3 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, b Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelhun entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 4 1 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Ff. 1 N. 50 Ff. 2 M. Pf. Album. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. 6 Vierzehnter Jahrgang. Einundzwanzigſter Band. ☛Q. Eine arme Seele. J. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Eine arme Beele. Roman in drei Bünden von Max Ring. Erſter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) — Inhalt.. Erſtes Gapitel...... 5 Wmeites Gapitrl............2658 Prittes Cupitel.„-. 141414 Viertes Capitel..........863 Fünſtes Ganitel........ 30 Sechstes Canitel.......... 14101 Siebentes Cupitel........... 115 Achtes Capitel..... 12326 Neuntes Capttel...... 155 Zehntes Capitel...... 1125 Eine arme Seele. — Erſter Theil. Erstes Capitel. Draußen vor dem Thore der Reſidenz, wo die weit⸗ läufige Vorſtadt mit ihren neuen Häuſern, Fabrikanlagen, Gärten und Bauſtellen ſich immer mächtiger ausdehnt bis dahin, wo ihr der ſchiffbare Kanal eine vielleicht ſchon in nächſter Zukunft überſchrittene Gränze vorläufig ſetzt, erhebt ſich ein großes Gebäude, deſſen Beſtimmung ſich nur ſchwer bei einem oberflächlichen Anblick errathen läßt. Im gothiſchen Style ausgeführt, dem jedoch ſo manches moderne Element beigemiſcht iſt, wäre man ver⸗ ſucht, das Ganze für eine fürſtliche Burg oder eines jener prächtigen Klöſter des Mittelalters zu halten, das ſich freilich in der Nähe von rauchenden Dampfſchloten, pro⸗ ſaiſch nüchternen Maſchienenwerkſtätten und Färberei⸗ anſtalten ganz ſeltſam mit ſeinen ſpitzen Giebeln, hervor⸗ ragenden Erkern, Thürmen, Zinnern, gewölbten Portalen und hohen, bunten Bogenfenſtern ausnimmt. Um dieſen 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 1 10 klöſterlichen Eindruck noch zu vermehren, zieht ſich eine wenigſtens dreißig Fuß hohe Mauer rings um das ganze Haus. Ein ſchweres Thor von feſtem Eichenholz bleibt den ganzen Tag geſchloſſen und öffnet ſich nur auf ein Zeichen der Glocke; dann wie von unſichtbaren Gei⸗ ſterhänden aufgethan. Der reinliche, ſorgſam gepflegte Hof enthält die Wohnung des Pförtners, der jeden Eintretenden und Weggehenden genau beobachtet und einer ſtrengen Prüfung unterwirft. Zu beiden Seiten liegen geſchmackvolle Gartenanlagen, ſchattige Bäume und Gebüſche, die mit Blumenbeeten und Gemüſefeldern ab⸗ wechſeln. Es herrſcht hier eine tiefe Stille, die man, kaum dem lärmenden Geräuſch der nahen Stadt entflohen, am wenigſten in dieſer Umgebung erwarten möchte.— Tritt man vollends näher, ſo wird man durch die majeſtätiſche Hauptform des Gebäudes überraſcht, an die ſich in ſelt⸗ ſamen Winkeln noch verſchiedene Seitenflügel ſchließen, unter denen die geräumige Kapelle mit dem aufſtrebenden Glockenthurme und dem vergoldeten Kreuz darauf ſo⸗ gleich ihre fromme Beſtimmung verräth. Zu beſtimmten Stunden und beſonders an Sonn⸗ und Feiertagen glaubt man noch die Chöre der heiligen Jungfrauen zu verneh⸗ men, begleitet von den ſchwellenden Tönen der mächtigen Orgel. Mitten in der proteſtantiſch aufgeklärten Stadt wundert man ſich dann nicht wenig über dieſe katholiſch §—9 v 11 mittelalterliche Anomalie, über dieſes Stück verkörperter Romantik in unſerer materiellen Gegenwart. Auch das Innere des Hauſes dürfte uns nicht ſo⸗ gleich die gewünſchte Aufklärung geben. Die langen ge⸗ wölbten Gänge mit Strohmatten belegt und ſpiegelblank gebahnt, die vielen Thüren, welche bald nach größeren Sälen, bald nach kleineren Zellen führen, beſtärken uns nun noch in dem Wahn, daß wir vor einem wirklichen Kloſter ſtehen, obgleich derartige fromme Anſtalten hier nicht mehr gefunden werden und ſeit den Zeiten der Re⸗ formation faſt gänzlich aufgehört haben.— Zuweilen huſcht auch mit leiſen Schritten an uns eine weibliche Geſtalt vorüber, welche ſchüchtern und mit geſenktem Haupte unſern Gruß leiſe erwiedert. Ihre Kleidung be⸗ ſteht in einem dunkelbrannen Gewande von gewöhnlichem groben Wollenſtoff, in einer weißen Haube, Buſentuch und Schürze, die an Reinlichkeit den friſch gefallenen Schnee noch übertreffen. Wir vermiſſen nur noch den Schleier und das Skapulier, um ſie für eine Nonne zu halten, der ſie ſonſt im Weſen und ihrer ganzen Erſchei⸗ nung auffallend ähnlich ſieht. Erkundigen wir uns näher nach dem Bewandniß des ſeltſamen Gebäudes und ſeiner räthſelhaften Bewoh⸗ ner, ſo erfahren wir, daß wir uns in der neuen Kranken⸗ anſtalt Gethſemane befinden, und daß die vermeintlichen 1* 12 Nonnen evangeliſche Krankenpflegerinnen ſind, die den Namen der Diakoniſſinnen führen und allerdings einer faſt klöſterlichen Gemeinſchaft freiwillig angehören. Der Proteſtantismus, welcher in neueſter Zeit ſo manche Umwandlung erfahren und nach einem mehr po⸗ ſitiven Inhalt ſtrebt, hat ſich in dieſer Beziehung dem Katholizismus weiter genähert, und die wohlthätigen, menſchenfreundlichen Inſtitutionen deſſelben in ſich auf⸗ genommen, nicht nur den Inhalt, ſondern auch die For⸗ men der dieſen angehörigen Orden, ſo weit dies möglich und thunlich war, ſich anzueignen ſuchend. So entſtanden die verſchiedenen Diakoniſſen⸗Anſtalten, welche von der Regierung ſowohl wie von Einzelnen begünſtigt und mit frommem Sinne gefördert, in kurzer Zeit einen bedeu⸗ tenden Aufſchwung erhielten, und wenn noch anfänglich vom Volke mit einem gewiſſen Mißtrauen begrüßt, nach und nach jene gebührende Anerkennung fanden, die ſie hauptſächlich ihrer aufopfernden Thätigkeit und Hingebung am Krankenbette zu verdanken haben. Frauen und Mädchen aus allen Ständen finden ſich täglich, welche entweder aus tiefer Religioſität, oder von der Welt verlaſſen und getäuſcht, hier in dieſen ſtillen Mauern eine Zuflucht ſuchen, um ſich dem Dienſte der leidenden Menſchheit zu widmen. Manches gequälte Herz hat in dieſen Räumen den Frieden geſucht und gefunden, 3 13 den es durch eigene oder fremde Schuld verlor; manche in gewöhnlich bürgerlichen Verhältniſſen ungenutzte Kraft ſo einen angemeſſenen Wirkungskreis gewonnen, der ſie unter andern Umſtänden und in einer andern Sphäre nicht ſich zu erwerben wußte. So war auch an dieſem Morgen ein junges Mäd⸗ chen, augenſcheinlich den beſſeren Ständen angehörig, durch die klöſterliche Pforte eingetreten mit der Abſicht, ihre Aufnahme in die Diakoniſſen⸗Anſtalt Gethſemane von der Oberin derſelben zu erbitten. Ein ſolch ernſter Ent⸗ ſchluß konnte in dieſem Alter nur die Folge einer Reihe trauriger Erlebniſſe und Heimſuchungen ſein, von denen die angehende Novize in jüngſter Zeit betroffen war, da ihre Jugend ſowohl wie ihr ganzes Ausſehen einem Schritte widerſtrebten, der von einer in dieſem Alter ſonſt nur ſeltenen Frömmigkeit und Entſagung zeugte. Lagerte auch gegenwärtig eine düſtere Schwermuth über das ſchöne, oder vielmehr intereſſante Geſicht, deckte auch eine auffallende Bläſſe die wohlgeformten Wangen; ſo verrieth ſich doch in den anmuthigen Zügen, dem üppi⸗ gen Mund wie zum ſchwellenden Kuße gebildet, den dunklen, in ſchwüler Gluth dann und wann aufblitzenden Augen eine nur gleichſam unterdrückte, vielleicht durch die vorangegangenen Schickſalsſchläge nur noch betäubte Lebensluſt. 14 Der ſonſt ſo ſtolze römiſche Nacken ließ zwar jetzt das von ſchwarzen ſchweren Locken umgebene Haupt auf die Bruſt ſinken, als würde ihm die Laſt desſelben zu ſchwer; die kräftigen und doch ſo geſchmeidigen Glieder ſchienen ihre Spannkraft eingebüßt zu haben, und ſchlepp⸗ ten ſich träge und nachläſſig hin; aber man konnte erwar⸗ ten, daß bei der geringſten Gelegenheit dieſe momentane Erſchlaffung wieder verſchwinden, der gebeugte Hals ſich hoch und kühn emporrichten, die geſtörte Elaſtizität ſogleich aufſchwellen würde, weil man unwillkürlich der ganzen Erſcheinung eine unzerſtörbare Friſche und Ener⸗ gie zutraute, die ſich nicht ſo leicht gänzlich niederſchmet⸗ tern ließ. Der Stempel einer ungezähmten und nicht gebändig⸗ ten Kraft war ihrem Weſen aufgeprägt; ſie gehörte zu jenen Frauennaturen, welche dazu geſchaffen ſcheinen, eben ſo heftige und ſtürmiſche Leidenſchaften zu erregen, wie ſelber zu empfinden, deren Blut zu feurig in den Adern rollt, deren Herz zu leicht bewegt mit mächtigeren Schlägen in dem gefühlvollen Buſen ſchlägt, um im⸗ mer auf die Stimme der kühleren Ueberlegung und des mahnenden Verſtandes zu hören. Offenherzig, warm und hingebend folgen ſie meiſt nur den Eingebungen einer ſchnell entzündeten Phantaſie und ihren heißblütigen Empfindungen, ohne die durch —— — 22 Sitte und Gewohnheit gezogenen Schranken ängſtlich zu beachten; ſo ſtürzen ſie wie der Schmetterling geblendet in die Flamme, ſich ſelber verderbend und mehr als An⸗ dern ſchadend. Aus ihren Reihen ſind jene große Sünderinnen und heilige Frauen einſt hervorgegangen, die Samaritanerin und die Ehebrecherin, welchen der Heiland ihre Schuld verziehen, und die reuevolle Maria Magdalena, der ſo viel vergeben wurde, weil ſie viel geliebt.