Stadtgelchichten. Von Max Ring. Zweiter Band. Die Chambregarnitten. Leipzig, M. Simion's Verlag. 1852. Chambregarniſten. Eine Stadtgeſchichte von Max Ning. Leipzig, M. Simion's Verlag. Die Chambregarniſten. Kurz vor dem erſten des Monats bricht in der Hauptſtadt ein höchſt eigenthümliches Fieber aus, deſſen Beſchreibung wir bisher vergebens in den Lehrbüchern der Arzneikunde geſucht haben. Die davon Befallenen verrathen eine gewiſſe Haſt und Unruhe, welche ſie nicht länger in ihrer Wohnung duldet. Sie eilen auf die Straßen hinaus, die ſie bald mit ſtürmiſchen, bald mit zögernden Schritten durchwandern. Dabei verdrehen ſie die Augen ganz wunderbar und ſchielen nach gewiſſen Hausnum⸗ mern und Zetteln, auf welchen mit lateiniſchen oder deutſchen Buchſtaben klar und deutlich zu leſen iſt: Hier werden möblirte Stuben vermiethet. Sobald die Patienten eine derartige Tafel erblicken, erfaßt ſie der höchſte Grad des Paroxismus. Heftig ſtür⸗ 1* 4 zen ſie in das ſo bezeichnete Haus, jagen die Treppe hinauf, klingeln mit Heftigkeit und verlangen un⸗ geſtüm, die möblirte Stube mit oder ohne Kabinet in Augenſchein zu nehmen. Ihr rollendes Auge, welches den Raum durchmißt und die aufgeſtellten Gegenſtände prüft, verräth eine tiefe innere Be⸗ wegung. Die mannigfachſten Gefühle durchtoben ihre Bruſt, Furcht oder Hoffnung, endlich das Ende ſo vieler Leiden gefunden zu haben. Mit Aengſt⸗ lichkeit wird nach dem Preiſe gefragt und wenn derſelbe anſteht, iſt der Patient auch meiſt für einige Zeit geheilt, wenn aber nicht, ſo wüthet die Krankheit nur um ſo ſchrecklicher fort. Dieſe Epidemie möchten wir am liebſten mit dem Namen Oikomania belegen. So ein grie⸗ chiſches Wort giebt gleich der ganzen Sache ein gelehrtes Anſehn, und wir wollen uns um keinen Preis der Welt das Verdienſt einer ſo wichtigen mediziniſchen Entdeckung ſtreitig machen laſſen: Die Oikomania oder Chambregarniſtenſucht befällt meiſt nur junge unverheirathete Männer und alte Hage⸗ ſtolze, Frauen leiden weit weniger daran und Kin⸗ der bleiben gänzlich davon verſchont. Ein ſolcher Patient ſteht oder geht vielmehr — 5 vor uns. Er iſt erſt ſeit kurzer Zeit in der Hauptſtadt angelangt und vorläufig in einem Hotel dritten oder vierten Ranges abgeſtiegen, wo die Rechnungen der Gegenwart die Erſparniſſe der Vergangenheit bald aufzuzehren drohn. Dieſer Um⸗ ſtand trägt nicht wenig zur Heftigkeit der Krank⸗ heit bei, die ihn wie alle Fremden und Neuange⸗ kommenen mit vorzugsweiſer Wuth befallen hat. Seit dem frühen Morgen irrte er umher, um eine paſſende Wohnung aufzufinden. Unzählige Treppen hat er bereits erſtiegen, verſchiedene Zettel geleſen und gewiß mehr als zwanzig Stuben an⸗ geſehen, aber die Stunde der Erlöſung hatte für ihn noch immer nicht geſchlagen. Die Taube hat ihr Neſt, der Fuchs ſeinen Bau, aber der Men⸗ ſchenſohn wußte nicht, wohin er ſein Haupt legen ſollte. Manche Wohnung, die ſich aufgethan, hatte ſeine kühnſten Erwartungen übertroffen und ihm über die Maßen wohlgefallen, wäre nur nicht der enorme Preis geweſen, der ihn immer wieder ab⸗ geſchreckt. Irgend darum zu handeln, oder ein nie⸗ drigeres Gebot zu thun, fiel ihm gar nicht ein, denn er war äußerſt ſchüchterner Natur und fürch⸗ tete anzuſtoßen und ein Aergerniß zu geben. 6 Wenn die Vermiether ihn nur ſcharf anblickten, wurde er ſchon über und über roth, und vor jedem Stubenmädchen, welches ihm die Thür öffnete, machte er eine demüthige Verbeugung, als ob es ein Geheimrathsfräulein wäre. Alle Welt ſah ihm darum auch gleich den Kleinſtädter an, der zum erſten Mal die Reſidenz betrat. Kleinſtädtiſch mußte er auch Jedem vorkommen, das iſt wahr, nicht allein in ſeiner Kleidung, die aus einem ſchlottern⸗ den Sackpaletot und engen karirten Beinkleidern ohne Stege beſtand, ſondern auch durch ſein ganzes Weſen und Gebahren, das eine ganz aus der Mode gekommene Beſcheidenheit und eine rührende Unge⸗ ſchicklichkeit verrieth. Selbſt ſein Name erinnerte allzuſehr an die kleine Stadt, denn wer heißt wohl in der Reſidenz Gottlieb Hühnerbein? Sonſt war unſer Freund gar kein übler jun⸗ ger Mann, gerade gewachſen, nur etwas zu ſchlank und mager. Die langen Arme hingen ihm unge⸗ ſchickt an dem aufgeſchoſſenen Körper nieder und er wußte meiſtentheils nicht, was er mit denſelben beginnen ſollte. Sein Geſicht war ebenfalls fein und regelmäßig gebildet, aber mit unzähligen Som⸗ merſproſſen bedeckt, die, wie unſaubere Fliegenpunkte 7 ein ſchönes Oelgemälde, ſeine ſonſt wohlwollenden und angenehmen Züge verunſtalteten. Sein Teint war roſig wie der eines jungen Mädchens und die Haut ſo zart, daß man die bläulichen Adern dar⸗ unter deutlich ſchimmern ſah. Dazu hatte er die ſchönſten blauen Augen von der Welt, tief und geheimnißvoll gleich einem dunklen Gebirgsſee, lei⸗ der aber waren die Wimpern und Augenbrauen ſo ſparſam und hochblond gerathen, daß auch dieſe Schönheit dadurch eine große Beſchränkung erleiden mußte. Kurz Gottlieb beſaß keine angenehme Gabe der Natur, welche nicht durch einen unbedeutenden Fehler wieder aufgehoben wurde. Eine böſe Fee hatte bei ſeiner Geburt jedes glückliche Geſchenk mit einer üblen Zuthat verſehen, an der er für ſein ganzes Leben zu ſchleppen hatte. Selbſt der Name Hühnerbein war ein ſolches Mißgeſchick, das den freien Aufſchwung ſeiner Seele lähmte. Trotzdem blieb unſer Kleinſtädter ein kindlich guter Menſch und mit ſeiner Geſtalt wie mit ſei⸗ nem Schickſale ſtets zufrieden, obgleich er mannig⸗ fache Urſache zur Klage hatte. Selbſt ſeine gegen⸗ wärtige Lage ertrug er mit Geduld und murrte nicht über all die vergeblichen Verſuche, eine paſ⸗ 8 ſende Wohnung aufzufinden. Was er aber nicht länger zu ertragen vermochte, war der Hunger, der ſich mächtig in ihm regte. Seit dem frühen Mor⸗ gen, wo er zu ſeinem Kaffe eine Dreierſemmel ver⸗ ſpeiſt hatte, war er ohne weitere Nahrung herum⸗ geirrt. Kein Wunder alſo, daß ſich ein ziemlicher Appetit eingeſtellt, der jeden andern Gedanken, ſelbſt den an eine möhlirte Stube, zu verdrängen im Stande war. Das Ziel aller ſeiner Wünſche blieb in dieſem Augenblick ein ſolides Speiſehaus. Nach dieſem Eldorado eines hungrigen Magens brauchte er nicht ſehr lange zu ſuchen. Die Reſidenz iſt reich⸗ lich mit derartigen Wohlthätigkeitsanſtalten ge⸗ ſegnet, wo man für fünf Silbergroſchen einem längſt gefühlten Bedürfniſſe abzuhelfen im Stande iſt. Bald hatte Gottlieb ein derartiges Lokal aus⸗ findig gemacht. Er brauchte nur ſeiner Naſe nach⸗ zugehen, um in einen Saal zu gelangen, deſſen ganze Einrichtung eine gewiſſe verkommene Eleganz verrieth. Ein lautes Geräuſch von klirrenden Ga⸗ beln, Meſſern und Tellern, ſowie der ſättigende Dunſt verſchiedener Gerichte drang ihm entgegen. An mehreren Tiſchen ſaßen eine Menge junger Leute, welche mit beneidenswerthem Appetite ſich 9 das bleiche Rindfleiſch und den ausgeſogenen Bra⸗ ten ſchmecken ließen. Am Ende verdaut die Ju⸗ gend Alles, ſelbſt die Speiſen einer hauptſtädtiſchen Reſtauration. Ein dienſtfertiger Kellner bot Gottlieb einen Stuhl und die Speiſekarte. Unſer Freund ſtudirte lange Zeit die Karte, welche eben ſo wenig wie die Louis Philipps eine Wahrheit war, und unter hochtönenden Phraſen ihren leeren Inhalt zu ver⸗ bergen ſuchte. Für ihn waren die fremden Namen reine Hieroglyphen und er wäre ſicher mit der Entzifferung einer griechiſchen Inſchrift ſchneller fertig geworden, als mit dem verwünſchten Blatte, das ihn in keine geringe Verlegenheit verſetzte. Der Markör ſtand noch immer hinter ſeinem Stuhl des Winks gewärtig, und dieſe übertriebene Auf⸗ merkſamkeit erpreßte dem armen Gottlieb Angſt⸗ ſchweiß. Er konnte jetzt erſt gar nicht mit der Wahl der Speiſen fertig werden. Zum Glück war es an einem Donnerſtage und da gab es nach einem allgemein anerkannten Naturgeſetz in allen Reſtau⸗ rationen der Reſidenz Pökelfleiſch mit Erbſen und Sauerkohl. Dieſer Umſtand, deſſen Erklärung wir uns vorbehalten, rettete einzig und allein Gottlieb 10 vom gewiſſen Hungertode. Er ſtotterte ſeine Be⸗ ſtellung hervor und der dienſtbare Geiſt verſchwand, um das gewünſchte vaterländiſche Gericht herbei⸗ zuſchaffen. Nun erſt wagte Gottlieb einen ſchüchternen Blick auf ſeine Umgebung zu werfen, welche meiſt aus jungen Leuten: Aſſeſſoren, Referendarien, Dok⸗ toren der Medizin und verſchiedenen Beamten be⸗ ſtand. Hier und da tauchte auch wohl das graue, ehrwürdige Haupt eines alten Hageſtolzen empor, der zur Strafe ſeiner Eheſcheu verdammt war, in einer derartigen Reſtauration zeitlebens ſeine Sün⸗ den abzubüßen. Die Unterhaltung, welche allge⸗ mein und lebhaft geführt wurde, war für Gottlieb in mehr als einer Hinſicht räthſelhaft und unver⸗ ſtändlich. Was wußte er von der berühmten Pri⸗ madonna, welche in dieſem Augenblick die Reſidenz als Fides in der Meyerbeerſchen Oper durch ihren herrlichen Geſang entzückte!— Er hatte nie die gött⸗ liche Mathilde geſehen, die im großen Cirkus die Schule in nie geahnter Vollkommenheit ritt, und jeden Abend die reizende Pamela dem begeiſterten Publikum vorführte. Ja, ſeine Unwiſſenheit ging ſo weit, daß er beſagte Pamela für eine menſchliche 11 Künſtlerin hielt, obgleich ein jedes Kind ſagen konnte, daß dieſelbe nur eine wohldreſſirte Schim⸗ melſtute war, was er ſpäter erſt zu ſeiner großen Beſchämung erfahren mußte. Aber noch weit dümmer kam ſich der gute Gottlieb vor, als ein junger ſchöner Mann, mit einem zierlichen Schnurrbarte verſehen, das Wort ergriff und über die neueſten Erſcheinungen der Kunſt und Literatur in einem Tone ſprach, als hätte er den berühmteſten Schriftſtellern der Gegen⸗ wart bei ihren Arbeiten beigeſtanden und ihre Werke korrigirt und durchgeſehen. Da gab es keinen Mann von Bedeutung, den der Redner nicht ganz genau und meiſt auch perſönlich kannte. Manche Anek⸗ dote aus dem Leben berühmter Zeitgenoſſen würzte ſeine Erzählungen, und die Art und Weiſe wie er dieſelben vortrug ärndete allgemeinen Beifall. So lange er ſprach, ſchwiegen all die Uebrigen, er ſchien das Orakel der Geſellſchaft zu ſein. Wenn man ihn ſo reden hörte, mußte man ihn für einen be⸗ kannten Schriftſteller halten, der in der modernen Literatur ſich ganz heimiſch fühlte. Doch ſchon im nächſten Augenblick behandelte er mit derſelben Geläufigkeit irgend ein philoſophiſches Problem und 12 ließ ſich äußerſt tiefſinnig über Subjektivität und Objektivität, über Idealismus und Idendität ver⸗ nehmen, ſo daß man einen Profeſſor der Philoſo⸗ phie zu hören glaubte. Auch die Politik ſchien ihm durchaus nicht fern zu ſtehen und er entwickelte eine genaue Kenntniß der Zeitfragen und der Stel⸗ lung aller Partheien, zu denen er wohl geheime Beziehungen haben mochte, weil er ſonſt nicht ſo genau unterrichtet ſein konnte. Wurde ihm ein Einwand von irgend einer Seite her gemacht, ſo widerlegte er denſelben mit den ſchlagendſten Grün⸗ den und verrieth dabei eine Fülle von geſchichtli⸗ chen und ſtatiſtiſchen Notizen, vor deren Gewicht jeder Gegner alſogleich verſtummen mußte. Der junge Mann war entſchieden ein bedeutender Po⸗ litiker. 1 Je länger aber Gottlieb voll Bewunderung dieſem Redner zuhörte, deſto bekannter ſchien er ihm zu ſein. Anfangs traute er ſeinen eigenen Ohren und Augen nicht, doch bald mußte er die Ueberzeugung gewinnen, daß der junge Herr ein Landsmann und Schulfreund von ihm war. Dieſe Entdeckung erfüllte ihn zugleich mit Freude und Verlegenheit. Vor ſo vielen Menſchen wagte er 13 es nicht, eine Erkennungsſcene herbeizuführen. Er wartete daher, bis Stürmer, ſo hieß der Bedeu⸗ tende, ſich von ſeinem Platze erhoben hatte, um in das benachbarte Billardzimmer einzutreten. Gott⸗ lieb folgte ihm, ſo ſchnell als er nur vermochte, und redete den Freund zwar ängſtlich, jedoch mit den herzlichſten Worten beſcheiden an. Dieſer hielt das Billardqueu in ſeinen Händen, da er eben im Begriff war, eine Partie zu beginnen. Er ſchien einen Augenblick nachzuſinnen, als ſuchte er in einem verlornen Winkel ſeines Gedächtniſſes nach dem Namen und der Geſtalt eines Hühnerbeins, dann flog ein halb ſpöttiſches, halb freundliches Lächeln über das intereſſante Angeſicht. — Gottlieb! Gottlieb Hühnerbein!— ſagte er mit wohlklingender Stimme und reichte mit vornehmer Herablaſſung dem Freunde ſeine Hand. — J der Tauſend! was führt Dich in die Reſi⸗ denz?— Mit dieſem etwas kühlen Empfange war der gute Menſch ſchon hinlänglich zufrieden und er hätte am liebſten den Jugendbekannten an ſein Herz gedrückt und vor aller Welt geküßt; doch das ging nicht an, da ſo viele fremde Leute in der —xxx Nähe ſtanden, beſonders that es unſerm Gottlieb wohl, ſich öffentlich mit dem vertrauten Du von Stürmer angeredet zu hören. Nun waren alle ſeine Beſorgniſſe geſchwunden, ſelbſt die Wohnungs⸗ noth kümmerte ihn nicht. Sein Glück ſchien ihm gemacht. Er fühlte ſich nicht mehr einſam und allein in der großen Reſidenz, denn er beſaß einen Freund, der nach ſeiner Meinung höchſt bedeu⸗ tend war. — Laß Dich durchaus nicht ſtören,— ſagte er mit dem freundlichſten Lächeln zu Stürmer,— ſpiele nur Deine Partie zu Ende, ich kann ſo lange warten, bis Du fertig biſt.— Stürmer wartete keineswegs erſt dieſe Erlaub⸗ niß ab. Er hatte ſich bereits wieder dem Billard zugewendet und entwickelte bei dem Spiele eine große Geſchicklichkeit und Grazie. Jeder Stoß traf feſt und ſicher das Ziel und die Kugeln flogen, als lenkte ſie ſein glänzender Blick, wohin er immer wollte. Gottlieb, der ſonſt kein Intereſſe an der⸗ artigen Vergnügungen zeigte, nahm mit einem Male den lebhafteſten Antheil. Er begleitete von nun an jeden Stoß mit einem frommen Stoßgebet, daß die Kugel nicht ihr Ziel verfehlen möge. Jedes 15 Karambole, das für ſeinen Freund zählte, erfüllte ihn mit Freude und jeder glückliche Treffer ent⸗ zückte ihn. Plötzlich war er ein fanatiſcher Spieler geworden und verfolgte die Partie mit einem nie gekannten Eifer. Endlich war dieſe glücklich been⸗ det. Stürmer ſtrich das Geld, welches er gewon⸗ nen, mit zufriedenem Lächeln ein, legte das Billard⸗ queu aus der Hand und ergriff den Arm des ſeli⸗ gen Hühnerbein. Sie traten auf die Straße. Es war ein ſchöner, heller Herbſttag. Die noch warme Mittagsſonne hatte Tauſende von Spaziergängern aus den dumpfen Stuben ins Freie gelockt. Gott⸗ lieb konnte ſich gar nicht ſatt ſehen an dem präch⸗ tigen Schauſpiel, das ihm geboten wurde, und der eilige Stürmer mußte ihn oft gewaltſam am Arme mit ſich fortziehn. Bald ſtand der Kleinſtädter vor einem Bilderladen feſt und bewunderte die herrlichen Pariſer Kupferſtiche, bald hielt er ſich vor dem prächtigen Schaufenſter eines Juweliers auf und betrachtete den ausgelegten Frauenſchmuck, die gol⸗ denen Armbänder und funkelnden Ketten, wobei er ſeiner guten Schweſter Babette gedachte, der er gern, wenn auch nur das kleinſte Medaillon zum Anden⸗ ken gekauft und überſchickt hätte. Am längſten 16 aber zogen ihn die ausgeſtellten Bücher an. Wenn er nur Geld genug gehabt hätte, er wäre im Stande geweſen, Alles zu kaufen, was ſich ihm darbot, die ſchöne neue Ausgabe von Göthe's Werken, Geibel's Gedichte, die Ritter vom Geiſte und ſelbſt was ſich der Wald erzählt im prächtigen Einband und ſtrahlenden Goldſchnitt. Da es ihm aber am Beſten fehlte, begnügte er ſich damit, zum Aerger für Stürmer, die Titel beſagter Werke andächtig und mit ſehnſüchtigen Blicken zu leſen. Sein Freund ſtörte ihn bei dem billigen Genuß. — Wir müſſen weiter,— ſagte Stürmer,— ſonſt kommen wir nicht vom Fleck. Haſt Du ſchon eine Wohnung?— Mit dieſer Frage berührte der Freund den wunden Fleck in Gottlieb's Daſein. Die Chambre⸗ garniſtenſucht erfaßte ihn von Neuem und er er⸗ zählte ſeine Wanderungen und Irrfahrten, ähnlich dem göttlichen Dulder Odyſſeus. — Dir ſoll geholfen werden,— ſagte Stürmer nach einigem Bedenken,— mein Wirth beſitzt noch eine kleine Stube, die ganz für Dich paſſen dürfte, allerdings geht die Ausſicht auf den Hof.— . V 17 — Um ſo beſſer, ich werde dann nicht geſtört. Doch der Preis?— — Vier Thaler monatlich.— — Ich nehme ſie! ſchrie Gottlieb ſo laut, daß einige Vorübergehende ſich nach ihm umdreh⸗ ten und ihn anſtarrten. Doch was kümmerte das ihn in der Freude ſeines Herzens, einen Freund und eine Wohnung an demſelben Tage gefunden zu haben. Das war faſt zu viel. II. Es giebt Menſchen, denen ihr Beruf auf der Stirne geſchrieben ſteht. Jede Beſchäftigung prägt ſich mehr oder minder deutlich in den betreffenden Zügen aus. Wir erkennen den Denker an der hohen Stirn, den Spekulanten an dem feinen Lä⸗ cheln ſeiner ſchmalen Lippen, warum ſoll der Ver⸗ miether von möblirten Stuben nicht ebenfalls ſeine phyſiognomiſchen Merkmale aufzuweiſen haben? Man brauchte nur Herrn Mullrich anzuſehn, um den Chambregarniſtenwirth ſogleich in ihm zu erkennen. In der ſtumpfen Naſe, den vollen, ge⸗ Ring, Stadtgeſchichten. II. 2 18 rötheten Wangen und den kleinen blinzelnden Augen lag die bornirte Pfiffigkeit, welche von der Ueber⸗ vortheilung junger unerfahrner Leute bisher gelebt. Dieſer Grundton ſeines Weſens wurde von einer gleißneriſchen Freundlichkeit bedeckt, die das arme Opfer um ſo ſicherer zu machen ſuchte. Wie eine dicke Kreuzſpinne ſaß Herr Mullrich und harrte der unbeſonnenen Fliegen, die ſich in ſeinem Netze fin⸗ gen. So lange die Miethe pünktlich einging und ſeine Bedrückung auf keinen Widerſtand ſtieß, war er der liebenswürdigſte und nachſichtigſte Mann, der auch fünfe gerade ſein ließ und keine allzugro⸗ ßen Anſprüche an die Moralität ſeiner Miether machte. Wehe aber den Säumigen! Dieſen Un⸗ glücklichen gegenüber entwickelte er eine koloſſale Grobheit, die ganze Brutalität des vollendeten Weiß⸗ bierphiliſters. Seit nahe an zwanzig Jahren betrieb Herr Mullrich dies Geſchäft im großen Maßſtabe. Da er eine ganze Etage zu dieſem Zwecke benutzte, ſo hatte er ſtets Gelegenheit gehabt, tiefe Studien über die Eigenthümlichkeit und das Weſen der Cham⸗ bregarniſten zu machen. Ein Blick genügte ihm, um die Vermögensverhältniſſe eines Miethers zu 19 ergründen und ſeinen Charakter zu erkennen. Hier⸗ nach richtete ſich auch ſein Benehmen ein, das eben ſo kriechend als verletzend werden konnte. Jeder große Mann hat ſeine Schwächen, und ſo war Herr Mullrich nicht von einem Fehler frei. Er liebte das andere Geſchlecht mehr, als es ſich für einen verheiratheten Mann ziemen mochte. Seine Gattin war nm zehn oder zwölf Jahre älter. Er hatte ſich um die Hand der ſchon beiahrten Wittwe mehr aus nationalökonomiſchen Gründen, als aus wahrer Herzensneigung beworben. Leider mißglückte die Spekulation und ſchlug zu ſeinem Nachtheil aus. Die Wittwe hatte ihr Vermögen bei weitem höher anzugeben gewußt, als es in der Wirklichkeit befunden wurde. Herr Mullrich war leichtſinnig in die ihm geſtellte Falle gegangen und der Pfiffige von dem noch ſchlaueren Weibe überliſtet. Daß die Ehe unter ſolchen Umſtänden nicht die glücklichſte genannt werden konnte, bedarf wohl keiner beſonderen Verſicherung. Sonſt war Frau Mullrich eine lange hagere Geſtalt, mit einer ſcharfen, kreiſchenden Stimme verſehen. Allerdings konnten dieſe Eigenſchaften ihren Gatten für ſeine getäuſchten Erwartungen und in der Blüthe geknick⸗ 2* 20 ten Hoffnungen nicht entſchädigen. Dagegen beſaß ſie eine ausgezeichnete Sparſamkeit, eine Pfiffigkeit, welche ſelbſt die Mullrichs übertraf, und ſchrieb eine gute leſerliche Hand, ſo daß ſie im Stande war, die Bücher und verwickelten Rechnungen des Hauſes ganz allein zu führen. Zur Bedienung und Aufwartung der zahlrei⸗ chen Chambregarniſten war außer einem Stuben⸗ mädchen noch eine Couſine von Mullrich da, deren Verwandtſchaft mit dem Ehrenmann in der Nach⸗ barſchaft ſtark bezweifelt und von den böſen Zun⸗ gen angegriffen wurde. Guſtchen, ſo hieß beſagte Couſine, war ein reizendes Mädchen mit funkelnden ſchwarzen Augen, einer Taille zum Umſpannen und zwei ſchelmiſchen Grübchen in den friſchen Wangen. Sie trug meiſt eine kurze Jacke von dunklem Sammet, welche ihren ſchlanken Wuchs höchſt vortheilhaft hervor⸗ hob. Gegen die Miether war ſie überaus freund⸗ lich und zuvorkommend, beſonders wenn Herr Mull⸗ rich nicht zugegen war, der oft leiſe Anwandlungen von Eiferſucht verſpüren ließ. Keineswegs aber dehnte das ſchöne Kind ſeine Liebe und Zuvorkom⸗ menheit auf alle Bewohner der Etage in gleichem 21 Maße aus, obgleich in ſeinem Herzen Platz für Viele war. Guſtchen hatte ihre Sympathien und Abneigungen ſo gut, wie jedes andere Mädchen auf der Welt, und außerdem eine hervorſtechende Hinneigung für diejenigen Herren, welche durch Theaterbillete, Bänder und Ringe ſich ihrer ein⸗ flußreichen Protektion zu empfehlen wußten; da nach dem Sprüchwort kleine Geſchenke die Freund⸗ ſchaft befeſtigen. Eine Schwäche verrieth ſie nur gegen Ausländer, junge Ruſſen und Engländer, die zuweilen in Mullrichs Spinnennetze fielen. Dieſe Vorliebe entſprang aber in ihr weit weniger aus Mangel an patriotiſcher Geſinnung, welcher bei einem Mann mit Verluſt der Nationalkokarde zu beſtrafen wäre, als aus finanziellen Gründen, da die Wechſel dieſer fremden jungen Leute bedeu⸗ tender als die der Inländer auszufallen pflegten. In dieſem Augenblicke ſaß die Familie Mull⸗ rich, zu der natürlich Guſtchen mit gehörte, zu einer höchſt wichtigen und bedeutungsreichen Kon⸗ ferenz beiſammen. Es handelte ſich um die mo⸗ natliche Rechnung, da der erſte des Quartals vor der Thür ſtand. Bei dieſer Gelegenheit ſollten noch andere höchſt intereſſante Maßregeln, welche 22 die verſchiedenen Miether betrafen, zur Sprache kommen. Es ging zwar nicht um Leben und Tod der Betreffenden, aber doch um allerlei wichtige direkte und indirekte Steuerfragen, welche in ſolch gemeinſchaftlicher Berathung beſchloſſen wurden. Madame Mullrich hatte ihr Kontobuch auf⸗ geſchlagen und ſaß lang und hager, wie der ſtrenge Engel des Gerichts, in dem ſchmutzig braunen Lehn⸗ ſtuhl da. Ihr Gatte rechnete an den dicken kol⸗ bigen Fingern nach, ob ihre Angaben auch ſtimm⸗ ten, während Guſtchen, mit Häkeln beſchäftigt, allerlei wichtige Aufſchlüſſe über den Charakter und die Kaſſe„ihrer Herren“ zum Beſten gab. — Doktor Weiß hat gekündigt und wird im nächſten Monat ausziehn,— ſagte Madame Mull⸗ rich, indem ſie für den benannten Miether die Rech⸗ nung auszog. — Dann bekommt er ſtatt vier Stuͤcken Zucker zum Kaffee nur drei,— entſchied der würdige Mann, — hörſt Du, Guſte, auch kannſt Du den Lehnſtuhl wieder heraus tragen. Wer auszieht, braucht kei⸗ nen Lehnſtuhl mehr. Sieh mir auch nach, ob an dem Schreibtiſch nichts zerbrochen und die Vor⸗ hänge in Ordnung ſind. Wenn etwas fehlt, muß 23 er mir's erſetzen und es wird ihm auf die Rech⸗ nung geſtellt.— Guſtchen merkte höchſt aufmerkſam auf Mull⸗ rich's Befehle, die ſie pünktlich auszuführen beſchloß, da der Doktor Weiß ihr während der ganzen Zeit, daß er im Hauſe wohnte, auch nicht ein einziges Mal ein Theaterbillet angeboten hatte. — Nimm zu ſeiner Milch noch mehr Waſſer, — fügte die kluge Hausfrau hinzu,— er merkt es doch nicht.— — Und wenn er's auch merkt, er ſoll mir nur kommen, der Duckmäuſer,— zürnte Herr Mull⸗ rich, der mit Recht darüber empört war, daß der arme Doktor all die Liebe, welche ihm hier zu Theil geworden war, mit ſchnödem Undank jetzt vergalt, und ſich dem väterlichen Beſteuerungsſyſtem ſeines Wirths zu entziehen verſuchte. Wie dem Sünder ſeine Strafe, ſo wurde dem Gerechten auch ſein Lohn zu Theil. — Der Baron will einen Teppich haben,— bemerkte Guſtchen, die dem Freiherrn von Kronthal, einen jungen Liefländer, der einen anſehnlichen Wechſel bezog, ganz beſonders wohlwollte. — Er ſoll ihn haben,— bekräftigte Herr 24 Mullrich,— der verdient, daß man ihn auf Hän⸗ den trägt. Ein ganz anderer Kerl, wie der Dok⸗ tor, ja, der iſt ein geborner Kavalier, läßt Etwas drauf gehen und ſteht nicht ſo genau die Rech⸗ nung an.— — Ein generöſer Herr,— ſtimmte die Gat⸗ tin bei. — Und immer artig und galant,— ſetzte Guſtchen noch hinzu. — Das verbitt' ich mir,— ſchrie plötzlich der Wirth dazwiſchen, deſſen Eiferſucht durch dieſe Lobſprüche rege gemacht wurde. — Aber Mullrich!— mahnte die Hausfrau. — Nu, nu.— entgegnete dieſer beſänftigt, ich mein' es nicht ſo bös', aber Jugend hat keine Tugend und Guſte iſt eine ſolche Gans, daß ſte Alles glaubt, was ihr die Herren vorſchwatzen. Den Teppich ſoll er bekommen, du kannſt einen alten beim Trödler an der Ecke kaufen, der ver⸗ richtet ganz denſelben Dienſt und kommt nicht ſo theuer. Dafür ſetzen wir ihm das Briefporto höher an, das merkt er nicht und umſonſt iſt nicht ein⸗ mal der Tod.— — Der Aſſeſſor Stürmer iſt zwei und zwan⸗ 25 zig Thaler ſechszehn Groſchen ſchuldig,— unterbrach jetzt Frau Mullrich dieſe nationalökonomiſchen Vor⸗ ſchläge ihres Gatten. — Wenn er dieſen Monat nicht bezahlt, wird er ohne Gnade und Barmherzigkeit gepfändet und herausgeſchmiſſen.— — Der Aſſeſſor hat geſagt, daß er in acht Tagen einen neuen Wechſel bekommt und dann bei Heller und Pfennig Alles berichtigen will,— ſagte Guſtchen, die den jungen aufmerkſamen Mann gern hatte und bei jeder Gelegenheit ſeine Partie nahm. — Fauler Schwindel!— brummte der Haus⸗ wirth,— er muß ausziehn und obendrein verklag' ich ihn noch beim Stadtgericht. Das wird ihn am meiſten ärgern. Dein Aſſeſſor iſt ein Wind⸗ beutel, ein Flauſenmacher, aber mit ſeinen ſchönen Redensarten kommt er bei mir nicht an.— Bei dieſer Charakteriſtik ihres Lieblings, den Guſtchen nicht länger dem aufgebrachten Mullrich gegenüber zu vertheidigen wagte, ließ dieſe ſchmol⸗ lend die Unterlippe hängen und begnügte ſich nur im Stillen zu raiſoniren, wie die bekannte Redens⸗ art beſagt. 26 In dieſem Augenblicke trat der Wolf, von dem die Rede war, ſelbſt in's Zimmer, begleitet von unſerm Gottlieb Hühnerbein, der ſchüchtern an dem Arme ſeines Freundes hing. Mit gewohntem Scharf⸗ blick überſchaute Stürmer ſofort die ganze Situa⸗ tion. An dem kühlen Empfange, der ihm zu Theil wurde, ahnte er das Ungewitter, das ſich ſchon ſeit längerer Zeit drohend über ſeinem Haupte zu⸗ ſammenzog. Er hatte ſeinen Feldzugsplan ſogleich gefaßt und ſegnete im Stillen das Zuſammentref⸗ fen mit Gottlieb, den er als ſeinen Blitzableiter betrachtete. Herr Mullrich erwiederte ſeinen Gruß kurz und barſch, und lüftete kaum die Pelzkappe, die er nur bei außerodentlichen Gelegenheiten in ſeiner Stube abzunehmen pflegte; die Gattin machte ihr ſauerſtes Eſſiggeſicht, wobei ihr grünſpanähnlicher Teint in den verſchiedenſten Nuancen ſchillerte. Guſtchen ſchaute dagegen verlegen zu Boden und wagte nicht, dem im eigentlichſten Sinne Schuldi⸗ gen in's Geſicht zu ſehen. — Das Barometer zeigt auf ſchlechtes Wet⸗ ter,— dachte Stürmer, der all dieſe Zeichen kannte 27 und genau zu deuten wußte,— thut aber nichts, ich habe ſchon manchen ſchlimmern Sturm erlebt. Mit liebenswürdiger Keckheit trat er näher, wobei er ſich das ſchwarze Bärtchen wohlbehag⸗ lich ſtrich. — Wie geht's, Papa Mullrich?— fragte er mit ſchalkhafter Gutmüthigkeit. Dieſer ließ ſtatt jeder Antwort einige unar⸗ tikulirte Brummlaute hören, welche die größte Aehn⸗ lichkeit mit dem Knurren einer biſſigen Dogge hatten, die jeden Augenblick bereit iſt, zähnefletſchend ſich auf den harmloſen Wanderer zu ſtürzen. — Nein, ich ſetze mich nicht,— ſagte der Aſſeſſor, welcher that, als ob ihm Mullrich voll Zuvorkommenheit einen Stuhl angeboten hätte, — wir können unſer Geſchäft ſtehend abmachen.— — Was für ein Geſchäft?— fragte neugie⸗ rig die Wirthin. — Hier, mein Freund, einer der ausgezeich⸗ netſten Philologen der Gegenwart, wünſcht, eine Stube von Ihnen zu miethen und ſich Ihrem müt⸗ terlichen Schutze anzuvertrauen. Gottlieb, dieſes Weib iſt ein Juwel, jeder Zoll an ihr Gemüth, nichts als Gemüth.— 28 War es das geſpendete Lob oder die Ausſicht auf ein neues. Schlachtopfer, die Wirkung blieb dieſelbe. Das ſtrenge Geſicht der Gebieterin er⸗ weichte ſich und ein gekniffenes Lächeln ſchwebte über ihre abgeblühten Züge. Als ſich aber Stür⸗ mer niederbeugte, um die ihr entfallene Feder von der Erde aufzuheben, und dieſelbe mit galantem Anſtand überreichte, ſchwand auch die letzte Spur des zurückgehaltenen Grolls, und die zuckerſüße Freundlichkeit längſt vergangener, ſchöner Tage kehrte auf dem gelben Antlitz wieder. — Allzugütig,— ſagte ſie,— bemühen Sie ſich nicht, Herr Aſſeſſor. Alſo Ihr Freund will zu uns ziehn, das iſt ſchön, das trifft ſich präch⸗ tig. Herr Doktor Weiß geht fort und er kann ſogleich die Stube bekommen. Sie werden hier aufgehoben ſein wie in Abrahams Schooß.— Gottlieb, an den die letzte Anrede gerichtet war, machte eine ſchüchterne Verbeugung und wurde über und über roth, da er ſich ſeit ſeinem Eintre⸗ ten von Herrn Mullrich mit ſtechenden Blicken verfolgt ſah, als wollte dieſer bis zum Grunde ſeiner Taſche niederſchauen. Die Prüfung ſchien zu Gunſten des Kleinſtädters ausgefallen zu ſein; 29 der Wirth, welcher bisher ein tiefes Stillſchweigen beobachtet hatte, fühlte ein menſchliches Rühren und beſchloß, vorläufig ſelbſt gegen Stürmer ge⸗ lindere Saiten aufzuziehen. Der böſe Schuldner hatte ſich einigermaßen wieder dadurch in Gunſt geſetzt, daß er einen neuen Miether dem Hauſe zu⸗ geführt. Dieſes Verdienſt durfte einige Nachſicht, wenn auch nur für kurze Zeit, in Anſpruch neh⸗ men. Mullrich's gerunzelte Stirn entwölkte ſich. Stürmer, dem nichts entging, wußte jetzt, daß der Friede geſchloſſen und das Unwetter vorüber war; auch Guſtchen blickte wieder zu ihm empor und in ihren ſchönen Augen konnte er das Unterpfand eines längeren Kredits deutlich leſen. — Es lebe das Glück, es lebe Gottlieb Hüh⸗ nerbein!— jubelte im Stillen der Aſſeſſor, welcher ſiegreich aus dieſem Kampfe hervorgegangen war und kühner als van Aken das Mullrich'ſche Löwen⸗ paar gebändigt und noch dazu einen neuen Bären angebunden hatte. In Gottliebs Namen, der kaum zu ſprechen wagte, ergriff er jetzt das Wort. — Vorläufig, bis Herr Doktor Weiß aus⸗ zieht, wird ſich mein Freund mit dem Stübchen, das nach dem Hofe hinausgeht, begnügen. Er liebt 30 Ruhe und Einſamkkeit, da er mit einer großen welt⸗ hiſtoriſchen Aufgabe beſchäftigt iſt. Im Vertrauen geſagt, beabſichtigt er ein neues Syſtem zu erfin⸗ den, welches die gegenwärtige Hegelſche Philoſophie, die aus der Mode kommt, verdrängen ſoll. Sie haben mich doch verſtanden, aber vor allen Dingen Verſchwiegenheit, damit Keiner der vielen Konkur⸗ renten etwas merkt und ihm um zwei Pferdelängen zuvorkommt.— Gottlieb, der das Ganze für einen Scherz hielt, freute ſich über die heitere Laune ſeines Freun⸗ des und widerſprach ihm nicht; die Wirthsleute dagegen, denen der mit großem Ernſte vorgetragene Wortſchwall zu imponiren ſchien, ſahen mit einer gewiſſen Verwunderung auf den jungen Mann, der ein ſo großes Unternehmen im Schilde führte. Ihre Leichtgläubigkeit war um ſo verzeihlicher, da ſchon mancher Miether aus ihrem Hauſe hervor⸗ gegangen war, der trotz ſeines unſcheinbaren Aeu⸗ ßern in der Welt einen bedeutenden Ruf und eine anſehnliche Stellung erlangt hatte. Die Erfahrung hatte Mullrich längſt belehrt, daß Beſcheidenheit und Fleiß ſicherer zum Ziele führt, als andere glänzende Gaben der Natur. So kam es, daß 31 der Wirth, trotz der vernachläſſigten Außenſeite Gottlieb's eine ziemlich günſtige Meinung von ſeinem neuen Miether faßte und demſelben ein größeres Vertrauen als ſeinem Freunde Stürmer ſchenkte. Auf einen Wink der Gebieterin hatte ſich Guſt⸗ chen unterdeß erhoben, um dem Kleinſtädter das empfohlene Stübchen zu zeigen. Auf dem dunkeln Flur ergriff der Aſſeſſor ihre Hand, die ſie ihm willig überließ. Als ſie dieſelbe zurückzog, bemerkte ſte ein Parketbillet für den Reitereirkus, das ſie ſchnell in ihren Buſen verbarg. Gottlieb hatte nur Augen für die kleine Wohnung, welche das Mädchen ihm aufthat. Das Stübchen gefiel ihm trotz der dürftigen Möbel und der Ausſicht auf den Hof, die überdies noch von einer hohen Brand⸗ mauer begränzt wurde. Unſer Freund liebte in der That Ruhe und Stille, und ſah ſich ſchon im Geiſt über ſeinen Büchern und am Schreibtiſch ſitzen. Schnell wurde er über die geſtellten Bedingungen mit ſeinen neuen Wirthsleuten einig. Haus⸗ und Stuben⸗ ſchlüſſel wurden ihm ſogleich eingehändigt, das Bett mit friſchen Ueberzügen und der Waſchtiſch mit Waſſer verſehen. In einer Droſchke holte er aus dem Gaſthauſe ſeine Habſeligkeiten ab und bezahlte die Rechnung, welche ungeachtet des kur⸗ zen Aufenthalts zu einer verhältnißmäßig anſehn⸗ lichen Summe angewachſen war. Trotz alledem und alledem war Gottlieb über⸗ glücklich als er ſich ziemlich ermüdet auf den har⸗ ten Divan niederließ, den er frei benutzen durfte und auf den er ſich mit großer Behaglichkeit der Länge nach ausſtreckte, um ſich ſeinen Gedanken zu überlaſſen. Madame Mullrich aber legte für ihn ein neues Konto an. II. Kaum war am andern Tag der frühe Mor⸗ gen angebrochen, ſo ſprang auch Gottlieb ſogleich von ſeinem Lager auf. Es duldete ihn nicht län⸗ ger im Bett, wenn der helle Sonnenſchein trotz der Vorhänge in ſein Zimmer fiel. Er trat an das Fenſter und öffnete dasſelbe. Die Ausſicht war beſchränkt, aber auf dem Hofe begann es ſich zu rühren und zu regen. Zuerſt kamen die Dienſt⸗ 33 mädchen aus dem Hauſe und holten an dem Brun⸗ nen, welcher ſich daſelbſt befand, ihren täglichen Waſſerbedarf. Der verſchiedene Charakter der Mäd⸗ chen verrieth ſich in der Art und Weiſe, mit wel⸗ cher ſie den Pumpenſchwengel regierten. Läſſig und gähnend ſetzte ihn die Faule in Bewegung, mit einem raſchen Schwung die Emſige, obgleich noch in der Mitte eine Menge feinerer Nuancen lagen, welche ſelbſt dem aufmerkſamen Beobachter leicht entgehen konnten. Nun kam der Burſche des Lieute⸗ nants dazu, der in demſelben Hauſe wohnte. Er trug eine Kaffeemaſchine in der Hand, um dieſelbe zu reinigen. Die Mädchen ſchienen über die Un⸗ geſchicklichkeit, mit welcher er ſich bei dieſer Be⸗ ſchäftigung anſtellte, zu ſpotten, während der wak⸗ kere Krieger ſich dadurch rächte, daß er unverſehens die Neckenden mit Waſſer aus der hohlen Hand beſpritzte. Lachend ſtoben die Mädchen auseinan⸗ der, um im nächſten Augenblick mit ihren gefüllten Karaffen dem armen Burſchen dermaßen auf den Leib zu rücken, daß der tapfere Soldat es für beſ⸗ ſer fand, ſich durch die Flucht dem Angriff der vereinten Amazonen zu entziehen. Das Triumph⸗ geſchrei der Siegerinnen und ihr Hohn verfolgte Ring, Stadtgeſchichten. II. 3 34 ihn.— Eine neue wichtige Perſönlichkeit erſchien jetzt auf dem Schauplatz, der Milchmann, welcher durch ſein eintöniges Geſchrei:„Milich, Milich!“ das er von Zeit zu Zeit wiederholte, ſeine Anwe⸗ ſenheit ſämmtlichen Bewohnern des Hauſes ankün⸗ digte. Die Mädchen eilten wieder herbei und ſchaar⸗ ten ſich um den Karren, der von einem großen Hunde gezogen wurde. Auch die arme Schuhma⸗ chersfrau aus dem Hinterhauſe kam mit ihrem Topfe angehinkt, denn ſie war lahm auf dem einen Bein. An der Hand führte ſie das jüngſte Töch⸗ terchen, ein reizendes Kind mit wirren blonden Haaren und vom Schlaf gerötheten Wangen, das ſein Krügelchen feſt mit den beiden kleinen Händen hinhielt, um es ſich ebenfalls füllen zu laſſen. Der Milchmann that dies mit einem freundlichen Lächeln, das Gottlieb ganz beſonders wohlgefiel. Auch die Maͤdchen beſchäftigten ſich mit der Kleinen, die ſie liebkoſten und ſtreichelten. Unſer Freund am Fenſter aber hatte ſeine Freude dran, daß das rein Menſchliche und Schöne, welches in der Kin⸗ dernatur liegt, hier allgemeine Anerkennung fand. Nach einer Weile kam der Burſche des Lieu⸗ tenants wieder und führte ein ſchönes Pferd am 3⁵ Zügel. Das feurige Thier ſcharrte ungeduldig auf dem Pflaſter des Hofes und biß ſchäumend in den Zaum. Endlich trat der Offizier heran, ſtreichelte den glänzenden Bug und die flatternden Mähnen, ſchwang ſich auf ſein Roß und ſprengte pfeifend im ſauſenden Gallop davon. Ein Fenſter, das nach dem Hof hinausging, öffnete ſich und Gott⸗ lieb glaubte die reizende Couſine des Wirths in ihrem Morgennegligée zu erkennen. Je ſpäter es wurde, deſto lebendiger regte ſich's im Hauſe und auf dem Hofe. Thüren wurden auf und zu geſchlagen, Klingeln läuteten, Stimmen riefen. Den meiſten Spektakel aber machte der Stiefelputzer mit ſeinem Klopfſtock. Der fleißige Mann hieb unbarmherzig auf die aufgehängten Kleidungsſtücke und dazu ſang er mit lauter Stimme ein bekanntes Lied. Manchmal ſchien es als ob er mit ganz beſonderer Wuth auf einen Leibrock los⸗ droſch; vielleicht dachte oder wünſchte er dabei, daß ſein Beſitzer darin ſtecken möge. Es hätt' ihm ſicher nichts geſchadet. Gottlieb aber wurde in ſeinen Fenſterſtudien durch das Dienſtmädchen unterbrochen, welches ihm mit einem freundlichen Gruße das Frühſtück brachte. 3*¾ 36 Herr Mullrich litt aus übertriebener Zuvorkom⸗ menheit nicht, daß ſeine Herren ſich den Kaffee auf der eigenen Maſchine machten. Dieſe Aufmerkſam⸗ keit verdiente um ſo größere Anerkennung, da der brave Mann durch eine gehörige Zuthat von Zi⸗ chorien und Waſſer dafür ſorgte, dem erhitzenden Getränke alle jene üblen Eigenſchaften zu benehmen, welche ſchädlich auf die Blutmiſchung ſeiner Miether einwirken konnten. Unſer Freund bemerkte nichts hiervon, nur eine frappante Aehnlichkeit mit dem Familienkaffee, der in ſeinem elterlichen Hauſe gang und gebe war, glaubte er zu entdecken. Nun aber hatte er keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, ſondern vollauf zu thun. Vor allen Dingen mußte er ſeine Sachen in Ordnung bringen. Aus dem Fell⸗ eiſen holte er die Weißwäſche hervor, welche ſeine Schweſter Babette ſorgfältig eingepackt und mit rothen Bändchen verſehen hatte. Dazu hatte ſie noch ein genaues Verzeichniß angefertigt und Gottlieb an das Herz gebunden, weil ſie überzeugt war, daß ihr Bruder in dergleichen Dingen ſich ſtets eine furchtbare Nachläſſigkeit zu Schulden kommen ließ. Bald fehlte ihm ein Hemde, bald paßten die Num⸗ 37 mern der Socken nicht zu einander und beſonders hatte unſer Freund eine erſtaunliche Virtuoſität im Verlieren ſeiner Schnupftücher erlangt. Schwe⸗ ſter Babette aber war das wirthlichſte Mädchen von der Welt und konnte über eine derartige Unordung außer ſich gerathen. Ihre Ermahnungen klangen noch in Gottliebs Ohren, und der Wäſchzettel von ihrer eigenen Hand geſchrieben, übte wenigſtens für den Augenblick einen vortheilhaften Einfluß aus. Die wenigen Kleidungsſtücke wurden ebenfalls in den Schrank gehängt und ſorgſam verſchloſſen, da ihm allerlei väterliche Warnungen vor den Spitz⸗ buben der großen Stadt noch zur rechten Zeit ein⸗ fielen. Je ärmlicher ſeine Garderobe, deſto reicher war ſein Bücherſchatz, den er mit beſonderer Vor⸗ liebe auf das dazu dienende Repoſitorium ſtellte. Auch die Seripturen und Manuſcripte ordnete er ſorgſam, wobei ihm manches theure Blatt, manches Gedicht in die Hände fiel, das ihn an jene ſchönen Stunden mahnte, wo die Muſe bei ihm eingekehrt war. So wenig es auch glaublich klingt, ſo müſ⸗ ſen wir doch anführen, daß in Gottlieb ein Poet ſteckte und dazu ein wahrer und ächter. Nur eine übertriebene Schüchternheit hatte ihn bisher abge⸗ 38 halten, ſeine Geiſtesprodukte, die es mehr als an⸗ dere verdienten, zu veroffentlichen. Mitten in dieſer Beſchäftigung wurde er durch den Eintritt Stürmers unterbrochen, der bei Wei⸗ tem ſpäter aufgeſtanden war und im türkiſchen Schlafrock, eine Zigarre rauchend, eintrat, um den Freund zu begrüßen. Der Aſſeſſor ließ ſich auf dem Divan nieder und blies wohlbehaglich die blauen Tabackswölkchen kräuſelnd in die Luft. — Gut geſchlafen, Gottlieb?