß es mir als Vater wehe thut, Dich unter die ſchlechten Menſchen geworfen zu ſehen, in deren Gemeinſchaft mich mein verfolgendes Schickſal zwingt? Gut, ich habe einen alten Freund, welcher Marſchall vom— von einer der Abtheilungen des Towers iſt, und der aus Liebe zu mir Euch eine heimliche Unterkunft gewähren wird, bis dieſer Sturm vorüber iſt. Oates wird niemals darauf verfallen, Dich dort zu ſuchen, ſo wenig als eine Katze erwartet, daß ſich eine Maus in ihrem Pelz verſtecken werde. Auf alle Fälle wollen wir heute in den Tower, denn, 188 beim Himmel, die gefährlichſten Plätze in England ſind jetzt die ſicherſten für uns!“ Blood ſprach dieſes mit einem verzweifelten Nach⸗ drucke, der dem Jüngling als ganz überflüſſig auffiel, aber es lag etwas ſo köſtliches in der Idee, die ab⸗ ſcheuliche Geſellſchaft zu verlaſſen, in der er ſich be⸗ funden hatte, daß er den Zweifel nicht aufzuklären wagte, mit dem er auf dieſen ſchönen Vorſchlag ein⸗ ging. „Egad, Knabe, Ihr werdet mich beſſer verſtehen lernen, als ſeither!“ fuhr der Oberſt fort.„Ich habe Dir bis jetzt die dunkle Seite meines Charakters ge⸗ zeigt, aber er hat auch ſeine Hellen. Verzweifelt, wie ich bin, von der Verleumdung und dem Haß der Men⸗ ſchen beinahe zu Tode gehetzt, will ich Dir dennoch zei⸗ gen, wie muthige Männer die Stöße der Fortuna hin⸗ nehmen— mit Lächeln! Ich will meinen Spaß da⸗ bei haben und ſollte es mein Tod ſein— heißt das, wenn Hunt die Verkleidung auftreiben kann; wenn nicht, ſo müſſen wir hier bleiben, und wie die Natten in einem zugekeilten Loche umkommen.“ „Aber, von was für einem Spaſſe ſprecht Ihr da, Oberſt? Ach! Eure Späſſe preſſen gewöhnlich Blut aus und kein Gelächter,“ ſagte Mervyn.— „Warum nennt Ihr mich nicht Vater, Junge?“ fragte Blood ſtrenge.„Mir däucht, ich habe genug gethan, den Namen zu verdienen, ſelbſt wenn mir ihn die Natur nicht ertheilt hätte. Aber fürchtet nichts, Mervyn— dieſer Streich ſoll ganz luſtig und ohne Schaden abgehen, wenn nicht etwa den Leuten beim Erzählen das Zwergfell vor Lachen zerſpringt.“ „Aber worin beſteht der Streich?— wem ſoll er geſpielt werden?“ verſetzte Mervyn ungeduldig.— „Er ſoll blos als Prolog zu unſerer Einführung in den Tower dienen,“ ſagte Blood mit anſcheinen⸗ der Gleichgültigkeit.„Aber ich fürchte, wir können un⸗ ſere Maskenkleider nicht erhalten.“ 189 „Alles fertig, alles fertig, glorreicher Oberſt! hier ſind fie!“ unterbrach ihn eine laute Stimme, und ein Bündel rollte ihnen vor die Füße, und ihm folgte Tom Hunt, immer noch in Frauenkleidung und mun⸗ ter hüpfend, die Treppe herunter. „Die Kleider, Tom?“ ſagte der Oberſt ruhig. „Gut, gut, öffnet ſie jetzt noch nicht— das Beafſteak iſt fertig und mit ein paar Krüglein Eures beſten aqua vitae, um es hinunterzuwaſchen, wollen wir abfüttern zu unſerer Unternehmung.“ „Aber dieſer Spaß!— worin beſteht er?“ drang Mervyn in den Oberſt mit einem unwillkürlichen Ge⸗ fühl des Mißtrauens. „Nun wohl, Junge, wie ich Dir ſagte, als dies ungeſchlachte Menſch uns überraſchte,“ ſagte Blood, indem er ruhig ſein dampfendes Beafſteak von der Gluth hob—„Wo blieb ich ſtehen? Vor einigen Monaten— Habt Ihr keinen Holzteller, Hunt?— plauderte ich mit einem alten Schulkameraden Ed⸗ wards, über das mannigfache Geſchick, oder vielmehr Mißgeſchick meines Lebens, und ich rühmte mich etwas ſelbſtgefällig der vielfachen Vermummungen, die ich ſchon angenommen hätte, und daß ich jeden lebenden Menſchen zweimal in derſelben Stunde hintergehen könne. Worauf der alte Talbot ſagte, daß kein Menſch, der mich nur einmal geſehen und meine Stimme ge⸗ hört hätte, mich wieder verkennen könnte, und wenn es ein ſo arger Eſel wäre, als der Bileams. Da ſchwor ich denn ſogleich, daß ich ihn hänſeln wolle, ſo klug er ſich auch dünke— und auf dieſes hin wet⸗ teten wir ein Abendeſſen und Kanarienſekt für ſo viele Freunde, als ich mit bringen könne, wenn ich ſelbſt unentdeckt bliebe.“. „Vortrefflich, vortrefflich!“ ſagte Hunt, und rieb ſich freudig die Hände. „Nun, um mich ſelbſt in dieſen letzten Sorgen und Unglücksfällen zu unterhalten und zu erholen,“ 190 fuhr Blood fort,„bringe ich meinen Plan zur Aus⸗ führung. Ich verkleidete mich als Doktor der Theolo⸗ gie— Ihr erinnert Euch, Mervyn, wie oft und in was für ſeltſamen Aufzügen ich Euch in Whitefriars zurückließ?“ „Außerordentlich gut!“ „Ungefähr vor vierzehn Tagen— Tom Hunt, Dein Branntwein iſt ſchändlich mit Waſſer verdünnt; es reicht hin, Deinen Kellermeiſter zu verdammen!— nein, noch nicht ſo lange her— ging ich in dieſer Verkleidung in den Tower, mit einer Weibsperſon, die ich für dieſen Zweck meine Frau nannte, unter dem Vorwande, die Merkwürdigkeiten zu beſehen. Das gerieth außerordentlich gut. Edwards erkannte mich ſo wenig als Adam. Während wir einige der ſieben Sachen da anſahen, ſtellte ſich meine Frau, als ob ihr ohnmächtig würde, und ich bat den alten Herrn, nach etwas Geiſtigem zu ſchicken, um einen Spaß und die Entdeckung einzuleiten. Aber unglücklicherweiſe kamen einige Fremde dazu und ich mußte meine Auf⸗ klärung verſchieben. Die alte Frau Edwards war gar höflich gegen meine Frau, und lud ſie ein, auf einem Bette im obern Geſchoße auszuruhen, ſo daß wir mit jedem Zeichen von Höflichkeit und gegenſeitigem guten Willen von einander ſchieden. Dieſer gute Erfolg brachte mich auf den Einfall, den Spaß noch weiter auszuführen. Ein paar Tage darauf ging ich mit ei⸗ nem Geſchenk von meinem Weibe, beſtehend in vier paar der feinſten, weißen, parfümirten Handſchuhen, nebſt ihren Dankſagungen und Empfehlungen hin. Kurz, nach guter Bewirthung, wiederholte ich meine Beſuche, ohne mich zu entdecken, ſo daß mich am Ende der Alte ſo lieb gewann, daß er mir vorſchlug, da er ei⸗ nen Sohn zur See habe, den er täglich zurückerwarte und der zu heirathen wünſche, wenn ich eine Tochter hätte, eine Heirath zwiſchen beiden Familien in Stand zu bringen. Ich war Narr genug, vorzugeben, daß 191 ich eine hätte— eine muntere, hübſche Dirne, mit hübſchen zweihundert Pfund Sterling Ausſteuer von einer Großmutter. Um es kurz zu machen, wir kamen völlig über eine Heirath der zwei jungen Leute über⸗ ein, und nannten einander zur Beſieglung des Ver⸗ trages Brüder. Geſtern morgen wurde ausgemacht, daß ich meine Tochter mit mir bringen und bei ihren künftigen Verwandten einführen ſolle— und ich dachte zuerſt daran, irgend eine junge Metze für dieſe Rolle zu dingen. Aber nach reiflicher Ueberlegung ſchien es mir den Spaß zu weit getrieben, ihnen eine— eine— ſo Jemand als ihre Schwiegertochter vorzu⸗ ſtellen; deshalb habe ich mich entſchloſſen, Euch, Mer⸗ vyn, verkleidet hinzuführen. Darauf wollen wir, nach kurzem, anſtändigem Scherz den ganzen Betrug ent⸗ decken, und die dadurch erzeugte gute Laune wird Dich auf einmal bei dem ehrlichen Paare in Gunſt ſetzen. Willſt Du gehen, Burſche?“ „Wenn es iſt, wie Ihr ſagt, blos ein harmloſer Scherz,“ ſagte Mervyn etwas zweifelhaft. „Wenn!— pah! was wenn, ſo doch der große Oberſt ſein unſterbliches Wort gibt, daß es ſo ſei?“ ſagte Tom Hunt in ſtolzem Tone.„Auf jeden Fall, junger Herr, ſeid Ihr ſein Sohn und Gehorſam iſt Kindespflicht. Aber wie wollt Ihr Eure Rolle ſpie⸗ len, Kind, als Tochter eines puritaniſchen Pfarrers? Kannſt Du langweilig einherſchnecken, zur rechten Zeit Deine Augen gen Himmel drehen, mit aller Heiligkeit liebäugeln und mit den gottesfürchtigen Grimaſſen der Reinen und Heiligen den Teufel ſpielen?“ „Wenigſtens kann ich das Maul halten— eine Tugend, die allen Weibern reichen Beifall eintragen dürfte,“ erwiederte der Jüngling lächelnd.„Mit Einem Worte, ich will Alles thun oder vorſtellen, um aus dieſem Kerker zu entrinnen.“ Das Frühſtück war bald abgethan und ſie gingen an's Ankleiden. Mervyn's Toilette war bald in Ord⸗ nung und von Hunt ſorgfältig aufgeſtutzt, der ſich mit ſeiner Geſchicklichkeit im weiblichen Anzuge brüſtete. Ein einfacher, in Schleifen aufgezogener Rock von braunem Stoffe bedeckte ſeine Hoſen; nette graue Strümpfe, ſchwarze Schnallen und Schuhe mit hohen Abſätzen machten den unteren Theil ſeines Anzuges aus. Ein Mieder von rehbrauner Seide, wohl aus⸗ geſtoyft, ein durchſichtiger, geſteifter Kragen, und eine leine, knappe Haube, unter welcher ſein dunkles Haar in dichten Ringellocken hervorquoll, vollendeten ſeinen Putz. Blood ſteckte ſich in ſeine Verkleidung als Dok⸗ tor der Theologie; er trug ein Bäffchen, einen langen falſchen Bart, eine Kappe mit Ohren, alles außer dem Kirchenrocke, ſtatt deſſen er einen ſchwarzen Mantel von faltiger Weite umhatte. So ausſtaffirt, und nach einer Verabredung mit Hunt, die Mervyn nicht mit anhörte, wagten ſie ſich keck aus ihrem unterirdiſchen Verſtecke. Blood nahm ſogleich ein Boot, befahl dem Fähr⸗ mann, ſich auf der Surrey⸗Seite des Stroms zu hal⸗ ten und ſich nicht zu übereilen und ſo ſegelten ſie mun⸗ ter über die klaren Wellen hin. Es war ein heller, froſtiger Morgen, die ſcharfe Luft ſtählte Mervyn's Nerven und gab ſeinen bleichen Wangen ihre Roſen wieder. Blood wickelte ſich in ſeinen Mantel, lehnte ſich nachläßig über den Bug und ſchien in tiefe und düſtere Gedanken verloren. Es überraſchte Mervyn, daß ſie an dem Tower vorüberfuhren und daß Blood befahl, ſie an den Whitehall⸗Stufen an's Land zu ſetzen; aber er fürchtete ſich zu ſprechen, damit er nicht des Bootführers Aufmerkſamkeit auf ſich zöge. Sie landeten an dem bezeichneten Platze und ſchlugen eine Straße nach Chelſea⸗Fields ein. Nach⸗ dem ſie zwei oder drei Hecken paſſirt hatten, kamen ſie an eine Schwemme fürs Vieh, die von einem tie⸗ fen, mit Trauerweiden überhangenen Teich, gebildet wurde, alles weiß von Reifen. Da ſie näher kamen, 193 bemerkte Mervyn eine Gruppe von zwei oder drei Reitern, unter denen eine große Zinnflaſche von Hand zu Hand ging, die ſie abwechſelnd mit großer Andacht an ihre Lippen zu führen ſchienen. Sie waren alle als wohlhabende puritaniſche Bürger gekleidet— von der geſetzten Klaſſe jener Zeit, welche alle Hof⸗Flitter verabſcheute, als eben ſo viele Leimruthen, vom Teu⸗ fel geſtellt, um Seelen zu fangen. Einer derſelben hielt ein leeres Pferd am Zügel, von ausnehmend ſtarkem Bau, was auch nothwendig ſchien, denn es war ſowohl mit einem Sattel, als mit einem Reit⸗ kiſſen verſehen, als ob zwei darauf reiten ſollten. „Da ſind ſie ja, lauter achtbare Brüder im Glauben, ſuchend den Herrn!“ ſagte Blood lachend.„Seht— kennt Ihr denn Hunt nicht?— Bei unſerer lieben Frau! er nimmt ſich als ein griesgrämiger Covenan⸗ terſchelm viel beſſer aus, als da er ein freundliches Keller⸗Menſch machte.— He, Parrot, alles in Ord⸗ nung?“ „Wie St. Pauls Kirchenuhr, wenn ſie nicht falſch geht,“ erwiederte dieſer Herr. Mervyn ſah in ſtum⸗ men Erſtaunen den Oberſt um eine Erklärung an. „O, es iſt alles in Ordnung wie Parrot ſagte,“ ſprach dieſer nachläſſig.„Aufgeſeſſen, Mervyn!— Ich ſandte heute in der Frühe einen Boten zu Ed⸗ wards, mit der Nachricht, daß ich meine Tochter und einige Freunde mit mir bringen werde, um den To⸗ wer zu beſehen, und da ich ihm ſchon öfters ſolche Beſuche zu ſeinem kleinen Vortheile gemacht habe, ſo hat er nichts dagegen einzuwenden.“ Obgleich Mervyn mit dieſer Erklärung nicht ganz zufrieden war, ſo wußte er doch nichts dawider zu ſagen und Blood hob ihn unter rohem Lachen auf das Kiſſen, wo er ſeitwärts, wie ein Weib, ſaß. Blood ſprang ſodann vor ihn in den Sattel gab ſeinem Pferde die Gerte und der ganze Zug ritt in einem ge⸗ ſetzen Schritte nach London. Whitefriars. II. 13 Nachdem ſie auf einer ſchlechten Straße, die aber glücklicherweiſe hart gefroren war, zwiſchen Feldern und Marſchland hingeritten waren, kamen ſie auf die Mall zu, zum Charing⸗croß. Während ſie ſo fort⸗ ritten, fiel Mervyn die verſchiedene Art auf, mit der ſie von den mancherlei Klaſſen von Leuten, denen ſie begegneten, behandelt wurden und die die widerſtrei⸗ tenden Stimmungen der Nation zu jener Zeit anſchau⸗ lich machen konnte. Die Männer in einfacher, ſteifer Tracht, die wohlhabenden Bürger der mittlern Klaſ⸗ ſen begrüßten ſie mit Achtung; welche hauptſächlich dem puritaniſchen Schnitt von Bloods Gewand ge⸗ zollt wurde, der anzeigte, daß der Beſitzer zu der ver⸗ kriebenen, nicht conformiſtiſchen Geiſtlichkeit gehöre. Dagegen waren ſie ſicher, von den glänzenden jungen Cavalieren, die in allem Pomp von Glanz und Sti⸗ ckerei ihren Morgenritt machten, mit irgend einer ſa⸗ tyriſchen Bemerkung, einem frechen Spaße und oft mit geſuchter Grobheit behandelt zu werden, was der Oberſt mit merkwürdiger Geduld und Kaltblütigkeit hinnahm, während Mervyn das Blut kochte. Die Bemerkungen, welche perſönlich an ihn gerichtet wur⸗ den, waren von der Art, daß ſie mehrmals eine Röthe auf ſeine Wangen jagten, wie ſie bei einem Mädchen, das er vorſtellte, natürlich geweſen wäre; aber Blood würdigte ſie keiner Aufmerkſamkeit und ermahnte ihn, daſſelbe zu thun. „Kind,“ ſagte er,„wenn ein Mann alle Schel⸗ men und Schurken züchtigen wollte, die einem heutigen Tags in den Weg kommen, ſo würde ganz London mit zerbrochenen Gliedern zu Bette gehen; und wenn er ehrlich und gerecht zu Werke ginge, er ſelbſt gleichfalls.“ Er gab ſodann dem Jüngling einige nähere An⸗ weiſung, wie er ſich in ſeinem angenommenen Cha⸗ rakter zu benehmen habe und Mervyn kam es vor, daß er darüber unnöthigerweiſe weitläufig werde. 195 Der Oberſt vermied Fleet⸗ſtreet, indem er ſich durch eine Anzahl enge Gaſſen längs dem Ufer hin⸗ wand und ſie kamen am Ende in Thames⸗ſtreet wie⸗ der heraus. Jetzt lag ihr Weg zum Tower in einer geraden Linie durch eine lebendige, volkreiche und glän⸗ zende Straße, die der heutigen Thames⸗ſtreet, wo der Handel den Platz der Modewelt eingenommen hat, keineswegs glich, vor ihnen. Blood ſchien viel daran gelegen zu ſein, alle Beobachtung zu vermeiden und ritt ſo ſchnell, als das Gedränge auf den Straßen es erlaubte, bis ſie plötzlich auf eine wilde, durchſchnit⸗ tene Strecke Landes mit einigen vernachläßigten Gär⸗ ten gelangten, die an den Towergraben ſtieß. Die Zinnen der Ringmauer und die grauen bewimpelten Thürme, ſowie die, mit Kanonen beſpickten Wälle, er⸗ regten Mervyns Bewunderung und entlockten ihm ei⸗ nen freudigen Ausruf. Aber der Oberſt hielt ſchnell das Pferd an und wendete ſich mit rothglühendem Geſichte herum—„was ſoll das, du Balg,“ rief er aus;„plagt dich der Teufel?“ Er ſprach mit einem ſo harten, ja wilden Tone, daß Mervyn keine Antwort wagte. Nach augenblicklichem Beſinnen rief Blood ſeinen Gefährten und ſagte, ſie wollten zum eiſernen Thore reiten, wo er bekannt ſei. Sie ritten in lang⸗ ſamem Schritte längs dem Stromufer hin, welches damals in einem ſehr vernachläßigten Damme beſtand, und hielten am Ende mit ihren müden Roſſen unter den drohenden Schießſcharten des eiſernen Thores. Ein Wächter erſchien und grüßte Blood ehrer⸗ bietig unter dem Namen von Doktor Andrews. Der ehrwürdige Herr ſtieg ab und half ſeiner ſchönen Ge⸗ fährtin ebenfalls vom Pferde, indem er ſich zugleich erkundigte, wie ſich der würdige Meiſter Edwards be⸗ finde und ſeine ſchätzenswerthe Frau Gemahlin. Der Wächter antwortete, daß Edwards in Betracht ſeiner Jahre vollkommen wohl ſei, und ſich beſonders der Hoffnung freue, Seine Ehrwürden zu ſehen. 196 „Ja, ja, mein Bruder und ich ſind gute Freunde und hoffen es noch mehr zu werden,“ ſagte Blood mit einem kleinen Lächeln.„Ich habe einige Brüder mit mir gebracht, wie Ihr ſeht, Freund Giles, um ſich ein wenig dieſe, den fleiſchlichen Menſchen verblenden⸗ den Steine zu betrachten, ſowohl um über die Gier und Eitelkeit des Menſchengewürmes zu erſtaunen, als auch um die weibliche Neugierde meiner jungen Toch⸗ ter hier zu befriedigen. Ei du meine Güte, Meiſter Giles, was habt Ihr für Nachrichten von unſerm Meer⸗Bräutigam?“ „Kapitän Edwards auf dem„Haifiſch?“ Oh, ganz gute, ich verſichere Euch, Herr!“ ſagte der Wäch⸗ ter.„Sein Schiff legte ſich geſtern Nacht bei Wap⸗ ping vor Anker und wartet nur auf eine gute Flut, um zum Tower herauf zu ſegeln.“ „Ei, das wäre?“ erwiederte Blood haſtig.„Nun, nun, da müſſen wir unſere Vorkehrungen beſchleunigen. Ihr könnt Euch einbilden, Giles, was im Werke iſt, wenn ich Euch ſage, daß der Herr mit dem Dinten⸗ horn am Gürtel, unſer Schreiber iſt, und die Andern habe ich als Zeugen gebracht, zu einer gewiſſen Ver⸗ handlung zwiſchen meinem Bruder Edwards und mir.“ „Ja, ja, wahrhaftig und fürwahr!“ ſagte der Wächter, indem er ſich einen genaueren Blick auf die neni erlaubte, die verſchämt an ihrem Haubenbändel zupfte. „Nicht für ungut, Jungfer, aber ich muß Euch alles Glück wünſchen. Herr, hilf uns, da werden wir bald eine Hochzeit haben, Meiſter Andrews?“ „Und ſeid unbeſorgt, Ihr werdet dazu eingeladen werden, ehrlicher Giles,“ ſprach der Doktor.