— Das Vorhaben des jungen Mädchens, der Welt für immer zu entſagen und von nun an in Gethſemane zu le⸗ ben, konnte nur die Eingebung einer augenblicklichen Ver⸗ zweiflung ſein, da ſie in ihrer gegenwärtigen Stimmung, ſo wie überhaupt ihrer ganzen Natur nach, keines ruhigen Entſchluſſes und üderlegten Gedankens vorläufig fähig war. Bald zögernd, dald wieder eilend, wie ein Wande⸗ rer, der ſich verirrt hat und nicht weiß, ob er ſich auf dem richtigen Wege befindet, ſchritt ſie über den weiten Hof, nachdem ſie ſich bei dem Pförtner erkundigt hatte, ob ſie die Oberin ſprechen könne.— Dieſer wies ſie nach dem linken Seitenflügel, wo ſich die Wohnung der Vor⸗ ſteherin befand. Zögernd ſtieg ſie die breiten Steintreppen empor, mit pochendem Herzen durchſchritt ſie den langen Gang, bis ſie vor der bezeichneten Thüre ſtand. Auf ihr 16 Anklopfen rief eine ſanfte Stimme:„Herein.“ Sie folgte und trat in eine Art von Vorgemach, wo ſie von einer dienenden Schweſter empfangen und nach ihrem Begehr gefragt wurde. 1 „Warten Sie,“ ſagte dieſe freundlich,„die Oberin wird wohl zu ſprechen ſein; ich will ſogleich gehen und Sie melden.“ 1 Das junge Mädchen blieb allein zurück voll banger Erwartung und von den verſchiedenartigſten Gefühlen be⸗ ſtürmt. Während ſie auf den Beſcheid hier wartete, zog noch einmal ihr vergangenes Leben an ihr vorüber, die Szenen der glücklichen Kinderzeit in dem Hauſe ihrer nun verſtorbenen Eltern, ihre ſtürmiſche Ingend voll von zum Theil ſelbſt verſchuldeten Verirrungen. So jung ſie auch war, hatte ſie ſchon das Leben mit ſeinen Tiefen und Ab⸗ gründen, ſeinen Verwicklungen und Täuſchungen kennen gelernt; ſie war vollkommen entzaubert und kannte keinen andern Wunſch, keine andere Zuflucht, als die Mauern dieſes klöſterlichen Krankenhauſes, wo ſie ſich mit ihrer Vergangenheit begraben wollte, um endlich die erſehnte Ruhe zu finden.— Zugleich aber fühlte ſie das lebendige Bedürfniß, der edlen Oberin, zu der ſie wie zu einer Hei⸗ ligen emporſchaute, die volle Wahrheit zu geſtehen, ihr nichts zu verſchweigen; ſie gedachte ihr Herz in den Bu⸗ ſen der hohen Frau auszuſchütten, mit ihr zu ſprechen 17 wie mit ihrer Mutter, die ſeit Jahren ſchon im Grabe uhte he früh für ihr verlaſſenes und der Verſuchung Preis gegebenes Kind. 8 In jedem viel bewegten Leben kommt wohl ein ſol⸗ ither Zeitpunkt, wo die ſchwer belaſtete und verwirrte Seele ſich nach einem Helfer in der Noth, nach einer Stütze ſehnt, um ſich von der drückenden Bürde zu be⸗ freien. Sie ſucht gleichſam außerhalb der Kirche nach ei⸗ nem Prieſter, der ſie wieder mit Gott verſöhne und ihr den verlorenen Frieden durch ſeinen Zuſpruch wiedergeben ſoll. Mit wunderbarem Vertrauen wendet ſich der Menſch an den Menſchen, dem er ſein Innerſtes erſchließen, ſeine verborgenſten Gedanken entdecken will, weil er noch nicht den Glauben an die ſittliche Kraft und Reinheit im An⸗ dern verloren hat und der Tugend die Macht zuſchreibt, den Verirrten aus allen ſeinen Bedrängniſſen zu retten. So groß aber iſt die himmliſche Gewalt der Reue, daß meiſt das bloße Geſtändniß ſchon Erleichterung ſchafft, die alleinige Mittheilung das gepreßte Herz befreit. Häu⸗ fig ſieht man die größten Verbrecher von einem ſolchen Drang erfaßt, plötzlich ihre Schuld geſtehen, wenn ſie auch wiſſen, daß ſie ihr Leben dadurch verwirken. So tief wurzelt im Menſchen ſelbſt der Glaube an die beſſere Natur des Menſchen, daß er von Seinesgleichen wie vom Himmel Erlöſung hofft, und daß der Verworfenſte 18 noch auf das Heil und die Verſöhnung baut, die Zuſpruch eines Bruders und der menſchlichen Theilnahme ihm entgegenquellen. Von ſolchen Gedanken wurde die Harrende tief ℳN wegt, bis die Oberin ſie rufen ließ, um ſie zu hören. Mit leiſem Gruße trat ſie in das hohe Zimmer, welches durch die bunt gemalten Scheiben ein eigenes, gedämpftes Licht erhielt und im mittelalterlichen Styl gehalten ei⸗ nen vollkommen fremdartigen Eindruck hinterließ. Einige alte Oelgemälde und ein großes ſchwarzes Kruzifix mit dem Bilde des Heilandes in Elfenbein geſchnitzt hingen an den grauen Wänden, welche zu der ſpitz gewölbten Decke emporſtiegen, von der ein wunderlich geformter Kron⸗ leuchter von Engelsköpfen umgeben niederſchwebte. Sämmtlicher Hausrath, Tiſche und Stühle mit hohen Lehnen waren im gothiſchen Geſchmacke aus gedunkeltem Eichenholze kunſtvoll gedrechſelt und mit geſtickten Kiſen„ V belegt. Die weichen Teppiche und ſchweren Vorhänge von grauer Seide verliehen dem Ganzen trotz aller klöſterli⸗ chen Einfachheit das Gepräge einer gediegenen Pracht und eines wohlthuenden Comforts. Die mittelalterliche Aſkeſe hatte ſich mit dem mo⸗ dernen Luxus zu einer behaglichen Einrichtung verſchmol⸗ zen; ſelbſt eine leichte Coquetterie mit der Frömmigkeit 19 vielleicht ein allzuſtrenger Beobachter in dieſer einer proteſtantiſchen Aebtiſſin zu ſehen glauben. ie Oberin ſaß in der Nähe des Bogenfenſters vor mit ausgelegten Arbeiten verzierten Tiſch, auf dem Schreibmaterialien und einige in Sammt koſtbar gebun⸗ dene Gebetbücher lagen. Sie war eine ſtattliche Dame aus einer alten adeligen Familie, welche ſich durch ihre entſchieden religiöſe Richtung auszeichnete. In ihren re⸗ gelmäßigen, ſcharfen Zügen gab ſich ein ungewöhnlicher Geiſt zu erkennen. Die hohn, hervortretende Stirne, der feſte, geſchloſſene Mund und der gebieteriſche Blick der kalten blauen Augen verkündigten einen ſtrengen Sinn und eine nachſichtsloſe Energie. Weibliche Anmuth„und Liebenswürdigkeit würde man dagegen vergebens in dem langen ernſten Geſichte geſucht haben, das trotzdem die unverkennbaren Spuren der früheren Schönheit trug. Sie war mit dem gewöhnlichen Gewande der Diakoniſſinnen bekleidet, nur daß dasſelbe von feinerem Stoffe war; ſtatt der Haube fiel ein weißer Schleier über ihre gelb⸗ lich blonde Locken und ein goldenes Kreuz ſchmückte ihre Bruſt. Bei dem Geräuſche, das der Eintritt des jungen Mädchens verurſachte, wandte ſie den Kopf nach der Thür, ohne ſich von dem Lehnſeſſel zu erheben. Erſt im Verlaufe des folgenden Geſpräches ſtand ſie auf und 4 20 zeigte ihre imponirende Figur; ſie war hoch und ſhlank gewachſen, aber ihrer Geſtalt fehlte die natür a⸗ zie, und eine ſichtbare Magerkeit gab ihr ein kno, faſt männliches Ausſehen. 4* „Was wünſchen Sie von mir?“ fragte ſie mit ei⸗ ner Stimme, die trotz des tiefen, ſonoren Tones trocken klang und keine Sympathie erwecken konnte. Das Herz des jungen Mädchens ſchnürte ſich krampfhaft zuſammen, und das überſtrömende Geſtändniß, welches ſchon auf ihren Lippen zitterte, flüchtete ſich ſcheu in ihr Inneres zurück, ſo daß ſie kaum einige nichts ſa⸗ gende Worte hervorzubringen im Stande war. „ Ich wünſche als Diakoniſſin aufgenommen zu wer⸗ den,“ erwiederte ſie verlegen mit niedergeſchlagenen Augen. „Ein ſeltſamer Wunſch in Ihrem Alter. Wie hei⸗ ßen Sie?“ „Martha Berger,“ antwortete das Mädchen mit ſichtlicher Befangenheit. „Haben Sie auch die zu Ihrer Aufnahme nöthigen Papiere mitgebracht?“ Die Angeredete überreichte der Oberin die verlang⸗ ten Dokumente, welche von dieſer mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit geprüft wurden, wobei ſie von Zeit zu Zeit einen ſcharfen, durchdringenden Blick auf die Bittſtellerin warf. — 1——————my—„ 21 If Die Papiere,“ ſagte die Oberin nach einer Pauſe, —„ſind wahl in Ordnung, aber das genügt noch nicht, um 8. hnz Aufnahme zu rechtfertigen. Es iſt mein Grundſatz, . 4* vonbem ich nur in ſeltenen Fällen abgehe, nur ſolche Perſonen für unſere Anſtalt anzunehmen, die mir von zu⸗ n verläſſiger Seite dringend empfohlen ſind und für deren ſittliches Verhalten und Befähigung mir eine vollkom⸗ mene Garantie geboten wird. Ich bin dieſe Vorſicht dem Inſtitute ſchuldig, dem ich die Ehre habe vorzuſtehen.“ „Aber ich kenne hier keinen Menſchen, der mir eine ſolche Empfehlung geben kann.“ „Das thut mir Leid. Vielleicht bürgt mir der Pre⸗ diger Ihrer Vaterſtadt für Sie, bei dem Sie den Re⸗ ligionsunterricht erhalten haben und von dem Sie kon⸗ firmirt worden ſind.“ b„Der würdige Mann iſt ſeit einem halben Jahre todt, und ſeinem Nachfolger bin ich vollkommen un⸗ bekannt, da ich in der letzten Zeit bei meinen Anver⸗ wandten auf dem Lande gelebt habe.