—nV—ꝑ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 4 1 „ 3„ 1. 5„ 1„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung 6. Schadenersatz. 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Sechstes Capitel. Siebentes Capitel Achtes Capitel Neuntes Capitel. Zehntes Capitel Elftes Capitel Inhalt. Eine arme Seele. Dritter Theil. Erstes Capitel. Martha's erſter Gedanke bei ihrer übereilten Flucht war, ihre älteſte Schweſter aufzuſuchen, welche ſeit eini⸗ ger Zeit einen Landwirth in der Provinz geheirathet hatte. Bei ihr hoffte ſie vorläufig ein Obdach zu finden und ſich verborgen halten zu können. Das Gut, auf welchem ihr Schwager die Stelle eines Verwalters bekleidete, lag, wie ſie wußte, in der Nähe der Eiſenbahn, einige ſechszig Mei⸗ len von ihrem bisherigen Aufenthalt entfernt. Nur mit ſchwerem Herzen ergriff ſie dieſen einzigen Ausweg, der ihr übrig blieb, da ſie auf mehrere Briefe, welche ſie frü⸗ her an ihre Schweſter und übrige Verwandte geſchrieben, keine Antwort erhalten hatte. Welche Aufnahme durfte ſie daher erwarten, welch' ein Empfang ſtand ihr unter den geſpannten Verhältniſſen bevor, in denen ſie mit ihrer Familie lebte?— Es blieb ihr aber in dieſem Au⸗ genblick keine Wahl, obgleich ſie jede andere Zuflucht vor⸗ 1 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 10 gezogen hätte. Das Gefühl, als eine Hilfeflehende an der Thür zu klopfen, von der ſie ſchon einmal zurück⸗ geſtoßen war, drohte ſie zu erdrücken. Als eine Verlorene vor ihre Schweſter treten zu müſſen, dieſer zur Laſt zu fallen, mit ſcheelen mißmuthigen Augen von dem ihr fremden Schwager betrachtet zu werden, das Alles hatte etwas Schauerliches für ſie und erfüllte ſie mit banger Trauer. Unſchlüſſig und innerlich beſorgt um den Ausgang ihres Abenteurs verließ ſie die gemiethete Droſchke, um das Fahrbillet für die Eiſenbahn zu löſen. Sie kam eben noch zur rechter Zeit, da der Zug bald abgehen ſollte. Mit Hilfe eines gefälligen Schaffners ſtieg ſie in ein Coupée, das nur von wenig Perſonen beſetzt war. Ob⸗ gleich es bereits Nacht und der Wagen nur ſchwach be⸗ leuchtet war, zog ſie den Schleier noch dichter und tiefer über ihr Geſicht, um nicht zufällig erkannt zu werden. So verhüllt lehnte ſie ſtumm in einer Ecke ihren trüben Gedanken überlaſſen, neben ſich hatte ſie das mit dem ſwarzen Tuche noch bedeckte Bauer geſtellt, worin der Kanarienvogel Getrud's geborgen war.— Jetzt ſtieß die Lokomotive einen grellen Pfiff aus und die brauſende Maſchine ſetzte ſich in Bewegung; erſt langſam, wie unter einer ſchweren Laſt krachend, dann immer ſchneller und ſchneller gleich einem geſpenſtiſchen Geiſterroſſe dahin⸗ 11 jagend, von ſtiebenden Feuerfunken begleitet. Vorbei flo⸗ gen die hell erleuchteten Häuſer der Vorſtadt, Gärten und Bäume, benachbarte Dörfer und einzeln ſtehende Hütten, die weit zurückblieben. Am Horizont erſchien die ſilberne Mondſcheibe, langſam emporſteigend; das ſchimmernde Licht ſpiegelte ſich in den Wellen des vorbeirauſchenden Flußes, über den die unter dem Zuge geiſterhaft dröh⸗ nende Brücke führte, ein herrlicher Bau aus gewaltigen Ouadern von weißen Zinnen gekrönt und auf mächtigen Pfeilern ruhend. Zu beiden Seiten des mondbeglänzten Stromes zogen ſich die grünen Ufer, weit in dämmern⸗ der Ferne ſich verlierend, bis ſie in nächtliche Schatten zerfloſſen. Weiße Nebel ſtiegen aus den dampfenden Wie⸗ ſen und Gründen empor, wogten auf und nieder, huſch⸗ ten und ſchwankten zu phantaſtiſchen Geſtalten geballt wie ein ſpielender, neckender Elfenchor. Dort regte ein Kirch⸗ thurm in die Wolken, eine abgeſtorbene Eiche am Wege ſtreckte drohend und warnend ihre knorrigen Aeſte der ſauſenden Dampfmaſchine entgegen, welche ſchnaubend vorüberfuhr und unaufhaltſam in das Dunkel eines Jahr⸗ hunderte alten Waldes drang, daß die greiſen Stämme von der Wurzel bis zum Wipfel bebten und die Vögel im Laube erſchrocken aus ihrem Schlafe emporfuhren, laut über ſolche Entweihung klagend. Vorwärts raſ'te die Loko⸗ motive ohne Halt und Widerſtand über Fluren und Felder, 1* an dem ſchimmernden Weiher, an dem hohen Schloſſe vor⸗ bei, wo die nächtlichen Springbrunnen rauſchten; vorbei an der ſtolzen Wohnung des Reichen, an dem zerfallenen Dache der Armuth, an dem einſamen Jägerhauſe mit ſeinem verhallenden Hundegebell und dem rauchenden Mei⸗ ler des rußigen Köhlers. Wie ein Strom ſich durch die widerſtrebende Felſen Bahn bricht und gewaltſam den ſteinernen Riegel zerſprengt, ſo ſtürzte ſich der Zug in den ſchwarzen Schlund des Tunnels, verſchlungen von der geheimnißvollen Tiefe. Vom lauten Donner hallten die Gewölbe wieder, ein Feuerregen erleuchtete von Zeit zu Zeit die naſſen, triefenden Wände und wechſelte mit der tiefſten Nacht, bis der ſilberne Mond und der friſche Nachtwind die Reiſenden wieder begrüßte und von ihrer Angſt befreite.— Für Martha bot dieſe wechſelnde Umgebung ein zer⸗ ſtreuendes Schauſpiel, dem ſie ſich unwillkürlich überließ, um den quülenden Gedanken zu entgehen, da ſie an den Geſprächen der übrigen Eiſenbahnpaſſagiere abſichtlich keinen Theil nahm und dieſelben bisher nicht weiter be⸗ achtete. Nach und nach war auch die an und für ſich nicht eben beſonders intereſſante Unterhaltung verſtummt; hier und da fiel noch ein vereinzeltes Wort, eine Frage nach der nächſten Station, eine Klage über die Unbequemlich⸗ keit der Sitze; dann wurde es ſtill, da die Anweſenden, ſo gut dies bei dem fortwährenden Rütteln und Schüt⸗ teln angehen mochte, ſich dem Schlafe überließen. Nur Martha ſchlief nicht, von der Sorge um die Zukunft und von ihren traurigen Erinnerungen wach gehalten. Das glühende Geſicht an die kühlen Fenſterſcheiben des Cou⸗ pees gepreßt ſtarrte ſie hinaus in die dämmernde Nacht und auf die wandelnde Szenerie in einer Art moraliſcher Betäubung. Oft wenn ein großer Schmerz das Herz erfüllt, heften ſich unſere Sinne mechaniſch an die Außenwelt und ſuchen dort die nöthige Zerſtreuung. Mitten in einem ge⸗ waltigen, vernichtenden Ereigniſſe irrt das Auge von einem Gegenſtande zu dem andern, als wollte es dem eige⸗ nen Jammer entgehen. Die unbedeutendſte Kleinigkeit, ein Baum, ein vorüberziehender Vogel nimmt unſere Auf⸗ merkſamkeit dann in Anſpruch und prägt ſich dem Ge⸗ dächtniß ein, ſo daß wir uns noch nach vielen Jahren des geringſten Umſtandes erinnern. Es iſt dies eine Art von Reaktion, eine Flucht des Geiſtes vor ſich ſelber, eine Rettung in die Natur, welche wie immer ihren Troſt dem Leidenden nicht verſagt. In dieſer Abziehung liegt zum großen Theil die heilthätige Kraft des Reiſens für ein zerrüttetes Gemüth. Doch bald bricht wieder der alte Schmerz hervor, die Wunde blutet von Neuem, wel⸗ che ſich nur für einen kurzen Augenblick geſchloſſen hat, 14 bis endlich die Alles lindernde Hand der Zeit erſt die dauernde Heilung bringt. In ſolch' kummervoller Lage vermag zwar eine wechſelnde Natur das Leid momentan zu beſchwichtigen, weil ſie ſtill und ohne ſich aufzudrängen mit uns zu ſym⸗ pathiſiren ſcheint; wogegen die Geſellſchaft der Menſchen uns nur bedrückt, da wir ſelbſt in dem Fremden und Unbekannten unwillkürlich an diejenigen Perſonen erinnert werden, welche wir ob mit Recht oder Unrecht als den einzigen Grund und die Urſache unſeres Unglückes und unſerer Qualen anklagen. Wir fühlen das Bedürfniß, uns von ihnen abzuſchlie ßen, wir meiden ſie wie erklärte Feinde und ziehen uns vor ihnen zurück, ſelbſt ihr Mit⸗ leid und ihre Theilnahme thut uns nur w bch und klingt in unſeren Ohren wie ſchlecht verhehlte Schadenfreude. Aus dieſem Grunde mochte auch Martha jede Berührung mit ihren Reiſegenoſſen vermieden haben; ſie hielt es nicht einmal der Mühe werth, einen Blick auf ſie zu werfen, obgleich es ihr bei der ſchwachen Beleuchtung ohnehin ſchwer gefallen wäre, eine oder die andere Phyſiognomie herauszuerkennen. Theilnahmlos ſah ſie deshalb an den verſchied denen Halteplätzen die Leute kommen zaid gehen, ihre bi sherigen Geſellſchafter ſcheiden und neue Paſſa⸗ giere einſteigen. Was kümmerten ſie die Menſchen, vor denen ſie ſich am liebſten ganz verborgen hätte? Körperlich und geiſtig auf das höchſte abgeſpannt, konnte ſie doch keine Ruhe finden. Bald verlor auch der Zauber der Natur ſeinen Reiz für ſie und von Neuem drängten ſich die eben erſt erlebten Szenen, die Schrecken der jüngſten Vergangenheit verbunden mit der Sorge um die nächſte Zukunft um ſo heftiger hervor. Da ſie ſich unbemerkt glaubte und Alles rings um ſie zu ſchlafen ſchien, hielt ſie nicht länger die ſtrömenden Thränen zu⸗ rück, denen ſie jetzt ihren freien Lauf geſtattete. Sie hatte ihren Schleier zurückgeſchoben, und der bleiche Mond be⸗ leuchtete ihr noch bleicheres Angeſicht. Die Schläfer regten ſich nicht, ihre Augen waren geſchloſſen, Keiner konnte ſie wohl geſehen haben. Ungeſtört überließ ſie ſich ihrem Schmerz, und wie die Thränen niederfielen, löste ſich auch wunderbar die krampfhafte Verzweiflung in ihrem Buſen; ſie wurde ſtiller und gefaßter. Aus ihrem tiefen Elende ſchaute ſie getröſtet zu dem nächtigen Himmel em⸗ por, an dem die goldenen Sterne leuchteten. Allmälig dämmerte der Morgen, ein lichter Streif im Oſten verkündigte das Nahen der Sonne; die grauen Wolken färbten ſich mit goldenen und roſigen Säumen, der Mond und die hellen Sterne erblaßten vor dem auf⸗ gehenden Tagesgeſtirn, das bereits die erſten ſchüchternen Lichtſtrahlen aus ſandte. Die Spitzen der fernen Berge und die Wipfel der Bäume badeten ſich im jungen Licht. 16 Der friſche Morgenwind trieb die Nebel vor ſich her wie der Hirt die weiße wollige Lämmerheerde, flog mit ſei⸗ nem koſenden Hauche über Wieſe und Feld, in den gol⸗ denen Aehren wühlend, gleich der Hand des Geliebten, wenn ſie mit den blonden Locken des holden Mädchens ſpielt. Wirbelnd ſtieg eine Lerche aus dem feuchten Klee empor immer höher und höher, bis ſie ungeſehen in dem glänzenden Aether verſchwebte. Aus dem nahen Dörfchen tönte der Klang der Morgenglocke, welche den Schnitter zur Arbeit rief; an den glühenden Fenſterſcheiben des Bauernhauſes erſchienen lachende Kinder, die dem vorbei⸗ ſauſenden Eiſenbahnzuge verwundert nachſchauten. Land⸗ leute mit Sicheln und Senſen bewaffnet traten aus der Thür, um das Erntewerk zu fördern. An allen Orten wurde es lebendig; der früh erwachte Hahn ſchmetterte ſeinen Morgengruß, ein Taubenſchwarm ſchwirrte durch die Luft flatternd wie ein Silberband; brüllende Stiere wurden in das Joch geſpannt und der Hofhund bellte laut dazu. Auch die Schläfer in dem Waggon waren nach und nach erwacht, rieben ſich noch ſchlaftrunken die Augen, machten ihre Morgentoilette ſo gut dies ging und muſter⸗ ten ſich gegenſeitig, da ſie in der dunklen Nacht ſich noch nicht genau angeſehen hatten. Gegen Morgen war auch Martha vor Müdigkeit in jenen Halbſchlummer geſunken, der ſtatt zu erquicken nur AU U 8 8 ⏑ 8* — — ᷣ—— —— ε— 17 noch mehr abſpannt. Wirre Träume umgaukelten ihre aufgeregte Phantaſie; bald ſah ſie ſich von Ferdinand und der Theaterſchlange verfolgt, die ſich um ihre Glie⸗ der ringelte und ſie zu erdrücken ſuchte. Mit einer ge⸗ waltigen Anſtrengung ſuchte ſie ſich aus den Armen des Wüſtlings zu befreien und ihn zurückzuſtoßen. Durch dieſe Bewegung erwachte ſie und fand, als ſie die Augen be⸗ ſtürzt aufſchlug, daß ſie ein Gegenſtand der allgemeinen Neugierde und Theilnahme geworden war. Die Blicke der übrigen Paſſagiere waren ausſchließlich auf ſie ge⸗ richtet. Sie bot auch in der That eine ſeltſame und auf⸗ fallende Erſcheinung dar. Das bleiche, feine Geſicht mit den verweinten Augen, der offene Ausdruck des Schmer⸗ zes in ihren Zügen, ihre ſelbſt unter dieſen Verhältniſſen hervortretende Schönheit flößten unwillkürlich ein nicht gewöhnliches Intereſſe ein und erregten die Neugierde ihrer Reiſegefährten. Wie ſie ſo da ſaß mit dem dunklen Schleier, der die weiße Stirn nur zum Theil bedeckte und den untern Theil des Geſichtes freigab, mit dem üppigen Haar, das in maleriſcher Unordnung ſich während ihres Schlafes losgelöst und in wilden, natürlichen Locken um Hals und Schultern niederwogte; neben ſich das Vogel⸗ bauer, bedeckt mit ihrem ſchwarzen Tuche und ſo einem klei⸗ nen Sarge gleichend, erſchien ſie den Anweſenden wie das verkörperte Bild der tiefſten Trauer. Jeder mochte wohl im Stillen hier ein ungewöhnliches Schickſal ahnen und blickte daher voll Mitleid auf das unbekannte Unglück. In jedem wahren Schmerz liegt auch für den Frem⸗ den etwas Heiliges, darum wurde auch Martha von allen Seiten mit einer zuvorkommenden Freundlichkeit während des ferneren Verlaufes ihrer Reiſe behandelt. Beſonders war es ein ältlicher Herr mit einem ehrwür⸗ digen und Vertrauen einflößenden Geſicht, der ohne jede Zudringlichkeit ſich ihr zu nähern und ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen ſuchte. Sein feines, zartes Benehmen, die ungeſuchte Sorgfalt, die er für ihre kleinen Bebürfniſſe trug, die wahre Theilnahme, fern von jeder gemeinen Neugierde, gewannen nach und nach ihr Herz, ſo daß ſie ihre bisher beobachtete Zurückhaltung allmälig ſchwinden ließ. In ſeinem ganzen Weſen lag eine ſeltene Güte und Liebenswürdigkeit, der ſie nicht zu widerſtehen vermochte. Dieſe ſchnelle Sympathie, von der ſie ſelbſt überraſcht wurde, beruhte wohl zum großen Theil auf einem ſtillen Schmerz, der ſich auch in ſeiner Phyſiognomie verrieth. Das Unglück wird vom Unglück angezogen, und nichts nähert ſo den Menſchen ſeinem Nebenmenſchen, als ein gleiches trauriges Geſchick. Zwiſchen den Leidenden aller Klaſſen und Stände beſteht ein geheimer Band, eine Art Freimaurerei, woran ſie ſich erkennen. Ein Blick aus den verweinten Augen, ein Seufzer, eine Klage aus der un⸗ 19 bewachten Bruſt reichen hin, um ſich gegenſeitig als Brü⸗ der und Schweſter der großen„Loge zum betrübten Her⸗ zen“ zu finden.— Aus dieſem Grunde ſchloß ſich auch Martha ihrem neuen Bekannten jetzt näher an, als dies ſonſt unter andern Verhältniſſen geſchehen wäre. Wäh⸗ rend der Zug hielt, nöthigte er ſie auf das freundſchaft⸗ lichſte das Coupée mit ihm zu verlaſſen und ein kleines Frühſtück einzunehmen, das er für ſie beſtellt hatte. Ohne ihn zu beleidigen, konnte ſie ſeine Einladung nicht aus⸗ ſchlagen. Mit väterlicher Würde trug er ihr für die fer⸗ nere Reiſe ſeinen Schutz an, den ſie in ihrer Verlaſſenheit doppelt erfreut annahm, da ſie faſt die einzige Dame un⸗ ter lauter fremden Herren war. Bisher hatten Beide es vermieden, auch nur durch das geringſte Zeichen die ge⸗ wöhnliche banale Neugierde zu verrathen, welche man ſo oft bei den Reiſenden findet, obgleich Martha ſowohl wie ihr Begleiter bereits das wärmſte Intereſſe an ein⸗ ander nahmen.— Da der Zug auf dem Halteplatz un⸗ gefähr eine Stunde verweilte, um einen andern dieſen kreuzenden Zug zu erwarten, ſo ſchlug er ihr vor, ge⸗ meinſchaftlich mit ihm in einen an der Eiſenbahn gelege⸗ nen parkähnlichen Garten zu treten. Sonſt ein beliebter Vergnügungsort der benachbarten kleinen Stadt war der Garten zu ſo früher Stunde noch gänzlich menſchenleer. Hier ergingen ſich die ſchnell Befreundeten in will⸗ 20 kommener Einſamkeit, höchſtens von dem Geſang der zwitſchernden Vögel unterbrochen. Martha ſelbſt wußte nicht, wie ſie ſo plötzlich alle bisherige Vorſicht vergeſſen⸗ konnte und wie ſie ſich ohne Widerſpruch an dem Arme eines ihr fremden Mannes fand; aber ein Blick auf ihren würdigen Begleiter genügte, um jeden aufſteigenden Verdacht zu verbannen. Selten glaubte ſie ein ähnlich wohlwollendes Geſicht erblickt zu haben. Wenn dieſe treuen Augen, dieſe ſchlichten Züge logen, dann gab es weder Treue noch Wahrheit mehr auf der ganzen Welt. Ihr war es an ſeiner Seite zu Muthe, als hätte ſie einen Vater gefunden, dem ſie ſich mit all' ihren Leiden und Verwirrungen vollkommen anvertrauen durfte. Seine Geſpräche, welche ſich bisher nur im Allgemeinen ergin⸗ gen, zeigten einen hohen Grad von Bildung, verbunden mit einer ſeltenen Tiefe und Wärme des Gemüthes. Sein Urtheil, wo er dasſelbe zu zeigen Gelegenheit hatte, war treffend und doch ſo mild und nachſichtig gegen die Schwä⸗ chen der Menſchen, als ob ihm in jedem Augenblicke der heilige Spruch vorſchwebte:„Richtet nicht, damit auch ihr nicht gerichtet werdet.“ Während ſie auf und nieder gingen unter den ſchat⸗ tigen Bäumen und die erfriſchende Kühle des Parkes nach der anſtrengenden Reiſe ihnen beſonderen Genuß ge⸗ währte, erzählte er unbefangen und unaufgefordert von 21 ſeinen häuslichen Verhältniſſen, indem er das Bedürfniß fühlte, mit Martha über den Grund ſeiner Betrübniß zu reden. Aus ſeinem Munde erfuhr ſie, daß er Paſtor ei⸗ ner bedeutenden Gemeinde ſei und in verhältnißmäßigem Wohlſtande bisher gelebt habe. Glücklich verheirathet, mit geſunden und ſchönen Kindern geſegnet, zufrieden mit ſeiner ehrenvollen Stellung und ſo vermögend, daß er keinen billigen Wunſch ſich verſagen durfte, hatte er allen Grund zur Zufriedenheit. Da wurde ſeine Frau von einem Schlaganfall getroffen, ihr Körper und noch mehr ihr Geiſt gelähmt. Unheilbar mußte er die treue Gefährtin, die Mutter ſeiner Kinder auf dem Siechen⸗ bette im eigentlichſten Sinne gefeſſelt ſehen, da ſie nach ſeiner Schilderung kein Glied zu rühren vermochte. Weit trauriger für ihn war aber der Zuſtand ihres Geiſtes, der unaufhaltſam einer gänzlichen Zerrüttung entgegen⸗ eilte. „Sie können ſich,“ fuhr er in ſeinem Berichte fort, „kaum eine Vorſtellung von meiner furchtbaren Lage ma⸗ chen. Durch dieſen Unglücksfall iſt mein ganzes häusli⸗ ches Glück zerſtört. Der Tod kann nicht halb ſo ſchrecklich ſein wie dies allmälige Abſterben meiner armen Frau, das ich täglich vor den Augen habe. Ich muß es ſehen, wie dieſe ſchöne Seele langſam zerbröckelt, gleichſam ſicht⸗ bar vor mir in Verweſung übergeht, wie ihr Geiſt dahin⸗ 22 ſchwindet und in thieriſche Stumpfheit immer mehr ver⸗ ſinkt, wie all' die herrlichen Seelenkräfte meines Weibes nach und nach abnehmen, ihr heller Verſtand dem kindi⸗ ſchen Blödſinn weicht, ihr liebevolles, aufopferndes Ge⸗ müth durch eine launenhafte Reizbarkeit und einen ſonſt ihr fremden Egoismus bis zur gänzlichen Unkenntlichkeit verunſtaltet wird. Ich muß es ſehen, wie die verwaisten Kinder ohne mütterliche Zucht und Pflege aufwachſen, die ich ihnen bei aller Liebe nicht erſetzen kann, wie ſie immer mehr verwildern, ohne daß ich es zu hindern im Stande bin. So geht mein ganzes Hausweſen zu Grun⸗ de, da mir überall die treue, aufmerkſame Wirthin fehlt. Ich bin genöthigt, fremden Leuten mein Vertrauen zu ſchenken, die kein anderes Intereſſe als den eigenen Vor⸗ theil kennen. Gibt es wohl ein größeres Unglück als das meinige?“ „Beſitzen Sie denn,“ fragte Martha voll Theil⸗ nahme für den würdigen Mann,„keine Schweſter, keine nähere Anverwandte, die ſich Ihrer verwaisten Fa⸗ milie annehmen und einigermaßen Ihnen Erſatz bieten könnte?“ „Meine Schweſtern ſind verheirathet und haben mit ihrem eigenen Hausweſen ſo viel zu thun, daß ſie ſich um meine zerütteten Verhältniſſe nicht kümmern kön⸗ nen. Eine entferntere Verwandte, die bisher bei mir ge⸗ 23 lebt hat, iſt jetzt fortgegangen, weil ſie ſich der Laſt nicht gewachſen fühlte. Ich kann es ihr kaum verdenken, daß ſie mich in meiner Noth verlaſſen hat, da die Pflege der Kranken, die Aufſicht über die Kinder und die ganze Wirthſchaft eine wirklich übermenſchliche Geduld und Hingebung fordern. Aus demſelben Grunde habe ich ver⸗ geblich Geld über Geld geboten, um eine geeignete Per⸗ ſon zu finden. Alle meine Schritte waren umſonſt und ich kehre eben von einer Reiſe zurück, die ich eigends zu dieſem Zwecke übernommen habe, ohne glücklicher gewe⸗ ſen zu ſein. Wer wird ſich auch ſo leicht entſchließen, frei⸗ willig in das Haus des Elendes und des Jammers zu treten?“ „Wie gern möchte ich Ihnen helfen, wie gern es nicht bei dem bloßen Worte bewenden laſſen,“ entgegnete Martha von ihrem Mitleid hingeriſſen.„Eine ſolche Stellung, wie Sie mir ſie ſchildern, hat für mich in mei⸗ ner gegenwärtigen Lage etwas unendlich Anziehendes. Ich könnte mich leicht dazu entſchließen, wenn—“ „Sie?“ unterbrach der Paſtor verwundert ihre Rede, ehe ſie dieſelbe noch vollendet hatte.„Sie wollten dieſes Kreuz mir tragen helfen? O! das kann nicht Ihr Ernſt ſein.“ „Halten Sie mich für fähig, über Ihr Unglück zu ſcherzen?“ 24 „Das ſei fern von mir, aber eben ſo wenig kann ich es mir erklären, wie Sie dazu kommen, einen ſolchen Wunſch nur auszuſprechen.“ „Ich räume Ihnen ein, daß mein ganzes Beneh⸗ men Ihnen ſeltſam, wo nicht zweideutig erſcheinen muß, aber kann es nicht Verhältniſſe im menſchlichen Leben ge⸗ ben, die uns zu den wunderbarſten Entſchlüſſen drängen? So erging es mir in dem Augenblicke, wo Sie mir mit den lebhafteſten Farben Ihre häuslichen Leiden ſchilder⸗ ten; ich fühlte mich tief ergriffen auf das innigſte ge⸗ rührt. Zu dem Vertrauen und der Verehrung, die Sie mir einzuflößen wußten, geſellte ſich das Mitleid und der lebhafte Wunſch, Ihnen zu helfen. Selbſt unglücklich empfand ich doppelt Ihr Mißgeſchick. Verzeihen Sie, wenn ich mich hinreißen ließ, und beachten Sie nicht weiter meine Worte.“ „Nein!“ entgegnete der Paſtor nachdenklich.„Die Angelegenheit iſt für mich von zu großer Wichtigkeit, um davon ſo ſchnell abzugehen. Ich geſtehe Ihnen offen, daß mich Ihr Vorſchlag anfänglich überraſchte;; doch im nächſten Augenblicke ſchon erſchien er mir keineswegs ſo abenteuerlich, wie Sie annehmen. Ohne Sie zu kennen, haben Sie in einem hohen Grade meine Theilnahme er⸗ regt. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich in Ihnen eine 25 ſchwer Geprüfte erblicke, die durch eine harte Leidens⸗ ſchule gegangen iſt. Mein Amt hat mich mit dem Schmerz in allen ſeinen Formen bekannt gemacht, ſo daß mich auch die ſeltſamſte Aeußerung desſelben nicht mehr be⸗ fremden ſollte; aber die gemeine Alltäglichkeit beherrſcht uns dermaßen, daß wir jede Abweichung von dem breit getretenen Geleiſe des hergebrachten, konventionellen To⸗ nes mit Mißtrauen begrüßen. Weil uns der rechte Glaube fehlt, darum geſchehen keine Wunder mehr; denn als ein Wunder, als eine Schickung der Vorſehung möchte ich am liebſten unſere gegenwärtige Begegnung anſehen.“ „Sie haben damit meine innerſten Gedanken aus⸗ geſprochen. Darum werden Sie auch am beſten würdi⸗ gen, was mich zu dieſem Wunſche veranlaßte. Verlaſſen und verwaist, ohne eine feſte Lebensſtellung, traf mich in ſolcher Lage Ihre Erzählung wie ein Ruf von Oben, wie eine Mahnung des Himmels. Gerade die geſchilder⸗ ten Beſchwerden reizten mich, die Hinderniſſe, welche je⸗ den Andern abſchreckten, ſpornten mich an, weil ich da⸗ mit eine Buße zu verbinden glaubte. Sehen Sie mich nicht ſo verwundert an! Mein Unglück iſt nur die Folge meiner Schuld, die wohlverdiente Strafe meines frühe⸗ ren Lebens.“ Martha wußte ſelbſt nicht, welch' ein Geiſt aus ihr 2 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 26 ſprach. Jenes Gefühl, das ſie in Gethſemane beim An⸗ blick der Oberin empfunden und damals gewaltſam unter⸗ drücken mußte, brach jetzt dem Paſtor gegenüber mit er⸗ neuerter Gewalt hervor. Wie zu jener Zeit empfand ſie auch jetzt das unwiderſtehliche Bedürfniß, ihr beladenes Herz auszuſchütten und ein reuiges Geſtändniß ihrer Schuld dem ihr fremden und doch ſo ehrwürdigen Manne abzulegen. Sie verſchwieg ihm nichts, weder ihre Ver⸗ irrungen, noch ihre durch eigene und noch mehr durch fremde Schuld befleckte Vergangenheit. So legte ſie ihm offen ihr ganzes Innere blos mit einem für ſie ſelbſt unbegreiflichen Vertrauen. Sie machte ihn, den Un⸗ bekannten, zum Richter ihrer Handlungen, zum Beur⸗ theiler ihrer geheimſten Gedanken, zum Zeugen ihrer aufrichtigen Reue. Es war ein Geſtändniß, wie es ſonſt nur die katholiſche Kirche unter dem Siegel der Beichte zu empfangen pflegt, ohne Rückhalt, ohne jede Beſchöni⸗ gung. Es drängte ſie, wie mit überirdiſcher Gewalt, vor dem Paſtor Alles zu bekennen, was auf ihrer Seele la⸗ ſtete, und ihr Urtheil aus ſeinem Munde zu vernehmen. Ihre leidenſchaftliche Aufregung, ihre offene Natur und eine gewiſſe religiöſe Verehrung für ſeine geiſtliche Stel⸗ lung riſſen ſie zu einer Offenheit hin, welche unter andern Umſtänden ihr ſelbſt unerklärlich geweſen wäre.— In ſolchen Augenblicken, wo das gequälte und ſchwer bela⸗ dene Herz nach einem Auswege ringt, ſchwinden die ge⸗ wöhnlichen Bedenklichkeiten; all' die Schranken, welche falſche Scham und hergebrachte Sitte uns auferlegen, werden von einem höheren Drange nach Wahrheit über⸗ wunden. Unwiderſtehlich und oft gegen unſeren eigenen Willen brechen unſere verborgenſten Gedanken hervor, verräth ſich die geheime Schuld. Wie die Samaritanerin am Brunnen ſaß Martha neben dem Paſtor auf der Bank, wo ſich Beide im Ver⸗ laufe des Geſpräches niedergelaſſen hatten. Er hörte ſie mit unverkennbarer Theilnahme an, ohne ihre ſeltſamen Ergießungen zu unterbrechen. Sein wohlwollendes Ge⸗ ſicht drückte eine ernſte Rührung aus, eben ſo weit ent⸗ fernt von weichlichem Mitleiden, wie von zelotiſcher Strenge. Die klaren blauen Augen hatte er meiſt auf ſie gerichtet; wenn ſie ſtockte oder inne hielt, brauchte er ſie nur damit anzublicken, worauf ſie wie unter einem uner⸗ klärlich magnetiſchen Einfluße in ihren Bekenntniſſen fort⸗ fuhr. Gedankenvoll zeichnete er mit dem Stocke, den er in der Hand trug, allerlei Figuren in den Sand zu ſei⸗ nen Füßen; vielleicht um vor ihr eine Erſchütterung zu verbergen, die er nicht zu unterdrücken vermochte. Er war ein trefflicher Kenner des menſchlichen Herzens, in⸗ dem er mit der reinſten Herzensgüte einen ſeltenen Scharf⸗ blick verband. Er konnte darum nicht ſo leicht getäuſcht 2* werden, weil er ſtets auf der Hut vor ſeinen allzuwar⸗ men Gefühlen war. Anfänglich hatte auch er Martha's Geſtändniſſe mit verzeihlichem Mißtrauen aufgenommen, obgleich gerade in ſeinem Stande derartige Ereigniſſe nicht eben zu den Seltenheiten gehören; aber je länger ſie ſprach, deſto mehr drängte ſich ihm die Ueberzeugung auf, daß er es hier nicht mit einer gewöhnlichen Aben⸗ teuerin zu thun hatte, wie er zuerſt befürchtete. In ihren Worten lag eine innere Wahrheit, der Ausdruck ihrer Reue war ſo aufrichtig, ihre Selbſtanklagen klangen ſo ſchmerzlich wahr, daß jeder Zweifel davor ſchwinden mußte. „Und nun,“ ſagte ſie zum Schluße ihrer Rede mit niedergeſchlagenen Blicken,„kennen Sie mein ganzes Le⸗ ben. Werden Sie mir noch eine Stelle in Ihrem Hauſe anbieten, nachdem Sie Alles wiſſen?“ „Jetzt nur noch dringender als früher,“ entgegnete der würdige Paſtor im Sinne des Heilands.„Kommen Sie und folgen Sie mir.“ „Wie, Sie wollen mich in den Kreis Ihrer Familie aufnehmen, Sie ſtoßen mich nicht zurück?“ fragte ſie überraſcht und noch immer zweifelnd. „Ich ſchwanke keinen Augenblick, da ich von der Aufrichtigkeit Ihrer Geſinnung überzeugt bin. Wollen Sie mir mein Kreuz tragen helfen?“ 29 „Von ganzem Herzen und mit all' meiner Kraſt,“ antwortete Martha mit zitternder Stimme. .„So möge der Herr Ihren Entſchluß ſegnen!“ rief 4 der Paſtor, indem er ihr die Hand reichte, welche ſie - mit Thränen benetzte. 3 1 r 8 5 1 t e ⁸½ Sweites Capitel. Es war gegen Abend, als Martha aus der Ferne ihre neue Heimath erblickte, die ſich durch ihre beſondere Lage auszeichnete. Nach und nach hatte die Gegend einen ganz eigenthümlichen Charakter erhalten; der anſehnliche Strom nämlich, der die Eiſenbahn zum größten Theil bisher begleitete, ſchien einen trägeren Lauf in der Nie⸗ derung anzunehmen und ſeine frühere Schnelligkeit verlie⸗ ren zu wollen. Zwiſchen fruchtbaren Wieſen und ſaftigen Laubwäldern ſchlich er jetzt langſam dahin, indem er ſich bald zu einem vollkommenen See ausweitete, bald in eine Menge von größerer und kleinerer Arme zerfiel, welche mit dem benachbarten Hauptfluß des ganzen Landes, ein meilenweites Netz von natürlichen und künſtlichen Kanä⸗ len bildeten. Zwiſchen dieſen Waſſeradern und von ihnen eingeſchloſſen lagen verſchiedene Inſeln, Landzungen und ſogenannte Werder von mehr oder minder bedeutendem 31 Umfange. Dieſe waren meiſt bewohnt und angebaut, je nach ihrer Größe bald nur Raum für wenige Hütten, bald den hinlänglichen Platz für anſehnliche und wohlha⸗ bende Dörfer bietend, die vermöge ihrer eigenthümlichen Beſchaffenheit unwillkürlich an die ſeltſame Bauart von Venedig erinnerten. Wie die Tochter des Meeres aus den Lagunen emportaucht, ſo ſtiegen auch jene Ortſchaften aus dem Waſſer auf, durchſchnitten von einem ähnlichen Ge⸗ wirre ſich ſeltſam kreuzender Kanäle und Fluthrinnen. Fehlten auch hier die ſtolzen Paläſte von Marmor, die herrlichen Kirchen und prächtigen Brücken, ſo erfreute ſich dafür das Auge an dem friſchen Grün der gewaltigen Ei⸗ chen und Buchen, welche natürliche Dome bildeten, an den ſmaragdenen Raſen der Wieſen und dem goldnen Segen der fruchtbaren Felder. Die einzelnen Häuſer und umfangreiche Gehöfte mit ihren Ställen und Scheunen ruhten meiſt wie in Venedig auf mächtigen Holzpfählen, da der waſſerreiche Boden dieſe Bauart forderte; hier wie dort gab es ſo gut wie keine Straßen, welche durch die Kanäle erſetzt wurden; dort wie hier konnte man vom Nachbar zu Nachbar häufig nur zu Kahn gelangen. Auf dieſem Wege wurde das Holz aus dem Walde, das Ge⸗ treide von den Feldern eingebracht; ſelbſt die Todten wurden nach dem Kirchſpiel der zerſtreuten Gemeinde auf dem Waſſer zur letzten Ruheſtätte geleitet. Ein ſolches Boot erwartete auch den Paſtor und ſeine Begleiterin, geführt von zwei tüchtigen Knechten, welche ruderten. Nach der ermüdenden Fahrt auf der ge⸗ räuſchvollen, ſtaubigen Eiſenbahn gewährte die Reiſe auf dem Waſſer einen doppelten Genuß. Still und ruhig glitt der Kahn auf der blauen Fluth zwiſchen den grünen Ufern hin. Eine erfriſchende Kühle ſtieg aus den Gewäſ⸗ ſern auf und erquickte Martha mit ihrem belebenden Hauche. Die Sicherheit, mit welcher ſie jetzt einigermaßen der nächſten Zukunft entgegenſehen durfte, machte ſie empfänglicher für das Schauſpiel, das ſich ihren Blicken bot. Der Paſtor verfehlte nicht, ſie bei jeder Gelegen⸗ heit auf die Schönheit ſeiner Heimathgegend aufmerkſam zu machen, da er am beſten den beſänftigenden Einfluß der Natur auf das bekümmerte Herz des Menſchen kannte; aber es bedurfte kaum ſeiner Aufmunterung, weil ſie ſelbſt den Reiz der neuen Umgebung tief empfand und fich gern dieſem Zauber überließ. Der friedliche Charak⸗ ter der ganzen Landſchaft theilte ſich nach und nach ihrer Seele mit und beſchwichtigte die noch vorhandene Aufre⸗ gung, ſo daß ſie ein lang entbehrtes Glück genoß. Schon wie der Kahn vom Lande abſtieß, überkam ſie ein Ge⸗ fühl, als ließe ſie die trügeriſche Welt weit hinter ſich, als winkte ihr aus jener grünen Einſamkeit, von jenen Inſeln her, der tief erſehnte Frieden in ſein ſtilles Aſyl. Dieſe milde Stimmung begleitete ſie während der ganzen ferneren Fahrt und ſtieg von Augenblick zu Augenblick. Es ruhte auch in der That eine eigenthümlich wohlthuende Stille über dieſe abgeſchiedenen Orte, eine Schweigſamkeit, welche wunderbar auf das Gemüth zurückwirkte. Auf dem ruhigen blauen Waſſer wiegte ſich der Kahn, faſt unmerk⸗ lich und doch ſchnell durch die einförmigen Ruderſchläge fortbewegt, ſo daß die Szenerie in jedem Augenblicke den reichſten Wechſel geſtattete. Bald fuhren ſie in einen engen Furth, bald breitete ſich ein herrlicher See vor ihren Blicken aus, bekränzt von friſchen Wieſen im lichten Glanz, duf⸗ tend von weißen Nympheän und Seeroſen, welche ſich auf ſeiner Oberfläche, umſchwärmt von blauen Libellen, im Winde ſchaukelten. Jetzt ſchoſſen ſie an einer der zahl⸗ reichen Inſeln und Werder vorüber; maleriſche Hütten ſchauten aus den ſchattigen Bäumen hervor; aus dem weißen Schornſtein ſtieg in grader Linie der gekräuſelte Rauch zum blauen Himmel auf— das einzige Zeichen, daß es auch hier noch Menſchen gab. Mit einer Biegung änderte ſich von Neuem das Schauſpiel; plötzlich umfing ſie die dunkle Nacht des Waldes, durch welchen die ſelt⸗ ſame Waſſerſtraße jetzt mit einem Male ihren Weg nahm. Ueber die Wellen hinweg verſchlangen ſich die Aeſte und Zweige der mächtigen Baumrieſen zu einem grünen Laubdach, von einer Säulenhalle zum Himmel ragender Eichenſtämme getragen. Hier herrſchte am hel⸗ len Tage eine magiſch grüne Dämmerung, durch welche kaum ſcheu die zitternden Sonnenſtrahlen wie ſchüchterne Eidechſen zu ſchlüpfen wagten. Am Ausgange des Wal⸗ desdunkels begrüßte ſie ein neues liebliches Bild. Da, wo in die Fluth die hell beſonnte Landzunge hineinragte, ſtieg ein reizend gelegenes Dorf empor; in der Mitte desſelben die Kirche mit dem ſchlanken Thurm, in einiger Entfernung das Schloß des Gutsherrn, deſſen Fenſter von der untergehenden Sonne beleuchtet in rother Gluth aufflammten. Ueber das Ganze war der goldene Glanz der Abendröthe ausgebreitet, abwechſelnd mit dem violet⸗ ten Schatten und dem warmen Duft der beginnenden Dämmerung. Die ſcheidende Sonne füllte noch einmal die Welt mit ihrem Lichte; am Himmel ſchwebte das pur⸗ purne Gewölk, von dem Gewäſſer aufgefangen und zu⸗ rückgeſtrahlt. Roſig wie der Aether glich auch die Fluth einem wogenden Roſenfelde. Von dem Thurm herab tönte dazu das Abendgeläute der Glocken, über den Wellen verhallend. „Das iſt Ihre künftige Heimath,“ ſagte der Pa⸗ ſtor, auf das immer näher hervortretende Dorf deutend. „Mit der Hilfe Gottes ſoll es Ihnen hier bei uns Ie⸗ fallen!“ „Das hoffe ich,“ antwortete ſie zuverſichtlich. 35 „Dort auf dem Hügel,“ fuhr er fort,„ſteht mein beſcheidenes Haus mit dem kleinen Garten. Das Schloß, welches Sie von hier aus ſehen können, wird von dem Baron Hanſen und ſeiner Familie bewohnt; er iſt mein Kirchenpatron und zugleich mein beſter Freund. Sie wer⸗ den ihn und ſein Haus mit der Zeit kennen lernen, da wir viel mitſammen verkehren und faſt ganz und gar auf ein⸗ ander angewieſen ſind.