2— —— — — Spuosnnus ——— 2 —— —— 9 —--— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=„„— ⸗— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G ahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Ab Stadtgelchichten Von Max Ring. Dritter Band. An der Börke. ———— Leipzig, M. Simion's Verlag. 1852. An der Börke. Eine Stadtgeſchichte von Max Ring. —;—⸗—P—r— Leipzig, M. Simion's verlag. 1852. 22 8 „ 2 1— E 1 Dicht neben dem Dom der Reſidenz ſteht ein altes, graues Gebäude, gewiſſermaßen auch eine Kirche, wo der Gott der heutigen Zeit von ſeinen Prieſtern und Verehrern angebetet wird. Dieſer Tempel heißt die Börſe und ſeine Beſucher ſind die Spekulanten à la hausse und à la baisse. Wenn die Glocke auf dem benachbarten Thurm ein Uhr geſchlagen hat, beginnt der feierliche Gottes⸗ dienſt. Die meiſten Mitglieder dieſer Gemeinde gehören zu den Shakers, einer eigenthümlichen Religionsſekte, welche ſich durch heftige Geſtikula⸗ tionen und Körperbewegungen auszeichnet. Nie⸗ mand ſetzt ſich, ſondern, von einer innern Haſt und Unruhe ergriffen, iſt die ganze Verſammlung in einer fortwährend zitternden Bewegung, welche durch das Ab⸗ und Zugehn der angeſtellten Kir⸗ chendiener, hier Makler genannt, noch vermehrt wird. Dieſe eilen durch das dichteſte Gedränge mit einer bewunderungswürdigen Geſchicklichkeit und ſchlüpfen von Einem zum Andern, wobei ſie ge⸗ heimnißvolle Worte fluͤſtern. Man möchte glauben, daß ſie die Pſalmen angeben, die von der ganzen Gemeinde geſungen werden ſollen, aber dem iſt nicht ſo. Kein Mund thut ſich hier auf zu einem gottesfürchtigen und feierlichen Liede, nur ein dum⸗ pfes Murmeln macht ſich hörbar, welches an das Summen eines unruhigen Fliegenſchwarms im Hochſommer erinnert. Wenn man ſein Ohr ſehr anſtrengt, ſo vernimmt man wohl einzelne abge⸗ brochene Worte, welche für den Uneingeweihten ganz chaldäiſch klingen. Beſonders werden viel Zahlen ausgeſprochen, ſo daß man in Verſuchung kommt, die Anweſenden für Schüler und Nachfol⸗ ger des berühmten Pythagoras zu halten, der be⸗ kanntlich ſeine religiöſe und philoſophiſche Welt⸗ anſchauung auf Zahlen gründete. Intereſſant für den Beobachter dürfte das be⸗ wegte Mienenſpiel ſein, welches ſich in den Geſich⸗ tern der Mitglieder dieſer eigenthümlichen Sekte — kund giebt. Man erzählt von einem Maler, der mit einem Pinſelſtrich ein weinendes Kinderantlitz in ein lächelndes verwandelte. Daſſelbe Wunder geſchieht auch hie an jedem Tage hundertmal. Die Stimmung wechſelt ſo ſchnell wie Sonnen⸗ ſchein und veen im April. Fragt man aber nach der geheimnißvollen Urſache dieſer erſtaunli⸗ chen Wirkung, ſo läßt ſich dieſelbe nicht immer mit Veſtimmtheit angeben. Sie liegt in der Luft, in den beſondern ennichen und atmoſphäriſchen Einflüſſen, welchen die Börſe vor Allem unterwor⸗ fen iſt. Beſonders machen ſich die elektriſchen Strö⸗ mungen geltend, welche von den Telegraphen aus⸗ gehn und wieder zurückgehn. Schnell und furcht⸗ bar, wie der Blitz, zuckt es jetzt von einem Ende der Welt bis zum andern und die größten Häuſer zittern vor dem vernichtenden Strahl, der oft aus heitrem Himmel niede erfährt. Nur wenig Auser⸗ wählte ahnen das Gewitter ehe es zum Ausbruch kommt und bergen ſich und das Metall, welches bekanntlich den Blitz anzieht, noch zur rechten Zeit. Kein Barometer kann die Schwankungen der Wit⸗ terung ſo fein anzeigen, als dieſe Kundigen die leiſeſten Zeichen an ihrem Himmel beobachten. Doch ſelbſt der Klügſte wird oft überraſcht und mit all ſeiner Weisheit zu Schanden. Das launenhafte Glück ſpottet jeder Berechnung, und der Kröſus von geſtern ſchleicht heut als Bettler umher. Dieſer plötzliche Umſchlag des Geſchicks hat die Börſe tolerant und human gemacht. Der Un⸗ terſchied der Religion iſt ſchon längſt geſchwunden, Chriſt und Jude ſind ja Mitglieder derſelben freien Gemeinde und verehren einen Gott. Der Kredit erſetzt den Glauben, und wer Kredit hat, wird ſchon hinieden ſeelig. Aus demſelben Grunde ſtammt eine Humanität, welche wirklich rührend iſt. Nir⸗ gend als an der Börſe findet man wahreres In⸗ tereſſe und eine innigere Freundſchaft. Keine Mut⸗ ter kann ſich mehr um das Wohlergehn ihres ein⸗ zigen Kindes kümmern, als die Mitglieder dieſer Geſellſchaft um einander beſorgt ſind.„Was macht Herr Meyer? wie ſteht Herr Wolf? wie geht es Herrn Hirſch?“ hört man täglich und ſtündlich fragen. Ja, die Theilnahme geht ſo weit, daß das Mißgeſchick, welches den Einen der Genannten trifft, oft dem Andern heiße Thränen entpreßt. Die po⸗ litiſche Verfaſſung der Börſe iſt entſchieden ochlo⸗ kratiſch. Die Herrſchaft befindet ſich in den Hän⸗ 7 den Weniger. Die Beſten, das heißt die Reichſten, führen ein unbeſtrittenes Regiment, dem ſich alle Uebrigen fügen. Zwar giebt es da eine Art von konſtitutionellem König, der in Frankfurt a. M. thronen ſoll, ein Sproß aus dem Stamme Davids, von dem prophezeiht worden, daß er die Welt re⸗ gieren wird, aber neben ihm ſind noch viele klei⸗ nere und größere Fürſten und Pairs vorhanden, welche faſt in jeder bedeutenderen Stadt ihren Sitz aufgeſchlagen haben und ziemlich unabhängig herr⸗ ſchen. Ein ſolcher Börſenpair war ſo eben vor dem alten Gebäude angelangt. Zwei feurige Roſſe hat⸗ ten ihn hierher getragen. Ein reich gallonirter Bediente öffnete den Schlag der eleganten Equi⸗ page, aus der ein Mann in den beſten Jah⸗ ren niederſtieg. Seine Kleidung war überaus fein und gewählt, beſonders die Wäſche blendend weiß und zart. Sein Anzug und ſeine Manieren ließen zwar glauben, daß der Eigenthümer ein Engländer ſei, aber dem widerſprach das runde, volle Geſicht, welches durchaus den deutſchen Typus an ſich trug. Jede Bewegung, die Haltung des Körpers, ſelbſt die Sprache verrieth einen brittiſchen Anſtrich, doch 1 ſ merkte der aufmerkſame Beobachter bald, daß dieſer nur angenommen war und weder zu dem lebhaften Charakter, noch zu den eingewurzelten Gewohnhei⸗ 4 ten paſſen wollte. Herr Werth, ſo hieß der all⸗ f gemein gekannte und geachtete Bankier, hatte einige 1 Jahre in London auf dem Komptoir eines der größ⸗ ten Häuſer der City gearbeitet und daher rührte ſeine Vorliebe für Altenglands Sitten und Ge⸗ bräuche. Der kalte, ſtolze Ton, den er ebenfalls 15 von London mitgebracht, hatte ihm ſchon manchen 1 3 Feind erweckt, und ſeine Gegner und Neider ſpot⸗ teten im Geheimen über ſeine Anglomanie. Oef⸗ fentlich freilich beugten ſie ſich bis zur Erde vor dem reichen Mann, dem ſein Vater, wie man ſagte, ein Vermögen von faſt einer halben Million hin⸗ terlaſſen hatte. So geſchah es auch in dieſem Augenblick. Kaum hatte Herr Werth ſeinen Wagen verlaſſen und den Vorhof der Börſe überſchritten, als er ſich von einem Schwarm von ſogenannten Freunden und Bekannten umringt ſah. Jeder beeilte ſich, ihm die Hand zu ſchütteln und ſich angelegentlich nach ſeinem Wohlſein zu erkundigen. Seine Antwort lautete meiſt kurz und ſtolz. Dann wandte er ſich ——y— —.— 4 9 an einige Makler, welche ſich an ihn drängten und ihm ihre Dienſte voll Ergebenheit antrugen. Auf ſeinen Wink flogen die Geſchäftigen bald hier bald dort und brachten die von ihm gewünſchten Papiere herbei. Die Stimmung an der Börſe war heut eine überaus günſtige, kein Wölkchen trübte den poli⸗ tiſchen Horizont und Herr Werth, welcher à la hausse ſpekulirte machte ſo bedeutende Einkäufe, daß man allgemein davon ſprach. Sein Beiſpiel fand ſo viele Nachahmer, daß die Kourſe überraſchend in die Höhe gingen. Durch ſeine Ankunft hatten die Effekten einen neuen Aufſchwung erhalten. Er gab im eigentlichſten Sinne den Ausſchlag und das freute ihn, denn Herr Werth war ſtolz und ſah ſich gern als den König der hieſtgen Börſe an. Seine Neider, und deren hat am Ende Jeder⸗ mann, behaupteten zwar, daß er dieſe hohe Stellung nur auf Koſten ſeiner Solidität behauptete, daß ſeine Geſchäfte bei Weitem die ihm zu Gebote ſte⸗ henden Fonds überſtiegen, daß ſein Vater, der in dem Rufe eines reichen Mannes ſtand, keineswegs eine halbe Million, wie man allgemein glaubte, hinterlaſſen, ſondern höchſtens hundert und fünfzig 10 4 Tauſend Thaler, welche die Erben noch überdies unter ſich getheilt, aber all dieſe böswilligen Reden 1 vermochten nicht, den Kredit des Hauſes Werth und Kompagnie zu erſchüttern. Dieſer ſtand feſt und gegründet da. Die großen Summen, welche der Bankier in Umlauf ſetzte, die Pünktlichkeit, mit welcher er bisher ſeinen Verpflichtungen nachgekom⸗ men war, der Ruf, den die Firma bei Lebzeiten C.1 2 A. T. ,rn 3* ſeines Vater genoſſen und die glücklichen Spekula⸗ tionen, welche der neue Inhaber bisher unternom⸗ 6 mmen, widerſprachen offen dieſen gehäſſigen Verläum⸗ dungen, welche abſichtlich von den ſogenannten Firern ausgeſtreut wurden, um ihren gefürchtetſten Gegner zu beſeitigen. Herr Werth konnte über all dieſe vergeblichen Anſtrengungen ſeiner Feinde lachen, und das that er auch. Mit ſtolzem Selbſtbewußtſein und im Gefühle ſeiner Wichtigkeit verließ er den Schau⸗ platz, auf dem er heut wiederum einen entſchiedenen Triumph gefeiert hatte. Ein Gefolge von Maklern und Geſchäftsfreunden begleitete ihn bis zu ſeinem 1 Wagenſchlag. Jeder beeilte ſich, noch einen Hän⸗ dedruck, einen Blick oder ein freundliches Wort 1 von dem Allgewaltigen zu erhaſchen. Selbſt ſeine — —xII ⁸ Gegner ſchloſſen ſich ſeinem Siegeszuge an und verbargen ihren Mißmuth ſo gut es eben anging unter einem erheuchelten Lächeln, oder einer tiefen Verbeugung.. Kein Wunder, daß Herr Werth ſtolzer als je die Börſe heut verließ. Seine Haltung war noch ſteifer als ſonſt, ſein Gang feſter und ſicherer, ſein Auge ſtrahlender. Selbſt ein muthwilliges Lächeln ſpielte um ſeine vollen Lippen, aber nur während eines flüchtigen Augenblicks. Irgend ein unangenehmer Anblick mußte ihn in ſeiner heiteren Stimmung geſtört haben. Das war auch in der That der Fall. Denn beim Herausgehn aus der Börſe begegnete ſeinem Auge eine ihm überaus widerwärtige Erſcheinung. Warum mußte der ver⸗ rückte Buchhalter juſt wieder vor dem Portale hocken, als wartete er abſichtlich auf die Ankunft des glücklichen Bankiers? Da lehnte der Wahn⸗ ſinnige an dem ſteinernen Pfeiler, mit den einge⸗ ſunkenen nnheimlichen Augen, dem irren Lächeln, das um die ſchmalen, blaſſen Lippen ſpielte. Sein Rock war ganz fadenſcheinig, ſein Hut ein abge⸗ riebener Filz, aber beide trug er noch immer mit dem Anſtande eines ächten Gentelmans. Auch der 12 Verrückte hatte in London gelebt und auf dem⸗ ſelben Komtoir mit Herrn Werth gearbeitet, auch er theilte die Vorliebe des reichen Banquiers für engliſche Manieren und Gebräuche wie ſein frü⸗ herer Genoſſe. Was aber bei dieſem als elegante Bizarrerie erſchien, war bei dem Armen bereits zur widerwärtigen Karrikatur geworden. Tief im Nacken ſchwebte der zerdrückte und geſchundene Hut, ſo daß der kahle Scheitel mit dem ſpärlichen Haar dem Regen und dem Winde preis gegeben war; um den dürren Leib ſchlotterte der weite abgetra⸗ gene Rock, den ſein Beſitzer vor Jahren ſtattlich ausgefüllt haben mochte. Zwei Finger der ma⸗ geren Hände ſteckten in der zerriſſenen Weſte, ein ſchwarzſeidenes, loſe geknüpftes Halstuch ſchlang ſich um den ſchmutzigen Hemdekragen und die un⸗ befeſtigten Zipfel deſſelben flatterten im Winde. So trat dies verzerrte Spiegelbild dem Bankier entgegen und Herr Werth ſchauderte unwillkürlich zuſammen. Er hatte ihn gekannt, als der Wahn⸗ ſinnige noch erſter Buchhalter in dem Hauſe Rowland and brothers geweſen war. Einſt waren ſie befreundet. Jahre ſind ſeitdem vergangen. Eines Tages kehrte der Unglückliche nach ſeiner Vaterſtadt zurück. Man wußte nicht, durch welche Urſachen der Geiſt des hoffnungsvollen jungen Mannes zerrüttet worden war. Anfänglich zeigte er nur eine tiefe Melancholie, welche ihn alle Menſchen fliehen ließ, erſt ſpäter entwickelte ſich bei ihm der Wahnſinn. Er wurde von ſeinen nicht allzuwohlhabenden Anverwandten einer Irren⸗ anſtalt übergeben, aus welcher er nach einem Jahre als unheilbar entlaſſen ward. Da ſeine Krankheit unſchädlich war, ſo ließ man ihn ungehindert und frei umhergehn. Er beleidigte Niemand, meiſt ſprach er nur mit ſich ſelbſt, zuweilen jedoch redete er auch völlig Unbekannte auf der Straße an und rühmte ſich, im Beſitze eines unfehlbaren Mittels zu ſein, welches die ganze Welt beglücken könnte. Beſonders gern verweilte er in der Nähe der Börſe, die alte Gewohnheit und Geſchäftsluſt führte ihn immer von Neuem zu dem Schauplatz ſeiner ein⸗ ſtigen Thätigkeit. Die Polizei hatte ihn ſchon oft von dort entfernt, doch ſtets kehrte er wieder und hockte wie ein trauriges Wahrzeichen an einem der ſteinernen Pfeiler, welche das Gebäude rings um⸗ gaben. Da er Niemand ſtörte oder beleidigte, ſo ließ man ihn zuletzt gewähren. Bald war er zur 14 beſtimmten Stunde ein täglicher Gaſt, den kein Menſch weiter beachtete. Im Regen und Sonnen⸗ ſchein, bei Sturm und Ungewitter harrte er ruhig und anſcheinend theilnahmlos auf ſeinem Platze aus. Nur zuweilen blitzte ſein erloſchenes Auge, als wäre das Licht der Vernunft in dem zerſtörten Geiſt auf einen flüchtigen Augenblick zurückgekehrt. Niemand kümmerte ſich weiter um den Un⸗ glücklichen und die Menge ging theilnahmlos an ihm vorüber, als wäre er auch nichts mehr, als der lebloſe Stein, an dem er kauerte. Nur ein Mann empfand ſo oft er den Wahnſinnigen er⸗ blickte einen Schauder, den er vergebens zu be⸗ kämpfen ſuchte. So oft Herr Werth dem Ver⸗ rückten begegnete, zuckte er zuſammen als wäre er auf eine Schlange getreten. Dieſer ſchien aber von der Anweſenheit des Banquiers eben ſo wenig Notiz zu nehmen, als von allen Uebrigen, trotzdem er mit demſelben lange Jahre auf einem und dem⸗ ſelben Komtoir gelebt hatte. Nur heute erhob er ſich ein wenig von ſeinem Sitz als der reiche Handelsherr im Gefühle ſeines Triumphes ſtolz und ſicher an ihm vorüberſtrich. Das Auge des Wahnſinnigen haftete einen Mo⸗ ——.—— 4 N 15 ment mit einem unſäglichen Ausdruck von Mitleid und doch auch Verachtung auf dem freudeſtrah⸗ lenden Geſicht des Bankiers. Langſam ſtreckte der Unglückliche ſeine rechte Hand empor und machte eine halb drohende, halb warnende Bewe⸗ gung gegen ſeinen ehemaligen Bekannten. Mit tonloſer Stimme flüſterte er nur:— Du! Du!— Hierauf ſchlich er wie ein Schatten, wie ein Nebelbild vorüber. Von Herrn Werths Lippen aber war das fröhliche Lächeln ſogleich geſchwunden, nächdenklich ſtieg er in ſeinen Wagen und warf ſich faſt mißgeſtimmt in die ſchwellenden Polſter deſſelben, augenſcheinlich mit trüben Bildern und unangenehmen Gedanken beſchäftigt. II. Die eigentliche Börſenzeit war indeß verſtrichen, nur einzelne Nachzügler ſtanden noch unter den Bäumen, mit welchen der Platz vor dem Gebäude bepflanzt war. Hier und da hatte ſich eine kleine Gruppe gebildet, welche die Ereigniſſe des heutigen ₰△ 16 Tages angelegentlich beſprach. Die meiſten Anwe⸗ ſenden waren um einen kleinen Mann gedrängt, deſſen gebogene Naſe, ſchlaue blinzelnde Augen und lebhaften Geſtikulationen hinlänglich den orien⸗ taliſchen Urſprung bekundeten. Wie Wetterleuchten flog es von Zeit zu Zeit über das verwitterte Geſicht. Der Mann war hier eine ſtehende Figur, Makler und Bonmotiſt in einer Perſon, deſſen ſchneidender Witz von Mund zu Munde ging. Jedermann kannte den alten Lazarus. Seit Men⸗ ſchengedenken behauptete er ſeinen Platz an der Börſe, wo er ſtets ſicher war ein Geſchäftchen zu machen und einen Witz an den Mann zu bringen. Der Gegenſtand des Geſpräches war kein anderer als Herr Werth, der durch ſeine bedeutenden Aufträge den heutigen Kours in die Höhe ge⸗ trieben hatte. — Nun was ſagen Sie, lieber Lazarus?— fragte mit weinerlicher Stimme ein Glaubensgenoſſe des Maklers, welcher als Firer durch die⸗Einkäufe des Banquiers eine ziemliche Summe verloren hatte. — Glauben Sie, daß der Werth es lange ſo treiben wird?— 17 — Ich bin lieber ein Gläubiger, als ein Schuldner,— erwiederte der Bonmotiſt mit einem ſchlauen Lächeln der Frage ausweichend. — Gott! Aus Ihnen kann kein Menſch klug werden und doch haben Sie's hinter den Ohren ſitzen.— — Und Sie vor den Ohren.— In der That hatte der Firer erſt vor Kurzem nicht allein eine ſymboliſche, ſondern auch thatſäch⸗ liche Ohrfeige von der Hand eines Mannes er⸗ halten, gegen den er ſeinen Verpflichtungen nicht nachgekommen war. Ein ſchallendes Gelächter der Anweſenden gab dem Makler zu erkennen, daß ſein Witz vollkommen verſtanden wurde und beſchämt ſchlich ſich der zudringliche Frager fort. Seine Stelle wurde indeß ſogleich von einem Zweiten eingenommen, der dem Alten durch Schmeichelei beizukommen und wie man zu ſagen pflegt die Würmer aus der Naſe zu ziehn glaubte. — Herr Lazarus, Sie ſind ein kluger Mann, — ſagte der neu Hinzugetretene, welcher ein be⸗ kannter Geizhalz war, der nur von ſeinem Bruder Ring, Stadtgeſchichten. III. 2 18 an Knickerei und ſchmutziger Geſinnung noch über⸗ troffen wurde. — Sie ſind zu gütig. Die Welt hat doch Recht, wenn ſie ſagt, daß es keine braveren Leute giebt, als die Gebrüder Roſenberg ſind.— Während der alte Makler dieſe ſchmeichelhafte Worte ſprach, zuckte ein eigenthümliches Lächeln um den feinen Mund, ſo daß die Anweſenden mit Recht auf eine neue Pointe rechneten. Der Bogen war bereits geſpannt, welchem der treffende Pfeil entfliegen ſollte. Nur der Geizhals merkte nicht die Ironie, mit welcher der Makler ſeine Antwort gab. Durch den treuherzigen Ton deſſelben zu⸗ traulich gemacht, ſagte er,— mich freut's, Herr Lazarus, daß Sie grade eine ſolch' gute Meinung von uns haben, wir werden leider nur zu oft verkannt.— Die Augen des Bonmotiſten funkelten bei dieſen Worten. — Oft iſt es beſſer verkannt als gekannt zu werden,— entgegnete er ſchnell,— dennoch be⸗ haupte ich, daß Sie und Ihr Bruder die beſten Menſchen ſind. Sein Wort iſt wie Gold, wenn er Einem etwas verſprochen, hält er es und wenn es ihm auch hunderttauſend Thaler koſten ſollte. Schade nur, daß er nie Etwas verſpricht. Sie dagegen ſind ein gar guter Menſch, Sie verſprechen Einem das Letzte, was Sie haben. Es iſt nur ein Unglück dabei, daß Sie ſo ein ſchwaches Ge⸗ dächtniß beſitzen und heute vergeſſen, was Sie geſtern geredet. Darum hab' ich immer geſagt, daß es keine beſſeren Leute giebt, als die Gebrüder Roſen⸗ berg ſind.— Obgleich Herr Roſenberg an der Börſe einen höheren Rang als in der Geſellſchaft einnahm, wo er wegen ſeines gemeinen Geizes und ſeiner plumpen Manieren verrufen war, ſo ließen ſich doch die Anweſenden nicht abhalten, auch dies⸗ mal dem alten Lazarus durch ihr Lächeln beizu⸗ ſtimmen. Freilich geſchah das mit weit mehr Schonung und Zurückhaltung, als bei dem erſten Schlachtopfer, da ſie insgeſammt den reichen Wu⸗ cherer, der ſich rächen konnte, noch mehr fürchteten als haßten. Die beiden Brüder genoſſen ſogar in ihrer Art eine gewiſſe Achtung, die man in der Welt ſelten den kühnen Spekulanten zu verſagen pflegt, deren Unternehmungen von Erfolg gekrönt werden. Nur im Geheimen nannte man die Ge⸗ 2* 20 brüder Roſenberg bei ihren rechten Namen: Kehl⸗ abſchneider und Blutſauger. Oeffentlich galten ſte für Ehrenmänner, da ſie ihren kaufmänniſchen Ver⸗ pflichtungen ſtets mit der größten Pünktlichkeit bis jetzt nachgekommen waren und ein Vermögen von mehr als einer Million bereits erworben hatten. Darum war auch das Lachen der Anweſenden bei den Worten des Maklers nicht ſo ſchallend und laut, wie gewöhnlich. Hier und da biß ſich ſogar Einer oder der Andere auf die Lippen und ſchnitt Geſtcher, um ganz ernſthaft zu erſcheinen. Alle blickten aber mit geſpannter Erwartung auf den Wucherer, um die Wirkung zu beobachten, welche die kühne Rede des Maklers auf ihn gemacht. Herr Roſenberg war ein kurzer, unterſetzter Mann, mit vierſchrötigen Gliedern und groben, gemeinen Geſichtszügen, die trotz ihrer Plumpheit einen hohen Grad von Schlauheit verriethen. Der große Kopf ſteckte ganz zwiſchen den breiten Schul⸗ tern, wodurch er ein apoplektiſches Anſehn erhielt. Da der Wucherer ſich von allen Seiten bemerkt ſah, ſo erwählte er den klügſten Theil und brach ſelbſt in ein ſo lautes Gelächter aus, daß er zu erſticken drohte. 21 — Einzig, prächtig,— ſprudelte er mit krampfhafter Luſtigkeit,— Lazarus, Sie ſind der witzigſte Menſch auf dieſer Welt. Gott! wie beneid' ich Sie um den Humor. Wenn ich das meinem Bruder erzähle, wird er ſich vor Lachen aus⸗ ſchütten.— — Nan ſchüttet kein unreines Waſſer aus, wenn man nicht reines hat,— entgegnete mit ſchneller Geiſtesgegenwart der Bonmotiſt, der ein⸗ mal keinen Witz zu unterdrücken vermochte. Neues Gelächter, neue krampfhafte Anſtren⸗ gungen des Apoplektikers, der in der That ſeinem Ende nahe ſchien. — Warum kann ich Ihnen nicht noch eine Stunde ſo zuhören!— ſtöhnte der Wucherer,— aber die Zeit, die Zeit und die Geſchäfte. Lieber Lazarus, beſuchen Sie mich doch, in meinem Komptoir plaudert ſich's doch beſſer, als hier. Mit dieſen Worten verließ Herr Roſenberg höflich grüßend die Geſellſchaft und watſchelte wie eine fette Ente, langſam und bedächtig nach ſeiner Wohnung, wo indeß ſein Bruder Bernhard die laufenden Geſchäfte verſah. Auch der alte Lazarus entfernte ſich, und die Anweſenden verließen Einer nach dem Andern den verödeten Börſenplatz, wo ſie weder Geſchäfte noch Unterhaltung länger zu finden hofften. Nur der Wahnſinnige kauerte noch immer auf dem harten Stein, bis auch er ſich endlich⸗ erhob und in ſeine dunkle Kammer ſchlich. Der alte Lazarus ſchritt trotz ſeiner Jahre, wacker darauf zu. Faſt Jedermann kannte und grüßte das Original. Um nicht immer wieder zu grüßen, hatte er die Gewohnheit angenommen, im Sommer wie im Winter ſtets ſeinen breitkrämpigen Hut, den er zärtlich ſchonte, in der Hand zu halten und nur mit dem grauen Kopf freundlich zu nicken. Erſt als er die Treppe zu ſeiner Wohnung hinauf⸗ ſtieg, vergönnte er ſich von Zeit zu Zeit auszu⸗ ruhn, denn das Steigen fing ihm nach gerade an, beſchwerlich zu fallen. Er wohnte auch viel zu hoch für ſeine alten Beine. Im dritten Stockwerk hatte er eine Stube und ein Schlafkabinett von Madam Märtens, einer würdigen Kaufmanswittwe gemiethet, welche ſich ſeit dem Tode ihres Mannes kümmerlich von ihrer Händearbeit ernährte. Trotz der mannigfachen Uebelſtände, welche mit ſeiner kleinen Wohnung verbunden waren, hätte Herr 23 Lazarus dieſelbe doch gegen keinen Pallaſt der Welt vertauſcht, denn Frau Märtens ließ es ihm an keiner Bequemlichkeit des Lebens fehlen und ſorgte für ihn, als ob er ihr nächſter Anverwandter wäre. Boshafte Zungen neckten deshalb den alten Lazarus und frugen ihn nicht ſelten, ob er nicht bald die ehrſame Wittwe heirathen und ſein Junggeſellenleben aufgeben würde, aber in dieſem einen Punkte verſtand der Makler keinen Spaß und blickte den Frager ſo eigenthümlich mit ſeinen ſcharfen blauen Augen an, daß Niemand ihn zum zweiten Male darum beläſtigte. So viel aber ſtand feſt, daß Herr Lazarus ſeine Wirthin überaus hochſchätzte und verehrte. So weit ſeine nicht all zu bedeutenden Mittel reich⸗ ten, unterſtützte er auch die brave Frau, und nur durch ſeine Vermittelung hatte ihr einziger Sohn eine Stelle auf dem Komptoir des Herrn Werth erhalten, einen Poſten, zu dem ſich die Söhne der reichſten Kaufleute drängten und für den mancher Vater noch Geld zugezahlt hätte. Adolph Märtens verdiente aber auch wirklich den Vorzug vor allen ſeinen Mitbe⸗ werbern, denn es gab wohl kaum in der Reſidenz einen geſitteteren und fleißigeren jungen Mann, als éD— —— der Sohn der Wittwe war. Trotzdem er kaum ſein achtzehntes Jahr erreicht hatte, zeigte er eine faſt männliche Reife und Beſonnenheit. Den ganzen Tag arbeitete er unverdroſſen auf dem Komptoir, nur den Abend brachte er in Geſellſchaft ſeiner Mutter und des alten Lazarus zu. Die halbe Nacht aber verwendete er noch dazu, ſich in allerlei kauf⸗ männiſchen Wiſſenſchaften und fremden Sprachen zu vervollkommnen. Wie ſehr Madame Märtens ihren wohlgera⸗ henen Sohn, der die einzige Stütze ihres Alters war, liebte, kann nur ein Mutterherz begreifen. Auch der Makler war dem jungen Manne überaus gewogen, und es regte ſich in der Seele des alten Junggeſellen oft ein Gefühl, als wenn er ſelbſt ein Kind beſäße und alle Sorgen und Freuden eines Vaters übernommen hätte. Anverwandte be⸗ ſaß er nicht mehr, ſie waren alle todt, auch ſeine Jugendfreunde waren fortgegangen, ohne ihn mit⸗ zunehmen. In ſeinem Herzen ſah es wie auf einem Kirchhof aus. Wohin er ſchaute, erblickte er nur Leichenſteine. Darum that es ihm wohl, daß in der Oede ſeines Lebens ein junges Reis aufge⸗ ſchoſſen war, das er beobachten und pflegen konnte — wie der Gärtner ſeine Blumen. Denn etwas muß der Menſch beſitzen, woran er ſein Herz hängt und ſeine Freude hat, wäre es auch nur ein Hund, ein Vogel oder ein Roſenſtock. Freilich für den Men⸗ ſchen ſollte wieder der Menſch immer das Nächſte und Beſte ſein, aber es giebt ſolche Unglückliche genug, denen aus dem Schiffbruch des Lebens nichts übrig geblieben iſt, als ein Hund eine Katze ein Papagei. Arme, arme Menſchen! Da war freilich der alte Lazarus weit reicher, denn er beſaß noch ein friſches Herz, das trotz ſo mancher traurigen Erfahrungen warm für das Wohl eines Menſchen ſchlug und dieſer war ein Jüng⸗ ling, faſt noch ein Kind, mit braunen Haaren, ro⸗ then Wangen und treuherzigen Augen, unverdor⸗ ben rein und gut. War es doch dem Greis, wenn er lange Zeit mit ſeinem Liebling verkehrte und ſeine Pläne und Wünſche für die Zukunft mit anhörte, als wäre er ſelbſt noch einmal jung ge⸗ worden. Ueberbot er nicht an ausſchweifenden Hoffnungen und Träumen die jugendliche Phanta⸗ ſie ſeines achtzehniährigen Freundes, ſah er ihn nicht bereits im Geiſte als erſten Kommis mit 26 einem anſehnlichen Gehalt, als Buchhalter mit un⸗ beſchränkter Prokura, ja als Chef eines Hauſes, deſſen Ruf und Solidität mit den beſten Firmen konkurrirt? Solche Träume kehrten faſt an jedem Abende wieder, wenn Adolph in das Stübchen ſei⸗ ner Mutter trat, wo der alte Lazarus beim trau⸗ lichen Lampenſchimmer auf die Erſcheinung ſeines Lieblings harrte, die ihm bereits zum täglichen Bedürfniſſe geworden war. Da ſaßen nun die drei Verbundenen um den runden Tiſch und freuten ſich im traulichen Vereine. Die gute Mutter und der brave Makler ſchauten dabei auf den trefflichen Sohn, der die kleinen Er⸗ lebniſſe des Tages ihnen mittheilte, als wollten ſie ihm jedes Wort von den Lippen wegſtehlen. Wa⸗ ren ſeine Erzählungen beendet, ſo gab ihm Herr Lazarus Unterricht im Rechnen, und das mußte man ſagen, einen beſſern Lehrmeiſter konnte Adolph nicht finden, hätte er auch für die Stunde einen ganzen Thaler bezahlt. Darum war er aber auch der firmſte Rechner auf dem Komptoir des Herrn Werth und genoß im hohen Grade die Achtung des alten Buchhalters, der einem perfekten Zahlen⸗ * 27 künſtler vor allen Gelehrten der Welt den Vor⸗ zug gab. So lebten die drei Freunde im eigentlichſten Sinne des Wortes ein Stillleben mitten in der ge⸗ räuſchvollen Reſidenz. Das kleine Stübchen, wel⸗ ches ſie an jedem Abende verſammelt ſah, war wie eine ruhige Inſel, an der ſich die ſchäumenden Wellen des großſtädtiſchen Lebens brachen. III. Während Herr Lazarus ſein ſtilles Stübchen aufſuchte und ſich, ermüdet vom Stehen an der Börſe, auf den ärmlichen Divan niederwarf, rollte der Wagen des reichen Bankiers durch die Stra⸗ ßen der Reſidenz. Auch Herr Werth, der nach⸗ läſſig auf den ſeidenen Polſtern ruhte, wurde von allen Seiten gegrüßt, aber eigentlich galt der Gruß weniger ſeiner Perſon als dem Gelde, das er beſaß, und dem Anſehn, das er in der Handelswelt be⸗ hauptete. Da gab es Leute, welche mit ihm in Geſchäftsverbindung ſtanden, Kaufleute, welche den reichen Bedarf ſeines Hauſes lieferten, Handwerker, 28 die für ihn arbeiteten, ſelbſt hochgeſtellte Beamte und Künſtler, welche er oft zu Tiſche zog und die es ſich an ſeiner ausgezeichneten Tafel] ſchmecken ließen, die Alle zogen tief den Hut vor ihm, und Herr Werth dankte ihnen wieder mit höflicher Her⸗ ablaſſung im Gefühle ſeiner perſönlichen Wich⸗ tigkeit. Die vielen Beweiſe der öffentlichen Aufmerk⸗ ſamkeit, die ihm gezollt wurden, hatten ihn zer⸗ ſtreut und⸗die unangenehmen Gedanken, welche die Begegnung mit dem Wahnſinnigen in ihm hervor⸗ gerufen, in den Hintergrund gedrängt. Seine Stim⸗ mung war faſt eine fröhliche zu nennen, als die Equipage vor einem großen ſtattlichen Hauſe hielt, wo er einem Freunde einen Beſuch abzuſtatten ge⸗ dachte. Er hatte ſogar ſeine angenommene Gra⸗ vität ſo weit vergeſſen, daß er eine bekannte Opern⸗ arie leiſe vor ſich hinträllerte, als er die breite Treppe hinaufſtieg, welche nach dem Zimmer des Barons von Portheim führte. Er überraſchte den bekannten Dandy noch bei ſeiner Morgentoilette, als dieſer eben im Begriffe ſtand, ſeinen herrlichen Schnurbart mit einer neuen ſchwarzen Patentwichſe dunkel zu färben, damit * 29 die einzelnen grauen Härchen, welche bereits zum Aerger des Beſitzers ſichtbar wurden, wenigſtens der Welt verborgen blieben. Das Haupthaar des Barons bedurfte ſolcher Sorfalt nicht, da es be⸗ reits ausgegangen und durch eine treffliche braune Perrücke erſetzt worden war. Portheim führte in der That eine beneidens⸗ werthe Exiſtenz. Er war ein liebenswürdiger Jung⸗ geſelle in den beſten Jahren, der von einer alten Tante, welche erſt vor Kurzem geſtorben war, ein ziemlich anſehnliches Vermögen ererbt hatte. Die⸗ ſer Glücksfall ſetzte ihn in den Stand, die dürftige Stellung eines armen Lieutnants mit der angeneh⸗ mern eines wohlhabenden Partikuliers zu vertau⸗ ſchen und einzig und allein ſeinem Vergnügen zu leben. Da eine ſolche Lebensweiſe in der Reſidenz ziemlich koſtſpielig werden kann, ſo ſuchte der kluge Lieutenant den Zinsfuß ſeines Vermögens ſo hoch als möglich zu ſteigern und war zu dieſem Zwecke Börſenſpekulant geworden. Den Ein⸗ und Ver⸗ kauf ſeiner Staatspapiere und Aktien beſorgte ihm kein anderer als Herr Werth, der ein unbedingtes Vertrauen in der Handelswelt beſaß. Die einfache Geſchäftsverbindung hatte allmählig eine intime Freundſchaft hervorgerufen, die durch manche Um⸗ ſtände und Verhältniſſe täglich zunehmen mußte. Auf der einen Seite war es dem Baron angenehm, einen zuverläſſigen Mann gefunden zu haben, dem er ſein Vermögen anvertrauen konnte. Die Spe⸗ kulationen, zu denen ihm ſein Freund rieth, waren meiſt von einem glücklichen Erfolg gekrönt und die anſehnlichen Summen welche er pünktlich aus⸗ gezahlt erhielt, galten ihm als handgreifliche Un⸗ terpfänder von der Uneigennützigkeit und Solidität ſeines Bankiers. Dieſem dagegen war die Freund⸗ ſchaft und der Umgang mit dem Baron äußerſt ſchmeichelhaft und angenehm. Portheim gehörte, vermöge ſeiner Geburt und ſeiner Verbindungen einer Klaſſe an, nach deren Bekanntſchaft der ehr⸗ geizige Bankier beſonders lüſtern war, obgleich er im Allgemeinen über diejenigen ſpottete, welche ſich nach dem Umgange mit dem Adel der Reſidenz drängten. Er betrachtete den Baron demnach als den Schlüſſel, der ihm die bisher verſchloſſenen Pforten der erkluſiven Kreiſe öffnen ſollte; auch konnte Portheim eine treffliche Staffage in ſeinem eigenen Salon abgeben, den der Bankier nach dem Beiſpiele ſo vieler Anderer in der Reſidenz für 31 dieſen Winter zu eröffnen gedachte. Bisher ſchei⸗ terten leider all' dieſe Verſuche an dem Eigenſinn, oder vielmehr an der bürgerlichen Beſchränktheit ſeiner Gattin, die an den großen Geſellſchaften keinen Gefallen fand. Es hatte, trotz der ihr eige⸗ nen Sanftmuth und Nachgiebigkeit Herrn Werth viel Mühe gekoſtet, endlich ſeinen Willen durchzu⸗ ſetzen und ſein Haus auf einen vornehmen Fuß einzurichten. Selbſt die Freundſchaft mit dem Ba⸗ ron war ein Dorn in den Augen der ſonſt treffli⸗ chen Frau, welche nicht von kleinlichen Vorurtheilen freizuſprechen war. Hauptſächlich ſtieß ſie ſich an die etwas freie Lebensart, welche der Baron führen ſollte. Madame Werth hatte in der That ganz beſchränkte Anſichten von Tugend und Sittlichkeit, die noch nach der faſt klöſterlichen Erziehung ſchmeck⸗ ten, welche ihr in dem elterlichen Hauſe zu Theil geworden war. So lange der Vater ihres Mannes gelebt, hatte ſie an demſelben eine kräftige Stütze gefun⸗ den, weil der alte Herr, wie er allgemein im Hauſe genannt wurde, in den meiſten Stücken ſeiner Schwie⸗ gertochter, die er überaus hoch hielt, beiſtimmte. Seitdem dieſer aber geſtorben war, geſchah ſo Man⸗ —— —ſ 7————„ 32 ches, was die gute Frau tief verletzte, aber ſte klagte nicht, ſondern trug ihr Kreuz mit rührender Geduld. Beſonders hatte ſie viel von ihren beiden Schwä⸗ gerinnen zu leiden, welche natürlich nur aus rein ſchweſterlicher Liebe ihrem Bruder nie verzeihen konnten, daß er kein reicheres und vornehmeres Mädchen als Gattin heimgeführt. Kaum waren acht Tage nach der Hochzeit verfloſſen, ſo galt die einfache, brave junge Frau allgemein für beſchränkt, obgleich es ihr weder an geſundem Menſchenverſtand, noch an Bildung fehlte, und ſie an Herzensgüte und Natürlichkeit die meiſten Frauen übertraf, welche mitleidig über die Arme die Achſeln zuckten. Der Ruf ihrer Verſtandesſchwäche wurde aber ſo oft und vielfältig wiederholt, daß am Ende der eigene Mann, der es doch beſſer wiſſen mußte, daran zu glauben anfing und ebenfalls ſeine Frau für bor⸗ nirt hielt. Seitdem einmal Herr Werth zu dieſer Mei⸗ nung gekommen war, behandelte er die gute Frau zwar nicht roh, aber mit einer gewiſſen Nichtach⸗ tung, welche ein feinfühlendes Weſen tiefer als ſelbſt entſchiedene Vernachläſſigung verletzt. Je mehr ihr aber das Herz des Mannes entfremdet wurde, 33 deſto inniger ſchloß ſie ſich an die Kinder an, deren ſie drei in einer faſt zwölfjährigen Ehe geboren hatte. Hier fand ſie, wenn auch nicht den vol⸗ len, doch reichlichen Erſatz und immer neue An⸗ knüpfungspunkte mit dem Manne, den ſie, trotz aller ſeiner Schwächen und Fehler noch immer liebte wie am erſten Tage, da ſie erröthend und mit hochklopfendem Herzen in ſeine Arme ſank. Aber auch dieſes Glück, welches ihr in ihren Kindern blühte, hatte in der letzten Zeit eine weſent⸗ liche Beeinträchtigung erfahren. Auf beſondere Em⸗ pfehlung ihrer Schwägerinnen war eine Gouvernante in das Haus gekommen, welche trotz der ſcheinbaren Unbedeutendheit und Unterwürfigkeit bald zu einer Herrſchaft zu gelangen wußte, welche die wohlerwor⸗ benen Rechte der Mutter in mehr als einer Hinſicht zu beeinträchtigen drohte. Nun ſollte auch noch die häusliche Ruhe und das friedliche Stillleben der armen Frau durch die Pläne und Veränderungen, welche Herr Werth für den Winter vorzunehmen gedachte, weſentlich er⸗ ſchüttert werden. Das Haus, welches der alte Herr bis zu ſei⸗ nem Tode bewohnt und ganz in dem Zuſtande, Ring, Stadtgeſchichten. III. 3 wie er es ſelbſt von ſeinen Eltern übernommen, gelaſſen hatte, wurde gänzlich umgebaut und im modernen Geſchmack mit wahrhaft verſchwenderiſcher Pracht eingerichtet. Unterdeß hatte die Familie eine Sommerwohnung vor dem Thore bezogen. Nach dieſer Villa holte Herr Werth heute ſeinen Freund ab, um demſelben, wie er ſich aus⸗ drückte, einen Löffel Suppe an ſeinem Tiſche an⸗ zubieten. Portheim war noch immer mit ſeiner Toilette beſchäftigt, welche mindeſtens ein Drittheil ſeines Lebens in Anſpruch nahm, während er die übrigen zwei Drittheile dem edlen Müſſiggange widmete. Er gehörte zu jener Klaſſe glücklicher Rentiers, denen man täglich und ſtündlich ſtets zu gewiſſen Zeiten an beſtimmten Orten begegnen muß. Die Mehrzahl derſelben trägt einen blauen oder grünen Leibrock mit vergoldeten Knöpfen, ein karrirtes, muſterhaftes Beinkleid, das die wohl conſervirte Wade zeigt, feinſte Wäſche und goldene Buſennadel mit einem großen Stein, ein Stöckchen mit einem eiſelirten Goldknopf, und einen trefflich gepflegten Schnurr⸗ und Backenbart, der ſie nach ihrer Mei⸗ nung unwiderſtehlich macht. In ſolcher Geſtalt 35 erblickt man ſie zur feſten Stunde auf der Prome⸗ nade, mit eingekniffener Lorgnette die Vorübergehen⸗ den muſternd, beſonders wenn dieſelben dem weib⸗ lichen Geſchlechte angehören. Nach dieſem Spazier⸗ gange ſpeiſen ſie am Tabel d'hôte in einem der erſten Hôtels der Reſidenz, jedoch zu billigeren Preiſen, da ſie meiſt abonnirt ſind. Gewöhnlich trinken ſie eine halbe Flaſche Rothwein, doch ein⸗ mal in der Woche wenigſtens Champagner. Sie ſtehen mit dem Oberkellner auf vertrautem Fuß und kennen jeden Gargon bei ſeinem Namen. Nach Tiſche beſuchen ſie eine renommirte Conditorei, wo ſie ihren Kaffee einnehmen und die Zeitungen leſen. Der Leitartikel intereſſirt ſie hierbei weit weniger, als das Kursblatt, und die hinten ſtehenden Annon⸗ cen weit mehr als die politiſchen Nachrichten. So⸗ bald der Abend kommt, eilen ſie in die verſchiedenen Theater, doch nur, wenn Oper und Ballet gegeben wird. Mit einigen Tänzerinnen ſtehen ſie in telegra⸗ phiſcher Verbindung, weshalb ſie gewöhnlich in den Proſceniumslogen ihren Sitz zu nehmen pflegen. Gegen das Schauſpiel, und beſonders gegen ein klaſſiſches Repertoir zeigen ſie eine entſchiedene Ab⸗ neigung. Nach der Oper verſchwinden ſte meiſt in 3*⅝ Begleitung einer jungen, eleganten Dame in beſon⸗ dere Kabinette, wie man ſie in allen guten Reſtau⸗ rationen zu finden pflegt. Hiermit endet der tägliche Lebenslauf der Glücklichen. Eine ſolche beneidenswerthe Exiſtenz führte der Baron Portheim, der endlich ſeinem Schnurr⸗ und Backenbart die gewünſchte Färbung gegeben hatte, und nun zu dem nicht minder wichtigen Geſchäfte ſchritt, den Knoten ſeines Halstuches untadlich zu knüpfen. Während dieſer Operation, welche allein im Stande war, ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen, verabſäumte er dennoch keinen Augenblick, ſeiner Pflicht als Wirth zu genügen und ſeinen Gaſt auf das Beſte zu unterhalten. Wie Cäſar verrichtetete er die verſchiedenartigſten Ar⸗ beiten zu gleicher Zeit. Der Baron war in der That ein großer Mann. — Thut mir leid, lieber Werth— erzählte er in dem ſchnarrenden Tone, der noch ein Ueber⸗ bleibſel aus ſeiner Offtzietkarriere war— daß Sie nicht geſtern in der Oper waren, verflucht heiß, aber gottvoll. Die Lind famos, jeder Ton eine Perle. Und die Spiegelthal tanzte wie ein Engel. Der Erbprinz hat ſich die Hände abgeklatſcht. Na⸗ türlich bin ich nicht zurückgeblieben. Dafür habe ich einen Blick von ihr erhalten, eine ganze kon⸗ greyſche Raketenbatterie lag in ihren Augen.