Stadtgelchichten. Von Max Ring. Vierter Band. Feine welt. Leipzig, . M. Simion's Verlag. 1852. Feine welt. Eine Stadtgeſchichte von Max Ring. Leipzig, M. Simion's Vverlag. Leine Welt. J. In einer der eleganteſten Reſtaurationen der Re⸗ ſidenz ſaßen vier Männer, welche ſo eben ein glänzendes Souper verzehrt hatten, um ihr zufäl⸗ liges Zuſammentreffen zu feiern. Sie gehörten insgeſammt jenen exeluſiven Kreiſen an, welche man mit dem Namen„feine Welt“ zu belegen pflegt. Das abgeſonderte Kabinet, in welchem ſie verſammelt waren, zeichnete ſich durch Eleganz und den dazu gehörigen Komfort beſonders aus. Die Wände waren mit geſchmackvollen grauen Ta⸗ peten bekleidet, an denſelben hingen in goldenen Rahmen einige vorzügliche Bilder der niederländi⸗ ſchen Schule, welche gemüthliche Scenen aus dem häuslichen Leben paſſend darſtellten. Die Läden waren geſchloſſen, die Vorhänge von ſchwerem 1* Seidenſtoff niedergelaſſen. Kein ſtörendes Geräuſch konnte von der belebten Straße zu der Geſellſchaft dringen, welche ſich hier niedergelaſſen hatte. Auf dem runden Tiſche brannten die hellen Wachskerzen und verbreiteten ihren wohlthuenden Schimmer auf die Reſte des ausgeſuchten Nach⸗ tiſches. Zwiſchen ſchwellenden Südfrüchten, Man⸗ deln in der Schale und dem goldenen Cheſterkäſe ſtanden die weißen Porzellan⸗Eimer mit Eis ge⸗ füllt, aus denen die ſchlanken Hälſe der Champagner⸗ flaſchen lockend hervorſchauten. Ein junger Mann mit intereſſantem Geſichte, dem die dunklere Färbung einen ſüdlichen Anſtrich verlieh, lag in bequemer Stellung auf dem Divan ausgeſtreckt. Der geiſtreiche Kopf nahm ſich male⸗ riſch auf dem dunkelrothen Sammt des Polſters gus. Der Fürſt, denn ein ſolcher war er, ſchien ſich in dieſer Lage, die er abſichtlich gewählt hatte, wohl zu gefallen und blies mit Behaglichkeit den plauen Rauch ſeiner ächten Regalia in die Luft. Es lag eine gewiſſe kokette Sicherheit und ſelbſt⸗ bewußte Grazie in ſeinem Weſen, die dem ſchönen Manne nicht übel ſtand. Von Zeit zu Zeit, wenn das Geſpräch eine lebhaftere Wendung nahm, hob 5 er ein wenig das Haupt von ſeinem Lager empor und blickte die Gefährten mit dunkel blitzenden Augen an.. Sein Nachbar zur Rechten nannte ſich Baron von Karſten, ein angehender Sechsziger, bekannt als liebenswürdiger Geſellſchafter und berühmt als gebildeter Gourmand. Seine hohe, dürre Geſtalt überragte die Lehne des Polſterſtuhls. In dem ſcharf geſchnittenen Geſicht lagerten die Geiſter der Intrigue und die kleinen Teufel des Spottes und der Ironie. Eine kalte Ruhe aber ſchwebte wie eine trügeriſche Eisdecke über den markirten Zügen. Hinter dieſem Manne lag ein vielbewegtes Leben. Er hatte einſt die bedeutende Rolle eines politiſchen Agenten an einem auswärtigen Hofe geſpielt. Da⸗ von rührte ſeine Bekanntſchaft mit dem Fürſten her, der eben daſelbſt vorübergehend die Stelle ei⸗ nes Generals bekleidete. Außer dieſen Beiden war noch ein berühmter Virtuoſe zugegen, der damals auf dem Höhepunkte ſeines europäiſchen Rufes ſtand. Neben ihm ſaß einer jener liebenswürdigen Enthuſtaſten, welche ſich noch mit ganzem Herzen den genialen Erſcheinun⸗ gen der Zeit hinzugeben vermögen. Oskar von Birkeneck war reich, unabhängig und hatte eben ſein vier und zwanzigſtes Jahr überſchritten. Während er kaum den Becher des Lebens mit friſchen Lippen berührte, hatten die drei Freunde denſelben bis zum Grund geleert. Sie kannten Alles: die Welt, die Frauen, Bücher und Menſchen, Regierungen und Völker, die geheime Geſchichte ihrer Zeit, wie die Moyſterien der eleganten Boudoirs. Sie hatten geliebt und ſich und andere getäuſcht, gekämpft und gelitten, getändelt und gerungen, am Spieltiſch um Mitternacht gewacht und über der Weisheit aller Zeiten gebrütet, das Höchſte gedacht und auf das Thörichtſte gehandelt. Sie hatten Alles genoſſen, Vieles erſchöpft, und waren doch nicht ſatt und lebensmüde geworden. In dieſen Geſprächen, in der Unterhaltung dieſer drei Männer lag für Oskar ein wunderba⸗ rer Reiz. Ein cyniſcher Witz des alten Barons wurde durch einen enthuſiaſtiſchen Kunſterguß des geiſtreichen Virtuoſen unterbrochen, während der Fürſt ſeine ritterlichen Abenteuer mit einer Miſchung von chevalereskem Feuer und kühner Leichtfertigkeit zum Beſten gab. Auch das war Poeſie, lebendig gewordener Geiſt unſerer Zeit. 8 7 — Enfin!— ſagte der Baron zu dem Fürſten, der eben ſeine intereſſante Erzählung beendet hatte, — Sie bleiben jetzt bei uns. Der irrende Ritter⸗ welcher Rieſen bekämpft und wandernde Prinzeſ⸗ ſinnen erlöſt hat, kehrt zu ſeinen väterlichen Kar⸗ toffeln heim und fabrizirt— Spiritus. Beatus ille, qui procul negotis. Sie haben unſere Zeit erfaßt und wenn Sie noch eine Runkelrübenzucker⸗ Fabrik anlegen, ſo wird Sie Wolf und Kompagnie für einen ſoliden Gutsbeſitzer anſehn, dem man Ka⸗ pitalien zu ſechs Prozent wohl anvertrauen kann.— Die feine Anſpielung auf ſeine zerrütteten Fi⸗ nanzen ſchien den Fürſten einigermaßen verſtimmt zu haben. Ueber ſein intereſſantes Geſicht flog ein leiſer Schatten, dennoch lächelte er und ſagte nur: — Unſere Güter ſind in der That ein wenig zurückgekommen. Mein Vater— — Ich habe die Ehre, von ihm gekannt zu werden,— unterbrach ihn der Baron;— ein ausgezeichneter Mann, ein Kavalier im beſten Sinn. Welch' eine Bildung! Er beſitzt eine un⸗ ungemeine Beleſenheit, gediegene Kenntniſſe im Griechiſchen und der Geſchichte. Irre ich mich nicht, ſo hat er auch ein treffliches Trauerſpiel 8 geſchrieben, fünf Duelle in einem Jahre gehabt, die beſten Diners gegeben, zehntauſend Dukaten an einem Abende verſpielt, ohne eine Miene zu ver⸗ ziehn. Sagen Sie mir, wo finden Sie in der heutigen Zeit noch dergleichen Männer. Ach! es wird Alles ſchlechter, ſelbſt dieſer Cliquot iſt nicht mehr das, was ſein reſpektabler Ahnherr war. Non his juventus orta parentibus.— Der Redner citirte von Neuem mit einem Seufzer ſeinen Lieblingsdichter Horaz, den er bei jeder Gelegenheit anzuführen pflegte. Während er aber ein Bisquit in das vor ihm ſtehende Glas eintauchte, beobachtete er bei ſeinen Worten mit ſcharfen Blicken das Geſicht des Fürſten, um jede Veränderung auf demſelben zu erſpähn. Er ſah ihn zuſammenzucken. Sein Zweck war erreicht, der Pfeil hatte getroffen, den er mit Abſicht los⸗ gedrückt. Während dieſes Geſpräches ſaß der berühmte Virtuoſe mit geſchloſſenen Augen in ſich verſenkt auf ſeinem Polſterſtuhl. Vielleicht dachte er in dieſem Momente an eines jener wundervollen Schubertſchen Lieder, welche er ſo trefflich für ſein Inſtrument zu transponiren verſtand, vielleicht an —,— 9 ein reizendes Weib, das dem genialen Künſtler nicht zu widerſtehn vermochte. Auch gegen ihn wendete ſich der Witz des Barons. Es lag ein⸗ mal in ſeiner Natur, zu verwunden, ſo wie die Wespe ſtechen muß. — Cdler Troubadour,— rief er ihm zu, wo weilt in dieſem Augenblick Ihr entzückter Geiſt? Sitzt er zu den Füßen der modernen Pythia in dem neuen Babel und lauſcht den Offenbarungen, welche das tauſendjährige Reich des Unterrocks verkündigen? Oder muſtern Sie die tauſend Lok⸗ ken und Schleifen, Bänder und Kränze, welche Ihnen hier zu Theil geworden ſind? Vanitas, vani- tatum vanitas.— — Caſanova als Bußprediger, Lovelace in der Mönchskutte,— ſcherzte der Virtuoſe.— Al⸗ ter Sünder, erzählen Sie uns lieber eine Novelle à la Boccaccio, wie wir ſie ſo gern aus Ihrem Munde hören.— Der Baron ſchmunzelte und leerte ſein Glas welches ihm der Fürſt von Neuem füllte. — Damals war ich jünger und vielleicht auch liebenswürdiger, als heut,— begann er mit einem Anfluge humoriſtiſcher Eitelkeit. 10 — Schon das erſte Wort iſt wieder eine Lüge,— lachte der Künſtler. Der Baron verneigte ſich bei dieſem zwei⸗ deutigen Kompliment und fuhr in ſeiner Erzäh⸗ lung fort: — Es mögen fünf und dreißig Jahre her ſein, daß ich zuweilen die Reſidenz verließ, um einige Tage auf dem Lande zuzubringen. Dort machte ich die Bekanntſchaft einer reizenden Frau, welche das Unglück hatte, einen dummen Teufel von Ehemann zu beſtitzen, der neben hundert Feh⸗ lern noch die Schwäche hatte, nicht einmal eifer⸗ ſüchtig auf das brave Weib zu ſein. Leonore, natürlich verſchweige ich den Zunamen— — Welch' übertriebene Diskretion!— ſpottete der Fürſt,— der Vorfall iſt verjährt.— — Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit,— erwiederte der Baron mit einem feinen Lächeln. — Dies beweiſt die Geſchichte von dem jungen Pater, den ich kannte.— Der Baron glich, wenn er einmal im Erzäh⸗ len war, jenen kunſtreichen Bechern, wo ein einzi⸗ ger zwanzig kleinere enthält. Eine Geſchichte jagte die andere, eine Anekdote wurde ſogleich von einer 11 zweiten verdrängt, dieſe von einer dritten und ſo fort. — Und was war mit Ihrem jungen Pater? — fragte der Fürſt, der die Schwäche ſeines Freun⸗ des kannte und an derſelben ſich zu ergötzen pflegte. — Dieſer hatte ſo eben den Beichtſtuhl ver⸗ laſſen,— erzählte der Baron,— um ſich in eine zahlreiche Geſellſchaft zu begeben, welche zu Ehren ſeiner Permiz gegeben wurde. Neugierig fragte man ihn, welcher Art ſeine erſte Beichte geweſen ſei. Der Pater ſchützte das ſtrenge Gelübde der Verſchwiegenheit vor, das er abgelegt hatte.„Sie brauchen ja keinen Namen zu nennen,“ ſchmei⸗ chelte die Frau vom Hauſe,„nur das Vergehen wollten wir gar zu gern wiſſen, das Ihnen zuerſt mitgetheilt worden iſt.“ Der junge Geiſtliche war gegen die Bitte aus ſo ſchönem Munde nicht un⸗ empfindlich.„Wohlan!“ ſagte er mit einem viel⸗ ſagenden Lächeln,„mein erſtes Beichtkind war eine Frau, welche ſich des Ehebruchs angeklagt hat.“ In demſelben Augenblick trat eine liebenswürdige Dame in das Zimmer, welche natürlich nicht das eben ſtattgefundene Geſpräch mit angehört haben konnte. Sie beeilte ſich, dem Pater ihren Glück⸗ 12 wunſch zu ſeiner Einweihung darzubringen und fügte demſelben noch die fürchterlichen Worte hin⸗ zu:„ich fühle mich um ſo mehr dazu verpflichtet, als ich die Erſte war, ehrwürdiger Herr! die Ih⸗ nen heut gebeichtet hat.“— — Das iſt allerdings ſtark!— lachte der Fürſt,— und die Fabel lehrt— — Bei gewiſſen Dingen die äußerſte Diskre⸗ tion zu beobachten,— ſetzte der Baron hinzu. — Glauben Sie, mon prince, manche ſtrenge Tu⸗ gend würde ſich erweichen laſſen, wenn die Männer insgeſammt taubſtumm wären. Der arme Pater hätte ſich gern die Zunge abgeſchnitten, doch es war zu ſpät. Er wurde zur Strafe auf ein elen⸗ des Dorf verſetzt und hat es bitter bereut, nur ein einzigesmal in ſeinem Leben indiskret geweſen zu ſein.— 4 — Trotz der vortrefflichen Moral,— rief jetzt der Virtuoſe,— iſt Ihnen Ihre zweite Ge⸗ ſchichte nicht geſchenkt. Ich wette, daß ſte wo mög⸗ lich noch moraliſcher als die Erſte ſein wird. Al⸗ lons! Baron erzählen Sie. Leonore, nicht wahr, ſo hieß die Donna?— — Mit nichten,— lachte der Baron,— auch 13 der Vorname iſt nur fingirt. Denken Sie an den Pater.— — Zum Teufel mit Ihrem Pater!— rief der Fürſt.— Speiſen Sie uns nicht wie ein ſchlech⸗ ter Romanſchreiber mit moraliſchen Betrachtungen und langweiligen Epiſoden ab.— — Alſo zur Sache!— entgegnete der Baron, indem er ſeine Erzählung wieder aufnahm.— Leo⸗ nore blieb gegen meine damaligen Vorzüge nicht unempfindlich. Ich gewann ihr Herz und mit ihm das ſüße Weſen ganz und gar. Der Gatte war für uns kein Hinderniß, eine gute argloſe Seele, wie geboren zum Ehemann. Faſt ärgerten wir uns über ſeine Sorgloſigkeit. Ich langweilte mich beſonders über dieſen Mangel an Eiferſucht. Es war nicht zu ertragen. Eine Liebe ohne Schwie⸗ rigkeiten, iſt wie Rindfleiſch ohne Senf, ganz un⸗ genießbar. Schon ſtand ich auf dem Punkte, Leo⸗ nore, die ich übrigens anbetete, darum zu verlaſſen. Zum Glück erwachte der Graf aus ſeinem Schlaf und ſchöpfte Verdacht. Er wollte Gewißheit haben und ſchützte zu dieſem Zwecke eine Reiſe vor, um uns um ſo ſicherer zu überraſchen. Sobald er ſcheinbar abgereiſt war, erhielt ich von der Gräfin eine Einladung. Ich eilte aus der Stadt zu ihr auf's Land. Die Entfernung betrug gegen vier Meilen. Kaum war aber unſer téte à téte an⸗ gegangen, als wir den Othello kommen hörten. Ich hatte nur noch Zeit, mich auf einer Hintertreppe zu entfernen und in einem Winkel des Hofes mich zu verbergen. Von dort aus hörte ich bequem das Fluchen des Grafen und das Weinen Leonorens. Er behauptete, im Hereintreten den Schatten eines Mannes geſehen und in demſelben mich erkannt zu haben; ſie natürlich beſchwor das Gegentheil. Das ganze Haus wurde durchſucht und ich nirgends aufgefunden. Dabei beruhigte ſich durchaus der Ehemann nicht, in den plötzlich der Teufel gefahren zu ſein ſchien. Er befahl, trotzdem es tief in der Nacht war, ſeinen Wagen anzuſpannen, um ſich nach der Reſidenz zu begeben, wo er mir einen Beſuch abzuſtatten gedachte. Seine Abſicht war, ſich von meiner Abweſenheit zu überzeugen und ſo die Schuld oder Unſchuld ſeiner Gattin zu erkennen. Zum Glüͤck durchſchaute ich ſeinen Plan und hatte auch ſogleich den meinigen gefaßt. Ich verließ vor⸗ ſichtig mein Verſteck und ging auf dem Wege, den er nehmen mußte, einige hundert Schritte im Vor⸗ 15 aus. Dort verbarg ich mich in einem Graben, bis ich den Wagen des Grafen kommen hörte. In der Dunkelheit ſchwang ich mich unbemerkt hinten auf das Bedientenbrett, das zum Glück leer geblieben war. So fuhr ich mit dem Grafen in ſeiner eige⸗ nen Equipage bis zur Reſidenz, wo ich beſſeren Be⸗ ſcheid als ſein Kutſcher wußte. In der Vorſtadt verließ ich heimlich wieder meinen Sitz und eilte durch einige Quergaſſen auf näherem Wege in meine Wohnung. Schnell warf ich meine Kleider ab und ſchlüpfte in mein Bett. Wenige Minuten ſpäter klopfte der Graf an meine Thür. Zuerſt ließ ich ihn ſo lange als möglich warten, endlich öffnete ich mit anſcheinender Schlaftrunkenheit und höchſt ver⸗ wundert über ſeinen unerwarteten Beſuch. Das Erſtaunen in ſeinem Geſicht werde ich nie vergeſſen. Er ſtammelte einige unzuſammenhängende Worte als Entſchuldigung, denen ich willig Glauben ſchenkte. Ich lud ihn natürlich ein, ſich von ſeiner anſtren⸗ genden Reiſe zu erholen, doch er ſchützte dringende Geſchäfte vor und eilte, vollkommen von der Un⸗ ſchuld ſeiner Gattin überzeugt, nach Hauſe, wo er auf den Knieen Abbitte leiſtete. Leider blieb die 16 Sache nicht verſchwiegen und kam herum, trotzdem ich diskreter als mein armer Pater war.— — Aber die Moral, wo bleibt hier die Mo⸗ ral?— fragte der lachende Virtuoſe. Der Baron wollte ſo eben antworten, da er⸗ hob ſich Oskar von Birkeneck plötzlich von ſeinem Stuhl, auf dem er bisher ſtillſchweigend geſeſſen hatte. — Die Moral, meine Herren, ſollen Sie dies⸗ mal durch meinen Mund erfahren. So wiſſen Sie denn, daß der Baron, der ſo treffliche Geſchichten zu erzählen weiß, ein niederträchtiger Verläumder i*ſt, der das Andenken eines Ehrenmannes noch in ſeinem Grabe beſchimpft und unſägliches Unheil in einer unglücklichen Familie angerichtet hat.— Mit dieſen Worten verließ der junge Mann die Geſellſchaft, welche beſtürzt und überraſcht zu⸗ rückblieb. II. Ein Duell war die natürliche Folge dieſer Be⸗ gebenheit. Oskar war darauf gefaßt. Am andern 17 Morgen ſchon erſchien der Fürſt, welcher im Na⸗ men des Barons Erklärung und Genugthuung forderte. — Ich bin Ihnen und der Geſellſchaft aller⸗ dings Rechenſchaft ſchuldig,— ſagte der junge Mann, indem er den Sekundanten ſeines Gegners einlud, Platz zu nehmen. — Ich erwartete nicht weniger von Ihnen, — erwiederte der Fürſt mit größerem Ernſte als gewöhnlich. — So hören Sie mich ruhig an. Ich will Ihnen die Fortſetzung der Geſchichte geben, die der Baron Ihnen geſtern erzählte, und Thatſachen mit⸗ theilen, welche dieſer mit dichteriſcher Freiheit wohl⸗ weislich verſchwiegen hat. Der betrogene Graf war keineswegs vollkommen von der Unſchuld ſei⸗ ner treuloſen Gemahlin überzeugt. In ſeinem edlen Herzen, denn er war vom Scheitel bis zur Zehe ein Ehrenmann, nagte fortwährend der Verdacht und verbitterte ſein Leben. Dazu kam, daß er Va⸗ ter geworden war und die rechtmäßige Geburt ſei⸗ nes Sohnes zu bezweifeln anfing. Ein Ereigniß, welches ſonſt die größte Freude zu verbreiten pflegt, war hier der Quell unſäglicher Leiden. Der Graf Ring, Stadtgeſchichten. V. 2 18 vermochte das neugeborene Kind nicht anzuſchauen ohne die bitterſten Qualen zu empfinden. Stun⸗ denlang ſtarrte er in das Geſicht des Kleinen, als ob er darin die Schuld oder Unſchuld ſeiner Mut⸗ ter leſen wollte. Er war der unglücklichſte Vater von der Welt; das reinſte, ſchönſte Gefühl eines Mannes, die Liebe zu ſeinem eigenen Blut und Fleiſch, hatte ſich bei ihm in ein zehrend Gift verwandelt. Sein argloſes Herz war zerriſſen, ſein treffliches Gemüth verdüſtert. Dennoch beſaß er nicht die Kraft, ſich von der treuloſen Frau öffentlich ſchei⸗ den zu laſſen und vor Gericht den Beweis ihrer Schuld zu führen. Er liebte noch immer das Weib, welches ihn ſchändlich hintergangen hatte. Je mehr aber das Kind heranwuchs, deſto größere Aehnlich⸗ keit fand der Graf in deſſen Zügen mit denen des Barons. Schaudernd ſtieß er den Knaben fort, wenn derſelbe ſich mit kindlicher Liebe ihm nähern wollte. Dieſer, mit außerordentlichen Anlagen und frühzeitigem Scharfſinn begabt, fühlte doppelt tief die Abneigung des Vaters, welche er ſich nicht zu erklären vermochte. Auch ſein Herz wandte ſich von dem Grafen ab, und an die Stelle der Liebe trat ein um ſo größerer Haß. Zwiſchen Vater und 19 Sohn herrſchte eine Feindſchaft, die früher oder ſpäter eine furchtbare Kataſtrophe herbeiführen mußte. Eines Tages fand man den Grafen halbentſeelt in dem benachbarten Walde ausgeſtreckt, der zu ſeinem Gute gehörte. Er lag in ſeinem Blute ſchwimmend, eine Kugel hatte ſeine Bruſt durchbohrt. Der Sohn war verſchwunden und auf ihm laſtete der Verdacht der gräßlichen That, da zwiſchen ihm und dem Va⸗ ter am Morgen ein lauter Streit ſtattgefunden hatte, den der Kammerdiener des Grafen mit angehört ha⸗ ben wollte. Der Verwundete genas zwar unter der ſorgfältigen Pflege ſeiner Aerzte, aber ein Bruſt⸗ fehler blieb ihm zurück, der vor der Zeit ſeinem Leben ein Ende machte. Er ſtarb wenige Jahre nach dieſem Ereigniſſe; von ſeiner Gattin hatte er ſich ſchon lange vorher zurückgezogen. In ſeinem Teſtamente war derſelben ein anſtändiger Jahrge⸗ halt ausgeſetzt, der verſchollene Sohn enterbt, und die ganze reiche Hinterlaſſenſchaft fiel einem ent⸗ fernteren Seitenverwandten zu.— Der Fürſt hatte mit Spannung der Erzäh⸗ lung zugehört, welche, trotz ſeiner weltmänniſchen Anſichten, die er im Punkte der Liebe und ehelichen Treue hegte, ihn tief erſchütterte. Er war leicht 2* 20 zu rühren und jedes beſſeren Eindrucks fähig, ob⸗ gleich er nie eine Stimmung längere Zeit zu be⸗ haupten vermochte. Sein ganzes Weſen war frag⸗ mentariſch, ſein Charakter hatte einen Anſtrich von Ueberſchwänglichkeit. In ſeinen Handlungen blitzte oft ein edleres Element mit magiſchem Schimmer hervor, doch ſchon im nächſten Augenblick unterlag er den Verſuchungen, welchen er durch ſein beweg⸗ tes Leben vielfach ausgeſetzt wurde. — Ihre tragiſche Erzählung hat mich tief er⸗ griffen,— ſagte er jetzt nach einer ernſten Pauſe, welche er mit allerlei ſtrengeren Betrachtungen aus⸗ gefüllt haben mochte, die ſeinem leichten Sinn ſonſt zuwider waren.— Doch was haben Sie, Herr von Birkeneck, mit der ganzen Geſchichte zu thun, was geht Sie die Handlungsweiſe des Barons an?— — Mehr als Sie denken,— entgegnete Oskar mit ſchmerzlichem Lächeln.— Der Graf war der Bruder meiner Mutter, war mein theurer Onkel, der für meine Erziehung geſorgt und mich in ſeinem Te⸗ ſtament zum Erben eingeſetzt hat. Sein Andenken wird mir ſtets heilig ſein und ich dulde nicht die leiſeſte Beſchimpfung des edlen Todten.— 21 — Sie ſind durch dieſe Erklärung vor der Geſellſchaft gerechtfertigt, aber nicht in den Augen des Barons, der gewiß bei ſeiner Erzählung nicht an Ihre Verwandtſchaft mit dem unglücklichen Gra⸗ fen gedacht hat. Fünf und dreißig Jahre ſind ſeit jenem Ereigniſſe vergangen. Er hat Sie geſtern zum erſtenmal geſehen und konnte nicht dafür, wenn er Sie zufällig in Ihrer zarteſten Empfindung verletzte. Sie ſind ihm noch immer Genugthuung ſchuldig.—— — Er ſoll ſie haben,— erwiederte Birkeneck düſter,— aber ich kann und werde mich zu keinem Widerruf verſtändigen, den er vielleicht von mir erwartet. Mein theurer Oheim hat auf ſeinem Tod⸗ tenbett mir die Geſchichte ſeiner Leiden offenbart, ohne mir den Namen des Verführers zu nennen, den ich zu erfahren brannte, um ſeine Schmach zu rächen. Der Zufall führte mich geſtern in Ihre Geſellſchaft, wo der Baron ſeine gewöhnliche Diskretion ver⸗ gaß. Jedes ſeiner Worte riß die alten Wunden wieder auf. Mein Herz ſchwoll von Gram und Luſt, endlich den Mann gefunden zu haben, deſſen Blut mir für den meiner Familie angethanen 22 Schimpf jetzt zahlen ſoll. Ich bin nicht umſonſt der Erbe des Beleidigten.— — Sie widerrufen alſo nicht?— — Käme die Frage aus einem andern Munde als dem Ihrigen, ſo würde ich ſie als eine Belei⸗ digung anſehen.— — Es giebt demnach ein Duell,— ſagte der Fürſt mit derſelben Gleichgiltigkeit, als ob es ſich um eine Vergnügungspartie handelte. Hierauf ſprach er noch einige gewöhnliche Worte und erſuchte Os⸗ kar, ihm einen Sekundanten zuzuſchicken, um mit dieſem über Ort, Zeit und Waffen die nöthige Rückſprache zu nehmen. Birkeneck blieb allein zurück und dachte ernſtlich über das bevorſtehende Ereigniß nach, das er ſelbſt heraufbeſchworen. Er hielt es für nothwendig, einige Maaßregeln für den Fall eines Unglücks, das ihm begegnen konnte, ſogleich zu treffen. Aus dieſem Grunde ſchrieb er einen Brief an einen alten Uni⸗ verſitätsfreund, dem er die Rolle eines Sekundanten zugedacht hatte. Ein zweites Schreiben richtete er an ſeinen Rechtsanwalt, der ſein bedeutendes Vermögen verwaltete und bereits Oskars verſtorbenen Eltern ein erprobter Freund geweſen war. Eben war er 23 damit beſchäftigt, die Kouverts zu ſiegeln und die Addreſſen zu ſchreiben, als die Thür ſeines Zimmers ſich leiſe öffnete und ein reizender Lockenkopf vor⸗ ſichtig durch die Spalte guckte. — Biſt du allein?— fragte eine helle Sil⸗ berſtimme. — Ganz allein, wie du ſiehſt,— erwiederte Oskar, indem er ſeine Hand der lächelnden Schwe⸗ ſter entgegenhielt, die mit einem Male vor ihm ſtand und einen zärtlichen Kuß auf ſeine leicht um⸗ wölkte Stirn drückte. Adele war eine überraſchende Erſcheinung. Sie glich dem Bruder, wie das Weib dem Manne gleichen kann; dieſelbe ſchlanke und hohe Geſtalt, aber alle Formen friſcher, ſchwellender, elaſtiſcher; die gleichen edlen Züge in dem blühenden Angeſicht, doch minder ſcharf und ſicher ausgeprägt. Das waren Oskars Augen, nur noch weit milder, ſtrah⸗ lend in herzgewinnender Güte. Statt des Männer⸗ ſtolzes, der auf ſeiner hohen Stirn lagerte, um⸗ ſchwebte die ihrige ſanfte Weiblichkeit, von einer Fülle goldener Löckchen wie von einem Heiligenſchein gekrönt. Der Bruder ſchien, ſelbſt wenn er lachte, ernſt, während die Schweſter auch im Ernſt noch 24 lächelte. Die zwei Grübchen in ihren Wangen waren die Lagerſtätten von tauſend liebenswürdigen und ſchalkhaften Geiſtern, welche unvermuthet hervor⸗ brachen und Luſt und Freude rings verbreiteten. Die Geſchwiſter ſahen einander ſo ähnlich, wenn ſie beiſammenſtanden, wie zwei Thautropfen, von denen der eine in eine junge Roſenknospe ſich gebettet hat, während der andere in der dunklen Krone einer ſchwarzen Fichte glänzt. Adele war meiſtens heiter, Oskar gewöhnlich ernſt. Trotz dieſer Temperamentsverſchiedenheit war ihre gegen⸗ ſeitige Liebe unbegränzt. Sie ſtanden allein ohne nähere Anverwandte, ſeitdem ihnen beide Eltern frühzeitig geſtorben waren. Kurze Zeit nach dieſem traurigen Ereigniſſe war Oskar durch das Teſta⸗ ment ſeines Oheims plötzlich reich geworden. So⸗ gleich holte er die ſechszehnjährige Adele aus dem Fräuleinſtift, wo die Waiſe eine vorläufige Unter⸗ kunft geſunden hatte. Von dieſer Zeit lebte ſie in ſeinem Hauſe und theilte in jeder Beziehung ſein unvermuthetes Glück. Er war ihr Bruder, Wohl⸗ thäter und Ernährer zu gleicher Zeit. Kein Wun⸗ der, daß die dankbare Schweſter die ganze Fülle ihres liebereichen Herzens ihm allein und ausſchließ⸗ — 25 lich zuwendete. Oskar dagegen liebte die Verlaſſene doppelt, als Schweſter und hülfloſes Kind, an dem er Vaterſtelle zu vertreten hatte. Er empfand die ganze Seligkeit, welche in der Sorge für das Glück eines ſolchen ſchwachen, ſchönen Weſens liegt. Ge⸗ ben iſt ſeliger, denn Nehmen, wie das Evangelium ſchon ſagt. Jedes neue Kleid, jeder Schmuck, wel⸗ chen er Adelen kaufte, war für ihn ein Quell der reinſten Luſt. Erſt ſeitdem die Schweſter bei ihm wohnte, hatte ſein einförmiges Leben einen neuen Reiz erhalten. Der Sonnenſchein war mit ihr in das große Haus gezogen, das er im Anfang ganz allein bewohnen mußte und welches ihm darum ſtets ſo düſter vorgekommen war. Jetzt leuchteten ihre Augen ihm entgegen, grüßte ihn ihr ſilber⸗ helles Lachen wenn er kam und wenn er ging. Dabei fühlte er ſich gewiſſermaßen als Familien⸗ oberhaupt und war ſtolz, daß er ſolch ein liebes, ſüßes Schweſterchen hatte, welches er wie ein Va⸗ ter beſchützen und behüten mußte. Er war ihr ge⸗ wiſſermaßen dankbar, daß ſie ihm täglich Gelegen⸗ heit gab, ihr wohl zu thun. Eine reinere Liebe gab es ſicher auf der gan⸗ zen Erde nicht. 26 Wenn Adele ihn mit den blauen Augenſternen anſchaute, dann war aller Gram vergeſſen, jede Unannehmlichkeit verſcheucht, juſt ſo wie die Sonne, wenn ſie im Oſten aufgeht, alle Nebel vor ſich her⸗ treibt. Verſchwunden waren die trüben Todesgedanken in Gegenwart der Lieblichen, welche der Bruder zu ſich niederzog. Er ſaß in dem bequemen Polſter⸗ ſtuhl, während ſie auf den weichen Teppich ſcherz⸗ haft niederkniete und ſeine beiden Hände mit den ihrigen umſchloſſen hielt. — Mein Herr und König,— ſcherzte Adele, — ich bitte um geneigt Gehör. Geruhen Sie den Beutel aufzuthun.— — Wie, ſchon wieder Geld?— entgegnete Oskar in demſelben Ton,— weißt du denn, daß du eine kleine Verſchwenderin zu werden verſprichſt? Ich verlange Rechenſchaft.— Adele zog ſogleich aus ihrem Buſen ein klei⸗ nes Notizbüchlein, in welches ſie ihre Ausgaben mit großer Gewiſſenhaftigkeit einzuſchreiben pflegte, und las eine lange Rechnung mit poſſierlicher Gra⸗ vität dem geliebten Bruder vor. — Für den Schneider ſechs Thaler, für die 27 Putzmacherin drei, für Handſchuhe zwei Thaler zwanzig Groſchen, für die arme Nätherin täglich einen Gulden, Wolle und Seide vier Thaler fünfzehn Silbergroſchen, für— Plöͤtzlich ſtockte ſie aber, hielt in ihrem Be⸗ richte zögernd inne und wurde über und über purpurroth. — Nun, weiter, nur weiter,— ſagte der Bruder, der ihre Verlegenheit nicht zu bemerken ſchien. — Und für die Armen,— flüſterte die Lieb⸗ liche, ohne die große Summe zu nennen, welche ſie wöchentlich an die Nothleidenden auszutheilen pflegte. — Weißt du auch, daß ich mit dir recht un⸗ zufrieden bin?— erwiederte Oskar anſcheinend mit großer Strenge. Adele ſchaute verwundert und erſtaunt zu ihm empor. Eine ſolche Sprache war ſie nicht gewohnt, aus ſeinem Munde zu hören, dennoch ſchwand das ſüße Lächeln nicht von ihren Lippen. — Ja, ja Schweſterchen!— fuhr er drohend fort.— Gebe ich dir denn die geringe Summe, damit du den Schneider, die Putzmacherin und die Nähmamſell auch noch mit bezahlſt? deine Garde⸗ robe ſollſt du nicht von deinem Taſchengeld be⸗ ſtreiten, das iſt meine Sache. Nur die Kleinig⸗ keiten, Bänder, Wolle und Seide magſt du dafür einkaufen. Am Ende wirſt du noch ein ganzes Hausweſen mit deinem Taſchengeld erhalten wollen. Nein, nein, das geht nicht. Ich werde dir deine baaren Auslagen wieder geben und für die Zu⸗ kunft bitte ich mir beſſere Wirthſchaft aus.— Adele flog aus ihrer demüthigen Stellung empor und dem guten Bruder um den Hals. — O du biſt der beſte Mann auf dieſer Welt,— ſagte ſie noch lächelnd, während ihr die Thränen der Freude in den hellen Augen ſtanden. III. Wenige Augenblicke ſpäter verließ Adele in Begleitung von Madame Ahrens, einer würdigen Matrone, welche eine entfernte Anverwandte und zugleich ihre Geſellſchafterin war, das Haus ihres Bruders, um ihre gewöhnliche Morgenpromenade vorzunehmen. Es war an einem jener erſten 29 Frühlingstage, welche das Herz der Menſchen, ſo wie die erwachende Natur mit Luſt und Freude zu erfüllen pflegen. Der Himmel zeigte ſich noch grau umwölkt, aber nicht ſo düſter wie zur Zeit der Aequinoktien. Ein milder, unausſprechlich ſanfter Sonnenglanz ſchimmerte durch die dünne Wolkendecke, wie das gedämpfte Licht einer Aſtral⸗ Lampe, ſüß und wohlthuend für das Auge. Die weiche Luft ſchmeichelte und lockte die Knospen aus der harten Rinde der Bäume und die Sehnſucht aus der Menſchenbruſt. Ab und zu erhob ſich noch ein jäher Windſtoß, aber nicht kalt und ſchneidend, ſondern koſend und ſpielend mit dem jungen grünen Laub und den flatternden Schleiern und Bändern der Damen, welche ſich hinausge⸗ wagt. Adele, welche in all' ihren Gliedern und noch dazu in ihrem Herzen das Wehen des Frühlings ſpürte, traf viele ihrer Freundinnen in dem um dieſe Zeit am meiſten beſuchten Theil des Parks. Das war ein Händeſchütteln, Grüßen und Küſſen, Lachen und Plaudern, als hätte man ſich eine lange Ewigkeit nicht mehr geſehn. Seit dem letz⸗ ten Winterballe waren allerdings vier Wochen 30 vergangen und in den vergangenen vierzehn Tagen konnte kein Menſch und am wenigſten eine Dame, ſich auf die Straße wagen in dem Unwetter und bei dem Schmutz, mit welchem der Frühling in Deutſchland ſeinen Einzug hält. Jetzt war es überſtanden und die Damen und Herren der Reſidenz freuten ſich der ſchönen Zeit. Der Frühling bleibt der Liebling in der Stadt wie auf dem Lande, bei Vornehmen und Geringen, ein rechtes Neſthäckchen für Jedermann. Solch ein Lieblingskind der Welt war auch Adele, welche überall nur Freunde und Freundin⸗ nen fand. Manch junger Herr blickte der holden Erſcheinug noch lange nach, als wollte er mit ſeinen Augen das liebliche Bild zurückrufen. Mit Mühe und Noth entriß ſich Adele dem Kreiſe der Bekannten, welche ſie überall antraf. Sie wollte allein dem Frühling entgegengehn und ihren alten Freund, dem ſie ſelbſt ſo ähnlich ſah, von ganzem Herzen grüßen. Die Bruſt war ihr ſo voll, nur wußte ſte nicht warum. War es die Freude, welche ſie an ihrem Bruder hatte, oder ein anderes namen⸗ loſes noch ſüßeres Gefühl, wofür ſte keinen Aus⸗ druck fand, und das ſie doch ſo glücklich machte? 31 In den Frühlingslüften ſollen wunderbare Geiſter ſchweben, welche beſonders den jungen Mädchen gefährlich ſind,— unſichtbare Elfen, die mit golde⸗ nen Pfeilen Wunden ſchlagen und aus Blüthen⸗ kelchen einen Zaubertrank kredenzen, der die Seele trunken macht. Wie berauſcht ging Adele neben ihrer Beglei⸗ terin und geberdete ſich ganz eigen und närriſch. Bald blieb ſte vor einem grünen Strauche ſtehn und zählte die Blättchen, welche ſich ſchüchtern hervorgewagt hatten und wie artige Kinder auf der Schulbank an dem braunen Stengel ſaßen und nur leiſe flüſterten; bald wieder konnte ſie eine geraume Zeit gar nicht fortkommen von dem klei⸗ nen Käferſchelm, der in ſeinem vergoldeten Kleide einem Seiltänzer im Flitterſtaate glich und an ei⸗ nem zarten Grashalm ſeine equilibriſtiſchen Künſte produzirte. Madame Ahrens hatte nur immer zu drängen und zu treiben, ſonſt wären Beide gar nicht weiter gegangen. — Ach, ſehen Sie nur die tauſend und aber tauſend Knospen,— rief Adele, indem ſie auf einen alten Ahornbaum zeigte, der in ihrer Nähe ſtand.— Die zarten Blättchen ſehen wie gefaltete Kinderhände aus, welche um milde Nächte und laue Lüfte den Himmel bitten.