“ Es war ein Glück, daß die Oberin gerade ihre Augen auf die vor ihr ſtehende Uhr gerichtet hielt, ſo daß ſie die ſichtliche Verwirrung nicht bemerkte, womit Martha dieſe Frage beantwortete. Ihr wäre ſonſt nicht die aufſteigende Röthe entgangen, welche jetzt die blaſſen Wangen plötzlich höher färbte, noch die augenſcheinliche 22 Bewegung, womit ſie dieſe Worte vorbrachte. Sieghatte eine Unwahrheit geſagt und ſie war noch nicht 3ch nt zu lügen. Ihre beſſere Natur ſträubte ſich gegen eine Miu⸗ ſchung, zu der ſie durch ihre eigenthümliche Lage ſichſſfetzt gezwungen fand. Sie war mit der Abſicht gekommen, der Oberin Alles zu geſtehen, ihr nichts zu verheimlichen, aber vor dieſem vornehm kalten Empfange erſtarrten alle die guten Vorſätze in der Bruſt und ſie verſchloß ängſt⸗ licher als je das Geheimniß ihres Lebens. Dagegen ver⸗ barg ſie nicht den Schmerz, den ihr die vorausſichtlich abſchlägige Antwort der Oberin bereitete; ihre Augen füllten ſich ſogar mit Thränen und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt. Ihrer leidenſchaftlichen Natur gemäß überließ ſie ſich ohne Rückſicht den Ausbrüchen der Verzweiflung, hervorgerufen durch ihre getäuſchten Er⸗ wartungen. „So bin ich verloren,“ jammerte ſie,„rettungslos verloren.“ „Da ſei Gott dafür!“ entgegnete die Oberin, wel⸗ che trotz ihrer kalten Ruhe von der Wahrheit dieſer Kla⸗ gen ſich ergriffen fühlte. „Ich ſtehe allein auf dieſer Welt ohne Eltern, ohne einen Freund.“ „Der Herr wird Ihr Schutz ſein und Sie nicht verlaſſen, wenn Sie ihn rufen.“ 4 ——— 4* —9,-——— ⏑ — 1 — 8—2—— ð— N AK 23 „In ſeinem Namen flehe ich Ihre Hilfe an, retten Sie mich vor dem Untergang!“ „Dieſe Sprache verfehlte ihre Wirkung nicht, die fromme Oberin konnte nicht gut dieſe Berufung zurück⸗ weiſen, obgleich ſie bei jeder Gelegenheit ſonſt eine faſt ſtarre Conſequenz zeigte und nur ſelten von ihren einmal ausgeſprochenen Beſchlüſſen ſich eine Abweichung geſtat⸗ tete. In dem Tone wie in der ganzen Haltung des ſelt⸗ ſamen Mädchens lag eine eigene, ungewöhnliche Leiden⸗ ſchaftlichkeit, welche ihr ein beſonderes Intereſſe einflößte. Vielleicht beſorgte auch die kluge und berechnende Frau irgend eine raſche That von Seiten der Abgewieſenen, wodurch ihr ſelbſt allerlei unangenehme Verwickelungen entſtehen konnten. Ein kurzes Nachdenken genügte, ihr zu der Ueberzeugnng zu verhelfen, daß ſie es mit einem außerordentlichen Charakter zu thun hatte, der unter den gegebenen Verhältniſſen vielleicht ſogar einen Selbſtmord begehen konnte. Menſchlichkeit ſowohl wie Klugheit forderten ſie diesmal auf, von ihren ſtrengen Grundſätzen abzuweichen und auf ein vorläufiges Auskunftsmittel zu ſinnen, um die Aufgeregte zu beſchwichtigen, wobei es ihrem Er⸗ meſſen noch immer überlaſſen blieb, ſpäter eine Aende⸗ rung zu treffen. „Ich will,“ ſagte ſie naͤch kurzem Ueberlegen,„mit 24 Ihnen eine Ausnahme machen und Sie in der Anſtalt ſo lange behalten, bis Sie ein anderes Unterkommen finden, oder bis ich mich durch eigene Erfahrung pon Ihrer Brauchbarkeit und Tüchtigkeit überzeugt een werde. Betrachten Sie daher Ihren gegenwärtigen Auf⸗ enthalt als eine Probezeit und machen Sie ſich durch Gehorſam und treue Pflichterfüllung dieſer Nachſicht würdig. Ich werde Sie beobachten und ſtets im Auge be⸗ halten. Vor allen Dingen aber verſprechen Sie mir, kei⸗ nen gewaltſamen Schritt zu thun und die Heftigkeit Ihrer leidenſchaftlichen Natur mit ernſtem Willen zu bekämpfen. Dafür gibt es kein beſſeres Mittel als das Gebet zu unſerm Heiland und Herrn, der uns Geduld und Erge⸗ bung in den Willen des Himmels durch ſein erhabenes Beiſpiel lehrt. Nächſtdem liegt auch in der Arbeit ein mächtiger Schutz vor den böſen Gedanken, welche der Verſucher in uns erweckt. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihnen eine angemeſſene Beſchäftigung zugewieſen wird.“ Zugleich ergriff die Oberin die ſilberne Glocke, welche auf dem Tiſche vor ihr ſtand; auf ein gegebenes Zeichen erſchien eine Diakoniſſin, der ſie einige Worte in's Ohr flüſterte, worauf dieſelbe Martha mit leiſer Stimme aufforderte ihr zu folgen. „Gehen Sie, mein liebes Kind!“ fügte die Oberin 48 —— 25 hinzu.„Dieſe Schweſter wird Ihnen ſagen, was Sie zu thun haben, und Sie mit der Ordnung unſeres Hauſes bekannt machen. Der Himmel gebe, daß Sie ſeiner Gnade immer würdiger werden.“ Martha machte eine Bewegung, als wenn ſie die Hand der Oberin ergreifen und küſſen wollte, welche dieſe ihr jedoch ſchnell entzog. Es drängte ſie zugleich, jetzt mit ihrem Geſtändniß hervorzutreten, ſelbſt auf die Gefahr hin, die ihr eben erſt erwieſene Gunſt einzubüßen, aber die hohe Dame hatte ihre frühere ſtrenge Haltung wieder angenommen und ſah ſie mit der ihr eigenen ruhigen Kälte an. „Haben Sie mir noch etwas zu ſagen?“ fragte ſie mit eiſiger Stimme, welche keine fernere Annäherug zuließ. „Nichts,“ entgegnete Martha mit einem Seufzer, indem ſie ſich mit ihrer Begleiterin entfernte. 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 2 Zweites Capitel. Eine Zeit lang gingen die beiden Mädchen ſtumm neben einander her, da Martha viel zu ſehr noch mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt war, um auf ihre Begleiterin zu achten. Dieſe dagegen betrachtete mit theil⸗ nehmender Neugierde ihre neue Gefährtin. Die Diako⸗ niſſin war einige Jahre älter als Martha und hatte ein überaus ſanftes und gutmüthiges Geſicht, ohne gerade einen beſonders hervorragenden Geiſt zu verrathen. Sie führte Martha zunächſt nach einer kleinen Zelle, welche ſich durch einen hohen Grad von Reinlichkeit auszeichnete. Zwei Betten, einige Stühle und ein einfacher Tiſch, auf welchem eine ſtark zerleſene Bibel lag, bildeten den gan⸗ zen Hausrath.— „Dies iſt mein Zimmer,“ ſagte ſie freundlich,„wel⸗ ches ich mit Dir theilen ſoll, denn ſo will es die Oberin.“ — gpP„ 27 Das trauliche Du, womit ſich Martha angeredet ſah, erregte ihr eine angenehme Empfindung und ſie reichte unwillkürlich der neuen Freundin ihre Hand. „Wirſt Du mich auch lieb haben?“ fragte ſie mit einem Blick voll Zärtlichkeit. „O gewiß,“ entgegnete die Diakoniſſin innig.„Jch werde Dich wie eine Schweſter lieben, die der Himmel mir zugeführt hat.“ „Wie heißt Du?“ „Getrud!“ „Und Du biſt ſchon lange Zeit in Gethſemane?“ „Seit fünf Jahren, wo mich der Heiland erleuch⸗ tet hat.“ „Leben noch Deine Eltern? haſt Du Geſchwiſter?“ „Ich habe eine Mutter und zwei Brüder in Weſt⸗ phalen, woher ich bin.“ „Und empfindeſt Du keine Sehnſucht, die Deinigen wieder einmal zu ſehen?“ „Ich weiß, daß ſie wohl ſind und der Herr mit ihnen iſt,“ antwortete die Diakoniſſin, ohne irgend eine beſondere Bewegung zu zeigen. Hierauf forderte ſie Martha auf, die für ſie bereit liegenden Gewänder der Anſtalt mit ihrer bisherigen Kleidung zu vertauſchen; bereitwillig half ſie ihr beim Anziehen und unterſtützte ſie in jeder Art. Ein kleiner 2* 28 Handſpiegel diente zu dieſer Toilette, und Martha konnte ſich eines leiſen Ausrufes nicht erwehren, als ihr das Glas ihr ſo verändertes Bild zeigte. Die dunklen vollen Locken wurden von der weißen Haube bedeckt und ihr ſchlanker Wuchs durch das wollene Gewand faſt gänzlich verhüllt; Hals und Buſen verbarg das dichte Tuch. Sie kam ſich in der ungewohnten Tracht ſelber fremd vor und mußte über die ſeltſame Verkleidung lächeln. Trotz⸗ dem bewahrte ihre verhängnißvolle Schönheit ſelbſt in dieſem keineswegs kleidſamen Anzuge ihren alten Zauber, ja ſie ſchien nur noch einen neuen Reiz dadurch zu er⸗ halten. „Du ſiehſt wie ein Engel aus,“ ſagte die Diako⸗ 3 niſſin, welche trotz ihrer ſchwärmeriſchen Frömmigkeit noch nicht für jeden irdiſchen Eindruck abgeſtumpft ſchien. Dieſe unbewußte Schmeichelei tröſtete Martha über ihr Ausſehen; denn ungeachtet ihrer jetzigen Stimmung war ſie noch immer ſo viel Weltkind geblieben, um nicht mit Gleichgültigkeit das Lob ihrer Schönheit zu verneh⸗ men. In einer Anwandlung des früheren Uebermuthes ſtieß ſie ihre bisherigen Kleider, welche zum Theil auf dem Boden lagen, mit dem Fuße fort. „Fahr' hin!“ rief ſie mit wehmüthiger Luſtigkeit. „Den ſchnöden Flittertand der Welt werde ich hoffentlich nie mehr brauchen.“ 29 „Du willſſt alſo nicht mehr die Anſtalt verlaſſen?“ fragte die Diakoniſſin. „Mit Gottes Hilfe nicht; ich bleibe bis an mein Lebensende hier.“ „Auch nicht, wenn ein wackerer Mann um Deine Hand einſt anhält und Dich als ſein angetrautes Weib heimzuführen gedenkt?“ „Ich will von keinem Manne etwas wiſſen,“ ent⸗ gegnete Martha ernſt,„und wenn Du mich lieb haſt, ſo rede mir nie mehr davon.“ Die ſanfte Getrud unterdrückte die Worte, welche ihr auf der Zunge ſchwebten, weil ſie der ſchmerzhafte Ausdruck in Martha's Geſicht belehrte, daß ſie hier ei⸗ nen wunden Punkt in dem Herzen der Freundin berührt hatte. „Ich wollte Dir nicht weh' thun,“ ſagte ſie.„Gott⸗ lob! ich kenne weder die Männer, noch die Fallſtricke, die ſie, wie ich gehört habe, den argloſen Frauen ſtellen.“ „Der Himmel erhalte Deine Unſchuld,“ entgegnete Martha mit einem Anfluge einer faſt ſpöttiſchen Rüh⸗ rung.