OA AS f=—— e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 v. ½ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 1 Albun. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Zweiundzwanzigſter Band. Eine arme Seele. Il. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) 8 Eine arme Beele. Roman in drei Bünden von Max Ring. Zweiter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Erſtes Capitel Zweites Capitel Drittes Caupitel Viertes Canitel Fünftes Capitel. Sechstes Capitel. Siebentes Enpitel Achtes Capitel Neuntes Capitel Zehntes Capitel Elftes Canitel —— Eine arme Seele. Zweiter Theil. Erstes Capitel. Die Kunſt geht nach Brod. Die Wahrheit dieſes alten Spruches ſollte Martha bald kennen lernen. Ein Engagement bei einer irgend vermeinter Bühne war kei⸗ neswegs ſo leicht zu finden, wie Ferdinand ihr vorge⸗ ſpiegelt hatte; wo ſie ſich hinwandte, waren alle Fächer bereits beſetzt, ſo daß ihre Hoffnungen und Anſprüche bedeutend heruntergeſtimmt wurden. In dieſer Verlegenheit blieb ihnen nichts übrig, als ihre Zuflucht zu einem Theateragenten zu nehmen. Herr Schürlein gehörte zu jener Klaſſe von pfiffigen Geſchäfts⸗ leuten, welche auf Koſten ihrer Nebenmenſchen nicht allein ein angenehmes Daſein zu führen, ſondern auch noch ein artiges Vermögen zu erwerben wiſſen; er lebte von Künſtlern und Schriftſtellern wie ein Plantagenbeſitzer von dem Schweiße und Blute ſeiner gequälten Neger. 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 1 10 Wie es in der Thier⸗ und Pflanzenwelt Schma⸗ rotzer gibt, die ſich auf einem fremden Körper einniſten und aus deſſen Säften ihre Nahrung ziehen, ſo hat auch die göttliche Kunſt ihre Schmarotzerthiere, die ſich auf ihre Koſten ernähren, gedeihen und fett werden. Solch' ein Thierchen war auch Herr Schürlein, der Beſitzer eines dramatiſchen Geſchäftsbureaus und Herausgeber eines Theaterblattes, das, wie man ſich denken kann, die Kritik in höchſt unparteiiſcher Weiſe übte. Herr Schürlein„machte in Kunſt und Theater“, wie andere Makler in Oel und Spiritus, wobei auch er bedacht war eine möglichſt hohe Proviſion für ſich bei dem Geſchäfte herauszuſchlagen. Er verſorgte die Direktoren mit Liebhabern und Liebhaberinnen, Helden und Vätern, Soubretten und zärtlichen Müttern, ſein Lager war mit all' dieſen„Artikeln“, wie er ſelbſt zu ſagen pflegte, reichlich verſehen. An Waaren dieſer Art von der beſten bis zur ſchlechteſten Sorte war kein Mangel, und auch an Abnehmern fehlte es ihm nicht, da er ein geriebener Geſchäftsmann war. Für ſeine Be⸗ mühungen ließ er ſich allerdings ſo gut als irgend mög⸗ lich bezahlen. Gewöhnlich nahm er, wenn er ein Enga⸗ gement glücklich zu Stande gebracht hatte, nicht mehr als zwanzig Prozent, oder eine halbe Jahresgage, ungerech⸗ net die freiwilligen Gaben und Geſchenke, die er ſo groß⸗ 11 müthig war nie zurückzuweiſen, um den edlen Geber nicht zu beleidigen. Ganz in ähnlicher Weiſe, oder wo nicht etwas ſchlechter behandelte er die armen Schriftſteller, deren Mannſkripte er vertrieb. Zuweilen kaufte er ihnen ihre dramatiſche Arbeiten unter Bedingungen ab, die dem ärgſten Wucherer alle Ehre gemacht haben würden; auch leiſtete er den Bedürſtigen Vorſchüſſe, natürlich gegen Sicherheit und auf nicht im Landrecht vorgeſehene Pro⸗ zente. Nur der ſchwärzeſte Undank konnte ihn deshalb an⸗ klagen und einen Halsabſchneider nennen, da er fortwäh⸗ rend, wie er behauptete, nur die Intreſſen der Kunſt im Auge hatte, die jedoch mit den ſeinigen ſtets zuſammen fielen.. Als Herausgeber eines vielgeleſenen Theaterblattes beſaß er eine anerkannte Macht, die er jedoch nur dann mißbrauchte, wenn ſein edles Streben verkannt wurde. Wehe dem Schauſpieler, der ſich an einen andern Agen⸗ ten wendete! Beſſer, er wäre nie geboren worden; denn von nun an war er den Angriffen einer ſchonungsloſen Kritik ausgeſetzt, die ſich nicht nur auf ſeine Leiſtungen ſondern ſelbſt auf ſeinen Charakter und ſeine innerſten Privatverhältniſſe erſtreckte. Wehe aber auch dem Schrift⸗ ſteller, der ſeine Arbeiten entweder ſelbſt, oder durch ei⸗ nen Concurrenten des Herrn Schürlein vertreiben ließ. 2* Es blieb kein gutes Haar an ihm und er riß ihn herun⸗ ter, daß es nun eine Freude war. Dagegen war er ge⸗ recht und mild gegen ſeine„Getreuen“, die er bis in den Himmel zu erheben keinen Anſtand nahm, ſelbſt wenn ihr Talent dies nicht verdiente. Wie ein zärtlicher Vater bedeckte er ihre Schwächen mit dem Mantel der chriſtli⸗ chen Liebe, während er mit bewunderungswürdigem Scharſinn ſelbſt da noch Vorzüge entdeckte, wo kein an⸗ deres Auge auch nur die leiſeſte Spur davon ſehen konnte. Sein Hauptvorzug beſtand jedoch in einem hohen Grade von Verſöhnlichkeit; dem reuigen Sünder öffnete er ſeine Armen und ſein Herz, wenn dieſer nur wieder ſeinen Beutel öffnete und zu ihm zurückkehrte. Hatte er einen Schauſpieler eben erſt heruntergeriſſen, daß kein Hund außer ihm ſelber ein Stück Brod von ihm genommen hätte, ſo hinderte ihn dieſer Umſtand nicht, denſelben Künſtler in der nächſten Nummer in eben ſo überſchwäng⸗ lichen Ausdrücken zu loben, vorausgeſetzt daß der Betref⸗ fende die nöthige Buße, beſtehend in einem angemeſſenen Geldtribut, geleiſtet hatte. Dann ſah auch Herr Schür⸗ lein ſeinen Fehler ein und er beeilte ſich, wie es einem guten Chriſten ziemt, denſelben ſchnell wieder gut zu machen. Dies geſchah mit einer großartigen Naivität, welche nur die Feinde und Neider, die jeder bedeutende u= 8*—2 2* 22 13 Mann beſitzt, als unverſchämte Geſinnungsloͤſigkeit be⸗ zeichnen konnten. Ueberhaupt würde man dem Trefflichen Unrecht thun, wollte man ihn nach den Grundſätzen beurthei⸗ len, die er bei ſeinem geſchäftlichen Treiben beobachtete. Als Theateragent war er nicht von gewiſſen Fehlern ſei⸗ nes Standes frei zu ſprechen, als Menſch aber hätte er noch weit ſchlechter ſein können, als er wirklich war. Wo nicht ſein Vortheil auf dem Spiele ſtand, zeigte er ſich gutmüthig und gemüthlich, nur nicht in Geldſachen, wo bekanntlich die Gemüthlichkeit nach dem Ausſpruche eines großen Finanzmannes der Gegenwart aufzuhören pflegt. Es ging ihm wie ſo vielen Menſchen, deren Nächſtenliebe bei ſich ſelber anfängt und die, ſo lange nicht ihr Eigennutz und Egoismus berührt wird, gefällig, liebenswürdig, mit einem Worte die beſten Seelen von der Welt ſind. 4 Dies war der Mann, an den ſich jetzt Ferdinand in ſeiner Noth wenden wollte, obgleich er in letzter Zeit aus mancherlei Gründen jede Verbindung mit ihm abge⸗ brochen hatte; er rechnete aber auf die auch ihm bekannte Verſöhnlichkeit des Theateragenten, noch mehr aber auf die Erſcheinung ſeiner Begleiterin, da Herr Schürlein ſtets eine gewiſſe Vorliebe für das ſchönere Geſchlecht ge⸗ zeigt hatte. Unter Martha's Schutz und in ihrer Geſellſchaft wagte es daher Ferdinand, die Wohnung des Gewalti⸗ gen zu betreten, mit dem er allerdings noch dieſe und jene kleine vergeſſene Rechnung auszugleichen hatte. In dem Vorzimmer, das mit den Portraits der berühmteſten Künſtler der Gegenwart behängt war, warteten bereits einige Herren und Damen, die mit Herrn Schürlein in Geſchäften zu thun hatten; an ihrer Sprache und einem gewiſſen genialen Etwas in Kleidung und Benehmen er⸗ kannte ſelbſt der oberflächliche Beobachter, daß ſie dem Stande„der edlen Mimen“ angehörten. Die kecke Dame mit dem Stumpfnäschen und den gedrehten Löckchen, wel⸗ che an den Schläfen wie kleine Schnecken anklebten, konnte nur eine Soubrette ſein, während der Herr an ihrer Seite mit dem ſorgfältig gepflegten Schnurbart und dem ſelbſtgefälligen Lächeln jeder Zoll Liebhaber einer Bühne zweiten Ranges war. Maleriſch in den roth verſchoſſenen Shawl gehüllt lehnte ſich die veraltete Primadonna auf den Seſſel in der Ecke, weil ihr die übrige Geſellſchaft nicht„nobel“ genug erſchien; ſie hatte ſchönere Zeiten geſehen und beſ⸗ ſere Tage gekannt, da ſie noch jünger war und ihre Stimme noch nicht gelitten hatte. Damals wartete Herr Schürlein in ihrem Vorzimmer, wie ſie jetzt in dem ſeinigen. So ändern ſich die Zeiten und mit den Zeiten 15 die Menſchen. Wahrſcheinlich gedachte ſie der glänzenden Gaſtſpiele, die er einſt ihr angetragen, während ſie in dieſem Augenblick ohne Engagement herumirrte; denn ein tiefer Seufzer entrang ſich von Zeit zu Zeit ihrem platten Buſen. Sie hatte zwar ihre Stimme, aber noch nicht ihre Anſprüche und ihren Stolz verloren; deshalb beobachtete ſie eine ſteife Zurückhaltung gegen ihre anwe⸗ ſende Collegen, auf die ſie mit ſchlecht verhehlter Ver⸗ achtung herabſchaute, wie eine ehrwürdige Ruine von ihrer Höhe auf die niederen Hütten im Thale ſieht. Dafür bekam ſie freilich die Stichelreden der klei⸗ nen Soubrette mit den Klebelocken zu hören, welche ſich über die etwas rampenirte Toilette der Sängerin luſtig machte, wobei ihr die übrigen Damen endlich mithalfen. Die Unterhaltung wurde überhaupt in einem lauten und lebhaften Tone und mit einer Ungenirtheit geführt, die für Martha etwas Befremdendes haben mußte, wo⸗ gegen Ferdinand ſich wieder ganz und gar in ſeinem Elemente fühlte. Der nicht immer beneidenswerthe Ge⸗ genſtand dieſer Geſpräche war abwechſelnd Herr Schürlein, oder ein Theaterdirektor, mitunter auch ein bekannter oder unbekannter Kritiker; dieſe Herren wurden meiſt mit Ehrentiteln belegt, welche gerade nicht allzuſchmeichelhaft klangen. Dazwiſchen wurde über die Launen und Un⸗ dankbarkeit des Publikums geklagt und einige Theater⸗ 16 geſchichten aus den Geheimniſſen der Couliſſenwelt auf⸗ getiſcht. Nach und nach war aber der Stoff erſchöpft, und da Herr Schürlein noch immer nicht zum Vorſchein kam, wurde die Geſellſchaft ungeduldig. Der Liebhaber mit dem ſchönen Bart wandte ſich an einen jungen Mann, der die mittlere Stellung eines Bedienten und Sekretärs in dem Geſchäftsbureau des Agenten bekleidete und an einem Sei⸗ tentiſche ungeſtört von der lauten Unterhaltung mit eini⸗ gen ſchriftlichen Arbeiten ſich beſchäftigte. „Haben Sie denn Herrn Schürlein geſagt,“ fragte der Liebhaber,„daß ich hier bin?“ „Allerdings.“ „Und warum komme ich nicht vor?“ „Weil er zu thun hat.“ „Wer iſt denn bei ihm?“ „Herr Baudiſſen.“ „Herr Baudiſſen, immer und ewig Herr Bau⸗ diſſen,“ murrte der Liebhaber.„Man kann jetzt keine Theaterzeitung in die Hand nehmen, ohne ſeinen Namen zu finden, als ob es gar keinen andern Schauſpieler mehr auf der Welt gäbe.“ „Baudiſſen!“ miſchte ſich Ferdinand in's Geſpräch. „Ich habe vor mehreren Jahren einen jungen Anfänger gekannt, der dieſen Namen führte. Damals trat er nur 17 in letzten Rollen auf, und wenn er zwei Worte zu ſpre⸗ chen hatte, blieb er dreimal ſtecken. Das kann doch un⸗ möglich der berühmte Künſtler ſein, von dem Sie eben reden.“ „Wer weiß? Der Menſch hat ein fabelhaftes Glück gehabt. Ich erinnere mich auch, ihn in ganz unbedeutenden Stücken geſehen zu haben. Mit einem Male iſt er ein berühmter Mann geworden, der an einem Abende ſeine hundert Louisdore mir nichts dir nichts in die Taſche ſteckt; ſein letztes Gaſtſpiel hat ihm baare acht Tauſend Thaler eingebracht. Ich ſage Ihnen, der verſteht's; die Kritik hat er ganz auf ſeiner Seite. Sie werden ja ſchon gehört haben, wie er es macht. Frühſtück mit Champagner, wozu alle Rezenſenten gebeten werden, zwanzig Claqueure von der beſten Sorte, ſilberne Armleuchter für die Re⸗ daktionen aller einflußreichen Blätter und Zeitungen. Mein Gott! da iſt es kein Wunder, wenn man reuſſirt. Wenn Unſereins zu ſolchen Mitteln ſeine Zuflucht neh⸗ men wollte, ſo würde man auch anders daſtehen und nicht nöthig haben, hier auf Herrn Schürlein zu warten. Was ſo ein Baudiſſen machen kann, können andere Leute auch.“ Kaum hatte der beſcheidene Künſtler ſeine Rede be⸗ endet, als in der Thür, welche zu dem Empfangszimmer des Herrn Schürlein führte, in Begleitung des Theater⸗ ſtehen. 18 agenten der genannte Baudiſſen erſchien; er war ein Mann im Anfange der dreißiger Jahre, deſſen Aeußeres nichts Bemerkenswerthes darbot, wenn man eine hohe Stirn und die dunkeln, glänzenden Augen abrechnete. Er war fein, aber durchaus nicht auffallend gekleidet, und ſelbſt dem ſchärfſten Beobachter wäre es ſchwer gefallen, in ihm den Schauſpieler zu erkennen; weit eher hätte man ihn für einen angehenden Gelehrten oder Schulmann halten kön⸗ nen, wogegen freilich wieder eine gewiſſe bewegliche Ge⸗ wandtheit ſprach, die man bei echten Philologen nur in ſeltenen Fällen findet. Mit einer höflichen Verneigung ſchritt er durch die Reihen der wartenden Collegen, denen er im Vorüber⸗ gehen einen jener ihn charakteriſirenden, ſcharf beobachten⸗ den Blicke zuwarf, womit er die Eigenthümlichkeiten der Menſchen auffaßte, um ſie eben ſo ſcharf und wahr wie⸗ derzugeben. Die etwas verkommene Figur Ferdinand's ſchien ihm aufzufallen, denn plötzlich blieb er vor ihm „Wenn ich nicht irre,“ ſagte er zu dieſem gewendet, „kennen wir uns. Waren Sie nicht am Theater zu Dram⸗ burg als erſter Liebhaber engagirt?“ „Tempi passati,“ ſeufzte der Schauſpieler.„Das iſt ſchon lange her; aber es freut mich, daß Sie ſich mei⸗ ner noch erinnern, Herr Baudiſſen, wenn ich nicht irre.“ 19 „So heiße ich, und ich denke noch immer mit Ver⸗ gnügen an jene Zeiten, wo ich, wenn auch unter traurigen Verhältniſſen, meine erſte Bühnenſtudien machte.“ „Ja, ja! Sie haben es weit gebracht, während ich etwas zurückgekommen bin. Der Eine ſteigt, der Andere fällt, das iſt ſo der Lauf der Welt; denn mit des Ge⸗ ſchickes Mächten iſt kein ewiger Bund zu flechten. Das Glück war niemals mit den Hohenſtaufen.“ „Wenn ich Ihnen in irgend einer Weiſe dienen kann, ſo will ich es gern thun. Beſuchen Sie mich; ich wohne in der Stadt Rom, wo Sie mich in den Morgenſtunden ſicher treffen.“ Mit einem freundſchaftlichen Händedruck nahm der berühmte Künſtler von dem durch eigene Schuld geſunke⸗ nen Collegen Abſchied, der dadurch nicht wenig in den Augen des Theateragenten geſtiegen war. Dieſem Um⸗ ſtande hatte er wohl auch von Seiten desſelben eine beſſere Aufnahme zu verdanken, als ihm ſonſt zu Theil geworden wäre. Herr Schürlein lud ihn ſogleich ein, ihm mit ſeiner Begleiterin in das anſtoßende Zimmer zu folgen, während die Uebrigen noch warten mußten. „ Haben uns lange nicht geſehen,“ ſagte der Agent, indem er auf zwei Stühle deutete.„Was bringen Sie mir?“ „Von Bringen,“ ſcherzte Ferdinand auf ſeine Um⸗ 20 ſtände anſpielend,„kann wohl jetzt bei mir keine Rede ſein.“ Das wohlwollende Lächeln des Agenten verwandelte ſich bei dieſen unangenehmen Worten in ein häßliches Grinſen, wodurch ſein von Natur nicht allzufreundlich bedachtes Geſicht nicht eben an Schönheit gewann. Herr Schürlein war kein Adonis, trotzdem er gern den Lie⸗ benswürdigen den Damen gegenüber ſpielte. Um den Mangel an Haaren zu verbergen, trug er eine ſchlecht be⸗ feſtigte Perücke, welche wie ſeekrank den Bewegungen ſei⸗ ner Stirnhaut folgte und fortwährend ſich verſchob, ſo daß er immer daran Etwas zu rücken hatte. Ebenſo wenig ſaß die goldene Brille auf ſeiner gebogenen Naſe feſt; wie ein Kinderſchlitten von einem Eisberge, ſo glitt ſie alle Augenblicke von dieſem anſehnlichen Geſichtshügel herab. Wenn ſeine Hände nicht von der Perrücke in An⸗ ſpruch genommen wurden, ſo hatten ſie ſicher mit der widerſpenſtigen Brille zu thun, ſo daß er im eigentlichen Sinne nie zur Ruhe kam. Unter dieſer Brille lagen zwei grünliche Augen auf der Lauer, wahre Katzenaugen, die abwechſelnd ſüß freundlich oder grimmig wüthend je nach den Umſtänden blicken konnten. Wenn er ſprach, ſo wurde eine Reihe falſcher Zähne ſichtbar, welche mit einer gol⸗ denen Spirale an der Kinnlade befeſtigt waren; er hatte die Gewohnheit angenommen, ſeine Worte weniger zu 21 ſprechen als dem, mit dem er in einer Unterhaltung begrif⸗ fen war, in's Geſicht zu ſpucken. So kriechend und rück⸗ ſichtsvoll er ſich ſolchen Künſtlern und Schriftſtellern gegenüber betrug, von denen er ſich irgend einen Vortheil verſprach, ſo empörend grob behandelte er die armen Teufel, welche ihm nichts einbrachten. Eine Probe von der letzteren Art ſollte Ferdinand ſogleich zu koſten be⸗ kommen. „Alſo Sie kommen,“ ſagte der Würdige,„wie ge⸗ wöhnlich ohne Geld. Wiſſen Sie auch, daß ich noch eine hübſche Summe zu fordern habe, die ich wohl in den Schornſtein ſchreiben kann. Und ſolch' ein Menſch wagt es noch mir unter die Augen zu treten. Das iſt wirklich ſtark. Glauben Sie denn, daß ich noch Etwas für Sie thun werde? Sie haben mich ſtets mit Undank nur be⸗ lohnt und mich mit leeren Verſprechungen abgeſpeiſ't. Für das letzte Engagement habe ich noch keinen rothen Heller geſehen und einen ganzen Jahrgang meiner dra⸗ maturgiſchen Blätter ſind Sie mir auch noch ſchuldig. Wenn Herr Baudiſſen, dieſer größte aller lebenden Künſt⸗ ler, nicht Ihr Bekannter wäre, hätte ich Sie gar nicht vorgelaſſen.“ Für derartige Reden, welche auf Martha den wider⸗ lichſten Eindruck machen mußten, war Ferdinand bereits gänzlich abgeſtumpft; auch hatte ihn ſeine langjährige 22 Praxis und Bekanntſchaft mit dem Theateragenten ſchon gelehrt, was darauf zu geben und wie dem Widerharrigen beizukommen ſei. „Vater Schürlein!“ entgegnete er auf die Straf⸗ predigt.„Seid kein Unmenſch und laßt mit Euch ein ver⸗ ſtändiges Wort reden. Wäre ich denn zu Euch gekommen, wenn ich nicht die Abſicht hätte, meine alte Schulden zu bezahlen. Kann ich Millionen aus der Erde ſtampfen, wächſt mir ein Kornfeld auf der flachen Hand? Ihr wißt, daß es mir in der letzten Zeit ſchlecht gegangen iſt, ich habe ſeit der Affaire bei Lützen mit dem ſchaafs⸗ köpfigen Intendanten kein Engagement mehr bekommen können.“ „Weil Sie betrunken auf die Probe gekommen ſind.“ „Betrunken!“ antwortete Ferdinand mit edler Ent⸗ rüſtung.„Wer kann das von mir behaupten, wer hat mich je betrunken geſehen? Schändliche Verläumdung nüchterner Schufte! Aber angeſäufelt, was man einen angenehmen Rauſch nennt, das will ich nicht beſtreiten.— Der echte Künſtler muß immer einen Rauſch haben; denn was iſt die Begeiſterung, die uns über die Erde hebt, anders als Trunkenheit der Seele? Wo dieſe ſich nicht von ſelber einſtellt, muß der Muſenſohn zu künſtlichen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen. Das haben 23 der große Ludwig Devrient, Garrick, Kean, alle bedeutende Genies gethan!“ „Was gehen mich Euer Devrient und Garrick an?“ brummte der Agent.„Ihr ſeht, daß ich keine Zeit habe, alſo macht es kurz und ſagt, wozu Ihr gekommen ſeid?“ „Gut! Ihr ſollt es ſogleich erfahren; ich werde Euch nicht lange aufhalten. Dort ſteht eine edle Dame, die um Euren Beiſtand fleht. O! laßt Euch rühren von Cordelia's Thränen und verſchafft ihr und mir ein En⸗ gagement.“ Jetzt erſt richtete Herr Schürlein ſeine Augen auf Martha, welche er bisher nur flüchtig bei ihrem Eintritte angeſehen hatte; er gab ſeiner Brille einen gewaltigen Ruck, wodurch ſie in die Höhe ſchnellte, während er mit der andern Hand die verſchobene Perrücke in eine minder ſchiefe Lage brachte. Zugleich erhob er ſich von ſeinem ledernen Lehnſtuhl und näherte ſich ihr, bis er dicht vor ihr ſtand. Ungefähr wie ein Roßtäuſcher ein vorgeführtes Thier prüft, ob es auch fehlerfrei ſei, ſo betrachtete er von allen Seiten die junge Kunſtnovize. Seinen ſcharfen Blik⸗ ken entging weder der ſchlanke Wuchs mit dem zierlichen Fuß, noch die ſchmale weiße Hand von echt ariſtokrati⸗ ſchem Gepräge, ſo wenig wie das ausdrucksvolle, inter⸗ eſſante Geſicht und die melancholiſch dunklen Augen. 24 Dieſe verletzende Muſterung ſchien indeß ihn gün⸗ ſtiger zu ſtimmen, ſein breiter Mund verzog ſich zu einem aufmunternden Lächeln, und er konnte es ſich nicht verſa⸗ gen, mit ſeinen plumpen Händen Martha's Kinn zu faſſen, was ſie jedoch durch ein raſches Ausweichen zu verhin⸗ dern wußte. „Nicht übel,“ bemerkte Herr Schürlein.„Eine an⸗ genehme Theatererſcheinung, wie gemacht zu einer Lieb⸗ haberin.“ „Und Talent,“ fügte Ferdinand hinzu, dem der gün⸗ ſtige Eindruck nicht entgangen war.„Ein entſchiedenes Talent für das höhere Schauſpiel. Unter meiner Leitung muß etwas Bedeutendes aus ihr werden.“ „Wird aber doch ſchwer halten, ſie unterzubringen, da ſie nur noch Anfängerin iſt. Die Direktoren verlangen routinirte Darſteller, die ſchon Etwas geleiſtet haben. Mit Anfängern will ſich Keiner mehr befaſſen.“ „Auf Eure Empfehlung kommt Alles an. Wenn Ihr nur wollt, ſo wird es nicht fehlen. Was Keiner vermag, das wißt Ihr durchzuſetzen. „Das iſt ſchon wahr, aber die Hauptſache—“ „Ich verſtehe; Ihr wollt wiſſen, wie viel Prozente für Euch abfallen werden. Es ſoll uns auf eine Viertel⸗ jahres⸗Gage nicht ankommen.“ 9 „Das iſt zu wenig; ſo viel habe ich bei jedem ge⸗ wöhnlichen Engagement. Von einer Anfängerin muß ich das Doppelte haben.“ „Ein Drittheil wird es auch thun.“ „Unter der Hälfte kann ich wirklich nicht, und wenn es meine leibliche Schweſter wäre.“ „Wenn es nicht anders ſein kann, ſo ſollt Ihr auch die Hälfte bekommen, natürlich unter der Bedingung, daß ich an demſelben Theater ein Engagement finde.“ „Das wird kaum gehen. Ihr wißt, daß Euch kein Direktor mehr haben mag.“ „Dann kann aus dem ganzen Handel nichts werden. Entweder werde ich mit engagirt, oder ſie auch nicht. Wir Beide trennen uns nicht mehr.“ „Da iſt wirklich ſchwer zu helfen. Indeß ich will ſehen, was ich thun kann, vorausgeſetzt, daß ſich das ſchöne Fräulein einer kleinen Prüfung unterzieht. Man kann doch nicht die Katze im Sacke kaufen. Da ich aber jetzt keine Zeit habe, ſo muß ich ſie ſchon erſuchen, mich Morgen nach dem Eſſen nochmals zu beſuchen.“ „Ich werde mitkommen,“ ſagte Ferdinand mit einem nur für den Agenten verſtändlichen Wink. „Ihre Gegenwart dürfte nur ſtörend ſein. Derartige Proben nehme ich am liebſten ganz allein vor, da ein Dritter nur dabei hinderlich iſt.“ „Das glaub' ich Euch wohl,“ lachte der Schauſpie⸗ 2 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 26 ler.„Aber daraus kann nichts werden. Ich habe die Ehre, Euch in dieſer Dame meine Braut vorzuſtellen.“ „Wirklich Enre Braut?“ fragte der Agent im zweifelnden Tone.„Das iſt wohl die Zwanzigſte, die ich ſchon kenne.“ Ueber ſeinen eigenen plumpen Scherz ſtieß Herr Schürlein ein lautes Gelächter aus, während Martha er⸗ röthete und einen unausſprechlichen Ekel vor ſeinem gan⸗ zen Benehmen empfand. Der Boden brannte unter ihren Füßen und ſie wäre am liebſten ſogleich aufgebrochen, ohne ſeine Vermittlung weiter zu beanſpruchen, ſelbſt auf die Gefahr hin, kein Engagement zu bekommen. Ferdi⸗ nand, welcher weniger empfindlich war, zögerte indeß noch ſo lange, bis er endlich von Herrn Schürlein das Ver⸗ ſprechen erhielt, ſich für ihr gemeinſchaftliches Engage⸗ ment auf das thätigſte zu verwenden, natürlich gegen die bereits ſtipulirte Proviſion von einer halben Jahres⸗Gage. Erſt als ſie im Freien war und die widerliche Ge⸗ ſtalt des Agenten nicht mehr erblickte, athmete Martha wieder auf; ſie verhehlte ihrem Begleiter keineswegs den abſchreckenden Eindruck, welchen das ganze Treiben auf ſie gemacht hatte. Auf der Schwelle der Kunſt, an deren Pforten ſie eben erſt beſcheiden anklopfte, waren ihr die widerwärtigſten Fratzen erſchienen, ſo daß ſie zurück⸗ geſchreckt den eben gethanen Schritt ſchon auf das tiefſte bereute. 3 „Du wirſt Dich,“ lautete der eben nicht erbauliche Troſt aus dem Munde Ferdinand's,„mit der Zeit daran gewöhnen. Es muß auch ſolche Käutze geben, ſagt Göthe. Schürlein iſt zwar ein Blutſauger, aber noch nicht von der ſchlimmſten Sorte.“ „Davon rede ich jetzt nicht,“ entgegnete ſie in ge⸗ reizter Stimmung.„Ich ſpreche von ſeinem Benehmen, von dem frechen Tone, den er ſich mir gegenüber heraus⸗ genommen, von den Zweideutigkeiten, die mir das Blut in die Wangen trieben und die Du gar nicht beachtet zu haben ſcheinſt.“ „Wenn Du darauf achten willſt, dann darfſt Du nicht zum Theater gehen. Das iſt ſo der Ton, den ſich ſelbſt die erſten Künſtlerinnen von dem Manne gefallen laſſen müſſen. Er beſitzt einen großen Einfluß, ſteht mit allen Intendanzen und Theaterdirektoren auf dem beſten Fuß, vermittelt die Engagements und Gaſtſpiele der Schauſpieler; außerdem beſitzt er ein geleſenes Blatt, worin er uns ebenſo herunterreißen wie loben kann. Da muß man ſich ſchon Manches gefallen laſſen.“ „Und in ſolchen Händen iſt die Kunſt und das Schick⸗ ſal der Künſtler!“ klagte Martha. „Das läßt ſich einmal nicht ändern. Man muß die Welt nehmen, wie ſie iſt, und mit den Wölfen heulen.“ 2* Zweites Capitel. Zum Gllück für Martha intereſſirte ſich Herr Bau⸗ diſſen, dieſer wahrhaft geniale Künſtler, für ſeinen ehe⸗ maligen Collegen Ferdinand, den er freilich unter andern Verhältniſſen als einen hervorragenden Schauſpieler kennen gelernt hatte. Beide wurden von ihm oft eingela⸗ den und brachten manche angenehme und bedeutende Stunde in ſeiner Geſellſchaft zu. Sein Umgang ſchien auch auf Ferdinand einen überaus wohlthätigen Einfluß auszuüben, indem dieſer keineswegs für das Beſſere gänz⸗ lich abgeſtorben war und ſich von dem Talent wie von dem feſt ausgeprägten Charakter ſeines alten Freundes mehr imponiren ließ, als er eingeſtehen wollte. Für Martha zeigte Herr Baudiſſen eine zarte Zuvorkommen⸗ heit, die ihr in ihrer gegenwärtigen Lage doppelt wohl⸗ thuend war. Durch ſein rückſichtsvolles Benehmen ließ er ſie fortwährend ahnen, daß ſie trotz des zweideutigen 29 Lichtes, in dem ſie ihm erſcheinen mußte, durchaus nicht ſeine Achtung verloren hatte. Derartige Verhältniſſe ge⸗ hören im Theaterleben nicht gerade zu den auffallenden Ereigniſſen; ſie werden gewöhnlich mit mehr Schonung behandelt als unter andern Umſtänden, aber Herr Bau⸗ diſſen hatte mit ſeinem ungewöhnlichen Scharfblick den tieferen Zuſammenhang zwiſchen Martha und dem ver⸗ kommenen Schauſpieler bald herausgefunden; er wußte aus eigener Erfahrung, welche Opfer ein Weib zu brin⸗ gen vermag, und war darum gegen Martha ganz be⸗ ſonders zart und rückſichtsvoll. Auf Ferdinand's Wunſch hatte er ſich zu einer klei⸗ nen Probe ihres Talentes verſtanden; er war nicht wenig erſtaunt in ihr eine ſeltene Begabung für das Drama zu finden, eine lebendige Auffaſſung, warme Empfindung und vor allen Dingen ein Organ, das durch ſeine Natür⸗ lichkeit zu Herzen ſprach. Was er an ihr vermißte, war nur höchſtens die gewöhnliche Routine, welche bei einer Anfängerin, wie Martha war, ſich ohnehin nicht voraus⸗ ſetzen ließ. Dennoch verhehlte er ihr ſeine Bedenken nicht und mehr als einmal ſprach er mit ihr von den Schwie⸗ rigkeiten der Laufbahn, die ſie zu betreten im Begriffe ſtand. „Das Theater,“ ſagte er mit dem ihm eigenen me⸗ lancholiſchen Lächeln,„iſt in unſerer Zeit die gefähr⸗ 30 lichſte Laufbahn, die ein Menſch ſich wählen kann. Ich kann es mir wohl denken und weiß es aus eigener Er⸗ fahrung, welchen Reiz unſere Kunſt auf eine jugendliche Phantaſie ausüben muß; aber ein Blick hinter die Cou⸗ liſſen— und das glänzende Bild macht der Ekel erregen⸗ den Enttäuſchung Platz. Das Leben des Schauſpielers gleicht der Bühne, die ſeine Heimath iſt; ein finſterer Raum, der auf wenige Stunden erleuchtet wird, ſchmu⸗ zige Dekorationen, die man nicht in der Nähe betrachten darf, Zaubergärten und Feenpaläſte, auf grober Lein⸗ wand gemalt. Alles Lüge und Täuſchung. Fragen Sie einen Künſtler, ob er ſich wahrhaft glücklich fühlt, ſelbſt wenn er auch die größten Triumphe gefeiert hat. Die Launen des Publikums, der Neid ſeiner Collegen, der Ruf eines glücklichen Nebenbuhlers rauben ihm die Ruhe und nagen an ſeinem Frieden. Eine fortwährende Auf⸗ regung, die mit ſeinem Stande nothwendig verbunden iſt, zerrüttet ſein Nervenſyſtem und ruft eine krankhafte Reizbarkeit hervor. Man ſchilt ſo viel über die Empfind⸗ lichkeit und Eitelkeit des Schauſpielers; ſie ſind nur die nothwendigen Begleiter ſeines Berufes. Er lebt vom Lobe wie andere Menſchen von der Luft; der Tadel greift nicht nur ſeinen Ruf ſondern auch ſeine Exiſtenz an. Eine vernichtende Kritik kann ihm ſein Brod rauben und ihn dem Hungertode preisgeben. Und wer übt meiſten⸗ 31 theils dieſe Kritik? Nicht der gewiſſenhafte Gelehrte, der gediegene Kenner, ſondern der erſte beſte literariſche Lauf⸗ burſche, der mitunter nicht einmal grammatikaliſch richtig ſchreiben kann; junge und alte Piraten, welche wie die⸗ ſer Schürlein das Talent brandſchatzen und zum Gegen⸗ ſtande ihrer beutelſchneideriſchen Spekulation machen. Sagen Sie nicht, daß das wahre Genie ſich ſelber Bahn bricht und mit Verachtung auf dieſe Wegelagerer herab⸗ ſehen darf. Die Corruption unſerer Zeit hat im Theater⸗ leben ihren Höhenpunkt erreicht. Wer ſie ſtudiren will, braucht nur das Treiben der Schauſpielerwelt zu beobach⸗ ten. Die Reclame hat die Kritik, die Charlatanerie die Kunſt, die gemeine Routine das Talent verdrängt.“ „Gut gegeben, mein Junge!“ rief Ferdinand im ſcherzhaften Tone.„Und doch wette ich darauf, daß Sie eher ſterben, als dem Theater entſagen würden.“ „Das geb' ich zu. Wer ſich einmal in die Arme der Kunſt geworfen, der kann nicht wieder von ihr los⸗ kommen; ſie hält ihn feſt mit eiſernen Banden bis zu ſeinem Tode. Ich könnte nicht mehr leben ohne ſie; ich liebe ſie trotz aller Leiden und Qualen, die ich ſchon um ihretwillen erduldet habe. Geb't mir eine Million unter der Bedingung, daß ich nicht mehr auftreten darf, und ich werde ſie zurückweiſen. Wer aber nicht wie ich ihr jedes Opfer zu bringen bereit iſt, der bleibe davon; 32 lieber Holzhauer als ein Schauſpieler ohne inneren Be⸗ ruf ſein.“ Martha hatte bei dieſer Gelegenheit den Wunſch geäußert, Baudiſſen in einer ſeiner vorzüglichen Rollen Vorſtellung des„Hamlet“ überreichte. Als ſie des Abends ſich in das Theater begaben, fanden ſie den Zuſchauerraum bis auf den letzten Platz merken, welche ſich im Stillen gebildet hatten; auf der einen Seite die unbedingten Verehrer des genialen Schau⸗ ſpielers, auf der andern Seite die nicht unbedeutende Zahl ſeiner Neider und Feinde, an deren Spitze der bis⸗ herige Darſteller des Hamlet ſtand. Dieſer hatte im Ge⸗ heimen eine ſtarke Oppoſition auf den verſchiedenen Bän⸗ ken vertheilt unter der Anführung eines bekannten Cla⸗ fall zu klatſchen, durch ſein Ziſchen Propaganda gegen den Ruf des Gefeierten machen ſollte. Auch der junge Liebhaber mit dem gewichsten Schnurbart hatte ſich am Arme der Soubrette mit den Klebelocken eingeſtellt, in 33 derſelben kollegialiſchen Abſicht, Baudiſſen ſo viel als möglich zu ſchaden. Er bewies ſeinen Nachbarn in den Zwiſchenakten, daß Hamlet nur von einem Liebhaber und von keinem Charakterdarſteller gegeben werden dürfte. „Sie werden ſehen,“ fügte er hinzu,„daß dieſer Baudiſſen keine Spur vom Liebhaber an ſich hat; es fehlt ihm ganz die noble Figur; auch ſpricht er durch die Naſe. Wenn er doch gefallen ſollte, ſo ſind daran nur ſeine Mäzchen Schuld; die verſteht er freilich am beſten.“ Dabei warf er einen wohlgefälligen Blick auf ſeine eigene„noble Figur“ und drehte den gewichsten Bart. Der Anfang der Vorſtellung hinderte ihn ſeine ausgezeich⸗ neten dramaturgiſchen Vorſtellungen fortzuſetzen. Jetzt erſchien Baudiſſen unter den Höflingen ſeines Stief⸗ vaters; bei ſeinem Anblicke brach das Haus in lauten Jubel aus, auf den eine tiefe Stille folgte. Einzelne Ziſchlaute der Oppoſition machten ſich vorläufig dazwi⸗ ſchen bemerkbar.— Die erſten Worte, welche der Künſt⸗ ler vorbrachte, wurden von ihm kurz und ſchneidend hin⸗ geworfen; erſt in dem Monologe„O ſchmölze doch dies allzu feſte Fleiſch“ geſtattete er dem Zuſchauer einen Blick in die grambeladene Seele des melancholiſchen Dänen⸗ prinzen. Mit der Hand auf die Lehne des Stuhles geſtützt, 1 1 — P h G 1 11 —— 34 als müßte er ſonſt unter der ſchweren Laſt des Schick⸗ ſals zuſammenbrechen, ſtand er in einfach ſchwarzer Tracht mit dem bleichen Denkerangeſicht als Hamlet da. Jede Bewegung war ungekünſtelt, jedes Wort kam aus der Tiefe des Herzens und verrieth das ſchneidende Weh' eines hohen Geiſtes, der die Lüge und die Täuſchungen des Lebens kennt und ſich mit Ekel davon abwendet. ———— O Gott! o Gott! Wie eckel, ſchal und flach und unerſprießlich Scheint mir das ganze Treiben dieſer Welt! Pfui! pfui darüber! S iſt ein wüſter Garten, Der auf in Samen ſchießt; verworfenes Unkraut Erfüllt ihn gänzlich.