— — Sie haben heute wunderliche Einfälle,— bemerkte ihre Begleiterin, eine praktiſch tüchtige Frau, welche wenig von dieſer Schwärmerei begriff. — Ja, das finde ich auch,— entgegnete Adele ganz naiv,— aber das geht mir immer ſo, wenn der Frühling kommt. Mir iſt dann, als wär' ich ausgetauſcht. Sind Sie nicht auch eine Andere über Nacht geworden?— — Das ich nicht wüßte,— lächelte Madame Ahrens. — Freilich, liebe Ahrens, Sie ſehen ja heut ganz abſonderlich aus, ſo friſch und jugendlich, wie neulich, da Sie bei Tiſch auf Oskars Bitte ein Gläschen von dem ſpaniſchen Wein getrunken hatten. Erinnern Sie ſich nur, Sie wurden ganz redſeelig und erzählten mir von dem armen Hauslehrer, den Sie ſo ſehr geliebt und den Sie doch nicht nehmen durften. Es war eine wunder⸗ ſchöne und doch recht traurige Geſchichte, die müſ⸗ ſen Sie mir noch einmal ſagen.— Die gute Geſellſchafterin ſeufzte bei dieſer 33 Erinnerung an ihre alte Jugendliebe, aber ſie hatte heute keine Luſt, dieſelbe von neuem zu er⸗ zählen, ſondern ging ſchweigend neben ihrer jungen Freundin her. Adele drang nicht mehr in ſte. Ein neuer Gegenſtand hatte ihre Aufmerkſamkeit erregt. Mitten in der knospenden ergrünenden Früh⸗ lingswelt ſtand ein einzig dürrer Baum, der gänz⸗ lich abgeſtorben ſchien. Wie ein Bettler, ſtreckte er die dürren grauen Aeſte, ſeine abgemagerten Arme den Vorübergehenden entgegen. Die Rinde war geborſten und hing wie zerfetzte Lumpen um den ſchlanken Stamm. Kein Blättchen, kein friſches grünes Laub ſchmückte den Verſtoßenen. Der Frühling war an ihm vorübergegangen ohne eine milde Gabe für den Unglücklichen. Der Baum ſah recht krank und elend aus, ſo daß Adele ein inniges Mitleid mit ihm empfand. — Ach, ſehen Sie nur, liebe Ahrens!— rief ſie laut.— Wie traurig der Baum daſteht, mir thut's ordentlich leid um ihn.— — Man hiütte ihn längſt umhauen ſollen,— ſagte die praktiſche Frau. — Aber vielleicht erholt er ſich noch, vielleicht Ring, Stadtgeſchichten. IV,. 3 34 wird er nur ſpäter als die andern Bäume grün. Im Fräuleinſtift war auch eine Linde, welche erſt zu blüh'n anfing wenn die andern ſchon abgeblüht. Ich hatte ſie darum nur um ſo lieber, und ſaß an manchem ſtillen Abend auf der Bank und athmete den ſüßen Duft. Während Adele ſo ſprach, war ſie dem Baume näher getreten, um ſich zu überzeugen, ob er wirk⸗ lich gänzlich abgeſtorben ſei und zu Nichts mehr tauge. In ihrem Eifer hatte ſie eine Geſtalt über⸗ ſehn, welche an der entgegengeſetzten Seite ſtand und ebenfalls den Baum betrachtete. Dieſelbe war von dem breiten Stamm einer daneben wachſen⸗ den Eiche hinlänglich verdeckt, um das Mädchen zu beobachten, ohne ſelbſt erblickt zu werden. — Der Baum iſt nicht todt,— rief Adele ihrer Begleiterin freudig zu.— Er wird noch ausſchlagen und grün werden. Der Frühling hat ihn rein vergeſſen.— — Sie haben Recht, er wird noch grünen,— ſagte plötzlich hervortretend die fremde Geſtalt, welche bisher Adelen verborgen geblieben war. Unwillkührlich wich das Mädchen um einige Schritte zurück und betrachtete die neue außeror⸗ 3⁵ dentliche Erſcheinung. Vor ihr ſtand ein Mann, der ſein dreißigſtes Jahr zurückgelegt haben mochte. Trotz ſeiner abgetragenen Kleidung lag ein unaus⸗ löſchlicher Adel in ſeiner Geſtalt, wie in ſeinen Zügen. Es war eines jener Geſichter, die man unter Tauſenden ſich merkt und nimmermehr ver⸗ geſſen kann. Schien es doch Adelen, als wäre eines jener unſterblichen Bilder Tizians lebendig geworden und aus ſeinem Rahmen vor ſie hin⸗ getreten. Dunkelſchwarzes Haar beſchattete eine hohe, bleiche Stirn, welche ſich leiſe zu furchen begann; unter den buſchigen Brauen ruhten geheim⸗ nißvoll die tiefſinnigen Augen; die gebogene Adler⸗ naſe und das feſte Kinn ſchien aus Marmor ge⸗ meißelt, um die feinen Lippen ſchwebte jetzt ein anmuthiges Lächeln, dennoch fühlte man, daß die⸗ ſer kühne Mund ſpöttiſch lachen, trotzig zürnen und gebieten könnte. Ein Leben voll Erfahrung und ernſten Kampfes hatte ſicher über dieſes Antlitz hin⸗ geſtürmt und der Griffel des Schickſals tief in daſſelbe ſeine Unglücksſchrift gegraben. Solch' ſcharf ausgeprägte Menſchen werden jetzt in der Welt immer ſeltener, wo die Thatloſigkeit, die ſchwächende Erziehung und der abnutzende, geſell⸗ 3* ————— ſchaftliche Verkehr allen Phyſiognomien den Stem⸗ pel der Alltäglichkeit aufdrückt und jede beſondere Eigenthümlichkeit zu verwiſchen droht. Selbſt die Kleidung dieſes Mannes war fremdartig und ver⸗ mehrte den phantaſtiſchen Eindruck, den er hervor⸗ rufen wußte. Er trug einen kurzen, grünen Tuch⸗ rock, welcher die edlen und doch kräftigen Formen ſeiner Geſtalt plaſtiſch hervortreten ließ. Ein locker geknüpftes, ſchwarzes Seidentuch ſchlang ſich um den gebräunten Hals, den ein langer, dunkler Bart zum Theil bedeckte. In ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich offenbar die Verachtung alles Herkömm⸗ lichen und jeder Mode aus. Adele war, von ſeiner Anrede und noch mehr von ſeiner plötzlichen Erſcheinung überraſcht, zu⸗ rückgewichen. Sie beſaß aber nicht jene vornehme Sitte oder vielmehr Unart, die gutgemeinte Anrede eines Fremden mit einem kalten Blick, einer verächtlichen Miene abzufertigen. — Der arme Baum dauerte mich,— ſagte ſte mit holdem Lächeln,— und weil er allein wie ein Unglücklicher ohne Laub und Knospen ſteht, hat er meine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen.— Der ſtrahlende Blick des Fremden dankte ihr für dieſe Antwort und für den milden Sinn, der in derſelben lag. — Laſſen Sie mich in ſeinem Namen dan⸗ ken,— entgegnete er.— Solch' Mitleid thut dem Armen wohl und wird ſelten angetroffen. Auch mich hat der Baum aus demſelben Grunde ange⸗ zogen. Ich wollte nachſehn, was ihm fehlt.— — Sie ſind gewiß der Gärtner des Parks?— fragte Madame Ahrens, welche unterdeß ſich eben⸗ falls genähert hatte, und die jeden für einen Gärt⸗ ner hielt, der ein grünes Kleid, wie der Fremde trug. Dieſer verbeugte ſich nur lächelnd und be⸗ ſtärkte die gute Frau dadurch in ihrer Meinung, die auch Adele zu theilen ſchien. — Ach! da müſſen Sie uns zeigen, wo die ſchönſten Blumen ſtehn,— ſagte das liebliche Mädchen. — Sehr gern,— erwiederte der Fremde, der im Park trefflich Beſcheid wußte und dadurch die Frauen noch mehr in ihrer Meinung beſtärkte. — Natürlich nur, wenn wir Sie nicht bei der Arbeit ſtören,— ſetzte Adele höflich hinzu. — Meine Arbeit drängt nicht,— lautete die beſcheidene Antwort. Der Führer ſchritt an der Seite der Damen auf dem trockenen Kiesgange, den er ſte leitete. Die Antworten, welche er auf ihre Fragen gab, verriethen eine Bildung weit über ſeinen Stand; beſonders entwickelte er ſo gründliche botaniſche Kenntniſſe, daß Adele, welche ſich fur dieſe Wiſſen⸗ ſchaft ſtets intereſſirt hatte, nicht müde wurde, ihm zuzuhören. Er ſprach von den Urwäldern Süd⸗ amerika's, von der üppigen Pflanzenwelt der Tro⸗ pen, den rieſigen Schilfgewächſen und der erotiſchen Blüthenpracht, wie nur ein Augenzeuge erzählen kann. — Sie ſchildern Alles ſo ſchön und leben⸗ dig,— bemerkte Adele,— als hätten Sie dort ſelbſt gelebt.— — Ich lebte auch daſelbſt,— entgegnete der Fremde mit eigenthümlichem Lächeln. — Wahrſcheinlich, um botaniſche Studien an Ort und Stelle zu machen?— forſchte Madame Ahrens neugierig. Der Führer blieb die Antwort ſchuldig und bückte ſich, Adelen's Kleid von einem wilden Ro⸗ 39 ſenſtrauch zu löſen, der am Wege ſtand und mit ſeinen ſpitzen Dornen daſſelbe ergriffen hatte. Sie dankte ihm von neuem mit lieblicher Anmuth. — Ach! in jenen fremden Ländern,— ſetzte ſie hinzu,— muß es himmliſch ſein, aber ich würde mich fürchten in den rieſigen Urwäldern, welche Sie ſo herrlich malen. Dort giebt es zwar ſchönere Blüthen, ſüßere Düfte, aber auch Löwen und Schlangen, welche plötzlich aus der pa⸗ radieſiſchen Natur hervorbrechen. Nein, da lob' ich mir doch mein armes Vaterland. Iſt es nicht ſchön hier, beſonders wenn der Frühling kommt? Sehen Sie nur, das grüne Moos ſieht wie ein geſtickter Samm'tteppich aus, ſolch friſches Grün giebt es ſicher nicht in Amerika und dort die Wieſe grün aber ebenfalls doch ganz anders, als wäre ſie mit Gold beſtreut, und dann die bläulichen Saaten, wie ein See, den der Wind kräuſelt. Prächtiger mag es unter den Tropen ſein, aber ſchöner nicht als in Deutſchland hier.— Der Fremde hatte mit augenſcheinlichem In⸗ tereſſe ihr zugehört. Mit einem Ausdruck von Wohlgefallen hing ſein ſchwermüthiges Auge an den lieblichen Zügen. Der Eifer, mit dem ſie den 40 Norden gegen den Süden vertheidigte, hatte ihre Wangen hold geröthet. — Sie haben Recht, mein Fräulein,— er⸗ wiederte er.— Unſere Natur iſt zwar arm gegen die dortige, aber in ihrer Beſchränktheit mannig⸗ facher, wie ein Bild, das nicht durch Farbenpracht, aber durch einfache Innigkeit und Tiefe uns ent⸗ zückt.— Adele blickte zu ihrem Führer empor. Dieſer Vergleich aus dem Munde eines Gärtners war ihr aufgefallen, doch bald verſchwand ihr aufſtei⸗ gender Verdacht, daß ſie ſich in der Perſon geirrt haben könnte. Der Fremde nannte auf ihr Be⸗ gehren jede Blume, jeden Strauch bei dem bota⸗ niſchen Namen, ſo daß der Zweifel in ihr ſogleich beſeitigt wurde. Endlich waren ſie bei dem Blumenbosquet angelangt, das er ihnen zu zeigen verſprochen hatte, Mitten im Park lag ein zierliches Rundel, wo die Kinder des Frühlings ihre Kelche den ſchmeicheln⸗ den Lüfte bereits geöffnet hatten. Hyazinthen in allen Farben, weiße Narziſſen und blaue Lilien mit hellgrünen Blättern, bildeten einen Kranz. Auch die Päonien hatten ſchon braune, glänzende Knospen 41 getrieben und Loniceren und Spireen ihre kleinen krauſen Blätter entfaltet. Wie Radien eines Sternes zogen ſich vier ſchmale Streifen mit Schlüſſelblumen und gefüll⸗ ten Veilchen beſetzt, von dem Mittelpunkt dieſes Kranzes nach den Enden des Blumenkreiſes hin. Der ſüße Duft der jungen Blüthen miſchte ſich mit dem Harzgeruch der Knospen, welche die in der Nähe ſtehenden Bäume getrieben hatten. Goldröthlich leuchteten die erſten Blätter der Eichen, wie mattes Silber ſchimmerte die Birke, und die Blüthenkätzchen der Espe zitterten vom Wind bewegt. Es war ein reizendes Plätzchen, und eine Bank lud zum Sitzen ein, um den An⸗ blick noch länger zu genießen. Adele hatte ſich mit Madame Ahrens niedergeſetzt, und vergaß über ihrem Entzücken dem ſeltſamen Führer zu danken. Als ſie es thun wollte, war es ſchon zu ſpät. Der räthſelhafte Fremde war eben ſo plötzlich ver⸗ ſchwunden wie er gekommen. Das Mädchen war verſtimmt, ſie wußte nicht warum, und trat ſchwei⸗ gend mit Madame Ahrens ihren Rückweg an. Es war doch eigen, daß ſie das Bild des 42 Gärtners nicht wieder ſobald vergeſſen konnte und ſeine Geſtalt noch immer vor ihren Augen ſtand. IV. Wenige Tage nach dieſen Ereigniſſen ſollte das Duell zwiſchen Oskar von Birkeneck und dem Baron von Karſten ſtattfinden. Alle angeſtellten Sühneverſuche hatten keinen Erfolg gehabt. Na⸗ türlich wußte Adele kein Sterbenswort davon, ſolche Dinge werden ſtets in heimlichſter Weiſe betrieben. Oskar hätte um keinen Preis der Welt die geliebte Schweſter betrübt und in Unruhe ver⸗ ſetzt. Den letzten Abend vor dieſem Ereigniſſe hatte Birkeneck ſich einige Stunden in ſeinem Arbeitska⸗ binette mit dem befreundeten Juſtizrath eingeſchloſ⸗ ſen und die näheren Beſtimmungen für den Fall ſeines Ablebens zu Gunſten ſeiner Schweſter getroffen. Er konnte auf die Verſchwiegenheit und Rechtlichkeit ſeines Rechtsanwalts, bauen und hatte demſelben auch die Vormundſchaft Adelens übertragen. Der Juſtizrath, ein würdiger 43 und erfahrener Mann, hatte allerlei Ausſtellungen und Bedenken über das ſtattfindende Duell aus⸗ geſprochen.. — Iſt es nicht ein wunderlicher und barba⸗ riſcher Gebrauch,— ſagte er,— daß zwei Men⸗ ſchen auf einander losſchießen, als wenn ſie Holz⸗ pfähle wären und die Ehre des Einen mit dem Blut des Andern rein gewaſchen werden ſollte? Ich bin empört, daß ein ſolcher Wahnſinn noch in unſerm vorgeſchrittenen Jahrhundert nicht allein geduldet, ſondern ſelbſt von vernünftigen Menſchen vertheidigt wird.— — Die Geſellſchaft hat ihre Sitten und Gebräuche, denen ſich Jeder unterziehn muß, wel⸗ cher in derſelben lebt,— entgegnete Oskar, der innerlich das Duell ebenfalls verabſcheute, aber nicht den Muth beſaß, öffentlich einem verjährten Vorurtheil zu trotzen. — Pahl die Geſellſchaft,— rief der Rechts⸗ anwalt.— Das iſt auch ſo ein Wort, welches Nichts und Alles bedeuten kann. Ich haſſe ſolche vague Begriffe, welche, wie die Luft, ſich nicht grei⸗ fen laſſen und zwiſchen den Fingern Einem ent⸗ ſchlüpfen. Was verſteht man eigentlich darunter?— 44 *— JIch glaube doch den Kreis damit bezeich⸗ net zu haben, in dem uns unſere Geburt, Stellung, und zum Theil auch unſere Neigung zu leben zwingt.— — Nun, das läßt ſich eher hören,— brummte der Juſtizrath.— Aber wer gehört zu jenem Kreiſe? Ihre Familie, die gewiß für Ihr Leben zittert, wenn Sie daſſelbe der Kugel eines kalt⸗ blütigen Ungeheuers preis geben? Ihre Freunde, die Ihren Tod als ein entſetzliches Unglück bewei⸗ nen müßten und die Indifferenten, deren Gefühle und Meinungen Ihnen gleichgültig ſein können?— — Das iſt der Punkt,— ſagte Oskar mit wehmüthigem Lächeln.— Auf dieſe Leute kommt es eben an. Von ihnen hängt unſer Ruf und unſere Stellung ab.— — Thorheit! Dieſer Menge zu lieb, ſein Le⸗ ben auf das Spiel zu ſetzen.— — Und dann, hat der Beleidigte nicht ein Recht, Genugthuung zu fordern?— — Die giebt ihm das Geſetz.— — Dieſes iſt in den meiſten Fällen unzuläng⸗ lich. Der Richter kann nur die groben Vergehen, aber nicht die feinen Kränkungen, die individuellen 45 Beleidigungen beurtheilen und ſtrafen. Die Ehre hat ihr eigenes Corpus juris.— — Darum taugt es nichts. Man ſollte Ver⸗ eine zur Abſchaffung der Duelle gründen, ſo gut wie gegen die Trunkſucht und gegen die Thierquä⸗ lerei. Kein junges Mädchen dürfte einem jungen Manne ihre Hand reichen, der ſich nicht mit einem Eide verpflichtet, niemals eine ſolche Thorheit zu begehen, eben ſo wenig dürfte einem Duellanten ein Heller geborgt werden.— Oskar mußte, trotz ſeiner ernſten Stimmung, über den Eifer, womit der Juſtizrath ſeine Vor⸗ ſchläge that, unwillkührlich lächeln. Dieſer fuhr, immer wärmer werdend, fort: — Sehen Sie nur, dieſen Baron von Karſten, der Sie gefordert hat, kenne ich ganz genau. Seine Geſundheit iſt untergraben, ſein Körper vernichtet; wenn ihm Ihre Kugel nicht ein ſchnel⸗ les barmherziges Ende macht, ſo ſiecht er elend noch ein, zwei Jahre hin. Das Leben iſt ihm eine Qual und Laſt, denn er hat Alles mitgemacht und nicht einmal die Kraft mehr, friſch zu ſündigen. Bis über die Ohren ſteckt er in Schulden, gewärtig, in jedem Augenblick ausgepfändet und eingeſperrt zu werden. Was hat ein ſolcher Menſch zu ver⸗ lieren? Solch' ein ruinirter Spieler giebt ſich ſelbſt den Tod, wenn ihn keine fremde Kugel trifft. Dagegen, wenn ich Sie anſchaue, jung, reich, brav und gut.— Der Juſtizrath vollendete nicht ſeine Rede. Die Rührung überwältigte ihn und er griff haſtig nach Hut nnd Rock, um ſeine Thränen zu verbergen, Er ließ Oskar gedankenvoll zurück. In ſeinem Innern mußte dieſer dem würdigen Freunde Recht geben, aber die Geſellſchaft und die feine Welt hätte ihm es nimmermehr verziehn, wenn er zu⸗ rückgetreten wäre. Freilich gehört weit mehr Muth dazu, dem öffentlichen Vorurtheil zu trotzen und die tauſend Spöttereien und Stecknadelſtiche der Geſellſchaft zu ertragen, als ſich der drohenden Mündung eines Piſtolenlaufes auszuſetzen und ei⸗ ner Kugel als Ziel zu dienen, die doch möglicher⸗ weiſe fehlen kann. Dieſen Heroismus beſaß Os⸗ kar von Birkeneck am wenigſten. Sein ganzes Weſen verrieth einen milden, nachgiebigen Charak⸗ ter. Er war keine Heldennatur, ſondern ein ſanf⸗ ter liebenswürdiger Mann, der nicht geſchaſſen ſchien, dieſen Kampf mit der Geſellſchaft aufzuneh⸗ 47 men. Während er ſich dieſem Brüten über eine unabweisbare Gefahr überließ, trat Adele in das Zimmer, um den Bruder an eine Einladung zu erinnern, welche er nur unter ſolchen Verhältniſſen vergeſſen haben konnte. Das liebliche Mädchen war feſtlich geſmückt. — Ich glaube gar,— ſagte Adele faſt vor⸗ wurfsvoll,— daß du noch nicht einmal Toilette gemacht haſt. Daran iſt ſicher der Juſtizrath mit ſeinen ewigen Geſchäften ſchuld. Wenn er das nächſte Mal wiederkommt, werde ich gewiß mit ihm tüchtig zanken.— Oskar fuhr aus ſeinen Gedanken mit einem Male empor und ſtrich mit ſeiner Hand leiſe über die weiße Stirn, als wollte er die Sorgen dort verſcheuchen. — Du haſt Recht,— entgegnete er,— ich hätte faſt die Einladung vergeſſen.— — Eil ei! Herr Bruder,— drohte Adele ſchalkhaft lächelnd,— wenn das Gräfin Julie er⸗ fährt, ſo ſchaut ſie dich gewiß den ganzen Abend mit keinem freundlichen Blicke an.— — Adele! du biſt ein Kind.— — Was ich weiß, das weiß ich. Die ganze ——————— 48 Welt ſpricht ja davon und vor mir brauchſt du kein Geheimniß zu machen. Du denkſt vielleicht, daß ich dir zürne, weil ich deine Liebe bald mit einer Andern theilen muß. Ich will denken, daß ich noch eine Schweſter hätte. Dann müßte ich ja auch zufrieden ſein. Und Julie will ich deinetwillen lie⸗ ben, als ob ſie wirklich meine Schweſter wäre.— Dieſe Worte waren mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit, einer entzückenden Naivetät ge⸗ ſprochen ſo daß ſich Oskar nicht enthalten konnte, das holde Geſchöpf an ſein Herz zu ziehen. — Adele! du biſt ein Engel.— ſagte er, in⸗ dem er ſie auf die reine Stirn küßte.— Kein an⸗ deres Weib, und wäre es die Gräfin ſelbſt, wird dich aus meinem Herzen drängen.— — Nicht wahr, du wirſt immer noch ein Plätzchen darin für deine Schweſter übrig behalten? Ich bin ja ſchon zufrieden, wenn es noch ſo klein iſt. Aber wenn ich gar nichts haben ſoll, dann werd' ich mich auch umſehn und verlieben. Ver⸗ laß dich nur darauf.— Oskar mußte über all' die kindiſchen oder vielmehr kindlichen Scherze der Schweſter unwill⸗ kührlich lachen. 49 — Ja, lache nur,— ſagte ſie, ebenfalls lächelnd, — mir iſt es ganz Ernſt mit dem, was ich ge⸗ ſagt. Im Umſehn fliegt Dein Engel fort. Aber da ſteh' ich nun und plaudre mit Dir und die ſchöne Zeit vergeht. Wir kommen gewiß zu ſpät zum Thee. Vorwärts an die Toilette! Ich be⸗ ſtelle Dir Johann zum Ankleiden und gebe dem Kutſcher den Befehl, ſogleich anzuſpannen.— Leicht wie eine Libelle ſchwebte ſie zur Thür hinaus, nachdem ſte dem Bruder noch einmal die dringendſte Eile empfohlen hatte. Sie hatte die dunklen Gedanken, wenn auch nicht gänzlich, doch zum Theil, verſcheucht, und lieblichere Bilder ſeiner Seele vorgezaubert. In dieſem Augenblicke dachte er an die Gräfin Julie von Rothenſtein, der er allerdings in der letzten Zeit eine größere Aufmerkſamkeit als der übrigen bekannten Damenwelt erwieſen hatte. Er konnte es ſich nicht verſchweigen, daß die gefeierte Schön⸗ heit einen bedeutenden Eindruck auf ſein Herz ge⸗ macht, obgleich er ſich nie deſſelben ſo klar bewußt geworden war, wie in dieſem Augenblick. Es pflegt oft zu geſchehen, daß ein Gefühl in unſerem Herzen ſchon ſeit langer Zeit ſich be⸗ Ring, Stadtgeſchichten IV. 4 50 feſtigt hat, ehe wir noch eine Ahnung von ſeiner rieſigen Macht empfinden. So wächſt die Wurzel im Verborgenen, welche den hohen Stamm treibt und Felſen ſpaltet, die ihr im Wege ſtehn. Aehn⸗ lich erging es auch Oskar in dieſem Augenblick. Jetzt erſt wußte er, wie theuer ihm Julie von Rothen⸗ ſtein geworden war. Er mußte ſie um jeden Preis noch einmal ſehen, ehe er dem Tode entgegenging. Ueber all' den Geſchäften, welche in der letzten Zeit zu beſorgen waren, hatte er die Einladung ihrer Mutter gänzlich vergeſſen. Erſt Adele hatte ihn daran erinnert. Anfänglich ſchwankte er, ob er noch hingehn ſollte, doch ſein Ausbleiben hätte gewiß Aufſehn erregt und die Schweſter aufmerk⸗ ſam gemacht. Welchen Grund konnte er auch vor⸗ ſchützen?— Nun kam noch die Gewalt der Lei⸗ denſchaft hinzu, welche ihn in Juliens Geſſellſchaft, trotz ſeiner düſtern Stimmung, ohne Rückſicht zog. Sein Verhältniß zu der Gräfin war bisher ganz eigener Art. Sie war eine jener Frauen, welche Männer unwiderſtehlich zu feſſeln wiſſen, ohne ihre eigene Freiheit dabei einzubüßen. Sie ließ eine große Leidenſchaft, eine Hingebung ohne Gränzen ahnen, ohne ſich durch ein Wort, nicht 51 einmal durch einen Blick, zu verpflichten. Der weibliche Theil der Geſellſchaft beſchuldigte ſie der Koketterie, doch die Männer ſuchten und fanden in ihr eine Ueberlegenheit des Geiſtes, eine Tiefe der Empfindung, wie ſie ſelten bei Frauen ange⸗ troffen wird. Die Herzloſigkeit, welche ihr zuge⸗ ſchrieben wurde, galt ihnen für ein ſtolzes Selbſt⸗ gefühl, das der profanen Menge abſichtlich den reichen Schatz einer Gemüthswelt verbirgt, welche dieſe weder zu ſchätzen, noch zu ergründen ver⸗ mag. Dieſe wahren oder erdichteten Eigenſchaften waren noch dazu mit einer auffallenden Schönheit gepaart. Kein Wunder, daß Julie von Rothen⸗ ſtein ſtets von einem Kreiſe eleganter und ausge⸗ zeichneter Anbeter ſich umgeben ſah. Zu dieſen gehörte auch Oskar von Birkeneck, der ſie in Geſellſchaft kennen lernte und ſich mäch⸗ tig von der bezaubernden Erſcheinung hinreißen ließ. Sein ganzes Weſen war zum Bewundern geſchaffen. Er beſaß den reinſten Enthuſiasmus für alles Schöne und Große, in welcher Geſtalt es ihm auch immer erſcheinen mochte. Mit ſelte⸗ ner Beſcheidenheit näherte er ſich den bedeutenden Männern der Kunſt und Wiſſenſchaft, nicht um 4* 52 mit ihrer Bekanntſchaft ſich zu brüſten, ſondern aus innerem Drange, aus wahrem Gefühl, das Gute und Edle überall offen anzuerkennen. Eine ſolch' enthuſtaſtiſche Natur mußte Julien bewundern und anbeten. Sie aber war an der⸗ artige Huldigung gewöhnt und nahm dieſelbe als einen ſchuldigen Tribut hin. Ueberhaupt ſchenkte ſie anfänglich ihrem neuen Verehrer nur eine ge⸗ ringe Aufmerkſamkeit. Ein Sklave mehr oder we⸗ niger an ihrem Triumphwagen kam nicht in Be⸗ racht. Auch war ſie damals durch das erſte Auf⸗ treten des Fürſten und des Virtuoſen, welche faſt zu gleicher Zeit die feine Welt in Aufruhr ver⸗ ſetzten, mehr als je in Anſpruch genommen. Kein Mann von Ruf durfte ſich aber in der Reſidenz zeigen, ohne dem Zauber der moderneu Circe zu verfallen. Das war ein Ehrenpunkt für Julie von Rothenſtein, alle Notabilitäten der Gegenwart in ihrem Salon und zu ihren Füßen zu verſammeln. Der intereſſante Fürſt und der berühmte Künſtler widerſtanden eben ſo wenig wie Oskar der hinrei⸗ ßenden Liebenswürdigkeit und der ſtrahlenden Schön⸗ heit Juliens. Man ſprach ſogar von einem ernſt⸗ hafteren Verhältniſſe, von einer nahe bevorſtehenden 53 Verlobung, nur wußte weder das Publikum, noch die Betheiligten, für welchen von Beiden ſich die Gräfin erklärt habe. Plötzlich aber wandte ſich die Neigung Juliens in auffallender Weiſe Birkeneck zu, den ſie bisher wenig oder gar nicht be⸗ achtet hatte. Oskar ſelbſt ſchien von ſeinem Glücke überraſcht zu ſein, und traute ſeinen eigenen Sin⸗ nen nicht. Kaum wagte er ihr Entgegenkommen zu ſeinen Gunſten zu deuten. Aus dieſem Grunde hatte er auch bisher jede Erklärung vermieden. Mangel an Selbſtvertrauen und die ſtolze Schön⸗ heit Juliens hatten ihn abgehalten, ſeine Gefühle ihr gegenüber auszuſprechen, obgleich ſie ſein ſtum⸗ mes Liebeswerben längſt verſtanden hatte. Böſe Zungen, und deren giebt es in der feinen Welt gewiß eben ſo viel oder noch weit mehr als in den unteren Schichten der Geſellſchaft, behaupteten ſo⸗ gar, daß Birkeneck der Gräfin nur zum Nothbehelf jetzt dienen müſſe, ſeitdem der Fürſt durch ein glän⸗ zenderes Geſtirn ihr entführt worden war. Auch der berühmte Virtuoſe war keine paſſende Partie für eine Gräfin, obgleich ſie von den anderen Frauen vielfach um dieſe glänzende Eroberung beneidet wurde. Ob derartige Gründe Juliens Herz für 54 Oskars ſchüchterne Bewerbungen empfänglicher ge⸗ ſtimmt hatten, wagen wir nicht zu behaupten. Nur die eine Thatſache ſtand jetzt feſt, daß ſte ihn vor allen Nebenbuhlern in der letzten Zeit auffallend begünſtigte. Birkeneck blieb nicht unempfindlich für dieſen Vorzug, den ſie ihm zu erkennen gab, und nur die Spannung, welche das ihm bevorſtehende Duell hervorgebracht, konnte ihn eine ſo wichtige Einladung vergeſſen laſſen. Jetzt war er entſchloſſen, derſelben ſ ogleich Folge zu leiſten, und der geſchickte Diener hatte vollauf zu thun, um die verſäumte Toilette ſo ſchnell zu beenden, als die Ungeduld ſeines Herrn es wünſchte. V. An Adelens Arm trat Oskar in den erleuch⸗ teten Salon der Gräfin Rothenſtein. Juliens Mut⸗ ter war die Wittwe des verſtorbenen Hofmarſchalls, eine Dame, welche in jüngeren Jahren in den höch⸗ ſten Zirkeln durch Schönheit und Witz, wie jetzt ihre Tochter, geglänzt hatte. Damals ſprach man von einem romantiſchen Verhältniſſe mit einem Prinzen des königlichen Hauſes. Leider dürfen 5⁵ ſolch' erhabene Perſonen nur ſelten den wahren Nei⸗ gungen ihres Herzens folgen. Der Prinz heirathete aus Staatsrückſichten eine deutſche Fürſtentochter, die Gräfin den Hofmarſchall, der zu jener Zeit nur noch Kammerherr war. Die Ehe ſoll anfänglich nicht die glücklichſte geweſen ſein. Der Gatte, wel⸗ cher zugleich Intendant der Königlichen Vergnü⸗ gungen war, zeigte eine beſondere Vorliebe für das Ballet, während die Gemahlin das rezitirende Schau⸗ ſpiel, oder vielmehr den erſten Liebhaber deſſelben begünſtigte. Da der Hof, an welchem ſie lebten, ein ſtreng moraliſcher war, ſo vermieden Beide jedes öffentliche Aergerniß und unterließen, trotz mancher häuslichen Scenen, welche beſonders bei Juliens Geburt hervortraten, die beabſichtigte Schei⸗ dung. Man verſtändigte ſich mit der Zeit und übte gegenſeitig eine wahrhaft bewunderungswürdige To⸗ leranz. Durch den Tod des Hofmarſchalls wurde dies zärtliche Verhältniß leider aufgelöſt. Die troſt⸗ loſe Wittwe blieb mit einer mäßigen Penſion zu⸗ rück, da die verſchwenderiſche Lebensweiſe das nicht allzubedeteutende Vermögen aufgezehrt und noch eine ziemlich anſtändige Schuldenlaſt hinzugefügt hatte. Trotz dieſer Beſchränkungen verſtand die 56 kluge und noch immer intereſſante Wittwe ihre Stellung ſowohl bei Hofe, als in der Geſellſchaft zu behaupten. Ihr Haus blieb nach wie vor der Sammelplatz der feinen Welt, und die Reize der heranwachſenden Tochter übten einen neuen mäch⸗ tigen Zauber aus. Woher die Geldmittel für den noch immer höchſt eleganten Haushalt floſſen, wußte in der Reſidenz kein Menſch, obgleich ſich viele Leute darum den Kopf zerbrachen. Solcher pro⸗ blematiſcher Eriſtenzen giebt es ziemlich viel in der feinen Welt, Perſonen, die wie die Lilien des Fel⸗ des leben, weder ſäen noch ſpinnen, und doch in Sammet und Seide gehn und alle Herrlichkeit ge⸗ nießen. Wir fühlen keinen Beruf, den geheimen Geldquellen der Gräfin nachzuſpüren, oder die un⸗ bezahlten Rechnungen der Kaufleute und Handwer⸗ ker, welche für dieſelbe lieferten, dem geehrten Pu⸗ blikum vorzulegen. Ihr Salon wurde nach wie vor von dem höchſten Adel und der feinſten Geſellſchaft gern be⸗ ſucht und gab den Mittelpunkt für alle bedeutenden Erſcheinungen des Tages ab. Hier traf man den vornehmen Reiſenden, welcher aus dem Orient Pläne zur Verbeſſerung und Veredlung des Men⸗ 57 ſchengeſchlechts mitgebracht hatte, die er angelegent⸗ lich einem alten Diplomaten auseinanderſetzte. Die⸗ ſer lächelte faunenhaft bei Erwähnung der Mittel, welche in Kreuzung der verſchiedenen Ragen beſtehen ſollte. — Charmant, einzig!— rief der geheime Legationsrath, indem er vor Vergnügen mit der Zunge ſchnalzte.— Eine Ladung Tſcherkeſſinnen — gottvoller Einfall!—. Und die beiden Herren lachten und flüſterten und drückten ſich entzückt die Hände. Dort in einer Ecke ſaß die Gräfin Diogena, deren faſhionable Romane in den erkluſiven Kreiſen ein ungewöhnliches Aufſehen erregt hatten. Sie war von einem Schwarm Bewunderer umringt, welche ihr jüngſtes Werk in ihrer Gegenwart mit Ueberſchwänglichkeit beſprachen. Die für ſie ſo intereſſante Unterhaltung wurde lei⸗ der durch das Erſcheinen der Herzogin von Baldo unterbrochen, welche am Arm des uns bekannten Fürſten den Salon betrat. Die hohe Frau wurde ſofort der Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerkſam⸗ keit, und Alles drängte ſich, um ſie zu ſehen und zu begrüßen. Die verlaſſene Diogena blieb allein zurück. 58 Nur ein bleicher, junger Mann mit dunklem Bart, der ſchwindſüchtige Anbeter ihrer verwelkten Reize, folgte nicht dem allgemeinen Zug. — O! Alfred,— ſagte die Gräfin mit einem bitteren Lächeln und indem ſie ihren treuen Schat⸗ ten wehmüthig mit nur einem Auge betrachtete. — Ich kann dir nicht ſagen, wie fatiguirt ich bin. Die Welt verſteht nicht meine Sentiments und dieſe Geſellſchaft bewildert mich.— Alfred tröſtete die Schwermüthige, deren Sen⸗ timents und Jargon er nur allein verſtand, oder wenigſtens zu verſtehen glaubte.“ Die Anweſenheit der viel beſprochenen Her⸗ zogin hatte in der That einen Aufſtand in der Ge⸗ ſellſchaft hervorgebracht. Jedermann wollte die hohe Frau ſehen, welche durch Geburt, Schickſale, und be⸗ ſonders durch ein unermeßliches Vermögen ausge⸗ zeichnet war. Urſprünglich Italienerin, hatte ſie von einem nahen Anverwandten, der in der diplo⸗ matiſchen Welt die bedeutendſte Rolle einſt geſpielt, große Beſitzungen in Deutſchland geerbt. Sie war entſchloſſen, ihr bisheriges Vaterland zu verlaſſen und abwechſelnd auf ihren Gütern und in der Re⸗ ſidenz zu leben. Ihr Erſcheinen in dem Salon 59 der Gräfin war der Verſammlung doppelt intereſ⸗ ſant, weil der Fürſt, welcher zu Julien in einem ſo nahen Verhältniſſe geſtanden hatte, in der letz⸗ ten Zeit ausſchließlich ſeine Huldigungen der Her⸗ zogin darbrachte. Alle Welt wollte das Zuſam⸗ mentreffen der beiden Rivalinnen beobachten; die Veränderung ihrer Mienen, den Wechſel der Farbe, den Blick ihrer Augen bei dieſer Gelegenheit belau⸗ ſchen. Doch man täuſchte ſich. Die Frauen der feinen Welt ſind zu gut erzogen, um auch nur durch die leiſeſte Bewegung ihre Empfindungen zu ver⸗ rathen. Sie beſitzen einen wahren Todesmuth, und während das Herz in ihrem Buſen bricht, ſchwebt das Lächeln des Anſtands um ihre blaſſen Lippen. Julie ging dem hohen Gaſt mit der gewinnend⸗ ſten Liebenswürdigkeit entgegen, während die Her⸗ ogin ſogar einen Kuß auf die reizenden Wangen des ſchönen Mädchens drückte. Kein Zucken des Mundes, kein ſpitzer Blick, kein Erbleichen oder Erröthen wurde ſichtbar. Beide ſchritten Hand in Hand an der Seite des Fürſten, der ſein großes Unterhaltungstalent erſchöpfte, durch den ſtaunen⸗ den Salon.. Es war ein Schauſpiel für Götter! Die Ge⸗ 60 ſellſchaft, welche ſich an dem Todesſchmerze Juliens und an der Eiferſucht der Herzogin weiden wollte, ſah ſich betrogen. Doch die dadurch erzeugte Un⸗ zufriedenheit machte bald einer ſtillen Bewunderung Platz. In dem alten Rom ſaß die neugierige Menge und ſchaute von ihrem erhabenen Sitze auf den blutigen Kampf der Gladiatoren. Wenn dieſe das ſchneidende Schwert ſich mit einem Lächeln in die Bruſt ſtießen und mit Anſtand ſtarben, brach der Cirkus in einen lauten, wilden Schrei des Beifalls aus. Unſere Zeit iſt milder und geſttteter gewor⸗ den. Wir begnügen uns mit dem Anblicke ſchwa⸗ cher Frauen, welche in dem ſtrahlenden Salon oft zu Tod verwundet, vor unſern Augen niederſinken. Wenn ſie den Schrei der gepreßten Seele unter⸗ drücken, wenn das Opfer mit dem Anſtand eines Gladiators fällt, dann geht wohl ein leiſes Murmeln der Bewunderung durch den Saal, wie in dieſem Augenblick. Allmälig hatte auch dieſe ſpannende Scene ihren Reiz verloren. Neue Schauſpieler waren auf die Bühne getreten, welche die Aufmerkſam⸗ keit des Publikums für ſich in Anſpruch nahmen. — 61 Der berühmte Virtuoſe hatte, aufgefordert von der Gräfin, deren Bitten er nicht zu widerſtehen vermochte, ſich an den Flügel begeben. Lautloſe Stille herrſchte in dem Salon. Ein glänzender Damenkreis hatte das Inſtrument umringt, um den gefeierten Künſtler, den Liebling der Frauenwelt, in der Nähe zu bewundrn. Seine Hände ſchwebten über den Taſten bald wie der Zephyr, der mit Blumen ſpielt, bald wie der Sturmwind, welcher das Meer in ſeinen Tiefen aufrüttelt. Die ſchreiendſten Kontraſte offenbarten ſich in ſeinem bewunderungswürdigen Spiel, die Technik deſſelben war unerreichbar, die fingerbrechendſten Schwierigkeiten wurden ſpielend von ihm überwunden. Wie lebendige Kobolde hüpf⸗ ten und ſprangen ſeine Hände auf dem Inſtrument und ſchienen, losgelöſt von dem übrigen Körper, eine beſondere Erxiſtenz für ſich erlangt zu haben. Es lag etwas Dämoniſches in dieſer auf die höchſte Spitze getriebenen Virtuoſttät. Die Triller und Läufer, blitzähnliche Oktavengänge betäubten und verwirrten die Zuhörer, deren Auge mehr noch als das Ohr zur Bewunderung hingeriſſen wurde. Das Inſtrument war zu einem gelehrigen Roß gewor⸗ den, auf welchem der kühne Reiter ſeine halsbre⸗ chenden Künſte zeigte. Zuweilen aber brach durch dies Gewirr der Töne der Geiſt der wahren Kunſt hervor. Wie ſilberner Mondſchein durch zerriſſenes Gewölk zitterte eine alte, verklungene Melodie durch den brauſenden Paſſagenſchwall. Vielleicht dachte der Künſtler in ſolchem Moment an das Lächeln ſeiner Mutter, an den erſten Kuß ſeiner Jugend⸗ geliebten, an die blauen Augen ſeines Kindes, das ihm ein edles, verirrtes Weib im fernen Land ge⸗ boren. Dann ſchwebte das Leuchten des Genius um ſeine hohe, bleiche Stirn wie Abendgluth um die Ruinen eines Göttertempels. Er wurde wieder jung und ſchön, und die Frauen und Mädchen in ſeiner Nähe bebten und wußten nicht warum. Mit einer ſchreienden Diſſonanz endete das ge⸗ miale Spiel. Der arme, bewunderte Virtuoſe hatte ein Stück ſeines eigenen Lebens, vielleicht ohne es zu ahnen, der Menge, die ihn nicht verſtand, ſo eben preisgegeben. Himmelſtürmende Gedanken, das Ringen einer Menſchenſeele, übertäubt von dem hölliſchen Jubel wilder Bacchanalien, ſüße Erinne⸗ rungen aus der Kinderzeit, unausſprechliche Sehn⸗ ſucht nach einem einzigen treuen und wahren Her⸗ zen zogen an ſeiner Küunſtlerſeele, während er am 63 Flügel ſaß, vorüber. Lichter und Schatten einer unbefriedigten Exiſtenz. Einen Augenblick herrſchte ein tiefes Still⸗ ſchweigen, dann brach ein unausſprechlicher Beifalls⸗ ſturm von allen Seiten los. Die Damen drängten ſich um ihn, um ſeine bezaubernden Hände zu berüh⸗ ren. Glücklich diejenige, welche einen Blick, oder gar ein Wort von ihm erhaſchte. Gräfin Julie nahte ihm mit dem holdeſten Lächeln des Dankes und einer Taſſe Thee, welche ſie dem anſcheinend Erſchöpften reichte. Einige Tropfen, die in der Schale zurückge⸗ blieben waren, wurden der Gegenſtand eines leb⸗ haften Streites ſeiner Verehrerinnen. Jede von ihnen wollte ſich der theuren Reliquie bemächtigen und den Schatz in ihrem Flakon verwahren. Es fand ein lächerlicher Auftritt ſtatt, der mit einer Todfeindſchaft der betheiligten Damen endete. Der Enthuſiasmus war auf das Höchſte geſtiegen, eine neue Art von Götzendienſt, der wie jede neue Religion und Mode, unter den Frauen die meiſten Anhängerinnen zählte. — Gottvoll! himmliſch!