„Jetzt aber komm' und zeige mir, was ich zu thun habe.“ „Nach dem Willen unſerer gnädigen Oberin wirſt Du vorläufig Dich mit der Oekonomie des Hauſes be⸗ kannt machen, bevor Du zu der eigentlichen Krankenpflege 30 zugelaſſen werden ſollſt. Ich werde Dich zunächſt in die Küche und in das Waſchhaus führen.“ Dieſe Ausſicht war für Martha keineswegs an⸗ genehm, da ſie im elterlichen Hauſe einen entſchiedenen Widerwillen gegen alle derartigen häuslichen Verrichtun⸗ gen gezeigt hatte und niemals dazu ernſtlich angehalten worden war; ſie verhehlte auch der Diakoniſſin nicht ihre Abneigung und gänzliche Unkenntniß. „Du wirſt es lernen,“ ſagte dieſe ſanft,„und mit der Zeit eben ſo viel Freude daran finden als wie ich ſelber.“ „Wie, ich ſoll hier eine Köchin werden und mich zu den gemeinſten Dienſtleiſtungen gebrauchen laſſen?“ ſagte Martha mit ihrem wiedererwachten Stolze. „Du mußt demüthig werden und Dich beugen lernen. Im Dienſte des Herrn iſt keine Verrichtung zu gering. Hat der Heiland nicht ſelbſt ſeinen Jüngern die Füße gewaſchen und ſich zu den niedrigſten Handleiſtun⸗ gen herabgelaſſen, und Du willſt Anſtand nehmen, ſei⸗ nem Beiſpiele zu folgen? Was er gethan, wird auch Dich nicht ſchänden, zumal Du ein Weib biſt, das von der Natur zur Unterwürfigkeit geſchaffen iſt.“ Es lag eine eigene überzeugende Kraft in der ganzen Art und Weiſe der Diakoniſſin, die mit ihrer gewöhnli⸗ chen Milde zuweilen einen eindringlichen Ernſt zu ver⸗ —————— 31 binden wußte, der nur ſelten ſeine Wirkung zu verfehlen pflegte. Ohne ferner zu widerſtreben folgte ihr Martha in die Küche der Anſtalt, welche in ihrer Art ein kleines Wunderwerk zu nennen war. Auf drei rieſigen Oefen wurden hier die Speiſen für ſämmtliche Kranke und das dienende Perſonal zubereitet. Ein mächtiges Feuer flammte auf jedem Herd, an den Wänden hingen in ſchönſter Ordnung die verſchiedenen Geräthe, Keſſel, Töpfe und Pfannen von blinkendem Kupfer und Meſſing, ſo blank geſcheuert und geputzt, daß man ſich darin ſpiegeln konnte. Es war ein Anblick, bei dem einer Hausfrau das Herz im Buſen lachen mußte. Welche Ordnung und Sauber⸗ keit! Von Schmutz und Ruß war keine Spur zu ſehen, Alles ſtand oder lag an dem ihm zugehörigen Platze. Das friſche Waſſer ſprudelte aus zinnernen Röhren in ein Marmorbaſſin und verbreitete eine angenehme Kühle. Ungeheuere Vorräthe waren in den großen Schränken luftig aufbewahrt und vor dem Verderben geſichert. Es herrſchte eine geräuſchloſe Thätigkeit von Seiten der hier Beſchäftigten; jeder wußte, was er zu thun hatte, und Keiner ſtand dem Andern im Wege. Nicht ein unnützes Wort wurde geſprochen, kein ſchreiender Befehl ertheilt, und doch ging die Arbeit ſo ſchnell und ſicher von Statten, als wäre ſie von einem geheimen Uhrwerk re⸗ gulirt. Eine ältere Diakoniſſin ſtand als Oberaufſeherin am Herde, in ihrer weißen Schürze und mit dem ſau⸗ beren Häubchen, das ſie der Hitze wegen aufgebunden und ein wenig zurückgeſchoben hatte, nahm ſie ſich wie eine tüchtige Hausfrau aus. Man ſah es der kleinen rüſtigen Geſtalt mit dem freundlich gerötheten Geſichte an, daß ſie ſich in ihrem eigentlichen Elemente befand, daß Kochen, Backen und Braten zu ihren Lieblingsbeſchäftigungen ge⸗ hörte. Mit dem großen Küchenlöffel in der Hand, den ſie wie ein Szepter ſchwang, ertheilte ſie ihre Anweiſungen, mit ſicherem Blick das Ganze überſchauend und leitend. Bald ſorgte ſie, daß die Suppe nicht überkochte, daß der Braten nicht zu braun würde, bald griff ſie mit ſicherer Hand in ein neben ihr ſtehendes Gefäß und gab den zu bereitenden Gerichten das nöthige Salz und Gewürz, ohne daß ſie jemals ein Körnchen zu viel griff. Sie wußte auf ein Haar, wie viel Butter, Schmalz und andern Zu⸗ thaten ſie brauchte, was keine Kleinigkeit war, da ſie viele hundert Portionen anzurichten hatte.— Wie eine Prieſterin der edlen Kochkunſt in eine Dampfwolke gehüllt, bemerkte ſie jetzt wohl Martha und die ihr bekannte Begleiterin. „Schweſter Getrud!“ rief ſie ihr entgegen, indem ſie ſich den Schweiß von der Stirn trocknete und die Haube ein wenig zurecht ſchob.„Läßt Du Dich auch einmal wieder hier unten bei uns ſehen. Ich dachte ſchon, 33 daß Du mich vergeſſen hätteſt, ſeitdem Du Oberwärterin auf der Krankenſtation geworden biſt, und daß der Hoch⸗ muthsteufel auch in Dich gefahren ſei.“ „Wo denkſt Du hin, liebe Veronika?“ antwortete lächelnd die Angeredete. „Ja, ja,“ brummte die Köchin gutmüthig.„Ihr Andern glaubt etwas Abſonderliches zu ſein, weil ihr in die Medizin hineinpfuſchet, oder gar ein Paar lateiniſche Brocken aufgeklaubt habt. Darum ſeht Ihr auf Unſer⸗ einen über die Achſeln an; aber wenn wir nicht wären, müßtet Ihr Alle hungern und hättet auch nicht einen Biſſen zum Eſſen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Getrud zuſtimmend, da ſie die wunderlichen Launen der Alten und ihre Schwäche ſchon kannte. „Du biſt freilich,“ fügte dieſe ſchnell beſänftigt hin⸗ zu,„beſſer und geſcheidter wie die Uebrigen. Dafür ſollſt Du auch ein Süppchen zu koſten bekommen, wie es in kei⸗ ner Küche der Welt kräftiger gekocht werden kann. Aber wen haſt Du mir denn da mitgebracht?“ fragte ſie mit einem mißtrauiſchen Blick auf Martha. „Eine Schülerin, welche Dir die gnädige Oberin durch mich zuſchickt.“ „Da wird man wieder ſeine liebe Noth haben,“ ſeufzte komiſch Veronika.„Ich wette darauf, daß die 34 Jungfer noch keine Taſſe Thee kochen, keine Waſſerſuppe bereiten kann. Ich kenne das, und wenn ich ihr erſt alle meine Künſte angelernt und ſie zu einer perfekten Köchin gemacht habe, wird ſie wie die Andern mich verlaſſen und ſtolz auf mich herabſehen. Ich hab' es wirklich ſatt, mit den Gelbſchnäbeln abzugeben und ſie abzu⸗ richten.“ „Sei nicht ſo wunderlich,“ antwortete Getrud mit ſanftem Ernſt.„Meine Freundin wird gewiß nicht un⸗ dankbar ſein und nie vergeſſen, was ſie Dir ſchuldig iſt.“ „Nun meinetwegen,“ murmelte die Alte,„mag ſie bleiben, und es ſoll nicht an mir liegen, wenn ſie keine per⸗ fekte Köchin wird. Aber das ſag' ich gleich, geſchont wird hier nicht. Wer bei mir iſt, muß arbeiten und darf nicht die Hände in den Schoos legen, ſonſt ſind wir gleich ge⸗ ſchiedene Leute.“ Die derbe Art und Weiſe der Alten wurde durch einen humoriſtiſch gutmüthigen Anſtrich wieder gemildert, ſo daß ſich Martha bald mit Hilfe ihrer neuen Freundin in dieſe ſeltſamen Launen zu finden wußte, obgleich ihr leicht erweckter Stolz mehr als einmal im Laufe der Unterhaltung verletzt wurde. Auch mit der ihr zugemuthe⸗ ten Beſchäftigung in der Küche fing ſie ſich an auszuſöh⸗ nen, weil ihr keine andere Wahl blieb und ſie die Noth⸗ wendigkeit einſah, ſich in das Unvermeidliche zu fügen. —— ——j— — 3⁵ Anfänglich widerſtanden ihr freilich die niederen Dienſtleiſtungen, denen ſie ſich unterziehen mußte, und alle jene Verrichtungen, auf die ſie früher mit verächtlicher Gleichgültigkeit herabgeſehen. In ihrem elterlichen Hauſe hatte ſie den größten Theil des Tages mit dem Leſen von Romanen, Clavierſpielen und ähnlichen Beſchäftigungen zugebracht, womit die Töchter der beſſeren Familien die Zeit verſchwenden, indem ſie in der That glauben, etwas Nützliches zu thun. Oft ſeufzte daher auch Martha, wenn ſie ihre bisher ſo ſorgfältig geſchonten Hände dem Feuer ausſetzen und damit Alles angreifen mußte; allmälig aber lernte ſie die bisher ſo gering geſchätzte Arbeit achten und gewann ſogar dieſelbe lieb, weil ſie dadurch von ihren trüben Gedanken und Erinnerungen abgezogen wurde. Sie fand daran einen Schutz gegen die finſteren Geiſter der Vergangenheit, welche in ihrer Seele von Zeit zu Zeit auftauchten, wie gegen die Sirenenſtimmen der Verſuchung, die noch nicht gänzlich in ihrem leiden⸗ ſchaftlichen Herzen erſtorben war. Der Segen der Arbeit bewährte ſich an ihr. Gerade dieſe niedere mechaniſche Thätigkeit, welche doch ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, war dazu ge⸗ eignet, ihr nach und nach die erſehnte Ruhe zu geben. Die Regelmäßigkeit und Ordnung, welche in der Anſtalt herrſchten, brachten ein Gefühl von Sicherheit für ſie 36 hervor, das ſie ſchon lange nicht gekannt. Alles ging hier ſeinen gemeſſenen Gang, wie in einem großen Maſchinen⸗ werk, wo ein Rad in das andere eingreift, eine Walze in die andere treibt und ſo leicht keine Störung von Außen befürchten läßt. Für ein verwundetes Herz und eine verletzte Seele gibt es kein beſſeres Heilmittel, als eine ſolche ſtille Ein⸗ förmigkeit, deren Monotonie wie ein linder Balſam wirkt.