—— Dieſe Worte ſprach Baudiſſen mit erſchütternder Wahrheit, indem er ſie abſichtsvoll mit einem Nachdruck hervorhob, der den Eingeweihten ſogleich verrieth, wel⸗ ches Gewicht er darauf legte. In der That fand er in dieſem erſten Monologe Hamlet's den Schlüſſel zu dem ganzen Charakter und zu ſeinem ferneren Thun. In ihnen verräth ſich bereits jene krankhafte Stimmung, welche ge⸗ rade die begabteſten und edelſten Menſchen zu beſchleichen pflegt, wenn ſie in Berührung mit der Welt gerathen. Das Gift der Melancholie hat bereits den ganzen Or⸗ ganismus ergriffen und die Thatkraft gelähmt. Hamlet iſt jener modernen Krankheit verfallen, welche in unſerer Zeit als Zerriſſenheit und Ueberſättigung bezeichnet wird; 3⁵5 daher die Sympathie, die er bei uns erweckt, obgleich er ſich in ſeinem Lebensekel zu der Blaſirtheit eines moder⸗ nen Dandy wie das in ſeinen Tiefen aufgeregte Meer zu dem Sturme in einer flachen Waſſerſchüſſel verhält. Dieſen Geſichtspunkt hielt auch Baudiſſen mit der ihm eigenen Conſequenz im Verlaufe der ganzen Auffüh⸗ rung feſt, wodurch ſich ſeine Auffaſſung und Darſtellung des Charakters weſentlich von der üblichen und her⸗ gebrachten Manier und beſonders von der ſeines Vor⸗ gängers unterſchied. Sein Hamlet war eine pathologiſche Studie, ein feines Gemälde der krankhaften Seelen⸗ zuſtände, welche dicht an der Grenzlinie des Wahnſinns ſchweifen und zuletzt in dieſen ſicher übergehen, wenn nicht ein Aufraffen der Willenskraft noch Rettung bringt, welche Hamlet eben nicht beſitzt. In dieſem Sinne ſpielte auch Baudiſſen die folgen⸗ den Szenen mit einer Meiſterſchaft, welche in dem dritten Akt bei dem Zuſammentreffen mit ſeiner Mutter ihren Höhenpunkt erreichte. Nichts konnte wahrer und zugleich erſchütternder ſein als der tiefe Seelenſchmerz, den er in jedes Wort, in jede Miene zu legen wußte. Das dicht gefüllte Haus hörte anfänglich mit athemloſer Stille zu, und erſt bei ſeinem Abgange machte ſich der lang verhal⸗ tende Beifall in ſtürmiſcher Begeiſterung und lautem Rufe nach dem ausgezeichneten Künſtler Luft. Der ſchwache Verſuch, den die Oppoſition noch mit ihrem Ziſchen wagte, wurde unter wüthendem Klatſchen und donnernden Bravo's erſtickt. Baudiſſen's Rival, ein Cou⸗ liſſenreißer erſter Sorte, mußte mit ſeinen Gehülfen be⸗ ſchämt das Feld räumen; nur der Liebhaber mit dem ge⸗ wichsten Schnurbarte hielt tapfer Stand und verſicherte ſeinen Nachbarn, daß Baudiſſen zwar ein ausgezeichneter Charakterdarſteller ſei, aber eben deshalb den Hamlet nicht ſpielen könnte— eine Meinung, die ihm von einigen in ſeiner Nähe befindlichen Enthuſiaſten beinahe eine Tracht Prügel zugezogen hätte. Als die Vorſtellung zu Ende war und am Schluße der Darſteller des Hamlet immer von Neuem gerufen, mit einem Blumenregen und diesmal wohlverdienten Lor⸗ beerkränzen empfangen wurde, eilte Martha an Ferdi⸗ nand’s Arm wie betäubt aus dem Theater. Stumm und noch ganz unter dem Eindrucke dieſer gewaltigen Lei⸗ ſtung ging ſie neben ihm her. Es war ihr, als hätte ſie eine göttliche Offenbarung an ſich ſelbſt erfahren, als wäre alle irdiſche Bedrängniß durch eine mächtige Hand von ihr genommen. Sie fühlte ſich vollkommen mit dem ihr aufgedrängten Berufe ausgeſöhnt; die Kunſt erſchien ihr jetzt in einem andern Licht als noch vor Kurzem, wo ein Schürlein und Conſorten ſie mit Ekel erfüllen mußten.— 37 Auch Ferdinand gab ſich einem leicht erregbaren Enthuſiasmus hin, obgleich er eine gewiſſe Bitterkeit über ſeine eigene Unwürdigkeit mit einem Beigeſchmack von Neid nicht zu unterbrechen vermochte. „Das heiße ich geſpielt,“ unterbrach er das Still⸗ ſchweigen Martha's.„Freund Baudiſſen iſt ein ganzer Kerl, aber freilich hat auch das Glück ſehr viel für ihn gethan. Er hat die Kritik und das Publikum auf ſeine Seite zu bringen gewußt. In heutiger Zeit reicht das Genie nicht hin, man muß auch ein geriebener Spekulant ſein und ſeinen Vortheil verſtehen wie Baudiſſen. O! der iſt fein und ſchlau, mit allen Hunden gehetzt. Aber Alles was wahr iſt, ſein Hamlet iſt eine originelle Leiſtung; das macht ihm ſobald Keiner nach, nur zu viel Berech⸗ nung und Studium, zu viel kleine Züge, die dem großen Ganzen Abbruch thun; aber das wird von unſerm Pu⸗ blikum verlangt. Man muß durchaus ein denkender Künſtler ſein, an ſeiner Rolle ſo lange düfteln und dre⸗ hen, bis man etwas noch nicht Dageweſenes heraus⸗ quetſcht. Das weiß Freund Baudiſſen, und darum hat er auch dieſen ungeheuren Erfolg. Ich möcht' es auch ein⸗ mal verſuchen.“ „Du?“ fragte Martha ihn verwundert, faſt ge⸗ ringſchätzig. 4 „Und warum denn nicht?“ entgegnete Ferdinand in gereiztem Tone.„Laß mich nur erſt wieder auf die Bret⸗ ter kommen, und Du ſollſt Etwas erleben. Anck' io sono pittore. Ich bin auch ein Schauſpieler, und wie lange iſt es her, daß mir das Publikum eben ſo lauten Beifall klatſchte. Du ſollſt ſehen, daß ich meine Kunſt noch nicht verlernt habe. Du kennſt mich noch nicht; wenn ich mich einmal wieder zuſammennehme, wirſt Du mir noch we⸗ gen Deines Zweifels Abbitte thun müſſen.“ „Von Herzen gerne. Auch zweifle ich nicht an Dei⸗ nem Talent, aber das allein macht noch nicht einen Künſt⸗ ler wie Baudiſſen; dazu gehört ſein eiſerner Fleiß, ſein feſter Charakter, der vor keiner Schwierigkeit zurück⸗ ſchreckt. Wirſt Du im Stande ſein, wie er alle Verſu⸗ chungen abzuweiſen, die hundertfache Entbehrungen auf⸗ zulegen, einzig und allein Deinem Beruf zu leben? Wer ſo Großes leiſten will, muß wie Baudiſſen das Genie des Künſtlers mit der Geduld des Märtyrers ver⸗ binden.“ „Baudiſſen und ewig Baudiſſen,“ murrte Ferdi⸗ nand verſtimmt.„Ich glaube faſt, daß er es Dir wie aller Welt angethan hat. Du ſchwärmſt für ihn.“ „Nicht für ihn,“ entgegnete ſie durch ſeinen Ver⸗ dacht verletzt,„aber für die Kunſt, welche er mir er⸗ ſchloſſen, deren bezaubernde Macht ich erſt durch ihn kennen gelernt habe. Jetzt erſt weiß ich, was ſie zu be⸗ 39 deuten, welche hohe Miſſion ihr zu Theil geworden iſt. Sie ſoll den Menſchen über das Gemeine emporheben und dem göttlichen Ideale näher bringen; auch ſie iſt Religion; denn wie dieſe reinigt, läutert und verklärt ſie den Menſchengeiſt, wenn ſie ihrer hohen Aufgabe ent⸗ ſpricht. Was der Dichter in heiliger Begeiſterung ge⸗ ſchaffen, gewinnt durch ſie erſt Leben und Geſtalt; der todte Buchſtabe wird zum lebendigen Wort, das erſchüt⸗ tert, rührt und alle edleren Gefühle in des Hörers Bruſt erweckt. Sie ruft die Thräne des Mitleids hervor, ſie erfüllt uns mit Abſcheu vor der Gemeinheit, mit Bewun⸗ derung für alles Große. O! ich möchte eine ſolche Künſt⸗ lerin ſein und auch Dich zu einem ſolchen Künſtler ma⸗ chen— dann hätte ich Alles erreicht, was ich im Stillen mir jetzt gelobt habe.“ Der verletzende Spott, welcher auf Ferdinand's Lippen ſchwebte, mußte vor der Wärme und Wahrheit ihrer Worte verſtummen; er ſtieß nur einen tiefen Seuf⸗ zer aus, indem er an den Abſtand dieſes Ideals von der gemeinen Wirklichkeit dachte. Auch in ihm lebte noch trotz aller Verkommenheit eine Liebe zur Kunſt, die frei⸗ lich ſich nicht zu jener idealen Höhe ſeiner Begleiterin aufſchwang und mehr auf dem äußeren Erfolg beruhte. Aber noch einen ſtillen Zuhörer hatte Martha un⸗ geahnt gehabt, der jetzt aus dem ihn verbergenden Schat⸗ — ten der Häuſer hervortrat. Es war Baudiſſen ſelbſt, der hinter ihnen die Bühne verlaſſen hatte und ihnen unge⸗ ſehen und unbemerkt gefolgt war. Sein bleiches Geſicht, von dem hellen Mondlicht beſchienen, verrieth noch die Erſchöpfung und Aufregung des heutigen Abends; er grüßte jetzt mit einem Herz gewinnenden Lächeln, das be⸗ ſonders Martha galt. Ferdinand hielt es für angemeſſen, ihn mit einem überſchwänglichen Lobe zu empfangen, das der feine Menſchenkenner kopfſchüttelnd von ſich ablehnte. „Und Sie,“ fragte er die ſtill nebenher gehende Martha leiſe,„ſagen mir gar nichts?“ „Ich kann Ihnen nur danken,“ entgegnete ſie, indem ſie ihm bewegt die Hand reichte. Er hielt ſie einige Augenblicke wie ſelbſtvergeſſen; als ſie dieſelbe zurückzog, glaubte ſie ſeinen leiſen Druck zu ſpüren. Ueber das ausdrucksvolle Geſicht des Künſtlers zuckte eine ſchmerzliche Rührung, die er ſchnell wieder zu bemeiſtern wußte. Keiner ſprach, da die Drei mit ihren eigenen Ge⸗ danken und Gefühlen zu ſehr beſchäftigt waren. So ſchritten ſie ſtumm durch die noch belebten Stra⸗ ßen bis zu dem Hotel, wo Bandiſſen wohnte; er forderte ſie auf, mit ihm zu gehen. „Ich bin noch zu aufgeregt,“ ſagte er,„um jetzt 41 ſchon mich zur Ruhe zu begeben. Jede ſolche Vorſtellung koſtet mich einen Tag meines Lebens.“ „Sie ſollten ſich ſchonen,“ entgegnete Martha theil⸗ nehmend. „Für wen?“ bemerkte er in ſeiner ſcharfen Weiſe. „Ich ſtehe allein, Niemand kümmert ſich um mich. Um ſo beſſer; ich kann meiner Kunſt ungeſtört und einzig leben. Leute wie ich dürfen keine Verbindung eingehen z ich glaube nicht, daß ich ein Weib glücklich machen würde. Nur ein Kind habe ich mir oft gewünſcht, damit ich doch Etwas mein nennen und lieben kann.“ „Iſt denn der kleine Franz nicht Ihr Sohn?“ fragte Ferdinand.„Ich habe immer es geglaubt.“ „Nein,“ entgegnete Baudiſſen.„Der arme Schelm, den Sie bei mir ſchon geſehen haben, iſt nur von mir an⸗ genommen worden. Bei einem Gaſtſpiel lernte ich einen Souffleur kennen, einen wunderlichen Heiligen, der mit einer zahlreichen Familie geſegnet war. Mit zwölf Tha⸗ ler monatlichen Gehalt hatte er acht Kinder zu ernähren. Ich machte ihm im Scherz den Vorſchlag, mir einen ſei⸗ ner Buben abzulaſſen. Die Mutter war ſogleich bereit, mir den Jüngſten zu geben, wogegen ſich der Vater trotz ſeiner Armuth ſträubte. Erſt als ich wiederholt und ernſt⸗ lich in ihn drang und ihm das feſte Verſprechen gab, für den Jungen wie für ein eigenes Kind zu ſorgen und ihm 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 3 eine angemeſſene Erziehung zu ertheilen, willigte er ein. So habe ich den Knaben bekommen, ohne ſein Vater zu ſein.“ „Und laſſen ſeine Eltern gar nicht von ſich hören?“ „Seit längerer Zeit ſchon bin ich ohne Nachricht von ihnen. Alle meine Erkundigungen nach ihnen waren vergeblich. Wer weiß, was mit ihnen geworden iſt? Um ſo mehr darf ich jetzt Franz als meinen Sohn betrachten; er begleitet mich auf allen meinen Reiſen und vergilt meine Sorge um ihn mit der zärtlichſten Liebe und Anhänglich⸗ keit, ſo daß ich mich oft dem Glauben hingebe, ein eigenes Kind zu beſitzen. Jetzt aber muß ich auch meine Vater⸗ pflichten üben und ſehen, was der Kleine macht und ob er ruhig ſchläft. Wollen Sie mich begleiten; der Schlummer eines Kindes iſt ein rührender Anblick.“ Bei dieſen Worten ergriff Baudiſſen ein brennendes Licht, um in die anſtoßende Schlafſtube zu gehen, wo das Kind unter der Obhut des Dieners in ſeinem Bette lag. Martha folgte ihm leiſe auf den Zehen, während Ferdi⸗ nand an der Schwelle ſtehen blieb. Der Knabe ruhte im tiefſten Schlafe unter einer leichten, weißen Decke; die Wangen waren lieblich gerö⸗ thet, die kleinen Hände wie zum Gebet gefaltet, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich in mytheriſchem Takte und ein glückliches Lächeln ſchwebte um den halb geöffneten Mund. 43 Martha konnte ſich nicht enthalten und beugte ſich zu ihm nieder, ſelbſt auf die Gefahr hin, ihn zu erwecken, um ihn zu küſſen. Es war ein wunderbares Bild, welches Baudiſſen nicht ohne Bewegung betrachtete. Dabei fiel ihm unwill⸗ kürlich eine gewiſſe Aehnlichkeit zwiſchen dem Kopfe des Kindes und den Zügen Martha's zum Erſtenmale auf. Beide hatten dasſelbe kaſtanienbraune Haar, dieſelbe fei⸗ nen Linien der Geſichtsbildung und beſonders einen ge⸗ meinſamen Ausdruck um Stirn und Augen, der dem Künſtler früher noch nie ſich ſo ſcharf und entſchieden auf⸗ gedrängt hatte als in dieſem Augenblicke. „Wie reizend der Kleine daliegt,“ unterbrach ſie ſein Nachdenken.„Ich liebe Kinder ſo ſehr, ſo ſehr—“ Ihre Stimme zitterte, als wäre ſie von ihrem Ge⸗ fühle übermannt. Alte, traurige Erinnerungen ſtiegen in ihrer Seele auf, und ſie konnte nicht mehr die Thränen zurückhalten, die leiſe auf den ſchlummernden Knaben fie⸗ len. Baudiſſen wagte ſie nicht um die Urſache ihres Schmerzes zu fragen; er that, als ob er ihre auffallende Rührung nicht bemerkt hätte. „Kommen Sie,“ flüſterte er.„Ich fürchte, daß das Kind erwacht; es regt ſich ſchon.“ „Mutter!“ rief der Knabe, im Traume ſeine Hände nach Martha ausſtreckend. 3* „Er träumt von ſeiner abweſenden Mutter,“ be⸗ merkte Baudiſſen.„Der arme Schelm!“ Nur mit Mühe bezwang Martha die Aufregung, in die ſie durch den Ausruf des Kindes verſetzt wurde; ge⸗ waltſam riß ſie ſich von dem Anblick des holden Kna⸗ ben los, der eine wunderbare Macht auf ſie auszuüben ſchien. 3„Sie haben Recht,“ ſagte ſie bewegt.„Wir wollen gehen, damit wir nicht den Kleinen in ſeinem Schlafe ſtören.“ Auf der Schwelle aber drehte ſie ſich noch einmal um, und wie von einer unwiderſtehlichen Gewalt erfaßt, eilte ſie zu dem Lager hin und küßte die jetzt herabhän⸗ gende Hand des Kindes. Hierauf folgte ſie ihrem Beglei⸗ ter, ſich wegen ihrer Heftigkeit entſchuldigend. „Ich kann mich nicht von dem lieblichen Bilde tren⸗ nen. Es gibt ja nichts reineres und ſchöneres auf der Welt, als ſolch' ein ſchlafendes Kind, das nichts von Schuld und Schmerzen weiß. Ol warum müſſen wir älter werden, warum können wir nicht Kinder bleiben oder ſterben?“ „Weil die Knospe,“ entgegnete Baudiſſen,„ſich zur Blüthe und zur Frucht geſtalten, weil die Unſchuld des Kindes der Erkenntniß des Mannes weichen muß. Ich beklage wie Sie das verlorene Paradies, und doch möchte ich nicht ewig Kind bleiben. Lieber Kampf und Streit als dieſer dumpfe, bewußtloſe Frieden unſerer Kinderzeit. Unſere Phantaſie täuſcht uns und wir malen mit glänzen⸗ den Farben die vergangenen Tage, wir flüchten aus der bedrückenden Gegenwart in das Fabelreich der Kindheit. Waren wir wirklich damals glücklicher? Wenn wir es aber waren, ſo fehlte uns das Bewußtſein dieſes Glückes und ſomit ſeine Grundbedingung. Je älter und je reifer wir werden, deſto beſſer lernen wir die wahren Freuden des Lebens kennen und die echten Genüſſe ſchätzen, die wir uns freilich oft mühevoll genug erringen müſſen. Selbſt die Verirrungen der leidenſchaftlichen Jugend ha⸗ ben ihre hohe Bedeutung und bringen uns dem Ziele der Veredlung näher. Was wir Sünde und Schuld nennen, i*ſt in den Augen Gottes oft nur eine nothwendige Ent⸗ wickelung der Seele, die mit dem Böſen ringen, ihm ſchein⸗ bar unterliegen muß, um geläutert und gereinigt ihre un⸗ ſterbliche Abkunft zu bewähren. Was wäre die Tugend, wenn ſie nicht in der Verſuchung ſich erprobte, was ein Heiliger, der nie zuvor gefehlt?— Das Kind wird zum Jüngling, der Jüngling zum Manne, der den Wider⸗ ſtand der Welt beſiegen muß. Eine Unſchuld ohne Be⸗ wußtſein, ein Friede ohne Kampf iſt nur den glücklichen Kindern beſchieden; aber weit höher ſteht mir jene Un⸗ ſchuld, die über die Verſuchung triumphirt, jener Friede, —— — ——— 46 welcher aus dem Zwieſpalt mit ſich und der Welt hervor⸗ gegangen iſt und dem wir unſere eigene Kraft zu verdan⸗ ken haben.“ „Sie reden wie ein Mann,“ antwortete Martha, „aber wir armen Frauen—“ Sie vollendete nicht und wagte nicht, ihre Gedanken auszuſprechen, welche von Baudiſſen vollſtändig errathen wurden. „Kommen Sie!“ ſagte er ablenkend.„Das Abend⸗ brot iſt angerichtet. Laſſen Sie uns eſſen und mit unſeren gefüllten Gläſern auf Ihre zukünftige Laufbahn anſtoßen.“ „Das laſſe ich mir gefallen,“ ſchaltete Ferdinand dazwiſchen ein.„Es lebe die Kunſt!“ „Es lebe die Kunſt!“ wiederholte Baudiſſen.„Mö⸗ gen Sie in ihr ein neues Leben finden!“ „Ein neues Leben,“ ſagte Martha ſinnend. „Ja!“ fügte er hinzu.„Ein neues Leben voll in⸗ nerer Befriedigung und wahrem Glück. Der echte Künſtler überwindet Alles und triumphirt zuletzt über die Vorur⸗ theile der Welt. Darum rufen Sie mit uns:„Es lebe die Kunſt!“ „Es lebe die Kunſt!“ rief Martha, ihr Glas erhe⸗ bend und mit Baudiſſen anſtoßend.„Von nun an will ich ihr allein nur angehören und mich ihrem Dienſte weihen.“ Drittes Capitel. Mehr auf Empfehlung des berühmten Baudiſſen, als durch die Bemühungen des Theateragenten Schürlein hatten endlich Martha und Ferdinand eine annehmbare Einladung zu einem Gaſtſpiele auf Engagement bei einem bekannten Stadttheater gefunden. Ihre Lage geſtattete ihnen keine lange Wahl und ſie nahmen daher den an ſie ergangenen Ruf ohne Zögern an. Herzlich war der Abſchied von dem berühmten Freunde, welcher ſich lebhaft für Martha's ferneres Schickſal zu intereſſiren ſchien. „Wir werden uns bald wiederſehen,“ ſagte er,„da ich von ihrer Direktion zu einem kurzen Gaſtſpiel aufge⸗ fordert bin. Bis dahin leben Sie wohl und bleiben Sie der Kunſt trotz aller Hinderniſſe und Unannehmlichkeiten, die Ihnen nicht geſpart werden, immer treu. Nur Be⸗ harrlichkeit, Fleiß und Studium können uns zum Ziele führen.“ 48 Mit Ferdinand hatte Baudiſſen ein längeres Ge⸗ ſpräch voll ernſter und freundſchaftlicher Ermahnungen für die Zukunft. Der Schauſpieler, welcher das geiſtige Uebergewicht ſeines Collegen anerkannte, gelobte dieſem ernſtliche Beſſerung und verſprach ein neues Leben anzu⸗ fangen. Von den beſten Wünſchen begleitet, trat das Paar ſeine Reiſe an und gelangte ohne fernere Abenteuer nach dem Orte ihrer Beſtimmung, um ſich perſönlich vorzu⸗ ſtellen und die näheren Verabredungen zu treffen. Ihr erſter Gang galt dem Theater, welches in der Nähe der öffentlichen Promonade lag und mit einer Conditerei ver⸗ bunden war. Dieſe Letztere wurde, da die ausgeſchrie⸗ bene Probe noch nicht begonnen hatte, vorzugsweiſe von den Schauſpielern männlichen und weiblichen Geſchlechts beſucht. Dazwiſchen ſah man einige Muſenfreunde, meh⸗ rere Cavallerieoffiziere, welche mit den Theaterdamen laut ſcherzten und dazu eine Schale Eis aßen; einige angehende Zünglinge mit übergelegten Hemdekragen und eingekniffenen Lorgnetten, die hier ihre dramaturgiſchen Studien ſchon am frühen Morgen machten; alte Lebe⸗ männer mit ausgegangenen Haaren, welche nicht wußten, was ſie mit ihrem Ueberfluß an Zeit und Mangel an Beſchäftigung anfangen ſollten. Es war ein munteres Treiben, wie in einem Taubenſchlag, ein Gehen und 49 Kommen, ein Lachen und Flüſtern, ein Kiefern und Nek⸗ ken wie überall, wo das geniale Völkchen der Muſen⸗ kinder viel verkehrt. Hier wurde eine Partie zwiſchen einigen Offizieren und zuvorkommenden Nymphen des Ballets verabredet, dort in einer Ecke überreichte ein zarter Jüngling der An⸗ gebeteten ſeines Herzens eine Dütte mit Confituren und Bonbons, die er von den Erſparniſſen ſeines Taſchen⸗ geldes und hinter dem Rücken ſeiner würdigen Eltern gekauft; dafür erhielt er auch einige aufmunternde Blicke, in dieſer Weiſe oder vielmehr noch beſſer fortzufah⸗ ren. Der Heldenſpieler las in der Zeitung eine ver⸗ nichtende Kritik ſeiner letzten unſterblichen Leiſtung, wor⸗ über er ſo ergrimmt war, daß er dem unverſchämten Rezenſenten furchtbare Rache ſchwur und ihn ſo zu zer⸗ malmen drohte, wie jetzt die Fleiſchpaſtete, in die er wüthend hineinbiß.— Die Theaterconditorei diente ſo zum Sammelplatz und Stelldichein; es war klaſſiſcher Boden, wo ſo manche intereſſante Bekanntſchaft ange⸗ knüpft, manche feine Kabale angeſponnen, manche Comö⸗ die noch beſſer wie auf der Bühne ſelbſt geſpielt wurde. Ein ſcharfer Beobachter hätte keine beſſere Gelegenheit finden können, die ſchönſten Studien zu machen, Cha⸗ raktere aller Art kennen zu lernen und einen tieferen Blick in das Bühnenleben zu thun. ————*— — ——; 50 Da das Bureau der Direktion noch nicht geöffnet war, ſo hatte auch Martha mit ihrem Begleiter ſich hier nieder⸗ gelaſſen, um bei einer Taſſe Chokolade die geeignete Zeit zu erwarten. Sie wurden ſofort der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit. Eine neue Erſcheinung konnte den Augen dieſer Habitue's nicht entgehen. Die Herren nahmen ihre Gläſer vor, die Damen ſteckten die Köpfe zuſammen und ziſchelten. Ein kleiner unterſetzter Mann mit einer blon⸗ den Perücke und einer großen Buſennadel ſuchte mit Fer⸗ dinand ein allgemeines Geſpräch anzuknüpfen und Er⸗ kundigungen einzuziehen. Es war dies ein Herr Silber⸗ mann, die„Theaterſchlange“ genannt, weil er ſeit Men⸗ ſchengedenken keine andere Beſchäftigung zu haben ſchien, als in der Nähe des Theaters herumzuſchleichen, Be⸗ kanntſchaften mit Schauſpielern, Sängern und Tänzern anzuknüpfen. Er wußte alle Bühnenneuigkeiten, kannte alle Couliſſengeheimniſſe, fehlte bei keinem Debut, bei keiner erſten Vorſtellung, und ſchlüpfte trotz ſeiner um⸗ fangreichen Geſtalt leicht und gewandt durch das größte Gedränge, woher der Name„Theaterſchlange“ ſtammte. Sein Gegenſpiel war der lange, magere Baron von Gabelwitz, eine verlebte Figur, halb Spieler, halb Di⸗ plomat, der in dem Knopfloch ſeines blauen Leibrockes mehrere unbekannte Orden für noch unbekanntere Ver⸗ dienſte trug und ein gewiſſes myſtiſches Dunkel über ſeine 51 Perſon zu verbreiten verſtand. Niemand wußte, wovon er lebte, woher er ſein Einkommen bezog; dabei ſah man auch ihn wie die Theaterſchlange an allen öffentlichen Or⸗ ten und beſonders in der Nähe des Theaters. Der Dritte in dieſem Bunde war der Theaterarzt, ein unbeſchäftigter Mediziner, der aus Mangel an jeder anderen Praxis dieſe Stellung gegen freien Eintritt be⸗ kleidete. Er war zugleich der unermüdliche Claqueur, ſorgte für Kränze, Blumenbouquets und Gedichte bei Benefizen und ausgezeichneten Gaſtſpielen, ſchwitzte von Enthuſiasmus bei ähnlichen Gelegenheiten, hatte immer die Taſchen voll Neuigkeiten und war die lebendige Chro- nique scandaleuse des Theaters. In fünf Minuten hatte die gewandte„Theater⸗ ſchlange“ von Ferdinand herausgelockt, woher er kam, was er wollte und daß er mit Martha in den nächſten Tagen debutiren würde. Mit dieſer Nachricht eilte er ſo⸗ gleich zu ſeinen Freunden, und bald war die ganze Con⸗ ditorei ſo genau unterrichtet wie er ſelber. Ohne daß Martha davon eine Ahnung zu haben ſchien, drehte ſich bereits das Geſpräch um ihre Perſon; ihre Figur, ihr Benehmen wurde einer ſorgfältigen Kritik unterworfen, Intriguen für und gegen ſie geſchmiedet, je nachdem die Anweſenden geſtimmt waren. „Ganz propre Erſcheinung,“ ſchnarrte der Ritt⸗ 52 meiſter von Blum.„Habe Luſt ſie zu protegiren. Iſt doch wieder einmal was Neues; mag die alte„Schenkel“ nicht mehr ſehen.“ Fräulein Schenkel war die erſte Liebhaberin, welche dem von Schulden belaſteten Rittmeiſter ſeit Kur⸗ zem den Abſchied gegeben hatte, um ihn durch reichen Banquier zu erſetzen, der beſſer im Stande war ihre Rechnungen für ſeidene Weben, Spitzen und Handſchuhe zu bezahlen. Der edle Rittmeiſter hatte ſich an der Ungetreuen zu rächen beſchloſſen, und war daher um ſo mehr geneigt, Martha zu beſchützen, da ſie ganz nach ſeinem Geſchmacke war und er eine neue Eroberung an ihr zu machen hoffte. Gewohnt auf wenig Widerſtand zu ſtoßen, ging er ſogleich zum Angriff über, indem er ſich ohne weitere Umſtände ihr vorſtellte. „Bin der Rittmeiſter von Blum,“ ſagte er, den ſpitzen Schnurbart zwiſchen ſeinen Fingern drehend. „Freue mich Ihre Bekanntſchaft zu machen; liebe die Kunſt und beſonders die— Künſtlerinnen.“ Martha verneigte ſich ſtumm, ohne ihm eine Ant⸗ wort zu geben. Trotzdem ließ ſich der unternehmende Rittmeiſter nicht ſo leicht abſchrecken; mit anerkennungs⸗ werther Beharrlichkeit ſetzte er ſeine Unterhaltung fort, deren Koſten er faſt allein tragen mußte, da ſie in ihrem Stillſchweigen verharrte. 53 „Werde die Ehre haben,“ bemerkte er,„ſie bei Ihrem erſten Auftreten zu ſehen. Gehe ſelbſt hinein; alle Kameraden gehen auch hinein. Meinen Burſchen ſchicke ich auf Gallerie. Der Kerl hat pyramidale Fäuſte; kann was leiſten. Werde Sie protegiren, mein Fräulein. Auf Wiederſehen!“ Damit wandte er ſich ab, da die Parade dringend ſeine Gegenwart erforderte. Martha war froh, von dem Läſtigen befreit zu ſein, während Ferdinand über ihre Einſylbigkeit gegen den Rittmeiſter ſchalt. „Wir müſſen“, ſagte er,„uns vor allen Dingen an dem neuen Orte Freunde zu erwerben ſuchen; deshalb dürfen wir nicht die uns gebotene Hand zurückſtoßen. Du hätteſt gegen den Rittmeiſter freundlicher ſein ſollen.“ „Er war mir mit ſeiner Zudringlichkeit gradezu wi⸗ derwärtig.“ „Beim Theater iſt es übel angebracht, die Spröde ſpielen zu wollen. Ein zuvorkommendes Wort, ein Lä⸗ cheln koſten nichts und können in unſerer Lage viel nutzen.“ Auch die Theaterſchlange und der Baron von Ga⸗ belwitz boten dem Paare ihre uneigennützigen Dienſte an, und Martha mußte ſich zwingen, ihnen gegenüber freund⸗ licher zu ſcheinen, da ſie von ihrem Begleiter dazu durch leiſe Berührung mit dem Ellenbogen und den Füßen auf⸗ ——— 54 gemuntert wurde. Die alten Raue's waren auch vor ihr entzückt und verſprachen ihre Hilfe und Unterſtützung, während der Doktor, als ein treuer Anhänger von Fräu⸗ lein Schenkel, zu dieſer eilte, um ſie von der Ankunft ihrer Rivalin zu benachrichtigen und die nöthigen Maß⸗ regeln mit ihr zu verabreden. Endlich war das Bureau geöffnet und der Theater⸗ diener benachrichtigte ſie, daß die Direktion zu ſprechen ſei. Sie traten in das Geſchäftszimmer, wo ſie indeß noch einige Augenblicke warten mußten, ehe ſie vorgelaſſen wurden. Der alte Theaterdiener, welcher das Factotum der Bühne war und die verſchiedenſten Funktionen in ſei⸗ ner Perſon vereinigte, lud ſie zum Sitzen ein und er⸗ zählte unaufgefordert eine Reihe intereſſanter Begebenhei⸗ ten aus ſeiner Umgebung, wobei er ſie mit den Eigen⸗ thümlichkeiten ihrer zukünftigen Collegen bekannt machte. Das Bild, welches er entwarf, war durchaus nicht ge⸗ ſchmeichelt, und beſonders wurde Fräulein Schenkel nicht von ihm geſchont. Er unterließ nicht, auf die Wichtigkeit ſeiner eigenen Perſon aufmerkſam zu machen, wobei er nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß er bei der Beſetzung der Rollen mindeſtens ſo viel wie der Regiſſeur ſelber zu ſagen habe. „J— ich,“ ſagte er ſtotternd, denn er war mit die⸗ ſem Fehler behaftet,„bin ein alter Pra— rak— ti— ku⸗ kus. J— ich kenne das The—theater inn⸗ und aus— we—wendig. J— ich habe no noch den ſeligen Herrn 3— 3ff— la—land ge— gekannt und mit meinen Hä— Händen das Ho—honora— rar für ſein Ga- gaſt— ſpiel ge— gebracht. Er ha—hat mir auch jedesma— mal einen Du— Dukaten Tri—trink— ge— geld ge— ge— geben. Ein aus— ge— ge— zeichneter Ma—mann! Er ha—hat mich immer ge— gefragt, wie er mi— mir ge— gefallen hat. Gut! ganz gut, ha— hab' ich geſagt; be— beſonders als Krie— riegs—rath Da—Dallner, wenn Sie ſo— ſo ſchön in Ohn— ma macht fa—fallen, daß die Bre— retter ordentlich kra—rachen. Darauf ha—hat er ge— gelacht und ge— geſagt: Wi— Winkler! ihr ſeid ein al— alter Pra— rak—ti— kukus. Das bin i— ich auch und ka— kann Ihnen nu— nutzen me— mehr, wie Sie glau— glauben werden.“ Während dieſer Unterhaltung füllte ſich das Bureau mit verſchiedenen Leuten, welche ebenſo wie Martha und Ferdinand mit der Direktion zu thun hatten. Mit dem Hute ſchief auf das geſcheitelte Haar geſetzt, erſchien der erſte Tenor, ein junger Mann nicht volle fünf Fuß hoch, der die mangelnde Größe indeß durch die Höhe ſeiner Stiefelabſätze zu verbergen ſuchte. „Kann ich die Herren ſprechen?“ fragte er im Flö⸗ tentone den Theaterdiener. „Sie ſi— ſind jetzt ſehr be—beſchäftigt. Wa— was wünſchen Sie He—Herr Schneid— ri— rinski?“ „Gut! Lieber Winkler, ich habe ohnehin keine Zeit, hier zu warten. Melden Sie mich heiſer. Das Repertoir muß geändert werden. Ich kann Morgen den„Raoul“ in den Hugenotten nicht ſingen.“ „Ab— aber Sie ſe— ſehen ſehr ge— geſund aus. Wawas fe-fehlt Ihnen?“ „Hören Sie denn nicht, daß ich ſtockheiſer bin und keinen klaren Ton in der Kehle habe?“ „J— ich will es au ausrichten. Es wi— wird den He-— Herren ſehr lei— leid thun. J— ich weiß nicht, wa— was wir geben ſo— ſollen?“ „Setzen Sie doch den„Figaro“ an; da hab' ich nichts zu thun. Unterdeß kann ich mich erholen; ich bin zu angegriffen und muß einige Tage auf's Land.“ „Wei— weil Fräu räulein Mo— moshammer do— dort die Mi— milchkur braucht. J— ich ver—ſte— he— he.“ „Sagen Sie nur, daß ich wirklich ſehr leidend bin. Es ſoll auch Ihr Schaden nicht ſein, alter Freund! Im Nothfalle kann ich ein Zeugniß vom Doktor beibringen.“ Mit einem leichten Gruße verließ der heiſer ſein wollende Tenor das Zimmer, zwiſchen den Zähnen eine 57 Arie leiſe brummend. Der Theaterdiener ſah ihm mit einem ſeltſamen Blicke nach. „Wi- wird wohl kei— keine Mi— milchkur, ſon⸗ dern eine Cham pa pagnerkur ſein, wa—was der Schneid—ri— rinski mit dem Fräu— räulein Mo—mos⸗ hammer zu— ſa— ſammen brau— rauchen wird.“ Auf den Tenor folgte die Schauſpielerin, welche die jugendlichen Mütter und Anſtandsdamen gab. Mit er⸗ hitztem Geſichte verlangte ſie nach der Direktion. „J iſt noch ni— nicht zu ſpre— rechen,“ ſtammelte der ehrliche Winkler. „O!“ erwiederte die tief Gekränkte.„Ich werde hier bleiben und warten, und ſollte es bis zum jüngſten Tage dauern.“ Der Theaterdiener zuckte mit den Achſeln und machte eine bezeichnende Bewegung nach der Stirn, welche zum Glück von der Schauſpielerin nicht bemerkt wurde. Ohne ihn irgend einer Antwort zu würdigen, wendete ſie ſich an die ihr völlig unbekannte Martha. „Ja!“ deklamirte ſie im falſcheſten Pathos von der Welt, den ſie von der Bühne mit in das gewöhnliche Le⸗ ben herübergeſchleppt hatte;„Sie, mein Fräulein, wer⸗ den meinen Schmerz begreifen; denn Sie beſitzen ein ge⸗ fühlvolles Herz. Ich fühle mich zu Ihnen ſchon beim er⸗ ſten Anblick hingezogen. Dieſe Züge können nicht lügen, 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 4 dieſe Augen mich nicht täuſchen. Wollen Sie mir Freun⸗ din ſein? Nein! Sie ſind es ſchon, Sie ſind keine Fremde mehr für mich. Dem Buſen der Freundin will ich meine Leiden anvertrauen, Sie werden hören und mich bekla⸗ gen. Geſtern wird„Romeo und Julie“ gegeben; ich ſpiele die Gräfin Capuleti. Als ich in die Garderobe trete, erblicke ich— nein! ich vermag es nicht ohne Schaudern daran zu denken— ich erblicke ein grünes, ab⸗ getragenes Sammetkleid, das der Garderobier für mich hingelegt hat. Schrecken ergreift mich, meine Gliedern zittern; ich vermag mich nicht auf den Füßen zu halten. Nimmermehr! rufe ich laut, ziehe ich dieſen Fetzen an; lieber ſterben als mich ſo geſchmacklos kleiden. Ich wei⸗ gere mich, ich ſträube mich, aber was vermag ein ſo ſchwaches Weib wie ich gegen die Gewalt. Der Regiſſeur kommt dazu, aber der Barbar kennt kein Mitleid, meine Thränen, meine Bitten laſſen ihn ungerührt. Ich muß den ſchnöden Kittel anlegen und die Gräfin Capuleti im verſchoſſenen, grünen Sammetkleid ſpielen.“ „Sie mü müſſen ſchön aus— ge— geſehen haben,“ bemerkte der Theaterdiener ironiſch. „Jetzt bin ich hier, um Gerechtigkeit für die mir angethane Schmach zu fordern. Ich will der Direktion erklären, daß ich eher abgehe, als zum Zweitenmale den abſcheulichen Fetzen trage. Wenn Sie mich nicht anmel⸗ 59 den wollen, ſo werde ich unangemeldet zu den Herren gehen.“ „Ma- machen Sie kei— keine Du-— dummheiten,“ entgegnete der brave Winkler.„J— ich wi—will mit dem Schnei- neider ſpre— rechen. Sie ſo— ſollen das nä— nä— nächſte Ma—mal da das ſchwarze Sammet— klei—leid mi—mit dem go- goldenen Beſatz be—be⸗ kommen.“ „Winkler! Sie ſind mein Retter. Reden Sie mit dem Schneider, und Sie ſollen ſehen, was ein dankbares Frauenherz vermag.“ In dieſer Art und Weiſe erledigte der gewandte und erfahrene Theaterdiener auf eigene Fauſt noch meh⸗ rere ähnliche Beſchwerden. Da waren Schauſpieler, wel⸗ che dieſe oder jene Rolle aus verſchiedenen Gründen nicht übernehmen wollten, Damen, welche über unerhörte Zu⸗ rückſetzung klagten, Theatermütter, welche die Rechte ihrer ſchwer gekränkten Töchter wahrten, Väter, die um Zu⸗ lage ihres geringen Gehaltes kamen, Tänzer, welche über den Balletmeiſter Beſchwerde führten. Der alte Winkler hatte alle Hände voll zu thun, um die immer dringender werdende Schaar vor einem Einbruche in das Heiligthum der noch immer unſichtbaren Direktion abzuhalten. Endlich gab die Glocke das Zeichen, daß die Au⸗ dienzſtunde gekommen. Martha und Ferdinand waren ſo 4* glücklich die Erſten zu ſein, welche vorgelaſſen wurden. Sie traten in das Zimmer, wo die Herrſcher der Bühne auf ihren Lederſeſſeln thronten. Die Oberleitung des Theaters befand ſich in den Händen zweier Männer, welche ohne irgend einen innern Beruf, ohne jede drama⸗ turgiſche Kenntniß dieſe einflußreiche Stellung bekleideten. Die Herren Speiſer und Preſſer, von denen der Eine früher Bierbrauer, der Andere, wie Spötter zu ſagen pflegten, ein roher Produktenhändler geweſen war, hatten das von einer Aktiengeſellſchaft gegründete Haus für eine mäßige Summe gepachtet und arbeiteten jetzt in Schauſpiel und Oper wie früher in Weißbier, Talg und Leder. Ihr Princip, wenn ſie eins überhaupt be⸗ ſaßen, war, ſo viel Geld als möglich einzunehmen und ſo wenig als kaum möglich auszugeben. Ihre eigenen In⸗ tereſſen lagen ihnen natürlich weit näher als die der Kunſt, welche ſie als eine Art von Fabelweſen und ab⸗ ſtrakten Begriff ſo betrachteten, als ob ſie überhaupt nicht vorhanden wäre.