„Bitte, bemüht Euch nicht wegen unſerer Pferde; ſie ſind zu müde in den Knochen, um wegzulaufen, denn wir ſind Reiſende von Samaria— ich meine, wir kommen weit hergeritten. Komm, Tochter, ich denke, wir werden —— 197 Meiſter Edwards in ſeiner gewöhnlichen warmen und behaglichen Hütte finden?“ Damit wendete er ſich zu Mervyn, um ihm ſeinen Arm zu bieten und da ſich ſein Mantel ein wenig öff⸗ nete, glaubte der Letztere ein paar Piſtolen und einen langen Dolch, beinahe Rappier, in ſeinem Gürtel zu ſehen. Da dieß jedoch ganz mit ſeinem verzweifelten Charakter im Einklange ſtand, ſo beachtete er dieſen Umſtand nicht beſonders. Die ganze Geſellſchaft ging nun durch die Thore hinein und ſodann über einen kleinen Hof in ſittſamem Schweigen, dann am weißen Thurme vorbei, und kam auf einen ebenen Grasplatz, der von der Beſatzung zum Kegelſpiel benützt wurde. Ein Aufſeher, den ſie fragten, ſagte, daß Edwards an ſeinem gewöhnlichen Platze in der Rüſtkammer zu tref⸗ fen ſei und öffnete ehrerbietig ein ſchweres Hinterthür⸗ chen, bemerkend, daß dieß der kürzere Weg ſei. Beim Hineintreten flüſterte Blood, in einem Tone, der mehr geeignet war, Schrecken als Vorſicht einzuflößen, „Knabe, ſpiele Deine Rolle gut, bis ich ſage,„„das Spiel iſt aus,““ und dann thue, was Du mich wirſt thun ſehen.“ Mervyn hatte nicht Zeit, über die Bedeutung die⸗ ſer Worte nachzudenken; ſie waren in das Ritterzeug⸗ haus getreten und die lange Reihe dieſer eiſernen Kriegsbildſäulen zog ſogleich ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Das Bild manches königlichen Kriegers ſtand vor ihm, mit den reichen Rüſtungen angethan, welche von vielen derſelben an den großen Tagen getragen wur⸗ den, die ihre Namen für England unvergeßlich machen. Am entgegengeſetzten Ende der Rüſtkammer ſaß, ſeine Finger über einer Kohlenpfanne wärmend und in munterem Geſpräche mit dem Wächter, ein geſunder alter Mann, immer noch friſch und vollwangigt, ob⸗ ſchon achtzig Winter den Schnee auf ſeinem Kopfe ge⸗ ſammelt hatten. Da er Fremde hereintreten ſah, ſo ging er ihnen mit kräftigen Schritten entgegen und ſein fragender Blick verwandelte ſich ſogleich in den des freudigſten Willkomms. „Was, Herr hilf uns! Ihr kommt ſpät, Bruder Andrews, Ihr ſeid ſpät— aber nur um ſo willkom⸗ mener— wie ein verſpäteter Frühling. Willkommen, willkommen, Alle und die ſchöne kleine Jungfer auch, ja— und nicht ſo gar klein iſt ſie; meine künftige Tochter. Nein, Ihr könnt's einem alten Graubart nicht abſchlagen.“ So ſagend, beſiegelte der Alte ſeine Bewillkomm⸗ nung mit einem Kuſſe, den er auf die Wange der er⸗ röthenden und zitternden erwählten Braut drückte. „Nun, nun, liebliche Jungfer Alice, einem Geſicht ſteht's gut, wenn es erröthen thut,“ ſagte Edwards mit einem wohlwollenden Lächeln.„Ihr müßt uns alte Geſellen entſchuldigen; wir ſind hinüber und drü⸗ ben, hinüber und drüben— aber jeder Hund hat ſei⸗ nen Tag. Und wenn ich mein wilder See- ſohn ge⸗ weſen wäre, hättet Ihr Urſache zu erröthen. Der Herr ſegne Euch, Kind! wie lieb wir Euch haben werden! Was, Meiſter Andrews, Meiſter Andrews, ſie iſt ein gut Theil und drüber ſchöner, als im Handel bedungen war— groß, ſehr groß! Wohl, wohlz; das letzte Mal, da mein Bube auf dem trockenen Lande war— ich nenne ihn meinen Buben, ob es gleich ein ſo ſtarker Mann iſt, als jemals einer ſeinen Hieber in einen franzöſiſchen Schädel keilte. Wohl, wie ich ſagte, da er wieder an Bord ging,„„Vater,““ ſagt er— ich hatte ihm von einer Frau vorgeſchwätzt,„Ihr wißt ſchon,— was Ihr über das Glück einer Heimath und einer Frau ſagt, iſt Alles richtig, ſollt ich meinen, und ſo, wenn Ihr eine für mich ausſuchen wollt, ſo will ich ſte heirathen, wenn ich zurückkomme und damit baſta!““ Ei was, Jungfer, Ihr habt nichts zu thun, als um einen ſpaniſchen Krieg zu beten und Ihr werdet die Schürze voller Ducaten haben, ehe man ſechs zählen kann, denn er iſt ein ſo braver Seemann, obgleich ichs 199 ſelber ſage, als irgend einer von den Löwen, ſollt ich meinen!“ Mervyn war unterdeſſen mit ſeiner natürlichen Lebhaftigkeit auf den Humor der Scene eingegangen und erwiederte mit dem eigenthümlichen, ſchleppenden Ton der Puritaner,„Ja, wahrlich— ein Löwe!“ „Aber, wo iſt die gute Frau Andrews, Doktor?“ ſagte Edwards. „Oh, wir ließen ſie auf unſerem Wege hieher zu⸗ rück; ſie hat die Treppen zu der Wohnung gefunden, die Ihr ihr ſo gütig gezeigt habt, Bruder,“ erwiederte Blood,„und ich möchte wetten, ſie iſt nun im Geplau⸗ der mit Eurer würdigen und werthen Gemahlin.“ „Wohl, ſo wollen wir mit Eurer Erlaubniß zu Ihnen hinaufgehen, Doktor,“ ſagte der Alte.„Ich bin ſicher, wir werden auch etwas Weniges da antreffen, das Euch nach Eurem kalten Ritte zuſagen wird.“ „Nein, zuerſt möchten wir gerne einen Blick auf Eueren Flittertand werfen, Meiſter Edwards; auf die Zierrathen, welche die Abgötterei der Menſchen dem goldenen Kalb des Königthums umgehängt hat,“ ver⸗ ſetzte der Oberſt.„Dieſe Herren hier ſind vom Lande und ſähen gerne etwas Merkwürdiges, mit Ausnahme, Meiſter Hunt, des Schreibers, der ſeine Akten bei ſich hat. Und ſo können wir dann nach befriedigter Schau⸗ luſt ohne Unterbrechung die Treppen hinauf zu unſe⸗ rem Geſchäfte gehen.“ „Mit außerordentlich großem Vergnügen,“ ſagte Edwards, und Mervyn bemerkte, daß Hunt ſeine ſtar⸗ ren Züge in ein augenblickliches, aber ſehr ausdrucks⸗ volles Grinſen gegen den Oberſt ſchraubte.„Aber vielleicht möchtet Ihr gerne zuerſt(denn das iſt eine neue Merkwürdigkeit) die Gräber des kleinen Eduard V. und ſeines Bruders im blutigen Thurme ſehen?“ „Ei ja! die, welche der grauſige Bucklige um⸗ brachte?“ ſagte Mervyn.„Ei ja, vor allen Dingen; das iſt eine ſo traurige Geſchichte, als die vom Roth⸗ 200 kehlchen und den Kindern im Walde,— ja,— wahr⸗ haftig!“ 3 „Meiner Treu,“ murmelte Blood,„ich ſehe nicht Lerne ein ſo eitles Legendenloch, worein katholiſche, önigliche Wickelkinder geworfen worden ſind, oder guch nicht, je nachdem man es verſchieden erzählt? Es ſchmeckt nach römiſchem Aberglauben, Meiſter Edwards, und ich glaube meine Freunde ſind begieriger, die glänzenden Staatsdinger anzuſchauen.“ „Ja, wahrhaftig, das ſind wir,“ fing Hunt an, als ihn der Oberſt ſogleich mit einem Blicke unter⸗ brach.„Je nun, mir liegt übrigens nichts daran.“ „Auch dafür iſt der Tag noch lang genug, Dok⸗ tor,“ ſagte Edwards gut gelaunt.„Aber unſere junge Braut hat auch ihre Neugierde und ihr neuer Vater darf ihr dieſe Freude nicht abſchlagen.“ So ſagend führte er ſie zu einem Hinterthor, das auf eines der Vierecke des Schloſſes führte und Blood, der ſich nur mit Mühe bezwingen konnte, ſeinen Wider⸗ willen nicht zu verrathen, folgte ruhig nach. Siebenzehntes Kapitel. Vie königlichen Kleinodien. Ein kurzer Gang führte ſie an das St. Kathari⸗ nenthor, von deſſen Wächter ſich Edwards einen Bund ſchwerer Schlüſſel geben ließ und ſie gingen zu dem Thörchen hinein, durch welches vor eilf Jahren Duval den gedankenloſen Mervyn für immer aus ſeines Va⸗ ters Armen getragen hatte. Das tiefe Düſter des ge⸗ wölbten Gemachs, in das ſie nun traten, mit ſeinem 201 dämmernden, durch Fenſter von oben hereinfallenden, Lichte, erfüllte Mervyn mit einem unbeſtimmten Ge⸗ fühle von Entſetzen. Er kehrte ſich, ohne zu wiſſen warum, zu Blood, vielleicht, um durch ſeinen Anblick wieder Hoffnung zu gewinnen, wurde aber ſo beſtürzt über deſſen Bläſſe und ſeltſame Geſichtsbewegungen, daß er nichts ſprechen mochte. Auch vermied Bloods Auge das ſeinige ſorgfältig, aber er machte eine zor⸗ nige Bewegung, als ob er ſich bewußt wäre, daß der Jüngling ihn beobachte. Edwards zeigte auf eine kleine, erſt kürzlich ge⸗ machte, viereckigte Aushöhlung, aus welcher, wie er angab, die Leichname der ermordeten Prinzen zum Begräbniß nach Weſtminſter gebracht wurden. Er be⸗ richtete alle die Umſtände der Entdeckung mit geſchwä⸗ tziger Weitſchweifigkeit und freute ſich über das ernſte, pathetiſche Geſicht, mit welchem ihm Mervyn zuhörte. „Ja, meine Tochter,“ fuhr er fort,„s'iſt Alles ſo wahr, als daß es Tag iſt; und überdieß, obgleich ich keiner von denen bin, die einem müßigen römiſchen Aberglauben Glauben beimeſſen, muß ich dennoch be⸗ richten, daß die Leute wirklich behaupten, es gehe in dieſem Thurme um. Ich ſperrte niemals einen Gefan⸗ genen hieher(denn ich bin auch Marſchall über die Gefängniſſe), und werde es auch nie thun, wenn wir nicht überfüllt werden, was nicht unwahrſcheinlich iſt, wenn der gottesfürchtige Meiſter Oates unter den Pa⸗ piſten zu fouragiren fortfährt.“ „Was für Geiſter gehen denn hier um, Herr?“ fragte Mervyn mit erkünſtelter Einfalt.„Die der zwei ſüßen, kleinen ermordeten Könige?“ „Ja, in ihren blutigen Schlafröcken und Hermelin⸗ hütchen,“ ſagte der Oberſt in einem ſpottenden Tone. „Nein,“ erwiederte Edwards mit Bedacht—„nein, ſondern der Geiſt eines ſehr mächtigen, katholiſchen Edelmannes, der, wie einige ſagen, in dem obern Zim⸗ mer über uns ſich ſelbſt entleibte.“ „Wie Einige ſagen!— Nein, Herr, er thats wirk⸗ lich!“ rief Blood heftig.— „Wie könnt Ihr wiſſen, Bruder, von wem ich ſpreche?“ ſagte Edwards, etwas ärgerlich.„Meiner Treu, Doktor, Ihr wißt nicht, daß ich den großen Earl aus dem Weſten meine, Aumerle, oder es würde Euch auch bekannt ſein, daß die Leute großen Zweifel hegen, ob er nicht ermordet worden ſei.“ „Aumerle!“ wiederholte Mervyn.„Wie ſeltſam iſt es, daß ich überall, wo ich hingehe, auf dieſen Na⸗ men ſtoße!“ „Auf Treu und Glauben, Doktor, man ſagt, daß er ſich ſelbſt entleibte,“ fuhr Edwards in entſchiedenem Tone fort;„aber ich habe meine beſonderen Gründe, anderer Meinung zu ſein. Ich hatte hier die Wache in jener Nacht und Nichts in der Welt wird mich je überreden können, daß es des Earls Stimme war, die von innen antwortete, als wir das Stöhnen hörten.“ „Poſſen, Bruder; ſeid nicht ſo unchriſtlich, das an⸗ zunehmen,“ ſagte der Doktor, indem er ſich zu dem Grabe des Prinzen bückte, ſo daß ſein Geſicht von Cdwards Fackel beſchattet war. „Sie mögen ſagen, was ſie wollen, ich weiß, was ich weiß,“ erklärte Edwards.„Es gab da Männer, ja und Frauen auch— die ſich nach ſeinem Tode ſehn⸗ ten und Geld genug beſaßen, um die für ein ſolches Werk geeigneten blutigen Hände zu kaufen.“ „Schon recht, Nachbar, aber Geld kann keine Heinwält und Mauern beſtechen,“ ſagte der Oberſt ſcharf. „Wer weiß, Doktor, ob ſie nicht den Teufel oder Oberſt Blood— was ſo ziemlich daſſelbe iſt— in's Spiel zogen,“ erwiederte Edwards trocken. „Lieber Gott, Bruder, ich hoffe, Ihr habt nicht das papiſtiſche Hofvorurtheil gegen dieſen ehrlichen Gentleman und ächten Proteſtanten,“ ſagte Blood mit bitterem Lächeln. 203 „Ehrlichen Teufel und ächten Apoſtaten von aller Religion und Ehrbarkeit,“ rief Edwards.„Erſchreckt nicht, Madame; ich kenne den Mann, und von allen ſchwarzen, verruchten Böſewichtern unter der Sonne—“ „Pfui, Pfui, Talbot Edwards, ſolche Worte im Munde eines Chriſten gefallen mir nicht,“ ſagte der Oberſt haſtig. „Nu, ich meinte nichts Arges,“ erwiederte Edwards. „Aber wer von einem ſolchen Schurken mit einiger Geduld ſprechen kann, muß ſelber ſchon mehr als ein halber ſein.“ „Aber wie thöricht, Bruder?“ ſagte Blood, der Mervyns Blick bemerkte.„Wie könnt Ihr den Oberſt Blood oder irgend einen Andern im Verdacht haben, ein Leben verkürzt zu haben, das bereits dem Staate verfallen war?“ „Um zu verhüten, daß nicht gewiſſe Geheimniſſe au's Licht kämen— was weiß ich?“ ſagte Edwards. „Da iſt Mylady, die ſein Weib war— ſie, die ſeither den Lord Howard geheirathet hat— um ſo größere Schande! Ich ſtehe dafür, ſie weiß mehr von der Ge⸗ ſchichte, als ſie in ihrem Gebete zu erwähnen wagt.“ „Nun, und was thatet Ihr mit dieſes großen Earls Leichnam? Die Jury verurtheilte ihn, als einen Selbſt⸗ mörder mit einem Pfahl durchſtoßen zu werden, habe ich, wenn mir recht iſt, gehört,“ ſagte Blood. „Das iſt nicht weit weg;— Hier liegt er, der arme edle Herr,“ erwiederte Edwards, indem er ein ſchmales Ausfallsthörchen aufriegelte und zurückwarf, das auf die ſteile Böſchung des Towergrabens hinaus führte. Das helle Sonnenlicht ſiel auf einen langen Erdaufwurf, der mit dem Graben parallel lief und mit Unkraut überwachſen war. Blood fuhr zurück, als ob er einen ſprungbereiten Tiger vor ſich ſähe. „Hier begruben wir ihn,“ ſagte der Alte traurig —„hier, während der Verwirrung von dem großen Brande. Der Spruch der Jury lautete auf eine Kreuz⸗ ſtraße— denn es waren lauter heiße Anabaptiſten— ——— 204 Befehl auf meine Weiſe auszulegen. Er hat keinen Sarg, kein Leintuch, nichts als ein Grab.“ „Es muß ein langer Mann geweſen ſein,“ ſagte Mervyn. „Gewiß, wäre der Gedanke nicht ſo thöricht, ſo könnte ich ſagen, daß ſich Eure Mutter an ihm verſe⸗ hen hätte, Jungfer Alice,“ verſetzte Edwards.„Wäre nur Euer Haar ein klein wenig ſchwärzer— ja, wenn es die bläuliche Schwärze des Raben hätte, und wäre Eure Naſe etwas weniger griechiſch gegen das Ende hin, ſo würde ich ſagen—“ „Was, hier begraben? keine Leichen⸗Ceremonie, nicht einmal ein Sarg?“ unterbrach in Blood haſtig. „Begraben wie ein Hund, außer daß—“ zögerte der alte Edwards.„Aber ich weiß, Ihr werdet mich nicht tadeln, Doktor. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, einen Menſchen, wie einen todten Gaul in die Erde zu werfen, und ſo ließ ich ihn durch einen katholiſchen Prieſter nach ihrer Art bei Nacht begraben — einen Pater Van Huysman, der damals in London ſich aufhielt. Der Himmel vergebe mir, wenn ich Un⸗ recht that!“ „Amen und dreimal Amen,“ ſagte Mervyn, deſſen Augen von Thränen überfloßen.„Aber wenn Ihr Un⸗ recht thatet, welche himmliſche That ward dann jemals auf Erden gethan?“ „Und ſeht, ich ſetzte ein ſchwarzes Kreuz zu ſeinen Häupten und pflanzte wilden Tymian auf das Grab — alles nun todt— aber im Sommer blüht und riecht es ſchön,“ ſagte Edwards, ſehr vergnügt über den war⸗ men Beifall der Miſtreß Alice. 4. „Wie Eure vortrefflich gute That in den Augen des Himmels!“ ſetzte Mervyn hinzu und wiſchte ſich die Augen.„Aber da wir nun einmal hier ſind— aber da dieß eine Art Kreuzſtraße zwiſchen unſerer Ee⸗ richtsbarkeit und der Stadt iſt, ſo wagte ich es, den 1 —— 205 gütiger Herr Edwards, ſo zeigt uns auch die Zimmer, wo er ſtarb!“ „Gewißlich, will ich das— ich halte große Stücke auf Dich, Kind,“ verſetzte Edwards.„Und gerade, wie ſie von ihm vor 12 langen Jahren verlaſſen wur⸗ den; denn alle Gefangene wehren ſich ſo ſeltſam gegen das Uebernachtſein hier, daß ſie unſer wilder Lieutenant nicht zwingt— und ſo liegen dieſe Gemächer ganz unbenützt.“ „Nein, es wäre ein zu trauriger Anblick, Bruder,“ ſagte Blood eilfertig. „Thut nichts, ich möchte es gerne ſehen, ich liebe traurige Sachen!“ entgegnete Mervyn ſehr eifrig. Blood blickte ihn zornig an, aber er war ſchon mit Edwards zur Hälfte die Stiege hinauf. Die Geſellſchaft folgte und Blood ſchloß ſich mit Wider⸗ willen an. . Die Schlüſſel zu dieſen unheimlichen Zimmern hiengen an einem roſtigen Bund an einem Nagel vor der Thüre. Edwards öffnete die ſchweren Befeſtigungen und ſie traten in die Gemächer. Alles war mit Staub bedeckt, die Tapeten von Schaben zerfreſſen, aber viele Anzeigen konnten noch Zeugniß geben, daß ein Gefan⸗ gener von Wichtigkeit ſie bewohnt haben müſſe. Blood heftete ſein Auge unabläßig auf Mervyn und bemerkte mit Unruhe, daß er in träumeriſches Nachſinnen ver⸗ loren war und verwirrt ausſah. „Einen Silberpfenning gäbe ich darum, Deine Gedanken zu wiſſen,“ ſagte er mit erzwungenem Lächeln.. „Ja, ja, wie ſonderbar das iſt!“ erwiederte Mer⸗ vyn.„Aber, wahrhaftig, ſollte ich es geträumt haben? Es kömmt mir vor, als ob ich ſchon vormals hier ge⸗ weſen wäre und Euch alle um mich herum geſehen hätte. Aber da war noch Jemand ſchwarz gekleidet, oder— wahrhaftig— ich glaube, es war ein Feder⸗ 1206 buſch, wie man ſie auf den Leichenwagen ſieht, über einem Marmorgeſichte, und—“ „He, Narrheit, Narrheit, Tochter,“ unterbrach ihn Blood ſcharf.„Iſt dort das Schlafzimmer zu die⸗ ſen ſtillen Gemächern, Meiſter Edwards?“ „Ja freilich, kommt und ſchaut hinein,“ verſetzte der alte Mann und führte ſie in das dunkle, unheils⸗ volle Gemach, das wir früher beſchrieben haben.„Puh, es iſt ein wenig moderig hier,— nichts angeregt wor⸗ den, ſeit Mylord Aumerles Zeit!“ „Ja, zu ſchwül und moderig für mich,“ ſagte Blood ſchnell.„Wenn Ihr mit Eurem düſtern Baſen⸗ geſchwätz fertig ſeid, werdet Ihr mich im naächſten Zimmer finden.