— fragte er herablaſſend. — Vortrefflich! ich war geſtern von dem vie⸗ len Herumlaufen ſo müde. Verzeih mir nur, daß ich ſo wenig mit dir von den Deinigen geſpro⸗ chen habe.— — Thut nichts; alſo der Vater iſt wohl⸗ auf?— — Ganz wohl und munter iſt er nicht, er klagt uͤber die Gicht.— — Sein altes Leiden,— entgegnete Stürmer, kurz abbrechend,— was macht mein Schwager Naſchke?— 39 — Nun, dem geht es ganz gut, er hat ein neues Haus gebaut und ſich prachtvoll einge⸗ richtet.— — Der Ggeiſt denkt nur an ſich, mag die übrige Welt zu Grunde gehen,— rief Stürmer, indem er die Wolken der Zigarre heftig von ſich blies. Hiermit ſtockte das Geſpräch, obgleich es Gottlieb gern geſehen, wenn Stürmer ſich noch mehr um die Heimath bekümmert hätte, Ihm war es ein rechtes Bedürfniß, ſich derſelben zu er⸗ innern und ſein ganzes Herz hing an der kleinen Stadt und allen ihren Beziehungen. Ueberhaupt fiel ihm heute die Einſylbigkeit ſeines Freundes auf, der doch geſtern an der Tafel in der Reſtauration ſo beredt geweſen war. Gottlieb wußte noch nichts von jenen Menſchen, welche wie manche Waſſer⸗ künſte nur am Sonntag und bei feſtlichen Gelegen⸗ heiten ſpringen, wenn ein großes Publikum zuge⸗ gen iſt, von dem ſie ſich bewundern laſſen. Nach einer Pauſe fragte Stürmer ſeinen Freund, was er heut beginnen wollte. — Ich habe einige Empfehlungsbriefe, die ich abzugeben gedenke, vielleicht können dieſe mir von Nutzen ſein.— Ein ſpöttiſches Lächeln flog über das Ange⸗ ſicht des Aſſeſſors, dennoch ließ er ſich die Schrei⸗ ben weiſen. — Hm!— ſagte er, dieſelben muſternd,— ganz reſpektable Leute, man wird dich höflich auf⸗ nehmen, wiederkommen heißen, im äußerſten Falle dich zu Tiſche bitten und damit hat die Sache ein Ende. Ich kenne Das. Wenn du meinen Rath hören willſt, ſo thäteſt du am beſten daran, mit deinen Empfehlungsbriefen dir die Pfeife anzuſtecken. Die ganze Geſchichte lohnt nicht die Schuhſohlen, welche du dir ablaufen wirſt.— — Aber ich habe mir ſo viele Hoffnungen gemacht!— — Theurer Freund! nur keine Illuſionen, wie ein berühmter Dichter der Gegenwart ſingt. Jedoch will ich dir meine Meinung nicht aufdrängen. Es i*ſt immer intereſſant genug, eigene Erfahrungen zu machen und eine Bereicherung deiner Menſchenkennt⸗ niß kann dir durchaus nicht ſchaden.— — Ich habe ganz etwas Anderes gehofft, thä⸗ tige Hülfe und Unterſtützung.— — Da kennſt du dieſe Leute nicht. In der großen Stadt giebt es nur große Egoiſten. Jeder 41 iſt ausſchließlich mit ſich ſelber beſchäftigt, Keiner kümmert ſich um den Andern. Man wird dich freundlich aufnehmen, ſo lange dein ſchwarzer Leib⸗ rock nicht allzu abgetragen und deine Glaceehand⸗ ſchuh nicht allzu ſchmutzig ſind. Schwacher Thee, dünne Butterbrode und ſchöne Redensarten voilà tout. Biſt du Gottes Sohn, ſo hilf dir ſelber.— Während Stürmer mit einer gewiſſen Bitter⸗ keit ſo ſprach und den armen Gottlieb faſt entmu⸗ thigte, warf er von Zeit zu Zeit noch einen Blick auf die Adreſſen der Empfehlungsbriefe, welche er in ſeinen Händen hielt. Plötzlich unterbrach er ſich, indem er eine der Ueberſchriften las. — Wie ſo kommſt du zu dem Geheimrath Wallner?— fragte er ſichtlich überraſcht. — Er iſt ein Studienfreund meines Vaters, — entgegnete Gottlieb,— kennſt du ihn?— — Ich komme häufig in das Haus,— ant⸗ wortete Stürmer zögernd. — Ach, das iſt herrlich!— rief freudig der Kleinſtädter aus.— Dann kannſt du mir ja den Gang heute erſparen und mich vorſtellen. Ich fürchte mich ohnedieß, ſo allein hinzugehen, du glaubſt gar nicht, wie ich mich dabei ängſtige. Ich 42 weiß nicht, was ich mit den Leuten ſprechen ſoll, wenn du aber dabei biſt, wird es mir gewiß an Muth nicht fehlen.— — Nun wir wollen ſehen,— meinte der Aſ⸗ ſeſſor ausweichend. — Ach, vielleicht iſt er dir unangenehm,— entgegnete Gottlieb traurig,— dann will ich lie⸗ ber allein hingehen, ſo ſchwer es mir auch fällt.— — Du biſt im Irrthum,— ſagte Stürmer nach einigem Beſinnen.— Ich will dich recht gern vorſtellen, doch überſchätzeſt Du vielleicht meinen Einfluß in dem Hauſe. Ich komme allerdings häu⸗ fig hin, aber es giebt ſo eigenthümliche Verhält⸗ niſſe.— — Wenn es dich genirt— — Das gerade nicht, doch ich ſehe, daß ich dir gegenüber offen ſein muß. Der Geheimrath hat eine Tochter aus der erſten Ehe,— — Die du liebſt,— fiel Gottlieb ſchüchtern ein. — In der That bevorzugt mich Klara ſeit einiger Zeit auffallend vor allen übrigen Bewer⸗ bern. Ich habe mehrfache Beweiſe einer entſchie⸗ denen Neigung in der Hand. Ich könnte dir Locken, Briefe zeigen, doch vor allen Dingen iſt die größte 43 Diskretion hier nöthig. Ich beſchwöre dich daher, kein Wort über dies Verhältniß zu ſprechen, das ſchon ſeit länger als einem Jahre beſteht.— — Du kannſt dich auf mich verlaſſen. Ueber meine Lippen ſoll keine Silbe kommen. Ach! ich könnte dich beneiden, wenn du nicht mein Freund wärſt. Wie glücklich mußt du ſein, ein Mädchen gefunden zu haben, das dich heiß und innig liebt! Mir wird es wohl nie im Leben ſo gut werden, wer könnte ſich in mich verlieben?— Ein ſchmerzliches Lächeln begleitete dieſe Worte Gottliebs. Er mußte unwillkürlich an ſeine Som⸗ merſproſſen, ſeine mageren und ungeſchickten Glie⸗ der denken; dennoch war ſein Herz ſo liebebedürftig und er fühlte eine tiefe Sehnſucht nach einem Weibe, dem er gewiß ſein ganzes Leben gewidmet hätte. Bis jetzt war ihm nie ein ſolches Glück zu Theil geworden; die muthwilligen Mädchen, welche nur allzuſehr auf die Außenſeite ſehen, ſpotteten über die Figur und das Benehmen des armen Gottlieb Hühnerbein, und lachten über ihn, wenn er es ſich einmal einfallen ließ, zärtlich zu ſein. Daran dachte Gottlieb in dieſem Augenblick, und das Geſtändniß 44 ſeines Freundes erfüllte ihn mit Wehmuth und Trauer. Stürmer war zu ſehr eingefleiſchter Egoiſt, um die ſchmerzliche Bewegung ſeines Stubengenoſſen zu bemerken. Er dachte nur an ſeine Verhältniſſe und darüber nach, wie er wohl die Anweſenheit Gottliebs und ſeine Empfehlung am beſten für ſich und ſeine Zwecke nützen könnte. Er war aller⸗ dings im Hauſe des Geheimraths eingeführt, doch trotz ſeiner Verſicherungen noch weit entfernt, ſich als Verlobter der liebenswürdigen Klara betrachten zu dürfen. Wenn es ihm auch gelungen war, die eitle und gefallſüchtige Geheimräthin für ſich ein⸗ zunehmen, ſo hatte Herr Wallner deſto mehr gegen eine Verbindung mit dem Aſſeſſor einzuwenden, der bisher noch eine unbeſoldete Stellung verſah. Klara ſelbſt ließ ſich Stürmers Huldigungen, wie jedes junge Mädchen, gern gefallen, und fuͤhlte ſich ſogar einigermaßen zu dem gewandten und geiſtreichen Mann hingezogen, der allerdings durch geſellſchaft⸗ liche Talente, Witz und Liebenswürdigkeit ein ein⸗ faches Mädchen blenden konnte.. Der Aſſeſſor hätte leicht ſeinen Freund dazu bewegen können, ſeinen Empfehlungsbrief bei Wall⸗ 45 ner gar nicht abzugeben, doch das lag nicht in ſeinen wohlberechneten Plänen. Er brauchte einen Bundesgenoſſen und glaubte denſelben in dem gut⸗ müthigen Gottlieb gefunden zu haben. — Gottlieb,— ſagte er daher nach einigem Bedenken,— wir ſind Jugendfreunde und kennen einander ſeit der ſchönen Knabenzeit. Ich fühle wie ein Bruder gegen dich und erwarte von dir dieſelbe Freundſchaft, die in meinem Herzen lebt.— Dieſe feierliche Anrede verfehlte ihre beabſich⸗ tigte Wirkung nicht. Die gute Seele war ſo er⸗ griffen, daß ihr die Thränen in den Augen ſtanden. — Ich will für dein Glück ſorgen,— fuhr der Aſſeſſor in demſelben Tone fort,— das halte ich für meine Pflicht. Ich beſitze einflußreiche Be⸗ kanntſchaften, Verbindungen, die ich nicht nennen kann. Du verſtehſt doch?— Gottlieb nickte nur mit dem Kopfe. — Wohlanl ſchließen wir ein Bündniß auf Leben und Tod!— Wer war ſeliger als unſer Freund, dem Stür⸗ mer ſeine Hand entgegenhielt! Er ſank gerührt an die Bruſt des Aſſeſſors und gelobte feierlich Treue und Anhänglichkeit bis in den Tod. Der 46 gute Kleinſtädter glaubte noch an ein uneigennützi⸗ ges über alle irdiſche Berechnung erhabenes Gefühl. Seine reine Seele ſchauerte in dieſem Augenblick, als hätte ſie die Hand des Ewigen berührt. — Und nun,— ſagte Stürmer, der ſich zu⸗ erſt aus Gottliebs Umarmung loswand,— wollen wir gemeinſchaftlich unſer Glück begründen. Ich führe dich, ſobald es angeht, dem Geheimrath zu. Natürlich wirſt du in dem Hauſe Alles thun und ſprechen, was mir nützen kann.— — Wie magſt du daran zweifeln?— — Das thu' ich ja auch nicht. Der Geheim⸗ rath wird gewiß mit Dir über mich und meine Verhältniſſe ſprechen, es wäre mir dann lieb, wenn du die Vermögensverhältniſſe meines Vaters ein wenig herausſtreichen würdeſt. Das kann nicht ſchaden.— Gottlieb war durch dieſe Forderung überraſcht, ſeine Wahrheitsliebe ſträubte ſich gegen eine Zu⸗ muthung, welche ſein Freund mehr ahnen ließ, als in klaren Worten forderte. Sein ehrliches Geſicht drückte unverſtellt Zweifel und Beſtürzung aus. — Schreckſt du vor der erſten Probe ſchon zurüͤck? kannſt du mein Vertrauen täuſchen?— 47 fragte Stürmer im rührendſten Tone, der ihm ge⸗ läufig zu Gebote ſtand. Du brauchſt ja nur bei⸗ läufig fallen zu laſſen, daß mein Vater ein wohl⸗ habender Gutsbeſitzer iſt.— — Ich möchte nicht gern eine Unwahrheit ſagen,— entgegnete dieſer ſchlicht und einfältig. — Und über dieſe kleinſtädtiſchen Bedenken foll dein Freund zu Grund gehen und zwei liebende Herzen brechen?— rief der Aſſeſſor mit halb wah⸗ rem, halb erkünſteltem Pathos aus.— O! wenn du wüßteſt, was ich bisher gelitten, welche Opfer und Entbehrungen ich mir auferlegt, um zu mei⸗ nem Ziele zu gelangen, du würdeſt Mitleid mit meiner Lage haben und deine kleinliche Auffaſſung der Verhältniſſe der Freundſchaft zum Opfer brin⸗ gen. Ich habe für dieſe Liebe geduldet und gedarbt, mir jede Entbehrung auferlegt, und nun Alles ver⸗ gebens. Geh hin und verrathe deinen Freund und zerſtöre durch ein einziges Wort das mühſam auf⸗ geführte Gebäude meines Glücks!— Während Stürmer ſo ſprach, ging er mit haſtigen Schritten in der kleinen Stube auf und nieder. Er hatte ſich ſelbſt in dieſen tragiſchen Ton hineingeredet und gefiel ſich jetzt darin. Ja, 48 die Rührung über ſeine eigenen Worte ging ſo weit, daß ihm faſt die Thränen in den Augen ſtanden, und er ſelber nicht mehr wußte, wo die Wahrheit aufhörte und ſein Spiel begann. Gottlieb war tief erſchüttert. Ein inniges Mitleid mit der Lage ſeines Freundes hatte ihn ergriffen. — Robert!— rief er jetzt mit zitternder Stimme,— ich werde dein Vertrauen zu ehren wiſſen. Hier haſt du meine Hand, ich will deine Liebe ſchützen wie und wo ich kann, und wenn es Noth thut ſelbſt zu deinen Gunſten— Er vollendete nicht. Das Wort„lügen“ ver⸗ mochte er nicht vorzubringen. Der Abſcheu ſchnürte ihm die Kehle zu. — Du willſt alſo meine Pläne unterſtützen und über meine Vermögensverhältniſſe den ge⸗ wünſchten Aufſchluß geben?— — Wenn man mich fragt, werde ich nichts zu deinem Ungunſten berichten. Ueberdem iſt dein Vater nicht ganz unvermögend, er beſitzt Haus und Felder— — Ein kleines Landgut,— ſchaltete Stürmer dazwiſchen ein. 49 — Ein kleines Landgut,— ſprach Gottlieb mechaniſch nach. — Mit allem Zubehör und ſchuldenfrei. Mein Schwager Raſchke iſt ſogar ein reicher Mann, Fa⸗ brikbeſitzer, und beſchäftigt mehr als hundert Ar⸗ beiter. Vergiß nicht, von meinem Schwager viel mit dem Geheimrath zu ſprechen.— — Du kannſt dich ganz auf mich verlaſſen.— — Was du für mich thuſt, werde ich dir dereinſt vergelten. Alſo Freunde für die Ewig⸗ keit!— Bei dieſen Worten empfand Gottlieb von Neuem jenen heiligen Schauer, der ihn ſtets ergriff, wenn von etwas Großem oder Schönem in ſeiner Gegenwart die Rede war. Stürmer drückte zum Abſchied ihm die Hand, und dieſer Händedruck hatte den letzten Zweifel in der Seele des guten Klein⸗ ſtädters beſtegt. Er gehörte mit Leib und Seele von nun ab dem Aſſeſſor an. Ring, Stadtgeſchichten. II. IV. Gottlieb hatte bei ſeinem Abſchiede aus dem elterlichen Hauſe von ſeinem guten Vater, dem Profeſſor an dem Gymnaſium einer kleinen Stadt, viel gute Lehren und wenig Geld mit auf den Weg erhalten. Zum Glück beſaß er von einem wohl⸗ wollenden Gönner, der ſich für ihn intereſſirte, eine Anweiſung auf das Haus Meyer und Kompagnie, 4 die zugleich mit einem dringenden Empfehlungs⸗ ſchreiben verbunden war. Er beſchloß auf Stür⸗ mers Rath, jetzt beides abzugeben, da er außerdem ſo manche Hoffnung noch an dieſen Beſuch knüpfte. Gottlieb hatte auf Wunſch ſeines Vaters ebenfalls das Studium der Philologie gewählt und zu dieſem Zwecke eine kleine Provinzial⸗Univerſität beſucht, wo er ſich durch Talent und Fleiß aus⸗ zeichnete. Nach vierjährigem Aufenthalt daſelbſt hatte er ein glänzendes Examen abgelegt und ſtand nun im Begriff, ſein Probejahr als unbeſoldeter Hülfslehrer in der Hauptſtadt anzutreten. Er hatte, im Einverſtändniſſe mit ſeinem trefflichen Vater, dieſe Wahl um ſo lieber getroffen, da er in der 1 Reſidenz eine höhere Ausbildung zu erlangen und die Lücken ſeines Wiſſens auszufüllen hoffte. Frei⸗ lich reichten dazu ſeine Geldmittel kaum hin. Von ſeinen guten Eltern, welche eine zahlreiche Familie zu verſorgen hatten, konnte er nur eine geringe Unterſtützung erwarten. Vorläufig hatte ein rei⸗ cher und vornehmer Gönner, der ihm wohlwollte, die kleine Summe ihm vorgeſtreckt, die er eben im Begriff ſtand, einzukaſſiren. Außerdem hoffte er durch ſeine Empfehlungsbriefe mit der Zeit ein⸗ trägliche Stunden oder anderweitige Beſchäftigun⸗ gen zu erlangen, die ihm ſeinen Lebensunterhalt verſchaffen ſollten. Mit Herzklopfen blieb daher der arme Kan⸗ didat, nachdem er ſchon manche Straße durchwan⸗ delt hatte, vor einem großen prächtigen Gebäude ſtehn. Er verglich zuerſt die Adreſſe ſeines Em⸗ pfehlungsſchreibens mit der Hausnummer, die über dem breiten Portale auf einem blauen Schilde gol⸗ den angeſchrieben ſtand. Da das Thor verſchloſſen war, ſo griff er nach dem emaillirten Klingelzug, auf welchem der Name des Eigenthümers, Kom⸗ merzienrath Meyer, deutlich zu leſen war. Trotz⸗ dem zweifelte Gottlieb noch immer, ob er ſich auch 4* 52. nicht geirrt, denn Meyer giebt es in der Reſi⸗ denz wie Sand am Meer, aber der Zuſatz, Kom⸗ merzienrath, erhob den Gattungsnamen zur beſon⸗ dern Spezies. Gottlieb klingelte, und faſt zitterte ſein Herz ſo heftig wie die Glocke ſelbſt, als ihr lauter Schall das weite Haus durchdröhnte. Ein Portier öffnete und fragte nach ſeinem Begehr. Unſer Freund meldete ſich als Ueberbringer eines Schreibens und wurde nach dem Komptoir gewieſen, wo der Chef des Hauſes Meyer und Kompagnie in dieſem Augen⸗ blick verweilte. Das Komptoir, welches im Hofe lag, war ein kleines düſteres Stübchen, dem man es nicht anſah, welche ungeheure Summen es ver⸗ barg. Hier entſprang der unſcheinbare Quell des glänzenden Lurus, der in dem ganzen übrigen Hauſe herrſchte. Patentirte Geldſpinden, Drehſtühle und einfache Holzpulte bildeten die ganze Einrichtung, Kourszettel und andere Papiere hingen ſtatt der Kupferſtiche und Bilder an der grauen Wand. Hinter ihren vergitterten Plätzen ſaß eine Anzahl von Kommis, welche ununterbrochen ſchrieben und rechneten. Außer dem eintönigen Pendelſchlag einer Schwarzwälder Uhr, welche das einzig lebende We⸗ 53 ſen unter dieſen Schreibmaſchinen zu ſein ſchien, hörte man nur noch das kritzelnde Geräuſch der Federn. Durch den Eintritt des alten Buchhalters, der eben von der Börſe kam, wurde jetzt dieſe lang⸗ weilige Stille unterbrochen. Ohne ſich aufzuhalten, ging der bewährte Diener des Hauſes in das Aller⸗ heiligſte, das durch einen Vorhang von dem übri⸗ gen Raum geſchieden war und wo der Oberprieſter, der Kommerzienrath Meyer, an ſeinem Cylinder⸗ bureau arbeitete. — Nun, Landauer, wie ſind ſie gekommen?— fragte der Chef, der das Hauptbuch vor ſich auf⸗ geſchlagen hatte. Gleich einem ſchnarrenden Räderwerk, das eben aufgezogen worden iſt, ſetzte ſich der alte Kommis in Bewegung und ſtattete ſeinen Bericht ohne Un⸗ terbrechung ab. — Bergiſch⸗Märkiſche 44 ½, Stargardt⸗Po⸗ ſener 86 ¾, Ruhrort⸗Crefeld 83 ⅛. — Ich habe gewußt, daß es ſo kommen wird, — ſagte der Bankier, nachdem der alte Buchhal⸗ ter geendet hatte,— und darum in der letzten Zeit nur à la hausse ſpekulirt. — Woher haben Sie gewußt? Wir haben doch keine beſondere telegraphiſche Depeſche erhal⸗ ten,— fragte der treue Diener verwundert. — Landauer, Sie ſind ein guter Menſch und können ausgezeichnet rechnen, aber Sie haben kei⸗ nen Begriff von der höheren Politik. Dazu ge⸗ hört Genie, und Genie iſt eine Gottesgabe. Wie viel haben wir durch den heutigen Koup verdient?— — Drei tauſend Thaler, ſechzehn Silbergro⸗ ſchen und neun Pfennige machen allein die Diffe⸗ renzen.— — Notiren Sie den Vorfall und ſchreiben Sie dem Geheimrath Wallner zehn Prozent von der Summe gut.— — Ins geheime Konto?— — Natürlich! Sie wiſſen doch. Dieſer Mann iſt mein wahrer Freund und verdient in Gold ge⸗ faßt zu werden. Ich ſage Ihnen, der hat eine Naſe, eine Naſe!— In dieſem Augenblicke trat Gottlieb ein, um ſein Empfehlungsſchreiben abzugeben. Sein ſchůch⸗ ternes Ausſehn veranlaßte Herrn Meyer, ihn an⸗ fänglich für den neuen Kommis eines ſeiner Ge⸗ ſchäftsfreunde zu halten. Erſt nachdem er den Brief geleſen hatte, wurde er ſeinen Irrthum ge⸗ 55 wahr und ließ Gottlieb die kleine Summe ſogleich durch den Kaſſirer auszahlen. — Sehr willkommen, ſetzte der Bankier hinzu, mit einem Geſichte, das ſeine Worte Lügen ſtrafte. Setzen Sie ſich, oder, wiſſen Sie was, ich werde Sie gleich meiner Familie vorſtellen. Wollen Sie voranſpaziren?— Unterwegs hatte Gottlieb hinlänglich Zeit, die prachtvolle Einrichtung des Hauſes zu bewundern, welche mit der des kleinen ſchmutzigen Komptoirs wunderbar kontraſtirte. Die Treppengeländer wa⸗ ren von vergoldeter Bronze, der Hausflur mit paſ⸗ ſenden Gemälden geſchmück, welche dem Klein⸗ ſtädter Wunderwerke der Kunſt zu ſein ſchienen. Bunte Glasfenſter flammten in hellſter Farbenpracht, auf dem weiten Korridor lagen weiche Decken, welche Gottlieb kaum zu betreten wagte. Sie ſchritten durch einen großen Vorſaal, der von der Decke faſt bis zum Boden mit Oelbildern behangen war. — Meine Gallerie— bemerkte Herr Meyer ſelbſtgefällig im Vorübergehn.— Alles ächte Ori⸗ ginale, koſten mich ein Paar Tauſend Thaler, aber ſind das Geld unter Brüdern werth. Nun, wenn 56 Sie mich wieder beſuchen, können Sie die Bilder genauer anſehn.—. Ohne Gottlieb Zeit zu laſſen, ſeine Bewunde⸗ rung auszuſprechen, öffnete Herr Meyer die großen Flügelthüren, welche nach dem Wohnzimmer ſeiner Familie führten. Die Klänge eines Klaviers und eine friſche Mädchenſtimme ſchallten dem Eintreten⸗ den entgegen. — Ich fürchte zu ſtören,— flüſterte Gottlieb zaghaft.. — Es hat nichts zu bedeuten,— entgegnete der Bankier,— meine Tochter ſingt gewiß ein Lied von Mendelsſohn. Nun, wenn Sie uns wieder be⸗ ehren, werden Sie ihre Stimme hören können. Es wird in meinem Hauſe viel Muſik gemacht.— Herr Meyer hielt Gottlieb an der Hand und führte ihn einer ältlichen Dame zu, welche auf einem erhöhten Sitz am Fenſter Platz genommen hatte und ſchon längere Zeit aufmerkſam auf die belebte Straße niederſchaute. — Herr Doktor Hühnerbein,— meine Frau, — ſtellte der Bankier Beide vor.— Hier, meine Tochter Joſephine.—— Madame Meyer nebſt Tochter verneigten ſich, 57 3 dann ſetzte ſich die Erſtere wieder und blickte un⸗ verwandt hinaus. Von Zeit zu Zeit erhob ſich die kleine, wunderlich geputzte Dame und machte eine tiefe Verbeugung, als grüßte ſie irgend eine hochgeſtellte Perſon. So oft Madame Meyer dieſe Bewegung zeigte, fragte ihr Gatte:— wer iſt es geweſen, mein Kind?— — Die Prinzeſſin Louiſe,— lautete die Ant⸗ wort,— Gott, wie huldreich haben mich die kö⸗ nigliche Hoheit gegrüßt. Sie ſieht heute wie ein Engel aus.— Nach einer Pauſe folgte ein neuer Knir und wiederum dieſelbe Frage. — Prinz Cduard, lieber Meyer, er hat her⸗ aufgeſehen und genickt.—— In dieſer Weiſe ging es fort und fort, ſelbſt die leeren Hofequipagen erhielten von der kleinen Frau ihren tiefen Gruß. Unterdeß unterhielt ſich der Bankier mit Gott⸗ lieb von ſeinem Gönner, der ihn empfohlen hatte und mit dem Herr Meyer in ſteter Geſchäftsver⸗ bindung ſtand. Dann und wann that auch der Kaufmann eine Frage nach den Verhältniſſen und 58 Ausſichten unſeres Freundes, welche dieſer mit be⸗ ſcheidener Zurückhaltung beantwortete. Als die letzten Hofequipagen vorübergefahren waren, verließ die Frau vom Hauſe ihre Stern⸗ warte, von der aus ſie täglich die hohen Herr⸗ ſchaften obſervirte. Die perſönliche Bekanntſchaft und der Gruß derſelben machte den ganzen In⸗ halt ihres Lebens aus. Jetzt erſt warf ſie einen Blick auf den Beſuch, aber kaum hatte ſie Gott⸗ lieb näher ins Auge gefaßt, als ſie ſich verfärbte und unerklärliche Unruhe und Verlegenheit zu er⸗ kennen gab. Der Bankier, welchem keine Bewegung ſei⸗ ner Gattin entgangen war, fragte in zärtlichem Tone:— Was fehlt dir denn, mein liebes Kind?— Madame Meyer antwortete nicht, ſprachlos deutete ſie nur auf den Seſſel, welchen Gottlieb inne hatte. Dieſer glaubte irgend ein unerklärli⸗ ches Verſehen begangen zu haben und wurde ab⸗ wechſelnd roth und blaß. Auch Herr Meyer ver⸗ rieth mit einem Male eine gewiſſe Unruhe, Joſe⸗ phine dagegen, welche die Schwäche ihrer Eltern kannte, begnügte ſich, einen faſt bittenden Blick dem 59 Gaſte zuzuwenden, welchen dieſer leider nicht ver⸗ ſtand. — Stehen Sie doch auf,— flüſterte das gute Mädchen. — Stehen Sie auf,— wiederholte die Mut⸗ ter, welche endlich das rechte Wort gefunden zu haben ſchien. Beſtürzt und verwundert gehorchte Gottlieb der erhaltenen Weiſung und griff nach ſeinem Hut, um ſich zu empfehlen. Jetzt erſt ſchien Madame Meyer Beſinnung und Faſſung wieder erhalten zu haben. — Entſchuldigen Sie, Herr Doktor,— ſagte der Bankier,— aber Sie haben ſich aus Verſehn auf ein Familienheiligthum geſetzt.— Gottlieb ſtammelte verlegen einige unzuſam⸗ menhängende Worte. — Ich kann es mir denken,— fuhr Herr Meyer fort.— Sie ſind fremd und wiſſen daher von dem Ereigniß nicht. Der Kaiſer hat bei ſei⸗ ner letzten Anweſenheit uns in Perſon beſucht. Hier auf dem nämlichen Stuhl hat er zu ſitzen geruht.. Nun, was ſagen Sie dazu?— 60 Unſer Freund war noch zu ſehr beſtürzt, um die ganze Größe ſeines Verbrechens einzuſehen. — Leſen Sie, Herr Doktor,— ſagte der Bankier, indem er auf die geſtickte Rucklehne des Fauteuils ſtolz deutete. Vor Gottliebs Augen flimmerte ein goldner Lorbeerkranz, in deſſen Mitte folgende Inſchrift prangte: „Heil, heil dem Kaiſer, dem großherzigen Monarchen, der am 17. April 1840 hier zu ſitzen die Gnade hatte.“ — Nun Sie werden begriffen haben, daß ſich auf den Stuhl kein Menſch im Hauſe ſetzen darf. Meine Frau iſt beſonders in ſolchen Stücken eigen,— bemerkte Herr Meyer,— und es iſt auch wirklich keine Kleinigkeit.— — Ich muß nochmals um Entſchuldigung bitten.— — Ich weiß, Sie haben es nicht gern ge⸗ than. Sie ſehen gar nicht wie ein Demokrat aus, denen nichts auf Erden heilig iſt. In mein Haus dürfen keine Demokraten kommen, nur reelle Leute. A propos, ſagen Sie, Herr Doktor, treiben Sie Muſik?— — Nur wenig, allerdings liebe ich die Kunſt.— — Singen Sie? gewiß ſingen Sie. Finchen, der Herr Doktor hat eine Stimme. In der näch⸗ ſten Soirée könnt ihr Beide à quatre mains mit einander ſingen.— Joſephine erröthete über den fehlerhaften Aus⸗ druck ihres Vaters, den Gottlieb kaum zu beachten ſchien. Er proteſtirte nur beſcheiden gegen das Geſangs⸗Talent, welches ihm Herr Meyer zuſchrieb. — Nun, wir werden ja ſehn— ſagte die⸗ ſer— nächſten Dienſtag kommen Sie zu uns, da iſt jour ſixe bei mir ein für alle Mal. Sie fin⸗ den Alles, was in der Reſidenz einen Namen hat. Maler, Bildhauer und Sänger erſter Oualität. Es wird Thee getrunken, lebendige Bilder geſtellt und viel muſtzirt. Alſo vergeſſen Sie nicht. Dienſtags wird es mir ſehr angenehm ſein.— So wenig Gottlieb die Formen der feinen Geſellſchaft kannte, ſo war es ihm doch einleuch⸗ tend, daß er ſich nach dieſen Worten zu empfehlen hatte. Er machte eine tiefe Verneigung den Da⸗ men des Hauſes, welche wider Erwarten freundlich ſeinen Gruß erwiederten. Herr Meyer begleitete 62 ſeinen Gaſt bis an die Thür, und reichte ihm zum Abſchied herablaſſend ſeine Hand. Als er zu ſeiner Familie zurückkehrte, ſagte er im verdrießlichen Tone:— Gott! was hat ſich der Juſtizrath gedacht, daß er mir einen ſolchen Schlemihl empfohlen hat.— — Er hat etwas Sinniges,— bemerkte Joſephine, welche einen feinen Takt beſaß. — Wenn er nur wenigſtens ſingen könnte!— ſeufzte Herr Meyer. — Du ſollteſt dich doch vorher erkundigen, ob er kein Demokrat iſt,— ſetzte die Gattin hinzu. — Mir hat er einen wahren Schreck eingejagt.— — Laß gut ſein, wenn er uns nicht anſteht, laſſen wir ihn laufen.— Mit dieſem philoſophiſchen Schluß brach Herr Meyer das Geſpräch über unſeren Freund ab, deſ⸗ ſen beſcheidenes Bild ſchnell wieder aus dem Ge⸗ dächtniſſe des vielbeſchäftigten Bankiers und ſeiner Gattin verſchwand. 63 V. Gottlieb hatte noch manche ähnliche Erfah⸗ rung mit ſeinen Empfehlungsbriefen zu machen. Im Ganzen beſtätigte ſich Stürmers Prophezeihung. Er fand überall einen höflichen, aber herzloſen Empfang, nirgends eine wahre Theilnahme und kräftige Förderung. Unſer Freund tröſtete ſich und entſchuldigte dies Verfahren, das er ganz na⸗ türlich fand. Er war den Leuten fremd und ver⸗ langte als Fremder keine beſondere Begünſtigung. Dennoch hatte er ſo manche Hoffnungen für die Zukunft auf dieſe Beſuche geſetzt. Allerdings trug er auch einen Theil der Schuld, da er meiſt zu blöde war, um über ſeine Verhältniſſe zu ſprechen, und eine gewiß verzeihliche Schwäche ihn abhielt, ſelbſt nur eine indirekte Hülfe für ſich in Anſpruch zu nehmen. Je weniger die Außenwelt ihm bot, deſto inniger ſchloß er ſich an Stürmer an, der ſich dieſe Hingebung gern gefallen ließ, und in ſeiner Weiſe ſogar erwiederte. Außerdem fand Gottlieb einen Troſt in ſeinen Studien, welche er mit er⸗ neuertem Eifer wieder aufnahm. 64 Die beabſichtigte Vorſtellung in dem Hauſe des Geheimeraths Wallner war bis jetzt unterblie⸗ ben, da die Frau deſſelben von einem lang andau⸗ ernden, wenn auch nicht gefährlichen Uebel befallen war. Im Ganzen kam Gottlieb dieſer Vorfall ſogar erwünſcht, da ſeine bisherigen Erfahrungen ihn durchaus nicht lüſtern nach neuen Bekannt⸗ ſchaften machten. Mit Herrn Mullrich und ſeiner Gattin kam Gottlieb wenig oder gar nicht in Berührung und — das ſchöne Guſtchen war viel zu ſehr ander⸗ weitig beſchäftigt, um von dem armen Kleinſtädter irgendwie eine Notiz zu nehmen. Das Haus des Herrn Meyer hatte unſer Freund eben ſo wenig wieder aufgeſucht, und den jour fixe vorübergehen laſſen. Er fühlte keine Neigung, ſich in einer Geſellſchaft zu bewegen, wo ſeine Unkenntniß der Formen ihm ſtets neue Ver⸗ legenheiten bereiten mußte. Den größten Theil ſeiner Zeit widmete er der Wiſſenſchaft und dem Unterricht ſeiner Zög⸗ linge. Er hatte ſogleich ſein Probejahr an dem ihm bezeichneten Gymnaſtum angetreten und es gelang ihm, daſelbſt in kurzer Zeit die Achtung ſeiner Vorge⸗ „ 65 ſetzten und die Liebe der Schüler zu erlangen. Freilich ward er auch von dieſen im Anfange viel⸗ fach geneckt und die Zielſcheibe ihres jugendlichen Muthwillens, aber bald lernten die wilden und doch herzensguten Jungen den„langen Kandidaten“ wie ſie ihn gewöhnlich nannten, ſchätzen und lie⸗ ben. Sie thaten Alles, was ſie ihm an den Au⸗ gen abſehn konnten, weil er gar ſo freundlich war, aber zur rechten Zeit eine Strenge blicken ließ, die man ihm am wenigſten zugetraut hätte. Gottlieb glich in der That einer weichen Pfirſich, welche trotz der zarten Hülle in ihrem Innern einen feſten Kern verbirgt. Die ihm freigelaſſenen Stunden verwendete er zu ſeiner ferneren eigenen Ausbil⸗ dung. Er beſuchte fleißig die Kollegien der be⸗ rühmteſten Profeſſoren, und wenn auch hier manche Größe, welche in der Ferne ihm ein Chimboraſſo dünkte, in der Nähe zu einem gewöhnlichen Hügel zuſammenſchrumpfte, ſo fand er doch des Gediegenen und Tüchtigen immer noch genug. Mit begeiſter⸗ ter Hingebung vertiefte er ſich in die Schätze, welche ihm geboten wurden, und er empfand jenes reinſte Glück, das in jeder geiſtigen Beſchäftigung liegt, welche ihren Lohn in ſich ſelber trägt. Der Ring, Stadtgzeſchichten. II. 5 66 kleinliche Druck der Alltäglichkeit ſchwand vor der inneren Befriedigung, welche ihm das Forſchen nach Wahrheit bot. Eine neue, ungeahnte Welt erſchloß ſich ſeinen Blicken und machte ſeine Seele frei von ängſtlicher Beſchränkung und gewöhnlicher Auffaſſung der Verhältniſſe. Ueber ſeinen Studien vergaß er oft die Sorge um die eigene Eriſtenz. Sein Anſchauungskreis erweiterte ſich immer mehr und die Irrthümer und Vorurtheile, welche er in der kleinen Stadt aufgenommen hatte, widerſtanden nicht dem überwältigenden Einfluſſe einer höheren Lehrmethode, die ſich ſtets da zu entwickeln pflegt, wo die Wiſſenſchaft nicht zum ſtagnirenden Sumpf durch ihre Abgeſchloſſenheit wird, ſondern mit der Strömung des Lebens in fortwährender Verbin⸗ dung ſteht. Es iſt der Vortheil einer Hauptſtadt, daß ſie nicht allein die beſten und hervorragendſten Män⸗ ner in ſich vereint, ſondern daß aus ihrer eigenen Größe und dieſem Zuſammenfluß der verſchieden⸗ artigſten Bildungsquellen ſich eine geiſtige Atmoſphäre entwickelt, welche belebend und anregend auf jeden Einzelnen zurückwirkt. Dies empfand auch Gottlieb im reichſten 67 Maaße. Er lebte in einer Art von überirdiſchem Rauſche, eine Fluth neuer Gedanken und Begriffe ſtrömte auf ihn ein und fiel auf einen fruchtba⸗ ren und empfänglichen Boden. Er beſaß nicht je⸗ nen glänzenden und leichten Geiſt wie Stürmer, der die Reſultate der Wiſſenſchaft in allgemeinen Formeln und Phraſen als geprägte Münze in der Taſche zum beliebigen Gebrauche herumtrug. Gott⸗ lieb war der fleißige Bergmann, der ſelber in den dunklen Schacht niederſtieg und mühſam nach dem edlen Metall im Schweiße ſeines Angeſichts grub. Was er fand, war darum auch ſein Eigenthum und nicht erborgt. Am liebſten ſaß er daher in der großen könig⸗ lichen Bibliothek unter den geiſtigen Schätzen der Jahrhunderte. Er beabſichtigte, ſein Doctor⸗Eramen zu machen, und dazu mußte er eine gediegene Ar⸗ beit liefern. Da hatte er vollauf zu thun, Foli⸗ anten nachzuſchlagen und alte Autoren durchzu⸗ nehmen. Zu dieſem Zwecke verweilte er viele Stun⸗ den des Tages in dem großen, öffentlichen Leſe⸗ zimmer. Auf dem grünen Tiſche lagen die Werke, welche er benutzen wollte; vor ihm ſtanden Dinte und Federn zum Schreiben, und ringsumher ſaßen 5* 68 noch viele fleißige Studenten, blond⸗ und braunge⸗ lockte jugendliche Häupter, welche derſelbe Wiſſens⸗ durſt beſeelte. Dazwiſchen tauchte der graue Kopf eines alten Profeſſors oder anderen Gelehrten em⸗ por, der, dem Grabe ſo nahe, noch mit jugend⸗ lichem Eifer ſeine unabläſſigen Studien fortſetzte. Dort bengte ſich ein junger Alterthumsforſcher über die herrlichen Abbildungen der Akropolis und träumte von Phidias, Perikles und vielleicht auch von der ſchönen Aſpaſia; hier verſenkte ſich ein Student der Medizin in ein phyſiologiſches Kupfer⸗ werk und verfolgte mit angeſtrengter Aufmerkſam⸗ keit den wunderbaren Bau des Menſchenleibes, die räthſelhaften Verſchlingungen der Nervenbahnen, die kreiſenden Blutgefäße bis an ihre letzten mi⸗ kroskopiſchen Verzweigungen. Der Botaniker be⸗ obachtete den Bau der einfachen Zellen, die in tauſend verſchiedenen Formen ſich offenbart. Der Sprachforſcher las die Sprüche indiſcher Weiſen in den ſchnörkelhaften Zügen des Sanskrit, wäh⸗ rend ein Anderer die Hieroglyphenſchrift Jahrtau⸗ ſend alter Pyramiden zu enträthſeln ſuchte. Man⸗ cher Traum von künftigem Ruhm wurde hier geträumt, manch befruchtender Gedanke gefaßt, 69 manche wichtige Entdeckung aufgefunden. Dazu paßte die einförmige Stille, der leiſe Schritt der Bibliothek⸗Diener, welche geräuſchlos die verlangten Bücher herbeiſchafften, der ruhige Schlag der großen Pendel⸗Uhr, die den Werth der eilenden Zeit mit mahnenden Tönen verkündete, das Rauſchen der vergelbten Blätter und der ſchwirrende Laut der fleißigen Federn, welche wie ſummende Bienen den Honigſeim von den Feldern der Wiſſenſchaft einſammelten. Hier herrſchte die Poeſte der geiſtigen Arbeit, welche etwas Heiliges und Rührendes an ſich trägt. An dieſem Orte war die Geburtsſtätte des Ge⸗ dankens, der in ſtiller Verborgenheit erzeugt, her⸗ austreten wird in das geſchäftige Leben, um den Segen der Aufklärung, das Licht des Wiſſens zu verbreiten. Das waren auch für Gottlieb die ſchönſten Stunden, die er in dem Leſezimmer zubrachte. Meiſt in ſeine Arbeiten vertieft, hatte er bisher nur wenig auf ſeine Umgebung geachtet; doch konnte ihm die Erſcheinung eines alten Mannes nicht entgehn, der ſich immer zu derſelben Zeit, wie er ſelbſt, auf der Bibliothek einfand und ſich eifrig mit naturwiſſenſchaftlichen Studien beſchäf⸗ tigte. Unſer Freund hatte den Alten auch ſchon außer dem Lehrzimmer geſehn, da derſelbe ebenfalls im Mullrichſchen Hauſe wohnte. Auch der Greis, der Privatgelehrter zu ſein ſchien, war ein Chambregarniſt, der einſam und verlaſſen von der Welt, in ſtrenger Zurückgezogenheit auf ſeinem ärmlichen Stübchen lebte. Da der Alte an dem⸗ ſelben Tiſch mit Gottlieb arbeitete und unſerem Freunde ſchon häufig auf dem Flur und der Treppe begegnet war, ſo hatte ſich allmählig eine flüchtige Bekanntſchaft zwiſchen Beiden eingefunden, die ſich freilich nur auf einen leichten Gruß, eine unbe⸗ deutende Dienſtleiſtung von Seiten Gottliebs, be⸗ ſchränkte, da der wunderliche Greis neue Bekannt⸗ ſchaften eher zu fliehen als zu ſuchen ſchien. Es lag eine eigene Miſchung von Grobheit und Milde, von Härte und Sanftmuth in den ſcharf ausgeprägten Zügen und dem tief durchfurch⸗ ten Angeſicht, in welchem eine lange traurige Paſſionsgeſchichte zu leſen war. So ſehr auch Gottlieb ſich in ſeine Studien verſenkte, ſo mußte er doch zuweilen in das Antlitz ſeines alten Nach⸗ bars ſehen, das ihn an die charakteriſtiſchen Köpfe 71 der italieniſchen Maler mahnte, die er auf dem Muſeum oft betrachtet hatte. Das war dieſelbe hohe Stirn mit den himmelſtürmenden Gedanken, derſelbe feine Mund mit dem wehmüthigen Lächeln um die ſchmerzensreichen Lippen, dieſelben ſtahl⸗ blauen Augen, welche bis zum Grunde einer Menſchenſeele niedertauchen und die geheimſten Gedanken leſen können. Das graue Haar, welches ſeit Jahren keine Scheere berührt hatte, hing in langen weißen Locken bis auf den verſchoſſenen Rockkragen nieder. Der Anzug des Alten war altväteriſch und abgetragen, aber äußerſt ſauber und reinlich. Kein Stäubchen lag auf dem faden⸗ ſcheinigen ſchwarzen Frack, deſſen Näthe bereits in's Weiße ſchimmerten. Alle dieſe Einzelheiten hatte Gottlieb verſtohlen beobachtet, denn wenn der alte Greis ihn zufällig bei ſeinen Geſichtsſtudien er⸗ tappte und mit den ſcharfen prüfenden Blicken an⸗ ſchaute, mußte unſer Freund ſogleich erröthen und verlegen ſeine Augen niederſchlagen. Eines Tages, als Gottlieb mit gewöhnlicher Gefälligkeit dem Alten, dem es für ſeine Notizen an Papier fehlte, einige Bogen von ſeinem Vor⸗ rathe mitgetheilt hatte, wich dieſer von ſeiner f ſtrengen Zurückgezogenheit ab und redete den freundlichen Geber mit einigen dankenden Worten 3 beim Herausgehn an.— 3— Wenn ich nicht irre,— ſetzte er noch hinzu — ſind wir Nachbarn und wohnen in demſelben Hauſe?— Gottlieb bejahte dieſe Vorausſetzung und ſchloß ſich dem Alten an. — Wenn es Ihnen Recht iſt— ſagte dieſer, — und Sie Zeit haben, ſo wollen wir, bevor wir in unſere Wohnung zurückkehren, noch einen Spa⸗ ziergang in den Park machen. Ich liebe dieſes Stück Natur, dieſe Erinnerung an die Schatten der Wälder, in welchen ich meine Knabenzeit ver⸗ träumte. Glauben Sie mir, es liegt ein unſäg⸗ licher Genuß für mich darin, hier hinaus zu flüch⸗ ten vor dem Lärmen und Treiben der tobenden Menge. Die Natur iſt immer wahr und lügt nicht.— — Sie ſcheinen damit andeuten zu wollen, daß die Menſchen unwahr ſind?— entgegnete Gottlieb, den ſein intereſſanter Gefährte immer mehr intereſſirte. — Ich haſſe nicht die Menſchen,— ſagte der —— 73 Alte mit einem milden Lächeln,— obgleich ich al⸗ len Grund dazu hätte, aber ich vermeide ſie. Sie ſind noch jung und ich möchte nicht gern Ihnen jene Ideale rauben, welche die Jugend anbetet, der Mann belächelt und der Greis beweint.— — Und dennoch deuten dieſe Ideale auf den göttlichen Urſprung unſerer Seele hin.— — Sie mögen Recht haben, aber das Gött⸗ liche in uns wird früh ertödtet. Ach! wie herrlich könnte der Menſch ſein, wenn er ſich frei ent⸗ wickeln dürfte, wie hier die Blume, die am Wege unbekümmert blüht, ob ein Aug' ſie ſieht; wie der Vogel, der dort auf dem Aſt ſein frohes Liedchen ſingt, und weder nach einem Verleger noch nach dem hochgeehrten Publikum fragt. Alles Unheil kommt von der Lüge, die den Schein ſtatt des in⸗ nern Sein's, und Täuſchung ſtatt der Wahrheit zu bezwecken ſucht.— Während der Greis ſo ſprach, rauſchte ein Blatt, das der Herbſt gefärbt hatte, zu den Füßen der einſamen Wanderer nieder. Der Alte bückte ſich darnach und betrachtete es mit Aufmerk⸗ ſamkeit. — Die Zerſetzung und Fäulniß ſchmückt ſich ——yðyÿy; y— —— 74 mit bunter Farbenpracht, kann denn die Natur auch lügen?