— Dieſe Biedermänner ergänzten ſich in jeder Bezie⸗ hung bewunderungswürdig; Herr Speiſer war ſchlank und mager, Herr Preſſer vierſchrötig und dick; der Eine überaus fein und höflich, der Andere überaus grob und ſelbſt brutal. Herr Speiſer konnte mit dem ſüßeſten Lä⸗ cheln und der ſanfteſten Stimme von der Welt die unan⸗ 61 genehmſten Dinge in einer Weiſe ſagen, daß man die ſchönſten Komplimente zu hören glaubte, während Herr Preſſer ſelbſt wenn er ſcherzte, die größte Aehnlichkeit mit einer grimmigen Dogge hatte, von der man jeden Augenblick gebiſſen zu werden fürchten mußte. War ein Schauſpieler ſo verwegen, eine Gehaltserhöhung zu ver⸗ langen, ſo zuckte der gute Herr Speiſer mit den Achſeln und wies ihn an ſeinen unerbittlichen Compagnon, der natürlich den armen Bittſteller auf das heftigſte anfuhr. Der witzige Komiker des Theaters charakteriſirte die Ei⸗ genthümlichkeit der Beiden folgendermaßen:„Wir ha⸗ ben,“ ſagte er,„die beſten Direktoren von der Welt. Unſer Herr Speiſer iſt eine wahre Seele von einem Menſchen, er verſpricht Alles und weit mehr als er hält; dagegen iſt Herr Preſſer durch und durch ein Ehrenmann. Was der verſpricht, hält er gewiß; leider— verſpricht er nie Etwas.“. Dieſen Grundſätzen getreu waren die Herren einzig und allein darauf bedacht, ihre Kaſſen zu füllen und die Mitglieder ihrer Bühne ſo ſchlecht als möglich zu beſol⸗ den. Der Billigſte war ihnen ſtets der Liebſte, und ſie ſahen weit weniger auf hervorragende Talente, die be⸗ kanntlich in neueſter Zeit ohnehin ſchwer zu finden ſind, als auf genügſame Mittelmäßigkeit, die keine allzugroßen Anſprüche erheben konnte. Sie verfuhren dabei mit an⸗ 62 erkennungswerther Politik, indem ſie jede Ueberhebung ſofort im Keime zu erſticken ſuchten. Sie behandelten ihre Schauſpieler wie Menageriebeſitzer und Thierbän⸗ diger ihre wilden Beſtien, die durch Hunger und Entbeh⸗ rungen am beſten ſich zähmen laſſen. Sobald ein Mit⸗ glied der Bühne ſich einigermaßen hervorthat und durch ſeine Leiſtungen ein Liebling des Publikums zu werden drohte, waren ſie auch alsbald bemüht, ihm einen Con⸗ currenten zur Seite zu ſtellen und dadurch ſeine höheren Forderungen herabzuſtimmen. Dies war auch jetzt mit der erſten Liebhaberin, Fräulein Schenkel, der Fall, welche in letzter Zeit im Publikum und beſonders bei der Männerwelt ſich einen großen Anhang erworben hatte, weniger durch ihr Ta⸗ lent und ihre Kunſt, als durch äußere Schönheit und ein verführeriſches Betragen, wobei ſie in der Wahl ihrer Mittel nicht eben allzuſtreng verfuhr. Sie hatte den ein⸗ flußreichen und unentbehrlichen Regiſſeur ganz und gar in ihrer Gewalt und durch ihn die beſten Rollen in ihre Hände bekommen. Auch mit einem Theile der Kritik ſtand ſie auf freundſchaftlichem Fuße, indem ſie die menſchli⸗ chen Schwächen der Rezenſenten durchaus nicht mit Grauſamkeit behandelte. Geſtützt auf ſo wichtige Helfer ſtand ſie im Begriffe, der Direktion einen neuen, vortheil⸗ haften Contrakt abzutrotzen, wogegen die Herren ſich aus allen Kräften ſträubten.. 63 Dieſem Umſtande hatte Martha eine verhältniß⸗ mäßig freundliche Aufnahme zu verdanken, was jedoch Herrn Speiſer nicht abhielt, unter der Vorausſetzung, daß ſie dem Publikum gefallen würde, ihr eine möglichſt geringe Gage in aller Güte anzubieten. Ferdinand machte zwar einige Einwendungen, wurde aber von dem groben Herrn Preſſer vollſtändig eingeſchüchtert. „Wir geben keinen Pfennig mehr,“ donnerte der ehemalige Produktenhändler im tiefſten Baß.„Wenn Sie nicht wollen, ſo können Sie gehen, woher Sie gekom⸗ men ſind.“ „Greifen Sie zu,“ flüſterte der ſanfte Speiſer, der ſo reich an Verſprechungen war.„Wenn Sie erſt, wie ich hoffe, reuſſiren, ſoll es uns auf eine anſtängige Zu⸗ lage nicht ankommen. Außerdem finden Sie an unſerem Theater die ſchönſte Gelegenheit, ſich auszubilden. Unſere Bühne iſt die Wiege aller großen Talente geweſen.“ Nach langem und für Martha höchſt unangeneh⸗ men Hin⸗ und Herfeilſchen kam endlich eine Einigung zu Stande, wonach ſie zunächſt mit Ferdinand in drei ſelbſt⸗ gewählten Rollen an verſchiedenen Abenden auftreten ſollte. Für den Fall, daß ſie dem Publikum genügen würde, bot ihr die Direktion ein Engagement mit einem Gehalte gerade zur Noth hinreichend, um nicht zu ver⸗ hungern. In ihrer gegenwärtigen Lage blieb ihr freilich 64 nichts übrig, als dieſe unvortheilhafte Anerbietungen an⸗ zunehmen, in der Hoffnung, durch Fleiß und Studium ſich mit der Zeit eine beſſere und angemeſſenere Stellung zu erringen. Beim Herausgehen aus dem Bureau begegnete ihr eine ſtolze, hohe weibliche Geſtalt in auffallender, pracht⸗ voller Toilette, gegen die ihre eigene einfache Kleidung bedeutend abſtach. Die impoſante Dame rauſchte in ihrem ſchweren Seidenkleide an ihr vorüber und warf ihr aus den großen, waſſerblauen Augen einen vernichtenden Blick zu, während ſich ihre Lippen zu einem höhniſchen Lächeln verzogen. Dieſer Blick und dies Lächeln konnten nur einer Nebenbuhlerin angehören. Es war Fräulein Schenkel, die erſte Liebhaberin, welche in das Heiligthum der Direktion unangemeldet ſtürmte, um dort eine ihrer gewöhnlichen Szenen aufzu⸗ führen und unter jeder Bedingung Martha's Engagement zu hindern. Zu ihrem Verdruße mußte ſie aus dem Munde des ſanften Herrn Speiſer erfahren, daß ſie zu ſpät gekommen und der Contrakt mit ihrer Rivalin ſo gut wie abgeſchloſſen ſei. Wüthend warf ſich die Gekränkte in den Wagen, der vor ihrer Thüre wartete, und befahl dem Kutſcher, ſie zu dem ihr befreundete Regiſſeur zu fahren, bei dem 65 ſie Rath und Hilfe gegen die ihr drohende Concurrenz zu finden hoffte. Der alte, ehrliche Winkler, den ſie faſt umgerannt hätte, ſah der Eilenden mit eigenthümlich ſchlauem Blin⸗ zeln nach. „Da— das,“ ſtammelte er ſich die Hände reibend, „wi— wird eine ſchö— ſchöne Geſchichte we—werden.“ ——— Biertes Capitel. Herr Holder, der Regiſſeur des Theaters, ſaß nach abgehaltener Probe in ſeiner Wohnung und ruhte von den gehabten Strapazen und Anſtrengungen erſchöpft in ſeinem Lehnſtuhle aus. Das Zimmer war mit einem ge⸗ wiſſen comfortablen Geſchmacke eingerichtet, worin ſich der heitere Lebemann verrieth. Eine Venus nach Tizian hing über dem ſchwellenden Divan, mehrere Frauenbil⸗ der mit zärtlichen Unterſchriften waren an den Wänden angebracht, darunter das lebensgroße Portrait von Fräu⸗ lein Schenkel. Eine verſchwenderiſche Fülle von Sticke⸗ reien, Kiſſen, Oreillers, Cigarrentaſchen und ähnlichen Geſchenken von zarter Hand erinnerte ihn in jedem Au⸗ genblicke an die holden Geberinnen und die mit ihnen verlebten, angenehmen Stunden. Trotz ſeines vorgerückteren Alters war der Regiſſeur noch immer ein ſtattlicher Mann zu nennen; nur die 67 kahle Platte auf ſeinem Haupte verurſachte ihm ein un⸗ behagliches Gefühl, wenn er ſich im Spiegel betrachtete. Sorgfältig ſuchte er mit vieler Kunſt und wenigem Haar dieſe ſchwache und verrätheriſche Stelle zu bedecken, aber ſchadenfroh brach die nackte Wahrheit aus der täuſchenden Hülle immer wieder hervor. Ebenſo ſorgfältig pflegte er den an den Spitzen ſich grau färbenden Schnur⸗ und Backenbart, dem er mit ſchwarzer Farbe und dunklem Bartwachs einen judendlichen Anſtrich zu geben wußte. Daß auch die Röthe ſeiner Wangen keine natürliche war, wurde zwar von ſeinen Feinden behauptet, aber von ihm als eine hämiſche Beſchuldigung mit Entrüſtung zurück⸗ gewieſen. Wahrſcheinlich wegen eines rheumatiſchen Lei⸗ dens trug er im Sommer wie im Winter baumwollene Trikots, welche ihm ein muskulöſes Anſehen verliehen. Er war Witwer und hatte noch nicht die Hoffnung verloren, ſeiner verſtorbenen Gattin eine Nachfolgerin zu geben. Da er aber mit ſeiner erſten Frau nicht allzu glücklich gelebt hatte, ſo verfuhr er um ſo vorſichtiger bei der zweiten Wahl. Vorläufig ſuchte er nach allen Seiten ſeine Kenntniſſe des weiblichen Geſchlechtes zu bereichern, ehe er ſich wieder zu einem ſo wichtigen Ent⸗ ſchluße herbeilaſſen wollte. Die Zahl ſeiner Eroberungen war eine ſehr bedeutende; auch hielt er ſich, geſtützt auf ſeine Erfahrung, für unwiderſtehlich. Da er ein ſehr ge⸗ 68 fühlvolles Herz beſaß, ſo war ihm der Umgang mit den Frauen zum Bedürfniß geworden, und von der erſten Liebhaberin bis zur letzten Statiſtin huldigte er ohne Un⸗ terſchied und Vorurtheil der Schönheit. Dieſer Ueberfluß von Gefühl und eine lyriſche Weich⸗ heit ſeiner empfindſamen Seele brachten ihn in fortwäh⸗ renden Conflikt mit den Pflichten ſeines Amtes. Bei dem beſten Willen konnte er nicht immer ſeine Unparteilichkeit und Würde behaupten. Es gab Stunden und Augenblicke, wo der Herr Regiſſeur ſehr ſchwach war und für ein Lächeln oder einen zärtlichen Blick ſeine künſtleriſche Ueber⸗ zeugung opferte. Vorzüglich ſind es Männer im vorgerückteren Alter, denen die Leidenſchaften doppelt übel mitſpielen. Zu den Regungen des Herzens geſellt ſich noch die Eitelkeit und die Sucht zu gefallen. Gerathen ſie in die Hände ſchlauer Frauen, welche ihre Schwächen auszubeuten verſtehen, ſo ſind ſie verloren und zappeln wie die größeren Fiſche rettungslos in dem Netze, aus welchem die jüngere und kleinere Brut durch die Maſchen noch zu entſchlüpfen weiß. In ähnlicher Lage befand ſich der gute Regiſſeur der erſten Liebhaberin gegenüber, von der er vollſtändig be⸗ herrſcht wurde. Fräulein Schenkel war eine zu gute Schauſpielerin auch im gewöhnlichen Leben, um nicht ihre Rolle bewunderungswerth durchzuführen. Sie war ab⸗ 69 wechſelnd feurig und ſpröde, hingebend und verſagend, je nachdem es ihr Vortheil forderte; immer aber wußte ſie ihn in dem Glauben zu erhalten, daß ſie ihn beiſpiel⸗ los liebte, wodurch ſeine Eitelkeit ſich nicht wenig geſchmei⸗ chelt fand. Mit der feinſten Koketterie hielt ſie ihn feſt, ſo daß er in allem Ernſte daran dachte, ſie zu heirathen, woran ſie ihn bisher mit ihrer ganzen Kunſt zu hindern wußte, ohne daß er darum an ihrer Zärtlichkeit zweifeln konnte. Ihr lag nichts daran, die Frau des abgelebten Man⸗ nes zu werden, um ſo mehr aber durch ſeinen Einfluß die Bühne zu beherrſchen, jede Nebenbuhlerin zu verdrängen und die beſten Rollen für ſich zu behalten. Dieſem Um⸗ ſtande hatte ſie bisher größten Theils ihre Erfolge zu ver⸗ danken, und ſie war ſchlau genug, den Wahn des alten Liebhabers durch alle ihr zu Gebote ſtehenden Mittel zu beſtärken, um ſich ihre vortheilhafte Stellung für immer zu ſichern. Im Stillen machte ſie ſich über den Gecken luſtig, den ſie in jeder Beziehung mißbrauchte, indem ſie ſich von andern Männern den Hof nach wie vor ma⸗ chen ließ.— Abgeſehen von dieſer Schwäche und einer ſträflichen Neigung, von Zeit zu Zeit lyriſche Gedichte zu ſchreiben und dieſe ſeinen Freunden vorzuleſen, war der Regiſſeur ein ganz trefflicher Menſch, dem es ſelbſt nicht an ganz 70 ſchönen dramaturgiſchen Kenntniſſen fehlte. Leider wurde ſeine Zeit und noch mehr ſeine Gedanken durch die fort⸗ währenden Liebesgeſchichten ausſchließlich in Anſpruch ge⸗ nommen, ſo daß er ſich um die Kunſt wenig oder gar nicht kümmerte und einen großen Theil ſeiner Geſchäfte dem Theaterdiener Winkler überließ, der bei Beſetzung der Rollen und Anfertigung des Repertoirs einen bedeutenden Einfluß ausübte. So eben war dies Faktotum eingetreten mit einem Pack Rollen in der Hand. „Was bringen Sie?“ fragte der Regiſſeur, unge⸗ halten darüber, daß er in ſeiner Ruhe geſtört wurde. „J— ich,“ ſtotterte der Theaterdiener,„ko— komme we ge— gen der Ma—maria Stu tu- tuart, die neu einſtu— tu— dirt werden ſoll.“ „Davon weiß ich nichts. Wer hat das angeordnet?“ „Die Di— direktion, weil die neu— neue Schau— ſchauſpielerin als Ma— maria auftre— re—ten will.“ „ So tragen Sie ihr die Rolle hin und laſſen Sie mich ungeſchoren. Sie ſehen ja, daß ich von dem Probi⸗ ren ganz abgeſpannt bin.“ „De— den Grafen Lei— lei— e— ſter wird der an⸗ dere Gaſt ſpie— pielen, ab—er da iſt no— noch der Mo—mor— ti—mer neu zu beſe— ſetzen. J— ich de— 74 denke, den ka— kann der He—herr Be— Bernhard ge— geben.“ „Weinetwegen der Herr Bernhard. Machen Sie nun, daß Sie fortkommen. Ich bin ſo müde, daß ich mich kaum zu regen vermag.“ „Ma— ma dame Schu⸗ Schulze,“ entgegnete der unerſchütterliche Theaterdiener,„ha—hat die Amme zu— zu- rück— ge— geſchickt. Sie wi—will meh— mehr kei— keine Am— me— me ſein.“ „Sagen Sie der Schulze, daß ſie die Amme ſpie⸗ len wird, oder ſie muß Strafe zahlen. Das Weib wird mit jedem Tage anſpruchsvoller. Neulich hat ſie nicht das grüne Kleid als Gräſin Capuleti tragen wollen.“ „Sie— ſie mei—meint, Grü- grün ſteht ihr nicht zu ihrem Ge- geſicht.“ „Die Wirthſchaft iſt nicht zum Aushalten. Ich ſehe ſchon, daß ich wieder einmal ernſtlich dazwiſchen fahren muß. Die Schulze wird die Amme ſpielen, oder ſie ſoll mich kennen lernen. Was bildet ſich denn das alte Be⸗ ſteck ein?“ „Sie— ſie mö—möchte no- noch die juge— gendli⸗ che Lieb—ha— be—berin ſpie pielen.“ „Das wollen ſie Alle. Ach! es gibt kein geplagte⸗ res Weſen als ein Regiſſeur. Tragen Sie jetzt die Rollen 72 aus und ſagen Sie auf Morgen Punkt zehn Uhr die Probe zur„Maria Stuart“ an.“— Der Theaterdiener entfernte ſich und der Regiſſeur verfiel wieder in ſeine frühere Abſpannung, an der er in Folge ſeiner erſchöpfenden Lebensweiſe zu leiden pflegte. Indeß ſollte er nicht zu der gewünſchten Ruhe kommen. Kaum hatte er ſeine ſchlaffen Augenlider geſchloſſen, als ihn ein lautes Pochen erweckte. Vor ihm ſtand der erſte Held der Bühne, ſein Jugendfreund, mit dem er ſo manches luſtige Abenteuer erlebt hatte. Dieſer hatte ſich weit beſſer als der Regiſſeur konſervirt und ſpielte trotz ſeines genirenden Leibesumfanges noch immer die jugend⸗ lichen Rollen.— Seine ſtörende Corpulenz ſuchte er durch Schnüren und Preſſen zu verbergen; die engſten Röcke und Beinkleider waren ihm nicht eng genug und ſein Schneider hatte viel darum von ihm zu leiden. Er war überaus elegant, faſt jugendlich gekleidet. Ein karrirtes Beinkleid ſaß ſo prall, daß es bei der geringſten Bewe⸗ gung zu platzen drohte; der blaue Leibrock mit den ver⸗ goldeten Knöpfen preßte ihm die Bruſt zuſammen, daß er kaum noch athmen konnte. Unter dem loſe geſchlungenen Halstuch drängte ſich das ſtattliche Doppelkinn in Form eines gehörigen Kehlbratens hervor. Er hatte die Ge⸗ wohnheit, ſeine unförmlichen Hände in den Hoſentaſchen zu verbergen, die bei ihm die Stelle der Handſchuhe ver⸗ 73 traten. Einſt hatte dieſer Künſtler große Triumphe ge⸗ feiert, er konnte ſich deshalb noch immer nicht entſchließen, die Rollen, in denen er früher geglänzt, in jüngere Hände übergehen zu ſehen. Wie ſo viele Schauſpieler ſtand er in dem Wahn, daß das Alter ſpurlos an ihm vorüber⸗ gegangen ſei. Dazu kam, daß er nicht genügende theatra⸗ liſche Bildung beſaß, um ein anderes, ſeinen Jahren an⸗ gemeſſenes Fach zu ergreifen. Um ſo feſter klammerte er ſich an ſeine bisherige Stellung an, obgleich die jugend⸗ liche Friſche, ſein Hauptvorzug, längſt dahingeſchwunden war. „Holder!“ keuchte der paſſirte Held mit fetter Fiſtel⸗ ſtimme.„Iſt es wahr, was ich gehört habe? Unterwegs bin ich dem alten Winkler begegnet. Maria Stuart ſoll gegeben werden, und ein Anderer als ich wird den Leice⸗ ſter ſpielen.“ „Dagegen läßt ſich nichts thun. Ein Gaſt tritt auf, und der hat das Recht zu ſeinem Debut jede beliebige Rolle zu wählen. Das iſt einmal der Brauch, und ich kann es nicht ändern, ſelbſt wenn ich es wollte.“ „Fatal! Jede andere Rolle wäre mir gleichgiltig, aber der Leiceſter— Du weißt, daß ich ihn ſchon ſeit zwanzig Jahren ſpiele.“ „Eben deshalb glaube ich, daß Du ihn endlich ein⸗ mal abtreten mußt.“ 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 5 „Nimmermehr! Lieber laſſe ich mein Leben. Es iſt nach dem einſtimmigen Urtheile meine beſte Leiſtung, und die willſt Du mir jetzt rauben, Bruder! Das kannſt, das wirſt Du mir nicht anthun. Ich habe Dich immer für meinen Freund gehalten, wir haben ſo manche ſchöne Stunde mitſammen verlebt. Denke an unſere Freundſchaft und laß mir den Leiceſter.“ Die Rührung ſchien den edlen Helden zu überman⸗ nen, ſeine Stimme zitterte und drohte überzuſchnappen; aber das verhärtete Gemüth des Regiſſeurs war für der⸗ artige Auftritte, die ſich im Laufe der Jahre häufig genug wiederholten, ſchon einigermaßen abgeſtumpft. Er wollte einmal wieder bei dieſer Gelegenheit ſeine Unparteilich⸗ keit im glänzendſten Lichte zeigen und ſpielte deshalb den Unerbittlichen. „Es geht wirklich nicht,“ ſagte er dem Freunde. „Ich kann keine Ausnahmen machen und muß das Ganze im Auge behalten. Du weißt, daß ich Dir gern gefällig bin, aber nur nicht auf Koſten meiner Pflicht. Habe ich nicht erſt neulich Dir zu Gefallen den Mackbeth angeſetzt und Dir eine vollkommen neue Rüſtung machen laſſen? Sei vernünftig und quäle mich nicht länger. Ich bin ohnehin der geplagteſte Menſch von der Welt.“ „Alſo opferſt Du mich auf,“ rief der gekränkte Held.„Gut! Ich weiß jetzt, woran ich mit Dir bin 75 und was ich von Deiner Freundſchaft zu halten habe. Leben Sie wohl!“ Mit dieſen pathetiſch geſprochenen Worten ſtürzte er fort, einen tragiſchen Abgang nehmend, der ihm auch wie auf der Bühne ſelbſt ſo natürlich gelungen war. Der Regiſſeur machte durchaus keine Miene, ihn zurückzuhal⸗ ten, da er froh war, wieder allein zu ſein und ſich der Ruhe überlaſſen zu dürfen. Leider blieb er nicht unge⸗ ſtört; diesmal war es Fräulein Schenkel, die ihn auf⸗ ſuchte. Sie trat mit dem zärtlichſten Gruße und dem verführeriſcheſten Lächeln in das Zimmer. „Guten Morgen, lieber Freund!“ rief ſie ihm ent⸗ gegen und reichte ihm die weiße, zart gepflegte Hand, welche er galant an ſeine Lippen drückte. „Adele! Sie kommen ſelbſt?“ fragte er entzückt. „Sollte Ihnen mein Beſuch nicht angenehm ſein?“ „Graufame! Sie können noch fragen. Eben war ich damit beſchäftigt, ein Gedicht an Sie zu richten. Zwei Strophen habe ich bereits im Kopfe fertig. Wollen Sie ſie hören?“ „Ein andermal; jetzt bin ich zu aufgeregt.“ „Sie erſchrecken mich. Was iſt Ihnen zugeſtoßen, theure Adele?“ ei„Ach! ich bin das unglücklichſte Weib auf dieſer Erde.“ 5* 76 „Vertrauen Sie mir ihren Kummer an. Sie haben keinen treueren Freund.“ „Leider muß ich daran zweifeln. Moritz! Sie täu⸗ ſchen mich, Sie wollen mich verrathen. Auch Sie ſind wie all' die andern Männer, die mit unſeren Gefühlen nur ihr Spiel treiben.“& „Das kann nicht Ihr Ernſt ſein. Sie wiſſen, daß mein Herz Ihnen ganz allein gehört. Was hab' ich ge⸗ than, um einen ſolchen Vorwurf zu verdienen?“ „Ach!“ ſeufzte die ſchöne Schauſpielerin.„Ich bin zu ſchwach Ihnen gegenüber geweſen; ich habe mich von Ihren Schwüren und Betheuerungen bethören laſſen, und zum Danke machen Sie gemeinſchaftliche Sache mit mei⸗ nen Feinden.“ „Auf mein Ehrenwort! ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.“ „Eine Rivalin mir vorzuziehen, einer Anfängerin meine„Maria Stuart“ zu geben. O! das überleb' ich nicht.“ Mit dieſen Worten ließ ſich Fräulein Schenkel, von ihrem Schmerze übermannt, auf das naheſtehende Sopha niederſinken; ihre Augen füllten ſich mit Thränen, welche ihr bei ähnlichen Gelegenheiten immer zu Gebote ſtan⸗ den. Als der gute Regiſſeur die Geliebte weinen ſah, ſchmolzen alle ſeine unparteiiſchen Grundſätze dahin und . 3 ſein Pflichtgefühl erhielt einen ſo ſtarken Stoß, daß es ſich nicht ſo leicht wieder aufraffen konnte. „Um Gotteswillen!“ bat der ſchwache Mann. „Beruhigen Sie ſich, theure Adele! Ich bin wirklich nicht Schuld. Sie wiſſen ja, daß jeder Debutant das Recht hat, ſich eine beliebige Rolle zu wählen. Die Di⸗ rektion hat die Beſtimmung getroffen, und ich kann beim beſten Willen nichts dagegen thun.“ „Sind Sie nicht Regiſſeur?“ „Allerdings, aber ich muß der Direktion gehorchen, und dann vergeſſen Sie, daß man mir ohnehin von allen Seiten den Vorwurf macht, Sie auffallend zu begünſti⸗ gen. Thuen Sie mir den einzigen Gefallen und beſtehen Sie nur diesmal nicht auf Ihrem Willen. Laſſen Sie doch die Anfängerin als Maria Stuart auftreten; ſie wird ſich nur blamiren und Sie einen um ſo größeren Triumph dann feiern.“ „Nimmermehr! Die Perſon darf nicht meine Lieblingsrolle ſpielen. Wenn Sie Ihre Hand dazu bie⸗ ten, ſo ſind wir für immer geſchieden. Dann weiß ich, daß Sie mich nicht mehr lieben.“ „Mein Gott!“ ſtöhnte der verzweifelte Regiſſeur. „Was kann ich denn thun? Wie ſoll ich es hindern, ohne mich blos zu ſtellen?“ „Wenn Sie nur die ernſte Abſicht haben, ſo wird 78 es Ihnen nicht an Mitteln fehlen. Melden Sie der Di⸗ rektion, daß Sie plötzlich erkrankt ſind und die Probe nicht abhalten können.“ „Das führt zu nichts, liebe Adele! Mein Stell⸗ vertreter, der Ihnen ohnehin nicht gewogen iſt, wird dann für mich eintreten und die Probe ihren ruhigen Fortgang nehmen.“ „Sagen Sie, daß Sie die Rollen nicht genügend beſetzen können.“ „Unglücklicher Weiſe iſt der verwünſchte Winkler ſchon hier geweſen, um die Rollen auszutragen. Wären Sie nur um eine halbe Stunde früher gekommen, da hätte ſich noch eine Auskunft finden laſſen.“ „Sinnen Sie nur nach. Mein Gott! fällt Ihnen denn gar nichts ein? Sie ſind ja ſonſt nicht um einen Vorwand verlegen.“ Der gute Regiſſeur ging mit großen Schritten ſin⸗ nend auf und nieder, ohne jedoch zu dem gewünſchten Reſultate zu gelangen; auch die ſchöne Liebhaberin ſtrengte umſonſt ihr ſchlaues Köpfchen an, um die glän⸗ zende Rolle den Händen einer verhaßten Nebenbuhlerin zu entwinden. Da wurde die Thüre mit Gewalt auf⸗ geriſſen und wie ein rettender Engel erſchien Madame Schulze, welche Anſtandsdamen und junge Mütter gab. Voll ſichtlicher Entrüſtung brachte ſie dem Regiſſeur die 79 Rolle der Amme zurück, die ihr der Theaterdiener mit Holder's ſtrenger Weiſung übergeben hatte. Wie eine Ra⸗ ſende ſtürmte ſie jetzt in das Zimmer, den Hut im Nak⸗ ken zurückgeſchoben und den gelbſeidenen Sonnenſchirm wie eine Waffe ſchwingend. „Was wollen Sie?“ fragte der Regiſſeur, über die unwillkommene Störung ergrimmt. „Gerechtigkeit!“ ſchrie Madame Schulze mit dem höchſten Pathos.„Ich kann keine Amme ſpielen, ich will mich nicht länger in den Koth treten laſſen. Nicht genug, daß ich das grüne Kleid als Gräfin Capuleti tragen und den ſchnöden Fetzen anziehen mußte, ſoll ich jetzt zur Amme werden. Dagegen ſträubt ſich meine ganze Weib⸗ lichkeit. Hat man je gehört, daß eine Anſtandsdame zu⸗ gleich Amme iſt? Heute Königin und Morgen Amme!— Das iſt mehr als ein Menſch ertragen, mehr als ein ge⸗ fühlvolles Herz erdulden kann. Es gibt eine Gränzlinie, welche man ungeſtraft nicht überſchreiten darf. Hüten Sie ſich, mich zum Aeußerſten zu treiben, damit ich nicht ver⸗ geſſe, was ich mir, was ich Ihnen ſchuldig bin. Der An⸗ ſtand verbietet mir dieſe gemeine Rolle zu übernehmen, mein jungfräuliches Gemüth wird ſich nie zu einer ſolchen Entwürdigung hergeben. Ich will Alles nur nicht Amme ſein.“ „Straf' mich Gott!“ entgegnete Holder auf die 80 fragenden Blicke der Liebhaberin,„wenn ich weiß, was das tolle Weib von mir will.“ „Toll!“ brauste die Anſtandsdame auf.„Toll! ja Sie werden mich noch durch Ihre beleidigende Zumu⸗ thung toll machen; denn wer über gewiſſe Dinge nicht den Verſtand verliert, der hat keinen zu verlieren— ſagt Leſſing. Aber Sie können kein Erbarmen, Sie haben kein Mitleid, Mann ohne Herz, Barbar ohne Gefühl! Hier, nehmen Sie Ihre Amme wieder, die ich niemals, nie⸗ mals geben werde, müßte ich auch im nächſten Augenblick das Blutgerüſt für meine Weigerung beſteigen.“ Mit dieſen Worten überreichte die ſittlich entrüſtete Schauſpielerin die ihr zugedachte Rolle. Erſt jetzt begriff der Regiſſeur, wovon die Rede war. Alsbald ſchoß ihm ein glücklicher Gedanke durch den Kopf und er durfte hoffen, ohne Verletzung ſeiner Pflicht die Wünſche ſeiner Geliebten zu erfüllen und die Aufführung der„Maria Stuart“ zu verhindern. Er gab der Liebhaberin einen leiſen Wink, während er ſeinen ganzen Ernſt zuſam⸗ men nahm, um vor Madame Schulze nichts merken zu laſſen. „Wiſſen Sie auch,“ ſagte er ihr,„daß Ihre Weigerung die unangenehmſten Folgen für Sie haben kann?“ 81 „Ich bin auf Alles gefaßt,“ antwortete ſie heroiſch. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ „Ich werde Sie in Strafe nehmen, und wenn Sie in Ihrem Widerſtande beharren, Ihre Entlaſſung bei der Direktion beantragen.“ „Dagegen ſchützt mich mein Kontrakt,“ entgegnete die Schauſpielerin mit triumphirendem Lächeln.„Ich habe ihn mitgebracht. Ueberzeugen Sie ſich ſelber. Ich bin für Mütter und Anſtandsdamen engagirt.— Mütter aber nicht Ammen, Anſtandsdamen aber nicht Kinder⸗ frauen.“ „In der That,“ bemerkte der Regiſſeur,„der Kon⸗ trakt ſpricht für Sie. Ich kann Sie nicht zwingen.“ „Niemand kann mich zwingen; ich bin in meinem Rechte.“ „Allerdings,“ pflichtete Fräulein Schenkel bei. „Und ich kann es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie ſich weigern, eine derartige Rolle zu übernehmen, die wirklich für ein zartes Gemüth wie das Ihrige etwas Verletzen⸗ des haben muß.“ „Ha!“ rief die pathetiſche Schauſpielerin.„Nur ein edles Weib kann mich begreifen. Fräulein Schenkel! Sie beſitzen eine fein fühlende Seele. Wollen Sie meine Freundin ſein? Ich habe Sie ſtets bewundert, aber von nun an liebe ich Sie. Sie verdienen, daß ich Ihnen mein 82 Vertrauen ſchenke und an ihrem Buſen die mir wider⸗ fahrene Behandlung beweine.“ „Dazu iſt jetzt keine Zeit,“ meinte der Regiſſeur, glücklich eine ſo herrliche Auskunft gefunden zu haben. „Sie erklären alſo feſt und beſtimmt, daß Sie die Ihnen zugeſchickte Rolle nicht ſpielen wollen?“ „Eher ſtürzt der Himmel ein, fällt der Erdball in Trümmer,“ deklamirte Madame Schulze. „Dann bleibt freilich nichts übrig, als die Probe zur„Maria Stuart“ abſagen zu laſſen.“ „Thuen Sie das, und ich werde Ihnen Zeitlebens danken, daß Sie meine jungfräulichen Gefühle geſchont haben. Edler Mann! Dieſe Stunde werde ich Ihnen nie vergeſſen. Wollen auch Sie von nun an mein Freund ſein?“ Es fehlte in der That nicht viel und Madamme Schulze hätte aus überſtrömender Dankbarkeit den Re⸗ giſſeur umarmt, der ſich nur mit Mühe der zudringlichen Frau erwehren konnte. Als er ſie glücklich zur Thüre hinauskomplimentirt hatte, rieb er ſich vergnügt die Hände. „Nun, Adele,“ fragte er die Liebhaberin,„ſind Sie jetzt mit mir zufrieden?“ „Vollkommen! Sie ſind der beſte Mann, den ich kenne.“ —— 83 „Und mein Lohn?“ „Eil wer wird den ſo eigennützig ſein.“ „Nur ein Küßchen, ein einziges Küßchen!“ bat er ſie an ſich ziehend. Nach einer ſo großen Gefälligkeit von ſeiner Seite konnte ihm Fräulein Schenkel unmöglich einen ſo be⸗ ſcheidenen Wunſch verſagen, obgleich ſie ſich zum Schein noch ſträubte. Mit jugendlichem Feuer umſchlang er die verführeriſche Schöne, die ſich ſeinen Armen zu entwin⸗ den ſuchte. Holder war zu ſehr mit ſeiner Eroberung be⸗ ſchäftigt, um den Eintritt des alten Theaterdieners zu bemerken, der diesmal ſehr zur ungelegenen Zeit ihm kam. „A—alles be—beſorgt,“ ſtotterte der ehrliche Wink⸗ ler.„Die— die Ro—rollen ſi— ſind aus— ge— getragen.“ „Wer hat Sie geheißen, ſo zu eilen. Die Probe zur„Maria Stuart“ kann nicht ſtattfinden, beſtellen Sie ſie ſogleich wieder ab.“ „Da— das ha— hab' ich mi—mir gleich ge—ge⸗ dacht,“ murmelte der Theaterdiener mit einem Seiten⸗ blick auf die Liebhaberin. „Was ſtehen Sie denn noch? Haben Sie denn hier noch was zu ſuchen?“ „J— ich wo—wollte nur me— melden, daß die— die neue Schau— ſpie— pielerin mi— mit dem Herrn drau— 84 raußen ſteht, um de den Herrn Re— gi— gi— ſſeur ihre Auf—wa wartung zu ma— machen.“ „Sagen Sie ihr, daß ich nicht zu Hauſe bin. Ich will nicht geſtört ſein, da ich mit Fräulein Schenkel noch ihre neue Rolle durchgehen muß.“ „Ve- verſtehe!“ entgegnete der Theaterdiener, in⸗ dem er ſich ſchmunzelnd entfernte und die vor der Thüre wartende Martha abwies. — 4 Fünftes Capitel. ene ſich von ſelber, daß„Maria Stuart“ nicht gegeben wurde, daß Martha nicht die unglückliche, ſchöne Königin von Schottland ſpielen durfte und eine andere, ihr wieder zuſagende Rolle zu ihrem Debut wäh⸗ len ſollte. Alle Schuld wurde auf die keuſche Madame Schulze geſchoben, welche aus jungfräulicher Geſinnung nicht als Amme auftreten wollte. Der Regiſſeur ſtand rein wie ein Engel da, ſein Gewiſſen war ruhig, die erſte Liebhaberin voll Dankbarkeit und der dicke Held mit ſei⸗ nem alten Freunde wieder vollkommen ausgeſöhnt. Der ehrliche Theaterdiener lächelte im Stillen und ſtotterte: „Das hab' i— ich mi— mir glei—leich ge— gedacht.“ Von all' dieſen geheimnißvollen Vorgängen hatte Martha keine Ahnung, nur Ferdinand, genauer mit den Bühnenverhältniſſen bekannt, ſprach von gemeinen In⸗ triguen, woran ſie in ihrer Unbefangenheit nicht glauben 86 wollte. Herr Holder hatte ihre nicht angenommene Vi⸗ ſite erwiedert und ſich bei dieſer Gelegenheit ſo liebens⸗ würdig und freundlich gegen ſie benommen, daß ſie ihm ſo viel Falſchheit nicht zutrauen konnte. Er ſchlug ihr im Verlaufe ſeines Beſuches mit der unbefangendſten Miene mehrere andere Rollen vor, welche Fräulein Schenkel ihm vorher eingeblaſen hatte, weil ſi keinen beſonderen Erfolg für ihre Nebenbuhlerin verſprach. Meiſt waren es minder glänzende oder ſo ſchwierige Aufgaben, daß eine Anfängeri ſcheitern mußte. Martha wäre auch leicht in die geſchickt gelegte Schlinge gegangen, hätte nicht Ferdinand das ganze Gewebe mißtrauiſch durchſchaut. Er wählte für ſie das„Clärchen“ und für ſich ſelber die Rolle des„Eg⸗ mont“ in Göthe's Trauerſpiel. Diesmal konnte der Re⸗ giſſeur dem neuen Andringen von Fräulein Schenkel und noch weniger den Einwendungen des dicken Helden nach⸗ geben, ohne ſich ſelber blos zu ſtellen. Es wurde daher der„Egmont“ feſtgeſetzt, die Rollen vertheilt und die Proben abgehalten. Zum Erſtenmale betrat Martha mit klopfendem Her⸗ zen die Bühne, welche ſie noch nie in der Nähe geſehen hatte. Wie bei jeder Probe herrſchte hier, während drau⸗ ßen die helle Sonne ſchien, die tiefſte Dunkelheit, welche ſpärlich von einigen räuchnigen Oellampen unterbrochen 87 wurde. Geſpenſtiſch gähnte der leere Zuſchauerraum, hier und da mit den ſchattenhaften Geſtalten einiger Theater⸗ liebhaber beſetzt, denen der Zutritt zu den Proben geſtat⸗ tet war. Das Auge der jungen Künſtlerin mußte ſich erſt allmälig an das Dämmerlicht gewöhnen und die verſchie⸗ denen Gegenſtände und Perſonen unterſcheiden lernen. Es war ein wüſter Anblick, ganz geeignet ihre bis⸗ herigen Illuſionen zu zerſtören. In größter Unordnung lagen und ſtanden allerlei Verſatzſtücke, wacklige Raſen⸗ bänke, eingeſtürzte Hütten, ſchlecht gepinſelte Blumen⸗ bosquette, über die der Fuß bei jedem Schritte ſtolperte. Theaterarbeiter ſchleppten unter rohen Späſſen Couliſſen und andere Utenſilien herbei; die Zaubergärten verwan⸗ delten ſich beim näheren Anblick in grüngekleckste Bäume, die fürſtlichen Hallen in rauhe Sackleinwand. Vom Schnürboden herab hingen lange Stricke, an denen eiſerne Haken befeſtigt waren, denen man fortwährend auswei⸗ chen mußte, um nicht in unangenehme Berührung mit ihnen zu kommen. Eben ſo gefährlich war es, den ver⸗ ſchiedenen, halb geöffneten Verſenkungen ſich zu nähern. Der Maſchinenmeiſter ſchrie und ſchimpfte über die Un⸗ geſchicklichkeit ſeiner Untergebenen, der Inſpizient rannte fortwährend auf und ab und ſtieß überall an, ungeſchickte Statiſten ſtolperten über die Bretter und traten den Un⸗ achtſamen mit ihren breiten Füßen auf die Hühneraugen. 