“ Er entfernte ſich plötzlich. Sowohl Mervyn als der Alte, ſchienen ſich durch des Doktors Weggehen erleichtert zu fühlen; obgleich er ſeine Myrmidonen zurückließ. Edwards fing mit der Erzählung der traurigen Geſchichte von des Earls Tod an, ziemlich auf dieſelbe Art, wie er ſie bei der Todtenſchau angegeben hatte und Mervyn horchte mit auffallendem Intereſſe. Parrot und Hunt dagegen zeigten große Ungeduld, blickten auf ihre großen Uhren und erinnerten Edwards, daß die Zeit ſchnell ver⸗ freihe Demgemäß kehrten ſie in's Wohnzimmer zurück.. Da ſie eintraten, blickte Mervyn auf den Oberſt, der in einem alten Armſtuhle ſaß und unwillkührlich zuſammenfuhr, obgleich Bloods Haltung in dieſem Augenblicke nichts beſonderes an ſich hatte und blos gleichgültige Ermüdung ausdrückte. Dennoch brachte es ihn zum Nachdenken, er wußte nicht deutlich an was, aber eine dunkle und verwiſchte Erinnerung ging ihm durch den Sinn. Unterdeſſen brachte Edwards, der nichts bemerkte, eine, wie er ſagte, große Merk⸗ würdigkeit herbei— das tödtliche Werkzeug— das neben des Earls Leichnam gefunden worden war— f —— 207 und reichte es Blood. Der Oberſt unterſuchte es ge⸗ nau und unterhielt ſich mechaniſch damit, den Dolch im Piſtolenſchaft hinein und heraus ſchnappen zu laſ⸗ ſen. In dieſem Augenblick ſchoß ein wilder, verwir⸗ render Gedanke durch Mervyns Einbildung, daß er Alles dieſes ſchon vorher geſehen habe, aber ob in ei⸗ nem Zuſtande früherer Exiſtenz oder in einem Traume, konnte er ſich nicht ſagen. Er blickte verwirrt auf Blood und auf deſſen mißgeſtalteten Daumen und beider Augen begegneten ſich. Der Obeiſt ſtand haſtig auf.„Halt, halt, Bruder Edwards,“ rief er aus; „für einen Brautbeſuch, den wir vor uns haben, macht Ihr uns zu traurig Zeigt uns nun Euren glänzen⸗ den Tand.“ „Wahrhaftig, ich bin— bin zu tadeln,“ ſagte Edwards.„Kommt alſo, laßt uns dieſe traurigen Gemächer zuſchließen und Gott bitten, daß ſie niemals mehr einen ſo unglücklichen Bewohner aufnehmen mögen.“ „Amen, Vater! Amen! in der That!“ rief Mer⸗ vyn und zwar in ſeiner natürlichen Stimme, was die Folge hatte, daß Edwards ihn einen Augenblick über⸗ raſcht anſah. Aber ſein Argwohn, wenn etwas der⸗ gleichen in ihm aufſtieg, verſchwand ſogleich, da er den edeln Ausdruck in dem jungen Geſichte wahrnahm. Alle folgten nun Edwards zu einer Thüre, welche wie⸗ der auf den Raſenplatz zurückſührte, über welchen ſie nach dem Zeughauſe gingen. Mervyn wünſchte, dieſe merkwürdige Sammlung nach Muße zu betrachten, aber der Doktor wollte es nicht zugeben, da Miſtreß Edwards und ſeine Frau auf ſie warteten. Der alte Aufſeher brachte nun die drei ſchweren Schlüſſel zum Vorſchein, welche die eiſerne Thüre zu den Kronkleinodien mittelſt ebenſo vieler Vorlege⸗ ſchlöſſer verwahrten. Edwards ſchloß ſie mit dem langſamen Ernſte eines alten Mannes auf, und da eines derſelben etwas roſtig war, ſo machte er Anſtalt, 208 einen der Unteraufſeher zu rufen; aber Blood verhin⸗ derte es ſchnell und Mervyn bemerkte, daß ſeine Hand zitterte, als er den Riegel zurückſchieben half. Ed⸗ wards drückte ſodann die Thüre mit dem Knie auf und Mervyn trat begierig hinter ihm hinein. Eine Glanzflamme von Juwelen, erhellt durch einen Son⸗ nenſtrahl von oben, blendete beinahe ſein Auge. Auf Tiſchen von karmoiſinrothem Sammt und pyramiden⸗ förmig geordnet, glänzten die herrlichen Kleinodien der engliſchen Königsmacht; die Reichskronc Eduards III; der Reichsapfel, das Scepter, die ſteinbeſetzten Schwer⸗ ter, die goldenen Stäbe, die reichen Waſeerbecken, die Salzgefäße, die goldenen Sporen und die Adler, — alle blitzend von Juwelen und lange Lichtſtrahlen ausſtrömend. In der Mitte war die königliche Krone von England, flammend, wie eine Sonne. Mervyn that einen Ausruf freudiger Ueberraſchung; aber in demſelben Augenblicke hörte er die Thüre zu⸗ ſchlagen und Blood rief aus:„Nun, drauf und dran — das Spiel iſt aus!“ Zugleich warf der Schein⸗ doktor ſeinen Mantel über Edwards Kopf und ſchob ihm einen Knebel in den Mund, der einen Pflock mit einem Loche zum Athemholen hatte, und befeſtigte ihn mit einem gewichsten Lederriemen. Hunt legte zugleich einen eiſernen Hacken an ſeine Naſe, um ihn zu ver⸗ zindern, einen Laut durch dieſes Organ von ſich zu geben. All' dieſes war das Werk eines Augenblicks und in dem nächſten warfen die ehrlichen Bürgersleute ihre Mäntel ab und zeigten ſich wohlbewehrt mit Schwer⸗ tern und Knitteln. Mervyn wußte nicht, was er penten ſollte oder ob dies auch mit zum Spaſſe ge⸗ öre. 5 „Im Namen des Himmels, Blood!“ rief er, „was iſt damit gemeint 24 3 1 „Ruhig, Du ſchaaler, junger Narr, oder Dir geht's eben ſo,“ ſagte der Oberſt in ſeinen ſchrecklichen 209 Tönen.„Meiſter Edwards, Widerſtand iſt vergeblich. Ich ſage Euch aufrichtig, wir möchten die Krone, den Reichsapfel und das Scepter haben; wenn Ihr Euch ruhig darein ergebt, wollen wir Euch das Leben ſchenken; wo nicht, erwartet keine Gnade!“ Edwards machte demungeachtet einen verzweifelten, aber fruchtloſen Verſuch, nach der Thüre zu ſtürzen und zu ſchreien, aber Blood ſchlug ihn ſogleich mit einem hölzernen Hammer, denn er plötzlich hervorzog, nieder. Der arme Alte, obgleich ſchwer getroffen, machte eine kräftige Anſtrengung, aufzuſtehen und ſich den Knebel vom Munde zu reißen. Der Oberſt be⸗ arbeitete ihn ſogleich ſo unbarmherzig mit ſeinem Schlegel, daß das Blut ſtromweiſe unter dem Mantel hervordrang. Aber unterdeſſen war Mervyn aus ſei⸗ ner Betäubung des Erſtaunens erwacht und warf ſich, indem er aus allen Kräften„Mordjo!“ ſchrie, über den alten Mann hin, um ihn gegen die Streiche zu decken. Dieſe Handlung rettete ohne Zweifel Edwards das Leben; Blood hielt inne mit ſeinen Schlägen, packte Mervyn, murmelte:„ich habe mich auf Euer Geplärre auch vorgeſehen!“ und warf ihm eine Binde um den Mund, die ihn unfähig machte, einen Laut von ſich zu geben. Die Gefährten horchten dann einige Sekunden lang ſehr ernſtlich, um zu vernehmen, ob Lärm gemacht würde— aber Alles war ſtill. Hunt band mittlerweile dem Knaben die Hände auf den Rücken, trotz ſeiner heftigen Gegenwehr. 1 Da Alles ruhig blieb, bückte ſich Blood nieder, um zu ſehen, ob der alte Mann todt ſei. Der un⸗ glückliche Aufſeher, wahrſcheiniich befürchtend, daß dieſe Unterſuchung ſeinem Hals gelte, machte noch ei⸗ nen verzweifelten Verſuch, aufzuſtehen. Blood warf ihn heftig zurück und bemerkte kalt:„Nichts wird ihn zur Ruhe bringen, als dies,“ zog ſeinen Dolch und brachte ihm einen Stoß bei. Mervyn warf ſich jedoch Whitefriars. u. 14 210 noch mit letzier Anſtrengung über den Körper des alten Mannes und erhielt den zweiten Stoß in das Fleiſch ſeines Armes. Schmerz und Schrecken beraubten ihn ſodann des Bewußtſeins und er ſowohl als Edwards lagen bewegunglos für todt da. „Fluch über den jungen Narren!— wir werden ihn zurücklaſſen müſſen!“ murrte Blood.„Wiſche meinen Dolch ab, Hunt— pah, wir hätten dem alten Simpel gerne ſein mageres bischen Leben gelaſſen!“ Blood ergriff hierauf die Krone und ſteckte ſie unter ſeinen Mantel. Parrot ſtopfte den Reichsapfel in ſeine geräumige Hoſen, und Hunt zog eine kleine Feile heraus und fing an, am Scepter zu feilen, um es in zwei Stücke zu brechen, da es zu lang war um es zu verſtecken. Aber während ſie dieſe Vorkehrungen eilig betrieben, hörte man Tritte in der Rüſtkammer. Blood ſtellte die Krone auf ihren Platz, flüſterte ſeinen Gefährten zu, aufzupaſſen, und ging ſchnell hinaus, die Thür halb offen laſſend. Hunt ſtand horchend an der Thüre, mit einer Piſtole in jeder Hand, bereit hinauszuſpringen, wenn fein Anführer Beiſtand bedürfen ſollte. Er hörte eine rauhe, herzhafte Stimme rufen:„Hallo, Ihr Land⸗ läufer, wer ſeid Ihr?“ „Ich bin der Kaplan vom Tower, Bruder,“ er⸗ wiederte Blood, in einem milden, gewinnenden Tone. „Ei, Mann, Ihr wäret groß und ſtark genug für den Kaplan eines Kriegsſchiffes, um eine Predigt während eines Sturmes zu halten,“ ſagte der Fremde.„Aber verdammt, kennt Ihr mich denn nicht?— Obgleich ich zwar Euch nicht kenne, da ich kein häufiger Be⸗ ſucher Eurer bittern Betſtündlein am Lande bin. Ich heiße Edwards— komme gerade von der See, und mein Vater hat die Aufſicht über die Kleinodien in dieſen Gemächern hier. Wißt Ihr, wo er iſt, Ehr⸗ würden?“ „Ihr werdet ihn im obern Geſchoße in Geſellſchaft — 211 einiger Freunde finden, und er wird ſich ſehr freuen, Euch zu ſehen,“ erwiederte Blood. „Nun, dank Euch— ei, gewiß wird er— und wenn ich nicht ganz aus meiner Hiſſung gekommen bin, ſo hat er indeſſen ein Weib für mich aufgefiſcht,“ ſagte Edwards, und nachdem er ſeinen breiten Hut höflich berührt hatte, lief er die Rüſtkammer hinunter und verſchwand aus dem Geſicht. „Thorheit— s iſt unnöthig— er iſt fertig,“ ſagte Blood.„Auch haben wir keine Zeit— kommtl“ ſchiedsſtoß mit dem Fuße gegeben hatte. Aber ſie irr⸗ ten ſich in dieſer Vermuthung, denn ſie waren kaum am Aufſeher in der Rüſtkammer vorüber, als ſie den alten Edwards laut ſchreien hörten,„Verrath, Mordjo!“ „Vorwärts!“ rief Blood,„ein verlorener Augen⸗ blick liefert unſere Haut an den Galgen! Vorwärts „Mir liegt nichts daran,— tödte mich! Hülfe, kord!“ ſchrie Mervyn, dem es nun gelungen war, ſeinen Knebel abzuwerfen. „Mervyn, um des Himmelswillen übergib nicht „Deinen Vater dem Henker!“ rief Blood, mit großer 212 Bewegung und blickte unſchlüſſig auf ſeinen Dolch, „Dort iſt die Hauptwache— ſei ſtille, oder— oder—“ „Ich erdroßle ihn, wenn er nur athmet,“ mur⸗ melte Hunt. „So laßt mich hier,“ laßt mich hier, Ungeheuer!“ ſagte Mervyn wild,„ich gehe keinen Schritt mehr zneitert dieß iſt der blutige Thurm, hier will ich ſter⸗ en! Wie er ſo ſprach, hörte man vom Towerhill die Stimme des jungen Edwards in ihrer höchſten, ſtür⸗ miſchen Kraft brüllend,„Verrath, Verrath! Die Krone iſt geſtohlen!“ Die Thüre des Wachzimmers, dem ſie ſich nun näherten, ging auf, und ein Offizier ſprang heraus, zu fragen, was es gebe. Blood ſtieß Hunt's Ellbogen an, beide faßten den Jüngling an den Ar⸗ men und rannten mit ihm über den Hof zum Thore an der Zugbrücke, wo eine einzelne Schildwache ſtand. Aber der Lärm war nun allgemein geworden und der Wächter, der an ihrer Eile Unrath merkte und den Ruf,„haltet ſie! halt die Diebe!“ hörte, fällte ſeine Partiſane gegen Blood's Bruſt, welcher der erſte von der Bande war. Der Oberſt trat vor und feuerte eine Piſtole auf ſeinen Kopf ab, aber jener fiel nieder und vermied den Schuß. Am Ende der Zugbrücke befand ſich ein Wacht⸗ haus und ein kleines Thor, vor dem ein Soldat Schildwache ſtund. Blood rief:„Kommt, er macht keinen Widerſtand; er iſt eine Memme, man ſiei am Auge!“ und ſie ſtürzten hinüber. Der Mann war ſogleich ſeine Waffen weg und lief in das Wacht⸗ häuschen.. Die Räuber eilten pfeilſchnell durch das äußere Thor und fanden ſich auf dem Werft. Immer no unter Blood's Führung rannten ſie gegen das St. Katharinenthor, wo ihre Pferde ſtanden, und ſtimm⸗ ten ſelbſt mit in den nun allgemeinen Ruf;„Haltet die Schelmen!“ — 3 —— 213 Bloods Prieſterkleid und die ehrenfeſte Bürger⸗ tracht ſeiner Gefährten verhinderte die Leute, etwas zu argwöhnen, und ſie waren ganz nahe bei ihren Pfer⸗ den, als plötzlich eine Figur aus einem niedrigen Schenk⸗ wirthshauſe am Wege hervorſtürzte, gefolgt von Drei oder vier ſtarken Männern mit Knütteln; ſie rief aus: „Hier iſt er— das iſt der Mann! Greift ihn in des Königs Namen, es iſt Blood!“ „Höllenhund, nimm was Dir gehört!“ rief der Oberſt, und ſtieß blindlings mit ſeinem Dolch nach Oates, denn dieſer war es,— aber der ſchlaue Kerl vermied den Stoß, indem er ſich niederduckte. Die Männer mit den Knitteln, welche die Uniform der Stadt⸗Hatſchiere trugen, liefen herzu, und es erfolgte ein Handgemenge. Blood ſchlug ſo wüthend um ſich, daß er ſich ſchnell freie Bahn gemacht hatte; aber ein zufälliger Schlag ſtürzte Mervyn am Anfange des Kampfes zu Boden, und in dem Augenblicke, da der Oberſt ſich beinahe bis zu ſeinem Pferde durchgeſchla⸗ gen hatte, erſchien ein Haufen von Soldaten und Wächtern am Thore. An ihrer Spitze ſtürzte der junge Edwards mit dem Hieber in der Fauſt auf Blood zu, als dieſer gerade den Fuß in den Steigbügel ſetzte. Der Oberſt zog eine zweite Piſtole und feuerte ſie bei⸗ nahe dicht an des Seemannes Kopf ab, aber durch einen glücklichen Zufall ſtreifte die Kugel nur die Haut. Sie packten einander ſogleich, und obgleich ſich Blood vollkommen umringt ſah, fuhr er doch fort, ſich wü⸗ thend um die Krone zu wehren, ſo daß in dem Kampfe um dieſelbe einige Edelſteine auf die Erde fielen. Da es Edwards endlich gelungen war, dem Oberſt ein Bein zu unterſchlagen und die reiche Beute ſeiner Fauſt zu entreißen, und da hundert Hände ihn zu gleicher Zeit gepackt hatten, ergab Blood ſich mit einem bit⸗ tern Lächeln und rief:„Wohl, ich bin euer Gefange⸗ ner! aber das macht Nichts; es war ein tapferes 214 Unternehmen, wenn es gleich unglücklich ausfiel, denn es galt eine Krone.“ „Nun, Blood, ſeid Ihr meine Beute und mein Ge⸗ fangener!“ ſagte Oates und ſteckte ſein vom geſtrigen Abend ſchwarz und blau geſchlagenes Antlitz herein. „Ihr Herren, ich habe einen Verhaftsbefehl für ſeinen Körper und den des jungen Schelmen, der hier blu⸗ tend liegt. Uebergebt ihn dieſen Gerichtsdienern.“ „Sie können nicht,— ſie dürfen nicht!“ ſagte Blood ſtolz.„Ich wurde innerhalb der Gerichtsbar⸗ keit des Towers ergriffen, und bin nur des Lieute⸗ nants Gefangner, der mich nicht ohne eine eigenhän⸗ dige Vollmacht des Königs ausliefern darf.“ 4 „Das hat ſeine Richtigkeit; nehmt die andern Schurken feſt! ſie laufen davon,“ rief ein Herr aus, der nun außer Athem, mit einem Zug Gardeſoldaten ankam. Es war Sir John Robinſon. Ihm folgte, triefend von Blut, das ihm über die Augen floß, und das er ſich wegzuwiſchen beſtrebte, der alte Edwards mit wankendem Schritt. In der Verwirrung ſeiner Blicke ſah er Oates in ſeiner Prieſterkleidung für Blood an und rief ſeinem Sohne zu:„Jack, Jack, dieß iſt der Schurke!“ Edwards holte augenblicklich mit dem Hieber aus, um ihn niederzuhauen, wozu Blood herzlich lachte und ausrief:„Hackt zu, lieber Junge! Ihr könnt der Welt keinen beſſern Dienſt thun.“ „Nein, mein Sohn, dieſer da iſt der Schurke!“ ſagte der arme alte Mann, immer noch ſeine Augen miühende„Dieſer ehrwürdige Herr gehört nicht zu ihnen.“ Während dieſes Handgemengs und dieſer Gefan⸗ gennehmung hatten die anderen Schelme ihre Zeit beſſer angewendet. Parrot zwar ließ ſich ohne Wider⸗ ſtand gefangen nehmen, aber Hunt ſchlug ſich zu einem der Pferde durch, ſprang in den Sattel und ritt davon, begleitet don den beiden andern Spitzbuben. Es ſtund aber zufälligerweiſe ein leerer Karren in der Straße, 215 der ſich plötzlich herumwendete, und Hunt rannte, da er einen Anſtoß mit demſelben vermeiden wollte, mit ſeinem Kopfe gegen das Schild eines Barbierers, das in der Straße vorſtand. Er wurde durch den Stoß vom Pferde geworfen, erholte ſich aber ſogleich, ſetzte ſeinen Fuß in den Bügel und wollte fortreiten, als der Kar⸗ renführer ausrief:„Dieß iſt Tom Hunt, der in dem ſchwarzen Anſchlag gegen den Herzog von Ormonde war!— greift ihn!“ Er wurde nach verzweifelter Gegenwehr gefangen genommen und vor den Lieute⸗ nant des Towers geführt. Da aber die Verhaftung außerhalb der Gerichtsbarkeit des Towers ſtattfand, ſo befahl Sir John, ihn vor den Friedensrichter Smith, einer der Stadtobrigkeiten zu führen. Eine große Menge Volks verſammelte ſich nun, lagerte ſich nun um den Towerhill. Einige Soldaten nahmen Mervyn, deſſen weibliche Kleidung beinahe ganz in Stücke geriſſen war, in Verwahrung; ſein verwundeter Arm ſtrömte von Blut und ſein dunkles Haar war dick zuſammengeleimt davon. Oates hatte ihn ſchon vorher erkannt und, kraft ſeines Verhaft⸗ befehls, von dem Lieutenant, deſſen Auslieferung ge⸗ fordert, aber Sir John gab ihm nicht das mindeſte Gehör. Oates berief ſich vergeblich darauf, daß er den ganzen Tag auf die Gefangenen gepaßt, und Blood beinahe in der vorigen Nacht gefangen genommen hätte; der Lieutenant weigerte ſich, irgend etwas zu thun und ſandte die Gefangenen unter einer ſtarken Eskorte nach dem weißen Thurme, wohin er ihnen folgen und ſie verhören wolle. Demgemäß wurden ſie abgeführt. Der junge Edwards ſchlug vor, einige Soldaten auf die Pferde ſteigen und die andern Räuber verfol⸗ gen zu laſſen. Aber der vorſichtige Lieutenant wollte kein Wort davon hören.„Verfolgt ſie ſelbſt, wenn Ihr wollt, Meiſter Edwards,“ ſagte er,„es iſt Eure Sache und nicht die meine. Ich darf in die Vorrechte der City keinen Eingriff thun und meine Gerichtsbar⸗ 216 keit iſt an dieſen Thoren zu Ende. Uebrigens, Wäch⸗ ar führt dieſe Pferde herein, ſie ſind dem Tower ver⸗ allen.