— — Und natürlich hat Ihr Herz Feuer gefan⸗ gen und ſteht nun in vollen Flammen!— ent⸗ gegnete der Bankier mit einem leiſen Anſtrich von Ironie. — Nichts da, lieber Werth. Solche Früchte wachſen nicht für uns. Viel zu theuer, muß mit ſchlechteren Karten ſpielen. Wer nicht wenigſtens Millionär oder ein Fürſt iſt, kommt da gar nicht heran. Ja, wenn ich noch an Ihrer Stelle wäre, wüßte ich, was ich thät'.— — Und was würden Sie thun?— fragte der Bankier mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit. — Die Spiegelthal und keine andere! Coute qui coute. Würde Aufſehn erregen, famoſes Auf⸗ ſehn, wenn Sie das Mädchen dem Fürſten kaperten. Wäre juſt der richtige Zeitpunkt. Der Fürſt ſoll Schulden über Schulden haben. Es laufen eine Menge Wechſel auf ihn in der Stadt herum.— — Ich ſelbſt bin im Beſitze einiger.— — Vortrefflich! Sie haben ihn in der Hand. Sie quittiren ſeine Wechſel und er die Spiegelthal. Ha, ha! ein prächtiges Geſchäft. Ich arrangire die ganze Sache und ohne alle Proviſton. Sie ſollen ſehen, daß ich nicht minder generös ſein kann, als Sie gegen mich bisher geweſen ſind.— Der Baron blinzelte mit den grünlichen Augen ſo ſchlau, als ihm überhaupt möglich war. Augen⸗ ſcheinlich erwartete er eine zuſtimmende Antwort von dem Bankier. Dieſer ſah nachdenklich zur Erde, ſein Geſicht war flammend roth geworden. War es Aerger über das frivole Anſinnen des Barons, oder die Erinnerung an die himmliſch ſchöne Tän⸗ zerin, welche in dieſem Momente vor ſeinen ent⸗ zückten Sinnen vorüber gaukelte, angethan mit all' den verführeriſchen Reizen, die ihr zu Gebote ſtanden? Portheim, der noch immer vergeblich eine Antwort erwartete und unterdeß ſeine Toilette beendet hatte, ſagte endlich:— Bah! ſehe ſchon, daß Sie Ihre Paſſton aufgegeben haben. Thun ganz Recht daran, denn theuer iſt die Spiegelthal und hat ſchon ſo Manchen ruinint. Nun, wenn es Ihnen beliebt, lieber Werth, ſo ſtehe ich zu Dienſten. Gehen wir, damit Ihre Frau nicht mir wieder die Schuld giebt, wenn wir zu ſpät anlangen.— 39 Mechaniſch folgte der Bankier ſeinem Freunde. Sein Geiſt ſchien abweſend, vielleicht weilte er in dieſem Augenblick zu den Füßen der ſchönen Tän⸗ zerin. IV. Die Geſellſchaft, welche zum Mittagstiſch in der Sommerwohnung des Herrn Werth heut ver⸗ ſammelt war, beſtand aus den nächſten Verwandten deſſelben: zwei Schweſtern und einem Schwager, da der andere durch ſeine Geſchäfte in der Stadt verhindert wurde, zu erſcheinen. Der Baron war der einzige Fremde, welchen man jedoch als Haus⸗ freund zur Familie gehörig betrachtete. Nur die Frau des Hauſes theilte nicht das Entzücken, mit welchem ihre beiden Schwägerinnen den gern ge⸗ ſehenen Gaſt begrüßten. Sie mußte all' ihre Sanft⸗ muth, welche ihr natürlich war, zuſammennehmen, um den Freund ihres Mannes mit der Zuvorkom⸗ menheit zu empfangen, welche von ihr verlangt wurde. So oft Portheim in ihre Nähe kam, war es ihr, als träte eine finſtere Wolke zwiſchen ſie und ihr Glück. 40 Dieſe Vorurtheile hatten ihre Schwägerinnen durchaus nicht. Im Gegentheile zeigten ſte ihre Vorliebe für den artigen und gewandten Cavalier ganz unumwunden und ohne Scheu. Ja, es pflegte ſogar eine kleine Eiferſucht zwiſchen den beiden Schweſtern zu entſtehen, ſo oft die eine vor der andern von Portheim bevorzugt ſchien. Mit einer bewundernswürdigen Geſchicklichkeit ſuchte zwar der Baron dieſe Klippe zu vermeiden und theilte ſeine Blicke, ſeine Worte und ſein Lächeln mit aner⸗ kennenswerther Unparteilichkeit nach beiden Seiten aus, oft aber ſchwankte die Wage ſelbſt in ſeinen feſten Händen, und das Zünglein der Gunſt neigte ſich bald nach rechts und bald nach links. Fanny, die Aeltere von Beiden war an einen Fabrikanten verheirathet, der nur für neue Erfin⸗ dungen, für Räder, Schrauben und Dampfmaſchinen ſchwärmen konnte. Die Ehe war kinderlos geblie⸗ ben, und Fanny gehörte zu jenen unverſtandenen Frauen, die ſich gränzenlos unglücklich fühlen, aber trotz ihres namenloſen Elends keinen Ball und keine Geſellſchaft verſäumen und ſich gewöhnlich göttlich amüſtren, obgleich ſie ſtets das Gegentheil behaupten. Die jüngere Schweſter, Theodore genannt, war die 41 Gattin eines unbeſchäftigten Arztes geworden, der von dem Vermögen ſeiner Frau ganz angenehm lebte und ſeit Jahren mit der Herausgabe eines großen wiſſenſchaftlichen Werkes beſchäftigt war, das wohl nie erſcheinen wird. Trotzdem tauchte von Zeit zu Zeit immer wieder die Nachricht da⸗ von in den verſchiedenen Journalen auf, wie die Moythe von der großen Seeſchlange. Der gute Mann hatte ſomit ſeinen Ruf begründet, ohne je eine Zeile geſchrieben zu haben. Seine Gemahlin theilte ganz und gar ſeine Vorliebe für Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt. Während der Wintermonate arrangirte ſie Leſekränzchen und gab literariſche Thees mit und ohne warmes Eſſen. Beiden Schweſtern hatte der Baron ein be⸗ ſonderes Intereſſe eingeflößt. Die traurige Fanny behauptete oft, daß Niemand als Portheim ihr zerriſſenes Herz erkannt habe. Gewöhnlich nahm er dieſe Aeußerung mit einem halb wehmüthigen, halb ſchlauen Lächeln an. Er wiederholte dabei mit einem Seufzer die Phraſen, welche er vielfach aus modernen Romanen geſchöpft hatte, die er vor dem Einſchlafen im Bette noch gewöhn⸗ lich las. Mit der heitern Theodora unterhielt er 42 ſich meiſt über Oper und Ballet und ſie fand ſeine Kunſturtheile viel friſcher und origineller als die der Kritiker von Fach. Wegen dieſer Urſprüng⸗ lichkeit forderte ſie ihn ſogar einmal auf, ſeine Anſichten niederzuſchreiben und zu veröffentlichen, was leider nicht geſchah, da es Portheim bisher immer an Zeit dazu gefehlt. Gegenwärtig war dem Baron keine kleine Auf⸗ gabe zu Theil geworden. Beide Damen hatten ſich ſeiner Perſon bemächtigt und wandelten mit ihm noch vor dem Eſſen durch die verſchlungenen Laub⸗ gänge des Gartens, der die Sommerwohnung des Bankiers umgab. Portheim hatte nur ein kleines Frühſtück zu Hauſe eingenommen, da er ſich nicht den Appetit für den ausgezeichneten Mittagstiſch ſeines Freundes verderben wollte. In dieſem Au⸗ genblick verſpürte er einen wahrhaft nagenden Hun⸗ ger, der durch das vielfache Auf⸗ und Abgehen nur noch verſchärft wurde. Mit Ungeduld erwar⸗ tete er den Augenblick, wo zur Tafel gerufen wurde. Seine Unruhe und Zerſtreutheit war den ſcharfen Blicken der Damen nicht entgangen. — Geſtehen Sie nur, Baron,— ſagte die ernſte Fanny,— daß Sie von einer neuen Leiden⸗ 43 ſchaft jetzt heftig ergriffen ſind. Giebt es denn keinen Mann, der treu zu ſein verſteht? Ach! wir armen Frauen ſind nur ein Spielball in Euren Augen, der weggeworfen wird, wenn Ihr Eure Zeit damit vertrieben habt. Wie? Sie antworten mir nicht einmal?— — Auf Ehre, meine Gnädige,— betheuerte der Baron, der in dieſem Augenblick mit ganz anderen Gedanken beſchäftigt war. — Fanny hat ganz recht,— bemerkte jetzt die heitre Theodore.— Sie ſind ſeit einiger Zeit auffallend zerſtreut und vernachläſſigen Ihre Freunde ganz und gar. Warum ſind Sie bei meinem letzten Leſeabend nicht erſchienen? Ich hatte Ihnen die Rolle des Don Cäſar in der Braut von Meſ⸗ ſina zugedacht.— — Allzugütig,— ſtöhnte der Baron, indem er die Hand der Frau Doktorin ergriff, um dieſelbe zu küſſen,— aber Ihr Bruder wird mir bezeugen, daß es mir unmöglich war.— — Ach! wenn es ſich darum handelt, ein armes Frauenherz zu brechen,— entgegnete ſchnell die Melancholiſche,— dann machen alle Männer —— 44 ſogleich gemeinſchaftliche Sache, um uns zu ver⸗ rathen.— — Sie haben gewiß eine beſſere Meinung von Ihrem Bruder,— bemerkte Portheim. — Er iſt ein Mann, wenn ich ihm auch in jeder andern Hinſicht volle Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſe. Ich verehre, ja ich bete meinen Bru⸗ der an, aber in einem Punkte trau' ich ihm ſo wenig, als Ihnen, Herr Baron.— — Mein Gott, wo denken Sie hin?— — Allerdings wäre Eduard noch zu entſchul⸗ digen, wenn er ſo handelte und außerhalb ſeines Hauſes ein Herz ſuchte, das ihn verſteht. Eine ſolche Frau, wie unſere Schwägerin, kann ihm nicht genügen.— — Denken Sie nur, daß ſie bei mir während der Vorleſung des Clavigo eingeſchlafen war,— ſetzte die äſthetiſche Theodore noch hinzu. — Entſetzlich!— rief der Baron und ließ es zweifelhaft, ob er mit dieſem Ausdrucke das Vergehen der trefflichen Frau oder ſeine eigene Lage bezeichnete, die immer unangenehmer zu wer⸗ den drohte. Mit hungrigem Magen hatte er leider die Ver⸗ 45 pflichtung, die beiden Damen zu unterhalten, welche keinen Augenblick von ihm abließen und denen er fortwährend Rede und Antwort ſtehen mußte. Was ſollte er nicht Alles beichten und erzählen? Von dem letzten Balle beim ruſſiſchen Geſandten, von dem Gaſtſpiel des berühmten Tenoriſten, Fa⸗ miliengeſchichten und chronique scandaleuse, welche das Hauptthema der Unterhaltung bildeten. Und dabei durfte der Baron keinen Augenblick die Rück⸗ ſicht außer Augen laſſen, welche er den Schweſtern ſeines Freundes ſchuldig war. Endlich ſchlug die Stunde der Erlöſung für den Verzweifelten. Am Ausgange eines ſchattigen Boskets ſtand der reich gallonirte Bediente des Bankiers und verkündete mit feierlicher Miene, daß die Tafel angerichtet ſei. Aber jetzt erſt begann eine neue Verlegenheit für den Baron. Wie Paris mit dem Apfel ſtand er den drei Damen gegenüber, die ſich in der Ge⸗ ſellſchaft befanden. Welcher ſollte er den Preis zuerkennen und den Arm reichen? Das war ein entſcheidender Augenblick in dem Leben des Barons. Doch auch hier bewährte ſich ſein großes di⸗ plomatiſches Talent. Er verließ die intereſſanten Schweſtern, von denen er keine vor der andern bevorzugen durfte, und wandte ſich zu der minder intereſſanten Frau vom Hauſe. Ein Umſtand trug nicht wenig zu dieſer Wahl bei. Der hungrige Baron hatte die angenehme Ausſicht vor Augen, in der Nähe der wortkargen und einſilbigen Frau einer Unterhaltung überhoben zu ſein, die während des Eſſens immer ſtörend bleibt. Mit einem un⸗ nachahmlichen Zug der tiefſten Melancholie blickte er die Schweſtern an, als er Madame Werth den Arm reichte, um dieſelbe zu Tiſch zu führen. Jede von Beiden ſchrieb ſich natürlich die tiefe Trauer zu, die in den Mienen des Barons lag, und bedauerte in ihm ein Opfer der geſellſchaftlichen Formen. Fanny bemächtigte ſich ihres Bruders und Theo⸗ dore ſchritt an der Seite ihres Gatten nach dem Speiſeſaal. Hier wartete bereits die Gouvernante mit den Kindern. Anna, die älteſte Tochter, ein zwölf⸗ jähriges Mädchen, mit einem reizenden Lächeln in dem blühenden Geſicht, hüpfte dem Papa entgegen, deen ſie heut noch nicht geſehn. Zerſtreut überließ Herr Werth ſich den Liebkoſungen der Zärtlichen. Der Baron, der Nichts unterließ, um ſich in den ihm befreundeten Häuſern angenehm zu machen, hielt das liebliche Kind, das beſcheiden auf ſeinen Platz zurückkehren wollte, bei der Hand zurück und verlangte als Freund des Hauſes ebenfalls einen Kuß. Das Mädchen ſchaute ihn mit den klugen, glänzenden Augen an, warf trotzig den dunkeln Lockenkopf zurück und ſagte laut und entſchieden: Sie küſſe ich nicht mehr.—. — Und warum nicht, holder Wildfang?— fragte der Baron, indem er die Kleine aufzufangen ſuchte. — Weil Mama es mir verboten hat und ich Sie nicht leiden kann.— Dieſe peinliche Scene wäre vielleicht ſpurlos vorübergegangen, da Portheim Takt genug beſaß, um nicht weiter auf ſeinem Willen zu beſtehen. Zum Unglück hatte die Gouvernante, welche in der Nähe ſtand, die Aeußerung des Kindes mit ange⸗ hört. Die treffliche Erzieherin hielt es natürlich für ihre Pflicht, die Unart, welche ſich Anna zu Schulden kommen ließ, laut zu rügen. — Du wirſt dem Herrn Baron ſogleich einen Kuß geben!— befahl das Fräulein mit der ihm eigenthümlichen gellenden Stimme. Die Kleine rührte und regte ſich nicht, ſon⸗ dern ſtand feſt auf ihrem Platz und ſtarrte mit niedergeſchlagenen Augen den Boden an. Auch Herr Werth war jetzt aufmerkſam ge⸗ worden und fragte kurz und gebieteriſch:— Was giebts?— Die arme Frau wagte nicht zu antworten und glaubte am Arme des Barons vor Beſchä⸗ mung verſinken zu müſſen. Die Gouvernante er⸗ zählte dagegen mit großer Zungengeläufigkeit den Vorfall, wie er eben ſtattgefunden hatte. Der Baron verſuchte einen Scherz, der aber mißglückte. HZerr Werth ſchaute ſeine Gattin mit einem fin⸗ ſtern Blick voll Tadel an, die Unglückliche zitterte und war einer Ohnmacht nahe. — Du thuſt, was dir Fräulein befohlen hat, — drohte der Bankier dem Kinde,— oder Du entfernſt Dich im Augenblick und erhältſt zur Strafe kein Mittagbrod.— Vergebens. Die Kleine verharrte in einer Art von moraliſchem Starrkrampf. Sie hatte die run⸗ den Arme unter dem grünſeidenen Schürzchen ver⸗ 49 bvorgen und ihr Köpfchen ein wenig geſenkt. In dieſer Stellung ſchien ſie Alles ruhig zu erwarten, was man über ſie verhängen würde. Die Tanten ſahen ſich mit bedeutungsvollen Blicken an und zuckten dabei mit den Achſeln, als wollten ſie ſagen: welch' eine ſchlechte Erziehung! — Nun, wird es bald?— fragte Herr Werth, indem er vor Zorn und Ungeduld mit dem Fuß auf den prachtvollen Teppich ſtampfte. Das Kind ſchrak ein wenig bei dieſem Aus⸗ bruche der väterlichen Strenge zuſammen, doch bald war es in ſeine frühere Stellung zurückge⸗ ſunken. Keine Spur von Trotz oder Eigenſinn lag mehr in dem bleichen intereſſanten Kinderge⸗ ſicht. Ein für dieſes Alter ungewöhnlicher Ernſt, eine nicht zu erwartende Feſtigkeit, lagerte auf der fein gefurchten Stirn. Von Zeit zu Zeit blickten die ſtrahlenden Augen nicht furchtſam, ſondern kla⸗ gend und bittend zu dem Zürnenden empor. Die⸗ ſer ſtand im vollen Bewußtſein ſeiner väterlichen Autorität mitten in dem Zimmer. Die eine Hand hatte er drohend ausgeſtreckt, während die andere in der Seitentaſche ſeines Rockes ruhte. Die arme Mutter wagte nicht ein Wort zu ſprechen. Gern Ring, Stadtgeſchichten. III. 4 wäre ſie der geliebten Tochter zu Hülfe gekommen, doch der gebieteriſche Blick des Mannes ſchüchterte ſte ein. — Hinaus mit dir!— ſchrie dieſer laut, in⸗ dem er nach der Thür wies. Jetzt erſt bewegte ſich die Kleine mit zögernden Schritten und wankte der Thür zu. Dort wandte ſte ſich noch einmal nach der Mutter um. Beider Augen begegneten ſich in einem ſprachloſen weh⸗ müthigen Abſchiedblick. Wie gern wäre die Mut⸗ ter dem theuren Kinde in die Einſamkeit gefolgt, doch ſie mußte ausharren in der Geſellſchaft, welche ſie mit Freuden verlaſſen hätte. Ach! ſie durfte nicht einmal die Vertheidigung der Tochter über⸗ nehmen, deren einziges Verbrechen in der ſtrengen Befolgung ihres eigenen Befehls beſtand. Erſt draußen auf dem Flur überließ ſich die Kleine ihrem ganzen großen Schmerz. Die heißen Thränen, welche ſie bisher gewaltſam unterdrückt hatte, rollten über ihre bleichen Wangen nieder. Leiſe ſchluchzend ſchlich ſie nach der Kinderſtube, wo ihr der Bediente nach einer Weile ihr Kouvert nachtrug, auf welchem nur ein Stückchen trockenes Brod lag. 51 Nicht der Hunger, nicht einmal die Strafe, welche ihr in Gegenwart einer größeren Geſellſchaft zu Theil geworden war, ſchien ſie ſo heftig zu ſchmerzen, als das Gefühl, unſchuldig und wegen eines Mannes leiden zu müſſen, welcher der Freund ihres Vaters, und, wie ihr mit einem Male klar wurde, der Feind ihrer Mutter war. Der Zwieſpalt, welcher zwiſchen den Eltern ſtattfand, dämmerte wie ein dunkles Nebelbild in der Seele des Kindes. Allerlei wunderbare Ge⸗ danken ſchoſſen durch das kleine Köpfchen, welches keinen Ausweg fand. Allmählig erſt beruhigte ſich das aufgeregte Gemüth. Von Schmerz und Er⸗ müdung überwältigt, ſchlief die Kleine ein, ohne das vor ihr hingeſtellte Brod, trotz ihres Hungers, berührt zu haben. V. Es war bereits Mittag, und Herr Werth ließ noch immer im Komptoir auf ſich warten, obgleich dringende Geſchäfte abzuthun waren. Der Buch⸗ halter, welcher noch aus den Zeiten des alten 4* Herrn ſtammte und an Ordnung und Pünktlichkeit von Jugend auf gewöhnt war, konnte die Abweſen⸗ heit ſeines Prinzipals, und noch dazu am Ultimo des Quartals durchaus nicht begreifen. Seine Un⸗ ruhe darüber war ſo groß, daß er ſich bereits zwei⸗ mal in ſeinen Rechnungen geirrt hatte. Dieſen Umſtand ſchrieb er aber einzig und allein dem geräuſchvollen Treiben und Sprechen der Kommis zu, welche in dem großen Zimmer arbeiteten, das dicht an das kleine Kabinet ſtieß, wo er ſein Pult neben dem des Herrn Werth zu ſtehen hatte. In dieſer Stube wurde allerdings die Unter⸗ haltung ziemlich laut und ungeſtört geführt. Hier hatte der lang aufgeſchoſſene Volontair das große Wort, der verzogene Sohn reicher Eltern, der weit gründlichere Studien in den Kaffeehäuſern und Vergnügungslokalen der Reſidenz, als auf dem Komptoir des Herrn Werth bisher gemacht hatte. Herr Schuhmann, ſo hieß der hoffnungsvolle Jüngling, ſaß oder ritt vielmehr auf einem hohen Stuhl. Vor ihm lag ein wichtiger Geſchäftsbrief, den er kopiren ſollte. Er hatte es für gut befunden, ſich bei dieſer gedankenſchweren Arbeit nicht zu über⸗ eilen und zwiſchen jeder Zeile eine größere Pauſe 5³ eintreten zu laſſen, die er durch allerhand Poſſen und erbauliche Geſpräche mit ſeinen Kollegen aus⸗ zufüllen bemüht war. In ſeinem Geſicht konnte man noch die Spuren der letzten„italieniſchen“ Nacht ſehen, der er beigewohnt. Von Zeit zu Zeit gähnte er ganz laut und akkompagnirte auf dieſe Weiſe die Schilderung ſeiner jüngſt genoſſenen Vergnü⸗ gungen. Seine Rede richtete er vorzugsweiſe an einen jungen Mann, der fonſt ſein ſteter Begleiter war, aber geſtern leider abgehalten wurde, ſeinem treuen Damon zu folgen — Binder! Sie haben Viel verſäumt— er⸗ zählte der lange Volontair— es war ein gott⸗ voller Abend, großartige Beleuchtung, himmliſche Muſik und Frauenzimmer, wie ich ſte noch nie ge⸗ ſehn. Eine Bekanntſchaft habe ich gemacht, gegen welche die Spiegelthal ſelbſt ſo viel wie gar nichts iſt.— — Wo dient ſie denn?— fragte ſpottend einer der zuhörenden Kommis. Ein allgemeines Gelächter begleitete die Frage, welche indeß den Volontair keineswegs außer Faſ⸗ ſung brachte. — Eine dienende Perſonage kommt dort gar nicht an. Die Damen, welche das Lokal beſuchen, ſind ohne Ausnahme— — Höchſt anſtändig und tugendhaft— höhnte von Neuem der Kommis. Das Lachen der Umſtehenden war jetzt ſo laut, daß der alte Buchhalter von ſeinem Sitze aufſprang und ſein gerunzeltes Geſicht durch die Thür ſteckte. — Meine Herren!— rief er ungeduldig— was ſoll das heißen? Statt zu arbeiten, ſtehen Sie und ſchwatzen. Wiſſen Sie nicht, daß ein Komptoir keine Schenke iſte. Auf eine kurze Zeit wurde es wieder ruhig und ſtill. Die Kommis flogen nach ihren Pulten und thaten, als ob ſte außerordentlich beſchäftigt wären. Nur der lange Volontair konnte ſich nicht enthalten, dem Buchhalter, ſobald derſelbe wieder verſchwunden war, ein poſt ſierliches Geſicht zu ſchneiden, das die allgemeine Heiterkeit bald wieder herſtellte. Allmählig hatte ſich um den luſtigen Schuh⸗ mann wieder ein kleiner Kreis geſammelt, welcher ſeinen fernern Nachrichten über die„italieniſche Nacht“ mit Spannung entgegen ſah. — Schuhmann, erzählen Sie!— ertönte es von allen Seiten. 5⁵ Dieſer ließ nicht all zu lange ſich bitten und entwarf eine lockende Schilderung der genoſſenen Vergnügungen, in welche er allerlei intereſſante Abentheuer, die er erlebt haben wollte, zu verflech⸗ ten wußte. Bald hatte er die Bekanntſchaft einer renommirten Dame vom Corps de Ballet gemacht, bald war er mit einem Offizier zuſammen gerathen, den er tüchtig abgetrumpft. Ja, hätte man ſeinen Worten Glauben ſchenken dürfen, ſo ſtand ihm deshalb in wenig Tagen ein Piſtolenduell bevor. — Ich habe den Kerl ordentlich anlaufen laſſen— erzählte er mit großer Zuverſicht— das hättet Ihr ſehen ſollen. Der Herr Lieutenant, der natürlich im Cioilrock war, forderte meine Dame zu einer Extratour auf. Das verbitte ich mir! ſagte ich. Sie haben ſich hier gar nichts zu verbitten! ſagte er. Ich ſehe ihn von oben bis unten mit einem Blicke an, mit einem Blicke, ſage ich Euch— Der Volontair riß bei dieſen Worten ſeine kleinen, blinzelnden Augen ſo weit als möglich auf, um ſeinen Zuhörern wenigſtens einen an⸗ näherndern Begriff von der Furchtbarkeit dieſes Blickes zu geben. — Hören Sie auf, denn mich überläuft eine Gänſehaut!— bemerkte von Neuem der ſpott⸗ luſtige Kommis. Der lange Volontair ließ ſich durchaus nicht unterbrechen, ſondern fuhr zum Ergötzen der Zu⸗ hörer in ſeinem Berichte fort. — Mein Blick ſchien den Lieutenant einiger⸗ maßen aus der Kontenance zu bringen, aber es ſtanden zu viel Leute um uns herum, die auf uns Beide achteten. Darum nahm er ſeine ganze Cou⸗ rage zuſammen und ſchaute mich ebenfalls an, als wenn er mich verſchlingen wollte. So ſahen wir einander länger als eine Viertelſtunde wüthend Aug' in Aug'.— — Großartig!— rief der ewige Zweifler da⸗ zwiſchen. — Herr! ſagte ich, was wollen Sie? Herr! antwortete er, was geht Sie däs an? Ich ver⸗ lange Satisfaktion! ſchrie ich laut, wie heißen Sie? Hier iſt nicht der Ort dazu! meinte er. Ich erwarte Sie! ſagte ich. Und ſo redeten wir hin und her, bis mein Lieutenant, der ſein Inkognito nicht verrathen durfte, mir einige Worte leiſe in das Ohr flüſterte.— — Und die Paukerei geht los, ha! der Spaß 57 iſt wahrhaft groß!— ſang der Spottluſtige, wo⸗ bei er mit der Feder, die er in der Hand hielt, wie mit einer Piſtole handthierte, auf den langen Volon⸗ tair anlegte, losdrückte und den Schall eines ſich entladenden Gewehrs ziemlich treu durch ein eigen⸗ thümliches Geräuſch ſeiner aufgeblaſenen Backen nachahmte.. Dieſer künſtliche Schuß hatte aber den Buch⸗ halter von Neuem in ſeinen Berechnungen ge⸗ ſtört. Diesmal trat er mit einem Sprung und ein ſeiner ganzen Perſon vor die Feiernden. — Wenn Herr Werth kommt, werde ich ihm meine Meinung ſagen. Auf dem Komptoir iſt ſeit einiger Zeit eine Unordnung eingeriſſen, wie man ſte nicht länger dulden darf. Herr Schuhmann iſt natürlich wieder an der Spitze. Wo haben Sie den Brief, den Sie kopiren ſollen?— Der Angeredete reichte dem Buchhalter ein weißes Blatt Papier hin, auf welchem in der That bereits drei Zeilen ziemlich unleſerlich niedergeſchrie⸗ ben waren. Der Alte hielt mit einer Art von ſprach⸗ loſem Entſetzen dieſes Dokument einer bewunderns⸗ würdigen Thätigkeit in ſeiner Hand. Nachdem er ſich endlich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, rief er laut: — Herr Märtens! übernehmen Sie gefälligſt die Kopie und bringen Sie dieſelbe zu Ende. Herr Schuhmann, Sie können das Komptoir ſogleich verlaſſen. Ich ſehe leider, daß Sie noch nicht aus⸗ geſchlafen haben. Ich werde überhaupt mit Herrn Werth Ihretwegen Rückſprache nehmen.— — Ganz nach Belieben— entgegnete der lange Volontair, der mit einer ſchnellen Handbe⸗ wegung nach ſeinem Hut griff, um von der er⸗ wünſchten Erlaubniß ſogleich Gebrauch zu machen. Im Abgehen flüſterte er ſeinem treuen Freunde und Begleiter noch einige Worte in das Ohr, welche dieſer mit einem zuſtimmenden Kopfnicken beant⸗ wortete. Hierauf entfernte ſich der hoffnungsvolle Jüngling mit einer Verbeugung gegen den Buch⸗ halter, die jedem Harlekin Chre gemacht hätte. Adolph Märtens ſetzte ſich indeß an das leer gewordene Schreibpult des Volontairs und beendete in wenig Augenklicken die Kopie, welche ſeinem Vorgänger trotz ſeines angeſtrengten Fleißes, die Arbeit eines ganzen Jahres ſchien. Mit ſichtbarer Infriedenheit verweilten die 59 Blicke des alten Buchhalters auf den regelmäßigen und korrekten Schriftzügen, welche ihm der junge Kommis nach wenig Minuten in das Kabinet hineintrug. — Ganz ſchön— ſagte ſein Vorgeſetzter— nur die Grundſtriche müſſen noch feſter werden. Wenn Sie ſo fortfahren, lieber Märtens, ſo wer⸗ den Sie noch Ihr Glück machen. Glauben Sie mir, daß von der Handſchrift eines Menſchen oft ſein Lebensglück abhängt. Ich könnte Ihnen davon eine Geſchichte erzählen, doch dazu iſt jetzt keine Zeit, wo ich den Kopf voll habe. Erinnern Sie mich ein andermal daran. Vor allen Dingen ver⸗ geſſen Sie aber die Grundſtriche nicht. Hören Sie, mein Wertheſter?— Adolph hatte bereits die Thür in der Hand, als ihn der alte Buchhalter noch einmal zurückrief. — A propos!— ſagte dieſer— da fällt mir ein, daß Gebrüder Roſenberg einen Wechſel von uns auf Petersburg verlangt haben. Sie können denſelben hintragen und ſich das Geld von ihnen auszahlen laſſen. Sichere Leute dieſe Roſen⸗ bergs, aber möchte doch nicht gern mit ihnen viel Geſchäfte haben, ſind nicht nach meinem Geſchmack. Solidität und Reellität. kommen Sie ſobald als m zurück. Werde auch bei Herrn W laſſen, Ihren Fleiß zu rühmen. ſtriche müſſen noch etwas anders Es iſt noch ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen Nun gehen Sie und nöglich mit dem Gelde erth nicht unter⸗ Nur die Grund⸗ werden.— Mit dieſer höchſt wichtigen Ermahnung entließ der gute Buchhalter den fleißigen den beſagten Wechſel in Empfan mit demſelben nach Roſenberg zu begeben, geſetzten Ende der Stadt lag. Während ſeiner Abw Herr Werth eingetroffen. einer ſonſt an ihm nicht bemerkten H Schreibbüreau, ſein vollſtes Vertrauen beſaß. — Die Kourſe um ein Drittheil höher no⸗ Kommis, welcher g nahm um ſich dem Komptoir der Gebrüder das ſo ziemlich am entgegen⸗ eſenheit war endlich auch Der Bankier eilte mit aſt zu ſeinem wo eine Anzahl von Briefen und anderen Papieren auf ſeine Unter Gegen ſeine Gewohnheit durchflog Zerſtreutheit die verſchiedenen Vor er ſeinen Namenszug hörte er die etwas alten Buchhalters ſchrift warteten. er mit ſichtlicher lagen, unter die ſetzte; ebenſo unaufmerkſam weitſchweifigen Berichte ſeines an, der ſonſt in jeder Beziehung 61 tirt,— bemerkte dieſer mit freudeſtrahlendem Geſicht. Herr Werth hörte dieſe Nachricht mit unbe⸗ greiflicher Gleichgültigkeit an. Es handelte ſich dabei für ihn um einen baaren Gewinnſt von zehntauſend Thalern, welche allein die Differenzen betrugen. — Wir ſchreiben zehntauſend Thaler gut,— wiederholte von Neuem der Buchhalter mit lauter Stimme, welcher glauben mußte, daß der Bankier ſeine Worte überhört. — Schon gut!— ſagte dieſer mit der ru⸗ higſten Miene von der Welt, worüber der treue Diener unwillkürlich den Kopf ſchütteln mußte. — Sonſt in meiner Abweſenheit Nichts vor⸗ gefallen?— fragte nach einer Pauſe der zerſtreute Prinzipal. — Habe Herrn Schuhmann vom Comptoir nach Hauſe geſchickt, weil er durch ſein unziemliches Betragen nur Störungen hier verurſacht hat. Ueberhaupt würde ich rathen, das ſaubrre Frücht⸗ chen ſeinen Eltern wieder mit Proteſt zu remitti⸗ ren. Der junge Volontair giebt ein böſes Beiſpiel ab für das ganze übrige Perſonal, beſucht ſchlechte Orte und hat Verbindungen mit dem Corps de Ballet.— Was wandelte jetzt mit einem Mal den wür⸗ digen Bankier an, daß ſein Geſicht plötzlich über und über roth wurde, wie das Antlitz eines Schul⸗ knaben, welchen der Lehrer auf friſcher That er⸗ tappt?— Einige Augenblicke ſchaute Herr Werth ſeinen Buchhalter mit durchbohrenden Blicken an, als wollte er auf dem Grunde ſeiner Seele leſen, aber in dem alten, gerunzelten Geſicht konnte er keine Spur einer kränkenden Abſicht finden. Es lag ſo viel kindliche Unbefangenheit in dem gan⸗ zen Weſen des alten Mannes, daß der Betroffene jeden Verdacht wieder fallen ließ. Dennoch war es dem Bankier zu Muthe, als hätte eine unge⸗ ſchickte Hand einen wunden Fleck ſchmerzlich be⸗ rührt. 4 — Jugend hat keine Tugend,— entgegnete er erſt nach einer geraumen Weile.— Ich mag die Kopfhänger und Duckmäuſer nicht leiden. Au⸗ ßerdem ſtehe ich mit den Eltern des jungen Man⸗ nes in langjähriger Geſchäftsverbindung. Ich werde ihm bei Gelegenheit ernſtlich meine Meinung ſagen, und hoffentlich wird er ſein unziemliches 63 Betragen ändern. Nun, lieber Berger, giebt es ſonſt was Neues? Ich fühle mich in der That ein wenig abgeſpannt.— — Gebrüder Roſenberg haben einen Wechſel auf Petersburg von uns gekauft. Habe das Pa⸗ pier des Fürſten Waſſilof auf Baron Stieglitz ih⸗ nen überwieſen. Wenn nur das Petersburger Haus keine Schwierigkeiten machen wird.— — Um ſo beſſer, um ſo beſſer,— murmelte der Bankier in gänzlicher Selbſtvergeſſenheit. — Wie, um ſo beſſer?— fragte der alte Buchhalter, der nachgerade anfing, ſeinem Prinzipal mit dieſer Umſtändlichkeit und Weitſchweifigkeit läſtig zu fallen.— Habe durchaus kein Vertrauen zu dieſer ruſſiſchen Durchlaucht. Wenn Der auch im Beſitze aller Goldminen Sibiriens wäre, müßte er doch zu Grunde gehn. Hat ein Verhältniß mit der Spiegelthal, bekümmre mich zwar nicht um Dinge, die mich Nichts angehn, aber die ganze Stadt ſpricht davon.— Herr Werth wurde auf's Neue purpurroth und ſtampfte vor Ungeduld leiſe mit dem Fuß auf den Boden. — Habe Märtens mit dem Wechſel fortge⸗ 64 ſchickt, um das Inkaſſo zu beſorgen,— fuhr Ber⸗ ger fort, dem dieſe Bewegung ſeines Prinzipals entgangen war.— Wollte auch noch bei dieſer Gelegenheit ergebenſt bemerken, daß der junge Mann eine Zulage verdient. Ein guter Rechner, ſchreibt eine ſchöne, leſerliche Hand und hat eine arme Mutter, die der Unterſtützung wohl bedarf. Habe ſeinen Vater auch gekannt, war ein Ehrenman, auf den der ſeelige Herr immer viel gehalten hat.— Bei den letzten Worten zitterte die Stimme des alten Buchhalters ganz unmerklich. So oft er den Namen des ſeeligen Herrn Werth zu nen⸗ nen pflegte, paſſirte es ihm wohl, daß ihn die Rührung übermannte. War es das Andenken an den Vater, der erſt ſeit einem Jahre draußen auf dem Friedhofe ruhte, oder wollte der Bankier um jeden Preis ſich Ruhe erkaufen, kurz, er bewilligte die Forderung des alten Buchbalters mit derſelben Eilfertigkeit, mit welcher er überhaupt ſelbſt die wichtigſten Geſchäfte heut behandelte. Der alte Berger dankte im Namen ſeines Schützlings mit der größten Freude, als ſollte er ſelbſt eine Zulage von mindeſtens tauſend Thalern zu ſeinem mäßigen Gehalt bekommen.