Leihbibliothek eihbiblio deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7.„=. 3„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 4 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 2 Whitekriars oder 3 die Tage Karls des Zweiten. Ein 4 hiſtoriſcher Roman. . 7 Nach der dritten Auflage des engliſchen Originals. Wie in einem Zauberſpiegel will ich Euch die wahre Färbung und Ge⸗ ſtalt eines vergangenen Zeitatters zei⸗ gen; die Launen, die Leidenſchaften, die Verbrechen, die Tugenden, die Spitzfindigkeiten, die Perſonen ſelbſt. SreTbeard's Warning. 3 Erſtes bis drittes Bändchen. Stutt gart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Vorwort des Ueberſetzers. Wir übergeben dem Publikum die Ueberſetzung des vorliegenden Romans, ohne Furcht wegen der Wahl einer Entſchuldigung gegen den Leſer zu be⸗ dürfen. Denn ſo reichhaltig auch in der neueſten Zeit die engliſche Roman⸗Literatur uns mit hi⸗ ſtoriſchen Stoffen und mit Schilderungen des heutigen Volks⸗ und vornehmen Lebens verſehen hat, ſo dürfen die„Whitefriars“ in Hinſicht auf epiſche Anſchaulichkeit und dramatiſche Kraft, auf die Gewalt und das Intereſſe hiſtoriſcher Schilde⸗ rung und wahrhgft tragiſcher Momente, die ſich eher zu überſchwänglich drängen als geſucht wer⸗ den, und auf die Leichtigkeit und Sicherheit end⸗ lich, mit welcher die Charaktere unterſchieden und gehalten ſind, kecklich neben Walter Scott, Bulwer und Dickens genannt werden. Von der beſſeren und wahreren Philine— Nell Gwyn—, der Trunk und Gewinn liebenden Temperanzia Bradley, der nichts⸗ ſagenden freundlichen Königin, der von unheilvoller Leidenſchaft zum Schlimmſten hingeriſſenen Lady Howard, der idealiſirten Selbſtſucht, bis zur zit⸗ ternden Lilie im Sturme, Aurora Sydney, iſt die Weiblichkeit in allen Schattirungen repräſentirt; VI während der männliche Muth einer Zeit, die in Flam⸗ men ſtund, in allen Verbindungen mit Verbrechen, Leichtſinn, natürlicher Beredſamkeit, republikaniſcher Würde und religiöſem Enthuſiasmus in den hiſtoriſch begründeten Namen— Blood, Oates, Duval, Karl II., Edwards und Van Huysmann erſcheint. Dabei wollen wir Mervyn, den Helden des Stückes nicht vergeſſen haben, deſſen Biographie der Roman ge⸗ nannt werden könnte, wenn nicht in den Augen des Verfaſſers ſelbſt das hiſtoriſche Intereſſe vor⸗ geſchlagen hätte. In Bezug auf die Form ſcheinen Beredtſamkeit und Sentimentalität eher vermieden als geſucht zu ſein und manche kleine Widerſprüche in Beſchreibung der Localitäten und Nebenumſtände deuten auf das Uebergewicht des Reichthums an Stoff über ängſtliche Ausführung hin; aber, wie kurz und ſchnell auch oftmals— überall ſpricht der Meiſter. Wir hielten uns in der Ueberſetzung nicht für berechtigt, irgend zu ändern, wohl aber verpflichtet, Nichts von der treuen Darſtellung der hiſtoriſchen und poetiſchen Eigenthümlichkeit des Geiſtes und der Sprache aufzugeben, und hoffen in dieſer Beziehung Anerkennung unſeres guten Beſtrebens. Schließlich bemerken wir noch, daß wir uns begnügten, Provinzial⸗Idiome nur anzudeuten; der Titel ſelbſt aber findet ſich im Achtzehnten Kapitel des erſten Bandes erklärt. Der Aeberſetzer. — Dem Joſeph Robinſon, Esd., widmet dieſes Werk als ein Beichen von Dankbarkeit und herzlicher Achtung ſein Freund und Schüler Der Verfaſſer. Vorrede zur zweiten Ausgabe. Mein liebes Publikum Da ich Deine ſehr große und wohlbegründete Abneigung gegen lange Vorreden kenne, ſo will ich Dich nur einen Augenblick auf der Thürſchwelle von„Whitefriars“ aufhalten; da man mir aber geſagt hat, daß Du mannigfache Nachfragen nach mir anſtellſt und meine perſönliche Bekanntſchaft zu machen wünſcheſt, kann ich in gemeiner Höflichkeit nicht weniger thun als Dir für Deine gütige Theilnahme danken. Ich ſehe, daß Du mich mit einigem Argwohne betrachteſt, weil ich meinen Hut und Mantel bis über die Naſe zuſammenge⸗ zogen habe und daß Du der Anſicht zu ſein ſcheinſt, ich müßte nothwendigerweiſe irgend ein hochver⸗ rätheriſches Motiv haben, ſo vermummt und ver⸗ kleidet zu Dir zu kommen. Du kannſt bei einem X Autor nicht an ſo etwas wie vollkommene Beſcheidenheit glauben und ich geſtehe, daß es einer mächtigen Einbildung bedarf, um die zwei Begriffe zuſammenzufaffen. Ebenſowenig kann ich meine Abneigung vor Dir in propria persona zu erſcheinen, dieſer ſeltenen Schwäche meiner Zunft zuſchreiben. Ich habe gewiſſe eigene Gründe, die Du ohne Zweifel für gut annehmen wirſt, weil— ich nicht im Sinne habe, Dir zu ſagen, welcher Art ſie ſind, wofern Du mir nicht verſprichſt, ſie nur im ſtrengſten Ver⸗ trauen Deinem Weibe mitzutheilen. Unter dieſer Bedingung, mein liebes Publikum, ſollſt Du mein Geheimniß beträchtlich unter dem Ankauſspreis be⸗ kommen. Bis dahin alſo mögeſt Du mir geſtatten, mich auf den Knieen hinter dem Vorhang zu entſchuldigen, daß ich nicht auf Dein Rufen er⸗ ſcheine— was man von uns, die wir zu Deinem Vergnügen tanzen, Luftſpringe machen, oder als Schriftſteller arbeiten, bei der kleinſten Andeutung Deines oberherrlichen Beliebens ſoſort erwartet, auf daß Du Dich beluſtigen kannſt, indem Du uns, je nach Deiner Laune, entweder mit Blumen⸗ ſträußen oder mit Orangen bewirfſt. Während ich übrigens ſomit, mein gnädiger Herr und Meiſter, unbeſcheidener Weiſe meine eigene Befriedigung der Deinigen vorziehe, wünſchte ich gleichwohl nicht, daß Andere um meiner dehler XI willen leiden, noch viel weniger aber— ich ſpreche aus dem Grunde eines Brunnens— daß ſie ſich mit meinen Verdienſten ſchmücken. Du haſt ſo viele Leute, die doch wieder insgeſammt unter ſich ungleich ſind, für mich gehalten, daß ich ſelbſt an meinen eigenen Identität zu zweifeln anfange. Fürwahr, ich habe mich über die Maßen überraſcht, geſchmeichelt und beunruhigt gefühlt, bei der Mannigfaltigkeit der Perſonen, die Du, als mein vermuthetes Selbſt, zu loben oder zu tadeln beliebteſt, ſo daß es mir vorkömmt, ich ſei entweder eine Dohle, bedeckt mit der Mauſe von unzähligen Federnſchönheiten, oder aber ein Vogel aus jenem noch nie geſehenen und wunderbaren Phönixſtamme, deſſen Gefieder die Farbenpracht aller Vögel in ſich vereinigt! Damit mich übri⸗ gens meine Stimme nicht verrathen möge, will ich ſchleunigſt ſchließen, indem ich Dich noch bei der Ehre eines ſehr verlegenen Gentlemans ver⸗ ſichere, daß ich Niemand Anders, als ich Selbſt bin, daß Jeder, der mich nachahmt, eine an⸗ dere Perſon iſt und daß Du bis jetzt in allen Deinen Vermuthungen nichts weniger als zu Hauſe biſt.. In der Hoffnung, daß Du meine Heftigkeit in dieſem Punkte entſchuldigen und Dich, ſehr ge⸗ ehrtes Publikum, erinnern wirſt, wie oft Dich Leute belogen und in Angelegenheiten verwickelt haben, XII von denen Du nicht mehr Kenntniß beſaßeſt, als ich von dem, was im Winde vorgeht, bin ich Dein ſehr gehorſamer, unterwürfiger und unwürdiger Diener. Der Verfaſſer. Erſtes Kapitel. Der Tower. Es ging dem Sonnenuntergang zu am Abend des erſten September im Jahre des Herrn 1666, eines Datums von fürchterlicher Bedeutung für die Rieſen⸗ ſtadt, in deren Mauern die erſten Ereigniſſe unſerer Erzählung ſtattfanden. London lag da, gebadet in eine ſtrahlende Herbſtſonne und ſank in jene ruhige Geſchäftigkeit, welche in den großen Bienenſtöcken der menſchlichen Induſtrie den Schluß der Arbeitszeit be⸗ zeichnet. Die Läden wurden im vollſten Sicherheits⸗ gefühle geſchloſſen, des Bürgers frühes Abendeſſen dampfte auf den Tiſchen, die Wache ſtellte auf den Stadtwällen ihre Runde aus und muntere Lehrlinge zogen ihren Abendunterhaltungen nach. Die Themſe bot einen Anblick eigenthümlicher Ruhe dar. Es war der Vorabend des Sabbaths, eines Ta⸗ ges, der von der großen Maſſe des damals puritani⸗ ſchen Volkes gewiſſenhaft geheiligt wurde. Die unge⸗ heure Flotte von Kauffahrteiſchiffen jeder Nation, dehnte ſich den Fluß entlang; die Barken und vergoldeten Boote der Bürger mit Wimpeln und Flaggen ausgeſchmückt, wurden längs der Quais und Werften aufgezogen, als ob auch ſie ein Recht hätten, auf die Ruhe des fiebenten Tages. Ddie grauen Wälle und Thürme des Towers ſtrahl⸗ ten in den reichen Farben des Sonnenuntergangs von italieniſcher Pracht und waren im Sonntagsſchmucke mit unzähligen Fähnlein geziert, über welchen an der höchſten Spitze das rieſige Banner von England flat⸗ terte. Die große Glocke, welche die innerhalb der Feſtungsgrenzen Wohnenden zur Heimkehr aufzufordern pflegte, ehe die Thore geſchloſſen wurden, ließ ſich hö⸗ ren, und verſchiedene Perſonen, die ſich verſpätet hat⸗ ten, eilten ihnen zu. Unter dieſen ſah man einen einzelnen Reitersmann, der matten Schrittes einherzog. Er ſaß auf einem mächtigen Gaul, der urſprünglich von weißer Farbe geweſen ſein mochte; jetzt aber war er ſchmutzig⸗braun und von Kopf bis zum Huf mit Staub und Straßen⸗ koth beſchmutzt. Das Geſchirr war nach der damali⸗ gen Mode ſtark und ſchwer und der Reiter ein großer, wohlgebauter Mann, der einen hohen Hut mit Federn, einen ſcharlachrothen Reiſemantel und große Courier⸗ ſtiefel mit langen Sporen trug. Sein UÜnterkleid, das eine Art von Livree aus orangefarbigem mit Silber beſetztem Tuche zu ſein ſchien, war ſichtbar, da er ſei⸗ nen Mantel über die linke Schulter hinabhing, als wolle er eine Art von Bürde verbergen, die er trug. Ein paar ſehr große Piſtolen oder richtiger geſagt Mus⸗ keten ſchmückten ſeine Halfter— eine keineswegs über⸗ flüſſige Verzierung in jener unternehmenden Zeit, wo ſo viele„Gentlemen“ ihr Leben als fahrende Ritter friſteten. Das ganze Ausſehen des Reiters war in der That das eines ſtolzen Dieners aus irgend einem adeligen Hauſe, nur trug er kein Abzeichen und der Theil der Bruſt, der gewöhnlich damit geziert iſt, war mit neuem Sammt ausgeſchlagen. Gleichwobl übrigens war ſein Ausſehen ſo munter und kühn, daß der Thorwart, den er am Pförtchen anredete, achtungs⸗ voll ſeine Helebarde ſenkte. „He, Bruder!— kannſt Du mir nicht ſagen, ob der Lord⸗Lieutenant im Tower iſt; und wenn dies der 15 Fall, wo man ſich hinwenden muß, wenn man Ge⸗ ſchäfte mit ihm hat?“ „Biſt von drüben, über der See?— mir däucht, Deine Sprache ſchmeckt etwas papiſtiſch,“ antwortete der Thorwart. „Wenn mein Engliſch gut genug iſt, um verſtan⸗ den zu werden, ſo bekümmre Dich weiter nicht darum,“ erwiederte der Fremde übermüthig.„Wo nicht, ſo werde ich es wegen eines ſo armſeligen Burſchen nicht ver⸗ beſſern. Und nun mit Gunſt, laß mich hineingehen. Ich habe Geſchäfte mit Deinem Obern, die ſich nicht verſchieben laſſen.“ „Kennſt Du die Loſung, guter Freund?“ verſetzte der Thorwart, griff nach ſeiner Waffe und ſah Mann und Pferd mit einem Blicke an, in welchem ſich weder zu Gunſten des einen noch des andern ein beſonders freundliches Vorurtheil auszuſprechen ſchien. „Nein, aber ich bringe an Euren gnädigen Herrn einen Geimraths⸗Befehl, beſiegelt mit des Königs Pet⸗ ſchaft, den ich Sr. Ehren perſönlich einhändigen muß. Hier iſt Vollmacht genug, Kamerad.“ Und mit dieſen Worten zog der Fremde ein Papier hervor, das ſo, wie er angegeben hatte, adreſſirt war und das er dem Thorwart vor die Augen hielt. „Paſſirt!“ war die Antwort, und der Reiter, der ſeinem Pferde leicht die Sporen gab, zog zum Thore ein. Er ſah ſich nun in einem kleinen Viereck, das mit hohen Gebäuden umringt war, in welchen auch nicht eine menſchliche Seele zu hauſen ſchien. Das Klirren von den Hufen ſeines Pferdes jedoch erregte ſofort Aufmerkſamkeit. Ein alter Mann ſtreckte ſeinen Kopf oben zu einem vergitterten Fenſter heraus und nachdem er des Reiters Angabe über ſeinen Zweck ver⸗ nommen, erbot er ſich höflich, ihn zum Lord⸗Lieutenant zu führen. Nun erſchien ein gut ausſehender Veteran, deſſen Wangen apfelroth, deſſen Haare aber beinahe weiß 16 waren. Er ſagte, der Lord⸗Lieutenant, Sir John Robinſon, ſitze mit einigen Freunden beim Abendeſſen und wenn die Geſchäfte nicht ſehr dringend ſeien, ſo dürfte es gerathener ſein, zu warten, bis Se. Ehren getafelt haben; einſtweilen bot er dem Fremden ein Stübchen Seckt und einen Stuhl beim traulichen Kamin⸗ feuer an, der für dieſe freundliche Güte mit etwas fremdartiger Mundart und Manier dankte und erklärte, daß ſeine Botſchaft ſofortige Erledigung erheiſche. Dann warf er dem alten Manne nachläßig die Zügel zu und ſagte mit einem legeren Ausdruck von Superiorität: „Sei ſo gut, Vater Graubart, und halt meinen Gaul am Kopfe, damit ich nicht ſtrauchle und meines Jünkerleins Schädel einſchlage und ſo eine Seele zu Grunde richte, die einſt, wenn ſie groß iſt, werthvoll ſein mag.“ „Was für ein Jünkerlein, guter Freund? Ich ſehe keines,“ antwortete der alte Mann. „So ſchau hierher; Du biſt alt, aber haſt Du je ein hübſcheres Geſchöpf geſehen?“ entgegnete der Rei⸗ ter, hob ſeinen Mantel auf, in deſſen warmen Falten, wie man nun ſehen konnte, ein kleines Kind ſich in Schlaf gewiegt hatte. „Biſt Du im Himmel geweſen und haſt Engelein geſtohlen?“ rief der alte Mann aus, die Schoͤnheit des kleinen Schläfers voll Bewunderung anſtarrend. „Nein, meiner Treu, wenn ich Alles ſagen ſollte, eher am entgegengeſetzten Orte,“ antwortete der Fremde trocken.„Hillo mignon! c'est la reveillée!“ und er ſreißheit des Kindes blühende Wangen, bis es er⸗ wachte. „Und iſt dieſer hübſche Junge Euer Sohn?“ fragte der Tower⸗Bewohner, das Kind ſanft in ſeine Arme aufnehmend. 4 „Es iſt nicht ganz ausgemacht, weſſen Sohn er iſt, Kamerad,“ verſetzte der Fremde, während er ſich leicht aus dem Sattel ſchwang,„aber ich ſchmeichle 17 mir, es iſt nicht unmöglich. Morbleu! wie einem nach zehnſtündigem Ritt die Füße wehe thun. Haſt Du nicht eine Ecke, in welche ich dieſes rauchende Stück Pferde⸗ fleiſch ſtellen könnte?“ „Im nächſten Hofe iſt ein Stall, in welchem ich es unterbringen will, ſobald ich Euch zum Lord⸗ Lieutenant geführt habe; meiner Anſicht nach übrigens iſt nicht ſehr zu befürchten, daß es davon lauft?“ „Trau keinem Pferd und keinem Weibe,“ antwor⸗ tete der Fremde, indem er die Zügel um eine vor⸗ ſpringende Eiſenſtange ſchlang.„Jetzt aber iſt es ſicher angebunden; gib mir das Kind und zeig uns den Weg, Gevatter.“ Der alte Mann that dies lächelnd, öffnete eine Thüre, und führte ſie in ein kleines Zimmer, das dem ringsherum liegenden militäriſchen Rüſtzeuge nach offenbar eine Wachtſtube war. Dann ſtiegen ſie eine ſchmale Treppe hinauf und betraten einen Corridor, der in weiter Perſpektive mit einer gewaltigen Flügel⸗ thüre endete. Auf dem Wege machte der alte Mann einen neuen Verſuch, ſeine Neugierde zu befriedigen und fragte den Fremden, ob er etwa einen der Ge⸗ fangenen im Tower beſuchen wolle und ob vielleicht in dieſem Falle einen von denen, die als in die letzte pa⸗ piſtiſche Verſchwörung zu Dublin verwickelt, ins Ge⸗ fängniß geworfen worden ſeien. Der Fremde antwor⸗ tete blos, daß ihm ſeine Botſchaft ſo lange unbekannt ſei, bis ihn Sir John davon in Kenntniß ſetze. Der Alte nickte bedeutungsvoll und ſagte nichts mehr, bis ſie zu der Thüre gelangten, an die er klopfte. Sofort erſchien ein großer Lakei, wechſelte mit dem Führer einige leiſe Worte und die Thüre that ſich auf. Da nahm der Reiter ſeinen Federhut ab, trat kühn in das Gemach vor und machte dem Lord⸗Lieutenant und ſeiner Geſellſchaft eine ehrerbietige Verbeugung. Es war ein großes, viereckiges, reichlich meublir⸗ tes Zimmer mit zwei Bogenfenſtern, die auf die Themſe Whitefriars. I. 2 ₰ den Gruß mit einem Blick des 18 gingen; in der Mitte ſtund eine Tafel mit vielem Ge⸗ pränge und einem Ueberfluß von Lebensmitteln gedeckt. An dieſer ſaßen drei Perſonen. Der eine, ein ernſter. Mann, von mittlerem Alter, deſſen Haare in eiſen⸗ grauen Maſſen auf die Schultern herabfiel, war offen⸗ ar der Statthalter, denn hinter ſeinem Stuhle ſtund ein Schließer mit einem ungeheuren Schlüſſelbund. Der nächſte war augenſcheinlich ſein Gaſt; ein großer gut gebauter Mann mit einem breiten Geſicht, das in ei⸗ ner duftenden Perrücke halb begraben lag und plumpe ges Lächeln und ſeine Augen, obſchon etwas ſchwach, ewegten ſich gleichwohl lebhaft. Er war nach der Mode jener Zeit auf's Reichſte gekleidet, mit Sammt, Spitzen und Goldſtickereien herausgeputzt; an ſeinen ſchweren weißen Händen ſtrahlte eine Menge funkeln⸗ der Ringe. Die dritte Perſon an der Tafel war eine Dame, die ihren Mai bereits auf dem Rücken, aber noch die Ueberbleibſel großer Schönheit aufzuweiſen ſie Züge von einem wollüſtigen Charakter und ein Auge, deſſen Ausdruck weder durch ihre vorgerückten Jahre noch durch ihre Stellung ſehr in Schranken gebalten zu werden ſchien. Die zwei letztern Perſonen ſahen unſern Fremden mit einiger Neugierde an⸗ und Sir John erwiederte es Erſtaunens und einem Kopfnicken. „Sagt mir, Herr, was für ein preſſantes Geſchäft habt Ihr bei uns, daß Ihr nicht warten konntet, bis wir unſere Erdbeeren gegeſſen hatten?“ fragte der Lord⸗ Lieutenant, den Eingetretenen ſcharf ins Aug faſſend. Ein Geſicht mit leichten Merkmalen der Pocken, aus⸗ gezeichnet durch einen Ausdruck entſchiedener Entſchloſ⸗ Züge ſehen ließ. Auf ſeinen Lippen ſchwebte ein ewi⸗ 9 hatte, die ſie auch möglichſt bemüht geweſen war durch alle Hülfsmittel der Toilette wieder zu beleben; mit Schminke, Schönheitspfläſterchen, Juwelen und Sticke⸗ reien hatte ſie ſich reichlich geſchmückt. Ueberdies hatte 19 ſenheit und Kühnheit, ſowie durch einen reichen Schnurr⸗ und Backenbart, gewahrte er vor ſich. Dann fiel ſein Blick auf den Jungen, der etwa vier oder fünf Jahre alt zu ſein ſchien, und ihn, wie in Verwunderung, mit einem ſchönen, aber beſtürzten Auge anſtarrte. Das Kind war von zarter Geſtalt, aber groß für ſein Alter; ſeine Haut ausnehzmend weiß und ſeine Geſichtszüge ſchön, ſo daß man es nicht wohl Anders, als mit Theil⸗ nahme anſchauen konnte. Sein Haar war lang und fiel in braunen Ringlocken auf den Rücken herab. Es war ſehr bäuriſch gekleidet: denn es trug eine Art grauen Barchent⸗Rock, gelbe Socken und einen Hut mit breiter Krempe und einer bleiernen Schnalle. „Mit Gunſt Euer Ehren, meine Abſicht iſt am Beſten in dieſem Papier ausgedrückt,“ antwortete der Fremde auf Sir John's Frage. Der Lordlieutenant warf einen raſchen Blick auf das Sigel und nahm das Schreiben mit einem ſehr bedeutenden„Aha!“ in die Hand. Hierauf durchſchnitt er ſorgfältig das ſeidene Band, öffnete den Brief und las den Inhalt mit ern⸗ ſter und nachdenkender Miene. Unterdeſſen ſpielte der Gentleman an der Tafel mit der Quaſte ſeines Wam⸗ ſes und des Lordlieutenants Gemahlin muſterte des Fremden Perſönlichkeit und ſeinen Anzug mit Aufmerk⸗ ſamkeit. „Kommt hieher,“ ſagte Sir John an eines der Fenſter tretend;„ich muß mit Euch eine kleine Eichung vornehmen, um zu ſehen, ob Ihr keine Contrebande in Euren Kielraum einſchmuggeln wollt. Kennt Ihr den Inhalt dieſes Schreibens?“ „Ju etwas,“ antwortete der Fremde, des Lord⸗ lieutenants forſchenden Blick ruhig aushaltend.„Es iſt ein Befehl Sr. Mafeſtät, Euer Ehren unterwürfigen Diener, Claude Duval, Gentleman im perſönlichen Dienſt des Lord Aumerle, zu dieſem ſeinem Herrn, der jetzt des Hochverraths und der Theilnahme an dem letzten Verſuche zur Ueberrumpelung des Schloſſes von Dublin angeklagt, im Tower gefangen ſitzt, den Zutritt zu geſtatten. Euer Ehren werden ermeſſen, ob meine Angabe übereinſtimmt?“ „Vollkommen. Ihr ſagt, Ihr heißet Claude Du⸗ val?“ bemerkte Sir John, indem er ſeinen Bart mit gedankenvoller Miene ſtrich. „So habe ich die letzten dreißig Jahre hindurch gehört.“ „Diener Mervyns, Lord Aumerles?“ „Gentleman im perſönlichen Dienſt des Grafen Aumerle,“ antwortete der Fremde mit Würde. „Und dieſes Kind?“ fragte Sir John.„Der Ge⸗ heimrathsbefehl erwähnt ſeiner nicht. Wer iſt es und weßhalb iſt es hier?“— „Mir däucht, Euer Ehren werden einen Gefan⸗ genen den elenden Troſt nicht verſagen, ſein einziges Kind zu ſehen,“ antwortete Claude ſchmeichelnd,„und darum bin ich ſo frei geweſen und brachte es auf meine eigene Verantwortlichkeit mit.“ „Da irrteſt Du Dich ſehr Burſche,“ verſetzte der Statthalter ſtreng.„Meine Befehle lauten entſchieden. Der Graf iſt verhaftet wegen einer Anklage, bei der es ſich um den Kopf handelt; und ich hörte nie, daß er einen Sohn habe.“ „Nicht von ſeiner Gemahlin, gnädiger Herr,“ er⸗ wiederte Claude lebhaft,„und darum habe ich ihn in's geheim mitgebracht. Ich beſchwöre Euch, Sir, verſaget meinem Herrn nicht die einzige Freude, die er ver⸗ muthlich auf dieſer Erde noch haben wird!“ „Sein natürlicher Sohn, ſagt Ihr?“ fragte der Statthalter bedächtlich.„Fürwahr, er ſieht ihm ähn⸗ lich genug. Was ſagt Ihr, Mylady?“ ſetzte er hinzu indem er plötzlich in das Gemach zurücktrat und ſeine Gemahlin anredete, die mit dem Herrn an der Tafel, der ſich in verliebter Stellung zu ihr hinneigte, ein intereſſantes Geſpräch angeknüpft zu haben ſchien. „Was ich ſage, Sir John? Wahrlich, wenn Ihr von Eurer Lebensart redet, ſo muß ich geſtehen, daß es eine Bauern⸗Manier iſt, Euren Gaſt ſo lange bei einem leeren Becher ſitzen zu laſſen,“ verſetzte die Lady, mit einem Lächeln gegen ihren Gaſt, der ſich verfärbte, auch lächelte und ſeine Halskrauſe in Ordnung brachte. „Nein, ich fragte nur, ob Ihr die Aehnlichkeit zwiſchen Lord Aumerle und dieſem ſeinem ungeſetzlichen Abkömmling bemerktet?“ antwortete der Statthalter, ſich in die Lippen beißend. „Lord Aumerle iſt ein Mann von äußerſt edlen und höflichen Manieren,“ antwortete die Dame, deu Jungen gleichgültig anſchauend.„Bei Gott! da iſt Aehnlichkeit genug, um die Sache vor jedem Gericht des Landes auszufechten. Aber das Kind iſt hübſcher und hat ein fröhlicheres Auge. Was haltet Ihr davon, Mr. Pepys?“ „Ich ſah ſeine Lordſchaft blos einmal und auch da nur für einen Augenblick durch ein eiſernes Gitter,“ war die Antwort dieſes Herrn. 3 „O Pfui, Mr. Pepys! Ich ſtehe dafür, Ihr habt ihn oft genug geſehen in der Königin katholiſcher Ka⸗ pelle, wohin Ihr wie die Leute ſagen, nicht ſo ſelten kommt, als es ſich für die Zeiten geziemt,“ erwiederte die ſchöne Wirthin mit bedeutungsvollem Lächeln. „Meiner Treu, verehrte Frau, das iſt eine ſchänd⸗ liche Lüge meiner Feinde,“ verſetzte Herr Pepys unge⸗ ſtüm, als ihn Sir John etwas unhöflich mit den Wor⸗ ten unterbrach: „Nun ja, Monſieur Deville oder Duval oder wie heißt Ihr?— Wir wollen uns gegen den Grafen hie⸗ rin einmal nachſichtig erweiſen. Merkts Euch, nur einmal. Wo iſt der Mann, der Euch hieher führte? Oh, Edwards,“ ſetzte er hinzu als der Alte hinter ei⸗ nem vergoldeten Schirm hervortrat,„nehm' die Schlüſ⸗ ſel zu Lord Aumerles Gemach und führe dieſen Herrn zu ihm. Schließe ſie eine Stunde mit einander ein— nicht länger.“ 22 „Allein, Euer Ehren?“ ſagte Edwards mit einem zweifelhaften Blick. „Ja, allein. Weßhalb nicht?⸗ verſetzte Sir John, ſeine Ehefrau ſcharf anſehend.„Der Befehl lautet wört⸗ lich ſo. Wenn es Fuchs und Gans wären, ſo würde man allerdings übel daran thun, ſie einen Augenblick bei einander zu laſſen.“ „Bringt das Kind hieher, Mr. Duval,“ ſagte die Lady, bei der letzten Bemerkung höhniſch lächelnd.„Ich möchte ihm gerne einige Früchte und einen Fingerhut voll Sherri⸗Wein geben, wenn ſein bäueriſcher Gau⸗ men ſolch' ungewohnte Delikateſſe ertragen könnte.“ „Das kann er und recht gern obendrein,“ ant⸗ wortete Claude.„Und wenn der Becher einen Ge⸗ danken tiefer wäre, ſo würde ich demüthig um die Er⸗ laubniß bitten, einer ſo ſchönen Lady Wohl trinken zu dürfen.“ „Du biſt ein kühner Burſche,“ bemerkte hier Sir John mit einem Blicke voll Argwohn. „Du ſollſt ihn haben, weil Du den Muth hatteſt, darum zu bitten,“ fuhr die Lady fort, indem ſie gegen ihren Gemahl etwas ſpöttiſch lächelte.„Mr. Pepys, habt die Güte, das hohe Kelchglas neben Euch mit Burgunder zu füllen und dieſem guten Burſchen zu geben, damit er unſer Wohl trinke.“ Der Cavalier kam dieſer Aufforderung ungeſäumt nach und Sir John, der ſich in ſeinen Armſtuhl warf, fing an Nüſſe zu knacken und ein Lied zu ſummen, in⸗ dem er ſich ſtellte, als ob er gleichgültig auf den Fluß hinausſehe. Unterdeſſen nahm Claude ſeinen Becher mit einem Schwall von franzöſiſchen Complimenten und leerte ihn auf das Wohl der Lady⸗Lieutenant bis zur Nagelprobe. Der Knabe folgte ſeinem Beiſpiele nach und lachte, als er ſein kleines Glas un derſitze, wie im Bewußtſein des Spaſſes, mit einem chmatzen der Lippen, das ein ſchwaches Echo von dem Duval's war. Er empſing aus den Händen der Lady mit der⸗ 23 ſelben Freimüthigkeit eine Traube, der Lieutenant je⸗ doch, als ob er der Laune überdrüſſig wäre, forderte plötzlich Edwards auf, voranzugehen. Claude nahm den Jungen in ſeine Arme, wo er noch unter vielen Lobpreiſungen ſeiner Schönheit von der hübſchen Wir⸗ thin ſelbſt geküßt wurde. Edwards ließ ſich den Schlüſ⸗ ſelbund vom Schließer einhändigen und führte das Kind und Claude hinaus, wobei ſich der Letztere mehr gegen die Lady als gegen ihren mächtigen Herrn verbeugte. „Na, Mr. Pepys, das iſt ein ganz anſtändiger Mann für ſeinen Beruf,“ hub die Lady an. „Fürwahr, Madame, der Spitzbube lauert ſo deut⸗ lich in ſeinen Augen, als ich dies je bei einem Unauf⸗ geknüpften ſah,“ erwiederte der Cavalier, während er ſorgfältig einen Apfel ſchälte.„Aber nun erlaubt mir, edle Frau, Euch ein ſüßes Exemplar der üppigen Frucht zu überreichen, welche die Frau Eva in Verſuchung brachte— fürwahr ein Liebesapfel!“ „Dieſer Claude Duval wird ſo gewiß an den Strick kommen als ſein Herr unter das Beil,“ fiel Sir John ein, ſich erhebend und haſtig auf und ab laufend.„Der Galgenvogel ſteht ihm an der Stirne geſchrieben.“ „Dann wird es aber meiner Treu für ein Ver⸗ gehen geſchehen, das ebenſo viel Luſtigkeit als Bosheit in ſich hat,“ verſetzte ſchalkhaft fein Weib.„Doch was ſagt Ihr dazu, Mr. Pepys?⸗ „Aber iſt es denn gewiß, daß Lord Aumerle auf den Block kommt?“ ſagte Mr. Pepys, ſtatt jeder wei⸗ tern Antwort ausdrucksvoll lächelnd. „Ohne Zweifel, ſobald die Londoner ein Schlacht⸗ opfer brauchen, oder der Hof ein Friedensopfer,“ ant⸗ wortete Sir John.„Er hat drei mächtige Feinde— ſeine Religion, ſein Weib und ſich ſelbſt.“ „Sein Weib!“ wiederholte Pepys im Tone ent⸗ ſchiedener Ungläubigkeit, als ob das Ding durchaus unmöglich wäre. „Ja Sir— ſein Weib,“ ſagte der Lieutenant düſter. „Oft liegt der bitterſte Feind, den ein Mann haben kann, an ſeinem Bußen. Sie ſind ſchon ſeit mehreren Jahren getrennt; kaum ein Jahr verheirathet, iſt Ma⸗ dame mit jenem Wüſtling, dem Lord Howard von Es⸗ kricke, davongelaufen. Aber dem Himmel ſei Dank, er iſt ſo arm als eine Ratte oder als ein Reiter und ſie leiden bittere Armuth.“ „Beſſer Faſten halten in Liebe, als Feſte im Haß,“ ſagte die Lady, Mr. Pepps muthwillig an⸗ ſchauend.„Aber ich wußte bisher nicht, daß ſie ſo viele Urſache für ihren Haß hat als dieſes ſchöne Kind zu bezeugen ſcheint; ich glaubte immer, er liebe ſie über die Maßen. Wenn übrigens die Anklage, des ſchur⸗ kiſchen, iriſchen Verräthers, Blood, als begründet er⸗ funden wird— ſo wird das Beil ſie nicht blos von einem Manne befreien, den ſie verabſcheut, ſondern auch zur reichſten Frau in England machen. Sie iſt ſeine Baſe, Mr. Pepys und erbt ſeinen Titel und ſeine große Beſitzungen, da er keinen legitimen Nach⸗ kommen hat.“. „Gütiger Himmel!— Und wer weiß— vielleicht ſteckt ſie unter der ganzen Geſchichte!“ ſagte Pepys, die Blicke aufwärts richtend.„Wehe, wehe, über die Verdorbenheit der Weiber!(Ich bitte um Eure Ver⸗ zeihung edle Frau), aber vielleicht iſt der arme Graf ſo unſchuldig als ich ſelbſt. Nach Allem, was ich höre, hat er blos ſeine papiſtiſche Religion, ein ſchlechtes Weib, und die tolle Wuth des Pöbels gegen ſich.“ „Genug, und mehr als hinreichend, um ihn in's Sägmehl beißen zu laſſen,“ bemerkte Sir John. „Der Graf iſt aher auch in der That zu hals⸗ ſtarrig,“ verſetzte die L dy;„er hat ſich ſtets gewei⸗ ert, ſich von ſeinem Weibe ſcheiden zu laſſen, obgleich ſe ſchwört, daß ſie lieber ſterben als zu ihm zurück⸗ kehren wolle. Man ſagt, ſie ſei von ihrem alten, rohen Vater gezwungen worden, ihn zu heirathen, und Ho⸗ — 25 ward war, wie ich weiß, ihre erſte Liebe; und erſte oder zweite Liebe iſt ſehr ſchwer auszurotten Mr. Pe⸗ pys.— Aber ach! nun erinnere ich mich, ich verſprach Euch meine italieniſchen Veilchen auf der ſüdlichen Terraſſe zu zeigen. Bitte, Sir John, mögt Ihr uns begleiten?“ „Nein mein Herr, ich muß meine Runde machen— Ihr wißt, es iſt jetzt die Stunde,“ antwortete er mit erheuchelter Heiterkeit;„ich darf Mr. Pepys und Mylady ruhig beiſammen laſſen, obgleich die Zeiten nicht ſo tugendhaft ſind, daß ein Mann ſeinem eigenen Bruder trauen ſollte— aber Mr. Pepys iſt verhei⸗ rathet und ich könnte mich rächen— Ha, ha, ha!“ „Ha, ha, ha!“ ſchallte es aus dem Munde des Gaſtes zurück, der nun aufſtund und der Lady mit höſiſchem Anſtande Mantel und Hut anlegen half. „Aber das wär eine ärmliche Revanche, Sir John, Angeſichts des überaus großen Vorzuges, den Eure Gemahlin vor der meinigen an Schönheit hat!“ Dann bot er ihr mit tiefer Verbeugung ſeinen Arm, nahm ſeinen Federnhut in die Hand und lief, während Lady⸗Lieutenants weiße Hand auf ſeinem Sammtärmel ruhte, den Corridor hinab. 3 Sir John blickte ihnen einen Augenblick nach, mit erheucheltem Scherze ein Fäuſtchen gegen ſie machend; dann warf er ſich mit einem tiefen Seufzer in ſeinen Stuhl, als ſein Blick plötzlich auf die bewegungsloſe Geſtalt, des hinter ihm ſtehenden Schließers fiel. Er verſuchte alsbald zu ſingen, aber mit ſo geringem Er⸗ folge, daß er, ärgerlich über ſeine ſchlechte Muſik, den Burſchen einen müßigen, herumlümmelnden, aufpaſſen⸗ den Schurken zu ſchimpfen anfing; und nachdem er ihm befohlen hatte, die Speiſen hinwegzunehmen, ver⸗ ließ er das Gemach, anſcheinend, um ſeinen Pflichten in der Veſte nachzukommen, in Wahrheit aber, um ſich längs des Corridors zu einem kleinen Fenſter hinzu⸗ 26 ſtehlen, von wo man die Ausſicht— auf die ſüdliche Terraſſe hatte. 8 Zweites Kapitel. Der Staatsgefangene. Unterdeſſen folgte Duval ſeinem Führer durch eine Reihe von Gängen und düſtern Gemächern in ein ſchmales Zimmer im Erdgeſchoß, wo Edwards ſtille hielt, um auf einige niedere Planken unter einer klei⸗ nen Treppe aufmerkſam zu machen, die ſie hinaufzu⸗ ſteigen im Begriffe ſtunden. Hier, ſagte er, habe man die Gebeine Edward's V. und des jungen Herzogs von York entdeckt, die von ihrem Onkel, Krumbuckel ermor⸗ det wurden. Er fügte hinzu, Lord Aumerle wohne in der obern Zimmerreihe und das Gebäude, in welchem ſie ſich jetzt befänden, heiße der blutige Thurm in Folge der vielen Blutthaten, die darin verübt worden ſeien. Nachdem ſie die enge Treppe hinaufgeſtiegen waren, ſchloß Edwards eine eiſerne Thüre auf, welche mit vielen Riegeln und einer ſtarken Kette geſichert war und ihnen den Eingang in ein dunkles Zimmer öffnete, dürftig ausgeſtattet mit der Ausſicht auf einen darun⸗ ter liegenden Hof. Gegenüber war eine andere Thüre, die etwas offen ſtand, auf welche der Alte zuging und klopfte. Keine Antwort ließ ſich hoͤren, und nach einem Winke zu ſeinen Gefährten, ihm zu folgen, öffnete er ſie und ſchritt kecklich hinein mit der Bemerkung, daß Ceremonien an den Hof, aber nicht in's Gefängniß ge⸗ hörten. Ein ziemlich unerwarteter Anblick, bewog ihn jedoch, ſtille zu halten und leiſer zu ſprechen. 27 Das Zimmer, in welchem ſie ſich nun befanden, war groß, aber ungemein düſter, indem es nur durch ein einziges, hohes, vergittertes Fenſter Licht erhielt, durch welches jetzt die Abendſonne ſchief hereinfiel und alle Gegenſtände, die ſie nicht unmittelbar traf, in tiefe Schatten warf. Unter dieſem Fenſter ſtand auf einem Schreibpulte, neben einem ſilbernen Kruzifixe, ein maſſiver Armleuchter und lagen Schreibmaterialien zerſtreut umher. An dem Tiſche ſaß, halb verborgen in einem umfaſſenden Lehnſtuhle, eine ſtattliche Manns⸗ geſtalt, das Haupt auf die Hand geſtützt und dem An⸗ ſcheine nach ſo in Gedanken verloren, daß er weder das Klopfen, noch das Hereintreten ſeiner Beſucher be⸗ merkte. Er war in ſchwarzen, mit glänzenden, dunklen Verzierungen verbrämten Sammt gekleidet, wie in voller Trauer; und von einem geſpitzten Hute, der neben ihin auf dem Pulte lag, hingen eine Fülle von Federn von derſelben traurigen Farbe ſchwer herunter. Sein Haar, nun von frühzeitigem Kummer grau über⸗ flogen, war einſt glänzend ſchwarz geweſen, wie ſein Kinn⸗ und Schnurrbart es noch waren. Das Licht fiel voll auf ſein Geſicht und offenbarte ausgezeichnet ſchöne Züge, die aber von einem Ausdrucke tiefer Melancholie bezeichnet und beinahe geiſterbleich waren. Seine Augen, aufwärts gerichtet, waren ſchön blau und geiſtreich, aber ob ſie gleich in ernſtem Blicke auf die eiſernen Gitter ſtarrten, ſchien es doch, als ob aller bewußte Sinn in Gedanken vergangen ſei. Er hatte augen⸗ ſcheinlich an einem Papier geſchrieben, das vor ihm lag, denn er hielt immer noch die Feder in der Hand und ſchien über das von ihm Geſchriebene nachzudenken. Das Gemach war in dem Geſchmacke des fünf⸗ zehnten Jahrhunderts ausgeſtattet, mit den maſſiven Stühlen und unbeweglichen Tiſchen, an denen unſere Voreltern Gefallen fanden, und die Wände daran wa⸗ ren mit ſinnreichem Tapetenwerke behangen, worauf die Schickſale der Eſter abgebildet waren. Eine offenſte⸗ hende Thüre führte in ein zweites Zimmer, in welchem ein hohes mit reichgeſticktem carmoiſinfarbenem Da⸗ maſte behangenes Bett erſchien. Auch dieſes Zimmer war durch ein Gitterfenſter erleuchtet, mit der Aus⸗ ſicht auf Zinnen und Häuſergiebel bis zum Strome hinunter, der darüber hervorglänzte. „Mylord,“ ſagte Edwards,„hier iſt einer von Euren Dienern, der, wie ich hoffe, Euch erfreulichere Neuigkeiten bringt, als Ihr zu hören gewöhnt ſeid.“ Der Gefangene fuhr aus ſeiner gedankenvollen Stellung auf; und legte in der erſten Ueberraſchung ſeine Hand auf die Stelle, wo ſein Schwert geweſen ſein ſollte; beſann ſich jedoch im Augenblicke, lächelte und ſprach, mit einem zufriedenen Tone: „Biſt Du es, alter Talbot? Mich freuts, Dich wohl aufzuſehen, denn wahrlich wie die Welt jetzt geht, biſt Du ehrlicher als der Ungehenkten. Was ſagt Ihr?— wer vergißt ſich ſelber ſo ſehr, daß er ſich meiner erinnert?“ „Euer getreuer Diener, Claude Duval,“ rief der Reiſende, indem er ſich auf's Knie warf und unter ſtürzenden Thränen die Hand küßte, welche der Earl, ihn aufzurichten, ausſtreckte. „Mein guter Duval!— Ihr habt kein Gras wach⸗ ſen laſſen unter Eures Roſſes Hufen,“ ſagte der Ge⸗ ſangene begierig.„Aber wo iſt mein— wo iſt das ind?⸗ „Dies iſt der kleine Mervyn, Mylord,“ ſagte Claude, indem er bei Seite trat und den Knaben vor⸗ zeigte, der ſich an ſeinen Mantel hing und mit ſicht⸗ barem Schrecken um ſich blickte. „Es iſt ein liebliches Ding— ich habe niemals einen italieniſchen Cherub geſehen, der ihm in Schön⸗ heit gleichkam!“ ſagte der Earl, während ſeine Mar⸗ morfarbe ſich glühendroth aufhellte.„Komm hieher Kind— ich will Dir nichts zu Leide thun.“ 29 „Gehe hin, Mervyn— wie, fürchteſt Du Dich vor dem edeln Herrn?“ ſagte Claude, indem er die wider⸗ ſtrebende Hand des zurückweichenden Knaben faßte. „Nein, ich fürchte mich nicht vor dem Herrn— aber was iſt das ſchwarze Ding auf dem Tiſche?“ ſagte der Knabe und deutete auf des Earls Hut. „Stille, es iſt vorbei,“ ſprach Aumerle und warf ihn auf die Seite.„Gieb mir Deine Hand, Mervyn— ſage mir, ſahſt Du mich je zuvor?“ 3 „Ja,— einmal, da ich ein unartiger Knabe war und einen böſen Traum hatte, ſo ſagte meine Wärte⸗ rin,“ war des Knaben Antwort. „Meiner Treu, er erinnert ſich des geheimen Be⸗ ſuches Eurer Lordſchaft in Cornwall, da Ihr ihn beim Kerzenſchein ſahet, wie er in ſeinem Bettchen ſchlief,“ ſagte Claude. „Ja, und Ihr küßtet mich und Eure Lippen waren ſo heiß,— wie Feuer,“ fuhr das Kind fort, das nun ſeine Hand in die des Earls legte.„Aber ich fürchte mich nicht vor Euch, weil die Wärterin ſagte, Ihr lieb⸗ tet mich, obgleich Ihr mich nicht leiden könnt.“ „Sie ſprach die Wahrheit, Kind, wiewohl auf ein⸗ fältige Weiſe,“ ſagte der Gefangene, des Knaben ſchö⸗ nes Haar zurückſtreichend, mit einem Blicke voll tiefen, kummervollen Ernſtes.„Schau hieher, Duval!— ſiehſt Du dieſe funkelnden Augen und den vollkommen gebildeten Mund? Die ſind das Erbtheil von ſeiner wunderſchönen, ſchlimmen Mutter; gebe Gott, daß er ihr niemals eben ſo im Böſen gleichkomme, wie in Schönheit!“ „Amen, Mylord!“ ſtimmte Claude ein.„Aber ich komme ſoeben vom Lord⸗Lieutenant und ſeiner Geſell⸗ ſchaft, die ſich über ſeine große Aehnlichkeit mit Eurer Lordſchaft wunderten— ohne mit Eurer Anſicht über die Sache zu ſtreiten— er gleicht Euch ſo ſehr, als jemals ein Sohn ſeinem Vater:— aber bei alledem ſage ich nicht, daß er Euer Sohn ſei.“ 30 „Duval,“ ſagte der Earl, augenſcheinlich in großer Bewegung,„in Wahrheit, meine eigene Meinung hat ſich ſeltſamlich geändert. Guter Mr. Edwards, habt Ihr vielleicht Erlaubniß, uns auf einige kurze Augen⸗ blicke allein zu laſſen?“ „Ein Stündchen, Mylord,“ erwiederte der alte Mann, erröthend und aus der Stellung der geſpann⸗ teſten Neugierde, mit der er zugehorcht hatte, auf⸗, fahrend. 1 „Auf ſo lange denn, wollen wir uns Eurer güti⸗ gen Gegenwart berauben, alter Talbot,“ ſagte der Earl freundlich; und der Bewahrer der Kronkleinodien ver⸗ ſchwand, mit einigem Anſchein von Verwirrung. „Der alte Mann hat ſeine Fehler, wie jede menſch⸗ liche Herrlichkeit,“ ſagte Aumerle, indem er ſeinem Kerkermeiſter ein wohlwollendes Lächeln nachſandte; „und ſo unter andern unbegrenzte Neugierde und Leicht⸗ gläubigkeit, welche gewöhnlich Hand in Hand gehen; aber er hat ſich dienſtwillig gegen mich erzeigt und ſein Sohn wird mir einiges Gute thun für Vieles, das ich ihm in früherer Zeit gethan.“ „Aber, Mylord,“ ſagte Duval ängſtlich,„ich glaube, Ihr ſpracht von einer Veränderung, die in Euren Mei⸗ nungen, über Euren— den Knaben ſtattgefunden.“ „Glaubt Ihr, ich würde außerdem dieſe Furcht für ſeine Sicherheit fühlen. Wenn ich jetzt noch an die— die Geſchichte glaubte— weswegen ſollte ich die Gefahr fürchten, welche ihm von dieſem teufliſchen Paare droht? Claude, ich habe genug erfahren— Du weißſt, wie mein armes, gebrochenes Herz, ſelbſt in Augenblicken, wo es von jenen abſcheulichen Erfindun⸗ gen am ärgſten betrogen wurde, ſich immer an dem ſtarken Inſtinkt feſthielt, der mich lehrte, daß jeder Tropfen Bluts in ſeinen ſüßen Adern aus dieſem Her⸗ zen fließe, das auch im wildeſten Wahnſinn ihn zärtlich liebte. Jedoch, wer hätte denken ſollen, daß ſolch ein unnatürlicher Verrath ein Weib erfüllen könne? Daß 81 eine menſchliche Mutter, grauſamer als eine hungrige Wölfin, gegen ihr eigen Kindlein wüthen könne? Es iſt entſetzlich, ſolche Gräuel nur zu träumen! Doch exiſtiren ſte in der Wirklichkeit. Der Himmel verzeihe mir das Unrecht, das meine verirrte Leichtgläubigkeit Dir ſchon zugefügt hat, geſegnetes Kind!“ Und mit Thränen, die ſchnell und häufig ſeinen Augen entſtürzten, ſchloß Aumerle den Knaben in ſeine Arme und küßte ihn mit leidenſchaftlicher Heftigkeit— ein Verfahren, welches ſich dieſer in ſtiller Verwunde⸗ rung gefallen ließ. „Sei unſere heilige Mutter Gottes geprieſen für dieß!“ ſagte Claude, indem er von ſeinen eigenen Wimpern den Thau ſtreifte, der ſich, trotz ſeiner Ge⸗ genbemühung, daraus hervordrängte.„Ja aber, bei ihrem gebenedeiten Namen! wenn ich jemals daran zweifelte, daß der kleine Mervyn und jeder Zoll von ihm, der Eurige ſei, ſo möge mir ihre Hülfe entgehen, wenn ich dieſelben am Meiſten bedarf!“ „Du beſprachſt von jeher meinen Wahnſinn, wie eine ſtürmiſche See,“ ſagte der Gefangene beruhigter. „Aber für das und noch Vieles Andere, Claude, werde ich ein dankbarer Schuldner ſein, wenn ich am Leben bleibe.“ Der Earl ſchwieg einige Minuten lange und ſchaute unverwandt das Kind an.„Duval,“ ſagte er endlich mit einem Seufzer,„wäre nicht der einzige kleine Ueber⸗ reſt von Zweifel, wie necktargleich würde dieſer Kelch der Freude ſein! Die Verſicherung, zu fühlen, daß die Herrlichkeit meiner Vorfahren in dieſer ſchönen und edeln Geſtalt fortleben wird, wenn die meinige ſchon längſt für immer in den Staub gelegt worden iſt!— Aber ich habe jetzt keine Zeit für Thränen, wenn es auch Freudenthränen ſind, Claude, ich glaube— ich darf mich Dir mit Sicherheit anvertrauen?“ 5„Bis zu meinem letzten Blutstropfen, geliebteſter Herr! 32 „Nun denn, ich will Dir ſagen, hub der Gefan⸗ gene an.„Mein Leben iſt in großer Gefahr— ich bin in der That innerlich überzeugt, daß ich dieſe Mauern nie mehr lebendig verlaſſen werde, nicht ein⸗ mal, um meine Rolle auf des Verräthers Wieſe(trai- torn's Green) zu ſpielen; aber wenn mein Sohn gerettet würde, ſo hätte der Tod keine Schrecken für mich. Ich fürchte Duval— ich fürchte— nein, ich weiß es, daß weder ſeine Mutter, noch ihr Liebhaber ſich ſcheuen würden, dieſes Blut zu vergießen, wenn ſie es für nothwendig hielten, um ihre Hoffnungen mich zu be⸗ werben, ſicher zu machen.“ „Aber iſt es möglich, Mylord, können ſie ihr Verbrechen auf einen ſo verdammenswürdigen Gipfel treiben, daß ſie Euch auf das Schaffot bringen, mit einer Anklage, deren Grundloſigkeit ſie bewußt ſind.“ „Ich weiß nicht, Duval! ſie haben gute Zeugen auf ihrer Seite— Männer, die daran gewöhnt ſind, unſchuldiges Blut zu verkaufen. Der König liebt mich nicht— das Volk haßt ſchon den Laut meines Namens. Predigte nicht Dr. Tongue in St. Mary's Kirche gegen mich am Jahrestage der Armada, und nannte mich ei⸗ nen blutdürſtigen Papiſten, dem nichts als die Macht fehle, um der Haman dieſes Geſchlechtes von Iſrael zu werden? Und, Claude,“ fuhr der Gefangene fort, indem er noch bleicher wurde,„wißt Ihr nicht, daß der Hauptſächlichſte der meineidigen Zeugen gegen mich, jener mörderiſche Schurke, Oberſt Blood iſt? Er haßt und fürchtet mich zu ſehr, um ſein Werk nur halb voll⸗ endet zu laſſen!“— „Mit Recht heißt man ihn den Irrländiſchen Ju⸗ das!“ rief Claude.„Aber, Mylord, überlaßt Euch keinen ſolchen traurigen Ahnungen—“ „Stille davon, Duvall ich bin nicht wegen meiner ſelbſt in Beſorgniß,“ ſagte der Earl, haſtig.„Das Leben hat für mich wenig Reize mehr, meine Sonne iſt am Mittage ſchon hinuntergegangen und hat nichts 33 als Finſterniß zurückgelaſſen. Ich ſage nicht, daß ich zu ſterben wünſche, denn ich möchte gerne am Leben bleiben, um meinem Sohn zu ſeinem Rang und Na⸗ men zu verhelfen: wenn aber das nicht ſein kann— aber noch einmal, ich will dieſen traurigen Gedanken nicht nachgeben. Nun, wie Du ſagſt, es kann noch Alles gut gehen; der König hat in meine ernſtliche Bitten gewilligt und wird mir morgen, hier in meinem Kerker, eine Audienz gewähren, wenn nicht meine Feinde bis dahin das Geheimniß erfahren und es ver⸗ eiteln; was ich jedoch nicht befürchte, da es nur einem einzigen Manne, meinem theuerſten Freunde, anvertraut worden iſt, deſſen dringende Vorſtellungen dem Könige dieſes Verſprechen abzwangen. Du haſt mich vom Oberſt Lydey ſprechen hören— ach! und er iſt dieſen Morgen nach Dänemark abgereist!“ „Aber Mylord, was erwartet Ihr Gutes von—“ „Höre mich an, Claude,“ unterbrach ihn der Earl, indem er eine Schrift aus ſeinem Wamſe zog, wobei ſeine Augen in plötzlicher Aufregung blitzten.„Ich halte hier ein Document in der Hand, welches ſeine Wirkung thun wird, meine Unſchuld in den Augen Sr. Majeſtät darzuthun, und meinen Sohn in alle ſeine Rechte ein⸗ zuſetzen. So leichtſinnig auch der König iſt, ſo iſt er doch jeder Ungerechtigkeit Feind, die er nicht ſelber be⸗ geht. Bleibe ich am Leben, ſo wird dieß jetzt geſchehen, — wo nicht, ſo wird mein Sohn aufwachſen, um mich zu rächen!“ „Aber, mein theurer Lord, es iſt ſicherlich kein Grund vorhanden, um perſönliche Gewalt zu befürch⸗ ten?“ ſagte Claude, ſchaudernd. „Du weißt nicht, was für Hunde auf meiner Fährte ſind,“ erwiederte der Gefangene mit einem be⸗ ſorgten Blicke im Zimmer umher.„Meine Feinde ha⸗ ben ſich zu tief bei der Sache bloß gegeben und gleich Mördern, dürfen ſie, nachdem einmal der erſte Schlag gethan, mich nicht am Leben laſſen. Wer weiß„ was Whitefriars. I. 3 34 dieſe Tapete Geheimes bedeckt? Wahrlich Duval, dieſe Wände könnten manche grauenvolle Sage offenbaren, wenn ſie Zungen zur Rede hätten. Ich habe ſie be⸗ reits geprüft und ſie gaben mir manche hohle Antwort. Aber das thut nichts. Wenn ſie mich nicht im Schlafe überfallen, ſo werden ſie finden, daß ſie es mit keinem Weibe zu thun haben! Mein guter Claude, es kann nicht in Ihrer Politik liegen, mich als Hochverräther ſterben zu laſſen, denn dann würde das reiche Erbe, auf deſſen Beſitz ſie hoffen, völlig der Krone verfallen ſein; indeſſen bleibt es meinem Verſtande ein Räthſel, weswegen ſie mich in dieſe Irrländiſche Verſchwörung verwickelt, und Blood beſtochen haben, mich in der allgemeinen Anklage mitzunennen.“ 1 „Vielleicht verlaſſen Sie ſich auf ihre Gunſt beim Könige, um die Confiskation zu verhindern,“ ſagte Du⸗ val, begierig die noch furchtbarere Alternative in den Hintergrund zu ſtellen. „Es kann ſein und es gibt mir Troſt, dieß zu glauben,“ ſagte der Gefangene, ruhig.„Und nun, hör mich aufmerkſam an, Duval, denn was ich ſage, muß ſich Deinem Gedächtniſſe tief und deutlich einprä⸗ gen. Du warſt ohne Zweifel überraſcht, zu ſehen, zu welcher heißen Eilfertigkeit ich Dich antrieb, als ich Dich nach Wallis ſandte, um mir dieſes Kind zum Be⸗ ſuch in meinen Kerker zu bringen— ich, den einſt deſ⸗ ſen bloße Gegenwart zum Entſetzen brachte, obgleich ich ihn mehr, als meinen Augapfel liebte;— worinn ich dem Armen von einem tollen Hunde Gebiſſenen glich, der zu Tode dürſtet und doch beim Anblick des Waſſers in Verzweiflung geräth. Höre daher aufmerk⸗ ſam auf den Inhalt dieſes Briefes, den ich meine Er⸗ löſung nennen darf, obgleich Du Dich wundern wirſt, wenn ich Dir ſage, daß es ein Brief von einem Weibe iſt, den mir, auf ihr Geheiß, kein willkommenerer Bote, als Oberſt Blood ſelbſt gebracht hat; und dieſen denke ich dem Könige zu zeigen, und kein Menſch ſoll ihn 35 von mir erhalten, ohne mich vorher des Lebens zu be⸗ rauben.“. Der Earl öffnete unter dieſen Reden eine Schrift, und der kleine Mervyn, der nun ſeinen Schrecken ver⸗ loren hatte, ſaß ihm auf dem Schooße, während er ſie vorlas und ſpielte mit einem Miniaturbilde, das an ſeiner Bruſt hing. So aufgeregt auch Aumerle war, ſo las er doch in einem tiefen, verhaltenen halblauten Tone, als ob er fürchtete, daß der Inhalt einem Hor⸗ cher zu Ohren kommen könne, wozu jedoch geringe Veranlaſſung vorhanden zu ſein ſchien, da ſie Talbot, als er ſie verließ, drei Thüren hinter ſich hatten zurie⸗ peln hören. Dieſer, hie und da von des Earls Er⸗ äuterungen unterbrochene, Inhalt, lautete folgender⸗ maßen: „Mylord Aumerle!(denn ſo, Claude, redet mein zärtliches und treues Weib ihren gefangenen Ehegemahl an)— Mylord Aumerle! „Nicht ohne die ſchmerzlichſten Gefühle und manchen Zweifel in meine eigene Klugheit, ſchreibe ich Euch noch einmal und das letztemal: Aber ich gehorche denen, die ein Recht haben, dieſe Gefälligkeit von mir zu ver⸗ langen.(Ja wahrlich! der Schurke Howard,— oder der ehrliche Herr Blood). Ich ſchreibe dieſe Zeilen nicht, Mytord, um abzuläugnen, daß Ihr in den Augen der Welt ein tief gekränkter Mann ſeid und daß ich es war, die Euch Unrecht that; aber in wiefern dieſes Urtheil gerecht iſt, weiß Euer eigenes Herz am beſten — Ihr, der Ihr unterſtützt von einem Vater, deſſen Grauſamkeit ich nicht länger vor dem Richterſtuhle, vor dem er bereits erſchienen iſt, anzuklagen brauche, mich aus den Armen des einzigen Mannes, den ich je⸗ mals liebte, geriſſen hatte, um mich eine verabſcheute Stelle in den Eurigen einnehmen zu laſſen. Ebenſo wenig ſchreibe ich deßwegen, um Euer Mißgeſchick da⸗ mit zu höhnen, daß ich, der von Euch ſo großes Un⸗ recht widerfahren, nun ſo gewiß Euer Schickſal ent⸗ ſcheide, als das Schickſal ſelbſt— und Ihr ſeid Euch bewußt, ob Ihr viele Mäßigung von meiner Seite verdient habt. Ich bekenne in der That höchſt feierlich vor Gott und würde es, hielten mich nicht andere Rückſichten ab, auch vor den Menſchen thun, daß ich Euch jederzeit haßte und dieß bis zur letzten Stunde meines Lebens thun werde. Warum wolltet Ihr ein Weib an Euch gefeſſelt halten, das ſchon den Laut Eu⸗ res Namens haßt? Aber ich ſchreibe an Euch aus dem wahrhaftigen Grunde, den Vorſchlag, den ich Euch ſchon früher mehreremale und erſt vor acht Tagen durch meinen Freund Oberſt Blood machte, aufzuneh⸗ men. Und dieſe Bedingung biete ich Euch ſomit noch einmal an, indem ich Euch ernſtlich bitte, beſſer auf Euer Leben und Eure Ehre bedacht zu ſein, als daß Ihr ſie verwerfet. „Ihr wiſſet wohl,(um nicht unbeſcheiden zu ſpre⸗ chen) daß es in meiner Gewalt ſteht, die Anklage un⸗ ter welcher Ihr in trauriger Haft ſitzt, entweder zu⸗ rückzunehmen, oder dieſelbe bis zu ihren blutigſten Fol⸗ gen durchzuführen. Ihr wiſſet, mit welch leidenſchaft⸗ ANichem Verlangen Mylord Howard und ich ſelbſt durch eine öffentliche Heirath alle Schuld von unſerm Leben zu wälzen wünſchen, damit nicht unſer noch ungebor⸗ nes Kind Grund haben möge, Euren Eigenſinn zu verfluchen; und dieß kann nicht geſchehen, ohne daß auch die Kirche uns Beide ſcheidet, die wir ſchon lange in Herz und Perſon geſchieden waren. „Auch wißt Ihr, daß Lord Howard nicht reich iſt und daß ich ihm nicht eben ſo viel Armuth als Sor⸗ gen zubringen will; deßhalb ſtelle ich folgende Be⸗ dingungen auf, welche meines Erachtens ſo gerecht und billig ſind, als ſie die Vernunft nur ausdenken kann. Es iſt Euch längſt bekannt, daß ich die Erbin Eures Titels und Eurer reichen Grafſchaft bin, im Fall Ihr keinen geſetzlichen Nachkommen hinterlaſſet, was Ihr auch nicht thun werdet— wenn Ihr mich zwinget 37 durch eine öffentliche Erklärung dasjenige zu bekräfti⸗ gen, was ich in Betreff des Kindes Reginald bereits ausgeſprochen habe. Ich bin übrigens nunmehr ge⸗ neigt, zu bekennen, daß er Euer legitimer Sohn und Erbe iſt(und der Himmel weiß es, daß er es iſt!) und ſeine Erbfolge, obgleich ich ihn nicht liebe(was zur Genüge beweist, daß er kein Sohn Lord Howard's iſt, wie ich erdichtete, um Euch wüthend zu machen und mich zu rächen) unter den Bedingungen zu dulden, die ich hiernach benenne: „Erſtens, daß Ihr übereinſtimmend mit mir eine Eheſcheidung verlanget, auf den Grund der Verſchie⸗ denheit der Religion und des gegen mich verübten Zwanges, wie Ihr dieß der Wahrbeit gemäß zuge⸗ ſtehen müßt. „Zweitens, daß Ihr mir die Hälfte der Einkünfte aus Euren Beſitzungen, für die Dauer Eurer Lebens⸗ Zahlung von fünftauſend Mators in Geld, Pariſer Gewicht, belaſtet, was nur Ein tauſend Livres mehr iſt, als das mir bei unſerer Verheirathung ausgewor⸗ fene Witthum. Sohnes Illegitimität zu begründen, in geſetzlicher Form zurücknehmen, für ungültig erklären und widerrufen und will ihn öffentlich als den wahren geſetzlichen Er⸗ ben Eurer Beſitzungen, Eures Blutes und Eurer Wür⸗ „Im andern Falle jedoch, und ſollte ich mich am Tage des Gerichtes ſelbſt mit Schmach bedecken, will ich Euch vor den Pairs von England für einen ent⸗ ehrten Elenden und Euren Sohn für einen Baſtard er⸗ klären und die Erbfolge verlangen, auf die ich(Eurem 38 krankhaften Ausſehen nach) meines Erxachtens nicht lange werde warten müſſen, wofern Ihr nicht bald aus Eu⸗ rem Kerker an die friſche Luft gelaſſen werdet. „Dieß von dem gekränkten Weibe, deſſen größter Kummer darin beſteht, daß ſie genöthigt iſt, ſich zu unterzeichnen: Eurer Lordſchaft Gemahlin Eleanor Aumerle.“ „Duval,“ hub der Graf an nach Luft ſchnappend, als er zu Ende war,„jetzt ſag mir einmal aufrichtig, was hältſt Du von dieſer Dame?“ „Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, mein Lord,“ erwiederte Claude,„ſo hat Eure Lady eine eben ſo ſchwarze Seele als ſie einen weißen Körper beſitzt und der macht, wie mir däucht, den Engeln den Rang ſtreitig. Aber welche Antwort wollt Ihr ertheilen 2 „Kannſt Du fragen Claude?“ ſagte der Gefan⸗ gene ſcharf.„Was für eine andere Antwort, als die, welche ich auf alle früheren Drohungen und Unter⸗ redungen gab, und die auch mein letztes Wort ſein wird, ob auf dem Schaffot oder zu Stücken zerriſſen von dem tollen Pöbel, oder zuckend unter dem Meſſer des Mörders— nie, nie! Sie ſollen eher mein Herz haben, als das Wort, nach dem ſie verlangen!“ „Aber, mein Lord, es iſt doch gewiß irgend eine ſonderbare Urſache für einen ſo finſtern Haß vorhan⸗ den?“ ſagte Duval begütigend. „Sie liebte mich nie!“ antwortete der Graf dü⸗ ſter;„ihr Herz war dieſem Schurken Howard zuge⸗ wendet, aber verleitet von der niederträchtigen Thor⸗ heit ihres Vaters und von der unheilvollen Gabe der Schönheit, ihrem einzigen Beſitzthume, zwang ich ihn mit der Spitze meines Schwertes, auf ſeine Anſprüche zu verzichten und heirathete ſie, ich muß es ſelbſt ge⸗ ſtehen, gegen ihren Willen.— Damals jedoch wußte ich das nicht!“ 3 Der unglückliche Gefangene hielt plötzlich inne und 39 Claude, der nicht wußte, was er ſagen ſollte, ſpielte mehrere Minuten mit den Federn an ſeinem Hute. „Aber ſeid Ihr gewiß verſichert, mein Lord,“ hub er endlich an, nicht ſowohl das, was er ſagte, erwä⸗ gend, als vielmehr ängſtlich wünſchend überhaupt et⸗ was zu ſagen,„ſeid Ihr gewiß, das Oberſt Sydely Eure Abſicht nicht verrathen wird? Wie man mir ge⸗ ſagt hat, iſt er ein genauer Freund und Vertrauter Lord Howards!“ „Das iſt wohl wahr, aber Seele und Leib ſind bei ihm nichts als Ehre— ich will nicht an meinem Freunde zweifeln!“ antwortete Earl;„ſo ſehr er die⸗ ſen Schurken liebt, hat er doch in dieſer ganzen An⸗ gelegenheit meine Partie genommen. War er nicht damals mein Sekundant, als ich Howard herausfor⸗ derte und mein Weib als Page verkleidet, ſein Pferd hielt, während er ſich mit mir ſchlug? Ach, hätte uns die unerwünſchte Wache nicht von einander getrennt, ich würde in der That mein Rachegefühl geſättigt und ihn vor ihren Augen in Stücke zerhackt haben!“ „Die Zeit mag noch kommen Mylord!