“ Dieſer Befehl wurde pünktlich befolgt, und der Lieutenant, bloß um die Kleinodien beſorgt, die er ſam⸗ melte und zu ſich nahm, kehrte durch das eiſerne Thor zurück. Der alte Edwards lag erſchöpft von Leiden und Blutverluſt ohnmächtig in den Armen ſeines Soh⸗ nes, welcher unter ſo viel Flüchen, als er in fünf Mi⸗ nuten zuſammendrängen konnte und mit einiger Beihülfe von der Menge den armen alten Mann zu ſeiner Woh⸗ nung in den Tower zurückführte. Achtzehntes Kapitel. Der Hof Karls II. Blood und ſein junges Opfer wurden unterdeſſen in ein Zimmer des weißen Thurmes gebracht, das ganz ohne Geräthſchaften war und deſſen nackte Stein⸗ wände bloß durch ein Ochſenauge Licht erhielten, das hoch oben durch die dicke Mauer gebrochen war. Blood ging dahin in trotzigem Stolze, ſeine Arme über einander geſchlagen und mit verächtlichen Blicken auf die zahlreichen Zuſchauer an ihrem Wege. Zuwei⸗ len zwar ſchaute er auf Mervyn mit einem Ausdruck von Selbſtvorwurf und fragte ihn in bewegtem Tone, ob ihn ſein Arm ſchmerze; aber der Jüngling antwor⸗ tete bloß mit einem Blicke voll Abſcheu und Haß. Ei⸗ de der Wächter verband ſogleich ſeine ſtark blutende unde. 4. Sir John Robinſon folgte ihnen auf dem Fuße * 217 nach und der Lieutenant begann ſein Verhör mit Mer⸗ vyn. Aber zu ſeinem großen Erſtaunen fand er, daß der Jüngling auf alle ſeine Fragen ein entſchloſſenes verſtocktes Stillſchweigen beobachtete, welchem Blood mit ſeinem glühenden Auge und ſeinen Geberden fort⸗ während Beifall zollte. Sir John kam außer ſich vor Zorn und fragte Mervyn, ob er dächte, daß die Folter⸗ bank und die Daumenſchrauben im Tower ganz außer Gebrauch gekommen ſeien; worauf Mervyn ganz gleich⸗ gültig verſetzte, daß er dieß weder wiſſe, noch ſich darum bekümmere. Da er zu finden glaubte, daß der Knabe zu gut auf ſeine Rolle eingeſchult ſei, ſo wandte ſich Sir John von ihm ab und fing ein Verhör mit dem alten Ge⸗ fangenen an. Auf die einleitenden Fragen hinſichtlich ſeines Namens und Berufs antwortete Blood bereit⸗ willig; da ihm aber der Lieutenant eine Auskunft über ſein letztes Unternehmen und ſeine Mitſchuldigen ab⸗ dringen wollte, ſo ward ihm eine verſtockte und unbe⸗ zwingliche Verweigerung der Antwort zu Theil. Da er nach manchen Verſuchen und Verhören fand, daß nicht die geringſte Auskunft von den Gefangenen her⸗ ausgelockt werden konnte, ſo ſtand Sir John zor⸗ nig auf. „Nun wohl, Herr Blood,“ rief er aus,„da Ihr Euch ſogar zu Eurer Vertheidigung zu antworten weigert, ſo gehe ich zu Sr. Majeſtät, um eine Voll⸗ macht zu erhalten, kraft welcher ich auf anderem Wege die Wahrheit herausbringen kann. Ihr ſeid ein Ge⸗ fangener der Krone und ich bin verſichert, kein partei⸗ licher Gerichtsbefehl ſoll Euch aus des Königs Feſtung befreien können, bis der letzte Stein über meinem Kopfe zuſammenbricht.“ „Und ſagt dem König, Sir John!“ ſagte Blood mit Nachdruck—„ſagt ihm, daß wenn ich gezwungen werde, irgend einen Theil dieſer Geſchichte einzugeſte⸗ hen, ich das Ganze eingeſtehen will.“ 218 Sir John ſchien über dieſe merkwürdigen Worte und die darin liegende verſteckte Drohung betroffen zu ſein. Er überließ ſich für mehrere Augenblicke einem tiefen Nachdenken und ging ſodann zu dem wilden Gefangenen, um einige leiſe Worte zu ihm zu ſprechen, auf welche Blood eben ſo leiſe antwortete. Sir John rief ſodann in ſichtlicher Bewegung aus:„Meine Her⸗ ren, ich muß ſogleich zum König,— ſorgt dafür, daß während meiner Abweſenheit niemand mit dieſen Bö⸗ ſewichtern ſpreche. Aber halt— laßt Jemand bei ihnen zurück, damit ſie ſich nicht insgeheim beſprechen können— aber nein, es iſt nicht nothwendig,— es kann nicht ſchaden.“ Der Lieutenant gab dieſe widerſprechenden Befehle in einem augenſcheinlich verlegenen Tone. Er hielt darauf bei ſeinem Sekretäre ſtille. „Was meint Ihr, Shelley?— können wir ſie allein laſſen?“ ſagte er.„Beim Himmel! der König braucht nicht noch mehr Lügen über ſich ausgebreitet — he? Wir ſind ſicher, nicht wahr? Hört, William Lockyer, geht zu meiner Frau und ſagt ihr, ſie ſolle beim Ausfahren nicht mehr als drei Wächter mitneh⸗ men. Ich hoffe, daß zwiſchen hier und Temple⸗Bar keine große Gefahr für ihre koſtbare Perſon zu befürch⸗ ten iſt, obgleich Claude Duval ſich in der Gegend herumtreibt.“ „Oberſt Blood iſt bekannt als ein Mann, der verzweifelter Entſchlüſſe fähig iſt,“ antwortete der Sek⸗ retär zweifelhaft.„Es hat ſich zugetragen, daß Män⸗ ner von großem Muth, wenn ihr Unternehmen fehlge⸗ ſchlagen— wie zum Beiſpiel, Marcus Antonius bei Philippi,(nein— bei Alexandria— das war Brutus bei Philippi) geſetzwidrig die Hand an ſich ſelbſt ge⸗ legt, und ſo— den— den— entſchuldigt den Aus⸗ druck, Herr Blood— den Galgen betrogen haben.“ „Wenn ich das Ding— geſchweige das Wort ge⸗ fürchtet hätte, ſo wäre ich nicht hier, Herr Federfuchſer,“ 6 219 ſagte Blood grimmig.„Was aber den Selbſtmord anbelangt, ſo fürchtet nichts. Ich bin kein römiſcher Thor. Weniger ſicher bin ich, daß man mich nicht er⸗ morden werde, denn der Einbrecher und Dieb wirft oft das Werkzeug, deſſen er ſich bedient hat, in den Graben, um nicht durch deſſen Geſellſchaft verrathen zu werden.“ „Aber im Tower nennt man den Mord immer Selbſtmord,“ bemerkte Mervyn mit einer Art lächeln⸗ der Wildheit, welche zeigte, daß er auf den Grad der Verzweiflung gekommen war, wo Gut und Uebel gleich⸗ gültig erſcheinen. Blood biß ſich in die Lippen und ſtieß einen tiefen Seufzer, oder vielmehr ein Geſtöhne aus. „Nun gut, Herr Blood, ich will Sr. Majeſtät Eure Botſchaft ausrichten,“ ſagte Sir John.„Wenn Ihr Euch den Schädel an der Mauer einſtoßt, ſo kön⸗ nen wir's nicht verhindern, und Gevatter John wird einer harten Arbeit überhoben ſein. Shelley ſtellt eine Wache vor die Thüre und laßt die Gefangenen allein — aber wir wollen nicht die Schuld haben, wenn et⸗ was vorfällt. Laßt ſie beide in ſtarke Ketten legen.“ „Dieſen Knaben, Sir John?“ rief Blood.„Ladet eines Ankers Gewicht auf mich, wenn Ihr wollt, aber wolltet Ihr einen Wimpel feſtbinden, wie das Haupt⸗ ſegel?“ 4 „Ihr habt meinen Befehl gehört, Shelley,“ ſagte der Lieutenant entſchieden.„Nicht, als ob ich Euch wehe thun wollte, Oberſt, denn Gott allein weiß, ob es jetzt mit Euch am ſchlechteſten ſtehe, ſintemal For⸗ tuna nichts als eine Welle unter Euch iſt, und Euch nicht ſobald auf den Sand geworfen hat, als ſie Euch wieder zu den Sternen hinaufſchleudert.“ Ddie Anordnungen des Lieutenants wurden pünkt⸗ lich ausgeführt, und er ſelbſt jagte Alle aus dem Ge⸗ fängniſſe außer den Gefangenen, ſchloß die Thüre ab und ſteckte den Schlüſſel in ſein Wamms. Mervyn 220 hörte das Raſſeln der Waffen, als die Schildwache aufgeführt wurde und dann war Alles ſtill. Einige Minuten tiefen Stillſchweigens ſolgten. Blood richtete ſich ſodann auf ſeinen Ellbogen auf, denn er hatte ſich aus Müdigkeit niedergelegt und blickte um ſich, ſo weit es die Dunkelheit des Gemaches zu⸗ ließ. Er ſah Mervyn mit kreuzweiſe an die Hände gefeſſelten Beinen daſitzen, ſein Geſicht ſo bleich wie der Tod, mit Ausnahme ſeiner eingeſunkenen Augen, welche blauroth und aufgerieben waren. Aber es ſchien, als ob er keine Thränen vergießen könne; Blood ſchaute ihn lange und feſt an, konnte aber ſein Auge nicht auf ſich ziehen. „Muth, mein Kind!“ ſagte er zuletzt.„So lange noch Leben da iſt, iſt auch Hoffnung da; und ich hoffe noch, Dich und mich zu retten. Du weißt nicht, Kind, was ich weiß.“ „Lügt Ihr noch immer fort?“ entgegnete Mervyn mit bitterer Ruhe.„Aber es iſt eben ſo gut als Wahr⸗ heit— keines von beiden kann uns tiefer hinunter⸗ ſtoßen, als wir bereits verdammt ſind.“ „Sprich nicht ſo verzweifelt, Knabe,“ ſagte Blood ernſt.„Ich ſage Dir, ich weiß einen Spruch, womit fich ſelbſt der Dämon Tod bezaubern läßt, den Du ſo ſehr fürchteſt.“ „Da lügſt Du wieder, Vater! ich fürchte ihn nicht,“ rief Mervyn, mit augenſcheinlicher Heftigkeit.„Das Leben iſt es, ein erbärmliches, entehrtes, ſchmachvolles Leben, was ich fürchte. O, daß ich einen Dolch hätte! Du ſollteſt ſehen, wie lange ich in dieſer Wolfshöhle verweilen würde, welche die Menſchen Erde nennen! „Knabe, mein Stoß war nicht auf Dich gezielt,“ ſagte Blood ſehr bewegt. Und die That ſelbſt war allein zu Deinem Beſten unternommen.“ „Um meinetwillen!— ich ſtehe dafür, aus einem plötzlichen Anfalle von Großmuth. Nein, mein guter Vater, das Stück war zum Verſchimmeln alt— aus⸗ — gedacht und probirt, ehe Ihr davon träumtet, mich zu Eurem Erben zu erwählen.“ „Ich gebe es zu, Mervyn; ein ſolcher Plan lag dunkel und confus in meinen Gedanken,“ ſagte Blood. „Aber glaubſt Du, ich hätte mein Leben auf ein ſo verzweifeltes Spiel geſetzt, außer um Deinetwillen? Das ärmſte Juwel dieſer Krone würde Euch über die Bedürfniſſe eines Bettlers erhoben haben; und mir war Reichthum, Anſehen, Verzeihung— und ich weiß nicht was Alles zur Belohnung zugeſichert— denn ich will nicht behaupten, daß die Kleinodien meine Beute hätten bleiben ſollen.“ „Und weſſen Beute ſonſt, mein tugendhafter Herr Vater?“ ſagte Mervyn. „Daran liegt vor der Hand nichts— ich habe einen beſſern Rückhalt, als ich nennen darf,“ erwie⸗ derte Blood mit Bedeutung.„Wenn der Hehler ſo gut iſt als der Stehler, nun dann iſt auch der die Krone trägt um nichts beſſer, als der ſie ſtahl.“ „Meiner Treu, dieſe Lüge überſtrahlt Alle, die Ihr bis jetzt erzählt habt,“ ſagte Mervyn mit der Ruhe der Verzweiflung. „Es wird ſich zeigen, ob ſie nicht mehr Wahrheit enthält, als die man auf den Kanzeln predigt,“ ent⸗ gegnete Blood heftig.„Schlagt mich todt, wenn ich falſch rede! Und nennt Ihr das Ränkerei, wenn ein Mann ſein Eigenthum aus den Händen ungerechter Vormünder nimmt— karger, neidiſcher, einſchränken⸗ der Mutr pfe⸗ wie das Haus der Gemeinen in Eng⸗ and?“ „Ich wundere mich nur, daß ich keinen Pferdefuß habe, da ich des Teufels Sohn bin,“ ſagte Mervyn wild.„Doch gut, man ſtirbt nur einmal, das iſt ein Troſt. Gute Nacht, Oberſt Blood— gute Nacht bis zum Wiederſehen am Galgen.“ „Err ließ hierauf ſein Haupt an die Mauer zurück⸗ ſinken und ſtellte ſich entweder ſchlafend oder ward vor Ermüdung ohnmächtig. Blood machte keinen weitern Ver⸗ ſuch zur Unterhaltung, ſondern ſaß beinahe eine Stunde lang in ſeine eigenen düſtern Gedanken verſunken da. Dieſe Stille wurde auf einmal durch das Raſſeln eines Schlüſſels in der Thüre unterbrochen. Blood fuhr auf und ſtierte mit der Gier eines Wolfes nach dem Eingange, während ſich Mervyn kaum regte. Die Thüre ging auf und Sir John Robinſon trat ein, be⸗ gleitet von einem andern Edelmann und ſieben oder acht Musketieren. „Tod, ohne Zweifel?“ fragte Blood, indem er trotzig die Arme über einander ſchlug.„Kriegsgericht — ha! Schnell weggeſchafft und nichts ausgeplaudert — nicht wahr, Sir John? Nun, Ihr ſollt heute ſe⸗ hen, meine jungen Stahlkrebſe, wie ein alter Soldat ſterben muß.“. „Ihr irrt Euch, Oberſt,“ ſagte der Lieutenant, „obgleich, bei unſerer lieben Frau, Euer Leben dieſe ganze Stunde lang an dem Athem eines jeden von zwanzig Sprechern gehangen hat. Egad! Mann, dem geheimen Rath ſteht der Verſtand ſtill, was er mit Euch anfangen ſoll. Ormonde und die Butler⸗Partei wollten Euch daran glauben und Euch das Kriegsrecht noch in dieſer Stunde verſchmecken laſſen, aber der König und der luſtige Herzog von Bucks*) ſtanden hartnäckig auf Eurer Seite; und zuletzt entſchloß ſich Seine Majeſtät wunderbarer Weiſe, Euch ſelbſt zu ſe⸗ hen und zu verhören in Whitehall, wo die Königin, ihre Damen und der ganze Hof verſammelt ſind.“ „Gott erhalte Karl den König!“ ſchrie Blood. „Ich kannte ihn jederzeit als einen ehrlichen Eiſenkerl. Ho, Knabe, wach auf! unſere Sonne bricht durch die Wolken. Bitte, Herr Lieutenant, ſteckt uns in anſtän⸗ *) Bucks iſt eine Abkürzung für Buckingham, heißt aber auch— Böcke, Landpomeranzen. Anmerk. d. Ueberſ. 223 digen Putz für die hohe Verſammlung, wenn wir hier fortgehen.“ „Des Königs Befehle lauten ganz anders,“ ent⸗ gegnete Sir John.„Und ein Wort im Vertrauen, Meiſter Blood— Ihr habt keine Minute zu verlieren, wenn nicht am Ende ſchädlicher Rath vorherrſchen und die Welt Eurer Dienſte beraubt werden ſoll.“ Blood nahm dieſen Wink ſehr zu Herzen und brachte Mervyn ſelbſt auf die Beine, der ſich leidend Alles gefallen ließ; der Lieutenant aber unterſuchte die Schlöſſer ihrer Feſſeln— ſo groß war die Furcht vor Bloods wildem Charakter. Da dieſer Punkt ins Reine gebracht war, ſo wurden ſie unter ſtarker Be⸗ wachung zu der Towertreppe geführt, wo ſich der Lieu⸗ tenant mit ſeinen Gefangenen in ſeiner eigenen Barke einſchiffte, unter Bedeckung von zwölf Musketieren, außer den Ruderknechten. Da eine ſeltſame Maßregel Niemanden in den Sinn kam, obgleich ganz London von dem verſuchten Kronenraube wiederhallte, ſo zog ihre Fahrt den Fluß hinauf keine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich. Es war Mittagszeit, als ſie in Whitehall lande⸗ ten und in das große Viereck des weitläufigen Pal⸗ laſtes traten, wo ein Gedränge von Kutſchen, Sänften, Gardiſten, Läufern und Pagen in aller Rührigkeit und glänzender Unordnung eines Gallatages bei Hofe zu ſehen war. Sir John führte ſeinen Gefangenen in ein Wachzimmer, während Sir Gilbert Elliot, der Herr, der ihn begleitet hatte, den König von ihrer Ankunft in Kenntniß ſetzte. Er kehrte ſogleich zurück mit einem Befehl, die Gefangenen vor Seine Maje⸗ ſtät zu führen. Mervyn fühlte keine Bewegung und nicht einmal Neugierde, als er dieſen Befehl hörte. Wäre ihm befohlen worden, dem Boten zum Todesblock zu fol⸗ gen, ſo würde er ohne Zaudern gehorſamt haben, ſo betäubt war er von Kummer und Mißhandlung. Er 224 bemerkte kaum, daß er durch eine Reihe von prächti⸗ gen, aber klöſterlich ausſehenden Gemächern geführt wurde, und darauf durch einen geräumigen Corridor oder eigentlich eine Gallerie, mit reichem Schnitzwerk vertäfelt und mit herrlichen Meiſterwerken der italie⸗ niſchen und flammändiſchen Schule behangen. Sie gelangten zuletzt, er wußte nicht wie, in einen großen Vorſaal, in welchem Gruppen von prächtig gekleideten Höflingen ſich mit verſchiedenen Spielen unterhielten, oder mit einer Schnelligkeit und einem heftigen Ge⸗ berdenſpiel ſprachen, welche das große Intereſſe, das ſie an den verhandelten Gegenſtänden nahmen, beur⸗ kundeten. Die Sprechenden brachen jedoch alle ab, ſobald Blood und ſein Gefährte erſchien und ſtarrten ſie wie gefeſſelte wilde Thiere an. Blvod ertrug dieß mit Ungeduld und ſein wildes Auge ſchien die Gruppen höhniſch zu überblicken, und dann wandte er ſich ab. Der Lieutenant ging indeſſen voraus und verſchwand in ein anderes Gemach, wäh⸗ rend er die Gefangenen, von ihrer Wache umringt, zurückließ. Einige Augenblicke verſtrichen und eine ſehr reich gekleidete Perſon, die einen goldenen Kämmer⸗ lingsſchlüſſel am Finger ſpielen ließ, öffnete die Thüre des Audienzzimmers und rief aus:„Führt die Ge⸗ fangenen vor!“ Der Befehl wurde ſogleich ausge⸗ führt, und Mervyn fand ſich in der Gegenwart des luſtigen Monarchen— aber unter wie ganz andern Umſtänden als damals, da er ihn zuerſt in ſeiner jo⸗ vialen Behaglichkeit in Whitefriars geſehen hatte. Das Audienzzimmer der alten Whitehall war von großem Umfange, angemeſſen der Prachtliebe ihres Stifters, des Cardinal Wolſey, der es einem Könige gleich that, ehe die üppige Blüthe ſeines Glückes ver⸗ welkte. Es ſchien, als ob das Gemach wenig Scha⸗ den oder Veränderung erlitten hätte, während der anderthalbhundert Jahre, die verfloſſen waren, ſeit Wolſey hier das große Feſt gab, auf welchem Hein⸗ 225 rich VIII. ſich in Anna Boleyn verliebte. Die Felder und Pfeiler des Täfelwerks waren von ſchwarzem Ei⸗ chenholz, gar künſtlich und reich in gothiſchem Style ausgemeißelt und geſchnitzt. Die Wände waren mit Tapeten behangen, worein bibliſche Gegenſtände mit einer Kraft und Schönheit gewirkt waren, die den Muſter⸗Kartons der flammändiſchen Meiſter beinahe gleichkamen. Die Wappenbilder des Cardinals flamm⸗ ten noch jetzt von den Scheiben der tiefen gothiſchen Fenſter und warfen einen Regenbogenſchein auf die Steine des gewürfelten Fußbodens. Die gewölbte Decke beſtand aus ſo reichem und mannigfaltig ge⸗ formten Schnitzwerk, daß das Auge durch ſeine Schön⸗ heit und kunſtreiche Verſchlingung überraſcht wurde, und die phantaſiereiche Laune Karls I. hatte beinahe jeden fußbreit Oberfläche mit allegoriſchen Gemälden von ſeinen Lieblingskünſtlern angefüllt. Das Hausgeräthe, obgleich etwas gebraucht und abgenützt, entſprach in ſeiner mönchiſchen Pracht den Umgebungen. Die Schenktiſche, von denen des Kar⸗ dinals Pagen ſeinen auserleſenen Gäſten Wein und würzige Leckerbiſſen zu vertheilen pflegten, waren mit reichem Silbergeräthe bedeckt; die Seſſel waren von geſchnitztem Ebenholz und vergoldet, und die Decken der Tiſche und die Vorhänge von violettem Sammt, geſtickt in farbigem Golde mit den vermengten Roſen und Lilien des übermüthigen Heinrichs. Der neueſte und geſchmackvollſte Theil des Zim⸗ mers war der, in welchem ſich der Hof gewöhnlich um den Monarchen verſammelte. Er lag nur einige Stufen höher als die Halle, und bildete an und für ſich ein großes Rundgemach, reich mit purpurrothem Sammt behangen. Ein großes Feuer von Cedernholz brannte in einem trefflich gearbeiteten Kaminroſte von vergoldeter Bronze und, mit dem Rücken einem gro⸗ ßen gemalten Fenſter zugewendet, ſaßen in einer Art Whitefriars. II. 15 226 Dämmerung von vielfarbigem Licht der König und ſeine Gemahlin, Katharina von Braganza, auf ver⸗ goldeten Prachtſeſſeln. Er