deutſcher, 1. Offensein 2. Lesepreis jedem Tag 5 P d beträgt: ſſ für wöchentlich 5. Aus der Bücher auf 6. Schadener defeete Ladenpre is erſetz lorene o der Bücher nich ſelben von mir Eduard Ottmann in pfangnahme und 7 Uhr bis Abends 8 U 2. „ Färtige Abonne Bücher(namen der defecte Buch darauf t ſtattfinden d geliehen, engliſcher und franzö von ſiſcher Literatur Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Aeſebedin der Bibliothek. Rückgabe der hr offen. . Bei Rückgabe eines gele gungen. Die Bibliothek 4 ſteht zur Em⸗ Bücher jeden Tag von Morgens nes geliehenen Buches wird von f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. ÜUnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sun 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. ß Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 6 2 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 NE f „ 1— und Zurückſendung ſelbſt zu ſorgen. „verlorene und fern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ uI„— iten haben für Hin⸗ eigenen Koſten und Gefahr Für beſchmutzte, zerriſſene tlich bei ſolchen mit Kup t werden.— Iſt das zerriſſene, ein Theil eines ihre satz. größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders 6 aufmerkſam gemacht, daß das arf, indem auch dafür zu ſt aß das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ eehen haben. H = 6 Stadtgelchichten. Von Max Ring. Erſter Band. Chriltkind⸗Agnes. Verlegt von M. Simion in Verlin. 1852. Chriſtkind-Agnes. Stadtgeſchichte von Max NRing. Verlegt von Ml. Simion in Berlin. 1852. An Herrn und Frau Crelinger. Als ich noch ein Knabe war, raufte ich mir eine Handvoll wilder BZlumen am Feldrain und gab ſie den Leuten, die ich von Herzen lieb hatte. Dabei dachte ich in meiner Einfalt, daß ich ihnen eine rechte Freude gemacht und einen großen Schatz geſchenkt hätte. Ich bin älter geworden und habe den Werth der Dinge kennen gelernt. Dennoch pflückte ich wieder einen ſolchen wilden Strauß, den ich Ihnen, den beſten und edelſten Menſchen, heute darreiche, weil auch ich ehren will, was alle Welt ehrt, den trefflichen Mann, die herrliche Frau und berühmte Künſtlerin. Ich weiß, daß mein Strauß ſchnell verwelltt und verweht. Lächeln Sie nicht über meinen kindiſchen Einfall, ſondern denken Sie, daß der Mann wie der Knabe ſeine Blumen den Leuten ſchenkt, die er von ganzem Herzen lieb hat. Max Ring. — R 8 — g V — * 92 — 8S — — J. Jedes Haus hat ſeine Geſchichte, und wenn die Wände und Mauern reden könnten, ſo würden ſte gewiß uns Dinge erzählen, wie ſie ſo leicht kein Dichter in ſeinem Kopf erſinnen mag. Die Straßen einer großen Stadt ſind immer die intereſſanteſten Bibliotheken, und jedes Gebäude ein Buch voll rührender und erſchütternder Begebenheiten, deſſen Kapitel von den verſchiedenen Stockwerken gebildet werden. Boden und Keller, Belle⸗Etage und dritter Stock, welche Fülle von Romanen und Tragödien, humoriſtiſchen Lebensbildern und überraſchenden Situationen! Wer den hinkenden Teufel zur Seite hätte, der durch Zauberſchlag plötzlich die Dächer von den Häuſern hinwegnahm, würde das wunder⸗ barſte Schauſpiel von der Welt erleben. Hier 4* 1* 3 . raſ't die düſtre Verzweiflung, dort jubelt die aus⸗ gelaſſene Luſt. In jenem Zimmer liegt eine ſtarre Leiche, von heißen Thränen benetzt, in dieſem ein neugeborenes Leben von dem glücklichen Lächeln der Mutter begrüßt. Auf ſchwellendem Divan dehnt ſich der Reichthum, auf elendem Strohlager ſiecht das Elend. Leid und Freude, Tugend und Laſter, Lachen und Weinen, Leben und Tod, dieſe ganze wunderbare Welt wird von vier Mauern einge⸗ ſchloſſen, in denen die Tragödie und das Luſtſpiel des Daſeins mit ſeinem bunten Scenenwechſel an uns vorüberzieht. Immer größer wird die Stadt. Täglich wächſt das Häuſermeer der Reſidenz. Die Vorſtädte haben längſt die Ringmauern verlaſſen und ſchreiten mächtig weiter in der Ebene vor, welche noch vor Kurzem eine wüſte Fläche war. Gebäude ſchließt ſich an Gebäude an. Hier und da tritt wohl noch eine Lücke ein, wo ein ſchlechter Bretterzaun, aufgefah⸗ rene Kalkſteine und zerſtreute Ziegelhaufen bereits den künftigen Neubau andeuten. Noch fehlt an manchen Stellen das wohlthätige Trottoir, auch die Straßenbeleuchtung iſt nur mangelhaft, und der verſpätete Wanderer eilt mit flüchtigen Schritten ———ÿy ͤ— — in der Dunkelſtunde an jenen Orten vorüber, wo eine verdächtige Geſtalt plötzlich aus einem Stein⸗ haufen hervortreten und die Börſe trotz aller Vorſicht der Polizei bedrohen kann. Je ſchneller die Zahl der Menſchen in der Hauptſtadt zunimmt, deſto eiliger ſchießen die Häuſer in den Vorſtädten empor. Wie Pilze über Nacht wachſen ganze Stadttheile überraſchend auf, und kaum, daß ein ſchützendes Dach die rohen Mauern deckt, ſiedelt ſich bereits das Paraſitengeſchlecht der Erde in allen Räu⸗ men an. Wir ſtehen vor ſolch einem Hauſe, das eben nothdürftig vor dem Winter erſtanden iſt. Noch fehlt der Putz an den rothen Ziegeln.⸗ Nur Keller und Parterre ſind bewohnbar. Die übrigen Stock⸗ werke können erſt im Frühjahre bezogen werden. Die Wände ſind noch feucht und der friſche Mauer⸗ duft ſchlägt dem Eintretenden entgegen. Nichts deſto weniger haben die ungeſunden, weiß getünchten Kellerräume einen Miether gefunden, den die Billig⸗ keit des geforderten Miethszinſes alle ſonſtigen Uebelſtände vergeſſen ließ. Ein unterſetzter Mann mit rothem, gedunſenen Geſicht, von einem kurz geſchorenen ſchwarzgrauen Barte umgeben, hält mit raſ't die düſtre 1 gelaſſene Luſt. Leiche, von heit neugeborenes Le Mutter begrüßt ſich der Reichth das Elend. Le. Lachen und W wunderbare We ſchloſſen, in den des Daſeins me uns vorüberzieh Immer grö das Häuſermeer längſt die Ringm 3 weiter in der Ex. eine wüſte Flac Gebäude an. 4 Lücke ein, wo ei rene Kalkſteine den künftigen A nanchen Steller ie Straßenbelen eer verſpätete W 5 ſeiner Familie vor der neuen Wohnung, welche er heut zu beziehen gedenkt. Auf einem kleinen Güterwagen, den er ſelbſt gefahren, ruhn die wenigen Habſeligkeiten, welche er im Begriffe ſteht, mit Hülfe der Seinigen abzu⸗ laden und im Keller aufzuſtellen. Die vorhandenen Möbel beſchränken ſich auf einen rohen Schrank, einen Tiſch aus Fichtenholz und einige Stühle. Zwei Bettſtellen ſcheinen für die Familie, welche aus ſteben Perſonen beſteht, nicht auszureichen, wenn wir nicht annehmen, daß die Dielen des Kellers das fehlende Lager erſetzen müſſen. Einige Teller, Schüſſeln und Kannen bilden den Haus⸗ rath. In der nicht allzugroßen Kiſte mag wohl die ganze Garderobe der Aeltern und der Kinder liegen. Dennoch ſoll es ſelbſt hier nicht an Lurus fehlen. Ein dichter Epheuſtock, mit friſchen grünen Sproſſen, und ein Vogelbauer, in welchem ein bun⸗ ter Zeiſtg luſtig hin und herflattert, deuten darauf hin, daß auch die Armuth darnach ſtrebt, ſich das Leben zu verſchönern und die rauhe Wirklichkeit zu ſchmücken. 4 Während ſo der Umzug der Familie vorge⸗ nommen wurde, rieſelte von dem grauen Himmel ein feiner erkältender Regen nieder. Die bleiche, kränkliche Frau, welche eben im Begriffe ſtand, mit dem Manne den Tiſch in den Keller hinabzutragen, zitterte am ganzen Körper und gleitete auf dem naſſen ſchlüpfrigen Boden aus. Faſt wäre ſie die Stufen hinabgefallen, hätte ſie nicht die älteſte Tochter, welche zwei Stühle trug, ſchnell unter⸗ ſtützt und abgelöſt. Dies war nur möglich, indem ſte ohne Zaudern die Seſſel fallen ließ. Polternd ſtürzten dieſe die Kellertreppe nieder, wobei die Lehne des einen und ein Bein des andern in Stücke brach. — Zum Teufel mit dem Weibsvolk!— ſchrie der rauhe Mann. Was ſie nur anrühren geht zu Grunde. Die Mutter wagte nicht zu antworten. Sie war ſeit Jahren ſchon gewohnt zu dulden und zu ſchweigen. Die Tochter dagegen zuckte bei dem rohen Fluche des Vaters zuſammen und wurde noch bleicher als ſie ohnehin ſchon war. Im nächſten Augenblicke färbte eine plötzliche Röthe das zarte, nicht unintereſſante Geſicht. Die feinen Lippen bebten, als ſchwebe eine ſchnelle, trotzige Antwort auf denſelben, doch indem ihr glänzendes düſtre Verzwe Luſt. In jen don heißen Th enes Leben vor begrüßt. aß Reichthum, a id. Leid und ind Weinen, are Welt wit in denen dis eins mit ſein üͤberzieht. mer größer wi ſermeer der R Ringmauern der Ebene 7 ſte Fläche w an. Hier , wo ein ſch kſteine und ftigen Neub Stellen das aßenbeleucht/ ätete Wande Auge auf die demüthige, leidende Geſtalt der Mut⸗ ter ſiel, ſchwand mit einem Male der auflodernde Zorn aus ihrem Angeſicht, das bald wieder ſeinen vorigen gleichgiltigen, faſt apathiſchen Ausdruck gewonnen hatte. — Vorwärts, vorwärts ihr Faullenzer!— mahnte der Despot. Seht ihr denn nicht, daß es Nacht wird? Sputet euch, damit das Gerümpel an Ort und Stelle kommt! Allerdings neigte ſich der Tag ſeinem Ende zu. Die ſchweren, grauen Regenwolken beſchleu⸗ nigten die hereinbrechende Finſterniß. Vor Nacht mußte der Umzug beendet und die neue Einrichtung, ſo gut es eben anging, getroffen ſein. Die Mutter griff trotz ihrer Schwäche nach einer ziemlich gro⸗ ßen Kiſte, welche ſie die Kellertreppe hinab zu tragen gedachte. Da ſie dieſelbe zu ſchwer fand, ſah ſie ſich nach Hülfe bei ihrem Manne um, der die ganze Familie zur neuen Thätigkeit angeſpornt und mit allerlei Hausrath beladen hatte — Neumann, ſo hilf mir doch— flüſterte das Weib mit zaghafter Stimme. Ich allein bin ja nicht im Stande, den Kaſten fortzuſchaffen. — Hab' genug gearbeitet— antwortete dieſer, indem er höhniſch die Arme unterſchlug, als wollte er ſo ſeinen Entſchluß, jede Hülfe zu ver⸗ weigern, bildlich ausdrücken. Seht zu, wie ihr fertig werdet. Ich muß ein Glas trinken, damit ich mich erwärme. Der niederträchtige Regen hat mich bis auf die Haut durchnäßt. Aber das rathe ich euch, daß ihr fertig ſeid, bis ich wieder komme. Ohne ſich weiter umzuſchauen, eilte Neumann nach dem nächſten Brandtweinladen, um ſich zu ſtär⸗ ken und zu erwärmen, während die Seinigen, des kräftigſten Arms beraubt, aufs Neue ſich anſtreng⸗ ten, vor Einbruch der Nacht ihr Hab und Gut unter Dach und Fach zu bringen. Noch einmal bemühte ſich das arme Weib, die ſchwere Kiſte aufzuheben, wobei die Tochter ihr hilfreich zur Seite ſtand. Ihre vereinte Kraft reichte noch nicht aus. Verzagt ließ die Mutter die Arme ſchlaff nieder⸗ ſinken, während die kräftigere Tochter noch einige vergebliche Verſuche machte, das ſchwere Möbelſtück vom Flerke zu rücken, obgleich auch ſie, von der Nutzloſigkeit ihrer Anſtrengungen überzeugt, ſich vergebens nach einer hülfreichen Hand umſchaute. — Ruhe dich derweil aus— ſagte ſte zu dem A tre Verzweifl t. In jenen heißen Thrä Leben von uüßt. Auf chthum, auf Leid und Weinen, Q. Welt wird denen die mit ſeinet czieht. 1 größer wirf neer der Re ingmauern er Ebene v Fläche wa a. Hier vo ein ſ line und gen Neuba Stellen das eubeleuchtt tte Wande 10 Weibe mit bewegter Stimme, vielleicht kommt noch Jemand, der uns helfen kann. 1 Die Mutter folgte willig dem Rathe und ſetzte ſich auf die widerſpenſtige Kiſte, um neue Kräfte zu ſammeln. Schon nach wenigen Augen⸗ blicken aber ſtand ſie wieder auf. — Ich habe mich genug erholt— meinte ſte. Laß uns ſehen, ob es jetzt nicht beſſer geht. Wieder war die Arbeit vergeblich, die Mühe umſonſt. Der Kaſten wollte nicht vom Flecke rücken. Die Lage der armen Frauen wurde immer peinlicher. Die Dunkelheit hatte zugenommen, der Anfangs feine, näſſende Regen ſich verſtärkt, und die Tropfen fielen immer größer und ſchwerer rau⸗ ſchend von den Dächern nieder. Die bleiche Mut⸗ ter ſtieß einen tiefen, kummervollen Seufzer aus, und ſelbſt die muthigere Tochter verzweifelte. Während beide ſich den traurigſten Gedanken hingaben, ſchritt ein rüſtiger Geſelle, im Regen und Wind ſein frohes Liedchen pfeifend, immer näher und näher heran. — Ich höre Jemand kommen— ſagte Agnes, ſo hieß das Mädchen. Ich will ihn anrufen. — Wer weiiß, ob es nützt. Wer wird hei ſol⸗ — 2 11 chem Wetter ſich noch aufhalten laſſen, entgegnete die Mutter, welche, reicher an Lebenserfahrungen, weniger auf Menſchenhülfe zählte. — Ich thu's, ſagte das entſchloſſene Mädchen. Unterdeß traten die dunklen Umriſſe einer Männer⸗ geſtalt trotz des Nebels und der Dämmerung deut⸗ licher auf der entgegengeſetzten Seite der Straße hervor. Agnes rief mit lauter Stimme den näch⸗ tigen Wanderer an und forderte ihn auf, ihr beizuſtehen. In wenig Augenblicken befand er ſich an ihrer Seite. — Was wollen Sie?— fragte eine wohl⸗ lautende,tiefe Stimme. — O helfen Sie uns, die ſchwere Kiſte in den Keller tragen, bat das Mädchen, die Mutter kann nicht mehr und ich allein bringe ſie nicht vom Fleck. — Das will ich meinen, entgegnete der Fremde, indem er prüfend die Kiſte von der Erde hob. Für eine Frau und ſelbſt für zwei iſt die Laſt zu ſchwer, doch Unſereins iſt daran gewöhnt. Mit einem ſchnellen Ruck hatte er die Kiſte ſich auf die Schultern geladen und dann, wie über ſeine eigene Kraft ſich freuend, ſchritt er lachend raſ zt die d gelaſſene Leiche, vr neugebors Mutter b ſich der das Elei Lachen u wunderbe ſchloſſen des Daß uns vor⸗ Im das Häl längſt di weiter eine. w Gebäut Lücke rene 4 den kz munch die 6 der v 12 die Kellertreppe hinunter baren Frauen. Mitten im Keller ſtellte der Fremde 6 ſeine Laſt auf den Boden und ſchickte ſich an, eben ſo ſchnell fortzugehen wie er gekommen. dPnda da drunten, wo das Licht ſelbſt am hell⸗ Es war ſten Tage nur ſparſam durch die kleinen Fenſter bricht. Die Frauen konnten nicht einmal das Geſicht des Helfers in der Noth erblicken. Feuer⸗ zeug und Lampe war auch nicht zur Hand. Nur der friſche Klang der gen, kräftigen Mann. — Nun, giebt's noch was für mich zu thun? — fragte der Fremde faſt in ſchalkhaftem Ton. — Wir haben Ihnen Umſtände genug gemacht, entgegnete die Mutter. — Pah! Was will das ſagen?— Wenn Sie wollen, hole ich das übrige Gerümpel noch herab. Che die Frauen, welche mit den andern Ge⸗ genſtänden jetzt leicht fertig zu werden hofften, ihn verhindern konnten, war der Hülfreiche wieder entſchwunden und im nächſten Augenblicke mit Bänken, Kannen und Schuſſeln überreich beladen, zurückgekehrt. — So, ſagte er, indem er Alles fein ſauber nie⸗ Stimme verrieth einen jun⸗ gefolgt von den dank⸗ d ank⸗ emde eben war hell⸗ iſter das ter⸗ dur m⸗ n? derſetzte, da haben Sie die ganze Wirthſchaft. Sie iſt nicht allzugroß. — Leider! ſeufzte die Mutter— Wir ſind nur arme Leute. — Und ich bin auch nicht reich— lachte der Fremde. Gleich und gleich geſellt ſich gern, da⸗ rum haben wir uns auch gefunden. — Gott lohn' es Ihnen, was Sie an uns ge⸗ than, ſagte das bleiche Weib mit bewegter Stimme, indem ſie ihre Hand dem freundlichen Helfer entgegen⸗ hielt. Dieſer ergriff dieſelbe, als wäre er bereits ein alter Freund der Familie. — Nun, und von Ihnen bekomme ich keine Hand?— fragte er ſcherzend die Tochter, welche zur Seite ſtand. Schuchtern reichte ihm Agnes ihre Rechte hin, und indem ſie den herzlichen Druck der ſeinigen empfand, war es dem ſonderbaren Mädchen zu Muthe, als hätte ſich etwas Großes und Unſäg⸗ liches am heutigen Tage mit ihr zugetragen. II Der tägliche Verkehr des Lebens hat ſeine Symbolik, eine heilige und bedeutſame Sprache, welche freilich durch die Gewohnheit ſich abgenutzt und ihren tiefen Ausdruck zum Theil verloren hat. Wenn wir die Hand des Nebenmenſchen ergrei⸗ fen, iſt es nicht da, als wollten wir einen Bund durch dieſes Zeichen der Liebe ſchließen. Wir treten aus der Jſolirtheit unſeres Seins heraus und deuten durch die Berührung unſere menſchliche Theilnahme an dem Geſchick des Andern an. Eine wunderbare magnetiſche Kette geſtaltet ſich und ſchlingt e ſich von Weſen zu Weſen fort. Der ewige Ring, das Myſterium der Liebe und Freundſchaft ſtellt ſich dar, und die zwei verſchlun⸗ genen Hände ſind ein Symbol, das Herz an Herz, Seele an Seele knüpft. Solch ein Zauber mochte es ſein, der Agnes den ganzen Abend in ſeinen Banden gefangen hielt. Sie mußte wohl an den treuherzigen Hände⸗ druck des Fremden um ſo mehr denken, T einförmiges Leben bisher arm an ſolchen es⸗ 4 -—=2 2O“ ð◻ 15 zeichen blieb. In ihrem beſchränkten Daſein war ſchon die Begegnung mit einem Unbekannten ein Ereigniß, das nicht ſo leicht aus ihrer Seele ſchwinden konnte. Je kleiner aber unſer Geſichts⸗ kreis, deſto tiefer wird der Eindruck ſein, den die Gegenſtände machen. Bisher war das Mädchen in armſeliger Befangenheit emporgewachſen. Sein Denken und Empfinden wurzelte im Boden der Familie. Hier ruhte unbewußt das Samenkorn, dem künftigen Geſchick entgegenreifend. Schon als zartes Kind mußte Agnes der Mutter zur Seite ſtehen und die jüngeren Ge⸗ ſchwiſter pflegen und auferziehn. Frühzeitig lernte ſte den Ernſt des Lebens kennen und übte jede ſtrenge Pflicht ohne Murren und Widerſtand, wie aus innerer Nothwendigkeit. Spiel und Zerſtreuung blieben ihr unbekannt. Das Haus der Eltern hielt ſie wie ein Gefängniß feſt. Sie ſtand in keiner Beziehung zu der Außenwelt. Selbſt eine Freun⸗ din ſuchte und fand ſie nicht. Wenig Eindrücke waren ihr von dem Verkehr mit andern geblieben; ihre Erinnerungen beſchränkten ſich höchſtens auf den immer lächelnden Kommis in dem benachbarten Spezereiladen, der ihr Salz und Pfeffer zuwog, 6 8 —— — 16 und dabei verfängliche Reden führte, die ſte zum Glücke nicht verſtand. Die Tochter der Armuth iſt leicht der Ver⸗ führung ausgeſetzt. Ungehutet eilt ſie bei Tag und Nacht ihrer Arbeit nach. Der Verſucher tritt oft in lockender Geſtalt heran und zeigt dem ſchwachen Opfer die Herrlichkeit der Welt. Agnes war dem Geſchicke bisher entgangen. Sie ſchien ja noch ein halbes Kind und konnte in ihrer dürf⸗ tigen Geſtalt kaum die Vampyre der Unſchuld reizen. Hoch und ſchlank war ſie ſeit kurzer Zeit emporgewachſen, aber ihre Formen blieben jung⸗ fräulich herb und unentwickelt. Ihr bleiches Geſicht, auf dem ein ſüdlich goldener Schimmer lag, war zu fein und zart, um das rohere Auge zu befrie⸗ digen. Um die ſchmale Stirn lagerte ſich kunſtlos das gewellte, bläulich ſchwarze Haar. Die dunklen Augenbrauen, welche ſich an der zarten Naſenwurzel faſt vereinten, verliehen ihr einen Ausdruck von ſtren⸗ gem Ernſte, der nicht zu den kindlichen Formen paſſen wollte. Zwiſchen den langen, ſeidenweichen Wimpern ſchimmerten dagegen die ſanften Tauben⸗ augen mit mildem Glanz. Wenn ſie dieſelben verwundert oder fragend öffnete, wurden ihre Züge A 17 mild verklärt, wie dunkle Wellen Strahl des Mondes fällt. Lächeln über ihr Geſicht, dan als ob tauſend luſtige Geiſter Grübchen der Wangen hervorb Freude die ganze Welt erfüllen wollten. All' ihre Bewegungen waren fein und angenehm. Selbſt die roheſten Beſchäftigungen des häusli „auf welche ein Nur ſelten flog ein n aber war es auch, aus den ſchalkhaften rechen und mit ihrer thätiger Geiſt. So rückte ſte auch jetzt die Möbel mit Hülfe der Mutter in der neu bezogenen Wohnung an Ort und Stelle und ruhte nicht eher, bis Alles in rechter Ordnung ſtand. Dann holte ſie aus dem kleinen Vorrath ein wenig geſpaltenes Holz herbei, um das Feuer anzuzünden, welches bei der vorhandenen Kälte im zu kniete ſte voll Anmuth die glimmenden Kohlen an, bis die helle d das kindliche Antlitz lorie umgab. — Nun gefällt es mir ſchon hier,— ſagte fie, Ring, Stadtgeſchichten. I. 2 18 indem ſie mit der Lampe in der Hand die armſelige Kellerwohnung beleuchtete.— Die Mutter antwortete nicht, nur ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt. — Was fehlt dir?— fragte das beſorgte Kind. — Sind wir hier nicht glücklich unter Dach und Fach? Iſt die jetzige Wohnung nicht beſſer und billiger, als die vorige? Ich hab' mich ſchon umgeſehn. Wir haben noch eine Kammer, wo die Kinder ſchlafen können, und ein Gelaß für das Holz und den Obſtvorrath.— — Für das Obſt werden wir bald keinen Raum mehr nöthig haben,— entgegnete das bleiche Weib in kummervollem Ton.— Wir müſſen wohl den Handel aufgeben. Ein Korb mit Aepfeln iſt halb verfault, und wenn wir nicht die alte Schuld be⸗ zahlen, wird der Verkäufer uns keinen neuen Vor⸗ rath, anvertrauen.— — um des Himmels willen, Mutter, ſprich nicht ſo. Wovon ſollen wir dann leben?— forſchte Agnes, welche in dem Obſtverkauf, der bisher von der Mut⸗ ter betrieben wurde, die einzige Nahrungsguelle ſah, die nunmehr auch zu verſiegen drohte. — Weiß Gott,— lautete die traurige Antwort, 19 — ich kann nicht mehr. Unſer Geld iſt zu Ende. Der Umzug hat den letzten Groſchen weggenommen. Wir haben kaum ſo viel, um bis zum Ende der Woche damit auszureichen.— Die unglückliche Frau, welche bisher dem dro⸗ henden Ruine einen muthigen Widerſtand geleiſtet hatte, brach unter der Laſt der Verhältniſſe zuſam⸗ men. Mit beiden Händen bedeckte ſie das vergrämte Angeſicht, aber zwiſchen den abgezehrten Fingern drangen die heißen Thränen hervor, welche ſie der Tochter verbergen wollte. Es war nicht mehr mög⸗ lich, den eingetretenen Vannnern zu verheimlichen. Die einfache Obſthändlerin, deren Vorräthe verdor⸗ ben, deren Kredit Leeniihtet war, fhlte dieſelbe Verzweiflung wie ein großes Handelshaus, deſſen Verluſte nach Millionen gerechnet werden und das durch ſeinen Fall die europäiſche Handelswelt er⸗ ſchüttert. Die Wirkung war dieſelbe. Hier wie dort die Grundfeſten des Lebens dem Einſturz nah, und Noth und Elend vor der Thüre lauſchend. Im luftleeren Raume wiegt ein Goldſtück nicht ſchwerer als eine Flaumfeder. Die Ameiſe trägt das kleinſte Saamenkorn als einen reichen Schatz davon, auf einem ſchmalen Blättchen baut der Kä⸗ 2 20 fer ſein Haus zum Schutze ſeiner Brut. Nur der oberflächliche Blick unterſcheidet zwiſchen Groß und Klein, zwiſchen Viel und Wenig. Ein Korb mit verfaulten Aepfeln und der Verluſt von Tauſenden ſind ſich oft in ihrer Wirkung, wie in ihren Fol⸗ gen gleich. Die Obſthändlerin war dem Banquerote nah. Ihr Geiſt empfand dieſelbe Spannung, dieſelbe Ver⸗ zweiflung, wie der Banquier, deſſen gewagte Spe⸗ kulationen einen traurigen Ausgang genommen ha⸗ ben und der zwiſchen Furcht und Hoffnung ſo lange ſchwebt, bis der bange Tag erſcheint, wo er ſich inſolvent erklären muß.— Seit Monden hatte die arme Frau den fortſchreitenden Verfall ihres Hausweſens vorausgeſehn. In demſelben Maße als die Bedürfniſſe der Familie ſtiegen, hatte die Nahrungsloſigkeit zugenommen. Im Anfange ihrer Ehe war der Erwerb hinreichend. Der Mann hatte als Portier eine Anſtellung in einem anſehnlichen Hauſe und ſein gutes Auskommen. Sie ſelbſt ver⸗ diente als Wäſcherin noch manchen ſchönen Gro⸗ ſchen nebenbei. Da wurde er wegen Grobheit und Unregelmäßigkeiten, welche er ſich häufig zu Schul⸗ den kommen ließ, aus dem Dienſte entlaſſen. Sie 21 dagegen verfiel in eine lang andauernde Krankheit, welche die kleinen Erſparniſſe aufzehrte. Als ſie das Bett verließ blieb ihr eine Schwäche und ein Zittern in den halbverkrümmten Händen zurück. Der Arzt hatte ihr unterſagt, zu ihrer früheren Beſchäftigung zurückzukehren. So lange der mäßige Wohlſtand vorhielt, war auch die Ehe eine glück⸗ liche zu nennen, und die üblen Neigungen und Fehler des Mannes traten in den Hintergrund zurück. Das Unglück iſt ein ſchlimmer Gaſt. Wo es einkehrt, da treibt es alle guten Geiſter aus und weckt die ſchlechten aus dem Schlummer auf, in welchem ſie bisher geruht. Wann die Sonne des Glucks geſchwunden, dann wagen ſich die Fle⸗ dermäuſe und Vampyre der böſen Leidenſchaften und Laſter erſt hervor. Nur an dunklen Orten wuchern am liebſten die Giftpflanzen, der Schier⸗ ling und die Tollkirſche, und verdrängen jeden ge⸗ ſunden Keim der heilſamen Pflanzenwelt. So erging es auch in dieſem Hausweſen. Der Mann wurde immer rauher und härter. Ver⸗ borgene Fehler traten da zuerſt an's Licht. Wil⸗ der Trotz und Unmuth gegen das wohlverdiente Mißgeſchick machten ſich, wie es häufig zu geſchehen 22 pflegt, in ungerechten Vorwürfen gegen das unſchul⸗ dige Weib Luft, welches durch ihre Kränklichkeit ihm zur Laſt geworden war. Der häusliche Kum⸗ mer und Unfrieden trieb ihn hinaus in die Bier⸗ ſtub⸗ und den Branntweinladen, wo die Gewohn⸗ heit ihn bald zum täglichen Gaſte werden ließ. Zwiſchendurch kamen wohl auch Tage der Reue und der Rückkehr zum Beſſeren. Ja es gab Zeiten, wo ein Schimmer des früheren Glückes der armen, unterdeß heranwachſenden Familie wieder zu leuch⸗ ten begann. Der Mann hatte eine Stelle als Aufſeher beim Bau einer Eiſenbahn erhalten. Der Wohlſtand ſchien zurückgekehrt zu ſein. Nun gab es wieder gutes Eſſen, warme Kleider und ſelbſt freundliche Blicke für die arme Frau. Leider aber hatten die böſen Neigungen bereits das Ueberge⸗ wicht gewonnen. Der ſcheinbare Wohlſtand half nur die Zahl der ſchlimmen Bedürfniſſe und Laſter mehren. Der leichte Erwerb verführte zur Verſchwen⸗ dung. Dazu kam noch das üble Beiſpiel von al⸗ len Seiten. Die Kameraden waren meiſt wüſte Menſchen, von allen Weltenden herbeigeweht, welche den leicht errungenen Verdienſt eben ſo ſchnell ver⸗ geudeten. Die Flaſche ging unaufhörlich im Kreiſe herum. Karten und Würfelſpiel gehörten mit da⸗ zu, und leichte Dirnen gab es in Hülle und Fuͤlle unter den fremdeu Weibern. Das Sprüchworte⸗ wie gewonnen, ſo zerronnen, traf auch jetzt von Neuem ein. Vergebens waren alle Vorſtellungen der verſtändigen Frau, welche an die Zukunft Hachte. Kein Spaarpfennig wurde zurückgelegte und der reichliche Gewinn ſchwand ſo ſchnell, wie er ge⸗ kommen war. Die Ausgaben ſtiegen mit jedem Tage, und da der regelmäßige Verdienſt nicht mehr genügte, ſo nahm Neumann auch keinen Anſtand, den Sei⸗ tenweg des Betrugs und des Interſchleifs einzu⸗ ſchlagen. Eine vollſtändige Beaufſichtigung war bei dem großen Unternehmen nicht immer zu er⸗ möglichen. Der Schleichwege gab es ſo viele, welche ſelbſt von den höheren Beamten benutzt wurden. Von den Lieferungen ſiel ein reicher Gewinnſt bei einiger Nachſicht gegen die Unternehmer ab. Dazu bedurfte man des Einverſtändniſſes mit dem unteren Beamtenperſonal, das einen verhältnißmäßigen An⸗ theil zog. So nahm bald eine allgemeine Demo⸗ raliſation überhand, welche faſt nie auszubleiben pflegt, wo groͤßere Summen ſchnell durch viele 24 Hände im Verkehre gehn. Anfangs wurden dieſe Unterſchleife überſehn, doch die zunehmenden Aus⸗ gaben, der ſchreiende Lurus und die Verſchwendung, welche mit dem betrügeriſchen Erwerbe verbunden waren, zogen die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Die Aktionäre der Eiſenbahn trugen auf Un⸗ terſuchung an. Die Ergebniſſe waren betrübend genug und wieſen die Schuld ſo mancher Beamten nach, welche bisher ein ungeſtörtes Vertrauen ge⸗ noſſen hatten. Wegen der Ausdehnung des Uebels und der großen Anzahl der Betheiligten, vielleicht auch um den Kredit des Unternehmers bei dem Publikum nicht zu erſchuͤttern, fand eine gericht⸗ liche Verfolgung nicht ſtatt. Ein Theil der Be⸗ Der kurzen Periode ſeines Glückes folgte jetzt eine Reihe trauriger Tage voll Entbehrung, die nach der beſſeren Zeit um ſo ſchwerer fiel. Man⸗ cher Verſuch, eine neue Erwerbsquelle zu eröffnen, mißglückte ihm; meiſtentheils trug Arbeitsſcheu und Hang zum Trunke daran Schuld. Mit den gerin⸗ gen Reſten des Vermögens hatte indeß die Frau 25 den Obſthandel unternommen, welcher bald nicht mehr hinreichte, die ſteigenden Bedürfniſſe der Fa⸗ milie zu befriedigen. Dennoch gelang es ihr unter Sorgen und Kummer das drohende Verderben hin⸗ zuhalten. Ein ſolches Hausweſen gleicht einem Gewande, das in Stücke fällt. Von Tag zu Tag wird es fadenſcheiniger. Vergebens ſucht der ver⸗ ſchämte Beſitzer das Uebel zu verbergen. Ein kleiner Riß genügt und die lang verhehlte Blöße tritt ungeſcheut hervor. Welche Schmerzen hatte die arme Frau erduldet, ehe es zu dieſem Aeußerſten gekommen war. Bange Tage und ſchlafloſe Nächte waren vorangegangen. Vor allen Augen, ſelbſt vor denen der Kinder hatte ſte den Ruin zu ver⸗ heimlichen geſucht und in ihrem Geiſte nach neuen Hilfsquellen gerungen, um dem drohenden Verder⸗ ben zu entgehen. Alles umſonſt. Länger ging es nicht. Der Umzug hatte die letzten Hülfsmittel hinweggenommen. Der Banquerot war ausgebro⸗ chen und das nackte Elend ſtand vor der Thür. 3 II. Das war eine traurige Nachricht, welche Agnes in der neuen Wohnung von der Mutter vernahm. Tief erſchüttert war das Mädchen zu der bekümmerten Frau herangetreten, welche mit verſchlungenen Händen niedergeſchlagen auf den ſchwarzen Boden ſah. Eine Flucht düſterer Ge⸗ danken und Befürchtungen zog wie dunkle Ge⸗ ſpenſter an beiden vorüber. Unwillkürlich hatte Agnes die Hand der Mutter ergriffen, als fürchtete ſie, in dieſem Augenblicke ſchon von ihr getrennt zu werden. Die übrigen Kinder, welche keine Ahnung hatten, ſaßen auf der Bank in der Nähe des Ofens und wärmten leiſe ziſchelnd an der Gluth die halberſtarrten, rothen Finger. Die Lampe auf dem Tiſche dampfte und der herabge⸗ brannte Docht ſpendete ſpärlich ein trübes, rothes Licht. Es war recht traurig in der finſtern Keller⸗ wohnung. — Gottwird helfen— ſeufzte die Mutter, welche bemüht war, mit einem ſchmerzlichen Lächeln die Sorge hinwegzuſcheuchen, welche ihre Worte in Agnes hervorgerufen. ——— 27 Traurig ſchüttelte dieſe mit dem Kopfe. Der tröſtliche Gemeinſpruch, den ſie ſchon ſo oft von den bleichen Lippen der Unglücklichen gehört, hatte ſeine Kraft bereits an ihr verloren. — Vielleicht bekommt Vater doch die Stelle auf dem Holzplatz, von der er neulich ſprach.— Auch dieſe Hoffnung war nicht ſtichhaltig. Längſt war die Ausſicht auf dieſe Verſorgung ge⸗ ſchwunden; doch das Unglück belügt ſich gern und täuſcht ſich ſelbſt und andere. — Du weißt es beſſer; die Stelle iſt bereits beſetzt— entegnete Agnes, welche die ganze Größe mütterlicher Liebe, welche in dieſer Lüge lag, nicht zu faſſen vermochte. — Sie hat Recht. Kein Ausweg, keine Hülfe, — murmelte die Mutter ſtill für ſich. Auch Agnes war in Nachdenken verſunken. Mit der feinen Hand ſtrich ſie über die bleiche Stirn, als wollte ſie dort einen Gedanken ſuchen, wie dem Elend zu entgehen ſei. Es war vielleicht zum erſten Male, daß die Noth ſie zu ſolchen Anſtrengungen weckte. Kein Wunder, daß daher in ihrem Kopfe die ſonderbarſten Entſchlüſſe und 28 Vorſtellungen wirr emportauchten und eben ſo ſchnell als unnütz von ihr erkannt, aufgegeben wurden. Selbſt die Mährchen aus der Kinderzeit fielen ihr bei. Konnte nicht eine wohlthätige Fee, ein guter Geiſt erſcheinen, und der Verlegenheit mit einem Mal ein Ende machen? Ach, heut zu Tage giebt es keine guten Gei⸗ ſter mehr! Dann erinnerte ſie ſich der ſchönen Geſchichten in dem zereleſenen Schulbuche von einem verkleideten Fürſten, der die Hütten der Armuth beſuchte und unbemerkt eine Rolle voll Dukaten zur Linderung der Noth zurückließ. Auch damit war es nichts. Die Fürſten ſteigen nicht mehr in die Wohnung des Elends nieder; der perſönliche Ver⸗ kehr zwiſchen dem Herrſcher und dem Volke hat aufgehört. Auch dieſe Poeſte des Throns iſt mit der Zeit verſchwunden. Als Agnes jede Hoffnung auf Hülfe von Außen aufgegeben hatte, kehrte ſie in ſich ſelbſt zurück und ſuchte in der eigenen Kraft Rettung aus der Noth. Ein Entſchluß dämmerte anfangs dunkel und unbeſtimmt, dann immer klarer und feſter in ihrem Geiſte. Plötzlich hatte der Gedanke Worte gefunden, und faſt erſchrak ſie vor ſich ſelber, 29 als ſie in haſtigem Tone zu der Mutter ſprach: — ich werde in den Dienſt ziehen und mich bei einer Herrſchaft vermiethen.— — Agnes wo denkſt du hin?— rief die Mutter überraſcht— Du willſt uns verlaſſen und unter fremden Leuten leben? Das ertrag ich nicht. Lieber will ich mir den letzten Biſſen abdarben und mit dir theilen, ehe ich das zugebe.— — Es wird nicht ſo ſchlimm ſein— tröſtete das muthige Mädchen— es giebt ja Tauſende, die bei einer Herrſchaft dienen und es gut haben. Ihr braucht nicht mehr für mich zu ſorgen. Den Lohn erſpare ich gewiß und bringe ihn euch.— — Aber es giebt auch böſe Herrſchaften, die ihre Dienſtboten mißhandeln. Du biſt noch zu ſchwach und wirſt die Arbeit nicht beſtreiten.— — Sei nur ohne Sorge— entgegnete Agnes. — Ich bin nicht ſo ſchwächlich, wie ich ausſehe. Ich kann den halben Tag Waſſer tragen und Holz ſpalten, ohne daß ich müde werde. Ich will arbeiten vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, und die Herrſchaft ſoll mit mir zufrieden ſein.— Die bekümmerte Mutter erhob immer von Neuem ihre Einwürfe, welche die Tochter zu wider⸗ 30 legen ſuchte. Wie es zu geſchehen pflegt, dienten alle Gegenreden nur dazu, um ſie in dem gefaßten Entſchluſſe zu befeſtigen. Auch die Phantaſie hatte ſich bereits des plötzlich entſtandenen Gedankens bemächtigt und malte mit lockenden Farben ein Bild der Zukunft. Alle Uebelſtände der Dienſt⸗ barkeit wurden dabei von Agnes überſehen. Sie dachte ſich ein ſtilles, geregeltes Hausweſen, in welchem ſie ſchalten würde, einen gütigen Herrn, eine milde Frau und wohlerzogene Kinder. Die Erſparniſſe von ihrem Lohn hoffte ſie den Eltern heimzutragen. Sie wollte dieſelben nicht allein von der Laſt der eigenen Perſon befreien, ſondern noch eine wirkſame Stütze für die ganze Familie abgeben. In ſolchen Träumen wiegte ſie ſich und über⸗ täubte den Schmerz der bevorſtehenden Trennung, von welcher ſie die Mutter tief ergriffen ſah. Dieſe vermochte noch immer nicht, an den feſten Entſchluß des Mädchens zu glauben und hielt denſelben fur einen vorübergehenden Einfall, der eben ſo ſchnell wieder ſchwinden würde, als er entſtanden war. Sie kannte den Charakter der Tochter nicht, welche unter milden Formen eine — — —— —— 8 —— 4 31 unerſchütterliche Feſtigkeit verbarg, die oft an Eigen⸗ ſinn zu gränzen ſchien. Von Jugend auf war Agnes auf eigenes Nachdenken zurückgedrängt. Weder bei der Mutter, welche ganz von der Sorge für das Haus eingenommen war, noch bei dem ſtrengen Vater, fand ſie Theilnahme für ihre Ge⸗ dankenwelt. Die Rohheit des Letzteren hatte den urſprünglich lebhaften Geiſt des Kindes eingeſchüch⸗ tert. Still und verborgen hatte ihr Weſen ſich ausgebildet. Sie war gewohnt, ſich zu verſchlie⸗ ßen, weshalb ſie bei dem erſten Eindruck für be⸗ ſchränkt gelten konnte. Ihre Natur war eine tiefe, innerliche. Sie redete nur wenig, und dieſer Mangel machte ſich ſelbſt in der langſamen Aus⸗ ſprache der Worte geltend, weshalb der Vater ſie in ſeinen Anfällen von böſer Laune nur die ſtumme Trine nannte. Weil ſie nun ſchwer einen Begriff oder einen Entſchluß zu faſſen vermochte, ſo hielt ſie um ſo feſter daran, wie das mühſam erworbene Gut einem Jeden lieber und werther iſt, als der leichte, unerwartete Gewinn. So auch widerſtand ſie jetzt den Beſorgniſſen und Mahnungen der Mutter, welche immer dringender wurden. Dieſe vermochte nicht, den Schmerz der bevorſtehenden Trennung zu ertragen. Sie ſollte das geliebte Kind, das ihr bisher hilfreich und tröſtlich zur Seite geſtanden, in jene Welt hinausſchicken, deren Bosheit und Verderbtheit ſie an ſich ſelbſt erfahren hatte? Im Voraus fühlte das arme Mutterherz alle Leiden, welche das unbeſchützte Kind erwarteten. — Nein, nein ich kann dich nicht laſſen— rief ſie mit klagender Stimme— Was ſoll aus dir werden unter den fremden Leuten?— — O, meinetwegen kannſt du unbekümmert ſein— beſchwichtigte das Mädchen.— Es iſt Zeit, daß ich für mich ſelbſt ſorge und euch nicht län⸗ ger zur Laſt falle. Du wirſt dich ſchon an meine Abweſenheit gewöhnen müſſen, und von Zeit zu Zeit ſehen wir uns doch.— — Ach, du liebſt mich nicht wie ich dich— entgegnete vorwurfsvoll die arme Frau. Agnes antwortete nicht, ſondern blickte auf die Mutter mit ihren ſanften Taubenaugen, welche über die unverdiente Kränkung ſich mit Thränen füllten. Langſam glitten die Zähren über ihre bleichen Wangen hin. Die Mutter ſah ihr Unrecht ein und ergriff die bebende Hand des Mädchens. 33 Da hielt ſich Agnes länger nicht. Weinend ſank ſie an die treue Bruſt. Still war es in der Kellerwohnung; nur das leiſe Schluchzen der Frauen war zu hören. Jetzt erſt fühlte auch Agnes den ganzen gro⸗ ßen Schmerz, welcher in dem Gedanken liegt, die theure Heimath zu verlaſſen, den ſüßen Kreis der Gewohnheit aufzugeben, und unter Fremden das Joch der Dienſtbarkeit zu tragen. Dennoch wankte das entſchloſſene Mädchen nicht. Sie lag faſt nieder⸗ geſunken zu den Füßen der Mutter, und barg das bekümmerte Geſicht in ihren Schooß. Dieſe hatte das Haupt des Kindes mit ihren Armen umſchlungen, als wollte ſie den theuren Schatz für immer feſt halten und gegen die Angriffe der Welt vertheidigen. In dieſer Stellung überraſchte Neumann, aus m Brandtweinladen heimkehrend, die Seinigen. ein lauter, dröhnender Schritt ſchreckte ſie empor. Hab' es mir gleich gedacht!— rief er mit rauher Stimme— da ſitzt das Weibsvolk wieder und weint und heult. Was giebt es denn?— Die Mutter theilte ihm den Entſchluß der Tochter mit. Die Nachricht ſchien einen nicht ungünſtigen Eindruck auf ihn zu machen. Ring, Stadtgeſchichten. I. 3 de 34 — Na, das iſt der erſte, geſcheute Einfall, den das Mädchen hat— ſagte er, indem er ſich gleich⸗ gültig mit dem Rücken gegen den Ofen ſtellte. — Neumann, das überlebe ich nicht!— ſeufzte die arme Frau, der das Herz bei dem Gedanken blutete— Sollen wir unſer Kind hinausjagen zu fremden Leuten?— — Dummes Zeug! Dienen iſt keine Schande. Hier iſt jedes Maul überflüßig. Ich ſehe ohnedies mehr Freſſer, als Brod im Hauſe iſt.— — Wo ſechs zu eſſen haben, wird das Siebente auch ſatt— entgegnete die Mutter. — Zum Teufel! mach mir das Mädel nicht konfus. Da ſie einmal gehen will, ſo ſoll es gleich geſchehen. Morgen früh marſchirt ſie zur Ver⸗ miethsfrau, und nun baſta, kein Wort weiter oder— Ohne ſeine Rede fortzuſetzen, ballte Neumann drohend ſeine Fauſt und ſchlug mit ſolcher Gewalt auf den Tiſch, daß der Keller dröhnend wiederhallte. Erſchrocken verſtummte die Mutter, während die Kleinen, welche auf der Ofenbank feſt eingeſchlafen waren, laut ſchreiend erwachten und ſich feſt an Agnes klammerten. Dieſe ſtand unbeweglich den ſtreitenden Eltern gegenüber, als ob ſte der Zank, der um ihre Perſon doch allein handelte, am wenigſten anginge. Nur bei dem rohen Ausbruche Neumanns fuhr ſie empor, und halb bittend zur Mutter, faſt trotzig dem Vater zugewendet, ſagte ſie laut im feſten Ton: — Meinetwegen braucht ihr nicht zu ſtreiten. Ich werde thun, was ich geſagt. Länger will ich Niemand zur Laſt fallen. Mutter, ſei vernünftig und ergieb dich darein. Ich gehe gern, denn beſſer, unter fremden Leuten dienen, als bei den Seinigen täglich ſolch ein Leid zu ſchauen.— — Nach' mir den Kopf nicht heiß!