“— „Ich wünſche nicht, neue Bekanntſchaften zu ma⸗ chen.“ „Fürchten Sie nichts. Ich werde Ihr Vertrauen zu ehren wiſſen. Alles, was Sie mir geſagt haben, ſoll zwiſchen uns das tiefſte Geheimniß bleiben.“ „Nicht deshalb will ich für mich leben, ſondern weil ich von jeder Berührung mit fremden Menſchen nur neue Verwirrungen befürchte. Je verborgener ich in Ihrem Hauſe leben kann, deſto glücklicher werde ich mich fühlen. Ich habe keinen andern Wunſch, als von nun an i ſtiller Abgeſchiedenheit von der Welt meine Pflicht zu thun.“ „Das werden Sie auch hier am beſten können. Selten oder nie verirrt ſich ein fremder Menſch in dieſe abgelegene Gegend, welche kaum dem Namen nach bekannt ſein dürfte. Selbſt die nächſten Nachbaren verkehren nur wenig mit einander wegen unſerer eigenthümlichen Lage. Die nächſte Stadt iſt einige Meilen weit entfernt, ein Dorf von dem andern durch das Waſſer und die Wälder getrennt. Es gibt Inſeln in der Umgegend, die ich trotz meiner jahrelangen Wirkſamkeit als Seelſorger noch nicht kenne. Sie haben alſo keine Entdeckung zu fürchten. In meinem Hauſe und in der Familie des Barons weiß man, daß ich nach der Reſidenz gereiſ't bin, um eine ge⸗ eignete Perſon zur Pflege meiner armen Frau und für die Erziehung meiner Kinder zu ſuchen. Ihre Anweſenheit kann daher nicht auffallen; man wird in Ihnen die er⸗ wartete Gouvernante ſehen und keinen Verdacht ſchöpfen.“ „Wenn aber der Zufall doch eine Entdeckung her⸗ beiführte, welchen Mißdeutungen würden Sie ſich dann ausſetzen.“ „Davor ſchützt mich mein Amt und der Ruf, den ich in der ganzen Gegend genieße. Ich habe Alles vorher bedacht, und keine irdiſche Furcht ſoll mich abhalten, eine reuige Seele zu retten. Ich thue nur, was mein Herr und Heiland ſo oft gethan hat, ohne Scheu vor dem Urtheil der heuchleriſchen Phariſäer.“ Der würdige Paſtor war in der That ein wahrer Apoſtel und Nachfolger des Herrn; wie dieſer fragte er nicht nach der Meinung der Welt, wo es ſich darum han⸗ delte, den Gefallenen zu erheben, den Verlorenen zurück⸗ zuführen. Sein ganzes Leben legte dafür das Zeugniß 37 ab, daß er das Chriſtenthum nicht nur mit dem Munde lehrte, ſondern unter allen Verhältniſſen auch auszuüben ſuchte. Mit freundlicher Milde ſtand er ſo vor Martha, ihr Troſt einſprechend, ein echter Prieſter der Religion, welche allen Sündern Vergebung ſichert, das graue ehr⸗ würdige Haupt von der Abendſonne beſchienen, welche ihn mit einer verdienten Glorie umgab. Unter dieſen Geſprächen, welche von den wendiſchen Ruderknechten nicht verſtanden wurden, landete der Kahn an dem Ufer. Auf demſelben wurde er mit lautem Jubel von einigen Kindern empfangen, welche unter der Auf⸗ ſicht der älteren Schweſter, eines ſchönen Mädchens von ungefähr zwölf bis dreizehn Jahren, gekommen waren, um den von der Reiſe zurückgekehrten Vater zu begrüßen. Sie ſtürzten ihm, ohne ſein Ausſteigen zu erwarten, wild entgegen und klammerten ſich um ſeine Kniee und Arme. Freundlich überließ er ſich ihren ungeſtümen Lieb⸗ koſungen, die eben ſo viel Liebe als Ungezogenheit ver⸗ riethen, ſo daß der Paſtor Mühe hatte, ſich der wilden Bande zu erwehren und Martha ſeine Hand zu reichen. Bei ihrem Anblick wichen die Kleinen ſcheu zurück und auch die ältere Schweſter betrachtete ſie mit einer deut⸗ lichen Miſchung von Mißtrauen und Neugierde. „Meine Kinder,“ ſagte der Paſtor lächelnd,„denen Sie die Mutter erſetzen ſollen.“ „Das will ich gewiß,“ entgegnete ſie bewegt,„ſo weit meine ſchwache Kraft dazu hinreicht.“ „Gott helfe Ihnen und mir. Jetzt aber kommen Sie, damit ich Sie in mein Haus führe und mit meinem armen Weibe bekannt mache.“ Martha verſuchte die ſcheuen Kinder an ſich heran⸗ zuziehen, was ihr auch einigermaßen gelang, ſo daß die Jüngſten ihr die Hände reichten und ſich von ihr führen ließen, während das halb erwachſene Mädchen neben dem Vater ging, dem ſie verſtändig genug für ihr Alter über die Vorfälle im Hauſe während ſeiner Abweſenheit Bericht erſtattete. Hinterdrein folgten die wendiſchen Knechte mit dem nicht eben allzuſchweren Gepäck der Reiſenden bela⸗ den. So ſchritten ſie auf die Paſtor⸗Wohnung zu, welche neben der Kirche auf einer kleinen, natürlichen Anhöhe lag. Das weiße Haus mit ſeinen grünen Jalouſien ge⸗ währte einen freundlichen Anblick, obgleich der kleine Vor⸗ garten und der große Hof überall die Spuren einer nach und nach eingeriſſenen Vernachläſſigung deutlich erkennen ließen. Die Blumen waren nicht gepflegt, das wuchernde Unkraut ſchoß auf den Beeten luſtig und ungehindert em⸗ por, die Wege und der Raſen zeigten ſich zertreten und vielfach beſchädigt. „So geht es,“ ſagte der Paſtor zur Entſchuldigung, „wenn die Frau in einem Hausſtand fehlt und der Mann ſich beim beſten Willen nicht um Alles kümmern kann.“ Martha nickte nur, ohne zu ſprechen; eine gewiſſe Beklommenheit hinderte ſie daran. Sie konnte ſich nicht jenes Gefühles erwehren, das uns Alle zu beſchleichen pflegt, wenn wir zum Erſtenmale ein fremdes Haus be⸗ treten, wo uns neue Menſchen und Verhältniſſe erwarten. Das Ganze kam ihr wie ein Traum vor und ſie mußte ſich förmlich erſt beſinnen, ob ſie auch wach ſei. Der wun⸗ derbarſte Zufall hatte ſie hierher geführt und ohne ihr Zuthun ihrem Leben eine gänzlich veränderte Richtung gegeben. Sie war nur zu ſehr geneigt, darin das Walten einer höheren Vorſehung zu erkennen, der ſie ſich wider⸗ ſtandslos überließ.— Der Paſtor hatte ſich mit den Kin⸗ dern nach der Krankenſtube begeben, um ſeine unglückliche Frau zu ſehen und ihr die Ankunft der erwarteten Gou⸗ vernante anzuzeigen, ſo weit ſie dies bei ihrem geſtörten Weſen begreifen konnte. Schon nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück, um Martha der Patientin vorzuſtellen, da dieſe gerade einen lichten Moment hatte. „Sie müſſen,“ ſagte er,„mit der Aermſten ſchon Geduld haben und ihre tauſendfachen Launen ertragen lernen, wie Sie mir verſprochen haben. Gegenwärtig be⸗ findet ſie ſich anſcheinend wohler; ſie hat den Wunſch geäußert, Sie zu ſehen, was ich als ein günſtiges Vor⸗ 40 zeichen betrachte, da ſie gewöhnlich fremde Perſonen nur ungern um ſich duldet.“ Von dem Paſtor geleitet trat Martha in das Krankenzimmer, welches wegen der eingetretenen Dun⸗ kelheit von einer Nachtlampe erleuchtet wurde. Bei dem Schimmer derſelben erblickte ſie auf dem weißen Lager eine abgezehrte Frau, deren Geſicht einſt ſchön geweſen ſein mußte, beſonders ſtrahlten noch jetzt die großen dunklen Augen in einem faſt überirdiſchen Glanze. Mit Hilfe einiger untergeſchobenen Kiſſen ſaß die Patientin in halbaufgerichteter Stellung auf ihrem Bette. Eine Fülle dunkler Haare, erſt hier und da mit grauen Locken ver⸗ miſcht, quoll aus der weißen Haube hervor und kontra⸗ ſtirte wunderbar mit der todesbleichen Farbe ihrer Wan⸗ gen. Martha war auf einen Wink des Paſtors näher ge⸗ treten, um mit einigen freundlichen Worten die Kranke zu begrüßen. Dieſe ſchien in der That ſie zu verſtehen, was nicht immer der Fall war; ſie machte auch einen vergeblichen Verſuch zu antworten, doch die gelähmte Sprache verſagte ihr, ſie konnte nur durch ihre Mienen und Bewegungen ihre Gedanken ausdrücken.— Während ſie mit der einen Hand Martha krampfhaft an ſich zog, deutete ſie mit der andern auf die verlaſſenen Kinder, dieſe gleichſam dem Schutze ihrer Stellvertreterin an⸗ empfehlend. Es war ein rührender Anblick, wie in dieſer 41 zerrütteten Seele das Gefühl der Mutterliebe noch nicht erſtorben war und ungeachtet aller Geiſtesſtörung ſich noch fort behauptete. Martha vermochte nicht ihre Thrä⸗ nen zu unterdrücken und gelobte ihr feierlich, dieſe heilige Pflicht getreulich zu erfüllen. Als die Kranke Martha weinen ſah, ſtreichelte ſie ihr mitleidsvoll die Wangen, wie einem Kinde, das man beruhigen will, worauf ſie durch ein Zeichen zu erkennen gab, daß ſie allein gelaſſen werden wollte. Nur die ältere Tochter blieb zurück, um der Mutter Geſellſchaft zu leiſten. Nach dem Abendbrote ließ der Paſtor Martha in dem oberen Stockwerke des Hauſes eine kleine Stube an⸗ weiſen, welche dicht an das Zimmer der Kinder ſtieß. Ein reinliches Lager, das nach der friſch bezogenen Wäſche duftete, lud ſie zur Ruhe ein, aber ſie konnte trotz der ermüdenden Reiſe nicht ſogleich einſchlafen. Sie ſetzte ſich daher, nachdem ſie ihre Nachttoilette beendet hatte, an das offene Fenſter, ihre heiße Stirn dem küh⸗ lenden Hauch des Abendwindes bietend.— Es war eine wundervolle Sommernacht, an dem klaren, dunkelblauen Himmel leuchtete der helle Mond, deſſen Strahlen auf den Fluthen des Waſſers ſpielten und dieſe in ſilberne Ströme verwandelten. Sein zauberiſches Licht webte um die Inſeln und dunklen Wälder in der Ferne, um die irche und den Thurm in der Nähe, zu deſſen Füßen der 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 3 3 ſtille Friedhof mit den weiß ſchimmernden Leichenſteinen lag. Eine unausſprechliche Ruhe war über die ganze Landſchaft ausgegoſſen, welche rings von den Armen des Flußes umgeben einem ſchlummernden Kinde an dem Bu⸗ ſen der Mutter glich. Aller Schmerz ſchien von der Welt genommen, jeder Widerſpruch des Lebens in dem milden, weichen Dämmerlichte der Sommernacht gelöst, Kampf und Zwieſpalt verſchwunden und für immer von der Friede athmenden Erde gewichen. Geiſter der Liebe und Verſöhnung ſchwebten ungeſehen durch den reinen Aether nieder, um die arme, leidende Menſchheit zu trö⸗ ſten, den Balſam des Schlafes in ihre blutenden Wun⸗ den träufelnd, die Thränen des Kummers mit ihren wei⸗ chen Händen trocknend. Träume gaukelten an ihrer Seite, die hilfreichen Kinder der Nacht mit dem goldenen Füllhorn der Phantaſie und dem Zauberſtab des Wunders aus⸗ gerüſtet.— Den Kopf auf ihre Hand geſtützt empfand auch Martha den milden, beſänftigenden Eindruck, dem ſie ſich jetzt willig überließ. Ihre Leiden wurden ſtiller, die Verzweiflung wich aus ihrem Herzen, das Vertrauen kehrte wieder. Wie draußen in der Natur der Zwieſpalt ſchwieg, ſo verſtummte auch in ihrer Bruſt die Klage; ein ſtilles Licht war in ihrem Innern angebrochen, ſanft wie der Mond in der dunklen Nacht des Kummers, ſelbſt die Leichenſteine ihrer todten Hoffnungen verklärend. Ihr 43 Blick war nach Oben gerichtet, wo die goldenen Sterne wie Gottes Vateraugen niederſtrahlten; ſie faltete ihre Hände und ihre Lippen ſprachen ein Gebet zum Dank für die Vorſehung, welche ſie in dies Aſyl geführt.— Am nächſten Morgen erhob ſie ſich geſtärkt; ſie fand bereits den würdigen Paſtor wach, der ſie freundlich be⸗ grüßte und ſie in Haus und Garten herumführte, um ſie mit ihren künftigen Berufspflichten bekannt zu machen. Er gab ihr die nöthigen Anweiſungen, die ſie ſchnell begriff, da ſie bei ihrem Aufenthalte in Gethſemane hin⸗ längliche Gelegenheit erhalten hatte, um ſich mit den ver⸗ ſchiedenſten Anforderungen eines großen Haushaltes be⸗ kannt zu machen. Wie dankte ſie jetzt ihrem Geſchicke und vor Allem der Schweſter Veronika, dieſer ausgezeichneten Wirthin und Köchin, für ihre wohlgemeinten Lehren, die ihr nun zu Gute kamen.— Bald wußte ſie in der Wirth⸗ ſchaft und der Küche Beſcheid. Die Pflege der Kranken fiel ihr ebenfalls nicht allzuſchwer, da ſie in der Diakoniſ⸗ ſinnen⸗Anſtalt gelernt hatte, mit Leidenden aller Art um⸗ zugehen und ihre Launen zu ertragen. Freilich war ihr keine geringe Aufgabe geſtellt, wie ſie ſich bald überzeu⸗ gen ſollte. Die Geiſtesſtörung der unglücklichen Frau machte dieſe im höchſten Grade reizbar und veränderlich; auf einzelne lichte Momente folgten Stunden und Tage einer dumpfen Verſunkenheit, abwechſelnd mit Ausbrü⸗ 3* chen einer unerträglichen Laune. Aber Martha verſtand es durch Sanftmuth und Geduld die Liebe der armen Patientin zu gewinnen, ſo daß ſie ſich von ihr meiſt willig leiten ließ. In den lichteren Momenten bezeigte die Paſtorin ihrer Pflegerin in wahrhaft rührender Weiſe eine unbegränzte Dankbarkeit; aber es kamen auch wie⸗ der Augenblicke, wo Martha unter der übernommenen Laſt erliegen zu müſſen glaubte. Die Kranke entwickelte dann eine Widerſpenſtigkeit und Gehäſſigkeit, wie ſie oft bei Geſtörten ſelbſt gegen die Perſonen, welche ſie noch am meiſten lieben, hervorzubrechen pflegt. Sie überhäufte Martha in ihrer wilden, unverſtändlichen Sprache mit Schmähungen und den ſeltſamſten Beſchuldigungen, ſtieß ihre Hand zurück und drohte ihr. Dieſe ließ ſich jedoch nicht zurückſchrecken und triumphirte durch die hingebendſte Liebe, ſo daß es ihr meiſt gelang, die Aufgeregte wieder zu beruhigen. Zuletzt ſiegte ihre Standhaftigkeit über all' dieſe Schwierigkeiten, ja ſie gewann einen ſolchen Einfluß auf die Patientin, daß es nur eines Blickes, ei⸗ nes Wortes bedurfte, um die wildeſten Ausbrüche zu be⸗ ſchwichtigen.— In ähnlicher Weiſe glückte es ihr, den ſtörriſchen Geiſt der Kinder nach und nach zu beſiegen und das ſcheue Mißtrauen derſelben zu überwinden. Die Kleinen, bisher der mütterlichen Aufſicht beraubt, waren augenſcheinlich verwildert, und es koſtete keine geringe An⸗ ſtrengung, Sitte und Ordnung der vernachläſſigten und ausgelaſſenen Jugend wieder einzuprägen. Auch hier ſtieß Martha auf Hinderniſſe aller Art, aber Geduld mit Energie verbunden führten ſie endlich zum Ziele. Oft wollte ihr die Kraft fehlen, oft drohte ſie ſchwach zu werden; doch der Gedanke an die übernommene Pflicht, der Wunſch, ſich ihrem Wohlthäter dankbar zu erweiſen und ſein Vertrauen zu rechtfertigen, hielten ſie aufrecht und gaben ihr die nöthige Ausdauer. So wirkte ſie hier im Stillen voll Demuth und Ergebenheit in das ſelbſt gewählte Loos.— Der würdige Paſtor ließ ſie gewäh⸗ ren und unterſtützte ſie mit ſeinem Anſehen, wo ſie deſſen bedurfte. Er freute ſich über die glückliche Wahl, die er getroffen, und daß ſein edles Vertrauen und ſeine Men⸗ ſchenliebe ihn nicht getäuſcht hatten. Bald erhielt ſein ganzes Hausweſen eine veränderte und beſſere Geſtalt, Ordnung und Ruhe kehrten zurück, die zerrüttete Wirth⸗ ſchaft gewann nach allen Seiten ein geregeltes Ausſehen, die Kranke wurde verpflegt, die Kinder erzogen und ein guter Geiſt ſchien die ganze Familie zu umſchweben.— Das Bewußtſein einer ſolchen nützlichen Thätigkeit gab auch Martha ein Gefühl von früher nie gekannter, inne⸗ rer Zufriedenheit. Sie fand ſich anerkannt und geliebt, in dem ihr zugewieſenen Kreiſe geachtet und geehrt. Weit hinter ihr lag die übrige Welt mit ihrem trügeriſchen Glanze, das Theater mit ſeinen eitlen Triumphen. Sie mußte ſich oft fragen, ob ſie eine und dieſelbe Perſon ſei, welche früher auf den Brettern geglänzt und jetzt keinen größeren Stolz kannte, als für die täglichen Bedürfniſſe der Familie zu ſorgen. Sie kannte keinen andern Wunſch, als für immer in ihrer gegenwärtigen Stellung zu ver⸗ bleiben. War ihre Arbeit gethan, ſo machte ſie in Be⸗ gleitung der Kinder mit dem Paſtor einen Spaziergang in das Freie. Seine Unterhaltung gewährte ihr dann die beſte Erholung. Er beſaß eine ſeltene, gediegene Bildung, eine wahrhaft milde und doch tiefe Weltanſchauung, die er ihr nicht vorenthielt. Seine religiöſe Ueberzeugung athmete den Geiſt der echten, chriſtlichen Liebe und Ver⸗ ſöhnung, eben ſo entfernt von dem flachen Rationalis⸗ mus wie von dem Fanatismus einer blinden Glaubens⸗ ſchwärmerei. Er drang vor allen Dingen auf die Bethä⸗ tigung und Ausübung der Lehren des Evangeliums, wel⸗ che nach ihm das ganze Leben des Menſchen beſeelen und durchſtrömen ſollten. Seine Worte und ſein Beiſpiel be⸗ feſtigten Martha immer mehr in den chriſtlichen Tugen⸗ den, die ſie in ihrem neuen Wirkungskreiſe auszuüben ſuchte.— So verfloſſen die Tage für ſie im ſtillen Frieden mit ſich ſelber und in angemeſſener Thätigkeit. Sie fühlte kein Bedürfniß nach der Welt und bisher hatte ſie mit 47 Entſchiedenheit jede Berührung mit Fremden abgelehnt, was ihr um ſo leichter fiel, da der Baron Hanſen, der einzige Freund des Hauſes, mit ſeiner ganzen Familie in der Abweſenheit des Paſtors eine längere Badereiſe an⸗ getreten hatte, von der er erſt in einigen Wochen zurück erwartet wurde. Der ruhige Kreis ihrer Thätigkeit erlitt daher keine Unterbrechung; in einförmiger, aber befriedi⸗ gender Weiſe ging unmerklich die Zeit vorüber und übte ihre heilende Kraft auch auf Martha's Geiſt. Die ſchwer⸗ ſten Pflichten wurden ihr zu einer lieben Gewohnheit und wie ein lindernder Balſam wirkte das Bewußtſein der früher in dieſem Maße nie empfundenen Sicherheit. Ihr Leben hatte ein höheres Ziel gewonnen; indem ſie Andern nützlich wurde, erhielt ihr Daſein für ſie ſelber einen neuen Werth. Die alltäglichſten Verrichtungen erſchienen ihr unter dieſem Geſichtspunkte in einem verklärten Lichte; ſie begriff die Stellung, welche die Natur den Frauen angewieſen, als Prieſterinnen der Häuslichkeit. Vor Verflachung und Verdumpfung unter dem Druck dieſer proſaiſchen Geſchäftigkeit ſchützte ſie ſowohl ihr ei⸗ genes Streben nach Bildung, wie der Umgang mit dem Paſtor, der ſie in einer Richtung beſtärkte, wo die nüch⸗ terne Wirklichkeit mit dem idealen Bedürfniß zu einem harmoniſchen Ganzen ſich verband.— Dieſe innere Ver⸗ ſöhnung verlieh ihrem ganzen Weſen eine milde, heitere Stimmung, welche auf ihre Umgebung vortheilhaft zu⸗ rückwirkte. Die Kinder ſchloſſen ſich ihr an und hingen an ihr wie an einer zweiten Mutter, die Kranke fühlte ſich am wohlſten in ihrer Nähe und verlor immer mehr ihre launenhafte Reizbarkeit; ſelbſt die Dienſtboten des Hauſes thaten willig und unverdroſſen, was ſie ihr an den Augen abſehen konnten. Am meiſten aber freute ſich der Paſtor an dieſer günſtigen Umwandlung, die er ihr zu verdanken hatte. Schon nach einem Monate hatte ſein Hausweſen eine andere und geordnete Geſtalt durch ihre unabläſſige Bemühungen gewonnen. Mit anerkennenden Worten gab er ihr ſeine Zuſtimmung bei jeder Gelegen⸗ heit zu erkennen. „Der Herr,“ ſagte er ihr,„hat meinen Entſchluß geſegnet und reichlich mich für mein Thun belohnt. Er ſchenke auch Ihnen ſeinen Frieden und das Glück, wel⸗ ches Sie in mein zerſtörtes Haus gebracht haben. Amen!“ 3 Und Martha fühlte ſich belohnt, bereit die ſchwer⸗ ſten Laſten mit Geduld zu tragen. Brittes Canitel. Es war an einem ſchönen Herbſttage, als Martha mit den Kindern in das nahe Wäldchen ging. Der Pa⸗ ſtor konnte nicht gleich mitkommen, da er mit Ausarbei⸗ tung ſeiner Predigt für den nächſten Sonntag ſich be⸗ ſchäftigte; er hatte indeß verſprochen, ſpäter ſeiner Fa⸗ milie nachzufolgen.— Ein eigener Reiz ſchwebte um Wald und Flur; die Landſchaft zeigte jene milde melan⸗ choliſche Stimmung, welche ſie in dieſer Jahreszeit meiſt anzunehmen pflegt. Der Himmel war rein und von ei⸗ nem ſanften Blau, die Sonne hell und goldig, ohne die verſengende Gluth des Sommers; ein friſcher, noch durchaus nicht kühler Wind ſpielte mit den abgefallenen Blättern. Die Felder ſtanden zwar abgemäht und ihres ſegenreichen Schmuckes beraubt, dafür herrſchte aber auf den Kartoffeläckern eine luſtige Thätigkeit. Mit Harke und Schaufel wurde die Erde aufgewühlt und aus den Furchen, die der Pflug langſam und bedächtig zog, quollen die unterirdiſchen Früchte in reicher Fülle hervor. Knaben und Mädchen hatten von dem trockenen Kraute ein Feuer angezündet und brieten die eben erſt gewon⸗ nenen, mehlreichen Kartoffeln, deren Duft ſich weit ver⸗ breitete. Luſtig flackerten die hellen Flammen wie Freu⸗ denfeuer und der dunkle Rauch zog in wirbelnden Kreiſen hoch empor.— Weiter führte ſie der Weg an Gärten und Obſtbäumen vorüber, welche kaum die Laſt des Segens zu ertragen vermochten. Unter dem ſparſameren Laube lauſchten verlockend rothwangige Aepfel und goldgelbe Birnen und blaue, leicht bereifte Pflaumen. Ein Fuß⸗ ſteig führte über die Wieſen, welche mit violetten Herbſt⸗ zeitloſen wie beſäet erſchienen. Endlich erreichte die kleine Geſellſchaft das liebliche Wäldchen mit ſeinem bunten Blätterſchmuck. In wunderbarer Farbenpracht ſtanden be⸗ reits die hohen Bäume mit ihrem gelben, rothen und braunen Laub den reichſten Wechſel und die bunteſte Mannigfaltigkeit darbietend. Es war, als hätte die Natur vor ihrem Scheiden noch einmal ihre ganze Pracht und Herrlichkeit offenbaren, ihren ganzen Farbenkaſten leeren wollen, ehe ſie ſich in das einfarbige Weiß des Winters kleidete. Purpur und Gold in allen Schattirungen von den ſanfteſten bis zu den geſättigtſten Tinten hatte ſie über den ganzen Wald ergoſſen, der im wechſelnden Son⸗ 51 nenlicht und Schatten hundertfache Farbenſpiele bot. Hier ſtand eine blutrothe Eſche, jedes Blatt ein glühender Edelſtein, dort eine Gruppe gelb verfärbter Eichen, da⸗ zwiſchen die weißen Stämme der Silberbirken und die dunkelgrünen Zweige des unveränderten Nadelholzes— das Alles nicht grell von einander abſtechend, ſondern in leiſen Uebergängen zu jener ſanften Harmonie verſchmol⸗ zen, deren Geheimniß einzig und allein die Natur beſitzt und die vollendetſte Kunſt nicht zu erreichen vermag. Denn welche Feder oder welcher Pinſel vermag zugleich die Wirkung der magiſchen Beleuchtung, die ſtill bewegte Klarheit des ſonnigen Aethers, das Weben und Regen der Luft und des Windes wiederzugeben, der wie die Hand des Malers die verſchiedenen Farben dieſer le⸗ bendigen Palette zu einem zauberhaften, bunten Spiele miſcht?— Dort ließ ſich Martha mit den Kindern nieder, wel⸗ che zu ihren Füßen und unter ihren Augen zuerſt mit un⸗ gebundener, jugendlicher Fröhlichkeit und Friſche allerlei Spiele trieben. Bald ſchleuderten ſie auf dem freien Ra⸗ ſenplatze vor dem Wäldchen die mitgebrachten Reifen und Federbälle hoch in die Luft, bald haſchten ſie ſich im ſchnellen Laufe, bald verſteckten ſie ſich hinter den Bäumen und grünen Büſchen. Sie ſelbſt nahm an dieſen Spielen zuweilen Theil, meiſt jedoch ſaß ſie mit einem zu dieſem Zwecke mitgebrachten Buche und las, von Zeit zu Zeit aufblickend und auf das Treiben der Kinder achtend. Plötzlich, als ſie eben wieder im Leſen vertieſt war, ſchlichen ſich die Kleinen unter Anführung der älteren Schweſter näher und ſetzten ihr einen heimlich gewundenen Kranz von Waldblumen und Blättern, zwiſchen denen rothe und weiße Beeren wie Korallen hervorlauſchten, un⸗ ter Lachen and Jauchzen auf das Haupt. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte ſie lächelnd zu der Ueberraſchung. „Du ſollſt uns ein Lied ſingen,“ bat die Aelteſte als Sprecherin ihrer jüngeren Geſchwiſter. „Ein Lied, ein ſchönes Lied, liebſtes, beſtes, einziges Fräulein!“ rief der ganze kleine Chor. „Das will ich gern thun, wenn ihr artig ſeid und folgt.“ „Wir werden artig ſein und Dir folgen,“ betheuerten die Kinder, und man konnte wohl ſehen, daß es ihnen Ernſt mit ihrem Verſprechen war. „So ſetzt Euch hier zu mir auf den Raſen nieder!“ Das ließen ſich die Kleinen nicht zum Zweitenmale ſagen; ſchnell lagerten ſie ſich im Kreiſe und drängten ſich um Martha; jeder wollte in ihrer Nähe ſitzen, und es fehlte nicht viel, daß darum ein gewaltiger Streit entbrannte, weil ſie von Allen ohne Ausnahme ſo ſehr ge⸗ 53 liebt wurde. Nur ihre Drohung, das verſprochene Lied unter ſo bewandten Umſtänden nicht vorzutragen, ſtellte den Frieden wieder her und verhinderte den Ausbruch ei⸗ nes ernſten Kampfes. Jetzt wurden ſie gleich ruhig und ſo ſtill, daß ſie kein lautes Wörtchen mehr zu äußern wag⸗ ten, voll Spannung und Erwartung des köſtlichen Ge⸗ nußes, den ſie ſich von dem Geſang verſprachen.— Martha ſaß auf einer kleinen Erhöhung, welche von einer moosbewachſenen Baumwurzel gebildet wurde; ſie hatte den Kranz aufbehalten, der ihr ein eigenes phantaſtiſches Ausſehen gab. Die rothen Beeren zwiſchen dem grünen Laub leuchteten wie Edelſteine in dem dunklen Haar und um ihre weiße Stirn. So konnte man ſie für die märchen⸗ hafte Königin des Waldes halten, mit der Zauberkrone auf dem ſchönen Haupt und umgeben von ihrer kleinen Dienerſchaar, die ſich zu den Füßen ihrer Herrſcherin nie⸗ derließ. Wohl konnte man auch bei den Kindern an die Elfen und Geiſter des grünen Waldes denken, denn auch dieſe hatten ſich mit Laub und wilden Früchten phan⸗ taſtiſch genug herausgeputzt und bildeten ſo ein paſſendes Gefolge, die Jüngeren ihre blonden Lockenköpfe an Mar⸗ tha anſchmiegend, während die Aelteren die klugen Augen erwartungsvoll zu ihr emporrichteten. Ueber der ganzen Gruppe hing wie ein goldgeſtickter Baldachin das bunte Lttneach der alten Eiche, unter der ſie ſich gelagert atten. 54 Jetzt begann Martha zu ſingen; ſie hatte eines jener wehmüthig ſüßen Herbſtlieder von Mendelsſohn gewählt, das ſo ganz und gar zu ihrer eigenen Stimmung und zu dem landſchaftlichen Hintergrunde paßte. Ihre Stimme klang ſo wunderbar ergreifend, daß die Kinder zu ihren Füßen in athemloſer Bewunderung lauſchten. Es war, als ob ein ſcheidender Schwan ſingend durch die Lüfte zog. Noch nie hatte ſie ſo ſchön und ausdrucksvoll geſungen; ihr kleines Auditorium war entzückt und klatſchte, als ſie geendet hatte, in die Hände, ein neues Lied von ihr fordernd. Sie lächelte, weil ſie vielleicht an frühere Zeiten und an einen andern Beifall dachte; doch ſchickte ſie ſich an, die Wünſche ihres jetzigen Publikums bereitwillig zu erfüllen. Eben hatte ſie ein reizendes Kinderlied von Taubert angeſtimmt, als ſie durch das laute Bellen ei⸗ nes Jagdhundes unterbrochen wurde, der in gewaltigen Sätzen aus den Büſchen auf die, wie es ſchien, ihm be⸗ kannte Kindergruppe zuſprang.. „Nimrod! der Nimrod,“ rief es von allen Seiten. „Und wo der Nimrod iſt,“ ſagte das älteſte Mäd⸗ chen, welches Wanda hieß,„da iſt auch ſein Herr nicht weit. Kommt! wir wollen ihn ſuchen.“ Ehe Martha ſie hindern konnte, ſprangen die fröh⸗ lichen Kinder in das Dickicht, aus dem ſie bald einen jun⸗ gen Mann in kleidſamer Jägertracht lachend und jubelnd hervorzogen. Wie Kletten hingen ſie an ſeinen Händen und Füßen, während der Hund ſie bellend und ſeine Freude durch immer höhere Sprünge ausdrückend um⸗ kreiste. „Gefangen, gefangen!“ rief Wanda ihre braunen Locken ſchüttelnd und mit ſtrahlenden Augen.„Wir ha⸗ ben ihn, und nun ſoll er nicht ſo bald wieder los⸗ kommen.“ Verwundert und überraſcht blickte Martha auf den Unbekannten, den die Kleinen mit ihren Liebkoſungen zu erdrücken drohten. Der Fremde konnte ungefähr vier⸗ bis fünfundzwanzig Jahre alt ſein; er war ſchlank gewachſen, und ſein friſches, offenes Geſicht drückte unverkennbar jetzt die Verlegenheit über das unerwartete Zuſammentreffen aus. Eine leichte Röthe überzog ſeine gebräunte Wangen, welche durch den dunklen Bart eben nicht verunſtaltet wurden. Trotz ſeiner einfachen, aber überaus feinen Klei⸗ dung verrieth ſeine ganze Haltung, daß er den höheren Ständen angehörte und nicht, wie Martha anfänglich muthmaßte, ein untergeordneter Förſter war. Nachdem er ſich von den ſtürmiſchen Umarmungen der Kinder los⸗ gemacht, näherte er ſich ihr mit abgezogenem Hute grüßend. „Entſchuldigen Sie, mein Fräulein!“ ſagte er mit tiefer, wohlklingender Stimme,„daß ich durch meine Er⸗ 56 ſcheinung Ihr herrliches Waldkonzert geſtört habe, und erlauben Sie zugleich, daß ich Ihnen für den Genuß danke, den Sie mir freilich ohne Ihr Wiſſen bereiteten.“ „Nicht wahr,“ bemerkte Wanda naiv dazwiſchen, „Fräulein Martha ſingt köſtlich?“ „Sie hören Ihr Lob,“ fügte er ſcherzend hinzu, „aus dem Munde einer noch unbeſtochenen Kunſtfreundin. Aber geſtatten Sie mir vor Allem, daß ich mich Ihnen als Ihr nächſter Nachbar vorſtelle.“ „Baron von Hanſen,“ entgegnete ſie, leicht er⸗ röthend. „Rudolph von Hanſen. Ich freue mich, daß Ihnen mein Name nicht unbekannt geblieben iſt; noch mehr, daß ich Ihre Verzeihung für mein kühnes Eindringen von Ihnen hoffen darf. Ich war überraſcht, mitten in dieſem Walde Ihren Geſang zu hören; unwillkürlich lauſchte ich hinter den Büſchen, bis mein Nimrod mich durch ſein ungezogenes Bellen verrieth. Meine kleinen Freunde zo⸗ gen mich hervor, und ſo habe ich dem Zufall Ihre Be⸗ kanntſchaft zu verdanken. Zur Strafe aber für meine Un⸗ terbrechung Ihres Geſanges will ich mich ſogleich ent⸗ fernen.“ Ehe noch Martha ſich auf eine paſſende Antwort in ihrer natürlichen Befangenheit beſinnen konnte, verneigte er ſich vor ihr mit leichtem Anſtand und pfiff dem Hunde, 57 welcher unterdeß mit den Kindern ſpielte. Sie ſchwankte, ob ſie ihn gehen laſſen, oder zum Bleiben nöthigen ſollte. Bevor ſie jedoch noch einen Entſchluß faßte, umringten die Kinder den Baron, ſich an ihn anklammernd und hiel⸗ ten ihn feſt. „Du darfſt nicht gehen, Onkel Rudolph!“ ſagte Wanda beſtimmt.„Wir laſſen Dich nicht fort.“ „Auch der Herr Paſtor,“ ſetzte Martha hinzu, „wird bald hierher kommen und ſich ſicher freuen, Sie nach langer Abweſenheit zu begrüßen.“ „Ich hatte dem werthen Freunde,“ antwortete er, „meinen Beſuch auf Morgen zugedacht. Um ſo beſſer, wenn ich ihn hier finde. Ich ſoll ihm die Entſchuldigun⸗ gen meines Vaters bringen, der wegen ſeiner Gicht nicht die Stube verlaſſen kann. Wir ſind erſt vor zwei Tagen aus dem Bade zurückgekehrt. Die weite Reiſe hat ihn an⸗ gegriffen und einen neuen Anfall ſeines Leidens hervor⸗ gerufen, das jedoch nach den Verſicherungen des Arztes bald wieder vorübergehen wird.“ Unter dieſer Rede hatte ſich Rudolph neben Martha auf den Raſen geſetzt, um die Ankunft des Paſtors ab⸗ zuwarten. Die Kinder umringten ihren alten Freund, der jetzt in unbefangener Weiſe mit ihnen auf die anmuthigſte Weiſe ſcherzte und abwechſelnd von ſeiner Reiſe erzählte. 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 4 Begeiſtert ſprach er von der Alpenwelt, die er vor Kur⸗ zem erſt geſehen, von der Erhabenheit der Gletſcher, von der Lieblichkeit der Thäler, die er eben verlaſſen hatte. Der ſchwärmeriſche Enthuſiasmus, welcher den Grundzug ſeines Weſens auszumachen ſchien, belebte ſeine inter⸗ eſſanten Züge und ließ ſeine Augen im ſchönen Glanze der Begeiſterung ſtrahlen. Mit demſelben Feuer gab er ſich im ferneren Verlauf der Unterhaltung als ein Freund der Muſik zu erkennen, wobei er eine gründliche Kenntniß dieſer Kunſt verrieth, als man gewöhnlich bei Diletanten zu finden pflegt. „Ich habe,“ ſagte er,„von meiner Mutter dieſe Liebe zur Muſik geerbt. Wie wird ſie ſich freuen, wenn ich ihr mein kleines muſikaliſches Abenteuer erzählen werde und welche ſchöne Stimme ich hier in dieſem Walde entdeckt habe. Hoffentlich wird ſie bald ſelbſt Gelegenheit haben, ſich von Ihrem Talente zu überzeugen und Sie für unſere kleine Hauskapelle anzuwerben. O! wir haben im Winter trotz unſerer Abgeſchiedenheit un⸗ ſere Konzerte, wobei meine Mutter das Klavier vortreff⸗ lich ſpielt. Ich ſelbſt ſinge einen leidlichen Tenor und unſer Paſtor übernimmt die Baßpartien. Nur die So⸗ pranſtimme hat uns gefehlt, und die iſt nun auch gefun⸗ den. Das ſollen herrliche Abende werden, wenn Sie uns unterſtützen wollen.“ „Ich fürchte nur durch meine häuslichen Geſchäfte abgehalten zu werden,“ entgegnete Martha ausweichend. „Einmal in der Woche, höchſtens zweimal werden Sie ſich ſchon abmüßigen können. Ich laſſe anſpannen und Sie in unſerem Wagen abholen; in einer Viertel⸗ ſtunde ſind Sie auf dem Schloſſe. Dann muſiziren wir bis zehn Uhr; wir ſingen nur klaſſiſche Sachen, Händel, Gluck und Mozart. Meine Mutter hat einen ſtrengen Geſchmack, ſie läßt von den Neueren kaum Mendelsſohn gelten, den ich über Alles liebe.“ „Er iſt auch mein Liebling.“ „Das muß er wohl ſein; denn ſelten habe ich eins ſeiner Lieder ſo ſchön gehört wie von Ihnen. Welche tiefe Empfindung und Wehmuth lag in Ihrem Vortrag. Meine Mutter hätte gewiß anders über den herrlichen Komponiſten geurtheilt, wenn ſie Ihren Geſang gehört hätte. Sie wirft ihm eine weichliche Sentimentalität, eine krankhafte Romantik vor. Ich aber liebe ihn um dieſe Romantik, die man jetzt mit Unrecht aus der Welt ver⸗ bannen will, als wenn das Leben nicht an ſich ſchon ge⸗ nug proſaiſch wäre.“ Martha nickte nur mit einem beiſtimmenden Lächeln, das ihn zu ermuntern ſchien, ſeine Gedanken zu ver⸗ folgen. „Ich liebe dieſe Romantik,“ fuhr er mit ſchwärme⸗ 4* riſchem Eifer fort,„die blaue Blume der Poeſie, welche das wuchernde Unkraut des Realismus zu erſticken droht. Die Gegenwart iſt ſo ſchal und nichtern, daß ich ihr gern entfliehen möchte. Darum ſchwärme ich am liebſten in dieſen Wäldern, wo ich mich ungeſtört meinen Träu⸗ men überlaſſen darf. Hier unter den alten Eichen umge⸗ ben mich die Geiſter der Vergangenheit, die edlen Geſtal⸗ ten des jetzt verſpotteten Mittelalters, mannhafte Ritter, holde Frauen und gottbegeiſterte Sänger. Mich ergreift eine unausſprechliche Sehnſucht nach dieſer untergegan⸗ genen Welt und ihrer Herrlichkeit. Welche bunte Fülle von mächtigen Erſcheinungen ſteigt vor meinen Blicken auf, welche Thatkraft entwickeln die Helden, welche Lie⸗ be und Treue wohnt in dem Herzen der edlen Damen, welche Begeiſterung athmen die Lieder der Dichter und Sänger. Da iſt Poeſie, die das ganze Leben durch⸗ dringt.