allein trug einen Hut mit Diamantenſchleifen, nachläſſig, halb ſeitwärts auf den Kopf geſetzt. Die Königin, eine kleine, lebhafte Brünette, ge⸗ ſchmückt mit dem Schimmer und der Pracht füdlicher Toilette, hatte ihre Hand auf des Königs Seſſel lie⸗ gen und lehnte ſich nachläſſig auf die Sammtkiſſen zurück. Eine große Anzahl Damen und edler Herrn ſtanden in Kreiſen umher, in verſchiedenen Stellungen an das geſchnitzte Täfelwerk gelehnt, oder holzgerade ſtehend, je nachdem Ermüdung oder Etikette vorherrſch⸗ ten. Die blitzenden Partiſanen der Leibwache, auf den Stufen und längs der untern Halle gereiht, um⸗ ſchloſſen die glänzende Scene mit einem Saum von Speeren. Mervyns Auge ſchweifte gleichgültig von dem König zu dem Fenſter, neben dem er ſaß und das eine intereſſante Ausſicht auf den Strom und die Land⸗ ſchaften am gegenüberliegenden Ufer gewährte durch die gemalten Scheiben, die den Gegenſtänden tauſend un⸗ natürliche Farben verliehen. Sein Blick kehrte ohne beſtimmte Abſicht auf die den König umgebenden Gro⸗ ßen zurück. Unter dieſen erkannte er Shaftesbury, Monmouth, Ruſſel, Howard und Eſſer— ungewöhnte Erſcheinungen an dem Hofe Karls II. Aber das von den eigentlichen Urhebern von Oates Complott be⸗ zweckte Ereigniß hatte ſtatt gefunden— die Volks⸗ partei war im Beſitze der Gewalt. Buckingham und Rocheſter ſtanden hinter des Königs Stuhle und, ans Kamin gelehnt, ſtand ein großer, junger Mann, mit einem ausgezeichnet hochmüthigen und feurigen Aus⸗ drucke des Geſichts, im Geſpräch begriffen mit einem alten Edelmann, deſſen reiche Kleidung und ſtolze Hal⸗ tung den höchſten Rang verkündeten. Dieß war der 227 ritterliche Earl von Oſſory und ſein Vater, der Her zog von Ormonde. Mervyn blickte auf dieſe ſchimmernden Männer mit einem ſonderbaren Gefühle von Verachtung und berſtendem Gram, denn es ſchien, als ob dieſer Glanz und Stolz blos entfaltet würden, um ſeines verzweif⸗ lungsvollen Elendes zu ſpotten. Aber plötzlich ſiel ſein Auge auf eine Gruppe, die wie mit einem elektriſchen Schlage alle jene Gefühle wieder zu entzünden ſchien, die von der Verzweiflung in ſeinem Herzen gelähmt und getödtet waren. Die Ehrendamen der Königin ſtanden um ſie gruppirt, ſchüchtern und friſch wie eben geöffnete Roſen und unter ihnen Aurora Sydney. Sie war blaß, aber außerordentlich ſchön, und ihr Auge, voller Verwunderung und Kummer, ſchien auf Mer⸗ vyn zu ruhen; und jetzt erſt erinnerte er ſich, daß er in den zerriſſenen Fetzen einer weiblichen Kleidung da⸗ ſtand, bedeckt mit Blut, Schlamm und Koth jeder Art und da ſtieg das heiße Blut in ſeine bleichen Wan⸗ gen. Es war aber nur ein augenblickliches Gefühl, dann wurde er wieder ruhig und blaß wie zuvor; die Augen hafteten düſter auf dem Boden. Der Eintritt der Gefangenen hatte allgemeine Aufmerkſamkeit erregt. Alle Blicke waren mit reger Neugierde auf ſie gerichtet, ſelbſt die des Königs. Blood ſchien nicht im Geringſten eingeſchüchtert; er blickte keck umher, wobei ſein Auge dem des Herzogs von Ormonde begegnete, und einen Augenblick beinahe höhniſch auf demſelben weilte. Dieſer blickte kopfnickend mit einem leichten Lächeln auf den Herzog von Bucking⸗ lame, welcher gleichfalls, aber beinahe unmerklich, ächelte. „Wie, Gott ſei uns gnädig! er ſteht ſo ſteif da, wie ein ſteinerner Heiliger!“ rief der König nach kur⸗ zem Stillſchweigen.„Man ſollte denken, er ſei ein tapferer, verdienter Mann, und hieher gekommen, um den Lohn für gute Thaten zu empfangen— und wahr⸗ 228 lich, die Zeiten ſind von der Art, daß wir diejenigen, welche die Juwelen aus unſerer Krone mauſen, eigen⸗ händig für den Staatsdiebſtahl belohnen müſſen.— Nun, Oberſt, Ihr habt das für Euch ſelbſt gethan, was keinem Eurer Feinde mit Euch gelungen iſt, und ſo frech auch Eure vorigen Schurkenſtreiche geweſen ſind, dieſer letzte übertrifft ſie alle.“ „Wollet geruhen, Sire, ich bin zu nichts Halbem geboren, weder im Guten, noch im Böſen,“ erwiederte Blood mit entſchloſſener Gelaſſenheit. „Nur Verbrechen von hohem Grade genügen der Größe ſeiner Seele,“ ſagte Rocheſter lächelnd.„Hättet Ihr die Krone geſtohlen, Blood, um ſie ſelbſt zu tra⸗ gen, Ihr würdet nun als ein Held daſtehen— aber blos die Zuwelen daraus zu ſtochern— pfui, pfui!“ „Meiner Treu', Mann, Du würdeſt gefunden ha⸗ ben, daß ſie ſchwerer zu tragen iſt, als eine Schellen⸗ kappe,“ ſagte Karl.„Aber was für eine beſchmutzte Dirne iſt dies hier, mit der Du Dich ohne Zweifel verſehen haſt, um die langweiligen Stunden zum Gal⸗ gen mit ihr zu theilen?“ „Ich möchte Ihro Majeſtät gerathen haben, die⸗ ſelbe nicht unter Ihre Hofdamen zu ſenden, damit ſie ſich nicht als ein wahrer Achylles im Weiberrock aus⸗ weiſe,“ bemerkte Rocheſter.„Bei unſerer lieben Frau! ich glaube, es iſt der junge Schelm, Ichabod, den wir — ich meine, es iſt ein Knabe in Frauenkleidern, wie Eures Vaters Theaterheldinnen.“ „Iſt es ſo, Burſche?“ ſagte Karl ſcharf. „Stellt Lord Rocheſter's Erperiment mit ihm an, ſo können Eure Majeſtät entſcheiden,“ rief die muntere Miſtreß Gwyn nit einem Wink der Augen, der den König und den ganzen Hof zum Lachen brachte. Mervyn faltete ſeine Arme und Thränen ſtrömten ohne Rückhalt über ſeine beſchmutzten Wangen. 3 „Ach, der arme Junge iſt verwundet!“ ſagte Mi⸗ 229 ſtreß Sydnep wie unfreiwillig und ſchlug ihre zarten Hände zuſammen. „Ach, ſüße Sydney, ſchon wieder in Euren Jam⸗ mertönen wegen eines ſolchen gottloſen Schornſteinfe⸗ gers?“ ſagte Karl und warf ſeinen Kopf zurück, ſo daß er der jungen Ehrendame, voll in's Geſicht ſah. Dann wandte er ſich mit einem Lächeln über das Er⸗ röthen, das er durch ſeinen langen und lüſternen Blick hervorgerufen hatte, wieder zu Blood.„So, Oberſt, dies iſt Euer Sohn, und ein hoffnungsvoller Zögling in Eurer edlen Schule?“ „Er iſt mein Sohn, Sire, aber ſo unſchuldig an irgend einem Vergehen, als ein neugeſchaffener Engel!“ rief Blood mit Heftigkeit.„Macht mit mir, was Ihr wollt, aber ich ſchwöre Euer Majeſtät, der Junge iſt unſchuldig, ſelbſt an einem Gedanken des Unrechts!“ „Er erſcheint in einer Geſellſchaft, die das wahr⸗ ſcheinlich macht, Oberſt Blood,“ ſagte der Herzog von rmonde ruhig. „Er erſcheint in Geſellſchaft eines Mannes, der, wäre nicht Euer Durchlaucht Glück beſſer geweſen, als Eure Verdienſte, Euch zu Tyburn wie einen gemeinen Miſſethäter hätte aufknüpfen laſſen,“ verſetzte Blood mit einem Uebermaß von Kühnheit und Trotz. „Was, Du gebrandmarkter Schurke! wagſt Du es, Dich Deiner Verbrechen ſogar in dieſer hohen Ge⸗ genwart zu rühmen?“ rief der Earl von Oſſory, in⸗ dem er aus ſeiner lehnenden Stellung auffuhr. „Ja, in Gegenwart des Königs der Könige!“ ſchrie Blood.„Es war eine gerechte, muthige und nothwendige That!“ 4 „Gleichwohl hindert mich Nichts, als dieſe hohe Gegenwart, Dich in Stücke zu hauen, monſtröſe Quin⸗ Lſen⸗ aller Schlechtigkeit,“ ſagte Oſſory ſprühend vor uth. „„Ihr könnt das getroſt und mit Sicherheit ſagen, Mylord, ich bin gezwungen, Euch anzuhören,“ erwie⸗ 230 derte Blood, indem er ſeine Ketten mit einem verächt⸗ lichen Lächeln aufhob. „Mein Lehensherr!“ rief Oſſory, indem er ſich leidenſchaftlich zum König wandte—„Ihr verſpracht mir den Hoſenband⸗Orden für. meine kürzlich geleiſteten geringen Dienſte; aber, knieend beſchwör' ich Euch, mir keine andere Belohnung zu gewähren, als dieſes Unge⸗ heuer und mich, Schwert gegen Schwert, in ein Zim⸗ mer einzuſchließen, und wenn ich meinem Vater nicht Gerechtigkeit anthue, laßt Jedermann darauf ſchwören, daß er es that!“ „Ich zweifle nicht an Eurem Muthe, Oſſory,“ ſagte der Koͤnig ruhig;,„er hat ſich erprobt, wie Ihr uns zu rechter Zeit erinnert; aber wenn wir Euer tapferes Leben aufs Spiel ſetzen, ſoll es in einer edleren Sache geſchehen.“ Der Earl von Oſſory verbeugte ſich ehrerbietig und ſchien ſich zu beruhigen wie ein hitziger Streit⸗ hengſt, wenn man ihm ſanft auf den Hals klopft. „Wohl, Oberſt Blood, Ihr geſteht alſo Euern An⸗ theil an der Entführung Mylords von Ormonde ein?“ fuhr Karl fort.„ Wenn es eine ſchöne junge Dame geweſen wäre, ſo könnte ſich ein irländiſcher Rechts⸗ grund dafür finden laſſen; aber ein alter Edelmann, mit Ehre bedeckt und mit grauen Haaren!—“ 8 „Ich bin deſſen vollkommen geſtändig, gnädigſter Herr, und bereue nur, daß es fehlſchlug,“ ſagte Blood mit Feſtigkeit. „Wer waren Eure Genoſſen, Mörder? Eure Ein⸗ geber und Aufhetzer?“ fragte Oſſory haſtig.„Nennt ſie, und, beim Himmel, ich will Euch Eure armſelige Theilnahme verzeihen, denn ich gebe nicht des Böſe⸗ wichts Werkzeug die Schuld, ſondern der Hand!“ Der Herzog von Buckingham erröthete kaum be⸗ merkbar und blickte unruhig auf Blood, der ihm mit einem nachdrücklichen Blicke wieder Muth gab. „Mylord,“ ſagte er ruhig,„ich werde niemals 231 eines Freundes Leben verrathen, noch abläugnen, was ich that, um meines zu retten!“ „Der Tauſend! und welches Vergehens habe ich mich in den Augen meines trefflichen Richters, Geſchwo⸗ renen und Henkers in Einer Perſon, ſchuldig gemacht?“ rief der Herzog von Ormonde. „Gleich Ariſtides, war Euere Gerechtigkeit Euer Verbrechen,“ verſetzte Karl lächelnd.„Ein in unſern Tagen ungewöhnliches Vergehen, das eben deßwegen eine ungewöhnliche Strafe fordert.“ „Eure Durchlaucht ſchädigte mich— ſchädigte mich an Gut und Blut,“ erwiederte Blood.„Ihr raubtet mir mein Eigenthum und ließet meinen Bruder auf⸗ hängen. Sein Blut wurde ungerecht vergoſſen, deß⸗ wegen rächte ich es.“ „Du lügſt, Schurke!“ ſchrie Oſſory.„Die Geſetze, und nicht mein Vater, brachten Euern Hochverrath an den Tag, und hängten Eure halbe Familie, und ſoll⸗ ten daſſelbe mit Euch thun!“ 4 1 „Ich habe ſchon nach viel edlerem Wild geiagt, als nach einem Butler*), denn ſo hoch Ihr Euch auch dünkt, Earl von Oſſory!“ entgegnete Blood trotzig; vich geſtehe ein, daß ich in einen Anſchlag verwickelt war, Eure Majeſtät zu tödten. Ein Mann kann nur einmal ſterben— aber ich hätte dann eine noblere Veranlaſſung, als die, einen Butler zu hart gezwickt zu haben!“ „Wie, Blood!“ rief Shaftesbury mit einiger Un⸗ ruhe—„iſt es möglich, daß ein ſo guter Proteſtant in die neueſte, verdammliche Verſchwörung verwickelt ſein konnte?“ „Es gibt eben ſo gut proteſtantiſche als katholiſche Werſchwinüngen Mylord Shaftesbury,“ erwiederte der erſt. „ 1 * *) Butler iſt ein Familien⸗Namen, heißt aber auch zugleich Mundſchenk. A. d. d. — . 232 „„Wir bezweifeln das nicht, Blood,“ ſagte Karl mit einem bittern Lächeln.„Aber gebt uns einen Haken, an den wir unſern Glauben feſthängen können, — das wie und wo?“ „Ich hatte mich verbindlich gemacht, Eure Maje⸗ ſtät mit meinem Karabiner zu erſchießen von dem Schilf bei Batterſea aus, wohin Eure Majeſtät öfters baden gingen,“ erwiederte der Oberſt.— „Gottes Leben!— und aus was für einem treff⸗ lichen Grunde?“ ſagte der König, indem er Shaftes⸗ bury ſcharf anſah. „Euer Majeſtät Strenge gegen das Gewiſſen der Gottesfürchtigen, Eure Unterdrückung religiöſer Zuſam⸗ menkünfte, Euer unbarmherziges Verfahren gegen un⸗ ſere Brüder in Covenant in Schottland!“ erwiederte Blood mit einem eigenthümlichen, frömmelnden Deh⸗ nen und Näſeln, das Alle zum Lächeln brachte. „Meiner Treu, wir ſiecken in einem halb geſpal⸗ tenen Baumſtamme!“ rief Karl.„Proteſtant und Pa⸗ piſt— Tiger und Krokodill— lauern auf uns von jeder Seite. Die Scylla und Charybdis unſeres Staats? Wolltet Ihr Blutwürſte aus mir machen? Aber man ſagte uns, daß Ihr ein guter Schütze ſeid, Blood— wie kam es, daß wir noch keinen Hirſchpfoſten in Bat⸗ terſea⸗Fields roth färbten?“ „Sire,“ erwiederte der Oberſt mit ſchneller Be⸗ ſonnenheit,„ſo oft ich auf dem Anſtand im Schilfe war und Eure Majeſtät ſo vollkommen auf dem Korn hatte, als ein weidendes Reh, fühlte ich eine ſolche Ehrfurcht und religiöſe Scheu vor Eurer königlichen Perſon über mich kommen, daß ich nicht blos ſelber von dem Unternehmen abſtand, ſondern es auch an⸗ dern, meinen Genoſſen, oft auf die Gefahr meines Lebens hin, ausredete.“ „Wir ſind Euch für die Fähigkeit, noch eſſen und trinken zu können, verbunden, Freund,“ ſagte Karl, indem er nachläßig mit ſeinem juwelenbeſetzten St. 233 Georg und dem Drachen ſpielte.„Ihr ſeid ein zwei⸗ ter Vater für uns, indem wir Euch das Leben ver⸗ danken— eigentlich noch mehr, da es nicht aus Zu⸗ fall, ſondern aus freiwilliger Güte geſchah.“ „Nach einem ſolchen Geſtändniſſe ſcheint es mir, daß auch das vorſichtigſte Geſetz die augenblickliche Weg⸗ ſchaffung eines ſolchen Böſewichts entſchuldigen würde!“ ſagte Oſſory leidenſchaftlich. 4 „Mein gütiger Lord,“ erwiederte Blood ruhig, „das Geſetz iſt hier nicht in Euren Händen, wie es in Irland der Fall war, da ich in dieſelben fiel. Ich verlange eine Unterſuchung, und alle mögen zittern, die eine Urſache haben, das zu fürchten, was ich kund ma⸗ chen kann!“ 3 Und ſein feuriges Auge ſchweifte ſchnell vom Kö⸗ nig auf Buckingham und Shaftesbury. „Nun wohl, Herr, was könnt Ihr thun?“ ſagte Karl, biß ſich in die Unterlippe und affektirte, die kleine braune juwelenreiche Hand der Königin ſpiel⸗ weiſe vom Seſſel wegzuhätſcheln. „Laßt das Geſetz ſein Schlimmſtes thun!“ verſetzte Blood;„ich erwarte ſeine ganze Strenge, und bin, ohne mich viel um mein eigenes Loos zu kümmern, bereit, deſſen Beſchlüſſe an mir ausführen zu ſehen. Aber die Sache kann Eurer Majeſtät nicht eben ſo gleichgültig ſein; denn ich gehöre einem Bunde der verzweifeltſten Verſchworenen an, die je exiſtirten und die alle durch Eid verpflichtet ſind, den Tod eines je⸗ den, der fallen könnte, in dem Blute aller zu rächen, die dazu behülflich waren; auf dieſes haben wir gegen⸗ ſeitig von unſerem Herzblut getrunken! Deshalb ſind nicht nur die Miniſter Eurer Majeſtät, ſondern Eure königliche Perſon ſelbſt in furchtbarer und gewiſſer Ge⸗ fahr. Wenn aber im Gegentheil der gnädige Thau Eures Erbarmens auf einige wenige fällt, ſo würde es die Herzen vieler rühren und eine goldene Erndte von Dankbarkeit erzeugen! Wir, die wir ſo verwegen 23⁴ im Haß geweſen ſind— die ſo viel gegen Eurer Maje⸗ ſtät große Macht gewagt haben, was würden wir nicht erſt aus Liebe thun, wenn wir von dieſer Macht wären?“ „Oberſt, Ihr ſprecht, als ob Ihr Generaliſſimus der Fanatiker wäret und alle Namen derſelben auf Eunen Regimentsliſten hättet,“ ſagte Monmouth nſter. 3 „Meiner Treu, und wer ſonſt als Oberſt Blood!“ verſetzte dieſer Ehrenmann.„Sendet mich nach Ty⸗ burn und ſeht zu, ob Ihr mehr Beifall von den Ge⸗ meinen erndten werdet, als da Ihr die Gebeine des alten Noll*) an den Galgen hängtet! Da war kein einziger unter Euch Höflingen, der nicht zitterte, ſein eiſernes, altes Gerippe am Holze krachen und knarren zu hören!“ „Es war ein Anblick allem Ehrgeize den Muth zu nehmen,“ ſagte Karl, indem er nachläßig die Beine über einander ſchlug.„Fürwahr, an das Schlachtfeld von Worceſter zu denken und dann auf den alten, verfaulten Aasklumpen der Sterblichkeit zu ſchauen, welcher dieſelbe Luft verpeſtete, über die er einſt bei⸗ nahe vollkommen geherrſcht hatte! Aber, Ihr Herrn, wenn dies ſich ſo verhält, ſo iſt es eine Sache, die näher unterſucht werden muß. Wir möchten gerne, wenn es angeht, dieſen Heiligen einen Maulkorb an⸗ legen, denn wir haben, meiner Treu, einenſo große Scheu vor ihnen, als vor den Papiſten!“ „Es iſt weltbekannt, daß der Oberſt einen grenzen⸗ loſen Einfluß über den unruhigen, eingeſchloſſenen Sturmwind der Parteiwuth hat, der jeden Tag ein neues Erdbeben zu erregen droht,“ hub Buckingham an, und ſetzte, da er bemerkte, wie begierig ſich der König herumdrehte, hinzu,„und Sire, wenn mein Vorſchlag, als eines Mitglieds des geheimen Raths, *) Oliver Cromwell. 235 beachtet würde, ſo möchte ich Euer Majeſtät anflehen, Gnade über ihn ergehen zu laſſen.“ „Geliebt es Euch, mein König I ſagte Sir John Robinſon, den Meroyn bis auf dieſen Augenblick nicht entdeckt hatte, obgleich er dicht neben ihm ſtand— „geliebt es Euch, Schiffskapitän Edwards, des Auf⸗ ſehens,Sohn, wartet draußen, um ſein Zeugniß abzu⸗ egen.* „Laßt ihn hereinkommen; wir möchten gerne dieſe ſeltſame Geſchichte ausführlich hören,“ ſagte der König und der Kämmerling gab ein Zeichen. Die Thüre des Audienzzimmers öffnete ſich ſogleich, und der ehrliche Edwards, noch in ſeiner freien See⸗ tracht, als Kaperkapitän, trat herein. Er ſchaute keck umher, klappte ſeinen Hut unter den Arm, drängte ſich mit den Ellbogen durch die ſammtnen Höflinge bis beinahe zum Stuhle des Königs. Der Kämmerling hieß ihn niederknieen und Sr. Majeſtät Hand küſſen. „Gott verdamm mich, für was knien?— Ich komme nicht um zu betteln,“ erwiederte Edwards mit derber Einfalt, und der König, mit einem gut gelaun⸗ ten Lächeln, ſtreckte ſeine Hand aus und ſchuͤttelte herz⸗ lich die des Seemannes. „Ich ſehe, Du biſt aus Cromwells ſeefeſter Schule,“ ſagte er lächelnd,„ſo beläſtige Deinen Schädel nicht mit der Hofetikette.