88 Die mitwirkenden Schauſpieler fanden ſich lang⸗ ſam ein. Madame Schulze, welche ſich diesmal nicht ge⸗ weigert hatte, die Mutter Clärchen's zu ſpielen, ſaß in der erſten Couliſſe und hielt einen langen grauen Strumpf in den Händen, an dem ſie mit anerkennungswerther Em⸗ ſigkeit ſtrickte. Der dicke Held zankte mit dem Theater⸗ ſchneider wegen des Coſtumes und verlangte durchaus ei⸗ nen neuen Beſatz und ein engeres Wamms von geriſſenem Sammt. Herzog„Alba“ war noch nicht zugegen, da er in einem nahen Bierhauſe das eben angekommene„Culm⸗ bacher“ friſch vom Faſſe weg probieren mußte, was für ihn die wichtigſte aller Proben war. Der treue„Bracken⸗ burg“ ſcherzte noch mit einigen Mädchen aus dem Volke in einer Weiſe, die an ſeinen moraliſchen Grundſätzen ſtark zweifeln ließ, während der ſchlaue„Vanſen“ in einem verborgenen Winkel ſein zweites Frühſtück, beſtehend aus Butterbrod und Wurſt, behaglich verzehrte und durch⸗ aus nicht den gefährlich giftigen Aufwiegler ahnen ließ, der er doch ſein ſollte. Die meiſten Anweſenden waren mit der Aufführung des Egmont durchaus nicht einverſtanden, da das Stück ſchon lange Zeit gelegen hatte und ſie ihre Rollen noch einmal von Neuem lernen mußten. Sie ſahen daher Martha und Ferdinand als Störer ihrer Ruhe und Bequemlichkeit an. Der Geheimſchreiber„Richard“ be⸗ 89 ſchwerte ſich laut und ſprach unverholen ſeine Geſin⸗ nung aus. „Wozu man nur,“ ſagte er zu dem Schneider „Tetter“,„wieder den Egmont gibt? Das Publikum hat die klaſſiſchen Stücke ſatt. Kein Menſch mag die al⸗ ten Sachen ſehen. Wenn wir„Roſenmüller und Finke“ dafür geben, hätten wir gewiß ein volles Haus.“ „Ja, ja!“ antwortete der Komiker, welcher den„Tet⸗ ter“ ſpielte.„Da muß ich nun die Bogen ſtarke Rolle lernen für einen einzigen Abend, und dann hat die liebe Seele Ruh'.“ Endlich hatte ſich Alba von dem Bierfaß losgeriſſen und die Probe nahm ihren Anfang. Der Regiſſeur gab das Zeichen mit der Glocke, und das Armbruſtſchießen der Brüßler Bürger wurde in einer Weiſe vorgeführt, daß Holder mehrere Male aus der Haut zu fahren drohte. Die Statiſten, größtentheils Soldaten der Garniſon, überboten ſich an Ungeſchicklichkeit und ſteifen Bewegun⸗ gen, indem ſie natürlicher Weiſe keine Ahnung von dem friſchen Leben und dem heiteren Treiben der niederlän⸗ diſchen Bevölkerung haben konnten. Sie benahmen ſich wie bei einer militäriſchen Parade und marſchirten in ſchönſter Ordnung mit eingezogenem Unterleibe und vor⸗ geſtreckter Bruſt, einen Fuß nach dem andern ſetzend, wie auf Kommando über die dröhnenden Bretter. 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 6 90 „Das geht nicht,“ ſchrie der Regiſſeur.„Mehr Le⸗ ben, mehr Bewegung! Wir müſſen das noch einmal pro⸗ biren. Geben Sie doch beſſer Acht und ſehen Sie, wie ich es Ihnen vormachen werde.“ 3 Herr Holder ſprang von ſeinem Stuhle auf, ſchlug mit Händen und Beinen um ſich, ordnete die verſchie⸗ nen Gruppirungen nnd gab ſich die größte Mühe, ein einigermaßen entſprechendes Bild herzuſtellen, was nur zu neuen komiſchen Verrenkungen der ungeſchlachteten Bur⸗ ſchen Veranlaſſung gab, ſo daß er erſchöpft von ſeinem Vorhaben vorläufig abtrat und eine Nachprobe für die Statiſten auf eine andere Stunde verordnete. Nicht viel beſſer ging es mit den folgenden Szenen, wie dies ge⸗ wöhnlich in einer erſten Probe der Fall iſt, wo die Schau⸗ ſpieler nur oberflächlich ihre Rollen angeſehen haben und ſich noch ganz und gar auf den Souffleur verlaſſen, was wohl auch am Abend der Aufführung zu geſchehen pflegt. Mit unerſchütterlicher Ruhe ſtrickte Madame Schulze an ihrem Strickſtrumpf weiter, während Martha als Clärchen vor ihr ſtand und trotz aller Begeiſterung für ihre Aufgabe kaum das Lachen über dieſen komiſchen An⸗ blick zu unterdrücken vermochte. „Zum Henker!“ brüllte der Regiſſeur.„Madame Schulze! Legen Sie doch den verwünſchten Strumpf fort; 91 Sie machen mich damit noch ganz nerveus und ſtören die ganze Vorſtellung.“ „Nu, nu!“ antwortete die Anſtandsdame.„Sie brauchen ja nicht ſo darum zu ſchreien. Ich weiß nicht, was der unſchuldige Strumpf Ihnen gethan hat? Warum ſoll ich nicht für meine armen Kleinen ſtricken? Ich ſtöre doch nicht, wenn ich meine Mutterpflichten übe.“ „Ueben Sie Ihre Mutterpflichten, wo Sie wollen, nur nicht auf der Probe. Augenblicklich thun Sie den Strumpf weg, oder ich werde Sie in Ordnungsſtrafe nehmen.“ Mit einem tiefen Seufzer trennte ſich die Schau⸗ ſpielerin von ihrem geliebten Strumpf, den ſie ſorgfältig zuſammenwickelte und in die weite Taſche ihres Kleides ſchob, welche davon wie eine Rieſenſchlange nach einge⸗ nommener Mahlzeit anſchwoll. Nach dieſer Störung nahm die Probe wieder ihren ruhigen Fortgang bis auf einige Kleinigkeiten. Vanſen, der wie gewöhnlich nichts gelernt hatte, beſchuldigte den Souffleur, zu leiſe angeſchlagen zu haben, wogegen ſich dieſer aus ſeinem Kaſten hervor vertheidigte. „Ich kann nicht ſo laut ſchreien,“ ſagte der arme Sündenbock aller Schauſpieler,„ſonſt hört mich das Publikum.“ „Schweigen Sie ſtill!“ 6* 92 „Damit wäre Ihnen am wenigſten gedient,“ ant⸗ wortete ironiſch der Unterirdiſche.„Ohne mich würden Sie kein Wort wiſſen.“ „Sie machen mich nur irre. Sie ſouffliren mir mit Abſicht immer ſchlecht.“ „Und Sie lernen ohne Abſicht noch ſchlechter,“ ent⸗ gegnete der ſarkaſtiſche Souffleur. —„Ruhe!“ gebot der Regiſſeur.„Wir wollen die Stelle noch einmal wiederholen.“ Vanſen trat an den Kaſten und wollte ſeine Rede be⸗ ginnen, aber der ergrimmte Souffleur beobachtete ein tie⸗ fes Schweigen, ſo daß ſein Gegner kein Wort vorzubrin⸗ gen vermochte und unter allgemeinem Gelächter vollkom⸗ men ſtecken blieb. Ein anderer Streit drohte zwiſchen Ferdinand und dem dicken Helden auszubrechen, der noch immer den Verluſt des Egmont nicht verſchmerzen konnte und eine Gelegenheit ſuchte, um Händel anzufangen. Bald ver⸗ langte er, daß Ferdinand rechts, bald wieder, daß er links ſtehen und ſich in jeder Beziehung nach ſeinen Verordnun⸗ gen richten ſollte. „Wenn Sie mir nicht das Stichwort richtig bringen, ſo verderben Sie mir die ganze Scene, da ich ohnehin nur aus Gefälligkeit den„Oranien“ übernommen habe. Von Rechtswegen gebührt mir der Egmont, der eine Hel⸗ denrolle iſt.“ „Bitte um Entſchuldigung,“ antwortete Ferdinand. „Egmont gehört dem Liebhaber. Das iſt ſo klar wie der helle Tag.“ „Ich ſage Ihnen aber, daß Egmont ein Held iſt.“ „Das will ich auch gar nicht beſtreiten, nur tritt er in dem Stücke als Liebhaber auf. Außerdem habe ich als Gaſt das Recht, jede beliebige Rolle mir zu wählen.“ „Sonſt hätte ich auch Ihnen gewiß den Egmont nie⸗ mals gutwillig abgetreten.“ „Das gehört ja nicht hierher,“ unterbrach der Re⸗ giſſeur die beiden Streitenden.„Mit dem Zanken wird nur unnöthig die Zeit vertändelt. Fahren wir fort!“ Mit verbiſſener Wuth reichte Oranino dem ebenſo ergrimmten Egmont ſeine Hand zum Abſchiede, und weinte Thränen der tiefſten Rührung um den treuen Freund, dem er im nächſten Augenblicke dahin wünſchte, wo der Pfeffer wächst. Martha that bei dieſer Gelegenheit einen Blick hinter die Couliſſen und lernte ſo die Bretter, welche die Welt bedeuten, nicht eben von der vortheilhaf⸗ teſten Seite kennen. Aber ſie verlor darum nicht den Muth; ihre Liebe zur Kunſt hielt ſie aufrecht und ließ ſie alle Widerwärtigkeiten und Hinderniſſe, welche ihr Bau⸗ 94 diſſen vorausgeſagt hatte, beſiegen. Tag und Nacht be⸗ ſchäftigte ſie ſich mit dem Studium ihrer Rolle, bis ſie die Sicherheit erlangt zu haben glaubte, ohne die ſich keine wahrhaft gelungene Leiſtung denken läßt.— Dennoch zit⸗ terte ſie, als ſie am Abende der Vorſtellung das gefüllte Haus betrat und einen Blick hinter dem Vorhange auf die wogende Menge that. Ungeachtet ihrer Energie wurde ſie von dem gewöhnlichen Lampenfieber ergriffen, welches mehr oder minder jeden Anfänger zu beſchleichen pflegt, wenn er das vielköpfige Ungeheuer, Publikum genannt, zu ſeinen Füßen ſieht. Ferdinand war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um ihre ſteigende Angſt zu bemerken. Außer ihm erblickte ſie nur fremde, gleichgiltige und ſelbſt feind⸗ liche Geſichter in ihrer Umgebung; kein Menſch war zu⸗ gegen, um ſie zu ermuthigen. Der Regiſſeur war damit beſchäftigt, die ungeſchlachteten Statiſten zu ordnen; der dicke Held ſtolzirte in dem neuen, engen Kleide an ihr vor⸗ über, ohne nur ein freundliches Wort an ſie zu richten. Die Mädchen aus dem Volke drängten ſich vor dem Guck⸗ loch des Vorhanges und ſchauten nach Bekannten aus; „Vanſen“ und„Tetter“ unterhielten ſich ſo laut, daß ſie es hören konnte, von dem möglichen Erfolge des heutigen Abends. „Es gibt ein Fiasko, wie ich fürchte,“ ſagte der Schneider.„Das Publikum iſt unruhig.“ 95 „Es braust der See,“ deklamirte Vanſen,„und will ſein Opfer haben.“ „Ich möchte nicht heute in der Haut der beiden Debutanten ſtecken.“ „Das Mädchen iſt paſſabel, aber noch eine blu⸗ tige Anfängerin. Die Schenkel wird ſchon geſorgt ha⸗ ben, daß ſie nicht aufkommt.“ „Mit dem„Clärchen“ anzufangen, iſt ein Miß⸗ griff. Ich glaube nicht, daß wir das Stück zu Ende ſpielen.“ „Uns kann es ſchon Recht ſein; wir kommen um ſo zeitiger nach Hauſe.“ Unwillkürlich mußte Martha das eben nicht allzu tröſtliche Geſpräche mit anhören, nur mit Mühe hielt ſie ſich noch aufrecht. Ihr Herz ſchlug ſo gewaltig, daß ſie ſein Pochen hören konnte. Jetzt erſt fiel ihr das Ge⸗ wagte ihres Unternehmens ein; ihre lebhafte Phantaſie malte ihr die Entrüſtung des Publikums, ſein wildes Toben, ſein höhniſches Gelächter; ſie hörte ſein vernich⸗ tendes Ziſchen, ſein grolles Pfeifen klang ihr in die Ohren. Ein jäher Schwindel hatte ſie ergriffen, ſo daß ſie ſich einer Ohnmacht nahe an die Couliſſe lehnen mußte. Vollkommen für ihre Rolle angekleidet ſtand ſie da, aber ſie kam ſich in der fremden Tracht ſelber fremd vor, als hätte ſie ein böſer Zauber verwandelt. Ein Ge⸗ 96 fühl der fürchterlichſten Einſamkeit hatte ſich ihrer Seele bemächtigt; nur mit der größten Anſtrengung vermochte ſie die hervorquellenden Thränen zu unterdrücken. Nur ein Mann ſchien ihren Zuſtand zu ahnen; es war dies der Souffleur, welcher ſich ihr mitleidig nä⸗ herte. Trotz ſeiner verkrüppelten Geſtalt, einem anſehn⸗ lichen Buckel und der faſt abſchreckenden Häßlichkeit ſei⸗ nes Geſichtes erſchien er Martha in dieſem Augenblicke wie ein Bote des Himmels. Von den Schauſpielern wurde er gewöhnlich nur wegen ſeiner Mißgeſtalt der „Glöckner von Notre⸗Dame“ nach Viktor Hugo's ähnli⸗ cher Schöpfung genannt, aber der unförmliche Körper barg auch bei ihm ein ſeltenes Herz und einen hervor⸗ ragenden Geiſt, der freilich unter den ungünſtigſten Ver⸗ hältniſſen die wunderlichſte Richtung nehmen mußte. Biſ⸗ ſig und ſarkaſtiſch im gewöhnlichen Leben, wie die mei⸗ ſten Buckligen, und wegen ſeines boshaften Witzes ge⸗ fürchtet, verrieth er bei andern Gelegenheiten ein warmes Gefühl, das er jedoch meiſt vor der Welt ſorgfältig zu verbergen ſuchte. Er liebte die Kunſt mit einem Enthu⸗ ſiasmus, der kein Maß kannte; das Theater war ſeine Leidenſchaft, der er Alles zu opfern im Stande war. Der Aermſte hielt ſich ſelbſt zum Künſtler geboren und hatte in ſeiner Jugend den ernſtlichen Entſchluß gefaßt, Schauſpieler zu werden. Seine Geſtalt und ſein Organ 97 verſchloß ihm den Weg zur Bühne; dennoch wagte er ein einziges Mal in ſeinem Leben aufzutreten und wurde, wie es zu erwarten ſtand, von dem mitleidsloſen Publi⸗ kum mit Hohn und Spott bedeckt. Dieſe traurige Er⸗ fahrung vermochte jedoch nicht ſeine Bühnenſchwärmerei zu erſticken; da er nicht Schauſpieler werden konnte, ſo begnügte er ſich mit der untergeordneten Stellung des Souffleurs, weil er ſo dem Theater noch ferner angehö⸗ ren durfte. Abend für Abend ſaß er nun zuſammengekrümmt in dem kleinen, dunklen Loche, das er nur in den kurzen Pau⸗ ſen verlaſſen konnte, und befriedigte ſeine Lieblingsnei⸗ gung. Mit gränzenloſer Hingebung verfolgte er jede Auf⸗ führung, beobachtete er das Spiel der Darſteller, den ganzen Gang des Schauſpiels. Oft kam es vor, daß er in ſeinem Enthuſiasmus bei den ergreifendſten Szenen des Dichters, oder wenn ein Schauſpieler ſeine Rolle beſonders gut ſpielte, Alles um ſich her vergaß und ſtatt zu ſouffliren aus ſeiner unterirdiſchen Höhle das Zeichen zum Beifall gab. Bei rührenden Stellen weinte er und ſtörte mehr als einmal durch die Geſichter, welche er dabei ſchnitt, die ganze Vorſtellung, indem er die Schau⸗ ſpieler aus der Faſſung brachte. Dies war der Grund, warum er ſelten lange Zeit an einer Bühne aushielt und ein immerwährendes Wanderleben führte. 98 Eine andere Eigenthümlichkeit dieſes ſeltſamen Mannes beſtand darin, daß er den Fehler beſaß, laut zu denken und ſein geheimſtes Urtheil unaufgefordert auszuſprechen. So geſchah es auch nur zu oft, daß er Mitten in der Aufführung dieſe oder jene Bemerkung einſtreute, welche nicht zum Stück gehörte, wodurch er ebenfalls manche unangenehme Verwirrung anrichtete. Größtentheils waren jedoch ſeine Meinungen und Aus⸗ ſprüche richtig und zeigten von einem tiefen Verſtändniß der Kunſt. Er kannte und ſchonte nicht die Schwächen der gewöhnlichen Couliſſenreißer, wogegen er für jedes Talent eine ſchwärmeriſche Anhänglichkeit zeigte. Schon auf den Proben hatte er für Martha eine beſondere Vorliebe gefaßt und mehr als einmal bei ihrem Spiele mit dem unförmlichen Kopfe genickt und den brei⸗ ten Mund zu einem wohlwollenden Lächeln verzerrt. Mit ſicherem Blicke hatte er ſogleich ihre Begabung erkannt, weshalb er viel freundlicher ihr begegnete, als dies ſonſt in ſeinem ſarkaſtiſchen Weſen lag. „Muth, Muth!“ rief er ihr jetzt im Vorüberge⸗ hen zu.„Es ſteckt in ihnen eine Künſtlerin. Das muß ich am beſten wiſſen, da ich auch eine Künſtlerſeele habe, die bei mir leider in dem verwünſchten Buckel wie in einem Vogelbauer gefangen ſitzt. Zwei Fuß höher, und ich wäre ein Garrick, Talma, Devrient geworden. Mein 99 Genie iſt auf einem Fleiſchgebirge geſcheitert. Spielen Sie einmal den Romeo mit dem Aergerniß auf dem Rük⸗ ken, treten ſie einmal als Hamlet mit einer ſolchen ſchie⸗ fen Fläche auf!— Was nützt Begeiſterung, Einſicht und Talent, wenn man ſein Kreuz ſo ſichtlich zur Schau trägt? Meine krumme Wirbelſäule iſt der Pfahl, der in meinem Fleiſche ſteckt. Iſt es nicht zum raſend wer⸗ den; dort der Tölpel von einem Statiſten iſt gerade wie eine Kerze, ſchlank wie eine Tanne gewachſen, und dabei kann er keine zwei Worte richtig ſprechen. Was hätte ich mit ſeiner Figur geleiſtet, und der Eſel weiß nicht, was er damit anfangen ſoll. Die Natur iſt eine blinde Pfu⸗ ſcherin, ſie hat keinen Begriff von dem Unheil, das ſie angerichtet hat: einen Geiſt wie den meinigen in eine ſolche Form zu gießen. Jeder Ziegelſtreicher hätte es beſſer gemacht.— Doch das kann Sie nicht intereſſiren. Sie ſind gerade gewachſen, Sie beſitzen ein Geſicht, das ſich ſehen laſſen kann, keine ſo gemein ſchöne Phyſiogno⸗ mie wie die ordinäre Schenkel. Aus dieſen dunklen Au⸗ gen ſieht eine Seele hervor, eine Seele, die nicht alle Menſchen haben. Ich verſtehe mich auf Augen und ſehe ihnen gleich an, ob ſie ſchon geweint und die heilige Thränentaufe der Tragödie erhalten haben. Ich ver⸗ ſtehe mich aber auch auf das Talent; ich erkenne auf zehn Schritte den gewöhnlichen Couliſſenreißer, die gemeine Routine, die erbärmliche Unnatur. Aus 100 Ihren Zügen ſpricht der Genius; da liegt Ver⸗ ſtand, Begeiſterung darin. Verlaſſen Sie ſich auf mich, ich habe mich noch nie getäuſcht. Sie werden, wenn Sie nur wollen, eine Künſtlerin werden. Darunter ver⸗ ſtehe ich kein ſo verzwicktes, verzwacktes, geſchminktes, auf⸗ geſtutztes, herausgeputztes, verpfuſchtes Frauenzimmer wie unſere Schenkel, die der liebe Gott in ſeinem Zorne zur Schauſpielerin werden ließ. Gehen Sie getroſt in's Feuer, reden Sie, wie Ihr Herz Sie zu reden heißt. Fürchten Sie ſich nicht, denn Sie werden, Sie müſſen gefallen, weil die geſunde Natur ſelbſt unſerem entarteten Publikum imponirt. Gott ſegne Sie, mein Fräulein!“ Mit dieſen Worten ſchlüpfte der ſeltſame Menſch in ſeinen Kaſten, ohne Martha's Antwort abzuwarten. Als ſie ſich nach ihm umſchaute, war er bereits ver⸗ ſchwunden. Sein Zuſpruch hatte ſie wunderbar geſtärkt, ihr Vertrauen war zurückgekehrt und mit mehr Muth als vorher erwartete ſie das Zeichen zum Auftreten. Nur noch einmal überfiel ſie jenes ängſtigende Gefühl, als ſie in der erſten Szene vor dem Publikum erſchien und einen Blick in den Zuſchauerraum warf, wo Kopf an Kopf gedrängt aller Augen an ſie gerichtet waren. Un⸗ willkürlich erblaßte ſie unter der Schminke, ſie fühlte, wie es ihr die Kehle zuſammenſchnürte, und ſie glaubte kein Wort hervorbringen zu können. Unten aus ſeinem Kaſten machte ihr der Souffleur ein freundliches Zeichen; mit 101 einer gewaltſamen Anſtrengung ihrer Willenskraft riß ſie ſich aus dieſem Zuſtande und wurde Herrin ihrer Furcht; ohne Anſtoß begann ſie ihre Rede, welcher das Publikum mit athemloſer Stille lauſchte. Mochte es der natürlich einfache Ton ſein, der vom Herzen kam und darum zu Herzen ging, oder der Zauber ihrer ganzen Erſcheinung, verbunden mit einem entſchie⸗ denen Talent für das Drama, was die Zuhörer für ſie gewann und von Auftritt zu Auftritt geneigter ſtimmte. Selbſt Martha's Schüchternheit, womit ſie die erſten Worte vorbrachte, wurde als ein Zeichen von Beſchei⸗ denheit angeſehen und auf das beſte gedeutet. Schon nach dem erſten Akte war die allgemeine Meinung eine gün⸗ ſtige für ſie und die Tonangeber des Geſchmackes ſpra⸗ chen vortheilhaft von ihrer Begabung. Auch Ferdinand, der ſich zuſammen nahm und mit wieder aufloderndem Jugendfeuer ſeine Rolle ſpielte, wurde im Verlaufe der Darſtellung mit Beifall aufgenommen. Die Szene zwi⸗ ſchen Egmont und Clärchen im dritten Akte ward laut beklatſcht, wozu der mit Fräulein Schenkel geſpannte Rittmeiſter und die geſchäftige„Theaterſchlange“ redlich das Ihrige beitrugen. Beide arbeiteten, um in der Theaterſprache zu reden, aus Leibeskräften, und der Bur⸗ ſche des Rittmeiſters ſekundirte von der Gallerie herab mit den gerühmten„pyramidalen“ Fäuſten ſeinem Herrn, nach dem er ſich ſtreng zu richten hatte. 10² Bei ähnlichen Gelegenheiten gleicht das große Pu⸗ blikum nur zu ſehr einer Schafherde, die ohne voran⸗ gehende Leithammel keinen Schritt thut. Niemand will den Anfang machen, jeder hält noch mit ſeinem Urtheil und mit ſeinem Beifall zurück, bis meiſt von Unberufenen das Eis gebrochen und das indifferente Publikum mit fortgeriſſen wird. So hängt oft von den unbedeutendſten Kleinigkeiten, von zufälligen Freunden oder Feinden der Erfolg einer Aufführung, der Ruf des Künſtlers ab. Sind aber die Zuſchauer erſt einmal aus ihrer Gleich⸗ gültigkeit aufgerüttelt, ſo beleben ſie ſich immer mehr von ſelbſt und ſteigern ihre anfänglich laue Theilnahme bis zum höchſten Enthuſiasmus. In dieſer Weiſe verhielt ſich auch hier das Publi⸗ kum; mit je geringeren Anſprüchen es in das Theater gegangen war, deſto angenehmer fand es ſich von Mar⸗ tha's Leiſtung überraſcht. Dieſe ſelbſt wurde von dem unerwarteten Beifall angeſpornt; ſie gewann an innerer Sicherheit und Vertrauen zu ihrer eigenen Kraft, ſo daß ſie ſich gänzlich ihrer Begeiſterung ohne ängſtliche Rück⸗ ſicht überlaſſen durfte. Im fünften Akte, wo ſie das Volk zur Befreiung Egmont's aufforderte, entwickelte ſie ihre ganze Kraft und elektriſirte die Zuſchauer durch die Wahr⸗ heit und Leidenſchaftlichkeit ihrer Darſtellung. Die Ver⸗ wandlung des einfachen, naiven Bürgermädchens in eine 103 Heldin, würdig eines Egmont, war ihr vorzüglich gelun⸗ gen. Zuſehends ſchien ſie mit ihrer Rolle zu wachſen; ſie ließ ſich von ihrer Begeiſterung tragen, und obgleich ſie lange noch nicht das ihr vorſchwebende Ideal erreichte, ſo ließ ſie doch dem Kenner ein ungewöhnliches Talent ahnen, das nur der ferneren Ausbildung bedurfte, um einſt Vorzügliches zu leiſten. Als der Vorhang gefallen war, wurde Martha laut gerufen; ſie erſchien mit Ferdinand und verneigte ſich tief erſchüttert und gerührt vor dem überaus nachſichtigen Publikum. Hinter den Couliſſen drängten ſich jetzt ihre zukünftigen Collegen an ſie heran und wünſchten mit mehr oder minder aufrichtigem Geſichte Glück zu dieſem un⸗ geahnten Erfolge. Der wunderliche Souffleur war aus ſeinem Kaſten geſtiegen und miſchte ſich unter den Schwarm der Gratulanten. Martha, die erſt jetzt ſeine kleine, unförmliche Geſtalt bemerkte, ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Ich wußte es gleich,“ ſagte er,„daß Sie eine Künſtlerin ſind. Ich hätte es auch ſein können, wenn nicht dieſer Chimboraſſo auf meinem Rücken läge, unter dem mein Talent begraben liegt.“ Damit fuhr er ſich mit der rauh beharten Hand über die Augen, um eine Thräne heimlich abzutrocknen. Sechstes Capitel. Jeder Erfolg iſt von einer geheimnißvollen Macht begleitet und übt ſelbſt auf vorurtheilsloſe Gemüther ei⸗ nen unwiderſtehlichen Zauber aus. Von nun an hielt ſich Martha ungeachtet ihrer Beſcheidenheit berufen, eine Künſtlerin zu werden, das Theater ſollte ihr die übrige Welt erſetzen; ihm widmete ſie jede Kraft, die ihr zu Gebote ſtand. Mit ſchwärmeriſchem Eifer ſtürzte ſie ſich in die neu eröffnete Laufbahn und vergaß darüber alle Widerwärtigkeiten ihres früheren Lebens. Sie konnte ſich es nicht verſagen, dem von ihr verehrten Baudiſſen ihren erſten Triumph ſchriftlich mitzutheilen und ihn um ſeine fernere Theilnahme zu bitten. Der treffliche Künſtler wünſchte ihr aufrichtig Glück und ermahnte ſie, nicht ab⸗ zulaſſen, ſondern durch Beharrlichkeit und unabläſſiges Studium die Gunſt des Publikums, die ſie ſo ſchnell errungen, zu behaupten. 105 „Nicht immer,“ ſchrieb er ihr,„iſt das Sprüch⸗ wort wahr, daß aller Anfang ſchwer ſei. Oft iſt der Zu⸗ fall dem erſten Verſuche glücklich, während die folgenden Schritte um ſo ſchwerer fallen. Der Unerfahrene, welcher die Gefahr nicht kennt, erſteigt wie der Nachtwandler im Somnambulismus eine Schwindel errgende Höhe, die den Wachen mit offenen Augen erſchreckt. Je länger ich meine Kunſt ausübe, je genauer ich die Abgründe und Untiefen des Theaters kennen lerne, das ſchwankende Ur⸗ theil der Menge, die wetterwendiſche Meinung des ge⸗ ſinnungsloſen Publikums erfahre, deſto ängſtlicher gehe ich an jede neue Rolle, und ich kann mich ungeachtet aller Erfolge eines Gefühles von Furcht nicht erwehren. Ich ſchreibe Ihnen dieſe Bemerkung, nicht um Sie zu⸗ rückzuſchrecken, ſondern um Sie anzufeuern. Stillſtand iſt der Tod unſerer Kunſt; die Sicherheit wiegt uns ein. Sind wir erſt mit uns und unſeren Leiſtungen in täu⸗ ſchender Selbſtgefälligkeit zufrieden, legen wir an uns keinen höheren Maßſtab als die alltägliche Kritik und das leicht gewonnene, aber ſchwer gefeſſelte Publikum, ſo ſind wir verloren. Ohne Ihre Leiſtung herabſetzen zu wollen, ſo bin ich doch überzeugt, daß Sie dieſen gün⸗ ſtigen Erfolg mehr der Neuheit Ihrer Erſcheinung, Ihrer jugendlichen Friſche und einer angeborenen Natürlichkeit, als der künſtleriſchen Abrundung und Puliendun Ihres 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 106 Spieles zu verdanken haben. Meine Aufrichtigkeit ſoll Ihnen nur zum Beweiſe dienen, wie hoch ich Sie und Ihr Talent ſchätze. Bald werde ich bei Ihnen ſein und dann will ich mit Vergnügen einen Zeugen Ihrer Fort⸗ ſchritte abgeben. Sie werden ſtets an mir einen ſtrengen, aber auch wohlwollenden Richter finden.“ Martha antwortete ihm ohne Empfindlichkeit, in⸗ dem ſie ihm in ſeinen Anſichten beiſtimmte und ſich ſei⸗ nen ferneren Rath erbat. So entwickelte ſich zwiſchen Beiden ein geiſtiger Verkehr, ein gegenſeitiger Austauſch von Gedanken über das Theater und die Erforderniſſe der Kunſt. Baudiſſen hatte über ſeinen Stand und die Bedürfniſſe desſelben viel ſelbſtſtändig nachgedacht, die Meiſterwerke der klaſſiſchen Dichter mit durchdringendem Geiſte ſtudirt, die verſchiedenſten Rollen ſorgfältig aus⸗ gearbeitet, und breitete nun die Erfahrungen eines gereif⸗ ten Lebens, die Schätze eines unermüdlichen Studiums ohne jede Spur von Eitelkeit vor Martha's entzückten Blicken aus. Er wurde ihr Lehrer, und ſie eine Schü⸗ lerin, die des Meiſters täglich würdiger zu werden ſtrebte. Sein Beiſpiel, die ehrenvolle Theilnahme eines ſolchen Künſtlers, der Zuſpruch und die Aufmunterung, die er ihr zu Theil werden ließ, gaben ihrem Streben eine beſtimmte, ideale Richtung. Sie fühlte ſich erhaben 107 über die Gemeinheit ihrer Umgebung, über all' das elende Treiben des gewöhnlichen Comödiantenvolkes. Einzig und allein ihrem Berufe lebend, glaubte ſie endlich den ihr angemeſſenen Wirkungskreis gefunden zu haben. Der erſte Glück verheißende Erfolg gab ihrem ganzen Weſen eine neue Spannkraft und beſeelte ihren Muth, ſo daß ſie getroſt einer beſſeren Zukunft entgegenſchaute. Dazu kam, daß auch Ferdinand's Betragen ihr keinen Grund zur Klage gab. Die Anerkennung, welche er neben ihr als„Egmont“ gefunden, verfehlte nicht einen vortheil⸗ haften Einfluß auch auf ihn auszuüben; der Geſunkene richtete ſich wieder auf: ſein moraliſcher Muth war zu⸗ rückgekehrt und Martha hielt ſeine Beſſerung ſchon für geſichert. Sie war entſchloſſen, ſich nicht mehr von ihm zu trennen und ihr ausgeſprochenes Gelübde auszuführen. Um auch in den Augen der Welt ihr Verhältniß zu recht⸗ fertigen, wollte ſie ihm das größte Opfer bringen und, ohne ihn zu lieben, ſeine Frau werden. Er hatte zu die⸗ ſem Zwecke nach den nöthigen Papieren in die Heimath geſchrieben, nach deren Empfang die kirchliche Trauung, auf die ſie beſtand, erfolgen ſollte. Von nun an betrach⸗ tete ſie ſich als ſeine Verlobte und bewahrte ihm die auf⸗ richtigſte Treue und hingebendſte Sorgfalt. So lebte ſie in ſtiller Zurückgezogenheit, fortwährend mit dem Studium ihrer Rollen beſchäftigt. Sie bewohnte ein 7* 108 einfaches Stübchen, das ſie bei einer ehrenwerthen bürger⸗ lichen Familie gefunden hatte. Ihre geringe Gage reichte bei ihren beſcheidenen Anſprüchen und wenigen Ausgaben gerade hin, um in beſchränkter Zufriedenheit ſich glücklich zu fühlen. Mit der Direktion hatte ſie einen Kontrakt auf ein Jahr abgeſchloſſen, wobei der gute Herr Speiſer wieder überaus reich an Verſprechungen geweſen war.— Durch ihre Beſcheidenheit gewann ſie die Herzen der übrigen Collegen, unter denen ſie mit der Zeit einige wahrhaft tüchtige und begabte, wie ſie von dem edelſten und beſten Streben beſeelte Mitglieder des Theaters ken⸗ nen und achten lernte. Vor Allen blieb aber der wunder⸗ liche Souffleur ihr treueſter Freund; je näher ſie mit ihm bekannt wurde, deſto mehr fühlte ſie ſich zu dem ſelt⸗ ſamen Kautz hingezogen, zu deſſen Charakter ſie bald das größte Vertrauen faßte. Dieſe gegenſeitige Zunei⸗ gung erhielt noch einen unerwarteten Zuwachs, als Bau⸗ diſſen aus einer ihrer Mittheilungen ſogleich in dem Son⸗ derling den Vater des von ihm angenommenen Knaben erkannte und ihr unter Beifügung eines anſehnlichen Geſchenkes die herzlichſten Grüße für den Buckligen zu beſtellen auftrug. Zu dieſem Behufe ſuchte ſie den Souffleur in ſeiner Wohnung auf, die in einer entlegenen Straße vier Trep⸗ pen hoch auf dem Hofe befindlich war. Da auf ihr 109 Klopfen Niemand Antwort gab, ſo trat ſie unbemerkt in die ärmliche, aber überaus reinliche Dachſtube. Es war ein außerordentliches Schauſpiel, das ſich ihr hier darbot und ſie dermaßen feſſelte, daß ſie auf der Schwelle ſte⸗ hen blieb. Mitten in ſeiner Wohnung ſtand der Souffleur, bekleidet mit einem kurzen türkiſchen Schlafrock, der ihm höchſtens bis an das Knie reichte. Um die Hüften hatte er ein buntes ſeidenes Tuch in der Art eines Gürtels geſchlungen, in welchem ſtatt des Dolches eine Papier⸗ ſcheere ſteckte. Den ſtruppigen Kopf bedeckte ein alter Kalabreſerhut, deſſen Krämpe hoch aufgeſchlagen war. Mit lauter Stimme und heftigen Geſtikulationen dekla⸗ mirte er den Monolog aus„Richard dem Dritten“ von Shakeſpeare. Ringsumher ſaß auf Stühlen und Fußbänk⸗ chen die zahlreiche Nachkommenſchaft des Souffleurs, welche ſein Publikum zu bilden und voll Bewunderung für ſeine Leiſtung ſchien, während die Mutter eine Schüſſel Kartoffel zum Abendbrote rüſtete. Der ſeltſame Künſtler war zu ſehr mit ſeiner Rolle beſchäftigt, um Martha's Anweſenheit zu bemerken; er überließ ſich ganz und gar ſeiner theatraliſchen Begeiſte⸗ rung und ſpielte mit einem Feuer und einer Hingebung, die unwillkürlich imponiren mußten, obgleich der ur⸗ ſprünglich komiſche Eindruck der ganzen Geſtalt vorwal⸗ tete. Sein Geſicht verzerrte ſich zu der widerlichſten 110 Fratze, aber es nahm auch zuweilen einen wahrhaft dämoniſchen Ausdruck an; ſeine krächzende, rauhe Stim⸗ me traf mitunter den ziſchenden, grollenden Ton des Ty⸗ rannen beſſer, als es der erſte Künſtler vermochte. Er hatte Momente in ſeinem Spiele, welche ſeine Zuſchauer und auch Martha zur Bewunderung hinriſſen, aber der nächſte Augenblick verwiſchte die erhabene Wirkung und ließ die Karrikatur wieder allzuſehr zum Vorſchein kom⸗ men. Man wußte nicht, ob man ſchaudern, oder lachen, ſich entſetzen, oder ſpotten ſollte. Endlich hatte er den Monolog geſchloſſen; das dankbare Auditorium der Kinder gab durch lautes Klat⸗ ſchen ihm ſeinen ſtürmiſchen Beifall zu erkennen. Er ver⸗ neigte ſich mit Anſtand und blickte mit geſchmeichelter Miene im Kreiſe herum. Jetzt erſt entdeckte er Martha, die er im künſtleriſchen Eifer gänzlich überſehen hatte. Mit komiſcher Verlegenheit riß er den zum Baret um⸗ gewandelten Kalabreſer vom Kopf und die als Dolch ge⸗ brauchte Scheere aus dem Gürtel. „Guten Abend, mein Fräulein!“ rief er ihr mit einem verzweifelten Lächeln zu.„Wollen Sie nicht weiter kommen und einem alten Narren Ihre Hand reichen?“ „Von Herzen gern. Ich fürchte nur, durch meine Anweſenheit Sie zu ſtören.“ „Hat nichts zu ſagen. In meinen Mußeſtunden 111 gebe ich mir ſelber und den Kindern eine Extravorſtellung. Ich kann einmal vom Theater nicht laſſen, und da das Schickſal mir verſagt hat, die wirkliche Bühne zu betre⸗ ten, ſo habe ich mir mein eigenes Privattheater geſchaf⸗ fen, wo ich mein Gelüſten befriedigen kann. In meiner Perſon vereinige ich ein ganzes Perſonal; ich ſpiele was ich Luſt habe: heute Richard den Dritten, morgen den Fauſt, übermorgen den Hamlet. Niemand macht mir meine Rolle ſtreitig, Keiner rivaliſirt mit mir. Mein Pu⸗ blikum hab' ich im eigentlichſten Sinne mir ſelbſt ge⸗ macht und erzogen; es iſt das dankbarſte auf der ganzen Welt. Wie könnte es auch anders ſein, da ich ſein Va⸗ ter bin und im Nothfalle ihm befehlen kann, mir zu applaudiren. Vor der Kritik hab' ich nichts zu fürchten; ſollte ſich ja einmal ein Schlingel herausnehmen mich zu tadeln, ſo iſt es mir erlaubt, ihm auf die Finger zu klo⸗ pfen, was manchem Rezenſenten Noth thäte und auch ganz geſund wäre.“ „In der That,“ lächelte Martha,„Sie ſind der beneidenswertheſte Künſtler, den ich kenne.“ „Laſſen wir das gut ſein. Es geht mir wie jenem Engländer, der ſich für den ſchönſten Mann der Welt hielt und dafür den Beweis folgendermaßen führte: Europa iſt der ſchönſte Welttheil auf der Erde, London die ſchönſte Stadt in dieſem Welttheil, Regent⸗Street 11² die ſchönſte Straße in London, mein Haus das ſchönſte in Regent⸗Street, meine Wohnung die ſchönſte in dieſem Hauſe, ich der ſchönſte Mann in meiner Wohnung; folg⸗ lich bin ich der ſchönſte Mann der ganzen Welt. Ebenſo bin ich in dieſem Zimmer der erſte Schauſpieler Deutſch⸗ lands.— Aber Sie ſtehen, wollen Sie nicht Platz neh⸗ men, mein Fräulein?“ Geſchäftig eilte er jetzt einen Stuhl herbeizuholen, auf den er Martha zum Sitzen nöthigte. Alsdann wandte er ſich zu den Kindern, die auf einen Wink von ihm das Zimmer verließen. „Wegen plötzlich eingetretener Hinderniſſe,“ ſagte er zu ihnen,„muß die heutige Vorſtellung ausfallen. Morgen werde ich dafür die Ehre haben„Othello oder der Mohr von Venedig“, Trauerſpiel in fünf Akten von Shakeſpeare, aufzuführen. Einſtweilen wird das verehrte Publikum das Theater räumen und ſich in der benachbar⸗ ten Kammer ſo ſtill und anſtändig, wie es einer hochgebil⸗ deten Verſammlung zukommt, betragen: widrigenfalls ich von meiner Autorität Gebrauch machen würde. Vor⸗ wärts, Marſch!“ Auf dieſes Commando entfernte ſich das Häufchen der Kleinen, welche trotz der ärmlichen Kleidung munter und überaus luſtig darinſchauten. „Und nun erlauben Sie, daß ich Sie der Madame 113 Souffleuſe vorſtelle— meine beſſere und wie Sie ſehen geradere Gattin, eine vortreffliche Frau, die nur den ein⸗ zigen Fehler hat, auf meine Schönheit eiferſüchtig zu ſein. Indeß hat ſie von Ihnen nichts zu fürchten. Sie weiß, daß unſer Verhältniß ſich ſtets in den Grenzen der rein⸗ ſten Freundſchaft bewegt und das Intereſſe, das ich an Ihnen nehme,, ein rein künſtleriſches iſt.“ „Geh', geh'!“ lachte die gutmüthige Frau.„Du biſt und bleibſt ein alter Narr. Was ſoll ſich das Fräulein von Dir denken?“ „Was Sie will, denn Gedanken ſind zollfrei. Jetzt aber, mein Fräulein, ſagen Sie mir, was Sie hierher ge⸗ bracht hat, wie kommt ein ſolcher Glanz in meine niedere Hütte?“ „Ich bringe Ihnen dieſen Brief mit einem Geſchenke von Herrn Baudiſſen.“ „Wie, Sie kennen den großen Mann, den ausge⸗ zeichneten Künſtler?