— Selbſt die kleinen Zurechtweiſungen, das komiſche Schmollen, Brummen und Schelten der alten Veronika ließ ſich Martha trotz ihres Stolzes mit Geduld gefallen, weil ſie das gutmüthige Weſen der Wunderlichen, un⸗ geachtet der rauhen Schale, nicht verkannte und von dem Standpunkte einer beſſeren Erziehung manche verletzende Eigenthümlichkeit der Küchenregentin überſah. Von den übrigen Mädchen, welche in der Küche beſchäftigt waren, hielt ſie ſich dagegen noch entfernt, weil ſie kein Bedürf⸗ niß fühlte, ſich irgend anzuſchließen, und die Meiſten, allerdings einer andern Lebensſphäre angehörig, einen Mangel an eigentlicher Bildung verriethen, der Martha von ihnen zurückſchreckte. Dieſe Abgeſchloſſenheit trug ihr den Spottnamen „die Prinzeſſin“ ein, welchen ſie ohne Widerwillen hin⸗ nahm. Kam ſie ſich doch ſelbſt in ihrer gegenwärtigen ——————— ———— ——jjjjj4———— + u— 37 Lage wie eine verzauberte Prinzeſſin in einem alten Mähr⸗ chen aus den Kindertagen vor, die von einem feindlichen Geſchick verfolgt ſich zu den niedrigſten Dienſten gezwun⸗ gen ſieht. Wenn ſie vor dem flammenden Herde ſtand und in die zuckende Gluth träumeriſch ſtarrte, fielen ihr wohl dieſe alten Geſchichten und Bilder wieder ein, und ſie mußte unwillkürlich über dieſe Aehnlichkeit wehmüthig lächeln. Darüber geſchah es wohl auch zuweilen, daß ſie ihre Arbeit vergaß und ein ihr aufgetragenes Gericht verderben ließ, was ihr immer von Seiten der eifrigen Veronika eine gepfefferte Standrede eintrug. Dann fuhr ſie wohl langſam mit der Hand über die weiße Stirne, als wollte ſie von dort die ſich aufdrän⸗ genden Gedanken verſcheuchen, oder ſie ſprach einige ent⸗ ſchuldigende Worte, begleitet von einem Lächeln, dem ſelbſt die ſtrenge Küchenherrſcherin nicht zu widerſtehen vermochte. „Na, na!“ pflegte dieſe zu ſagen;„auch eine per⸗ fekte Köchin kann einmal einen Bock ſchießen und den Braten anbrennen laſſen, wenn es nur nicht wieder pa⸗ ſirt. Sie haben ganz ſchöne Fortſchritte gemacht, wenn Sie nur nicht ſo zerſtreut wären. Ich möchte um des Himmelswillen nur wiſſen, woran Sie denken?“ Das ſagte ihr freilich Martha nicht, und die gute Seele hatte keine Ahnung und auch kein Verſtändniß für all' die wunderbaren Gefühle und Erinnerungen, von denen die junge Seele ihres Zöglings beſtürmt wurde. Auch die ihr näher ſtehende Getrud that wohl zu⸗ weilen dieſelbe Frage, wenn ihre ſeltſame Freundin plötz⸗ lich im Schlafe auffuhr und ängſtlich einen fremden Na⸗ men rief, oder im Traume verworrene Reden führte, wobei ſie ſo tief aufſchluchzte und ſtöhnte, daß die Gute ordentlich erſchrak. „Was fehlt Dir?“ fragte ſie dann Martha am nächſten Morgen zärtlich. „Nichts,“ entgegnete dieſe ausweichend. „Du haſt wieder heute Nacht ſo gejammert, daß ich Dich ſchon wecken wollte, wenn Du nicht ſo feſt ge⸗ ſchlafen hätteſt.“ „Haſt Du was gehört?“ fuhr ſie dann erſchrocken auf.„Weißt Du, was ich geſagt habe?“ „Ich habe nur einzelne Worte ohne jeden Zuſam⸗ menhang vernommen.“ „Achte nicht darauf, was Du auch hören magſt. Es iſt ganz bedeutungslos. Ich habe ſchon als Kind immer ſo ſchreckliche Träume gehabt.“ „Das kommt davon,“ erwiederte die Diakoniſſin mit rührender Einfalt,„weil Du nicht recht beteſt. Ich will Dich einen Spruch lehren, den ich von meiner Groß⸗ 39 mutter habe. Wenn ich den herſage, ſchlafe ich gleich ein und die böſen Träume haben keine Gewalt über mich: Abends, wenn ich ſchlafen geh', Vierzehn Engel bei mir ſteh'n, Zwei zu meiner Rechten, Zwei zu meiner Linken, Zwei zu meinen Häupten, Zwei zu meinen Füßen, Zwei, die mich decken, Zwei, die mich wecken, Zwei, die mich weiſen In das himmliſche Paradeischen.“ „Dein Spruch iſt wunderſchön, aber ich fürchte, daß er mir doch nicht helfen wird.“ „Verſuch' es nur, aber Du mußt vor allen Dingen den rechten Glauben dazu haben, aber ich fürchte, daß der Dir fehlt.“ Derartige Geſpräche wiederholten ſich öfters; trotz ihres kindlichen Weſens hatte Getrud ſchon in den erſten Tagen ihrer Bekanntſchaft mit Martha die richtige Be⸗ merkung gemacht, daß es ihrer neuen Freundin an jener inneren Frömmigkeit fehlte, welche ihre eigene Seele ſo gänzlich ausfüllte. Aus dieſem Mangel leitete ſie inſtinkt⸗ mäßig all' jene ſeltſamen Erſcheinungen, Martha's Trauer, Zerfallenheit und wunderliches Benehmen ab. Sie ſelbſt blieb ſich immer gleich, ihr Leben war bis dahin wie ein 40 ſtiller Strom ohne Stürme und Anfechtungen dahinge⸗ floſſen. Von früheſter Jugend hatte ſie einen Hang zur religiöſen Schwärmerei gezeigt und mit ihren Eltern einem frommen Konventikel angehört, der ſich wöchentlich einigemal zum Gebete und Abſingen von Liedern verſam⸗ melte, da dieſen gläubigen Seelen die gewöhnliche Art des Gottesdienſtes nicht genügte. 3 In ſolcher Umgebung und unter ſolchen Eindrücken war Getrud aufgewachſen; all' ihr Denken und Fühlen nahm unwillkürlich eine derartige überirdiſche Richtung an; in ihre Kinderſpiele ſchon miſchte ſich das Bild des Heilandes, und als kleines Mädchen bezog ſie bereits Alles, was ſie dachte und that, auf ſeine göttliche Erſcheinung. Ihm ſchrieb ſie, ſobald ſie überhaupt ſchreiben konnte, die rührendſten Briefe voll kindlicher Zärtlichkeit, die ſie den Winden anvertraute, um ſie zu ſeiner himmliſchen Wohnung hinaufzutragen; ihm ſchenkte ſie ihr liebſtes Spielzeug, die ſchönſten Blumen, welche ſie in dem elter⸗ lichen Garten für ihn pflückte. Es bedurfte nur der Er⸗ innerung an ihn, um ſie folgſam zu machen. Die from⸗ men Eltern unterhielten und nährten durch ihr eigenes Beiſpiel und Reden dieſen ſchwärmeriſchen Eifer. So wuchs Getrud auf in einfältiger, inniger Liebe zu dem Erlöſer, eine jener wunderſamen Blüthen des modernen Pietismus, wie ſie, wenn auch nun noch ſelten, in dieſer Se ————,——— * S SE S 41 Reinheit, ſelbſt in unſerer materiellen Gegenwart, hie und da in ſtiller Abgeſchiedenheit ſich entfaltet. Sobald ſie das gehörige Alter erreicht hatte, trat ſie mit Bewilligung ihrer gleichgeſinnten Eltern in eine am Rhein gelegene Diakoniſſinnen⸗Anſtalt, von wo ſie im Verlaufe der Zeit nach dem neu begründeten Krankenhauſe in der Hauptſtadt überſiedelte. Unterdeß war ihr Vater mit Hinterlaſſung eines kleinen Vermögens geſtorben, auf das ſie freiwillig zu Gunſten ihrer übrigen Geſchwiſter verzichtete, da ſie in der feſten Ueberzeugung lebte, ihr Daſein in dem einmal erwählten Wirkungskreiſe zu be⸗ ſchließen. Bis zu dieſem Augenblicke hatte kein innerer Kampf, keine leidenſchaftliche Regung den Spiegel dieſer reinen Seele getrübt. Der innere Friede, der in ihrem Herzen wohnte, war in ihren ſanften, ruhigen Zügen, in den blauen Taubenaugen zu leſen, die mehr nach Innen als auf die Außenwelt gerichtet, in ſtiller Verklärung leuchte⸗ ten. Sie war ein Muſter von Aufopferungsfähigkeit, Hingebung und Geduld, die durch keine noch ſo ſchwere Probe erſchüttert werden konnte. Die kluge Oberin wußte dieſe Eigenſchaften gebührend zu würdigen, und zog des⸗ halb Getrud gern in ihre Nähe, da dieſe außerdem die dugend der Verſchwiegenheit in einem hohen Grade eſaß. 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 3 42 Es iſt eine ſchon oft gemachte Erfahrung, daß die Erſcheinungen der Körperwelt ſich in den geiſtigen Bezie⸗ hungen wiederholen und dieſelben Geſetze in den anſchei⸗ nend verſchiedenen Gebieten ſich vorfinden. Wie die ent⸗ gegengeſetzten Pole des Magneten, die widerſtrebenden Strömungen der Elektrizität eine geheime Verwandſchaft zeigen und ſich gegenſeitig anziehen, ſo ſehen wir auch, daß die von einander abweichenden und gänzlich ge⸗ trennten Charaktere einander aufſuchen und innig ver⸗ ſchmelzen, gleichſam von einem tieferen Bedürfniſſe ge⸗ trieben, ſich zu ergänzen und ihren unbewußten Mangel zu erſetzen. Vielleicht hatte die verſtändige Oberin auf eine der⸗ artige Ausgleichung gerechnet, als ſie die leidenſchaftliche Martha mit der ſtill gläubigen Getrud verband. Die edle Dame war gewohnt, nichts ohne tiefere Abſicht zu thun, und ihr Scharfblick drang meiſt bis auf den Grund der ihr anvertrauten Seelen. Sie kannte die Charaktere ihrer Untergeordneten, ihre guten und ſchlechten Eigen⸗ ſchaften, aus denen ſie ein förmliches Studium zu ihren beſonderen Zwecken machte. Nichts blieb ihr verborgen, ſelbſt die geheimſten Gedanken entgingen nicht ihrer an⸗ geborenen Spürkraft und ihrem ſcharfen Beobachtungs⸗ talent. Innerhalb ihres beſchränkten Wirkungskreiſes ent⸗ wickelte die hochbegabte Frau eine Menſchenkenntniß, —— -ee Sͤks SSSͤ—— 43 Feinheit und Vorausſicht, die einem Jeſuiten⸗General zur Ehre gereicht haben würden.— Sie hatte, wie ſie vorausgeſagt, Martha ſeit jenem erſten Geſpäche mit ihr nicht aus den Augen verloren und unbemerkt mit dem lebendigen Intereſſe verfolgt, das jene kurze Berührung in ihr angeregt. Sie mochte wohl hier ein bedeutendes Schickſal ahnen und eine ungewöhnliche Natur in dem jungen Mädchen entdeckt zu haben glauben, die ſie für ihre höheren Zwecke und Pläne einſt zu nutzen hoffte. Wenn dies ihre Abſicht war, was Niemand wiſſen konnte, da ſie ihre innerſten Gedanken mit bewunderungs⸗ würdiger Selbſtbeherrſchung zu verbergen wußte, ſo rechtfertigte der vorläufige Erfolg ihre weiſen Berechnun⸗ gen, indem Martha zu Getrud eine innige Freundſchaft faßte, welche von der Letzteren in ihrer ſchwärmeriſchen Weiſe erwiedert wurde. 