— ſchrie Neumann, durch den Vorwurf des Mädchens noch mehr gereizt.— O ich weiß ſchon, die Tochter geht bei der Mutter in die Lehre. Wenn ich nicht zu Hauſe bin, wird hinter meinem Rücken raiſonirt. Ich will euch die Mucken ſchon austreiben. Eine ſtützt ſich auf die Andere. Die Wirthſchaft ſoll ein Ende nehmen. Nicht eine Stunde dulde ich dich länger im Hauſe, du Baſtardkind!— Ein furchrbarer Schrei ertönte in dem Augen⸗ blick, als Neumann dies Wort ſprach. Dann wurde es ſtill. Das unglückliche Weib war leblos auf den Boden hingeſunken. 3*½ IV. Agnes ſah die Mutter fallen und eilte der Ohnmächtigen zu Hülfe, um ſie wieder ins Leben zurückzurufen. Selbſt Neumann unterſtützte die Bemühungen der Tochter, welche die Schläfe der⸗ ſelben mit Eſſig rieb und ängſtlich auf die leiſeſte Bewegung, wenn auch vergebens wartete. Der ſonſt ſo rohe Mann hatte ſich plötzlich ganz verän⸗ dert. Er war auf den Boden niedergekniet und hielt das Haupt der Unglücklichen in ſeinem Schooß. Er gab ihr tauſend Schmeichelnamen, gelobte immer von Neuem eine dauernde Beſſerung, und benetzte mit heißen Thränen ihre abgeſtorbenen kalten Hände, die er vergebens in den ſeinigen zu erwärmen ſuchte. Der leichte Rauſch, den er ſich angetrunken, war verflogen und machte jetzt einer ſentimentalen, weinerlich gerührten Stimmung Platz. — Alte, Alte, ſo wach' doch auf!— ſchrie er von Zeit zu Zeit der Ohnmächtigen ins Ohr— du wirſt doch nicht ſo dumm ſein und mir ſterben. Sei doch vernünftig. Es war ja nicht böſ' ge⸗ meint. Der verdammte Brandtwein iſt an allem Unglück Schuld. Ich will dir niemals wieder einen 37 Vorwurf machen. Was geſchehn iſt, iſt geſchehn, und ich hab' es ja gewußt, wie ich dich nahm. Agnes ſoll auch bei uns bleiben und nicht in den Dienſt ziehen, wenn du nicht willſt.— In dieſer Art und Weiſe redete der unter⸗ gegangene Mann zu der Ohnmächtigen. Jedes Wort warf ein neues Licht in die Seele der Tochter. Immer klarer wurde es in ihrem Innern, aber die Helle, welche plötzlich über ſie gekommen, ſchmerzte ſie wie den Neugeborenen der erſte Son⸗ nenſtrahl. Während ſie ſich noch mit der Mutter beſchäftigte, wogte und kochte es in ihrem Hirn. Verſchiedene Aeußerungen, welche ſie früher nicht zu deuten wußte, tauchten plötzlich in ihrer Erin⸗ nerung auf und gaben den Anhaltepunkt für fernere Gedanken. Das rohe Schimpfwort Neumanns und die darauf folgende Ohnmacht der Mutter hatten wie ein Blitz in ihre Seele eingeſchlagen. Furcht und Hoffnung, Zweifel und Gewißheit rangen in ihrer ſtürmiſch bewegten Bruſt. Ihr war ſo eigen zu Muthe, als wäre ihr plötzlich der gewohnte Boden unter den Füßen fortgezogen worden, als hätte ſie ein jäher Wir⸗ belwind erfaßt und hinaus geſchleudert in die õ“ — ———y—— fremde Welt. Aber all dieſe Gedanken ſchwan⸗ den wieder vor der Noth des Augenblicks.— Da lag die Mutter, ihr das Theuerſte auf Erden, bleich und ohnmächtig auf dem Boden ausgeſtreckt. Vielleicht war das Leben bereits für immer ent⸗ flohn. Wenn der Tod ſeine Beute nicht entließ, was ſollte dann aus der armen Agnes werden? Dann ſtand ſte allein, ohne Hilfe, ohne Stütze in der rauhen Welt. Eine furchtbare Angſt be⸗ mächtigte ſich ihrer und Verzweiflung erfüllte ihr gequältes Herz. Dennoch ließ die Muthige ſich nicht über⸗ mannen und verlor keinen Augenblick die nöthige Beſonnenheit. Unabläſſig war ſie um die Ohn⸗ mächtige beſchäftigt. Die Kinder hatte ſie ſogleich nach dem nächſten Arzte abgeſchickt. Unterdeß rieb ſie ohne Aufhören die eingefallenen Schläfe der Mutter. Sie hatte ſich niedergebeugt und lauſchte mit geſpannter Erwartung auf den erſten Athemzug. Alles vergebens! Das arme Weib blieb ſtumm und regungslos. — Sie iſt todt! todt!— heulte Neumann laut. — Und Ihr habt ſie getödtet!— ſchrie Agnes ſchonungslos in wildem Schmerz. 39 Der Ton, mit welchem ſie dieſe Worte ſprach, klang ehern vernichtend. Es war nur der Wieder⸗ hall des langjährigen Grolls, welchen die kindliche Pflicht bisher, wenn auch vergebens, zu bekämpfen ſuchte. Das Mädchen hatte ſich aufgerichtet und ſtand mit blitzenden Augen und den ſtrengen, vom Schmerz verſteinerten Zügen wie der zürnende Engel des Gerichts vor dem Sünder da. Neumann wagte im Angeſicht des lebloſen Körpers kein rohes Wort. Unwillkürlich ſah er zu Boden nieder. Er ver⸗ mochte nicht, den Anblick den verwaiſten Tochter zu ertragen. Ein leiſer Schauer erfaßte ſeine Glieder, und der trotzige Tyrann bebte wie ein auf friſcher That betroffener Mörder. Es war ein furchtbarer Augenblick, die Beiden allein mit ihrem Haß und der ohnmächtigen Frau. Die Lampe war dem Erlöſchen nah, und nur von Zeit zu Zeit flackerte der verkohlte Docht von Neuem auf und beleuchtete mit ſeiner fahlen Gluth die unglückliche Familie. Laute Schritte unterbrachen mit einem Male die ſchauerliche Stille. Die Kinder kehrten mit dem Arzte wieder, der ſogleich auf ihr Bitten ihnen gefolgt war. Der Arzt warf einen pruͤfenden Blick 40 auf ſeine ärmliche Umgebung, dann trat er zu der Lebloſen, welche, noch immer auf dem Boden, unter⸗ ſtützt von Neumann lag. Einige Fragen genügten dem Arzte, um die ganze Lage und die Urſache des Falles zu erkennen. Herr Frank war ein humaner und geſchickter Mediziner, der ſelbſt trotz ſeiner Kenntniſſe, mit Mangel und Entbehrung zu kämpfen hatte. Seine Praris beſchränkte ſich meiſt auf die Dürftigen und Armen, welche in dieſem Stadttheil die Mehrzahl der Bevölkerung bildeten. Dennoch hatte der Anblick des täglichen Elends ihn nicht abgeſtumpft. Die Praris unter dieſem Theil der Einwohner einer großen Stadt iſt mit wenig oder gar keinen Annehmlichkeiten verknüpft. Rohheit und Undankbarkeit dem Arzte gegenüber, herrſchen nirgends mehr als im Proletariate. Selten oder nie werden die Anordnungen deſſelben genau befolgt, und ſo wird ihm der einzige Lohn, der Segen ſeiner Bemühungen, noch oft geraubt oder verkümmert.. Mit der vollſten Hingebung an ſeinen Beruf wendete ſich Herr Frank auch dieſem Falle zu. Seinen Bemühungen gelang es ſchon nach wenig Augenblicken, das erſtorbene Leben wieder zurück⸗ 41 zurufen. Verwundert ſchlug die Frau ihre Augen auf und blickte ſtarr auf die Umſtehenden. Unwill⸗ kürlich drückte ſie die Hand der Tochter, welche dem Arzte getreu zur Seite ſtand. Allmählig kehrte die Beſinnung und mit dieſer ihre Gedanken wieder. Die Erinnerung erpreßte ihr einen tiefen Seufzer. — Ruhe und eine ſtärkende Medizin werden jetzt das Beſte thun— antwortete der menſchen⸗ freundliche Arzt. Von Neumann und der Tochter ſanft unter⸗ ſtützt, wankte die Kranke ihrem dürftigen Lager zu. Der Arzt hatte unterdeß Tinte und Papier verlangt, um ein Rezept zu ſchreiben. Anfänglich folgte die Kranke von ihrem Bette aus ſeinen Be⸗ wegungen. Der Gedanke quälte ſie, daß die Arznei neues Geld koſten würde. — Ich fühle mich ſchon beſſer— flüſterte ſie mit leiſer, kaum vernehmbarer Stimme— dürfte es nicht ohne Medizin gehen? Der Arzt begriff den ganzen Jammer, welcher in dieſer Frage lag. Selbſt der rohe Neumann wurde tief davon ergriffen und ſuchte in ſeinen Taſchen nach den wenigen Groſchen, welche noch nicht in der Schenke darauf gegangen waren. 42 — Der Trank, den ich verordne, iſt durchaus nöthig— entgegnete der Arzt— ich will es ſo billig als möglich einrichten. Hätte es ſeine Lage erlaubt, ſo würde er ſelbſt die Medizin aus eigenen Mitteln bezahlt haben, aber die vorjährige Apothekerrechnung für Unver⸗ mögende, die er auf dieſe Weiſe unterſtützt, war noch nicht getilgt. Neumann hatte indeß das Geld Agnes in die Hand gedrückt, welche das Rezept ſchnell ergriff, um augenblicklich damit in die Apotheke zu eilen. Auch der Arzt ſchickte ſich an, nachdem er noch einige zweckmäßige Anordnungen getroffen hatte, den Keller zu verlaſſen. Zum Abſchied reichte er der Kranken ſeine Hand; als er ſie zurück⸗ zog war ſie feucht. Eine Thräne glänzte darauf, die einzige Bezahlung, welche die Armuth hat. Die Kinder hatten indeß auf Geheiß der Mut⸗ ter ihr Lager aufgeſucht und ſchlummerten bereits. Neumann hatte ſich an das Bett ſeiner Frau ge⸗ ſetzt, und im Gefühle ſeiner Schuld zu wiederhol⸗ tem Male Beſſerung gelobt. Die Kranke ſchüttelte unmerklich mit dem Kopf, als traute ſie den Be⸗ theuerungen nicht, die ſie bei ähnlichen Scenen 43 ſchon ſo oft gehört hatte, ohne daß eine weſentliche Veränderung in ſeinem Benehmen eingetreten war. — Du kannſt mir glauben,— rief er immer wieder von Neuem,— ich trinke keinen Tropfen mehr. Mor⸗ gen gehe ich zu dem frommen Profeſſor und werde Mitglied vom Mäßigkeitsverein. Auch die Agnes kann bleiben, wenn ſie will, obgleich ich's für beſſer halte, wenn ſie zieht. Mich ärgert nur ihr trotzig Weſen. Zwiſchen uns Beiden thut es nimmer gut.— — Du haſt Recht, Neumann,— entgegnete die leidende Frau mit einem Seufzer.— Ich ſehe es auch ein, daß ſie uns verlaſſen muß. Ach, daß es ſo kommen mußte!— Kein Vorwurf entſchlüpfte den bleichen Lip⸗ pen, und dennoch fühlte Neumann ſich tief getrof⸗ fen, aber er brauſte nicht mehr jähzornig auf, ſon⸗ dern griff ſanft nach ihrer abgezehrten Hand.— Alte, verzeih' mir nur diesmal noch. Du weißt, ich hab' es nicht ſo bös gemeint.— Der rohe Menſch war plötzlich ganz verändert worden. Der nahe bevorſtehende Verluſt der gu⸗ ten Frau, deren Werth er trotz ſeiner Brutalität im Stillen anerkennen mußte, hatte ihn wohlthätig erſchüttert. 44 Dem Unglück ſchreitet der Engel des Mitleids zur Seite, welcher in die ſchmerzhaften Wunden ſeinen milden Balſam träufelt. Eine ſchwere Krank⸗ heit übt oft einen wohlthätigen Einfluß aus und knüpft die gelockerten Familienbande wieder feſt. Die Fehler werden vergeſſen, der Groll verſchwin⸗ det, und die reine Liebe ſteigt aus den böſen Dün⸗ ſten in ſtrahlender Glorie ſiegreich empor. Ach, erſt wenn wir von einander ſcheiden, wiſſen wir, wie theuer wir einander ſind. Wenn die dunklen Grabespforten ſich aufthun, dann erſt wollen wir den fliehenden Freund, den wir ſo oft gekränkt, für immer an das Herz drücken und nicht von uns laſſen. Die Krankheit, ein Vorläufer des Todes, übt wie dieſer eine verſöhnende Kraft auf die har⸗ ten, verſtockten Gemüther aus. Warum müſſen wir erſt krank und elend werden, um einander hülf⸗ reich beizuſtehen und unſre Schwächen und Fehler zu vergeben? Seit langer Zeit war jetzt mit dem Engel des Todes, der eben erſt vorübergerauſcht, auch der Engel des Friedens in dieſe zerrüttete Familie wie⸗ der eingekehrt. Es wäre gut geweſen, wenn die rührende 45 Stimmung in Neumann ſo für immer angedauert hätte, aber der moraliſche Schwerpunkt in ihm war einmal wankend geworden. und konnte nie mehr eine dauernde feſte Stelle finden. Das Fundament war bereits von allen Seiten untergraben und zer⸗ nagt, eine bleibende Beſſerung nicht mehr möglich. Von Zeit zu Zeit keimte wohl ein guter Entſchluß in dem zerſtörten Geiſte auf, aber es fehlte ihm die ſittliche Kraft, ihn auszuführen. Der Weg der Reue iſt noch ſchwerer, als der Pfad der Tugend, und jeder Schritt auf demſelben verlangt eine dop⸗ pelte Anſtrengung, der die Wenigſten gewachſen ſind. Nur für den Moment war das Glück wieder in die Kellerwohnung zurückgekehrt, ein Sonnen⸗ blick, der die dunklen Räume, wenn auch nur für kurze Zeit, erheiterte. — Du biſt ein gutes Weib— ſagte Neu⸗ mann, der noch immer die Hand der Frau in der ſeinen hielt.— Als ich dich nahm, wußte ich, was ich that.— — Das vergeſſe ich auch nicht— ſagte die Kranke tief bewegt.— Du haſt mir die Chre wieder gegeben, darum werde ich dich lieben und hoch halten bis zum letzten Augenblick.— — Ei, laß doch die alten Geſchichten ruhn. Das regt dich wieder auf. Du biſt mein gutes Weib und damit baſta.— — Aber was ſoll aus dem armen Kinde werden? Kaum wag' ich ihr mehr ins Geſicht zu ſchaun. Ach, ſie ahnt gewiß Alles und wird mich verachten müſſen.— Die arme Mutter zitterte vor dieſem Gedan⸗ ken. Sie fühlte, daß ſie nicht mehr ohne Erröthen zu der Tochter emporſchaun dürfe. Schaam er⸗ füllte ihre Seele mit tiefer Bekümmerniß. — Das Mädchen begreift nur ſchwer— be⸗ ſchwichtigte Neumann.— Sie hat gewiß nichts gemerkt.— — O, du kennſt ſie nicht— entgegnete die Frau, die mit mütterlichem Scharfblick tiefer in das Weſen der Tochter eingedrungen war.— Agnes iſt ſtill, aber klug, und verſtändiger, als die meiſten Mädchen in ihrem Alter ſind.— O, die Schande, wenn ſte wüßte— — Laß gut ſein, einmal mußte ſie es doch erfahren. Das Beſte wird wohl unter allen Um⸗ ſtänden ſein, wenn ſie aus dem Hauſe geht. Ich kann mich einmal nicht mit ihr vertragen, und ſelbſt 47 für dich und ſie iſt es jetzt Zeit, daß ihr euch trennt. — Ach, daß es ſo kommen mußte!— jam⸗ merte die Kranke.— Ach, Neumann, es fällt mir gar zu ſchwer.— Trotz all dieſer Einwendungen ließ ſich das ſanfte, nachgiebige Weib immer mehr von der Noth⸗ wendigkeit der Trennung überzeugen. Dazu kam noch, daß Annes ſelbſt zuerſt den Wunſch geäu⸗ ßert hatte, das elterliche Haus zu verlaſſen und in den Dienſt zu ziehn. Als das Mädchen aus der Apotheke zurück⸗ kehrte, waren Neumann und ſeine Frau überein⸗ gekommen, die Tochter ziehen zu laſſen. Doch wurde heute die Angelegenheit nicht mehr erwähnt. Ag⸗ nes nahte ſich mit der Medizin dem Bette der Mut⸗ ker, um ihr einen Löffel derſelben darzureichen. Die Kranke empfing mit zitternder Hand den ſtärkenden Trank. Dabei begegneten ſich die Blicke der bei⸗ den Frauen. Unwillkürlich ſchlug die Kranke ihre Augen nieder. Sie glaubte, einen ſtillen Vorwurf in denen der Tochter geleſen zu haben. — Geh zu Bette— ſagte Neumann minder barſch als ſonſt. Agnes weigerte ſich. Sie wollte bei der Mutter wach bleiben und dieſelbe pflegen. Erſt auf die dringenden Bitten und Verſicherungen der⸗ ſelben, daß es mit ihrer Krankheit beſſer wäre, ſuchte ſie ihr dürftiges Lager auf, welches fie mit einer jüngeren Schweſter theilte. Neumann blieb an dem Bett der Kranken, in der Abſicht, ſie zu pflegen, ſitzen, aber bald hatte auch ihn die Müdig⸗ keit beſtegt. Die ganze Familie ſchlief. Alles war ſtill in der düſteren Kellerwohnung, nur die kranke Mutter blieb noch wach mit ihrem Schmerz und ihrer Schaam. V. Die Nacht iſt die Freundin des Unglücks, der milde Schlaf ein Tröſter in der Noth. Der ge⸗ ſchäftige Tag weckt das Elend von Neuem auf. Die bleiche Oktoberſonne fiel durch die niederen, dunklen Fenſter der Kellerwohnung hell genug, um mit ihrem dämmernden, fahlen Scheine die düſteren Räume und die dürftige Einrichtung zu beleuchten. Die Mutter war bereits erwacht und verſuchte, trotz ihrer Schwäche, das Lager zu ver⸗ laſſen. Auf dem Boden lagen zwei Knaben, von zwölf und vierzehn Jahren. Der eine war von 49 dem niederen Lager herabgeſunken und ruhte auf den harten Dielen ſo ſüß, als läge er auf weichem Flaum. Neumann ſtand. mürriſch und verdroſſen am Feuerheerd, auf welchem die geſchäftige Agnes das Frühſtück für die Familie kochte. Zwei jüngere Schweſtern in dünnen Unterröckchen mit wirren, blonden Haaren wärmten ſich an der wohlthäti⸗ gen Gluth. Während in dem Keſſel der dünne Familien⸗ kaffee brodelte, waren auch die beiden Knaben auf⸗ geſtanden und hatten ihre einfache Toilette ſchnell beendet, was um ſo leichter ging, da ſie die leine⸗ nen Beinkleider gar nicht abgelegt hatten. Auf dem Tiſche lag ein angebrochenes Brod, von dem Agnes fünf ziemlich gleiche Stucke ſchnitt. Die Kinder griffen haſtig darnach, und die Buben balgten ſich, wer die größere Portion beſitzen ſollte, obgleich der Unterſchied nur ihren ſcharfen, habgie⸗ rigen Augen ſichtbar war. Ein Machtwort und ein leichter Schlag des Vaters entſchied den Streit. Nachdem das Frühſtück ſtehend eingenommen worden war, gingen die Mädchen, welchen die Mutter unterdeß das Haar mit einem defekten Kamm und wenig Waſſer geordnet, nach der Schule, wo ſie Ring, Stadtgeſchichten. I. 4 50 den Tag über verweilten. Die Knaben waren dem Unterricht bereits entwachſen und trie⸗ ben ſich bis zum Mittagsbrode auf den Straßen umher. Auch jetzt waren ſte bald entſchlüpft und ſuchten in der Nachbarſchaft einen Spielgefährten auf. Nur die Eltern und Agnes waren noch zurückgeblieben. Dieſe hatte, nachdem ſte ſich von dem Wohlbefinden der Mutter überzeugt und das Frühſtück für die Familie beſorgt, ihr dunkles Merinokleid angelegt. Mit wenigen Strichen glättete ſte das glänzende Haar und wuſch hierauf ſich Hände und Geſicht. Die Kälte des Waſſers rief eine vorübergehende Röthe auf den bleichen Wangen hervor, welche wie roſige Pfirſichblüthen ſchimmerten. Das roth und grün karrirte Tuch, welches ſie umnahm, und der dunkle Strohhut, den ſie mit einer raſchen Bewegung, ohne in den kleinen Spiegel zu blicken, aufſetzte, deuteten ihren Entſchluß an, auszugehen. — Du willſt fort?— fragte die Mutter, welche ſtumm dieſe einfache Toilette mit angeſchaut. — Du weißt ja, daß ich zur Vermiethsfrau will— lautete die entſchiedene Antwort. — Aber warum ſo zeitig?— — Das Quartal ſteht vor der Thür. Es wird mir überdies ſchwer fallen, jetzt noch einen Dienſt zu finden.— — Sie hat Recht,— entgegnete Neumann mit einem Blicke des Einverſtändniſſes zu ſeiner Frau— laß ſie gehen.— — Viel Glück!— rief ihr die Mutter nach. — Gott gebe dir eine gute Stelle und eine freund⸗ liche Herrſchaft.— Schneller als ſonſt eilte Agnes die Keller⸗ treppe hinauf und befand ſich auf der Straße. In dem Eifer, ihren Entſchluß auszuführen, hatte ſte vergeſſen, ſich nach der Wohnung einer derar⸗ tigen Frau zu erkundigen. Wo ſollte ſie ſich Rath erholen? Faſt wäre ſie wieder zurückgekehrt und hätte ihr Unternehmen für heute aufgegeben, wäre ihr nicht zufällig eine Bekannte von der Schule her begegnet. — Agnes wohin?— fragte ein unterſetztes, rothwangiges Mädchen, welches einen ſchweren Korb mit Lebensmitteln an ihrem Arme trug. — Zur Vermiethsfrau; aber ich weiß nicht, wo ſie wohnt.— — Willſt du auch auf den Dienſt ziehen?— 4* 52 fragte neugierig die Schulfreundin.— Der Tau⸗ ſend! das hätt' ich nicht gedacht. Ich meinte, daß dein Vater in der Wolle ſäße, und daß bei euch Geld wie Heu wäre.— Agnes erröthete. Es ſchmerzte ſie, die Ver⸗ hältniſſe ihrer Eltern einer Fremden gegenüber preis zu geben. Gern hätte ſte das Geſpräch wieder ab⸗ gebrochen, doch ihre alte Bekanntſchaft ließ ſie nicht wieder locker. Ohne Aufſchub wurde ſie mit Fra⸗ gen beſtürmt und ausgeforſcht, bis ihr zu verſchwei⸗ gen nichts mehr übrig blieb. — Immer fidel!— ſchrie die muntere Freun⸗ din, welche die Trauer und das Weh der zartfüh⸗ lenden Agnes nicht begreifen konnte.— So werden wir ja Kolleginnen. Ich diene auch bereits im zwei⸗ ten Jahre. Es iſt nicht ſo ſchlimm, wie du meinſt, liebes Kind. Hat man ſich einmal mit der Herr⸗ ſchaft eingerichtet, dann geht es ſchon. Ich will dich ſelbſt zur Vermiethsfrau führen, und es müßte toll kommen, wenn wir nicht für dich einen Dienſt finden ſollten, der ſich gewaſchen hat.— 1 Mit dieſen Worten hatte Rieke, ſo hieß das Mädchen, ihren Arm um den der Freundin ge⸗ ſchlungen und ſchritt luſtig ſchwatzend an ihrer 53 Seite hin. Unterwegs erzählte ſie von den ver⸗ ſchiedenen Herrſchaften, bei denen ſie bereits gedient. Drollig genug wußte ſie die Schwächen der Madame, ihre Eigenſchaften und Thorheiten zu ſchildern, ſo daß Agnes, trotz ihres gewöhnlichen Ernſtes, laut auflachen mußte. Ab und zu nickte das muntere Mädchen einer Vorübergehenden oder vor der Thür Stehenden zu. Rieke ſchien im ganzen Stadtviertel wohl bekannt zu ſein. Sie ging an keiner Höker⸗ frau vorüber, ohne von dieſer angeſprochen zu werden. Auch an männlichen Bekannten mochte es ihr wohl nicht fehlen. Hier und da wurde ſie von einem munteren Arbeiter, oder luſtigen Militair mit ſcherzhaften Reden begrüßt. Ge⸗ wöhnlich fertigte ſie jede derbere Anſprache und Neckerei mit einem ſchlagenden Witze ab. Agnes war ganz erſtaunt und konnte dieſe Gewandtheit und Dreiſtigkeit bei ihrem verſchloſſenen Weſen nicht begreifen. Sie mußte ſogar ihre Ver⸗ wunderung darüber laut ausſprechen. — Bah— entgegnete Rieke— was nützt die Traurigkeit? Luſtig, luſtig, lieber Schatz! Ich lache den ganzen Tag, und das Stubenmädchen, welches bei mir ſchläft, meint, ich lache ſelbſt noch im Schlaf.— 54 — Dir geht es wohl ſehr gut bei deiner Herrſchaft?— fragte Agnes erſtaunt. — Ei, ich kann juſt nicht klagen. Kuchen krieg' ich zwar nicht alle Tage, der Herr iſt brummig, die Frau zänkiſch, die Kinder ſchnippiſch; aber ich mache mir nichts daraus. Hat man ſich einmal daran gewöhnt, dann geht es ſchon. Auf Regen folgt Sonnenſchein, und ewig dauert nichts.— Rieke war durchaus praktiſche Philoſophin und nahm das Leben von der beſten Seite. Wenn ſte gar nicht ſprach, ſo lachte ſie wenigſtens, und zwar eben ſo ſehr mit den braunen Augen, wie mit dem rothen Kirſchenmund, der allerdings ziemlich groß gerathen war, aber hinter den friſchen Lippen eine Reihe glänzend weißer Zähne wies. Agnes ging verwundert neben der neuen, oder beſſer, alten Freundin her. — Ei, der Tauſend, Rieke!— rief ihnen jetzt ſchon von weitem ein ſchlanker Burſche entgegen, der die Mütze ſchief auf dem Kopfe trug und aus einer kurzen Pfeife blaue Dampfwolken blies. — Das iſt mein Schatz— flüſterte Rieke, indem ſie Agnes leiſe mit dem Ellenbogen ſtieß.— 5⁵ Grüß Gott, Karl!— rief ſie dem jungen Manne zu, und reichte ihm die volle, rothe Hand. — Fätt ich doch eher geglaubt, daß der Himmel auf die Erde fällt— ſagte dieſer derb einſchlagend— als daß ich Sie hier treffen würde.— — Unverhofft kommt oft— entgegnete Rieke — aber warum treibt man ſich auf der Straße herum, ſtatt auf die Arbeit zu gehen?— — Es iſt blauer Montag heut.— — Bei Ihnen mag wohl alle Tage blauer Montag ſein!— — GCott behüte. Aber heute iſt einmal eine Ausnahme. Ich muß auf die Herberge, wo fremde Geſellen gekommen ſind, denen wir das Geleit geben wollen.— — Und da wird gezecht und das Geld ver⸗ than.—— — Dafür gebe ich die ganze Woche keinen Heller aus.— — Das will ich Ihnen auch gerathen haben. Nächſten Sonntag habe ich meinen Ausgehtag, daß Sie es wiſſen. Wenn Sie nicht kommen, holt mich der Hamburger ab zum Tanz— ſagte 56 Rieke mit einem koketten Seitenblick auf den jun⸗ gen Geſellen, der einer Dame von Stande alle Ehre gemacht hätte. — Ich ſchlage den Drechsler todt, wenn er mit Ihnen geht!— ſchrie der Eiferſüchtige. — Nu, nu,— beſchwichtigte das Mädchen — ich geh' mit keinem Andern, das wiſſen Sie. Alſo Sonntag— Sonntag, Sonntag geht es zum Tanz!— jubelte der junge Burſche, lachte das Mädchen, und Beide ſchüttelten ſich verſöhnt die Hände. — Ein guter Junge— ſagte Rieke, als der Geſelle verſchwunden war.— Aber was ſtehſt du denn und ſtarrſt mich an, als wenn ich ein Wun⸗ derthier wäre?— — Ich hätte nimmer das Herz, mit einem fremden Manne zu ſprechen— meeinte Agnes voll Schüchternheit. — Dummes Zeug! Er iſt ja mein Schatz, mit dem darf man ſich ſchon was erlauben.— — Iſt er denn dein Bräutigam?— fragte Agnes in lieblicher Einfalt. 2 — Da hat es noch gute Wege. Wir kennen uns erſt ſeit vierzehn Tagen von der goldenen 57 Sonne her. Vorläufig hat er nichts und ich auch nichts. Von zweimal Nichts kann man keine Hochzeit machen.— .— Aber— wollte Agnes einwerfen. Doch die muntere Rieke ließ ſie nicht zu Worte kommen. — Du wirſt dir auch einen Schatz an⸗ ſchaffen, wenn du auf den Dienſt ziehſt. Man muß doch Jemand auf der Welt haben, der einen lieb hat und zum Tanze führt.— — Ich mag weder tanzen noch einen ſolchen Schatz— antwortete Agnes mit feſter Stimme. — Komm, komm— drängte Rieke— du biſt noch ein Neuling und in der Kultur zurück. Mit der Zeit wird Rath. Wir wollen uus ſputen, daß wir weiter kommen.— Da ſich die Mädchen beeilten und von Niemand weiter aufgehalten wurden, langten ſie ſchon in wenig Minuten vor der Wohnung der Vermiethsfrau an. In einer ziemlich geräumigen Stube ſaß am Schreibbüreau ein kleiner, dürftiger Mann über ein dickes Buch gebeugt. Eine gepolſterte Bank ſtand in der Nähe der Thür. Der Sitz war bereits von verſchiedenen Perſonen weiblichen Geſchlechts eingenommen, ſo daß Agnes und Rieke als die 58 zuletzt Gekommenen ſich vergebens nach einem Platz umſahen. 1 Die Mädchen, welche ebenfalls auf die Ver⸗ miethsfrau warteten, plauderten ungenirt, und lie⸗ ßen ſich durch die Anweſenheit des kleinen Mannes gar nicht ſtören, ſondern thaten, als ob derſelbe gar nicht vorhanden wäre. — Gehen Sie von Geheimraths ab?— fragte eine der jungen Damen ihre Nachbarin, welche durch die gewählte Toilette und feinere Manieren, die ſie den höheren Ständen nachahmte, ſich als gebildete Kammerjungfer dokumentirte und deshalb wie billig, den erſten Platz behauptete. — J gewiß— entgegnete die Angeredete— Geheimraths ſind mir langweilig. Viel zu thun und wenig Lohn, und die Koſt nicht zu genießen. Ne von der Gemeinheit können Sie ſich keine Idee machen. Er iſt ein ganz guter Mann, mit dem es ſich noch auskommen läßt; aber ſie iſt eine wahre Zahntippe, wie der Hauslehrer mir im Ver⸗ trauen geſagt. Und die Töchter mit den Schmacht⸗ locken werden jedesmal gelb und grün, wenn ein junger Mann andere Leute ſchöner findet, als die 59 altbackenen Pfannkuchen, die ſich roth und weiß ſchminken.— — Juſt wie meine vorige Herrſchaft— be⸗ merkte jetzt Rieke, welche mit großer Theilnahme dem Geſpräch gefolgt war. Ein ſtolzer Blick war die einzige Antwort der Kammerjungfer, welche hochmüthig auf eine Perſon und Köchin niederſchaute, welche weder eine Man⸗ tille noch Glacéhandſchuh wie ſie ſelber trug. Auch die dienende Klaſſe hat ihre Rangordnung, ihre Ariſtokratie und ihren Plebs. Rieke aber war nicht ſo ſchwacher Art, um ſich durch ein derartiges Benehmen einſchüchtern zu laſſen. Sie erwiederte den verächtlichen Blick ihrer Gegnerin mit einem ähnlichen und ſchlug noch überdies ein höhniſches Gelächter auf, worüber die ſanfte Agnes am ganzen Körper zitterte. Leicht wäre es unter dieſen Umſtänden zu einem feindſeli⸗ gen Auftritte gekommen, hätte nicht eine große, abgeblaßte Blondine, welche Spuren früherer Schönheit an ſich trug, das Wort ergriffen und das Geſpräch auf eine friedliche Bahn gelenkt. — Ich vermiethe mir in keiner Fauilie mehr — bemerkte die paſſirte Schöne, welche an Farbe und Geſtalt die groͤßte Aehnlichkeit mit einer ab⸗ gelagerten und gelb gewordenen Wachskerze hatte. — Ich habe Madame Steiner erſucht, mir einen einzeln ſtehenden, ältlichen Herrn zu verſchaffen, dem ich die Wirthſchaft führen will.— Alle Anweſenden pflichteten dieſem weiſen und frommen Entſchluſſe bei, mit Ausnahme Riekens, welche Agnes in die Seite ſtieß, um ſie auf das Verfängliche eines ſolchen Engagements aufmerk⸗ ſam zu machen. Dieſe frug verwundert, was es gäbe. — Ne, iſt das ein unſchuldiges Schaaf— murmelte Rieke ſtill für ſich und lachte, wie ſie es gewohnt war, in ſich ſelbſt hinein. Jetzt nahm die ſtolze Kammerjungfer von Neuem das Wort; diesmal aber wendete ſie ſich an den Mann, der noch immer unbekümmert an dem Schreibtiſch ſaß. — Aber, Herr Steiner, ich warte ſchon ſeit einer Viertelſtunde hier. Länger habe ich keine Zeit.— 8 — Thut mir leid,— entgegnete der Ange⸗ redete leiſe, ohne von ſeinem Büreau aufzublicken. — Können Sie denn Madame nicht rufen?— 61 — Ich darf nicht— flüſterte der Kleine voll Aengſtlichkeit— meine Frau macht noch ihre Toilette, und da ſoll ich ſie nicht ſtören.— Mit einem verächtlichen Achſelzucken wendete ſich die Kammerjungfer von dieſem Schatten eines Mannes ab und flüſterte der ſchmachtenden Blon⸗ dine einige Worte zu, welche ein Lächeln auf den verblaßten Lippen hervorriefen. Die andern Mädchen ſtimmten in dieſes Lächeln ein, welches bald mit einem lauten Gelächter endete. Der Kleine ließ ſich auch dadurch nicht ſtören, ſondern ſchrieb ruhig, über ſein Buch gebückt. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, welche von dem Empfangzimmer nach der eleganten Wohnung führte, und Madame Steiner erſchien in eigener Perſon. VI. Die Inhaberin dieſes Miethskomptoirs und Geſchäftsbüreau's, wie ſie ſich am liebſten nennen hörte, war eine große, ſtattliche Frau von einigen vierzig Jahren. Ihre Figur war impoſant und ſtach um ſo mehr durch Größe und Fülle neben der kleinen, dürftigen Geſtalt ihres Mannes ab. Das würdige Haupt, auf welchem eine moderne Haube mit orangen ſchreienden Bändern ſaß, wurde durch ein ſtattliches Doppelkinn geziert. In dem breiten, knochigen Angeſicht, das eine männliche Willenskraft verrieth, funkelten zwei dunkelſchwarze Augen voll weiblicher Schlauheit und Bosheit. Auf der ſinnlich aufgeworfenen Oberlippe machte ſich zum Aerger der Beſitzerin der dunkle Anflug eines angehenden Schnurrbartes breit, um den ſie ein junger Gardefähnderich wohl beneiden konnte. Ein ſeidenes Tuch bedeckte die üppige Fülle des enormen Buſens, und ein eleganter Morgenüberrock den übrigen koloſſalen Gliederbau. Mie dem würde⸗ vollen Anſtand einer Königin, welche beim Lever ihren Hofſtaat empfängt, trat ſie den Wartenden entgegen. Genau, als hätte ſie die Etiquette bei einer ſpaniſchen Oberhofmeiſterin ſtudirt, maß ſie die Verneigung ihres würdevollen Hauptes nach der Stellung und dem Range jedes Einzelnen in dieſer Geſellſchaft ab. — Ach Fräulein Adelgunde— ſprach ſie, indem ſie ſich zu der Kammerjungfer wendete — ſehr erfreut Sie zu ſehen. Sie wollen alſo wirklich Geheimraths verlaſſen? Kann es Ihnen 63 im Grunde nicht verdenken. Wollen ſehen, was ſich thun läßt.— Ach liebe Roſa— redete ſie jetzt die Blondine an— für Sie iſt bereits geſorgt. Eine ausgezeichnete Stellung. Wenn Sie klug ſind, kann es Ihnen gar nicht fehlen. Kommen Sie, kommen Sie in meine Stube, dort können wir ungeſtört mit einander die näheren Bedingungen beſprechen.— Mit demſelben Triumph, welchen zwei junge Hofdamen empfinden mögen, die zum erſten Male die königlichen Gemächer beſchreiten, folgten Roſa und Adelgunde der mächtigen Inhaberin eines Miethskomptoirs in die geheiligten Räume ihrer Wohnung, welche nur den Auserwählten und den hohen Herrſchaften offen ſtand, die ſich oft ſelbſt zu Madame Steiner in Peron bemühten. In der That zeigte das Zimmer von einer gewiſſen Eleganz, obgleich die Möbel ſowohl, wie die ganze Einrichtung daran erinnerten, daß alles nur einzeln auf verſchiedenen Auktionen erſtanden war. So wollten die Schränke von Kirſchbaumholz nicht zu dem Mahagonyſopha, die Stühle im Rokkoko⸗ geſchmack nicht zu dem modernen Divan paſſen. Der elegante Trümeaur ſtach gewaltig neben den ſchlechten Steindrücken ab, welche nur von ſchmalen Goldleiſten eingerahmt wurden. Dennoch verrieth ſich trotz dieſes Mangels an Einheit und Geſchmack in der ganzen Einrichtung ein gewiſſer Grad von Wohlhabenheit. Selbſt ein elegantes Tiſchchen mit allerlei koſtbaren Nippſachen fehlte hier nicht. Mei⸗ ſtentheils waren dieſe Gegenſtände, zu denen auch eine Pendeluhr mit ſilbernem Gehäuſe gehörte, Geſchenke dankbarer Mädchen, denen ſie einen vor⸗ züglichen Dienſt verſchafft hatte, ein Umſtand, den Madame Steiner nie zu erwähnen unterließ. Die Beſitzerin all' dieſer Koſtbarkeiten nöthigte die beiden jungen Damen auf das mit gehäkelten Makaſſars ſorgfältig überdeckte Sopha zum Sitzen, während ſie ſich ſelbſt in in den mit braunem Leder überzogenen Lehnſtuhl niederließ. — Ci, Sie wohnen wirklich allerliebſt— ſchmeichelte die gewandte Adelgunde.— Je öfter ich zu Ihnen komme, deſto beſſer gefällt es mir bei Ihnen.— — Es geht noch an— entgegnete ſelbſtge⸗ fällig Madame Steiner.— Es ließe ſich noch Manches beſſer einrichten, aber die Zeiten werden täglich ſchlechter.— 65 — Ei, ich dächte, Sie hätten doch nicht zu klagen— warf die blonde Roſa dazwiſchen. — Ja, wenn die Menſchen nicht ſo undankbar wären— ſagte mit einem ſchweren Seufzer und bedeutungsreich die Inhaberin des Vermiethungs⸗ komptoirs, indem ſie den Ton ihrer Stimme voll Rührung vibriren ließ und die Augen zum Himmel kehrte, ſo daß faſt nur das Weiße in denſelben ſichtbar war. — O, über mich ſollen Sie nicht klagen!— rief Adelgunde, welche die Abſicht dieſer Worte vollkommen begriffen hatte. — Ueber mich noch weniger— betheuerte die blaſſe Roſa, indem ſie betheuernd ihre Hand an den jungfräulichen Buſen legte. — O Sie kenne ich. Sie ſind gut, darum liebe ich Sie wie meine Kinder, aber es giebt Krea⸗ turen, ich ſage Kreaturen—. Madame Steiner vollendete ihren Schlußſatz nicht, weil der tremulirende Ton ihrer tiefen, ſono⸗ ren Stimme plötzlich in den höchſten Discant, von Rührung überwältigt, überſchlug. Eine Thräne glänzte in den Augen der ge⸗ fühlvollen Roſa, während Adelgunde, welche an Ring, Stadtgeſchichten. I. 5 66 Gemüth hinter keinem Menſchen zurückſtehen wollte, ihr feines Battiſttuch an die Augen führte, bei welcher Gelegenheit ſie, um die doppelte Bewegung zu erſparen, ſich die Naſe ſchneutzte. Madame Steiner war keine jener Frauen, welche ſich von ihrer Rührung überwältigen laſſen. Bald hatte ſie wieder ihre frühere Gemüths⸗ ſtimmung gefunden und das Gleichgewicht ihrer aufgeregten Gefühlswelt hergeſtellt. — Laſſen Sie uns von Geſchäften reden— ſagte ſie im gewohnten Baßton einer tiefen Orgel⸗ pfeife. — Steiner! Steiner!— rief ſie jetzt lant— bring, das Buch.— Durch die halb geöffnete Thür ſchlüpfte der ſchmächtige Mann gehorſam mit dem großen Buche herein. — Sieh nach, Steiner, hundertach— befahl die gebieteriſche Frau. — Kommerzienrath Bärenſprung in der Wil⸗ helmſtraße zehn, kleine Familie, Frau und Tochter. Eine Kammerjungfer wird geſucht, welche friſiren und plätten kann— las der Kleine mit flüſtern⸗ 67 der Stimme, welche an das Zirpen einer Grille unwillkürlich erinnerte. — Eine vortreffliche Stelle, in welche Sie gleich eintreten können, liebe Adelgunde— ſetzte Madame Steiner zur Empfehlung noch hinzu.— Der Kommerzienrath iſt ein ſtiller, ruhiger Mann, der ſich von Jedem um den Finger wickeln läßt.— Aber die Frau und das Fräulein? fragte die Kammerjungfer, welche gewohnt war, mit dem männlichen Theil in ihrem Dienſte immer beſſer auszukommen, als mit dem weiblichen. — O, die haben Sie gleich weg— belehrte die lebenskluge, erfahrene Steiner.— Die Kommerzien⸗ räthin iſt eine herzensgute Frau, die in ihre Tochter vernarrt iſt, und dieſe iſt Braut mit dem Aſſeſſor Lilienthal. Verliebte haben keine Augen. Sie werden thun und laſſen können, was Sie wollen.— — Aber werde ich auch ankommen?— fragte beſorgt die Kammerjungfer, welcher die vorgeſchlagene Stelle anfing zu gefallen. — Die Herrſchaft hat ihr Kammermädchen, Nän unmoraliſchen Lebenswandels, Knall und Fall entlaſſen müſſen. Sie verſtehen mich.— — Pfui!— rief bei dieſer Erklärung die 5* 68 tugendhafte Roſa entrüſtet aus, welche einen Dienſt bei einem einzeln ſtehenden ältlichen Herr ſuchte — ich begreife nicht, wie man ſo tief ſinken kann.— — Undankbarkeit iſt aller Laſter Anfang— bemerkte Madame Steiner mit ſalbungsvollem Ton — Dieſe Kreatur hat nie ein Herz gehabt, und wer kein Herz beſitzt, iſt zu Allem fähig. Sie aber ſind gewiß herzensgut. Steiner ſchlag' doch einmal für Fräulein Roſa Numero ſechs und neunzig auf.— Der kleine Mann that, wie ihm geheißen und las mit näſelnder Stimme: Rentier Wieſel, ein ältlicher Herr, ſucht eine treue, zuverläſſige Perſon, welche ihm die Wirthſchaft führt.— Madame Steiner ſetzte noch einige warme Worte zur Empfehlung des Herrn Wieſel hinzu, wobei ſie nicht unterließ, ſowohl ſeiner Moralität als auch Generoſität das beſte Zeugniß auszuſtellen. Beide Eigenſchaften ſchienen einen tiefen Eindruck auf das Herz der tugendhaften Roſa zu machen, welche ſich ſchnell bereit finden ließ, die angetragen Stelle anzunehmen. Mit nochmaligen Warnungen vor Undankt⸗ 69 barkeit und der Verſicherung der wärmſten Empfeh⸗ lung an die neue Dienſtherrſchaft verabſchiedete Madame Steiner die beiden Damen, welche ſie, nachdem ſie einen kleinen Abſchlag ihrer Dankbar⸗ keit in klingendem Courant empfangen, bis in das Vorzimmer zurückbegleitete. Von den daſelbſt War⸗ tenden ſchien keine mehr würdig genug, um das Allerheiligſte ihrer Wohnung zu betreten. Sie fertigte mit augenſcheinlicher Geringſchätzung, oft im harten Tone die Suchenden ab, bis die Reihe auch an Agnes kam, welche ſchüchtern und verlegen der gewaltig imponirenden Frau gegenüber ſtand. — Was wollen Sie?— fragte Madame Steiner kurz und barſch. Agnes vermochte vor Verlegenheit kaum ihre Wünſche klar und deutlich vorzutragen; doch der Schutzgeiſt, Rieke, welche ihr treu zur Seite blieb, nahm mit großer Zungengeläufigkeit für ſie das Wort. — Einen Dienſt wollen wir, nämlich meine Freundin hier— ſagte die treue, luſtige Seele.— Aber proper muß die Kondition ſein, und wenn der Lohn groß iſt, kann eine gute Behandlung juſt nicht ſchaden. Vor allen Dingen aber wün⸗ 70 ſchen wir Ueberfluß an Eſſen und Mangel an Arbeit.— — J, NManſell Rieke, leben Sie auch noch? — fragte die Vermiethsfrau, welche zuweilen in einen populären Ton verfiel und überdies das heitere Mädchen leiden mochte. — Zu dienen, Madame Steiner. Na haben Sie was vor uns?— — Das geht nicht ſo ſchnell. Ihre Freundin iſt ja nur ein Kind.— — Aus Kindern werden Leute. Sie ſieht nur ſo dürftig aus, weil ſie noch nicht das zweite Frühſtück genoſſen hat. Nach Tiſche ſollten Sie ſie ſehen, dann iſt ſie faſt ſo ſtark wie ich. — Sie Eulenſpiegel! Was kann denn Ihre Freundin?— — Ein Bischen nähen und ein Bischen kochen, viel eſſen, trinken und ſchlafen. Sie ſehen, es iſt ein Mädchen für Alles.— — Nun Spaß bei Seite!— rief jetzt Madame Steiner, welche für gut fand, den ſcherzhaften Ton, den Rieke angeſtimmt und dem ſie ſich unwillkür⸗ lich hingegeben, mit dem alten, würdevollen Ernſte zu vertauſchen.— Es wird ſchwer halten, eine 71 paſſende Kondition für ihre Freundin aufzu⸗ finden.— — Was Sie ſagen!— Während Rieke eine Antwort vergebens er⸗ wartete, muſterte die umſichtige Frau ſowohl die Geſtalt, als noch mehr die dürftige Garde⸗ robe, welche Agnes trug; wahrſcheinlich um die Dankbarkeit derſelben und darnach ihre Bemühun⸗ gen abzumeſſen. Nach einer kurzen, bedenklichen Pauſe ſagte ſie:— Ich will ſehen, was ſich thun läßt; jedoch müſſen Sie wiſſen, daß nur der Tod umſonſt iſt. Jeder Nachweis einer Stelle koſtet acht gute Groſchen, ohne die Dankbarkeit irgendwie zu beſchränken.