“ rief Du⸗ val aus. „Wenn ich aber unterdeſſen ſterben ſollte,“ ſagte der Graf mit einem geiſterartigen Lächeln, wenn Du hören ſollteſt, daß ich, der melancholiſche, katholiſche Earl einen Selbſtmord im Tower begangen habe, ſo nenne Du, Claude, das in Deinem Gebete Mord! In dieſem Falle wirſt Du wiſſen, daß meine Feinde dem Schickſal den Handſchuh hingeworfen haben und daß es vergebens wäre, meines Sohnes Anſprüche gel⸗ tend zu machen— ſie werden mit meinem Blute in's Grab ſinken. Ich lege Dir es ſtreng an's Herz, ſetze nicht durch einen derartigen Verſuch ſein Leben in Ge⸗ fahr; die Zeit wird ſchon kommen. Halte ſein Ver⸗ ſteck geheim vor der Welt und ſeine Geburt vor ihm ſelbſt, bis er im Stande iſt, ihren Machinationen Wi⸗ derſtand zu leiſten. Die Zeiten werden ſich ändern 40 und ſicherlich ſind ſie jetzt am ſchlimmſten. Dieſe Stürme werden die peſtbeſudelte Atmosphäre menſchlicher Mei⸗ nungen reinigen und ein Sonnenſchein muß folgen, der den Lilien der Gerechtigkeit Licht zur Blüthe brin⸗ gen wird.“ „Aber wird nicht unſer Stillſchweigen ſie im Be⸗ ſitze beſtätigen, bis es zu ſpät iſt, ihn zu beſtreiten?“ wandte hier Duval ein. „Und welche Beweiſe könnten dagegen angeführt werden?“ ſagte Aumerle traurig.„Dieſer Brief?— ſie werden ihn für eine Fälſchung erklären! O, wie entſetzlich verblendet war ich, daß ich damals ihre Ab⸗ ſicht nicht durchſchaute, als ſie mir die Zuſtimmung zu einer öffentlichen Erklärung von dem Tode des Kin⸗ des abrang, indem ſie drohte, ſonſt Alles bekannt zu machen; und ich— ich Thor, ich Elender, verleitet von wahnſinniger Leichtgläubigkeit— gut, nichts mehr davon! Vielleicht darf ich leben, um die meinem klei⸗ nen Mervyn wiederfahrenen Unbilden gut zu machen.“ Und er glättete des Kindes ſchöne Ringlocken mit einem Blicke von unſäglicher Liebe und Betrübniß zurück. „Ihr werdet am Leben bleiben, Mylord— wir Alle werden leben— um Mervyn Caſtle von dem Feſte erſchallen zu hören, das Eures Erben Wieder⸗ einſetzung feiern wird!“ ſagte Duval. „Nun gut, ich bin geneigt, die Sachen von der Lichtſeite zu betrachten,“ antwortete Aumerle, mit ei⸗ nem melancholiſchen Lächeln;„aber— Du weißt, man hält mich für keinen Feigling— und doch ſah ich die⸗ ſen Mann, Blood, nie, ohne einen Schauder des Ent⸗ ſetzens— nicht der Furcht— zu fühlen. Dann iſt mir, als ob mein ſchlimmer Geiſt da wäre— doch dieß ſind vielleicht nur kränkliche Einbildungen einer veiakuzigten Seele, laß ſie vorüber gehen. Duval, meine Abſicht iſt, daß Du morgen nach Calais ſegelft und ich habe einen Plan entworfen, wonach Du ſo⸗ wohl den holländiſchen und franzöſiſchen, als unſern — 41 Kreuzern entgehen wirſt. Der alte Edwards hat ei⸗ nen Sohn— einen berüchtigten Schmuggler— der gegenwärtig unter Freibriefen gegen die Franzoſen ſe⸗ gelt. Er befehligt einen kleinen Schooner auf der Themſe; da er jedoch mit der ganzen Küſte von Frank⸗ reich bekannt iſt und in Verbindung ſteht, ſo wird er Dich in Calais landen können und hat auch bereits gegen eine Summe Geldes eingewilligt, dieß zu thun. Wenn Du einmal dort biſt, ſind Deine Briefe an den Provinzial ein genügender Paß.“ 1 „Es iſt ein überaus verſprechender Plan, Mylord,“ ſagte Claude, die Pauſe in ſeines Herrn Worte aus⸗ füllend. „Das Fahrzeug liegt vor Woolwich,“ fuhr der Graf fort;„aber die Mannſchaft befindet ſich haupt⸗ ſächlich in London in einem Hauſe an der Brücke, das ein alter Dienſtbote meiner Familie hält— Du erin⸗ nerſt Dich wohl noch der Temperanz Bradley? Das Wirthshaus heißt, wenn ich nicht irre„zu Aumerles Wappen“ und Kapitän Edwards iſt vort, der für Deine Sicherheit bis morgen beſorgt ſein wird, wo Du dann bei günſtigem Wetter abſegeln kannſt. Zaudere nicht, bis Du meine Sache in St. Omer in Sicherheit ge⸗ bracht haſt und kehre ſofort mit einer Nachricht zu mir zurück. Wenn Du mich am Leben triffſt, ſo ſollſt Du mich nicht undankbar finden.⸗ „O, mein theurer Lord, gebet Euch keinen ſolchen traurigen Gedanken hin.“ „Ich kann mich ihrer nicht erwehren, Claude— ſie kommen über mich wie das Düſter vor dem Sturm — ich weiß weder woher noch wie. Aber ich hoffe viel von meiner Unterredung mit dem König, am mor⸗ genden Tag.“ Nun ſchloß der Earl den vor ihm ſtehenden Schreibpult auf, und öffnete ein geheimes, mit einer Feder verſehenes Schubfach, nahm einen mit ſeinem Wappen geſiegelten und an den Vater Provinzial, de Oliva, im Jeſuiten⸗Collegium zu St. Omer gerichte⸗ ten Brief, ſo wie einen gleichfalls verſiegelten Bar⸗ chentſack heraus.— „Hier ſind hundert Golddublonen, Claude, um Deine Koſten zu beſtreiten,“ fuhr er fort.„Dieſer Brief iſt an meinen guten Freund und früheren Leh⸗ rer de Oliva, der gegenwärtig auf ſeiner Viſitations⸗ reiſe im Collegium iſt; überreiche damit zugleich die⸗ ſen Wechſel auf meinen Pariſer Banquier, denn ob⸗ gleich ich wohl weiß, daß es bei den guten Vätern einer Beſtechung bedarf, um ſie zu einem Dienſte für mich zu veranlaſſen, ſo will ich doch nicht, daß mein Sohn ihrer Barmherzigkeit etwas verdanke. Ferner beauftrage ich Dich, meine Zuwelen und die Inſignien des Hoſenbandordens dem Pater zur Obhut zu über⸗ geben, der ſie aufbewahren möge, um eines Tages die Identität meines Sohnes beweiſen zu können.“ Ein goldenes Käſtchen öffnend, nahm der Graf die mit Juwelen beſetzte Kette und den Drachen des kö⸗ niglichen Ordens heraus. Angezogen von den feurigen Funken der Juwelen machte der kleine Mervyn einen kühnen Griff darnach, und der Earl, den dieſe Lebhaf⸗ tigkeit beluſtigte, warf ihm das Halsband um, daß es ihm blitzend faſt bis auf die Füße herabhing. Die ausnehmende Schönheit des Kindes und die Freude, die von ſeinem Geſichte ſtrahlte, erweckte in dem Gra⸗ fen ein gemiſchtes, bis zur Leidenſchaft geſteigertes Ge⸗ fühl von Betrübniß und Entzücken; er warf ſich in ſeinen Stuhl zurück, verbarg ſein Geſicht und weinte. Plötzlich ſchien Mervyn zu vermuthen, daß er es ſei, der dieſen Ausbruch des Schmerzes hervorgerufen habe und mit den Worten: „Weinet nicht, Sie— ich will ſie nicht fortneh⸗ men— gewiß nicht,“ ſprang er in ſeines Vaters Arme, küßte ihn und bemüßte ſich, ihn mit kindlichen Lieb⸗ koſungen zu tröſten. In dieſem Augenblicke ließ ſich das Knarren ei⸗ 43 ner Thüre hören und die Stimme Edwards, in zor⸗ niger Einſprache begriffen. Eine tiefe, rauhe Stimme antwortete in lauten Tönen: „Ich ſage Dir, Du Cerberus der Juwelen und juwelter Cerberuſſe, ich muß und will dieſen eingeſperr⸗ ten Grafen ſehen. Hier iſt meine Vollmacht, von einer Hand, die ſelbſt der Herr Lieutenant mit abgenomme⸗ ner Mütze anerkannte. Sei alſo ſo gut, und ſchließ das Loch auf und laß uns zu dieſer Pantherkatze— ſie iſt zu gut gezähmt, um einen in Stücke zu zer⸗ reißen.“ Edwards ſchien etwas murmelnd zu antworten und fing an, die ſchwere Thüre aufzuſchließen, nachdem er, um ſeine Abſicht anzudeuten, geklopft hatte. „Es iſt Bloo:!“ ſagte der Graf und wurde To⸗ desblaß; faſt in demſelben Augenblicke als Claude, der trotz ſeiner ſtarken Nerven bedeutend beſtürzt war, ſich nach der Thüre wandte, wurde dieſe ungeſtüm aufge⸗ ſtoßen und ein Mann trat in das Gemach, gefolgt von Edwards. So ſonderbar war die ganze Erſcheinung dieſes kecken Gaſtes, daß ſelbſt der kleine Mervyn, hell aufſchreiend, ſich niederduckte und ſein Geſicht in ſeines Vaters Mantel verbarg. Drittes Kapitel. Oberſt Blood. 1„Verzeihet, Molord, dieſes etwas ungeſtüme Ein⸗ dringen zu Eurer Ehren,“ war die Anrede des neuen Beſuchers, die mit einem forſchenden Blick auf Alle Anweſenden ausgeſprochen und mit einem durchdrin⸗ genden Drohblick gegen den Grafen geſchloſſen wurde. „Oberſt Blood's Erſcheinen bringt immer ſeine ganze Entſchuldigung mit ſich— dem Anſcheine nach,“ erwiederte der Graf tief erglühend.„Aber meines Er⸗ achtens iſt es eine etwas überflüſſige Höflichkeit, einen Gefangenen wegen des Eintrittes in ſeinen Kerker um Verzeihung zu bitten, ſintemalen dieſer, weder die Mit⸗ tel noch das Recht hat, ſolch bevollmächtigter Zudring⸗ lichkeit ſich zu widerſetzen.“—„Ich will Euch nicht lange beſchwerlich fallen, aber für die kurze Zeit, da ich dieß nothwendigerweiſe thun muß, will ich Eurer Höflichkeit in ſo weit zuvor kommen, daß ich mich niederſetze,“ ſagte der Oberſt, indem er ſich mit vollkommener Ge⸗ laſſenheit auf einen Stuhl warf und einen Schemel zu ſich herabſtieß, auf welchen er ſeine Beine bequem reuzte. Claude's erſte Bewegung von Beſtürzung und Neu⸗ „gierde bei der Erſcheinung eines Mannes, der in jeder Gattung verwegener Verbrechen ſo berühmt war, ver⸗ wandelte ſich ſchnell in Entrüſtung über ſeine Unver⸗ ſchämtheit, er war jedoch genöthigt, alle äußeren Zei⸗ chen erſelben zu unterdrücken und ſich auf eine Erwie⸗ derung von des Oberſts wohlüberlegt muſternden Bli⸗ cken zu beſchränken. Er ſah eine durch ihre ungeheure Stärke des Nackens und der Schultern und das Ebenmaß der Muskeln, durch die ſtierähnliche Gedrungenheit und den eigenthümlich großen Kopf höchſt ausgezeichnete Perſon vor ſich. Was aber hauptſächlich das Auge ergriff und in un⸗ gewiſſer Furcht und Argwohn feſthielt, war ſein Ge⸗ ſicht. Die Züge deſſelben waren, abgeſehen von ihrem Ausdruck, obwohl von vollkommen irländiſcher Bildung, doch nicht unſchön zu nennen; die Lippen hatten, wenn ſie auch dünn und zu weit erſchienen, dennoch einen entſchiedenen Bogen und die Stirne ſprach, ſo nieder ſie auch war, mit ihren dichten überhängenden Augen⸗ braunen, eine rohe Kraft und geiſtige Energie aus, welche die Willensforderungen einer groben und ſinn⸗ 45 lichen Natur nur zu wohl unterſtützten. Volle Locken von anliegendem kohlſchwarzen Haar, hingen um ſei⸗ nen Kopf und ſein Bart und Schnurbart waren, wo möglich noch tiefer rabenſchwarz und wuchſen um ſeine Lippen und ſein Geſicht in kurzen, krauſen Borſten, was ihm das trotzige Ausſehen eines wilden Keulers verlieh. Aber es war hauptſächlich der Ausdruck, der in dieſen Zügen lag, des Bluthunds Funkeln ſeiner großen, braunen Augen, was, trotz der derben Freund⸗ lichkeit ſeiner Manieren, in allen, die ihn ſahen, Un⸗ ruhe und Widerwillen hervorrief. Niemals war ein Geſicht ein ſo treuer Ausdruck des Charakters geweſen, als bei dieſem Manne. Muth, Treuloſigkeit, eine gewiſſenloſe Kraft des Entſchluſſes in der Ausführung, waren in den nachhaltigen Be⸗ wegungen ſeines Auges ſo deutlich ſichtbar, als in al⸗ len den Handlungen des ſeltſamen und bezeichneten Lebenslaufes, der Blood zum ausgezeichnetſten Schur⸗ ken eines Zeitalters ſtempelte, das einen Ueberfluß von ſolchen Charakteren beſaß. Er war in dem gewöhnlichen prunkvollen Style der Zeit gekleidet, aber mit unangenehm auffallenden, ſchlecht gewählten Farben. Sein Wamms war von ſchwarzer Seide und roth geſchlitzt, ſein Mantel und Hut von gelbem Sammt, überladen mit hundertfarbe⸗ nen Bändern. Seine Strümpfe und die Roſetten an ſeinen Schuhen waren von verſchiedener Farbe, ein carmoiſinrother Spitzenkragen deckte ſeine Bruſt und ein furchtbar langes Schwert hing bis zu ſeinen Ab⸗ ſätzen von einem Gürtel herab, worin auch eine ein⸗ zelne, ſehr reich eingelegte Piſtole ſtack. Nachdem er ſich in aller Bequemlichkeit niederge⸗ laſſen hatte, unterhielt ſich Blood damit, während ei⸗ ner Minute tiefen Stillſchweigens,(in welcher der Earl bei ſich zu zweifeln ſchien, ob er ſeines Beſuchers unverſchämte Frechheit rügen ſolle oder nicht) den klei⸗ nen Mervyn, der ihn mit unverſtelltem Entſetzen an⸗ ſah, genau zu betrachten. Zuletzt bemerkte er mit ei⸗ nem eigenthümlichen Lächeln: „Der junge Herr da und ich ſcheinen ſich einander gegenſeitig zu erinnern— darf ich Eure Lordſchaft bitten, mein Gedächtniß mit ſeinem Namen aufzu⸗ friſchen?“ „Gewiß, Herr Blood,“ antwortete der Earl mit erzwungener Gelaſſenheit. Aber ehe ich Eure Frage beantworte, erlaubt mir zu fragen, was für ein drin⸗ gendes Geſchäft Euch nöthigt, meine Zurückgezogenheit auf ſo unwillkommene Art zu unterbrechen?“ „Das will ich in ſo kurzer Zeit thun, als Ihr brauchen würdet, um eine Heuſchrecke zu erdrücken,“ erwiederte der Beſucher, indem er nachläßig ſeine Pi⸗ ſtole herauszog, als ob ſie ihm unbequem wäre.„Aber ich fürchte unſer Auditorium, wenn ſchon klein, iſt nicht das geeignetſte.“ „Es könnte nicht geeigneter ſein, Herr; dieſer Gentleman iſt mein getreuſter und vertrauteſter Diener. Wenn das, was Ihr zu ſagen habt, ehrlichen Ohren nicht anvertraut werden darf, ſo möchte auch ich nicht unter Eure Zuhörer gehören.“ „Ehrlich! ſind Eure Ohren ehrlich, Freund 2 ſagte Blood, indem er ſich mit affectirtem Erſtaunen zu Claude wendete.„Wahrhaftig, dann nehmt Euch in Acht— daß ſie Euch nicht am Schandpfahl abge⸗ ſchnitten werden.“ „Meiner Treu, ich denke nicht, daß ſie in einem Lande in Gefahr kommen, wo Euer Ehren ſicher ſind!“ erwiederte Claude ſcharf. „Der Tauſend, Mann, aber Ihr antwortet ge⸗ wandt,“ ſagte der Beſuchende, indem er Claude von Kopf zu Fuße maß.„Und bei St. Patriks Hühner⸗ augen ein gut ausſehender Mann für ſeines Gleichen! Klingt Euer Stahl ſo geläufig, als Eure Zunge?“ Wollt Ihr's verſuchen, Herr 2“ ſagte Duval, in 47 dem ſich ſein Geſicht röthete und er an ſein Schwert⸗ gefäß ſchlug. 3 „Nicht mit ſo armem Gethier, als Du biſt, Freund,“ verſetzte der Oberſt mit Gelächter.„Ein Adler läßt ſich nicht mit Habermehl mäſten, wie eine Dohle und ich fahre nicht auf arme Dienſtleute und unverſchämte Knechte los, ſondern auf Prinzen, Herzoge und Edel⸗ leute von altem Blut. Sei ruhig, Claude!“ fiel hier der Graf ein, mit gebieteriſchem Tone. „Und was Euch betrifft, Herr, ſo erklärt entweder die Abſicht Eures Beſuchs oder befreit mich von einer Gegenwart, die, wie ich offen bekenne, mir die unan⸗ genehmſte dieſſeits des Todes iſt. Es iſt niemand un⸗ bekannt, welcher großen Verbrechen und kühnen Schur⸗ kenſtreiche Oberſt Blood fähig iſt.“. „Mylord, erwiederte der Oberſt mit einem gefäl⸗ ligen Lächeln über die letztere Bemerkung—„um einen beredten Eingang zu übergehen, den ich für dieſe letzte Probe, auf die ich Eure Geduld ſetzen werde, vorbe⸗ reitet hatte,— habt Ihr den Entſchluß, in welchem ich Euch verlaſſen mußte, reiflich erwogen und ſeid Ihr immer noch Willens, Leben und Ehre einem leeren Skrupel aufzuopfern? Sprecht das Wort aus: ich bin auf meinem Wege zur Sitzung des Rathes, um meine Angaben gegen Euch entweder zu beſtätigen oder zu⸗ rückzunehmen!“ „Die Gerechtigkeit von England iſt in ihren Strö⸗ men noch nicht ſo tief beſudelt, als an ihrer Quelle, daß ich Eure Drohungen fürchten ſollte,“ ſagte der Earl, ruhig.„Ich darf nicht ſo gemein denken von irgend Zwölfen meiner Landsleute, ſo vorurtheilsvoll ſie auch ſind, daß ſie einen engliſchen Edelmann zum Todesblocke verdammen werden, auf das Zeugniß eines, wegen ſeiner Gleichgültigkeit gegen alle menſchlichen und göttlichen Verpflichtungen ſo berüchtigten Mannes, als Herr Blood iſt.“ 48 „Für Alles, worüber ich mich mit der alten Mut⸗ ter Rechtspflege und dem Geſetz überworfen habe, habe ich des Königs Begnadigung im Sacke,“ erwiederte der Oberſt,„und was die Gerechtigkeit von irgend einem Dutzend Männer in England anlangt, ſo iſt ſie gerade ſo viel werth, als der Meiſtbietende geben will; und Eure Lordſchaft weiß ſelbſt, ob Ihr in Eurem gegen⸗ wärtigen ſequeſtrirten Vermögenszuſtande, bei der Auktion ewinnen werdet. Ich erſuche Euch alſo noch einmal, Euren Entſchluß zu erwägen— zum letztenmale.“ 3 „Er iſt überlegt, zum letztenmale— hört es!“ ſagte Aumerle, mit der zitternden Ruhe zuſammenge⸗ drängter Leidenſchaft.„Ihr ſeid zur rechten Zeit ge⸗ kommen, Herr Blood, um nebſt meinem Diener Duval, Zeuge der Entſchließung zu ſein, die ich als diejenige, in welcher ich leben und ſterben will erkläre und für die ich auch den Himmel zum Zeugen aufrufe. Dieſes Kind, auf welchem Euer Auge ſo hartnäckig verweilt, obgleich es als das Kind eines armen Corniſchen Wei⸗ bes*) erzogen worden iſt, erkenne ich hiemit als mei⸗ nen rechtmäßigen Sohn und einzigen Erben, Reginals Lord Mervyn an. Und als ſolchem Hinterlaſſe ich ihm das Erbe ſeiner Väter; und eher als ich einen Zoll davon jenem Weibe und ihrem Buhlen abtreten werde, wollte ich ſo vielfachen Tod ſterben, als die äußerſte Wuth meiner Feinde über mich verhängen kann! Und ich rufe Euch, Oberſt Blood auf, mir dieß zu bezeugen, ſo wie ich nicht zweifle, daß es mein treuer Duval thun wird, wenn die Zeit es erfordern wird.“ „Mit meinem letzten Tropfen Herzblut!“ rief Claude. „Sprecht Ihr ſo, Herr Lakei?“ ſagte Blood, mit einem Blicke ſprachloſer Verachtung.„So, dieſer Aus⸗ bruch von Wahnſinn iſt alſo Eurer Lordſchaft nüchter⸗ 2) Eines Weibes aus der Provinz Cornwallis. A. d. U. 49 ner Beſchluß? Ihr weigert Euch, ein wenig nachzugeben und nöthigt damit Diejenigen, die die Macht haben, Alles zu nehmen.“. 3 „Ich biete ihnen und Euch Trotz!“ rief der Earl, indem er in großer Bewegung aufſtand.„Geht und thut das Schlimmſte, was Ihr könnt! Es lebt einer über uns, der mich rächen wird! Ja, ich bin ſo gewiß, als ich jetzt athme und ſpreche, daß ſchon in dem klei⸗ nen Arm dieſes Kindes eine Macht ſchlummert, die einſt zur Rache von ſeines Vaters Leiden aufwachſen — und ſelbſt ſeines Vaters Gebete und Hoffnungen noch überſteigen wird!“ „Aber wozu dieſe Leidenſchaftlichkeit, Mylord?“ erwiederte Blood, und unterhielt ſich damit, einen in der Piſtole verborgenen Springdolch ein⸗ und aus⸗ ſchnappen zu laſſen.„Wahrhaftig, wenn Euch der Knabe Vater nennt, ſo iſt das ein ſehr ſchmeichelhaftes Compliment, denn er iſt von ungemein vollkommenem Schnitte. Ei, wie ſeine Augen funkeln, wenn ſie mein ſcharfes Spielzeug hier heraus⸗ und zurückſpringen ſehen! Ich wette darauf, Knabe, Du würdeſt mir eine oder zwei Roſinen geben, wenn Du damit ſpielen dürf⸗ teſt? Komm her, Kind!“ Damit faßte er unſanft den Knaben am Arme, wie ſehr er auch ſchrie, zog ihn vorwärts und das ſo heftig, daß er, da er zufällig über den Schemel ſtol⸗ perte, ſtel und ſeine Stirne an des Oberſten Schwert⸗ gefäß ſchlug. Ein rother Strom floß ſogleich aus ſei⸗ ner Stirne und faſt zu gleicher Zeit ſtürzte Blood, von einem kräftigen Fauſtſchlag des Earls gefällt, der Länge nach auf den Boden. Wieder auf die Füße zu ſpringen und mit erhobe⸗ nem Dolch auf Aumerle loszuſtürzen, war das Werk eines Augenblicks, und der Erfolg müßte tödtlich ge⸗ weſen ſein, da der Earl, obgleich unbewaffnet, ihn un⸗ beweglich erwartete, hätte ſich nicht Claude dazwiſchen Whitefriars. I. 4 50 geworfen, Blood mit einem geſchickten Griff ans Hand⸗ gelenke die Waffe entriſſen und an das jenſeitige Ende des Zimmers geſchleudert. Der Letztere wandte ſich wie ein Tiger, dem die Beute entriſſen, mit verdop⸗ pelter Wuth gegen den neuen Angreifenden und es er⸗ folgte ein Kampf, deſſen Ende ſehr zweifelhaft ſchien; aber glücklicherweiſe brachte der Lärmen Hülfe herbei, als gerade der Earl hinzulief, um die Ringenden aus⸗ einander zu reißen. Edwards und ein Wächter rann⸗ ten herbei und es gelang ihnen nicht ohne Mühe, die wüthend Kämpfenden zu trennen. Unterdeſſen ſchien der Earl die Balgerei völlig vergeſſen zu haben, hob das bewußtloſe Kind in ſeinen Armen auf und rief in verzweifelndem Tone um Hülfe. Edwards und Duval liefen hinzu, ihm beizuſtehen und Blood ſelbſt, der die Unmöglichkeit eines weiteren An⸗ griffes einſah, forderte den Wächter auf, jegliche Hülfe zu leiſten. Darauf ließ er ſich wieder auf ſeinen Sitz nieder, ſtillte das Blut, das aus ſeinen eigenen Nas⸗ löchern floß, indem er von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Gruppe gegenüber warf. Ein altes Weib, von Edwards gerufen, trat nun hinzu, und rieb des Kindes Schläfe mit Eſſig und ſtarken Eſſenzen. Endlich kam der Kleine wieder zu ſich, brach aber in langwährendes Schluchzen und Schreien aus, während deſſen ihn der Earl mit der leidenſchaftlichen Zärtlichkeit einer jungen Mutter tröſtete, liebkoste und mit Küſſen bedeckte. Es zeigte ſich bald, daß das Kind nur eine unbe⸗ deutende Verletzung erlitten habe und er war ſchon wieder ruhiger geworden, als ſich ſein Schrecken bei dem Nähertreten ſeines Feindes, der mit einem von Blut entſtellten Geſichte und einer blauen Beule an dem Kopfe vorwärts kam, erneuerte. Aumerle ſah ihn ernſt und zweifelnd an, ohne jedoch einen weitern An⸗ griff zu erwarten. „Seid ohne Furcht, Lord Aumerle,“ ſagte Blood, 51 mit lautem, höhniſchem Lachen.„Ich habe nicht im Sinne, Eurer Lordſchaft ein Leids zu thun; die ganze Geſchichte iſt eine verdammliche Thorheit geweſen, die ich meinerſeits gerne vergeſſen und vergeben will.“ „Blood, ich weiß, Ihr werdet weder vergeben, noch vergeſſen,“ verſetzte Aumerle.„Ich verlange auch nicht, daß Ihr es ſollt. Ich weiß, was ich aus dieſer an⸗ ſcheinenden Mäßigung zu ſchließen habe; aber erinnert Euch, daß es Eure eigene Brutalität war, die mich zu dieſer Handlung reizte, über die ich mich recht herzlich freue. Nun geht Eures Wegs. Herr Edwards, ich erſuche Euch, Oberſt Blood aus meinem Zimmer zu weiſen und ihn nie und unter keinem Vorwand mehr hereinzulaſſen.“ „Meine Güte! aber Euer Kopf iſt arg zerſchlagen, Herr,“ ſagte Miſtreß Edwards und hob ihre Eſſig⸗ flaſche in die Höhe.„Laßt mich einreiben, denn eine blaue Beule iſt zehnmal leichter zu curiren, als eine grün gewordene. Bitte, Herr, laßt mich!“ „Mylord,“ ſagte Blood, ohne vielleicht in der Tiefe ſeiner Leidenſchaft dies Anerbieten zu hören,„ich beabſichtige nicht, Euch fernerhin mit meiner Gegen⸗ wart beſchwerlich zu fallen; da ich aber von einem Manne, den ich ohne große Beihülfe der Phantaſie einen Sterbenden nennen kann, nicht gerne im Haß ſcheide, ſo ſage ich Eurer Lordſchaft ein herzliches Lebe⸗ wohl. Ihr habt mich geſchlagen, Lord Aumerle,“ ſagte er zum Schluſſe— leichenblaß werdend und mit un⸗ ausſprechlicher Bosheit lächelnd und ich habe den Schlag nicht zurückgegeben— ſorgt dafür, daß Euer Gebet geſprochen iſt, wenn ich es thue!“ Und ohne auf eine Antwort zu warten, ſchritt er gegen die Thüre, bückte ſich, anſcheinend um ſeine Pi⸗ ſtole aufzuheben und warf beim Hinausgehen, die Thüre mit einem Schlage zu, der ſelbſt dieſe maſſiven Mauern erſchütterte und den Staub in Wolken aus der Tapete trieb. 52 Die Wirkung, welche dieſe wüthende Rede auf den Earl machte, war plötzlich und überraſchend tief. Er ſchritt in der heftigſten Bewegung auf und nieder, in⸗ dem der kalte Schweiß ihm auf die Stirne trat. Zu⸗ letzt ſtand er plötzlich ſtille, ſagte zu Edwards, daß er nur noch fünf Minuten länger mit Duval allein ſein wolle und bat ihn, mit dem Wächter und ſeiner Frau ſo lange in das Vorzimmer zu gehen. „Ich erniedrigte mich, indem ich einen ſo geſetz⸗ loſen Schurken ſchlug,“ ſagte Aumerle, nachdem ſie fort waren.„Aber ich bin froh, daß ich keine Waffe zur Hand hatte, ſonſt hätte ich ihn, ſchwarz von zahl⸗ loſen Sünden, vor den Richter geſendet, deſſen alle und jede Geſetze er gebrochen hat. Und dennoch, Claude, geſteht mir das Blut, wann ich an ſein tödtliches Lä⸗ cheln denke. Ich ſchauderte immer vor ſeinen Schmei⸗ chelreden zurück, als er mir ganz ergeben und freund⸗ lich ſchien und mich durch ſeine hölliſchen Künſte ver⸗ leitete, die katholiſche Petition zu unterzeichnen, deren Eingabe das Signal zu dem Aufſtande in Dublin ge⸗ weſen zu ſein ſcheint. Wenn Du jemals hörſt, Claude, daß ich Selbſtmord begangen habe, ſei verſichert, daß es ſeine Hand gethan hat.“ Der Earl hielt inne und blickte düſter in dem rroßen, traurigen Gemache umher, welches von den ſchwachen Mondſtrahlen, die durch das eiſerne Gitter hereinſtrömten, in große Schattenmaſſen gehüllt war. Claude konnte blos die Todtenbläſſe in ſeines Herrn Zügen bemerken, aber er ſah ihn zuſammenfahren und auf eine Stelle in der Tapete hindeuten, welche ſich entweder wirklich bewegte oder vor Claudes beſtürztem Auge ſich zu bewegen ſchien. Er antwortete jedoch auf dieſe ſchweigende Frage mit einem unglücklichen Verſuche zu lachen und einer Verſicherung, daß es blos der Wind ſei. 3 „Das iſt möglich,“ ſagte Aumerle nach einer kur⸗ kurzen Pauſe.„Meine Lebensgeiſter ſind völlig geſtört 5³3 und aus ihren Gelenken. Sogar meine Sinne laſſen ſich von der Einbildung bethören, mein Herz ſchläͤgt und mein Haar ſträubt ſich, ſo oft ein Brett knarrt oder eine Schwalbe oben auf der Mauerzinne zwit⸗ ſchert. Und dennoch,— war nicht ich es, der bei Wor⸗ ceſter die einzige von Cromwells Heer verlorne Fahne eroberte?— Nichts mehr von dieſen Thorheiten!— Claude, ich werde keine Ruhe haben, bis Du in Brad⸗ leys Hauſe ſicher einquartirt biſt, ich weiß, die Leute ſind ehrlich. Hier— hilf mir dieſe Papiere ſiegeln.“ Er nahm einen kleinen Stahl und Feuerſtein aus ſeinem Schreibpulte und zündete eine Kerze an, welche Claude hielt, ſo lange der Graf den Brief und die Juwelen verſiegelte. Während er dieſes vornahm, legte er Duval auf's Neue die Wichtigkeit ſeiner Sen⸗ dung an's Herz und nahm ihm das Verſprechen ab, daß er nicht über eine Nacht in Frankreich ſich auf⸗ halten, ſondern alsbald mit Nachrichten den Rückweg antreten wolle. Mervyn trennte ſich ungern von ſeinem glänzenden Spielzeuge und zeigte unverkennbare Geberden des Zorns, da der Earl es wieder von ſeinem Halſe nahm. „Du ſollſt es wieder haben, mein Kind,“ ſagte er und küßte ihn auf die wunde Stirne.„Wer weiß, Duval? Vielleicht trägt er es einſt mit Ehren unter den Pairs von England, wann ſeines unglücklichen Vaters Geſtalt längſt in Staub vermodert iſt! Sage ihm, Claude, wann er älter iſt, wie ſehr ich ihn liebte, am innigſten, als ich es am wenigſten zu thun ſchien!— Sage ihm, wie großes Unrecht ſeine Mutter mir zu⸗ gefügt hat, und dann wird er mir vergeben— vielleicht einige bittere Thränen über meinem Grabe vergießen. Und nun, obgleich Dein loyales Herz keinen Eid braucht, um es zu binden, ſchwöre mir, Duval,— ſchwöre wo nicht mir, doch meinem Kinde ewige Treue und Ver⸗ ſchwiegenheit!“ Der Earl ergriff das kleine Cruzifix, das vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und Claude ließ 54 ſich auf die Kniee nieder und küßte zur Anerkennung ſeiner Eidespflicht das heilige Symbol. Er trennte ſodann, auf das Geheiß ſeines Herrn eine Naht ſeines Mantels auf und nähte das Papier und die Juwelen ein, ſammt der Hälfte des Goldes, das zu ſeiner Reiſe beſtimmt war. Der Augenblick des Scheidens war nun gekom⸗ men. Edwards öffnete die Thüre, um anzukündigen daß der Offizier des Lordlieutenants auf die Schlüſſel von den verſchiedenen Abtheilungen warte. Aumerle ſchloß ſein junges Kind zärtlich in die Arme und küßte verſchiedenemal die noch blutende Wunde auf ſeiner Stirne. „Gott ſei mir gnädig!“ murmelte er vor ſich hin. „Aber dies iſt das erſtemal, daß ich dieſes ſchöne Kind als meinen Sohn umarme und mein Herz ſagt mir's, auch das letztemal.“ Der kleine Mervyn fing an zu weinen, klammerte ſich um des Earls Hals und ſagte, daß er ihn nicht verlaſſen wolle— und fragte Claude, ob er nicht da bleiben und bei dem Herrn wohnen dürfe, wenn er ein gutes Kind ſei. „Mein ſüßer Repinals,“ ſagte der unglückliche Gefangene mit gebrochener Stimme—„ verhüte der Himmel, daß ich Dein junges Schickſal an das mei⸗ nige ketten ſollte, das ſo düſter ſeinem Untergange ent⸗ gegenzieht. Gehe mit Claude, mein Kind, aber ſei wie Du ſagteſt, gut und wir werden uns wieder⸗ ſehen.“ Der Earl unfähig weiter zu ſprechen, winkte hie⸗ rauf Claude, der ſeinen Mantel ſorgfältig feſt zog und ſich beugte, um ſeines Herrn ausgeſtreckte Hand zu küſſen. Dieſer aber drückte die ſeine mit äußerſter Rührung, ſprach nichts als,„mein treuer Duval!“ nahm Mervyn'e Hand und führte ihn bis zur Thüre. Edwards und der Schließer warteten in dem Vor⸗ zimmer und der letztere ſagte einige Bemerkungen dar⸗ 55⁵ über, daß der Graf das Zimmer verließ, vor ſich hin; brach übrigens unwillkürlich ab, betroffen von dem im Geſichte des Grafen liegenden Ausdruck der Beklom⸗ menheit. Aumerle trat einige Schritte vor, indem er ſich ſtolz bemühte, ſeiner Rührung Herr zu werden, aber ein konvulſiviſches Schluchzen machte ſich mehrere⸗ male hörbar. „Sag Deinem Vater Lebewohl, Kind— Deinem Vater!“ ſagte Duval, ſehnlichſt wünſchend, dieſer jam⸗ mervollen Scene ein Ende zu machen. 3 „Meinem Vater, Claude?“ fragte Mervyn, mit einem unſchuldigen Blicke der Verwunderung,„ich dachte, ich hätte keinen Vater! Adieu Papa.“ „Lebewohl, mein Sohn!— Des Himmels und Deines Vaters Segen ſei mit Dir für immer!“ rief Aumerle, indem er das Kind noch einmal an ſeine Bruſt drückte und es unter einem Strome von Thrä⸗ nen küßte. Dann, als ob er ſich ſeiner Rührung ſchämte, ließ er den Jungen nieder und trug Edwards auf, das Kind und ſeinen Begleiter unten zum Thor hinauszulaſſen.. Duval drückte ſeines Herrn Hand an ſein Herz, nahm Mervyn in die Arme und folgte dem alten Mann. In einem Augenblick waren ſie die dunkle Treppe hinab Larſchunnden und der Graf kehrte in ſeinen Kerker zurück. Viertes Kapitel. Nell Gwyn’s Fehrjahre. Nachdem ſich Claude aus den düſtern Schatten des Towers, der ihm als das dunkelſte Gebäude er⸗ ſchien, das er je geſehen hatte, befreit ſah, gewann er die man dort treffen würde. 56 ſelne natürliche Munterkeit wieder. Nicht ſo der kleine Mervyn, obgleich die Nacht ſehr ſchön und vom Ster⸗ nenlicht glänzend erhellt war. Ohne recht zu wiſſen, warum, zeigte ſich das Kind erſchrocken und niederge⸗ ſchlagen, fuhr bei jedem Schatten der vorſpringenden Häuſer zuſammen und fragte ängſtlich, wenn ſie denn wieder Licht haben würden. Claude, der ihn fortwäh⸗ rend führte, ſang auf dem ganzen Wege, mehr um das Kind zu erheitern, als aus irgend einem Gefühle der Heiterkeit, obſchon ſein Herz jene Federkraft beſaß, die, ſobald der Druck vorüber iſt, wieder aufſpringt. Er ſchien ſehr wohl bekannt zu ſein mit dem Stadttheil, durch den er kam; ſie zogen durch zahlloſe enge, krumme und dunkle Gaſſen, bis ſie plötzlich an dem Ufer der Themſe herauskamen. Londonbrücke— die alte Londonbrücke, bedeckt mit ſchlecht gebauten Häuſern, welche oft die Straße überwölbten— lag vor ihm auf ihren unzähligen Bö⸗ gen rußend, während der Fluß ſanft darunter hinglei⸗ tete. Ein hohes, mit Zinnen verſehenes Thor verſchloß den Eingang, von Thürmen mit ſolidem Mauerwerk flankirt und geſchützt mit einem Fallgatter und einer Palliſaden⸗Thür mit eiſernen Spitzen. Das Fallgatter war bereits hinabgelaſſen, ein kleines Thörchen jedoch ſtund am rechten Thurme zur Bequemlichkeit der Fuß⸗ änger offen, die, nachdem ſie von der Wache gemu⸗ ert worden waren, in einen dunkeln Gang traten, der an der Brücke endete. Nach„Aumerles Wappen“ fragend, erfuhr Claude, daß dieſes Wirthshaus in einem der Thürme ſich be⸗ finde, was er übrigens bereits aus einem blaſonirten, über dem Fallgatter hängenden Schild, ſowie aus einem unter einer Lampe ſchwebenden Birkenzweige geſchloſſen hatte. Auch befand ſich über dem Wappen eine In⸗ ſchrift mit großen Buchſtaben, welche gute Ausſichten gab hinſichtlich der Bequemlichkeiten und Erfriſchungen, 57 Koſt und Logis für Menſch und Thier, Gut Fleiſch— gut Heu das trifft man hier, Beim Gehn, beim Bleiben frohen Gruß, Bei kleiner Zeche Ueberfluß. Zu dieſem Gaſthof wendete nun Duval ſeine Schritte, ging zuerſt durch einen kleinen Hof, der von einem offenen holzernen Gange umgeben war, der mit allen obern Zimmern in Verbindung ſtand und erkundigte ſich bei einigen Fuhrleuten, die ihre Pferde tränkten und fütterten, nach dem Wirthe.„Verlangt Ihr den Herrn zu ſehen oder den Hauswirth, Geſelle?“ erwie⸗ derte einer derſelben, indem er bedächtig die Pfeife aus dhn. Mind nahm und den Rauch Claude in's Geſicht bließ. „Ei, den Herrn, natürlich,“ verſetzte Duval. „Ah, ſo,— dort iſt ſie,“ ſagte der Kerl mit ei⸗ nem Lachen, in das alle Umſtehende einfielen.„Seht Ihr ſie nicht? die Frau im Stalle dort; ſie ſieht nach, daß die Gäule alle ordentlich geputzt werden. Hohl Frau, man frägt nach Euch.“ Ein kleines, fettes, Fäßlein von einem Weibe, mit einem Geſichte ſo breit als der Vollmond und feuer⸗ roth vom Schaffen, kam auf dieſen Ruf aus dem Stalle hervor, in der Hand eine Miſtgabel haltend, welche noch die Zeichen kürzlichen Gebrauches an ſich trug. Sie war noch von einer Nymphe begleitet, deren gan⸗ zes Ausſehen über das Amt Auf chluß gab, das ſie in der Anſtalt bekleidete. Es war eine große, fleiſchige, wohlgeſtaltete Perſon, aber ausgezeichnet durch das Weſen eingewohnter Faulheit und Gleichgültigkeit. Ihr Geſicht war voll, von guter Farbe und ſchönen Zügen, mit üppigen, ſchwimmenden, braunen Augen und einem Ausdrucke wollüſtiger Trägheit, die etwas Anziehendes hatte. Dem Lächeln ihrer ſchwellenden Lippen nach ſchien ſie gutmüthig, aber im Ganzen war eine ſchlum⸗ mernde Bosheit und Liſt über ihr Geſicht verbreitet, 58 die blos auf eine Gelegenheit zu warten ſchienen, um in Handlung auszubrechen. Sie war mit einem blauen Rocke und einem groben, braunen Mieder bekleidet, hatte einen zerknitterten Strohhut auf den Kopf ge⸗ klappt und nachläßig mit einem zerriſſenen Bande ge⸗ bunden. Sie war augenſcheinlich damit beſchäftigt gewe⸗ ſen, eine Lampe zu halten, während ihre thätigere Gebie⸗ terin die Stallungen für die Nacht zurecht gemacht hatte, und da ſie deren Schein über Miſtreß Bradley's dicke Schultern fallen ließ, um Duval zu betrachten, lächelte die Dirne offenbar mit keinen ungünſtigen Gefühlen. „Gut, Herr und was wollt Ihr?“ lautete die höfliche Frage der Wirthin, indem ſie blaſend und ſchnaufend ihr Geſicht mit dem Rücken der Hand wiſchte, weil deren innere Fläche zu reichlich mit ſtark riechen⸗ der Materie getränkt war. „Wie, Miſtreß Temperanzia, habt Ihr Euren al⸗ ten Freund und Anbeter, Claude Duval, vergeſſen?“ ſagte der Cavalier und ſuchte auf das Vorrecht alter Freundſchaft hin, Miſtreß Bradley's feiſte Wangen mit einem keuſchen Kuſſe heim. „Ei, Gottes Wunder, Musje Duval! Herr, hilf uns! wahrhaftig, der ganze Mann wie er leibt und lebt!“ rief die Wirthin, indem ſich ein Lächeln von Ohr zu Ohr über ihr Geſicht verbreitete und ausſtre⸗ ckend ihre fette rothe Hand, begrub ſie die Duvals in ihrem umfaſſenden Drucke und ſchüttelte dieſelbe herz⸗ lich.„Nun, ich betheure! und wenn Ihr nicht ſo willkommen ſeid, als die Blumen im Mai, ſo heißt mich kein ehrliches Weib und mein Haus kein beſſeres, als den alten„Schramen“ gegenüber. So, Herr Du⸗ val, Ihr habt Euch endlich verheirathet und habt Familie, wie ich ſehe— mit all' Eurem Schelten gegen den Eheſtand und alle dem?“ „Ja, ja, Madame; nachdem Ihr mich verſchmäh⸗ tet, nahm ich die nächſte, beſte,“ mit einem Wink gegen die grinſende Magd.„Ich will nicht gerade ſagen, 59 daß ich verheirathet bin— kein Mann, der jemals in Euch verliebt war, könnte ſo völlig vergeſſen, was er verloren hat. Aber der Bube gehört mir und ich ſchäme mich ſeiner auch nicht.“ „Ihr ſeid nicht mein Vater, Claude,“ ſagte Mer⸗ oyn unwillig.„Mein Papa geht in Sammt gekleidet und trägt eine goldene Kette— Ihr ſeid nicht Papa.“ „Meiner Treu, Musje, der Kleine erinnert einen etwas zu viel an Mylord,“ ſagte Miſtreß Temperanz mit einem ſchlauen Kopfnicken gegen Claude.„Wohl, wohl, ich kann meinen Weg in einem Nebel ſo gut finden, als die meiſten andern Leute. Aber meine Güte! wenn man daran denkt,, wie mein armer Herr und Lord, der ſo gut gegen uns alle war, nun ſelber in Noth und Verdruß gekommen iſt! O, die Teufel!— es könnte einen Stein zum Heulen bringen, wenn man hört, wie ihn die elendiglichſten Elenden, die jemals exiſtirten, behandelt haben!“ Und Miſtreß Bradley brach in einen Strom von Thränen aus, zum großen Ergö⸗ tzen ihrer Magd, die ihr grinſendes Geſicht zu einem äußerſt betrübten Ausdrucke verzog, der Duval beinahe zum Lachen zwang. „Ja wohl, Miſtreß Temperanzia! er war ein gu⸗ ter Herr gegen uns Alle— und es ſcheint mir, er hat Euch hier eine ſo gute Einrichtung verſchafft, als Ihr auch verdient habt,— welches viel geſagt iſt,“ er⸗ wiederte er. „Ja nun, der Platz iſt gut genug und ein wahrer Glückspfennig ſind die fünfzig Goldkronen geworden, die mir der Herr an meinem Hochzeitstage zuwarf, wenn ich nur nicht den allerfaulſten, nichtsnutzigſten verſoffenſten kleinen Schlingel geheirathet hätte, der je⸗ mals Gottes liebe Luft undankbarlich einathmete!“ ſeufzte Miſtreß Bradley.„Jedoch, Meiſter Duval, Ihr ſeid dennoch willkommen, zum Beſten, was mein Haus vermag, denn, Gott ſei gedankt! mein iſt's und ſoll mein bleiben bis zu meinem Sterbenstage, wie's auch recht und gerecht iſt, angeſehen, daß die gelben Vögel alle mein waren: denn(ſolltet Ihr es wohl glauben, Musje Duval ²) der kleine Schuft hatte ſich nicht einen rothen Heller erſpart mit all ſeinem Geſchwätz und ſeinen langen Dienſtjahren bei Mylord, der doch gewiß kein Herr war, der den Leuten ihren kleinen Vortheil und Verdienſt abzwackte!— und noch dazu Kellermei⸗ ſter! es macht mich traurig und betrübt, wenn ich nur daran denke, welch ein Gimpel ich war, mich zu ver⸗ heirathen an einen kleinen, beſoffenen—“— „Aber, wo iſt der Herr Bradley jetzt?“ unterbrach ſie Claude... „Wo iſt er immer?“ ſagte die Wirthin und warf ihre Miſtgabel an die Mauer.„Wo?— ſauft ſich ge⸗ rade wieder ſo voll, als ein Schwein, mit dem Teu⸗ felskerl und Höllenfreſſer von einem Seekapitän, dem jungen Edwards und ſeiner ganzen Seeräubersmann⸗ ſchaft um ihn herum. Aber das iſt's nicht, worüber ich mich beſchwere,— denn das könnte Alles zum Vor⸗ theil des Hauſes ſein— aber— 4 „Das iſt gerade der Mann, den ich zu ſprechen wünſche,“ fuhr Claude fort,„und das führte mich hieher, Miſtreß Bradley, nächſt dem Verlangen, Euer ſchönes Geſicht wieder einmal zu ſehen. Ich möchte gerne mei⸗ nen Buben nach der Normandie zu meinen Verwandten bringen und Kapitän Edwards ſoll mich hinübernehmen. Kann ich ihn ſprechen?“ „Hier Moll*) Creswold!— wo iſt das Menſch?“ rief Miſtreß Bradley, indem ſie ſich ſchnell herum⸗ wandte. „Ich bin hier, Frau, erwiederte die Dirne und wurde roth vor Furcht, daß die ſchnelle Wendung ih⸗ rer Frau die Geſichter verrathen hätte, welche ſie hinter ihrem Rücken ſchnitt. „Führ den Herrn hinauf, Nummero 3., zu den *) Moll, Marie. 61 Matroſen,“ ſagte Miſtreß Temperanz. Sag ihnen, er frage nach dem Kapitän Edwards.“ „Ich will ihn ſchon ſelbſt herausfinden, liebe Ma⸗ dame Bradley,“ verſetzte Claude eilig.„Aber ich hoffe, Ihr werdet uns bei'm Abendeſſen mit Eurer Geſell⸗ ſchaft beehren, um bei einer Bouteille Sekt über die alten Zeiten zu ſchwätzen. Schickt uns ein gedämpftes Huhn, Mrs. Bradley— Ihr wart berühmt zu My⸗ lords Zeiten wegen Eurer gedämpften Hühner.“ Die Wirthin lächelte zu dieſem ſchmeichelhaften Komplimente, da aber nun Moll Creswald von einem der Hausknechte ſich ein Licht hatte geben laſſen, ſo war die Unterhaltung für jetzt abgebrochen und Claude folgte ſeiner ſchönen Führerin eine hölzerne Stiege in den Gang hinauf. Hier löſchte von einem plötzlichen Luft⸗ zuge das Licht aus und das Mädchen verſicherte, ſie fürchte ſich vor Geiſtern und faßte Claude's Arm. Aber ſeine gewöhnliche Galanterie verließ ihn bei dieſer Ge⸗ legenheit; er ſchüttelte ſie etwas unhöflich von ſich und tappte in der Dunkelheit ſeinen Weg in dem engen Corridor hin. Moll ſchoß ihm jedoch voran und riß ohne Umſtände eine Thüre auf. Es ſtellte ſich eine ſeltſame Scene dar. Da war ein großes, ungeſchickt angelegtes Zimmer, voller vor⸗ ſpringenden Ecken und Winkel, und zur Hälfte wie ein Scheurendach über den Strom hinausgebaut. Ein großes Steinkohlenfeuer brannte in einem Kamine von ſolcher Ausdehnung, daß es wie ein ſchwarzes Vor⸗ zimmer ausſah; und um daſſelbe herum ſaßen an Ti⸗ ſchen, die mit Bierkannen, Tabak, Waffen aller Art und derben Speiſen bedeckt waren, die bunteſten Grup⸗ pen, die Claude in ſeiner großen Erfahrung jemals geſehen hatte. Einige Dutzend Matroſen befanden ſich hier in der verſchiedenartigſten Seetracht, aber alle zur Genige verſehen mit Angriffswaffen, wie Piſtolen und äbeln. Den Kapitän der Bande konnte man leicht an dem Flitterſtaate ſeines Anzuges erkennen und an den rohen Achtungsbezeugungen, die ihm von Allen erwie⸗ ſen wurden. Es war ein ſtarkknochiger, kräftig aus⸗ ſehender Mann, von ungefähr dreißig Jahren, mit ei⸗ nem von Wetter und Anſtrengungen gebräunten Geſicht, groben Zügen, einem hellen, kühnen Auge, herzlicher Biederkeit und Güte, die im Ganzen einen ſehr ange⸗ nehmen Eindruck machten. Er trug einen blauen Rock, der ſo reich beſetzt und geſtickt, obgleich abgeſchoſſen, war, daß er den Verdacht erweckte, als ob er einem Seeoffiziere von hohem Range angehört hätte, ehe er dem gegenwärtigen Eigenthümer zufiel, beſonders da ſeine rothe, wollene Kappe und die groben, weißen Hoſen, durchaus nicht gut dazu paßten. Er hatte einen Stahlgürtel mit Piſtolen beſpickt und kinen ſehr ſchö⸗ nen, etwas prahleriſch mit Bändern behangenen, Säbel. Da war aber ein anderer Gegenſtand, der Clau⸗ des Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Auf des Kapitäns Knie ſaß, einen zarten Arm um deſſen breiten Nacken geſchlungen, ein junges, ſehr ſchönes Mädchen— ſchön, trotz der Lumpen und wenigen Stücke Flitterputzes, mit denen ſie ſich hatte ſchmücken können. Sie ſchien kaum ſechszehn Jahre alt zu ſein; ihr Wuchs war leicht und zierlich, obgleich nicht ſehr groß und ihr Ge⸗ ſicht hätte einem Maler zum Modell für eine Hebe dienen können, ſo blühend, friſch und ſtrahlend, von Scherz und frohem Leben war jeder Zug deſſelben. Ihr Anzug war höchſt zerriſſen und ärmlich, aber auch dieſe Fetzen waren mit anmuthigem Takte geordnet. Sie trug einen kurzen, gelben Rock, mit allen Farben des Regenbogens geflickt, und ein Leibchen, ſo zerriſſen, daß der ſchöne Umriß und die Weiße ihres Buſens nur allzu ſichtbar waren. Natürliche Maſſen von rein⸗ goldenen Ringellocken, die ſie mit Blumen durchwun⸗ den hatte, beſchatteten ihr ſchönes Geſicht. Ein Korb voll Orangen und eine Anzahl gedruckter Balladen an 63 einer Schnur, die ihr zur Seite lagen, deuteten des Mädchens Beruf an, und als Claude eintrat, ſang ſie gerade, ihren Zuhörern zu gefallen, eine See⸗Ballade, aber mit einer ſo vollen und ſchönen Stimme, daß kein königliches Ohr ſie anzuhören verſchmäht hätte, Unferne dieſer Gruppe ſaß ein kleiner Mann auf einem Stuhle mit einem breiten, fetten Geſichte, einer Naſe von ungewöhnlichem Umfange, und kleinen, blin⸗ zelnden Augen, der mit beſoffenen Thränen des Ent⸗ zückens dem Geſange des Mädchens zuhorchte— indem er ſich ſelbſt und einen vollen Krug Bier im Takte bewegte. Claudes Eintritt verurſachte augenſcheinlich eine Störung des guten Beiſammenſeins. Der Geſang hörte auf und die Sängerin machte Miene, von des See⸗ manns Knie herunter zu ſpringen; aber er riß ſie zu⸗ rück mit einem rauhen„verdammt Nell*), was gibts? fürchteſt Du Dich, Mädchen?“ „Ich hoffe, nicht vor mir,“ ſagte Duval, indem er ſeinen Hut ſchwang. „Nein, nicht vor dem Teufel ſelbſt, wenn Jack Edwards dabei iſt, geſchweige vor franzöſiſchen Maul⸗ gffen!“ erwiederte der Kapitän, mit einem trotzigen Blick auf Duvals Perſon und Ausrüſtung. „Wahrlich, Jack, das iſt kein Herr, um einen zu ſcheuchen,“ ſagte Nell, denn ſo hieß ſie. „Ich kann ſchon für mich ſelber ſprechen, ſchöne Jungfer, indeſſen ſeid bedankt,“ agte Duval.„Aber Kapitän Edwards ſieht mich für den Unrechten anz mein Auftrag geht an ihn; Ihr kennt vielleicht dies Zeichen.“ 3 Er flüſterte Edwards ein Wort in's Ohr, welches großen Eindruck zu machen ſchien; und dieſer ſprang auf mit dem Ausruf,„Grüß Gott! ſo, ſeid ihr endlich —— *) Nell, abgekürzt für Eleonore. 64 da! Ihr ſeid ſo willkommen als Torbay in einem Sturme!“ und ſchüttelte herzlich Ouvals Hand. Nell benutzte die Gelegenheit, einen Schemel beim Feuer einzunehmen, und betrachtete, indem ſie ihr Ge⸗ ſicht mit der Hand beſchattete, lächelnd den neuen Gaſt. Der letztere, ſobald ihn der Seemann aus ſeinem ro⸗ hen Willkommen losgelaſſen hatte, gab dieſem einen Brief, den er um und um drehte, ohne ihn zu öffnen. „Hols der Teufel,“ ſagte er endlich und warf das Papier in's Feuer.„Ich bin nie auf der Univerſität geweſen, und damit, baſta! Aber ich ſehe, daß Alles richtig iſt, Ihr ſeid der Papiſt, den ich als Ballaſt mitnehmen ſoll? Auf dem Sprunge, he? Und das Kleine da iſt Euer Zicklein?“ „Ihr ſeid wohl unterrichtet; ich bin der Mann— Claude Duval.“ „Gut, werft Anker und ladet Fleiſch und Brannt⸗ wein,“ fuhr der luſtige Seemann fort, ein gutes Mu⸗ ſter des wackern, alten, ſtürmiſchen, engliſchen Matro⸗ ſen, ehe man weiße, glaſirte Handſchuhe auf dem Halb⸗ verdeck trug.„Wir können nicht vor Morgen ſegeln, wegen der Flut— unterdeſſen ſeid Ihr verdammt will⸗ kommen hier, und verlaßt Euch darauf, Jack Edwards führt Euch über den Häringsteich ſo ſicher, als ein Faß Branntwein.“ „Und gebt mir den ſüßen Knaben: ich will ihn ſtatt Eurer warten, Herr; ich ſehe, er hat Euren rau⸗ hen Bart nicht gerne,“ ſagte das Mädchen und ſtreckte ihre Arme aus, in welche der kleine Mervyn freudig ſprang.„Ach! wie lieb ich ihn ſchon habe. Wie ähn⸗ lich er dem Cupido iſt, der über des Herzogs Schau⸗ ſpielhaus gemalt iſt.“ „Nun, was fehlt dem Knaben?“ ſagte Duval lä⸗ chelnd,„fürchteſt Du Dich vor einem hübſchen Mäd⸗ chen, kleiner Haſenfuß?“ „Nein, aber mich frierts ſo,“ ſchauderte der Kleine und kroch dicht an die Bruſt ſeiner jungen Wärterin, 65 die, indem ſie ihn zärtlich umfing und ihre Roſen⸗ wange an ſeine legte, unbewußt eine überaus ſchöne Gruppe bildete. „Gut, wärme Dich dort, Du ächter Span vom alten Stamme,“ ſagte Claude.„Wo ſollte man Treue in der Welt finden, wenn nicht in einem Weiberherzen?“ „Halloh, Nell!“ rief Edwards,„lauf und bring eine Kanne Punſch und ſag Deiner Frau, ſie ſoll ihn mehr nach Rum ſchmecken laſſen; ich bin überzeugt, es wird ſie nicht viel Einfuhrzoll koſten. Und nun Herr, verſucht dies getrocknete Ochſenfleiſch— ächtes Ham⸗ burger, Herr.“ „Ich habe ein gedämpftes Huhn beſtellt,“ ſagte Claude. 3 „Was heißt ein gedämpftes Huhn auf eine See⸗ reiſe?„ rief der Kapitän.„Das iſt höchſtens gut zum Nachtiſch, wie Spreuer über die Fäßer; aber zum An⸗ fangen geht nichts über eine gute Grundlage, ſage ich!“ Auf dieſe Art genöthigt, machte ſich Claude an die Schüſſel vor ihm, und fand ſie trotz des groben Brodes und des ſchmutzigen Tiſchtuches ſchmackhaft. Es war intereſſant zu ſehen, wie bald er ſich in den Ton der Geſellſchaft fand; er bediente ſich der Matro⸗ ſenſprache, als wenn er daran gewöhnt wäre, brachte die Geſundheit der Damen aus, ſtieß mit den Män⸗ nern an, und ſetzte ſich in wenig Minuten bei Allen in Gunſt, beſonders bei Nell. 3 Claude war von der Lebhaftigkeit und dem Witze der jungen Balladenſängerin überraſcht, und ſie ſchien an ſeiner muntern Galanterie Gefallen zu finden, ein Umſtand, der dem Kapitän Edwards keineswegs an⸗ genehm war. Man hörte Späſſe, die gerade nicht ſehr anſtändig waren; und Claude bemerkte mit Theilnahme, daß Nell häufig erröthete, als ob ſie noch nicht ſehr an den freien und leichten Ton der Unterhaltung ge⸗ wöhnt wäre. Whitefriars. 1. 5 66 Als dieſer Auftritt zum Höhepunkt gelangt war, erſchien Miſtreß Bradley mit dem gedämpften Huhn, gefolgt von einem dumm ausſehenden Jungen, der eine weiße Steinflaſche voll Branntwein und einen Silber⸗ krug voll Sekt trug. Dieſe Artikel wurden vor Claude hingeſtellt und gemäß der Einladung ſetzte ſich Mrs. Bradley mit ihm zu Tiſche. Claude lud alle Anwe⸗ ſenden ein, mitzuſpeiſen, aber alle ſchlugen es aus, Nell ausgenommen, welche mit einem ſchalkhaften Lä⸗ cheln bemerkte, ſie ſei des geſalzenen Ochſenfleiſches überdrüſſig. Es zeigte ſich eine Schwierigkeit, für Nell einen höhern Sitz als ihren Schemel zu finden, bis es Duval einſiel, ſeinen Seſſel umzulegen, ſo daß das muntere Orangen⸗Mädchen und er einander ſitzend die Wage hielten; was ſie beide jedoch von Zeit zu Zeit nöthigte, einander feſtzuhalten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und das Alles ging mit ſo viel Ge⸗ lächter und gutmüthigem Spaſſe vor ſich, daß Edwards immer finſterer und ſtiller wurde. Niemand bemerkte dies jedoch bis Moll Creswold, die in der Stille ein Bein abgenagt und gelauert hatte, ihm einen Schlag auf die Schulter gab, der ihn aus ſeinen Träumen weckte.. „Einen Pfennig gäb ich, wenn ich wüßte, was Ihr denkt, mein Lieber?“ ſagte ſie mit einem pfiffigen Lächeln und Blick auf Nell Gwyn und den höflichen Diener, welche gerade mit einander anſtießen und Ge⸗ ſundheit tranken. „Alles Lügen,“ ich bekümmere mich keinen Ruder⸗ ſchlag um ſie, das Menſch!“ ſagte er, mehr ihren Blicken, als ihren Worten widerſprechend.„Was, Moll, Ihr ſeht ſo hübſch als ſie aus an Sonntägen, und wechſelt nicht mit jedem Wind. Komm her, Mäd⸗ chen und ſetz Dich auf mein Knie: Ich will Dir die goldenen Ohrenringe geben mit den glänzenden Stei⸗ nen, die ich an der ertrunkenen Dame in Stralſund 67 fand, Ich hatte ſie für Nell beſtimmt, aber ſie iſt beſſer verſehen. Und mit einem Blick voll unwilliger Verachtung auf die arme Nell, zog er Moll Creswold zu ſich heran, mir nichts, dir nichts und ſetzte ſie triumphirend auf die erwähnte Ehrenſtelle ein. Des Mädchens Auge blizte und ſie riß die Juwelen Edwards beinahe aus der Hand, da er ſie trotzig aus ſeiner Bruſttaſche zog. „Nun, wenn Ihr Miß Nell ihres Platzes beraubt, ſo muß ſie nothwendig einen Andern haben,“ ſagte Claude, indem er, mit einer leichten Bewegung, Nell auf ſein Knie verſetzte. Das Mädchen lachte muſika⸗ liſch und einen Augenblick lang ſchien Edwards ernſt⸗ lich entſchloſſen zu ſein, Händel anzufangen, aber nach tinigem Nachdenken rauchte er verdrießlich ſeine Pfeife ort. „Komm, Liebling Nelly, das iſt Alles nichts,“ ſagie der Wirth, der nun zum erſtenmal den Mund aufthat, aber mit beſcheidener Stimme, wie es dem Ehegenoſ⸗ ſen der Miſtreß Temperanz Bradley zukam.„Gebt Euer Herumflankiren auf, und ſingt dem Kapitän das Lied, das Ihr angefangen hattet, als der Herr, wie heißt er? hereinkam.“ z„Soll ich, Jack?“ ſagte das Mädchen, indem ſie lächelnd Mervyns Haare ſcheitelte, welcher, nachdem er ſich ſatt gegeſſen hatte, ſeinen Platz auf ihrem Schoße wieder einnahm, denn ſie hatte ſich von Claude frei gemacht.— In dieſem Augenblick hörte man die laute Glocke am Hofthor klingeln, und Moll Creswold hatte ihren Ehrenplatz zu verlaſſen, um nachzuſehen. „Thut was Ihr wollt, Mädchen; Ihr ſeid das nicht, wofür ich Euch hielt,“ brummte Edwards, in⸗ dem er trotzig die Tabakswolken von ſich blies.— „Thut was Ihr wollt— mir iſt's gleich.“ „Nein, denn ſonſt müßte ich Euch auf die Wan⸗ gen ſchlagen, weil Ihr ohne Urſache Euer ſchönes Ge⸗ 68 ſicht ſo häßlich macht,“ ſagte Nell muthwillig.„Aber ſagt, Jack, Ihr ſagt nicht im Ernſt, daß Ihr Moll Creswold halb ſo lieb habt, als mich?“ „Nu, Nell, beim Wetter— Ihr wißt, daß ich Nichts auf der Welt lieber habe, als Euch, wenn Ihr Euch wie ein ſolides Frauenzimmer betragt,“ erwie⸗ derte Edwards, indem ſich ſein Geſicht etwas er⸗ heiterte. 4 „Nun denn, Jack, ich will Euch Euer Lieblings⸗ lied ſingen, und wir wollen wieder gute Freunde ſein,“ rief Nell und ſtreckte ihre Hand hin, die der ehrliche Seemann, die Pfeife fallen laſſend, erfaßte und ſie ſo hart ſchüttelte, daß ſie laut aufſchrie und zugleich lachte. Sie öffnete gerade ihren kleinen rothen Mund, um zu ſingen, nachdem ſie mit einem lächelnden Blicke im Kreiſe umher ſich Aufmerkſamkeit erbeten hatte, als When Creswold zurück kam, gefolgt von einem neuen Gaſte. Fünftes Kapitel. Die große Feuersbrunſt. Der neue Gaſt im„Aumerles Wappen“ trat mit einer tiefen Verbeugung herein. Er war in einen großen, weißen, wollenen Mantel und Kragen gehüllt und hatte ſeinen Hut tief in die Augen hereingezdgen. Er war mit Blunderbüchſe und Schwert bewaffnet und glich vollkomnmen einem der Scharwächter, die um dieſe Zeit eine eigenthümliche Tracht hatten. „Laßt Euch nicht ſtören, meine Damen und Herrn,“ ſagte der Fremde mit einer tiefen, heiſeren Stimme. 6 in ei in Nö d ⸗ „Ich bin ein Burſch in Nöthen und dieſe warme Be⸗ 69 deckung hier habe ich ohne Erlaubniß von einem Herrn entlehnt, den ich niederſchlug, da er mir zu eifrig nach⸗ folgte, als ich gerade nicht gelaunt war, meine Br⸗ kannten zu grüßen.“ Auf Duval machten einige Töne in des Mannes Stimme einen unangenehmen Eindruck, die überhaupt erkünſtelt oder nachgemacht ſchien. Er drehte ſich her⸗ um und bemerkte, zu nicht beſonderem Vergnügen ein paar feurige Augen auf ihn gerichtet; das übrige Ge⸗ ſicht war verborgen. „Fürchtet Euch nicht, Kapitän,“ ſagte Moll mit einem boshaften Lächeln.„Der Herr iſt ein ganz ga⸗ lanter Mann— aber die Regierung und er ſind über einige Punkte nicht ganz einverſtanden; ich glaube, ſie wollen ihm an den Hals langen und er verſagt dem Gedanken ſeinen Beifall, das iſt Alles, nicht wahr, Tom?⸗ „Das iſt Alles und auch genug,“ antwortete Tom, mit heiſerem Lachen.„Ich höre, ſie halten Zimmer in New⸗ gate für mich in Bereitſchaft und einen Kaplan; aber ich habe keine ſo große Eile, in Ketten in Ruheſtand verſetzt zu werden. Sie haben mich ſogar aus White⸗ friars aufgejagt— Gott verdamme ſie!— und einer der Bluthunde hätte mich geſtern Nachts nahezu ge⸗ fangen, als ich einen Ausritt nach Hounslow machte, hätte ich nicht dieſen alten Beller bei mir gehabt. Molly, theuerſte, bringt mir eine Pfeife von dem bittern Ta⸗ ak und eine Kanne voll braunem Starken, und ich kann's dann dieſe Nacht aushalten.“ it dieſen Worten zog der Ehrenmann einen Stuhl hinter einem Vorſprung des Kamins, und ſchien ſich dort dem ungeſtörten Genuſſe der beſtellten Erfriſchungen zu überlaſſen. Claudes Aufmerkſamkeit, wurde nun von der un⸗ angenehmen Erſcheinung des Fremden durch Nelly ab⸗ geleitet, die ihn fragte, ob er Matroſenlieder liebe. Claude erwiederte galant, er liebe Alles, was ſie liebe 70 und bat ſie, ihr Verſprechen zu erfüllen und zu fingen. Das Mädchen begann ſodann in ihren ſüßen melodi⸗ ſchen Tönen, indem ſie mit Augen voll komiſchen Hu⸗ mors von Claude auf Edwards blickte. Nell Gwyns Lied. „England gehört das Meer, das Meer, Und bleibt in Englands Macht! Komm' auch der Franzmann kühn daher, Komm' alle Welt zur Schlacht!“ Sprach der tapfere Blake, die Segel er ſpannt, Mit Kanonendonner und Glut, „Gebt Feuer ihr Jungen, der Sieg iſt zur Hand, Oder hier unſer Grab in der Flut! Gebt Feuer, raſch!“ ſagt noch einmal er, Denn Englands iſt das Meer, das Meer, Und bleibt in Englands Macht. Der Wind ſtürmt luſtig von Alt⸗England; Der Spanier floh zur Stund. Wir jagten ihn bis er Zuflucht fand Im Canariſchen Ankergrund. — Sprach der Admiral, als ihr Schiffs⸗Caſtell Wie Sturmnacht blizt und kracht: „Wir fürchten uns nicht, gebt Feuer zur Stell Für Englands Recht und Macht. „Gebt Feuer, Jungen, Feuer!