— Hier iſt Eures Königs Hand; — freut ſich, ein ehrliches Geſicht an ſeinem Hofe zu ehen.“ „„Je nun, ich maße mir nicht an, viel von Poli⸗ tik zu verſtehen, ſo es Euer Gnaden beliebt,“ ſagte der ehrliche Edwards, unwillig über das Gekicher rings umher;„aber das weiß ich, zur Zeit des alten Noll ließen keine Holländer ihre Naſen in Chatham⸗Yards ſehen, und die Leute in Temple⸗Baar ſprangen nie vom Eſſen auf, weil ſie ihre Kanonen hörten.“ „Du haſt Recht, Mann, Du haſt Recht,“ verſetzte Karl etwas finſter.„Aber jetzt ſagt mir, bei welchem — 236 Anlaſſe Ihr den blutigen Kopf kriegtet und wie ſich Euer Vater befindet? Iſt ſeine Wunde gefährlich?“ „So viel ich höre, nicht, Herr,“ erwiederte Edwards, indem er ſich auf dem Kopf krazte.„Ich bin kein guter Redner— keiner von Euren Parlamentsherrn— aber wenn ſchlichte Worte einem ſchlichten Mann helfen können, ſo kann ich dienen.“ Er gab ſodann, was füglich eine einfache unge⸗ ſchmückte Erzählung genannt werden konnte, aber ge⸗ würzt mit ſo viel natürlichem, geſundem Verſtande und Salzwaſſer⸗Logik, daß ſelbſt Karl ſeiner Erzählungs⸗ Manier Beifall zollte. „Nun, gut, Euer Vater wird ſich von ſeiner Wunde erholen, es iſt nur ein Flohſtich,“ ſagte Karl zuletzt. „Unterdeſſen wollen wir die Krankenwärterin zahlen und ihm ſogleich einhundert Pfund von unſerer Privat⸗ Kaſſe verordnen— wir denken, es iſt ſo viel darinnen,- Danby?— Ah, ſo! Mylord Shaftesbury?— Wo nicht, ſo müßt Ihr um etwas bei unſern Freunden, den Ge⸗ meinen, betteln. Nun, was iſt Eure Meinung über dieſe ſeltſame Geſchichte Mylords?— Iſt der Gefangene ſchuldig oder nicht ſchuldig?“ „Schuldig, mein Lehnsherr, und deßhalb flehe ich Euer Majeſtät Gnade für ihn an,“ ſagte Buckingham. „Nur die Unſchuld fleht um Gerechtigkeit und ohne ein begangenes Unrecht iſt das höchſte Eurer Vorrechte ein bloßer Schall!“ „ Wohlan denn— da das Vergehen hauptſächlich uns ſelber angeht,“ ſagte Karl zaudernd, indem er ver⸗ ſtohlen auf Oſſory blickte—„da der Mann die Ehre hat, ein guter Proteſtant zu ſein— der heilige Oates nannte ihn nebſt uns und dem Erzbiſchof von Canter⸗ bury als die erſten auf der Mordliſte der papiſtiſchen Verſchwörer—(ſeht zu, Lieutenant, Ihr werdet unter den nächſten Schub von Verräthern kommen, da Ihr Eure Gefangenen dieſem geſegneten Erlöſer verweigert!) da ferner— kurz— wenn das Niemanden den Appetit 1 237 zum Mittageſſen verderbt, ſo dächte ich, daß wir ge⸗ neigt wären, unſer Begnadigungsrecht gegen dieſen verwegenen und großherzigen Böſewicht auszuüben!“ „Wie, Sire!— ein Schurke, ſo beſudelt mit jeg⸗ lichem Verbrechen!“ ſchrie Oſſory— und während er ſprach ertönte eine ferne Glocke.„Ein Schurke, bekannt als der ſchwärzeſte der ganzen Hölle— während gerade jetzt— ja in dieſem Augenblick— ein edler Ehrenmann, aus Eures Bruders Höfhalt einen ſchmachvollen Tod erleidet, wegen einiger ſchlecht geſchmierter Briefe!“ „Bei meiner Treue, Coleman fährt ab!“ ſagte Karl.„Dort läutet ihm St⸗ Giles Glocke nach Tyburn hinaus. Friede ſei mit ſeiner Seele!“ „Gott gebe das, denn er iſt durch mörderiſchen Meineid zum Tode verurtheilt worden!“ rief Mervyn. Blood ſchaute ihn bedeutungsvoll an und Shaftesbury lächelte unruhig. „Die Jeſuiten werden bald ihrem unglücklichen Zöglinge folgen,“ ſagte der König. „Ich zweifle, daß ſie den Provinzial an den Gal⸗ gen bringen können,“ verſetzte Buckingham.„Ich hörte dieſen Morgen, daß er ſich weigert, auf die Anſchul⸗ digung überhaupt zu antworten, da es gegen das ca⸗ noniſche Geſetz ſei, daß ein Geiſtlicher vor einem welt⸗ lichen Gerichtshof einen Eid ablege— demnach fürchte ich, er muß unter der Preſſe ſterben.“ „Prances wahnſinnige Lügen haben das bewirkt— wir müſſen mit dem Strome ſchwimmen,“ ſagte Karl. „Hat Prance eingeſtanden, mein Lehnsherr, hat er geſtanden?“ rief Mervyn, indem ihm die Thränen aus den Augen ſtürzten und er die Hände verzweif⸗ lungsvoll zuſammenſchlug. „a, Knabe, Prance hat eingeſtanden,“ erwiederte Shaftesbury mit ſtrengem Ernſt.„Er hat die ein⸗ zelnen Umſtände des teufliſchen Mordes angegeben, wie er von den Jeſuiten in Sommerſethous verübt ward, 238 und die Mörder ſind alle verurtheilt, außer dem einen verſtockten Erzverſchwörer—„ „Namen thun nichts zur Sache,“ unterbrach ihn Blood ſehr haſtig. „Ich möchte gerne wiſſen, wer in England frei gehen würde, wenn alle Schelmen darin ſo feſt ge⸗ feſſelt wären, als dieſer ehrliche Mann hier!“ ſagte der König hitzig.„Ihr vielleicht, Mylord Shaftes⸗ bury? Ich glaube ich würde dann ein Stoiker auf dem Throne werden und über mich allein herrſchen.“ Als die Unterhaltung zu dieſem Punkte gelangt war, trat ein Herr herein und flüſterte dem Kaͤmmer⸗ ling etwas in's Ohr, der hierauf laut meldete, daß eine Deputation des Hauſes der Gemeinen, angeführt von dem Sprecher, auf Sr. Majeſtät gnädige Erlaub⸗ niß der Zulaſſung harre. Dies hatte man offenbar zum Voraus erwartet. „Wohl, ihr Herrn, wir müſſen uns bereit halten, unſere Gebieter zu empfangen— obgleich meine armen Enten um ſo länger auf ihren Zwieback warten müſſen,“ ſagte der König.„Sie kommen, um uns zu ſchwören, daß die Verſchwörung eine gute, ächte, leibhafte Ver⸗ ſchwörung iſt und keine Erdichtung von Oates und ſeinen Freunden, mit dem Teufel an ihrer Spitze— was wir alſo zu glauben verpflichtet ſind— und dem⸗ zufolge unſere katholiſchen Unterthanen in die wahre Religion zu hängen, zu erſäufen und zu ſchlachten haben. Aber wir wollen einmal ein paar Minuten lang den König ſpielen und Euch, Blood, zu wiſſen thun, daß in Rückſicht auf den Dienſt, den Ihr uns anbietet— wir Euch vergeben, und Euch in Alles, was Ihr verwirkt habt, wieder einſetzen— Beſitzthum und Leben— denn Leben ohne Eigenthum in England iſt nichts als die Erlaubniß, der Verachtung als Fußball zu dienen.“ „Gnädigſter König! dies Leben gehört von nun 239 an Euch,“ ſagte Blood niederkniend.„Aber dieſer un⸗ ſchuldige Jüngling— „Wir vergeben auch ihm und allen Euren Mit⸗ ſchuldigen; denn was wir Euch aus Gnaden gethan haben, müſſen wir ihnen aus Gerechtigkeit gewähren,“ fuhr Karl fort.„Wir wollen dafür ſorgen, daß Ed⸗ wards und ſein tapferer Sohn wohl belohnt werden— „Nein, mein Lehnsherr,“ unterbrach ihn Rocheſter, „es braucht keine Belohnung; Tugend belohnt ſich ſelbſt.“ Das gewohnte Lachen blieb jedoch aus auf dieſes Witzwort und ein tiefes Erſtaunen lag auf allen, wie ein Zauberbann. „Was, ſeid Ihr alle verſtummt, wie die Papa⸗ eien wenn's donnert?“ ſagte der König zuletzt in ärgerlichem Tone. „Eure Majeſtät wollen geruhen, ich will keine Belohnung, wenn dieſer koſtbare Schurke auch belohnt werden ſoll!“ brach der ehrliche Edwards los. „Eure Majeſtät ſchenken uns gänzliche und voll⸗ kommene Verzeihung für alles Vergangene?“ ſagte Blood.„Sowohl hinſichtlich Oates niederträchtiger Anſchuldigungen, als in Betreff der des Mylord Or⸗ monde?“ Oſſory unterbrach des Königs Antwort mit einem Ausr ufe, aber ſeine Wuth erlaubte ihm nicht, fortzu⸗ fahren, und ſein Vater hielt ihn am Aermel und rief, „ruhig, Sohn, und lerne die Zeiten verſtehen 4 Karls Augenbrauen zogen ſich in die Höhe und runzelten ſich, und ſelbſt Buckingham blickte nieder auf die Roſetten ſeiner Schuhen. „Mylord Oſſory,“ ſagte der König mit großem Ernſt,„wiſſet, daß ich von Euch und Eurem edlen Vater erwarte, daß Ihr meine Großmuth nachahmen und dieſem raſchen Manne vergeben werdet, was er gegen Euch vergangen hat.“ „Sire,“ erwiederte der Herzog von Ormonde mit einer ruhigen Würde, die ſeiner ehrwürdigen Geſtalt 240 wohl anſtand,„wenn Eure Majeſtät ihm den Dieb⸗ ſtahl Eurer Krone vergeben können, ſo kann ich ihm wohl auch den Angriff auf mein Leben verzeihen.“ „Oſſory, die Leute führen Euch als ein Muſter eines gehorſamen Sohnes an,“ ſagte Karl.„Ihr könnt nicht umhin, unſerem Belieben zu willfahren, da es von dem Eures Vaters unterſtützt iſt.“ „Mein Lehnsherr, ich unterwerfe mich,“ ſagte der Earl, erbleichend vor unterdrütkter Wuth,„aber mit dieſem beigeſetzten Eide, den ich hier in Gegenwart Eurer Majeſtät ablege, damit man ſehe, daß es mir Ernſt ſei, ihn zu halten. Wenn je mein Vater zu ei⸗ nem gewaltſamen Ende kommen ſollte,“ fuhr er fort, indem er ſich wild zu Buckingham wandte,„ſo werde ich keine Mühe haben, den Mörder ausfindig zu ma⸗ chen. Ich werde Euch Mylord Bucks für den Mann anſehen, der es that, in Ermanglung eines beſſern und Euch niederſchießen und wenn Ihr hinter des Königs Stuhl ſtündet!“ „Es wäre tapferer, ſtolzer Oſſory, mir Augenblicks mit dem Schwerte entgegenzutreten!“ verſetzte Bucking⸗ ham, indem er die Hand an ſeinen Juwelenbeſetzten Schwertgriff legte. „Friede— ich befehl es Euch beiden, Friede!“ rief Karl vom Sitze auffahrend.„Wo glaubt Ihr, daß Ihr ſeid, übermüthige Männer! Renommirt Ihr in einer Branntweinkneipe in Whitefriars? Beim Him⸗ mel, wer in dieſem Streite ſein Schwert zieht, hat mich zum Todfeind! Bei Eurem Leben, nichts mehr dergleichen. Lieutenant, wir übergeben Euch Oberſt Blood, bis ſein Begnadigungsbrief ausgefertigt iſt; was den Jungen anlangt—“ 3 „Mein Lehnsherr, ich übernehme die Sorge für ſein Wohl,“ ſagte Monmouth mit Wärme,„ich habe in meinem Heer gegen die ſchottiſchen Rebellen noch einige Stellen unbeſetzt und es ſcheint mir, es wäre 241 gut gethan, ihn aus der angeſteckten Luft des Südens zu entfernen.“ 1 „Walſingham ſchreibt um einen neuen Fähndrich für ſeine Compagnie in Dunbarton, da die drei letzten erſchlagen wurden, ehe ſie zu ihm kamen,“ bemerkte Karl gleichgültigen Tones. „Gebt mir dieſen Poſten, Sire! ich ſehne mich zu ſterben!“ rief Mervyn mit einem leidenſchaftlichen Strom von Thränen, der alle Anweſenden rührte und vor Allen Miſtreß Sydney, die zu wiederholten malen ihre ſchönen Augen trocknete. S „Ihr ſollt den Poſten haben, Jüngling und ſchon morgen abreiſen,“ ſagte Shaftesbury ſehr haſtig.„Ver⸗ ſprecht Ihr? morgen! wenn es Eure Wunde erlaubt?“ Mervyn verbeugte ſich, aber ſeine Bruſt war zu vooll von hyſteriſcher Aufregung, um ihm ein Wort zu geſtatten.. „Waffen, Ausrüſtung und ein Pferd verſpreche ich Euch auf meine Koſten,“ ſagte Monmouth gütig.„Mit Sr. Majeſtät Erlaubniß wird Euch nun Chiffinch zu einem Wundarzt führen und Euch ſodann für eine Rü⸗ ſtung ſorgen.“ „Ihr Herren ſeid außerordentlich gütig gegen den Knaben,“ hub Karl mit einem Blicke voller Argwohn an; aber, nehmt Euch in Acht! ich werde ſein Blut furdenn von jedem, der es vergießt, ſei es wer da wolle. „Mir däucht, Eure Majeſtät thut Ihrem eigenen Blute großes Unrecht,“ ſagte Monmouth heftig. „Warum, wir Stuarts haben immer Hang und Geſchick gehabt, uns beſchwerlicher Leute zu entledigen,“ erwiederte der König ernſt.„Wohl, Chiffinch, über⸗ nimm bis morgen die Sorge für dieſen Jungen. Chiffinch verbeugte ſich tief und bot Mervyn ſei⸗ nen Arm an, der kaum fähig ſchien, einher zu ſchwan⸗ ken. Er kniete jedoch nieder und küßte des Königs Whitefriars. I. 16 242 Hand mit einem tiefen Schluchzen, welches Karl zu hören ſchien, denn er klopfte ihn ermunternd auf die Wange. „Oh, mein König,“ rief da Mervyn aus in der Bitterkeit ſeiner Seele.„Denkt nicht von mir, wie ich ſcheine. Ich will Eurer Majeſtät beſſere Meinung verdienen, oder in dem Verſuch zu Grunde gehen.“ Indem er ſprach, hob er ſeine Augen begeiſtert aufwärts und begegnete denen der Miſtreß Sydney, die ihn mit viel Gefühl und Aufmerkſamkeit betrach⸗ tete.„Und die Eure, ſegenswerthe Dame!“ ſetzte er hinzu mit einer Inbrunſt, die ein Erröthen auf ihre ſchönen Wangen jagte. „Ihr habt auch unſere guten Wünſche und die un⸗ ſerer verfolgten Kirche,“ ſagte die Königin in ziemlich Lntem Engliſch und reichte Mervyn ihre Hand, der ſie üßte und ſich erhob. In dieſem Augenblicke füllte ſich das Vorzimmer mit den Abgeordneten des Hauſes der Gemeinen und Chiffinch winkte dem Jüngling, ihm zu folgen. Blood verſuchte mit ihm zu ſprechen, aber Mervyn ging ſchnell vorbei und würdigte ihn keiner Aufmerkſamkeit. Neunzehntes Kapitel. Die papiſtiſchen Märtyrer. Chiffinchs erſte Sorge war, den Jüngling in ei⸗ nes ſeiner eigenen Zimmer zu führen, wohin er einen Wundarzt kommen ließ und unterdeſſen die Wunde ſelbſt auswuſch. Der Sohn des Aeskulaps erklärte es jedoch für eine bloße Fleiſchwunde, verband ſie und 243 verſprach, daß ſie in wenigen Tagen geheilt ſein werde. Mervyn war völlig erſchöpft von den erlittenen Be⸗ ſchwerden und legte ſich auf Chiffinchs Verlangen auf ein Ruhebette, wo er mehrere Stunden lang ununter⸗ brochen ſchlief und erfriſcht an Seele und Leib erwachte. Chiffinch begrüßte ihn beim Erwachen mit ſehr befriedigenden Nachrichten. Ein Page des Herzogs von Monmouth war angekommen, um ihm von ſeinem Herrn den Befehl zu bringen, daß Mervyn in einem Schiffe, welches des Herzogs Gefolge und Stab nach Edinburg führte, noch an demſelben Abend abſegeln ſollte. Chiffinch erhielt den Auftrag, ihn mit allem Nöthigen, als Pferd und Waffen zu verſehen, und brachte ihm zum guten Anfang ſogleich einen vollſtän⸗ digen ſchönen aſchgrauen Anzug, geſtickt in glänzender Hofmanier. Nach einem wohlthätigen warmen Bade kleidete er ſich in dieſen und der alte Page pries ſein gutes Ausſehen und verſicherte ihn, daß wenn noch ein Glanz militäriſchen Unternehmens dazu komme, die Damen ihn unwiderſtehlich finden würden. Sie gingen mit einander aus und richteten ihren Weg nach Lambeth, wo des Herzogs Waffenſchmied wohnte. Ein Stahlwamms mit Büffelleder gefüttert, carmoiſinrothe Beinkleider und ein mit Federn belade⸗ ner Helm bildeten ſeine Uniform, ein Schwert, große Piſtolen und eine zweiſchneidige Art waren ſeine Waf⸗ fen. Chiffinch war augenſcheinlich wohl mit Geld ver⸗ ſehen, denn er bezahlte Alles baar und nahm noch dazu eine hübſche Garderobe von Weißzeug und andern Be⸗ dürfniſſen heraus, wie ſie ſich für einen Dragoner⸗ Offizier ſchickte. Endlich übergab er ihm eine Börſe mit einigem Geld, um die Reiſekoſten zu ſeinem Re⸗ giment zu beſtreiten, ein Vorſchuß des Herzogs, wie er ſagte, auf ſeinen Sold. Es ging gegen Mittag, und ſie waren auf ihrem Rückweg nach Whitehall begriffen, als ſie in einem Hof des Lambeth⸗Palaſtes einen Augenblick ſtill hielten, 244 um einem Ausrufer zuzuhören, der einer höchſt gemiſch⸗ ten Verſammlung von Zuhörern etwas vorſchrie. Er hatte einige Papiere, die er für einen halben Pfennig das Stück verkaufte und deren Titel ſogleich Mervyns Aufmerkſamkeit auf ſich zog.„Das Bekenntniß von Miles Prance, dem papiſtiſchen Goldſchmied, betreffend den entſetzlichen Mord des Sir Edmundbury Godfrey, abgelegt und aufgenommen in Newgate mit den Unter⸗ ſchriften von drei Friedensrichtern!“ Mervyn kaufte ſich ein Exemplar und Chiffinch, welcher lächelnd bemerkte, daß er wohl im Stande ſein müſſe, die falſchen Angaben zu verbeſſern, ging mit ihm in eine Pappel⸗Allee, um es unbeachtet zu leſen. Der erſte Blick überzeugte ihn, daß Oates oder ſeine Partei jedes Wort diktirt haben mußten. Green, Berry und Hill, drei heilloſe Subjekte, von denen Mervyn nie etwas gehört hatte, waren als die eigentlichen Thäter des Mordes bekannt— Van Huysman, ge⸗ wiſſe papiſtiſche Prieſter und verſteckterweiſe der Herzog von York als die Anſtifter angegeben. Mervyn ſelbſt figurirte als ein verkappter Jeſuit, der aus Auftrag des Prieſters an Godfrey eine Botſchaft überbrachte, worin dieſer zum Herzog von York eingeladen wurde. Bei ſeiner Ankunft in St. James fand Edmundbury, wie man angab, ſeine Hoheit unwohl und kehrte zurück, ohne ihn geſehen zu haben. Die Mörder folgten ihm bis nach St. Clements⸗Kirche, wo er hielt, um eine fromme Predigt des Doktor Oates anzuhören; und auf ſeinem Heimweg, da er ſchon an Sommerſethous vorüber war, wo Prance und die andern Verſchwore⸗ nen verborgen lagen, kam Hill zu ihm nnd ſagte ihm, daß da innen zwei Leute ſich mit einander ſchlügen, und daß er fürchte, ſie werden einander um's Leben bringen, weshalb er ihn als eine obrigkeitliche Perſon erſuche, hineinzugehen und ſie zu trennen. Godfrey willfahrte, obwohl ungerne und wurde gleich bei ſei⸗ nem Eintritte von den Mördern ergriffen. Der Reſt⸗ der Tragödie war ziemlich ſo beſchrieben, wie ſie ſich wirklich zutrug, nur daß die drei Angeklagten ſtatt der wirklichen Vollführer der gräulichen That unterſchoben waren. „Nun, Herr, und was iſt Eure Meinung über dieß Document?“ fragte Chiffinch mit einiger Aengſt⸗ lichkeit. „Wahrheit und Lüge ſind darin ſo vermengt, daß Oedipus verlegen würde, es zu enträthſeln,“ ſagte Mervyn.„Aber ich bin verſichert, dieſes Geſtändniß iſt mehr von Prances Feigheit als Schlechtigkeit er⸗ preßt worden, denn er iſt eher ein ſchwacher, als ein ſchlechter Mann. Das unſchuldige Blut, das auf ſein Geſtändniß hin vergoſſen werden ſoll, darf nicht fließen, wenn ich es verhindern kann. Ich will zu ihm, Mei⸗ ſter Chiffinch, ich bin gewiß, er wagt es nicht, in mei⸗ nir Gegenwart zu ſagen, daß dieſe Lügen wahr eien.