— fragte er in träumeriſcher Selbſt⸗ vergeſſenheit. Gottlieb wagte nicht, den wunderlichen Gedan⸗ kengang ſeines Nachbars zu unterbrechen, der einige Zeit ſchweigend an ſeiner Seite ging und das welke Blatt noch immer in ſeinen Händen hielt. Sie hatten längſt den belebteren Theil des Parks verlaſſen und irrten jetzt durch die einſamen Par⸗ tieen, welche höchſtens ein Liebespaar, das die Verborgenheit ſucht, oder ein menſchenſcheuer Hypochonder, zu beſuchen pflegte. Ueber ihren Häuptern wölbten ſich die hundertjährigen Eichen zu einem ſchirmenden Dach; durch die flüſternden Blätter ſäuſelte der Wind, ſpielten die goldenen Sonnenſtrahlen. In dem Laube ſang ein Vogel der ſcheidenden Jahreszeit ſeinen Gruß. Es war ſo ſtill hier; nur von Zeit zu Zeit hörte man aus der Ferne das dumpfe Rollen eines Wagens oder den eintönigen Hufſchlag eines vorbeigalopi⸗ renden Reiters, der das ſchöne Wetter zu einem Spazierritt durch die verſchlungenen Pfade be⸗ nutzte. Je ruhiger es aber war, deſto milder und freundlicher ſchien die Stimmung des Alten gegen Gottlieb zu werden. Sein herbes und zurückhal⸗ tendes Weſen ſchwand immer mehr, er unterhielt ſich mit unſerm Freund über ſeine Studien, er fragte nach ſeinen Beſchäftigungen und ertheilte ihm manchen nützlichen Rath. Aus allen Worten des Nachbars leuchtete ein klarer Verſtand, der unbekümmert um das Vorur⸗ theil der Welt ſeinen eigenen Weg ging, eine troz⸗ zige Unabhängigkeit und Rückſichtsloſigkeit. Er nannte alle Dinge bei ihrem wahren Namen, und 4 geißelte, wenn auch mit wehmüthigem Humor, die Gebrechen unſerer Zeit. Er war mild gegen menſch⸗ 6 liche Schwächen, aber unerbittlich gegen das, was er das Grundübel der Gegenwart nannte, gegen 4 die Lüge, die er unbarmherzig in allen ihren For⸗ men und Verbindungen verfolgte. Gottlieb zitterte vor der Kühnheit ſeiner Aus⸗ ſprüche, vor der Schärfe, mit der er rückſichtslos die bedeutendſten Männer des Staates und der Wiſſenſchaft in ihrer Nichtigkeit aufdeckte. Man⸗ 8 ches Götterbild lag von dem hohen Poſtament ge⸗ ſtürzt, zertrümmert zu ſeinen Füßen da. Die ſanfte Seele des Kleinſtädters ſträubte ſich oft gegen die vernichtende Kritik dieſes Mannes, die keine Scho⸗ 5 nung kannte und doch fern von jeder Uebertreibung war. Nur Eins erſchien Gottlieb unerklärlich, daß ein Mann von ſolch bedeutenden Fähigkeiten und Kenntniſſen nicht die hohe Stellung einnahm, welche ihm mit Recht gebührte. Er theilte ſeine derartigen Bedenken ſeinem Nachbar in den ſcho⸗ nendſten Ausdrücken mit. — Jeder Menſch iſt ſeines Glückes Schmidt, ſagte der Alte mit einem traurigen Lächeln, und ich darf am Wenigſten mich über mein Loos be⸗ klagen. Ich bin zufrieden mit meiner gegenwärti⸗ gen Lage. So lange dieſer alte Leibrock hält und das Brot nicht theuer wird, kann ich ruhig ſein. Ich entbehre Nichts und beſitze Alles. Glauben Sie mir, das höchſte Glück liegt in der eigenen Zufriedenheit, die freilich ſchwerer zu erringen iſt, als man meint, und in der Unabhängigkeit von Andern.— — Aber Sie ſchulden Ihr Talent der Welt, Sie hätten ihr in einer andern Stellung nützen können,— wandte Gottlieb ein. Der Greis blickte unſern Freund mit ſeinen ſcharfen Augen mißtrauiſch an, als wollte er ſich erſt überzeugen, ob dieſen Worten keine gewöhnliche 77 Schmeichelei zu Grunde liege. Er that ſicher Gott⸗ lieb Unrecht, wenn er dieſer Meinung war, denn die reine Seele war ganz ohne Falſch und Arg. Auch der Alte ſchien von ſeinem Vorurtheil abge⸗ kommen zu ſein und antwortete ſo freundlich als ihm möglich war: — Jede Blume blüht für ſich und ſo für An⸗ dere. Die Natur ſollte in allen Dingen unſere Lehrerin ſein. Ich bin zwar ſpät zu ihr zurück⸗ gekehrt, vielleicht zu ſpät, aber ich fand in ihr reichlichen Erſatz für Alles, was ich verloren gab. Folgen Sie meinem Rath, und ſehen Sie, ſtatt in Ihre griechiſchen und lateiniſchen Klaſſiker, in das grüne Buch, das rings aufgeſchlagen liegt. Sie werden in einem Tage hier mehr lernen, als dort in einem ganzen Jahr. Und nun erzählte der Greis, wie er in ſpä⸗ teren Jahren erſt das Studium der Naturwiſſen⸗ ſchaften ergriffen habe, das ihm jetzt zum Troſt und zur Freude gereiche. Rührend war die Klage, die er wegen ſeines vorgerückten Alters führte. Die Fülle der neuen Entdeckungen auf dieſem Ge⸗ biete war ſo groß und die ihm beſtimmte Lebens⸗ dauer ſchien ſo kurz. — Ich bin wie Moſes,— ſagte er mit be⸗ bender Stimme,— dem es vor ſeinem Sterben vergönnt war, einen Blick in das gelobte Land zu thun, welches er ſelber nicht betreten ſollte. Glück⸗ lich iſt die Jugend, welche aus dieſem Quell des Heils ſchöpfen darf. Da fließt das wahre Lebens⸗ elirir, der Trank der Wahrheit, durch den allein dieſe kranke Welt geſunden kann. Die Naturfor⸗ ſcher ſind die Prieſter des künftigen Geſchlechts, das die Lüge der Väter nicht begreifen wird. Unter dieſen Geſprächen waren die Beiden allmählig zu ihrer Wohnung zurückgekehrt. Der Greis forderte Gottlieb auf, in ſeine Stube ein⸗ zutreten, die im dritten Stock des Hauſes lag. — Arme und Gelehrte, was in Deutſchland meiſt auf Eins hinaus kommt, wohnen dem Him⸗ mel nah,— ſetzte er lächelnd hinzu, indem er ſeinem Gaſt voranging, um ihm den Weg zu zeigen. V. Das Stübchen des Alten war faſt noch klei⸗ ner, als das von Gottlieb bewohnte, die Möbel noch ärmlicher, nur das Nothwendigſte war vor⸗ handen und die Spur jedes noch ſo unbedeutenden Luxus entfernt. Nicht einmal ein Sopha ſtand in dem engen Raum, eine ſchmale Bettſtelle nahm ſeinen Platz ein, einige rohe Stühle und ein roth angeſtrichener Tiſch genügten für die einfachen Be⸗ dürfniſſe und geringen Anſprüche des Miethers. Dem einzigen Fenſter ſo nah als möglich ſtand ein Schreibpult, das mit Büchern, Schriften und einigen getrockneten Pflanzen bedeckt war. Ein ein⸗ faches Mikroskop, mehrere Lupen und Vergrößerungs⸗ gläſer, ſo wie Retorten, Fläſchchen, Knochen und Thierſchädel deuteten die Studien und die natur⸗ wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen des Greiſes an. Die grauen Wände waren kahl und nackt, nur über dem Bett hing ein herrliches Oelgemälde, das im ſchreienden Widerſpruch zu der übrigen ärm⸗ lichen Umgebung ſtand. Es ſtellte einen Frauen⸗ kopf von wahrhaft idealer Schönheit dar. Ueber das feine, geiſtreiche Geſicht lag eine unſägliche Schwermuth verbreitet. Gottlieb wurde gleich beim erſten Anblick von dem wunderbaren Ausdruck ge⸗ feſſelt, der in dieſen göttlichen Zügen lag. Er konnte faſt kein Auge mehr von dem Portrait ab⸗ wenden, denn ein ſolches ſchien tes ihm zu ſein. Die letzten Strahlen der Abendſonne, welche durch das Dachfenſter fielen, beleuchteten jetzt das liebliche Geſicht, das, von einer lichten Glorie umgeben, der heiligen Cäcilie von Raphael glich, wie ſie verklärt den Harmonien der Engelchöre lauſcht. Dem Alten mußte die Aufmerkſamkeit, welche der Kandidat dem Bilde ſchenkte, unangenehm ſein, denn er zog an einer grünen Schnur, und ſogleich verhüllte ein verſchoſſener Vorhang das bezaubernde Portrait. Jetzt erſt lud er ſeinen Gaſt zum Sitzen ein. Da die Abenddämmerung raſch hereingebro⸗ chen war, ſo zündete er die kleine Studentenlampe an, welche gerade hinreichte, um mit ihrem trauten Schein das enge Stübchen zu erfüllen. — Ich habe lange Zeit keinen Menſchen hier geſehen,— ſagte der Alte mit einem freundlichen Lächeln, als wollte er den unangenehmen Eindruck verwiſchen, den auf Gottlieb die Verhüllung des 81 Bildes hervorgebracht haben konnte.— Sie ſind ſeit Jahren der erſte Beſuch, der wieder dieſe Schwelle betreten hat.— — Und welchem Zufall hab' ich dieſe Gunſt zu danken? Pagte Gottlieb beſcheiden. — Nicht dem Zufall, ſondern einzig und allein Ihrer Phyſiognomie. Mögen Sie über mich ſpotten, aber meine Studien und Beobachtungen haben mich zu der Ueberzeugung gebracht, daß die Geſichtszüge des Menſchen der treuſte Spiegel ſeiner Seele ſind.— — Sie ſind demnach ein Anhänger La⸗ vater's?— — Zum Theil. Lavater war nebenbei zu ſehr Schwärmer, um ruhige Beobachtungen machen zu können. Dazu gehört eine Nüchternheit des Verſtandes, eine Selbſtverleugnung, die der ſonſt ſo begabte und ehrenvolle Mann nicht beſaß, dem ſeine lebhafte Phantaſie manchen argen Streich im Leben geſpielt hat. Die Phyſtognomik wartet noch immer auf ihre wiſſenſchaftliche Ausbildung. Gegen⸗ wärtig befindet ſie ſich in den Händen der Char⸗ latane. Wie jede Wiſſenſchaft ruhen auch ihre An⸗ fänge in myſtiſchem Dunkel. Aus dem Aber⸗ Ring, Stadtgeſchichten. II. 6 82 glauben der Aſtrologie entwickelte ſich unſere heu⸗ tige Sternenkunde, welche den Lauf der Geſtirne bis auf Sekunden berechnet, aus der Alchymie der mittelalterlichen Goldmacher entſtand die herrliche Chemie, der wir die bedeutendſten Entdeckungen zu verdanken haben. Iſt es nicht wunderbar, daß die erſten Pfleger aller Wiſſenſchaften die Prieſter und Charlatane waren, welche in das Dunkel einer mährchenhaften Myſtik ihre Kenntniſſe zu kleiden wußten und ſomit der rohen Menge imponirten? Erſt als die Wiſſenſchaft ſich von dem Aberglauben und der Theologie befreite, erlangte ſie ihre heutige Ge⸗ ſtalt und mächtige Entwickelung. Ja die Theo⸗ logen! Die Theologen!— Der Alte, welchem Gottlieb mit ſteigender Bewunderung zuhörte, ſeufßte tief, als er mit dieſen Worten ſeine Rede ſchloß. Erſt nach einer län⸗ geren Pauſe ſetzte er mit einem Anflug von Ironie hinzu: — Werden Sie glauben, daß ich einmal ſelbſt dieſem Stande angehört habe? Er war der Quell aller meiner Leiden, doch davon ein andermal.— Unterdeß hatte der Greis eine einfache Thee⸗ maſchine mit kochendem Waſſer gefüllt, das auf 83 einer Spirituslampe, welche zugleich zu ſeinen chemiſchen Arbeiten diente, erwärmt wurde. Er lud Gottlieb ein, ſein frugales Abendbrot zu thei⸗ len. Dieſer aber dankte, da er bereits Stürmer verſprochen hatte, den heutigen Abend in deſſen Geſellſchaft und mit einigen Freunden des Aſſeſſors zuzubringen. Nach dieſer abſchlägigen Antwort drang der Greis nicht weiter in ihn, ſondern ent⸗ ließ ihn mit der freundſchaftlichen Aufforderung, ihn wieder zu beſuchen. Als Gottlieb die Treppe zu ſeiner Wohnung niederſtieg, mußte er viel über die ſonderbare Be⸗ kanntſchaft mit dem grauen Chambregarniſten nach⸗ denken, der öfter als die Menſchen glauben, in den Dachſtuben der Reſidenz vorkommen mag. Bald als armer Privatgelehrter, bald als alter Muſi⸗ kant, als ewiger Kandidat oder unglücklicher Hage⸗ ſtolz, führen derartige Greiſe ein einſames, freud⸗ loſes Leben, dem alle Reize des Daſeins fehlen. Meiſt entbehren ſie jeder Pflege und Bequemlichkeit, welche die Gebrechlichkeit des Alters und die vor⸗ gerückten Jahre gebieteriſch fordern. Sie ſtehn allein auf der Welt, Niemand kümmert ſich um ſie, und wenn ſie ſterben, ſind der Todtengräber und die 6* 84 Leichenträger ihr ganz Geleite. Mit der letzten Schaufel Erde, die ihren Sarg bedeckt, ſind ſie vergeſſen, als hätten ſie nie gelebt. Solch eine Chambregarniſtenexiſtenz führte der Alte, den Gottlieb ſo eben verlaſſen hatte. Der gute Kandidat dachte über dieſes freudloſe Daſein nach. Der Greis hatte einen bedeutenden Ein⸗ druck auf ihn gemacht, aber noch mehr war er von dem wunderſamen Bilde ergriffen worden, deſſen ideale Züge nicht aus ſeiner Seele ſchwinden wollten. Fortwährend mußte er an die göttlichen Augen denken, die ſo fromm und doch ſo durchdringend klug ihn angeſchaut hatten. In welchem Zuſam⸗ menhange ſtand der Greis mit dem Portrait? Sollte er ſie geliebt haben, dieſe Frau? Gottlieb zitterte bei dem Gedanken, einem ſolchen Weib je zu begegnen, geſchweige ſie zu lieben. Von ihr geliebt zu werden, dünkte ihm Raſerei. Welcher Mann auf Erden war dieſer Seligkeit noch werth?— Träumend trat er in das Zimmer, wo der Aſſeſſor mit ſeinen Freunden ihn bereits erwartete. Auf dem runden Tiſch brannten ausnahmsweiſe zwei Stearinkerzen, welche Guſtchen bei dem nächſten Kaufmann auf Mullrich's Rechnung geholt hatte. 85 An dem Fenſter ſtand der blonde Doktor— das luſtigſte und ſorgloſeſte Menſchenkind auf dieſer Erde— und braute die Bowle. Nicht umſonſt hatte er Chemie ſtudirt, das war der einzige reelle Nutzen, den er von ſeinen Kollegien gewonnen. Wäre Beck, ſo hieß der angehende Arzt, über die richtigen Miſchungsverhältniſſe von Rum, Zucker, Zitronenſäure befragt worden, er hätte ſicher ein glänzenderes Examen abgelegt, als dies bisher von ihm geſchehn war. Auf dem Sopha ſaß der ſchöne Liefländer, Baron von Kronthal, mit vornehmer Nachläſſigkeit hingeſtreckt. Die moderne Friſur, der ſorgfältig gepflegte Bart, die feine Haltung, Alles an ihm verrieth den vollendeten Dandy, den vornehmen Ariſtrokraten, der die Univerſität zu ſeinem Vergnügen beſucht, in die gute Geſellſchaft häufig geht und in den erſten Héôtels der Haupt⸗ ſtadt ſpeiſt. Er war als Nachbar mit Stürmer auf dem Flur und der Treppe zuſammengetroffen, noch häufiger an jenen öffentlichen Vergnügungs⸗ orten, bei Bällen und im Theater, wo gleiche Nei⸗ gung, gleiche Luſt, die Jugend ſchnelle Bekannt⸗ ſchaften ſchließen läßt. Doch die Krone dieſer kleinen Geſellſchaft war unſtreitig der geheime Reviſor, Wimmerchen genannt, obgleich er eigent⸗ lich nur Wimmer hieß und die verkleinernde En⸗ digung ſeines Namens lediglich ſeinem niedlichen Weſen zu verdanken hatte. Das zarte Männchen mit dünnem Bärtchen und den dürren Beinchen ſchaukelte ſich wohlgefällig in dem großen Lehn⸗ ſtuhl. Der geheime Reviſor glich in der That einer zierlichen Nippfigur, wie man ſie auf den Schreibtiſchen unſerer jungen Damen ſieht. Alles an ihm war ſo nett und fein, das Röckchen ſaß ihm wie angegoſſen, die Manſchetten waren ſo rein und ſauber, die Friſur friſch, als wäre er eben erſt aus den Händen des Haarkünſtlers hervorgegangen. Dazu klang ſeine Stimme ſo zart und flüſternd wie das Lispeln des Espenlaubs. Das gute Seel⸗ chen ſchien wie eine Taube ganz ohne Galle zu ſein. Gutmüthig ertrug der geheime Reviſor alle Neckereien ſeiner Freunde und Bekannten, deren ewige Zielſcheibe er abgab. Beſonders war der luſtige Doktor unerſchöpflich in ſolchen Spöttereien, 9 die Wimmerchen durchaus nicht übel nahm. Im Gegentheil ſah man ihn faſt ausſchließlich nur in Geſellſchaft des Mediziners. Sie waren unzer⸗ trennlich bei einander wie das ſanfte Oel bei dem 87 ſcharfen Eſſig, der harte Feuerſtein bei dem wei⸗ chen Zunder. Der Reviſor forderte ſogar oft Beck zu einem Spaß heraus, ihm ſchien nicht wohl zu ſein, wenn er nicht geneckt wurde. Als Gottlieb eintrat, war die Bowle eben fertig geworden, welche der luſtige Doktor mit allerlei närriſchen Kapriolen auf den Tiſch trug. Beide wurden mit einem lauten Ah! begrüßt. Der Kandidat erröthete über und über, ihm war es unangenehm, daß er ein Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit geworden war. — Hier der Punſch und da ſteht der Pfann⸗ kuchen— rief der heitre Beck, indem er auf Gott⸗ lieb deutete, der vor Verlegenheit nicht wußte wo er hinſollte. — Der iſt ungenießbar,— ſagte Stürmer, — altbacken und unverdaulich.— — Rokoko,— krähte der Doktor. — Antidiluvianiſch,— flüſterte Wimmerchen, der von Zeit zu Zeit auch ein Witzchen, riß und froh war, wenn man ſich auf Koſten eines Andern luſtig machte. Gottlieb, über den ſich eine Fluth von Spott und Späßen ergoß, wie ſie eben junge Leute lieben, ſtand wehrlos dieſen Angriffen gegenüber, ihm fehlte die glänzende Waffe des Witzes und jene Geiſtesgegenwart, welche Schlag mit Schlag, Stoß mit Stoß ſogleich vergilt. Er war nicht empfind⸗ lich, aber faſt reute es ihn, daß er gekommen. Seine Stimmung paßte nicht zu der lärmenden Geſellſchaft, das fühlte er. Lieber wäre er noch oben bei ſeinem alten Freunde geblieben, der ſein Intereſſe ſo ſehr in Anſpruch nahm. Auch des zauberhaften Bildes mußte er in dieſer Umgebung gedenken. Warum konnte er die wunderbaren Augen nicht vergeſſen? Bald jedoch wendete ſich die Spottluſt der Bekannten auf Wimmerchen wieder zurück, der einen viel weicheren Stoff darbot, als der beſchei⸗ dene Kandidat. Der geheime Reviſor wollte für ſein Leben gern als ein ausgemachter Don Juan gelten, obgleich er keineswegs den Frauen ſo ge⸗ fährlich war, wie er oft geheimnißvoll andeutete. — Wimmerchen, wie ſteht's?— fragte Stür⸗ mer mit einem Lächeln des Einverſtändniſſes für die Uebrigen,— haben Sie keine neue Eroberung gemacht?— — Eine Gräfin,— rief Baron von Kron⸗ 89 thal, der die Schwächen des Reviſors kannte und in den allgemeinen Ton mit einſtimmte. — Eine Fürſtin,— warf ein andrer Gaſt dazwiſchen ein. — Eine Puppel— ſchrie Beck unter ſchal⸗ lendem Gelächter. Wimmerchen begnügte ſich nur, einen flehenden Blick auf ſeinen unermüdlichen Peiniger zu richten, den dieſer nicht verſtehen wollte. — Eine Puppe?— wiederholte der Baron mit gedehntem Ton,— das iſt ja eine ganz neue Geſchichte. Beck, die müſſen Sie zum Beſten geben.— Der Reviſor wurde abwechſelnd roth und blaß, zupfte ſich an dem dünnen Schnurrbärtchen vor Verlegenheit und zeigte dem luſtigen Mediziner allerlei ängſtliche Mienen, welche dieſer mit Abſicht überſah. — Erzählen, erzählen!— ſchrie einſtimmig der ganze Chor. Wimmerchen faltete ſeine Hände wie zum Gebet. Es war vergebens, der ſchadenfrohe Beck hatte ſich bereits in Poſitur geſetzt und begann 90 ſeine Erzählung, die er mit ſeinem ausdrucksvollen Gebährdenſpiel begleitete: — Daß unſer Wimmerchen ein Verführer der Unſchuld, ein blutdürſtiger Tiger für Weiber⸗ herzen iſt, wird jedermann hier genügend be⸗ kannt ſein.— Der Reviſor machte zu dieſer pathetiſchen Einleitung das jämmerlichſte Geſicht. Der Gegen⸗ ſatz zwiſchen der erbärmlichen Figur des Ange⸗ klagten und der ihm zur Laſt gelegten Verbrechen, erregte ein ſchallendes Gelächter. Als dieſes ſich gelegt hatte, fuhr der unerbittliche Doctor fort: — Welche Verwüſtungen ſein bezaubernder Blick unter Frauen und Jungfrauen bereits ange⸗ richtet hat, will ich nicht erwähnen. Das Faktum ſteht feſt, daß, ſeit Wimmerchen in dieſem Stadt⸗ theil wohnt, ſich die Zahl der Selbſtmorde bei dem weiblichen Geſchlechte auffallend vermehrt hat. Er iſt ein ſtaatsgefährliches Individividibum.— — Individividividibum— wiederholte höh⸗ nend der aufgeregte Kreis der Zuhörer, welche auf das arme Schlachtopfer ihres Witzes mit Fingern deuteten. Nur Gottlieb konnte trotz der eigenen Gutmüthigkeit nicht die Geduld des armen Revi⸗ 91 ſors begreifen. An ſeiner Stelle wäre er längſt auf und davon gegangen. Beck aber ſetzte unter dem Jubel der Uebrigen hinzu: — Nicht zufrieden mit ſeinen menſchlichen Eroberungen hat dieſes Ungeheuer ſeine Congreve⸗ ſchen Raketenaugen auf ein unſchuldiges lebloſes Weſen geworfen, das, leicht entzündlich, ſeinen Ver⸗ führungen unterlegen wäre, wenn ich dieſes neue namenloſe Verbrechen nicht zum Glück verhindert hätte. Eines Tages ging ich mit Wimmerchen Arm in Arm vor dem Putzladen an der Ecke vorüber. Im Vorbeigehen zog er tief den Hut und grüßte. Dieſer Umſtand mußte mir um ſo mehr auffallen, da keine lebendige Putzmachermam⸗ ſell, ſondern nur eine Gliederpuppe, welche zum Aufprobiren der Hüte und Hauben diente, am Fen⸗ ſter ſichtbar war. Seit jener Zeit wiederholte der unverbeſſerliche Don Juan täglich ſeine Pro⸗ menade, wobei er verliebte Blicke, wie ſie einzig und allein ihm zu Gebote ſtehn, nach der zweiten Etage richtete. Da ich wie geſagt ſonſt kein menſch⸗ liches Weſen bemerken, konnte ſo machte ich den gewiß logiſchen Schluß, daß Wimmerchen ein At⸗ tentat gegen die Puppe beabſichtigte, und ſo war 92 es in der That. Der neue Pigmalion geſtand mir endlich, daß er gränzenlos in jenes Weſen verliebt ſei und daß er meiner Hülfe bei dieſer Intrigue bedürfe.— — Ach! ich habe in meiner Kurzſichtigkeit die Puppe für eine junge Dame gehalten,— ſtöhnte Wimmerchen,— und Beck hat mich in meinem Irrthum noch beſtärkt.— — Still geſchwiegen!— rief dieſer,— man verleumde nicht einen Mann, deſſen Renommee über jeden Zweifel erhaben iſt. Mit meiner Hülfe wollte er ſich des unglücklichen Schlachtopfers ſeiner bodenloſen Liederlichkeit bemächtigen, ich ſollte ihr dieſen Brief einhändigen.—. Bei dieſen Worten zog Beck ein duftendes Briefchen auf Roſapapier geſchrieben aus ſeiner Taſche hervor und ſchickte ſich an, daſſelbe vor⸗ zuleſen. — Doktor, einziger Doktor,— flehte der gequälte Reviſor,— Sie werden doch nicht ra⸗ ſend ſein? — Grauſame Unbekannte,— begann Beck mit pathetiſcher Stimme. Wimmerchen war aufgeſprungen und ſuchte 93 das Papier zu erhaſchen, das ſein Peiniger ſo hoch hielt, daß er es, obgleich er auf den Zehen ſtand, wegen ſeiner Kleinheit nicht erreichen konnte. Trotzdem wiederholte er ſeine vergeblichen Bemü⸗ hungen, bis er gänzlich außer Athem kam. — Halt! Was geben Sie,— rief jetzt der Doktor,— wenn ich dieſes Dokument Ihres ſchänd⸗ lichen Lebenswandels Ihnen aushändige? — Eine Flaſche Champagner,— ächzte Wimmerchen. Wo denken Sie hin? Für ein Königreich iſt dies Papier mir nicht feil.— — Zwei Flaſchen.— — Wimmerchen, zwei Flaſchen für acht Per⸗ ſonen. Welch' eine Lumperei für einen Gentleman wie Sie!— — Drei— flüſterte der Reviſor. — Unter vier Flaſchen geht es wirklich nicht. Das ſehen Sie doch ein.— Wimmerchen zögerte noch einen Augenblick, ehe er ſich zu dieſer beträchtlichen Ausgabe entſchloß. — Nun, Sie wollen nicht. Gut, alſo ich fahre fort: Grauſame Unbekannte! Wer könnte täglich Sie ſehn, ohne— 94 — Halt!— ſchrie jetzt der Reviſor, welcher bereits das ſchelmiſche Lachen auf allen Lippen und den Spott in allen Blicken bemerkte, den die Vorleſung dieſes Briefes hervorbringen mußte,— ich gebe vier, ich gebe vier!— — Es lebe Wimmerchen, es lebe die Puppe! rief der luſtige Doktor, jauchzten die Anweſenden, indem ſie mit ihren Gläſern klirrend anſtießen. VI. Beck wurde ſogleich abgeſchickt, um den Cham⸗ pagner und die nöthigen Gläſer aus der nächſten Weinhandlung zu beſorgen. Man traute ſeinen Kenntniſſen in dieſem Zweige mehr zu, als im Bereich der Medizin. Nichts deſto weniger ſprach er ſehr gern von ſeiner ausgebreiteten Praris und den Wunderkuren, die er in der Nachbarſchaft, freilich nur ganz im Geheimen, da er die Appro⸗ bation noch nicht beſaß, verrichtet hatte. In ſei⸗ ner Abweſenheit ſchlug daher Stürmer vor, auch dem trefflichen Doktor einen luſtigen Streich zu 95 ſpielen. Keinem war die Gelegenheit zur Rache willkommner als unſerem Wimmerchen, der dem Aſſeſſor für ſeinen Einfall herzlich dankte und beide Hände zu der Myſtifikation bereitwillig bot. Beck war nicht ſo leicht zu fangen und deswegen mußte die höchſte Wahrſcheinlichkeit bei der Täu⸗ ſchung, die man mit ihm beabſichtigte, beobachtet werden. Einer der Anweſenden Gäſte wollte plötz⸗ lich von einem Blutſturz befallen werden, das dazu nöthige Blut konnte man leicht vom nächſten Fleiſcher beſorgen. Dieſer Vorſchlag wurde jedoch aus mannigfachen Gründen verworfen. — Wie wär' es, wenn wir zu unſerem Wich⸗ ſier ſchickten?— rief der Baron, der ſich an all' den Späßen zu beluſtigen ſchien.— Der Kerl iſt mit allen Hunden gehetzt.— — Das geht nicht,— erwiederte Stürmer, — es koſtet zu viel Zeit. — Könnte nicht Gottlieb plötzlich in Ohn⸗ macht fallen? er ſitzt ohnehin den ganzen Abend ſo ſtill da, daß man ihn leicht für krank halten möchte.— Der Kandidat, welcher durch dieſe Anrede aus ſeinen Träumereien geweckt wurde, proteſtirte feier⸗ 96 lich gegen jede ihm zugetheilte Rolle und ſchützte ſeine Ungeſchicklichkeit vor. — Der Thekkeſſel iſt zu nichts zu gebrauchen, — erſcholl es jetzt von allen Seiten. — Halt! ich hab's,— rief nach einigem Nachdenken der Aſſeſſor,— Guſtchen muß uns helfen, wenn der Spaß gelingen ſoll.— — Wo ſteckt das Teufelsmädchen?— fragte der Baron, der bei Erwähnung ihres Namens aus ſeiner vornehmen Apathie aufwachte. — Sie wiſſen, daß ſie Mullrich nicht gern zu uns ſchickt, wenn Geſellſchaft da iſt,— entgegnete der Aſſeſſor. — Der Philiſter iſt eiferſüchtig, lachte Kron⸗ thal.— — So iſt es, aber auf einen Augenblick wird er ſie loslaſſen, beſonders wenn Sie es verlangen.— Bei dieſen Worten griff Stürmer nach dem Glockenzug und ſchellte. Das Dienſtmädchen trat herein und frug, was die Herren wünſchten. — Guſtchen ſoll kommen!— herrſchte der Baron. In wenig Augenblicken erſchien das reizende Kind, mit dem Sammtjäckchen, dem niedlichen 97 Seidenſchürzchen und dem verführeriſchen Lächeln in dem ſchelmiſchen Geſicht. Sie wurde mit einem lauten Freudengeſchrei begrüßt. — Was wünſchen Sie, Herr Baron?— fragte ſie, indem ſie ſich graziös verneigte. Der Aſſeſſor theilte ihr in wenig Worten mit, um was es ſich handelte. — Wenn es weiter nichts iſt— ſagte die Gefällige— ſo läßt ſich die Sache ſchon machen. Warten Sie nur. Wie wäre es, wenn wir die Mine, unſer Dienſtmädchen, krank werden ließen und ſtatt ihrer den großen Hund des Herrn Baron in das Bett legten? Wir ſetzen ihm eine Hauhe auf und geben ihm ein wollenes Umſchlagetuch um den Hals; dann decken wir ihn zu und ich will darauf wetten, daß der Herr Doktor es nicht gleich bemerkt, beſonders wenn ich ihn in die Kammer führe.—. — Das Mädchen hat famoſe Einfälle!— rief der Baron ganz entzückt. In wenig Minuten war Alles angeordnet, die wohlabgerichtete Dogge angekleidet und zu Bett gebracht, was dieſelbe ſich knurrend gefallen ließ. Bald kam auch Beck mit dem Champagner zurück. Ring, Stadtgeſchichten. II. 7 98 Kaum hatte er ſich niedergeſetzt, als das pfiffige Mädchen erſchien und ſeine Hülfe für die arme Mine in Anſpruch nahm, die ſich beim Scheuern erkältet habe und nun an furchtbaren Seiten⸗ ſtichen leide.. Die ganze Krankengeſchichte brachte Guſtchen mit ſo natürlicher Stimme hervor, daß wahrſchein⸗ lich jeder Andere ebenfalls in die Falle gegangen wäre. Die Anweſenden vermochten nur mit Mühe und Noth das Lachen zu unterdrücken, und Wim⸗ merchen, der am Fenſter ſtand, mußte in ſein Taſchentuch beißen, um ſein Kichern zu verbergen. Der würdige Doktor erklärte ſich ſogleich bereit, Guſtchen nach der Bodenkammer zu folgen, wo nach ihrem Bericht die Patientin lag. — Aber die Mine iſt ſo närriſch und ſchämt ſich!— ſetzte die Schlaue noch hinzu.— Sie will Sie nur im Finſtern ſehn.— — Das geht ja nicht,— erwiederte der treff⸗ liche Arzt mit gravitätiſchem Ernſt.— Auf den Ausdruck der Phyſtognomie wird jetzt ein großes Gewicht gelegt. Wahrſcheinlich hat ſie eine Pleureſie, und da muß ich ſie auskultiren und perkutiren.— — Dazu brauchen Sie ja kein Licht, Herr Doktor,— entgegnete Guſtchen, die von ihrem mediziniſchen Umgang her einige Kenntniſſe auch in dieſem Gebiete ſich erworben hatte.— Und den Puls können Sie auch im Finſtern fühlen. Sonſt will die Mine gar nichts von Ihnen wiſſen.— Der eifrige Beck, dem es nur darum zu thun war, einen Patienten zu erhalten, gab zuletzt nach und entſchloß ſich, die verlangten Bedingungen zu erfüllen. Von Guſtchen geführt, ſtieg er die finſtere Treppe hinauf, welche nach dem Boden führte. Als er ſich entfernt hatte, ſchlich ihm leiſe die ganze Geſellſchaft nach, um Zeuge ſeiner neuen ärztlichen Wirkſamkeit zu ſein. Man vergaß nicht, ein Licht mitzunehmen, damit es der pikanten Scene nicht an wirkſamer Beleuchtuͤng fehlen ſollte. Drau⸗ ßen vor der Bodenkammer ſtanden die luſtigen Brüder und lauſchten. Guſtchen hatte zu dieſem Zwecke die Thür nur angelehnt, ſo daß man jedes Wort deutlich vernehmen konnte. Der ausgezeichnete Doktor war indeß an das Krankenlager getreten. Durch das kleine Fenſter fiel ein matter Schimmer des Mondlichts, der ihn die Umriſſe einer weib⸗ lichen Geſtalt erkennen ließ. Gravitätiſch näherte er ſich, von dem ſchlauen 7 ½ 100 Mädchen geleitet, der Patientin und fragte mit theilnehmender Stimme:— worüber klagen Sie?— Ein leiſes Wimmern und Knurren der zun⸗ geduldigen Dogge war die einzige Antwort. B — Mine kann nicht ſprechen— ſagte jetzt Guſtchen— das Stechen hat ihr den Athem ver⸗ ſetzt.— Der Doktor ſchüttelte ſein weisheitsvolles Haupt und ſprach bedenklich:— der Fall ſcheint äußerſt ſchwer zu ſein, ein ſchleuniger Aderlaß thut hier ſicher Noth. Doch zuvor wollen wir den Puls fühlen. Mine, geben Sie mir ihre Hand.— Die Kranke machte durchaus keine Anſtalt, ſeinen Willen zu erfüllen, ſondern begnügte ſich damit, dem Arzt die Zähne zu weiſen. Dieſer ſtreckte daher ſeine Hand unter das Bett, um ſich ihres Armes zu bemächtigen. Kaum jedoch war dies geſchehen, als die Dogge ſich aufrichtete und ein lautes Gebell anſchlug, vor dem Beck erſchrocken zurück fuhr. In demſelben Augenblick ertönte ein ſchallendes Gelächter auf dem Flur, und durch die Thür drang der ganze Schwarm und brachte Licht. — Angeführt! angeführt!— kreiſchte Wim⸗ merchen, wiederholten die Uebrigen. Die Dogge war nicht zu beruhigen. Durch den Lärm und das Licht erſchreckt, bellte ſie noch lauter als zuvor und ſprang zum unausſprechlichen Jubel der Anweſenden mit Haube und Tuch raſend in der engen Bodenkammer umher. Dem trefflichen Arzt wurde ironiſch zu ſeiner raſchen und glücklichen Kur gratulirt. Beck hatte ſich ſchnell von ſeiner Beſtürzung erholt und machte gute Miene zum böſen Spiel; ja er überbot ſeine Freunde noch an Ausgelaſſenheit. Bald krähte er wie ein Hahn, bald bellte er wie der Hund und feuerte dadurch das Thier zu neuem Heulen an. Es war in der That ein wahrer Höllenſpektakel, in den zum Ueber⸗ fluß noch der ſchwarze Kater auf dem Boden mit ſeinem Miauen einſtimmte. Polternd und lachend flog die ganze Geſell⸗ ſchaft die Treppe hinunter und ſtürmte in die ver⸗ laſſene Wohnung. Guſtchen mußte mitkommen. Die Bowle wurde ſchnell geleert und die Flaſchen entkorkt. Die Pfropfen ſprangen knallend an die Decke und der ſchäumende Wein perlte luſtig in den Gläſern. 10² — Guſtchen ſoll leben!— rief jetzt Stürmer, indem er dem Mädchen den überfließenden Schaum⸗ trank reichte. Sie nippte und trank. Sie ſtieß mit dem Aſſeſſor und Kronthal an, der das reizende Mädchen mit ſeinen Armen umſchlang und zu ſich auf das Sopha zog. — Laſſen Sie mich!— flehte ſie— wenn Mullrich kommt, geht der Skandal gleich los.— Es war bereits zu ſpät. Der Lärm ſeiner Miether hatte den würdigen Hauswirth hervorge⸗ lockt. Durch die geöffnete Thür blickte ſein zürnendes Angeſicht, auf welchem ſich die moraliſche Entrüſtung deutlich malte. — Aber meine Herren!— begann er ſeine Strafpredigt. — Herein kommen!— gebot Beck, der ſeine ſrühere Heiterkeit wieder gewonnen hatte. — Was wünſchen Sie?— fragte Stürmer mit Höflichkeit, da er allen Grund hatte, den Philiſter zu ſchonen.— Wollen Sie ein Glas mit uns trinken?—— — Dieſes weniger— entgegnete Mullrich— aber bedenken Sie, der Skandal! Die ganze Nach⸗ „ 103 barſchaft iſt wach und beklagt ſich. Jugend hat keine Tugend, doch die Moral und Sittlichkeit darf darunter nicht leiden.— — Ausgezeichnet!— kicherte Wimmerchen. — Der Philiſter ſpricht wie ein Buch!— rief Beck dazwiſchen— er muß eine Rede halten!— — Rede halten! Rede halten!— jauchzten die Uebrigen. Eh' ſich's Mullrich verſah, wurde er in die Mitte der Stube gezogen und auf einen ſchnell herbei geſchleppten Fenſtertritt geſtellt. — Rede halten!— ſchallte es ihm von allen Seiten entgegen. Vergebens weigerte und ſträubte ſich der Wirth, er mußte die Kanzel beſteigen, um der muthwil⸗ ligen Jugend auf ihr Verlangen eine Strafpredigt zu halten. — Ja, es iſt unerhört— begann er— ſo ein Skandal zur nachtſchlafenden Zeit. Meine Herren! bedenken Sie, Ruhe iſt die erſte Bürger⸗ pflicht. Ich muß Sie dringend bitten, ſich zu mena⸗ giren. Was ſoll daraus werden? Ein ſolcher Lebenswandel hat die traurigſten Folgen. Wenn das Ihre würdigen Eltern wüßten, ſie drehten ſich im Grabe um, denn das Geld, das Sie erhalten, kommt ihnen ſauer zu ſtehn. Bezahlen Sie lieber Ihre Schulden und führen Sie ſich ordentlich auf, damit— — Es dir wohlgehe und du lange lebeſt auf Erden!— half Beck der ſtockenden Beredſamkeit des Wirthes nach. — Richtig! ſo iſt es, und nun Guſtchen vorwärts marſch!— Der wackere Mullrich hatte die Hand des Mädchens ergriffen, da er daſſelbe aus moraliſchen Gründen nicht länger in ſolch gefährlicher Nähe dulden wollte. Dagegen proteſtirte der Baron, der ſich für das reizende Kind zu intereſſiren ſchien. — Laſſen Sie Guſtchen nur hier— gebot der Freiherr mit einer entſchiedenen Handbewegung. Der wackere Mann kämpfte einen ſchweren Kampf. Seine Moralität ſtritt mit ſeinem Vor⸗ theil. Auf der einen Seite wollte er das Mädchen nicht in dieſer Mördergrube, wie er im Stillen die ganze Geſellſchaft nannte, zurücklaſſen, eben ſo wenig durfte er aber den generöſen Miether erzürnen, der ihm eine erkleckliche Summe jährlich zu verdienen gab. Zwiſchen zwei drohenden Uebeln wählte er 105 das Kleinſte. Er fand ſich leichter mit ſeinem Ge⸗ wiſſen, als mit ſeinem Beutel ab. Einige Augen⸗ blicke ſchwankte er, dann entfernte er ſich, ohne Guſtchen mitzunehmen. — Meine Herren!— rief er pathetiſch noch beim Abgehn aus— ich laſſe dieſes Kind im Ver⸗ trauen auf Ihre Moralität zurück. Bedenken Sie, daß ich Vaterſtelle bei ihr vertrete und ſchonen Sie die Unſchuld.— Ein ſchallendes Gelächter begleitete den Ab⸗ gehenden, in das Guſtchen am lauteſten mit ein⸗ ſtimmte. VIII. Die Geheimräthin Wallner war endlich glück⸗ lich von ihrem Nervenübel hergeſtellt worden. Mit dieſer Nachricht überraſchte Stürmer eines Tages ſeinen Freund und forderte denſelben auf, in ſeiner Geſellſchaft den lang verſchobenen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Noch einmal bat ihn der Aſſeſſor die Verhältniſſe zu berückſichtigen und mit der Vorſicht zu verfahren, welche er ihm bereits früher empfoh⸗ len hatte. 106 Gottlieb empfing dieſe Botſchaft nur mit Herzklopfen, beſonders machte ihm die nöthige Toi⸗ lette viel zu ſchaffen. Sein Leibrock war wirklich zu abgetragen, und wie er durch einen längern Aufent⸗ halt in der Reſidenz bereits belehrt war, keineswegs nach der neueſten Mode gearbeitet. Schon bei dem Kommerzienrath Meyer hatte er die Bemerkung gemacht, daß ſeine abnorme Kleidung mit einer Miſchung von Bewunderung und Mitleid angeſe⸗ hen worden war. Ungeachtet der dringenden Em⸗ pfehlung ſeines Gönners war die Aufnahme nur kühl geweſen, ein Umſtand, den er nicht mit Un⸗ recht ſeinem vernachläſſigten Anzuge zuſchrieb. Er äußerte ſeine derartigen Beſorgniſſe offen dem Freunde gegenüber. — Wenn es weiter nichts iſt,— ſagte Stür⸗ mer lächelnd,— ſo kannſt du ganz unbeſorgt ſein. Ich werde dir einen Schneider verſchaffen, der dich in vier und zwanzig Stunden in einen vollkomme⸗ nen Dandy verwandeln ſoll.— — Wo denkſt du hin? Ich habe kein Geld— wandte Gottlieb traurig ein. — Gott!— rief Stürmer mit mitleidsvollem 107 Achſelzucken.— O! erhabenes Kameel, gottvoller Theekeſſel, wer fordert Geld von dir?— — Der Schneider— — Muß pumpen. Wozu ſind denn die Schnei⸗ der überhaupt auf der Welt, wenn nicht zum borgen! Es wäre eine Schändlichkeit ſonder Glei⸗ chen von dir, dieſe erhabene Weltordnung, die geheiligte Sitte von Jahrhunderten umſtoßen zu wollen. Würden deine Grundſätze allgemein, ſo müßte die halbe Männerwelt der Reſidenz im Na⸗ turzuſtande herumlaufen.— — Du treibſt doch nur deinen Scherz.— — Wer wird mit ſo heiligen Dingen ſcher⸗ zen? Der Pump iſt die moderne Gottheit, welche die ganze Welt beherrſcht. Der Gelehrte borgt vom Alterthume ſeine Gedanken, der Staatsmann ſeine Inſtitutionen, der Geſetzgeber die Geſetze. Hat nicht ein großer Rechtslehrer unſerer Zeit gänzlich den Beruf abgeſprochen, neue Geſetze hervorzubringen? Daraus folgt, daß wir ſie von Römern, Griechen und Arabern borgen müſſen. Was wäre die Re⸗ gierung ohne Anleihen? Nicht vier und zwanzig Stunden würde ſich dieſelbe ohne Kredit erhalten. 108 Der Staat giebt Papiergeld, und wir ſtellen An⸗ weiſungen auf unſere glänzende Zukunft aus.— — Es fragt ſich nur, ob der Schneider da⸗ mit zufrieden iſt.— — Das ſoll meine Sorge ſein. Meiſter Eller iſt auch kein gewöhnlicher Menſch, kein bornirter Schneider einer kleinen Stadt, der für ſeine Arbeit ſo gemein iſt, Bezahlung zu verlangen. Im Ge⸗ gentheil, er iſt ein Philoſoph, der das Prinzip, worauf die moderne Welt beruht, in ſeinem gan⸗ zen Umfange begriffen hat. Er giebt und nimmt Kredit, er ſpekulirt in Paletots und Leibröcken, wie Kommerzienrath Meyer in Aktien. Er iſt Kleider⸗ bankier und betreibt ſein Geſchäft in großartiger Weiſe. Doch du kannſt dich ſelbſt überzeugen.— So wußte Stürmer die Einwendungen, welche Gottlieb gegen dieſe gewagte Anleihe immer von Neuem erhob, bald ſcherzend, bald ernſthaft zu beſeitigen. Er wies ihm mit den ſchlagendſten Gründen die Nothwendigkeit einer neuen Beklei⸗ dung philoſophiſch nach. — Wodurch manifeſtirt ſich die Idee?— ſagte er mit dem ihm eigenen Humor, der das Kleine groß, das Große klein behandelte,— nicht 109 wahr, durch die Form? Der Künſtler kleidet ſeine Gedanken ſo gut er kann, und mancher große Dich⸗ ter, den unſere Zeit verehrt, hat ſeinen Erfolg nur der ſorgfältigen Toilette zu verdanken. Er zieht ſeinen verbrauchten Ideen einen neuen Leibrock an und verbirgt den magern Inhalt in weite Bein⸗ kleider. Folge meinem Rath und auch du wirſt ein berühmter Mann. „ Auch wegen des Kredits wußte er den Freund dermaßen zu beruhigen, daß dieſer endlich, wenn auch mit ſchwerem Herzen einwilligte, mit Herrn Eller wegen eines Leibrocks nebſt Zubehör Rück⸗ ſprache zu nehmen. ei Unterwegs belehrte ihn Stürmer noch über manche wunderliche. Eigenthümlichkeit des Kleider⸗ künſtlers, der allerdings in ſeiner Art ein ſeltenes Original war. Beſonders zeichnete ſich Eller durch eine verkehrte Sucht nach einer äußerlichen Bildung aus. Er war einer der fleißigſten Theaterbeſucher in der Reſidenz und rechnete es ſich zur beſonderen Ehre an, in ſeinem Schuldbuche die Namen der erſten Bühnenkünſtler zu führen, auf deren perſön⸗ liche Bekanntſchaft er vorzugsweiſe ſehr ſtolz war. Nie verſäumte er ein erſtes Debüt, und ſeine rieſi⸗ — —y——— —— 110 gen Fäuſte, welche er bei ſolchen Gelegenheiten trefflich zu gebrauchen wußte, hatten ſchon manches ſchwankende Renommée glücklich gerettet. Der gebildete Kleiderkünſtler bewohnte die zweite Etage eines großen Hauſes in einem der feinſten Stadtviertel. Die ganze Einrichtung ſeiner Wohnung entſprach dem hohen Standpunkte, den er einzunehmen ſtets befliſſen war. Herr Eller empfing ſeinen Beſuch in einem höchſt eleganten Boudoir, deſſen Wände mit den Bildniſſen der berühmteſten Schauſpieler und Sänger der Haupt⸗ ſtadt bekleidet waren, meiſt Geſchenke und Anden⸗ ken dieſer ausgezeichneten Männer, wie der Beſitzer wohlgefällig zu bemerken pflegte... — Womit kann ich Ihnen dienen?— fragte der Schneider den ihm wohlbekannten Aſſeſſor. — Erlauben Sie zuerſt— eentgegnete Stür⸗ mer— daß ich meinem Freunde hier das Vergnü⸗ gen verſchaffen darf, den erſten Mann unſerer Zeit, den Mäzen der Künſte und Wiſſenſchaften zuerſt in Ihnen zu begrüßen.— Gottlieb verneigte ſich, der geſchmeichelte Klei⸗ derkünſtler ſchien dagegen die ironiſchen Worte des 2 111 Aſſeſſors für baaren Ernſt zu nehmen und erwie⸗ derte mit komiſcher Herablaſſung das Kompliment. Stürmer fuhr in demſelben Tone zum Erſtau⸗ nen ſeines Freundes fort: — Ihrer kunſtreichen Hand, Herr Eller, ver⸗ traue ich dieſen jungen ausgezeichneten Mann an, der zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigt. Ueber ſein reiches Innere will ich kein Wort verlieren, aber ſein Aeußeres entſpricht, wie Sie ſich ſelber überzeugen können, nicht den Anſprüchen einer ge⸗ ſteigerten Kultur.