— ſtöhnten die Ueber⸗ ſchwäͤnglichen, denen die Sprache bereits verſagte. 64 Es hätte nicht viel gefehlt, ſo hätte der arme Künſtler das Schickſal ſeines Vorgängers Orpheus erlitten, der von raſenden Bacchantinnen bekanntlich zerriſſen wurde. Jede der anweſenden Damen wollte gern ein Andenken von dem berühmten Virtuoſen erbeuten. Zum Glück für ihn fanden all' dieſe Scenen in einem Salon des neunzehnten Jahrhun⸗ derts und nicht in den wilden Bergen Thraziens ſtatt. Die Männer, welche in der Geſellſchaft waren, theilten zwar die Bewunderung für den genialen Muſiker, doch miſchte ſich derſelben ab und zu ein Tröpfchen Ironie und Spottſucht bei. — Begreife gar nicht, lieber Bergen, was die Damen an dem Menſchen finden,— bemerkte ein durch ſtattliche Figur ausgezeichneter Gardeofftzier. — Spielt famos, aber iſt doch ſpindeldürr, wie ein abgemagertes Kampagnepferd.— Bei dieſen Worten betrachtete der ſtarke Lieu⸗ tenant abwechſelnd ſeine wohlgeformten Beine und den Baron, welcher frivole grüne Mährchen ge⸗ ſchrieben hatte, die Alles überboten, was das Zeit⸗ alter Ludwig des vierzehnten auf dieſem Gebiete leiſtete. 65 — Je magerer, deſto intereſſanter,— lautete die Antwort.— Kennen Sie den Rattenfänger von Hameln?— ſetzte der Baron lächelnd noch hinzu. — Kammerjäger von Hameln?— fragte ver⸗ wundert der Offizier.— Seit wann giebt es Kam⸗ merjäger, welche von Adel ſind? Sie wollen mir gewiß wieder ein Mährchen aufbinden.— — Allerdings ein Mährchen,— lachte Ber⸗ gen laut über das Mißverſtändniß des Lieutenants. — Es giebt eine Sage von einem Rattenfänger in der guten alten Stadt Hameln, der mit ſeinem wunderbaren Spiel die ſchönſten Kinder lockte und mit einer anſehnlichen Zahl derſelben verſchwand.— — Ach ſo! verſtehe,— entgegnete der Of⸗ fizier, indem er ſein geiſtreichſtes Geſicht machte.— Dieſer Virtuos— — Iſt kein Anderer, als der berühmte Rat⸗ tenfänger in eigener Perſon.— Ring, Stadtgeſchichten. IV. V. Der übertriebene Enthuſiasmus, welchen das ausgezeichnete Spiel des Virtuoſen hervorgerufen, hatte einer geiſtigen Erſchlaffung Platz gemacht. Es war eine jener bedenklichen Pauſen eingetreten, die der Geſellſchaft ihre eigne Leere und Nüchtern⸗ heit zuweilen in Erinnerung bringt. Gute Wirthe dürfen einen ſolchen Augenblick nicht überſehen, wo das Geſpenſt der Langenweile ſeinen dunklen Schatten wirft. Deshalb allein hatte die Gräfin Julie ſich nicht geweigert, durch ein Lied die abge⸗ ſpannte Stimmung wieder zu beleben. Es war allerdings gewagt, mit ihrem Talente neben einem ſolch' außerordentlichen aufzutreten, aber ſie beſaß in der That eine herrliche Altſtimme und rechnete auf die Nachſicht ihres Publikums. Der Virtuoſe begleitete ſie auf dem Flügel und ſie ſtimmte eines jener tiefgefühlten Lieder des unſterblichen Schubert an. Sie hatte die„trocknen Blumen“ der großen Meiſters gewählt. Julie beſaß eine ungewöhnliche muſtikaliſche Bildung und einen dramatiſchen Vortrag, der vor⸗ züglich für derartige Lieder nothwendig iſt. Dazu kam eine innerliche Erregtheit, die ſie allerdings geſchickt genug war, vor der Geſellſchaft zu ver⸗ bergen, welche aber jetzt in ihrer Stimme durch⸗ zitterte. Die Töne erhielten eben dadurch eine eigen⸗ thümlich ſchwermuthvolle Stimmung, welche zu dem Liede paßte. Ihr Geſang war heute beſon⸗ ders ſeelenvoll und ergreifend. Die Gefühle und Empfindungen, welche ſie bisher gewaltſam unter⸗ drückt hatte, brachen mit hinreißender Macht her⸗ vor, und ſelbſt bewegt, erſchütterte ſie die Andern. Ihr Schmerz hatte einen Laut gefunden und in ſüßen Tönen hauchte ſie ihre Leiden aus. Die Geſellſchaft empfand den ganzen Zauber. Niemand aber fühlte tiefer als Oskar den melan⸗ choliſchen Reiz, der in ihrem Vortrag lag. Er ſaß mit geſchloſſenen Augen und lauſchte den ma⸗ giſchen Klängen, welche wie unzerreißbare Bande ſich um ſeine Seele ſchlangen. Dieſes Gemüth zu verſtehn, ſolch ein Herz ſein eigen zu nennen, dünkte ihm das höchſte Glück. Adele, welche das Spiel des Virtuoſen bewundert hatte, war von Juliens 5* 68 Geſang weit mehr ergriffen. Ohne daß ſie es wußte, ſtanden Thränen in ihren ſchönen Augen. Zwiſchen den ſich zärtlich liebenden Geſchwiſtern herrſchte eine innige Sympathie. Die Herzogin näherte ſich der Sängerin nach⸗ dem das Lied beendet war, und ſagte ihr einige ſchmeichelhafte Worte, welche dieſe in feiner Weiſe von ſich ablehnte. — Außer von der Schröder habe ich nie ein Schubertſches Lied in ſolcher Vollkommenheit ge⸗ hört,— bemerkte die hohe Frau.— Sie ſingen mit dem Herzen. So kann nur ein Weib ſingen, das wirklich liebt.— Julie erröthete und ſchaute auf den Fürſten, der zur Seite ſtand. Dieſer ſtarrte den Boden an und zeigte eine bedenkliche Verlegenheit, die er trotz ſeiner weltmänniſchen Gewandtheit in dieſem Augen⸗ blicke nicht zu bemeiſtern verſtand. Es war wiederum eine verhängnißvolle Pauſe eingetreten, welche durch das ſtürmiſche Verlangen des Publikums beendet wurde, das ein zweites Lied von Julie dringend forderte.. Die Gräfin trat, um ihre Verlegenheit zu verbergen, wo möglich noch aufgeregter an das 69 Inſtrument, wo der berühmte Virtuoſe von Neuem ſeinen Platz eingenommen hatte, um ſie zu beglei⸗ ten. Diesmal hatte ſie das Lied„raſtloſe Liebe“ von Göthe gewählt, welches ebenfalls von Schu⸗ bert komponirt war. Der Geſang trug einen ganz verſchiedenen Charakter von dem vorigen. Wie lodernde Funken ſprühten die feurigen Töne der wundervollen Dythirambe und entzündeten die Her⸗ zen der Hörer. Wilder Jubel und kühnes Jauch⸗ zen, alle Schmerzen und alle Wonnen der Liebe brachen mit unwiderſtehlicher Gewalt aus Juliens Bruſt hervor. — Alles vergebens, Krone des Lebens Glück ohne Ruh' Liebe biſt du.— So lautete der Schluß des Liedes, das wie ſchäumender Moſt alle Bande ſprengte und die Seele der Zuhörer berauſchte. Ein Beifallsſturm der nicht enden wollte, war der Lohn des herrlichen Geſanges. Julie entfloh aber der Geſellſchaft und war plötzlich verſchwun⸗ den. Das ſeltſame Mädchen fühlte ſich erſchöpft und ſuchte Ruhe und Faſſung fern von der Menge. Auch Oskar hatte ſich ſchon während des Geſan⸗ ges aus dem Salon fortbegeben und ein ſtilles Kabinet aufgeſucht, das dicht an den Saal ſtieß und von einer Ampel magiſch beleuchtet wurde. Durch die halb geöffnete Thür konnte er jeden Ton vernehmen, und die Stille, welche ihn hier umgab, paßte ſowohl zu ſeiner eigenen Stimmung, als zu den Gefühlen, die Juliens Lied in ihm hervor⸗ gerufen hatte. Mitten in ſeinen Träumen wurde er durch das Erſcheinen der gefeierten Schönheit geweckt. War es Zufall oder Abſicht, die Gräfin hatte daſſelbe Kabinet aufgeſucht, in welchem Oskar ſich bisher ungeſtört ſeinen Gedanken überlaſſen Jnrte Auch ſie ſchien überraſcht zu ſein, ihn hier zu finden. Oskar erhob ſich ſogleich von ſeinem Platz auf dem Divan, um ihr denſelben einzuräumen. — Bleiben Sie,— flüſterte Julie mit er⸗ ſchöpfter Stimme.— Es thäte mir leid, wenn ich Sie in Ihrer Zurückgezogenheit geſtört hätte. Nur einen Augenblick will ich hier verweilen, um der langweiligen Bewunderung zu entgehn.— — Dann haben Sie ſich einen ſchlechten Ort gewählt,— entgegnete Oskar.— Sie finden hier nur den Enthuſtasmus wieder, dem Sie vergebens zu entfliehn verſuchen.— — Aber auch die Wahrheit, welche ich dort vermiſſe,— ſagte die Gräfin, welche ſich an ſeiner Seite niedergelaſſen hatte. Oskar wagte kaum zu antworten. Die Nähe des bezaubernden Weibes verwirrte ihn. Er beſaß nicht jene Kunſt der feinen Welt, ſeine Gefühle ſogleich in Worte einzukleiden und die Gewalt ſeiner Empfindungen geſchwätzig preis zu geben. Je bewegter er war, deſto verſchloſſener blieb ſein Mund. Er murmelte nur einige halb verſtändliche Laute der Bewunderung. Julie ſchien dieſen Beifall beſſer aufzunehmen, als den Applaus, den ihr die Menge ſpendete. Sie hörte anſcheinend mit dem größen Vergnügen auf ſeine Worte. — Ach! Sie lieben Schubert ſo wie ich,— ſagte ſie mit bezauberndem Lächeln.— Das freut mich. Wer meinen Meiſter liebt und ehrt, iſt auch mein Freund.— Bei dieſen Worten reichte die Gräfin ihm ihre Hand, welche zu küſſen er nicht unterließ. Dieſes neue Zeichen einer annähernden Ver⸗ 72² traulichkeit übte auf Oskar einen eigenthümlichen Zauber aus. War es ihm doch mit einem Male, als hätte dieſe feine weiße Hand das Siegel von ſeinen ſchüchternen Lippen plötzlich gelöſt. Er ge⸗ hörte zu jenen beſcheideneren Charakteren, denen es weder an Geiſt noch an Bildung gebricht, welche aber an einem großen Mangel an Selbſtvertrauen leiden. Ein freundliches Wort, eine zuvorkom⸗ mende Bewegung verwandelt derartige Menſchen wie mit einem Schlage und lockt die verſchloſſenen Knospen ihrer Seele zu einer nie geahnten Ent⸗ faltung. Auch Oskar bedurfte einer ſolchen An⸗ regung, eines beſtimmten Zeichens der Huld, um die ſchlummernden Keime eines edlen und hochge⸗ bildeten Geiſtes zu entwickeln. Die Gräfin ſchien in der That von dieſer plötzlichen Umwandlung überraſcht zu ſein. Er war jetzt liebenswürdig und beredt geworden. Seine Unterhaltung feſſelte ſie unwillkührlich und ſie entdeckte manchen Edel⸗ ſtein, manche Perle, die ſie bisher bei ihm über⸗ ſehn. Das anfänglich ziemlich gleichgiltige Geſpräch hatte im Verlaufe weniger Minuten eine lebhafte, faſt kühne Wendung genommen. Der Moment hatte Beide näher gebracht, als ihr langer Umgang bisher gethan. Oskar wurde immer wärmer und aufgeregter. Das bevorſtehende Duell hatte eine fieberhafte Glut in ihm angefacht, welche ihn ſeine gewöhnliche Schüchternheit vergeſſen ließ. Wie der ſchlummernde Nachtwandler ſprach und that er Dinge, welche er früher nimmermehr gewagt. Er hatte Juliens Hand erfaßt, die er feſt in der ſeinen hielt. Der Gegendruck, den er ſpürte, gab ihm neuen Muth. Das Geſtändniß ſeiner Liebe zitterte auf ſeinen Lippen und die Gräfin zürnete nicht. — Ich habe Sie ſtets geliebt,— betheuerte er,— wochenlang habe ich ſchmerzlich mit mir ſelbſt gerungen, um eine Leidenſchaft zu bekämpfen, die mir thöricht ſchien. Ich fühlte meinen Unwerth, meine Unbedeutenheit. Julie, können Sie mir jetzt verzeihn, daß ich mein Schweigen brach?— Sie lächelte nur, aber in ihrem Lächeln lag die Beſtätigung eines Glückes, das er nie gehofft. Nur wenige Augenblicke waren dem Trunkenen noch gegönnt. Ein längeres Verweilen hätte auf⸗ fallen können. Die Zeit drängte, und Julie, die vielbewunderte Schönheit, zu deren Füßen die aus⸗ gezeichnetſten Männer ſchmachteten, hatte ihr Jawort 74 dem einfachen Birkeneck gegeben, der höchſtens ge⸗ gen jene mit einem bedeutenden Vermögen in die Schranken treten konnte. Faſt berauſcht von ſeinem Glück blieb Oskar allein zurück. Er hatte Alles vergeſſen, das mor⸗ gende Duell, ſeine Anordnungen, ſelbſt die liebliche Adele, welche ihn vergebens in dem Salon geſucht. Endlich fand die Schweſter den Seligen in ſeiner träumeriſchen Zurückgezogenheit. Das Geheimniß preßte ihm das Herz ab, doch er durfte nicht das Schweigen brechen, welches die Gräfin vorläufig von ihm gefordert hatte. An Adelens Seite erſchien er im ſtrahlenden Salon. Seine Augen ſuchten Julie, welche von einem Schwarm bewundernder Männer umgeben war. Kein Blick, keine Miene verrieth ihre innere Bewegung. Sie ſcherzte und lachte, als wäre eben nichts vorgefallen, als hätten ihre blühenden Lip⸗ pen nicht erſt im Augenblicke das Gelübde ewiger Liebe und Treue ausgeſprochen. Jetzt näherte ſich ihr der Fürſt und forderte ſie zum Tanz auf. Der Ball, mit dem das Feſt ſchloß, ſollte beginnen. Sie ſchwebte an Oskar vorüber, ihr Blick 75 begegnete jetzt im Einverſtändniſſe dem ſeinigen. Während der Fürſt ſie in ſeinen Armen hielt, glaubte Birkeneck die Gewißheit ſeines Glückes in ihren Augen zu leſen. Beide Männer ſchmeichelten ſich mit dem ausſchließlichen Beſitze dieſes Herzens, das aller Welt ein Räthſel blieb. In der Pauſe näherte ſich Oskar der Gräfin und forderte den nächſten Tanz, den ſie ihm lächelnd zuſagte.. — Sie tanzen heut beſſer als je,— flüſterte ſie während der Polka. — Wundern Sie ſich?— fragte er. — Still! man kann uns belauſchen.— In der That tanzte Oskar heute mit unge⸗ wohnter Leidenſchaft. Sonſt kein Freund dieſer Bewegung, überließ er ſich wieder nach langer Zeit derſelben mit einer Art von Genugthuung. Julie riß ihn mit ſich fort und im ſeligen Taumel ſchwebte er an ihrer Seite durch den ſtrahlenden Salon. Plötzlich ſtand der Fürſt in ſeiner Nähe wie ein drohendes Geſpenſt. Er klopfte Oskar leiſe auf die Schulter und flüſterte ihm in's Ohr: — Vergeſſen Sie nicht morgen Ihr Duell. 76 Wenn Sie ſich dermaßen echauffiren, werden Sie nicht ſicher zielen. Ihre Hand wird zittern.— Oskar ſchrak zuſammen. Ein leiſes Fröſteln überſchlich ihn unwillkürlich. Er hatte aus ver⸗ zeihlichen Gründen ganz und gar das Duell ver⸗ geſſen. Jetzt fiel es ihm zur rechten Zeit noch ein. Er fühlte, daß er noch einige Stunden der Ruhe bedurfte, und war entſchloſſen, die Geſellſchaft un⸗ bemerkt zu verlaſſen. Gern hätte er von Julien Abſchied genommen. Seine Blicke ſuchten ſie ver⸗ gebens. Sie war verſchwunden. Er mußte ſich entfernen, ohne ſie wieder⸗ zuſehn. Auf dem Heimwege ſagte die beſorgte Schwe⸗ ſter:— Oskar, Du kommſt mir ſo verändert vor. Biſt Du unwohl?— — Daß ich nicht wüßte,— beſchwichtigte er die Zärtliche.— Mir fehlt wirklich nichts.— Als aber Adele ſich auf ihr Zimmer begeben wollte, drückte er ſie inniger als je an ſeine Bruſt. Er küßte ſie immer von Neuem und ſchaute ihr noch lange nach als ſie ſchon längſt verſchwun⸗ den war. Eine Thräne zitterte in ſeinem Auge. Wem ſie galt, wußte er ſelber nicht, ob der holden Schweſter oder der ſtrahlenden Julie. Vielleicht ſollte er Beide niemals wiederſehn. VII. Oskar erwachte noch zur rechten Zeit. Um keinen Verdacht zu erregen, kleidete er ſich ſelber an. Er war ſo eben mit dieſem Geſchäfte fertig geworden, als ſein Sekundant eintrat, um ihn zu dem verhängnißvollen Gange abzuholen. Still und geräuſchlos verließen Beide das Haus. Draußen wartete in einiger Entfernung die Equipage, welche ſie ſogleich beſtiegen. Das Duell ſollte in der Nähe eines Wäldchens ſtattfinden, welches ungefähr zwei Meilen von der Reſidenz entfernt lag. Er beſaß einen hinlänglichen Muth und fürch⸗ tete nicht den Tod, dennoch war ſeine Stimmung noch ernſter als gewöhnlich. Ihm fehlte der leichte Sinn des Fürſten, der ſchon oft in kühnem Ueber⸗ muth der drohenden Gefahr getrotzt; ebenſowenig empfand er die kalte Todesverachtung des Barons, welcher wenig oder gar nichts zu verlieren hatte. Er hing trotz ſeiner ernſten, faſt melancholiſchen Gemüthsſtimmung an dem Leben. Sein Vermö⸗ gen ſicherte ihm eine angenehme Exiſtenz. Dazu kam die Liebe zu ſeiner Schweſter und die Leiden⸗ ſchaft für Gräfin Julie, die erſt geſtern eine un⸗ verhoffte Erwiederung gefunden hatte. Gründe ge⸗ nug, um das Stillſchweigen zu erklären, mit dem er an der Seite ſeines bewährten Freundes und Sekundanten ſaß. Dieſer ſuchte ſeinen traurigen Gefährten zu zerſtreun und gab ihm paſſende Verhaltungsregeln, wie und auf welche Weiſe er die Gefahr vermei⸗ den und dagegen ſeinen Gegner zu Boden ſtrecken könne. — Der Baron hat natürlich als Beleidigter den erſten Schuß,— bemerkte im gleichgiltigen Ton der Sekundant, welcher ſchon manchem Duelle beigewohnt zu haben ſchien und deshalb gegen der⸗ artige Scenen abgeſtumpft war.— Du bieteſt ihm ſo wenig Fläche als möglich, indem Du während des Zielens eine kleine Seitenbewegung machſt.— Oskar hörte dieſe wohlgemeinten Rathſchläge mit Widerwillen an. Da er nicht antwortete, ſo hielt ſich der Freund für berechtigt, in ſeinen Ver⸗ haltungsregeln weiter fortzufahren. — Wenn Du noch zum Schuſſe kommſt, ſo zielſt Du auf ſeine Bruſt. Du thuſt gut, wenn Du die Waffe etwas niedriger hältſt, denn ſelbſt die ſicherſte Hand zittert bei ſolchen Gelegenheiten ein wenig, und der Stoß beim Feuern kommt auch noch in Berechnung.— — Mein Gott!— rief Birkeneck unmuthig, — Du giebſt mir ja mit kaltem Blute die ſchönſte Anleitung zum Menſchenmord.— — Mord?— fragte verwundert der Sekun⸗ dant.— Du ſiehſt wieder die Dinge von Deinem melancholiſchen Standpunkt und allzuernſthaft an. Ein Duell iſt kein Mord, ſondern ein Ehrenhandel, und kein Menſch wird Dich einen Mörder nennen, wenn Du den Baron erſchießen ſollteſt.— Oskar ſchauderte vor dieſer Moral der„feinen Welt.“ Hätte er nicht fürchten müſſen, für einen Feigling zu gelten, ſo wäre er in dieſem Augen⸗ blick noch umgekehrt. Nun konnte er nicht mehr zurücktreten und mußte, trotz ſeiner beſſern Ueber⸗ zeugung, ſich der barbariſchen Sitte der Geſellſchaft fügen. 80 Endlich waren die Freunde an dem Ort, wo das Duell ſtattfinden ſollte, angelangt. Der Baron von Karſten und der Fürſt, welcher dem⸗ ſelben zum Sekundanten diente, warteten bereits. Oskar und ſein Freund entſchuldigten ihr ſpätes Kommen. Man tauſchte einige Höflichkeitsbezeu⸗ gungen aus, als wäre der ganze Zweck der Zuſam⸗ menkunft kein anderer, als ſich gegenſeitig Kom⸗ plimente zu machen. Die Galanterie, die bei ſol⸗ chen Gelegenheiten vorzugsweiſe zum Vorſchein kommt, iſt nur eine ſchlechte Nachahmung der Che⸗ valerie, welche die rohen Kämpfe des Mittelalters mit einer täuſchenden Glorie umgab. Während die Herren einige nichtsſagende Ar⸗ tigkeiten gegenſeitig verſchwendeten, beſchäftigte ſich der mitgebrachte Arzt des Fürſten mit ſeinen In⸗ ſtrumenten und den Binden, welche er für den Fall eiuer ernſtlichen Verwundung vorbereitete. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen. Die erwachte Natur athmete Luſt und Freude. An den Halmen der Gräſer und dem grünen Laub der Bäume hingen die blitzenden Thautropfen. Jedes Blatt, jedes Blümchen ſchien ſich des neuen Lebens zu freun. Die erſten Lerchen ſtiegen aus den wal⸗ 81 lenden Saaten jauchzend zum Himmel empor, das verkörperte Dankgebet der athmenden und in ihrer Eriſtenz ſo glücklichen Kreatur. Nur die anweſenden Menſchen waren von düſteren Todesgedanken erfüllt. Oskar ſtand in der Nähe eines wilden Apfelbaums, der in voller Blüthe prangte. Zwei weiße Schmetterlinge ſchweb⸗ ten um die geöffneten Nektarkelche. Er dachte in dieſem Augenblick an Adele und Julie. Der Baron warf auf den Träumer einen Blick voll Haß und Ironie und zielte in Gedanken bereits auf die Bruſt ſeines jugendlichen Gegners. Trotz ſeiner zerrütteten Geſundheit und ſeiner ruinirten Ver⸗ hältniſſe liebte auch er das Leben, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Furcht vor dem Tode, mit dem für ihn Alles zu Ende war. Unterdeß hatte zwiſchen den Sekundanten die nöthige Beſprechung ſtattgefunden. Beide waren über die höchſt wichtigen Bedingungen übereinge⸗ kommen, unter denen zwei Menſchen ſich morden ſollten. Es wurde nichts vergeſſen und die ganze Angelegenheit mit einem feierlichen Ernſte verhan⸗ delt. Der Fürſt war beſonders in den Geſetzen der Ehre bewandert, und ſeine reichen Erfahrungen Ring, Stadtgeſchichten. IV. 6 82 auf dieſem Gebiete gaben ihm ein gewiſſes Ueber⸗ gewicht und verſchafften ſeinen Anordnungen das Anſehn von Orakelſprüchen. Die Sekundanten maßen gewiſſenhaft die Ent⸗ fernung ab und bezeichneten dieſelbe durch zwei in die Erde geſteckte Stöcke. Die Wahl der Plätze, welche von großer Wichtigkeit war, ſollte durch das Loos entſchieden werden. Man zog, und da der Baron gewann, ſo wählte er die Schattenſeite. Ein Lächeln der Zufriedenheit ſchwebte über ſein verwittertes Geſicht. Er berechnete ſogleich den Vortheil, den er über ſeinen Gegner durch dieſen Glücksfall erhalten hatte. Sein Opfer ſchien ihm jetzt ganz gewiß zu ſein. Der alte Roué hatte ſo manches Duell ausgefochten und war ſtets glücklich davongekommen. Er war ein Meiſter im Piſtolen⸗ ſchießen und traf ein Kartenblatt auf zwanzig Schritt. Trotz ſeiner Aufklärung und bewunderns⸗ würdigen Bildung, beſaß er einen hohen Grad von Aberglauben; eine Erſcheinung, die ſich nicht all⸗ zuſelten bei derartigen Menſchen vorfindet. Das beſſere Loos welches ihm zu Theil geworden, galt ihm für ein Unterpfand, daß Oskar unterliegen würde. Die Vorbereitungen, welche in Gegenwart der betheiligten Perſonen getroffen wurden, waren be⸗ endet. Die Gegner ſtellten ſich an die von den Sekundanten ihnen angewieſenen Plätze. Der Fürſt fragte nach getroffener Abrede: — Sind Sie bereit, meine Herren?— — Ja!— tönte es zu gleicher Zeit. Das Kommando folgte: Macht Euch fertig! Der Baron ſpannte den Hahn. — Feuer!— rief der Fürſt. Herr von Karſten, welchem der erſte Schuß als Beleidigtem zukam, nahm ſein Ziel mit ge⸗ wohnter Sicherheit. In demſelben Augenblicke aber, als er losdrücken wollte, flatterten die weißen Schmetterlinge vorüber und blendeten durch ihre gaukelnde Bewegung ſein ſcharfes Auge. Die Waffe ging los ohne Oskar zu verwunden. Ein grimmes Zucken ſpielte um die Lippen des Barons. — Zum LTeufel mit den Schmetterlingen!— fluchte er,— die dummen Thiere können mir noch das Leben koſten.— Der zweite Schuß gehörte, der Verabredung gemäß, Oskar. 6* — Halte auf die Bruſt,— flüſterte der Se⸗ kundant, welcher in ſeiner Nähe ſtand. Oskar hörte nicht auf ihn. Ein inniges Mit⸗ leid beſchlich ſeine Seele, als er den Baron an⸗ ſchaute, der noch bleicher als gewöhnlich war, ſo daß ſein Geſicht eine faſt aſchgraue Färbung an⸗ genommen hatte. Unter einem künſtlichen Lächeln ſuchte er die Todesfurcht zu verbergen, welche un⸗ willkürlich ſein Blut gerinnen ließ. Der gewandte Schauſpieler wollte wenigſtens mit der Larve eines Helden fallen. Sein Gegner hätte um keinen Preis der Welt dem alten Manne ein Leid zufügen mö⸗ gen, trotzdem er gerechten Grund, ihn zu haſſen, hatte. All' die Gedanken, Rache für ſeinen un⸗ glücklichen Oheim an dem Roué zu nehmen, wa⸗ ren mit einem Male geſchwunden, und als das Kommando von Neuem ertönte, feuerte Oskar ſeinen Schuß in die Luft. Nach dieſem erfolgloſen Reſultate trat Oskars Sekundant mit Vorſchlägen zur Verſöhnung vor, welche aber von der Gegenpartei nicht angenom⸗ men wurden. Herr von Karſten wollte durchaus den Augen⸗ blick nicht unbenutzt laſſen, den Gelbſchnabel, wie 6 8⁵ er ſich gegen den Fürſten insgeheim ausdrückte, eine tüchtige Lektion zu geben. — Vergeſſen Sie nicht,— ſagte dieſer,— daß Birkeneck wirklich großmüthig gehandelt hat. Ich habe geſehen, wie er abſichtlich Sie fehlte.— — Eine neue Beleidigung,— eiferte der Ba⸗ ron.— Ich will von dem Gecken nicht geſchont ſein.— — Wenn Sie ihn töodten, ſo ſtürzen Sie uns Alle in unangenehme Verwickelungen.— — Ich werde ihn nicht tödten, wenigſtens ſoll er nicht auf dem Platze bleiben, nur einen Denkzettel will ich ihm anhängen.— Da der Baron entſchieden jede Verſöhnung ablehnte, ſo mußte natürlich das Duell ſeinen Fort⸗ gang nehmen. Laut Verabredung, die vom Neuen getroffen war, rückten jetzt beide Gegner um zwei bis drei Schritte vor. Herr von Karſten ergriff wiederum zuerſt die Waffe, welche der Fürſt ihm hinreichte, und drückte auf das laute Kommando deſſelben los. Diesmal ſchwebten keine rettende Schmetter⸗ linge vor der Mündung des Laufes. Die Kugel 4 86 hatte getroffen. Oskar war lautlos zuſammen⸗ geſunken. — Nehmen Sie meinen Wagen!— rief der Fürſt dem Baron zu, als er Oskar fallen ſah. — Eilen Sie ſo ſchnell als möglich über die Gränze.—. — Iſt er todt?— fragte Herr von Karſten kalt, indem er einen Blick nach der Stelle warf, wo der Arzt bemüht war, den Unglücklichen in's Leben zu rufen. — Ich glaube faſt,— entgegnete dieſer, deſſen Anſtrengungen bis jetzt ohne Erfolg geweſen waren. — Dann habe ich keine Zeit mehr übrig,— bemerkte der Baron.— Adieu, Messieurs. Sie ſchreiben mir über den Ausgang. Mon prince, ich danke für Ihre Bemühungen.—— Mit dieſen Worten eilte er zu der Equipage, welche für alle Fälle in Bereitſchaft ſtand. Er konnte es nicht vermeiden, auf dieſem Wege noch einmal Oskar, der in den Armen ſeines Freundes blutend lag, in das bleiche Angeſicht zu ſchauen. — Tu P'as voulu, George Dandin,— ſagte der Flüchtige, indem er mit den Achſeln zuckte. — —— 87 Ohne einen Augenblick zu verlieren, warf er ſich in den Wagen und rollte davon. Keine Gewiſſensangſt beſchlich die Bruſt des Barons. Er hatte ja den Geſetzen der Ehre und den Gebräuchen der feinen Welt hinlänglich genügt. VII.. Den angeſtrengten Bemühungen des Arztes war es endlich gelungen, Oskar wieder in's Leben zurückzurufen. Mit einem tiefen Seufzer ſchlug er die Augen auf, aber bei jedem Athemzuge, den er that, rieſelte das rothe Blut reichlich aus der verwundeten Bruſt auf den grünen Raſen hin. Der Doktor hatte einen vorläufigen Verband an⸗ gelegt und die Erklärung abgegeben, daß die Ver⸗ letzung lebensgefährlich ſei und jede Erſchütterung den Tod unausbleiblich zur Folge habeu müſſe. An eine Rückkehr nach der Reſidenz war unter dieſen Verhältniſſen nicht zu denken. Der Fürſt, welcher ſeit der Abreiſe des Barons die größte Theilnahme für den Verwundeten gezeigt, erbot ſich, bis zum nächſten Dorfe zu reiten, um von — 88 dort die nöthige Hülfe herbeizuſchaffen. Eben wollte er ſein Pferd zu dieſem Zweck beſteigen, als aus dem benachbarten Walde zwei Männer hervor⸗ traten, welche ſich dem Schauplatze des Duells näherten. — Hier hat ein Unglück ſtattgefunden,— ſagte der jüngere zu dem älteren Gefährten, welcher augenſcheinlich der Förſter des benachbarten Waldes war.— Wir wollen ſehn, ob wir noch helfen können.— — Wollen Sie durchaus ſich in's Unglück ſtürzen?— brummte der alte Jäger.— Was nicht Deines Amts iſt, das laſſe hübſch Dein Für⸗ witz ſein.— 2 Ehe noch die wohlgemeinte Waruung aus⸗ geſprochen war, befand ſich bereits der junge Mann in der Nähe des Verwundeten. — Guter Freund,— ſagte der Fürſt zu dem Neuangekommenen, den er, ſeiner Kleidung nach, für einen Jägerburſchen hielt,— können Sie mir nicht ſagen, wo die Straße nach dem nächſten Dorfe führt?— Der Angeredete ſchien die Frage gänzlich über⸗ 89 hört zu haben, während er mit dem Arzte und dem Förſter einige Worte wechſelte. — Fört Er denn nicht?— rief der Fürſt voll Ungeduld, indem er mit dem Knopf der Reitgerte leiſe die Schulter des Jägerburſchen berührte, der ihm den Rücken zugewendet hatte. Dieſer drehte ſich um und ein Strahl ſeines glänzenden Auges traf den Fürſten, ſo daß dieſer, trotz ſeiner gewöhnlichen Rückſichtsloſigkeit gegen Niedrigſtehende, betroffen eine Entſchuldigung ſtammelte. — CEhe Sie Hilfe aus dem nächſten Dorfe herbeiholen,— entgegnete der Fremde,— vergehen mindeſtens zwei Stunden. Dagegen iſt die Förſter⸗ wohnung ganz in der Nähe. Dort kann der Ver⸗ wundete ſogleich ein Unterkommen finden und die nöthige Pflege erhalten. Dabei haben Sie noch den Vortheil, daß kein unnöthiges Aufſehn erregt wird.— Der Arzt ſtimmte ſogleich dieſem vernünftigen Vorſchlage bei, zu dem der ältere Gefährte, welcher ſich als der betreffende Förſter zu erkennen gab, ebenfalls ſeine Einwilligung gab. Unterdeſſen hatte der Jägerburſche mit ſeinem 90 Hirſchfänger ſchnell einige junge Stämme gefällt und mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit eine brauchbare Vorrichtung getroffen, um den Verwun⸗ deten mit möglichſter Schonung fortzuſchaffen. Alle Anweſenden, mit Einſchluß des Fürſten, legten ſelbſt Hand an und trugen den armen Oskar nach der Wohnung des Förſters, welche nicht allzuent⸗ fernt mitten im Walde lag. Auf einem bequemen Holzwege ſchritt der ſeltſame Trauerzug, kein Menſch begegnete den Trägern, höchſtens floh bei ihrem Anblick ein ſcheues Wild oder ein furchtſamer Vo⸗ gel, den der ungewohnte Tritt ſo vieler Menſchen in ſeinem Frühlingslied verſtummen ließ. Der Förſter ſelbſt war vorausgeeilt, um ſeiner wackeren Frau den unvermutheten Beſuch zu mel⸗ den und die nöthigen Vorbereitungen zur Auf⸗ nahme des Verwundeten zu treffen. Das Wohnhaus lag tief in Bäumen verſteckt. Ueber der Thür prangte ein mächtiges Hirſchgeweih, auf der Schwelle lagerten die treuen Hunde und ſonnten ſich im warmen Frühlingsſonnenſchein. Rings herum zog ſich ein freundlicher Blumengarten, der durch eine lebendige Hecke von der Wildniß des Waldes abgeſchloſſen war. Kühe, Kälber und Zie⸗ 91 gen weideten auf dem friſchen Raſen, und ein zah⸗ mes Reh ſpielte mitten unter ihnen. Die ganze Umgebung athmete ſtillen Frieden und traute Ruhe. Die Förſterin hatte ſogleich die beſte Stube im Hauſe hergegeben, um den Verwundeten aufzu⸗ nehmen. Mit Mühe hinderte ſie ihr Mann, friſche Gardinen aufzuſtecken und die Betten, trotzdem ſie nicht gebraucht waren, neu zu überziehn. Die gute Frau hielt überaus viel auf Reinlichkeit und Sau⸗ berkeit. — Was doch das Weibsvolk dumm iſt,— brummte der unhöfliche Gemal,— ich glaube, die bitten noch einen Todten um Verzeihung, daß ſie keine neue Haube aufgeſetzt haben, um ihn würdig zu empfangen. Vorwärts!