“ fragte enthuſiaſtiſch der Bucklige. „Ich darf ihn zu meinen Freunden zählen.“ „Du ſprichſt ein großes Wort gelaſſen aus,“ de⸗ klamirte der Souffleur.„Wenn es möglich wäre, ſo wür⸗ den Sie durch dieſe Freundſchaft noch in meinen Augen ſteigen. Aber laſſen Sie ſehen, was die Perle der Kunſt⸗ welt mir ſchreibt.“ 114 Mit dieſen Worten ergriff er den Brief, den er mit den Zeichen der höchſten Verehrung durchlas. „O welch' ein Herz, welch' ein Geiſt!“ rief er ent⸗ zückt, als er das Schreiben aus der Hand legte.„Der kleine Franz konnte keinen beſſeren Vater finden.“ „Und doch wollten Sie den Knaben unſerm Freunde nicht überlaſſen, trotzdem Sie mit einer zahlreichen Fa⸗ milie geſegnet ſind und ihn in den beſten Händen wußten.“ „Sie ſcheinen mir in Alles eingeweiht, und darum will und kann ich vor Ihnen kein Geheimniß haben. Mit dem Kinde hat es ein eigenes Bewandniß. Hat Ihnen Herr Baudiſſen nichts geſagt? Der Knabe gehört mir nicht.“ „Wie, er iſt nicht Ihr Sohn?“ fragte Martha überraſcht. „Nicht im eigentlichen Sinne. Es iſt dies eine wun⸗ derliche Geſchichte, über die ich nicht gern rede. Da Sie aber einmal ſich für das Kind zu intereſſiren ſcheinen, ſo will ich Ihnen mittheilen, was ich ſelber von ihm weiß. Es wird Ihnen wohl bekannt ſein, daß ich nicht allzulange Zeit an einem Orte aushalte und bald an dem, bald an jenem Theater ſoufflirt habe. So kam ich auch vor eini⸗ gen Jahren nach Hamburg; ich war ohne Engagement, meine Finanzen wie gewöhnlich erbärmlich beſtellt, des⸗ halb wohnte ich in einer elenden Spelunke. Auf dem⸗ 115 ſelben Flure mit mir hauste eine alte Frau, eine ſo genannte Engelmacherin.“ „Was heißt das? Ich kenne dieſen Namen nicht.“ „Ol eine ganz einträgliche Profeſſion,“ fuhr der Souffleur fort.„Derartige Frauen beſchäftigen ſich da⸗ mit, der überhand nehmenden menſchlichen Bevölkerung entgegen zu arbeiten. Es ſind dies eine Art von privile⸗ girten Kindesmörderinnen, welche der Staat in ſeiner Langmuth duldet. Sie vertreten die Stelle der gewiſſen⸗ loſen Mütter und nehmen verlaſſene Kinder in Koſt und Pflege, das heißt: ſie laſſen die kleinen unſchuldigen We⸗ ſen langſam verhungern und pflegen ſie zu— Tode.“ „Schrecklich!“ ſtöhnte Martha und bedeckte ihr Ge⸗ ſicht mit beiden Händen. „Meine Geſchichte ſcheint Sie aufzuregen, ich will ſie Ihnen lieber ein andermal erzählen.“ „Nein, nein! Fahren Sie fort, ich höre.“ „Ich ſehe noch das Weib vor mir mit dem gelben, von Blatternarben zerfreſſenen Geſicht und den tückiſch ſtechenden Augen. Ich hätte ihr keinen Hund, verſchweige ein ſo zartes Geſchöpf anvertraut. Mir ſchnitt es jedes⸗ mal in's Herz, wenn ich die abgezehrten Pfleglinge mit den bleichen, altklugen Geſichtern und den großen, wie um Mitleid bittenden Augen auf dem jämmerlichen Hofe ſpie⸗ lend fand, wo ſelbſt an dem hellſten Tage kaum ein 116 Sonnenſtrahl hindrang und die Luft vollkommen vergiftet war. In ſechs Wochen, die ich in dem Hauſe zubrachte, gab es zwei Kinderleichen, die in den kleinen ſchwarzen Särgen auf den Kirchhof hinausgetragen wurden. Ein dritter Knabe ſchleppte ſich noch kaum auf den ſchwachen Beinchen, von demſelben Schickſal bedroht. Ich machte der ſchrecklichen Frau den Vorſchlag, doch einen Arzt für das kranke Kind anzunehmen. Sie lachte dazu und ſagte, daß ſie ſchon ſeit einem halben Jahre keinen Pfennig für den Jungen bekommen, deſſen Eltern ſie nicht einmal kannte, da ſie das Geld früher durch eine Hebamme, die ihr das Kind zur Pflege übergeben, ausgezahlt erhalten hatte. Die Hebamme war indeß verzogen und Niemand wußte, wohin ſie gekommen. Jetzt blieb ihr das Kind auf dem Halſe ſitzen; durch ſeinen baldigen Tod hoffte ſie nun von einer Laſt befreit zu werden.“ „Und hatte ſie keinen Schritt gethan, um die Eltern des armen Kleinen ausfindig zu machen?“ „Alle Erkundigungen waren vergebens. Die Ham⸗ burger Polizei, an die ſie ſich gewendet hatte, konnte ihr keine Auskunft ertheilen. Einſtweilen blieb ihr nichts übrig, als den Knaben bei ſich zu behalten. Sie können ſich denken, wie er von der habſüchtigen, eigennützigen Frau behandelt wurde. Ich konnte es nicht länger ruhig mitanſehen und fragte das Weib, ob es mir den Knaben 117 überlaſſen wollte. Sie war ſogleich dazu bereit; ich nahm ihn zu mir, obgleich ich an meinen„Sieben“ ſchon genug hatte. Meine Alte brummte zwar, als ich ihr dieſe neue Zugabe in das Haus brachte, aber bald war auch ſie damit zufrieden, da ſie noch ein weit beſſeres Herz wie ich beſitzt. Der Junge erholte ſich und gedieh unter unſerer Pflege. Wir hatten unſere Freude an ihm und betrachte⸗ ten ihn wie unſern eigenen Sohn. Als daher Herr Bau⸗ diſſen mir den Vorſchlag machte, den kleinen Franz an Kindesſtatt anzunehmen, ſträubte ich mich anfänglich aus allen Kräften dagegen. Nur der Gedanke, daß er es bei dem reichen Künſtler beſſer haben würde, als bei einem armen Teufel von Souffleur, ſiegte über meine Bedenken. So überließ ich ihm den Jungen, den er mit Gottes Hilfe zu einem tüchtigen Menſchen aufziehen wird.— Aber was fehlt Ihnen, mein Fräulein? Sie ſind ja plötzlich ſo blaß geworden wie eine Leiche. Schnell, Alte! ein Glas Waſſer.“ Martha war in der That durch die Erzählung des Souffleurs auf das tiefſte erſchüttert worden. Eine plötzliche Ahnung durchzuckte ſie, ein Schauer erfaßte ſie beim Hören; von Furcht und Hoffnung abwechſelnd er⸗ griffen, ſtrömte ihr Blut bald ſchneller nach dem Herzen, bald ſteckte es wieder in den erſtarrten Adern. Vor ihrer Seele ſchwebten die traurigen Bilder der Vergangenheit, 118 ſchwarze dunkle Schatten, welche ſie nicht zu bannen ver⸗ mochte. Ein längſt begrabenes Geſpenſt ſtieg vor ihren Augen auf, und vergeſſene Leiden, längſt überwundene Zweifel drängten ſich von Neuem aus den verborgenſten Winkeln ihres Lebens hervor. Mühſam heuchelte ſie noch ſo viel Faſſung, um den verwunderten Souffleur mit an⸗ genommener Gleichgiltigkeit nach dem Namen der Frau zu fragen, von welcher er den Knaben erhalten hatte. „Das Weib,“ antwortete er,„wurde nur Mutter Gravert genant. Ich habe ihre ganze Adreſſe aufgeſchrie⸗ ben. Wenn Ihnen Etwas daran liegt, ſo will ich ſie Ihnen unter meinen Papieren hervorſuchen.“ „Sie werden mich dadurch verbinden.“ „Wie es ſcheint,“ fügte der Souffleur unbefangen hinzu,„intereſſirt Sie der arme Franz. Ich würde mich freuen, wenn er durch Ihre und Herrn Baudiſſen's Be⸗ mühungen ſeine wahren Eltern entdeckte.“ „Daran hab' ich auch gedacht,“ entgegnete Martha, „beſorgen Sie mir nur die Adreſſe.“ „Die können Sie auf der Stelle haben.“ Nachdem der Souffleur einige Augenblicke in einer alten Kiſte, worin er ſeine Papiere und Briefſchaften zu verwahren pflegte, ſorgfältig geſucht hatte, zog er eine alte ſchmutzige Brieftaſche hervor. „Da d'rinnen muß die Adreſſe liegen.“ 119 Er reichte auch Martha einen vergelbten Zettel hin, den ſie begierig an ſich nahm, worauf ſie den ehrlichen Souffleur und ſeine gutmüthige Frau verließ. In der heftigſten Gemüthsbewegung eilte ſie über die Straße und nach ihrer Wohnung; hier ſank ſie ſchluchzend auf ihr Bett, die Kiſſen mit ihren heißen Thränen überſtrö⸗ mend. In dieſem aufgeregten Zuſtande wurde ſie von Fer⸗ dinand angetroffen, der verwundert nach der Urſache ihrer Leiden fragte. Bei ſeinem Anblicke richtete ſie ſich empor; mit verweinten Augen ſtarrte ſie ihn unheimlich an, ſo daß er vor ihrem bleichen, leidenden Ausſehen zuſammen⸗ ſchrack und den Scherz unterdrückte, der ihm auf den Lip⸗ pen ſchwebte. „Mein Gott!“ ſagte er.„Was iſt mit Dir geſchehen? Ich erkenne Dich kaum wieder.“ „Ferdinand!“ hauchte ſie.„Ich hätte Dich aufge⸗ ſucht, wenn Du nicht gekommen wäreſt. Ich muß heute einen Gegenſtand berühren, über den ich bisher um Dei⸗ net⸗ wie um meinetwillen geſchwiegen habe.“ „Wozu,“ ſagte er düſter,„die alten Geſchichten wieder aufrühren? Die Todten kommen doch nicht wieder; was das Grab hat, das behält es auch.“ „Was haſt Du mit dem Kinde gemacht, Ferdi⸗ nand?“ „Du weißt es ja eben ſo gut als ich. Während dem 120 Du im Wochenfieber ohne Beſinnung lagſt und ich nicht wußte, was ich mit dem Kleinen anfangen ſollte, über⸗ gab ich ihn der Hebamme, die mir verſprach, für ihn zu ſorgen. Ich ließ ihr ihn auch ſpäter, da wir uns bei un⸗ ſerer ungewiſſen Lebensweiſe doch nicht mit einem neuge⸗ borenen Kinde beſchweren konnten.“ „Du haſt mich gezwungen, das Kind zu verleugnen. Das verzeihe Dir Gott!“ 3 „Laß die Vorwürfe. Es thut nicht gut, wieder die alten Wunden aufzureißen. Wir haben Beide genung gelitten.“ „Ferdinand! Wenn das Kind nicht geſtorben, wenn der Kleine noch am Leben wäre—“ „Das iſt nicht möglich. Ich habe von der Hebamme den Todtenſchein bekommen, den ich Dir auch gezeigt habe.“ „Das Weib kann Dich betrogen haben. Wir waren damals in einer Lage, daß wir nicht die Wahrheit ihrer Angaben prüfen konnten.“ „Ich ſehe keinen Grund, warum ſie uns belogen haben ſoll. Quäle mich und Dich nicht länger mit ſolchen eitlen Hirngeſpinſten.“ „Kennſt Du eine Frau Namens Mutter Gra⸗ vert?“ fragte ſie ihn ſcharf beobachtend. ½ 121 „Ich habe mein Lebtag dieſen Namen nicht gehört. Wie kommſt Du darauf?“ antwortete er unbefangen. Martha ſtieß einen tiefen Seufzer aus; ſie hatte, durch die Erzählung des Souffleurs aufgeregt, ſich ihrer lebhaften Einbildungskraft zu ſehr überlaſſen und Hoff⸗ nungen daran geknüpft, die ſich nicht erfüllen ſollten. So ſehr ſie auch in Ferdinand drang und genau nach allen Umſtänden forſchte, welche auf das Schickſal des Kindes einen Bezug hatten, ſo konnte ſie doch nirgends eine klare Spur verfolgen. Alle ſeine Antworten zerſtörten das luftige Gebäude ihrer mit erneuter Gewalt hervorbre⸗ chenden Mutterliebe. Er überzeugte ſie immer mehr und mehr, daß ſie ſich einer bloßen Täuſchung überlaſſen hatte, ſo daß ſie zuletzt, wenn auch mit tiefem Schmerz ſich ge⸗ zwungen ſah, ihm beizuſtimmen. Sie war wieder um eine Hoffnung ärmer. Das Geſpräch hatte aber nur dazu beigetragen, die kaum ausgefüllte Kluft zwiſchen ihr und Ferdinand zu er⸗ weitern. Unwillkürlich wurden da die alten Verhältniſſe wieder aufgedeckt, Dinge berührt, die beſſer für immer vergeſſen geblieben wären. Sie konnte ihm nicht die Härte vergeben, womit er ſie einſt gezwungen hatte, ſich von ihrem Kinde zu trennen, indem er ihre damalige Hilfloſig⸗ keit und Verlaſſenheit benutzte. In ihrer gereizten Stim⸗ mung ließ ſie bittere Klagen mit heftigen Bar wijen ab⸗ 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 122 wechſeln, bis auch er erzürnt Gleiches mit Gleichem ver⸗ galt und im aufbrauſenden Zorne von ihr ging. Zum Erſtenmale nach längerer Zeit ſuchte er wieder Troſt bei der Flaſche und in der Geſellſchaft luſtiger Zechbrüder, während Martha allein die lange Nacht durchwachte. — Hiebentes Capitel. Vor dem Thore der bevölkerten Stadt lag eine Bier⸗ und Weinſtube, welche vorzugsweiſe von Schauſpielern, Literaten und Theaterfreunden beſucht wurde und den be⸗ zeichnenden Namen„der Fuchshöhle“ führte. Zu ſpäter Stunde, meiſt nach der Vorſtellung, verſammelte ſich da⸗ ſelbſt ein luſtiges, lockeres Volk. Hier wurde getrunken, geſpielt und vor allen Dingen die Aufführungen und Vor⸗ fälle der Theaterwelt oft in geiſtreicher Weiſe beſprochen. Zu den Schauſpielern geſellten ſich auch junge und ältere Lebemänner, die an dem genial liederlichen Treiben Ge⸗ fallen fanden. Für die Stammgäſte hatte der gewandte Wirth ein beſonderes Hinterzimmer eingeräumt, wo die⸗ ſelben ſich ungeſtört unterhalten konnten. Den Vorſitz an dem runden Tiſche führten der Baron von Gabelwitz und der Redakteur einer größeren Zeitung, ein eben ſo talent⸗ voller als blaſirter Schriftſteller, deſſen boshafte Zunge und Feder gleich gefürchtet wurden. * 8* 124 Nach dieſer Reſtauration, welche in den Augen der ſogenannten Philiſter ein Ort des Verderbens war, rich⸗ tete Ferdinand ſeine Schritte, um den eben ſtattgefunde⸗ nen Auftritt und die dadurch in ihm auflaufenden Erin⸗ nerungen zu vergeſſen. Bei ſeinem Eintritte fand er die kleine enge Stube mit den bekannten Gäſten angefüllt. Wieherndes Gelächter ſchallte ihm entgegen; ein dunkler Tabaksdampf vermiſcht mit den Ausdünſtungen der ver⸗ ſchiedenen geiſtigen Getränken erfüllte die drückende At⸗ moſphäre. Kaum vermochte er bei der ſchwachen Beleuch⸗ tung die einzelnen Geſichter zu erkennen, erſt nach und nach gewöhnte ſich ſein Auge an die hier herrſchende Dämmerung.— In der Mitte der langen Tafel ſaß der Baron von Gabelwitz; vor ihm dampfte ein heißes Glas Grog, welches ihm das Schankmädchen, mit dem klaſſiſchen Na⸗ men„der Guſtel von Blaſewitz“ getauft, ſo eben kredenzt hatte. Neben ihm hatte die Theaterſchlange, die nirgends fehlen durfte, ihren Platz genommen. In bunter Reihe lagerten Schauſpieler, Kritiker und jüngere Leute aus allen Ständen, welche den lachenden und beiſtimmenden Chorus bildeten. Das große Wort hatte der Zeitungs⸗ redakteur, der an dem einen Ende des Tiſches ſaß und bald den Einen, bald den Andern der Anweſenden zur Zielſcheibe ſeines Witzes machte.. Als Ferdinand ſich der Geſellſchaft näherte und mit einem höflichen Gruße Platz nehmen wollte, erhob ſich der Redakteur mit angenommener feierlicher Miene, um ihn anzureden. „Junger Mann,“ ſagte er mit komiſchem Pathos, „Sie ſcheinen ſich auf dem Holzwege zu befinden, wenn Sie ſo mir nichts dir nichts in dieſe geweihten Räume eindringen, welche nur dem bewährten Verdienſte und der anerkannten Geſinnung offen ſteht. Was haben Sie be⸗ reits für die Unſterblichkeit gethan? Können Sie den Nachweis führen, daß Sie im Stande ſind, ſo viel Sei⸗ del Bier und Gläſer Grog zu vertilgen, als dieſe ehren⸗ werthe Verſammlung? Können Sie uns die nöthigen unmoraliſchen Garantieen bieten, welche wir von jedem Neuling ein Recht zu fordern haben? Wiſſen Sie, was Katzenjammer iſt? Sie werden ſelbſt einſehen, daß Sie erſt einige Proben ablegen müſſen, ehe Sie in unſere Mitte aufgenommen werden können.“ „Ich unterwerfe mich,“ entgegnete Ferdinand in demſelben Tone,„jeder Probe, welche Sie mir auferle⸗ gen wollen.“ „So trinken Sie zuerſt dieſen Pokal ohne Abzu⸗ ſetzen aus,“ befahl der Redakteur mit wichtiger Miene, indem er auf ein großes, mehrere Maß umfaſſendes Ge⸗ fäß deutete. 126 Ohne Zaudern ergriff der Schauſpieler den Pokal, welchen er in wenig Augenblicken geleert hatte. „Ich ſehe,“ fuhr der Redakteur fort,„daß ſie einen ſchönen Zug am Leibe haben, und erlaſſe Ihnen darum die ferneren Proben im Namen unſerer Geſellſchaft, in der ich Sie willkommen heiße. Zugleich erlaube ich mir, Sie mit unſeren Statuten bekannt zu machen. Das erſte Gebot unſeres Bierſtaates lautet: Du darfſt nicht lang⸗ weilig ſein; zweitens: Du ſollſt nichts übel nehmen; drittens: Rede wie dir der Schnabel gewachſen iſt, und trinke immer mehr als du Durſt haſt, auf daß es Dir wohl ergehe im Himmel und auf Erden.— Nun können Sie ſich ſetzen und an unſerer überaus geiſtreichdummen Unterhaltung Theil nehmen.“ Auf dieſe lächerlich⸗pathetiſche Art wurde Ferdinand in die Geſellſchaft eingeführt, deren ungebundenes Trei⸗ ben ihm gleich zuſagte. Bald fand er ſich behaglich und ganz in ſeinem Elemente; er überließ ſich ſo von Neuem dem lang entbehrten Genuße und trank um ſo mehr, da er mit dem Entſchluſſe gekommen war, ſich zu betäuben. Unter den Anweſenden fand er manche be⸗ kannte Collegen; er mußte ihnen Beſcheid thun. Er glaubte ſich für ſeine bisherige Entſagung ſchadlos hal⸗ ten zu müſſen und vergaß bei ſeiner inneren Aufgeregt⸗ heit all' ſeine guten Vorſätze und die Verſprechungen, 9 127 welche er Martha und Baudiſſen abgelegt hatte. Die all⸗ gemeine Stimmung wurde immer ausgelaſſener und be⸗ täubte vollends die mahnende Stimme ſeines Gewiſſens. Der Zeitungsredakteur hänſelte die Theaterſchlange ſo lange, bis ſich Herr Silbermann genöthigt ſah, die ganze Geſellſchaft mit einer Ananas⸗Bowle zu traktiren. Eine ungeheuere Bowle wurde von dem Wirth unter luſtigen Sprüngen auf den Tiſch geſetzt, die Gläſer gefüllt und auf das Wohl des edlen Gebers geleert. „Es lebe die Theaterſchlange!“ rief der Redakteur, „dieſer Wohlthäter der durſtenden Menſchheit, dieſer Be⸗ ſchützer der Kunſt und der Künſtler.— Wer noch zweifelt, daß unſer Freund Geiſt hat, der blicke auf die Gläſer mit dem herrlichſten Geiſt gefüllt, den wir ihm einzig und allein zu verdanken haben. Wir wollen ihn dafür Kraft unſerer Stellung als Großmeiſter ſämmtlicher Füchſe mit dem Orden des rothen Fuchsſchwanzes be⸗ gnadigen und zum Ritter ſchlagen.“ Auf einen Wink des Redakteurs wurde der Ge⸗ feierte von zwei dazu auserwählten Gäſten in die Mitte genommen und vor den Stuhl des Großmeiſters geführt. Alle Anweſenden waren aufgeſtanden und ſchloſſen einen Kreis um die komiſche Gruppe. Der Redakteur hatte einige Servietten in Form eines kurzen ſpaniſchen Man⸗ tels umgeſchlungen und einen für ſolche Fälle in Bereit⸗ ſchaft gehaltenen Fuchsſchwanz in die Hand genommen. 128 „Kniet nieder, edler Silbermann!“ gebot er mit feierlicher Stimme. Der Angeredete kniete mit verlegenem Geſichte auf den Boden hin, fortwährend in dieſer Stellung von ſei⸗ nen Begleitern gehalten. Dreimal ſchlug der Redakteur ihn ziemlich unſanft mit dem Fuchsſchwanz auf die Wange und über den Kopf. „Empfange hiermit,“ fügte er hinzu,„den Rit⸗ terſchlag des Fuchsſchwanzes für Deine unermeßlichen Verdienſte. Sei, was du ſtets geweſen biſt, ein Fuchs, aber in erhöhier Potenz. Wie unſer Ahnherr der be⸗ rühmte Reinecke unſeligen Angedenkens lüge und be⸗ trüge, ſchmeichle und heuchle, raube und ſtehle, verführe unſchuldige Jungfrauen und plündre die thörichten Schafe und Hammel dieſer Erde. Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Die Welt will betrogen werden, folglich muß man ſie betrügen. Dazu gehört aber vor allen Dingen ein feiner Fuchsverſtand und ein Fuchsgewiſſen. Beides mußt du Dir anzuſchaffen ſuchen.— Die Füchſe regieren die Welt, ihnen gehört die Herrſchaft. Was ſind unſere Diplomaten? Füchſe, welche die dummen Hühner und Gänſe prellen. Was unſere Pietiſten? Schlaue Füch⸗ ſe, welche zu rechter Zeit ihre Krallen vorſtrecken. Was unſere Finanzmänner? Füchſe, welche ihren Schwanz ins Waſſer ſtecken, damit die einfältigen Aktionäre daran hän⸗ 129 gen bleiben und gemüthlich verſpeiſt werden. Die ganze Menſchheit zerfällt nur noch in Betrüger und Betrogene, in Füchſe und Eſel. Letztere werden von den Erſteren ausgezogen, ausgeſogen; ſie müſſen das Kreuz tragen und Diſteln freſſen, während Jene junge Tauben und das feinſte Wild verſchmauſen. Nur der Fuchs genießt das Leben, und wenn die Trauben noch ſo hoch hängen, ſo weiß er ſie doch zu erreichen. Von allen Thieren beſitzt er den meiſten Verſtand, das beweiſ't er ſchon dadurch, daß er, wie alle genialen Naturen, den Wein leidenſchaft⸗ lich liebt.— Nur Thoren können ihm den Vorwurf ma⸗ chen, daß er als ein eingefleiſchter Egoiſt erſcheint. Egois⸗ mus iſt die Triebfeder der ganzen Welt, der Vater aller großen Thaten. Man muß ein Dummkopf oder Heuchler ſein, um dieſe Behauptung leugnen zu wollen. Was ſind alle Helden und ausgezeichnete Männer der Vergangen⸗ heit und Gegenwart? Eingefleiſchte Egoiſten, die für ihren Ruf oder Vortheil Alles wagten. Alexander der Große, Cäſar, Napoleon und dort unſer würdige Freund Gabelwitz, der in unzähligen Schlachten nach ſeiner Behauptung ſiegreich mitkämpfte— es ſind ausge⸗ machte Egoiſten. Hinter den ſogenannten edelſten Gefüh⸗ len guckt der Fuchsſchwanz des Egoismus hervor. Was iſt Freundſchaft? Eine Verbindung der gegenſeitigen In⸗ tereſſen und Neigungen. Die Liebe, eine Befriedigung 130 unſerer Eitelkeit verbunden mit dem Kitzel der Sinnlich⸗ keit; die Ehe eine Verſorgungsanſtalt für invalide Män⸗ ner und ſich für Putz und eine Equipage verkaufenden Mädchen. Der Staat und die bürgerliche Geſellſchaft werden nur noch durch die Furcht und den Egoismus Aller zuſammengehalten. Jeder würde die Anarchie vor⸗ ziehen und lieber ohne Geſetze im Vollgenuße ſeiner Frei⸗ heit leben wollen, wenn er nicht Angſt vor dem ſtärkeren Nachbar hätte. Darum Ehre dem Fuchſe, der das Welt⸗ prinzip ſo offen zur Schau trägt; er ſoll unſer Vorbild ſein, das Ideal, dem wir nachſtreben wollen, ohne es je erreichen zu können. Indem ich aber unſerm würdigen Bruder dieſen Ritterſchlag mit dem geweihten Fuchs⸗ ſchwanz ertheile, rufe ich ihm noch aus vollem Herzen zu: Silbermann! werde ein echter Fuchs, aber ſei kein Efel!“— Unter rauſchendem Beifalle ſchloß der Redakteur ſeine Rede und beendete die Ceremonie, worauf die Thea⸗ terſchlange von den beiden Begleitern auf ihren Platz zu⸗ rückgeführt wurde. Die Fröhlichkeit hatte damit ihren Gipfelpunkt erreicht, kein Scherz wollte mehr recht ver⸗ fangen. Jetzt hielt es Baron von Gabelwitz an der Zeit, die bereits aufbrechende Geſellſchaft durch einen annehm⸗ baren Vorſchlag zurückzuhalten. „Wie wär' es,“ ſagte er mit freundlichem S chmun⸗ zeln,„wenn wir eine kleine Bank legten.“ 131 „Geſprochen wie Salomo,“ pflichtete der Zei⸗ tungsſchreiber bei,„nulla dies sine linea, keine Nacht ohne ein Bänkchen.“ „Das Spiel iſt ein Laſter,“ ſeufzte die Theater⸗ ſchlange, der erſt am vergangenen Abend eine bedeu⸗ tende Summe verloren hatte. „Aber ein angenehmes Laſter,“ ſcherzte der Redak⸗ teur.„Baron! Ich bin mit von der Partie, vorausge⸗ ſetzt, daß Sie nicht wie der ehrliche Riccaut in Leſſing's Minna von Barnhelm das thun, was die Franzoſen mit dem Ausdrucke: corriger la fortune, bezeichnen.“ „Sie wollen mich doch nicht beleidigen?“ fragte der Baron von Gabelwitz, welcher als Spieler nicht in dem beſten Rufe ſtand. „Wo denken Sie hin? Ich traue Ihnen die beſten Abſichten auf unſere Börſen zu. Aber beeilen Sie ſich, ehe die Geſellſchaft ſich auflöst.“ Schnell vergaß der Baron ſeine Empfindlichkeit und zog die bereit gehaltenen Karten aus der Taſche; zugleich warf er eine ziemlich volle Börſe mit lautem Geräuſch auf den Tiſch, ſo daß die darin enthaltenen Goldſtücke hell erklangen. Die meiſten der Anweſenden konnten dem Zauber einer ſolchen Muſik nicht widerſtehen und folgten der beredten Einladung des Banquiers, der bereits ſeinen Poſten eingenommen hatte. Rings um ihn hatte ſich ein 132 Kreis gebildet, in dem ſich auch Ferdinand befand. Die alte Leidenſchaft für das Spiel war mit neuer Kraft in ihm erwacht um ſo heftiger, je länger er ſich dieſe Entbehrung aufgelegt hatte. Anfänglich hielt ihn die Erinnerung an ſeine frü⸗ heren Verluſte und die entſetzliche Lage, in die er ſich dadurch verſetzt hatte, noch zurück. Er wollte nur zu⸗ ſehen und ſich als ruhiger Beobachter an dem Gange des Spiels und den Wechſelfällen desſelben begnügen laſſen. Eine Viertelſtunde widerſtand er auch wirklich der lockenden Verſuchung, länger aber hielt er es nicht aus. Wie die blitzenden Goldſtücke auf dem Tiſche hin und her flogen, die Thaler rollten, die Kaſſenſcheine aus einer Hand in die andere gingen, da wurde er wie von einem unwiderſtehlichen Schwindel ergriffen. Das we⸗ nige Geld, welches er in ſeiner Taſche trug, brannte ihn wie glühende Kohlen; unwillkürlich zuckte ſeine Hand nach dem Portemonnaie. Ehe er nur ſelber wußte, wie es zugegangen, hatte er einige Karten beſetzt, gewonnen und wieder verloren. Jetzt wollte er aufhören, aber der Dämon des Spiels hielt ihn bereits von Neuem feſt und ließ ihn nicht mehr los. Die brennenden gierigen Augen auf die Karten geheftet, mit der zitternden Rechten in den wirren Haaren wühlend, während die Linke ein Geldſtück nach dem andern verlangte und krampfhaft hin 133 und her ſchob, überließ er ſich der verzehrenden Leiden⸗ ſchaft.— Mit dem Verluſte ſteigerte ſich die Begierde; je unglücklicher er war, deſto kühner und verwegener wurde er. Es galt das Verlorene wieder zu gewinnen, die zuſammengeſchmolzene Baarſchaft durch verwegenes Wagen zurückzubringen. Er verdoppelte die Einſätze, bog Paroli auf Paroli, ſtatt ſich mit der kleinen Gunſt der launiſchen Glücksgöttin zu begnügen, wenn dieſe, was freilich nur ſelten geſchah, ihm wiederum einmal lächelte. Dazwiſchen trank er aus dem immer neu ge⸗ füllten Glaſe, zuweilen lachte er wild über die Tücke des Schickſals, oder fluchte er über ſein Unglück. So trieb er es, bis der letzte Thaler in die Hände des Banquiers gefallen war und er keinen Groſchen mehr beſaß, um das Spiel fortzuſetzen. „Ich bin fertig,“ ſchrie er wild.„Hoffentlich ge⸗ ſtatten Sie, daß ich auf mein Ehrenwort weiter ſetze.“ „Thut mir Leid,“ entgegnete der Baron von Ga⸗ belwitz;„aber das iſt gegen meine Grundſätze.“ „Trauen Sie nicht meinem Ehrenwort?“ fragte Ferdinand gereizt. „Davon kann keine Rede ſein, aber ich kann keine Ausnahme machen. Unterbrechen Sie nicht das Spiel; die Zeit iſt edel.“ * 134 In ſeiner Verlegenheit wandte ſich der Unverbeſſer⸗ liche an den Redakteur, der bedeutend im Gewinne war. „Borgen Sie mir zwanzig Thaler,“ bat er ihn. „Am Gagentage zahle ich Ihnen das Geld wieder.“ „Von Herzen gern,“ antwortete dieſer.„Kommen Sie zu jeder andern Zeit, und meine Kaſſe ſoll Ihnen offen ſtehen, nur nicht wenn ich ſpiele. Ich geſtehe Ihnen, daß ich abergläubiſch bin. Wenn man beim Spielen Geld verborgt, ſo jagt man ſein Glück fort. Das iſt eine Er⸗ fahrung, die ich gemacht habe. Aber ich wette, daß Freund Silbermann ſolche Vorurtheile nicht hat; er wird Ihnen gern den kleinen Dienſt erweiſen.“ In der That ließ ſich die Theaterſchlange ſogleich bereit finden, Ferdinand die gewünſchte Summe ohne alle Umſtände vorzuſchießen. Dieſer nahm ſich kaum Zeit ihm dafür zu danken und eilte ſogleich wieder an die Bank, wo er mit abwechſelndem Glücke ſo lange ſpielte, bis auch das geliehene Geld dahin war. Eine neue An⸗ leihe wurde von ihm verſucht, und auch diesmal kam Herr Silbermann ihm auf die gefälligſte Weiſe entgegen, ohne daß Ferdinand mit den neuen Hilfstruppen beſſer fuhr; auch ſie wanderten in den unerſättlichen Schlund der Bank. Das fahle Morgenlicht ſchien bereits durch die Fenſter der kleinen Hinterſtube und beleuchtete die wü⸗ 135⁵5 ſten, bleichen Geſichter der Nachtſchwärmer, als der Ba⸗ ron von Gabelwitz ſeinen anſehnlichen Gewinnſt einſtrich, den Rock bis oben hinauf zuknöpfte und ſich zum Auf⸗ bruche anſchickte. Die übrige Geſellſchaft folgte ſeinem Beiſpiele und auch Ferdinand verließ die für ihn ſo ver⸗ hängnißvolle„Fuchshöhle“, wo er eine für ſeine Ver⸗ hältniſſe bedeutende Summe verloren und außerdem noch eine größere Schuld auf ſich geladen hatte. „Ich werde Ihnen,“ ſagte er im Hinausgehen zu der Theaterſchlange,„die fünfzig Thaler am nächſten Gagentage zahlen.“ „Reden Sie doch nicht,“ antwortete der freund⸗ liche Silbermann,„von einer ſolchen Kleinigkeit. Es war mir eine Freude, Ihnen dieſen Gefallen erwieſen zu ha⸗ ben. Wenn Sie wollen, ſteht Ihnen noch mehr zu Dienſte. Mir kommt es auf die lumpigen Paar Thaler nicht an.“ „Sie ſind ein herrlicher Mann!“ rief Ferdinand in einem Anfluge des in der freien Luft erſt zum Aus⸗ bruch kommenden Rauſches.„Wenn ich bedenke, wie ſich der Baron und der Redakteur benommen hat.“ „Reden Sie nicht von dieſen Egoiſten. Der Baron iſt ein Aventurier und der Zeitungsſchreiber ein herzloſer, blaſirter Menſch.“ „Sie aber der wahre Phönix aller Kunſtfreunde.“ —— 136 „Ja! es iſt wahr: ich liebe die Künſtler und bin im Stande Alles für ſie zu thun. Es gibt in ganz Deutſch⸗ land kein Talent, das nicht Bekanntſchaft mit meiner Börſe gemacht hat. Ich geb' es aber gern, da ich kein größeres Vergnügen kenne, als mit genialen Leuten um⸗ zugehen. Ich habe längſt gewünſcht, Ihnen und Ihrer verehrten Braut meine Aufwartung zu machen.“ „Und warum haben Sie das nicht ſchon gethan?“ fragte Ferdinand, der zu der Theaterſchlange eine ſchnelle Neigung faßte. „Mein Gott! Ich wollte nicht gern Ihnen gegen⸗ über zudringlich erſcheinen. Die junge Dame, für die ich die größte Verehrung empfinde, lebt, wie ich höre, ſehr zurückgezogen. Ich wollte deshalb nicht läſtig fallen.“ „Ein Mann wie Sie wird ihr gewiß ſtets will⸗ kommen ſein.“ „Beſonders,“ fügte Silbermann mit einem ſchlauen Lächeln hinzu,„wenn Sie mich bei Ihrer Braut ein⸗ führen.“— „Mit vielem Vergnügen. Sie brauchen mir nur die Zeit zu beſtimmen.“ „Je eher, je lieber. Ich kann Ihnen gar nicht ſa⸗ gen, wie ſehr mich das Fräulein intereſſirt. Dagegen iſt die Schenkel nichts, gar nichts, pure Unnatur; vom 137 Kopf bis zu den Füßen Alles falſch. Pierre de Strass, nachgemachte Brillanten.— Wenn ich dagegen Ihr Fräu⸗ lein Braut betrachte. Welch' eine noble, ich möchte ſagen edle Phyſiognomie und die ätheriſche Figur! dabei weder zu groß noch zu klein, weder zu dick noch zu ma⸗ ger. Und der kleine Fuß und die Hand mit den langen feinen Fingern, eine echt ariſtokratiſche Hand zum Küſſen.“ Augenſcheinlich war Herr Silbermann in einem Zu⸗ ſtande der höchſten Ekſtaſe, als er ſo von den Reizen Martha's ſprach, die auf ſein empfängliches Herz einen bedeutenden Eindruck gemacht zu haben ſchienen. Die klei⸗ nen lüſternen Augen des alten Wüſtlings funkelten in wollüſtiger Glut, ſeine ſinnlich aufgeworfenen Lippen ver⸗ zogen ſich zu einem genußſüchtigen Schmatzen und Schlür⸗ fen, wie man es bei Feinſchmeckern und alten Lebemän⸗ nern findet, wenn ſie von ihrer verdorbenen Phantaſie aufgeſtachelt und geprickelt werden.— Schon lange war die Theaterſchlange heimlich um Martha herumgeſchlichen und hatte ſich ihr zu nähern geſucht, ohne daß es ihm bisher geglückt war. Alle Bemühungen, mit ihr genauer bekannt zu werden, waren an ihrer bekannten Zurückgezo⸗ genheit geſcheitert; aber gerade die Schwierigkeit, welche er hier ungewohnter Weiſe fand, reizten nur noch mehr die Begierden des alten Sünders.„Dazu kam noch ein 1859. XXII. Eine arme Seele, II. 9 beſonderer Umſtand, der ihn Alles aufbieten ließ, um ſich den Zutritt bei ihr zu verſchaffen. Seit langer Zeit hatte zwiſchen ihm und dem Ritt⸗ meiſter von Blum eine Art von Rivalität ſtatt gefunden. Beide hielten ſich für unwiderſtehlich und betrachteten die zum Theater gehörigen Damen als ihre ausſchließlichen Eroberungen, wobei ſich der jüngere und unternehmendere Rittmeiſter auf ſeine chevalreske Erſcheinung und ſeine Kühnheit, Herr Silbermann dagegen auf ſeine materiellen Verdienſte, ſeinen Reichthum und ſeine Freigebigkeit ver⸗ ließ. Beide geriethen in vielfache Colliſionen und ſuchten ſich gegenſeitig aus dem Felde zu drängen und bei der oder jenen Schönen auszuſtechen. Dies war auch ſeit Martha's erſtem Auftreten der Fall, obgleich dieſe keine Ahnung von den Abſichten und Bemühungen der ehren⸗ werthen Herren um ihre Perſon hatte. Ohne ſich von ihrer Kälte zurückſchrecken zu laſſen, war der Rittmeiſter mit ſeiner gewöhnlichen Keckheit aufgetreten. Gleich nach der Vorſtellung des Egmont hatte er ſich bei ihr anmelden laſſen, war jedoch von ihr nicht angenommen worden. Nichts deſto weniger ſetzte er mit unermüdlicher Beharrlichkeit ſeine Beſuche fort, wobei er jedoch nicht glücklicher war, da Martha eben ſo wenig für ihn wie für andere Herren zu Hauſe anzutreffen war. Ein Verſuch hinter den Couliſſen mit ihr bekannter 139 zu werden, führte ihn ebenfalls nicht zum gewünſchten Ziele, da ſie ihm abſichtlich auswich und ohne gerade unhöflich zu ſcheinen, ihm jede Gelegenheit abſchnitt, ihr näher zu treten. Dem unwiderſtehlichen Rittmeiſter war ein ſolches Benehmen in ſeiner langjährigen Praxis noch nicht vor⸗ gekommen; jetzt ſah er es als einen Ehrenpunkt an, Martha's Eroberung zu machen, und ſollte es ihm Alles, nur nicht Geld koſten. Er nahm das feinſte Poſtpapier von roſiger Farbe und erbat ſich in den zarteſten und ſchmeichelhafteſten Phraſen die Erlaubniß, ihr ſeine Auf⸗ wartung vor der Parade machen zu dürfen. Wer ſchildert ſein Erſtaunen und ſeine Wuth, als er zum Erſtenmale in ſeinem Leben von einer Schauſpielerin eine zwar über⸗ aus höfliche, aber abſchlägige Antwort unter dem Vor⸗ wande erhielt, daß ſie mit dem Studium ihrer Rollen zu ſehr beſchäftigt auf das Vergnügen ſeines Beſuches verzichten müßte.