“ ſprach er, „Denn Englands iſt das Meer, 58 Meer, Und bleibt in Englands Macht!“ Wir bohrten und brannten ſie auf den Grund, Nahmen Gold und Gewürz zur Beut, Und brachten nach Haus einen reichen Fund, Der noch heut' unſ're Liebchen freut. — Sprach der Admiral nah' dem Heimnäthapdrt: „Ich ſegle in Todesſchlaf.“ 71 Und er ſtarb mit Lächeln; ſein ſterbend Wort War—„Feuer!— und entert brav!“ Und„Feuer!— ihr Jungen!“ noch einmal, ſprach er, „Denn Englands iſt das Meer, das Meer, Und bleibt in Englands Macht!“ „Wie heißt man dieſes Lied, Mädchen?“ ſprach Edwards, indem er ſich die Augen wiſchte.„Gott ſei uns gnädig, ich kann mir den alten Blake noch ſo deut⸗ lich vorſtellen, als eine Pikenſtange, und Grund genug hab ich, daß ich's kann; denn,— ſagt er eines Tages zu mir— es war an dem Tage, da wir den Hol⸗ ländern auf der Höhe von Portland Schläge gaben— ich war damals noch ein Junge und noch nie im Tref⸗ fen geweſen— ſagt er zu mir— ich ſtand bei meiner Kanone und meine Zähne klapperten, wie bei den mei⸗ ſten Gelbſchnäbeln, ehe ſie ein rechtes Feuer geſehen haben— ſagt er: Jetzt hör mich, Jack, halt feſt bei Deiner Kanone aus, denn ſonſt, Junker, ſchieß ich Dir den Schädel ein!— und dann wendet er ſich ab, und wenn ich ihn nicht die Augen mit dem Aermel wiſchen ſah, ſo will ich nicht Jack Edwards heißen— das iſt Alles.“ Und er ſtieß große Rauchwolken von ſich. „Man nennt das Lied Blakes letzten Kreuzzug— hier iſt es im„Immergrün,“ ſagte Nell und zog eine Ballade hervor. „Ich will Dir eine abkaufen, Nell; und da iſt das Löſegeld,“ ſagte der Kapitän, indem er nach der walade griff und der Sängerin eine Golddublone hin⸗ warf. a“Da habt Ihr's nun— ein altes Lied für Euer Hheld rief Moll Creswold, mit einem boshaften Ge⸗ ächter. „Und ich will auch eines haben, und ſollte es mich das Doppelte koſten,“ ſagte Claude Duval. „Ihr ſollt eines umſonſt haben,“ antwortete Nell mit einem neckenden Lächeln gegen Edwards. 72 „Hört einmal, Herr Duval,“ ſagte Edwards, in⸗ dem er ſeinen Punſch in einem ungeheuren Schluck hinunterſtürzte, und dabei ausſah, als ob ihm das Weinen nahe wäre.„Ihr ſeid ein Fremder und ich weiß, daß ihr verdammten franzöſiſchen Fröſche euch nicht auf die rechte engliſche Art zu Boxen verſteht, aber Ihr ſeid geſchickt mit dem Schwert. Ich rühme mich nun eben nicht, von dem Ding mehr zu verſtehen, als einen tüchtigen ehrlichen Hieb, rechts und links, und Ihr verſteht alle die Tanzmeiſterkünſte vom Fechten— aber wie ich ſagte— was war's?— nun, Gott ver⸗ damm mich, wenn ich das leide— das iſt Alles.“ „Bravo, Jack!— drauf los, ſalz ihm eins!“ rief der Herr im wollenen Mantel. „Und ich will damit anfangen, daß ich ein Exem⸗ pel an Euch ſtatuire, weil Ihr Euch in Sachen miſcht, die Euch nichts angehen. Nun, Herr Duval, nehmet Ihr meinen Vorſchlag an?“ „Seid Ihr toll, Kapitän, oder vergeßt Ihr, woher oder warum ich kam?“ fragte Claude. „Warum nimmt denn Nell nicht Rückſicht auf mich, wie ſie ſollte,“ ſagte der Kapitän wehmüthig.„Will ich ſie denn nicht nächſtens heirathen 20 „Kommt, kommt, laßt uns alle Freunde und ver⸗ gnügt ſein— Herr, hilf uns— was brauchen wir Händel?“ ſagte der kleine Wirth, indem ſeine Augen von Thränen der Trunkenheit überfloßen.„Kommt, kommt— gebt Euch die Hand, die Hand und des Herrn Gnade komme über Euch Alle!— und bring uns eine andere Bola Punſch, Frau.“ „Es iſt Sonntag⸗Morgen!“ ſagte der vermummte Gaſt in einem nachgeahmten Tone der Heiligkeit, über den die ganze Geſellſchaft herzlich lachte. „Was macht das?“ verſetzte Edwards heiter, denn Nell hatte wieder Platz neben ihm genommen, wobei ſie jedoch Sorge trug, Merpyn zwiſchen ihn und ſie zu ſetzen.„Wir wollen noch eine Abſchiedsbola haben— —, die im Himmel werden uns ein wenig Vergnügen nicht mißgönnen, da ſie ſelber ſo viel droben haben.“ Dieſer Beweisgrund wurde als entſcheidend ange⸗ ſehen; und Miſtreß Bradley, die in tiefes Schnarchen verfallen war, wurde aufgeweckt, um eine andere Bola des erheiternden Necktars zu bereiten. Aber in dieſem Augenblicke ſtürzte Moll mit wilder Freude herein und kündigte das Lieblingsſchauſpiel des Londoner Pöbels an— eine Feuersbrunſt. Es lag wirklich etwas teuf⸗ liſches in der Freude der Dirne, als ſie erzählte, wie groß das Unglück ſchon ſei.„Das Feuer ſei in Mei⸗ ſter Farryners, des Hof⸗Bäckers, Hauſe ausgebrochen; die Häuſer auf beiden Seiten der Straße ſtehen ſchon in Flammen und die Feuerſpritzen können aus Mangel an Waſſer nicht ſpielen, ſo daß ein herrliches Luſtfeuer zu hoffen ſei.“ Dies war hinreichend. Die ganze Geſellſchaft ſtand ſogleich auf, und einige liefen hinaus, während andere die Fenſter aufriſſen. Unter den letztern waren Claude und der Herr im Mantel. Der Strom und der Him⸗ mel waren in der Richtung des Feuers hin von einer breiten Lohe erhellt, über welcher die Sankt Magnus⸗ kirche, zu oberſt auf dem Hügel, wie ein Rieſengeſpenſt erſchien, das in Wolken der Finſterniß naht. Die Glocken vieler Kirchen läuteten Sturm; die Leute rann⸗ ten nach allen Richtungen hin, die Waſſerführer trieben ihre Karren gegen das Ufer— alles war in Bewe⸗ gung und Aufruhr. Dies war unwiderſtehlich; Wirth und Gäſte, Alle ſtürzten hinaus. Claude nahm den kleinen Mervyn auf einen Arm und gab Nell den An⸗ dern, die ihn freudig annahm, und ſie folgten dem allgemeinen Zulauf. Wie er ſich die Treppen hinunter⸗ drängte, kam es ihm vor, als ob ihn Jemand beim Mantel anfaſſe, aber ſogleich wieder losließe; er drehte ſich herum und ſah Tom, den Straßenräuber, an ſich vorbei ſtreifen. Er hielt es für einen Zufall und eilte vorwärts, und hatte, nachdem er über die Brücke ge⸗ 74 gangen war, nicht nöthig, nach dem Wege zur Scene der Zerſtörung zu fragen. Sechstes Kapitel. Die Verfolgung. Beinahe die ganze Fiſchſtraße war in Flamen. Trotz aller Anſtrengungen, welche mit den ſchwerfälligen Feuerſpritzen jener Zeit, von Bürgern in Bewegung geſetzt, möglich waren, ſchien die ganze Straße eine einzige, ungeheure Maſſe von Feuerwogen zu ſein. Dieſe griffen reißend um ſich— eine Windsbraut von. Rauch und Funken trieb ſich den Hügel hinunter der London⸗Brücke zu. Ein ſtarker Oſtwind vermehrte die Heftigkeit der Flammen und die hölzernen Häuſer, angefüllt mit Zimmerholz und Schiffsvorräthen, ſchie⸗ nen wie zurechtgelegter Brennſtoff. Eine ungeheure Volksmenge bewachte den Fort⸗ ſchritt dieſer Ereigniſſe; gellendes Geſchrei der Leiden⸗ ſchaft und Hülferufe ertönten von allen Seiten, aber die Mehrzahl ſah in dummem Erſtaunen zu. Die ver⸗ zweifelnden Bewohner der brennenden und gefährdeten Straßen ſuchten ihre Habſeligkeiten zu retten und Alles war nur eine wilde Verwirrung. Einige Konſtabler.. erſchienen zwar auf den Plätzen, thaten aber nichts, als daß ſie die Menſchenmenge vergeblich zur Ordnung ermahnten. Der Wirrwar war zu groß, als daß Nell ihres Beſchützers Arm hätte beibehalten können; ſie ward unwiderſtehlich vom Gedränge hinweggeriſſen. Kurz darauf ſah er ſie jedoch neben einem flotten Cavalier ſtehen, der über das Flammenſchauſpiel lachte und jubelte. /* 1 75 Die Feuersbrunſt fuhr mit vermehrter Wuth fort und Claude vernahm mit bewegtem Schauder den Aufſchrei, welcher das Hervorbrechen der Flammen am Thurme von Sankt Magnus ankündigte. In weni⸗ gen Augenblicken ſtand die ganze Kirche in einer unge⸗ heuren Lohe. Unterdeſſen drang der Ruf:„Feuer, Feuer!“ durch die ganze Stadt und die Bevölkerung, toll von Furcht und Neugierde, ergoß ſich von allen Seiten her; denn nun verbreiteten ſich Gerüchte, daß die Katholiken einen Plan gemacht hätten, London zu verbrennen; und ein wahnwitziger Schwärmer rannte durch die Straßen und ſchrie—„das iſt Gottes großes Gericht! London fällt, London iſt dem Untergange geweiht! Nichts kann die Iſabel unter den Städten retten! Siehe, der Herr facht die Flammen an mit dem Blaſebalg ſeiner Winde!“ Die Ankunft des Lordmajors und eine ſchwache Abtheilung der Stadtmiliz ſchien die allgemeine Rath⸗ loſigkeit nur zu vergrößern. In kurzer Zeit hatte das Feuer ſo ſchrecklich zugenommen, daß die ganze Thames⸗ Straße in einer ununterbrochenen Flamme erſchien. Der Aufruhr und die Verwirrung, welche herrſchten, machten das bloße Zuſchauen gefährlich, beſonders für einen Fremden, da Gerüchte gingen, daß entweder die Franzoſen oder die Holländer, mit denen beiden wir damals im Kriege waren, mit den Jeſuiten einen Plan verabredet hätten, London zu plündern und zu ver⸗ brennen. Claude wurde für ſeine und des Knaben Sicherheit beſorgt und hielt es für das Klügſte, nach ſeinem Wirthshauſe zurückzukehren und Edwards auf⸗ zuſuchen. Aber zu ſeiner Ueberraſchung und Beſtürzung fand er, daß das Feuer hinten in einem Bogen durch⸗ gebrochen hatte und daß bereits mehrere Häuſer auf der Brücke in Flammen ſtunden. Einige Minuten lang war er zweifelhaft, was er thun ſollte, da er aber ſah, daß mehrere vermummte 76 Männer um ihn her ihn auf eine verdächtige Weiſe beobachteten, hielt er es für das Beſte, den Rück ug anzutreten. Er ſchlug in dieſer Abſicht ein dundie Gäßchen ein, das zu dem Fluß hinunter führte, um wo möglich ein Boot zu erhalten; aber er war das unebene Pflaſter kaum zur Hälfte hinuntergeſtolpert, als er von hinten am Kragen gefaßt wurde, und eine Stimme, die ihn unangenehm durchzuckte, ausrief— „Halt, Schelm!“ Da er ſich auf dieſen ſchlimmen Gruß ſchnell herumwandte, gewahrte Claude den Herrn im wollenen Mantel, deſſen Erſcheinung ſchon vorhin ſei⸗ nen Argwohn erregt hatte. „Diable: que voulez-vous? rief Duval in der erſten Ueberraſchung und tappte vorwärts nach ſeinem Schwerte; aber der Fremde war zu ſchnell auf ihm und faßte Duvals Handgelenke mit einem ſolchen Griffe, daß er, mit dem Kinde auf dem Arm, an kei⸗ nen Widerſtand denken konnte. „Wehrt Euch nicht, es hilft nichts,“ ſagte der An⸗ greifer ſehr gelaſſen, und zeigte, indem er ſeine Hut⸗ krempe zuruckſchlug, das Geſicht des Oberſt Blood. Und nun, da Ihr mich kennt, hoffe ich, Ihr werdet Euch nicht weigern, mit mir vor einen Richter zu ge⸗ hen? Ich habe eine Vollmacht— hier iſt ſie— Euch, als einen franzöſiſchen Spion zu verhaften. Ich habe Leute genug zur Hand, deswegen geht lieber ruhig mit mir. „Es iſt unmöglich; Ihr ſeid am Unrechten,“ ſagte Claude. „Poſſen!“ verſetzte der Oberſt.„Seid Ihr nicht Mylord Aumerles franzöfiſcher Diener? Ergebt Euch oder ich puffe Euer Gehirn in die Goſſe. Ihr kennt mich, das ſeh' ich an Euren unſtäten Augen. Keine Flanſen mehr, ſondern kommt mit.“. „Keinen Schritt. Ich ſage Euch, Oberſt, Ihr ſeid irrig,“ erwiederte Claude, uneingeſchüchtert von der 1 Piſtole, die gegen ſeinen Kopf gerichtet war.„Schießt, wenn Ihr es wagtv; es iſt Mord.“ „Das Kind auf Eurem Arm ſchützt Euch, Thor, oder wir würden uns uber das hinwegſetzen,“ brummte Blood und ſenkte den Lauf.„Wir müſſen es anders mit Euch anfangen. Ho! Hill, Green! Wo ſind ſie?“ Er ließ die Feder einer Klapper ſpringen, die einen eigenthümlichen Lärm machte, den ſeine Verbün⸗ deten ohne Zweifel wohl verſtanden, und drei oder vier Männer, als Conſtabler angezogen und wohl bewaffnet, kamen die Gaſſe herunter. Blood wollte durch eine ſchnelle Bewegung ſich des Kindes bemächtigen und rief ſeinen Kameraden zu, ihm zu helfen; aber Claude benützte geſchickt dieſe Gelegenheit, ſeine Hand los zu machen, ſprang einige Schritte zurück, zog ſein Schwert und führte einen Streich auf ſeinen Gegner, der ihm den Hut vom Kopfe hieb und ſeine Stirne ſtreifte. „Nun dann, nimm das! Zur Hölle Du Franzoſen⸗ hund!“ rief Blood und feuerte ſeine Piſtole ab. Glücklicherweiſe flogen bei der Dunkelheit und dem übereilten Zielen die Kugeln an Claude vorbei, der unterdeſſen aus aller Macht„Mord! Raub! Hülfe!“ ſchrie. Augenblicks zog Blood, der den ſchlechten Er⸗ folg ſeines Schuſſes bemerkt hatte, ſeinen Hirſchfänger und ſtürzte zum Angriff vor. Seine Trabanten folgten dem Beiſpiele, und in einigen Sekunden war Claude mit ſeinem Rücken gegen eine Thür getrieben, wo er ſich entſchloſſen vertheidigte. Einnige Bewohner dieſes dunkeln Bezirks hörten ſeinen Hulferuf, ſtreckten die Köpfe aus den Fenſtern und ſtimmten in ſeinen Ruf ein, ohne daß ſie es wag⸗ ten, ihm zu Hülfe zu kommen. Blood ermahnte jedoch fortwährend ſeine Geſellen, dem Kinde kein Leid zu thun und ihre Furcht, es zu verletzen, war Claude's beſter Secundant. Demungeachtet mußte der Kampf ſich bald entſchieden haben, denn ob er gleich ein Mei⸗ ſter in dem Gebrauch ſeiner Waffe war, war es un⸗ 78 möglich, einer ſolchen Uebermacht zu widerſtehen, als plötzlich ein neuer Alliirter auftrat. „Ei, ſo ſchlag meine Krummhölzer in Splitter!“ rief eine Stimme die Gaſſe herauf;„Fünf gegen Einen! Das iſt unehrlich! Wie, Meiſter Duval! Haltet Euch, Herr und Jack Edwards ſteht Euch zur Seite.“ Ein ſtarker Arm mit einem Hieber kam dieſer An⸗ rede nach und hieb einen der Schurken nieder, und Claude hörte eine Pfeife, die augenſcheinlich in der Hitze des Gefechts geblaſen wurde. Er war nur im Handgemenge mit Blood, während das ihn umhalſende und ſchreiende Kind ſeine Bewegungen hinderte, ob⸗ gleich es ihn einigermaßen deckte. Die Pfeife bewirkte etwas Aehnliches wie die Klapper, indem ſie neue Kämpfer herbeirief, aber für die entgegengeſetzte Seite. Eine Anzahl Matroſen erſchien am Eingang der Gaſſe, und da ſie ihren Capitän im Gefecht ſahen, wußten ſie ſo⸗ gleich, welche Partei ſie zu ergreifen hatten, und ſtürz⸗ ten zum Entſatze herbei. Die Ueberzahl war nun auf Claude's Seite, und ſelbſt der wilde Blood, da er ſeine Leute nach allen Seiten hin fliehen ſah, fand es nicht möglich, das Feld zu behaupten und lief davon, indem er im Namen des Königs um Hülfe ſchrie und das gräßliche Loſungswort erhob, ein päpſtlicher Spion, ein päpſtlicher Spion!“. Claude wußte, daß dieſer Ruf nicht lange unbe⸗ antwortet bleiben würde und nachdem er Edwards für ſeine Hülfe zu rechter Zeit eilig gedankt, worauf der edel⸗ müthige Seemann ſchwor, das ſei bloß, was er für Jeden in gleicher Noth gethan hätte, beriethen fie ſich, was das Beſte zu thun ſei. Edwards hatte eine Ma⸗ troſenfurcht vor Allem, wobei das Recht und Geſetz im Spiel war, und rieth, daß ſie Alle ſo ſchnell als möglich an Bord ſeines Schiffes gehen ſollten. Claude ſtimmte ihm bei, und ſie liefen dem Waſſer zu, wo auf Edwards Ruf„Boot! Boot!“ ein kleiner Kahn hinter einem Schiffe hervorſchoß. Claude, Edwards und der 79 kleine Mervyn, nebſt zwei Matroſen, ſprangen hinein und ruderten in die Mitte des Stromes hinaus, um außer dem Bereich der zahlreichen Barken und Böte zu kommen, die herumfuhren. Dieſer Verſuch zeigte ſich jedoch bald als unaus⸗ führbar. Die ganze Waſſerfläche in der Nähe der Londonbrücke war gedrängt voll von Fahrzeugen aller Art, Barken, Böten, Flöſſen, ſchwimmendem Hausge⸗ räth, Fäſſern, Bauholz, Betten— als ob eine große Flotte kurz vorher Schiffbruch gelitten hätte. Claude, der beſtimmt überzeugt war, daß Bloods Abſicht nicht gegen ihn, ſondern gegen ſeinen jungen Anbefohlenen gerichtet ſei, wurde mit jedem Augenblicke ängſtlicher und ungeduldiger über die Verzögerung. Er ſtellte Edwards vor, daß ihre Verfolger ſie ohne Zwei⸗ fel auf dem Strome einholen würden, wo Widerſtand unmöglich ſei. Er hielt es daher für das Beſte, daß ihn der Capitän ans Land ſetzen und ſeine eigene Barke auf die Towertreppe bringen ſollte, ſo frühe am Morgen als möglich. Dieſer Plan wurde für thunlich erachtet und augenblicklich in Ausführung gebracht; ſie trieben ihr Boot auf den Sand bei der Londonbrücke und Claude eilte in größter Haſt durch abgelegene Straßen nach Eaſtcheap, während Edwards in der ent⸗ gegengeſetzten Richtung abging, um ſeinen Theil der Verabredung zu erfüllen. Duval trat in eine dunkle Kneipe, ließ ſich Wein und Brod zum Frühſtück geben und horchte, warm in eine dunkle Ecke geniſtet, auf die widerſprechenden Be⸗ richte der zahlreichen Beſucher. Er hörte, daß das Feuer mit vermehrter Wuth raſe— daß alle Verſuche, demſelben Einhalt zu thun, vergebens ſeien— daß der Lordmajor völlig den Kopf verloren habe— daß Sir John Robinſon und die Garden vom Tower durch die Straßen paradirten, und daß die brennenden Häuſer geplündert würden, wie in einer erſtürmten Stadt. 80⁰ Was die Urſache der Feuersbrunſt betraf, ſo gab, es eben ſo viele verſchiedene Meinungen, als Indivi⸗ duen— die Franzoſen, die Holländer, die Jeſuiten 1 hatten ein jeder Theil ſeine Stimme für ſich. Da er zuletzt mit ſeinem beweglichen Blute nicht länger ſtill ſitzen konnte, während eine ganze Stadt in Bewegung war, ſo borgte Claude einen alten Mantel von dem Wirthe und miſchte ſich auf's Neue in's Getümmel. Der Morgen brach gerade an, aber der dicke Nauch, das feurige Dunkel der Atmosphäre verbarg das ein⸗ brechende Zwielicht. Soldaten von den Stadtcom⸗ pagnien waren in den Straßen aufgeſtellt, um die Maſſen am Auf⸗ und Abſtrömen zu verhindern; aber aller Gehorſam war nun zu Ende; Niemand hörte auf Befehle oder Bitten; der Schrecken hatte die Bande der Scheu und Ehrfurcht zerriſſen und die Ge⸗ ſellſchaft ſchien ſich in ihre erſten, wilden Elemente aufzulöſen. 3 Claude bemerkte einige wenige, die immer noch ihre Geiſtesgegenwart behielten und ſich beſtrebten, die den brennenden zunächſt gelegenen Häuſer niederzurei⸗ ßen, aber die in ungeheuern Wogen vor dem Winde hergetriebene Feuermaſſe bot allen ihren Anſtrengungen Trotz. Die hölzernen Häuſer, deren vorſpringende Balkone eine ganz fertige Leitungslinie bildeten, brann⸗ ten fort und fort, und da ihre Beſitzer hauptſächlich mit Oel, Pech, Theer, Branntwein, Seilen und Zim⸗ merholz handelten, ſo bildete der Brand oft wüthende Glutöfen von den ſchönſten weißen und bunten Flam⸗ men. Die vorherrſchenden Leidenſchaften der Menſchen ſchienen nun bis zum Wahnſinn erhöht zu ſein; einige fluchten und heulten Verwünſchungen über ihr Unglück, andere knieten in der kothigen Straße nieder, ſangen Kirchenlieder und beteten mit fanatiſcher⸗Begeiſterung, als ob das Ende der Welt herangekommen wäre. Thamesſtraße war nun nur noch ein Haufe roth⸗ glühender Ruinen; Grace⸗churchſtraße ſtand ganz in 81 Flammen und die zwei großen Linien von Häuſern an jeder Seite Lombard und Fenchurchſtraße— hatten ſchon die feurige Anſteckung gefangen. Kirchen— die flammenden Rieſen des Schauſpiels— ſtiegen über dem Ocean von Feuer auf, und brannten bis zum höchſten Gipfel. Jetzt hatte der Brand die Geſtalt eines ungeheuern Feuerbogens angenommen, und derſelbe Schwärmer, welcher die Menge zuvor angeredet hatte, wies dar⸗ auf hin. „Seht da den Bogen— nicht länger ein Bogen der Verheißung, ſondern des Verderbens!“ rief er mit wahnſinniger Heftigkeit.„Seht da das Vorzeichen nicht vom Waſſer, ſondern vom Feuer— nicht der Barmherzigkeit, ſondern der völligen Zerſtörung— nicht der Vergebung, ſondern des Zorns, für immer! die Pfeile Gottes flammen darinnen! Wehe Dir Lon⸗ don! Du Sodom unter den Städten. Wer ſoll für Dich in den Riß ſtehen!“ Indem er ſich von dieſem Tollhäusler und der durchdringenden Hitze der umgebenden Flammen los⸗ riß, dachte Claude, daß es am beſten gethan ſein wurde, ſeinen Weg nach dem Tower hin zu nehmen, um Edwards zu treffen. Aber er fand 49 bald in dieſem Unternehmen verhindert; Soldaten hatten alle Ausgänge nach dem Ufer hin beſetzt, und wollten ihn, trotz aller Vorſtellungen, nicht ohne eine geſchriebene Ordre vom Lordmajor paſſiren laſſen. Der letztgenante Beamte war, wie man ihm ſagte, zu Whitehall, wo ſich der Rath in Beſtürzung verſammelt hatte, um über die nothwendigen Maßregeln zu berathſchlagen. Ueber⸗ dieß drängte ſich Clauden der Gedanke auf, daß ein ſolches Geſuch in dieſer Kriſis, und noch dazu von einem Fremden, nichts als Einſperrung zur Folge ha⸗ ben könne. Da er nichts Anders zu thun wußte, machte er ſich nun auf den Weg zu ſeiner Kneipe Whitefriars. I. 6 8² zurück— aber er fand ſie, da er näher kam, bereits in Flammen. In dieſer Klemme hoffte er, daß er in der größten Verwirrung am wenigſten beobachtét wer⸗ den dürfte, und folgte dem Strom des Gedränges durch die feurige Stadt. Sogar des kleinen Mervyn's Schrecken hatten jetzt der Bewunderung Platz gemacht, und da ſie vor der Börſe hielten, die lichterloh brannte, ſchlug er ſeine Hände als wie in Freude zu⸗ ſammen. 4 Die Stunden dieſes entſetzlichen Tages gingen vor dem überwältigenden Gefühle, das ſich aller Ge⸗ müther bemächtiget hatte, wie Jahrhunderte in einem Traume vorüber. Niemand berechnete die Zeit und nicht ein Strahl des Tageslichts drang durch die dunkel⸗ rothe Atmosphäre. Die Sonne hing zwar darüber, wie ein blutiger Kreis, ſchien aber weder Licht noch Wärme zu geben. Das Getümmel, das Geſchrei ver⸗ ſchlang jede Erinnerung. Claude war ſo unbekümmert als die Andern über das Hinwegſchwinden der Zeit. Er wanderte herum in der Verwirrung. Betäubt und ſtumpf von dem Ge⸗ ſchrei, Lärmen und dem allgemeinen Schrecken, aber Niemand ſchien ihn zu beachten. Die Straßen waren mit Geräthe und Waaren aus den brennenden Häuſern vollgepfropft; Wägen, beladen mit koſtbaren Gütern, hatten ſich in einander verſchoben und verwirrt, ſo daß alle Verſuche, zu Hülfe zu eilen, fruchtlos waren. . Claude ſtarrte in ſtummem Schrecken, und beinahe vom Nauch erſtickt, die Rieſenmaſſe der brennenden Guildhall an, als er ſich an der Quaſte ſeines Man⸗ tels gezupft fühlte. Er fuhr herum und ſah, was ihm in dem dicken Rauche wie der Geiſt eines Mädchens erſchien, ſo bleich und geſpenſtig waren ihre Züge. Ein aufmerkſamer Blick ſagte ihm jedoch, daß es Nell Gwpn ſei, noch vor Kurzem die Luſtigſte unter den Luſtigen. Seine Galanterie hatte ihn jedoch nicht völlig verlaſſen. 4 8³ „Süße Miſtreß Nell!“ rief er aus, als ſie ihn mit einer ernſthaften Geberde unterbrach. „Sprecht jetzt nicht auf dieſe Weiſe zu mir— es iſt zu ſchrecklich!“ rief ſie aus.„Ich bin gerade dem gottloſen Lord entſprungen, bei dem Ihr mich ſtehen ſaht— Rocheſter heißt er— aber ſein läſternder Witz iſt zu entſetzlich. O, Claude! glaubt Ihr wirklich, daß dies der Tag des Gerichts iſt?“ „Wenn er es nicht iſt, ſo werden wir keinen Schlimmern ſehen, ehe jener kommt!“ erwiederte Duval.. „Und dies arme Kind!“ rief das Mädchen und brach in Thränen aus.„Aber ich vergeſſe, Claude, daß ich Euch ſchon ſeit einigen Stunden aufſuchte, um Euch zu warnen. Ich hörte den abſcheulich ausſehen⸗ den Schurken im weißen Mantel ſich überall nach Euch erkundigen— wobei er Euch genau beſchrieb— aber die Leute ſind ſo in Ihrem Elende verſunken, ſie wiſſen higt. was er meint. Ach! Gott ſei uns gnädig! dort iſt er.“ 3 Sie deutete durch eine Wolke feurigen Staubes auf eine Geſtalt, die auf einem hohen Eckſteine ſtand und, dem Anſcheine nach, ſchreiend einige Befehle gab. Ein Blick auf ſein ſchreckliches Geſicht, erhellt von dem harmonirenden Scheine der Feuersbrunſt, war hinlänglich für Claude. „Ich muß mein Heil in der Flucht ſuchen, Nell— mein Leben ſteht auf dem Spiel und ebenſo das des Kindes!“ rief er.„Aber wenn Ihr des Himmels Verzeihung für irgend eine kleine Sünde verdienen wollt, ſo thut ein Liebeswerk für mich! Ihr werdet Edwards an der Towertreppe wartend finden— die Schildwachen werden Euch durchlaſſen— ſagt ihm, er ſolle nach Whitehall fahren und dort um zehn Uhr des Nachts warten— wenn es nicht jetzt ſchon ſo ſpät iſt.“ „Jch wills thun,“ ſagte Nell entſchloſſen;„aber ſeht nach dem Kinde, es iſt ſo weiß als Schnee.“4.. 84 Duval, beſorgt, daß ihn ſein Verfolger bemerken könne, drückte dankbar des Mädchens Hand und ließ einen Moidor darinnen, und verſchwand hierauf, ehe ſie das Geld zurückgeben konnte, was ſie gerne ge⸗ wollt hätte. Die Nachricht, daß beide Seiten von Cheapfide in Flammen ſtünden, gab dem großen Strom der Zu⸗ ſchauer die Richtung dorthin, und Duval ſchloß ſich daran an. Die Volksflut wurde jedoch in ihren Fort⸗ ſchritten bei Mercers Kapelle aufgehalten, wo vier gleichzeitige Feuer, als wie in einen gemeinſchaftlichen Behälter zuſammenſtrömten. Threadnedleſtraße, Wal⸗ brock und Bucklersbury lagen nun dem Blicke offen und ungeheure Feuerſäulen wurden durch den Fall der dazwiſchenliegenden Häuſer aufgedeckt. Das Gepolter der krachenden Balken, der Staub, der Nauch, der er⸗ ſtickende Dampf, wurden von einer dichten Feuermaſſe von hundert Fuß Höhe gefolgt. Mit einem Aufſchrei des Entſetzens ſtürzte der Haufen vorüber und riß Claude mit ſich fort, der ſich ſomit unter einer unge⸗ heuren und ſchweigenden Menge befand, die der Zer⸗ ſtörung der großen Kathedrale Londons— der herrli⸗ chen St. Paulskirche von Juigo Jones— zuſahen. Es war eine Seene, wie ſie wohl eine übergewaltige Phantaſie hätte träumen können, aber kein menſchliches Auge je vorher geſehen hatte— der höchſte Grad des Entſetzlichen. Eine ungeheure Volksmaſſe war anwe⸗ ſend, aber alle in ein furchterregendes Schweigen ge⸗ ſtürzt, unzählige Geſichter, bleich, hohl und wie ver⸗ ſteinert, ſo ſtarr war der Ausdruck ihres Schauders, waren dem Schauſpiel zugewandt. Claude ſtand hinter einer Gruppe von reichgeklei⸗ deten Reitern, von denen nur einer— ein großer, olivenbrauner Mann mit einem ſehr glänzenden Auge das Haupt bedeckt hatte. Dieſe Perſon, wie Claude bald erfuhr, war Niemand anders, als der König; in einem andern mit Staub und Koth bedeckten Reiter 85 erkannte er den Herzog von York. Der Cavalier, den er zuvor in Geſellſchaft von Nell Gwyn geſehen hatte, war gleichfalls in der Nähe des Königs und hielt ſein Pferd am Zügel, welches bei jedem Windſtoß, der einen Funkenregen unter ſie warf, vor Schrecken ſchnaubte. Einige Soldaten ſtanden ſteif, wie eherne Bildſäulen umher— aber keiner regte ſich.— Die Fruchtloſigkeit jeden Widerſtandes ſchien ſtillſchweigend anerkannt zu ſein. Die Hitze wurde nun unerträglich und Claude kam es vor, als ob die Steine unter ſei⸗ nen Füßen glühten; aber der Zauber des Schreckens hielt Alle auf die Stelle gefeſſelt. St. Paulskirche— die große St. Paulskirche, der Ruhm Londons, war in Flammen! der ganze Giebel der Kirche(denn dorthin hatte der Wind die Elemente der Zerſtörung zuerſt ge⸗ führt) war in Glut. Die Galerien waren in lichte Feuerſtröme gehüllt; glänzende Flammengüſſe brachen in jedem Augenblicke in allen Richtungen hervor und vereitelten jede Hoffnung, das rieſenhafte Gebäude zu retten. Das Blei ſchmolz wie Schnee an der Sonne, auf den weiten Dächern; die ungeheuren Balken, die furchtbaren Steinmaſſen wichen und fielen mit betäu⸗ bendem Getöſe, und zerſchmetterten das Dach der Kirche zum heiligen Glauben, welche wie ein Flammenaus⸗ wuchs neben dem majeſtätiſchen höhern Bau aufglühte. Um die Schrecken dieſer Scene noch zu vermehren, wurde eine große Anzahl von Kranken— einige an der noch immer umher ſchleichenden Peſt ſterbend— auf Betten oder in Teppichen vorüber getragen. Einer wurde dicht an Claude vorbeigeſchleppt, und gellte, im Todeskampfe liegend, mit rothen Beulen bedeckt, grauenvoll, indem er auf die Flamme wies—„Hölle! Hölle!“ Die Seene hatte nun den Gipfel des Entſetzens erreicht und St. Paulskirche gewährte für kurze Zeit den Anſchein eines aus Feuer erbauten Tempels, bis endlich das Dach zuſammenſtürzte mit einem Gebrülle, 86 gleich dem der See, die ſich im Sturm an einem Felſen bricht. Alles wuchs ſodann in eine übermäßige Feuer⸗ pyramide zuſammen, deren Flammen den Himmel leck⸗ ten. Aber ſelbſt in dieſem Augenblicke hörte Claude den König dem Cavalier zu ſeiner Linken zuflüſtern: „Saperment, mir ſcheint, ich brauche blos eine Geige, um die Vergleichung mit Nero zu verwirklichen, die meine Unterthanen beſtändig zu machen belieben.“ „Meiner Treu, ich hoffe, dies wird ihren Klagen über Mangel an Brennholz ein Ende machen,“ erwie⸗ derte der Cavalier.„Die Bürger können ihr Mittags⸗ mahl hier ganz wohlfeil braten.“ „Seht hier, Wren, was für eine Art von Unſterb⸗ lichkeit ihr Architekten habt?“ fuhr der König fort, in⸗ dem er ſich zu einem ernſten Manne in dunkelfarbiger Brokade, wandte, der dem Brande aufmerkſam zuzu⸗ ſehen ſchien.„Seht Ihr da! Juigos herrlicher Por⸗ ticus dient nun als Material zu einem Luſtfeuer.“ „Es iſt möglich, einen zu bauen, der ihn übertrifft, Sire,“ ſagte der Architekt. 3„Wollt Ihr unſer Michel Angelo werden, Doktor?“ verſetzte der König mit Lächeln. „Ja, wenn es Euer Majeſtät beliebt,“ erwiederte Wren ebenfalls lächelnd, aber mit einer tiefen Röthe im Geſicht und mit funkelndem Auge. In dieſem Augenblicke bemerkte Claude, daß Je⸗ mand über eine Mauer des Kirchhofs, auf welchem ein Gedränge der niederſten Volksklaſſe verſammelt war, ſcharf auf ihn herüber blickte. Das Gefühl, daß dieſer Beobachter Blood, und daß er entdeckt ſei, fiel bei Claude mit einem Verſuche zur Flucht in Eines zu⸗ ſammen. Einige Minuten lang machte es ihm jedoch das ſtürmiſche Gewühl unmöglich, ſich einen Weg zu erzwingen; aber endlich erreichte er einen offenen Platz. Ueberzeugt, daß er immer noch verfolgt werde, beſchloß er, ſo ſchnell als möglich Whitehall zuzueilen. Daß man ihm nachſetzte, wurde jedoch in wenigen Minuten 87 klar, denn da er ſich nach Holborn wandte, was da⸗ mals eine lange Kette einzelner Häuſer und Gärten war, hörte er Stimmen hinter ſich,„Haltet ihn, haltet ihn! ein Jeſuit, ein Spion!“ und lauter als alle, Bloods gefürchtete Töne.— Dieſes Geſchrei ſchien Claude Flügel zu geben. Die brennende Stadt hinter ſich laſſend, rannte er mit dem Kinde auf den Armen über die Felder zwiſchen Holborn und dem Strand. Immer noch bildete er ſich ein, Stimmen, die einander zuriefen und die fernen Tritte von Verfolgern zu hören; und er lief fort, ſo ſchnell es ſeine lebendige Bürde erlaubte, bis er end⸗ lich den Staig über einen Zaun nahe bei der Kirche St. Martins in den Feldern erreichte. Hier wagte er es, Athem zu ſchöpfen und um ſich zu ſchauen; aber ſeine Beſtürzung erneute ſich beim Anblicke von Männern mit Fackeln und bloßen Schwertern, die über die ge⸗ genübergelegene Hecke ſtiegen. Ueber den Staig zu ſpringen und ſeine Flucht fortzuſetzen, war der Ge⸗ danke eines Augenblicks; dem ungeachtet hatten die Verfolger ihre Beute augenſcheinlich erſpäht und er⸗ neuten ihre Jagd mit lauten„Halloh's.“ Siebenutes Kapitel. Die Flucht. Duval nahm ſeine ſchwindende Kraft mit einer letzten Anſtrengung zuſammen und ſetzte in höchſter Eile ſeinen Lauf fort, wobei er die Palläſte und Gär⸗ ten von Whitehall zu ſeiner Linken ließ und in einen Durchgang zwiſchen zwei leeren Mauern einbog, der 88 zu den Treppen führte, wo Edwards auf ihn wartete. In einem Augenblick waren ſeine Füße auf den unter⸗ ſten Stufen des Landungsplatzes— umſonſt!— keine lebendige Seele ließ ſich ſehen, nichts war da, als der Strom, dahin rollend in dem feurigen Nebel, der Alles einhüllte. Er zog ſein Schwert und blickte umher, ob ſich nicht ein weniger verzweifelter Ausweg zeige. Die Balluſtrade, die zum Strom führte, hatte einen kleinen Vorſprung, hinter dem er es gerade noch für möglich hielt, verborgen zu bleiben; und er verſteckte ſich da⸗ hinter, beinahe in demſelben Augenblick als der Schein von Fackeln auf dem obern Ende der Treppe ſichtbar ward. Da er aufwärts blickte, gewahrte er Blood, mit drei oder vier ſeiner Häſcher; der erſtere ſchwang eine Fackel und lehnte ſich gierig vorwärts, während ſein unheilvolles Antlitz den äußerſten Verdruß und Erſtaunen verrieth. Claude ſah, daß ſie ſtille hielten und ſich eifrig mit einander beſprachen— Blood be⸗ ſtand darauf, daß er ihn hätte die Treppe hinunter rennen ſehen und ein anderer Schelm verſicherte, daß er noch darüber hinausgelaufen ſei. 8 „Er muß ertrunken ſein, Oberſt, wenn er hier hinunter ſprang,“ ſagte einer. „Wenn das der Fall iſt, ſo möchte ich ſein Aas nicht haben, um meine Hunde damit zu füttern,“ er⸗ wiederte Blood mürriſch.„Aber ich muß Gewißheit darüber haben, daß der kleine Balg in Sicherheit iſt— ich nähme keine fünfhundert Pfund dafür, wenn er uns entſchlüpft wäre. Kommt, Eiſenfreſſer! Eure Fackel, Berrp!“ und nachdem er die Leuchte ergriffen, ging er langſam und umſichtig die Treppen hinunter, und blickte geſpannt auf das Waſſer und Ufer hin, wahr⸗ ſcheinlich ſpähend nach irgend einem Zeichen kürzlicher Trübung oder Störung durch hineinfallen.. Claudes Herz ſching hoch, aber er bewegte keine Muskel; und der Knabe ſchien durch Sympathie des Schreckens geſchweigt. In dieſem Augenblick hörte man 89 Ruderſchlag, Geſtalten kamen näher durch den Nebel und Claude vernahm Edwards lärmende Stimme, „Herr Duval, Herr Duval!“ aber niemals klang Mufik ſeinem Ohre halb ſo ſüß. „Hier bin ich— Hülfe— Mord— ſchnell!“ ſchrie Claude, ausſpringend und mit geſchwungenem Schwert die Treppen hinunter rennend. „Rudert, Jungen, rudert!“ brüllte Edwards als Antwort und mit ein paar blitzſchnellen Ruderſchlägen waren ſie ganz nahe am Ufer. Blood gewann jedoch ſeine Geiſtesgegenwart augenblicklich wieder, obgleich er zuerſt von der plötzlichen Erſcheinung überraſcht war, und ſtürzte gegen Claude, indem er ſeinen Leuten zu⸗ rief, ihm zu folgen. Die nächſten Ereigniſſe folgten ſich mit der verwirrenden Schnelligkeit eines Traums. Claude erinnerte ſich, mit ſeinem Feinde einige ſcharfe Schwertſtreiche gewechſelt zu haben und daß er das Kind Edwards zuwarf, der es glücklich in ſeinen Ar⸗ men auffing. Darauf in dem Augenblick, als die Bö⸗ ſewichter alle auf ihn zuſtürzten, rief er Edwards zu, wegzurudern und ſprang in's Waſſer. Blood hatte ihn jedoch feſt am Mantel gefaßt und hielt ihn, der nun mit dem Waſſer kämpfte, zurück, wobei er zugleich ſeinen Leuten befahl, auf ihn zu ſchießen. Edwards trieb das Boot zum Erſatz zurück und führte mit ſeinem Hieber einen Streich auf Blood, der ledoch von Berry parirt wurde. Da er bemerkte, daß Claude von dem enggezogenen Mantel beinahe erwürgt wurde, zog er ſchnell ſeine ſcharfe Klinge durch und ſchnitt die Flügel vom Kragen ab. Einige Matroſen zogen den nahezu bewußtloſen Duval augenblicklich in's Boot und Edwards befahl, in den Strom hinein⸗ zurudern. Aber der Mantel— der Mantel— welcher ſo manche unſchätzbare Documente enthielt— blieb in Bloods Händen zuruck!. 3 Indeſſen ſchrie der Oberſt wüthend über das Ent⸗ kommen ſeines Opfers, ſeinen Leuten zu, auf das Boot 90 Feuer zu geben— es wären, ſagte er, papiſtiſche Ver⸗ ſchworene, die ſich flüchteten— und eine Musketenſalve folgte ihrem Rückzuge nach. Glücklicherweiſe gingen alle Kugeln fehl, obgleich ſie von allen Seiten in's Waſſer regneten, und Edwards trieb ſeine Leute mit Drohungen und Verſprechen an und ergriff ſelbſt ein Ruder, ſo daß ſie wüthend ſchnell dahinflogen. Aus der Entfernung hörte er jedoch Blood rufen,„ein Boot, ein Boot!— zwanzig Pfund fär ein Boot!“ Ein Fahr⸗ zeug beantwortete den Ruf und ſchoß augenblicklich von dem Ufer gegenüber ab, und Edwards zweifelte nicht, daß ſie würden kräftig verfolgt werden.. . In der erſten Verwirrung des Entkommens, ver⸗ gaß Claude ſeinen Mantel und Alles andere; und als er denſelben vermißte, ſo tief ihn auch der Verluſt ſchmerzte, würde doch jeder Verſuch, ihn wieder zu er⸗ halten, Tollheit geweſen ſein. Ueberdies wurden in der äußerſten Gefahr, in der ſie ſich befanden, bald alle andere Gedanken von dem an ihre Selbſterhaltung ver⸗ ſchlungen. Ein von ihren Verfolgern wohlbemanntes Boot erſchien in der Mitte des Stromes in ihrem Strich, und man hörte Bloods tiefe Stimme, den Leu⸗ ten auf dem Waſſer fluchend zuſchreien, ſie ſollen die franzöſiſchen Mordbrenner anhalten, die vor der Ge⸗ rechtigkeit flöhen. So groß war jedoch der paniſche Schrecken über die Feuersbrunſt und die Unwiſſenheit der Leute über das, was ſie zu fürchten hatten, daß Niemand ſie aufzuhalten wagte. Der Schnelligkeit ihrer Flucht kam blos die der Verfolgung gleich; ein Boot folgte dem andern, wie der Bluthund ſeiner Beute. Die Verfolgenden feuerten viel Schüſſe ab, aber die Eile und Verwirrung mach⸗ ten ſie alle unwirkſam, und nur mit Anſtrengung jeder Muskel näherten ſich die Flüchtlinge der Londonbrücke. Niemals ward die furchtbare Pracht dieſes Schauſpiels von irgend Etwas übertroffen. Der Himmel darüber war wie ein unendliches Gewölbe von roth glühendem 91 Erz, darinnen ein bleicher Mondſchein; die Ufer auf beiden Seiten zeigten ſich wie unermeßliche Oefen, als ob fürwahr die ganze Erde in Brand ſtünde. Das Gebrülle der Flammen glich dem des Meeres. Alles um die Brücke herum erſchien wie ein ungeheurer Feuerberg, oder vielmehr eine flammende See, die der Wind zu furchtbaren Wogen auftrieb. Der Schrecken der Scene und ihre heftigen Anſtrengungen lähmten den Eifer von Edwards Leuten, und trotz ſeiner Dro⸗ hungen und Claudes Bitten, kam ihnen Blood augen⸗ ſcheinlich immer näher, als ſie ſich der Londonbrücke nahten. Hier erwartete ſie ein Anblick, der, allem Anſcheine nach, die Sache ſchnell zu Ende bringen mußte. Die Brücke war eine einzige Feuermaſſe, geſtützt auf feurige Bogen; Häuſer ſtürzten zuſammen, Balken ſielen ziſchend in's Waſſer, brennende Pechfäſſer ſchwammen vorüber und Hausrath und Güter jeder Art wurden wahnſinnig aus den Fenſtern in den Strom geworfen. Unten und mitten durch dieß ſchreckliche, durch bloßes Aneinander⸗ kleben glühender Maſſen zuſammengehaltene Laube von Feuer mußten ſie hindurch, wenn ſie entkommen woll⸗ ten. Edwards Matroſen hielten unwillkürlich auf ihren Rudern ſtille. Wahrlich, es war ein furchtbarer Anblick; die zahlloſen Bogen der Brücke und die brennenden Häuſer darauf bildeten einen Feuerkörper, der bis zu dem Him⸗ mel ſelbſt ſich aufzuthürmen ſchien. Auf jeder Seite, ſo weit das Auge reichen konnte, rollten wirbelnde Flam⸗ menmeere, begrenzt vom Horizont. In dieſem Augenblicke brach die angeborene Kühn⸗ heit des engliſchen Matroſen in ihrem ganzen unver⸗ gleichbaren Glanze hervor.„Gott verdamm es, Jun⸗ gen!“ rief der Kapitän mit der höchſten Macht einer Stimme, die ſchon oft die See in einem Sturme über⸗ ſchrieen hatte—„niemals ſoll es von Jack Edwards geſagt werden, daß er der Mann war, der ſeinen 92 Freund in der Noth verließ. Rudert drauf los, Jun⸗ gen; die Schurken wagen es nicht, zu folgen!“ Die tapfern Seeleute erhoben ein kühnes Hurrah, griffen auf's Neue zu den Rudern und ſtürzten hinein in die Flamme. Blood und ſeine Helfershelfer hielten entſetzt ihre Ruder vor dem Eingange dieſes ſchrecklichen Vulkans zurück und erwarteten wahrſcheinlich die Vernichtung der Flüchtlinge mit anzuſehen. Edwards Boot und die Menſchen darinnen erſchienen einen Augenblick ganz purpurroth in der lichten Lohe; ſie erreichten den bren⸗ nenden Bogen, und wie ſie darunter hinſchoſſen, flog eine Gewehrſchmieds⸗Bude darüber mit furchtbarem Krachen in die Luft. Eine Wirbelwolke von ſchwarzem Rauch und Feuer hüllte ſie augenblicklich ein und nach⸗ dem ſich dieſe zertheilt hatte, waren Boot und Mann⸗ ſchaft gleich unſichtbar für ihre Verfolger geworden. Ob ſie in den ſtürzenden Trümmern untergegangen oder nicht, war unmöglich zu ſagen, und Blood warf ſich, einen fürchterlichen Fluch murmelnd, erſchöpft in ſeine Barke zurück. Die Flüchtlinge ſelbſt, wenn man ſie befragt hätte, durch welche Anſtrengung, oder vielmehr durch welche Zufälle ſie entkommen waren, würden unfähig geweſen ſein, eine Erläuterung zu geben; aber ſie fanden ſich, wie im Traume, dem Tower gegenüber, auf den Wel⸗ len treibend. Claude's Beſorgniſſe hatten jedoch, ſelbſt in dieſer vergleichungsweiſen Sicherheit, nicht aufge⸗ hört und obgleich ihn der Verluſt ſeines koſtbaren Man⸗ tels beinahe wahnſinnig machte, fühlte er dennoch, daß Alles, was man jetzt thun könne, die völlige Rettung des ſo hartnäckig bedrohten Knaben betreffe. Mit dem Verſprechen einer Golddublone für Jeden, feuerte er die erſchöpften Ruderer an, er ſelbſt und Edwards er⸗ riffen jeder ein Ruder. Die brennenden Ufer des Enomes gaben ihnen hinlängliche Helle, aber es be⸗ 93 durfte der gröftten Geſchicklichkeit, um die zahlloſen Hinderniſſe in dem Waſſer zu vermeiden. Sie hatten die Ebbe für ſich und ſchwammen, da ſie einmal die Brücke und die Werfte hinter ſich hatten, ohne Schwierigkeit bis Shadwell hinunter. Da er⸗ wartete ſie Edwards wohl bewaffnete und bemannte Barke. An Bord derſelben ſetzten ſie ihre Fahrt nach Woolwich in flottem Style fort; aber es wurde Mit⸗ ternacht, ebe ſie auf das Verdeck des Schooners ſpran⸗ gen und ſich fur ſicher halten konnten. Dennoch war Edwards der Verfolgung gewärtig, und lichtete, da der Wind zu ihren Gunſten war, ſo⸗ gleich die Anker, und ſie ſchoſſen den Strom hinunter mit einer Geſchwindigkeit, die bald den irdiſchen Tarta⸗ rus aus ihrem Geſichte verſchwinden ließ. Als der Morgen dämmerte, war die„ſchwarze Bethſey,“ ſo hieß der Schooner, ſchon weit den Strom hinunter und alle Urſache zur Furcht ſchien vorüber zu ſein. Das Fahrzeug und die Mannſchaft waren beide von einem, in jenen ſtürmiſchen und verwegenen Zeiten nicht ungewöhnlichen Charakter. Es war ein fixer, kleiner Schooner, außerordentlich paſſend für den ge⸗ fährlichen Kuſtenhandel, mit welchem er ſich etwas ungeſetzlich abgab; da er aber urſprünglich einem fried⸗ licheren Dienſt beſtimmt war, ſo ließ ſeine kriegeriſche Ausruſtung etwas ungeſchickt. Dennoch war es das ſchnellſtſegelnde und leichteſte Küſtenfahrzeug, das ſich ein Schmuggler nur wünſchen konnte, die Liebe und der Stolz eines jeden an Bord; alle ſprachen davon mit einer Art von roher Zärtlichkeit, gerade wie von ihren Liebchen und würden Jeden, der über die Vor⸗ zuge der„armen, alten, ſchwarzen Beß“ einen Zweifel geuußert hätte, eben ſo ſchnell zu Boden geſchlagen haben, als einen, der ihre Geliebte beleidigte. Die Mannſchaft beſtand aus wilden, trotzigen Geſellen, zu⸗ ſammengerafft aus den Elementen eines geiebloien, aufgelösten Zeitalters; Männern von eiſernem Körper⸗ bau und furchtloſen Herzen, deren einziges Geſetz der Wille ihres Kapitäns war. Selbſt jetzt, da ſie mit königlichen Kaperbriefen ſegelten, war es zweifelhaft, ob die Regierung ſie als Flibuſtier oder aber als Ver⸗ bündete anſah; und Edwards zeigte durch die Aengſt⸗ lichkeit, mit welcher er die königliche Flotte vermied, die an der Mündung des Stromes lag, wie ungewiß er ſelber war, in welchem Lichte er im Hauptquartier angeſehen werde. Claude fand, daß es dem Kapitän bei dem glänzenden Lohne, der ihm zugeſagt war, niemals einſiel, einen Zweifel in die Erzählung zu ſetzen, die Lord Aumerle ihm zu geben für gut gefunden. Er gab ſich daher ſelber für einen papiſtiſchen Emigranten aus und den Knaben für ſeinen Sohn. Es bekümmerte ihn jetzt nur noch der Verluſt ſeiner Papiere, Juwelen und eines Theils des Geldes, das ſeine Ausgaben decken ſollte. Jedoch tröſtete er ſich mit dem Gedanken, daß ihm keine Schuld beigelegt werden könne, da er ſein Leben daran geſetzt hatte, ſie zu retten und daß der Earl ſeine Beglaubigungsſchreiben bald durch neue erſetzen tönne. Elaude war überdieß heiteren, hoffnungsreichen Gemüths und nahm ſich die dunkle Seite der Dinge nicht ſehr zu Herzen. Der Wind war fortwährend veränderlich und lau⸗ nig, aber Edwards benützte mit großer Geſchicklichkeit jeden günſtigen Wechſel und ſo bekamen ſie am Abende des zweiten Tages die franzöſiſche Küſte zu Geſicht. Der Himmel und die See ſpiegelten gegenſeitig ihre Nuhe zurück und waren beide vom klarſten, tiefſten Blau. Calais ſtieg mit jedem Augenblicke deutlicher vor ihnen aus den Fluthen, über welches ſeine trotzigen Mauern und Wälle herdrohten. Es lag nicht in Ed⸗ wards Plan, ſie in der Stadt zu landen, der er ſich wegen des Krieges nicht nähern durfte; ſondern er zog, obgleich kein Fahrzeug ſichtbar war, eine hollän⸗ diſche Flagge auf und legte bis Sonnenuntergang An⸗ geſichts der Küſte bei. Eine hellleuchtende Mondnacht folgte, in welcher der Kapitän auf ein niedriges Vor⸗ gebirge, einige Meilen weſtlich von Calais, zuſteuerte. Mit jedem Felſen und jeder Brandung an der Küſte war er ſo genau bekannt, als ein Landmann mit ſei⸗ nen Feldern, wartete aber gleichwohl mehrere Stunden auf ein Signal vom Ufer. Claude bemerkte endlich eine grüne Rakete, die von einem vorſpringenden Felſen aufſtieg und durch eine rothe Lampe von ihrem Maſte beantwortet wurde, und alsbald hörte er vom Kapitän, daß die Zeit herangekommen ſei, eine Ausſchiffung zu verſuchen und die beiden Paſſagiere, er ſelbſt und einige Matroſen ſtiegen in die Jolle. Die Fluth kehrte zurück und die See brach ſich mit traurigem Murmeln an den grünen Felſen, welche unterhalb der ſehr hohen Kalkklippen ſich am Ufer hin⸗ zogen. Die Boote waren bald über die ſeichten Riffe hinweg auf dem Strande und ſie ſahen ſich genöthigt, auszuſteigen und über die ſchlüpfrigen Felſen zu ſprin⸗ gen, bis ſie zu einem Punkte gelangten, der wie ein Loch in der Klippe ausſah, kaum weit genug, um einen einzelnen Mann durchzulaſſen. Sie kletterten jedoch unter Edwards Führung hinter einander hinein und ſanden bald, daß ſich das Loch in einen großen Gang erweiterte, der durch die Kreide hindurchgebrochen war und zu Claude's Ueberraſchung in eine Hütte ausging, die einem mit den Schmugglern verbündeten Fiſcher gehörte. Dieſer Mann und ſeine Familie empfingen Claude mit unbegrenzter Güte, ſowohl weil er von Edwards empfohlen war, als weil er wie ſie von nor⸗ männiſchem Blute abſtammte und verſtanden ſich gerne dazu, Alles zu ſeiner weiteren Reiſe Nothwendige zu beſorgen. Der Kapitän hielt ſich nur ſo lange auf, als nöthig war, um ein Glas Branntwein zu trinken und von Claude und dem kleinen Mervyn, welch letz⸗ tern er voller Liebe küßte und an ſich ſchloß, einen . 96 herzlichen Abſchied zu nehmen und ging alsbald auf ſein Schiff zurück. Am nächſten Tage waren unſere Reiſenden nach St. Omer unterwegs, wohl beritten und bewaffnet, wiewohl ohne einen Paß; Mervyn ſaß vergnügt vor ſeinem Beſchützer auf dem Pferde. Alle dieſe Bequem⸗ lichkeiten waren durch eine liberale Vertheilung von Claude's Dublonen angeſchafft worden, aber er wagte es nicht, ſich um einen Paß zu bewerben, um keine Nachfragen zu veranlaſſen. Die Nachrichten von der großen Feuersbrunſt waren das allgemeine Geſpräch in Calais, und Claude wünſchte nicht, über dieſen Gegen⸗ ſtand befragt zu werden; und da die Polizei in jenen Tagen nicht ſehr ſtrenge war, ſo konnte er leicht die Grenze paſſiren und nach Flandern gehen, welches da⸗ mals noch zum Hauſe Oeſtreich gehörte. Achtes Kapitel. 4 Kapitän Oates. 8 Es war ein ſchöner heller Morgen und die beiden Reiſenden freuten ſich, wieder auf terra firma zu ſein; aber gegen Mittag wurde die Hitze ſo druückend, daß Claude es nöthig fand, für einige Zeit ein Obdach zu ſuchen. Die Straße war von beiden Seiten mit rei⸗ chen Wieſengruͤnden eingefaßt und von breiten Eichen und Kaſtanienbäumen beſchattet; und da er ſeine Sat⸗ teltaſchen vorſichtiglich mit ſolchen Lebensmitteln gefullt hatte, als er fuüͤr ihre Reiſe angemeſſen erachtete, ſo ſchien es ihm nicht übel gethan, abzuſteigen und den Appetit auf eine angenehme ländliche Manier unter den Bäumen zu befriedigen. Er hob alſo Mervyn vom Pferde und ließ dieſes frei im Grünen ſich er⸗ götzen; und als er das Gerieſel eines nahen Baches hörte, drang er in eine waldige Schlucht zur Linken, um das kühle Waſſer aufzuſuchen. Er war jedoch noch nicht viele Schritte fortgedrungen, als er auf eine beinige Roſinante von einem Gaule ſtieß, der mit ſei⸗ nem Fuß an einen wilden Apfelbaum gebunden war und mit aller Gierde des Hungers graste. Er ſchaute beſorgt um ſich und gewahrte, auf das Gras geſtreckt, einen Menſchen, der entweder todt war oder ſchlief. Da er einige Schritte näher kam, überzeugte ihn ein tiefes Schnarchen, daß das Letztere der Fall ſei. Duval zweifelte, ob er ſich ruhig zurückziehen oder die ihm vom Zufall gebrachte Geſellſchaft annehmen ſollte. Er liebte das Plaudern ſo gut als jeder Fran⸗ zoſe, aber, im Ganzen genommen, ſchien ihm der Fremde nicht ſehr zu gefallen. Er war von nicht ſehr großer, unterſetzter, unproportionirter Geſtalt— ſein Hals war kurz und dick, ſeine unverhältnißmäßig lan⸗ gen Arme endigten ſich in zwei große knochige Hände. Sein Geſicht und ſeine Züge waren ſehr eigenthümlich, denn der Mund war in der Mitte des Geſichtes und ſein ungemein langes Kinn gab ihm das Ausſehen eines großen Affen. Dieſe natürliche Häßlichkeit, ver⸗ ſtärkt durch einen Ausdruck niedriger Liſt, der ſich ſogar in ſeinem Schlafe ausſprach, machten das Ganze zu einem der unangenehmſten Geſichter, die Claude jemuls geſehen hatte. Dieſer Mann war in eine Art abgetragener Uni⸗ form gekleidet, wie ſie von Crommwells alten Garden getragen wurden, und mit Schwert und Piſtolen be⸗ waffnet. Ein ſchmutziger lederner Mantelſack lag neben ihm, auch waren die Ueberbleibſel eines Mahles, aus ſehr groben Speiſen beſtehend, umher zerſtreutz des⸗ Whitefriars. J. 7 98 gleichen ein Steinkrug, der irgend ein ſtarkes Getränke enthalten hatte. 8 Im Ganzen hielt es Claude für das Rathſamſte, den Fremden ſeinem Schlummer zu überlaſſen; aber es war nicht länger möglich; Mervyn hatte aus in⸗ ſtinktmäßigem Mißfallen einen Erdklos aufgehoben und dem Fremden ins Geſicht geworfen. Er fuhr mit einem verwirrten Fluche aus dem Schlafe auf und ſchaute mit ein paar kleinen, bösartigen Schweinsaugen um ſich, deren beſtürzter Ausdruck Claude beinahe zum Lachen brachte. Aber er gab auf Franzöſiſch eine höf⸗ liche Erklärung über ſeine Abſichten und ſagte dem Fremden, daß falls es ihn nicht ſtören würde, er und ſein kleiner Junge ihr Mittagsmahl unter dem Schatten der ſchönen umherſtehenden Bäume einnehmen wollten. „Ich verſtehe kein Franzöſiſch,“ ſagte Jener mür⸗ riſch und mit grobem Tone.„Wenn Ihr aber etwas Engliſch verſteht, und ich will Euch zu gefallen thun, was ſich mit meinem Gewiſſen verträgt.“ Claude wiederholte ſeine Entſchuldigung auf Eng⸗ liſch, und fing an, nachdem der Fremde ſeine Einwilli⸗ gung gebrummt hatte, ruhig ſeinen Speiſevorrath aus⸗ zupacken, beſtehend in einem Stück von einem Rehſchlegel und einem Fäßchen voll des allerbeſten Branntweins, einem Abſchiedsgeſchenke von ſeinem Freunde, dem Schmuggler. Da er wahrnahm, daß ſein neuer Geſellſchafter dieſe Vorbereitungen nicht ganz gleichgültig beäugelte, lud ihn Claude ein, mitzuhalten und fand bald, daß dieſer, was er auch zuvor gegeſſen haben mochte, immer noch hinreichenden Appetit übrig behalten habe. Dazu trank er im Verhältniß und wurde bald ſehr geſprächig. Die Feuersbrunſt in London war natürlich der erſte Gegenſtand ihres Geſprächs. Der Fremde hatte noch nichts davon gehört, aber er horchte mit großem Inter⸗ eſſe auf alle die Umſtände, die ihm Claude darüber mittheilte, die Erzählung von Zeit zu Zeit unterbre⸗ chend mit Flüchen, Ausrufen der Verwunderung und 99 bezeugte große Freude, da er vernahm, daß man die Katholiken als Urheber dieſes großen Unheils anſähe oder im Verdacht hätte.— „Und was ſagen die Leute von dieſem papiſtiſchen Herzog von Yoark?“ hub er an in ſeiner breiten Mundart.*)„Glaube man nicht, daß er hinter Allem ſteckt, die Schlange, die an der Wurzel dieſes Aerger⸗ niſſes zuſammengerollt liegt? Gottes Leben, ich ver⸗ pfände mich dafür, er würde halb England verbrennen, um aus der andern Hälfte einen Miſthaufen verdamm⸗ lichen Papſtthums zu machen!“ „Ich denke nicht, daß der Herzog eine Hand dabei im Spiele hatte,“ erwiederte Claude,„was ja gehan⸗ delt wäre, als wenn einer ſein eigenes Korn anzünden würde, um es zu trocknen.“ „Dann haben's ohne Zweifel die Jeſuiten gethan,“ ſagte der Fremde, indem er mit Kopfnicken die Brannt⸗ weinflaſche annahm, die ihm Claude hinbot. „Bitte, Herr,“ antwortete Duval etwas ſcharf, „ſprecht nicht ſo unehrerbietig von dieſen chriſtlichen Vätern— wir ſind hier nicht in England. „Dem Himmel ſei gedankt dafür!“ erwiederte der Fremde; denn von allen verfluchten Plätzen auf der Erde, in denen ſich ein ehrlicher Mann aufhalten kann — Gottes Leben! wäre man beſſer ein Hund in jedem andern Lande, als in dieſem!“ „Ihr habt in der Armee gedient, Herr, nach Eu⸗ rem Anzuge zu ſchließen?“ ſagte Claude ausholend. „Ei, ja wohl! in zwei Armeen, der Armee Got⸗ tes und der der Menſchen,“ erwiederte der Gentleman. „Aber die Tugend macht ſich überall Feinde, wo ſie hinkommt, und die meinige wurde aus beiden Dienſten 9 Unſern Leſer nicht zu ermüden, wollen wir den breiten Provinzialdialekt dieſes Mannes, der ſo oft auftritt, nur hie und da andeuten. Anmerk. d. Ueberſ. 100 geſtoßen. Ihr habt vielleicht von mir gehört— ich heiße Oates— Kapitän Oates.“ „Meiner Treu, ich habe von einem Pfarrer Oates gehört, welcher Kaplan auf einem Kriegsſchiffe war, und mit genauer Noth dem Galgen entging, wegen Streichen, die— 3 „Ja, Herr, ich bin der Mann, dem ſo großes Unrecht widerfuhr, das Opfer einer niederträchtigen Verſchwörung,“ unterbrach ihn der Fremde, indem er ruhig ſeinen Branntwein ſchlürfte, obgleich die ange⸗ deuteten Streiche von einer Art waren, über die der Teufel ſelbſt hätte erröthen ſollen.„Der Kapitän und ſeine verworfene Mannſchaft von Flibuſtiern konnten meine heilſame Kühnheit im Ermahnen, Strafen und Predigen des Worts nicht länger ertragen, in welchem Stücke ich in der That einem Heiligen des Himmels glich, der dem Lucifer und ſeinen Höllenteufeln predigt; und ſo brachten ſie eine Lüge auf's Tapet, die ſie am jüngſten Gericht Alle zur unterſten Tiefe des unendli⸗ chen Abgrundes verdammen wird! Aber ſie wurden gezwungen, vor der Unterſuchungsbehörde meine Unſchuld anzuerkennen.“ „Was doch die Leute für Läſterzungen haben!“ rief Claude.„Ich hörte, daß der Pfarrer Oates blos aus zärtlicher Rückſicht für ſeinen ſchwarzen Rock nicht an den Ragen gehenkt und daß er mit Schimpf und Schande aus dem Dienſte gejagt wurde.“ „Ich möchte gern den Mann ſehen, der mir das in's Geſicht zu ſagen ſich unterſtünde!“ ſagte Jener, erröthend, trotz des beſtändigen Kupferglanzes in ſei⸗ nem Geſicht.„Aber ich kann das zum Beweiſe meiner Unſchuld anführen, daß ich mit Freuden in die Armee aufgenommen wurde, und durch meinen großen Muth im Zuſammenmetzeln der papiſtiſchen Rebellen in Ir⸗ land zum Hauptmann bei meiner Compagnie avancirte.“ „„Und gab es da eine neue Verſchwörung gegen Euch?