— Der brummige Förſter, welcher unter dem alten Blücher die Freiheitskriege mitgekämpft, hatte ſich das Lieblingswort des berühmten Feldmaſchalls wohl gemerkt und brachte daſſelbe ſo oft als mög⸗ lich im Tage vor. Das Wörtchen übte auch jetzt den gewohnten Zauber aus. Die Frau Förſterin ſtand von ihrem Vorhaben augenblicklich ab, und begnügte ſich nur, an ihrem eigenen Anzuge zu zupfen und zu zerren, 92 um den vielen vornehmen Herren keinen ſchlechten Begriff von ihrer Toilette zu geben. Leider wur⸗ den ihre Anſtrengungen ſo gut wie gar nicht be⸗ merkt, da die Lage des Verwundeten die Aufmerk⸗ ſamkeit der ganzen Umgebung vorzugsweiſe auf ſich zog. Oskar wurde auf das Paradebett der Frau Förſterin gelegt und von dem Arzte einer noch⸗ maligen genauen Unterſuchung unterworfen. Die Kugel hatte das Bruſtbein durchbohrt und die Lunge zum Theil berührt, zum Glück, ohne eines der größeren Blutgefäße zu zerreißen. Dennoch erſchien der Fall dem tüchtigen Doktor äußerſt bedenklich, und auf nochmaliges Befragen des Fürſten konnte er demſelben nur wenig Hoffnung für das Leben des jungen Mannes geben. — Man muß ſeine Angehörigen in Kenntniß ſetzen,— bemerkte der Arzt. — So viel ich weiß, beſitzt er nur eine Schwe⸗ ſter, die er zärtlich liebt,— entgegnete der Fürſt. — Wollen Sie es übernehmen, dieſelbe mit der größten Schonung vorzubereiten?— — Eine verwünſchte Kommiſſion. Lieber wollte ich mich ſelber auf Piſtolen ſchlagen. Jedoch evenn es ſein muß— ———— 93 — Ich kann nicht dafür ſtehen, daß er den Abend noch erlebt. Doch zuvor will ich noch einen Verſuch machen, die Kugel auszuziehn.— Oskar war auf's Neue, vom Blutverluſt und Schmerz erſchöpft in eine Ohnmacht verſunken, ſo daß er das ihn betreffende Geſpräch nicht mit an⸗ hören konnte. Er hätte ſich ſonſt gewiß gegen das Vorhaben geſträubt, die geliebte Schweſter mit dem traurigen Ereigniſſe bekannt zu machen. Auch der Fürſt zögerte ſo lange als möglich, ſeinen Auftrag zu vollführen. Er wollte noch das Ende und den Erfolg der Operation abwarten, ehe er ſich nach der Reſidenz begab. b Die geſchickte Hand des Arztes hatte die Ku⸗ gel alsbald aufgefunden und entfernt. So ſcho⸗ nend dies auch geſchah, dennoch ſtieß der Ver⸗ wundete ein leiſes Wimmern aus, welches den An⸗ weſenden, trotzdem ſie abgehärtete Männer waren, durch Mark und Bein drang. Die gute Förſterin war einer Ohnmacht ſelber nah und mußte von den ſtärkenden Tropfen Gebrauch machen, welche ſie für den Verwundeten vorſorglich in Bereitſchaft hielt. Während der ganzen Operation hatte der 94 ſeltſame Jägerburſche dem Arzte einen unerwarte⸗ ten Beiſtand geleiſtet, ſo daß dieſer ihm laut ſeinen Beifall zu erkennen gab.— — Sie wären ein trefflicher Wundarzt ge⸗ worden,— ſagte der Doktor. — Ich beſitze einige chirurgiſche Kenntniſſe, die ich mir auf meinen Wanderungen erworben habe,— lautete die beſcheidene Antwort. — Um ſo beſſer,— erwiederte, der Arzt.— Ich kann den Kranken Ihrer Obhut überlaſſen, wenn ich gehen ſollte.— — Dieſe Nacht bleiben Sie noch hier, lieber Doktor,— bat der Fürſt. — Natürlich werde ich Herrn von Birkeneck nicht verlaſſen, bevor die Blutung ſteht. Morgen früh muß ich leider in die Stadt zurück, jedoch werde ich mich beeilen und Nachmittag wieder kehren.— — Es iſt fatal, daß der Verwundete nicht in die Stadt gebracht werden kann,— bemerkte der Fürſt.— Sollte es nicht möglich ſein?— — Wo denken Sie hin?— eiferte der Dok⸗ tor.— Ein ſo weiter Transport unter dieſen Umſtänden müßte nothwendig ſeinen Tod zur Folge haben.— 95 — Und glauben Sie jetzt, daß er noch zu retten iſt?— — Schwer, ſehr ſchwer! jedoch ſind unſre Ausſprüche nicht infallible. Die Kunſt iſt trüge⸗ riſch und nur die Natur gewiß. Ihre Mittel und Wege ſind unerforſchlich.— — Sie beſtehen demnach darauf, daß ich die arme Schweſter in Kenntniß ſetze?— — Allerdings!— entgegnete der Arzt.— Wir müſſen ſtets an den ſchlimmſten Ausgang denken, und die Pflege von geliebter Hand wirkt oft wun⸗ derbar.— Nit einem Seufzer entfernte ſich der Fürſt, um ſeiner traurigen Pflicht zu genügen. Er war nicht abgehärtet genug, um als gleichgiltiger Zu⸗ ſchauer derartigen Szenen beizuwohnen. Sein Herz wurde leicht ergriffen und im Guten wie im Böſen ſchnell bewegt. Er konnte ein Duell mit kaltem Blute veranlaſſen, ruhig die tödtliche Waffe dem Mörder in die Hand drücken und doch mit wahrem Gefühl und mit inniger Reue das Opfer beweinen, deſſen Leiden er ſelbſt zum Theil herbeigeführt. Solche Widerſprüche findet man nicht ſelten in der heutigen Geſellſchaft, welche trotz ihrer ge⸗ 96 prieſenen Humanität und Civiliſation ſich von den Vorurtheilen vergangener Jahrhunderte nicht zu be⸗ freien vermocht hat. Unterdeß war der Verwundete, von ſeinem Blutverluſt erſchöpft, in einen unruhigen, fieber⸗ haften Schlaf verſunken. Von Zeit zu Zeit mur⸗ melte er einen theuren Namen. Die Förſterin hatte ſich an ſein Bett geſetzt und beobachtete den Schlum⸗ mernden. Ab und zu kam auch der Arzt, um den Verband zu unterſuchen und jeder neuen Blutung, die noch zu befürchten ſtand, hülfreich entgegen⸗ zutreten. Der Förſter und ſein Gehilfe hatten ſich ent⸗ fernt, da ihre Gegenwart vorläufig nicht gefordert wurde. Anfangs gingen ſie ſtillſchweigend neben einander her, endlich ergriff der Jüngere das Wort. — Verzeihen Sie mir nur, daß ich Ihnen dieſe neue Laſt aufgebürdet habe, Sie haben an meiner Anweſenheit ſchon genug und nun verur⸗ ſache ich Ihnen durch meine Schuld unangenehme Verlegenheiten und ſchwere Umſtände.— — Chriſtenpflicht, nichts als Chriſtenpflicht,— brummte der Angeredete, indem er den Rauch hef⸗ 97 tig aus ſeiner kurzen Pfeife blies.— Hätte daſ⸗ ſelbe gethan auch ohne Sie. Vorwärts.— — Sie ſind ein guter Menſch, mein Wohl⸗ thäter, mein beſter Freund.— Bei dieſen Worten reichte der junge Mann bewegt dem Förſter ſeine Hand. Ueber das wetter⸗ gebräunte Geſicht des Alten zuckte eine tiefe Rüh⸗ rung, die aber wieder ſchnell verſchwand. Unwill⸗ kürlich fuhr er mit der ſchwieligen Hand über ſeine Augen, die gegen ſeinen Willen naß geworden waren. — Aufgepäͤßt und vorwärts!— murmelte der Förſter und machte ſeinen Gefährten auf das Rollen eines Wagens aufmerkſam, das immer näher kam. In der Equipage, welche jetzt ſichtbar wurde, ſaß der Fürſt mit einer jungen Dame. Der Begleiter des Jägers hatte Adele ſogleich erkannt und ſein bleiches Geſicht zeigte eine ungewöhnliche Röthe beim Anblick des holden Mädchens. Der Fürſt ließ ſogleich anhalten und erkundigte ſich nach dem Befinden des Verwundeten. Der Förſter beantwortete ſeine Fragen mit großer Zurückhaltung. Auch ohne den Wink des Fürſten hatte er die Aehn⸗ lichkeit Adelens mit dem kranken Bruder bemerkt. Ring, Stadtgeſchichten. IV. 7 98 Wäre er noch zweifelhaft geweſen, ſo hätte ihn der rührende Ausdruck von Furcht und Hoffnung, und die Spannung, die in ihren traurigen Zügen deutlich zu leſen war, belehren müſſen, daß eine nahe Anverwandte Oskar's zugegen war. Deshalb lautete ſein Bericht ſo ſchonend als möglich. Trotz⸗ dem wurde die junge Dame bleich und wankte. — Muth! Muth!— flüſterte der Fürſt.— Sie hören, daß der Arzt die beſte Hoffnung giebt.— Adele antwortete nicht, ſie hatte nur die Hände gefaltet und betete zum Himmel für das Leben des theuren Bruders. Der Fürſt gab dem Kutſcher einen Wink, ſchnell weiter zu fahren, um keine Zeit zu verlieren. Während der kurzen Strecke verſuchte er die un⸗ glückliche Schweſter auf das Beſte zu tröſten. Sie hörte nicht auf ihn, nur auf Gott, zu dem ſie im Stillen ihre Zuflucht nahm. Die wunderbare Kraft des Gebetes hatte auch ſie geſtärkt. Als ſie vor dem Förſterhauſe anhielten, war die nöthige Faſ⸗ ſung ihr zurückgekehrt, ſie erſuchte den Fürſten, zuerſt einzutreten und Oskar auf ihr plotzliches Erſcheinen vorzubereiten. Während ſeiner Abweſenheit hatte ſie ſich auf —— einer Holzbank vor dem Hauſe niedergelaſſen und erwartete mit pochendem Herzen ſeine Wiederkehr. So ſaß ſie bleich und in Thränen unter dem Schat⸗ ten der Bäume, voll tiefer Trauer und gläubigem Gottvertrauen. Zwei Augen ſchauten ſie dort, und das Herz des jungen Mannes vergaß ſein Lebtag nicht dies ruͤhrende Bild der heiligen Schweſterliebe. IX. Nicht lange darauf begrüßte der Verwundete Adele mit einem ſchwachen Lächeln. Keine Thräne drängte ſich mehr aus ihrem Auge, um den Kran⸗ ken nicht durch ihren Schmerz zu betrüben. Sie hielt die brennende Hand des Fieberkranken in der ihrigen und wich und wankte nicht von ſeinem Bett. Nächte lang hatte ſo Adele an Oskars Lager gewacht und jeden Athemzug des Verwundeten be⸗ lauſcht. Vergebens ermahnte ſie der Arzt, ſich ſelbſt zu ſchonen. Sie beſaß im reichſten Maße jene ächt weiblichen Eigenſchaften, Milde und Ausdauer. 3 7*½ 1 Wollt ihr den Werth der Frauen kennen ler⸗ nen, ſo tretet an ein Krankenbett und beobachtet ihre himmliſche Geduld und ihre Aufopferungs⸗ fähigkeit ohne Gränzen. Sie ſind insgeſammt ge⸗ borne Samaritanerinnen, ihre Blicke ſpenden Bal⸗ ſam und ihre Worte Troſt und Heil. Die Natur hat ihnen eine Unermüdlichkeit, eine elaſtiſche Spann⸗ kraft verliehen, welche ſie in den Stand ſetzt, die überwältigendſten Anſtrengungen zu ertragen und all' die Qualen und Schmerzen, welche ihnen ſo reichlich zugemeſſen ſind, zu überſtehn. Ein Weib am Krankenlager des geliebten Man⸗ nes iſt der Engel der Entſagung und Selbverleug⸗ nung. Ein Heiligenſchein umſchwebt das ſorgen⸗ ſchwere Haupt. Auf ihre müden Augenlider fällt kein Schlaf und das Lächeln der Sanftmuth und des Mitleids verklärt das bleiche Angeſicht. — Gott ſegne und tröſte all' die bekümmer⸗ ten Frauen, welche ihre Lieben pflegen.— So dachte der junge Mann im Förſterhauſe beim Anblicke Adelens. Auch ſie hatte zu ihrer Ueberraſchung in ihm den Fremden wiedererkannt, den ſie zufällig im Park getroffen und mit Madame Ahrens irrthümlich für einen Gärtner gehalten hatte. Die Umſtände, unter welchen ſich beide wie⸗ derſahen, waren für weitläufige Erklärungen nicht geeignet und doch auch ſo eigenthümlicher Natur, daß ſie ſich viel näher rücken mußten, als dies unter andern Verhältniſſen irgend möglich war. Der Unterſchied ihrer Lebensſtellung fiel hier ganz von ſelbſt hinweg. Das ewig Menſchliche ver⸗ 5 knüpfte ſie, und Mitleid ſo wie thätiger Beiſtand füllten die Kluft aus, wenn eine ſolche noch vor⸗ handen war. Es giebt ſolche Lagen, wo alles Zu⸗ fällige und Unweſentliche wie Spreu im Winde zerſtiebt und endlich der ewig ſchöne Kern des rei⸗ nen Menſchenthums wie die ſtegreiche Sonne die Nebel des Vorurtheils beſiegt. Solch ein geheiligter Ort iſt auch das Kran⸗ kenbett. Wer mit uns wacht, betet, duldet und b handelt, ſteht uns gleich, mag ſein Glaube, ſein Stand auch von dem unſrigen himmelweit ver⸗ ſchieden ſein. . Bei dem milden Schein der Nachtlampe ſaß * Adele mit dem Fremden an dem Lager des Bru⸗ ders und ſie theilten gewiſſenhaft die Sorge und die Pflege des Verwundeten. So was vergißt ſich nie. — — 10² Gemeinſame Leiden knüpfen oft feſtere Bande, als gemeinſchaftlich genoſſene Freuden. Sie ſprachen wenig oder gar nicht, um den leiſe Schlummernden nicht zu ſtören, aber tauſend kleine Dieuſte und Hülfsleiſtungen brachten ſie in fortwährende Berührung zu einander. Seine bloße Gegenwart war für Adele ſchon ein Troſt in die⸗ ſem Augenblick und er bewunderte mit nie gekann⸗ ter Ehrfurcht das aufopfernde Weib, welches ihm ein neues, nie geahntes Schauſpiel bot. Sie war ſo ſchön und rührend in ihrer from⸗ men Sorgfalt für den leidenden Bruder. Mit ſanfter Hand hob ſie das ſchwere Haupt, reichte ihm den erquickenden Trank und ordnete die weichen Kiſſen des Lagers. Sie verſtand das leiſeſte Zeichen des Verwundeten, da der Arzt ihm das Sprechen ſtreng unterſagt hatte. Dabei verrieth kein Zug, keine Miene ihres ſchönen, bleichen Angeſichts den Schmerz und die Angſt, welche ſie um den Kranken empfand. Sie zeigte ihm nur ein Antlitz voll Hoffnung und Zuverſicht, um den erſtorbenen Muth in ſeiner Seele zu beleben. Sie weinte nicht und zwang ſich ſogar zu einem Lächeln, obgleich das Herz ihr brechen wollte. In ſolch einem Augenblicke hätte —ÿ 103 der Fremde vor ihr hinſinken mögen, um die gött⸗ liche Natur des Weibes in ihr anzubeten. Gegen Morgen forderte er ſie auf, ſich einige Ruhe zu vergönnen, während er an dem Lager des Kranken ferner zu wachen ſich erbot. Sie wies ſeinen gutgemeinten Vorſchlag mild und freundlich, aber mit Entſchiedenheit zurück. — Soll die Schweſter dem Fremden einen Platz überlaſſen, der ihr mit Recht gebührt?— ſagte ſie, mit einem traurigen Lächeln.— Gehen Sie und ruhen Sie aus. Den Verband werde ich ſchon beobachten und wenn ſich etwas daran ver⸗ ſchiebt, verſpreche ich, Sie zu rufen.—— Sie wiederholte ihre Bitte ſo oft und in⸗ ſtändig, bis er ſich nicht länger weigern konnte. Doch auch er ſuchte nicht ſein Lager auf, ſondern ging hinaus in den Wald, der noch im tiefen, dämmernden Schatten lag. Nur ein lichter Punkt im Oſten, ein zarter Silberglanz verkündigte den herannahenden Morgen.. Es giebt Stimmungen der Menſchenſeele, wo die Natur einen unſäglichen Zauber ausübt und in das wild aufgeregte Herz heilenden Balſam träu⸗ felt. Sie ſpricht dann mit ihrer wunderbaren 104 Stimme zu uns und wir verſtehn den geheimniß⸗ vollen Sinn ihrer abgebrochenen Laute. Wir keh⸗ ren bei ihr ein, wie das Kind bei der Mutterbruſt, um all' unſere Schmerzen auszuweinen. Der einſam verlaſſene Wanderer kannte dieſe geheimnißvolle Macht und darum ſchritt er immer weiter und weiter in den dunkeln Wald. Am grauenden Himmel ſchimmerte noch die blaßgelbe Mondſichel und der Morgenſtern funkelte in gol⸗ dener Pracht. Die Augen des Fremden hafteten an dem ſa⸗ genreichen Geſtirn und ſeine Lippen murmelten den bedeutungsreichen Namen des gefallenen Engels: Lueifer. Sonſt war es hier ſtill, als wäre alles Leben erſtorben, nur das vorjährige Herbſtlaub rauſchte zuweilen unter ſeinen Füßen. Die Bewohner des Waldes ſchliefen noch und träumten dem kommen⸗ den Morgen entgegen. Kein Blatt, keine Blume am ſchlanken Stengel regte ſich. Das Wild ruhte verſteckt in ſeinem Lager und der Vogel im ver⸗ borgenen Neſt. Immer dichter wurde der Wald wo der Fremde ging, und die alten Eichen und Buchen verſchränkten ihre Arme zu einem Rieſen⸗ — — — 10⁵ dom. Im Kreiſe lagen verwitterte Wurzeln und moosbedeckte Steine, auf einen von dieſen ſetzte ſich der Wanderer und ſeine brennende Stirn kühlte der fallende Thau. Hier dachte er an ſein vergangenes Leben, an die verlorene Jugend, an das wüſte Treiben ſeines Mannesgalters. Düſtere Erinnerungen zogen an ſeiner Seele vorüber, wie die nächtigen Schatten des Waldes und die unheimlichen Nebel der Wieſen und Flu⸗ ren, welche in dämmernder Ferne lagen. Plötzlich war das tiefe Schweigen der Natur um ihn gelöſt. Der Morgenwind kam anfangs⸗ leiſe, dann immer lauter und gewaltiger herange⸗ geweht. Die zahlloſen Blätter der Bäume began⸗ nen zu flüſtern und zu koſen. Der Wald wurde mit einem Male lebendig und bekam tauſend Zun⸗ gen und Sprachen. Die erwachte Kreatur verließ ihr Lager, das Wild brach durch die knarrenden Aeſte, der Vogel fuhr zwitſchernd aus ſeinem Neſt empor und der Haſe ſprang aus der weichen Furche auf. Der graue Schimmer im Oſten, wie mattes Silber, wurde röther und röther, die weißen Wol⸗ ken am Horizont färbten ſich mit goldenen Säumen. 106 Ein Lichtſtrahl zitterte durch den Wald und fiel in das dichte grüne Dach des heiligen Doms. Die alten, grauen Stämme der Buchen glänzten wie leuchtender Marmor, die Birken glichen ſilbernen Säulen und die ſchuppigen Fichten funkelten wie glühendes Erz. Und immer heller und heller kam das Licht heran, die goldenen Sonnenſtreifen ſenk⸗ ten ſich auf Wald und Flur. Die jungen Tan⸗ nengipfel leuchteten als grüne Freudenfackeln, die Wieſen ſchienen in der Demantpracht des friſchen Thau's rieſigen Teppichen gleich, mit Perlen und Iuwelen rings beſtreut. Ein Auge aber ſah all' die Herrlichkeit und ein Herz zitterte in unnennbarer Wonne und fühlte die tiefe Bedeutung der Auferſtehung von Nacht zum Tage, vom Tode zum Leben. Auch unſer Freund feierte den Sonnenauf⸗ gang eines neuen Lebens in der mit ihm erwachten Natur. X. Zu derſelben Stunde ſchlief Gräfin Julia noch feſt. Sie war erſt nach Mitternacht aus einer glänzenden Geſellſchaft heimgekehrt. Auf den Stüh⸗ len und Fauteuils lag ihre Gaderobe in Unordnung umhergeſtreut. Da es indiskret wäre, länger als ſchicklich in dem Schlafzimmer einer Dame von ſo hohem Range zu verweilen, ſo wollen wir gern noch warten, bis die Krone der feinen Welt ſich erhebt, um ihre Chokalade einzunehmen. Es mochte gegen elf Uhr Morgens ſein, als Julia in Geſellſchaft ihrer würdigen Mutter auf dem Divan vor dem Frühſtückstiſche ſaß. Ihre Toilette ließ in dieſem Augenblicke noch viel zu wünſchen übrig, und keiner ihrer vielen Anbeter hätte die reizende Schönheit der Salons ſogleich in ihr wiedererkannt. Ein zerknittertes Nachthäub⸗ chen bedeckte das ungeordnete Haar, welches allen Glanz über Nacht verloren zu haben ſchien. Ihr Teint war jedenfalls am Morgen nicht ſo fein und blühend, wie am Abend. Wir überlaſſen es gern 108 dem ſcharfſinnigen Leſer, den Grund dieſer auffal⸗ lenden Erſcheinung zu entdecken. Ein kurzer Sei⸗ denrock von ſchwarzer Farbe verhüllte die göttliche Taille, und die abgetretenen Morgenſchuhe den klein⸗ ſten Fuß der Welt. Es wäre zu wünſchen, daß mancher feurige Liebhaber die Geliebte in ſolcher Morgentoilette überraſchte. Wir ſind feſt überzeugt, daß es dann bei weitem weniger unglückliche Ehen geben würde. Mit dem Ballkoſtüm hatte Julie ſowohl wie ihre Mutter manche anderweitig glänzende Eigenſchaft abgelegt. Auch ihr Geiſt bewegte ſich im häuslichen Negligée. Die prächtigen Hüllen waren abgeſtreift und die arme menſchliche Natur mit ihren tauſend Schwächen brach an allen Ecken und Enden hervor. Die edlen Empfindungen gin⸗ gen mit verwirrtem und zerzauſtem Haar einher, das tiefe Gefühl hatte einen ſchmutzigen Hausrock angezogen und durch die Löcher deſſelben guckten überall die nackten Blößen; der feine Ton ſchritt nicht mehr auf hohem Kothurn einher, ſondern ſteckte in abgetragenen Pantinen, kurz, die himm⸗ liſche Julia hatte ſich geiſtig wie körperlich in eine ganz gewöhnliche Sterbliche verwandelt. 109 Die Oberhofmeiſterin hatte ihr fünftes Biscuit in die vor ihr ſtehende Taſſe getaucht und mit ge⸗ ſundem Appetit verzehrt. Julie dagegen ließ die Chokolade unberührt. — Mon cher enfant,— bemerkte die zärt⸗ liche Mutter,— Du mußt Dir nicht die Affaire ſo zu Herzen nehmen. Allerdings iſt die Sache höchſt fatal, Herr von Birkeneck wäre eine treff⸗ liche Parthie für uns geweſen.— Die gute Mutter betrachtete jede Verbindung mit ihrer Tochter wie ihre eigene und mochte auch dafür ihre Gründe haben. Julie antwortete nicht, ſondern ſtieß nur einen leiſen Seufzer aus. — Ein junger, reicher Mann,— fuhr die Oberhofmeiſterin fort,— der ernſte Abſichten hat, iſt allerdings ein empfindlicher Verluſt, um ſo⸗ mehr, da der Fürſt— — Mama! Ich muß bitten, den Treuloſen nicht zu erwähnen,— unterbrach jetzt Julie mit Heftigkeit. — Moderire Dich. Mit ſolchen Emotionen wird nichts gewonnen und Du ſchadeſt Deinem 110 V Teint. Du hätteſt ihn zu einer Erklärung zwin⸗ gen müſſen.— — Er entſchlüpfte mir ſtets glatt und glän⸗ zend wie eine Schlange.— — Und doch giebt es in Indien, wie ich irgend⸗ wo geleſen habe, Schlangenbändiger, welche die Thiere nach ihrer Pfeife tanzen laſſen. Als ich noch jünger war, wäre mir dergleichen nie paſſirt.— Die Tochter unterdrückte eine beißende Ant⸗ wort, welche auf ihren trotzig aufgeworfenen Lippen ſchwebte und begnügte ſich nur, der Mutter den Rücken zuzudrehen und mit ihrem Papagei zu ſpie⸗ len, welchem ſie die beim Frühſtück übrig gebliebe⸗ nen Biscuits zuſteckte. Eine unangenehme Pauſe war jetzt eingetreten. Die Oberhofmeiſterin gab bei ſolchen Gelegenheiten immer nach. Ihr Grundſatz, den eine lange Er⸗ fahrung ihr gelehrt, war, in allen kleinen Dingen des Lebens ſich, wenn auch nur ſcheinbar, unter⸗ zuordnen, um bei jeder wichtigen Angelegenheit am Ende ihren Willen durchzuſetzen. Auch in dieſem 3 Augenblicke näherte ſie ſich der Tochter, welche ſie leiſe umfing. — Julie! kannſt Du mir in der That böſe 111 ſein?— fragte ſie mit ſanfter Stimme.— Du weißt, daß nur Dein Glück mich ſo zu reden zwingt. Ich habe nichts geſpart, um Dich zu dem zu machen, was Du biſt. Deine Erziehung hat mir bedeu⸗ tende Opfer auferlegt, Dir zu lieb mache ich ein Haus, das bei Weitem meine geringen Kräfte über⸗ ſteigt. Iſt das der Lohn meiner unbegränzten Liebe, Julie?— Die ſchmollende Tochter ſchien wirklich gegen dieſe Sprache nicht unempfänglich zu ſein. Sie umarmte die Mutter und drückte einen Kuß auf die feinen Lippen der Oberhofmeiſterin. Der Frieden war geſchloſſen, die beiden Damen ſaßen wieder Hand in Hand auf dem Sopha, ein Bild der größten Einigkeit, um das begonnene Geſpräch weiter fortzuſetzen. Leider ſollten ſie durch eine neue Unterbrechung darin geſtört werden. Auf dem Korridor hatte ſich ein lauter Zank erhoben. Eine fremde Stimme forderte dringend den Eintritt, während Konrad, der Bediente der Oberhofmeiſterin, den frühzeitigen Beſuch abzuwei⸗ ſen ſuchte. — Ich gehe nicht eher fort, bevor ich mein Geld habe,— ſchrie der Zudringliche,— Frau Gräfin hat mich herbeſtellt.— — Ich darf jetzt Niemand einlaſſen,— ant⸗ wortete der Lakei. — Und ich laſſe mich nicht zum Narren hal⸗ ten,— erwiederterte der ungeſtüäme Mahner. — Herr! machen Sie keinen ſolchen Skandal! — rief Konrad. — Von Ihnen laſſe ich mir noch nicht den Mund verbieten,— ſchrie von Neuem der ehrliche Handwerker, indem er mit einem kräftigen Ruck den Bedienten bei Seite ſchob und plötzlich unan⸗ gemeldet in das Zimmer der Damen trat. — Quel horreur!— rief die Oberhofmeiſte⸗ rin bei dieſer unerwarteten plebejiſchen Erſchei⸗ nung aus. Der würdige Schuhmachermeiſter, welcher einige Monate in Paris gearbeitet hatte, bezog mit Recht den Ausruf auf ſeine ehrenwerthe Perſon und wurde erſt recht erbittert. — Ach! was da horreur!— ſchrie der Un⸗ geſchlif’ene.— Geld will ich haben, gnädige Frau, und das auf der Stelle. Ich gehe nicht eher vom Fleck, bis ich meine Rechnung bezahlt be⸗ komme. Ich bin nur ein armer Handwerker, aber ich würde mich an Ihrer Stelle ſchämen. So'ne Lumperei! und ich warte ſchon länger als ein Jahr.— — Aber, Herr Petri, ich bitte Sie, moderiren Sie ſich!— flehte die Gräfin, indem ſie ſich Ge⸗ walt anthat, um ihren Zorn zu unterdrücken. — Vom Moderiren wird der Menſch nicht ſatt. Ich bin Familienvater! Das Leder muß ich baar bezahlen und die Geſellen auch. Frau Gräfin haben mich hundertmal ſchon herbeſtellt, aber immer wenn ich komme, heißt es, daß Sie nicht zu Hauſe ſind.—. — Es thut mir in der That leid, daß Sie ſich ſo oft vergebens herbemüht haben, aber— — Na nu werden Sie mich nicht wieder los. Mit den ſchönen Redensarten iſt mir auch nicht geholfen und kurz und gut, ich will mein Geld.— Der ehrenhafte Meiſter, welcher in der einen Hand ein Paar abzuliefernde Mannsſtiefel, und in der andern ſeinen abgeſchabten Filzhut hielt, hatte ſich mit entſchiedener Poſitur vor der Gräfin hin⸗ gepflanzt und ſchien in der That entſchloſſen zu ſein, ſeine einmal angenommene Stellung nicht ſo Ring, Stadtgeſchichten. IV. 8 114 leicht wieder aufzugeben. Der angeborne Reſpekt gegen die Ariſtokratie hatte in der letzten Zeit einige demokratiſche Stöße durch anderweitige Verluſte erhalten, und der Genuß einiger Morgenſchnäpſe die Milch der frommen Denkungsart in gährendes Drachengift verwandelt. Die Gräfin war rathlos und hatte ſich flüſternd an Julie gewendet. — Haſt Du gar kein Geld, einige Thaler nur in Deiner Kaſſe?— fragte ſie in leiſem Ton. — Nichts, gar nichts— lautetete die troſt⸗ loſe Antwort.— Mein letztes Geld habe ich geſtern für Parfümes ausgegeben. Olivier borgt auch nichts mehr.— — Der Undankbare! Doch was ſoll geſchehn? Wir können doch den Menſchen nicht den ganzen Tag hier im Zimmer ſtehen haben?— In dieſem Augenblick ſchlüpfte durch die halb geöffnete Thür ein junger, elegant gekleideter Herr herein. — Mein Gott! der Chevalier— rief Julie erſchrocken und fluchtete durch die Nebenthür. — Ha! ha!— lachte der Dandy, indem er ſich vor der Oberhofmeiſterin mit dem zierlichſten Anſtande verbeugte— attrapirt! attrapirt!— — Herr Chevalier!— entgegnete die Gräfin mit einer gewiſſen Würde— zu jeder andern Zeit wäre uns Ihr Beſuch willkommener geweſen— — Verzeihen Sie!— rief der Chevalier, wel⸗ cher plötzlich ernſt geworden ſchien und die Hand der Oberhofmeiſterin ergriff, auf welche er er einen Kuß drückte,— ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen. Ich werde Ihnen Alles erklären. Doch was will der Mann hier?— Bei dieſen Worten betrachtete der Elegant mit ſeiner Lorgnette den Schuhmacher vom Scheitel bis. zur Zehe und brach von Neuem in ein fröhliches Gelächter aus. — Herr Chevalier!— rief jetzt die Gräfin gereizt. — Pardon! aber ich war unwillkürlich Zeuge der ganzen Scene. Hier, mein guter Freund, iſt Euer Geld.— Der Chevalier zog einen Kaſſenſchein heraus, welchen er mit geringſchätziger Geberde dem Hand⸗ werker hinreichte. Dieſer nahm das Geld und ent⸗ fernte ſich auf einen Wink des Bezahlers. 8* Sobald der würdige Schuhmacher verſchwun⸗ den war, ergriff der neue Gaſt die Hand der Gräfin und führte dieſelbe zu dem Divan, dann warf er ſich ſelbſt mit großer Grazie und Nonchalance in den daneben ſtehenden Polſterſtuhl. — Und nun bitte ich tauſendmal um Ent⸗ ſchuldigung wegen meines plötzlichen Erſcheinens. Es galt nur eine Wette mit Komteſſe Julie. Ich behauptete, daß ich nach dem Balle noch im Stande wäre, vier Meilen hin und zurück zu reiten. Die Komteſſe zweifelte. Zum Beweiſe ſollte eine Ama⸗ ryllis dienen, welche in dem Schloßgarten von Mou⸗ repos blüht. Ich ließ noch in der Frühe meinen Ali ſatteln, eilte nach Mourepos, weckte den Gärtner, bezahlte die Amaryllis und konnte nicht der Ver⸗ ſuchung widerſtehen, die Blume in eigener Perſon zu überbringen und meinen Triumph ſchon heute früh zu feiern.— Alles dies brachte der Chevalier mit ſo hin⸗ reißender Liebenswürdigkeit in Worten und Mienen vor, daß die Oberhofmeiſterin ihm nicht zürnen konnte. Sie lächelte ſogar über ſeine Erzentritäten, die er mit ſo guter Manier und ſo feinem Anſtande preis gab. 117 — Nun gut— ſagte ſie— ich verzeihe, aber Sie waren dennoch indiscret.— — Daß ich die offene Thür benutzt und die Damen im Negligée überraſcht habe? Sie ent⸗ ſchuldigen. Honny soit qui mal y pense.— — Das meine ich nicht.— — Pah! wenn ich die zudringliche Kanaille fortgejagt, that ich nur nach Ritterpflicht. Mein Arm wie meine Börſe gehört den Damen, und mein Ehrenwort bürgt für meine Discretion.— Länger konnte die Gräfin dem bezaubernden Benehmen des Chevaliers nicht widerſtehen, ſie reichte von freien Stücken ihm die noch immer ſchöne Hand, welche er mit einer Miſchung von Reſpekt und Galanterie an ſeine Lippen führte. Sie ver⸗ ſprach ihm ſogar, Julie wegen ſeines plötzlichen Ueberfalls mit ihm auszuſöhnen und ſie ſelbſt her⸗ beizuholen. Als ſie verſchwunden war, um die Tochter zu benachrichtigen, warf der Chevalier einen ſelbſtzufrie⸗ denen Blick in den großen Trümeau und ordnete ſein prächtiges Haar, das in kühnen Locken um die ſchön geformte glatte Stirn ſich lagerte. Er hatte in der That Urſache, mit ſeinem Bilde, das der —ꝛ——— 118 Spiegel wiedergab, nicht unzufrieden zu ſein. Man konnte nach den gewöhnlichen Begriffen ſich wirk⸗ lich keinen ſchöneren und eleganteren jungen Mann vorſtellen, als der Chevalier war. Sein regelmäßiges Geſtcht trug den Typus einer ächt ariſtokratiſchen Bildung. Unter den geſchwungenen Augenbrauen lagerten zwei glänzende Augen voll brillanten Schimmers. Sie wären bezaubernd geweſen, wenn ihr Feuer nicht allzu ſtechend und herausfordernd geſchienen hätte. Eine feingebogene Naſe gab dem Geſicht einen männlichen Ausdruck und verlieh ihm beſonders im Profil jene ſcharf gezeichneten und intereſſanten Linien, die hauptſächlich bei Südlän⸗ dern gefunden und bewundert werden. Der dunkel⸗ braun gelockte Bart kontraſtirte prächtig mit den friſchen rothen Lippen, welche, ein wenig allzu üppig, auf eine kräftige, ſinnliche Natur hindeuteten. Der enge Reitanzug hob die feine Taille genügend her⸗ vor und ein kleiner Fuß und eine noch kleinere Hand galten für ein faſt untrügliches Zeichen ſeiner ächt ariſtokratiſchen Abkunft. Kein Wunder, daß der Chevalier, obgleich er erſt ſeit kurzer Zeit in der Reſidenz verweilte, der Liebling jeder Geſellſchaft und beſonders der Damen⸗ 119 welt geworden war. Auf dem letzten Balle hatte er Julie kennen gelernt, und die reizende Komteſſe hielt es ſogleich der Muhe werth, auch dieſe Erobr⸗ rung ihren vielen alten anzureihen. Sein Benehmen hatte zwar hier und da An⸗ ſtoß erregt, da er mit einer all zu großen Kühnheit und Ronchalance verfuhr, aber man hielt ihm Vieles zugut, theils wegen ſeiner nicht zu beſtreitenden Liebenswürdigkeit, theils wegen der wahrhaft gen⸗ tilen Art ſeines Auftretens. Er ſtreute das Geld mit vollen Händen aus und ſchien über fabelhafte Summen zu gebieten. Einige feine Köpfe ſchrieben ihm ſogar eine geheime, politiſche Miſſion bei Hofe zu. Doch lehnte der Chevalier alle derartigen Muth⸗ maßungen beſcheiden ab. So viel ſtand feſt, daß es ihm in kurzer Zeit gelungen war, der Löwe des Tages zu werden und daß ſogar der Fürſt, ſo wie der berühmte Virtuoſe durch ihn momentan in den Hintergrund gedrängt wurden. Selbſt ſeine Erzentritäten wurden ihm ver⸗ zichen und vermehrten nur ſeinen Ruf. Manche Mutter in der feinen Welt ſpekulirte für ihre Tochter auf die Hand des ſchönen, unabhängigen Mannes, 120 und ſo kurze Zeit er auch erſt in der Reſidenz ver⸗ weilte, ſo erzählte man bereits ein und das andere galante Abentheuer von ihm, welches er mit Damen vom höchſten Range gehabt haben ſollte. Der Unwiderſtehliche hatte ſo eben ſeine impro⸗ viſirte Toilette vor dem Spiegel beendet, als die Gräfin Julie an der Hand ihrer Mutter in das Zimmer trat. 1 M. Ihre Erſcheinung war die glänzendſte Meta⸗ morphoſe, die man ſich denken kann. Die Raupe hatte alle entſtellenden Hüllen abgeworfen und er⸗ ſchien in dieſem Augenblick als herrlicher Schmet⸗ terling. Eine kurze Viertelſtunde hatte hingereicht, dies wieder zu bewerkſtelligen. Ihr Teint war blü⸗ hender als je, das ſeidenweiche Haar ſchimmerte in friſchem Glanz und ein grauſeidener Morgen⸗ rock kleidete die ſchlanke Geſtalt zum Entzücken ſchön. Das holde Lächeln der Verlegenheit ſchwebte um den halbgeöffneten Mund, welcher eine Reihe blendend weißer Perlenzähne hindurchſchimmern ließ. 121 Sie war bezaubernd, als ſie dem Chevalier ſchalkhaft mit dem roſigen Finger drohte. Dieſer näherte ſich ihr mit der bewußten Amaryllis in der Hand. — Hier mein Beglaubigungsſchreiben, Köni⸗ gin aller Herzen,— ſagte er galant. — Der Herr Ambaſſadeur hat leider eine ſchlechte Zeit gewählt,— entgegnete ſie, in den ſcherzhaften Ton eingehend. — Darum fleht er um Gnade,— rief der Chevalier,— indem er ſein Knie beugte. — Wir wollen ſie ihm diesmal gewähren, aber nur unter einer Bedingung— — Und die wäre?— — Verſchwiegenheit.— — Das Schweigen iſt der Gott der Glückli⸗ chen,— deklamirte der Dandy,— die ſchönſten Bande ſind's, die dauerndſten, die das Geheimniß flicht.— — Ich bin keine Eliſabeth und Sie— — Kein Mortimer, der nur Liebe heuchelte und ſeine Königin betrog.— — Sie ſind ein Mann.— — In des Worts verwegenſter Bedeutung. —,——— 6 ——¼j— 12² Sie haben ſich heute überzeugen können, was ich zu thun im Stande bin.— — Ich bedaure nur den armen Ali, das edle Thier.— — Und nicht ſeinen Herrn? Sie werden mich noch eiferſüchtig machen.— — Auf den guten Ali? Chevalier! Sie ſcherzen.