— Durfte das ungerächt bleiben? So leicht war indeß der Rittmeiſter nicht geneigt, ſeine problematiſche Eroberung fahren zu laſſen. Er wollte noch einen Verſuch wagen und ſchrieb zu dieſem Zwecke einen Brief voll der heißeſten Liebesſchwüre und Betheu⸗ erungen ſeiner Leidenſchaft. Das Schreiben übergab er dem Burſchen mit den pyramidalen Fäuſten zur ſchleuni⸗ gen Beſorgung. Unglücklicher Weiſe entledigte ſich der 9* 140 Poſtillon d'Amour ſeines Auftrages in einer höchſt com⸗ prommitiver Art, indem er den Brief an eine falſche Adreſſe abgab. Der zu ſolchen Dienſten nicht geeignete Burſche, des Leſens und Schreibens unkundig, trug den Brief ſtatt zu Martha, zu Fräulein Schenkel, an die er früher ſchon ſo manche Beſtellung von Seiten ſeines Herrn auszurichten hatte. Man kann ſich die Wirkung eines ſolchen Mißverſtändniſſes leicht denken. Die frühere Geliebte des Rittmeiſters benutzte die Gelegenheit, ihren treuloſen Anbeter lächerlich zu machen, und zeigte das Billet deux, welches der Zufall in ihre Hände geſpielt hatte, öffentlich auf der Probe. Bald war die ganze Theaterwelt mit dem Inhalt bekannt und der arme Ritt⸗ meiſter wurde die Zielſcheibe ihrer Witze. Die Theaterſchlange freute ſich nicht wenig über die Niederlage ihres Gegners und ließ es nicht an Necke⸗ reien fehlen, über die der Rittmeiſter in Raſerei gerieth. Silbermannn ging mit ihm eine Wette ein, daß er glück⸗ licher als er bei Martha ſein und dieſe ſeine Beſuche an⸗ nehmen würde. Eine anſehnliche Summe wurde feſtgeſetzt, die dem Gewinner zufallen ſollte.— Unter dieſen Umſtän⸗ den konnte dem alten Wüſtling kein Ereigniß willkomme⸗ ner ſein, als ſeine Bekanntſchaft mit Ferdinand, den er ſich durch den ihm geleiſteten Dienſt auf das höchſte ver⸗ pflichtet hatte. Mit ſeiner Hilfe durfte er jetzt hoffen, Zu⸗ tritt zu der unnahbaren Martha zu erhalten. 141 Nochmals bot er dem Schauſpieler ſeine Börſe an, wogegen dieſer ihm das Verſprechen gab, ihn ſeiner Braut ſchon am nächſten Tage vorzuſtellen. Beide ſchieden als die beſten Freunde von der Welt. Silbermann war beſonders ganz glücklich mit dem Gedan⸗ ken, dem ihm verhaßten Rittmeiſter ſeine Ueberlegenheit bei dem weiblichen Geſchlechte in ſo eklatanter Weiſe darzuthun und ſomit auch die proponirte Wette zu ge⸗ winnen. In der heiterſten Stimmung von der Welt, eine lu⸗ ſtige Operarie trällernd tänzelte der Geck nach ſeiner Woh⸗ nung, wo er ſich dem Schlafe des Gerechten bis zur ſpäten Mittagsſtunde überließ. Achtes Capitel. Wenn man dem Böſen nur einen Finger reicht, ſo hat er einen ganz. Dieſes wahre Sprüchwort ſollte Fer⸗ dinand bald an ſich wieder erfahren. Seit dem erſten Be⸗ ſuche in der Fuchshöhle verging kein Abend mehr, wo er nicht daſelbſt ſich ſehen ließ. Bald gehörte er zu den Stammgäſten der verrufenen Kneipe, die er ſelten nur vor Mitternacht und meiſt in einem nicht zurechnungsfä⸗ 3 higen Zuſtande verließ. Seine Freundſchaft mit der Theaterſchlange ſchien mit jedem Tage intimer zu werden, da Silbermann ſein Verſprechen hielt und ihm einen an⸗ ſehnlichen Credit gewährte. Dafür hatte Ferdinand ſo lange in Martha gedrungen, bis dieſe nachgab und den Beſuch des alten Gecken duldete. Zur beſtimmten Stunde erſchien Silbermann in gewählter Toilette und mit einem prachtvollen Blumenſtrauß in ihrer Wohnung. Er benahm ſich anfänglich mit einem gewiſſen väterlichen Wohlwollen, 143 indem er ſich als Theaterliebhaber und Kunſtfreund bei ihr einführte, ſo daß Martha über ſeine wahren Abſichten vollkommen getäuſcht wurde. Durch eine geheuchelte Gut⸗ müthigkeit ſuchte er ihr Vertrauen zu gewinnen, wobei er mit anerkennungswerther Feinheit und Schlauheit verfuhr. Kleine Schwächen und Lächerlichkeiten in ſeiner Erſcheinung entſchuldigte die Argloſe um ſo leichter, da ſie Ferdinand bereits darauf vorbereitet hatte und ſie dieſem zu Gefallen gern derartige verzeihliche Eigenthümlichkeiten überſah. Auch bei ſeinen ferneren Beſuchen, die ſich häufig genug wiederholten, beobachtete Silbermann die von ihm eingeſchlagene Politik, indem er ſich in den Schranken anſtandsvoller Verehrung hielt und lediglich die Stellung eines älteren, aufrichtigen Freundes für ſich zu beanſpru⸗ chen ſchien. Er ſprach ſo theilnehmend über ihre Verhält⸗ niſſe, zeigte ſich bei jeder Gelegenheit ſo uneigennützig und rückſichtsvoll, äußerte ſo moraliſche und vortreffliche Anſichten und Grundſätze, daß ſie nicht den geringſten Zweifel in ſeine Aufrichtigkeit ſetzen konnte. Ihre eigene Verlaſſenheit machte ſie nur noch geneigter, ſeinen Um⸗ gang zu dulden und ihm ohne Bedenken die Rechte eines guten Bekannten und väterlichen Freundes nach und nach einzuräumen. Kleine Gefälligkeiten, die er ſich ihr zu er⸗ weiſen bemühte, nahm ſie dankbar an, während ſie ein 144 größeres Geſchenk, das in einem koſtbaren Armbande be⸗ ſtand, mit Entſchiedenheit ausſchlug. Ihre in der Thea⸗ terwelt ſonſt nicht alltägliche Uneigennützigkeit erhöhte nur ſeine Leidenſchaft und ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit, da er einſt um Seinetwillen allein geliebt zu werden hoffte. Nebenbei war die Theaterſchlange ein wunderliches Ge⸗ miſch von Geiz und Verſchwendungsſucht. Zur Befriedi⸗ gung ſeiner Begierden und Vergnügungen war Herrn Silbermann nichts zu koſtſpielig, während er bei andern Gelegenheiten um einen Heller knauſerte. Wo es ſich um ſeine Genüſſe handelte, warf er mit vollen Händen das Geld fort, das er meiſt durch gemeinen Wucher erwor⸗ ben hatte. Seinem Grundſatz getreu, daß mit Geld und Ge⸗ duld jedes Weib zu erobern ſei, ging er als erfahrener Praktikus langſam zu Werke, um nicht Martha's Ver⸗ dacht zu erregen, da er ſogleich in ihr keine der gewöhn⸗ lichen und leicht zu gewinnenden Theaterdamen erkannt hatte— ein Umſtand, der nicht wenig dazu beitrug, ihn nur noch mehr zu reizen. Einſtweilen begnügte er ſich die Fäden des Netzes immer dichter um ſeine Beute zu ſchlingen, wobei er hauptſächlich auf Ferdinand's Ab⸗ hängigkeit rechnete, der ihm bereits anſehnliche Summe ſchuldig und dadurch vollkommen in ſeiner Gewalt war. So oft Silbermann jetzt dem Rittmeiſter begegnete, lächelte er in eigenthümlicher Weiſe, wenn ihn dieſer nach ſeinen Fortſchritten bei Martha fragte. Der alte Geck ſpielte den Geheimnißvollen und Diskreten, ließ jedoch ſeinen Nebenbuhler geſchickt ahnen, daß er ſeinem Ziele nahe ſei, worüber jener in Wuth gerieth. Seitdem die Theaterſchlange ihre Wette gewonnen hatte, war der durch eine ſolche Niederlage doppelt gekränkte Rittmeiſter mit Sack und Pack, das heißt, mit ſeinem pyramidalen Burſchen in das feindliche Lager der erſten Liebhaberin übergegangen, wo der Reuige, ungeachtet aller früheren Vorgänge, mit offenen Armen aufgenommen wurde.— Martha's Erfolge mußten Fräulein Schenkel nothwen⸗ diger Weiſe ſchwer kränken und ſie zu erhöhter Thätigkeit anſpornen. Es hatte auch nicht von ihrer Seite an er⸗ neuten Verſuchen gefehlt, die verhaßte Rivalin zu beſei⸗ tigen, aber leider waren dieſelben bis jetzt an verſchie⸗ denen Umſtänden geſcheitert. Zunächſt ſchien es in dieſem Falle ſich wirklich zu beſtätigen, daß das wahre Talent mit Fleiß und Streben verbunden alle Hinderniſſe zu beſiegen wiſſe. Das Publikum ließ ſich diesmal nicht irre machen und lohnte die Anſtrengungen der jungen Künſtlerin mit ſeinem Beifall. Dadurch ſah auch der verliebte Regiſſeur ſich einigermaßen gebunden, indem er nicht offen ein ſo anerkanntes und gern geſehenes Talent zu unterdrücken wagte, ſelbſt wenn die Direktion es ru⸗ 146 hig geduldet hätte. Dieſe war jedoch zu ſehr auf ihren eigenen Vortheil bedacht und ergriff mit Freuden die ge⸗ botene Gelegenheit, die übertriebenen Anſprüche der Schenkel durch Begünſtigung ihrer Nebenbuhlerin herab⸗ zuſtimmen. Auch die Kritik ſah ſich gezwungen, der öffent⸗ lichen Meinung beizuſtimmen und Martha's Begabung anzuerkennen, wenn ſie nicht den Vorwurf der Parteilich⸗ keit auf ſich laden wollte. Einige wahrhaft ehrenwerthe Rezenſenten machten den Anfang, und bald folgten die Uebrigen nach, bis auf einige Winkelſchriftſteller von mehr als zweideutigem Rufe, welche im Solde der erſten Lieb⸗ haberin ſtanden und keine Gelegenheit vorbeigehen ließen, Fräulein Schenkel bis zu den Wolken zu erheben und Martha mit den gemeinſten Angriffen zu beſchmutzen.— Unter ſolchen Umſtänden mußte die erſte Liebhabe⸗ rin im Gefühle ihrer Ohnmacht vorläufig ſich beſiegt erklären. Sie hatte indeß keineswegs die Hoffnung aufge⸗ geben, ihre Nebenbuhlerin zu ſtürzen, und wartete einſt⸗ weilen ihre Zeit ab, indem ſie auf eine paſſende Gelegen⸗ heit wie die Spinne in ihrem Netze lauerte und die Zahl ihrer Getreuen zu verſtärken ſuchte. Der Rache ſchnaubende Rittmeiſter war ihr daher ein willkommener Zuwachs, da ſie auf ſeine Unterſtützung bei ihren Plänen rechnen durfte. Unbekümmert um all' dieſe Vorgänge lebte Martha 147 nach wie vor ledeglich ihrer Kunſt, zufrieden mit dem be⸗ ſcheidenen Looſe, das ſie ihrem Fleiße zu verdanken hatte, und bemüht, ihren Rollen jenen Grad von Vnllkommen⸗ heit zu geben, der ihr fortwährend vorſchwebte. Dieſes hohe Streben wurde noch mehr durch die nahe bevor⸗ ſtehende Ankunft Baudiſſen's angefacht, der zu einem Gaſtſpiele erwartet wurde. Mehrere neue und ältere Stücke wurden hervorgeſucht und einſtudirt, in denen ſie neben ihm auftreten ſollte. Der Gedanke, neben dem verehrten Meiſter einigermaßen würdig zu erſcheinen und ihm ihre gemachten Fortſchritte zu beweiſen, nahm all' ihre Kraft vollends in Anſpruch, ſo daß ſie darüber nicht nur die Außenwelt, ſondern auch den tieferen Kummer ihrer Seele vergaß. Seit jenem Abende, wo ſie mit Ferdinand über das Schickſal des Kindes geſprochen hatte, war ſie in eine düſtere Schwermuth verſunken, aus der ſie ſich jetzt gewaltſam herausriß. Das Bild des verlorenen Knaben, das durch die Erzählung des Souffleurs mit er⸗ neuter Gewalt auftauchee, verblaßte nach und nach wieder vor den Forderungen der Gegenwart. Sie mußte aus überzeugenden Gründen jede Hoffnung ſchwinden laſſen und Herrin ihrer Stimmung zu werden ſuchen, wenn ſie noch ferner den Anſprüchen genügen ſollte, die durch das Gaſtſpiel Baudiſſen's an ſie gemacht wurden. Die Vormittage mußte ſie auf den Proben zubrin⸗ 148 gen, die wenigen ihr übrig bleibenden Stunden zum Ordnen und Anfertigen ihrer Garderobe verwenden. Ihre beſchränkte Lage nöthigte ſie, ſelbſt alle Anzüge zu nähen und umzuändern. Außerdem laſteten noch die Sorgen der Wirthſchaft und des Hausweſens für ſich und Ferdinand auf, ſo daß ihr wenig Zeit übrig blieb, den eigenen Ge⸗ danken nachzuhängen. Dafür entſchädigte ſie aber die Ausſicht, den treuen Freund und großen Künſtler wieder zu ſehen, deſſen Lehre und Beiſpiel einen ſo großen und vortheilhaften Einfluß auf ihre ganze künſtleriſche Richtung ausübte. Nun ſollte ſie in wenig Tagen ihm wieder in das offene Auge ſchauen, ſeine geiſtreichen und intereſſan⸗ ten Geſpräche hören, ſich ſeines perſönlichen Umgangs freuen, den ſelbſt der ihr ſo theuere Briefwechſel nicht zu erſetzen vermochte. Unverholen ſprach ſie ihr Vergnügen über ſeine Ankunft aus, und Herr Silbermann konnte nur in ihren Augen gewinnen als er mit enthuſiaſtiſcher Ver⸗ ehrung für Baudiſſen ihr beipflichtete und ihre Bewunde⸗ rung zu theilen ſchien. „Wir wollen ihm,“ ſagte die Theaterſchlange,„auch einen Empfang bereiten, wie ihn noch kein Künſtler erlebt hat. Kränze und Gedichte ihm zu Ehren will ich beſor⸗ gen. Es kommt mir auf ein Paar lumpige Thaler nicht an. Dabei ſollen Sie auch nicht leer ausgehen. Jedes⸗ mal, wenn Baudiſſen gerufen wird, müſſen Sie auch kom⸗ men. Das werd' ich ſchon machen.“ 149 „Von mir kann keine Rede ſein. Neben einem ſol⸗ chen Künſtler muß mein geringes Verdienſt verſchwinden.“ „Nur die Lumpe ſind beſcheiden. Ich ſage Ihnen, Sie ſind auch nicht ohne und Sie werden als„Gretchen“ im Fauſt neben Baudiſſen als Mephiſto ſich noch immer ſehen laſſen können. Gott! Wenn ich an den Genuß denke, der uns bevorſteht, bekomme ich ordentlich einen Schwindel. 4 Voll Entzücken hatte er Martha's Hand ergriffen, die er mit leidenſchaftlichen Küſſen dedeckte, ohne daß ſie dieſen Ausbruch ſeiner Gefühle zu bemerken ſchien, da ſie im Geiſte viel zu ſehr mit ihrer neuen Rolle und mit dem Bilde des ausgezeichneten Freundes beſchäftigt war.— Dieſe Spannung und Erwartung machten ſie nicht allein blind für die verrätheriſche Glut des alten Gecken, ſondern auch für die Veränderung, welche in kur⸗ zer Zeit mit Ferdinand vorgegangen war und die von aller Welt, nur nicht von ihr bemerkt wurde. Der Unverbeſſerliche verfiel von Neuem immer mehr in ſeine alten Gewohnheiten. Bun allen Laſtern iſt kei⸗ nes, das ſo leicht zu Rückfällen V Veranlaſſung gibt, als die Neigung zum Trunke. Es ging Ferdinand wie jenem Manne, der ſich vorgenommen hatte, nicht mehr zu trin⸗ ken. Mit den beſten Vorſätzen verließ derſelbe ſeine Woh⸗ nung, muthig ſchlug er der erſten Schenke, an der er vor⸗ 150 überkam, ein Schnippchen, ebenſo der zweiten und dritten, bis er glücklich das Ende der Straße erreicht hatte. Hier aber drehte er wieder um und kehrte, um ſich für ſeine un⸗ geheuere Entſagung zu belohnen, in die nächſte, beſte Tabagie ein, wo er ſich ſo voll trank, wie nie zuvor. Mit verdoppelter Leidenſchaft überließ ſich auch Fer⸗ dinand ſeiner früheren Neigung, indem er nicht nur die Fuchshöhle, ſondern bald auch noch gemeinere Kneipen beſuchte. Die Folgen konnten nicht ausbleiben; das wüſte Leben verrieth ſich ſchnell in ſeiner ganzen äußeren Er⸗ ſcheinung, obgleich er anfänglich noch aus Rückſicht auf Martha ein gewiſſes Maß beobachtete und die Spuren ſeiner Ausſchweifungen ihr zu verbergen wußte. Nachdem er die Nächte meiſt durchſchwärmt, kam er verdroſſen und unvorbereitet auf die Proben; hier zeigte er ſich empfind⸗ lich und gereizt, wenn der Regiſſeur ihn zur Rede ſtellte, weil er nichts gelernt hatte. Es kam zu unangenehmen Auftritten zwiſchen Beiden, zu Händeln zwiſchen ihm und den Collegen, die er im trunkenen Zuſtande beleidigte. Mit dieſem Fehler kehrte auch ſein Dünkel und eine un⸗ erträgliche Selbſtüberſchätzung zurück; er hielt ſich, wie viele Seinesgleichen, für ein großes, aber verkanntes Genie, weil er die zufälligen Ausſchweifungen und Verirrungen desſelben theilte. un einem Abende, wo Martha im Theater nicht 151 beſchäftigt war, kam er vollſtändig berauſcht auf die Büh⸗ ne, ſo daß die Vorſtellung nahe daran war, durch ihn ge⸗ ſtört zu werden. Die Mitſpielenden geriethen in die größte Verlegenheit, da er ſie durch ſalſche Stichworte und un⸗ gehöriges Dareinſprechen irrte. Bei dieſer Gelegenheit machte er auch ſeinem lang verhaltenen Groll gegen den dicken Helden Luft, dem er eine der glänzendſten Szenen, wie dieſer behauptete, durch ſein ungebührliches Betragen abſichtlich verdorben hatte. In der Zwiſchenpauſe deshalb zur Rede geſtellt, überhäufte Ferdinand ſeinen Gegner noch überdies mit ſpöttiſchen Ausfällen auf ſein Talent und nannte ihn einen ganz gewöhnlichen Couliſſenreißer, wogegen dieſer ihn einen Trunkenbold ſchimpfte. Nur durch die Dazwiſchenkunft der andern Schauſpieler wurde ein Handgemenge zwiſchen den ergrimmten Nebenbuhlern vermieden; mit Mühe konnten ſie auseinander geriſſen und ſomit ein öffentlicher Skandal hintertrieben werden. Zum Glück hatte das Publikum von dieſen Vor⸗ gängen hinter den Couliſſen nichts gemerkt und das wunderliche Weſen Ferdinand's während der ganzen Vor⸗ ſtellung auf Rechnung eines krankhaften Zuſtandes ge⸗ ſchrieben. Allein der Regiſſeur benutzte die willkommene Gelegenheit, ſein Betragen den Direktoren anzuzeigen und auf ſeine Entlaſſung anzutragen, da der dicke Held entſchieden erklärt hatte, nicht mehr mit ihm zuſammen * 152 auftreten zu wollen. Nur aus Rückſicht für Martha, die ſie nicht ſo leicht wieder verlieren wollten, bewieſen die Herren diesmal eine faſt an ihnen ungewohnte Milde und Nachſicht gegen den Schuldigen. Sie ließen ihn kommen und ermahnten ihn ſeinen Lebenswandel zu ändern, widri⸗ genfalls ſie ſich genöthigt ſehen würden, ihn ohne Wei⸗ teres fortzuſchicken. Wie alle ſchwachen Charaktere zeigte Ferdinand, nachdem er ſeinen Rauſch ausgeſchlafen hatte, die tiefſte Reue über das Vorgefallene; er gelobte Beſſe⸗ rung und demüthigte ſich ſogar bis zu dem Punkte, daß er ſeinem Gegner eine feierliche Abbitte leiſtete, womit ſich dieſer vorläufig auch zu begnügen ſchien. Einige Tage hielt auch Ferdinand ſein der Direk⸗ tion gegebenes Wort, ſo ſchwer ihm dies auch fiel, aber zuletzt ſiegte der böſe Geiſt und er kehrte mit doppelter Begierde zu ſeinen Verirrungen zurück. Der Beſuch der Fuchshöhle und beſonders der Umgang mit dem Baron von Gabelwitz und dem Zeitungsredakteur war ihm zum unabweisbaren Bedürfniſſe geworden. Der letztere höchſt begabte, aber blaſirte Mann übte einen wahr⸗ haft dämoniſchen Einfluß auf Naturen wie Ferdinand. Mit einem zerſetzenden Verſtande verband er eine Leere des Gemüthes und eine Herzloſigkeit, wie ſie zum Glück in ſo hohem Grade nur ſelten angetroffen werden. Er gehörte jener philoſophiſchen Richtung an, welche nach * 153 Erſchöpfung aller Syſteme bei dem„Nichts“ angelangt, die Vergötterung des eigenen„Ichs“ als den Inbegriff aller Weisheit lehrt. Aehnlich den Sophiſten des Alter⸗ thums vertheidigte er ſeine Anſicht mit einer Schärfe des Geiſtes und mit einer Fülle von Witz, die ſelbſt beſſeren Köpfen imponiren wußte. Dabei fand er eine diabeliſche Luſt daran, Propaganda für ſein Syſtem zu machen und eine Anzahl gleich geſinnter Schüler um ſich zu verſam⸗ meln, die er unwiderſtehlich an ſich zu feſſeln wußte. Mit ungewöhnlicher Kühnheit und vernichtender Kritik griff er Alles an, was nur noch dem Menſchen heilig iſt. Er beſaß ein wahrhaft entſetzliches Talent, womit er alle Ideale in der Bruſt ſeiner Zuhörer zerſtörte und an ihre Stelle den ſchrankenloſen Eigenwillen des Menſchen ſetzte. Nichts entging ſeinem geiſtreichen Hohn; der Staat, die bürgerliche Geſellſchaft, die Kirche wurden in ihren Schwächen von ihm blosgelegt, ihrer Würde entkleidet und mit ſchonungsloſem Witze von ihm verfolgt. Durch ſeine ſchneidende Ironie und einen unwiderſtehlichen Sar⸗ kasmus verſtärkte er die verderbliche Wirkung ſeiner Worte; Niemand wagte es in dieſem Kreiſe zu wider⸗ ſprechen, aus Furcht ſich lächerlich zu machen; kein Geg⸗ ner war ihm gewachſen, da er in der That in jeder Be⸗ ziehung eine ausgezeichnete Perſönlichkeit zu nennen war. Mit der Theorie verband dieſer Menſch eine ent⸗ 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 10 154 ſprechende Praxis, indem er ſeine Schüler und Anhänger zu dem wüſteſten Lebensgenuße anleitete. Er beſaß eine unverwüſtliche Körperkraft, die bisher allen Ausſchwei⸗ fungen widerſtanden hatte; weder Nachtwachen noch Ver⸗ irrungen aller Art ſchienen dieſer atlethiſchen Geſtalt Etwas anhaben zu können. Er ſpottete über die Schwäch⸗ linge, welche mit ihm nicht gleichen Schritt bei den Ge⸗ lagen und nächtlichem Schwärmen zu halten vermochten. Mancher unerfahrene Jüngling war durch ſein Beiſpiel körperlich und geiſtig zu Grunde gegangen, ohne daß es ihn im geringſten kümmerte, höchſtens daß er darum mit den Achſeln zuckte. Seine Menſchenverachtung war grän⸗ zenlos, dennoch übte er, obgleich er aus ſeinen Geſin⸗ nungen kein Hehl machte, einen unwiderſtehlichen Zauber auf ſeine Umgebungen aus. Er ſelbſt konnte die Geſell⸗ ſchaft nicht entbehren, da ſich ſeine Eitelkeit durch die Bewunderung ſeiner Verehrer geſchmeichelt fühlte; ſtets war er von einem eme ſolcher Leute umringt, die ihn anſtaunten, aber er war Keinem ein wahrer Freund. Die Menſchen galten ihm nur als ein Spielzeug und Gegenſtand ſeiner Unterhaltung. Wenn er ſie ausgebeutet hatte und ihrer ſatt war, warf er ſie wie ausgepreßte Citronen fort. Eine gewiſſe Verwandtſchaft der Geſinnung hatte Ferdinand zu dem Zeitungsredakteur hingezogen; bald wurden ſie unzertrennliche Genoſſen—Einer war des An⸗ dern vollkommen würdig. Der. letzte Reſt von einem beſſeren Gefühl in der Bruſt des Schauſpielers mußte bei einem ſolchen Umgange nach und nach verſchwinden. Wie der getreue Schatten folgte er ſeinem Meiſter zu all' den Orgien, denen ſich dieſer überließ. Der Dritte in dieſem Bunde war der Baron von Gabelwitz, ein alter hartgeſottener Sünder, der unter gefälligen und weltmänniſchen Formen das Leben eines Abenteurers und Spielers führte, wobei er ſtets den äußeren Anſtand wahrte und durch ſein geheimnißvolles Auftreten einen gewiſſen Nimbus um ſich zu verbreiten wußte. Unter ſolchen Verhältniſſen mußte Ferdinand noth⸗ wendiger Weiſe immer mehr ſinken, da ohnehin ſeine moraliſche Kraft nur äußerſt gering anzuſchlagen war. Die Anwandlungen einer ohnmächtigen Reue wichen bald wieder vor dem überlegenen Spotte des blaſirten Zei⸗ tungsredakteurs, welcher mit ſeinem fürchterlichen Sar⸗ kasmus eine derartige Schwäche verfolgte. „Der moraliſche Katzenjammer,“ ſagte er bei dieſer Gelegenheit,„muß ganz wie der phyſiſche homöopathiſch behandelt werden. Es gibt kein beſſeres Mittel, wenn man zu viel getrunken hat, als von Neuem anzufangen. Das ſogenannte Gewiſſen empfindet wie der leibliche Ma⸗ gen nach dem Genuße eine Abſpannung, die nur durch 10⸗ 156 neuen Genuß beſeitigt werden kann. Die Reue iſt nichts weiter als ein Katzenjammer der Seele, ein Beweis von einer ſchlechten geiſtigen Verdauung. Die fromme Waſſer⸗ ſuppe der guten Vorſätze verſchlimmert nur das Uebel, welches lediglich wie ein Schwächezuſtand mit ſtärkeren Reizmitteln behandelt werden muß. Kommen Sie! Ich werde Sie kuriren.“. Auf einen Wink des Zeitungsſchreibers brachte der Wirth eine Flaſche von ſeinem ſtärkſten Cognac. Der Redakteur ſchenkte zwei große Gläſer voll, von denen er das Eine dem Schauſpieler zuſchob, der jedoch Anſtand nahm es zu ergreifen. „Trinken Sie!“ ſagte jener.„Das iſt die beſte Me⸗ dizin, die wahre Lethe, welche Sie auf beſſere Gedanken bringen wird.“ „Ich habe mir vorgenommen, nur noch Bier und auch das nur mäßig zu trinken. Der Cognac ſteigt mir zu ſehr zum Kopfe und ich fürchte mich wieder zu be⸗ rauſchen.“ „Sie ſind auf dem beſten Wege,“ antwortete der ſarkaſtiſche Zeitungsſchreiber,„ein vollkommener Phili⸗ ſter zu werden. Wenn Sie ſo fortfahren, muß man Sie verachten, abgeſehen davon, daß Sie ſich verheirathen wollen. Menſch! Iſt es wahr, daß Sie einer ſolchen Dummheit fähig ſind?“ 157 „Allerdings. Ich erwarte nur die nöthigen Papiere, um mich trauen zu laſſen.“ „Und das wagen Sie mir,“ höhnte der Redakteur, „mit dieſem Geſicht zu ſagen? Schämen Sie ſich denn gar nicht, eine ſolche unlogiſche Handlung zu begehen?— Die Ehe iſt für Leute von Geiſt ein überwundener Standpunkt, ein Inſtitut, das ſich längſt überlebt hat, ein vollkommen blödſinniger Akt für geiſtige Cretins und erbärmliche Schwachköpfe. Ich bitte Sie um des Him⸗ mels Willen keine ſolche Thorheit zu begehen. Ich müßte mit Ihnen allen Umgang abbrechen, wenn Sie nicht zu⸗ geben wollen, daß ich Ihrer Frau den Hof auf die ein⸗ dringlichſte Weiſe machen darf. Wie? Sie wollen ein Schüler unſerer neueſten Philoſophie ſein, und wiſſen nicht einmal, daß die Ehe von ihr verwocfen wird.— Die Re⸗ publik der Zukunft kennt nur die freie Liebe, welche kei⸗ nen Zwang, keine Schranke duldet. Das emancipirte Weib und der Mann ohne Vorurtheil folgen nur der Stimme der Natur und überlaſſen ſich dem Genuße, wo und wie er ihnen geboten wird. Im ſeeligen Tau⸗ mel ſuchen und finden ſich die Liebenden, die ſich nur ſo lange angehören, als die Leidenſchaft in ihnen glüht. Warum ſollen wir uns ewig binden? Der Wechſel iſt der große Zauber, womit die Natur das Daſein ihren Geſchöpfen erträglich macht. Iſt die Roſe entblättert und 158 verblüht, ſo pflücke ich mir die junge Knospe und er⸗ freue mich an ihrem friſchen Duft. Wenn ich an der ei⸗ nen Frucht mich geſättigt habe, ſoll mir darum die andere verſagt ſein? Läßt die gütige Mutter nicht zugleich die ſchwellende Pfirſich, die goldene Pomeranze und die lok⸗ kende Traube reifen, damit wir ſie nach einander pflücken und genießen? Nur ein Eſel wird fortwährend Diſteln freſſen, und Sie ſind ein Eſel, wenn Sie ein Weib neh⸗ men, während die ganze Frauenwelt Ihnen zulächelt.“ Wie immer hatte Ferdinand dem geiſtreichen Red⸗ ner mit Bewunderung zugehört und dabei in Gedanken ſein volles Glas geleert, das jetzt der Zeitungſchreiber von Neuem füllte. „Ich ſehe,“ fuhr dieſer fort,„daß noch an Ihnen nicht Hopfen und Malz verloren iſt. Folgen Sie mei⸗ nem Rathe und machen Sie ſich je eher je lieber frei von dem Joche, das Sie ſich aufzuladen im Begriffe ſte⸗ hen. Heirathen kommt gleich nach dem Hängen; aber lieber noch gehängt als verheirathet. Stoßen Sie an mit mir. Es lebe die freie Liebe.“ Der Schauſpieler, der ſich vor dem Spott des Re⸗ dakteurs fürchtete, that ihm wiederum Beſcheid und goß das ſcharfe Getränk in einem Zuge herab, dem Beiſpiele ſeines daran gewohnten Freundes folgend. Als dieſer je⸗ doch zum Drittenmale nach der Flaſche griff, ſuchte er — 159 ihn zurückzuhalten, indem er beſtimmt erklärte, nicht mehr trinken zu wollen. „Zum Henker!“ rief derſelbe,„Sie werden doch nicht abfallen. Die Kleinigkeit kann Ihnen doch nicht ſchaden.“ „Ich muß wirklich nach Hauſe gehen,“ entſchuldigte ſich Ferdinand.„Ich habe auf Morgen noch eine bedeu⸗ tende Rolle zu lernen.“ „Thorheit! Wozu iſt denn der Souffleur da? Wenn Sie mich lieb haben, ſo werden Sie mir Geſell⸗ ſchaft leiſten. Ich glaube wirklich, daß Sie bereits ducken müſſen. Ihre Braut hat Ihnen keine Erlaubniß ertheilt, länger fortzubleiben. Pfui! Sind Sie ein Mann und laſſen ſich ſchon vor der Ehe unter den Pantoffel brin⸗ gen? Eine Schlafmütze her, damit ich Ihre würdige Stirne kröne! Hol' die Peſt, rufe ich mit dem ehrlichen John Falſtaff, all' die feigen Memmen.“ In dieſer Weiſe wußte der Redakteur die Bedenken Ferdinand's fort zu ſpotten und ihn zum längeren Ver⸗ weilen zu bewegen. Bald war die Flaſche geleert und eine zweite folgte der erſten nach, bis ſich die übrigen Stammgäſte einſtellten. An ein Gehen war nicht mehr zu denken, und der Rückfällige taumelte erſt in ſpäter Nacht in einem faſt beſinnungsloſen Zuſtande wieder nach Hauſe. Im Finſtern verfehlte er die richtige Thüre zu ſeinem Zimmer und trat ſtolpernd in die Stube, wel⸗ che Martha, getrennt von ihm, in demſelben Hauſe be⸗ wohnte. Sie war noch wach und mit dem Studium ihrer Rolle beſchäftigt. Bei dem Geräuſche, welches ſein Eintritt verurſachte, wandte ſie die Augen nach der Thür, in der er betroffen und zögernd ſtehen geblieben war. Sein Zuſtand konnte ihr nicht verborgen bleiben. Mit ſchwankendem Fuße machte er einen Verſuch, ſich ihr zu nähern, während ſeine lallende Zunge einen un⸗ zuſammenhängenden Gruß ihr entgegen ſtammelte. „Ferdinand!“ ſchrie ſie bei dieſem unerwarteten An⸗ blicke.„Hälſt Du ſo Dein Verſprechen?“ „Dummheit!“ murrte er.„Ich habe nichts ver⸗ ſprochen, will nichts verſprechen. Wer hat mir zu be⸗ fehlen? Kein Menſch, kein Direktor, kein Regiſſeur, kein Baudiſſen, keine Martha, Niemand hat mir zu be⸗ fehlen. Ich bin ein freier Mann, ein freier Philoſoph ohne Vorurtheil. Nieder mit der Ehe! Es leben die Füchſe.“ „Entferne Dich!“ gebot ſie ihm vom Ekel erfüllt. „Geh' zu Bette und ſchlafe Deinen Rauſch aus.“ „Wer ſagt, daß ich berauſcht bin?— Es iſt nicht wahr, ſchändliche Lüge. Ich kann es beweiſen, gleich auf der Stelle. Wenn ich will, kann ich ganz gerade gehen, 2 161 aber ich will nicht. Die verdammte Stube iſt ganz ſchief geworden; die Dielen wackeln hin und her, her und hin.“ Plötzlich nahmen ſeine verwirrten Gedanken eine neue Richtung. Wie häufig Betrunkene verfiel er in eine zärtlich gerührte Stimmung; er fing an Martha um Verzeihung zu bitten und überhäufte ſich ſelbſt mit den leidenſchaftlichſten Vorwürfen, wobei er einen Thränen⸗ ſtrom vergoß. „Haſt Recht!“ ſchluchzte er;„ich bin ein Lump, ein verlorener Menſch. Der bin ich und nicht werth Dei⸗ ner Liebe. Hätteſt mich lieber umkommen laſſen ſollen. Es wird doch nicht beſſer mit mir. Da, da in meiner Bruſt ſitzt ein niederträchtiger Kerl, den ich nicht los wer⸗ den kann. Aber ich will ihn heraustreiben. Er muß fort, fort! Ich will ihn packen, und wenn ich ihn erſt habe, dann erwürge ich ihn, bis er die ſchwarze Seele aus⸗ haucht.“ Bei dieſen Worten begann er Weſte und Vorhemd⸗ chen mit ſeinen Händen ſich abzureißen; dann ſchlug er mit aller Gewalt gegen ſeine Bruſt. „Heraus, Spitzbube!“ ſchrie er,„heraus! Du nichts⸗ würdige Seele, Du gemeine Lumpennatur!“ So wüthete er gegen ſich ſelbſt, und Martha hatte nur zu thun, daß er nicht Gewalt an ſich verübte. Endlich ſank er erſchöpft zuſammen, und es gelang ihr, ihn zu be⸗ 162 wegen, daß er ſich ruhig entfernte und zu Bette legte. Nachdenklich und mit gefalteten Händen blieb ſie allein zurück, über ihre eigenthümliche Lage brütend. „Ich darf ihn nicht verlaſſen,“ ſeufzte ſie im bitter⸗ ſten Schmerze.„Gott hat mir dieſe Prüfung und Buße für die Sünden meiner Jugend auferlegt. Was ich mir ſelbſt gelobt, werde ich halten, und ſollte ich darunr zu Grunde gehen.“ 3 Neuntes Cagitel. All' dieſe traurigen Erlebniſſe, welche Martha's Glück ernſtlich zu ſtören drohten, wurden durch die Ankunft des berühmten Baudiſſen's in den Hintergrund gedrängt. Mit einem Freudenrufe flog ſie ihm entge⸗ gen, als er ſie in dem beſcheidenen Stübchen aufſuchte. „Da bin ich,“ ſagte er, indem er ihr die kräf⸗ tige Hand reichte,„um mich von Ihren Fortſchritten ſelber zu überzeugen.“ Die kurze Stunde, die er ſich abmüßigen konnte, entſchwand ihr in ſeinem herzlich geiſtreichem Geſpräche wie ein flüchtiger Augenblick. Wie ein Bruder nahm er Theil an ihrem Geſchick, erkundigte er ſich nach ihrer Lage, ihren Verhältniſſen und Studien. Jedes Wort von ihm drückte die uneigennützigſte Freundſchaft, die aufrich⸗ tigſte Neigung aus. Mit dem ihm eigenen Scharfblick errieth er auch das, was ſie aus angeborenem Stolze 164 ihm zu verſchweigen ſuchte. Von Neuem bot er ihr ſei⸗ nen Rath und ſeine Hilfe an. „Sie ſcheinen,“ bemerkte er im Laufe des Geſprächs, „nicht ſo glücklich zu ſein, als Sie es verdienen. Sind Sie aufrichtig gegen mich. Ich glaube, daß Sie mich kennen und wiſſen, daß Sie keinen treueren Freund beſitzen. Wenn Sie mit ihrer hieſigen Stellung nicht zufrieden ſind und einen andern Wirkungskreis wünſchen, ſo wird es mir leicht ſein, Ihnen ein beſſeres und in jeder Bezie⸗ hung vortheilhafteres Engagement zu verſchaffen. Sie ſind nicht mehr die Anfängerin, welche Sie waren; Ihr Name iſt in kurzer Zeit in der Theaterwelt bekannt ge⸗ worden. Ich habe den Auftrag, für unſer Hoftheater mich nach einer erſten Liebhaberin umzuſehen; es koſtet mich nur ein Wort bei meinem Intendanten, und Sie werden engagirt. Schlagen Sie ein, und Sie werden die Unſrige.“ „Das geht nicht,“ antwortete ſie traurig.„Sie wiſſen, daß ich mich von Ferdinand nicht trennen kann. So glücklich mich auch Ihr Anerbieten machen muß, ſo ſehr ich auch keinen andern Wunſch habe, als unter Ihren Augen mich ferner auszubilden, ſo darf ich mich von ihm nicht trennen, da ich ſeine Braut bin.“ „Daß doch die klügſten Leute oft die dümmſten Streiche machen,“ murrte der Künſtler. 165 Da er indeß ſah, daß Martha von ſeinen Worten unangenehm berührt wurde, unterließ er es vorläufig weiter in ſie zu dringen. Die nächſte Zeit war nicht ge⸗ eignet, auf ſeinen Vorſchlag zurück zu kommen, eben ſo wenig geſtatteten die Verhältniſſe bald wieder ein ſo trau⸗ liches Beiſammenſein. Die Tage vergingen in fortwäh⸗ renden Proben, welche Baudiſſen äußerſt gewiſſenhaft abhielt, die Abende waren den Vorſtellungen gewidmet, und gewöhnlich folgte für Beide nach der Aufführung ein hoher Grad von Erſchöpfung, da ſie alle Kräfte dabei anſtrengten.. Martha befand ſich in einer fortwährenden Aufre⸗ gung, da ſie neben dem ausgezeichneten Künſtler faſt in allen weiblichen Hauptrollen beſchäftigt war. Sie zitterte mehr vor ſeinem Urtheil als aus Furcht, dem Publikum zu mißfallen. Aber indem ſie ihm zu genügen ſtrebte, er⸗ hob ſie ſich zu einer Höhe der Leiſtungen, die ſie ſonſt nicht erreichte. Nie vorher hatte ſie mit dieſem Feuer, mit ſolcher Leidenſchaft geſpielt; ſeine Nähe ſchien ſie zu begeiſtern und riß ſie mit fort. Dies geſchah beſonders bei der Aufführung von Göthe's Fauſt, worin Baudiſſen Mephiſtopheles, ſie ſelbſt das Gretchen gab. Vorzugs⸗ weiſe in den letzten Szenen entwickelte ſie eine tragiſche Kraft, bewunderungswerthe Wahrheit in ihrem Spiele. Keine Schauſpielerin konnte den Schmerz und die bittere 166 Reue der Verführten tiefer und ergreifender auffaſſen. Sie verſchmolz ſo ganz und gar mit ihrer Rolle, daß ſie das arme Gretchen nicht nur ſchien, ſondern wirklich war. Den Monolog vor dem Marienbilde ſprach ſie mit erſchütternder Einfachheit, ſo daß kein Auge thränenleer blieb. Die Kirchenſzene mit dem böſen Geiſte gab ihr Gelegenheit, alle Furien des Gewiſſens, alle Schrecken der Hölle in ihren todesbleichen, von Gram durchwühl⸗ ten Zügen darzuſtellen. Die Thränen, welche ſie vergoß, waren keine Theaterthränen, ſie ſtrömten aus ihrem In⸗ nern, die Schmerzenslaute, die ſie ausſtieß, brachen aus ihrer eigenen gepreßten Bruſt hervor. Unter den Klängen des furchtbaren Chores, der den Tag des letzten Gerichts verkündete, ſtürzte ſie zuſammen, erdrückt von ihrer Schuld.