— 65 Der Bankier aber verſank, ſobald der Buch⸗ halter ihn nicht länger mit ſeinem Vortrage be⸗ läſtigte, in ein tiefes Nachſinnen, als dächte er über eine höchſt wichtige und gewagte Operation nach, die alle ſeine geiſtigen Kräfte in Anſpruch nahm. VI. Mittlerweile hatte Adolph Märtens, ohne ſich auf der Straße aufzuhalten, das Komptoir der Gebrüder Roſenberg erreicht. Daſſelbe zeichnete ſich keineswegs durch übertriebenen Komfort und Lurus aus. Die Beſitzer deſſelben galten für ent⸗ ſchiedene Feinde jeder Verſchwendung und unnöthi⸗ gen Ausgabe. Seit Jahren waren die Wände des kleinen dunkeln Stübchens nicht geweißt, eben ſo wenig die Fenſter geſcheuert worden. Durch die trübe ſchillernden Glasſcheiben fiel nur an ganz hellen Tagen das Sonnenlicht, und die wärmenden Strahlen deſſelben regten den dichten Staub am Boden auf, der in goldig ſchimmernden Säulen luſtig emporwirbelte. Ring, Stadtgeſchichten. III. 5 Aber der goldene Staub in der ärmlichen Wohnung der Gebrüder Roſenberg hatte eine ganz abſonderliche Eigenſchaft. Er ſenkte ſich nieder und verdichtete ſich durch einen geheimnißvollen chemiſchen Prozeß in der Form ſchwerer glänzender Goldſtücke, welche die eiſernen Truhen und Schränke immer mehr anfüllten. Die Wucherer hatten wohl das Geheimniß der Alchymie entdeckt, denn was ſie berührten, wurde zu Gold in ihrer Hand. Groß war der Reichthum der Gebrüder Ro⸗ ſenberg, aber noch täglich wuchs der goldne Strom, der in dieſes dunkle Komptoir ſich ergoß. Den⸗ noch blieb es finſter und unheimlich in dem düſtern Raum, wo die Spinnen ungeſtört ihre Netze an den Wänden aushängten und unbeweglich auf ihre Beute lauerten. Oft ſaß der ältere von beiden Brüdern, welcher Bernhard hieß, eine geraume Weile auf dem ſchmutzigen Lederſtuhl und ſchaute mit ſichtlichem Vergnügen den ſchlauen Thieren zu. Wenn ſich eine dumme Fliege in dem feinen, kle⸗ brigen Gewebe fangen ließ, dann kicherte er ſo ſeltſam in ſich hinein, daß es Jedem grauſen mußte, der vielleicht zufällig in ſeiner Nähe war. Ueberhaupt war dieſer Bernhard ein wunder⸗ licher Kauz: ganz das Gegenſtück von ſeinem Bru⸗ der Samuel, den wir bereits an der Börſe geſe⸗ hen haben. Dieſer ging doch mit den Leuten um und ſein Geſicht und Weſen zeigte noch etwas Menſchliches, der Bernhard dagegen verließ Jahr aus und Jahr ein nicht das alte Komptoir, wo er wie ein Geſpenſt umherging und den goldenen Schatz in den eiſernen Schränken behütete. Wurde er dennoch einmal gezwungen auszugehn, dann wankte er, ungewohnt des Geräuſches und des Lichts, in den Straßen umher. Sein ſeltſames Ausſehn und ſeine auffallenden Manieren lockten bald die edle Straßenjugend herbei, welche ihn ver⸗ ſpottete. Von dem ausgelaſſenen Schwarm verfolgt, glich der Alte dann einer lichtſcheuen Eule, welche am Tage ihr Neſt verlaſſen und von der Sonne geblen⸗ det, von den Raben gehetzt, im Kreiſe taumelt. Darum haßte auch der Sonderling die ganze Welt und am mei⸗ ſten die Kinder, weil ſie ſich über ihn luſtig machten. Doch nein, ſo finſter iſt keine Nacht, daß nicht wenigſtens ein Stern in derſelben leuch⸗ tete; ſo dürr kein Feld, daß nicht wenigſtens ein Grashalm auf demſelben keimte. In dieſer geld⸗ gierigen Seele, in dieſem öden Gemüth war doch 5* ein Fleckchen noch vorhanden, wo ein Strahl der ewigen Liebe hindrang und die Dunkelheit erleuchtete. Wie im Schmutz eine Perle, ſo barg ſich in ſeinem Herzen das Andenken an ſeine treffliche kluge Mutter, und die Zuneigung zu dem Bruder, mit dem er bisher von Jugend auf ungetrennt gelebt hatte. War es die Macht der Gewohnheit oder die geheimnißvolle Sympathie des Blutes, die Brüder Roſenberg empfanden für einander eine aufrichtige Neigung, eine faſt leidenſchaftliche Zärtlichkeit, wie ſie nur ſelten zwiſchen Geſchwiſtern noch gefunden wird. Je weniger ſie mit der Außenwelt in Ver⸗ bindung ſtanden, je iſolirter ſie ſich auf der Erde fühlten, deſto inniger ſchloſſen ſie ſich an einander an. Sie glichen ſo zwei alten Bäumen, deren Krone und Aeſte abgeſtorben waren, kein Vogel ließ ſich auf den dürren Zweigen nieder, kein Wan⸗ derer ruhte in ihrem Schatten aus, der Stamm war faul geworden und die Rinde hatte ſich ab⸗ gelöſt, aber in der Tiefe waren die Wurzeln mit einander ſo verwachſen und ſo verſchlungen, daß keine irdiſche Macht ſie zu trennen vermocht hätte. Dieſe gegenſeitige Liebe ſchöpfte noch täglich 69 neue Nahrung aus der Gleichheit der Empfindun⸗ gen und Neigungen. Das Bild der ſeeligen Mut⸗ ter leuchtete mild verklärend auf die morſchen, welken Stämme nieder, wie die ſcheidende Abend⸗ ſonne, welche mit ihren goldenen Strahlen die finſtere Diebesherberge wie den ſtrahlenden Palaſt, den ſtinkenden Sumpf wie den Silberquell ver⸗ klärt. In dem dunklen Komptoir hing das Portrait der Verſtorbenen und Keiner der beiden Brüder ſah daſſelbe ohne tiefe Rührnng an. Sie war eine äußerſt kluge Frau geweſen und Herr Samuel Roſenberg, der geſprächiger wie der ſchweigende Bernhard war, erzählte wohl zuweilen, wie die geſcheute Frau ſchon bei Lebzeiten des ſchwachen und beſchränkten Mannes, die ganze Handlung faſt allein geführt, und durch ihre Geiſtesgegenwart den drohenden Bankerott des Hauſes abgewendet hatte. Außer dieſer gemeinſchaftlichen Liebe theilten beide Brüder noch die Leidenſchaft für den Gewinn. Ihr Vermögen wuchs mit jedem Tage, bei den geringen Bedürfniſſen, welche ſie hatten, häufte ſich Zins auf Zins und noch immer ſtrebten ſie nach mehr und gönnten ſich weder Ruh' noch Raſt. Dies ungeheuere Vermögen war ihre Wonne und Pein zu gleicher Zeit. In das Grab konnten ſie doch das viele Geld nicht mitnehmen, und vor den lachenden Erben, die ſte umlagerten, empfanden ſie ein Grauen. Sie haßten alle dieſe Verwandten, deren ſie eine große Menge beſaßen, denn reiche Leute pflegen immer viele Vettern zu haben. Auch nicht einem Einzigen von dieſen gönnten ſie einen Deut von dem ungeheuren Vermögen. So ſah es in dem Komptoir und den Her⸗ zen der Gebrüder Roſenberg aus. Aber wenn auch das Stübchen finſter und ſchmutzig war, ſo fehlte es den ganzen Tag daſelbſt nicht an verſchiedenartigem Beſuch. Selbſt Grafen und Fürſten kehrten hier oft ein, und manch vor⸗ nehmer Herr drückte die Hand der Wucherer und verſchwendete, wenn auch vergeblich, an dieſelben die feinſten Redensarten und Schmeicheleien. Das Gold iſt in unſerer Zeit am Ende doch der alleinige Gebieter der Welt und die Pfandbriefe gehen den Adelsbriefen ſtolz voran. Manch feiner Herr aber, der in das kleine Komptoir mit leichtem Herzen und ſicheren Schrit⸗ ten gekommen war, wankte mit ſchweren hinaus. Der Leichtſinnige wurde ernſt und der Muthige hier feig. Es gab Geſichter, die um Jahre geal⸗ tert waren, wenn ſie dieſe Zauberhöhle verzweif⸗ lungsvoll verließen.— Lasciate ogni speranza, gebt jede Hoffnung auf— wäre eine paſſende Inſchrift an der Thür geweſen. Wie die Schatten der Hölle lagerten auf dieſer Schwelle den ganzen Tag, junge Verſchwender, ruinirte Spekulanten und un⸗ glückliche Familienväter.„Erbarmen!“ war der einzige Laut, den ihre bleichen Lippen flüſterten, aber dies Wort war aus den Herzen der Gebrü⸗ der Roſenberg geſtrichen. Da ſaß der dürre Bernhard mit dem gleich⸗ giltigen, verſchrumpften Angeſicht vor dem großen Schuldbuche und deutete auf die Verfallzeit hin. Ernſt und ſtreng wie der Richter der Unterwelt, blieb er ungerührt von den Seufzern und Klagen, gegen die ihn die tägliche Gewohnheit bereits ab⸗ geſtumpft. Nicht die blonden Locken der Jugend, noch das Silberhaar des Greiſes flößten ihm Schonung und Mitleid ein. Holde Frauen, himm⸗ liſch ſchöne Geſtalten, mit dem verführeriſchſten Lächeln auf den Lippen, mit der noch verführeriſcheren Thräne in den Augen, lagen zu ſeinen Füßen und umſchlangen mit weichen Armen den harten Fels, der all ihrer Verführungskünſte ſpottete. Eben ſo unerſchütterlich blieb Herr Samuel Roſenberg, der ſeine Rückſichtsloſigkeit zwar min⸗ der zur Schau trug und ſich mit gleißneriſcher Freundlichkeit ſeiner Schuldner zu entledigen wußte. War der ältere Bruder die drohende Klippe, an welcher jedes Fahrzeug ſcheiterte, ſo glich der jün⸗ gere der trügeriſchen Sandbank, die nicht minder Tod und Verderben verbreitete. Bei der Menge von derartigen Geſchäften, welche ihre Erledigung in der dicht an das Komptoir ſtoßenden Wohnung fanden, verging wohl eine ziemlich geraume Zeit, ehe Adolph Mär⸗ tens ſeinen Auftrag ausführen und das Geld für den Wechſel in Empfang nehmen konnte. Der einzige Kommis, welcher auf dem Comp⸗ toir der Gebrüder Roſenberg arbeitete, hatte ſchwei⸗ gend auf eine Holzbank hingewieſen, auf welcher Adolph kaum einen Platz unter den vielen Leuten fand, welche ebenfalls hier warteten. Trotzdem er noch zu jung und unerfahren war, um in den Geſichtern der Harrenden zu leſen, und die ganze Skala ihrer Empfindungen, welche von der herz⸗ — 73 pochenden Furcht zur grauenhaften Verzweiflung emporſtieg, zu verfolgen, ſo überkam auch ihn eine eigenthümliche unangenehme Empfindung, de⸗ ren er vergebens Herr zu werden verſuchte. Die dumpfe Luft des kleinen Stübchens laſtete ſchwer auf ſeiner Bruſt, er hätte gern das Freie aufge⸗ ſucht, doch zuvor mußte er ſich ſeines Auftrags erſt entledigt haben. Von Zeit zu Zeit war es ihm, als hörte er in dem anſtoßenden Zimmer ein leiſes Flehn, von Seufzern und Schluchzen unter⸗ brochen. Jedes Mal aber, wenn die Stimmen drinnen lauter wurden, ſahen ſich die außen Stehenden mit bedeutungsvollen Blicken an, und in manchem Auge erloſch auch der letzte Strahl von Hoffnung, der noch matt in demſelben geſchimmert hatte.. Endlich wurde Adolph vorgelaſſen. Er ſel⸗ ber wußte nicht, warum ihm das Herz pochte, als der ältere Bruder ihn mit den ſcharfen, dolcharti⸗ gen Augen anſtarrte. Eine flammende Purpur⸗ röthe überflog das friſche Geſicht des jungen Kom⸗ mis, der den Wechſel überreichte und mit einiger Verlegenheit das Geld dafür verlangte. — Geld und immer Geld,— murmelte der Wucherer, und prüfte mit ſtrenger Aufmerkſamkeit die doppelte Unterſchrift des Fürſten Waſſilof und des Herrn Werth. Die Unterſuchung ſchien den Alten vollkommen beruhigt zu haben, denn er verließ jetzt ſeinen Lederſtuhl und wankte der Kaſſe zu, welche er geräuſchvoll mit mehreren Schlüſſeln öffnete, die er wohlverwahrt an einer feſten Schnur um ſeinen Nacken trug, ſo daß dieſelben im eigent⸗ lichſten Sinne auf ſeinem Herzen ruhten. Unterdeß hatte der andere Bruder, der keine Gelegenheit vorüberließ, ſeine gleißneriſche Freund⸗ lichkeit, die ihm keinen Pfennig koſtete, an den Mann zu bringen, dem jungen Kommis einen verſchoſſenen Sammetſtuhl angeboten und mit dem⸗ felben ein überaus höfliches Geſpräch angeknüpft. — Sind Sie ſchon lange auf dem Komptoir des Herrn Werth? Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, Sie dort zu ſehn. Freilich komme ich nur ſelten hin. Ein vortrefflicher Mann, der Herr Werth, ſteht groß an der Börſe da. Nun Sie haben es gewiß gut in ſeinem Haus und beziehen ein anſtändiges Honorar. Wenn auch unzuſammenhängend und ſcheinbar zwecklos dieſe Worte hingeſprochen waren, ſo ver⸗ 7⁵ band der ſchlaue Geſchäftsmann doch ſicher eine beſtimmte Abſicht damit, denn er gab eben ſo we⸗ nig einen Heller wie eine Sylbe, ohne irgend einen Grund aus. Diesmal wollte er nur Adolph zutraulich machen, um über Herrn Werth irgend Etwas zu erfahren, was ihn intreſſiren konnte. Obgleich Adolph die eigentliche Abſicht des ſchlauen Wucherers nicht im Entfernteſten ahnte, ſo hielt ihn doch eine natürliche Scheu und ein inſtinkt⸗ mäßiges Pflichtgefühl zurück, ſelbſt das Wenige, was er von den Angelegenheiten des Hauſes kannte, mitzutheilen. Seine Antworten lauteten deshalb meiſt ausweichend und unbeſtimmt. Nichts deſto weniger gab Herr Samuel nicht die Hoffnung auf, ſein Ziel bei der offenbaren Unerfahrenheit des jungen Kommis noch zu erreichen und durch ein zufällig hingeworfenes Wort einen Blick in die Verhältniſſe des Herrn Werth zu thun. Kein Jagdhund konnte mit mehr Geduld die Fährte des Wildes verfolgen, als der Wucherer immer von Neuem darauf losging, Adolph geſprächiger und mittheilender zu machen. Unterdeß hatte Bernhard den großen, eiſernen Kaſten aufgeſchloſſen, in welchem ein Theil der holte er das Geld hervor, welches er auszahlen ſollte. Eben ſtand er im Begriffe, einen ſchweren Beutel, der mit harten Thalerſtücken angefüllt war, mit ſeinen abgemagerten Händen emporzuheben, als ſein Bruder, einen neuen Anknüpfungspunkt des abgebrochenen Geſpräches ſuchend, die Frage an den Kommis richtete. — A propos wie heißen Sie denn, mein werther Freund?— — Adolph Märtens!— antwortete dieſer mit lauter Stimme. In demſelben Augenblick ſiel der Deckel des ſchweren Schranks nieder und der Geldſack entſank den zitternden Händen des Wucherers, aber o Wunder! der geizige Bernhard bückte ſich nicht einmal darnach. Der einfache Name des jungen Kommis ſchien eine faſt zauberhafte Wirkung her⸗ vorgebracht zu haben. Beide Brüder ſtanden ſprach⸗ und regungslos als wären ſie in Stein verwandelt, und ſtarrten ſich mit einem eigenthümlichen Aus⸗ druck an. Erſt nach einer geraumen Weile hatte der jüngere von ihnen ſich ſo weit geſammelt, daß er faſt mit zitternder Stimme Adolph aufforderte, Schätze verwahrt lag. Mit einem tiefen Seufzer — das Geld in Empfang zu nehmen. Dieſer hatte durchaus keine Ahnung von der Bewegung, welche er in dieſen verſtockten Seelen hervorgerufen. Mit Freuden verließ er das Komptoir und die unheimlichen Beſitzer, welche in demſelben hauſten. Erſt da er draußen auf der Straße ſſich befand, war es ihm ſo leicht zu Muthe, als wäre er aus einem drückenden Gefängniſſe entflohn. Als ſchon längſt ſeine Tritte verhallt waren, näherte ſich Samuel beſorgt ſeinem Bruder, der noch immer vor dem offenen Geldſchrank ſtand, den er in ſeiner Beſtürzung vergeſſen hatte zu verſchließen. — Bernhard,— ſagte er mit ängſtlicher Stimme,— fehlt Dir was?— Dieſer ſchreckte wie aus einem furchtbaren Traum empor und ergriff die Hand des theilneh⸗ menden Bruders. — Samuel,— flüſterte er leiſe,— mir war es doch, als hätt' ich einen Geiſt geſehn. — Es giebt keine Geiſter,— entgegnete dieſer beſchwichtigend. — O doch, doch!— murmelte der Bruder und ſank erſchöpft in den alten Lehnſtuhl leblos 78 nieder. Eine plötzliche Ohnmacht hatte ihn erfaßt, ſein Auge war geſchloſſen und der Herzſchlag ſtockte, wenn auch nur für kurze Zeit. Samuel ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, ſo daß der einzige Kommis, welcher ſich auf dem Komptoir befand, trotz des ausdrücklichen Verbots, in die geheimnißvolle Wohnung ſeiner Prinzipale drang. Er fand den regungsloſen Körper Bern⸗ hards von den Armen ſeines erſchrockenen Bruders umſchlungen, in deſſen Augen ungewohnterweiſe eine Thräne zitterte. Wenige Minuten ſpäter hielt die Equipage des geſuchteſten Arztes der Reſtdenz vor der Woh⸗ nung der Gebrüder Roſenberg. VI. Adolph Märtens eilte ſo ſchnell als möglich nach ſeinem Komptoir, um das viele Geld, das ihn beunruhigte, richtig abzuliefern. Es war zum erſten Male, daß ſich eine ſolch' bedeutende Summe in ſeinen Händen befand. Wer möchte läugnen, daß ein dämoniſcher Zauber in dem goldnen Me⸗ talle wohnt? Selbſt der unbefangene Jüngling konnte ſich nicht der geheimnißvollen Gewalt ent⸗ ziehn. In ſeinen Taſchen regte und rührte ſich's, als ſäße ein lebendiger Geiſt darin. Das klang und flüſterte, lockte und kicherte, daß es ihm ganz eigen und wunderlich zu Muthe war. Von Zeit zu Zeit legte er mechaniſch die Hände auf ſeine Bruſt, wo der Schatz ſicher ruhte. Wenn er ſich überzeugt hatte, daß dieſer nicht verloren ſei, wurde es ihm viel leichter um das beklommene Herz. Die Sorge um das anyvertraute Gut beſchäftigte ihn zunächſt. Jeder Vorübergehende kam ihm ver⸗ dächtig vor und er ſchaute ſich nach allen Seiten vorſichtig um. Er glaubte, daß Jedermann ihm anſehn müßte, welch' eine große Summe er bei ſich trage. Allmählig erſt beruhigte er ſich, aber der Dämon in ſeiner Taſche ließ nicht ab. Der ſchadenfrohe Geiſt hatte eine rechte Luſt daran, ihn zu quälen und zu ängſtigen. Als Adolph um die Ecke bog, ſtand der lange Volontair vor ihm. Das ſtark geröthete Geſicht des hoffnungsvollen Jünglings und ſein wankender Schritt deuteten hinlänglich die Art und Weiſe an, wie derſelbe die ihm unfreiwillig zu Theil gewor⸗ denen Ferien benutzt hatte. — Altes Kameel,— rief er ſchon vom Weitem laut,— gut, daß Sie kommen. Sie trinken doch ein Glas Wein mit mir?— Adolph weigerte ſich und ſchützte Mangel an Zeit vor. — Das weiß ich beſſer,— ſchrie der halb Berauſchte ihm zu,— auf dem Komptoir iſt nichts zu thun. Allons gehen wir. — Ich kann nicht,— lehnte dieſer beſcheiden ab,— ich habe eine anſehnliche Summe Geld bei mir, die ich ohne Verweilen abliefern muß.— — Geld, viel Geld,— ſtammelte der lange Volontair.— Geld iſt die Loſung des Tages. Brüderchen! für Geld iſt Alles feil, Auſtern, Champagner und die ſchönſten Mädchen in der Stadt. Vorwärts mit dem Geld. Es muß Alles verrugenirt werden wie der Berliner ſagt.— Mit Widerwillen riß ſich Adolph von dem wüſten Begleiter los, der ihn mit Gewalt am Arme fortzuziehen verſuchte. Hinter ſich her hörte er das ſchallende Gelächter des Trunkenen, der von Neuem in die Frühſtücksſtube zurückkehrte. 81 Aber dieſe Begegnung hatte den ſchlummernden Dämon wieder aufgeweckt. Das klang und flüſterte, das lockte und kicherte in ſeinen Taſchen, als ſteckte ein ganzer Schwarm kleiner Höllengeiſter drin. Champagner und Auſtern, Wein und Mäd⸗ chen! wiederholten die losgelaſſenen Teufel und ihr höhniſches Gelächter klang ihm in das Ohr. Er eilte mit ſchnellen Schritten und der Ver⸗ ſucher keuchte am hellen Tage immer hinterdrein. Faſt in Schweiß gebadet, langte er in dem Komptoir an, wo er dem Buchhalter die ihm anvertraute Summe richtig überlieferte. Jetzt erſt athmete er wieder leicht und frei, als wäre ihm eine ſchwere Laſt von dem Herzen abgewälzt. Nachdem Herr Berger das Geld bedächtig nachgezählt, jedes Goldſtück einzeln nachgewogen, jeden Kaſſenſchein beſonders geprüft hatte, kündigte er Adolph die Erhöhung ſeines Jahrgehalts an, welchen derſelbe einzig und allein der Fürſprache des guten Mannes zu verdanken hatte. — Sie können ſich das nächſte Quartal gleich mitnehmen,— bemerkte der wackere Alte,— aber geben Sie das Geld nicht leichtſinnig aus. Pfennig Ring, Stadtgeſchichten. III. 6 82 zu Pfennig, Groſchen zu Groſchen und es wird ein Thaler daraus, hat der alte Herr mir oft geſagt. Ja, der war ein Mann, wie es jetzt nur wenig giebt. Der ging langſam, aber auch ſicher ſeinen Weg. Damals gab es freilich noch keine Eiſen⸗ bahnen, keine Aktien und keinen Dampf.— Der alte Berger lächelte dabei ganz eigen, dann aber ſchwieg er mit einem Male ſtill. Er hatte eigentlich ſchon mehr geſagt, als ſich von einem alten Diener ſchickte, aber weſſen das Herz voll iſt, davon geht der Mund über. Erſt nach einer Pauſe ſetzte er hinzu:— Nun lieber Märtens können Sie auch nach Hauſe gehn. Die Andern ſind längſt beim Mittagstiſch, ich werde das Komptoir ſchon allein ſchließen. Adolph ſtammelte einige Worte tiefgefühlten Dankes gegen ſeinen väterlichen⸗Freund. — Danken Sie nicht mir,— entgegnete dieſer, — ſondern Herrn Werth. Jetzt gehen Sie mit Gott und grüßen Sie Ihre brave Mutter er von mir abſonderlich.— 3 Der alte Buchhalter war nun ganz allein, aber er ſchloß darum doch nicht das Geſchaft w wie er geſagt. Im Gegentheil vertiefte er ſich i 83 das Hauptbuch, welches vor ihm lag. Es mußte eine ſchwierige Rechnung ſein, die ihn ſo ganz und gar beſchäftigte. Von Zeit zu Zeit ſeufzte er dabei recht laut, denn es war kein Menſch in ſeiner Nähe, vor dem er nöthig hatte, ſeine trüben Ahnungen zu unterdrücken. Das aber blieb gewiß, daß nicht Alles jetzt ſtimmte, wie er es früher gewohnt geweſen war bei dem alten Herrn. Doch wo der Fehler ſteckte, brachte er trotz ſeines ange⸗ ſtrengten Nachdenkens nicht heraus. Vergebens kam er ſeinem Geiſt mit mancher Priſe zu Hülfe, die er aus der goldenen Doſe nahm, welche ihm der ſeelige Prinzipal ausdrücklich in ſeinem Teſta⸗ ment zur Belohnung ſeiner treuen Dienſte ausge⸗ ſetzt hatte. So oft er daraus ſchnupfte, trat das Bild des alten Chefs lebendig vor ihn hin. Er ſah ihn vor Augen ſtehn dort am Ofen, wo er gewöhnlich am liebſten verweilt hatte. Das war derſelbe zimmetbraune Rock, den der Seelige gewöhnlich trug und daſſelbe freundliche und doch ernſte Geſicht, mit welchem er die Berichte des alten Berger entgegennahm. Seitdem ſich dieſe klaren, trotz des hohen Alters noch ſo hellen Augen geſchloſſen hatten, war ſo manches auf dem Komptoir 6* ganz anders geworden und der entſchlafene Prin⸗ zipal hätte ſicher Vieles nicht geduldet und ſchwer getadelt, was ſein Nachfolger ruhig geſchehen ließ. Das war es, worüber der treue Buchhalter nachdachte, deſſen ganzes Weſen und Sein mit der Ehre ſeines Hauſes und der Solidität der Firma verwachſen war. Zuweilen kam es ihm aber vor, als würde es dort im Winkel am Ofen lebendig, als ballten ſich die Schatten zu einem Weſen, als käme es näher und näher und ſchaute über ſeine Schultern in das Kaſſabuch und deutete mit ſiche⸗ rem Finger auf die falſchen Zahlen, welche den alten Berger ganz verwirrten. Alles umſonſt. Der Buchhalter fand zum erſten Mal in ſeinem Leben den Fehler nicht, der ſich in ſeine Rechnung eingeſchlichen. Darum ſtieß er von Neuem einen tiefen Seufzer aus. Je länger er aber zählte, addirte und ſubtrahirte, um ſo un⸗ klarer erſchien ihm die ganze Sache. Die Zahlen hüpften und tanzten vor ſeinen Augen einen wun⸗ derlichen Reigen und gebährdeten ſich wie ein Schwarm losgelaſſener Geiſter. Da flog eine ſchlanke Eins leichtfertig an ihm vorüber, und wenn er ſie zu faſſen glaubte, war ſie ihm mit einem Mal 8⁵ verſchwunden, dort gingen zwei Nullen gravitä⸗ tiſch miteinander ſpatziren, plötzlich, als wandelte ſte ein Wahnſinn an, ſprang die eine auf die Schulter der anderen, und eine angeſchwollene Achte wackelte mit ihrem dicken Kopf. Die Sechſen ſchoſſen Purzelböcke nnd wurden in einem Hand⸗ umdrehen zu Neunen, die Zweien ſtießen mit den Vieren an und eine Fünfe war aus einem großen Poſten gänzlich verloren gegangen und trotz aller Nachforſchungen nicht mehr aufzufinden. Von Zeit zu Zeit griff ſich der alte Berger nach dem Kopf, dieſer ſaß noch auf dem rechten Fleck, aber darum ſtimmten ſeine Rechnungen doch nicht, wie früher auf ein Haar. Je länger man aber bei ſolchen Gelegenheiten zu ſuchen pflegt, deſto weniger findet man. Es iſt dann, als ob es eine ſchadenfrohe Macht gebe, die mit den vergeb⸗ lichen Bemühungen der Menſchen ſpielt und all' ihrer Anſtrengungen ſpottet. — Vielleicht morgen,— ſagte der Buchhalter zu ſich ſelbſt, und machte das Hauptbuch zu, das er ſorgſam in ſeinem Pult verſchloß. Dabei ſeufzte er heute ſchon zum dritten Mal und es kam ihm vor, als ob ſein Seufzer ein Echo in dem Winkel am Ofen fände. Der Kopf brannte ihm als er das Komptoir verließ und nach der Reſtauration wankte, wo er ſeit Jahren ſein be⸗ ſcheidenes Mittagsmahl einnahm. Mit ganz andern und freudigeren Gefühlen war Adolph Märtens dagegen auf dem Wege zu ſeiner Mutter. Seine Füße tanzten nur ſo auf dem Pflaſter der Straße hin und das Herz in ſeiner Bruſt ſchlug den fröhlichen Takt dazu. So ſchön war ihm noch nie die Welt erſchienen, ſo herrlich hatte die Sonne ihm nie geglänzt wie heut. Allen Menſchen, denen er begegnete, hätte er am liebſten das Glück erzählt, das ihm zu Theil geworden. Hundert Thaler Zulage! Das übertraf ſeine kühn⸗ ſten Erwartungen, ſeine ausſchweifendſten Hoff⸗ nungen. — Und was wird die gute Mutter ſagen? Das hat ſie doch nie und nimmermehr erwartet. Nun braucht ſie ſich's nicht mehr am Munde abzuſpa⸗ ren, um mir anſtändige Kleidung zu verſchaffen, und ich kann ihr doch auch etwas von meinem Gelde zu Gute thun. Ein ſchwarzes Seidenkleid, das ſie ſo nöthig hat, kauf' ich ihr zu Weihnach⸗ ten ganz gewiß.— Solche und ähnliche fromme und freudige Gefühle bewegten die Bruſt des achtzehnjährigen Jünglings, und er hätte in dieſem Augenblick mit keinem Millionär der Welt getauſcht. So ſchnell aber auch ſeine jungen Füße ihn trugen, dennoch waren die geflügelten Gedanken weit voraus. Noch nie war ihm der Weg vom Komptoir bis zur Wohnung der Mutter ſo lang vorgekommen, die Straßen der Reſidenz dehnten ſich für ihn ins Unendliche, und die Entfernung ſchien ihm mit jedem Schritte noch zu wachſen. Hätte er wenig⸗ ſtens einen Bekannten angetroffen, dem er ſein Glück mittheilen konnte, aber Niemand ließ ſich blicken. Einmal glaubte er den alten Lazarus geſehen zu haben, doch ſein Auge hatte ihn nur getäuſcht. Der Makler pflegte auch um dieſe Zeit ſein Mittagsmahl in einer jüdiſchen Reſtauration einzunehmen, denn trotz ſeiner Toleranz befolgte der Sonderling ſtreng und pünktlich alle Vorſchrif⸗ ten und Gebräuche ſeiner Religion. Endlich ſah er ſchon von Weitem das bekannte Haus. Jetzt ſtand er vor der Thür; er ging nicht, ſondern flog die drei Treppen hinauf, ſo daß er faſt athemlos in die Stube trat. Zum Glück war die Mutter nicht darin, ſonſt hätte ſte ſicher über ſeine ſtürmiſche Haſt geſcholten. Sie hatte noch in der Küche zu thun, wo ſie das Eſſen für ſich und ihren Liebling emſig bereitete. Nachdem er ſich nun ein Wenig erholt und den Schweiß von der gerötheten Stirn getrocknet hatte, ſchlich er leiſe auf den Zehen zu der Mutter in die Küche. Geräuſchlos öffnete er die Thür und blieb in derſelben ſtehn, aber die Freude ließ ihm keine Ruh noch Raſt. Unbemerkt ſchlich er nah und näher und umfing die innig Geliebte, ehe ſie ihn bemerken konnte, mit ſeinen Sohnes⸗ armen. Leiſe bebte ſie, wie ein Wenig von dem plötz⸗ lichen Ueberfall erſchrocken, dann wendete ſie ſich um, denn ſie hatte ihn ſogleich erkannt. Eine Mutter ahnt ja in der zarteſten Berührung ſchon ihr Kind. — Biſt wohl hungrig?— fragte ſie, indem ſie mit ihren feinen Händen ſeine braunen Locken ſtreichelte. — Das nicht, aber— — Du willſt, ſehn, was es zum Mittags⸗ 89 eſſen giebt? Ei, ei, Herr Töpfchengucker, das ſchickt ſich nicht,— ſcherzte ſie. — Liebe Mutter, ich bin ſo glücklich, ſo ſee⸗ lig, daß ich es keinem Menſchen ſagen kann. Doch vor allen Dingen gieb mir einen Kuß.— Und er beugte ſich zu ihr, denn er war ſchlank und friſch emporgeſchoſſen wie ein junger Baum. Ihre Lippen berührten feſt und innig die ſeinigen. Alles Weh des Lebens vergaß die Mut⸗ ter in dem Kuß des Sohnes. Durch die dunkle Küche brach ein heller Sonnenſtrahl, doch ein hel⸗ leres Licht ſtrahlte hier von Aug' zu Aug'. — Und nun ſag' mir doch, was dich ſo glücklich macht?— fragte die Lächelnde, indem ſie ſich aus ſeinen Armen wand. — Du mußt rathen, ſonſt erfährſt du Nichts,— ſcherzte Adolph. — Du haſt doch nicht in der Lotterie ge⸗ ſpielt, und mir nichts davon geſagt?— — Fehlgeſchoſſen,— lachte er, und ſie lachte in Wehmuth mit, weil ſie wußte, daß ſeine Kaſſe ſolche Extra⸗Ausgaben ihm nicht geſtat⸗ tete. — CEulenſpiegel, ſo ſag' mir's doch,— bat 90 die Mutter, welche ſich vergebens angeſtrengt hatte, das ihr aufgegebene Räthſel zu errathen. Nun konnte er ſein Geheimniß nicht länger auf dem Herzen behalten und mit freudeſtrahlenden Augen verkündete er der Ueberraſchten ſein uner⸗ wartetes Glück. Das war ein Jubeln und Jauch⸗ zen, ein Freuen und Herzen, daß die alte Katze in der Küche verwundert ſich umſchaute und gewiß im Stillen dachte: Die Leute ſind wohl närriſch geworden. — Aber bedanken mußt du dich noch heut bei Herrn Werth. Wenn du vom Komptoir kommſt, ſo ziehſt du deinen ſchwarzen Leibrock an und gehſt hinaus in die Sommerwohnung und machſt auch von mir ein ſchönes Kompliment. Jetzt aber zum Eſſen. Ich fürchte, daß üͤber unſerm Plaudern das Gemüſe angebrannt ſein wird.— Und ſo war es in der That, aber dennoch ſchmeckte es Beiden ſo herrlich, wie noch nie. Kaum glauben wir, daß der Mittagstiſch des rei⸗ chen Herrn Werth ihnen beſſer gemundet hätte. Hundert Thaler jährliche Zulage waren die beſte Würze bei dem einfachen Mahl der Glücklichen. 91 VIII. Nach dem Mittaseſſen kam Herr Lazarus, um, wie er es gewohnt war, den Kaffee bei ſeinen Freunden einzunehmen. Madame Märtens hatte ihm ein für alle Mal geſtattet, daß er im Haus⸗ rock und mit dem ſchwarzen Käppchen auf dem würdigen Haupte ungenirt bei dieſer Gelegenheit erſcheinen durfte. Sie ſelbſt hatte ihm ſogar ein ſchönes Morgenmützchen von Wolle und Seide ge⸗ ſtickt, das aber der alte Sonderling ſorgfältig in ſeinem Schrank verſchloſſen hielt und nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten aufſetzte. — Es iſt zu gut für mich an Wochenta⸗ gen,— pflegte er dabei zu ſagen,— Ihr Käpp⸗ chen iſt ja mehr werth als mein Köpfchen.— — Aber Sie beleidigen mich, wenn Sie meine Arbeit im Schrank vermodern laſſen,— hatte Madame Märtens eines Tages gegen ihn bemerkt. — Liebe Madame Märtens,— erwiederte ihr der Witzige,— machen Sie doch nicht ſo viel Auf⸗ hebens, wenn ich etwas von Ihnen aufhebe. 92 Ich will nur das Mützchen ſchonen, daß ich im Himmel damit Staat machen kann.— Und ſo geſchah es auch; das Käppchen blieb wohlverwahrt im Schranke liegen und wurde nur an den höchſten Feſt⸗ und Feiertagen hervorgeholt. Heute alſo erſchien der alte Lazarus in dem dunk⸗ len Hausrock und mit dem ſchwarzen verſchoſſenen Sammtmützchen, unter dem das ſchlichte, weiße Haar, der Schnee des Alters, ehrwürdig hervorſchimmerte. Daß er die innigſte Theilnahme bei dem Glücke zeigte, welches ſeinen jungen Freund ſo unvermu⸗ thet überraſcht, bedarf wohl keiner beſonderen Verſtcherung, aber der kluge Mann hatte auch ſo⸗ gleich die richtige Quelle aufgeſpürt. — Das haben Sie keinem Andern, als dem alten Berger zu verdanken,— ſetzte er hinzu, — denn Herr Werth bekümmert ſich nicht um ſolche Kleinigkeiten, aber der Berger, ja der Berger iſt noch einer aus der guten alten Zeit, und hat Ihren Seeligen gekannt.. Madame Märtens ſegnete im Stillen den braven Mann. Nach einer Weile ſetzte der Makler noch hinzu: — Lieber Adolph, ich bin auch der Meinung, 93 daß Sie deshalb doch nach der Sommerwohnung hinausgehn und ſich bei Herrn Werth bedanken. Reiche Leute lieben das und ein gutes Wort fin⸗ det eine gute Statt. Nützt es nichts, nun ſo ſchadet's nichts.— Der junge Mann hörte mit Aufmerkſamkeit auf den Rath des Alten, denn er zählte nicht zu jenen Uebermüthigen, welche ſich genügend klug dünken und die Erfahrung, welche allein mit den Jahren kommt, verſpotten und in den Wind ſchla⸗ gen. Sobald er aber ſeinen Kaffee genoſſen hatte, drückte er noch einen Kuß auf die Lippen der gu⸗ ten Mutter und ſchüttelte zum Abſchied Herrn Lazarus die Hand, dann eilte er auf das Komptoir, um aufs Neue ſeine Arbeit zu beginnen. Was er dem trefflichen Berger an den Augen ab⸗ ſehn konnte, that er mit großer Freude und Ge⸗ duld. So ſchön hatte er noch nie kopirt und dabei vergaß er auch die Grundſtriche nicht nach dem Willen des Buchhalters zu machen, der dar⸗ auf ein beſonderes Gewicht zu legen ſchien. Die beiden Alten aber blieben noch zurück und ſprachen von vergangenen Zeiten. Vor dem Mak⸗ ler ſchüttete die Mutter ihr Herz ohne Rückhalt 94 aus, denn er war ſeit Jahren ihr Vertrauter. In ſeiner Gegenwart hielt ſie auch die Thränen nicht zurück, welche ſie vor dem Sohne gefliſſentlich verbarg. Er tröſtete ſie ſo gut es eben ging. Madame Märtens ſtand allein in dieſer Welt und ſie hatte einen harten Kampf gekämpft, um ſich mit Ehren zu behaupten und ihr Kind zu allem Guten zu erziehen.. — Er macht mir viel Freude,— ſagte ſie zu dem bewährten Freund,— aber auch Kummer genug, wenn ich an die Zukunft denke. Soll er denn ewig conditioniren? Ach, wenn ich nur ſo viel hätte, um ihn zu unterſtüͤtzen, damit er ſich einmal etabliren könnte.— — Nehmen Sie es mir nicht übel,— ent⸗ gegnete der Makler,— aber Sie ſprechen wie ein Kind, oder vielmehr wie Sie es verſtehn. Geld iſt eine ſchöne Sache, aber Geld allein thut es nicht. Das ſeh' ich täglich vor meinen Augen. Mancher Vater hat ſeinem Kinde einen gewaltigen Reichthum hinterlaſſen, und der Sohn iſt doch ein Bettler geworden. Das hat die Vorſehung weiſe angeordnet. In heutiger Zeit ſpricht und lieſt man viel von der Vertheilung der Güter. Was die 95 Ueberklugen als eine neue Erfindung ausſchrein, iſt eine ganz alte Geſchichte. Gott hat es wohl⸗ weislich eingerichtet und läßt das Geld niemals lange Zeit in einer Hand. Es iſt rund und cir⸗ kulirt. Es kommt und geht von Einem zum An⸗ dern, das iſt die wahre Vertheilung und die iſt ſo alt wie die Welt. Darum kümmern Sie ſich nicht. Adolph iſt ein ordentlicher und fleißiger Menſch und wird ſein Glück machen. Ich habe Manchen gekannt, der mit gar Nichts angefangen hat und jetzt ein reicher und geachteter Mann an der Börſe iſt. Ich gedenke noch, wie der Vater des Herrn Werth angefangen hat, und die Ge⸗ brüder— Herr Lazarus aber hielt mit einem Male inne und hemmte ſeinen Redeſtrom. Bald hätte er eine große Dummheit begangen und ohne ſeinen Willen der guten Frau eine Kränkung zugefügt. Es gab Perſonen und Gegenſtändé, welche nie in Gegen⸗ wart von Madame Märtens berührt werden durf⸗ ten, ohne eine ſchmerzliche Verſtimmung in ihr hervorzurufen. So plötzlich aber der Makler auch abbrach, konnte er es doch nicht verhindern, daß ſeine Freundin den Sinn ſeiner Rede ergänzte oder er⸗ rieth. Darum ſeufzte ſie aus tiefſter Bruſt und die kaum getrockneten Thränen begannen aufs Neue zu fließen. — Liebe Madame Märtens,— bat jetzt der alte Lazarus, der über ſeine eigene Ungeſchicklich⸗ keit ſich im Innern Vorwürfe machte,— thun Sie mir den Gefallen und rühren Sie nicht die alten Geſchichten auf. Ich weiß Alles, was Sie mir erzählen wollen. Hören Sie lieber, was das Sprichwort ſagt: Drum vergiß, das was nicht zu ändern iſt.