— — Ein Wink von Ihnen und ich werde ernſt. Bei Gott! ich kann es ſein.— Der Chevalier richtete bei dieſen Worten ſeine glänzenden Augen ſo kühn auf die ihrigen, daß ſie dieſelben zu Boden ſchlug und verlegen mit der geſchenkten Amaryllis ſpielte. Unterdeß hatte die Oberhofmeiſterin den Gaſt zum Sitzen aufgefordert, auch die Damen nahmen Platz und die Unterhaltung gewann bald einen allgemeineren Charakter. Man ſprach von den Ereigniſſen des Tages in jener leichten Manier, welche alle Gegenſtände berührt, ohne einen genü⸗ gend zu erſchöpfen. Auch das ſtattgefundene Duell wurde obenhin erwähnt, aber Julie verrieth durch keine Miene oder 123 Frage den Antheil, welchen ſie an dem traurigen Ereigniſſe natürlich nehmen mußte. — Birkeneck wird kaum mit dem Leben da⸗ vonkommen,— bemerkte der Chevalier,— wenig⸗ ſtens hat der Fürſt es erzählt.— Die Mutter ſchaute bedeutſam die Tochter an. — Glauben Sie wirklich, daß er ſterben wird? — fragte die erſtere mit einer ſcheinbaren Theil⸗ nahme. — Die Wunde ſoll lebensgefährlich ſein, der Schuß ging mitten durch die Bruſt.— — Armer junger Mann!— ſeufzte die Ober⸗ hofmeiſterin, während Julie aufgeſtanden war, um die Amaryllis in eine Vaſe mit friſchem Waſſer zu ſtellen. — Vielleicht iſt er weniger zu bedauern als man glaubt. Herr von Birkeneck ſteht auf dem Punkt ſein ungeheures Vermögen mit einem Male zu verlieren,— fuhr der Chevalier in der Unter⸗ haltung fort, indem er mit der Reitgerte ſpielte, welche er in Händen hielt. — Unmöglich!— rief die Oberhofmeiſterin aus. Julie war voll Spannung näher getreten⸗ —— ———jj—= — — Als dieſelbe beendet war, konnte ſich die Oberhof⸗ 124 Ihre Blicke forderten den Chevalier zum Spre⸗ chen auf. — Meine Damen,— ſagte dieſer,— ich rechne jetzt meinerſeits auf Ihre Diskretion. Ich bin der einzige Mitwiſſer dieſer Angelegenheit, welche vor der Hand noch ein Geheimniß bleiben muß. Sie verſprechen mir das ſtrengſte Stillſchweigen— — Gewiß, Sie dürfen uns vertrauen,— rief die Oberhofmeiſterin, welche vor Neugierde brannte. — Aber erzählen Sie nur ſchnell.— — Oskar von Birkeneck iſt laut Teſtament zum Erben ſeines Oheims eingeſetzt. Dieſer beſaß aber einen Sohn, der verſchollen war. Der Sohn, den man längſt für geſtorben hielt, lebt und iſt aus Amerika zurückgekehrt, um das Teſtament ſei⸗ nes Vaters anzugreifen. Wichtige Gründe haben ihn bis jetzt zurückgehalten, ſeine Anſprüche in Perſon geltend zu machen. Er hat einen Gene⸗ ralbevollmächtigten ernannt, der den Prozeß gegen ſeinen Anverwandten führen wird. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß er ihn gewinnen muß.— Mit der größten Spannung hatten die beiden Damen der Erzählung des Chevaliers zugehört. 225 meiſterin nicht enthalten, ihm für die intereſſante Mittheilung zu danken. Julie dagegen ſchien da⸗ von ſo ergriffen, daß ſie kaum ihre Bewegung zu verbergen vermochte. Ihr war mit mit einem Mal zu Muthe, als wäre ſie einer drohenden Gefahr entgangen, aus der ſie der liebenswürdige Cheva⸗ lier befreit. Dieſer ſchrieb ſeinen eigenen Vorzü⸗ gen die Zuvorkommenheit zu, mit welcher ihm die junge Gräfin während der Zeit behandelte, die er noch in ihrer Geſellſchaft zubrachte. Julien's Beneh⸗ men aber war nur die Folge der bedeutenden Nach⸗ richten, welche ſie ſo eben von ihm erhalten hatte⸗ Sie ſah ſich von einem Schritte zurückgehalten, der nicht wieder gut zu machen geweſen wäre. Wie leicht hätte ſie ſich kompromittiren können, wenn ihr Verhältniß mit Oskar zu den Ohren des Publikums gekommen wäre. Durch dieſe Mitthei⸗ lung war ihr klar vorgeſchrieben, wie ſie ſich fer⸗ ner gegen Herrn von Birkeneck zu benehmen habe. Zum Glück hatte Niemand ihr Geſtändniß auf dem letzten Ball gehört und der zu Tod Verwun⸗ dete konnte ihr nicht mehr gefährlich werden. All' dieſe Gedanken gaben ihr das Gefühl der früheren Sicherheit. Sie war gegen den Chevalier 126 voll gewinnender Artigkeit und feſſelnder Pikan⸗ terie. Von Neuem entfaltete ſie den ganzen Schatz ihres glänzenden Witzes, ihres brillanten Geiſtes. Sie wollte gefallen und das gelang ihr im reich⸗ ſten Maße. Der Dandy war bezaubert, durch tau⸗ ſend Bande gefeſſelt. Auf ſeinen Lippen ſchien ein Geſtändniß zu ſchweben und nur die Gegenwart der klugen Mutter verhinderte ihn, ſeinen Gefüh⸗ len Worte zu verleihn. Als er ſich entfernen wollte, forderte ihn die Oberhofmeiſterin auf, ſeinen Beſuch recht bald zu wiederholen. — Sie ſollen uns immer willkommen ſein, — ſagte ſie mit zuvorkommendem Lächeln. — Immer?— fragte Julia ſchalkhaft. — Künftig werde ich meine Zeit beſſer wäh⸗ len,— entſchuldigte der Chevalier, der den Sinn der Frage verſtand.— Nicht alle Damen dürften die Feuerprobe ihrer Schönheit ſo glänzend beſtehn, — als Sie, meine Gnädige.— Geſchmeichelt reichte Julia ihm ihre feine Hand, welche der Chevalier bewundernd küßte. Sobald er ſich empfohlen hatte und die Da⸗ men allein waren, floß die Mutter über vom Lobe ihres Gaſtes. — Ein charmanter Cavalier. Welche Nobleſſe, welche Tournüre, jeder Zug, jede Bewegung zeugt vom beſten Ton. Wenn ich ihn mit Birkeneck vergleiche— — Mama! Laß die Todten ruhn,— ent⸗ gegnete die Tochter. — Es iſt ein rechtes Glück, daß du dich mit dem Erbſchleicher nicht kompromittirt haſt. Jetzt biſt du mit einem Male aller Verlegenheit entho⸗ ben. Selbſt wenn er wieder geſund werden ſollte, haſt du von ihm nichts zu befürchten.— — Ich habe dem Chevalier viel zu danken. Ohne ſeine Nachricht hätte ich mich vielleicht zu einem Schritte hinreißen laſſen, der die traurigſten Folgen haben mußte.— — Kind, du wollteſt doch nicht?— — Zu ihm eilen und ihm auf ſeinem Kran⸗ kenbette pflegen. Allerdings hatte ich dieſe Idee. Aber jetzt — Ignoriren wir ihn,— ſagte würdevoll die Oberhofmeiſterin. Und Julie folgte ohne Widerſtreben dem treff⸗ 128 lichen Rathe der würdigen Mutter. Trotz aller Liebenswürdigkeit und Bildung war das kluge, ſchöne und intereſſante Weſen nur zu einem Werk⸗ zeuge in den Händen der intriguanten Oberhof⸗ meiſterin herabgeſunken. All' die glänzenden Ei⸗ genſchaften und Talente verbargen nur die innere Leere und Nichtigkeit. Juliens Erziehung war brillant geweſen, ſie ſprach die vorzüglichſten frem⸗ den Sprachen mit der größten Geläufigkeit, ſie kannte die beſten Dichter und Romanſchriftſteller aller Zeiten, ſie zeichnete und malte allerliebſte Aquarellen, und ihr Geſang war, wie wir wiſſen, bewundernswürdig. Aber all' dieſe Vorzüge dienten nur als Mittel zum Zwecke, und gaben ihr keine wahre und innere Befriedigung. Ihr Herz war verödet und von der Mutter ſyſtematiſch ausge⸗ höhlt. Von früheſter Jugend an wurden alle beſſeren Empfindungen, jedes innere Gefühl in ihr getödtet. Seit ihrem zwölften Jahre hatte ſie die Schule der feinen Welt unter der Aufſicht der Oberhofmeiſterin durchgemacht. Der feine Spott und die beißende Ironie der Mutter mußten jeden friſchen Keim, jede natürliche Regung vernichten und die ideale Welt der erblühenden Jungfrau zerſtören. Sie wollte 129 nur blenden, bezaubern und einen Mann gewinnen, der durch ſeinen Rang und ſein Vermögen ihr alle Genüſſe des Lebens verſchaffen konnte. Eine kurze Epiſode in dieſem kalten, berech⸗ nenden Daſein bildete Juliens Liebe zu dem Fürſten. Vergebens hatte die kluge Mutter die Tochter ge⸗ warnt und auf die Schwierigkeiten hingedeutet, den treuloſen, wegen ſeiner Abentheuer in der Frauen⸗ welt hinlänglich bekannten Roué zu feſſeln. Julie hatte ihre bisherige Vorſicht vergeſſen und zum erſten Male in ihrem Leben ihr Herz einer mäch⸗ tigen Leidenſchaft geöffnet. Trotzdem miſchte ſich auch in dieſes Gefühl noch immer eben ſo viel⸗ Berechuung, Eitelkeit und Sinnlichkeit, als wahre Neigung. Die Liebe hat ihre Stufen und Grade, welche leider eben ſo ſelten im Romane, wie im Leben genau beachtet und anerkannt werden. Von dem erſten ſinnlichen Wohlgefallen bis zur höchſten Verleugnung des eigenen Ich's und Hingebung an den Andern läuft eine fortſchreitende Kette von immer reineren und geläuterteren Empfindungen. Die irdiſche Flamme, von Rauch und Glut entſtellt, kann ſich zum reinſten Himmelslicht verklären, doch Ring, Stadtgeſchichten. IV. 9 130 nur Wenigen iſt es vergönnt, dieſe Feuerprobe zu beſtehen. Manche Seele ſteigt geläutert und von jeder Schlacke frei zum Himmel empor, während die andere mit verſengten Schwingen ewig nur am Boden klebt. Hätte Julie ſtatt des leicht bewegten, ſchwan⸗ kenden Mannes ein großes, edles Herz gefunden, ſo wäre ſie noch gerettet und emporgehoben wor⸗ den, da ſie nicht zu den gewöhnlichen Naturen ge⸗ hörte und trotz aller verderblichen Einflüſſe ihrer Mutter den Keim des Beſſern in ſich trug. Sie wurde jedoch getäuſcht und von dem Fürſten der hohen Nebenbuhlerin aus Eitelkeit oder vielleicht noch aus niedrigereren Motiven aufgeopfert. Julie fand die Lehren und verpeſteten Grundſätze ihrer Erzieherin von Neuem beſtätigt und der frühere Ekel und die Leere des Herzens war ihr mit dop⸗ pelter Gewalt zurückgekehrt. Dies Ereigniß war der unglückliche Wende⸗ punkt ihres Lebens. Sie war getäuſcht worden und wollte nun ſelber täuſchen. Mit dieſem Vorhaben hatte ſie Oskar von Birkeneck kennen gelernt. So lange ſie noch die Hoffnung hegte, den Fürſten zu feſſeln, wies ſie ſeine Bewerbung zurück. Erſt als ſie Alles ver⸗ loren gab, berechnete ſie die Vortheile einer derar⸗ tigen Verbindung mit kalter Nüchternheit und ließ ſich das Geſtändniß einer Liebe entreißen, welche ſie nie für ihn gefühlt hatte, noch empfinden konnte. Die Nachricht von dem ſtattgefundenen Duell zerſtörte zwar all' ihre Pläne und ſetzte ſie in keine geringe Verlegenheit wegen der Stellung, welche ſie Oskar gegenüber bei dieſem Ereigniſſe einzunehmen hatte. Doch die Erſcheinung und Erzählung des Chevaliers überhob ſie mit einem Male jeder Be⸗ denklichkeit und hielt ſie von einem Schritt zurück, zu dem ſie feſt entſchloſſen war und der ſie ſicher kompromittirt hätte. — Ignoriren wir ihn,— hatte die kluge Mutter geſagt. Julie war mit dieſem Vorſchlage vollkommen einverſtanden und dachte bereits daran, den armen Oskar durch eine neue, noch glänzendere Eroberung zu erſetzen. — — — 13² XI. Der Chevalier war der Löwe des Tages. Nie⸗ mand kannte ihn, noch wußte man, wer er war und woher er gekommen. Plötzlich erſchien er in der Geſellſchaft, welche ihn mit offenen Armen und ohne Mißtrauen empfing. Seine ganze Erſcheinung hatte etwas Myſteriſches, und gerade der Reiz des Geheimnißvollen beſtach die Frauen, welche nicht weniger ſeine männliche Schönheit, als ſeine vol⸗ lendeten Manieren bewunderten. Ein Salon nach dem andern that ſich vor ihm auf und ba hatte er in der feinen Welt feſten Fuß aeneun forſchte nicht mehr nach, wo und von wem er zu⸗ erſt eingeführt wurde. Der Chevalier war eine That⸗ ſache, ſeine Erfolge ein fait accompli. Er wohnte in dem erſten Hötel der Reſidenz, beſaß eine eigene Equipage, ritt einen vortrefflichen Araber, ging ſtets nach der neueſten Mode geklei⸗ det, erſchien in den vornehmſten Häuſern, tanzte ausgezeichnet, ſpielte meiſt ſehr hoch und verrieth in ſeinem ganzem Auftreten und Benehmen den vollendeten Gentleman. Das war hinreichend, um ihm überall die zu⸗ vorkommendſte Aufnahme zu verſchaffen. Manche hochgeſtellte Dame hatte mit dem liebenswürdigen Fremden ein Verhältniß angeknüpft, das nicht ver⸗ vorgen bleiben konnte. Seine Eroberungen auf dem Gebiete der Galanterie hatten ſeinen Ruf ver⸗ mehrt, und trotz vieler ſkandalöſer Abentheuer, welche von ihm hier und da erzählt wurden, genoß er eine unbedingte Achtung. Die Moral der feinen Welt iſt in manchem Punkte äußerſt nachſichtig und ihre Toleranz aner⸗ kennungswerth. Häufig ſogar bewirken derartige Aventuxen das Gegentheil von dem, was man erwarten ſollte. Der indiskrete Held wird ein Gegenſtand allgemeiner Verehrung, die kompro⸗ mittirte Dame gagegen unbarmherzig von der Ge⸗ ſellſchaft bekrittelt und verdammt. Dennoch wir⸗ ken derartige Beiſpiele durchaus nicht abſchreckend. Die Fliegen ſtürzen ja auch um ſo begieriger auf das Gift, je mehr Leichen ſeine verderbliche Wirkung offenbaren. Seit langer Zeit iſt Don Juan ein Heiliger in dem Kalender der Frauenwelt. Der Chevalier war ein höchſt gemüthlicher Heiliger und ließ ſich die Anbetung der Damen wohl gefallen. Niemand ging ungetröſtet und un⸗ erhört aus ſeiner Nähe und ſein Altar war des⸗ halb nie leer von frommen Pilgerinnen und Weih⸗ geſchenken. Er hatte bereits eine artige Sammlung. von Briefchen auf feinem Papier mit zierlichen Wappen, von braunen, ſchwarzen und blonden Lo⸗ cken angelegt. Ein ſolches Leben aber mußte ziemlich koſt⸗ ſpielig ſein. Die Verhältniſſe des Chevaliers wa⸗ ren unbekannt. Niemand kümmerte ſich darum, woher er das Geld nahm, welches er wahrhaft fürſtlich verſchwendete. Auch dieſe liebenswürdige Eigenſchaft der fei⸗ nen Welt verdient noch ein beſonderes Lob. Die gute Geſellſchaft iſt nicht ſkrupulös, ſie fragt wohl nach dem Wie?, nie aber nach dem Woher und Warum? Die Geldgeſchäfte des Chevalier beſorgte ein Mann, der hinlänglich in den höchſten Kreiſen be⸗ kannt war. Herr Frank, früher Fränkel geheißen, genoß das Vertrauen und die Kundſchaft aller jun⸗ gen und alten Lebemänner von Rang und Stand. Der Würdige ſtammte urſprünglich in gerader L von dem Stamme Levi ab, welcher das Fett von allen Opfern und das beſte Stück von jedem Thiere nahm, das im Tempel von Jeruſalem geſchlachtet wurde. Er blieb dieſem Gebrauche ſeiner Väter treu, wenn er auch den Glauben derſelben verlaſſen hatte. Durch die Taufe war er zwar nicht gerei⸗ nigt, aber doch gewaſchen worden. Das neue Evan⸗ gelium und der Genuß von rohem Schinken hatten ſeine Bekehrung vollendet. Seine Linke wußte nie, was die Rechte that; gab man ihm eine Ohrfeige, ſo reichte er die andere Backe willig hin, und warf man ihn zur vorderen Thür hinaus, ſo kam er zur hinteren freundlich wieder herein. Er hätte ſicherlich nicht den Herrn für dreißig Silberlinge verſchachert, ſondern für weit mehr, und Judas war deshalb in ſeinen Augen ein ganz gemeiner Lump. Vor der Thür dieſes Chrenmannes hielt in dieſem Augenblicke das elegante Kabriolet des Che⸗ valiers. Herr Frank war durchaus kein Wucherer im gewöhnlichen Sinne, kein ſchmutziger Geizhals mit ſchwarzer Wäſche und zerriſſenem Rock, eben ſo wenig glich ſeine Wohnung etwa einer finſteren öhle in irgend einem verlorenen Winkel der Re⸗ denz. Im Gegentheil, ſie befand ſich in dem fa⸗ ſhionableſten Stadtviertel und beſtand aus einer 136 Reihe von Zimmern, welche im eleganteſten Ge⸗ ſchmacke möblirt waren. Die Wände waren mit prächtigen Tapeten bekleidet, allerdings ſchienen die Farben allzuſchreiend, die Vergoldung zu häufig angebracht, aber Herr Frank liebte Alles, was ſtark in die Augen fiel und die Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Eine Menge von Oelgemälden und Kupfer⸗ ſtichen von ungleichem Werth bezeichneten den Be⸗ ſitzer als einen Mäzen der ſchönen Künſte. Die Wahl derſelben ſchien allerdings weniger für den Geſchmack, als für die genaue Kenntniß der augen⸗ blicklichen Mode zu ſprechen. Hier und da erblickte man wohl auch ein altes oder neues Meiſterwerk, das Herr Frank entweder auf einer Auktion billig erſtanden, oder von einem Schuldner an Zahlungs⸗ ſtatt angenommen hatte. Er pflegte mit einem ge⸗ wiſſen Stolz jedem Beſucher ſeine Gallerie zu zei⸗ gen, wobei er niemals unterließ, den Preis eines jeden Gemäldes bei Heller und Pfennig anzugeben. Die Möbel waren fein und ausgewählt, ob⸗ gleich ſich auch hier mehr das Streben nach äußerm Glanz, als nach innerem Komfort verrieth. Ein Zimmer war durchaus im Rokokkogeſchmack einge richtet, die ganze Wohnung jedoch überladen und 137 durch eitles Schaugepränge entſtellt. Auf dem Ka⸗ min ſtand eine Anzahl Nippſachen, chineſiſches Porzellan, venetianiſche Gläſer und moderne Bronce⸗ figuren. Sopha und Stühle mit ſchweren Seiden⸗ ſtoffen überzogen, waren ſorgfältig mit Leinewand bedeckt, ebenſo die vergoldeten Kronleuchter mit ei⸗ nem Florüberzug verſehen. Dadurch wurde der Eindruck, als wären eben all die Möbel nur hier zur Schau ausgeſtellt, vermehrt, und eine unge⸗ müthliche Stimmung in dem Beſucher hervorgebracht. Alles ſchien neu, modern, als wäre es eben erſt aus der Hand des Tiſchlers hervorgegangen, es fehlte jene Weihe des Gebrauchs, welche unſerer Umgebung erſt den wahren Werth verleiht und zu einem Theil unſeres eigenen Weſens macht. Die Dinge ſchienen todt und unbelebt. Trotzdem that ſich überall das Streben kund, an Lurus und Ele⸗ ganz mit den beſten und vornehmſten Häuſern zu V wetteifern. Auch das Aeußere des Herrn Frank und ſeine Erſcheinung trugen denſelben Stempel wie ſeine Vohnung. Er war, oder wollte wenigſtens ein ollendeter Dandy ſein. Sorgfältig friſtrtes Haar, viele meinten, daß er eine Perrücke trüge, ein dun⸗ 138 kler Schnurr⸗ und Backenbart umgaben das blü⸗ hende, ein wenig gedunſene Angeſicht. Auf ſeine Hände hatte er die größte Sorfalt verwendet, ob⸗ gleich dieſelbe wenig Fruchte trug. Trotz Seife, Mandelkleie und Eſſenzen blieben dieſelben dick und roth. In den Mußeſtunden bürſtete er die Nägel, die er lang zu tragen pflegte. Die feinſten Glacée⸗ handſchuhe verbargen die übrigen Mängel. Seine Kleidung war ſtets nach dem neueſten Schnitt und von den beſten Stoffen, ob dieſelbe zu ſeiner Figur und zu ſeiner ſonſtigen Haltung paßte, kümmerte ihn nicht. Stets war es ein Löwe des Tages, den er in Garderobe, Stellung und Sprache getreu zu kopiren ſuchte. Er hielt einen Bedienten in auf⸗ fallender Livrée, ein Reitpferd, das ihm hundert Louisd'or koſtete, und verſäumte keine Vorſtellung der Oper oder des Ballets. Ueber dieſe Aeußerlichkeiten, ſo wichtig ſie ihm auch waren, vergaß Herr Frank aber keineswegs den höheren Lebenszweck. Dieſer beſtand für ihn in der täglichen Vermehrung ſeines Vermöge Geld war der Nerv ſeines Daſeins und Verd ein Hauptwort, das er groß ſchrieb. Neigung! nd Tendenz ließen ihn vorzugsweiſe Verbindungen 139 mit der feinen Welt anknüpfen, welche den Par⸗ venue verſpottete, während er ſich edel an ihr rächte und ihr mit ſeinem Gelde zu Hülfe kam, freilich gegen unmenſchliche Procente. In Geldſachen hört die Gemüthlichkeit auf. Dieſe Marxime eines weiſen Staatsmannes hatte Herr Frank zu der ſeinigen gemacht. Dennoch konnts er, wenn es darauf ankam, ſich zu zeigen oder einen Zweck zu verfolgen, das Geld mit vollen Händen wegwerfen, aber gewöhnlich ſäete er nur, wenn er hundertfach zu ärndten hoffte. Auch die Geſchichte vom Senfkorn hatte er ſich zu Nutzen gemacht. Als der Chevalier eintrat, fand er den Treff⸗ lichen in ſeinem Bibliotheks⸗ und Arbeitszimmer, ſo nannte Herr Frank ein kleines Kabinet, in wel⸗ chem hinter Glasſchränken eine Reihe prächtig ein⸗ gebundener Bücher ſtand, welche er ſo ſelten als möglich in Gebrauch zog, um ſie nicht abzunutzen. In Goldſchnitt prangten die Heroen der Literatur, Göthe, Schiller, Leſſing und Herder, weil es die Mode einmal mit ſich brachte. Dieſe Klaſſiker be⸗ trachtete Herr Frank mit heiliger Scheu, ſo daß er ſte niemals zu berühren wagte. Trotzdem las er viel und war mit den neueſten Erſcheinungen der 140 Literatur, wenn auch nur oberflächlich, bekannt. Sein Lieblingsdichter blieb Heine, den er halb aus⸗ wendig wußte und bei jeder Gelegenheit, ob paſſend oder unpaſſend, anzubringen pflegte. So eben hatte er einen Roman von Dumas in der Hand, den er ſogleich bei Seite warf, um ſeinen Gaſ zu be⸗ grüßen. — Gott! Herr Chevalier,— ſagte Hen Frank, der in ſeinem prachtvollen Schlafrock von braunem Sammet mit Goldſchnüren beſetzt, dem Beſucher entgegeneilte.— Welch hoher Glanz in meiner niederen Hütte. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Johann! Ein ausnehmend kleiner Groom er ſchien ſo⸗ gleich, der die größte Aehnlichkeit mit einem in Livrée geſteckten Affen hatte. Herr Frank fluſterte dem Miniatur⸗Diener einige Worte in das Ohr. Dieſer erſchien ſchon nach wenigen Minuten mit einer Platte, reich mit Auſtern belegt, und einer Tablette, auf welcher eine Flaſche Chablis und— Zwei Gläſer ſtanden.“ Unterdeß hatte ſich der Chevalier mit vorneh⸗ aner Nachläſſigkeit in einen weichen Lehnſtuhl ge 1 worfen. Herr Frank lud ſeinen Gaſt zum Genuß des aufgetragenen Frühſtücks ein. — Friſche Auſtern, ächter Chablis, greifen Sie zu, Herr Chevalier. Kein Tanz vor dem Eſſen, und die Geſchäfte laſſen ſich noch einmal ſo gut bei einem Glaſe Wein abmachen. Auf Ihr Wohl!— Beide ſtießen mit den engliſchen Glockengläſern an, die einen hellen Klang von ſich gaben. Nach⸗ dem der Chevalier getrunken hatte, ſagte er:— Frank! ich brauche Geld. Sie wiſſen, daß ich des⸗ halb gekommen bin.— — Meine goldenen Dukaten, ſagt, wo ſeid ihr hingerathen?— deklamirte der elegante Wuche⸗ rer, indem er behaglich eine Auſter ſchlürfte.— Fin⸗ den Sie nicht auch, daß der Heine ein charmanter Dichter iſt. Sie kennen ihn doch?— — Allerdings!— entgegnete ungeduldig der Chevalier— aber— — Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie ewig neu. Nur wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz dabei!— 1 So recitirte Herr Frank lachend.— Nu, nu! Ich habe noch keinen meiner Kunden im Stich ge⸗ laſſen. Erſt neulich hat der Fürſt geſagt: Frank, Sie ſind la previdence de la jeunesse. A propos! da fällt mir eine Geſchichte ein, die Durchlaucht mir mitgetheilt und die Ihnen, lieber Chevalier, unan⸗ genehm ſein dürfte.— Während der Wucherer ſcheinbar ſorglos plau⸗ derte, unterließ er nicht, mit ſeinen ſtechenden Au⸗ gen jeden Zug in dem Geſicht des Chevaliers zu beobachten. — Was hat der Fürſt von mir erzählt?— fragte dieſer geſpannt. — Er behauptet, daß es in ganz Frankreich keinen Chevalier von Valmont giebt. Der Fürſt iſt in ſolchen Dingen gewöhnlich gut unterrichtet. Was ſagen Sie dazu?— Der Chevalier war ruhig auf ſeinem Stuhle ſitzen geblieben. Herr Frank hatte mindeſtens er⸗ wartet, daß ſein Gaſt aufſpringen und ſofort zum Fürſten eilen würde, um von demſelben Rechenſchaft zu fordern. Statt deſſen griff derſelbe nach dem vollen Glaſe und ſchlürfte mit Kennermiene den edlen Wein. Dieſe Kaltblütigkeit imponirte den Wucherer.— 143 — Nun, der Fürſt kann ſich geirrt haben— entſchuldigte Herr Frank. — Durchaus nicht,— entgegnete der Chevalier im trockenen Ton.— Es giebt keine Familie Val⸗ mont in Frankreich, auch bin ich kein geborener Franzoſe.— Der Wucherer ließ vor Erſtaunen die eben ergriffene Auſter auf den Boden fallen. — Aber, mein Gott, wer ſind Sie denn?— fragte er beſtürzt.— Sie werden doch einſehen, daß man die Leute kennen muß, mit welchen man in Geſchäftsverbindung tritk.— — Ich hoffe, daß Sie frei von jedem Vor⸗ urtheile ſind,— entgegnete der Chevalier.— Der Name iſt gleichgültig, wenn die ſonſtigen Qualitäten in Ordnung ſind. Vielleicht habe ich es für nöthig befunden, meine höhern Titel und größern Anſprüche unter einem beſcheidenen Inkognito zu verbergen. Verſtehen Sie mich?— — Ah!l alſo doch auf diplomatiſcher Miſſion? — lächelte Herr Frank, der ſich die Miene gab, 3 wäre er jetzt über den geheimnißvollen Charakter es Chevaliers hinlänglich aufgeklärt.. — Möglich! doch darum handelt es ſich nicht. Meine Privatverhältniſſe dürfen Niemand kümmern. Ich brauche Geld, das ich von Ihnen verlange. Sie ſind Geſchäftsmann und verlangen Sicherheit, da Sie nach dem eitlen Geſchwätz des Fürſten Grund haben, mir zu mißtrauen. Ich will Ihnen die nöthigen Garantien geben. Prüfen Sie dieſe Pa⸗ piere, welche ich aus Vorſicht mitgebracht habe und überlaſſen Sie mir, meine Angelegenheiten mit dem Fürſten ſelbſt zu ordnen. Ich bürge dafür, daß er meine höhere Stellung in Ihrer Gegenwart aner⸗ kennen und ſich's zur Ehre anrechnen wird, in meiner Geſellſchaft zu erſcheinen.— Dieſe Worte, welche der Chevalier ruhig und mit einer gewiſſen vornehmen Ueberlegenheit ſprach, verfehlten ihre beabſichtigte Wirkung nicht. Herr Frank wies die überreichten Dokumente zurück. Doch ſein Gaſt beſtand darauf, daß er dieſelben prüfen möge. Dies geſchah nun mit gewohnter Vorſicht von Seiten des Wucherers. 145 XIII. Nachdem Herr Frank ſeine Unterſuchung been⸗ det hatte, händigte er die betreffenden Papiere mit einer tiefen Verbeugung dem Chevalier ein. — Hoffentlich haben Sie keine Bedenklichkeiten mehr?— ſagte dieſer in ſpöttiſchem Tone. — Verzeihen Sie, Herr Chevalier,— ent⸗ gegnete der Wucherer— aber Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit. Wie viel Geld befehlen Sie?— — Vorläufig nur hundert Louisd'or und das Verſprechen der ſtrengſten Verſchwiegenheit. Für die des Fürſten laſſen Sie mich ſorgen. Sie ſehen doch jetzt die Nothwendigkeit meines Inkognito ein?— — Allerdings! Wer hätte das ahnen ſollen, daß Sie— — Still!— unterbrach ihn der Chevalier. — Der Name darf nicht eher genannt werden, bis der entſetzliche Verdacht, welcher auf demſelben laſtet, gänzlich gehoben iſt. Vorläufig trete ich unter fremdem Namen als mein eigener General⸗ bevollmächtigter auf. Wenn Sie noch einen Zweifel Ring, Stadtgeſchichten. IV. 10 146 hegen, ſo begeben Sie ſich zu dem Juſtizrath Wal⸗ ther, der den Prozeß übernommen hat. Er wird Ihnen die genaueſte Auskunft ertheilen und die Gerechtigkeit meiner Anſprüche juriſtiſch nachweiſen können. Doch vor allen Dingen fordere ich die ſtrengſte Verſchwiegenheit.— — Mein Chrenwort, Herr Baron oder vielmehr Herr Chevalier, ſoll Ihnen dafür bürgen. Stumm wie das Grab, dafür bin ich Geſchäftsmann. Wollen Sie, daß ich das Geld in Ihr Höotel ſchicke?— — Iſt nicht nöthig, geben Sie es nur gleich her und ſein Sie nicht unmenſchlich.— — Ich berechne nur eine geringe Proviſton. Dafür, daß ich den Wechſel nicht aus Händen gebe, zahlen Sie ebenfalls nur eine Kleinigkeit. Das Riſtko bringe ich nicht einmal in Anſchlag. Mir i*ſt es hauptſächlich um die Ehre zu thun.— Während der Wucherer ſo ſprach, hatte er die ſchwere Kaſſette geöffnet und hundert funkelnde Louisd'or aufgezählt, die der Chevalier mit g gleich⸗ giltiger Miene einſtrich. Ein Wechſelform 1 wurde eben ſo ſchnell ausgefüllt und ſchon nach wenigen Minuten rollte ſein glänzender Tilbury durch die belebteſten Straßen der Reſidenz. Wo er vorüberfuhr, wurde die elegante Erſcheinung des Dandy angeſtaunt und bewundert. Manch ſchönes Auge ſchaute ihm nach, manch lächelndes Geſicht erröthete bei ſeinem Gruß. Das Gefühl ſeiner Triumphe und Unwiderſtehlichkeit machte ihn heut doppelt glücklich, da auch das Geſchäft mit dem Wucherer zu ſeiner Zufriedenheit beendet und neue unerſchöpfliche Geldquellen ihm aufgethan waren. Mit üppigem Wohlbehagen wiegte ſich der Chevalier in den weichen Kiſſen ſeines Wagens. Ein heiteres Lächeln ſchwebte um ſeine blühenden Lippen. Er hatte Alles erreicht, was ſein Herz wünſchte. Seine Equipage galt für die eleganteſte, ſein Diener hatte die geſchmackvollſte Livrée, er ſelbſt war das Muſter und Modebild der Reſidenz. In allen Cirkeln wurde einzig und allein von ihm geſprochen. Die ſchönſten Frauen huldigten ſeiner unwiderſtehlichen Liebenswürdigkeit. Die feinſten Stutzer, trotzdem ſie ihn beneideten, drängten ſich nach ſeiner Geſellſchaft und ſchmeichelten ſeine Eitelkeit. 10* 148 Seine kühnſten Träume waren übertroffen, und er ſtand am Ziele aller ſeiner Wünſche. In dieſer glücklichen Stimmung fuhr der Chevalier zu einem Herrendiner, welches in der glänzendſten Reſtauration der Hauptſtadt von einem Bekannten gegeben wurde und zu dem natürlich der Löwe des Tages eingeladen war. Im Vorzimmer begegnete er zufällig dem Für⸗ ſten, der ebenfalls ein Theilnehmer des lukulliſchen Mahles war. Beide Herren, zwiſchen denen eine leicht erklärliche Nebenbuhlerſchaft beſtand, begrüßten ſich nur kalt. Der Fürſt wollte mit einem vor⸗ nehmen Kopfnicken vorüberſchreiten, als er ſich von dem Chevalier aufgehalten ſah. — Durchlaucht!— ſagte dieſer mit kalter Höflichkeit— ich fordere einige Augenblicke Ihre Aufmerkſamkeit.— — Und was beliebt?— fragte der Fürſt mit ſpöttiſchem Lächeln. — Sie bezweifeln, daß es in Frankreich eine adlige Familie de Valmont giebt?— — Allerdings!— entgegnete in ruhigem Ton der Fürſt. — Dann erlauben Sie, daß ich ebenfalls in Ihnen nicht den Fürſten von Lansky, ſondern nur den Grafen Weisberg begrüße, deſſen Bekannt⸗ ſchaft ich auf Helgoland gemacht.— Das Geſicht des Fürſten verfärbte ſich, er wurde abwechſelnd roth und bleich, und trotz der ihm zu Gebote ſtehenden Gewandtheit vermochte er nicht, ſeine augenſcheinliche Verlegenheit zu ver⸗ bergen. 8 — Ein Irrthum,— murmelte er, während der Chevalier ihn firirte. — Schwerlich,— erwiederte dieſer, der augen⸗ ſcheinlich an der Beſtuͤrzung des Fürſten ſich wei⸗ dete.— Wer einmal wie ich das Glück gehabt hat, Sie, wenn auch unter anderen Verhältniſſen zu ſehen, vergißt eine ſolch intereſſante Erſchei⸗ nung nicht. Außerdem hat ſich der bedeutende Moment zu lebendig meinem Gedächtniß eingeprägt. Es war am dreizehnten November, als ich Sie in der Kirche und vor dem Altar mit dem reizenden Mädchen die Ringe wechſeln ſah. Ich habe Sie in der That damals beneidet.— — Herr Chevalier! was Sie auch wiſſen und wer Sie auch immer ſein mögen,— fluſterte der Fürſt,— ich halte Sie für einen Edelmann und bin Ihnen Genugthuung ſchuldig.— — Pahl wegen einer ſolchen Kleinigkeit wol⸗ len wir nicht unſer Pulver verſchießen,— entgeg⸗ nete dieſer mit der der Ueberlegenheit, welche ihm die Kenntniß des Geheimniſſes über ſeinen Gegner verlieh.— Ich werde Ihr Inkognito zu ehren wiſſen, ſo wie ih dieſelbe Schonung für mich in Anſpruch nehme. Sie ſehen doch ein, daß es Ver⸗ hältniſſe geben kann, wo es beſſer iſt, ſeinen Namen und Stand zu verſchweigen. Metamorphoſe für Metamorphoſe, Verſchwiegenheit für Verſchwie⸗ genheit. Wir ſind quitt, wenn Sie überall Ihren Irrthum widerrufen und keinen Zweifel an der Exi⸗ ſtenz der Familie Valmont länger hegen.— — Zugeſtanden,— ſagte der Fürſt.— Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, einen meiner Fehler wieder gut zu machen, dagegen rechne ich darauf— — Mein Ehrenwort, daß die intereſſante Ge⸗ ſchichte von Ihrer heimlichen Trauung nicht über meine Lippen kommt. Ich fordere nun von Ihnen in der Geſellſchaft die gleiche Toleranz und Berück⸗ ſichtigung, und zum Beweiſe unſerer gegenſeitigen 151 Alliance und des wiederhergeſtellten Einvernehmens bitte ich um Ihren Arm. Ein ſolch freundſchaft⸗ liches Benehmen wird am Beſten alle gegen mich ausgeſtreuten Gerüchte widerlegen.— Der Fürſt legte mit gezwungenem Lächeln ſeine Hand in die des Chevaliers und Beide er⸗ ſchienen vor der Geſellſchaft als intimſte Freunde. Dieſer Umſtand erregte bei allen Anweſenden keine geringe Senſation. Die Zweifel, welche der Fürſt zuerſt über den Rang des Chevaliers angeregt, hatten hier und da bereits Gehör gefunden und ſeine Stellung in der feinen Welt bedroht. Man⸗ cher Dandy war entſchloſſen, bis auf Weiteres ſich von ihm zurückzuziehen und ſeine völlige Rechtfer⸗ tigung abzuwarten. Selbſt die hier verſammelten Herren hatten ſo eben dieſen Gegenſtand beſprochen und waren wie gewöhnlich in zwei Parteien zer⸗ fallen, welche für und gegen den Chevalier mit Heftigkeit ſtritten. Sein Erſcheinen an der Seite des Fürſten, der den Verdächtigen mit auffallender Höflichkeit und Zuvorkommenheit behandelte, mußte allem Zweifel ein Ende machen. Der Chevalier ſah ſich wieder von allen Seiten freudig begrüßt und jede Hand ſtreckte ſich der ſeinigen entgegen. — Alles in Ordnung,— flüſterte der Fürſt einigen Offizieren zu, welche heimlich mit ihm ſpra⸗ chen.— Es war ein Irrthum von meiner Seite.— — Freut mich in der That,— ſagte der Ritt⸗ meiſter von Hainbrand,— iſt ein famoſer Kerl, dieſer Chevalier. Reitet ercellent, ein Schüler von Baucher, ruinirt jedoch das herrliche Pferd mit der verdammten franzöſiſchen Methode.— — Was kümmert das uns?