3* Drittes Capitel. Es ſchien in der That ſchon nach kurzer Zeit, als ob das angeführte Geſetz der geiſtigen Gegenſätze in dem ferneren Zuſammenleben der beiden Freundinnen ſeine volle Beſtätigung finden ſollte. Es hatte eine Art von ſichtbarer Umwandlung mit ihnen ſtattgefunden, während Martha nämlich ſtiller und ruhiger wurde, ließ die ſanfte Getrud dagegen, beſonders in ihren Beziehungen zu der Freundin, eine faſt leidenſchaftliche Stimmung wahr⸗ nehmen, welche ſich oft in ſtürmiſchen Ausbrüchen einer überſtrömenden Zärtlichkeit äußerte. 4 Das bisherige Gleichgewicht dieſer friedlichen Seele war augenſcheinlich geſtört, um einer Reihe bisher noch nicht gekannter Empfindungen und Gedanken Platz zu machen. Früher war der Mittelpunkt und Inhalt ihres Daſeins zwar überirdiſche Liebe zu dem Heiland ge⸗ weſen, die jede andere Neigung, und ſelbſt die zu ihren 6 5 Eltern und Geſchwiſtern beſchränkte; jetzt, wo ſie Martha kennen gelernt hatte, war hierin eine weſentliche Ver⸗ änderung mit ihr vorgegangen; nicht daß durch dieſen Umgang und ihre Geſpräche ihre Frömmigkeit oder ihre religiöſe Ueberzeugung gelitten hätten, aber unwillkürlich hatte ſich ein fremdes Element hineingemiſcht, das ſie nicht mehr zu bewältigen und auszuſcheiden vermochte. Es erging ihr, wie jenen Engeln der Sage, die den Himmel verlaſſen hatten, angelockt von der Schönheit der Menſchentöchter; in ihrer Umarmung und unter ihren glühenden Küſſen vergaßen ſie das geheimnißvolle Wort zu bewahren, durch deſſen überirdiſche Kraft ſie allein im Stande waren, wenn ſie es ausſprachen, in ihre gött⸗ liche Heimath zurückzukehren. Ihre ätheriſch feurige Natur verwandelte ſich in der Berührung und Gemeinſchaft mit den Menſchenkindern und büßte ihre Leichtigkeit und Freiheit ein; die Glieder wurden ſchwerer und all ihr Denken ſinnlicher. Als ſie ſich wieder auſſchwingen woll⸗ ten, vermochten ſie ſich nicht mehr vom Boden zu er⸗ heben; ſie hatten das heilige Wort vergeſſen, und ſo blie⸗ ben ſie gefeſſelt an der Erde, während die Töchter der Menſchen dagegen die Gaben der Engel durch den Um⸗ gang mit dieſen erhielten und ſtatt ihrer zu der Wohnung der Unſterblichen ſich aufſchwangen. Eine ähnliche Veränderung, wie die Sage verkündet, 46 hatte auch hier ſtattgefunden und die Freundinnen ihre verſchiedenen Naturen umgetauſcht. Man hat gewiß mit Unrecht den Frauen die Fähig⸗ keit für echte gegenſeitige Freundſchaft beſtritten, wovon die tägliche Erfahrung gerade das Gegentheil erweiſ't. Ihre Freundſchaft iſt ſogar meiſt zärtlicher und leiden⸗ ſchaftlicher als die der Männer, nur daß die letztere mehr Beſtändigkeit und Ausdauer zeigt. Die Freundſchaft der Frauen iſt gewöhnlich nur die Vorläuferin ihrer Liebe, oder eine Stellvertreterin derſelben, weshalb ſie auch von denſelben Symptomen, von heißer Innigkeit, ſchwärmeri⸗ ſcher Opferfähigkeit und ſelbſt von blinder Eiferſucht be⸗ gleitet erſcheint. Es waltet ein mehr ſinnliches, glühendes Element vor, das allerdings ſeine Verwandſchaft mit der Liebe der Geſchlechter nicht verleugnen kann. Die Freund⸗ ſchaft, welche Männer für einander empfinden, iſt reiner, edler und beſtändiger, die der Frauen wärmer, kräftiger ausſchließlicher und in den meiſten Fällen auch uneigen⸗ nütziger; die erſtere wird mit den Jahren feſter und inniger, während die letztere gewöhnlich der Liebe zum Manne und zu den Kindern, ſo wie den veränderten Ver⸗ hältniſſen weichen muß. 3 Getrud's Neigung für Martha hatte jenen Grad leidenſchaftlicher Gluth erreicht, der nothwendiger Weiſe auf ihre ganze bisherige Anſchauung und Lebensweiſe —— 47 nicht ohne einen bedeutenden Einfluß bleiben konnte. Inſtinktmäßig ahnte ſie den Zwieſpalt, der dadurch in ihr ſtilles und beſchränktes Daſein gekommen war. „Ich liebe Dich zu ſehr,“ ſagte ſie einmal, indem ſie ihre Arme um Martha ſchlang.„Ich fürchte, daß ich damit eine große Sünde begehe.“ „Du biſt ein Kind,“ entgegnete dieſe lächelnd. „Oder glaubſt Du, daß ich Deine Liebe nicht verdiene?“ „Das nicht, aber ſeitdem ich Dich kennen gelernt habe, überkommen mich ſo wunderſame Gedanken, die ich früher nie gekaunt. Mein Geiſt wandert wider meinen Willen in die weite Welt. Ich fühle, daß ich nicht ge⸗ lebt habe und wie eine Blume ohne Bewußtſein aufge⸗ wachſen bin.“ „Wohl Dir!“ lächelte dann Martha trüb.„Wenn ich Dich anſehe, fallen mir immer die ſchönen Verſe von Heine ein: Du biſt wie eine Blume, So hold und ſchön und rein; Ich ſchau' Dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir iſt, als ob ich die Hände Auf's Haupt Dir legen ſollt', Betend, daß Gott Dich erhalte So rein und ſchön und hold.“ 48 „O das iſt herrlich,“ flüſterte Getrud mit ver⸗ klärten Augen,„das klingt ja wie das ſchönſte Gebet.“ „Es iſt auch ein ſchönes Gebet.“ „Und Heine heißt, der es gemacht hat?“ „Heinrich Heine.“ „Das iſt gewiß ein frommer Mann; Du mußt mir von ihm erzählen und noch mehr von ſeinen Gedichten herſagen.“ „Nicht alle ſeine Lieder ſind ſo rein und gut wie dieſes; es gibt auch recht ſchlimme und verzweifelte darunter.“ „Wie iſt das denn möglich? Kann denn ein Menſch zugleich fromm und gottlos ſein?“ „ Der Dichter iſt wie ein Spiegel, in dem ſich die Welt beſchaut, wie das Echo, welches zwiſchen den Fel⸗ ſen ſchläft, und von den verſchiedenen Tönen geweckt wird, die es wiedergibt. Durch die Seele eines Dichters zittert die höchſte Freude und der tiefſte Schmerz, lichte Won⸗ ne und finſtere Verzweiflung; ſie gleicht dem Meere, das in ſeinen Tiefen die ſchönſten Perlen und die furcht⸗ barſten Ungeheuer birgt.“ 8 5 Getrud hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit dieſen Ergießungen ihrer Freundin zu; ihre Neugierde war erweckt, und ſie ruhte nicht, bis ihr Martha noch mehrere Gedichte von Heine, die ſie in ihrem Gedächtniſſe bewahrt, 85 49 vorgetragen hatte. Trotzdem dieſe nur die reineren und beſſeren Lieder des Dichters ihr mittheilte, ſo wurde ſie von dieſer eigenthümlichen Poeſie des Liebeslebens wie von einem mächtigen Zauber ergriffen, neue, nie geahnte Gefühle erwachten in ihrer Bruſt; dieſe Wirkung ſteigerte ſich noch zu einer rauſchähnlichen Begeiſterung, als Martha einſt in ſtiller Nacht ihr die Schubert'ſchen Compoſitionen zu den Liedern von Heine mit ihrer ſchö⸗ nen Stimme und feurigen Ausdrücken ſang. Die arme Diakoniſſin wußte nicht, wie ihr geſchah; ihr Buſen hob und ſenkte ſich, die bleichen Wangen glühten und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Da ihre gemeinſchaftliche Zelle auf dem entgegengeſetzten Flügel lag, ſo erfuhr die Oberin nichts von dieſen muſikaliſchen Genüſſen; nur die Kranken in den benachbarten Sälen hörten vielleicht in ihren Fieberträumen ein Singen und Klingen in der Luft, das ſie einer überirdiſchen Stimme zuzuſchreiben geneigt waren. Zu einer andern Zeit ſchlichen wohl auch die Freun⸗ dinnen, wenn es dämmerte und die Abendglocke geläutet hatte, in den Garten, welcher eigentlich für die Rekon⸗ valeszenten der Anſtalt beſtimmt war, aber auch von den übrigen Bewohnern des Hauſes benutzt werden durfte.— Hier ſaßen ſie unter blühendem Flieder und Goldregen auf der grünen Bank und lauſchten dem ſchmetternden Liede der Nachtigall voll unbewußter Sehn⸗ ſucht und Liebesſchmerz. Süße Düfte ſtiegen verführeriſch aus den Blumen auf, ſinnbetäubende Gerüche zogen wie Liebesboten von einem Kelch zum andern ſtille Grüße tragend. Um Laub und Ranken webten die ſilbernen Mondſtrahlen ihre dämmernde, geheimnißvolle Schleier für die Myſterien der ſchöpferiſchen Frühlingsnacht. Trotz der brütenden Stille regte es ſich allenwärts, jedes Blatt war ein Brautgemach, jeder Halm eine Feſtſäule, um welche ſich der luſtige Reigen einer kleinen, unbeachteten Schöpfung drehte. Das flüſterte und rauſchte, koste und lispelte wie heimliche Küſſe und unterdrücktes Gekicher. In ſolchen Nächten regte ſich wohl auch in Martha's Buſen wieder die Erinnerung an vergangenen Zeiten und vergeſſen geglaubte Szenen aus ihrem Leben. Sie er⸗ zählte dann der begierig lauſchenden Freundin von den fröhlichen Feſten und Geſellſchaften in ihrem elterlichen Hauſe, wie ihr Vater, der ein angeſehener Beamte ge⸗ weſen war und von dem ſie die Lebensluſt geerbt zu haben ſchien, einen glänzenden Kreis von Männern und ſchönen Frauen um ſich verſammelte, wie ſie ſelbſt hier zum Erſtenmale in die ſogenannte Welt eingeführt wurde, deren Freude und Genüſſe ſie mit einer Mi⸗ ſchung von ſehnſüchtigem Bedauern und deutlichem Ab⸗ ſcheu ſchilderte.