“ „Es würde dem König ein großer Dienſt damit geſchehen,“ erwiederte der Page zögernd;„aber Ihr würdet mit dem Kopf gegen Eure neuen Gönner an⸗ rennen, und vielleicht mit dem Hals in eine Schlinge. .„Ich bekümmre mich nichts darum; ich will Alles wagen,“ ſagte Mervyn mit Schaudern, da die Erin⸗ nerung an Godfrey's letzte Augenblicke vor ihn trat. „Wenn ich die Mörder nicht der Gerechtigkeit über⸗ liefern kann, ſo kann ich wenigſtens dieſe Männer verhindern, die Zahl ihrer Opfer zü vermehren. Wollt Ihr mit mir gehen, Chiffinch?“ „Nein, gewiß nicht; ich will mich nicht in Herrn Oates Sachen mengen,“ ſagte der Page mit Achſel⸗ zucken.„Wenn Ihr aber darauf ausgeht, Euer Glück zu verſuchen(und der Schutz des Königs wiegt den der Partei wohl auf, obgleich ſie einen augenblickli⸗ chen Triumph feiert), hier iſt der Strom und dort ein Kahn in Bereitſchaft. Mervyn rief augenblicklich dem Boot zu und ru⸗ 246 derte in einem Anfall von Begeiſterung, den ſich die Weiſen der Welt mit Mühe werden erklären können, den Strom hinunter zur London⸗Brücke, wo er landete und nach Newgate ging. Da er um die Ecke von Old Bailey bog, bemexkte er eine große Menge, die ſich um die Thore des Gerichtsſaales drängte, aber in tiefem Schweigen, als wie in Erwartung wichtiger Neuigkeiten. Auf ſeine Fragen vernahm er, daß die fünf Jeſuiten im Verhöre wären, und daß einer der⸗ ſelben ſich zu antworten weigerte, ſo daß die Richter berathſchlagten, ob es thunlich ſei, ihn mittelſt der Preſſe zu zwingen. In ſeiner Aufregung beachtete Mervyn dieſen letz⸗ ten Umſtand nur wenig. Er pochte an dem ſogenann⸗ ten Schuldnerthore, welches ſogleich geöffnet wurde, als ob Jemand erwartet würde. Mervyn leitete ſein Geſuch mit einem Stücke Geld ein, und verlangte Prance, den Goldſchmied, zu ſehen. Der Cerberus ſchüt⸗ telte ſeinen Kopf und fragte ihn, ob er einen Erlaub⸗ nißſchein habe. Mervyn antwortete mit einem andern großen Stücke; worauf der Kerkermeiſter ihn ſchlau anſchielte und ſagte, da er wohl ſehe, daß er ein Gentleman ſei und es nichts ſchaden könne, ſo komme es ihm nicht darauf an, ob er auch wirklich Vollmacht zu dieſem Beſuche habe— und ließ ihn ein. Nachdem er ſeinem Führer durch die traurigen Gänge des Gefängniſſes gefolgt war, kamen ſie an einer ſtark verriegelten Thüre an, welche der Kerker⸗ meiſter öffnete, den Fremden hineinſchob und ſie ſo⸗ gleich wieder zuſchloß. Ein einziger Blick zeigte Mervyn das ganze Elend der Scene, in die er ſich gedrängt hatte. Es war eine hohe, enge Zelle, erleuchtet durch eine ſchmale, ver⸗ gitterte Querſpalte in der dicken Mauer(Fenſter konnte man eine ſolche Oeffnung nicht nennen), ohne alles Geräthe, außer einem Haufen Stroh, einem Teppich, 247 einem Holzteller und einem Waſſerkrug. Auf dieſem Stroh ſaß Prance, ſeine Kleider in Fetzen um ihn hängend, ſein Haupt geſchoren und blos, denn er hatte ſeine Perrücke abgenommen und war eben bemüht, ſie wie zur Unterhaltung zu beſichti gefeſſelt und ſein ganzes e abgezehrt, daß Mervyn⸗ kaum begreifen konnte, wie ein Paar Monate eine ſolche Veränderung bewirken konnten. Der Gefangene ſchlug ſeine Augen auf, fuhr ſo zuſammen, daß ſeine Ketten raſſelten und ſetzte in der größten Verwirrung ſeine Perrücke verkehrt auf. Sein Ausſehen in dieſem Augenblick— das ungläubige Er⸗ ſtaunen, mit welchem er ſeine große, beſchmutzte Hand ausſtreckte, um Mervyns ihm dargereichte zu faſſen, erſchien beinahe lächerlich, wäre es nicht ſo furchtbar geſpenſterartig geweſen. Es brauchte jedoch einige Zeit, ehe er in dem wohlgekleideten, melancholiſchen Jüng⸗ ling den muntern, jungen Diener von Oates erkennen konnte. Da es aber geſchah, brach er in Thränen aus und ſchluchzte lange Zeit, wie ein Weib, und Mervyn konnte ſich nicht enthalten, das Gleiche zu thun. „Sagt nichts zu mir— nichts— nichts ich weiß, daß Ihr unſchuldig ſeid! ſchluchzte Prance.„Alles kommt von meinem verfluchten Weibe und dem Unge⸗ heuer, Oates!— Oh, gebt nicht mir die Schuld.“ „Was mich betrifft, Prance,“ ſagte Mervyn,„ſo vergebe ich Euch herzlich— leicht erklärbare Zweifel müſſen in Eurem Geiſte gegen mich vorwalten. Was aber jene unſchuldigen Männer anbetrifft— 4 „Unſchuldig ſind ſie, ſo viel mir bekannt iſt,“ unterbrach ihn der unglückliche Goldſchmied.„Aber was kann ich machen?— ich muß thun, was ſie mir ſagen, oder ſie werden mich aufhängen. Sie haben mich gefoltert, bis ich um den Tod betete, meine Dau⸗ men beinahe abgeſchraubt— ſeht, Herr, die Gelenke ſind kraftlos, und wie ſoll ich wieder auf meinem Hand⸗ werk arbeiten, wenn ich je wieder hinauskomme?— 248 Ich kann mich nicht hängen laſſen, Meiſter Mervyn— ich will mich nicht hängen laſſen!“ „Ihr werdet gehenkt werden und verdammt dazu!“ ſagte der Jüngling heftig.„Dieſe Schurken werden Euch zuerſt zu ihrem Werkzeuge gebrauchen und ſodann aus dem Wege räumen.“ „Nein, nein, Herr!— nein, nein, es iſt un⸗ möglich!“ erwiederte Prance, indem er ſich aus Furcht wie im Fieber ſchüttelte.„Oates hat geſchworen, mich frei zu laſſen, wenn ich geſtehen würde, was er mir diktirte— und das hab' ich gethan! Sonſt würde ich morgen gehenkt worden ſein, denn Bedlow gab an, daß er mich bei dem todten Körper hätte ſtehen ſehen, und— 4 „Warum bekanntet Ihr nicht die Wahrheit?— Die Wahrheit ſtellt Euch nicht als ſchuldig dar, Prance!“ ſagte Mervyn. 3 „Aber ſie rettet mich nicht vom Strange,“ erwie⸗ derte der Goldſchmied voller Verzweiflung.„Ich ver⸗ ſuchte es, aber es half nichts— Niemand wollte mir glauben. Entweder muß ich ſelber an Galgen, oder andere daran bringen— es iſt nicht meine Schuld. Ihr Blut komme über das Haupt Derer, die mich be⸗ trogen haben!“. „Ihr Blut wird über Euch kommen, Prance, für ewig,“ rief Mervyn. „Ich kann's nicht ändern; ich will nicht gehenkt werden,“ ſagte der Goldſchmied verſtockt. „„Ihr werdet nicht gehenkt werden, wenn Ihr dieſe falſchen Angaben zurücknehmt und die Wahrheit geſtehet!“ ſagte Mervyn. 2 „Und bringt Ihr mir dieſe Verſicherung vom Her⸗ zog— dem Herzog?“ rief Prance.„Schwört mir, Meiſter Mervyn, daß ich des Königs Gnade anſprechen darf und ich will Alles zurücknehmen— mich auf jede Herehennd in England als einen Lügner anſchreiben aſſen 249 „Ich kann kein ſolches Verſprechen geben— ich habe keine Vollmacht— aber, Prance, habt Ihr kein Gewiſſen?“ „Ob ich ein Gewiſſen habe? Oh, Meiſter Mer⸗ vyn, was ſonſt hält mich in dieſer beſtändigen, innern Hölle feſt?— Aber ich habe auch einen Hals,“ ſetzte er mit einem geſpenſtiſchen Grinſen hinzu, und ich will nicht erwürgt werden, wie ein toller Hund.“ „Macht Euch um den Hof verdient und ich hoffe, ich kann Euch Begnadigung auswirken und auch Be⸗ lohnung,“ ſagte Mervyn. „Aber— wenn— wenn ich die Sachen erzähle, wie ſie mir vorkommen, ſo muß ich den Herzog von York anklagen!“ rief Prance halb begierig, halb zö⸗ gernd.„Kommt, kommt, ich weiß, Ihr ſeid des Her⸗ zogs Page von der dunkeln Treppe— gebt mir einen Troſt,— o thut's!“ „Klagt Niemand an,“ ſagte Mervyn mit einem gewiſſermaßen jeſuitiſchen Stillſchweigen über dieſen wichtigen Punkt,„verneint nur, daß Ihr etwas von der Sache wißt.“ „Aber, wie kann ich leugnen, daß ich gegenwär⸗ tig war am Waſſerthor in jener fürchterlichen Nacht — auf Befehl des Herzogs von York?“ ſtöhnte der arme Prance.„Bedlow klagt mich deſſen thatſäch⸗ lich an.“ „Der Mörder!“ rief Mervyn aus.„Könnt Ihr nicht anführen— ſeid Ihr nicht Schließer von jenen Zimmern? Könnte Euch nicht Eure Pficcht dahin ge⸗ rufen haben?“ „Um zwei Uhr des Morgens?“ ſagte Prance und ſchüttelte traurig ſeinen kahlen Kopf.„Zwar, wenn Ihr, Herr Meroyn—“ „Ich will für Euch zeugen— ich habe meine Be⸗ gnadigung vom König in der Taſche,“ ſagte Mervyn. „Die Wahrheit wird einmal an's Tageslicht kommen — 250 und nach ihr werden wir Alle gerichtet werden, Prance.“ „Ich will mein Bekenntniß ableugnen— ich will ſagen wie zuerſt, daß ich nichts von der Sache weiß,“ rief der Goldſchmied in einem Anfall von Enthuſias⸗ mus.„Bedlow iſt ein Lügner und ein Zeuge kann mich nicht an Galgen bringen! Wenn Seine Majeſtät mir gnädig ſein will— ſo will ich— ich will—“ In dieſem Augenblick hörte man die Riegel raſ⸗ ſeln und der Kerkermeiſter kam in ſichtlicher Beſtür⸗ zung herein.„Ich kann Euch nicht länger hier laſſen, lunger Herr,“ ſagte er ſcharf.„Der gottesfürchtige Meiſter Oates kommt des Wegs daher, um die Ge⸗ fangenen zu beſuchen und ſie zum Geſtändniß zu brin⸗ gen und es koſtete gerade ſo viel, als mein Hals werth iſt, wenn man einen Fremden hier fände.“ Prance wurde todtenbleich und blickte, nach Athem ſuchend, auf Mervyn, der, nach augenblicklichem Be⸗ finnen, ihm kurz, aber mit Bedeutung rieth, die Wahrheit zu ſagen und ſicher zu ſein, daß es leine üblen Folgen für ihn haben würde. Prance brach auf's Neue in Thränen aus und Meron ließ ihn, wie ein Kind ſchluchzend, im Kerker zurück.. Es war jedoch zu ſpät, Oates zu vermeiden, den Mervyn den Corridor heraufkommen ſah in ſeinem Amtsornat, mit einem offenen Gebetbuche in der Hand. Bruder Titus bemerkte ſeinen jungen Schütz⸗ ling nicht gleich; er war in großer Eile und, wie es ſchien, ſehr beunruhigt von den ungeſtümen Bitten ei⸗ nes Weibes, das ihm folgte. „Nein, aber ſüßer, heiliger Herr Oates, wann wollt Ihr ihn herauslaſſen?“ ſprach ſie.„Unſer Ge⸗ ſchäft geht zu Grunde, die Lehrjungen wollen nicht arbeiten und was ſoll ich anfangen, wenn Ihr meinen Ehemann hängt? Ihr wißt, ſo lange wir etwas hat⸗ 251 ten, waret Ihr ſtets willkommen zu einem Biſſen und einem Schluck—“ „Verlaſſe mich, ſündige Eva, damit ich Dich nicht zer⸗ trete,“ kreiſchte Oates, ſich zornig umkehrend.„Willſt Du mich verſuchen, den, den der Herr dem Unglück geweiht hat, zu ſchonen und Deinen elenden Sünder dom Ehemann zu retten!“— „Meiſter Oates, Ihr ſollt mich hören!— Ich will Euch bloßſtellen, Ihr Teufel,“ rief das Weib. „Ich will's erleben, daß Dich das Volk in Fetzen reißt— ich will! Sie ſollen Alle erfahren, was für ein hölliſcher Feind Ihr Engel iſt und wenn mich das auch als die ſchändlichſte Elende darſtellen ſollte, die jemals einen Schatten in der Sonne warf!“. „Pfui über Dich!— wenn Du noch ein ſolches Wort ſprichſt, ſo werde ich Dich ſtumm ſchlagen, Ver⸗ läumderin!“ ſchrie Oates, indem er ſeine Fauſt ballte und ſchwarz vor Wuth wurde. „Bluthund, Du ſollſt nicht einmal bellen, viel⸗ weniger beißen“ rief Mervyn, indem er plötzlich zwi⸗ ſchen die beiden ſprang. „So, ſo, junger Herr!— ein neuer Aufzug?“ murmelte Oates, indem er ſeine drohende Stellung aufgab.„Da ſehen wir eine hübſche Belohnung für das Halsabſchneiden von armen proteſtantiſchen Herren⸗ leuten!— Wohl, wohl, das Haus ſoll hievon hören — wahrbaftig, ein ganzer Gentleman!— wie viel fordert Ihr für eine Gurgel?“ Ich würde die Eurige umſonſt bedienen und dies in dieſem Augenblick, aber aus beſſern Gründen als Ihr vorbringen könnt, Meiſter Oates,“ ſagte Mervyn. „Doch die Zeit iſt noch nicht gekommen— für jetzt geht Eurer Wege, aber wagt es nicht, dieſes Weib auch nur drohend anzuſehen.“ „In Gottesnamen behaltet das Weibsmenſch und Ihre lärmende Zunge,“ ſagte Oates mit Lachen. „Lieber junger Herr, was ſoll ich thun? Er 252 wi meinen Mann aufhängen!“ ſchluchzte Mrs. Prance. 4„Ihr habt Euch an den eingefleiſchten böſen Feind verkauft, Weib,“ ſagte Mervyn ernſt,„und Alles, was Ihr thun könnt, um Eure Seele aus ſeinen Leimruthen zu reißen, iſt, daß Ihr Euch mit Eurem 9 Mann vereinigt, die Wahrheit zu ſagen.“ „Haſt Du meine Gefangenen bearbeitet?“ rief Oates.„Darnach muß ich ſehen, fürwahr,“ und er ſchritt eilig hinweg, verfolgt von Miſtreß Prance. Err hielt jedoch, nachdem er ſich einige Schritte, wie um ſeine Perſon in Sicherheit zu bringen, ent⸗ fernt hatte und wendete ſich mit einem teufliſchen Hohnlächeln und den Worten:„Da Ihr meine Freunde beſucht habt, ſo geht und beſucht auch die Eurigen“ zu Mervyn.„Euer Patron und Meiſter, Van Huys⸗ man, iſt im Preßhofe und wartet auf des Richters Befehl, um zu Sulz gequetſcht zu werden!“ Darauf entfernte er ſich in großer Haſt. „Van Huysman!“ wiederholte Mervyn todten⸗ bleich. Was meint er damit?“ „Wiſeman oder Housman oder ein ſolcher Name, Herr,“ erwiederte der Kerkermeiſter.„Es iſt der Je⸗ ſuiten⸗Provinzial, der zu Tode gepreßt werden ſoll, weil er im Gericht nicht ſchwören will.“ „Van Huysman!“ wiederholte der Jüngling.„Es iſt unmöglich.“ „Was iſt unmöglich, Herr?“ ſagte der Kerker⸗ meiſter mit augenſcheinlicher Neugierde.„Ei, Ihr könnt ihn ſehen, wenn's Euch anſteht und wenn Ihr ein wenig Unbequemlichkeit nicht ſcheut— es hat ſeit zehn Jahren in Newgate nichts Hübſcheres zu ſehen gegeben.“ „Mervyn hatte blos ſo viel Stärke übrig behalten, um ihn durch Kopfnicken aufzufordern, voranzugehen, und folgte ihm mit einem Herzen, das beinahe zum Erſticken arbeitete. „Nachdem ſie um einige Ecken ſich gewendet hat⸗ 253 ten, kamen ſie zu einer ſteinernen Treppe, auf der ſie zum Preßhofe hinunterſtiegen. Es war ein ausge⸗ dehntes Viereck, deſſen Größe jedoch durch die hohen, mit düſtern, vergitterten des Gefängniſſes beträchtl Seiten eingeengt wurde. Fenſtern verſehenen Mauern ich geſchmälert und von allen Alle dieſe Fenſter waren mit geſpenſterähnlich ausſehenden Weſen beſetzt, welche aus ihrer dumpfen Verzweiflung durch die Erwartung eines Schauſpiels aufgeweckt worden waren; einige hielten ſich mit ihren ke ttenbeladenen Händen an den Kreuzſtangen in die Höhe. Der Hof war von einer vielartigen Menge von Gefangenen angefüllt, alle zer⸗ lumpt, ſchmutzig und viehiſch ausſehend von Krank⸗ heit und Verbrechen. Am Ende des Hofes, durch eine übergezogene Kette abgeſondert, befand ſich ein andere Gruppe. Der Gefangenwärter hieß Mervyn ſeinen Stand auf einem Steinb Schandpfahl geweſen zu lock nehmen, welcher einſt ein ſein ſchien und von dem her⸗ unter er eine gute Ausſicht auf die Schau haben könne — und er gehorchte mech aniſch. Einige Perſonen von der Gruppe gegenüber er⸗ kannte Mervyn ohne Beihülfe ſeines geſchwätzigen Ci⸗ cerone. Die zwei Sheriffe, Bethel und Corniſh waren da, und eine Perſon, in muthete. Es war ein l Kerl, gekleidet in Lederho der er den Scharfrichter ver⸗ anger, gefühllos ausſehender ſen und ein Wamms von un⸗ gegerbter Ochſenhaut, mit dem Haar nach außen. Mervyn gieriges Auge ko unte jedoch den in ſchrecklicher Ungewißheit geſuchten Gegenſtand ſeines Suchens nicht entdecken; aber es war unzweifelhaft, daß etwas Un⸗ gewöhnliches im Werke ſei. Die Sheriffe flüſterten ge⸗ heimnißvoll mit einander gebürgerten Newgates he , und unter den wilden Ein⸗ erſchte eine Stille, verhäng⸗ nißſchwer, wie das Schweigen der Wälder an einem Es war ein heller Morgen, aber blos ein blendend blaues, viereckigtes Stück Him⸗ wolkigten Nachmittage. mel war von dem Hofe aus zu ſehen, erleuchtet von 254 einer unſichtbaren Sonne, und da Mervyn aufwäris blickte, kam es ihm vor, als ob er in einem verwir⸗ renden Traume läge. Nach ein paar Minuten ſah er Oates bei den Sheriffen erſcheinen und um ſich blicken. Ihre Augen begegneten ſich, und es ſchien ihm, als ob er Betheln ſeinetwegen eine Bemerkung zuflüſterte; aber ſeine Auf⸗ merkſamkeit wurde in deniſelben Augenblicke auf eine andere Stelle hingezogen und dort feſtgehalten. Eine ſchwere Thüre gegenüber that ſich plötzlich auf und ein Mann, mit einem Kronſtabe und einem offenen Perga⸗ 1 mente, erſchien, gefolgt von einigen Soldaten mit ge⸗ fällten Partiſanen. In der Mitte dieſes kriegeriſchen Aufzuges ging mit über einander geſchlagenen Armen, ganz blaß, aber mit ungetrübter Ruhe, eine hohe Ge⸗ ſtalt, die einen langen, ſchwarzen, mönchartig ausſe⸗ henden Mantel trug. Mervyn konnte ihn unmöglich mißkennen— es war Van Huysman. Mehrere Minuten lang nach dieſem entſetzensvol⸗ len Wiedererkennen ſtand Mervyn erſtarrt da und un⸗ fähig aller Rede. Unterdeſſen ſchrie der Gerichtsbote, denn das ſchien der Mann mit dem Stabe zu ſein, nach dem langen, laut genäſelten„Hört, hört!“ die gewöhnliche Proklamation in des Königs Namen ab. Dieſes Dokument kündigte an, daß dem Gefangenen, da er dem Gerichte zu antworten verweigert, geſpro⸗ chen ſei, unter eine Preſſe gebracht zu werden, mit ſo viel Eiſen und Stein auf ihm, als er tragen könne, und mit noch mehr; daß er am erſten Tage drei Biſſen Gerſtenbrod erhalten ſolle, und am zweiten Tage drei⸗ mal Waſſer aus dem Kanal trinken dürfe, aber von keinem Brunnen und keiner Quelle; und daß dies ſeine Strafe ſein ſolle, bis er ſterbe. Ein Gemurmel des Entſetzens durchlief die Nenge, und man drängte ſich, einen Blick auf den Gefangenen zu erhaſchen; aber dieſer ſchien durchaus nicht bewegt. 255 Der Ausrufer reichte darauf ſein Pergament Betheln, welcher es nahm— und eine Todesſtille folgte. „Meiſter Huysman,“ ſagte Bethel endlich mit wankender Stimme,„Ihr ſeht, hier iſt mein Befehl; Ihr habt ihn vorleſen gehört. Ich bitte Euch flehent⸗ lich, habt einiges Mitleid mit Euch ſelber und verſchont die Augen von Chriſten mit einem gräßlichen Schau⸗ ſpiel! Ich bitte Euch flehentlich, verantwortet Euch!