— bemerkte ein Geſandſchaftsattaché, der Menſch hat Geld wie Heu und verliert an einem Abend fünfzig Louis⸗ d'or in Ekartée, ohne eine Miene zu verziehen.— Auf dieſe Weiſe erkannte die feine Welt die Vorzüge des Chevaliers vollkommen wieder an und durch die einfache Verſicherung des Fürſten war der⸗ ſelbe augenblicklich wieder in der öffentlichen Mei⸗ nung hergeſtellt. Auf dem glänzend ſervirten Tiſch ſtand be⸗ reits die Mockturtel⸗Suppe, und der Wirth for⸗ derte ſeine Gäſte auf, ſogleich Platz zu nehmen. Neben dem Fürſten ſaß der Chevalier, der heut be⸗ ſonders durch fröhliche Laune, ausgelaſſene Heiter⸗ keit und intereſſante Anekdoten, die er aus ſeinem Leben vortrug, die Geſellſchaft unterhielt und er⸗ heiterte. Der Fürſt hörte anſcheinend mit Auf⸗ merkſamkeit zu, obgleich er zerſtreut war und ſei⸗ nem Nebenbuhler willig das Feld überließ auf wel⸗ chem er ſonſt durch Witz und Geiſt zu glänzen pflegte. Die Erwähnung ſeines Abenteuers auf Helgoland hatte ihn verſtimmt, doch vergebens ſtrengte er ſich an, die Quelle zu entdecken, aus welcher der Chevalier ſeine Nachricht geſchöpft ha⸗ ben mochte. Er konnte das Factum nicht leugnen, daß er unter dem Namen eines Grafen Weisberg das ſchönſte Mädchen der Inſel kennen gelernt und in einem Anfall von verliebter Raſerei und über⸗ müthigem Leichtſinn wirklich mit größter Heimlich-⸗ keit ſich unter einem fremden Namen ihr angetraut hatte. Ein halbes Jahr genoß er dort die Süßig⸗ keit der Flitterwochen, aber mit dem Dampfboote, welches die erſten Badegäſte brachte, war er ent⸗ flohen, um jeder unangenehmen Entdeckung zu entgehen. Niemand konnte um ſein Geheimniß wiſſen, da die nächſten Angehörigen ſeiner Braut, ſo wie dieſe ſelbſt ihn nur als Grafen Weisberg kannten. Der Chevalier mußte mit dem Teufel ſelbſt im Bunde ſtehen, um die Wahrheit erfahren 154 zu haben, ſo gut hatte der Fürſt ſeine Maßregeln getroffen. Während der Fürſt ſolchen trüben Gedanken nach⸗ hing, war die Geſellſchaft um ſo lauter und fröhlicher geworden. Der Wein, welcher reichlich genoſſen wurde, trug das ſeinige dazu bei, um die aufgeregte Stim⸗ mung zu vermehren, Man ſprach wirr unter ein⸗ ander von Pferden und Hunden, vom Spiel und Wetter, bis man endlich bei dem ſchönen Geſchlechte anlangte und bei dieſem Kapitel länger verweilte. Hätten die Ohren unſrer zarten Damen nur einen Augenblick das Geſpräch belauſchen können, ſie hätten gewiß ihre Erfahrungen über die Diskretion der Männerwelt weſentlich bereichert. Zum Glück war kein Horcher in der Nähe, und die Herren legten jeden Zwang ab und unterhielten ſich in einem Tone von den weiblichen Schönheiten der Reſidenz, der ſich nicht immer in den ſtrengſten Grenzen des Anſtandes bewegte. Die vornehmſten Frauen wurden mit nicht mehr Schonung behan⸗ delt, als galante Operntänzerinnen und bekannte Loretten. Der Chevalier war unerſchöpflich in pi⸗ kanten Anekdoten und Abenteuern, die er bereit⸗ willig zum Beſten gab. — 15⁵ — Ein Teufelskerl!— ſchrie der Rittmeiſter von Hainbrand mit einem leiſen Anfluge von Neid. — Sie ſollten Memoiren ſchreiben, lieber Chevalier. Auf Ehre! die würde ich leſen, obgleich ich ſonſt kein Buch in die Hand nehme.— — O!— lehnte der Chevalier beſcheiden ab, — ich überlaſſe dies Geſchäft einem Würdigern und ſtehe gern hier dem Fürſten nach, dem übri⸗ gens noch eine größere Fülle von Erfahrung zu Gebote ſteht. Auch iſt derſelbe als Schriftſteller hinlänglich bekannt. Ich beuge mich vor dem gro⸗ ßen Talent ſeiner Durchlaucht.— Die Augen der Anweſenden wendeten ſich nach dem Fürſten, der die boshafte Herausforderung ſei⸗ nes Gegners ruhig ertragen mußte, da derſelbe ſich im Beſitze jenes gefährlichen Geheimniſſes befand⸗ — Auf das Wohl des neuen, vermehrten und verbeſſerten Caſanova,— rief der Attaché, indem er ſein Glas erhob und mit dem Fürſten anſtieß. — Er lebe!— ſchrie der übermüthige Kreis. — Schade, daß der Baron von Karſten nicht zugegen iſt,— bemerkte einer der anweſenden Gäſte. — Er könnte einen erheblichen Beitrag zu dieſem 156 Kapitel liefern. Was Teufel focht Birkeneck an, mit ihm anzubinden?— — Man kennt die Urſache nicht,— ſagte der Rittmeiſter.— Durchlaucht müſſen ſte uns er⸗ zählen.— — Ich habe mein Wort gegeben, zu ſchwei⸗ gen,— erwiederte der Fürſt in ernſtem Tone. — Ah! das iſt etwas Anderes!— Und dieſelbe Verſammlung, welche, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu nachen, den Ruf der an⸗ ſtändigſten Frauen befleckt und zerriſſen hatte, be⸗ gnügte ſich mit der Antwort des Fürſten und ehrte fein Stillſchweigen. — Bei dem Allen thut es mir doch leid, daß wir die Geſellſchaft des Barons entbehren müſſen, — ſagte der Freund des Herrn von Karſten. — Er hält ſich verborgen, ſo lange Birkeneck in Gefahr ſchwebt,— erwiederte der Fürſt. — Iſt der Oskar ſchwer verwundet?— — Der Arzt zweifelt an ſeinem Aufkommen.— — Wenn Birkeneck ſtirbt,— rief der Ritt⸗ meiſter dazwiſchen,— dann mache ich mich an die Schweſter. Kapitaler Backfiſch, erbt das ganze un⸗ geheure Vermögen.— 157 — Wer weiß,— lächelte der Chevalier dop⸗ pelſinnig,— ob Sie Ihr Ziel erreichen würden?— — Zum Teufel, Chevalier! Sie haben doch die Kleine nicht auch ſchon auf Ihrer Liſte ſtehn? Sollte die Unſchuld ebenfalls ſchon kaput gegan⸗ gen ſein?— Der Chevalier begnügte ſich, mit einem zwei⸗ deutigen Achſelzucken zu antworten, welches der Rittmeiſter nach ſeinem Gefallen auslegen konnte. Die Löwen der Geſellſchaft pflegen nicht nur mit Worten, ſondern auch mit derartigen Mienen und Geberden den Ruf eines unſchuldigen Weſens zu verleumden. Da die Unterhaltung zu ſtocken anfing, ſchlug der Attaché ein Spiel vor. Bald wurden Karten herbeigebracht. Der Chevalier übernahm die Bank und ſpielte mit auffallendem Glück. Der Fürſt, welcher an der Unterhaltung wenig oder gar keinen Theil genommen hatte, trat an den Tiſch und ſetzte eine bedeutende Summe, die er verlor. Er ver⸗ doppelte ſeinen Einſatz mit demſelben unglücklichen Erfolg. — Va banque!— rief er ärgerlich über ſein Mißgeſchick. Der Chevalier zog mit kaltblütiger Miene die Karte ab und gewann von Neuem. — Ich habe heut entſchieden Unglück mit Ih⸗ nen,— ſagte der Fürſt, indem er ſich zum Weg⸗ gehn anſchickte. — Ich bin Ihnen allerdings Revange ſchul⸗ dig,— entgegnete der Chevalier,— wann befehlen Sie?— — Heut nicht, jedoch ein ein andermal treffe ich Sie gewiß. Adieu, Chevalier!— Ein ſeltſames Lächeln ſchwebte um den Mund des Fürſten, als er zum Abſchiede ſeine Hand dem Chevalier noch reichen mußte. Trotz dieſes öffent⸗ lichen Beweiſes ſeiner Achtung und Freundſchaft hatte er im Stillen das Verderben ſeines Todfein⸗ des beſchloſſen. Die Mittel und Wege, zum Ziele zu gelangen, waren ihm ſelber noch nicht klar, aber der Entſchluß, ſich des Zudringlichen zu entledigen, ſtand unwiderruflich in ſeiner Seele feſt. MIV. Wieder war es Nacht, und zwar die trau⸗ rigſte in Adelens Leben. Das Wundfieber, welches Oskar von Birkeneck ergriffen, hatte einen nervöſen Charakter angenommen. Seit einigen Tagen ſchon lag er in wilden Phantaſten und ohne Bewußtſein. Nur von Zeit zu Zeit trat ein lichter Moment ein, wo er die treue Schweſter erkannte, welche nicht von ſeinem Lager wich. Immer bedenklicher wurden die Mienen des Arztes, der noch einen zweiten be⸗ rühmten Kollegen hinzu gezogen hatte. Beide beſuchten täglich den Patienten, obgleich ſie wenig Hoffnung gaben, denſelben zu erhalten. Die Herren hatten ſo eben noch ſpät am Abend den Kranken, vielleicht zum letzten Male, geſehen und Adele ſo ſchonend als möglich auf die drohende Gefahr aufmerkſam gemacht. — Alſo iſt keine, keine Rettung möglich?— fragte das weinende Mädchen. — Unſre Kunſt— entgegnete ver Doktor — hat alle ihre Hülfsmittel erſchöpft. Doch ein Wunder kann geſchehn. So lange der Kranke lebt, iſt noch Hoffnung da. Wenn ſeine Kräfte ——n — 160 ausreichen, eine wohlthätige Kriſis herbeizuführen, dann wäre allerdings noch Ausſicht vorhanden. Die heutige Nacht muß die Entſcheidung bringen. Ich werde Sie nicht verlaſſen und bei dem Patienten bleiben.— Ein Blick ihres ſtrahlenden Auges dankte dem Arzt für all' ſeine Mühe, ſelbſt für den geringen Troſt, der in ſeinen Worten lag. Der gute Doktor hätte mit Freuden hundert Nächte ohne Schlaf für einen ſolchen Blick gegeben. In dem Krankenzimmer herrſchte eine traurige Stille, welche höchſtens durch das unverſtändliche Murmeln des Verwundeten unterbrochen wurde. Schauerlich klangen die unzuſammenhängenden Worte des Fieberkranken. Sein bleiches, entſtelltes Geſicht, von der Nachtlampe matt beleuchtet, glich einer Todtenlarve. Die abgemagerten Hände ruhten ent⸗ weder ohne Leben und Bewegung, oder zupften mechaniſch an der Bettdecke und griffen gedankenlos in die leere Luft. Adele wendete kein Auge von dem verlorenen Bruder und betrachtete jede Bewegung mit der ſtrengſten Aufmerkſamkeit. Sie hütete das erſterbende Lämpchen des Lebens, das jeder leiſe Hauch der 161 Luft zu erlöſchen drohte. Nur wer wie ſie an dem Lager eines geliebten Kranken gewacht und gebetet, gefürchtet und gehofft, kann den ganzen Umfang ihrer Leiden und Opfer ermeſſen. Von Schwäche und Ermattung überwältigt, war ſte in den Lehn⸗ ſtuhl, der dicht am Bette ſtand, zurückgeſunken, aber kein erquickender Schlaf ſenkte ſich auf ihre Augenlieder, ſo ſehr ihr auch der Arzt Ruhe, wenn auch nur auf kurze Zeit, empfohlen hatte. Jede Bewegung des Kranken ſchreckte ſie von Neuem auf, jeder Athemzug, ob ſchneller, ob langſamer, leiſer oder lauter, war ein Gegenſtand der Furcht oder Hoffnung für ſie. Ein Augenblick ſtürzte ſte in die tiefſte Verzweiflung und der nächſte hob ſie wieder empor und belebte ſie mit neuem Muth. Jetzt röchelte der Kranke, und dieſer Ton klang ſchauerlich in der Stille der Nacht. — Um Gottes Willen, Herr Doktor!— ſchrie das arme Mädchen. — Still!— entgegnete der Arzt, welcher ſich über den Kranken gebeugt hatte, um die Bewegung ſeiner Bruſt zu beobachten.— Es iſt nichts,— ſetzte er beruhigend hinzu— aber ich muß Sie bitten, ſich zu mäßigen. Abgeſehn davon, daß Sie ſich Ring, Stadtgeſchichten. IV. 11 162 ſelbſt aufreiben, ſo erſchrecken Sie den Kranken, der immer noch eine Art Bewußtſein hat, und rau⸗ ben auch mir die nöthige Faſſung. Ich muß ſonſt darauf beſtehn, daß Sie ſich entfernen.— — Ich will ruhig ſein, ganz ruhig,— flüſterte Adele, und ſie wurde es. Kein Laut, keine Klage entſchlüpfte ihren Lippen; nur ihr rührender Blick hing an den Zügen des Arztes und wagte ihn zu fragen. 3 Ach! wie lange dauert eine ſolche Nacht. Die Secunde wird zur Stunde und die Stunde zu einer Ewigkeit. Die Augenblicke, welche dem Glücklichen zu ſchnell entfliehn, verwandeln ſich in träge Folter⸗ knechte des Geiſtes, welche ihn langſam martern, jeden Nerv, jede Faſer mit Bedächtigkeit einzeln zerren und quälen. Endlos wie die Wüſte dehnt ſich die Zeit, und es ſcheint, als ob einer ſolchen Nacht nimmermehr der Morgen folgen ſollte. Die Aufregung des Kranken hatte ſich gelegt, er athmete ein wenig leichter, und erſt gegen Mitter⸗ nacht wurde er wieder unruhiger. Augenſcheinlich nahte die entſcheidende Kriſts, der Kampf zwiſchen dem unerbittlichen Tod und dem ſich ſträubenden Leben. 163 Noch einmal ſetzte ſich die ungeſchwächte Jugend⸗ kraft des Verwundeten dem eindringenden Verderben entgegen. In der Mitte der Nacht begann jener furchtbare Kampf, dies heimliche Ringen und Strei⸗ ten erhabener Naturkräfte, welche unſer Daſein be⸗ dingen. Der Engel des Todes und des Lebens ſchwebten um das Lager des Kranken und die Schauer der Ewigkeit ſenkten ſich auf den bleichen Jüngling. Mit geſpannter Miene beobachtete der Arzt dies heilige Schauſpiel. Er war nicht abgeſtumpft, und ſo oft er demſelben auch beigewohnt, ſtets er⸗ faßte ihn auf's Neue der große Moment. In der einen Hand hielt er den Puls, während ſein ſchar⸗ fes Auge in den entſtellten Geſichtszügen das Ge⸗ ſchick des nächſten Augenblicks zu leſen verſuchte. Kein Troſt, keine Hoffnung mehr für die arme Adele, welche mit unterdrückten Thränen an ſeiner Seite ſtand. Sie verſtand das traurige Kopf⸗ ſchütteln des Doktors leider nur zu gut. Von der irdiſchen Kunſt war keine Hülfe mehr zu erwarten. Noch ein Mann war Zeuge dieſer furchtbaren Nacht. Auf einen Wink des Arztes nahm er Adelens Hand und führte ſie aus dem Krankenzimmer in die daran 11* 164 ſtoßende Wohnung des Förſters. Ohne Widerſtand folgte ſie ihm. Der brave Jäger und ſeine Frau waren noch wach und empfingen das arme Mäd⸗ chen mit der zarteſten Theilnahme. — Sie müſſen hier bleiben,— ſagte der be⸗ trübte Führer. — Mein Bruder! mein Oskar!— jammerte die Troſtloſe. Die Augen der rauhen Männer wurden naß, und die Förſterin verſuchte mit milden Worten Adele zurückzuhalten, welche heftig nach dem Kran⸗ ken verlangte. — Sie ſollen ihn wiederſehn,— verſicherte der treue Freund.— Der Arzt hält Ihre Abweſen⸗ heit in dieſem Augenblick aber für dringend nöthig. Sie müſſen ſich ſchonen und ausruhn.— — Und unterdeß ſtirbt mein Bruder. Ich will ihm wenigſtens die Augen zudrücken!— Von Neuem erhob ſie ſich, aber die Kräfte verließen ſie. Eine wohlthätige Ohnmacht entrückte ſte für kurze Zeit allen Qualen, die ſie empfand. Der theilnehmende Freund überließ ſie den Händen der gutmüthigen Förſterin, während er ſo⸗ gleich nach dem Krankenzimmer zurückkehrte, um 165 dem Arzt, wenn es noch nöthig ſein ſollte, Beiſtand zu leiſten. Als er eintrat, ſchien Alles beendet zu ſein. Oskar lag da mit geſchloſſenen Augen, der Athem ſtockte, er glich einer Leiche. Die Entſtellung war aus dem bleichen Angeſicht geſchwunden, ein Lächeln ſchwebte um den geſchloſſenen Mund. War es der Tod oder das Leben, das hier triumphirte? Mit heiliger Ehrfurcht nahte der Freund Adelens dem Sterbebette. — Tod?— fragte er flüſternd den Doktor, der noch immer die Hand Oskar's in der ſeinen hielt. Der Doktor winkte ihm zu ſchweigen. In ſeinen Mienen glänzte ein überirdiſcher Strahl. So glich er dem Hohenprieſter am Altar. Eine erwartungsvolle Pauſe war eingetreten. Plötzlich ſchlug der Kranke die Augen auf. Das Licht der Vernunft glänzte in ſeinem matten Blick und ein leiſer Druck ſeiner Hand bekräftigte, daß er den Arzt erkannt habe. Der Freund wollte zu Adelen ſtürzen und ihr die Nachricht mittheilen, aber ein Wink des Doktors hieß ihn bleiben. 166 Oskar hatte von Neuem die Augen geſchloſſen. Die Bruſt hob und ſenkte ſich in regelmäßigen Athemzügen. Er war vor Ermattung eingeſchlafen. Die ermüdete Natur ſehnte ſich nach Ruhe. — Er iſt gerettet!— flüſterte der Arzt mit bebender Stimme. — Soll die Schweſter es nicht zuerſt erfah⸗ ren?— fragte vorwurfsvoll ihr Freund. — Noch nicht. Der jähe Wechſel könnte ſie tödten.— — Aber der Schmerz wird ſie vernichten. Sie liegt in einer Ohnmacht.— — Von der kann ſie ſich bald erholen. Glau⸗ ben Sie mir, daß der Menſch mehr Trauer als große Freude ertragen kann. Das Weib beſonders iſt zum Dulden geſchaffen und dieſe iſt ein Pracht⸗ ſtück ihres Geſchlechts.— — Wann ſoll ſie aber das freudige Ereigniß erfahren?— — Sobald der Morgen graut und ſie die nöthige Ruhe genoſſen hat. Die Ohnmacht wird bei ihr ebenfalls mit einem tiefen Schlummer enden. Die Natur fordert gebieteriſch ihr Recht. Laſſen wir ſie ſchlafen. Wenn ſie erwacht, ſollen Sie ihr 167 dies freudige Ereigniß mit der nöthigen Schonung mittheilen. Auch Sie bedürfen der Ruhe.— — Ich will mich nicht zu Bette legen, ich könnte doch nicht ſchlafen.— — So bleiben Sie und leiſten Sie mir Ge⸗ ſellſchaft.— Bis zum frühen Morgen beobachtete der Arzt den Kranken, welcher glücklich die gefährliche Kriſis überſtanden hatte. Mit ihm wachte der ſorgſame Gehilfe und ſehnte die Stunde herbei, wo es ihm vergönnt ſein ſollte, Adele zu unausſprechlicher Freude zu erwecken. Das war der einzige Lohn des treuen Freundes. Und wieder war es Morgen, ein heller Früh⸗ lingsmorgen voll Licht und Glanz. Der goldene Schimmer blendete Adelens Augen, als ſie dieſelben aufſchlug. Sie lag angekleidet auf dem Sopha, und wußte nicht, wie ſie dahin gekommen war. Die Ohnmacht und der erquickende Schlaf hatten faſt jede Erinnerung an den vermeintlichen Tod des Bruders ihr mitleidig geraubt. Durch die kurze Ruhe war ſie geſtärkt worden und der roſige Hauch der Geſundheit lagerte auf ihren Wangen. All⸗ mälig kehrte die Beſinnung und das Gedächtniß 168 an die vergangene Nacht zurück. Mit einem lauten Schrei war ſie von ihrem Lager aufgeſprungen und wollte in dem falſchen Glauben, daß Oskar geſtor⸗ ben ſei, die theure Leiche wenigſtens noch einmal ſehen. 3 Auf der Schwelle begegnete ihr der Freund, welcher ſte zurückhielt. — Laſſen Sie mich,— flehte ſie,— ich will ihn nur noch einmal ſchauen. Ich will ruhig ſein, ganz ruhig.— — Ihr Bruder ſchläft, ſtören Sie ſeine Ruhe nicht,— entgegnete er, indem er bebend ihre Hand in der ſeinen hielt. Seine Stimme zitterte vor innerer Bewegung. — Er ſchläft den ewigen Schlaf,— mur⸗ melte das arme Mädchen. — Mein Fränulein, Sie irren ſich, der Kranke iſt nicht todt, er lebt, und der Arzt giebt jetzt Hoffnung, daß er ihn erhalten wird.— Adele ſchüttelte traurig und ungläubig das ſchöne Haupt. — Sie wollen mich nur täuſchen,— ſagte ſie mit trübem Lächeln.— Ich danke Ihnen für —— 169 Ihre Freundlichkeit, aber ich fühle mich jetzt ſtark genug, die volle Wahrheit zu ertragen.— — Wenn das der Fall iſt, dann hören Sie mich ruhig an.— Er erzählte ihr die Begebniſſe der Nacht, mit all der Vorſicht, welche der Arzt ihm anempfohlen hatte. Adele hörte ihn an, aber ſie zweifelte noch immer an dieſem unerwarteten Glück. Erſt nach und nach kehrte der Glaube zurück. Seine Worte, und noch mehr der Ton ſeiner Stimme überzeugten ſie. Während er ſprach, bebten ihre Glieder, ſie mußte ſich niederſetzen. Schonend hielt er in ſeinem Be⸗ richte ein, doch ſie winkte ihm mit der Hand, wei⸗ ter fortzufahren. Sie war wieder erblaßt und ſchien von Neuem einer Ohnmacht nahe, aber allmählig kehrte die Farbe in ihre bleichen Wangen zurück und ihr Auge ſtrahlte in überirdiſchem Glanz. Als er zum Schluſſe kam und den unverhofften Ausgang ſchilderte, da drängten ſich die Thränen des Dankes und der Freude unter den langen, ſeidenweichen Wimpern hervor. Sie glich in dieſem Augenblick der jungen Roſenknospe in Thau gebadet. — Er lebt! er lebt!— rief ſie freudeſtrahlend, und reichte ihrem treuen Freunde die Hand.— Gott 170 ſei gedankt, noch iſt Hoffnung, daß wir ihn er⸗ halten.— Plötzlich war ihr Herz von frommen Gefühlen erfüllt. Ohne die Anweſenheit eines Fremden zu beachten, beugte ſie ihr Knie, und von ihren Lip⸗ pen ſtieg ein heißes Dankgebet zum Himmel empor. Der goldene Sonnenſchein verklärte das lieb⸗ liche Geſicht, durch das geöffnete Fenſter drang der Morgeſang der Vögel, welche ſich mit ihr verein⸗ ten, um den Herrn preiſen. Der Freund hätte neben ihr hinknieen und beten mögen, ſo wie ſie es that. Er fühlte ſich eben⸗ falls erlöſt und ein nie geahnter Frieden kehrte in ſeine Seele zurück. Dieſer Augenblick hatte die letzten finſtern Schatten ſeines Geiſtes zerſtreut. Ihm war es zu Muthe, als ſtände er am Altare Gottes, rein von aller Schuld. Alle Sünden waren von ihm genommen und die Verirrungen ſeiner beweg⸗ ten Jugend geſühnt. Ein füßer Schauer hatte ihn erfaßt, ſeine Augen wurden feucht und er konnte wieder weinen. Wie zu einer Heiligen ſchaute er zu Adelen empor, welche ſich wieder aufgerichtet hatte. Die holde Purpurröthe der weiblichen Schaam flammte 171 auf ihren Wangen. Im Augenblicke der tiefſten Rührung hatte ſie vergeſſen, daß ein Zeuge ihrer Frömmigkeit in der Nähe ſtand. Demüthig ſchlug ſte ihre Augen nieder, als ſchämte ſie ſich ihrer Hingebung. — Und nun kommen Sie,— bat ſie innig⸗ — Ich kann meinen Bruder ſehen.— Wie aus einem Traum erwacht ſchrak er zu⸗ ſammen und folgte ihr. Auf ihrem Antlitz lag der Abglanz des göttliches Lichtes. Wie ein Engel ſchritt ſie vor ihm her, der eine reuige Seele aus den finſtern Abgründen der Hölle erlöſt und zur himmliſchen Heimath führt. Leiſe ſchwebte ſie in das Krankenzimmer. An der Thür blieb ſie ſtehen und befragte den Arzt mit ihren Augen. Der Doktor lächelte ihr freund⸗ lich entgegen und winkte ihr, näher heranzutreten⸗ — Adele!— flüſterte der Bruder, er hatte ſie erkannt und ſtreckte ihr die abgezehrte Hand entgegen. Sie ſprach nicht, nur ihre Lippen berührten flüchtig die ſeinigen und ihre Thränen benetzten ſeine Wangen. 172 XIV. Nun folgten für den armen Oskar jene herr⸗ lichen Tage der erſten Geneſung, die Stunden eines nie geahnten Glücks. Auferſtanden vom Tode, fühlte er doppelt den neuen Reiz des Lebens. Jeder Sonnenſtrahl, der in das Krankenzimmer drang, war für ihn ein koſtbares Geſchenk, und mit un⸗ ausſprechlicher Wonne athmete er die laue Früh⸗ kingsluft in tiefen Zügen ein. Die erſten Blumen, welche Adele im Garten der Förſterin für ihn ge⸗ pflückt, führte er an ſeine Lippen, er küßte die lieblichen Kinder des Lenzes. Schönere Farben glaubte er noch nie geſehen, niemals ſuͤßere Düfte eingeathmet zu haben. Seine Blicke hingen an dem goldenen Lack, den Primeln und Aurikeln un⸗ verwandt. Ach, wie war die Welt ſo ſchön! Der Arzt kam nur ſelten noch, er hatte an⸗ geordnet, daß der Kranke noch einige Zeit in dem Hauſe des Förſters verweilen und erſt, wenn kein Rückfall mehr zu befürchten ſtehe, in die Reſidenz zurückkehren ſollte. Die jugendliche Kraft Oskars beſchleunigte ſeine Geneſung, und die Wunde begann ſich zu 173 ſchließen. Auf ſeinen Wangen war die Farbe der Geſundheit zurückgekehrt, und er durfte ſchon täg⸗ lich einige Stunden außer dem Bette auf ſeinen Zimmer zubringen. Er ließ ſich den Lehnſtuhl an das Fenſter ſtellen, und ſein entzücktes Auge wei⸗ dete ſich an der Frühlingspracht, welche in ſeiner Nähe waltete. Die alten Obſtbäume im Garten ſtreckten ihre Arme ihm entgegen, der Wein ſtieg mit ſeinen Blättern zu ihm empor und ſeine grü⸗ nen Ranken konnte Oskar faſt erreichen. Er hörte das Rauſchen des Waldes und ſah die lichtgrünen Wipfel der Tannen und Fichten. So weit ſein Blick ſchweifte, blühke und grünte die ganze Welt. Und wie da draußen die Natur, ſo war auch ſein Inneres zu neuem Leben friſch erwacht. Selbſt die Mattigkeit, welche ihn zuweilen noch⸗ beſchlich, war ſo ſüß und angenehm. Eine nie gekannte Weichheit war über ſein ganzes Weſen ausgegoſſen, jeder Nerv bebte bei der leiſeſten Be⸗ rührung und zitterte vor unausſprechlicher Wonne. Das Herz war ihm ſo weit geworden, daß er hätte die ganze Welt an ſeine Bruſt drücken mögen⸗ Seine Liebe gegen Adele war wahrhaft kindiſch. Er ſpielte mit ihren weichen Locken, er küßte ſie 174 wohl hundertmal im Tage, und koſ'te mit ihr, wie mit dem Liebchen ſeines Herzens. Sein Dank gegen den treuen Freund und die braven Förſtersleute war tief und ergreifend. Dem alten Waidmann ging mehr als einmal vor Rührung die Pfeife aus, und die Förſterin verſicherte, nie in ihrem Leben einen ſo feinen und guten Herrn gekannt zu haben, als ihren Kavalier, wie ſie ihn zu nennen pflegte. An Gräfin Julie dachte Oskar wohl den ganzen langen Tag, und träumte ein wonnevolles Wieder⸗ ſehen mit ihr. Daß er noch keine Nachricht von ihr erhalten hatte, beunruhigte ihn wenig oder gar nicht. Er entſchuldigte ihr Stillſchweigen mit hundert Gründen, die ihm ganz einleuchtend ſchie⸗ nen. Ihre Liebe war ja noch ein Geheimniß, ſie galt nicht als ſeine Verlobte vor den Augen der Welt. Er fand in ihrem Benehmen eine natür⸗ liche Scheu, eine jungfräuliche Zurückhaltung, die er ſogar billigen mußte. Allerdings hätte ein Zei⸗ chen ihrer Theilnahme ihn unendlich erfreut, aber er ſah die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit voll⸗ kommen ein. Mit der Schweſter ſprach er von der Gräfin, ſo oft er Gelegenheit dazu hatte, aber ſelbſt der geliebten Adele hatte er die letzte Begegnung — QʒO.·FBKõñçů·:—VQBℳ——ͤ— —— 175 auf dem Balle und das ſtattgefundene Geſpräch nicht mitgetheilt. Seine Liebe war zwar tief und innig, aber nicht ſtürmiſcher Natur, ſonſt hätte die Uegeduld und Spannung ihn an der Geneſung hindern müſ⸗ ſen. Er empfand nur eine ſüße Sehnſucht nach der herrlichen Erſcheinung. Er beſaß ihr Wort, das Geſtändniß ihrer Liebe, und mehr bedurfte er nicht. Jedes Mißtrauen war ſeiner Seele fremd, und die Qualen der Eiferſucht hatte er nie gekannt. Endlich kam auch der Tag, an welchem ihm der Arzt geſtattete, zum erſten Mal wieder in's Freie zu gehen. Von Adele und ihrem Freunde unterſtützt, ſchwankte er ſelig nach dem ſchattigen Wald. Die belebende Luft übte einen bewun⸗ dernswürdigen Einfluß auf ihn aus. Nachdem er einige Schritte nur gethan, fühlte er ſich ſtark genug, jede Unterſtützung entbehren zu können. Er machte ſich von ſeinen Freunden los und ging allein. „— JIch werde euch bald nicht mehr brauchen,— ſagte er lächelnd. — Du wirſt uns doch aber darum nicht den — Abſchied geben?— fragte die Schweſter in ſcherzen⸗ dem Ton. — Adele! wo denkſt du hin?— entgegnete er und reichte mit tiefer Rührung dem lieblichen Mädchen und ihrem Begleiter ſeine Hände hin. So ſchritten ſie wieder vereint unter den flüſtern⸗ den Bäumen umher. Die Luft war mild und mit Wohlgerüchen geſchwängert. Von den benachbarten Wieſen duftete das Gras. Die Sonne ſchien in goldener Pracht und ihre Strahlen brachen durch das grüne Laub und zitterten auf dem Boden mit dem ſchwankenden Schatten der Blätter vermiſcht. Am Wege blühten die wilden Blumen, der gelbe Löwenzahn, die ſchlanke Königskerze, der blaue Ehrenpreis und die Glockenblume, um deren Kelche die geſchäftigen Bienen ſchwärmten. In den Wipfeln der Bäume ſangen die Vögel ihr Lied und ein munteres Eichhörnchen wiegte ſich auf einem ſchwan⸗ kenden Aſt. Dem Geneſenen war dieſe Scene wunderbar neu, als hätte er ſie nie gekannt. — Hier möchte ich leben für ewige Zeiten,— ſagte er— und niemals wieder zurückkehren in die große Stadt. Dieſer Frieden der Natur thut mir 177 unendlich wohl. Meinſt du nicht auch, Adele, daß es beſſer wäre, wenn wir uns auf eins unſrer Güter zurückziehen und fern von der Welt ein glückliches Leben führen würden?— Ohne es zu wiſſen, ſprach Oskar den Lieblings⸗ wunſch der Schweſter aus. — Ich wäre es ſchon zufrieden,— aber du würdeſt dich bald langweilen. Man muß daran gewöhnt ſein, ſo wie ich. Unſer Fräuleinſtift war auch ſolch' ein einſamer Aufenthalt, und doch denke ich nie ohne tiefe Sehnſucht an daſſelbe zurück. Dir würde es aber nicht darin gefallen haben, fern von jeder Geſellſchaft und Zerſtreuung.— — Wer weiß? Ich habe von Jugend auf die Stille und Einſamkeit geliebt. Ich könnte mich leicht entſchließen, für immer auf dem Lande zu leben. Was meinen Sie dazu, mein Freund?— Der treue Begleiter ſtimmte Oskar bei, wenn⸗ gleich mit einer gewiſſen Zurückhaltung. — Man muß Viel entbehren können,— be⸗ merkte er— wenn man in ländlicher Zurückgezo⸗ genheit ſein Leben beſchießen will. Die Natur, welche ich unter verſchiedenen Zonen kennen gelernt habe, kann uns nicht für Alles entſchädigen, was wir Ring, Stadtgeſchichten. IV. 12 ———QnJ—ͤõ———— 1 aufgeben. Der Menſch bleibt dem Menſchen ſtets das Wichtigſte. Das Leben auf dem Lande iſolirt uns und beſchränkt unſern Horizont. Der geiſtige Fortſchritt iſt nur möglich in der großen Stadt.— —-Aber auch die Ueberbildung und Unnatur— fiel Oskar ein— der Geiſt und unſer Wiſſen wächſt nur auf Koſten unſrer übrigen und vielleicht beſſern Eigenſchaften. Ich glaube nicht, daß es der Beruf des Menſchen iſt, geiſtreich zu ſein, ſondern gut und dadurch glücklich. Auf dem Lande finden Sie die Zufriedenheit, welche wir in den Städten vergebens ſuchen. Der Landmann iſt minder gebildet, aber einfacher und beſſer als wir.— — Verzeihen Sie, wenn ich dem widerſprechen muß. Die menſchliche Natur bleibt in allen Ver⸗ hältniſſen dieſelbe. Stets werden Sie gleiche Fehler und gleiche Tugenden in allen Ständen finden. Nur die Form derſelben hängt von Geburt, Rang, Stand und ähnlichen Zufälligkeiten ab. Unſre Schriftſteller haben uns irre geführt. Mit den Schäferromanen und Dorfgeſchichten ſind wir ge⸗ wohnt, auf dem Lande jede Tugend, in den Städten jedes Laſter zu finden. Die Erfahrung hat mich miß⸗ trauiſch gemacht und meine Anſichten berichtigt.— Oskar hörte verwundert ſeinem Begleiter zu, der eine Füͤlle von Kenntniſſen und Anſchauungen entwickelte, welche eine weit höhere Bildung ver⸗ riethen, als die eines gewöhnlichen Jägers zu ſein pflegt. Der Wunſch ſtieg lebhaft in ihm auf, etwas Näheres über die Lebensumſtände ſeines ſeltſamen Begleiters zu erfahren, aber die Furcht, den treuen Pfleger zu verletzen, hielt Birkeneck ſtets davon zurück. Auch jetzt begnügte er ſich mit der Be⸗ merkung: — Sie ſcheinen das Leben genau zu kennen und viele Erfahrungen auf Ihrem Wege geſammelt zu haben.— — Mein Schickſal— antwortete der Jäger, — hat mich frühzeitig mit den verſchiedenſten Ständen und Verhältniſſen bekannt gemacht. Ich habe wenig aus Büchern und viel aus dem Um⸗ gange mit Menſchen gelernt.— — Und ſind doch kein Menſchenfeind gewor⸗ den?— fragte Oskar mit einem leiſen Anſtrich ſeiner früheren melancholiſchen Gemüthsſtimmung. — Ich war es,— entgegnete der Begleiter 12*½ 180 mit ſchmerzlichem Lächeln— doch dieſe trübe Zeit iſt vorüber.— — Und wer, oder was hat ſie geheilt?— — Gott und die Liebe!— rief der ſeltſame Mann mit leuchtenden Augen und erhobener Stimme. Adele fühlte einen leiſen Schauer, ſie wußte ſelber nicht warum, und ſie erröthete voll liebli⸗ cher Verlegenheit. Um dieſelbe zu verbergen, bückte ſte ſich, als wollte ſite eine Waldblume pflücken. Der Freund kam ihr ſchnell zuvor und überreichte ihr die Blume. Dieſer Umſtand vermehrte nur ihre Befangenheit, welche auch Oskar bemerken mußte, wenn nicht ein anderes Ereigniß ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ge⸗ zogen hätte. Während dieſer Unterhaltung war er mit ſeinen Begleitern nnvermerkt aus dem Walde ge⸗ treten und hatte einen Fußweg zwiſchen den Feldern eingeſchlagen, der nach der Landſtraße führte. Einige Equipagen rollten vorüber, dann folgten einige Milchwagen, auf welchen Bäuerinnen ſaßen, die aus der Reſidenz zurückkehrten, zufrieden mit dem Erlös für ihre Waare. Eine feine Staubwolke kündigte 181 eine Kavalkade an. Eine große Geſellſchaft hatte ebenfalls den ſchönen Frühlingsmorgen zu einem Ritt in's Freie benutzt. Die Reiter ſprengten näher und näher heran. Schon konnte man ihr lautes Geſpräch und ihr heiteres Gelächter höͤren. Oskar glaubte einige Bekannte zu erkennen und blieb des⸗ halb am Wege ſtehen. Jetzt verſchwanden die Reiter von einem Gebüſch gedeckt, doch im nächſten Augen⸗ blick tauchten ſie wieder vor. Birkeneck warf einen Blick auf dieſelbe und wankte. Er glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen. Ein kühnes Weib, gefolgt von einigen Herren, ſprengte an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken. Die reizende Geſtalt verhüllte ein elegantes Reit⸗ kleid, ein niedriger Männerhut ſaß keck auf ihrem Haupte, das von einer Fülle dunkler Locken umge⸗ ben war. An ihrer Seite ritt ein junger Mann in angelegentlichem Geſpräch begriffen. Dicht hinter⸗ drein folgte der Baron von Karſten, welcher wieder in die Reſidenz zurückgekehrt war. Oskar hörte ſein widriges Lachen laut in ſeiner Nähe ſchallen. — Zum Teufel, Chevalier!— rief der Baron, welcher ſich anſtrengte, dem voraneilenden Paare nachzukommen— Sie wollen uns doch nicht die 182 ſchöne Helena ſchon jetzt entführen? So warten Sie doch einen Augenblick und vergönnen Sie uns, wenn auch nur für kurze Zeit, den Anblick der Himmliſchen.— Der Chevalier hörte nicht, oder wollte nicht auf den Baron hören und verſchwand mit ſeiner Begleiterin unter den Bäumen. Herr von Karſten wendete ſich darauf zu einigen Herren, welche eben⸗ falls, ſo wie er zurückgeblieben waren. — Geben wir die unnütze Jagd auf,— ſagte er.