“ ſagte Claude, — 161 „Meiner Treu, nein, aber da man meine Grund⸗ ſätze kannte und ich ein guter und ehrlicher Proteſtant war, ſo nahm der Herzog von York einen plötzlichen Anlaß, um mich zu ſtürzen,“ erwiederte der Kapitän. „Einige meiner Leute ſetzten es ſich in ihren ſchurkiſchen Kopf, eine und die andere Familie in dem wilden papi⸗ ſtiſchen Diſtrikte Carrikfergus zu plündern und zu er⸗ morden und ich wurde dafür verantwortlich gemacht— das iſt das Ganze.“, „Und wohin führt Euch Euer Mißgeſchick jetzt, Herr Oates?“ fragte Claude. „Nein, jetzt habe ich meine alte, ſtolpernde Füh⸗ rerin, die Redlichkeit, zurückgelaſſen und hoffe beſſer ohne ſie fort zu kommen,“ ſagte Oates, mit einem grimmi⸗ gen Lächeln.„Ich bin nun nach Paris unterwegs, wo ich gedenke, in die Dienſte des Königs von Frank⸗ reich zu treten; man ſagt mir, daß er entſchloſſene Leute brauche, um den Krieg gegen die Sumpfwatſchler, die Holländer, zu führen.“ „Aber werden Euch da nicht Eure religiöſen Grund⸗ ſätze im Wege ſtehen, Herr Oates? Ihr ſeid ohne Zweifel noch einer von dem independenten Sauerteige, den Crommwell in des Königs Kuchen zurückließ?“ ſagte Duval. 3 „Gottes Leben! Was das betrifft, ſo würde ich mit Freuden ein Türke werden oder ein ehernes Kalb anbeten,“ rief der Kapitän aus, der augenſcheinlich von ſeinem Branntwein ſich erhoben fühlte.„Ich glaube kein Wort von all dem alten Zeug; der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mich darum bekümmere! O nein, wir verſtehen jetzt Alles das! Alles Heuchelei und Staatskünſte! Man kann mich nicht mit einem aufwärts gedrehten Auge und einem weinerlichen Kehlenzwang hinter's Licht führen! Ich war ſelbſt einmal ein Pfarrer und weiß, daß es Alles Bentelſchneiderei und Lumpen⸗ zeug iſt! Habt Ihr je gehört, daß ein Marktſchreier ſeine eigene Wunderpillen eingenommen hatte?— ha, 102 ha, ha!“ Der Kapitän fuhr geraume Zeit in dieſem Tone zu ſchwadroniren fort; aber Claude ärgerte ſich mehr über die Blasphemien und unſchicklichen Anekdo⸗ ten ſeiner zufälligen Bekanntſchaft, als daß er ſich dadurch unterhalten fühlte, und obgleich er keineswegs ſehr feſt in ſeinen eigenen Grundſätzen war, ſo ſchau⸗ derte er doch beinahe vor denen des Kapitän Oates. Da ſie jedoch tiefer in's Trinken geriethen, ſo wurden beide immer vertraulicher und Claude ließ einige Aus⸗ rüce fallen, welche die Neugierde ſeines Geſellſchafters erregten. Ihr ſagt, das junge Zicklein iſt Euer eigen, Mei⸗ ſter Duval?“ ſagte der Kapitän.„Und da Ihr ihn nicht nach Eurem Wunſche in England auferziehen könnt, ſo bringt Ihr ihn zu den ehrwürdigen Männern in— wo ſagtet Ihr?“ „Sankt Omer,“ erwiederte Claude. „Aber ich habe einen Papa in England, der ein großer, großer Herr iſt,“ ſagte Mervyn,„nur lebt er in einem ſo finſtern, großen Hauſe, nahe am Waſſer!“ „Ei, was?“ erwiederte der Kapitän, mit einem verdächtigen Blicke auf Duval, welcher lächelte und mit dem Zeigefinger auf ſeine Lippen ſchlug. „Ich verſtehe— ich verſtehe,“ fuhr Oates fort. „Der Alte iſt eingepfercht und der junge Herr ſoll dem Wolf aus den Zähnen geſchafft werden. Sehr gut!— armes Lämmlein! Ich intereſſire mich für ihn, Herr Duval; es iſt ein ſchönes Kind, ſehr ſchön und ſo wie Rachel über die Frucht ihres Leibes weinte und ihn nannte Ichabod, welches in unſerer Sprache ſo viel bedeutet, als„Unſer Ruhm iſt dahin,“ ebenſo— aber Ihr ſagt, man hat Euch beraubt, beraubt bei dem großen Brande, Herr Claude? Wie in aller Welt(um nicht unbeſcheiden zu fragen) denkt Ihr denn unter die Jeſuitiſchen Spitzbuben zu gehen ohne Geld?“ „Oh, ſie kratzten mir nicht Alles ab; ich hatte 103 eine fette Börſe in meinem Wamms, obgleich ſie mir meinen Mantel ſtahlen,“ verſetzte Claude ſtolz. „Nun, nun, nichts für ungut,“ ſagte Oates;„Al⸗ les, was ich ſagen wollte, iſt nur das, ich bin kein Frommer; ich mache keine langen hochtrabenden Reden über Glauben, Hoffnung und Liebe; welche nur das Einſatzgeld der Heuchelei und Eurer Seelenverkäufer ſind; wenn ich das gewollt hätte, könnte ich noch jetzt ſo ein glatter, evangeliſcher Schelm ſein. Aber das ſage ich kurz, wenn Ihr Geld braucht, Herr Duval, um den kleinen Unglücklichen an einen ſichern Ort zu bringen, hier iſt meine Börſe und mein Bruder könnte nicht willkommener ſein, als Ihr, mit der Hand hinein zu fahren.“ Mit dieſen Worten zog Oates eine lange roth⸗ ſeidene Börſe heraus, die, nach dem Klingeln und Durchblitzen zu urtheilen, ziemlich wohl gefüllt zu ſein ſchien. 3„Wenn ich es brauchte, Kapitän, ſo würde ich Euch einem Dutzend Juden vorziehen— aber ſeht her— ob ich's nöthig habe,“ ſagte Claude, indem er ſein Säck⸗ lein voll Moidore hervorzog, etwas prahleriſch in die Luft warf und es mit ſolidem Klange niederfallen ließ. Des Fremden ganzes Antlitz erhellte ſich und er konnte nicht ohne Schwierigkeit das Kichern unterdrücken, das ihm unwillkürlich durch die Gurgel heraufſtieg. „Weiß der Herr! es iſt gut für uns, daß die pa⸗ piſtiſchen Hunde hier herum unſerm Ausſehn nach keine Urſach haben, ſolche Reichthümer bei uns zu vermuthen,“ ſagte er, indem er ſehr ſorgfältig ſeine Börſe wieder einſteckte.„Man ſagt, daß die Sumpfgegenden von Saint Omer von allen Arten von Landſtreichern, Räu⸗ bern und Dieben unſicher gemacht worden, die weder Gott, noch Menſchen fürchten; in der That, ich war ſehr zweifelhaft, ob ich weiter reiſen oder in dem näch⸗ ſten Dorfe übernachten ſollte, wenn nicht Eure werthe Geſellſchaft gekommen wäre.“ 10¹ 3 wohn. übrig gelaſſen worden ſind. vor ihm und willigte, ihre Reiſe anzutreten. Die Unterhaltung drehte ſich um die „So, Ihr reist alſo auch nach St. Omer?“ ſagte 1 Duval, obgleich nicht ohne einen augenblicklichen Arg⸗ „Ja, wahrlich, ich bin von meiner directen nach Paris abgegangen, um die armen zerſtreuten Ueberbleibſel zu beſuchen, die von dem gottloſen papi⸗ ſtiſchen Ahasverus auf dem franzöſiſchen Throne noch 1 Claude blickte auf die kurze ungeſchickte Perſon nachdem er dieſelbe im Geiſte mit ſeiner eigenen, ſchönen, athletiſchen Geſtalt vergli⸗ chen, in den Vorſchlag, zuſammen zu reiſen. ten ihre Unterhaltung noch eine Zeit lang fort, bis Claude bemerkte, daß die Gipfel der Bäume tief kar⸗ moiſinroth überflogen waren und ſeinen Gefährten darauf aufmerkſam machte, daß es Zeit ſei, aufzuſitzen und Die Reiſenden waren bald wieder unterwegs auf einem wild ausſehenden Reitwege, der einen tiefen Wald durchſchnitt; und Oates hatte einige Schwierig⸗ keit, ſeinen beinigten Klepper mit Claudes gutem Roſſe Schritt halten zu laſſen; aber der letztere trug wie aus Höflichkeit Sorge, ſeinen Gefährten immer an der Seite zu behalten und ließ ihn niemals zurück bleiben. welche die düſtere Umgebung natürlich hervorriefen und die Räubereien, Mordthaten und verſchiedenartige Grau⸗ ſamkeiten, die auf der Straße, auf der ſie jetzt hinritten, ſchon ſtattgefunden hatten, waren die Hauptſache. Oates affectirte, über dieſe Geſchichten nur zu lachen, aber die zahlreichen ſchwarzen Kreuze, womit beide Seiten der Straße beſetzt waren, als Denkmale ſo vieler hier ver⸗ übten Gewaltthaten, ſprachen für eine ernſtere der Sache. Von dieſem Gegenſtande ſchweifte er auf eine Abhandlung über die Waffen ab und rühmte ſeine eigenen, als die beſten, die je gemacht worden. . dieſe Behauptung zu unterſtützen, reichte er Claude —— ¹ 105 ſeine Piſtolen hin, der mit einem kleinen Lächeln über ſeine eigenen innerlichen Gedanken bemerkte, daß ſie nicht geladen waren. Er reichte ſie ihm mit vermehr⸗ tem Zutrauen zurück und der Dialog wurde auf einmal freier und munterer. Oates bewunderte ſeinerſeits ſei⸗ nes Reiſegefährten Bewehrung und bat um Erlaubniß, die Elaſtizität ſeiner Klinge zu unterſuchen. Claude zog bereitwillig ſein Schwert heraus, wirbelte es über ſei⸗ nem Kopfe und überreichte es darauf dem Kapitän, der es, wie es ſchien, aus Ungeſchicklichkeit fallen ließ. Oa⸗ tes ſchickte ſich an, abzuſitzen, um es aufzuheben, aber Claude beſtand mit unvorſichtiger Höflichkeit darauf, daß es ſein eigener Fehler ſei, warf die Zügel ſeinem Gefährten zu und ſprang herunter, indem er den klei⸗ nen Mervyn auf dem Pferde zurückließ. Der Abhang des Hügels, auf dem unſere Reiſen⸗ den nun angekommen, war von einem Theile des Waldes bedeckt, den ſie durchkreuzt hatten und beherrſchte eine weite Ausſicht über abſchüſſiges Waldland, welches von den ausgedehnten Sümpfen von St. Omer be⸗ grenzt wurde. Die Sonne war ſchon dem Horizont nahe, aber der ganze Weſten glänzte in herrlichen Far⸗ ben, rückgeſpiegelt von dem waſſerreichen Moorland, das in wilder Verödung ſich fernhin ſtreckte. Kein le⸗ bendiges Weſen, keine menſchliche Wohnung war auf viele Meilen in der Runde ſichtbar; nur einiges wilde Geflügel flatterte über die Teiche und ſchilfrichten In⸗ ſeln der Sümpfe und aus der Ferne glänzten die Thürme der Abtei Clairvaut. Gegen Oſten hin konnte das Auge die Mauern und pyramidalen Kirchthürme von St. Omer unterſcheiden, aber in der Entfernung von mehreren Stunden. Es war ein Platz, wohl ge⸗ legen für die Ausführung von Thaten des Verraths und Mordes und dieſer Gedanke drängte ſich Claude beinahe in demſelben Augenblicke auf, als er ſich bückte, das Schwert aufzuheben. Ein Ausruf des Kindes und ein Auffahren des Pferdes machten, daß er plötzlich 106 aufſprang— aber zu ſpät. Der Kapitän hatte, ſobald Duval vom Gaule ſprang, die Piſtolen aus deſſen Halftern geriſſen, hielt ſie dem Eigenthümer vor's Ge⸗ ſicht und forderte ihn gelaſſen auf, ſeine Börſe heraus zu geben, oder ſich gefaßt darauf zu machen, daß ſein Hirn an die Bäume umher verſpritzt würde. Claude war überraſcht, aber nach der erſten Be⸗ ſtürzung hob er zu lachen an, als ob es ein Scherz wäre. „Kommt, Herr, laßt Euer Pferdegrinſen unter⸗ wege!“ rief der Kapitän grimmig.„Ich ſage Euch, Ihr ſeid ein Thor geweſen, und in meiner Gewalt— ich bin ein Herr vom Handwerk. Euer Geld oder Euer Leben!“ „Morbleu!— und iſt's möglich, daß es Euch Ernſt iſt?“ ſagte Claude mit ungetrübter Heiterkeit. „Wenn es mir je Ernſt war, iſt's jetzt,“ erwie⸗ derte der Kapitän.„Ich möchte nicht gern eine Kugel in Euch roth färben, wenn ich nicht muß; aber Ihr müßt ſchnell ſein und Eure Wahl treffen.“ „Seid unbeſorgt,“ verſetzte Claude mit freund⸗ licher Gelaſſenheit.„Thut Euer Schlimmſtes— ſchießt zu!— die Piſtolen ſind nicht geladen. Glaubt Ihr, ich ſei ſo jung, einem Herrn von Eurem Ausſehen und Euren Reden zu trauen? Ich wollte Euch nur ver⸗ ſuchen um Euren wahren Charakter auszufinden— und da haben wir's!— die Kugeln ſind ausgezogen.“ Der Kapitän ſchaute Duval einen Augenblick an, mit einer Miſchung von Zweifel und Furcht in ſeinen niederträchtigen Augen und zielte immer noch mit den Piſtolen; aber die unveränderliche Gelaſſen⸗ heit in Claudes Benehmen blieb nicht ohne Wirkung. Er brach in ein Gelächter aus, ſchob ruhig die Piſto⸗ len in die Halfter zurück, mit den Worten:„Egad 2), *)„Egad!« eine engliſche Interjektion, die dem deutſchen Ja wohl!«„Nun ja!« entſpricht. 99 bln Anmerk. d. Ueberſ. 107 ein junger Mann von großem Muthe! Herr, hilf uns! und konntet Ihr wirklich glauben, daß es mir Ernſt ſei, Gefährte?“ „Meiner Treu, und ich würde auch gefunden ha⸗ ben, daß es Euer Ernſt war, hätte ich nicht mehr Gei⸗ ſtesgegenwart gehabt, als Ihr, Schurke,“ ſagte Duval, indem er gierig ſeine Piſtolen ergriff.„Ich ſehe, Du biſt einer von der feigen Mörderzunft, die ihr Opfer mit Liebkoſungen ſicher machen, wie jener Judas, der Euer Patron und Schutzteufel iſt. Die Piſtolen ſind geladen, und zum Beweis, hier iſt eine Kugel durch Euren Hut; die nächſte ſoll Euch durch den Kopf fah⸗ ren, wenn Ihr Eurerſeits Euch weigert, die fette, rothe Börſe herauszugeben, die ich den Armen ſchenken will.“ Seinem Worte treu, gab er Feuer, und war et⸗ was überraſcht, da er wußte, daß er blos Oates zer⸗ riſſene Feder vom Hute geſchoſſen hatte, dieſen ſelbſt auf den Boden fallen zu ſehen, als ob er todt wäre. Nachdem er ſein ſcheues Pferd beſchwichtigt, welches zu ſteigen begann und beinahe den kleinen Mervyn ab⸗ geworfen hätte, wandte ſich Claude zu dem gefallenen Räuber und befahl ihm, mit einem kräftigen Tritt in die Seite, aufzuſtehen. Der Elende hatte jedoch den Inſtinkt eines Miſtkäfers und ſtellte ſich, Tod oder be⸗ wußtlos. Einen Augenblick war Claude wirklich zweifel⸗ haft, ob es nicht beſſer ſei, ihn für neue Schlechtig⸗ keiten für immer unfähig zu machen; aber ein natür⸗ licher Abſchen vor Gewaltthat und ſelbſt ein Gefühl des Eckels vor dem verrätheriſchen Böſewicht, beſtimm⸗ ten ihn, ſein Leben zu verſchonen. Ueberzeugt jedoch, daß er zu dem, was er bei ſich habe, gewiß nicht auf rechtlichem Wege gekommen ſei, unterſuchte er ſeine Taſchen mit großer Aufmerkſamkeit. Er fand in ſeiner Bruſttaſche Geld und Juwelen von beträchtlichem Werthe und die rothe Börſe. Da fand ſich ferner ein langes Meſſer und ein blutbeflecktes Sacktuch mit Knoten ge⸗ 108 bunden, von dem Claude nicht zweifelte, daß es neuer⸗ lich zur Execution gedient habe. Auch fand er ein ab⸗ geriſſenes Blatt von einer alten Londonerzeitung wo⸗ rin des Kapitäus Perſon genau beſchrieben und eine Belohnung von fünfzig Guineen für ſeine Feſtnehmung ausgeſetzt war, wegen anſehnlicher Betrügereien gegen einige Handelsleute. Claude ließ dieſes ehrenvolle Zeugniß mit vieler Güte bei ihm zurück, und beſann ſich einige Augen⸗ blicke, was er mit ſeinem Gefangenen anfangen ſolle. Er entſchloß ſich endlich, ihm Hände und Füße zu bin⸗ den und ihn der Barmherzigkeit irgend eines guten Samariters zu überlaſſen, den der ausgeſetzte Preis verleiten würde, ihn in Verwahrung zu nehmen— ein Plan, der zu Mervyns großem Vergnügen ſogleich ausgeführt wurde. Nur einmal ſtöhnte der Kapitän, als Claude ihn auf die andere Seite ſtieß. Nachdem er ſodann die Feuerſteine aus Oates Piſtolen gebrochen, ſie in eine Pfütze geworfen und deſſen Roſinante losgelaſſen hatte zur freien Waide in dem üppigen Gras, ſaß Claude wieder auf und gallopirte weiter. Der Sonnenuntergang erblaßte allmählig zu einer hellen Silbernacht, als Claude in die alte flamändiſche Stadt einritt. Die Arbeit des Tages war vorüber und eine muntere Bevölkerung ſchwärmte in den Stra⸗ ßen. Es war zur glänzenden Zeit des grand monarque, und überdies feierte man in St. Omer augenſcheinlich einen Feſttag. Luſtfeuer brannten in den Straßen, die Seitenaltäre waren mit Blumen und Lampen geſchmückt, kurze Weiberröcke und bunte Kappen erſchienen an allen Ecken über zierlichen Geſtalten; keine andere Strümpfe als blaue oder rothe wurden getragen. Die Holz⸗ ſchuhe der Bauernmädchen waren mit zierlichen Farben aller Art bemalt, und ihre prächtigen Strumpfbänder hingen ſchelmiſch bis auf die Knöchel herunter. Auf — 109 jedem offenen Platze war Tanz, und Claude hörte keine andern Laute als Muſik und Lachen. Da er einen der luſtigen Geſellen nach dem Weg in das Jeſuiten⸗Collegium fragte, wurde er bereitwil⸗ lig zurechtgewieſen, und fand ſich bald vor dem alter⸗ thümlichen, maſſiven Gebäude— damals der Haupt⸗ ſchmiede von den Donnerkeilen der römiſchen Kirche. Neuntes Kapitel. Die Zeſuiten. „Die Jeſuiten ſchienen an der allgemeinen Fröhlich⸗ keit des Tages Theil zu nehmen, denn die Thore ihres Kloſters ſtanden offen und die guten Brüder waren beſchäftigt, an Alle, die darnach Verlangen hatten, Wein, Kuchen und geſtandene Milch auszutheilen— nicht zu gedenken der heiligen Rosmarinzweige, geſegnet von dem heiligen Vater ſelbſt, zu einem kräftigen Mit⸗ tel gegen Zauberei, Stürme und Kopfweh. Duval fragte ein Mädchen, die ihr durch den Tanz losgegangenes Haar wieder in Ordnung brachte, nach dem hochwürdigen General de Oliva, von dem er hörte, daß er gerade zur Viſitation im Collegium an⸗ weſend ſei. Das Mädchen wies auf einen ungewöhn⸗ lich üppig gewachſenen Kaſtanienbaum gerade vor den Kloſterthoren hin, deſſen reiches Laub, glühend in den ſcharlachbraunen Tinten des Herbſtes, eine Art von hängendem Zelt bis beinahe auf die Erde nieder bildete. Darunter ſtand eine Bank von zuſammengeflochtenen Zweigen und ein ländlicher Tiſch, mit Obſt und Wein beſetzt, an welchem ein alter, aber noch kräftiger Mann in Jeſuitentracht und mehrere Herrn der Provinz ſaßen — wahrſcheinlich, nach ihrem reichen Anzuge zu urthei⸗ len, Männer von hohem Range. Der General ſelbſt trug ein Purpurkreuz in ſein Kleid gewoben und einen Roſenkranz mit goldenen Kügelchen im Gürtel. Seine Züge, obgleich von Na⸗ tur etwas hart und finſter, waren durch einen lieh⸗ reichen und edlen Ausdruck von Geiſt und Güte bei⸗ nahe zur Schönheit gemildert. Es gab zwar Zeiten, in welchen etwas Undeſchreibliches im Auge, ein eigen⸗ thümlicher Ton der Stimme, oder eine unbewachte Geberde verriethen, daß dieſe anmuthige Heiterkeit nicht in natürlicher Empfindungsloſigkeit, ſondern auf beherrſchten Leidenſchaften gegründet ſei. In dieſem gegenwärtigen Augenblicke jedoch ſchien der Padre in den Genuß der heitern Scene vor ihm verſunken, lächelnd und Segen ertheilend den glücklichen Landleuten, die ſich herbeidrängten, um ihm Sträuße von lieblichen Blu⸗ men und ehrfurchtsvolle Huldigung darzubringen. Durch dieſe muntere Menge machte ſich Claude Duval mit Ge⸗ wandtheit Bahn, indem er die Männer mit dem Ell⸗ bogen aus dem Wege ſchob und die Mädchen höflich an der Hand beſeitigte.— „Was für ein Mann iſt dieß, oder vielmehr, was für ein Pfau?“ ſagte der General, indem er ſich lä⸗ chelnd zu ſeinen Geſellſchaftern wandte, „Seiner glänzenden Livree nach, ſollte er aus der Provence ſein, wo die brennende Sonne die Leute in hohe und bunte Farben verliebt macht,“ ſagte einer der Angeredeten.„Aber er ſcheint mir ſo höflich, wie ein neugebackener Edelmann, der ſeinen Weg zum Throne durch Leute hindurchſcharrt, deren Diplome von Carl dem Großen herrühren.“ „Und meines iſt älter, Monſieur,“ ſagte Claude, mit einer ehrerbietigen Verbeugung.„Die Duvals kamen mit Rollo in's Land, und obgleich unſere Fa⸗ milie etwas herunter gekommen iſt, ſo machen wir doch noch Anſprüche auf halb Calvados, mit dem unbe⸗ 111 ſchränkten Beſitz von etwa ſieben Morgen. Hochwür⸗ diger Vater, Euren Segen für dieſen kleinen Reiſen⸗ den und mich ſelbſt.“ Und damit kniete er zu den Füßen des Generals nieder. „Wer und was biſt Du, mein Sohn, daß Du Dich ſo ohne Umſtände einführſt?“ ſagte der Jeſuit. „Und vor Allem, was iſt das für ein ſchönes Kind.“ „Mein Name iſt Claude Duval, Diener des ſehr edlen Lord Aumerles,“ erwiederte der Reiſende.„Das Kind iſt eines— welches die Vorſehung und ſein unglücklicher Vater Eurem heiligen Schutze empfehlen.“ „Wie— Lord Aumerle? Erklärt Euch genauer, mein Sohn!“ ſagte der Jeſuit mit einem ſcharfen und beinahe beſtürzten Blicke auf den Knaben.. „Ich kann das nicht vor Zeugen thun, wenn ſie auch noch ſo edel ſind, als dieſe flandriſchen Herren,“ erwiederte Claude.„Meſſieurs, entſchuldigt mich; aber alles, was ich ſage oder thue, geſchieht unter Eid. Damit aber nicht Eure hochwürdige Lordſchaft meine Mittheilung für werthlos halten möge, möchte ich Euch ein Wort in's Ohr flüſtern.“ Dieſes Wort, was es auch geweſen ſein mochte, ſchien eine cabaliſtiſche Kraft zu haben. Der General bat ſeine Gäſte um Verzeihung und ſtand auf, um fortzugehen; aber einer der vornehmſten derſelben hielt ihn zurück.„Nein, Vater, wir wollen unterdeſſen mit dieſen hübſchen Landmädchen tanzen,“ ſagte er.„Wir wiſſen, von welcher Wichtigkeit Nachrichten von Eng⸗ land in dieſem Zeitpunkte ſind; und nachher, wenn es Euch beliebt, möchte ich gern den Herrn hier um nähere Auskunft über die große Feuersbrunſt bitten, die Lon⸗ don zu einem Aſchenhaufen gemacht hat.“ Claude verbeugte ſich und nach einer kleinen Ein⸗ ſprache von Oliva zogen ſich die Herren zurück, und miſchten ſich unter die ländlichen Taͤnzer, unter welchen ihre reichen Kleidungen und feinerer Anſtand die ein⸗ zige Auszeichnung ſchien, die ſie anſprachen. 112 „Und nun Deine Botſchaft?— von dem Earl? iſt er noch im Tower?“ rief der Jeſuit begierig aus. „Ach, wie die Welt ſich verändert! Er war einer mei⸗ ner geliebteſten Freunde.“ „Um alſo anzufangen, Mylord, ich habe alle meine Beglaubigungsſchreiben, Papiere, Juwelen, Documente — ich weiß nicht, was Alles— von meinem Herrn an Eure hochwürdige Lordſchaft verloren,“ ſagte Claude. „Ein kurzes Geſtändniß— wie und wann?“ ſagte de Oliva, indem ein Schatten von Argwohn über ſeine Stirne flog. „Bei dem großen Brande,“ ſagte Claude.„Aber es wird mir eine gute halbe Stunde wegnehmen, um Alles vollſtändig aufzuklären und nicht länger in Euer Lordſchaft Augen ſtrafbar zu erſcheinen. Gibt Euch bis dahin das Ausſehen des Kindes keine Verſicherung?“ „Iſt dieß alſo der junge Enterbte, Aumerles zwei⸗ felhafter Sohn, auf deſſen Ankunft mich ſeine letzten Briefe vorbereiteten?“ ſagte der Jeſuit mit ängſtlicher Neugierde.. „Seht ihn nur an, Herr! Schmeckt nicht ſchon aus der Traube der Geiſt des Weines hervor?“ „Gewißlich, er ſieht meinem unglücklichen Freunde ſehr ähnlich— aber Eure Geſchichte?“ ſagte de Oliva, indem er ſeine Hand dem Kinde hinhielt.„Komm her, mein Sohn! Aber ach, ſeine Schönheit hat viel von den ausgezeichnet vollkommenen Zügen ſeiner ſchlimmen Mutter. Nun Eure Geſchichte?“ „ Bitte demüthigſt mir zu vergeben, wenn ich zuerſt meine ſtauberſtickten Lungen mit einem Becher Wein anfeuchte,“ ſagte Claude, indem er ſich ſehr gelaſſen ein hohes Kelchglas voll einſchenkte. 3 Der Padre nickte lächelnd ſeine Einwilligung und Claude that einen herzhaften Zug, vergaß jedoch nicht, einige helle Tropfen für Mervyn übrig zu laſſen, der ſie mit unendlichem Vergnügen zu koſten ſchien. Er fing ſodann, wie er verſprochen hatte, eine ge⸗ „ 2 113 naue Erzählung der Umſtände an, mit denen der Leſer ſchon bekannt iſt, von ſeiner Unterredung mit Aumerle im Tower bis zu ſeiner Ankunft in Calais. Aber er ſchien es nicht für nothwendig zu erachten, ſeines neu⸗ lichen Vorfalls mit dem Straßenräuber zu erwähnen. Der Jeſuite hörte mit tiefer Aufmerkſamkeit zu, indem er häufige mitleidige Blicke auf Mervyn warf; und ſaß, nachdem Claude ſeine Erzählung beendigt hatte, mahrere Minuten lang in Nachdenken verſunken; darauf ſtrich er die ſchönen Locken des Knaben glatt und ſeufzte tief. „Eure Erzählung braucht keine Bürgen, Duval,“ ſagte er endlich. Aber der Verluſt aller der koſtbaren Documente— und daß ſie in ſolche Hände gekommen ſind— iſt in der That beklagenswerth. Wie, wenn das wüthende Parlament und Volk in des Earls Blute ihre Leidenſchaften kühlen würden— keine Beweiſe, keine Zeugniſſe bleiben in unſern Händen.“ „Dem ſoll abgeholfen werden, wenn ich zu meinem Herrn zurückkehre; was ich unverzüglich zu thun ge⸗ denke, wenn Euer Hochwürden das anvertraute Pfand aufnehmen wollen, das ich mitgebracht habe,“ ſagte Claude. „Das will ich, als ob es mir unmittelbar vom Himmel in die Hände geführt worden wäre!“ antwor⸗ tete der Jeſuit.„Gott vergebe dem grauſamen Weibe! Ich warnte den Earl immer vor— mir däucht, Claude, ich kann Dir vertrauen?“. er„Mit allem, außer einem hübſchen Mädchen,“ ſagte aud. „Oder einem Becher Wein,“ ſetzte der Jeſuit hinzu, indem er gedankenvoll lächelte.„Wohl, es macht nichts — indeſſen kommt mir dieſe ganze Geſchichte ſeltſamer vor, als irgend etwas, das ich erlebt oder geleſen habe, ob ich gleich in meinen jungen Tagen die ausſchwei⸗ fenden Romane dieſes thörichten Zeitalters gerne durch⸗ las. Ihr ſeid zum Schweigen verpflichtet, Claude?0 Whitefriars. I. 8 114 „Mit ſo vielen Eiden, daß das Fegfeuer zu gut für mich ſein würde, wenn ich auch nur einen derſelben bräche, antwortete der Reiſende. „Ich gab die beiden in Brügge vor dem Altare zuſammen, während der Verbannung des Königs, und welch ein Wechſel iſt das!“ fuhr der Padre gedanken⸗ voll fort.„Armer Aumerle! und für ſolch einen Prahlhans und nächtlichen Schwärmer, wie dieſer Ho⸗ ward, wurde Dein edles Herz verrathen!“ „Und meine Antwort an den Lord?“ ſagte Claude heftig. „ Der Earl bat mich, ihm bloß mündliche Ant⸗ worten auf ſeine Botſchaften zukommen zu laſſen,“ er⸗ wiederte de Oliva. Die Sorge, die er mir und mei⸗ nem heiligen Orden übergibt, iſt wahrlich hoch und furchtbar wichtig. Sage ihm, daß ich die Verantwort⸗ lichkeit mit Furcht und Zittern übernehme. Verſichere ihn in meinem Namen, daß alle ſeine Aufträge buch⸗ ſtäblich erfüllt werden ſollen. Ich wollte ihm gerne einige Worte des Troſtes ſchreiben, wenn ich nicht fürchtete, ihn ſeinen blutdürſtigen Feinden bloszuſtellen, ſobald man entdecken würde, daß er in geheimem Brief⸗ wechſel mit einem armen Diener der Kirche ſteht.“ „Eure hochwürdige Herrlichkeit verſprechen dem⸗ nach, dieſem jungen Knaben niemals durch Wort oder That den geringſten Wink über ſeinen wahren Rang und ſeine Geburt zu geben, ſo lange es nicht von dem Earl ſelbſt verlangt wird?“ „So helfe mir der Himmel in meiner Noth!“ ſprach der Padre feierlich.„Ich fürchte ſehr, Claude, daß die Zeit nicht ferne iſt, wo die Kenntniß hievon dem armen, Waiſen nur zum Verderben gereichen würde.“. „Ach ja! Mylord, ich habe dieſelbe traurige Be⸗ fürchtung,“ ſagte Duval.„Wie aber dem auch ſein mag, und obgleich ich die Gelder verloren habe, die Euch mein Herr für wohlthätige Zwecke ſandte, ich hoffe, 115 mit ſolchen Documenten zurückzukehren, die Euch über⸗ zeugen werden, daß ich in keinem Falle ein Betrüger bin.“ „ Ich habe Dich nicht im Verdachte, Freund,“ ſagte de Oliva lächelnd.„Mit einem Worte, ich nehme Euren Pflegling auf, und ſo mögt Ihr Euch jetzt auf einige Zeit zu dem muntern Leuten dort geſellen, denn ich ſehe ſchon, Ihr ſeid ein luſtiger Kamerad.“ Duval dankte dem General ehrerbietig und wollte den Knaben bei ſeinem neuen Protektor zurücklaſſen, während er ſich zu der luſtigen Geſellſchaft im Grünen begab. Aber Mervyn ſprang an ſeinen Hals und um⸗ ſchlang ihn lantſchreiend. Der Padre ſtand auf und ſuchte ihn eine Zeit lang mit Verſprechungen und Lieb⸗ koſungen zu beruhigen, das Kind jedoch gab ſich nicht zufrieden und ſchien über das fremdartige Engliſch des Jeſuiten mehr erſchreckt, als erfreut, ungeachtet der ſanften Ausdrücke,„lieber, kleiner Junge!— chiquito de mis entrannas!“ „Nun wohl, nehmt ihn mit Euch er wird bald „müde werden,“ ſagte er zuletzt.„Er hat auf jeden Fall Charakter— hier ſind zwei Züge davon— Eigen⸗ ſinn und Liebe. Wenn ſeine kleinen Augen zufallen, kehrt mit ihm in's Colleginm zurück; wir ſind nicht ſehr an die Behandlung ſolcher Ammenkinder gewöhnt, aber der alte Ambroſius, ein Laienbruder, wird gerne ſeine Pflege übernehmen.“ Claude zog ſich mit leichterem Herzen zurück, um ſich den Tanzenden anzuſchließen, unter denen er ſich bald allgemein beliebt machte. Abgeſehen von ſeiner glänzenden Livree, ſeinen flotten Manieren und ſeiner furcht⸗ und zwangloſen Unterhaltungsgabe, tanzte er bewundernswürdig gut, plauderte er mit den alten Gevatterinnen und flüſterte ſanften Unſinn an das junge Frauenvolk hin. Seine Anweſenheit brachte neues Leben in das Feſt, das gerade am Abnehmen war und zugleich hatte ein ungemein herrlich glänzendes Mondlicht die Stelle der Sonne eingenommen. Es wurden Witze 116 geriſſen, Geſundheiten getrunken, Lieder geſungen und muntere Spiele geſpielt, bis Alt und Jung lebendig und fröhlich war. Das beliebte, nun veraltete Spiel— die Hauptfröhlichkeit des normänniſchen Landvolks und auch des luſtigen Alt⸗Englands, ehe Elend und Fabri⸗ ken das Lebensblut unſerer herzlichen und wackeren Gemeinen aufgezehrt hatten— der Kuß im Ringe— wurde von Claude vorgeſchlagen und mit freudiger Stimmeneinheit der jungen Männer und ſchwachem Widerſpruche der kichernden Dirnen angenommen. Und ein wonneſamer Anblick war's, alle in einem großen Kreis ſtehen zu ſehen, Jungfer und Junggeſelle, blü⸗ hend und erröthend und lachend, wie groß gewachſene Elfen unter dem ſüßen Mondenlicht und dem gegitter⸗ ten Schatten ehrwürdiger Bäume. Die maleriſche Bauerntracht jener Zeit, der vielfarbige Rock, das kleine ſchelmiſche Mieder und die glänzenden Hauben der Weiber; die bunte Beinbekleidung der Männer, ihre langherunterhängenden Strumpfbänder, und ihre carmoiſinrothen Sackkappen bildeten ſo zierliche Grup⸗ pen als der geſchickteſte Balletmeiſter erfinden konnte. Die guten Väter des Kloſters(denn als ſolche wurden ſie von den Bewohnern von St. Omer ange⸗ ſehen, für was ſie auch die erſchrockenen Puritaner Englands und die Janſeniſten in Frankreich halten mochten) ſahen ermunternd und ſogar mit Vergnügen zu; Maͤnner, deren Federn in den hitzigen Controver⸗ ſien ihrer Zeit die gefürchteſten waren und deren Leben und Perſonen in den gefahrvollſten Intriguen gewagt wurden, ſchienen ihre von Studien ermüdeten Geiſter an dieſem Schauſpiele natürlicher herzlicher Gefühle zu erfriſchen. Zugleich hatte ihre Gegenwart die wohl⸗ thätige Wirkung, jede Tendenz zur Unmäßigkeit oder zu Händeln, zu denen übrigens die phlegmatiſchen Fla⸗ mänder ohnedieß nicht ſehr geneigt waren, im Zaume zu halten. De Oliva ſelbſt bemerkte mit Lächeln, daß Duval bei weitem die meiſten Kronen erhielt, zum Verdruſſe ſeiner Mitbewerber; aber ſeine beſtändige Gutmüthig⸗ keit und ſein augenſcheinlicher Muth, ſicherten ihn gegen offene Händel. Der Jeſuit beobachtete auch, aber mit tieferer Aufmerkſamkeit, den jungen Knaben, der ſeiner Aufſicht unter ſo ſonderbaren Umſtänden anvertraut ward. Zu ſeinem Erſtaunen ſchien Mervyn, ſo jung er auch war, an allen Fröhlichkeiten und muntern Streichen, die vorgingen, den lebhafteſten Antheil zu nehmen, und ahmte Duval mit einer, in einem ſo un⸗ reifen Alter, überraſchenden Treue nach. Er tanzte, lief herum und küßte die kleinen Bauernmädchen, ſchlürfte Wein und machte, daß die alten Männer herzlich lachten über die kecke Manier, in der er ein kleines engliſches Lied ſang. Aber zuletzt fiel der kleine Kauz in Schlaf in den Armen einer alten Frau, die er eigenſinnig„Amme Alice“ nannte, und de Oliva befahl ihr, das Kind in das Collegium zu bringen und es der Sorge eines Laienbruders, den er dazu aufgeſtellt hatte, zu übergeben. Bald darauf ſchlug die große Glocke des Kloſters und die Geſellſchaft brach auf. Claude fand in einem anſcheinend einfach, aber bequem eingerichteten Zimmer einen Strohſack, neben einem andern für Mervyn bereitet. Befreit von der ſchweren Verantwortlichkeit, die auf ihm gelaſtet hatte, befahl er ſich freudig dem Schutze der heiligen Jungfrau und fiel bald in geſunden Schlaf. Am nächſten Morgen wurde Mervyn zum Früh⸗ ſtücke mit dem Padre ſelbſt geholt, während Claude der Sorgfalt der Laienbrüder im Refektorium über⸗ geben wurde. Dieſe Leute ſchienen in einiger Bewe⸗ gung zu ſein und Claude hörte, daß dieſe Unruhe durch die Rückkehr des Van Huysman, Rektors des Collegiums, veranlast worden ſei, eines in der Kirchen⸗ zucht außerordentlich ſtrengen Mannes. Er war in England geweſen, um einige Geſchäfte des Ordens dort 118 zu überwachen; da er aber nach Ari der Apoſtel reiſte, mit Stock und Sandalen, ſo war die Brüderſchaft immer in Ungewißheit über ſeine Zurückkunft ge⸗ blieben. Claude war eifrig beſchäftigt mit ſeinem Brod und Obſt, als ein Bruder ankam, um ihn zum Gene⸗ ral zu beſcheiden. Da er in das Gemach trat, wurde ſein Auge auf den eben angekommenen Rektor gelenkt. Die Geſtalt deſſelben war ausgezeichnet durch ſehr hohen Wuchs und die majfeſtätiſche Form der Schultern und des Kopfes, dabei war er jedoch äußerſt mager und beinigt. Sein Geſicht ſchien eingefallen vom be⸗ ſtändigen Faſten, aber der Ausdruck war umfaſſend, ſtrenge und gebietend, beſonders wenn ſein eingeſunke⸗ nes Auge aufleuchtete, wie es immer der Fall war, wenn er an etwas ernſtlichen Antheil nahm. Eine ge⸗ bückte Haltung von Schwäche oder beſtändigem Stu⸗ dieren berrührend, verkleinerte ſeine Statur in etwas, gab aber der natürlichen Strenge ſeines Ausſehens einen Anſtrich von milder Demuth. Ein Blick um ihn war hinreichend, Claude zu überzeugen, daß etwas Wichtiges vorgefallen ſein müſſe. Der Padre ſah bleich aus und ſeine Lippen zitterten nervös; auch der Rektor ſchien beunruhigt zu ſein; nur der kleine Mervyn war vollkommen zufrieden bei ſeinem Frühmahl von Brod und Milch. Schon die erſten Worte des Padre waren voll ſchlimmer Be⸗ deutung. „Ihr habt nicht nöthig, mit Eurer Rückreiſe nach England zu eilen, Duval,“ ſagte er.„Mein Freund und Euer unglücklicher Herr iſt nicht mehr; er be⸗ ging Selbſtmord im Tower in der Nacht des großen Brandes,“ Claude ſtand einen Augenblick wie vom Donner gerührt und dann ſank er mit dem Ausruf:„All ihr Heiligen!— das fürchtete ich!— mein Herr iſt er⸗ mordet worden!“ ſchluchzend in einen Stuhl. 119 „Das weiß Gott allein,“ ſagte der Jeſuit, ſich be⸗ kreuzigend.„Aber die Rache iſt Sein, und er wird vergelten!“ „Aber iſt das gewiß? oder iſt es nur eine Erzäh⸗ lung, die mit den tollen Gerüchten des Tages die Nunde macht?“ rief Claude. „Zunger Mann, es iſt nur allzu wahr,“ ſagte Van Huysman in ſeinem ruhigen, abgemeſſenen Tone. „Eine Jury hielt ihre Sitzung über den Leichnam des Earls am folgenden Abende, aber in ſolcher Verwir⸗ rung und ſo großem Schrecken, wegen der immer noch fortwüthenden Feuersbrunſt, daß wenig gethan wurde. Die Jury beklagte ſich zwar über das dürftige und verworrene Zeugniß, gab aber in Eile das Verdikt eines felo de se.*) Und ſo wurde der Earl, Euer Herr, wie ich ſelbſt Augenzeuge war, in ein haſtig ausgeworfenes Grab beerdigt— ohne Sarg, mit ſei⸗ nem Mantel ſtatt des Leichenhemdes.“ Claude weinte ohne Rückhalt bei dieſem traurigen Berichte, verdeckte ſein Geſicht mit den Händen und ſchluchzte mehrere Minuten lang, wie ein Kind. Mer⸗ vyn, ohne zu wiſſen, welchen Antheil er ſelber bei ſei⸗ nem Kummer hatte, lief zu ihm hin, ſchlang ſeine Arme um Claudes Hals, und weinte mit ihm in Ge⸗ ſellſchaft. Auch in Oliva's Augen drängten ſich einige Thränen, nur der Rektor blickte mit ſtoiſcher Ruhe, beinahe mit Verachtung vor ſich hin. Während Claude immer noch darauf beſtand, daß des Earls Vorausſagung eingetroffen ſei, man werde ihn ermorden und dann für einen Selbſtmörder aus⸗ geben— wechſelten die Jeſuiten Blicke mit einander, die ihre Ueberzeugung ausſprachen, daß dieſe Prophe⸗ zeihung eine von denen ſei, die nach der Erfüllung kommen. Da aber Claude ſeine Abenteuer mit Blood *) Ausſpruch, daß der Todte ein Selbſtmörder ſei. Anmerk. d. ueberſ. 120 umſtändlich erzählte— di Begegnung mit ihm im Tower— und die hitzige letzten Augenblicke gegen ihn fortſetzte, als ob ihm Alles daran gelegen ſei, Zeugen aus dem Wege zu ſchaffen, deren Ausſage ſo gefährlich werden konnte— wurde Oliva auf's Neue zweifelhaft. Van Huysman bemerkte jedoch kalt, daß gerade der Umſtand von Blood's nächtlichem Nachjagen ein alibi beweiſe, oder wenigſtens zu ſeinen Gunſten ſpreche. Dennoch beharrte Claude auf ſeinem Glauben, daß dieſer Mann ſeinen Lord gemordet habe, wahrſcheinlich in der Zeit, die zwiſchen ſeiner Rettung durch Edwards und der zweiten Begegnung bei St. Pauls Kirchhofe verſtrich. „Wir wollen einmal unterſuchen, welche Ueberein⸗ ſtimmung in Eurer Erzählung, mit dem in der Unter⸗ ſuchungsakte angegebenen Umſtande möglich iſt,“ ſagte Van Huysman.„Hier iſt ein Exemplar des Proto⸗ kolls aus dem London Gazetteer. Es iſt kurz und furchtſam, aber nicht ohne Bedeutung.“ Der Jeſuit zog eine Schrift heraus auf ein kleines Blatt mit ſehr braunen Typen gedruckt und reichte es Claude. Dieſer las nach einem Blicke auf Mervyn, der in unſchuldiger eranibenng da ſaß, und nach ei⸗ nem zuſtimmenden Nicken von Oliva den Artikel laut vor. Er hatte die Aufſchrift:„Schrecklicher Selbſtmord eines papiſtiſchen Lords im Tower, in der Nacht des Ausbruches des großen Brandes,“ und lautete folgen⸗ dermaßen: „Die erſchrecklichen Folgen, welche von einer teuf⸗ liſchen Religion(oder eigentlich einem atheiſtiſchen Pan⸗ theismus herfließen, zeigten ſich in ihrer ganzen furcht⸗ baren Stärke bei der unglücklichen Entdeckung, die man geſtern, Morgens um vier Uhr, hinſichtlich einer von dem papiſtiſchen Earl d'Aumerle an ſeinem eigenen Leibe begangenen blutigen Selbſtmordes machte.“ Dar⸗ auf folgte eine lange Tirade gegen den Pabſt und alle Cardinäle, die als der Antichriſt und ſeine Teufel be⸗ erfolgung, die er bis zum 121 zeichnet waren; gegen das Concilium von Trident: eine Lobpreiſung Luthers; und endlich, ohne eine ſehr einleuchtende Verbindung, eine kurze Erzählung der Ge⸗ fangenſetzung des Earls im Tower. Die Gewißheit ſeiner Schuld und Theilnahme an der irländiſchen Revolution wurde beſonders herausgehoben und ſeine melancholiſchen und verzweifelten Aeußerungen bei die⸗ ſer Gelegenheit wurden aufgeführt. Sodann kamen zweideutige Winke, daß er um das Komplott der Je⸗ ſuiten, die Stadt zu verbrennen, gewußt habe und man ſchloß, daß er deßwegen den König um eine Au⸗ dienz angegangen habe, um dieſes furchtbare Geheim⸗ niß zu entdecken. Da aber das Feuer ausgebrochen, ehe ſich der König entſchloß, ihn zu beſuchen, ſo war es großmüthig der Entſcheidung des Publikums über⸗ laſſen, ob Gewiſſensbiſſe oder Mißmuth über das theil⸗ weiſe Fehlſchlagen des abſcheulichen Complottes den Earl ſo plötzlich zum Selbſtmorde getrieben hatte. Der Gazetteer erklärte ſich ſelbſt für unvermögend, darüber zu entſcheiden und legte ſeinen Leſern die Ausſage der Zeugen vor. 3 Das hauptſächlichſte Zeugniß war das von Talbot Edwards, Aufſeher über die Kronkleinodien. Er ſagte aus, daß er den Earl bei'm Abendeſſen bedient hätte und ihm ungefähr um halb eilf Uhr bei'm Auskleiden behülflich geweſen wäre. Daß er ihn im Bette zurück⸗ gelaſſen, aber bei'm Hinausgehen aus dem Vorzimmer, den Earl hätte aufſtehen und den innern Riegel vor⸗ ſchieben hören. Daß er ſelbſt die drei Thüren, welche zu den Steintreppen des blutigen Thurmes führen, ſehr ſorgfältig verriegelt und geſchloſſen und hierauf die Schlüſſel dem Lieutenant übergeben hätte. Daß er ei⸗ nem der Wächter zu Gefallen, der die Wache am un⸗ tern Ende der Treppe hatte, und ſich vor Geiſtern fürchtete, ſein Abendeſſen dahin gebracht und mit ihm verzehrt habe. Daß ſie eine Ochſenpaſtete und drei Maß ſtarkes Bier genoſſen und darauf, da ſie ſchläfrig 122² wurden, ausgemacht hätten, abwechslungsweiſe zu wa⸗ chen, daß er aber ehrlich ſagen müſſe, er glaube, ſie ſeien einmal beide zugleich eingeſchlafen. Ungefähr um drei Viertel auf zwölf Uhr ſei er jedoch von einem lauten Schlag oder Gepolter aufgeweckt worden, das ihm wie das Fallen einer Thüre oder eines Theils des Gebäudes vorgekommen ſei. Daß der Wächter ſowohl als er ſelbſt ſehr darüber erſchrocken geweſen und im Sinne gehabt haben, zu dem Lieutenant zu gehen und ihm zu berichten, was ſie gehört hätten; aber daß ſie, wie es gewöhnlich iſt, feſt in den Thurm eingeſchloſſen geweſen ſeien. Daß ſie, nachdem ſie eine Weile ge⸗ horcht und keine weitere Störung vernommen hätten, die Stiege hinaufgegangen wären und an der äußeren Thüre geklopft und des Earls Namen gerufen hätten. Daß ſie, während ſie da ſtanden, zwei tiefe und wie es ihnen ſchien, erſtickte Seufzer gehört hätten, gefolgt von der tiefſten Stille; aber nachdem ſie einen großen Lärmen gemacht und ausgerufen:„Mylord, fehlt Euch etwas?“ eine Stimme, die ſie für die des, Earls ge⸗ nommen, ihnen geantwortet und geſagt habe, daß er wohl ſei, es ſeien bloß einige Stücke Holz im Hofe umgefallen. Daß ſie darauf zurückgegangen und die übrige Nacht ſehr unangenehm zugebracht hätten; im Glauben, es ſei ein geſpenſtiſcher Lärm geweſen; ferner, daß ſie, ſobald die Wache abgelöst worden, ſich zum Herrn Lieutenant begeben und ihm berichtet hätten, was ſie gehört: welcher hierauf ſehr unruhig geworden und mit ihnen eilig in den Thurm gegangen ſei. Daß ſie alle Thüren ſelbſt von außen verriegelt gefunden wie in der vorigen Nacht und des Eaels Schlafzimmer noch von innen verſchloſſen. Daß, da ſie auf mehr⸗ maliges Nufen keine Antwort erhalten hätten, der Lieutenant ihnen die Thüre zu ſprengen befohlen habe, und daß ſie beim Eintritt in's Zimmer den Earl todt im Bette gefunden hätten, mit einer tiefen Wunde in ſeiner linken Seite und einer Piſtole mit einem Spring⸗ 123 dolche am Boden liegend. Alles weitere Zeugniß war das von Sir John Robinſon, der bloß das Finden des Leichnams, ſowie die Unmöglichkeit bewies, daß irgend Jemand in das Zimmer hätte kommen können. Der einzige, für die Behauptung eines Selbſtmordes verdächtige Umſtand war der, daß man ein Stück zer⸗ riſſenes Papier, und nach einigen Ausſagen, eine Locke groben Haares in den Händen des todten Mannes feſt eingeſchloſſen fand.. Allen dieſen ſtarken und wie es ſchien entſcheiden⸗ den Angaben, hatte Claude wenig entgegenzuſetzen. Er ſah wohl, daß die beiden Jeſutten überzeugt waren, der Earl habe im Uebermaße ſeines Schmerzes, da ihm vielleicht gerade in einem Augenblicke der Ver⸗ zweiflung das Werkzeug in die Hände gerieth, Selbſt⸗ mord begangen. Auch er wurde von dem Zuſammen⸗ hange der Umſtände überraſcht, betheuerte jedoch, daß er nach England zurückkehren und den Reſt ſeines Le⸗ bens der Entdeckung und Beſtrafung der Mörder wid⸗ men wolle. „Dieſer Verſuch würde mit der größten Gefahr für Euch verbunden ſein,“ erwiederte Van Huysman.„In demſelben Gazetteer iſt ein Preis von dreihundert Guineen für Eure Feſtnehmung angeboten.“ „Für meine Feſtnehmung!“ rief Claude. „Ihr ſeid des Raubs und eines Scandalum mag- natum angeklagt,“ verſetzte der Jeſuit mit Strenge. „Der Räuberei, indem Ihr Eures Herrn Juwelen vom Hoſenband⸗Orden und gewiſſe Geldſummen geſtohlen habt; und des noch größeren Verbrechens, indem Ihr ausſagtet, daß ein Kind, wahrſcheinlich Euer eigenes, der geſetzmäßige Erbe der Titel und aller Güter des Earl von Aumerle ſei; und dieſe Anklage iſt gegen Euch geführt im Namen der Gemahlin des verſtorbe⸗ nen Earls, nun Gräfin in ihrem eigenen Rechte.“ „Ich ſagte Eurer Hochwürdigen Lordſchaft, wie ich um die Juwelen kam. Es iſt eine niederträchtige Ver⸗ 124 ſchwörung!“ rief Claude mit Heftigkeit;„und daß die⸗ ſes Kind Mylords einziger und rechtmäßiger Erbe iſt, will ich mit meinem Dolche in die Kehle eines Jeden beweiſen, der es läugnet, ſei er König oder Bettler!“ „Ich habe einige beſondere Gründe, Eurer Ge⸗ ſchichte Glauben beizumeſſen, Duval,“ ſagte der Padre freundlich.„Aber wir ermangeln aller Beweiſe, aller Zeugniſſe, ſowohl über ſeine Geburt, als über ſeines Vaters Anerkennung, und dem ſchlimmen Weibe, ſeiner Mutter, ſtehen alle Mittel der Unterdrückung zu Gebot. Für den gegenwärtigen Augenblick muß unſere ganze Sorge dahin gehen, ſein Daſein geheim zu halten. Wenn des Earls Tod ſo ſtattgefunden hat, wie Ihr vermuthet, ſo würden Diejenigen, die ihre Hände in ſein Blut tauchten, froh ſein, den Flecken davon in dem Blute des Kindes auszuwaſchen. Wir müſſen vorſichtig zu Werke gehen; wir haben Emiſſäre in England, welche die nöthigen Erkundigungen einziehen können. Unterdeſſen iſt das Kind unter meinem Schutze, was ſich auch zutragen mag.“ Claude verbeugte ſich, aber ſein Herz war zu voll zum Sprechen.. „Und nun Bruder,“ ſagte der General, indem er ſich zu Van Huysman wandte,„Ihr ſagtet, Ihr hät⸗ tet etwas von Euren eigenen Unfällen zu erzählen?“ „Vielmehr von meinem guten Gluͤcke, Vater,“ verſetzte Van Huysman,„da ich zu rechter Zeit kam, um einem Chriſten im Unglücke beizuſpringen.“ Zehntes Kapitel. Das Dlatt wendet ſich. Claude's Aufmerkſamkeit, ſchon durch die Bemer⸗ kung am Schluſſe des vorigen Kapitels etwas erregt, wurde noch geſpannter, als er den Jeſuiten erzählen hörte, wie er auf ſeiner geſtrigen Reiſe durch den Forſt von Clairvaut auf einen Mann geſtoßen ſei, der an Händen und Füßen gebunden lag, und von Räubern bedeutend mißhandelt worden zu ſein vorgab. Er hatte ihn befreit und einigen Arbeitern befohlen, ihn nach dem Collegium zu bringen, wo er ihn jeden Au⸗ genblick erwartete. Er fügte lächelnd hinzu, daß ſeine ſamaritaniſchen Gefühle, durch einen Unfall, der ihm ſelber zugeſtoßen, belebt worden ſeien, da er des Tags zuvor in einem Walde bei Calais von Straßenräubern geplündert und beinahe ermordet worden war. Claude wurde durch dieſe Erzählung etwas ver⸗ wirrt, beſonders da er fand, daß alle Angaben des Kapitän Oates(denn dieſer Ehrenmann war es ohne Zweifel) für wahr angenommen wurden; auch fiel es ihm ein, daß es unter den vorliegenden Umſtänden außerordentlich ſchwierig ſein würde, irgend eine An⸗ gabe, die ſein geſtriger Gegner erheben mochte, zu wider⸗ legen. Er nahm jedoch ſo viel als möglich eine gleich⸗ gültige Miene an, indem er ſich nach den Einzelnheiten der Begegnung erkundigte und war zweifelhaft bei ſich ſelbſt, ob er berichten ſolle, was er von der Sache wiſſe, Aber das zweideutige Licht, in welchem er wohl wußte, daß ſein Charakter nun erſcheinen müſſe, und ſeine Zweifel über die Anſicht, welche die ehrwürdigen Herrn über die Schicklichkeit der Beraubung eines Räu⸗ bers ſogar haben mochten, hielt ihn zurück. Auf alle Fälle beſchloß er, nichts zu bekennen, bis ſich dies als 126 unerläßliche Nothwendigkeit herausſtellen würde. Viel⸗ leicht konnte bei alle dem die gefundene Perſon nicht Oates ſein, um ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, erbat und erhielt er Erlaubniß ſich zu entfernen. Claude, der beim Verlaſſen des Collegiums eine Schmiede nahe bei den Thoren von St. Omer bemerkt hatte, durch welche das Opfer hineingehen mußte, führte ſein Pferd dorthin zum Beſchlagen. Wie gewöhnlich war ein großer Zuſammenlauf von Bauern und Stadt⸗ leuten in der ruſigen Bude, und Claude fand, daß ſich die Unterhaltung um die kürzlich vorgefallene Räu⸗ berei und Vater van Huysmans menſchliches Beneh⸗ men drehe. Die Schmiede war von allen Seiten offen und Claude ſtand etwas abſeits, während der große, ſtarkarmigte Vulkan ſeine Arbeit verrichtete. Er fand jedoch bald, daß er aus irgend einem oder dem andern Grunde ein Gegenſtand allgemeinen Mißfallens oder Argwohnes war. Die Männer flüſterten mit einander und blickten auf ihn mit ungünſtigen Augen. Den Mit⸗ telpunkt dieſes erregten Zirkels bildete ein kleiner, ſtumpfigter Mann, der ſehr beſchäftigt ſchien, ſchlimme Vermuthungen mit ſeinem Nachbar auszuwechſeln. Claude ertrug dies einige Augenblicke lang, bis er fand, daß es um nichts beſſer werde.„Nun meine Herrn,“ ſagte er ſodann,„was heißt das? Ihr ſcheint Euch vor mir zu fürchten, als ob ich die Peſt unter meinem Wamms hätte; was meint Ihr damit?“ Einige Minuten lang erhielt er keine Antwort auf dieſe Frage; die Männer zogen ſich enger zuſammen und ſogar der Schmied ließ ſeinen Hammer ſinken und blickte erwartungsvoll auf. Aller Augen waren auf den alten Mann gerichtet, der über die auf ihn ge⸗ fallene Verantwortlichkeit verlegen ſchien.— „Monſieur,“ ſagte er zuletzt mit offenbarer Ab⸗ neigung,„entſchuldigt uns, aber Ihr ſeid, wie ich denke, nicht ſehr bekannt in dieſer Gegend.“ 3 „Das iſt ſehr wahr, und es wäre mir nicht unlieb, 127 wenn ich es noch weniger wäre,“ erwiederte Claude. „Aber warum machtet Ihr dieſe Bemerkung?“ „Weil— weil,“ murmelte der Bauer,„ich bin der Syndicus der Stadtthore, und— und„ Darauf folgte ein anderes feierliches Stillſchweigen. „Und was habe ich mit dem Syndicus der Stadt zu thun, außer daß ich wünſche, die Schlüſſel mögen noch lange Euer Wohlwürden Gürtel zieren,“ ſagte Claude.— „Habt Ihr einen Paß, Herr Fremder?“ fragte ein grob ausſehender Mann, deſſen Tracht ihn als einen der Thorwarte des Syndicus bezeichnete. „Sobald ich weiß, mit welchem Rechte Ihr das zu wiſſen verlangt, werde ich bereitwilliger ſein, es Euch zu ſagen,“ ſagte Claude. „Ich, Herr, ich bin der Syndicus,“ verſetzte der alte Mann im aufgereizten Gefühle ſeiner Würde. „Ich zeigte meine Briefe dem Padre, da ich ge⸗ ſtern in die Stadt kam, und ich halte es nicht für nothwendig, das Geſchäft noch einmal vorzunehmen,“ antwortete Claude ſcharf. „Sprecht Ihr ſo, ſprecht Ihr ſo, mein Herr?“ erwiederte der Syndicus.„Dann bei St. Albertinus! werden wir Mittel finden, Euch dazu zu vermögen. Ich wette mein Leben gegen einen Knopf, dieſer Menſch iſt der ächte Claude Duval, wie er ſich nennt.“ „Meiner Treu, da ſeid Ihr ganz Recht: meine Mutter gab mir keinen Grund, mich meines Namens zu ſchämen,“ ſagte Duval. Ein Ausdruck des Erſtaunens und ſogar der Furcht brach aus der Menge hervor. Der Schmied gab ſeine Arbeit völlig auf, die welche Schwerter hatten, legten die Hand an's Gefäß derſelben und die andern griffen nach ſolchen Waffen, wie ſie der Zufall darbot, als ob es einem wilden Thiere gälte. Claude war überaus überraſcht, aber konnte ſich nicht enthalten herzlich über dieſen plötzlichen paniſchen Schrecken zu lachen. 128 „Ja, lacht nur zu, lacht nur zu! Ihr werdet an⸗ ders grinſen, wenn die Art über Eurem Nacken ſchwebt.“ rief der Syndicus, der ſich gerne aus ſeiner vrora⸗ genden Stellung zurückdrängen ließ.„Greift ihn, Ihr Herrn, im Namen des Kaiſers und unſerer guten Stadt; er iſt ein Räuber— er bekennt ſich zu dem Namen— und ſein äußeres Auftreten iſt vollkommen entſprechend. Greift ihn.“ „Wer es wagt, muß der Welt müde ſein!“ rief Claude trotzig.„Aber was in aller Heiligen Namen hat Euch dieſen Wahnſinn in die hohlen Schädel ge⸗ ſetzt?“ „Hier kommt einer, der, bei meiner Treu, alles erklären wird,“ ſagte der Syndicus, indem er auf eine Maſſe von Gegenſtänden wies, die ſich auf der Straße näher bewegten.- Claude hatte keine Schwierigkeit, auszufinden, was gemeint ſei, als er unter einem verwirrten Haufen von Bauern eine kurze Figur auf einem knöchernen Pferde entdeckte, auf dem ſie mit Anſtrengung zu ſitzen ſchien, indem ſie ſich komiſch vorüber lehnte. Claude nahm wahr, daß dieſes Individuum mit lautem und erregtem Tone eine Geſchichte erzählte, indem es dem Pöbel ſeine Handgelenke und Knöchel, die mit rothen Ringen bezeichnet waren, hinſtreckte. Die breiten Töne und das ſchlechte Franzöſiſch mit welchen dieſer Menſch ſeine Begleiter anredete, denn es ſchien nur, daß er es ſprechen konnte, wenn er wollte, ſowie die Täu⸗ ſchung, die er vornahm, bewegte Claude unwiderſtehlich zum Lachen, trotz der Gefahr, in welcher er ſtand. Oates Auge wurde ſofort von dem unerwarteten Laute ange⸗ zogen, und er bog ſich unter einem gellenden Schrei auf den Hals ſeines Pferdes nieder, rufend:„Gute Leute, gute Leute, haltet ihn feſt, das iſt der mörde⸗ riſche Dieb, der mich mißhandelte! greift ihn!“ Und, als ob von Schrecken überwältigt, glitt er von ſeiner 129 3 blos knochigten Mähre auf den Grund nieder, wo er ſtrabelnd und ſchreiend liegen blieb. „Greift ihn im Namen des Kaiſers,“ ſchrie der Soyndiceus, indem er zugleich außer Piſtolenſchußweite lief. Au voleur! au voleur!“ Einige der Kühnſten in der Menge wiederholten dieſen Ruf, wie Jäger den Hunden Muth zurufen und ſtürzten auf Duval. Zuerſt fing der gute Norman an, ſeine Unſchuld zu betheuern und Oates der Schurkerei anzuklagen; aber ſeine Stimme wurde von dem Auf⸗ ruhr übertäubt. Da er fand, daß von der Menge keine Billigkeit zu erwarten ſei, ſo entſchloß ſich Claude ſchnell, ſich von ihrem Griffe frei zu halten und zog ſein Schwert. Dieſe Bewegung verurſachte, daß ſie in großer Verwirrung über einander kugelten; aber ſie wurden augenblicklich von dem ſchwerknochigten Thorwart geſammelt, der Claude einen lähmenden Streich mit einem Prügel auf den Schwertarm ver⸗ ſetzte. In einem Augenblick ſtürzte ſich der ganze Hau⸗ fen über ihn her wie die Wogen der See, und er wurde völlig überwältigt und zu Boden gedrückt. Oates, ſobald er den Erfolg ſeiner Verbündeten bemerkte, warf ſich in das Handgemenge, ſchreiend „Meine Börſe, meine Börſe, Schurke!“ kniete auf Claudes Bruſt und riß deſſen Wamms auf. Im näch⸗ ſten Augenblick tanzte die Börſe freudig über Oates Haupte und indem er ſein Geſchrei in„meine Juwe⸗ len, meine Juwelen, Ungeheuer!“ verwandelte, ſetzte er ſeine Nachforſchungen fort; aber Claude war nun zur Verzweiflung hinaufgetrieben, bot alle ſeine Stärke auf und warf Oates mit ſchrecklicher Gewalt auf den Boden nieder. Die Menge hatte ihren Gefangenen für ganz ſicher gehalten und der plötzliche Anfall be⸗ ſtürzte ſie. Claude ſchlug mit ſeinen Piſtolen um ſich, da ſein Schwert zerbrochen war, und bahnte ſich ſchnell einen Weg zu dem Platze, wo ſein Pferd ſtand, neben Whitefriars. 1. 9 130 dem ruſigen Schmiede, der ſprachlos vor Erſtaunen vor ſich hinſtarrte. In den Sattel zu ſpringen und auf die Straße zu ſetzen war das Werk eines Augen⸗ blicks, und zugleich bemerkte Claude einige berittene Gendarmen aus St. Omer gallopiren, mit dem Rufe „au voleur!