— Athemloſe Stille herrſchte in dem dicht gedräng⸗ ten Hauſe, als hätte ſich etwas Ungeheueres zugetragen. Hinter den Couliſſen trat ihr Baudiſſen entgegen, ehrfurchtsvoll ergriff er ihre Hand. „Sie ſind eine Künſtlerin,“ ſagte er tief bewegt und küßte ſie vor Allen auf die Stirne. Nach der Wahnſinnsſzene im Kerker erwachte erſt das Publikum aus ſeiner Betäubung. Vor tauſend Lip⸗ pen tönte der Ruf nach Martha und Baudiſſen. Sie wollte nicht erſcheinen, aber er zog ſie mit Gewalt vor den Vorhang. Blumen und Kränze flogen von allen Sei⸗ 167 ten ihnen entgegen; er bückte ſich und hob einen Lorbeer⸗ kranz, der für ihn beſtimmt war, vom Boden auf, um ihn Martha auf das Haupt zu ſetzen, was ſie unter be⸗ ſcheidenem Sträuben endlich geſchehen ließ. Da brach der lang verhaltene Jubel wie ein Sturm hervor und von dem nicht enden wollendem Beifalle dröhnten die Wände des Theaters. An demſelben Abend noch brachte die ſtudirende Ju⸗ gend nach der Vorſtellung dem berühmten Künſtler einen Fackelzug. Durch die dunkle Nacht leuchtete die rothe flammende Gluth, das Symbol der jugendlichen Begei⸗ ſterung. In feierlicher Ordnung bewegte ſich der Zug nach dem Hotel, wohin Baudiſſen Martha und noch ei⸗ nige befreundete Künſtler und Schriftſteller eingeladen hatte. Voran ſchritten die Muſiker des Theaters, welche ſich von freien Stücken an der Huldigung betheiligten, ihnen folgten die Führer der verſchiedenen Corps in ihren kleidſamen Studententrachten, die Bruſt mit den bunten Abzeichen und Ordensbändern geſchmückt, in der Hand den blanken Schläger. Die Fackelträger ſchloſſen ſich ihnen an, begleitet von einer zahlloſen Menſchenmenge, welche das glänzende Schauſpiel herbei gelockt hatte. Vor der Thür ſtimmte ein Sängerchor paſſend die Auferſtehungshymne aus dem„Fauſt“ an, welchem das „Soldatenlied“ in der Radziwill'ſchen Compoſition folgte. Mächtig und ergreifend klangen die herrlichen Töne durch die ſtille Nacht. Jetzt erhob ſich ein tauſendſtimmiger Ruf nach Baudiſſen, dem er Folge leiſten mußte. Er trat an das Fenſter und dankte der Verſammlung in herzlichen Worten für die ihm zu Theil gewordene Auszeichnung. Durch einen Zufall war auch Martha's Gegenwart den Studenten bekannt geworden; die leicht zu enthuſiasmi⸗ rende Jugend rief auch ihren Namen ſo lange, bis ſie ſchüchtern vortrat und ſich tief verneigte. „Gretchen hoch!“ rief die begeiſterte Menge und ſchwang die Fackeln, daß die Gluth hoch emporloderte und ihr bleiches, edles Geſicht beleuchtete. Beſcheiden zog ſie ſich zurück, aber die entzündliche Schaar ließ nicht ab, bis ſie nochmals mit dem Freunde an dem Fenſter erſchien, worauf unter Anſtimmung des alten„Gaudemus igitur“ alle Fackeln auf einen Haufen geworfen wurden und zu einer mächtigen Flamme ver⸗ eint die gewaltige Lohe zum Himmel ſchlug. Es war ein erhebender Anblick, der Martha's Herz mit nie ge⸗ kannter Seligkeit erfüllte. „Das habe ich Ihnen zu verdanken,“ ſagte ſie be⸗ wegt zu Baudiſſen. „Nicht mir, ſondern Ihrem eigenen Talent. Solche Momente müſſen den Künſtler für ein Leben voll Mühe, Schwankungen und Widerwärtigkeiten entſchädigen. Ich 169 bin gewiß nicht eitel, aber ohne Begeiſterung der Menge möchte ich nicht Künſtler ſein; ſie hebt und trägt uns auf ihren mächtigen Schwingen. Dem Mimen flicht die Nach⸗ welt keine Kränze, darum ſollte die Mitwelt deſto freund⸗ licher verfahren und nicht mit ihrem Beifall kargen, wenn er ihn verdient. Nur zu bald verſchwindet der kurze Glanz, den wir um uns verbreiten, und erliſcht wie jene Fackeln in der dunklen Nacht.“ Auf ſeine Einladung nahm eine Deputation der Studenten an dem kleinen Mahle Theil, das er ſeinen Freunden gab. Es herrſchte eine ſinnige Heiterkeit in der gewählten Tiſchgeſellſchaft, welche der Wirth durch ſeinen Geiſt zu beleben wußte. Ein Kreis bedeutender und inter⸗ eſſanter Männer hatte ſich um den Künſtler verſammelt, um ihm ihre Huldigung darzubringen. Schöne und lie⸗ benswürdige Frauen ſchmückten das Mahl durch ihre Gegenwart. Unter den Gäſten befanden ſich durch ihr Wiſſen und ihre Stellung ausgezeichnete Perſonen, höhere Beamte und ſelbſt einige Univerſitätsprofeſſoren, welche ohne Vorurtheil dem Talente huldigten. Dazwiſchen be⸗ wegte ſich die fröhliche Jugend in lebendiger Friſche. Baudiſſen verſtand es die verſchiedenen Elemente einander zu nähern und zur allgemeinen Unterhaltung anzuregen. Er war ſtets darauf bedacht, ſeinen Stand in den Augen der Welt zu heben und zu einer höheren Geltung zu brin⸗ 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 11 170 gen. Niemand eignete ſich beſſer dazu, als er, da ihm der feinſte Takt und eine ſeltene Lebensklugheit zu Gebote ſtanden. Im Gegenſatz zu vielen ſeinen Collegen ſuchte er durch ſtrenge Ordnung, Sittlichkeit und Studium ſich Achtung zu verſchaffen, ohne deshalb zum kleinlichen Pe⸗ danten auszuarten. Für ihn war das Genie der Inbegriff harmoniſcher Ausbildung und nicht, wie zuweilen noch irrthümlich geglaubt wird, ein Privilegium für geiſtreiche Ausſchweifung und moraliſcher Zerriſſenheit. Noch nie hatte Martha den Zauber einer höheren Geſelligkeit in dem Maße kennen gelernt, als an dieſem Abend. Ernſte, tiefere Geſpräche über Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft wechſelten mit herrlichem Scherz und heiterem Witze ab. Man bewegte ſich mit einer wohlthuenden Freiheit, wie ſie meiſt in Künſtlerkreiſen vorherrſchend bleibt, ohne je die Grenzen des Schicklichen zu überſchrei⸗ ten. Die Anweſenheit der Frauen legte den Männern die Verpflichtung auf, ſelbſt die kühnſten Behauptungen und die gewagteſten Ausſprüche in angemeſſen feinen Formen vorzubringen. In all' dieſen Geſprächen zeigte Baudiſſen ſich als Meiſter; er beſaß ein für ſeinen Stand bewun⸗ derungswerthes Wiſſen, welches die höchſten Anſprüche an ſich ſelber machte. Philoſophie, Aeſthetik und vor Al⸗ lem Geſchichte betrachtete er als die nothwendigen Pfei⸗ ler, auf denen die Kunſt des Schauſpielers ruhte. Mit 171 Bewunderung lauſchten ihm die wahren Kenner, wenn er einen Shakeſpeare'ſchen Charakter vor ihnen entwickelte und nach allen Seiten analyſirte, wobei er von der theo⸗ retiſchen Seite bald zu der praktiſchen überging und mit einer Geſte, einer Miene ſeines beweglichen Geſichtes, ei⸗ ner Modulation ſeines klangvollen Organs das Reſultat ſeiner Forſchungen verſinnlichte. Auch darin unterſchied er ſich von den meiſten ſei⸗ ner Fochgegoſſen, daß er gänzlich von ſeiner eigenen Per⸗ ſon abſah, und nicht die gewöhnliche Künſtlereitelkeit zeigte, obgleich es ihm an einem edlen Stolz nicht fehlte. Stets war es ihm nur um die Sache ſelbſt, um Beleh⸗ rung und Aufklärung zu thun, und gern ließ er die An⸗ ſichten der Andern gelten, wenn man ihn durch wirkliche Gründe überzeugte. Aber Niemand war auch unbarmher⸗ ziger und ſchonungsloſer als Baudiſſen, ſo oft ihm die Talentloſigkeit mit Anmaßung gepaart entgegentrat; dann konnte er wahrhaft beißend und vernichtend werden. Aus dieſem Grunde galt er bei derartigen Leuten als arrogant, über alle Begriffe anmaßend und herzlos, während ſeine Freunde, die ihn genauer kannten, ihn um ſo höher wegen der entgegengeſetzten Eigenſchaften ſchätzten. Es war ein echtes Künſtlerfeſt, das Baudiſſen ſei⸗ nen Freunden und Gäſten gab; ein Sympoſion im Sinne der Alten, wie es Sokrates und Plato liebten, wenn ſich 11* 172 Schönheit mit Geiſt, das tiefſte Wiſſen mit der maßvoll⸗ ſten Heiterkeit zu dem höchſten, edelſten Genuße einten. Zum Abſchiede ergriff ein junger Privatdocent, der ſich in der wiſſenſchaftlichen Welt bereits einen Namen er⸗ worben hatte, das geſchliffene Kelchglas mit perlendem Champagner gefüllt und ſprach in begeiſternden Worten die Gefühle der ganzen Verſammlung aus. „Wiſſenſchaft und Kunſt,“ ſagte er,„ſind die lie⸗ benden Schweſtern, welche die Bildung der Menſchheit vermitteln. Beide ſollen mit einander Hand in Hand gehen, das ernſte Wiſſen der heiteren Kunſt, welche mit leichterem Sinn durch das Leben ſchweift, den tieferen Gehalt ver⸗ leihen, die heitere Kunſt das ernſtere Wiſſen liebenswürdig machen und die runzelvolle Denkerſtirn mit friſchen Blü⸗ thenkränzen ſchmücken. So war es in den glücklichen Zeiten des helleniſchen Alterthums, da noch der Weiſe mit dem Künſtler in der innigſten Freundſchaft lebte, das Theater ein nationales Heiligthum, der Schauſpieler ein Prieſter der allverehrten Gottheit war. Die hereinbre⸗ chende Barbarei der ſpäteren Jahrhunderte und eine fal⸗ ſche, einſeitige Auffaſſung der chriſtlichen Religion ſtörten die Entwicklung der Wiſſenſchaft und Kunſt. Beide lagen tief darnieder, bis ſie auf dem ſchönen Boden Italiens von Neuem erblühten, ihren fruchtbringenden Samen über die ganze ziviliſirte Welt ausſtreuend. Aber die urſprüng⸗ 173 liche Einheit war ſo leicht nicht wieder hergeſtellt, auf verſchiedenen Wegen wandelten die getrennten Schweſtern, meiſt gleichgültig, zuweilen feindlich an einander vorüber⸗ gehend. Nur in den großen Genien, welche von Jahr⸗ hundert zu Jahrhundert erſtehen, begegneten ſie ſich wie⸗ der in liebender Eintracht, die an jene glückliche, längſt entſchwundene Zeiten der griechiſchen Blüthe erinnerte. So feierten ſie in Shakeſpeare, der Dichter, Schauſpieler und Weiſer zugleich war, ihren höchſten Triumph. Auf's Neue verbanden ſich die Getrennten zu einem Bündniß, aus dem unſer modernes Theater entſprang. Deutſchland vor allen Völkern lernte den Britten ehren und huldigte dem Genius. Denker und Dichter entzündeten ſich an ſeinem Feuer und unſere Künſtler drangen immer tiefer in den Geiſt ſeiner Werke ein. Das verachtete Theater erhob ſich aus ſeiner tiefen Verſunkenheit und wurde wie⸗ derum eine Bildungsſtätte der Nation. Geniale Dar⸗ ſteller wie Eckhof, Schröder, Fleck gaben ihrem Stande Würde und Anſehen, begeiſterten ihre Zeitgenoſſen und ließen der Nachwelt ein ehrenvolles Gedächtniß zurück. Ihr Geiſt wirkt noch immer fort und fort, jüngere Kunſt⸗ genoſſen erweckend, welche auf derſelben Bahn ſchreiten und dem gleichen Ziele nachſtreben. Ihnen allein verdan⸗ ken wir es, daß die Kunſt nicht untergeht und dem Mate⸗ rialismus der Gegenwart ſiegreich widerſteht, daß die 174 idealen Geſtalten nicht gänzlich von der Bühne verſchwun⸗ den ſind, daß die ernſte Wiſſenſchaft wie hier in dieſem Kreiſe mit der heiteren Kunſt ſich vereint, um das ſchöne Feſt der Eintracht und der Liebe zu begehen. Darum Heil dem Manne, der dies Wunder wirkt, Heil dem Künſtler und Allen, die wie er jene Harmonie der göttlichen Schwe⸗ ſtern fördern helfen.“. Alle Anweſenden erhoben ſich und ſtießen mit den Gläſern an, welche wie die hellen Feſtglocken zu der Feier erklangen. In wahrhaft begeiſterter Stimmung nahmen die Gäſte von Baudiſſen Abſchied, indem noch lange der durch ihn angeregte Enthuſiasmus in ihnen nachhallte. Jeder fühlte ſich freudig angeregt, innerlich gekräftigt und mit den beſten Vorſätzen erfüllt. Das war die Macht ſeiner edlen Perſönlichkeit, die auch in Andern bei der Berührung mit ihm ähnliche Entſchlüſſe her⸗ vorrief.— Nur ein Menſch ſchied von dem ſchönen Mahle mit faſt feindſeligen Gefühlen. In verdroſſener Stimmung ſchritt Ferdinand neben Martha her; der Elende fand ſich nicht mehr wohl in dem Kreiſe heiterer und ge⸗ ſitteter Perſonen. Dazu kam der doppelte Neid, welcher an ihm nagte. Er gönnte eben ſo wenig Baudiſſen den wohl verdienten Triumph, als der eigenen Braut. Nach Art der gemeinen Seelen konnte er es ihr nicht verzeihen, 175 daß er ohne ihr Zuthun von ihr ſich überflügelt und in den Hintergrund gedrängt ſah. Statt ſich an ihren Er⸗ folgen zu erfreuen und die ihr zu Theil gewordene Hul⸗ digung als ein auch ihn beglückendes Ereigniß anzuſehen, überließ er ſich den Qualen der gewöhnlichſten Künſtler⸗ eiferſucht.— Es iſt dies ein in der Theaterwelt leider nur allzu⸗ ſehr verbreiteter Fehler, der oft hier eine ungewöhnliche Höhe erreicht und ſelbſt verdienſtvollen Schauſpielern auf das furchtbarſte anklebt. Der entſetzliche Neid vergiftet ihr Leben und verunſtaltet ihren Charakter. Sie laſſen ſich dadurch häufig zu den verwerflichſten Handlungen hinreißen, indem ihnen kein Mittel zu niedrig ſcheint, um dem verhaßten Nebenbuhler zu ſchaden. Dieſe Eifer⸗ ſucht erſtreckt ſich nicht nur auf Fremde und Gleichgül⸗ tige, ſondern häufig ſelbſt auf die nächſten Angehörigen. Der Bruder beneidet den Bruder, der Freund ſucht den Freund zu verkleinern. Ein Beifallszeichen mehr, ein Hervorruf zerreißt die innigſten Bande und trennt lang⸗ jährige Bündniſſe. Eitelkeit iſt in der Schauſpielerwelt zu Hauſe, ihre Kinder Neid und Eiferſucht. Verzehrt von dieſer niedrigen Leidenſchaft begann Ferdinand ſeit Baudiſſen's Ankunft einen verſteckten Groll auf Martha zu werfen, der ſich bald durch heim⸗ liches Widerſtreben, bald im offenen Spotte äußerte. 176 „Ho ho!“ höhnte er jetzt beim Nachhauſegehen. „Das war ja ein charamanter Abend, eine ausgezeichnete Ueberraſchung. Darf man fragen, was die Lorbeerkränze und der Fackelzug gekoſtet haben?“ „Ferdinand!“ entgegnete ſie ihm tief verletzt,„was ſoll das heißen?“ „Und die feine Geſellſchaft, dieſe ordentlichen und unordentlichen Profeſſoren mit den zarten Redensarten und dem groben Appetite. Wie das den Champagner ſchlürfte und die Auſtern ſchmazte, dafür Lob und Weih⸗ rauch ausdünſtend, daß man ſich vor Wohlgeruch die Naſe zuhalten mußte. Es fehlte nicht viel, ſo hätten ſie den lieben Baudiſſen zum äſthetiſchen Götzen gemacht und ihn heilig geſprochen. Dafür hat er ſie auch traktirt, daß die Hungerleider acht Tage nichts zu eſſen brauchen und ihre Frauen das ganze Wochengeld erſparen.“ „Du ſollteſt Dich ſchämen, von den würdigſten Männern in ſolchem Tone zu ſprechen.“ „Natürlich mußt Du ihre Partie nehmen: Du haſt ja auch Deinen Theil Unſterblichkeit zugemeſſen be⸗ kommen. Werde nur nicht eitel, mein Kind! Wenn der Rauſch verflogen i*ſt, dann ſtellen ſich die Kopfſchmerzen ein. Es wird Dir nicht beſſer gehen, wie es mir, wie es hundert Andern ſchon gegangen iſt. Heute Hui, morgen Pfui! Heute ein Gott, morgen zum Spott. Ich kenne 177 mein Publikum und weiß, was es zu leiſten im Stande iſt. Dieſelben Leute, die Dich jetzt gerufen und beklatſcht haben, werden Dich nächſtens mit faulen Aepfeln werfen und Dich auspfeifen. Denke an meine Worte und richte Dich darnach.“ So ſuchte Ferdinand mit unverholener Schaden⸗ freude ihr den gehabten Genuß zu verkümmern, ihre Freude zu zerſtören und Alles, was ſie verehrte, in den Staub zu ziehen. Das gelang ihm nicht in dem Maße, als er es wünſchte, und daß es ihm nicht gelang, erbit⸗ terte ihn nur noch mehr gegen ſie und Baudiſſen. Als ſie ſeiner Schmähungen müde ihn verließ, ſchied er von ihr mit dem tiefſten Groll, um nach der Fuchshöhle zu tau⸗ meln, wo er in Geſellſchaft des Zeitungsſchreibers der Flaſche ſo lange zuſprach, bis er Alles um ſich her vergaß.— Am nächſten Tage erſchien Bandiſſen in Martha's Wohnung, um von ihr Abſchied zu nehmen, da ſein Gaſtſpiel beendet war. Er hatte den kleinen Franz an ſeiner Seite, weil er wußte, wie ſehr ſie an dem Kinde und dieſes an ihr hing. Der Knabe klammerte ſich feſt um ihren Hals und wollte nicht von ihr laſſen. „Warum nimmſt Du nicht die Mutter mit?“ fragte er Baudiſſen auf Martha deutend. 178 „Sie will nicht mit uns gehen,“ entgegnete dieſer ernſt, faſt vorwurfsvoll. „Dringen Sie nicht in mich,“ flehte ſie ſchmerzlich. „Sie ſehen, wie ich leide.“ „Und ich wiederhole nochmals meinen Vorſchlag. Ueberlegen Sie reiflich Ihre eigene Lage und ſtoßen Sie nicht vorſchnell die Hand zurück, die ich Ihnen entgegen⸗ ſtrecke. Bis jetzt habe ich es vermieden, den wunden Punkt in Ihrem Leben zu berühren, aber meine Freundſchaft und die Achtung, die ich in ſo hohem Maße für Ihr Ta⸗ lent empfinde, legen mir die Pflicht auf, offen mit Ihnen zu reden. Martha! Sie ſtehen auf dem Punkte, ſich einem Nichtswürdigen zu opfern.“ „Halten Sie ein!“ rief ſie entſetzt. „Ich habe die genaueſten Erkundigungen eingezo⸗ gen und weiß jetzt Alles. Unſer gemeinſchaftliche Freund, der Souffleur war mir bei meinen Nachforſchungen be⸗ hilflich und hat mir die Gewißheit verſchafft, daß Ferdi⸗ nand Ihrer nicht würdig ſei. Ich habe ihn früher nur für ſchwach gehalten und wie Sie an ſeine Beſſerung geglaubt, da ich auf Ihren wohlthätigen Einfluß rech⸗ nete. Wir haben und Beide in ihm getäuſcht.“ „Ich weiß es,“ ſeufzte Martha,„ſchon ſeit länge⸗ rer Zeit.“ „Und Sie ſtehen noch an, ſich von ihm loszuſa⸗ 179 gen? Ich hätte Ihnen mehr Energie und Charakterſtärke zugetraut. Sagen Sie, welch' ein Zauber Sie an den Elenden feſſelt? Es gibt kein ſo feſtes Band, daß ſich nicht löſen läßt. Wenn Ihnen die Kraft dazu fehlt, ſo beauftragen Sie mich damit. Ich weiß, wie man mit ſolchen Burſchen fertig wird. Reden Sie, ich beſchwöre Sie im Namen der Freundſchaft und der Kunſt, die uns Beiden heilig iſt und der ich Sie erhalten will.“— Martha rang auf das fürchterlichſte mit ſich ſelber. Was ſollte ſie ſagen, wie dem treuen Freunde die Wahr⸗ heit geſtehen? Das ſchwere Geheimniß, welches auf ih⸗ rem Herzen laſtete, konnte und durfte ſie ihm nicht ver⸗ rathen. Lieber ſchwieg ſie ganz, ſelbſt auf die Gefahr hin, den verehrten Mann zu erzürnen. Er ließ indeß nicht ab, in ſie zu dringen, da er feſt entſchloſſen war, die Unglückliche von dieſer ſchmachvollen Verbindung ſelbſt gegen ihren Willen zurückzuhalten. „Laſſen Sie mich nicht,“ bat er ſie,„in dieſer Un⸗ gewißheit von Ihnen Abſchied nehmen. Was ſoll aus Ihnen werden, wenn Sie nicht den Muth haben, dieſe unwürdigen Bande zu zerreißen? Sie müſſen ſelbſt ein⸗ ſehen, daß dieſer Menſch für ſich und Andere verloren iſt. Ihre Großmuth täuſcht Sie nur, wenn Sie ihn noch zu retten glauben. Er wird Sie nur mit in ſein Verderben ziehen. Wie eine ſchwere Laſt heftet er ſich an Ihre Füße 180 und hindert Sie auf jedem Schritt. Was ſoll aus Ihrem ſchönen Talente werden, wenn Sie unter ſolchem Drucke täg⸗ lich leiden? Der Künſtler muß frei ſein, und Sie haben ſich das ſchwerſte Joch ſelber aufgelegt. So lange dieſer Alp auf Ihnen laſtet, können Sie ſich nie erheben; die Ge⸗ meinheit wird ſtets den Aufſchwung Ihrer Seele lähmen. Noch haben Sie Zeit, noch iſt es nicht zu ſpät, ſich von dem Elenden loszuſagen.“ „Wenn ich auch wollte,“ klagte ſie,„ſo ſteht es nicht in meiner Macht. Glauben Sie mir, daß ich mir das Alles, was Sie mir vorgeſtellt, oft ſelbſt geſagt habe.“ „Das iſt Wahnſinn,“ zürnte Baudiſſen,„eine un⸗ verzeihliche Schwäche. Sie ſind kein gewöhnliches Weib, deshalb kann und wilt ich nicht glauben, daß Sie dieſen Menſchen lieben. Antworten Sie mir im Namen unſerer Freundſchaft, lieben Sie Ferdinand?“ Sie bedeckte mit ihren Händen das bleiche Geſicht, das ſie ihm nicht zu zeigen wagte, um nicht den tiefen Schmerz zu Hereethene der ihr Herz in dieſem Augen⸗ blicke zerfleiſch hte. Er war von ſeinem Sitze aufgeſprun⸗ gen und gu mit mächtigen Schritten auf und nieder. In ſeinem ganzen Weſen verrieth ſich die höchſte Span⸗ nung und eine Leidenſchaftlichkeit, die mit ſeiner ſonſtigen Ruhe im grellſten Widerſpruche ſtand. 181 „O Weiber, Weiber!“ rief er laut, indem er ſich⸗ gegen die Stirne ſchlug.„Ihr ſeid das ewige Räthſel der Schöpfung, unerklärlich in eurem Haſſe wie in eurer Liebe. Die keuſche Diana läßt ſich zu einem Schäfer⸗ burſchen herab und die holde Titania buhlt mit dem in einen Eſel verwandelten Gettel. Alle Philoſophie wird an dem Geſchlecht zu Schanden.“ Er ſchlug ein bitteres Gelächter auf, das ihr tief in's Herz ſchnitt. Martha fühlte, daß ſie die Achtung des einzigen Mannes verloren hatte, für den ſie ſelbſt die höchſte Verehrung empfand, und doch durfte und konnte ſie ihm nicht ſeinen Wahn benehmen. Während er ſich dem finſteren Unmuth überließ, beugte ſie ſich zu dem kleinen Franz herab, deſſen Lockenhaupt ſie mit ihren heißen Thränen befeuchtete. „Warum weinſt Du, Mutter?“ fragte das Kind, welches keine Ahnung von ihren Qualen hatte. Sie weinte nun noch heftiger, den holden Knaben krampfhaft umſchlingend. „Komm, Franz!“ ſagte Baudiſſen,„wir haben hier nichts mehr zu thun und müſſen gehen.“ Nur mit Gewalt konnte das Kind von ihr los⸗ geriſſen werden; ihr war es, als würde ein Stück ihres eigenen Lebens mit entfernt. Auch Baudiſſen war tiefer erſchüttert, als er zeigen wollte. Mühſam nur unter⸗ 182 drückte er ein unnenbares Gefühl, das ihn mit einem Male zu übermannen drohte; aber er beſaß eine wunder⸗ bare Herrſchaft über ſich ſelbſt. Während ſein Herz be⸗ wegt war wie noch nie, erſchien er äußerlich gefaßt und unnatürlich ruhig. Nur ein Zucken um die feinen Lippen, ein unmerkliches Zittern ſeiner Stimme verrieth den Kampf in ſeinem Innern. „Wir müſſen ſcheiden,“ ſagte er anſcheinend kalt. „Sie wollen es ſo und nicht anders. Martha! Beſinnen Sie ſich, noch haben Sie Zeit.“ „Mein Entſchluß iſt gefaßt und ſteht feſt,“ antwor⸗ tete ſie in dumpfer Reſignation. „So leben Sie wohl für immer. Gebe Gott, daß Sie nie darüber Reue empfinden mögen.“ Mit dem Knaben an der Hand, der ſich nur gewalt⸗ ſam fortziehen ließ, ging er bis zur Thür, noch immer hoffend, daß ſie ihn zurückrufen würde. An der Schwelle noch zögerte er und wandte ſich um mit einem Blicke, vor dem Martha zuſammenzuckte. Es war ein Blick, wie ihn der überlebende Freund dem geſtorbenen in die Gruft nachſendet. Es war zu viel, was ſie heut' erlebt hatte. Vernichtet brach ihre Kraft zuſammen; das unglückliche Weib überließ ſich der wildeſten Verzweiflung. Zehntes Capitel. Es waren traurige Stunden und Tage, die Martha verlebte, ſeitdem Baudiſſen von ihr Abſchied genommen hatte; mit ihm ſchien der gute Genius gegangen zu ſein, um ſie den ſchlimmen Geiſtern der eigenen Reue und den Intriguen Anderer zu überlaſſen. Selbſt die Liebe zu ihrer Kunſt vermochte nicht ſie aufzurichten; mit ihm war zugleich der Nimbus des Theaters verſchwunden, der ſie einige Zeit über ihren Beruf getäuſcht hatte. Ein ſo bedeutendes Gaſtſpiel läßt gewöhnlich nach dem Aufhören eine gewiſſe Leere auf der Bühne zurück. Die alltäglichen Schauſpieler, welche durch ihre Anwe⸗ ſenheit eines großen Künſtlers angeſpornt bisher alle ihre Kräfte anzuſtrengen ſuchten, verfallen wieder in ihren ge⸗ wöhnlichen Schlendrian. Das Publikum, durch ausge⸗ zeichnete Leiſtungen verwöhnt, ſteigert ſeine Anſprüche und wendet ſich, wenn dieſe nicht ſogleich befriedigt wer⸗ 184 den, mißmuthig und unzufrieden ab. Es bleibt eine fühlbare Lücke für alle Betheiligten und erſt mit der Zeit ſchiebt der Thespiskarren ſich in dem gewohnten Geleiſe fort. Niemand fühlte dieſen Zuſtand ſchmerzlicher als Martha ſelbſt, die noch außerdem mit ihren inneren Lei⸗ den zu kämpfen hatte. Eine tiefe Erſchlaffung war bei ihr auf jene aufgeregte, glückliche Zeit erfolgt; das ganze Le⸗ ben kam ihr ſchal und nünchtern vor, das Theater ekelte ſie an. Alle Gebrechen ihres Standes und ihrer gegenwär⸗ tigen Lage drängten ſich ihr unabweisbar auf. Immer ſchärfer lernte ſie die Uebelſtände kennen, woran unſere ge⸗ genwärtige Bühne krankt. Sie ſollte in Rollen auftreten, die ſie anwiderten, die elendſten Machwerke der Tagesdich⸗ ter zu künſtleriſchen Schöpfungen erheben, die Unnatur ver⸗ pfuſchter Charaktere zur Geltung bringen, den Anforde⸗ rungen eines verderbten Geſchmacks genügen. Ihre beſſere Ueberzeugung ſträubte ſich dagegen; aber was half es ihr? Die Direktion ſah nur auf den Vortheil der Kaſſe und kannte keine andere Rückſicht. Das große, launen⸗ hafte Publikum war von den klaſſiſchen Vorſtellungen ge⸗ ſättigt, und verlangte jetzt nach Abwechslung, ſtatt der erhabenen Gebilde eines Shakeſpeare, Schiller und Göthe die ihm mehr zuſagenden Schablonen der gemeinen Comö⸗ dienſchreiber.— Ihre bisherigen Erfolge hatten die An⸗ ſprüche an ſie geſteigert, die Aufmerkſamkeit auf ſie ge⸗ lenkt und zu den alten Feinden neue geweckt.— Erſt jetzt wurde es ihr klar, auf welchem unter⸗ wühlten Boden ſie ſtand, wie demoraliſirt die meiſten Bühnenzuſtände der Gegenwart dem Eingeweihten er⸗ ſcheinen müſſen. Die Lüge, welche ſich in allen heutigen Verhältniſſen zu erkennen gibt, wuchert nirgends ſo üppig, hat nirgends dieſen Höhenpunkt erreicht, als in der Theaterwelt. Hier entfaltet ſie in dem faulen Sumpf ungeſcheut und ungehindert ihre giftigen Blüthen. Nur zu leicht geht die Täuſchung und Verſtellung, auf welchen doch die ganze Schauſpielkunſt zum großen Theil beruht, auf das tägliche Leben über und wird ſomit zur anderen Natur. Alles iſt hier auf den Schein berechnet, die auf⸗ gelegte Schminke heuchelt Ingend und Schönheit, wo Beide nicht mehr zu finden ſind; man ſpielt mit der edel⸗ ſten Empfindung, vergießt Thränen, ohne je den wah⸗ ren Schmerz zu fühlen, und lacht, während oft das Herz zu brechen droht. Die Feinde im Leben umarmen ſich als Freunde auf der Bühne; der Haß nimmt die Maske der Liebe vor, die Gemeinheit und Geſinnungsloſigkeit prunkt mit erborgten Phraſen. Da iſt Alles falſch von dem Hermelin der Königin bis zu den Sandalen der Bettlerin, von dem Muth des Helden bis zu der Tugend der verfolgten Unſchuld. 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 12 186 Das Unglück gibt dem Geiſte eine Schärfe, die er früher nicht beſeſſen hat. Die Sinne werden empfindlicher, der ganze Menſch reitzbarer. Wie das kranke Ohr durch einen früher gleichgültigen und ſelbſt angenehmen Ton jetzt verletzt wird, ſo berühren uns im Elende die Zuſtände un⸗ angenehm, welche wir früher ruhig überſehen und ertragen haben. Aehnlich erging es auch Martha, die plötzlich nur noch die Kehrſeite ihrer Kunſt erblickte und faſt ohne Vermittelung von dem einen Extrem in das andere ver⸗ fiel. Eine derartige Verſtimmung mußte ſich nothwendi⸗ ger Weiſe auch auf ihre Leiſtungen erſtrecken. Wenn auch ihr Fleiß und ihre Gewiſſenhaftigkeit dieſelben blieben, ſo ließ ſie es doch an dem früheren Enthuſiasmus fehlen. Die Begeiſterung aber vermag allein Begeiſterung zu wecken. Ohne ſich, wie in den meiſten Fällen, klare Re⸗ chenſchaft zu geben, fühlte das Publikum dieſen Mangel bald heraus. In der Menge lebt, ungeachtet ihrer häu⸗ figen Verkehrtheit, ein feiner Inſtinkt. Was ihr an wah⸗ rem Verſtändniß abgeht, erſetzt ſie durch ein faſt ſom⸗ nambules Gefühl. In der That ſcheint es oft, als ob die Maske ſich wieder dem Naturzuſtande nähere, den der Einzelne längſt überwunden hat; ſie denkt weniger und falſcher, empfindet aber deſto mehr und richtiger.— Jene Verdroſſenheit, welche Martha nicht mehr zu überwinden vermochte, prägte ſich auch in der ganzen Auf⸗ 187 faſſung ihrer Rollen aus und blieb nicht unbemerkt. Zwar gelang es ihr noch zuweilen in den ihr zuſagenden Charakte⸗ ren die Zuhörer mit ſich fortzureißen, aber im Ganzen war eine gewiſſe Erkaltung eingetreten. Die lebendige Wech⸗ ſelwirkung zwiſchen ihr und dem Publikum hatte aufge⸗ hört, es gab Abende, wo ſie wenig oder gar nicht applau⸗ dirt wurde. Dieſer Mangel an Beifall, den der wahre Künſtler am wenigſten entbehren kann, wirkte wiederum auf ihr Spiel zurück und machte ſie an ſich und ihrer Lei⸗ ſtung irre.— Die Kritik, welche bisher meiſt wohlwollend ihr gegenüber verfahren war, ließ ſich jetzt oft im tadeln⸗ den Sinne vernehmen; am rlückſichtsloſeſten der Zei⸗ tungsredakteur, welcher mit Ferdinand bekannt war und gern die Gelegenheit ergriff, dieſen auf Martha's Koſten einmal hervorzuheben. Ohne ſie perſönlich zu kennen, war ſie ihm verhaßt ſchon deshalb, weil er mit ihr ſeinen Ein⸗ fluß auf den Schauſpieler theilen mußte. Seine Kritik war ein Muſter perfider Angriffe, eben ſo boshaft als witzig, ein Gemiſch von Wahrem und Falſchen; darum um ſo eindringlicher und ſchädlicher. In hämiſcher, verſteckter Weiſe berührte er zugleich ihre perſönlichen Verhältniſſe, die ihm durch ſeinen Umgang mit Ferdinand bekannt ge⸗ worden waren. Ohne Scham und Scheu richtete er ſeine Pfeile auf den einzigen verwundbaren Fleck ihres Lebens. Der Tadel, der ſie als Künſtlerin traf, hätte Mar⸗ 12* 188 tha ruhig ertragen, aber die vergifteten Angriffe gegen ihre Perſönlichkeit drückten ſie vollends zu Boden. Wäre ſie ein Mann geweſen, ſo hätte ſie von dem Elenden Re⸗ chenſchaft gefordert, aber ſie war nur ein ſchwaches Weib, dem keine Waffe zu Gebote ſtand, als ohnmächtige Thrä⸗ nen. Bei Ferdinand ſuchte und fand ſie keine Hilfe; ſie wußte, in welchem Verhältniſſe er zu dem Zeitungsſchrei⸗ ber ſtand, und verbarg darum vor ihm ſorgfältig ihre Leiden. Er empfand ſogar eine ſchlecht verhehlte Scha⸗ denfreude über die ihr zugefügte Kränkung, nur aus egoi⸗ ſtiſchen Gründen bat er den Redakteur ferner mit mehr Schonung zu verfahren. So ſchleppte ſie ſich traurig und gequält von Tag zu Tag durch das ihr verhaßte Leben, durch eigene Schuld und durch ihr Verhängniß an den Mann geket⸗ tet, den ſie weder lieben noch achten konnte, des Freun⸗ des beraubt, deſſen rettende Hand ſie zurückſtoßen mußte, ohne innere Befriedigung, da die Kunſt ihr nicht länger das Höchſte war und für ſie die täuſchende Glorie verlo⸗ ren hatten. In ſolcher Bedrängniß blieb ihr nur noch der Troſt, den ſie im Glauben gefunden hatte. Jenes religiöſe Bewußtſein, das während ihres Aufenthaltes in Gethſemane bei ihr zum Durchbruch gekommen war, hatte ſie ſich auch in ihren gegenwärtigen Verhältniſſen zu erhalten gewußt; es wurzelte tief in ihrem Innern und 189 konnte weder durch Ferdinand's Spott, noch durch den In⸗ differentismus ihrer jetzigen Umgebung erſchüttert werden. Von dieſem Gefühl beſeelt ſah ſie all' ihr widerfah⸗ renen Leiden als eine wohl verdiente Prüfung, als eine gerechte Züchtigung des Himmels an; demüthig beugte ſie ſich vor der ſtrafenden Vatershand, deren Walten ſie erkannte und verehrte. Je verlaſſener ſie ſich fühlte, je feindlicher ſich die Welt ihr gegenüber zeigte, deſto inni⸗ ger und tiefer empfand ſie von Neuem die tröſtende Macht des Glaubens. Ihre religiöſe Anſchauung war frei⸗ lich jetzt noch weiter entfernt von jener ſtreng pietiſtiſchen Richtung, von der ſie in Gethſemane ſchon zurückgeſchreckt wurde, aber darum nicht minder lauter, feſt und ſtark. Die ewigen Wahrheiten des Chriſtenthums gewährten ihr eine höhere Stütze, die ſie jetzt mehr als je bedurfte. Zugleich fühlte ſie das Bedürfniß nach einer kirchlichen Gemeinſchaft. Zum Erſtaunen ihrer meiſten Collegen beſuchte ſie regelmäßig jeden Sonntag den Gottesdienſt, ohne mit ihrer wahren und ungeheuchelten Frömmigkeit zu prunken. Sie ließ ſich davon weder durch die frivolen Aeußerungen ihrer Umgebung, noch durch Ferdinand's verletzende Ausfälle zurückhalten, einzig und allein in die⸗ ſem Punkte ihrer beſſeren Ueberzeugung folgend, unbe⸗ kümmert um das Urtheil der Welt.