— Der Schneider warf jetzt einen geringſchätzigen Blick auf die allerdings traurige Garderobe Gott⸗ liebs. Ein mitleidiges Lächeln über dieſe vorwelt⸗ liche Kleidung zuckte um ſeinen Mund. Der Aſſeſſor bemerkte dieſen ächten Künſtlerzug, den er zu ſei⸗ nem Vortheil auszubeuten beſchloß. — Nicht wahr, Herr Eller— rief er mit geſteigertem Pathos,— dieſer Leibrock iſt ein wah⸗ res Monſtrum des guten Geſchmacks?— — Ohne Phantaſie, ohne Schwung— be⸗ merkte der Schneider mit der Miene eines tiefen Denkers,— es lebt keine höhere Idee darin.— — Ganz recht— fiel Stürmer eifrig ein— 112 können Sie es dulden, daß ein Philoſoph, ein Dichter, in einem ſolchen Leibrock geht?— — Ein Philoſoph, ein Dichter?— fragte Eller erſtaunt und achtungsvoll. — Ein Genie, das die Welt in kurzer Zeit mit ſeinem Ruf erfüllen wird.— Gottlieb wollte in ſeiner Beſcheidenheit gegen dieſes unverdiente Lob entſchieden Einſpruch thun, doch ſein Freund unterbrach ihn ſchnell. — Sie ſind ein Phrenolog, Herr Eller, und haben die Vorleſungen von Scheve und Boſſard mit ausgezeichnetem Nutzen beſucht. Erkennen Sie nicht an den gewaltigen Hervorragungen dieſer eminenten Schädelbildung das hervorbrechende Genie? Dieſe Erhöhung auf dem Scheitelbeine verräth das lyriſche Talent und jener koloſſale Buckel an dem Hinterkopf bedeutet ein fertiges Trauerſpiel, in welchem Ihr Freund dort die Rolle eines ſich ſelbſt ſtrangulirenden Tyrannen übernehmen ſoll.— Bei dieſen Worten deutete Stürmer auf das Bild eines berühmten Kouliſſenreißers, den der Schneider ganz beſonders hoch verehrte. — Sie ſchreiben wirklich Trauerſpiele?— fragte Herr Eller den hocherröthenden Gottlieb, der 113 allerdings unter ſeinen Papieren auch eine Tragödie beſaß, die er aber längſt verworfen hatte. — Trauerſpiele ſchreibt er,— rief Stürmer, ehe noch Gottlieb antworten konnte— die vier Akte lang dem Zuſchauer eine Thränenflut ent⸗ preſſen und im fünften dennoch glücklich enden! Er ſpannt das Publikum auf die Folter des Effekts und reibt ihm die zerbrochenen Glieder zum Schluſſe mit dem Balſam der Verſöhnung ein, ſo daß Herz und Geiſt zugleich befriedigt werden.— — Aber Stüͤrmer!— bat Gottlieb, dem der Scherz zu weit getrieben ſchien. Der Aſſeſſor ließ ihn nicht vollenden. — Beſcheidenheit! übertriebene Beſcheidenheit! — rief er laut. — Nur Lumpe ſind beſcheiden! wie Schiller ſagt— bemerkte jetzt der Kleiderkünſtler würdevoll. Er liebte es, ſeine klaſſiſche Bildung durch An⸗ führung bekannter Stellen aus berühmten Schrift⸗ ſtellern zu bekunden, wobei manche komiſche Namen⸗ verwechslung mit unterlief. — Vortrefflich!— ſchrie der Aſſeſſor, der das Lachen kaum noch unterdrücken konnte— Herr Eller, können Sie ſich ein Talent wie dieſes in Ring, Stadtgeſchichten. II. 8 114 einem ſolchen Leibrock denken? Sie lieben Kunſt und Wiſſenſchaft. Einſt wird Ihr hochgeſchätzter Name mit dem Ihrer Freunde und Kunden auf die Nachwelt kommen. Wer hat für Geibel einen Frack gemacht? wird der künftige Literaturhiſtoriker fragen. Eller! heißt es dann, und die Unſterblich⸗ keit iſt auch für Sie gewiß. Nein, Sie arbeiten nicht wie Ihre niedrig denkenden Kollegen für ſchnöden Sold, ſondern einzig und allein für den Ruhm. Verſchaffen Sie daher dieſem unbekleideten Genius ein paſſendes Gewand, dieſer ſchönen Seele eine angemeſſene Hülle. Sire! geben Sie, wie Ihr Lieblingsdichter ſagt— — Gedankenfreiheit!— fiel der Schneider ein. — Gedankenfreiheit und einen Leibrock!— verbeſſerte der Aſſeſſor mit unnachahmlichem Patos. Der Kleiderkünſtler hatte ſich von ſeinem Kunſtenthuſtasmus ſo weit fortreißen laſſen, um die Bitte dieſes modernen Poſa zu bewilligen. Später erſt, nachdem er bereits Maaß genommen hatte, ſtiegen allerlei proſaiſche Bedenken wegen der Bezahlung in ſeiner Seele auf, die er auch laut zu äußern keinen Anſtand nahm. — Herr Stürmer— meinte er— Sie wiſſen, daß Sie mir ſeit Jahr und Tag noch eine bedeu⸗ tende Summe ſchuldig ſind, und Göthe ſagt ſo ſchön als wahr: Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht, Der Uebel größtes aber ſind die Schulden.— — O Proſa des Lebens!— ſeufzte Stürmer — auch der edelſte Menſch iſt nicht von deinen Schwächen frei. Herr Eller, wir werden Sie be⸗ zahlen, ſobald der Segen der Tantiemen unſere Kaſſen füllt. Außerdem erhalten Sie zu der erſten Aufführung ſechs Freibillette, natürlich rechnen wir dafür auf Ihre Unterſtützung.— Dieſe neue Diverſion verfehlte die beabſichtigte Wirkung nicht. Die Schneidernatur wich der höheren, künſtleriſchen Neigung. Wie durch einen Zauber⸗ ſchlag vergaß Herr Eller ſeine Forderung und be⸗ ſchäftigte ſich von dieſem Augenblick an nur aus⸗ ſchließlich mit dem Theater. Er repetirte lange Stellen aus ſeinen Lieblingsſtücken und ahmte in Stellung und Geberden die erſten Mimen der Hauptſtadt nach, deren trefflichſte Karrikatur er in ſeiner Uebertreibung war. Stürmer hütete ſich, dieſen Kunſtſchwindel zu ſtören, welcher den Schnei⸗ der von ſeiner Forderung abgebracht hatte. Seiner⸗ 8*½ 116 ſeits war Herr Eller entzückt, ein ſo dankbares Publikum gefunden zu haben und gab das feſte Verſprechen, den gewünſchten Leibrock zur beſtimmten Friſt abzuliefern. Stürmer dagegen gab ihm die Hoffnung, Gottliebs Trauerſpiel bei dieſer Gelegen⸗ heit kennen zu lernen, auf deſſen Inhalt der gebildete Kleiderkünſtler äußerſt geſpannt war. Auf der Straße ſchlug der Aſſeſſor ein lautes Gelächter auf, und zeigte überhaupt die ausgelaſſenſte Laune. Gottlieb aber blieb ſtill. Ihn hatte dieſe Miſchung von Ironie und Berechnung im Innerſten verſtimmt, doch wagte er um ſo weniger, ſeinem Freunde einen Vorwurf daraus zu machen, da dieſer nur zum Vortheil des Kandidaten dieſe trefflich geſpielte Rolle übernommen hatte. Schweigend gingen Beide durch die volkbelebten Straßen. In der Nähe der Univerſität trafen ſie noch mit dem Baron und dem Doktor zuſammen. Das unzer⸗ trennliche Wimmerchen war durch ſein Amt noch an ſein Büreau gefeſſelt. Die jungen Leute be⸗ grüßten ſich und beſchloſſen, die Zeit, welche ihnen vor dem Eſſen noch übrig blieb, mit jenem Ver⸗ gnügen zu verbringen, das der gewöhnliche Volks⸗ V 117 witz mit dem charakteriſtiſchen Ausdruck„Bummeln“ bezeichnet. Der Chambregarniſt hat es gewöhnlich in dieſer Kunſt zu einer bewundernswürdigen Virtuoſität gebracht. Arm in Arm mit einem Freunde ſchlen⸗ dert er in behaglicher Gedankenloſigkeit ohne Zweck und Ziel einher. Bald ſtarrt er die Häuſer, Schau⸗ fenſter und Bilderläden, bald die Vorübergehenden mit träumeriſchen Blicken an. Bummelnd ſtudirt er Literatur und Kunſt an einem Bücherladen, bummelnd lieſt er die Ankündigungen der Tages⸗ vergnügungen und verſetzt ſich in Gedanken dahin, bummelnd beobachtet er die Phyſtognomien der Wandelnden. Die Gegenſtände ziehen wie ein Kalei⸗ doskop an ihm vorüber, dort die Fagade eines ſchönen Hauſes, ein Balkon mit Schlinggewächſen beſetzt, ein Fenſter, an dem ein ſchönes Kind ſitzt, oder eine Frau in reizender Toilette ſich zeigt. Der Bummler ſieht Alles, aber er vergißt eben ſo ſchnell, was er geſchaut, die Frau mit den Blumen⸗ ſträußen, den Herrn mit der großen Naſe und dem Ordensſtern, den berühmten Künſtler, der einen europäiſchen Ruf beſitzt; nur an ſchöne Augen, in die er ſich vertieft, an das Lächeln eines 118 reizenden Lippenpaars denkt er längere Zeit. Alles geht, zieht und ſchwebt an ihm vorüber, die grü⸗ nen Bäume, die Wolken am Himmel und die Menſchen auf der Erde. Er befindet ſich in einer Art von magnetiſchem Zuſtande. Er ſpricht, doch ohne Zuſammenhang, da der nächſte Gegenſtand ſchon die Reihe ſeiner Gedanken unterbricht. Er macht Bemerkungen und Witze, die eben ſo wenig nachhaltig ſind, wie die Veranlaſſung, die ſie her⸗ vorgerufen hat. Das Bummeln iſt das dolce far niente des Nordländers, eine ſüße Vergeſſenheit des eigenen Ichs, das Traumleben in der großen Stadt. In dieſem Zuſtande befand ſich unſere Geſell⸗ ſchaft, als plötzlich an ihnen ein eleganter Wagen vorüber fuhr, auf deſſen mit Seide ausgeſchla⸗ genem Sitz eine Dame in vornehmer Nonchalance lehnte. Ihre Toilette, wie jene ungezwungene Haltung, welche die Frau des reich gewordenen Parvenu's ſich vergebens nachzuahmen bemüht, be⸗ zeichneten ſie als eine den höheren Kreiſen Ange⸗ hörige. Sie mochte bereits das dreißigſte Jahr überſchritten haben, aber in ihren Augen ſtrahlte das Feuer der Jugend, vereint mit der Erfahrung 119 des reiferen Alters. Ihr Geſicht war nicht auf⸗ fallend ſchön, aber feſſelnd und intereſſant. Sie war, was man eine gefährliche Laurette nennt. Der Baron, der ſie zu kennen ſchien, zog ſeinen Hut. Sie dankte mit einer graziöſen Ver⸗ neigung, nahm dann ihre Lorgnette und ſchaute mit vornehmer Impertinenz ſeine Begleiter durch das Glas an. Der Aſeeſſor fühlte ſich geſchmeichelt und wechſelte mit dem pikanten Weibe einen heraus⸗ fordernden Blick. Die Dame wandte mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln ihren Kopf nach der andern Seite hin. Bei dieſer Bewegung löſte ſich das ſchlecht befeſtigte Armband von ihrer Hand und fiel blitzend auf das Pflaſter nieder. Stürmer hatte den Verluſt ſogleich bemerkt und hob das Bracelet eilend auf. Er rief den Kutſcher an, der einen Augenblick die Pferde zügelte und zum Stehen brachte. Die Dame blickte verwundert auf den Aſſeſſor. Dieſer über⸗ reichte ſeinen Fund. Sie dankte ihm franzöſiſch in gewählten Worten und verabſchiedete den jungen Mann mit jenem entzückenden Lächeln, das den Frauen der höchſten Ariſtokratie ſo bauid zu Ge⸗ bote ſteht... 120 Als er zu ſeinen Freunden mit ſtrahlendem Geſicht zurückgekehrt war, fragte er ſogleich den Baron:— Wer war die Dame, deren Armband ich gefunden habe?. — Meine Kouſine, die Gräfin Hartzberg— entgegnete Kronthal. — Wie? Dieſelbe, deren Scheidungsprozeß ſo viel Auſſehn macht?— — Allerdings.— — Ein intereſſantes Weib!— ſagte Stürmer, den das kleine Abenteuer mit der renommirten Frau während des ganzen Tages beſchäftigte. II. Am nächſten Morgen ſchon hatte der Aſſeſſor wieder die ſeltſame Begegnung vergeſſen, und er begab ſich mit einem prachtvollen Blumenſtrauß nach der Wohnung des Geheimrath Wallner. Wo⸗ her er in ſeiner ewig bedrängten Lage das Geld hernahm, um dieſe erotiſchen Azaleen, Eriken und Kamelien zu kaufen, wiſſen wir nicht. Der Aſſeſſor gehörte zu denjenigen Menſchen, welche ſtets das Ueberflüſſige, und nie das Nöthige bezahlen können. 121 Er blieb die Miethe ſeinem Hauswirthe, die Kleider ſeinem Schneider ſchuldig, aber für den Lurus des Lebens hatte er noch immer Geld. Er verſäumte keine bedeutende Vorſtellung im Theater und fehlte ſelten oder nie an einem öffentlichen Vergnügunsort. Man zählte ihn zu jenen ſtehenden Figuren einer großen Stadt, denen man ſicher iſt, ſtets zur beſtimmten Stunde auf der Promenade, im Concert und im Schauſpiel zu begegnen. Ohne ihn ſchienen die ſo ſtark beſuchten Symphonie⸗Soiréen ebenſo unmöglich, wie das erſte Debüt einer berühmten Künſtlerin. Im Cirkus hatte er ſeinen beſtimmten Platz, und in den Foyers der Theater wurde er ſtets im Zwiſchenakt geſehn. Dort führte er in Geſellſchaft einiger bekannten Kritiker das Wort. Er liebte es, wenn er Arm in Arm mit den be⸗ rühmten Männern ging, von Freunden und Kollegen getroffen und dann angeſtaunt zu werden. Auch ſprach er dann meiſt ſo laut, daß die Um⸗ ſtehenden aufmerkſam werden mußten und ſich nach ſeinem Namen erkundigten. Beſonders geſchah dies, wenn gerade eine ſchöne Dame, oder irgend eine einflußreiche Perſönlichkeit in ſeiner Nähe verweilte. Ihm lag daran, um jeden Preis Aufſehn zu erregen. 122 Jetzt eilte er mit dem duftenden Blumenſtrauß, um der Geheimräthin ſeinen Glückwunſch zu ihrer Geneſung darzubringen. Dieſe empfing den gern geſehenen jungen Mann mit einem freundlichen Lächeln und dankte für ſeine wohlangebrachte Auf⸗ merkſamkeit. — Sie ſind immer ſo zart, ſo poetiſch, lieber Stürmer!— ſagte ſie mit etwas angegriffener Stimme.— Aus dieſen Blumen ſpricht Ihr tiefes, ſinniges Gemüth. Wie oft am Tage wiederhole ich Klara, daß Niemand das Herz der Frauen beſſer kennt, als Sie. Darum verſtehen Sie auch nur allein, uns jene kleine Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, welche die heutige Männerwelt ganz ver⸗ geſſen zu haben ſcheint. Ja, zu meinen Zeiten war das anders, ganz anders.— Die Geheimräthin dachte in dieſem Augen⸗ blick nicht daran, daß ſie um ſo viele Jahre älter geworden war. Sie hatte überhaupt die verzeihliche Schwäche, ſich noch immer für jung zu halten und von den Wännern jene Aufmerkſamkeit zu fordern, welche man der Schönheit und der Anmuth aus freien Stücken zollt. Stürmer, dem dieſe kleine Citelkeit nicht verborgen geblieben war, hatte vom 123 erſten Augenblick das Herz der alternden Dame dadurch gewonnen, daß er ſie mit jener Zuvor⸗ kommenheit behandelte, welche den Frauen um ſo beſſer gefällt, je weniger ſie noch Anſpruch darauf haben. Zur rechten Zeit verſtand er es, ihre Toilette, auf die ſie wirklich eine große Aufmerkſamkeit ver⸗ wendete, fein zu loben, mit Geſchicklichkeit brachte er zuweilen dabei ein Kompliment für ihre welkenden Reize an. Seinem Auge entging weder das ge⸗ ſchmackvolle Kleid, das die Geheimräthin heut an⸗ gezogen hatte, noch die ſchöne Hand, die ſie noch immer beſaß und gern zur Schau trug. Die gute Frau und vortreffliche Stiefmutter nahm in Abwe⸗ ſenheit ihrer Tochter vollkommen die Stelle derſelben ein und ging in ihrer Gefälligkeit ſelbſt ſo weit, die dem jungen Mädchen beſtimmten Huldigungen für ſich in Empfang zu nehmen. Die Geheimräthin war wirklich zu jedem Opfer bereit und duldete ſo⸗ gar, daß ihr der liebenswürdige Mann ein wenig den Hof machte, um ihn nicht aus der Uebung kommen zu laſſen.— — Wo iſt denn Fräulein Klara?— frug er endlich. — Sie muß den Augenblick da ſein. Sie 14 124 hat eine Beſtellung bei der Putzmacherin für mich übernommen. Höchſtens kann ſte noch eine Vier⸗ telſtunde ausbleiben, gewiß eine Ewigkeit für den Herrn Aſſeſſor,— entgegnete die Geheimräthin mit ſein ſollendem Lächeln. 3 — Ich werde in Geſellſchaft der anbetungs⸗ würdigen Mutter dieſe Ewigkeit für eine Sekunde halten.— — Ein ſchöner Erſatz! eine alte kränkliche Frau für ein blühendes Mädchen.— — Aber dieſe Frau beſitzt einen Geiſt, einen Witz, den man kennt und allgemein bewundert. Die Liebenswürdigkeit hat das beneidenswerthe Pri⸗ vilegium, nie zu altern.— — Wenigſtens bin ich nicht langweilig,— ſcherzte die Geheimräthin, welche mit Vergnügen die Schmeicheleien des Aſſeſſors anhörte. — A propos,— fuhr ſie lächelnd fort,— Sie haben uns ja noch immer nicht Ihren guten, aber langweiligen Freund vorgeſtellt. Was macht Ihr Gottlieb Hühnerbein?— — Er überſetzt den Sophokles und ſchreibt eine gelehrte Abhandlung über die griechiſchen Par⸗ tizipien.— 125 — Nun, um Ihretwillen ſoll er uns willkom⸗ men ſein. Ich find' es ſo ſchön, Ihrer ganz wür⸗ dig, daß Sie ſich des armen Menſchen angenommen haben und ihn unterſtützen. Auch Klara hat ſich innig darüber gefreut.— Stürmer hatte in der Familie des Geheimrath's . von unſerem Gottlieb erzählt und mit gewohnter Beſcheidenheit nur ahnen laſſen, daß einzig und allein durch ſeine Hülfe der arme Freund ſein Fort⸗* kommen in der Reſidenz gefunden habe. Klara war von dieſem neuen Beweis ſeiner Herzensgüte ſehr erfreut. Der Aſſeeſſor ergriff jetzt die gebotene Gelegenheit, mit der Geheimräthin von ſeinem Ver⸗ hältniſſe zu der Tochter zu ſprechen. Er that dies in ſo feiner und zarter Weiſe, daß er ganz das Herz ſeiner Zuhörerin gewann. — Sie kennen meinen Mann,— ſagte ſie faſt mit einem Seufzer.— Er hat immer tauſend Rückſichten und Bedenklichkeiten, doch Sie dürfen ganz ruhig ſein. Sobald Sie erſt Klara’'s Jawort erhalten haben, muß er auch ſeine Einwilligung geben. Wallner thut am Ende doch ſtets, was ich will.— — Sie ſind mein Schutzengel,— ſagte Stür⸗ 126 mer, indem er ſich niederbeugte, um ihre noch im⸗ mer ſchöne Hand zu küſſen. Die Geheimräthin hatte den liebenswürdigen und geiſtreichen Jüngling in ſeinen Bewerbungen um Klara's Hand immer unterſtützt. Sie mochte ihn wohl leiden, um ſo mehr, da er ſie von der erwachſenen Stieftochter befreite, deren Gegenwart der lebensluſtigen und eitlen Frau bei vielen Gele⸗ genheiten ſtörend war. Außerdem fand ſie ſelbſt Wohlgefallen an dem Aſſeſſor. Auch manche rechte Mutter nimmt die Artigkeiten eines Schwiegerſöhns mit Vergnügen an und heirathet ſo den Mann der Tochter mit. Auf dieſe Weiſe genießen ſolche Frauen noch im Spätſommer des Lebens das Glück einer zweiten Liebe, deren Rechtmäßigkeit Niemand be⸗ zweifeln kann. Gründe genug, warum die Geheim⸗ räthin den Aſſeſſor protegirte und ſeine Bewerbun⸗ gen um Klara's Hand unterſtützte. Dieſe war ſo eben zurückgekehrt. Es konnte gewiß keinen größeren Kontraſt als den zwiſchen dieſer Mutter und ihrer Stieftochter geben. Die Geheimräthin war eine kleine, bewegliche Frau mit Hinneigung zum Embonpoint. Klara dagegen ſchlank und zart. Ihr fein geſchnittenes 127 Geſicht mit dem nach Innen gekehrten Auge bildete den entſchiedenſten Gegenſatz zu den verſchwommenen Zügen und den raſtlos ſchweifenden Blicken der Mutter. Selbſt in der Kleidung trat die Ver⸗ ſchiedenheit dieſer beiden Charaktere auffällig hervor. Das kokette Morgenhäubchen, der weit ausgeſchnittene Seidenüberrock, welchen die Geheimräthin trug, ver⸗ riethen die Sucht, noch immer zu gefallen, während das hochgeſchloſſene, weiße Gewand Klara's auf eine faſt abſichtliche Vernachläſſigung ihrer Reize hindeutete. Wahre oder erheuchelte Freundlichkeit ſchwebte ſtereotyp auf dem Antlitz der Geheimräthin, welche allgemein in der Geſellſchaft wegen ihrer Gemüthlichkeit der Tochter vorgezogen wurde, deren ſtrenger Ernſt und keuſche Zurückhaltung manchen oberflächlichen Menſchen zurückſchreckte. Wohl dürfte es räthſelhaft erſcheinen, daß Stürmer ſich zu dieſer ernſten Natur hingezogen fühlte, die ſeinem eignen Weſen ſo ſehr widerſprach. Aber Klara war die Tochter des einflußreichen Geheimraths und galt trotz ihrer Sonderbarkeit für eben ſo ſchön, als gebildet. Auch beſaß Stür⸗ mer Einſicht genug, um den hohen Werth des ſeltenen Mädchens zu erfaſſen. Gerade in ihr fand 128 er jene Eigenſchaften, die er an ſich ſelber vermißte. Die geſunde Klarheit, die unerſchütterliche Wahrheit, welche ſie ſo reichlich beſaß, fehlten ihm, und er hoffte mit Hülfe dieſer edlen Eigenſchaften ſich emporzurichten und ſeine eigne Achtung zu er⸗ langen. Trotz der ſcheinbaren Heiterkeit litt Stürmer oft fürchterlich. Auch ſein Humor war eine Lüge. Die Welt vermochte er zwar zu täuſchen, aber in ſich ſelber fand er den ſtrengen Richter, der ſein Thun und Treiben verurtheilte. Oft hatte er ſchon den Verſuch gemacht, der inneren Mahnung zu folgen und ein beſſeres Daſein zu beginnen, aber Leichtſinn und Schwäche riſſen ihn immer wieder von Neuem fort. Durch Klara's Beſitz glaubte er ſein Ziel zu erreichen. Er hatte ſich ſelbſt gelobt, dann für immer der Lüge zu entſagen, welche ihn anwiderte wie den Kranken die giftige Beule, die er mit ſich herumſchleppen muß. Er liebte Klara wie ſein Glück, das er durch ſie zu begründen hoffte; wie die ſchönere Zukunft, welche ihm die verhaßte Gegenwart erträglich machen konnte. Wie immer lag auch hier ſeinem Gefühl ein Theil Wahrheit zu Grunde, der aber neben der einge⸗ 129 wurzelten Lüge nicht zur vollen Geltung kommen konnte. Er log nicht, ſondern täuſchte, nun ſelbſt getäuſcht. Auch die Noth drängte ihn, jeder längere Aufſchub konnte ſeine zerrütteten Verhältniſſe auf⸗ decken. Aus dieſem Grunde raffte er noch einmal heute ſeine ganze Kraft zuſammen und entwickelte alle Hülfsmittel, welche die Natur ihm verſchwen⸗ deriſch zuertheilt, um ein unbefangenes Frauenherz zu gewinnen. Die Geheimräthin war ihm eine willkommene Bundesgenoſſin. Zur rechten Zeit entfernte ſte ſich unter einem paſſenden Vorwande aus dem Zimmer und ließ Stürmer mit dem Maädchen allein. Klara hatte ſich niedergeſetzt und beſchäftigte ſich emſig mit einer Stickerei, die ſte zum Geburtstag des Geheimraths anfertigte. Zuweilen blickte ſie von der Arbeit auf und dann begegnete ſie ſeinem glühenden Auge, deſſen ſtechenden Glanz ſie kaum zu ertragen vermochte und vor dem ſie geblendet das ihrige zu Boden ſchlug. Ihr war ſo ängſtlich zu Muthe, ſie konnte ſich von dem Gefühle kaum Rechenſchaft geben, das ſie in Stürmers Nähe heut zum erſten Male Ring, Stadtgeſchichten. II. 9 130 empfand. Die Luft im Zimmer ſchien ihr uner⸗ träglich druckend, ſchwül zu ſein; oder waren die Blumen Schuld, die ein feines betäubendes Parfüm aushauchten? Der Aſſeſſor ſtand über ihren Stuhl gebeugt und ſprach mit ihr, anfänglich nur von gleichgül⸗ tigen Dingen, von der Stickerei, mit welcher ſie eben beſchäftigt. Er lobte ihren Geſchmack und ihren feinen Sinn für Farbenharmonie. Seine Worte klangen ſo eigen feierlich, und doch war der Gegenſtand, den er behandelte, nur ganz ge⸗ wöhnlich und alltäglich. Er hatte wie zufällig ihre Hand ergriffen, ſie vergaß, dieſelbe zurückzuziehen. Stürmer glaubte ſogar einen leiſen Druck zu ſpüren, mit welchem Klara den ſeinigen erwiederte. In dieſem Augenblick war jedes Zeichen für ihn bedeu⸗ tungsreich, und er achtete darauf, als hinge davon ſein Leben ab. Immer dringender, immer ſtürmiſcher wurde ſeine Sprache, der Ton ſeiner Stimme klang füß und verführeriſch. Klara hörte kaum, was er redete, nur ein unnennbares Gefühl hatte ſie be⸗ ſchlichen, von dem ſie ſich, trotz ihres ruhigen Weſens, keine Rechenſchaſt zu geben vermochte. Mit dem betäubenden Duft der erotiſchen Blu⸗ 131 men vermiſchten ſich ſeine Laute und verwirrten ſie. Sie wollte aufſtehn und entfliehn, doch ſie vermochte nicht, ſich vom Stuhle zu erheben. Eine unbegreifliche Gewalt hielt ſie gebannt, ihr Herz pochte, ihre Wangen glühten. Wie loderndes Feuer ſtrömten ſeine Worte heiß und zündend, trotzdem ſein Herz innerlich ſo kalt geblieben war, daß ihm ſelbſt davor ſchauderte. Aber die Stelle der wahren Empfindung erſetzte bei ihm die bewegliche Phantaſie, welche ihn mit ſich fortriß und ihm unerſchöpfliche Mittel der Verführung bot. So war er rührend und ſarkaſtiſch, ſtürmiſch und berechnend in demſelben Augenblick. Er überließ ſich ganz ſeiner proteiſchen Natur, jede Rolle fiel dem gewandten Schauſpieler leicht, der wie ſo viele große Künſtler, von der eigenen Dar⸗ ſtellung getragen, in der fremden Perſönlichkeit gänzlich zu verſchwinden wußte. Innige Liebe, wahres Gefühl, Verzweiflung und Jubel, Schmei⸗ chelei und Wahrheit, dies Alles ſtand ihm zu Gebot und in wunderbarer Vollkommenheit flog er die Skala der Liebe von ihrem tiefſten bis zu ihrem höchſten Tone auf und nieder. Seine Aufgabe, die nicht leicht ſchien, gelang 9* ihm um ſo beſſer, als er in dieſem Augenblick wenigſtens für Klara die Liebe empfand, deren überhaupt eine derartige Natur fähig iſt. Er hing jetzt an ihr wie der Ertrinkende den rettenden Maſt umfängt, wie der Fallende den Zweig feſt hält, der ihn vor dem Abgrund ſchützt. Ihr Beſitz war ihm zur Nothwendigkeit geworden. Mit der Sucht, ſie zu gewinnen, wuchs die Leidenſchaft. Auch war Stürmer kein gewöhnlicher Menſch, der über die materiellen Vortheile jede Schätzung des geiſtigen Werthes vergißt. Er wollte zugleich Alles erzwin⸗ gen, eine ſichere Eriſtenz und innere Zufriedenheit, die er einzig und allein in Klara's Beſitz zu finden hoffte. Auch jetzt lag ſeinen Empfindungen wieder ſo viel Wahrheit zum Grunde, als die Lüge in ihm überhaupt zu ertragen vermochte. 4 Und Klara!— Sie war ein Weib und glaubte ihm. X. Nachdem der Aſſeſſor die Geheimräthin, welche geräuſchlos eingetreten war, von ſeinem Glücke 133 unterrichtet und von der noch immer betäubten Klara einen zärtlichen Abſchied genommen hatte, entfernte er ſich trunken von Glück und Stolz. Wie ein gewandter Schauſpieler entwickelte er noch vor ſeinem Fortgehn die ganze Fülle ſeiner Lie⸗ benswürdigkeit, um ſich das, was man in der Theater⸗ ſprache einen glänzenden Abgang nennt, zu ver⸗ ſchaffen. Gehoben von dem Bewußtſein des Er⸗ folges, zeigte er ſich geiſtreich, witzig und gefühl⸗ voll zu gleicher Zeit. Wie ein ſchillernder Regen⸗ bogen prangte ſein Geiſt in allen ſtrahlenden Far⸗ ben der geſellſchaftlichen Bildung und unſerer geſteigerten Kultur. Meiſterhaft verſtand er jede bewegliche Saite des warmen Herzens anzuſchla⸗ gen. Bald erſchien er tief und gemüthlich, bald humoriſtiſch und pikant. Dabei ſtand ihm ſeine ungemeine Beleſenheit und die Gewandtheit zu Ge⸗ bot, mit welcher er fremde Gedanken ſich zu eigen machen konnte. Stürmer beſaß nur wenig ihm gehörigen Fond, aber das größte Aneignungstalent. Er reproduzirte nur, jedoch mit bewunderungs⸗ würdiger Virtuoſität. Ohne Erfindungsgabe, ver⸗ ſtand er es in höchſter Vollkommenheit das gei⸗ ſtige Eigenthum Anderer zu benutzen. Zugleich —— hatte er die ihm bereits zur Natur gewordene Ge⸗ wohnheit, ſtets Alles auf ſeine eigene Perſon zu beziehn und ſich ſelbſt zum Mittelpunkte ſeiner Er⸗ zählungen und Bemerkungen zu machen. Jede Anekdote war ihm ſelbſt begegnet, jeder Witz, der im Augenblicke Aufſehen erregte, rührte von ihm her. Er ſpielte ſtets die Hauptrolle in ſeinen Vorträgen. Dichtung und Wahrheit miſchten ſich ſo innig und unzertrennlich in ſeinen Worten, daß es ihm ſelbſt ſchwer gefallen wäre, den Kern von der Schaale, das Fremde von der eigenen Zuthat zu unterſcheiden. Nur der vollkommenſte Pſycholog hätte dieſe wahrhafte Chamäleonsnatur enthüllen und ihre in⸗ nere Nichtigkeit aufdecken können, dazu waren we⸗ der die eitle Geheimräthin, noch Klara in ihrer Unſchuld, und am wenigſten in dieſem Augenblick, geeignet. Geblendet von ſeinem Geiſte blieben die beiden Frauen bewundernd zurück und ſprachen noch lange Zeit, nachdem der Aſſeſſor verſchwun⸗ den war, von dem mächtigen Eindrucke, den er ihnen hinterlaſſen hatte. — Ich werde mit dem Vater offen reden— 135 ſagte die Tochter.— Er muß es wiſſen, daß ich Stürmer mein Jawort gegeben habe.— — Ueberlaſſe das mir. Ich werde ihn vor⸗ bereiten. Du weißt, daß er immer allerlei Be⸗ denklichkeiten hat.— — Der Vater iſt ſo gut und ſtets für mein Glück bedacht. Faſt reut es mich, daß ich ſo ſchnell und ohne ihn zu fragen gehandelt habe. Das Geheimniß drückt mir das Herz.— — Du cergißt ganz, daß ich daſſelbe mit dir theile— entgegnete die Geheimräthin ver⸗ trauensvoll.— Bin ich nicht deine Mutter?— Klara ließ ſich von dem zärtlichen Tone, in welchem dieſe Worte geſprochen waren, vollkom⸗ men hinreißen und ſank an die Bruſt der Geheim⸗ räthin, die mit einer gewiſſen Theilnahme die Stief⸗ tochter freudig umarmte. Das liebliche Mädchen wurde von den mannigfachſten Gefühlen, welche auf ſie einſtürmten, plötzlich überwältigt. Ein hei⸗ ßer Thränenſtrom ſchoß wie die Vorahnung eines großen Unglücks aus ihren Augen. Die gewohnte Ruhe, die ihr ſonſt zu Gebote ſtand, war geſchwun⸗ den und eine gewaltige Aufregung hatte ſich ihrer bemächtigt. Dabei mußte ſie in dieſem Augenblick 136 an die todte Mutter denken, deren Bild über ihrem Arbeitstiſch hing, und ſich an die große Lücke ihres verwaiſten Daſeins erinnern. Aber das Bild war doch nur ein Bild, ein weſenloſer Schatten ohne ein Herz, das mit ihr fühlte, ohne das Auge der Mutter, welche ängſtlich für das Glück des Kindes wacht. Klara brauchte eine Stütze und glaubte dieſelbe in der Geheimräthin gefunden zu haben, die ihr in dieſem Momente theilnehmend zur Seite ſtand. Die lebensluſtige Frau, deren Grundzug Ei⸗ telkeit und Leichtſinn war und in deren Weſen weder das Gute noch das Böſe vorherrſchte, überließ ſich auch in der gegenwärtigen Lage ganz dem Ein⸗ drucke des Augenblicks. Sie freute ſich über das Gelingen ihres Plans, ſelbſt über die Annäherung von Seiten ihrer Stieftochter. Willig überließ ſie ſich ſogar einer gewiſſen Rührung. Wie alle charakterloſen Menſchen gefiel ſie ſich in einer aus⸗ geſprochenen Sentimentalität, ſie liebte und ſuchte ſtarke Erſchütterungen, welche ihre Thränendrüſen in Bewegung ſetzten. Bei Todesfällen, die ihre Bekannten trafen, war ſte die theilnehmendſte Freun⸗ din und Tröſterin, und ihre Thränenfluth ſloß um 8—— 6 1—— 137 ſo leichter, je weniger ſie innerlich dabei empfand. Im Theater zog ſie aus demſelben Grunde die Tragödie dem Luſtſpiel vor und ihr naß geweintes Schnupftuch galt ihr und ihrer ganzen Umgebung für den ſprechendſten Beweis eines guten Herzens. Sie ließ es als Flagge einer tiefen Empfindung dicht vor ihren Augen wehn. Der Kreis, in wel⸗ chem ſie lebte, hielt deshalb auch die Geheimräthin für eine treffliche Frau voll Gemüth. So ver⸗ miſchte ſich in dieſem eigenen Charakter die hei⸗ terſte Lebensluſt mit der Sucht nach Erection und tragiſcher Erſchütterung. Dieſe Gegenſätze waren ihr zum Bedürfniſſe geworden, doch entſprang der ſeltſame Hang bei ihr weit weniger aus wahrhaf⸗ ter Stimmung, als aus nervöſer und krankhafter Reizbarkeit, wie ſie bei zerrütteten und krampfhaften Konſtitutionen häufig gefunden wird. Der geiſtig und körperlich geſunde Menſch wi⸗ derſteht den erſchütternden Einflüſſen und gilt des⸗ halb meiſt für gefühllos und kalt, während der Schwächling ſich denſelben mit einer gewiſſen Wolluſt überläßt. Die ſtarke Eiche, welche dem Sturm widerſteht, fühlt ſeine Gewalt ſicher weit mehr, als die Binſe, die ſich demſelben beugt. —— —, —,= —— ————— — ——— 138 Auch Klara ließ ſich in dieſem Augenblick von der Sentimentalität der Geheimräthin täuſchen und ſuchte in der bedeutenden Stunde Erſatz für die allzufrüh dahingeſchiedene Mutter. Natürlich begünſtigte die leichtbewegte Frau Stürmers Be⸗ werbungen und billigte den gethanen Schritt, den ſte bei ihrem Gatten zu rechtfertigen verſprach. Dieſer war ſo eben von ſeinem Miniſterium nach Hauſe gekommen und fand die Seinigen in einer Aufregung, die ihm nicht entgehn konnte. Als der Geheimrath nach dem Grund fragte, entfernte ſich Klara auf einen Wink der Stiefmutter. Die Geheimräthin erzählte ihm Stürmers Beſuch und was ſich daran knüpfte. Er hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, ſo daß er darüber vergeſſen hatte, die goldene Doſe zu öffnen, welche er in der Hand hielt. Allmälig verfinſterte ſich 3 ſein lachendes Geſicht, und er ging mißmuthig mit ſtarken Schritten auf und nieder. — Aus der Sache kann nichts werden— ſagte er mit entſchiedenem Ton. — Bedenke, daß Klara in dem Alter ſteht, wo du an ihre Verſorgung denken mußt. Der Aſſeſſor iſt ein liebenswürdiger Mann, ein tüchtiger Arbei⸗ 139 ter, ein geſcheuter Kopf, der ſeine Karriere durch unſere Protektion machen wird.— — Und bis dahin würde ich genöthigt ſein, aus meiner eigenen Taſche das junge Pärchen zu erhalten. Das geht nicht an. Wir müſſen uns einſchränken.— — Wallner, geſtehe nur ein, daß du mit Klara deine Abſichten hatteſt— ſagte die Geheimräthin mit einem ſchlauen Seitenblick auf ihren Gatten. — Im der That! Kommerzienrath Meyer hat mir angezeigt, daß ſein Sohn aus Hamburg zurück⸗ kehren und als Aſſocié ſeiner Handlung eintreten wird. Das wäre keine üble Parthie für Klara und für— uns.— — Benno Meyer wird ſich nach einem reichen Mädchen unter ſeinen Leuten umſehen.— — Im Gegentheil! Er wird ſich durch eine Verbindung mit uns geehrt fühlen. Dieſe reichen, getauften Juden prahlen gar zu gern mit einer anſtändigen, chriſtlichen Verwandtſchaft. Ich werde ſogleich dem Aſſeſſor ſchreiben und ihm ein für allemal jede Hoffnung nehmen.— — Dabei kompromittirſt du mich nur und Klara. Glaubſt du denn auch, daß das Mädchen ——— 140 ſo ohne Weiteres nachgeben wird? Du kennſt ſie ſchlecht, ſie beſitzt einen Eigenſinn, der ſich nicht ſo leicht fügen wird. Doch thue, was du willſt. Was geht es mich an, Klara iſt deine und nicht meine Tochter.—. Bei dieſen Worten ſetzte ſich die Geheimräthin anſcheinend ruhig an das Fenſter und blickte auf die Straße nieder, wobei ſie ihrem Gatten ſchmol⸗ lend den Rücken kehrte. Im Innern war ſie ent⸗ ſchloſſen, ihre Partie nicht ſo leicht aufzugeben und den Sieg unter jeder Bedingung über den Willen Wallners davonzutragen. Dieſer hatte ſich ebenfalls in einen Lehnſeſſel geworfen und nach den Zeitungen gegriffen. In dem Zimmer herrſchte jenes peinliche Stillſchweigen, welches wir die drückendſte Wind⸗ ſtille auf dem Meere des ehelichen Lebens nennen möchten. Dieſe Stimmung ertrug der Geheimrath niemals lange Zeit. Er liebte vor allen Dingen eine gute Tafel, ein heiteres Geſpräch und den häuslichen Frieden, dem zu Lieb' er jedes Opfer brachte. — Liebes Kind!— begann er nach einer längeren Pauſe. Die Gattin antwortete nicht, ſondern ſah un⸗ 141 verwandt auf die Straße, als wäre daſelbſt ein wunderbares Ereigniß zu ſchauen geweſen. — Liebes Kind! du mußt nicht böſe ſein, aber die Verhältniſſe zwingen mich. Du biſt ja ſonſt immer ſo vernünftig.— Die Geheimräthin ſchwieg noch immer. — So ſprich doch, was fehlt dir? Jetzt erſt wendete ſie ihr Geſicht dem Gatten zu. Dabei nahm ſie den ihr bereits geläufigen Ausdruck eines tiefen Leidens an, als wäre ſte plötzlich von einem ihrer nervöſen Anfälle ergriffen. Ein leichtes Zittern ihrer Hände verſetzte den be⸗ ſorgten Mann ſogleich in Verzweiflung. — Um Gottes Willen, nur kein neuer Anfall! — jammerte er. Der Geheimrath liebte ſeine zweite Frau. Beſonders ſchätzte er die Geſchicklichkeit, womit ſie ihm ſeine häusliche Eriſtenz angenehm zu machen verſtand. Auch er war einſt jung geweſen und hatte für Poeſie, für Kunſt und ſelbſt für's Vater⸗ land im Jahre 1813 und 1814 geſchwärmt, jetzt aber zog er einen guten Mittagstiſch und den Komfort des Lebens all dem geiſtreichen Schwindel, wie er lächelnd zu ſagen pflegte, bei weitem vor. 142 Als vollendeter Gourmand ehrte er in ſeiner Gattin die höhere Köchin, wie er ſte im trauten Scherz oft nannte. Jedes neue Gericht war darum für ſie ein neuer Sieg, jede pikante Sauee eine Eroberung. Er war aus dem jugendlichen Schwärmer ein heiterer Geſellſchafter, ein liebenswürdiger Lebemann geworden. Jede Störung ſeiner frohen Laune und beſonders ſeines Appetits war ihm daher verhaßt. Er wollte nur frohe Geſichter um ſich ſehen, ſeine Tochter war ihm zu ernſt, dagegen fand er ſtets bei der Geheimräthin das Echo ſeiner eignen Stim⸗ mung wieder. Aus dieſem Grunde empfand er jetzt eine wahrhafte Angſt vor den wiederholten Nervenanfällen ſeiner Frau, die ihm ſeinen Humor, ſo wie ſeine häusliche Bequemlichkeit zu vernichten drohten. Die Geheimräthin benutzte natürlich dieſe Schwächen. Als wahre Künſtlerin ſparte ſie jedoch derartige Hülfsmittel nur für außerordentliche Ge⸗ legenheiten auf. In der Regel verſuchte ſie zuerſt durch den Magen auf ſein Herz zu wirken und nach einer wohlbeſetzten Tafel ſeine angenehme Stimmung zu benutzen. Wenn ſie aber damit nicht ausreichen konnte, ſetzte ſie den großen Apparat 143 eines Nervenanfalls in Bewegung, wodurch ſie auch gewöhnlich den gewünſchten Sieg errang. Zu dieſem Zwecke ſchützte ſie auch in dieſem Augenblicke einen Rückfall vor. Wallner war ihr ſogleich beigeſprungen und leitete die arme Frau nach dem Sopha, auf welches ſie erſchöpft nieder⸗ ſank. Sogleich eilte er nach den ſtets bereit ge⸗ haltenen Eſſenzen, die er ihr unter die Naſe hielt. — Liebes Kind,— ſeufzte er aus tiefſter Bruſt,— du wirſt doch nicht wieder krank wer⸗ den? Der Doktor hat mir doch die Verſicherung gegeben, daß kein neuer Anfall zu befürchten ſei.— Die Geheimräthin ſtöhnte nur, und dieſer ſpre⸗ chende Beweis ihrer Schwäche und Hinfälligkeit ver⸗ mehrte die Qual des unglücklichen Ehemannes. — Um des Himmels Willen, ſo ſprich doch nur ein Wort!— flehte der Aengſtliche.— Was ſoll ich thun? ich werde ſogleich nach dem Hofrath ſchicken.— Die Kranke ſchüttelte mit dem Kopf. — Nicht wahr, es wird vorübergehn? Wenn ich nur wüßte, was die Schuld trägt. Du biſt gewiß zu zeitig aufgeſtanden.— Der Geheimrath hatte die Hände der Leiden⸗ —xxÿ————ꝛ—————— —— 144 den ergriffen, welche ihm wirklich ganz kalt und abgeſtorben ſchienen; ſie ſuchte ihm dieſelben zu entziehn. Er hielt dagegen dieſe Bewegungen für ein neues krampfhaftes Zucken. Nun überhäufte er ſich ſelbſt mit Vorwürfen. — Ich Unglücklicher!— klagte er,— ich habe dich gewiß wieder aufgeregt und der Hofrath hat dir jede Aufregung ſo ſtreng unterſagt. Wenn du weißt, daß Klara mit dem Aſſeſſor glücklich wird, ſo habe auch ich nichts dagegen, obgleich mir, offen geſtanden, die Verbindung mit Meyers lieber geweſen wäre. Ich bitte dich, rede nur und ich will Alles thun, was du wünſchen kannſt.— Wir wiſſen nicht, ob eine andere Frau in ähnlicher Lage ſchon jetzt ihm geantwortet hätte. Die Geheimräthin, der wir eine gewiſſe Erfahrung in dieſem Punkte zuſchreiben müſſen, hielt es für beſſer, noch einige Zeit zu ſchweigen und die leidende Rolle weiter durchzuführen. Trotz aller Verſpre⸗ chungen, die der zärtliche Chemann ihr gahb, dau⸗ erte der Unfall noch eine geraume Weile, wenn auch in geringerem Maaße fort. Erſt allmälig wichen die gefahrdrohenden Zufälle und nach einer Stunde hatte die gute Frau ſich gänzlich erholt. 145 Der Geheimrath billigte das Verhältniß Klara's unter der Bedingung, daß vorläufig noch Still⸗ ſchweigen darüber beobachtet werden ſollte. Die öffentliche Verlobung verſchob er ſo lange, bis der Aſſeſſor eine feſte Anſtellung aufzuweiſen hätte. — Und nun zu Tiſche!— ſagte der Gatte, glücklich, daß der Unfall ſo ſchnell vorübergegangen war.— Was giebt es denn heute?