— Agnes, deren Herz voll Erwartung pochte und die ſich bereits der ſchönſten Hoffnung hingegeben hatte, ſtand mit einem Male wie vernichtet da. Auf dieſen Fall war ſie nicht vorbereitet. Sie beſaß keinen Pfennig Geld. Das Bewußtſein ihrer Armuth jagte ihr die Schamröthe in das bleiche Angeſicht. Mit niedergeſchlagenen Augen geſtand ſie den Mangel ihrer Kaſſe ein. — Ja, da kann ich Ihnen auch nicht helfen 72 — lautete die wenig tröſtliche Antwort der harten Frau, die ſich ſogleich einem andern Mädchen zu⸗ wendete, welche die Verwendung der Allmächtigen für ſich in Anſpruch nahm. Die Thränen ſtanden dem armen Kinde in den Augen. Rieke aber war einmal und blieb der Schutzengel, welchen der Himmel für Agnes herab⸗ geſandt. Unbemerkt hatte das gute Mädchen in den Buſen gegriffen und ein kleines ledernes Beu⸗ telchen hervorgezogen, das ſie heimlich öffnete. Es waren die geringen Erſparniſſe darin, die ſte zu ihrer Kleidung verwendete. Ein Pelzmuff für den Winter war das Ziel aller ihrer Wünſche. Zwei harte Thaler hatte ſie bereits von ihrem Lohn zu dieſem Zweck zurückgelegt. — Nimm— füüſterte ſie leiſe, indem ſie Agnes ungeſehen das Geldſtück in die Hände drückte. Als dieſe zögerte, ſetzte ſie hinzu:— Wenn du einen Dienſt bekommſt, kannſt du es mir wiedergeben.— Rieke lachte dabei ſo herzlich, daß Agnes auch nicht länger widerſtand. Dieſes Lachen und das kleine Darlehn hatte wohl ein Engel vom Himmel herab geſehen und in das Buch der Ver⸗ —* 73 grltung eingetragen, wo ihr Beides reiche Zinſen tragen ſollte. Mit dem Thaler in der Hand wagte Agnes zum zweiten Male an Madame Steiner heranzu⸗ treten, welche ſich jetzt bereitwilliger finden ließ, ihr die gewünſchte Stelle nachzuweiſen. Das in⸗ haltreiche Buch wurde auf ihr Geheiß von Neuem geöffnet, und ihr ein Dienſt bei dem Viktualien⸗ händler Hintze zugeſprochen. — Nun muß ich mich ſputen— ſagte Rieke, als ſich beide Mädchen wieder auf der Straße be⸗ fanden— Meine Madame wird mir ohnedies ein Aufgebot machen, daß ich ſo ſpät nach Hauſe komme.— Agnes erſchöpfte ſich in Dank. — Laß gut ſein— ſagte die Freundin.— Sieh, wie die neue Herrſchaft dir gefällt. Wenn dir etwas fehlt, dann komm' nur zu mir. Du kennſt noch nicht die Welt. Wenn ich dir helfen kann, ſo thue ich's gern. Nicht wahr, wir wollen immer gute Freundinnen ſein und Kameradſchaft halten?— Agnes antwortete nicht, denn das Herz war ihr ſo voll. Unwillkürlich drückte ſie die gute Rieke an ihr Herz. Die Mädchen küßten ſich. Ein Droſch⸗ kenkutſcher, der in der Nähe hielt, ſpottete über dieſen Beweis einer rührenden Zärtlichkeit. — Altes Droſchkenpferd!— rief ihm Rieke zu— wenn du den häßlichen Bart abraſirt und dich rein gewaſchen haſt, ſollſt du auch das nächſte Mal einen Kuß von mir bekommen.— Unter ſchallendem Gelächter verſchwanddieluſtige Rieke um die nächſte Ecke und ließ Agnes tief ge⸗ rührt zurück, welche zunächſt den Weg nach dem heimathlichen Keller nahm. VI. Es war ein trauriger Tag, an welchem Agnes von dem elterlichen Hauſe Abſchied nahm und zu dem Viktualienhändler Hintze zog, der ſie auf Empfehlung der renomirten Madame Steiner in ſeine Dienſte nahm. Die Mutter umſchlang ſie immer von Neuem und wollte ſie nicht aus ihren Armen laſſen. Die Mädchen klammerten ſich ſchreiend an, und ſelbſt Neumann ſchien ergriffen und reichte ihr die harte Schwielenhand. Mit feuchten Augen trat Agnes zum erſten Male vor die neue Dienſtherrſchaft. Auch dieſe wohnte im Kellergelaß, aber welch ein Unterſchied von dem elterlichen Hauſe! Sobald man hier die Treppe hinunter geſtiegen war, befand man ſich in einem weiten, wenn auch dunklen Gemach, das mit Gegenſtänden aller Art angefüllt war. Den erſten Platz behauptete ein großer, roth angeſtrichener Ladentiſch, auf welchem Häringe und Butter in kleine Stücken getheilt, Eier und Landbrot in trau⸗ ter Gemeinſchaft ruhten. Von dem hohen Geſtelle hingen einige Pfund ſchwind⸗ und gelbſüchtiger Talglichter, ſammt den unentbehrlichen Wageſchalen nieder. Hinter dem Ladentiſche ſtand ein alter Großvaterſtuhl, auf welchem Madame Hintze den größten Theil des Tages mit der Bedienung ihrer zahlreichen Kundſchaft, oder der Lektüͤre des In⸗ telligenzblattes hinzubringen pflegte. Ein verſchoſſener Vorhang von rothem Zeuge trennte das Verkaufslokal von der eigentlichen Wohnung, welche trotz der niederen Fenſter, durch welche das Tageslicht nur ſparſam ſchien, einen durchaus freundlichen Anblick bot. Die Möbel waren zwar alt und wurmſtichig, aber durchaus reinlich gehalten. Kein Stäubchen lag darauf. Nebet dem Sopha thronte der halb blinde Spiegel, und zu beiden Seiten deſſelben hingen zierlich ge⸗ 2 ſchriebene Neujahrwünſche von der Hand des ein⸗ zigen Sohnes. An das Wohnzimmer ſtieß ein kleines Schlafzimmer mit den hochgethürmten Bet⸗ ten, deren weiße Decken mit friſch gefallenem Schnee wetteifern konnten. Wie die Zimmer und die Möbel ſahen auch die beiden, alten Beſitzer aus, etwas wurmſtichig und vom Zahne der Zeit zernagt, aber ſauber und freundlich, daß es Einem ordentlich wohl that, ſte anzuſchauen. Seit dreißig Jahren und länger waren ſie verheirathet. Damals hatten ſie mit geringen Mitteln ihren Viktualienhandel angefan⸗ gen, und Gott hatte ihren Fleiß und ihre Redlich⸗ keit belohnt. Nie hatte Vater Hintze, wie er allgemein in der ganzen Nachbarſchaft genannt wurde, die Butter verfälſcht oder betrügeriſch ge⸗ wogen, nie einen faulen Häring oder ein dumpfes Ei mit ſeinem Wiſſen verkauft. Seine Waar blieb die beſte und war in dem ganzen Stadt⸗ viertel weit und breit berühmt. Nicht nur die armen Handwerker und Arbeiter, auch mehrere Herrſchaften ließen bei ihm ihren Bedarf holen, wenn der Vorrath zufällig ausgegangen walß 77 Auf dieſe Weiſe hatte das glückliche Ehepaar manchen Groſchen erſpart. Da ſte ihre Ein käufe immer mit baarem Gelde machten und Niemand etwas ſchuldig blieben, ſo war auch der Gewinnſt ein anſehnlicher, und allgemein galten die Hintzes in der Nachbarſchaft für Leute, die in der Wolle ſäßen und ihr Schäflein im Trocknen hätten. Aber ſte wußten auch, für wen ſie ſparten. Sie hatten einen einzigen Sohn, der ihnen von drei Kindern übrig geblieben war, und den ſie darum dreifach liebten. Er hieß Karl, und war der bravſte und ſchönſte Burſche, nicht allein in den Augen ſeiner Eltern, denen Gott dieſe Vorliebe ſicher verziehen hätte, ſondern auch in den Augen aller Welt. Er hatte ein Handwerk gelernt und war ein tüchti⸗ ger Feilenhauer geworden. Oft ſeufzte Mutter Hintze darüber und klagte, daß das ſchöne Geſchäft nach ihrem Tode eingehen, oder in fremder Leute Hände kommen ſollte, dann tröſtete ſte der Vater und meinte, ein ehrlich Handwerk nähre ſeinen Mann, und Karl ſei mit ſeiner kräftigen Geſtalt und ſeinem geraden Sinn nicht für den Viktualien⸗ handel geboren. — Wenn wir ſterben— pflegte er noch hinzuzuſetzen— hinterlaſſen wir ihm mehr, als er wohl glaubt. Dann kann er eine Werkſtätte ſelbſt errichten, Meiſter werden und wird uns noch im Grabe ſegnen, daß wir ihm ſeinen Stand frei wählen ließen.— Vater Hintze war, wie wir ſehen, ein ganz verſtändiger Mann, nur ein wenig eigenſinnig und hitzig, wie ſeine Frau hinzuzuſetzen pflegte, wenn ſie ihn lobte, was den Tag wohl oft genug ge⸗ ſchah. Dagegen war ſie ſelbſt die herzige Güte und wie eine Taube, ganz ohne Galle. Man brauchte nur das freundliche Mütterchen anzuſehen, um es zu glauben. Das alte Geſicht glänzte trotz der hundert Runzeln wie ein friſcher Winterapfel und ſtrahlte vor Glück und Seligkeit. Eine ſchnee⸗ weiße Haube, zierlich um das runde Kinn gebunden, legte ſich in Krauſen um die noch immer weiße Stirn. Die hellen, blauen Augen leuchteten trau⸗ lich wie die Lichter der Heimath in der ſtillen Win⸗ ternacht. Trotzdem ihr ſchon viele Zähne ausge⸗ fallen waren und die letzten auch zu wackeln anfingen, waren die Lippen nicht welk, ſondern friſch und roth. Wenn die Alte lachte, da war's grad, als ob tauſend gute Geiſter Gott den Herrn lobten, 79 und das geſchah juſt allemal, wenn ſie mit mütter⸗ lichem Stolz von ihrem Sohne ſprach. Die Jahre hatten ſie weder griesgrämig noch ſchwerfällig ge⸗ macht, und die kleine, ziemlich wohlbeleibte Frau übertraf, wie ſie ſich zuweilen rühmte, manches junge Mädchen noch an Fleiß und Rührigkeit. Vater Hintze paßte recht zu ihr. Er war um fünf Jahr älter, und ſo gehört ſich's auch, denn der Mann muß immer älter ſein, als die Frau, welche wie eine Blume ſchnell verblüht, während er wie ein Baum trotz der Jahre ſtramm und aufrecht ſteht. Feſt war der Vater Hintze wie aus Eichenholz gefertigt und zuweilen wohl auch hart und knorrig wie ein alter Stamm. Unter der Mütze guckten zwar die grauen Haare ſchon hervor, aber trotz des Schnees auf dem greiſen Haupte loderte noch ein jugendliches Feuer in den hellen Augen, über denen ſich die weißen Augen⸗ brauen wölbten. Zwar war die Naſe zu groß gerathen, aber das ſchadete nichts, und ſie ſtand ihm gut zu dem braunen Angeſicht, das dadurch faſt ein martialiſches Ausſehen bekommen hatte. Trotz der großen Naſe war auch er herzensgut, aber ein Cholerikus, der ſchnell jähzornig auf⸗ brauſen, aber eben ſo ſchnell wieder wie ein Kind ſich beruhigen konnte. Wenn er aber ſeinen Rap⸗ tus bekam und in Hitze gerieth, dann ſchwoll auch die breite Stirnader mächtig an, welche wie ein rothes Feuerzeichen leuchtete. So war das Haus mit den Leuten beſchaffen, bei welchen Agnes ihren erſten Dienſt angetreten hatte. Sittſam grüßte ſie bei ihrem Eintritt die alten Leute, von welchen ſte, wenn auch ernſt, doch freundlich empfangen wurde. — Leg' nur deine Sachen ab— ſagte die Frau zu dem Mädchen, welches in einem kleinen Bündel unter dem Arme ihre ganze Habſeligkei⸗ ten trug. Es iſt dein erſter Dienſt!— fragte Herr Hintze, der mit einem großen Meſſer ein großes Stück Butter in kleine Theile zum Verkauſe ſchnitt. — Es iſt mein erſter— flüſterte Agnes kaum vernehmbar.— Ach, ihr Herz war noch ſo vom Abſchied erfüllt und ſchwer beklommen. Trotz des freundlichen Empfanges und der Zutrauen erwer⸗ benden Geſtalt ihrer neuen Dienſtherrſchaft hatte ſie ein eigenes Gefühl beſchlichen, von dem ſie ſich 81 kaum Rechenſchaft zu geben vermochte. Ging es ihr im elterlichen Hauſe auch ſchlecht, ſo war ſie doch bei den Ihrigen und frei. Mit dieſem Schritt hatte ſie ihre Freiheit aufgegeben. Der Wille fremder Menſchen beherrſchte ſie von nun an. Ihre Zeit, wie ihre Bewegungen gehörten nicht mehr ihr an. Selbſt das Wort mußte ſie behüten und beherrſchen lernen, nur noch die Gedanken blieben ihr. Dienen iſt ein gar hartes Loos! Wen der gütige Gott davor ſchützt, der ſollte auch mild und freund⸗ lich gegen ſeine Leute ſein. Dieſe Empfindungen bewegten, wenn auch nicht ſo klar, das arme Kind, das heut zu erſten Male das Brot der Knecht⸗ ſchaft aß. Agnes hatte es noch gut getroffen. Die alte Frau nahm ſtie bei der Hand und führte ſie von dem Laden in das Wohnzimmer, in die Küche und die Vorrathskammer. Dabei unterrichtete ſie die Unwiſſende auf das Freundlichſte. — Vor allen Dingen will ich Ehrlichkeit und Sauberkeit— ſagte ſie, indem ſie wohlgefällig auf das blankgeſcheuerte Küchengeräthe deutete.— Wer das Haus nicht rein hält, hält auch das Herz nicht rein. Waſſer koſtet nichts und bringt viel Ring, Stadtgeſchichten. I. 6 82 ein. Die Vorige mußte ich abſchaffen, weil ſie ſchmutzig war. Die kommt nimmermehr auf einen grünen Zweig.— Agnes gelobte, nie in dieſen Fehler zu ver⸗ fallen. — Ich will es gern glauben, denn du ſiehſt ganz proper aus und ſcheinſt an Reinlichkeit von Hauſe aus gewöhnt zu ſein. Vor allen Dingen aber verlang' ich Ehrlichkeit. Lügen duld' ich nicht. Wer lügt, ſtiehlt; und wer ſtiehlt, kommt an den Galgen. Nun, wir vertrauen dir auch unſer Bischen an. Du mußt auch den Verkauf lernen und uns hübſch zur Hand gehen. Gegen die Kunden ſollſt du immer höflich ſein. Mit dem Hute in der Hand, kommt man durch's ganze Land, wie mein Alter ſagt. Apropos! was den Herrn betrifft, ſo iſt er der beſte Mann der Welt; ein bischen jähzor⸗ nig, aber dann wieder ſo gut, daß man ihn um den Finger wickeln kann. Wenn er wild wird, dann reize ihn nicht durch Widerſpruch. Ein wenig Nachgiebigkeit zur rechten Zeit, hat niemals noch geſchadet. Alſo hörſt du, ſei geduldig mit dem alten Manne und denke, daß er dein Vater ſein könnte.— 83 So ſchwatzte und belehrte die gute Alte das junge Mädchen. Dabei trippelte ſie immer voran mit dem Wiſchlappen in der Hand. Kein Stäͤub⸗ chen entging ihrem ſcharſen Auge, und ſchnell war ſie bei der Hand, um bald die Kommode, bald den Schrank noch heller zu ſcheuern, als ſie ohnedies ſchon waren. — Kannſt du denn auch kochen?— fragte Frau Hintze, ſich bei der Arbeit plötzlich unter⸗ brechend. Agnes geſtand erröthend ihre Unkenntniß. — Nun, das ſchadet nichts, aber lernen mußt du es. Eine ſchlechte Köchin giebt eine ſchlechte Ehefrau. Wenn's dem Manne nicht zu Hauſe ſchmeckt, dann ſucht er auswärts ſeinen Mittags⸗ tiſch, und das giebt einen doppelten Haushalt, wo man oſt den einfachen nicht beſtreiten kann. Bei uns geht es nur ganz einfach her; geſunde Hausmannskoſt, wie es ſich für Mittelleute ſchickt. Sonntags haben wir einen Braten, wenn unſer Karl nach Hauſe kommt. Die Woche über ißt er beim Meiſter, um keine Zeit zu verſäumen. Freilich wäre es uns lieber, wenn er immer an unſerm 84 Tiſche ſitzen könnte, denn jeder Biſſen ſchmeckt mir wie Marzipan, wenn er an meiner Seite ſitzt.— Nun waren mit einem Male die Schleuſen der mütterlichen Beredſamkeit eröffnet, und da gab es kein Halten mehr. Von Kopf zu Fuß ſchilderte die gute Frau den geliebten Sohn. EChe eine Viertelſtunde vergangen war, wußte Agnes bereits, daß er die blanen Augen von der Mutter und das dunkle Haar vom Vater habe. — Aber größer, ein ganz Stück größer iſt er noch— bekräftigte die Glückliche.— Er iſt ſo ſchlank, wie ein Tannenbaum und ſo ſchön weiß und roth wie der Alte niemals war.—— Von der äußeren Geſtalt ging die Schilderung in einem Fluſſe auf ſeine geiſtige Eigenſchaften über. Da gab es keine Tugend, die er nicht beſaß. Er war weiſe wie Salomo, ſtark wie Simſon und ſang wie König David zu der Harfe. Von ſeiner Geburt bis zu dem jetzigen Augenblick erzählte die Unerſchöpfliche ſeine ganze Lebensgeſchichte. Die Freude, die ſte beim erſten Zahne empfunden, den Schmerz, den ihr die große Beule verurſacht, die er bei ſeinen Gehverſuchen ſich gefallen. Sie be⸗ gleitete ihn in die Schule, wo er immer fleißig 8⁵ war und die beſten Zeuguiſſe erhalten hatte, welche ſorgfältig aufbewahrt wurden. Sie trat mit ihm zur Konfirmation an des Herren Tiſch, wo ſeine lauten und dreiſten Antworten alle Welt in Ver⸗ wunderung und Erſtaunen verſetzten. Sie ging mit ihm in die Lehre, ſie war zugegen, als er frei geſprochen wurde. Ach, das Herz der Mutter iſt ſo reich an Erinnerung; jedes Ereigniß in dem Leben eines Kindes iſt für ſie eine große Ge⸗ ſchichtsepoche, jede Kleinigkeit hat den Werth einer heiligen Reliquie und ihre ganze Seele iſt ein voll⸗ geſchriebenes Buch der Liebe. Agnes gewann ſogleich ungemein in den Augen der guten Frau, weil ſie ihr ſo geduldig und ohne Unterbrechung zuhörte, obgleich Madame Hintze in vollem Ernſte meinte, daß es auf der ganzen Welt keine intereſſanteren Geſpräche und Erzählungen geben könnte, als die von ihrem Sohne handelten. — Ich weiß, ihr lacht nicht über die Einfalt der lieben Seele, und Gott wird ihr gewiß die Schwäche einſt verzeihen. 86 VIII. So war Agnes bald in das Hausweſen ein⸗ geweiht, und der Schmerz der Trennung halb ver⸗ geſſen. Es machte ihr Freude, der rührigen Alten beim Verkaufe und in der Küche zur Hand zu gehen. Sie lernte leicht und ſchnell den Preis der Waaren und die kleinen Handgriffe kennen. Selbſt Vater Hintze, der bis jetzt in ſeiner Weiſe wenig oder gar keine Notiz von ihr genommen, lobte ihre Anſtelligkeit, und hob beſonders hervor, daß ſie ſo raſch gefaßt hatte, mit der Wage richtig umzugehen, ſo daß das Züngelein immer in der Mitte ſtand. Nach ſeiner Meinung war das die ſchwerſte Kunſt und der Inbegriff aller Weisheit der Handelswelt. So war unbemerkt der kurze Wintertag ver⸗ gangen und es dunkelte bereits. Die Käufer kamen nur ſeltener, höchſtens wurden Talglichte oder Schwefelhölzer noch verlangt. Die alten Leute hatten ſich in ihr trautes Wohnſtübchen zurückge⸗ zogen, wo der gewaltige Kachelofen eine angenehme Wärme verbreitete. Auf dem Tiſch, an dem ſtie ſaßen, brannte die friſch angeſteckte Lampe und 87 verbreitete ihren trauten Schein. Herr Hintze zählte die Kaſſe nach und rechnete auf einer großen Schiefertafel, welche ihm zur Seite lag. Ueber ſeinen Stuhl gebeugt, ſah die Alte auf die Zahlen nieder, die ihr Herz erfreuten, weil ſie bei dem Gewinnſt wieder an ihren Sohn erinnert wurde, dem doch Alles einſt zu Gute kommen ſollte. In einer Ecke ſaß Agnes auf einem niedrigen Stuhl und ſtrickte an einem ſchwarzen Siranädf den ihr die Frau zur Beendigung übergeben. Die Lampe verbreitete nur ſo viel Licht, um die würdigen Häupter der beiden Alten zu beſtrahlen, die gegen alles Uebrige gehalten mit einer hellen Glorie um⸗ geben waren, während Agnes ganz im Schatten blieb. Wenn dann ab und zu ein Käufer kam, den die Glocke an der Ladenthür mit ihrem ſchrillen Ton verkündete, ſprang ſie ſchnell empor und er⸗ theilte die gewünſchten Waaren. Wieder ließ ſich die Klingel von Neuem hören, aber diesmal eigenthümlich leiſe. Agnes wollte hinauseilen, doch die Alte hieß ſie bleiben. — Das iſt mein Sohn, mein Karl— ſetzte ſie hinzu— den kenne ich gleich am Schritt.— Mit dieſen Worten eilte ſiedem Kommenden entgegen. 88 — Guten Abend Mutter, guten Abend Vater! — ſagte eine milde und doch ſo kräftige Manns⸗ ſtimme, welche der im Schatten ſitzenden Agnes wohl bekannt erſchien. Eine unbeſtimmte Erinne⸗ rung ſtieg in ihrer Seele auf, und unwillkürlich mußte ſie erbeben. Der Sohn reichte ſeine Hand den Eltern hin, welche ſie ihm innig drückten. Herr Hintze ſchob das Geld ſammt der Rechentafel bei Seite und hieß ihn niederſetzen. Bei dem Scheine der Lampe konnte Agnes einen verſtohlenen Blick auf den Vielgeprieſenen werfen, ohne ſelbſt geſehen zu wer⸗ den. Die Mutter hatte Recht; er war ſchlank gewachſen, wie ein geſunder Tannenbaum, und ſein Geſtcht, von der Arbeit noch geröthet, ſtrahlte wie der junge Tag. — Haſt dich heut gewiß wieder angeſtrengt? — fragte die beſorgte Mutter, indem ſie ihm mit der Hand leiſe über die klare, leuchtende Stirn fuhr. — Es ging noch an. Arbeit giebt es vollauf. Je mehr zu thun, deſto mehr Verdienſt— ent⸗ gegnete der Sohn. Annes lauſchte geſpannt auf jedes Wort, das der rüſtige Geſelle ſprach. Ihr Herz ſchlug bei 89 dem Klange ſeiner Stimme ihr hoch bis zum Hals hinauf. Doch ſie wußte nicht warum. — Du ſollteſt dich doch ein wenig ſchonen— meinte die beſorgte Mutter.— Wie mir ſcheint, ſiehſt du bläſſer aus, wie ſonſt. Ueberarbeiten ſollteſt du dich juſt nicht, denn ſo gar nöthig haſt du's nicht.— — Alte, wirſt du wieder ſchwatzhaft!— unter⸗ brach ſie faſt mit Heftigkeit Vater Hintze.— Karl wird am Ende glauben, daß wir reiche Leute ſind, die ihm einmal Schätze hinterlaſſen werden.— — Ei, ich weiß ja beſſer, daß Ihr nichts überflüſſig habt, und ich verlange auch nichts von Euch— entgegnete der Sohn.— Ihr habt ſchon mehr für mich verwendet, als ich Euch je in meinem Leben wiedergeben kann. Wenn ich mir Geld wünſche, ſo geſchieht es nur, um Euch das Alter ſüß und angenehm zu machen, damit Ihr Euch nicht ſo zu plagen braucht, wie jetzt.— Das Mütterchen erwiederte nichts darauf; von Stolz verklärt ſchaute ſie nur von der Seite den Vater Hintze an, und in ihren Augen konnte er deutlich leſen: ſiehſt du, ſolch ein braves Kind, das 90 zum zweiten Male nicht auf der Welt vorhanden iſt, hab' ich dir geboren. Um die eingetretene Rührung zu verbergen, rief die gute Frau jetzt mit lauter Stimme— Agnes!— Dieſe ſchrak zuſammen, als hätte man ſie plötzlich aus einem unausſprechlich ſüßen Traume geweckt. Schüchtern und verlegen kam ſte aus dem Hintergrund. — Unſer neues Dienſtmädchen— bemerkte freundlich das Mütterchen. Agnes ſchlug verſchämt die Augen nieder, als der Sohn ſie halb neugierig mit ſeinen klaren, ſeſten Blicken muſterte. — Guten Abend und willkommen!— rief er freundlich ihr entgegen. Sie ſchrak zuſammen. Jetzt erſt hatte ſie den jungen Mann erkannt, der beim Umzug die ſchwere Kiſte in den Keller hinab getragen und als Helfer in der Noth ſich bewieſen hatte. Eine flammende Röthe bedeckte ihr Geſicht. Verlegen ſpielte ſie mit dem Strickſtrumpf in der Hand. Gern hätte ſie ſich zu erkennen gegeben und von Neuem ihm gedankt, doch ſie vermochte nicht ein einzig Wört⸗ 91 lein hervorzubringen, hätte es ihr auch das Leben koſten ſollen. — Sie iſt noch ein wenig ſchüchtern— ent⸗ ſchuldigte die Alte.— Geh' in die Küche und ſieh nach dem Abendbrod, denn mein Sohn wird hungrig ſein.— Als Agnes draußen am Heerde ſtand und das kleine Mahl bereitete, da mußte ſie recht un⸗ willkürlich an die ſonderbare Begegnung mit dem jungen Manne denken. Sie hatte die wunderliche Gewohnheit, wenn ſie allein war, mit ſich ſelbſt zu ſprechen. — Ja, gut muß er ſein— flüſterte ſie ſtill für ſich— wie freundlich hat er uns geholfen und wie ſchön klingt Alles, was er ſagt. Wenn ich ſolch' einen Bruder hätte, der würde eine rechte Stütze für die Mutter ſein und ihr mehr helfen, als ich armes Mädchen kann.— Mit einem Male trugen ſie die Gedanken weit hinweg zu den Ihrigen. — Was ſie jetzt nur machen mögen? Ob die Mutter auch geſund und munter iſt? Gott ſchütze und erhalte ſie!— Fromm hatte ſie die Hände, wie zum Gebete gefaltet und ſtarrte in die flackernde Glut, welche mit ihrem Purpurſchein das liebliche Geſicht be⸗ leuchtete. So fand ſie noch die gute Alte, die vorſichtig geſchlichen kam, um ſelber nach dem Eſſen zu ſehen. Ungehört war ſie gekommen und blickte halb verwundert, halb wohlgefällig auf das betende Kind, welches leiſe die Lippen bewegte und aus tiefſter Seele für das Wohl der Ihrigen flehte. Ein ſchwaches Hüſteln, von welchem die brave Frau dann und wann befallen wurde, ſchreckte Agnes aus ihrer frommen Stimmung auf. — Ci, du brauchſt dich nicht zu ſchämen— ſagte freundlich die Alte zu dem verlegenen Mäd⸗ chen.— Wer Gott fürchtet, hat die Menſchen nicht zu ſcheuen, und ein Gebet aus ganzer Seele giebt Kraft und Muth zu jedem Werke. Ich glaube, wir werden gut mit einander auskommen, denn ich mag die frommen Menſchen leiden.— Agnes ſchlug bei dieſem Lobe die Augen nie⸗ der und bat um Entſchuldigung, weil das Eſſen noch nicht fertig war. — Nun, das thut nichts. Freilich, mein Alter und der Karl werden ſchon hungrig ſein, aber ich 93 will dir helfen. Kann mir wohl denken, daß dein Herz heut voll iſt. Mein Gott, wenn man eben erſt die Seinigen verlaſſen hat, da gehen einem wohl allerlei Gedanken durch den Kopf.— Geſchäftig ſtellte die Frau ſich an den Heerd, auf welchem bereits die Butter in der Pfanne ſpritzte. Dann nahm ſie Eier und Mehl und machte in kurzer Zeit einen Eierkuchen, der goldig auf der weißen Schüſſel ſchimmerte. — Grade ſo liebt ihn mein Sohn, ein wenig ſcharf gebacken muß er ſein, wenn er ihm ſchmecken ſoll. Merke dir das und vergiß mir künftig nicht das Eſſen. Beten und arbeiten, es hat Alles ſeine Zeit, wie der Prediger ſagt.— Mit dieſer wohlgemeinten Warnung, welche von dem herzgewinnendſten Lächeln begleitet wurde, ſchritt die Alte voran. Agnes folgte mit dem friſchen Eierkuchen, der einen lieblichen Geruch verbreitete. Während des Eſſens ließ ſich draußen auf dem Flur der Ton einer Harfe hören, begleitet von Geſang. Die Melodie war einfach und bekannt, ein Volkslied, wie man es häufig in den Straßen ſingen hört. Die Stimme des Sängers, die einſt 94 voll und wohlklingend geweſen ſein mochte, hatte im Sturm und Unwetter ihren Schmelz verloren. Zitternd und gebrochen verhallten die Töne; den⸗ noch lag in ihnen ein eigenthümlich melancholiſcher Reiz, der ein Echo in dem weichen Herzen des Mädchens fand. Kaum vermochte Agnes, welche während des Eſſens auf dem Stuhle mit dem Strickſtrumpf ſaß, ihre Thränen zurückhalten. Als die erſte Strophe des klagenden Liedes beendet war, ſagte die gute Alte:— Es iſt der Blinde. Gewiß hat er heut wenig eingenommen und ein ſchlechtes Geſchäft gemacht. Gott weiß, ob es zum Abendbrod hinreichen wird. Geh' Agnes und trage ihm das hinaus.— Mit dieſen Worten legte ſte ein Stück des Eierkuchens auf einen irdenen Teller und fügte eine tüchtige Schnitte Brot hinzu. Als das Mädchen auf den matt erleuchteten Flur getreten war, fand ſie einen kleinen, alten Mann, der erſchöpft ſich an die Wand lehnte. In ſeinen Armen hielt er das Inſtrument, welchem die erſtarrten Hände noch ſüße Töne zu entlocken wußten. So leiſe auch Agnes gekommen war, ſo hatte der Blinde, mit dem feinſten Gehoͤr begabt, 95 doch ihr Nahen bemerkt und ſich aufgerichtet. Das ſchwache Licht der Hauslampe reichte hin, um ein gramdurchfurchtes, ſchmerzenreiches Angeſicht zu zeigen, aus welchem die erloſchenen Augen ge⸗ ſpenſterhaft ihr entgegen ſtarrten. — Da nehmt— ſagte Agnes zu dem armen Manne mit ihrer weichen Stimme— Frau Hintze ſchickt Euch Abendbrot.— — Gott ſegne ſie!— entgegnete der Blinde, indem er taſtend ſeine Hand nach dem Teller ſtreckte. Agnes verweilte noch ein wenig, um das Geſchirr wieder mit ſich fortzunehmen. — Du biſt das neue Mädchen?— forſchte der Blinde.— Gieb mir deine Hand.— Sie reichte ihm dieſelbe hin. Der unglückliche Mann hielt ſie wie pruͤfend in der ſeinigen.— Eine feine Hand, eine gute Hand— murmelte er fuͤr ſich— rein und ſchuldlos, ach, wer es ewig bleiben könnte, aber die böſen Geiſter ruhen und raſten nicht, bis ſie uns verführt haben und zu Sündern machen.— Agnes wurde es bei dieſen ſonderbaren Reden unheimlich zu Muthe. Sie glaubte, daß der Un⸗ gluͤckliche auch den Verſtand verloren habe. Schnell ſuchte ſie die Hand ihm zu entziehen, welche er noch immer in der ſeinen hielt. — Laß mir die Hand— flehte der ſeltſame Blinde— und führe mich über den Hof. Ich kann ſonſt fallen, oder mich ſtoßen. Ach! der Böſewicht hat mich verlaſſen— ſetzte er hinzu. Mitleidig nahm ihn Agnes beim Arme und leitete ihn ſanft durch den Flur und über den langen, ſchmalen Hofraum, der voll Fäſſern und allerlei Gerümpel ſtand. Unterwegs erzählte ihr der Blinde, daß ſein Führer nicht weiter als bis zur Hausthür ihn geleitet, und ſich dann von ihm getrennt habe, um in einer Schenke ſich gütlich zu thun und den Verdienſt, den er mit ihm theilen müßte, zu verſchwenden. — Ach, der Böſewicht, der Böſewicht!— ſeufzte der arme Mann von Neuem.— Täglich beſtiehlt er mich, plündert er mich aus und läßt mich allein in meiner Noth.— Ueber dieſen Klagen waren beide bis an das Ende des Hofes gelangt, wo der Blinde auch im Keller des Hinterhauſes wohnte. Ein feuchtes Loch war ſein Aufenthalt, ein halb verfaulter Strohſack ſeine Lagerſtätte, ein Tiſch und ein Stuhl ſein 97 ganzes Hausgeräth. Selbſt unter den Kellerwoh⸗ nungen giebt es noch einen Unterſchied, von dem ſich unſere Philoſophie nichts träumen läßt, ele⸗ gante Salons und wüſte Höhlen, in denen das Elend und Verbrechen hauſen. Bis zu der Fallthür, welche zu der Höhle des Blinden führte, hatte Agnes dieſen begleitet. — Leb' wohl, mein Kind,— ſagte er, indem er niederſtieg.— Gott bezahle dir, was du an mir armem Mann gethan.— Als Agnes zu ihrer Herrſchaft zurückkehrte, ſchickte dieſe ſich an, zu Bette zu gehen. Zuvor mußte Agnes noch den Laden durch die feſte Außen⸗ thür ſchließen und einen ſtarken Eiſenriegel vorſchieben. — Karb, zeig' ihr doch, wie ſie es machen ſoll, — ſagte die Mutter zu dem Sohne. Bereitwillig verließ dieſer ſeinen Platz und ging mit Agnes hinaus in den Laden, wo er ihr behülflich war. Zuerſt lehnte er die beiden Thüren zu, dann ſteckte er die feſte Stange in die Höhlen der Mauern und legte ſorgfältig die ſeſten Schlöſſer an, welche jedem Einbruch wehrten. Leicht ging die Arbeit ihm von der Hand, wobei ihm Agnes mit der Küchenlampe leuchtete. Beide waren zum erſten Mal allein, die Ring, Stadtaeſchichten. I. 7 98 alten Leute ſchickten ſich an, ihr Schlafgemach auf⸗ zuſuchen. Bisher hatte Karl das Mädchen noch nicht angeſprochen. — So,— meinte er,— es iſt nicht ſchwer. Wenn der Riegel einmal eingepaßt iſt, dann ſe chließen die Schlöſſer ganz von ſelbſt, nur mußt du niemals vergeſſen, zweimal herum zu drehen.— — Das will ich merken,— entgegnete Agnes, — und ich danke auch, daß Sie ſo gütig waren. — Ohne Urſache. Ich wüßte nicht, wofür, — bemerkte er kurz angebunden im Umdrehn. — Ach ſchon früher haben Sie mir geholfen, als ich noch bei meinen Eltern war,— rief Agnes jetzt,— indem ſie immer mehr ihre gewöhnliche Schüchternheit ablegte und die Dankbarkeit ſie dreiſter machte. — Ei der Tauſend, ich: erinnere mich nun. Sie wären das Mädchen— — Aus dem Keller,— ſetzte Agnes erröthend hinzu. Dabei ſtrahlte ihr Geſicht von inniger Freude, ſich erkannt zu ſehen. — Nun das hat ſich ſchön gefügt,— ent⸗ gegnete der junge Mann und reichte ihr, wie beim 99 erſten Begegnen, jetzt erſt zum Willkomm ſeine kräftige Hand. Dieſer Händedruck ließ das Mädchen erſt ſpät einſchlafen, nachdem ſie ihr reinliches Lager in der Küche aufgeſucht hatte. M. Wieder ſteigen wir in die Kellerwohnung nieder, wo Neumann mit ſeiner Familie vor einigen Tagen ſich niedergelaſſen hatte. Seit jenem heftigen Auftritte, in Folge deſſen die arme Frau erkrankte, war zwar kein neuer Zank erfolgt, aber der Frieden und das Glück darum nicht zurückgekehrt. Neu⸗ mann hatte ſogar Wort gehalten und war dem Mäßigkeitsvereine beigetreten, welchem der fromme Profeſſor in der Wallſtraße vorſtand. Einer Sitzung hatte er bereits beigewohnt und eine Predigt mit⸗ angehört, wo viel von dem Lamme Gottes, das die Welt erlöſt, vom Jenſeits und ſeinen Schrecken, von Reue und Buße die Rede war. Ein wohl⸗ genährter Predigtamtskandidat donnerte in derſelben Sitzung gegen die verderbliche Brandweinpeſt und 7 erklärte jeden, der nur einen Tropfen des Höllen⸗ gebräues koſten ſollte, für verdammt in alle Ewig⸗ keit. Seine Beredſamkeit war um ſo feuriger, da er ſo eben einen koſtbaren Mittagstiſch eines from⸗ men Gönners verlaſſen hatte, wo die Weine wirk⸗ lich erquiſtt geweſen waren. Auf den Bänken ſaßen die Mitglieder des Mäßigkeitsvereins, meiſtens mit ſchläfrigen, abgeſpannten Geſichtern, in deren ſchlaffen Zügen ſowohl die Spuren des früheren Laſters, wie die momentane Entbehrung des gewohnten Reizmittels zu leſen waren. Nur in den Mienen der Wenigſten drückte ſich der feſte Wille einer Beſſerung aus. Die Meiſten dagegen zeigten ſich ſchläfrig und theilnahmlos und verbargen die Lange⸗ weile, welche ſte empfanden, nur ſchlecht unter dem frommen Heuchelſchein. Nur wenn der geehrte Redner durch Beiſpiele aus dem Leben die Vor⸗ theile der Mäßigkeitsvereine nachwies und von einem Gebeſſerten erzählte, der durch eigene Kraft und fremde Unterſtützung aus ſchlechten und elenden Verhältniſſen zum Wohlſtande und ſelbſt Reichthum gelangt war, zeigte die Verſammlung ein erhöhtes Intereſſe, das ſich in der größeren Aufmerkſamkeit und Spannung, welche deutlich zu erkennen waren, 101 verrieth. Nach dem Kandidaten beſtieg ein pietiſti⸗ ſcher Arzt den Rednerſtuhl und beleuchtete die Brand⸗ weinfrage vom mediziniſchen Standpunkte. Seine Schilderungen der Verheerung, welche dieſe Peſt unter der Bevölkerung anrichtet, ſchien einen tie⸗ feren Eindruck auf die Verſammlung hervorzu⸗ bringen, als alle die vorhergehenden Ermahnungen. Die grellen Kupfertafeln, welche er zur Unterſtützung ſeiner Worte vorzeigte, wurden beſonders mit dem tiefen Schauder betrachtet, den derartige Abbildungen unſerer leiblichen Verhältniſſe ſtets auf ungebildete Leute hervorzubringen pflegen. Nachdem der Vor⸗ ſitzende noch einen Rechenſchaftsbericht abgelegt, zerſtreute ſich die Verſammlung, deren andauernde Beſſerung wir kaum behaupten möchten. Mit einem Päckchen frommer Traktätlein, welche jedem der Anweſenden beim Ausgange ein⸗ gehändigt wurden, verließ Neumann mit vielen Andern das Lokal des Mäßigkeitsvereins. Unter⸗ wegs beſprachen ſeine Geſellſchafter den Eindruck, den ſie empfangen hatten. — Hm,— meinte ein rothnäſiger und roth⸗ haariger Proletarier,— die Sache wäre ſo übel nicht, wenn man nur was davon hätte. Von Re⸗ den allein wird der Menſch nicht ſatt.— — Ja, wenn es kein Geld und keine Unter⸗ ſtützung giebt,— bemerkte ein heruntergekommener Schuhflicker,— dann ſag' ich mich von der ganzen Geſchichte wieder los.— — Nun, probiren kann man's ſchon,— meinte ein handfeſter Arbeiter, dem es mit ſeiner Beſſerung Ernſt zu ſein ſchien.— Was der Herr Kandidat von den Gebeſſerten erzählte, war doch erbaulich anzuhören, und die verbrannten Lungen, die der Doktor zeigte, haben mir ganz übel gemacht.— — Wer weiß, ob's wahr iſt,— ſchrie ein bleicher Burſche mit ſchlotternden Gliedern und gemeinem Geſicht, in dem jedes Laſter ſein Bett aufgeſchlagen hatte.— Die großen Herren haben gut reden. Sie trinken Wein und uns wollen ſie nicht einmal das Tröpfchen Schnaps vergönnen, das uns wärmt und nährt.— — Warum gehſt du denn in den Verein?— fragte der ehrenwerthe Arbeiter. — Nun weil es mir geſallt,— entgegnete trotzig der Burſche, welcher, mit beiden Händen in den Hoſentaſchen, nebenher ſchlenderte.— Mir 103 macht es Spaß, das Geſchwätz mit anzuhören und dann wärm' ich mich in dem eingeheitzten Saal. Aber das glaub' ich nimmermehr, daß das Brand⸗ weintrinken eine Sünde ſei, wie der Pfaffe euch vorgelogen hat. Ganz im Gegentheil.— — Wie im Gegentheil?— fragte Neumann neugierig, dem bereits allerlei Bedenken gegen ſeinen Entſchluß, dem Mäßigkeitsvereine beizutreten, auf⸗ geſtiegen waren. — Laß hören— rief der Arbeiter. Alle An⸗ weſenden ſtimmten bei und ſtellten ſich um den kecken, liederlichen Burſchen, in deſſen liſtigen Augen eine freche Schadenfreude funkelte. Mit dem pfif⸗ figſten Geſicht der Welt ſah dieſer faſt verächtlich ſeine Zuhörer an, wobei er noch immer die Hände in den Hoſentaſchen hielt. — Warum faulen die Kartoffeln? he!— fragte er mit widerlich kreiſchender Stimme.— Weiß es Keiner von Euch. Ja, das glaub' ich wohl, Schafsköpfe, die Ihr alle ſeid. Ich will es Euch ſagen.— — Nun heraus damit. Das wird auch was Rechtes wieder ſein,— ſchrieen die Anweſenden. Die Lippen des bleichen Burſchen verzogen 104 ſich zu einem ſpöttiſchen Grinſen.— Das ſollt Ihr gleich erfahren,— ſetzte er mit geringſchätzigem Achſelzucken hinzu.— Nicht wahr, in der Kar⸗ toffel ſteckt Brot und Schnaps, Alles, was man daraus machen will. Man kann ſte eſſen oder trinken?— — Das iſt wahr,— bekräftigte der Prole⸗ tarier mit der rothen Naſe. — Gut,— rief der Redner, durch dieſe Bei⸗ ſtimmung ermuntert aus.— Weil die Mäßigkeits⸗ vereine die arme Kartoffel verflucht haben, wenn Schnaps daraus gezogen wird, ſo giebt ſie uns auch kein Brod mehr, ſondern fault. Wollt ihr mich nicht trinken, ſo ſollt ihr mich auch nicht eſſen, hat ſie geſchworen, und ſie hält ihr Wort. Daran ſind allein die Mäßigkeitsvereine ſchuld.— Einige der Anweſenden ſchimpften, in ihrer Erwartung getäuſcht, andere lachten oder pflichteten dem Burſchen bei. Dieſer ſchien eben ſo gegen Lob, wie gegen Tadel ganz unempfindlich zu ſein und lachte nur höhniſch in ſich hinein. — Blinder Fritze, biſt ein Teufelskerl,— ſagte der verkommene Schuhflicker,— und wenn du nicht 105 in's Zuchthaus wanderſt, wirſt du ſicher noch ein großer Mann.— — Iſt mir Alles gleich,— entgegnete dieſer. — Das Leben iſ n nicht der Mühe werth, die man ſich darum giebt. Mit dieſen Worten entfernte ſich der Burſche, der im Fortgehn einen bekannten Gaſſenhauer pfiff. Da Neumann denſelben Weg einſchlug, ſo ſchritten beide noch eine Strecke neben einander her. — Warum heißt man dich den blinden Fritz, — fragte dieſer neugierig den Burſchen, der ihn zu intereſſiren anfing.— Deine Augen ſind doch ganz geſund, wie ich ſehe.— — Es iſt mein Spitzname, weil ich mit dem blinden Harfenmann von der Jakobsſtraße ziehe und das Geld für ihn nehme.— — Und davon lebſt du?— — Hml! das Geſchäft geht ſo übel nicht, wenn man es nur recht verſteht.— Guter Herr, ſchöne Frau, ein armer Mann, ein blinder Mann, der nichts gegeſſen hat,— rief mit einem Male der Burſche im wehmüthig komiſchen Tone, mit dem er ſich ſelber parodirte.— Einen Groſchen, aus Barmherzigkeit, nur einen Groſchen, ſonſt verhungern wir. Der Himmel wird es Ihnen tau⸗ ſendfach vergelten.—. Neumann mußte über den gewandten Burſchen lachen, der mit nachgeahmter, weinerlicher Stimme ſeine Litanei geläufig vorbrachte, wobei er mit der Mütze, die er ſich vom Kopf geriſſen, bettelnd vor ihm ſtand. — So machen wir's,— ſagte er ſelbſtge⸗ fällig,— und es giebt nur wenig Gimpel, die nicht mit uns Mitleid haben. Mit Speck fängt man Mäuſe. Außerdem haben wir unſere täglichen Kunden.— — Wie denn das?— — Es giebt Häuſer, wo man gewöhnt iſt, uns alle Tage zu ſehn. Die reichen Leute, welche doch nichts taugen, glauben dem Himmel ihre Sün⸗ den abzukaufen, wenn ſie den Armen einen Kreuzer zuwerfen. Die Narren meinen, ſich ein Gotteslohn zu verdienen, aber noch iſt nicht aller Tage Abend.— Als der Burſche dieſe Worte ſprach, ſtreckte er drohend die geballte Fauſt zum Himmel empor und verzerrte das bleiche Angeſicht, in welchem die unheimlichen Augen wie ſchwankende Irrlichter fun⸗ kelten. Ein unausſprechlicher Haß, eine gränzenloſe 107 Menſchenverachtung belebten für einen flüchtigen Augenblick die apathiſchen Züge, welche bald wieder ihren gleichgiltigen, verliederten Ausdruck erhielten. Beide waren im Verlaufe des Geſprächs jetzt bis zu einem Brandweinkeller gelangt. — Wollen wir?— fragte der Burſche, indem er auf den Eingang deutete, an dem zwei blaue Tafeln mit weißen Buchſtaben die Reihe der Ge⸗ ränke verkündigten, welche hier zu haben waren. Neumann zögerte. — Ein Glas Grog wird nicht ſchaden. Wir müſſen ohnedies das Gewäſche hinunterſpühlen, mit dem man uns im Verein traktirt hat. Mir iſt ganz flau darnach.— Noch immer nahm der ſchwache Mann An⸗ ſtand. Das Verſprechen, welches er ſeiner Frau gegeben, die Ermahnungen, welche er eben mit an⸗ gehört hatte, fielen ihm zur rechten Zeit noch ein. Er wollte ſich loßreißen, doch die Verſuchung war mächtiger, als er. — Thut's mir zu lieb,— drängte der blinde Fritz, welcher eine teufliſche Luſt daran zu haben ſchien, alle guten Vorſätze in der Seele des ſchwa⸗ chen Mannes zu erſticken und denſelben zu ver⸗ 108 führen.— Kommt nur mit. Es wird euch nicht gereuen. Die Zeche nehme ich auf mich. Ihr ſeid mein Gaſt.