— Je mehr aber der treue areund der armen Frau zuredete, deſto mächtiger wurden die Erinne⸗ rungen an eine traurige Vergangenheit in ihr auf⸗ geregt. Die einzelnen Thränen, welche an ihren Wimpern zitterten, drängten ſich immer reichlicher hervor und floſſen endlich in einem ungehemmten Strom. Der Makler kaͤnnte bereits aus langjäh⸗ riger Erfahrung dieſe ungeſtümen Ausbrüche eines nur mühſam unterdrückten Schmerzes, der ihm heilig war. Darum verſuchte er nicht länger die oft gebrauchten Troſtgründe wieder anzuführen. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß es Wunden 97 giebt, welche auch bei der leiſeſten Berührung zu bluten anfangen, denn trotz ſeiner ſcharfen Zunge hatte er das beſte Herz der Welt. Die ſpitzen Na⸗ deln ſeines Witzes waren nur die Hülle, in welcher der weiche Kern ſeines trefflichen Ge⸗ müthes ſchlummerte. Nur über ſich ſelber war er aufgebracht, und er nannte ſich im Stillen einen alten Eſel, einen ungeſchitten Schlemihl, denn er ſchonte ſich eben ſo wenig als Andere, und überſah auch den Splitter in den eigenen Augen nicht, was ſonſt manchem Witzling zu paſſiren pflegt. — Auf Regen folgt Sonnenſchein und ein trüber Abend kündigt einen heiteren Morgen an,— ſagte er, indem er ſich zum Fortgehn anſchickte und Madame Märtens ſeine Hand zum Abſchied reichte.— Der alte Gott lebt noch und was der thut, iſt wohlgethan.— Unter Thränen lächelte die gute Frau, damit er ja nicht glauben ſollte, daß er ſie betrübt habe. Sobald aber der Makler die Thür hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, war das Lächeln auch verſchwunden, das ihr eine ſo große Anſtrengung gekoſtet hatte. Erſt als Adolph gegen Abend vom Komptoir zurück⸗ Ring, Stadtgeſchichten. III. 7 98 gekehrt war, hatte ſie ihre gewohnte Ruhe wieder⸗ gewonnen und Alles für den von ihr gewünſchten Dankbeſuch bei Herrn Werth vorbereitet. Sie reichte ihm das ſchneeweiße Vorhemdchen hin, das ſie ſelbſt gewaſchen und geplättet hatte, dann knüpfte ſie künſtlich das buntſeidene Halstuch und holte den ſchwarzen Leibrock hervor, den ſie von ihren Erſparniſſen dem geliebten Sohn gekauft, damit er bei feierlichen Gelegenheiten anſtändig erſcheinen konnte. Sie ſelbſt putzte und bürſtete an ihm herum und ſtrich den ſeidenen Hut, auf dem gewiß kein Stäubchen ſitzen blieb. Dabei ver⸗ wandte ſie kein Auge von ihrem Liebling, den ſie fortwährend mit dem innerlichſten Wohlgefallen betrachtete. Der alte Lazarus hatte doch richtig prophezeiht, ſie lachte noch heute aus Herzensgrund und freute ſich, wie er ſo ſtattlich vor ihr ſtand. Das Kleid ſaß ihm auch wie angegoſſen und hob ſeine ſchlanke Geſtalt erſt recht hervor, und aus dem reinen Kragen ſchaute ſein friſches Antlitz wie der junge Mai. Sie mochte ihn gar nicht fort⸗ laſſen, und immer, wenn er ſchon die Thuür in der Hand hatte, rief ſie ihn zurück, und machte ſich an ſeinem Anzuge allerlei zu ſchaffen. Das ge⸗ 99 ſchah aber durchaus nicht, weil der Kragen ſchief ſaß, oder weil eine Feder vielleicht auf dem Rock geblieben war, ſondern nur, um ſich an ſeinem Anblick noch länger zu weiden. Endlich drängte ſie ihn ſelbſt zur Thür hinaus, denn bis zur Sommerwohnung des Herrn Werth war noch ein ziemlich weiter Weg. Sie hatte durchaus darauf beſtanden, daß er mit dem Omnibus fahren ſollte, damit er ſich die glänzenden Stiefel nicht beſchmutze. Als er fortgegangen war, eilte ſie zu dem geöffneten Fenſter und ſchaute ihm nach. Auch Adolph ſchaute noch zu ihr empor, denn er wußte, daß die Mutter am Fenſter war. Ihre Blicke begegneten ſich und da lächelte die arme Frau von Neuem und winkte ihm zum Abſchied mit der Hand. Jetzt bog er um die Ecke und verſchwand, ſie aber ſtarrte in die Ferne, als könnte ſte ihn noch immer ſehn, obgleich er längſt in den Omnibus geſtiegen war und faſt den halben Weg bis zur Villa des Herrn Werth zurückgelegt hatte. Vor dem Thore derſelben hielt er einige Au⸗ genblicke an, ehe er eintrat. Er zog den weißen Kragen noch mehr hervor, ſtrich mit einem kleinen Kämmchen, das er immer bei ſich trug, das 7* 100 gelockte Haar zurecht und zog die weißen Handſchuh an, welche er ſorgfältig in ein Stück Papier ge⸗ wickelt hatte, um ſie vor jedem Schmutze zu be⸗ wahren. Dabei überlegte er im Stillen, wie er ſeinen Prinzipal anreden wollte. Sein Herz war des Dankes voll, aber die geeigneten Worte bald zu finden, das kam ihm doch nicht allzuleicht vor. Er traf Herrn Werth glücklicherweiſe noch in ſeiner Wohnung an. Dieſer war ſo eben vom Tiſch aufgeſtanden, der nach engliſcher Weiſe bei ihm erſt um vier Uhr begann, wo die meiſten Menſchen ihre Mahlzeit bereits verdaut haben. Der Bankier ſaß allein im Speiſeſaal und hielt ein Zeitungsblatt in der Hand, mit deſſen Lekture er eifrig befchäftigt ſchien. Er las aber weder die politiſchen Neuigkeiten noch die Koursberichte aus London und Wien, ſondern— eine Theater⸗ kritik, welche ihn doch mehr als alles andere inte⸗ reſſtren mußte. Nun, es iſt gewiß recht lobens⸗ werth, wenn ein Geſchäftsmann ſich um Kunſt und Wiſſenſchaft bekümmert und über ſeinen Zahlen und Berechnungen nicht den Sinn für das Schöne und Erhabene der Poeſte verloren hat. Herr Werth war aber) derart vertieft, daß er einige 101 Zeit die Gegenwart des jungen Mannes gänzlich üͤberſah, obgleich derſelbe ihm gemeldet war und bei ſeinem Eintritt laut gegrüßt hatte. Endlich legte er das Blatt zur Seite und blickte zu dem Harrenden empor. — Was giebt's?— fragte er kurz im ge⸗ wohnten kalten Ton. Adolph ſtammelte etwas von Dank, Treue und Ergebenheit, doch der kühle Empfang hatte ihn ſeine wohlgeſetzte Rede vergeſſen laſſen. All' die ſchönen Worte und Empfindungen verwelkten mit einem Male wie Frühlingsblumen, die der Nachtfroſt getroffen hat. Sein warmes Herz zog ſich krampfhaft zuſammen und er konnte nur mit Mühe und Noth noch einige paſſende Worte her⸗ vorbringen. Der Bankier erinnerte ſich kaum mehr der ganzen Angelegenheit. Was kümmerte ihn dieſe Kleinigkeit, welche ein Ereigniß in dem Leben Adolphs und ſeiner Mutter war. Hundert Thaler jährliche Zulage, welch' eine Lumperei! Herr Werth ſtand eben im Begriff, Tauſende für eine Laune, eine Kaprice, die ihn plötzlich ergriffen hatte, hin⸗ auszuwerfen. Sehr zerſtreut hörte daher der Prinzipal auf den Dank des jungen Kommis, der in ehrerbietiger Haltung vor ihm ſtand. Die Theaterkritik be⸗ ſchäftigte ihn weit mehr, denn ſeit Kurzem war der Bankier ein Mäzen, ein außerordentlicher Be⸗ ſchützer der ſchönen Künſte geworden. Schon frü⸗ her beſaß er eine Loge in dem prachtvollen Opern⸗ haus, die er aber für ſeine Perſon ſelten zu be⸗ nutzen pflegte, erſt in jüngſter Zeit hatte ſich in ihm eine wahre Leidenſchaft für das Theater und beſonders für Oper und Ballet gezeigt. Faſt jeden Abend eilte er mit dem Glockenſchlage ſteben dahin und wich und wankte nicht von ſeinem Platz. Der Eindruck, den er von den Vorſtel⸗ lungen empfing, mußte ein ſehr bedeutender und nachhaltiger ſein, denn ſeitdem er das Theater ſo häufig beſuchte, war er ſtets zerſtreut und in ſich gekehrt. Was nicht mit dieſer neuen Neigung zuſammenhing, kümmerte ihn nicht, und er ver⸗ nachläſſigte darum manch wichtiges Geſchäft. Es war aber wunderbar, daß dieſe Liebe für die Kunſt ſo ſpät erſt in ihm entſtanden war, denn früher fand er durchaus keinen Gefallen daran und zog eine Wiſthpartie dem herrlichen Geſang einer Lind und dem kühnſten Pas einer Elsler 103 vor. Die Leidenſchaften aber, welche uns in einem ſpäteren Alter ergreifen, pflegen noch viel an⸗ dauernder und nachhaltiger. als die der Jugendzeit zu ſein. Das Strohfeuer verlodert ſchnell, wäh⸗ rend die entzündete Kohle lange noch die Gluth bewahrt. Der unterdrückte oder vernachläſſigte Trieb, der bisher geſchlummert hat, richtet ſich oft mit einem Male empor, durchbricht wie die zurück⸗ gehaltene Fluth plötzlich jeden Damm und erſchreckt durch nie geahnte Kraft.— Gerade ſo erging es auch Herrn Werth, der ſo ſpät erſt enragirter Theaterfreund geworden war. Er beſchäftigte ſich von nun an ausſchließlich nur mit dieſer Neigung, die ſich plötzlich erſt bei ihm entwickelt hatte. Statt des Koursblattes griff er nach dem Komödienzettel, auf ſeinem Hauptbuch tanzte das Korps de Ballet vor ſeinen Augen einen zauberhaften Reigen, und eine Theaterkritik intereſſirte ihn jetzt weit mehr als das ſolideſte Papier mit Rothſchilds eigener Unterſchrift. Während Adolph noch immer auf ein freund⸗ liches Wort aus dem Munde ſeines Prinzipals wartete und nicht wußte ob er gehen oder bleiben ſollte, zog dieſer ſeine Uhr hervor. 104 — Mein Gott!— ſagte er,— ſchon halb ſteben Uhr und noch nicht angeſpannt. Lieber Märtens, ich habe dringende Geſchäfte.— Mit einer ſtolzen Verbeugung verabſchiedete er den jungen Kommis, der noch einmal in wenig Worten ſeinen Dank ausſprach. — Schon gut,— erwiederte Herr Werth mit augenſcheinlicher Ungeduld,— laſſen Sie das und fahren Sie ſo fort. Das Uebrige können Sie dem alten Berger ſagen.— Jetzt mußte Adolph ſich entfernen, obgleich er noch ſo viel ſagen wollte, was ihm ſchier das Herz abdrückte. Er beſaß ja noch jene ganze Ueberſchwänglichkeit, welche der Jugend eigen iſt. Als er die Treppe niederſtieg, zürnte er mit ſich ſelber über ſeine eigene Blödigkeit und Ungeſchick⸗ lichkeit und da fiel ihm erſt ſo Manches ein, was er noch hätte vorbringen können, um Herrn Werth zu überzeugen, daß dieſer ſeine Wohlthaten an keinen Unwürdigen verſchwendet habe. Doch dazu war es jetzt zu ſpät, der Bankier ſaß bereits in ſeinem Wagen und rollte nach dem Opernhaus, wo heut ein neues Ballet gegeben werden ſollte. 10⁵ IX. Adolph trat, faſt verſtimmt, ſeinen Rückweg an, der ihn durch die grünen Laubgänge des Gar⸗ tens führte. Er fürchtete einen unangenehmen Ein⸗ druck in Herrn Werth hinterlaſſen zu haben, während ihm doch Alles daran liegen mußte, die günſtige Meinung ſeines Prinzipals ſich zu erhalten. Darin irrte er aber gewaltig, denn dieſer hatte längſt die Begegnung mit ſeinem Kommis vergeſſen und dachte in dieſem Augenblick gewiß an ganz andere und intereſſantere Gegenſtände, die ihn ſeit einiger Zeit ausſchließlich beſchäftigten. Die Jugend aber iſt wie ein friſcher reiner Quell, der, auf eine flüchtige Minute getrübt, ſchon im näch⸗ ſten Momente wieder in fröhlicher Silberhelle fließt. Wo giebt es einen Schmerz, der dieſe elaſtiſche Kraft gänzlich niederdrücken kann? Nur die alten Stämme brechen wenn der Sturm ſie faßt, die jungen Bäumchen beugen ſich und grünen luſtig fort. Die ſelbſtquäleriſchen Gedanken und Vor⸗ würfe, welche Adolph ſich ſelber ſchuf, dauerten nur eine kurze Zeit. Bald dachte er nicht mehr daran, 106 ſondern gab ſich ganz den gaukelnden Bildern und Träumen hin, welche die Seele eines achtzehnjäh⸗ rigen Jünglings wie ein luſtiger Vogelſchwarm zu umflattern pflegen. Jetzt erſt ſchaute er auch um ſich, und ſeine Umgebung war wohl ganz geeignet, auch die letzte Spur ſeines Trübſtnns zu verſcheuchen. Die herr⸗ liche Villa des Bankiers leuchtete im Abendſonnen⸗ ſchein. Das ſtattliche Wohnhaus war im italie⸗ niſchen Geſchmack gebaut. Auf dem Balkon, nach welchem die großen Salonfenſter ſich öffneten, ſtanden blühende Oleanderbäume, grünende Myrthen und Orangenſtöcke mit goldſchimmernden Früchten. Rankende Schlinggewächſe bekleideten die Verranda mit einer friſchen Drapperie. Alles athmete hier Lurus und Geſchmack. Bei dieſem Anblick erhei⸗ terte ſich die Seele des Kommis⸗ Hier muß das Glück ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen haben, ſo dachte Adolph im Stillen, aber keine Spur von Neid zeigte ſich in ſeinem guten Herzen. Zwiſchen immergrünen Hecken ging er nach dem Thor, um ſich nach Hauſe zu begeben. Es war im Spätherbſt und die bunte Pracht des Georgi⸗ nenflors flammte allerwärts empor. Das Laub 107 der Bäume begann ſich allmählig zu verfärben, aber ſelbſt im Scheiden war die Natur noch ſchön. Der arme Komptoiriſt, welcher nur ſelten in das Freie kam und Tag für Tag an ſeine Arbeit ge⸗ feſſelt war, empfand die ganze Schönheit des be⸗ ginnenden Herbſtes, deſſen leiſe Spuren bereits ſichtbar wurden. In ſich verſunken wandelte er durch den Garten, welcher vor der Villa lag. Die Sonne, ihrem Untergange nah, übergoß mit ihrem goldenen Licht die Wipfel der Bäume und glitt leuchtend an den Stämmen nieder. Es war hier ſo ſtill und feierlich. Adolph überließ ſich ſeinen Träumen und den Gedanken einer lockenden Zu⸗ kunft, denen er ſo gern nachhing. Plötzlich wurde er durch ein fröhliches Kin⸗ dergeſchrei und Jauchzen aufgeſchreckt. Ein lieb⸗ liches Mädchen hatte, eh' er ſich's verſah, ſeine Hand geſaßt und begrüßte ihn mit lautem Jubel⸗ — Guten Abend, Herr Adolph!— rief die holde Kleine, welche keine andere als Anna war. Auch die übrigen Kinder waren herbeigeeilt und umſtanden ihren Bekannten, ſelbſt der kleine Georg, welcher eben erſt vier Jahr geworden, ſtreckte ihm die Händchen entgegen und ſchaute auf ihn 108 lachend mit den blauen klaren Augen, wie auf einen alten Freund. Adolph war ja, ſo lange die Familie in der Stadt gewohnt hatte, der erklärte Liebling der Kinder geweſen. Wie das gekommen, wußte er ſelber nicht, aber ſo oft er ihnen im Hauſe begegnete, hatte er immer ein freundliches Wort und ein Lächeln für ſie gehabt. Kinder aber ſind aufmerkſame Beobachter und erinnern ſich jeder Gutthat noch lange Zeit. Sie dringen mit ihren ſcharfen ungetrübten Augen bis auf den Grund der Seele nieder und erkennen, wer es gut und wer es übel mit ihnen meint. Wollt ihr wiſſen, ob ein Menſch rein und wahr iſt, ſo müßt ihr nur die Kleinen fragen, welche die beſten Menſchenken⸗ ner ſind. Die liebliche Anna hatte aber noch einen ganz beſondern Grund, daß ſie unſern Freund ſo gern ſah, den Niemand wußte, als nur er und ſte. Es war an ihrem letzten Geburtstagsfeſt. Die Mutter hatte ſie reich beſchenkt mit Kleidern und Büchern, welche ſie ſo ſehr liebte. Auch Herr Werth war nicht zurückgeblieben. Einen ganz nagelneuen Dop⸗ pel⸗Louisd'or hatte er dem Töchterchen gegeben und ausdrücklich ihr die freieſte Verwendung dieſes 109 Schatzes zugeſichert. Das ſchöne Goldſtück war im vollſten Sinne ihr Eigenthum. Was aber ſollte ſie damit beginnen? Anfangs dachte die holde Kleine an all ihre Wünſche, welche in der Bruſt der Kinder ſo gut wie in dem Herzen der Erwachſenen und oft noch in viel heftigerem Grade vorhanden ſind. Sie konnte für das viele Geld ſich das kleine Herz von Gold kaufen, welches ſie bei dem Juvelier geſehen, als ſie ihre Mutter ein⸗ mal in den Laden begleitet hatte. Solch ein Schmuck mit einem ſchwarzen Sammtband war der Inbe⸗ griff all ihres Sehnens. Sie dachte ſelbſt daran, ein Löckchen von Georgs blondem Haar in die Kapſel, welche das Herzchen bildete, hineinzuthun, ganz wie Mama, welche die Haare des Papa's auf ihrem Buſen trug. Doch nein, Anna entſagte ihrem Lieblingswunſch. Die Kleine hatte die ihr geſchenkten Bücher, welche ihr ſo große Freude machten, ſogleich aufgeſchlagen und darin von einem frommen guten Kind geleſen, das all ſein Hab und Gut den Armen ſchenkte und ſelbſt ſein wollenes Röckchen, obgleich es kalt war, weg⸗ gab. Nun wußte Anna mit einem Mal, was ſie mit dem theuren Goldſtück zu thun habe. Ihre 110 lebhafte Phantaſie malte ſich das Gefühl des Wohl⸗ thuns und den Dank der Armen wunderſchön. Sogleich wollte ſie ihren Plan verwirklichen, aber kein Armer zeigte ſich, und ohne Begleitung durfte ſie nicht auf die Straße gehn und einen ſuchen. Sie aber wollte und konnte nicht ſagen, was ſte im Begriff ſtand, auszuführen, denn ſte hatte ja auch geleſen, daß man ſtill und geräuſchlos wohl⸗ thun müſſe, ohne ein Aufhebens davon zu machen. Selbſt die gute Mama ſollte nichts davon erfahren, das ſtand einmal feſt bei ihr, und was die Kleine beſchloſſen hatte, das war unwiderruflich, denn ſie hatte ihren eigenen Kopf. Da fiel dem Kinde plötzlich ein, daß Adolphs Mutter eine arme Witt⸗ we ſei, die ſich mühſelig von ihrer Händearbeit nährte. Das hatte die Mama der Gouvernante in Anna's Gegenwart erzählt. Nun wußte ſie gleich, wer den Schatz haben ſollte. Auf dem Haus⸗ flur wartete ſie bis Adolph aus dem Komptoir kam; da ſchlich ſie leiſe an ihn heran und drückte das gewichtige Goldſtück in ſeine Hand. Verwun⸗ dert frug er ſie, was er mit dem Gelde ſollte. Da brachte ſte ſtammelnd ihre Abſicht vor. Adolph aber umſchlang das holde Kind und trotz des Re⸗ 111 ſpektes für die Tochter ſeines Prinzipals drückte er einen Kuß auf den friſchen Mund. Dann er⸗ klärte er ihr, daß ſeine Mutter zwar nicht reich ſei, aber der Almoſen nicht bedürfe, daß es ärmere Leute gäbe, Unglückliche, denen es an Brod, an Allem fehle. Anna ſchämte ſich und wurde roth. Sie hätte gar zu gern dem guten Adolph eine Freude gemacht und nun war's damit vorbei. Faſt ſtanden ihr die Thränen in den Augen und das ſchöne Goldſtück hatte für ſte keinen Reiz mehr. Er aber ſtreichelte der ſüßen Kleinen die glü⸗ henden Wangen und tröſtete ſie in ihrem kindiſchen Schmerz. — Um Gottes willen, ſagen Sie nur keinem Menſchen was davon,— ſo flehte ſie,— weder Papa noch Mama darf darum wiſſen, obgleich ich mit dem Gelde thun kann, was ich will. Ich ſchäme mich zu ſehr.— Adolph gelobte ihr Stillſchweigen und be⸗ lehrte ſte, wie und an wen ſie Wohlthaten aus⸗ üben ſolle. — Ich darf ja nicht ausgehn, ohne daß Ma⸗ ma weiß, wohin ich will,— bemerkte ſie, indem ſte ihre Hand in der ſeinen ließ. 112 — Dann will ich Ihr Schatzmeiſter ſein,— ſagte er,— vertrauen Sie mir das Goldſtück an und ich werde es verwenden ganz in Ihrem Sinn.— — Aber kein Menſch darf etwas davon er⸗ fahren,— ſagte ſte, mit den hellen Augen bittend, — nicht wahr, Niemand darf darum wiſſen, ſonſt macht es mir keine Freude mehr.— Das verſprach er auch und hielt redlich Wort. Sie gab ihm das Geld uund er ging in die Hütten der Armen und that das Gute in ihrem Namen. Wenn er ſie aber allein auf dem Hausflur traf, da ſtattete er Bericht ab und brachte ihr die frommen Segenswünſche aus dem Munde der weinenden Mütter, deren Thränen ſte getrocknet hatte, der zitternden Greiſe, denen ſie ſo zeitig ſchon eine Stütze war. Was er da erzählte klang ſo wun⸗ derſchön und prägte ſich tief in die Seele des leb⸗ haften, phantaſtereichen Kindes ein. Seit jener Zeit hatte ſte Adolph noch mehr lieb als je zuvor, und das kleine Geheimniß, um das nur er und ſie wiſſen durfte, ſchlang ein neues feſſelndes Band um die jugendlichen Seelen. Erſt der letzte Sommer hatte dieſen glücklichen Verkehr geſtört. Seitdem die Familie Werth in der Villa 113 wohnte, war jede Verbindung zwiſchen Anna und Adolph abgebrochen. Aber die Seele des Kindes hatte treu das Bild des Freundes ſich bewahrt und darum jauchzte ſie bei dieſem unvermutheten Zuſammentreffen. Sie hielt den Jüngling feſt bei der Hand und ließ ihn nicht los. Ihre Augen begegneten fragend den ſeinigen. Haſt du auch unſer Geheimniß treu bewahrt? ſchien ihr Blick zu ſprechen, und dann lachte ſte wieder vor innerm Glück und ſprang muthwillig an ſeiner Seite, daß die braunen Locken luſtig im Winde flatterten. — Mama! Mamal rief ſie ſchon von Wei⸗ tem einer ſanften blaſſen Dame entgegen, welche in Begleitung eines ältern Herrn und der Erzieherin ihrer Kinder näher kam.. — Mama! Mama! Herr Adolph iſt da. — Adolph iſt da,— wiederholte der kleine Georg und klatſchte dazu mit den Händchen vor innerer Fröhlichkeit. Madame Werth redete den jungen Kommis, der ſie verlegen begrüßte, freundlich an. Sie war nicht ſchön, aber ein mildes Lächeln voll Wohl⸗ wollen und Menſchenfreundlichkeit ſchwebte um ihre Ring, Stadtgeſchichten. III. 8 114 feinen Züge und verlieh ihr einen eigenthümlichen Reiz. Die reinſte Herzensgüte ſchimmerte in den ſanften halbverſchleierten Augen. Ihre Geſtalt war fein und zierlich, doch ein wenig gedrückt. In ihrem ganzen Auftreten lag eine rührende Beſchei⸗ denheit, aber auch eine Hülfloſigkeit, ein Mangel an Energie, der ſich in dem ſchwankenden Gang ver⸗ rieth. Es giebt Frauen, die nur zum Dulden ge⸗ boren ſcheinen, ſanfte, holde Weſen, deren Geſchick in dem blaſſen Geſichte von Jugend auf zu leſen iſt. Sie wandeln wie der ſtille Mond in dunkler Nacht und leuchten erſt, wenn die Sonne d Gluͤckes untergegangen iſt. Wenig Menſchen kannten Madame Werth, denn ſie war ſtill und ſcheu, aber wer ſte einmal erkannt, der mußte. ſte über Alles achten und lie⸗ ben. Sie beſaß keine ſtrahlenden Eigenſchaften, ſie war weder ſchön noch geiſtreich, nur ein gutes Weib, eine treffliche Mutter und eine Wohlthäte⸗ rin der Armen. Bald hatte ſte Adolph in ein Geſpräch ver⸗ flochten, wie ſie es liebte, denn ſie war nicht ſtolz wie ihr Gatte, der den armen Kommis kaum eines Wortes würdigte. Madame Werth erkundigte ſich es 115 bei ihm nach der Mutter, welche ſte kannte, und traf ſo mit richtigem Takt den gleichgeſtimmten Wiederhall. Jede Verlegenheit, welche ihn in der Gegenwart des Bankiers verſtummen ließ, war mit einem Mal geſchwunden und er ſprach unbefangen, an ihrer Seite wandelnd. — Sie ſind ein guter Sohn,— ſagte ſie. und blickte mit Wohlgefallen auf den blühenden Jüngling.— Ihre Mutter muß recht glücklich ſein.— Adolph erröthete und ſchwieg, dann machte er eine tiefe Verbeugung, um ſich zu empfehlen. Anna hatte ſinnend dem Geſpräche zugehört, ſo viel war ihr daraus klar gewo orden, daß auch die gute Mutter mit ihrem Freunde zufrieden war, Als derſelbe ſich entfernen wollte, hielt ſie ihn zurück. — Nicht wahr, Mama,— bat ſie ſchmei⸗ chelnd,— Herr Adolph muß zum Abendbrod heut bei uns bleiben?— — Aber Annal! das ſchickt ſich nicht!— ta⸗ delte die Gouvernante, welche keine Gelegenheit vorüberließ, um dem lebhaften Kinde ſeine ver⸗ meintlichen Unarten zu verweiſen. 8* 116 — Anna kommt meinen Wünſchen nur zu⸗ vor,— unterbrach Madame Werth die Tadlerin. — Wenn Sie nicht ſo zeitig von Ihrer Mutter erwartet werden, ſo bitte ich auch, daß Sie noch länger uns Geſellſchaft leiſten und mit einer Taſſe Thee vorlieb nehmen.— Das war zu viel Huld für den armen Kom⸗ mis, er ſtammelte eine verworrene Entſchuldigung, aber die treffliche Frau drang ſo freundlich in ihn, und Anna vereinte ihre Bitten mit denen der Mut⸗ ter, daß er nicht länger zu widerſtehen vermochte. In dem kleinen Gartenſalon wurde der Thee in prachtvollem Geſchirr ſervirt. Das kochende Waſſer in der ſilbernen Ma⸗ ſchine ließ ſeine rauſchende Stimme mit erſchallen und vermehrte die hier herrſchende Gemüthlichkeit. Wenn auch das Geſpräch zuweilen ſtockte, ſo plau⸗ derten die freundlichen Geiſter in dem ſummenden Keſſel fort und fort und füllten die Pauſen mit ihrem traulichen Geflüſter aus. Von der Decke verbreitete die ſchimmernde Ampel, welche indeß angeſteckt worden war, ihren milden Schein, und das Mondlicht ſtahl ſich leiſe durch die geöffneten Fenſter und guckte neugierig auf die guten, glück⸗ 117 lichen Menſchen nieder. In den Wipfeln der Bäu⸗ me ſpielte der Abendwind und von Zeit zu Zeit fiel eine überreife Frucht mit dumpfem Schall zu Boden. Der Komfort des Lebens trat unſerm jungen Freunde zum erſten Mal ſo nah und er fühlte all das Glück, welches in ſolch einer Wohlha⸗ benheit, die ſich keinen Wunſch verſagen darf, lie⸗ gen muß. 1 Anna aber war ganz ſeelig, daß ſie den Freund in ihrer Nähe wußte, ſie ſelber brachte ihm den Thee, den die Mutter eingeſchenkt, und reichte ihm die geſchmackvolle Zuckerdoſe und das geſchliffene Kryſtallfläſchchen mit dem funkelnden Rum hin. War er doch ihr Gaſt, den ſie bewirthete. Auch Madame Werth war voll Aufmerkſamkeit für ihn, denn ſie gab nicht viel auf Rang und Standes⸗ unterſchied. Nur die Gouvernante ſtieß von Zeit zu Zeit mit ihrem ſpitzen Ellenbogen den ältlichen Herrn unzufrieden an. Dieſer war ein Bruder des verſtorbenen Herrn Werth, deſſen großes Vermögen einſt die Kinder des Bankiers erben ſollten. Die Erzieherin ſchien aber mit dem alten Junggeſellen ſehr befreundet, denn ſobald derſelbe aufſtand, um 118 ſich nach Hauſe zu begeben, half ſte ihm den Pa⸗ letot anziehn und knöpfte ihm ſorgfältig mit eige⸗ nen Händen den Rock zu, damit dem guten Heern ja kein rauhes Lüftchen ſchade. Selbſt einen dicken Shawl holte ſte noch herbei, den er ſich um den Hals winden mußte. Auch Adolph empfahl ſich jetzt und küßte der guten Madame Werth die zarte, bleiche Hand. Sie trug ihm noch viele Grüße an ſeine Mutter auf. Anna aber begleitete ihn bis an das Thor. — Kommen Sie bald, recht bald wieder, denn ich habe Sie lieb, ſo lieb wie den Mond am Him⸗ mel dort.— So flüſterte das ſeltſame Kind und verſchwand wie eine flüchtige Elfe im Gebüſch. X. Adolphs Weg führte ihn durch den Park. Es war trotz der bereits vorgeſchrittenen Jahres⸗ zeit eine milde ſchöne Sternennacht. Der blaue reine Himmel mit den unzählichen Juwelen zog ihn und ſeine Gedanken zu ſich empor. Auf ſeinen Lippen ſchwebte unwillkürlich ein Gebet, denn er war fromm, wie ſeine Mutter es ihm gelehrt. Innige Wünſche bewegten ſeine Seele, wie der koſende Abendwind das zitternde Laub der Bäume neben ihm. Nicht für ſich flehte er, ſondern für ſeine Mutter und für die gute Madame Werth, die er ſo eben verlaſſen hatte. Sein Herz war ange⸗ ſchwollen von einer Fluth drängender Gefühle, die ſich gern zu einer ſchönen großen That geſtaltet hätten. Er wollte mit Freuden kämpfen und dul⸗ den für die lieben, guten Menſchen, denen er bis jetzt begegnet war. Aus ſolchen Gefühlen ſchoſſen feurige Gelübde vor, welche Niemand kannte als die ſtille Nacht. Er verſprach ſich ſelbſt und Gott, der allein ihn hörte, gut und treu zu ſein, ſeine Mutter zu hegen und zu pflegen ihr Lebelang und für ſeinen Prinzipal Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand. Kein Opfer ſollte ihm zu ſchwer fallen, keine Arbeit ihn ermüden. Er ſehnte den Augen⸗ blick herbei, wo er beweiſen könnte, daß er ſo vieler Güte nicht unwürdig ſei. So wandelte der Jüngling in der milden Herbſtnacht und die Sterne ſchauten auf ihn mit Wohlgefallen nieder und die Bäume ſtreckten ſeg⸗ nend ihre Arme über ihn. Hätte aber Herr Werth den Abend ſtatt im Theater im Kreiſe der Seinigen zugebracht, wer weiß, ob nicht ähnliche gute Entſchlüſſe und Ge⸗ lübde in ſeiner Seele entſtanden wären, denn es kommt oft viel darauf an, wo und in welcher Geſellſchaft wir verweilen. Es giebt Orte, wo die guten Geiſter uns umgeben, und andere, wo die böſen Gewalt über uns bekommen. Der reiche Bankier ſaß in ſeiner vergoldeten Loge, um der Aufführung des neuen Ballets bei⸗ zuwohnen, von welchem die Reſidenz ſchon ſeit vierzehn Tagen als von einem großen Ereigniſſe ſprach. Das prächtige Opernhaus war daher bis auf den letzten Platz gefüllt. Um die Balluſtraden von Purpurſammet ſchlang ſich ein Doppelkranz ſchöner Frauen in eleganten Toiletten. Der rie⸗ ſige Kronleuchter, welcher von dem herrlichen Pla⸗ fond niederhing, verbreitete rings ſein magiſches Licht über dieſen lebendigen Blumenflor. Das wogte und wankte, nickte und grüßte, blendete und ſchillerte, daß einem Ungewohnten die Augen über⸗ gehen mußten. Dort leuchtete ein dunkles Augen⸗ 121 paar verführeriſch unter den langen, ſeidenreichen Wimpern, hier lehnte ſich ein blonder Lockenkopf kokett auf dem ſchönſten weißen Arm, der einem Bildhauer zum reizendſten Modell dienen konnte. Unaufhörlich waren die Operngucker der Herren in Bewegung, welche dieſe kleinen Geſchütze nach allen Seiten hin richteten. Das Feuer wurde hier und da von der Damenwelt erwiedert, Blicke begegne⸗ ten ſich, Zeichen wurden gegeben, die nur die Ein⸗ geweihten verſtehen konnten. Es war ein Schau⸗ ſpiel im Schauſpiel, eine Extravorſtellung vor dem Beginn des Ballets. 2.2d. Sault hatte Herr Werth an dieſem eigen⸗ thümlichen Spiele lebhaft Theil genommen und durch ſein Perſpektiv den Damenkranz gemuſtert, der gekommen war, um zu ſehn und noch mehr — um geſehn zu werden. Heute aber ſaß er in dem Hintergrund ſeiner Loge zurückgezogen und erwarteten mit Ungeduld die erſten Striche des Orcheſters. Die Muſiker kamen einzeln an, der Kapellmeiſter ließ noch immer auf ſich warten, es war erſt drei Viertel auf Sieben. Ungeduldig zog der Bankier ſeine goldene Uhr aus der Taſche und ließ dieſelbe ſchlagen, dann ſchob er die Vorhänge ——yy— 122 ſeiner Loge vor, als wollte er von Niemand ge⸗ ſehn werden. Aus dem Parterre tönte jenes unruhige Sum⸗ men und Rauſchen zu ihm empor, welches ſich vor Beginn jeder neuen Vorſtellung hörbar macht. Die Ungeduld des Publikums ſchien die ſeinige noch zu vermehren. Er trat wieder an die Brüſtung der Loge und ſchaute in den Zuſchauerraum her⸗ nieder. Dort bemerkte er einzelne Bekannte, einige Börſenfreunde mit ihren Frauen und Töchtern. An der Ecke ſaß ein renommirter Kritiker, deſſen mehr geiſtreiche als wahre Feuilletonartikel einiges Aufſehen erregten. Herr Werth der ſonſt alle Li⸗ teraten innerlich verachtete, nahm ſich vor, den⸗ ſelben nächſtens einzuladen. An verſchiedenen Stel⸗ len waren Klaqueure aufgeſtellt, welche aus dem Beifallsſpenden ein Gewerbe machten und ihre derben Fäuſte für den Abend vermietheten. Der Bankier zählte die Häupter ſeiner Lieben und ſieh’ ihm fehlte kein theures Haupt. Allerdings war dieſe Beſchäftigung wunderbar für Herrn Werth, doch was thut man nicht aus Liebe für die Kunſt? Hatte er doch ſelbſt trotz ſeiner dringenden Ge⸗ ſchäfte nicht vergeſſen, die nöthigen Kränze für 5——etm 123 heute Abend ſelber zu beſtellen, er der Inhaber der Firma Werth und Kompagnie. Seiner Loge gegenüber erſchien jetzt ein junger eleganter Mann in Geſellſchaft einiger Begleiter. Es war der Fürſt Waſſilof, welcher mit ſeiner goldenen Lorgnette die Zuſchauer muſterte. Wie zufällig hafteten ſeine Blicke auf der Geſtalt des Bankiers. Dieſem ſchien es, als ob ein imperti⸗ nentes Lächeln um die feinen Lippen ſeines Neben⸗ buhlers ſchwebte. Herrn Werth ſchoß das Blut zum Kopf und er hätte ruhig einen Mord begehen können. Der Fürſt wendete ſich zu ſeiner Geſell⸗ ſchaft um und wies mit den Fingern nach der Loge des Bankiers. Endlich gab der Muſikdirektor das Zeichen, das Orcheſter begann eine rauſchende Ouvertüre, während der Aufführung derſelben kamen noch einzelne Theaterfreunde, welche ſich verſpätet hatten, Logenthüren wurden zugeworfen, Parketſitze mit klapperndem Geräuſch geöffnet. Dazwiſchen gebot das Publikum Ruhe und vermehrte noch den Lärm, der die Muſik zu übertäuben drohte. Der Vorhang flog jetzt in die Höhe, das Ballet begann und nahm von nun an ausſchließlich die Aufmerkſamkeit des kunſtliebenden Bankiers in Anſpruch. Selbſt der Zorn den er gegen den Fürſten Waſſilof empfand, ging allmählig vorüber und machte anderen angenehmeren Gefühlen Raum. Eine herrliche Mondſcheinlandſchaft erſchien auf dem Theater. Magiſches Zauberlicht wehte um den Wald, in welchem die Elfen ihren Reigen feierten. Das ganze Korps de Ballet war wörtlich auf den Beinen und durch Hülfe von Gaze, Watte, Fiſch⸗ bein und Flor in eine Feenſchaar verwandelt. Vermittelſt blau angeſtrichener Seile ſchwebten einige Elfen in der Luft. Die Furcht, welche ſie in dieſer unnatürlichen Lage erfaſſen mußte, kon⸗ traſtirte wunderlich mit dem Lächeln, welches ihnen vom Balletmeiſter ſtreng vorgeſchrieben war. Der lange Volontair, der ſich natürlich im Parterre befand, erkannte in einer Schwebenden die intereſ⸗ ſante Dame, welche er bei der letzten italieniſchen Nacht kennen gelernt. Während die Aermſte in den Lüften zappelte, glaubte er von ihr bemerkt worden zu ſein und ſandte ihr den feurigſten Blick aus ſeinen kleinen zwinkernden Augen zu. Die Mehrzahl der Feen aber war ſo glücklich auf feſtem Boden zu ſtehn und drückte ihre Sehnſucht nach 125 der Elfenkönigin durch eine ſprechende Bewegung des linken Fußes und ein ſteifes Ausſtrecken des rechten Armes aus.. Es war in der That ein erhebender Anblick hundert weiße Schuhe und funfzig Arme mit roſen⸗ farbenen Trikots bekleidet, in derſelben Richtung aufgeſtellt zu ſehn. Das Publikum brach bei dieſem eben ſo neuen als geſchmackvollen Pas in einen Beifallsjubel aus. Herr Schuhmann aber, der durch ſeine lange Geſtalt all' die Anweſenden über⸗ ragte, klatſchte mit ſeinen Fäuſten natürlich am lauteſten, um die Aufmerkſamkeit der in den Stricken hängenden Geliebten auf ſich zu ziehn. Aber der Beifall der Zuſchauer ſteigerte ſich zu wahrhafter Raſerei, als die göttlichſchöne Spiegelthal, die Elfenkönigin, in einem von Schwä⸗ nen gezogenen Wagen ebenfalls an blauen Seilen niederflog. Ein friſcher Roſenkranz umſchlang das dunkle Haar, welches in langen weichen Locken um den blüthenweißen Nacken ſpielte. Das Kleid wie Spinnewebe fein, mit Gold geſtickt, verhüllte kaum die reizende Geſtalt und ließ den edlen Gliederbau zum Entzücken aller Kenner wie durch eine lichte Silberwelle ſchimmern, ohne die ſtrenge Moral der frommen Seelen zu verletzen. Um die göttliche Taille, bei welcher das ganze Offizierkorps der Reſtdenz ſchwur, wob ſich ein Guͤrtel von Perlen und Edelſteinen, der wie ein Zauberring alle See⸗ ligkeit der Welt umſchloß. Ein himmliches Lächeln ſchwebte um ihren Mund als ſte das Jauchzen des berauſchten Publikums vernahm. Dreimal verneigte ſie ſich und dreimal brach von Neuem ein Beifallsſturm durch das ganze Haus. Endlich ſchwebte ſie hernieder. Der kleine Fuß, der in goldenen Sandalen ruhte, berührte kaum den Boden, und die bunten Flügel, welche ſie an den Schultern trug, ſchienen ſie in der That zu entführen. Wie eine glänzende Libelle flatterte ſie hin und her und jede ihrer Bewegungen war überaus anmuthsvoll und verführeriſch. Die alten Kunſtliebhaber wiſchten ihre Opern⸗ gläſer und ſtöhnten vor Vergnügen, und die jungen Enthuſtaſten klatſchten ſich die Hände wund; ſelbſt die Damenwelt, welche ſonſt ſtreng zu richten pflegt, fand an der Spiegelthal nur wenig aus⸗ zuſetzen. — Die Arme ſind ein wenig zu mager,— flüſterte eine Gräfin mit ziemlichen Embonpoint. . 