“ „Nein, Herr Sheriff,“ erwiederte Van Huysman. „Durch keine Handlung von meiner Seite will ich das ſchändliche und blutige Tribunal anerkennen, vor das „Ihr mich zur Verantwortung ladet, nur um mich mit Formen des Geſetzes zu morden.“ „Dann müſſen wir den furchtbaren Richterſpruch vollziehen, welchen blos anzuhören unſer Fleiſch ſchau⸗ dert!“ ſagte Bethel. „Der Wille meines Herrn und Meiſters ſei ge⸗ than!“ erwiederte der Geiſtliche, ruhig aufwärts bli⸗ ckend.„Ich bin hier, mit meinem Blut von der Wahr⸗ heit Zeugniß abzulegen— der Weg iſt dornigt, aber er führt zum Himmel!— ſchwarz und ſchreckhaft das Thor, aber es öffnet ſich zu ewigem Licht und Frie⸗ en!“ „Vielmehr zu ewiger Verdammniß!— und Seel' und Leib gehen in Deinem abgöttiſchen, falſchen Glau⸗ ben zu Grunde!“ rief Corniſh. „Die Ewigkeit liegt vor mir— ich bin bereit, eine Ewigkeit an den Glauben zu ſetzen, der in mir iſt,“ entgegnete der Gefangene ruhig. „Herr Rektor, ich bin hier, in einem chriſtlichen Geiſte Euch zu ermahnen, nicht Beides, den Leib und die Seele, zu verderben,“ ſagte Oates.„Seid nicht wie verbranntes Holz auf den Waſſern, ſondern bereut Eure Sünden, und— „Guter Bruder Titus, ſtille,“ unterbrach ihn der Prieſter.„Ihr habt mich in dieſe Lage verrathen— aber beſchränkt Euern Eifer auf die Zerfleiſchung mei⸗ 256 nes Koͤrpers— und wiſſet, daß die Sünde, die in dieſem Augenblick am ſchwerſten mein Gewiſſen drückt, meine Rettung Eures Lebens in dem Walde von Clair⸗ vaux iſt.“. „Rettung!— ſchöne Rettung, wahrhaftig!“ rief Oates.„Rettung, ſagt er, um mich nachher bei Brod und Waſſer zu halten— mich allein eſſen zu laſſen, wie einen Verpeſteten— mich einen Spion zu heißen, mich wie einen Wahnſinnigen in eine Zelle zu ſperren, mich als einen Lügner auspfeifen zu laſſen—“ „Nuhig da, Oates; dies iſt nicht ganz geziemend,“ ſagte Bethel ſcharf. „Der Himmel verhüte, Meiſter Huysman, daß Ihr mich zwingen ſolltet, meinen Befehl zu vollziehen— aber wenn es ſein muß— die Zeit kommt heran. Habt Ihr keine Freunde, denen Ihr Lebewohl ſagen möchtet?“ „Wenige, und die ſind ferne,“ erwiederte Van Huysman.„Aber es ſind deren, die mich lieben, über dieſem ruhigen Himmel, ſie flechten für dieſe Schläfe, ſo unwürdig ſie Euch ſcheinen, den nie verwelkenden Märtyrerkranz! Ich bin bereit!“ „Vater!“ rief eine erſtickte Stimme hinter ihm, und der Jeſuit, ſich ſchnell herumwendend, empfing Mervyn in ſeinen ausgebreiteten Armen. „Nein, der Geliebteſte iſt am nächſten,“ ſprach er, indem er den Jüngling an ſeine Bruſt drückte, und ihn da einige Augenblicke lang im heißen Schmerze weinen ließ, während eine allgemeine Stille herrſchte; aber er ſelbſt vergoß keine Thräne. 3 „Mein Sohn,“ ſagte er endlich, ſich ſanft des Jünglings Umarmung entwindend,„Du haſt der Schwäche der menſchlichen Natur genug nachgegeben, zeige nun ihre Stärke. Das iſt wohlgethan; Du biſt gekommen, um ein Augenzeuge zu ſein, wie ein katho⸗ liſcher Soldat des Kreuzes ſeine Rüſtung ablegt, nach⸗ 257 dem die Schlacht geſchlagen und die Sonne hinunter⸗ gegangen iſt.“ „Vater!— Ihr werdet, Ihr könnet Euch nicht wahnſinnig in dieſen ſchrecklichen Tod ſtürzen!“ rief Mervyn. „Nicht wahnſinnig, ſondern ganz vernunftgemäß, Mervyn,“ ſagte der Prieſter ruhig.„Der Tod iſt der Pförtner des Paradieſes! Wer würde die Schmerzen und Schrecken dieſes Lebens dem Tode vorziehen, wenn er fühlte, wie ich es thue— daß die dunklen Wellen der Zukunft von den Ufern des Himmels begrenzt ſind? Sollte ich mein ganzes Daſein der Lüge zeihen? Wo wäre nun die Religion Gottes, hätte das Herz des Paulus vor Pein oder Tod gezittert? Mein Entſchluß ſteht feſt, wie die Alpen. Ich bin hier, um für ihn zu ſterben, der für alle Menſchen ſtarb.“ „Kommt, kommt, Meiſter Jeſuit, wir wollen nichts weiter von Eurem papiſtiſchen Geſchwätz hören,“ unterbrach ihn Oates.„Herr Sheriff, da ſtehen koſt⸗ bare, obwohl ſchuldige Seelen umher, und wir müſ⸗ ſen nicht zugeben, daß ſie verdorben werden, damit nicht, indem wir trockenes Holz ins Feuer legen, §S— „Böſewicht!— nein, es thut mir leid, ein ſolches Wort vor einem ſolchen Schritte geſprochen zu haben,“ ſagte der Prieſter mit einer leichten Röthe der Ent⸗ rüſtung.„Ich möchte dieſe Erde verlaſſen ohne Feind⸗ ſchaft gegen irgend einen Menſchen, aber gedenke!— Dies ſind Deine hoffärtigen und ſiegreichen Tage, in denen Du Dich mit allen Deinen Aeſten gen Himmel ausbreiteſt und zu den Winden ſagſt,„ich bin ewig!“ Aber die Blitze des Höchſten werden endlich auf Dich fallen, Deinen Stolz verſengen, Deine Wurzeln aus⸗ reißen und Deinen grünen Wipfel zum Schlupfwinkel der Schlangen und Würmer machen!“ „Schaut einmal, Herr Sheriff, ſeht Ihr, was Whitefriars. II. 17 . 4 258 für Blicke das junge Hofgewächs auf mich wirft?— der Lockvogel!“ ſagte Oates, indem er ſich weniger vor Huysmans Ausruf, als vor dem wilden Feuer in Mervyns Geſicht zurückzog.„Wer weiß, ob kein pa⸗ piſtiſcher Entſatz im Werke iſt. Seht Euch vor, Herr Bethel!“ „Wachen rückt zuſammen,“ rief Corniſh in großer Beſtürzung. „Nein, nein, Bruder Corniſh, ich denke, wir ſind blos von den ſchmutzigen Elenden des Gefängniſſes umgeben, und die meiſten davon ſind gefeſſelt,“ ſagte Bethel.„Laßt den Gefangenen ſprechen, was er will — es kann ihnen keinen Schaden thun, ſie können nicht noch tiefer verdammt werden.“ „Aber ſie können ſelig werden!“ ſagte Huysman mit einem milden Blicke auf die ausgehungerten Hau⸗ fen.„Hört mich, meine Brüder!— ich bin hieher gekommen, um zu ſterben, und wenn je die Menſchen Aahrhrit ſprechen, ſo iſt es in einem ſolchen Augen⸗ icke— 3 „Beim Höchſten, Ihr Herren, hört nicht auf den papiſtiſchen Schelmen!“ rief Oates. „Kein Papſtthum, kein Papſtthum!“ plärrte die Menge und ein verwirrtes Geſchrei erfolgte, das blos durch die noch lautere Stimme von Corniſh geſtillt wurde.„Stille, Ihr Kerls, Spitzbuben, Landſtreicher! — laßt uns unſere Pflicht thun! Kommt, Meiſter Je⸗ ſuit, wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Richter wollen zu Mittag eſſen, und ſie können den Gerichts⸗ hof nicht verlaſſen, bis wir ihnen die Meldung machen, daß der Gefangene ſich nicht verantworten will.“ „Wahr geſprochen, Bruder— ſeine Gnadenfriſt iſt vorüber,“ ſagte Bethel haſtig.„Kommt, Herr, ſeid Ihr bereit?“ 4 „Seid nicht ſo gierig nach Blut, Ihr Herren, damit es Euch nicht in gleichem Maße vergolten werde,“ ſprach Van Huysman ruhig.„Ich bin bereit; aber 259 zuerſt möchte ich gerne einige Worte an dieſe Verirrten von der Heerde richten und dem Kinde meines Herzens Lebewohl ſagen.“.. „Da haben wir's— eine feine papiſtiſche Predigt in Newgate!“ ſagte Oates. „Unſere Ordre gibt uns keine Erlaubniß für ſolch' ärgerliches Geſchwätz,“ ſagte Corniſh.„Eile, Eilel— ſo hat Herr Gerichtsſchreiber Jeffries auf die Rück⸗ ſeite geſchrieben.“ „Eine kleine Geduld im Namen der höchſten Barm⸗ herzigkeit!“ rief Mervyn wild.„Wartet nur eine Stunde— eine kleine Stunde— und in dieſer Zeit bin ich gewiß, daß ich Seiner Majeſtät Einſchreiten gegen dieſes teufliſche Verfahren erhalten kann!“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel!“ ſagte Corniſh mit höhniſchem Lachen.„Was klagt der junge Ver⸗ räther ſeine Majeſtät der Hinneigung zum Papſtthum an?“ „Mein Sohn ¹ ſprach der Prieſter zärtlich;„mein theurer Sohn, beſinne Dich! Der Würfel iſt gewor⸗ fen— die Bitterkeit des Todes iſt vorüber. Was kannſt Du thun? Sei geduldig, Kind, und ich will nach Samen ausſtreuen, der im Paradies erblühen v 10 „Ich kann viel thun, wenn ich nur einen Athem⸗ zug Zeit hätte,“ rief Mervyn.„Ich bin im Dienſte des Königs. Gewährt mir nur eine Stunde, eine halbe Stunde, Ihr Herrn, und ich zweifle nicht, der König wird eine oder die andere Maßregel ergreifen, welche uns des Schreckniſſes dieſes gerichtlichen Mor⸗ des überheben wird!“ „Wir haben kein Recht, kein Privilegium— den Befehlen des königlichen Lord Oberrichters ungehorſam zu werden lu ſagte Oates.„Die Sheriffe ſetzten ſich einer ungeheuren Kronbuße aus und ich weiß nicht, ob einer von Euch, meine Herren, ſo im Sonnenſchein der Hofgnade ſteht, daß er der Strafe, die darauf ſteht, entgehen würde.“ „Ich, für meinen Theil, will meine Schuldigkeit thun, werde daraus, was da wolle— und wenn es gegen mein eigen Blut ginge,“ erklärte der rohe Fa⸗ natiker Corniſh. „Du hörſt es, Mervyn,“ ſagte der Jeſuit gelaſ⸗ ſen.„Stelle Dich nicht zwiſchen mich und die yerr⸗ liche Sonne des Heils, welche nie untergeht. In einer Stunde— nein, weine nicht, mein Kind, wird dieſer gemarterte Geiſt auf immer im Schooße ſeines Got⸗ tes ruhen. Es iſt ein rauher und ſteiler Pfad zum Himmel, aber betrat unſer geſegneter Meiſter einen ſanftern?“ „Kommt, Eile, Eile!“ rief Corniſh. „Ihr ſeid eifrig, Herr,“ ſagte Van Huysman. „Sehet zu!— das Rad des Schickſals ſtehet niemals ſtill, und ſein Rollen mag auch Euch erdrücken. Ihr habt das Herz eines Verräthers und könntet von dem Loos eines Verräthers getroffen werden.“ „Vater, wenn Ihr mich je geliebt habt, hört mich!“ rief Mervyn leidenſchaftlich.„Verantwortet Euch vor dieſem tyranniſchen Gericht! Die Kirche be⸗ darf Eures Lebens und nicht Eures Todes! Willigt ein, Rede zu ſtehen, und ich will Eure Begnadigung vom Könige auswirken, oder zu ſeinen Füßen ſterben!“ „Es iſt zu ſpät, mein feiner junger Burſche, das Urtheil iſt ausgeſprochen,“ ſagte Oates.„Er hat Gnade, und Mylords und die Richter verworfen— nein, der König ſelbſt— kann das Urtheil nicht wider⸗ rufen.“ „Ihr lügt, Mörder, Ihr lügt!— der König kann begnadigen, ſelbſt noch auf dem Todesblocke!“ ſchrie Mervyn.„Er wird Seiner Majeſtät Gnade mit Er⸗ folg anrufen, er wird, ich ſchwöre darauf.“ „Nein, mein Sohn, der König darf nicht wagen, mich zu begnadigen,“ ſagte Van Huysman.„Die 261 Wogen der Faktion ſtürmen zu hoch, um auch nur ein einziges Brett vom Wrack zu retten. Ueberdies haben dieſe Herrn Eile. Wie lange, Bruder,“ fuhr er fort, indem er ſich zum Scharfrichter wandte—„wie lange dauert es, bis ein Mann unter der Preſſe ſtirbt?“ „Je nun, Herr, das hängt vom Gewicht ab und wie man es anlegt, und ob die„Nachſicht“ bewilligt wird,“ erwiederte Jack, indem er ſich auf dem ſtier⸗ ähnlichen Kopfe kratzte.„Die letztere beſteht in einem ſcharfen Stücke Holz unter dem Rücken, oder darin, daß man die ſcharfe Ecke der Preſſe auf das Herz rich⸗ tet, und dann gehts in zehn Minuten oder einer Vier⸗ telſtunde aus— aber man hat Beiſpiele, daß einige einen ganzen Tag lang am Leben blieben, doch habe ich keinen gekannt, dem am zweiten noch etwas ge⸗ fehlt hätte.“ „Ich fürchte, ich kann auf keine ſolche„Nachſicht“ von Meſſieurs den Sheriffs hoffen,“ ſagte Van Huys⸗ man mit einem zierlichen, traurigen Lächeln. „Keine Nachſicht!“ ſchrie Corniſh.„Kommt, Bruder Bethel.“ 1 „Ich bitte Gott, Meiſter Corniſh, daß Eure letz⸗ ten Augenblicke nicht ſo beeilt werden,“ ſagte Van Huysman. Darauf wandte er ſich gelaſſen zu dem Scharf⸗ richter und fragte,„was muß ich thun, Bruder?“ „Bruder von Evas Seite!— aber das iſt um ſo ſicherer,“ erwiederte der Henker mit Grinſen.„Je nun, Herr, wenn's gefällig iſt, ſo braucht Ihr Euch blos ſo nackend auszuziehen, als Ihr geboren wurdet.“ „Ich hoffe, Ihr werdet mir erlauben, anſtändig zu ſterben, ihr Herrn,“ ſagte der Prieſter, etwas bewegt. „Nein, es iſt genug, wenn er ſich bis auf die Weſte und die Unterhoſen auszieht,“ bemerkte Bethel mit einem zweifelhaften Blick auf ſeinen wilden Ge⸗ ſpan.„Ja, ja, das wird hinreichend ſein, denke ich, Corniſh?“ „Dann brauche ich blos mein Obergewand abzu⸗ ————— 262 legen,“ ſagte Van Huysman, indem er den Strick mit dem er begürtet war, aufzog.„Ich vergebe meinen Feinden; aber ſie zwangen mich, dies zum Erſcheinen vor dem Gerichtshof anzuziehen, um ein deſto tödtli⸗ cheres Vorurtheil zu erregen. Bruder, ich will Euch nicht lange aufhalten.“ „„ Sch bin in keiner Eile, Herr,“ ſagte Jack Ketch, höflich.„Aber ich hoffe, Ihr werdet mich bedenken. Es iſt eine harte Arbeit, und ich weiß ein paar Vor⸗ theile, den Tod eines Gentlemans leichter zu machen.“ „Ich habe jederzeit meine Schulden bezahlt und bin überzeugt, Niemand verdiente jemals mehr von meinen Händen eine Belohnung, als Ihr heute, mein Freund,“ ſagte Van Huysman mit einem Lächeln und legte ihm mehrere Goldſtücke in die Hand. „Je nun, Herr, obgleich ich mich nicht ſelber loben ſollte,“ verſetzte der Mann, ſehr erweicht von dieſem Geſchenke.„Ich beſtrebe mich immer, meine Pflicht zur Zufriedenheit aller Parteien zu thun und wenn die wohlwürdigen Herrn hier nichts dagegen haben, ſo will ich den Bolzen der Preſſe gerade über Eure fünfte Rippe legen. Ich ſtehe dafür, Ihr werdet nicht lange ſchlegeln.“ „Er half ſodann mit amtlichem Eifer dem Prie⸗ ſter den Mantel ablegen, den er, nachdem er ihn mit dem ſchlauen Auge eines Trödeljuden geprüft hatte, als ſeine Zugebühr zuſammenfaltete. Mervyn ſtand von Schrecken verſteinert neben ſeinem verurtheilten Meiſter; ſelbſt die Menge umher war athemlos vor Erwartung und die Neugierde malte ſich in fürchterlichen Zügen auf dieſen abgezehrten, ſtieren Augen, offenen Mäulern. Van Huysman fing an, ſeine Weſte aufzuknöpfen, als er auf einmal inne hielt und ſich gegen die Menge wandte, auf eine Weiſe, die ſie unwiderſtehlich zur Auf⸗ merkſamkeit zwang. 4 „Brüder,“ ſprach er mit erſchütternder Feierlich⸗ 263 keit,„Ihr ſeht mich hier;— ich bin zum Sterben be⸗ -ſtimmt. In wenig Minuten wird dieſe lebende, ath⸗ mende Geſtalt gefühlloſer Thon ſein. Ich hoffe, Ihr werdet einige Worte von mir anhören, nur wenige. Wenn ich geſündigt habe—“ „Kommt, Herr Housman, wir können Euch nicht zuhören,“ unterbrach ihn Corniſh. „Wohl, dann bin ich fertig, Herr,“ ſagte Van Huysman, gelaſſen.„Das Amt des Pflügers iſt ein anderes, als das des Schnitters. Ich hinterlaſſe meine Vergebung und meinen Segen für alle Menſchen, ſelbſt für Dich, Oates. Und nun bin ich fertig mit dem Leben, außer mit dem Abſchiede von Dir, mein Sohn— Lebe wohl, aber nicht auf immer!“ Er wandte ſich zu Mervyn, der bitterlich ſchluchzte. „Komm hieher, Kind,“ ſagte Van Huysman bewegt und fügte mit leiſer Stimme hinzu—„Du biſt in einen guten Dienſt getreten, in den eines Königs, der im Herzen katholiſch iſt. Eines Tages wird man Dei⸗ nes Schwertes bedürfen. Ich ſage Dir, halte es be⸗ reit in der Scheide! Ich möchte Dir gerne ein Geheim⸗ niß anvertrauen, aber dies iſt weder die Zeit noch der Ort dazu. Wiſſe nur, daß dieſe Kapſel das Bild⸗ niß Deiner Mutter enthält— eines Weibes, deren Falſchheit mein ganzes Daſein verbittert hat. Begrabe es mit mir.“ Van Huysman ſchob ihm ein kleines, goldenes Medaillon in die Hand, und legte dann mit gelaſſenem Muthe ſein Wämmschen und einige andere Stücke ſeiner Oberkleidung ab. Da dieſe entfernt waren, kam ein härenes Hemd zum Vorſchein, ſowie tief eingefurchte Spuren der Geißelung auf ſeinem Fleiſche. Ein Ge⸗ murmel der Ueberraſchung durchlief die ganze Verſamm⸗ lung. Ein ſchön geſchnitztes Kruzifix von Elfenbein war auf ſeine Bruſt gebunden, das er abriß und Mer⸗ vyn übergab. Er war nun auf den Grad entkleidet, den Bethels Mehſchlichkeit angegeben hatte. 264 „Seid Ihr fertig, Herr?“ ſagte der Scharfrichter. „Laß mich Dich zum letztenmale und für immer ſegnen!“ ſprach der Jeſuit, indem er ſich zu Mervyn wandte, der in bittern Thränen daſtand und nun nie⸗ derkniete, während ihn Van Huysman in der feierlichen Sprache ſeiner Kirche ſegnete. Aber im Verlaufe dieſes Aktes brach auch ſeine Stimme, und einem übermäch⸗ tigen Gefühle nachgebend, zog er den Jüngling an ſeine Bruſt, und ſie weinten einige Augenblicke zuſam⸗ men. Selbſt die gefangenen Verbrecher umher wurden gerührt und viele von den Weibern brachen in Schluch⸗ zen und Weinen aus. „i, was iſt das? Kommt, Herr Corniſh, laßt uns nichts weiter von dieſem papiſtiſchen Spektakel mit anſehen!“ ſagte Oates. „Kommt, guter Herr, wir dürfen nicht länger zau⸗ dern,“ bemerkte Bethel in einem milden und ſorgſam bekümmerten Tone. „Wahr, wahr, ich bin fertig,“ erwiederte der Jeſuit, küßte Mervyn auf die Stirne und entwand ſich ſanft ſeiner Umarmung. „Aber ich zweifle, ob Ihr fertig ſeid, mein Herr,“ ſagte Oates;„das Geſetz ſagt, er ſoll auf den Rücken gelegt werden, mit bloßem Leibe—“ „Nein, kommt, Herr Oates, wir wollen es nicht auf dieſen Punkt treiben,“ ſagte Bethel;„Ihr ſeid bereit Herr?, „Ja zu Allem, was mir mein Meiſter auferlegt,“ verſetzte der Prieſter.„Mein Sohn entferne Dich; Dein Schmerz iſt meine einzige verwundbare Stelle,“ ſetzte er zärtlich hinzu.„Ich bin fertig, ihr Herrn.“ „ So kommt denn einmal, gewiß, ich bin des Wartens überdrüſſig,“ ſagte Oates; darauf ſetzte ſich der Todeszug in Bewegung. 1 ſſſſſſſſſiſſſſſſ 8 9 10 8 EMrraaaaamwmmmmrranrraaaawmmmmmmmannan 11 12 13 14 15 ſſniſſ 16 17