— Dabei ſchlug er lachend auf die Hoſentaſche, in der das erbettelte und dem Blinden abgeleugnete Geld laut klimperte. Ein Reſt von Schaamgefühl blieb noch zurück, auch ſträubte ſich der Stolz des Mannes, mit einem ſo jungen Burſchen aus demſelben Glas zu trinken. Der blinde Fritz zählte zwar bereits fünf und zwanzig Jahre, aber die bleiche Geſichtsfarbe und der gänzliche Mangel an Barthaar ließ ihn viel jünger erſcheinen, als er wirklich war. Neumann wendete ſich bereits, um fortzugehn, da öffneten ſich die Thüren des Kellers, welchen eben ein Gaſt verließ. Aus der Tiefe drang ein heller Lichtſchimmer, eine angenehme Wärme, lautes Ge⸗ räuſch und der verlockende Geruch der mannigfachen Getränke ihm betäubend entgegen. Die ganze Athmosphäre übte wieder von Neuem ihren alten, ſinneverwirrenden Zauber aus, dem der Unglück⸗ ſelige nicht länger Widerſtand zu leiſten vermochte. Fritz hatte die Hand des Schwankenden ergriffen und zog ihn mit überredender Gewalt in die wohl⸗ bekannten Räume nieder. 109 Die Kellerthür öffnete ſich wie von ſelbſt, das Glöckchen daran ſtieß ein höhniſches Gelächter aus, und ehe Neumann wußte, wie es ſo gekommen war, ſaß er neben dem Gefährten an dem runden Tiſch und neben ihm ſtand das heiße, duftende Getränk. Wieder ſind wir im Keller, unter der Erde, und immer von Neuem bietet ſich uns ein anderes Schauſpiel dar. Eine ſchwüle, dunſtige Luft erfüllt vom Boden bis zur Decke, wie ein dichter Nebel den gewölbten Raum. Trotzdem draußen noch der helle Tag niederſchaut, brennt hier vom frühen Morgen an das Gas, deſſen lange weiße Flammen die Hitze noch vermehren helfen, welche ohnehin ſchon herrſcht. Ein unheimlicher Schein, durch das Doppellicht der Sonne und der künſt⸗ lichen Beleuchtung hervorgebracht, ſpielt um alle Gegenſtände und verzerrt die Geſichter der Gäſte, welche ſich zahlreich eingefunden haben. Hinter dem polirten Ladentiſch, auf dem in den kryſtallenen Flaſchen die Getränke von mannigfacher Güte und Farbe dem lüſternen Zecher entgegenfunkeln, ſteht die Beſitzerin, eine Frau mit harten, gemeinen Zügen und beobachtet mit ſcharfen Blicken die Gäſte bei ihrem Kommen und Gehn. Der würdige Gatte, eine dicke behagliche Geſtalt, der mit einer gewiſſen zur Schau getragenen Bonhomie eine gehörige Por⸗ tion Schlauheit und Grobheit zu verbinden weiß, hat es, unterſtützt von zwei leichten Nymphen über⸗ nommen, ſeine Gäſte zu bedienen. Er eilt, ſo gut es ſein Körperumfang ihm erlaubt, mit einer gewiſſen komiſchen Behendigkeit von Tiſch zu Tiſch und bringt mit ſeinen Speiſen und Getränken auch die ihm geläufigen ſtehenden Reden und verbrauchten Witze an. — Hier eine kühle Blonde, friſch wie eine Jungfer,— rief er mit ſeiner fetten Stimme einem Kunden zu, indem er demſelben eine kleine Stange des beliebten Weißbiers präſentirte.— Für einen Sechſer Giſcht, für einen Sechſer Niſcht macht einen Silbergroſchen.— Dabei ſteckte er ſeine dicke, fleiſchige Hand nach dem Gelde aus.— Herr Graf, Sie ſollen gleich bedient werden,— wendete er ſich watſchelnd einem andern Tiſche zu.— Einen Augen⸗ blick Geduld. Ida, der Herr Graf befehlen einen Grog, ſtark wie Rappo, ſüß wie die Liebe und heiß wie die Hölle.— Eine der Nymphen ſchwebte auf den Ruf des 111 Gebieters ſogleich herbei und brachte das gewünſchte Getränk. Der junge Mann, der durch gewähltere Toilette und feineres Benehmen den Titel, welchen ihm der ſpöttiſche Wirth gegeben hatte, zu rechtfer⸗ tigen ſchien, forderte das Mädchen auf, neben ihm Platz zu nehmen. Auf ſein Geheiß leerte Ida das halbe Glas und ſprang dann fort, um die andern Gäſte zu bedienen. — Fritze mit der Mütze, leben Sie auch noch?— fragte jetzt der Wirth den Burſchen, der hier Stammgaſt zu ſein ſchien.— Nu wie geht's, alter Schwede?— — Immer noch mit den Beinen!— lautete die ſcherzende Antwort. — Und fidel. Na was trinken wir?— — Einen ſteifen Grog, aber recht ſtark muß er ſein. Wir kommen eben aus dem Mäßigkeits⸗ verein.— — Ha, ha,— lachte der dicke Wirth, daß die Kellerwände dröhnten.— So was lebt nicht, Sie und im Mäßigkeitsverein! — Ja, alter Sünder, hebe dich hinweg, Sa⸗ tanas, verdammter Verſucher. Deine Flaſchen ſind vergiftet und deine Hände beſudelt vom unreinen Gute. Dafür wirſt du in der Hölle brennen und des Teufels Thranlampe werden für alle Ewigkeit. Zittere, wenn dein letztes Stündlein ſchlägt. Wie willſt du dich verantworten vor dem höchſten Richter, wenn er Rechenſchaft von dir verlangt? Dein Ge⸗ tränk iſt verfälſcht und dein Eſſen nicht zu genießen. Statt Grog haſt du Fuſel und ſtatt Beefſteak Pferde⸗ fleiſch deinen Gäſten aufgetiſcht. Das Auge der Menſchen vermagſt du zu täuſchen, aber nicht den Herrn, der Herz und Nieren prüft. Wehe, wehe über dich. Hinweg mit dir zu den ſtinkenden Böcken, welche im tiefſten Höllenpfuhl die Strafe ihrer Sünden büßen!— — Hören Sie auf!— ſchrie der Wirth, der vor Lachen zu berſten drohte.— Der verrückte Profeſſor, wie er leibt und lebt.—. In der That hatte Fritz ſowohl die näſelnde Sprache, als auch die ganze Figur und Haltung des bekannten Mäßigkeitsapoſtels auf das Täu⸗ ſchendſte nachgeahmt. Ueber all' die Späße ver⸗ gaß auch Neumann bald ſeinen häuslichen Kummer, ſo wie die guten Vorſätze, mit denen er heute aus⸗ gegangen war. Er ſtimmte in das ſchallende Ge⸗ lächter des Wirthes von ganzem Herzen ein. 113 3— Der Mäßigkeitsverein ſoll leben, hoch!— ſchrie ironiſch der tolle Burſch und trommelte mit Händen und mit Füßen einen lauten Tuſch dazu, in welchen der Wirth und die übrigen Gäſte mit betäubendem Lärm einſtimmten. Ein Glas und ein zweites und noch viele Gläſer folgten einander in kurzer Zeit. Es war bereits dunkle Nacht, als Neumann in Begleitung des liederlichen Burſchen den Keller verließ und in ſeine Wohnung ſtolpernd niederſtieg. X. Der Weg zur Hölle iſt mit guten Vorſätzen gepflaſtert, lautet ein altes Sprichwort, deſſen Wahrheit Neumann mit jedem Tage mehr erfahren mußte. Ohne daß er es zu bemerken ſchien, hatte der blinde Fritz eine unwiderſtehliche Gewalt über ihn gewonnen. Es war wirklich wunderbar, wie der viel jüngere Burſche den gereiften Mann zu beherrſchen wußte. Bald war er ihm zum Um⸗ gange unentbehrlich geworden. Seine ſtets frohe Laune vertrieb Neumann die duͤſteren Gedanken, welche Ring, Stadtgeſchichten. I. 8 von Zeit zu Zeit immer wieder von Neuem empor⸗ tauchten. Jedes Gefühl von Reue war in ihm erſtickt, jeder Gedanke einer Beſſerung aufgegeben. Die arme Frau wagte noch dann und wann eine Vorſtellung, aber bald ſchwieg ſte wieder aus Furcht vor den Ausbrüchen ſeiner rohen Wuth ſtill und begnügte ſich, ihr Schickſal zu beweinen. Oft fehlte es an dem nöthigen Brote für die Familie, aber Neumann hatte immer noch Geld, um Abends in der Geſellſchaft ſeines neuen Freundes den Brand⸗ weinkeller zu beſuchen. Woher er das Geld nahm, blieb ihr ein Ge⸗ heimniß. Wir werden bald die unlautern Quellen ſeines Erwerbes kennen lernen. Nur ſelten konnte Agnes die unglückliche Mutter wiederſehn. Ihre Erſcheinung war ein Lichtblick, ein goldener Sonnenſtrahl in der duſteren Nacht dieſes Daſeins. Sie ertrug das eigne traurige Geſchick viel leichter, ſeitdem ſie ihre Tochter glück⸗ lich wußte. Keine Klage über Neumanns Betragen entſchluͤpfte ihren bleichen Lippen, aber die von Thränen gerötheten Augen und die eingefallenen abgegrämten Züge verriethen den tiefen innerlichen Schmerz, den die Märtyrin erduldete. Ein Blick 115 auf das verfallene Hausweſen, belehrte das Mäd⸗ chen, daß der Ruin mit Rieſenſchritten ſeit ihrem Scheiden aus dem elterlichen Hauſe um ſich ge⸗ griffen. Schon fehlte manches unentbehrliche Klei⸗ dungsſtück, welches den Weg nach dem Leihamte genommen hatte. — Ach wenn das Vierteljahr ſchon um wäre, — wünſchte Agnes,— damit ich meinen Lohn dir bringen könnte.— Die Mutter ſchüttelte wehmüthig das bleiche Haupt.— Es niützt doch nichts. Es wird nicht beſſer, bevor ich nicht im Grabe liege.— Die Augen des guten Kindes füllten ſich mit Thränen und die beiden Frauen hielten weinend ſich umſchlungen. Wenn dann Agnes Neumann kommen hörte, eilte ſie mit flüchtigem Fuße davon. Sie vermochte weder den Anblick des Vaters und noch weniger den ſeines Verführers, der ihn oft zu begleiten pflegte, zu ertragen. Da Fritz mit ihr in demſelben Hauſe bei dem blinden Harfen⸗ mann wohnte, ſo konnte ſte es nicht vermeiden, ihn von Zeit zu Zeit zu ſehn. Jede Begegnung mit ihm gab ihr einen Stich durch das Herz. Kein Menſch auf der Welt war ihr ſo widerlich, wie 8* der liederliche Burſche, der ſte jedesmal mit ſeinen unheimlichen Augen im Vorübergehn anſtarrte. Ihr war dabei zu Muthe, als wäre ſie einer gif⸗ tigen Kröte in den Weg getreten. In der That hatte Fritz etwas in ſeinem Weſen, was an die gefährliche, heimtückiſche Natur der Amphibienwelt erinnerte. Seine Hand war feucht und kalt wie die Haut eines Froſches, ſein Gang ſchleichend und leiſe wie die Bewegung einer Blindſchleiche, und die kleinen grünlich ſchimmernden Augen übten denſelben magnetiſchen Zauber, wie die der Klap⸗ perſchlange, auf ihr Opfer aus. So viel es ſich thun ließ, ging ihm Agnes aus dem Wege, doch konnte ſie es nicht verhindern, daß ſie der Zudring⸗ ling, wenn er ſtie zufällig auf dem Hofe traf, anredete. — Ihr Vater läßt Sie grüßen!— pflegte er dann ihr höhniſch zuzurufen, wobei ein grin⸗ ſendes Lächeln voll Hohn und Spott über ſein verwittertes Antlitz flog. Agnes dankte ihm kurz und euntfernte ſich ſtets ſo ſchnell als möglich aus der unheimlichen Nähe dieſes Burſchen. Es giebt unerklärliche Sympathien und Anti⸗ 44* 4 117 pathien. Unwillkuͤhrlich fühlen wir uns zu einem Menſchen hingezogen und eben ſo oft abgeſtoßen. Ein erſtes Begegnen genügt oft, um ſich für ein ganzes Leben zu lieben, oder zu haſſen. Meiſt iſt dies Gefühl der Anziehung oder Abſtoßung ein gegenſeitiges. Welche geheimnißvollen Naturkräfte liegen hier zu Grunde? Vielleicht eine geiſtige Elektrizität, eine Polarkraft, welche uns wider Willen beherrſcht und die menſchliche Freiheit zur Chimäre macht? Oder dürften wir hier die Spuren eines früheren Daſeins unter anderen Formen ſu⸗ chen? Haben wir uns bereits vor unſerer Geburt geliebt und gehaßt? Sind unſere Gefühle und Neigungen nur die Schatten einer vergeſſenen Ver⸗ gangenheit, die Mahnungen an Verhältniſſe, die aus unſerem Bewußtſein geſchwunden ſind? War Agnes einſt die Lilie und ihr Feind der Wurm, welcher an der weißen Blüthe nagte? Schwebte ſie damals als Taube in der Luft, auf welche er als Weih her⸗ niederſtürzte, um ſie zu erwuürgen? Wunderbare Räthſel, welche keine irdiſche Weisheit bisher ge⸗ löſt hat! Agnes zitterte und verabſcheute den wüſten Menſchen, und dieſer wußte es im erſten Augen⸗ 118 blicke ihrer Begegnung und haßte ſie darum auch. Ihr zu ſchaden oder ſte gänzlich zu verderben, war ein Gedanke, der ihn von dem Tage ab beſchäftigte, da er das holde Kind zum erſten Male ſah. Dies Gefühl gab ein neues Band zwiſchen ihm und Neumann ab, welcher die Tochter von der Geburt an mit feindlichen Augen betrachtete. — Sie iſt eine heimtückiſche Duckmäuſerin,— pflegte Neumann zu ſagen, wenn das Geſpräch auf den Gegenſtand ihres gemeinſchaftlichen Haſſes kam. — Schon als Kind hat ſie mir immer aufgepaßt und der Mutter Alles hinterbracht.— — Eine hochnäſige Prinzeſſin iſt ſie,— ſchürte der Burſche.— Wenn ſie mit Einem ſpricht, thut ſie, als ob ſie jemand eine Gnade erzeigen wollte. Ich hätte Luſt, ihr einen rechten Poſſen zu ſpielen.— Neumann ſchloß ſich wegen dieſer gemein⸗ ſchaftlichen Antipathie nur noch feſter an den blinden Fritz an, der ihm bald unentbehrlich wurde, beſonders ſeitdem derſelbe ihm eine unerwartete Erwerbsquelle für ſeine Bedürfniſſe nachgewieſen hatte. Schon früher, und beſonders während er Aufſeher bei der Eiſenbahn geweſen war, hatte 119 Neumann das Kartenſpiel, wie wir bereits erwähnt, mit Leidenſchaft geliebt. Die neidiſche Glücksgöttin war ihm leider nicht günſtig und die ziemlich be⸗ deutenden Verluſte, welche er erlitten, hatten ſeinen Fall mit herbeigeführt. Nach jener Zeit war er wegen andauernden Geldmangels ſelten in die Ver⸗ legenheit gekommen, die Karten wieder in die Hand zu nehmen. Erſt ſeitdem er mit Fritz den Brand⸗ weinkeller beſuchte, war die alte Leidenſchaſt mit ungeſtümer Gewalt von Neuem aufgewacht. In dem Keller wurde oft und ziemlich hoch geſpielt. Der junge Mann, welchen der luſtige Wirth ſcherz⸗ haft als Graf angeredet hatte, war ein Spieler von Profeſſion und hielt mit vielem Glück eine kleine Bank. Anfangs gab Neumann nur den müßigen Zuſchauer ab und verfolgte die Chancen der Karten mit jener Unruhe und Haſt, welche den früheren Spieler leicht erkennen ließen. — Warum ſetzt Ihr nicht?— fragte ihn der blinde Fritz, der von Zeit zu Zeit eine kleine Summe wagte und ſtets glücklich war. — Ich hab' kein Geld,— entgegnete Neumann ſchnell, wobei er kein Auge von dem Spiele verwendete und mit ſeinen Blicken den 12²0 Einſatz ſammt dem bereits ziemlich anſehnlichen Gewinnſt des Bankhalters zu verſchlingen ſchien. — Jl wenn weiter nichts fehlt, ſo kann ich dienen, nehmt.— Mit dieſen Worten ſchob ihm der Burſche eine kleine Summe hin. Der alte Spieler fühlte kaum das Geld in ſeinen Händen, als er ſogleich auf eine Karte ſetzte und verlor. Das Glück hatte ſich einmal von Neumann abgewendet, und je mehr er darnach jagte, deſto entſchiedener kehrte es ihm den Rücken zu. Er verdoppelte den Einſatz und immer mit dem⸗ ſelben ungünſtigen Erfolg. Bald wanderte der letzte Groſchen in die Taſche des Bankhalters. Mit einem wilden Fluche ſprang Neumann von ſeinem Platze auf und ſtürzte aus dem Keller hinaus. Der Burſche folgte ihm. — Ich rühre mein Lebtag keine Karte mehr an. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's wieder thu’,— tobte er in wilder Wuth. — Man ſoll nichts verſchwören,— höhnte der blinde Fritz.— Wer heißt euch denn verlieren?— — Als ob das in unſerer Gewalt läge!— — Freilich thut es das. Ich gewinne immer, wenn ich will.— 121 — Dann geht es nicht mit rechten Din⸗ gen zu.— — Geſchwindigkeit iſt keine Hexerei. In den Fingern und im Auge liegt das Glück. Was gebt ihr mir, dann lehr' ich euch die ſchwere Kunſt, immer zu gewinnen, wenn ihr wollt.— Neumann horchte auf und drang in den liſtigen Burſchen, der ſich nicht allzulange bitten ließ. In kurzer Zeit lehrte dieſer ihm die Geheimniſſe des falſchen Spiels, das Vertauſchen und Unterſchlagen der Karten, die kleinen Handgriffe und Zeichen, durch welche das Glück ſich zwingen läßt. — Vor allen Dingen ſucht euch nur Gimpel auf, mit denen ihr ſpielt,— rieth ihm der Burſche. — Der Graf iſt ein feiner Kunde, der's verſteht. Laßt euch niemals mit dergleichen Leute ein, ſonſt werdet ihr gemacht. Ich hab' geſehn, wie er die Volte ſchlägt und daß er falſche Karten führt.— — Und warum haſt du mir das nicht früher geſagt, ehe ich das Geld verloren habe?— —, Das iſt gegen den Comment. Ein braver Kerl verräth den andern nicht, und dann hat er mich auch gewinnen laſſen. Er iſt ein Geriebener und wußte gleich, mit wem er es zu thun hatte.— ——— — 1²2² Mit wenigen Worten entwickelte der blinde Fritz ihm ferner die Regeln und das Syſtem des falſchen Spiels. Auch die Gaunerwelt hat ihre Geſetze, ihre Moralität und Rückſichten. Zum Schluſſe zog der Burſche ein abgenutztes Karten⸗ ſpiel aus der weiten Hoſentaſche, womit er Neumann ein Geſchenk machte. — Wenn ihr mit dieſen Karten nicht gewinnt, — ſetzte er hinzu,— ſo ſeid ihr ein ausgemachter Dummkopf, mit dem nichts anzufangen iſt.— Neumann ſuchte auf das Beſte die Lehren ſeines Freundes ſich zu Nutze zu machen. — Wer nicht betrogen werden will, muß ſelbſt betrügen,— hatte der blinde Fritz ihm ſchon oft geſagt. Nach dieſer Marime verfuhr er von nun an, und ſtatt das Opfer zu ſein, machte er Andere zu ſeiner Beute. Er dünkte ſich klüger, ſeitdem er die Geheimniſſe der Gaunerwelt erfahren hatte und ſetzte ſeinen Stolz darein, ſich nicht mehr übertölpeln zu laſſen, ſondern ſelbſt zu den Gerie⸗ benen gezählt zu werden. Auch die Eitelkeit kann eine Quelle des Verbrechens werden. Durch dieſe Kunſtgriffe verſchaffte Neumann ſich und den Seinigen einen zweifelhaften Unterhalt. 123 Der Erwerb war trotz alledem nicht groß. Tage⸗ lang mußte er auf ſeine Opfer lauern, meiſt waren es Handwerksgeſellen, einfältige Landleute, welche zufällig in den Keller einkehrten. Fritz führte ihm gewöhnlich dieſe Kundſchaft zu und übernahm die Rolle des Lockvogels. Der liſtige Burſche betheiligte ſich in der Art bei dem Spiel, daß er regelmäßig zu verlieren ſchien, um die Unkundigen, welche von dieſen gewöhnlichen Gaunermitteln keine Ahnung hatten, zu verführen. Natürlich theilte Neumann am Ende den Gewinn mit ſeinem Freunde; oft aber mißglückten dieſe betrügeriſchen Unterneh⸗ mungen, die Betheiligten merkten bei Zeiten den Betrug und dann gab es Händel. Bei ſolchen Gelegenheiten machte ſich der ſchlaue Fritz mit un⸗ begreiflicher Schnelligkeit aus dem Staube und ließ den ſtärkeren, handfeſten Neumann die Sache allein ausfechten. Zuweilen ſtießen Beide auf noch feinere Gauner, welche unter der Maske der Einfalt mit ihnen das Spiel begannen, ſie im Anfange ge⸗ winnen ließen und zum Schluß die ganze Beute einer Woche ihnen mit einem Schlage abnahmen. Die Geſetze der Natur ſpiegelten ſich auf dieſe Weiſe in der Gaunerwelt wieder ab. Die höhere — Intelligenz triumphirte über die niedere, der Löwe zerriß den Wolf und jener wurde von dem ſchlaueren Jäger wiederum beſtegt. Unter ſolchen Verhältniſſen mußte Neumann immer tiefer ſinken. Der blinde Fritz hielt ihn in ſeinem Netz und der unglückliche ſchwache Mann kam nicht wieder los. I. Es iſt Sonntag, der Tag der Ruhe, der Tag des Herrn. Alle Läden ſind geſchloſſen. Auf den Straßen drängen ſich die Spatziergänger, um das ſchöne Wetter zu genießen, welches in den letzten Tagen des Herbſtes eingetreten war. Die dunklen Regenwolken am Himmel ſind verſchwunden. Die goldene Sonne glänzt und ſtrahlt ſelbſt wie eine ſchöne Frau im prächtigen Sonntagsſtaat. Die Häuſer ſind in Licht gebadet und ſchauen or⸗ dentlich fröhlich und gottesfürchtig darein. Ueber den Dächern ſchwebt eine weiße Taubenſchaar, ſchim⸗ mernd wie ein flatternd Silberband. Die frommen Vögel ſcheinen auch den Tag des Herrn mit ihrem 125 ſanften Flügelſchlage zu feiern und wiegen ſich dem Himmel nah in der blauen klaren Luft. Licht und Freude herrſcht heut überall. Die hellen Fenſter⸗ ſcheiben blinken noch einmal ſo rein, wie am Wo⸗ chentag und dahinter ſtrahlen die Geſichter in feſt⸗ lich frohem Glanz. Der Hausherr hat die weiße Binde angelegt und den beſten Rock aus dem Schrank geholt, die Frau die Sonntagshaube mit dem rothen Bande aufgeſetzt. Die Kinder, ebenfalls im ſchönſten Staat, erwarten ſehnlichſt den Augenblick, wo die Eltern fertig ſind, um mit ihnen auszugehn. Vor der Thür des reichen Bäcker⸗ meiſters ſteht der große Wagen, den er ſich beſtellt hat, um mit der ganzen Familie heut auf's Land zu fahren. Ab und zu tritt eine von den Töchtern, ſchön friſirt, an das Fenſter. Sicher ſchaut ſie nur hinaus, ob dem Wetter auch zu trauen iſt. Tief erröthend zieht ſie ſchnell ihren Kopf zurück. Hat die Sonne ſie vielleicht geblendet oder der Student, der im zweiten Stock gegenüber wohnt, ſie gegrüßt? Ei, wer weiß das ſo genau. Der Geſelle in dem neuen Paletot hat ſich die Cigarre angeſteckt und ſchlendert wie ein großer Herr vor das Thor. Neidiſch ſchaut ihm der Kommis mit den erfrorenen Händen an der Ecke nach, der zu Hauſe bleiben muß, weil er nur alle vierzehn Tage ausgehen darf. Selbſt der alten Kuchenfrau ſieht man an, daß es Sonntag iſt. Sie hat ihr Gebäck mit einem neuen reinen Tuch bedeckt, und eine blüthenweiße Schürze vorgebunden. In dem alten faltenreichen Angeſicht ſchimmert auch ein Strahl der allgemeinen Luſt. Vater Hintze trat jetzt ſtrahlend wie die Sonne aus dem Keller heraus. Auf dem grauen Kopfe prunkte der ſchwarze Hut, nicht ein modiſch feiner Seidenfilz, den der Regen gleich verdirbt, ſondern einer von der ächten Art, der in Sturm und Wetter ſich bereits erprobte. Nicht leichtſinnig ſchwankte die hohe Kopfbekleidung mit der ſchmalen Krämpe auf dem würdigen Haupte, feſt und ſicher ſitzt der Hut und bedeckt zum guten Theil die gefurchte Stirn. Eine große Kokarde kündet ſchon von Weitem den Beſitzer als einen Patrioten an, der ſein Vaterland und ſeinen König liebt. Auch der lange blaue Ueberrock, den er trug, war nicht nach dem neuſten Schnitt, aber das Tuch gewiß ächt und das beſte von der Welt, da es länger ſchon als ſechs Jahre ſeinen Glanz und ſeine Wolle zu 127 bewahren wußte. Heute ſtand auch der weiße Hemdekragen ſteif und aufrecht wie ein Feſtungs⸗ wall um das braune friſch raſirte Angeſicht. Kaum daß noch die große Naſe dem menſchlichen Auge ſichtbar iſt. Ja recht gravitätiſch ſteht der Vater Hintze aus, ganz wie ein gemachter Mann, der was bei der Spritze gilt. Hinter ihm trippelt die gute Alte in dem neuen braunen Thibetüberrock, den ihr Karl zu Weihnachten aus ſeinen Erſparniſſen verehrt und den ſte mit keinem Seidenſtoff der Welt vertauſchen möchte. Ein groß geblümtes Umſchlagetuch vollendet ſammt der friſch gewaſchenen Haube ihren Sonntagsſtaat. Mit einer galant ſein ſollenden Verbeugung reicht Herr Hintze ſeiner Frau den Arm. Doch der Sohn iſt ihm bereits zuvorgekommen, und ſtolz wie eine Königin ſchreitet die glückliche Mutter an der Seite ihres Karls. Dieſer hatte ebenfalls die beſten Kleider vorgeſucht und ein ſonntaglich Gewand, das ihm trefflich ſtand, angelegt. Faſt wie ein vornehmer Herr ſah er in dem feinen Tuchrock aus, und Frau Hintze hatte es gleich bemerkt, daß die ganze weibliche Nachbarſchaft um ſeinetwegen an der Thür ſt and, um ihm nachzuſchauen. Selbſt ——— die Apothekerstochter, welche eine reiche und vor⸗ nehme Dame war, blickte ſich nach Frau Hintze's Meinung ſeinetwegen die Augen aus. Da uns die Wahrheit über Alles geht, ſo müſſen wir die letzte Behauptung der guten Alten durchaus in Abrede ſtellen, weil das Fräulein in dieſem Augenblicke weniger auf den braven Karl, als nach dem jungen Lieutenant ſchaute, der mit ihr auf dem letzten Bezirksball ſtark getanzt und ſich nach ihrer Wohnung angelegentlich erkundigt hatte. Dagegen können wir als getreue Bericht⸗ erſtatter mit gutem Gewiſſen behaupten, daß zwei weit ſchönere, braune, ſanfte Taubenaugen nach dem wackeren Sohn der Viktualienhändlerin ſtarrten, bis derſelbe längſt ſammt ſeinen würdevollen El⸗ tern um die Ecke gebogen war. Wem die ſchöͤnen, ſanften Augen angehörten, brauchen wir nicht erſt zu ſagen, da der kluge und ſcharfſinnige Leſer das bereits errathen hat. Vor der angelehnten Kellerthür ſtand die liebe Agnes, die allein zurückgeblieben war, um das Haus zu hüten, während Vater Hintze mit den Seinigen in's Freie ging. Seit wir das Mädchen nicht geſehen, ſchien eine bedeutende Veränderung 129 mit demſelben vorgegangen zu ſein. Größer war Agnes freilich nicht geworden, aber ein wenig voller und elaſtiſcher. Ihre zarten, ſchlanken Formen hatten eine feine Rundung unmerklich angenommen und thaten ſo den Augen wohler als vorher. Wie eine Frucht, welche der lang entbehrte Sonnenſchein endlich einmal begrüßt, war ſie plötzlich über Nacht gereift. Auf den einſt ſo blaſſen Wangen ſchim⸗ merte ein zartes roſiges Wölkchen, wie das Mor⸗ genroth, das den jungen Tag verkündet. Auch die ſanften Taubenaugen hatten einen Glanz gewonnen, der nie auszubleiben pflegt, wo das elektriſche Flui⸗ dum der Liebe durch das ganze Weſen eines Wei⸗ bes zittert. Dieſe Veränderungen waren ſelbſt ihrer Freundin Rieke nicht entgangen, welche den freien Sonntags⸗ nachmittag zu einem Beſuche bei dem guten Kinde zu benutzen pflegte, ehe ſie mit ihrem Schatz zum Tanze ging. Schon von weitem leuchtete der grelle hochrothe Mantel, den ſie nur an Feier⸗ tagen trug. — Na Agnes,— ſagte das fidele Mädchen, — da bin ich wieder einmal, um bei dir nach⸗ zuſehn. Biſt doch immer wohl? Meiner Treu, Ring, Stadtaeſchichten. I. 9 130 wenn es ſo fortgeht, wirſt du dicker noch, als ich.— Agnes lächelte zu dieſem wohlgemeinten Kom⸗ pliment. — Na, ich will dich nicht beſchrein, darum ſpuck' ich aus. Was du noch vor ein paar Wochen für ein grünes Ding geweſen biſt, das glaubt mir heut kein Menſch. Du ſiehſt doch jetzt ganz repu⸗ tirlich aus und ich wette darauf, in kurzer Zeit haſt du einen Schatz, der ſich gewaſchen hat.— Die gute Rieke hielt ſich, ſeitdem ſie Agnes zu der Kondition verholfen, auch für verpflichtet, ihrer Freundin jene männliche Zugabe zu verſchaffen, welche ſie einmal für ein Dienſtmädchen unentbehr⸗ lich erachtete. Bereits hatte ſie der Freundin ver⸗ ſchiedene Herzenkandidaten vorgeſchlagen, welche aber ſammt und ſonders zurückgewieſen wurden. Rieke konnte dieſe Sprodigkeit durchaus nicht faſſen, um ſo mehr, da dieſelbe ihrem eigenen Weſen ganz zuwider war. — Das begreife ich nicht,— ſagte ſie dann wohl,— was du an den Mannsleuten auszuſetzen haſt. Meinſt du denn, daß ein Prinz kommen wird, um dich auf den Tanz zu führen, wie das ——— 131 Aſchenbrödel mit dem kleinen Fuß? Na, die Prinzen thuen's heut zu Tage auch nicht mehr umſonſt. Da lobe ich mir meinen Schloſſer, der liebt mich gerade ſo, wie's im Buche ſteht. Und ehrlich iſt er auch, heirathen will er mich, hat er geſagt. Sobald er hundert Thaler ſich geſpart, wird Hoch⸗ zeit gemacht und du ſollſt meine Kränzeljungfer ſein.— So pflegte die luſtige Seele zu ſchwatzen und dazu lachte ſie aus vollem Halſe, wenn ſie mit den Bildern einer heitern Zukunft ſich beſchäftigte. Heute aber mußte Rieke etwas ganz Beſon⸗ deres mit Agnes vorhaben, eine Ueberraſchung, die ſte nicht vorher verrathen durfte. Ab und zu warf ſie einen ſchlauen Seitenblick auf die junge Freundin und kicherte dabei, wie die Kinder es zu thun pflegen, wenn ſie einander einen kleinen un⸗ ſchuldigen Schabernack ſpielen wollen. Dann trip⸗ pelte ſie wieder vor der Hausthür, wo die Mädchen ſchwatzten, auf und nieder, als verginge ſie vor Ungeduld, bis der Spaß, den ſie vorhatte, ihr ge⸗ glückt. Sicher wär' ſie vor der Zeit mit ihrem Geheimniß herausgeplatzt, hätte nicht eine unver⸗ muthete Erſcheinung ihre Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch genommen. Aus dem Hauſe trat eine ſchlanke 9* 132 Dame im höchſten Sonntagsſtaat. Der ſchwarze Atlasmantel und ein feiner Seidenhut mit dem Schleier, der zurückgeſchlagen war, ließ etwas ganz Vornehmes vermuthen. Wie groß war Rieke's Ueberraſchung, als ſte in der Inhaberin all' dieſer Herrlichkeiten, die blonde Roſa erkannte, damals einen Dienſt bei einem einzeln ſtehenden ſuchte. In demſelben Hauſe, wo jetzt Agnes weilte, hatte die verblühte Schöne das Ziel ihrer tugend⸗ haften Sehnſucht auch gefunden. Der Rentier Wieſel bewohnte das hohe Parterre, vier ſchön möblirte Stuben, in denen die blonde Roſa als unum⸗ ſchränkte Gebieterin bereits ſeit einigen Wochen ſchaltete. Sowohl der einzeln ſtehende Mann, als auch Roſa ſchienen gegenſeitig mit einander zu⸗ frieden zu ſein. Sie pflegte liebevoll ihren Alten, wie ſie ihn vertraulich anredete, und dieſer zeigte ſich, wie Madame Steiner prophezeit hatte, äußerſt generös, dankbar und moraliſch. Daß die feine Wirthſchafterin Agnes kaum eines Blickes würdigte, wird jedermann erklärlich finden, der die Kluft zwiſchen ihrer hohen Stellung und der eines ge⸗. wöhnlichen Dienſtmädchens noch dazu bei einem Viktualienhändler, abzumeſſen im Stande iſt. Beide welche Herrn 133 hatten, trotzdem ſie ſich oft begegnen mußten, noch nie ein Wort mit einander gewechſelt, dennoch empfand die blonde Roſa einen entſchiedenen Wi⸗ derwillen gegen die unſchuldige Agnes, beſonders ſeitdem ſie bemerkt zu haben glaubte, daß die Blicke ihres Alten mit unverkennbarem Wohlgefallen auf den jüngeren, friſcheren Zügen des lieblichen Kindes oft verweilten. Roſa wollte ſtolz in dem neuen Seidenmantel an den beiden Freundinnen vorüberrauſchen, aber Rieke rief ihr ſchon von Weitem zu, nachdem ſie dieſelbe erkannt hatte: — J der Tauſend, ſagen Sie mir doch, wie kommen Sie denn hieher? Na wie geht's bei dem einzelnen Herrn? Iſt er hübſch geſund? Haben Sie nur Acht, daß er ſich nicht erkälten thut und Ihnen ſtirbt. So ein alter Krippenreiter iſt Ihnen gleich wie fortgepuſtet. Haſt du nicht geſeh'n und weg iſt er.— Die Angeredete ſchien durchaus auf eine ſolche Anrede nicht gefaßt und um eine Antwort verlegen zu ſein. Vorläufig begnügte ſie ſich, nur mit ihrem ſtolzeſten Blick auf die kühne Rieke herabzuſchaun. 134 Agnes verſtummte über die Dreiſtigkeit ihrer Freundin, welche ſich durchaus nicht ſtören ließ. — Na thun Sie doch nicht ſo, als ob Sie Einen gar nicht kennten, Mamſell Roſa. Sie dürfen juſt auch nicht ſtolz ſein auf den Schleierhut und die ſeidene Mantille. Die können wir auch haben, wenn wir nur wollten.— — Laſſen Sie mich!— rief jetzt Roſa voll tugendhafter Entrüſtung. Rieke hatte ſich vor der Hausthür gerade ſo aufgepflanzt, daß ſte jedermann den Eingang wehren konnte. — Na ich werde Sie nicht halten,— ſagte dieſe, welche die Verlegenheit der Wirthſchafterin zu beluſtigen ſchien.— Gehen Sie mit Gott und grüßen Sie Ihren einzeln ſtehenden Herrn von mir.— Ein herzliches Gelächter begleitete dieſe Worte. Agnes mußte wider Willen mit einſtimmen. Die blonde Roſa drehte ſich, nachdem ſie bereits eine große Strecke entfernt war, noch einmal nach den beiden Mädchen um und ſchwur ihnen in ihrem Herzen unverſöhnliche Feindſchaft, als ſie dieſelben noch immer lachen ſah.. 3 — Rieke, das war nicht recht,— tadelte 135 Agnes die Freundin, als die Wirthſchafterin längſt verſchwunden war. — J warum nicht? Ich kann ſolche Frauen⸗ zimmer nicht leiden, welche, Gott weiß wie dicke thun, und in Sammet und Seide einherſtolziren, während ein ordentlich Mädchen gehen muß, daß es eine Schande iſt.— — Nun, geſtohlen wird's die Roſa auch nicht haben. Herr Wieſel iſt ein reicher Mann und hat ihr Alles zum Geſchenk gemacht.— — Ja das glaub' ich wohl,— ſagte Rieke, — aber es frägt ſich nur, warum uns unſere Herr⸗ ſchaften nicht ſolche Präſente machen?— — Weil ſie nicht ſo viel Geld, wie Herr Wieſel, haben.— — Proſte Mahlzeit.— Du biſt auch bei den Gänſen in die Schule gegangen. Ne, ein ſolches Schaaf, wie du, iſt mir noch nicht vorge⸗ kommen. Doch ich will dir einen Gaſometer an⸗ ſtecken, daß dir die Augen übergehen ſollen.— Eben wollte ſich Rieke zu einer Erklärung über das Verhältniß der blonden Roſa zu dem einzeln ſtehenden Herrn anſchicken, als ihre raſtloſen Augen 136 am Ende der Straße den ſehnlichſt erwarteten Ge⸗ genſtand erblickten. — Sie kommen,— rief mit einem Mal das Mädchen jubelnd aus, und vergeſſen war die Wirth⸗ ſchafterin und der ſchöne Hut ſammt der ſeidenen Mantille, die, geſtehen wir es nur offen ein, Rie⸗ ke's moraliſche Entrüſtung beſonders hervorgerufen hatten. — Wer kommt?— fragte Agnes faſt beſtürzt. — Mein Schatz und der deinige. Ja ich hab' den Hamburger für dich ausgewählt. So einen bekommſt du niemals nicht. Eigentlich wollt' ich ihn mir zur Reſerve aufheben, wenn mein Schloſſer mir verlaſſen wollte, aber der iſt treu wie Gold, darum tret' ich dir den Andern ab. Einen Beſſeren findeſt du nicht auf der weiten Welt. Dir gönn' ich ihn allein, weil du meine gute Freundin biſt. Heute haſt du endlich den Abend frei und da gehen wir das erſte Mal zu⸗ ſammen zum Tanz.— 8 Während Rieke ſo ſchwatzte, waren die beiden Geſellen herangekommen, von denen wir bereits den Schloſſer kennen. Der Hamburger war in der That ein ganz ſchmucker Burſch, der ſich noch be⸗ 137 ſonders heute ſehr herausſtaffirt hatte. Er trug ſogar weiße, baumwollene Handſchuh und eine Bu⸗ ſennadel an der Bruſt mit einem falſchen grünen Stein. Sein Benehmen war ein wenig blöde, aber ſein Aeußeres ganz angenehm. Schüchtern nahte er der lieblichen Agnes und brachte faſt ſtotternd ſeine Einladung vor, heute mit ihm zum Tanz zu gehn. Rieke kam ihn ſchnell zuvor und ſagte ihm in Agnes’ Namen zu. — Nein, nein, ich gehe nicht!— rief jetzt dieſe heftig aus. — Agnes ſag', was fällt dir ein?— fragte die Freundin verwundert.— Du haſt es mir ſo gut, wie verſprochen.— — Ich muß zu meiner Mutter,— entgegnete Agnes.— Es iſt der einzige Tag in der Woche, wo ich ſie ſprechen kann.— — In einer halben Stunde läßt ſich viel reden. Nachher kannſt du immer mit uns kommen. Thu' es mir zu lieb.— Auch die beiden Geſellen drangen mit ihren Bitten in die Widerſpenſtige, wobei ſich beſonders der Hamburger hervor that. Ja er hatte ſeine Schuͤchternheit ſchon ſo weit überwunden, daß er 138 im Eifer ſeiner Bitten ihre Hand ergriff, die ihm Agnes aber ſchnell entzog. Ein Gedanke erfüllte jetzt ganz allein ihre Seele, eine unausſprechliche Furcht, daß Karl mit ſeinen Eltern zurückkehren könnte. Was würde er von ihr denken, wenn er ſie in dieſer männlichen Geſellſchaft erblickte. Sie hätte gewiß vor Scham und Herzeleid in die Erde ſinken müſſen. Darum erſuchte ſte Rieke, ſich mit ih⸗ ren Schätzen, ſo ſchnell es anging, zu entfernen und beſtand mit der gewohnten Feſtigkeit auf ihrer Weigerung. Ihre luſtige Freundin war aber, wie ſie von ſich ſelber zu rühmen pflegte, gerade nicht auf den Kopf gefallen und ließ ſich auch kein& für ein U machen. Sie ſchaute Agnes mit den ſcharfen hellen Augen an, als wollte ſie tief in ihrer Seele leſen. Das Mädchen erröthete. Das genügte der ſchlauen Rieke, die eine gute Portion von Mutter⸗ witz beſatz. — Merkſt du was?— flüſterte ſie Agnes leiſe in's Ohr, damit die nahe ſtehenden Begleiter ihre Worte nicht vernehmen konnten.— Ich bin nicht ſo dumm, wie ich ausſehe und wer mich be⸗ trügen will, muß früh aufſtehn. Ich werde dir 139 ſagen, warum du nicht mit uns zum Tanze kom⸗ men willſt. Du erwarteſt heute Abend deinen Schatz, denn du biſt bis über die Ohren in ihn verliebt.— Agnes war wie vom Donner gerührt und vermochte nicht das Geſicht der Freundin an⸗ zuſchaun. 3 — Kommt, kommt,— ſagte dieſe zu den Geſellen.— Wir wollen gehn. Agnes iſt ein gutes Kind, fromm und gut, wie Engel ſind. Sie betet lieber, als daß ſie tanzt. Na jeder thut, was ihm Pläſir macht. Hamburger, tröſten Sie ſich über das Malheur und weinen Sie ſich nicht die Augen aus. Es giebt noch genug Frauenzimmer in der Welt, man kann die Spree mit ihnen zu⸗ ſtopfen. Und im äußerſten Nothfall tanz' ich mit Ihnen einen Schottiſchen. Na, ade Agnes, und bete nicht zu viel.— Gutmüthig, wie immer, reichte Rieke ihr die Hand und zog lachend und ſcherzend mit ihren Begleitern davon. 140 XII. Warum ſtarrte Agnes ſo tief erſchüttert den Verſchwundenen nach, warum war mit einem Male das zarte Roth von ihren Wangen wie hinweg⸗ geweht? Reuete ſie die Weigerung, der Entſchluß, nicht zum Tanz zu gehn? Sehnte ſie ſich nach der lauten Luſtbarkeit, welche ſie zuruckgewieſen? Sie konnte noch die Freundin rufen und die Aen⸗ derung ihres Willens derſelben mittheilen. Warum that ſie es denn nicht? Warum ſtand ſie regungs⸗ los, als wäre ſie ein Marmorbild, bleich und der Bewegung beraubt? Das war nicht mehr die Agnes von vorhin. Wenig Augenblicke hatten ſie verändert. Ein Wort hatte genügt, um ein neues Weſen aus ihr zu ſchaffen. So träumt der junge Apfelbaum im Garten. An den dürren Aeſten treiben unanſehnlich braune Knospen im März. Doch der Hauch einer warmen Nacht ſprengt dieſe Hüllen ab und ein Blüthenkranz umflicht das junge Haupt. In der ſchwarzen Puppe ſchläft unbewußt der Schmetter⸗ ling. Der goldene Sonnenſtrahl pocht an ſeinen Kerker ſacht. Aus dem Grabe ſteht der Falter 141 auf und mit Purpurſchwingen ſchwebt er in der freien Luft. Ein Wort, ein Hauch, ein Strahl haben ſolch' ein Wunderwerk gethan! Aber nur mit Schmerzen ringt ſich die Blüthe aus der Knospe, der Schmetterling von ſeiner Hülle los. Jede Geburt iſt mit Qual verknüpft, und das neue Daſein zahlt den Tribut des Weh's dem Leben ab. Der erſte Sonnenſtrahl, welcher das neugeborene Auge trifft, erregt nur Schmerz, und der erſte Athemzug der jungen Bruſt wird mit einem Schrei begrüßt. War es unſerer jungen Freundin nicht in dieſem Augenblick zu Muthe, als wäre ſie jetzt zum Leben erſt erwacht? Unbewußt hatte ſie in der jungfräulichen Bruſt ein Gefühl gehegt, das ein unbedachtes Wort der Freundin ihr verrathen hatte. Verliebt, ja ſie war verliebt. Nein, nicht verliebt, aber ſie liebte heiß, innig, unausſprechlich, wie allein die Unſchuld lieben kann. Und das Alles wußte ſie erſt jetzt. Erſchrocken und beſchämt ſtand ihre jungfräuliche Seele vor dem ſüßen Geheimniß zit⸗ ternd da. Sie hätte ſich am liebſten verbergen mögen vor aller Welt. Mußte nicht jeder Menſch, ſo gut wie Rieke, ihre Liebe aus den Augen, von 142 der Stirne leſen? Und gar Er.— Durfte ſie ihn noch wiederſehn?— Welcher Schmerz und welche Seligkeit lag in dieſem Chaos der Empfindungen, welche wie ein unruhiger Bienenſchwarm ſich in ihrem Herzen eingeniſtet hatten. Von der lauten Straße war ſie in die ſtille Kellerwohnung hinabgeflohn. Sie wollte allein ſein. Sie nahm, trotz dem es Sonntag war, eine Arbeit vor, aber nichts ging ihr von der Hand. Der Gedanke an ihn verfolgte ſie, je mehr ſie ihn zu bekämpfen ſuchte. Denn bereits ſträubte ſich ihr Verſtand gegen eine Leidenſchaft, deren bittere Kämpfe ſie zu ahnen ſchien. Hier im Keller erin⸗ nerte ſie Alles nur an Karl. Da hing der Neu⸗ jahrswunſch, den er geſchrieben, dort lag die Blouſe, welche er an Wochentagen bei der Arbeit trug. Auf dem Tiſche hatte er ſein Feuerzeug vergeſſen, ein grünes Blechbüchſen mit Zündſchwamm, an dem er die Zigarre ſich anzuſtecken pflegte. Sie wußte nicht, warum ſie nach dem kleinen Dinge griff und es mit ihrer Hand lange umſchloſſen hielt. Dabei ſah ſie Rieke, das lachende Geſicht ſtets in der Nähe und hörte, wie die bekannte Stinme flüſterte:— Du warteſt auf deinen Schatz, denn du biſt bis über „* 143 die Ohren verliebt.— Nein, ſie konnte es auch im Keller nicht aushalten und mußte wieder auf die Straße hinaus, wo es Menſchen gab, die ſie be⸗ trachtete. Draußen war es noch immer lebendig, doch der kurze Nachmittag neigte ſich bereits ſeinem Ende zu. Die Sonne ging eben unter, und der Herbſtabend war nicht minder ſchön in der Stadt, als auf dem Lande anzuſchaun. Agnes ſah nach den Wolken, welche purpurn, golden und violett eine zeitlang ſchimmerten. Der ganze Himmel ſchien ein rieſiger Roſengarten, wo tauſend und aber tauſend Blüthen in Farben leuchteten, wie ſie die Erde gar nicht kennt. Flammende Blu⸗ menkelche ſprühten und glühten in feurigem Pur⸗ purglanz. Ueber dem Garten ſchwebten einzelne Wölkchen wie leuchtende Engelköpfchen, welche das Bild der Madonna mit goldenen Schwingen um⸗ flattern. Immer duftiger, ätheriſcher wurde die Glorie, welche die Sonne umgab. Die flammenden Roſen wandelten ſich in blaſſe Silberlilien um und die Schwingen der Engel zerfloſſen in mattem, mildem Glanz. Allmählig hatte die ſchimmernde Wolkenſchaar ſich in einen violetten Dunſt auf⸗ —m —— 144 gelöſt, der die eingetretene Dämmerung bezeichnete. Welche wunderbare Kraft der Natur!