— Der glückliche Chevalier iſt mit ſeiner Liebe bereits in Sicherheit. Wir wollen uns indeß mit einem ſoliden Frühſtück tröſten, das uns im nächſten Dorfe winkt. Ich habe meinen Bedienten mit einer Wildpaſtete und einigen Flaſchen Wein vorange⸗ ſchickt. Der Morgenritt hat mir Appetit gemacht. Nunc est bibendum.— Die weiſen Ermahnungen des Barons ver⸗ fehlten nicht, einen Eindruck auf die Herren zu machen, welche denſelben Folge leiſteten, während das liebende Paar längſt ihren Blicken ent⸗ ſchwunden war. Die übrige Geſellſchaft ſchlug den Weg nach dem nächſten Wirthshauſe ein, wo die ——— 183 Spenden des Bacchus ſie für die Verſchmähungen der Venus einigermaßen entſchädigen ſollten. Wie ein Traum war dieſe ganze Scene an Oskars Augen vorübergegangen. So hatte er die Gräfin Julie erblickt an der Seite eines fremden Mannes und in Begleitung des Barons, welcher ſein Todfeind war. Noch zweifelte er, ob er recht geſehen, ob er ſeinen Sinnen trauen dürfte. Sein Antlitz, von der friſchen Luft geröthet, war plötzlich wieder bleich geworden, und unwillkürlich griff er mit der Hand nach ſeinem Herzen, das ſich bei dieſem Anblick krampfhaft in der Bruſt zuſammen⸗ gezogen hatte. Auch Adele konnte ſich von ihrem Erſtaunen nicht erholen. Der weibliche Inſtinkt belehrte ſie üͤber die Gefühle, welche den Bruder beſtürmen mußten. Sie hatte ſeine Hand ergriffen, welche in der ihrigen bebte. — Komm Oskar!— flüſterte ſie— ich fürchte, daß die Anſtrengung zu groß noch fuͤr dich war.— Willenlos ließ er ſich von ihr nach dem För⸗ ſterhauſe führen. Stumm und traurig war der Heimweg, da Niemand zuerſt das peinliche Schweigen brechen 184 wollte. Selbſt der treue Freund ſchien von dieſem Begegniſſe tief ergriffen uud verſtimmt zu ſein. XV. Zum Glück war Oskars Geſundheit ſchon hin⸗ länglich geſtärkt, um dieſen plötzlichen Schlag zu ertragen. Seit acht Tagen war er nach der Reſi⸗ denz zurückgekehrt. Reichlich hatte er die Förfter⸗ familie für ihre Gaſtfreundſchaft belohnt, obgleich der ehrliche Alte jeden derartigen Beweis der Dank⸗ barkeit ausſchlug. Zugänglicher ließ ſich freilich die brave Frau finden, und als Adele ihr einen neuen Stoff zum Sonntagskleide überreichte, konnte die Förſterin einer ſolchen Verführung nicht länger widerſtehen. Mit tauſend Knixen empfahl ſie ſich dem Geſchwiſterpaar und lud ſie ein, recht bald einmal wieder in den Wald hinauszukommen. Eine unerklärliche Scheu hielt Oskar ab, ſei⸗ nem treuen Krankenpfleger irgend ein Geſchenk für ſeine Dienſte anzubieten. Er fühlte nur zu ſehr, daß es in allen Ständen Naturen giebt, von einem hohen Adel beſeelt, der unwillkürlich Achtung ge⸗ 185 bietet. Er hätte nicht vermocht, dem Freunde mit Geld zu lohnen und die Aufopferung deſſelben auf dieſe Weiſe zu bezahlen. Deshalb begnügte er ſich, nur die Hand des Freundes zu drücken und ihm innig mit Worten zu danken, Auch Adele that daſſelbe mit holdem Erröthen, als ſie den Gegendruck ſeiner männlichen Hand fühlte. — Wir werden uns wiederſehen,— hatte er beſtimmt geſagt. — Gewiß, mein Freund,— entgegnete Oskar. — Sie ſollen ſtets in meinem Hauſe willkommen ſein.— Mit dieſen Worten wendete er ſich der Thür zu. Ein eigenthümliches Gefühl beſchlich die beiden Geſchwiſter, als ſie die Equipage beſtiegen, welche vor dem Hauſe wartete. Das ſtille Leben im Walde hatte für ſie ein Ende, und draußen harrte auf ſie das Drängen und Treiben, das Jagen und Hetzen der großen Welt. Ein Stück ihres Daſeins lag hinter ihnen. Wenn auch mit Schmerzen reich durchflochten, mit Leiden beſchwert, war ihnen die⸗ ſer ruhige Aufenthalt in der einſamen Förſterwoh⸗ nung doch unendlich lieb und theuer geworden. 486 — Gott ſegne die guten Menſchen, welche wir hier gefunden!— flüſterte Adele. Als ſie ſo ſprach, ſchimmerte! in ihrem Auge eine Thräne. Auch Oskar war tief bewegt und nahm mit blutendem Herzen Abſchied von dem Hauſe des Frie⸗ dens. Eine Ahnung des nahenden Mißgeſchicks überkam ihn unwillkürlich; die frühere Melancholie, an der er gewöhnlich litt, hatte ihn von Neuem erfaßt, und je näher er der Hauptſtadt kam, deſto trüber wurde er. Die Dienerſchaft des Hauſes hatte dem Gene⸗ ſenen einen feierlichen Einzug bereitet. Madame Ahrens hatte es ſich nicht nehmen laſſen, die Thü⸗ ren und Wände mit Blumen und Laubgewinden zu ſchmücken. Sie ſelbſt empfing die Geſchwiſter mit herzlichen Glückwünſchen, dennoch miſchte ſich ſchon in dieſen freundlichen Empfang eine un⸗ erklärliche Befangenheit, eine Zurückhaltung, welche wahrhaft lähmend wirkte. Allerlei Gerüchte, die in der Stadt über Os⸗ kars Vermögensverhältniſſe ausgeſprengt waren, hat⸗ ten ſchon das Ohr der Dienerſchaft erreicht und man⸗ nigfache Befürchtungen erweckt. 187 Nur zu bald ſollte Oskar das Nähere über dieſes Ereigniß erfahren. Schon am nächſten Mor⸗ gen ließ ſich der wackere Juſtizrath bei ihm melden. Natürlich wurde der treue Freund ſogleich vorge⸗ laſſen. — Gott ſei Dank,— rief der Rechtsanwalt mit ernſter Miene,— daß Sie noch am Leben ſind. Hab' ich Sie nicht gewarnt?— — Allerdings,— lächelte Oskar ſchwermü⸗ thig,— aber Sie ſehen, daß ich diesmal noch beſ⸗ V ſer davon gekommen bin, als Sie mir prophezeit. Alles gekoſtet.— — Das gebe Gott,— entgegnete der Juſtiz⸗ rath mit beſorgtem Blick,— aber ich fürchte die Nachwirkungen.— 5 — O, mein Arzt beſorgt nichts mehr fuͤr die Zukunft, auch fühle ich mich körperlich geſund und munter.— — Das iſt mir lieb, ſehr lieb zu hören,— rief der Juſtizrath haſtig aus.— Ich habe wegen dringender Geſchäfte mit Ihnen zu ſprechen. Doch wenn Sie noch nicht ganz wohl ſind, würde ich Die Kugel des Barons hat mir viel, aber nicht 188 eine andere Zeit wählen, da dieſelben nicht von der angenehmſten Natur ſind.— — Reden Sie, lieber Juſtizrath, Sie brauchen mich nicht zu ſchonen, ich kann Alles hören. Der Arzt hat mich für vollkommen geſund erklärt.— — Nun, wenn das der Fall iſt, darf ich al⸗ lerdings nicht ſchweigen. Seit Ihrer Abweſenheit haben ſich hier wunderliche Dinge ereignet. Es iſt unglaublich.— 3 — Sie ſpannen meine Neugierde auf das Höchſte.— — Erlauben Sie mir zuerſt eine Frage. Wiſ⸗ ſen Sie nicht, daß ein Sohn von Ihrem verſtor⸗ benen Onkel eriſtirt?— — Allerdings lebte ein ſolcher, doch ſeit lan⸗ gen Jahren iſt derſelbe verſchollen. Trotz wieder⸗ holter Aufforderungen hat ſich derſelbe nicht wieder gezeigt, ſo daß wir ihn für todt hielten.— — Und wenn er nun vom Tode auferſtanden wäre?— — Lieber Juſtizrath! Sie ſcherzen.— — Keineswegs. Ihr Kouſin lebt, und hat ſeine Anſpüche auf das Vermögen Ihres Onkels vor Gericht geltend gemacht.— 189 — Unmöglich. Wo iſt er?— — Das iſt eben der Kaſus. Er mag Gründe haben, nicht in eigner Perſon zu erſcheinen und hat uns einen Bevollmächtigten geſchickt, einen geriebe⸗ nen Burſchen. Kennen Sie den Chevalier von Valmont?— — Ich entſinne mich, vor meinem Duell den⸗ ſelben in Geſellſchaft angetroffen zu haben.— — Derſelbe iſt mit unumſchränkter Vollmacht verſehen, die Rechte Ihres verſchollenen Anver⸗ wandten zu vertreten. Die Dokumente, mit wel⸗ chen er auftritt, ſind durchaus richtig und laſſen ſich nicht angreifen. Der Chevalier genießt über⸗ dies einen ausgezeichneten Ruf in der feinen Welt und hat große Verbindungen und Protektionen. Sie wiſſen doch, daß er mit der Gräfin Julie von Rothenſtein ſeit einigen Tagen verlobt iſt?— Dieſe plötzliche Nachricht wirkte auf Oskar vernichtend. Er mußte ſich niederſetzen und ver⸗ mochte ſich kaum noch aufrecht zu erhalten. Dem Juſtizrath war dieſe Bewegung nicht entgangen, doch ſchrieb er dieſelbe auf Rechnung ſeiner Nach⸗ richt, welche das Vermögen ſeines Klienten bedrohte. — Laſſen Sie uns abbrechen,— ſagte der 190 gute Mann.— Sie ſcheinen noch zu angegriffen. Wir wollen ein andermal von Geſchäften ſprechen, wenn Sie ſich ſtärker fühlen. Uebrigens iſt noch nichts verloren. Wir werden einen langen, unan⸗ genehmen Prozeß zu führen haben. Doch am Ende iſt das Teſtament Ihres Onkels ſo beſtimmt abge⸗ faßt, daß wir gewinnen müſſen.— Oskar hatte indeß Zeit gehabt, ſich zu ſam⸗ meln, obgleich er kaum noch die Rede des Juſtiz⸗ raths hörte. — Der Enterbte kann höchſtens auf das müt⸗ terliche Vermögen und einen kleinen Pflichttheil Anſpruch machen. Ich würde Ihnen rathen, mit dem Chevalier ſelbſt Rückſprache zu nehmen und demſelben einen billigen Vergleich vorzuſchlagen, um allen juriſtiſchen Weitläufigkeiten zu entgehen. Sprechen Sie mit dem Chevalier.— — Nimmermehr!— rief Birkeneck mit Ent⸗ ſchiedenheit.— 2 — Gut! dann will ich ſelber mit ihm reden. Allerdings wird die Geſchichte Geld koſten, doch darauf kann es Ihnen nicht ankommen. Ihr Ver⸗ mögen bleibt noch immer groß genug, ſelbſt wenn Sie eine anſtändige Summe abgeben. Jedenfalls 191 würde ich an Ihrer Stelle einen Vergleich dem Prozeſſe vorziehen.— — Thuen Sie, was Sie wollen, lieber Ju⸗ ſtizrath. Sie wiſſen, daß ich für meine Perſon nur wenig brauche. Retten Sie nur ſo viel, um mei⸗ ner guten Schweſter eine unabhängige Exiſtenz zu ſichern. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Adele darunter leiden ſollte. Ich ſelbſt ver⸗ zichte auf Alles. Der Sohn meines Wohlthäters hat ein Recht auf mein ganzes Vermögen.— — Laſſen Sie ſich nicht von einer unzeitigen Großmuth hinreißen,— warnte der Rechtsanwalt, — Sie ſcheinen mir in einer gereizten Stimmung. Ich muß daher für Sie ſorgen.— Der Juſtizrath verſprach, ſo bald als möglich den Chevalier aufzuſuchen, um demſelben einen zweckmäßigen Vergleich vorzuſchlagen. Dann em⸗ pfahl er ſich, indem er Oskar dringend anrieth, ſeine Geſundheit zu ſchonen, und durch die unan⸗ genehme Nachricht, welche er ihm mitgetheilt, ſich durchaus nicht beunruhigen zu laſſen. — Es wird Alles beſſer kommen, als Sie — Den Chevalier will ich ſchon bearbeiten, und denken,— ſetzte der würdige Rechtsanwalt hinzu. ich zweifle keinen Augenblick, daß er unſere Vor⸗ ſchläge mit Vergnügen annehmen wird. Bis dahin alſo Gott befohlen, und ſorgen Sie nicht.— Oskar blieb allein zurück mit ſeinem Schmerz. Julie war die Verlobte des Chevaliers! Was küm⸗ merte ihn der Verluſt ſeines Vermögens, nachdem er ihre Liebe eingebüßt. XVI. Auch den Fürſten hatte dieſe Nachricht ver⸗ ſtimmt, wenn er auch nicht ſo tief davon erſchüt⸗ tert wurde wie der arme Birkeneck. Der Grund⸗ zug ſeines Weſens war entſchieden die größte Ei⸗ telkeit, aber er beſaß neben dieſer Schwäche viele eben ſo liebenswürdige als edle Eigenſchaften. Er hatte die feſte Ueberzeugung gewonnen, daß der Chevalier ein gewöhnlicher Abenteurer ſei, leider konnte er dieſe ſeine Meinung nicht geltend machen, da jener ſich im Beſitze eines Geheimniſſes befand, deſſen Veröffentlichung für den Fürſten von den traurigſten Folgen begleitet ſein mußte. Aus dieſem Grunde ſchwieg er und verſchloß 193 ſeinen Verdacht in der eigenen Bruſt. Es koſtete ihm nur ein Wort, um den Aventurier und falſchen Spieler zu entlarven, doch er durfte daſſelbe nicht ausſprechen, ohne ſich ſelber preis zu geben. Wie gern hätte er die Gräfin gewarnt und ſte von jener gefährlichen Verbindung zurückgehalten. Er mußte ſie ſeinem eigenen Vortheile gegen ſeine beſſere Ue⸗ berzeugung aufopfern. Seitdem der Chevalier öf⸗ fentlich als Verlobter Juliens auftrat, zog ſich der Fürſt von den Zirkeln der Oberhofmeiſterin zurück. Die Welt ſchrieb dies Ereigniß lediglich ſeiner Ei⸗ ferſucht und dem Schmerz zu, den er über den Ver⸗ luſt der Gräfin durchaus empfinden ſollte. Je ſeltener aber der Fürſt ſich in den Kreiſen der Gräfin erblicken ließ, deſto öfter erſchien Ba⸗ ron von Karſten daſelbſt. Bald war dieſer der intimſte Freund des Chevaliers geworden. Zwiſchen den beiden Männern fand eine innige Wahlverwandtſchaft ſtatt, welche ſich aus der Gleich⸗ heit ihrer Neigungen und Charaktere leicht erklären ließ. Der Haß, den der Baron gegen Oskar von Birkeneck empfand, trug nicht wenig dazu bei, dies Bündniß täglich feſter zu knüpfen. Der Chevalier war offen gegen denſelben aufgetreten und hatte Ring, Stadtgeſchichten. IV. 13 als Stellvertreter des eigentlichen Erben ſeine An⸗ ſprüche vor Gericht geltend gemacht. Oskar ſtand auf dem Punkte, ſein großes Vermögen plöͤtzlich einzubüßen. Schon am frühen Morgen begab ſich Herr von Karſten nach dem Hötel, um ſeinem Freunde einen Beſuch abzuſtatten. Er fand denſelben in Geſellſchaft des Herrn Frank und eines Rechtsanwalts, welcher die Füh⸗ rung ſeines Prozeſſes übernommen hatte. Herr von Karſten wollte ſich entfernen, um die ſtattfin⸗ dende Berathung nicht zu ſtören. — Wo denken Sie hin?— bat der Che⸗ valier.— Vor Ihnen habe ich keine Geheimniſſe. Ich erſuche Sie, an unſerer Konferenz Theil zu nehmen und mich mit Ihrem Rathe zu unter⸗ ſtützen.— — Mein lieber Chevalier,— entgegnete der Baron,— ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten, wenn Sie mich mit dem Gegenſtande Ihrer Verhandlungen bekannt machen wollen.— — Meine Gegenpartei hat mir durch ihren Anwalt Vergleichsvorſchläge antragen laſſen.— — Beſſer, ein magerer Vergleich, als ein fetter 195 Prozeß!— ſchaltete Herr Frank dazwiſchen ein. — Herr von Birkeneck hat ein anſtändiges Gebot gethan.— — Und was meinen Sie?— fragte der Chevalier den Baron, indem er ihm eine Eigarre anbot. — Nein, ich rauche jetzt nicht!— entgegnete dieſer.— Ich verderbe mir ſonſt den Appetit. Den Vergleich würde ich unter keiner Bedingung annehmen.— — Ganz meine Anſicht!— triumphirte der Rechtsanwalt, welchem die Ausſicht auf einen langen und koſtſpieligen Prozeß lächelte. — Sie müſſen Ihre Anſprüche durchaus bis auf den letzten Punkt vertheidigen,— fuhr der Baron ruhig fort.— Die Erbſchaft kann und darf Ihnen nicht entgehen. Die Lumperei, welche man Ihnen bietet, verlohnt ſich kaum der Mühe davon zu ſprechen. En avant! mein Freund, und nicht nachgelaſſen.— 3 Dieſer Rath des Barons war entſcheidend⸗ Der Chevalier erklärte ſeinem Rechtsanwalt, in keinen Vergleich eingehen zu wollen. Dieſer ent⸗ fernte ſich vergnügt und ſprach zum Abſchied noch 13* verloren gehen könnte. Dieſe Verſicherung des Juriſten beſtimmte Herrn Frank, dem Chevalier eine neue Summe, natürlich gegen Wechſel, vorzuſtrecken. Das Ge⸗ ſchäft wurde in Gegenwart des Barons abge⸗ ſchloſſen, welcher beiden Parteien hinlänglich be⸗ kannt war, ſo daß ſie ſich in ſeinhr Nähe nicht zu geniren brauchten. Während der Wucherer das Geld aufzählte, klopfte Herr von Karſten demſelben auf die Schulter. — Herr Baron befehlen?— fragte Frank ſich umwendend. — Geld!— flüſterte dieſer. Der Wucherer zählte ruhig weiter, als hätte er die Forderung des Barons gar nicht gehört. — Sind Sie denn taub geworden?— fragte dieſer.— Ich brauche einige hundert Thaler.— Herr Frank zuckte nur mit den Achſeln. Jetzt trat der Baron näher an ihn heran und ſprach einige Worte ſo leiſe, daß der Chevalier, der an ſeinem Schreibtiſch ſaß und den Wechſel ſchrieb, dieſelben nicht vernehmen konnte. Herr Frank hatte um ſo beſſer gehört und fuhr zuſammen; ja, ſeine feſte Ueberzeugung aus, daß der Prozeß nicht 197 ſeine Bewegung war ſo groß, daß er ſich um einen Louisd'or beim Aufzählen des Geldes geirrt hatte. — Sie ſollen das Geld haben!— entgegnete er haſtig in demſelben leiſen Tone. Der Baron lächelte bei dieſer Antwort mit jener ſataniſchen Ironie, welche ihm zu Gebote ſtand, dann wendete er ſich zu dem Chevalier, in⸗ dem er auf Herrn Frank deutete: — Lieber Chevalier!— ſagte er— ich em⸗ pfehle Ihnen hier unſern gemeinſchaftlichen Freund als das Muſter eines ſoliden Geſchäftsmannes. Er iſt die Vorſehung der feinen Welt, die Stütze der Jugend und der Troſt des Alters. Unter dieſer Atlasweſte ſchlägt ein großes Herz voll Mitgefühl für die Leiden der Menſchheit. Frank! reichen Sie mir die Hand. Soyons amis, Cinna!— Der Wucherer ergriff mit einem verzwoifelten Lächeln die dargereichte Rechte des Barons, der ihm eine teufliſche Grimaſſe ſchnitt. Nachdem Herr Frank den Wechſel des Che⸗ valiers und die Freundſchaftsbeweiſe des Herrn von Karſten empfangen hatte, empfahl er ſich mit dem Anſtande eines ächten Stutzers. Auf der Treppe 198 hörte er noch das laute Hohngelächter des Barons, welches ihm allein nur gelten konnte. Er ſtieß einen tiefen Seufzer. aus und mur⸗ melte: — Dieſer Karſten bringt mich noch um. Ich glaube, das iſt der Teufel in eigener Perſon. Hätte ich mich nur nicht in das Geſchäft mit ihm eingelaſſen. Ich bin überzeugt, daß der Kerl Wort hält.—. Nachdenklich beſtieg er ſein elegantes Cabriolet und gab dem Kutſcher den Befehl, bei dem Fürſten vorzufahren. dem er eine Morgenviſite abzuſtatten gedachte. Da er denſelben nicht zu Hauſe fand, ſo begab er ſich zu der Gräfin Rothenſtein, die er ebenfalls zu ſeinen Kunden zählte. Juliens Mutter empfing den Wucherer mit ausgeſuchter Höflichkeit. Sie verſchmähte ſelbſt nicht, zu den kleinen Künſten der Koketterie ihm gegenüber ihre Zuflucht zu nehmen. Deswegen vermochte er niemals, ſeine früheren Forderungen an die Oberhofmeiſterin mit rauhem Ernſte geltend zu machen. Er ließ ſich ſogar zu immer neuen, kleinen Vorſchüſſen verführen, beſonders in dieſem Augenblick, wo die Verhältniſſe der Gräfin durch 199 die Verbindung mit dem Chevalier ein beſſeres Anſehn für ihn gewannen. In ihrem Benehmen gegen den Wucherer lag eine Miſchung von Würde und Vertraulichkeit, welche Frank gänzlich bezauberte. — Eine feine Frau,— ſagte er im Fortgehen zu ſich ſelbſt.— Es iſt doch ein Vergnügen, mit dem hohen Adel zu verkehren. Die Leute beſitzen Manieren und einen Takt, einen ausgezeichneten Takt.— Auch hier ließ der Wohlthäter der Menſchheit eine kleine, goldne Spende zurück. Herr Frank war heut in großmüthigſter Laune. Ein Umſtand, der nicht alle Tage bei ihm vorkam. Nur die Drohung des Baron von Karſten hatte ihn ver⸗ ſtimmt; doch ein Frühſtück im italieniſchen Keller verſcheuchte auch dieſe dunkle Wolke von ſeiner Stirn. Unterdeß verweilte der alte Epikuräer in der Geſellſchaft ſeines jungen Freundes. Der Baron hatte von Neuem das Geſpräch auf den Prozeß gelenkt. — Bei Gott!— ſagte er— ich wünſche von Herzen, daß Ihr Unternehmen Ihnen glücken möge. Dieſer Birkeneck iſt mir in der Seele zuwider.— ——— 200 — Nun, Sie haben ihm einen gehörigen Denkzettel gegeben,— entgegnete der Chevalier. — Doch Sie vollenden erſt mein Werk. Wenn er den Prozeß verliert, ſo iſt er ruinirt. Ich bin weit mehr dabei intereſſirt, als Sie denken und brenne vor Begierde, den eigentlichen Erben kennen zu lernen und an mein Herz zu drücken.— — Kennen Sie denſelben vielleicht, Baron?— fragte der Chevalier mit kaum merklich bewegter Stimme. — Nicht von Perſon, aber ich ſtehe ihm näher als Sie ahnen. Wo weilt er in dieſem Augenblick? Ich würde Viel darum geben, ihn zu ſehen. Sie müſſen ſeinen Aufenthalt doch kennen.— — Allerdings! Aber er dürfte Gründe haben, ſich noch für einige Zeit zu verbergen. Sie wiſſen, welch' ein gräßlicher Verdacht auf ſeinem Leben ruht. Wenn er jetzt öffentlich erſcheinen würde, ſo könnte ihn nichts vor einer gerichtlichen Ver⸗ folgung ſchützen.— — Ich ſchwöre Ihnen zu, daß ich ihn nicht verrathen werde. Er kann auf meinen Beiſtand und meine Unterſtützung rechnen. Eher möchte ich 201 mich ſelbſt verderben, als ihm irgend ein Leid be⸗ reiten. Sie ahnen nicht, wie nahe ich ihm ſtehe, welch' ein inniges Verhältniß mich mit ihm und ſeinem Schickſale verknüpft.— — Sollten Sie vielleicht ein naher Anver⸗ wandter ſein?— ſagte der Chevalier mit einem lauernden Blick. — Mehr als das!— rief der Baron mit einer Bewegung, die ihm ſonſt fremd war.— Ich war mit ſeiner Mutter eng liirt. Die Diskretion verbietet mir, mehr zu ſagen. Doch Sie werden jetzt das Intereſſe begreifen, welches ich an ſeiner Perſon nehmen muß. Ich bitte, ich beſchwöre Sie, nennen Sie mir ſeinen Aufenthalt.— Einen Augenblick ſchwankte der Chevalier und überlegte. Doch der Baron wiederholte ſeine Bitte ſo dringend, daß er nachgab. — Wohlan,— ſagte er— Sie wollen den wahren Erben kennen lernen. Sie haben ein Recht auf dieſe Forderung. Der Sohn jenes Weibes, das Sie einſt geliebt, bin— ich ſelbſt.— — Sie ſelbſt?— fragte zweifelnd der Baron. — Ich habe meinen wahren Namen ver⸗ ſchwiegen, um jeder Verfolgung zu entgehen. Aus 202 dieſem Grunde bin ich als mein eigener Bevoll⸗ mächtigter hier aufgetreten. Jetzt wiſſen Sie mein Geheimniß, doch ich rechne auf Ihre Verſchwiegen⸗ heit, da uns ſo nahe, unauflösliche Bande an ein⸗ ander knüpfen.— Der Baron hatte dieſe Erklärung mit ſteigen⸗ dem Erſtaunen angehört. Augenſcheinlich war er überraſcht, doch bald hatte er die ruhige Faſſung wieder gewonnen. In ſeinem Geiſte regten ſich allerlei Zweifel gegen die Erzählung des Chevaliers, aber er unterdrückte dieſelbe und berechnete im Augenblick all' die Vortheile, welche aus dieſem Geſtändniſſe, ob wahr oder falſch, für ihn fließen konnten. Mit einer faſt natürlichen Rührung ſchritt er auf den Chevalier zu und umarmte ihn. Ueber ſein faltenreiches Geſicht zitterte eine Miſchung von wahrem Gefühl und künſtlicher Erſchütterung. — Mein Freund! mein Sohn!— rief er mit faſt ſchluchzender Stimme. Der Chevalier ſank in ſeine Arme mit einem gelungenen Anſtrich kindlicher Zärtlichkeit. Der Bund der edlen Seelen war geſchloſſen. 203 Der Baron hatte einen würdigen Sohn, der Che⸗ valier einen noch würdigeren Vater gefunden. Beide vereinten ſich, um den armen Oskar zu vernichten. XVII. Nachdem die Vergleichsvorſchläge Oskars zu⸗ ruckgewieſen waren, nahm der Prozeß ſeinen unge⸗ ſtörten Verlauf. Das Gericht hatte auf Grund der eingereichten Dokumente und Beweismittel einen Termin anberaumt. Birkeneck war durch ſeinen Rechtsanwalt davon in Kenntniß geſetzt und berieth mit demſelben die Vertheidigung. Der würdige Mann konnte Oskar nicht ver⸗ ſchweigen, daß der Ausgang des Prozeſſes minde⸗ ſtens zweifelhaft ſei. Bis jetzt hatte der Letztere ſeiner Schweſter die unangenehme Nachricht vor⸗ enthalten, nun aber hielt er es für ſeine Pflicht, Adele auf die mögliche Veränderung ſeiner Ver⸗ mögensverhältniſſe aufmerkſam zu machen. Nach⸗ dem der Juſtizrath ihn verlaſſen, trat das liebliche Mädchen in ſein Kabinet. Auch Adele hatte in 204 der letzten Zeit einen Theil ihrer gewöhnlichen Fröh⸗ lichkeit verloren. Die vorangegangenen Ereigniſſe hat⸗ ten ſie ernſt gemacht. Sie war noch immer hold und ſchön, doch auch ſie ſchien von der melancholiſchen Stimmung des Bruders angeſteckt worden zu ſein. Das reizende Geſicht war bleicher, aber auch un⸗ endlich intereſſanter geworden. Eine ſanfte Schwer⸗ muth verlieh ihr einen neuen, bisher unbekannten Zauber. Ihr ſtrahlendes Auge hatte etwas von ſeinem Glanz verloren, aber ihr Blick war darum nur um ſo ausdrucksvoller, tief und ſchwärmeriſch. Ue⸗ ber ihre ganze Erſcheinung war eine früher nie gekannte Weichheit ausgegoſſen. Was ſie aber an Lebendigkeit und Friſche dadurch verlor, erſetzte ſie hinreichend durch Milde und Sanftmuth. Oft ſaß ſie jetzt träumend an ihrer Arbeit und dachte an das ſtille, trauliche Leben im Walde, an die guten Förſterleute und an den treuen Freund in ihren Nöthen. Dann ſchrak ſie wieder zuſammen und entriß ſich mit Gewalt den zerſtreuenden Gedanken, welche immer von Neuem wiederkehrten. Oskar hatte zum Gluück dieſe Veränderung nicht bemerkt. Er war zu ſehr mit ſich ſelbſt und ſeinen Verhältniſſen beſchäftigÄt. Den Schmerz über 205 den Verluſt Juliens hatte er männlich überwunden. Er verdammte eben ſo wenig die Gräfin, wie die Schwäche des weiblichen Geſchlechts überhaupt. Er entſchuldigte ſogar ihr Benehmen und fand daſſelbe durch die Umſtände einigermaßen gerechtfertigt. Hatte er nicht ſein Leben freventlich auf s Spiel geſetzt, nachdem er ihr das Geſtändniß ſeiner Liebe abgelegt? War er nicht ſelbſt Schuld an dem Schickſale, das er jetzt erdulden mußte? Julien gemeine Motive unterzuſchieben, konnte ihm nicht beifallen. Er ſelbſt dachte zu großherzig, um einen derartigen Verdacht aufkommen zu laſſen. Lieber maß er ſich jede Schuld bei, ehe er der Geliebten irgend einen Vorwurf machen wollte. Ihr Bild ſtand rein und unbefleckt vor ſeiner reinen Seele. Mit Wehmuth gedachte er der glücklichen Stunden, welche er in ihrer Gegenwart verlebt, und verzieh ihr all' die Schmerzen, die ſie ihm bereitet. Es war ein ſüßer Traum, den er geträumt, ſollte er dem holden Bilde zurnen, das ihn auf kurze Zeit beglüͤckt? Er glaubte Julien verſtanden zu haben. Sie konnte ihm ſeinen Mangel an Vertrauen nicht verzeihen. Er hatte ihr das ſo nah bevorſtehende Duell verſchwiegen, und dieſer einzige Umſtand erklärte und rechtfer⸗ ——————— 206 tigte für ihn ihr ferneres Benehmen, das er weder dem Wankelmuthe, noch weit niedrigeren Gründen zuzuſchreiben vermochte. Ihre Handlunsweiſe kam ſogar in dieſem Au⸗ genblick erwünſcht für ihn. Er kannte, oder glaubte wenigſtens Julien zu kennen. Sie erſchien ihm wie eine jener wunderbaren und prächtigen Blüthen des Orients, welche nur in der warmen Atmo⸗ ſphäre des Glückes gedeihen könnnen. Hatte er ein Recht, ſie dem ihr eigenen Boden zu entreißen und in das kalte Erdreich der Entbehrung und Armuth, von welcher er ſich bedroht ſah, zu ver⸗ pflanzen? Für ſich konnte er Alles entbehren, denn trotz ſeines Reichthums war er nicht verwöhnt, aber Julien ein ähnliches Loos zu bereiten, dazu fehlte ihm der Muth. Er litt ſchon um Adelens willen und vermochte kaum der Schweſter die nö⸗ thigen Mittheilungen zu machen. Er hatte das liebliche Mädchen zu ſich auf den Divan niedergezogen und hielt verlegen ihre Hand in der ſeinigen. Augenſcheinlich rang er nach Faſſung. Seine Stimmung war der liebevollen Schweſter nicht entgangen.. — Was fehlt dir?— fragte ſie ihn beſorgt. 207 — Liebe Adele! Ich habe dir eine Nachricht mitzutheilen, die ich dir länger nicht verſchweigen darf.— — Doch kein neues Unglück, das dich betrof⸗ fen hat?— — Wäre ich der einzige, der darunter zu lei⸗ den hätte, ſo würde ich mein Leid in mir verſchlie⸗ ßen, leider wirſt auch du davon bedroht.— — Oskar! du erſchreckſt mich. Was iſt vor⸗ gefallen? Sprich, ich bitte dich darum.— — unſer Kouſin, der Sohn unſeres theueren Onkels iſt zurückgekehrt.— — Vo iſt er, warum ſah ich ihn noch nicht?— — Er hat es für beſſer befunden, ſtatt uns aufzuſuchen, ſeine Anſprüche vor Gericht geltend zu machen. Das thut mir weh. Meinetwegeu würde ich mit tauſend Freuden auf die ganze Erbſchaft verzichten, doch ich habe Pflichten gegen dich.— — Gegen mich?— fragte Adele.— Ol für mich brauchſt du nicht Sorge tragen. Ich vergeſſe gern, was wir bisher beſeſſen. Ich kann mich ein⸗ ſchränken, ich will ſo ſparſam ſein wie möglich und keinen Pfennig unnöthig ausgeben.— — Adele! du bedenkſt nicht, was es heißt, aus 208 dem Wohlſtande plötzlich in Armuth zu verſinken. Ich habe den Muth und fühle auch die Kraft in mir, dem Elende zu trotzen, die tauſend Entbehrun⸗ gen des Lebens zu ertragen, weil ich ein Mann bin, aber du, ein ſchwaches Weib, was willſt du beginnen? Du müßteſt, wenn Alles verloren würe, wieder in das Fräuleinſtift zurückkehren, und weiß Gott, ob du dort noch eine Stelle finden würdeſt.— — Nein, nein!— rief die Schweſtr, indem ſte Oskar umſchlang,— das kann nicht dein Ernſt ſein. Ich ſollte dich verlaſſen? Niemals, niemals! Was auch unſer beiderſeitiges Geſchick ſein mag, wir wollen es gemeinſchaftlich ertragen und keine Macht der Erde ſoll uns trennen. Ich werde dir nicht zur Laſt fallen. O! ich kann auch arbeiten, wenn ich muß. Ich habe im Fräuleinſtift Nähen gelernt, ich kann Stunden im Klavierſpielen geben. Du wirſt ſehen, daß ich mir mein Brot verdienen werde. Fordere von mir jede Entbehrung, nur verbanne mich nicht aus deiner Gegenwart.— Ein Thränenſtrom begleitete ihre Worte, auch Oskars Auge war feucht geworden. Feſter drückte er die theure Schweſter an ſeine Bruſt, die ſich an 209 ihn ſchmiegte, als ſollte ſte ihm ſchon in dieſem Augenblick entriſſen werden. — Adele! gutes Kind,— rief er, indem er ſeine Hand auf ihr Lockenhaupt legte.— Ich werde dich nicht verlaſſen. Du haſt Recht, wir dürfen uns nicht trennen.— Unter Thränen lächelte die Schweſter. — O! mein geliebter Bruder,— entgegnete ſte,— ich danke dir. Wie gern will ich an deiner Seite ſelbſt in tiefſter Armuth leben. Glaube mir, ich kann Alles entbehren, wenn ich dich nur immer behalten darf.— — Entbehren! welch ein hartes Wort. Du kennſt nicht die Qualen und Leiden, welche die Ar⸗ muth uns ohne Verſchulden auferlegt. Haſt du den Muth, Adele, all' die Genüſſe, die Bequemlich⸗ keiten, die ſüße Gewohnheit unſeres jetzigen Lebens aufzugeben?— — Gewiß, Oskar!— betheuerte das holde Kind. — Statt der prächtigen Räume, welche wir⸗ noch heut bewohnen, kann uns morgen ſchon ein ärmliches Quartier aufnehmen. Wir werden unſere Dienerſchaft entlaſſen müſſen. Unſere Freunde wet⸗ Ring, Stadtgeſchichten. IV. 14 den uns vielleicht anfänglich bemitleiden, ſpäter ver⸗ meiden.— — In Gottes Namen, wir werden uns um ſo mehr lieben und die Treuloſen vergeſſen.— — Den Bällen und Feſten, auf denen du ſo gern verweilteſt, werden wir entſagen müſſen.— — Auch damit werde ich zufrieden ſein. Ich liebe nicht die rauſchenden Vergnügungen.— — Aber auch das Nöthige müſſen wir uns dann oft verſagen.— — Ich will Alles tragen, was du mir auf⸗ erlegſt. Oskar! du kennſt mich nicht. Mein Sinn iſt nicht auf das Glänzende gerichtet. Ich kann die Welt mit Freuden aufgeben, in welcher wir bis jetzt gelebt. Ach! die glücklichſte Zeit meines Lebens waren ja die letzten vier Wochen, welche wir in ſtiller Abgeſchiedenheit, fern von der Geſellſchaft im Förſterhauſe zugebracht. Dort lernte ich ein Glück kennen, das ich ſtets bisher vermißt. Solch ein Plätzchen wäre mir das Liebſte auf der Welt. Dort möchte ich mit dir ewig leben und keinen andern Wunſch haben. Hier komme ich mir immer fremd und gezwungen vor, draußen im Walde ſchien mir Alles ſo bekannt, die Blumen, die Bäume, die treuen Hunde und das zahme Reh. Ich wollte all' die Herrlichkeit der Reſtdenz, all' die Feſte und Bälle hingeben, wenn ich für immer dort im Walde leben könnte.— Oskar hörte mit melancholiſchem Lächeln ihrer Schilderung zu. Doch plötzlich hielt Adele inne, als zufällig ſein Blick dem ihrigen begegnete. Eine holde Purpurröthe überfluthete ihr reizendes Ange⸗ ſicht. Sie fürchtete voll jungfräulicher Schüchtern⸗ heit, das Geheimniß ihres Herzens preisgegeben zu haben, das ſie zu einer ſolch beredten Lobpreiſerin des Waldlebens gemacht hatte. Oskar war zu ſehr mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, um die Verlegenheit der Schweſter zu bemerken. Ihr begeiſtertes Lob des Landlebens hatte einen Wiederhall in ſeinem Herzen gefunden. — Du haſt Recht,— ſagte er— es war eine ſchöne Zeit. Wollte Gott, daß wir ſo viel von unſerm Vermögen retten, um ein kleines Güt⸗ chen zu erſtehn. Ich würde mit Freuden mein Leben in ſolcher Einſamkeit beſchließen und fern von der Welt und ihren Genüſſen leben.— — Aber nicht ohne mich.— — Gewiß nicht, wir bleiben vereint.— 3 14*½ — Auf ewig!