“ Die Flucht war nun ſein einziges Ret⸗ tungsmittel, denn er zweifelte nicht, man werde ihn niederhauen, ehe er ſich erklären könnte und er ſprengte mit einer Schnelligkeit fort, die ihn bald aus dem Be⸗ reich aller Verfolgung brachte. Sein Schrecken diente ihm jedoch ſtatt der ver⸗ folgenden Gensdarmerie, und Claude gallopirte in der⸗ ſelben Haſt fort bis ſein Pſerd, ſo ſtark es auch war, Zeichen der Erſchöpfung gab. Mit Schaum bedeckt und die Flanken von Schweiß triefend, hatte der Sporn ſeine Macht über daſſelbe verloren; und da Claude fand, daß ſein Weg über eine große Strecke offen ſtehenden Landes führte und ſich überzeugt hatte, daß alle Verfolgung aufgehört hatte, ließ er das Thier ſei⸗ nen eigenen Schritt gehen. Er hatte nun alle Muße zum Nachdenken und ſeine Gedanken waren nichts we⸗ niger als erfreulich. Er wußte, daß er auf dem geraden Wege nach Paris war, und daß er in zwei Stunden St. Omer beinahe zwanzig engliſche Meilen im Rücken gelaſſen hatte. Der allgemeine Glaube, welchen Oates Er⸗ zählung gefunden hatte, und die ſcheinbaren Beweiſe, womit ſie unterſtützt war, machten jede Rückkehr un⸗ möglich. Auf der andern Seite mußte ſeine Entfer⸗ nung Alles, was gegen ihn angeführt worden war, beſtätigen. Ueberdieß hatte er immer noch, wie er glaubte, die Bankbill in ſeinem Beſitz, die er hätte abgeben ſollen. Da er jedoch ſeine Taſchen unterſuchte, fand er, daß ſie fort und wahrſcheinlich in Oates Hände gefallen war, als dieſer ihn ausplünderte. Unter dieſen Umſtänden ſchien es Wahnſinn, zu⸗ rückzukehren und da Claude überlegte, daß er ſeine — 131 Verſprechungen buchſtäblich erfüllt habe— daß ſein Lord todt und die Sache von deſſen Kinde hoffnungs⸗ los ſei— ſo entſchloß er ſich, ſeinen Weg nach Paris fortzuſetzen und von dort aus eine volle Erklärung ſeines Betragens an den Padre zu ſchreiben und ſich von demſelben Inſtruktionen zu erbitten. Aber auch dieß ließ ſich nicht ohne Schwierigkeit ausführen, denn er konnte ſich wohl vorſtellen, daß die ganze Gegend bald zur Verfolgung aufgeboten werden würde und daß ſeine zerriſſene Kleidung und der erſchöpfte Zuſtand ſeines Pferdes nothwendig Verdacht erregen müſſe. Er entſchloß ſich daher, ſich bis zum Anbruch der Nacht in einem Walde, der ſich zu ſeiner Rechten ausdehnte, zu verbergen. Von dieſem Entſchluſſe wurde er bald durch einen neuen Umſtand abgebracht. Da er ſich dem Walde näherte, ſtürzte ein wilder Eber heraus, verfolgt von einer ganzen Hetze von Jägern und Hunden, deren Pferde und Anzug in nicht viel beſſerem Zuſtande waren, als die ſeinigen, und es fiel ihm ein, auf ein Dorf zuzureiten, das er in einer Waldſchlucht unten erblickte, und ſich für einen der Jäger auszugeben, der von der Anſtrengung des Tages erſchöpft und an Klei⸗ dern zerriſſen war. Dieſen Gedanken brachte er als⸗ bald in Ausführung und nachdem er ſein Pferd eine ſteile Anhöhe hinunter am Zügel geführt hatte, fand er ſich zu ſeiner großen Freude vor einer Herberge, die den angemeſſenen Schild und Zuſchrift„zum goldenen Kreuz der Gnade“ führte. Unterdeſſen war Oates, obgleich blutend und be⸗ wußtlos auf dem Boden der Schmiede ausgeſtreckt, dennoch Meiſter des Schlachtfeldes geblieben. Er wurde mit größter Zärtlichkeit aufgehoben und früheren Anordnungen gemäß nach dem Jeſuitenkollegium ge⸗ bracht. Die ganze Geſchichte fand zuerſt bei Oliva wenig Glauben. Aber van Huysman trat auf die entgegengeſetzte Seite, weniger aus Parteilichkeit zu 13² der Perſon, deren Leben er gerettet hatte, als nach der natürlichen Härte ſeines Temperamentes und in der ſchlimmen Meinung, die er von den Menſchen im Allgemeinen hatte. Er übernahm ſelbſt die Pflege von Oates, da er zur Erholung von der Theologie auch Medizin ſtudirt hatte; er ließ ihm zur Ader, wuſch ſeine Quetſchungen, legte warme Umſchläge darauf und befahl ihm ruhig zu bleiben, ob er gleich ein großes Verlangen zu ſprechen bezeugte— beſonders da er hörte, daß Duval aller Verfolgung entgangen ſei und die Gensdarmen völlig erſchöpft zurü gekommen wären. Da man die Börſe wegnahm, die Oates convul⸗ ſiviſch feſthielt, ſo erkannte ſie van Huysman augen⸗ blicklich als diejenige, welche ihm von Räubern in dem Gehölze bei Calais abgenommen worden war. Da er jedoch hörte, daß ſie Claude entriſſen worden ſei, ſo ſchloß er, daß ſie Oates fälſchlich für ſeine eigene müſſe gehalten haben— eine Meinung, welche dieſer Herr ſich nicht zu⸗ widerlegen bemühte, da er erfuhr, wie die Sachen ſtunden. Alles ſprach gegen Claude. Obgleich die Männer, die ihn beraubt hatten, ſchwarze Masken trugen, ſo erinnerte ſich dennoch van Huysman, daß einer der⸗ ſelben an Wuchs und Geſtalt dem Claude ſehr ähnlich war. Des kleinen Mervyns kindiſche Unſchuld machte es unmöglich, von ihm einige Aufklärung zu ſammeln und ſelbſt Oliva neigte ſich zu dem ſchmerzlichen Glauben hin, daß Claude wirklich der Straßenräuber ſei, als den man ihn darſtellte. Dieſe Meinung warf einen Schatten von Zweifel über ſeine ganze Geſchichte, der ſich zur Ueberzeugung verſtärkte, nachdem ſeine ver⸗ längerte Abweſenheit und ſein Stillſchweigen keine an⸗ dere Erklärung ſeines Betragens zuließ. Mittlerweile erholte ſich Oates bald unter der Sorge van Huysmans, deſſen ſtoiſche Strenge des Temperaments und Betragens ſelbſt ſeine Liebthätigkeit 133 abſtoßend machten. Oates, der weder Grundſätze noch Talente hatte, wußte den Mangel an Beiden durch die niedrige Liſtigkeit, die ihn charakteriſirte, zu verbergen. Eine Zeit lang beobachtete er über Alles, was zwiſchen Duval und ihm vorgefallen war, unter dem Vor⸗ wande außerordentlicher Schwäche ein völliges Still⸗ ſchweigen⸗ Er horchte jedoch auf alle Berichte; machte Fragen über ſolche Punkte, die nicht vollkommen klar waren;— und zuletzt, da ihn der General für hin⸗ länglich geſund hielt, ſeine Fragen zu beantworten, hatte er eine ſo gut zuſammengedachte Erzählung fer⸗ tig, daß es kaum möglich war, ihre Wahrheit zu be⸗ zweifeln. Die Winke, welche Oates über Mervyn geſam⸗ melt hatte, gaben ihm das Gerüſte dazu an die Hand. Er brachte vor, daß er Claude in dem Walde von Clairvau begegnet ſei, daß ſie mit einander zu Mittag geſpeist und getrunken hätten, und daß Duval vom Wein aufgeregt, geſtanden hätte, daß er einen Plan gemacht hätte, die Väter von St. Omer zu hinter⸗ gehen und ſich deſſelben ſogar gerühmt habe. Aber dieſer Plan, war nach Oates, nichts Geringeres, als ein gemeines Kind, das von ihm ſelbſt abſtamme, den Vätern anzuhängen, unter dem Vorgeben, daß es einem engliſchen Edelmann angehöre, der in dem Tower eingeſperrt ſei; eine verwegene Lüge, zu deren Gunſten ſich manche Umſtände zuſammenfinden ließen. Im Ganzen neigte ſich die Wage der Angaben ſtark gegen Claude. Dennoch verſchob der General ſeine Entſcheidung, bis man von dem Angeſchuldigten Nachrichten werde erhalten haben und hoffte immer noch, daß dieſe Nachrichten ſeine Rechtfertigung bringen würden. Aber da keine Botſchaft irgend einer Art ankam, und mehrere Tage verſtrichen, ſo fand der Padre ſeinen Verdacht zur Gewißheit gereift. Nur verwirrte ihn immer noch die große Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen Mervyn und dem verſtorbenen Earl, ſeinem an⸗ 134 geblichen Vater, den er in früheren Zeiten ſehr wohl gekannt hatte. Unglücklicher Weiſe fiel es ihm ein, dieſe Aehnlichkeit auf eine Weiſe zu erklären, welche mit dem allgemeinen Geſchmacke im Einklange war. Obgleich Lord Aumerle nie als ein Mann von ver⸗ liebten Intriguen bekannt geweſen war, ſo getraute ſich doch der Padre nicht zu beſtimmen, welchen Ein⸗ fluß die zügelloſen Sitten des wiedereingeſetzten Hofes auf ihn ausgeübt haben mochten. Er hielt es für möglich, daß das Kind die Frucht einer geheimen Lieb⸗ ſchaft ſein könne, von welcher Claude die Schuld auf ſich nahm. Kurz er wußte nicht, was er mit einiger Gewißheit davon denken ſolle und da er fand, daß Oates nichts von dem Namen Aumerle, in Verbin⸗ dung mit dieſer Geſchichte, kannte, ſo befahl er, daß Alles dahin Gehörige ein tiefes Geheimniß bleiben ſolle; ſo daß, da van Huysman ſein einziger Ver⸗ trauter war, es Oates unmöglich wurde, mit aller ſeiner Liſt der Sache auf den Grund zu kommen. So ſchwankend zwiſchen Glauben und Nicht⸗ glauben oder vielmehr ſo überzeugt er auch war, daß er von Claube hintergangen worden ſei, ſo beſchloß der General dennoch, dem kleinen Mervyn ſeinen Schutz auch fernerhin angedeihen zu laſſen. Die Schönheit, liebreiche Gemüthsart und die Talente des Kindes, ja gerade ſeine Hülfloſigkeit rührten des Padres wohl⸗ wollendes Herz und er beſchloß, im ſchlimmſten Falle den Knaben zu adoptiren und ihn zum heiligen Dienſte der Kirche zu erziehen, den er ſelbſt ausübte; und die erſten feinen Charakterzüge, die ſich aus ſeiner kindi⸗ ſchen Natur entfalteten, waren von der Art, daß ſie dem, der ſich mit dem Erziehen dieſer frühen Blüthen zu Früchten befaſſen wollte, große Hoffnungen geben mußten. Unterdeſſen erholte ſich Oates völlig von der Mißhandlung, die er erlitten hatte, und es blieb ihm kein Vorwand mehr übrig, im Collegium zu ver⸗ weilen. Er hatte angegeben, daß er nach Paris gehen 7 135 wollte, um Dienſte in dem Kriege mit Holland zu nehmen; aber er verſchob ſeine Abreiſe unter verſchie⸗ denen Vorwänden, unter denen der hauptſächlichſte ſein Verlangen war, ein Katholik zu werden; denn er geſtand es abſichtlich ein, daß er eine ketzeriſche Er⸗ ziehung empfangen habe. Van Huysman war erfreut über die Gelegenheit, die ſich darbot, einen Konvertiten zu machen; aber bei näherer Unterſuchung fand er unter dem hypokritiſchen Schein, den Oates über ſeinen wahren Charakter warf, ſo viel Unwiſſenheit, Anmaßung und ſogar völligen Unglauben, daß er Oliva freimüthig geſtand, er meiltr lieber, daß ein ſolcher Menſch ein Ketzer bliebe. Oates eigentliche Abſicht war jedoch, den Kern des Geheimniſſes, das den jungen Mervyn zu umgeben ſchien, aufzudecken. Hierin jedoch täuſchte er ſich; denn ſein äußerſter Fleiß konnte blos das Faktum heraus⸗ bringen, daß ein hoher Preis in England für Claudes Feſtnehmung ausgeſetzt war, aber von wem und für was konnte er nicht erfahren. Es wurde am Ende nothwendig für ihn, ernſtlich auf ſeine Abreiſe bedacht zu ſein, denn verſchiedene Gerüchte kamen zu Oates Ohren, welche dieſen Theil des Landes zu einem unbequemen Aufenthalt für ihn machten. Beſonders fürchtete er, daß Jemand von England herüber kommen möchte, der ihn kenne, da namentlich das Collegium damals eine Art von Haupt⸗ quartier für die verfolgten engliſchen Katholiken war. Im Ganzen genommen, ob er gleich der Gaſtfreund⸗ ſchaft der guten Väter keineswegs müde war, hielt er es für das Beſte, vom Schauplatz abzutreten, dennoch verweilte er noch in der Hoffnung, etwas von Claude zu erfahren, das ihn bei ſeinen künftigen Nachforſchun⸗ gen leiten könne, als endlich auch Nachrichten ankamen, aber nicht gerade von der Art, wie ſie der Kapitän wünſchte. Claude ſchrieb dem Padre von Paris, wo 136 er, wie er ſchrieb, ſich noch in großem Mangel auf⸗ hielt, und nachdem er einen kurzen, aber kräftig ab⸗ gefaßten Bericht über die Umſtände, die ſeine plötzliche Abreiſe von St. Omer erzwungen hatten, gegeben und den Oates der Räuberei angeklagt, ſchloß er mit der Angabe, daß er ſich als Reitknecht unter das Gefolge Rouvignyl, des franzöſiſchen Geſandten nach England habe anwerben laſſen, der auf der Abreiſe dahin be⸗ griffen ſei. Sobald er dort ſei, wolle er ſolche Nach⸗ fragen anſtellen, um ſeinen eigenen Charakter in das rechte Licht zu ſetzen und ſich Gewißheit über die Möglichkeit der Wiedereinſetzung des jungen Erben in ſeine Rechte verſchaffen. Es fiel Oates nicht ſchwer, durch Betheurungen und Behauptungen einen Anſchein von Unwahrſcheinlich⸗ keit auf dieſe Erzählung zu werfen, beſonders da die Jeſuiten um dieſe Zeit Nachricht erhielten, daß des Earls Wechſel von einem, der ſich für ihren Agenten ausgab, in Paris vorgezeigt und an dieſen ausbe⸗ zahlt worden ſei. Zu gleicher Zeit erklärte er ſeinen Entſchluß, unverzüglich nach Paris zu gehen, den niederträchtigen Verläumder aufzufinden und ihn vor Gericht zu ziehen. In der That, da er nun ſeinem ünftigen Opfer auf die Spur gekommen, war er ganz bereitwillig, abzureiſen. Der Padre verpflichtete ihn jedoch, ſobald er mit Gewißheit etwas von Claude erfahren würde, es ihm mitzutheilen, ehe er Schritte gegen denſelben unternähme und lieh ihm eine Summe Geldes, um ſich ein Pferd und Kleidung anzuſchaffen und ſo machte er ſich an einem ſchönen Morgen nach Paris auf den Weg, nachdem er jedoch zuerſt von den Jeſuiten dankbar Abſchied genommen und van Huys⸗ mans Hand unter der wiederholten Betheurung mit Thränen gebadet hatte, daß er von nun an ſein Leben und Alles, was er habe, als ein Geſchenk deſſelben anſehen werde.— Das Wieſel war nun dem Haſen völlig auf der — 137 Spur, und ſo wie dieſes beharrliche Jagdthier, ſo weit es auch Anfangs zurückbleiben mag, dennoch am Ende ſein Opfer zu erreichen ſicher iſt, ſo-ging es auch hier mit Claude und ſeinem Verfolger. Da er in Paris ankam, hörte der würdige Kapitän zu ſeiner großen Betrübniß, daß der Geſandte mit ſeinem ganzen Gefolge nach England abgegangen ſei. Er erfuhr je⸗ doch, daß eine Perſon, Allem nach Claude Duval, ſich unter deſſen Dienerſchaft befinde, und da er ſeine eigene ſchätzbare Perſon nicht wagen durfte, in Eng⸗ land ſehen zu laſſen, ſo ſchrieb er an einen, der ſich mit der größten Wahrſcheinlichkeit für die Sache ſehr intereſſiren würde— Oberſt Blood. Das Nächſte, was daher die Jeſuiten über Claude Duval hörten, war, daß er verhaftet und der Be⸗ raubung ſeines verſtorbenen Lords angeklagt ſei. Die Anklage eines Scandalum magnatum wurde zurück⸗ genommen, nachdem Duval ſich zu einem Eide ver⸗ ſtanden hatte, daß das fragliche Kind ſein eigenes ge⸗ weſen, aber in der Nacht des großen Brandes durch das Verſinken des Bootes bei der Durchfahrt unter der brennenden Londonbrücke umgekommen ſei. Auch damit noch nicht zufrieden, ließ die Gräfin vor dem ganzen Hofe einen von ihrem Gemahl kurz nach der Geburt dieſes angeblichen Reginald Lord Mervyn ge⸗ ſchriebenen Brief vorleſen, worin das Abſterben des letztern bezeugt wurde. Der Geſandte machte Vorſtellungen gegen die Verhaftung eines ſeiner Diener, begab ſich aber ſeines Vorrechtes, nachdem er hörte, welcher großen Ver⸗ brechen derſelbe angeklagt ſei. Und ſomit wurde alſo der arme Claude der Suth ſeiner Feinde preisge⸗ geben, und Oliva hörte, ohne Verwunderung, daß er zu lebenslänglicher Galeerenſtrafe verurtheilt worden ſei. Kurz darauf gelang es ihm jedoch, zu entkommen und man hörte nichts mehr von ihm, bis er in dem Charakter auftrat, welcher ſeinen Namen zum Reprä⸗ 4 138 ſentanten von Allem dem gemacht hat, was die Straßenräuberei Tapferes, Ehrenfeines und Verwe⸗ genes aufzuweiſen hat. Eilftes Kapitel. Die eigentliche papiſtiſche Verſchwörung. Unſer kleiner Held war nun völlig in St. Omer aufgenommen. Oliva war zwar vollkommen über⸗ zeugt, daß er in allen Angaben Claudes betrogen wor⸗ den ſei, der, wie er ſchloß, ſeine Bekanntſchaft mit den Geheimniſſen ſeines Herrn benützt hatte, um das Kind ihm anzuheften. Aber es lag etwas ſo Einneh⸗ mendes in der Schönheit und Lebhaftigkeit des kleinen Findlings, daß das Herz des Jeſuiten von Mitleid gerührt wurde, und er beſchloß, die ihm vom Zufall anvertraute Vaterpflicht zu übernehmen. Der Padre entdeckte bald in Mervyns Gemüthe Adern von ſchönem und ſeltenem Gehalte, die ſich leicht, wie er hoffte, zu einem trefflichen Pfeiler der Kirche ausarbeiten ließen. Es war eine ſtürmiſche und be⸗ wegte Zeit, die jede Beihülfe von Genie und Muth erforderte, ehe die katholiſche Macht, nachdem ſie hundert Jahre lang vor den wüthenden Sturmwinden der Reformation zurückgetreten war, wieder langſam und majeſtätiſch ihren alten Grenzen zuflutete. Oliva beſchloß, ſeinen Schützling zu St. Omer erziehen zu laſſen, und ihn nachher als einen Adoptiv⸗ Sohn unter ſeine eigene Aufſicht zu nehmen, wenn anders nicht ſeine zukünftige Aufführung ihn in ſeinen Erwartungen betrügen ſollte. Dieſe Gefahr ſchien je⸗ 139 doch nicht ganz ungegründet, denn bei aller Sanft⸗ muth und Güte ſeines Gemüthes, zeigte ſich oft eine Wildheit und ein unbändiges Feuer des Charakters in ihm, welche üble Folgen befürchten ließen. Van Huysman ſchien der Anſicht zu ſein, daß ſich unter der ſtrengen Disciplin des Collegiums dieſes rebelliſche Aufbrauſen der Natur niederdrücken laſſe. Der Padre enthielt ſich, ihm hierin Einſprache zu thun, was auch ſeine gewöhnliche Anſicht von der Sache ſein mochte; und da er ſelbſt bald nach Rom zurückkehrte, ſo hatte van Huysman alle Gelegenheit, ſeine Ge⸗ danken in Ausführung zu bringen. Ehe Oliva St. Omer verließ, gab er ſtrenge Befehle, daß Alle ſich auf Mervyns Ankunft im Col⸗ legium beziehenden Umſtände geheime gehalten werden ſollten, beſonders vor dem Knaben ſelbſt. Er wünſchte, daß er weder eine Andeutung von Claudes romantiſcher Geſchichte ſeiner Geburt erhalten ſollte, was ihn auf ungegründete Hoffnungen und Erwartungen hätte führen können; ebenſowenig brauche er auf der andern Seite die ſchimpflichen Angaben über ſeine Geburt kennen zu lernen, die der Padre für wahr hielt;/ beſonders da nun Claude Duvals Name in England durch verſchie⸗ dene kühne Räubereien berüchtigt worden war und Oliva nicht zweifelte, daß er früher oder ſpäter auf dem Schaffot endigen würde. Der Mann, dem Mervyn anvertraut wurde, war nichts weniger als geeignet für ſeine Aufgabe, welche mehr einer pflegenden als einer beſchneidenden Hand bedurfte. Arnold van Huysman war ein Belgier von edler Geburt, ein Mann, deſſen von Natur unbeug⸗ ſamer und ſtrenger Charakter von dem glühenden Eifer ſeiner religiöſen Grundſätze eher verhärtet als gemil⸗ dert wurde. Er trieb die Andacht auf denſelben Gipfel von wahnſinnigem Enthuſiasmus als die früheren Aſceten der afrikaniſchen Kirche, in deren heißem Blute die Religion zur Leidenſchaft und Glaube zum 140 Fanatismus geworden war. Von der apoſtoliſchen Wahrheit der Kirche, welcher er diente, überzeugt, war er mit gleicher Standhaftigkeit und unerſchütterlichem Muthe um ihretwillen Alles zu erdulden oder über Andere zu verhängen bereit. Gefühllos gegen Ver⸗ gnügen und gegen Schmerz, geduldig, ausdauernd, unbengſam in ſeinen Entſchlüſſen, war Religion ſeine ausſchließende Begeiſterung, das einzige Motiv, das ſeine Leidenſchaft in Bewegung ſetzen konnte. Hartes Mißgeſchick, Undank ſeiner Freunde, der Verrath von denen, die er geliebt, hatte alle Quellen natürlicher Neigungen in ſeinem Herzen ausgetrocknet und ſein Temperament bitter gemacht, obgleich er durch beſtän⸗ dige Selbſtbeherrſchung und große Kenntniß der Welt, vlle Aufwallungen deſſelben zurückhielt. Mervyn wurde bald in den erſten vorbereitenden Unterricht ſeiner Erziehung und zum Zögling des Colle⸗ giums eingereiht, welches damals eines der berühm⸗ teſten Seminarien Europas war. Viele der edelſten Häuſer Frankreichs und beinahe aller großen katholi⸗ ſchen Familien in England ließen ihre Söhne in St. Omer erziehen, von welchem aus alljährlich die aus⸗ gezeichnetſten Gelehrten und gebildeſten Geiſter des Jahr⸗ hunderts in die Welt geſandt wurden. Männer von umfaſſender Gelehrſamkeit und größter Reinheit der Sitten waren die Lehrer und Vorbilder an dieſer Schule und weihten ihre ganze Kraft der erhabenen Aufgabe, ein zukünftiges Geſchlecht heranzubilden. Das beinahe vollkommene Erziehungsſyſtem, welches dieſer große Orden in der Stille zur Reife brachte, und wel⸗ ches, wäre es nicht von der plötzlich eintretenden Re⸗ volution in Stücke zerſchmettert worden, die große Viſion Loyolas hätte verwirklichen und der katholiſchen Kirche ihre glorreiche Herrſchaft über die Geiſter wie⸗ dergeben können, grenzenlos wie die Zeit und das Menſchengeſchlecht, war zu St. Omer mit aller ſeiner prunkloſen, aber unwiderſtehlichen Gewalt eingeführt. 141 Die Jeſuiten fuhren in der Bearbeitung der Geiſter von Tag zu Tag gleichmäßig fort, als ob ſie einen materiellen Stoff zu verarbeiten gehabt hätten, der nach dem Belieben des Künſtlers in die gewünſchten Gebilde gewoben werden könnte. Das Erziehungsſyſtem der Jeſuiten ſetzte ſich je⸗ doch nicht das vor, wornach ſo viele andere Syſteme vergeblich ſtrebten— den natürlichen Hang und Strom des Genies und der Leidenſchaften in ihren Schülern zu verſtümmeln oder zu erſticken,— ſondern nur den⸗ ſelben in ſolche Kanäle zu leiten, die für die Endzwecke, welche ſie im Auge hatten, dienlich und vortheilhaft waren. Ein völliger unbedingter Gehorſam gegen die Kirche in allen Stücken, ein leidenſchaftlicher, aber zu⸗ gleich mit allen Beweisgründen verſtärkter Glaube in ihre Unfehlbarkeit, wurden ſtrenge gelehrt und den Denkkräften, ſo zu ſagen, eingeknetet. In allen andern außer religiöſen Punkten erkannten die Jeſuiten die Oberherrlichkeit der Vernunft an, und erlaubten ihren Schülern, ohne die höchſte Gewalt der Autorität ge⸗ radezu anzufechten, die dogmatiſche Philoſophie der Zeiten zu ſtudieren und der anglytiſchen Prüfung der Erfahrung zu unterwerfen. Die Ausſprüche des Ariſto⸗ teles und der Scholaſtiker, obgleich man dieſelben im⸗ mer noch in ihren Academien als unfehlbar behandelte, wurden nicht länger mit dem Gewichte des kirchlichen Anſehens eingeſchärft. Die abſtrackten, ſowie die Na⸗ turwiſſenſchaften ſah man in ihren Collegien mit dem größten Eifer getrieben. Ja, ſie wurden in der That etwas zu ausſchließlich verfolgt und ſchienen eher den menſchlichen Geiſt in eine mühſelige Denkmaſchine ver⸗ wandeln, als denſelben zu ſchaffender Thatkraft be⸗ geiſtern zu ſollen. Die Blüthen der Einbildungskraft wurden gusgejätet, als ob ſie Unkraut wären, das der Ernte ſolider Gedanken und Kenntniſſe im Wege ſtünde. Und hier zeigte ſich der große Stein des Anſtoßes in ihrem Syſtem; ſie begingen den großen Fehler, zu ver⸗ 1⁴² geſſen, daß der Menſch ebenſowohl ein Herz hat, als einen Verſtand. Die Disciplin des Conventes von St. Omer wurde, obſchon an und für ſich äußerſt ſtreng, durch van Huysmans finſtern Charakter noch verſchärft. Die allergeringſten Verrichtungen des Daſeins waren durch ein unſichtbares, aber eiſernes Geſetz geregelt, von dem kein Widerſtreben, keine Beſchwerde eine Ausnahme erhalten konnten. Es herrſchte eine republikaniſche Gleich⸗ heit und Einfachheit in Koſt, Kleidung und Benehmen; die einzige erlaubte Unterredung außer den Freiſtunden mußte lateiniſch geführt werden und durfte ſich nur auf Gegenſtände beziehen, welche die dialektiſchen Kräfte des Geiſtes ſtärkten und übten. Kein frivoles und nicht einmal ein erheiterndes Wort war geſtattet; und ſogar ihre Spiele hatten einen verſtändigen Grund, welcher zeigte, daß nicht Knaben, ſondern Männer ſie erdacht hatten. Die Kleidung der Studenten war äußerſt einfach und keine Auszeichnung nach Rang oder Reichthum war erlaubt. Sie beſtand in dunkelbraunwollenen Män⸗ teln, kreuzförmigen Kappen und Ueberwürfen von ſchnee⸗ weißer Leinwand; mit ſolchen kleinen Abänderungen als die Jahreszeit erheiſchte. Die Zeit ging ihren Lauf und indem ein Jahr nach dem Andern vorüber rollte, fing Mervyns Charak⸗ ter an, ſich mit allen ſeinen Vorzügen und Fehlern vor den wachſamen Augen ſeiner Lehrer zu entfalten. Van Huysman beobachtete ſeine Entwicklung mit der ſchärf⸗ ſten Aufmerkſamkeit, denn Oliva ließ ſich fortwährend die genaueſten Berichte darüber geben. Zwar war die Theilnahme, welche der Padre zuerſt dem kleinen Find⸗ ling geſchenkt hatte, durch Zeit und lange Abweſenheit etwas geſchwächt worden; aber er behielt ihn immer noch in freundlichem Andenken, worein ſich viel von dem Gott tſheithenen Gefühle miſchte, nach welchem wir Alles lieben, dem wir wohlgethan haben. Aber 143 aller Eigenſinn verſchwand. Dieſes waren gute Züge und der Rektor, bei all ſeiner Härte, liebte auch wirk⸗ lich Mervyn mehr als irgend einen ſeiner zahlreichen Zöglinge. Es war in der That kaum möglich, einen ſo ſchönen— denn er wuchs auf, wie ſeine Kindheit es Aber van Huysmans Zuneigung brachte eine Wir⸗ kung hervor, welche die meiſten Beobachter einem ent⸗ gegengeſetzten Beweggrunde würden zugeſchrieben ha⸗ ben— ſie vermehrte ſeine Wachſamkeit und Strenge gegen den Gegenſtand derſelben, und ließ bei ſeinen kleinſten Vergehungen weniger Nachſicht zu, als bei ſchweren Uebertretungen anderer Schüler, daher war es kein Wunder, daß der, mit der Philoſophie des Her⸗ zens noch unbekannte Mervyn, ſeines Vorgeſetzten Ge⸗ fühle mißdeutete und ſich ein Gegenſtand ſeines beſon⸗ 4 144 deren Haſſes zu ſein einbildete. Und dieſes veranlaßte eine neue Rückwirkung, denn Mervyn, der von denen, die er liebte, oder von denen er ſich geliebt glaubte, nur zu leicht geleitet werden konnte, war unbiegſam wie Demant gegen jeden Zwang, der ihm als Unge⸗ rechtigkeit erſchien. Bei allen ſeinen Fehlern jedoch blieben ſeine Ta⸗ lente unbezweifelt, und van Huysman hatte ihn ſchon lange in der Stille für die glorreiche Sache beſtimmt, für die er ſelbſt ein Märtyrer zu werden bereit war— die Wiederherſtellung der alten, unverletzten Einheit und Herrſchaft der römiſchen Kirche. Dieſem Vorhaben ſchien jedoch in mancher Rückſicht Mervyns natürlicher Charakter im Wege zu ſtehen, deſſen Kühnheit und le⸗ bendige Thatkraft eher einen großen Soldaten, als einen ausgezeichneten Geiſtlichen hoffen ließen. Und dennoch forderte das Werk, für welches van Huysman einen Arbeiter heranzubilden ſich ſchmeichelte, manche von den Tugenden, welche in weniger ſtürmiſchen Zeit⸗ läuften eher als die Eigenſchaften von Männern be⸗ trachtet werden, welche die Menſchen umbringen, als von denen, die ihre Seelen retten wollen. Muth, Aus⸗ dauer im Ertragen von Schmerzen und Kühnheit im Angriff und der Beſtrafung der Gegner, gewandter Scharfſinn und eine tiefe Kenntniß der Leidenſchaften und Politik der Zeiten gehörten zu den Eigenſchaften, welche jener kühne Orden heiſchte, deſſen rieſenhaftes Streben dahin ging, den ganzen Norden von Europa wieder zu den Füßen der römiſchen Oberherrſchaft zu⸗ rückzubringen. Auch muß man ſagen, daß Mervyn manche Zeiten hatte, in welchen er ſich mit Eifer Studien hingab, die ſeinem beabſichtigten Berufe angemeſſen waren. Er ſtürzte ſich mit der rückſichtsloſen Begeiſterung ſeiner Natur in das tiefe Meer des Viſſens, zu deſſen Ufern ſie ihn führten; und wenn er weder zur größten Tiefe deſſelben tauchte, noch Perlen von großem Werthe her⸗ 145 aufbrachte, ſo diente doch die Uebung zur Stärkung der Nerven und Muskelkraft ſeines Verſtandes. Es kam Van Huysman vor, daß er ſelbſt bei dem Stu⸗ dium der Kirchenväter eher dem hiſtoriſchen und poe⸗ tiſchen Material, das ſie enthielten, als ihren Schätzen für die Andacht und Dogmatik mit ſo großer Begierde nachging. Das lebendige Gemälde, welches jene ſchwe⸗ ren und dicken Bände, gleichſam unbewußt, über alter⸗ thümliche Sitten, Anſichten und Thaten liefern; die dramatiſche Pracht der Erzählungen, in welche die glü⸗ hende Einbildungskraft der afrikaniſchen Väter die er⸗ ſchütternden Ereigniſſe ihrer Lebzeiten gekleidet haben, nahmen ſeine Aufmerkſamkeit mehr in Anſpruch, als ihr controverſteller Werth. Van Huysman nahm wahr, daß er es mit einer poetiſchen Natur zu thun habez mit einer ſchlummernden Gewalt, die ein Zufall erwe⸗ cken könne, wie die Saiten der Aeoliſchen Harfe ſchwei⸗ gend ruhen, bis ein unverhoffter Lufthauch ſie zu leiden⸗ ſchaftlicher Muſik erregt; und er wünſchte keineswegs, dieſe natürliche Fülle des Gefühls zu erſticken oder auch nur zu zerſtreuen, ſondern vielmehr ihre Kraft in den zweckmäßigen Kanal zu leiten;z denn er war ein zu tiefer Kenner des menſchlichen Herzens und ſeiner Ge⸗ ſchichte, um zu überſehen, daß ſelbſt die Beredſamkeit der Religion kalt und machtlos bleibt, wenn ſie nicht von jenen ſchönen Regungen und blitzenden Gedanken entzündet iſt, welche nur poetiſche Begeiſterung dem Kieſel der Logik entlocken kann. Mervyn beſaß freien Zutritt zu der koſtbaren Bü⸗ cherſammlung, welche die Jeſuiten in ihrem Collegium angehäuft hatten und obgleich ſie natürlich nur aus ſolchen Werken beſtand, welche durch die ſcharfe Probe ihrer Kritik gegangen waren, ſo fand ſich dennoch Vie⸗ les darin, das eine ſo junge Bruſt zu ſeltſamen Ideen und ſehnſüchtigen Gefühlen entflammen konnte. Sein thätiger Geiſt, einer angemeſſenen Anſtrengung entbeh⸗ Whitefriars. I. 10 146 rend, ergoß ſeine überfließende ungeregelte Kraft in nutzloſe Speculationen und träumeriſches Brüten, wel⸗ ches, wenn auch noch ſo ſorgfältig in ſeinem Herzen verborgen; nur die Unzufriedenheit vermehren konnte, die innerlich an ihm nagte. Indem die Zeit ſo vor⸗ über ging, ſchlichen ſich Gedanken neuer Art, er wußte nicht wie, in ſeine Seele; ein unbeſtimmtes Verlangen, ſich auf die leuchtende, endlos bewegte See der Liebe und des Ruhmes hinauszuwagen, mit welcher ſeine Einbildung die Welt ausmalte; eine geſtaltloſe Sehn⸗ ſucht nach Macht und Freiheit, gewöhnlich die erſten Wünſche, die in dem thatengierigen Jünglingsherzen aufſteigen, drang in ſeine mönchiſche Einſamkeit. Die Jeſuiten, welche wünſchten, daß ihre Schüler in jeder Hinſicht gut vorbereitet ſein ſollten, ſich in eine Welt zu miſchen, die ſie durch Geiſtesüberlegenheit zu regieren beſtimmt waren, hatten in ihre Bibliothek die auserleſenſten Erzeugniſſe des menſchlichen Geiſtes zu⸗ ſammengetragen, ſelbſt in Fächern, die ſie als frivol betrachteten. In dieſer letzteren Categorie ſtanden Dich⸗ ter und Romanenſchreiber, und obgleich dieſe im Allge⸗ meinen unter die verbotenen Bücher gehörten, ſo war dennoch der Rector nicht abgeneigt, Mervyns Geſchmacke in dieſer Richtung einige Uebung zu verſtatten. Unter allen dieſen Schriftſtellern wurde Arioſt bald der Lieb⸗ ling des jungen Studenten, der manche ſeiner glücklich⸗ ſten Stunden mit ſeinen Zaubergeſängen zubrachte. Arioſto iſt recht eigentlich der Dichter für die Jugend; er athmet nichts als Liebe und Sieg und Freudez ſeine Leidenſchaften erſcheinen in aller Fülle und Schönheit der Kraft, keine Blumen blühen ſchöner als die ſeini⸗ gen; kein herbſtlicher Hauch ſtört das tiefe Grün ſeiner Wälder. Alles iſt möglich in ſeinen Mährchen; die Vorurtheile und die harten Geſetze der Natur und des Menſchen weichen Alle vor ſeinem Zauber oder ſcheinen gar nicht zu exiſtiren. Sogar Tod und Verzweiflung und Kummer ſind blos dunkle Engel und nicht die 8 147 ſchwarzen Teufel einer nordiſchen Phantaſie; ſeine Hel⸗ den und Heldinnen ſterben zwar, aber zurückgelehnt auf Veilchen⸗Beeten, während der Geſang der Nachtigallen ſie ſüß zur Ruhe wirbelt. Zwölftes Kapitel. Die Welt und der Geiſt. So wie Mervyn mit den Handlungen und Mei⸗ nungen des Menſchen bekannter wurde, drängte ſich ihm die Frage, wem er das Daſein zu verdanken hätte, zu⸗ erſt nur als ein Gegenſtand der Neugierde auf, zuletzt aber reifte ſie in tiefes und ängſtliches Verlangen. Um⸗ ſtände ergaben ſich, welche dieſen einmal entzündeten Wunſch noch mehr anfachten. Wie ſehr auch die Je⸗ ſuiten in ihren Lehranſtalten auf republikaniſche Gleich⸗ heit drangen und wie entſchieden ſie auch jeden Schatten aller der Unterſchiede des Ranges und der Geburt aus⸗ zutilgen trachteten, welche damals in allem heraldiſchen Pomp und Stolz zur Schau getragen wurden, ſo hiel⸗ ten doch die Schüler um ſo hartnäckiger auf dieſen Auszeichnungen, gerade wegen des Verbots der Lehrer. Unter Jünglingen, die aus dem edelſten Blute Frank⸗ reichs und Englands abſtammten, was anders konnte da dem beinahe namenloſen Mervyn zu Theil werden, als Beſchämung und Verachtung? Selbſt unter der ärmeren Klaſſe von Studierenden, welche die Väter aus Mitleid oder Politik erzogen, fand er wenig Theil⸗ nahme. Wie gemein und ungeehrt auch ihre Namen ſein mochten, alle hatten deren zwei— alle konnten von ihrer Familie, ihren Verwandten ſprechen. Zwar 148 ſchreckte der wilde Zorn, mit welchem er jeden, auch noch ſo verſteckten Ausfall auf ſeine dunkle Herkunft ahndete, und der Muth und Erfolg, von welchem jeder Ausbruch ſeiner Leidenſchaften begleitet war, Manchen von dem Verſuche ab, ſein Gefühl zu reizen; aber Schulknaben wiſſen ſo gut als Männer die Seele mit jenen feinen Wunden zu verletzen, welche, ſo tief ſie auch eindringen, keine Merkmale zurücklaſſen, auf die man eine Klage ſtützen oder womit man die Rache rechtfertigen kann. Erſt nach langen Leiden und bitterem Gram des Herzens, den er ſtolz vor Aller Blicken verbarg, ent⸗ ſchloß ſich Mervyn endlich, einen Schritt zu thun, zu dem nur die Verzweiflung— wie er damals dachte— ihn antreiben konnte. So oft er auch ſchon verſucht hatte, durch verſchiedene Mittel und von verſchiedenen Perſonen, Vorgeſetzten und Dienſtboten irgend eine Auskunft über ſeine früheren Jahre und die Umſtände zu erhalten, unter welchen er unter dieſe Knaben und Jünglinge kam, von welchen alle ihre kleine Geſchichte einer Vergangenheit zu erzählen hatten, ſo erhielt er doch nur kalte Verneinungen oder abſolute Verbote, den Gegenſtand wieder zu erwähnen, ſtatt einer Ant⸗ wort. Mervyn wurde zuletzt durch die Vorwürfe und Sarkasmen ſeiner Gefährten beinahe zum Wahnſinn gereizt, die mit dem boshaften Neide über ſeine per⸗ ſönliche Ueberlegenheit eine Geſchichte unter ſich in Umlauf ſetzten, deren Abgeſchmacktheit ihre Unwahrheit nur noch empfindlicher machte. Man ſagte, daß er der außereheliche Abkömmling eines Räubers ſei, welcher zu St. Omer enthauptet worden, an deſſen Schickſal Van Huysman großen geiſtlichen Antheil gezeigt, ſogar die von dem ſterbenden Miſſethäter erbetene Sorge für deſſen Kind übernommen habe. 3 Eines Tages, da die ganze Schule, aus Veran⸗ laſſung der öffentlichen Prüfung in dem Theatrum ver⸗ 149 ſammelt war und außer dem Geſumme der Schüler, die ihre Aufgaben noch einmal überlaſen, kein Laut ge⸗ hört wurde, trat Mervyn entſchloſſen vor, mit glühen⸗ den Wangen, funkelnden Augen und zitternd am gan⸗ zen Leibe von nervöſer Aufreizung. Der ganze Saal bewachte mit Erſtaunen ſeine Schritte und Diejenigen, die ſich insgeheim am meiſten gegen ihn verſchuldet hatten, blieben nicht frei von Schrecken, da ſie ihn ge⸗ rade auf den Katheder zuſchreiten ſahen— den erhabe⸗ nen Platz, auf welchem Van Huysman ſaß und durch debuß Würde ſeiner Perſon Stille und Ehrfurcht einflößte. Der Rektor ſelbſt miſchte ſich ſelten oder nie in das unmittelbare Geſchäft des Unterrichts; aber⸗ ſeine hohe, majeſtätiſche Geſtalt, das Bewußtſein, daß ſein durchdringendes Auge auf Allen ruhte, die Erfahrung ſeiner unbeugſamen Strenge, erhielt mehr Ordnung und Unterwürfigkeit, als die Zuchtruthen von hundert Unterlehrern hätten thun können. In dieſe gefürchtete Nähe, ungerufen, aber wie es ſchien, unerſchrocken, begab ſich jetzt Mervyn. Der Rektor ſelbſt erhob ſein Auge von einem Buche, in dem er gerade las, nicht ohne einige Ueber⸗ Taſchung und fragte mit barſcher Kürze:„Guid vis 1112 „Ich wünſche, daß Ihr mir drei Fragen beantwor⸗ tet, Hochwürdiger,“ erwiederte Mervyn entſchloſſen und auf Franzöſiſch— einer in den Schulſtunden verbotenen Sprache. „»Tu 2*¹ verſetzte der Rektor, indem er ſein Buch auf den Schoß ſinken ließ und den Knaben mit ſeinen ſtrengen Augen anſah. Es lag ein Nachdruck auf die⸗ er Einzigen Sylbe, der alle außer Mervyn zum Zittern rachte. „Wollt Ihr mir ſie beantworten, Vater?— denn ſo lange Ihr es nicht thut, ſchwöre ich bei dieſem hei⸗ ligen Kreuz, das in meine Kleider und mein Herz ge⸗ 4 150 wirkt iſt, will ich nie wieder eine Lektion lernen und wenn Ihr mich tödtet?“ „So!— und welches ſind Deine Fragen, Kind?“ ſagte der Rektor mit einem mildern Tone als ſich er⸗ warten ließ. „Ich wünſche zu wiſſen, von wem ich abſtamme? — habe ich noch einen Vater?— Warum verſtehe ich eine Sprache, die ich niemals gelernt habe?— Und warum,“ fuhr er fort, indem er in Thränen ausbrach, „warum träume ich von traurigen Sachen, über die ich weinen muß, und die mir dennoch, wenn ich wache, als Erinnerungen an Perſonen und Plätze vorkommen, die ich wirklich gekannt und geſehen habe?“ Einen Augenblick lang war Van Huysman ſtumm vor Erſtaunen über die Kühnheit des Knaben und die ſonderbaren Fragen, welche er gethan. Im nächſten er⸗ faßte ſein harter Geiſt ſogleich den Vortheil, der ſich mit der Beantwortung verbinden ließ— um des Knaben ſtolzes Herz zu demüthigen und ihm die Ueberzeugung ſeiner völligen Abhängigkeit von der Gewalt, die ihm ſeither Schutz und Unterhalt gewährt hatte, aufzunö⸗ thigen. Er erwiederte daher mit vollkommener Ruhe und ſogar mit Güte: „Da Du mich gefragt haſt, mein Sohn, ſo will ich Dir antworten, und nach unſerer Gewohnheit, wahr und einfach; obgleich es mich ſchmerzt, Dir wehe thun zu müſſen. Kurz denn, Du haſt einen Vater, einen armen Dienſtmann— der nicht zu St. Omer enthaup⸗ tet worden iſt, aber ohne Zweifel über kurz oder lang in Frankreich oder England zu einem ſolchen oder ähn⸗ lichen Ende kommen wird; denn er iſt ein in beiden Ländern berüchtigter Straßenräuber. Sein Name wird Dir ein ewiges Geheimniß bleiben. In Bezug auf Deine zweite Frage, ſo iſt Engliſch Deine Mutter⸗ ſprache und aus Abſichten, die ich Dir in künftiger Zeit erklären werde, habe ich ſorgfältig Deine Kenntniß einer Sprache gepflegt, die Dir Gott für große Zwecke 1⁵1 gegeben hat. Was Deine Träume anlangt, ſo muß ich ihre Verwirrung und Düſterheit entweder einer Verſuchung des Satans zuſchreiben oder der unregel⸗ mäßigen Lektüre, in welcher ich mir vorwerfen muß, Dir zu ſehr nachgeſehen zu haben.“ Schon während er dieſe harten Wahrheiten aus⸗ ſprach, fühlte Van Huysman Mitleiden für den jungen Fragenden, der bleich und bebend unter ſtreitenden Leidenſchaften vor ihm ſtand. Er war unentſchloſſen, ob er nicht das Geſagte ein wenig mildern ſollte, da er aber auf des Knaben Wangen das feurige Zei⸗ chen deſſen, was er für Trotz hielt, wahrnahm, ſo ſchwieg er. Die erſten Worte dieſes Beſcheides verurſachten eine Art von furchtſamem Gekicher unter den Studen⸗ ten, obgleich ein Blick aus dem ſchrecklichen Auge Van Huysman's alle Anzeigen und ſogar alle Neigung zur Luſtigkeit unterdrückte. Aber das Lachen war zu deut⸗ lich von Mervyn gehört worden und verfolgte ihn durch lange Jahre der verſchiedenſten Scenen und Er⸗ eigniſſe. Der Rektor ſchien jedoch geduldig auf ſeine Ant⸗ wort zu warten und da er keine erhielt, obgleich bren⸗ nende Thränen im Ueberfluß aus ſeines Zöglings Au⸗ gen ſtrömten und das Schluchzen ihn zu erſticken drohte, ſo ſchien natürliches Gefühl beinahe ſeinen künſtlich er⸗ worbenen Gleichmuth zu überwinden. „Mein Sohn,“ ſagte er ungewöhnlich gütig, gräme Dich nicht, wie einer, dem keine Hoffnung übrig bleibt. Du biſt weder elternlos, noch freundlos; die Kirche, die allgemeine Mutter des ganzen Menſchengeſchlechts, iſt Deine Mutter insbeſondere. Sie hat Dich als eine Waiſe an ihren Buſen gezogen und betrachtet Dich als eines der koſtbarſten Pfänder, welche der Himmel ihrer Sorge anvertrauen konnte. Ihr unermeßlicher Reich⸗ thum iſt auch Dein, Dein Erbtheil in Iſrael iſt wie das Ihrige. Ich ſage es laut, mein Sohn, vor allen 152 dieſen Söhnen von ſtolzem und altem Blute— ſo dunkel auch Deine Geburt iſt, ſo glaube ich, daß Du von Natur dazu erſchaffen biſt, ihr Führer und Meiſter zu werden.“ „Warum bin ich denn ihr Spott und Fußball?“ rang er ſich durchdringend von Mervyn's Herzen los, und überwältigt von Schande und Schmerz, fürzte er be⸗ wußtlos zu des Rektors Füßen nieder. Van Huysman hob ihn auf und wandte belebende Mittel an, die ſeine erſchöpften Kräfte bald wieder herſtellten, und hieß ihn dann ſich auf ſeine Zelle be⸗ geben. Der Rektor nahm ſogleich wieder ſeine ſtoiſche Gelaſſenheit an und die Uebungen des Morgens gin⸗ gen wie gewöhnlich vor ſich. Als Van Huysman Mervyn einige Stunden dar⸗ auf in ſeiner Zelle aufſuchte, fand er ihn auf ſeine Matratze geſtreckt, weinend und augenſcheinlich erſchöpft von Kummer. In dieſer Stimmung hoffte ihn der Jeſuit zu finden und er wußte wohl, welche Federn er bei dem ſtolzen Geiſte, den er vor ſich hatte, mußte pielen laſſen. Er ſetzte ſich neben ſein Bett und be⸗ gann ruhiger, ernſter und liebreicher, als er es je ge⸗ than hatte, dem Jünglinge Vorſtellungen zu machen. Er ſprach mit gewichtigen Gründen und einem Ernſte, der an die große Manie der engliſchen Republikaner erinnerte— über die Nichtigkeit der Geburt und aller andern menſchlichen Auszeichnungen; über den erhabenen Stolz, den Meinungen der Menſchen nichts zu verdan⸗ ken und ſie dennoch zu beherrſchen; der Baumeiſter ſeines eigenen Glückes zu werden; und er entwarf vor ihm einen undeutlichen, aber herrlichen Umriß der Größe, zu welcher die Gaben, die er von der Natur erhalten, ihn heben können; und ſchloß dieſe Ausſicht mit einem glänzenden Luftbilde der Dome des Vatikans. Dabei ſpielte er mit mehr Rührung, als ihm Mervyn zuge⸗ traut hätte, auf die Mißgeſchicke ſeiner eigenen Jugend an, vor welchen ihn ſeine hohe Geburt ſo wenig hatte 153 ſchützen können, daß ſie vielmehr die Haupturſache ſei⸗ ner Leiden war. Zwar deutete er nicht auf die Art und Weiſe hin, in welcher dieß geſchah— aber es gingen Gerüchte herum, die auch zu Mervyn's Ohren gekommen waren, von einer frühen Jugendliebe des Rektors zu einem Mädchen niedrigen Ranges und dem traurigen Ausgange und Folgen, zu welchen es der Stolz und Zorn ſeiner Familie gebracht hatte. Alles, was die edle und ſtrenge Philoſophie Van Huysman's ihm eingeben konnte, ſtellte er Mervyn vor. Aber die Maximen des Stoicismus ſind nicht für die Jugend berechnet, und ihre verſteinernde Lehre muß tief von den Waſſern der Trübſal durchdrungen ſein, ehe ſie die Gefühle zu der ſteinernen und leidenden duhe derhärtin tmnn welche nach Epiktet Glückſelig⸗ eit iſt. Mervyn hörte daher mit Ergebung zu, aber ohne überzeugt zu werden. Der Rektor merkte den ſchlechten Erfolg ſeiner Reden und berührte eine andere Saite. Er nahm Mervyn's Stolz in Anſpruch und fragte ihn, ob er ſeinen neidiſchen Gefährten die Freude machen wolle, zu beobachten, welche Gewalt ihr armſeliger Spott über ihn habe. Mervyn gerieth in Hitze bei dieſer Vermuthung und erklärte, daß er denſelben zeigen wolle, wie er in allen Stücken, außer dem bloßen Zu⸗ fall der Geburt, über ihnen ſtehe und im Stande ſei, einen ſtolzern Namen zu erringen, als irgend einen ihrer ererbten. Van Huysman gab dieſem Entſchluſſe ſeinen Beifall und führte ihn, nachdem er ihm das Verſprechen abgenommen, ſeine Verachtung bloß durch philoſophiſche Gleichgültigkeit zu zeigen, in das Re⸗ fektorium, wo die Schüler bei ihrem Mittagsmahle verſammelt waren. Das Mittageſſen ging in der gewöhnlichen Stille und Ordnung vorüber und nach deſſen Schluſſe wurde 154 den Studenten erlaubt, ihrer gewöhnlichen Erholung in den Gärten und Höfen des Collegiums nachzugehen. Mervyn, der bei den gymnaſtiſchen Spielen auf dem Uebungsplatze der erſte zu ſein pflegte, hielt ſich nun in der Ferne und ſtrich allein herum, mit gefal⸗ teten Armen und, wie es ſchien, in bitteres Nachdenken verloren. Die andern Jungen, befreit von der ſtren⸗ gen Aufſicht ihrer Obern, fingen an, ſich über ihn luſtig zu machen und ſeine melancholiſchen Geberden zu ver⸗ ſpotten. Dieß regte die Bitterkeit und den Trotz ſeiner Natur auf; er ging verächtlich mitten durch ſie hin, ſprach kein Wort, aber ſchoß drohende Blicke auf Allle. Ein allgemeines Ziſchen war die Folge, und, vergeſſend ſein dem Rektor gegebenes Verſprechen, drehte er ſich herum und forderte jeden oder alle zum Fauſtkampfe. Dieſer Vorſchlag brachte augenblicklich tiefes Still⸗ ſchweigen hervor. Es trug ſich indeſſen zu, daß einige der Jünglinge gerade Ball ſchlugen, und einer derſel⸗ ben, der Sohn eines Marſchalls von Frankreich, warf den Ball, entweder zufällig oder abſichtlich, gegen Mer⸗ vyn, der einen heftigen Schlag an ſeine Schläfe erhielt. Den Ball aufzufangen, und auf's nachdrücklichſte an den Kopf des jungen Edelmanns zurückzuſenden, war das Werk eines Augenblicks; das Blut floß ſogleich aus der Wunde, und der Leidende, ſchäumend vor Wuth und Schmerz, erhob den Ruf:„Nieder mit dem Ba⸗ ſtard!“ Dieſer Ruf wurde augenblicklich von der gan⸗ zen Menge der Schulknaben aufgefangen und wieder⸗ holt und ein allgemeiner Angriff auf Mervyn erfolgte, während deſſen eine Caroſſe, gezogen von prächtig an⸗ geſchirrten Maulthieren und umgeben von Lakaien in dunkler Livree, an den Thoren anlangte, aus welcher, von Van Huysman unterſtützt, ein alter Mann ausſtieg. So plötzlich war der Tumult entſtanden, daß die ganze Aufmerkſamkeit des Beſuchers und Van Huys⸗ mans zu gleicher Zeit darauf hingerichtet war, gerade in dem Augenblicke, als der verfolgte Mervyn, heiß und erſchöpft an der Thüre des Wagens ſtund. Van Huysmans erhobene Hand ſtillte den ganzen Aufruhr plötzlich und eine tiefe Pauſe des Schweigens folgte. 3„Das iſt ſonderbare Disciplin, Bruder,“ ſagte der Ankömmling mit Strenge.„Erlaubt Ihr Euren Zöglingen einander zu jagen, wie die wilden Thiere? Und was iſt das?— Iſt es möglich?— Iſt dieß arme, athemloſe Kind mein— ich meine, iſt es Mervyn?“ Als wie in Erwiederung auf des Padre's Frage, deuteten alle auf den blutigen Kopf des Sohnes des Marſchalls. „Was ſagſt Du auf dieſe Anklage, Mervyn?“ ſagte der Beſucher in ſehr gütigem Tone.„Fürchte Dich nicht vor mir, Kind— ich will Dein Freund ſein, wie ich es von jeher geweſen bin, wenn Du mir nicht Urſache zum Gegentheil gibſt. Erinnerſt Du Dich mei⸗ ner nicht mehr? „Ich habe Euch niemals vergeſſen,“ ſagte der Knabe leidenſchaftlich, faßte des Padre's Hand und be⸗ deckte ſie mit Küſſen und Thränen. „Dein Beſchützer, mein Kind,“ fiel hier Oliva gütig ein, denn er war es.„Und nun ſage mir, warum warfſt Du de Grammont den Ball an den Kopf?“ „Er hieß mich einen Baſtard,“ ſchluchzte Mervyn. „Iſt das wahr, Monſieur de Grammont?“ ſagte der Padre, indem er ſich zu dem jungen Franzoſen wandte.. „Und das iſt er auch, Mylord,“ erwiederte dieſer. „Sr. Ehrwürden ſagte uns allen, daß er es wäre, dieſen Morgen, vom Katheder.“ „Wie, Bruder?“ rief Oliva, indem er ſich ſchnell umdrehte. „Mylord, ich werde über Alles Aufſchluß geben,“ ſagte der Rektor beſcheiden; aber es würde ſich nicht ſchicken, wenn ich mich in Gegenwart dieſer unvernünf⸗ tigen Knaben entſchuldigte.“ „Und obgleich Ihr mich Baſtard heißt,“ rief Mer⸗ vyn, indem er ſich auf's Neue der Heftigkeit ſeiner Leidenſchaften überließ,„ſage ich Euch Allen in's Ge⸗ ſicht, Ihr franzöſiſchen Adeligen— vaß ich ſtolzer dar⸗ auf ſein würde, der Baſtard von einem Enkel der Sieger bei Crecy zu ſein, als der rechtmäßigſte Erbe des ſtolzeſten Edelmanns, der dort überwunden wurde.“ Oliva lächelte, obwohl mit einer Geberde des Vorwurfs; und ging, nachdem er Alle auf ihre Zellen verwieſen hatte, auf Van Huysman's Arm geſtützt, in's Collegium. Der Zuſtand von Mervyn's Gemüth, welchen Van Huysman nun mit ausführlichem Scharfſinn beſchrieb, beunruhigte den Padre und er beſchloß, ihn noch ge⸗ nauer ſelbſt zu beobachten. Man ließ daher Mervyn holen, und er erſchien beſcheiden und mit niedergeſchla⸗ genen Augen. Der Padre wurde bei ſich ſelbſt von ſeiner Schönheit und Demuth gerührt, als er nieder⸗ kniete, um ſeinen Segen zu empfangen und ſich hierauf ehrerbietig in ſeiner einfachen Akoluthentracht vor ihm erhob. „Was iſt das, mein Sohn,“ ſprach er milde, „Dein ehrwürdiger Rektor ſagt mir, daß Du unruhig, ſehnſüchtig, unzufrieden werdeſt; daß Du weder mit Dir ſelbſt, noch mit Deinen Genoſſen zufrieden ſeiſt? Was iſt der Grund hievon?— Scheue Dich nicht, es mir zu ſagen,“ fuhr er fort, nachdem er einige Zeit auf eine Antwort gewartet hatte.„Ich bin ſelbſt jung geweſen in früheren Tagen. Sage mir freimüthig, mein Sohn, was möchteſt Du haben, um Dich zufrie⸗ den zu ſtellen?“ „Ruhm, Vater!“ antwortete der Knabe mit Ent⸗ ſchloſſenheit. „Ruhm, mein Sohn,“ erwiederte Oliva lächelnd. 157 „Und welchen Ruhm?— den Ruhm des Himmels oder den der Erde?“—— „Beide,“ ſagte Mervyn.„Ich bin beſchimpft durch meine Geburt; ich möchte die Ungerechtigkeit, die mir das Geſchick und die Meinung der Menſchen angethan, wieder gut machen. Ich möchte einen Namen gewin⸗ nen, Vater, einen Namen! den das Verbrechen meiner Eltern mir verſagt hat. Ich möchte nicht aufwachſen, verwittern und abſterben, wie Felſenmoos, das die Meerflut der Zeit für immer verſchwemmt und Niemand weiß oder ſorgt, wohin.“ „Und dieſer Ruhm— habe ich Dich nicht auf den beſten Weg geführt, um ihn zu erreichen, mein Sohn?“ ſagte Oliva mit einigem Vorwurf. „Vater, vergebt mir; ich wage es, Euch zu ge⸗ ſtehen— ich wage es!“ ſagte Mervyn leidenſchaftlich. „Nein, ich weiß, daß ich niemals Ehre erringen kann, — ſogar nie meine Pflichten erfüllen kann— als ein Diener der Religion. Das Schwert, das Schwert, mein Vater! gebt mir ein Schwert! laßt mich als einen Kämpen der Kirche auf dem Schlachtfelde ſter⸗ ben! ich verlange kein beſſeres Loos; aber ich fühle, daß ich die Eigenſchaften nicht in mir habe, die den Prieſter ausmachen; ich habe weder Geduld, noch De⸗ muth, noch Ueberredungsgabe, noch bin ich leidenſchaft⸗ los, wie der Marmor, auf den ich mich ſtütze. Werdet nicht böſe, heiliger Vater, und laßt mich für Euch und die Kirche ſterben, aber auf einem Schlachtfelde, nicht an dem Schandpfahle.“ „Kind, Du mißverſteheſt Deinen Beruf,“ ſagte Oliva mit einiger Trauer in ſeiner Stimme.„Weißt Du nicht, daß dieſelben Vorurtheile, die Deine Ge⸗ burt für ſchimpflich erklären, Dir überall in den Weg treten werden und Deinen aufſtrebenden Genius für ewig an den Boden gefeſſelt halten! Hoffſt Du den Flecken in Deinem Blute auszuwaſchen? oder, daß die ſtolzen Edlen Frankreichs einem niedrig geborenen Ple⸗ bejer erlauben werden, die Saat des Ruhmes einzu⸗ ernten, die ſie ſeit lange als ihr Eigenthum betrachtet haben? Weißt Du nicht, daß die Menſchenklaſſe, von der Du abſtammſt, die Holzhauer und Waſſerträger ſind, die Männer, deren Sehnen und Blut den Boden pflü⸗ gen und ſäen, die Ernte für ihre Herren einheimſen 2% „Gibt es denn keine Zuflucht, Vater, vor dem Hohne der Menſchen? Vater, womit habe ich dieſe Strafe verdient?“ rief Mervyn heftig. „Was iſt, iſt; wir können es nicht ändern,“ ant⸗ wortete Oliva.„Die engliſchen Republikaner verſuch⸗ ten vergeblich, die Ungerechtigkeit von Jahrhunderten niederzureißen; ſie haben ihren König zurückerhalten und mit ihm den ganzen Berg von Tyrannei, den ihre Hebel blos augenblicklich gelüftet hatten, damit er mit neuer Schwerkraft zurückfalle. Urtheil' ſelbſt, Mervyn, — was haſt Du von der Gerechtigkeit des franzöſiſchen Adels zu erwarten? Dieſe Knaben, die Dich haſſen und verfolgen, weil Deine Vorzüge die ihrigen über⸗ treffen, ſind Deine Zeitgenoſſen— werden in kurzer Zeit den Adel von Frankreich ausmachen, zu dem Du für den Lohn Deiner Mühe und Deines vergoſſenen Bluts aufzuſehen haſt!“ 3 „Dann bin ich als Sklave geboren und als Sklave werde ich zu Grabe gehen!“ rief Mervyn mit einem neuen Thränenguſſe. „Nicht, ſo, mein Sohn; es gibt eine Zuflucht, aber nur Eine,“ verſetzte der Padre feierlich.„Die Kirche öffnet ihre Arme ſichtbarlich, Dich aufzunehmen— die einzige wahre Republik, in welcher das Verdienſt hoffen darf, über das Vorurtheil zu ſiegen und ſeinen Fuß auf den Purpurmantel der Könige zu ſetzen. Oder hältſt Du es nicht der Mühe werth, das unermeßliche Reich der Geiſter zu regieren? hältſt Du es für größer, die Körper der Menſchen zu beherrſchen, als ihre See⸗ len? Was ſagſt Du? Schließt nicht die Oberherrſchaft über die Gedanken der Menſchen eine für unſere un⸗ 159 ſterbliche Natur begehrungswerthere Erhabenheit in ſich, als das bloße Gebieten über den Thon, der ſie einſchließt? Und laß mich noch dieſes ſagen, mein Sohn,“ ſetzte er hinzu, da er die Wirkung wahrnahm, welche ſeine Worte hervorbrachten;„laß mich ſo viel ſagen, daß, ſo geiſtig auch unſere Herrſchaft iſt oder doch ſein ſollte, dieſelbe vielmals und nothwendigerweiſe auch zeitliche Obergewalt mitbegreift. Höre, Kind! was glaubſt Du, mein Sohn? Willſt Du einer der Unſern werden und an dem Rieſenwerk Theil nehmen, auf welches der Himmel und die Erde mit gleicher Sehnſucht harren?“ „O, wenn es mir möglich erſchien, zu ſolchem Ruhme zu gelangen, ohne mein Seelenheil durch Un⸗ fähigkeit zu den Bedingungen, die es fordert, zu ver⸗ lieren,“ ſagte Mervyn, indem ſeine ſchönen Züge von Begeiſterung erglühten, als ihn der Padre unterbrach. „Du kannſt es, Du ſollſt, mein Kind!“ rief er mit einer, ſeinem demüthigen Charakter ungewöhnlichen, Heftigkeit.„Der Himmel hat Dich meiner Sorge an⸗ vertraut, wie Moſen der Tochter Pharaonis als ein hülfloſes Kind und hat Dich aus dem Lande der Ketzerei erlöst für den erhabenen Endzweck, zu dem ich Dich jetzt einreihe. Ja, mein Sohn, Dein Ruhm ſoll dem des heiligen Auguſtinus gleichkommen! Er bekehrte blos ein barbariſches Volk zur Heerde Chriſti; Du ſollſt ein ſchwereres Werk vollbringen— Du ſollſt die Schafe zu der Heerde zurückbringen, nachdem der Wolf ſie zerſtreut hat. Hingeriſſen von der Begeiſterung des Augenblicks und ſeines Charakters, warf ſich Mervyn zu den Füßen des Padre und erklärte in gebrochenen Worten ſeine Willigkeit, die ihm anvertraute Pflicht zu übernehmen, wenn er derſelben nicht völlig unwürdig ſei. Und jetzt, mit zum Himmel erhobenen Augen, und ſeine Hände auf des Knaben Haupt gelegt, ſegnete und weihte ihn 160 Oliva feierlich zum Dienſt der Kirche, wozu van Huys⸗ mans tiefes Amen ertönte. Mervyn wollte eben aufſtehen, als ihn der Vater ſtutzen ſah und der Richtung ſeines Auges gegen die Thüre folgte, von wo aus ein Gegenſtand, wie der ſtille Eintritt eines Geſpenſtes, ihn zu ſtören ſchien. Auch van Huysman wendete ſich dahin und ſah einen Menſchen, deſſen er ſich dunkel und ungerne zu erin⸗ nern ſchien, als ob er mit einem häßlichen Traume verbunden wäre. Der Fremde ſchien ſich einem ſar⸗ doniſchen Grinſen überlaſſen zu haben, wahrſcheinlich über die Scene, die er unterbrach; aber dieſes ver⸗ ſchwand ſogleich als ſich die alten Männer zu ihm kehrten und machte in plötzlicher Verwandlung einem Lächeln voll heuchleriſcher Demuth Platz. Dreize hutes Kapitel. Der Wolf in Schafskleidern. „Bleibt ungeſtört, Bruder,“ ſagte Oliva nach einer augenblicklichen Pauſe.„Es iſt einer meiner Begleiter auf der Reiſe, ein Akoluthe, dem ich auf ſein inſtän⸗ diges Bitten verſtattet habe, hier bei Euch zu leben; aber Bruder Titus, mir dünkt, Ihr überſchreitet Eure Freiheit ein wenig, indem Ihr mir bis hieher in mein Privatzimmer folgt.“ 3 „Mylord,“ verſetzte der Bruder mit knechtiſcher Unterwürfigkeit im Tone, hättet Ihr mir nicht befohlen, Euch hier aufzuwarten, ſo würde ich, wie mir geziemt, in den heiligen Bußübungen begriffen ſein, die es Euch beliebt hat, mir aufzuerlegen.“ 161 Es lag etwas in des Mannes Stimme, das Mer⸗ vyn beſonders mißfiel.— „Richtig, ja: ich hatte vergeſſen, daß ich Euch dem ehrwürdigen Rektor vorſtellen wollte,“ ſagte Oliva. „Ich will aufrichtig mit Euch zu Werke gehen, Bruder, und in Eurer Gegenwart Alles das ſagen, was ich über Euch zu ſagen gedenke, damit Ihr wiſſet, unter welchen Bedingungen Ihr hier vor uns ſtehet. Vor einigen Wochen,“ fuhr er fort, indem er ſich gegen Van Huysman wandte,„erhielt ich einen Brief von unſerem Bruder Whitebread in London, den mir dieſer Akoluthe überbrachte. Unter andern Gegenſtänden ent⸗ hielt der Brief auch eine Empfehlung des Trägers an uns ungefähr folgenden Inhalts: Daß ſein Name Titus Oates ſei, Sohn eines anapaptiſten Predigers, und daß er aus dem Haushalt des Herzogs von Norfolk und von der Kaplanſtelle auf einem Kriegsſchiffe ent⸗ laſſen worden, weil man ihm Schuld gab, papiſtiſche Lehren gepredigt zu haben: daß er ferner zu einer Zeit auch dem Kriegshandwerke gefolgt ſei; da er aber deſſelben und der Welt überdrüſſig geworden, ſo wünſcht er mit der Kirche verſöhnt zu werden und in ihrem Schooße zu ſterben, wenn Ihr willig ſeid, ihm eine Probezeit zu geſtatten, Bruder?