— Beim Anblick dieſes Schauſpiels fand Agnes jene Ruhe wieder, welche ſie vergebens im Keller und unter den Men⸗ ſchen auf der belebten Straße geſucht hatte. Ihr war ſo ſtill und feierlich zu Muthe. So hätte ſie leuchten und erblaſſen mögen, wie die Purpur⸗ wölkchen, die am Himmel ſchwebten. Mit dem klaren Monde, der langſam im Weſten heraufſtieg und die Welt mit ſeinem mildem Glanz erfüllte, war die alte Ruhe wieder in ihr Herz gekommen. Auch in ihrem Innern webte und wogte ein däm⸗ mernd Zauberlicht. Der flammende Purpur der jäh auftauchenden Leidenſchaft war dahingeſchmolzen in die milde ſternenhelle Nacht beſeligender Gefühle. Eine tiefe, unausſprechliche Sehnſucht nach dem Geliebten hatte ſie erfaßt und doch glaubte ſie, ſei⸗ nen Anblick nicht ertragen zu können. Endlich kehrte Karl mit den Eltern heim. Sie hatte ihn von weitem ſchon kommen geſehn und war hinabgeflüchtet in den dunklen Keller. Dort hatte ſie die trauliche Lampe angezündet und ſich dann in die finſtere Küche ruhig hingeſetzt. “ 145 Sie traute ſich nicht dem Geliebten in dieſem Augen⸗ blicke zu begegnen. Eine kurze Weile mochte ſie mit ihren Ge⸗ danken allein geblieben ſein, als Frau Hintze ſie aus ihren Träumen ſchreckte. — Angnes, wo ſteckſt du denn?— fragte die gute Alte. Das Mädchen blickte ſte mit verweinten Augen an.— — Na, wir ſind dir wohl zu lange ausge⸗ blieben,— meinte die brave Frau,— aber es war gar zu ſchön auf der Promenade. Dafür haſt du auch den ganzen Abend frei. Du kannſt bei der Mutter bleiben bis neun Uhr. Abendbrot kochen wir nicht mehr. Hintze und ich ſind noch von Mittag ſatt und Karl muß auf die Herberge gehn, weil er Altgeſelle iſt. Brauchſt dich alſo nicht zu beeilen und grüße deine Mutter ſchön von mir.— Faſt ungeſeh'n entſchlüpfte Agnes aus dem Keller, wo Herr Hintze mit dem Sohne Taback rauchend ſaß, ein Vergnügen, das er ſich nur aus⸗ nahmsweiſe an Feiertagen geſtattete. Durch die noch immer belebten Straßen eilte Ring, Stadtgeſchichten. I. 10 146 Agnes in der Dunkelſtunde nach der elterlichen Wohnung. Hier und da trat ihr wohl ein Mann in den Weg und ſchaute ihr mit drei⸗ ſten Blicken in's Geſicht. Zuweilen wurde ſie auch zärtlich angeſprochen, aber ſte antwortete nicht, ſondern verdoppelte nur ihre Schritte, bis ſie vor der wohlbekannten Thür ſtand. Sie traf die Mutter mit den Kindern allein. Der Vater war, wie gewöhnlich, nicht zu Hauſe. Seine fortwährende Abweſenheit hatte bereits die traurigſten Früchte getragen. Wenn auch die neue Erwerbsquelle, die der blinde Fritz ihm aufgethan, die leibliche Noth der Familie abwehrte, ſo war der moraliſche Verfall des Hausweſens deſto ſicht⸗ barer hervorgetreten. Die wilden Buben, welche ſich den ganzen Tag ohne Aufſicht und Unterricht auf der Straße herumtrieben, hatten alle Achtung und jeden Reſpekt vor der ſchwachen Mutter ver⸗ loren. Sie zankten und rauften ſich ohne Aufhör, und das böſe Beiſpiel, welches ſie gaben, hatte auch auf die ſanfteren Mädchen bereits eingewirkt. Das Bild der Zwietracht und der eingeriſſenen Verwil⸗ derung drängte ſich Agnes bei jedem Beſuche um ſo unangenehmer auf, da ſie ſelbſt in dem fried⸗ 147 lichen Hausweſen ihrer Dienſtherrſchaft ſich immer mehr eingeburgert hatte. Wehrte Agnes den Widerſpenſtigen und be⸗ lehrte ſie dieſelben, ſo wurde ſte zum Dank ver⸗ höhnt. Ihre längere Abweſenheit ließ ſie den jün⸗ geren Geſchwiſtern fremd erſcheinen, und die Bande, welche ſie an die Ihrigen feſſelten, löſten ſich ohne ihr Verſchulden mit jedem Tage mehr und mehr. Nur um der Mutter willen kam ſie noch, wenn ſie eine freie Stunde hatte, aber dieſes Wiederſehn war ſtets eine neue Quelle ſchmerzlicher Empfin⸗ dungen für ſie. In den bleichen Zügen, in den rothgeweinten Augen der Unglücklichen las ſie eine lange Leidensgeſchichte voll trauriger und ſchlafloſer Nächte. Vergebens, daß die ſanfte, gute Frau ſo viel als möglich ihren Kummer zu verbergen und durch erkünſteltes Lächeln ihre Tochter zu täuſchen ſuchte. Agnes errieth Alles. Das Unglück hatte ſte ſchnell gereift und ihren Blick geſchärft. Unter dem ſcheinbaren Wohlſtand ſah ſie den böſen Feind heimtückiſch lauern, der das Glück dieſer Familie vernichtete. Mit zarter Schonung vermied ſie über all' die Verhältniſſe mit der Mutter zu ſprechen, aber ihr ahnten⸗neue ſchreckliche Verwicklungen. 10* Jedesmal verließ ſie mit ſchwerem Herzen die trau⸗ rige Kellerwohnung, an welcher das Verderben langſam, aber ſicher wühlte. Agnes traf die Ihrigen beim Abendbrote, das jetzt zwar reichlicher und beſſer, als früher war, zufolge der unſeligen Hilfsquellen, welche Neumann aufgefunden hatte. Heute, des Sonntags wegen, lag ſogar auf dem Tiſche eine friſch angeſchnittene Wurſt, dazu gab es noch eine Schüſſel dampfender Kartoffeln. Die Mutter theilte jedem an der Tafel eine reichliche Portion von Speiſen zu, aber die Jungen waren mit ihrem Antheil unzufrieden und murrten ohne Unterlaß. Agnes verwies ihnen das unziemliche Benehmen. Ihre Ermahnungen wurden mit einem rohen Gelächter aufgenommen, das ihr tief in's Herz ſchnitt. Die Mädchen, welche auch ganz verwildert waren, ſtimmten mit ein und das ſchmerzte die Schweſter, an welcher ſie ſonſt mit zärtlicher Liebe hingen, am allermeiſten. — Nutter,— rief ſie ganz beſtürzt— und das duldeſt du?— — Was ſoll ich machen? Ich bin zu ſchwach für ſie und der Vater kümmert ſich nicht d'rum. Ach, ich wünſche täglich mir den Tod!— 149 Der Kummer überwältigte die arme Frau, und ſie begann zu weinen. — Ach,— fuhr ſie leiſe unter Thränen fort, damit die aufhorchenden Kinder ſie nicht vernehmen konnten,— ſeit du weg biſt, geht es uns noch ſchlimmer, als zuvor.— — Aber ihr lebt doch beſſer.— — Das iſt wahr, doch ich wollte lieber noch das alte Elend dulden, als den Ueberfluß, der ge⸗ kommen iſt, ich weiß nicht wie. Früher wußte ich doch um Alles, was der Vater that, aber jetzt kommt und geht er, ohne ein Sterbenswort zu ſagen. Ich weiß, er arbeitet nicht und verdient nichts, den⸗ noch fehlt es ihm niemals an Geld. Das be⸗ ängſtigt mich. Gott, wenn er auf ſchlechte Wege gerathen wäre!— — Geht er immer noch mit dem blindem Fritz?— — Tag und Nacht weicht er nicht von ſeiner Seite. Der iſt der böſe Geiſt, der ihn verführt. O, der Vater iſt gut, aber ſchwach. Wenn er was Boͤſes thut, ſo kommt es nicht von ihm ſelbſt, ſondern von dem Teufel, der ihn nicht verläßt.— 150 — Und haſt du mit dem Vater nicht geredet, wie mit mir?— — Darf ich denn ein Wörtlein gegen ihn ſagen? Um des Friedens willen muß ich ſchweigen ſelbſt wenn ich ſehe, wie er die Kinder mir ver⸗ dirbt. Sieh' nur hin, das hat ſie der blinde Fritz gelehrt.— Agnes ſchaute nach den Buben und erf chrak. Der Aelteſte, der kaum vierzehn Jahre zählen mochte, hatte aus dem Wamms eine Brandwein⸗ flaſche hervorgezogen. — Proſit!— rief er laut dem jüngeren Bruder zu und that einen kräftigen Schluck. Darauf reichte er die Flaſche dem zwölfjährigen Knaben hin. Haſtig wollte dieſer nach derſelben greifen, aber Agnes ent⸗ riß ſeiner ſchwachen Hand das Giftgefäß. Der Knabe warf ſich ungeſtüm auf die ältere Schweſter und ſchlug nach ihr, indem er ein lautes Geſchrei erhob. In dieſem Augenblicke trat auch Neumann mit dem blinden Fritz ein. — Was giebt es hier?— fragte er barſch. Der Knabe mit hochroth glühendem Angeſicht klagte ſeine Schweſter an. — Der Bube hat Recht,— entſchied Neu⸗ 5 151 mann.— Was geht das dich an, was haſt du dich hineinzumiſchen? Kümmre du dich um deine Angelegenheiten. In meinem Hauſe hat Niemand zu befehlen, als nur ich allein.— — Was ein Haken werden ſoll, krümmt ſich früh,— ſetzte der blinde Fritz hinzu, der dem Buben auf die Schulter klopfte. — Neumann, ſollen die Kinder ſo früh ſchon verderben?!— rief die ſchwache Mutter.— Was ſoll aus ihnen werden, wenn du ihre Unarten gut heißeſt? Sie müſſen zeitig und ewig zu Grunde gehen.— — Ta, ta! Ein Tropfen wird ihnen nicht ſchaden.— Als die Frau hierauf etwas entgegnen wollte, ſchrie er mit lauter, heftiger Stimme: — Kein Wort mehr. Ich will keine Predigt hören. Gieb uns lieber zu eſſen, wenn du et⸗ was haſt!— Mit dieſen Worten griff er nach der Wurſt, welche noch auf dem Teller lag und ſchnitt für ſich und ſeinen Begleiter ein gehöriges Stück ab. — Woher haſt du denn das Geld zum Schnaps?— fragte er nach einer Weile den Ael⸗ teſten der Knaben. — Ich geh' jetzt jeden Abend an's Theater und hole den Herren und Damen die Droſchken, wenn ſie fahren wollen,— lautete die Antwort. — Biſt ein braver, anſtelliger Junge,— ſagte Neumann, indem er wohlwollend den Knaben in die Wange kniff— Komm, gieb mir einmal aus deiner Flaſche zu trinken.— 1 Länger vermochte Agnes das entwürdigende Schauſpiel, von dem ſie Zeugin war, nicht mit⸗ anzuſehn. Sie ſtand auf, um ſich zu entfernen. — Na der Prinzeſſin gefällt es nicht bei uns,— höhnte der Vater.— Fritze, wie wär's, wenn du ſie begleiten thäteſt? So eine Dame kann doch nicht allein nach Hauſe gehn.— In der That ſchickte ſich der liederliche Burſche lachend an, der ironiſchen Aufforderung Folge zu leiſten und reichte dem bebenden Mädchen unter poſſierlichen Verbeugungen ſeinen Arm. — So, das lob' ich mir!— ſchrie Neumaun, der über ſeinen rohen Spaß ganz entzückt ſchien. — Immer galant. Nicht wahr, Alte, der Fritze iſt ein Teufelskerl?— 153 In Agnes' Mienen zeigte ſich unverholen der Widerwillen, welchen ihr jede Annäherung dieſes wüſten Burſchen verurſachte, Entſchloſſen ſtieß ſie ſeinen Arm zurück. Der blinde Fritz verzerrte bei dieſer jähen Weigerung ſein Geſicht zu einem furcht⸗ baren Grinſen. Seine ſchlangengleichen Augen funkelten vor Wuth. Neumann aber ſtieß einen entſetzlichen Fluch aus, von dem das Kellergewölbe wiederhallte. .— Alle Donnerwetter, was bedeutet das? du ſchlägſt die Hand eines braven Burſchen aus? Ich will dich lehren, was Sitte iſt. Du giebſt ihm gleich den Arm, oder— — Und wenn du mich todtſchlägſt,— rief Agnes in entſchloſſenem Tone, ſo laß' ich mich nicht zwingen, mit ſolch' einem Menſchen nach Hauſe zu gehn, der nur zu unſer Aller Ver⸗ derben auf der Erde iſt. Ja, ich verabſcheue ihn, weil er dem armen Blinden das Geld ſtiehlt, das dieſer ſauer ſich erwirbt, weil er dich, Vater, zur Liederlichkeit verführt. Ehe er mich anrührt, lieber ſterbe ich.— Neumann wollte ſich in raſender Wuth auf die Tochter ſtürzen. Sein Zorn kannte keine Gränzen mehr. Furchtbar rollten ihm die Augen in dem verwilderten Angeſicht. Vor ſeinem Munde ſtand, wie bei einem Tollen, der weiße Schaum. Eine gewaltſame That wäre in dieſem Augenblicke ge⸗ ſchehn, hätte ihn die arme Frau nicht mit aller Gewalt zurückgehalten, indem ſte ſich mit überna⸗ türlicher Gewalt an ſeine Kleider klammerte. Wäh⸗ rend dieſer ganzen Scene ſtand der blinde Fritz re⸗ gungslos. Sein bleiches Geſicht verrieth keine Spur von der Beſchimpfung, welche ihm wider⸗ fahren war. Nur die Wangen waren noch bläſſer geworden als ſie gewöhnlich waren, und hatten eine aſchgraue Färbung angenommen. Ein wider⸗ lich vergrimmtes Lächeln ſpielte um die ſchmalen, dünnen Lippen. — Um Gottes Willen, geh',— flüſterte die unglückliche Mutter, deren Kräfte bereits zu ſchwinden begannen, und die den unbändigen Mann kaum länger zurückzuhalten vermochte.. Mit einem raſchen Sprunge erreichte das ge⸗ ängſtigte Mädchen die Kellerthür und floh auf die Straße. 15⁵ XIII. Wie ein gehetztes Reh eilte Agnes durch die öde Gegend, welche nur von wenig Menſchen, be⸗ ſonders zu ſo ſpäter, nächtiger Zeit, betreten wurde. Ihr Herz pochte laut und vernehmbar. Hinter ſich glaubte ſie unheimliche Schritte zu hören, einen dunklen Schatten zu ſehen, der ihr dicht auf den Ferſen folgte. Sie jagte vorbei an den einzeln ſtehenden Häuſern, an den verödeten Bauplätzen, als hätte ſie ein entſetzliches Verbrechen begangen. Laut tönte durch die einſame Nacht ihr Fußtritt, der doch ſo leiſe und flüchtig war, daß er kaum den Boden zu berühren ſchien. Ein dumpfes Echo hallte jeder ihrer Schritte wieder. Geſpenſtiſch keuchte es immer hinterher. Sie glaubte den ſchnau⸗ benden Athem eines Verfolgers zu vernehmen. Es kam immer näher und näher. Die Kniee drohten unter ihr zu brechen. Der dunkle Schatten wuchs und wich nicht mehr von ihrer Seite. Von Zeit zu Zeit lachte es wild und grimmig hinter ihr. Je ſchneller Agnes floh, deſto mehr beſchleunigte das Geſpenſt ſeinen Gang. Der Athem ging ihr aus. Ein eiſiger Schauer hatte ſie erfaßt, ihre Glieder zitterten und bebten. Nun war es dicht neben ihr. Sie wich von der Richtung ab und ſchlug einen andern Weg ein. Vergebens. Es ſchallte und hallte, es ſchnaubte und lachte immer lauter, immer grauſiger. Der Mond hatte ſich hinter den Wolken verborgen. Sparſame Gasla⸗ ternen, welche in der verlaſſenen Gegend flimmerten, dienten eben nur dazu, das Gefühl der gänzlichen Verlaſſenheit und Oede, welche hier herrſchten, zu vermehren. Plötzlich ſtand es neben ihr. Sie ſah trotz der Dunkelheit ein grünes Raubthierauge auf ſie gerichtet, einen dunklen Arm nach ihr ausge⸗ ſtreckt. Kein Entrinnen war mehr möglich. Sie hatte ihren unverſöhnlichen Feind erkannt. Noch einmal raffte ſie alle ihre Kräfte auf, aber ſchon hatte die eiſtgkalte Hand ſie erfaßt und hielt ſie feſt. — Hol ho!— lachte es ſchaurig durch die Stille der Nacht.— Jungferchen, mir entflieht man nicht!— — Laſſen Sie mich! Um Gottes Barmherzigkeit willen, laſſen Sie mich los!— flehte das arme Mädchen. Die Schlange hielt ſie feſt umſtrickt. Sie ziſchte und geiferte. Ihr verpeſteter Athem berührte 157 den jungfräulichen Mund, den noch kein unreiner Kuß entweiht hatte. Sie ringelte ſich um den keu⸗ ſchen Buſen, deſſen ſchwellende knospende Formen die Wolluſt der Grauſamkeit erweckten. Sie ſchlang und wand ſich um die reizenden Glieder immer feſter, immer mächtiger, ohne Erbarmen, ohne Mitleid mit dem armen Opfer. Mit der ganzen Kraft, die ihr noch zu Gebote ſtand, ſuchte Agnes ſich von der ſcheuslichen Umarmuug zu befreien. Sie ſtrengte ſich an, die unwürdigen Bande zu zerreißen, doch umſonſt war ihr Bemühn. Der blinde Fritz be⸗ ſaß in dem ſchwächlichen Körper Rieſenkraft. — Zu Hülfe! zu Hülfe!— ſchrie ſie laut. Kein Menſch war in der Nähe und ihre Stimme verhallte ungehört.— Zu Hülfe! zu Hülfe!— ſtöhnte ſie, trotz ſeiner Drohungen und Anſtren⸗ gungen, ſie am Schreien zu verhindern. Immer von Neuem wimmerte ſie aus gepreßter Bruſt. Ein Engel im Himmel hatte ſie vernommen. Aus dem Dunkel der Nacht kam eine ſchlanke, kräftige Geſtalt plötzlich hervor. Ehe Fritz ſeine Beute erſchrocken fahren ließ, hatte ihn ein mäch⸗ tiger Arm ergriffen. Ueberraſcht, ſuchte er ſich zu vertheidigen, aber ſein Gegner hatte ihn um die Hüften gefaßt. Der liſtige Burſche ſuchte mit Gewandtheit zu entſchlüpfen und den Fremden durch Unterſtellung eines Beines zum Fallen zu bringen, dieſer jedoch machte ſeinen Plan durch die Ueberlegenheit ſeiner Kraft zu nichte. Mit einer ſchnellen Bewegung hob er ihn vom Boden leicht empor und ſchleuderte ihn mit eherner Fauſt auf den Kampfplatz hin, daß die Erde dröhnte. Der Gewaltige knieete auf dem Beſtegten, der vor Wuth mit den Zähnen nach den Händen ſeines Gegners ſchnappte. In dieſem Augenblicke durchbrach der Mond das finſtere Gewölk, welches ihn bisher verhüllte. Agnes ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Der junge Mann blickte zu ihr empor, ohne den Burſchen los zu laſſen. — Agnes!— rief der Retter laut mit einem Tone, der das Herz des Mädchens zittern ließ. — Was thun Sie hier in ſpäter Nacht, und was wollte dieſer Menſch mit Ihnen?— Hocherröthend erzählte ſie das Begegnen mit dem wüſten Burſchen, wobei ſte aus Schaamgefühl ſo viel als möglich das Benehmen des Vaters, 159 wie auch den Anfall des blinden Fritz, der noch immer auf dem Boden lag, zu entſchuldigen ſuchte. — Nichtswürdiger!— ſchrie jetzt Karl em⸗ pört, denn er war es.— Du verdienſt, daß ich dir einen Denkzettel für ewige Zeiten gebe. Welche Schändlichkeit, einem armen, wehrloſen Mädchen ſo zu begegnen!— Fritz antwortete nicht, man hörte nur deutlich ſeine Zähne knirſchen. — Laſſen Sie ihn los,— flehte Agnes ſanft. — Er wird es gewiß niemals wiederthun.— — Geh'! geh'!— rief der junge Mann, in⸗ dem er ſeine eherne Hand von dem Burſchen that. — Aber das rathe ich dir, laß dich nicht zum zweiten Mal von mir betreffen. Ich kenne dich, du biſt ein ſchlechter, ein böſer Menſch, vor dem man ſich in Acht zu nehmen hat. Doch auch mich haſt du jetzt kennen gelernt. Wehe dir, wenn du die⸗ ſem guten Mädchen wieder nahſt. Und jetzt fort, fort mit dir!— Der blinde Fritz ſprang vom Boden auf und ſchüttelte ſeine Glieder, als ob er erſt verſuchen wollte, ob dieſelben auch noch ganz geblieben wären. Als er weder Arm noch Bein gebrochen fand machte er von der ertheilten Erlaubniß den ſchleu⸗ nigſten Gebrauch und verſchwand hinter einem Bau⸗ platz, voll Verwünſchungen, die er, ſo lange er in der gefährlichen Nähe war, nicht laut zu äußern wagte. Jetzt erſt vermochte Agnes ihrem Retter zu danken. Dieß geſchah nur in abgebrochenen, geſtammelten Worten ohne Zuſammenhang, da ſie ſich von der beſtandenen Gefahr und der Erſchütterung, welche die plötzliche Erſcheinung Karls in ihr hervorge⸗ rufen, noch zu angegriffen fand. Ihre Erſchöpfung war ihm nicht entgangen und er bot dem bleichen, der Ohnmacht nahen Mädchen ſeinen Arm, den ſte diesmal natürlich nicht zurückwies. Schweigend gingen ſie Anfangs neben einander her. Karl er⸗ zählte erſt ſpäter, wie es ſo gekommen, daß ſein Weg ihn zufällig nach der öden Vorſtadt hinaus⸗ geführt habe. Er war auf der Herberge geweſen, wo ihn ſeine Pflicht als Altgeſelle jeden Sonntag hinrief. Dort hatte er einen Freund getroffen, den er nach deſſen Wohnung, welche in der Nähe lag, begleitete. Ruhig hatte er darauf den Rück⸗ weg eingeſchlagen, als der Hülferuf des Mädchens ſein Ohr getroffen. Anfangs glaubte er ſich noch zu täuſchen, doch der wiederholte ängſtliche Ruf hatte 161 ihn herbeigelockt, und er war zur rechten Zeit ge⸗ kommen, um der hart Bedrängten beizuſtehen. Während dieſer Erzählung ſchaute Agnes dankbar zu dem muthigen Manne empor, der an ihrer Seite ſchritt. Ihre Blicke hingen an ſeinen ausdrucksvollen Zügen und mit unnennbarem Ver⸗ gnügen lauſchte ſie dem vollen Klange ſeiner wohl⸗ tönenden Stimme. Wie ihr dabei ſo eigen ſelig zu Muthe war, das hätte ſie keinem Menſchen, ſelbſt der guten Mutter nicht einmal ſagen können. Nur die klugen, ſanften Augen verriethen durch ihren überirdiſchen Glanz das Glück, das ſie empfand da ſie ſo an ſeiner Seite ging. Karl hatte ſeinen Arm um den ihrigen ge⸗ ſchlungen und ſie ſchmiegte ſich innig feſt an ihn. Dabei empfand ſie ein eigenes Gefühl, das ſie ſanft durchſtrömte! Bisher hatte er im elterlichen Hauſe ihr nur eine geringe Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt, jetzt erſt ſchaute er, vielleicht zum erſten Male, ſie in ſolch' unmittelbarer Nähe an, und ihr lieblich feines Angeſicht, das der Mond mit ſeinen Silberſtrahlen mild verklärte, übte einen eigenen Zauber auf den wackeren Mann. Wo hatte er denn ſeine Augen bisher gehabt? Agnes Ring, Stadtgeſchichten. I. 11 „ — ͤͤͤ—— 162 erſchien ihm jetzt wie eine jener wunderbaren Feen, welche von Zeit zu Zeit auf die Erde niederſteigen, um der Menſchen Glück und Elend zu erfahren, aber ſelbſt in der irdiſchen Form ihr göttlich Weſen nicht verleugnen können. Welche Keuſchheit, welche Reinheit ſprach aus dieſen unſchuldsvollen Zügen. Wie ſanft klang der Ton ihrer herz⸗ gewinnenden Sprache. Kein rohes Wort beleidigte ſein Ohr. Jede ihrer Bewegungen war an ſtiller Anmuth reich. Wer war die Veranlaſſung, daß er all' dieſe Reize heute zum erſten Male zu erblicken glaubte? War es der Mond, der alte Herenmeiſter, der mit ſeinem Dämmerlicht ſchon manches Unheil angerichtet hat? Oder die goldnen Sterne, welche, wie man ſagt, das Geſchick der Menſchen leiten ſollen? Hatte ihn die dunkle Zaubernacht beſtrickt, welche die Gefühle wieder weckt, die vor dem ge⸗ ſchäftigen Tag verſtummen? In dem Menſchen⸗ herzen ruht die Liebe, wie der Keim, der tief in der Erde liegt. Ein Sonnenblick, ein holdes Wort von ſüßem Munde befruchtet ihn und die Wunder⸗ pflanze ſchießt empor. Ihre Wurzeln ſchlägt ſie in der Seele Grund. Sturm und Wetter ſchaden ihr nicht mehr und ſie wächſt mit jener Macht, 163 welche Steine ſprengt und jedes Hinderniß beſtegt, bis ihr Blüthenkelch von Seligkeit und unnennbarer Wonne überfließt. Im irdiſchen Staube erſteht die wahre Liebe, aber der göttliche Trieb hält und trägt ſie bis zum Himmel empor, von dem ſtie ſtammt. Wo zwei reine Herzen ſich in ihr begegnen, offenbart ſich Gott. Heilig iſt die Liebe, heilig ſind die Liebenden.— Agnes' Nähe wirkte wie ein Zauber auf Karl. Er fühlte den elaſtiſchen Druck ihres Armes, den er in dem ſeinigen hielt. Ein elektriſcher Schauer durchrieſelte den ſtarken Mann bei jeder Beruͤhrung mit der lieblichen Geſtalt, welche ſich ſchutzbedürftig an ihn ſchmiegte. Er wußte nicht, wie ihm ge⸗ ſchah, daß er ſte immer näher und näher an ſich zog. Unwillkürlich ſchaute er auf ſte und ihre Blicke begegneten ſich in einer einzigen Gluth, welche von Herzen zu Herzen drang. Ehe der Bund ihrer Herzen geſchloſſen war, hatte ſich Auge mit Auge, Hand mit Hand bereits vermählt. Selbſt im Gange hielten ſie gleichen Schritt. Er zügelte den ſchnellen Fuß und ſie beſchleunigte ihre zögernden Tritte. In dem großen Myſterium 11* der Liebe wird das Körperliche zum Symbol, zum Gefäß, das den heiligen Geiſt umſchließt. Die alliebende Mutter Natur leitet ihre Kinder mit ſanfter Hand. Durch die Pforte der Sinne nimmt ſte ihren Einzug in das Herz. Ein ſanfter Druck, ein ſüßer Hauch ſind die luftigen Bande, die ſie knüpft. So geſchah es hier, das göttliche Wun⸗ der, das Mann und Jungfrau mächtig zu einan⸗ der zog. Ueber ihren Häuptern leuchtete der Mond, ſtrahlten die Sterne und in ihren Herzen ſchimmerte das Morgenroth, das den jungen Tag verkündigte. So ſchwebten ſie durch die Straßen, vorbei an den Menſchen, welche achtlos an ihnen vorüber gingen und die ſie ebenſo wenig beachteten. Sie hatten unbewußt den heiligſten Bund geſchloſſen und Niemand begegnete ihnen, um das reine, un⸗ ſchuldsvolle Paar zu ſegnen. Gedankenlos wandeln die armen Sterblichen an einander vorüber, wie die einſamen Schiffe, welche auf dem großen Ocean in dunkler Nacht ohne Gruß und Zuruf vor⸗ beiſegeln. Sie ſprachen nur wenig, Agnes aus Schüch⸗ ternheit, Karl aus Befangenheit. Doch wozu 165 brauchten ſie der eitlen Worte? Genügte ihnen nicht die leiſe Berührung, das ſüße Empfinden der leiblichen Gegenwart?— Die Sprache iſt ſo arm und das Gefühl überreich. Die Liebe redet in Zeichen und Hieroglyphen. Vor dem irdiſchen Worte ſchrickt ſie zuſammen, ſie. bedarf der Rede nicht. Wann Karl Agnes ſicher leitete, mit leiſem Druck ihre Hand berührte, mit zarter Vorſicht ſie über jeden Anſtoß, über jeden Stein hinweg⸗ hob, ſagte da nicht in rührenden Beweiſen ſeine Zärtlichkeit mehr, als der gewandteſte Mund je auszuſprechen vermag? Wann ihr ſanftes Auge ſich an dem ſeinigen berauſchte, ihre reizende Ge⸗ ſtalt ſich feſter an ihn drängte, zeugte da nicht jede Bewegung, jede Miene in dem verklärten An⸗ geſicht die Macht des überſtrömenden Gefühls? Allzuſchnell langten ſie vor der verſchloſſenen Hausthür an. Die einſame Straße war ſtill und verlaſſen von Menſchen. Aus der Ferne tönte nur der Ruf des Wächters und ſein einförmiges Pfeifen. — Es iſt ſchon ſpät— ſagte Agnes— ich fürchte Vorwürfe.— — Die Mutter iſt nicht böſ'. Ich will ihr Alles morgen ſagen— entgegnete Karl. — Sie ſind ſo gut, ſo gut. Ach, wenn ich doch wüßte, wie ich Ihnen einmal danken kann — ſtammelte ſie und vermochte nicht weiter zu reden. — Agnes! Agnes!— rief der junge Mann. Da wußte ſie nicht mehr, wie ihr geſchah. Er hatte ſich zu ihr herabgebeugt. Seine Lippen neigten ſich den ihrigen entgegen. Sie lag in ſeinen Armen und an ſeiner Bruſt. Ein ſüßer Schauer hatte ſie erfaßt. Sie glaubte zu ver⸗ gehen an dieſem Kuß, der wie ein heilig Feuer ſie durchloderte. Der goldene Mond und die ſtrah⸗ lenden Sterne taumelten vor ihren Blicken. Die ganze Welt verſchwand, nur Er, Er ſtand feſt und hielt ſie ſtegreich wie ein Gott in ſeinem Arme. Gleich einer bleichen Lilie lehnte ſte ſich an den ſtarken Mann. Die Taubenaugen ſchloſſen ſtch und zwiſchen den langen, ſeidenweichen Wimpern drang ein Thränenſchauer hervor. — Lobet Gott den Herrn— ſang der Wäch⸗ ter aus der Ferne— Bewahrt das Feuer und das Licht!—— 167 Agnes ſchrak empor. Eine holde Röthe über⸗ zog jetzt das bleiche Angeſicht. Wie ein Kind, das ſich ſchämt, bedeckte ſte mit lieblicher Geberde die ſanften, noch thränenfeuchten Augen. Sie ver⸗ mochte nicht, Karl anzuſehn. — Gute Nacht!— flüſterte ſie leiſe. — Gute Nacht, mein Schatz!— entgegnete er, indem er ſte von Neuem an ſich ziehen wollte. Da öffnete ſich die Hausthür mit Geräuſch. Schüchtern entſchlüpfte Agnes der zugedachten Umarmung und träumte wohl die ganze Nacht unruhig von dem erſten Kuß. MIV. Nun hatte Agnes einen Schatz, wie ihr Rieke prophezeiht hatte, und einen Kuß noch obendrein. Im Schlafen wie im Wachen war ihr Herz bei ihm, und ihr erſter Gedanke beim Aufſtehen ge⸗ hörte ihm allein. Es war noch finſtere Nacht draußen, als ſie ſchon ihr Lager verließ. Sonſt ſchlief ſie ungewiegt, aber heute war ihr Schlaf nur von kurzer Dauer geweſen und gegen Morgen von ängſtlichen Träumen unterbrochen worden. Sie träumte, daß ſie an dem rauhen, wüſten Ufer eines Fluſſes ſtand. Druͤben blühten die herr⸗ lichſten Blumen, ſangen die Vögel in dem Laub fruchtbeladener Bäume, der Himmel war blauer, als ſie je zuvor geſehen und die Sonne leuchtete in nie geſchautem Glanz. Zwiſchen den Blumen wandelte ein Mann, den ſte ſogleich als den Ge⸗ liebten ihres Herzens erkannte. Er winkte ihr mit der Hand und rief ihr laut zu: Agnes! Agnes! Sie hörte den Ton der geliebten Stimme und vermochte länger nicht zu widerſtehen. Sie mußte zu ihm, ſo zog es ſie mit himmliſcher Gewalt. Keine Brücke führte von dem einen Ufer zu dem andern, kein Kahn war in der Nähe. Immer dringender rief und winkte er. Da galt kein Beſinnen. Sie ſtürzte in die tiefe Fluth des Stro⸗ mes. Die Wellen trugen ſie. Schon glaubte ſie das ſchöne Land, wo der Geliebte weilte, zu ge⸗ winnen, ſchon ſtreckte ſie die Arme ihm entgegen, um ſeine hülfreiche Hand zu ergreifen, da tauchte aus der Tiefe ein mährchenhaftes Ungethüm mit grünen Augen, wie der blinde Fritz ſie hatte, unter hölliſchem Gelächter empor.— Mein! Du biſt mein! 169 9 — rief der Waſſermann und umſchlang ſie, um ſte hinabzuziehen in ſein feuchtes Reich.— Hülfe! Hülfe!— ſtöhnte ſie aus der geängſtigten Bruſt. Der Geliebte eilte herbei und wollte ſie dem Zauber⸗ ſpuke entreißen. Sie kämpften, und während des Kampfes verwandelte ſich der Waſſermann in einen gewaltigen Fiſch, der den Rachen voll ſpitzer Zähne aufthat, um ſie zu verſchlingen; aber der Geliebte wich und wankte nicht. Er war zum mächtigen Adler geworden, der mit ſcharfen Klauen ſte vertheidigee. Die Wellen wurden roth von Blut. Da verblühten alle Blumen an dem ſchönen Ufer und die Bäume verdorrten. Der Himmel umwölkte ſich, die glänzende Sonne ging unter, es war Nacht. Mit einem ſchweren Seufzer war Agnes aus dem ängſtigenden Traum erwacht; um ſie herrſchte die tiefſte Dunkelheit. Ohne Beſinnen ſprang ſie aus dem Bette und zündete die kleine Lampe an. Sie hatte nur geträumt, aber im Traum ſpricht oft das Geſchick mit uns in ſeiner phantaſtiſchen Sprache und deutet uns in wunderlichen Bildern die Ereigniſſe der Zukunft an. Ihr Herz war be⸗ wegt und ihr ganzes Weſen befand ſich in einer Aufregung, welche ſie früher nie empfunden hatte. In der kleinen Küche war es kalt geworden. Sie ſchlüpfte daher ſchnell in das warme Kleid, ſteckte den zierlichen, nackten Fuß in die wärmenden Filz⸗ ſchuhe und zündete auf dem Heerd das Feuer an. Sie wußte nicht, wie ſpät es war. Es mochte noch früher Morgen ſein, denn im ganzen Hauſe regte ſich kein Menſch und Herr Hintze mit ſeiner Frau ſchliefen noch feſt, daß Agnes in der benachbarten Kammer ihr lautes Schnarchen hören konnte. Sie ſtellte das Waſſer auf den flammenden Heerd, um es für den Kaffee heiß zu machen; dann ſetzte ſie ſich einen Augenblick ſinnend auf die Küchenbank und hörte dem Summen und Rauſchen in dem eiſernen Topfe zu. Noch einmal zog der geſtrige Abend ſelber wie ein Traum an ihr vorüber. Ihr ganzes Leben ſchien ihr wie umgewandelt, ein anderes zu ſein. Sie hatte einen Geliebten und zwar den ſchönſten, beſten Mann der Welt, den ſie von Herzen lieben mußte, aber glücklich war ſie nicht. Sie konnte doch nicht lachen, wie Rieke, die mit ihrem Schatz vor der Welt groß that und offen vor den Leuten mit ihm zum Tanze ging. Das hätte Agnes 171 nimmermehr vermocht. Sie mußte ihr Geheimniß verſchließen, wie die Muſchel ihre Perlen vor der räuberiſchen Menſchenhand verbirgt. Zarter als die Mimoſa ſchrak ſie vor den eigenen Gedanken zuſammen, ſie bebte, als hätte ſie ein großes Un⸗ recht begangen, eine ungeheure Schuld auf ſich ge⸗ laden.— Das reinſte Weib zittert vor der mächtigen Gewalt der Liebe, die ſie übermannt. Die Keuſch⸗ heit ihrer Gefühle ſträubt ſich und kämpft den ſchweren Kampf. Die angeborne Schaam des Weibes weicht nur widerſtrebend der allbezwingen⸗ den Macht der gewaltigen Leidenſchaft. Sie möchte ſich dem Blick der Welt entziehn und mit den widerſtreitenden Gefühlen weit weg und vor ſich ſelber flüchten. Das Glück der Liebe wird von der Unſchuld nur mit Schmerz erkauft. Ein dunkles Gefühl trat in Agnes noch hinzu, um ihr die ſchwere Laſt des Buſens zu vermehren. Sie trennte eine Kluft von dem Geliebten die ihr unüberſteiglich ſchien. Sie war das arme Dienſtmädchen und Er der Sohn des wohlhabenden Viktualienhändlers, der ihr Brotherr war. Durfte ſie denn gegen den 172² Willen ſeiner Eltern einer Leidenſchaft folgen, welche von dieſen gewiß nie gebilligt werden konnte? Solche Gedanken und Gefühle beſtürmten die Bruſt der lieblichen Agnes, als ſte auf der Küchen⸗ bank ſich einen Augenblick die Ereigniſſe des vorigen Abends zurückrief. Doch das Leben einer armen Dienſtmagd, ſei dieſelbe von der Natur auch noch ſo reich begabt und mit allen Vorzügen des Her⸗ zens und des Geiſtes ausgerüſtet, iſt nicht dazu geeignet, ſich einem Gefühle ausſchließlich zu über⸗ laſſen. Sie muß vom frühen Morgen ſchaffen und ſorgen, das Frühſtück beſorgen und nach dem Mittagstiſch ſehen, ſcheuern und waſchen. Die Arbeit iſt aber das beſte Gegengift gegen Liebes⸗ träumereien.. Auf dem Heerde kochte und ziſchte das Waſſer und erinnerte Agnes laut an ihre Pflicht, an das Tagewerk, das unaufſchieblich war. Sie nahm die alte, etwas gebrechliche Kaffeemühle und ſchüttete ſorgſam die braunen Bohnen hinein. Dann ſetzte ſie ſich nieder und drehte mit der Hand die abge⸗ riebene Kurbel in raſchem Schwung. Jedes Mal wenn ſie ſich wieder ihren Gedanken überlaſſen wollte, hüpften und ſprangen die neckenden Bohnen 173 wie Kobolde auf ihren Schooß und ſie beugte ſich, um dieſelben zu ſammeln. Das zerſtreute ſte. Dann ſchüttete ſie den gemahlenen Kaffee in den großen Topf und ſah achtſam auf den dunklen Trank, der ſeine großen, ſchillernden Blaſen warf. Noch ein anderes Geſchäft nahm ſie in Anſpruch. Die Taſſen mußten erſt gewaſchen und gereinigt werden. Frau Hintze war in dieſem Punkte äußerſt accurat. Kein braunes Fleckchen durfte auf der weißen Schaale zu blicken ſein, beſonders auf der Mundtaſſe des Alten, welche mit goldenen Buchſtaben die Inſchrift: — für den Hausvater— trug. Unterdeß war auch Karl von ſeinem Lager aufgeſtanden. Er hatte ſich ſchnell und ohne Geräuſch angezogen, um die Aeltern nicht zu wecken, die noch ſchliefen, wenn er auf die Ar⸗ beit ging. Er war gewohnt, ſein Frühſtück ſtehend in der Küche einzunehmen, denn um ſechs Uhr Morgens mußte er in der Werkſtätte ſein. Statt des Sonntagsrockes, den er ſchon am Abend in den Schrank gethan, zog er ſeine blaue Blouſe an, und mit der Mütze in der Hand ſchlich er leiſe aus dem Schlafzimmer der Küche zu. Agnes merkte nicht eher ſeine Gegenwart, bis 174 ſie ſeinen Morgengruß vernahm. Eine flammende Purpurröthe bedeckte ihr Geſicht, als er ihr die Hand entgegenhielt. Nur zögernd ergriff ſie die⸗ ſelbe und erwiederte zaghaft ſeinen feſten, innigen Druck. Reizender als je erſchien ſie ihm im leichten Morgenanzug, den ſte in der Eile umgethan. Das ſchwarze Kleidchen hing nur leiſe um die weißen Schultern, welche unter dem verſchobenen rothen Halstuch wie glänzender Schnee hervorleuchteten. Ein Morgenhäubchen bedeckte den dunklen Locken⸗ kopf und verlieh ihr einen eigenthümlichen, frauen⸗ haften Reiz. Ja, wer ſolch' ein Weibchen ſein nennen durfte, war gewiß glücklich zu preiſen! Solch ein Gedanke ſchoß wohl dem jungen Manne durch den Sinn, als er Agnes betrachtete. Vor Verlegenheit hatte ſie ihr zierliches Köpf⸗ chen auf die Arbeit hingebeugt und machte ſich weit mehr zu ſchaffen, als nöthig war. Sie wagte nicht, ein Wörtlein mehr zu ſagen und wünſchte ſich viele tauſend Meilen weit, wenngleich ihr Herz ſie bleiben hieß. Er hatte ſich auf die Küchenbank geſetzt. Ehe er es aber that, war Agnes, welche immer von der Seite nur nach ihm ſah, ſchnell herbeigelaufen und hatte mit dem Lappen in der 175 Hand ſorgſam jedes Stäubchen von dem Sitze fortgewiſcht. Das gefiel ihm wohl, denn er war an Sauberkeit gewöhnt. Eine Weile war es in der Küche ſtumm. Keins von beiden ſprach ein lautes Wort. Auch der junge Mann ſchien be⸗ fangen. Freilich wußte er mit einem Mädchen nicht recht umzugehen. Einen Tanzboden hatte er früher nie beſucht, und ſein Herz war unwandelbar rein. Um doch etwas nur zu ſagen, zog er ſeine Pfeife hervor und bat von Agnes ſich ein wenig Feuer aus. Dieſe griff nach einem Spahn, zündete ihn an und trat mit der Flamme in der Hand zu dem geliebten Mann. Karl wollte den glühenden Spahn ihr abnehmen, doch ſie ließ es nicht zu und brannte ihm den Taback an. So gut hatte noch keine Pfeife ihm geſchmeckt. Mit einem unbeſchreib⸗ lich wonnigen Gefühl blies er die blauen Wolken in die Luft und ſchaute ihren duftigen Kreiſen nach. Endlich legte er doch die Pfeife aus der Hand und ſtellte ſich neben Agnes hin, die noch immer mit dem Reinigen der Gefäße beſchäftigt war. Als ſie ihn ſo nah an ihrer Seite ſah, überflog ein leiſer Schauer jedes Glied. — Agnes— ſagte er— mir hat die ganze Nacht von dir geträumt.— Sie antwortete nicht, obgleich ſie ganz daſſelbe ihm erwiedern konnte. Der weibliche Inſtinkt warnte ſie, dem jungen Manne mit einem ſolchen Ge⸗ ſtändniſſe entgegen zu kommen. Dieſer darf laut ausſprechen, was das züchtige Mädchen ſtill ver⸗ ſchweigen muß. Annes hatte unbewußt den feinſten Takt, den die Natur ihren Lieblingskindern für das Leben giebt. — Ja, ich hab' von dir geträumt— fuhr er nach einer Weile fort— und der Traum war wunderſchön, denn du warſt bei mir.— Dabei legte er ſanft den kräftigen Arm um ihren ſchlan⸗ ken Leib. — Das iſt nicht recht!— ſagte ſie und wand ſich leiſe von ihm los. 5 — Warum nicht recht?— fragte er, indem er abließ. — Weil ich nicht auf ſolche Reden hören darf. Ich bin nur ein armes Mädchen und Sie— — Agnes, ſo ſprachſt du geſtern nicht.— — Aber heut hab' ich mir erſt Alles über⸗ legt. Laſſen Sie mich und machen Sie ein armes 177 Mädchen nicht unglücklich, da ich doch niemals Ihr Weib werden kann.— — Wer ſollte es mir wehren?— — Ihre Eltern. Sie werden es nie zugeben, daß Sie ein Mädchen ohne Vermögen, ohne Hei⸗ rathsgut in das Haus bringen.— — Die Mutter iſt ſo gut, und der Vater thut, was ſie will. Agnes fürchte nichts. Ich bin kein ſchlechter Menſch. Ich ſchwöre dir zu, daß ich es redlich mit dir meine. Keine Gewalt der Erde ſoll uns trennen, wenn du mich liebſt, ſo wie ich dich liebe!— Er drang ſo warm und innig in ſie, ſeine Worte hatten eine ſolche überzeugende Gewalt; den⸗ noch blieb ſie feſt und wandte ſich von ihm ab. Da erwachte auch ſein Männerſtolz. Er überhäufte ſie mit Vorwürfen, die ſie ſtillſchweigend ertrug. Tootzig ſchickte er ſich an, um fort zu gehen. Ihr brach das Herz und dennoch fühlte ſie, daß ſie nicht in ihrer Pflicht wanken dürfte. Das war der herbſte Schmerz in ihrem Leben, als ſie den ge⸗ liebten Mann im Unmuth ſcheiden ſah. Es preßte ihr das Herz zuſammen, und mit Gewalt unter⸗ drückte ſie die Thränen, die ihre Augen zu füllen Ring, Stadtgeſchichten. I. 12 178 drohten. Der Schmollende drehte ihr den Rucken zu. Schon hielt er die Thür in der Hand, da wandte er noch einmal ſein Geſicht, und ſeine Blicke ruhten vorwurfsvoll auf ihr. Länger vermochte ſie ihm nicht zu widerſtehen. Wie ſchön ſah er ſelbſt in ſeinem Männerzorne aus! — Karl!— rief ſie ihn zuruͤck— wollen Sie ohne Frühſtück gehen? Dazu lächelte ſie ſo hoffnungsreich und liebevoll, daß die dunklen Wol⸗ ken auf ſeiner Stirn ſogleich vor dieſem Sonnen⸗ blick verſchwanden. Er trat einen Schritt ihr näher, ſie reichte ihm die volle Schaale hin. In der Verwirrung und Eile hatte ſie die Mundtaſſe des Herrn Hintze ergriffen. Mit der einen Hand wollte er nach dem Gefäße greifen, mit der andern das holde Mädchen an ſich ziehen. Da ließ ſich draußen ein bekanntes Hüſteln hören. — Um Gottes willen, die Mutter!— ſtam⸗ melte ſte und aus Furcht ließ ſie die ſchöne Taſſe auf den Boden fallen, welche klirrend in Scher⸗ ben brach. Wäre das koſtbarſte Kleinod ihrer Hand entglitten und zerſchmettert, Agnes hätte kein tieferes Leid empfinden können. Sie erblaßte vor Schreck und ſtieß einen lauten Schrei aus, der die 4 46 alten Leute wecken mußte, ſelbſt wenn ſie noch im tiefen Schlafe lagen. — Das iſt mein Tod!— rief das arme Kind— die Mundtaſſe des Vaters!— Auch Karl war erſchrocken, doch hatte er ſich bald gefaßt. — Es iſt meine Schuld— ſagte er.— Still, ich nehm's auf mich. Die Mutter wird zwar böſe ſein und ſchelten, doch am Ende wird ſie wieder gut, wenn ich eine andere Taſſe kaufe, die der alten ähnlich iſt— Agnes weigerte ſich, das Opfer anzunchmen. Es entſpann ſich ein holder Streit, der aber ſchnell durch das Erſcheinen der Fr chenz ward. rau Hintze abgebro⸗ — Ei, ei!