127 — Sie kokettirt mit den Augen gar zu ſehr, auch ſcheint es mir, daß ſie ein wenig ſchielt,— bemerkte dagegen das dürre Stiftsfräulein, welches an ihrer Seite ſaß. Aber der größere Theil der anweſenden Frauen geſtand, wenn auch mit einem verzeihlichem Anfluge von Neid, daß die Spiegelthal untadlich ſchön zu nennen ſei, dafür aber griffen ſie dieſelbe vom Standpunkt der Moral und Sittlichkeit um ſo heftiger an und ließen in dieſer Hinſicht auch kein gutes Haar an ihr, wie man zu ſagen pflegt. Während dieſer ganzen Zeit hatte Herr Werth kein Auge von der Bühne verwendet. Mit ange⸗ haltenem Athem ſtarrte er ohne Unterlaß auf die reizende Sylphide. Jede ihrer Bewegungen war für ihn ein Quell von neuer Luſt und neuer Pein. Er befand ſich in einer Art von trunkenem Rauſch und verſchlang das göttliche Bild, welches vor ſeinen Blicken vorübergaukelte. Die Tänzerin ſchien ihn ebenfalls bemerkt zu haben, von Zeit zu Zeit ſah ſie verſtohlen nach der Loge des Bankiers empor und auf ihren Lippen ſchwebte ein reizendes Lächeln, das ihm allein nur zu gelten ſchien. Welch ein Zauber lag für ihn in dieſer geheim⸗ 128 nißvollen Sprache mit einem Weibe, welche von dem ganzen Publikum vergöttert wurde! Die gefeierte Künſtlerin, von allen Frauen beneidet, von allen Männern begehrt, dachte auf der Höhe des Triumphs an ihn! Es giebt keine höhere Schmeichelei, keine größere Genugthuung, als der Bankier in dieſem Augenblick empfand. Sein Herz pochte, ſeine Wangen glühten, alle ſeine Sinne waren verwirrt und aufgelöſt in Seligkeit. Aber ſchon der nächſte Moment ſtörte ihn in ſeinem Glück. Saß dort nicht der Fürſt mit der impertinenten Miene und ſchaute auf die Bühne nieder? Auch zu ihm hatte die Spiegelthal empor⸗ geſehn, auch für den verhaßten Nebenbuhler hatte ſte ein gewinnendes Lächeln, einen feurigen Blick des Einverſtändniſſes. Die Qualen der Eiferſucht durchtobten die Bruſt des Herrn Werth und er verwünſchte die Treuloſe, für die er Weib und Kind zu opfern im Begriff ſtand. Hätte er dem erſten Impulſe nachgegeben, er wäre aufgeſprungen und entflohn, aber er vermochte nicht mehr das Netz zu zerreißen, welches ihn um⸗ garnt hatte. Die Schlußſcene wollte er noch ſehn und dann ſogleich das Theater verlaſſen. Die 129 Elfen bildeten einen Kreis um ihre Königin und den irrenden Ritter, den ſie liebte. Das ſeelige Paar drückte ſein Entzücken in einem kühnen Tanze aus, der Alles übertraf, was das Ballet bisher geleiſtet hatte. Die Spiegelthal ſtand eine ganze Minute mit verzücktem Angeſicht auf einer Fuß⸗ ſpitze, während ihr Seladon im goldenen Flitter⸗ kleide wie ein Kreiſel um ſie herumſchoß. Dieſem Pas konnte die Grauſame nicht länger widerſtehn; mit dem Ausdrucke der vollſten Hingebung ſank ſie in die Arme des geliebten Ritters, der ſte zärt⸗ lich an ſeine wattirte Bruſt drückte. Aus den Büſchen und Blumen von Leinewand und Pappen⸗ deckel ſtürzten jetzt mit einem Male eine Anzahl kleiner Kinder⸗Elfen hervor, welche mit einer künſtlichen Blumenguirlande die Liebenden um⸗ ſchlangen. Zugleich ſtrahlte das ganze Theater in einem überirdiſchen Licht, welches die Spiegel⸗ thal wie einen Seraph erſcheinen ließ. Unter einem rauſchenden Jubelruf ſank der Vorhang nieder. — Fräulein Spiegelthal! Fräulein Spiegel⸗ thal!— rief das entzückte Parterre, brüllte die ungeſtüme Gallerie. Ring, Stadtgeſchichten. III. 130 Sie erſchien, lächelnd, dankend, ſich verneigend. Der Beifallsſturm wollte kein Ende nehmen. Aus den Logen ſtürzte eine Blumenſpende nieder, welche die Gefeierte zu verſchütten drohte. Von den unzähligen Bouquets und Blumen⸗ kränzen hob ſie einen auf, den ſie mit unnachahm⸗ licher Grazie und natürlich voll tiefer Empfindung an ihr Herz drückte und zu ihren Lippen führte. War es Zufall oder Abſicht, dieſen koſtbaren Kranz hatte Herr Werth, trotz ſeines Unmuths, auf die Bühne herabgeſchleudert. Sein Blick begegnete dem ihrigen, in welchem er die Verheißung ſeines künftigen Glückes ſehen konnte. Herr Werth ging nicht vor dem Schluſſe des Ballets, das durch die Anmuth und das Talent, welches die Spiegelthal an dieſem Abende ent⸗ wickelt hatte, Furore machte. Die ganze Stadt redete vierzehn Tage lang von nichts Anderem, die Kritik ſprach ſich im Ganzen, wie im Einzelnen höchſt günſtig und anerkennend aus. Für die Spiegelthal genügte ihr kein Beiwort unſerer Sprache mehr. Am Ueberſchwänglichſten geberdete ſich aber der witzige Feuilletoniſt, der wenige Tage 131 nach der Vorſtellung eine Einladung von Herrn Werth und eine koſtbare Buſennadel von Fräulein Spiegelthal erhalten hatte. Nur ein Umſtand ſtörte noch das Glück des Bankiers, nämlich, daß Fürſt Waſſilof nach wie vor in der Reſidenz verweilte und die Künſtlerin beſuchte. Die Spiegelthal mußte leider den Zudring⸗ lichen in ihrer Nähe dulden, doch lag ihr an der Bekanntſchaft mit dem Fürſten gar nichts mehr, wie ſie oft zu ſagen pflegte. Dieſe Nachricht hatte Herr Werth aus dem Munde ſeines Freundes erfahren, da Baron Port⸗ heim die gefeierte Künſtlerin zuweilen beſuchen durfte. — Ich werde ihn zu beſeitigen wiſſen,— ſagte der Bankier,— und ſollte es mich zwanzig Tauſend Thaler koſten.— Der Geldmenſch haßte den Ariſtokraten von Geburt und fühlte ſich ſtark genug, den Kampf mit ihm aufzunehmen. XI. An der Börſe und in der Stadt war es bald kein Geheimniß mehr, daß Herr Werth mit der gefeierten Spiegelthal ein Verhältniß habe. Einige Tage ſprach man von dieſem Ereigniſſe wie von jedem andern, dann war es vergeſſen und von der Fluth der Begebenheiten verdrängt. Sein Kredit litt darunter nicht und die große Welt verzeiht jede derartige Verirrung leicht, wenn nur der An⸗ ſtand und die Sitte dabei gewahrt wird. Das aber geſchah von Seiten des Herrn Werth, der in keiner Beziehung ein öffentliches Aergerniß abzu⸗ geben gedachte. Er ließ ſich nicht das Geringſte gegen die anerkannte Moral zu Schulden kommen und genoß nach wie vor die allgemeine Achtung, welche man einem ſo reichen und angeſehenen Mann nicht verſagen konnte. Einige Geſchäfts⸗ freunde zuckten zwar die Achſeln und gaben ſich vor ihren Frauen das Anſehen ſittlicher Entrüſtung, während ſie im Stillen den Glücklichen beneideten. Herr Werth kam nach wie vor an die Börſe und behauptete dort ſein Anſehn und ſeinen Rang, worauf doch am Ende Alles anzukommen pflegt. Seine Frau beklagte ſich nicht öffentlich, und das war genügend, um ihn zu entſchuldigen. Er war ſogar in letzterer Zeit aufmerkſamer gegen ſie und zärtlicher als je zuvor, als wollte er ſie für ſeine Untreue einigermaßen entſchädigen. Um ihre ge⸗ heimen Schmerzen, um das Leid, welches ſie in ſich verſchloß, kümmerte ſich die Welt nicht, die ihre ganz eigenen Moralprinzipien zu haben ſchien. Der treffliche Bankier vermied jedes öffentliche Auf⸗ ſehn und verfuhr überhaupt mit anerkennungs⸗ werther Delikateſſe in der ganzen Angelegenheit. Er beſuchte zwar die Spiegelthal, doch nur insge⸗ heim; er machte der Künſtlerin koſtbare Geſchenke, aber Niemand durfte darum wiſſen. Das präch⸗ tige Ameublement, welches er für ſie beſorgt, hatte ſie ſelber ausgewählt und bezahlt, wenn es auch mit ſeinem Gelde geſchah. Kurz, Herr Werth galt nach wie vor für einen Ehrenmann. Nur zwei ſeiner Bekannten ſchüttelten bedenk⸗ lich den Kopf und ſtimmten nicht der allgemeinen Anſicht bei. Lazarus konnte ſeine Zunge nicht bezähmen und ließ ſeinem Witze freien Lauf.— — Herr Werth hat ſeinen Werth verloren,— ſchuldigſten Miene von der Welt. ſagte ſogleich der Bonmotiſt, als er von dem Ver⸗ hältniſſe erfuhr. — Aber die Spiegelthal iſt ein Engel,— bemerkte ein enthuſiaſtiſcher Verehrer der Tänzerin gegen den biſſigen Makler. — Und er ein Engländer: ſie paſſen zwar zu einander, aber Beide ſind doch falſch.— Lazarus ſpielte dabei auf die bekannte Anglo⸗ manie des Bankiers an. Aber nicht allein hinter dem Rücken, ſondern auch in Gegenwart des prahlenden Herrn Werth hielt der Witzling nicht ſeinen ätzenden Spott zurück. Eines Tages, als der Bankier ihn von Weitem auf der Straße ſah, rief er ihn ſchon von fern, um ihm einen Auftrag zu geben. Da der alte Lazarus nicht zu hören ſchien, wiederholte Jener ſeinen Ruf. Erſt als das dritte Mal ſein Name genannt wurde, ſah ſich der Makler um. — Sind Sie denn taub geworden?— fragte ungeduldig der Bankier,— ſeit wann hören Sie ſo ſchlecht?— — Mein Gehör iſt ganz gut, aber Ihr Ruf i*ſt ſchlecht,— entgegnete der Makler mit der un⸗ 135 Dieſe Antwort koſtete dem alten Lazarus die Kundſchaft des Herrn Werth, der ihm doch zu⸗ weilen einen kleinen Verdienſt zuwendete, aber der Witz cirkulirte an der Börſe und wurde viel belacht. Am ſchmerzlichſten aber empfand der treffliche Berger die Nachricht von dieſem neuen Verhältniß. Der alte Buchhalter hatte einen ſo hohen Begriff von der Reinheit der Firma ſeines Herrn, daß je⸗ des Fleckchen an derſelben ihn aufs Tiefſte kränken mußte. Allerdings verbot ihm der Reſpekt, davon zu ſprechen, und er verſchloß den Gram in ſeiner Bruſt, aber er kränkte ſich darum um ſo mehr. Dazu kam der verwünſchte Rechnungsfehler, der ſich in das Hauptbuch eingeſchlichen und den er noch immer nicht aufgefunden hatte, trotzdem er Tag und Nacht darüber nachdachte. Oft fuhr er im Schlafe erſchrocken empor, denn er wurde von fürchterlichen Träumen jetzt häufig gequält. Er ſah das Hauptbuch aufgeſchlagen, worin er den Kredit und das Debet des Hauſes Werth gewiſ⸗ ſenhaft bisher verzeichnet hatte. Vor demſelben ſaß der ſeelige Prinzipal und blätterte darin. Das ſcharfe Auge des alten Herrn unterſuchte Poſten „ 136 für Poſten, die Feder in der Hand, wie er bei Leb⸗ zeiten gethan, mit der gewohnten Genauigkeit. Je mehr Seiten aber die Hand des Seeligen umſchlug, deſto trauriger wurden ſeine Mienen großer Schmerz zu leſen war. Blatte angelangt, ſchrieb er ein e unter das Facit und ſpritzte die Feder aus. Dann ſchlug er mit einem ſchweren Seufzer das Buch zu und verſchwand mit einem Blick, den der treue Buchhalter nimmermehr vergeſſen konnte. Wenn aber der alte Berger am Mor erwachte, hatte er das Wort, das fatale Wort rein vergeſſen, und ungeachtet all ſeiner An⸗ ſtrengungen konnte er ſi „in denen ein Auf dem letzten utſetzliches Wort gen in Schweiß ge⸗ ch deſſelben nicht erinnern. Nach einem ſolch fürchterlichen Traum hatte er ſich ernſtlich vorgenommen, mit Herrn Werth über den Rechnungsfehler zu ſprechen, der all ſein Denken und Trachten in Anſpruch nahm, aber der Bankier hörte kaum auf ihn, da er mit ganz andern und weit wichtigeren Dingen beſchäftigt war. Es handelte ſich ja um nichts Geringeres, als um den Geburtstag der gefeierten Künſtlerin. — Es wird ſich ſchon Alles finden,— ſagte er dem Bekümmerten, — ſehen Sie nur noch 137 ein Mal nach, und am Ende, was liegt an dieſer Kleinigkeit?— Das war zu viel für den alten Diener, eine ſolche Sprache hatte er noch nie gehört. Wie, ein Fehler in dem Hauptbuch eine Kleinigkeit?— Und hätte es ſich um einen Pfennig gehandelt, der ſeelige Herr hätte nicht Ruh und Raſt gehabt, bis der Irrthum aufgefunden worden wäre. Eine Kleinigkeit! War das Hauptbuch für Berger nicht ein Allerheiligſtes, an dem kein Makel, kein Ge⸗ brechen gefunden werden durfte? Hier lag das Zeugniß ſeines mehr als dreißigjährigen Fleißes, das Facit eines ganzen Lebens voll Mühe, Arbeit und Redlichkeit. Das nannte ſein eigener Prinzi⸗ pal nun eine Kleinigkeit. Faſt wäre er von dem braunen Lederſtuhl geſunken, auf dem er immer ſaß. Seine Arme hingen ſchlaff hernieder, ſeine ſchwachen Beine zitterten, das blaſſe Geſicht wurde noch bleicher als zuvor und ſeine Zunge war wie vom Schlag gerührt. 4 Wäre Herr Werth nicht von ſeinen eigenen Gedanken allzuſehr in Anſpruch genommen gewe⸗ ſen, er hätte den erbärmlichen Zuſtand ſeines treuen Dieners bemerken und Mitleid mit ihm haben 138 müſſen. Ohne es zu wiſſen, hatte er dem alten Berger den Todesſtoß gegeben. Es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe ſich der Buchhalter ſo weit er⸗ holt hatte, um ſeinen ferneren Bericht noch abzu⸗ ſtatten. — Wollte auch ergebenſt bemerken,— ſagte derſelbe mit zitternder Stimme,— daß der Peters⸗ burger Wechſel, den wir an Gebrüder Roſenberg verkauft, mit Proteſt von dem Hauſe Stieglitz zu⸗ rückgekommen iſt. Gebrüder Roſenberg halten ſich an unſre Unterſchrift.— Herr Werth war mit einem Male aufgewacht und der alte Geſchäftsmann voll Thätigkeit und Energie. Ueber ſein Geſicht blitzte es, wie ein Freudenſtrahl. Das war ja der Wechſel von dem Fürſten Waſſtlof, der noch immer in der Reſidenz verweilte und mit dem die Spiegelthal nicht völlig gebrochen hatte, trotzdem der Bankier auf die gänzliche Entfernung ſeines Nebenbuhlers immer von Neuem drang. Sie hatte bisher die Unmög⸗ lichkeit vorgeſchützt, ſich ſeiner ohne Eklat zu ent⸗ ledigen. Die Künſtlerin fürchtete die Brutalität und den Ungeſtüm ihres früheren Verehrers. Nun war der Fürſt in ſeiner Hand, aber er ſelbſt 139 konnte und wollte von dem Wechſel keinen Ge⸗ brauch machen, die Roſenbergs ſollten die Sache leiten und das Aeußerſte thun, um den Ver⸗ ſchwender zu verfolgen. Der Bankier kannte ſeine Leute und wußte, daß die Brüder die trefflichſten Werkzeuge für ſeine Pläne waren. Er ſelbſt durfte nicht auftreten ohne ſich bloß zu ſtellen, da er jedes Aufſehn vermeiden mußte. Die hohe Summe, auf welche der Wechſel lautete, opferte er gern, um ſeinen Nebenbuhler zu entfernen. — Ich ſelbſt gehe jetzt an die Börſe und werde die Angelegenheit mit Gebrüder Roſenberg ſogleich ordnen,— ſagte er im gleichgültigſten Ton, obgleich er kaum ſeine innere Bewegung zu unterdrücken vermochte. Eilig verließ er das Komptoir, welches er jetzt ſeltener als früher zu beſuchen pflegte. Wenn er kam, war er zerſtreut und immer nur im Fluge. Seine Zeit wurde jetzt anderweitig in Anſpruch genommen. Die Bekanntſchaft mit einer gefeierten Künſtlerin koſtet nicht allein Geld, ſondern auch Stunden und Tage. Da giebt es ſo viel zu be⸗ ſorgen, Stoffe zu kaufen, Juwelen anzuſehn, Bouquette und Kränze anzuſchaffen. Man muß 140 mit vielen Leuten verkehren, mit Kritikern ſprecheu, Klaqueure beſtellen, den Balletmeiſter traktiren und hundert Leute kennen lernen, die man früher weder geſehn, noch beachtet hat. Miſcht ſich aber noch eine natürlich ganz unbegründete Eiferſucht hinein, dann iſt der Tag und ſelbſt die Nacht zu kurz. Man muß lauſchen und ſpioniren, warten und horchen. Wie oft ſaß jetzt Herr Werth in einer Konditorei, welche er früher nie beſucht hatte, einzig und allein nur deshalb, weil ſie der Woh⸗ nung der gefeierten Künſtlerin gegenüber lag. An⸗ ſcheinend in die Zeitungen vertieft, beobachtete er all' die Ein⸗ und Ausgehenden oft Stunden lang. Zwar zweifelte er an ihrer Liebe und Treue nicht, aber ſo lang er den Fürſten Waſſtlof in ihrer Nähe wußte, hatte er weder Ruhe noch Raſt, ob⸗ gleich ſte oft ſeine kindiſchen Befürchtungen ver⸗ ſpottete. Bald glaubte er ihn erkannt zu haben, doch er irrte ſich, es war nur der Kapellmeiſter, der in das Haus ging, um die neue Kompoſition zu einem Ballet ihr vorzutragen. Jener ſchlanke Mann in den dunklen Mantel gehüllt, erregte ſeinen Verdacht. Eine ganze Viertelſtunde beobach⸗ tete er ihn. Thörichte Einbildung! Der Vermummte 141 ging an dem Arme einer andern Dame vorüber, welche aus einem Laden trat. Dieſe Qual mußte ein Ende nehmen, er wollte um jeden Preis, und ſei er noch ſo hoch, Ruhe haben. Der proteſtirte Wechſel des Fürſten Waſſilof war ein ſolcher Talismann, der ihm die verlorene Ruhe wieder⸗ bringen ſollte. Darum eilte er auf die Börſe, wo er Samuel zu treffen hoffte, durch den ſich dies neue Geſchäft ſicher arrangiren ließ. Der Wucherer war ihm der beſte Mann dazu. Bisher hatte er freilich jede Berührung mit dem verrufenen Hauſe vermieden und ſich ſo fern als möglich davon gehalten, aber ſeine Leidenſchaft ließ ihn den alten Widerwillen leicht vergeſſen. An der Börſe herrſchte das alte Drängen und Treiben, Summen und Flüſtern, Makeln und Scha⸗ chern wie an jenem Tage, wo wir Herrn Werth zum erſten Mal daſelbſt erblickt. Die Geſchäfte gingen, denn noch immer drohte kein Wölkchen am Himmel der Politik. Einige Papiere waren ſeit jener Zeit geſtiegen, andere aus unbekannten Ur⸗ ſachen zurückgegangen, ſo daß Gewinn und Verluſt für den Bankier ſo ziemlich gleichgeblieben waren. 142 Sein Anſehn hatte nicht gelitten und wohin er ſchaute fand er Freunde, die ihm ihre Hände ent⸗ gegenſtreckten, Makler, die ihm ihre Dienſte an⸗ boten und ſich durch ſeine Aufträge geehrt fühlten. Für heute beabſichtigte er kein größeres Geſchäft, er wollte weder kaufen noch verkaufen. Seine Augen ſuchten einzig und allein Samuel Roſenberg, der in einer Ecke auf ſein Bambusrohr gelehnt unter einem Haufen von Spekulanten à la baisse ſtand. Er war der Hort dieſer Fixer, welche auf niedrige Kourſe arbeiteten. Zwar vermied der Schlaue jedes gewagte Unternehmen, welches mit irgend einem größeren Riſtko verbunden war, aber im Ganzen begünſtigte er die Manöver, welche die Aktien und Staatspapiere zum Fallen brachten. Er ſelbſt machte nur ſelten ein derartiges Geſchäft und beſchränkte ſich auf den ſicheren Gewinn, den ihm das Diskontiren von Wechſeln und der Kauf von Hypotheken zu niedrigen Preiſen abwarfen. Nur dann, wenn ein Papier durch die Bemü⸗ hungen der Firer ſo tief geſunken war, daß eine noch größern Entwerthung kaum zu fürchten ſtand, warf er ſich mit der ganzen Macht der ihm zu Gebote ſtehenden Mittel darauf und brachte durch den plöͤtzlichen Einkauf ein Steigen hervor, das ihn nothwendigerweiſe bereichern und ſeine bis⸗ herigen Freunde, mit denen er Hand in Hand zu gehen ſchien, ruiniren mußte. War ihm ein ſolcher Koup geglückt, dann war er voll gleißender Freundlichkeit gegen die armen Opfer eines blinden Vertrauens. Hoch und theuer verſchwor er ſich, daß ihm eine derartige Abſicht gänzlich fern gelegen, daß er überhaupt kein Geſchäftsmann ſei und an die Börſe nur aus reiner Neugierde, oder alter Gewohnheit komme. In der That verhielt er ſich auch lange Zeit wieder ruhig und regungslos, wie die Boa wenn ſie ihren Raub verſchlungen, bis ſich die Gelegenheit von Neuem ihm darbot. Sein letzter derartiger Koup ſchien bereits vergeſſen zu ſein, denn die Firxer ſammelten ſich wieder um ihren treuloſen Bundes⸗ genoſſen. Er ſprach mit ihnen ſo liebreich und freundlich, daß die Erfahreneren einen neuen Ver⸗ rath den er im Sinne hatte, witterten. Wie und wann er denſelben auszuführen gedachte, blieb aber ſelbſt den Geriebenſten unter ihnen unbekannt, denn Herr Samuel Roſenberg agirte faſt nie perſönlich, er beſaß Helfershelfer, die ſtets geheim blieben, 144 eine Schaar untergeordneter Diener, welche ſeine Befehle pünktlich und im Verborgenen vollführten. Er war die ungeſehene Triebfeder eines zermalmen⸗ den Räderwerks, das wunderbar in einander griff. Herr Werth ging geradezu, mitten durch den Haufen der Firer, welche ehrerbietig zur Seite wichen, auf ſeinen Mann los und grüßte ihn zuerſt. Das war ein Ereigniß an der Börſe, welches die größte Senſation hervorrief. Man flü⸗ ſterte und winkte, man ziſchelte und fragte ſich, was dieſe Begegnung zu bedeuten habe. Vermu⸗ thungen wurden aufgeſtellt, Schlüſſe gefolgert und unzählige Kombinationen gemacht. Der ſtolze, hoch⸗ müthige Bankier ging jetzt an der Seite des aner⸗ kannten Wucherer's, mit dem er ein wichtiges Ge⸗ ſpräch angeknüpft zu haben ſchien. Welch ein Raum für Muthmaßungen und Gedanken. Einen Augenblick ſtockte jedes Geſchäft, eine nie gekannte Aufregung hatte die Börſe ergriffen. Die Blicke aller Anweſenden waren auf die Beiden gerichtet, welche gefliſſentlich bisher jede Berührung mit einander vermieden hatten. Herrn Werth mochte dieſe Bewegung in ſeinem Eifer entgangen ſein, aber der ſchlaue Samuel erkannte die ganze Wich⸗ tigkeit dieſes Augenblicks. Er lächelte noch freund⸗ licher als je, er bückte ſich faſt bis zur Erde, jedes Wort des Bankiers ſchien für ihn ein Befehl zu ſein. Er war vom Scheitel bis zur Zehe nichts als Demuth und kriechende Ergebenheit. — Gott! wegen dieſer Lumperei bemühen Sie ſich ſelbſt,— ſagte er leiſe,— das hätte ja Zeit gehabt. Das Geld iſt ſicher. Wenn die Durchlaucht nicht zahlt, ſo iſt Ihre Unterſchrift ſo gut wie Geld.— — Darum handelt es ſich auch nicht. Ich wünſche, daß Sie den Wechſel behalten und gegen den Fürſten die Klage anſtellen. Ich muß Rück⸗ ſichten nehmen, welche Sie nicht nöthig haben. — Sehr ſchön, aber die Weitläufigkeiten—— — Ihre baaren Auslagen erhalten Sie ſo⸗ gleich wieder zurückerſtattet und natürlich eine an⸗ gemeſſene Proviſton für Riſiko und Zeitverluſt. Sie verbinden mich auf's Höchſte, da ich ein für allemal mich mit den Verfolgungen dieſer Sache nicht befaſſen kann.— — Ich verſtehe,— erwiederte der Wucherer mit plumpem Lächeln,— ich ſoll den Fürſten drücken, bis er ſich drückt. Ihnen liegt nichts an Ring, Stadtgeſchichten. III. 10 146 . dem Gelde, ſondern an der Perſon. Feine Leute wie Sie, Herr Werth, haben ihre Averſtonen. Vielleicht gefällt Ihnen die durchlauchtige Nähe nicht.— Der Bankier fühlte ſich durchſchaut, dennoch zürnte er nicht. Im Grunde war es ihm ange⸗ nehm, ſo errathen zu ſein. Er konnte nun ganz unumwunden ſprechen. — Sie können Recht haben,— uſtert⸗ er, — die Anweſenheit des Fürſten iſt mir fatal. Sparen Sie keine Mühe, um ihn zu entfernen. Ich vertraue Alles Ihrer Diſkretion und Geſchick⸗ lichkeit. Rechnen Sie dabei auf meine Dank⸗ barkeit.— — Gott! was ſprechen Sie da? Ich kenne keine größere Ehre, als Ihnen gefällig zu ſein. Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich.— Der Wucherer hatte bei dieſen Worten die Hand des Herrn Werth ergriffen, welche ihm dieſer nicht entziehen konnte. So ſchieden ſie als Freunde zum Erſtaunen der ganzen Börſe, welcher auch dieſes Zeichen der Vertraulichkeit nicht entgan⸗ gen war. Der wahnſinnige Buchhalter aber ſaß auf 147 ſeinem Stein und lachte laut, daß die Umſtehenden ein geheimes Grauſen empfanden. Diesmal hatte Herr Werth ihn nicht bemerkt, als er vertieft an dem Unglücklichen vorüberging. XII. Welche Mittel der ſchlaue Samuel Roſenberg angewendet hatte, um den Fürſten Waſſilof aus der Hauptſtadt zu entfernen, wiſſen wir nicht genau anzugeben. Der Wucherer war ein furchtbarer Gläubiger und er verſchmähte keinen Weg, der ihn zum gewünſchten Ziele führte. Dabei empfand er eine Art geheimer Wolluſt, ſeine Schuldner zu quälen und zum Aeußerſten zu treiben. Er war unermüdlich, raſtlos im Verfolgen ſeiner Beute. Ihm ſtanden Huͤlfsquellen zu Gebote, welche kein Anderer kannte. Mit den gewandteſten Rabuliſten hatte er einen ununterbrochenen Verkehr, ſeine Kon⸗ nexionen reichten bis in die höchſten Regionen, und die angeſehenſten Männer und Frauen beeilten ſich auf einen Wink von ihm, ſeinen Willen zu vollführen. Es hatte viel Mühe gekoſtet, den Für⸗ 10* 148 ſten zur Abreiſe zu bringen, er war Ausländer und ſtand unter dem beſonderen Schutze des ruſ⸗ ſiſchen Geſandten, aber keine Schwierigkeit ſchreckte die Gebrüder Roſenberg zurück. Der Geſandte ſelbſt hatte dem jungen Verſchwender den Rath ertheilt, ſich zu entfernen, da er ihn nicht länger gegen den drohenden Perſonalarreſt ſchützen könnte. Der bekannte Diplomat glaubte aus freiem An⸗ triebe zu handeln und war doch nur ein Werkzeug in den Händen der Werkzeuge Samuel Roſenbergs. Eine Kette dienſtbarer Geiſter ſchlang ſich von dem dunklen Komptoir der Wucherer bis in die Geſandtſchaftshötels, bis in die Nähe des Thrones ſelbſt. In dem finſtern Stübchen ſaßen die ungeſehenen Meiſter und bewegten die Dräthe, an denen ſie die wichtigſten Perſonen und Ereig⸗ niſſe leiteten. Und all' dieſe Räder und Hebel wurden jetzt angeſtrengt, um einen jungen Thoren aus den Armen einer verführeriſchen Tänzerin zu reißen. — Viel Arbeit,— murrte der unheimliche Bruder Bernhard,— um ſolche Lumperei.— — Aber der Anfang iſt gemacht,— lachte der plumpe Samuel,— das erſte Geſchäft mit dem Hauſe Werth.— Die Brüder betrachteten ſich dabei mit einem eigenthümlichen Ausdruck, vor dem jeder Andere als ſie ſelbſt geſchaudert hätte. Bernhard hüſtelte und ſchaute nach einer Weile zu der Decke empor, wo die dicken Spinnen noch immer ſaßen und die dummen Fliegen fingen. Herr Werth aber glaubte die Abreiſe des Fürſten nicht allzutheuer erkauft zu haben. Den Wechſel hatte er allerdings von den Brüdern ein⸗ gelöſt, alle Koſten getragen und noch eine anſtän⸗ dige Proviſion dazu gezahlt, aber was machte das für ihn? Sein von Eiferſucht gequältes Herz hatte ja nun Ruhe— bis ein neuer Gegenſtand dieſelbe ſtörte. Seit jenem Zuſammentreffen mit Samuel Roſenberg, vermied er es nicht mehr, den Wu⸗ cherer an der Börſe anzuſprechen. Unmerklich war er mit demſelben bekannt geworden, und um ſeine Dankbarkeit auch zu bethätigen, ſogar in Geſchäftsverbindung getreten. Allerdings waren dieſe Beziehungen nur äußerſt gering und kaum der Rede werth. Die Fäden waren ſo fein wie Spinnewebe, aber in ſolchen Händen konnten ſie zu 150 Stricken werden. Am meiſten aber war der alte Berger von dieſer neuen Verbindung mit Gebrüder Roſenberg ergriffen und verſtimmt. Das gab einen neuen Nagel zu ſeinem Sarge ab.— Damals als Herr Werth ſolche Gleichgiltigkeit gegen einen Rechnungsfehler in dem Hauptbuch der ehrenwer⸗ then Firma gezeigt hatte, war ihm der Todesſtoß verſetzt worden. Von dieſem Schlage konnte der treue Diener ſich nun und nimmermehr erholen. Sein ganzes Leben war in dieſem Augenblick zu einer nichts bedeutenden, inhaltsleeren Null ge⸗ worden. Wozu hatte er überhaupt exiſtirt, gear⸗ beitet und gerechnet an ſeinem Pult ſeit dreißig Jahren? Das einzige Wort ſeines Prinzipals hatte ihm die Nichtigkeit eines langen, mühevollen Da⸗ ſeins dargethan. 3 Aber der Kelch mußte bis zum Grunde geleert werden. Gebrüder Roſenberg, mit denen das Haus Werth nie in irgend einer Berührung geſtanden, hatte ein Konto in dem unbefleckten Buch erhalten und das weiße Blatt war vor Scham nicht roth gewor⸗ den. Das war zu viel für den ehrlichen Mann, mehr als er ertragen konnte. Der Reſpekt verſchloß ihm zwar den Mund, aber verhinderte nicht, daß —,;—ÿꝭZ ꝭ;: ꝛn pM!ꝛq 151 ihm das Herz brach in der Bruſt. Der Buch⸗ ſtabe R war ihm jetzt der verhaßteſte im ganzen Alphabet, und ſo oft er das Rubrum aufſchlug, war es ihm jedesmal, als hätte er ſeine Finger an hölliſchem Feuer verbrannt. Krank wurde der alte Berger vor lauter Aergerniß und Gram. Dazu kam noch der Ver⸗ druß, den er täglich mit dem langen Volontair erleben mußte. Der wüſte Menſch war in jüngſter Zeit gänzlich außer Band und Rand gerathen. Er kam und ging wie es ihm beliebte und kein Menſch hinderte ihn daran, denn der Prinzipal bekümmerte ſich nicht um ſolche Kleinigkeiten. Außer dem böſen Beiſpiel, welches Schuhmann auf dem Komptoir gab, führte er noch über Herrn Werth und deſſen Verhältniſſe zu der Spie⸗ gelthal allerlei läſterliche Reden, welche nur leider allzuwahr klangen. Durfte der treue Diener die⸗ ſelben dem Chef hinterbringen ohne ſelbſt gegen den gebührenden Reſpekt zu ſündigen? Das ging doch nicht an und er war genöthigt zu ſchweigen und den Unverſchämten nach wie vor zu dulden. Alles das nagte an der Seele und an dem 15² Körper des braven Mannes, der täglich mehr zu⸗ ſammenſchrumpfte und ſich kaum noch auf den Beinen hielt. Selbſt Herrn Werth konnte trotz ſeiner Zerſtreutheit, ſolche Veränderung nicht län⸗ ger entgehen. — Berger!— ſagte er eines Tages, wo er gegen ſeine Gewohndeit mehrere Stunden mit ſeinem Buchhalter gearbeitet hatte,— ich ſinde, daß Sie ſehr ſchlecht ausſehn. Sie ſitzen zu viel und müſſen ſich mehr Bewegung machen. 8 Dieſer Rath klang wirklich wie Spott, da der Alte nur noch ſchleichen konnte. Der Reſpekt aber verbot ihm ſelbſt, krank zu ſein und wenn er auch dem Tode nahe geweſen wäre. Deshalb verſuchte er ſogar zu lächeln, was ihm freilich eine große Anſtrengung koſten mußte, da er dabei ausſah wie ein Sterbender. — Es iſt nichts,— ſtammelte er mit zit⸗ ternder Stimme, die ſich ſelber Lügen ſtrafte,— nur eine vorübergehende Schwäche, welche ſich wieder geben wird. — Ich will Ihnen meinen Arzt ſchicken,— entgegnete der Prinzipal, dem das zitronengelbe Ausſehn des treuen Dieners immer mehr auffiel, 153 wobei er ſogar ein vorübergehendes Mitleid zu ſpüren ſchien. — Ich kenne meine Natur, die hilft ſich ſchon ſelber.— Dabei ließ es auch Herr Werth bewenden. Freilich, hätte er ahnen können, wie nah ihm der Verluſt dieſer ergebenen Seele bevorſtand, es wäre von ſeiner Seite alles Mögliche geſchehn, um den Buchhalter ſich zu erhalten, deſſen Perſon ihm unerſetzlich war. Aber Herr Werth war mit hun⸗ dert wichtigeren Dingen beſchäftigt, ſo daß er an die Möglichkeit eines ſolchen Falles gar nicht dachte. Der alte Berger jedoch fühlte das letzte Stünd⸗ lein immer näher und näher rücken, doch was lag daran? Er hatte nicht die große Inventur zu fürchten, welche am jüngſten Tage abgehalten wird. Das Buch ſeines Lebens war fehlerfrei und flecken⸗ rein, kein falſcher Poſten ſtand darin, keine un⸗ richtige Zahl, kein unwahrer Buchſtabe, der ſich mit ſeinem Wiſſen und Willen eingeſchlichen hätte. Das Facit ſeiner Berechnungen war ein Guthaben und Ueberſchuß an ſtillen Tugenden, geheimen Wohlthaten, an Treue und Rodlichkeit. Er konnte 154 ruhig hintreten vor Gott und ſeinen ſeeligen Herrn und Rechenſchaft ablegen von ſeinem Thun, ohne zu zittern und zu zagen. Hätte ebenſo das Hauptbuch des Herrn Werth geſtimmt, dann wäre Berger zufrieden und mit einem heitern Lächeln hinübergegangen, aber der Fehler, welcher ſich darin eingeſchlichen, ſollte nicht mehr hienieden von ihm entdeckt werden. Dieſe Genug⸗ thuung war ihm für ein beſſeres Jenſeits auf⸗ geſpart. Je näher aber der Termin kam, an dem der Wechſel ſeines Lebens verfallen ſollte, deſto mehr dachte er an das Schickſal der ehrenwerthen Firma, welcher er dreißig Jahre angehört. Seine Treue und Anhänglichkeit ging weit über das Grab hinaus. Einen Menſchen wollte er ſeinem Prin⸗ zipale hinterlaſſen, dem dieſer daſſelbe Zutrauen ſchenken konnte, wie dem alten Berger ſelbſt. Einen ſolchen Nachfolger glaubte der treue Diener in Adolph Märtens gefunden zu haben. Er kannte den jungen Mann von Jugend auf, mit klaren Augen hatte er deſſen Thun und Treiben bisher beobachtet. Zu dieſem Zwecke war er ihm mit Rath und That beigeſprungen, hatte er ihn wie 15⁵ einen Sohn erzogen und geliebt und die ſchwierige Kunſt der Haar⸗ und Grundſtriche beigebracht. Seinetwegen nahm er die erſte, beſte Gelegenheit wahr, um ihm dringend von Neuem ſeinem Prin⸗ zipale zu empfehlen. — Stoßen Sie ſich nicht an ſeine Jugend, — ſagte er dabei,— denn er rechnet wie ein Mann und ſchreibt wie ein Alter. Das iſt mein Werk!