“ „Aus welchem Beweggrunde, Freund, wünſcht Ihr, in unſere Geſellſchaft zu treten?“ ſagte van Huysman, nachdenklich. „Ehrwürdiger Vater,“ erwiederte Titus,„aus einer tiefen Ueberzeugung, daß ſie allein die Verirrten Iſraels zurückrufen und die Ausrottung des Canaaniten be⸗ wirken kann. Aber,“ fuhr der Akoluthe fort,„könnt Ihr, ehrwürdiger Vater, es vergeſſen haben, daß Ihr einſt das Leben eines Kapitän Oates gerettet habt, den die Räuber im Walde von Clairvaux gebunden und zerſchlagen zurückgelaſſen hatten?“ „Und ſeid Ihr jener Mann, Freund?“ ſagte Van Huysman. Whitefriars. J. 11 162 „Ich bin Alles, was von jenem ſündigen Men⸗ ſchen übrig geblieben iſt,“ ſagte Bruder Titus, demü⸗ thig;„und ich will freimüthig geſtehen, daß in jenen Tagen Eure geſegneten Ermahnungen in mein Ohr fielen, wie Korn auf einen kahlen Felſen. Aber ge⸗ ſegnet iſt derjenige, der ſein Brod auf alle Waſſer wirft, denn nach vielen Tagen wird er es wieder finden.“ „Ja wohl, Bruder, aber vielleicht ſchimmlicht und verfault,“ verſetzte der Rektor, mit großem Ernſte. „Aber ſage mir, biſt Du freudig entſchloſſen, der Welt und ihren Eitelkeiten zu entſagen und ein neuer Menſch zu werden?“ „Der Himmel ſei mein Zeuge, ja, ich bin es!“ ſagte Titus indem er ſeine Augen aufwärts drehte, daß man blos noch das Weiße davon ſah. „Euren Namen, Euer Vaterland und Eure Ab⸗ kunft wiſſen wir,“ fuhr der Rektor fort, als ob er gerne eine Einwendung gefunden hätte.„Aber ſagt mir, was iſt Euer Alter? Und habt Ihr irgend ein körperliches Gebrechen, oder ſeid ihr irgend Jemanden etwas ſchuldig?“ „Was den Leib anlangt, potz tauſend! da bin ich ſo ſtark wie ein Gaul,“ ſagte Oates, mit grober Stimme. „Und rückſichtlich der Schulden, habe ich Alles bezahlt, bis zum letzten Heller, der mir zur Bezahlung übrig blieb; und mein Alter war am letzten Michaelis 42 Jahre.“ „Ich dächte, Bruder, auf meine Fürſprache, könntet Ihr ihn zur Probe zu laſſen?“ ſprach der Padre. „Nein, ich möchte nicht gerne jenen harten und ketzeriſchen Baumeiſtern gleichen, welche den Stein ver⸗ werfen, weil er riſſig iſt,“ ſagte der Rektor.„Aber dieſer Mann— nun es thut nichts. Wir nehmen Euch zur Probe auf; begebt Euch auf die Zelle des Erami⸗ nators, Vater Lascelles, der Euren Namen und Eure Angaben in die Bücher eintragen wird.“ 163 „Mein Sohn Mervyn, führe den Novizen dahin,“ ſagte der Padre.— „Wir wünſchen eine Privatunterredung mit dem ehrwürdigen Rektor. Warum zögerſt Du, Junge?“ „Ich thue es nicht gerne, Hochwürdiger,“ erwie⸗ derte Mervyn, freimüthig.„Ich erinnere mich der Augen dieſes Bruders— ich habe ſie in meinem Traume geſehen.“ „Stille, ſtille! Du biſt ein thörichter Phantaſt,“ ſagte Oliva, ſcharf.„Laß uns nichts mehr von dieſen Träumereien hören. Geh mit ihm, ich befehle es Dir.“ Mervyn gehorchte dem Befehle ſeines Vorgeſetzten, aber mit einem finſtern Mißvergnügen, das er nicht verbarg. Bruder Titus ſchien jedoch nicht darauf zu achten, und folgte ihm ſchweigend, bis ſie außerhalb Hörweite im Corridor waren, wo alsdann der erſtere bemerkte. „Ich ſollte mich Eurer exinnern, Jüngling— ja wahrlich, ich wohnte zufällig hier im Kloſter, als Euer Vater Euch hier im Stiche ließ.“ „Mein Vater! wie hieß er? Sie wollen es mir nicht ſagen— blos daß er ein Dieb war!“ rief Mer⸗ vyn mit plötzlichem lebhaftem Eifer. „Nicht gerade ein Dieb, aber ein Räuber, Knabe, was viel ehrenvoller iſt— etwas zwiſchen einem Schel⸗ men und einem Soldaten,“ ſagte Oates.„Aber ich fühle mich ſelbſt unter dem Verbote begriffen, von dem Ihr ſprecht und werde Euch unter keiner Bedingung ſeinen Namen ſagen. Deſſenungeachtet kann die Zeit kommen, wo ich Euch beſſer unterrichten darf,“ fuhr Oates fort, indem er des Knaben Hand faßte, die ihm dieſer ungerne überließ.„Unterdeſſen zählt mich unter diejenigen, die Euch wohl wollen. Verlaßt mich, mit dieſer Botſchaft an den Vater Rektor— daß ich weiß, von wem Ihr abſtammt und daß ich ihm die erſte Probe meines Gehorſams und chriſtlichen Geiſtes da⸗ durch gebe, daß— ich niemals das Geheimniß verra⸗ then werde.“ Durch dieſes liſtige Mittel verſchaffte ſich Oates eine Art von Einfluß über Mervyns Gemüth, als Be⸗ wahrer eines Geheimniſſes, welches zu erfahren der letztere nahezu ſein Leben gegeben haben würde. Wenige Tage nach dieſer unheilverkündenden Ein⸗ führung reiſte der General wieder ab, aber gab Mer⸗ vyn ſein Wort darauf, daß er, ſobald er ſein Novi⸗ ziat würdig erſtanden habe, zu ihm nach Rom kommen und Profeß thun ſolle. Dieſe Verſicherung ſchien den niedergebeugten Geiſt des Jünglings wieder zu beleben und er ſonderte ſich beinahe völlig von ſeinen beleidi⸗ genden Genoſſen ab und warf ſich mit ernen tem Eifer auf die Studien, welche erforderlich waren, ihn zum Erſten unter ihnen zu machen. 3 Dieſer Anfall von Fleiß war jedoch, wie Alles heftige, nicht von Dauer; der Einfluß ſeiner lebens⸗ reichen Natur ſtellte ſich wieder ein und die Thaten⸗ loſigkeit wurde eine wahre Pein für ihn. Umſonſt ſuchte er die Gedanken zu erdrücken, die unwillkührlich in ſeinem Herzen aufſtiegen. Eine raſtloſe Stimme ſchien ihn beſtändig anzugreifen, zu thun— er wußte nicht was, aber in der Halle des Geſchickes ſchien eine Niſche für ihn offen zu ſtehen. Dieſes unbeſtimmte Streben dürfte wohl endlich abgeſtorben ſein, wie es bei ſo vielen ſchon der Fall war, hätte es nicht beſtändig neuen Brennſtoff gefun⸗ den. Oates hatte ſich dem jungen Novizen auf eine eigenthümliche Weiſe angeſchloſſen. Er verſuchte auch ſich durch die feinſten Schmeicheleien in die Gunſt des Rektors zu ſchleichen; aber Van Huysmans kalter Scharf⸗ blick und Kenntniß der Welt ließen ſich nicht ſo leicht hintergehen. Er faßte einen auffallenden Widerwillen gegen den neuen Kloſtergenoſſen und ſchien es bei ſich beſchloſſen zu haben, daß die Zeit ſeiner Probe auch die Zeit ſeines Aufenthaltes im Collegium ſein ſolle. 165 Anders ging es mit dem argloſen Novizen. Bru⸗ der Titus wußte bald die Abneigung zu überwinden, mit der ihn Mervyn zuerſt betrachtete und ſich hinter⸗ liſtig in ſein Vertrauen zu neſteln. Allen Verboten und Regeln zuwider lieh er ihm Werke, welche in das Colleg einzuführen, nicht viel weniger als Hoch⸗ verrath war.— Romane eines ſittenloſen Zeitalters, die ſogar das Schattenbild der Moral, den Anſtand, abgelegt zu haben ſchienen. Die Neugierde der Jugend machte, daß Mervyn dieſe Machwerke gierig verſchlang, und obgleich ſein reines Gemüth ſich über die laſter⸗ haften Sitten, die darinnen geſchildert waren, empörte, ſo lag doch etwas zu Bezauberndes in der Aufregung und Glut, in welche ſie die Einbildung verſetzten. Auch nahm Oates Einfluß durch das Talent zu, das er be⸗ ſaß, die Welt, die er verlaſſen hatte und in deren ſtür⸗ miſchem Drama er ſelbſt Mitſpieler geweſen war, le⸗ bendig und anſchaulich zu beſchreiben.. Dieſe Erzählungen, denen die lebendige Phantaſie der Jugend Farbe und Licht verlieh, brachte die kaum beruhigte Raſtloſigkeit von Mervyns Natur in neuen Aufruhr. Er glühte von Verlangen, ſich dieſem glän⸗ zenden Zuge von großen Männern und Ereigniſſen anzuſchließen, und fieng bereits an, die Kloſtermauern als ein Gefängniß anzuſehen, das ihn von Freude und Ruhm ausſchloß. Sowie ſich Oates Plan ſeiner Reife näherte, ver⸗ doppelte er ſeine Kunſtgriffe, den unſchuldigen Knaben, den er bearbeitete, noch tiefer zu verwickeln. Er ent⸗ flammte ſeine Unzufriedenheit durch hingeworfene Winke, die von Mervyn gierig aufgefangen wurden. Er gab zu verſtehen, daß er die Geſchichte ſeiner niedrigen Ge⸗ burt bezweifle; und da alle einzelnen Umſtände ſorg⸗ fältig vor ihm verborgen worden waren, ſo blieb ein weiter Spielraum für die romantiſchen Vermuthungen, die er von Zeit zu Zeit fallen ließ. Er ſtachelte das phantaſiereiche Gemüth des Knaben mit unbeſtimmten 166 Andeutungen, daß er von hohem Stamme entſproſſen und die Geſchichte, welche ihm einen Räuber zum Vater gab, nur erfunden worden ſei, um irgend ein unredli⸗ ches Geheimniß zu verdecken; und er ging ſtufenweiſe ſo weit, daß er ihm den Gedanken eingoß, die Jeſuiten ſeien in einem ſchwarzen Einverſtändniß mit Denen, die ihn um ſein Erbe betrügen wollten, und England ſei der einzige Platz, wo er möglicher und wahrſchein⸗ licherweiſe über dieſen wichtigen Punkt Aufſchluß erhal⸗ ten könne.— Oates ſchien mit dem politiſchen Zuſtand Englands jener Periode ſo gut bekannt, als ob er denſelben zu ſeinem beſondern Studium gemacht hätte, und er ver⸗ ſtand es, ſeine Belehrungen darüber in ein anziehendes Gewand zu kleiden. Mervyn wurde durch die Be⸗ ſchreibungen davon ſowohl unterhalten als aufgeregt, ehe er ſich noch einen Vorſatz oder Gedanken gebildet hatte, weswegen ihn dieſe Angelegenheiten ſo ſehr in⸗ tereſſirten. „Und ſeht Ihr wohl, Bruder,“ ſagte Oates eines Tages, als ſie allein in den Gärten des Kloſters auf und abgingen—„ſeht Ihr wohl— die Welt wird bald in einem ſtürmiſchen Zuſtande ſein in England. Die Jeſuiten haben das Alles vor Euch verhehlt, ob⸗ wohl ſie Euch als ein blindes Werkzeug zu gebrauchen im Sinne haben. Sie haben eine weit verzweigte Verſchworung, mittelſt welcher ſie willkührliche Herr⸗ ſchaft und das Pabſtthum wieder einzuſetzen hoffen— ich meine unſern heiligen katholiſchen Glauben. Sie haben insgeheim ſchon den König gewonnen, und der Herzog von Jork iſt ein berüchtigter Papiſt. Die Mi⸗ niſter ſind ein niederträchtiges und blutdürſtiges Pack, und werden Alles thun, um ſich in Gunſt zu erhalten und ihre Feinde in Hintergrund zu ſtellen. Aber da gibt es Viele in England, welche lieber Alles in Ver⸗ wirrung ſehen, als daß ſie ihre koſtbare Religion und ihre Freiheiten verlieren wollten. Ja, ja, der alte 2 167 Sauerteig Cromwells gährt immer noch in der Maſſe, und was für ein Engel vom Himmel, was für ein zweiter Salvator mundi würde der ſein, der dieſes zur Unterſtützung fehlen. Da iſt die ganze Partie des Lord Shaftesbury und dann die edeln, alten Republi⸗ kaner, die ihr Leben gegen Englands Beſtes in die Wage gelegt, für einen Strohhalm achten; nicht zu gedenken der trotzigen und ſtürmiſchen Bürgerſchaft von London, die blos eines Führers bedarf, um ſich wieder einen ſolchen Plan haben— ſind zu politiſche Männer, um ſich ſo leicht beſiegen zu laſſen,“ ſagte Mervyn. „Ach, da ſteckt es eben!“ erwiederte Oates.„Aber ich denke, wenn es Jemand gelingen würde, den Brief⸗ wechſel zu Geſicht zu bekommen, welchen der Rektor ſo⸗ ununterbrochen mit England führt, ſo würde es wenig weitern Aufſchluß bedürfen, um zu verſtehen, was Al⸗ les im Gange iſt.“ Vielleicht nicht,“ ſagte Mervyn;„aber ohne Zwei⸗ fel, Bruder, werden dieſe Sachen aus guten Gründen geheim gehalten.“ „Und dennoch wundert es mich, daß Ihr, der Ihr beſtändig bei Van Huysman im Zimmer ſeid— der Ihr nothwendigerweiſe ſo oft bei dieſen wichtigen Do⸗ cumenten allein gelaſſen werdet, niemals die Neugierde gehabt habt, den Geheimniſſen, die ſie enthalten, nach⸗ zuſpüren,“ ſagte Oates gleichgültig. „Nun, der Himmel verhüte, daß ich durch eine 168 ſolche Gemeinheit mit meiner angeblichen Geburt über⸗ einſtimmen ſollte!“ verſetzte Mervyn, mit rothem Ge⸗ ſichte.„Und wenn dieſer große Plan wirklich im Gange iſt, ſo geziemt es ſowohl Euch als mir, als treuen Dienern der Kirche, denſelben mit unſerm Lebensblut zu befördern und das in ſchweigendem Gehorſam zu vollziehen, was uns ihre untrügliche Autorität auf⸗ trägt.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ erwiederte Oates mit einem häßlichen Lächeln.„Aber wie könnt Ihr wiſſen, Bruder, daß dieſe Briefe keine Fingerzeige über Eure wahre Abſtammung und geſtohlenes Erbe ent⸗ halten?— beſonders die, welche Van Huysman und der General mit einander wechſeln?— Pah, wenn ich an Eurer Stelle wäre und ſich mir eine ſolche Ge⸗ legenheit darböte, ſo würde ich mit gehöriger Klugheit dieſe Documente durchſehen— und wenn Ihr mir ſo⸗ dann ihren Inhalt mittheilt, würde ich ohne Zweifel im Stande ſein, tiefer in dieſe Myſterien zu blicken, als Eure Unſchuld Euch geſtattet.“ „Lieber wollte ich ſterben, wie ich gelebt habe— als ein Bettler, der ſeine Exiſtenz andern verdanken muß,— als mich eines ſolchen Verraths ſchuldig ma⸗ chen,“ verſetzte Mervyn mit Entrüſtung. Oates ging lachend darüber weg, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn er zurückgewieſen wurde und leitete ruhig das Geſpräch auf einen andern Gegen⸗ ſtand. Aber er hatte die erſten Grundſteine gelegt, über welche er ſein künftiges Gebände von Liſt und Schuld zu errichten hoffte, und war entſchloſſen, ſeine Plane nicht auf das erſte ungünſtige Zeichen der Aufnahme in dem Boden, auf welchem ſein unternommener Bau— ruhen ſollte, ſogleich aufzugeben. Vierzehntes Kapitel. Der Verfucher. Obgleich der letzte Vorſchlag von Oates Mervyns gute Meinung von ihm gewaltig erſchütterte, ſo gewann er doch bald wieder ſeinen Grund, bei einem, der der Welt und ihrer Schlechtigkeit und Künſte ſo unkun⸗ dig war. Unterdeſſen hatte Van Huysman dieſe vertraute Bekanntſchaft mit Mervyn und in der That alle Be⸗ wegungen ſeines neuen Gaſtes mit Argwohn beobachtet. Gewiſſe Thatſachen, die ſeiner durchdringenden Wach⸗ ſamkeit nicht entgangen waren, veranlaßten ihn ſehr bald, Mervyn zu befehlen, allen Umgang mit Bruder Titus abzubrechen und dieſem vorher die Botſchaft zu bringen, daß er ſich bereit halten müſſe, das Collegium zu verlaſſen, ſobald Antwort von Rom auf die deshalb eingeſandte Vorſtellung eintreffen werde. Dieſes Verbot erſchien Mervyn als eine Handlung unerträglicher Tyrannei und wurde auch von Oates geſchickt als ſolche dargeſtellt; auch wurde des Jüng⸗ lings Mitleid rege, da er die Art von Excommunication anſah, in welche ſein Freund alsbald verſetzt wurde. Es wurde ihm nicht geſtattet, mit irgend einem der Schüler zu verkehren; er hatte ſein Mahl an einem einſamen Tiſchchen in der Halle einzunehmen und wurde in jeder Rückſicht als ein Ausgeſtoßener behandelt. Oates ertrug dieß dem Anſcheine nach mit großer Geduld und heimste heimlich ſeine Rache ein. Aber Mervyns Herz war über die anſcheinende Ungerechtig⸗ keit gerührt und er benützte unbeachtete Augenblicke, um Bruder Titus ſeiner fortwährenden Freundſchaft und Achtung zu verſichern. Aber ſelbſt dieſe verſtoh⸗ lenen Unterredungen entgingen dem Verdachte nicht, und Van Huysman verbot ihm auf's ſtrengſte, mit Oates zu ſprechen, den er nun öffentlich als einen heimtückiſchen Spion bezeichnete. Dieß war die Lage der Dinge, als Van Huys⸗ man nach Paris gerufen wurde, um einer Verſamm⸗ lung des Ordens beizuwohnen, auf welcher gewiſſe wichtige Maßregeln beſprochen werden ſollten. Der Rektor nahm Mervyn das Verſprechen ab, mit Oates während ſeiner Abweſenheit nicht zu ſprechen; und unterrichtete ihn zu gleicher Zeit, daß bei ſeiner Zu⸗ rrückkunft dieſer Ehrenmann wegen gewiſſen Vergehen gegen die Regeln des Ordens ausgeſtoßen werden ſolle. Um die Erfüllung dieſer Verpflichtung noch ſicherer zu machen, befahl Van Huysman ſeinem Zög⸗ linge, ſich in ſeinem Privatkabinete aufzuhalten, außer zur Eſſenszeit, und dort die Ueberſetzung einer Homi⸗ lia des heiligen Chryſoſtomus vorzunehmen, von der er wußte, daß ſie ihn bis zu ſeiner Rückkehr beſchäf⸗ tigen würde. 3 Unglücklicherweiſe hatte Oates ſchon vorher Mer⸗ vyn ein Buch geliehen, welches für dieſen, da es nicht ſo berühmt und im College ſo ſehr verboten, daß es in der Bibliothek an den Bücherkaſten geſchloſſen und gekettet blieb, immer ein Gegenſtand der höchſten Neu⸗ gierde geweſen war— Boccacios Decamerone. Der vortreffliche Styl dieſes Werks, der Zauber ſeiner glühenden Beſchreibungen, die glänzende Satyre, und ſelbſt die Kühnheit, mit welcher der zügelloſe Italiener Alles angriff, was er zu verehren gewohnt war, er⸗ faßte des Jünglings Einbildung mit gewaltiger Kraft. Obgleich in dem ſtrengen und geiſtreichen Orden, dem er angehörte, Mervyn niemals eines der Aergerniſſe wahrgenommen hatte, die den Hauptartikel von Boc⸗ cacios Satyren auf die Mönche ſeiner Zeit bilden, ſo befremdete es ihn dennoch, daß in der Periode ihrer höchſten Größe und Wohlfahrt ein ſolches Fäulniß in dem Innern der Kirche gefunden werden ſollte. Dieß erſchütterte den Grund von Allem, was er glaubte; und das war gerade die Wirkung, welche Oates ver⸗ eint mit dem Einfluſſe der leidenſchaftsvollen Poeſie von Boccacios Legende auf die ſchlummernden Ge⸗ fühle ſeiner Jugendnatur hervorzubringen hoffte. Mer⸗ vyns romantiſches Temparement fühlte ſich bei jeder neuen Wendung der Erzählung von irgend einer neuen, ſüßen Melodie der Hoffnung und Liebe geſchmeichelt. Die abſchreckenden Vorurtheile der Welt, die lange ſchon wie Köpfe der Hydra auf ihn geſtiert hatten, waren gänzlich vernichtet. Liebe beſiegte und unter⸗ warf Alles, die Hinderniſſe der Geburt und des Reich⸗ thums verſchwanden bei der erſten Berührung ihrer Roſenfinger. Alle die Sorgen und Wechſel des Lebens, die ſtürmiſchſten Ränke des Schickſals waren nur Stoff für einen Sommernachtstraum, oder eine zau⸗ beriſche, muſikvolle Sage, erzählt beim Gemurmel eines Waſſerfalls, und dunkle wollüſtige Geſänge, die gleich den Lüften, auf denen ſie einherſchwebten, kamen und gingen, man wußte nicht woher und wohin. Einmal im Beſitze dieſes verſtegelten Buches, war Mervyn dennoch zur größten Vorſicht im Leſen deſſelben genöthigt, und ſeine Furcht vor Entdeckung vermehrte vielleicht noch ſeinen Geſchmack daran. Die vorhan⸗ dene Gelegenheit erſchien ihm unwiderſtehlich, und er gab ſich ganz der köſtlichen Lektüre hin. Indem er ſich auf die Leichtigkeit verließ, mit der er gewöhnlich ſeine Aufſätze niederſchrieb, fuhr Mervyn fort zu leſen, bis die Nachricht, daß der Rektor viel früher, als er⸗ wartet war, zurückkehren werde, wie ein Donnerſchlag in die Mitte ſeiner Genüſſe niederfiel. Er mußte ſich nun ſogleich mit aller Macht auf die Homilie des St. Chriſoſtomus werfen, die er viel länger fand, als er erwartete; und um ſeine Aufgabe zu vollenden, mußte er auch außer den Collegſtunden daran arbeiten, was jedoch, da keine Lampen erlaubt waren, ſchwierig ge⸗ nug war. Unglücklicherweiſe erinnerte er ſich, daß 172 Oates einen kleinen Wachsſtock und Feuerzeug hatte, deren er ſich oft ſelbſt bediente, und er ſchob dieſem daher einen kleinen Zettel in die Hand, daß er ihm dieſelben leihen möchte. Oates willfahrte ihm ſogleich und mit einem ſo vielſagenden Blicke, daß es Mer⸗ vyn zwar unerklärlich war, er aber wohl einſah, daß ſein Freund ſeinem Geſuch eine viel tiefere Meinung beigelegt habe, als er ſelbſt. In der Furcht vor der Strenge ſeines Lehrers, der, wie er jetzt erfuhr, ſchon morgen frühe zurück er⸗ wartet wurde, ging Mervyn mit nervöſer Aengſtlich⸗ lichkeit und Haſt an ſeine Arbeit und gab auf die Feinheiten von des großen Kirchenvaters Griechiſch nicht ſehr Acht. Es wurde ſchon ſpät und ſein Ge⸗ ſchäft war bei weitem noch nicht beendigt; der Mond ſchien mit blendend hellem Lichte, das die Strahlen der Wachskerze beinahe erblaſſen machte, auf ihn und ſeine Papiere, wie er bleich und erſchöpft da ſaß. Das Collegiur lag in tiefer Ruhe, da die ganze Ge⸗ ſellſchaft ſchon zu Bette gegangen war und kein Laut war hörbar, als das Seufzen und Rauſchen der Bäume in einem anſtoßenden Küchengarten. Mervyn fühlte ſich von einer tiefen Melancholie ergriffen und ein oder zweimal ſtiegen ihm Thränen in die Augen und fielen auf das Papier. Die Stille und Ruhe der Nacht gaben ſeinen fiebriſchen Lebensgeiſtern Muße zum Nachdenken, und er fing an, es zu bereuen, daß er je Oates Rath⸗ ſchlägen Gehör geſchenkt und den ſüßen Gewiſſens⸗ frieden, deſſen er ſich ſonſt erfreut, verſcherzt hatte. Seine ſtrenge Erziehung ließ ihm die Fehler, die er begangen, in dem. ſchwärzeſten Lichte erſcheinen, weil er ein feierliches Gebot der Kirche übertreten hatte. Ein Gefühl abergläubiſcher Furcht ſtahl ſich über ihn, und er bildete ſich beinahe ein, den Erzböſen ſelbſt zu ſehen, in dem Augenblicke, als er, plötzlich empor⸗ 173 ſchauend, dem bösmeinenden Blicke Oates begegnete, der auf ihn gerichtet war. 1 „Sancta Maria! wie kommſt Du hieher?“ rief er aus, denn es war nicht länger möglich, ſein dem Jeſuiten gegebenes Verſprechen zu halten. „Huſch, macht keinen Lärmen! Habt Ihr etwas entdeckt“, ſagte Oates begierig. „Etwas entdeckt! In des Himmels Namen, was meint Ihr damit?“ 1 „ Unter den Papieren— unter den Papieren!“ rief Oates und griff nach dem Manuſtripte—„et⸗ was über Eure Geburt, meine ich, oder— die Comp⸗ lotte dieſer Jeſuiten?“— „Dieſe Papiere, Herr Oates, ſind blos eine Ueberſetzung aus St. Chryſoſtomus,“ erwiederte Mer⸗. vyn ärgerlich.„Ich weiß nicht, was Ihr wollt, aber 9 dathe Euch, augenblicks auf Euer Zimmer zurück⸗ zukehren.“ „Pah, pah!— eine Homilia?“ ſagte Oates, in dem Tone getäuſchter Hoffnung.„Ihr ſeid ein Kalb, wenn Ihr eine ſolche goldene Gelegenheit nicht beſſer benützt. Hah!— iſt das das Käſtchen, in dem er ſeine wichtigſten Briefe aufbewahrt?— Wer weiß!— es enthält vielleicht merkwürdige Thatſachen über Eure Geburt. Ihr ſeid vielleicht ein Königsſohn, mir ſcheint's nicht unmöglich.“ „Es iſt verſchloſſen, und wenn es das nicht wäre, würde ich es mit meinem Leben vertheidigen,“ erwie⸗ derte Mervyn. „Pah! pah! Ihr rast, junger Aufſchößling,“ ſagte Oates, indem er ſich ſchnell herum wandte.„Ihr wagt es nicht, Knabe!— Ihr ſeid in meiner Macht.“ Mit dieſen Worten ging er auf einen Schreibbehälter von maſſivem, reich geſchnitztem und polirten Eichen⸗ holz zu, und betrachtete ihn einige Minuten lang mit großer Neugierde, wobei er zugleich an deſſen Deckel herumfühlte. „Er hat ihn gut verſchloſſen; der Inhalt muß von großem Werthe ſein,“ ſagte er mit vieler Sal⸗ bung.„Wir wollen ihn unterſuchen, Mervyn, aber er ſoll keinen Verdacht auf uns Beide werfen. Er muß denken, daß er dieſes Käſtchen zuzuſchließen ver⸗ gaß.“ 4 Und Bruder Titus zog ſchnell einen Bund Diet⸗ riche heraus, mit deren einem er das Schloß auf⸗ drehte und den Deckel zurückwarf. Der Anblick von ſorgfältig zuſammengepackten und auf der Rückſeite überſchriebenen Briefen, der ſich vor ihm aufthat, ſchien ſeine Augen zu entzünden, wie das Gold die eines Geizhalſes. „Komm her, Mervyn, Lieber, komm!“ rief er aus;„ohne Zweifel iſt hier das große Geheimniß Eurer Geburt— ſchnell, eile!— öffnet einige derſelben, während ich dieſe hier unterſuche.“ „Auf Eure Gefahr rührt keinen an, Oates!“ ſagte der Knabe, indem er vorwärts ſprang und ihn am Arme hielt. „Wie, Knabe, ſoll ich Euch umbringen?“ ſagte Bruder Titus, indem ſein Geſicht, wie das eines Dämons, aufflammte. Es ſollte mir leid thun, Kind, Euch zu ſchädigen, weil ich Euch zu mehrerem zu ge⸗ brauchen gedenke; aber ich habe ſchon zähere Gurgeln abgeſchnitten, als die Eure.“ „Ihr wagt das nicht, Oates— Ihr ſeid kein ſo ungeheurer Böſewicht!“ antwortete Mervyn mit Hef⸗ tigkeit.„Aber Ihr ſollt dieſe Papiere nicht leſen und wenn ich Euch auf Koſten meines Lebens daran ver⸗ hindern müßte.“ „Puh, puh, Thor! warum wollt Ihr Euch ſelber im Lichte ſtehen?“ fuhr Bruder Titus milder fort. „Macht fort an Eurer Homilia, wenn Euer kränkliches Gewiſſen Euch verbietet, mir zu helfen, und laßt mich mit dieſem Zeug in's Reine kommen. Ha, was iſt 175 das? Briefe von Meiſter Coleman, dem Secretär des Herzogs?“ „Laßt dieſe Papiere gehen, Oates, oder was daraus komme, ich werde Leute herbeirufen!“ ſagte Mervyn, indem er entſchloſſen ſeinem Freunde den Brief aus den Händen riß. „Wohlan denn, ich muß etwas Verzweifeltes thun,“ nief Dakesß indem er mit der Hand in ſeine Bruſttaſche angte. „Was wollt Ihr thun, Oates?“ ſagte Mervyn, der nun bleich wurde und deſſen Herz nun ſchwer ſchlug, denn er glaubte den Schein eines Meſſers in Oates Taſche zu ſehen. „Thun!— nichts; aber ich muß dieſe Papiere haben,“ ſagte Oates in verändertem Tone und zog ſeine Hand von der Waffe zurück.„Ich will Dir wohl, Junge, und möchte gerne Dein Glüͤck begründen; und dieſe Papiere enthalten das, was für uns von Nutzen ſein wird. Lies hier, Kind, lies— von des Herzogs Sekretär ſage ich Euch. Es iſt ein frommer Diebſtahl; wir werden dieſer papiſtiſchen und königli⸗ chen Verſchwörung das Herz ausreißen!“ „Noch ein Mal und zum letzten Mal, entfernt Euch und laßt dieſe Papiere ungeleſen, oder ich ſchreie um Hülfe!“ rief Mervyn mit einem Trotz und einer Kraft, auf die Oates nicht gerechnet hatte. aß mich los, Balg!“ ſchrie er und ſchüttelte ſeine Hand weg.„Und laß nur noch ein Wort hören oder ſchreie gar, und ich werde— Still! was iſt das?“ Es kommt Jemand!“ ſagte Mervyn.„Ich höre Tritte. Geht, lieber Oates; wenn man uns ent⸗ deckt—“ „Sie ſind ſchon im Gange, wir können nicht ent⸗ ſpringen!“ rief der Bruder, indem er entſetzt Mervyn anſtarrte.„Nimm dieſe weg— löſch das Licht aus— 176 halt, ich will das in meiner Taſche verbergen. Nun zu dem Schreibbehälter, was für ein verfluchter Zufall!“ Nun ließen ſich Tritte den Corridor herauf hören und eine Stimme, die dicke Schweißtropfen auf Mer⸗ vyns Stirne trieb. Sie blickten einander mit einem Ausdrucke überraſchter Schuld an, den Mervyn theilte, obgleich er ſich kaum bewußt war, weswegen, und beide fingen an, die Papiere zurück in den Behälter zu werfen. Aber unglücklicherweiſe fiel Mervyn in ſeiner verwirrten Haſt über einen Fußſchemel und fiel mit beträchtlichem Geräuſche zu Boden. Die Thüre wurde in demſelben Augenblicke geöffnet; und eine Stimme fragte:„Wer iſt hier zu dieſer nächtlichen Stunde?“ und die ſtattliche Geſtalt und das ſtrenge Geſicht Van Huysmans erſchien, beleuchtet von zwei Mönchen, welche Lichter trugen. Hates erſter Gedanke war, durch ſie hinzuſtürzen, aber ſeine natürliche Feigheit verbannte dieſes Mittel ſo ſchnell, als er daran dachte, und er ſtand aſchfärbig und zitternd neben dem erbrochenen Schreibbehälter. „Ha, was iſt da? Mein Schreibepult aufgebrochen — meine Papiere umhergeworfen! Oates, Mervyn— allein— um Mitternacht!“ rief Van Huysman, der ſelbſt bleich wurde. Wie verhält ſich dies, Bruder? Sagt mir es augenblicklich.“ „Wir— wir— fanden den Schreibtiſch offen, und aus Neugierde— aus bloßer Neugierde,“ ſagte Oates ſtotternd. „Mervyn, mein Sohn! kann dieſes wahr ſein? iſt dieſes möglich?“ ſagte Van Huysman, mit einer von Rührung gedämpften Stimme.„Auch eine Kerze— mit dieſem ſchlechten Menſchen— meine wichtigſten Papiere umhergeſtreut! Elender Knabe, haſt Du Dich in der That als den wahren Sohn eines Räubers be⸗ wieſen!“. „Ich, ich—,“ begann Mervyn, aber überwältigt 5 177 von Scham und Verzweiflung, ſchluchzte er convul⸗ ſiviſch und brachte kein verſtändliches Wort heraus. „Wie kamſt Du zu dieſem Lichte, Knabe? und was für ein Buch iſt dieß?— Boccacio?“ „Die Kerze hat er von mir erhalten und zu die⸗ ſem Zwecke!“ ſagte Oates mit Keckheit.„Er ſelbſt ſowohl als ich, vermuthen, daß er von edler Geburt iſt, aus einer ſchlechten Abſicht hier zurückgehalten wird und wir beſchloſſen, dieſe Papiere zu unterſuchen, um die Wahrheit zu erfahren, als Eure plötzliche Dazwi⸗ ſchenkunft uns unterbrach.“ „Iſt das wahr, Mervyn?“ ſagte Van Huysman in einem Tone, ſo vermiſcht aus Kummer und Zorn, daß es unmöglich war, zu ſagen, welches darin vor⸗ ſchlug. „Es iſt eine Lüge, eine abſcheuliche Lüge, und Ihr wißt es, Oates,“ rief der Knabe. „Wie, Bruder, lieh ich Euch nicht ein Licht, und machten wir nicht aus, dieſes Kabinet mit einander zu unterſuchen? Wie, hier ſind die Dietriche, die Ihr, wie Ihr mir ſagtet, vom Schmied in St. Omer geborgt habt— hier in den Falten Eures Mantels.“ Und dieß war wirklich der Fall, denn er hatte, ſobald er Fußtritte hörte, die Schlüſſel geſchickt in des Knaben Gewand geſchoben.— „Es iſt in der That wahr, unglücklicher Knabel aber wer einen Tiger aufzieht, muß ſich gefaßt halten, von ihm zerriſſen zu werden.“ ſagte Van Huysman, indem er die Schlüſſel aus Mervyns Mantel ſchüttelte. „Geht Beide auf Eure Zellen, und morgen werde ich ein Kapitel verſammeln, um zu beſchließen, was für eine Strafe dem Verderber und Verführer der Jugend gebührt, und welche der verbrecheriſchen Thorheit der Jugend ſelbſt. Brüder, ſehet zu, daß jeder Ausgang wohl verſchloſſen ſei, und führet dieſe Verſchwörer in ihre Gemächer.“ Whitefriars. 1. 8 12 178. „Vater, wollt Ihr— wollt Ihr mich ungehört verdammen?“ rief Mervyn in tödtlichem Schmerz. „ Ihr ſeid gehört worden, blickt um Euch!“ ver⸗ ſetzte der Jeſuit, ſich niederſetzend und ſeine Hände zu⸗ ſammenſchlagend. Darauf rief er, indem er ſeine Augen zum Himmel erhob:„Dein Wille geſchehe! das letzte Band, das mich an irdiſche Neigungen kettete, iſt zerriſſen!“. Mervyn wurde von einem der Mönche auf ſeine Zelle geführt, mit einem Herzen, das bis zum Berſten ſchwoll, aber zu ſtolz, irgend einen weitern Verſuch zu ſeiner Rechtfertigung zu machen. Oates wurde gleich⸗ falls nach ſeinem Dormitorium gebracht, aber nicht ohne ein boshaft triumphirendes Lächeln auf ſein jun⸗ ges Schlachtopfer. Van Huysman fing hierauf an, ſeine Papiere zuſammenzuleſen und zu ſehen, ob welche fehlten, indem er bei ſich ſelber die Möglichkeit von Mervyns Unſchuld erwog, und darüber nachdachte, welche Strafe über ihn nothwendig verhängt werden müſſe. Unglücklicherweiſe war er zu vertieft in den letzten Gedankengang, um ſogleich ein Paket, ehe es. zu ſpät war, zu vermiſſen, welches Oates in Sicher⸗ heit gebracht hatte, und welches Briefe von äußerſter Wichtigkeit enthielt.. Mervyn war unterdeſſen ſeinen Reflexionen über⸗ laſſen in ſeiner ſtillen und einſamen Zelle, wohin ihn der Mönch nach einer kurzen, aber ſcharfen Strafrede, taf die er nicht ein Wort erwiederte, gebracht hatte. Er warf ſich auf ſeinen Strohſack, wo er beinahe zwei Stunden lang in einem Zuſtande brütender Verzweif⸗ lung lag. Die ganze Verödung und Hülfloſigkeit ſei⸗ ner Lage drängte ſich ihm vor die Seele; ſeine ver⸗ waiste Kindheit, verlaſſen von allen, die ihn geliebt und getröſtet haben ſollten; ſeine ausſichtsloſe Abhängigkeit; die unwiderſtehliche Macht des Scheines gegen ihn; die Schande, die ſeiner vor den ſtolzen Adeligen war⸗ tete, die an der Demüthigung eines Rotürier ſich er⸗ 179 götzen würden;— alle dieſe zuſammenſtürmenden Ge⸗ danken trieben ihn beinahe zum Wahnſinn; und dennoch, als ob es ſeines Elendes ſpotten wollte, floß das ru⸗ hige, liebliche Mondlicht durch das enge Fenſter ſeiner Zelle und erfüllte ſie mit mildem Glanze. Aeußerſte Freude und äußerſter Kummer machen die Menſchen beide gleichgültig gegen den Tod; denn in ſolchen Au⸗ genblicken ſcheint es, als ob alle Zwecke des Daſeins erfüllt und überſättigt ſeien, und daß länger zu leben, nichts hieße, als in eine traurige Leere der Gedanken und Gefühle einzugehen. Meroyn verwunderte ſich beinahe über ſeine eigene Härte, da er fand, daß er nicht weinen könne, ſondern da ſaß, mit trockenen Au⸗ gen um ſich ſtierend, und dem Wunſche nahe, irgend ein Mittel der Selbſtzerſtörung zu beſitzen, um der unſäglichen Beſchimpfung, die, wie er glaubte, ſeiner wartete, zu entgehen. Dieſes düſtere Hinbrüten wurde von dem plötzli⸗ chen Knarren ſeiner Thüre unterbrochen, und da er ſich, nicht ohne Hoffnung, daß es Van Huysman ſein möchte, umkehrte, erblickte er die kurze plumpe Geſtalt von Oates, eingehüllt in einen dunkeln Prieſterrock und dem Anſcheine nach dicht umpanzert mit verſchiedenen kleinen Bündeln, als wie zu einer Reiſe. Er ſchlich auf den Zehen herein, legte den Finger an die Lippen, und trug ſeine Schuhe in der Hand, um geräuſchloſer aufzutreten. Mervyn würde ihn angeredet haben und wahrſcheinlich in keinem ſchmeichelhaften Tone, aber Oates flüſterte:„Um Eurer ſelbſt willen, ſprecht nicht!“ und zog die Thüre vorſichtig hinter ſich zu. „Was wollt Ihr mit mir anfangen, Schurke Habt Ihr Euer Meſſer?“ ſprach Mervyn, ſich um nichts kümmernd.„Mordet mich, wenn Ihr wollt— ich fürchte es nicht— Ihr habt bereits das Edelſte von mir, meine Ehre, getödtet.“ „Ich komme, um Euch zu retten, thörichter Knabe,“ antwortete Oates ſchnell.„Was iſt Ehre? Die Hülſe 180 einer Zwiebel— ſchält eine ab und die zweite ſteckt darunter. Gewiß iſt's, daß Ihr keine Ehre mehr in St. Omer habt, aber es gibt eine nagelneue für Euch in England, wohin ich jetzt gehe. Wollt Ihr mich be⸗ gleiten? Wählt! l4 „Aber wie? es iſt unmöglich!“ ſagte Mervyn, gierig. „Keineswegs, durchaus nicht unmöglich, wenn ein Menſch einer ſolchen ſchlimmen Möalichkeit oder viel⸗ mehr Gewißheit entflieht,“ erwiederte Oates.„Zum Beiſpiel, hes iſt gewiß, daß Ihr und ich morgen ver⸗ hört, verurtheilt und beſchimpft werden vor dieſen frommen Hypokriten und dem ſpöttiſchen Adel, die uns mit Verachtung und Hohn zu Tode ziſchen werden. Flucht iſt unſer einziges Rettungsmittel; Flucht und nach England! Dort kann ſich das Geheimniß Eurer Geburt enthüllen oder Ihr könnt Euch einen Ruhm erwerben, der daſſelbe in flammender Glorie verdecken wird. Ich habe Freunde in England, die Euch um meinethalben beſchützen werden: Habt Ihr den Muth, mit mir zu gehen?“ „Ich habe weder Geld, noch Freunde, noch Hoff⸗ nung in der Welt!“ rief Mervyn. „Sch habe Alles das und Ihr ſollt es mit mir theilen,“ ſagte Oates, indem er eine wohlgefüllte Börſe in Mervyns Ohren klingeln ließ.„Ich ſage es Euch im Vertrauen, und weil ich weiß, Ihr könnt mich nicht verrathen— Lord Shaftesbury iſt mein Beſchützer, mein Patron und ſoll auch Eurer werden.“ „Aber wie können wir entkommen?“ ſagte Mervyn. „Ueberlaßt das mir; folgt mir nur; jeder Augen⸗ blick iſt koſtbar,“ erwiederte Titus. „Aber dieſe Kleider werden uns verrathen, wo man uns erblickt; wir werden mit Schande zurückge⸗ bracht werden!“ „Nein, nein, ſage ich Euch! Wir geben uns für Novizen aus, die ihren Monat der Demuth erſtehen 3 181 durch Betteln, ehe ſie Profeß thun,“ verſetzte Oates eifrig.„Kurz und gut, folgt mir entweder oder bleibt zurück, um alle Schande und Unehre zu erleiden, die durch Prieſterbosheit auf ein menſchliches Haupt ge⸗ häuft werden kann.“ „O“ ſagte Mervyn,„ich weiß nicht, ob Fliehen oder Bleiben das Uebelſte ſein wird.“ „Fliehen, entgeht wenigſtens der Schande, der öf⸗ fentlichen Beſchimpfung! Wollt Ihr zurückbleiben, um dieſen jungen Adeligen, denen Gerechtigkeit und Erbar⸗ men gleich fremd ſind, zur Zielſcheibe zu dienen?“ er⸗ wiederte Oates. Dieſe Andeutung gab Mervyn die Kraft des Her⸗ zens und des Entſchluſſes, die ihm bis jetzt gefehlt hatten. Wenn das Gemüth in einem ſolchen Zuſtande des Zweifels iſt, von Tauſend verſchiedenen und ent⸗ gegengeſetzten Motiven und Gefühlen hin und hergezo⸗ gen, reicht oft ein einziges kühnes Wort oder eine Ver⸗ ſicherung hin, um die Wagſchale niederzudrücken— wenigſtens lange genug, um einen Grad von Handlung hervorzurufen, die ſich dann ſelber zum Schluſſe nöthigt. Ueberdieß war er zu ſehr getrieben, verwirrt und er⸗ ſchüttert im Gemüthe, um ruhig über den gefährlichen Schritt nachzudenken, den er zu thun im Begriffe ſtand. Er willigte daher haſtig ein; raffte die wenigen Artikel zuſammen, die ihm Oates angab, auch das Kreuz, das ihm der Padre gegeben hatte und in wenigen Augen⸗ blicken folgte er auf den Zehen dem Ehrenmann den langen Gang hinunter. Oates ging mit verhaltenem Athem den Weg zu ſeiner eigenen Zelle zurück, winkte Mervyn, ſe inem Bei⸗ ſpiele zu folgen, trat auf einen Stuhl, öffnete das Git⸗ terfenſter, ſchob ſich mit einiger Schwierigkeit hinaus und ſprang mehrere Fuß tief in den Garten hinunter. Mervyn warf ihm dann, auf ſein Verlangen, ein Bün⸗ del nach und folgte ihm leicht und ſchnell. Sie befanden ſich nun in dem Kloſtergarten, wel⸗ 182 cher reich angebaut war und unter dem reinheitern Mondlicht ſo würzig und ſchön wie ein kleines Eden erſchien. Mervyn blickte traurig umher und der ſüße, thauigte Geruch der Blumen kam ihm wie die Stim⸗ men vertrauter Freunde vor, die ihn anflehten, ſie nicht auf immer zu verlaſſen. Er blickte zu dem klei⸗ nen Orielfenſter von Van Huysmans Kabinet hinauf, welches hoch oben in der dunkeln Maſſe des Gebäudes ſtand und nahm ein Licht wahr, das noch darin brannte, woraus er wußte, daß der Vater noch nicht zur Ruhe gegangen ſei. Häufige und ſcharfe Gewiſſensbiſſe nag⸗ ten hart an ſeinem Herzen und der Gedanke, welchen Schlag ſein Betragen ihm und dem ehrwürdigen Oliva geben würde, entnervten beinahe ſeinen Entſchluß. Aber es war zu ſpät zur Reue. Oates befahl ihm in einem rauhen, gebieteriſchen Tone, wie er noch nie gegen ihn gewagt hatte, zu eilen und zog ihn mehr, als daß er ihn leitete, durch einen kleinen Baumgarten, der zu den, die Kloſtergüter einſchließenden Mauern führte. Dieſe Mauern, obgleich von beträchtlicher Höhe, waren dicht mit Epheu überwachſen, ſo daß ſie leicht auf den Gipfel kletterten, keck hinunterſprangen und ſogleich mit ſonelien Schritten auf der Straße nach Calais fort⸗ eilten. 2 Fünfzehntes Kapitel. Die Whigs des ſiebzehnten Jahrhunderts. Es iſt nicht nöthig, unſern Flüchtlingen, Schritt für Schritt nach England zu folgen. Sie fanden we⸗ nig Hinderniſſe und keines, welches Oates Liſt und Geld 183 nicht überwunden hätte. Sie dungen ſich eine Ueber⸗ fahrt in einem holländiſchen Handelsſchiffe aus und landeten an einem ſchönen Sommermorgen in Wap⸗ ping, welchen Platz Oates abſichtlich gewählt hatte, als den geeignetſten für ſeine Zwecke. Da es durchaus nicht ſicher geweſen wäre, unter der puritaniſchen Bevölkerung von London in Jeſuiten⸗ tracht zu erſcheinen, ſo vertauſchte Oates dieſelbe ſobald ſich nach ihrer Landung eine Gelegenheit dazu darbot. Er befahl ſodann Mervyn, ihm zu folgen, in dem Tone eines Herrn, der zu ſeinem Diener oder vielmehr zu ſeinem Sklaven ſpricht und wandte ſich einer Stadt⸗ gegend an dem Strome zu, die hauptſächlich von Ju⸗ den und Trödlern bewohnt war. Mervyn hatte in der That auf der ganzen Reiſe eine wunderbare Ver⸗ änderung in dem Benehmen ſeines Gefährten bemerkt, nicht allmählig, ſondern von dem erſten Augenblicke an, in welchem er ſich ſo thöricht ſeinem Schutze an⸗ vertraut hatte. Seine ganze hypokritiſche Sanftheit, alle ſeine Schmeicheleien und Liebkoſungen hatten ſich in eine barſche, gebieteriſche Unverſchämtheit verwan⸗ delt, die Mervyns ſtolzen Geiſt in jedem Augenblicke verletzte. Aber der Jüngling fühlte, ſo bitterlich er auch den gethanen Schritt zu bereuen anfing, daß es zu ſpät ſei, ihn zurückzunehmen und daß ihm in ſeiner Geld und freundloſen Lage nichts anders übrig blieb, als ſich zu unterwerfen, wenigſtens ſo lange, bis ſich ihm irgend ein thunlicher Ausweg darböte. Oates vermuthete wahrſcheinlich, daß ihm ſolche Gedanken durch den Kopf gingen, denn er ſah ſich von Zeit zu Zeit mit wachſamem Auge nach ihm um und da ſie tiefer in die dunkeln Häuſermaſſen am Ufer hineingeriethen, ſchien er fich von ſeiner neugeborenen Würde etwas herabzulaſſen. Zuletzt rief er Mervyn zu ſich, legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter und fragte ihn, wie ihm London gefalle und ob es ihm als eine ſo prachtvolle Stadt erſchiene, als er ſich vor⸗ geſtellt hatte. Mervyn geſtand aufrichtig, daß noch nichts bis jetzt ſeine Erwartung befriedigt habe, aus⸗ genommen der Strom, bedeckt mit den Wäldern von Maſten, der die Schätze der ganzen Erde auf ſeine Werften auszuleeren ſchien. „Ihr werdet in Eurem Leben noch einen glänzen⸗ deren Theil der Stadt London zu Geſichte bekommen,“ ſagte Oates, mit einem Grinſen.„Dieſe Stadt iſt das große Sodom des Weſtens, welches Gottes große Plagen der Peſt und des Feuers vergebens zu reinigen geſucht haben. Und gerade wie die Ufer dieſer Stadt ſchlecht und unſcheinbar anzuſehen ſind, ſo ſind auch die Anfänge Deines Glückes, das jetzt auf dem Amboß des Schickſals geſchmiedet wird; denn da Ihr nun einmal aus den verfluchten poapiſtiſchen Netzen befreit ſeid, ſo habt Ihr blos in ſeiner Sache Zeugniß vor den Men⸗ ſchen abzulegen, um aller irdiſchen und himmliſchen Belohnungen theilhaftig zu werden.“. „Ich bitte Euch, Bruder Titus, was meint Ihr damit?“ ſagte Mervyn, erſtaunt über ſeinen neuen und ſchwülſtigen Styl. „Wage es nie mehr, mich mit dieſem abgöttiſchen Namen anzureden, Knabe!“ ſagte Oates zornig.„Ich bin der Doctor Titus Oates, ein demüthiger Bekenner des chriſtlichen Evangeliums der Kirche von England.“ — Da er aber bemerkte, daß ihn Mervyn mit einem ſon⸗ derbaren Ausdrucke anſah, ſetzte er ſanfter hinzu,„des⸗ wegen faſſe aber dennoch Muth, Knabe; kämpfe den guten Kampf und Deine Krone wird ſein das ewige Licht. Ich beabſichtige, Dich unverzüglich zu dem gro⸗ ßen und edelmüthigen Lord zu führen, von dem ich ſprach.“ Mervyn erwiederte nichts darauf; aber dieſe Worte warfen ein verworrenes Licht in ſeinen Geiſt und er fing an zu vermuthen, daß Bruder Titus eigentlich nichts an⸗ ders ſei, als ein Wolf in Schafskleidern, und daß er aus keinen ſehr vortheilhaften Abſichten, die er jedoch —— — — — noch nicht klar errathen konnte, von der Heerde weg⸗ gelockt worden ſei. Vertieft in ſehr unangenehme Vor⸗ ahnungen und Gedanken folgte er Oates in allen ſeinen Schlangenwindungen durch die ſchmutzigen und dunkeln Winkelgaſſen, die den Tower umgeben, bis ſie zu ei⸗ nem Mäkler kamen, mit welchem Oates gut bekannt zu ſein ſchien. Hier kauften ſie einige ziemlich anſtän⸗ dige getragene Kleidungsſtücke, welche Oates zu bei⸗ nahe der Hälfte des verlangten Preiſes herunterfeilſchte. Er kaufte für ſich ſelbſt ein Coſtüme, welches Mervyn zuerſt nicht recht verſtand, aber ſpäter lernte, daß es das eines Doktors der Gottesgelahrtheit ſei. Es be⸗ ſtand in einem ſchwarzen Talar mit glattem Kragen und Gürtel, und einer Kappe mit Ohrbedeckung, alles nach dem förmlichſten und ſteifſten Schnitte. Mervyn erhielt eine Kleidung von ſehr dunkeln Farben, geeig⸗ net für einen Lehrling in einer der puritaniſchen Fa⸗ milien jener Periode, wo nicht blos die auffallenden Unterſchiede zwiſchen Bürgern und Hofleuten in dem Style der Kleidung ausgedrückt waren, ſondern auch beinahe jede Schattirung religiöſer Meinungen ſich auf dieſe Art darſtellte. So trefflich ausgerüſtet, vermied Oates nicht län⸗ ger die großen beſuchten Straßen, ſondern nahm ſei⸗ nen Weg durch die Mitte der geräuſchvollen Stadt. Mervyn war von all dem Glanz und Reichthum der zum erſtenmal in ſeine klöſterlichen Augen fiel, ergötzt und geblendet, und ſchaute in ſtiller Verwirrung auf die glitzernden Waaren, die merkwürdigen Schilde und Aufſchriften über den Läden und Buden, die dunkelge⸗ kleideten Bürger, die mit feierlichem Stolze durch die reich angefüllten Marktplätze ſchritten, und koſtbar ge⸗ kleidete Hofleute, welche übermüthig durchrauſchten. Sogar den Dienſtmännern in ihren glänzenden Livreen konnte er ſeine Bewunderung nicht verſagen, und auch die dunkelfarbigen Trachten der Puritaner und andere trübſelige Ueberbleibſel der Zeiten Cromwells, durch 186 die ſie jedoch ſich weniger auszeichneten, als durch ihre langen, ſtarkknochigten Geſichter, erregten ſeine lebhafte Neugierde. 4 Die City, wie wir ſie nun emphatiſch nennen, fing eben erſt an, ihre hauptſächliche Würde als Reſi⸗ denz zu verlieren und war der Hauptſitz der vornehmen Mode noch eben ſowohl, als des Handels. Noch hatten die ungeheuren Waarenmagazine die ſchimmernde Reihe von Kaufläden und buntfarbigen Buden nicht verdrängt, in denen Alles, was Reichthum und Luxus verlangen konnten, durch die Mühe des halben Erdbodens ange⸗ ſammelt war. Die Palläſte des Adels ſtanden, wie im Mittelalter, vermiſcht unter den Ausſtellungen der Handelsleute, und der Tower ſelbſt wurde gelegentlich mit dem Beſuche des Königs und des Hofes beehrt. Daher waren die Scenen, durch welche ſie nun wan⸗ delten, voll von Gegenſtänden, welche die Aufmerkſam⸗ keit eines in ſolcher Abgeſchiedenheit auferzogenen Kna⸗ ben, wie Mervyn, anziehen und befriedigen mußten. Er bewunderte jede vergoldete Kutſche, die mit ihrem Schaugepränge von Läufern und feſthängenden Dienern vorüberrollte, und mancher romantiſche Traum ſtieg in ſeiner Phantaſie auf beim Anblick der reichen, ſorg⸗ fältig verſchloſſenen Sänften, die vorüber getragen wurden, und aus denen dann eine oder die andere maskirte Schön⸗ heit leicht heraustrippelte, gefolgt von ihren trotzigen Dienern mit vergoldeten Stäben. Dieſe angenehmen Gegenſtände hatten bald Mer⸗ vyns düſtere Beſorgniſſe verjagt und glänzenden Viſio⸗ nen im Regenbogenſcheine, wie er ſie in St. Omer ge⸗ träumt hatte, den Platz eingeräumt. Aber er wurde aus dieſer Täuſchung durch die barſchen Töne ſeines Führers geweckt, der ihm plötzlich ſtille zu halten gebot; und da er aufblickte, befand er ſich vor einer großen, unregelmäßigen Maſſe von Gebäuden, welche ſich in einem Hof zu ſeiner Rechten weit hinunter erſtreckten und deren Fronte auf die Aldersgate herausging. Dies 187 war, wie ihm Oates in Kürze erklärte, Thanet⸗Houſe, die Reſidenz des Earl von Shaftesbury, den der Hof der Abſicht beſchuldigte, ſein Quartier hier aufgeſchla⸗ gen zu haben, nur damit er einen, um ſo ununter⸗ brochneren Verkehr mit der City, damals der Haupt⸗ ſtärke der Whig— oder Landespartei, unterhalten könne. Oates klopfte an und ein großer Portier in einer ſehr reichen Livree erſchien; auf die Frage, ob ſeine Lord⸗ ſchaft für einen demüthigen Diener der leidenden Kirche, Dr. Oates, zu Hauſe ſei, antwortete der Portier, daß der Earl Beſuch habe; er zweifle aber nicht, daß Se. Ehrwürden willkommen ſein werde; und beauftragte einen Lakai, anzufragen, während ein anderer den Dok⸗ tor und Mervyn in ein Vorzimmer führte und ſie ſo⸗ dann verließ. In der Periode, zu welcher wir nun mit unſerer Erzählung gekommen ſind, war die große Maſſe des Volks völlig überzeugt, daß eine geſchäftige, weit⸗ verzweigte Politik oder vielmehr Verſchwörung darauf hinarbeite, die Konſtitution und die proteſtantiſche Kirche zu untergraben und umzuſtürzen, und das Papſtthum, wie man es nannte, und willkührliche Herrſchaft, nach dem verabſcheuten Muſter Frankreichs, einzuführen. Dieſe Ueberzeugung hatte ſich der öffentlichen Stim⸗ mung tief und anhaltend bemächtigt, und war, wie nachfolgende Ereigniſſe auswieſen, nur zu wohl be⸗ gründet. Der politiſche Horizont war mit ſchwarzen Wolken des herannahenden Sturmes bedeckt, obgleich Niemand mit einiger Gewißheit vorausſagen konnte, wo er ausbrechen werde. Aber Oates, oder vielmehr die große Partei, die ſich ſeiner als eines Werkzeuges bediente, hatte ſchon längſt beſchloſſen, daß es von jener Seite her geſchehen müſſe, auf der alle die zerſtreuten Donnerkeile der Gemeindegewalt wieder geſammelt, und von wo aus der ſo lange in Schlummer gezau⸗ berte, wilde Ozean des Fanatismus in neue und höhere Tollwuth gepeitſcht werden konnte. Vom Himmel ſelbſt 188 ſollte dieſer Blitzſtrahl entwendet werden. Die Re⸗ ligion, die ſo manche Feſſeln zerſchlagen hatte, ſollte wieder von ihrem Sternenſitze herabgerufen werden, um das Schwert und die Fackel über das Menſchen⸗ geſchlecht zu ſchwingen. So verſchieden und entgegengeſetzt auch die Wün⸗ ſche und Abſichten der exiſtirenden Faktionen waren, alle wurden auf gewiſſe große Punkte hin vereinigt, durch die Geſchicklichkeit und Kraft eines großen poli⸗ tiſchen Führers, eines Mannes, wie geboren zum Herr⸗ ſchergeiſte einer ſolchen ſtürmiſchen Kriſis, wie jetzt herandrohte. Der„falſche Achitophel“ Drydens, jener Shaftesbury, deſſen Name zum Repräſentanten der verwegenen, rückſichtsloſen, unermüdeten Machiavelliſchen Politik geworden iſt, die aus der blutigen Schule Riche⸗ lieus entſprang, und wenn ſie ſich gleich den milderen Formen der Zeit fügte, dennoch keinen Anſtand nahm, ſich unter tieferer Verhüllung der gewaltthätigſten Mit⸗ tel zu bedienen— Shaftesbury war zu jener Zeit der große Abgott der Volksgunſt, das Haupt der parla⸗ mentariſchen Oppoſition gegen Carl, der Mittelpunkt aller Intriguen gegen die Regierung. Seine Talente, ſeine gewiſſenloſe Verwegenheit und fkrupelfreie Moral, ſein perſönlicher Haß gegen den König und deſſen Bru⸗ der befähigten ihn auf ausgezeichnete Weiſe, das Steuer des Staatsſchiffes durch dieſe Stürme zu übernehmen; und ſein ſchneidender, ſarkaſtiſcher Witz, ſeine leiden⸗ ſchaftliche Beredſamkeit und vollkommene Kenntniß der Menſchen und der Motive ſeiner Zeit machten ihn zu einem Volksführer ohne Gleichen. Die Beleidigungen und das Unrecht, ſo er vom Hofe erlitten, ſeine Ab⸗ ſetzung von der Würde eines Kanzlers, die er mit ſo hohem Ruhme bekleidet hatte, und ſeine letzte Gefan⸗ genhaltung im Tower hatten ihn, trotz ſeines wieder⸗ holten Parteiwechſels, zum Range eines Märtyrers für die Volksſache erhoben und zu gleicher Zeit ſeine an⸗ geborne raſtloſe Thatkraft und ſeinen ungeduldigen 189 Haß alles Zwanges mit dem Giſte perſönlicher, rach⸗ ſüchtiger Bosheit angeſchwellt. Die eigentlichen Wünſche und Endzwecke Shaftes⸗ burys ſind immer noch ein Geheimniß, denn ſie waren ſo vielartig und wechſelnd, daß ſie Niemand mit eini⸗ ger Gewißheit beurtheilen kann, ſelbſt jetzt noch nicht, nachdem alle jene großen Leidenſchaften und Intereſſen mit der ſtürmiſchen Generation, die ſie ausbrütete, zur Ruhe gegangen ſind. Daß er keine Gewalt über der ſeinigen ſehen wollte, iſt wahrſcheinlich; denn es war ihm unmöglich, unter irgend einem Joche zu ſtehen; und die Männer des gemeinen Wohls, die aufgelöste Soldatesca und die mißvergnügten Republikaner von Cromwells Aöra blickten ſtets zu ihm auf, als ihrem Anführer. in dem wilden Entſcheidungskampfe, für den ſie ihre Lenden gürteten.. Auf der andern Seite folgte die gemäßigte Partei, welche eine monarchiſche, aber ſtreng conſtitutionelle Re⸗ gierung in England zu ſehen wünſchte, Shaftesburys Rathſchlägen mit blindem Eifer; und auch die noch kleinere Faktion, welche den jungen Herzog von Mon⸗ mouth zum Haupte wählte und auf den Thron zu ſetzen hoffte, betrachtete ihn als ihre Hauptſtütze. Die Grundſätze ſeiner Jugend und die zerſtörenden Triebe ſeines ungeſtümen Charakters machten Shaftesbury der Wiedereinführung einer Republik geneigt; aber ein noch gründlicherer Haß gegen den Herzog von York, den er für den Urheber ſeiner Ungnade und Entſetzung hielt, trieb ihn an, die Anſprüche von dem verhaßten Nebenbuhler des Herzogs zu unterſtützen. „Die Träumer und Schwärmer der alten Reli⸗ gionsparteien, welche, nach dem Muſter der Moſaiſchen, eine Theokratie auf Erden einzuführen gedachten; die wilden Fanatiker des Reichs der fünften Monarchie; die mißvergnügten Hefen der Royaliſten und ſelbſt die Zaghaften und Schwankenden von der katholiſchen Partei waren alle durch ſeine ſeltene Proteus⸗Kunſt, 190 ſich der Leidenſchaften und Motive aller und jeder Menſchen zu bemeiſtern, vereinigt worden. So bil⸗ dete ſich eine feſte und gewaltige Maſchine, regiert von der Thätigkeit éines einzigen Geiſtes, welche zu⸗ letzt allen Widerſtand vernichtete; denn der kurze Sieg Carls II. über ſein Parlament war nur die Windſtille, welche dem Erdbeben von 1688 vorausging. Man muß jedoch nicht annehmen, daß die Ge⸗ witterwolken, die ſich aufthürmten, von Nichts auf⸗ ſtiegen, auf das bloße Wort eines Zauberers, und daß die ſchreckenhafte Phantasmagorie, die in kurzer Zeit durch das hölliſche Feuer der Entdeckungen des Dates ſichtbar gemacht werden ſollte, bloße Chimären und Schatten eines weſenloſen Schreckens geweſen ſeien. Ein geheimer, gemeinſamer Plan war ohne Zweifel vorhanden, aber nicht in dem Sinn und der Geſtalt, welche ihm die Urheber und Unterſtützer des papiſtiſchen Complottes verliehen, es war eine Ver⸗ ſchwörung, welche den Umſturz der großen Ketzerei, die ſo lange Zeit die Kirche zerriſſen, und die Wie⸗ dereinſetzung der Herrſchaft der alten Religion zum Zwecke hatte. Die Unmöglichkeit, dieſen Zweck mit einem freien Parlamente und ohne die Beihülfe mili⸗ täriſcher Gewalt zu erreichen, war ohne Zweifel der Grund, der den Jeſuiten die Idee der Einführung einer willkührlichen Regierung als Baſis ihrer Ope⸗ rationen eingab. Die allgemeine tief gewurzelte Mei⸗ nung über ihre Abſichten lieferte Oates und ſeinen Mitungeheuern die Grundlage für ihr„Complott“ und beraubte die Regierung aller Vertheidigung und aller Gegenberichte, da ſie die eingebildete Verſchwörung weder angreifen durfte, noch konnte, ohne die wirk⸗ liche einzugeſtehen. Auf der Schwelle des Einganges zu dieſen ſchreck⸗ lichen Staatsſtürmen ſetzte ſich nun Mervyn ruhig und unbewußt nieder, und wartete auf eine Einladung, d — 191 die, obgleich er es nicht ahnete, der Ruf ſeines Schick⸗ ſales war. Sechzehntes Kapitel. Schaftesbury und ſeine Verbündeten. Der von Oates abgeſandte Lakai kam mit einer Schnelligkeit zurück, welche zeigte, daß ſeine Ankunft nichts weniger als verächtlich aufgenommen wurde und bat ſie beide, ihm zu ſeinem Herrn zu folgen. Sie ſtiegen eine mit Schnitzwerk reich verzierte Treppe von Eichenholz hinan, die ſich in einem Portal von dem⸗ ſelben Stoffe endigte, welches ſogleich aufging und den Blick in eine anſehnliche Bibliothek von reichge⸗ bundenen Büchern gewährte. Dieſes Gemach war mit maſſiver Eleganz ausgeſtattet und mit mehreren Kunſt⸗ und Naturſeltenheiten geziert. In einer durch ein Bogenfenſter gebildeten Seiten⸗ vertiefung des Zimmers ſaßen an einem mit Wein und Coynfekt beſetzten Tiſche drei Herren, von welchen einer— ein kleiner, aber wohlgebildeter Mann, ſehr reich gekleidet und mit einem ſchlauen und geiſtreichen Ausdruck des Geſichts, erleuchtet von einem Auge voll ungewöhnlichen Feuers— bei ihrem Eintritte zur Be⸗ grüßung aufſtand. Die andern Herren blieben ſitzen. Einer derſelben war ein ſtumpfer, ſchwerfälliger Geiſt⸗ licher, mit einem fetten, leichtgläubigen Geſichte und zwei kleinen, tiefgebetteten Augen. Der andere war augenſcheinlich ein Mann von großem Range, ſeiner Kleidung nach zu urtheilen, welche deſſenungeachtet ein nachläßiges, leichtſinniges Ausſehen hatte, dem der abgelebte Ausdruck eines vormals ſchönen, jetzt aber . 