— ſagte die gute Alte, die das Klirren der zerbrochenen Taſſe und den Schrei des Mädchens in der Wohnſtube vernommen hatte. — Ich glaube, hier hat es ſchon am frühen Morgen ein Unglück gegeben. He, was iſt denn los?— Beide ſchwiegen, und ſelbſt Karl empfand ein leiſes Beben. So mochte das erſte Elternpaar nach dem Sündenfalle zitternd die Stimme des 12* 180 Ewigen vernommen haben. Da die Alte keine Antwort erhielt, bückte ſte ſich, mit der Küchen⸗ lampe leuchtend, zu dem Boden nieder, auf welchem noch die vergoldeten Scherben lagen. Von dem ganzen Hausherrn war nichts übrig geblieben, als das Wörtlein„aus.“ Ja, mit der Taſſe war es aus. Frau Hintze hatte ein ſolches Unglück ſicher nicht geahnt, auf dieſen ungeheuren Verluſt war ſte nicht gefaßt. Ihre Augen ſtarrten immer noch die Scherben an, ſtumm rang ſte die Hände und ihre ſonſt geläufige Zunge war bei dieſer Gelegen⸗ heit wie vom Schlag gelähmt. Es bedurfte einer geraumen Weile, ehe ſie ſich ſoweit geſammelt hatte, um zu fragen:— Wer hat das gethan?— Schon wollte Agnes vortreten und ihre Schuld geſtehen, doch ehe ſie es verhindern konnte, hatte Karl bereits ſich zu dieſem Unglück bekannt. Frau Hintze war gewiß die beſte Frau von der Welt und liebte ihren Sohn, wie keine Mutter ihn mehr lieben kann; aber dennoch ſchoß das Blut ihr nach dem Kopf und ſie ſchalt den Liebling ihres Herzens wacker aus. Dieſer ertrug jede Demüthigung um der Geliebten willen, für ſie hatte er ſogar die erſte Lüge in ſeinem ganzen 181 Leben der Mutter gegenüber gewagt. Die wahre Liebe trägt mit leichtem Muthe jedes Mißgeſchick. Agnes ſtand dabei und verging beinah vor Herzeleid und Schaam. Sie wollte die Wahrheit ſagen und hätte ſie darum den Dienſt ſogleich ver⸗ laſſen müſſen, doch ein Blick von ihm hieß ſie ſchweigen und ſie gehorchte ihm. Sie hatte keinen eigenen Willen mehr. Endlich hatte der Zorn des guten Mütterchens ſich abgekühlt. Sie fühlte ſogar, daß ſte dem guten Sohn zuviel gethan. Faſt bat ſie ihn zuletzt noch, ihr ſelber zu verzeihn. — Mutter,— ſagte dieſer,— ich will dem Vater eine andere Taſſe kaufen, die viel ſchö⸗ ner iſt.— — Nein, das duld' ich nicht. Du haſt das Geld nicht ſo zum Wegwerfen und mußt den Gro⸗ ſchen ſauer dir verdienen. Ich habe meinen Gulden in der Kommode liegen, den ich für ein neues Geſangbuch beſtimmt habe, weil das alte ſchon ſo ſehr zerleſen iſt. Das Geld will ich holen. Du kannſt eine neue Taſſe bei dem Kaufmann an der Ecke kaufen und auf den Abend mitbringen. Dem Vater will ich ſchon was vorreden; ſo leicht merkt er nichts.— Mit dieſen Worten trippelte die Alte aus der Küche und ließ die Liebenden, von deren Verhältniß ſte keine Ahnung hatte, allein. Am liebſten wäre Annes dem guten Menſchen jetzt um den Hals ge⸗ fallen, aber das ſchickte ſich doch nicht. Darum begnügte ſte ſich nur mit einem Blick und einem Lächeln, in dem der Himmel mit all' ſeinen goldenen Sternen lag. Reden konnte ſie auch nicht, denn die Mutter drohte bald zurückzukommen, aber Karl flüſterte ihr leiſe zu:— Wenn die Eltern ſchlafen, kommſt du in den Hof, dort erwart' ich dich.— IV. Das war ein rechtes Glück, daß Karl nicht im Keller blieb, ſondern auf die Arbeit ging, ſonſt hätte manche Taſſe und vielleicht auch Teller und Schuſſel ein frühzeitig Ende durch Agnes Hand gefunden. Selbſt als ſie ganz allein war, ging ſte, wie im Traum, umher. Sie fühlte ſich, wie umgetauſcht. Bald ergriff ſie eine Arbeit, wuſch 8 183 und ſcheuerte, als wollte ſie die Hände ſich zerreiben, und dann wieder ſtand ſie eine ganze Weile mit untergeſchlagenen Armen müßig vor dem Feuer⸗ heerd. Nicht anders that ſie im Verkaufslokal, wenn ab und zu ein Kunde kam. Wer einen Hä⸗ ring verlangte, war heut ſicher, ein Pfund Butter zu bekommen, und wer nach Ciern fragte, dem wurden Schwefelhölzer hingereicht. Wir ſtehen nicht dafür, daß Agnes dem Einen zu viel, und dem Andern zu wenig für ſein Geld gegeben hat. Die Stube war nicht ordentlich aufgeräumt und die Suppe ſchmeckte angebrannt. Zum erſten Mal machte Frau Hintze ihr ein ernſt Geſicht und ſchalt ſie wegen ihrer Zerſtreutheit aus. Auch dem Vater Hintze war ihr ſonderbares Weſen aufge⸗ fallen, doch'er ſchrieb es dem häuslichen Kummer zu, da er geſprächsweiſe von Agnes über das Ver⸗ hältniß in dem väterlichen Hauſe mancherlei er⸗ fahren hatte. War das Mädchen am Tage zerſtreut, ſo war ſie gar am Abend erſt ganz außer ſich. Karl war von der Arbeit zurückgekehrt, und auch er verhielt ſich ſchweigſamer, als ſonſt. Dennoch merkte ſelbſt die Mutter nichts, und die Frauen haben ſonſt in 184 ſolchen Dingen einen ſcharfen Blick. Freilich war der junge Mann weit mehr Herr über ſich und vermochte ſeine Gefühle zu beherrſchen, die das arme Kind kaum zu bemeiſtern im Stande war. Zwi⸗ ſchen den Beiden fand bereits ein geheimes Ver⸗ ſtändniß ſtatt, und die Nothwendigkeit, ihre Liebe zu verbergen, gab der aufkeimenden Leidenſchaft einen neuen unbekannten Reiz. Je mehr ſie ſich in Gegenwart der Eltern einen Zwang auflegen mußten, deſto mehr beſchäftigten ſi ſie ſich im Stillen und Verborgenen mit einander. Hätte man in ddieſem Augenblick in beider Herzen ſehen können, ſo wäre in dem ſeinigen der Name Agnes, in dem ihrigen Karls Bild ſicher aufgefunden worden. Ohne ſich anzuſehn, denn das wagten ie nicht mehr, ſchauten ſie einander mit dem innern Auge der Liebe. Endlich ſchickten ſich die Alten an, zu Bett zu gehn und das Mädchen wurde fortgeſchickt, um ſich auch zur Ruhe zu begeben. — Schlaf' dich gut aus,— mahnte Frau Hintze,— und ſteh morgen friſch und munter auf. Das ſpäte Schlafengehn, wie geſtern, taugt dir nichts. Der Menſch muß ſeine Ruhe haben, ſonſt wird er dumm und duſelt ſo den ganzen Tag.— Agnes zündete die Küchenlampe bei dem Lichte an, dabei traf ſie ſeinen hellen Blick, der ſie zu fragen ſchien: Kommſt du auch? Draußen in der Küche dachte ſie an ſeine Forderung. Durfte ſie ſeiner Bitte willfahren? Eine innere Stimme warnte ſie vor dem gewagten Schritt. Faſt war ſie entſchloſſen, ihm zu wider⸗ ſtehn, dennoch zog ſie nicht die Kleider aus, ſon⸗ dern ſaß in ihnen auf dem Bett. Träumend ſtützte ſie das runde Kinn in die weiße Hand und lauſchte ängſtlich und geſpannt auf jeden Ton. Die Alten hatten ſich in die Schlafkammer zurückgezogen und wie ſie gewohnt waren, ihre Thür zugemacht. In dem Wohnzimmer wurde jede Nacht für Karl das Bett aufgeſchlagen und am Morgen wieder fortge⸗ ſtellt, da er zeitig auf die Arbeit ging. Dieſe Stube und die Küche waren nur durch einen ſchmalen Gang getrennt, der hinaus auf den Hof führte, wo die Liebenden ſich treffen ſollten. Solch' ein Rendezvous, das den höheren Ständen höchſt bedenklich ſcheint, wird von den unteren Volksklaſſen mit ganz andern Augen angeſehn. Der Geſeelle, der Soldat, ſpricht ſein Mädchen an der Hausthür, an der Ecke, unter freiem Himmel, wohin er ſte be⸗ ſtellt. Für die Liebenden von dieſem Schlag giebt es weder ſtrahlende Salons, noch Geſellſchaften, wo man ſich begegnen und begrüßen kann. Unter ſolchen Verhältniſſen leidet die Moralität keines⸗ wegs einen größeren Schaden, als anderswo. Of⸗ fener und freier mag die Liebe zwar ſprechen, welche kein Späherauge belauſchen kann, aber vor der Macht der Leidenſchaft ſchützt der goldne Saal nicht mehr, wie der Hausflur, oder der Hof, auf welchem die dienende Klaſſe ihren Schatz zu em⸗ „pfangen pflegt. Wenn auch derartige Rückſichten, wie ſie den vornehmeren Ständen nothwendig ſind, Agnes nicht bewegten, ſo hielt ſie manche andere Bedenklichkeit zurück. Sie beſaß ein Zartgefühl, das nicht immer die alleinige Eigenſchaft der, höheren Geſell⸗ ſchaft bleibt. Vor Allem wurde ſie von dem Ge⸗ danken gepeinigt, ohne Willen der Eltern ein Ver⸗ hältniß mit dem Sohne einzugehn und das Ver⸗ trauen zu täuſchen, was man ihr bisher geſchenkt. Auch die angeborene Schaamhaftigkeit hielt ſie zu⸗ rück. Sie hatte ſtill und eingezogen bisher gelebt. Kein männlich Weſen war ihr näher getreten, bis Karl ihr jungfräuliches Herz im Sturm gewonnen 187 hatte. Eine innere Scheu bildete den Grundzug ihres Weſens, eine Schüchternheit, die wie ein mah⸗ nender Engel ſtets an ihrer Seite ging und ſie bis jetzt vor jeder Verſuchung treu bewahrt hatte. Alle dieſe Gedanken und Gefühle beſtürmten ſte, aber ihr Herz gehörte ihr nicht mehr. Ein fremder Wille hatte ſich in ihr Leben eingedrängt und beherrſchte ſie. Die Liebe, welche unter den Gebildeten immer mehr durch die gegenwärtigen ſozialen Verhältniſſe an Friſche und Urſprünglicheit verloren hat, findet oft im Volke einen fruchtbaren Boden wieder, indem ſie mit ungebrochener Kraft ſich entwickeln kann. Hier, wo tauſend Troſtgründe und Zerſtreuungen fehlen, welche ein gebrochenes Herz in der großen Welt noch heilen können, ent⸗ wickelt ſich eine Leidenſchaft mit überraſchender Ge⸗ walt. Nirgends begegnen wir häufiger dem Selbſt⸗ morde aus Liebe, als unter den unteren Volks⸗ klaſſen, nirgends furchtbareren Ausbrüchen der Eifer⸗ ſucht, als hier. Dies iſt eine Erfahrung, welche ſich durch die Statiſtik aller Zeiten und Völker nachweiſen läßt. Wir wiſſen, daß Agnes mit ganzer Seele an dem Geliebten hing, dennoch kämpfte ſte einen 188 ſchweren Kampf, bevor ſie unterlag. Spottet nicht, werft den Stein nicht auf mein armes Kind! Wer weiß, ob ihr nicht in gleichem Fall, wie ſie gethan? Ach ſie rang ja auch mit der gewaltigen Leiden⸗ ſchaft und widerſtand mit aller Kraft, die ihr zu Gebote ſtand. Auf dem Bette in der dunklen Küche verlebte ſie eine Stunde voll ſchwankender Pein und banger Erwartung. Aengſtlich klopfte ihr das kleine Herz in der reinen Bruſt, und die Stirn brannte ihr wie glühend Feuer von dem vielen Denken und Erwägen. Lange ſchwankte das Züng⸗ lein der Wage, eh' dieſelbe niederſank. Liebe und Dankbarkeit vereinten ſich und der Verſucher klei⸗ dete ſich in das unſchuldreine Gewand der Erkennt⸗ lichkeit. Draußen war es ſtill und blieb es ſtill. Karl wartete, bis die Eltern eingeſchlafen waren. Auch er hatte ſich nicht ausgekleidet. Als er die wür⸗ digen Alten, wie ſie es gewohnt, laut und deutlich ſchnarchen hörte, da erſt öffnete er leiſe die Thür, damit ſie nicht knarre, und eilte auf den Hof, wo er Agnes bereits zu finden glaubte. So vorſichtig er auch auftrat, ſie hatte doch den Schritt des Geliebten auf dem dunklen Gang gehört. Sie war 189 vom Bette aufgeſprungen uns eilte ebenfalls der, aus Vorſicht von ihm offen gelaſſenen Thür zu, welche auf den Hof hinaus führte. Doch ihr Fuß zögerte noch immer, ihm zu folgen. Sie blieb mit⸗ ten in der Küche ſtehn. Ihre Kniee bebten, ihre Pulſe flogen. Hatte Mutter Hintze nicht gehuſtet? — Nein, es war der Wind, welcher durch den Rauchfang pfiff. Ein fremdes Geräuſch traf ihr Ohr und ſie zitterte. Die Katze ſchlich knurrend auf den nächtigen Raub. Jetzt erſt wagte ſie durch die Thür zu ſchlüpfen und mit pochendem Herzen eilte ſie die Treppe hinauf, welche unter ihren leiſen Schritten einzuſinken drohte. Sie war im Freien, wenn man den von hohen Mauern eingeſchloſſenen Raum ſo nennen durfte, wo bereits Karl, auf das Mädchen wartend, ungeduldig auf⸗ und niederſchritt. Nur Verliebte konnten den Ort ſchön finden, wo ſie ſich beim Stelldichein trafen. Der Hof war lang und ſchmal, mit Gerümpel, alten Fäſſern und Kiſten angefüllt. Ueber ihren Häuptern blieb nur ein kleiner blauer Streifen von dem Himmelszelt ſichtbar, das mit goldenen Sternen ganz überſäet erſchien. Auch der Mond leuchtete, wie geſtern, mit dem hellſten Glanz, aber die hohe Brandmauer ver⸗ — ͦ hinderte den alten Freund oder Feind der Liebenden ſein ſchwärmeriſches Angeſicht zu zeigen. Die Nacht war keine von jenen, welche Romeo und Julia be⸗ glückte. Es wehte eine kühle ſcharfe Novemberluft, und Karl mußte ſich die Hände reiben, damit ſie ihm vor Froſt nicht erſtarrten. Kein goldener Balkon zierte das Haus, welches mit dem Pallaſte Kapu⸗ ts durchaus keine Aehnlichkeit darbot. Statt des rauſchenden Springbrunnens ſtand in dem Winkel eine alte Plumpe, aus der Agnes ihren täglichen Waſſerbedarf für das Haus entnahm. Ein abge⸗ ſtorbener Fliederſtock mit dürren Aeſten ſollte ver⸗ muthlich die blühenden Orangenbäume erſetzen, doch weder Nachtigall noch Lerche ſang auf ihm. Trotz alledem dünkte ihnen kein Ort auf der Welt ſo ſchön und anmuthig, als der lange, ſchmale Hof mit ſeinem Gerümpel, ſeiner alten Plumpe und dem dürren Fliederbaum. Auch die Noyembernacht war für die feurig Liebenden nicht gar ſo kalt, wie der ver⸗ zärtelte Leſer glauben wird. Im Gegentheil, Agnes glühte im Geſicht, und es überflog ſie heiß, als der ge⸗ liebte Mann ſie in ſeine Arme ſchloß. Sie ſchmiegte ſich an ihn mit ihrer ſchwellenden Geſtalt. Seine Hand berührte ihr gelocktes Haupt und ſtreichelte die 191 roſige Wange, welche ſanft und rund wie ein Pfirſich war. Einen Kuß verweigerte ſie ihm nicht. Das war auch in der Ordnung, und mehr forderte der beſcheidene Karl nicht. All' dieſe Wonne und Se⸗ ligkeit wurde noch vermehrt durch ein Gefühl von Angſt und Befangenheit, dem ſich keins von Beiden ganz erwehren konnte. Die verbotene Frucht ſchmeckt am ſüßeſten und das Geheimniß iſt der Gott der Liebenden. Bei dem leiſeſten Geräuſche ſchraken ie zuſammen, als hätte man ſte auf ſchlimmer That ertappt und dann lachten ſie wieder über ihre ſelbſt, wenn ſie nicht ſprachen, beglückte ſie die bloße Gegenwart. Was ſte redeten, war kaum der Mühe werth. Es war ein Flüſtern, unverſtändlich füß wie das Murmeln eines Silberquells, wie das Wehen und Rauſchen in dem grünen Laub der Linde. Die Zeit verflog ihnen wie ein Traum und es war bereits Mitternacht, als ſie von einander ſchieden. Noch ein Kuß, und welch' ein Kuß! Nicht flüchtig, ſondern feſt und innig ſog Lippe ſich an Lippe feſt, als wollte Seele ſich in Seele ſtürzen. Ihre Augen glänzten heller als die gol⸗ denen Sterne, die vom Himmel niederſtrahlten. Von dem Hinterhauſe, wo der blinde Spielmann ſaß, trug der Nachtwind die verirrten Harfentöne zu ihnen herüber. Er allein war wach und ſang ein wohlbekanntes Lied, das jetzt im Volksmund lebt: Freudvoll und leidvoll Gedankenvoll ſein, Langen und bangen In ſchwebender Pein, Himmelhoch jauchzend Zu Tode betrübt, Glücklich allein Iſt die Seele, die liebt. XIVI. Der Blinde führte in ſeinem Kellerloche ein ganz abſonderliches Leben. Wenn andere Menſchen ſchlafen, wachte er. Ihm war der Tag, wie Nacht, und die Nacht, wie Tag, ſeitdem er unter traurigen Umſtänden das Augenlicht für immer verloren hatte. Außer Fritz, der ihn oft verließ, um ſeinen böſen Weg allein zu gehn, lebte Niemand auf der Welt, der ſich um ihn kümmerte. Da wählte er die alte 193 Harfe zu ſeiner Freundin, der er Alles anvertraute. Mit ihr ſprach er von den vergangenen Zeiten, von beſſeren Tagen, die er einſt geſehn. Sie wurde ſeine Tröſterin. Ein vielbewegtes Leben lag weit hinter ihm. Zuweilen tauchte die Erinnerung in ihm auf, und ſeine glanzloſen Augen füllten ſich mit Thränen. Schmerz und Reue nägten an dem unglücklichen Mann, der oft der Verſuchung unter⸗ legen und mancher ſchweren Sünde ſich bewußt war. Einſt hatte er im Rauſch der Welt gelebt und ihre Verführungen an ſich ſelbſt erfahren. Ein reiches Erbtheil war von ihm vergeudet worden. Damals hatte er Freunde gehabt, Männer und Frauen, welche mit ihm jubelten. Als das Geld verſchwunden war, ſtand er allein und war blind. Aber während die Welt vor ſeinen Blicken verſank, ſtieg ein inneres Licht in ſeiner Seele auf. Das Unglück erweckte in ihm, das beſſere Selbſt und die Reue wandelte ihn gänzlich um. Nach einer langen Krankheit, eine Folge ſeiner Thorheiten und Ausſchweifungen, welche ihm das Licht der Augen koſteten, war er vergeſſen von der Welt, in der er bisher gelebt. Er hielt ſich ſelbſt für todt und wandelte wie ein Geſtorbener, in dunkle Nacht ge⸗ Ring, Stadtgeſchichten. I. 13 194 hüllt, unter den Lebendigen umher. Die Noth drückte ihm die Harfe in die Hand und weckte in ihm einen Sinn, den er bisher noch nicht gekannt. Der Blinde wurde ein Sänger und ſtrömte in Tönen ſeine Schmerzen aus. Von Thür zu Thür zog er mit ſeinen Liedern und auf den Straßen bettelte er ſein Brod. Dort ſang er, wie die Uebrigen, welche ein gleiches Schickſal mit ihm theilten. Aber in der Nacht, wenn das Tagewerk gethan und der tägliche Bedarf von ihm verdient war, da überkam es ihn mit zwingender Gewalt. Die alten Bilder aus dem Leben wachten wieder auf in heller Farben⸗ gluth. Luſt und Schmerz, Reue und Buße ſchwellten ihm das Herz. Der Kopf glühte ihm. Die Lippen bebten und er ſang ein Lied, das er oft nie zuvor gehört. Ein Wort fügte ſich zum andern, ein Reim paßte ſich dem erſten Reime an, und ohne es zu wiſſen, war der Blinde zum Dichter geworden, der den Inhalt ſeines Lebens als Poet geſtaltete. Keine ſchönen Worte, keine prächtigen Bilder und neue Gedanken ſtanden ihm zu Gebote. Seine Dichtungen waren roh und mangelhaft, aber ſelbſt in dieſer ärmlichen Form rührend wahr. Er konnte ſte nicht aufſchreiben, nur dem Gedächtniſſe prägte 195 er ſie ein. Er ſang ſie meiſt nach irgend einer alten Melodie. Das war der ganze Troſt, der ihm übrig blieb. In der Stille der Nacht wechſelten die alten Lieder mit den neuen ab. Nachdem er das Göthe'ſche„Freudvoll und Leidvoll“ beendet hatte, griff er von Neuem in die Saiten der Harfe und ſang mit wehmüthiger Stimme folgende Stro⸗ phen, die er lange in ſeinem Kopf herumgetragen hatte: 3 Ach das ganze Leben Iſt viel Müh' und Noth, Ruhe kann dir geben Nur allein der Tod. Nur im Grab' iſt Frieden, In der Gruft iſt Ruh', Darum ſchließ' die müden, Feuchten Augen zu. Auf dem Raſen wachſen Lilien weiß und rein, Wer da fromm geſtorben, Wird ein Engel ſein. 13* Agnes und Karl hörten nun die traurige Melodie, die der Wind zu ihnen herüber trug. Eine unerklärliche Wehmuth hatte ſie erfaßt und miſchte einen Wermuthstropfen in den Freuden⸗ becher ihrer Luſt. — Der arme Blinde!— klagte das Mädchen. — Es jammert mich, daß er ſo allein und ver⸗ laſſen in der Welt daſteht.— — Gieb ihm morgen das Viergroſchenſtück von mir— ſagte Karl und drückte ihr das Geld⸗ ſtück in die Hand.— Er ſpielt ſo ſchön und mir iſt jetzt zu Muth, als dürfte kein Menſch auf Erden unglücklich ſein.— 4 — Ach! was du gut und brav biſt!— flüſterte Agnes.— Ich möchte für dich durch's Feuer und Waſſer gehen.— — Ei, das iſt nicht nöthig, komm' nur mor⸗ gen wieder auf den Hof.— Sie weigerte ſich nicht mehr. Sie konnte ihm nichts mehr abſchlagen. — Morgen!— ſagte ſie und nickte mit dem zierlichen Köpfchen. — Morgen!— hallte es von ſeinen Lippen 197 wieder und ſo ſchieden die Glücklichen, um die Stunden bis zum Wiederſehn zu zählen. Es war Zeit, daß ſie ſich trennten, denn im Hauſe ſchlichen zwei Geſtalten, welche ebenfalls im Hofe ſtill ſtanden und ſich vorſtchtig umſahen, als wollten ſte nicht belauſcht werden. Sie fluͤſterten heimlich, aber nicht wie Liebesleute, die ihr Glück der Welt verbergen möchten, ſondern wie Ver⸗ brecher, die auf boͤſe Thaten ſinnen. — Das weißt du Alles— ſagte der blinde Fritz mit ziſchelnder Stimme— du kennſt meinen Plan. Mit dem falſchen Spiele kommen wir nicht weit. Seit acht Tagen iſt kein Menſch uns mehr ins Garn gegangen. Unſere Taſchen ſind ſo leer, wie die Kirche in den Wochentagen.— — Ich habe keinen rothen Heller mehr!— bekräftigte Neumann, welcher der Begleiter des lie⸗ derlichen Burſchen war. Fritz hatte ſich auf eine leere Tonne hingeſetzt und winkte dem verlorenen Mann, neben ihm Platz zu nehmen. — Wir müſſen einmal etwas Ordentliches unternehmen, das ſich der Mühe lohnt. Ich habe das Luderleben ſatt. Was meinſt du, Neumann, wenn wir nach Amerika auswanderten? Dort giebt es Geld wie Heu, und da kennt uns noch kein Menſch.— — Ich wäre ſchon dabei, aber zum Aus⸗ wandern braucht man Geld, und was ſoll aus Weib und Kindern werden, wenn ich mich auf und davon mache? Der Teufel hat mich geritten, daß ich eine ſolche Laſt auf mich geladen habe.— — Wirf ſie weg, laß ſie fallen!— rieth der blinde Fritz. — Nein, das kann ich nicht. Ich hab' die Kinder all' zu lieb— entgegnete Neumann, in dem der ſchlechte Lebenswandel, welchem er ſich ergeben hatte, noch nicht jedes beſſe ere Gefühl er⸗ ſtickt hatte. — Nun gut, dann kannſt du ſie immer nach⸗ kommen laſſen— meinte der Burſche.— Auch habe ich gehört, daß dort Menſchenhände noch etwas werth ſind. Je mehr Kinder, deſto mehr Segen, umgekehrt wie bei uns. Das Amerika will mir gar nicht aus dem Sinn, und ich denke mir dort Alles wunderſchön. Es muß ein präch⸗ tiges Leben in dem Lande ſein.— In der That war das Auswanderungsprojekt 199 in der Seele des blinden Fritz bereits zur firen Idee geworden, Er träumte ſeit langer Zeit davon bei Tag und Nacht. Der Boden der Hauptſtadt brannte unter ihm. Seit einigen Tagen glaubte er von der Polizei beobachtet und ein vorzüg⸗ licher Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit zu ſein, was auch in der That der Fall war. Auch Neu⸗ mann ergriff mit einer fieberhaften Ungeduld den Vorſchlag, den ſein unzertrennlicher Genoſſe ihm gethan. Vielleicht ſchwebte ihm dabei die unbe⸗ ſtimmte Hoffnung vor, dort für ſich und die Seini⸗ gen eine beſſere und reinere Exiſtenz zu finden, als die gegenwärtige. Darum kam er immer von Neuem auf den viel beſprochenen Gegenſtand zurück. — Woher ſollen wir das Geld aber zur Ueberfahrt nehmen?— fragte er ſeinen Freund. — Nichts leichter, als das. Der alte Wieſel muß die Reiſekoſten hergeben. Ich weiß, daß er erſt geſtern wieder ein paar tauſend Thaler mit der Poſt bekommen hat. Die müſſen wir nehmen, ehe er ſie wieder austhut, denn der Wucherer leidet keinen Groſchen im Hauſe. Ihm verſchlägt es nichts und uns iſt damit geholfen für ewige Zeit.— Neumann war auf dem Weg des Laſters ſchon ſo weit vorgeſchritten, daß die einzige Bedenklich⸗ keit gegen das verbrecheriſche Unternehmen in der Furcht lag, dabei ertappt zu werden. Er äußerte deshalb ſeine Beſorgniſſe. — Darum kannſt du ohne Kummer ſein— beſchwichtigte der blinde Fritz.— Die Hauptſache iſt bereits gethan. Sieh her!— Mit dieſen Worten zog der Burſche zwei Dietriche aus der Taſche, welche er Neumann hin⸗ reichte.— Ich habe das Schlüſſelloch in Wachs abgedrückt und die Schlüſſel darnach feilen laſſen. Ich ſtehe für die Richtigkeit, denn ich habe ſie bereits probirt. Alles Uebrige iſt nur eine Kleinig⸗ keit. Die Gelegenheit kenne ich genau. Zuerſt kommt das Entrée, dann die Wohnſtube, hinter der liegt das Schreibzimmer, wo das Geld im Sekretair verſchloſſen iſt, der ſich leicht mit einem Haken öffnen läßt. Nebenan ſchläft der Alte ganz allein und in der Küche die Wirthſchafterin, wenn ſte nicht wo anders iſt. Du ſiehſt, es geht ganz leicht.— — Wenn ſie aber aufwachen?— — Pah! man wird doch mit dem alten 201 Krüppel fertig werden?— fragte der blinde Fritz und machte dazu eine Bewegung, welche Neumann durchaus nicht mißverſtehen konnte. So tief der⸗ ſelbe auch geſunken war, ſo grauete es ihm doch vor dem unheimlichen Genoſſen. — Nein, ich thue es nicht!— rief er ent⸗ ſchloſſen aus— Meine Hände will ich nicht mit Blut beflecken.— — Biſt ein Narr. Es wird zum Aeußerſten nicht kommen. Verlaß dich darauf. Der Alte ſchläft feſt wie eine Ratze und die Wirthſchafterin kann uns nicht hören, wenn ſtie in der Küche liegt. Sei kein Haſenfuß, zeig', daß du ein Mann biſt und Courage haſt.— Der blinde Fritz wußte Neumann von allen Skrupeln ſeines Gewiſſens zu befreien, welche immer von Neuem in der Seele des ſchwankenden Mannes aufſtiegen. Er verſchmähte nicht, ſelbſt das Anden⸗ ken an Rechtſchaffenheit und Tugend heraufzube⸗ ſchwören, um die Nothwendigkeit der That ihm nachzuweiſen. — Wenn wir erſt das Geld haben— ſagte er — und in Amerika ſind, dann kannſt du meinet⸗ wegen ein ehrlicher Kerl werden, und vielleicht find' 202 ich auch daran Geſchmack. Wir kaufen uns ein Stück Land, wo der ſchönſte Taback wächſt. Dann wollen wir Cigarren rauchen, keine Treuenbriezner, ſondern ächten, reinen Varinas. Ich will mir eine Sklavin halten, die mir die Fliegen fortjagen muß, wenn ich ſchlafen will. Neumann! das ſoll ein Leben ſein.— Auf dieſe Weiſe wußte der blinde Fritz ſeinen Begleiter zu beſtricken. Charakteriſtiſch und faſt unerklärlich war nun zweierlei dabei. Erſtens, daß keiner von Beiden an die Nothwendigkeit eines Paſſes für ihre Auswanderung dachte; zweitens, daß der blinde Fritz das Verbrechen nicht für ſich unternehmen wollte, da doch bei der großen Wahrſcheinlichkeit des Gelingens der ganze Vor⸗ theil ihm allein zugefallen wäre. Dieſe beiden Erſcheinungen erklären ſich zum großen Theil aus den Eigenthümlichkeiten des Verbrecherlebens. Es iſt kaum glaublich und doch eine Erfahrung, welche die Kriminaliſtik an jedem Tage macht, in welche grobe Fehler der ſchlaueſte Dieb verfällt. Gewöhnlich, wird der Plan zu einem Verbrechen mit der größten Beſonnenheit gefaßt, bei der Ausführung eine Ausdauer und ein Muth bewieſen, 203 welche einer beſſern Sache würdig wären. Dennoch ſcheitert der Geſchickteſte und fehlt, meiſt in einer Kleinigkeit, welche der beſchränkteſte Verſtand ver⸗ mieden hätte. Dieſes intereſſante, pfychologiſche Problem erklärt ſich nur durch eine momentane Abſpannung, welche von Zeit zu Zeit den ſtets aufgeregten Geiſt des Verbrechers befallen muß. Daß aber der blinde Fritz ſich Neumann zu⸗ geſellte, hatte theils einen rein menſchlichen, theils einen beſonderen und individuellen Grund. Das Prinzip der Aſſociation iſt eigentlich nirgends mehr entwickelt als in der Verbrecherwelt. Die Ausge⸗ ſtoßenen der Geſellſchaft ſchließen ſich um ſo feſter an, und es fehlt hier nicht an den rührendſten Beweiſen einer Freundſchaft, welche mit den edelſten Beiſpielen und Repräſentanten derſelben wetteifern dürfen. Auch unter Spitzbuben findet man, und weit öfter als man glanbt, einen Damon und Pythias. Der blinde Fritz war allerdings von jeder derartigen beſſeren Neigung ziemlich fern. Das Gefühl der Freundſchaft erſetzte bei ihm die Feigheit und die Langeweile. Er fürchtete ſich vor jeder böſen That, welche Muth erforderte; eine Eigenſchaft, welche ſelbſt den verworfenſten Ver⸗ 204 brecher oft noch im romantiſchen Lichte erſcheinen läßt. Sein lauerndes, ſchleichendes Weſen, ſeine kalte, berechnende Natur ließ ihn vorſichtig jede Gefahr vermeiden, und ſo hatte er auch bei dem Diebſtahle, welchen er allein nur angeregt, ſich ſelbſt die Rolle des paſſiven Helfers, Auskund⸗ ſchafters und Spähers zugedacht, während Neu⸗ mann ganz allein den gefährlichen Einbruch unter⸗ nehmen ſollte. Dieſer ſelbſt war ihm ein Gegen⸗ ſtand der Zerſtreuung und Unterhaltung geworden. Der Burſche brauchte einen Menſchen, der mit ihm trank, mit ihm ſpielte, an dem er ſeine geiſtige Ueberlegenheit erproben konnte, und dazu eignete ſich ſolch' ein ſchwacher und ſchwankender Charakter, wie Neumann ihn beſaß, am allermeiſten. Selbſt für ſein Auswanderungsprojekt kam ihm der Unglückliche ganz gelegen. Dem blinden Fritz grauete trotz ſeiner faſt wahnwitzigen Vor⸗ liebe für Amerika bei dem Gedanken der einſamen Meerfahrt und dem Aufenthalt in dem fremden, unbekannten Lande. Ihn erſchreckte die Ausſicht einer gänzlichen Verlaſſenheit und Einſamkeit. Da⸗ rum ſuchte er den Genoſſen an ſich zu feſſeln, ihn für ſeine Pläne zu gewinnen. Schritt für Schritt 20⁵ führte er ihn mit einer wahrhaft teufliſchen Ueber⸗ legenheit den Weg, der ihn einzig und allein zum Ziele bringen konnte. Jedes Zuſammenſein mit Neumann benutzte er für ſeinen Zweck, und der tiefſte Menſchenkenner, der ausgezeichnetſte Pſycholog hätte nicht umſichtiger und klüger zu Werke gehen können. Durch ihn war Neumann ſyſtematiſch verdorben, und vom Trunke zum Spiel, vom Spiel zum Diebſtahl unvermerkt und allmählig geleitet worden. Allerdings unterſtützte der Zögling ſeinen Lehrer durch natürliche Anlagen und Neigungen. Noch mußte der letzte Verſuch gewagt werden und darum ſtrengte der Burſche ſeine ganze dämo⸗ niſche Beredſamkeit an, um ſein Opfer von der Nothwendigkeit dieſes verbrecheriſchen Unternehmens zu überzeugen. Es bedurfte dazu nur einer kurzen Zeit. Der Boden war fruchtbar und die Saat des Böſen wucherte luſtig empor und erſtickte jeden geſunden Keim, der noch in dieſer Seele ſchlummerte. Die morgige Nacht wurde zur Aus⸗ führung ihres Unternehmens beſtimmt, da Mond⸗ wechſel im Kalender ſtand. Nach Mitternacht wollten ſie ſich wieder im Hofe treffen. — Nach Mitternacht!— rief Fritz, indem er ſeinen Genoſſen bis vor die Thür begleitete. — Ich komme— ſagte Veunun uſ mit düß rer Entſchloſſenheit.. 3 Sie reichten einander die Hände und ſchüttelten ſicch dieſelben zum Zeichen der Bekräftigung. Auch ſie zählten, wie die Liebenden, ſehnſüchtig die Stun⸗ den, doch von andern Gefühlen belebt. Die Sonne ſcheint über den Gerechten und den Böſewicht, und die Zeit reift die zefunde und die faule, gif⸗ tige Frucht. Was nützt deine Ungeduld? Die Zeit kommt und geht, nach ewigen Geſetzen, und all' deine Wünſche b ſchleunigen nicht um eine einzige Sekunde den ſtoc Zeiger an der Uhr. Freud und Leid ſchreiten in ihrem Gefolge, und du wandelſt mit all' deiner Sehnſucht nicht die unerſchütterli⸗ chen Normen um. Agnes blickte den ganzen Abend nach dem ſchwarzwälder Uhrwerk, deſſen gleicher Pendelſchlag 207 ihr vergebens zurief: Herz ſei ſtill! Endlich ſchlug die längſt erſehnte Stunde wieder, wo die Alten ſich zu Bette begaben. Heute trieb ſie die Unge⸗ duld früher auf den Hof, als den Geliebten. Sie wartete nicht erſt, bis er die Thür öffnete, ſondern wollte ihm zuvorkommen und ſich an Liebe nicht von ihm übertreffen laſſen. Draußen war es aber unheimlich und düſter. Die goldenen Sterne leuch⸗ teten nicht, wie geſtern. Der Mond war ver⸗ ſchwunden und ſchwarze, dunkle Wolken trieben wie das wilde Heer am Himmel. Von Zeit zu Zeit kam ein jäher Windſtoß einher gebrauſt und rüttelte an dem alten Hinterhauſe, daß die Ziegel von dem Dache praſſelnd in den Hof niederfuhren. Auf der umgeſtürzten Tonne ſaß die ſchwarze Katze und guckte Agnes mit den grünen, funkelnden Feueraugen an. Ab und zu ſtieß das Thier ein klägliches Gewinſel aus. Karl kam noch immer nicht. Wegen des Sturms war ſie in das ſchützende Haus getreten. Auf dem Flur war Alles dunkel und Nichts regte ſich. Wo verweilte er? Nun, der Leſer glaubt's am Ende nicht, und doch iſt es wahr wie das Evangelium. Auf den feſten Schlaf der Eltern wartend, war der Held unſerer Novelle ſelber eingeſchlafen und träumte ſüß von der Theuern, die vergebens ihn zum Stelldichein er⸗ wartete. Draußen lauſchte Agnes mit geſpanntem Ohr, drinnen ſchnarchte unſer Korhdon. Sie ver⸗ ging in Ungeduld, während ſeine Phantaſie an ihren Küſſen ſich berauſchte. Sie empfand in der Wirklichkeit das peinliche Gefühl der getäuſchten Erwartung und ihm gaukelte ein holder Traum ihre entzuͤckende Nähe vor. Welch' ein Schalk kann zuweilen das Schickſal ſein, das mit Karl und Agnes ſeine Zauberpoſſen trieb! Der närriſche Kobold, Zufall genannt, verlieh dem Schlafenden daſſelbe Glück, das der Wachenden erſt zu Theil werden ſollte. Ja, wen Gott lieb hat, dem beſcheert er es im Schlaf! Agnes aber wachte und blieb allein. Unge⸗ duldig trippelte ſie im Hauſe auf und nieder, wo⸗ bei ſie ſich in Acht nehmen mußte, nirgends an⸗ zuſtoßen. Jetzt hatte die Thür geknarrt. Es war nur der Wind, welcher mit den alten Schlöſſern raſſelte. Regte ſich nicht etwas? Hatte ihr Ohr nicht ein Geräuſch vernommen? Er war es— nein, er war es nicht— und ſie ſah ſich wiederum 209 getäuſcht. Nun verwandelte ſich die Ungeduld in bittern Unmuth, der ihr faſt Thränen erpreßte. Warum kam er nicht und ließ ſie in der finſtern Nacht allein? Ein düſterer Dämon, den ſie früher nie gekannt, umſchwirrte ſie mit ſeinen Fleder⸗ mausflügeln und hing ſich an ihr liebendes Herz, wie der Vampyr, der am liebſten das Blut un⸗ ſchuldiger Mädchen ſchlürft. Das Geſpennſt raunte ihr ins Ohr und flüſterte:— Dein Karl liebt dich nicht! Armes Kind, du dauerſt mich, du kennſt die Männer nicht, welche mit dem Frauenherzen ſpielen, bis es bricht.— Mit Gewalt verſcheuchte ſie den Dämon der Eiferſucht. Statt ſeiner ſetzte ſich der Alp der Furcht auf die gequälte Bruſt und peinigte ſie mit unnöthigem Schreck. Hatte ſie vielleicht, ohne es zu wiſſen, den Geliebten erzürnt, ſo daß ſein Herz ſich von ihr abgewendet? Oder war er plötzlich krank geworden? Unter ſolchen Befürchtungen und Selbſtqualen verging die Zeit. Vom Thurme ſchlug es Mitternacht. Langſam und feierlich verhallten die Töne in der Luft. Diesmal konnte es nicht Täuſchung ſein. Eine Thür öffnete ſich, aber nicht die, durch welche der Geliebte heraustreten ſollte. Ein Mann erſchien, Ring, Stadtgeſchichten. I. 14 210 aber das war nicht Karl. In der Hand hielt er eine ſogenannte Diebslaterne, welche ihm leuchtete. Sorgfältig ſchaute ſich der Fremde um, den Agnes nicht zu erkennen vermochte. Ein Zweiter folgte vorſichtig dem Erſten. Ein Päckchen und einige Dietriche ruhten in ſeiner Hand. Agnes hatte ſich, um nicht geſehen zu werden, in den Keller⸗ winkel gedrückt, von wo aus ſie Alles beobachten konnte. Ein eiſiger Schauer hatte ſie erfaßt, ſie wollte fliehen, doch ſie vermochte nicht; ſie hätte gern geſchrieen, doch der Ton erſtarb ihr in der Kehle. Als ſie wieder um ſich blickte, war die ganze Erſcheinung verſchwunden, und ſte glaubte nur geträumt zu haben. Plötzlich wurde es in der Parterrewohnung laut, welche der Rentier Wieſel bewohnte. Ein Lichtſchimmer drang durch die Spalte der offen gebliebenen Thür. Wie ein Schatten huſchte ein unheimliches Weſen an ihr vorüber und verſchwand im Hofe. Eine zweite Geſtalt ſtürzte heraus und hinter ihr tönte ein gellender Schrei.— Diebe! Diebe!— rief eine kreiſchende Weiberſtimme. Augenſcheinlich ſuchte der Verfolgte ein Verſteck und nahte ſich der Ecke, in welcher Agnes bebend ſtand. Die Laterne trug 211 er noch immer in der Hand. Jetzt in der Nähe erkannte bei dem Licht das Mädchen den Ver⸗ brecher, der kein anderer als Neumann war. Einen Augenblick ſtarrten beide ſich verwildert an. Das war ein furchtbares Wiederſehn! — Rette mich!— ſtöhnte er und drückte ihr die verrätheriſchen Dietriche in die Hand. Sie wagte nicht zu antworten. Krampfhaft ſchloß ſich ihre Hand um die falſchen Schlüſſel feſt. Sie dachte in dieſem Augenblicke nicht an ſich, nur an die bleiche Mutter und die Geſchwiſter. Mit einem Male wurde es hell. Die Haus⸗ thür öffnete ſich, der Flur füllte ſich von allen Seiten. Sämmtliche Hausbewohner ſtrömten herbei. Nachtwächter und Polizei hatten ſich ebenfalls ein⸗ gefunden.„ — Ich bin beſtohlen, ein ruinirter Mann! — jammerte Herr Wieſel, um deſſen dürre Ge⸗ ſtalt ein weiter Schlafrock flatterte. Die tugend⸗ hafte Roſa akkompagnirte ſein Geſchrei. Der Schreck hatte ſie dermaßen verwirrt, daß ſie keinen Anſtand nahm, ihre verwelkten Reize offen jedem Blicke Preis zu geben. In der Eile hatte ſie ſtatt ihrer weißen Nachtjacke die ähnliche Weſte des Herrn 14* 212 Wieſel angezogen, ein Umſtand, der dem weiblichen Theil der Nachbarſchaft noch lange Zeit einen Anlaß zum Gerede gab. — Man muß das Haus durchſuchen— ſagte der Wirth, der ebenfalls hinzugekommen war. Seiner Aufforderung wurde ſofort Folge ge⸗ leiſtet. Agnes und Neumann zitterten. Sie konn⸗ ten länger nicht verborgen bleiben. Im nächſten Augenblick wurden ſie entdeckt und aus ihrem Ver⸗ ſteck hervorgezogen. Ein Schrei der allgemeinen Entrüſtung begrüßte ſie. — Seht die Diebin! die Diebin!— rief Roſa laut, welche das arme Kind vom Grunde ihrer Seele haßte— Die ſchlechte Perſon hat uns beſtohlen!— Die Wirthſchafterin hatte ſich in kurzer Zeit daran gewöhnt, das Eigenthum des Herrn Wieſel bereits mit als das ihrige anzuſehen. Auch Neu⸗ mann wurde von einem der Anweſenden erkannt. — Vater und Tochter, eine ſaubere Sippſchaft! — hieß es jetzt von allen Seiten. Agnes vermochte nicht, ſich zu entſchuldigen. Alle ihre Sinne waren wie gelähmt. Vor ihren Augen tanzte ein wirrer Glanz, in ihren Ohren 213 klang ein toſendes Geräuſch, aber ſie vermochte weder die Geſtalten, noch die Töne klar zu unter⸗ ſcheiden. Starr wie ein Marmorbild ſtand ſie unter den Wüthenden, welche ſie anklagten. Ihre Augen waren geöffnet, aber ſie ſahen Niemand. Um ihre Lippen ſpielte ein wahnwitziges Lächeln. — Scht nur, ſeht, ſie lacht noch!— ſchrie die Wirthſchafterin— die verſtockte Kreatur. Ich könnte ihr die falſchen Augen auskratzen!— In dieſem Augenblicke erſchien auch Vater Hintze mit den Seinigen auf dem Schauplatz dieſer Scene. Auf dem würdigen Haupte wackelte von ſeiner inneren Bewegung die weiße Baumwollmütze, in der Hand hielt er einen Leuchter. Hinter ihm trippelte die gute Alte im ſchneeweißen Nachtanzuge, wie immer ſauber und rein. Nur die Haube hatte ſich ein wenig verſchoben und ließ ihr ſilberweißes Haar hervorſchimmern. Karl führte die Mutter, welche der Lärm ein wenig erſchreckt hatte. — Was giebt es denn? Was iſt denn los? — fragte der geehrte Viktualienhandler. — Ihr Dienſtmädchen iſt mit ihrem Vater bei uns eingebrochen und hat dreitauſend Thaler aus dem Sekretair geſtohlen— entgegnete die Wirthſchafterin. — Das iſt nicht wahr, das iſt ſchändlich ge⸗ logen!— ſchrie mit einem Male Karl, der die Mutter losließ und die Gruppe zu durchbrechen ſuchte, welche Agnes und ihren Vater dicht um⸗ ſchloſſen hielt. Es lag etwas in dem Ton, mit welchem dieſe Worte ausgeſprochen wurden, daß die holde Roſa zitterte. Auch Agnes überflog neues Leben. Der Krampf ſchien nachzulaſſen, die feſt geſchloſſenen Hände löſten ſich und klirrend fielen die verräthe⸗ riſchen Schlüſſel auf den Boden nieder. — Das ſind die Dietriche— ſagte ein Po⸗ liziſt, der ſich niederbeugte, um ſte aufzuheben. Es wurde ſogleich eine Probe damit gemacht. Die Schlüſſel paßten und ſchloſſen mit Leichtigkeit das Entrée und die Wohnſtube auf. Roſa warf einen triumphirenden Blick auf Karl, welcher vor ſolchen Beweiſen verſtummen mußte. Aber was wäre die Liebe, wenn ihr der Glauben fehlte? Trotz dieſer augenſcheinlichen Pro⸗ ben zweifelte der junge Mann noch immer an der 5 Schuld des armen Kindes. 215 — Agnes!— rief er wie außer ſich— ſag', daß du unſchuldig biſt und ich glaube dir, wenn dich auch alle Welt verdammt. Hörſt du mich nicht?