“ Während Rudolph ſo ſeiner Phantaſie nachhing, war er aufgeſprungen. Ein Abglanz jener ritterlichen Zeit, die er herbeiſehnte, ſchien auf ſeiner edlen Ge⸗ ſtalt zu ruhen; er ſelbſt glich einem jener Helden der Vergangenheit. Er hatte ſeine innerſten Gedanken offen⸗ bart, ſeine eigenſte Natur vor Martha offen dargelegt. Von früheſter Jugend entwickelte er dieſe eigenthüm⸗ liche Richtung, einen Hang zur Poeſie, die in der ſtillen 61 Abgeſchiedenheit ſeines bisherigen Lebens reife Nahrung fand. Eine ſchwärmeriſche Begeiſterung für alles Edle und Große ſchien ihm angeboren, eine ritterliche Den⸗ kungsweiſe ſeinem Herzen einpepflanzt. Dieſer Keim wurde von ſeiner zwar ſtolzen, aber edlen und gebildeten Mutter ſorgfältig gepflegt. Sie ſuchte ihm eine ariſto⸗ kratiſche Erziehung zu geben, und es gelang ihr, wenn auch nicht in ihrem Sinne, einen wahrhaften Ariſtokraten in der ſchönſten Bedeutung des Wortes aus ihm zu bil⸗ den. Ein edler Stolz ſchützte ihn vor jeder Gemeinheit, ſein keuſcher Sinn bewahrte ihn vor den gewöhnlichen Verirrungen der Jugend und umgab ihn mit dem Reiz der Jungfräulichkeit. Das Gefühl der Ehre durchdrang ſein ganzes Weſen und ſpiegelte ſich in all' ſeinen Hand⸗ lungen wieder. Lüge und Unwahrheit waren ihm auf das tiefſte verhaßt, ſein Streben auf das höchſte Ideal gerichtet. Für ſeine Ueberzeugung konnte er jedes Opfer bringen, und er ſcheute ſich nicht, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich lächerlich zu machen, für ſeine Meinung in die Schranken zu treten und Alles für die Vertheidigung ſei⸗ ner Grundſätze zu wagen. So ausgerüſtet bezog er die Univerſität und ſpäter die landwirthſchaftliche Akademie, da er als einziger Sohn das Gut ſeines Vaters über⸗ nehmen ſollte. Auch in der Berührung mit der Welt be⸗ hauptete er ſeine ideale Richtung, rein und unverdorben kehrte er nach einigen Jahren in das elterliche Haus zurück. Hier lebte er ungeſtört und ganz nach ſeinem Hange, beſchäftigt mit den ihm zuſagenden Arbeiten ei⸗ nes begüterten Landwirthes, die ihm noch hinlängliche Muße ließen, ſeinen Lieblingsneigungen, Muſik und Poeſie, zu folgen. Eine auserleſene Bibliothek mit ſeinen Lieblingsdichtern, Eichendorf, Arnim, Brentano und Novalis, gewährte ihm bisher in den langen Winter⸗ abenden hinlängliche Unterhaltung. Damit wechſelten die muſikaliſchen Genüſſe ab, welche die fein gebildete Mut⸗ ter ſich und Andern zu verſchaffen wußte. Ausflüge und Wanderungen in der Umgegend ſo wie größere Reiſen unterbrachen die Einförmigkeit des Landlebens; auch fehlte es trotz der Einſamkeit nicht an Beſuchen von Freunden und Bekannten in dem gaſtfreien Hauſe des Barons. Dennoch ſtellte ſich bei Rudolph in der letzten Zeit eine gewiſſe Leere und Sehnſucht nach einer Verän⸗ derung ein. Er fühlte ſich von einer ihm ſelbſt unerklär⸗ lichen Unruhe ergriffen, die ihn ſeit ſeiner Rückkehr und auch ſchon vorher unwillkürlich beſchlichen hatte. Das ſtille, ſorgenloſe und faſt müſſige Leben im elterlichen Hauſe drohte ihn melancholiſch zu machen; er ſehnte ſich, ohne darüber klar zu werden, nach neuen, unbeſtimmten Verhältniſſen, für die er keinen Namen fand. Die That⸗ kraft und Abenteuerluſt der Jugend regte ſich in ihm und 63 ließ ſeine Phantaſie in die nebelhafte Ferne ſchweifen, Kämpfe ſuchen, Schickſale ſchaffen. Nur die Rückſicht auf ſeine Eltern, welche in die Trennung von dem einzigen Sohne ſchwer gewilligt hätten, hinderte ihn dieſe Träu⸗ me und Pläne zu verwirklichen. Durch Bande der Liebe fand er ſich gefeſſellt, und ſein Unmuth wuchs, da er die Unmöglichkeit ſah, dieſe zu zerreißen. Unbefriedigt und im hohen Grade reizbar litt er an jener Schwermuth, welche vorzugsweiſe die Jugend zu beſchleichen und die Vorläuferin leidenſchaftlicher Kämpfe des Herzens und der Seele zu ſein pflegt. Eine derartige Stimmung gleicht der ſtillen Schwüle vor dem Ausbruche des Gewitters, der Ruhe vor einer gewaltigen Exploſton, die oft durch den kleinſten Umſtand, durch einen unmerklichen Funken herbeigeführt wird.— Wer kennt die geheimnißvollen Mächte, welche das Schickſal eines Menſchen beſtimmen, wer den Einfluß einer zufälligen Begegnung, den Zauber, welchen die lebloſe Natur, dieſe oder jene Beleuchtung, dieſe oder jene Landſchaft auf unſere Empfindungen und Entſchlüſſe ausüben? Gehen wir nicht oft häufig ganz gleichgültig an Perſonen vorüber, die uns plötzlich unter andern Umſtänden im höchſten Grade intereſſant erſchei⸗ nen? Finden wir nicht heute eine Göttin, wo wir geſtern nur eine gewöhnliche Sterbliche ſahen? Entzückt uns nicht plötzlich der Blick eines Auges, das Lächeln eines Mundes, die wir vorher der Beachtung kaum für werth gehalten? Wie das Rohr im Winde ſchwankt auch unſer Heerz, von der leiſen Luft bewegt. Ein Hauch— und es ſchwillt hoch empor, ein Sonnenblick— und es richtet ſich vom Boden auf. Gott allein hält es in ſeiner Hand und thut damit, was ihm gefällt.— Für Rudolph ſollte dieſes zufällige Zuſammentreffen mit Martha von der größten Bedeutung werden. Hätte er ſie vielleicht in dem Hauſe des Paſtors als Gouver⸗ nannte im Kreiſe ihrer Zöglinge, oder als Wirthſchafte⸗ rin bei ihren häuslichen Beſchäftigungen getroffen, ſo wäre ſie ihm gewiß minder aufgefallen, als hier im Walde, wo ſie mit Blumen bekränzt und ein Mendels⸗ ſohn'ſches Lied ſingend, ihm als das verkörperte Bild ſei⸗ ner romantiſchen Träume erſchienen war. Das Bild der poetiſchen Waldkönigin wollte ihn nicht verlaſſen und Alles, was ſie ſprach und that, gab ihr in ſeinen Augen einen eigenen, dichteriſchen Reiz. Das Seltſame ihrer Erſcheinung, die Art und Weiſe ſeiner Begegnung mit ihr, das Geheimnißvolle, was ihr ganzes Auftreten um⸗ gab und wovon er bereits gehört hatte, waren ganz und gar darauf berechnet, einen Eindruck auf ſeine ſchwärme⸗ riſche Phantaſie zu machen. Dazu kam ihre Schönheit, die ungeachtet ihrer Leiden nicht geſchwunden war, ſon⸗ dern eher einen intereſſanten Zuwachs erhalten hatte. 65 Noch immer umſchwebte ſie jener Zauber, dem ſich ſo leicht kein Mann zu entziehen vermochte. Wider ihren Willen wohnte ihr jene dämoniſche Anziehungskraft bei, welche ihr bereits ſo viele Schmerzen bereitet hatte. Man konnte nicht dies bleiche Geſicht mit den feinen geiſtreichen Zügen, dem wehmüthigen Lächeln ſehen, umgeben von einer Fülle ſchwarzer Locken, ohne ſich lebhaft für ſie und ihr Schickſal zu intereſſiren. Sie war eine jener Frauen, denen man ſtets geneigt war eine höhere Bedeutung zu⸗ zuſchreiben, die in ihrem ganzen Weſen den Stempel des Ungewöhnlichen an ſich trug. Selbſt die einfache Klei⸗ dung, die ſie ihrer Stellung angemeſſen trug, verlieh ihr einen beſondern Zauber, da ſie jenes Geheimniß zu be⸗ ſitzen ſchien, auch in der ſchlichteſten Toilette wahrhaft vornehm auszuſehen. Der ſchwarze Rock, welcher bis hoch zum Halſe emporreichte und nur den ſtolzen, römi⸗ ſchen Nacken zeigte, ließ die feinen, ſchwellenden Formen hervortreten und gab ihr eine ungeſuchte Einfachheit mit Würde gepaart. Die langen Aermel ließen nur die zarte, ariſtokratiſche Hand frei, welche wie eine weiße Blüthe aus dem dunklen Kelch hervorlauſchte. Dieſe Hand übte auf Rudolph eine magiſche Wirkung aus. Zu ſeinen Sonderbarkeiten gehörte auch, daß er ein eigenes Stu⸗ dium aus der Beobachtung der Hände zu machen pflegte und aus ihnen auf den Charakter des Beſitzers ſchließen wollte. Für ihn gab es nicht nur rohe und zarte, ſchöne und häßliche, ſondern auch dumme und geiſtreiche, ge⸗ meine und edle Hände. Nie aber glaubte er eine Hand geſehen zu haben, die mehr ſeinem Ideal daran entſprach; kaum konnte er der Verſuchung widerſtehen, dieſelbe zu ergreifen und an ſeine Lippen zu führen. Dieſe ſchmale Hand mit den feinen durchſchimmernden Adern, der durch⸗ ſichtigen, zarten Bläſſe konnte nach ſeiner phantaſtiſchen Meinung nur einem außerordentlichen Weibe angehören.— So fand er ſtets neue Eindrücke und Nahrung für ſeine Schwärmerei, wozu allerdings das Meiſte ſeine eigene Stimmung und die Ueberraſchung beitrugen, welche ihm dieſe unerwartete Begegnung mit Martha bereitete. Die Stunden flogen ihm in ihrer Geſellſchaft wie Augenblicke hin, bald fand er ſich in eine Unterhaltung mit ihr ver⸗ flochten, worin ſie unbefangen und gegen ihren Willen ihn durch ihren Geiſt und ihre Kenntniſſe in Erſtaunen ſetzte. Er vermochte nicht, ihr ſeine Verwunderung zu verſchweigen, daß ſie eine nach ſeiner Meinung durch⸗ aus unpaſſende Stellung bekleidete. „Sie ſind nicht für Ihren jetzigen Stand geſchaf⸗ fen,“ ſagte er im Laufe des Geſpräches.„Verzeihen Sie, wenn ich einen ſolchen Grad von Selbſtverläugnung nicht begreife. Sie können ſich in einer ſo untergeordneten Stellung nicht glücklich fühlen.“ 67 „Man iſt ſtets glücklich, wenn man ſeine Pflicht erfüllt,“ entgegnete ſie ſanft. „Das klingt wie Reſignation. So ſpricht nur der, der viel gelitten hat.“ „Woraus ſchließen Sie, daß ich gelitten habe?“ „Aus der Wehmuth Ihres Geſanges, der wider Willen den Schmerz Ihrer Seele mir verrathen hat, wie aus den Linien dieſer Hand. 4 „Sie ſcherzen doch nur?“ „Lächeln Sie nicht. Ich verſtehe mich auf die Phy⸗ ſiognomie der Hände; der Eingeweihte vermag daraus nicht die Zukunft, aber wohl die Vergangenheit zu er⸗ rathen.“ „Und was ſagt Ihnen meine Hand?“ fragte ſie in einem ſcherzhaften Tone, hinter dem ſie ihre innere Be⸗ wegung zu verbergen ſuchte. „Reichen Sie mir dieſelbe, und ich will Ihnen dann Ihr Schickſal deuten.“ Mit leichtem Erröthen aber ohne Ziererei ſtreckte ſie ihm ihre Rechte entgegen, die er einige Zeit in der ſeini⸗ gen hielt unn ſinnend betrachtete. „Die Beſitzerin einer folchen Hand,“ ſagte er faſt mit feierlichem Ernſt,„kennt den Schmerz und hat ſchon manche trübe Erfahrung in der Welt gemacht. Das iſt keine gewöhnliche Hand; ſie trägt die ſichtbaren Spuren 68 tiefer Leiden, die ihr wie ein unvergängliches Zeichen ein⸗ gedrückt ſind. Dieſe Hand hat gerungen und geduldet, ſich zum Gebet gefaltet und zum Himmel ſich emporgeho⸗ ben in den Stunden höchſter Noth. Das Schickſal hat ſie mit rauhem Drucke angefaßt und ſchwer gepreßt, aber trotz ihrer Zartheit beſitzt ſie eine ſeltene Energie, eine Kraft, womit ſie ſich ſelber hilft und ſo lange kämpft, bis ſie den Sieg erringt.“ Verlegen zog Martha ihre Hand zurück, obgleich Rudolph noch keineswegs mit ſeinen chirographiſchen Ent⸗ hüllungen zu Ende war. Zum Gliücke für ſie kam der Paſtor dazu, welcher ſeine Predigt für den Sonntag nie⸗ dergeſchrieben hatte. Seine Anweſenheit gab dem Ge⸗ ſpräche eine andere und für ſie erwünſchte Wendung. Biertes Capitel. Der Zuſtand der kranken Paſtorin hatte ſich in der letzten Zeit ſo weſentlich verſchlimmert, daß Martha ſich faſt gar nicht mehr von dem Lager der Patientin entfernen konnte, da dieſe außer ihrer Pflegerin faſt keinen andern Menſchen um ſich duldete. Sie unterzog ſich der ſchweren Pflicht mit einer Geduld und Hingebung ohne Gleichen. Dies war auch der Grund, weshalb ſie mit den Bewoh⸗ nern des Schloſſes in keine nähere Berührung kam, da ſie die Krankenſtube höchſtens verließ, um die dringend⸗ ſten Geſchäfte im Hauſe zu beſorgen und einige Augen⸗ blicke freie Luft zu ſchöpfen.— Unter dieſen Verhältniſſen ſah ſich der bekümmerte Mann genöthigt, ſeine Zuflucht zu einem berühmten Arzte in der Umgebung zu nehmen, der zugleich Vorſteher einer großen Irrenanſtalt war. Derſelbe wurde jedoch durch ſeine vielen Geſchäfte ver⸗ hindert, die Kranke ſelbſt zu ſehen, weshalb ſich der Pa⸗ 70 ſtor entſchließen mußte die beſchwerliche Reiſe mit der Patientin nach der benachbarten Kreisſtadt anzutreten. Dies war um ſo nöthiger geworden, da auch Martha's Kraft durch die fortwährende Anſtrengung zu erliegen drohte; ſie fand weder bei Tag noch Nacht mehr Ruhe, weil ſich zu den übrigen Leiden der Paſtorin eine Schlaf⸗ loſigkeit geſellt hatte, durch welche ſie ihre ganze Umge⸗ bung peinigte.— Auch jetzt wollte die Kranke nur in Mar⸗ tha's Begleitung die zwar kleine, aber bei ihrem Zu⸗ ſtande äußerſt mühevolle Reiſe zu dem Arzte antreten, die auch unter mannigfachen Beſchwerden glücklich zurück⸗ gelegt wurde. Die Anſtalt ſelbſt lag in einer geſunden Gegend, um⸗ geben von Gärten und freundlichen Anlagen, die einen heiteren Anblick gewährten. Das Haus glich weit mehr einer ſtattlichen Villa als dem Aufenhalte des Unglücks und des Elends. Der ausgezeichnete Vorſteher, welcher ſie erwartete, machte einen durchaus angenehmen Ein⸗ druck; er war noch ein Mann in den beſten Jahren mit einem einnehmenden Geſicht, aus dem unverkennbar Men⸗ ſchenliebe und echte Humanität ſprach. Er empfing ſeine Gäſte auf das herzlichſte und zeigte ihnen und der Un⸗ glücklichen, deren Zuſtand er einem genauen Examen un⸗ terwarf, die aufrichtigſte Theilnahme. Nach einiger Ueber⸗ legung that er den Ausſpruch, daß eine Heilung in die⸗ ſem Falle nur in der Anſtalt ſelbſt möglich ſei. 71 „Derartige Kranke,“ ſetzte er zur Bekräftigung ſei⸗ ner Anſicht hinzu,„müſſen durchaus ihrer gewohnten Umgebung entzogen und in fremde Verhältniſſe verſetzt werden. Sie verlangen eine Pflege und Beobachtung, die ihnen in dem eigenen Hauſe ſelbſt beim beſten Willen nicht zu Theil werden kann, abgeſehen von dem traurigen Einfluß, den ſie auf ihre Familie unwillkürlich ausüben.“ Der gute Paſtor ſträubte ſich anfänglich gegen eine derartige Zumuthung und willigte nur ungern in die ge⸗ botene Trennung, aber der Arzt beſtand mit Ernſt dar⸗ auf und wußte ihn nach und nach durch die einleuchtend⸗ ſten Gründe zu überzeugen. Um ihn für ſeinen Vorſchlag geneigter zu ſtimmen, erbot er ſich ihn mit der inneren Einrichtung und der Behandlungsweiſe ſeines Inſtituts bekannt zu machen, nachdem er die leidende Frau vor⸗ läufig der Obhut eines ſeiner Aſſiſtenten übergeben hatte. Er ſelbſt führte ſeinen Beſuch durch die verſchiedenen Räume der Anſtalt. Alles athmete hier den Geiſt der reinſten Menſchenfreundlichkeit; ſtatt der gewöhnlichen Strenge herrſchte eine liebreiche Milde; jeder Zwang war verbannt und ſelbſt die ſchwerſten Fälle von Wuth und Tobſucht wurden mit Schonung und wohlthuendem Mitgefühl behandelt. Schon das Aeußere war darauf berechnet, einen möglichſt anſprechenden Eindruck hervor⸗ zubringen. Gänge und Treppen glänzten, ſauber ge⸗ bahnt und mit blühenden Topfgewächſen bekleidet; in den Sälen und Zellen herrſchte die größte Ordnung und Reinlichkeit, nirgends eine Spur von den unheim⸗ lichen Schrecken einer ſolchen Anſtalt. Die Geiſteskranken ſelbſt, denen man begegnete, näherten ſich ohne Scheu dem Arzte, den ſie wie einen Vater zu verehren ſchienen. Sichtbar übte er auf Alle eine unumſchränkte Herrſchaft aus; beſonders beſaß ſein Auge eine faſt magiſche Kraft, womit er wahrhafte Wunder bewirkte; nur ein Blick ge⸗ nügte, um die Widerſpenſtigſten zu bändigen und an ihre Pflicht zu mahnen. Sie drängten ſich von allen Seiten heran, um ihn zu begrüßen und ihm Beweiſe ihrer Liebe zu geben. Ihre Geſichter drückten meiſt eine ſtille Zufrie⸗ denheit aus, wenn er mit einem freundlichen Wort oder Lächeln ihnen dankte. Der Paſtor konnte es nicht unter⸗ laſſen, ſeine Bewunderung ihm zu erkennen zu geben. „Ich betrachte,“ erwiederte ihm darauf der Arzt, „meine Stellung als eine heilige Miſſion. Wer nicht mit dieſer Uberzeugung Irrenarzt wird, ſollte lieber jeden andern Stand erwählen. Leider haben auf keinem Ge⸗ biete der Medizin Vorurtheil und Bornirtheit ſo viel geſchadet, als auf dem der Geiſteskranken. Bis in die neueſte Zeit wurden die Wahnſinnigen nicht wie andere Kranke, ſondern meiſt wie Verbrecher heban⸗ delt. Mit Schaudern denke ich an die Marterwerk⸗ 73 zeuge und Inſtrumente einer Tortur, die dem Mittelalter Ehre gemacht haben würde, welche ich bei Uebernahme dieſer Anſtalt als ein Vermächtniß meines Vorgängers noch vorfand. Da gab es einen Drehſtuhl, worin die Ar⸗ men, wenn ſie unruhig wurden, ſo lange im Kreiſe her⸗ umgedreht wurden, bis ſie die Beſinnung verloren; Zwangsbetten und Zwangsjacken; ſelbſt Ketten für die Raſenden, an die man lieber zuerſt die Aerzte ſelbſt hätte anſchließen müſſen.“— „Sie huldigen, wie ich ſehe, dem entgegengeſetzten Syſteme der möglichſt größten Freiheit?“ fragte der Pa⸗ ſtor, der ſich aus nahe liegenden Gründen ganz beſon⸗ ders für die Aeußerungen ſeines Begleiters intereſſirte. „Ich bin von jeher,“ antwortete dieſer,„ein Feind aller ſogenannten Syſteme geweſen und meine Praxis hat mich nur in meinen Anſichten beſtärkt. Die Natur kümmert ſich nicht um derartigen menſchlichen Schubfach⸗ kram, ſie geht ihren eigenen Weg. Wenn Sie aber durch⸗ aus ein Syſtem haben wollen, ſo nennen Sie das meinige das Syſtem der Liebe.“ „Ich verſtehe Sie und Alles, was ich hier ſehe, er⸗ füllt mich mit Bewunderung und Erſtaunen.“ „Ich bin nur den beſten Irrenärzten gefolgt, welche es ſich angelegen ſein laſſen, das Schickſal der Unglückli⸗ chen ſo mild als möglich zu geſtalten und die bisher 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 5 herrſchenden Vorurtheile zu bekämpfen. Jede andere Krank⸗ heit erregt Mitleid, der Wahnſinn in den meiſten Fällen nur Schreck und Abſcheu. Es haftet eine Art von Schimpf an dieſen Unglücklichen, ein Vorwurf, der ihnen auch dann noch bleibt, wenn ſie vollkommen geheilt ſind— ja die Welt trägt dieſe falſche Meinung ſelbſt auf die Kinder und Angehörigen noch über. Sind denn die Krankheiten des Geiſtes etwas Anderes als die des Körpers? Welch' geheimer Fluch laſtet auf ihnen? Iſt es nicht unſere Pflicht, dieſem Vorurtheile mit aller uns zu Gebote ſtehenden Energie entgegen zu treten? Ich habe es mir zur Aufgabe meines Lebens geſtellt, in jeder Weiſe das Loos dieſer Armen zu verbeſſern und zur richti⸗ gen Anſchauung ihres Zuſtandes Alles anzuwenden, was ich vermag.“ Unter dieſen Geſprächen war der Arzt mit ſeinem Begleiter in den Garten gelangt, wo ſie ebenfalls meh⸗ rere Irre fanden, welche meiſtentheils mit Arbeiten aller Art ſich im Freien beſchäftigten. Einige pflanzten, Andere harkten und gruben, noch Andere jäteten das Unkraut von den Blumenbeeten aus. Die Arbeit ſchien ihnen insge⸗ ſammt viel Vergnügen zu gewähren. Nur Wenige ſaßen oder ſtanden müſſig und in ſich gekehrt. „Nichts erweist ſich heilſamer,“ ſagte der Vorſte⸗ her im Vorübergehen,„als dieſe Beſchäftigungen im — 8u—9— N 75 Freien, die ich ganz beſonders zu begünſtigen ſuche. Jeder Kranke, deſſen Zuſtand es nur einigermaßen geſtattet, er⸗ hält ein Stückchen Land zur Bebauung, womit er ganz nach ſeinem Gefallen verfahren kann. Die Arbeit zieht ihn von ſeinen fixen Ideen ab und bewährt auch bei dieſen Unglücklichen ihren anerkannten Segen. Wo Ar⸗ beitsſcheu und Trägheit vorherrſcht und ungeachtet aller Bemühungen und Ermahnungen von meiner Seite nicht weichen will, da iſt auch die Heilung ſchwer und in der Mehrzahl der Fälle faſt unmöglich. Mit der Arbeitsluſt ſtellt ſich auch gewöhnlich die Beſſerung ein. Die Faulheit ſelbſt iſt ſchon der Beginn einer geiſtigen Krankheit; gewöhnlich erſcheint ſie mit geiſtigem Hochmuth oder Stumpffinn verbunden, wie dort bei jenen Elenden, welche ohne eine Hand zu rühren, ſich mit thieriſchem Wohl⸗ behagen von der Sonne beſcheinen laſſen.“ Damit deutete der Arzt auf eine Gruppe von Wahn⸗ ſinnigen, in deren Mitte Martha eine verwilderte Ge⸗ ſtalt erblickte, die ihr im höchſten Grade bekannt erſchien. Der Unglückliche mit dem gedunſenen Geſicht, den einge⸗ fallenen Augen, welche einem erloſchenen Krater glichen, und dem röthlich ſtruppigen Barte erinnerte ſie an den Zeitungsredakteur, den ſie öfters in Ferdinand's Geſell⸗ ſchaft geſehen hatte. Sie konnte ſich eines leiſen Schauers nicht erwehren, da ſie auch von ihm erkannt zu werden 5* fürchtete. Dies war jedoch keineswegs der Fall, trotzdem er ſie mit ſtumpfen Blicken anglotzte. Plötzlich ſprang er von der Bank, auf der er bisher brütend geſeſſen hatte; er nahm eine gebieteriſche, ſtolze Stellung an und ſtreckte befehlend ſeine Hand aus. „Nieder auf die Kniee!“ rief er mit gellender Stim⸗ me.„Beugt Euch im Staube, Ihr gemeinen Kreaturen! Wißt Ihr denn nicht, daß ich Euch geſchaffen habe, daß ich Euer Gott bin? Ha, ha, ha! Ich bin der Dalai Lama, der zum Gott beförderte Menſch. Hunderttauſend Bonzen beten mich an und ſtreuen mir ſo viel Weihrauch, daß ich es vor Geſtank nicht mehr aushalten kann, und Ihr wollt mich nicht anbeten. Ich hauche nur, und Ihr vergeht vor meinem Hauch, denn mein Athem iſt verzeh⸗ rendes Feuer.“ Dabei blies er ſeine Backen auf und hauchte in ko⸗ miſch trauriger Weiſe aus aller Leibeskraft, bis er hinter dem Paſtor den Arzt bemerkte, der ihn mit ſeinen ſtren⸗ gen Blicken anſah. Wie ein wildes Thier unter dem be⸗ zaubernden Ange des Bändigers bebte der Irre zuſam⸗ men und ſtieß ein rauhes, unverſtändliches Geheul aus, worauf er wieder in ſeinen vorigen blödſinnigen Zuſtand verſank. Da dem Doktor Martha's Schreck und ihre Theilnahme für den Wahnſinnigen nicht entgingen, ſo ſuchte er ſie mit freundlichen Worten zu beruhigen. 77 „Fürchten Sie nichts,“ ſagte er ihr freundlich. „Der Unglückliche iſt durchaus unſchädlich. Schade um den Geiſt, der hier verloren gegangen iſt. Der Mann war ein talentvoller Schriftſteller, der durch ſein liederli⸗ ches Leben und durch Selbſtvergötterung um den Verſtand gekommen iſt. Nachdem er in ſeinem früheren Leben Alles regirt und ſelbſt Gott geleugnet hat, hält er ſich nun ſelbſt für einen Gott. Leider iſt er unheilbar, indem er nach und nach vollſtändig blödſinnig wird, wenn ihn nicht der Tod noch früher von ſeinen Leiden befreit. Sie ſcheinen ſich für ſein Schickſal zu intereſſiren, um ſo mehr thut es mir leid, daß ich keine Hoffnung für ſeine Wieder⸗ geneſung habe. Vielleicht kennen Sie den Armen?“ „Ich glaubte,“ antwortete ſie ausweichend,„ihn ſchon früher geſehen zu haben, doch erinnere ich mich nur dunkel.“ Sie vermochte kaum ihre innere Bewegung zu ver⸗ bergen, die jedoch von dem Arzte überſehen wurde, da er eben zu einem neuen Patienten gerufen wurde und ſich deshalb ſchleunig verabſcheiden mußte. Bevor er ging, erſuchte er ſeine Begleiter, ſich gegen Abend nochmals ein⸗ zufinden, um mit ihnen die nähere Rückſprache wegen der Aufnahme der Paſtorin zu treffen. „ Sie ſollen noch meine Frau kennen lernen, der mein Inſtitut faſt eben ſo viel, wo nicht mehr als mir ſelber zu verdanken hat. Zugleich werden Sie eine kleine Geſellſchaft bei ihr ſehen, die ſie wöchentlich wenigſtens einmal um ſich verſammelt. Doch bitte ich, ſich gegen fünf Uhr einzuſtellen, damit wir zuvor ungeſtört unſere Geſchäfte erſt in Ordnung bringen können. Bis dahin haben Sie hinlänglich Zeit, Ihren Entſchluß zu faſſen, nachdem Sie einen Blick in das Innere meiner Anſtalt gethan haben.“ Zur beſtimmten Stunde ſtellte ſich der Paſtor in Martha's Begleitung in der Privatwohnung des Arztes ein. Da derſelbe durch ſeine Berufsgeſchäfte abgehalten wurde, ſo fanden ſie nur ſeine Frau, welche den Gäſten entgegen ging, um ſie zu begrüßen. Bei ihrem Anblick ſtieß Martha einen lauten Schrei aus. „Getrud!“ Im nächſten Augenblicke hielten ſich die Freundin⸗ nen in Gegenwart des verwunderten Paſtors umſchlungen. „Es iſt kein Traum; ich habe Dich wieder. Du biſt es?“ „Ja! ich bin es, und noch immer Deine treue Getrud.“ „Laß Dich noch einmal anſehen. Jal es ſind Deine lieben Züge, Dein gutes, freundliches Geſicht; nun ſiehſt Du weit wohler und friſcher aus; Deine Augen ſtrahlen 79 von Glück und Zufriedenheit. Ich kann mich noch gar nicht faſſen. Wie, Du wärſt—“ „Frau Doktorin, wie Du ſiehſt. Aber erzähle mir vor allen Dingen, wie Du hierher gekommen biſt?“ „Zuerſt muß ich erfahren, wie es Dir ergangen iſt. Ich habe keine Worte, um Dir meine Freude aus⸗ zudrücken.“ Und von Neuem ſanken ſich die Freundinnen in die Arme und weinten vor Seligkeit, ſich nach langer Tren⸗ nung wiedergefunden zu haben. Unterdeß war auch der Arzt eingetreten; einige Worte ſeiner Frau genügten ihn über dieſe unverhoffte Begegnung aufzuklären; er theilte ihre Freude und hieß Martha, die ihm ſchon zum Theil durch Getrud's Erzählungen bekannt war, jetzt doppelt willkommen. Während er mit dem Paſtor in das benach⸗ barte Zimmer ſich zurückzog, überließ er die beiden Frauen ihren vertraulichen Mittheilungen. „Ich glaube noch immer zu träumen,“ ſagte Mar⸗ tha tief ergriffen. „Wer hätte das auch ahnen können, daß wir uns hier begegnen würden. Ich habe oft an Dich gedacht und auch Erkundigungen über Dich eingezogen. So erfuhr ich, daß Du Gethſemane verlaſſen; aber Niemand wußte mir zu ſagen, wohin Du Dich gewendet haſt. Nun finde ich Dich in der nächſten Nähe, während ich Dich in weiter Ferne ſuchte.“ „Es war natürlich, da ich mich gezwungen ſah, einen andern Namen anzunehmen. Laß mich von meiner Vergangenheit ſchweigen; ſie iſt leider voll trüber Erin⸗ nerungen für mich. Lieber will ich mich an Deinem Schick⸗ ſal freuen, das ſich, wie ich glauben muß, günſtig für Dich geſtaltet hat, wie Du es in ſo reichem Maße auch verdienſt. Dein Glück ſoll mich über meine traurigen Er⸗ fahrungen tröſten.“ „Ich bin in der That weit glücklicher, als ich es Dir ſagen kann. Die Vorſehung hat mich wunderbar durch Finſterniß zum Licht, durch Leiden zur höchſten Wonne geleitet. Du weißt, in welchem Zuſtande ich Gethſemane verließ. Die Störung meines Geiſtes machte meine Aufnahme in eine Irrenanſtalt nöthig; ſo wurde ich von meinen Verwandten hierher gebracht, wo ich nach und nach durch die Bemühungen meines jetzigen Mannes genas. Wie kann ich Dir die liebevolle Sorgfalt, die zarte Schonung ſchildern, welche mir der Herrliche er⸗ wies. Er gab mir nicht nur die Geſundheit, ſondern ein ſchöneres und beſſeres Daſein wieder. Er war für mich im eigentlichen Sinne ein Erlöſer aus der Nacht des Wahnes, der mich nicht nur zu jener Zeit, wo wir uns trennen mußten, ſondern ſchon ſeit Jahren umfangen 81 hielt. Durch meinen Gatten lernte ich erſt die andauernde Verirrung kennen, in die mich ein falſcher religiöſer Ei⸗ fer geſtürzt hatte. Er verſcheuchte durch ſeine milde Ueber⸗ redungskraft die finſteren Einbildungen und Geſpenſter meiner Phantaſie, welche mir die Hölle mit allen ihren Schrecken malten. Durch ihn erhielt ich zunächſt eine richtige Anſchauung von dem Glauben eines wahren Chriſten, das Vertrauen zu Gottes Vaterhuld, der nicht will, daß ſeine Kinder auf dieſer Erde unglücklich werden, ſondern ſich an ſeiner ſchönen Schöpfung freuen. Der Zwieſpalt meines Innern löſ'te ſich in milde Harmonien auf, ich wurde ruhiger und erkannte meine Täuſchungen. Sobald meine Geneſung ſo weit vorgeſchritten war, daß ich mich wieder beſchäftigen konnte, erbot ich mich frei⸗ willig zur Pflege meiner früheren Unglücksgenoſſen. Es war dies die beſte und einzige Art, wie ich meinen Dank für ſeine Wohlthaten und für meine Rettung bethätigen konnte. Ich hätte ihm als Magd gedient, wenn er es von mir gefordert hätte. Meine Demuth und die Freu⸗ digkeit, womit ich meine Pflicht übte, mochte ihm gefallen haben. Er näherte ſich mir, gab mir ſeine Zufriedenheit zu erkennen und nahm ſich liebevoll meiner vernachläſſig⸗ ten Bildung an. Von ihm erhielt ich jetzt ſolche Bücher geliehen, welche vollends die Nebel meines Geiſtes zer⸗ ſtreuten und mich mit jener wahren Frömmigkeit erfüll⸗ ten, die nicht die Welt zu verdammen, ſondern zu erhe⸗ ben und zu läutern ſucht. Nachdem ich ein halbes Jahr unter ſeinen Augen mich gebildet hatte, überraſchte er mich mit einem Antrage, der mich mit dem größten Stolz erfüllen mußte. Nicht eine ſtürmiſche und blinde Leidenſchaft, ſondern das Gefühl der höchſten Achtung führte mich in ſeine Arme. Jene frühere Thorheit, die mich ſo unglücklich zu machen drohte, hatte ich längſt ver⸗ geſſen, oder vielmehr mit meiner Krankheit abgethan. Erſt jetzt weiß ich, was die wahre Liebe iſt, die einzig und allein auf gegenſeitige Neigung und Achtung beruhen muß, wenn ſie uns Heil bringen ſoll.“ Mit ſteigender Theilnahme hatte Martha die Er⸗ zählung ihrer Freundin angehört, der ſie von ganzem Herzen das wohlverdiente Glück gönnte. Zugleich be⸗ merkte ſie mit angenehmen Erſtaunen die vortheilhafte Veränderung, welche in kurzer Zeit mit Getrud vor⸗ gegangen war. Dieſe hatte ſich ſowohl körperlich, als auch geiſtig bedeutend verändert. Die blaſſe Farbe der Wangen war einer lieblichen Röthe gewichen; die ſanften blauen Augen glänzten von Zufriedenheit und ſpiegelten das innere Glück wieder. Ihre Züge hatten an Ausdruck und Beweglichkeit gewonnen, die ganze Geſtalt war ela⸗ ſtiſcher, ihre Haltung ſicherer geworden. In ihrer Un⸗ terhaltung zeigte ſie die Fortſchritte, welche ſie dem Un⸗ 83 terricht ihres trefflichen Gatten zu verdanken hatte. Die Beſchränktheit ihrer bisherigen Anſichten hatten einer freieren Auffaſſung aller Verhältniſſe Platz gemacht, ohne daß ſie darum ihre zarte Weiblichkeit und Beſcheidenheit eingebüßt; ſie war ſelbſtſtändiger, feſter und doch dabei mild und weich wie die reife Frucht voll Süßigkeit in ihrer abgerundeten Vollendung. Mit einem keineswegs ſchmerzlichen Lächeln gedachte ſie der Vergangenheit und ihrer früheren Leidenſchaft für den Doktor Philipp in Gethſemane. b „Ich weiß jetzt,“ ſagte ſie zu Martha,„daß jene Neigung nur ein Irrthum meines Herzens war. Auf Umwegen hat mich die Vorſehung zu einem ſchönen Ziele und der Beſtimmung des Weibes entgegengeführt. Ich wäre mit dem Egoiſten nie glücklich geworden; er hätte mich nie verſtanden. In jener klöſterlichen Abgeſchieden⸗ heit glich mein Daſein einer Pflanze, welche in der Dun⸗ kelheit und auf ſteinigem Boden ſich nach Licht und Nah⸗ rung ſehnt; ſie muß dem angeborenen Triebe folgen, und da ſie nicht ihr Lebenselement auf natürliche Weiſe errei⸗ chen kann, ſo klammert ſie ſich an den harten Felſen, der ihr keine Nahrung gibt, rankt ſie an den eiſernen Stäben ihres Kerkers empor, welche ihr den Anblick der Sonne rauben. Nur in der Freiheit kann das Herz ge⸗ deihen, wächſt die Liebe und entfaltet ihre ſchönſten Blüthen.“ „Wohl Dir, daß Dich der Himmel ſo wunderbar beſchützt und Dir nach harten Prüfungen ein ſolches Glück geſchenkt hat.“ Martha's Worte klangen zwar freudig und aus vollem Herzen, aber wie eine Klage über ihr eigenes Ge⸗ ſchick. Bald verſchwand indeß die trübe Wolke von ihrer Stirn und ſie verſcheuchte die aufſteigende Trauer wegen ihrer Verlaſſenheit. Getrud bemerkte wohl dieſe vorüber⸗ gehende Stimmung und nahm die Freundin liebevoll an der Hand. „Komm!“ ſagte ſie,„wir wollen zu den Herren zu⸗ rückkehren, die hoffentlich ihr Geſchäft ſchon beendet ha⸗ ben werden. Natürlich laſſe ich Dich nicht fort.“ Unterdeß hatte ſich auch die Geſellſchaft eingefun⸗ den, welche der Arzt in ſeinen Mußeſtunden um ſich zu verſammeln pflegte; ſie beſtand zum großen Theil aus den Aſſiſtenten der Anſtalt, Geneſenen, Reconvaleszenten und— Irren, deren Zuſtand eine derartige Zerſtreuung erlaubte. Der Doktor machte ſeine neuen Gäſte mit die⸗ ſem ſeltſamen Umſtande zuvor bekannt. „Ich gehe,“ fügte er hinzu,„dabei von dem Grund⸗ ſatze aus, daß man ſo viel als möglich dieſe Unglück⸗ lichen an ſich heranziehen ſoll und die Brücke nicht ab⸗ brechen darf, die ſie mit der übrigen Menſchheit noch ver⸗ bindet. Man muß im Gegentheil dieſen Zuſammenhang 8⁵ nach allen Seiten hin befördern und ſie in jeder Bezie⸗ hung den Geſunden gleich zu ſtellen ſuchen. Schon der Zwang, den ſie ſich dabei anthun müſſen, wirkt im höch⸗ ſten Grade vortheilhaft, noch mehr das gehobene Selbſt⸗ gefühl und der geweckte Stolz, womit ſie das ihnen ge⸗ ſchenkte Zutrauen durch ihr Betragen zu rechtfertigen ſich bemühen.“ „Sie ſprechen,“ entgegnete der Paſtor beiſtimmend, „eine große Wahrheit aus, die man nicht nur auf dem Gebiete der Pathologie, ſondern auch der Moral ſtets beherzigen ſollte. Wie Sie Ihre Kranken, ſo müßte man eigentlich jeden Sünder und Verbrecher behandeln. Statt deſſen zieht ſich die Geſellſchaft von den Gefallenen mit Abſcheu zurück. Wir würden jedoch beſſer thun und wie wahre Chriſten unſere Pflicht erfüllen, wenn wir ebenfalls ihr Selbſtgefühl zu wecken ſuchten und dem verlorenen Bruder unſere Hand entgegen ſtreckten. Auch die Sünde iſt nur eine Krankheit der Seele, eine Verirrung, die nicht geſtraft, ſondern geheilt werden muß.“ „Und in dieſem Sinne begrüße ich Sie gern als einen würdigen Collegen. Der Arzt und der Prieſter kön⸗ nen nur dabei gewinnen, wenn ſie Beide Hand in Hand gehen, wie dies in früheren Zeiten der Fall war, wo Arzt und Prieſter ungetrennt und in einer Perſon ver⸗ einigt waren.“ Die trefflichen Männer, welche in jeder Beziehung einander würdig waren, drückten ſich zum Zeichen des Einverſtändniſſes die Hand. Ohne gerade Freimaurer zu ſein, hatten ſie ſich als Brüder erkannt, die zu dem gro⸗ ßen ſchönen Orden„der Menſchheit“ gehörten. Eine ergreifende Muſik machte ihrem Geſpräche ein Ende. Der Arzt, der die Macht dieſer Kunſt auf das menſchliche Gemüth hinlänglich erprobt hatte und ſelbſt ein gebildeter Muſiker war, benutzte die Geſchicklichkeit einiger ſeiner Patienten, um eine kleine Hauskapelle zu bilden, welche an beſtimmten Tagen die übrige Geſſell⸗ ſchaft durch ihre Leiſtungen erfreute. Es war bewunde⸗ rungswerth, mit welcher Sicherheit und Feinheit dieſes ſeltſame Orcheſter die ſchwierigen Sonaten eines Mozart und Beethoven vortrug, noch bewunderungswerther aber die Empfänglichkeit und Aufmerkſamkeit dieſes kaum wie⸗ derkehrenden Auditoriums. Die Meiſten ſchienen tief ge⸗ rührt und drückten ihre Empfindung in verſchiedener Weiſe aus. Während die Einen leiſe mit Händen und Füßen den Takt ſchlugen und mit lebhaften Gebärden dem Melodienfluße folgten, ließen Andere ihren Thrä⸗ nen freien Lauf, indem ſie wohl ſich mit ſüßer Wehmuth der vergangenen Zeiten und ihrer Angehörigen erinnern mochten. Jene bleiche Frau mit den umflorten Augen dachte gewiß an ihr zurückgelaſſenes Kind; dort der alte 87 Mann an ſeine Iugend; der Ehrgeizige vergaß ſeinen Stolz, der überſpannte Gelehrte, welcher über eine neue Entdeckung ſeinen Verſtand verloren hatte, die fixen Ideen, die ihn verfolgten; jene eitle Dame, die ſich für eine vornehme Prinzeſſin hielt, träumte ſich als glückliche Schäferin, und der Irre neben ihr, der in ſeiner Einbil⸗ dung Millionen verſchenkte, lauſchte mit Befriedigung den ſüßen Tönen der Muſik. Die alte Sage von Orpheus und der Macht des Geſanges ſchien ſich hier zu wieder⸗ holen. Wie dieſer einſt die wilden Thiere des Waldes durch den Zauber ſeiner Kunſt gebändigt, lebloſe Steine und Bäume gerührt und bewegt, ſo bändigte auch der treffliche Arzt durch ſein Orcheſter die wilden Leidenſchaf⸗ ten ſeiner Pfleglinge und weckte den gefangenen Geiſt aus tiefem Schlaf.