— — Friſchen Dorſch und Rehbraten mit Sta⸗ chelbeeren,— entgegnete die höhere Köchin mit einem ſchwachen Lächeln. Der Geheimrath war beſtegt und ſein Appe⸗ tit vollkommen wiederhergeſtellt. M. Unterdeß war Stürmer freudetrunken in ſeine Wohnung geeilt. Endlich ſtand er an dem längſt erſehnten Ziel. Er hatte die Hand des liebenswür⸗ digen Mädchens erlangt und ſomit den Grundſtein zum Glücke ſeiner Zukunft gelegt. In ſeiner Wonne drängte es ihn, dem treuen Gottlieb dieſe freudige Nachricht mitzutheilen. Es war aber weder ächte Freundſchaft, noch der Taumel einer ſeligen Liebe, Ring, Stadtgeſchichten. II. 10 146 die ihn dazu trieben, ſondern nur ein Gefühl von Stolz und befriedigter Eitelkeit. Aller Welt hätte er laut zurufen mögen: Seht! mein Glück iſt jetzt gemacht. Aber in dieſem Hauptpunkte irrte ſich der Leichtgläubige. Wir wiſſen, daß das Vermögen des Geheimraths keineswegs bedeutend war, daß ſein großes Gehalt kaum hinreichte, um den ver⸗ ſchwenderiſchen Haushalt deſſelben zu beſtreiten. Doch dieſe Täuſchung war um ſo verzeihlicher, da das Haus, welches Wallner machte, zu den glänzend⸗ ſten der Reſtdenz gezählt wurde. Seine Tafel war ſtets mit den ausgeſuchteſten Speiſen und feinſten Weinen beſetzt. Er liebte, oft große Geſellſchaften bei ſich zu ſehn, bewohnte ein prachtvolles Quar⸗ tier und machte in jedem Sommer eine größere Vergnügungsreiſe mit ſeiner ganzen Familie. Trotz dieſer verſchwenderiſchen Lebensweiſe war der viel beneidete Geheimrath im eigentlichen Sinne nur ein Proletarier, wenn man unter dieſer Be⸗ zeichnung einen Mann verſteht, der gezwungen iſt, mehr auszugeben, als ſeine Einnahme beträgt. Derartige Menſchen leben in der Reſidenz unzäh⸗ lige: Proletarier, welche von Silber ſpeiſen, eine 147 Loge im Theater beſitzen und in glänzender Equipage fahren. Davon hatte Stürmer keine Ahnung, auch er ließ ſich von dem äußeren Scheine blenden. Jetzt eilte er, um Gottlieb aufzuſuchen, damit er ſich vor ihm ſeines Glückes rühme. Er traf den Freund, der mit dem Unterricht ſeiner Zöglinge beſchäftigt war, nicht in ſeiner Wohnung an. Dagegen be⸗ gegnete er auf dem Flur einem Bekannten, dem Baron von Kronthal. Dieſer Ausländer, den wir bereits in Geſellſchaft von Doktor Beck und Wim⸗ merchen geſehn haben, hielt ſich Studirens halber, wie man zu ſagen pflegt, in der Hauptſtadt auf. Die Kluft zwiſchen dieſer Chambregarniſtenkrone und dem armen Gottlieb war eine unermeßliche. Der Baron bezog einen Wechſel, von dem ſelbſt eine zahlreiche Familie anſtändig leben konnte, dennoch hatte er nebenbei noch anſehnliche Schul⸗ den. Er ſpeiſte in dem erſten Hôtel der Reſidenz an der Table d'hote, ſeine Toilette beſorgte der faſhionabelſte und darum auch theuerſte Schneider; ſeine Glacéehandſchuh waren ſtets neu und flecken⸗ rein. Ein zierliches Stöckchen mit einem eiſelirten Goldknopf ſchwebte in ſeiner Hand und ein ächter 10* 148 Bulldog begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Aus Furcht vor pedantiſcher Vielwiſſerei hatte er bisher den Schulſtaub des Auditoriums ſo viel als möglich vermieden, er beſuchte wenig die Kollegien, deſto mehr Geſellſchaften und Bälle, auf denen der feine junge Mann beſonders von den jüngeren Damen gern geſehn wurde. — Ach! lieber Aſſeſſor,— rief Kronthal, als er Stürmer begegnete,— ich habe Ihnen noch einen Gruß von meiner Kouſine auszurichten. Die Gräfin dankt nochmals für das gefundene Arm⸗ band. Sie hofft Sie wieder zu ſehn. — Mich zu ſehn?— fragte Stürmer über⸗ raſcht. — Und das noch heute Abend. Sie kommt auf den Maskenball im Wintergarten.— — Sie ſcherzen nur. Wo denken Sie hin?— — Das darf Sie nicht wundern. Meine gnädige Kouſine iſt vollſtändig emanzipirt. Ich mochte ihr vorſtellen, was ich wollte, ſie geht doch hin. Une femme libre will das Leben und Trei⸗ ben der Hauptſtadt kennen. Sie ſetzt ſich über das Urtheil der Welt hinweg. Sie kommen doch mit, lieber Stürmer? Ich habe der Gräfin in —— 149 Ihrem Namen zugeſagt, ſie rechnet darauf, Sie dort zu treffen.— Stürmer fühlte ſich durch dieſe Aufmerkſam⸗ keit der vornehmen und intereſſanten Frau geſchmei⸗ chelt. Dennoch erhob er allerlei Einwände, wobei er mit geheimnißvoller Miene, die Alles errathen ließ, auf ſein neues Verhältniß zu Klara Wallner hindeutete. — Sie machen ſich in der That lächerlich!— entgegnete der Baron.— Ohnehin dürfen Sie ganz ohne Furcht ſein. Kein Menſch wird Sie unter der Larve und im Domino erkennen. Ueberdies habe ich bereits eine geſchloſſene Loge beſtellt. Sie müſſen bei der Partie ſein. Die Gräfin freut ſich ſehr darauf, Ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen. Ohne mich und meine Kouſine zu beleidi⸗ gen, können Sie ſich nicht zurückziehen. Es wird einen famoſen Abend geben.— Alle dieſe Gründe hatten dem Schwanken des Aſſeſſors ein ſchnelles Ende gemacht. Beſonders gab die Anweſenheit der Gräfin den Ausſchlag. Obgleich der Aſſeſſor öffentlich gern für einen ent⸗ ſchiedenen Demokraten galt, ſo liebte er doch, ſo oft es geſchehen konnte, die Bekanntſchaft des Adels 150 und mit der höheren Ariſtokratie zu verkehren. Außerdem träumte er bereits von irgend einem pikanten Abenteuer mit der intereſſanten Frau, die er kaum flüchtig geſehn hatte. Er gab daher nach kurzem Beſinnen dem Baron das Verſprechen, auf dem Maskenballe zu erſcheinen, wo er die nähere Bekanntſchaft der Gräfin Hartzberg machen ſollte. Ungeachtet ſeiner Liebe für Klara, fühlte er das Bedürfniß, den Jubel ſeines Innern auszutoben. Noch einmal wollte er den Becher des Genuſſes bis zum Grunde leeren, bevor er von dieſem ſchran⸗ kenloſen Junggeſellenleben für immer Abſchied neh⸗ men mußte. Der Aſſeſſor hatte gewiß die beſten Vorſätze für die Zukunft gefaßt, er wollte Klara's würdig werden, den alten Gewohnheiten entſagen und ein neues reineres Daſein beginnen, aber er verfuhr dabei wie jener Trunkenbold, der ſeinem Mäßig⸗ keitsgelübde getreu an drei Schenken vorüberging, und in der vierten zur Belohnung ſeiner Stand⸗ haftigkeit ſich— berauſchte. Wenige Stunden, nachdem er Klara's Jawort erhalten hatte, eilte Stürmer mit vorgebundener Larve und in ſeinen Domino gehüllt, nach dem —— 151 bekannten Wintergarten, wo der Maskenball abge⸗ halten wurde. Der Baron war mit der emanzi⸗ pirten Gräfin bereits vorausgefahren und erwartete ihn in der geſchloſſenen Loge, von wo die Geſell⸗ ſchaft auf das Wogen und Treiben der Masken niederſchaute. Der herrliche Ballſaal war glänzend erleuch⸗ tet. Man konnte nichts Prachtvolleres ſehn. Schim⸗ mernde Säulen ſtiegen bis zu dem goldenen Getä⸗ fel der rieſigen Decke empor, weiße Götterbilder krönten die Sockel und ſchauten verwundert auf den bacchantiſchen Taumel nieder. Rings um die Wände zog ſich eine Reihe eleganter Logen, hinter den grünen Vorhängen lauſchte die verſchwiegene Liebe oder vornehme Zurückgezogenheit. Außer dem ſchweren Kronleuchter brannten Hunderte von Gasflammen und verbreiteten rings umher die Helle des Tages. Zwiſchen den koſtbaren Divans auf vergoldeten Geſtellen ſtanden zierliche Korbtiſchchen, mit Schilfgewächſen, Epheu und anderen Ranken⸗ pflanzen bekleidet. Es war ein wahrer Feenauf⸗ enthalt. Und in dieſen bezaubernden Räumen bewegte ſich die hoffnungsvolle Jugend der Reſidenz, der 15² Student, welcher die Freuden der Hauptſtadt er⸗ ſchöpft, bevor er als abgeſtumpfter Philiſter an dem Joch des Staatsdienſtes ſchleppt, der Kommis mit dem Aeußern eines Gentleman und dem leeren Innern, abſprechend, arrogant, doch nicht ohne Witz. Dort ſtand ein junger Fähndrich mit dem eingeklemmten Lorgnon und ſprach eine vorüber⸗ gehende Schöne an. Der Wintergarten iſt die hohe Schule ſeiner geſellſchaftlichen Bildung und Tour⸗ nure. Jener dicke Herr mit dem ſchwefelgelben Mantel iſt ſicher ein fremder Gutsbeſitzer, der für ſchweres Geld ſich leichte Waare und theure Er⸗ fahrungen noch heute kaufen wird. Der rothe Domino mit der großen Naſe ſcheint ein Habitué des Balls zu ſein, trotz ſeiner Larve wird er von allen Seiten erkannt und begrüßt. Er macht ſein Wuchergeſchäft und ſucht ſeine Opfer auf. Der Saal dient ihm als Börſe und Vergnügungsort. So vereinte ſtch hier Unerfahrenheit mit Schlauheit, Neugier und Genußſucht, Leidenſchaft und Blaſirt⸗ heit zu jenem wunderbaren Chaos, das man Ver⸗ gnügen nennt. Und dazwiſchen hüpften und ſchlüpften, webten und ſchwebten die Töchter Eva's, die glänzenden 153 Schlänglein mit funkelnden Augen und geſchmei⸗ digen Gliedern. Bald einzeln, bald in Begleitung gehen ſie vorüber in rauſchender Seide und ſchillern⸗ dem Sammet. Eine ſtolze Schöne in ſchwarzer Atlasmantille trat mit dem Anſtand einer gebornen Fürſtin auf. Sie iſt nur die Tochter eines Holz⸗ hauers, der ſich ehrlich und mühſelig von ſeiner Hände Arbeit nährt, und nicht von dem Sünden⸗ gelde des verlornen Kindes leben will. Während ſte in ſchwerer Seide prunkte, hatte der Erekutor heute der armen Mutter das letzte Kleid abgepfändet. Ihr folgte die feine, zierliche Gärtnerin mit dem ſchönen blonden Haar, das in langen Zöpfen ihr bis zu den ſchlanken Hüften reichte. Sie hatte den Mantel, der ſie vor der Winterkälte ſchützen ſollte, verſetzt und für das Geld die kleidſame Maske eingetauſcht. Lüge und immer wieder Lüge! An der hohen Säule lehnte ein Weib in griechiſchem Gewande. Herrliche Scene, die einen Bildhauer zur Schöpfung einer Mänade begeiſtern könnte! Jede Bewegung athmete Lebensluſt und kecken Uebermuth. Die ſchwellenden Glieder hauchten Glück und Wonne aus. Sie lachte ſo laut, daß ——,—— 154 man es von einem Ende des Saals bis zum andern hören mußte, und dennoch weinte ihr Herz im Stillen um das verlorene Glück. An den Wänden ſchlich ein Ehemann, der nicht erkannt ſein wollte. Sorgfältig vermummt wich er allen Bekannten aus. Lüge und immer wieder Lüge! Aus den Larven blitzte das Geſpenſt mit ver⸗ führeriſchen Augen, es lachte und flüſterte, koste und winkte, lockte und rief mit ſüßer Stimme und bezaubernder Gewalt. Lüge und immer wieder Lüge! 3 Von dem Orcheſter ertönten jetzt die rauſchen⸗ den Klänge; in wilder Luſt umſchlangen ſich die Paare und raſten im ſtürmiſchen Galopp einher. Die Gräfin im Domino und ſchwarzer Spitzenlarve ſtützte ihren Arm auf die Brüſtung der Loge und ſchaute gedankenvoll auf die Tänzer nieder. — Die genießen doch!— ſagte ſie zu Stür⸗ mer, mit dem ſie ſchnell bekannt geworden war. — Und was hindert uns?— fragte der Aſſeſſor keck. 4 — Das Vorurtheil, die öffentliche Meinung, Ruf, Renommee, kurz, wie Sie den Unſinn nennen wollen.— 155 — Ich halte Sie, gnädige Gräfin, für ſtark genug, dem Vorurtheil zu trotzen.— — Sie haben Recht! Wir wollen in den Ballſaal gehen, geben Sie mir Ihren Arm.— — Aber bedenken Sie doch!— mahnte der. Baron, dem die Freiheit, welche ſich ſeine emanzi⸗ pirte Kouſine nahm, zu weit zu gehen ſchien. — Monſteur Tartuffe kann bleiben, wo er iſt!— lachte die kecke Frau, indem ſie mit dem Fächer leicht nach Kronthal ſchlug. An Stürmers Arm ſchlüpfte ſie in den Ball⸗ ſaal nieder und miſchte ſich mit ihm unter die Tanzenden. XI. Das war eine andere Unterhaltung für den Aſſeſſor, als mit der ruhigen, ſtillen Klara! Jedes Wort der Gräfin glich einer flammenden Rakete, welche hoch empor ſchoß und tauſend zündende Funken in ſeine Seele fallen ließ. Sie ſchien ihm das große Weib zu ſein, von welchem er ſo oft geträumt, jene Lelia, deren Schöpferin er ſtets be⸗ wundert hatte. Was ſie ſprach, war mächtig, kühn, 156 und in jedem Worte glühte für ihn der Geiſt einer neuen Zeit. Sie kannte Alles, hatte Alles geleſen und geſehn. Wenn ſie an ſeiner Seite vom raſen⸗ den Tanze ausruhte, ſprach ſie mit ihm über Socialis⸗ mus, über Frauenemanzipation, über die Religion der Zukunft und den Kultus des Genius. Die höchſten Intereſſen der Menſchheit wurden von ihr in einer kurzen Pauſe abgethan, und während ſie mit ihrem Fächer ſpielte, leugnete ſte mit geiſtreicher Kühnheit die Unſterblichkeit der Seele, vernichtete ſte lächelnd den Glauben an einen Gott. Dazwiſchen flüſterte ſie dem entzückten Stürmer allerlei ſcherz⸗ hafte Bemerkungen über die tanzenden Paare zu, pikante Witze, frivole Scherze und feine Zweideutig⸗ keiten, welche den jungen Mann herausforderten und zu kühnen Hoffnungen berechtigten. Und über dem Allen lag der Schmelz einer ariſtokratiſchen Vornehmheit, welche er am meiſten an ihr be⸗ wunderte. Auch der Aſſeſſor war noch liebenswürdiger als ſonſt. Die intere ſante Frau regte ihn ſo mächtig an, ſein Geiſt ſchien dem ihrigen verwandt. Er ſuchte ihrer würdig zu ſein, und das gelang ihm auch. Zwei moderne Genien hatten ſich ge⸗ funden und erkannt. treffen! Bei den Klängen des Orcheſters, im raſenden Galopp und mitten im Taumel dieſer bachanti⸗ ſchen Luſt tauſchten die Beiden Gedanken und Ge⸗ fühle aus. — Feuerbach hat Recht!— ſagte die Gräfin — Gott iſt nur die Schöpfung des Menſchen, ein Phantaſiegebilde.— — Und wie die Liebe ein Reſultat der Ein⸗ bildungskraft!— pflichtete ihr der Aſſeſſor bei. — Was iſt Liebe?— fragte die Geiſtreiche. — Cachirte Sinnlichkeit, ein chriſtliches Män⸗ telchen um die heidniſch nackten Glieder, eine Venus in Sternentracht.— — Vorrrefflich definirt!— ſcherzte die Gräfin — Sie verdienen eine Profeſſur in Liebesſachen.— — Wollen Sie, gnädige Komteſſe, meine Schülerin ſein uud mein Kollegium beſuchen?— — EStill! man belauſcht uns. Sehen Sie nicht den grünen Domino und dort den kleinen Spanier?— Die Gräfin deutete auf zwei Masken, welche allerdings in der Nähe ſtanden und das elegante Welch pikantes Zuſammen⸗ 158 Paar anſtaunten. Um dieſer läſtigen Aufmerk⸗ ſamkeit zu entgehn, forderte Stuͤrmer ſeine Dame zu einer neuen Tour auf. Sie tanzten, und ſo viel Vergnügen hatte der Aſſeſſor noch nie bei einem Tanz empfunden. Die intereſſante Frau entwickelte auch hier eine Kühn⸗ heit, eine Leidenſchaft, welche ihn mit fortriß. Sie gab ſich ganz der übermüthigen Laune hin. Ohne Rückſicht ſchmiegte ſte ſich in ſeine Arme; jedes Glied an ihr ſchien eine leichte Welle, die ihn neckend und verführeriſch berührte. Wie langweilig kam ihm die Quadrille auf dem letzten Balle vor, zu der er mit Klara engagirt geweſen war. Wie ſteif erſchien ihm das junge Mädchen mit den lächerlich eckigen Bewegungen, welche damals alle Welt graziös fand, neben dieſer vollen Hingebung der gereiften und erfahrenen Frau, die noch dazu eine Gräfin war! Sobald die Galoppade beendet war, führte Stürmer die Gräfin nach der Loge, welche der Baron beſtellt hatte und wo ein feines Souper ihrer wartete. Leider konnte dies nicht unbemerkt geſchehn. Die zwei Masken, welche ſchon vorher 159 durch ihr Anſtarren läſtig gefallen waren, näherten ſich dem Aſſeſſor. — Sie ſind es, Stürmer!— rief ein zeiſig⸗ grüner Domino. — Was ſoll's?— fragte dieſer barſch. — Mein Gott! kennen Sie uns denn nicht?— flüſterte Wimmerchen. Die Gräfin hatte den Arm ihres Tänzers, ſobald dieſer angeſprochen wurde, losgelaſſen und ſich ein wenig zurückgezogen. — Kinder, ehrt mein Inkognito— bat Stür⸗ mer ſeine Freunde— und vor allen Dingen laßt mich gehn, Ihr ſeht, meine Dame wartet.— — Wer iſt ſie und wo wohnt ſie?— fragte der Reviſor, dieſer furchtbare Donjuan. — Die Prinzeſſin Bumfia,— lachte der lu⸗ ſtige Beck.— Doch was kümmert's uns, wir haben eine Herzogin hierher begleitet. Dort ſitzt die edle Fürſtin Guſtchen von Blaſewitz, aus dem Hauſe Mullrich von Schnellenfeld und Pumpen⸗ heim. Ihro Durchlaucht erwarten uns ebenfalls.— Dabei deutete der fröhliche Doktor auf einen weib⸗ lichen Domino, der auf ein Sopha hingeſunken war, um ſich von dem raſenden Tanze zu erholen. 160 Stürmer erkannte die Kouſine und bat ſeine Freunde, die holde Schöne nicht länger ſchmachten zu laſſen. Dieſe ſchickten ſich eben an, ſeinem Rathe zu folgen, als noch eine dritte Maske ſich ebenfalls einfand und den Aſſeſſor anredete. — Aſſeſſorchen! Aſſeſſorchen!— rief ein edler Spanier. — Ich kenne Sie nicht— entgegnete Stür⸗ mer, über dieſen neuen Störenfried empört. — Bin's, den alle Kellner kennen. Bin's, den alle Mädchen nennen, Bin der— — Kleiderkünſtler Eller— fiel der luſtige Beck trocken ein. — Ja, ich bin's— wiederholte der würdige Schneider— und nun kommen Sie mir nicht los. Ich muß wiſſen, wer die Dame iſt, mit der Sie getanzt haben. Pompöſes Weſen, Taille hand⸗ breit, um die Knöchel höchſtens ſteben Zoll. Müſſen mich ihr vorſtellen.— — Wo denken Sie hin? es geht nicht, wirk⸗ lich nicht, rief der Aſſeſſor in peinlicher Verlegen⸗ heit.— Gern hätte er den Zudringlichen mit entſchie⸗ 161 dener Grobheit zurückgewieſen, doch er ſtand noch immer in Ellers Schuldbuch und durfte den ſchla⸗ fenden Löwen nicht reizen. In dieſer unangenehmen Lage, entweder den wichtigen Schneider ſich zum Feinde zu machen, oder ſich und die Gräfin durch eine derartige ple⸗ bejiſche Bekanntſchaft zu kompromittiren, ſann er auf einen Ausweg. Bald war dieſer gefunden. Er flüſterte Beck einige Worte in's Ohr, die dieſer vollkommen verſtand und benutzte. Während der Schneider noch in Stürmer drang, nahm der Doktor Ellers Arm und ſagte mit dem trockenen Ernſte, der ihm ſtets zu Gebote ſtand, wenn es ſich um eine Myſtifikation handelte: — Wiſſen Sie, daß die berühmte Fanny hier iſt und inkognito ſich auf dem Ball befindet?— — Nicht möglich!— ſchrie der Kleiderkünſt⸗ ler, dem es bekannt war, daß die gefeierte Tänzerin zu einem Gaſtſpiel in der Reſidenz erwartet wurde. — Sehen Sie dort die Dame in dem blauen Domino, welche auf dem Sopha ſitzt,— ſagte Beck, indem er nach dem Platz hindeutete, wo Guſtchen ſich befand.— Ich habe ſo eben mit ihr den Galopp getanzt.— Ring, Stadtgeſchichten. II. 11 162 — Sie Glücklicher!— ſchrie der Schneider, welcher in die Falle ging. — Ich will Sie vorſtellen, aber nur unter zwei Bedingungen.— — Reden Sie, ſprechen Sie, himmliſcher Doktor.— — Erſtens dürfen Sie durchaus nicht merken laſſen, daß Sie von ihrer Anweſenheit unterrichtet ſind, und dann kann ich Sie nicht unter Ihrem eigenen Namen vorſtellen. Sie ſehen doch die Nothwendigkeit ein.— — Alles, Alles— rief der entzückte Klei⸗ derkünſtler.— — Wohlan, Herr Baron von Ellenberg, folgen Sie mir und machen Sie meiner Vorſtellung Ehre.— Arm in Arm mit dem baroniſirten Schneider und gefolgt von dem kichernden Wimmerchen, der nie fehlen durfte, wo es einen Spaß gab, verließ der Doktor ſeinen Freund. Stürmer eilte ſogleich der Gräfin nach, welche bereits in die Loge zurück⸗ gekehrt war und neben Kronthal ſaß. Auf einen Wink des Barons wurde das Souper ſervirt, und das von Geiſt und Witz gewürzte Mahl begann. 163 Unterdeß hatte Beck den kunſtliebenden Schnei⸗ der der vermeintlichen Tänzerin vorgeſtellt. Dem ſchlauen, gewandten Mädchen genügte nur ein leiſer Wink, um die ihr zugetheilte Rolle zu begreifen. Auch dieſe Geſellſchaft begab ſich in das Speiſe⸗ zimmer, um die indeß eingetretene Pauſe zu be⸗ nutzen. — Jetzt, wo wir ganz entre nous ſind, kön⸗ nen wir uns demaskiren,— bemerkte der heitere Beck.. Dieſer Augenblick war entſcheidend für das Herz des Kleiderkünſtlers. Guſtchen kam, ſah und ſiegte. Sie hätte aber gewiß mit geringeren Rei⸗ zen, als ihr wirklich zu Gebote ſtanden, dieſen Triumph gefeiert, da der Nimbus, der ſie als ver⸗ meintliche Künſtlerin umgab, ſchon allein hinreichte, um den ſchwachen Kopf des Schneiders zu ver⸗ wirren.. — Reizend! koliſal!— ſchrie er wie geblen⸗ det, nachdem das Mädchen die Larye von dem ſchelmiſchen Geſichtchen abgenommen und zwei bren⸗ nende Augen und lachende Grübchen zeigte, in denen der Muthwille und die Schalkhaftigkeit von hundert Griſetten zu wohnen ſchien. 11* —— — Reizend! koliſal!— wiederholte der Klei⸗ derkünſtler von Neuem. Herr Eller hielt es für fein, ſo viel fremde Worte als möglich in ſeiner Rede anzubringen, die er natürlich noch dazu falſch oder ſchlecht ausſprach. Guſtchen nahm die Komplimente ihres neuen Anbeters mit kokettem Lächeln auf, das den armen Eller vollends um den Reſt ſeines Verſtandes brachte. Er ächzte und ſtöhnte, zupfte verlegen an den gelben Glacséehandſchuhen, ſtrich ſich mit den Fingern durch die ſparſamen Haupthaare, drehte den hochblonden Schnurbart und wiſchte die Lorgnette von gewöhnlichem Fenſterglaſe. Kurz er that Alles, was bei ähnlicher Gelegenheit nach ſeiner Meinung ein vollendeter Lion gethan hätte, um das Herz einer ſo gefeierten Künſtlerin zu erobern. — Der Kerl iſt pudelnärriſch— flüſterte Wimmerchen. — Ganz Ihr Ebenbild— ſcherzte Beck, der keine Gelegenheit vorbeigehn ließ, den guten Wim⸗ merchen zu kränken. Dieſer wollte böſe werden, aber ernſtlich zu zürnen vermochte dieſes zarte Weſen nicht. — An dem Mädchen iſt eine ausgezeichnete 165 Schauſpielerin verloren gegangen— bemerkte leiſe der Doktor— welche ſchmachtende Blicke ſie dem Narren zuwirft!— In der That ſetzte Guſtchen ihre Rolle mit bewunderungswürdiger Gewandtheit fort. Der weib⸗ liche Inſtinkt leitete ſie ſicher, und die dem Geſchlechte angeborene Luſt an Täuſchung verführte ſie zu einem wahrhaft diaboliſchen Muthwillen. Sie ſtieß mit Eller an, ſie lächelte über ſeine fadeſten Be⸗ merkungen, ſo daß er ganz außer ſich gerieth. Am ſchwerſten fiel ihm das Verſprechen, welches er Beck gegeben hatte, das ſtrenge Inkognito der be⸗ rühmten Künſtlerin zu achten. Er durfte ſeinem Enthuſtasmus, der auf's Höchſte geſtiegen war, nicht Luft machen, faſt erſtickte er daran. Das kleine, niedliche Füßchen, welches ſie ſchalkhaft von Zeit zu Zeit auf dem Parket tänzeln ließ, als probirte ſie ein kunſtreiches Pas, verſchlang er faſt mit ſeinem Blicke, wozu er aus der tiefſten Bruſt furchtbare Seufzer ausſtieß. — Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron?— fragte die ſchalkhafte Griſette. — O famos!— vermochte der verzückte Kleiderkünſtler nur zu ſtammeln. — Sie ſehen ja auf meine Füße, als ob Sie mir Maß zu einem Paar Schuhe nehmen wollten!— 3 Bei Erwähnung des Maßes ſchreckte der Schnei⸗ der zuſammen, er fürchtete ſich verrathen zu haben. Um ſeine Verlegenheit zu verbergen, ſchrie er mit lauter Stimme: Kellner, Champagner! Der Mar⸗ queur brachte den gewünſchten Wein. Der Klei⸗ derkünſtler ließ es ſich nicht nehmen, die Flaſche ſelbſt zu öffnen und die geſchliffenen Gläſer zu füllen. Dabei gereichte es ihm zur beſonderen Ge⸗ nugthuung, daß der Pfropfen mit einem lauten Klang bis an die Decke fuhr. — Aechter Sellerie— ſagte er— indem er Guſtchen mit unnachahmlicher Grazie das ſchäu⸗ mende Kelchglas präſentirte und über ſeinen eige⸗ nen Witz laut lachte. 3 — Herrlich! koſtbar!— lachte der Doktor— während Wimmerchen ſich die kleinen Händchen vor Vergnügen rieb. — Ich liebe die Kunſt und die Künſtlerinnen! — ſchrie der Schneider, aufgemuntert durch dieſen Beifall. Er hatte ſein Glas ergriffen und ſchickte ſich an, der berühmten Tänzerin einen verblümten Toaſt auszubringen: Die das Herz uns ſtiehlt im Schweben, Unſre Fanny ſoll jetzt leben! — Wo denken Sie hin?— mahnte Beck leiſe,— Sie vergeſſen das Inkognito.— — Hoch und abermals hoch!— jubelte der überglückliche Schneider, der auf keinen Wink des Doktors mehr achtete und mit dem lachenden Guſt⸗ chen anſtieß, daß die Gläſer klirrten. Die Pauſe war indeß zu Ende, das Orcheſter hatte einen Walzer von Strauß begonnen, von Neuem ſtellten ſich die Paare zum Tanz, der nach dem mit Wein gekrönten Souper nur noch ſtür⸗ miſcher und wilder wurde. Die Bacchanten und modernen Mänaden raſten, ihre Pulſe klopften, ihre Wangen glühten und die aufgelöſten Locken flogen im Sturm der Leidenſchaft. Auch Herr Eller hatte wieder die Glacéehandſchuhe angezogen und näherte ſich dem muthwilligen Mädchen mit zweifelhaftem Anſtande. — Erlauben Sie, himmliſche Fanny,— ſagte er galant— mit Ihnen ein Duett zu tanzen und in höheren Regionen an Ihrer Seite zu ſchweben.— Kichernd willigte Guſtchen ein und eilte mit ihrem Tänzer in den Ballſaal, wo Ellers zierliche Pas und kühne Sprünge allgemeines Aufſehn er⸗ regten. Längſt hatte er die Gräfin vergeſſen, die nach der Pauſe mit dem Baron verſchwunden war. Vorher hatte ſie noch Stürmer aufgefordert, ſte ſobald als möglich zu beſuchen. Seitdem ſie ge⸗ gangen war, fühlte der Aſſeſſor doppelt das Be⸗ dürfniß, ſich zu betäuben. Die Blicke und Worte der intereſſanten Frau hatten ihn mächtig aufge⸗ regt. Er dachte nur an ſie, doch von Zeit zu Zeit tauchte auch Klara's Bild wieder in ihm em⸗ por. Dämon und Engel kämpften in ſeiner Bruſt und rangen um ſeinen Beſitz. Um dieſen ſchwan⸗ kenden Gefühlen zu entgehen, ſtürzte er ſich in das wogende Gewühl der Tanzenden. Er hatte dem trunkenen Eller das reizende Guſtchen entführt und drehte ſich mit ihr in dem wirbelnden Kreiſe. Mitternacht war längſt vorüber, die glänzen⸗ den Gaslichter brannten bereits matter, die Geſich⸗ ter der Tänzerinnen erſchienen fahl und geſpenſtiſch, ihre Augen waren überwacht und eingefallen, die einſt zierlichen Locken hingen wirr und aufgelöſt um die fieberhaft pochenden Schläfen. Längſt wa⸗ 169 ren alle Larven abgeworfen und die Täuſchung hatte aufgehört. In einem Winkel des Saals ſaß die zierliche Gärtnerin und dachte an die ver⸗ ſetzte Hülle und womit ſie morgen ihre Blöße bedecken würde. Die ſtolze Amazone mit dem Anſtand einer Königin war ſüßen Weines voll und hatte die vornehme Haltung längſt abgeſtreift und die urſprüngliche Gemeinheit herausgekehrt. Die erkünſtelte Laune der kecken Bacchantin war verſchwunden, mit der Larve hatte ſie auch den Humor abgelegt und aus den bleichen Wangen ſprach jetzt unverholen der wahre Schmerz. Auf dem getäfelten Boden lagen welke Blätter, zertretene Blumen mit den Ueberreſten des Mahles vermiſcht. Es herrſchte jene dumpfe Schwüle, jene giftige At⸗ moſphäre, welche der Menſch überall verbreitet, wo er im geſchloſſenen Raume mit vielen ſeines Glei⸗ chen athmet. Auf einer Bank war der ſelige Schnei⸗ der von Champagner berauſcht in tiefen Schlaf verſunken. Er träumte von ſeiner berühmten Tän⸗ zerin, der er trotz ihres Sträubens während des Tanzes einen goldenen Ring als Geſchenk auf⸗ genöthigt hatte. — Wir müſſen nach Hauſe,— mahnte Guſt⸗ ————— u,⅓ 4 chen mit eingeſunkenen Augen und zitternden Lip⸗ pen,— damit Mullrichs nichts merken.— — Nach Hauſe, nach Hauſe!— drängte ſelbſt der heitere Beck, der den müden Reviſor führte. Sie brachen auf. Stürmer warf noch einen Blick auf die gänzlich veränderte Scene. Durch die Vor⸗ hänge dämmerte bereits das Tageslicht. Ein Son⸗ nenſtrahl fiel in den wüſten Chaos. Den Aſſeſſor fröſtelte es, er hüllte ſich dichter in ſeinen Mantel. Ihm war's, als ob das Licht des Tages die Lüge der dunklen Nacht bewältigt hätte. YIII. Es war bereits gegen Mittag, als der Aſſeſ⸗ ſor nach der ſo durchſchwärmten Nacht in ſeinem Bette erwachte. Ein dumpfer Kopfſchmerz hatte ſich ſeiner Stirn und unangenehme und drückende Empfindungen ſeiner Seele bemächtigt. Die Glieder ſchmerzten ihm und es fehlte ihm ſowohl die Kraft als Energie, ſein Lager zu verlaſſen. Das helle Tageslicht drang durch die Fenſter in die unaufge⸗ geräumte Wohnung. Das Zimmer glich in ſeiner chaotiſchen Unordnung und genialen Liederlichkeit einigermaßen dem Geiſte ſeines Beſitzers. Neben vernachläſſigten Aktenſtücken lagen die jüngſten Er⸗ ſcheinungen der Literatur in zierlichem Einbande und mit Goldſchnitt verſehen; an ihrer Seite belle⸗ triſtiſche und wiſſenſchaftliche Journale, welche die reichſte Fundgrube ſeiner vielſeitigen Kenntniſſe ab⸗ gaben. Daneben war ein ſtreng philoſophiſches Werk mehr zum Schein als zum ernſten Studium aufgeſchlagen. Stürmer verſuchte, ſich ſtets das Anſehn eines gediegenen Gelehrten zu geben, darum hatte er nicht ohne Abſicht Humboldt's Kosmos und Hegel’s Werke ſo hingelegt, daß ſie jedem Beſucher in die Augen fallen mußten. Auf dem Sopha waren die Kleider hingeworfen, wie er ſie nach Rückkehr vom Balle haſtig ausgezogen hatte. Mitten in der Stube ſtand der unentbehrliche Stie⸗ felknecht, über einem Stuhle hing der unbezahlte Domino. Die ganze Einrichtung des Zimmers verrieth hinlänglich, wie wenig heimiſch ſich der Bewohner hier fühlen mußte. Solch ein Chambregarni, wie Stürmer es von dem Mullrich'ſchen Ehepaare ge⸗ miethet hatte, gleicht nur zu ſehr einer geſchmink⸗ ten Schönen, oder einem heruntergekommenen Le⸗ bemann, der den Schein ſeines früheren Wohlſtan⸗ des zu behaupten ſucht. Die Möbel hatten nur eine ſymboliſche Bedeutung, das heißt ſie waren Alles, nur nicht das, was ſte ſein ſollten. Dabei zeigten ſie äußerlich einen gewiſſen Glanz und an⸗ erkennenswerthe Politur. Der Mahagoniſekretair, der zum Verſchließen des nicht vorhandenen Geldes und fehlender Koſtbarkeiten diente, hatte verdorbene Schlöſſer, der Kleiderſchrank öffnete durch ſeine Sprünge und Riſſe dem Staube einen willkom⸗ menen Weg, das Sopha war zu kurz und trotz des eleganten Ueberzugs nur mit Seegras gepolſtert, der Schreibtiſch ſtand nur auf drei Beinen und hinkte auf dem vierten. Der Spiegel war blind, die Stühle zerbrechlich, der Waſchtiſch waſſerſüch⸗ tig, die Matrazze litt am Stein, die Bettſtelle an Hinfälligkeit und die Vorhänge an moderner Zer⸗ riſſenheit. All dieſe Fehler und Mängel waren jedoch ſo kunſtreich verborgen, durch Leim und Fir⸗ niß übertüncht, daß auch hier der Schein beim er⸗ ſten Anblick trügen konnte. So war Stürmers Wohnung beſchaffen, welche ſogar in einzelnen Stücken einen unerhörten Lurus entwickelte. So hingen an der Wand, wo die Farbe abgefallen war, einige bunte Pariſer Lithographien, welche Mullrich äußerſt billig auf einer Auktion erſtanden hatte und nun dazu benutzte, die Wunden und Blößen der Mauer zu bedecken. Selbſt ein plaſtiſches Kunſtwerk war vorhanden, ein betender Knabe aus Gops, der bedeutungsreich in ſeinen gefalteten Händen die ſchwarze Larve vom Ball her hielt. Gern erſparen wir dem Leſer einen tieferen Blick in die verborgenen Fächer und heimlichen Winkel des Zimmers und Schlafkabinettes. Daſſelbe Schauſpiel, nur in anderer Form. Zwiſchen ſchmutzi⸗ ger Wäſche glänzten da feine Atlasbinden und Sammtgilets; zarte Billetdoux, Locken und Schleifen lagen in Geſellſchaft von Pfandſcheinen und gro⸗ ben Mahnbriefen. Ganz im Hintergrunde lager⸗ ten ſchief getretene und bleſſirte Stiefel, welche mit offenem Munde über ihre Wunden klagten. Der Bewohner und Beſitzer all dieſer Herr⸗ lichkeiten dehnte ſich noch immer auf ſeinem Lager und gab ſeinen Morgengedanken Audienz. Vor allen Dingen beſchäftigte er ſich mit dem Bilde der intereſſanten Gräfin, welche er auf dem Balle nä⸗ her kennen gelernt hatte. — Ein magnifiques Weib— dachte er im Stillen.— Schade, daß ich ſie erſt jetzt kennen gelernt habe, wo ich mit Klara ſo gut wie ver⸗ ſprochen bin. Doch was thut's, ich will dieſe Be⸗ kanntſchaft kultiviren, ohne deshalb mein erſtes Verhältniß aufzugeben. Utile dulci, das Ange⸗ nehme mit dem Nützlichen verbinden, iſt der Wahl⸗ ſpruch eines wahren Weiſen, und zwei ſo verſchie⸗ dene Frauen zu beſitzen, muß das höchſte Glück auf Erden ſein.— Da klopfte es, zögernd rief Stürmer, der ſich noch immer im Bette befand, herein, da er einen läſtigen Mahner, oder einen Beſuch von Mullrich erwartete, dem er noch immer die Miethe ſchuldig war und der ſich nicht länger gedulden wollte, um ſo weniger, da er von der Anweſenheit des ökonomiſchen Gottlieb nicht den gewünſchten Nutzen zog. Auf den Ruf des Aſſeſſors öffnete ſich lang⸗ ſam die Thür und unſer Kleinſtädter trat beſchei⸗ den herein. Der ehrliche Gottlieb hatte geſtern Stuͤrmer nicht mehr angetroffen und er kam jetzt, weil er ihn auch heute noch nicht geſehen, ſich ängſtlich nach ſeinem Wohlbefinden zu erkundi⸗ gen, da er ihn für krank hielt. Seine Meinung wurde noch mehr dadurch bekräftigt, daß er Stür⸗ mer zu ſo ungewohnter Zeit im Bette fand. — Was fehlt dir?— fragte er voll wahrer Theilnahme— du biſt doch nicht ernſtlich krank? für den Fall will ich ſogleich einen Arzt holen und ſtatt in die Bibliothek zu gehen, dir Geſell⸗ ſchaft leiſten.— — Bleib— entgegnete Stürmer,— ich habe nur ein wenig Kopfſchmerz, der hoffentlich ſchnell vorübergehen wird. Gieb mir meinen Schlafrock, ich werde ſogleich aufſtehn.— — Dürfte es nicht beſſer ſein, wenn du heute das Bett hüteteſt?— — Nein! ich habe ohnehin das Liegen ſatt, meinen Schlafrock!— Gottlieb reichte ihm dienſtfertig das verlangte Kleidungsſtück, welches eine ſo bedeutende Rolle in dem Leben eines Chambregarniſten ſpielt und ſich meiſt in defectem Zuſtande zu befinden pflegt. Der Aſſeſſor zog daſſelbe an und eilte an ſeine Waſchtoilette. Einige Gläſer kaltes Waſſer über den Kopf gegoſſen, beſeitigten ſeine Leiden und gaben ihm die gewohnte Spannkraft wieder. Jetzt warf er einen Blick auf die eingelaufenen Briefe. Er fand auf dem Tiſche zwei Schreiben vorliegen, die er haſtig erbrach und mit ſeinen Blicken durchflog. Das eine zerriß er ſogleich, es enthielt eine Vermahnung des Präſidenten wegen rückſtändiger Arbeiten; bei der Durchleſung des zweiten erheiterten ſich wieder ſeine Mienen. Die⸗ Geheimräthin zeigte ihm das Reſultat ihrer Un⸗ terredung mit ihrem Gatten an und lud ihn zum Mittagbrote ein, zugleich erſuchte ſie ihn, ſeinen Freund Gottlieb mitzubringen, den ſie wegen ihrer Kränklichkeit früher nicht empfangen konnte. Stürmer theilte ihm dieſe Nachricht mit und erwähnte nebenbei der günſtigen Entſcheidung Klara's, welche ihm der geſtrige Tag gebracht hatte. Gottlieb jubelte und wünſchte dem Aſſeſſor von ganzem Herzen Glück. — Alſo du haſt ihr Jawort und die Eltern willigen ein? Das iſt herrlich! Iſt es mir doch, als wäre das Alles mir ſelbſt paſſirt, als wäre ich der Bräutigam und zugleich der ſeligſte Menſch auf dieſer ſchönen Welt. Verlaß dich darauf, von mir 177 ſoll es Keiner erfahren, ich werde dein Vertrauen zu ehren wiſſen. Dieſe uneigennützige Freude rührte ſelbſt Stür⸗ mers kaltes Herz. Er umarmte und küßte Gott⸗ lieb, dem dabei die Thränen in die Augen ſchoſſen. — Nun werd' ich ſie endlich einmal ſehn, wie freu' ich mich darauf, ich kann's dir gar nicht ſagen. Sie iſt gewiß ſehr ſchön und gebildet. — Klara iſt ein vortreffliches Weſen!— entgegnete Stürmer, den die innige und wahre Empfindung Gottliebs mit erwärmte, ſo daß die intereſſante Gräfin für einen Augenblick aus ſeinem Herzen ſchwand. — Und du liebſt ſie mit deiner ganzen Seele, mit allen Faſern deines Seins. Sieh! ſo ſtelle ich mir die wahre Liebe vor, wie ein heiliges Feuer, das den ganzen Menſchen läutert und alle unedeln Schlacken mit einem Male verzehrt. Das iſt die wahre Wiedergeburt!— Der Aſſeſſor lächelte über den ſchwärmeriſchen Idealiſten, obgleich er ihn faſt um die Reinheit und Tiefe ſeines Gefühls beneiden konnte. Ohne dieſes Lächeln zu bemerken, fuhr Gott⸗ lieb enthuſiaſtiſch fort, wobei die blauen Augen im Ring, Stadtgeſchichten. II. 12 überirdiſchen Feuer ſtrahlten:— Glaube mir, Ro⸗ bert, ein edles Weib iſt die höchſte Offenbarung Gottes. Wir Mäͤnner ſtehen dieſer urſprünglichen Reinheit und Unſchuld ferner, denn das tägliche Leben läßt auch den Beſten nicht unangefochten, aber die Jungfrau entwickelt ſich in dem abgeſchloſſe⸗ nen Kreiſe der Familie unberührt und rein wie eine Blüthe, die vom Thau des Himmels und vom Licht der Sonne lebt. Ihr Herz iſt der unentweihte Kelch, der das höchſte Myſterium der Liebe keuſch bewahrt. Hier wird dem Sünder das heilige Abendmahl geſpendet, das uns mit Gott ver⸗ ſöhnt und unſern Abfall von der urſprüngli⸗ chen Natur, alle Schuld und Verwirrung von uns nimmt. In dieſem Sinne preiſe ich dein ſeliges Geſchick.— Es war eine Eigenheit des guten Gottlieb, daß er, ſonſt ſo unbeholfen und blöde, bei außer⸗ ordentlichen Gelegenheiten, und wenn das Herz ihm überquoll, ſeine Schüchternheit ablegte und ſelbſt beredt werden konnte. Verwundert hörte Stürmer dem Freunde zu, deſſen Worte ſelbſt auf dieſes leichtfertige Gemüth noch einen Eindruck machten. War es doch, als hätte der ſonderbare Redner, da 179 er von dem jungfräulichen Weſen des Weibes ſprach, Klara's Bild vor Augen gehabt. Das war ſie ja ſelbſt, ſo rein, urſprünglich und wahr. Da⸗ ran dachte der Aſſeſſor in dieſem Augenblick, und der Werth der holden Klara trat ſo lebhaft vor ſeine Seele, daß er alle böſen Neigungen zur Zeit vergaß. Da Sturmer nicht antwortete, ſondern Gottlieb nachdenklich betrachtete, ſo unterbrach ſich dieſer, erröthend über ſeine rührende Geſchwätzigkeit. — Du wirſt mich für thöricht halten— ſagte er, als ſchämte er ſich, ſeine innigſten Gefühle offenbart zu haben— ich bin ſeit einiger Zeit mir ſelbſt ein Räthſel geworden.— — Das macht die fremde Stadt, die neuen Eindrücke.— — Mag ſein. Ich fühle mich ſo aufgeregt und jede neue Bekanntſchaft vermehrt dieſe Unruhe. Am liebſten wäre es mir, wenn du allein zum Geheimrath gingeſt.— — Wo denkſt du hin? Du kannſt die Ein⸗ ladung nicht ablehnen, ohne unhöflich zu ſcheinen, außerdem kann er dir durch ſeine Empfehlung nützlich ſein, da er überdies ein Jugendfreund deines 12* 180 Vaters war. Doch vor allen Dingen bitte ich dich, deine verfluchte Schüchternheit abzulegen. Du biſt nicht ſo dumm, wie du ausſtehſt, aber die Welt urtheilt nur nach dem Schein. Jetzt geh' und be⸗ ſorge deine Toilette, vergiß nicht, reine Wäſche anzuziehen und den Leibrock ordentlich auszubürſten, damit ich mit dir Ehre einlege.— Mit dieſer Protektormiene verabſchiedete Stür⸗ mer den guten Gottlieb, der ſein Stübchen träu⸗ mend aufſuchte. Die Nachricht von dem Glücke ſeines Freundes hatte die liebe Seele mit inniger Freude und tiefer Wehmuth zugleich erfüllt. Sein Herz bebte wie die Aoelsharfe vom Hauche des Windes berührt, und die zitternden Saiten ſchwan⸗ gen fort und fort. Das bloße Wort„Liebe“ übte auf den Schwärmer einen wunderbaren Zauber, er ſprach es nur mit einem heiligen Schauer aus. Alles Große, Schöne und Herrliche der Welt lag für ihn darin. Seinem reinen Sinn erſchien es wie die Menſchwerdung Gottes, als die ſichtliche Offenbarung des Höchſten. Und nun war das große Myſterium in ſeiner Nähe geſe chehn, und ſeinem theuerſten Freunde dies höchſte Heil auf Erden wider⸗ fahren. Das ergriff und rührte ihn ſo mächtig. 181 Dabei regte ſich auch nicht der geringſte Neid in ſeinem Herzen, nur eine unausſprechliche Sehnſucht erfüllte ihn mit einer ſanften Trauer, für die er ſich ſelber keinen Grund anzugeben vermochte. Das kleine Stübchen wurde ihm zu enge, er öffnete das einzige Fenſter, welches auf den Hof hinausging. Auf der Schwelle des Hinterhauſes ſaß die lahme Schuſterfrau und ſchälte Kartoffeln, die man den Braten der armen Leute nennt. Zu ihren Füßen ſaß das blonde Kind, es war ſpielend eingeſchlafen. Dann und wann ſchaute die arme Frau auf den ſchlummernden Liebling nieder, und da war es jedesmal, als ob ein Sonnenſtrahl über das vergrämte Antlitz ſchwebte. Gottlieb wußte nicht einmal, daß ihm beim Anblick dieſes liebli⸗ chen Bildes eine Thräne in das Auge getreten war. XIV. An Stürmers Seite trat Gottlieb voll ängſt⸗ licher Spannung ſeinen Weg zum Geheimrath Wallner an. Der Aſſeſſor hatte noch allerlei am Anzuge ſeines Freundes auszuſetzen und machte ihn lächelnd auf ein Bändchen aufmerkſam, das ihm hinten wie ein neugieriges Schlänglein zur Binde herauskroch. Zugleich ermahnte er ihn nochmals, im Betragen und Reden vorſichtig zu ſein, beſonders wenn ſich der Geheimrath vielleicht nach Stürmers Familienverhältniſſen erkundigen ſollte. Der Kandidat hörte wie ein folgſames Kind, das ſeine Lektion ſich feſt einzuprägen bemüht iſt. Am liebſten wäre er noch zurückgekehrt und hätte die ganze Einladung im Stich gelaſſen, doch das ging nicht mehr an. 3 Endlich waren Beide am Ziele angelangt. Der Aſſeſſor zog die Glocke, es wurde von Innen geöffnet, und ſie gingen ſogleich in das elegante Wohnzimmer, wo ſich bereits eine größere Geſell⸗ ſchaft verſammelt hatte. Gottlieb war von Natur ein wenig kurzſichtig, und das vermehrte nun noch ſeine Befangenheit. Als er eintrat, lag es wie ein dichter Schleier vor ſeinen Augen. Er hielt ſich feſt an den Freund, der auf die Frau des Hauſes mit gewohnter Sicherheit zuſchritt. Dieſe war mit Madame Meyer und einigen Andern im Geſpräch begriffen. Die Kommerzienräthin theilte ihnen alle intereſſanten Neuigkeiten von dem letzten 183 Hofballe mit, die ſie ſelbſt aus dem Munde einer Kammerfrau der Prinzeſſin Wilhelmine erfahren hatte. Anſcheinend hörten die Damen dieſen wich⸗ tigen Bericht mit höchſter Spannung an, während ſie innerlich die genaue Berichterſtatterin, welche ihnen keine Speiſe, keine Wachskerze und kein Spizenkleid erließ, für die langweiligſte Frau in der ganzen Hauptſtadt hielten. Dabei lächelten ſie doch und ermunterten die Berichterſtatterin durch Wort und Mienen weiter fortzufahren. In einer Ecke des Saals aber ſtand Herr Meyer mit einigen Herren, unter denen ſich auch der Wirth befand. Der Bankier ſprach mit großem Enthuſiasmus von der italieniſchen Oper, welche ſeit Kurzem die Reſidenz entzückte. — Das ſind Stimmen!