— Sie hörte ihn, doch ſie ſchwieg, weil ſie vor den Leuten nicht reden konnte, nicht reden durfte, ohne ſich und ihre Liebe Preis zu geben. Die Schaamhaftigkeit beſiegte jedes andere Gefühl. Aecht weiblich, wollte ſie lieber den ſchwerſten Vorwurf auf ſich laden, ſtatt ihn und ſein Geheimniß zu verrathen, noch dazu in der Eltern Gegenwart, welche von dem beſtehenden Verhältniſſe keine Ah⸗ nung hatten. Sie war das Opfer des Schweigens, die Märtyrerin eines himmliſchen Zartgefühls. Sie durfte auch den eigenen Vater nicht verklagen, um ſich zu befreien. Die bleiche Geſtalt der Mutter ſtand vor ihren Blicken und ſtreckte flehend die Hände zu ihr empor. Darum antwortete ſie nicht. Sie ſah die Qual des Geliebten, den Schmerz, welcher in ſeinem männlichen Angeſicht wühlte, aber ſte wankte nicht und blieb ſich ſelber treu. Das war der furchtbarſte Kampf, den Gott ihr aufgelegt. Du ſollſt Vater und Mutter ehren, auf daß 216 es dir wohlgehe auf Erden; dieſes Spruchs war ſie eingedenk, und nicht des eignen Leids, das ſie um Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten willen in dieſem Augenblicke erdulden mußte. Von Zeit zu Zeit ſah ſie wohl flehend zu Neumann empor, der ver⸗ nichtet neben ihr ſtand, aber der ſtumpfſinnige Mann war nur auf ſeine eine eigene Rettung be⸗ dacht und mit ſich ſelbſt beſchäftigt. — MNarſch, fort ins Gefängniß!— befahl die Polizei. Mechaniſch gehorchten die Angeſchul⸗ digten. Noch einmal drehte ſich Agnes im Gehen nach dem Geliebten um. Sie nahm von ihrem Glück auf ewig Abſchied. Karl vermochte ſie nicht anzuſehen und wandte ſich von ihr ab. Auch er hatte ſie verdammt. Selbſt dieſer Schmerz ward ihr nicht erſpart. Hätte er ihren letzten Blick geſchaut, in welchem unter Thränen das Bewußt⸗ ſein ihrer Unſchuld glänzte, er wäre nimmermehr in ſeinem Glauben wankend geworden. Sie ſchritt gleich einer Heiligen neben ihren Häſchern einher und trug ihr Kreuz mit himmliſcher Ergebenheit. Rein, wie ein Engel des Himmels, hold und bleich wandelte ſie durch die ſtille Nacht dem Gefäng⸗ niß zu. Als ſie verſchwunden war, da erſt ſchaute Karl verwildert empor. — Was iſt dir?— fragte die beſorgte Mutter, welcher die Bewegung des geliebten Sohnes nicht entgangen war. — Komm, komm, laß uns gehen, fort, fort! entgegnete er mit gebrochener Stimme. Doch er vollendete nicht mehr den Satz. Er taumelte, wankte und ſiel auf den Boden nieder. Frau Hintze ſtieß einen lauten Schrei aus und der wür⸗ dige Alte ließ den Leuchter zitternd niederfallen, den er noch immer in den Händen hielt. — Eine Ohnmacht! Es iſt ihm ſchlimm ge⸗ worden!— riefen die Anweſenden und beeilten ſich, Waſſer und Eſſig herbeizuholen. In der That war der junge Mann, von den mannigfachſten Gefühlen beſtürmt, ihnen erlegen. Die Liebe, welche Agnes ſtark machte, hatte ihn überwältigt. Die Natur des Weibes iſt im Dulden und Ertra⸗ gen, die des Mannes nur im Wirken und Handeln ſtark. Es giebt kein ſchwächeres Geſchlecht. Das⸗ ſelbe Maaß der Stärke wohnt beiden inne, nur in der Anwendung deſſelben unterſcheiden ſich Mann und Frau. Endlich war es den Umſtehenden gelungen, Karl, noch ehe der herbeigerufene Arzt eingetroffen war, wieder in's Leben zurückzurufen. Niemand hatte ſich bei dieſer Gelegenheit hülfreicher erwieſen, als die blonde Roſa, welche keinen Anſtand nahm, Rock und Weſte ihm aufzuknöpfen und das Hals⸗ tuch abzuknüpfen. Ja, ſte überwand ihre jungfräu⸗ liche Schaamhaftigkeit ſelbſt ſo weit, daß ſie nicht vermied, einen Blick auf ſeine kräftige, nackte Bruſt zu werfen. Natürlich geſchah dies nur, um nach⸗ zuſehn, ob ſein Herz zu ſeiner früheren Thätigkeit zurückgekehrt ſei. Dieſe Roſa war ein gutes Mäd⸗ chen, eine geborene Samaritanerin! Nachdem der junge Mann zu ſich ſelbſt zu⸗ rückgekommen war, ſchwankte er mit gebrochenem Herzen, von den greiſen Eltern unterſtützt, in den Keller hinab. Roſa flüſterte zu einer Nachbarin, einer Schuh⸗ macherfrau, welche im dritten Stockwerke wohnte: = Ein ſchöner Mann. Schade, daß er ſich an die liederliche Dirne gehängt hat. Die ſchlechte Perſon hat ihn verführt.— — Nun die ſitzt feſt. Was meinen Sie, der Karl wär' eine rechte Partie für Sie. Das hab' 219 ich mir gedacht, wie Sie ihm die Hand gerieben haben. Ein hübſcher Burſche, und die alten Hintze's haben Geld.— — Gehen Sie doch. Sie ſpaßen nur. An ſo was denk' ich nicht.— — J, warum denn nicht? Sie werden doch auch nicht ewig bei dem Alten bleiben.— — Still! er kann uns hören. Morgen komme ich zu Ihnen wieder ein wenig hinauf und dann ſprechen wir mehr davon. Gute Nacht.— — Gute Nacht,— ſagte die Nachbarin. Die blonde Roſa ergriff Herrn Wieſel, der dem herbei⸗ gekommenen Polizeikommiſſarius im jammernden Tone die Einzelheiten des Diebſtahls angegeben hatte, bei der Hand. — Kommen Sie,— mahnte ſie in ziemlich befehlshaberiſchem Tone.— Sie können ſich noch erkälten.— Seufzend gehorchte der Rentier. Kaum wagen wir aber zu entſcheiden, ob dieſer Seufzer mehr. dem Verluſte ſeines Geldes, oder ſeiner Wirthſchaf⸗ terin galt, deren Joch der einzeln ſtehende Herr bereits anfing, täglich ſchwerer zu empfinden. — XVIII. Hinter Agnes und ihrem Vater hatten ſich die Pforten des Gefängniſſes geſchloſſen. Aus Rück⸗ ſicht darauf, daß ſie noch nicht beſtrafte Verbrecher und weil zufällig einige Zellen leer ſtanden, wurden ſie in beſondere Abtheilungen geſperrt. Natürlich blieben ſie ſelbſt von einander getrennt. Das arme Kind betrachtete dieſe Einrichtung als ein nicht ge⸗ hofftes Glück. Agnes wollte allein ſein, der An⸗ blick fremder Menſchen hätte ſie in dieſem Augen⸗ blicke ihr Elend in ſeinem vollen Umfange empfinden laſſen. Vor allem war es ihr eine Wohlthat, nicht mit Neumann denſelben Kerker theilen zu müſſen. Die Zelle, welche ihr angewieſen wurde, und die ſte beim Schimmer der Lampe, die der Gefäng⸗ nißwärter trug, betrachten konnte, war nur wenig kleiner, als die Küche, in der ſie ſeit zwei Monden ſchlief. In der Ecke ſtand ein Bett mit einer Strohſackmatrazze und einer rauhen, wollenen Decke verſehn. Als der Kerkermeiſter ſie verlaſſen hatte, warf ſie ſich angekleidet auf das harte Lager hin. Ihr waren alle Glieder wie gebrochen, und die er⸗ ſchöpfte Natur forderte ihr Recht. Ruhe war 221 das einzige Bedürfniß, das ſich ſtürmiſch geltend machte. Draußen war es ſtill, ſo ſtill, daß ſie den einförmigen Schritt der. Schildwacht hören konnte, welche auf dem erleuchteten Korridor auf⸗ und niederging. Dennoch ſchlief ſte nicht. Zuerſt beſchäftigte ſich ihre Phantaſie mit der vollkom⸗ menen Abgeſchloſſenheit, in der ſte ſich befand. Seitdem der Schließer die Thür hinter ihr zuge⸗ worfen und den kreiſchenden Riegel vorgeſchoben hatte, kam ſte ſich ſelber, wie im Grabe vor. Mit dem Verluſt der Freiheit hörte für ſte das ganze Leben auf. Das betrübte ſie auch nicht. Seitdem ſte den Untergang ihrer Ehre zugleich mit dem ih⸗ rer Liebe beklagen mußte, hatte das Daſein jeden Reiz für ſie verloren. Am liebſten wäre ſie ewig hier geblieben, eben weil der Kerker ihr wie das Grab erſchien, nach deſſen ſtillem, grünen Raſen ſie ſich ſehnte. Sterben, und bald ſterben, war ihr einziges Verlangen. Sie ſchloß die Tauben⸗ augen feſt zu und glaubte, daß der Tod auf ihren Wunſch herbeikommen würde. Er kam nicht.— Ach es giebt noch größere Schmerzen, als die deinigen ſind, geliebtes Kind, doch man ſtirbt nicht immer d'ran.— Bald ſchwand dieſe natüͤrliche Ermattung und die Todesſehnſucht, welche nur eine Folge der⸗ ſelben war. Es trat in ihrem ganzen Weſen eine fieberhafte Reaktion ein. Ihr Herz, das vorher kaum mehr zu ſchlagen ſchien, pochte jetzt hörbar. Sie konnte in der Einſamkeit jeden ihrer eigenen Pulsſchläge zählen. Der Kopf glühte ihr und eine wilde Gedankenjagd überfüllte ihr Gehirn, daß die Stirn ihr zu ſpringen drohte. Mit beiden Händen fuhr ſie nach dem brennenden Haupte. Die Zunge klebte ihr an dem Gaumen, ein fürchterlicher Durſt peinigte ſie und ſie griff unwillkührlich nach dem rohen Steinkruge, welcher in der Nähe ihres Bettes ſtand. Ein tiefer Ekel erſaßte ſie, als ſie das ab⸗ geſtandene, laue Waſſer ſchmeckte, welches noch für den zuletzt hier weilenden Gefangenen hingeſtellt ſein mochte und gewiß ſeit einigen Tagen nicht erneuert war. Doch der peinigende Durſt überwand jedes Bedenken. Auch dieſer phyſiſch aufgeregte Zuſtand ging vorüber. Allmählig kehrte das empörte Blut in ſein ruhig Bett zurück, und die wirren Gedanken machten einem einzigen Gefühle Platz. Die Liebe, welche ſie vernichtet und geſtorben glaubte, erwachte von Neuem in ihr mit ungeſchwächter Kraft. Wohin 223 ſie auch blicken mochte, ſie ſah nur ihn. Jeder Winkel ihres finſtern Kerkers bevölkerte ſich mit ſeinem theuren Bild. Ihm floſſen die Thränen, die reinſten, welche je in einem Gefängniſſe geweint wurden. — Karl,— flüſterte ſie, wie ſie es gewohnt war,— kannſt du mich für ſchlecht halten? Um deinetwillen duld' ich all' das Leid, und du haſt dich von mir abgewendet!— Immer heftiger floſſen ihre Thränen und ihr lautes Schluchzen klang er⸗ ſchütternd in der ſtillen Nacht. Ein dumpfes Klopfen ſchreckte ſie aus ihrem Schmerze auf. Ihr Gefängnißnachbar hatte ſie vernommen und deutete, da er wach war, auf dieſe Weiſe ſeinen Wunſch an, mir ihr ein Geſpräch anzuknüpfen. Da ſie ſeine Zeichen nicht verſtand, wiederholte er dieſelben, aber mit dem nämlichen Erfolg. Darauf wurde es wieder ſtill, wie zuvor. Dieſe kurze Unterbrechung hatte Agnes von ihren erſten Gedanken abgeleitet und die Wirkung hervorgebracht, daß ſie anfing, ſich mit der eigenen Lage zu beſchäftigen. Das Gefühl ihrer Unſchuld war ſo mächtig in ihr, daß ſie nicht daran zwei⸗ felte, mit dem morgigen Tage ſogleich entlaſſen zu werden. Nur ein Umſtand erfüllte ſie mit Kummer. Der Gedanke, daß ſie gezwungen werden könnte, zuvor ein Geſtändniß ihrer Schwäche abzulegen. Lieber wollte ſie das Aeußerſte erdulden, ehe ſie vor dem Gericht ihre Liebe und das Stelldichein, wel⸗ ches allein die Urſache ihres Unglücks war, ver⸗ rathen hätte. Für ſie war ja ohnehin Alles vorbei. Karl konnte ja nimmermehr zu der Gefangenen zurückkehren. Sie hatte noch den Glauben, welcher ziemlich allgemein im Volk verbreitet iſt, daß ſelbſt unſchuldige Kerkerhaft den davon Betroffenen mit ewigem Makel beflecken müſſe. Darum war ihr Alles ganz gleich und ſie dachte nicht einmal daran, daß Neumann durch ein einzig Wort ſie reinigen könnte. Nur der Mutter wegen erinnerte ſie ſich an den Verbrecher, der durch ſeine Schuld ihr ſo viel Herzeleid bereitet hatte. Um der Mutter willen wollte ſie auch ihn ſchonen, und ſelbſt wenn es Noth thäte, tapfer lügen, um ihn zu befrein. Allmählig verſchwammen und erblaßten all' dieſe Vorſätze und Gedanken, und endeten mit einem unbeſtimmten Brüten, das bald keinen Gegenſtand mehr fand. Wie die glimmenden Funken in der Aſche, erſtarb ein Sinn und ein Gefühl nach dem andern, bis der Schlaf Agnes in ſeine ſanften Arme 225 ſchloß und den Kuß des Friedens auf ihre weichen Wimpern drückte. Leiſe hob und ſenkte ſich die Bruſt und nur zuweilen verrieth ein gepreßter Seufzer, daß ſelbſt der Schlummer nicht alles Leid der Welt zu ſänftigen vermag. Während die Tochter ſchlief, wachte noch im⸗ mer der Vater. Sobald ſich Neumann allein ſah, warf auch er ſich auf das harte Lager, auf welchem ſchon vor ihm ſo mancher Verbrecher von Furcht geſchüttelt, oder von Reue gequält, ſich unruhig hin⸗ und her gewälzt haben mochte, wie er in die⸗ ſem Augenblick es that. Bald ſprang er wie ein wildes Thier empor, aber die Dunkelheit verhin⸗ derte ihn, mit raſtloſen Schritten den kleinen Raum zu durchmeſſen, was er gern gethan hätte. Wieder ſank er auf das Bett zurück und überließ ſich einem dumpfen Brüten. Er dachte wohl auch an die Seinigen, an Weib und Kind, doch der Gedanke erfuͤllte ihn nicht mit guten Gefühlen und Vor⸗ ſätzen. In dieſen Augenblicken haßte er Alle, denn ihnen gab er allein das Verbrechen Schuld. Um ihretwillen, ſo belog er ſich ſelbſt, hatte er den Dieb⸗ ſtahl unternommen. Unwillkührlich ſuchte er bereits nach Vertheidigungsgründen vor dem Richter. Auch Ring, Stadtgeſchichten. I. 15 226 den blinden Fritz klagte er in ſeinem ſtillen Selbſt⸗ geſpräche an. Auf ihn wollte er die ganze Schuld wälzen, doch dieſer war ſpurlos verſchwunden, und Neumann mußte bald zu der Erkenntniß kommen, daß für ihn, weder ſo, noch ſo, ein Heil aus all' dieſen Umſtänden und Beſchuldigungen erwachſen konnte. Nach dieſer vergeblichen Anſtrengung, ſich vor ſich ſelber und dem künftigen Richter zu ver⸗ theidigen, bemächtigte ſich ſeiner eine düſtere Ver⸗ zweiflung. Der Unglückliche war kein gewöhnlicher und abgehärteter Sünder, und dieſer Diebſtahl ſein erſtes offenes Verbrechen. Das Gefühl der Schande und die Furcht vor der Strafe überwältigten aus⸗ ſchließlich ſeinen ohnehin zerrütteten Geiſt. Je mehr in der letzteren Zeit ſeine Geſundheit unter allerlei Ausſchweifungen gelitten, deſto gewaltiger war die Erſchütterung, welche das wohlverdiente Unglück in ihm hervorgerufen hatte. Sein Kopf war ſo wüſt und leer, ganz an Gedanken arm. Er vermochte keinen Widerſtand zu leiſten. Ueber den Abgrund, der ſich vor ihm aufthat, führte keine Brücke und er irrte mit taumelnden Schritten an dem ſchlüpfrigen Rand. Für ihn gab es keine Ret⸗ tung mehr. Er vermochte ſich nicht empor zu 227 raffen. Verloren, auf ewig verloren. Nur ein kräftiger Geiſt vermag ſo, wie der ungeſchwächte Körper aus einer phyſiſchen Krankheit, ſich der moraliſchen Verſunkenheit wieder zu entziehn. Zu jeder Heilung gehören noch geſunde Säfte, welche dem Kranken zu Hülfe eilen können. In Neumann dagegen war Alles morſch und faul, der ganze Menſch in vollkommener Auflöſung begriffen. Der⸗ artige Naturen unterliegen am leichteſten dem erſten Eindrucke. Der Gedanke an einen Selbſtmord iſt der einzige Ausweg, den ſie zu finden wiſſen. Furcht und Schaamgefühl vollendeten ihr Werk. Der Unglückliche ſtrengte ſich vergebens an, dem ſchrecklichen Verſucher zu entfliehn. Immer von Neuem tauchte er empor und winkte ihm. Er vermochte nichts anderes mehr zu denken. Sein ganzes übriges Bewußtſein ſchien gelähmt, nur dieſe einzige Stelle zeigte ſich lebendig und thätig. Das bohrte und nagte, pochte und pickte in ſeinem Hirn ohne Aufhör und Unterlaß. Es war ein Schmerz, dem er durch den Tod zu entgehn ſuchte. Dennoch regte ſich von Zeit zu Zeit, wenn auch ſchwach, der ſterbende Lebenstrieb. Auf der Stirn ſtand der kalte Schweiß, die gepreßte Bruſt athmete 15* —— 228 zuweilen ſtöhnend auf, und die Kehle ward ihm trocken, wie zuſammengeſchnürt. Mitunter ſtellte“ ſich jenes nervöſe Gähnen ein, das man bei den zur Hinrichtung Beſtimmten häufig beobachtet hat. Neumann hatte das Tuch, welches er um den Hals trug, losgebunden. Es war ein Geſchenk ſeiner armen Frau. Eine derartige Erinnerung hätte ihn nicht mehr retten können, ſelbſt wenn er daran zu denken, im Stande geweſen wäre. Sein Entſchluß ſtand bereits feſt. Er tappte im Dunkeln nach dem eiſernen Gitter, welches das niedere Fenſter ſchloß. Wenn er ſich auf das Bett ſtellte, konnte er die Stäbe mit ſeinen Händen ungefähr erreichen. An einen derſelben knüpfte er das Tuch, nachdem er eine feſte Schlinge aus demſelben gebildet hatte. Dieſe legte er ſich faſt bewußtlos um den Hals. Mit einer ſchnellenden Bewegung hob er die Füße von dem Bett, auf welchem er noch immer ſtand, und die Schwere des Körpers zog die Schlinge zu. Ein dumpfer Ton, der faſt wie ein Ruf nach Hülfe klang, ein banges Röcheln, und dann ward es ſtill. Als der Schließer mit dem Frühſtück Morgens kam, ſah er eine Leiche an dem Gitter ſchweben. Der blinde Fritz, welcher doch der eigentliche Urheber des Diebſtahls war, blieb verſchwunden. Kein Verdacht fiel auf ihn. Vergebens hatte man auch nach dem Gelde, das nirgends aufzufinden war, geforſcht. Seit Neumanns Tod wurde Agnes ſowohl von Seiten des Gerichts, wie von allen Bekannten, als die allein Schuldige angeſehn. Der Selbſtmord des Vaters wurde ihr natürlich ver⸗ ſchwiegen, und Keinem von den Ihrigen der Zu⸗ tritt geſtattet. Bereits hatte ſie ein Verhör be⸗ ſtanden. Ihr ſcheues Benehmen, ihre Verwirrung und ihr andauerndes Leugnen ließen ſie ſelbſt in den Augen des humanen Richters als eine ver⸗ ſtockte Verbrecherin erſcheinen, die trotz ihres un⸗ ſchuldigen Aeußeren auf der Bahn des Laſters be⸗ reits weit vorgeſchritten ſei. Seit jener Nacht wurde im Hintze ſchen Keller ſelbſt ihr Name nicht mehr genannt. Die gute Mutter wußte um das Geheimniß ihres Sohnes. Sie tadelte ihn nicht, ſte beklagte ihn nur und faſt brach ihr Herz, wenn ſie den kräftigen Mann ſah, der vergebens ſeinen Schmerz zu bekämpfen ſuchte. Er ſchämte ſich ſeiner Liebe, er mußte ſie verachten, und das iſt gewiß das Härteſte, was einem jungen Gemüthe begegnen kann. Wäre ſie geſtorben, er hätte ſie doch wenigſtens offen vor aller Welt beweinen dürfen, aber jetzt— Beſſer todt, als ſchimpflich leben. Er wollte ihr Bild aus ſeinem Herzen entfernen, aber er hätte ſein Herz erſt ſelber aus der Bruſt herausreißen müſſen, und ſelbſt das hätt' ihm noch nichts genützt. Verdroſſen ging er an die Arbeit, trübſtnnig kehrte er heim. Er ſprach nur ſelten noch ein freundlich Wort mit den Eltern. Den größten Theil der Zeit brachte er ſtill brütend zu. Selbſt Vater Hintze, der ſonſt nur Augen für die Butter und die Eier hatte, wurde aufmerkſam. — Was fehlt denn dem Karl?— fragte er die Alte. — Er iſt krank.— — Dann muß er einmal zum Doktor gehn. Der ſoll ihm was verſchreiben, koſte es, was es wolle. Wir können es ſchon bezahlen.— Für ſolche Leiden giebt es keinen Doktor auf der Welt. Das wußte die gute Mutter und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sie litt im Stillen alle Schmerzen mit, die ihr Sohn empfand. und heuchelte einen tiefen Schlaf. Auch ſein Mit⸗ 231 Ihr Leben war mit dem ſeinigen ſo eng verknüpft, wie die Schlingpflanze, welche mit dem Baum, den ſte umrankt, lebt und ſtirbt. Weil ihr Sohn blaß wurde, bleichten auch ihre Wangen, und mit ſeinen Kräften ſchwanden auch die ihrigen. Am liebſten aber blieb jetzt Karl allein. Ver⸗ gebens hatte Fräulein Roſa einen Verſuch gemacht, ſeine Aufmerkſamkeit auf ihre Reize hinzuleiten. Er hatte kein Auge für ihre ſchmachtenden Blicke und ihr kokettes Lächeln. Kaum, daß er ihren freund⸗ lichen Gruß erwiederte, wenn ſie ihm im Hauſe nicht zufällig, ſondern abſichtlich begegnete. Er haßte das ganze weibliche Geſchlecht, weil er ſich von Einer verrathen glaubte. So mochte bereits eine Woche in Leid und Trauer für unſer Paar vor⸗ übergegangen ſein. Aber wo ſteckte in aller Welt der blinde Fritz? — In der traurigen Nacht, welche Agnes und ihren Vater in's Gefängniß führen ſah, war der Burſch mit dem Gelde, an dreitauſend Thaler in Kaſſenſcheinen, bei dem erſten Geräuſch ent⸗ ſprungen, und in dem Kellerloch des Harfenmanns verſchwunden. Dort legte er ſich ſogleich zu Bett bewohner ſchien zu ſchlummern, da er keinen Laut von ſich hören ließ. Kein Verdacht ſiel auf Fritz, da er ſich ruhig hielt. Am andern Tage, als er Neumanns Tod vernommen, wagte er ſich erſt hervor. Von Agnes hatte er nichts zu befürchten, da ſte ihn nicht erkannt zu haben ſchien. Jetzt war er ſeinem Ziele nah.— Nach Amerika, auf, nach Amerika!— jubelte er ſtill. Aber er ging nicht, trotzdem er jeden Augenblick befürchten mußte, entdeckt zu werden.— Auch dieſe Sorgloſigkeit, dieſer unbegreifliche Leichtſinn i*ſt eine eigenthümliche Er⸗ ſcheinung in der Verbrecherwelt. Eine dämoniſche Gewalt ſcheint ſte an den Ort ihrer Schandthaten zu feſſeln. Ihr Fuß wird von den rächenden Mächten feſtgehalten, und die Stätte des Verbre⸗ chens übt oft einen unerklärlichen Zauber auf den Sünder aus.— Vorzugsweiſe blieb aber der blinde Fritz, um einen neuen Gefährten für ſeine Auswanderungs⸗ pläne aufzuſuchen. Allein wollte er einmal nicht auf das große Meer. Geſtern hatte er endlich einen paſſenden Genoſſen gefunden und der Tag zur Ab⸗ reiſe war bereits feſtgeſtellt. Vor dem Harfenmann verbarg er natürlich ſein Vorhaben. Er traute b b V 233 ihm nicht ganz. Dieſer ſchien, obgleich der Dieb⸗ ſtahl ihm nicht verſchwiegen bleiben konnte, da er in demſelben Hauſe wohnte, durchaus keinen Ver⸗ dacht gegen Fritz zu ſchöpfen. Dennoch war ſeinem feinen Sinne nichts entgangen. Er hatte mit der ihm eigenen Schärfe des Gehörs ſein nächtiges Kommen gehört, ihn belauſcht, wenn der Hab⸗ gierige ſich ſelbſt in Gegenwart des Blinden nicht enthalten konnte, ſeinen Raub immer wieder von Neuem zu betrachten und zu zählen. Das feine Kniſtern und Rauſchen der werthvollen Papiere hatten ihm den wahren Dieb verrathen. Daß Fritz der eigentliche Thäter war, unterlag bei ihm keinem Zweifel mehr. Der Blinde liebte überdies das arme Mädchen, welches nach ſeiner Ueberzeugung ganz unſchuldig im Kerker ſaß. Trotz dieſer Ge⸗ wißheit vermochte er Agnes nicht ſogleich zu be⸗ freien. Es mußte vor Gericht mit unumſtößlichen Beweiſen auftreten. Woher ſich dieſe verſchaffen, da ihn Fritz vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend nicht aus den Augen ließ und von ſeiner Seite wich? Seitdem das Geld im Keller lag, ge⸗ brauchte der ſchlaue Burſch ſelbſt die Vorſicht, ſtets das Loch feſt zuzuſchließen und den Schlüſſel mit⸗ 234 zunehmen, wenn er gezwungen war, allein auszu⸗ gehn. Der Blinde war gefangen. Er konnte kei⸗ nen Schritt ohne Führer thun. Einigemal hatte er in Abweſenheit ſeines Kerkermeiſters Jemand herbeigerufen, aber Niemand hörte auf ihn. Ohnmächtig, wie er war, verzweifelte er an der Rettung ſeines Lieblings. Oft faßte ihn dann eine ſchmerzliche Wuth. Er rüttelte und ſchüttelte an der alten Kellerthür, welche trotz ihrer Gebrech⸗ lichkeit ſeiner Anſtrengungen ſpottete. Es war der letzte Abend vor der beſtimmten Abfahrt nach Amerika, welche der Burſch mit ſei⸗ nem neuen Freunde in dem bekannten Keller feiern wollte. Er hatte den Blinden ſorgfältig wieder eingeſchloſſen, nachdem er die Kaſſenanweiſungen in ſeine Bruſttaſche zuvor geſteckt. Selbſt dieſe Bewegung, ſo leiſe ſte auch ausgeführt wurde, war dem Harfenmanne, trotzdem er nichts ſehen konnte, nicht entgangen. Je näher der Augenblick zur Flucht kam, deſto unruhiger und mißtrauiſcher wurde der Verbrecher. Der Scharfſinn des Blinden errieth Alles, er ahnte, daß keine Zeit mehr zu verlieren ſei. Kaum ſah er ſich allein in ſeinem Gefängniſſe, als er ſeine Anſtrengungen erneuerte. 1 Augenblick zu ſcheitern droht, ſo ſchwankte der 235 Mit beiden Schultern ſtemmte er ſich gegen die morſche Thür, die Verzweiflung verdoppelte ſeine Kraft. Das alte Eiſen des Schloſſes ſchien nachzugeben, es ächzte und ſtöhnte. Die ver⸗ roſteten Angeln bogen ſich, ein Nagel fiel heraus. Mit unbeſchreiblicher Freude hörte ihn der Blinde klirrend auf die Steine fallen. Die Hoffnung be⸗ lebte ſeinen Muth. Noch ein Ruck, ein gewaltiges Drängen und Heben mit den Schultern, welche ihn ſchmerzten, und die Pforte ſprang weit auf. Er war im Freien. Neue Verlegenheit. Wie ſollte er weiter kom⸗ men? Vorſichtig taſtete er mit den vorgeſtreckten Händen, um jedem Hinderniſſe aus dem Weg zu gehen. Das war eine lange und gefahrvolle Wan⸗ derung, welche der Blinde zu beſtehn hatte, bis er zu dem Flur des Hauſes gelangen konnte. Von Zeit zu Zeit hielt er ſtill, un, zu lauſchen. Eine furchtbare Angſt erfaßte ihn. Wenn der Burſch ihm begegnete, dann war es um ihn geſchehn. Dieſe Angſt lähmte ſeine Schritte, doch vermochte ſte ihn nicht zurückzuhalten. Wie ein Schiff ohne Pilot, das zwiſchen ſteilen Klippen treibt und jeden 236 Arme an den ſpitzen Kiſten, an den leerrn Tonnen vorüber. Oft ſtieß er ſich hart, doch er achtete der Schmerzen nicht. Jeder Tritt war mit Gefahr verbunden. Sein Fuß ſtrauchelte, er wankte, fiel und raffte ſich von Neuem auf. So hatte er endlich den bekannten Flur er⸗ reicht, auf deſſen ebenem Boden er mit größerer Sicherheit fortzukommen hoffte. Wieder lauſchte er, ob kein bekannter Tritt ſich hören ließ. Allein vermochte er nicht weiter zu kommen. Seine Ab⸗ ſicht war, bei dem nächſten Polizeikommiſſarius den Verbrecher anzugeben, aber er wußte deſſen Wohnung nicht, und ſelbſt, wenn er ſie gewußt, wie ſollte er dieſelbe erreichen? Mußte er nicht fürchten, auf der belebten Straße von den rollenden Wagen umgefahren zu werden? Konnte er nicht in jedem Fremden, den er anſprechen wollte, ſeinen Kerkermeiſter wieder finden. All' dieſe Gedanken quälten ihn furchtbar. Zum erſten Mal ſeit langer Zeit wieder grollte er mit dem Geſchick. Seine Ohnmacht entpreßte ihm heiße Thränen, welche über ſeine bleichen Wangen floſſen. Er mochte weder vor⸗ noch zurückzugehn, und der erleuchtete Flur, das wußte er, ſetzte ihn am 237 leichteſten der Entdeckung von Seiten des verruchten Burſchen aus. Dennoch zog er es vor, hier zu warten, da er die Unmöglichkeit einſah, ſich auf die Straße ſelbſt hinaus zu wagen. Er hoffte ir⸗ gend einen Hausbewohner anzutreffen und mit deſſen Hülfe den Verbrecher zu entlarven. Mit dieſem Entſchluſſe lehnte ſich der Blinde an die Wand und lauſchte mit geſpanntem Ohre auf das leiſeſte Geräuſch. Er hätte das Knuspern einer Maus hören müſſen, aber es regte ſich Nichts. Der Zufall fügte es, daß keiner von den vielen Bewohnern den Flur betrat. Eine peinigende Viertelſtunde verging, ohne daß ſich jemand zeigte. Mit jedem Glockenſchlage wuchs die Gefahr. Während der Blinde auf ſeinem Poſten ſtand, hatte Fritz ſich in den Branntweinkeller begeben; da wurde gezecht, gelärmt und jubilirt. — Auf, Matroſen, die Anker gelichtet, die Segel geſchwellt, und den Kompaß gerichtet! — ſtimmte im übermüthigen Tone der Burſche an, wiederholte der brüllende Chor ſeiner Gäſte, die er insgeſammt zur Feier ſeiner Abreiſe eingeladen hatte. Mit poſſenhaften Geberden und grotesker Ueber⸗ treibung ſang er zur Beluſtigung ſeiner Zuhörer: 238 — Das Schiff ſtreicht durch die Wellen Fridolin, Fridolin!— Als auch dieſes Lied beendet war, erhob er ſein Glas und ſchrie:— Vivat! Amerika, das freie Land ſoll leben, wo es keine Polizei giebt und Jeder thun kann, was er will.— — Hurrah! Amerika ſoll leben— jauchzte der Chor und ſtieß klirrend mit den Gläſern an. Dem Ziele ſo nah hatte Fritz ſeine bisherige Schlauheit und Vorſicht gänzlich verlaſſen. Er machte kein Hehl mehr daraus, daß er Europa verlaſſen wollte. Mit vollen Händen ſtreute er das Geld aus, welches er bisher ſorgfältig ver⸗ borgen gehalten hatte. Wer in den Keller trat, der mußte ſein Gaſt ſein. Er konnte ein ſtarkes Maaß hitziger Getränke bei ſeinem kalten Blute wohl vertragen, aber die Unmaſſe von Grog, welche er heiß niederſtürzte, und die Freude über das Ge⸗ lingen ſeines Unternehmens hatten ihn halb be⸗ rauſcht. Manchmal war es ihm zwar, als ob der todte Neumann neben ihm ſtände und nach ſeinem Glaſe greifen wollte, doch die allgemeine Luſt ver⸗ ſcheuchte das Geſpenſt, welches deutlich um den Hals einen rothen Streifen trug. Auch Agnes 239 ſah ihn mit den thränenfeuchten Augen mahnend an; doch die Erinnerung an das unglückliche Mädchen vermehrte ſeine tolle Freude nur, und bei dem Gedächtniſſe an die Arme ſtieß er ein lautes, ſchadenfrohes Gelächter aus. Indeſſen eilte die Vergeltung ſchnell. Der Blinde wartete voll Bangigkeit. Endlich nahte ſich ihm ein Menſch. Deutlich vernahm er einen Männertritt. Er horchte. Seine ganze Seele lag in ſeinem Ohr. Er prüfte und beurtheilte den Gang. Das war nicht der ſchleichende Fuß des Burſchen, ſondern ein feſtes, entſchiedenes Auf⸗ treten, das einen ehrlichen Menſchen bezeichnete. Sein Vertrauen wuchs. Immer näher kam der Schall. Der Blinde machte ein Geräuſch. — Wer da?— fragte Karl, der in Gedanken über den Hausflur ging. — Gelobt ſei Gott!— jauchzte der Blinde — Er hat ſeinen Engel mir geſchickt. Schnell, ehe es zu ſpät iſt. Um Himmelswillen eilen Sie, helfen Sie. Das gute Kind iſt ja unſchuldig und rein wie eine Heilige!— Dieſe Worte wurden ſo heftig und abgebro⸗ chen aus der vollen Bruſt hervorgeſtoßen, daß Karl 240 einen Wahnwitzigen zu hören glaubte. Unmuthig wollte er ſich ſchon abwenden, doch der Blinde hatte ihn mit den vorgeſtreckten Händen taſtend erreicht und hielt ihn feſt. — Ich bin nicht verrückt, ich bin nicht wahn⸗ ſinnig— ſagte er, als ahne er den Eindruck, den er hervorgerufen hatte.— Fritz iſt der Dieb und die arme Agnes— Bei dieſem Namen zitterte der junge Mann. Seit langer Zeit hatte er ihn nicht gehört. Er wirkte wie ein mächtiger Zauberſpruch auf ihn. — Resde, ſprich, was iſt mit ihr!— ſchrie er mit einer Heftigkeit, daß der Blinde zuſam⸗ menſchrak. Dieſer erzählte in eiliger Haſt ſeine Entdeckun⸗ gen. Karl hörte ihm mit heftiger Spannung zu. Jedes Wort des Harfenmannes war ein neuer Beweis für ihre Unſchuld. Eine centnerſchwere Laſt ſank ihm von der gepreßten Bruſt. Seine bleichen Wangen rötheten ſich wieder. Das ſtockende Blut kreiſete frei und leicht in ſeinen Adern. Thrä⸗ nen der Freude ſtürzten dem ſtarken Manne aus den Augen. — Gelobt ſei Gott!— jauchzte er— Sie 241 iſt unſchuldig.— Im Taumel der Luſt umſchlang er den Blinden, den er faſt in ſeiner Umarmung erſtickte. 3 — Gelobt ſei Gott!— wiederholte dieſer feierlich. — Fort, fort!— mahnte Karl— Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren. Auf die Polizei, zum Richter. Sie darf keinen Augenblick länger im Gefängniß ſitzen. Fort, fort!— Er führte nicht, ſondern hob den Blinden mit ſeinen ſtarken Armen wie ein leichtes Kind in die Höhe, hielt die erſte beſte Droſchke an und eilte, um die Geliebte zu befreien. . Die Andeutungen des Blinden genügten dem erfahrenen Polizeikommiſſarius, um die Spuren des ſchlauen Burſchen aufzufinden. In eigener Perſon begab ſich der geſchickte Beamte nach dem bekannten Keller und Aberraſchte Fritz mitten in dem Bachanal. Eine aſchgraue Bläſſe überzog 2* Angeſicht, alt er ſich ertappt ſah. Vergebens ver⸗ Ring, Staptgeſchichten. I. 16 242 ſuchte er das Verbrechen abzuleugnen, aber das bei ihm vorgefundene Geld, deſſen rechtlichen Er⸗ werb er nicht nachweiſen konnte, überführte ihn hinlänglich. Er wurde ſofort zum Kriminalarreſt gebracht, wo er nach einigem Zögern ein unum⸗ wundenes Geſtändniß ablegte, aus dem die Unſchuld der gefangenen Agnes hinlänglich hervorging. Noch zu derſelben Stunde verfügte der menſchenfreundliche Richter die Freilaſſung des armen Mädchens, nachdem Karl die nöthigen Aufſchlüſſe über ihr zufälliges Verweilen am Orte des Verbrechens ohne Scheu gegeben hatte. Agnes ſaß in ihrer Zelle. Je länger ihre Unterſuchungshaft dauerte, deſto mehr war auch jede Hoffnung in ihr geſchwunden. Sie hatte ſich mit ſanfter Ergebung in ihr hartes, unverdientes Geſchick gefügt und betrauerte weniger den Verluſt ihrer Freiheit, als den ihrer Liebe, welcher ſie ent⸗ ſagen zu müſſen glaubte. Doch vergebens waren alle Anſtrengungen, um die Gedanken an den Ge⸗ liebten zu verbannen. Karl lebte in ihrem Buſen und ſein Bild war mit unauslöſchlichen Zügen in ihr Herz gegraben. Ihr Leben im Gefängniſſe verfloß in ſtiller Trauer. Einen geringen Troſt gewährte ihr wohl die zeitweilige Anweſenheit Riekens, die einzige Perſon, welche ſie im Unglück nicht verlaſſen hatte, und die durchaus nicht an die. Schuld der Freundin glauben wollte. Mit Mühe und Noth hatte die gute Seele von dem Richter ſich die Erlaubniß ausgewirkt, die Gefangene zu beſuchen. — Sehen Sie, Herr Kriminalgericht— ſagte ſie bei dieſer Gelegenheit— die Agnes iſt meine Freundin und ich kenne ſte von Kindesbeinen auf. Wenn auch alle Welt ſagt, daß ſie eine Diebin iſt, und wenn's auch hundertmal in den Akten ſchwarz auf weiß geſchrieben ſteht, ich glaube es nicht. Ein gutes Schaaf iſt ſie, das weiß ich, und ihr niederträchtiger Vater hat ſie in ſdie Tinte hinein geritten, das iſt wahr, aber ein ehrlicheres Mädchen giebt es auf der ganzen Erde nicht. Die und ſtehlen! J man braucht ihr nur in das Ge⸗ ſicht zu ſehen und dann muß man ein wahres Rhinozeros ſein, wenn man ſte noch für eine Spitzbübin hält. Eine unwillige Bewegung des Richters gebot ihr zu ſchweigen. — Na, na, ereifern Sie ſich nicht. Ich ſage ja kein Wort mehr, denn ich ſehe ſchon, hier gilt 16* 244 die Wahrheit nicht, aber um des Himmels willen erlauben Sie mir nur, das arme Schaaf zu ſehen. Sie hat ja ſonſt keinen Menſchen nicht, mit dem ſte ein Wort ſprechen kann, und wenn ſie noch ſo lange Zeit allein ſitzt, verlernt ſie's Reden ganz.— Als der Richter ihr die Erlaubniß gab, in Gegenwart eines Aufſehers die Gefangene zu ſehen, gerieth ſie vor Freude ganz außer ſich und ließ es ſich nicht nehmen, ihm wiederholt die Hand zu küſſen. — Wiſſen Sie— rief ſie im Eifer der Dank⸗ barkeit, Herr Kriminalgericht, Sie ſind ein einziger Mann! Nur mit der Agnes verfahren Sie nicht recht. Sie werden's noch erleben und ſagen: die Rieke hat doch Recht gehabt und ich habe mich blamirt. Na, kommen Sie, Männeken, und führen Sie mich, denn ich brenne ſchon vor Ungeduld, um das arme Kind zu ſehen.— Ohne Umſtände ergriff ſie ungenirt die Hand des brummenden Gefangenwärters und zerrte ihn eilends mit ſich fort, ſo daß dieſer ihr kaum zu folgen im Stande war. Mit einem lauten Schrei — ſtürzte ſte, nachdem die Zelle geöffnet worden war, der überraſchten Agnes um den Hals. — Da bin ich!— rief ſie, und die Thränen ſtürzten ihr über die rothen Wangen, während die friſchen Lippen noch zu lachen ſuchten. — Gott, wie du ausſtehſt!— fügte ſie, von dem leidenden Anblick der Gefangenen ſchmerzlich ergriffen, hinzu— Ach, mein Himmel! Was biſt du blaß und mager geworden. Na, weine nur nicht, es wird wieder Alles gut werden. Der alte Gott lebt noch und Rieke iſt auch nicht todt. Ich habe mit dem Kriminal geſprochen und der hat mir erlaubt, dich zu beſuchen, ſo oft ich will. 8 3 1 — Rieke, und du kommſt zu mir— ſchluchzte Agnes— und glaubſt nicht, daß ich eine Diebin bin?— — O da müßt' ich ja ein rechter Ochſe ſein. Du haſt nur ein bischen geholfen, deinen Vater aus der Patſche ziehen. Ich an deiner Stelle machte hübſch das Maul auf und ſagte ſo und ſo, Herr Kriminal, Sie verſtehen mich. Blut iſt kein Waſſer und Verwandte müſſen ſich einander bei⸗ ſtehn. Und dann müßte ja keine Gerechtigkeit 4 mehr auf der Welt ſein, wenn ſie dich nicht frei laſſen ſollten.— 3 So plauderte Rieke unter Lachen und Wei⸗ nen und ſuchte durch ihre einfache Unterhaltung die Traurigkeit der Gefangenen zu verſcheuchen. Freilich gelang ihr das nicht. Ehe ſie aber ging, zog ſie noch einen großen Kuchen hervor, den ſie unterwegs gekauft hatte, um ihn Agnes mitzubrin⸗ gen. Der Aufſeher widerſetzte ſich dieſem Geſchenke, das gegen die Gefängnißordnung war. Da hätte man ſehen ſollen, wie zornig die gute Seele wer⸗ den konnte. — J, ſehen Sie einmal!— ſagte ſie— wer ſind wir denn? Der Herr Kriminal, ja das laſſe ich mir gefallen, das iſt ein artiger Mann, der Raiſon annimmt, aber Sie? Na, laſſen Sie's gut ſein, das nächſte Mal bring' ich einen noch größern Kuchen mit, und dann ſoll das arme Schaaf eſſen, Ihnen grade zum Trotze.— 4 In der That hielt Rieke Wort. Sie er⸗ wirkte ſich von dem Richter die Erlaubniß, ab und zu für Agnes Lebensmittel mitbringen zu dürfen, was um ſo leichter geſtattet wurde, da die Gefangene ſich nur in Unterſuchungshaft befand und durch das beſte Verhalten ſich vor allen andern auszeichnete. In Gegenwart des Gefangenwärters mußte Agnes den ganzen Kuchen verſpeiſen, und der reichſte Gaſtgeber kann keine größere Freude fühlen, wenn er ein lukulliſch Mahl ſeinen Gäſten. ſpendet, als Rieke in dieſem Augenblick empfand. Bald war ſie auch im Gefängniß zu Hauſe wie überall, und es gab keinen Aufſeher, ſelbſt den Murrkopf mit eingerechnet, der nicht gern mit dem muntern Mädchen plauderte. Trotz dieſer Theilnahme der treuen Freundin verharrte Agnes auch Rieken gegenüber in ihrem Stillſchweigen über das geheimnißvolle Stelldichein, welches allein die Urſache ihres Unglücks war. Mit keinem Worte verrieth ſte ihre Liebe. Sie duldete und ſchwieg. Doch das Ende ihrer Leiden war jetzt gekommen, und welch' ein gluckſelig Ende! So hatte ſie's ſich nie geträumt. Es war bereits ſchon ſpät in der Nacht. Sie ſchickte ſich eben an, zu Bett zu gehen. Vor⸗ her war ſie gewohnt, ihr Abendgebet zu ſprechen und war deshalb auf den harten Boden nieder⸗ geknieet. Sie betete aus vollem Herzen für das Heil der Ihrigen; für die Mutter und ſelbſt fuͤr den 248 Vater, der ſie in’'s Verderben mit hineingeriſſen, flehte ſte mit gefalteten Händen. Auch an ihn dachte ſie vor Gott. So rein und unſchuldsvoll war ihre Liebe, daß ſie vor dem Herrn ſie laut . bekennen durfte. Sie ſegnete den Geliebten und wünſchte ihm alles Heil und Glück der Erde, ſelbſt ein braves, gutes Weib. Doch nein, das vermochte ſte nicht auszuſprechen, und bei dem Gedanken floſſen ihr die Thränen reichlich über ihre Wangen. Freiwillig ihm entſagen, dazu war ſie zu ſchwach, oder vielmehr zu ſtark. Die wahre Liebe entſagt nicht, ſondern rankt ſich feſt an den geliebten Ge⸗ genſtand mit allen Faſern ihres Seins. Ihr iſt Entſagen und Sterben gleichbedeutend. So lag Agnes auf dem Boden inbrünſtig ausgeſtreckt. All' ihre Gedanken waren nur bei Gott und Karl, darum hörte ſie nicht, wie der Riegel ihres Kerkers zurückgeſchoben wurde und die ſchwere Thür ſich aufthat. Erſt der Lichtglanz der Kerze, die der Aufſeher trug, ſchreckte ſte empor. Geblendet von dem ungewohnten Scheine ſchloß ſie die hellen Augen blinzelnd zu. Als ſie dieſelben wieder aufthat, glaubte ſie nur zu träumen. Sie — 249 hatte ihn erkannt. Er ſtand vor ihr— Er, an den ſie eben erſt gedacht. — Agnes, Agnes!— rief er laut— Du biſt unſchuldig, du biſt frei!— Das war zuviel für ſie. Mit einem lauten Schrei ſank ſie an ſeine Bruſt. Sie hatte das Unglück zu ertragen vermocht, doch die Freude tödtete ſie faſt. Nur wenige Sekunden dauerte dieſe Schwäche. Bald kehrte das roſige Blut in die bleichen Wangen zurück und die ſanften Tau⸗ benaugen ſtrahlten in überirdiſchem Glanz. Das war ein ſeliges Erwachen an des Geliebten Bruſt! Selbſt der rauhe Gefängnißwärter, der doch an ähnliche Scenen gewohnt war, ſtrich ſich mit der knochigen Hand über die Augen. Er verſpürte Etwas darin, was einer Thräne glich. Auch der Kerker kann zum Himmel werden, und wenn es Gottes Wille iſt, wachſen aus dem dürren Stecken ſüße Mandelblüthen. Das war ein Jauchzen und Jubeln, ein Herzen und Küſſen, dergleichen nie zuvor in dieſen traurigen Räumen geſehn worden, und worüber die Engel droben ihre Freude hatten. Erröthend wurde Agnes zuerſt gewahr, daß ſie nicht mit dem Geliebten allein * war. Schüchtern wand ſie ſich aus ſeinen Armen los und trocknete mit der Schürze die Thränen der Seeligkeit, welche wie Thautropfen an den ſeiden⸗ weichen Wimpern niederhingen. Nun erſt erzählte Karl alle Umſtände ihrer Befreiung, indem er auf den blinden Harfenmann deutete, der ein ſtummer, aber tief bewegter Zu⸗ ſchauer der ganzen Scene geweſen war. Sie reichte ihm die Hand und dankte ihm ſo ſüß und herz⸗ lich, daß der gute, alte Mann mit Freuden noch einmal alle Qualen um ſie erduldet hätte, die ihm ſein Gang über den Hofraum gekoſtet hatte. Als er ihre Stimme vernahm, war es ihm ſo eigen zu Muthe. Alte, vergeſſene Zeiten tauchten wieder auf. Leiden und Freuden der Vergangenheit klopften mächtig an die Bruſt des Unglücklichen. Er mußte an ein gutes, ſchwaches Mädchen denken, das er einſt geliebt und verlaſſen hatte. Agnes' Stimme glich in dieſem Augenblick ſo ganz dem Tone, dem er oft gelauſcht, und der aus ſeiner Erinnerung nicht weichen wollte. — Und nun zur Mutter!