— Nach dem Konzerte fand erſt Martha wieder Gelegenheit mit Getrud, welche von den Irren wahrhaft angebetet und wie eine Heilige verehrt wurde, einige flüchtige, aber herzliche Worte zu wechſeln, bevor ſie von ihr Abſchied nahm. „Wenn es irgend möglich iſt,“ ſagte dieſe,„ſo mußt Du bald wiederkehren und einige Zeit bei mir ver⸗ weilen, um Dich von meinem häuslichen Glück zu über⸗ zeugen. Wie würde ich mich freuen, Dich an der Seite eines geliebten und würdigen Mannes zu ſehen.“ „Der Fall wird wohl nie eintreten,“ entgegnete Martha kopfſchüttelnd und mit trübem Lächeln. „So hab' ich früher ebenfalls gedacht, und doch iſt es ganz anders gekommen. Wenn ſich erſt der Rechte zeigt, dann ſchwinden alle Bedenken und das Herz ſpottet unſerer Vorſätze.“ „Wenn der Rechte kommt“— wiederholte die Freundin nachdenklich und ohne zu vollenden. „Er wird kommen.“ „Dann bin ich verloren.“— Fünftes Gapitel. Die räthſelhaften Abſchiedsworte Martha's ſpra⸗ chen nur ihre innerſte Ueberzeugung aus; ſie hatte mit ſich abgeſchloſſen und auf das Glück verzichtet, welches ihrer Freundin in ſo reichem Maße zu Theil geworden war. Für ſie gab es keine Zukunft mehr, alle ihre Hoff⸗ nungen waren begraben; ihrem Herzen hatte ſie Schwei⸗ gen aufgelegt; ſie hielt es für todt, und wenn ſie je daran dachte, daß es wieder erwachen könnte, ſo zitterte ſie von banger Furcht ergriffen. Schon ſeit einiger Zeit befand ſie ſich in Folge der vorangegangenen Anſtrengungen in einer krankhaften Gemüthsſtimmung. Die fortwährende Geſellſchaft, die ſie der ſelbſt geiſteskranken Paſtorin ge⸗ leiſtet hatte, war nicht ohne Einfluß auf ihre Geſundheit geblieben. Jener eigenthümlichen Atmosphäre, welche wie ein verderbliches Contagium den Wahnſinn umgibt, war auch ſie nicht gänzlich entgangen. Die Folge war eine 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 6 90 gewiſſe nerveuſe Reizbarkeit, ein Hang zu trüben, melan⸗ choliſchen Gedanken, denen ſie ſich von Neuem überließ. Mit ſteigender Beſorgniß bemerkte der würdige Paſtor dieſe ſichtbare Veränderung an ihr, die er geneigt war, einer übermäßigen Strenge in der Erfüllung ihrer Pflich⸗ ten und der Reue über ihre Vergangenheit zuzuſchreiben. Er bat ſie deshalb ſich mehr zu ſchonen und behandelte ſie mit der ihm eigenen Rückſicht und Zartheit; von dem Geiſte echter Chriſtenliebe beſeelt, ſprach er mit ihr wie ein Vater zu ſeinem verirrten und wieder zurückgekehrten Kinde. „Wie, Martha?“ ſagte er, indem er ihre Hand ergriff,„Sie zweifeln noch immer an der Güte und Barmherzigkeit des himmliſchen Vaters, indem Sie ſich einem ungerechtfertigten Schmerze überlaſſen. Was fehlt Ihnen, warum betrüben Sie ſich? Reden Sie offen mit mir wie mit Ihrem beſten Freunde; vertrauen Sie mir Ihren Kummer an, wie Sie es ſchon früher gethan ha⸗ ben. Vermiſſen Sie irgendwie die Liebe und Achtung in meinem Hauſe, deſſen Stütze Sie in kurzer Zeit gewor⸗ den ſind?“ „Ich habe mehr Liebe hier gefunden, als ich jemals hoffen durfte und verdiene.“ „Reden Sie nicht ſo geringſchätzig von ſich ſelber. Ich weiß am beſten, wie reichlich Sie meine unbedeuten⸗ 91 den Dienſte, die ich mehr mir als Ihnen leiſtete, ver⸗ golten haben. Dies Bewußtſein ſollte Sie erheben, ſtatt deſſen ſind Sie traurig und verzagt. Faſt muß ich be⸗ fürchten, daß die trüben Rückerinnerungen Ihren Frieden ſtören, daß Sie ſich einer Reue überlaſſen, welche durch Uebermaß Sie aufzureiben droht. Wohl iſt die Reue ein Gott gefälliges Gefühl, aber ſie darf nicht die innere Kraft und die äußere Geſundheit dem Menſchen rauben, nicht die Energie der Seele lähmen und in eine ohn⸗ mächtige Gefühlsſchwärmerei verfallen. Die beſte Reue i*ſt diejenige, welche durch edle Handlungen die begangene Schuld zu ſühnen ſucht; die wahre Buße offenbart ſich durch preiswürdige Thaten und wird ſo die Mutter gro⸗ ßer Entſchlüſſe. In dieſem Sinne haben Sie bisher ge⸗ büßt, und darum dürfen Sie auch die vollkommene Ver⸗ zeihung des Allerbarmers hoffen. Muth, Muth, Mar⸗ tha! Bekämpfen Sie dieſe trübe Stimmung, werden Sie wieder Herrin Ihrer Traurigkeit; ein fröhliches Herz dient immer Gott am beſten.“— Mit ſolchen Worten ſuchte der würdige Paſtor die Betrübte aufzurichten. Er gehörte nicht zu jenen finſteren Zeloten, welche ohne Aufhör Buße und Entſagung for⸗ dern; ſein Glaube war die milde, ſchöne Religion der Liebe, er ſelbſt ein wahrer Jünger des Evangeliums. In ſeiner Gemeinde gab es keinen Bekümmerten, den er nicht 6* 92 tröſtete, keinen Bedürftigen, dem er nicht mit Freudigkeit beiſprang. Seine Thätigkeit beſchränkte ſich nicht auf das ſonntägliche Predigen und die gewöhnliche Kinderlehre; er war mit den inneren und äußeren Verhältniſſen ſei⸗ ner Pfarrkinder hinlänglich bekannt und half, wo ſeine Hilfe in Anſpruch genommen wurde. In jeder Familie war er eine willkommene Erſcheinung und gleichſam als der allgemeine Schiedsrichter angeſehen. Wo es Streit und Zank gab, ſtifftete er Frieden und verſöhnte die Ha⸗ dernden. In die Hütten der Armen und Kranken trug er meiſt unaufgefordert ſeine Hilfe, die ſich nicht nur auf den geiſtlichen Zuſpruch und bloße Worte beſchränkte. Dafür wurde er auch von dem ganzen Dorfe und der Umgegend geliebt und verehrt, und wo er ſich zeigte, flogen ihm die Herzen entgegen. Auch Martha bekämpfte aus Liebe für ihn ihre Verſtimmung und ſuchte wieder heiter zu ſchei⸗ nen, wenn ſie es auch in Wirklichkeit nicht war.— Ihm zu Gefallen entſchloß ſie ſich jetzt einer wiederholten Einladung der Baronin nach dem Schloſſe Folge zu ge⸗ ben und ihn dahin zu begleiten, obgleich ſie einen inneren Widerwillen gegen jede größere Geſellſchaft empfand und weit lieber bei den Kindern geblieben wäre, die mit glei⸗ cher Liebe an ihr hingen.— Seit jener Begegnung im Walde hatte ſie Rudolph nur ſelten und ſtets flüchtig ge⸗ ſehen; dies hinderte jedoch nicht den enthuſiaſtiſchen jun⸗ gen Mann jenen erſten bedeutenden Eindruck feſt zu hal⸗ ten und ihr Bild mit ſich herumzutragen. Ihm allein hatte ſie auch die Auszeichnung zu verdanken, zu den mu⸗ ſikaliſchen Abendunterhaltungen ſeiner Mutter zugelaſſen zu werden. Es koſtete der ſtolzen Baronin einige Ueber⸗ windung, ein Mädchen in ſo untergeordneter Stellung in ihre gewählten Kreiſe aufzunehmen, aber die überſchwäng⸗ liche Schilderung des Sohnes von Martha's Talent und ihre eigene Vorliebe für die Kunſt beſiegten jene aufſtei⸗ gende Bedenklichkeiten. „Man muß es nicht ſo genau nehmen,“ ſagte ſie zu ihrer Beruhigung.„In der Reſidenz haben Schauſpieler und Sänger Zutritt zu der beſten Geſellſchaft. Wenn dieſe Gouvernante nur halb ſo viel leiſtet, wie Du mir ſagſt, ſo rechtfertigt ſie meine Einladung, wenn auch ei⸗ nige meiner Gäſte darüber die Naſe rümpfen werden.“ „Du mußt ſie hören, und dann wirſt Du ſie wie ich bewundern,“ entgegnete Rudolph.„Ich bin überzeugt, daß auch Du ſie bedeutend finden wirſt.“ „Man iſt von Dir gewohnt, daß Du übertreibſt. Dein romantiſcher Sinn hat Dich ſchon oft getäuſcht. Wann wirſt Du einmal die Dinge und die Menſchen nehmen, wie ſie wirklich ſind. Ich verlange darum nicht, daß Du ein Spießbürger, ein Philiſter werden ſollſt, aber ein kleiner Zuſatz von Proſa könnte Dir nichts ſcha⸗ 94 den. Zum Glück ſind Deine Schwärmereien nie von lan⸗ ger Dauer. Ich fürchte, daß auch Deine Gouvernante vor der Kritik viel von ihrem Nimbus verlieren wird.“ Die Neugierde der Baronin war indeß durch Ru⸗ dolph's Schilderung erregt und darum verzichtete ſie auf ihre gewöhnlichen Vorurtheile. An eine Gefahr für das Herz ihres Sohnes hatte ſie noch gar nicht gedacht; jede derartige Befürchtung wäre ihr nur lächerlich vorgekom⸗ men. Die Möglichkeit, daß der Baron von Hanſen, der Erbe eines ſolchen Namens und die vorzüglichſte Partie in der ganzen Nachbarſchaft, jemals eine bürgerliche Gou⸗ vernante berückſichtigen könnte, lag ihrem Stolz ſo fern, daß ſie eine derartige Idee gar nicht faſſen konnte. Das ſchwärmeriſche Lob, welches er Martha ertheilte, hatte für ſie nichts Auffallendes; ſie ſchrieb es auf ſeine enthuſia⸗ ſtiſche Natur und auf ſeine Kunſtſchwärmerei, die ihr hinlänglich bekannt waren. Darum nahm ſie auch keinen Anſtand, Martha in Begleitung des Paſtors auf das Schloß zu laden, wie ſie jede andere Künſtlerin der Haupt⸗ ſtadt eingeladen hätte. Die Geſellſchaft, welche die Baronin um ſich zu verſammeln pflegte, beſtand zumeiſt aus dem Adel der Umgegend, einigen reichen Gutsbeſitzern mit ihren Söh⸗ nen und Töchtern. Der Paſtor war bisher die einzige bürgerliche Perſon in dieſem Kreiſe und hatte dieſen Vor⸗ 9⁵ zug eben ſo ſehr ſeiner geiſtlichen Stellung wie der allge⸗ meinen Achtung zu verdanken, in der er ſtand. Dazu kam noch, daß er ein Studienfreund des alten Barons war und gleichſam zur Familie mitgerechnet wurde. Es gab kein Ereigniß in derſelben, das ihm verſchwiegen blieb; bei jeder Gelegenheit hörte man auf ſeinen Rath und ſein Urtheil, die auch meiſt befolgt wurden. Dieſem Um⸗ ſtande hatte er auch von Seiten der Anweſenden den freundlichen Empfang zu verdanken, der ihm zu Theil wurde. Anders war dies mit Martha der Fall, welche zum Erſtenmal und vollkommen fremd in dieſen Kreis trat, wo ſie nothwendiger Weiſe auf manche Vorurtheile ſtoßen mußte. Die Frauen beſonders ſahen mit einer ge⸗ wiſſen Geringſchätzung auf die Gouvernante herab, un⸗ ter welchem Titel ſie der Geſellſchaft vorgeſtellt wurde. Niemand hängt mehr an Formen und weiß ſich mit un⸗ nahbareren Schranken zu umgeben, als das weibliche Geſchlecht, das im guten wie im ſchlechten Sinne ſeine konſervative Geſinnung ſtets behauptet.— Selbſt die ge⸗ bildete Baronin vermochte ſich nicht von den Vorurtheilen ihres Standes ganz los zu machen, und Martha empfand ungeachtet des liebenswürdigen Empfanges von Seiten der Wirthin, daß ſie hier nur wegen ihres Talentes ge⸗ duldet wurde. Die höfliche Kälte, mit der man ihr begeg⸗ nete, konnte ihr nicht entgehen; ihr Stolz wurde dadurch 96 geweckt und ſie verſchmähte es, ſich aufzudrängen. Sie hatte ſich in einen Winkel des Saales zurückgezogen, wo ſie einige Zeit verlaſſen blieb, bis ſie von Rudolph, der mit einigen Anordnungen noch im nächſten Zimmer be⸗ ſchäftigt war, bemerkt wurde. Die auffallende Vernach⸗ läſſigung, welche Martha unverſchuldet erlitten, ſchmerzte ihn tief, und er beeilte ſich den Fehler der Andern wieder gut zu machen. Von ſeinem ritterlichen Gefühl geleitet, hielt er es für ſeine doppelte Pflicht, ſich eben ſo ſehr der Iſolirten anzunehmen, wie den ihm bekannten Vorur⸗ theilen ſeiner Standesgenoſſen entgegenzutreten. Er that dies mit einem Eifer, der ihn ſogar verſchiedenen Miß⸗ deutungen ausſetzte. Zu ſeiner Rechtfertigung aber ließ ſich anführen, daß er nicht nur für Martha, ſondern für jede Dame in einem ähnlichen Falle ebenſo wie jetzt ge⸗ handelt hätte. Die Aufmerkſamkeit, welche er ihr erwies, galt nicht nur ihrer Perſon, ſondern eben ſo ſehr der Sache, die er glaubte vertheidigen zu müſſen. Ohne mit ſeinen liberalen Geſinnungen zu prunken, war er ein ent⸗ ſchiedener Gegner jeder Ueberhebung ſeines Standes über Andere. Weil er ein wahrer Ariſtokrat im beſten Sinne war, ſchätzte er die Menſchen nicht nach den Zufälligkeiten ihrer Geburt, ſondern nach dem inneren Werthe und den Eigenſchaften des Geiſtes und des Herzens. Darum fragte er auch nichts nach der Meinung der Geſellſchaft, 97 noch beachtete er das ſpöttiſche Lächeln und die Blicke der jungen Damen, welche ihn aufzufordern ſchienen, einen würdigeren Gegenſtand für ſeine Aufmerkſamkeit zu wäh⸗ len— ja der junge Enthuſiaſt ſchien eine gewiſſe Freude daran zu finden, ſie für ihr unfreundliches Benehmen zu beſtrafen, was ihm auch vollkommen gelang, da die Meiſten kaum ihren Aerger zu verbergen wußten. Daß Martha als die unſchuldige Urſache ſolcher Kränkungen eine Anzahl von Feindinnen ſich an dieſem Abende machte, bedarf wohl erſt nicht erwähnt zu werden. Zu den belei⸗ digten Töchtern geſellten ſich die gekränkten Mütter und bildeten einen furchtbaren Chor der Rache, welcher nur auf eine Gelegenheit lauerte, die Anmaßung dieſer„Per⸗ ſon“ nach Gebühr zu beſtrafen. Zwar urtheilten die an⸗ weſenden Herren über die„Gouvernante“ weit milder als die weiblichen Richter, ja es gab darunter einige Böſewichter, welche Martha ſchön zu finden wagten und Rudolph um ſeine Nachbarin beneideten; aber dieſe ver⸗ ruchte Anſichten, welche nach entſchiedener Demokratie ſchmeckten, wurden nur verſtohlen geäußert, weil man ſonſt die Gunſt der Damen für einige Zeiten verſcherzt hätte. Wehe einem ſolchen Frevler! Ihm wäre eher ein Verbrechen, als ein derartiges Geſtändniß verziehen wor⸗ den.— Aus demſelben Grunde war auch der Beifall, den Martha für ihren Geſang davon trug, weit minder ſtür⸗ 98 miſch, als dies unter andern Vehältniſſen der Fall ge⸗ weſen wäre. Sie ſang zuerſt die Schubert'ſche Compo⸗ ſition von Heine's ſchönem Liede„Am Meere“ mit be⸗ wunderungswerthem Ausdrucke, den jedoch einige ältere Damen zu nutrirt und leidenſchaftlich fanden. Ihr eigener Schmerz zitterte in den bewegten Tönen wieder; all' das Leid einer betrübten Seele, alle Wehmuth ihres Her⸗ zens ſtrömte im Geſange aus. Sie vergaß, wo ſie ſich befand, und überließ ſich ganz und gar ihrer künſtleriſchen Begeiſterung.— Es lag eine zwingende Gewalt in dem Zauber ihrer Stimme, die weniger durch ihre Stärke und ihren Umfang, als durch ihren geiſtigen Gehalt die Hörer ergriff. „Sie ſind eine wahre Künſtlerin,“ ſagte die Ba⸗ ronin abſichtlich ſo laut, daß ſie von Allen gehört wer⸗ den konnte.„Nur von der Schröder⸗Devrient habe ich einen ſolchen Vortrag gehört.“ Martha verneigte ſich und lehnte das allzu freund⸗ liche Lob von ſich ab, welches die kluge Wirthin nur des⸗ halb ſo auffallend laut ertheilte, um ihre Einladung vor den übrigen Gäſten zu rechtfertigen. Weit wahrer und uneigennütziger war der Beifall, den ihr Rudolph zu Theil werden ließ. So lange ſie ſang, hatte er ſeine Augen auf ſie gerichtet; nur mit Mühe unterdrückte er die ſich vordrängenden Thränen einer tiefen Rüh⸗ 99 rung. Als ſie geendet hatte, trat er an ſie heran, um ſchweigend ihre Hand zu küſſen. Dieſe Huldigung wurde natürlich von allen Seiten bemerkt und ſcharf bekritelt. „Mein Gott!“ ſagte eine reiche Gutsbeſitzerin und Mutter mehrerer heirathsfähigen Töchter;„die Perſon hat eine ganz angenehme Stimme, aber ſie übertreibt. Wenn meine Laura ſo theatraliſch ſingen und dabei die Augen verdrehen wollte, ſo würde es ihr auch nicht an Beifall fehlen. Aber ich möchte es ihr nicht gerathen ha⸗ ben, ſelbſt wenn ihr auch der junge Hanſen dafür zehn⸗ mal die Hand küſſen wollte.“ „Zu meiner Zeit,“ entgegnete ihre ſtiftsfähige Nach⸗ barin, ein altes boshaftes Fräulein,„bezahlte man derar⸗ tigen Sängerinnen und ließ ſie laufen, nachdem ſie die Geſellſchaft amüſirt hatten. In der That ich begreife unſere gute Baronin nicht, daß ſie uns mit einer Gou⸗ vernante zuſammenbringt; aber ſie hat keinen Willen mehr und läßt ſich von Monsieur Rudolphe und ſei⸗ nen Schwärmereien anſtecken. Wenn das ſo fortgeht, werde ich mich von ihr zurückziehen müſſen. Ich liebe nicht mit Domeſtiken umzugehen.“ „Der Skandal!“ eiferte eine jüngere Dame;„ei⸗ ner Gouvernante die Hand zu küſſen.“ „Und noch dazu öffentlich vor allen Augen,“ be⸗ 100 merkte ihr Bruder.„So etwas läßt man ſich wohl im Stillen gefallen, aber nicht in größerer Geſellſchaft.“ So gab es auch nicht eine einzige Stimme in dem ganzen Saal, von der nicht Rudolph wegen ſeines un⸗ verantwortlichen Benehmens getadelt wurde. Weit mehr noch verdammten die anweſenden Damen aber die arme Martha, weil ſie ohne ihren Willen und Zuthun ſich hatte die Hand von ihm küſſen laſſen. Man hielt ſie für eine entſchiedene Coquette, für ein höchſt intriguantes Frauenzimmer, das es nur darauf anlegte, den jungen, unerfahrenen Baron durch hölliſche Künſte zu beſtricken. Es gab ſelbſt einige mitleidige Seelen, meiſt Mütter und Tanten von erwachſenen Töchtern, die es für ihre Pflicht erachteten, der Baronin die Augen zu öffnen und auf die Gefährlichkeit der„Perſon“ bei der nächſten Gelegenheit aufmerkſam zu machen.— Nachdem die Baronin unter rauſchendem Beifalle eine Sonate von Beethoven für das Klavier vorgetragen und mehrere vierſtimmige Lieder ge⸗ ſungen worden waren, kam die von den meiſten Gäſten erſehnte Zeit des Abendbrotes. Die älteren und beſonders die jüngeren Herren beeilten ſich die Damen zu Tiſch zu führen. Nur Martha blieb allein und ſah ſich ver⸗ nachläſſigt, da kein Mann es wagen wollte, der öffent⸗ lichen Meinung Trotz zu bieten. Sie blickte ſich verlegen im Saale um und ſchien den Paſtor zu ſuchen, der jedoch 101 mit dem Baron von Hanſen ſich ſo angelegentlich unter⸗ hielt, daß er ihre Beſtürzung nicht bemerken konnte. Ihre Lage wurde noch peinlicher durch die höhniſchen Blicke und das ſchadenfrohe Lächeln der Andern; augenſchein⸗ lich war es auf eine empfindliche Beſchämung für die Gouvernante abgeſehen. Mit glühenden Wangen und in⸗ nerlich empört wollte Martha, deren Stolz eine ſolche Behandlung am wenigſten ertragen konnte, den Saal und das Schloß verlaſſen, ſelbſt auf die Gefahr hin, ihren Rückweg allein antreten müſſen. Da ſtürzte Rudolph, welcher in der Verwirrung ſie nicht gleich gefunden hatte, eiligſt auf ſie zu, um ihr ſeinen Arm anzubieten. Dieſe unter ſolchen Verhältniſſen höchſt heroiſche Handlung er⸗ regte das größte Aufſehen. Es war, als ob ſich etwas Ungeheueres begeben hätte, und die ganze noble Geſell⸗ ſchaft erſchrak förmlich vor einer Kühnheit ohne Gleichen. Man ziſchelte, flüſterte, ſteckte die Köpfe zuſammen und war höchſt empört und indignirt über ein ſolches Betra⸗ gen. Töchter jammerten, Mütter klagten, Väter grollten über dieſe jakobiniſche Verruchtheit. Was ſollte aus dem Staat und der Welt noch werden, wenn ein Baron von Hanſen eine bürgerliche Gouvernante zu Tiſche führte? Wo gab es noch eine Schranke für die niedrigende Sit⸗ tenverderbniß, wo eine Grenze für die deſtruktiven Ten⸗ denzen der Gegenwart? Die heiligſten Grundſätze wa⸗ 10² ren verletzt, die ehrwürdigſten Traditionen erſchüttert.— Von Beſtürzung konnte das alte Fräulein nicht einmal ſeiner Entrüſtung Luft machen; zum Erſtenmal in ihrem ganzen Leben war ihre Zunge gelähmt und die Sprache verſagte ihr. Ihr gelber Teint wurde noch gelber und ihre dürren Glieder zitterten von Scheitel bis zur Zehe; ſelbſt die Feder in ihren falſchen Haaren ſträubte ſich wie das Gefieder einer wüthenden Gluckhenne. Nicht minder war die reiche Gutsbeſitzerin mit ihren ſechs wohlerzo⸗ genen Fräulein von dieſem grauenvollen Vorfall ergrif⸗ fen, der alle ihre müterlichen Hoffnungen zu Boden ſchlug. Darum hatte ſie die Töchter neu gekleidet, darum eine Putzmacherin aus der Stadt auf das Land kommen laſſen und Unſummen für rothe, grüne, gelbe Bänder und Spitzen verſchwendet, darum ihnen die weiſeſten Lehren gegeben, wie ſie ſich benehmen ſollten, um dem jungen Baron zu gefallen.— Das Gräßliche war geſche⸗ hen und ließ ſich nicht ändern. An der Seite einer Gou⸗ vernante ging Herr Rudolph von Hanſen, Arm in Arm mit ihr, um ſie zu Tiſch zu führen. Sein Geſicht ver⸗ rieth auch nicht die geringſte Reue über einen ſo großen Fehltritt; er ſah im Gegentheil ſo vergnügt und heiter aus, wie ſonſt nie zuvor. Sollte man es glauben, daß der junge Mann bereits ein ſo verſtockter Böſewicht war?— In der That ſchien Rudolph kaum zu ahnen, welch' ein Gewitter er heraufbeſchworen; er empfand höchſtens ein Gefühl von Genugthuung, daß er die unverzeihliche Unart ſeiner Standesgenoſſen ausgeglichen und ſeine Nachbarin aus einer peinlichen Verlegenheit geriſſen hatte. Vor allen Dingen aber freute er ſich in ihrer Nähe ſitzen zu dürfen, weil er ſich eine beſſere Unterhaltung von ihrem Geiſt verſprach, als von der Geſellſchaft einer jener wohlerzogenen Töchter, die auf ſechs Schritte noch nach der eben verlaſſenen Penſion ihm rochen, oder deren ganze Bildung ſich auf einige eingelernte Phraſen und abgelegte Redensarten beſchränkte. Er kümmerte ſich we⸗ nig oder gar nicht um das Urtheil der Menge, da er ge⸗ wohnt war, ſtets nur das zu thun, was er für Recht be⸗ fand, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich dadurch dem Tadel und den boshaften Mißdeutungen gewiſſer Kreiſe auszu⸗ ſetzen.— Um ſo höher rechnete ihm Martha das Opfer an, das er nach ihrer Meinung ihr gebracht hatte. Ihr war keineswegs die allgemeine Stimmung gegen ſie ent⸗ gangen, und ſein ritterliches Benehmen, womit er dem ge⸗ meinen Vorurtheile der Andern entgegentrat, gewann ihm ihre Achtung. Sie war ihm im Stillen zu Dank ver⸗ pflichtet und gab ihm ihre Geſinnung weniger durch Worte als durch ihre Blicke und freundliches Benehmen zu erkennen. Dabei war ſie noch immer Weib genug, um den durch ihn ihr bereiteten Triumph im vollſten Maße zu genießen; hatte ihr doch der Sohn des Hauſes, der liebenswürdigſte von allen anweſenden Männern den Vorzug vor den reichſten, vornehmſten und jüngſten Damen der Geſellſchaft gegeben. Sie wußte ſich beneidet und ungeachtet ihrer Beſcheidenheit und einer gewiſſen Erhebung über all' die Kleinlichkeit ihres Geſchlechtes konnte ſie ſich doch der ſtillen Freude über eine ſolche Ge⸗ nugthuung nicht erwehren. Darum war ſie auch bei Tiſch gegen Rudolph zu⸗ traulicher und offener, als ſie ſich ihm bisher gezeigt hatte. Sie vergaß ihre gewöhnliche Zurückhaltung und ſcheue Aengſtlichkeit, womit ſie ſonſt ſeinem enthuſiaſtiſchen Weſen auszuweichen ſuchte. Ungezwungen gab ſie ſich in ihrer ganzen einſtigen Liebenswürdigkeit, Strahl des früheren Feuers glänzte in ihren ſchönen Augen, ihr edles Lächeln ſchwebte bezaubernd um ihre Lippen und ein Ab⸗ glanz ihrer unzerſtörbaren Jugendſchönheit verklärte ihre intereſſanten Züge. So reizend war ſie ihm noch nie er⸗ ſchienen. Doch was wollte dieſe äußere Schönheit neben ihrer geiſtigen Begabung bedeuten, welche ſie wie einen ſorgfältig verborgenen Schatz nach und nach vor ihm entfaltete. Welche Tiefe der Empfindung, welche Klarheit der Gedanken, welche überraſchende Anſchauungen traten ihm aus ihrem Mund entgegen, und das Alles umge⸗ 105 ben von einem unnennbaren poetiſchen Hauch, begleitet von einem geheimnißvollen, romantiſchen Duft, einer hier und da hervorbrechenden Andentung, welche ihn ein be⸗ deutendes und viel bewegtes Schickſal ahnen ließ. Be⸗ durfte es noch mehr, um die keimende Neigung zu ent⸗ wickeln, den bereits vorhandenen Funken zur hellen Flam⸗ me anzufachen? Aber auch Martha konnte nicht ganz gleichgültig gegen die Vorzüge eines Mannes bleiben, der ihr als der Typus einer immermehr dahinſchwinden⸗ den Ritterlichleit erſchien und der noch dazu ſo unverholen ihr ſeine Verehrung zu erkennen gab. Ungeachtet ihrer Vergangenheit hatte ſie die wahre und reine Liebe nie zuvor gekannt; es gab eine Stelle in ihrem Herzen, die noch nie berührt worden war, ein ſtilles Heiligthum, wo in unent rihter Verborgenheit ihre beſſern Gefühle ſchlummerten. Sie ſelbſt hatte keine Ahnung von dem Geheimniſſe ihrer Seele, von jenen göttlichen Em⸗ pfindungen, die ſie unbewußt aus dem Schiffbruch ihres Lebens gerettet hatte. Der Fehltritt ihrer Ju⸗ gend hatte nur ihre bürgerliche, aber nicht ihre mo⸗ raliſche Exiſtenz befleckt; ſie hatte die Sitte, aber nicht die Sittlichkeit beleidigt und verfolgt; ſie war ge⸗ ſunken, aber nicht gefallen. Als der Schutzengel ihrer Tugend ſich weinend von ihr abwendete, nahm er nicht für immer Abſchied; er kehrte wieder zu ihr zurück und. 1859. XXIII. Eine arme Seele, III. 7 wohnte jetzt in jenem verborgenen Aſyle ihres Her⸗ zens.— Wer wollte ſie verdammen, daß ſie auf einen kurzen Augenblick ihre Vergangenheit vergeſſen konnte und den gegenwärtigen Moment in ſeliger Trun⸗ kenheit genoß? Sechstes Capitel. Der Winter war gekommen und mit ihm gewann die Landſchaft einen neuen, nicht minder anziehenden Charakter. Die Fluthrinnen und Kanäle bedeckten ſich mit Eis, glänzende Brücken von Kryſtall verbanden die getrennten Ortſchaften, und wo ſonſt der Kahn langſam dahinfuhr, flog jetzt der Schlitten von muthigen Roſſen gezogen. Die meiſten Bewohner der Umgegend benutzten die eröffnete Bahn, um auf näheren Wegen von einem Dorfe zu dem andern zu gelangen; zu dieſem Zwecke griffen ſie zu ihren Schlittſchuhen, die in keinem Hauſe fehlen durften. Bald belebte ſich die ſchimmernde Eis⸗ fläche mit gewandten Läufern und bot ein buntes, nieder⸗ ländiſches Bild. Selbſt die Frauen verſchmähten es nicht mit dem ſcharfen Eiſen unter den Füßen nach der näch⸗ ſten Stadt zu fahren und dort ihre Vorräthe hinzuſchaf⸗ fen. Auch die Kinder des Paſtors ſuchten ihre Schlitt⸗ 7* 108 ſchuhe hervor und nahmen unter Martha's Obhut an dem allgemeinen Vergnügen Theil. Wenn dieſe nicht ab⸗ kommen konnte, weil ſie durch häusliche Geſchäfte verhin⸗ dert war, ſo übernahm die ältere Wanda die Aufſicht über ihre jüngere Geſchwiſter. Die Kleine war eine aus⸗ gezeichnete Schlittſchuhläuferin; es gab nichts Reizende⸗ res, als ſie in graziöſen Bewegungen ſo ſicher dahin⸗ ſchweben zu ſehen, bald in gerader Linie fortſtürmend wie ein abgeſchnellter Pfeil, bald in zierlichen Schlangen⸗ windungen künſtliche Kreiſe auf dem ſpiegelhellen Boden zeichnend, gefolgt von den übrigen Kindern, welche ihrem Schutze anvertraut waren.— Meiſt beſchränkten ſich dieſe Ausflüge nur auf die nächſte Umgebung des heimathlichen Dorfes; doch führte der jugendliche Ungeſtüm und die Wanderluſt das kühne Mädchen über dieſe gebotenen Grenzen zuweilen hinaus nach den benachbarten Inſeln bis zu dem See, der in ſeiner Ausbreitung allerdings die ſchönſte Bahn zum freien, ungebundenen Lauf geſtattete.— In der Dämmerung kehrte die kleine Karavane wieder nach dem Vaterhaus mit friſch gerötheten Geſichtern und dieſe körperlichen Uebungen und erlaubte gern den Kin⸗ ſo weſentlich beitrug, nur mahnte er zur Vorſicht und zur Mäßigung. Dieſe wurden jedoch nicht immer befolg, einem unbändigen Hunger zurück. Der Paſtor billigte dern ein Vergnügen, das zur Kräftigung der Geſundheit 109 und ſo geſchah es, daß Martha an einem Winterabende, wo ſie ganz allein war, da der Paſtor eine Reiſe zu ſei⸗ ner kranken Frau angetreten hatte, die Rückkehr der ihr anvertrauten Schaar vergebens erwartete.— Es war be⸗ reits dunkel geworden, ohne daß ſich die Kinder wie ſonſt ſehen ließen, um ihr Abendbrot zu fordern. Dazu kam, daß das Wetter ſich gegen Abend plötzlich geändert hatte; nach und nach bedeckte ſich der bis dahin heitere Himmel mit dunklem Gewölk, der Wind erhob ſich und trieb die weißen Schneeflocken vor ſich her. Dieſe fielen immer dichter und häufiger; in kurzer Zeit glich die ganze Atmosphäre einem zerriſſenen Wollſacke, aus dem ohne Aufhör die feucht kalte Wolle niederrieſelte. Die Dächer der Häuſer, die hervorragenden Schornſteine und die Bäume am Ufer waren kaum noch unter der weißen Hülle zu erkennen, die Wege eingeſchneit, die Bahn ver⸗ weht, und noch immer nicht die Kinder zu Hauſe. Von ei⸗ ner natürlichen Beſorgniß ergriffen, eilte Martha durch das Dorf, um Erkundigungen nach den Ausgebliebenen einzuziehen. Niemand konnte ihr ſichere Auskunft geben, einige Leute, die vom Markte zurückgekehrt waren, wollten die Kinder in der Nähe des großen Sees geſehen ha⸗ ben.— In ihren Mantel gehüllt ſtürzte ſie nach der an⸗ gegebenen Richtung fort, um die Vermißten zu ſuchen. Sie achtete nicht, daß der Wind ihr die ſchweren Flocken 110 in's Geſicht trieb, daß ſie ſich ſelbſt der Gefahr ausſetzte, in der Dunkelheit und auf völlig unkenntlich gewordenen Pfaden ſich zu verirren. Unaufhaltſam ſtürmte ſie vor⸗ wärts, von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme die Namen der Kinder rufend.— Es war immer finſterer geworden, ein dichter Nebel bildete mit dem Schnee vereint eine wo⸗ gende Wand, die ſich ihr bei jedem Schritte entgegen⸗ ſtellte und die Ausſicht hemmte. Am Himmel zeigte ſich kein leuchtender Stern; nur aus der Ferne ſchimmerte hier und dort ein rothes Licht von den zerſtreuten Häu⸗ ſern der Inſeln. Zuweilen begegnete ſie wohl auch einem verſpäteten Wanderer, der mit flüchtigem Gruße an ihr vorübereilen wollte. Sie hielt ihn an, um nach den Kin⸗ dern zu fragen, aber Keiner war ihnen begegnet.— Im⸗ mer banger wurde ihr es um das Herz, immer troſtlo⸗ ſer, wenn ſie an die Verirrten dachte, die einem ſolchen Unwetter preisgegeben waren. Ihre eigene Kraft drohte zu erliegen; ſie fühlte, wie ihre Füße in dem weichen Schnee ausglitten, wie ſie bei jedem Schritte zu verſin⸗ ken glaubte. An einzelnen Stellen hatte der Wind die Flocken zu kleinen Hügeln zuſammengeweht, die ſie nur mit Mühe durchwaten konnte. Bei einem ſolchen Verſuche waren ihre Schuhe ſtecken geblieben; es dauerte einige Zeit, bis ſie dieſelben wieder befreit hatte. Zu dieſen Un⸗ bilden geſellten ſich die ſchrecklichen Befürchtungen ihrer 111 aufgeregten Phantaſie, die ganze Laſt der ihr aufgebür⸗ deten Verantwortlichkeit. Wenn den Kindern ein Unglück begegnet war, traf ſie die einzige Schuld.— Zuweilen war es ihr, als hörte ſie aus der Ferne einen jammern⸗ den Hilferuf; dann wurde es wieder ſtill, ſo ſtill, daß ſie vor dem Schweigen der todten Natur ſich fürchtete.— Die ſchneidende Kälte legte ſich wie ein bleierner Mantel um ihre Glieder und lähmte den Reſt der Kraft, welchen ihr die Verzweiflung noch übrig gelaſſen hatte. Aber auch jetzt ſiegte ihre Energie über die Hinfälligkeit des Körpers; immer von Neuem raffte ſie ſich auf, um ihre Nachforſchungen fortzuſetzen. So war ſie bis in die Nähe des Sees unter den größten Beſchwerden angekommen, aber auch da zeigte ſich keine Spur von den Kindern. Jetzt erſt überließ ſie ſich der bangſten Hoffnungsloſigkeit, ſie vermochte ſich ſelbſt kaum mehr aufrecht zu erhalten. Was ſollte ſie beginnen? Ihre Füße wollten ſie nicht mehr tragen; ſie mußte ſich einen Augenblick niederſetzen, um von der übergroßen Anſtrengung auszuruhen. So ſaß ſie in den Mantel gehüllt, der ſie zur Noth vor dem er⸗ ſtarrenden Froſte ſchützte, erfüllt von wilden Beſorgniſſen, verlaſſen von jeder menſchlichen Hilfe, ein Bild des größ⸗ ten Jammers.— Die Erſchöpfung, welche ſie bis jetzt muthig be⸗ kämpft hatte, behielt die Oberhand; ſie überließ ſich ihr 112 mit einer ſtillen Reſignation. Obgleich ſie die Gefahr kannte, die der Schlaf unter ſolchen Verhältniſſen mit ſich führt, ſo vermochte ſie kaum mehr der Ermüdung zu wi⸗ derſtehen. Ihre Augen ſchloßen ſich, die Sinne fingen uan ihr zu vergehen, die Gedanken verwirrten ſich und eine V todtenähnliche Schwere feſſelte ihre Glieder.— Sie mochte einige Minuten in dieſem Zuſtande zuſammengekauert ge⸗ legen haben, ohne Bewußtſein, am Nande des Grabes. Nur der Schnee, welcher unaufhaltſam niederfiel und eine ſchützende Hülle um ihren Körper bildete, bewahrte dieſen vor der gänzlichen Erſtarrung.— Als ſie nach einiger Zeit allmälig aus ihrer Betäu⸗ bung erwachte, glaubte ſie zu träumen. Neben ihr kniete Rudolph von Hanſen, der ſie mit den ſüßeſten Namen in's Leben rief, unabläſſig bemüht ſie aus ihrem Todes⸗ ſchlafe zu erwecken. Noch hatte ſie nicht die Kraft die müden Augen zu öffnen, die erſtarrten Glieder zu bewe⸗ gen, aber ſie hörte deutlich die ihr wohlbekannte Stimme, welche ſich bald den Ausbrüchen der ſeligſten Hoffnung, bald der düſterſten Verzweiflung überließ. Er hatte ihre Hände ergriffen, die er unabläſſig zwiſchen den ſeinigen hielt, um ſie zu erwärmen. Ueber ſie hingebeugt ſchien es, als wollte er mit ſeinem Hauche ihr eine neue Seele ge⸗ ben und den verlöſchenden Lebensfunken wieder anfachen. „Martha!“ rief er im tiefſten Schmerze,„erwache, 113 ſtirb nicht, bevor ich Dir geſagt habe, wie ich Dich liebe. Muß ich Dich denn nur gefunden haben, um Dich wie⸗ der zu verlieren!“ Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus zum Zeichen, daß ſie noch lebte. Mit einem Freudenſchrei begrüßte er den ſchwachen Hoffnungsſtrahl. Emſiger als zuvor ſetzte er ſeine Wiederbelebungsverſuche fort. „Ich werde Dich dem Tode entreißen, der Dich be⸗ reits in ſeinen Armen hält. Er ſoll Dich mir nicht rau⸗ ben. Du wirſt leben, um mir zu gehören. Ich will Dich glücklich machen und durch Dich glücklich werden. Mar⸗ tha! Du biſt mein Leben, ohne Dich vermag ich nicht zu exiſtiren.“ In wilder Leidenſchaft preßte er ſie an ſeine Bruſt ſo heftig, daß ſie ſelbſt in ihrer halben Bewußtloſigkeit aufſchrak und erzitterte. Ein Schauer zuckte über ihren Körper hin; die eiſigen Bande fielen von ihren Gliedern ab und ſie machte einen ſchwachen Verſuch, ſich aus ſeinen Armen zu winden. „Bleibe bei mir!“ flüſterte er mit ſeinen brennen⸗ den Lippen ihre kalten Wangen ſtreifend.„Ich laſſe Dich weder im Leben, noch im Tode.“ Sie fühlte ſich noch ſo erſchöpft, daß ſie ihr Haupt widerſtandslos auf ſeine Bruſt von Neuem niederſinken ließ. Ein unnennbares Gefühl von ſchmerzlicher Wonne und leidenvoller Seligkeit durchſtrömte ihr Herz, das in leiſen Schlägen ſeine wiedererwachte Thätigkeit bekundete. Nur ein Gedanke dämmerte in ihrer Seele: So zu ſter⸗ ben in den Armen einer Liebe, die noch keine Enttäu⸗ ſchung erlitten, keinen Jammer des Lebens erfahren hatte.— Der Tod, der ihr ſo nahe war, hörte nicht auf ihren Wunſch; ſie mußte fortleben, um zu leiden.— Endlich ſchlug ſie die Augen auf; ihre Beſinnung war jetzt vollkommen zurügekehrt; ſie erinnerte ſich alsbald, wie und warum ſie zu dem See gekommen. „Wo ſind die Kinder?