1 bleichen und von Ausſchweifung eingeſunkenen Geſichtes nicht widerſprach. Die Pracht ſeiner Kleidung beſtach dießmal Mervyns Urtheil nicht; denn beim erſten⸗ Blicke auf den Fremden glaubte er etwas Uebles, Unheilvolles zu entdecken, das in ſeiner Bruſt einen großen Widerwillen hervorrief. „Ehrbarer, würdiger Meiſter Oates, aufrichtiger Sucher des Manna, verläugnend das eigene Selbſt, ſeid willkommen bei Eurer Rückkehr von St. Omer,“ rief der Earl und ſchüttelte Titus Hand mit äußerſter Herzlichkeit.„Aber, halt; wir haben gehört, Ihr ſeid zum Doktor geſchlagen worden— willkommen alſo in der Heimath, würdiger Herr Doktor!“ „Ich danke Eurer Lordſchaft in aller Demuth,“ erwiederte Oates mit einer kriechenden Verbeugung. „Ich bin hier in gutem Ernſte und froh, aus dem Rachen des Wallfiſches befreit zu ſein. Aber, wen haben wir hier vor uns, Mylord?— Alles ſicher?“ „Was, Gott ſei uns gnädig, das Licht blendet Euch, Bruder,“ ſagte der Earl.„Seht Ihr nicht? — ein treuer Streiter für die gute Sache— Mylord Howard von Eskrike, und dann der geſegnete Aus⸗ leger des Worts, deſſen Arbeiten mit ſolchem Erfolge gekrönt worden ſind, Doktor Tongue.”“ „Ah, Meiſter Oates— was, Doktor Oates— willkommen in der Heimath!“ riefen beide Herren, indem ſie eilig aufſtanden. Oates und ſeine wieder⸗ erkannten Freunde umarmten ſich mit anſcheinender großer Herzlichkeit, und nachdem die gegenſeitigen Grüße ausgetauſcht waren, füllte Lord Howard mit ſeiner zitternden Hand einen Becher, den er Oates zuſchob, mit dem Rufe:„Trinke mein Junge, trinke und laß dein Cadaver ausruhen und erzähle uns, was Du Neues weißt.“ „Ja, guter Doktor, ſitzt nieder,“ ſprach Shaftes⸗ bury lächelnd.„Ich hatte wenig Hoffnung, Euch ſo unbeſchädigt von der Wolfshöhle heimkehren zu ſehen 193 — ich fürchtete, daß ſelbſt Euer ſtarkes Herz in dem guten, aber gefährlichen Kampfe verzagen könnte.“ 3„Meine Stärke kam von oben!“ erwiederte Oates demüthig.„Ich rühme mich meines Werkes nicht, obſchon es wohl vollbracht iſt; es iſt nicht meines. Es war die Sache eines Mächtigeren— Mylord— eines Mächtigeren, als ich, deſſen Schuhriemen ich nicht wür⸗ dig bin aufzulöſen— und der mich in allen meinen Trübſalen aufrecht erhielt.“ „Ja wohl, ohne ſolche heilige Beweggründe wür⸗ den wir nicht einmal halbwegs durch die Sünden dieſer Welt kommen, Doktor,“ ſagte der Earl mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln.„Aber habt Ihr einiges Brennholz für das Feuer; zuſammengeleſen, einige nützliche Sachen in Erfahrung gebracht, welche dieſe bedrohte und bethörte Nation auf ihre Gefahr auf⸗ merkſam machen können?“ „Wißt Ihr etwas von dieſem entſetzlichen Comp⸗ lott gegen unſer Leben und unſere Freiheit, vor wel⸗ chem Ihr uns warntet, wie ein Schäfer auf einem hohen Felſen ſeine Heerde von dem Abgrunde zurück⸗ ruft?“ ſagte Doktor Tongue mit einem ſchreckerfüllten Blicke auf den ehrwürdigen Titus. DOh, Myloard, ſolch' eine gräuliche Verſchwörung iſt nie entdeckt worden, ſeit der des ſchlimmen Ha⸗ man,“ ſagte Oates, indem er ſeine Augen aufwärts drehte.„Alle unſere Hälſe ſollen abgeſchnitten und die verfluchte, papiſtiſche, abergläubiſche Abgötterei ins Land gebracht werden über die Leichname der magna charta und aller unſerer Freiheiten.“ „Gut— da wird's manchen Schurken weniger in der Welt geben, ohne den ſie ſich wohl behelfen kann,“ ſagte Schaftesbury mit ſatyriſchem Lächeln.„Aber was iſt das für ein Knabe, Doktor, den Ihr unter Lucan Snaultelöherdebrach und wie es ſcheint Gene geſſen habt! es ein junger Prophet— Euer Eliſa?“ ſuger ieh Whitefriars. I. 13 194 „Nein, Myloard, ſondern ein junger Novize von St. Omer, den ich für den wahren Glauben gewon⸗ nen habe und der ſich freuen würde, Euer Lordſchaft zu dienen,“ verſetzte Oates. „Wahrhaftig, Oates, er kann von Nutzen ſein, in Fällen, wo man zwei Zeugen braucht,— in der Schwörarbeit,“ ſagte der Earl, der Mervyn mit einem durchdringenden Blick betrachtete.„Aber, Gottes Leben! dem ſtolzen Errötheu nach glaube ich kaum, daß Ihr den rechten Nagel getroffen habt. Seid Ihr Willens, Euch mir nützlich zu machen, Jüngling?“ „In allen Sachen, die nicht meiner Religion und meiner Ehre zuwiderlaufen,“ ſprach Mervyn ſcharf und ſogar ſtolz, denn er war über die ſeltſame An⸗ gabe Oates überraſcht und empört, obgleich er ihr nicht öffentlich zu widerſprechen wagte. „Meiner Treu, das iſt ein tüchtiger Junge— wie nennt Ihr ihn, Doktor?“ ſagte Lord Howard, der ſeit einigen Minuten den Jüngling mit tiefer, dü⸗ ſterer Aufmerkſamkeit betrachtet hatte. „Sie heißen ihn Mervyn, ein armer Findling der Kirche, der Sohn eines wilden, zu St. Omer ent⸗ haupteten Räubers, und iſt den liſtigen Brüdern des Collegiums für ſeine Erhaltung und Erziehung ver⸗ pflichtet,“ ſagte Titus, mit einem boshaften Lächeln auf ſein Opfer. „Ei, iſt das der Fall!“ ſagte Howard, indem ſein Geſicht dunkel überlief;„ich dachte, aber, das iſt gleichgültig. Er iſt um ſo beſſer für unſern Zweck.“ Und er fuhr ſich mit der Hand langſam über die Stirne, als ob er eine unangenehme Erinnerung weg⸗ wiſchen wollte, wandte ſich darauf und ſchluckte einen tiefen Trunk Weins hinunter. „Gräme Dich nicht wegen Deiner Abkunft, Jüng⸗ ling,“ ſagte der Earl, der die Leidenſchaften bemerkte, die in Mervyns Geſichte kämpften.„Die größten Er⸗ oberer, die es je gegeben hat, waren weiter nichts, als 195 glückliche Räuber des Menſchengeſchlechtes, und die Gründer der Dynaſtien ſind alle Verräther an der Menſchheit ſelbſt geweſen. Wohl!— für den Augen⸗ blick, Oates, laſſe ich ihn in Eurem Dienſte. Ich wüßte nicht, wo er beſſer für den meinen in die Lehre gehen könnte. Und nun, Herr, was für neue That⸗ ſachen habt Ihr über dieſen königlichen Hochverrath entdeckt? Etwas direktes gegen den Herzog von York 2⸗ „Ganz abſcheuliche Gewißheiten, Myloard, da ich ſeinen Geheimſchreiber Coleman eines verrätheriſchen Briefwechſels mit Frankreich überführen kann!“ verſetzte Oates mit Heftigkeit. „Jetzt Sekretär der Herzogin,“ ſagte der Earl. „Und in dieſer Hinſicht rathe ich Euch, vorſichtig zu ſein, wie Ihr Eure großen Umriſſe ausfüllt, denn die wichtigſten Sachen hängen von kleinen Umſtänden ab, und die Entdeckung eines Fehlers in dem geringſten Theile Eures Zeugniſſes wird Euren Feinden einen Mauerbrecher gegen das Ganze in die Hände geben.“ „Vertraut mir, Mylord, ich werde immer meinen Schäferſtab bereit haben, wie einer, der den Wolf er⸗ wartet,“ erwiederte Oates mit einem ſchlauen Blicke. „Aber hier iſt der kurze Auszug von dem,] was ich bereits entdeckt habe und, ſo Gott will, vor dem Könige und den Gewaltigen des Landes begründen und beweiſen werde, wie der heilige Daniel vor dem abgöttiſchen Belſazar, der ein Mahl hielt in Gold und Purpur und die heiligſten Gefäße machte zu Gefäßen des Gräuels und des Unrechtes. Aber mir däucht, es dürfte gut ſein, wenn der junge Alkoluthe, angeſehen er noch jung und zart in den Geſchäften der Welt iſt, ſich in jene Ecke zurückzöge, wo er ſüße Nahrung für ſeinen Geiſt finden kann, in den köſtlichen Bänden, welche Euer Lordſchaft Geſchmack und Großmuth ge⸗ ſammelt hat.“ Mervyn folgte dem Winke mit Freuden, denn die ſcharfe Beobachtung Shaftesburys ſetzte ihn in Verle⸗ 196 genheit und er ging nach einer leichten Verbeugung auf die andere Seite des Zimmers an den bezeichneten Ort. Es war ein reich geſchnitzter Alcove, von der Bibliothek durch lange Vorhänge geſchieden, die man nach Belieben zuziehen konnte, ſo daß, wer darin ſaß, völlig abgeſondert blieb, und mit verſchiedenen Mate⸗ rialien zum Studiren ausgeſtattet. Er ſetzte ſich an einen Pult, auf dem ein Band des Lukretius aufge⸗ ſchlagen lag und ſchien bald ins Leſen vertieft, obgleich er von Zeit zu Zeit mit unwillkührlicher Neugierde auf die Gruppe ihm gegenüber blickte. Oates ſprach noch immer, denn man hörte ſeine dicke, harte Stimme, in ununterbrochenem Laufe, ob⸗ gleich die Worte nicht deutlich genug waren, um Mer⸗ vyn einen zuſammenhängenden Sinn zu gewähren. Dieß war um ſo verdrießlicher, da das, was er ſagte, die geſpannteſte Aufmerkſamkeit in ſeinen Hörern zu erwecken ſchien und Doktor Tongues thörichtes Antlitz vor Erſtaunen ganz offen ſtand. Oates heuchleriſche Phy⸗ ſiognomie erſchien gleichfalls als der Index einer wun⸗ derbaren Geſchichte; aber der Earl hörte mit einem ungläubigen, verſteckten Lächeln zu. Oates ſchien hier⸗ auf ſeine Belege vorzubringen und überreichte ſeinem Gönner gewiſſe Briefe, von denen Mervyn nicht zwei⸗ felte, daß ſie zu den in St. Omer geſtohlenen gehör⸗ ten. Shaftesbury nahm ſie begierig in die Hand und Mervyn bemerkte einen Strahl von Freude über ſein erdfarbenes Geſicht leuchten, da er murmelnd den In⸗ halt ſeinen Gefährten mittheilte. 4„Das trifft den rechten Fleck, wahrhaftig!“ ſagte er, indem er aufſtand und vorwärts ſchritt, als ob die Unruhe ſeiner ehrgeizigen Natur auch von phyſiſcher Handlung begleitet werden müßte.„Dies trifft den rechten Fleck!— Mylord Howard, was meint Ihr? Iſt hier nicht ein Donnerkeil, der, geſchickt geſchmiedet und gehandhabt, die Nation aus ihrer Lethargie erwe⸗ 197 cken und den Thron unſers lüderlichen Jupiters erſchüt⸗ tern wird?“ „Mir däucht, es iſt hohe Zeit, jetzt, da unſere Religion und Conſtitution in ſolcher Todesnoth und Fährlichkeit ſchweben,“ erwiederte ſeine Lordſchaft nach⸗ läßig. 8,Auf Ehre, Howard, unſere Religion und Con⸗ ſtitution haben keinen weiteren Schaden mehr zu be⸗ fürchten, dächte ich,“ ſagte Shaftesbury lächelnd. „Wahrlich, wahrlich, dieſe Zeitungen werden Iſrael aufrufen, wie mit dem Gebrülle eherner Poſaunen und Trommeln,“ fiel hier Doktor Tongue ein. 3 „Ja, wir werden es erleben, daß der Thron dieſes Qua⸗Neros von uns zuſammengeſchüttelt wird,“ fuhr der Earl fort, indem er triumphirend auf und abſchritt. „Die Nation kann noch gerettet und das glorreiche Erbe unſerer Väter, mit ihrem Blute erkauft, unſern Kindern unverletzt hinterlaſſen werden. Aber, Oates, tragt Sorge, daß Eure Geſchichte gut erzählt werde— und, doch klingt ſie wie ächtes Metall. Dieſer Anſchlag der Pa⸗ piſten auf des Königs Leben— der Entſchluß, ſeinen Bruder auf den Thron zu ſetzen, um das Pabſtthum einzuführen und die Parlamente abzuſchaffen, weil man ihre Zuſtimmung nicht erhalten kann— verbunden mit Colemans Bettelei um Geld von Frankreich, um eine Irländiſche Armee auf die Beine zu bringen. Alles iſt vorzüglich, aber, wie wollt Ihr es beweiſen, Doktor?“ „Ich will einen Eid darauf ablegen, Mylord!“ verſetzte Oates mit Nachdruck. „O ja, das wohl; aber werden die Leute uns glauben?“ ſagte Shaftesbury mit einem eigenthümlichen Blick ſeines feurigen Auges. „Wie, Mylord, habe ich nicht dieſes verfluchte Com⸗ plott mit Augen geſehen, mit Ohren gehört und es ge⸗ fühlt?— Habe ich nicht unter den ſchändlichen Jeſui⸗ ten gelebt, an ihren Thüren gehorcht, bin in ihren 198 Berathſchlagungen zugegen geweſen, habe Botſchaften hin und her gebracht, Briefe aufgefangen—“ „Was, Ihr ſeid der wahre Leithammel der ſchwar⸗ zen Schafe— ein weiſer Judas!“ unterbrach ihn der Earl.„Aber wir müſſen einen ſtarken Rückhalt haben, damit nicht der König unſere Entdeckung durch einen plötzlichen Gebrauch ſeiner Kronvorrechte unterdrücke und dann gute Nacht Euern Naſen und Ohren, lieber Doktor Oates.“. „Was brauchen wir mehr, als die Hülfe Eurer Lordſchaften und anderer guten Patrioten?“ ſagte Ti⸗ tns⸗ mit einem etwas verſchüchterten Blicke rund umher. 1 „Und, mein guter Lord, mir däucht, die Nation iſt bereits gut fertig gemacht mit Loth und Kraut und braucht blos einen Funken, um eine Exploſion hervor⸗ zubringen— die dieſen willkührlichen Hof und das Pabſtthum und den Herzog von York und wen Alles ſonſt zum Teufel ſprengen wird!“ ſagte Lord Howard, der ſeinen Wein ſchlürfte, um verſchiedene kleine Pau⸗ ſen ſeiner Rede auszufüllen.„Aber wie, und wann und wo ſollen wir anfangen?“ fuhr er fort.„Gottes Leben, ich bin der Wegſeite von der Hecke müde und möchte gerne wieder zum guten Klee. Ueberdieß werde ich von dieſen verdammlichen Bremſen, meinen Gläu⸗ bigern, geplagt und geſtochen.“ „Redet Ihr, Oates und Doktor Tongue, den König auf ſeinem Morgenſpaziergange an,“ ſagte der Earl. „Oder, halt— Tongue iſt bekannt mit einem gewiſſen Kirby, einem thörichten Chemiſten, der oft zur Ehre zugelaſſen wird, ſeiner Majeſtät Schmelztiegel zu putzen und einige der wundervollen Experimente zu bereiten, zu denen die Hofdamen die kleinen Hände zuſammen⸗ ſchlagen und ausrufen, ah! Wie, wenn er die Sache dem Könige vortrüge?“ „Wie, wenn wir's Alle im Verein thäten? Ich möchte nicht gerne in meiner Pflicht gegen des Königs 199 Majeſtät zurückbleiben, aber dieß iſt ein Dienſt, für den er Niemand Dank wiſſen wird,“ bemerkte Doktor Tongue mit Wärme. „Ja, ja, Doktor, wir wiſſen, Ihr habt ein Auge auf das reiche Decanat Wells, welches nun auf Schlag⸗ flußzeit beſetzt iſt,“ ſagte der Earl mit ſeinem beißen⸗ den Lächeln.„Aber Oates, wenn ſie nur dem König allein mitgetheilt werden, können Eure Entdeckungen in den Geburtswehen ſterben, weshalb wir dieſelben auch öffentlich vor einer eifrigen Magiſtratsperſon de⸗ poniren müſſen, deren Sorge es iſt, daß ſie am Leben bleiben.“ „Ja, wahrhaftig. Was ſagen Eure Lordſchaft zu dem gottſeligen und wohlwürdigen Meiſter Bethel? er iſt ein treuer Diener der guten Sache,“ ſagte Oates. "Ein habgieriger Filz! er verweigerte mir ärm⸗ liche 100 Guineen auf meine eigene Sicherheit,“ mur⸗ melte Lord Howard. 4 4„Nein, nein, nicht Bethel; er iſt zu eifrig und ei⸗ genſinnig,“ ſagte Shaftesbury. Er würde die Sache zum Schluſſe treiben, ehe ihre Theile zuſammenpaſſen und zuſammenhängenz; es erfordert Zeit zum Hart wer⸗ den; und überdieß möchte ich ſie nicht gerne zu weit gebracht ſehen, ehe ſich das Parlament verſammelt und wir Zeit haben, deſſen Stimmung zu erkunden. Nein, bringt Eure Angaben vor Sir Edmundbury Godfrey in Weſtminſter. Das wird um ſo unparteiiſcher er⸗ ſcheinen, da die Leute munkeln, er ſei den Papiſten und dem Hofe zugethan.“ „Mylord, ich will Euch in allen Stücken gehorſa⸗ men, denn wie Gideon von Gott geſandt war, ſeine zerſtreuten Völker zu ſammeln—“ begann Oates, als ihm der Earl ſcharf in die Rede fiel. „Mir gehorchen, nicht ſo, Meiſter Oates!“ ſagte er.„Ich denke, daß Ihr in dieſer Geſchichte der Ein⸗ gebung Eures eigenen Gewiſſens folgt, merkt das wohl! keinem Rathe und Antriebe von mir; aber bringt das 200 Kind zur Welt und vielleicht gebe ich einen guten Ge⸗ vatter bei der Taufe ab.“ „Nein, meiner Treu, aber Eurxe Lordſchaft, als Haupt der ächten kirchlichen magna charta Partei, kann nicht umhin, mich in meiner Aufdeckung dieſes ſchrecklichen, blutigen und verdammlichen Complotts zu unterſtützen?“ ſagte Oates ſehr demüthig. „Ich werde in keiner Rückſicht meine Pflicht gegen mein Vaterland verſäumen, erwiederte der Earl.„Aber Ihr kennt mich, Oates. Ich lege nicht gern meine Hand an die dunkeln Räder von andern Leuten Ma⸗ ſchinen. Es muß nicht ſcheinen, als ob wir einander verſtünden— das würde Alles verderben. Wie wenn ſie Zeugen aufſtellten, die bewieſen, daß Ihr zu St. Omer wart, zu derſelben Zeit, wo Ihr vorgebt, in England geweſen zu ſein?“ „Poabiſtiſches Zeugniß, Mylord, das nicht ange⸗ nommen werden darf,“ ſagte Oates grinſend.„Ueber⸗ dieß habe ich dieſen Buben hier, der ſchwören muß, daß ich nicht früher dort war, als— als ich es für gut finde.“ „Ich ſage Euch noch einmal, Ihr irrt Euch in Eurem Werkzeuge; er hat adeliges Blut in den Adern,“ ſagte Schaftesbury gedankenvoll. „Und wie blaß er ausſieht und über ſein Buch ſich hereinbeugt,“ ſagte Howard;„als ob er letzte Nacht bei dem Trinkfaß Monmouth mit mir lüderlich geweſen wäre! Iſt er hungrig? Laßt Ihr ihn verhungern, Oates, wie Bethel ſeine Köchin? Gottes Leben! Das erinnert mich, daß es Mittagszeit iſt, Schaftesbury, und wir mit Lord Ruſſel, Sydney und den andern Leuten vom Lande zu ſpeiſen haben.“ 3 „Meiner Treu, das müſſen wir,“ ſagte der Earl, indem er aufſtand,„deswegen muß ich meiner Höflich⸗ keit gegen Euch Abbruch thun, Doktor Oates, und Euch Lebewohl ſagen, bis zu einer Zeit und einem Orte, 201 die ich Euch beſtimmen werde, ſo bald ich höre, daß Ihr unter Segel ſeid.“ Auch Oates erhob ſich, machte eine tiefe Verbeu⸗ gung und ſchüttelte Doktor Tongue die Hand, die dieſer freundſchaftlich gegen ihn ausſtreckte. „Aber ich habe eine Kleinigkeit vergeſſen,“ ſagte der Earl und führte Oates bei Seite.„Wie geht's „Euch mit des Königs Bildniſſen, alter Knabe? Wäre Dir dieß kleine Neſt davon recht?“ 3 „In Folge von Euer Lordſchaft Freigebigkeit ge⸗ bricht es mir an Nichts,“ antwortete Titus, ließ ſich jedoch herab, die angebotene Börſe anzunehmen. „Nein, nein, Ihr müßt keinen Mangel leiden,“⸗ ſagte Schaftesbury lächelnd.„Wenn der Staat die Tugend nicht zu ehren weiß, ſo thu' ich's; und ehre mich dadurch ſelbſt. Junger Mann,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu Mervyn wandte, welchen Oates aus ſeinem Studio herbeigewinkt hatte,„ich ſehe, Ihr ſeid von ſteigendem Metalle; thut nur, was Euch dieſer würdige Herr heißt, und Ihr werdet große Dinge erleben.“ Mervyn unterdrückte die Bemerkung, die ihm auf den Lippen ſchwebte, nicht ohne Schwierigkeit; und nach den gewöhnlichen Abſchiedsceremonien marſchirte der würdige Oates mit ſeinem jungen Adjutanten ab. „Da geht der peſtilenzialiſche Lügner, Dieb und Aufwiegler!“ rief Howard, ſobald nur die Thüre hin⸗ ter ihm zuging. Es wundert mich, daß Eure Lord⸗ ſchaft mit einem ſolchen läſterlichen, meineidigen, blas⸗ phemen, falſchzüngigen, abſcheulichen—“ „Egad, Bruder, Ihr verlangt doch nicht, daß ich einen Schweineſtall mit einer ſilbernen Gabel aus⸗ miſten ſoll!“ unterbrach ihn der Earl.„Der Mann taugt für ſein Geſchäft, und ſein Geſchäft für den Mann, und wenn nicht, wie die Frommen ſagen, der Zweck das Mittel heiligte, könnte es mich anekeln, 202 mit ihm— aber es iſt Eſſenszeit, und wir dürfen Lord Ruſſels ſtattliche Gemahlin nicht warten laſſen.“ Damit begaben ſich die Politiker weg und ließen Doktor Tongue allein bei den Flaſchen zurück. Siebzehntes Kapitel. Daer heilige Gates. Nach dieſer befriedigenden Unterredung verließ Oates Thanethouſe in einem Zuſtande, der einer Ent⸗ zückung wenig nachgab, Mervyn erfuhr die genialen Wirkungen ſeiner guten Laune. Der Doktor faßte herablaſſend ſeinen Arm und fing an ganz vertraut mit ihm zu ſprechen, fragte, wie ihm der Earl, ſein Hotel, und der glänzende Anzug des Lord Howard gefalle.„Ihr ſeht, mein Kind,“ ſagte er mit aufgebla⸗ ſener Würde,„ich habe Euch nicht zu viel geſagt; ich bin ein Mann von einigem Gewicht in England, und es kann noch mehr aus mir werden, als Ihr bis jetzt träumt, Knabe.“ „Aber auf was geht denn dieſer ganze Lärmen hinaus; dieſe ſeltſamen Verwandlungen, dieſe uner⸗ laubten Behauptungen, deren Ihr Euch bedient, Herr Oates?“ fragte Mervyn haſtig. Denn ſo wenig er⸗ von dem ganzen Auftritte verſtanden hatte und ſo ge⸗ ring in der That ſeine Kenntniß der Welt war, ſo erfüllte ihn doch der hohe Rang der Perſonen und ſo Manches in Oates Betragen mit Argwohn und Unruhe. „Ich kann und will Euch jetzt noch keinen Auf⸗ ſchluß geben, Kind,“ ſagte Bruder Titus, mit einem beſorgten Rattenblicke auf den Jüngling.„Aber, wiſſet, 1 203 daß ich— daß ich— Titus Oates, in Bälde ſo gut ein Dictator dieſer großen Nation ſein werde, als je⸗ mals Sylla über den römiſchen Staat war. In mei⸗ ner Hand wird das Gericht über Leben und Tod, Triumph oder Niederlage ſein. Ihr braucht mich blos zu unterſtützen, Kind, und Euer Glück iſt gemacht.“ Indem er ſeinem jungen Opfer Zeit ließ über dieſe ſeltſamen Prophezeiungen nachzudenken, machte ſich Oates in ein Chaos von verwirrten Winkelgaſſen und Nebengäßchen hinein, aus dem ſie bei St. Cle⸗ ments⸗Kirche am Strand herauskamen. Er ging eine kleine Strecke weiter und kam vor einer Silberarbeiters⸗ bude an, die eine dürftige Ausſtellung von glitzernden Waaren am ßenſter zeigte und ging ſogleich hinein. Ein großer, fetter, einfältig ausſehender Mann ſaß darin an der Arbeit, mit einem häßlichen, flaͤchnaſigen Lehrling, und eiſelirte einige Zierrathen für einen Fruchtkorb. Oates Eintritt machte, daß ſie beide auf⸗ blickten und des Meiſters Geſicht durchlief eine ſelt⸗ ſame Reihe von Veränderungen, von einer tiefen und offenbar unangenehmen Ueberraſchung zu einem erzwun⸗ genen Ausdruck des Vergnügens. „Guter Himmel, Herr Oates? wer hätte das den⸗ ken ſollen?“ rief er aus und ſchloß nach der Sitte jener Zeit ſeinen Beſucher in eine brüderliche Umar⸗ mung. Auf dieſe folgte eine dringende Einladung in ſein kleines Hinterſtübchen, welche, begleitet von der Verſicherung, daß er gerade zum Mittageſſen gehe, ſich als unwiderſtehlich erwies. „Nun, und wo ſeid Ihr ſo lange geweſen, ver⸗ geſſend alle Eure alten Freunde!“ ſagte der Silber⸗ arbeiter, nachdem er ſeine Gäſte auf ungeheuren eiche⸗ nen Stühlen bequem untergebracht hatte. „O, unter den Jeſuiten, alle ihre abſcheulichen Praktiken an den Tag zu zerren— aber Ihr werdet bald mehr davon hören, Meiſter Prance,“ erwiederte Oates mit Bedeutung. 204 „Wohl, aber in Wahrheit und Ernſt, die Sachen neigen ſich ziemlich auf dieſe Seite hin,“ ſagte Prance, indem er einen ſcherzenden Ton verſuchte.„He, he! ſie ſagen nun, daß der nächſte Weg nach Rom über Oxford gehe. Blitz noch einmal, Meiſter Oates, ich denke oft daran, noch ſelbſt ein Papiſt zu werden, denn das iſt nun der Kork, der obenan ſchwimmt. Und was für eine ſchöne Religion das für Gold⸗ und Sil⸗ berſchmiede iſt! Ich ſorge nicht darüber, wie bald ſie zu uns kommt. Alles, was ich ſage, iſt das, die Zei⸗ ten können nicht ſchlimmer ſein, ſo proteſtantiſch auch Alles iſt. Schaut nur hier, was für ein ſchönes Gold⸗ werk ich in dieſen genueſiſchen Sammt einſchlage für die Kapelle der Königin.“ „Der Mantel des Weibes von Babylon im Schar⸗ lach!“ rief Oates.„Oh, Bruder Prance, es ſchmerzt mich, Euch ſo irre reden zu hören. Was iſt aller dieſer Pomp und Staat, als irdiſcher Sauerteig, Fleiſchtöpfe Aegypti, Dämpfe aus den Nüſtern des Satans? Aber was gibts Neues zu Hauſe, denn ich habe eben erſt gelandet?— Wie befindet ſich Eure werthe Frau Gemahlin? Ich hoffe, daß ihre Seele gedeihet.“ 3 „Ja, und Ihr Leib auch; ſie wird jeden Tag fetter,“ ſagte Prance mit einem melancholiſchen Lä⸗ cheln.„Wohl, und regiert noch am Bratſpieße, Herr Oates, ich verbürge mich dafür. Ihre Seele! der Tauſend! die hat ſie ſchon lange in Sicherheit gebracht, oder es müßte keine Erlöſung zu haben ſein für Liebe und Geld.“ „Sie war in der That eine eifrige Sucherin des Manna, und unter dem Segen des Herrn bin ich ihr oft behülflich geweſen, es zu finden,“ erwiederte Oates mit Salbung.„Wohl, wohl, es freut mich zu hören, daß ſie ſo ſtark wird; das zeigt, daß ihr ſie gut haltet, Meiſter Prance.“ 3 „Gotts Wetter! Es koſtet mich auch Alles, das 2 . 20⁵ ich erſchwingen kann, ſie und ihren Anhang von fröm⸗ melnden Seelenvettern zu erhalten!“ fuhr Prance ha⸗ ſtig heraus. 3 „In der That; und wer iſt ihr hauptſächlichſter geiſtlicher Rathgeber gegenwärtig?“ ſagte Oates, indem ſich ſein Geſicht verdunkelte. „Ei was, jetzt da, werdet nicht eiferſüchtig im geiſtlichen Sinne,“ erwiederte Prance lachend.„Denn ſeit Ihr uns verlaſſen habt, Meiſter Oates, iſt ſie von einem Licht zum andern gelaufen, von Lehrer zu Lehrer, ohne Beſtändigkeit, und klagt, daß die Feuerſäule von der Wüſte gewichen iſt, und daß ſie ſtolpert in ihren Wogen.. „Arme Seele!“ rief Oates mit einem grimmigen Lächeln.„Nun, Meiſter Prance, gebt uns die fröhlich⸗ ſten Neuigkeiten zuerſt zum Beſten. „Nun, die luſtigſte, die ich weiß, betrifft ein liſti⸗ ges Abenteuer Claude Duvals,“ ſagte der Slberarbei⸗ ter lachend.„Ich verwundere mich über dieſen Kerl, wie lange er Recht und Obrigkeit hinter's Licht ührt.“ „Ueber das verwundere ich mich nicht, da er ſo wenig auf ſein Geld ſieht, daß er immer einen Freund in der Noth findet,“ verſetzte Oates.„Denkt Ihr nicht an jenen Vorfall in Salisbury, wo er und die Stangenwächter ſich mit einander beſoffen und er in der Kleidung eines derſelben entwiſchte? Wahrhaftig, er hat mir vor mehreren Jahren, als er erſt ſeine Schurkenſtreiche anfing, einen ſchmählichen Streich ge⸗ ſpielt; aber ich habe ihm ſchon lange chriſtlich verziehen, aus gewiſſen Rückſichten. Wir würden nicht mit ein⸗ ander zanken, wenn ich ihm jetzt begegnete— wenn ich nicht einen Trupp Dragoner hinter mir hätte.“ „Iſt Claude Duval ein berüchtigter Räuber?“ ſagte Mervyn ſehr begierig.. „Ja, und was geht das Euch an, Knabe?“ erwie⸗ derte Oates mit einem argwöhniſchen Blicke auf ihn. 206 „Meint Ihr ein jeder Dieb müſſe ein Verwandter von Euch ſein?“ Mervyn ſchien verwirrt und ſchwieg ſtille. „Nun ja, Bruder,“ ſprach Prance dazwiſchen,„aber was ſpielte er Euch für einen Streich?— ſeine Streiche ſind alle ſo luſtig.“ „Ach, ich habe Alles vergeſſen und vergeben!— Er beraubte mich in den Wäldern von Clairvau— wiewohl, er gewann nicht viel dabei,“ ſagte Oates mit Gekicher.„Aber was für einen neuen Streich hat er ausgeführt.“ „O, was ſo ausnehmend komiſch, daß ein Bein⸗ gerippe darüber lachen müßte,“ ſagte der Silberarbei⸗ ter.„Ihr kennt den alten, geizigen Bethel, den be⸗ rühmten Sheriff— Und, ſeht Ihr, da kommt letzte Woche ein Brief von einem ſeiner Correſpondenten in Darby, der ihm einen wunderſchönen Handel mit Schafsfellen vorſchlug, aber, er müſſe gut mit Geld verſehen ſein— hartem, klingendem Geld. Fort reitet er, und aus Sparſamkeit ohne Diener, auf einem alten Gaul, mit einem ſchweren Sack voll Geld; und zwi⸗ ſchen Darby und Afhby, auf dem Moore dort, wer begegnet ihm, Herr Duval, der ihm Alles abnimmt, was er hat— und wie er nach Darby kommt, und ſeine Säcke leichter gemacht, erfährt er, daß ſein Cor⸗ reſpondent ſo wenig von Schafsfellen weiß, als der Hammel, und daß es Alles ein Streich von Duval war— ha, ha!“ „Aber man ſagt, daß er gegen ſeine Gefangenen gewaltig höflich und artig iſt,“ ſagte Oates, indem er trotz ſeiner angenommenen Gravität in das Lachen einſtimmte;„beſonders gegen Damen, in welchem Stücke er ein ächter Franzoſe iſt.“ „Egad, das iſt er,“ erwiederte Prance, indem er ſich die Augen wiſchte, die von Luſtigkeit überliefen. „Habt Ihr gehört, was ſich zwiſchen ihm und der ſchö⸗ nen Miſtreß Aurora Sydney zutrug?— Vor einigen 207 Monaten fuhr Mylord Leiceſter in ſeiner Caroſſe mit Sechſen und ſeinen Läufern und Fackelträgern und was Alles in die Stadt, und mit ihm ſeine Lady Enkelin Miſtreß Aurora. Sie ging dahin, um bei Hofe vor⸗ geſtellt zu werden, da ſie zur Ehrendame der Königin ernannt worden war, nach dem perſönlichen Geſuche des Lord Shaftesbury, gerade ehe er von ſeinem Amte gejagt wurde, he— he— he!— aber das iſt alles gleich. Nun wohl, wie ich ſagte,— Claude Duval und ein Trupp ſeiner ſaubern Geſellen ſtoßen auf ſie bei Haunſlow, ſo gewiß, als ein Geiſt, und da half nichts als— halt und gib her. Und als Claude in die Kutſche guckte und eine ſo charmante junge Dame darin ſah(denn man ſagt, ſie übertrifft ſogar Miſtreß Stuart, und Mylady Kaſtlemaine iſt nichts gegen ſie), was thut er, als darauf beſtehen, daß ſie einen Me⸗ nuet mit ihm tanzen ſoll! Und da half kein wenn und aber von ihr, heraus muß ſie auf die Haide und es war eine ſchöne Mondnacht— mit dem Straßenräuber ihre Sprünge machen. Aber ich hörte, Jack, den Kut⸗ ſcher ſagen, daß er ſo feierlich als der erſte Hofmann tanzte und alles Chapeau bas, mit dem Hut unterm Arm; und ſie, als eine witzige, junge Dame, fand ſo viel Spaß daran, daß ſie mit ihm tanzte, als wenn's ſeine Majeſtät geweſen wäre. Und nach dem Menuct führte er ſie höflich zu Mylord zurück, der beinahe vor Wuth verplatzte, und ſagte, daß er nicht daran denken könne, eine ſo vortreffliche Dame ihres Schmucks zu berauben und gibt ihr ein Käſtchen zurück, das ihre Juwelen enthielt; und abfahren ſie ohne weitere Be⸗ ſchwerde.“ „Eine ganz hübſche Geſchichte, wenn ſie wahr iſt,“ ſagte Oates, mit einem unruhigen Blicke auf Mervyn. „Aber, wißt Ihr auch, Bruder, por acaso, wie der Spanier ſagt, wo Oberſt Sydney ſich nun aufhält?“ „In England, aber nur Incognito,“ erwiederte Prance.„Er hat noch keine förmliche Erlaubniß er⸗ 208 halten, ſich zu zeigen, aber er kam zurück zu des alten Earls Sterbelager, und hält ſich nun verſteckt auf in Lord Howards Hauſe, der ſein beſonderer Freund iſt.“ „Wahrhaftig! und bitte, weiß man etwas Neues, hinſichtlich des verfolgten Proteſtanten, Oberſt Blood? Muß er ſich immer noch wegen der Geſchichte mit dem Herzog von Ormonde vor den Gerichten verſteckt halten?“ „Ja und darf ſich nicht blicken laſſen, wenn ihm ſein Leben lieb iſt,“ ſagte der Silberarbeiter und zuckte die Schultern.„Ei, Herr Oates, was das für eine erſchreckliche Geſchichte war! Mylord Oſſory ſchwört, er wolle ihn kurz und klein hacken, wo er ihn auch begegne; und obgleich Blood ſich ſo wenig aus Dro⸗ hungen macht, als einer, ſo iſt doch ein Verhaftbefehl gegen ihn ausgeſchrieben und eine Belohnung von tau⸗ ſend Guineen auf ſeine Feſtnehmung ausgeſetzt. Ich wollte darauf wetten, er iſt in einem von ſeinen alten Schlupfwinkeln in Whitefriars; aber, hier kommt das Eſſen und wenn mich meine Naſe nicht trügt— ge⸗ ſottenes Ochſenfleiſch, Herr Oates! und hier kommt die gute Frau Prance in all ihrem Putze. Miſtreß Prance trat bei dieſen Worten herein. Sie war eine große, dicke, muntere Frauensperſon, ſehr weiß und roth und gut ausſehend, mit einem klei⸗ nen, aufgeworfenen Munde und hübſchen Augen. Sie war unwiderſtehlich charmant angezogen, in ihrem Sonntagskittel und einem ſchönen Rocke, mit einer brei⸗ ten Kette von blauen Steinen, die ſich in ihren fetten Hals klemmten, und ihr Haar ſchön gekräuſelt, gepudert und parfümirt.. Die Begrüßung zwiſchen Oates und dieſer ſchönen Dame war erbaulich durch ihre affektvolle Lebhaftigkeit und das tiefe Erröthen, das ſich über ihren offenen Buſen und ihre Wangen ergoß, als Oates ihre Hand einige Augenblicke lang ſchweigend drückte, während ſie ihre Dankſagungsformeln für die Ehre ſeines Beſuches herausſprudelte. Sie ſaßen nun alle zu einem tüchtigen ſubſtanziellen Mahle nieder, beſtehend in Ochſenfleiſch mit Fettklöſen und ſolchen kleinen Gerichten und Zugaben, als Miſtreß Prance in der Eile für ihren ausgezeichneten Gaſt fertig gemacht hatte; ferner ſtark Bier und Brannt⸗ wein, der noch den beſondern Reiz hatte, wie Herr Prance flüſterte, daß er eingeſchmuggelt war. Oates aß von Allem, das vor ihm ſtand, mit der Gefräßigkeit eines Hayfiſches und würzte das Feſt mit tiefen Pota⸗ tionen von dem Braunen Hausgebrauten, wobei er zugleich immerfort ausführlich und beredt über den Zuſtand der Religion und die Verfolgung, unter wel⸗ cher die Kirche ſeufze, ſich ausließ, und Mervyn kam es zu Zeiten vor, als ob des Doktors Reden eine mehr irdiſche Meinung einſchlößen, welche Mrs. Prance zu verſtehen ſchien. Dieß war beſonders auffallend, in ſolchen Augenblicken, wo Herr Prance zu irgend einem Kunden hinausgerufen wurde, obgleich der Dialog immer noch in dem allegoriſchen und myſtiſchen Style fortgeſetzt ward, den die Frommen dieſer Zeitperiode affektirten. „Ach, Schweſter Prance!“ ſeufzte Oates bei einer ſolchen Veranlaſſung,„es ſchmerzt mich, zu ſehen, wie die verwelkten Blätter noch immer an einem ſo frucht⸗ baren Weinſtocke hängen, und daß die unglückſelige poabiſtiſche Blindheit immer noch dem verirrten Schafe, Eurem Manne anklebt, ob er es gleich ſorgfältig unter dem Vorhange der Bundeslade verbirgt, wie eine faule Beule unter einem vergoldeten Pflaſter.“ „Ja wahrlich, es überſteigt die Klugheit von Mann oder Weib, einen Balken aus dem brennenden Tempel zu retten und wenn es auch Cedernholz vom Libanon wäre, würdiger Meiſter Oates,“ entgegnete die Dame. „Ich weiß, ich habe Alles verſucht, an Seele und Leib Whitefriars. I. 14 210 und nun wird er unglücklicher Weiſe in ſeiner Ab⸗ götterei verhärtet und verſtockt, weil die Königin ihre römiſchen Götzenbilder bei ihm machen läßt, und weil er glaubt, daß das goldene Kalb auf's Neue unter uns aufgeſtellt werden ſoll.“ „Er wird es noch bereuen, der arme Mann!“. ſeufzte Oates. „Aber wollt Ihr nicht einen kleinen Tropfen ver⸗ ſuchen, Doktor,“ ſagte Mrs. Prance, indem ſie ſein Glas voll Branntwein goß.„Es thut mir ſo leid, wie der Wittwe von Sarepta, lieber Meiſter, daß ich Nichts im Hauſe habe, das eines Propheten in Iſrael würdiger iſt; aber ſo gut ich es habe, ſteht es zu Euren Dienſten. Aber, gottſeliger Meiſter Oates, ich bitte und hoffe auf meinen gebogenen Knieen, daß Ihr niemals ein Wort werdet fallen laſſen, von meines Mannes Verirrung, die ich Euch im tiefſten Vertrauen mittheilte, damit Ihr wiſſen möget, wo ihn der Schuh drückt, und geiſtliche Salbe und Verband auf ſeine Wunden leget.“ „Behüte Gott! Madame Prance, behüte Gott!“ erwiederte Oates.„Wir wollen nur über ihn weinen und klagen und unſere Kenntniß ſeiner Schwäche Nie⸗ manden offenbaren. Aber ich muß mir ins Gedächt⸗ niß rufen, daß ich mich nicht länger an Eurer Geſell⸗ ſchaft vergnügen darf, für dießmal,“ ſagte der ehr⸗ würdige Herr, nachdem er auf eine Kuckucks⸗Uhr über dem Kamine gehorcht hatte—„es iſt bald drei Uhr, und meine Zeit iſt von Geſchäften weggenommen, die ſogar Ihr, meine Schweſter in der Liebe, nicht ver⸗ ſtehen könnt.“ „Pah, pah, lieber Herr, Ihr werdet noch etwas verweilen und ein wenig warmen Sekt koſten, den ich bereitet habe,“ ſagte der ehrliche Prance, der in die⸗ ſem Augenblicke hereinkam.„Ja, und hier ſind einige der ſchonſten gebratenen Aepfel, die Ihr je geſehen habt, alle aus des Königs Garten zu Hampton.“ 211 Aber Oates, aus Gründen, die er für unnöthig hielt zu erklären, ſchlug auch dieſe lockende Einladung ab und nahm unter der Verſicherung, daß ſein Ge⸗ ſchäft keinen Aufſchub leide, Abſchied. Die gewöhn⸗ lichen Begrüßungen wurden gewechſelt und Mervyn hatte ſeinem wuͤrdigen Herrn auf's Neue durch die Mittaghitze in den Straßen zu folgen, in großer Un⸗ ruhe über ſeine Lage und Ausſichten. Er war nun überzeugt, daß er eine große, aber unwiderrufliche Thorheit begangen hatte, indem er ſich der Protektion dieſes falſchen Bruders übergab. Dennoch fühlte er, daß Alles beſſer ſei, als die Beſchimpfung, von wel⸗ cher er ſich durch ſeine Flucht gerettet glaubte. Seine Lage war aber deſſenungeachtet, ſelbſt für einen ſo jungen und unüberlegten Menſchen, höchſt beunruhi⸗ gend. Er ſah ſich ohne Freunde oder Verwandte in einem fremden Lande, in der Gewalt eines Mannes, in dem er zu ſeinem größten Erſtaunen einen Abtrün⸗ nigen von der Religion fand, welche er bekannte, und der in dunklen und gefährlichen Anſchlägen begriffen zu ſein ſchien, welche die höchſten und größten Perſonen und Ereigniſſe betrafen. Indeſſen nöthigte ihn ſein geldloſer Zuſtand immer noch, ſich in Zeit und Um⸗ ſtände zu fügen; wogegen in moraliſcher Hinſicht ſeine Erziehung unter den jeſuitiſchen Caſuiſten kein Hinder⸗ niß in den Weg legte. Er beſchloß jedoch, die erſte ſich darbietende Gelegenheit zu ergreifen, um ſich aus — Schlingen ſeines hypokritiſchen Herrn zu be⸗ reien. Achtzehutes Kapitel. Ein königliches Gelage. Nachdem ſie Prances Haus verlaſſen hatten, nahm Oates ſeinen Weg dem Fluſſe zu, wo er einen Sculler miethete und den Bootleuten befahl, ſie nach White⸗ friars zu führen und in Waterlane zu landen. Mer⸗ vyn war natürlich mit dem üblen Rufe dieſes Ortes unbekannt, wenn er es aber auch nicht geweſen wäre, ſo war Oates keineswegs geneigt, ſich um ſeine Mei⸗ nung darüber zu bekümmern. Dennoch kam es ihm vor, als ob er noch nie einen Platz geſehen hätte, ge⸗ neigter, den Abſchaum einer unordentlichen, ſtürmiſchen Volksmenge, die Cloake der Verbrechen und des Elends einer großen Stadt aufzunehmen. Die Einfahrt zu Waterlane war durch ein roh gehauenes Kreuz von Stein bezeichnet, welches die Grenzen des Heiligthums abmarkte, und woran bei Tag und Nacht einer der Whitefriars*)(wie man die Flüchtlinge nannte) Schildwache ſtand, mit einem Horn und ſeinem Gürtel, um das Zeichen zu geben, unter's Gewehr zu treten, wenn irgend einige Gerichts⸗ diener ohne Militärbekleidung ſich zeigten(was ſelten geſchah) und ſodann die beabſichtigte Beute in Sicher⸗ heit zu bringen. Whitefriars oder Alſatia, wie man es in dem Kauderwelſch des Tages nannte, hatte un⸗ ter Carl II. als ein Schutzort für alle Arten von Verbrechen und geſetzwidrigen Schurkereien, ſeine höchſte Blüthe erreicht. Flüchtige Schuldner, Mörder und Räuber, ſchlechte Mannsperſonen und Weibsbilder von jeder Schattirung des Laſters hatten *½) Whitefriars— weiße Moͤnche. Anmerk. d. neberſ. 213 ſich hier in offenem und beinahe ganz ungefährdetem Tootz gegen das Geſetz zuſammengeſchaart. Ausſchwei⸗ fungen jeder Art wütheten in ungeſtörter Strafloſigkeit. Branntweinbuden; Spielhäuſer und andere Anſtalten von noch empörenderem Charakter, aus denen bei Nacht und Tage der Aufruhr lüderlicher Balgereien emporſtieg, die ſich nicht ſelten in Mord endigten; einige von Juden gehaltene Läden, die dem Anſcheine nach zum Verkaufe von alten Lumpen und Küchenge⸗ räthe dienten; und einige ſchmutzige Gaſſen, in welchen ein lärmender Fiſchmarkt betrieben wurde, ſchienen die einzigen Mittel des Unterhalts für einen Theil der Bewohner zu ſein, aber die Mehrzahl lebte, man wußte nicht von was. Diebe und Bettler, welche ihre Talente während des Tages in andern Theilen der Hauptſtadt in Ausübung brachten, kamen hieher, um die Nacht zuzubringen, und das, was ſie mit Gefahr ihres Halſes geerndtet hatten, in Lüderlichkeit zu ver⸗ ſchleudern. Gelegentlich ließ ſich auch die hagere, ab⸗ gezehrte Geſtalt irgend eines unglücklichen Schuldners ſehen, der ſich vor den Fängen ſeiner Gläubiger in dieſem ſchrecklichen Platze zu retten ſuchte. Trotz allem dieſem war jedoch dieſer Bezirk, ſo geſetzlos als er erſchien, gewiſſen Regeln unterworfen, welche für die Sache des gemeinſamen Beſten ſtrenge eingeſchärft und gehalten wurden und woran die merkwürdigſte das Geſetz war, welches Alle verband, jedem Einfall von Seiten der Gerichte, viet armis, zu widerſtehen. Oates hielt vor einem öffentlichen Hauſe an den Grenzen des Tempels, das ein zertrümmertes Wappen zum Schilde hatte, unter welchem die Inſchrift über dem Thore ausgehauen war—„der Himmel.“ Da aber dieſes Haus, ein Theil des zerſtörten Pallaſtes des Biſchofs von Salisbury, in dem großen Brande wenig beſchädigt worden war, ſo hatte der fromme Eigenthümer den Titel„der gerettete Brand aus der Feuersbrunſt⸗ hinzugeſetzt. Oates hielt einen Augen⸗ 214 blick an, um ſeine Kappe zurechtzuſetzen, und da der Jüngling aufblickte, fiel ihm zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen das Motto um den Schild in die Augen. „Esperance and advance, Mervyn!“*) „ Er wies Oates dieſen Namen, welcher in einem mürriſchen Tone ſagte:„Ei, ei, es gibt mehr als einen Tom in York, Euer Vater, der Schelm, gab Euch den Namen einer Familie, bei der er in Dienſten ſtand, aber von nun an will ich Euch einen angemeſ⸗ ſeneren ertheilen und maße Dir nicht an, zu einem andern Deine Ohren zu ſpitzen, als zu dem Namen Ichabod.“ 4 Er ſchritt ſodann majeſtätiſch in das Haus und traf auf eine Wirthin, deren rothes Geſicht, unordent⸗ licher Anzug und lüſternes Auge die Spuren kürzlicher Betrunkenheit an ſich trug. Deſſenungeachtet hatte ſie einen verſprechenderen Namen und war Niemand an⸗ ders als unſere alte Freundin Temperantia Bradley. Oates befragte ſie, ob Herr Butcherlaw da wäre. „Und was wollt Ihr mit ihm anfangen, Herr? erwiederte die Wirthin, indem ſie ihn verdächtig an⸗ ſah.„Wenn Ihr etwas mit dem Oberſt vorhabt, hättet Ihr eine Rotte Musketirer mit Euch bringen ſollen.“ „Ich bin ſein Freund, gute Frau,“ ſagte der Doktor.„Wie, Miſtreß Bradley, vergeßt Ihr einen alten Freund in einer neuen Kleidung? Oder ſeid Ihr zu ſtolz, ihn anzuerkennen?“ „Gottes Wunder und Glück! Kapitän Oates in einer Pfarrers Hülſe!“ rief ſie, indem ſie ſeinen Kuß herzlich erwiederte.„Was, wieder Euren Streichen nachgehend? Nun, wenn Ihr ihn ſehen müßt, er iſt oben trinkend und zechend mit einigen lärmenden Ga⸗ lanten vom Hofe, die ſich ein Geſchäft daraus gemacht *⸗) Muth und Vorwärts, Mervyn! Anmerk. d. Ueberſ. 215 haben, ihn zu beſuchen, jetzt, da er in der Klemme ſteckt.¹. „Sagt ihm, gute Madame, ich müßte ihn augen⸗ blicklich ſprechen, und das allein in Eurem kleinen hintern Schenkſtübchen,“ ſagte Oates, indem er mit der Miene eines mit den Lokalitäten Vertrauten zwi⸗ ſchen einigen dunkeln Fäſſern hindurch in ein kleines, dunkles Zimmer trat;„und ſchickt mir einen Schoppen von Eurem beſten rothen Canarienſekt, nebſt einem ge⸗ röſteten Brode.“ Miſtreß Bradley nickte mit dem Kopfe, und Oa⸗ tes, nachdem er mit ſeinem Gefährten eingetreten, zog die Thüre zu. Unzufrieden und ermüdet von dem hin⸗ gebrachten Tage, ſchlug es Mervyn ab, etwas von dem Trank zu genießen, obgleich Oates ihn mit einem gemeinen Lächeln nöthigte, und ſetzte ſich verdrießlich auf den Fenſterſitz. Er blieb da ſitzen und ſchaute auf einen verdächtig ausſehenden Hof hinunter, bis But⸗ cherlaw, oder, wie der Leſer vielleicht ſchon errathen hat, Oberſt Blood hereintrat. Die Jahre hatten in der athletiſchen Geſtalt die⸗ ſes Ehrenmannes keine große Veränderung hervorge⸗ bracht, aber eine deſto größere in ſeinem Anzuge, denn er war in ein ſehr abgetragenes und verblichenes Ge⸗ wand, obwohl von urſprünglich reichem Stoffe, ge⸗ kleidet. Sein Geſicht war tief von Wein durchglüht und er hatte ganz das Ausſehen von einem, den man in einem ausgelaſſenen Trinkgelage geſtört hat. Mer⸗ vyn bemerkte, daß er, während er Oates mit erkün⸗ ſtelter Herzlichkeit die Hand drückte, er ſich im Zimmer umſah und daß, als ſich ihre Augen begegneten, er ganz bleifarbig im Geſichte wurde. Er fühlte ſeiner⸗ ſeits einen unbegreiflichen Schauder bei dem bloßen Anblicke des Mannes, ſo daß er ſich abwandte und ſeine unangenehmen Gefühle durch das Zuſchauen eines Fauſtkampfes zwiſchen zwei lumpigen Buben unten in dem Hofe zu zerſtreuen ſuchte. —— 216 Unt erdeſſen ſprachen die beiden Freunde leiſe mit einander und in einer Gaunerſprache, von welcher Mervyn nichts verſtand; endlich aber kehrte ſich Oates gegen ihn und ſagte,„dieß iſt der junge Herr, Meiſter Butcherlaw; dieß iſt Herr Butcherlaw, Ichabod, ein naher Verwandter von Euch, der, Euch Alles über Eure Abkunft ſagen wird, ſobald es Zeit iſt. Unterdeſſen iſt er ſo gütig, Euch unter ſeinen Schutz zu nehmen, bis wir etwas Beſſeres für Euch finden.“ Die Farbe wich zum zweitenmale von des Oberſts Geſicht, da Mervyn mit großer Spannung auf ihn blickte; er murmelte jedoch etwas über das Vergnügen, mit dem er das Amt übernehme und wiſchte ſich den dunkeln Thau von der Stirne mit einem ftebergleichen Schauder über ſeinen ganzen Körper. „So ſagt mir, wer iſt mein Vater?— Iſt er noch am Leben?“ ſagte Mervyn in großer Haſt. „Ich habe Euch ſchon geſagt, junger Herr, daß Euch dieſe Frage vor der Hand verboten iſt,“ erwie⸗ derte Oates ſtrenge.„In kurzer Zeit wird das Hin⸗ derniß, es Euch zu ſagen, gehoben ſein; bis dahin bleibt, wie ich Euch geſagt habe.“ Mervyn fühlte eine ſtarke Verſuchung, zu fragen, mit welchem Rechte er auf dieſe Art einem Fremden übergeben werde, aber die ausgehaltene Lockſpeiſe und ſeine verlaſſene Lage nahmen ihm die Kraft, es zu thun. Oates ertheilte hierauf dem Knaben ſeinen Se⸗ gen und bemerkte gegen den Oberſt, daß er einen Kahn nehmen und einer gottſeligen Zuſammenkunft bei⸗ wohnen wolle, die, wie er hörte, in Holbornfields ſtatt⸗ finden werde.. Halt, Mann, mach dem Teufel nichts weiß,“ ſagte Blood grob.„Du betrügſt weder mich, noch ihn. Sag's nur heraus, Du haſt einen Beſuch bei Deiner alten Bekannten, der Mutter Creswold im Sinne!“ „Herr Butcherlaw, Euch iſt der Wein in den Kopf geſtiegen,“ ſagte Oates mit Würde.„Aber ich hoffe, Ihr werdet nüchtern werden, bis wir uns wieder⸗ ehen.“ ſeh Und mit einem eigenthümlichen Blicke auf Mervyn, deſſen Meinung dieſer durchaus nicht ergründen konnte, verließ er das Zimmer. „Wenn jemals der böſe Feind menſchliche Geſtalt annahm—“ murmelte Blood,— hielt aber inne und wandte ſich zu Mervyn und fragte ihn, ob er Mittag gegeſſen habe. Mervyn bejabte dieß, bemerkte übrigens, daß ihn der Oberſt während ſeiner Antwort mit dem geſpannteſten Intereſſe beobachte und eher auf den Ton ſeiner Stimme zu horchen ſchien, als auf den Inhalt ſeiner Worte. Er ging ſodann ein oder zweimal im Zimmer auf und ab und blieb plötzlich ſtehen.„Sei gutes Muths, Junge,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme. Euer Ausſehen gefällt mir und Ihr werdet in mir ei⸗ nen beſſern Freund finden, als in den meiſten Eurer Verwandten. Kommt mit mir; ich will Euch in eine der beſten Geſellſchaften in England einführen.“ Und mit einer Miene von der höchſten Wichtigkeit ſtieg er eine dunkle Stiege hinauf, wobei ihm Mervyn nicht ohne großen Widerwillen folgte. Auf ihrem Wege hinauf unterſchied Mervyn Töne der lauteſten Luſtigkeit von oben und einen Chor von Stimmen, die einige bachanaliſche Melodien brüllten, mit einer Begleitung von Gläſerklang und Fauſtſchlägen auf den Tiſch. Blood ging voran und riß die Thüre eines verdorbenen und zerfallenen Zimmers auf, mit vielen ſichtbaren Trümmern ehemaliger hoher Pracht. Es war auch in der That ein Ueberbleibſel des bi⸗ ſchöflichen Palaſtes, aus deſſen Ruinen dieſe Herberge beſtand. In der Nitte des Zimmers ſtand ein mit Wein, Obſt, Wiürfeln und einer dampfenden Punſch⸗ bowle bedeckter Tiſch, um welchen eine Anzahl galanter Geſellen herumſaßen. Der Wirth. des„Himmels,“ der langnaſigte Si⸗ mon Bradley verwaltete den Necktar und wälzte ſich 218 in dieſem Augenblicke auf ſeinem Stuhl herum, in ei⸗ nem Anfall von Lachen, ſo durch die Bemerkung eines der Gäſte, eines ſchlanken, muskulöſen Mannes von dunkler Geſichtsfarbe, in ſchimmernder Livree verur⸗ ſacht worden war. Dieſem zunächſt ſaßen zwei zierliche Herren, die abgenutzten Schwelgern aus der Stadt ähnlich ſahen, aber beide waren hübſche, wohlgebildete Männer, deren vornehme Manieren ſeltſam mit ihrem ſchäbigen Ausſehen abſtachen. Da war ein Vierter, deſſen glänzender Aufzug Mervyns Aufmerkſamkeit au⸗ genblicklich auf ſich lenkte. Es war ein ſchöner, keck ausſehender Cavalier, nahe an den Vierzigen, mit lan⸗ gem, lockigtem Haar, einem Schnurr⸗ und Kinnbart nach dem neueſten Schnitte. Sein Anzug war militä⸗ riſch, obgleich nicht gerade die Uniform irgend einer Kriegsmacht. Er trug blaue, aufgeſchlitzte Beinkleider, hohe Stiefeln und einen reich beſetzten Scharlachrock, einen fein gearbeiteten Halskragen, Juwelenringe an ſeinen Fingern und einen aufgeſtülpten Hut. Ein lan⸗ ges Schwert mit einem Korbgefäße hing an einem Stahlgehänge von ſeiner Seite und ein paar Piſtolen lagen auf ſeinem Mantel zur Hand. „Wie! etwas neues zu unſerer Geſellſchaft?“ rief der Herr in Livree. „Ja, wahrhaftig und eine hübſche Zugabe, alter Rowley,“ verſetzte Blood.„Mein Neffe, ihr Herrn, gerade aus der Fremde angekommen.“ „Wie! hat er ſeine Sohlen in den Niederlanden abgekühlt, im Davonlaufen vor den Franzoſen?“ ſagte einer der Schwörbrüder.„Oder iſt er beim Italiener geweſen und hat die Kunſt ſtudirt, die Gurgeln wiſ⸗ ſenſchaftlich abzuſchneiden?“ „Nein, er iſt kürzlich in Frankreich geweſen, Saint Wilmot,“ erwiederte der Oberſt. „O, ich verſtehe— zu Paris, um unter Brinvil⸗ liers das Vergiften zu ſtudieren?“ verſetzte Wilmot. „Bei der heiligen Meſſe, nein, er ſieht aus wie 219 ein ehrlicher Junge— ſage ich, ob er gleich Dein Neffe iſt, Butcherlaw,“ ſagte die Perſon, die man Rowley nannte.„Was ſagſt Du, Junge— biſt Du ſo ehrlich, als es die Zeit mit ſich bringt?“— „Mir däucht, es wird mich dieſer guten Geſell⸗ ſchaft nicht empfehleu, wenn ich ja ſage,“ erwiederte Mervyn.„Wer übrigens nein ſagt, iſt ein falſcher Schurke und lügt.“ „Ei was, dann biſt Du ja eine große Rarität,“ ſagte Wilmot.„Bitte, Ehrlicher, laß mich Dein Geſicht ſehen, Du biſt etwas ſo merkwürdiges als ein ſeuf⸗ zender Alraun.“ „Ihr thätet beſſer, einen Bafilisken anzuſchauen, denn ein ehrliches Auge muß Euch zu Stein beſchä⸗ men,“ verſetzte Mervyn mit Heftigkeit, denn er war über dieſen Empfang entrüſtet. „Wohl geantwortet, bei dieſen Nägeln!“ ſchrie Rowley.„Komm her, Knabe, Du gefällſt mir. Du haſt Witz und Muth— und das ſind in unſern Ta⸗ gen gute Eigenſchaften. Setz Dich zu mir. Mir däucht, es iſt etwas Bekanntes in Deinem Geſichte, das mir erinnerlich ſein ſollte, wenn ich durch das Oxhoft von Punſch in meinem Kopfe beſſer ſehen könnte. Aber das Bild, das er mir zurückruft, taumelt ein wenig vor den Augen. Wilmot, wem ſieht er gleich?“ „Meiner Treu, Hackum, es fällt mir auch auf,“ ſagte Blood zu dem Cavalier in Scharlach, welcher Meroyn mit auffallendem Ernſte betrachtete.„Kommt's Euch nicht vor, als ob er ein wenig nach Eurem ein⸗ ſtigen Herrn ſchmeckt, dem Lord, der ſich im Tower um's Leben brachte?“ „Sagt lieber, der gemordet wurde,“ verſetzte der Cavalier leiſe.„Sainte Vierge! ja, ſo iſt's. Bitte Dich, Knabe, ſieh mich nicht an; Dein unſchuldiges Auge wirft mir meine ſchändliche Freundſchaft mit dieſem Manne vor.“ „Deine ſchändliche Freundſchaft!“ rief der Oberſt 220 wild.„Wie, Burſche, kriegte ich Euch nicht vor zehn kurzen Jahren von den Galeeren los, verſah Euch mit der Feile und dem Hebel, hielt ein Boot für Euch in Bereitſchaft und verſteckte Euch ſodann noch in Alſatia, bis der Lärmen vorüber war?“ „Und dann benütztet Ihr meine Verzweiflung und machtet mich zu dem, was ich bin,“ ſagte der Cava⸗ lier, offenbar ſehr aufgebracht.„Aber brach ich nicht für das Leben, das Ihr mir gabt, den Eid, der mich verpflichtete, meines Herrn Blut in Eurem zu rächen? — Und habe ich nicht jenen Dienſt ſchon oft zurückbe⸗ zahlt? Aber Schurke, ich habe Deine Netze wieder ab⸗ geſchüttelt! Meines Herrn Geiſt ſteht hier und ich muß Dein Leben haben, oder Du mußt mir meines nehmen, ſo— ſetz Dich zur Wehre!“ „Narr!— er iſt wahnfinnig von Branntwein und Citronen,“ verſetzte Blood verächtlich„Seht, wie die zufällige Aehnlichkeit mit einer iriſchen Naſe und ir⸗ iſchen Augen, mit dergleichen Engliſchen, die ſchon lange in Staub verfault—“ „Was, wurdet Ihr in Irland geboren, Knabe?“ ſagte der Cavalier begierig. „Meiner Treu, ich weiß mehr von ſeiner Abkunft, als er ſelber,“ erwiederte der Oberſt.„Und ich ver⸗ ſichere Euch, es iſt ein Küchlein von einem ächt iri⸗ ſchen Ei.“ „Sage mir Junge, wer war Dein Vater?“ fuhr Hackum fort. „Ich hatte nie einen Vater, den ich gekannt hätte,“ ſagte Mervyn unſchuldig. „Ei, da gibt es ein Sprichwort darüber,“ fiel hier Wilmoot ein. „Und in Irland geboren,“ murmelte Hackum. „Komm Freund, laß Dich nicht von dem Wein bethören,“ ſagte Blood, begütigend.„Du weißt, es iſt nicht gut mit mir ſpaſſen.“ „Denn wer mit dem Teufel Suppe eſſen will, 221 ſollte einen langen Löffel haben,“ bemerkte Wilmot lachend. „Drohe mir nicht, Blood. Ich verachte Dich und Deine Drohungen,“ verſetzte der Cavalier.„Beim Leben, Du haſt mir zahlloſe Lügen geſagt, wie Du in jener Nacht meine Abſicht nicht verſtanden habeſt— gedacht hätteſt, ich ſei an die ſchändliche Gräfin ver⸗ kauft geweſen, wahrhaftig, und ihn aus Mitleid hätteſt befreien wollen! Aber ich ſetzte nie Glauben in Dich, und will meine Gedanken nicht länger zurückhalten! Ich ſage Dir, Blood, trotz aller Unternehmungen, in denen wir Brüder geweſen ſind, Du biſt ein ſchwarzer und gräulicher Mörder!“ „Ihr lügt, Schurke! Ich erſchlug noch Niemand, außer in ehrlichem Gefecht, brüllte der Oberſt, indem er ſeiner ſeither unterdrückten Wuth nachgab. „Was, lügen! Nimm die Lüge zurück und dieß dazu, Du grauſamer Böſewicht!“ verſetzte Hackum, griff nach einer Flaſche und warf ſie gegen Bloods Kopf, fehlte jedoch, ſo daß ſie von der Wand gegenüber in Scherben herunter fiel. Mit einem wilden Schrei, der dem eines reißenden Thieres glich, ſprang Blood vor, indem ſein Schwert aus der Scheide blitzte und auf das Hackums mit einer Wuth traf, daß die Funken umherflogen. Die ganze Geſellſchaft ſtand in Verwir⸗ rung auf. „Rocheſter, Buckingham, trennt ſie!“ rief Rowley und faßte Bloods Arm.„Blood, ich befehle Euch, ſteckt Euern Bauchſchlitzer ein⸗— was für beſoffene Händel ſind dieß?— Was tauſend, iſt der Herr einer von Ormondes Partei?⸗ „„Ich bin keiner von der Faction— ich verab⸗ ſcheue ſie,“ ſagte der Cavalier wild.„Haltet mich nicht, ihr Herren! es iſt ein alter Streit, ſchon viele Jahre her unterdrückt; aber im Wein iſt Wahrheit und ich ſage Euch, er iſt ein greulicher, ungeheurer Schurke, nicht werth, zu leben.“ 4.l 222 „Pah, das weiß die ganze Welt: Habt Ihr nichts neues gegen ihn vorzubringen?“ ſprach Rowley mit dem Tone eines Friedensſtifters.„Habt Ihr je von einem gehört, er ſei ſeiner Tugenden halber ein weiſer Mönch geworden?“— „Aber dieſer da iſt ein Teufel!“ ſchrie Hackum, nach einem Blicke auf das bleiche und erſchrockene Ge⸗ ſicht Mervyns, auf's neue wüthend.„Er iſt ein Teu⸗ fel, ein Teufel, ein Teufel!, Geſtehe, Du Schurke! mordeteſt Du nicht mit Deiner Verräthershand den edlen Lord Aumerle, als er in dem Tower gefangen. ſaß?“ Blood erhob unſchlüſſig ſein Schwert, aber⸗Rowley hielt ihn zurück; ſeine Lippen waren mit Schaum be⸗ deckt und er ſah ſchwarz im Geſicht aus, als ob er am Schlagfluſſe niederſtürzen würde. „Was, Du lebendiges Menſchenkind, träumſt Du?“ rief Wilmot.„Mein theurer Freund, glaubt mir, der Punſch hat Euern Verſtand überſchwemmt. Wiel jede Seele in England weiß ja, daß Lord Aumerle Selbſt⸗ mord im Tower beging in der Nacht des großen Brandes!“ „Nehmt Euch in Acht, Menſch, nehmt Euch in Acht!“ ſagte Blood, indem ſeine Zähne vor Wuth klapperten,„oder bei dieſem Lichte des Himmels, ich will kund thun, wer Ihr ſeid!“ „Was kümmerts mich? Habt Ihr ein Glied von des Königs Garden zu Eurer Unterſtützung?“ verſetzte Hackum.„Meine Herrn, ich kümmere mich nichts da⸗ rum; hört mich! Ich bin Claude Duval— Claude Duval, der Straßenräuber!“ „Claude Duval!“ wiederholten alle die luſtigen Geſellen, mit großem Erſtaunen. „Ja, Claude Duval, ihr Herrn. Fahrt nicht zu⸗ rück— ich bin als Freund zu Euch gekommen und es lebt kein Mann, der ſagen könnte, daß Claude Duval 1 223 jemals ſeine Religion oder ſeine Freunde verrathen habe.“ 1„Seid Ihr der große Räuber?