— ſetzte er mit einem Stolz hinzu, den ihm Gott ſicher verziehen hat. Herr Werth widerſprach ihm nicht, ſelbſt da nicht, als er bei ſeiner zunehmenden Schwäche Adolph in die Geheimniſſe des Hauptbuches ein⸗ weihte. Dem Bankier ſchien es ſogar angenehm, daß er nicht einem Fremden ſich anvertrauen mußte. Der alte Buchhalter kavirte ihm ja für die Fähig⸗ keit und Treue ſeines neuen Gehülfen. Es war ein feierlicher Augenblick, als das große Hauptbuch vor dem Jüngling aufgeſchlagen lag und Berger ihn über die Führung deſſelben mit zitternder Stimme belehrte. Ein ehrfurchts⸗ voller Schauer erfaßte Adolph, da er zum erſten Mal die Feder in das rieſige Tintenfaß eintauchte, um einen Poſten in das Buch mit zierlicher Hand⸗ 156 ſchrift einzutragen. Bisher hatte keine fremde Hand dieſes Heiligthum berührt, jede Zeile darin rührte einzig und allein von dem treuen Berger her. Der alte Buchhalter ſtand dabei hinter dem Stuhle ſeines Schüler's und Nachfolgers und ver⸗ folgte mit erlöſchendem Auge jeden Federzug deſ⸗ ſelben. Dabei konnte er nicht verhindern, daß eine Thräne auf das weiße Blatt niederfiel. Nun war ſein Tagewerk vollbracht, aber der Tod kam nicht wie ein harter Gläubiger, um mit einem Male die Schuld des Lebens einzukaſſiren, ſondern langſam und allmählig. Wie ein mah⸗ nender Freund begnügte er ſich mit Abſchlags⸗ zahlungen, bis die ganze Summe eingezogen war. Noch ein Jahr verging und der alte Berger hatte hinlänglich Zeit gehabt, ſeinen Stellvertreter genü⸗ gend auszubilden. Durch ihn lernte Adolph die praktiſche Buchführung ganz genau kennen und die ſchwierigſten Berechnungen mit Leichtigkeit aus⸗ führen. Und noch weit mehr verdankte er dem braven Mann und ſeinem Lehrer: das treue Pflicht⸗ gefühl, den ſtrengen Ordnungsſinn und die uner⸗ ſchütterliche Redlichkeit, welche die Haupttugenden eines vollendeten Kaufmanns ewig bleiben. Die 157 Saat des alten Buchhalters fiel auf einen treff⸗ lichen Boden und Adolph Märtens ging aus ſeiner Schule als ein beſonnener und tüchtiger Mann hervor. Als aber das letzte Stündlein des Getreuen ſchlug, da ließ er ſeinen Prinzipal erſuchen, daß er zu ihm kommen möge, denn er wollte ewigen Abſchied nehmen von der Firma Werth und Kompagnie. Dieſe Nachricht traf den Bankier zu einer guten Stunde, wo der böſe Geiſt von ihm gewichen ſchien. Er ließ ſogleich ſeinen Wagen anſpannen und eilte zu dem ſterbenden Diener hin. Was die Beiden mit einander geſprochen, weiß nur Gott allein. Der nahe Tod mochte wohl den Reſpekt beſeitigt und das Siegel von den Lippen des treuen Mannes genommen haben, denn der ſtolze Herr Werth kam erſchüttert und mit gerötheten Augen aus dem Nebenzimmer ge⸗ ſchwankt. Er fuhr auch nicht zu der Spiegelthal, ſondern zu Weib und Kind, gegen die er überaus⸗ zärtlich war. Als er gegangen war, traten die entfernten Verwandten und außer ihnen Adolph Märtens wie⸗ der an das Krankenlager. Der Sterbende reichte 158 Allen ſeine kalte Hand zum Abſchied hin, am längſten ließ er ſie in der ſeines jungen Freundes ruhn. Sein brechendes Auge mahnte dieſen an ſein Verſprechen, treu auszuharren bei dem Hauſe Werth, ſo wie er gethan. Allmählig wurden ſeine Athemzüge immer kürzer und ſeine Gedanken ver⸗ wirrten ſich. Die mageren Hände ſpielten auf der Decke und machten eine Bewegung, als wenn ſte etwas niederſchreiben wollten. Seine Lippen flüſterten Zahlen ohne Sinn und Zuſammenhang. Noch einen Seufzer ſtieß er aus, noch einen Namen nannte er, der kein anderer als der ſeiner Firma war, dann ſchloß er die treuen Augen für immer. Die letzten Strahlen der Winterſonne verklärten das bleiche eingefallene Antlitz, auf dem der Friede des Herrn zu liegen ſchien. Adolph hielt noch immer die ſtarre Hand des Entſchlafenen, die er mit Thränen benetzte, in der ſeinigen. Es war der erſte große Schmerz, den der Jüngling empfand. Nach drei Tagen ſchwankte ein Leichenzug aus dem Trauerhauſe. Das Geleit war nicht groß. Der alte Berger hatte weder Weib noch Kind, weder nahe Anverwandte noch Freunde außer Adolph Märtens gehabt. Die Firma 159 hatte ihm dies Alles erſetzen müſſen. Sie war ihm Weib, Kind, Freund und Anverwandter ge⸗ weſen. Hinter dem Sarge, der ſeine irdiſchen Ueber⸗ reſte barg, fuhr die Equipage des Herrn Werth. Das war ſein ganzer Lohn für mehr als dreißig⸗ jährige treue Dienſte. Sein Prinzipal erſchien nicht in Perſon, er war durch dringende Geſchäfte ab⸗ gehalten. Nur ein Theil des Perſonals umſtand das Grab, über welches der Prediger ſeinen Segen ſprach. Dumpf rollten die Schollen der hart ge⸗ frornen Erde auf den Sarg, welche die Lebenden dem Todten als letzte Liebesgabe nachſendeten. Einer nach dem Andern ſchlich ſich leiſe fort, nur Adolph blieb und betete flüſternd an dem friſchen Hügel des Dahingeſchiedenen. Ein Auge war doch noch auf Erden vorhanden, um den treuen Diener zu beweinen. XIII. War es das letzte Geſpräch mit dem alten Buchhalter, oder ein unvermuthetes Zuſammentref⸗ fen mit einem neuen Nebenbuhler in den Gemä⸗ 160 chern der Tänzerin, was eine ſo bedeutende Ver⸗ änderung in dem jetzigen Leben des Herrn Werth hervorgebracht und ihn wenigſtens für einige Zeit ſeiner Familie zurückgegeben hatte? Das Theater wurde von nun an nur ſelten oder gar nicht mehr von ihm beſucht, und er brachte einige Abende wie⸗ der ganz allein im Kreiſe der Seinigen zu. Wer war glücklicher, als die gute Frau, welche bisher geduldet und geſchwiegen hatte? Sie wußte um Alles, aber kein Vorwurf ſtahl ſich über ihre frommen Lippen, ſelbſt die Thränen unter⸗ drlückte ſie, die ihr in den Augen ſtanden; die her⸗ anwachſenden Kinder durften ja nicht wiſſen, daß ſie die Untreue ihres Mannes zu beweinen habe. Madame Werth war weder ein ſogenannter Engel voll verſchrobener Empfindſamkeit, noch eine ſtarke Seele, welche ſich über die Vernachläſſigung des Mannes durch philoſophiſche Gründe und neue Kleider ſchnell zu tröſten weiß, ſte war nur ein liebevolles Weib und eine gute Mutter. Als ihr Gatte reuevoll zurückkehrte, that ſie ihre Arme auf und vergaß in einem einzigenewonneyollen Augen⸗ blick die Schmerzen eines ganzen kummervollen Jahres. Sie erſparte ihm das Geſtändniß ſeiner 161 Verirrungen mit ſanfter Schonung und ſchloß ſeine geöffneten Lippen mit dem Kuſſe der Verſöhnung. Tadelt ſte nicht um ſolcher Schwäche willen, denn ſie konnte nicht dafür. Es war ihre innerſte Natur, zu ſchweigen und zu dulden, zu vergeben und immer von Neuem zu verzeihn. Die Rebe weint in jedem Jahr, wenn ſie das Meſſer des Winzers fühlt, und bringt zum Dank ihm doch die ſchönſten Früchte dar. Die Biene ſammelt immer wieder den ſüßen Honig ein, weiß ſie auch, daß er ihr ſtets entriſſen wird. Wie die weinende Rebe ſchlang ſie ſich um den Geliebten feſt und reichte ihm den ganzen Schatz ihrer Liebe hin, wie die fleißige Biene ſchaltete ſte im Hauſe und ſorgte für den theuren Mann. Dieſe Hingebung verſchönte und verklärte ſie, und ſelbſt Herr Werth fand ihre unbedeutenden Züge und das blaſſe vergrämte Angeſicht in manchen Au⸗ genblicken wahrhaft bezaubernd. Aber der Sinn für das ſtille Glück der Häuslichkeit hatte nie in ſei⸗ nem Herzen tiefe Wurzeln ſchlagen können. Bald empfand er wieder Langeweile und ſehnte ſich nach dem zerſtreuenden Lärm der Geſellſchaften. Auch zu dieſem Opfer war ſie gern bereit. Fuͤr ihn Ring, Stadtgeſchichten. III. 11 162 ſchmückte ſte ſich mit den herrlichen Stoffen, die er gekauft, mit den Juwelen, die er ihr geſchenkt, um ihre Leiden, ihre Schmerzen zu betäuben. Sie that ſich Gewalt an und ging an ſeiner Seite zu jenen Feſten und Bällen, welche ſie gern vermieden hätte. 1 — Sie ſind wieder vollkommen ausgeſöhnt! — rief die Welt verwundert aus, als das Ehepaar zum erſtenmal in der Geſellſchaft vereint erſchien. — Er hat die Spiegelthal aufgegeben.— — Sie ſoll ihm nicht treu geweſen ſein,— bemerkte ein Unterrichteter. — Im Gegentheil, er hat ſie ſatt bekommen, — ziſchelte ein Anderer. — Seine Frau ſoll auf Scheidung angetragen haben.— — Das hätt' ich ihr nicht angeſehen, ſo viel Energie hab' ich ihr nicht zugetraut.— — O! Sie hat es fauſtdick hinter den Ohren ſitzen. Stille Waſſer ſind gewöhnlich tief.— So flüſterten die Männer, und die Frauen bewunderten die ſchweren Seidenſtoffe und koſtbaren Juwelen, welche Madame Werth auf ausdrückliches Verlangen ihres Mannes trug. Die ganze Welt 163 ſollte wiſſen, wie theuer ſie ihm war und daß er ſie noch immer liebe. — Haben Sie den neuen Schmuck bemerkt, den die Werth trägt?— hatte eine ältliche Dame eine jüngere gefragt. — Unm dieſen Preis würde ich meinem Mann eine kleine Untreue ſchon verzeihn,— lautete die frivole Antwort. — Er iſt doch ein guter Mann.— — Wenn ſie nur nicht ſo beſchränkt wäre, — ſetzte die andere hinzu. Das war das Urtheil der Welt über die bei⸗ den Ehegatten. Wer kann die Humanität und Nachſicht leug⸗ nen, welche hier geübt wurde? Man vergab und vertuſchte eine kleine Schwäche, einen verzeihlichen Irrthum, den man einem reichen und angeſehenen Manne gern zu Gute hielt. Aber ſelbſt der lei⸗ ſeſte Tadel mußte verſtummen, als der Bankier ſeine Salons eröffnete und die auserleſenſte Ge⸗ ſellſchaft bei ſich ſah. Das Haus des alten Werth war im neueſten Geſchmacke renovirt worden. Was der Pinſel des Malers, die Kunſt des Tapeziers vermag, war hier 11* geleiſtet. Die Zimmer ſtrahlten in nie geſehener Pracht, und der Salon galt für einzig in ſeiner Art. Der Bankier hatte bei dieſer Einrichtung ſeinen Freund, den Baron Portheim, zu Rathe gezogen, der ſich doch darauf verſtehen mußte. Die⸗ ſer war auch die Seele des Feſtes, welches Herr Werth veranſtaltete. Er arrangirte die Dekoratio⸗ nen und beſorgte die Einladungen. Den ganzen Tag hatte der Baron vollauf zu thun, doch welche Opfer bringt nicht gern ein wahrer Freund. Als ſolcher bewährte ſich aber Portheim bei dieſer Ge⸗ legenheit im außerordentlichen Maße. Seine ganze Zeit widmete er dieſer wichtigen Angelegenheit, als wenn ſtie die ſeinige geweſen wäre. Vom Konditor flog er zum Paſtetenbäcker, und von dem zum Koch, allerdings nicht zu Fuß, ſondern in der Equipage des Bankiers. Er beſtellte das Eis und koſtete alle Weine ſelbſt. Durch ſeine ariſtokratiſchen Ver⸗ bindungen war es ihm ſogar möglich geworden, eine veritable Komteſſe, zwei wirkliche Freifrauen, einige Legationsräthe und Geſandtſchaftsattaché's dem Salon ſeines Freundes zuzuführen. An einer Unzahl von Geheimräthen fehlte es natürlich nicht, und eben ſo wenig wurde der gewiſſenhafte Feuil⸗ 165 letoniſt vergeſſen, obgleich deſſen Dienſte in letzter Zeit wenig oder vielmehr gar nicht mehr bean⸗ ſprucht wurden. Herr Werth hatte für nichts Anderes Sinn, als für dieſen großen Tag. Das war doch wieder eine Zerſtreuung, eine Abwechſelung in dem ewigen Einerlei, die ihm wahrlich Noth that. Und wie wurde er bei dieſer Gelegenheit von ſeinem Freunde unterſtützt! Nur in ſolch bedeutenden Momenten lernt man den ganzen Umfang wahrer Freundſchaft kennen und hochſchätzen. Hatte Portheim nicht ſeinetwegen ein ſuperbes Herrendiner aufgegeben? War er nicht ſo kühn geweſen, dem Leibkoche des Prinzen zwei ausgezeichnete Faſane abzujagen, die er für die Tafel des Bankiers erbeutete? Konnte er nicht durch dieſen kühnen Schritt die Ungnade eines Mitglieds der königlichen Familie ſich zugezogen haben? — Qu'importe?— ſagte der moderne Pythias mit heroiſchem Lächeln, indem er eine Straßburger Leberpaſtete öffnete.— Ich bin im Stande, die Gnade eines Fürſten dem Glücke meiner Freunde aufzuopfern. Sollte ich diesmal bei dem Ordens⸗ feſte wieder übergangen werden, ſo weiß ich, lieber 166 Werth, daß Sie mich nur um ſo höher achten müſſen. Stoßen wir an auf ewige Freundſchaft. Der Champagner ſchäumte in den Gläſern und die Liebe in den Herzen der beiden Verbün⸗ deten. Der Bankier war dermaßen ergriffen, daß er die Steifheit Altenglands vergaß und den Ba⸗ ron an ſeine Bruſt drückte. — For ever!— rief er laut und umarmte von Neuem ſeinen Pythias. — Genug, alter Junge!— ſagte der Baron und wiſchte ſich mit der Serviette den fetten Mund. — Die Rührung übermannt mich und ich kann nicht mehr.— In der That ſchob der Feinſchmecker jetzt die Leberpaſtete, welche vor ihm ſtand, zur Seite. Er war vollkommen geſättigt. Den Bemühungen und Opfern des Barons hatte es der Bankier einzig und allein zu verdan⸗ ken, daß man acht Tage lang in der Reſidenz von nichts Anderem, als von ſeinem Zauberfeſte ſprach. Vor dem erleuchteten Portal ſtanden Bediente in reicher Livre, welche die auffahrenden Wagen empfingen. Der Hausflur und die Treppe waren in einen Zauberhain verwandelt. Der Fuß der 167 Gäſte ſchritt auf weichen Teppichen, zwiſchen blü⸗ henden Citronen⸗ und Orangenbäumen. Hohe Oleander und Rhododendron ſtanden in dem rei⸗ zenden Vorzimmer, das durch die Kunſt des berühm⸗ teſten Tapezierers der Reſidenz in ein türkiſches Zelt umgeſchaffen war. An den Wänden zogen ſich ſchwellende Divans hin, von der bunten Decke ver⸗ breitete die Rubin⸗Ampel ein roſiges Dämmerlicht. Hier ruhten die erſchöpften Damen vom Tanze aus und überließen ſich jenem himmliſchen Abandon, wozu die weichen Kauſeuſen, die ſanfte Beleuch⸗ tung und die verſchwiegene Stille des Ortes un⸗ willkürlich einluden. Neben dieſem bezaubern⸗ den Kabinette befand ſich das Wiſthzimmer. Die Spieltiſche für ältere Herren und Damen waren bereits arrangirt. Wiſth⸗ und Boſtonmarken lagen in zierlichen Käſtchen, und die noch unberührten Karten warteten in den geſtickten Preſſen. Auch hier athmete die ganze Einrichtung eine gediegene Wohlhabenheit, einen Komfort, der den eingeflei⸗ ſchteſten Engländer befriedigen mußte. Natürlich war der Tanzſaal der Höhepunkt des feinen Ge⸗ ſchmackes und der Eleganz. Herr Werth hatte den Befehl gegeben, nichts bei der Ausſchmük⸗ — 168 kung deſſelben zu ſparen. Ein wahrhaft fürſtlicher Lurus herrſchte in den imponirenden Räumen. Koſtbare Trumeaur ſtrahlten das Bild der Geſell⸗ ſchaft von allen Seiten wieder, eine Unzahl von Gasflammen verbreitete eine glänzende Tageshelle. Die Decken ſchimmerten von Stuck und Gold, und der getäfelte Fußboden war ein Meiſterſtück der zierlichſten Holzmoſaik. In einer Niſche ſprudelte ſogar ein künſtlicher Springbrunnen wohlriechen⸗ des Waſſer aus. Die Idee dazu rührte natürlich von dem Baron her, der ſich nicht wenig darauf zu Gute that. Alles war darauf berechnet, zu blenden und zu überraſchen. Herr Werth liebte den Luxus und Komfort des Lebens, doch noch weit mehr, wenn von ihm und ſeinem Vermögen geſprochen wurde. Er entwickelte bei ſolchen Gelegenheiten eine ver⸗ enjſſche Pracht, denn auf einige tauſend Tha⸗ er mehr oder weniger kam es ihm gar nicht ang Wer den orientaliſchen Lurus kennt, der bei den Bällen der Geldariſtokratie zu herrſchen pflegt, wird ſich einen Begriff von den eleganten Toiletten der hier verſammelten Gäſte machen können. Das rauſchte von Seide und koſtbaren Stoffen, das 169 Gold ſchimmerte und die Juwelen blitzten. Auf⸗ ſätze und Diademe, Blumen und Spitzen wogten und wallten, ſtrahlten und dufteten und brachten jene magiſche Wirkung hervor, welche das Auge des Beobachters zugleich verwirrt und doch ergötzt. Die Zahl der Gäſte mehrte ſich mit jedem Augenblick. Kaum genügten Herr Werth und der Baron, welcher ihm getreulich beiſtand, dieſelben zu begrüßen. Die blaſſe Frau vom Hauſe und ihre Schwägerinnen eilten von einer Dame zur an⸗ dern, um ihrer Pflicht als Wirthinen nachzukommen. Die Arme erlag faſt unter ſolchen Anſtrengungen, aber ein Blick des Bankiers, den ſie allein nur ſah, ſpornte ſie auf’s Neue an. Sie beeilte ſich, ſeinen Willen zu vollziehn und lächelte und nickte, ſie verneigte ſich und embraſſirte, obgleich ſie ſich kaum aufrecht halten konnte. Warum war ſie auch ſo ſchwach? Da waren ihre Schwägerinnen von ganz anderem Gehalt. Die melancholiſche Fanny hatte in dieſer Woche bereits den dritten Ball beſucht, und den⸗ noch war ſie entſchloſſen, auch heute ihren Schmerz im Tanze auszuraſen. Die heitere Theodore dage⸗ gen flog von einer Dame zu der andern und beſaß dabei noch immer Zeit und Kraft, mit einigen in⸗ 4 170 terreſſanten Männern im Vorüberg und jung. Madame Werth war für die außerordentliche Ehre dan hatte mit Adolph Märtens, dem halter, viel länger geſprochen, als der Hausfrau zu rächen entſchloß. Der wirre Knaul, den jede grö Gruppen ſchoſſen aus dem Chaos ſo reicher an Ahnen und hiſtoriſche ehen ein pikantes Geſpräch anzuknüpfen und ſte für ihre Leſeabende zu engagiren. Wer ſie ſo dahinflattern ſah mit dem jugendlichen Lockenkopf und dem kindlichen Lä⸗ cheln, hätte ſie gewiß nicht für dreißig Jahre ge⸗ halten, aber der Geiſt, ja der Geiſt macht friſch aber nicht geiſt⸗ reich, denn ſie wußte kaum wie ſte der Komteſſe ken ſollte, und ſtmplen Buch⸗ mit dem Lega⸗ tionsſekretair, der ihr von dem Baron zugeführt worden war. Die Gräfin zuckte vornehm die Ach⸗ ſeln über die vernachläſſigte Erziehung und die ſchlechten Manieren der kleinen Frau, während der Attaché ſich an dem Champagner des Wirths philoſophiſch für die Vernachläſſigung von Seiten ßere Geſellſchaft im Anfang bildet, hatte ſich gelöſt, und einzelne auf. Um die verletze Komteſſe ſchaarte ſich die ersme der Ge⸗ ſellſchaft, welche arm an Glücksgütern, aber um n Erinnerungen — war. Hier rümpfte man die Naſe, flüſterte und lächelte man äußerſt fein über die Roture, die es dem Adel gleich thun wollte. Dennoch ließ man ſich das vortreffliche Eis und die feinen Weine munden, welche herumgereicht wurden. Der Baron, der von einem Stuhl zum andern flog, hielt ſich da am liebſten auf. Das war doch ſeine eigent⸗ liche Heimath. Die eigenthümliche Sprache, welche in dieſem Kreiſe gebraucht wird, ſeine Mutter⸗ ſprache. Er verſtand dieſe ſcharfen Blicke, dieſes ſpitze Lächeln, dieſes Achſelzucken, den Spott ohne Worte, und die Worte, welche Nichts und Alles ſagten. So oft er vorüberging, wechſelte er einen Blick des Einverſtändniſſes und erkaufte ſich damit die Erlaubniß, auf der andern Seite des Saales zu verweilen. Hier hatte die Börſe ihre ſchönſten Vertrete⸗ rinnen gefunden, herrliche Frauen mit kühnen Blik⸗ ken und ſtolzen Geſtalten, nicht von ſo altem Adel, aber dafür mit allen Reizen der Jugend und Schön⸗ heit reich begabt. Was ühnen an Feinheit abging, erſetzten ſie hinlänglich durch Eleganz. Auch ihnen fehlte es nicht an Witz, aber dieſer war minder ſpitz, minder ſchneidend wie die Pfeile, welche die Ariſtokratie zu verſenden hatte. Die beiden Kreiſe unterſchieden ſich weſentlich. Dort alte, ehrwürdige Ruinen, verfallene Burgen, welche noch immer ſtolz herniederſchauten, hier moderne Palläſte, mit dem Lurus und Komfort der heutigen Zeit verſehen, welche den unwirthbaren Schlöſſern den Rang ab⸗ zulaufen drohten. Der Adel zeigte vergilbte Spi⸗ tzen und welke Geſichter, aber feine und ſichere Manieren, ererbte Traditionen von früherer Größe und verſchwundenem Glanz. Die Börſe dagegen lachte in üppiger Friſche und ſtrahlte von Brillan⸗ ten; ihr Auftreten war kecker und natürlicher, im Vollgefühle der Kraft, welches Jugend und Reich⸗ thum giebt. Die feindlichen Lager maßen ſich mit miß⸗ trauiſchen Blicken, jedoch ohne daß ein Angriff er⸗ folgt wäre. Der Baron war die Taube mit dem Oelzweig, welche von einem Kreiſe zum andern verſöhnend flog. Seinen Bemühungen war es— endlich gelungen, eine Art von bewaffnetem Frie⸗ den zu vermitteln. Theodore hatte ſich der Gräfin vorſtellen laſſen, welche die kleine Frau einen lie⸗ ben Engel nannte. Fanny ging ſogar an dem 4 Arm einer veritablen Baroneſſe, und die Melancho⸗ 173 liſche lächelte zu den feinen und treffenden Bemer⸗ kungen ihrer neuen Freundin, welche die anweſen⸗ den Damen mit kritiſchem Scharfblick muſterte. Das Oel und der Eſſig der Geſellſchaft be⸗ gann ſich zu vermiſchen. Viel leichter ging dieſer Prozeß bei den Män⸗ nern von Statten. Dieſe ſind in heutiger Zeit weit mehr Kosmopoliten, während die zähere Frauennatur beharrlich an den alten Rang⸗ und Standesunterſchieden hängt. Die Macht des Gel⸗ des hat zum Theil dieſe Vorurtheile ausgeglichen und beſeitigt, der ſtrengſte Ariſtokrat vermag ſich nicht mehr dem gewaltigen Einfluß der modernen Gottheit zu entziehn. In Jedem von uns ſteckt doch gegenwärtig ein Börſenmenſch. Was aber noch getrennt blieb, vereinte bald der rauſchende Klang des Orcheſters und der Kartentiſch. Die Gräfin ging an der Seite des Bankiers in feierlichem Po⸗ lonaiſenſchritt, und bemühte ſich, ein freundliches Geſicht zu machen, ohne ihrer Würde etwas zu ver⸗ geben. Ein Legationsrath wirbelte im raſenden Galopp mit der traurigen Fanny durch den Saal, während die kleine Theodore mit einem Gardeoffizier von der letzten Aufführung des Egmont ſchwärmte. — Ja, Sie müſſen den Egmont bei mir le⸗ ſen!— rief die Unerbittliche. — Aber, meine Gnädige, ich weiß nicht, wie ich dazu komme!— — Sind Sie nicht ein Held wie er?— Der geſchmeichelte Lieutnant konnte nicht län⸗ ger widerſtehn. Er ſtrich ſeinen zierlichen Bart und nahm in der That eine heroiſche Haltung an. Später gereute ihn allerdings ſein voreiliges Ver⸗ ſprechen, da in ihm eine dunkle Ahnung aufſtieg, daß Graf Egmont eigentlich ein Rebell geweſen war. Theodore indeß triumphirte, ſie hatte wieder ein Schlachtopfer für ihre Leſeabende gewonnen. YIV. Während des Balles war Madame Werth verſchwunden, um das Arrangement der Tafel zu beſorgen. Sie wurde nicht vermißt, kaum daß ein kleiner Theil der Geſellſchaft überhaupt eine Ahnung von ihrer Eriſtenz hatte. Aber auch ſie empfand keine Sehnſucht nach dem ſtrahlenden Saal und der lärmenden Fröhlichkeit der Uebrigen. Dieſe 175 glänzenden Feſte machten ihr keine Freude, ſondern Kummer und Mißbehagen. Die verſchwenderiſche Pracht, mit welcher ſich der Bankier zu umgeben und zu betäuben ſuchte, beunruhigte ſie. Madame Werth war, wie geſagt, keine geiſtreiche Frau wie ihre Schwägerin Theodore, auch nicht intereſſant wie Fanny, aber die Stelle des Geiſtes nahm bei ihr ein außerordentlich fein entwickeltes Gefühls⸗ leben ein. Sie kannte, oder vielmehr ſie errieth jeden Gedanken, den Willen ihres Gatten mehr durch den Inſtinkt der Liebe, als durch die Berechnung des Verſtandes. Darum zitterte ſie auch für die Zukunft, ohne ſich klare Rechenſchaft geben zu können, denn Herr Werth hatte ſie nie in die Ge⸗ heimniſſe ſeiner Vermögensumſtände eingeweiht. Als gute Wirthin konnte ſie eben ſo wenig dieſen übermäßigen Lurus billigen. Sie hatte ſogar einige Vorſtellungen gewagt, was bei ihrer ſchüchternen Natur viel ſagen wollte, aber hier ſtieß ſie auf einen mächtigen Widerſtand, auf den unbeſchränk⸗ ten Einfluß, welchen Baron Portheim im ganzen Hauſe ausübte. Seinen Anordnungen mußte ſie ſich unbedingt fügen, denn ſein Wort galt bei dem Bankier bei allen derartigen Ereigniſſen weit mehr als das der ſparſamen Hausfrau. — Wenn ich ein derartiges Feſt gebe, hatte Herr Werth in entſchiedenem Tone geſagt, dann darf Nichts fehlen. Nur keine unzeitige Knickerei. Es muß etwas nie Dageweſenes ſein.— Und ſie fügte ſich ſeinem Willen, denn woher hätte ſie den Muth nehmen ſollen, ihm zu wider⸗ ſprechen, der ihr Herr und Gebieter war. Nachdem ſte Alles nach ſeinen Wünſchen an⸗ geordnet, die koſtbaren Service und das Silberzeug herausgegeben, die Reihenfolge der Speiſen beſtimmt und mit dem Koch und den Dienern Rückſprache genommen hatte, entfernte ſie ſich. Sie kehrte aber noch nicht in den ſtrahlenden Saal zurück, wo die Geſellſchaft ſich ohne ſte beluſtigte. Ueber den ein⸗ ſamen Korridor ging ſie matt und müde nach dem entlegeneren Flügel des Hauſes und ſtieg noch eine Treppe höher hinauf. Von Zeit zu Zeit mußte ſie ausruhn, denn ſie war von den vorhergehenden Anſtrengungen äußerſt ermüdet und kaum trugen ſte die wankenden Füße. Je näher ſie aber dem Ziele kam, das ſie aufſuchte, deſto belebter wurden 177 ihre Züge, ſelbſt ein ſchwaches Lächeln ſchwebte um ihren Mund. Jetzt öffnete ſie geräuſchlos eine Thür und ſchlich auf den Zehen in das ſchwach erleuchtete Gemach. Eine verſchlafene Dienerin fuhr überraſcht aus ihrem Halbſchlummer empor. Madame Werth winkte ihr zu ſchweigen und trat vorſichtig an das Bett ihrer jüngſten Kinder. Der jetzt fünfjährige Georg hatte die kleinen Hände auf der Bruſt noch wie zum Gebet gefaltet. Er war mitten in dem frommen Spruche, den ihn Mama gelehrt, ermüdet eingeſchlafen. Die weiße Bruſt hob und ſenkte ſich in regelmäßigen Athemzügen. Auf der Stirn hatte ſich der Schweiß in kleinen Perlen angeſam⸗ melt und die gerötheten Wangen blühten wie zwei Roſenknöspchen. Glück und Geſundheit ſtrömte von dem Lager des holden Kindes aus. Madame Werth betrachtete einige Augenblicke mit ſtrahlen⸗ dem Mutterauge den Liebling ihres Herzens und ſegnete ſeinen Schlaf. Und ſie ſchlich an das zweite Lager noch leiſer und vorſichtiger. Da ſchlummerte die kränkelnde Lisbeth, ein ſchwaches Kind mit feinen unausſprechlich ſanften Zügen. Eine durch⸗ Ring, Stadtgeſchichten. III. 12 178 ſtchtige Bläſſe lagerte ſtets auf dem ätheriſchen An⸗ geſicht. Durch die zarte Haut ſchimmerten die— blauen Adern wie Laſur. Um die weißen Schläfen ſchwebten die blonden krauſen Löckchen wie Wölk⸗ chen, die das Mondlicht durchſtrahlt. Das Kind war überirrdiſch ſchön, ein Engel, der ſich nach der ewigen Heimath ſehnt. Ein füßes Lächeln ſchwebte um den lieblichen Mund, vielleicht träumte die Kleine in dieſem Augenblick von der Mutter oder von den Himmelsgeiſtern, mit denen ſie im Schlummer ſpielte. Dieſer zarte, gebrechliche Kör⸗ per gehörte kaum der Erde an. Das Kind war immer ernſt und ſtill, aber dabei ſo ſanft und gut. Jetzt regte es ſich, denn ſein Schlaf war unruhig, ſeine Athemzuͤge unterbrochen. Madame Werth hatte ſich niedergebeugt, um zu lauſchen. Lisbeth wurde wieder ſtill. Da ſtellte ſich der fatale Huſten ein, denn ſie huſtete ſeit langer Zeit. Aengſtlich fuhr die Kleine empor und rang augenſcheinlich in krampfhafter Anſtrengung nach Luft. Dabei ſchlug ſie das tiefe, glänzende Auge auf, ein Auge, wie man es nur ſelten bei Kindern trifft, groß und verſtändig, mit einem Blick, der auf ein geheimniß⸗ volles Seelenleben, oder auf ein tieferes Leiden 179 deutete. Kränkelnde Kinder reifen ſchnell, wie die Früchte, die der Wurm zernagt. In dem wider⸗ ſtandsloſen Körper entwickelt ſich die Seele mit ungeſtümem Drang zur höchſten Blüthe, bis die Hülle ſchwindet und der freie Geiſt ſich feſſellos zur Heimath ſchwingt. Gewiß waren es ähnliche Gedanken, welche die Mutter erfüllten, als ſie wehmüthig auf das Geſicht des Kindes nieder⸗ ſchaute. Lisbeth hatte ſie erkannt und ſtreckte die zarten Arme ihr ſchlaftrunken entgegen. Madame Werth hauchte einen leiſen Kuß auf die fieberheißen Lippen des Kindes, das, den magnetiſchen Blick auf die Mutter gerichtet, allmählig wieder in den vorigen Schlummer verſank. Wieder ſpielte ein zuckendes Lächeln um den Mund der Kleinen, jetzt träumte ſte ganz gewiß von der Mutter. Die gute Frau konnte ſich kaum von dem Lager ihrer Kinder trennen, doch die Pflichten der Wirthin riefen ſie gebieteriſch zurück. Mit einem ſorgenden Blick verließ ſie das kleine Heiligthum, das ſie gern mit dem glänzenden Salon vertauſcht hätte. Hier lag ihre Heimath, die Stätte, die ihr ſo theuer war wie nichts Anderes auf dieſer Welt. 12* Anna traf ſie nicht an dieſem ſtillen Ort. Die älteſte Tochter, die bereits dem vierzehnten Jahre nahe war, durfte an dem Feſte, natürlich in Begleitung der Gouvernante, Theil nehmen. Herr Werth hatte dazu nicht allein ſeine Erlaubniß er⸗ theilt, ſondern ausdrücklich den Wunſch ausgeſpro⸗ chen. Er liebte es, auch mit ſeinen Kindern vor der Welt Staat zu machen. Anna war aber eine reizende Erſcheinung und der Vater fühlte ſich ge⸗ ſchmeichelt durch das Lob, welches die Tochter reichlich einerndtete. Die glückliche Anna ſchwebte wie ein gaukeln⸗ der Schmetterling in trunkener Seeligkeit. Es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß ſie ſich in ſolch großer Geſellſchaft befand. Die gute Mutter war in dieſem einen Punkte ſtreng und unerbitt⸗ lich, und es hatte Herrn Werth dies Mal viel Mühe gekoſtet, den Widerſtand der ſanften Frau zu beſtegen und ſeinen Willen durchzuſetzen. Sie hielt noch an dem alten Vorurtheil feſt, daß Mäd⸗ chen vor ihrer Einſegnung keine größeren Geſell⸗ ſchaften, und auch dann nur äußerſt vorſichtig und mit Auswahl beſuchen ſollten. Selbſt auf einen unſchuldigen Kinderball hatte ſie Anna nie gehen 181 laſſen und ihren Widerwillen gegen alle derar⸗ tige Vergnügungen ein für alle Mal mit unge⸗ wöhnlicher Klarheit und Beſtimmtheit ausgeſprochen. Die Tochter hatte ſich bereits in ihr Schickſal ge⸗ fügt; um ſo größer war ihr Entzücken, als ſie die Erlaubniß erhielt, dem Balle beizuwohnen und für dieſes Feſt natürlich einen neuen, höchſt geſchmack⸗ vollen Anzug wählen durfte. In dem blauen Florkleide ſah ſie aber herrlich aus. Sie war in juͤngſter Zeit ſchon ſo empor geſchoſſen, daß ſie faſt ein und dieſelbe Größe mit Madame Werth hatte, die allerdings klein und ſchmächtig war. Die elegante Robe hob ihren ſchlanken Wuchs noch weit mehr hervor. Das dunkle Haar war von dem Friſeur, der ſie ausnahmsweiſe heute bediente, höchſt geſchmackvoll arrangirt, und die langen, wil⸗ den Locken, die ſie ſonſt gewöhnlich trug, ſchmieg⸗ ten ſich in weichen Flechten um die reine unſchulds⸗ volle Stirn. Das ſchwarze Sammtband mit dem goldnen Herzchen, das ſie ſich ſo oft gewünſcht, hatte ihr Mama gekauft und nun hing es um den weißen Hals. Ein neues Kleid, eine unge⸗ wohnte Friſur und das goldene Herz, das war faſt zu viel. Anna tauſchte nicht mit einer Königin. Das Glück verſchönte noch, wenn dies möglich war, das reizende Geſicht, und wo ſie vorüber⸗ ſchwebte, wurde ſie aufgehalten, betrachtet und be⸗ lobt, denn ſte war ja die älteſte Tochter des Herrn Werth. — Aeußerſt diſtinguirte Züge,— hatte die Gräfin gegen Theodore geäußert,— das Kind wird eine beauté sans tache.— — Ein famoſer Backfiſch,— dachte der Garde⸗Lieutenant. — Keine üble Parthie,— lächelte ein Ge⸗ ſchäftsfreund des Bankiers, wobei er ſeinem Sohn einen Wink gab, die Kleine zu engagiren. Der angehende Jüngling aber überhörte die väterliche Mahnung und ſuchte lieber die erwachſenen Schön⸗ heiten auf, welche ihn jedoch häufig mit einem Korbe abfertigten. Tanzen war aber Anna's größte Luſt. Bald hatte ſie auch einen Tänzer von ihrem Alter ge⸗ funden und ſchwebte nun fröhlich wie ein Vöglein in der Luft. Die muntern Augen ſtrahlten vor Vergnügen, die Wangen glühten vor Entzücken, der kleine Fuß berührte kaum den Boden. Das war eine nie geahnte Seeligkeit. Mit ſchelmiſchem 183 Lächeln nickte ſie Herrn Werth zu wenn ſie vor⸗ überflog. Sein väterliches Auge aber verweilte mit Wohlgefallen und Stolz auf der blühenden Tochter. — In drei Jahren iſt ſie reif,— flüſterte mit fauniſchem Lächeln der Baron, welcher neben ſeinem Freunde ſtand.— Sie müſſen ſchon heut' an ihre Ausſtattung denken, an Bewerbern wird es ihr nicht fehlen.— 1 — Das will ich meinen,— entgegnete der Bankier mit Zuverſicht. — Vielleicht tret' ich auch als ſolcher auf,— lachte Portheim,— und Sie werden noch mein Schwiegerpapa. Thun Sie nur den Beutel ordent⸗ lich auf. Ha, ha!— Der Bankier lachte über den Einfall ſeines Freundes, der mit lüſternen Kenner⸗Blicken die knospenden Reize des Kindes verfolgte. Der Tanz war zu Ende und Anna eilte mit pochendem Herzen und glühenden Wangen zu der Mutter, welche wieder in dem Salon erſchienen war. Madame Werth ſtreichelte das wilde Mädchen mit mütterlichem Wohlgefallen und ermahnte zu 184 Vorſicht und Mäßigung. Anna ſchmiegte ſich an dieſelbe mit zärtlicher Schmeichelei. — Nur noch den Kotillon, einzige Mama!— bat ſie ſo innig, daß die ſanfte Frau nicht zu widerſtehn vermochte. — Aber haſt du auch einen Tänzer?— — Freilich, und einen ordentlichen. Ich will nicht immer mit den kleinen dummen Jungen tan⸗ zen, darum hab' ich mir Herrn Adolph engagirt.— — Das ſchickt ſich nicht. Du hätteſt warten ſollen, bis er ſelber kommt. Er tanzt vielleicht nicht gern mit einem Kinde, ſo wie du.— — O Mama! Herr Adolph iſt gar nicht ſtolz und ich bin ihm ſo gut, weil er immer freundlich iſt.— Ohne eine Antwort abzuwarten, hüpfte ſie fort und die Mutter konnte ihr nicht zurnen, ſon⸗ dern nur lächeln über die Naivität des reizenden Kindes. Adolph kam ihr ſchon von Weitem ent⸗ gegen und ſeine kleine Freundin war wo möglich an ſeiner Seite noch weit glücklicher, als je zuvor. Sie plauderte und ſcherzte, ſie erzählte ihre Ge⸗ heimniſſe und flüſterte ihm allerlei Bemerkungen in's Ohr, welche von ihrem Witze und von der überraſchenden, geiſtigen Entwickelung zeugten, welche 3 185 in der letzten Zeit mit ihr vorgegangen war. Er hätte wohl eine erwachſene Tänzerin finden können, denn mehr als ein Dame betrachtete mit Wohlge⸗ fallen den ſchönen jungen Mann, der bereits durch Fleiß und Talent ſich zu der Stelle eines Buch⸗ halters auf dem Komptoir des Herrn Werth empor⸗ geſchwungen hatte, aber Adolph Märtens war zu ſchüchtern und unerfahren, um die ausdrucksvollen Blicke zu verſtehn, welche ihn von manchem feuri⸗ gen Augenpaar trafen. Ueberdies hatte er ſeiner kleinen Freundin verſprochen, mit ihr den Kotillon zu tanzen, und als ſolider Kaufmann war ihm ſein Wort heilig. Anna aber vergaß ihm den Vorzug nie, den er ihr, trotzdem ſie noch ein Kind war, vor den großen Damen gegeben. Sie hatte ihn dafür ſo lieb, ſo lieb, daß ſie es keinem Men⸗ ſchen ſagen konnte oder mochte. Nur ein Umſtand trübte ihre ausgelaſſene Heiterkeit, wenn zufällig eine jener Damen in einer Tour den blühenden Jüngling ihr entführte. Sie wußte ſelber nicht warum, aber es gab ihr ſtets einen Stich in das kleine Herz, wenn ſie ihn mit Andern tanzen ſah, und ſie empfand dabei ein unnennbares Leid. Als ſie aber während des Kotillons in der dabei von Herrn Werth veranſtalteten Lotterie ein kleines Notizbüchlein gewann, das ſie aus den Hän⸗ den ihres Tänzers empfing, da kannte ihr Jubel keine Grenzen mehr. Sie lachte und jauchzte, ſie hatte eher keine Ruhe, bis Mama ihren koſtbaren Gewinnſt geſehn. Nach dieſem Tanze begab ſich die Geſellſchaft in den Speiſeſaal, wo ſie ein ausgezeichnetes Souper erwartete. Herr Werth hatte die Ungeſchicklichkeit ſeiner Frau wieder gut gemacht und die Komteſſe zu Tiſch geführt, die ſich nach und nach mit der Geldariſtokratie verſöhnen ließ und die Küche des Bankiers admirable fand. Der Baron ſaß zwiſchen den beiden Schweſtern und erſchöpfte ſich in Auf⸗ merkſamkeiten gegen ſeine Damen. Dabei fand er noch immer hinlänglich Zeit, der gegenüberſitzenden Freifrau einige ſcherzhafte Bemerkungen und Artig⸗ keiten zuzuflüſtern und die Entfernteren dann mit Brodkügelchen zu necken. Zur gelegenen Zeit brachte er auch einen glänzenden Toaſt auf den Wirth aus, der ſeinerſeits die Gäſte wieder leben ließ. Das Souper war ausgezeichnet, der Wein vortrefflich und der ſchäumende Champagner ſteigerte noch die allgemeine Heiterkeit. 187 Alle Welt bewunderte den Geſchmack und den Reichthum des Herrn Werth, der ſich gar zu gern bewundern ließ. Die Frauen aber beneideten die glückliche Gattin, welcher nichts zu wünſchen übrig bleiben konnte. Sie beſaß ja Alles was des Menſchen Herz erfreut; herrliche Möbel, glänzende Kleider, ſtrahlende Juwelen, einen trefflichen Mann und reizende Kinder. Darum begriff keine Einzige die ſanfte Traurigkeit, welche in den Mienen der Wirthin deutlich zu leſen war. Vielleicht dachte ſie in dieſem Augenblick an die kranke Lisbeth oder an die Zukunft, die ihre ahnungsvolle Seele ſtets beſchäftigte. Herr Werth aber war dafür um ſo heiterer, der liebenswürdigſte Wirth, den man ſich denken kann. Die Welt hatte alle ſeine kleinen Schwä⸗ chen und Fehler vergeſſen. Man lobte ſeinen Ge⸗ ſchmack, man pries ſeine Gaſtfreundſchaft, und Jeder verſicherte ihn, ſich nie ſo göttlich amüſirt zu haben, als in ſeinem Hauſe. Wohin er ſchaute, ſah er nur Freunde, wohin er horchte, hörte er nur ſein Lob. Wäre er nicht ſchon hinlänglich ſtolz geweſen, ſo hätte er es heute werden müſſen. Jeder drängte ſich an ihn heran, Bürgerliche und 188 Adlige vereinten ſich, um ihn zu preiſen und um ihm ihre Dienſte anzubieten. Gegen Morgen erſt entfernte ſich die Geſell⸗ ſchaft nach und nach. Das war ein Embraſſtren, Händeſchütteln, Küſſen und Umarmen, welches gar kein Ende nehmen wollte. Halbberauſcht von Wein und Lob legte ſich der Bankier zu Bett. Er träumte von Freunden, Titeln und Orden, auf welche einige einflußreiche Perſonen, welche bei ihm geſpeiſt, bei Tiſch häufig angeſpielt hatten. Auch Madame Werth ſchloß die müden Augen zu. Anna hatte dem Souper nicht mehr beigewohnt, trotz⸗ dem ſchlief auch ſte vor Aufregung nicht ſogleich ein. Ehe ſie aber zu Bett gegangen war, hatte ſie ihr ſchönes Notizbuch ſogleich eingeweiht. Auf das erſte Blatt ſchrieb ſie folgende höchſt wichtige Bemerkung ein: 3 „Heute habe ich mit Herrn Adolph den Kotillon getanzt und mich göttlich amüſirt.