— rief er begeiſtert aus— Gott! welch' ein Metall, wie Gold und Silber. Was meinen Sie, Herr Profeſſor?— Der Angeredete war ein bekannter Kunſtkritiker der Reſidenz, deſſen Urtheile in dem Meyer ſchen Hauſe als Orakelſprüche galten. Regelmäßig aß er zwei bis dreimal in der Woche bei dem Bankier, der einen ausgezeichneten Tiſch führte. Jetzt erhob der Profeſſor das würdige Haupt, das bisher zwiſchen zwei ungeheuren Vatermördern verborgen geweſen war und pflichtete ſeinem Mäzen natürlich in allen Stücken bei. — Die Italiener— fügte er mit gelehrtem Wortſchwall hinzu, repräſentiren in der Gegen⸗ wart einzig und allein den abſoluten Geſang in ſeiner höchſten Vollkommenheit. Die Deutſchen ſingen nur mit der Kehle, die Italiener mit der Seele.—— So ſprach er und blickte durch die Brillengläſer die Anweſenden an, als wollte er ſie auffordern, dieſen unumſtößlichen Beweis ſeiner genialen Kunſtkritik für ewige Zeiten ihrem Gedächtniſſe einzuprägen. — Gottvoll! ausgezeichnet!— ſchrie Herr Meyer laut, indem er leiſe wiederholte:— Der Deutſche ſingt mit der Kehle, der Italiener mit der Seele.— 3 — Wiſſen Sie— ſetzte er darauf hinzu— das iſt noch ſchöner, lieber Profeſſor, wie das, was Sie neulich auf meiner Soirée über Meyerbeer ge⸗ ſagt haben, wo Sie ihn den modernen Typhus hießen.—— — Den Typus der modernen Kunſt!— ver⸗ 185 beſſerte der Profeſſor ſchnell, der auch bei dem be⸗ rühmten Komponiſten oft zu Mittag ſpeiſte. Ein unterdrücktes Lächeln ſchwebte über die Lippen des Wirthes und ſeiner Gäſte. Der Ban⸗ kier hatte das unangenehme Bewußtſein, eine Betiſe geſagt zu haben. Er tröſtete ſich jedoch mit dem angenehmen Gefühl, der Reichſte hier zu ſein. So unterhielt ſich die Geſellſchaft vor der Tafel, auf welche Alle mit gleicher Sehnſucht war⸗ teten. Das Geſpräch diente nur dazu, die innere Leere und Langeweile zu verbergen. Das Wort entſprach nicht dem Gedanken, die Bewegungen nicht den Worten. Man wechſelte Freundſchafts⸗ verſicherungen, die nichts zu bedeuten hatten, Kunſt⸗ urtheile, ohne Intereſſe an der Kunſt, man lachte aus Gefälligkeit und unterdrückte ein Gelächter, weil es ſich nicht ſchickte. Zwei junge Mädchen ſtanden am Fenſter, faſt von den Vorhängen deſſelben verborgen. Die lieb⸗ lichen Geſtalten hielten ſich wie ein zärtliches Schweſternpaar umſchlungen. Es war Klara mit Joſephine Meyer, welche in dieſer ſtillen Zurück⸗ gezogenheit reinere Gedanken und wahrere Gefühle austauſchten, als die Menge kennt. 186 Das Lieblingsplätzchen der beiden Mädchen war eine reizende Oaſe zu nennen, welche Klara mit ſinniger Sorgfalt ſich geſchaffen hatte. Zwei zierliche Blumentiſche ſtanden zu beiden Seiten mit erotiſchen Schilfgewächſen, feingegliederten Farren⸗ kräutern und glänzenden Aloebäumen beſetzt. Zwi⸗ ſchen dem friſchen Grün der ſchönen Blattformen drängten ſich blühende Roſen, ſammetartige Gloccinien und die Erika mit ihren tauſend rothen und weißen Blüthenköpfchen hervor. Mitten in dieſem Pflanzen⸗ kreiſe ſtanden die beiden Lieblingsdichter des Mäd⸗ chens, die weißen Statuen Schillers und Goethes, die Genien der Kunſt in dieſer holden Blüthenwelt. Rankender Epheu ſchlang ſich von allen Seiten um das zierliche Korbwerk und wob ein grünes Netz, in welchem die goldenen Sonnenſtrahlen ſpielten. Es war ein ſtilles Heiligthum, dies Stück Natur in dem glänzenden Salon, der ganz im Rokokogeſchmack auf den Wunſch der Geheimräthin eingerichtet war. Dort ſtanden die Mädchen; Klara hatte vor Joſephinen, welche ihre erprobte Freun⸗ din war, keine Geheimniſſe. Sie hatte ihr Stür⸗ mers Bewerbung mitgetheilt. — Du liebſt ihn,— ſagte Joſephine voll inniger Theilnahme.— Er iſt ein bedeutender Mann und du wirſt mit ihm glücklich ſein. Ach! wie beneide ich dich.— — Um Stürmer?— fragte Klara lächelnd, — am Ende wirſt du mich noch eiferſüchtig ma⸗ chen.— — Wo denkſt du hin? Nein, ich beneide dich um die freie Wahl, die dir geſtattet war.— — Wie ſollten deine Eltern dich zwingen wollen? Du biſt doch reich genug, um deiner Nei⸗ gung zu folgen.— — Mein Vater hat andere Anſichten. Er will mir eine ſogenannte glänzende Partie aufdrin⸗ gen, einen reichen Kaufmannsſohn, den er aus Frankfurt oder Hamburg für mich verſchreiben wird. Das iſt einmal unſer Loos. Wir werden auf das Glänzendſte erzogen, all unſere Fähigkeiten mit Sorgfalt entwickelt und ausgebildet, doch für Wen? Für einen Mann, der uns nicht verſteht, der keinen Sinn für unſere Gefühle und Gedanken hat, der ſchon Alles gethan zu haben glaubt, wenn er uns auf Bälle und in Geſellſchaften führt, eine Loge im Theater fuͤr uns nimmt und eine Equipage zu unſerem Gebrauche ſtellt.— — Und dennoch ſind ſo viele Frauen damit zufrieden!— — Ol ſie ſind unverſchämt genug, glücklich zu ſein,— fuhr Joſephine mit faſt komiſcher Hef⸗ tigkeit fort,— oder wollen wenigſtens vor der Welt ſo ſcheinen. Ich kenne ſo manches Herz, das im Stillen blutet, aber die Gewohnheit trägt den Sieg davon. Die Wunde vernarbt, und die harte Schwiele iſt kaum zu ſehn, doch Gott bewahre mich vor ſolchem Glück.— Die ſüdliche Natur und Leidenſchaftlichkeit, womit Joſephine ſprach, hatten die ruhigere Klara faſt unangenehm berührt. Die Phantaſie der Freundin war durch den frühzeitigen Beſuch von Geſellſchaften und Romanlektüre aufgeregt, dazu kam jene ſcharfe Beobachtungsgabe und das geiſt⸗ reich zerſetzende Raiſonnement, welches den Abkömm⸗ lingen dieſer Nation eigen iſt. Klara dagegen war trotz ihres Verſtandes, noch nie auf derartige Beob⸗ achtungen geſtoßen. Sie hatte nicht einmal eine Ahnung von der Lüge, welche ſie umgab. Unbe⸗ kümmert um die Fäulniß, welche ſich in ihrer Nähe 189 entwickelte, ſtand ſie in der vollen Kraft und Un⸗ ſchuld einer geſunden Natur, während die reizbarere Joſephine bereits von den zerrüttenden Einflüſſen der Zeit angegriffen war. Dieſer Umſtand verlieh der pikanten Brünette in Geſellſchaft eine geiſtige Ueberlegenheit und ein höheres Intereſſe, als die verſchloſſene Klara einzuflößen im Stande war, welche wie einfaches Quellwaſſer neben dem prickeln⸗ den Champagnergeiſte Joſephinens erſchien. Das Geſpräch der Mädchen wurde jetzt durch die Annäherung Stürmers unterbrochen, der Gott⸗ lieb vorſtellen wollte. Der Geheimrath und ſeine Gattin hatten den lieben Kleinſtädter mit jenem großſtädtiſchen Wohlwollen empfangen, das ſo wenig koſtet und zu nichts verpflichtet. Wallner erwähnte ſogar mit einer gewiſſen Sentimentalität die glückliche Jugendzeit, welche er auf der Univer⸗ ſität mit Gottliebs Vater verlebt und frug dar⸗ nach, ob er noch immer die alte Gewohnheit habe, während des Sprechens den Kopf des Angeredeten zu drehn. Unſer Freund war von dieſem freund⸗ lichen Empfange hinlänglich gerührt, auch benahm er ſich mit anerkennungswerthem Takt. Abgerech⸗ net, daß er im Verbeugen ſeinen Hut fallen ließ 190 und im Umdrehn Herrn Meyer auf die Füße trat, war ihm wirklich keine beſondere Ungeſchicklichkeit paſſirt. 1 Jetzt ſtand er Klara und der ihm bereits bekann⸗ ten Joſephine gegenüber. Kaum wagte er die beiden Mädchen anzuſchaun. Die Tochter des Hauſes hielt es für ihre Pflicht, den ſchüchternen jungen Mann anzuſprechen, nun konnte er doch nicht mehr zur Erde blicken. Er ſchlug ſeine Augen zu ihr em⸗ por und das Wort, welches auf ſeinen Lippen ſchwebte, erſtarb. Eine glühende Röthe flog über ſein ſommerſproſſiges Geſicht und faſt hätte er zum zweiten Male ſeinen Hut zur Erde fallen laſſen. Das waren ja dieſelben holden Züge, welche er ſchon auf dem Bilde ſeines alten Nachbarn geſehn hatte, dieſe ſchwärmeriſchen Augen, die reine un⸗ ſchuldsvolle Stirn, kurz das verklärte Angeſicht, welches nicht aus ſeiner Seele weichen wollte. Sie war es, nur jünger, zarter und minder entwickelt, als die Frau, welche das Portrait darſtellte. Seine Ueberraſchung war dem Mädchen nicht entgangen, Klara konnte nicht den Grund davon ahnen und begnügte ſich, der Blödigkeit Gottliebs, von wel⸗ cher ſie Stürmer bereits unterrichtet hatte, das 191 ſeltſame Benehmen unſeres Freundes zuzuſchreiben. Mit rührender Freundlichkeit kam ſie dem Unbe⸗ holfenen entgegen, der ſich allmälig wieder geſam⸗ melt hatte und von großem Vergnügen, außeror⸗ dentlicher Ehre dieſer neuen Bekanntſchaft ſtam⸗ melte. Stürmer und Joſephine ſchienen über den armen Schlemihl zu ſpotten, und das vermehrte nur noch Gottliebs Beſtürzung und das zarte Mitleid, welches Klara ſogleich für ihn empfand. Allmälig aber hatte er ſeine Befangenheit ab⸗ gelegt. Der feine Takt und die Anſpruchsloſigkeit Klara's trugen den Sieg über ſeine Blödigkeit da⸗ von, er ſprach ſogar ohne Stocken und Zagen über ſein Leben, über die Anſchauungen, welche er in der Hauptſtadt bereits gewonnen hatte. Ihm war es ja, als redete er mit einer längſt Bekannten, ihr Bild war ihm nicht fremd, ſelbſt geträumt hatte er von ihr, ohne ſie geſehen zu haben. Der liebe Schwärmer hatte einen vollſtändigen Roman ſeit dem Anblick jenes Portraits in ſeinem Herzen durchgelebt und durchgeliebt, geſehnt und gebangt, geſchwelgt und. genoſſen, und nun trat ihm der Schatten eines ſuͤßen Traumes in hold verkörper⸗ 192 ter Geſtalt entgegen. Das war zu viel für dieſes weiche Herz. Klara hörte, was man kaum glauben möchte, mit Vergnügen auf Gottliebs Worte, die ſchlicht und einfach klangen, aus denen ihr zwar kein gro⸗ ßer Geiſt wie Stürmer's, aber ein treues, wahres Gemüth entgegenkam. Sie fühlte ein gewiſſes Intereſſe für die ſtillen, ſegensreichen Beſchäftigun⸗ gen des Gelehrten, deſſen Wiſſen ſie ſinnig mit dem unſcheinbaren Waizenkorn verglich, das hun⸗ dertfältigen Segen in ſich ſchließt. Gottlieb wurde immer dreiſter und redete ſogar mit dem klugen Mädchen von ſeinem Sophokles, deſſen Antigone ſte im Schauſpielhaus geſehen und bewundert hatte. Während er ſo begeiſtert von ſeinem Lieblings⸗ dichter ſprach, ſtrahlten ſeine blauen Augen, röthete ſich ſein blaſſes Angeſicht, das Klara gar nicht mehr ſo häßlich fand. Aber ſein Entzücken dauerte nicht mehr lange Zeit. Stürmer, der ſich indeß mit Joſephinen leiſe unterhalten hatte, bot jetzt Klara mit ſtolzer Ueber⸗ legenheit ſeinen Arm, um ſie zu Tiſch zu führen. Gottlieb fühlte einen Stich durch's Herz, er war wieder erwacht und blickte traurig vor ſich nieder. 193 Ihm war's zu Muthe, als hätte ein kühner Räu⸗ ber ihm den edelſten Schatz ſeines Lebens entführt, und der dies gethan, war ſein Freund, dem er nicht zürnen konnte. Nein, gegen ſich ſelber vielmehr richtete er den Groll, denn nicht Stürmer, ſondern er ſelbſt war der freche Dieb, welchem nach dem höchſten Gute des Anderen gelüſtete. Ihn überlief es kalt bei dieſen Gedanken, die plötzlich wie grelle Blitze durch ſeine Seele zuckten. Niedergeſchlagen blieb er zurück und unwillkürlich entrang ſich ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt. Joſephine, welche in ſeiner Nähe ſtand, redete ihn freundlich an. — Wir gehen zu Tiſch, Herr Doktor,— ſagte das geiſtreiche Mädchen halb mit neckendem, halb mit aufforderndem Lächeln. So ungeſchickt auch unſer Freund war, dieſen Wink verſtand er und bot mit einer eckigen Be⸗ wegung ihr den Arm. Vergebens jedoch bemühte ſich ſeine liebenswürdige Nachbarin, welche ſo viel Mitleid und Nachſicht mit dem Unbeholfenen zeigte, ihn in ihr intereſſantes Geſpräch zu verwickeln, er blieb ſtumm und unzugänglich, ſo daß ſie bald von jedem ferneren Verſuche abließ und ihre Auf⸗ merkſamkeit nach einer andern Seite hinwendete. Ring, Stadtgeſchichten. II. 13 194 Dagegen entwickelte der Aſſeſſor während des Eſſens ſeine ausgezeichnete Unterhaltungsgabe im reichſten Maaße. Bald flüſterte er der holden Klara einige angenehme Worte zu, bald verbreitete er ſich über die Fiſchſauce der Geheimräthin mit erſtaunenswer⸗ ther Kenntniß, die er der Gaſtroſophie des Herrn v. Vaerſt verdankte, wofür er den lauten Beifall des Geheimraths erlangte. Mit dem Profeſſor ſprach er über das Theater voll Sachverſtändniß, ſo daß er zum Erſtaunen des Herrn Meyer den geehrten Kritiker faſt überbot, während er einem anweſenden Legationsrathe durch die gründliche Ein⸗ ſicht der beſtehenden Zollverhältniſſe imponirte. Mit einem Worte, Stürmer war hier wie überall die Seele der Geſellſchaft, das anerkannte Univer⸗ ſalgenie. Auch Klara entzog ſich dieſem Zauber nicht und ihre gewiß verzeihliche Citelkeit fühlte ſich durch den Erfolg, der ihm von allen Seiten zu Theil wurde, innerlich befriedigt, während Jo⸗ ſephine trotz aller Freundſchaft einen leiſen Neid wegen der freien Wahl ihrer Geſpielin empfand. Als aber der Champagner präſentirt wurde, erreichte der Aſſeſſor ſeinen Höhepunkt. Er be⸗ ſaß im ausgezeichneten Grade die viel beneidete 195 Kunſt, in Verſen oder Proſa, bald ernſthaft, bald ſcherzend die paſſendſten Trinkſprüche auszubringen. Jetzt gab er das Zeichen und erhob ſein Glas. Alles ſchwieg voll Erwartung. Er pries in wohl⸗ klingender Rede die Frauen im Allgemeinen, als die Spenderinnen jedes Glückes, dann wandte er ſich an die Geheimräthin, deren Geneſungsfeſt heut begangen wurde und pries die liebevolle Gattin, die treffliche Mutter und herrliche Hausfrau. Witz und Wehmuth wechſelten geſchickt in ſeiner Rede ab, ſelbſt ihr Kochtalent wurde nicht vergeſſen, was Wallner beſonders zu loben fand. Er ſchloß mit folgenden Worten unter allgemeinem Jubel: Nun trinket auf das Wohl der Frau Sie labt uns wie milder Himmelsthau Mit irdiſcher Speiſe und himmliſchem Geiſt. Wie der perlende Wein im Becher kreiſt, So umſchließt die herrliche Form ein Gemüth, Das für alles Edle und Gute erglüht. Sie lebe darum noch manches Jahr Dem Kreiſe der Ihren, der Freunde Schaar! — Hoch und abermals hoch!— riefen die Gäſte und klirrten mit den ſchäumenden Gläſern, wäh⸗ rend die Gefeierte ſich tief verneigte und dem 13* Afſeſſor den dankbarſten Blick und das freundlichſte Lächeln ſpendete. — GCott! felbſt im letzten Muſenalmanach habe ich kein ſchöneres Gedicht gefunden— bemerkte Herr Meyer— wenn Sie es drucken laſſen, prä⸗ numerire ich auf funfzig Eremplare.— XV. Seit jenem Tage, wo wir Gottlieb nicht ge⸗ ſehn haben, war eine bedeutende Veränderung mit ihm vorgegangen. Er war noch zerſtreuter und träumeriſcher als je. Selbſt ſeinen Schülern mußte ſein Ausſehn und Weſen aufgefallen ſein. Wenn er ſie das kleine Wörtchen amo, das auf deutſch „ich liebe“ heißt, konjugiren ließ, dann ſeufzte er oft tief und verfiel in ein ſtilles Brüten, das von der ungezogenen Jugend zu allerlei Allotrien und nicht gehöriger Kurzweil benutzt wurde. Der alte Nachbar ſchüttelte auch, ſo oft er ihn ſah, den Kopf, aber er fragte nicht, denn es war nicht ſeine Art, ſich jemand aufzudrängen. Der arme Kandi⸗ dat wußte ſelbſt nicht, was ihm fehlte, nur ſeine 197 Wangen wurden täglich bleicher und ſeine lange Geſtalt noch magerer und ſchlanker als früher. Wenn ihm Madame Mullrich zufällig begegnete, ſchüttelte die kluge Wirthin ihr würdevolles Haupt und murmelte: Der treibt's nicht mehr lang, dem ſieht ja die leidige Schwindſucht zu den Augen heraus. Aber ſein Uebel ſteckte nicht in den Lun⸗ gen, ſondern in dem Herzen, das immer an allem Glück und Unglück auf der Welt Schuld iſt. Er hatte einen harten Kampf gekämpft, den Niemand wiſſen durfte; eine thörichte Leidenſchaft wollte er tödten, denn er glaubte, dieſelbe im Keime vernich⸗ ten zu müſſen, weil ſie ihm hoffnungslos, eitel und ſelbſt verbrecheriſch gegen ſeinen Freund erſchien. Je mehr er aber litt, deſto inniger ſchloß er ſich an Stürmer an, der keine Ahnung von dem Grunde dieſer faſt ſklaviſchen Demuth hatte, mit welcher Gottlieb ſich jeder ſeiner Launen unterwarf. Auch an ſeiner eigenen Familie hing jetzt unſer Freund mit noch größerer Zärtlichkeit, wenn dies überhaupt möglich war. Ein Troſt in dieſer traurigen Zeit war für ihn daher die Nachricht, daß ſeine Schweſter Ba⸗ bette ſich mit dem zweiten Lehrer am Gymnaſium ſeiner Vaterſtadt verlobt hatte. Mit wehmüthiger Freude las er den Brief ſeines Vaters, der zum Schluß ſich in mannigfachen Klagen über die nöthige Ausſtattung erging und den Sohn erſuchte, ſich ſo viel als möglich einzuſchränken, da er ihm jetzt ſo gut wie gar keine Unterſtützung gewähren könnte. Unter dieſen Umſtänden durfte Gottlieb das An⸗ erbieten des Geheimraths Wallner um ſo weniger zurückweiſen. Dieſer hatte, um ſeine Theilnahme für den Sohn eines Jugendfreundes zu zeigen, dem armen Kandidaten den Unterricht ſeiner beiden älte⸗ ſten Knaben angeboten, welche Kinder ſeiner zweiten Frau waren und daſſelbe Gymnaſium beſuchten, an welchem Gottlieb ſein Probejahr unentgeltlich abhielt. Es koſtete ihm viel Ueberwindung, ehe er ſich zur Annahme dieſer Stelle entſchloß. Eine ganze Nacht hatte er darüber ſchlaflos zugebracht, die alten Wunden brachen von Neuem auf, aber ſelbſt dieſes Opfer durfte er ſich nicht erſparen. Er konnte es nicht vermeiden, jetzt noch öfter mit Klara zuſammenzutreffen. Zuweilen wohnte dieſelbe ſogar dem Unterricht ihrer Brüder bei, und oft war er Zeuge von dem Glück, das ſein Freund aus ihrer Liebe ſchöpfte. Faſt drohte er zu unter⸗ 199 liegen, aber Noth iſt ein hart Gebot, und er mußte um jeden Preis aushalten, um ſeinen armen Vater nicht in Anſpruch nehmen zu müſſen. Klara kam ihm mit einer ruhigen Freundlich⸗ keit entgegen, wohlwollend empfing ſie ihn und ſprach mit ihm mild und hold wie mit Jedermann. Nach und nach hatte ſie eine faſt ſchweſterliche Zuneigung für den ehrlichen Gottlieb gefaßt, der ſte mit guten, nützlichen Büchern verſah und ihr, was ſie nicht verſtand, mit ſo großer Geduld erklärte. Es war eine Eigenheit des guten Mädchens, daß ſie bei weitem mehr Vorliebe für ſtreng wiſſeenſchaftliche Bücher, als für Romane und ähnliche Damen⸗ lektüre zeigte. Dabei hatte ſie Gelegenheit gehabt, die Bemerkung zu machen, daß Gottlieb für ſie ſchwierigere Stellen ihr viel klarer zu machen wußte, als der überaus geiſtreiche Stürmer, der ihr oft dann flüchtig und ungeduldig ſchien. Natürlich maß ſie ſich ſelber und ihrer eigenen Beſchränktheit alle Schuld bei und nahm um ſo weniger Anſtand, ſich an Gottlieb zu wenden, da ſie lieber in ſeinen Augen, als in denen des Aſſeſſors für unwiſ⸗ ſend galt. Eines Tages war ihr ebenfalls ſein leidendes Ausſehn aufgefallen, und ſte bat den armen Kan⸗ didaten, ſeine Geſundheit mehr zu ſchonen und ſich nicht ſo ſehr bei der Arbeit anzuſtrengen. — Sie müſſen ſich fuür Ihre Freunde erhalten! — ſagte ſte.. Der gute Gottlieb vermochte nicht zu antwor⸗ ten, die Thränen traten ihm in die Augen, und da er doch nicht gut in ihrer Gegenwart weinen konnte, ſo machte er eine linkiſche Verbeugung und ſtürzte auf die Straße hinaus. Länger vermochte er aber dieſen Zuſtand nicht zu ertragen, er mußte damit ein Ende machen und einen feſten Entſchluß faſſen. Als er nach Hauſe kam, ſuchte er ſogleich Stürmer auf. Er fand den Freund, der eben damit beſchäftigt war, einen Brief der Gräfin Hartzberg zu beantworten, die ihn dringend zu ſich einlud, um mit ihr über eine wichtige Angelegenheit Rückſprache zu nehmen. Der Aſſeſſor ſchien wegen der unangenehmen Störung ungehalten zu ſein und verbarg den angefan⸗ genen Brief unter ſeinen übrigen Papieren, als fuͤrchte er, daß Gottlieb vielleicht einen Blick darauf werfen könnte. 201 — Was willſt du?— fragte Stürmer faſt zürnend. — Ich wollte dich um einen großen Gefallen bitten!— ſagte Gottlieb, deſſen Unkenntniß ſo weit ging, daß er nicht einmal eine Ahnung hatte, wie ſtörend ſein Beſuch in dieſem Augenblick dem Freunde war. — Fordere Alles, nur kein Geld!— ſagte der Aſſeſſor, indem er mit der Stahlfeder auf das Papier eine Karrikatur zeichnete, welche dem guten Gottlieb ziemlich ähnlich war. — Ach, das weiß ich,— entgegnete dieſer— daß du leider ſelbſt nichts überflüſſig haſt, darum handelt es ſich auch gar nicht.— — Nun, zum Teufel! ſprich. Du wiegſt einem die Worte zu, als wenn es Dukaten wären. Menſch, wann wirſt du denn einmal ordentlich ſprechen lernen?— — Werde nur nicht ungeduldig, ich will dich ſo wenig aufhalten, als nur immer möglich. Ich komme nämlich mit der Bitte, daß du dem Geheimrath ſagſt, weil ich es nicht wage— — Daß er dir die Stunden beſſer bezah⸗ len ſoll? Nein, das geht nicht, das hieße gegen 20² mein eigenes Intereſſe handeln. Ich gehöre jetzt gleichſam mit zur Familie, und was im Hauſe erſpart wird, kommt auch mir zu gut— ſagte Stürmer halb im Scherz. — Ach, darum handelt es ſich gar nicht. Ich will ja die Stundenabei Wallner ganz aufgeben. 55 — Was fällt dir ein? Deine beſten Revenuen. Du biſt nicht bei Sinnen. Was haſt du für einen Grund?— — Einen Grund?— wiederholte Gottlieb und wurde über und uber roth. 1 — Biſt du etwa mit der Behandlung unzu⸗ frieden, hat er dich zurückgeſetzt, oder fehlt es dir an Zeit?— Die letzte Ausrede ſchien zwar dem Kandidaten die wahrſcheinlichſte und natürlichſte zu ſein, aber er vermochte ſie dennoch nicht hervorzubringen. Er war das Lügen nicht gewohnt und hätte um keinen Preis der Welt eine Unwahrheit ſagen können. Unſchlüſſig ſtand er noch immer, ohne Stürmer eine Antwort gegeben zu haben. Er war ſo ver⸗ legen und ſo wenig geſchickt, ſeine Gefühle zu verbergen, daß dem Aſſeſſor ſein Benehmen auffal⸗ len mußte. 203 — Aber Gottlieb, was fehlt dir denn? Heraus mit der Sprache!— ſagte Stürmer, indem er ihn ſcharf anblickte. Nun war es um den lieben Kandidaten ge⸗ ſchehn, abwechſelnd erröthete und erbleichte er, ein leiſer Schauer flog durch ſeine Glieder. Todesqualen mußte der Aermſte leiden. Er wollte ſprechen und vermochte es nicht. Der Angſtſchweiß ſtand auf ſeiner bleichen Stirn, und ſeine trockenen Lippen mur⸗ melten nur unverſtändliche Laute, während ihm das Herz in der Bruſt zu brechen drohte. Plötzlich aber trat er einen Schritt auf Stürmer näher und ſagte mit bebender Stimme: — Tödte mich, Robert! ich bin deiner Freund⸗ ſchaft nicht werth, denn ich liebe deine Braut!— Der Aſſeſſor ſtieß ein ſchallendes Gelächter aus. Gottlieb begrub ſein Geſicht in die abgezehrten Hände, zwiſchen denen ſeine Thränen ſtrömten. Eine entſetzliche Pauſe verging für ihn. Er glaubte, daß er vor Schaam ſterben müßte. Das tiefſte Geheimniß ſeiner Seele, das er vor aller Welt verborgen, ſich ſelber kaum einzugeſtehen wagte, hatte er dem beleidigten Freunde entdeckt, und dieſer— lachte. —— —=—————— 2 204 Der Arme war vernichtet. Hätte die Hölle ſich zu ſeinen Füßen aufgethan, mit Freuden wäre er hineingeſtürzt. Dieſes Hohngelächter war die grauſamſte Strafe für ſein eingebildetes Verbrechen. Er demüthigte ſich vor ſeinem Richter und ließ ruhig den Spott über ſein Haupt ergehn. — Kerl, du biſt wirklich verrückt!— rief jetzt Stürmer, noch immer mit lachendem Munde. — Nein, der Spaß iſt einzig. Gottlieb, Gottlieb Hühnerbein liebt meine Braut! Das Kameel wird empfindſam, der Theekeſſel glüht in Liebesflammen. Das iſt zum Umkommen. Und nun gar der mora⸗ liſche Katzenjammer dazu, der ſich in der larmo⸗ Hanten Viſage abſpiegelt. Du ſiehſt gerade ſo aus, wie der Hund des Barons, wenn er ein Stück Fleiſch geſtohlen hat und ſich nun vor dem Prügel fürchtet. Alter Junge! ſei ruhig, ich thue dir nichts. Ich bin weder ein ſchwarzer, noch ein weißer Othello. Liebe ſo viel du willſt, ſchmachte ſo ſehr du kannſt, ich werde dich nicht hindern.— — Barmherzigkeit!— murmelte Gottlieb— vergieb mir.— — Sei kein Narr! Im Gegentheil, du haſt mir durch dein Geſtändniß ein Vergnügen bereitet, 205 wie ich ſchon ſeit langer Zeit keins auf dieſer närriſchen Welt genoſſen habe. Das muß ich Klara erzählen, das Mädchen wird wie ich vor Lachen ſterben.— Der arme Gottlieb wurde blaß wie der Tod. Der grauſamſte Tyrann hätte keine härtere Strafe für ihn erſinnen können. Jetzt war es um ihn geſchehn. Er bat und flehte, er beſchwor den Freund bei Allem, was ihm heilig war, er wich und wankte nicht, bis ihm Stürmer verſprach, dieſe tiefſte Erniedrigung ihm zu erſparen. Endlich ſchien der Aſſeſſor nachzugeben und gelobte ihm ein Still⸗ ſchweigen, das er zu halten nicht entſchloſſen war. Auf eine Lüge kam es dem Uebermüthigen ohnehin nicht an. Während dieſer Vorgänge fand draußen auf dem Hausflur eine andere, nicht minder tragikomiſche Scene ſtatt. Herr Eller hatte ſich eingefunden, um in Perſon den Aſſeſſor zu mahnen und wenig⸗ ſtens eine Abſchlagszahlung auf die ziemlich anſehn⸗ liche Schuldſumme zu erlangen. Er klingelte, und der Zufall fügte es, daß Guſtchen öffnen mußte, da das Dienſtmädchen fortgeſchickt worden war. 206 Welch ein Wiederſehn für den getäuſchten Kleiderkünſtler! Anfangs traute er ſeinen Augen nicht, doch die Aehnlichkeit war zu ſprechend, er durfte nicht mehr zweifeln, daß man gewagt hatte, ihn zu my⸗ ſtiftziren. — Sie und eine berühmte Tänzerin?— rief er, indem er Guſtchen mit verächtlichen Blicken von oben bis unten maß. — Und Sie ein Baron?— ſpottete das Mädchen, welches von Beck bereits über den wah⸗ ren Stand des Kleiderkünſtlers unterrichtet war. — Eine Stubenmamſell!— — Ein Schneider!— höhnte Guſtchen, die keine Antwort ſchuldig blieb. — Das hätte ich wiſſen ſollen!— — Das hiütte ich ahnen müſſen!— tönte ſein luſtiges Echo. — Betrogen alſo, ſchändlich betrogen!— — Und ich bin furchtbar hintergangen,— parodirte das Mädchen, indem es die Worte und Geberden des Kleiderkünſtlers getreulich nachzu⸗ ahmen ſich bemühte. —— Meinen Ring, ich fordere meinen Ring — 207 wieder!— ſchrie der Schneider, welcher an Guſt⸗ chens Finger das theure Kleinod glänzen ſah. Er wollte ihre Hand ergreifen, um ihr den Ring ab⸗ zuziehn, doch das gewandte Mädchen entſchlüpfte ihm und ſchlug ihm die Thür vor der Naſe zu. Mit kochendem Zorn und grimmigem Herzen trat er ohne anzuklopfen in Stürmers Wohnung. Sprach⸗ los und zitternd präſentirte er ſtumm die Rechnung, wobei er die vernichtendſten Blicke ſchleuderte, die er überhaupt aufzutreiben vermochte. Sowohl Stürmer als Gottlieb ſchauten ver⸗ wundert auf das ſeltſame Benehmen des Kleider⸗ künſtlers, den die verletzte Eitelkeit in ein tobendes Ungethüm verwandelt zu haben ſchien. — Was wollen Sie, lieber Eller?— fragte Stürmer ruhig den tief gekränkten Schneider. — Geld! mein Geld und ſogleich!— — Geld hab' ich nicht,— ſcherzte der Aſſeſ⸗ ſor,— und ſogleich bezahl ich nicht.— — Gut, dann werde ich Sie verklagen, ich laſſe Sie pfänden, exekutiren, einſperren, faſſen, Alles, was möglich iſt.— — Eller! Sie ſcherzen nur.— — Es iſt mein Ernſt, blutiger Ernſt,— 208 ſchrie der Schneider mit tragiſchem Pathos,— ich habe eine Schlange an meinem Buſen groß gezogen und genährt, aber ich will ſie ohne Barmherzigkeit von mir ſchleudern.— — Vortrefflich!— lachte der Aſſefſor— ganz wie Seydelmann.— — Lachen Sie nur. O man kann lachen und immer wieder lachen und doch ein Schurke ſein, ſagt Hamlet, mit der Brieftaſche in der Hand.— — Aber Eller, ich bitte Sie, haben Sie denn den Verſtand verloren?— 1 — Wer über gewiſſe Dinge nicht den Ver⸗ ſtand verliert, hat keinen vorräthig,— entgegnete der Schneider.— O ich weiß Alles. Die be⸗ rühmte Tänzerin eine Stubenmamſell, Fanny ein dienendes Perſonal, das iſt ein himmelſchreiender Skandal!— Jetzt erſt begriff der Aſſeſſor den Ingrimm des Kleiderkünſtlers, der ihm bisher unerklärlich geblieben war. — Sie werden doch einen Scherz verſtehn, lieber Eller— bat Stürmer, dem keineswegs der Zorn des ungeſtümen Mahners gleichgiltig ſein konnte.— Uebrigens bin ich gar nicht Schuld, 209 ſondern Doktör Beck. Ich habe Sie doch nicht myſtifizirt!— — Sie ſind der Urheber des abſcheulichen Complots— rief der beleidigte Kleiderkünſtler.— O! ich kenne Sie, aber länger laſſe ich mich nicht zum Narren haben. Jetzt verlange ich mein Geld und ſogleich, oder ich verklage Sie beim Kammer⸗ gericht.— — Aber, lieber Herr Eller, haben Sie Nachſicht. In wenig Tagen ſollen Sie die Bezahlung erhalten.— Alle Bitten des Aſſeſſors waren vergebens. Diesmal reichte ſeine Beredtſamkeit nicht aus, um den Schneider zu beſänftigen. Zornig ging dieſer fort, um ſeine Drohung wahr zu machen. — Eine verteufelte Geſchichte,— ſagte Stür⸗ mer zu Gottlieb— die mir Beck eingerührt hat. Woher ſoll ich Geld nehmen? Zu einer Klage darf ich es in meiner gegenwärtigen Lage nicht kommen laſſen. Meine Anſtellung durch Wallner's Protektion ſteht vor der Thür. Sobald die Schuld zur Kenntniß der Behörden kommt, kann mir ein weſentlicher Nachtheil daraus erwachſen. Eller iſt diesmal nicht zu erweichen und ich weiß wirklich nicht, woher ich mir Geld ſchaffen ſoll.— Ring, Stadtgeſchichten. II. 14 210 — Ich will meine Uhr verſetzen und dir das Geld geben— entgegnete Gottlieb. — Göttlicher, einziger Menſch!— jubelte der Aſſeſſor.— Aber ich kann es nicht annehmen.— — Du mußt— ſagte Gottlieb und eilte, ſo⸗ gleich ſeinen Vorſatz auszuführen. XVI. Die Gräfin Hartzberg hatte ſo eben mit ihrem Sachwalter eine lange Berathung gehabt. Der Eheſchei dungsprozeß, in dem ſte gegen ihren Gatten lag, mußte ihre volle Aufmerkſamkeit für ſich in Anſpruch nehmen, da es ſich um die bedeutendſten Summen, um ein Jahreseinkommen von mehr als zehntauſend Thaler handelte. Bereits hatten ſich die öffentlichen Blätter des willkommenen Stoffes bemäch⸗ tigt, der reich an pikanten Einzelnheiten und ſkan⸗ dalbſen Anekdoten war, wie ſte eben das neugierige und klatſchſüchtige Publikum am meiſten liebt. Die betheiligten Parteien ſuchten durch die Preſſe auf die Meinung der Menge einzuwirken. Einzelne Artikel in den Zeitungen waren bereits erſchienen, * 211 welche das höchſte Aufſehn erregten, um ſo mehr, 8 da das entzweite Ehepaar mit den erſten Familien des Landes verwandt und verſchwägert war. Recht/ und Unrecht ſchien auf beiden Seiten gleich, darum galt es, durch ſchlagende Beweiſe ſowohl die Rich⸗ ter wie das Publikum zu gewinnen. Vor einigen Wochen war ſogar in dieſer Angelegenheit eine Broſchüre erſchienen, welche durch den blendenden Styl, die gewandte Dialektik und die geiſtreiche Auseinanderſetzung einen bedeutenden Eindruck zu Gunſten der Gräfin hervorgebracht und die Theilnahme des Publikums für die in⸗ tereſſante Frau von Neuem angeregt hatte. Der Verfaſſer dieſes ſophiſtiſchen Meiſterwerks war kein anderer als— Stürmer. Seit dem Zuſammentreffen mit der Gräfin Hartzberg auf dem Maskenballe, hatte der Aſſeſſor dieſelbe auf ihren Wunſch öfter beſucht. Bald wurde er der Vertraute, den ſie in ihren Verhält⸗ niſſen ſo nöthig brauchte. Seine juriſtiſchen Kennt⸗ niſſe, ſeine ſchriftſtelleriſche Gewandtheit erſchienen ihr bedeutend genug, um den jungen Mann durch jedes Mittel für ſich und ihre Sache zu gewinnen. Dieſe Abſicht erreichte ſie noch leichter als ſie ge⸗ 14* 212 hofft. Schon die nähere Bekanntſchaft mit einer ſo hochgeſtellten Dame hatte für Stürmer einen eigenen Reiz, der noch dadurch vermehrt wurde, daß die Gräfin ein ſchönes Weib voll moderner Anſchauungen und kühner Emanzipationsideen war. Was ihr an jugendlicher Friſche abging, erſetzte ſte durch üppige Reife. Ihre ariſtokratiſchen For⸗ men imponirten ihm und waren für ihn ein Zau⸗ ber mehr, der ihn bethörte. Auch ein ihm ver⸗ wandtes Element in dem Geiſt der intereſſanten Frau ſprach ihn mächtig an: ſie beſaß eine gewal⸗ tige Einbildungskraft, eine große Elaſtizität, jene eigenthümliche Seelenkoketterie, welche er an Frauen liebte und beſonders an Klara, ſeiner Verlobten, vermißte. Er hatte ſein Verhältniß zu dem guten, hol⸗ den Mädchen nicht aufgegeben, im Gegentheil gefiel er ſich in dieſer Art von Doppelliebe, welche ihn durchaus nicht ſtörte. Wenn er von den Geſprä⸗ chen der Gräfin berauſcht, von ihren kühnen Blicken trunken war, dann fuͤhlte er eine Art von wollüſtigem Behagen, aus dieſer heißen Zone in die mäßige Region herabzuſteigen, welche er in Klara's ſtillem Weſen fand. Dieſe hatte keine Ahnung von dem Spiel, welches Stüͤrmer mit ihrem Herzen trieb. Sie ſchaute mit einer tiefen Bewunderung zu dem geiſtreichen Mann empor und war ihm dankbar für das geringſte Liebes⸗ zeichen. Noch immer bewahrte ſie, trotz ihres nahen Verhältniſſes, eine Art von Scheu gegen ihren Verlobten, wogegen ſie in Gottliebs Nähe jede Befangenheit ablegte und die ganze Liebenswür⸗ digkeit ihrer wahren und reinen Natur zum Leid⸗ weſen des armen Kandidaten entfaltete. Klara war ſchön, ohne jedoch durch ihre Schön⸗ heit aufzufallen; in ihrer ganzen Erſcheinung glich ſie einer ſchlanken Waldblume, welche durch Friſche und Natürlichkeit erfreut.„Vergißmeinnicht“ hatte ihre Freundin Joſephine ſie im Scherz getauft und ohne es zu ahnen, Klaras innerſtes Weſen mit dieſem Namen äußerſt glücklich ausgedrückt. Wer ſie einmal mit erleuchteten Augen angeſehn, vergaß ſie nicht, ſelbſt wenn ſie neben den prächtigſten Blumen ſtand. Ihre jungfräuliche Sprödigkeit und ſcheinbare Kälte war für ihre Freunde und Be⸗ kannte ein neuer Reiz. Unter dem reinen Schnee ſchlummerte ein warmes Leben, das ſich den Blicken 214 der Welt entzog, um beim erſten Sonnenſtrahl wunderbar und überraſchend hervorzubrechen. Noch hatte keine traurige Erfahrung ihren keuſchen Sinn getrübt, ihr Vertrauen erſchüttert. Sie lebte ihrer Liebe und der Pflicht. Einfach, natürlich und wahr, hatte ſie ſich in einer verderb⸗ ten Welt entwickelt, wie die Perle, welche die rauhe Schaale vor jeder unkeuſchen Berührung ſchützt. So war Klara die unenthüllte, ahnungsreiche Knospe, während die Gräfin der prachtvoll ent⸗ wickelten Bluͤthe glich. Schmetterlinge umſchwirr⸗ ten ſie, Goldkäfer ruhten in ihrem Schoos, aber auch der Wurm der Vernichtung nagte an der üppigen Zentifolie. Der Aſſeſſor freute ſich an beiden, ſo ver⸗ ſchiedenen Erſcheinungen. Von der Gräfin eilte er zu Klara und von dieſer zu jener. Er ſcherzte, philoſophirte und ſkandaliſirte mit der intereſſan⸗ ten Frau, während er das Werden, Entwickeln und Keimen der jungfräulichen Seele ſeiner Ver⸗ lobten mit dem Genuß des Feinſchmeckers beobach⸗ tete, welcher zuweilen ein ländliches Mahl den feinſten Gerichten vorzieht, natürlich nur aus Ue⸗ berſättigung. Er war ſo eben in das Zimmer eingetreten, welches die Gräfin in einem ſogenannten Hoͤtel⸗garni bewohnte. Derartige Wohnungen bilden den Gip⸗ felpunkt, die Krone des Chambregarniſtenthums, während die Schlafſtelle ſeine tiefſte Stufe, den letz⸗ ten verlorenen Poſten deſſelben bezeichnet. Das Hoͤtel⸗garni gehört der Ariſtokratie, die Schlafſtelle dem Proletariat an; in dem erſtern herrſcht der Ueberfluß und Lurus des Lebens, in der letztern das Elend und der Jammer der Armuth. Die Gräfin hatte einen Theil der Bel⸗Etage inne, drei Zimmer und ein Kabinet waren prachtvoll einge⸗ richtet; glänzende Trumeaux, ſchwellende Divans und Fauteuils zogen ſich an den Wänden hin, ſchwere rothſeidene Vorhänge dämpften das Tages⸗ licht und warfen einen roſigen Schimmer auf das doch ſchon einigermaßen welke Angeſicht der intereſ⸗ ſanten Frau. Sie hatte ſo eben ihren Sachwalter verabſchiedet und ſich, von der anſtrengenden Unter⸗ redung erſchöpft, auf die chaise longue geworfen. Sie war unzufrieden über die hundert Bedenklich⸗ keiten und zaghaften Rathſchläge ihres Advokaten. — Dieſe Pedanterie wird mich noch tödten,— ſeufzte ſie,— ein kühner Schlag und der ganze Prozeß wäre zu Ende, aber wer ſoll ihn führen, wer wird ihn wagen?— In dieſem Moment erſchien der Aſſeſſor. Ein Freudenſtrahl blitzte aus dem Auge der Gräfin, ſchnell erhob ſie ſich, um ihn zu begrüßen. Die frühere Mattigkeit war gewichen und die alte Spann⸗ kraft zurückgekehrt. Dies Weib beſaß eine wunder⸗ bare Energie, eine ſeltene Beherrſchung über ihren Geiſt und ihren Körper. Sie war das, was ſie ſein wollte; ſelbſt die verlorene Tugend konnte ſie heraufbeſchwören. So lange ſie nachdenklich und aigrirt auf dem Sopha lag, war ſie alt, ihre Züge verlebt und angegriffen, die Lippen ſchlaff, die Stirn gerunzelt und das Auge matt. Mit einem Schlage war eine unbegreifliche Veränderung mit ihr vor⸗ gegangen. Die abgeſpannten Glieder ſchnellten ela⸗ ſtiſch empor, in ihren Blicken loderte das verlangende und verzehrende Feuer, um den Mund ſpielte das verführeriſche Lächeln. Man hätte an Zauberei denken müſſen, an die alte Sage von der Schlan⸗ genkönigin, die ſich plötzlich in ein ſchönes Weib verwandelt. Sie trat dem Aſſeſſor nur einige Schritte — 217 entgegen und reichte ihm ihre noch immer volle und bewundernswürdig weiße Hand zum Kuß. — Sie kommen wie gerufen,— ſagte ſie lächelnd,— ich habe mich entſetzlich gelangweilt, eben hat mich mein Sachwalter verlaſſen.— — Der Juſtizrath, und was ſagte er?— — Was weiiß ich von Eurem juriſtiſchen Jar⸗ gon, von dieſen Terminen, Licitationen, Admonitio⸗ nen, Appellationen. Die bloßen Worte haben mir eine ſchreckliche Migraine zugezogen, ich muß ganz abſcheulich ausſehn.— Der Aſſeſſor verſicherte galant das Gegentheil. Er fand die Gräfin ſchöner als je. Sie hatte in der That die reizendſte Toilette von der Welt gewählt, einen ſchwarzen Atlasrock, der ihre ſchlanke Taille und ihren vollen Buſen genügend hervorhob. Ihr blauſchwarzes Haar war mit einem feinen, dunkeln Spitzengewebe bedeckt, welches von zwei ſtrahlenden Brillantnadeln feſt gehalten wurde. Der eigen⸗ thümliche Kopfputz gab ihr ein fremdes Ausſehn, das an die ſpaniſchen Frauen erinnerte, welche ihren Schleier ſo geſchickt zu drappiren wiſſen. Eine ächte Kamee in Gold gefaßt wiegte ſich auf der üppigen Bruſt. Um die Hüften ſchlang ſich der —y-—— —„— 218 feine Gürtel, den eine prächtige Schnalle befeſtigte. In dem ganzen Anzuge lag jene ungeſuchte Ein⸗ fachheit, jene vollendete und doch unſtudirte Grazie, welche nur die Frau vom beſten Ton beſitzt und als ihr Geheimniß hütet. Die Gräfin warf einen flüchtigen, koketten Blick in das prachtvolle Glas ihres Trumeaus, als wollte ſie dort die Beſtätigung von Stürmers Schmeicheleien ſuchen, welche vorhin ihre leicht hingeworfene Be⸗ merkung hervorgerufen hatte. Dieſer Blick ſtärkte ſie wunderbar, jetzt wußte ſie, daß ſte ihren beau jour hatte und daß ſie Alles mit dem Aſſeſſor wagen durfte. Sie forderte ihn auf, mit ſeinem Fauteuil, auf dem er Platz genommen hatte, ihr näher zu rücken unter dem Vorwande, daß die Migraine ihr Gehör und Geſicht angegriffen habe. — Dieſer Prozeß koſtet mir noch das Leben! — ſeufzte ſie, wobei ſie zerſtreut ihren ſchönen Arm auf Stürmers Stuhllehne ſtützte, während ſie anſcheinend gedankenlos ein herrliches Blumen⸗ bouquet mit der freien Hand zerpflückte. — Sie laſſen ſich allzuleicht durch Ihren Advokaten verſtimmen— bemerkte Stürmer, der mit trunkenen Blicken jede neue, künſtleriſch vollendete Attitude der intereſſanten Frau verſchlang.