“ war ihre erſte Frage, als müßte er ſie geſehen haben. „Dort, in meinem Schlitten,“ antwortete er, indem er auf das in einiger Entfernung haltende Geſpann deutete. „Es iſt ihnen doch kein Unglück widerfahren?“ „Nicht das Geringſte. Die ſind munter und gebor⸗ gen. Ich habe ſie unterweges auf der Rückkehr von der Stadt angetroffen, und da ich das drohende Unwetter heranziehen ſah, gleich in den Schlitten einſteigen gehei⸗ ßen, was ſie auch mit vielem Vergnügen thaten.“ „Und durch welchen Zufall haben Sie mich in mei⸗ nem Zuſtande entdeckt?“ „Das Verdienſt gebührt meinem guten Nimrod, den ich deshalb jetzt doppelt werth halten will. Der 115 Hund, den ich um keinen Preis der Welt fortgeben möchte, hat Sie zuerſt am Wege aufgeſpürt und durch ſein lautes Bellen mich aufmerkſam gemacht. Es fehlte nicht viel, ſo wären mir die Pferde ſcheu geworden, da ich nicht gleich darauf hören wollte. Endlich ſtieg ich aus, in der Vermuthung einen Verunglückten zu finden. Ich ſah eine dunkle Geſtalt von Schnee bedeckt. Wie hätte ich ahnen ſollen, daß Sie ſich in einer ſolchen Nacht hinaus⸗ wagen würden. Erſt als ich Sie von der Schneedecke be⸗ freit und den Mantel gelüftet hatte, erkannte ich Sie zu meinem höchſten Schreck. Faſt zweifelte ich, daß Sie noch in's Leben zurückzurufen wären, da alle meine Bemühun⸗ gen anfänglich fruchtlos waren. Gott hat Sie wunder⸗ bar geſchützt.“ „Und Ihnen danke ich meine Rettung— Ihnen, Rudolph!“ Ueberwältigt von der Macht des Augenblickes ver⸗ gaß ſie ihre ſonſtige Vorſicht, alle Schranken, die ſie ſelbſt ſich bisher auferlegt und ſtreng beobachtet hatte, ſchwanden vor dem Gefühle ihres dankbaren Herzens. Was ſie ſich nicht zu geſtehen wagte, das Geheimniß ihrer Seele, das Geſtändniß, welches ihr ſonſt keine Marter, keine Todesqual entriſſen hätte, lag jetzt offen da vor dem Manne, deſſen heiße Liebe ſie eben erſt er⸗ fahren. Im nächſten Moment bereute ſie ſchon ihre 116 Schwäche; ſie hätte gern ihr Leben hingegeben, um das verrätheriſche Wort zurückzurufen, nicht das Wort allein, ſondern weit mehr noch den innigen Ton der Stimme, den ſüßen, von Liebe erfüllten Ausdruck, den ſie hinein⸗ zulegen wußte. Aber Rudolph hatte ſie mit Entzücken ge⸗ hört und hielt die Gewißheit ihrer Neigung feſt. „Martha!“ rief er ſie leiſe an ſich ziehend,„Du liebſt mich, wie ich Dich, und keine Macht der Erde ſoll uns trennen. O! wiederhole es, daß Du mich liebſt.“ Sie vermochte nicht ihm gleich zu antworten, ein Thränenſtrom ſtürzte über ihre Wangen, leiſe ſchluchzend riß ſie ſich aus ſeinen Armen. „Vergeſſen Sie,“ flehte ſie nach einer Pauſe,„was geſchehen iſt, was ich Ihnen geſagt habe.“ „Nimmermehr!“ entgegnete er leidenſchaftlich.„Ich ſoll vergeſſen, daß Du mich ſo unendlich glücklich ge⸗ macht haſt.“ „Ünd mich ſo unausſprechlich elend,“ murmelte ſie von trüben Ahnungen erfüllt. „Ol fürchte nichts. Ich habe den Muth, einer Welt für Dich zu widerſtehen.“ „Kommen Sie!“ bat ſie ihn, um jeden ferneren Ausbruch ſeiner enthuſiaſtiſchen Neigung zu vermeiden. „Die Kinder warten auf uns.“ Sie verſuchte einige Schritte zu gehen, aber ſie 117 fühlte ſich noch ſo erſchöpft, daß ſie ſich wider Willen auf ihn ſtützen mußte. So gelangte ſie zu dem Schlitten, ge⸗ folgt von dem treuen Hunde, der nicht von ihrer Seite wich und dem ſie wie zum Dank mit ihrer Hand das feine Fell ſtreichelte. Sie fand die Kinder, von denen ſie freudig begrüßt wurde, im beſten Wohlſein; das kleine Abenteuer hatte ihnen nichts geſchadet und ihrer gewohn⸗ ten Fröhlichkeit keinen Abbruch gethan. Martha war da⸗ gegen um ſo ſtiller und in ſich gekehrt, während Rudolph die Zügel ergriff und die muthigen Pferde antrieb, welche in kurzer Zeit den Weg bis zum Pfarrhauſe zurücklegten. Die Gegenwart der Kinder verhinderte natürlich jedes intimere Geſpräch; die ganze Unterhaltung beſchränkte ſich lediglich auf einige verſorgliche Fragen. Auch beim Abſchiede konnte Martha nur einige dankende Worte ſtammeln; aber Rudolph hatte ihre Hand ergriffen und ſein zärtlicher Druck ſagte ihr Alles, was ſein Mund we⸗ gen der kleinen Zeugen verſchweigen mußte. „Auf Wiederſehen!“ rief er ihr zu, und ſeine Stim⸗ me klang ſo freudig und ſo hell, wie das Jauchzen eines glücklichen Wanderers, der von fern das erſehnte Ziel erblickt. „Leben Sie wohl!“ ſeufzte Martha und wandte ſich ab, um ihre hervorſtürzenden Thränen zu verbergen.— Nachdem ſie die hungrigen Kinder geſpeist und zu F 118 Bette gebracht hatte, zog ſie ſich ſelbſt in ihr einſames Stübchen zurück. Ihr Kopf brannte in wilder Fieber⸗ glut, das Herz drohte ihr zu zerſpringen; eine nie ge⸗ kannte Aufregung zitterte durch alle ihre Glieder. Kör⸗ perlich und geiſtig auf das höchſte angegriffen, ſank ſie auf ihr Lager hin, nachdem ſie die feuchten Kleidungs⸗ ſtücke abgeworfen hatte. So lag ſie wohl eine Viertel⸗ ſtunde und länger, ohne einen Gedanken feſt zu halten, in tiefſter Ermattung.— Ein ſolcher Zuſtand von phyſiſcher Betäubung, der nach jeder gewaltigen Kataſtrophe einzu⸗ treten pflegt, iſt häufig die größte Wohlthat für den Betroffenen, gleichſam ein linderndes Opiat der Natur, womit ſie den ſchmerzlichen Aufruhr der Seele wenn auch nur für den nächſten Augenblick ſtillt und ihr ſomit Zeit gibt, ihre verloren gegangene Kraft zu ſammeln. Der Verzweifelte kommt dadurch zur Beſinnung, der Nie⸗ dergeſchlagene richtet ſich wieder auf, der Verwirrte ge⸗ winnt die nöthige Einſicht und Ueberlegung. Während dieſer Zeit genießt der Unglückliche eine Ruhe, die oft an gänzliche Vergeſſenheit gränzt und mit einem faſt ange⸗ nehmen Gefühl vollkommener Gedankenloſigkeit verbunden iſt. Man denkt nicht und will nicht denken, weil man von ſeinen eigenen Gedanken ſich entſetzen muß; man ſcheut vor jeder Erinnerung, vor jedem Entſchluß zurück, und hat nur den einzigen Wunſch, in dieſer dumpfen Lage ſo lang 119 als möglich zu verharren, unempfindlich für Schmerz und Luſt, abgeſtorben für die Welt mit ihrem tauſendfachen Jammer.— So brütete auch Martha vor ſich hin in einer glücklichen Bewußtloſigkeit, in jener geiſtigen Däm⸗ merung, welche den Uebergang des Lebens zum Tode bil⸗ det und wie ein Vorgeſchmack der ewigen Ruhe das be⸗ kümmerte Herz befänftigt und von ſeiner ſchweren Bürde befreit. Bald aber erwachte Martha zu neuer Qual aus dieſer wohlthuenden Erſchlaffung. Vor ihren Blicken ſtand das drohende Geſpenſt der Vergangenheit, welches das junge Glück ihrer Liebe vernichten wollte. Sie liebte Rudolph; zum Erſtenmal in ihrem ganzen Leben empfand ſie ein Gefühl, das ſie in ſeiner vollen Glut und Wahr⸗ heit nie zuvor gekannt. Ihr Verhältniß zu Ferdinand war nur eine Täuſchung, eine jugendliche Verirrung ge⸗ weſen, von der ſie ſchnell genug zurückgekommen war. Schaudern erfüllte ſie, wenn ſie an den Elenden zurück⸗ dachte, mit Abſcheu und Verachtung erinnerte ſie ſich, wie der Verführer ihre eigene Unerfahrenheit gemißbraucht hatte. Für den edlen Baudiſſen fühlte ſie den höchſten Grad von Verehrung, die innigſte Freundſchaft, aber ſie ſah in ihm nur den bedeutenden Künſtler, ſie hatte für ihn nur Bewunderung und Anerkennung. Erſt in Rudolph hatte ſie den Mann gefunden, den ſie in ihren ſchönſten 120 Träumen als ihr Ideal geſchaut. Zu ſpät war er ihr erſchienen, zu ſpät für ſein und ihr Glück.— Daß ſie ihn liebte heiß und innig, mit einer Leiden⸗ ſchaft, die ſie ſelber nicht geahnt, war ihr erſt heute, erſt vor wenig Stunden klar geworden. Bis dahin befand ſie ſich ſelbſt in einer Täuſchung über die Empfindungen ihres Herzens; ſie hatte nicht an die Gewalt ihrer Nei⸗ gung geglaubt und dieſelbe früher zu bekämpfen geſucht. Vielleicht wäre ſie auch als Siegerin aus dieſem Kampfe hervorgegangen, vielleicht hätte er nie erfahren, wie theuer er ihr ſei, wenn nicht die Ueberraſchung und ihre ſonderbare Lage ihr das unbedachte Geſtändniß entriſſen hätte, nachdem ſie zuvor das ſeinige empfangen. Jetzt aber ſtand ſie wie vernichtet von der Wahrheit und der Macht ihrer eigenen Liebe, die ſich nicht länger verbergen ließ.— Aber durfte ſie ihr ſolgen? Hatte ſie nicht jedes Recht verloren? War ſie nicht unwerth jeder reinen Neigung? Furchtbare Fragen, die ſich in der Einſamkeit der Nacht ihr entgegenſtellten. Darum weinte ſie in dieſer bitteren Stunde, darum rang ſie ſich die Hände wund, darum empfand ſie eine Qual, wie ſie kaum die Verdammten in der Hölle leiden mögen. Nicht nur an ſich dachte ſie dabei, ſondern weit mehr an den Geliebten, an ſeinen Schmerz, an ſeine Ver⸗ ———— 121 zweiflung, wenn er je die Wahrheit erfahren ſollte, die ihm nicht verſchwiegen bleiben durfte.— Für ſie gab es kein Glück auf dieſer Erde; ſie hatte die Seligkeit durch eigene Schuld verwirkt, zwiſchen ihr und dem Manne ihres Herzens ſtellte ſich die Erinnerung mit ihrem furcht⸗ baren Schatten. Aus allen Winkeln drängten ſich die traurigen Szenen und Geſtalten an ſie heran, der ehr⸗ loſe Verführer in ſeiner ganzen Verkommenheit, das furchtbare Zuſammentreffen mit ihm in Gethſemane am Krankenbette und in der Leichenkammer, die ganze Miſere ihres Theaterlebens und vor Allem das Bild eines zar⸗ ten hilfloſen Kindes, das ſeine Arme ihr entgegenſtreckte. „Nimmermehr!“ rief ſie ſchaudernd vor ſich ſelber und wühlte ihr bleiches Geſicht in die Kiſſen ihres Lagers, um den traurigen Erſcheinungen zu entfliehen. Dann aber regte ſich wieder die nur unterdrückte Lebensluſt, eine geheime Stimme flüſterte ihr Troſt zu und richtete ſie auf. Stirbt doch die Hoffnung nie im Menſchen gänzlich ab; ſie begleitet ſelbſt den Verbrecher auf ſeinem letzten Gang und ſteigt mit ihm zum Blut⸗ gerüſt hinan.— Was vermag nicht die Liebe zu verge⸗ ben, welche Wunder ſind ihr nicht möglich? fragte es in Martha's Herzen. „Habe ich nicht meine Schuld bereits gebüßt, bin ich nicht mit meinem Gott verſöhnt? Soll ein einziger 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 8 4 122 Fehltritt in einem faſt unzurechnungsfähigen Alter be⸗ gangen nie Verzeihung finden? So ungerecht kann der Himmel nicht ſein, dürfen die Menſchen nicht urtheilen. Größeren Sündern als ich hat die Welt vergeben, ihre Achtung ihnen nicht verſagt, nachdem ſie ſich gebeſſert und Beweiſe ihrer Umwandlung gegeben haben. Ich will mich zu Rudolph's Füßen werfen und ihm Alles geſtehen; er wird mich nicht zurückſtoßen, er wird die Reuige vom Boden aufheben und ihr verzeihen. Mehr verlange ich ja nicht. Du weißt es, mein Gott, daß ich mit tauſend Freuden auf ſeinen Beſitz verzichte. Nur ſeine Achtung ſoll er mir nicht verſagen, mir nur eine Thräne des Mit⸗ leids ſchenken; dann bin ich zufrieden. Neidlos will ich ſehen, wie er ein reineres Weib beglückt. Nur ſeine Ver⸗ achtung kann ich nicht ertragen, den Gedanken nicht faſſen, daß er in mir eine gänzlich Verlorene erblickt und mir fluchen wird, weil ich ihn hintergangen. Darum will ich ohne Zaudern noch heute, noch in dieſer Stunde ihm die volle Wahrheit ſchreiben, auch den geringſten Umſtand nicht verſchweigen, damit er wenigſtens erkennt, daß ich Seiner nicht ganz unwerth bin.“ Sie war aufgeſprungen und zum Tiſch geeilt, um ihren Vorſatz auszuführen; aber der Wille war bei ihr ſtärker als die Kraft. Zehnmal hatte ſie den Brief ange⸗ fangen und zehnmal wieder zerriſſen; die Feder ſträubte 123 ſich das Geſtändniß ihrer Schande niederzuſchreiben, das eigene Todesurtheil zu unterzeichnen— das war zu viel ſelbſt für ihre Liebe. „Ich kann nicht,“ ſchrie ſie verzweiflungsvoll.„Die Hand zittert mir, meine Thränen verlöſchen, was ich ge⸗ ſchrieben habe. O Gott! Schütze mich, daß ich nicht wahnſinnig werde.“ Mit gerungenen Händen blickte ſie zum Himmel empor, als erwartete ſie von Oben Hilfe in ihrer höch⸗ ſten Noth. In dieſer Stellung übermannte ſie der Schlaf, der ſich in Folge der vorangegangenen Erſchöpfung nicht länger zurückweiſen ließ. Er war der beſte Troſt, den ihr der Himmel für ihre Verzweiflung ſenden konnte, obgleich auch dieſe Wohlthat durch unruhige Träume unterbrochen wurde.— Als ſie am Morgen erwachte, war ſie ſo weit gekräftigt, um den gewohnten häuslichen Beſchäftigungen nachzugehen, durch die ſie ſo wie durch das fröhliche Ge⸗ plauder der Kinder von ihren quälenden Gedanken abge⸗ zogen wurde.— In der alltäglichen Arbeit fand ſie den kräftigſten Schutz gegen ihre Verzweiflung, die dann und wann noch hervorzubrechen drohte. Dieſe regelmäßige Wiederkehr einer faſt mechaniſchen Thätigkeit übt auf ein zerrüttetes Gemüth eine eigene beruhigende Kraft aus. Auch Martha lernte von Neuem den Segen kennen, welchen ſtets die treue Erfüllung jener kleinen Pflichten 8*. 124 der Wirthſchaft zu begleiten pflegt, gleichſam der nächſte und auch ſchönſte Lohn der Arbeit. Der Schwächling, welcher bei jedem Schmerze gleich die Hände in den Schooß ſinken läßt, wird denſelben um ſo ſchwerer beſie⸗ gen; im Fleiß ruht zugleich der kräftigſte Troſt bei einem Unglück.— Allerdings währte dieſe Stimmung nicht län⸗ ger an, als bis ſie durch einen Brief von Rudolph, den er ihr durch einen verſchwiegenen Diener zukommen ließ, von Neuem an die Urſache ihrer Leiden erinnert wurde.— Das Schreiben enthielt nur wenige, aber inhaltſchwere Zeilen; es lautete folgendermaßen:„Geliebte! Dies eine Wort umſchließt für mich das All. Mein Denken, Sein und Fühlen hat in Dir ſeinen Mittelpunkt gefunden. Noch heute werde ich mit meinen Eltern ſprechen. Von meinem Vater hoffe ich keinen Widerſtand zu erfahren; er hat die Vorurtheile ſeines Standes nie gekannt und ſieht wie ich nicht auf den Adel der Geburt, ſondern auf den Wappenbrief, den ein edler Sinn ſich ſelber ſchreibt. Auch von meiner Mutter erwarte ich, daß ſie ihren Stolz mir zum Opfer bringen wird. Sie liebt mich und achtet in Dir das Talent, wodurch Du ihren Augen ihr eben⸗ bürtig ſcheinſt. Ernſtlich hat ſie noch nie meinen Willen gekreuzt und ſie wird auch diesmal wie immer— nach⸗ geben. Wie aber auch der Ausſpruch meiner Eltern fallen mag, ich bleibe treu— und treue Liebe ſiegt über Alles. 125 Am Abend bin ich bei Dir, um den Verlobungskuß auf Deine Lippen zu drücken.“ Erſchrocken und auf das tiefſte erſchüttert benetzte Martha den Brief, welchen ſie in ihrem Buſen barg, mit ihren Thränen. Als ſie wieder aufblickte, war der Bote verſchwunden, noch ehe ſie ihm eine Antwort geben konnte. Sie blieb in bangen Beſorgniſſen zurück, da ſie Rudolph an ſeinem Vorhaben nicht mehr zu hindern im Stande war. Was ſollten die Folgen eines ſo vorſchnellen Schrittes ſein, in welchem Lichte mußte ſie ihrem Wohl⸗ thäter, dem Paſtor erſcheinen, deſſen Rückkehr ſie ſtünd⸗ lich erwarten durfte?— Wohin ſie blickte, fand ſie nur unauflösliche Verirrungen, Schande und Unglück aller Art. Durch die Leidenſchaftlichkeit des Geliebten und die ſtürmiſche Eile, womit er ſein Ziel verfolgte, war ihr je⸗ der Ausweg abgeſchnitten, ihre Lage noch weit peinlicher geworden. Sollte ſie jetzt noch ihm die Wahrheit ſchrei⸗ ben, wo er wahrſcheinlich ſchon mit ſeinen Eltern ge⸗ ſprochen und ihre Einwilligung erhalten haben konn⸗ te?— Unter dieſen Umſtänden war ihre einzige und letzte Hoffnung der Stolz der Baronin, von der Martha er⸗ warten durfte, daß dieſe nie die bürgerliche Gouvernante zur Schwiegertochter nehmen würde; aber wenn die müt⸗ terliche Liebe über das Vorurtheil ſiegte, wenn Rudolph ſich nicht in ihr getäuſcht hätte— was blieb dann noch übrig für Martha zu thun? 126 Während ſie noch dieſen und ähnlichen Befürchtun⸗ gen nachhing, ſchlug der dröhnende Hufſchlag eines eilen⸗ den Pferdes an ihr Ohr; ein Reiter ſprengte durch das Dorf und hielt vor dem Paſtorhauſe an. Die edle jugend⸗ liche Geſtalt war die Rudolph's. Jetzt ſtürmte er die Treppe hinauf in wilder Ungeduld, der Bote ſeines eige⸗ nen Glückes zu ſein. „Martha!“ rief er ihr mit ſtrahlendem Geſicht ent⸗ gegen.„Meine Eltern haben eingewilligt.“ Laut aufſchreiend ſtürzte ſie wie vom Blitz getroffen zuſammen und ohnmächtig in die Arme des Erſchrockenen. Siebentes Capitel. Die überraſchend ſchnelle Einwilligung der Baronin war für Rudolph ſelbſt ein Räthſel; er war auf ihren Widerſtand gefaßt geweſen und konnte ſich ihre Zuſtim⸗ mung um ſo weniger erklären, da er ihre geheimen Be⸗ weggründe nicht kannte. Die zärtliche Mutter ſah ſich indeß gegen ihren Willen zu dieſem Schritt gezwungen; ſie allein wußte, daß der innig geliebte, einzige Sohn den Keim zu einer Herzkrankheit an ſich trug, die der von ihr zu Rathe gezogene Arzt für ſo bedenklich hielt, daß er vor jeden größeren Gemüthsaufregung auf das entſchie⸗ denſte warnte. Darum zeigte ſie bei jeder Gelegenheit eine Nachgiebigkeit für ſeine Wünſche, welche ihre Umgebung als Schwäche bezeichnete. Auch in dieſem Falle brachte ſie einer ſolchen Rückſicht ihre eigene Ueberzeugung zum Opfer, da ihr keine andere Wahl übrig blieb. Die Lei⸗ denſchaftlichkeit ſeiner Neigung, die wilde Glut, mit der 128 er von ſeiner Liebe zu ihr ſprach, erregten von Neuem ihre mütterlichen Beſorgniſſe; ſie fürchtete für ſeine Ge⸗ ſundheit, für ſein Leben, und dieſe wichtigen Bedenken ſieg⸗ ten ſelbſt über ihren Stolz und den Widerwillen, den ihr dieſe ungleiche Verbindung einflößte. An ihre Zuſtim⸗ mung knüpfte ſich indeß eine wichtige Bedingung: Ru⸗ dolph mußte ihr das Verſprechen geben, vorläufig die ganze Angelegenheit geheim zu halten und vor zwei Jahren nicht an eine ernſtliche Verbindung zu denken. Nur unter dieſer Bedingung wollte ſie ihre Einwilligung ertheilen. Im Stillen rechnete dabei die weltkluge und erfahrene Frau auf die Wirkung einer ſolch' langen Zeit und vor Allem auf den bekannten Umſtand, daß jeder Widerſtand in der Liebe die Flamme nur um ſo heller anfacht, die bei einem ruhigen Gewährenlaſſen häufig von ſelbſt erliſcht, wobei ſie freilich nur eine geringe Kenntniß von dem feſten Charakter und der edlen Geſinnung ihres Sohnes verrieth.— Dieſer verſprach, was ſie von ihm verlangte, überdeckte ihre Hand mit dankbaren Küſſen und ſtürzte nach der Paſtorwohnung, um Martha mit der ihn entzückenden Botſchaft zu überraſchen. Die Ohnmacht, in die ſie durch dieſe unerwartete Mittheilung verſetzt wurde, war er nur zu ſehr geneigt auf Rechnung der unver⸗ hoſſten Freude zu ſetzen.— Erſt nach einigen Minuten ſchlug ſie wieder ihre 129 Augen unter ſeinen Bemühungen auf; ſie fand ſich noch in ſeinen Armen. Bei dieſem Anblick ſtieß ſie ei⸗ nen lauten Schrei aus und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. „Martha!“ bat er zärtlich,„erholen Sie ſich und verzeihen Sie meinem Ungeſtüm. Ich hätte Sie vorbereiten ſollen. Auch die Freude kann tödten; das weiß ich an mir ſelber.“ Sie rang nach einer Antwort, aber ſie wußte nicht, was ſie ihm ſagen ſollte. Ihr armes Herz war ſo voll von Scham und Verzweiflung, daß ſie nur ein krampf⸗ haftes Schluchzen hervorzubringen vermochte. „Sie ſind noch angegriffen,“ ſagte er in verzeih⸗ licher Täuſchung befangen;„ich will Sie jetzt verlaſſen und Ihnen die nöthige Ruhe gönnen. In einer Stunde werde ich zurückkehren und dann hoffe ich Sie vollkom⸗ men hergeſtellt zu finden.“ Dabei nahm er ihre Hand, die er mit den zärtlich⸗ ſten Küſſen bedeckte; ſie hatte nicht den Muth, ihm die⸗ ſelbe zu entziehen. Willenlos ließ ſie es auch geſchehen, daß er ihr einen goldenen Ring, den er zu dieſem Zwecke mitgebracht hatte, an den Finger ſteckte. „Dein Verlobungsring,“ ſagte er innig hinzu,„das Symbol unſerer Liebe, treu wie Gold, ohne Anfang und Ende wie die Ewigkeit.“ Martha's Thränen fielen auf den Ring; er küßte ſie mit ſeinen Lippen fort. Sie zuckte ſichtbar zuſammen und ihre Mienen drückten eine ängſtliche Bewegung aus. „Fürchte dich nicht,“ ſcherzte er;„ich werde wohl auch nie wie Heine ſingen: Mich hat das unglückſelige Weib vergiftet mit ihren Thränen. Höchſtens erinnere ich mich dabei Deines herrlichen Geſanges. Deine Thrä⸗ nen ſind ja Freudenthränen über unſer unverhofftes Glück, die berauſchen höchſtens wie edler Himmelswein.“ Lächelnd verabſchiedete er ſich von ihr, ohne ihre innere Verzweiflung zu bemerken. Nach all' dem Vorge⸗ gangenen fand er es nun natürlich, daß ſich ihre Freude in ſtillem Weinen äußerte; ſie war ſo ſchön in ihren Thränen, wie eine weiße Roſe vom Morgenthau benetzt. In ſeliger Befangenheit ſchlug er den Weg nach dem Wäldchen ein, wo er ſie zum Erſtenmal geſehen; er liebte derartige einſame Gänge, beſonders wenn ſein Herz ſo laut pochte wie in dieſem Augenblick.— Auf das ge⸗ ſtrige Schneetreiben war ein leichtes Froſtwetter gefolgt; der Wind hatte ſich zwar gelegt, aber am Himmel jagte noch immer das graue, zerriſſene Gewölk, verdroſſen wie die Ueberbleibſel eines geſchlagenen Heeres. Bleich und traurig gleich dem ſorgenvollen Haupte des beſiegten Feldherrn blickte von Zeit zu Zeit die Sonne daraus hervor und auf die abgeſtorbene Erde nieder. Die 131 weite Flur war mit dem weißen Leichentuch des Win⸗ ters bedeckt, aus dem hier und da ſchwarzes Geſträuch und wilde Dornbüſche geſpenſtiſch auftauchten. Rings⸗ umher herrſchte eine Kirchhofsſtille, kein Ton ließ ſich weit und breit vernehmen außer dem unheilverkünden⸗ den Gekrächze der Dohlen und Krähen. Die Bäume des Waldes ſtanden entblättert und ſtreckten ihre dür⸗ ren Zweige zum Himmel; eine junge Tanne war unter der Laſt des Schnees zuſammengebrochen, andere Stäm⸗ me hatte der Wind in der Nacht zu Boden geworfen; ſie lagen wie gefällte Leichen und ſperrten den Weg. Am Boden bemerkte Rudolph die vielfachen Fußtapfen der kleinen Raubthiere, zerſtreute Federn und friſche Blutstropfen in dem weißen Schnee.— Er konnte ſich eines leichten Schauers nicht erwehren beim Anblick die⸗ ſer düſteren Veränderungen. Vergebens bemühte er ſich das liebliche Bild jenes erſten Zuſammentreffens mit Martha und den Kindern zurückzurufen, ſeine Phantaſie konnte ſich von dem traurigen Eindrucke der bleichen Winterlandſchaft nicht befreien. Verſtimmt trat er lang⸗ ſam den Rückweg an, kaum daß er ſich der finſteren Ahnungen zu erwehren vermochte. Jetzt erſt fiel ihm Martha's ſchmerzliche Bewegung auf, ihre Thränen ſchie⸗ nen ihm nicht mehr Freudenthränen, ihr ganzes Ausſe⸗ hen und Benehmen kam ihm troſtlos wie die kalte, abge⸗ 13²2 ſtorbene Natur vor. Unwillkürlich beſchlich ihn ein leiſes Fröſteln.— Unterdeß war auch der Paſtor von ſeiner Reiſe zu⸗ rückgekehrt. Seine erſte Frage, nachdem er die Kinder umarmt hatte, war nach Martha. Er fand ſie in einem Zuſtande, der ihn mit der größten Beſorgniß erfüllte; ihre Augen waren von unabläſſigem Weinen geröthet, ihr ganzes Weſen das einer Verzweifelten. Kaum daß ſie einige Worte zu ſeiner Begrüßung vor Schwäche her⸗ vorzubringen im Stande war. „Mein Gott!“ rief er ängſtlich.„Was iſt Ihnen geſchehen, was hat ſich in meiner Abweſenheit zugetra⸗ gen? Reden Sie, Martha! Der kleine Unfall mit den Kindern, von dem ich bereits gehört habe, kann doch un⸗ möglich der Grund Ihrer Betrübniß ſein. Ich danke Gott, daß Alles ſo glücklich verlaufen. Aber was fehlt Ihnen? Sie müſſen krank ſein. Ich will ſogleich nach dem nächſten Arzt ſchicken.“ „Kein Arzt, nur Sie allein können mich von der Schande retten,“ rief ſie ſeine Füße umklammernd. „Um des Himmels Willen!“ entgegnete der wür⸗ dige Mann erſchrocken über ihre Heftigkeit.„Reden Sie nicht ſo. Ich verſtehe Sie nicht. Was haben Sie zu be⸗ fürchten?“ „Das größte Unglück nicht für mich, ſondern für 133 Rudolph. Noch iſt es Zeit, noch können Sie ihn retten, ohne mich zu verderben.“ „Faſſen Sie ſich. Sie reden irre. Eben bin ich dem jungen Baron, für den Sie zu fürchten ſcheinen, be⸗ gegnet. Ich habe ihn nie heiterer und munterer gefun⸗ den wie eben heute; er verſprach mir auf dem Fuß zu folgen.“ „Das darf nicht geſchehen. Sie müſſen ihn daran hindern; er ſoll mich nicht mehr ſehen— nie, niemals mehr in dieſem Leben.“ Der Paſtor warf ihr überraſcht einen fragenden Blick zu, den ſie nicht zu ertragen vermochte. Eine glü⸗ hende Röthe bedeckte ihre Wangen, welche im nächſten Augenblicke um ſo bleicher erſchienen. Die thränenfeuch⸗ ten Augen zu Boden gerichtet, die Hände auf der Bruſt gefaltet, ſtand ſie wie eine Verurtheilte, die den Todes⸗ ſtreich erwartete. Eine Ahnung des Vorgefallenen durch⸗ zuckte ihn plötzlich, ſeine milden Züge nahmen einen ſtren⸗ geren Ausdruck an, ſein freundliches Auge verdüſterte ſich und ſchien ſie zu durchbohren, als wollte er auf dem Grunde ihrer Seele leſen. „Martha!“ rief er vorwurfsvoll nach einer langen Pauſe;„Sie haben, wie ich fürchte, mein gränzenloſes Vertrauen zu Ihnen gemißbraucht.“ „Nein, nein!“ entgegnete ſie im Gefühle ihrer 134 Schuldloſigkeit.„Hören Sie mich, ehe Sie mich ver⸗ dammen.“ „Nur die Wahrheit kann Sie retten. Verſchweigen Sie mir nichts.“ „Sie ſollen Alles wiſſen, ich werde Ihnen ſelbſt nicht den geheimſten Gedanken meiner Seele verbergen, ſo wahr mir Gott in meiner letzten Stunde helfe. Wohl weiß ich, daß die Welt mich verurtheilen wird, aber von Ihnen erwarte ich nichts als Gerechtigkeit. Wenn Sie mich verdammen, ſo bin ich auch von Gott verdammt; wenn Sie mich freiſprechen, ſo will ich Alles dulden, was der Himmel noch ferner über mich verhängt. Nur den Verluſt Ihrer Achtung vermag ich nicht mit Ruhe zu er⸗ tragen, vor Ihnen muß ich gerechtfertigt daſtehen, weil ich in Ihnen meinen größten Wohlthäter auf Erden, mei⸗ nen zweiten Vater verehre.“ In ihren Worten lag eine überzeugende Kraft der Wahrheit, ſo daß der Paſtor trotz ſeines erwachten Miß⸗ trauens ſich der Rührung nicht verwehrte. Nur die Un⸗ ſchuld vermochte ſo zu ſprechen; ſelbſt die vollendetſte Heuchlerin hätte den erprobten Menſchenkenner nicht in dem Grade getäuſcht. Er hatte früher die Bemerkung öfters gemacht, daß die Lüge zwar über die Stimme und über die Mienen des menſchlichen Angeſichts, ſelbſt über Thränen, nie aber über das Auge, als den reinſten Aus⸗ ———-ↄ-ᷓꝗ— 135⁵5 fluß unſeres Geiſtes, gebieten kann. Wo dieſes ſtumm bleibt, oder gar den übrigen Zeichen widerſpricht, da ſoll man vor ſeinem eigenen Urtheil auf der Hut ſein. In den Augen offenbart ſich die göttliche Wahrheit; es kann nicht lügen, dieſer Zeuge des Himmels, der reinſte Spiegel und Abdruck der Seele.— Darum ließ auch der Paſtor ſeinen Verdacht wieder ſchwinden, und ſo oft Martha's Blicke den ſeinigen begegnete, floh ſein Miß⸗ trauen wie ein Nebel vor dem hellen Sonnenlicht. „Reden Sie,“ ſagte er ſchon wieder milder ge⸗ ſtimmt;„erzählen Sie mir, was vorgefallen iſt. Ich weiß, daß Sie mich nicht hintergehen werden. Das habe ich auch nicht um Sie verdient.“ Seine Worte gaben ihr die nöthige Kraft, um all' die Vorgänge während ſeiner Abweſenheit im Zuſammen⸗ hange zu berichten. Sie verſchwieg ihm nichts, weder Rudolph's Bemerkungen, noch ihre eigenen Gefühle für den edlen Mann; ſie verhehlte ihm nicht, daß ſie ihn liebte, heiß und innig wie ſie nie zuvor geliebt, daß ſie ſelbſt von ihrer Leidenſchaft überraſcht zu einem Geſtänd⸗ niſſe hingeriſſen worden ſei, das ſie jetzt auf das tiefſte bereute. Aber ſie erzählte auch, wie ſie die ganze Nacht mit ſich ſelbſt gekämpft und gerungen, wie ſie feſt ent⸗ ſchloſſen ſei, ihm zu entſagen, weil ſie lieber ſterben als ihn täuſchen wollte. „Ich habe nicht die Kraft gehabt,“ ſchloß ſie ihren traurigen Bericht,„Rudolph ſelbſt die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, meine Schande ihm zu ſchreiben, wie ich anfäng⸗ lich feſt entſchloſſen war. Das iſt meine ganze Schuld, die mich trifft. Aber dieſe Prüfung war zu ſchwer, mehr als ein ſchwaches Weib ertragen kann. Ich ſelbſt ſollte mich vor dem Geliebten anklagen, mit eigener Hand ſein Herz verwunden, ſein Leben vergiften, mich in ſeinen Augen als das verächtlichſte Weib der Erde darſtellen. Gibt es einen Schmerz auf Erden, der mit dieſem zu ver⸗ gleichen wäre? Lieber will ich tauſend Tode erdulden, lie⸗ ber die bitterſten Qualen leiden.“ „Ich glaube Ihnen,“ ſagte der Paſtor tief bewegt, „und bedauere Sie. Gottes Hand ruht ſchwer auf Ihnen; er züchtigt Sie hart für den einzigen Fehltritt Ihrer Jugend. Gern möchte ich wie der Heiland ſprechen: Weib, Dir ſind Deine Sünden vergeben; doch die Welt und die bürgerliche Geſellſchaft ſind leider unverſöhnlich. Ich kann Sie nur beklagen, aber meine Hände ſind ge⸗ bunden.“ „Was ſoll ich thun? Wenn Sie mich verlaſſen, muß ich verzweifeln und zu Grunde gehen.“ „Da ſei Gott davor!“ entgegnete der würdige Mann.„Ich habe noch nie die Hand eines Menſchen zurückgeſtoßen, der ſich in ähnlicher Noth befunden. Noch ———— 137 iſt nicht Alles verloren, noch hoffe ich das Unheil abzu⸗ wenden. Vor allen Dingen aber laſſen Sie mich über⸗ legen, wie ſich dieſe Verwirrung auf die für Sie ſchonendſte Weiſe löſen läßt. Rudolph darf Sie nicht mehr ſehen und ſprechen. Ich werde ihn ſtatt Ihnen empfangen.“ „Ich fürchte nur für ihn. Bei ſeiner Leidenſchaft⸗ lichkeit beſorge ich das Schlimmſte.“ „Ich kenne ihn und weiß, wie ich ihn zu behandeln habe. Zeit gewonnen iſt viel gewonnen. Gehen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, ich höre ſeine Stimme vor der Thür; er ſpricht mit den Kindern und erkundigt ſich nach Ihnen.“ Mit gebrochenem Herzen ſchwankte Martha nach der Thüre; auf der Schwelle wendete ſie ſich noch ein⸗ mal nach dem Paſtor zurück mit flehenden Blicken, in de⸗ nen der ganze Schmerz ihrer Seele lag. Er blieb allein zurück, tief erſchüttert und voll innigem Mitleide mit der Unglücklichen, in Gedanken verſunken, auf welche Weiſe er Rudolph, den er bereits auf der Treppe hörte, empfan⸗ gen ſollte. Das Schickſal der Liebenden ging ihm zu Her⸗ zen; wie gern hätte er ſie glücklich gemacht, wenn es ihm geſtattet geweſen wäre, nur der milden Stimme ſeiner ei⸗ genen Anſicht zu folgen. Er dachte an die Barmherzigkeit des Erlöſers, der die reuige Magdalena von allen ihren Sünden losgeſprochen, an die Ghebreherin des Evan⸗ 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. geliums, die er beſchützt mit den Worten: Wer ſich rein fühlt, möge den erſten Stein wider ſie erheben. In ſei⸗ nen Augen war Martha nicht ſchuldiger als dieſe Frau⸗ en, ihre Vergehen weit leichter und in keinem Verhält⸗ niſſe zu der ihr aufgelegten Buße.— War ihre Reue min⸗ der aufrichtig, ihre Beſſerung nicht eben ſo vollkom⸗ men?— Und doch fühlte und wußte er, daß die bürger⸗ liche Geſellſchaft ihr nie verzeihen, dieſen Fehltritt ihr zum ewigen Vorwurf machen würde. Welch' ein Zwie⸗ ſpalt zwiſchen den Lehren und Beiſpielen des wahren Chriſtenthums und dem Urtheile der Welt!— Wohin er blickte, nichts als grelle Widerſprüche und Verwirrungen ohne Ende.— „Warum ſoll,“ fragte ſich der Paſtor im Stillen, „ein armes Weib für immer verurtheilt ſein und die öffentliche Achtung verlieren, wenn ſie einmal gefallen iſt? Wer gibt der Geſellſchaft das Recht, ſie auszu⸗ ſtoßen und zurückzuweiſen? Soll ſie darum härter geſtraft ſein wie jeder Verbrecher und auf jedes fernere Glück verzichten? Welche Grauſamkeit!— Unzählige Beiſpiele bezeugen uns, daß derartige Frauen im ſpäte⸗ ren Leben ihre häuslichen Pflichten in bewunderungswür⸗ diger Weiſe erfüllt haben, verehrungswürdige Gattinnen und Mütter noch geworden ſind. Habe ich nicht den Be⸗ weis in Händen, daß Martha zu jeder Aufopferung, je⸗ 139 der chriſtlichen Tugend fähig iſt, und doch ſoll ich ſelbſt den Stein wider ſie aufheben und ihre ſchönſten Hoff⸗ nungen zerſtören?— O mein Gott! wie ſchwer iſt es zu⸗ gleich gerecht und barmherzig zu ſein.“ Der würdige Mann ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ging mit heftigen Schritten auf und nieder, ohne ei⸗ nen feſten Entſchluß faſſen zu können. Er kämpfte mit ſich ſelbſt den ſchwerſten Kampf. „Was ſoll ich thun?“ fuhr er in ſeinem Selbſt⸗ geſpräche fort;„wo finde ich einen Ausweg aus dieſem Labyrinth? Soll ich Rudolph die Wahrheit ſagen, das mir anvertraute Geheimniß ihm oder ſeinen Eltern ver⸗ rathen, das arme Mädchen der öffentlichen Schande preisgeben? Was iſt damit gewonnen? Gibt es nicht Fälle, wo die Wahrheit beſſer für immer den Betheilig⸗ ten verborgen bleibt, wo Täuſchung zur Pflicht wird?“ Plötzlich hielt der Paſtor inne und ſchüttelte unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt den Kopf, als hätte& ſich auf ei⸗ nem unerlaubten Gedanken ertappt. „Gott verzeihe mir die Sünde! Mein Eifer für die Unglückliche führt mich noch dahin, daß ich ihr zu Liebe auf meine alten Tage zum Lügner werden will. Das ſoll nie geſchehen; lieber die Wahrheit mit allen ihren ſchrecklichen Folgen, als abſichtlich einen Irrthum befördern.“ 9* 140 In dieſem Augenblicke trat Rudolph ein, ehe noch der Paſtor ſeine Betrachtungen beenden konnte; er fühlte, wie ihm der Muth ſank, die volle Wahrheit auszuſpre⸗ chen, als er in das freudeſtrahlende Geſicht des jungen Mannes blickte. „Jetzt erſt,“ ſagte Rudolph,„kann ich Sie ruhiger begrüßen, als dies auf der Straße geſchehen iſt. Zugleich erfahren Sie von mir, was mich zu Ihnen hergeführt. Vor dem alten Freunde unſerer Familie will und kann ich kein Geheimniß haben. Ohnehin würde Martha frü⸗ her oder ſpäter ihrem verehrten Wohlthäter unſer Glück verkündigt haben, wenn ſie es noch nicht gethan haben ſollte.“ „Sie hat mir Alles geſagt,“ entgegnete der Paſtor mit einiger Befangenheit. „Um ſo beſſer. Sie werden ſich gewiß mit uns freuen und meine Wahl ſicher billigen. Wer kennt das treffliche Mädchen beſſer als Sie, wer vermag ihre häus⸗ lichen Tugenden richtiger zu beurtheilen? Wie oft habe ich aus Ihrem Munde Martha's Lob und die Würdigung aller ihrer unſchätzbaren Verdienſte in Gegenwart meiner Eltern vernommen. Ihnen allein habe ich für die ſchnelle Einwilligung meiner Mutter zu danken, die ſo viel, wie Sie wiſſen, auf Ihr Urtheil über Menſchen gibt. Ohne Ihre Vermittlung hätte ich mit manchen Vorurtheilen 141 noch zu kämpfen gehabt, die Sie für mich aus dem Wege geräumt haben. Es iſt daher nur billig, daß ich Sie zum Zeugen meiner Seligkeit, zum Vertrauten einer Liebe mache, die nur mit meinem Tode enden ſöll.