— 3 —————-——9 ã—* u 8 8 ¹ n 51 Mitten in dieſen Ergüßen hielt ſie aber plötzlich inne, als fürchtete ſie, bereits zu viel geſagt zu haben und von ihren Erinnerungen hingeriſſen ein Geheimniß zu verrathen, das ſie ſelbſt vor ihrer Freundin ſorgfältig zu verbergen ſuchte. „Komm!“ ſagte ſie dann.„Es iſt ſpät, wir wollen uns zur Ruhe begeben.“ „Ich könnte Dir die ganze Nacht ſo zuhören,“ entgegnete die Diakoniſſin.„Erſt durch Dich ſehe ich ein, wie unwiſſend ich noch bin und wie viel ich noch zu lernen habe.“ „Ein ſolches Wiſſen macht nicht immer glücklich. Ich wollte, daß ich wie Du aufgewachſen wäre in fried⸗ licher Beſchränkung und Unkenntniß der Welt.“ „Und ich bedaure, daß ich Dir gar nichts bieten kann. Wie einfältig bin ich doch Dir gegenüber.“ „Du haſt den beſſeren Theil erwählt. Glaub' es mir und ſehne Dich nicht nach jenen Erfahrungen, die ich theuer bezahlt habe.“ Arm in Arm kehrten ſie nach ihrer Zelle zurück, um zu Bette zu gehen. Getrud ſprach noch vor dem Entkleiden ihr Gebet, aber ihre Gedanken waren nicht mehr wie früher dabei und irrten in die Ferne. Mit einem feurigen Kuße umarmte ſie die Freundin und bot ihr eine gute Nacht; vergebens bemühte ſie ſich einzuſchlafen, der Schlummer floh ihre aufgeregten Sinne. Auch der fromme Spruch der Großmutter, den ſie im Stillen ſich vorſagte, ſchien ſeine alte Kraft verloren zu haben und wollte nicht mehr helfen. Wirre Bilder und Träume umgaukelten ihre Seele; ſie blieb wach und mußte immer wieder an die Erzählungen und Worte der Freundin denken, die wider Willen den Frieden dieſer ahnungsloſen Unſchuld ſtörten.— Auch mit Martha war eine bedeutende Veränderung in ihrem Innern vorgegangen. Ihre dämoniſche Natur, denn eine ſolche beſaß ſie ihrer ganzen Anlage nach, konnte ſich zwar nicht ganz den früheren Eindrücken und Gewohnheiten eines viel bewegten Lebens entziehen, aber ſie wurde durch dieſe neuen Verhältniſſe und Umgebungen weſentlich gedämpft und abgeſchwächt. Die ruhige Stille ihres jetzigen Aufenthalts, der fromme Sinn, welcher ihr in der ganzen Anſchauung und Einrichtung der An⸗ ſtalt entgegentrat, übte einen unverkennbaren Einfluß auf ihren empfänglichen Geiſt aus. Im elterlichen Hauſe hatte ſie nicht das Bedürfniß nach Religion kennen gelernt. Ihr Vater war ein heiterer Lebemannn, ein angeſehener Beamte aus der alten Schule, der in Glaubensſachen mehr als indifferent er⸗ ſchien und zuweilen ſogar über den überhand nehmenden Pietismus in ſeiner kauſtiſchen Weiſe ſpöttelte. Um die 53 Erziehung der Kinder kümmerte er ſich wenig oder gar nicht; es blieb ihm keine Zeit dazu, da er ſeine Muße⸗ ſtunden am liebſten in Geſellſchaft gleichgeſinnter Freunde bei einem Glaſe Wein zubrachte. Die Mutter war eine gute, ſchwache Frau, die keine eigene Meinung hatte und in allen Dingen ſich nach den Anſichten ihres geiſtig über⸗ legenen Mannes richtete. Man machte ein großes Haus aus, gab Feſte, Bälle und Diners, die von der ganzen Stadt beſucht und beſprochen wurden. Es herrſchte dabei ein freier und ungebundener Ton, der den frommen See⸗ len des Ortes viel zu reden gab und Anſtoß erregte. Durch den Tod der Mutter trat nun eine kurze Un⸗ terbrechung, aber keine weſentliche Aenderung in der bis⸗ herigen Lebensweiſe ein. Der noch rüſtige Witwer wartete kaum das Trauerjahr ab, um ſogleich eine neue Verbin⸗ dung einzugehen, wobei er ſich vor ſich ſelber mit der Entſchuldigung zu beſchwichtigen ſuchte, daß ſein weitläu⸗ figes Hausweſen und die Sorge für die Kinder ihm die Verpflichtung auferlegten, einen derartigen Schritt ohne langes Bedenken zu thun. Trotz dieſer Eile hatte er im Ganzen noch eine beſſere Wahl getroffen, als ſich anfänglich vermuthen ließ. Die zweite Frau war die Tochter eines penſionirten Offi⸗ ziers, der mit geringem Vermögen und acht unverheira⸗ theten Mädchen geſegnet war; ſie nahm daher keinen 54 Anſtand der Bewerbung des gut geſtellten Witwers zu folgen, den ſie als ihren Erlöſer aus den mehr als be⸗ ſchränkten Verhälniſſen ihrer bisherigen Umgebung be⸗ trachtete. Da ſie keine Mitgift und nicht einmal eine hin⸗ reichende Ausſteuer an Garderobe und Wirthſchaftsge⸗ genſtänden mitgebracht hatte, ſo gab ihr dieſer Umſtand eine gewiſſe gedrückte und untergeordnete Stellung ihrem Manne, ſo wie der ganzen neuen Familie gegenüber; ſie getraute ſich nicht ihre beſſere Ueberzeugung laut wer⸗ den zu laſſen, einen oft nur zu gegründeten Tadel zu äußern, oder nur ſchüchtern anzudeuten, da außerdem ihre erſten derartigen Verſuche von dem verwöhnten Manne in einer keineswegs zu einer Wiederholung auf⸗ fordernden Weiſe abgewieſen wurden. Das geringſchätzige Betragen des Vaters übertrug ſich auf die heranwachſen⸗ den Kinder, welche hierin ſeinem Beiſpiele folgten und denen die ärmliche Lage der Stiefmutter kein Geheimniß bleiben konnte. Um alle unangenehmen Auftritte zu vermeiden, faßte dieſe den verzeihlichen Entſchluß, ihre Worte zu ſparen und Alles gehen zu laſſen, wie es bisher gegan⸗ gangen war, wobei ſie ſich auch am beſten befand. Gleich⸗ gültig ſah ſie dem Leben und Treiben in dem Hauſe zu, indem ſie ſelbſt allmälig an den Vergnügungen immer mehr Gefallen fand und ihren Mann mit allen ferneren 5⁵ Vorwürfen verſchonte. Sie war nur darauf bedacht, klu⸗ ger Weiſe die eigene Zukunft zu ſichern, indem ſie ihn vermochte, ſie mit einer ziemlich anſehnlicher Summe au⸗ ßer ihrer geſetzmäßigen Witwenpenſion bei einer auslän⸗ diſchen Lebensverſicherung einzukaufen. Mit den unterdeß herangewachſenen Stiefkindern hatte ſie ſich in ein leid⸗ liches Verhältniß zu ſetzen gewußt, da ſie ihnen in allen Stücken ihren unbeſchränkten Willen ließ. Eines Tages nach einer reichlich genoſſenen Mahl⸗ zeit, wobei die Flaſche nicht geſchont worden war, wurde Martha's Vater in ſeinem Lehnſtuhle, worin er ge⸗ wöhnlich ſeinen Nachmittagsſchlaf zu halten pflegte, todt gefunden. Der Schlag hatte ihn gerührt, alle Widerbelebungs⸗ verſuche blieben fruchtlos. Er hatte, wie dies bei ſeiner ſorgloſen Natur ſich vorausſehen ließ, kein Teſtament gemacht. Das übrig gebliebene Vermögen war zwar nicht bedeutend, aber es reichte noch immer hin, bei einiger Einſchränkung damit auszukommen. Die Witwe blieb in dem kleinen, aber überaus comfortabel eingerichteten Hauſe, auf dem einige mäßige Hypotheken ruhten, mit den Kindern vorläufig wohnen; es waren dies vier Mädchen aus erſter Che, von denen Martha die jüngſte war, und ein Knabe von zwölf Jahren, den ſie ihrem Manne geboren hatte.— Nach dem Tode des Vaters lebten die Zurückge⸗ bliebenen anfänglich in beſcheidener Zurückgezogenheit. Das luſtige Leben hatte aufgehört, die Freunde ſich zu⸗ rückgezogen; dann und wann ließ ſich noch ein alter Bekannter Anſtands halber ſehen, um ſich nach dem„ Befinden der Witwe zu erkundigen und ſie ſeiner nichts ſagenden Theilnahme zu verſichern. Auf das laute, luſtige Treiben in dem gaſtfreien Hauſe war eine tiefe Stille gefolgt. Das Trauerjahr ging indeß vorüber, und obgleich der gutmüthige, nachſichtige Vater von den Seinigen aufrichtig beweint wurde, ſo P ree die Zeit doch ihren Schmerz. Mit den abgelegten ſcharzen Gewändern regte ſich von Neuem in den jungen Seelen die friſche Lebensluſt. Die aufblühende Schönheit der ältern Schweſtern, die ſich wieder, wenn auch nur ſelten, öffentlich in Be⸗ gleitung der Mutter zeigten, konnte nicht unbeachtet blei⸗ ben. Die reizenden Erſcheinungen wurden von der jungen Männerwelt mit einſtimmiger Bewunderung begrüßt; man ſuchte ihre Bekanntſchaft zu machen und ſich ihnen zu nähern, was bei einer von dem Vater ererbten und gehegten Leichtigkeit und Zugänglichkeit nicht eben ſchwer hielt. Die Stiefmutter legte von ihrer Seite dieſen Be⸗ gegnungen um ſo weniger ein Hinderniß in den Weg, 57 indem ſie je eher je lieber die ihrer Hut anvertrauten Mädchen zu verheirathen wünſchte, um jeder Sorge für ihre Zukunft los zu ſein. Bald war daher von Neuem das kleine Haus der Mittelpunkt einer angenehmen Geſelligkeit, und die bisher = vereinſamten Räume hallten von dem frohen Gelächter und den muthwilligen Scherzen der Jugend wieder. Wur⸗ den auch nicht mehr wie bei Lebzeiten des Vaters große Diners und Bälle gegeben, ſo waren an deren Stelle doch kleinere Tanzkränzchen und Thee's getreten, bei denen es um ſo luſtiger und ungezwungener zuging; es wurden Pfänder geſpielt, kleine Theaterſtücke aufgeführt. Man nahm es dabei nicht allzugenau, und die nachſichtige Witwe drückte bei aller unbezweifelten Ehrenhaftigkeit ihrer Geſinnung auch ein Auge zu, wenn einmal beim Auslöſen der Pfänder ein Küßchen ſiel, oder eine Umar⸗ mung auf dem Liebhabertheater, die der Dichter natürlich