— Der Juſtizrath iſt ein Kleinigkeitskrämer, der Sie mit ſeinen kleinlichen Bedenklichkeiten quält. Was hat er wiederum verlangt?— — Was weiß ich! Beweiſe, Dokumente, Zeu⸗ gen will er haben, die ich von allen Ecken und Enden der Welt herbeiſchleppen ſoll.— — Allerdings kommt ſehr viel darauf an. Ich habe mich bemüht, die öffentliche Meinung für Sie zu gewinnen. Ich darf mir ſchmeicheln, daß dies mir zum Theil geglückt iſt.— — Wozu dieſe Beſcheidenheit?— entgegnete die Gräfin.— Was bis jetzt in dieſer fatalen Angelegenheit zu meinen Gunſten geſchehn iſt, hab' ich, mein Freund, einzig und allein Ihrem großen Talente zu verdanken.— Sie hatte bei dieſen Worten Stürmers Hand ergriffen, die ſie heiß und innig drückte. Wie elektriſches Feuer durchzuckte ihn die trauliche Be⸗ rührung, und ihr Blick berauſchte ihn vollends. — Manches iſt gethan, aber noch immer nicht genug,— fuhr der Aſſeſſor trunken fort— die Richter urtheilen nach dem Buchſtaben des Geſetzes, 220 und dieſes begnügt ſich nicht mit dem moraliſchen Recht. Ohne Beweiſe, ohne ſchlagende und triftige Gründe werden Sie nie Ihr Ziel erreichen. Sie müſſen das Unrecht, die Untreue des Grafen mit Dokumenten belegen. Nur wenn Sie ſolche bei⸗ bringen, können Sie ſiegen und ein günſtiges Urtheil erkämpfen.— — Als ob ſich ſo etwas beweiſen ließe!— — Sie haben die Ausſage Ihrer Kammer⸗ jungfer für ſich, welche Ihr Gemahl mit Anträgen beſtürmt hat.— — Wie Sie wiſſen, hat das Mäadchen bei ihrer eidlichen Vernehmung den Schwur verwei⸗ gert.—— — Sie war doch zuerſt bereit und von Ihnen genügend inſtruirt.— — Der Graf hat ihr mehr Geld geboten, als ich. Ein Theil meines Vermögens iſt bereits in dieſem Prozeß geſchmolzen, ich ſehe kein Ende ab.— Die Parteien in dieſem ſkandalöſen Rechts⸗ handel verſchmähten allerdings kein Mittel, um ihr vermeintliches Recht zu behaupten. Anſchuldigun⸗ gen der gemeinſten Art wurden von beiden Seiten erhoben und durch beſtochene Zeugen unterſtützt. —— Dieſer Prozeß war ein Gewebe der feinſten Intri⸗ guen, wie der plumpſten Machination. Das innerſte Familienleben wurde ohne Scheu enthüllt und der Oeffentlichkeit Preis gegeben. Die Akten enthiel⸗ ten einen eben ſo intereſſanten als bedenklichen Beitrag zur Sittengeſchichte unſerer Zeit. Es waren die furchtbarſten Enthüllungen über das Leben der höheren Stände, die dem Publikum gebo⸗ ten wurden. Die Gatten beſchuldigten ſich gegen⸗ ſeitig der gröbſten Vergehen gegen Sitte und An⸗ ſtand, der Vater klagte ſeine eigenen Kinder an, welche ſich mehr zu der Mutter hinneigten. Dieſe dagegen hatte jeder weiblichen Schonung entſagt und deckte rückſichtslos die geheimſten Schwächen des Mannes auf. Welch' ein Gemälde von Haß und Rache, Liſt und Gewalt, Gemeinheit und Bosheit! Kein Wunder daher, daß das Publikum mit dem größten Intereſſe den Verhandlungen folgte, dafür und dawider Partei ergriff. Die Zeitungen brachten dieſen Prozeß als ſtehenden Artikel. Die Ariſtokratie ſtand größtentheils auf Seite des Grafen, da ſeine Gattin eine bedenkliche Hinneigung zur Demokratie und ſelbſt ſozialiſtiſche Tendenzen verrieth. 222 Auch ihr freier und ungebundener Lebenswandel war keineswegs geeignet, ihr Sympathien bei ihren Standesgenoſſen zu erwecken. Dagegen hatte ſie es verſtanden, einige Journaliſten, junge Leute von Talent, zu gewinnen, an deren Spitze gegenwärtig Stürmer ſtand, der mit großem Erfolge in ſeiner glänzend geſchriebenen Broſchüre für ſie aufgetreten war., Selbſt in den höchſten Kreiſen hatte dieſe Scheidungsklage ein unangenehmes Aufſehn erregt und einen Sühneverſuch veranlaßt, der an der Hartnäckigkeit der entzweiten Ehegatten jedoch ge⸗ ſcheitert war. So ſtand die ganze Angelegenheit günſtiger für den Grafen, der im Beſitze des ganzen Ver⸗ mögens war, minder vortheilhaft für die Gräfin, deren Quellen bald zu verſiegen drohten. Für ſie war eine ſchnelle und glückliche Entſcheidung mit jedem Tage dringender geworden. Sie mußte zu dem verzweifeltſten Mittel greifen und war zu Allem entſchloſſen, was eine günſtige Ausſicht ihr eröffnete. Mit einem kühnen Schritt konnte und wollte ſte den Sieg erkämpfen. Nicht umſonſt hatte ſie dieſe ſorgfältige Toilette gemacht, alle Künſte der feinſten Koketterie zu Hülfe gerufen. Es galt, das Höchſte zu gewinnen und kein Einſatz, ſelbſt nicht der ge⸗ ſchmückte und verführeriſche Leib dünkte ihr darum zu viel. Va banque! Der Spieler ſetzt verzweiflungsvoll auf eine Karte ſein Geld, ſeine Ringe und Juwelen, ſeine Equipage und ſein Ehrenwort. Va banque! Die intereſſante Frau legte ihr Lächeln, ihre weiße Hand, ihre funkelnden Augen, ihren runden Arm, ihren Namen und ihren Ruf, ſo viel ſie noch davon zu verlieren hatte, in die Wagſchaale. Va banque! XVII. Eine neue künſtleriſche Attitüde! Die Gräfin hatte ſich in die ſchwellenden Kiſſen des Divans zurückgeworfen, in den ſchönen Armen hielt ſie das dunkelgelockte Haupt, das Antlitz mit den thränen⸗ feuchten Augen. Sie ſah prächtig aus. Die ela⸗ ſtiſchen Glieder in ſchwarze Seide gekleidet, zeich⸗ neten ſich plaſtiſch auf dem rothen Sammet der Chaiſe longue, der Schleier hatte ſich losgelöſt und bedeckte zum Theil die weiße Stirn, welche wie das Mondlicht durch die Maſchen des zarten Gewebes ſchimmerte. 4 Sie hatte den ſtolzen Hals ſo gewendet, daß Stürmer die Umriſſe dieſes klaſſiſchen Nackens be⸗ wundern mußte, der einer Römerin würdig war. Jede dieſer Bewegungen war berechnet, und doch ſchienen ſie ſo natürlich, abſichtslos. Der Schü⸗ ler hatte die Meiſterin in der Lüge gefunden. Selbſt die Wirkungen von Licht und Schatten hatte die Gräfin genau abgewogen, und die Lage gewählt, welche ihr die günſtigſte zur Entwickelung aller ihrer Reize ſchien. Die rothe Drapperie der Vorhänge goß einen Roſenſchimmer auf ihr gelb⸗ liches Geſicht und zauberte der Jugend Reiz auf die bereits abgewelkte Wange. Ein Sonnenſtrahl fiel auf das nächtig dunkle Haar, das dadurch einen wunderbaren blauen Glanz erhielt. Nicht umſonſt hatte die intereſſante Frau Muſeen und Antikenkabinette beſucht, die vorzüglichſten Gemälde und Statüen geſehn, die Effekte der Beleuchtung mit künſtleriſchem Auge ſtudirt. Arme Klara! Wie viel fehlte dir noch zu deiner Ausbildung, wie mußteſt du vor dieſem Zauberbild verſchwinden. Sie war die büßende Magdalena und die verführeriſche Loreley in dem⸗ ſelben Augenblick. Dem Aſſeſſor mußte ein ähnlicher Gedanke gekommen ſein. — Kleopatra!— rief er mit bebender Stimme. Ja, das war ſie, die goldene Schlange vom Nil, wie ſie ſich auf dem weichen Divan mit den feinen Gliedern dehnte und ringelte, mit den klugen Schlangenaugen weinte und blinzelte. Die Gräfin hatte den Ausruf gehört, der un⸗ willkührlich ſeinen Lippen entſchlüpft war. Sie lächelte darüber unter Thränen. — Den Mantel gieb, ſetzt mir die Krone auf, Ich fühl' ein Sehnen nach Unſterblichkeit.— So flüſterte ſie mit den Worten der Aegyp⸗ terkönigin, der ſie in der That in dieſem Augen⸗ blicke glich. Wie kleine liſtige Schlänglein zuckte es dabei um ihren Mund. Stürmer war zu ihren Füßen hingeſunken und hielt mit ſeinen Armen den ſchlanken, ſchwel⸗ lenden Leib umfaßt. Ring, Stadtgeſchichten. II. 15 — Sie ſind ein Thor!— hauchte ſie, ſich leiſe wehrend, ſo daß jede Bewegung nur ein neues Hingeben ihm erſcheinen mußte,— meine Kammer⸗ jungfer iſt im Vorzimmer und kann in jedem Au⸗ genblick eintreten. Stehen Sie doch auf!— — Nicht eher, beyvor Sie mir Ihren Kummer anvertrauen, die Mittel mir genauer angeben werden, welche Sie bisher geheimnißvoll mir verſchwiegen haben. Ich will, ich muß Ihr Retter ſein; mir, nur mir allein ſollen Sie alles Glück zu danken haben.—. Ueber das Geſicht der Gräfin flog es wie glühendes Wetterleuchten am nächt'gen Horizont. Begierig ſaugte ſie jedes ſeiner Worte ein. Sie hatte erreicht, was ſie gewollt. Der trunkene junge Mann gehörte ihr gänzlich an, er kannte keinen andern Willen als den ihrigen. Sie antwortete, doch zögernd und ausweichend, um ihn noch mehr zu reizen, um ſeine Spannung auf den höchſten Punkt zu treiben, denn ſie war eine große Künſtlerin, eine vollendete Kennerin des menſchlichen Herzens. — Prufen Sie ſich,— ſagte ſte mit ſüßer Stimme,— ehe Sie mir Alles widmen. Ich ver⸗ 227 lange viel, ſehr viel, Ihre Zeit, Ihr Talent, Ihr Lebensglück.— — Nehmen Sie Alles, Alles!— rief der Aſſeſſor, den ihre Weigerung nur immer feuriger ſpornte.. — Und wenn ich ſelbſt Ihren Ruf, Ihre Ehre, Ihren unbefleckten Namen verlangte?— — Ich würde nicht zurückweichen, das ſchwöre ich Ihnen!— — Bedenken Sie, was Sie thun wollen. Sie haben vielleicht Verwandte, ältere Verpflichtungen.— — Ich bin bereit ſie aufzuopfern, Alles für Sie hinzugeben, aber reden Sie, thun Sie mir Ihren Willen kund.— — Wohlan, ſo hören Sie. Es handelt ſich darum, mir gewiſſe Dokumente zu verſchaffen, an deren Beſitz der Gewinn oder Verluſt meines Pro⸗ zeſſes geknüpft iſt, von denen das Glück meines Lebens, meine ganze Zukunft abhängt. Dieſe Pa⸗ piere befinden ſich in dem Beſitze der Baronin Waldheim, mit welcher mein Gemahl in einem vertrauten Verhältniß lebt. Sie bewahrt dieſelben ſorgfältig in einer Chatoulle, welche ſie ſtets mit ſich führt und wie ihren Augapfel hütet. Haben 15** Sie, geliebter Freund, den Muth mir dieſe Pa⸗ piere zu verſchaffen?— — Wie, Sie ſchrecken vor einer ſolchen Aufgabe zurück? Ich habe Ihnen eine zu große Sngebei zugetraut!— Der Aſſeſſor ſchwankte allerdings, wenn auch nur einen Augenblick, und berechnete alle Gefahren eines ſolchen gewagten Unternehmens. — Nein, nein— fuhr die Gräfin fort, welche mit der größten Aufmerkſamkeit jede Miene, jede Bewegung Stürmers beobachtete und deutete— ich darf Sie nicht in mein unſeliges Geſchick verflech⸗ ten, ich will mein Unglück allein tragen. O, wa⸗ rum mußte ich in dieſer Zeit geboren ſein!— Sie hatte eine neue maleriſche Stellung an⸗ genommen. Mit beiden Händen bedeckte ſie das Geſicht, ihr Buſen hob und ſenkte ſich in wildem Schmerz und ließ ein leiſes, unterdrücktes Schluch⸗ zen hören, von dem Stürmer wunderbar ergriffen wurde. Er hatte noch nie ein Weib geſehen, das ſo ſchön in ſeinem Schmerze war und ſo reizend weinte wie dieſe intereſſante Frau. Plötzlich ſprang ſie wieder von dem Divan 229 auf und durchmaß mit heftigen Schritten das Wohnzimmer. Ihre dunklen Locken hatten ſich gelöſt und wogten in wilder Anmuth um die feſten Schläfen, der Schleier flatterte von ihren Schultern nieder und der ſchwere Atlas des Gewandes rauſchte wie vom Sturm der Leidenſchaft gefaßt. So glich ſie einer dunklen Norne, einer drohenden Sybille und dabei blieb ſie in jeder Geſtalt feſſelnd und bezaubernd immerdar. — Erbärmliche Zeit, warum mußte ich in dir geboren werden?— ſagte ſie, als achtete ſte Stür⸗ mers Gegenwart nicht länger.— Einſt gab es Manner, welche ritterlich für ihre Dame kämpften, denen kein Opfer zu groß, keine Probe zu ſchwer war. Unſer heutiges Geſchlecht hat für Thaten leere abgedroſchene Phraſen, für Kämpfe eitle Re⸗ densarten. Wenn es hoch kommt, holen ſie einen Stuhl für die Geliebte und glauben ſchon ein Opfer gebracht zu haben, wenn ſie uns ein Glas Eis präſentiren oder bei ſchlechtem Wetter einen Wagen verſchaffen. Erbärmliche Zeit und kleine Nänner!— Länger hielt es auch der Aſſeſſor nicht auf ſeinem Lehnſtuhl aus, er war aufgeſprungen und hatte ihre Hand erfaßt. — Es giebt noch Männer, Gräfin!— rief er laut,— ich weiche an Treue und Ergebenheit keinem Chevalier der alten Zeit. Geben Sie mir Mittel und Wege an, wie ich mich dieſer wichtigen Dokumente bemächtigen kann, und Sie ſollen. die⸗ ſelben in wenig Tagen ſchon beſitzen.— — Stürmer, theurer Freund, Sie wollten wirklich?— — Alles für Sie wagen, was je ein Mann für ein Weib gethan, Alles— — Für Alles,— ſetzte die Gräfin hinzu mit ihrem vielverſprechendſten Blicke. Sie neigte ihr Haupt an ſeine Bruſt und ſchaute mit den fun⸗ kelnden Schlangenaugen zu ihm empor. Magne⸗ tiſch zog es ihn zu ihr, ſeine Lippen berührten die ihrigen und ein unheimlich lodernder Kuß beſiegelte den Vertrag. — Spitzbube, Spitzbube!— rief der grüne Papagei in der vergoldeten Volisre, welche zwiſchen zwei blühenden Oleanderbäumen am Fenſter ſtand. Der unartige Vogel hatte die Gewohnheit, ſo oft ein Kuß in ſeiner Nähe gegeben wurde, dieſes Wort auszuſprechen, und dazu hatte er bereits häufig Gelegenheit gehabt, ſo daß er immer in einer ge⸗ wiſſen Uebung blieb. Bei dem Geſchrei des Papagei's waren beide erſchrocken auseinander gefahren, doch bald hatte die Gräfin ſich gefaßt. Sie erhob drohend ihre weiße Hand. — Spitzbube!— wiederholte ſie ſchelmiſch gegen Stürmer, der ſich ihr von Neuem genähert hatte. Selbſt dieſe kleine Koketterie ſtand ihr nicht übel, obgleich vor funfzehn Jahren die liebens⸗ würdige Schalkhaftigkeit bezaubernd geweſen ſein mußte. 1 Nach dieſer geringfügigen Unterbrechung zog die Gräfin Stürmer auf den Divan nieder, auf dem ſie ſelber wieder Platz genommen hatte. Jetzt erſt gab ſie ihm umſtändlich die Art und Weiſe an, wie er am leichteſten in den Beſttz der Papiere gelangen könne. Sie ſchilderte ihm die Baronin, welche die anerkannte Geliebte ihres Gatten war, als eine leichtſinnige, intriguante Frau, die gegen⸗ wärtig am Rheine lebte und ſich binnen Kurzem nach Paris begeben wollte, um daſelbſt mit dem Grafen zuſammen zu treffen. Es war daher keine 232 Zeit zu verlieren. Was geſchehn ſollte, mußte gleich geſchehn. — Sie werden Geld gebrauchen— fügte die Gräfin, nachdem ſie ihre Angaben beendet hatte, noch hinzu— ich werde Ihnen eine Anweiſung auf meinen Bankier geben. Schonen Sie nichts, wenn Sie mir nur die Dokumente zur beſtimmten Friſt zu verſchaffen vermögen.— — Zweifeln Sie nicht mehr daran!— — Auch können Sie das Unternehmen nicht allein ausführen; haben Sie zuverläſſige Freunde, die ſich dabei betheiligen würden?— Stürmer ſann einige Augenblicke nach. — Sollte nicht Kronthal als Ihr Kouſin von der Partie ſein?— fragte er. — Kronthal iſt ein Geck, der Alles ſcheut, was Anſtrengung koſtet. Ich finde ihn unerträg⸗ lich und bornirt; auch ſcheint er hier durch ein Verhältniß gefeſſelt zu ſein, das ich nicht näher kenne. Doch vielleicht beſitzen Sie einige Bekannte, auf welche Sie ſicher rechnen dürfen. Verſprechen Sie ihnen in meinem Namen Alles, Geld, Ver⸗ ſorgung. Sobald ich im Beſitz der Dokumente bin und meinen Prozeß gewonnen habe, kommt es 233 auf einige tauſend Thaler mehr oder weniger gar nicht an. Ich gebe Ihnen Vollmacht, zu handeln wie es Ihnen gut dünkt. Fällt Ihnen denn Nie⸗ mand ein?— Stürmer hatte bereits gefunden, was er ſuchte. An Beck und Wimmerchen hoffte er zwei bereit⸗ willige Genoſſen des gewagten Unternehmens ſich zu verſchaffen. Er äußerte ſeine Meinung über ſeine Bekannten und gab der Gräfin ein eben ſo wahres als pikantes Bild der beiden Unzertrenn⸗ lichen. — Ein Wort von Ihnen genügt und Wim⸗ merchen geht für Sie durchs Feuer. Er betet jedes Weib an und nun gar eine Frau von Ihrem Range, von ſolcher Schönheit und Diſtinktion!— — Schmeichler!— drohte die Gräfin— ich werde Sie aus meiner Nähe verbannen müſſen.— — Dann bleibt mein Herz zurück!— — Laſſen Sie die Kindereien. Sie ſtehen ſchon zu hoch in meinen Augen, um von Ihnen noch Komplimente anzuhören. Dieſes Privilegium haben bei mir nur Gecken und Narren wie Kron⸗ thal, die ich au fond verachte.— Man konnte in der That nicht feiner ſchmei⸗ cheln, als es in dieſem Augenblick die Gräfin that. Stürmer hatte ihre Hand ergriffen, auf die er einen heißen Kuß drückte. — Herr Aſſeſſor! Zuerſt die Geſchäfte und dann das Herz. Ihr Wimmerchen will ich ge⸗ bischen Verſtand einbüßen, das in ſeinem kleinen Köpfchen Platz hat. Aber der Doktor ſcheint mir aus anderem, beſſerem Metall zu ſein.— — Sie haben Recht. Beck beſitzt Geiſt und Witz, aber ſein ganzes Weſen hat etwas Cheval⸗ reskes, er wäre in früheren Zeiten ein prächtiger Aventurier geworden. Unter Heinrich dem Dritten von Frankreich hätte er vielleicht ſein Glück als Mignon bei Hofe gemacht, unter dem Regenten einen liebenswürdigen Roué abgegeben. Er beſitzt perſönlichen Muth, Unerſchrockenheit und Geiſtes⸗ gegenwart. Jedes Abentheuer iſt ihm willkommen, wo er dieſe Eigenſchaften entwickeln kann. Er genießt das Leben wo und wie er kann, ohne ſkrupulös zu ſein.— — Ein prächtiger Menſch, auf deſſen Bekannt⸗ ſchaft ich geſpannt bin. Leider ſtirbt dieſe Gattung gänzlich aus, der Polizeiſtaat duldet ſolche Origi⸗ winnen, verlaſſen Sie ſich darauf. Er ſoll das nale nicht. Doch Sie ſprechen noch von einem Dritten.— — Gottlieb Hühnerbein.— — Gottlieb Hühnerbein!— wiederholte die Gräfin und lachte ſo laut, daß der Papagei in ſeiner Voliere zu krächzen und zu ſchnarren be⸗ gann. Sein Geſchrei vereinte ſich mit ihrem aus⸗ gelaſſenen Gelächter zu dem luſtigſten Conzert auf der Welt. — Eine gute, ehrliche Haut, ein Nachkomme in gerader Linie von dem berühmten Peter Schle⸗ mihl. Den müſſen wir ganz aus dem Spiele laſſen, ſeine Täppigkeit würde Alles verderben.— — Gut denn. Thun Sie, was Ihnen beliebt, aber vor allen Dingen Verſchwiegenheit und Eile. Die Verhältniſſe zwingen uns, ſchnell zu handeln. Iſt die Baronin einmal in Paris und mit dem Grafen zuſammen, ſo iſt Alles verloren.— — Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich.— — Ihr Lohn ſoll überſchwänglich ſein und Ihre kühnſten Träume überſteigen.— — Ich kenne nur einen einzigen, der mir ewig verſagt ſein muß— ſagte Stürmer, indem er die Gräfin mit leidenſchaftlichen Blicken anſtarrte. 236 — Wer weiß?— lächelte die feine Frau. Dieſes kleine Wörtchen übte eine magiſche Gewalt. Der Aſſeſſor ſah ſich bereits im Geiſte an der Seite der Gräfin und im Beſitz einer Jah⸗ resrente von zehntauſend Thalern.. Für ihn gab es keine Unmöglichkeit mehr. Sie ſtand im Scheidungsprozeſſe mit einem alten, abgelebten Gatten. Stürmer dagegen war jung und liebenswürdig und hatte bereits unzweideutige Zeugniſſe ihrer Neigung. Der Standesunterſchied war hinlänglich durch die ihr geleiſteten Dienſte ausgeglichen. Auch hatte dieſe Frau mit der ganzen Ariſtokratie, ſo wie mit manchem Vor⸗ urtheil gebrochen. Andere Hinderniſſe kannte er nicht. Mit Klara war er zwar verſprochen, aber nicht öffentlich verlobt, und ſelbſt eine derartige Verpflichtung hätte ſich löſen laſſen. Was war das unbedeutende Mädchen für ihn?— eine Blume, welche er wegwarf, um eine Krone zu erreichen. Arme Klara! Es war bereits dunkle Nacht geworden, als der Aſſeſſor die Gräfin in ſüßer Trunkenheit ver⸗ ließ. Als ſich die intereſſante Frau allein ſah, ſagte ſie mit bitterem Hohn:— Und das ſind die Männer, welche man das ſtärkere Geſchlecht nennt! Glacéehandſchuhe, die ſich nach unſerer Hand ſchmie⸗ gen und dehnen und die man fortwirft, wenn ſie ſchmutzig ſind. Bei dem Allen iſt dieſer wenig⸗ ſtens nicht ſo langweilig, wie die Uebrigen.— XVIII. An dem beliebten Fenſterplätzchen ſaßen die beiden Freundinnen Klara Wallner und Joſephine Meier. Die Geheimräthin war ausgegangen, um eine nöthige Viſite abzuſtatten. Obgleich ſie ſtets gegen alle Foͤrmlichkeiten und Moden eiferte, ſo gab es gewiß in der ganzen Reſidenz keine zweite Frau, welche genauer Buch über ihre Be⸗ ſuche und Gegenbeſuche führte, als die Treffliche, die wie viele Menſchen gegen die kleinen Schwä⸗ chen am meiſten eiferte, welche ſie ſelbſt beſaß. Auch gehörte es zum guten Ton, über derartige Konvenienzen, die doch Niemand deshalb unterläßt, vornehm die Achſeln zu zucken, und die Geheim⸗ räthin wollte um jeden Preis für fein und geiſt⸗ reich gelten. Selbſt ein kleiner genialer Anſtrich den ſie dadurch erhielt, war ihr äußerſt ange⸗ nehm, auch die Genialität machte ſie gern als eine Mode mit. M Ihre Abweſenheit war den beiden Mädchen durchaus nicht unerfreulich, ſie hatten ſo viel ein⸗ ander mitzutheilen und zu plaudern, doch wovon reden Freundinnen, wenn ſie ihre Herzen vor ein⸗ ander aufſchließen? Es iſt eine alte Geſchichte, 4 Doch bleibt ſie ewig neu. V Joſephine erkundigte ſich nach Stürmer, Klara antwortete ihr wie immer ruhig und leidenſchafts⸗ los. Das reizbare Mädchen begriff die Freundin nicht. — Du haſt doch gehört, daß er die Gräfin Hartzberg beſucht?— — Er hat es mir ſelbſt geſagt.— — Aber was hat er in ihrer gefährlichen Nähe zu thun? Dieſe Frau ſteht in ſchlechtem Rufe, man erzählt von ihr empörende Dinge. Mutter meint, daß es nicht ſchicklich ſei, ihren Namen in Geſellſchaft zu erwähnen.— — Und du ſelber ſündigſt gegen dies Gebot, — ſcherzte Klara, die heut beſonders heiter ſchien. — Ich begreife dich nicht. Haſt du denn niemals Stürmer zur Rede geſtellt?— — Die Gardinenpredigten gehören erſt in die Ehe, wie ich gehört habe, auch beſitze ich dafür durchaus kein Talent. Ueberdies hat Stürmer in der Prozeßangelegenheit der Gräfin zu thun. Seine Vertheidigungsſchrift hat Vater ſelbſt für ein juri⸗ ſtiſches Meiſterſtück erklärt, und der verſteht ſich darauf. Mich freut'’s, daß Stürmer ſich der ar⸗ men, verleumdeten Frau angenommen hat.— — Du hlältſt ſie wohl für unſchuldig?— — Allerdings. Selbſt geleſen hab' ich nicht die Schrift, da ich nichts davon verſtehe, aber wie ich gehört, ſoll ja von Stürmer klar und deutlich bewieſsn ſein, daß das Unrecht ganz auf Seiten des Mannes iſt.— — Und das glaubſt du ihm?— — Wenn ich ihm nicht glaubte, ſo könnte ich ihn auch nicht lieben— erwiederte Klara in ihrer ganzen lieblichen Einfalt und Unſchuld. Joſephine hatte auch außerdem über den Aſſeſſor allerlei nachtheilige Gerüchte vernommen, welche ſie ihrer Freundin mittheilen wollte. Jetzt ſchwieg ſie, denn ſie fühlte fein genug, um dieſe 240 innerlich wahre und unerſchütterliche Natur zu achten, obgleich ſie im Stillen die Befangenheit Klara's tief bedauerte. Sie kannte das holde Kind von Jugend auf, ſie war mit Klara in dieſelbe Schule gegangen und hatte ſtets ihr Vertrauen beſeſſen, darum wußte ſie wie wenig dieſer eigen⸗ thümliche Charakter ſich durch Andere beſtimmen ließ. Dennoch glaubte ſie, der Freundin ihre Be⸗ denken nicht erſparen zu dürfen. Es handelte ſich ja um das Lebensglück derſelben. Doch geſtehen wir's nur ein, auch ein wenig, wenn auch ein ganz wenig Schadenfreude miſchte ſich in dieſes beſſere Gefühl als ein ſchlechter Zuſatz zu dem edeln Metall mit hinein. So ſind wir Menſchen im Allgemeinen und die Frauen ganz im Beſonderen. Die Meiſten zeigen ſich viel theilnehmender bei einem kleinen Unglück ihrer Freunde, als bei einem großen Glück, das denſelben arrivirt. Die Sprache hat zwar das ſchöne Wort„Mitleid“, aber nicht das noch weit ſchönere„Mitfreude“, das der Autor dieſer Ge⸗ ſchichte erſt gebildet hat, und worauf er ein be⸗ ſonderes Privilegium zu nehmen gedenkt. Aber noch einen zweiten Grund hatte Joſephine, 241 warum ſie gegen den Verkehr Stürmers mit der Gräfin, oder vielmehr gegen die letztere aufgebracht war. Sie hatte vor Kurzem in einer Geſellſchaft bei dem ruſſiſchen Geſandten, mit welchem ihr Vater in Geſchäftsverbindung ſtand, den Baron v. Kron⸗ thal kennen gelernt. Dieſer hatte auf das Herz der jungen Jüdin einen bedeutenden Eindruck her⸗ vorgebracht, was kaum glaublich ſcheinen mag, da der uns bekannte junge Mann weder durch Talent noch andere ſolide Eigenſchaften ſich auszeichnete. Aber er beſaß eine herrliche Figur, einen ſchönen Bart, ſehr weiße Zähne, ſehr gelbe Glacéehand⸗ ſchuhe, feine Manieren und ächt ariſtokratiſchen Takt. Auch der Titel eines Barons klang nicht ſo übel in den Ohren der reichen Bankierstochter, welche Geiſt für Zweie beſaß und gern bereit war, von ihrem Ueberfluß ſeiner Armuth abzugeben. Auch Kronthal ſchien nicht unempfindlich für die geiſtigen, wie für die materiellen Vorzüge Joſephi⸗ nens geweſen zu ſein. Ein kleiner Roman war in Gang gekommen, den die Gräfin durch ihre ge⸗ fährliche Anweſenheit zu unterbrechen drohte. Joſephine beſaß trotz ihres vorwiegenden Ver⸗ ſtandes eine kleine Hinneigung zur ſentimentalen Ring, Stadtgeſchichten. II. 16 242 Romantik oder zur romantiſchen Sentimentalität, was Beides ſo ziemlich auf Eins herauszukommen pflegt. Sie hatte bereits mit Kronthal hinter dem Rücken ihrer Eltern Briefe gewechſelt und ein Stelldichein im Park verabredet, und ſchreckte ſelbſt vor einer heimlichen Entführung und Trauung nicht zurück, wenn etwa ihr Vater mit dem aus Ham⸗ burg oder Frankfurt von der Meſſe direkt ver⸗ ſchriebenen Bräutigam angerückt kommen ſollte. Das Alles war nun durch den Umgang Lwüthals mit der Gräfin abgeſchnitten. Gründe, ſo wohlfeil wie Brombeeren, ſtanden Joſephinen noch außerdem zu Gebot. Ihr Bruder, Benno Meyer, war wirklich von Hamburg zurück⸗ gekehrt und in das Geſchäft ſeines Vaters als Theilnehmer eingetreten. Er hatte Klara Wallner, die er bereits früher kannte, als Kind verlaſſen und als erwachſene Jungfrau wiedergefunden. Ein der⸗ artiges Wiederſehn pflegt mitunter nicht allein die Augen, ſondern auch das Herz zu affiziren. Zwar hatte der junge Kaufmann das ſeinige wohl aſſe⸗ kurirt, aber einige bedeutende Schwankungen im Kourſe deſſelben blieben doch für ihn nicht aus. Der frühere Plan des Geheimraths, mit Meyers 243 eine noch innigere Verbindung einzugehn, tauchte in der Familie des Kommerzienraths wieder auf, und Joſephine war eine eben ſo treue Freundin, als liebevolle Schweſter. Trotz alledem blieb Klara von ihrer Einflü⸗ ſterung unberührt und wankte in ihrem blinden Vertrauen nicht. Ihr war die Lüge ſo fremd, daß ſie dieſelbe auch an Andern nicht begreifen konnte. Aber eben ſo wenig kannte ſie die leidenſchaftliche Glut eines liebenden Herzens. Obgleich ſie mit Stürmer täglich zuſammen war, ſo empfand ſie für ihn durchaus kein anderes Gefühl, als ſie für einen erwachſenen Bruder empfunden hätte. Sie war ihm gegenüber offen, treu und hingebend, aber nicht mehr oder minder als für Joſephine, für ihre Eltern und Geſchwiſter. Selbſt Gottlieb konnte ſich eines gleichen Vorzuges rühmen, wenn ſie ſich auch eingeſtehen mußte, daß der Aſſeſſor ihn an männlicher Schönheit und geiſtiger Beweglichkeit bei Weitem übertraf. Sie mochte den Kleinſtädter trotz ſeiner Sommerſproſſen recht gut leiden; er war ein ſo braver, redlicher Menſch, und ihre Brü⸗ der, ſonſt die ungezogenſten und wildeſten Rangen der Reſidenz, hatten unter ſeiner Leitung bedeutend 16* 244 an Sitte und Anſtand gewonnen. Außerdem brachte er ihr ſtets die beſten Bücher, die er aufzutreiben vermochte. Durch ſeinen alten Nachbar wurde der Kandidat zu dem Studium der Naturwiſſenſchaften angeregt, für die er bald eine große Vorliebe ge⸗ faßt hatte; dieſe Neigung wußte er auch Klara einzuflößen und das lernbegierige Mädchen lauſchte unermüdlich ſeinen Vorträgen über den wunderſa⸗ men Bau und die tauſendfältigen Formen der Pflan⸗ zenwelt. Von ihr galt das ſchöne Wort, welches Goethe ſeiner Leonore in den Mund gelegt: Ich freue mich, wenn kluge Männer ſprechen, Daß ich verſtehen kann, wie ſie es meinen. Das holde Mädchen verſtand, was ſo wenige vermögen, geiſtreich zuzuhören, eine Kunſt, die viel⸗ leicht ſchwerer iſt, als man glaubt. Die geſpannte Aufmerkſamkeit, welche in ihrem Geſichte ſich zu erkennen gab, der geiſtige Strahl, welcher bei jedem ſchönen Gedanken, bei jeder überraſchenden Ent⸗ deckung aus ihrem Auge brach, mußte jeden Redner immer wieder zu neuer Seelenthätigkeit anregen. Beſonders that Gottlieb das ſtille Verſtändniß wohl, der Ausdruck von innerer Befriedigung, wenn ſie einen Satz ſeiner Lehren begriffen hatte. Da⸗ 245 gegen verſchwieg ſie auch ihre Unwiſſenheit nicht, wo ihr ſein Vortrag allzuſchwer und dunkel wurde. Auf dieſe Weiſe zwang ſie ihn, ſeine eigenen Ge⸗ danken ſtets klar und deutlich zu entwickeln, und gab ihm eine willkommene Gelegenheit, ſich im freien Vortrage zu befeſtigen. Ueberhaupt hatte dieſer ſtille Verkehr mit Klara einen wohlthätigen Einfluß auf das Innere und noch mehr auf das Aeußere des armen Kandidaten ausgeübt. Seitdem er das Haus des Geheimraths öfters beſuchte, fing er auch an, auf ſeine Kleidung und ſein Betragen in Ge⸗ ſellſchaft mehr zu achten. Das treffliche Mädchen rügte in ſchonendſter Weiſe ſeine Schwächen, was er ſich zu Herzen nahm. — Sie ſind ein ungeſchliffener Edelſtein!— hatte ihm Klara einmal bei einer ähnlichen Gele⸗ genheit geſagt.— Ihnen fehlt nichts weiter, als ein wenig Politur, der Schliff der Welt. Wollen Sie denſelben von meiner Hand empfangen?— Gottlieb vermochte wegen ihrer übergroßen Güte gar nicht zu antworten, was ihm von ihrer Seite einen neuen, kleinen Verweis zuzog. — Wer Sie nicht ſo genau kennt wie ich, wird Sie für beſchränkt, oder für ſtolz halten, und doch ſind Sie weder das Eine, noch das Andere. Sie müſſen doch antworten, wenn man mit Ihnen ſpricht, und beſonders wenn der Jemand eine Dame i*ſt, wie ich die Ehre habe zu ſein— ſetzte Klara ſchalkhaft lächelnd noch hinzu. Aber alle dieſe Beweiſe von inniger Fround⸗ ſchaft und zarter Aufmerkſamkeit vermehrten nur Gottliebs Leidenſchaft. Wenn er zufällig ihre Hand berührte oder ihr Gewand ſtreifte, zuckte er zu⸗ ſammen und ſchauderte, als hätte er ein ungeheures Verbrechen gegen ſeinen Freund begangen. Tau⸗ ſendmal wollte er dieſem peinigenden Zuſtande ein Ende machen, aber er vermochte nicht das enge Netz der verſchiedenen Rückſichten und Verpflich⸗ tungen zu durchbrechen, welche ihn immer von Neuem feſt hielten. Sein Geſpräch mit Stürmer, in dem er verzweiflungsvoll und zerknirſcht dem lachen⸗ den Freunde ſeine Liebe zu Klara geſtanden hatte, war nun das Endreſultat all' der Qualen und Leiden, die er ſeit Monaten im Geheimen erduldete. Als Sühne und Buße hatte er für den Aſſeſſor, der ſich durch Ellers ungeſtüme Mahnung in Geld⸗ verlegenheit befand, ſeine Uhr auf das Leihhaus getragen. Zum erſten Mal in ſeinem Leben betrat er jenen Ort, wo der Leichtſinn und das Elend gewohnt ſind zu verkehren. Nach ſeiner Meinung mußte ihm Jedermann anſehn, daß er nach dem Leihhaus ging. Sein Vater hatte ihm in Geld⸗ ſachen ſo ſtrenge Grundſütze gepredigt, daß er ſich bei dieſem Schritte wie ein Verbrecher vorkam und mit klopfendem Herzen in die dichtgedrängte Stube trat. Das Lokal war überfüllt. Das Leihhaus iſt der Barometer unſerer geſellſchaftlichen Zuſtände, und eine Statiſtik deſſelben würde lehrreicher ſein als alle ſozialen Romane, die ſtatt der Wahrheit oft nur Dichtung geben, welche weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibt. Könnten die einzelnen Pfänder ihre Erlebniſſe erzählen, welch' eine wun⸗ derbare Fülle von rührenden und ſpannenden Ereig⸗ niſſen würden wir mit aufmerkſamem Ohre ver⸗ nehmen. Manchmal ſoll es dort dem alten Schreiber an ſeinem Büreau in der Dämmerung vorgekommen ſein, als hätte er ein unheimliches Flüſtern und Rauſchen, ein Weinen und Lachen gehört, das aus all' den Winkeln kroch, wo die Pfänder aufgeſpei⸗ chert lagen. Die Atlasmantille der Maitreſſe er⸗ zählte da dem dünnen Kattunkleidchen der Fabrik⸗ arbeiterin eine rührende Geſchichte von einem armen verlorenen Kinde. Dazu nickte die moraliſch ſtolze Feder auf dem Sammethut einer Baroneſſe, der verächtlich auf die beiden liederlichen Fähnchen nie⸗ derſchaute. Auf dem letzten Kopfkiſſen der armen Wittwe wurden ihre Seufzer wach und klangen lang und traurig durch den ſtillen Raum. Ein ſchlankes Champagnerglas ſtieß mit einem dicken, grünen Rheinweinrömer an; ſie ſprachen von luſtigen Nächten und traurigen Tagen, von einem jungen Mann, der ſte wohl gekannt, mit dem ſte oft geſchwärmt und der, als ſein Geld und ſein Kredit nicht mehr ausreichten, durch einen Piſto⸗ lenſchuß ſich das Gehirn zerſchmettert hatte. Die wohlbeleibte ſilberne Theekanne flüſterte im Ver⸗ trauen der vergoldeten Mundtaſſe in's Ohr, daß der Hofrath mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe habe und ſein Silberzeug jedesmal, wenn er eine Fôte gäbe, erſt vom Leihhauſe holen müſſe. Dabei bat die Theekanne ihre Gevatterin, um Gottes Willen reinen Mund zu halten und dem Theeſteber nichts wieder zu ſagen, der nichts für ſich bewahren könne. 249 So ſchwatzten wohl die Pfänder in der Dun⸗ kelſtunde, wenn der alte Schreiber noch an ſeinem Büreau arbeitete. Jetzt aber ſchwiegen ſie, weil es heller Tag war und zu viel Leute in dem Zimmer ſich befanden. Gottlieb mußte lange warten, ehe die Reihe an ihn kam. Es waren noch andere Leute da, die viel hülfsbedürftiger als er waren: arme Weber, welche ihre gefertigte Leinwand auf das Leihhaus trugen, weil ſie keine Abnehmer gefunden hatten; Wittwen und Waiſen, die ihre letzten Kleidungs⸗ ſtücke, ihre Leibwäſche verſetzten, um das Leben noch ſo lang zu friſten, bis die Charitée ſie mit⸗ leidig aufnimmt. Verlorne Weiber und liederliche Männer, Alles drängte ſich heran und ſtreckte gierig die Hand nach dem allmächtigen Gelde aus. Endlich hatte auch Gottlieb ſeine goldene Uhr, die ein Erbſtück und ihm noch beſonders von ſeinem Vater auf die Seele gebunden war, dem Tarator hingereicht. Sie wurde auf dreißig Thaler abge⸗ ſchätzt und das Geld ihm wie ein Almoſen zuge⸗ worfen. Mit dieſer Summe, durch die er dem Aſſeſſor weſentlich zu helfen hoffte, begab er ſich zunächſt nach der Wohnung des Geheimrath Wall⸗ 250 ner, wo die Zöglinge auf ſeinen Unterricht bereits warteten. Er hatte ſich im Leihhaus verſpätet und eilte daher ſo ſchnell er konnte, um die Stunde nicht zu verſäumen. Unterwegs griff er noch fort⸗ während in die Taſche, um die Zeit auf ſeiner Uhr nachzuſehn. Jedesmal wenn er dies vergebens that, zuckte ſeine Hand wie von einem elektriſchen Schlage getroffen. Aber was ſchadete es, er konnte doch ſeinen Freund jetzt unterſtützen. Faſt außer Athem und mit geröthetem Geſicht trat er hinein. Er mußte, um zu ſeinen Schülern zu gelangen, durch daſſelbe Zimmer gehn, in wel⸗ chem Klara und Joſephine ſaßen. Mit einem flüch⸗ tigen Gruß wollte er an den beiden Mädchen vorüberſchlüpfen, um keine Minute länger ſeinen Zöglingen zu entziehn. — Wie ſpät mag es wohl ſein?— fragte Joſephine, welche im Begriff ſtand aufzubrechen, abſichtslos den Vorübergehenden. Zerſtreut griff Gottlieb nach der Uhr, welche nicht mehr ging, ſondern auf dem Leihhaus ſtand. Sein Antlitz wurde purpurroth, gewiß wußten die Beiden auch ſchon von ſeinem entſetzlichen Ver⸗ brechen, daß er nämlich ſeine Uhr verſetzt habe. 251 Statt zu antworten, ſtammelte und ſtockte er, und ohne Joſephinens Frage zu erwiedern, ſtürzte er verzweiflungsvoll in die Stube, welche Klara's Brüder inne hatten. — Mein Vater hat doch Recht!— lächelte die Tochter des Bankiers— er iſt und bleibt ein Schlemihl.— — Das ſinde ich durchaus nicht!— entgegnete Klara— er hat ſich unendlich in dieſem Punkte verändert, und außerdem iſt er eben ſo gut als geſcheut.— — Klara! du ereiferſt dich ja förmlich für deinen Gottlieb Hühnerbein.— — Ich kann es nicht leiden, daß man dem guten Menſchen Unrecht thut.— Joſephine ging, und zum erſten Mal in ihrem Leben ſchieden die beiden Freundinnen von einander innerlich verſtimmt. IX. Stürmer hatte richtig der Gräfin prophezeit; ein Wink von ihm und das galante, leicht ent⸗ „—“ —— ——— 252 zündliche Wimmerchen wurde für jenes gewagte Unternehmen gewonnen, dem ſich auch der aben⸗ theuernde Beck angeſchloſſen. Reichlich mit Geld verſehn hatte ſich die Geſellſchaft auf die Eiſenbahn begeben und fuhr mit Windeseile ihrem Ziel ent⸗ gegen. Sobald ſie daſelbſt unter fremden Namen angekommen waren, ſtiegen ſie in demſelben Hötel ab, wo die Baronin von Waldheim ſchon ſeit län⸗ gerer Zeit verweilte. Die Geliebte des Grafen von Hartzberg ſtand im Begriff, am andern Morgen die Stadt zu verlaſſen und ſich nach Paris zu be⸗ geben. Es war daher keine Zeit zu verlieren, um in den Beſitz der wichtigen Dokumente zu ge⸗ langen, welche ſie in ihrer Chatoulle verſchloſſen mit ſich führte. Es wurde deshalb von den Ver⸗ bündeten noch an demſelben Abend ein Kriegsrath gehalten und nach vielem Hin⸗ und Herreden end⸗ lich ein definitiver Entſchluß gefaßt. Vor allen Dingen war eine genaue Kenntniß der Lokalitäten nöthig, welche die Baronin bewohnte. Zu dieſem Zwecke hatte ſich Beck auf's Spioniren gelegt und ſeine Kuͤhnheit ſo weit getrieben, daß er die Baronin ſelbſt auf ihrem Zimmer unter ei⸗ nem paſſenden Vorwande beſuchte. Er gab einen Irrthum mit ſeiner Stubennummer vor und trat in ihre Wohnung ein. Dabei entſchuldigte er ſich mit ſo guter Manier und ſo feinem Anſtande, daß die Dame durchaus keinen Verdacht ſchöpfen konnte und ſogar ein flüchtiges Geſpräch mit dem Dok⸗ tor anknüpfte. Während Beck mit ihr redete, ſchweif⸗ ten ſeine Augen überall umher, bis ſie die ihm von der Gräfin hinlänglich bezeichnete Chatoulle entdeckten. Es war ein nicht allzugroßes Käſtchen, kunſtvoll mit Elfenbein und Schildplatte ausgelegt, auf welchem die vereinigten Wappen des Grafen und der Gräfin von Hartzberg prangten. Dieſer intereſſante Gegenſtand ſtand offen auf dem Schreib⸗ ſekretair, muthmaßlich weil er in den Fächern deſ⸗ ſelben keinen Platz gefunden hatte und die gegen⸗ wärtige Beſitzerin ſich in dem bekannten Hoͤtel durch⸗ aus ſicher fühlte. Nachdem der Doktor dieſe nothwendigen Kennt⸗ niſſe für die Pläne der Verbündeten erlangt, em⸗ pfahl er ſich mit demſelben Anſtande, mit welchem er gekommen war. Die Baronin konnte gewiß kei⸗ nen Verdacht ſchöpfen.— Becks Nachrichten waren indeß für die Verſchworenen von höchſter Wichtig⸗ keit und beſtimmten ihre ganze Handlungsweiſe. 254 Da die Baronin mit dem erſten Frühzug nach Pa⸗ ris reiſte, ſo wurde das Unternehmen auf den näch⸗ ſten Morgen verlegt. Bei der dann noch herrſchen⸗ den Dunkelheit und der Unordnung, von welcher jede ſo zeitige Abreiſe begleitet zu ſein pflegt, hoffte Stürmer am ſicherſten ſein Ziel zu erlangen. Er hatte für ſich und ſeine Gefährten ein Zimmer auf demſelben Korridor und ſo nahe als möglich neben dem der Baronin, zu erhalten gewußt. Kein Ge⸗ räuſch, keine Bewegung der Dame konnte ihm ent⸗ gehn. Abwechſelnd wurde ſie und ihre Kammer⸗ frau, von der ſie einzig und allein begleitet war, durch einen der drei Freunde beobachtet. Vor dem Schlafengehn ſchlug der luſtige Dok⸗ tor vor, noch eine Flaſche Wein zu leeren. Man ſtieß auf ein glückliches Gelingen des Wagſtückes an. Wimmerchen verrieth einige Bedenklichkeiten. — Sie ſind des Teufels! Reviſorchen,— ſagte Beck,— daß Sie mit Ihrem Unkenſtimmchen uns den Humor verderben wollen? Ich bin in der heiterſten Stimmung von der Welt und nun ſchreit mir das Käutzchen mit ſeinem Todtenruf die Ohren voll!