“ MI. Mit jenem Zauberfeſte, dem noch viele ähn⸗ liche folgten, war Herr Werth, wenn es deſſen 189 überhaupt bedurft hätte, vollkommen in der öffent⸗ lichen Meinung rehabilitirt. Selbſt als er ſein Verhältniß mit der Spiegelthal, das für kurze Zeit gebrochen[ſchien, wieder angeknüpft hatte, fand Niemand darin einen Grund zum Tadel oder Spott. Er galt nach wie vor für einen vortrefflichen Ehe⸗ mann und ganz ausgezeichneten Wirth. Kein Menſch ſprach ſich mißbilligend über ſein Thun und Treiben aus, und wo er ſich hinwendete, ſah er nur Freunde, die ihm warm die Hand ſchüttel⸗ ten. Natürlich ſtand Baron Portheim ſeinem Herzen noch immer am nächſten, und die von die⸗ ſem im Scherz hingeſtreute Bemerkung wegen Anna, die allmählig zur halben Jungfrau ſich entwickelt hatte, gewann ſogar mit der Zeit eine ernſtere Bedeutung. Der Baron, welcher noch nicht ſein vierzigſtes Jahr überſchritten, war allem Anſchein nach ent⸗ ſchloſſen, dem behaglichen Junggeſellenleben zu ent⸗ ſagen und ein Weib mit ſeiner liebenswürdigen Perſon und ſeinem nicht unanſehnlichen Vermögen zu beglücken. Die unter ſeinen Augen aufblühen⸗ den Reize Anna's hatten ſein Herz gerührt. Als altem Praktikus war ihm die Knospe weit mehr werth, als die bereits aufgeblühten und verblühten Schönheiten, welche er bisher geſehen. Die Kleine hatte allmählig ihr ſiebzehntes Jahr erreicht und galt für eines der ſchönſten und liebenswürdigſten Mädchen der Reſidenz, außerdem war ſte eine ganz ausgezeichnete Partie, da die Tochter des reichen Herrn Werth auf eine anſehnliche Mitgift mit Sicherheit zu rechnen hatte. Außer dieſen und ähnlichen Gründen reizte den Baron noch der Hartnäckige Widerſtand, den er von Seiten Anna’s fand. Er galt und hielt ſich für unwiderſtehlich, nur der kleine Trotzkopf wagte der öffentlichen Meinung Hohn zu ſprechen und Anna vermied den Baron, wo und wie ſie nur immer konnte. Herr Werth hatte ſich bisher begnügt, die Bewerbungen ſeines Freundes um die Hand der holden Tochter zu dulden, ohne ſie auffallend zu begünſtigen. — Anna iſt noch ein Kind,— ſagte er ge⸗ wöhnlich, wenn der Baron bald ernſthaft, bald im Scherz von ſeiner Neigung ſprach. — Das Kind iſt teufelmäßig herangewachſen und an Bewerbern wird es ihr ſchon heut nicht fehlen.—— 191 — Aber ich denke nicht daran, ſie ſo bald zu verheirathen. Kommt Zeit, kommt Rath.— Der Baron ließ ſich keineswegs durch ſolche Antworten abſchrecken, ſondern verfolgte mit der größten Beharrlichkeit ſeinen Herzenswunſch. Er hatte Anna's Tanten zu gewinnen gewußt und be⸗ ſuchte Theodorens Leſeabende, wo er ſicher war, die Holde anzutreffen. Höchſt fatal war ihm bei dieſer Gelegenheit die Anweſenheit des jungen Buch⸗ halters, der ein ſehr ſchönes und ſonores Organ beſaß und deshalb ein für alle Mal für die literariſchen Thee's der Doktorin eingeladen war. Gewöhnlich las Adolph die Liebhaber, während Anna die Rollen der Geliebten übernahm. Beide aber ſprachen ihre Partie mit einem ſolch natür⸗ lichen Feuer, einer ſo wahren Innigkeit, daß der eiferſüͤchtige Portheim ſich eines immer mehr auf⸗ keimenden Verdachtes nicht erwehren konnte. Anna war gegen ihren alten Freund noch immer unverändert geblieben, nur eine ſüͤße Be⸗ fangenheit, eine unausſprechliche Scheu hielt ſie von der früheren Vertraulichkeit zurück. Manchmal nur legte ſie in holder Selbſtvergeſſenheit ihre Hand in die ſeinige, plotzlich aber zuckte ſie zuſammen, er⸗ ee röthete und entzog ihm ſchnell das Unterpfand ihrer kindlichen Neigung. Ueberhaupt war in den letzten Jahren eine mächtige Umwandlung mit der Kleinen vorgegangen. Der ausgelaſſene Muthwille hatte einem ſinnigen Ernſte Platz gemacht. Das funkelnde Auge beſaß zwar noch das frühere ſtrah⸗ lende Feuer, aber die Gluth war gedämpft und gemildert, der Blick tiefer und geheimnißvoller nach Innen gerichtet, das Lächeln des Mundes erſchien weit ſeltener, aber dann um ſo gewinnender. Die ſchlanken Formen hatten an ſüßer Fülle und Run⸗ dung zugenommen. Ihr Gang war beſcheiden, zuͤchtig und zögernd, als fürchteten die ſchwel⸗ lenden Glieder, ſich den Blicken der Menge preis zu geben. Das Kind war zur Jungfrau geworden und die holde Schaam breitete ihren roſigen Schleier um die liebliche Geſtalt. Dieſe plötzliche Entwicklung mußte nothwen⸗ digerweiſe die Scheidewand zwiſchen dem armen Buchhalter und der reichen Erbin anfänglich noch vermehren. Kaum wagte er zu dem ſchönen Mäd⸗ chen emporzuſchauen, das ſo oft als Kind an ſei⸗ nem Arme hüpfte. Auch Anna empfand in ſeiner 193 Nähe eine unerklärliche Unruhe und Verlegenheit, bis ſte allmählig den richtigen Ton für den Freund ihrer Kindheit fand. Ein Mädchen von ſiebzehn Jahren iſt immer noch einem Manne von vier und zwanzig an Takt weit überlegen. Während Adolph in ſeinem Benehmen ſchwankte, hatte Anna eine gewiſſe Sicherheit erlangt, welche auch ihn bald mit Ruhe und Feſtigkeit ihre bezaubernde Gegenwart ertragen ließ. So kam der Winter und mit ihm die Leſe⸗ abende bei Tante Theodore. Die Jugend identifizirt ſich gar zu gern mit den Helden und Heldinnen der Dichter. Was Adolph nie gewagt hätte nur anzudeuten, geſchweige auszuſprechen, was Anna nie geduldet hätte anzuhören, das laſen Beide mit trunkenen Blicken und zitternder Stimme laut vor aller Welt. Zu allen Zeiten waren und ſind die Dichter gefährliche Dolmetſcher unverſtandener Ge⸗ fühle, Verräther der verborgenen Empfindungen, welche in dem unbewachten Herzen der Jugend ſchlummern. Wie die Nachtigallen im Frühling, wecken ſie geheime Luſt und ſüßes Leid. Im In⸗ tereſſe aller reſpectablen Familienväter ſollte man den Poeten und Nachtigallen ein wenig den Hals umdrehn. Ring, Stadtgeſchichten III. 13 194 Das meiſte Unheil richtete aber an dieſen Lehrabenden der göttliche Schiller an; ſeine herr⸗ lichen Jamben eilten wie geflügelte Liebesboten von Ohr zu Ohr und ſchlichen ſich nicht allein bei den Zuhörern, ſondern weit mehr in das Herz der beiden Leſenden ein. Sie war ſeine Thekla und er ihr Mar. Wozu bedurften ſie anderer Worte, als ſie der Dichter ihnen gab, um ſich ihre ewige Liebe zu geſtehn? — Verfluchte Leſeabende, verwünſchter Schil⸗ ler!— brummte der Baron, der allein ſchärfer ſah, als all' die Uebrigen. — Ich hätte Anna nie ſo viel Gefühl zu⸗ getraut,— flüſterte Tante Theodore.— Das Kind entwickelt ſich überraſchend ſchön. Aber Herr Ba⸗ ron, was fehlt Ihnen, Sie ſehen ja ganz verdrieß⸗ lich aus.— Der Angeredete durfte den Grund ſeiner Ver⸗ ſtimmung hier nicht laut werden laſſen. Er nahm ſich aber vor, bei Gelegenheit ſeine Befürchtungen der Freundin mitzutheilen. Jetzt zwang er ſich ſogar zu einem Lächeln und verſicherte, ſich gott⸗ voll amüſirt zu haben. — Das nächſte Mal ſollen Sie auch mehr 195 berückſichtigt werden, lieber Baron,— tröſtete ihn Theodore.— Wir leſen dann den Fauſt und Ihnen iſt die Rolle des Mephiſto zugedacht. Nun, ſind Sie zufrieden?— Der Baron ſchnitt ein Geſicht, welches dem Vater alles Böſen die größte Ehre gemacht hätte, und verneigte ſich. Auf Erſuchen der liebenswürdigen Wirthin hatte der geiſtreiche Feuilletoniſt es übernommen das Götheſche Gedicht für ihre Leſeabende einzu⸗ richten und alle verfänglichen Stellen aus demſelben zu entfernen. In dieſer verbeſſerten Geſtalt ſollte der Fauſt am nächſten Sonnabend zur Aufführung kommen. Eine größere Geſellſchaft als gewöhnlich war zu dieſem klaſſiſchen Genuſſe eingeladen. Selbſt die Gräfin hatte ſich herabgelaſſen zu erſcheinen, da Herr von Göthe doch ein Dichter aus einem ziemlich guten Hauſe war. Die Wachslichter brannten auf den Tiſchen, eine angenehme Wärme ſtrahlte von dem Kamin aus, ein feines Parfüm verbreitete einen ſüßen Duft. Theodore erwartete ihre Gäſte mit der würdevollen Haltung einer Pythia. Sie fühlte in dieſem Augenblick die ganze Wichtigkeit ihrer Stel⸗ 13* lung der Geſellſchaft und ihrer Familie gegenüber. Während ihr Bruder durch ſein Vermögen imponirte, vertrat ſte die Bildung und äſthetiſche Größe des Hauſes Werth und Kompagnie. Ihr berühmter Gatte, der im Hauſe eine ziemlich untergeordnete Rolle ſpielte, beſchäftigte ſich damit, die Partie des Famulus, welche ihm zugetheilt worden war, nochmals zu überleſen, wobei er oft durch allerlei Dienſte und Handleiſtungen geſtört wurde, welche ſeine Gattin von ihm forderte. — Karl willſt du nicht die Stühle rücken? Karl bringe doch das Sammtpolſter aus der andern Stube, Karl es wird Zeit ſein, daß du den Leibrock anziehſt.— Der Gelehrte gehorchte und erſchien zur rechten Zeit wieder, um die allmählig ankommenden Gäſte zu begrüßen. Außer der Gräfin waren noch einige Geheimräthinnen mit ihren erwachſenen Töchtern und Nichten erſchienen, meiſt junge Damen, welche des mütterlichen Schutzes nicht mehr bedurften. Da waren jene früh verwelkten Geſellſchaftsblüthen, die ſich vorzugsweiſe in äſthetiſchen Kreiſen blicken laſſen, feine zierliche Geſtalten, mit blaſſen klugen Geſichtszügen, ſehnſüchtig verſchwommenen Augen, 197 ſpitzen Naſen und noch ſpitzerem Kinn, kluge Mädchen, die Alles wußten, Alles geleſen hatten und doch keinen Mann bekommen konnten. Zwi⸗ ſchen ihnen tauchte hier und da wohl ein jugendlich friſches Geſicht hervor, wie eine wilde Roſe im reifen Korn. Die Kleine dachte weit mehr an den nächſten Ball als an die Verſe des Dichters, bei denen ſie ſich langweilte, trotzdem ſie laut das Gegentheil verſichern mußte. Natürlich fehlte es auch an Herren nicht. Außer dem geiſtreichen Feuilletoniſten gab es da einen bleichen Profeſſor der Aeſthetik, welcher ein Trauerſpiel mit hegelſchen Kategorien geſchrieben hatte, das leider durch ge⸗ fallen war. Nichts deſto weniger galt der Pro⸗ feſſor nach wie vor für ein Orakel in allen lite⸗ rariſchen Angelegenheiten und ſein Urtheil für unfehlbar. Zwiſchen ihm und dem Feuilletoniſten fand ſtets eine kleine Reibung ſtatt; der Gelehrte hielt den Journaliſten für ein Charlatan und dieſer den Profeſſor für einen Pedanten. Vielleicht hatten beide Recht. Eben ſo wenig fehlte es im litera⸗ riſchen Salon Theodorens an jungen Aſſeſſoren und Doktoren, welche in ihren Mußeſtunden aller⸗ liebſte Gedichte machten und von ihren Verwandten und Freunden als vielverſprechende Talente be⸗ wundert und geprieſen wurden. Auch einige Of⸗ fiziere hatte die intereſſante Frau hervorzulocken gewußt, welche die Einförmigkeit des Dienſtes durch literariſche Genüſſe zu unterbrechen ſuchten. Außer dieſen Gäſten war noch Fanny und ihr Gatte, Madam Werth und Anna, welche das Gretchen leſen ſollte, eingetroffen. Herr Werth hatte das Verſprechen gegeben, ſpäter, ſobald es ſeine Geſchäfte ihm erlaubten, der Vorleſung bei⸗ zuwohnen. Adolph durfte natürlich nicht fehlen, da er die Rolle des Fauſt übernommen hatte. Nachdem die Begrüßungen gewechſelt und die Plätze eingenommen waren, gab die Wirthin das Zeichen mit der ſilbernen Glocke, welche vor ihr auf dem Tiſche lag. Es trat eine feierliche Stille ein. Der geiſtreiche Journaliſt ſprach einige einleitende Worte über die Idee der Dichtung. Seine Anſichten wurden von dem äſthetiſchen Profeſſor durchaus nicht gebilligt, denn dieſer ſchüttelte häufig das zierliche Köpfchen und zupfte vor Ungeduld an den übergelegten Halskragen. — Fauſt iſt die Menſchheit ſelbſt!— ſchloß der Journaliſt ſeine geiſtreiche Abhandlung. 199 — Im Gegentheil, Fauſt iſt der Dichter in eigener Perſon!— rief jetzt der Aeſthetiker, der den Schluß des Vortrags kaum erwarten konnte, um ſeinem Gegner eine empfindliche Wunde bei⸗ zubringen. Die Anſichten waren getheilt. Theodore ſtimmte dem Profeſſor bei, wogegen Fanny natürlich auf Seiten des Journaliſten ſtand. Die Schweſtern waren ſtets entgegengeſetzter Meinung. Die in⸗ tereſſante Debatte, welche ſich jetzt erhob, drohte ganz und gar in einen heftigen perſönlichen Streit zwi⸗ ſchen den Betheiligten auszuarten. Zum Glück erſchien in dieſem Augenblick der Thee, welcher eine wohlthätige und verſöhnliche Wirkung ausübte. Der Profeſſor räumte dem Journaliſten ein, daß Göthe ein Menſch geweſen ſei, wogegen dieſer nicht leugnete, daß der Dichter die Menſchheit bedeute. Mit den Taſſen in der Hand, ſchloſſen ſie einen ewigen Frieden, der ſo lange dauerte wie ein Traktat zwiſchen zwei feindlichen Mächten. Alle Welt war beruhigt, nur die Gräfin konnte nicht begreifen, wie Herr von Göthe, der doch Weimar⸗ ſcher Miniſter geweſen war, zugleich der Fauſt und gar der Teufel in eigener Perſon ſein ſollte. 200 Fanny’s Gaitedhe Fabrikant, hatte ſich gleich beim Beginn des Vortrags in eine Fenſterniſche zurückgezogen und war ſeelig eingeſchlafen, ſelbſt der Tumult des Streites hatte ihn nicht wecken können. Erſt der Bediente mit dem Thee ſtörte ihn, indem er ihn leiſe anſtieß. Er fuhr aus ſeinem glücklichen Schlummer auf. — Gott ſei Lob!— rief er laut. Er war der Meinung, daß die Vorleſung bereits zu Ende ſei. Enttäuſcht ſank er auf ſeinen verborgenen Platz zurück. Die ſilberne Glocke gab von Neuem das Zeichen. Adolph las mit wohllautender Stimme den Monolog Fauſt's und erndtete vielen Beifall ein, doch ſein Triumph dauerte nur kurze Zeit. Portheim— Mephiſto— kam, ſah und ſiegte. Der Baron ahmte mit großer Virtuoſität einen berühm⸗ ten Künſtler nach, der zu ſeiner Zeit in dieſer Rolle Furore gemacht hatte. — Seydelmann, wie er leibt und lebt,— flüſterte Theodore. Die Gräfin nickte mit dem Kopfe und erin⸗ nerte ſich bei dieſer Gelegenheit eines geiſtreichen 201 Prinzen, der in der Rolle des Mephiſto bei Hofe einſt erzellirte. Im dritten Akte erregte das holde Gretchen Senſation. Anna war für dieſe Partie wie ge⸗ ſchaffen, einfach, naiv und wahr. Beſonders drückte ſte ihren Abſcheu vor dem böſen Geiſt ſo natürlich aus, daß dieſer ſich mehrfach auf die Lippen biß. Die innige Hingebung an den Geliebten, hätte eine vollendete Künſtlerin nicht zarter und glühender wiedergeben können. Auch Fauſt übertraf ſich in der Gartenſcene ſelbſt, und die Zuhörer lauſchten mit Entzücken auf die herrliche Dichtung. Die Bewunderung war auf das Höchſte geſtiegen, als ſich aus der Ecke, wo der Gatte Fanny's ſchlief, ein ominöſer Ton hören ließ. Anfangs leiſe, be⸗ gleitete ſein Schnarchen immer lauter jeden Vers. Die Zuhörer ſahen ſich mit bedeutſamen Blicken an, dann ſchwebte ein Lächeln auf einem Lippen⸗ paar, bald auf einem Zweiten, bis ein allgemeines ſchallendes Gelächter die Vorleſung für einige Augen⸗ blicke unterbrach. Fanny eilte, von einer Ahnung ergriffen, nach der unglücklichen Fenſterniſche, wo ſie ihren unäſthetiſchen Gatten in tiefem Schlum⸗ mer fand. 202² — Was giebt es, liebes Kind?— fragte er ſchlaftrunken, da er ſich ſo unſanft geweckt ſah. Ein vernichtender Blick belehrte ihn über die Größe des Verbrechens, welches er begangen hatte. Zum drittenmal tönte die Glocke, doch diesmal nicht das ſilberne Glöckchen auf dem Tiſch, ſondern die Hausklingel, welche von ungeſtümer Hand gezogen wurde. Wer konnte noch ſo ſpät kommen? Vielleicht Herr Werth, auf deſſen An⸗ weſenheit bereits verzichtet wurde.— Er war es in der That. Theodore hüpfte dem geliebten Bruder entgegen, um ihn wegen ſeines ſpäten Kommens auszuſchelten. Doch ein Blick auf ſeine veränderten Züge und das ſcher⸗ zende Wort erſtarb auf ihren Lippen. Sein Ge⸗ ſicht war bleich und verſtört. Nur mühſam ſtot⸗ terte er eine Begrüßung und Entſchuldigung ge⸗ gen die Geſellſchaft hervor. — Um Gottes Willen, was giebts?— rief jetzt Madame Werth, welche ihrem Gatten näher getreten war. — Ich bin beſtohlen!— keuchte der Bankier. — Schuhmann hat ſich mit einer baaren Summe und mit Wechſeln heimlich entfernt. Herr Mär⸗ 203 tens muß ſogleich nach Hamburg, um die Aus⸗ zahlung zu verhindern und die Spuren des Schurken zu verfolgen.. Die Vorleſung des Fauſt's wurde nicht mehr beendet und Adolph ſaß bereits nach einer halben Stunde auf der Eiſenbahn, um den Flüchtigen zu verfolgen. XV. Einige Wochen waren ſeit jenem Ereigniſſe verſtrichen. Adolph hatte den langen Volontair und ſeine Genoſſen nicht entdecken können, jedoch erwies ſich bei näherer Nachforſchung der Verluſt keineswegs ſo bedeutend, als Herr Werth im Anfange geglaubt hatte. Er ſelbſt gab zu ver⸗ ſtehn, daß er die Summe längſt verſchmerzt und erſchien an der Börſe wie in der Geſellſchaft mit gewohnter Ruhe und Zuverſicht. In der letzten Zeit waren ſogar ſeine Spekulationen noch kühner und bedeutender geworden, er hatte große Ankäufe in Aktien gemacht, auf deren Steigen er mit Sicherheit rechnen durfte. Wieder fuhr er zur 204 Börſe mit dem früheren Vertrauen auf ſich und ſein bekanntes Glück. Noch immer traf er die alten Freunde, welche ihm die Hände entgegen⸗ ſtreckten. An der Börſe herrſchte die gewohnte Regſam⸗ keit; ein Drängen und Treiben, ein Summen und Flüſtern, ein Kommen und Gehen wie zu jeder Zeit. Nur die feinſten Beobachter glaubten heute eine Veränderung wahr zu nehmen. Es lag ein unbedeutendes Etwas in der Luft, eine unerklärliche Schwüle, welche ſie das ausbrechende Gewitter ahnen ließ. Doch ſie konnten ſich auch irren, der politiſche Himmel war bisher ganz rein geweſen, höchſtens daß ſich in der weiteſten Ferne ein kleines, graues Wölkchen ſehen ließ. Aber das Wölkchen begann ſich zu dehnen, begann zu wachſen, dunkel und dunkler zu werden, bis die feurigen Blitze nieder zuckten, der Donner rollte und der Sturm die empörten Wellen peitſchte. Schon ſeit länger Zeit ſchwebten diplomatiſche Verhandlungen zwiſchen Oeſtreich und Preußen. Es handelte ſich um wichtige Punkte, um die Stellung beider Staaten zu einander und zu dem übrigen Deutſchland. Das dieſſeitige Kabinet war 20⁵ an den äußerſten Gränzen der Nachgiebigſeit ange⸗ langt. Bisher hatte die Börſe ſich von dieſen Ereigniſſen wenig oder gar nicht beirren laſſen, ſte glaubte nicht an Krieg. Aber mit jedem Tage trübten ſich die Ausſichten auf Erhaltung des Friedens. Gutunterichtete behaupteten, daß die Armee mobil gemacht werden dürfte. Dieſe Nach⸗ richt zirkulirte ſeit dem frühen Morgen in der Stadt und an der Börſe. Noch zweifelte die Mehrzahl an der Ausfüh⸗ rung dieſer Maßregel, ahber das bloße Gerücht ge⸗ wann von Stunde zu Stunde an Sicherheit. Die Kourſe begannen zu ſchwanken, die Furchtſamen drängten ſich mit ihren Effekten zu Verkauf. Die ſchwüle Windſtille, welche bisher an der Börſe ge⸗ herrſcht hatte, machte einer ſich ſteigernden Bewe⸗ gung Platz. Herr Werth hatte ſeinen gewohnten Platz ein⸗ genommen und ſah anſcheinend ruhig auf das Ge⸗ tümmel, welches um ihn herrſchte. Er glaubte nicht an das Gerücht, hatte ihm doch der Baron die feſte Verſicherung gegeben, daß Preußen alles Mögliche aufbieten würde, um den Frieden zu er⸗ halten. Herr Samuel Roſenberg ſchien dagegen weit beſſer unterrichtet zu ſein. Er hatte direkt aus dem Kabinet eine Abſchrift der Ordre wegen Mo⸗ biliſirung der Armee erhalten. Seine Verbindung reichte, wie geſagt, ſo weit, daß es für ihn kein Geheimniß gab. Die Abſchrift hielt er in der Seitentaſche aus Vorſicht verborgen, um zur rech⸗ ten Zeit davon Gebrauch zu machen. Einige ſei⸗ ner Freunde mochten ſie wohl geſehen haben, denn die Fixer, welche à la baisse ſpekulirten, zeigten fröhliche Geſichter und lächelten. Noch gingen die Geſchäfte ihren Gang, ein⸗ zelne kühne Wagehälſe kauften, von dem niedrigeren Kours verführt, ſo daß ein plötzliches Sinken kaum zu befürchten ſtand. Herr Werth hatte den größten Theil ſeines Vermögens in Papieren an⸗ gelegt, welche vorzugsweiſe zu fallen anfingen. Dennoch verlor er ſeine frühere Ruhe nicht und verrieth durch keine Miene die innere Bewegung, welche ſich ſeiner bereits bemächtigt hatte. Immer mehr Effekten wurden angeboten und zurückgewieſen. Die Mäkler riefen mit lauter Stimme die ihnen aufgetragenen Papiere aus, doch fanden ſie keine Abnehmer. Die frühere Bewegung hatte jetzt einem paniſchen Schrecken Platz gemacht, 207 die Geſichter wurden länger und länger, die Her⸗ zen pochten lauter und lauter. Die Börſe hatte ein hippokratiſches Anſehn gewonnen. Die Vorſichtigen zogen ſich jetzt gänzlich zu⸗ rück, die Verzweifelten ſuchten durch allerlei Ma⸗ növer die Kourſe, welche mit reißender Geſchwin⸗ digkeit ſanken, noch zu halten. Alle ihre An⸗ ſtrengungen waren aber vergeblich. Das verlorene Vertrauen kehrte nicht wieder, und das Verderben nahm jetzt ungehindert ſeinen Lauf. Herr Samuel Roſenberg lächelte wie ge⸗ wöhnlich. — Heut regnet es Ohrfeigen,— ſagte er zu dem alten Lazarus, indem er ſich vergnügt die Hände rieb. Das Haus Werth bekommt auch etwas ab.— — Die können es noch aushalten,— erwie⸗ derte der Makler, welcher trotz ſeiner perſönlichen Abneigung gegen Herrn Werth die frühere Anhäng⸗ lichkeit an die ehrenwerthe Firma bewahrt hatte. — Meinen Sie?— rief der Wucherer mit einem Blick, der dem alten Lazarus das Blut in den Adern gerinnen ließ.— Nun das iſt mir lieb. Wir haben auch ein kleines Geſchäftchen —— ———ʒʒʒ 208 mit einander zu ordnen, eine Lumperei von hun⸗ derttauſend Thaler Aktien, die er Ende dieſer Woche abzunehmen hat.— — Das iſt allerdings unangenehm.— — Angenehm, angenehm! alter Freund,— erwiederte Samuel mit ſeinem plumpen Lachen,— gewinnen iſt immer angenehm.— — Für Sie, aber nicht für die andre Partei.— — Das kümmert mich nicht. Jeder hat mit ſich ſelber vollauf zu thun. Nun ich hoffe, daß Herr Werth die Differenzen zahlen wird, ein ſo⸗ lider Mann, he, he, ein guter Mann. Wenn er die Spiegelthal laufen läßt, iſt der ganze Schaden in einem Jahr erſetzt.— Von Neuem lachte der alte Wucherer, und zwar ſo laut und heftig, daß er zu erſticken drohte. Dieſe unnatürliche Heiterkeit mitten in der allgemeinen Be⸗ ſtürzung hatte etwas Widerliches und Unheimliches⸗ Herr Werth, welcher der Gegenſtand dieſer rohen Luſtigkeit war, zuckte bei dem Lachen des Wucherers ein wenig zuſammen, aber nur ganz unmerklich. Immer flauer kamen die Kourſe, immer nie⸗ driger die Gebote, wenn ſolche überhaupt noch ge⸗ 209 macht wurden. Die kleineren Spekulanten, welche um jeden Preis losſchlagen mußten, wehrten ſich ſo gut es ging und kämpften einen verzweifelten Todeskampf. Die Börſe glich in dieſem Augenblick einem Leichenfeld. Zwar ſah man weder Blut noch Wunden, auch hörte man kein Todesröcheln, keinen letzten Seufzer, mit dem das Leben flieht, aber den⸗ noch gab es der Sterbenden hier genug, gebrochene Herzen, erlöſchende Augen, unterdrücktes Stöhnen und heimlich gerungene Hände im Ueberfluß. Manche Exiſtenz war in einem Augenblick vernichtet, man⸗ ches glänzende Haus für immer ruinirt. Auf den unſichtbaren Trümmern aber ſtand Samuel Roſenberg und lächelte. Auch Herr Werth fühlte eine tiefe Wunde, aber der Stolz ließ nicht zu, dieſelbe zu beachten. Das warme Herzblut rieſelte daraus, das Leben drohte zu entfliehen, doch auch er ſtand aufrecht und lächelte— im Todesſchmerz. Sein kaltes Geſicht verrieth durch keine Miene den Verluſt, den er ſo eben erlitten, er verblutete mit dem Anſtand des ſterbenden Gladiators, der im Tode noch mit einem Lächeln die Zuſchauer begrüßt. Ring, Stadtgeſchichten. III. 14 210 Der Kampf war bald zu Ende. Die Beſieg⸗ ten ergaben ſich in ihr Geſchick und flehten nicht die Gnade des Siegers an. Das Schlachtfeld wurde geräumt, die Verwundeten und Sterbenden ſchwankten fort, wandelnde Leichen, welche den Tod im Herzen trugen. Nicht Alle beſaßen den Stolz und die Stärke des Bankiers. Man konnte viele bleiche Geſichter, eingeſunkene Augen und zitternde Glieder ſehen. Nur zwei Männer ſtanden noch immer auf⸗ recht und— lächelten. Endlich gingen auch ſie, beim Scheiden muß⸗ ten ſie ſich begegnen. — Herr Roſenberg,— ſagte der Bankier mit dem Aufgebote ſeiner ganzen Kraft,— wir wollen noch im Laufe dieſer Woche unſere Berechnung ordnen.— — Gott! was Sie eilen,— entgegnete der Wucherer,— es hat ja bis zum Freitag Zeit, heute haben wir erſt Mittwoch.— — SIch glaube nicht, daß die Kourſe ſich nach dieſem Schlag ſogleich erholen werden.— — Zwei Tage ſind eine Ewigkeit. Wer weiß, 211 was noch geſchieht. Es kann noch kommen, daß ich an Sie zahlen muß.— 4 Und der Wucherer lachte wieder ſo laut, daß er purpurroth im Geſicht wurde. Herr Werth zuckte bei dieſem Lachen zuſam⸗ men, doch er faßte ſich und grüßte höflich aber kalt ſeinen Gläubiger. Dann beſtieg er ſeinen Wagen und rollte davon. Wer ihn ſah, zog noch immer wie früher vor ihm den Hut. Samuel Roſenberg aber ging zu Fuß in das düſtere Stübchen, kein Menſch grüßte ihn, doch war er ſeelenvergnügt und rieb ſich immer wie⸗ der vor Wonne die ſchwieligen Hände. — Nun Samuel?— fragte Bernhard, indem er den Bruder forſchend anblickte. — Jammerſchade,— erwiederte dieſer,— daß du nicht dabei geweſen biſt. Gott! die Geſichter hätteſt Du ſehn müſſen!— — Und Werth?!— — Stolz wie immer, aber das Meſſer ſttzt ihm an der Kehle. Noch ein ſolcher Tag und er iſt— — Unſer!— krächzte Bernhard und ein un⸗ heimliches Feuer leuchtete aus den verfallenen Augen. 14* 212 Indeſſen überlegte der Bankier ſeine Lage und berechnete den heutigen Verluſt. Er konnte ſich nicht verſchweigen, daß derſelbe bedeutend war, größer als ihn die Welt wohl ſchätzen mochte, die ſonſt bei ähnlichen Gelegenheiten eher zu viel als zu wenig anzunehmen pflegt. Die Differenzen, welche er an Gebrüder Roſenberg zu zahlen hatte, waren nicht die einzigen, noch andere und ſogar höhere Summen gingen verloren, von denen Niemand eine Ahnung haben konnte. Herr Werth war ſeit Jah⸗ ren ein Anderer geworden, nicht mehr der ſolide Kaufmann, nicht einmal der kühne Spekulant, ſon⸗ dern der verwegene Spieler, welcher ſein Vermögen, ſeine Ehre und das Glück ſeiner Familie auf eine Karte ſetzt. Es lag für ihn ein geheimnißvoller Reiz in dieſem Wagen und Hoffen, in dieſem Zit⸗ tern und Zweifeln. Die damit verbundene Auf⸗ regung war ihm zum Bedurfniß geworden, wie dem Trinker das Gift, welches ſeinen Körper zer⸗ rüttet. Das Glück hatte bisher ihn weder ausſchließ⸗ lich begünſtigt, noch gänzlich verlaſſen. Er hätte ſogar mit dem Gewinn ſein Haus auf einem an⸗ ſtändigen Fuße ſtets erhalten können, aber ſeine 213 koſtſpieligen Leidenſchaften, der Hang zum Luxus und die wachſende Verſchwendung mußten ſelbſt ein noch weit größeres Vermögen, als das ſeinige war, mit der Zeit verzehren. Je zerrütteter ſeine Verhältniſſe wurden, deſto kühner trat er an der Börſe auf, theils um auf dieſe Weiſe ſeinen ſchwin⸗ denden Reichthum zu erſetzen, theils um den Ruf ſeiner Firma zu behaupten. Die Grundpfeiler ſei⸗ nes Hauſes waren morſch und wankten, aber er ſuchte den Ruin deſſelben vor den Augen Aller zu verbergen und hinzuhalten. Seit Jahren ſtrengte er ſeinen ganzen Scharfſinn an, um dieſen Schein zu behaupten, und kein Mittel ließ er unverſucht, um die Welt zu täuſchen. Hätte er nur halb ſo viel gethan, um ſeine Verhältniſſe durch weiſe Er⸗ ſparniſſe und Einſchränkungen zu ordnen, durch ſolide Geſchäftsverbindungen einen kleinen aber ſichern Gewinn zu erlangen, ſo wäre ihm noch möglich geweſen, Alles zu retten. Selbſt ſeine Feinde mußten zugeſtehen, daß er ein tüchtiger und gewandter Kaufmann ſei. Doch ſein Stolz ertrug nicht den Gedanken an irgend eine Einſchränkung, ſeine verderblichen Neigungen drängten ihn immer weiter und dem Abgrund näher. Dazu kam noch 214 die dämoniſche Leidenſchaft für das bloße Börſen⸗ ſpiel, für dies Schwanken, Neigen, Steigen und Fallen, das einen unwiderſtehlichen Zauber auf den ſonſt ſo nüchternen und kalten Mann ausübte. Blind und mit geſchloſſenen Augen eilte er dem Verderben entgegen und verſchwieg ſich ſelbſt den Umfang ſeines Ruins, ſo wie er denſelben mit der höchſten Anſtrengung den Augen der Welt zu verbergen ſuchte. Auch der heutige Verluſt, wel⸗ cher der bedeutendſte war, den er bisher erlitten, vermochte ihn nur auf kurze Zeit tiefer zu erſchüt⸗ tern. Allerdings hatte er an der Börſe die ganze Stufenleiter, von der ſchwankenden Sproſſe der Hoffnung bis zur ehernen Staffel der Verzweiflung, erklommen, und ſchaute einen Augenblick in den gähnenden Abgrund nieder, der ihn zu verſchlingen drohte. Er hatte all diefe Gefühle in jenen ſchreck⸗ lichen Momenten durchlebt und mit einer Kraft, welche einer beſſern Sache würdig war, muthig vor der Welt ertragen. Aber vor ſich ſelber durfte er wenigſtens offen ſeinen Verluſt eingeſtehn, doch er that es nicht. Er rechnete auf die Hülfsmittel, welche ihm noch immer zu Gebote ſtanden. Lebte nicht der Oheim, deſſen bedeutendes Vermögen er 215 einſt ererben ſollte, beſaß er nicht Schweſtern, An⸗ verwandte, auf deren Hülfe und Unterſtützung er ſicher rechnen durfte, hatte er nicht viele Freunde, welche ihm noch immer warm die Hände drückten, und vor Allen einen Freund, den Baron Port⸗ heim, deſſen Vermögen er verwaltete, der ihm hun⸗ dertmalmal wiederholt daſſelbe zur freieſten Ver⸗ fügung angeboten hatte? Die finſteren Wolken, welche auf der Stirn des Bankiers lagerten, mußten vor dieſen Gedan⸗ ken ſchwinden. Sein alter Muth kehrte wieder, bald hatte er den heutigen Verluſt vergeſſen und die frühere Zuverſicht ſtrahlte aus den Augen des Herrn Werth. XII. In dieſer Stimmung traf ihn Portheim, der bewährte Freund, welcher bereits zweimal in der Wohnung des Bankiers geweſen war, um mit ihm über eine höchſt wichtige Angelegenheit zu ſprechen. Die ganze Haltung des Barons verrieth einen Mann, der einen großen Entſchluß gefaßt hat und denſel⸗ ben ſogleich auszuführen gedenkt. Er hatte mit ſeiner Freundin Theodore wegen Anna Rückſprache genommen und ſeine Befürchtungen in Bezug auf die keimende Neigung der Tochter zu dem Buch⸗ halter des Vaters nicht verſchwiegen. Die geiſt⸗ reiche Frau, welche in Romanen und Schauſpielen für eine derartige Liebe gewiß mit dem größten Entzücken geſchwärmt hätte, war ſehr entrüſtet und fand dies Verhältniß in der Wirklichkeit eben ſo unſtatthaft als gefährlich. Sie rieth dem Baron, keinen Augenblick zu verlieren und mit einem förmlichen Antrage ohne Verzug vor Herrn Werth hinzutreten. Aus dieſem Grunde hatte Portheim ſeinen Freund bereits zweimal aufgeſucht. Dieſer, der keine Ahnung von den Abſichten des Barons haben konnte, fürchtete ganz andere Urſachen ſeines Kom⸗ mens. Er glaubte, daß ſein Verluſt an der Börſe die Veranlaſſung des Beſuches ſei und daß Port⸗ heim erſchienen wäre, um die ihm anvertraute Summe zurückzufordern. Ein derartiges Ereigniß hätte aber dem Bankier in dieſem Augenblicke un⸗ angenehme Verlegenheiten bereitet. Mit einer gewiſſen Bangigkeit erwartete er „ 217 daher die Anrede des Barons, der ſeinerſeits ebenfalls nicht mit der gewohnten Sicherheit das rechte Wort zu finden vermochte. Nach einigen allgemeinen und nichtsſagenden Redensarten trat der Freund mit ſeinem Antrage umumwunden her⸗ vor. Der Bankier ſchien im höchſten Grade über⸗ raſcht. Einige Momente überlegte er und zögerte mit ſeiner Antwort. Ein abſchlägiger Beſcheid hätte den Baron zu ſeinem Feinde gemacht und den gefürchteten Sturz nur beſchleunigt. Er war außer Stande, die ihm anvertraute Summe ſogleich auszuzahlen, ohne ſich der letzten Hülfsquellen zu berauben, von denen er noch Rettung hoffte. Es galt die eigene Eriſtenz, die Selbſterhaltung, deren Trieb ſich in ihm ſo mächtig regte. Dennoch ſchwankte er, denn er liebte ſein Kind, ſo weit ſein kaltes Herz überhaupt der Liebe fähig war, er kannte die Abneigung Anna's gegen den Baron, die ihm nicht ganz ungerechtfertigt ſchien. Trotzdem, oder vielleicht nur deshalb, weil Portheim ſein Freund, der Theilnehmer ſeiner geheimen Or⸗ gien ſtets geweſen war, zitterte er vor dem Ge⸗ danken, die reine ſchuldloſe Jungfrau den Armen des Wüſtlings zu überliefern. Das Gefühl des 218 Vaters kämpfte mit den Berechnungen des ruinir⸗ ten Geſchäftsmannes einen ſchweren Kampf. Er ſtammelte einige unzuſammenhängende Worte, weil er keiner entſchiedenen Sprache fähig war. — Zum Teufel, Werth!— rief jetzt unge⸗ duldig der Baron,— Sie ſtehn ſchon eine Vier⸗ telſtunde da und ſchwatzen ganz konfuſes Zeug. Geben Sie mir eine ordentliche Antwort, Ja oder Nein. Ich denke, daß Sie gegen meine Perſon und mein Vermögen nichts einzuwenden haben.— .— Aber die Ungleichheit des Alters?— be⸗ merkte der Bankier, dem jede Ausflucht willkom⸗ men war. — Pah! Ich habe mich vortrefflich konſer⸗ virt, das müſſen Sie doch ſelber eingeſtehn, und dann iſt es Zeit, daß die Kleine aus Ihrem Hauſe kommt, ehe ſie dumme Streiche macht.— — Portheim! Sie ſprechen mit dem Vater! — fuhr Herr Werth empor. — Eben darum. Haben Sie nie daran ge⸗ dacht, daß Sie einen jungen Buchhalter in Ihrer Nähe haben, und daß man die brennende Lunte nicht neben das Pulver legen darf? Die Kleine 219 hat ſo was man romantiſche Ideen nennt, gegen welche die Ehe das beſte Gegenmittel iſt.— Der Bankier war von dieſer Nachricht augen⸗ ſcheinlich überraſcht. Er hatte nie daran gedacht, daß der arme Adolph die Augen zu der Tochter ſeines Prinzipals erheben könnte. Die Glorie, welche die reine Stirn ſeines Kindes bisher umgab, begann in ſeiner Seele zu verblaſſen. Er ſchau⸗ derte nicht mehr vor dem Gedanken, die unſchulds⸗ volle Anna an der Seite des laſterhaften Barons zu ſehn. Jetzt war es ſogar ſeine Pflicht, das Mädchen, welches hinter ſeinem Rücken einen Lie⸗ beshandel angeknüpft, vor jeder ferneren Thorheit zu bewahren. Er hatte nach einem Vorwand ge⸗ ſucht, um ſeinen nackten Egoismus vor ſich ſelber zu verhüllen, der war nun gefunden. Der Vater und Geſchäftsmann hatten einen Einigungspunkt getroffen, und beide verbanden ſich gemeinſchaft⸗ lich, um die Tochter aufzuopfern. Herr Werth verſprach mit Anna und ſeiner Frau Rückſprache zu nehmen, nachdem er den Ba⸗ ron als Schwiegerſohn in spe nochmals umarmt hatte. Welche Mittel er angewendet hatte, um die —y 220 Widerſtrebenden zu zwingen, wiſſen wir nicht an⸗ zugeben. Sie mußten aber ſehr wirkſam ſein. Nach einem langen Geſpräche mit dem Vater, er⸗ klärte ſich Anna bereit, ihre Hand dem Baron zu reichen. Sie war eine ſtille, ernſte Braut, faſt ſo, bleich wie ihre trauernde Mutter. Adolphs Schmerz kann nur der ermeſſen, der die Verzweiflung und die Qualen um eine ver⸗ rathene Liebe in ſeiner eigenen Jugend durchgelebt und durchgelitten. Er hatte nie gewagt, Anna gegenüber ſeine Gefühle auszuſprechen, nie ein Ge⸗ ſtändniß von ihren bebenden Lippen empfangen, und dennoch war es ihm, als hätte ſie tauſend Eide gebrochen und ſein Herz in frevelhaftem Spiel zerriſſen. Dieſes Gefühl hielt ihn aufrecht, ſonſt wäre er dem ungeheuren Schmerze unterlegen. Sein ganzer Stolz war erwacht und er hatte den Muth, mit dem übrigen Perſonale ſeine feierliche Gratulation ihr abzuſtatten. Ihr Auge begegnete dem ſeinigen bittend, fle⸗ hend, doch er wandte ſich ab, denn er ahnete nicht, daß eine Tochter ihre Liebe einem Vater opfern kann. Der Baron ſtand an ihrer Seite und über 221 ſeine Lippen flog ein Lächeln des Spottes und Triumphs. Noch eine zweite Verlobung hatte in dem Hauſe unvermuthet ſtattgefunden, die Herrn Werth neue Verlegenheiten zu bereiten drohte. Die ma⸗ gere Gouvernante hatte durch ihre vorſorgliche Güte das Herz des alten Onkels, welchen der Bankier einſt zu beerben gedachte, endlich gewonnen. — Heirathen ſtecken an,— ſagte der alte Junggeſelle, indem er Herrn Werth eines Tages ſeinen Willen kund that.