“ rief Mervyn. „Dann ſchlage ich mich zu Euch. Denn ſo oft er auch ſagen mag, er ſei mein Oheim, ſo ſind mir Räuber doch näher verwandt als er.“ „Ich bin ſtolz darauf, Eure Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, tapferer Duval!“ ſagte Rowley, nach einer kur⸗ zen Pauſe.„Hier iſt meine Hand, ich habe ſchon lange gewünſcht, Euch zu ſehen, denn von allen Schel⸗ men in England ſeid Ihr der einzige, der wie ein Mann aufzutreten wagt.“ 4 „Ja, ſo ſage auch ich,“ rief Wilmot;„deßwegen laßt uns alle freundſchaftlich und gefällig ſein, Mann; ihr ſeid in der That der einzige ehrliche Räuber von uns allen?“ „Aber, mir däucht, Ihr thut Eurem Freunde, dem Oberſt Unrecht,“ ſagte Rowley.„Er führte Euch als einen luſtigen Geſellſchafter bei uns ein und wenn Ihr ſo ſehr ein Gentleman ſeid, ſo ſolltet Ihr unſer Gelag nicht mit Privathändeln ſtören. Wie, Mann, ich war einer von der Jury, die Lord Aumerle für einen Selbſt⸗ mörder erklärte und wir thaten's auf vollkommene Be⸗ weiſe hin. Ich ſah mit meinen eigenen Augen, daß es keinem Menſchen möglich war, hineinzukommen, um ihn zu morden; es waren drei maſſive verriegelte und verſchloſſene Thüren da, mein Freund, und wenn nicht der Oberſt zum Schlüſſelloch hineinkriechen konnte— „lleberdieß,“ fiel Wilmot ein,„wofür ſollte er ihn ermorden, wenn er die Arbeit ſeines Dolches nur dem Beile des Scharfrichters zu überlaſſen brauchte?“ „Es iſt ein Glaube, den ich über mein Sterbe⸗ ſtündlein hinaus nicht aufgeben werde,“ ſagte Claude mit einer melancholiſchen Stimme und indem ihm die Thränen in den Augen ſtanden.„Aber ihr Herrn, wie Ihr ſagt, es iſt kein Beweis da— und jeder Mann 224 3 iſt ſo lange unſchuldig, bis er überwieſen wird— es wird eines Tages gerichtet werden!“ 4 „Ich habe von Dir mehr ertragen, Duval, als ich mir je einbildete, daß ich von irgend Jemand er⸗ tragen würde,“ rief Blood, indem er langſam die Spitze ſeines Schwertes ſenkte. „Ja, wahrlich. Ihr könnt mich gebrauchen,“ er⸗ wiederte Duval.„Aber Dank ſei dem Himmel, Ihr habt mich noch nie zu einer Eurer blutigen Thaten verlocken können, ob ich gleich an mehr Schelmenſtücken und Räubereien von Euch Theil genommen habe, als ich je verantworten kann.“ .„Was, wart Ihr nicht mit mir bei der Befreiung des Kapitäns Maſons aus den Händen der Dragoner?“ ſagte der Oberſt mit einem finſtern Lachen. „Ja, aber es war Mann gegen Mann, in ehrli⸗ chem Gefecht,“ erwiederte Claude. „Unſinn, Mann! der Wein verdunkelt Euer beſ⸗ ſeres Urtheil,“ ſagte Blood, indem er ſein Schwert einſteckte;„und ſo hatte ich Streit mit dem Weine und nicht mit Claude Duval. Hier iſt meine Hand, Hech, und hebt Euern kalten Stahl für kalte Herzen auf.“ Auf das Zureden der Geſellſchaft verſtand ſich Du-⸗ val mit vielem Widerſtreben dazu, die dargebotene Hand anzunehmen, die ſich durch ihre ungemeine Größe und einen mißgeſtalteten Daumen auszeichnete. Alle nahmen hierauf ihre Sitze wieder ein und der Wirth 4. kam plötzlich wieder unter dem Tiſche hervor, wohin er ſich geflüchtet hatte. Eine friſche Bowle Punſch wurde gebracht, und Rowley bemühte ſich nicht ohne Erfolg, die Heiterkeit des Gelages wieder herzuſtellen. Nach und nach verſchwand jedes Andenken an den ſo eben ſtattgehabten Streit unter häufigem Zutrinken des Necktars, und Mervyn ſah mit Erſtaunen, daß, jemehr ſie betrunken wurden, um ſo mehr aller Groll der Strei⸗ tenden verſchwand, bis ſie zuletzt einander wirklich um⸗. — 25 armten und verſicherten, die beſten Freunde im Leben zu ſein. An die Nüchternheit und den ſtrengen Sittenan⸗ ſtand gewohnt, die zu St. Omer eingeſchärft wurden, trieb beinahe jedes Wort, das er hörte, ein Erröthen auf Mervyns junge Wangen und er ſaß da, ſtaunend und horchend wie ein unſchuldiger Schäfer, der zufällig zu den Orgien von Satyren gerathen war. Die freien Anſichten, die über alle Gegenſtände geäußert wurden — Weiber, Religion, menſchliche und göttliche Geſetze — machten, daß ſeine Ohren vor Scham klingelten; aber dennoch lag eiwas unglücksvoll Bezauberndes in der zügelloſen Lebhaftigkeit dieſer Zechbrüder. Rowley ſchien ein Mann von vielem Humor zu ſein; in Allem, was er ſagte, lag eine ſatyriſche Tiefe, die eine lange Bekanntſchaft mit den Menſchen beurkundete, und ſeine zwei Gefährten waren augenſcheinlich Männer von großen Talenten und glänzendem Witze. Aber auch dieſe beiden zeichneten ſich durch große Schatten des Charakters aus. Wilmots Witz war bitter und miſan⸗ tropiſch, zu Zeiten düſter und dann wieder auf'’s Aeu⸗ ßerſte lüderlich. Des Villiers Witz hingegen mehr funkelnd und ehrgeizig, als boshaft, aber öfters außer⸗ ordentlich ſarkaſtiſch, beſonders wenn er ſich mit Wil⸗ n einließ, der mit ihm in beſtändigem Scharmützel and. Mervyn glaubte aus verſchiedenen Anzeigen ſchlie⸗ ßen zu dürfen, daß dieſe Geſellen von höherem Range ſein müßten, als ſie vorgaben, und Rowley maßte ſich eine Art Oberherrſchaft an, der ſich alle Andern zu ſchmiegen ſchienen. Indeſſen war er empört über die Gottloſigkeit und Blasphemie, in deren Kundgebung alle einen Stolz zu ſetzen ſchienen. Aber Rowley ſuchte fortwährend des Jünglings Scruppel in Ge⸗ lächter und Wein zu erſäufen. Umſonſt widerſtand er; er wurde als ein Milchſuppenmaul verſpottet und Whitefriars. I. 15 226 enöthigt, Glas auf Glas zu trinken, bis er, vom ſtar⸗ en Getränke und ſeiner natürlichen Lebhaftigkeit über⸗ wältigt, ſich mit einer jubelnden Keckheit des Humors herausließ, die wegen ihrer natürlichen Friſche die wilden Geſellen höchlich zu ergötzen ſchien. Neunzehntes Kapitel. Eine Nacht in Alſatia. „Du biſt ein luſtiger, kleiner Kauz, Ichabod, mit Deinem Judennamen!“ ſagte Rowley, indem er ſich auf den Stuhl zurücklegte.„Ich denke, Du wirſt mir gefallen und ich werde Dir von Nutzen ſein.“ „Kannſt Du Schöpfenfleiſch eſſen, Kind?“ ſagte Wilmot, lächelnd.„Wenn Du's kannſt, iſt Dein Glück gemacht.“ „Ja wohl kann ich's, aber fettes Wildpret iſt beſſer,“ verſetzte Mervyn. 3 „Beim Himmel, Rowley, und iſt nicht dies beſſer, als unſer Gehirn in dem Kreiſe der Staatsgeſchäfte zu Buttermilch zu ſchütteln?“ ſagte Villiers, indem er veß Schaum von ſeinem Punſche auf Rowleys Teller ies. ⸗ „Ja, das iſt das einzige Leben für Männer von Verſtand, wenn's nur ewig währte,“ verſetzte Wilmot znss einem Seufzer.„Was ſingt der weiſe, alte Ana⸗ rreon? „Könnt Gold vom ſchnellen Lebensraub Die Spanne nur entziehn, So wollt ich um den Glimmerſtaub Mich ſpät und frühe müh'n. Daß, wenn der Tod einſt zu mir flöge, Er nähm ſein Gold und weiter zöge. 227 Doch ſteht für uns kein Leben feil, Warum vergeblich fleh'n? Und trifft als Tod des Schickſals Pfeil, Wie kann ihn Gold umgehn? Drum Freunde ſink' in Götterwonne Und Purpurwein die Lebensſonne!“ „Ich habe auf Dich Acht gegeben, Jack, in der neueſten Zeit,“ ſagte Rowley, da Wilmot ſeine Reci⸗ tationen beendigt hatte. Und glaube mir auf mein Wort, Du wirſt nicht in des fröhlichen Alten Glauben ſterben. Du wirſt Dich bekehren und ein Kopfhänger und Greiner werden.“ „Gewißlich und wahrlich, denn ſeine Seele bebet,“ fiel Villiers ein mit einem frömmelnden, ſingenden Tone.„Denkt Ihr nicht daran, wie er letzten Sommer, da er das Fieber hatte, winſelte und den hartredigen, ſchottiſchen Prädicanten Burnet an ſein Bette kommen ließ, um mit ihm zu beten.“ „Ei nun, Ihr wißt, was der Teufel that, da er krank war, ihr Heldenburſchen,“ verſetzte Wilmot. „Wohl, wohl, füllt Eure Gläſer— aber ob das gleich ein luſtiges Leben iſt, ſo lang man's führt, ſo zweifle ich doch, ob's auch mit einem ſo muntern Tode enden wird.“ „Pah, pah, Mann, genießt das Leben, ſo-lang es währt, und nehmt den Tod, wenn er kommt,“ ſagte Blood.„Ei was, Jack! der Heilige und der Sünder kommen Beide auf daſſelbe hinaus— eine Bildſäule in Fleiſch ausgehauen, das iſt Alles.“ „Ich verbürge mich, Ihr habt manche ſolche Na⸗ tur mit Eurem Dolch und Eurer Toledoklinge aus⸗ gemeißelt, Blood,“ rief Duval.„Und, wie mir's vor⸗ kömmt, kann ich gerade jetzt eine von Eurem Mach⸗ werk vor mir ſehen.“ „Was kannſt Du ſehen, Narr?“ fragte der Oberſt und warf einen fürchterlichen Blick im Zimmer umher, und fing an, ſeinen Wein mit einem erzwungenen Ge⸗ lächter hinunter zu ſchlürfen. „Laßt uns nichts mehr von dieſen Narrheiten hören, ihr Herren,“ unterbrach ihn Rowley.„Es iſt aber kein Wunder, daß wir auf die grünen und gelben Blätter der Unterhaltung kommen: unſere Punſchbowle iſt ſo leer, als eines ehrlichen Mannes Geldſäckel— Wirth, ſeht darnach!“ „Punſch ſoll leben!“ rief Simon, indem er ſich deſchafti⸗ aufmachte.„Ich möchte wiſſen, ob das Waſſer ei der letzten Bowle ſiedend war— mir däuchte, daß der Trunk zuviel nach Citronen ſchmeckte.“ Und hinaus taumelte er mit dem Necktartopfe, wie ihn Wilmot nannte. „Komm, komm, Claude, Mord oder nicht Mord, es iſt über zehn Jahre her,“ ſagte Rowley, indem er das traurig, nachdenkliche Geſicht Duvals beobachtete. „Und wie die verfluchten Schotten ſagen: laßt vorüber ſein, was vorüber iſt; obgleich ſie ſelber niemals ver⸗ geben. Luſtig, Jack!— was hilft's, ſo traurig auszu⸗ ſehen, Mann?— Warum hängt Ihr das Maul ſo?“ „Auf Ehre, Mylord, ich bin ſchon aufgeräumter geweſen,“ erwiederte Wilmot mit einem zerſtreuten Lächeln.„Meine Geſundheit läßt nach, und es kömmt mir vor, wenn Dr. Lloyd recht prophezeit, als ob ich eines ſchrecklichen Todes ſterben würde.“ „Wie, Mann, Ihr ſeid noch in dem Sommer Eurer Lebenstage,“ ſagte Rowley, heiter.„S'iſt Zeit genug, Euch zu bekehren, wenn Ihr nichts Beſſeres mehr thun könnt— auf den ſchlimmſten Fall dürft Ihr nur katho⸗ liſch werden und Euch abſolviren lafſen. Ueberdieß, wenn Ihr verdammt werdet, Junge, ſo kommt Ihr in die beſte Geſellſchaft. Was ſagt der alte Shirley? da Ihr uns ein Stück von Anakreon zum Beſten gabt.“ Er begann ſodann ſeine ſchönen Lieblings⸗Stanzen, wie man ſie aufbewahrt hat aus dem Wettſtreit des Ajax und Ulyſſes, zu ſingen oder vielmehr zu brummen. 229 „Die Schimmer von Geburt und Glück Sind Nichts und fliehen ſchattenwärts; Kein Harniſch trotzet dem Geſchick, Eiskalt greift Tod an's Königsherz: 7 Scepter und Kron In Staub und Thon Fallen allzumal herab Zu Sichel, Spaden und Bettelſtab!“ „Ich wollte Euer Hoheit hätte eine beſſere Stimme, der Wille iſt gut,“ ſagte Wilmot, deſſen Augen von Thränen und Wein überfloſſen.„Gut, gut, ich werde in dieſem Leben das nicht lange mehr wünſchen, und wenn ich ſterbe, werde ich zum Teufel fahren— nicht wahr, Blood?“ 4 „Wenn's eine ſolche Perſon gibt, ohne Zweifel,“ erwiederte der Oberſt unbefangen.„Aber zum Hen⸗ ker! da kommt der alte Simon mit dem Punſch— ſo, keine Worte mehr— die ſtören im trinken.“ „Und nun,“ ſagte Rowley, nachdem eine Pauſe in der Unterhaltung eingetreten war,„ſag; uns Blood, wie gelingt dies mit der bewußten Geſchichte im Tower?“. „Mein Lehnsherr!“ rief der Oberſt, mit Beſtür⸗ zung.. 3 „Wie, Dein Lehnsherr? Bin ich der Teufel oder der Herzog von Monmouth?“ ſagte Rowley, ſcharf. „Nun, die Sachen gehen ganz gut, Herr,“ ſagte Blood.„Ich habe dem alten Aufſeher mehrere Beſuche abgeſtattet, und er iſt faſt überzeugt, daß ich ein über⸗ aus gottſeliger, puritaniſcher Geiſtlicher bin. Auch habe ich eine kleine Unterhandlung eingefädelt, wie ich ſeinen Sohn, einen rauhen Seekapitän, mit einer ſchönen Tochter von mir, die durch die Erbſchaft einer Groß⸗ mutter reich geworden iſt, verheirathen will.“ „Und hält Dich, mit Deinem ſchurkiſchen Geſichte, 230 der alte Mann wirklich für einen anſtändigen, ſittlichen Mann?“ verſetzte Wilmot. „Ja, und wir beſprechen gottesfürchtige Materien, im vollkommenen Style der Frommen, ſo daß es ein Balſam aus Gilead iſt, uns in unſerer geiſtlichen Ge⸗ meinſchaft zuzuhören,“ erwiederte Blood in einem hypokritiſch weinerlichen Tone.„Aber, was iſt das, meine Herrn, unſere Punſchbowle ſchon wieder trocken, und ich habe meine Lippen nicht daran genetzt!“ „Gehe, Simon und miſche für uns etwas mehr von dem Angenehmen der Citronen mit der Stärke des Branntweins und gieße weniger Waſſer dazu, daß aber dennoch das Gefäß gefüllt werde,“ ſagte Rowley mit großer Feierlichkeit. „Ja, ja, mehr Punſch, ich verbürge mich, luſtige Geſellen, meiner Treu,“ ſtotterte der Wirth mit ſchwa⸗ cher Stimme und einem einfältigen, betrunkenen Lächeln. „So, ſo— ich verſichere Euch, ich weiß den Weg. Eines von meinen Augen iſt noch nüchtern.“ Aber der ehrliche Simon hatte ſich kaum von ſei⸗ nem Stuhle erhoben, als er, mit ſammt der Punſch⸗ bowle und Zubehör, vorwärts ſiel. Rowley hob ihn auf, aber alle Verſuche, ihn nüchtern zu machen, waren vergeblich, und ſie mußten ihn in ſeinem Stuhle ſchnar⸗ chen laſſen. Sie läuteten ſodann eine Glocke, die auf dem Tiſche ſtand, und Miſtreß Temperanz trat herein; auch ſie war etwas aufgeregt. Sie nahm jedoch das Begehren nach noch mehr Punſch nicht ſehr geneigt auf. „Ihr habt genug getrunken, ihr ſaubern Herrn,“ ſagte ſie entſchieden,„und ich weiß nicht, wie ich zu meiner Bezahlung kommen ſoll. Da iſt mir der Oberſt hier eine Rechnung für drei Monate ſchuldig, und ich habe, ſo wahr ich eine chriſtliche Frau bin, noch keinen Engel⸗ thaler davon geſehen.“. „Ei, ei, Frau, wie närriſch Ihr thut?“ ſagte Blood; „wollt Ihr mich vor meinen Gäſten zu Schanden ma⸗ chen? Das wird Alles in guter Zeit bezahlt werden; 231 und unterdeſſen biſt Du mir einen Kuß dafür ſchuldig, daß Du mich heute früh auf die Wange geſchlagen haſt, daß ſie erröthet iſt!“ Und, indem er die Wirthin bei ihren Schultern und um ihren ſtarken Leib faßte, verſetzte ihr Blood einen herzhaften Kuß. Dies ſchien Miſtreß Temperantia zu beſänftigen, und indem ſie ihn einen„nichtsnutzigen, ſüßen Schelm nannte,“ und ihren Mann,„ein häßliches, grunzendes Ferklein,“ las ſie die zerbrochene Punſch⸗ bowle auf und trat ab. „Ich bedaure Dich, Blood,“ ſagte Wilmot;„es iſt eine Buße, die die Hälfte Deiner Sünden auslöſchen olte wenn Du um Deine Koſt ſolche Lippen zu küſſen ha. „Ich möchte es nicht für mein Leben thun,“ ſetzte Rowley mit Stöhnen hinzu. „Meiner Treu, Euer Gnaden kann ſo ſagen,“ er⸗ wiederte der Oberſt,„da Ihr die Auswahl unter den erſten Schönheiten Londons habt.“ „Wie, Mann, da mußt Du vom König ſelbſt be⸗ neidet werden, ſo ein großer Liebling er auch bei den ſchönen engliſchen Damen iſt!“ rief Claude Duval, aus einem langen Sinnen erwachend, während deſſen er Mervyns Angeſicht betrachtet hatte. „Nein, ich bin fürwahr nicht ſo beneidenswerth, wenn man Alles wüßte,“ murmelte Rowley mißver⸗ gnügt,„denn was ſagt der alte James Shirley? mein Vater, der nicht Witz genug hatte, ſein Haupt auf den Schultern zu erhalten, liebte ihn ſehr!“ „Die Schimmer von Geburt und Glück Sind Nichts, und flieh... „Wetter noch einmal! was für ein Geſang iſt dies für Alſatia?“ rief eine neue Stimme, und hinter Mrs. Temperanz und der Punſchbowle trat ein außeror⸗ dentlich hübſcher ju nger Mann herein, in der Uniform der königlichen Garde gekleidet, die aber dem Anſchein 2322 nach in einem kürzlichen Handgemenge in Unordnung gekommen war. „Nun habt die Güte, ihr Herrn, entſchuldigt mich,“ ſagte Miſtreß Temperanz.„In der That, ich kann nichts dafür. Dieſer junge Herr kommt da herein ge⸗ poltert, und da er an dem Klingen Eurer Gläſer hört, was für gute Geſellſchaft ihr ſeid—“ „Oh, macht kein pardonner moi, gute Wirthin,“ unterbrach ſie der junge Offizier; alle Schelmen ſind Brüder in Alſatia. Ich habe gerade in Holborn mei⸗ nen Gegner todt auf dem Platze gelaſſen und komme, um hier Zuflucht zu finden, wo ich weiß, daß ſie die Tugend immer findet, bis meine Freunde die Sache ausgeglichen haben. „Du, Deinen Gegner erlegt! fürwahr, Du haſt früh angefangen, mein Haudegen!“ rief Rowley.„Thut aber nichts! Wie ich zuvor ſagte, wenn der Teufel ſelbſt kommt, iſt er willkommen. Bringt ihm einen Becher, Mutter Temperanz— der Name wohl, aber nicht die Sache; das iſt jedoch die Mode des Zeitalters.“ „Was hatte der Mann gethan, Deinen Zorn zu entflammen, Du füßer Auszug der Zeiten?“ ſagte Wil⸗ mot.„Hat er Dir auß's Hühnerauge getreten, oder geſchworen, daß Du keinen Bart habeſt, was, bei meinem Strumpfband, höchſt jüngferlich der Fall iſt!“ „Nein, ſo ſchlimm war's nicht, oder ich hätte ihn noch dazu aufgefreſſen,“ verſetzte der junge Todſchläger; er hieß blos meine Geliebte, eine, nicht Beſſere, als ſie ſein ſollte, und das war anch die Wahrheit; aber es vertrug ſich nicht mit meiner Ehre, es ſagen zu laſſen.“ „Und, bitte, was für eine junge Gans führt Dich, in Ermangelung eines Affen, am Bändel herum?“ ſagte Wilmot. „Ob, ich kann Euch ſagen, ſie iſt keine von Euren Backfiſchlein,“ verſetzte der Offizier.„Ich kenne zween große Männer, die manches Thörichte gethan haben, —— — — 233 um ihr Lächeln zu gewinnen, und dann iſt noch ein Dritter, ein ſehr großer Mann, fürwahr, der, wenn er ſie zu vergeben hätte, die Welt drum geben würde, um ſie ſich treu zu erhalten.“ ⸗ „Da kommt einiges neue Scandal von unſerem tugendhaften Hofe,“ ſagte Rowley, indem er ſeinen Gefährten zurückte.„Was für Edelleute ſind denn das, die Deiner Dulcinea nachſtellen? Sind es Spitzbuben am Hofe oder außer dem Hofe, inländiſche oder aus⸗ ländiſche— ſprich!“ 3 „Oh, ſie ſind berüchtigt in allen Stücken, in denen irgend eine Schurkerei ſteckt,“ erwiederte der Geflüchtete. „Heute ſind ſie für den König und den Hof, aber was ſie morgen ſein werden, hängt vom Wind und Wetter ab. Doch ſollen ſie gute Köpfe haben, und man ſagt ihnen nach(dies kann übrigens falſch ſein), daß ſie die Söhne von zwei berüchtigten Wüſtlingen, den Lords von Buckingham und Rocheſter ſeien.“ „Schurke, Du lügſt!“ riefen Wilmot und Villiers zugleich, indem ſie auffuhren und die Hand an's Schwert legten. „Ruhig, meine Herrn!“ befahl Rowley, herzlich lachend.„Und Ihr, Herr Soldat, haltet Eure chole⸗ riſche Tapferkeit im Zaum, wenn ich Euch ſage, daß dieſe würdigen Squires im Dienſte der beiden großen Lords ſind, und dieſelben über Alles auf Erden und im Himmel hochſchätzen und lieben.“ „Oh, ich ſchloß von ihrem Ausſehen, daß ſie nichts Beſſeres ſein könnten,“ ſagte der Offizier mit Gering⸗ ſchätzung und warf ſein halbgezogenes Schwert in die Scheide zurück. „Setzt Euch nieder, Herr, und trinkt auf's Ver⸗ geſſen aller Unfreundlichkeit,“ rief Rowley.„Gott's Fiſch! er nimmt mich ſcharf genug beim Worte! Aber bitte, von was für einem großen Manne ſprecht Ihr da und wie heißt Eure Dame, daß wir ein Glas auf Ihre Geſundheit trinken können?“ 234 „Das iſt ein Geheimniß überall, außer an unſerm Regimentstiſch,“ verſetzte der junge Offizier.„Aber ich will Euren Punſch nicht umſonſt trinken, ſondern ich will Euch lehren, Euren Geſang zu reformiren. Iſt das traurige Lied von Shirley ein Geſang für Alſatia? Da man von dem launigen Sedley ein ſo 5 gutes, neues Gedicht hat? Horcht auf und fallt in den Chorus ein: es lautet gar nichtsnutzig und angenehm.“ Er ſang hierauf mit einer überaus ſüßen, aber weiblichen Stimme das folgende Lied: 7 Die luſtigen Weißmönche(White Friars). Wir ſind all' luſt'ge Mönche— Bruder Schelm ſei mir werth, Sei der Nam' aus der Mode— hat das Ding ſich vermehrt, Denn, ohne Perrück, Beffchen, Degen und Stern, Kennt kein Teufel den Galgende vom großen 3 errn; Und ſingt man was wahr i8, ohne Namen, da glei Mwpylady der Sulanne, die des Nachts herumſtreicht. Drum luſt'ge Weißmönche, thu“ den Trinkſpruch ich geben: Es leben die Schelmen— Wein und Weiber dar⸗ neben! Wir find all' luft'ge Mönche— Werd nicht roth Bruder Schuft! 1 Unſer Orden iſt ſo alt und ſo groß wie die Gruft, Schilt der Pfaff Euch gottlos— lacht ihm in's Geſicht; Ohne heil'ge Grimaſſen, was wäre der Wicht! Der Soldat ſprach von Memmen, der Richter vom Dieb; Ohne Rothrock und Amtsſtab wären ſie uns ſo lieb. 235 D'rum luſt'ge Weißmönche— Ale Schelmen ſolln eben! So lautet mein Trinkſpruch— Wein und Weiber darneben!“ „Ein ſehr gutes Lied, und ſehr gut geſungen,“ ſagte Rowley und betrachtete den jungen Offizier mit einer komiſchen Miſchung von Trunkenheit und Neu⸗ gierde.„Aber bitte, Du biſt ein hübſcher Kerl für Dein Alter und Deine Größe, ſag' uns, was für ein Mädchen iſt das, der dieſe zwei große Lords nachge⸗ hen? Ich will Dich niemals verrathen; Du weißt, Diebe haben Ehre, und wer mir traut, traut einem Schelmen.“ „Nein, lieber Junge, es würde nicht gut zu dem point d'honneur Deines noch rauchenden Mordes und Deiner künftigen Erwartungen paſſen, das Vertrauen Deiner Dame zu verrathen,“ ſagte Villiers haſtig. „Nein, ſie ſagte es nicht im Vertrauen; alle Welt darf es wiſſen, außer ihre thörichte Gliederpuppe,“ er⸗ wiederte der Offizier, lachend.„Seht hier,— ich zeige das in allen Geſellſchaften— es iſt ein Geſchenk, das ſie mir dieſen Morgen machte, indem ſie herzlich über den verliebten Salomon lachte, der es ihr kaum eine Stunde zuvor gab!“ Und damit warf er ein diaman⸗ tenbeſetztes Armband von ausgezeichneter Arbeit und Feuerglanz auf den Tiſch. „in Geſchenk für Dich!“ rief Rowley, und griff grimmig darnach.„Was, Du Papagei mit dem Jung⸗ ferngeſicht, Du lügſt ärger, als der Schwarze ſelbſt! Dir ein Geſchenk! Schurke, Du haſt es geſtohlen.“ „Geſtohlen! ich verachte dieſes Wort,“ rief der Offizier mit Verachtung,„und— ſäh ich nicht, daß Ihr von Punſch angeſchwellt ſeid— was, Mann, ich ſage Euch, es war Miſtreß Gwyn, die es mir gab und dazu ſchwor, ſie würde ſich nie davon getrennt haben, dienſt, als ich ſei, zu geben.“ „Was, Nell Gwyn,— Nelly Gwyn!“ rief Row⸗ ley, ſtotternd vor Wuth.„Was!— ſage ich— beim Leben, das halte ich nicht aus! Gib mir das Bracelett, Knabe, und ich will Dich noch gehenkt ſehen, wenn ich's nicht ſelber werde.“ „Nur mit meinem Leben werde ich's aufgeben,“ verſetzte der Jüngling, indem er das Armband in ſei⸗ wäre es nicht, um es einem Kerl von ſo großem Ver⸗ b nen Buſen ſteckte und trotzig ſeinen Hut in die Stirne drückte. „Was, mit Deinem Leben alſo,“ erwiederte Row⸗ ley und that einen erfolgreichen Griff darnach.„Und nun, wenn Du es zurückgewinnen willſt, heraus mit Deinem Rapier. Ich werde nicht ſobald die weiße Feder zeigen, als das Küchlein, das Du durch Ueber⸗ rumpelung umgebracht haſt.“ „Meiner Seel, ich bin des Todſchlagens für die⸗ ſen Abend müde,“ ſagte der Offizier nachläßig.„Aber da Ihr nun den Namen der Dame kennt, meine Her⸗ ren, habt Ihr ſicherlich nicht die Zuverſicht, zu ver⸗ läugnen, was ich von Euch behauptet habe— von Euch, falſche Edelleute, denn Ihr ſeid nicht ſo ſehr vermummt in dieſen Bettlersanzügen, als Ihr es in Euren Earls⸗Mänteln ſeid.“ 7 „Ich dulde keine ſo niedrige Schmähung in dieſer Gegenwart!“ rief Villiers, indem er aufſprang und ſein Schwert zog. „Dieß iſt ein Schimpf an der menſchlichen Natur,“ ſagte Wilmot, dem Beiſpiele ſeines Kumpans nach⸗ ahmend. „Pfui, Ihr Herren! Das iſt nicht ehrlich, Drei gegen Einen und ich will mich auf des jungen Herrn Seite ſchlagen,“ ſagte Claude, ſein Schwert herausrei⸗ ßend und graciös ſchwenkend. 4 „Und ich werde dieſe Flaſche, dem Erſten, der ihn anrührt, an den Kopf werfen,“ rief Mervyn, indem er . —.-— 237 eine Flaſche ergriff und vor Unwillen roth wie Schar⸗ lach wurde. „Auf Ehre, Brüder, ich danke Euch, aber ich brauche keine Hülfe,“ ſagte der Officier ganz kaltblü⸗ tig.„Ich hacke den in Stücke, der ſich regt— ſei's für oder gegen mich— ich ſpieße Euch an mein Schwert, wie die Nierlein. Gotts Wunder! Burſche, glaubt Ihr, ich laſſe mich von ein Paar Schuften, in einer Winkeltaverne, in Schrecken ſetzen?“ 3 „Womit kannſt Du beweiſen, Schurke! daß wir, — daß ich Buckingham, unſern königlichen Herrn, je ſo verrathen könnte?“ rief Villiers. „Oder ich?“ ſchrie Wilmot. „Nun, da Ihr Beweiſe fordert, Mylords, hier iſt einer, der ſich nicht leicht widerlegen läßt,“ ſagte der ſcheinbare Officier lachend und nahm ſeinen Hut ab, worauf eine Fülle reicher goldner Ringellocken ihm über's Geſicht herunterfiel.„Ihr mögt ſtaunen, werthe Her⸗ ren, aber mir däucht, ich ſollte im Stande ſein, über ne Gwöns Anbeter die Wahrheit zu berichten, nicht wahr?“ „Was Nell, Nell, beim Leben, was für ein wilder Streich iſt das?“ rief Rowley, indem er ſein Schwert fallen ließ. „Wie Charles, Charles, was für ein wilder Streich iſt das?“ erwiederte die excentriſche Schöne.„Seid Ihr ein Alſatia⸗Squire geworden? Iſt dieß ein ſchick⸗ licher Platz, die Majeſtät von England zu beherbergen? Schande über Euch, Mylords, Euren König in Eure Schelmenwinkel zu führen und die Wohlfahrt Englands un die Degenſpitze irgend eines wüſten Zechbruders zu agen! —„Nell, Nell, Du biſt die indiscreteſte Creatur!“ rief der König aus, indem er ſie in die Arme ſchloß. „Und der ſüßeſte Offizier!— aber Nell, dieſe lärmen⸗ den Streiche werden Dich über kurz oder lang in's Verderben ſtürzen.“ 3 8 „Est il possible! ſeid Ihr der König, Herr Rowley?“ rief Claude.„Aber König oder Schuh⸗ flicker, Ihr ſeid ein herzguter Geſelle und das iſt noch beſſer. Süße Miſtreß Nell, ich empfehle mich als einen alten Bekannten Eurer Erinnerung.“ „Und, Claude auch, Du biſt ein guter Kerl, in Deiner Art,“ ſagte der Frnin indem er mit Würde ſich aufrichtete.„Aber, bei alle dem, wenn ich Dich in die Klauen meines Sheriffs kriege, ſollſt Du ſo gewißlich in der Luft ſchwangen, als die Sonne heute untergehen wird.“ „Und, Charles, Du biſt beſſer als neun Zehntel der Spitzbuben, die eine Krone tragen,“ erwiederte Claude, der höchſt betrunken war.„Aber wenn ich Dich allein finde und Dir nicht Deinen Geldbeutel abnehme, ſoll die Sonne nie mehr aufgehen.“ „Es wäre kaum der Mühe werth,“ ſagte Charles gutmüthig. „Aber, ſüße Miſtreß Nell, ich erſuche Euch,“ hub Wilmot in ſeinem gewinnenden Tone an,„Ihr habt nicht im Sinne, uns vor Ihrer Majeſtät ſolchen Hoch⸗ verraths anzuklagen?“ „Ja, und die Hälfte der Männer am Hofe,“ er⸗ wiederte Nell mit einem ſchalkhaften Blicke, der die Edelleute zugleich zum Lachen und Erröthen brachte. „Aber der Beſte von Euch vermag Nichts als eine ſeltſame Rede, oder vielleicht das Ende eines alten Geſanges für ſeine Mühe— — Werd' nicht roth, Bruder Schuft! Unſer Orden iſt ſo alt und ſo groß wie die Gruft!“ fing ſie an zu ſingen. „Still, Ihr Herren, ich vergebe Euch— Ihr ſeid Menſchen, wie Andere auch,“ unterbrach ſie Charles. „Aber, wir haben lange genug Spaß getrieben. Nell, Du haſt mich wieder zur Vernunft gedracht. Hier iſt mein Arm, Du fixer kleiner Soldat— haſt Du ein Fahrzeug bei der Hand?“ ——ʒ—— * 239 „Meine Barke wartet an den Treppen unten,“ erwiederte Nell;„ſo laßt uns ſo ſchnell als möglich nach Whitehall gehen! Es iſt eine Wette zwiſchen mir und Mylady.Kaſtlemaine und ich habe ſie gewonnen.“ „Kommt mit uns, Mylord,“ ſagte Charles lächelnd. „Lebe wohl, Duval; beraube Niemand als Schelmen und Du wirſt die ganze Welt zu Banquiers haben. Blood, gib auf Deinen Neffen Acht; ſieh, wie ſchwer der Schlaf in ſeinen ſchönen Augen hängt, und bringe ihn an den Hof, ſobald Du ſelber ſo weit aus der Noth biſt, daß Du dort erſcheinen kannſt.“ Mit dieſen Worten brach das unordentliche Gelage auf. Der König, ſeine Hofleute und Nell Gwyn gin⸗ gen durch die Friary hinunter, um ſich nach Whitehall einzuſchiffen; und der Wirth, welchen man aufgeweckt hatte, ließ ſich mit Schwierigkeit bedeuten, daß er ein Bett für das junge Zicklein, wie er ſich ausdrückte, be⸗ reiten müſſe. Ein Rollbett in einer Dachkammer ohne andere Hausgeräthe, als Ratten, zwei oder drei alten Sätteln und einigen Bündeln Heu wurde ſodann für Mervyn zurecht gemacht; aber ſo erbärmlich auch die Zurüſtungen waren, ſo machte ſeine Erſchöpfung durch Herumlaufen und Trinken, daß er im Augenblicke, da er ſich darauf hinſtreckte, in Schlaf fiel. Blood und Duval ſetzten ihr Feſt noch ſpäter in die Nacht fort; Mrs. Temperanz ſchnarchte auf der Treppe und der alte Simon fiel wörtlich in den Schlaf, mit einer brennenden Kerze in der Hand auf der Schwelle zu Mervyns Kämmerlein. Glücklicher Weiſe löſchte ſie im Fallen aus, und die Nacht ging in Betracht der Umſtände wundervoll ruhig vorüber. Zwanzigſtes Kapitel. Vie unnatürliche Mutter. Ziemlich ſpät am folgenden Morgen wurde Mer⸗ voyn durch das Eintreten einer Perſon in ſeine Dach⸗ kammer aufgeweckt; und da er auffuhr, ſah er mit verwirrten Augen eine Figur, die er zuerſt für einen Juden hielt. Sie war in einen langen grünen Fries⸗ mantel gekleidet, trug einen in's Geſicht gedrückten ſpaniſchen Hut und einen kurzen graulichten Bart, ob⸗ gleich die Augenbrauen unnatürlich ſchwarz waren. Eine Art von Hauſirers⸗Pack hing über die Schultern, enthaltend einige ſolche Artikel, womit die Juden jener Periode durch die Straßen zu hauſiren pflegten. „Steht auf, Knabe,“ ſagte er in einem Tone, welchen Mervyn ſogleich erkannte.„Es iſt ſchon ſpät und gutes Glück wartet Euer. Ich denke Euch zu einer ſehr vornehmen Dame, einer Freundin von mir, zu führen, die Euch vielleicht zu Fortkommen und Be⸗ förderung behülflich iſt.“ „Oberſt Blood!“ rief Mervyn mit unwillkürlichem Schaudern. 1 „Du wunderſt Dich, daß Du mich ſo verkleidet ſiehſt?“ ſagte der Oberſt.„Die Wahrheit iſt, daß ich mein Heiligthum nicht ohne einige Vorſichtsmaßregeln verlaſſen darf. Aber mache keinen Aufenthalt; ziehe Dich an und komme gleich zu mir in das Zimmer hinunter, wo ich frühſtücke.“„ 3 Mervyn gehorchte, wiewohl mit einem Widerwillen, der durch jede Betrachtung, die er unterwegs machte, noch verſtärkt wurde. Noch ſchwammen die Ereigniſſe der vergangenen Nacht in ſeinem Gedächtniſſe wie ein Traum und mehrere Augenblicke lang konnte er ſich nicht anders einbilden, als daß ſie ein ſolcher wären; 241 ſo unwahrſchei nlich kam es ihm vor, daß der König und die Edeln eines ſo großen Reiches ihre Würde ſo erniedrigen ſollten. Blood ließ ihm jedoch nur wenig Zeit zum Nach⸗ denken über ſeine Lage. Er ſchrie ihm zu, herunter zu kommen, in einer barſchen Stimme, der er nicht unge⸗ horſam zu ſein wagte. Unten fand er ein ſolides Frühſtück, das ſie in beinahe völligem Schweigen mit einander verzehrten und nach dieſem bereitete ſich Blood zu einem Ausfalle vor. Mervyn ſah ihm mit einiger Neugierde zu, wie er ſeine Toilette machte. Er ſetzte eine Perrücke auf, die in langen zuſammengefilzten Lo⸗ cken über ſeine Schultern fiel und wickelte ſein Kinn in einen alten Shawl, ſo, daß wenig außer ſeinen wilden Augen ſichtbar blieb. Darauf, nach einem Mor⸗ gentrunke mit dem kleinen Simon, nahmen ſie ihren Weg Waterlane hinunter. An den Treppen zum Strome hinunter nahm der Oberſt ein Boot und ſtreckte ſich, nachdem er den Leuten Anweiſung gegeben hatte, wo⸗ hin ſie fahren ſollten, nachläßig im Vordertheile nieder, während Mervyn ſchweigend da ſaß und das glänzende Widerſpiel der Sonne auf dem Waſſer beobachtete. Aumerle⸗Houſe hieß der von Blood angegebene Ort, der, da er den Namen ſchon früher, unter beſon⸗ deren Umſtänden gehört hatte, Mervyns Aufmerkſamkeit rege machte. Sie landeten an der Weſtmünſtertreppe, von wo aus Blood, unter wachſamen Blicken auf ſei⸗ nen Gefährten, den Weg durch eine lange Reihe von Straßen und Gärten einſchlug— vielleicht in der Abſicht, ihn verwirrt zu machen— und zuletzt vor ei⸗ nem ſtattlichen Edelſitze ankam, deſſen Gärten ſich bis an den Strom hinunter erſtreckten. Er war in einem alterthümlichen, architektoniſchen Style erbaut, wie er die Aera Heinrichs VII. auszeichnete, reich und ſorg⸗ fältig ausgearbeitet und war umgeben von allen Zu⸗ gaben und Anzeigen des höchſten Ranges und Luxus. Whitefeiars. 1. 16 242 Portiers mit geſtickten Kleidern öffneten das Thor und in der Vorhalle zeigte ſich eine Menge von Dienſtboten mit Glücksſpielen oder muſikaliſchen Inſtrumenten beſchäf⸗ tigt, wie es ſchien, blos zu ihrer eigenen Unterhaltung. Mervyn war überraſcht, zu ſehen, wie leicht ſie in die⸗ ſem Palaſt den Zutritt erhielten, indem Blood blos einige cabbaliſtiſche Worte dem Pförtner zuflüſterte, als ſie in die Halle traten. Ein leichtfüßiger Page ſchoß augenblicklich fort, ſie anzumelden und ſie folgten ſchweigend durch eine Reihe von alterthümlichen, aber prächtigen Gemächern nach. Endlich hielten ſie vor dem Eingange zu einem Gemache, der von einer gro⸗ ßen vergoldeten, ſpaniſchen Schirmwand verdeckt wurde, wo der Page ihnen winkte, auf ſeine Zurückkunft zu warten. Blood vertrieb ſich die Zwiſchenzeit damit, durch die Spalten der Vorwand zu blicken, welchem Beiſpiele auch Mervyn folgte. Er ſah ein Zimmer von großem Umfange, deſſen Wände von dunklem Eichenholz zier⸗ lich geſchnitzt und von geräumigen Vertiefungen für gemalte Fenſter unterbrochen waren. Am jenſeitigen Ende ſtand ein gleichfalls reich mit Schnitzwerk ver⸗ ſehenes Kamin vor, worin ein helles Feuer in einem ſilbernen Gitterroſte brannte, deſſen gegoſſene Verzie⸗ rung einen Drachen vorſtellte; daneben ſaß, in einem großen ſammtnen Lehnſtuhle, eine Dame, an der Stick⸗ rahme beſchäftigt. Von ihrem Geſichte konnte man nur wenig ſehen, aber Mervyn bemerkte, daß ſie blaß aus⸗ ſah. Ihre Kleidung war ausnehmend reich, von ſchwar⸗ zem Sammt, mit goldenen Spitzen und Franſen über die Knie herab und bei dem jeweiligen Auflodern des Feuerlichts ſchien es ihm, daß ſie viele koſtbare Ju⸗ welen trage. Mervyn beobachtete, wie ſich der Page ihr ehrerbietig näherte und wie die Dame bei dem Namen, welchen er ausſprach, zuſammenfuhr und ſich plötzlich umwandte. Da ſah er ein Geſicht von aus⸗ nehmender Schönheit, aber tief durchwühlt von Kum⸗ 243 mer und ausgezeichnet durch einen Ausdruck von dü⸗ ſterem Stolze. Der Page kam zurück mit dem Auftrage, daß Lady Howard wünſche, Meiſter Iſak möchte ſogleich mit ſeiner Arznei aus dem Morgenlande, die er als ſo vortrefflich für den Schlaf anprieſe, zu ihr kommen. Indem er Mervyn mit dem Packe zurückbleiben hieß, ſchlich Blood mit ſchwächlichem Schritte vorwärts und ließ den Jüngling auf ſeinem entfernten Platze hinter dem Vorſchirme zurück. Zuerſt verſtellte ſich Blood mit dem langſamen Gange und dem ſeinem angenommenen Alter zukom⸗ menden gebeugten Rücken durch das Zimmer hinanzu⸗ gehen; aber ſobald er außer dem Bereich fremder Ohren war, nahm er plötzlich ſeinen kecken Schritt wie⸗ der an und näherte ſich der Lady, ohne irgend eine der Ehrfurchtsbezeugungen, welche ihr Rang zu erheiſchen ſchien. Es war, als ob ſie dieß bemerkte, denn ſie winkte ihm ungeduldig mit der Hand zurück und ſagte: „Freund Iſak, mir däucht, wenn wir beobachtet wer⸗ den, biſt Du nahe genug für Dein angenommenes Amt. Bitte, was iſt das für ein neues Geheimniß? Was für ein Heilkraut hat Deine unheilvolle Hand geſammelt, um Balſam auf ein blutendes Gewiſſen zu legen?⸗ „Ich komme, Madam,“ erwiederte der angebliche Jude, mir von Eurer Großmuth eine kleine Unterſtü⸗ tzung zu erbitten, um für eine kurze Zeit die Fang⸗ zähne des Hungers, die nach mir ſchnappen, abzu⸗ wehren.“ „Ich habe Euch bereits geſagt, Herr Blood, Ihr habt ſowohl mein Mitleid erſchöpft, als auch die Mit⸗ tel, demſelben nachzukommen,“ erwiederte die Lady. „Ihr wißt ſelber wohl, ob ich den— den Dienſt— den mich mein ſchreckliches Unglück von Eurer Hand zu fordern nöthigte, bezahlt habe oder nicht; und Ihr wißt nur zu wohl, daß Mylord Howards Verſchwen⸗ . 244 dung mir nur wenig für meine eigenen dringenden Be⸗ dürfniſſe und die Beſtreitung dieſes großen Haushaltes übrig läßt. Ich kann nicht den Aufwand aller tollen Wüſtlinge Londons bezahlen. Ich denke, Herr Blood, das Nächſte wird ſein, daß Ihr mir befehlt, vor dem Parlament in Eurer berüchtigten Sache mit des Her⸗ zogs Gnaden für Euch Bürgſchaft zu leiſten 2, „Ich ſollte denken, daß meine Dienſte ſogar auf dieſe Belohnung Anſpruch machen dürften, Madam,“ erwiederte der Oberſt entſchloſſen.„Wer hat Euch das Glück und die Freiheit Eures gegenwärtigen Lebens verſchafft?— Dieſen herrlichen Pallaſt, das unermeß⸗ liche Einkommen— den Mann, den Ihr liebt? Wo würdet Ihr nun ſein, wäre nicht eine kühne Hand und ein unverzagtes Herz Euch zu Hülfe gekommen?— Kurz, Lady, ich muß Geld haben und Ihr könnt es aus Dankbarkeit— Ihr dürft es aus Klugheit— mir nicht abſchlagen! Was ich brauche, iſt eine bloße Kleinigkeit, um einen alten Freund vom Verhungern, abſoluten Verhungern zu ſchützen.“ „Wie, zwei Kupfermünzen täglich könnten das thun,“ erwiederte die Dame mit Bitterkeit.„Aber ich kenne Euch zu gut, Blood, um zu denken, daß Ihr Eure Bedürfniſſe auf die Bitte eines Einſiedlers beſchränkt. Ihr ſeid ein Mann von Geiſt und Leidenſchaft, führt ein fröhliches Leben, habt Eure vornehmen Intriguen. Aber, Herr, ich ſage Euch, ich will nicht länger die Sklavin von Euren Drohungen ſein. Thut Euer Schlimm⸗ ſtes!— Was könnt Ihr thun?“— „Was ich thun kann?“ wiederholte Blood mit finſterem Lächeln.„Ich will Euch antworten, Lady. Ich kann mit einem Hauch, mit einem Worte Euch von Reichthum, Herrlichkeit, Ehre und Liebe ſtürzen— in Armuth, Schande und Abſcheu! Der Erbe von Au⸗ merle— der rechtmäßige Erbe lebt und es ſteht in meiner Gewalt, ihn in alle ſeine Rechte einzuſetzen.“ „Du lügſt, unnatürlicher Schurke, Du lügſt!“ 1 4 245 rief die Gräfin, indem ſie bleich wurde.„Der Erbe von Aumerle ertrank— verbrannte— erſtickte unter Feuer und Waſſer zugleich! Ihr ſelbſt, Ungeheuer! gabt mir dieſe Verſicherung, mit all den Eiden, die den Teufel ſelbſt zur Wahrheit binden könnten.“ „Und ſo dachte ich auch damals ſelbſt, Lady,“ ſagte der Oberſt gelaſſen.„Aber ich betrog mich. Es war eine alte und gute Maxime des Kardinals Riche⸗ lieu, niemals ſeinen Feind Tod zu glauben, bis er ſeinen Leichnam geſehen hatte. Wer hat jemals den Körper des jungen Reginald gefunden? Nein, Lady ich warne Euch. Die Wellen und das Feuer haben ihre Beute wieder ausgeſpieen, und in der Sprache der Frommen kann er vielleicht als Bluträcher er⸗ ſcheinen!“ „Mir däucht, das wäre kein großer Vortheil für Euch, Oberſt,“ ſagte Lady Howard mit einem krampf⸗ haften Lächeln. „Und noch weniger für Euch, Madame, denn Ihr habt mehr zu verlieren,“ antwortete Blood.„Und gewiß iſt die Hand, welche das Meſſer ſchleift, ebenſo ſchuldig, als die, welche den Stoß damit thut.“ „Ich bin an dieſe Sprache zu ſehr aus Eurem Munde gewöhnt, um fie zu rügen,“ ſagte die Gräfin. „Aber wer, laßt mich das wiſſen, Herr Blood, wer würde auf eine ſolche Anklage von einer ſolchen Zunge hören? Ihr ſagt, der Erbe von Aumerle lebt! Laßt uns dieſen Erben ſehen,— wo iſt er?“ „Sprecht leiſe, Madame, oder er hört Euch,“ ſagte Blood gelaſſen.„Er iſt hier, in dieſem Hauſe, in dieſer Halle ſeiner Väter— als ein Fremdling!“ „Was wollt Ihr damit ſagen, verwegener Mann!“ rief Lady Howard, indem ihr ein Krampf durch alle Glieder zuckte. „Erſchreckt nicht, Lady,“ ſagte Blood;„bis jetzt weiß er noch nichts von ſeiner Geburt und von den Ereigniſſen, die ihn zu einem elenden Findling gemacht haben, der ſein Leben und ſein Brod der Barmherzig⸗ keit verdanken muß.“ „Ein anmuthig erfundener Roman, Herr Oberſt,“ ſagte die Gräfin mit einem Lachen ohne alle Fröhlich⸗ keit.„Aber hofft nicht, mich zum Gimpel eines trau⸗ rigen Betrugs zu machen. Ich kann gegen Euer neues Zeugniß dasjenige aufſtellen, welches ihr beim Verhöre Claude Duvals ablegtet— daß Ihr ihn umkommen ſahet— für welches Zeugniß ihr zweitauſend Pfund Sterling von meiner Hand erhieltet.“ „Ein liebenswürdiges Document ſcheint mirs für eine Mutter, vor Gericht vorzubringen. Aber ich habe Schriften, welche alle Eure Einſprache umſtoßen wür⸗ den, ohne mich ſelber zu verwickeln. Kurz, Claude Duval rettete das Kind und brachte es wohlbehalten nach St. Omer, obgleich er, um die Fährte unſerer Bluthunde abzuſchneiden, bei ſeinem Verhöre angab, daß es in der Nacht des großen Brandes umgekommen ſei. Und mit einem Worte, ich habe den Jüngling in meine Gewalt gelockt, um von ihm einen Gebrauch zu machen, wie ich will, oder vielmehr, Madame, wie Ihr beſtimmen werdet.“ „Ich durchblicke Alles; es iſt eine niederträchtige Erfindung und Verfälſchung, um Geld zu erpreſſen,“ ſagte die Gräfin mit Heftigkeit.„Aber hofft nicht, Blood, hofft nicht länger, die Saiten der Furcht in einem weiblichen Herzen anzuſpielen; Ihr habt ſie ab⸗ genutzt. Helfe mir Gott! Ich bekümm're mich kaum darum, ob Ihr das Schlimmſte ausführt, das Ihr drohen könnt und das ich bereits in der Furcht ſo tau⸗ ſendfach leide.“ „Zwingt mich nicht zu dieſem Schritte, Lady Ho⸗ ward, oder es wird ſchlimm gehen für beide,“ ſagte der Oberſt.„Ihr vergeßt, daß ich ein Mann von ſchnellen Entſchlüſſen bin, und obgleich ich Euch die Juwelen und koſtbaren Documente verkaufte, die ſich — — —— 247 in Duvals Mantel fanden, behielt ich doch gewiſſe Pa⸗ piere für meinen eigenen Gebrauch zurück.“ „Schurke!— aber das iſt Alles Erfindung Deines falſchen Herzens!“ rief die Gräfin leidenſchaftlich. „Nun denn, Ihr ſollt nicht länger zweifeln; Ihr ſollt ihn ſehen,“ ſagte Blood.„Komm hieher, Ichabod!“ „Haltet einen Augenblick, Blood, einen Augenblick!“ rief die Gräfin, indem ſie völlig weiß wurde.„Iſt er — iſt er— ihm ähnlich?“ „Dem verſtorbenen Earl— urtheilt ſelbſt,“ er⸗ wiederte der Oberſt.„Ichabod!“ Mervyn kam hinter der ſpaniſchen Wand hervor und näherte ſich mit der, einem in der Welt ſo uner⸗ fahrenen Menſchen, natürlichen, zögernden Schüchtern⸗ heit, wobei ein tiefes Erröthen ſein Geſicht überzog. Die Gräfin nahm ſich mit großer Anſtrengung zuſam⸗ men und obgleich ſie noch immer todtenbleich ausſah, waren ihre Augen auf ihn mit einer verwirrten Ge⸗ ſpanntheit geheftet, die ſeine Verlegenheit noch vermehrte. Welche Gedanken drängten ſich durch ihren Geiſt! welches Gewirre von Erinnerungen! welche grelle Gegenſätze zwiſchen dem, was war und dem, was hüätte ſein können, da Mervyn, ihr verläugnetes und enterbtes einziges Kind, vor ihr ſtand! Selbſt Blood wurde über dieſen langen, ſtarren Forſchblick unruhig, aber er war ein zu vollkommener Meiſter in der Verſtellung, um eine Bewegung zu verrathen. „Madame,“ ſagte er nach einer augenblicklichen Pauſe,„hier iſt der junge Waiſe, von dem ich ſprach.“ „Komm, mein guter Junge,“ ſagte die Gräfin eilfertig,„komm hieher zum Licht.“ „Was fehlt Euch, Madame?“ ſagte Blood; denn als das Licht des hohen Fenſters auf Mervyns Geſicht fiel, entfuhr der Gräfin ein lauter Ausruf der Ueber⸗ raſchung. „Nichts, nichts!“ ſagte die Lady, indem ſie ſchau⸗ dernd ihre Augen ſchloß.„Blood, ſeid Ihr ein Menſch 248 oder ein Teufel, daß Ihr ohne Entſetzen auf dieſes Geſicht blicken könnt?“ ſetzte ſie mit einem erſtickten Flüſtern hinzu.. „Ein hübſcher Junge, in der That, ganz wie Ihr ſagt, Mylady,“ erwiederte der Oberſt, mit unverän⸗ derter Stimme.„Es gibt wirklich mehrere Leute, welche ſagen, daß er Eurer eigenen Familie von Au⸗ merle etwas ähnlich ſieht.“ „Wie heißt Ihr, Jüngling, und von wem ſtammt Ihr ab?“ ſagte die Gräfin nach einer Pauſe. „Mein Name iſt Mervyn, Madame,“ erwiederte der Jüngling in einer Stimme, die der Gräfin durch Mark und Bein drang. „Mervyn! gut, aber Euer Vorname; gewiß habt Ihr zwei Namen?“ ſagte ſie haſtig. „Ich hörte mich nie anders als Mervyn nennen, aber dennoch ſagt Oberſt Blood, mein Name ſei Ichabod.“ 4 „Was! habt Ihr keinen Vater, Kind?“ ſagte die Gräfin, indem ſie ſich vorwärts lehnte und tief in ſein Geſicht blickte, als ob fes in ſeiner Seele leſen könnte. „Ich habe nie einen Vater oder Mutter gekannt,“ murmelte er mit demſelben traurig zögernden Tone. „Oder Mutter!“ wiederholte Lady Howard mit einem Blicke auf Blood.„Oder Mutter! Ihr hört ihn, Blood, und mein Herz bricht nicht!“ fuhr die Gräfin mit tiefer Stimme fort;„o, heißt ihn gehen, ehe es von Angſt überſchwillt und meine Bruſt zerſprengt. „Mervyn,“ ſagte der Oberſt freundlich,„Ihr ge⸗ fallt der edlen Dame, und ſie wird ohne Zweifel in Kurzem etwas für Euch thun. Nun küßt Myladys Hand und geht.“ „Nein, nein, ich kann nicht, ich darf nicht!“ rief die Gräfin und fuhr von ihrem Sitze auf, als ob eine Schlange ſich näherte.„Bei Eurem Leben, rührt mich nicht an, Knabe! Ich meine,“ ſetzte ſie mit hyſteriſchem Lachen hinzu—„ich fürchte mich, denn man ſagt, das bösartige Fleckenfieber geht noch immer in dem unge⸗ ſunden Stadtbezirke herum, aus dem Ihr kommt; ich fürchte es gerade nicht— o nein!“ Und ſie lachte laut und wild, bis ſie erſchöpft in ihren Seſſel zurückſank und in einer Fluth von Thränen Erleichterung fand. „Geh jetzt, Mervyn; Mylady Howard hat zu Zei⸗ * ten ſolche Anfälle,“ ſagte der unerbittliche Oberſt;„be⸗ ſonders wenn ſie einen Jungen von Eurer Geſtalt ſieht; denn vor mehreren Jahren verlor ſie einen Sohn, der, wenn er am Leben geblieben wäre, jetzt gerade in Eurer Geſtalt ſein würde.“ Mervyn verbeugte ſich tief gegen die Dame und nahm ſeine entfernte Stellung hinter der Schirmwand wieder ein. „Nun, Madam, ſeid Ihr überzeugt?“ ſagte Blood als der Knabe ſich entfernt hatte,„oder muß ich die geſchriebenen Beweiſe ins Spiel bringen, die ihn ſicher⸗ lich in den Beſitz von Allem ſetzen werden, was von Rechts wegen ſein eigen ſein ſollte?“ „Alſo dieß iſt die Arznei, die mir den ruhigen Schlaf wieder bringen ſoll, welchen Euer, nur zu be⸗ reitwilliges Verbrechen mir für immer geraubt hat?“ ſagte Lady Howard leidenſchaftlich. „Wer mit dem Schickſal Würfel ſpielt, Lady, muß auf den Paſch gefaßt ſein,“ verſetzte er bedeutungsvoll. „Aber nehmt es nicht ſo ganz betrübt; Alles kann gut gehen, wenn Ihr es wollt.“ „Sprecht— was wollt Ihr? ich bin der Sklave Eures Zaubermittels,“ ſagte die Gräfin in einem Tone tiefer Verzweiflung. „Lady Howard,“ erwiederte der Oberſt, anſchei⸗ nend ſelbſt ergriffen von Ihrer Bewegung,„ſchönes Weib! für die ich Seele und Leib auf's Spiel geſetzt habe,“ hingeriſſen,„ich darf Euch nicht erinnern, von welcher Zauberkunſt! Nichts als meine äußerſte Noth — könnte mich zwingen, dieſe Maſchine gegen Euch zu gebrauchen.“ „Wohl, was braucht Ihr, Herr?“ ſagte die Gräfin mit derſelben ruhigen Stimme der Verzweiflung.„Koſte es, was es wolle, ich muß das Schreckliche, Geſchehene vor Howard zu verbergen ſuchen; ich könnte es nicht ertragen, das einzige Herz zu verlieren, das mich noch liebt.“ „Fünfhundert Guineen werden Euch auf immer von meiner Zudringlichkeit befreien,“ erwiederte Blood. „Fünfhundert Guineen! Wohl, es iſt nur Gold,“ rief die Lady.„Und doch bettelte Howard gerade vorhin vergeblich um eine geringere Summe. Aber willſt Du mir ſchwören(denn ich habe Dich Deinem Eide treu erfunden in Gefahren, welche die Treue ehr⸗ licherer Männer zerſchmettert haben würden)— willſt Du mir ſchwören, mir niemals mehr in dieſer Hinſicht beſchwerlich zu fallen.“ Blood ſprach eine Betheuerung aus, vor der ſelbſt Lady Howard zuſammenſchauderte. Sie zog ſodann ihren Seſſel zu dem Tiſche, auf welchem ein ſilbernes Schreibzeug ſtand und begann zu ſchreiben, während Blood fortfuhr auf ihr ſchönes Angeſicht zu ſchauen, das, obgleich von heftigen Leidenſchaften glühend, den⸗ noch unbeſchreiblich lieblich war. Plötzlich hielt ſie jedoch inne und ſchien in Nachdenken verloren; dann hob ſie ihre Augen auf gegen die ſeinigen und mit einem Ausdruck, ſoviel ſagend, daß es keiner erklärender Worte bedurfte, murmelte ſie in einer hohlen, geiſterähnlichen Stimme:„Verſtehe mich, ohne Rede! Wollteſt Du für das Doppelte, das Dreifache dieſer Summe— mich von dieſer Sorge— für immer befreien?“ Da Blood bei dieſen Worten ſie erſtaunt anſtarrte, errieth ſie die Meinung ſeiner Blicke und fuhr fort— „nein, nicht— verhüte das der Himmel!“ ſagte die Gräfin haſtig und fiel auf's Neue in Todtenbläſſe. „Aber es gibt andere Mittel— die Pflanzungen! Oh, 251 Blood, Ihr wißt nicht, auf welchen Grad des Wahn⸗ ſinns ich getrieben bin! Und, es iſt zu ſpät, zu be⸗ reuen— zu ſpät!— Wie wenn dieſer Knabe beſtimmt wäre zum Rächer von ſeines Vaters... ℳ „Selbſtmord?“ füllte Blood gelaſſen die Pauſe aus.„Aber nein, es iſt unmöglich. Er weiß nichts von ſeiner Geburt, vermuthet nichts. Seid künftig ſeinetwegen außer Sorgen; er ſoll Euch nie auch nur im Traume beleidigen. Von jetzt an ſind Euere Un⸗ ruhen wegen uns Beiden vorüber— und ich küſſe Eure ſchöne Hand auf meinen Eid.“ Mit dieſen Worten führte der Oberſt galant ihre Hand an ſeine Lippen und da er ſie mit etwas irlän⸗ diſcher Wärme drückte, zog ſie dieſelbe mit ſichtlichem Mißvergnügen in dem dunkeln Blitze ihres Auges zu⸗ rück. Er ſtellte ſich an, als ob er dieß nicht bemerkte, ſondern überlas ruhig das Geſchriebene, murmelte, daß er Gold vorgezogen hätte, verbeugte ſich auf der Lady- ungeduldiges Zeichen und that einige Schritte, wie zum Fortgehen zurück. Er kehrte jedoch ſo plötzlich um, daß die Gräfin zuſammenfuhr. „Ihr ſeid beſorgt, Madame,“ ſagte er, in einem tiefen, warnenden Tone.„Aber haltet mir Euer Ver⸗ ſprechen, dann habt Ihr keine Urſache. Trachtet dieſem verwaisten Knaben nicht nach dem Leben, denn ſobald Ihr es thut, weiß ich, daß auch das Meinige bedroht iſt. So lange ſeine Perſon unverletzt bleibt, werde ich niemals ohne Eure Erlaubniß dieſe Schwelle über⸗ ſchreiten; aber von demſelben Augenblicke, da ein Ver⸗ ſuch gegen ihn gemacht wird, werde ich Euch nachſetzen, Euch ängſtigen, mich ganz auf Euch loslaſſen! darnach richtet Euch.“ So ſagend, ging er in das Vorzimmer hinaus, winkte Mervyn, ihm zu folgen und ging, von ſeinem jungen Opfer begleitet, auf die Straße. 3 Zur Nachricht! Sämmtliche Werke von Frederika Bremer. Cabinetsausgabe. Die Töchter des Präſi⸗ denten, 2 Bde. Nina, 5 Bde. Die Nachbarn, 5 Bde. Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen, Das Haus, oder Fami⸗ lienſorgen und Familien⸗ freuden, 5 Bde. Die Familie H., 2 Bde. Ein Tagebuch, 4 Bde „In Dalekarlien.“ 2 Bde. Wenn wir nur wenige Worte der obigen Anzeige beifuͤgen, ſo geſchieht's nicht wegen Mangel des Lobes und Anpreiſens von Frederika Bremer und ihrer Schriften, gerade im Gegentheil: ſie ſind ſo in Fleiſch und Blut der deutſchen Frauenwelt uͤbergegangen, daß ihren Namen nennen ſo viel heißt als ſie anzuempfehlen! Nur das wollen wir zu Gunſten unſerer Ausgabe — denn es gibt deren mehrere— ſagen, daß keine in Deutſchland Erſchienene, ſchöner, billiger, und was die Hauptſache: vortrefflicher überſetzt iſt, wie dieſe, weshalb ſie vorzugsweiſe empfohlen zu werden verdient. Die Bremerſchen Schriften koͤnnen durch alle Buchhandlungen Deutſchlands, der Schweiz, des Elſaßes, Hollands, Daͤnemarks und des k. k. oſterreich. Laͤnder⸗ gebiets, ebenſo in den kaiſerlich ruſſiſchen Staaten à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen das geheftete Baͤndchen, entweder im Ganzen oder Lieferungsweiſe bezogen werden. Auf 10 Exemplare wird das 11te Exemplar gratis gegeben. Stuttgart, im Merz 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. Im Laufe des Monat April erſcheinen im„belle⸗ triſtiſchen Auslande herausgegeben von C. Spind⸗ ler,“ folgende intereſſante Werke: Brüſſeler Myſterien von Suan de Pasonnes⸗ von Ludwu IJauff. Amfterdamnter Myſterien Aus dem Holländiſchen von Dr. Zoller. Die Bondoirs von Paris von der Herzogin von Abrantes. Deutſch von Ludwig Hauff. Die Wittwe der großen Armee. Ein hiſtoriſcher Roman von E. Marc von St. Hilaire. Deutſch von Ludwig Hauff. Stuttgart, Oſtermeſſe 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. In dem cbelletriſtiſchen Auslande, heraus⸗ gegeben von Carl Spindlers ſind neben vielen andern claſſiſchen Romanen erſchienen:— Sämmtliche Werke von Frau Flygare Carlén. Aus dem Schwediſchen. Jedes Baͤndchen geheftet à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen. Waͤhrend von Paris aus Sue, Dumas und Sand das Romanliebende Europa in Erſtaunen und Bewunderung mit ihren Dichtungen verſetzen, erſcheinen am nordiſchen Dichterhimmel zwei weibliche Dichterinnen, Frau Flygare Carlén und Fraͤulein Frederika Bremer, welche beſonders das weibliche Gemuͤth durch ihre Dichtungen bezaubern, woruͤber ſich der Bio⸗ graph der Frau Carlén uͤber deren Romane in folgen⸗ der Worten ausſpricht: Die dramatiſche Lebendigkeit iſt es vor allem, die wie rauſchendes Waſſer durch die Romane der Frau Carlén hinſtroͤmt. Wie herrlich wirft ſich ihr reicher Dialog hier in majeſtaͤtiſchen Wellen uͤber Felſen hinab, an alten ernſten Schloͤſſern oder Gotteshäuſern vorbei, wie geſchwaͤtzig murmelt er unten im Thale einem Pfarrhofe zu oder einem Bauerngute, wie kokett ſpringt er hier in der Fontaine eines herrſchaftlichen Gartens aus der alten Zeit und breitet ſich dort aus in einem klaren See, an deſſen Rande zwei Liebende Vergißmeinnicht pfluͤcken und die Abendſonne in ihrem naſſen Spiegel bewundern.« Bis jetzt ſind erſchienen: Waldemar Klein. Die Kircheinweihung von Guſtav Lindorm; Hamarby. t vder 2* Der Profeſſor und ſeine Führe uns nicht in Verſu⸗ Schützlinge. chung. Der Kämmerer Laßmann Die Noſe von Tiſtelön als alter Junggeſell u. ſ. w. . 8. Jvar der Skiutsiunge. Baud Wärnn 3 3 3* 9 7 Der Stellvertreter. Abenteuer Die Milchbrüder. eines Scheerenjungen.— Stuttgart, im Maͤrz 1845. Franchh'ſche Verlagshandlung. Im ebelletriſtiſchen Auslande, herausge⸗ geben von C. Spindlers erſcheinen neben vielen an⸗ dern claſſiſchen Romanen, auch: Sämmtliche Werke von George Sand. Deutſch von Dr. J. Scherr. Jedes Baͤndchen geheftet à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen. Gleich dem Farbenſchmell der Blumen, iſt bei George Sand der Styl das Bezauberndſte, ja Unnach⸗ ahmlichſte, was dieſen Dichter zum groͤßten der Jetztzeit macht; von dieſer ſtyliſtiſchen Pracht aber haben wir in Deutſchland in den bis jetzt erſchienenen Ueberſetzungen von Sand's Romanen kaum eine Idee, und es blieb Dr. Scherr vorbehalten, uns dieſe Dichtungen in ihrem ganzen poe⸗ tiſchen Werthe in deutſcher Sprache bewundern zu laſſen, denn nur wer ſo in den Geiſt eines Dichters eindringt, kann ihn— ſo weit dies in einer fremden Sprache möglich iſt— wuͤrdig wiedergeben! Wer alſo George Sand mit ihren ſtyliſtiſchen Schoͤnheiten, mit ihren tiefſinnigen Gedanken vollſtaͤndig genießen will, greife zu der Scherr'ſchen Ueberſetzung, in welcher bereits folgende Werke erſchienen ſind: Spiridion. Mauprat. Mit Bildniß des Dichters. 2 1 Johanmn. iahte Gräfin Rudolſtadt. Conſuelo. Horace. Unter der Preſſe: Der Müller von Angicault. Wird fortgeſetzt. Stuttgart, im Maͤrz 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. * ſſſſſſſſſiſſſſſſ 8 9 10 8 EMrraaaaamwmmmmrranrraaaawmmmmmmmannan 11 12 13 14 15 ſſniſſ 16 17