— lächelte Adele und ſchmiegte ſich von Neuem feſt an den Bruder, der ihr jetzt noch theurer war, als je. XVIII. Seit Adelens Abreiſe aus dem Förſterhauſe war auch mit ihrem dort gelaſſenen Freunde eine weſentliche Veränderung vorgegangen. Während ſich das holde Mädchen nach der Einſamkeit des Waldes zurückſehnte, hatte ihn umgekehrt die Luſt erfaßt, ſo bald als möglich die Reſidenz zu ſehen, welche er bisher mit einer gewiſſen Scheu vermie⸗ den. Anfangs ſchwankte er, dieſer Neigung nach⸗ zugeben. Er mochte genügende Gründe haben, die Verborgenheit zu ſuchen, aber mit jedem Tage wuchs ſein Begehren. Eine innere Unruhe und Haſt trieb ihn durch Buſch uud Wald. Meiſt ging er denſelben Weg, den er ſo oft mit dem Geſchwiſter⸗ paare gewandelt. Ueberall ſah er er das ſüße Bild, das ihn mit unwiderſtehlicher Macht nachzog. Ein Umſtand trug hauptſächlich dazu bei, dieſe Unruhe in ihm noch zu vermehren. Bei jenem Spaziergange mit Oskar hatte auch er den Che⸗ 2 valier geſehen und erkannt. Auf ſeinen abenteuer⸗ lichen Wandernngen durch die Welt war er mit jenem Manne zuſammen gekommen, den er freilich unter ganz andern Verhältniſſen kennen gelernt hatte. Ein natürlicher Verdacht ſtieg mit einem Male in ſeiner Seele auf. Damals hatte er mit jugendlichem Vertrauen ſich dem Chevalier ange⸗ ſchloſſen und einen Theil ſeiner Lebensgeſchichte dem Fremden unvorſichtig preisgegeben. In Paris, wo er mit dem Chevalier einige Zeit in demſelben Hötel gewohnt, hatte er ihm einen tiefen Blick in ſeine Verhältniſſe geſtattet. Eines Tages war der Chevalier aus ihrer gemeinſchaftlichen Wohnung verſchwunden, aber auch zugleich vermißte unſer Freund mehrere wichtige Papiere, die ihm ange⸗ hörten. Alle deshalb angeſtellten Nachforſchungen erwieſen ſich als nutzlos. Im Strudel des Lebens hatte er ſeinen Verluſt und den muthmaßlichen Veran⸗ laſſer deſſelben ſogar vergeſſen. Das plötzliche Zu⸗ ſammentreffen im Walde hatte alle dieſe Umſtände von Neuem in ſein Gedächtniß zurückgerufen. Eine Ahnung überkam ihn von der Wichtigkeit dieſer unvermutheten Erſcheinung und er beſchloß, die Spuren des Chevaliers zu verfolgen. Dieſer Gedanke hatte ſeinem Schwanken ein Ende gemacht. Er wollte unter jeder Bedingung die verlorenen oder ihm geraubten Papiere wieder zurück erhalten, obgleich ſeine gegenwärtige Lage ihn noch zwang, mit einer gewiſſen Vorſicht zu verfahren. Vor allen Dingen mußte er ſich von der Identität des Chevaliers mit ſeinem früheren Ge⸗ fährten überzeugen, der damals in Paris unter einem andern Namen aufgetreten war. Zu dieſem Zwecke begab ſich unſer Freund nach der Reſidenz, wo er in einem Gaſthauſe dritten Ranges abſtieg. Er vermied es vorläufig, Oskar und ſeine Schweſter aufzuſuchen. Seine Anweſen⸗ heit ſollte aller Welt ein Geheimniß bleiben. Kaum war er ſich ſelber klar, auf welche Weiſe er zu ſeinem Ziele gelangen konnte. Er hatte den Che⸗ valier flüchtig im Vorbeiſprengen nur erblickt und kannte ſeinen wahren Namen jetzt ſo wenig, als früher in Paris. Eugen, ſo hieß unſer Freund, verließ ſich auf ſein gutes Glück. Sein bewegtes Leben hatte ihn die Macht des Zufalls kennen ge⸗ lehrt und er beſchloß, auch in dieſer Angelegenheit dem launenhaften Gotte zu vertrauen. 215 Unbekümmert irrte er durch die Straßen der großen Stadt. Inſtinktmäßig blieb er vor den großen Hötels ſtehen, als erwarte er, dort ſeinen früheren Bekannten anzutreffen. Vergebens hatte er bereits einen Tag in der Reſidenz zugebracht⸗ ohne ſeinen Mann zu finden. Unmuthig kehrte er in ſein Quartier zurück, wo er ermüdet in einen Seſſel ſank. Mechaniſch griff er nach einem Zeitungs⸗ blatt, welches vor ihm lag. Einen flüchtigen Blick warf er darauf, aber mit einem Male wuchs ſeine Theilnahme an der Nachricht, die er zufällig hier fand. Während des Leſens wurde er abwechſelnd bleich und roth. Von Zeit zu Zeit ſtieß er einen Seufzer oder Ausruf aus, der ſich unwillkürlich ſeiner Bruſt entrang. Heftig mußte die Erſchütterung ſein, die ihn plötzlich überkam, denn ſeine Augen wurden naß und das verhängnißvolle Blatt zitterte in ſeiner Hand. Wäre irgend ein anderer Menſch in ſeiner Nähe geweſen, ſo würde er ſicher an Eugens Verſtand gezweifelt haben. Zum Glück waren die gewöhnlichen Stammgäſte noch nicht eingetroffen, um ſich von den Anſtrengungen des Tages bei einem Glaſe Bier zu erholen. Eugen ſprang von ſeinem Platze auf und 216 verließ mit heftigen Schritten das Wirthszimmer. Verwundert ſchaute ihm der Kellner nach. Unſer Freund ſtürzte auf die belebte Straße hinaus. In ſeiner Eile hätte er bald einen jungen Mann umgerannt, der ihm mit zornigen Blicken nachſchaute. Er ging, faſt wußte er ſelbſt nicht mehr wohin. Seeligkeit und Schauder, Liebe und Haß ſtritten in ſeiner ſtürmiſch bewegten Bruſt. Der Zuſammenſtoß mit dem Fremden hatte ihn einigermaßen wieder zum Bewußtfein zurückgerufen. Er entſchuldigte ſich wegen ſeiner vorigen Unvor⸗ ſichtigkeit. Während er dies that, blickte er dem Fremden in’s Angeſicht. Er glaubte, ihn bereits vor kurzer Zeit geſehn zu haben, nur wußte er nicht wo und wann. Dieſer, den ſeine Livrée als Bedienten eines vornehmen Herrn bezeichnete, wollte ſich, eben zu⸗ frieden mit der erhaltenen Entſchuldigung entfernen, jedoch Eugen hielt ihn am Arme feſt. — Wenn ich nicht irre, bin ich Ihnen ſchon früher irgendwo begegnet.— — Leicht möglich,— erwiederte der Lakai. 217 — Ich ſtehe in Dienſten des Chevalier von Val⸗ mont.— 1 — Des Chevalier?— rief Eugen verwun⸗ dert aus. Mit dieſem Namen hatte der Baron ſeinen voraneilenden Freund im Walde bezeichnet. Wie ein Blitzſtrahl durchzuckte es Eugen. — Kennen Sie den Herrn Chevalier?— fragte der Bediente. — Gewiß!— entgegnete unſer Freund mit augenblicklicher Faſſung.— Ich ſuche ihn bereits den ganzen Tag.— — In dieſem Falle brauchen Sie mich nur zu begleiten. Er wohnt im Hötel d'Angleterre, wohin ich eben gehe.— Obgleich Eugen keineswegs ſeiner Sache ganz ſicher war, ſo nahm er doch das Anerbieten des Bedienten dankbar an. Unterwegs erzählte dieſer nach alter Gewohnheit manchen näheren Umſtand aus dem Leben ſeines jetzigen Herrn. — O, das iſt ein Teufelskerl!— rühmte der Lakai.— Die Frauenzimmer ſind wie vernarrt in ihn. Aber das muß man ſagen, er iſt auch dar⸗ nach, von Kopf bis Fuß ein ſchöner Mann. Freilich ——— ——— —— — — 218 thut die Toilette viel, und wenn unſereiner in den Kleidern ſteckte, ſo würde manches Mädchen Augen machen, die jetzt uns ſtolz über die Achſeln anſieht. Kleider machen Leute und blenden die Damen ſo gut, wie die Kammerkätzchen. Na! mein Herr iſt kein Heiliger. Sie verſtehen mich. Freilich nehmen wir uns jetzt mehr in Acht, ſeitdem wir verlobt ſind, noch dazu mit dem ſchönſten Fräulein in der Stadt.— 4 — Mit der Gräfin Rothenſtein?— bemerkte Eugen, der aus Adelens Munde den Namen der Dame erfahren hatte, welche er in Begleitung des Chevaliers geſehn. — Ganz Recht. Doch da ſind wir ſchon bei dem Hoͤtel. Gehen Sie nur immer ruhig hinauf, der Herr Chevalier ſind allein. Ich brauche Sie nicht erſt zu melden und will indeß mit dem Kutſcher ſprechen, da der Herr in einer Stunde in Geſell⸗ ſchaft fährt. Wir wohnen Numero 25.— Eugen ſtieg oder flog vielmehr die Treppe hinauf nach dem bezeichneten Zimmer. Auf ſein Klopfen rief eine bekannte Stimme:— Lieber Frank! nur herein.—. Der Chevalier erwartete eben den Wucherer 219 zu einer neuen und wichtigen Konferenz Da er nebenbei mit ſeiner Toilette beſchäftigt war, ſo hielt er ſich in dem benachbarten Zimmer auf. Eugen ſchritt innerlich bewegt durch das erſte Gemach, in welchem ſich der Chevalier nicht befand. Das Kabinet, in welchem dieſer verweilte, war von zwei Kerzen beleuchtet, welche vor dem Spiegel ſtanden. Der Chevalier war in ſeiner Toilette der⸗ maßen vertieft, daß er nicht einmal ſeinen Kopf umwendete. Einen Blick nur warf Eugen auf ſeinen alten Bekannten, er hatte ihn erkannt. — Leſur!:— rief er jetzt mit lauter Stimme, welche in dem kleinen Zimmer wiederhallte. Der Chevalier erbleichte und ließ das Klei⸗ dungsſtück, welches er in ſeinen Händen hielt, zu Boden ſinken. — Kennſt du mich?— fragte Eugen. — Mein Herr,— ſtammelte der Chevalier, — gewiß, Sie irren ſich.— — Elender Betrüger!— ſchrie der unerwar⸗ tete Beſucher.— Du biſt entlarvt. Wo ſind meine Papiere? heraus damit.— — Zu Hülfe! Ich werde überfallen,— ſtöhnte der erſchreckte Abenteurer.— Diebe! Räuber!— ——y;ᷓ— 220 — Kein Wort!— drohte Eugen.— Du ſtehſt, daß du dich in meiner Gewalt befindeſt. Ein Wink von mir und ich übergebe dich der Po⸗ lizei, welche deine Spuren verfolgt.— — Ol ich habe nicht die Polizei zu fürchten, — höhnte der Chevalier,— aber der Vatermörder mag ſich vor ihr in Acht nehmen. Du ſiehſt, daß ich dich in meiner Gewalt habe.— — Jetzt nicht mehr. Nimm dies Blatt und lies!— Eugen reichte dem zitternden Betrüger die Zei⸗ tung hin, welche erſt vor Kurzem eine ſo heftige Bewegung in ihm hervorgerufen hatte. Das Blatt enthielt das Geſtändniß eines gefangenen Wildſchüz⸗ zen. Derſelbe hatte auf dem Todtenbette bekannt, daß er aus Rache ſeinem Gutsherrn nach dem Le⸗ ben getrachtet. Der unglückliche Sohn war nach einem Zerwürfniſſe mit ſeinem Vater noch vor jener That entflohen. So mußte ihn natürlich der Verdacht zunächſt treffen. Er wurde ſteckbrief⸗ lich verfolgt und dies war der Grund, warum er jahrelang in fremden Welttheilen Herumgeittt. Da die Kugel ſeinen Vater aus einem Hinterhalt getrof⸗ fen, ſo hatte dieſer auch die allgemeine Meinung ——— ———— getheilt und deshalb den Sohn für immer enterbt. Jetzt erſt ſtand Eugen gerechtfertigt in den Augen der Welt, aber leider war es ihm nicht mehr ver⸗ gönnt, ſich mit ſeinem Vater auszuſöhnen. Er hatte die Verirrungen ſeiner Jugend ſchwer gebüßt. Die Buchſtaben des Zeitungsblattes ſchwankten vor den Augen des falſchen Chevaliers. Leſur, wie der Betrüger eigentlich hieß, vermochte ſich nicht länger aufrecht zu erhalten. Er war auf einen Stuhl zuſammengebrochen hingeſunken und bedeckte mit beiden Händen ſein Geſicht. Die frühere Frech⸗ heit hatte ihn jetzt ganz verlaſſen. Eugen fühlte eine Art von Mitleid mit dem entlarvten Abeuteurer. — Du ſtehſt,— ſagte er,— daß nichts mich länger zurückhalten kann, öffentlich gegen dich auf⸗ zutreten. Gieb mir meine Papiere zurück, die du⸗ mir in Paris geſtohlen haſt.— — Ich ſchwöre Ihnen zu, daß dieſelben bei dem Gerichte deponirt ſind,— flehte der Chevalier. — Und zu welchem Zwecke?— — Ich habe einen Prozeß gegen Ihren Kou⸗ ſin Oskar von Birkeneck auf Herausgabe der Güter angeſtellt.— 22² — Unverſchämter! du verdienſt, daß ich dich deinem Schickſale überlaſſe.— — Erbarmen! Mitleid!— ſtammelte der Betrüger. — Nur unter einer Bedingung: Wenn du ſofort die Reſidenz räumſt. Noch heute Abend ent⸗ fernſt du dich heimlich, nachdem du ſchriftlich dein Vergehen bekannt. Hier liegen Dinte und Feder. Du ſchreibſt, daß du fälſchlich dich für meinen Bevollmächtigten ausgegeben und die Papiere auf betrügeriſche Weiſe in deine Hände gelangt ſind.— Der Abenteurer gehorchte, wenn auch zögernd, und ſtellte den gewünſchten Revers mit zitternder Hand aus. — Und nun kannſt du gehen, doch zuvor wünſche ich noch zu erfahren, was du begonnen hätteſt, wenn du den Prozeß gegen meinen Ver⸗ wandten gewonnen.— — Ich hätte die Güter ſofort verkauft und mich mit dem Gelde nach Amerika begeben.— — Und deine Braut? Denn ich höre, du haſt dich mit einer Gräfin verlobt.— — Die hätte ich natürlich hier gelaſſen. Ich wollte nur auch einmal in meinem Leben die Rolle 223 eines vornehmen Kavaliers ſpielen und die feine M Welt kennen lernen, nachdem ich ſo vieles durch⸗ 3 gemacht. Sie wiſſen, daß ich Gargon, Kroupier, kurz, was Sie wollen ſchon geweſen bin, ſelbſt als Polizeiſpion habe ich mich einige Zeit verſucht und bei dieſer Gelegenheit manche ſchöne Entdeckung gemacht, die mir in meiner jetzigen Lage wohl zu Statten kam. Ha, ha! wenn ich daran denke, wie 8 ich den Fürſten gezwungen habe, meinen Adel an⸗ zuerkennen. Es war ein einziger Spaß.— — Genugl ich will nichts weiter hören,— rief Eugen ihm zu.— Du gehſt jetzt mit auf die Eiſenbahn. Ich geſtatte dir, das Nothwendigſte mitzunehmen und dann entfernſt du dich für immer aus Europa.— — Mit Vergnügen,— entgegnete der Aben⸗ teurer, welcher ſeine frühere Frechheit wiedererlangt hatte.— Ich bin ohnedies europamüde. In Ame⸗ rika gilt noch ein Mann wie ich.— Nach einer kurzen Weile entfernte ſich Eugen mit dem Betrüger, der für immer die alte Welt verließ, um jenſeit des Meeres einen neuen Schau⸗ platz für ſeine induſtriellen Unternehmungen auf⸗ zuſuchen. XIX. Die Flucht des Chevaliers, welche ſchon am nächſten Tage bekannt wurde, erregte kein geringes Aufſehen. Die Polizei hatte längſt Verdacht gegen den kühnen Abenteurer geſchöpft, doch bisher keinen Grund gefunden, gegen denſelben offtziell einzuſchrei⸗ ten. Jetzt aber ſah ſich dieſelbe veranlaßt, ſeine zurückgelaſſenen Effekten mit Beſchlag zu belegen. Dieſer Umſtand brachte eine nie geahnte Beſtürzung in der feinen Welt hervor. Das Gerücht, welches natürlich wie gewöhnlich übertrieb, erzählte von Schränken und Fächern mit Liebesbriefen und Lo⸗ cken angefüllt. Der Chevalier ſollte ein Tagebuch geführt und ein genaues Verzeichniß all' ſeiner Er⸗ oberungen zurückgelaſſen haben. Das Herz ſo mancher vornehmen Dame ſchlug vor Angſt, und manche Tugend fürchtete, daß der lang bewahrte Heiligenſchein von ihrem Haupte ſchwinden würde. Die Polizei zeigte jedoch bei dieſer Gelegenheit ihre bekannte Delikateſſe und Galanterie gegen das ſchöne Geſchlecht. Das Ta⸗ gebuch, wenn ein ſolches überhaupt vorhanden war, — — 225 kam nicht zum Vorſchein und kein bedeutender Name wurde kompromittirt. 83 Gräfin Julie war die einzige Dame aus den höheren Ständen, welche als ein Opfer des frechen Betrügers fiel. Ihre Mitſchweſtern, die ſich na⸗ türlich rein von aller Schuld fühlten, vermieden auffallend die Unglückliche, und tadelten, nachdem ſie nichts mehr zu fürchten hatten, das Benehmen Juliens, welche die gerechte Strafe ihrer Koketterie erlitt. Unter dieſen Verhältniſſen fand es die Ober⸗ hofmeiſterin gerathen, eine längere Reiſe mit ihrer Tochter anzutreten. Ein Bad ſollte ihre angegrif⸗ fene Geſundheit und ihren Ruf zu gleicher Zeit herſtellen. Vornehme Gönner, welche die Gräfin noch immer hatte, verwandten ſich für ſie beim Hofe, der ihr die nöthigen Summen zu einer ſol⸗ chen Reiſe gnädig bewilligte. Niemand aber war mehr über die Kataſtrophe des Chevaliers entſetzt, als der Wucherer Frank, welcher demſelben einen bedeutenden Vorſchuß ge⸗ leiſtet hatte. Sein Schmerz über das verlorene Geld, und ſeine Wuth wegen des verrathenen Ver⸗ trauens kannten keine Gränzen. In der letzten Zeit hatte ihn der Herr von Karſten neuerdings veran⸗ Ring, Stadtgeſchichten. IV. 15 226 laßt, dem Betrüger größere Summen als je vor⸗ her vorzuſtrecken. Seit Jahren ſtand er mit dem Baron in Geſchäftsverbindung. Der alte Epi⸗ kuräer brauchte für all' die Genüſſe, denen er nach⸗ jagte, viel Geld. Stets dem Ruine nah, fand er immer wieder mit bewunderungswürdiger Geſchick⸗ lichkeit neue Wege und Mittel, ſeinen zerrütteten Verhältniſſen aufzuhelfen. Er war ein höchſt erfin⸗ deriſcher Kopf und reich an den abenteuerlichſten Projekten und Spekulationen, für die er immer einen Theilnehmer zu finden wußte. Wer hätte auch der Ueberredungskraft des liebenswürdigen Ka⸗ valiers widerſtehen können? Jeder bürgerliche Ge⸗ ſchäftsmann mußte ſich geehrt fühlen, wenn ihm Herr von Karſten einen Vorſchlag that. Gewöhn⸗ lich gab er den Plan zu einem neuen, kühnen Un⸗ ternehmen her, und verlangte nur eine Lumperei von einigen Tauſend Thalern von ſeinem Kom⸗ pagnon. Für dieſen elenden Preis verſprach er jeden Theilnehmer in kurzer Friſt zu einem Millio⸗ när zu machen. Bald wollte er einen chemiſchen Dünger, bald eine verbeſſerte Gasbeleuchtung, oder eine konſervative Zeitung ins Leben rufen. Er ſteckte voll Projekte, und das Merkwürdigſte dabei war, daß er ſtets noch gläubige Seelen fand, welche auf dieſe phantaſtiſchen Nebelbilder mitunter bedeu⸗ tende Summen wagten. Seit einigen Jahren ſtand er an der Spitze der verſchiedenartigſten Aktienge⸗ ſellſchaften und Unternehmungen, welche gewöhnlich im erſten Jahre ihres Beſtehens eine anſehnliche Dioidende auszahlten und im nächſtfolgenden ihre Zahlungen einſtellten. Da der letztere fatale Um⸗ ſtand zu oft eingetreten war, ſo hatte der Baron allerdings nach und nach das Vertrauen der Ge⸗ ſchäftswelt eingebüßt. Doch wie ein alter Fuchs, der er war, hatte er ſtets mehrere Löcher, durch welche er entſchlüpfte. Er wandte ſich von den mißglückten Spekulationen wieder der Literatur zu und ſchrieb einige intereſſante Bücher über hö⸗ here Kochkunſt, Politik ꝛc. Seine Werke erregten in der feinen Welt ein ungewöhnliches Aufſehen, und ſo gelang es ihm damals, von der Regierung das Priyilegium zu einer konſervativen Zeitung zu erhalten. Natürlich überließ er die Redaktion der⸗ ſelben einem untergeordneten Schriftſteller, während er die ziemlich bedeutenden Einkünfte des Unterneh⸗ mens in der behaglichen Ruhe eines wahren Gaſtroſo⸗ phen verzehrte. Bald jedoch fand er die Würde eines 15* 228 Kavaliers mit der Stellung eines Zeitungsſchrei⸗ bers überhaupt unvereinbar und verkaufte das viel⸗ geleſene Blatt an Herrn Frank gegen eine anſehn⸗ liche Jahresrente, welche ihn in den Stand ſetzte, ſein angenehmes Leben in beſagter Weiſe fortzu⸗ ſetzen und ihn aller weiteren Sorgen überhob. Aus Dankbarkeit hatte er dagegen ſein Leben zu der Höhe von dreißig tauſend Thaler verſichert, welche Summe nach ſeinem Tode keinem andern als Herrn Frank ſelbſt zufallen ſollte. Vermittelſt dieſer Ver⸗ bindung mit dem Wucherer eröffnete ſich der Baron eine unverſiegbare Geldquelle. So oft er in Ver⸗ legenheit war, wandte er ſich an Frank. Zögerte dieſer mit ſeiner Hülfe, ſo drohte der Baron, ſich durch einen Piſtolenſchuß das Leben zu nehmen und ſomit ihm die zugeſicherten dreißig tauſend Thaler zu rauben, da bekanntlich bei ſtattgefundenem Selbſt⸗ morde die Police der Lebensverſicherung null und nichtig wird. Der Wucherer hatte alle Urſache, für das Leben des Barons zu zittern und mit zärtlicher Sorgfalt ſeine Geſundheit zu bewachen. Das Duell mit Oskar, das ihm nicht ver⸗ ſchwiegen bleiben konnte, hatte ihn mit Entſetzen — 229 erfüllt und er ſparte keine Vorwürfe, trotzdem ſein anderes„Ich“ glücklich aus dieſem Kampf hervor⸗ gegangen war. Herr von Karſten wußte jedoch ſeinen Freund mit gewohnter Ueberredungskunſt zu verſöhnen und gelobte, unter keinen Umſtänden mehr ſein Leben, oder vielmehr die dreißig tauſend Thaler einer ähnlichen Gefahr auszuſetzen. Leider waren durch die Zeitereigniſſe neue Ver⸗ hältniſſe herbeigeführt worden, welche den Bund dieſer ſchönen Seelen zu zerreißen drohten. Durch die inzwiſchen eingetretenen politiſchen Umwälzun⸗ gen hatten die Zeitungsprioilegien aufgehört. Die Zahl der öffentlichen Blaͤtter mehrte ſich mit jedem Tage, und dieſelben wuchſen ſchnell wie Pilze über Nacht. Unter dieſen Umſtänden nahm Herr Frank Anſtand, dem Baron die feſtgeſetzte Jahresrente länger auszuzahlen. Dieſen Entſchluß, welcher ſchon lange in der Seele des Wucherers ſchlum⸗ merte, hatten die Flucht des Chevaliers und die dadurch erlittenen Verluſte vollends zur Reife ge⸗ bracht. Herr Frank erklärte ſchriftlich dem Baron, daß er ferner kein Geld mehr von ihm zu erwarten habe. Vergebens blieben alle Proteſtationen und 230 Einwendungen von Seiten des Barons. Der Wu⸗ cherer beharrte feſt auf ſeinem Entſchluß. Herr von Karſten wurde durch dies Benehmen ſeines alten Freundes in keine geringe Verlegenheit ge⸗ ſetzt. Auch er wünſchte aus leicht erklärlichen Gründen die Reſidenz baldigſt zu verlaſſen. Seine intime Verbindung mit dem falſchen Chevalier hatte ihn nicht allein kompromittirt, ſondern, was viel ſchlimmer war, auch lächerlich gemacht. Nie⸗ mand aber war weniger dazu geſchaffen, den Fluch des Lächerlichen zu ertragen, als der Baron. Er ſchrieb Brief auf Brief an den Wucherer, doch dieſer ließ ſich nicht bewegen, er war unerſchütter⸗ lich. Herr von Karſten drohte von Neuem mit ſeinem Tode. Frank ſchüttelte ungläubig den Kopf, denn auch dieſes Mittel war verbraucht. Er traute dem Baron nicht den Muth zu einer ſolchen That zu. Dieſer hatte noch einmal den letzten Verſuch gemacht und erwartete eine Antwort auf ſein drin⸗ gendes Schreiben, das ungefähr folgendermaßen lautete: Ihr unerklärliches Benehmen zwingt mich zum Aeußerſten. Erhalte ich in einer Stunde nicht das Geld, ſo können Sie überzeugt ſein, daß ich nicht 231 länger zögern werde, meinen oft gehegten Entſchluß auszuführen. Mögen Sie die Folgen tragen. Als der Wucherer das Billet geleſen, lächelte er nur, wie er ſchon oft gethan. — Der Baron weiß zu gut, daß er keinen Schuß Pulver werth iſt. Er wird doch nicht ſo wahnſinnig ſein und ſich das Leben nehmen!— Mit dieſen Worten beruhigte ſich Herr Frank vollſtändig. Diesmal ſchien es jedoch dem Baron vollſtän⸗ dig Ernſt zu ſein. Er hatte ſich an ſein Schreib⸗ büreau geſetzt, um noch einige nothwendige Ver⸗ fügungen zu treffen. Vor ihm lag ein geladenes Piſtol. Von Zeit zu Zeit blickte er nach der Thür, als erwarte er, daß der Wucherer durch dieſelbe eintreten und ihm das verlangte Geld bringen würde. Frank jedoch erſchien nicht. Eine Viertel⸗ ſtunde nach der beſtimmten Zeit war bereits ver⸗ gangen und noch immer keine befriedigende Antwort eingetroffen. Der Baron hatte ſeine letzten Anordnungen getroffen und war von ſeinem Sitze aufgeſtanden. Mit unruhigen Schritten durchmaß er das Zimmer. Er konnte nicht unterlaſſen, einen Blick auf die 232 vor ihm ſtehende Uhr zu werfen. Der Zeiger be⸗ wegte ſich mit gewohnter Ruhe, einförmig klang der Pendelſchlag und dennoch ſchienen beide ſich mit beflügelter Geſchwindigkeit zu bewegen. Der Baron zog noch einmal die That, welche er vorhatte, in Erwägung. Er war mit ſeinem Witze zu Ende, alle ſeine Hülfsmittel dünkten ihm erſchöpft. Sein Körper war vollſtändig entnervt und ruinirt. Ein langes Siechthum, vor dem ihm ekelte, ſtand ihm bevor. Sein Arzt hatte ihn ſo ſchonend als möglich darauf vorbereitet. Noch beſſer als der Doktor kannte er ſelbſt den heim⸗ lichen Feind, der an ſeinem Leben zehrte. Das Daſein hatte keinen Werth mehr für ihn und den⸗ noch zagte er noch immer vor der dunklen Pforte, ar welche anzuklopfen er im Begriffe war. Zu⸗ weilen überlief ihn ein kalter Schauer, wenn er nach der Uhr, die ſich raſtlos fortbewegte, oder nach der blanken Waffe ſchaute, welche ihm mit geſpenſtiſcher Mündung die Schrecken der Vernich⸗ tung predigte. Die zäͤhe Energie, welche ihm eigen war, wehrte ſich aufbäumend gegen den Tod. Noch hoffte er. — 233 Aber die Stunden rannen, keine Macht hielt die flüchtige Zeit. Jetzt ſchlug es halb. Ein leiſes Zittern flog durch ſeine Glieder und wieder umrauſchten ihn die Todesgedanken mit ihren ſchwarzen Schwingen. Er hatte das Leben bis zur Hefe geleert, Alles genoſſen, Alles erſchöpft. Sein Geiſt fand keine Nahrung mehr, ſein Herz war verödet und aus⸗ gedörrt. Er fühlte nur noch Freude am ſinnlichen Genuß, und auch für dieſen reichten ſeine Organe nicht mehr hin. Die phyſiſche Kraft hatte ihn verlaſſen. Er war geiſtig ausgehöhlt und körper⸗ lich erſchlafft. — Wozu noch leben,— hatte er ſich oft gefragt,— wenn ich nicht mehr genießen kann?— Dreiviertel ſchlug die unerbittliche Uhr. Ein kalter Schweiß ſtand auf der Stirn des Barons. Die Töne der Glocke drangen ihm durch Mark und Bein und erſchütterten ſein zerrüttetes Nervenſyſtem. — Muth! Muth!— murmelte er und griff nach der Weinflaſche, welche auf dem Tiſche ſtand. 234 Er ſchenkte ſich ein Glas voll und leerte es mit einem Zug. Der Trank hatte ihn belebt und augenſchein⸗ lich geſtärkt. Wieder ſchaute er nach der Thür, aber Niemand ließ ſich erblicken. — So muß es denn geſchehen,— flüſterte er von Neuem.. Immer näher rückte der verhängnißvolle Au⸗ genblick, und mit jeder ſchwindenden Sekunde ſchwan⸗ den auch die letzten Hoffnungsſtrahlen. — Er kommt nicht,— murmelte er,— der niederträchtige Schurke glaubt, daß ich auch dies⸗ mal wieder ſcherze. Nun, mein Tod wird ihm keine angenehme Ueberraſchnng ſein. Wir ſind quitt, Herr Frank!— Von nun an beſchäftigte dieſer Gedanke aus⸗ ſchließlich den Baron. Er malte ſich mit cyniſcher Schadenfreude noch im letzten Augenblicke den Schreck und zugleich den Aerger des Wucherers aus, der durch ſeinen Selbſtmord ſo viel Geld verlor. Von Zeit zu Zeit brach der Baron in ein krampfhaftes Gelächter bei dieſem Gedanken aus. Dennoch horchte und lauſchte er auf jede Be⸗ wegung an der Thür. 23⁵ Die Stunde ſchlug langſam und feierlich, und jeder Glockenſchlag klang wie das Todesurtheil eines armen Sünders auf ſeinem letzten Gange. — Hol' ihn der Teufel und dieſe Welt dazu!— ſchrie der Baron, deſſen Zeit verfloſſen war. Ruhig trat er an ſein Schreibbüreau, wo die geladene Waffe lag. Ein Griff, ein leiſes Zucken mit der Hand und— Baron von Karſten hatte zu leben auf⸗ gehört. X. Nächſt der Entlarvung des Chevaliers war jetzt der Tod des Barons das allgemeine Tagesge⸗ ſpräch der Reſidenz. Man erſchöpfte ſich in Muth⸗ maßungen und Phraſen des Bedauerns. Die feine Welt vermißte ihn ungern in ihren Zirkeln, er war ein ſo liebenswürdiger Geſellſchafter ausgezeich⸗ neter Erzähler und Bonmotiſt geweſen. Nach ſeinem Tode ließ man ihm erſt volle Gerechtig⸗ keit widerfahren, und es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre er von der Geſellſchaft heilig geſpro⸗ 236 chen worden. Alle ſeine Schwächen und Fehler, ſeine Unzuverläſſigkeit, Charakterloſigkeit, der Man⸗ gel an Herz und Gemüth waren vergeſſen. Ein zahlreiches Leichengefolge erwies ihm die letzte Ehre, und der Fürſt erklärte öffentlich, daß mit dem Ba⸗ von ein Repräſentant der guten, alten Zeit begra⸗ ben worden ſei, ein Kavalier im vollen Sinne des Wortes. Niemand aber empfand einen aufrichti⸗ geren Schmerz, als Herr Frank. Er beweinte we⸗ niger den Baron, als ſein verlorenes Geld und die Police der Lebensverſicherung, welche ihm natürlich nicht ausgezahlt wurde. Dennoch ſchickte er auch ſeine Equipage hinter der Leiche her. Dies geſchah natürlich nur aus Rückſicht auf ſeine ariſtokratiſchen Verbindungen und weil ſeine Pferde und Wagen ſich neben den übrigen der feinen Welt doch wieder einmal ſehen laſſen konnten. Nach dem Leichenbegängniſſe des Barons reiſte der Fürſt in Begleitung der Herzogin auf die weit⸗ läufigen Beſitzungen derſelben. Man ſprach all⸗ gemein in der Reſidenz von einer geheimen Ver⸗ bindung des erlauchten Paares, obgleich beſſer Unterrichtete von einem rein platoniſchen Verhält⸗ niſſe wiſſen wollten.— ——— ₰——— ÿ— 4 —— Vor ſeiner Abreiſe hatte der Fürſt Oskar eine Viſite abgeſtattet. Er fand den Geneſenen in Ge⸗ ſellſchaft ſeiner Schweſter und eines jungen Mannes, der ihm als Eugen Freiherr von Wildenburgk und Kouſin Birkenecks vorgeſtellt wurde. — Mich freut es in der That,— ſagte der Fürſt,— daß ich Ihre Bekanntſchaft noch vor mei⸗ ner Abreiſe machen darf. Sie haben die Geſell⸗ ſchaft von einem Betrüger befreit, der keine gering⸗ Verwirrung angerichtet hat.— — Ah! Sie meinen Leſur,— erwiederte der Angeredete,— ich weiß wirklich nicht, ob ich über ihn lachen, oder mich über ihn ärgern ſoll⸗ Wir müſſen eingeſtehn, daß er ſeine Rolle mit gro⸗ ßer Virtuoſität geſpielt und ziemliche Erfolge ge⸗ habt hat. Ich hätte dem Schurken niemals dieſe Keckheit zugetraut. Er war doch einige Zeit der der Löwe des Tages.— — Sie haben Recht. Der Burſche hat uns Allen eine treffliche Lektion gegeben, die ich meiner⸗ ſeits zu benutzen gedenke. Ich verlaſſe auf längere Zeit die Reſidenz. Die Geſellſchaft ekelt mich an. Ich ſtrebe nach einem andern und höheren Wir⸗ kungskreiſe.— 238 fragte Oskar, der gedankenvoll die Rede des Fuür⸗ ſten angehört. — In der Politik,— entgegnete dieſer.— Un⸗ ſere Zeit iſt ernſt geworden, wir dürfen nicht mit eitlen Spielereien das Leben ausfüllen. Wir haben die Intereſſen des Staates und unſeres eigenen Standes zu vertreten. Ich denke, mich zum De⸗ putirten wählen zu laſſen und in den nächſten Kam⸗ mern meine politiſche Wirkſamkeit zu beginnen. Alle beſſeren Kräfte ſollten ſich anſtrengen, dem hereinbrechenden Unweſen der Revolution einen Damm zu ſetzen.— Oskar beneidete faſt den Fürſten um ſeine friſche Willenskraft, er war mehr Träumer und Enthuſiaſt als je geworden. Nachdem der Fürſt ſich entfernt hatte, ſchüt⸗ telte der lebenskluge und erfahrene Eugen ſeinen Kopf über das Lob, welches Oskar nach ſeiner Gewohnheit dem Abweſenden reichlich ſpendete. — Nicht die Liebe zum Vaterlande, nicht ein großer Gedanke treibt dieſen Mann und ſtachelt ihn auf. Daſſelbe Motiv, welches ihn Befriedigung in der Geſellſchaft ſuchen ließ, macht ihn jetzt zum — Und wo glauben Sie den zu finden?— 239 Politiker. Die Eitelkeit wird ihn verderben. Er wird ſich zum Deputirten wählen laſſen, vielleicht auf dieſem Wege eine politiſche Rolle ſpielen, Ge⸗ ſandter, ſelbſt Miniſter werden. Es iſt nicht un⸗ möglich, daß man in dieſen Zeiten der allgemeinen Rathloſigkeit ſelbſt ſolchen Händen das Steuer des ſchwankenden Staatsſchiffes anvertraut. Stets aber wird der Fürſt derſelbe bleiben, in allen Kagen die gleiche Eitelkeit entfalten.— — Doch was werden wir beginnen?— fragte Oskar ſeinen Anverwandten. — Wir wollen nicht wie der Fürſt aus einem Ertrem in das andere verfallen. Auch für uns bietet die Geſellſchaft keinen Reiz und keine Nahrung mehr, aber eben ſo wenig dürfte die Politik unſer letztes Ziel und unſere einzige Aufgabe ſein. In einer Zeit der allgemeinen Auflöſung und Zerſtö⸗ rung muß das Heil von der Familie wieder aus⸗ gehen. In ihrem heiligen Schooße allein ſind noch die Tugenden zu finden, die ſittliche Kraft, welche die Geſellſchaft und den Staat regeneriren wird. Schaut nach den Ländern, welche im gegenwärtigen Augenblicke der Zerſtörung Widerſtand leiſten, auf England und Amerika, die ich genau aus eigener 240 Anſchauung kenne. In beiden hat das Familien⸗ leben ſeine feſten Wurzeln geſchlagen. Auf dieſer geſunden Baſts entwickelt ſich ein kräftiges Staats⸗ leben. Auch die Geſellſchaft muß zu ihrem erſten Urſprung zurückkehren und aus der Sittlichkeit der Familie ſich neu geſtalten. Folge meinem Rath, lieber Oskar, ſuche dir ein gutes, tugendhaftes Weib, wie ich hier in deiner Schweſter gefunden. Ge⸗ meinſchaftlich wollen wir das Feld bauen, welches wir von unſeren Vätern ererbt, und in ländlicher Abgeſchiedenheit, fern vom Geräuſch der Welt, im Schooße der Natur werden wir von unſerer geſell⸗ ſchaftlichen Unnatur geſunden.— Während Eugen ſprach, hingen Adelens Blicke mit Wohlgefallen an den ſeinigen. Sie reichte ihm die Hand, als wollte ſie durch dieſes Zeichen der Liebe ihren Dank dafür ausſprechen, daß er ſo ganz nach ihrem Herzen geſprochen hatte. — Ich bin ſpät erſt zu dieſer Erkenntniß ge⸗ kommen,— fuhr Eugen mit bewegter Stimme fort.— Lange Jahre irrte ich in der Welt um⸗ her, mein Schickſal ſparte mir keine Prüfung, kei⸗ nen Schmerz, aber jetzt bin ich erlöſt. Du, Adele, haſt das Wunder bewirkt. Ein reines Weib, haſt 241 du mir den Weg zur Heimath, zum Himmel ge⸗ zeigt. Wir wollen niemals uns verlaſſen.— Er hatte das erröthende Mädchen an ſeine Bruſt gedrückt und ſeine Lippen beührten die ihri⸗ gen in einem innigen Verlobungskuß. Eugens Rath wurde auch befolgt. Oskar verließ mit ſeiner Schweſter die Reſidenz und be⸗ gab ſich auf das Land. Dort wurde mange Wo⸗ chen ſpäter ein kleines, aber fröhliches Hochzeitsfeſt gefeiert, bei welchem auch natürlich das würdige Förſterpaar nicht fehlen durfte. Mitten im Sturme der Zeit lebten die Glück⸗ lichen ruhig auf ihren Gütern, welche Oskar nach wie vor verwaltete. Eugen hatte mancherlei Ver⸗ beſſerungen aus fremden Ländern mitgebracht und widmete ſich mit Eifer der Landwirthſchaft, wäh⸗ rend Adele die ſtillen Tugenden einer Hausfrau übte und das Leben der Ihrigen mit zarter Weib⸗ lichkeit verſchönte. Ein Kreis gebildeter Nachbarn leiſtete ihnen von Zeit zu Zeit Geſellſchaft, ſo daß ſte gern auf die Vergnügungen der feinen Welt Verzicht leiſten konnten. Oskar hat trotz aller Ermahnungen und Bit⸗ ten der Schweſter und des Schwagers ſich noch Ring, Stadtgeſchichten. IV. 16 immer nicht entſchließen können, einem Mädchen ſeine Hand zu reichen, dennoch verzweifelt Adele nicht, die wie alle jungen Frauen von dem größten Eifer beſeelt iſt, neue Ehen zu ſtiften. Ein Be⸗ weis, daß ſie überaus glücklich mit Eugen lebt. Druch von F. Nietack in Berlin. 4 ſn mnnnnſſſſſſſſſiſiſſſſſſiſit 1 12 13 14 10 1