— Ich habe daran ge⸗ dacht, für meine ſpätern Tage mir eine Pflegerin zu geben. Thereſe iſt ein ganz vortreffliches Ge⸗ ſchöpf und ſorgt für meine Geſundheit mit einer zarten Aufmerkſamkeit, die ich belohnen will.— — Aber lieber Onkel!— ſtammelte der Ban⸗ kier verwirrt. — Ich hoffe, daß du nichts dagegen einzu⸗ wenden haſt,— bemerkte der Alte mit einem lau⸗ ernden Seitenblick.— Natürlich muß ich Dich bitten, mir über die Summen Rechnung abzulegen, die ſich in Deiner Verwahrung noch befinden. Es geſchieht nicht aus Mißtrauen wie Du weißt, ſon⸗ 222 dern nur aus Vorſicht. Man muß an Alles den⸗ ken, und wenn ich noch Kinder bekommen ſollte— Der alte Junggeſelle hielt verſchämt inne und überließ es ſeinem Neffen, den angefangenen Satz⸗ zu beenden. Auf dieſe Nachricht war Herr Werth nicht gefaßt geweſen, und er bedurfte einer geraumen Zeit, um ſeinen Glückwunſch abzuſtatten. Der Onkel ging mit einem vergnügten Lächeln und träumte von einer blühenden Nachkommenſchaft, welche ihn von dieſem lachenden Erben befreien ſollte. Herr Werth blieb allein zurück. Dieſer un⸗ vermuthete Schlag hatte ſeine ganze Energie ge⸗ lähmt, auch dieſe Quelle war verſtegt. Von allen Seiten drang das Verderben auf ihn ein und er hatte keine Kraft mehr, demſelben Widerſtand zu leiſten. Der geringſte Zufall mußte den Ruin auf⸗ decken, den er bisher künſtlich zu verbergen wußte. Eine Anzahl von Wechſeln waren der Verfallzeit nahe, von ſeinen Gläubigern hatte er keine Scho⸗ nung zu erwarten, am wenigſten von Gebrüder Roſenberg, in deren Schuldbuch er mit einer be⸗ deutenden Summe angeſchrieben ſtand. Wohin er blickte, ſtarrte ihm das Geſpenſt 223 entgegen, das ſeit Jahren nicht von ſeiner Seite wich, das ihn auf dem ſtillen Komptoir bei ſeinen Rechnungen, in dem glänzenden Boudoir der Spie⸗ gelthal, in dem trauten Kreiſe der Seinigen nicht verließ. Bankerott, bankerott an Vermögen, an Ehre und an Leib! Seine Geſundheit hatte in der letzten Zeit be⸗ deutend gelitten, die ſtolze Geſtalt war gebeugt, die glatte Stirn tief gefurcht und in dem dunkeln Haar ſchimmerte die graue Saat des Kummers. Er hatte gekämpft und gerungen und doch war Alles, Alles umſonſt! Seine geiſtigen Fähigkeiten hatten ebenfalls abgenommen. Der ſichere Blick des Geſchäftsman⸗ nes war getrübt. Er beſaß nicht mehr jene ſtolze Zuverſicht zu ſeinem Glück. Seine Spekulationen glichen mehr den krampfhaften Zuckungen und phan⸗ taſtiſchen Träumen eines Wahnſinnigen als den Unternehmungen und Plänen des geſunden Geiſtes. Er ſtand an jener furchtbaren Gränze, wo die wachſende Leidenſchaft den Verſtand in Feſſeln ſchlägt und der toll gewordene Diener ſeinen Herrn und Meiſter niederwirft. Sein Gehirn war zer⸗ 224 rüttet, ſein Kopf brannte und das Fieber der Auf⸗ regung zerrte an den feinen Faſern des Gedankens. Eine innere Unruhe und Haſt hatte ſich ſeiner be⸗ mächtigt und trieb ihn von Ort zu Ort wie von Furien gepeitſcht. Der Gedanke an Flucht drängte ſich immer von Neuem ſeiner Seele auf. Und der keimende Entſchluß reifte in dieſem Augenblick zur That. Noch heute Nacht wollte er ſeinen Plan ausführen und allen Bedrängniſſen entgehn. Schon ſeit längerer Zeit trug er einen Reiſepaß bei ſich. Jetzt begab er ſich, ganz voll von. dieſem Gedanken, auf das Komptoir. Er ſteckte dort eine vorräthige Summe, die nicht allzu⸗ bedeutend war, heimlich ein, denn er mußte doch für alle Fälle geſichert ſein. Als er aber einen Blick auf die gewohnte Stätte warf, da ſchwankte er von Neuem. Dort ſtand der Schreibtiſch, an welchem ſein Vater ge⸗ arbeitet und ein bedeutendes Vermögen erworben hatte. Der Seelige hatte mit Nichts angefangen und war ein reicher Mann geworden. Werth's eigene Verhaltniſſe waren zwar zerrüttet, ſeit Jah⸗ ren in Unordnung gerathen, doch Fleiß und 225 Sparſamkeit konnten ihn noch immer herausreißen Das alte Geräth erzählte ihm eine rührende Ge⸗ ſchichte von einem braven Mann, der Tag und Nacht ſich angeſtrengt hatte, um ſich eine ehren⸗ werthe Stellung zu verſchaffen und den Seinigen ein anſehnliches Vermögen und einen reinen Namen zu hinterlaſſen, den der Bankier freventlich zu be⸗ ſchimpfen gedachte. Noch war nicht Alles verloren. Er beſaß wohlhabende Anverwandte, viele Freunde. Der Bankerott, welcher vor der Thür ſtand, ließ ſich noch immer abwenden. Herr Werth zauderte und war im Begriff, die aus der Kaſſe entnommene Summe, welche ihm zur Flucht behülflich ſein ſollte, in dieſelbe wieder zurückzulegen. In dieſem verhängnißvollen Augenblick trat Adolph Märtens an ihn heran mit ernſter trauriger Miene. Der junge Buchhal⸗ ter hielt das ſchwere Hauptbuch in den Händen und ſeine Arme zitterten. — Was giebt es?— fragte der Bankier, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen. — Verzeihen Sie,— ſagte Adolph mit klangloſer Stimme, indem er ſeine Laſt auf das Ring, Stadtgeſchichten. III. 15 226 Schreibpult des ſeeligen Herrn niederlegte,— ich habe eine Entdeckung gemacht, welche ich Ihnen nicht länger vorenthalten darf. Unſer Buch iſt gefälſcht.— — Herr! was unterſtehen Sie ſich?— fuhr der Bankier empor im Gefuhle ſeiner Schuld. — Das Buch iſt gefälſcht,— wiederholte der Buchhalter und ſah ſeinen Prinzipal mit den klaren durchdringenden Augen an. Herr Werth konnte dieſen Blick nicht ertragen, er verfärbte ſich und ſtarrte auf den dunklen Boden. — Ein Irrthum, ein Fehler, der ſich viel⸗ leicht mit der Zeit eingeſchlichen hat und bisher überſehen worden iſt,— ſtammelte der Bankier. — Wäre es nur ein Irrthum geweſen,— entgegnete Adolph im traurigſten Tone,— ſo hätte ihn mein Vorgänger, der ſeelige Berger, längſt entdeckt. Er war ein guter Rechenmeiſter und ein redlicher Mann.— — Herr!— brauſte der Bankier von Neuem auf. — Ich muß Sie um Ihretwillen bitten, mich ruhig anzuhören,— ſagte der junge Buchhalter, indem er auf das daneben liegende Komptoir deu⸗ tete, wo noch einige Kommis beſchäftigt waren. — Nur Sie und ich haben das Hauptbuch geführt, von Einem von uns Beiden muß daher die Fäl⸗ ſchung herrühren.— Den verlorenen Mann durchzuckte ein hölli⸗ ſcher Gedanke. — Und wenn Sie ſelbſt der Fälſcher wä⸗ ren?— fragte er mit lauerndem Blick. Auf Adolphs Geſicht brannte einen Augen⸗ blick eine brennende Glut, ſeine Hände ballten ſich, doch er bedachte, daß Herr Werth ſein Prinzipal und Anna's Vater ſei. Darum beherrſchte er ſich mit aller Anſtrengung, der Zorn war aus ſeinen ſchönen Augen geſchwunden und hatte einer un⸗ endlichen Traurigkeit Platz gemacht. — Ich brauche mich nicht vor Ihnen zu recht⸗ fertigen,— ſagte er mit der ſtegreichen Miene der völligen Unſchuld.— Die Welt dürfte nach den Motiven meiner Handlungsweiſe fragen und keine ſolche finden, das Gericht würde jedoch Sach⸗ kundige zu Rathe ziehn, welche meine Schrift von der Ihrigen zu unterſcheiden wiſſen. Auch iſt der Buchhalter zu keiner Zeit für die Handlungen ſei⸗ nes Herrn verantwortlich.— Ddie Ruhe und Gelaſſenheit des jungen Man⸗ 15* nes ſchmetterten den Unglücklichen vollends nieder, ſein Stolz war gebeugt, vernichtet ſank er auf den Stuhl und bedeckte ſein verzerrtes Geſicht mit bei⸗ den Händen. Plötzlich ſprang er wieder empor und umſchlang den jungen Mann mit ſeinen bebenden Armen. — O es iſt wahr, nur zu wahr!— rief er mit zitternder Stimme.— Seit Jahren hab' ich ſchon den unvermeidlichen Bankerott vor Augen und ſuchte deshalb die Welt zu hintergehn. Schon bei Lebzeiten des alten Berger war das Buch ge⸗ fälſcht. Ich that es ſelbſt, mit meiner eigenen Hand. Mir blieb kein anderer Ausweg übrig, aber ich hoffte mit jedem Tage, mich zu retten und dem Ruine zu entgehn. Wüßten Sie, was ich gelitten, was ich noch in dieſem Augenblicke leide, junger Mann!— Eine Thräne ſtand in den Augen des Buch⸗ halters. Herr Werth hatte ſie erſpäht und ſchöpfte neue Hoffnungen aus dieſem Zeichen eines warmen Mitgefühls. — Nein, Sie können mich nicht verrathen, meinen Ruf nicht an den Pranger ſtellen. Ich war ſtets ein gütiger Herr gegen Sie. Das wol⸗ len Sie, das dürfen Sie nicht läugnen. Die Verzweiflung hat mich zum Aeußerſten gebracht. Ich muß fliehen, heute noch. Wohlan, folgen Sie mir. Ich beſitze noch eine hinreichende Summe, um in England ein blühendes Geſchäft zu begrün⸗ den und ein neues Leben zu beginnen. Folgen Sie mir. Ich werde Ihr zweiter Vater ſein. Ich laſſe meine Familie bald nachkommen. Der Preis Ihrer Verſchwiegenheit Ihrer Hülfe ſei dann die Hand meiner Tochter. O! erröthen Sie nicht, denn ich weiß, daß Sie dieſelbe lieben.— Dieſe Worte waren haſtig, wie im Fieber⸗ traum geſprochen. Herr Werth hatte Adolphs Hände krampfhaft umfaßt, und ließ dieſelben nicht wieder los. Der junge Buchhalter ſtand erſchüt⸗ tert. Der Verſucher trat in lockender Geſtalt zu ihm heran, doch Adolph wankte keinen Augenblick, Mitleid und Ekel hatten ihn zugleich erfaßt. Er wandte ſich von dem Unglücklichen ab, der zum zweiten Mal bereit war, ſein Kind dem Egoismus aufzuopfern. — Hören Sie mich an, Herr Werth,— ent⸗ gegnete Adolph tief bewegt.— Ich läugne nicht, daß ich Ihre Tochter geliebt, daß ich ſie in die⸗ ſem Augenblick noch liebe.— — Sie folgen mir,— unterbrach ihn heftig der Bankier, der ſich an dieſen letzten Rettungs⸗ anker klammerte. — Nimmermehr!— rief Adolph mit eher⸗ ner Feſtigkeit— und wenn Sie meinem Rathe folgen, ſo bleiben auch Sie. Wir wollen Inventur aufnehmen, unſere Aktiva und Paſſiva unterſuchen. Vielleicht iſt es Ihnen möglich, mit Ihren Gläu⸗ bigern einen Vergleich zu treffen. Sie beſitzen Freunde, Anverwandte, die Sie nicht fallen laſſen werden.— Der Bankier lächelte bei dieſen Worten plötz⸗ lich bitter auf, aber Adolph ließ ſich nicht ab⸗ ſchrecken, er ſprach ſo warm und innig, ſo klar und überzeugend, daß Herr Werth endlich nachzu⸗ geben ſchien. — Sie haben Recht,— ſagte er nach eini⸗ gem Beſinnen,— ich will es noch einmal ver⸗ ſuchen und die ehrenwerthe Firma meines Hauſes zu erhalten ſtreben. Was ich geſprochen, bleibt natürlich unter uns. Sie geloben mir auf Ehren⸗ wort ewige Verſchwiegenheit.— Adolph reichte dem Bankier zur Bekräftigung ſeine Hand. — Ich werde ſchweigen vor Jedermann bis an mein Lebensende, das ſchwöre ich zu Gott.— Nach dieſem feierlichen Verſprechen vertiefte ſich der Prinzipal mit ſeinem Buchhalter in die angeſtrengteſte Arbeit. Sie begannen die beſprochene Inventur mit größtem Fleiße anzufertigen. Adolph blieb die ganze Nacht auf dem Komptoir und empfahl Herrn Werth, der ihm äußerſt angegriffen vorkam, ſich zu Bett zu legen. Der Bankier aber begab ſich nicht nach Hauſe. Mit dem Nachtzug eilte er nach Hamburg und ſchiffte ſich nach England ein. Er hatte an Adolph einen Mitwiſſer ſelnes Geheimniſſes, den er fürch⸗ tete. Der verzweifelte Entſchluß wurde ſo zur That. XVII. Am andern Tage wurde an der Börſe und in der Stadt von nichts Anderm als von der Flucht des Bankiers geſprochen, die ſogleich ruch⸗ bar geworden. All' ſeine guten Freunde und Be⸗ kannten waren da mit einem Male verſchwunden und hatten ſich in eine wüthende Meute verwan⸗ delt, die unbarmherzig über den Ruf und den Namen des Unglücklichen herfiel. Da gab es kein Verbrechen und kein Laſter, das er nicht geübt, keine Schandthat, welche ihm nicht zugeſchrieben wurde. Der liebe, gute, großherzige Herr Werth hatte ſich über Nacht in ein hochmüthiges, kalt⸗ herziges und abſcheuliches Ungethüm verwandelt. Verborgene Geſchichten, welche längſt vergeſſen waren, wurden wieder hervorgeſucht und neue dazu erfunden. — Er iſt ſtets ein Verſchwender geweſen,— bemerkte ein Jugendfreund von ihm,— ſchon als Knabe hat er ſeinem Vater Geld entwendet.— — Und die Frauenzimmer, was haben die ihm gekoſtet!— ſchrie ein Anderer mit einem wahren Faungeſicht.— Ja, die Spiegelthal war nicht die erſte, die er ausgehalten hat.— — Er hat immer einen ganzen Harem ge⸗ habt,— rief ein Dritter dazwiſchen. — Der Lump! für unſer Geld,— ſchimpfte 233 der geohrfeigte Firer, der keinen Pfennig bei dem Bankerott verlieren konnte. — Und die arme Frau, wie hat er die be⸗ handelt,— ſagte ein dicker Herr, der häufig den Diners des Flüchtlings beigewohnt hatte.— Ja, die arme Frau und die unſchuldigen Kinder dauern mich.—. Dabei ſeufzte der dicke Herr, und die Umſte⸗ henden ſeufzten mit und bedauerten die arme Frau und die unſchuldigen Kinder, für die ſie entſchloſ⸗ ſen waren, auch nicht einen Heller hinzugeben. Der alte Lazarus aber ſchüttelte den Kopf und ſagte ſtill für ſich: — O Welt! wie erbärmlich und gemein biſt du. Wie eine Metze ſchmeichelſt du uns, ſo lang' das Geld in unſerem Beutel klingt und wendeſt dich ab, wenn die Börſe leer geworden iſt. Mit dieſen Worten entfernte ſich der Makler von dem Schauſpiel, das ihn anwiderte. Er wollte ſich nach Hauſe begeben, um zu ſehn, was Adolph Märtens machte, der durch die Flucht ſei⸗ nes Prinzipals für den Augenblick brodlos gewor⸗ den war. Schon von Weitem erblickte er Samuel Roſenberg, der auf ihn zugeeilt kam. Er wollte 234 dem Wucherer ausweichen, da er nicht in der Stimmung war, die alten Klagen und Verwün⸗ ſchungen über Herrn Werth mit anzuhören. — Herr Lazarus, Herr Lazarus!— ſchrie Samuel ſchon von Weitem.— Um Gotteswillen warten Sie.— Arte In dem Tone dieſer Stimme lag etwas ſo Ungewöhnliches, daß der Makler unwillkührlich ſtehn blieb. Der Wucherer keuchte und ſtöhnte. Sein Geſicht war purpurroth, noch dunkler als ſonſt, faſt ins Blaue ſpielend. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er ſprechen konnte. Endlich rief er im kläglichſten Tone: — Um Gottes Willen kommen Sie mit mir, mein armer Bruder iſt ſehr krank geworden und verlangt nach Ihnen.—— — Nach mir?— fragte verwundert der alte Lazarus. — Er hat immer große Stücke auf Sie ge⸗ halten und außerdem gehören Sie nicht der neu⸗ modiſchen Sekte an, Sie ſind keiner von den Re⸗ formern, die Bernhard haßt.— — Aber was ſoll ich ihm?— — Was Sie ſollen? Mein Gott! Kranke 23⁵ haben ihre Launen, die man erfüllen muß. Und wenn Bernhard von mir verlangte, daß ich ihm das Blaue vom Himmel herabholen ſollte, ſo würde ich mir eine Leiter nehmen und wenigſtens einen Verſuch machen.— In den Worten und noch mehr in den Mie⸗ nen des Wucherers lag in dieſem Augenblick ſo viel zärtliche Bruderliebe, daß der Makler den Spott, der ihm auf den Lippen ſchwebte, unter⸗ drückte und ſeine Hand ergriff. — Gehen wir!— ſagte der alte Lazarus. — Wir durfen den Kranken nicht warten laſſen. Vielleicht hat er einen Wunſch, den ich erfüllen kann.— Unterwegs ſprach auch Samuel Roſenberg von dem Ereigniſſe des Tages, der glücklichen Flucht des Herrn Werth. — Der Schuft iſt uns auch mit zwanzig Tauſend Thalern durchgegangen. Die Nachricht hat auf Bernhard ſo ſchlimm gewirkt. Ein ge⸗ ſprungener Topf zerbricht leicht. Der Aermſte iſt nur noch ein Scherben. Sie werden ihn gar nicht wiedererkennen. Ach Gott, ach Gott! wenn er nur diesmal mit dem Leben davon kommen 236 möchte. Aber dem niederträchtigen Betrüger, dem Werth will ich's gedenken, wenn er wiederkommt.— — Der kommt nicht wieder,— entgegnete der Makler. — Wiſſen Sie denn nicht, daß der Baron Portheim ihm nachſetzt? Der wird ihn ſchon wie⸗ derbringen, er hat ſich einen ausgezeichneten Po⸗ lizeimann mitgenommen, der eine Stecknadel in ei⸗ nem Kornhaufen findet. Doch was thu' ich mit Werth, wenn mein armer, armer Bruder ſtirbt.— So jammerte und klagte der Wucherer, wäh⸗ rend er zu gleicher Zeit Verwünſchungen gegen den betrügeriſchen Bankier ausſtieß. Der alte Lazarus fand den Kranken allerdings in einem troſtloſen Zuſtande. Mit eingefallenen Wangen und gelähmten Gliedern ſaß Bernhard in dem alten braunen abgeriebenen Lederſtuhl. Er war gänzlich zuſammengeſchrumpft, mehr einem grauen Schatten als einem menſchlichen Weſen ähnlich. Die Auszehrung, an welcher er ſeit Jah⸗ ren litt, hatte rieſige Fortſchritte gemacht und jetzt ihr letztes Stadium erreicht. Der ſchwache Bruſt⸗ kaſten hob und ſenkte ſich in krampfhafter An⸗ ſtrengung und rang nach Luft, mehr Luft. Nur 237 in dem unheimlichen Auge loderte noch die alte Glut. Der Geiſt, aus allen ſeinen Beſitzthümern ge⸗ trieben, hatte ſich in den dunkeln Höhlen konzentrirt und flackerte wie das Licht der Lampe vor dem Erlöſchen noch einmal hell empor. Dies Auge, mit überirdiſchem Glanz gefüllt, richtete jetzt der Kranke auf den eintretenden Lazarus. — Gelobt ſei Gott!— rief er aus, daß Sie da ſind. Es geht zu Ende, mein lieber Lazarus.— Dieſer hatte die abgemagerten, eiſigen Hände des Leidenden mitleidig ergriffen und ſuchte ihn zu beruhigen. — Nein, nein,— entgegnete der Kranke mit flüſternder Stimme und ängſtlichem Blick.— Die Stunde kommt und deshalb habe ich Sie rufen laſſen.— Der Makler, welcher einer frommen Geſell⸗ ſchaft ſeiner Glaubensgenoſſen angehörte, die bei Kranken und an Sterbebetten niemals fehlt, kannte die Symptome des nahen Todes zu genau, um dem Armen länger zu widerſprechen. — Nicht wahr, lispelte Bernhard leiſe,— ich muß fort, vielleicht noch heute fort. Ich will einen frommen Mann in meiner Nähe haben, ei⸗ nen guten und gerechten Menſchen, der ſein Gebet mit dem meinigen vereint. Beten Sie mit mir.— Während Bernhard ſprach, konnte ſein Bru⸗ der nicht das laute Schluchzen unterdrücken. Es war ein furchtbares Schauſpiel, den harten Wu⸗ cherer weinen zu ſehen. — Geh hinaus Samuel,— ſagte der Kranke, — und laß mich mit dem guten Lazarus allein. Geh hinaus, ich bitte dich.— Es lag in dieſem Wunſche eine unausſprech⸗ liche Zärtlichkeit gegen den troſtloſen Bruder, welchem der Leidende den Anblick des ſchmerzlichen Seelenkampfes zu erſparen wünſchte. Samuel ging und ließ die Beiden allein. Sie ſagten die Sterbegebete, die Bußlieder auf dem Todtenbette gläubiger Juden. Lazarus ſprach die Worte laut vor, welche der Kranke leiſer nachflüſterte. — Ich habe geſündigt,— betete der Makler tief ergriffen. — Ich habe geſündigt,— wiederholte der Wucherer voll inniger Reue und ſchlug mit der 239 geballten Fauſt, ſo ſtark es ihm noch möglich war, gegen die dumpf dröhnende Bruſt. — Ich habe gefrevelt.— — Ich habe gefrevelt,— ſtöhnte Bernhard und führte einen neuen Schlag gegen das zitternde Herz, wie es vorgeſchrieben war. — Und geläſtert.— — Und geläſtert,— ächzte der Kranke von Neuem nach, von den Schauern des Todes er⸗ griffen. Langſam ſprach der Makler Wort für Wort die vorgeſchriebene Beichte, welche Bernhard mit Beben wiederholte. Zwiſchen jedem Satz hielt der Wucherer erſchöpft inne, aber er unterließ nicht, auf die magere, ſchmerzhafte Bruſt zu klopfen, als wollte für die Reue die verſchloſſenen Pforten mit Gewalt erbrechen. Die dumpfen Schläge hallten ſchauerlich in dem düſtern Gemache wieder. Als das Gebet zu Ende war, ſchien der Kranke einigermaßen erleichtert und verlangte ſei⸗ nen Bruder wieder zu ſehn. — Haben Sie ſonſt keinen Wunſch?— fragte der Makler, indem er Bernhard bedeutſam anſchaute. Sie beſitzen uoch Verwandte wie ich weiß. Soll ich einige von ihnen herbeirufen?— — Nein, nein,— rief der Wucherer,— die würden ſich meines Todes freuen. Ach, nur einen Menſchen möchte ich noch ſehn.— — Sollte das nicht möglich ſein?— — Sie wird nicht kommen,— flüſterte der Kranke. Dreißig Jahre hat ſie dieſe Schwelle nicht betreten. O! Sie hat Recht gehabt.— — Von wem reden Sie?— faorſchte der Makler, weniger aus Neugierde, da er von Allem unterrichtet war, als um den Augenblick der her⸗ vorgebrochenen Reue nicht ungenützt vorübergehn zu laſſen. — Von einer Schweſter— lautete die Ant⸗ wort,— von unſerer Schweſter, welche wir ver⸗ ſtoßen und aus ihrem Erbe gejagt, weil ſie von dem Glauben ihrer Väter abgefallen, und einen Chriſten ſich zum Mann erwählt. Sie kennen dieſelbe.— — Ich kenne ſie,— ſagte der alte Lazarus. — ein braves Weib, der Gott ſicher ihren Irr⸗ thum einſt vergeben wird. Wollen Sie ſtrenger ſein, als Er, der Allbarmherzige? Sie iſt aus Liebe zu dem Manne ihrer Wahl abtrüͤnnig gewor⸗ den, aber ſie blieb treu dem Geſetz der Tugend und Moral. O! Sie iſt beſſer und frömmer als wir, die wir uns Juden nennen. Sie hat die wahre Religion, denn ihr Glaube iſt die Liebe, welche ſeelig macht.— — Ja, ja!— murmelte der Leidende.— Sie war immer gut und hat ganz wie die ſeelige Mut⸗ ter ausgeſehn, dieſelben Augen, ihre Augen.— Und der Sterbende blickte zu dem Bilde em⸗ por, welches über ſeinem Stuhle hing, und ſuchte das Auge der Mutter zu erſpähn. — Lazarus!— rief er mit einiger Anſtren⸗ gung,— ich möchte nicht gern aus dieſer Welt gehen, ohne dieſe Augen noch einmal geſehen zu haben. Glauben Sie, daß ſie kommen und verge⸗ ben wird?— Sie kam und vergab. Eine bleiche Frau trat an der Hand des Mak⸗ lers und in Begleitung ihres Sohnes in das Ster⸗ bezimmer. Sie hatte das Leid und Unrecht längſt verziehn, welches die harten Brüder ihr und ihrem Gatten zugefügt. Nun ſchwankte ſie näher und beugte ihr mildes Geſicht auf das Lager des Schei⸗ Ring, Stadtgeſchichten. III. 16 denden. Sein erlöſchendes Auge ſtrengte ſich an, die Züge wiederzuerkennen. Er hatte ſie erkannt trotz der Verwüſtungen, welche der jahrelange Kum⸗ mer angerichtet. — Rebekka!— murmelte der Kranke und ſtreckte ihr die abgezehrte Hand entgegen, welche ſie mit ihren Thränen benetzte. Ein Strahl der untergehenden Sonne beleuch⸗ tete das blaſſe Angeſicht des Sterbenden und im Lichte der Gnade ſtrahlte die unſterbliche Seele des Wucherers. Draußen hatten ſich zehn Männer der jüdiſchen Gemeinde eingefunden, welche für den Kranken be⸗ teten. Dieſer hielt noch immer die wiedergefundene Schweſter bei der einen Hand, während Samuel die andere ergriffen hatte. Die Geſchwiſter waren ſeit dreißig Jahren zum erſten Male wieder vereint und das Bild der Mut⸗ ter ſchaute mit den milden Augen ſegnend nieder. Bernhard machte eine Anſtrengung um zu ſprechen. — Dein Sohn?— flüſterte er, indem er auf Adolph Märtens ſchaute.— Samuel wird für ihn ſorgen. Ich will gut machen, was ich an ihm und dir verſchuldete. Rebekka, verzeihe mir.— Sie neigte ſich zu dem armen Brnder nieder und küßte ihn auf die kalten, bleichen Lippen. Noch einmal flammte ſein brechendes Auge empor und ſchaute mit einem rührenden Abſchieds⸗ blick in das ihrige. — Augen, ihre Augen,— hauſchte der Kranke. — Schweſter! Mutter!— Ein Lächeln ſchwebte über ſeine eingefallenen Wangen, ein letztes Zucken und er war nicht mehr. Die Leiche wurde auf den Fußboden hingelegt und ein ſchwarzes Tuch darüber ausgebreitet, das Waſſer im ganzen Hauſe ausgegoſſen, damit kein Tropfen von dem feuchten Schwerdt des Todesen⸗ gels in daſſelbe fallen möchte. Zu den Fuͤßen des Todten hatte ſich Samuel in wildem Schmerze hin⸗ geworfen, zu Häupten deſſelben kniete Madame Märtens und ihr Sohn, und Lazarus betete für den Geſchiedenen. XVIII. Seit drei Tagen war Herr Werth in London. Raſtlos irrte er in der ungeheuren Stadt umher. Er hatte keine Ruhe auf ſeinem einſamen Zimmer und ſuchte das wogende Drängen und Treiben in den geräuſchvollen Straßen auf, um ſich ſelber und den nagenden Gedanken zu entfliehn. In die dunkle Nacht jagte ihn das mahnende Gewiſſen hinaus. Er ſtand auf einer Brücke und ſchaute in die Tiefe des finſtern Stromes. Durch ſeine Seele zuckte ein furchtbarer Gedanke. Da unten war es ſtill und kühl, aber der Selbſtmord verlangt noch einen Muth, den er nicht beſaß. Er wandte ſich ſchau⸗ dernd ab, ſeine Augen fielen auf ein verlorenes Geſchöpf, welches ihn um eine Gabe anſprach. In dem Geſichte lagen Spuren einer vergangenen, großen Schönheit. Er griff in die Taſche, um ihr ein Geldſtuͤck hinzureichen. — Cduard!— ſchrie das Weib. Sie hatte ihn erkannt, den Verführer ihrer Unſchuld. Es war eine traurige Geſchichte. Sie 245 war die Braut ſeines Freundes geweſen, der auf dem Komptoir von Rowland and brothers, ſo wie er, eine Anſtellung gefunden hatte. Der reiche Mann ſtahl dem Armen ſein einziges Schäfchen, ſo daß jener daruüber verzweifelte und ſeinen Ver⸗ ſtand verlor. Der Bankier ſchrak vor dem mahnenden Ge⸗ ſpenſt zuſammen und entfloh. — Eduard! Eduard!— rief es immer hinter ihm her. Er wandte ſich nicht um und eilte ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen mochten. So kam er in Schweiß gebadet, athemlos in ſeiner Woh⸗ nung an, Noch ein Geſpenſt trat ihm hier entgegen, der Baron, welcher ſeine Wohnung ausfindig ge⸗ macht hatte. — Sie haben mich gewiß nicht erwartet,— ſagte Portheim mit der früheren Kordialität. Al⸗ ter Junge, Sie haben einen dummen Streich ge⸗ macht! Zum Gluͤck beſitzen Sie Freunde, welche alles Mögliche gethan haben, um Sie zu retten. Das Publikum glaubt, daß Sie nur eine Geſchäftsreiſe angetreten haben. Unterdeß ſind Ihre Anverwand⸗ ten zuſammengekommen, um Ihre Angelegenheiten 3 * zu ordnen. Wir, denn ich rechne mich nach wie vor zu denſelben, haben mit den Gläubigern eine Einigung getroffen, ſo daß Sie ungehindert Ihre Ruckkehr antreten können. Ihre Frau und Kinder erwarten Sie mit Ungeduld. Die Zweifel, welche bei dieſer Nachricht viel⸗ leicht in der Seele des Bankiers aufgeſtiegen waren, wußte der Freund ſchnell zu beſeitigen. Er wies die Nothwendigkeit ſeiner Rückkehr klar und dringend nach. Aus Vorſicht hatte er ſich mit Briefen von Madame Werth und Anna verſehn laſſen, die in ihrer Herzensangſt Alles ſchrieben, was der Baron von ihnen verlangte, um den Vater und Gatten ſo bald als möglich wieder in ihrer Nähe zu ſehn. Portheim ließ es außerdem an keiner Rückſicht fehlen. Sein Benehmen war ſo offen und liebens⸗ würdig, daß Herr Werth nach kurzem Beſinnen einwilligte, mit ihm zurückzukehren. Während der ganzen Ueberfahrt erſchöpfte ſich der Baron in Auf⸗ merkſamkeiten gegen ſeinen Freund und Schwieger⸗ vater, ſo daß derſelbe vollkommen beruhigt wurde und auch nicht den geringſten Verdacht hegen konnte. 3 247 Kaum aber waren ſie auf feſtem Land, ſo warf der Freund die ihm läſtige Larve ab. Der Poliziſt, welcher für Portheims Bedienten bisher gegolten hatte, verhaftete ſogleich den Bankier im Namen des Geſetzes wegen muthwilligen und betrü⸗ geriſchen Bankerotts. Das war ein entſetzlicher Schlag! Der be⸗ täubte und verwirrte Bankier brach in ein gräßli⸗ ches Gelächter aus, vor dem ſelbſt der verhärtete Baron ſchauderte. Die Ereigniſſe der letzten Zeit hatten des Bankiers Hirn bereits übermäßig ange⸗ ſpannt. Durch die fortwährende Unruhe, die fie⸗ berhafte Erregtheit während der Flucht und bei ſeinem Aufenthalt in London waren ſeine Geiſtes⸗ kräfte dermaßen zerrüttet, daß nur ein unbedeuten⸗ der Zufall hinzuzutreten brauchte, um den ſchlum⸗ mernden Wahnſinn plötzlich hervorzurufen. Trotzdem wurde er in das Kriminalgefängniß abgeliefert, nach wenigen Tagen indeß mußte er dem Irrenhauſe übergeben werden. Auf der Schwelle deſſelben kauerte der ver⸗ rückte Buchhalter, der endlich auch hier ein Aſyl gefunden hatte. Beide Wahnſinnige ſtarrten, ſich erkennend, ei⸗ 248 nige Augenblicke einander an, dann ſtießen ſie ein furchtbares Geheul aus, in das die übrigen Be⸗ wohner der Anſtalt miteinſtimmten. Die Krankheit des Bankiers wurde für unheil⸗ bar erklärt. Zum Glück dauerten ſeine Leiden nicht allzulange Zeit. Ein plötzlich hinzugetretener Ge⸗ hirnſchlag nachte ſeinem Leben und ſeinen Qualen ein frühzeitiges Ende. Wo waren bei ſeinem Begräbniſſe all die Freunde geblieben? Kein großer Leichenzug, keine unüberſehbare Reihe von Trauerkutſchen begleiteten den einfachen Sarg, der die ſterblichen Ueberreſte des Unglücklichen umſchloß. Der treueſte Freund ſelbſt, Baron Portheim, hatte keine Zeit, denn er feierte an dieſem Tage ſeine Verlobung mit einer reichen, aber alten Wittwe, nachdem er jede Verbindung mit Anna, wie natürlich, abgebrochen hatte. Die Schweſtern Theodore und Fanny litten an ſchwa⸗ chen Nerven und konnten keine Leichen ſehn. Nur die gute Frau Werth ſchwankte zunächſt dem Sarge und weinte bitterlich. Sie hatte dem Todten längſt all das Leid verziehn, das er ihr ſein Lebelang zu⸗ gefügt. Sie war nicht ſchön und geiſtreich, aber die himmliſche Liebe und Geduld in eigener Perſon. 249 Hinter ihr folgte in tiefſter Trauer die holde Toch⸗ ter, welche den jüngeren Bruder am Arme führte. Die kleine Lisbeth war ihrem armen Vater bereits vorangegangen, ein Engel, der um Vergebung ſei⸗ ner Sünden bei dem himmliſchen Vater flehte und deſſen Fürbitte den Verlornen gewiß erlöſen muß. Anna's Geſicht war bleich, aber trotz aller Leiden noch immer himmliſch ſchön. Sie hatte die ſchwache Mutter in der Zeit der Prüfung durch ihren Muth aufrecht gehalten, getröſtet und geſtützt. Außer dieſen nächſten Angehörigen ſtand an dem Grabe des Bankiers ein junger Mann, der kein anderer als Adolph Märtens war, der ſich in Begleitung des alten Lazarus eingefunden hatte, um ſeinem unglücklichen Prinzipale die letzte Ehre zu erweiſen. Es war nur ein kleines Leichengefolge, aber thränenreich. Ein Jahr nach dieſem traurigen Ereigniſſe trat eines Tages der frühere Buchhalter in die kleine Wohnung, welche Madame Werth bezogen. Die Gläubiger ihres Mannes hatten ihr Alles genom⸗ men. Ihre eigene geringe Mitgift reichte kaum hin, ihre Familie auf anſtändigem Fuße zu erhalten, obgleich die treffliche Frau ſich jeder möglichen Be⸗ ſchränkung ohne Murren unterzog. Adolph hatte ihr bisher mit Rath und That treulich beigeſtanden, er war der einzige von den vielen früheren Freunden, der ſich im Unglück be⸗ währte. Ihm allein hatte ſie es zu verdanken, daß ein, wenn auch nur kleiner Theil ihres Vermögens gerettet wurde. Durch ſeine Vermittelung war eine 4 250 Einigung mit den Gläubigern zu Stande gebracht, ſo daß kein öffentlicher Konkurs ausbrach. Tag und Nacht widmete er ſeine Zeit den Angele⸗ genheiten des Hauſes Werth und Kompagnie. Er ordnete die Bücher und Rechnungen, unter⸗ handelte mit den Hauptgläubigern und ruhte nicht eher, bis die Ehre der alten Firma wieder vollkommen hergeſtellt war. Allerdings unterſtützte ihn bei dieſem Geſchäfte ſein Onkel Samuel Roſen⸗ berg weſentlich. Der alte Wucherer war der erſte der eine unerwartete Schonung gegen die unglück⸗ liche Wittwe blicken ließ, und ſein Beiſpiel fand nach und nach in der Geſchäftswelt und an der Börſe allgemeinen Anklang. Nach Verlauf eines Jahres hatte Niemand mehr eine Forderung an das Haus Werth und Kompagnie.. Die Aufopferung Adolphs war um ſo höher zu ſchätzen, da dieſer ſelbſt ſeit kurzer Zeit ſich eta⸗ blirt hatte. Samuel Roſenberg ehrte den Wunſch ſeines verſtorbenen Bruders und ſtreckte ſeinem Neffen die dazu nöthigen Geldſummen vor. Seine Rathſchläge fanden aber zu ſeinem Aerger kein geneigtes Ohr bei dem jungen Märtens, der die Prinzipien des alten Berger angenommen hatte und ſich durch Fleiß, Redlichkeit und Solidität an der Börſe einen guten Namen ſchnell erwarb. Heut erſchien Adolph beſonders bewegt, als er Madame Werth beſuchte. Anna hatte ihn ſchon von Weitem kommen ſehn, aber ſie vermied ſeinen Anblick und verſchwand mit holdem Erröthen, ehe er noch in das einfache, beſcheidene Zimmer trat. 251 Sein Anliegen, das er der guten Mutter vor⸗ trug, brachte eine tiefe Wirkung hervor. Ein rei⸗ cher Thränenſtrom floß über die Wangen der ge⸗ prüften Frau.. — Anna beſitzt nichts, gar nichts,— ſagte ſie, nachdem ſie ſich von ihrer Ueberraſchung erholt hatte.— Sie können eine beſſere und reichere Partie machen.— — Ich ſehe nicht auf Geld und Gut,— er⸗ wiederte der junge Mann mit großem Ernſt. — Anna's Herz iſt mehr werth, als alle Schätze dieſer Welt, die weder glücklich machen, noch be⸗ ſtändig ſind.— Madame Werth ſtieß einen tiefen Seufzer aus, dennoch flog ein Freudenſtrahl über das bekümmerte Angeſicht. — Aber was wird Ihre Mutter ſagen und Ihr Onkel, der, wie ich glaube, andere Grund⸗ ſätze in dieſer Beziehung hegt?— — Meine gute Mutter iſt von meinem Schritte unterrichtet und ſegnet im Voraus meinen Entſchluß. Onkel Samuel hat kein Recht, über meine Hand⸗ lungen zu beſtimmen. Meine Lage reicht hin, um mir und Anna auch ohne ihn eine zwar beſchränkte, aber ſorgenfreie Exiſtenz zu verſchaffen.— — Und Anna?— freagte die gute Mutter. Die Liebliche kam wie zufällig in dieſem Augen⸗ blick herein und erſparte Adolph jedes fernere Wort. Sie reichte ihm die kleine Hand und ſagte mit feſter Stimme: — Ich habe ihn ſtets geliebt. Mit blutendem Herzen riß ich mich von ihm und opferte meine —— 25² Liebe dem armen Vater. Es war meine Pflicht. Adolph hat mir längſt verziehn, nicht wahr?— Er ſprach nicht, ſondern zog das holde Mäd⸗ chen an ſeine Bruſt und drückte den erſten, reinſten Kuß der Verlobung auf ihren Mund. Madame Werth ſegnete ihre Kinder und lächelte zum erſten Mal unter Thränen der Freude, welche ſie ſeit un⸗ denklicher Zeit nicht mehr gekannt. Adolphs Mutter kam noch an demſelben Tag, um ihre Schwiegertochter zu umarmen und brachte den alten Lazarus mit. — Nun hab' ich zu dem Sohne noch eine Tochter bekommen,— ſcherzte der Makler.— So Gott will, kann ich noch als alter Junggeſelle En⸗ kel auf meinen Knieen wiegen.— Onkel Samuel war allein mit der Partie un⸗ zufrieden. Er hatte für ſeinen Neffen bereits eine reiche Braut auserſehn, doch Anna's hinreißende Liebenswürdigkeit verſöhnte bald den alten Wucherer. Adolph hatte die Firma Werth und Kom⸗ pagnie für ſeine neue Handlung angenommen und an der Börſe ſteht dieſelbe nach wie vor in höch⸗ ſtem Anſehn. Druck von F. Nietack in Berlin. 4 ſn mnnnnſſſſſſſſſiſiſſſſſſiſit 1 12 13 14 10 1