— Die Partei der erſten Liebhaberin, welche bisher 190 nicht gegen ſie aufzutreten wagte, faßte unter dieſen Ver⸗ hältniſſen neuen Muth und ſuchte eine Gelegenheit her⸗ beizuführen, um Martha in den Augen des Publikums vollends herabzuſetzen. Beſonders war der rachſüchtige Rittmeiſter geſchäftig, ihr zu ſchaden. Noch hatte er die an Silbermann verlorene Wette nicht vergeſſen können, eben ſo wenig wie den vermeintlichen Triumpf ſeines Ne⸗ benbuhlers, der nach wie vor ſeine Beſuche bei Martha fortſetzte und die Rolle eines begünſtigten Liebhabers ohne ihr Wiſſen und auf Koſten ihres Rufes fortſpielte. Allerlei ſchändliche und gemeine Gerüchte über ihren Lebenswandel verbreiteten ſich im Publikum, ſyſtemati⸗ ſche Verläumdungen wurden eben ſo hartnäckig als glück⸗ lich gegen ſie ausgeſtreut und fanden, wie das immer zu geſchehen pflegt, vielfachen Glauben. Ihre Gegner benutzten ſchlauer Weiſe gerade ihre nicht unbekannte Frömmigkeit, um ſie als eine vollendete Heuchlerin hinzu⸗ ſtellen. Die Menge wurde dadurch nur um ſo leichter gegen ſie eingenommen, da das Laſter unter dem Deck⸗ mantel der Religion doppelt haſſenswerth erſcheint und die öffentliche Meinung hinter der kirchlichen Richtung nur zu häufig ein verſtecktes Munkerthum zu ſuchen ver⸗ leitet wird. Fräulein Schenkel, denn aus dieſer trüben Quelle floßen zumeiſt all' die böswilligen Gerüchte, ſpielte die 191 ſittlich Entrüſtete und that ſich auf ihre Offenheit zu gut, womit ſie ohne Scham und Scheu bisher aufgetreten war. Sie rechnete es ſich zum Verdienſte an, daß ſie aus ihren zahlloſen Liebesabenteuern kein Hehl machte und renommirte mit der Frechheit, womit ſie jeder guten Sitte Hohn ſprach. Ihre Verehrer prieſen ihre Schamloſigkeit als geniale Großartigkeit, als Zeichen einer aufrichtigen Künſtlernatur, wogegen ſie in Martha's Benehmen nur den höchſten Grad von verwerflicher Verſtellung und Tartufferie erblickten. Dieſer Glaube fand im Publikum, das ſich meiſt vom äußern Schein beſtimmen läßt, immer mehr Anhänger, da die meiſten Menſchen weit eher das Böſe als das Gute ihrem Nebenmenſchen zutrauen. Vor⸗ zugsweiſe aber herrſcht gegen die Frauen der Bühne ein nicht immer gerechtfertigtes Vorurtheil, ſo daß ſie mehr als Andere der Verleumdung ſchutzlos erliegen müſſen. Martha's Gegner hatten die öffentliche Meinung in kurzer Zeit ſo zu ihren Ungunſten zu bearbeiten gewußt, daß ſie endlich offen hervorzutreten und einen längſt beab⸗ ſichtigten Hauptſchlag wagen durften, um ſie gänzlich zu vernichten. Der Plan war von Fräulein Schenkel erſon⸗ nen, während die Ausführung dem edlen Rittmeiſter überlaſſen blieb. Der ſchwache und verliebte Regiſſeur, welcher mit in's Vertrauen gezogen war, mußte zu dieſem Behufe die Aufführung„der Jungfrau von Orleans“ anſetzen. Martha erhielt die Hauptrolle in dem Schiller⸗ ſchen Drama, obgleich ſie ſelbſt am beſten fühlen mochte, daß ſie in ihrer jetzigen Stimmung einer ſolchen Aufgabe am wenigſten gewachſen war. So ſehr ſie auch das dra⸗ matiſche Meiſterwerk ihres Lieblingsdichters verehrte, ſo ging ſie diesmal mit entſchiedenem Widerwillen an das Studium desſelben. Der ganze Charakter der gottbegei⸗ ſterten Jungfrau widerſprach ihrer innerſten Natur und ihrer Eigenthümlichkeit. Sie ſcheute ſich dieſes reine Hirtenmädchen, die verkörperte Unſchuld, darzuſtellen im Bewußtſein ihrer eigenen Schuld. Es kam ihr wie eine Entweihung des überirdiſchen Gebildes, wie eine Läſte⸗ rung vor, daß gerade ſie in einer ſolchen Rolle auftreten ſollte. Jedes Wort kam ihr in ihrem Munde wie eine Blasphemie vor und erinnerte ſie an eine nicht fleckenloſe Vergangenheit, welche wie ein drohendes Geſpenſt vor ihr auftauchte. Eine bange Ahnung beſchlich ihr Herz, als drohte ihr ein nahes Unglück, wenn ſie dieſe ihr wider⸗ ſtrebende Rolle ſpielte.— Zum Erſtenmal, ſo lange ſie beim Theater war, weigerte ſie ſich die ihr zugedachte Rolle zu übernehmen, aber der Regiſſeur war unerbittlich und wies ihre man⸗ nigfachen Einwände mit Entſchiedenheit zurück. Auf den Proben glaubte ſie in dem Geſichte der erſten Liebhaberin, welche die„Agnes Sorel“ nur aus dem Grunde gab, 193 um ſich an der Niederlage ihrer Nebenbuhlerin zu wei⸗ den, fortwährend ein hämiſches, ſchadenfrohes Lächeln zu bemerken. Gegen ihre ſonſtige Gewohnheit zeigte ſich Fräulein Schenkel ihr gegenüber überaus liebenswürdig und zuvorkommend. Es war eine echte Katzenfreundlich⸗ keit, welche mit der Beute ſpielt, ehe ſie die ſcharfen Krallen aus den Sammetpfoten vorſtreckt. So oft ſich Martha ihr näherte, ſchwebte das ominöſe Lächeln um ihre Ropan während die großen unheimlichen Augen ih⸗ ren falſchen lauernden und haßerfüllten Ausdruck bei⸗ behielten. Unwillkürlich ſchauerte Martha vor dieſen Un⸗ heil verkündenden Blicken zuſammen; fie mußte ſich zwin⸗ gen, nicht ihr Geſicht abzuwenden, wenn ſie mit ihr ſprach. Am Tage der Vorſtellun kam der treue Souffleur zu ihr, den ſie in der letzten Zeit nur auf den Proben geſehen hatte, da ſie zu ſehr mit ſich und ihren eigenen Verhältniſſen beſchäftigt war. Seine bekümmerte Miene mußte ihr auffallen. „Was fehlt Ihnen?“ fragte ſie beſorgt. „Mir nichts, aber Ihnen, mein liebes Fräulein, droht ein Unglück, wenn mich nicht alle Zeichen täuſchen. Ich bin hierher geeilt, um Sie zu warnen. Die Schen⸗ kel mit ihrem Anhange hat ſicher einen Streich gegen Sie im Sinne.“ 194 „Was kann ſie denn vorhaben?“ „Dahinter bin ich noch nicht gekommen, aber ich kenne meine Pappenheimer. Das ziſchelt und lacht, ſteckt die Köpfe mit dem Regiſſeur zuſammen, flüſtert im Win⸗ kel, reibt ſich die Hände und iſt zu vergnügt, um nicht eine Urſache zu haben. Auf Sie iſt es abgeſehen, darauf verwette ich meinen Kopf.“ „Ich bin mir keiner Schuld bewußt.“ „Mein Gott! Sie reden wie ein Grünſchnabel, der zum Erſtenmal in ſeinem ganzen Leben ein Theater ſieht. Iſt es nicht genug, daß Sie die Schenkel ſo gut wie verdrängt haben, ihr die beſten Rollen vor der Naſe weg⸗ ſpielen und dem Publikum beſſer gefallen wie das ram⸗ ponirte Frauenzimmer, das keinen Funken von Natur und Talent beſitzt? Glauben Sie denn, daß ſie Ihnen je vergeben kann, daß der große Baudiſſen Sie bevor⸗ zugt und mit Ihnen den Lorbeerkranz getheilt hat? Da kennen Sie das Theatervolk nur ſchlecht. Hätten Sie ihr die Mutter vergiftet, den Bruder ermordet, ſogar einen Liebhaber abſpenſtig gemacht, ſo würde ſie Ihnen viel⸗ leicht verzeihen können; aber ſo nimmermehr. Sie wird nicht eher ruhen, bis Sie unter ihren Füßen liegen, und ſollte ſie ſelbſt darüber zu Grunde gehen.“ „Sie übertreiben aus allzugroßer Freundſchaft für 195 mich. Ich thue meine Pflicht und fürchte mich nicht vor den Intriguen einer Schenkel.“ „Stolz lieb' ich meine Spanier,“ entgegnete der bekümmerte Souffleur;„aber diesmal iſt Ihr Stolz nicht am rechten Orte. Wer wie ich ſo viele Jahre beim Theater iſt, weiß, was ein eitler Schauſpieler gegen einen Nebenbuhler zu thun im Stande iſt. Der Beſte verkauft darum dreimal ſeine Ehre und Seligkeit. Nehmen Sie ſich in Acht und glauben Sie einem erfahrenen Manne, der von ſeinem Loch aus Alles ſieht und hört. Ich habe eine feine Naſe und rieche eine Theaterintrigue auf tau⸗ ſend Schritte. Um des Himmels Willen folgen Sie heute meinem Rath, melden Sie ſich krank. Thuen Sie, was Sie wollen, nur treten Sie nicht an dieſem Abend auf.“ Die Beſorgniſſe des alten treuen Freundes ſchienen auf Martha einigen Eindruck zu machen; ſie überlegte und ſchwankte, welchen Entſchluß ſie faſſen ſollte. Aber der Gedanke, einer Nebenbuhlerin zu weichen, ſich durch übertriebene Aengſtlichkeit lächerlich zu machen, hinderte ſie den wohlgemeinten Rath des Souffleurs zu befolgen. Ihrer Wahrheitsliebe widerſtrebte es, ſich durch eine Lüge zu entſchuldigen und ohne nachweisbaren Grund die bereits angeſetzte Vorſtellung zu ſtören. „Ich bin auf Alles gefaßt und werde die Jungfrau ſpielen,“ ſagte ſie mit der ihr eigenen Entſchiedenheit. 196 Der treffliche Souffleur wiederholte zwar nochmals ſeine Gegengründe, jedoch ohne beſſeren Erfolg. Kopf⸗ ſchüttelnd verließ er ſie mit einem ſchmerzlichen Seufzer, indem er ihren Dank für ſeine freundſchaftliche Warnung ablehnte.— So kam der verhängnißvolle Abend heran und mit ihm füllte ſich das Theater bis auf den letzten Platz. Das unbeſtimmte Gerücht von einem bevorſtehen⸗ den Skandal hatte außer den gewöhnlichen Abonnenten noch eine zahlloſe Menge von Neugierigen herbeigelockt. Im Publikum und beſonders im Parterre und auf der dicht beſetzten Gallerie herrſchte jene dumpfe Unruhe und Gährung, welche dem ausbrechenden Sturme voranzu⸗ gehen pflegt. Wie das aufgeregte brauſende Meer wogte und drängte ſich die Maſſe in dem weiten, großen Hauſe voll Erwartung der kommenden Ereigniſſe. Die Vorſtellung begann, nachdem das Orcheſter eine paſſende Ouverture geſpielt hatte, von der jedoch bei der vorhandenen Unruhe nur wenig zu hören war. Der Vorhang ging in die Höhe; in demſelben Moment rich⸗ teten ſich die Blicke aller Anweſenden nach den Proſze⸗ niumslogen, welche in der That das ſeltſamſte Schau⸗ ſpiel darboten. Sonſt von der Elite der Geſellſchaft ausſchließlich beſucht, von den eleganteſten Damen und Herren beſetzt, wurden dieſe Logen an dem heutigen Abend von einer 197 Anzahl der gemeinſten Taglöhner aus der Hefe des Vol⸗ kes eingenommen. Die widerwärtigſten und roheſten Ge⸗ ſichter, eine Gallerie wahrhaft abſchreckender und zugleich lächerlicher Phiſiognomien mit ſtruppigen, unraſirten Bär⸗ ten und wüſten Haarfriſuren präſentirten ſich zu beiden Seiten der mit rothem Sammet ausgeſchlagenen Brü⸗ ſtung. Ihre Toilette beſtand aus ihren gewöhnlich groben und zerriſſenen Jacken, aus ſchmutzigen und geflickten Leinwandhoſen, buntfarbigen, grellen Weſten und Hals⸗ tüchern, über welche die ungewaſchenen Hemdekragen her⸗ vorſchauten. Sie trugen ungeheure, durch ihre Größe auf⸗ fallende Lorgnetten von Fenſterglas und koloſſale Bou⸗ quette von rieſigen Sonnenblumen, einem Beſen ähnlich, in den Händen. Auf den prächtigen Sammetfauteuille's dehnten und räckelten ſich dieſe Menſchen in der gemein⸗ ſten Stellung, wobei ſie ſich das Anſehen von Dandy⸗ haften Stutzern der vornehmen Welt zu geben ſuchten mit abſichtlicher Karrikatur und Uebertreibung. Es war ein eben ſo lächerlicher als unangenehmer Anblick, der die Aufmerkſamkeit des Publikums auf ſich zog und die Vorſtellung ſtörte. Anfänglich verhielt die Bande ſich ruhig, ſobald aber Martha auf der Bühne erſchien und die erſten Worte ſprach, worin ſie ſich als die reine Jungfrau, als das gottgeweihte Werkzeug zur Befreiung Frankreich's 198 ankündigte, erſchallte aus der Loge ein höhniſches Ge⸗ lächter, das ſich dem dichtgedrängten Parterre mittheilte. Wie auf Verabredung erhoben ſich die Bummler und applaudirten mit augenſcheinlicher Ironie alle ähnlichen Stellen. Als der Vorhang gefallen war, riefen ſie mit ihren rohen Stimmen die Darſtellerin, welche nicht er⸗ ſcheinen wollte.. „Jungfrau raus!“ brüllte der wüſte Chor.„Wir wollen die nette Jungfrau ſehen.“ Ein großer Theil des Publikums, welcher an jedem Skandal Gefallen findet, ſchloß ſich ihnen an und ver⸗ mehrte den Tumult, bis Martha bleich und bebend vor dem Vorhang erſchien. Die von dem Rittmeiſter erkauf⸗ ten Arbeiter warfen jetzt ihre koloſſalen Blumenſträuße ihr unter allgemeinem höhniſchen Gejubel, Jauchzen und Gegrühle zu. Ihre Freunde wagten nicht öffentlich gegen dieſe Demonſtration aufzutreten, da ſie durch ihre Ein⸗ miſchung das Uebel nur noch zu verſchlimmern fürchten mußten. Vernichtet ſtand ſie einige Augenblicke da, aus⸗ geſetzt dem Spott und dem wilden Toben des erbar⸗ mungsloſen Haufens. Aller Augen waren auf ſie ge⸗ richtet und ſtarrten, wie der Pöbel Roms den ſterben⸗ den Gladiator, das arme Opfer einer gemeinen Ver⸗ ſchwörung an, um ſich an den Zuckungen eines zu Tode 199 verwundeten Weibes zu ergötzen. Was kümmert ſich das Publikum um den armen Schauſpieler, der unter ſolch, einer erniedrigenden Beſchimpfung zu erliegen droht?— Vor Martha's Blicken verwandelte ſich das gefüllte Haus in eine Menagerie von wilden Beſtien, welche mit fun⸗ kelnden Augen und lautem Gebrüll auf ſie losſtürmte.— Die Bühne wurde für ſie zur Schandſäule und zum Marterpfahl, an dem ſie unter den Schlägen ihrer mit⸗ leidsloſen Henker langſam verblutete. Aber ſie war ent⸗ ſchloſſen, das Aeußerſte zu dulden und keine Schwäche zu zeigen. Indem ſie ihre Willenskraft auf das höchſte an⸗ ſpannte, ertrug ſie dieſe unverdiente Schmach mit dem Muthe einer Märtyrerin.— Hinter den Couliſſen erwartete ſie ein nicht minder kränkendes Benehmen von Seiten ihrer meiſten Collegen. Wohin ſie ſich wendete, begegnete ſie nur ſchadenfrohen Geſichtern oder einem erheuchelten Mitleid, das ſie noch tiefer verletzte als der offene Triumph ihrer Gegner. An der Seite des Regiſſeurs ſtreifte Fräulein Schenkel an ihr vorüber mit lautem Gelächter. Als ſie in Martha's Nähe kam, verſtummte ſie plötzlich und verzog ihr Geſicht zu einer bemitleidenden Fratze. Die Unglückliche wandte ſich ab und ſank auf eine Bank im Hintergrunde nieder, wo ſie den Theaterdiener um ein Glas Waſſer bat. Der ſonſt ſo geſchmeidige Praktikus that, als ob er ihre Bitte 200 nicht gehört hätte. Wie eine Verpeſtete floh er vor ihr, jede Berührung mit ihr meidend. Nur der ehrliche Souffleur verließ in der Zwiſchen⸗ pauſe ſeinen Kaſten, um ſie aufzuſuchen. Er reichte ihr wie der barmherzige Samaritan ſeine Hand, während ſich ſeine Augen mit Thränen füllten. „Um Gotteswillen!“ bat er ſie,„ laſſen Sie es ge⸗ nug ſein, melden Sie ſich jetzt noch krank. Sie ſehen, daß ich Sie nicht umſonſt gewarnt habe. Ich will den Theater⸗ arzt rufen; Sie können, Sie dürfen nicht weiter ſpielen. Es würde Ihr Tod ſein. Wie Sie zittern, wie bleich Sie ſind, armes, gutes Fräulein.“ „Bleiben Sie,“ antwortete ſie mit feſter Stimme. „Ich werde meine Rolle zu Ende führen, und ſollte ich darüber zu Grunde gehen. Die Gemeinheit ſoll ſich nicht ihres Triumphes über mich rühmen. Ich weiche nicht und werde meine Pflicht bis zum letzten Augenblicke thun.“ Ohne auf ſeine ferneren Einwendungen zu hören, erhob ſie ſich, da das Zeichen zum Beginn des zweiten Aktes bereits gegeben war. Mit einem Muthe, der einer beſſeren Sache würdig geweſen wäre, trat ſie von Neuem auf die Bühne, wo ſie derſelbe Empfang erwartete. Ihr Stolz hielt ſie aufrecht, obgleich ſie ſich zuweilen im Ver⸗ laufe der Vorſtellung einer Ohnmacht nahe fühlte. So 201 oft aber ihr Stichwort fiel, raffte ſie ſich auf, um dem Sturm ihrer Feinde zu trotzen. Dieſe Beharrlichkeit wurde indeß nur von einem geringen Theile des Publi⸗ kums ſo anerkannt, wie ſie es verdiente. Die Mehrzahl ſah darin nur eine Nichtachtung der öffentlichen Meinung, eine ſtrafwürdige Vermeſſenheit, ſchlug ſich auf Seiten der Gegner und entzog Martha noch den Reſt der Theil⸗ nahme, der ihr übrig geblieben war. Die wahren Kunſt⸗ freunde hatten längſt das Theater verlaſſen, entrüſtet über das gemeine Treiben, womit die klaſſiſche Schöpfung des großen Dichters entweiht wurde. Nur die Feinde hielten Stand und behaupteten das Feld. Vor dieſen mußte ſie ihre Rolle bis zu Ende ſpie⸗ len und den bitteren Kelch der Schmach bis zum letzten Tropfen leeren. Sobald der Vorhang zum Letztenmale gefallen war, erhob ſich wieder das frühere Toben, Schreien und Ziſchen, bis ſie dadurch gezwungen wurde, zu erſcheinen. Die Bande in der Proſzeniumsloge hatte ihr eine noch größere Beſchimpfung als all' die bisheri⸗ gen zugedacht. Als aber Martha bleich und erſchöpft mit gefalteten Händen ergeben und doch noch immer ſchön in ihrem ſchlecht verhehltem Schmerz vor der wilden, auf⸗ geregten Menge erſchien, wurde dieſe unwillkürlich von der edlen Leidensgeſtalt plötzlich ergriffen. Es trat eine plötz⸗ liche Umwandlung in der Stimmung des leichtbeweglichen 1859. XXII. Eine arme Seele. II. 13 202 Publikums ein, wie ſie zuweilen bei ähnlichen Anläſſen wahrgenommen wird. Selbſt der rohe Haufe in der Pro⸗ ſzeniumsloge wagte nicht, den beabſichtigten Hauptſchlag zu führen. Keine Hand regte ſich, das wilde Geſchrei und Pfeifen verſtummte. 3 Es war eine Todtenſtille in dem weiten, über⸗ füllten Hauſe. Betroffen verneigte ſie ſich wie zum Danke, daß ihr das Schlimmſte erſpart worden war. Ruhig entfernte ſich die Menge mit einem Gefühle, das faſt an Beſchä⸗ mung gränzte, ihre eigene Grauſamkeit bereuend. Jetzt erſt fühlte Martha, daß ihre Kraft zu ſchwinden drohte, ſie mußte ſich auf den Arm des getreuen Souffleur's ſtützen, der ſich eingefunden hatte, um ſie nach Hauſe zu begleiten. Elftes Capitel. Ein derartiger Vorfall war nur zu ſehr geeignet, Martha's Künſtlerlaufbahn zu zerſtören und ihren Wi⸗ derwillen an dem Theaterleben noch zu ſteigern. Zum Glück für ſie war ſie an den nächſten Abenden nicht be⸗ ſchäftigt; auch hatte ſie eine Wiederholung ähnlicher Auf⸗ tritte um ſo weniger zu fürchten, da entſchieden der Um⸗ ſchlag in der öffentlichen Meinung zu ihren Gunſten immer feſteren Beſtand gewann. Wie dies gewöhnlich zu geſchehen pflegt, wurde das Ereigniß vielfach beſprochen, das Benehmen der Betheiligten hinterd'rein ſcharf ge⸗ tadelt und Martha bedauert. Das Publikum ſah ſeinen Fehler ein und ſchämte ſich jetzt, an einer gemeinen In⸗ trigue ohne ſein Wiſſen Theil genommen zu haben. Bald wurden auch die wahren Urheber bekannt und alle Welt verdammte den Rittmeiſter und die erſte Liebhaberin als die Anſtifter des Complotes. 13 204 Fräulein Schenkel genoß ihren Triumph nur kurze Zeit; bei ihrem nächſten Auftreten erhielt ſie ſtatt des ge⸗ hofften Beifalls ſo deutliche Zeichen des allgemeinen Un⸗ willens, daß ſie darüber in Krämpfe verfiel und von der Bühne fortgetragen werden mußte. Demungeachtet war Martha für die erlittene Schmach nicht getröſtet; die Wunde blutete fort und fort; ſie hatte die Schäden und Gebrechen ihres Standes, die Demoraliſation ihrer mei⸗ ſten Collegen, die Unzuverläſſigkeit des Publikums und die ganze moraliſche Verſunkenheit der heutigen Bühne zu genau kennen gelernt, um ſich ferner eine Illuſion dar⸗ über zu machen. Am liebſten hätte ſie das Theater ſogleich verlaſſen, aber ſie fühlte ſich durch Ferdinand noch immer unauflös⸗ lich gebunden, da ſie ſich ſelber gelobt hatte, unter allen Verhältniſſen bei ihm auszuharren. Seinem ſchwachen Charakter gemäß hatte er nach jenem Vorfalle bei der Aufführung der Jungfrau Martha aufrichtig beklagt und im erſten Anlauf eines beſſeren Gefühls von ihren Feinden Rechenſchaft zu fordern beſchloſſen. Nur mit Mühe konnte ſie ihn zurückhalten, den Rittmeiſter und Fräu⸗ lein Schenkel öffentlich zur Rede zu ſtellen. In ihrer Reſignation und Verlaſſenheit legte ſie auf ſeine Theil⸗ nahme mehr Gewicht, als dieſe verdiente, und ſchloß ſich darum feſter an ihn an. Die Furcht durch Martha's Ab⸗ —,— — 4 205 gang von der Bühne ſeine eigene Stellung zu verlieren, brachte ihn für einige Zeit zur Beſinnung; er mied ſeinen gewöhnlichen Umgang und beſuchte die Fuchshöhle weit ſeltener als ſonſt. Dieſe ſcheinbare Beſſerung, welche Martha geneigt war, auf Rechnung ſeiner edleren Natur zu ſetzen, hatte jedoch noch einen geheimen Grund. Ferdinand's Kaſſa war vollkommen erſchöpft, die letzte Gage längſt verzehrt und ſelbſt die kleine Summe, welche Martha erſpart und ihm zur Verwahrung gegeben hatte, von ihm angegriffen worden. Seine bisherige Hilfsquelle drohte ebenfalls zu verſinken, da ſich Herr Silbermann weigerte, länger ſei⸗ ner Verſchwendungsſucht Vorſchub zu leiſten. Mit jedem Tage zeigte ſich die ſonſt ſo gefällige Theaterſchlange ſchwieriger, ja ſie forderte ſogar das bereits ihm vorge⸗ ſtreckte Kapital mit Ungeſtüm zurück und drohte wegen ei⸗ niger fälligen Wechſel den Schauſpieler nächſtens einſper⸗ ren zu laſſen. Die Schuld dieſer Strenge aber trug Martha, ohne es zu wiſſen, einzig und allein. Herr Silbermann war ein durchaus praktiſcher Mann und nicht länger geneigt den ſchmachtenden Anbeter zu ſpielen; er verlangte Ge⸗ genliebe und reelle Beweiſe für dieſelbe. Leider ſah er ſich in ſeinen bisherigen Erwartungen getäuſcht, da er trotz ſeiner wiederholten Beſuche und verſteckten Andeu⸗ af Nn— 206 tungen auch nicht einen Schritt weiter gekommen war. Bei der erſten Gelegenheit, wo er mit ſeinen Anſprüchen zwar entſchiedener, aber noch immer in den Grenzen des Anſtandes hervorzutreten wagte, hatte Martha eben ſo⸗ beſtimmt als ſtreng ihn zurückgewieſen, ſo daß er be⸗ ſchämt ſeinen Rückzug nehmen mußte. Nichts deſto we⸗ niger ließ er ſeine Hoffnungen keineswegs ſchwinden, da er neben andern großen Eigenſchaften auch jene Zähig⸗ keit beſaß, welche man ſchon mit dem Namen einer un⸗ verſchämten Zudringlichkeit bezeichnen dürfte. Geſtützt auf ſeine langjährigen Erfahrungen hielt er jede Schau⸗ ſpielerin für zugänglich und käuflich. Eben ſo wußte er, oder glaubte er als tüchtiger Geſchäftsmann zu wiſſen, daß eine Waare um ſo billiger zu bekommen ſei, wenn der Verkäufer ſich in der Nothwendigkeit befindet, ſie um je⸗ den Preis loszuſchlagen.— Seinem Scharfblick war es nicht entgangen, daß ſowohl für Martha wie für Fer⸗ dinand dieſer ungünſtige Zeitpunkt eingetreten ſei. Die Aermlichkeit ihrer Garderobe, die Einſchränkungen, die ſie ſich augenſcheinlich auferlegen mußten, eine gewiſſe ge⸗ drückte Stimmung verkündigten dem feinen Beobachter den Mangel jenes belebenden Metalls, das einen galvani⸗ ſchen Reiz auf jeden Menſchen übt. Auf dieſen Umſtand gründete Herr Silbermann ſeinen wohldurchdachten Plan, von dem er ſich den gewünſchten Erfolg mit Sicherheit 4 207 verſprach. Die Verhältniſſe ſchienen in der That ſo gün⸗ ſtig wie nie zuvor. Durch die erlittene Niederlage hoffte er Martha's Stolz, dem er hauptſächlich ihren Widerſtand zuſchrieb, einigermaßen gebrochen zu ſehen; auch wußte er aus dem Munde Ferdinand's, daß der Theateragent Schürlein die Hälfte ihrer Gage als den Lohn ſeiner red⸗ lichen Bemühungen mit Beſchlag belegt hatte, ſo daß ſie ſich nothwendiger Weiſe in der größten Verlegenheit be⸗ finden mußte. Vor allen Dingen aber wollte Herr Silbermann ſicher gehen und jedes Hinderniß aus dem Wege räumen. Als das größte betrachtete er aber irrthümlicher Weiſe den Schauſpieler, der als Martha's Bräutigam zunächſt ſeinen Plänen in den Weg treten konnte. Er hatte ihn ſo zu ſagen in der Taſche, worin er ſeine Wechſel zu ver⸗ wahren pflegte. Dies gab er ihm ſo oft und eindringlich zu verſtehen, daß er von Seiten Ferdinand's keinen er⸗ heblichen Widerſpruch mehr zu befürchten glaubte. Nach⸗ dem er ſo ſeine Maßregeln vorſichtig getroffen hatte, wagte er es nach längerer Abweſenheit wieder einmal Martha zu beſuchen. Sie war entſchloſſen, ihn nicht an⸗ zunehmen, aber Ferdinand, der zufällig bei ihr war, re⸗ dete ihr ſo lange und unter Anführung einleuchtender Gründe zu, bis ſie der Theaterſchlange gegen ihre beſſere Ueberzeugung den Zutritt von Neuem geſtattete. Wäre —— 208 ihr ſein Beſuch nicht gleichgültig oder vielmehr unange⸗ nehm geweſen, ſo hätte ihr in ſeiner ganzen Sprache und in ſeinem Benehmen eine gewiſſe Zuverſicht auf⸗ fallen müſſen, womit er gegen ſeine ſonſtige kriechende Gewohnheit heut' gerade auftrat. In ihrer jetzigen Stim⸗ mung achtete ſie indeß nicht weiter auf dieſen Umſtand. Eben ſo wenig fiel es ihr auf, daß Ferdinand ſich unter einem ſchicklichen Vorwande plötzlich entfernte und ſie mit Herrn Silbermann, der ihm einen Wink zuvor heimlich gegeben hatte, allein ließ. Martha war mit einer dringenden Arbeit an ihrem Theatercoſtume beſchäftigt, woran ſie ſich durch die An⸗ weſenheit der Theaterſchlange nicht unterbrechen ließ, da ſie den Anzug für die nächſte Vorſtellung nothwendig brauchte. Sie entſchuldigte ſich deshalb und nähte emſig weiter. Herr Silbermann ſchien mit einem großen Ent⸗ ſchluße zu kämpfen; er war von ſeinem Stuhle aufgeſtan⸗ den und näherte ſich ihr, indem er zärtlich ihre Hand er⸗ greifen wollte, die ſie jedoch ihm ſchnell entzog. „Warum quälen Sie ſich,“ ſagte er mit anſcheinen⸗ der Theilnahme,„und verrichten eine Arbeit, die Ihrer durchaus nicht würdig iſt. Dieſe ſchönen Hände ſind nicht dazu geſchaffen, ſich von der Nähnadel zerſtechen zu laſſen.“ „Mir macht,“ entgegnete ſie unbefangen,„dieſe 6 Arbeit das größte Vergnügen. Außerdem bin ich in mei⸗ nen Verhältniſſen genöthigt zu ſparen, da meine Gage, wie Sie wohl wiſſen, nicht die glänzendſte zu nennen iſt.“ „Wenn Sie nur wollen, ſo können Sie augenblicklich wie eine Fürſtin leben. Mein ganzes Vermögen lege ich zu Ihren Füßen.“ „Das kann nicht Ihr Ernſt ſein,“ antwortete ſie ihm ausweichend. „Mein völliger Ernſt,“ rief die Theaterſchlange lei⸗ denſchaftlich.„Sie brauchen nur ein wenig Ihre bisherige Sprödigkeit gegen mich abzulegen, und Sie ſollen meine Großmuth kennen lernen. Auf ein Paar tauſend Thaler ſoll es mir nicht ankommen. Aber Sie wollen mich nicht verſtehen.“ „Nein! Ich will und werde Sie nie verſtehen. Ver⸗ ſchonen Sie mich mit Ihren beleidigenden Anträgen, oder verlaſſen Sie mich auf der Stelle.“ „Die Sprache bin ich ſchon gewohnt, aber ich weiß auch, was dahinter ſteckt. Glauben Sie mir, ich bin ein alter Praktikus und laſſe mich nicht ſo leicht abſchrek⸗ ken. Ereifern Sie ſich nicht, wir wollen ruhig und ge⸗ laſſen bleiben. Was fürchten Sie? Das Urtheil der Welt. Pah! Wer wird ſich daraus Etwas machen? Sie ſind Schauſpielerin und als ſolche ſtehen Sie hoch über der öffentlichen Meinung. Was nützt Ihnen die Tugend? 110 Die bringt Ihnen keinen Pfennig ein und außerdem glaubt Ihnen doch kein Menſch. Sie haben erſt neulich erfahren, wie das Publikum darüber denkt.“ „Unverſchämter!“ rief Martha mit vor Entrüſtung flammenden Wangen.„Gehen Sie, gehen Sie, oder ich werde um Hilfe rufen und Sie mit Gewalt entfernen laſſen.“ „Rufen Sie,“ höhnte die Theaterſchlange,„rufen Sie ſo viel Sie wollen; es wird doch kein Menſch kom⸗ men. Sie rechnen auf Ihren Bräutigam, aber Sie irren ſich. Den hab' ich ſelber fortgeſchickt, und er wird nicht ſo bald hier erſcheinen.“ „Sie lügen, aber Ferdinand wird die mir angethane Beſchimpfung rächen.“ „Glauben Sie wirklich? Ein Menſch, der mir Geld ſchuldig iſt und den ich jeden Augenblick wegen Wechſel einſperren laſſen kann, wird ſich hüten, nur einen Finger gegen mich aufzuheben. Ihr Herr Ferdinand ſteht Ihret⸗ wegen noch nicht auf, mit dem thue ich, was ich Luſt habe. Folgen Sie meinen Rath und laſſen Sie ihn lau⸗ fen. Ich finde ihn mit ein Paar Thalern ab und er wird nicht mucken. Von ihm haben Sie nichts zu fürchten; dar⸗ um brauchen Sie ſich auch nicht einen Angenblick beſinnen. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen ein ſchriftliches Ab⸗ 6 211 kommen zeigen, worin er auf Ihre Hand zu meinen Gun⸗ ſten verzichtet. Was ſagen Sie dazu?“ Mit dieſen Worten überreichte Herr Silbermann ihr ein förmliches Dokument, wodurch Ferdinand allen ſeinen bisherigen Anſprüchen auf Martha gegen eine ge⸗ nau feſtgeſetzte Summe entſagte. Gedrängt von der Thea⸗ terſchlange hatte der Erbärmliche ſeine eigene Braut wie eine gewöhnliche Waare verſchachert. Lautlos ließ ſie das Papier zur Erde ſinken, das Herr Silbermann, der praktiſche Geſchäftsmann, ſogleich wieder vom Boden aufhob und ſorgfältig in die Brief⸗ taſche legte. „Nun,“ fragte er,„habe ich gelogen? Können Sie noch das geringſte Bedenken haben?“ Sie vermochte ihm nicht ſogleich zu antworten, da der Schmerz ihr die Sprache raubte. Zorn und Ver⸗ achtung beſtürmten ihre Seele, Scham und Entrüſtung zerriſſen ihr das Herz. Sie hatte Ferdinand zwar nicht geliebt, aber wenigſtens auf ſeine Erkenntlichkeit für das ihm gebrachte Opfer gerechnet. Seine Schwäche und ſein Leichtſinn waren ihr hinlänglich bekannt, jedoch hatte ſie ihm nie dieſen Grad von Verworfenheit zugetraut. Sie mußte vor ſich ſelber erröthen, daß ſie einem ſolchen Men⸗ ſchen angehört, der den letzten Reſt von Scham und Ge⸗ fühl verloren hatte. Dahin war es mit ihr gekommen, v 212 daß ſie zum Verkaufe ausgeboten und von dem Meiſtbie⸗ tenden erhandelt wurde. Was bedeutete jene öffentliche Beſchimpfung, die ſie eben erſt erlitten, gegen dieſe geheime Schmach? Das Gift, welches die Theaterſchlange in ihre Seele träufelte, lähmte für einige Zeit ihre ganze Willenskraft; ſie war auf einen Stuhl hingeſunken und ſtarrte mit düſteren Blicken vor ſich nieder, während ihr Geiſt über finſtere Entſchlüſſe brütete. Herr Silbermann war geneigt, ihr Stillſchweigen als ein für ſich günſtiges Zeichen anzuſehen. „Nicht wahr?“ ſagte er,„Sie haben ſich nun ſelber überzeugt. Jetzt hindert Sie nichts mehr, die Meinige zu werden. Geben Sie mir Ihre Hand und ſchlagen Sie ein.“ Zugleich ſuchte er ſich ihres herabhängenden Armes zu bemächtigen. Dieſe Berührung weckte ſie aus ihrer bis⸗ herigen Apathie; mit einem jähen Sprunge ſchnellte ſie von ihrem Sitz empor und ſtieß den Zudringlichen zurück, ſo daß er erſchreckt einige Schritte weit von ihr taumelte. Hoch aufgerichtet, mit funkelnden Augen und flam⸗ menden Wangen wies ſie mit der ausgeſtreckten Hand nach der Thür. „Fort!“ rief ſie in einem Tone, vor dem der gäm⸗ merliche zuſammenbebte.„Fort! Mir aus den Augen!“ Die Majeſtät ihres Zornes, der imponirende Aus⸗ druck ihrer geſpannten Mienen, ihre drohenden Blicke, 213 die angeſchwollenen Adern um Schläfen und Stirne, ihre ganze drohende Haltung verliehen ihr in dieſem Augen⸗ blicke eine grauenvolle Schönheit, welche an die verſtei⸗ nernde Gewalt der Meduſa mahnte und wie dieſe den alten Sünder durch ihren ſchrecklich holden Zauber bann⸗ te.— Verwirrt und beſchämt hielt er es für gerathen, ſeinen Rückzug zu nehmen, indem er noch einige Worte zu ſeiner Entſchuldigung ſtammelte. Sobald er gegangen war, ſchloß ſie mit wilder Haſt hinter ihm die Thüre zu. Ihre Aufregung hatte ſie noch nicht verlaſſen, aber ſie war zu einem feſten Entſchluße gelangt und handelte nun demgemäß. Statt ſich einer verzeihlichen Schwäche zu überlaſſen, raffte ſie ihre ganze Energie zuſammen, um ſich aus einer ſolch' verhaßten und entehrten Lage zu befreien. Ferdinand ſelbſt hatte ſie durch ſein Betragen von ihrem Gelübde losgeſprochen; ſie glaubte ihm nichts mehr zu ſchulden; der Elende durfte keinen Anſpruch mehr an ſie erheben, nachdem er ſie preisgegeben und verrathen hatte. Der fromme Wahn, in dem ſie befangen geweſen, war zerſtört, die Kette zer⸗ riſſen, durch die er ſie bis jetzt ohne ſein Wiſſen gefeſſelt hielt. Sie hatte das höchſte Recht, ſich von ihm zu tren⸗ nen und ihn für immer zu verlaſſen. Aber nur die ſchleunigſte Flucht konnte ſie retten.— Sie kannte ihn zu genau, um nicht neue gewaltſame 214 Auftritte zu erwarten. Wie ihn wollte ſie zugleich das Theater meiden, welches ſie mit Ekel und Widerwillen erfüllte. Sie hatte den kurzen Traum eines gehofften Glückes zu ſchwer gebüßt und zu theuer bezahlt, um noch einer Illuſion Raum zu geben. Die Kunſt, von der ſie geſchwärmt, ſchien ihr ein Phantaſiegebilde, eine ſchöne Täuſchung ihrer jugendlichen Begeiſterung; was ſie in der Wirklichkeit davon geſehen, entſprach nicht ihrem ho⸗ hen Ideale. Ohne Reue nahm ſie von der Bühne Ab⸗ ſchied, wo ſie alle Schwächen und Laſter der Geſellſchaft nur im höheren Grade und offener zur Schau getragen wiederfand.— Sie wußte nicht, wohin ſie ſich wenden ſollte, aber ſie hoffte noch irgend einen ſtillen, verborgenen Winkel auf der Welt zu finden, wo ſie ſich von ihrer Hände Ar⸗ beit ernähren wollte. Lieber war ſie entſchloſſen zu hun⸗ gern und zu darben, als in der Schande wohl zu leben. Nur der eine Wunſch beſeelte ſie, ſich um jeden Preis aus ihren gegenwärtigen Verhältniſſen herauszureißen, ſie vertraute der Vorſehung und ihrer eigenen Kraft ihr ferneres Geſchick. Ihr feſter Glaube hielt ſie aufrecht in dieſer höchſten Noth, wo ſie verlaſſener als je ſich fühlte. Schnell, da ſie jeden Augenblick Ferdinand's Rück⸗ kehr erwarten durfte, raffte ſie ihre wenigen Habſelig⸗ keiten zuſammen. Einige Thaler waren ihr noch geblie⸗ 215 ben, mit denen ſie einige Zeit auszukommen hoffte, nach⸗ dem ſie die noch ſchuldige Miethe auf dem Tiſch zurück⸗ gelaſſen hatte mit einigen Zeilen an ihre Wirthsleute. Eben ſo ſchrieb ſie an die Direktion, bei der ſie ſich we⸗ gen ihres heimlichen Abganges zu entſchuldigen ſuchte. Auch von dem treuen Souffleur nahnm ſie ſchriftlich einen herzlichen Abſchied voll Dank für ſeine Freundſchaft und Anhänglichkeit.— Es war unterdeß dunkel geworden, ſo daß ſie un⸗ geſehen und ohne Aufſehen zu entkommen glauben durfte. In ihren Mantel gehüllt, das bleiche Geſicht mit einem ſchwarzen Schleier bedeckt, in der Hand das kleine Bün⸗ del, worin ſich die nothwendigſten Kleidungsſtücke befan⸗ den, ſchickte ſie ſich an das Haus zu verlaſſen. Sie ſtand bereits auf der Schwelle, einen traurigen Abſchiedsblick zurückwerfend, als plötzlich ein bekannter lieblicher Ton an ihr Ohr ſchlug. Es war der Kanarienvogel Getrud's, das einzige Andenken, welches ſie an die unglückliche Freundin mahn⸗ te. Sie kehrte noch einmal um und nahm das Thierchen in ſeinem Bauer mit. Damit der Vogel ſie nicht durch ſein Singen verrathen ſollte, warf ſie noch ein ſchwarzes Tuch über ſeinen Käfig. So beladen ſtieg ſie geräuſchlos die Treppe herab und gelangte ungehindert auf die Straße. Im Schatten der Häuſer wollte ſie nach dem 216 fernen Bahnhof eilen, indem ſie unterwegs eine Droſchke anzutreffen hoffte. In der Nähe des Thores begegnete ſie zwei betrunkenen Männern, welche ſie anzuhalten ſuchten und durchaus ihr Geſicht ſehen wollten. Nur mit Mühe gelang es ihr ſich von den Zudringlichen zu befreien. Beim Scheine der brennenden Gaslaterne hatte ſie Ferdinand erkannt, der ſich von dem Zeitungsredakteur in einem faſt bewußtloſen Zuſtande nach Hauſe führen ließ. Schaudernd ſtürzte ſie an ihm vorüber, verfolgt von dem lauten Gelächter des berauſchten Schauſpielers, das noch lange gellend in ihren Ohren klang. Ende des zweiten Bandes. Prag, Druck von Jarosl. Poſpisil. ſſſſſſiſſſſffif 6 7 8 9 DMIrunnTmmnrnaaanmmmnqrnunnnmmraauuumnn 10 11 12 13 1 3 15