— drängte Karl — ſie weiß noch Nichts.—— — Ja, zur Mutter— entgegnete Agnes— 251 9 aber zu meiner guten Mutter. Sie will ich zuerſt ſehen vor allen Menſchen auf der Welt.— Karl willigte, wenn auch mit widerſtrebendem Herzen, ein. Agnes hatte in der Freude des Wie⸗ derſehens nicht nach dem Schickſale Neumanns ge⸗ fragt. Sie nahm ſeine Befreiung in ihrer Unſchuld als nothwendig an, da ja Fritz, der eigentliche Anſtifter des Diebſtahls, gefangen ſaß. Unterwegs bereitete Karl ſie mit Schonung auf das Unglück vor, welches ihr länger nicht verſchwiegen werden konnte. Sie errieth Alles. — Meine arme, arme Mutter!— jam⸗ merte Agnes. Endlich ſtand ſie vor der alten Kellerthür. Bebend legte ſie die Hand an's Schloß, mit klopfendem Herzen betrat ſie die bekannte Woh⸗ nung ihrer Eltern. Eine unglückliche Frau in ſchwarzer Tracht ſchwankte ihr entgegen, Sie breitete die Arme aus und ſchluchzend ſank die Tochter an die treue, ſeelige Mutterbruſt. Auf einen Augenblick vergaß Agnes ihren Karl. XYI Auf Regen folgt Sonnenſchein. Doch noch* öfterer auf Sonnenſchein Ungewitter und Regen. Die Beſtätigung dieſes Satzes ſollte auch unſer glückliches Paar erfahren. Wären wir nicht ge⸗ wiſſenhafte Erzähler wahrer Ereigniſſe aus dem Leben einer großen Stadt, ſo könnten wir jetzt uhig und unbeſorgt die Feder aus der Hand legen, da Held und Heldin glücklich am Ziele ſich getroffen und vereinigt haben. Wir brauchen nicht einmal die Hochzeitskuchen und den Paſter zu beſtellen, der die Hände ſegnend in einander legt, denn das Alles verſteht ſich ganz von ſelbſt. Doch in der Wirklichkeit geht es anders zu, als im Romane und in der Novelle, wo der Hans die Grethe ohne Umſtände nimmt. Im Leben treffen wir zuerſt die Polizei, ohne die einmal die ſchlechte Welt nicht eriſtiren kann. Ohne ihre Erlaubniß giebt es weder Kindtaufen noch Hochzeitsſchmaus. Selbſt die Todten dürfen nur mit ihrer Genehmi⸗ gung begraben wereen, obgleich der Tod ſelbſt nicht ſo viel nach ihr fragt. Auch die Eltern haben ein Wörtlein mitzuſprechen„ wo es ſich um Ver⸗ — 253 lobung und Heirath handelt, wenngleich in neueſter Zeit gegen dieſe alte, und wie uns ſcheint, ganz gute Sitte hier und da in Wort und That von der Jugend ſtark geeifert wird. Aber wartet nur, ihr Jungen! Wenn ihr einmal alt geworden ſeid und Kinder habt, werdet ihr auch nicht jede Nei⸗ gung gut heißen mögen und euren braven Sohn ruhig in das Netz einer Kokette fallen ſehn, oder euer holdes Töchterlein dem erſten beſten Strolch an den Hals werfen. Kommt Zeit, kommt Rath. So dachte auch Vater Hintze, als er aus dem Munde ſeines Sohnes Alles erfahren hatte, was er nicht wußte und was die gute Alte ihm ſogar verſchwiegen hatte, obgleich ſie ſonſt in ihrem ganzen Leben kein Geheimniß vor dem würdigen Gatten hatte. Anfangs glaubte er ihn nicht recht ver⸗ ſtanden zu haben und ließ ſich Alles noch einmal wiederholen. Während der Erzählung ſchwoll ihm die Zornader auf der Stirn mächtig an. Die Alte, welche aus langer Erfahrung dieſes Zeichen kannte, bat vergebens mit Blicken ihren Sohn, zu ſchweigen. Als dieſer geendet hatte, ſchrie Herr Hintze ſo laut, wie er ſeit Menſchengedenken nicht gethan: 254 — Daraus wird Nichts, nun und nimmermehr! Hab' ich darum mein Lebelang es mir ſauer wer⸗ den laſſen, daß ich auf meine alten Tage von meinem Sohne ſolch' einen Schimpf erfahren ſoll?— Vergebens ſuchte die gute Mutter den Auf⸗ geregten zu beſänftigen. 8 — Schöne Geſchichten!— fuhr dieſer fort, ohne ihre Winke und Zeichen zu beachten— Hinter dem Rücken deiner Eltern fängſt du Liebeshändel mit einer Dirne an, die im Stockhauſe geſeſſen hat. Glaubſt du, daß ich es zugeben werde, wenn du meinem ehrlichen Namen Schande machen willſt?— Das war zu viel für Karl, auch er hatte etwas von dem heißen Blut des Vaters in ſich, das in dieſem Augenblick ſich brauſend regte. — Ich hab' euch noch keine Schande gemacht, und thue es jetzt auch nicht. Das Mädchen iſt unſchuldig!— ſagte er feſt und beſtimmt— Man hat ihr Unrecht gethan, und das kann jedem Men⸗ ſchen in der Welt paſſiren. Ich liebe ſie und nehme keine andere zum Weibe, das ſchwör' ich hier!— 2⁵⁵ — Schwöre ſo viel du willſt, und ich ſage dir, daß das Weibsbild niemals meine Schwelle betreten ſoll. Geh' nur, verlaſſe Vater und Mutter und hänge dich an die Tochter des Ge⸗ hängten, damit die Welt mit Fingern auf dich zeigt.— Als der Alte dieſe Worte ſprach, wurde er ganz kirſchbraun im Geſicht und die rothe Naſe funkelte wie ein glühender Meteor, was immer bei ihm das Zeichen des größten Jähzorns war. Karl dagegen erblaßte abwechſelnd und erröthete. Seine Lippen zuckten, und gewiß hätten ſte ein hartes Wort hervorgeſtoßen, wäre die gute Mutter nicht zwiſchen die ſtreitenden Männer getreten. Sie ging vom Sohne zum Vater, und von dieſem zu jenem, ohne Aufhören bemüht, zu beſänftigen und zu beſchönigen. Sie erſchöpfte den ganzen Born ihrer zärtlichen Beredtſamkeit an Beide. Sie bat und flehte. Sie zitterte und weinte, das arme Weib. 34 — Sei doch ruhig, Alter!— beſchwichtigte ſie— Karl wird zur Vernunft kommen. Mäßige dich, mein Kind, der Vater meint es gut mit dir. Es iſt deine Pſiicht, nachzugeben.— 256 Ihre Thräuen und Bitten verhinderten den gewalt⸗ ſamen Ausbruch beider, doch ein Riß war in der glücklichen Familie eingetreten, und der harmoniſche Einklang auf lange Zeit geſtört. Vater und Sohn grollten mit einander. Der Friede war gewichen und wer am meiſten dabei litt, war das arme Mutterherz, welches einem Weizenkörnlein glich, das zwiſchen zwei harte Mühlſteine gerathen iſt. Die Frau ſoll überall durch Milde und Güte ver⸗ ſöhnen und beſänftigen, wie ein Friedensengel durch das Leben ſchreiten nur mit der Palme in der Hand. Für den Mann der Kampf, für ſie die Verſöhnung. Wehe ihr, wenn ſie ihren Beruf verkennt und auf ihr ſchönſtes Recht verzichtet, weiter nichts als ein gutes, ſanftes Weib zu ſein. Das war freilich bei Frau Hintze nicht zu befürchten, denn ſie allein trug den Verdienſt, daß Vater und Sohn ſich noch leidlich verſtändigten. Die Aufgabe wurde ihr recht ſchwer gemacht und die trotzigen Männer bereiteten der guten Alten manche trübe Stunde. Sie vermochte weder dem Einen, noch dem Andern ganz Unrecht zu geben, und ihre Liebe wurde oft auf die härteſte Probe geſtellt. Im Grunde ihres Herzens mußte ſie ſich 257 eingeſtehn, daß Karl eine gute Wahl getroffen. Gegen Angnes ließ ſich nicht ſo viel einwenden. Das Mädchen war brav, ſauber und fromm und beſaß alle die nöthigen Eigenſchaften, welche Frau Hintze von einer Schwiegertochter forderte, aber dennoch mißbilligte auch ſie die Wahl. Keine Fürſten⸗ und Grafentochter war für ihren Sohn zu gut, und er hatte ſein Herz an eine Dirne ge⸗ ſchenkt, deren Familie doch einmal nach der Mei⸗ nung der Welt beſchimpft war. Das Vorurtheil iſt mächtig in der Welt, und auch die gute Alte war davon nicht frei. Sie konnte das Verbrechen und den Selbſtmord Neu⸗ manns der Unſchuldigen nicht verzeihen. Der Stolz regte ſich ſelbſt in dieſer demüthigen Krea⸗ tur, oder vielmehr das ſtrenge Gefühl der Unbe⸗ ſcholtenheit.— Was in ihrer Seele nur als ſchwacher Wider⸗ ſtand gegen die Neigung des Sohnes ſich leiſe zeigte, das gewann in dem Innern des Herrn Hintze eine unerſchütterliche Gewalt. Ihm galt der ehrliche Name als das Höchſte. Seine ganze Natur wurzelte in dieſem bürgerlichen Bewußtſein. Daran hielt er feſt wie am Evangelium. Freilich Ring, Stadtgeſchichten. I. 17 258 dürfen wir auch nicht verſchweigen, daß ſich noch eine bleierne Ader durch das goldene Geſtein dieſer ehrenwerthen Menſchen zog. Die Mutter hatte nicht aufgehört, Weib zu ſein und empfand eine Art Abneigung gegen jedes andere Weſen, das ihr das Herz den Sohnes zu entfernen drohte. Selbſt die beſte Schwiegertochter hätte längere Zeit gegen dieſes Gefühl zu kämpfen gehabt. Das iſt gewiß mit ein Grund, warum es ſo viele gute Frauen giebt, die ſchlechte Schwiegermütter werden. So nahe liegt in dieſer Welt das Gute bei dem Böſen, und die reinſte Liebe, ſelbſt die der Mutter, iſt nicht von allem Egoismus frei. Herr Hintze trug dagegen noch ein anderes, minder feines, aber praktiſches Bedenken. Er hatte, wir geſtehen es nur offen ein, wenn auch keine reiche, doch eine wohlhabende Frau für ſeinen Sohn gewünſcht. Das Geld ſpielte einmal eine Rolle in ſeinem Denken, dafür war er ja Kaufmann und Viktualien⸗ händler. Ein harter Thaler behielt in ſeinen Ohren den ſchönſten Klang. Dennoch hätte er auch ein armes Mädchen ſich noch als Schwiegertochter gefallen laſſen, wenn nur ſonſt ihr Ruf und ihre Familie unbeſcholten geweſen wäre. Jetzt aber freute er ſich faſt, daß er mit Recht an Agnes eine ſolche Ausſtellung zu machen fand, und unter dem Vorwand der Beſcholtenheit, die Hand des armen Mädchens ſeinem Sohne verweigern durfte. Es giebt einmal auf dieſer ſüͤndigen Welt keinen vollkommenen Men⸗ ſchen, und Vater Hintze wollte auch kein ſol⸗ cher ſein. Unterdeß lebte Agnes bei den Ihrigen, wo ſte Karl täglich beſuchte. Er hatte ihr all' dieſe Vorgänge mit zarter Schonung verſchweigen wollen, aber ihr weiblicher Scharfſinn errieth dennoch das Meiſte davon. Zuerſt mußte ſie erfahren, daß ſie ihre Stelle eingebüßt. Frau Hintze hatte zwar vorläufig kein neues Dienſtmädchen angenommen, doch verrichtete nun eine ſogenannte Scheuer⸗ frau, welche im Hauſe aus und einging, das Nöthige. Aber Agnes wurde auch nicht aufgefor⸗ dert, in ihre früheren Verhältniſſe zurückzukehren. Sie erhielt durch die Hand derſelben Frau ihren vollen Lohn ausgezahlt, trotzdem das Quartal noch nicht zu Ende war, und die Weiſung, daß man ihrer Dienſte länger nicht benöthigt ſei. Agnes klagte und murrte nicht. Sie ertrug ihr Schickſal 17* mit Geduld und fand das Benehmen ihrer Dienſt⸗ herrſchaft ganz in der Ordnung. Karl ſuchte, wie es einem braven Sohne zu⸗ kommt, die Eltern zu entſchuldigen, trotzdem Agnes dieſelben nicht anklagte. — Die Mutter— ſagte er— iſt daran ge⸗ wiß nicht Schuld, nur der Vater hat es ſo gewollt. Es iſt kein Auskommen mehr mit ihm.— — Ach, Karl!— entgegnete das Mädchen — ich bin zu Ihrem Unglück nur geboren. Meinet⸗ wegen iſt Streit und Zank in Ihr glückliches Haus jetzt eingekehrt. Ich weiß um Alles, wie's bei Ihnen ſteht. Verlaſſen Sie mich, geben Sie mich auf und kehren Sie zu den Ihrigen zurück.— — Ich dich laſſen?— rief der junge Mann — Nimmermehr! Sei ruhig. Die Mutter wird ſchon Alles zu leiten und zu lenken wiſſen, und am Ende giebt doch immer der Vater nach.— — Diesmal geſchieht es ſicher nicht. Mir ſagt’'s mein ahnend Herz.— — Gut, dann ſoll auch er ſehen, daß ich kein Kind mehr bin. Ich ſchwöre dir zu, daß du mein Weib wirſt, mag er wollen oder nicht!— 261 — Karl, um Gottes willen, ruhig! Es iſt Ihr Vater, von dem Sie ſprechen.— — Du biſt ein Engel, und kein Menſch auf Erden ſoll dich mir entreißen. Willſt du mein ſein für alle Ewigkeit, ſo gelob' es mir, wie ich in dieſem Augenblick.—. Ein ſüßer Schauer erfaßte ſte bei dieſen feier⸗ lichen Worten. Ihr war's, als ob ſie in der Kirche vor dem Tiſch des Herrn ſtände. — Willſt du mein ſein für immer?— fragte der wiederholt. — Dein für immer,— flüſterte ſie,— hier wie dort.— — Und nun iſt es gut,— ſagte er, indem er Agnes feſter an ſich zog.— Jetzt mag ſich er⸗ eignen, was da will, wir ſind einmal verlobt. Doch um Eins bitt' ich dich, von nun an darfſt du nicht mehr Sie zu mir ſagen, ſondern Du, wie ich zu dir ſpreche.— Das war eine ſchwere Aufgabe für Agnes, bis ſie ſich an dieſe traute Bezeichnung gewöhnt hatte. Sie konnte nicht ſo leicht vergeſſen, daß Karl doch der Sohn ihrer geweſenen Brodherrſchaft war, und es ſchien ihr ordentlich das ſüße Wört⸗ lein, gegen den Reſpekt zu ſündigen. Doch er wollte es ſo, und es ging, wenn auch nicht allzu⸗ leicht. Oft mußte ſie ſich verbeſſern, und beim erſten Male wurde ſie über und über pnrpurroth, wenn ſte ihn Du nannte. Allmälig aber gewöhnte ſie ſich daran, obgleich in ihrem Herzen niemals der Reſpekt erſtarb, und ſo gebührt ſich's auch, denn das Wörtlein Du, ſo ſchön es klingt, wird nur allzuleicht mißbraucht und öffnet der Nichtachtung und dem Mangel an Zartheit Thor und Thür. Das war bei unſern Freunden nicht der Fall, ſon⸗ dern mit der Vertrautheit im Umgange wuchs erſt ihre Liebe recht, wie ein Bäumchen, das der Gärtner am Stocke groß gezogen hat, nun aber, da es den ſchönen und geraden Trieb erhalten, ſeiner eigenen Kraft ganz überläßt. Der Menſch aber ſtrebt zu allen Zeiten nach der Verſinnbildlichung des Geiſtigen, und will das Himmliſche und Schöne durch beſtimmte Zeichen an die Erde feſſeln. Karl begnügte ſich mit dieſer ſtillen und heiligen Verlobung nicht, ſondern kaufte noch von ſeinem Verdienſte für die Geliebte einen goldenen Ring, den er ihr ſelbſt an den Finger ſteckte. Demüthig und doch überſeelig nahm Agnes 263 dieſen neuen Beweis ſeiner Treue an, und betrach⸗ tete wohl hundert Mal im Tage den kleinen roſigen Finger, an dem ſie gleichſam das Verſprechen ſei⸗ ner Liebe trug. Nun war es ihr zu Muthe, als wäre der Geliebte immer zugegen, er mochte da⸗ ſein, oder nicht. Im Anfange kümmerte ſich Vater Hintze we⸗ 1 nig um das Treiben ſeines Sohnes. Er ließ 5 8 ſeinen Weg gehn, und beobachtete ihn nicht auf Schritt und Tritt. Nachdem er einmal ſeinen feſten und unerſchütterlichen Willen erklärt hatte, bedurfte es nach ſeiner Meinung keines Wortes weiter. Ueber Mangel an Gehorſam von Seiten Karl's hatte er früher niemals Grund zur Klage gehabt. Auch diesmal gab er ſich der Hoffnung hin, daß ſein einmal ausgeſprochener Befehl befolgt werden würde. Das Gegentheil ſchien ihm ganz unglaublich und undenkbar. Die Mutter wußte wohl beſſer, wie die Sache ſtand, und warum der Sohn jetzt jeden Abend um eine ganze Stunde ſpäter heimkehrte, gals er ſonſt gewohnt war, aber die gute Alte hütete 6g, ihre Muthmaßungen dem Vater Hintze mitzu⸗ theilen. Sie ſchwieg um des Friedens willen. Nur den Sohn nahm ſie einmal in's Gebet. Er leug⸗ 264 nete nichts, ſondern ſprach der Mutter gegenübrr offen ſeine Liebe aus. — Dieſe oder Keine wird mein Weib,— da⸗ mit ſchloß er das ernſte Zwiegeſpräch, und der einzige Vortheil, den die Alte erlangen konnte, war das Verſprechen, ohne ihr Wiſſen keinen übereilten 4 Shritt zu thun. Wer aber nicht ſchwieg, das waren die böſen Zungen in der Nachbarſchaft. Beſonders hatte Roſa, welche noch immer für den jungen Mann ſich intereſſirte, durch Vermittelung der Schuſter⸗ frau im dritten Stock, eine Geſchichte erfahren, welche ſie keinen Augenblick bei ſich behalten wollte. Das war zu viel für ihre Moralilät und Jung⸗ fräulichkeit. Die freche Perſon, mit dieſem Aus⸗ druck pflegte ſie ſtets die liebe Agnes zu bezeichnen, hatte den braven Sohn den Eltern⸗ abwendig ge⸗ macht und durch Liſt und Zauberei beſtrickt. Das konnte die tugendhafte Wirthſchafterin keinen Mo⸗ ment länger ruhig mit anſehn. Sie hielt es für ihre Pflicht, Vater Hintze von allem zu unter⸗ richten und ſetzte dabei noch⸗ manches Hiſtörchen von ihrer eigenen Erfindung hinzu. Ja, ihr Eifer, den jungen Mann zu retten, ging ſo weit, 265 daß es ihr auf eine Lüge mehr oder weniger gar nicht ankam. Vater Hintze dankte ihr für den Bericht, Fräulein Roſa aber genügte ganz allein das Bewußtſein ihrer edlen That.— Nachdem die Wirthſchafterin ihn verlaſſen hate, blieb der Alte allein mit ſeinem Zorn und Aerger, der gar keine Grenzen kannte. Still brütete er über einem großen Entſchluß, durch den er mit einem Male der ganzen Liebſchaft ein Ende zu machen hoffte. Mit heftigen Schritten durcheilte er die Stube, und ſeine Bewegung war ſo groß, daß, da ſeine Anweſenheit im Laden durchaus nöthig war, die Wage in ſeinen Händen zitterte und er beim Herausgeben von kleinem Geld ſich um einen ganzen Groſchen irrte. Ein Umſtand, der bisher nie eingetreten war und ihm ſelbſt ganz unerhört erſchien. Kaum daß er ſich wieder allein ſah, ging das Denken und Simuliren von Neuem los. Plötzlich ſprang er von dem Stuhle, auf welchen er ſich niedergelaſſen hatte, hoch empor und erſchreckte die gute Alte ſo heftig, daß ſie eine Naſche an ihrem Strickſtrumpf fallen ließ. — Was giebt es?— fragte ſie, von banger Ahnung ergriffen. 266 — Er muß fort, weit weg. Dann hört die Geſchichte mit einem Male auf— ſagte Vater Hintze im beſtimmten Ton. — Wer muß fort?— — Karl! Ich ſchicke ihn auf die Wander⸗ ſchaft.— Die Alte zitterte bei dieſen Worten dermaßen, daß ſie faſt ſprachlos wurde. Erſt nach einer Weile ſagte ſie: — Mann, bedenke was du thuſt. Er iſt der Einzige, der uns von Allen übrig blieb. Soll er unter fremden Leuten verkommen? Wenn ihm etwas zuſtößt, wenn er gar krank würde— Ich könnte keine Minute mich auf dieſer Welt mehr freuen!— — Ach! er iſt groß genug, um ſich umzu⸗ ſchauen. Hier thut er nicht Gutes, und du weißt darum, daß er täglich heimlich zu der Agnes geht. Schöne Geſchichten! Verlobung hat er ſchon mit ihr gehalten und ihr einen goldenen Ring geſchenkt. Sprich, iſt es nicht wahr?— Die gute Mutter wagte nicht, zu dem Er⸗ zuͤrnten empor zu ſchauen. Sie ſchlug die Augen nieder, als wäre ſie auf friſcher That ertappt. 267 Sie ſprach nicht, nur ihr Herz blutete, und ihre klaren Augen füllten ſich mit Thränen. Vater Hintze, der ſie früher niemals weinen ſah, ohne ihr in allen Stücken alſo gleich den Willen zu thun, blieb diesmal unerweicht und ſtand in ſeinem einmal gefaßten Entſchluſſe wie eine Eiche feſt. So war auch hier in die glückliche Keller⸗ wohnung Leid und Zwietracht eingekehrt. XXYII. Unterdeß lebte Agnes ſtill bei der Mutter. Dieſe hatte in der letzten Zeit noch eine gewaltige Erſchütterung erfahren müſſen, von welcher auch die Tochter tief ergriffen wurde. Der blinde Har⸗ fenmann war bald im Keller ein täglicher Gaſt geworden, und es war Frau Neumann ganz eigen zu Muthe, wenn ſie den Klang ſeiner Stimme hörte, oder das erbleichte Angeſicht ſah, aus wel⸗ chem die glanzloſen Augen, um Mitleid flehend, ihr entgegenſtarrten. Auf ſeine Bitten hatte ſie ihm den älteſten Knaben als Führer überlaſſen, 268 und redlich theilte er an jedem Abend ſeinen Gewinn, der nicht unbedeutend war, da Fritz früher den größten Theil unterſchlagen hatte. Seit ſeiner Bekanntſchaft mit der armen Familie war in der⸗ ſelben ſein wohlthätiges Walten deutlich zu ver⸗ ſpüren, die wilden, unbändigen Knaben gehorchten ihm auf's Wort und folgten auch der Mutter. Durch Drohungen und kleine, nützliche Geſchenke hatte der Blinde dieſe unbegreifliche Veränderung in kurzer Zeit hervorgebracht. Die beſſer gearteten Mädchen kehrten bald zu der gewohnten Sittſamkeit zurück. Das böſe Beiſpiel, welches Neumann gab, war mit ſeinem Tode vernichtet. Friede und Ordnung herrſchten jetzt, wozu auch Agnes redlich das ihrige gethan hatte. An jedem Tage kehrte der Harfen⸗ mann mit ſeinem Inſtrumente ein und ſpielte und ſang zum Ergötzen für Jung und Alt. Die Kinder lanſchten ſeinen Liedern und hatten ihn von Herzen lieb. Wenn er ihnen noch dazu erlaubte, mit ihren kleinen Fingern die Saiten zu berühren, dann konnte er mit ihnen machen, was er wollte und ſte thaten Alles, was er ihnen anbefahl. Eines Abends, als die Kinder ſchon zu Bette waren und nur Agnes und die Mutter bei dem X△ 269 Blinden wachten, ſchien ihn die alte Verwirrung wieder zu erfaſſen, derenthalben die Leute glaubten, daß es mit ſeinem Verſtande nicht ganz richtig ſei. Er hielt die Harfe in der Hand und ſang ein Lied, das aus früherer Zeit ſtammte, wo er noch mit beiden Augen ſah. Seine Stimme gewann dabei den alten ſchönen Klang, und mächtig wurden beide Frauen von dem tiefen Ausdruck erfaßt, mit welchem er die bekannte Melodie vorzutragen wußte. Beſonders mußte die arme Mutter dabei an ihre Jugend denken und an den Mann, der ſie um ihr Lebensglück betrogen. Grade dieſes Lied hatte ſie ſo oft von ihm gehört. Die Erinnerung erwachte in ihr mit ſolcher Macht, daß ſie ſich, trotz der Tochter Gegenwart, nicht der Thränen zu erwehren vermochte. Sie ſchluchzte Anfangs nur leiſe, dann immer heftiger. Der Blinde hörte ſie weinen, ſeine Stimme zitterte. Plötzlich ſank das Inſtrument aus ſeiner Hand. — Joſephine!— rief er laut— Joſephine! kennſt du mich nicht mehr?— Er ſtreckte ihr die Hand entgegen, er tappte nach der ihrigen, die ſie ihm zu entziehen verſuchte. 270 — Verzeihung! Verzeihung!— jammerte der Unglückliche. Nach langen Jahren voll Reue und Buße ſtand der Sünder gereinigt und gebeſſert vor der Betrogenen. Ihr Zittern und Beben verrieth die tiefe, innere Bewegung. Die Tochter blickte verwundert und ahnungs⸗ voll auf das unerwartete Schauſpiel hin. — Agnes! mein Kind, mein Kind!— ſchrie der Blinde— bitte mit mir, daß ſie um deinetwillen mir verzeiht.— Sie begriff Alles und reichte erſchüttert dem wahren Vater ihre Hand, dann faßte ſie die wider⸗ ſtrebende Rechte der Mutter und vereinte die Ge⸗ trennten zum höhern Liebesbund. Das Unglück hatte das Gold von den Schlacken geſchieden. Die Sünde war gebüßt und das weib⸗ liche Mitleid verzieh dem Blinden den Jammer eines ganzen Menſchenlebens in einem rührenden Augenblick. Agnes liebte ihren Vater ſchon vorher; jetzt erſt von ganzem Herzen, vielleicht um ſo mehr, da er ein Gebrechen an ſich trug, das fortwährend ihr Mitleid für ihn in Anſpruch nahm. Auch Karl empfing die Nachricht von dieſem Ereigniſſe, das ihm nicht verſchwiegen bleiben konnte, mit wahrer Freude. Der Gedanke, daß Agnes die Tochter des Selbſtmörders ſei, hatte ihn bisher, trotz ſeiner unbegränzten Liebe zu ihr, oft verletzt und unangenehm berührt. Jetzt erſt war auch der kleinſte Schatten von ihrer Lichtgeſtalt geſchwunden, und ſie ſtand vor ihm ganz rein und makellos. Dieſes neue Glück wurde nur durch den Gedanken an die nahe bevorſtehende Trennung getrübt. Vater Hintze hatte einmal ſeinen Entſchluß kund gethan und wich und wankte nicht. Karl ſollte ſo bald als möglich das elterliche Haus verlaſſen, und da⸗ gegen halfen alle Bitten und Thränen der guten Mutter nicht. — Was thuts!— ſagte Karl zu Angnes, der er die traurige Nachricht mittheilte— In einem Jahre bin ich mündig und dann kann kein Menſch auf der Welt etwas dagegen haben, wenn ich dich als mein Weib heimführe.— Sie antwortete nicht, ſondern lehnte ſich wei⸗ nend an ſeine Bruſt. — Laß es gut ſein!— tröſtete er ſte— Ich bleibe dir treu in alle Ewigkeit und du— 272 Sie ſah ihn nur mit dem ſtrahlenden Auge an, aus welchem ihm die Treue und Liebe des Himmels entgegen glänzte. Hand in Hand und Herz im Herzen ſtanden die Liebenden und erneuerten ihren Schwur. Was konnte ihnen die Welt noch anhaben? Die Zeit war ohnmächtig ihnen gegenüber. In dieſem Glauben fühlten ſich beide feſt und ſtark und er⸗ warteten die Zukunft mit ruhigen Blicken. Nicht alſo vermochte Mutter Hintze ihr Schickſal zu ertragen. Die Jugend iſt dem friſchen Bäumchen gleich, das ſaftig und biegſam jedes Unwetter und Miß⸗ geſchick überwinden kann, wogegen das Alter morſch und brüchig macht. Seitdem Vater Hintze ihr ſeinen Willen kund gethan, war eine große Verän⸗ derung mit ihr vorgegangen. Das. friſche, wohl⸗ beleibte Mütterchen ſchrumpfte ordentlich zuſammen und verlor die frühere Rührigkeit. Die rothen Wangen verblaßten täglich mehr und mehr und ſie ſchwand dahin wie ein Schatten. Wenn ſie an der Ausſtattung ihres Sohnes nähte, denn eine ſolche ſollte Karl auf die Wanderſchaft mitnehmen, dann benetzte ſie oft ungeſehn die weiße Leinwand 273 mit ihren Thränen, und wenn der Alte nicht zu⸗ gegen war, dann entwand ſich mancher ſchwere Seufzer der gepreßten Bruſt. Sie trippelte nicht mehr mit der ehemaligen Behändigkeit von Ort zu Ort, aus der Stube in den Laden, aus dem Laden in die Küche, ſondern ſchlich und wankte nur wie ein abgeſtorbener Geiſt. Auch der Wiſch⸗ lappen hatte Ruhe in ihrer Hand, und wenn die Scheuerfrau nicht ihr Amt beſſer verſehen hätte, ſo wäre dem Staub, der ſich anſammelte, nimmer⸗ mehr ſein Recht geſchehen und die Spinnenweben hätten von der Decke bis zum Boden die Keller⸗ wände mit ihren grauen Tapeten unverwehrt be⸗ kleiden können, Mit dem Eſſen ging es auch nicht mehr wie früher. Oft war die Suppe ange⸗ brannt und das Gemüſe ohne Salz und Schmalz, obgleich Frau Hintze ſonſt die beſte Köchin und ſtolz auf ihre Kochkunſt war. Der Alte merkte von der Alten nichts, oder wollte nichts bemerken, denn er war ein eigen⸗ ſinniger, feſter Mann, der nicht von ſeinem Willen abging. Freilich, wenn er die arme Frau in Thränen überraſchte oder einen Seufzer hörte, den ſie unwillkürlich, trotz ſeiner Anweſenheit, ausſtieß, Ring, Stadtgeſchichten. I. 18 274 ſo erfaßte ihn ein eigenes Gefühl und allerlei Zweifel ſtiegen in ihm auf, ob er auch recht ge⸗ than. Doch bald verſcheuchte er die mahnenden Gedanken.— Sie muß ſich daran gewöhnen. Das giebt ſich. Weiber können einmal nicht das Au⸗ genwaſſer halten— ſo meinte er für ſich und glaubte, daß die Zeit auch hier das Beſte thun und die Wunden heilen würde, welche ſein harter Entſchluß dem Mutterherzen geſchlagen hatte. Karl ſah zwar zu allererſt die Mutter täglich ſchwächer werden, doch mochte er mit dem Vater am wenigſten darüber ſprechen. Er fürchtete, ſich etwas zu vergeben und ſetzte dem Eigenſinn des Alten ſeinen Männertrotz entgegen. Auch dachte er wie Hintze in dieſem Punkt und hoffte eben⸗ falls das Beſte von der Zeit und der Gewohnheit, welche jede Trennnng überdauern hilft. Was wiſſen aber ſolche rohe, wilde Männer um das Weſen und die Liebe eines Weibes. Ihnen ſteht die ganze Welt offen, während die Frau auf den ſtillen Winkel des Hauſes und der Familie angewieſen iſt. Sie toben ihre Schmerzen gewaltſam aus, das zartere Geſchlecht ſpinnt ſich darin ein, wie der Seidenwurm, der ſich ſelbſt das Todtenhemde webt. Alſo geſchah es auch mit der guten Alten. Bald vermochte ſie nicht mehr, die täglichen Ge⸗ ſchäfte zu betreiben. Ihre Schwäche wuchs mit jedem Tage, und ſie konnte nur mit großer Mühe ſich von ihrem Bette erheben. Als es ſo weit mit ihr gekommen war, da erſchrak erſt Vater Hintze über alle Maßen. Nun jammerte er und lief ſogleich zum Doktor Frank, der ebenfalls ſein Hausarzt war und bat ihn mit Thränen in den alten Augen, keine Mühe und Koſten zu ſcheuen, damit er nur noch einmal die gute Alte wieder herſtelle. — Das wird ſchwer halten— meinte der Arzt, nachdem er ein genaues Examen mit der Kranken angeſtellt hatte.— Ihr Leid ſitzt tief im Herzen und dagegen nützt keine Medizin.— — Herr Doktor! nehmen Sie mein ganzes Vermögen— ſchrie der bekümmerte Mann— nur retten Sie mir das brave Weib. Den Verluſt überleb' ich keinen Augenblick!— — Wenn ich helfen ſoll— entgegnete Herr Frank— dann muß ich vor allen Dingen die Urſache dieſes räthſelhaften Leidens kennen. Hat 18* 276 die Frau in jüngſter Zeit einen großen Kummer gehabt, um den Sie vielleicht wiſſen?— Vater Hintze ſchlug beſchämt die Augen zu Boden, aber ſchwieg mit verſtocktem Sinne, doch der kluge und menſchenfreundliche Arzt ließ ſich nicht irre machen, ſondern forſchte und fragte ſo lange, bis er auf den Grund der Sache kam. Als er Alles erfahren hatte, was er wiſſen wollte, ſagte er mit feſtem Ton:— Die Frau ſtirbt am gebrochenen Herzen, woran ſchon viele Weiber ge⸗ ſtorben ſind.— Dieſer Beſcheid rührte zwar den harten Mann, doch noch immer nicht genug. Das Gewiſſen be⸗ gann ſich zu regen. — Doktor!— fragte er bereits ſchwankend und zweifelhaft— Reden Sie die Wahrheit? Machen Sie mir keine Finten vor?— — So wahr, als ob ich vor Gericht ſtände und meine Ausſage mit einem heiligen Eid beſchwören müßte. Die Frau iſt verloren, wenn ſie von ihrem Sohne getrennt wird.— Herr Hintze ſtieß einen tiefen Seufzer aus und wiſchte ſich mit der ſtarken Hand den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirn. — Giebt es keine andere Rettung, keine Hülfe? Ich kann's bezahlen. Ich bin kein ſo armer Mann, wie Sie vielleicht glauben. Auf hundert Thaler ſoll es mir nicht ankommen.— — Und ſtänden Ihnen Millionen zu Gebote, ſo läßt ſich's nicht ändern, wenn Sie auf Ihrem harten Sinn beſtehn.— Das war ein mächtiger Kampf, den Herr Hintze auszuhalten hatte. Ein ſolcher Eichenklotz fällt nicht gleich auf den erſten Streich, dem muß man tüchtig zuſetzen. Das wußte auch der Doktor, der ein feiner Menſchenkenner war. Er redete dem Delinquenten in's Gewiſſen und ſtellte ihm die große Sünde vor, die er durch dieſe große Hart⸗ näckigkeit gegen das arme Weib, gegen ſich ſelbſt und gegen den braven Sohn beginge. Das wirkte, wenn auch noch nicht ganz. Der feſte Mann wurde erſchüttert, aber in ſeinem Innern regte ſich noch immer der Zorn und Eigennutz neben der Liebe zu der Frau. Augenſcheinlich ging er mit ſich zu Rathe und ſchwankte hin und her. Seine Stirn war gerunzelt und er hielt nachdenklich das graue Haupt mit der geballten Fauſt geſtützt. Manchmal fuhr er wieder wild empor und fluchte 278 über die verwünſchte Liebſchaft, die allein an allem Unheil ſchuld ſei. Dann aber redete der Doktor von Agnes, die er genau er kannte, mit großem Lobe, wie ſte es verdiente. — Hol' ſie der Henker!— ſchrie der Alte wild dazwiſchen. Je lauter der Alte aber fluchte, deſto ein⸗ dringlicher wurde auch der Doktor und ließ nicht ab, im Böſen wie im Guten zuzureden. Endlich aber riß auch dem Menſchenfreund über den Starr⸗ ſinn die Geduld. Herr Frank griff zornig nach Hut und Stock, um ſich zu entfernen. — Nun, meinetwegen mag die Frau ſterben! — ſchrie er ergrimmt— Doch vor Gott klag' ich Sie als ihren Mörder an!— — Mörder? ich der Mörder meiner guten Alten? Nimmermehr!— ſtöhnte der erſchütterte Greis, indem die Thränen über ſeine Wangen mir ſagen. von Ihnen. Das will ich Der Junge ſoll bleiben. Das chwiegertochter werden;z aber das rollten— Das ſoll Niemand von Herr Doktor! das war hart, ſehr hart Ich bin kein Mörder! hören Sie. Ihnen beweiſen. Mädchen meine S 279 rathe ich Ihnen, daß mir die liebe Alte am Leben bleibt!— Dieſe Worte wurden heftig, halb erzürnt, halb durch Schluchzen unterbrochen, hervorgeſtoßen. Der Widerſtand war gebrochen. Das Eis geſchmolzen, welches dieſes ſonſt ſo treffliche Herz umpanzert hielt. Vater Hintze weinte heut zum erſten Male in ſeinem Leben wie ein kleines Kind. Er konnte ſich gar nicht zufrieden geben und wie⸗ derholte immer von Zeit zu Zeit:— Ich, und ihr Mörder! O mein Gott!— Endlich gelang es dem Doktor, den Aufge⸗ regten zu beſchwichtigen, und ſein Rath, die Kranke nur allmählig mit dieſer Sinnesveränderung bekannt zu machen, wurde auch pünktlich befolgt. Ein Wort genügte und Frau Hintze erholte ſich bald wie eine Pflanze, welche der wohlthätige Regen erquickt hat. — Aber dem Karl wollen wir nichts ſagen — meinte der Alte.— Eine Strafe muß er leiden. Warum hat er hinter unſerm Rücken einen ſolchen Liebeshandel angefangen.— Diesmal war Frau Hintze mit Allem zu⸗ frieden, denn es war auf eine Ueberraſchung äbge⸗ 280 ſehn, und die wollte ſich der Vater einmal nicht nehmen laſſen. Das heilige Weihnachtsfeſt ſtand vor der Thür. Die Feier deſſelben war immer ein großes Ereigniß in der einſt ſo einigen Familie geweſen. Schon eine ganze Woche vorher gab es früher ein heimliches Ziſcheln, Gehen und Kommen, Laufen und Rennen. Diesmal war Alles ſo ſtill, als ob es überhaupt keinen heiligen Abend in dem Jahre geben ſollte. Frau Hintze nähte fort und fort an der Ausſtattung des Sohnes, die ſie jetzt mit Freuden rüſtete. Karl aber ſchlich trübe und mißgeſtimmt umher. Er hatte ſich mit dem Gedanken einer Trennung zwar vertraut gemacht, je näher aber der Augenblick kam, deſto betrübter wurde ſein Herz. Die Mutter mußte ſich mit Gewalt zuſam⸗ mennehmen, um mit ihrem Geheimniſſe nicht heraus⸗ zuplatzen, aber ein Seitenblick des Alten legte ihr Schweigen auf. Dieſer ſchien der einzige zu ſein, der die alte Stimmung ſich bewahrte. Er ging wie im vorigen Jahre vergnügt in der Stube auf und ab, wobei er ſich die Hände mit ſchlauem Lächeln rieb. Zuweilen ſtimmte er ſogar ein frohes Liedchen an, das er leiſe vor ſich hinträllerte. 281 Dem Sohne war dies Benehmen ganz unbegreiflich, und im Stillen klagte er den Vater der Hartherzig⸗ keit an, die dem braven Mann doch nicht zur Laſt gelegt werden konnte. Endlich kam das lang erſehnte Feſt. Die Mohnklöſe ſtanden bereits zierlich aufgeſchichtet und die Karpfen ſchmorten in der Pfanne. Aepfel, Nüſſe und Pfefferkuchen in allerlei Formen und Geſtalten waren eingekauft. Der trübe Dezember⸗ tag dauerte nur kurz, doch viel zu lang für tauſend erwartungsvolle Kinderherzen. In der Dämmerung war Vater Hintze heimlich fortgegangen und ebenſo zurückgekehrt. Das mußte ein wichtiges Geſchäft geweſen ſein, das er abgemacht, weil es ſonſt nicht ſeine Sitte war, am heiligen Abend noch ſo ſpät auszugehen. Unterdeß hatte die Mutter mit Hülfe des Sohnes den Tannenbaum angezündet, der in der Mitte des Kellers ſtand. Die vielen Lichter verbreiteten einen hellen Glanz und die dunklen Nadeln ſchimmerten wie eitel Gold und Edelſtein. Eine tiefe Wehmuth beſchlich das Herz des jungen Mannes, als ihm der traute Schein, vielleicht zum letzten Male, wie er dachte, in dem väterlichen Hauſe entgegenleuchtete. Da ſtand der alte Freund 282 ſeiner Kinderjahre, der ſtrahlende Weihnachtsbaum, das Syhmbol der Familienliebe, die im Sommer wie im Winter, in guten und ſchlechten Tagen ewig grünt. Karl wurde von dieſem Gefühle mächtig ergriffen. Um die Thränen zu verbergen, machte er ſich in dem benachbarten Laden etwas zu thun und verließ eilig die Stube. Unterdeß ordnete die Alte wohlgefällig die Geſchenke, auch Vater Hintze kam herbeigeſchlichen und ziſchelte ſeiner Frau Heim⸗ lichkeiten in's Ohr. Dieſe lächelte und nickte nur mit dem Kopfe, wobei die hellen Augen vor Ver⸗ gnügen ſtrahlten. In der Schlafſtube, welche an das Wohnzimmer gränzte, ſchien es auch ordentlich lebendig zu werden. Es liſpelte und ſcharrte, es kicherte und lachte wie mühſam unterdrückte Weih⸗ nachtsluſt. Herr Hintze ging jetzt in den Laden, um den Sohn zu rufen.— Komm!— ſagte er— wir wollen heut den heiligen Abend in Frieden und in Eintracht feiern, wie bisher.— Er nahm die Hand des bekümmerten Karl und führte ihn in das Zimmer zurück. — Nun kann es losgehen!— rief der wür⸗ 283 dige Viktualienhändler mit eigenthümlichem Lächeln. — Alte! beſcheer' uns.— Die Mutter ließ ſich nicht zweimal bitten, ſondern wies auf den Tiſch, wo die reichen Ge⸗ ſchenke ausgebreitet lagen, die feinſte Weißwäſche, eine ganze Ausſtattung, dazu noch Tuch zu einem neuen Ueberrock, Pfefferkuchen und rothbäckige Aepfel ohne Zahl. — Das giebt dir die Mutter!— ſagte Herr Hintze zu dem Sohne, der ſeinen Dank ſtammelnd hervorbrachte.— Jetzt will ich dir aber etwas be⸗ ſcheeren, und rath' einmal was?— — Ich bin ſchon hinlänglich zufrieden und danke euch tauſend, tauſendmal!— entgegnete Karl, der mit Mühe und Noth die Thränen unter⸗ drückte. — Eil zufrieden biſt du nicht, das ſagt mir dein jämmerlich Geſicht. Dir fehlt noch etwas— — Ich wüßte nicht! Eure Liebe hat mich überreich bedacht.— 1 — Tal tal tal Das iſt nur ſo eine Redensart. Du brauchſt ein Weib!— — O Vater, ſprich nicht ſo, ich bitt' um Gottes willen, ſchone mich!— 284 Herr Hintze weidete ſich an der Verlegenheit des Sohnes und lachte einen Augenblick, dann ſchrie er laut:— Heraus, heraus! Chriſtkind zeige dich!— Da öffnete ſich die Thür der Schlafſtube und auf der Schwelle erſchien das Chriſtkind Agnes mit lieblich ſtrahlendem Geſicht. Sie trug das alte, ſchwarze Merinokleid und die weiße Schürze vor⸗ gebunden. Eine zarte Purpurröthe ſchimmerte auf ihren Wangen. Demüthig, wie von all' dem Glanz geblendet, ſchlug ſie die frommen Tauben⸗ augen nieder. — Das iſt meine Beſcheerung!— lachte Vater Hintze auf.— Nun, willſt du ſte nicht?— Sprachlos ſtand Karl, die Mutter lachte und weinte zu gleicher Zeit, und der Alte nahm die künftige Schwiegertochter und führte die Schüchterne dem Sohne zu. Da war ein Jauchzen und Jubeln, ein Küſſen und Herzen, worüber Gott im Himmel ſelber ſich gefreut. Alle Schmerzen und Leiden wurden vergeſſen und die höchſte Wonne und Seligkeit war zurückgekehrt. Die Eltern von Agnes mußten natürlich mit dabei ſein und ihre Ge⸗ ſchwiſter verfehlten nicht, den Mohnklöſen und 285 Karpfen, welche aufgetragen wurden, ihr ge⸗ bührendes Recht anzuthun. Karl und Agnes ſaßen bei Tiſche nebeneinander und aßen nur wenig; was bei Liebesleuten häufig zu geſchehn pflegt, als aber Vater Hintze ſich erhob und die Geſundheit des Brautpaars mit dem dampfenden Punſchglaſe in der Hand ausbrachte, da ſtießen ſte an, daß es laut erklang und tranken auf das Wohl der beſten Eltern von der Welt. — Hoch! und abermals hoch!— jubelten die Kinder, welche ſich bereits einen kleinen Spitz angetrunken hatten. Es war ſchwer zu entſcheiden, wer der Glück⸗ lichſte in dieſem trauten Kreiſe war. Doch man brauchte nur das leuchtende Geſicht der guten Mutter Hintze zu ſehen, um ſie für die zufriedenſte Kreatur auf Gottes Erdenwelt zu halten. Einige Wochen nach dieſem wahrhaft heiligen Abend war die Hochzeit, auf welcher Rieke als Kränzeljungfer mit einem dicken Roſenkranz im ſchwarzen Haar und am Arme ihres Schloſſers erſchien. — Na ſo was lebt nicht!— ſagte ſie bei dieſer Gelegenheit— Heirathet das gute Schaaf doch noch ſrüher als ich ſelber! Na, Gott ſchenke dir Glück und Segen, liebe Agnes, und— Weiter ſprach ſie nicht, ſondern ſank der hocherröthenden Freundin an den Hals. —— Druck von S. Nietach in Berlin. ſſſſnn ſnfſfnfffffe 1 12 13 14 15 1 8 10 1 6 17 18 19 29 4 3 “ 3 “ 1 1 „*½ 4 1 8 8 1 7