— — Aber wenn die Geſchichte mißglückt, ſind wir für immer ruinirt.— — Sie können ganz ruhig ſein,— entgegnete Stürmer mit jener ſeltenen Ueberredungskraft, welche ihm in ſolchen Momenten zu Gebote ſtand,— unſer Plan iſt vortrefflich, in allen Einzelnheiten ſo fein durchdacht, daß er unmöglich ſcheitern kann, aber ſelbſt dann ſind wir geſchützt. Ein Diebſtahl im Sinne des Geſetzes liegt nicht vor, unſere bür⸗ gerliche Stellung muß uns ſchon vor einem ſolchen Verdacht ſchützen. Das Schlimmſte, was uns be⸗ gegnen könnte, wäre ein Konflikt mit der Polizei, und wenn die Sache Aufſehn erregt, ein Verweis von unſeren Vorgeſetzten. — Und den ſtecken wir ruhig ein,— ſagte Beck,— nicht wahr, Wimmerchen? Wir ſind ſchon daran gewöhnt und tröſten uns mit dem unſterblichen Ruhm, den wir durch eine ſolche Rit⸗ terthat gewinnen. Ja, meine Freunde, ſo wie wir hier verſammelt ſind, ſo vereinten ſich in alten ſchönen Zeiten die edelſten Männer zu irgend einer kühnen Waffenthat, zum Beiſpiel um dem Groß⸗ mogul drei Zähne auszuziehn, oder dem Prieſter Johannes den großen Demant von ſeiner Krone abzunehmen. Damals nannte man ein ſolches Un⸗ ternehmen ein ritterliches Werk, unſere proſaiſche Gegenwart, welche ſo jämmerlich gerathen iſt, hat einen andern, gemeineren Ausdruck dafür. Die Bourgeoiſie erblickt in Jaſon, der nach dem gol⸗ denen Vließ ausgezogen iſt, einen ganz gewöhnli⸗ chen Straßenräuber, in dem göttlichen Odyſſeus einen Herumtreiber und Bummler und in dem edlen Berlichingen einen Zuchthauskandidaten, reif für Spandau oder Sonnenburg. Nur das Volk hat ſich noch den Sinn für alles Große und Erhabene bewahrt; in ſeinem Munde leben Kartouche und Schinderhannes mit unſterblichem Ruhm bedeckt!— So ſuchte der fröhliche Doktor durch ſeinen Humor die ängſtliche Stimmung hinweg zu ſcherzen, welche ſich der Gemüther unwillkürlich bemächtigt hatte. Dies gelang ihm auch zum Theil, dennoch ſah er ſelbſt, ſo wie Stürmer und Wimmerchen, mit gereizter Spannung dem nächſten Morgen und den Ereigniſſen des künftigen Tages entgegen. Es war noch dunkle Nacht, als Stürmer ſchon erwachte und ſeine Gefährten ebenfalls aus dem Schlummer aufſtörte. Still und geräuſchlos ſtanden ſie auf und zogen ſich an. Beck mußte nach dem gefaßten Plane die Livrée eines Lohn⸗ bedienten anlegen, um ſo ungehindert während des Räumens und Packens in die Wohnung der Baro⸗ nin eindringen und ſich der Chatoulle bemächtigen zu können. Wimmerchen ſollte an der nächſten Ecke mit einer Droſchke auf den Doktor warten, während Stürmer die leichteſte Aufgabe ſich vor⸗ behalten hatte, nämlich drei Billete auf der Eiſen⸗ bahn zu löſen und die Plätze für ſich und ſeine Freunde in Verwahrung zu halten. Die Rollen waren vertheilt und Jeder wußte, was er zu thun hatte. Beck war im Augenblick der Gefahr ausge⸗ laſſen und heiter und ſcherzte mit Wimmerchen über ſeine Verkleidung. Stürmer war ernſter als gewöhnlich und erwartete mit fieberhafter Ungeduld das Erwachen der Baronin. Endlich vernahm er ein leiſes Geräuſch in dem anſtoßenden Zimmer der Dame, ſie war er⸗ wacht, ein Stuhl wurde gerückt, ſie ſprach mit der— verſchlafenen Kammerjungfer und ſchalt ſie wegen ihrer Faulheit aus. Jetzt wurde von ihr nach dem Kellner geſchellt, dann wieder nach dem Stuben⸗ mädchen. Stürmers Herz bebte bei dem Ton der Ring, Stadtgeſchichten. II. 17 1 zitternden Glocke. Deutlich konnte man das Her⸗ beiſchleifen von Reiſekoffern und Kiſten vernehmen; ſte ließ ihre Sachen einpacken. Der Moment zum Handeln war gekommen. — Jeder an ſeinen Platz!— kommandirte der Aſſeſſor, dem ſtillſchweigend die Leitung des ganzen Unternehmens von ſeinen Gefährten über⸗ tragen war. Wimmerchen verließ zuerſt das Haus und ſuchte die nächſte Droſchke auf, mit der er an der beſtimmten Straßenecke warten ſollte. Stürmer eilte auf den Bahnhof mit dem ſämmtlichen Ge⸗ päck, nachdem er zuvor die Rechnung bezahlt hatte. Nur Beck blieb in der Livrée eines Lohnbedienten zuruͤck. In dem großen, viel beſuchten Hötel fiel die Gegenwart eines fremden Lackeien am aller⸗ wenigſten auf. Der Doktor hatte auf dem Korridor in einer Fenſterniſche derartig Poſto gefaßt, daß er nicht von den Vorübergehenden geſehen werden konnte. Von dieſem Verſteck aus belauſchte er ruhig alle Vorgänge auf dem Zimmer der Baronin. Die Thür ſtand offen, weil die bereits gepackten Kiſten durch den Hausknecht herausgeſchleppt wer⸗ den ſollten. Die Dame war bereits in ihren Reiſe⸗ kleidern, die Chatoulle lag auf dem Tiſch unter Reiſetaſchen, Neceſſaires und ähnlichen Kleinigkeiten, welche zum Handgebrauche dienen. Bald verließ die Baronin das Zimmer, um von dem Hötelbeſitzer ſich eine Geldſumme einhändigen zu laſſen, die ſie ihm zur Aufbewahrung anvertraut hatte. Sie befahl der Kammerfrau, auf die herumliegenden Gegenſtände Acht zu geben, bis der Hausknecht oder Lohndiener käme um dieſelben abzuholen. Die Entfernung der Dame begünſtigte Beck bei der Ausführung ſeines Planes. Sie ging an ihm vorüber, ohne ihn wieder zu erkennen. Wenn ſie ſich ſeines geſtrigen Beſuches erinnert hätte, dann wäre Alles verloren geweſen! Der Saum ihres Mantels ſtreifte ſeinen Fuß, der muthige Doktor zitterte, wenn auch nur einen Augenblick, ein Schauer überlief ihn kalt. Als die Baronin auf der Treppe verſchwun⸗ den war, trat Beck aus ſeinem Verſteck hervor und ging dreiſt in das Zimmer, wo die halb verſchla⸗ fene Kammerjungfer ſeine Anweſenheit kaum be⸗ merkte. Ein raſcher, kühner Griff, und die Chatoulle mit den werthvollen Papieren befand ſich in ſeinen Händen. 17* 260 Eilig trat er ſeinen Rückzug an, unbemerkt kam er zum Hauſe hinaus und auf die Straße. Mit beflügelten Schritten erreichte er die bezeichnete Ecke, wo Wimmerchen mit der Droſchke ſeiner ängſtlich harrte. — Zugefahren!— rief der keuchende Doktor dem Kutſcher zu. — Zugefahren!— kreiſchte der Reviſor mit ſeinem dünnen Stimmchen. Der Wagen ſetzte ſich ſchleunigſt in Bewe⸗ gung und flog raſſelnd über das holprige Stein⸗ pflaſter nach dem Bahnhof, wo Stürmer unge⸗ duldig auf und nieder ſchritt. Der erſte Akt war glücklich beendet. Unterdeß war die Baronin wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt. Sie warf einen Blick auf den Tiſch und vermißte die ihr anvertraute Chatoulle. Ein furchtbarer Schrei weckte die träumende Kam⸗ merjungfer. — Wo iſt die Chatoulle? u Um Gottes Willen ſprich!— rief die Baronin in ängſtlichem Ton. — Der Lohnlackei hat ſie abgeholt!— erwie⸗ derte das erſchrockene Mädchen. Die Baronin ſtürzte von Neuem die Treppe 261 hinunter und forſchte nach dem Lohnbedienten. Nie⸗ mand hatte einen ſolchen geſehn, Keiner wußte, wo die entwendete Chatoulle war. — Ich bin beſtohlen, ſchändlich beſtohlen!— ſchrie ſie dem herbeigerufenen Wirth entgegen. Der Verdacht wurde ſogleich auf die drei Reiſenden gelenkt, welche ſich ſo zeitig aus dem Hauſe entfernt hatten. Der Hötelbeſitzer, deſſen Ruf auf dem Spiele ſtand, bot Alles auf, um die beſtürzte Dame zu beruhigen; ſ ämmtliche Kellner wur⸗ den aufgeboten, nach den verſchiedenen Bahnhöfen ge⸗ jagt und auf die Polizei geſchickt. Die Baronin bot Gold über Gold für die Herbeiſchaffung der entwendeten Chatoulle. Unterdeß waren Wimmer⸗ chen und Beck angelangt und hatten mit Stürmer die bereit gehaltenen Plätze eingenommen. Das geraubte Gut war geborgen und in Sicherheit. Die Lokomotive, welche die Freunde im Sturm davon⸗ tragen ſollte, brauſte ſchnaubend und ſtieß ihre weißen Dämpfe wie ein athmendes Ungeheuer aus. Die Glocke hatte ſchon zweimal das Zeichen zur Abfahrt gegeben, ein ſchriller Pfiff ertönte und die mächtigen Räder ſetzten ſich bereits in Bewegung, — da hielt mit einem Mal der ungeheuere Zug wieder ſtill. — Fataler Aufenthalt!— murmelte der Aſſeſſor und ließ die angebrannte Cigarre wieder ausgehen.— Wimmerchen ſchwieg, nur das Herz pochte ihm ſo laut, daß ſeine Nachbaren es hören muß⸗ ten. Eine dumpfe Schwüle lag auf den Reiſen⸗ den, ein Gerücht von einem bedeutenden Diebſtahl flog von Wagen zu Wagen im Augenblick. Stürmer wollte ſeinen Platz verlaſſen, aber ohne Aufſehen zu erregen ging dies nicht mehr an. Der Angſtſchweiß ſtand auf ſeiner Stirn, ſeine Lippen waren trocken, er glaubte ſich bereits beobach⸗ tet und ein Gegenſtand der allgemeinen Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſein. Immer näher, immer drohender wurde die Gefahr. Die Polizei ließ die Coupées von den Schaffnern öffnen, um die genaueſte Nachſuchung vorzunehmen. Die verſchiedenen Reiſenden betrach⸗ teten ſich bereits gegenſeitig mit mißtrauiſchen Au⸗ gen. Wimmerchen, der die Chatoulle unter ſeinem Mantel verborgen hielt, machte eine Bewegung, um ſich derſelben zu entledigen. Der Doktor pfiff eine Opernarie und lachte dazwiſchen ganz laut, um den Verdacht abzulenken. Der nächſte Wagen wurde durchſucht und nichts gefunden. Der Aſſeſſor hörte die Schritte der Polizeibeamten, ihre lauten Fragen und die Antworten der Paſſagiere. Ein Schleier lag vor ſeinen Augen, und dennoch ſah er Alles was um ihn vorging. Um ſeinen Mund ſpielte ein krampf⸗ haftes Zucken, er machte eine Bewegung mit ſei⸗ nen Armen, als wenn es Flügel wären, mit de⸗ nen er davon fliehen wollte. Es war keine Mög⸗ lichkeit mehr zu entkommen. Der Schaffner öffnete bereits die Thür.— — Da ſind ſie!— ſchrie der Oberkellner, indem er auf Stürmer und ſeine Begleiter deutete. Alle Blicke waren auf die drei gerichtet. Stürmer glaubte ein rieſiges Ungeheuer zu ſehen, das aus tauſend Augen zuſammengeſetzt war. Ein dumpfes Murmeln ging von einem Coupée zum andern. Auch die Kammerjungfer erkannte die Ge⸗ noſſen, überdies wurde bei Wimmerchen noch die Chatoulle vorgefunden. Der Polizeibeamte hieß die jungen Leute ausſteigen. Der Zug ſetzte ſich in wenig Minuten ungehindert in Bewegung, wäh⸗ rend Stürmer und ſeine Freunde in’'s Gefängniß geführt wurden. Der eingeleitete Prozeß hat zu ſeiner Zeit ein ungeheueres Aufſehen aus mannigfachen Grün⸗ den erregt und den Ruf einer cause célebre er⸗ langt. Beſonderes Intereſſe erlangten aber die Gerichtsverhandlungen durch das verſchiedene Ur⸗ theil zweier Aſſiſen. Durch einen eigenen Zufall, wie er in der gerichtlichen Praris nicht ſelten vor⸗ kommen mag, wurde Stürmers Sache einem an⸗ dern Gerichtshofe überwieſen, während Wimmer⸗ chen und Beck noch in derſelben Schwurgerichts⸗ periode ihr Urtheil empfingen. Der Reviſor und der Doktor waren wegen Diebſtahls angeklagt, von den Geſchworenen jedoch freigeſprochen. Das große Publikum nahm an dieſem ſeltſa⸗ men Prozeß den lebhafteſten Antheil, Zeitungsar⸗ tikel und Brochüren hielten die öffentliche Meinung in andauernder Spannung. Die Gräfin hatte alle mögliche erlaubte und unerlaubte Mittel angewen⸗ det, um die Gefangenen zu unterſtützen und das ganze Unternehmen, deſſen Urheberin und morali⸗ ſche Unternehmerin ſie allein geweſen war, im mil⸗ —— deſten Lichte erſcheinen zu laſſen. Die beraubte Baronin wurde als eine intriguante Frau, als eine Spionin in ruſſiſchem Solde durch bezahlte Journaliſten dargeſtellt. Dadurch hatte der ohne⸗ hin intereſſante Prozeß noch eine politiſche Bedeu⸗ tung erhalten. Die Parteileidenſchaft miſchte ſich ebenfalls hinein, die Geſchworenen wurden von allen Seiten beſtürmt und aller Einfluß auf die⸗ ſelben ausgeübt. Während der Gerichtsverhandlungen wurden große Wetten für und wider angeſtellt, alle bedeu⸗ tenderen Zeitungen hatten ihre Berichterſtatter her⸗ geſchickt, der Telegraph meldete von Stunde zu Stunde nach allen Seiten über die Ausſagen der Zeugen u. ſ. w. Das freiſprechende Urtheil erregte die größte Senſation. Die Geſchworenen hatten den That⸗ beſtand eines Diebſtahls nicht gefunden, da das Geſetz ausdrücklich die Verwendung des geraubten Gutes zum eigenen Vortheil des Diebes verlangt. In der nächſten Seſſion erſchien Stürmer vor den Schranken eines neu gebildeten Gerichts⸗ hofs. Er zweifelte nach der Freiſprechung ſeiner Freunde keinen Augenblick mehr an der ſeinigen. Die Verhandlungen fanden unter einem noch größeren Zudrange des Publikums, als die erſten ſtatt. Der Ausſpruch der vorigen Geſchworenen, die intereſſante Erſcheinung Stüͤrmers, der Ruf ſeiner geiſtigen Ueberlegenheit hatten eine wahrhaft fteberhafte Neugierde hervorgebracht. Das Intereſſe war auf das Höchſte geſtiegen. Der Aſſeſſor führte ſeine Vertheidigung ſelbſt. Er ſprach drei volle Stunden glänzend, geiſtreich, beſtechend. Seine Rede galt für ein juriſtiſches und oratoriſches Meiſterwerk. Seit Jahren hatte man vor den Aſſiſen Aehnliches nicht gehört. Alle Welt erwartete ſeine Freiſprechung. Die Geſchworenen zogen ſich zur Berathung zurück. Eine peinliche Viertelſtunde verging. In dem vollge⸗ drängten Saal herrſchte eine erwartungsvolle Stille. Man konnte das Summen einer Fliege hören. Der Obmann trat aus dem Berathungszim⸗ mer. Stürmer ſuchte ſein Geſchick von dem Ge⸗ ſicht des würdigen Papierhändlers zu leſen, der zu dieſem Amt berufen war. Das Antlitz deſſelben war ſo nichtsſagend, daß der Aſſeſſor trotz der Feierlichkeit der Situation leiſe lächelte. Durch den Saal flog ein dumpfes Murmeln, wie ein Seufzer aus gepreßter Bruſt. Jetzt öffnete der Obmann, der in dieſem Au⸗ genblick nächſt dem Angeklagten die intereſſanteſte Perſon im Saale war, den Mund, ſeine Lippen bewegten ſich. Ein kleines Wörtchen zuckte wie ein Blitz. Stürmer ſank gebrochen zuſammen, der zuckende Strahl hatte ihn in's Herz getroffen. Die Geſchworenen hatten ihn für ſchuldig er⸗ klärt; der Gerichtshof verurtheilte ihn wegen Dieb⸗ ſtahls zu zwei Jahren entehrender Kerkerſtrafe und zum Verluſt aller bürgerlichen Rechte. I. Ein Jahr war ſeit jenem bedeutungsreichen Ereigniſſe vergangen und hatte manche Verände⸗ rung in dem Lebenslaufe der betheiligten Perſonen hervorgebracht. Selten kommt ein Unglück allein, dieſe traurige Erfahrung ſollte auch die holde Klara machen. Die erſte Nachricht von Stürmers Verbrechen konnte ihr nicht verſchwiegen bleiben ⸗ Die Zeitungen hatten ſich des intereſſanten Stoffes bemächtigt, und in allen Geſellſchaften wurde nur davon geſprochen. Die Wirkung auf Klara war vernichtend. Sie ſtand an dem Abgrunde, Welt genannt, und ſchaute mit entſetzten Blicken in die glühende Hölle, wo der Vater der Lüge unter grinſenden Larven und ſcheußlichen Masken auf gleißendem Throne ſitzt. Zum erſten Male fühlte ſte den Riß, der durch unſer modernes Leben geht, dieſen Zwieſpalt zwiſchen wahrem Sein und fal⸗ ſchem Schein.— Nicht Stürmers Untreue, ſondern die Lüge, welche in ihm verkörpert ihr entgegentrat, hatte dieſe reine, unbefangene Natur auf das Tiefſte er⸗ ſchüttert. Ihr war es zu Muthe, als hätte eine rieſige Hand die blaue Himmelsdecke abgeriſſen und ihr da, wo ſie von Gott und ſeinen Engeln träumte, einen giftgeſchwollenen Drachen von züngelnden Schlangen umgeben gezeigt. Der Glaube an die Menſchheit war in ihr vernichtet worden, und mit dem Glauben ſtarb auch die Liebe für Stürmer in ihrer Bruſt. Sie hatte nicht einmal eine Thräne, ein Be⸗ dauern für ſein ferneres Geſchick. Ihre geſunde Natur kannte keine falſche Sentimentalität, in ihren Augen war der Aſſeſſor ein Verbrecher und ſeine Strafe wohlverdient. Sie warf ihn aus ihrem Herzen, wie ſie eine Spinne, die ſich heimlich heran⸗ geſchlichen, von ihrem Kleid geſchüttelt hätte. Das Ereigniß hatte aber noch einen andern Erfolg für ſie; es hatte ſie zwar noch ſpröder und kälter und ſelbſt gegen ihre nächſte Umgebung miß⸗ trauiſch gemacht, aber auch ihre Selbſtſtändigkeit noch mehr entwickelt. Kaum daß der Aſſeſſor aus dem Hauſe des Geheimraths verſchwunden war, ſo zeigte ſich Benno Meier um ſo öfter und trat jetzt offen mit ſeinen Bewerbungen um Klara's Hand hervor. Wallner und ſeine Frau ſuchten ſo viel als möglich jede genauere Bekanntſchaft mit Stürmer zu desavoui⸗ ren, ſelbſt Gottliebs Gegenwart war ihnen unan⸗ genehm, weil er an den Verbrecher ſie erinnerte. — Ein Glück, daß die Verlobung Klara's noch nicht öffentlich angekündigt war!— bemerkte der Vater. — Sie muß jetzt ſo ſchnell als möglich unter die Haube gebracht werden!— entgegnete die Ge⸗ heimräthin.— Das Verhältniß kann ihr ſchaden, wenn es ruchbar wird.— Der Geheimrath ſprach mit Klara, welche ſich entſchieden gegen Benno Meyer, wie überhaupt gegen jede Verbindung ausſprach. 3 — Ich werde dich zu zwingen wiſſen!— drohte Wallner, nachdem Bitten und Ermahnun⸗ gen bei dem feſten Charakter des Mädchens nichts fruchteten. Nun begann für Klara eine Zeit der furcht⸗ barſten Bedrückungen und Verfolgungen von Seiten der Stiefmutter, welche ihren verjährten Groll an ihr ausließ, da Wallner ſeine Tochter ihr gänzlich preis gegeben hatte. Nur die raffinirteſte Bosheit konnte dieſe täglich ſich wiederholenden Stecknadel⸗ ſtiche erſinnen, mit welchen das arme Opfer ſo lange gepeinigt werden ſollte, bis es ſich dem Willen der Eltern gefügt und die Hand des jungen Kaufmannsſohnes angenommen haben würde. Keine Phantaſie vermag dieſe täglichen und ſtündlichen Vorwürfe, ſtechenden Blicke und ſchneidenden Worte, blutigen Witze und giftigen Redensarten wiederzuge⸗ ben, welche die arme Klara zu erdulden hatte. Da⸗ bei wußte die gewandte Frau ſtets vor der Welt den Ruf einer zärtlich liebenden und beſorgten Stiefmutter ſich zu bewahren. Während ſie den Dolch in das Herz des holden Kindes heimlich ſtieß, ſtreichelte ſie in Geſellſchaft die bleichen Wangen Klara's, drückte ſie mit verrätheriſchen Lippen den Judaskuß auf die ſorgenvolle Stirn der Unglück⸗ lichen. Klara konnte und wollte mit Niemand über ihre Leiden ſprechen, am wenigſten mit Joſephinen, welche, als die Schweſter Benno Meyers, natür⸗ lich die Partei deſſelben ergreifen mußte. Das Verhältniß zu der Freundin hatte aus dieſem Grunde ſich ebenfalls gelockert. Sie beſaß jetzt Niemand auf der Welt, als das Andenken an die todte Mutter, welche draußen auf dem Kirchhof lag. Gottlieb kam nur noch ſelten in das Haus des Geheimraths; höchſtens ſo oft es der Anſtand ihm geſtattete. Seine Verbindung mit Stürmer war in Wallners Augen genügend, ihm trotz ſeiner Unſchuld die Stunden, welche er den Söhnen deſ⸗ ſelben gab, zu kündigen. Das ſchmerzte den armen Kandidaten tief, der ohnehin durch das Schickſal, welches den Aſſeſſor betroffen, in die tiefſte Trauer verſetzt worden war. Der gute Kleinſtädter war der Einzige, der an Stürmers Unſchuld nicht zwei⸗ felte und das ganze Verbrechen der ränkeſüchtigen Gräfin und ihrer Verführung zuſchrieb. Wo er konnte, vertheidigte er den unglücklichen Freund. Der Geldverluſt, den er durch das Aufhören des Unterrichts im Hauſe des Geheimraths erlitten hatte, berührte ihn zum Glück nicht mehr. Er hatte ſein Probejahr bereits überſtanden und ein glän⸗ zendes Doktor⸗Examen abgelegt. Seine Diſſertation über die griechiſchen Partizipien, die Stürmer ſo oft beſpöttelte, war in der gelehrten Welt als ein ungewöhnliches Ereigniß begrüßt worden. Jener hochgeſtellte Mann, dem keine wiſſenſchaftliche Lei⸗ ſtung, keine Entdeckung, auf welchem Gebiete es auch immer ſei, entgeht, hatte auch Gottliebs Ar⸗ beit mit Vergnügen und Bewunderung geleſen. Durch ſeine warme Empfehlung und den Einfluß, den dieſer würdige Greis, deſſen Name in den fern⸗ ſten Welttheilen mit Verehrung und ſtaunender Achtung genannt wird, auf ſeinen königlichen Gön⸗ ner ausübte, hatte der arme Kandidat eine für ihn wahrhaft glänzende Stelle als Oberlehrer an dem⸗ ſelben Gymnaſium ſogleich erhalten, an welchem er bisher unentgeltlich Unterricht ertheilte. Zugleich ——— 8 —— war Gottlieb Privatdocent an der Univerſität ge⸗ worden und hatte die beſte Ausſicht auf die nach⸗ 4 ſte Profeſſur. Dooch das Alles freute ihn nicht. Er litt um Klara's Willen, die wie ein unerreichbarer Stern vor ſeinen Blicken ſchwebte. Der Geheimrath ließ ſeine Gattin ruhig ge⸗ währen und ſeine Tochter ſo lange peinigen, bis ihn während der Tafel beim Kommerzienrath Meyer der Schlag rührte. Er wurde als Leiche in ſein Haus gebracht. Wer ermißt den Schmerz der ungluͤcklichen Klara, welche an ihrem ſchwachen Vater die letzte Stütze verloren hatte und nun gänzlich der Will⸗ kür einer erbitterten Stiefmutter preisgegeben war! Wallner war mit Hinterlaſſung einer bedeu⸗ tenden Schuldenlaſt geſtorben. Der geringe Witt⸗ wengehalt reichte nur zur Noth für ſeine Familie aus. Schon vor dem Begräbniſſe gab die Geheim⸗ räthin der Stieftochter zu verſtehn, daß ihre An⸗ weſenheit im Hauſe überflüſſig ſei. Ein ſchwarzer Sarg, eine lange Reihe von Equipagen, unter denen die des Kommerzienrath Meher die prachtvollſte war, langbeflorte Leichen⸗ Ring, Stadtgeſchichten. II. 18 — — —— träger, eine bezahlte Predigt des Geiſtlichen, eine Handvoll Erde in das Grab geworfen, das war die gewöhnliche Geſchichte, welche alle Tage wieder⸗ kehrt. Am andern Morgen ſprach man nicht mehr von dem Geheimrath. Laſſet die Todten ruhn. Einige Wochen ſpäter erinnerten ſich einige Freunde der Wittwe und der Kinder. Man wollte wenig⸗ ſtens die dringendſten Schulden bezahlen und ver⸗ anſtaltete deshalb eine Subſkription. Als der Kommerzienrath Meyer um einen Beitrag zu die⸗ ſem Zwecke angegangen wurde, ſchlug er den Her⸗ ren ihr Begehr geradezu ab. — Ich habe den Seligen zu genau gekannt, — ſagte er lächelnd,— darum weiß ich, daß es nicht in ſeinem Geiſte handeln heißt, wenn man ſeine Schulden bezahlt. Glauben Sie mir, Wallner dreht ſich noch im Grabe herum, wenn er das er⸗ fährt.— Trotz dieſer Weigerung des Bankiers wurden die Gläubiger Wallners befriedigt und die Geheim⸗ räthin genoß ungeſtört ihre kleine Penſion. Frei⸗ lich mußte ſie ſich einſchränken und durfte keinen Thee und keine Bälle geben, die neueſten Moden — 275 nicht mitmachen und nicht ſo oft in die Oper gehn. Allmälig verſchwand ſie auch aus der Geſellſchaft. Während des Trauerjahres konnte man ſie Anſtands halber nicht einladen, und als daſſelbe vergangen war, hatte man die gute Frau gänzlich vergeſſen. Unter dieſen Verhältniſſen wurde ihre Stim⸗ mung immer bitterer. Da ſie nicht mehr in die Welt ging, ſo hatte ſie auch nicht nöthig, den äußeren Schein zu beobachten. Sie warf die Larve der Sanftmuth und Gutmüthigkeit gänzlich ab und erſchien in ihrer wahren Geſtalt vor Klara. Dieſe litt unendlich. Der Tod des Vaters hatte jedes andere Gefühl verdrängt, trotz aller ſeiner Schwächen hatte ſie ihn unendlich geliebt, und jetzt war in ihm ihr Alles, Alles abgeſtorben. Um ſein An⸗ denken zu ehren, ertrug ſie die Launen und die täglich ſich wiederholenden Qualen ihrer Stiefmutter mit himmliſcher Geduld. Doch länger vermochte die arme Unglückliche nicht, ihr Schickſal zu er⸗ dulden. Halb freiwillig, halb gezwungen verließ ſie das elterliche Haus. Von vielen Seiten wurden dem holden Mäd⸗ chen jetzt Anerbietungen gemacht; auch Joſephine trug der Freundin auf das Edelmüthigſte ihre Hülfe an, 18* 276 doch Klara wies Alles zurück. Sie wollte Niemand zur Laſt fallen und ihre Selbſtſtändigkeit behaupten. In glücklicheren Zeiten hatte ſie viel Muſtk getrieben, ſie war Virtuoſin auf dem Klavier, jetzt ſollte ihr das geliebte Inſtrument ſtatt Vergnügen Brot geben. Sie kündigte ſich als Lehrerin auf dem Flügel in den öffentlichen Blättern an und wurde hinreichend beſchäftigt. Viele verdachten dem vornehmen Mädchen dieſen Schritt, weil es in den Augen ſolcher Menſchen für eine Erniedrigung gilt, wenn ein Weib ſich ſelbſtſtändig den Lebensunter⸗ halt verſchafft. Klara kehrte ſich nicht an das Geſchwätz der Welt, ſie lebte ſtill für ſich ein brütendes, ver⸗ ſchloſſenes Daſein. Eine alte Amme, welche im Dienſte ihrer verſtorbenen Mutter einſt geſtanden hatte, und deren Mann jetzt todt war, diente ihr als Geſellſchafterin. Mit dieſer treuen Frau hatte ſte ein kleines, aber reinliches Stübchen bei einer anſtändigen Bürgerfamilie bezogen, die ihr empfoh⸗ len war. Auch Klara war Chambregarniſtin geworden, gewiß das reinſte und unſchuldigſte Weſen die⸗ ſer Art. — 277 Sie ſah keinen Menſchen in ihrer Wohnung außer Joſephine und Gottlieb. Letzterer kam nur ſelten. Der gute Freund berückſichtigte den Ruf des einzelnſtehenden Mädchens, und hätte auf das große Glück, von Zeit zu Zeit Klara zu ſehen, lieber verzichtet, als ihr die geringſte Unannehm⸗ lichkeit dadurch bereitet. Sie freute ſich über ſein günſtiges Geſchick von ganzem Herzen, aber auch gegen dieſe treue Seele war Klara noch zurück⸗ haltender als ſonſt. Das Mißtrauen hatte tiefe Wurzeln in ihrem Gemüthe geſchlagen. Seit Stürmers Verrath war der Glaube an die Welt in ihr wankend geworden, ſie floh und vermied die Berührung mit Menſchen ſo viel ſie konnte, denn ſie war zu tief verletzt. Joſephine kam jetzt wieder öfter zu Klara. Die Tochter des Bankiers fand den Schritt der Freundin originell und beneidete ſie ſogar um dieſe Selbſtſtändigkeit. Klara hatte in ihren Augen bedeutend dadurch gewonnen und kam ihr viel intereſſanter als früher vor. Auch Fräulein Meyer hatte ſich in der letzten Zeit mit Emanzipation der Frauen beſchäftigt und faßte die Lage ihrer Freun⸗ din unter dieſem gewiß falſchen Geſichtspunkt auf. —ſͤ Mit Kronthal hatte ſie nun überdies gänzlich ge⸗ brochen, und es fehlte nicht viel, ſo hätte auch ſie ſich aus dem elterlichen Hauſe entfernt, weniger. aus Nothwendigkeit als aus Nachahmungsſucht und um eine pikante Abwechslung in ihr einförmiges Leben zu bringen. 4 Sie beneidete förmlich Klara um das kleine trauliche Stübchen, um den friſchen Epheu, der ſich an dem Fenſter empor rankte. Die weiße Bett⸗ decke ſchimmerte wie friſch gefallener Schnee; auf dem Sopha lag das weiche Kiſſen, welches ſie in müßigen Stunden kunſtreich geſtickt hatte; auf einem hängenden Bücherbrett ruhten die Lieblingswerke des Mädchens: Schleidens Botanik, Burmeiſters Schöpfungsgeſchichte, neben einigen deutſchen und engliſchen Geſchichtswerken. Joſephine hatte es ſich nicht nehmen laſſen und Klara einen Blumentiſch zum Geſchenk gemacht, auf dem zwiſchen Myrthen und Eriken die Statue Goethe's, gerade wie im elterlichen Hauſe, prangte. So oft die Tochter des Bankiers abkommen konnte, beſuchte ſie ihre Freundin, um in dieſer lieblichen Oaſe, wie ſie ſich poetiſch ausdrückte, von dem Wüſtenſtaube der Geſellſchaft auszuruhn. —ͤ 279 Einigemal hatte ſie auch Gottlieb hier getroffen, und ihr war ebenfalls die bedeutende Veränderung nicht entgangen, die in ſeinem ganzen Weſen ſich ausſprach. Er erſchien ihr jetzt viel ſicherer in ſeinem Benehmen und feſter in ſeinem ganzen Auftreten. — Ich finde wirklich,— bemerkte ſie einmal, nachdem er fortgegangen war— daß unſer Schle⸗ mihl ein anderer Menſch geworden iſt, zuweilen imponirt er mir ſogar mit ſeinem Wiſſen; er muß doch viel gelernt haben. Neulich ſprach Excellenz bei unſerm Tiſch von einem neuen Werke, das er über das griechiſche Trauerſpiel geſchrieben haben ſoll, mit der größten Achtung. Vater hat es gleich gekauft und den Doktor dringend einge⸗ laden, uns recht bald zu beſuchen, aber er iſt eben ſo menſchenſcheu wie du.— Klara nickte nur mit dem Kopf und lächelte. — Wenn ich euch beide anſehe, glaube ich immer, daß ihr noch ein Paar werden müßt. Ihr paßt ſo zuſammen, als wenn ihr für einander ge⸗ ſchaffen wäret. Diesmal erröthete die Freundin in lieblicher 280 Purpurgluth, aber ſie ſchüttelte ihr Haupt und blickte traurig vor ſich nieder. XII. Doch die wichtigſte Bekanntſchaft, welche Klara gemacht, haben wir ganz vergeſſen zu erwähnen. Eines Tages, es war nur wenig Wochen nach dem Begräbniſſe des Vaters, war ſte auf den Kirchhof gegangen. Seit die Lebenden ſie verrathen und verlaſſen, ſuchte ſie Troſt bei den Todten, deren Ruhe ſie beneidete. An dem Grabe ihrer Mutter war ſie hingeſunken, um den Raſen mit ihren Thränen zu benetzen. Als ſie aufſtand, erblickte ſie einen alten Mann, der ſie ſchon lange Zeit mit der größten Theilnahme betrachtet hatte. Er grüßte ſie ehrerbietig, ſeine ehrwürdigen Züge flöß⸗ ten ihr Vertrauen ein. Sie hatte ſich unter den Gräbern verſpätet, es war dunkel geworden, der Greis bot ihr ſeinen Schutz und ſeine Begleitung an, welche ſie nicht ablehnte. Unterwegs ſprach er mit ihr, ſie wußte ſelber nicht wie es gekommen war, aber ihr verſchloſſenes Herz öffnete ſich vor 281 dem fremden Mann, und die menſchenſcheue Klara redete zu ihm, als ob ſie ihn ſeit Jahren ſchon gekannt hätte. Er begleitete ſte bis an ihre Woh⸗ nung, dort nahm er von ihr Abſchied. — Auf Wiederſehn!— ſagte er, indem er mit ſeiner zitternden Hand die ihrige ergriff. Seit jenem Tage kam er öfter zu Klara, und bald wurde er ein täglicher und gern geſehener Gaſt in dem kleinen Stübchen. Freilich erſchien er immer nur ſpät, denn er liebte es nicht, mit anderen Menſchen zuſammenzutreffen, höchſtens mit dem guten Gottlieb, den er ebenfalls kannte und hochſchätzte. Der Greis war ja ſein alter Nachbar im Mullrich'ſchen Hauſe geweſen. Wie es aber gekommen war, daß das zurück⸗ gezogene Mädchen ein ſolches Vertrauen zu dem fremden Manne faſſen konnte, ging ganz einfach zu. Er hatte Klara's Mutter einſt gekannt, und ſo oft er in das Stübchen kam, ſprach er mit der Toch⸗ ter von der geliebten Todten. Seine Worte klan⸗ gen dann ſo feierlich, ſeine Stimme zitterte und die alten Augen füllten ſich mit Thränen. Tiefbe⸗ wegt hörte das Mädchen ſeinen Reden zu. Wenn er mit Jünglingsfeuer von den hohen Tugenden, —8ſſͤſͤ ——. 282 von der Schönheit und dem Geiſte der Verſtorbe⸗ nen ſprach, dann war es oft, als leuchteten ſeine grauen Züge, wie die alten Gletſcher noch einmal 4 glühn, wenn ſtie ſich an die untergegangene Sonne erinnern. Auch Klara's Vater hatte er genau ge⸗ kannt, doch ſprach er nur ſelten und, wie es ſchien, ungern von ihm. Einmal erwähnte er nur zufäl⸗ lig, daß ſie in der Jugend Freunde geweſen, im ſpäteren Alter aber ſich ſogar feindlich gegenüberge⸗ ſtanden hätten. Auch aus ſeinem früheren Leben erzählte er ihr allerlei intereſſante Begebniſſe. Er war Theolog geweſen, doch der ihm innewohnende Trieb nach Wahrheit hatte ihn einige kirchliche * Dogmen anzweifeln laſſen. Er büßte ſeine Kühn⸗ heit mit Verluſt ſeines Amtes. Klara's Vater hatte die Unterſuchung gegen ihn geführt, und den alten Freund ſchonungsloſer als einen Fremden behan⸗ delt. Dennoch ſprach er von dem Todten mit mil⸗ dem Sinne und wahrhaft chriſtlichem Geiſte der Verſöhnung. — Er hat mir ſehr weh gethan und das 4 Glück meines Lebens vernichtet!— ſetzte der Greis mit einem tiefen Seufzer hinzu. — Und Sie ſammeln feurige Kohlen auf das „H 283 Haupt ſeiner Tochter!— entgegnete Klara mit mildem Lächeln. — Sie ſind ihre Tochter,— ſagte der Alte mit ſeltſamem Nachdrucke, ſo daß Klara nachdenk⸗ lich wurde. Sie glaubte von ihrer Stiefmutter einmal ge⸗ hört zu haben, daß Wallners erſte Frau von ihren Eltern gezwungen war, dem Geheimrath die Hand zu reichen. Als Klara ſich ſträubte, Benno Mey⸗ ers Bewerbungen anzuhören, hatte die rohe Frau in ihrer Gegenwart zu dem Geheimrath geſagt: — Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, ihre Mutter mußte ja auch erſt gezwungen werden, dich zu heirathen, weil ſie eine Liebſchaft mit dem ver⸗ drehten Theologen, dem Leonhard hatte.— Damals wurde von Klara dieſe Rede nicht weiter beachtet und das Ganze nur für eine ge⸗ wöhnliche Verleumdung der Geheimräthin gehalten, jetzt aber durchzuckte ſte der Gedanke wie ein Blitz: wenn der Greis der unglückliche Geliebte deiner Mutter wäre! — Leonhard!— flüſterte ſie leiſe, als wollte ſte ihn an vergangene Zeiten mahnen. — Eliſabeth!— rief der Greis mit zittern⸗ 1 284* der Stimme wie im Traume— rufſt du mich ſchon? Wohlan, ich folge!— Klara's Mutter hatte Eliſabeth geheißen, jetzt 4 hatte die Tochter keinen Zweifel mehr. Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, auch der Alte weinte. Sie hatte ſeine Hand ergriffen, er beugte ſich zu ihr herüber und drückte einen Kuß auf ihre reine Stirn. — GCott ſegne dich, Tochter Eliſabeths!— b Seit jenem Tage hatte Klara einen zweiten Vater gewonnen, einen Menſchen, dem ſie wieder vertrauen, den ſie ehren und lieben konnte. Mit dem Greis ſprach ſie ohne Scheu über alle ihre Verhältniſſe, ihm gegenüber hatte ſie keine Geheimniſſe, ſelbſt ihre kleinen Wünſche verſchwieg ſte ihm nicht ſeit jenem Erkennen, das ſo eigener Art war. Und wunderbar! Jeder Wunſch, den ſie äußerte, ging auch ſogleich in Erfüllung. Sprach ſie von einer ſchönen Blume, die ſie geſehen, ſo ſtand ſie ſicher noch an demſelben Tage auf ihrem Tiſch, 4 erwähnte ſie eines intereſſanten Buches, ſo fand ſie es auf ihrem Bücherbrett; einmal erſchien ſogar ein Polſterſtuhl, wegen deſſen ſie mit dem Möbelhändler ——— — 285⁵ in Unterhandlung ſtand. In dem Stübchen ſchie⸗ nen gute Feen zu hauſen, welche jedes Verlangen da es kaum ausgeſprochen war, ſogleich erfüllten. Anfänglich hatte Klara Joſephine in Verdacht, dieſe aber ſtellte jedes derartige Geſchenk ganz beſtimmt in Abrede. Nun ſprach das holde Mäd⸗ chen wegen dieſer Angelegenheit mit dem alten Leonhard, auch er wußte nichts darüber und deu⸗ tete lächelnd auf ſeine eigene Armuth hin. Die treue Dienerin, welche darauf in’'s Gebet genommen wurde, konnte ebenfalls keinen Aufſchluß geben. Das war doch ſeltſam! Klara fürchtete ſich faſt, noch einen Wunſch zu thun, obgleich ſie gar zu gern ein neues Klavier beſeſſen hätte. Das Inſtru⸗ ment, welches in ihrem Stübchen ſtand, war ein gemiethetes und taugte nicht mehr viel. All' ihre Erſparniſſe reichten aber für ſolch' eine große Ausgabe nicht hin. Da kam ihr Geburtstagsfeſt. Auch an dieſem Tage mußte ſie ausgehn und ihre Stunden geben. Sie verließ ſchon zeitig ihre Wohnung. Niemand außer ihrer alten Dienerin hatte ihr gratulirt. Wie war das früher ſo ganz anders geweſen! Doch Klara klagte nicht und trug in ſtiller Erge⸗ 286 bung ihr Geſchick. Es war ein rechtes Glück für ſte, daß einer ihrer Zöglinge eine kleine Reiſe an⸗ getreten hatte, ſie wollte die freie Stunde zu einem Gang nach dem Kirchhof benutzen, um an dem Grabe ihrer Mutter zu beten. Zuvor mußte ſie. aber noch auf ihr Stübchen, um ſich einiges Geld für einen Kranz einzuſtecken, den ſte auf den Hügel legen wollte. Vor der Thür ihrer Wohnung hörte ſie ſchon ein ſeltſames Geräuſch. Sollten etwa Diebe eingedrungen ſein? Ihr Herz pochte, als ſie das Schloß öffnete. Doch was war das? Sie glaubte zu träumen; ihr Stübchen hatte ſich in einen freundlichen Garten mit einem Zauberſchlag verwandelt. An den Wänden hingen herrliche Kränze, ſchlangen ſich blühende Guirlanden, und friſcher Blumenduft ſtrömte ihr entgegen. Wo das alte Inſtrument geſtanden hatte, prangte jetzt ein neues elegantes Stehpiano, wie ſie ſelber es ſich gewünſcht. Doch das koſtbarſte Geſchenk war das Bild der Mutter, welches aus dem goldenen Rahmen ſprechend ähnlich ihr entgegen trat. Die guten Geiſter, welche ihr all' die Freuden heimlich bereiten wollten, waren in ihrem frommen Werk überraſcht. Gottlieb ließ vor Schreck den Kranz aus den Händen fallen, den er eben an die Wand befeſtigen wollte. Die duftende Blumen⸗ ſpende ſank zu ihren Füßen hin. Der arme Kan⸗ didat ſtand zitternd und erröthend auf dem Stuhl wie ein ertappter Verbrecher und wußte nicht, was er beginnen ſollte. Der würdige Greis hatte Klara in ſeine Arme geſchloſſen, die an ſeinem Herzen weinte. — Kommen Sie doch herab!— ſagte Leon⸗ hard zu dem Schüchternen. Klara ſelber reichte ihm die Hand, welche Gottlieb feſt in der ſeinen hielt. Da wußte er nicht, wie ihm geſchah, alle Blödigkeit war mit einem Mal aus ſeiner Seele verſchwunden, kühn und innig zog er die Weinende an ſeine Bruſt und drückte den erſten keuſchen Liebeskuß auf ihre Lippen, die nicht länger widerſtrebten. Der Alte ſegnete das junge Paar, und das Bild der verklärten Mutter ſchaute wie ein heiliger Geiſt auf die Glücklichen. — Eliſabeth iſt bei uns,— ſagte der bewegte Greis.— Sie ſegnet euch, weil eure Liebe wie euer Leben lauter Wahrheit iſt.— Klara wurde in wenig Wochen die glückliche 288 Frau des Profeſſor Hühnerbein. Gottlieb iſt ein allgemein geachteter Univerſitätslehrer geworden, der zwar ſeine Schüchternheit, aber nicht ſeine Beſcheidenheit abgelegt hat. Der alte Leonhard wohnt bei dem glücklichen Paare, ein rüſtiger Greis, der in dem Kinde ſeiner Eliſabeth eine wahre Tochter gefunden hat. Ab und zu kommt auch die Geheimräthin in das Haus des Profeſſors und gefällt ſich dort. Sie iſt mit Klara voll⸗ kommen ausgeſöhnt und hat überhaupt durch das Unglück, das ſie betroffen, und das Beiſpiel, das ihr jetzt vor Augen ſteht, eine wohlthätige Verän⸗ derung in ihrem für jeden Eindruck empfänglichen Charakter erfahren. Von Stürmer, der zu einfacher Feſtungshaft begnadigt wurde und ſeine Strafzeit bereits über⸗ ſtanden, kurſiren wunderbare Gerüchte. Er ſoll eine anſcheinend reiche Wittwe geheirathet haben, die bei näherer Betrachtung als eine gemeine Schwindlerin ſich erwies. Um dieſer Ehe zu ent⸗ gehen, ließ er in den Zeitungen eine falſche Anzeige von ſeinem Tode einrücken. Seitdem iſt er ver⸗ ſchollen und Niemand weiß, wo er hin gerathen. Selbſt die Nachricht ſeines Todes war nur eine 289 Lüge. Die intereſſante Gräfin hat ihren Prozeß, trotz aller Intriguen, verloren und lebt ziemlich kümmerlich von der Unterſtützung ihrer reichen Anverwandten. Wimmerchen und Doktor Beck ſind nach Amerika ausgewandert, denn der Makel, welcher auf ihrem Namen, trotz ihrer Freiſprechung, laſtete, trieb ſie fort. Der Doktor iſt ein ſolider Arzt geworden, und der Reviſor hat einen Cigarrenladen angelegt. Er iſt noch Junggeſelle und denkt mit Wehmuth an ſeine Suiten in Europa zurück. Sein Köpfchen iſt noch kahler geworden und ſein Bärtchen noch düͤnner als früher. Joſephine Meyer hat doch einen jungen Mann geheirathet, den ihr Vater von der Meſſe ihr ver⸗ ſchrieb. Sie iſt ſo unverſchämt, glücklich zu ſein, ſeitdem ſie Kronthal vergeſſen hat, der in ruſſiſche Staatsdienſte getreten iſt. Noch von einem glücklichen Ehepaare haben wir zum Schluſſe zu berichten: der Kleiderkünſtler iſt der Gatte Guſtchens geworden. Welche Mittel das ſchlaue Mädchen angewendet, um den falſchen Baron in ihr Netz zu ziehen und gänzlich unter Ring, Stadtgeſchichten. II. 19 ihren Pantoffel zu bringen, wiſſen wir ſelber nicht. Herr Mullrich aber vermiethet noch immer ſeine möblirten Zimmer an die Chambregarniſten. Druck von F. Nietack in Berlin. 290 blirten Zimmer an 1 Herr Mullrich aber ve = 5 — B — 8 E 8 — ☛‿ ſeine mö 22 —— ſſſſnn ſnfſfnfffffe 1 12 13 14 15 1 8 10 1 6 17 18 19 29 4 3 “ 3 “ 1 1 „*½ 4 1 8 8 1 7