“ Jedes Wort, das Rudolph ſo aus vollſter Seele ſprach, fiel wie eine Zentnerlaſt auf das Herz des guten Paſtors. Er konnte ſich nicht ganz von der Schuld frei⸗ ſprechen, wenn auch unbewußt durch ſeine Schilderung von Martha'’s Verdienſten die keimende Neigung des jungen, leidenſchaftlichen Mannes genährt und unterſtützt zu haben. Jetzt erinnerte er ſich, wie er ſo oft vor ihm in den Ausdrücken der höchſten Anerkennung und Achtung von der Erzieherin ſeiner Kinder auf dem Schloſſe ge⸗ ſprochen hatte. Damals war er nur ſeiner Ueberzeugung gefolgt, wenn er ſie als den Schutzengel ſeines zerrütteten Hausweſens, als ein Ideal aller aufopfernden Tugenden pries. So war ſie ihm erſchienen, und auch in dieſem Augenblicke hätte er kein Wort von dem Geſagten zurück⸗ genommen. Wie konnte er in ſeiner Unſchuld die Folgen ſeiner Reden überſehen, wie ahnen, daß aus ſeinem wohl⸗ gemeinten Lobe, wozu ihn ſein dankbares, anerkennendes Herz drängte, eine ſolche Saat des Unglück und der Ver⸗ wirrung aufſchießen würde. Niemals war es ihm früher aufgefallen, daß er an Rudolph ſtets den aufmerkſam⸗ ſten Zuhörer fand, der nicht müde wurde ihm zuzuhören 142 und ihn immer auf das ihm angenehme Geſpräch zurück⸗ zubringen wußte.— Und jetzt ſollte der würdige Paſtor felbſt mit eigener Hand zerſtören, was er aufgebaut, die Flamme einer wahren Neigung verlöſchen, die er ſelbſt mit ſeinem Hauche angefacht. Das war faſt zu viel für das gute, ſanfte Herz; darum ſaß er auch ſo ſtill und beſtürzt in dem braunen Lederſtuhl, daß er ſeinen jungen Freund kaum anzureden wagte, um nicht ſeine tiefe Trauer zu verrathen. Demungeachtet mußte Rudolph ſein Benehmen auffallen, obgleich Liebende nur ſelten eine ſcharfe Beobachtungsgabe beſitzen; nur was mit ihrer Leidenſchaft zuſammenhängt, vermag ihre Aufmerkſamkeit zu erregen. In dieſem einen Punkte zeigen ſie jedoch ei⸗ nen wunderbaren Scharfblick, ein faſt prophetiſches Ahnungsvermögen. „Mein Gott!“ fragte Rudolph von dem Schweigen des Paſtors unangenehm berührt;„es muß Ihnen ein Unglück begegnet ſein, da ich Sie ſo verändert finde. Was iſt vorgefallen? Bringen Sie von der Kranken ſchlechte Nachrichten, von der Sie eben erſt gekommen ſind? Ver⸗ zeihen Sie, daß ich über meine Freude Ihren eigenen Kummer vergeſſen habe. Ich nehme nichtsdeſtoweniger den innigſten Antheil.“ „Das bin ich überzeugt,“ entgegnete Jener aus⸗ weichend. 143 „Gibt der Arzt keine Hoffnungen?“ „Der Zuſtand meiner armen Frau,“ bemerkte der Paſtor, dem die Verſtellung ſchwer fiel,„hat ſich nicht weſentlich verſchlimmert. Nach den Verſicherungen des Arztes ſchreitet die Beſſerung wenn auch nur langſam fort; er glaubt ſogar mit der Zeit ſie vollkommen wie⸗ der herzuſtellen, wofür ich Gott auf meinen Knieen dan⸗ ken will.“ „Das freut mich doppelt, da ich Ihnen früher oder ſpäter Martha zu entführen gedenke. Bis dahin ſoll ſie aber in Ihrem Hauſe bleiben, wenn Sie es wünſchen.— Aber warum blicken Sie mich ſo eigen an, als wenn Sie Etwas gegen mich auf dem Herzen hätten?“ 1 „Gott bewahre!“ antwortete der Paſtor und rückte mit dem Stuhle, als ob er auf glühenden Kohlen ſäße. „Und doch ſcheint es mir, als ob Sie ſich nicht mit dem gethanen Schritte freuten. Sie haben mir noch nicht ein Wort darüber geſagt, mir nicht einmal Glück gewünſcht. Iſt das Recht von einem alten Freunde un⸗ ſeres Hauſes?“ „Verzeihen Sie, aber ich bin ſo verwirrt— ich wollte ſagen überraſcht, daß ich mich kaum zu faſſen weiß. Eine derartige Nachricht habe ich nicht ſo ſchnell erwartet— das ganze Ereigniß iſt mir ſo unvermuthet gekommen.“ Es fehlte nicht viel, und der ehrliche Paſtor hätte 144 ſich ſogleich verrathen, aber er vermochte nicht dem Glücklichen ſeinen ſchönen Irrthum ſchon zu rauben; eben ſo wenig verſtand er es, ſeine Beſorgniſſe zu ver⸗ hehlen und eine Ruhe oder gar eine Theilnahme zu heu⸗ cheln, die er nicht empfand. Er war in der peinlichſten Lage von der Welt, unfähig einen entſcheidenden Schritt zu thun. Zum Erſtenmale wurde Rudolph an dem wür⸗ digen Manne irre; er beſchuldigte ihn im Stillen eines Egoismus, deſſen er ihn ſonſt nicht für fähig hielt, indem er geneigt war, ſein unerklärliches Benehmen auf Rech⸗ nung des Verdruſſes zu ſchreiben, den er wahrſcheinlich darüber empfand, daß Martha ihn verlaſſen wollte. Des⸗ halb erhob er ſich jetzt, um ſich von dem Paſtor zu ver⸗ abſchieden. „Wir ſehen uns wieder,“ ſagte er ſeinen Hut er⸗ greifend.„Ich habe nur noch einige Worte mit meiner Braut zu reden.“ „Sie können Martha nicht ſehen,“ antwortete der Paſtor mit bebender Stimme.„Sie hat mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, daß ſie ſich unwohl fühlt.“ In dem Tone, womit er dieſe Worte ſprach, mußte ein eigenthümlich beklemmender Ausdruck liegen, ſo daß Rudolph unwillkürlich zuſammenfuhr. „Um Gotteswillen! Sie iſt doch nicht ernſtlich krank? Doch wie ſollte das möglich ſein, ich habe ſie kaum vor einer Stunde verlaſſen. Sie war zwar angegriffen, aber ich fand keinen Grund zu irgend einer Beſorgniß.“ „Das iſt auch jetzt nicht der Fall, wie ich ſelber glaube. Sie fühlt nur eine natürliche Schwäche, und ich ſelbſt habe ihr den Rath ertheilt, ſich zu Bette zu legen, was ſie auch gethan hat.“ „Ich möchte am liebſten hier bleiben, bis ſie er⸗ wacht. Ich weiß nicht, warum ich ſo unruhig bin, als müßte ſich etwas recht Unangenehmes für mich ereignen. Mein Herz ſchlägt ſo wild gegen meine Bruſt, als wenn es ſie zerſprengen wollte.“ „Ruhe, Ruhe, mein junger Freund!“ mahnte der Paſtor.„Gehen Sie jetzt zu Ihren Eltern, die wegen Ihres langen Ausbleibens ſich ängſtigen können. Sobald Martha erwacht iſt, will ich ſelbſt auf das Schloß kom⸗ men und Ihnen Nachricht bringen, wie es ihr geht.“ Nur ungern folgte Rudolph dieſem verſtändigen Rathe, aber der Paſtor drängte ihn faſt mit unhöflicher Eile zum Gehen; nur das Verſprechen, welches ihm die⸗ ſer gab, in einigen Stunden nachzukommen, beſchwichtigte den Aufgeregten, ſo daß er endlich ſich entfernte. Der Paſtor begleitete ihn bis vor die Hausthür, um jede mög⸗ liche Begegnung mit Martha zu verhindern. Erſt als er ſich wieder allein befand, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus. 146 „Die armen Kinder!“ klagte er mitleidig.„Ich habe nicht den Muth gehabt, ihm ſein Unglück zu ver⸗ künden. Es war mir nicht möglich, in dieſem Augenblicke ihn zu enttäuſchen. O Gott! Iſt nicht alles Glück zuletzt nur eine Täuſchung, die früher oder ſpäter ſchwinden muß. Bei Dir allein iſt jene dauernde Seligkeit, welche wir armen Kinder der Erde vergebens auf dieſer Welt ſuchen.“ 3 „Amen!“ ſagte eine zitternde Stimme neben ihm. Als er ſich umwendete, ſah er Martha mit gefal⸗ teten Händen und bleichem Geſichte neben ſich ſtehen— ein Bild der Ergebung und der innerſten Entſagung. „Iſt das Opfer gebracht?“ fragte ſie leiſe, kaum zu flüſtern wagend. „Noch iſt es nicht gebracht. Die Hand zitterte mir, die Stimme verſagte mir, als ich zu ihm ſprechen wollte.“ „Und doch muß es ſein,“ entgegnete ſie feſt.„Neh⸗ men Sie keine Rückſicht mehr auf mich, nur auf Ru⸗ dolph. Was aus mir wird, iſt gleichgültig, aber er darf nicht unglücklich werden. Ich entbinde Sie Ihres Still⸗ ſchweigens, jeder Rückſicht auf mich. Thun Sie mit mei⸗ nem Geheimniß, was Ihnen gut dünkt.“ „Iſt das Ihr feſter Entſchluß, Martha?“ „Mein feſter Entſchluß.“ 147 „So ſegne Sie Gott und gebe Ihnen Kraft und Stärke, Ihr Schickſal zu ertragen.“ Innig gerührt legte er ſeine Hände auf ihr Haupt, das von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuch⸗ tet wurde. Achtes Capitel. Es war ein ſchwerer Gang, den der Paſtor jetzt vor⸗ hatte. Traurig machte er ſich auf den Weg nach dem Schloſſe, indem er überlegte, wie er auf die ſchonendſte Weiſe ſich ſeines bedenklichen Auftrages entledigen ſollte. Zunächſt gedachte er mit dem Baron zu ſprechen, den er als einen Ehrenmann kannte und der zugleich ſein Freund war. Ihm wollte er Martha's Geheimniß anvertrauen und die ganze Entſcheidung überlaſſen. Er fand ihn zum Glück allein auf ſeinem Zimmer, ehe er noch Rudolph begegnet war. „Ich hab' es mir gleich gedacht,“ ſagte der alte Herr, ihm die Hand entgegen ſtreckend,„daß Du noch heute kommen würdeſt, um mir zu Rudolph's Entſchluß Glück zu wünſchen. Mir iſt die Sache ſo plötzlich ge⸗ kommen, daß ich gar nicht weiß, was ich eigentlich dazu ſagen ſoll. Ich bin indeß zufrieden; das Mädchen iſt 149 brav; wie Du mir ſelbſt geſagt haſt, beſitzt ſie einen ausgezeichneten Charakter, eine treffliche Bildung. Das iſt die Hauptſache. Auf Vermögen braucht mein Sohn nicht zu ſehen. Wenn wir einmal ſterben, erbt er ſo viel, daß er bequem davon leben kann. Auf Geburt geb' ich nicht ſo viel, wie meine Frau, die zu meinem Erſtaunen diesmal ihre ſonſtigen Vorurtheile leichter überwunden hat, als ich erwartete. Im Grunde genommen freut es mich, daß Rudolph noch eine ſo vernünftige Wahl ge⸗ troffen hat; bei ſeiner Schwärmerei war ich immer auf eine oder die andere Tollheit gefaßt. Ich denke, daß Martha eine gute Schwiegertochter ſein wird.“ Der Paſtor hütete ſich den Freund zu unterbrechen, er begnügte ſich nur von Zeit zu Zeit einen tiefen Seuf⸗ zer über die ſchmerzliche Rolle auszuſtoßen, die ihm zu Theil geworden war, ſo daß der Baron aufmerkſam wurde. „Du machſt ja,“ fuhr derſelbe auf,„zu Deinem Glückwunſch eine wahre Leichenbittermiene, ein ſo unzu⸗ friedenes Geſicht, als ob Du mit mir zanken wollteſt. Du ſcheinſt Etwas auf dem Herzen zu haben. Warum willſt Du nicht mit der Sprache herausrücken. Das iſt doch ſonſt nicht Deine Manier.“ „Du haſt Recht, obgleich es mir ſchwer fällt, Dir die Wahrheit zu geſtehen. Ich fürchte, daß ſich Rudolph 150 übereilt hat. Beſſer, wenn er gewartet und mit mir zu⸗ vor geſprochen hätte.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte der Baron über⸗ raſcht.„Haſt Du nicht ſelbſt in meiner Gegenwart dem Mädchen die glänzendſten Zeugniſſe ausgeſtellt, ſie Dei⸗ nen Schutzengel, Deine einzige Stütze geheißen? Mußte ſich nicht ein Feuerkopf wie mein Rudolph bloß auf Dein Lob hin in ſie verlieben? Und nun kommſt Du hinter⸗ drein und machſt ein bedenkliches Geſicht, thuſt, als ob wir uns Alle zu einem dummen Streich hätten hinreißen laſſen. Kannſt Du das verantworten? Ich bitte mir ernſtlich von Dir eine Erklärung aus.“ „Das iſt auch der Zweck meines Hierſeins. Ich habe allerdings nur die Wahrheit geſagt, als ich Martha ein ſolches Lob vor Euch ertheilte, und ſelbſt in dieſem Au⸗ genblicke kann ich nur dasſelbe wiederholen. Meine Ach⸗ tung für ſie iſt nun noch mehr geſtiegen, und ich kenne wenig Frauen, die einen ähnlichen Charakter beſitzen.“ „Da werde der Henker klug daraus,“ unterbrach ihn ungeduldig der Freund.„Da redeſt Du von dem Mädchen wie von einer Heiligen, als ob Du ſelbſt in ſie verſchoſſen wärſt, und doch ſoll aus der Partie nichts werden, wenn es nach Dir geht. Alter Freund! Diesmal hab' ich Dich auf fahlem Pferde ertappt. Höre! Wenn ich Dich nicht ſo genau kennte und wüßte, daß Du vom Scheitel bis zur Sohle ein Ehrenmann ſeieſt, ſo müßte ich glauben, daß dahinter eine kleine Spitzbüberei von Deiner Seite ſteckt.“ „Ich finde Dein Mißtrauen nur natürlich und ver⸗ zeihe Dir, wenn Du an mir irre wirſt. An Deiner Stelle würde ich eben ſo denken. Wenn Du mich aber gehört haben wirſt, ſoll Dein Urtheil anders lauten.“ „Nun, ich bin wirklich neugierig,“ brummte der Baron, indem er haſtig ein Glas Wein herunterſtürzte, das vor ihm ſtand, und den Paſtor gleichfalls zum Trin⸗ ken nöthigte. „Vor allen Dingen,“ fuhr derſelbe fort,„muß ich mich ſelbſt anklagen, daß ich durch meine eigene Schuld in Dein Haus all dieſe Verwirrung gebracht habe. Zwar konnte ich die traurigen Folgen nicht abſehen, dennoch will ich mich ſelbſt nicht von jedem Vorwurfe frei ſpre⸗ chen. Aber die Verhältniſſe ſind oft mächtiger als wir und wachſen uns über den Kopf. Du wirſt mir viel zu vergeben haben.“ „Du jagſt mir ja einen ordentlichen Schreck ein. So ſchieße doch los und halte mich nicht länger auf. Was iſt mit dem Mädchen, warum ſoll ſie nicht die Braut meines Sohnes werden? Denn das iſt doch ſchließlich der langen Rede kurzer Sinn.“ „Du haſt es errathen. Martha kann nie Rudolph 1 15² angehören. Wie ich Dich kenne, weiß ich auch, daß Du nie Deine Einwilligung zu dieſer Verbindung geben wirſt.“ „Das wird ſich finden. Glaubſt Du denn, daß ein Mann wie ich ſo ſchnell ſein Wort zurücknimmt, und noch dazu, wo es ſich um das Glück ſeines einzigen Sohnes handelt? Der alte Hanſen wirft nicht ſo mit ſeinen Ver⸗ ſprechungen herum.“ 4 „Und doch wirſt Du es thun. Gerade weil ich Dich kenne, deshalb ſpreche ich mit ſolcher Beſtimmtheit.“ Der Baron hatte ſein Glas wieder aus der Flaſche voll geſchenkt, aber er zog die bereits darnach ausge⸗ ſtreckte Hand wieder zurück und ſah den Paſtor mit über⸗ raſchten Blicken fragend an. In den Mienen des treuen Freundes lag ein ſo tiefer Ernſt, daß der ſonſt ſo heitere und ſorgenloſe Mann förmlich zuſammenfuhr. „Mach' ein Ende!“ murmelte er verdrießlich.„Du ſpannſt mich nur unnöthig auf die Folter. Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt. Was hat ſich mit dem Mädchen zugetragen?“ Es koſtete dem Paſtor eine ſchwere Ueberwindung, ehe er im Zuſammenhange Martha's Geſchichte vorzu⸗ tragen im Stande war. Er erzählte dem aufmerkſamen Zuhörer ſeine erſte Begegnung auf der Eiſenbahn mit ihr, das Geſpräch und das rührende Geſtändniß ihrer Schuld in dem einſamen Park. Bei Erwähnung ihres Fehltrittes ſprang der Baron, der bisher der ergreifenden Erzählung nachdenklich aber ruhig gelauſcht hatte, mit einem jähen Satz von ſeinem Stuhle auf, als wenn ihn eine Schlange geſtochen hätte. „Das iſt zu viel,“ ſchrie er laut.„Mein Sohn und eine— ſolche Dirne. Ehe ich das zugebe, lieber er⸗ würge ich ihn mit meiner eigenen Hand.“ Der gute Paſtor ſuchte vergebens, den Aufgeregten zu beſchwichtigen, er ſtieß ihn mit Heftigkeit zurück und ſtürmte mit eiligen Schritten in dem Zimmer auf und nieder, ſeiner leidenſchaftlichen Wildheit durch laute Flü⸗ che und Verwünſchungen Luft machend. Er war auf das empfindlichſte verletzt, da er im Punkt der Ehre auch nicht den leiſeſten Flecken an ſich und Andern duldete. Der reine Name ſeines Hauſes, die Würde ſeiner Familie, an der auch nicht der geringſte Makel haftete, galt in ſei⸗ nen Augen als das Höchſte auf der Erde. Für dieſe Gü⸗ ter war er zu jedem Opfer bereit, für ſie hätte er ſein eigenes Leben freudig hingegeben. Er ſtand über den Vor⸗ urtheilen ſeines Standes, aber an ſeiner Ehre hielt er darum nur um ſo ſeſter, und keine Macht der Erde wäre im Stande geweſen, ihn davon abzubringen. Er war zu⸗ gleich Edelmann und Soldat, da er als Major ſeinen Abſchied genommen hatte; darum fühlte er ſich doppelt 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 10 154 verpflichtet, ſein blankes Wappenſchild vor jedem Schmutz zu wahren.— Seine Entrüſtung kannte keine Grenzen mehr; er war bis zur Raſerei empört; das heiße Blut, welches Rudolph von ihm geerbt zu haben ſchien, kochte wild in ſeinen Adern und röthete ſein Geſicht, das von Zorn erglühte. Der nächſte Ausbruch ſeiner Wuth traf den alten Freund, den er jetzt mit heftigſten Vorwürfen überhäufte. Dieſer ertrug die unverdienten Schmähungen mit wahrhaft chriſtlicher Geduld, nur als der Major zu⸗ gleich die kränkendſten Ausdrücke gegen Martha ſich zu Schulden kommen ließ, hielt er es für ſeine Pflicht, die Unglückliche zu vertheidigen. „Schäme Dich!“ ſagte er, indem er ſich dem Wü⸗ thenden unerſchrocken entgegenſtellte.„Du weißt nicht, was Du ſagſt und thuſt. Der Zorn hat Deinen ſonſt ſo richtigen und geſunden Verſtand geblendet, daß Du darüber nicht mehr die Wahrheit ſiehſt. Das Mädchen, welches Du eine gemeine Dirne nennſt, verdient nicht dieſen Schimpf aus Deinem Munde; ſie ſteht in meinen Augen vollkommen gerechtfertigt da, und ich dulde ſelbſt nicht von Dir, daß Du ſie ſchilſt.“ „Immer beſſer,“ höhnte der Baron.„Der Geiſt⸗ liche vertheidigt eine—“ „Ja ich vertheidige ſie, eben weil ich ein unwürdiger Diener des Herrn bin, der mehr Freude über einen be⸗ 155 kehrten Sünder hat, als über zehntauſend Gerechte; weil ich es für meine Pflicht halte, den Gefallenen aufzurich⸗ ten und dem Reuigen beizuſtehen. Du ſprichſt von Dei⸗ ner Ehre, aber in den Augen Gottes gilt Barmherzigkeit mehr als dies irdiſche Geſpenſt Deines Hochmuthes. Was hat das arme Mädchen verbrochen, daß Du Dich mit Verachtung von ihr abwendeſt? Sie erlag der Verfüh⸗ rung, weil ſie ohne Schutz im jugendlichen Alter daſtand. Schmach ihrem Verführer, aber Mitleid mit der Unglück⸗ lichen. Du kennſt wie ich tauſende von Männern, welche mit der Unſchuld ihr Spiel treiben und ſich ihrer Siege über weibliche Schwäche frech noch rühmen, Du kennſt ſie und gehſt mit ihnen um. Du ſtößt nicht die Hand zurück, die ſie Dir reichen, Du duldeſt ſie in Deinem Hauſe und an Deinem Tiſch, Deine Ehre wird nicht durch die Berührung mit ihnen befleckt, während Du Dich mit Abſchen von den Opfern ihrer Niederträchtigkeit zurückziehſt. Iſt das Gerechtigkeit? Du zuckſt höchſtens die Achſel über die verheirathete Frau, die ihren Mann hintergeht, wenn ſie nur dabei den äußeren Anſtand be⸗ obachtet und bisher keine öffentliche Aergerniß gegeben hat. O über die Heuchelei der Welt! Das Mädchen, welches in einem unbewachten Augenblick aus Liebe oder Schwachheit fehlt, wird von ihr verdammt, und das Weib, das ihre heiligſten Pflichten mit Bewußtſein ver⸗ 10* 156 letzt, ihre vor Gott abgelegten Schwüre bricht, entſchul⸗ digt, wo nicht gar bewundert. Für die Eine habt ihr Schande und Verwünſchungen, für die Andere höchſtens ein frivoles Lächeln.“ Der Eifer, womit der würdige Paſtor ſprach, ſchien doch einigen Eindruck auf den Baron zu machen; er wurde ruhiger und ſeine Wuth begann zu ſchwinden. Wie bei ſolchen jähzornigen und aufbrauſenden Naturen verflog die erſte Aufregung faſt eben ſo ſchnell, als ſie gekommen war, um ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit und dem ange⸗ nommenen Gerechtigkeitsſinn zu weichen. „Zugegeben, daß Du Recht haſt,“ entgegnete er milder,„ſo kannſt Du doch nicht verlangen, daß ich⸗ meinen Sohn ein derartiges Weib nehmen laſſe, das ein⸗ mal einen Fehltritt begangen hat?“ „Davon iſt auch nicht die Rede. Hab' ich oder hat Martha das von Dir verlangt?— Sie ſelbſt war von der erſten Stunde an entſchloſſen, zu entſagen. Durch eine unglückliche Verkettung der Verhältniſſe wurde ſie ge⸗ hindert, ihr Vorhaben auszuführen. Vor allen Dingen fehlte ihr der Muth, Rudolph das Geſtändniß ihrer Schuld abzulegen. Willſt Du ſie deshalb verurtheilen? Sie liebt Deinen Sohn wahr und rein; ſie iſt ein Weib. Sollte ſie dem Geliebten ihre Schande ſelber eingeſtehen? Kannſt Du ihr Schweigen zum Verbrechen 157 ſtempeln? Welche Frau würde an ihrer Stelle anders gehandelt haben?“ „Das iſt wahr,“ rief der Baron, immer mehr über⸗ zeugt und beſänftigt. „Martha hat mich zuerſt erſucht, die durch dis Lei⸗ denſchaftlichkeit und Ueberſtürzung Deines Sohnes an⸗ gerichtete Verwirrung zu löſen; ſie verlangte nur von mir, daß dies mit der nöthigen Schonung ihres Rufes geſchehen ſollte. Kannſt Du es ihr verdenken? Dabei nahm ſie jedoch weit weniger Rückſicht auf ſich ſelbſt, als auf Rudolph; nur ihn will ſie nicht unglücklich wiſſen, nur in ſeinen Augen nicht verächtlich daſtehen, um ihm die Beſchämung vor ſich ſelber zu erſparen. Sie gah mir mein feierliches Wont zurück, das mir anvertraute Ge⸗ heimniß zu bewahren; ſie ſelbſt ermächtigte mich zu die⸗ ſem Behufe das ihr angelobte Stillſchweigen zu brechen.— Denkt und handelt ſo eine Abenteuerin, eine verlorene Dirne?“ „Ich will auch gern meine Beſchuldigungen zurück⸗ nehmen,“ antwortete der Baron, dem ſeine frühere Hef⸗ tigkeit Leid that.„Du kennſt mich und weißt, daß ich ein Hitzkopf bin. Kannſt Du mir verzeihen?“ „Von ganzem Herzen,“ entgegnete der Paſtor, in⸗ dem er ihm verſöhnlich die Hand entgegenſtreckte. „Ich habe Unrecht,“ ſetzte der Freund hinzu;„aber 158 wenn ich einmal aufgebracht bin, dann kenne ich mich ſelbſt nicht mehr. Das Mädchen verdient meine Achtung. Biſt Du nun zufrieden mit mir, alter Freund?“ „Mehr verlange ich nicht. Auch ich kann mich nicht von jeder Schuld frei ſprechen. Ich hätte vorſichtiger verfahren müſſen.“ „Nein! Du haſte wie ein wahrer Chriſt und Men⸗ ſchenfreund gehandel„Dich kann kein Vorwurf treffen.“ „Das muß ich beſſer wiſſen. Im Grunde genom⸗ men hab ich doch das ganze Unheil angerichtet.“ „Du wirſt mich och von Neuem böſe machen,“ eiferte der Baron.„Deine verwünſchte Gutmüthigkeit eht mir zu weit. Statt mir den Kopf zu. waſchen, wie ich es verdient habe. nimmſt Du auf Dich die ganze Schuld. Das kann ich nicht zugeben.“ Bald hätte nicht viel gefehlt und die alten Freunde hätten ſich von Neuem überworfen, weil jeder den Andern entchulddhen und ſich ſelbſt nur anklagen wollte. „Sind wir nicht wie die Kinder,“ ſagte endlich der Paſtor lächelnd;„da ſtreiten wir uns herum, wer eigent⸗ lich die Schuld hat, eſtatt darüber nachzudenken, wie wir den armen jungen Leuten helf fen follen 6 „Ich würde mir gern meine rechte Hand abhauen laſſen, wenn ich damit ihr Glück erkaufen könnte. Aber ſo geht es nicht; das wirſt Du ſelbſt einſehen. Meinet⸗ 159 wegen könnte das Mädchen eine Bettlerin ſein, wenn ſie nur nicht den dummen Streich gemacht hätte. Meine Ehre—“ „Fängſt Du ſchon wieder mit Deiner Ehre an?“ unterbrach ihn der Paſtor. „Mein Gott!“ murrte der Baron;„ein Mann wie ich darf auch nicht den leiſeſten Flecken auf ſeinem Namen dulden. Man würde auf uns mit Fingern weiſen. Das überlebte ich nicht. Verſetze Dich einmal in meine Lage und ſage mir, was ich thun ſoll. Darf ich es ruhig mit anſehen, daß mein einziger Sohn eine ſolche Wahl trifft?“ „Darüber ließe ſich viel ſtreiten. So unbedingt kann ich Dir nicht beiſtimmen, wenn Du auch in der Mehrzahl der Fälle Recht haſt.“ „Und würdeſt Du ein Mädchen wie Martha und unter ſolchen Verhältniſſen Deinem Sohne geben?“ „Ich würde ihm vor allen Dingen die Wahl frei ſtellen, nachdem ich ihn auf die Folgen eines ſolchen Schrittes aufmerkſam gemacht hätte. Wenn er den Muth hat, dem Vorurtheil der ganzen Welt zu trotzen, wenn er an ſeiner Ueberzeugung auch dann noch feſt hält, wenn ſeine Liebe ſelbſt dieſe ſchwerſte Prüfung beſtanden hat, dann glaube ich meiner Pflicht als Vater vollkommen genügt zu haben.“ 160 „Ich ſollte doch meinen, daß. es beſſer wäre, ihm die Wahl zu erſparen und mit der väterlichen Autorität dazwiſchen zu treten. Wenn Du ſiehſt, daß Dein Kind auf dem Punkte ſteht, ſich für immer unglücklich zu ma⸗ chen, haſt Du dann nicht das Recht mit Gewalt es zu⸗ rückzuhalten?“ „So lange das Kind unmündig und unzurechnungs⸗ fähig iſt, allerdings; wenn es aber hinlänglichen Ver⸗ ſtand beſitzt, dann bleibt Dir nichts übrig, als es zu warnen, zu ermahnen. Die väterliche Gewalt hat ihre Grenzen, die ſie nicht ungeſtraft überſchreiten darf. Sind wir den allwiſſend wie der Ewige, dem es allein in ſeiner Weisheit zuſteht, das Schickſal ſeiner Kinder zu beſtim⸗ men, weil er das Herz des Menſchen kennt, Zukunft und Vergangenheit vor ihm daliegen wie ein aufgeſchlage⸗ nes Buch? Iſt es nicht Vermeſſenheit, wenn Eltern in ihrer Beſchränktheit die Rolle der Vorſehung gegen ihre Kinder ſpielen wollen? Hat doch der allmächtige Vater ſeinen Kindern die Freiheit des Willens gelaſſen, zu wäh⸗ len zwiſchen Gut und Schlecht! Willſt Du ſtrenger und gewaltiger ſein als Er?“ „Du ratheſt mir alſo, Rudolph einzig und allein die Entſcheidung zu überlaſſen?“ „Allerdings! Er ſelbſt iſt der einzige Richter in dieſer Angelegenheit, die ihn zunächſt betrifft. Er ſoll 161 ſein Herz fragen und auf die Stimme der eigenen Ver⸗ nunft hören. Du haſt nur die Pflicht, ihm in dieſem ſchweren Kampfe mit Deinem gereifteren Urtheil, Deiner Lebenserfahrung beizuſtehen. Ohnehin wird Deine An⸗ ſicht und die Rückſicht auf Dich ſchwer genug in die Wage fallen. Wie aber auch ſein Entſchluß lauten mag, Du darfſt ihn nicht zwingen wollen. Glaube mir, daß Du ſo am beſten thuſt; denn die Gewalt erweckt nur Wider⸗ ſtand. Das Herz des Menſchen iſt wie weiches Wachs, wenn es mit Liebe behandelt wird; es verwandelt ſich in ſprödes Erz, wenn man es drängen will.“ „Ich will mit Rudolph reden, obgleich es mir ſchwer fällt. Lieber ſtände ich einer geladenen Batterie gegenüber. Das wird eine heiße Stunde werden; doch Du wirſt mich nicht verlaſſen und wie ein treuer Kame⸗ rad mir zur Seite ſtehen.“ „Es iſt beſſer, daß Du mit Deinem Sohne allein verhandelſt. In ſolchen Augenblicken iſt jeder Dritte überflüſſig, und wär' er unſer beſter Freund. Das wunde Reh flieht ſeine Gefährten und verbirgt ſich, um mit ſei⸗ nem Schmerz allein zu ſein. Es ſchämt ſich ſeiner Schwäche und erwartet ſeine Geneſung fern von der Welt. Auch Rudolph wird aus dieſem Kampfe gekräftigt und als ein Mann hervorgehen. Junge Leute, wenn ſie eine ſchwere Krankheit überwunden haben, ſcheinen uns 162 größer und gewachſen zu ſein. Auch die Leiden der Seele und des Herzens machen uns größer im moraliſchen Sinne. Er wird zum Mann heranreifen und ſein Schick⸗ ſal mit Würde tragen.“ „Das gebe Gott!“ ſeufzte der bekümmerte Baron. „Ich hätte es aber doch lieber geſehen, wenn Du geblie⸗ ben wäreſt. Ich fürchte mich faſt, ihm die Wahrheit ſo unvorbereitet zu ſagen. Du weißt, wie ihn Alles gleich ſo tief angreift.“ „Darum wird es nothwendig ſein, daß Du ſo ſcho⸗ nend als möglich verfährſt. Vermeide es ſeine Gefühle zu verletzen und achte ſeinen Schmerz. Ich will gehen, um die arme Martha zu tröſten, ſo gut ich es kann.“— Nur ungern ließ der Baron den Paſtor ſcheiden; er hätte ihn weit lieber zurückgehalten, weil er ſich allein nicht die nöthige Kraft zutraute, den Sohn mit einer ſol⸗ chen Nachricht zu empfangen. Sonſt bei jeder andern Gelegenheit voll Energie und Feſtigkeit, fehlte ihm in dieſem Augenblick der Muth. Das Vaterherz bebte vor den Schmerzen zurück, die es ſeinem Kinde jetzt bereiten ſollte. Darum ſaß auch der Baron mit geſenktem Haupte nachdenklich in ſeinem Sorgenſtuhl; er konnte ſich nicht entſchließen, die Hand nach der vor ihm ſtehenden Glocke auszuſtrecken und dem Bedienten zu klingeln, damit dieſer Rudolph zu ihm beſcheide. Immer zögerte er noch, als 163 glaubte er durch dieſen Aufſchub der drohenden Kata⸗ ſtrophe zu entgehen. Sein halbes Vermögen hätte er gern dahingegeben, wenn Rudolph nie Martha geſehen hätte. „Der arme Junge!“ klagte er für ſich.„Wie werd' ich es ihm beibringen? Da ſitz' ich nun und fürchte mich wie eine alte Memme. Es iſt aber auch ein hartes Stück, dem eigenen Sohne einen ſolchen Stich in's Herz zu ge⸗ ben. Lieber wollt' ich doch, daß das Mädchen— Pfui! pfui! das war ein ſchlechter Gedanke. Die Arme dauert mich. Wenn nur nicht die verwünſchte Geſchichte paſſirt wäre; aber darüber komme ich nicht fort, mag auch der Paſtor ſagen, was er will. Ich darf gar nicht daran den⸗ ken, daß Rudolph ſie demungeachtet noch nehmen kann. Nein, nein! Ich kenne ihn beſſer, er iſt von meinem Blut; er hält wie ich auf ſeine Ehre. Wenn ſeine Liebe aber doch ſtärker wäre als ſein Pflichtgefühl?— Soll ich es ruhig mit anſehen, wie er meinen ehrlichen Namen, unſer reines Wappenſchild befleckt?— Das darf nicht ge⸗ ſchehen. Ich will ihm ja Alles geben, was er will. Ich ſchicke ihn auf Reiſen nach Paris, nach Rom, nach Nea⸗ pel, wohin er Luſt hat. Ich gehe ſelbſt noch mit auf meine alten Tage und verkaufe hier mein Gut, damit ihn die Erinnerung nicht trübe macht.— Auch für das arme Mädchen will ich nach Kräften Sorge tragen; ſie thut mir Leid. Bei Gott! ich hab' ihr Unrecht gethan und bin 164 ihr Satisfaction ſchuldig. Ich werde ihr eine jährliche Summe bei meinem Banquier ausſetzen, von der ſie le⸗ ben kann. Das wird auch Rudolph gefallen und Balſam für ſeine Wunden ſein.— Wenn ich es nur ſchon über⸗ ſtanden hätte, wenn ich nur ſchon wüßte, woran wir ſind!“— So ſprach der Baron mit ſich ſelbſt voll banger Erwartung und Aufregung. Die Unterhaltung mit dem Paſtor hatte zwar ihn milder geſtimmt, aber keineswegs ſeine Anſichten erſchüttert. Noch immer war ihm der Gedanke ſchrecklich, daß Rudolph ungeachtet der Wahr⸗ heit ſeiner Liebe treu bleiben würde. Die Möglichkeit die⸗ ſes Falles konnte ſich der alte Herr, welcher ſonſt von den Vorurtheilen ſeines Standes gänzlich frei war, ſich gar nicht vorſtellen. Dagegen ſträubte ſich ſein ganzes Weſen, ſeine ſtrenge Anſicht über Ehre, die er bisher unter allen Verhältniſſen feſt gehalten hatte.— So lange der würdige Freund mit ihm ſprach, hörte er wohl auf deſſen Vorſtellungen; nachdem derſelbe aber gegangen war, erwachte wieder ſeine ſtarre Ueberzeugung mit ver⸗ doppelter Stärke. Er war entſchloſſen, nicht zu weichen und es auf das Aeußerſte ankommen zu laſſen. Im Stil⸗ len gab er aber der Hoffnung Raum, daß der Sohn aus Achtung vor der väterlichen Autorität nachgeben würde. Vor Allem rechnete er auf die ihm bekannte ritterliche 165 Geſinnung Rudolph's und auf ſeine oft geäußerten Be⸗ griffe von weiblicher Unſchuld und Jungfräulichkeit. Den⸗ noch war er nicht ſo gewiß, um den Erfolg dieſer Un⸗ terredung vorauszuſehen.— Gern hätte er noch den Rath der Baronin zuvor eingeholt, aber der Paſtor hatte ihm bei Eröffnung des Geheimniſſes von Martha's Schuld das Verſprechen abgenommen, keinem Menſchen und ſelbſt nicht ſeiner Gattin davon zu ſagen, weil er mit Recht ihren Stolz befürchtete und er außerdem die Erfahrung gemacht zu haben glaubte, daß gerade Frauen am ſcho⸗ unngsloſeſten über die Fehltritte anderer Frauen zu ur⸗ theilen pflegen. Während der Baron, noch von den verſchiedenſten Befürchtungen gequält, ſchwankte und zögerte, war Ru⸗ dolph ungerufen in das Zimmer des Vaters eingetreten. Er hatte von der Anweſenheit des Paſtors auf dem Schloſſe gehört und war gekommen, um dieſen aufzu⸗ ſuchen. Bei dem Geräuſche, welches er verurſachte, drehte ſich der Baron um und fuhr unwilllührlich zuſammen, als er den Sohn erblickte. „Was thuſt Du hier?“ fragte er in einem mür⸗ riſchen Tone, hinter dem ſich ſein Kummer verbarg. „Ich wollte den Paſtor ſprechen, da ich gehört habe, daß er hier geweſen iſt. Ich wundere mich nur, daß er gegangen iſt, ohne mich zu ſehen. Er hatte mir 166 verſprochen, Nachricht von Martha's Befinden zu geben, die ich unwohl verlaſſen habe.“ Mit dieſen Worten eilte Rudolph nach der Thür, um ſo ſchnell als möglich dem Paſtor nachzugehen, da er ihn noch unterwegs zu treffen hoffte. Die Ungeduld ließ ihn weder eine Antwort erwarten, noch die ſorgenvolle Miene des Barons bemerken. „Bleib!“ rief ihm dieſer zu.„Ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Betroffen kehrte Rudolph von der Thür zurück. In dem Tone der väterlichen Stimme lag ein ihm befrem⸗ dender Ausdruck, der ihn unwillkürlich mit Bangigkeit er⸗ füllte. Er legte den bereits ergriffenen Hut wieder ab und näherte ſich dem Baron. Erſt jetzt fiel ihm das veränderte Ausſehen desſelben auf; er glaubte in ſeinen Augen eine ſonſt nur ſeltene Sorge, auf der Stirn eine finſtere Kummerwolke zu entdecken. „Um des Himmelswillen!“ fragte er beſtürzt,„was iſt vorgefallen? Du ſiehſt mich ſo eigenthümlich, faſt wie mit mitleidigen Blicken an. Biſt Du vielleicht auch krank geworden, haben ſich Deine Gichtanfälle wieder einge⸗ ſtellt?“ „Das nicht,“ antwortete der Baron beklommen, „aber—“ „Martha iſt gewiß ſchlechter geworden. Ihr Zuſtand 167 hat ſich verſchlimmert. Der Paſtor wollte es mir nur nicht ſagen. O mein Gott! Das hat mir heut' den gan⸗ zen Tag geahnt. Wenn ich ſie verlieren ſollte, ich würde es nicht überleben können.“ Er war ſo bleich geworden, daß der Baron zuſam⸗ menſchrak; an die Stärke und Heftigkeit einer ſolchen Liebe hatte er nicht geglaubt; dennoch durfte er nicht län⸗ ger zögern, er mußte den gefaßten Entſchluß unter jeder Bedingung ausführen. „Rudolph!“ ſagte er bewegt,„ſei ein Mann und verſprich, mich ruhig anzuhören.“ Neuntes Capitel. Es war eine tiefe Pauſe nach dieſen Worten ein⸗ getreten; Rudolph griff unwillkürlich nach ſeinem Herzen, das bald ungewöhnlich laut ſchlug, bald gänzlich ſtill zu ſtehen drohte. Er fühlte eine unnennbare Beklemmung in ſeiner Bruſt, als wenn er ſogleich erſticken müßte. Auch dem Baron ſchien die Kehle wie zuſammengeſchnürt, ſo daß er keinen Laut hervorzubringen vermochte. „Armer Junge!“ ſeufzte er endlich bewegt. „Mein Vater!“ klagte dieſer.„Sage mir, was geſchehen iſt. Gibt es keine Hoffnung mehr für Martha; iſt ſie rettungslos verloren?“ „Sie iſt für Dich verloren.“ „So will ich hin zu ihr und mit ihr ſterben.“ „Und was ſoll aus Deinen Eltern werden? Willſt Du ſie verlaſſen, undankbares Kind!“ „Verzeihung, mein Vater! Ich weiß nicht, was ich 169 ſpreche. Halte mich nicht zurück. Ich will ſie ja nur noch einmal ſehen und von ihr Abſchied nehmen.“ „Du darfſt ſie nicht mehr ſehen,“ entgegnete der Baron mit Feſtigkeit. „Wie kannſt Du ſo grauſam ſein und mir dieſen letzten, einzigen Troſt verſagen. Ich verſpreche Dir, daß ich ruhig ſein und mich beherrſchen will. Fürchte nicht, daß ich mich der Verzweiflung überlaſſen, oder gar einen gewaltſamen Schritt gegen mich unternehmen werde. Das wird ohnehin nicht nöthig ſein, denn ich fühle, daß ich nicht mehr lang zu leben habe,“ ſetzte er mit einem trau⸗ rigen Lächeln hinzu. „Du biſt noch jung, und die Zeit wird auch Dich tröſten. Es gibt keinen Verluſt, den der Menſch nicht endlich vergeſſen lernt.“ „Ich und Martha vergeſſen, nimmermehr! Das wird nie geſchehen.“ „So haben Tauſende vor Dir gedacht und geſpro⸗ chen, und doch iſt es anders gekommen. Auch Du wirſt eine Zeit lang große Schmerzen zu leiden haben, aber die Liebe Deiner Eltern wird Dir ſie tragen helfen. Wir werden Dir zu erſetzen ſuchen, was das Schickſal Dir geraubt hat.“ „Kann Eure Liebe die Todte wieder in's Leben zu⸗ rückrufen, die Geſtorbene aus ihrem Grabe erwecken? 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 11 170 Was ſtehe ich noch hier? Sie ſtirbt vielleicht in dieſem Augenblick, und ich bin fern von ihr.“ Bisher hatte der Baron abſichtlich dieſen Irrthum walten laſſen, um dadurch den Sohn auf das Schlimmſte vorzubereiten. Endlich hielt er es an der Zeit, ihm dieſe Täuſchung zu benehmen und ihm nicht länger die faſt noch traurigere Wahrheit vorzuenthalten. Rudolph war von ſeinem Stuhle wieder aufgeſprungen, aber der Va⸗ ter zog ihn darauf nieder und hielt ihn feſt mit ſeiner Hand. „Martha,“ ſagte er nachdrücklich,„iſt außer aller Gefahr, wie mir ſo eben der Paſtor mitgetheilt hat.“ „Du ſcherzeſt und willſt mich nur zurückhalten.“ „Ich kann Dir mein Ehrenwort geben, daß ſie ſich bereits von ihrem leichten Unwohlſein erholt hat.“ „Das iſt nicht möglich. Was hat das Alles zu be⸗ ten? Sie iſt außer Gefahr, und doch haſt Du eben zu Mſiir geſagt, daß ſie verloren ſei.“ „Sie iſt für Dich nur verloren; ſie lebt, aber Du darfſt ſie nie wiederſehen.“ „Mein Vater! Ich werde irre an Dir. Nachdem Du noch heute früh Deine Einwilligung zu dieſer Ver⸗ bindung gegeben haſt, widerrufſt Du Deine eigenen Worte.“ 3 „Ich kann und darf nicht anders handeln.“ 171 „Ich habe Dich ſtets für einen Ehrenmann gehal⸗ ten, dem ſein gegebenes Verſprechen heilig iſt.“ „Darnach kannſt Du die Stärke meiner Gründe abmeſſen. Weil ich die Ehre meines Hauſes, die Rein⸗ heit meines Namens höher achte als Alles auf der Welt, darum muß ich Dich von einem Schritt zurückhalten, der Dich in den Augen der Welt mit Schimpf bedecken würde.“ „Ich beſchimpft, wenn ich Martha meine Hand reiche. Wer wagt das zu behaupten und mit welchem Recht?“ „Weil ein unauslöſchlicher Fehltritt auf ihrer Ver⸗ gangenheit ruht.“. „Vater!“ Es war ein Schrei der Wuth und des Schmerzes, vor dem der muthige Baron erzitterte. Todtenbläſſe be⸗ deckte Rudolph's Wangen, ſeine Augen ſchleuderten vor⸗ nichtende Blitze, ſeine Hände waren krampfhaft gebaltt. Jeder Andere als ſein Vater hätte ihm dieſe Worte mit dem Leben bezahlen müſſen. Wie der Löwe, den die Ku⸗ gel des Jägers verwundet, aber nicht zu Tode getroffen, war er aufgeſprungen in wildem Zorn, der nur durch das kindliche Pflichtgefühl und die gewohnte Ehrfurcht vor einer jähen That zurückgehalten wurde. Er mußte ſich an der Lehne des Seſſels feſt halten, die unter ſeinem 11* 172 gewaltigen Griffe zuſammenkrachte. Alles Blut drängte ſich nach ſeinem Herzen, das unter dieſer Laſt zu brechen drohte. Es war ihm in dieſem Augenblicke, als drückte die ganze Welt auf ſeine Bruſt, als müßte er die eigenen Adern aufreißen, um ſich Luft zu verſchaffen. Vor ſeinen in die Leere ſtarrenden Blicken war es finſter geworden, ein dichter Schleier legte ſich zwiſchen ihm und der übri⸗ gen Welt.— „Rudolph!“ ſchrie der Baron über dieſen Anblick entſetzt.„Ermuntere Dich, komme zu Dir.“ 4 Er antwortete nicht, ſondern ſtieß nur einen tiefen Seufzer aus, der wie das Röcheln eines Sterbenden in der ſchauerlichen Stille klang. Erſt nach einiger Zeit ſchien ſein Bewußtſein zurückzukehren. „Beweiſe,“ ſtammelte er aufgeregt.„Ich verlange Beweiſe für eine ſolche Beſchuldigung.“ „Glaubſt Du nicht den Worten Deines Vaters?“ „Auch Du kannſt getäuſcht worden ſein. Wenn Martha ſchuldig iſt, ſo gibt es keine Treue, keine Wahr⸗ heit mehr auf dieſer Welt; dann iſt Alles Lüge, ſchänd⸗ liche Lüge. Wer hat den Muth, ſie anzuklagen?“ „Sie ſelbſt durch den Mund unſeres Paſtors, den Du wie ich für einen Ehrenmann halten wirſt. Er iſt Martha's einziger und beſter Freund.“ „Wo gibt es einen Freund, der uns nicht belügen 173 kann? Ich fürchte, daß er aus Egoismus mein Glück mir rauben will. Martha iſt ihm unentbehrlich geworden, darum will er ſie nicht verlieren.“ „Rudolph! die Leidenſchaft verblendet Dich und raubt Dir den Verſtand, ſonſt würdeſt Du nicht dem würdigen Manne eine ſolch' gemeine Geſinnung zutrauen. Er iſt mein Jugendfreund, und ſo lange ich ihn kenne, habe ich nie eine Unwahrheit aus ſeinem Munde gehört. Er liebt Dich wie einen eigenen Sohn und hat es Dir bei unzähligen Gelegenheiten bewieſen. Wie kannſt Du an ſeiner Aufrichtigkeit zweifeln?“ „Verzeihung! Ich weiß nicht, was ich rede, was ich denken ſoll. Mein armer Kopf iſt ſo verwirrt. Ich will ja Alles glauben, nur nicht daß Martha ſchuldig iſt.“ „Sie iſt es auch nicht in dem Maße, wie Du meinſt. Für ihren Fehltritt laſſen ſich die gewichtigſten Gründe angeben. Der gute Paſtor hat mir die Geſchichte ihrer Verirrungen umſtändlich erzählt, und ich will Dir nicht verhehlen, daß ich ſie nicht verdammen kann, daß ich das tiefſte Mitleid mit ihr fühle. Aber die Welt ur⸗ theilt anders, in den Augen der Menſchen bleibt ſie eine Gefallene. Haſt Du den Muth, der öffentlichen Meinung zu trotzen, Dir eine Verlorene zum Weibe zu nehmen, Deinen Kindern den Stempel der Beſchimpfung aufzu⸗ drücken, Deinen Eltern die wenigen Tage, welche ſie noch 174 zu leben haben, zu verbittern? Willſt Du den ehrlichen Namen Deiner Familie dem Geſpött preisgeben, unſer reines Wappenſchild beflecken?— Ich werde Dich nicht zwingen und von meiner väterlichen Gewalt keinen Ge⸗ brauch machen. Ueberlege aber wohl die Folgen eines Schrittes, die nicht ausbleiben können. Nur auf gegen⸗ ſeitiger Achtung beruht das wahre Glück in der Ehe. Die blinde Leidenſchaft der Jugend kann nicht ewig dauern. Du wirſt die Augen öffnen und dann zu ſpät einſehen lernen, daß Du einer vergänglichen Täuſchung das Glück Deines Lebens geopfert haſt. Die Kreiſe Deiner Standes⸗ genoſſen werden ſich vor Dir und Deiner Frau verſchlie⸗ ßen, Deine beſten Freunde ſich von Dir zurückziehen. Wo Du Dich zeigſt, wird Dir das Achſelzucken und das mitleidsloſe, höhniſche Lächeln der Menge begegnen. Wie ich Dich kenne, wirſt Du bei Deiner Empfindlich⸗ keit und Reizbarkeit täglich neue Qualen zu erdulden ha⸗ ben. Willſt Du Dich mit aller Welt ſchlagen, mit Degen und Piſtolen Deinem Weibe die verſagte Achtung er⸗ zwingen?“ „Aber ich kann mich zurückziehen und mich ledig⸗ lich auf meine Familie beſchränken,“ wandte Rudolph ein.„Ich kann die Welt ruhig entbehren, wenn ich in meiner ſtillen Häuslichkeit dafür den hinreichenden Erſatz finde.“ „Auch hierin dürfteſt Du Dich täuſchen. Zugege⸗ ben, daß Du mit fünfundzwanzig Jahren Dich zum vollſtändigen Einſiedler machen, auf jedes Vergnügen verzichten, jede Berührung mit Deinesgleichen vermeiden willſt, glaubſt Du darum wirklich in Deiner Familie ein dauerndes Glück zu finden? Der Rauſch der Liebe, an deren Wahrheit ich bei Dir keinen Augenblick zweifle, ver⸗ fliegt ſchnell genug, um der nüchternen Wirklichkeit und der alltäglichen Proſa Platz zu machen. Der Mann wird nicht wie das Weib von einer einzigen, großen Lei⸗ denſchaft vollkommen ausgefüllt. Es kommt die Zeit, wo Du Dich aus der ſelbſt Dir aufgelegten Beſchränkung fortſehnen, wo Dir der Zwang der Verhältniſſe unerträg⸗ lich werden wird. Deine Verſtimmug, die dann nicht fehlen kann, wird Deinem Weibe nicht verborgen blei⸗ ben. Je mehr ſie Dich liebt, deſto mehr wird ſie darunter leiden und ſich abhämmen. Selbſtanklagen und Vorwürfe müſſen die natürliche Folge ſein. Wo das Vertrauen nicht felſenfeſt in der Seele wurzelt, da ſtellt ſich bei beiden Gatten das ſchreckliche Geſpenſt der Eiferſucht dazu noch ein. Wirſt Du immer an die Treue eines Weibes glau⸗ ben, auf deren Vergangenheit bereits ein ſchwarzer Flecken ruht? Da wird der leiſeſte Verdacht ſchon zur Gewißheit, der geringſte Umſtand zur furchtbaren Anklage, ein Lächeln zum quälenden Geſpenſt, ein Blick, ein Wort zu unum⸗ ſtößlichen Zeugen der Schande.“ 1 176 „O Gott!“ ſtöhnte Rudolph, von den Worten ſei⸗ nes Vaters erſchüttert, wenn auch nicht vollkommen über⸗ zeugt.„Ich kann Dir nicht Unrecht geben, aber bevor ich einen feſten Entſchluß faſſen kann, muß ich erſt Alles wiſſen, Martha's ganze Vergangenheit kennen lernen.“ „Ich will Dir nichts vorenthalten, Du ſollſt ihre Geſchichte ſo erfahren, wie ich ſie ſelbſt aus dem Munde des Paſtors vernommen habe, den Du gewiß nicht irgend einer feindſeligen Abſicht gegen Martha für fähig hältſt. Setze Dich nieder und höre ruhig zu. Thue dann, was Du für Recht hälſt; aber prüfe Dich genau, bevor Du eine ſo entſcheidende Wahl triffſt, von der unſer Aller Glück abhängen wird. Ich verlange nur, daß Du Dich nicht wieder übereilſt, nicht nur auf die Stimme der Lei⸗ denſchaft, ſondern eben ſo ſehr auf die der Vernunft jetzt hörſt.“ „Das verſpreche ich Dir,“ entgegnete Rudolph feier⸗ lich, indem er dem Baron ſeine Hand zur Bekräftigung ſeiner Worte reichte. Dieſer erzählte nun ohne fernere Umſchweife die ein⸗ fachen Thatſachen, wie er ſie ſelbſt von dem würdigen Paſtor eben erſt erfahren hatte. Rudolph hörte ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit, ohne jede Unterbrechung zu; nur zuweilen zuckte er zuſammen, beſonders bei der Er⸗ wähnung Ferdinand's und wie dieſer Martha's jugend⸗ 177 liche Unerfahrenheit auf das ſchändlichſte mißbraucht. Seine bleiche Wangen rötheten ſich wieder und er knirſchte mit den Zähnen. Er hätte den nichtswürdigen Verführer erdroſſeln können, wenn er in ſeine Hände gefallen wäre. Zorn und Mitleid wechſelten in Rudolph's Bruſt, aber zugleich regte ſich in ihm jener ritterliche Stolz, der ihm angeboren war. Er ſah das Ideal, welches ihm ſtets vorſchwebte, ſeiner göttlichen Würde entkleidet, von der Berührung mit der Gemeinheit für immer befleckt, den Altar, vor dem er geknieet, durch ſchändliche Hände ent⸗ weiht.— Seine Verehrung für das weibliche Geſchlecht hatte ſtets eine faſt religiöſe Färbung bewahrt; ohne den Zauber der Unſchuld und Jungfräulichkeit vermochte er ſich nicht die Geliebte zu denken. Dieſer für ihn heiligen Attribute beraubt, erſchien ihm ſeine Liebe nur noch wie eine Leiche, von der der Geiſt entflohen, eine Beute des Grabes und der Verweſung. In dieſer bangen Stunde ſargte er ſeine Neigung ſtumm und lautlos ein; er begrub ſie in ſeinem traurigen Herzen und mit ihr ſein ganzes Lebensglück. Der Baron ahnte wohl, was in der Seele des Soh⸗ nes vorging; von Zeit zu Zeit fuhr der feſte Mann mit der Hand ſich über die Augen, um die heimlichen Thränen ungeſehen zu trocknen. Er ehrte den Schmerz, der ihm in ſo würdiger Geſtalt hier erſchien. Keine Klage, kein 178 Vorwurf kam über Rudolph's Lippen, nur ſein ganzer Körper war nach ſolchem Kampf wie gebrochen, ſein Ge⸗ ſicht wie das eines Sterbenden. „Es iſt vorbei,“ murmelte er mit einem trüben, herzbrechenden Lächeln;„ich bin aus meinem Traum er⸗ wacht. O Gott! das Leben iſt doch eine ſchwere Laſt.“ „Deine Eltern werden ſie Dir tragen helfen.“ „Ich bin entſchloſſen, Martha nicht wieder zu ſe⸗ hen. Den Schmerz will ich ihr und mir erſparen.“ „Das hab' ich von Dir erwartet,“ entgegnete der Baron.„Ich habe mich nicht in Dir getäuſcht.“ „Der gute Paſtor ſoll ihr meine letzten Grüße bringen.“ „Und dann reiſen wir nach Italien, wohin Du ſtets Dich ſehnteſt. Deine Mutter und ich gehen mit.“ Rudolph wußte, welch' ein Opfer dem Baron die Trennung von der ihm liebgewordenen Heimath koſtete. Voll ſchmerzlicher Dankbarkeit warf er ſich an das treue Vaterherz und Beide hielten ſich ſprachlos feſt umſchlun⸗ gen. Der Baron empfand ungeachtet ſeiner Theilnahme für Martha eine geheime Freude über die erſcheinende Ruhe des Sohnes, er war auf wilde Ausbrüche der Ver⸗ zweiflung vorbereitet geweſen, und fand ihn zu ſeiner Ver⸗ wunderung ſtill und gefaßt. Sein väterlicher Egoismus ſchmeichelte ſich ſchon mit der Hoffnung ihn nach einiger 179 Zeit von ſeiner Leidenſchaft gänzlich geheilt zu ſehen. In ſeiner Verblendung konnte er nicht die auffallende Ver⸗ änderungen bemerken, die mit Rudolph vorgegangen wa⸗ ren. Dieſer fühlte, daß ihm der Tod bereits im Herzen faß; er hatte mit der Welt im Stillen abgeſchloſſen und betrachtete ſich wie einen Sterbenden, der von Allem für immer Abſchied nimmt. Widerſtandslos überließ er ſich den ungewohnten Liebkoſungen und Schmeichelworten des Vaters, die er ſeit ſeinen Kinderjahren nicht mehr ge⸗ hört hatte. „Du biſt mein braver, ſtarker Junge,“ ſagte der Baron, indem er ihn herzte und küßte.„Sollſt auch ſehen, wie wir uns amüſiren werden. Ich fühl' es, daß ich mit Dir noch einmal jung werden kann. Morgen reiſen wir ab, zuerſt nach Paris, wo wir die günſtige Jahreszeit abwarten, und dann nach Venedig, Florenz, Rom und Neapel. Da wollen wir mit einander ſchwärmen, und Du wirſt dich überzeugen, daß ich nicht gar ſolch' ein proſai⸗ ſcher Kerl bin, wie Du vielleicht von mir glaubſt. Kopf in die Höhe und das Herz auf dem rechten Fleck, damit kommt man durch die ganze Welt.“ Rudolph ſchüttelte lächelnd mit dem Kopf, aber er vermochte nicht dem alten Herrn ſeine Täuſchung zu rau⸗ ben. Er drängte muthig die Thränen zurück und ſtrengte ſich an, die Schwäche zu verbergen, welche ihn zu über⸗ 180 wältigen drohte. Sein armes krankes Herz wollte ihm die Bruſt zerſprengen, ein unnennbarer Schmerz tobte und wühlte wie mit tauſend glühenden Pfeilen in ſeinem Innern. Länger aber konnte er ſich nicht bezwingen, er⸗ ſchöpft ſank er auf den Lehnſtuhl nieder, er fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Der Baron, welcher erſt jetzt ſei⸗ nen Mitleid erregenden Zuſtand inne wurde, erſchrak über das elende Ausſehen ſeines Sohnes. „Um Gottes Willen,“ rief er entſetzt;„Rudolph! Was fehlt Dir?“ „Nichts,“ entgegnete mühſam der Leidende;„es iſt nur eine kleine Schwäche, die bald vorübergehen wird.“ „Das hätte ich mir wohl denken kennen. Unſere Unterredung hat Dich angegriffen. Du mußt Dir Ruhe gönnen; ein Paar Stunden Schlaf werden Dich wieder herſtellen. Unterdeß werde ich die nöthigen Anordnungen für unſere Reiſe treffen. Komm! ich will Dich ſelbſt auf deine Stube führen.“ Geſtützt auf den Armen des Vaters ſchwankte der Unglückliche auf ſein Zimmer, wo ihn der Baron verließ, nachdem er ihn nochmals voll Zärtlichkeit geküßt und vor allen Dingen die tiefſte Ruhe anempfohlen hatte. Erſt jetzt, wo ſich Rudolph allein ſah, empfand er die ganze Größe ſeines Verluſtes, die bodenloſe Tiefe ſeines Jam⸗ mers.— Von allen Schmerzen der Welt iſt und bleibt 181 wohl der betrübendſte, wenn man die Geliebte ſeines Her⸗ zens ſelber anklagen muß, das Mädchen ſeiner Wahl weder vor ſich, noch vor Andern vertheidigen kann. Gibt es denn ein größeres Leid, als verachten zu müſſen, wo man liebt, als verdammen, was man einſt angebe⸗ tet?— Dagegen iſt der Tod mit all' ſeinen Schrecken nur eine Wohlthat, das Grab mit ſeiner ewigen Nacht die einzige Zuflucht. Die geſtorbene Geliebte darfſt du be⸗ weinen, um ſie trauern; ihr reines Andenken umſchwebt dich bei Tag und Nacht, ihr Bild voll Unſchuld lächelt dir in deinem Elend Troſt. Sie lebt in deinem Herzen fort, ein ſchöner Glaube, die Hoffnung des Wiederſehens an einem ſeligen Ort, wo es keine Trennung mehr gibt, läßt dich die Laſt des Daſeins ferner tragen. Du wan⸗ derſt zu dem Blumen bekränzten Hügel, der die theueren Ueberreſte birgt, du knieſt auf ihren Stein, unter dem die bleiche Hülle ruht; ſie iſt dir nahe, ihr Geiſt grüßt dich auf ihrem Grab.— Wie anders aber, wenn du die Lebende gewaltſam aus deiner Seele reißen, ihr beflecktes Andenken in deiner Bruſt vernichten mußt. Sie lebt und iſt doch für dich geſtorben; ſie wandelt noch umher wie ein Geiſt, der keine Ruhe finden kann, wie das Geſpenſt deines früheren Glückes, das dich mit geheimen Schauder und Grauſen erfüllt. Die Erinnerung gewährt dir keinen Troſt; ſie reißt nur ſtets die alten Wunden auf, daß ſie 182 von Neuem wieder bluten. Du kannſt ſie nicht vergeſſen, und willſt doch ihrer nicht gedenken. In einſam finſteren Nächten taucht ſie vor dir auf wie eine Erſcheinung der Unterwelt, und du wendeſt dich troſtlos von ihr ab. Ihr Lächeln hat dir Unſchuld geheuchelt, und darum glaubſt du keiner Unſchuld mehr; ihr Blick, der ſüße Laut ihrer Stimme hat dich getäuſcht, und darum ſcheint die ganze Welt dir eine große Lüge. Dort drüben gibt es kein Wie⸗ derſehen für dich; denn würdeſt du ihr in der Schaar der Seligen begegnen, ſo müßteſt du dich weinend von ihr abwenden und deine Thränen würden ſie vor dem Rich⸗ terſtuhle Gottes anklangen.— Solche Gedanken umſchwebten Rudolph's heiße Stirne in erner Einſamkeit. Der Stolz und ſeine ſitt⸗ liche Strenge erhoben ſich, um Martha zu verdammen. Seine Phantaſie hatte ſie mit dem Zauber der Unſchuld und Jungfräulichkeit umgeben, ohne die er ſich ſeine Ge⸗ liebte nicht denken konnte. Alle Tugenden, die edelſten Eigenſchaften des Geiſtes und des Herzens waren nicht im Stande ihn dafür zu entſchädigen. Die weibliche Un⸗ ſchuld galt ihm als die himmliſche Krone, welche unſicht⸗ bar auf dem Haupte der Jungfrau ruht und ihr die Welt zu eigen gibt. Das Weib, das ſie einmal verloren, ſank für ihn von ihrer überidiſchen Höhe auf die ſchmutzige Erde nieder— ein gefallener Engel, der ſich nie wieder zu dem reinen, himmliſchen Aether aufzuſchwingen vermag. Seine Romantik ſchwelgte in dem Cultus der Madonna, und als ſolche war ihm Martha auch erſchienen, das Ideal der reinſten, höchſten Weiblichkeit.— Je größer ſeine Verehrung, ſeine ſchwärmeriſche Liebe, deſto erſchüt⸗ ternder die darauf folgende Enttäuſchung. Die Kluft, welche den Himmel von dem Abgrund der Tiefe trennt, kann nicht tiefer ſein, als das Bild dieſer erträumten Reinheit von der entſetzlichen Wirkſamkeit entfernt war. Zu jäh' war der Abſchied, zu heftig der Sturz aus ſeinem Paradieſe, um gerecht ſein zu können. Sein Ur⸗ theil über Martha war daher weit ſtrenger, als das des Barons und des würdigen Paſtors. Die Jugend iſt immer unduldſam, heftig in ihrer Liebe wie in ihrem Zorn, aber darum auch hingebender und opferfähiger. Die Toleranz des Alters iſt häufig nur ein Zeichen ſeiner Schwäche und der Gleichgiltigkeit.— Demungeachtet regte ſich auch in Rudolph's Herzen Mitleid mit der Gelieb⸗ ten; er klagte ſie an und beklagte ſie zu gleicher Zeit; er ſuchte ſie vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen, und daß er es nicht ganz vermochte, vermehrte nur ſein ſchweres Leid. Er glich dem Richter, der oft mit blutendem Herzen ſein Urtheil ſpricht und doch nicht anders darf.— Gegen Abend kam der Baron, um nach ihm zu ſehen. Er fand ihn anſcheinend ruhig und forderte ihn auf, ihn zu der 184 Mutter zu begleiten, welche innerlich erfreut war, die ihr unangenehme Verbindung aufgelöst zu ſehen. Sie kannte zwar noch nicht den wahren Grund, da der Baron dem Paſtor vorläufig Stillſchweigen angelobt hatte, aber die kluge Frau ahnte irgend ein wichtiges Ereigniß und fürch⸗ tete nun für Rudolph's Geſundheit. Anch ſie ließ ſich in⸗ deß von ſeinem Benehmen täuſchen; er ſchien ihr weit gefaßter, als ſie erwartete. Darum winſchte ſie ſich im Stillen zu ihrer eigenen Klugheit Glück; ohne allen Wi⸗ derſtand, ohne jeden ſtörenden Auftritt war ihr Herzens⸗ wunſch erfüllt, das verhaßte Band zerriſſen. Sie hoffte vor der Zeit das Uebrige und war mit der Reiſe auch vollkommen einverſtanden, beſonders aber zufrieden, daß die traurige Vorherſage des Arztes in Bezug auf Ru⸗ dolph's Herzleiden ſich durchaus nicht zu beſtätigen ſchien. Die ſchmerzliche Begebenheit berührte ſie zwar im Ge⸗ ſpräche mit ihm, aͤber ſo ſchonend als möglich mit welt⸗ kluger Feinheit. „Du biſt um eine Erfahrung reicher geworden,“ ſagte ſie, ihm die Hand reichend;„Du haſt ſie gewiß theuer bezahlt, und doch nicht zu theuer. Beſſen jetzt ent⸗ täuſcht als ſpäter. Unſere Liebe wird Dich zu entſchädi⸗ gen ſuchen. Das Herz Deiner Mutter bleibt Dir gewiß, das kann Dich nie trügen. Du wirſt reiſen, andere Men⸗ ſchen und Gegenden ſehen, Dich zerſtreuen und am Ende 185 auch vergeſſen lernen. Dein gegenwärtiges Unglück wird Dir bald in einem andern Lichte erſcheinen. In der Ju⸗ gend heilen alle Wunden leicht, und ſelbſt die Narben ſte⸗ hen ihr ſchön und erinnern an den Sieg über uns ſelbſt. Die ganze Welt ſteht Dir noch offen. Ich freue mich, daß Du, wenn auch gewaltſam, aus Deinen ſchwärme⸗ riſchen Träumen jetzt herausgeriſſen die Wirklichkeit in Dich aufnehmen wirſt. Das hat Dir bisher gefehlt. Der Mann muß ſich verſuchen, ringen und ſtreben, ehe er in die beſchränkende Häuslichkeit eintritt. Dazu haſt Du noch immer Zeit. Genieße erſt Deine Jugend und das Glück der wiedergewonnenen Freiheit.“ Rudolph hörte ihr zu, als wenn die Worte an einen ganz andern Menſchen gerichtet wären. Mechaniſch nahm er ihre ausgeſtreckte Hand und küßte ſie, weil er es ein⸗ mal ſo gewohnt war. Willenlos ließ er Alles mit ſich geſchehen, höchſtens daß er einmal lächelte wie ein Kran⸗ ker, der ſich für verloren hält und längſt keine Hoffnung mehr hat, aber ſeine Umgebung aus liebevoller Rückſicht noch zu täuſchen ſucht und darum den Schein der Ge⸗ ſundheit hüuchelt. „Er hält ſich beſſer, als ich gedacht habe,“ flü⸗ ſterte die Baronin ihrem Manne zu. „Er hat meine Natur,“ entgegnete dieſer mit ver⸗ zeihlichem Stolz.„Die Ehre geht ihm über Alles und 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 12 186 gibt ihm die nöthige Kraft, ſein Schickſal mit Würde zu ertragen.“ Arme, verblendete Eltern, die ſich von der Reſigna⸗ tion eines bereits Sterbenden täuſchen ließen. Noch an demſelben Abend ſchrieb der Baron an den Paſtor, um von ihm Abſchied zu nehmen. Mit Stolz ſprach er von der Feſtigkeit und dem gefaßten Benehmen des Sohnes.„Rudolph,“ hieß es in dem Brief,„zeigt ſich als ein Mann, würdig ſeines Namens und ſeiner Ahnen. Ich bewundere ihn und liebe ihn, wenn dies möglich wäre, noch mehr als früher. Er hat mir für das arme Mädchen ſeine letzten Grüße aufgetragen. Tröſte ſie, ſo gut Du kannſt. Auch ſie wird und muß vergeſſen lernen. Ich füge für ſie eine Schenkung bei, wodurch ihre Zukunft einigermaßen geſichert wird. Hin⸗ dere ſie, aus falſcher Delikateſſe abzulehnen. Weiß Gott! ich will ſie damit nicht kränken, noch weniger glaube ich ihr damit ihre Anſprüche auf meinen Sohn abzukaufen. Hätte der Himmel es anders beſchloſſen, ſo wäre ſie mir als Schwiegertochter gewiß willkommen geweſen. Du weißt, daß ich ohne die gewöhnlichen Vorurtheile bin, aber an das Panier der Ehre darf mir Niemand greifen, ſelbſt Du nicht, der Du mein beſter und einziger Freund biſt.“— Am nächſten Morgen reiſte der Baron, nachdem 187 er ſeinem Wirthſchaftsinſpektor Alles übergeben hatte, mit ſeiner Frau und Rudolph nach Paris. Der Un⸗ glückliche ſaß in einer Ecke des eleganten Reiſewagens ſorgfältig in ſeinen Mantel gehüllt und ſtarrte durch die gefrorenen Fenſterſcheiben der Kutſche nach dem Kirch⸗ thurm und dem daran liegenden Paſtorhauſe.— Die Pferde ſcheuten auf dem ſchmalen Wege vor einem vor⸗ beiziehendem Leichenzuge, der aus dem nächſten Dorfe ſich nach dem Friedhof langſam bewegte. Rudolph ſtarrte dem ſchwarzen Sarge düſter nach. „Ich wollte,“ ſeufzte er im Stillen,„daß ich der Todte wäre.“ 12*½ Zehutes Capitel. Aus dem Munde des Paſtors erfuhr Martha die Abreiſe Rudolph's und ſeinen Abſchiedsgruß; zugleich überreichte er ihr die Anweiſung des Barons, wodurch derſelbe großmüthig ihre Zukunft ſichern wollte. Sie gab ihm dieſelbe zurück, trotzdem er ihr zuredete, ſie zu be⸗ halten. „Ich brauche nichts mehr,“ ſagte ſie mit einem trüben Lächeln.„Sagen Sie mir nur, daß Rudolph mir nicht geflucht hat.“ „Leſen Sie ſelbſt den Brief, den mir der Baron ge⸗ ſchrieben hat. Der Vater wie der Sohn haben ſich nach meiner Meinung wie ehrenwerthe Männer benommen. Kein Vorwurf kann ſie treffen.“ „Gewiß nicht. Ich will für ſie beten bis an mein Lebensende.“ „Gott wird Sie ſtärken und Ihnen die ſchwere Prüfung, die er über Sie verhängt, auch tragen helfen.“ 189 Auch Martha war anſcheinend ruhig und nahm ihr Schickſal mit rührender Geduld hin; nach wie vor leitete ſie das ganze Hausweſen; ſie beſchäftigte ſich mit den Kindern und ihrer Erziehung; vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend war ſie unermüdlich thätig, uber es fehlte ihr jene innere Heiterkeit, die ſie im Anfange beſeſſen. Es ſchien, als ob ſie durch angeſtrengte Arbeit ihren Schmerz vergeſſen wollte; doch es gelang ihr nicht. Durch all die Stürme und Seelenleiden war auch ihre Geſundheit angegriffen; ſie ſiechte augenſcheinlich und wurde mit jedem Tage hinfälliger und elender, ſo daß der Paſtor wegen ihres Zuſtandes ernſtlich beſorgt war. Er wußte aus Erfahrung, wie wenig in ſolchen Lagen der tröſtliche Zuſpruch allein vermag, an dem er es in⸗ deß nicht fehlen ließ; indeß die Wunde war zu friſch und Alles erinnerte ſie hier an den unwiderbringlichen Ver⸗ luſt, den ſie erlitten. Von ihrem Fenſter aus konnte ſie das verlaſſene Schloß ſehen, das Rudolph Ihretwillen geflohen. Das Wäldchen, wo ſie ihm zum Erſtenmale be⸗ gegnet, war jetzt faſt das einzige Ziel ihrer einſamen Wanderungen. Wenn der Abend kam und ihre häuslichen Pflichten beendet waren, lenkte ſie bei gutem wie bei ſchlechtem Wetter ihre Schritte dahin. In ihren Mantel gehüllt ſaß ſie unter den abgeſtorbenen Bäumen und ſtarrte auf die ſchneebedeckte Flur, welche von der un⸗ 190 tergehenden Sonne froſtig beleuchtet wurde. Die öde, kalte Landſchaft kam ihr wie ein Abbild ihres eigenen Le⸗ bens vor, eine todte Wüſte voll trauriger Erinnerungen. Wenn ſie dann halberſtarrt nach Hauſe kam, bemerkte wohl der gute Paſtor, daß ſie wieder geweint hatte.— Zuweilen las er ihr aus einem guten Buche wie früher vor, um ſie zu zerſtreuen, aber ihr Schmerz ließ ſich durch die ihr ſonſt ſo lieb gewordene Unterhaltung nicht wie ehemals bannen. Ihr Geiſt war nicht dabei; er folgte dem Geliebten in die weite Ferne. Sie begleitete ihn auf ſeiner Reiſe; ſie dachte nur an ihn und ſeine Leiden, welche ſie doppelt empfand. Oft wünſchte ſie, daß er ſie vergeſſen möchte; denn welch' ein Angedenken konnte er ihr bewahren. Mußte er ſie nicht verachten und ſich mit Abſcheu von ihr wenden?— Das war es, was ſie am meiſten ſchmerzte. Wenn ſie ihn wenigſtens noch einmal geſehen und geſprochen, auf ihren Knien ſeine Verzeihung erbeten hätte; vielleicht würde er ihrer aufrichtigen Reue geglaubt, ihr vergeben, ein freundliches Wort, einen milden Blick wie ein Almoſen ihr zurückgelaſſen haben, woran ſie dann ihr Lebelang zu zehren gehabt hätte. So war er fortgegangen und ſie ohne jeden Troſt geblie⸗ ben. Doch ſie zürnte ihm nicht wegen ſeines ſtummen Abſchiedes; ſie entſchuldigte ihn vor ſich ſelber und er⸗ kannte ſeinen edlen Sinn in dieſer ſcheinbaren Härte. 191 Was konnte er ihr ſagen, was nach einem ſo furchtbaren Geſtändniſſe noch thun? In der ſtillen Nacht, wenn ſie auf ihrem einſamen Lager vergebens den Schlaf ſuchte, rang ſie die Hände in bitterer Verzweiflung, die nur durch ihr unerſchütter⸗ liches, religiöſes Bewußtſein gedämpft wurde. „Hab' ich denn noch nicht genug gebüßt?“ fragte ſie den Himmel.„Gibt es denn keine Sühne für meine Schuld? Ich will ja gern Alles tragen, wenn nur er den ſchweren Schlag vergißt und mir verzeiht.“ Ihre Gedanken verfolgten ſie bis in ihren nächtigen Traum; ſein Bild erſchien ihr mit bleichen Wangen und vorwurfsvollen Blicken; ſie warf ſich vor ihm nieder und flehte um Gnade; er aber wandte ſich von ihr ſchaudernd ab und ſtieß verächtlich die Hand zurück, welche ſie reue⸗ voll ihm entgegenſtreckte. Mit einem Seufzer oder Angſtſchrei erwachte ſie und fand ſich in Thränen geba⸗ det, die Kiſſen ihres Bettes vom Weinen feucht.— Dieſe fort und fort ſich wiederholenden Vorwürfe rieben ihre Kräfte auf und zehrten an ihrem Körper; ſie fühlte ſich ſo ſchwach, daß ſie nur mit der größten Mühe ſich noch aufrecht erhielt. Unter dieſen Verhältniſſen hielt es der würdige Paſtor für ſeine Pflicht, Getrud zu benachrich⸗ tigen und deren Hilfe für die arme Martha in An⸗ ſpruch zu nehmen. Die treue Freundin zögerte keinen 192 Augenblick, ſeinem Rufe Folge zu leiſten; ſie kam ſo⸗ gleich, nachdem ſie ſeinen Brief empfangen hatte, um ſich Martha's anzunehmen. Vorſichtig theilte ihr der Paſtor mit, was ihr zu wiſſen nöthig war, ohne das ihm anver⸗ traute Geheimniß zu verletzen. Beide kamen überein, die Unglückliche vor allen Dingen aus der ſchmerzlichen Umgebung, die ſie fortwährend an den Verluſt erinnern mußte, herauszureißen. Nachdem daher Getrud die Freun⸗ din umarmt und geküßt, that ſie ihr den Vorſchlag, ei⸗ nige Wochen in ihrem Hauſe und in ihrer Geſellſchaft zuzubringen. „Das geht nicht an,“ entgegnete Martha.„Wer ſoll hier meine Stelle verſehen und das Hausweſen führen?“ „Ich war auf dieſen Einwurf gefaßt,“ beſchwich⸗ tigte Getrud;„deshalb habe ich gleich eine unſerer vor⸗ züglichſten und zuverläſſigſten Aufſeherin aus der Anſtalt mitgebracht, die Dich vertreten wird. Ohnehin hat ſich aber der Zuſtand der Frau Paſtorin in der letzten Zeit ſo weſentlich gebeſſert, daß ſie in jedem Augenblick zu ih⸗ rer Familie zurückkehren kann. Mein Mann hat mich beauftragt deshalb mit Ihnen, Herr Paſtor, Rückſprache zu nehmen. Ich wollte es mir nicht nehmen laſſen, Sie mit dieſer angenehmen Nachricht zu überraſchen.“ „Reden Sie wirklich die Wahrheit?“ fragte er noch immer zweifelnd. „Am beſten Sie reiſen gleich mit uns und über⸗ zeugen ſich durch den eigenen Augenſchein. Sie können dann auch von meinem Mann wegen der Rückkehr der Geneſenen das Nähere hören. Er allein wird Ihnen den geeigneten Zeitpunkt beſtimmen.“ Der gute Paſtor war, ungeachtet der Arzt ihn von der fortſchreitenden Beſſerung der Kranken ſtets in Kennt⸗ niß ſetzte, auf das freudigſte überraſcht. Mit jugendlicher Ungeduld drang er daher auf Martha's Abreiſe; er ſelbſt wollte ſie nach der Anſtalt begleiten und konnte kaum die Zeit erwarten, ſeine Frau zu umarmen. Unterwegs er⸗ zählte Getrud, daß eine unerwartete Kriſis in dem Zu⸗ ſtande der Paſtorin plötzlich eingetreten und die Heilung in einer für Alle überraſchenden Weiſe dadurch beſchleu⸗ nigt worden ſei. Der glückliche Gatte hörte mit gefaltenen Händen und dankbaren Blicken zu. „Gott Lob!“ rief er freudig aus;„der Himmel hat mein heißes Flehen erhört und ein Wunder für mich gethan. Aber nächſt Gott danke ich dieſes Glück dem trefflichen Arzte und Ihrer liebevollen Pflege. Der Herr ſegne ſie Beide dafür.“ Plötzlich aber hielt er inne, weil er durch den lau⸗ 194 ten Ausbruch ſeines Entzückens die arme Martha zu ver⸗ letzen fürchtete. „Gott iſt barmherzig,“ fügte er erſt nach einer Pauſe hinzu.„Er heilt die Kranken und richtet die Be⸗ trübten wieder auf. Alle Leiden, die er ſchickt, ſind nur Prüfungen für ſeine Kinder; aus den Dornen des irdi⸗ ſchen Jammers blühen die Roſen der himmliſchen Selig⸗ keit. Mußte doch der Erlöſer ſelbſt den Schmerzenskelch bis auf die Hefe leeren und das ſchwere Kreuz auf ſich nehmen, ehe er wieder zum Himmel aufſtieg. Wer nicht gelitten, hat auch nicht gelebt.“ Unter ähnlichen Betrachtungen und wahrhaft from⸗ men Geſprächen erreichten die Reiſenden das bekannte Städtchen und die Anſtalt, wo der Arzt ſie bereits er⸗ wartete. Er hatte die geneſene Paſtorin zwar auf den be⸗ vorſtehenden Beſuch ihres Mannes vorbereitet, aber ihr noch nichts von ſeiner Ankunft geſagt. Welch' ein Wiederſehen! Sprachlos hielten ſich die Glücklichen umſchlungen; Beide weinten ſtill. Erſt nach einer geraumen Zeit ließen ſie von einander und wendeten ſich zu den Uebrigen. Der Paſtor vermochte nicht zu ſprechen, ſtumm reichte er dem Arzt die Hand; er konnte nicht mit Worten, nur mit Thränen danken. Auch Martha, welche ergriffen mit Getrud dem rührenden Schauſpiele beiwohnte, wurde von 195 der Reconvaleszentin erkannt und auf das herzlichſte be⸗ grüßt. „Wie kann ich Ihnen vergelten,“ ſagte dieſe,„was Sie an mir und den Meinigen gethan? Der Himmel allein muß es Ihnen lohnen.“ Der Arzt hielt es doch gerathen, der aufregenden Szene ein Ende zu machen, und lud ſeine Gäſte ein, ihm zu Tiſche zu folgen. Hier herrſchte eine ſtille Heiterkeit; die wiedervereinten Gatten ſaßen beiſammen und wandten keinen Blick von einander ab; es war als ob ſie eben erſt ihre Hochzeit feierten, obgleich ihre Haare grau und ihre Geſichter voll Runzeln waren. Die Freude hatte ſie ver⸗ jüngt und in ihren lächelnden Zügen ſchwebte ein Abglanz ihrer erſten Liebe.— Bisher hatte der Paſtor es noch nicht gewagt den Arzt wegen der Rückkehr zu fragen; er begnügte ſich vorläufig mit dem Glücke, die Geneſene zu ſehen und ſprechen zu hören. Sie dagegen konnte die Sehnſucht nach dem Hauſe und ihren Kindern nicht un⸗ terdrücken. „Wann werde ich gehen und die Anſtalt verlaſſen dürfen?“ fragte ſie ſchüchtern den Arzt. „ Ich will Sie nicht länger hier halten, als es un⸗ umgänglich nothwendig iſt,“ antwortete er mit einem freundlichen Lächeln. „Das kann wohl noch lange dauern!“ ſeufzte ſie 196 betrübt, aber vollkommen ergeben in den Ausſpruch des verehrten Arztes. „Ich würde Sie ſchon heute entlaſſen, wenn ich Sie nicht noch einige Zeit beobachten wollte. Es handelt ſich lediglich darum, Sie vor der Möglichkeit eines Rückfalles zu bewahren. Wenn Sie noch einige Wochen in der An⸗ ſtalt verweilen, ſo kann ich für Ihre fernere Lebenszeit bürgen.“. „Wenn das der Fall iſt,“ ſagte die Paſtorin, mu⸗ thig die hervorſtürzenden Thränen unterdrückend,„ſo werde ich bleiben. Ich hatte mich allerdings ſo ſehr ge⸗ freut, meine verlaſſenen Kinder wieder zu ſehen und an mein Herz zu drücken, aber ich will jetzt gern darauf ver⸗ zichten und mich ganz und gar Ihrem Ausſpruch unter⸗ werfen.“ „So iſt es Recht,“ rief der erfahrene Arzt.„Sie haben dieſe letzte Prüfung gut beſtanden, und ich nehme darum mehr keinen Anſtand, Sie noch heute zu entlaſſen, da jetzt kein Rückfall zu befürchten ſteht. Reiſen Sie mit Gott und umarmen Sie Ihre Kinder.“ Nach einem eben ſo herzlichen als rührenden Ab⸗ ſchiede reiſte der Paſtor mit der Geneſenen ab, während Martha bei der Freundin zurückblieb. Die Nähe Ge⸗ trud's, ihre ſich immer gleich bleibende Sanftmuth und Herzensgüte, ſo wie das rückſichtsvolle Benehmen ihres 197 Gatten waren ganz und gar geeignet die Betrübte, ſo weit dies in Beider Kräften lag, wieder aufzurichten. Ihr Schmerz war milder und ſtiller geworden, wozu die Freundſchaft das Meiſte beitrug. Ja ſie ſegnete ihr ſchweres Leid, dem ſie ein bisher unbekanntes Gefühl zu verdanken hatte. Erſt ſeitdem ſie alle Wonnen und Qua⸗ len der wahren Liebe empfunden, erhob ſich ihr Geiſt zu einer wunderbaren Höhe. Kein irdiſcher Wunſch regte ſich mehr in ihrer Bruſt, ſie hatte mit der Welt und dem Leben abgeſchloſſen. Ihr Blick war von nun an nach Oben gerichtet, all' ihre Gedanken waren reiner, ihre Empfindungen wahrer und heiliger geworden. Der Schmerz hatte ihr ganzes Weſen wie verklärt, die letzten Schlacken der Selbſtſucht von ihr abgeſtreift. Auch in ihrem Aeußeren gab ſich dieſe Umwandlung zu erkennen, ihre Züge hatten einen unendlich rührenden, faſt durch⸗ ſichtig ätheriſchen Ausdruck gewonnen, in ihren Augen war die wilde Glut erloſchen und einem überirdiſchen Glanze gewichen; wenn ſie ging, konnte es ſcheinen, als ob ſie kaum noch den Boden berührte. Der Arzt ſchüttelte zuweilen bedenklich mit dem Kopf, wenn er ihr ſo be⸗ gegnete. „Du glaubſt doch nicht,“ fragte ihn Getrud, be⸗ kümmert über dieſen Zuſtand,„daß eine Gefahr vor⸗ handen iſt?“ 198 „Das nicht, aber der Blick will mir nicht gefallen. Ich kenne ſolche Augen, die über das Grab ſchauen und aus denen die Seligkeit des Jenſeits Einem ſchon hienie⸗ den entgegenſtrahlt. Solche Menſchen leben zwar, aber nicht für dieſe Welt.“ Dennoch erholte ſich Martha anſcheinend; ihr Kör⸗ per wurde ſtärker, ihr Ausſehen geſünder; ſie ſehnte ſich nach Beſchäftigung, welche ſie auch in der Anſtalt hin⸗ länglich fand; bald wußte ſie ſich auch hier nützlich und unentbehrlich zu machen. Ihr Aufenthalt dehnte ſich länger aus, als urſprünglich beabſichtigt war, da Getrud täglich ihrer Entbindung entgegen ſah und deshalb alle Anſtrengungen vermeiden mußte. Gern nahm ihr Mar⸗ tha die Laſt des weitläufigen Hausweſens ab, wozu ihr der Paſtor um ſo lieber die Erlaubniß gab, da ſeine Frau nach ihrer Geneſung ihre Stelle vollkommen auszufüllen im Stande war.— Nach einiger Zeit genas Getrud von einem reizendem Mädchen, das in der Taufe Martha's Namen erhielt. „Gott gebe dem Kinde ſeinen Segen,“ betete ſie im Stillen,„und bewahre es vor jeder Verſuchung.“ Sie konnte die Kleine nicht ohne tiefe Wehmuth ſehen; ihr Anblick erinnerte ſie an den eigenen Verluſt. Auch ſie hatte einſt ein ſo zartes, liebliches Weſen auf ihren Armen gewiegt und durch eigene Schuld verloren. 199 Jetzt quälten ſie die alten Erinnerungen von Neuem; ſie gedachte jenes Tages, wo Ferdinand halb durch Drohun⸗ gen, halb durch Vorſtellungen ihre Einwilligung erzwang, ſich von dem hilfloſen Kinde zu trennen. Daß ſie damals aus Rückſicht auf ihre eigene Lage, aus Furcht vor der Welt und ihrem Urtheil ihm nachgegeben, machte ſie ſich zum bitterſten Vorwurfe. Sie klagte ſich ſelbſt als die Mörderin ihres Kindes an, das fern von der Mutter und unter fremden, liebloſen Händen verkommen mußte. Wäre das Kind am Leben geblieben, ſo hätte ihr gan⸗ zes Schickſal eine andere Wendung genommen; ſie hätte wenigſtens ein Weſen auf der Welt gehabt, das ſie hätte lieben können; ſie wäre dadurch vor allen Verſuchungen bewahrt worden, denn die Nähe eines unſchuldigen Kin⸗ des ſchützt die Mutter vor allen unlauteren Gedanken; die Engel an ſeiner Wiege wachen auch über ſie.— Wenn ſie Zeugin von Getrud's unbeſchreiblicher Seligkeit war, womit dieſe das erſte Lächeln ihrer Kleinen, die zarten Regungen des jungen Lebens, begrüßte, ſo mußte ſich Martha abwenden, um die hervorſtürzenden Thränen zu verbergen. So ſtürmte Schmerz und Reue von allen Seiten auf die Unglückliche ein, nur ihr religiöſes Be⸗ wußtſein, das ſie ſich unter allen Verhältniſſen bewahrt hatte, ſchützte ſie vor Verzweiflung. Sie fand den größten Troſt bei ihrem Glauben und in dem Beſtreben, ſich An⸗ 200 dern nützlich zu erweiſen, wozu ſie ſowohl in der Anſtalt ſelbſt, wie in der ausgebreiteten Praxis des ihr befreunde⸗ ten Arztes hinlängliche Gelegenheit fand. Mit ihm be⸗ ſuchte ſie die armen Kranken in der Umgegend, von denen ſie bald gekannt und verehrt wurde. Auch die Liebe und das Zutrauen der Irren und Wahnſinnigen wußte ſie ſich in einem ſo hohen Grade zu erwerben, daß ſie dieſelben mit einem Blick und einem Worte be⸗ herrſchte; ſelbſt der verrückte Zeitungsredakteur, der an häufigen Wuthanfällen litt, ließ ſich von ihr beſchwichti⸗ gen. Sie kannte keine Furcht und wandelte mitten unter ihnen ungekränkt. Wenn ſie ſich in den Zellen und Kran⸗ kenſtüben zeigte, drängten ſich Alle an ſie heran und über⸗ häuften ſie mit ihren Liebkoſungen, denen ſie ſich kaum zu erwehren vermochte. Der Arzt ſchrieb ihr halb im Scherz halb im Ernſt eine beſondere magnetiſche Gewalt über die widerſpenſtigſten Patienten zu und nannte ſie lächelnd ſei⸗ nen beſten Aſſiſtenten.— Unterdeß war der Winter vergangen und der Früh⸗ ling wieder gekommen. Die Lüfte wehten milder und lockten die jungen Knospen im Garten hervor, die ſich wie Kinderaugen dem goldenen Sonnenlichte öffneten, die Bäume bekleideten ſich mit friſchem Laub und die Wander⸗ vögel kehrten aus dem Süden nach ihrer nordiſchen Hei⸗ math zurück; blaue Veilchen und gelber Crocus blühten 201 und dufteten, die kaum ausgekrochenen Schmetterlinge regten ihre zarten Schwingen, und das Töchterchen Ge⸗ trud's, welches viel im Freien war, ſtreckte ſeine kleinen Hände verlangend nach der ſchönen Welt und jauchzte ihr bereits entgegen. Alle Welt freute ſich mit der wieder⸗ erſtandenen Natur, nur Martha war in der letzten Zeit wieder leidender geworden. Sie klagte nicht, und doch hatte ihre Geſundheit ſichtbar abgenommen; ihr Körper ſchwand dahin, ohne daß ſie wirklich kank war. Sie glich einem Lichte, das ſich ſelbſt verzehrt, aber im Erlöſchen noch einmal und um ſo heller und kräftiger aufleuchtet. Man konnte nicht ohne Rührung und Bewunderung die gebrechliche, faſt durchſichtige Geſtalt und das ſchöne blaſſe Geſicht ſehen, welches an die Zartheit und ätheriſche Farbe einer weißen Roſe mahnte. Eine unnennbare Wehmuth war über ihr ganzes Weſen ausgegoſſen, das in ſeiner Hinfälligkeit einen geiſtigen Adel an ſich trug.— Während des Winters war der würdige Paſtor bald allein, bald in Begleitung ſeiner Frau ab⸗ und zu⸗ gekommen, um ſie und die befreundete Familie des Arztes zu beſuchen; er brachte Martha Nachricht von Rudolph und deſſen Eltern, die ihm regelmäßig ſchrieben und Be⸗ richt erſtatteten. Sie hatten nach einem längeren Auf⸗ enthalte Paris verlaſſen, um den Karneval und das Oſterfeſt in Rom zuzubringen. Von da lauteten die letz⸗ 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 13 202 ten Nachrichten des Barons nicht allzu tröſtlich. Auf dem Boden Italiens hatte ſich das befürchtete Herzübel des Sohnes in überraſchend ſchneller Weiſe ausgebildet, indeß gaben die dortigen Aerzte noch immer die beſte Hoffnung für ſeine Geneſung. Sie hatten Ruhe und Zerſtreuung empfohlen, an die jedoch bei Rudolph nicht zu denken war. Am liebſten verweilte er auf den Trümmern des alten Roms und unter den Ruinen der Siebenhügelſtadt, wo der Anblick der zerſtörten Größe und Schönheit mit ſeinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen zu har⸗ moniren ſchien. Ganze Tage brachte er, nach den Briefen des Barons, in dem Coloſſeum zu, wo er wie der ran⸗ kende Epheu reiche Nahrung für ſeine melancholiſche Stimmung aus dem zerfallenen Gemäuer ſog. Auch für die Meiſterwerke der Kunſt zeigte er wenn auch ein min⸗ der großes Intereſſe; er hatte in einer Gallerie ein weib⸗ liches Portrait von Rafael entdeckt, welches eine auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit Martha beſaß; ſeitdem wanderte er faſt täglich dahin, ohne ſich von gutem oder ſchlechtem Wetter zurückhalten zu laſſen. Sein Vater ſelbſt hatte ihn mehreremal verſunken im Anſchauen des Bildes gefunden, das ihn mit derſelben magiſchen Gewalt wie das Origi⸗ nal feſſelte.— Seit einiger Zeit jedoch fehlten alle Briefe und Nachrichten von den Reiſenden, was der gute Paſtor auf Rechnung der ſchlechten italieniſchen Poſten zu ſchrei⸗ 203 ben geneigt war. Martha empfing all' dieſe Nachrichten mit tiefer Bewegung, die ſie jedoch ſorgfältig bemeiſterte; ſie hörte von Rudolph wie von einem Todten reden. nur im Stillen weinte und betete ſie für ihn.— Eines Tages, als ſie eben von einem Kranken in der Umgegend, den ſie im Auftrage des Arztes beſucht hatte, zurückkehrte, fand ſie den Paſtor und ihre Freunde im Geſpräch begriffen, das bei ihrem Eintritte ſogleich verſtummte. Getrud ſchien ihre Thränen ſchnell verbergen zu wollen, während der Paſtor den ſchwarz geſiegelten Brief, den er noch in den Händen hielt, verlegen in die Taſche zu ſtecken verſuchte. Er ſtellte ſich dabei ſo unge⸗ ſchickt an, daß das Schreiben ſeinen zitternden Händen entſank und auf die Erde fiel. Martha bückte ſich dar⸗ nach, um es aufzuheben, was er zu verhindern wünſchte. Sie war jedoch ihm zuvorgekommen und hielt den Brief bereits in Händen, wobei ſie ſich nicht enthalten konnte, einen flüchtigen Blick auf die Adreſſe zu werfen. Das Schreiben war von Rom datirt; eine furchtbare Ahnung durchzuckte ſie. 3„Er iſt todt!“ rief ſie erſchüttert mit tonloſer Stimme. Die Anweſenden blickten ſchweigend zu Boden; Kei⸗ ner wagte ihr zu antworten, nur in ihren Mienen konnte ſie die Beſtätigung ihrer Befürchtung leſen. Getrud eilte auf ſie zu und fing die Wankende in ihre Arme auf. Der 13* 204 Kuß der liebevollen Freundin ſagte ihr Alles; ſie rafſte ſich gewaltſam auf und ſchien ihren Schmerz mit der höchſten Anſtrengung ihrer Willenskraft zu beherrſchen. „Sagen Sie mir, ob er mir verziehen hat?“ fragte ſie mit rührender Angſt in ihren Zügen. „Er hat Ihnen vergeben und ſegnet Sie mit ſei⸗ nem letzten Hauch,“ antwortete der Paſtor tief ergriffen. Erſt jetzt löste ſich der Starrkrampf, der ſie anfäng⸗ lich wie ein eiſernes Band umſchnürt hielt; ihre Züge wurden milder und weicher, ihr Auge füllte ſich mit er⸗ leichternden Thränen; ſie ſchien zu beten, denn ſie hatte ihre Hände gefaltet und ihren Blick zum Himmel gerichtet. Dort Oben ſuchte ſie den Troſt, den ſie von der Erde nicht mehr zu erwarten hatte. „Und darf ich nicht den Brief leſen, den Sie em⸗ pfangen haben?“ fragte ſie nach einer ernſten Pauſe den Paſtor. „Ich will Ihnen denſelben nicht vorenthalten, da ich Sie ſo ergeben und gefaßt finde. Nicht nur Rudolph, auch ſeine Eltern, die an ihm die einzige Stütze und Freude der alten Tage verloren haben, zürnen Ihnen nicht. Der Todte hat auch ſie mit Ihnen ausgeſöhnt und Ihnen ihre Verzeihung ausgewirkt.“ Mit dieſen Worten reichte ihr der Paſtor den an ihn gerichteten Brief des Barons mit der Nachricht von dem Tode ſeines Sohnes. Sie las mit gebrochenem Herzen die traurigen Zeilen:„Geſtern haben wir un⸗ ſern einzigen Sohn begraben; er ruht unter der Pyra⸗ mide des Ceſtus, fern von der Heimath und in fremder Erde. Du wirſt die Größe unſeres Schmerzes ermeſſen und theilen. Sein Tod kam uns Allen unerwartet, da ſich ſelbſt die erfahrenen Aerzte von ſeinem Ausſehen täuſchen ließen; nur er allein hatte längſt jede Hoffnung auf Geneſung aufgegeben, obgleich er ſorgfältig dieſe Ueberzeugung vor uns verbarg und bis zur letzten Stunde uns zu beruhigen ſuchte. Es war dies die einzige Lüge, womit er, ſo lang er lebte, ſeine Eltern betrübte. Wenige Minuten vorher ließ er ſich die Kopie des Bildes brin⸗ gen, von dem ich Dir geſchrieben, daß es eine überraſchende Aehnlichkeit mit Martha zeige. Er hatte eine getreue Nachbildung ſich heimlich verfertigen laſſen und dieſelbe ſorgfältig vor uns zu verbergen gewußt. Jetzt zog er den grünen Vorhang fort, womit das Bild ſtets bedeckt war. Seine Augen feſt darauf gerichtet, ſprach er zum Erſten⸗ mal ſeit ſeiner Abreiſe wieder in unſerer Gegenwart ihren Namen aus; er bat uns mit der rührendſten Stim⸗ me von der Welt, ihr zu vergeben, ſo wie er ihr längſt verziehen hatte. Beſonders richtete er ſeine Worte an die Mutter, welche noch immer ihren Groll über jenes un⸗ glückliche Ereigniß nicht bezwingen konnte, bis auch ſie vollkommen verſöhnt war. Martha ſprach er von jeder Schuld frei, und er trug uns auf, ihr die Verſicherung zu geben, daß er ſie noch immer liebe und ſelbſt bis zum letzten Augenblick ihr Andenken bewahrt habe. Faſt ſchien es, als ob er es bereute, mehr dem ritterlichen Stolze als der Stimme ſeines Herzens gefolgt zu ſein. Ach! jetzt wünſche ich ſelbſt, er hätte minder ſchwärmeriſche Be⸗ griffe von der Ehre gehegt; vielleicht lebte er dann noch. Wir armen Menſchen ſollen nicht urtheilen und ver⸗ dammen; nur Gott allein prüft die Herzen und weiß, was ſie verbergen. Oft erhebt er, was die Welt verwirft, und verwirft, was ſie erhebt.— Während mein armer Sohn in ähnlicher Weiſe noch mit uns redete, allerlei be⸗ fremdende Aeußerungen that und Anordnungen traf, die wir uns nicht zu erklären wußten und auf Rechnung ſei⸗ ner Melancholie ſchrieben, griff er plötzlich nach der Ge⸗ gend ſeines Herzens; er ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſank mit geſchloſſenen Augen auf den Stuhl nieder. Der ſogleich hiezu gerufene Arzt fand ihn als einen Sterben⸗ den; ein großes Blutgefäß war in der Nähe des Herzens geborſten, was ſeinen Tod unmittelbar zur Folge hatte.— Iſt es nicht traurig, daß das Alter ſo die Jugend begra⸗ ben muß, und doch finde ich wieder einen Troſt in der Hoffnung, nicht allzulange Zeit warten zu müſſen. Wir werden uns bald wiederſehen. Ich wende mich zu Dir, 207 mein alter Freund, in meinem größten Schmerze, nicht um Deinen Troſt zu hören, ſondern weil ich mich mit Dir von dem Todten am beſten unterhalten kann. Du haſt ihn von Jugend auf gekannt, ihn wie ich wegen ſei⸗ ner reinen Empfindungen, ſeiner edlen Geſinnung geliebt. Darum rufe ich Dir aus der Ferne mein Leid zu; Du wirſt mein Echo ſein und mir antworten. Vor allen Din⸗ gen aber bitte ich Dich, in ſchonender Weiſe nach dem Wunſche meines Sohnes Martha mit dem traurigen Er⸗ eigniſſe bekannt zu machen. Sage ihr, daß er ſie nur zu ſehr geliebt, daß er ihr vergeben habe; ſage ihr, daß ich ſie nicht anklage, daß ich ſie wie er ſelſt von jeder Schuld freiſpreche, daß der Segen eines armen, betrübten Vaters ſie umſchwebt. Auch ſie leidet wie wir; wir weinen ja an demſelben Grabe, wir klagen um denſelben Todten. Ich weiß, wie ſehr ſie ihn geliebt, daß ſie ihn eben ſo wenig wie wir vergeſſen wird. Ihr Schmerz wird mit dem unſrigen ſich vereinen. Ihre Liebe gibt ihr ein Anrecht auf unſere Verzeihung, die Liebe und der Tod verſöhnen uns für immer.“— Nachdem Martha den Brief geleſen, küßte ſie das von ihren Thränen benetzte Blatt; ſie bat den Paſtor, es behalten zu dürfen, was dieſer ihr auch gern ge⸗ ſtattete. „Ich bin nicht würdig,“ fügte ſie hinzu,„dem 208 Baron zu antworten und für ſeine wohlwollende Geſin⸗ nung zu danken. Thuen Sie das in meinem Namen und ſchreiben Sie ihm, daß ich täglich für ihn und Ru⸗ dolph's Mutter beten will, damit Gott ihnen ſeinen be⸗ ſten Troſt ſende.“ Elftes Capitel. Martha ertrug dieſen neuen Verluſt mit einer be⸗ wunderungswürdigen Ruhe und Würde. Sie fand einen großen Troſt in dem Briefe des Barons, den ſie immer von Neuem wieder las, wenn ſie die Verzweiflung er⸗ faßte. Seit dem Tage, wo ſie die Nachricht von dem Ab⸗ leben Rudolph's erhalten hatte, legte ſie vollſtändige Trauer an; ſie kleidete ſich nur noch ſchwarz und ver⸗ tauſchte dieſe Tracht mit keiner andern. Es war ihr Be⸗ dürfniß, auch äußerlich ihren Schmerz durch ein entſpre⸗ chendes Symbol zu bekunden; ſie kam ſich ſelbſt wie ſeine Witwe vor, denn im Geheimen hatte ſie ihm ewige Treue gelobt. Jetzt, wo ſie wußte, daß er ihr vergeben und verſöhnt mit ihr geſtorben war, ſprach ſie mit ihren Freunden von ihrer Liebe mit größter Unbefangenheit. Es war ein ſchmerzliches Vergnügen für ſie, ſeinen Na⸗ men zu nennen, ſeine edlen Eigenſchaften vor Andern zu 210 rühmen und ſein Angedenken zu ehren. Kein Tag verging, wo ſie nicht Seiner gedachte; ja ſie glaubte ihn erſt jetzt wahrhaft zu lieben, wo kein irdiſcher Wunſch ſich mehr in ihre Neigung miſchte; erſt jetzt ihn zu beſitzen, wo der Widerſtand der Welt durch ſeinen Tod beſiegt war und Niemand ihr den Vorwurf einer ſelbſtſüchtigen Nei⸗ gung machen durfte. So lang er lebte, mußte ſie ihr Gefühl verbergen, den Geſtorbenen konnte ſie rückſichts⸗ los lieben.— In dieſer Stimmung überraſchte ſie der Arzt durch Ueberbringung eines eben erſchienenen Zeitungsblattes, worin ſie dringend aufgefordert wurde, von ihrem gegen⸗ wärtigen Aufenthalte Kenntniß zu geben wegen einer wichtigen, ſie beſonders intereſſirenden Mittheilung. Die Anzeige war von ihrem alten Freunde, dem Souffleur unterzeichnet; ſie nahm daher keinen Anſtand derſelben Folge zu leiſten und ihm zu ſchreiben. Schon nach weni⸗ gen Tagen traf ſeine Antwort ein; die darin enthaltene Nachricht war aber von ſo großer Wichtigkeit für ſie, daß ſie ſich ungeachtet ihres leidenden Zuſtandes zu einer Reiſe nach der Reſidenz entſchloß, wo der Souffleur auf Baudiſſen's Verwendung endlich eine feſte Anſtellung ge⸗ funden hatte. Sogleich eilte ſie nach der ihr angegebenen Wohnung, wo ſie den alten Freund auch antraf. Mit einem Freudenruf eilte er ihr entgegen, um ſie zu be⸗ grüßen. 211 „Kommen Sie,“ ſagte er, nachdem er den alten Schlafrock unter komiſchen Entſchuldigungen abgeworfen hatte;„unſer Freund Baudiſſen und der kleine Franz er⸗ warten Sie mit Ungeduld.“ Sie war zu bewegt, um ihm antworten zu können; ihre Glieder zitterten, aber bei Nennung des Kindes raffte ſie ſich wieder auf und bekämpfte ihre aufſteigende Schwäche; ſie konnte indeß noch immer nicht an ihr un⸗ erwartetes Glück glauben und ſprach deshalb ihre fort⸗ währenden Zweifel unverholen aus. „Wenn Sie ſich getäuſcht hätten, ich könnte dieſen Verluſt meiner letzten Hoffnung nicht ertragen.“ „Sie ſollen ſich ſelbſt von Allem überzeugen, und wenn ich gelogen habe, ſo will ich nie mehr einer klaſſi⸗ ſchen Vorſtellung beiwohnen. Sehe ich wie ein Lügner aus, wie ein Münchhauſen? Haben Sie mich je auf ei⸗ ner Unwahrheit ertappt, obgleich ich nicht leugnen will, daß mir manchmal meine allzulebhafte Phantaſie manchen Streich geſpielt hat! Glauben Sie, daß ich mit den Ge⸗ fühlen einer Mutter Scherz treiben werde? Ich bin Va⸗ ter einer zahlreichen Nachkommenſchaft und weiß wie die Sprößlinge an's Herz gewachſen ſind.“ „Und Ferdinand?“ fragte ſie leiſe mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. Er warf ihr einen mitleidigen Blick zu, indem er Anſtand zu nehmen ſchien, ihr die Wahrheit zu berichten. Ihr bleiches Ausſehen und die unverkennbaren Spuren ihrer Leiden flößten ihm nur gerechte Beſorgniſſe ein, ſie zu betrüben. In ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich ihr ge⸗ genüber die zarteſte Schonung aus. „Reden Sie ungeſcheut,“ mahnte ſie ihn.„Ich kann die Wahrheit hören. Fürchten Sie nicht, mich an⸗ zugreifen; ich bin an traurige Nachrichten ſo gewohnt, daß ich vor Nichts mehr erſchrecken kann.“ „Gut! Sie ſollen Alles wiſſen.— Nach Ihrer Flucht trieb es Herr Ferdinand toller als je. Ich will Sie lieber mit dem Berichte ſeiner Ausſchweifungen ver⸗ ſchonen; er ſank immer tiefer, bis zuletzt der Direktion nichts übrig blieb, als ihn zu entlaſſen. Jetzt erſt ergab er ſich ganz ungeſcheut dem Trunke; das Geld dazu ver⸗ ſchaffte er ſich durch kleine Darlehen und Almoſen von ſeinen früheren Collegen. Lange trieb er es nicht mehr; er richtete ſeinen Körper vollends zu Grunde und mußte in das Spital aufgenommen werden, die letzte Zuflucht des liederlichen Comödianten. Dort ſtarb er auch auf das elendſte; kurz vor ſeinem Tode ſchien noch einmal ſeine beſſere Natur hervorbrechen zu wollen. Er empfand die tiefſte Reue und ließ mich rufen. In meiner Gegenwart klagte er ſich wegen ſeines früheren Lebenswandels an; er machte mir die umfaſſendſten Geſtändniſſe, die ich 213 Ihnen nicht wiederholen will. Am Rande des Grabes regte ſich ſein Gewiſſen und er gedachte Ihrer und ſeines verlaſſenen Kindes unter Thränen. Er geſtand mir, daß er Sie mit dem vorgeblichen Todtenſchein aus Leichtſinn und um ſich Ihren Vorwürfen zu entziehen, getäuſcht habe. Zugleich beſchwor er mich, die von ihm angegebe⸗ nen Spuren zu verfolgen und Sie von dem Reſultate zu benachrichtigen. Ich verſprach es ihm und es gelang mir durch meine unabläſſigen Bemühungen und mit Hilfe ſei⸗ ner Angaben jene Frau aufzufinden, der das Kind zuerſt übergeben war. Sie nannte mir die mir bereits bekannte Mutter Grawert in Hamburg als diejenige Perſon, bei der ſie das mit dem Namen Franz getaufte Kind unter⸗ gebracht hatte. Ihre Angaben ſtimmten vollkommen mit meiner eigenen Kenntniß von der Angelegenheit überein, ſo daß ich nicht länger an der Wahrheit zweifeln konnte. Ich wendete mich indeß an unſern Freund Baudiſſen, der ebenfalls ſeine Nachforſchungen mit den meinigen ver⸗ einte, bis wir die vollkommenſte Gewißheit in Händen hielten. Auf ſeine Veranlaſſung ließ ich erſt jene Auffor⸗ derung in den Zeitungen an Sie ergehen, der Sie ſo pünktlich nachgekommen ſind.“ Mit wechſelnden Gefühlen hatte Martha den Be⸗ richt des Souffleurs mit angehört; ſeine genaueren An⸗ gaben verſcheuchten auch den letzten Zweifel in ihrer Bruſt; ſie hatte ihr verlorenes Kind wiedergefunden.— Der bloße Gedanke gab ihr neue Kraft; ſie fühlte, daß ſie jetzt nicht ſterben dürfe; ſie wollte leben, ſie mußte leben— für ihr Kind. In Begleitung des Souffleurs eilte ſie jetzt zu der Wohnung Bandiſſen’s; die eben erhaltene Nachricht ver⸗ lieh ihr eine wunderbare Haltung; jede Schwäche ſchien von ihr gewichen, eine liebliche Freudenröthe hatte die Bläſſe ihrer Wangen verſcheucht. So trat ſie wie eine Verklärte dem alten, treuen Freunde nach langer Tren⸗ nung gegenüber, um von ihm den Sohn zu fordern. Er war von dem Zwecke ihrer Ankunft zwar unterrichtet, dennoch konnte er ſich einer tiefen Bewegung nicht er⸗ wehren; ſie fühlte, wie ſeine Hand, die er ihr entgegen⸗ ſtreckte, in der ihrigen zitterte; ſie ſah, wie ſeine aus⸗ drucksvollen Züge unwillkürlich das Geheimniß ſeines Herzens verriethen. „Martha!“ rief er erſchüttert,„Sie kommen, um mir das Letzte zu rauben, was Sie mir noch gelaſſen haben.“ „Mein Kind!“ entgegnete ſie, ohne auf ſeinen Vor⸗ wurf ſcheinbar zu achten.„Laſſen Sie mich mein Kind ſehen.“ 1 Er ging in das Nebenzimmer, um den Knaben zu holen, den er in ihre Arme führte. 215 „Dort ſteht Deine Mutter,“ ſagte er zu dem Klei⸗ nen mit abgewendeten Blicken, um ſeine Thränen zu ver⸗ bergen. War es der Zug des Herzens, die Stimme der Natur, oder die Erinnerung an jene Zeit, wo er Martha öfters geſehen; der Knabe ſtieß bei ihrem Anblick einen lauten Freudenſchrei aus und eilte auf ſie zu, den blonden Lockenkopf in ihren Schooß bergend und ſie mit ſeinen zarten Armen umklammernd, als wenn er ſich fürchtete, ſie wieder zu verlieren. Sie beugte ſich zu ihm nieder und bedeckte ſeinen friſchen rothen Mund mit ihren Küſſen und Thränen. Es war eine tiefe heilige Stille eingetreten, ein ſchweigender Gottesdienſt der Mutterliebe.— Als ſich Martha wieder aufrichtete, glaubte Bau⸗ diſſen an ihr eine Würde zu bemerken, welche ſeinen Ge⸗ fühlen Schweigen auferlegte. Erſt als die Stunde des Abſchiedes ſchlug und er ſich von ihr und dem Knaben für immer trennen ſollte, lieh er ſeinen Schmerzen Worte. Vergebens ſuchte der ſonſt ſo willensſtarke und ruhige Mann ſeine gewohnte Faſſung zu behaupten. Unter ſeiner anſcheinenden Kälte verbarg er wie alle ſtarken Seelen eine Tiefe der Empſindung, eine Kraft der Leidenſchaft, die er ſonſt vor der Welt durch die ſtrengſte Selbſtbeherrſchung zu bemeiſtern und zu verhehlen wußte. 216 Er ſelbſt wurde in dieſer Stunde von der Glut ſeiner Neigung überraſcht, welche er längſt bekämpft und er⸗ loſchen glaubte. Ihr Anblick hatte die alten Wunden, die mühſam vernarbt waren, wieder aufgeriſſen. Der Schmerz war um ſo heftiger und tiefer, da er zugleich mit ihr den Sohn verlieren ſollte, den er ſich gewöhnt hatte, als den ſeinigen anzuſehen. Wie gern hätte er Beide zurückgehal⸗ ten.— Der Augenblick der Trennung ließ ihn all' die Rückſichten und Bedenken vergeſſen, die ihm bisher vor⸗ geſchwebt; in einfachen und edlen Worten bot er jetzt Martha ſeine Hand und ein Aſyl in ſeinem Hauſe an. „Ich kann mich nicht von dem geliebten Kinde tren⸗ nen,“ ſagte er bewegt.„Ich habe, wenn Sie ihn mir nehmen, nichts mehr auf der Welt, was ich mein nennen darf. Stoßen Sie nicht die Hand zurück, welche die un⸗ eigennützigſte Liebe Ihnen bietet. Denken Sie an die Zu⸗ kunft des Knaben, an Ihre eigene Lage. Ich weiß, daß Sie zu ſtolz ſind, um von mir oder irgend einem Manne eine Unterſtützuug anzunehmen. Wüßte ich ein anderes Auskunftsmittel, um Sie mit dem Kinde für immer ſicher zu ſtellen, ſo würde ich geſchwiegen und mein Ge⸗ ſtändniß zurückgehalten haben. Gott iſt mein Zeuge, daß ich dabei am wenigſten mein eigenes Glück berückſichtigen will; nur an Sie und Franz habe ich gedacht, als ich ein ſolches Geſtändniß Ihnen that. Ueberlegen Sie mein 217 Anerbieten und hören Sie auf die Stimme der Vernunft, wenn Ihr Herz auch nicht für mich ſprechen ſollte. Ich will mich mit der leiſeſten Hoffnung begnügen; ich fordere nichts von Ihnen, als daß Sie mein Haus als ein Aſyl und mich als Ihren natürlichen Beſchützer betrachten mö⸗ gen. Geben Sie Ihrem Sohne den Vater, den er nur ſchwer entbehren kann. Höher ſollen ſich meine Anſprüche nie erheben; ich werde mich mit dem Bewußtſein begnü⸗ gen laſſen, für Sie und Franz zu ſorgen und Sie vor der gemeinen Noth des Lebens zu beſchützen. Mein Wort wird Ihnen für die Wahrheit meiner Geſinnung bürgen.“ Dieſer Ausfluß der uneigennützigſten und groß⸗ müthigſten Neigung bereitete ihr nur neue innere Kämpfe. Sie verkannte nicht das Edle ſeiner Geſinnung, die zarte Sorge und Schonung, hinter der ſich ſeine Liebe barg; aber zwiſchen ihr und ihm war jetzt eine unüberſteigliche Schranke aufgerichtet. Es ſchmerzte ſie, den herrlichen Mann zu betrüben und leiden zu ſehen, doch ſie mußte ihm auch die letzte Hoffnung rauben. „Baudiſſen!“ entgegnete ſie würdevoll;„Sie ſind mir der theuerſte Freund, den ich noch auf dieſer Welt beſitze. Ihr Antrag hätte mich zu jeder Zeit mit Freude und Stolz erfüllt, um ſo mehr in dieſem Augenblicke, wo Ihnen der Fehltritt meiner Jugend bekannt geworden iſt. Sie haben mich nicht darum verdammt, mir nicht Ihre 1859. XXIII. Eine arme Seele. III. 14 218 Achtung deswegen entzogen; Sie bieten mir ſogar Ihre Hand an, um die mich hunderte von Frauen beneiden würden; Sie bieten mir einen Namen, den die Welt mit Bewunderung und Verehrung nennt, und ein Herz, deſſen hohen Werth ich zwar zu kennen glaubte, deſſen Größe und Uneigennützigkeit ich aber erſt heute ganz begriffen habe. Ich verdiene nicht ein ſolches Glück, das ich durch meine Vergangenheit verwirkt habe; aber ich werde Ihnen bis an mein Lebensende dafür dankbar ſein und Ihr An⸗ denken ſegnen, weil Sie mich aus dem Staube empor⸗ gehoben und mir die Achtung vor mir ſelber zurückgege⸗ ben haben. Jetzt erſt fühle ich mich entſühnt und von meiner Schuld erlöſ't, da der edelſte Mann auf Erden mich einer ſolchen Ehre würdig gehalten hat nicht im Taumel der blinden Leidenſchaft, ſondern mit ruhiger Ueberlegung und Kenntniß meiner Schuld.— Aber ich achte Sie zu hoch, um Sie täuſchen zu wollen. Ich werde weder Sie, noch einen andern Mann auf dieſer Erde lie⸗ ben. Mein Herz gehört einem Geſtorbenen, meine Ge⸗ fühle dem Andenken eines geliebten Todten, und was mir noch übrig bleibt, von nun an der Sorge um meinen Sohn.— Auch für ihn kann ich Ihr großmüthiges An⸗ erbieten nicht annehmen, weil das Opfer, das Sie ihm zu bringen gedenken, zu groß und ſchmerzlich wäre, um es von einem Menſchen auf der Welt zu fordern. Sie 219 verdienen das reinſte, beſte Weib, das Sie von ganzer Seele liebt; ein ungetheiltes Herz, ein nur Ihnen allein gewidmetes Leben, das kann ich Ihnen nicht mitbringen, und darum müſſen wir ſcheiden.“ „Und was ſoll aus Ihnen und Franz werden? Was wollen Sie beginnen?“ „Der Himmel wird uns nicht verlaſſen. Mein Hof⸗ fen iſt auf Gott, der mich bisher ſo wunderbar geführt und nach harter Prüfung mir das Ziel meines ganzen Lebens wenn auch noch in ungewiſſer Zukunft wie den Stern der Verheißung zeigt. Ich werde für meinen Sohn arbeiten, und es wird mir nicht an Kraft dazu fehlen; denn eine Mutter, die für ihr Kind zu ſorgen hat, findet auch immer die nöthige Stärke. Ich will Franz zu einem guten Menſchen heranbilden, ihn vor Irrthümer bewah⸗ ren, ihn glücklich zu machen ſuchen, ſo weit dies in mei⸗ ner Gewalt liegt.“ „Und wenn Ihnen die Sorge um ihn zu ſchwer fallen, wenn Ihre ohnehin nicht allzufeſte Geſundheit darunter leiden ſollte?“ fragte Baudiſſen mit einem be⸗ kümmerten Blick auf die Leidende. „Dann werde ich mich an Sie wenden. Sie haben ſich ein Recht erworben, uns zu unterſtützen. Sollte der Tod mich vor der Zeit meinem Kinde rauben, ſo werde 14 ½. ich Ihnen die Erziehung desſelben als einziges Vermächt⸗ niß ſeiner armen Mutter hinterlaſſen. Ich weiß, daß Sie mich ihm erſetzen werden.“ „Sie verſprechen mir, keinem Andern dieſes Vor⸗ recht einzuräumen?“ „Das verſpreche ich Ihnen und Sie werden freudig dieſe Pflicht erfüllen.“ „So wahr mir Gott in meiner letzten Stunde helfe⸗ das will ich,“ bekräftigte er laut und feierlich. „Und wir ſcheiden als Freunde?“ fragte ſie mit wehmüthigem Lächeln. „Als Freunde hier und dort.“ Baudiſſen hatte ſeine ganze männliche Faſſung wie⸗ der gewonnen; er umarmte und küßte den Knaben, der ſich feſt an ihn anklammerte; dann begleitete er Martha an den Wagen, der ſie erwartete. Sie reichte ihm mit feuchten Blicken noch einmal ihre Hand, welche er lange Zeit in der ſeinigen hielt. „Auf Wiederſehen!“ ſagte ſie und deutete nach Oben. Schmerz und Hoffnung bebten in dem Tone ihrer Stimme; er hatte ſie verſtanden und hoffte wie ſie auf ein Wiederſehen in einer andern, beſſern Welt; dennoch konnte er nicht ſeinen Seufzer unterdrücken. 221 „Was bleibt mir noch auf dieſer Erde?“ fragte er traurig. „Die göttliche Kunſt; ſie wird Sie tröſten und ver⸗ geſſen laſſen.“ „Und Ihnen?“ „Gott und dieſes Kind,“ antwortete ſie den Knaben, der ſich wieder beruhigt hatte, feſter an ihr Herz drückend. So ſchieden ſie; er ſtarrte ihr noch lange nach wie einer überirdiſchen Erſcheinung, bis ſie ihm für immer ver⸗ ſchwunden war, ihr verklärtes Bild treu im Herzen be⸗ wahrend. „Kommen Sie!“ ſagte er endlich zu dem Souffleur, der ebenfalls Martha begleitet hatte.„Wir müſſen fort. Das Publikum fragt nicht darnach, ob unſer Herz bricht. Wir müſſen vor ihm gaukeln.“ — Schweigend gingen die Männer neben einander her; der Schmerz hatte ſie trotz des Abſtandes ihrer Stellung zu Freunden gemacht; Beide trauerten um Martha.— Sie ſelbſt war vorläufig zu den alten Freunden mit dem Knaben zurückgekehrt; ihre Vorausſage war wunder⸗ barer Weiſe in Erfüllung gegangen, ihre Geſundheit zu⸗ rückgekehrt und mit ihr die Kraft, ſich und ihr Kind durch ihre Thätigkeit zu ernähren. Sie ſchlug die angebotene Un⸗ 222 terſtützung des Arztes und des Paſtors aus und behaup⸗ tete ihre Selbſtſtändigkeit, indem ſie in dem Städtchen, 1 wo ſich die Anſtalt befand, Unterricht beſonders in Muſik 4 ertheilte. In ihrem neuen Wirkungskreiſe wußte ſie ſich die allgemeine Achtung durch ihr würdevolles Benehmen zu erwerben. Der Fehltritt ihrer Jugend wurde von der Welt, wenn dieſelbe überhaupt Kunde davon erhielt, um ihrer Tugenden Willen vergeſſen. Man ſprach von Mar⸗ tha nur in Ausdrücken der höchſten Bewunderung; ihre Schüler liebten ſie und die Eltern derſelben ſuchten ſie in ihre Kreiſe zu ziehen; die beſten Familien fühlten ſich durch ihren Umgang geehrt. Sie lebte indeß ſtill und zurückgezogen; nach wie vor blieb Getrud ihre einzige Freundin, mit der ſie faſt ausſchließlich verkehrte. Ihre Mußeſtunden brachte ſie in der ihr lieben Anſtalt zu, wo ihr Erſcheinen ſtets ein freudiges Ereigniß für das ganze Haus war. Der kleine Franz, welcher ſich trefflich entwickelte und nicht die geringſte Aehnlichkeit mit ſeinem Vater verrieth, begleitete ſie dahin, um mit der kleinen Martha zu ſpielen. Wenn die Mütter die wachſende Nei⸗ gung der Kinder ſehen, dann lächeln ſie wohl im ſtillen 6 Einverſtändniß und in der Hoffnung, das ihre Freund⸗ ſchaft auf die künftige Generation ſich vererben wird. Oft ſprechen ſie von der Vergangenheit, von Rudolph und Baudiſſen, die Martha nie vergeſſen kann und wird.—. 223 So gleicht ihr Leben einem milden Herbſttage nach 3 dem heißen, gewitterſchwülen Sommer ihrer Jugend. Ein 6 wehmüthiger Frieden ruht auf ihrem rührenden Geſichte und verkündet die innere Ruhe, welche ſie nach ſchweren Prüfungen errungen. Sie lebt, wie ſie es Baudiſſen beim Ab⸗ ſchiede verkündigt hatte, nur Gott und ihrem Kinde.— Ende des dritten und letzten Bandes. —. Prag, Druck von Jarosl. Poſpizil. — ffhffffß 1 ſſſſſſſnfſni 9 1 14 15 6 17 18 19 8 10 1 12 13