vorgeſchrieben hatte, zu zärtlich wurde. Was hätte es ihr auch genutzt, wenn ſi dagegen Einſpruch orhoben hätte? Die Töchter waren nicht ge⸗ wohnt, ſich von der Stiefmutter Etwas ſagen zu laſſen, und dieſe ſchwieg um des lieben Friedens Willen. Es dauerte auch nicht lange, und die böswilligen Zungen der Stadt munkelten Allerlei über das allzufreie Leben der Familie. Aengſtliche Mütter verboten ihren 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 4 58 Töchtern den Umgang mit den jungen Mädchen, weil dieſelben einen zweideutigen Ruf hätten, obgleich man ihnen in der That nichts Uebles nachſagen konnte. Höch⸗ ſtens hatte man ſie einmal am Arme eines jungen Man⸗ nes in der Dunkelſtunde auf einem einſamen Spazier⸗ gange geſehen; aber ſelbſt dieſe Beſchuldigung, worüber die kleinſtädtiſchen Sittenrichterinnen Zeter ſchrien, war keineswegs über allen Zweifel erwieſen. Bei allen Damenkaffee's und Viſiten war von nichts Anderem als von dieſen ärgerlichen Geſchichten die Rede, die, wie es meiſt bei ähnlichen Gelegenheiten zu geſchehen pflegt, noch um Vieles übertrieben wurden. Man raunte ſich das Alles anfänglich nur in's Ohr, bis man endlich ziemlich laut darüber ſprach. Gutmüthige Seelen fanden ſich wohl auch, welche die Stiefmutter von den umlaufenden Gerüchten in Kennt⸗ niß ſetzten. „Was ſoll ich thun?“ fragte dieſe achſelzuckend. „Die Mädchen ſind mir über den Kopf gewachſen, ich kann ſie nicht regieren, und wenn ich ihnen Etwas ſage, ſo hören ſie nicht darauf. So viel ich weiß, geſchieht auch nichts Unerlaubtes, und daß ſie mit jungen Männern Umgang haben, kann ich ihnen nicht verbieten. Wie ſollen ſie ſich denn ſonſt verheirathen?“ 4 Die wohlmeinenden Rathgeber ſchüttelten bedenklich 59 mit den Köpfen und glaubten ihre Pflicht gethan zu ha⸗ ben, die anſtändigeren Familien zogen ſich zurück, und ſelbſt mehrere junge Herren kamen nicht mehr in das Haus, weil ſie die üblen Nachreden fürchteten und die Macht der öffentlichen Meinung anerkannten. Das kümmerte indeß die Mädchen nicht; ſie ließen ſich deswegen keine grauen Haare wachſen und fuhren in ihrer gewohnten Lebensweiſe fort. Für die ausbleibenden Freunde fanden ſie einen ſchnellen Erſatz, da ſie es nicht allzugenau nahmen und ſich in ihrem Umgange nicht all⸗ zuwähleriſch zeigten. Waren es nicht Einheimiſche, ſo wa⸗ ren es Fremde, die ſich in der lebhaften, gewerbtreibenden Stadt in ihren Geſchäften oder zum Vergnügen aufhiel⸗ ten. Es ſiel dieſen nicht ſchwer, ſich vorzuſtellen und in die Familie einführen zu laſſen, wenn ſie nur ſonſt durch ihre Perſönlichkeit und äußere Bildung ſich zu empfehlen wußten. Dieſe Geſellſchaft erhielt allerdings mit der Zeit durch die Sorgloſigkeit bei der Auswahl einen etwas ge⸗ miſchten Anſtrich. Statt der früheren Beamtenſöhne und ſoliden Kaufleute ſah man jetzt Handlungsreiſende, Stu⸗ denten, angehende Architekten, Maler und ſelbſt Schau⸗ ſpieler, über die beſonders ſkandaliſirt wurde. In dieſem Kreiſe ſpottete man unverhohlen über die Engherzigkeit und Philiſterei der guten Kleinſtädter, denen man von nun an erſt kecht abſichtlich zuwider lebte, der 44. 60 öffentlichen Meinung ein Schnippchen ſchlagend. Das kleine Haus wurde ſo der Sammelplatz und Mittelpunkt aller derjenigen, welche aus irgend einem Grunde mit der übrigen Geſellſchaft gebrochen hatten oder von ihr ausge⸗ ſchloſſen wurden. Waren es auch nicht immer die beſten Männer und Frauen, welche ſich hier zuſammenfanden, ſo waren es jedenfalls meiſt die geiſtreichſten und lie⸗ benswürdigſten, die, wie gewöhnlich, ſich in der bürger⸗ lichen Beſchränktheit nicht finden wollten und den hier herrſchenden freien, ungebundenen Ton vorzogen. Nirgends in der Stadt ſah man ſo viel Geiſt, Bil⸗ dung und Schönheit vereint als in dieſer Familie, nir⸗ gends unterhielt man ſich beſſer, amuſirte man ſich mehr; nirgends aber fand man auch eine leichtere Lebensanſchau⸗ ung, laxere Grundſätze und eine größere Duldung in ſitt⸗ lichen und religiöſen Dingen. Der geniale Uebermuth dieſes excluſiven Kreiſes gefiel ſich in der Verſpottung gerade der Anſichten und Gebräuche, welche dem ſogenann⸗ ten Philiſter und gewöhnlichen Menſchen ehrwürdig und ſelbſt heilig ſcheinen. Von ihren Gegnern wurden die Schweſtern mit dem Beinamen„die Emancipirten“ belegt, wogegen ſie es ſich angelegen ſein ließen, dieſer Bezeichnung durch die That und auch äußerlich zu entſprechen. Es iſt gewöhnlich mit ſolchen Parteinamen ein eigenes Ding und es wird da⸗ 61 durch mehr Unheil angerichtet als man glaubt. Sie rufen erſt den Widerſtand wach und geben dem unbeſtimmten Streben eine feſte Geſtalt und beſtimmte Färbung. So geſchah es auch hier; die Mädchen, welche bis⸗ her äußerlich den Anſtand noch zu wahren ſuchten, hielten ſich jetzt für berechtigt, alle Rückſichten bei Seite zu ſetzen. Sie erſchienen von nun an in auffallender Tracht, trugen ihr Haar nach Männerweiſe kurz geſchnitten, was ihnen ausnehmend gut ſtand, ihnen aber vor der entgegengeſetz⸗ ten Seite als ein beſonderes Verbrechen angerechnet wurde. Sie nahmen auch an all' den übrigen männlichen Uebun⸗ gen Theil; ſie turnten, ſchwammen, liefen auf Schlitt⸗ ſchuhen, ſchoſſen mit Piſtolen und ritten ſogar Shn lauter Dinge, welche die frommen Seelen der Stadt mit Entſetzen betrachteten. Das Alles thaten ſie nicht nur, weil es ihnen Vergnügen machte, ſondern weit mehr, um die Klatſch⸗ ſchweſtern und Splitterrichter recht zu ärgern. Je mehr dieſe loszogen, deſto toller trieben es die Schweſtern; ſie rühmten ſich ihrer freieren Sitten und ſprachen laut und öffentlich ſolche Grundſätze aus, die im Munde von Frauen beſonders verletzeu müſſen. Dabei war es ihnen auch damit nicht einmal voller Ernſt, ſie waren wirklich noch immer beſſer als ihr Ruf und prahl⸗ 62 ten nur mit einer Frivolität, welche ihnen in dem Maße nicht eigen war. So ſetzten ſie einen beſondern Triumph darauf, ſolche Bücher geleſen zu haben, welche ob mit Recht oder Unrecht der Vorwurf der Unmoralität trifft. Die Ge⸗ dichte von Byron und Heine, die Romane der George Sand waren ihre Lieblingslektüre, was ſie ungeſcheut und offen eingeſtanden. Dabei beſaßen ſie ſo viel Geiſt, um die poetiſchen Schönheiten dieſer Schriftſteller voll⸗ kommen zu würdigen, aber nicht Urtheilskraft genug, um das Wahre und Große an ihnen vor dem Falſchen und Verderblichen zu unterſcheiden. Sie ſogen begierig mit dem Honig auch das ſüße Gift ein, welches unter den Nektarkelchen der Poeſie häufig verborgen liegt. In einer ſolchen Umgebung hatte Martha ſich ent⸗ wickelt; ſie war die ſchönſte und in jeder Beziehung auch die begabteſte von ihren Schweſtern; aber es fehlte ihr vor allen Dingen der ſittliche Schwerpunkt, welcher allein den Menſchen und beſonders das Weib vor den Verirrun⸗ gen der Welt zu bewahren vermag und ohne deſſen An⸗ weſenheit Schönheit und Talent nur zum Verderben aus⸗ ſchlagen. Biertes Capitel. Die Verſuchungen, denen ein junges Mädchen un⸗ ter ſolchen Verhältniſſen ausgeſetzt ſein muß, blieben nicht aus, und Martha war nicht gerüſtet, ihnen den genügen⸗ den Widerſtand zu leiſten. Das Beiſpiel ihrer Umgebung, der Mangel einer mütterlichen Aufſicht, ihre milde Lei⸗ denſchaftlichkeit bereiteten ihr eine Reihe von Verwicklun⸗ gen, aus denen ſie durch einen verzweifelten Schritt ſich, wie wir geſehen haben, zu retten ſuchte. Derartige überſchwängliche Naturen ſind nur zu ſehr geneigt, von einem Extrem zu dem andern überzu⸗ gehen und in jähen Sprüngen die entgegengeſetzten Le⸗ benswege einzuſchlagen; aus Spöttern und Verächtern der Religion werden ſie Glaubensſchwärmer, aus über⸗ müthigen Weltkindern ſtrenge und entſagende Aszeten. So flüchtete ſich auch Martha aus dem wirren 64 Treiben der Welt in das ſtille Aſyl der Diakoniſſinnen⸗ Anſtalt. Allerdings wußte ſie keinen andern Ausweg mehr, keine beſſere Zuflucht, da ſie ſich mit ihrer Familie über⸗ worfen hatte und wichtige Gründe zu haben glaubte, ſich vor allen Nachforſchungen nach ihrer Perſon verborgen zu halten. Das war es aber nicht allein, was ſie gerade hier⸗ her geführt; es kamen noch andere Umſtände von hoher Bedeutung hiezu. Ein dunkler Drang hatte ſie geleitet; mitten in ihren Irrthümern fühlte ſie das Bedürfniß nach jener überirdiſchen Macht des Glaubens; in der Religion hoffte ſie den verlorenen Frieden und eine feſte Stütze wiederzufinden. Alles hatte ſie getäuſcht und verlaſſen; ihre Schön⸗ heit war ihr zum Verderben geworden, ihre Bildung und ihr Geiſt hatten ſie nur irre geführt. Seitdem richtete ſie wieder ihre Blicke nach Oben. Eine ſolche Umwandlung iſt aber heut' nicht ſo leicht geſchehen; ſie iſt von ſchweren Kämpfen, Zweifeln und fortwährenden Anfechtungen begleitet. In unſeren Ta⸗ gen, wo die Bildung allgemeiner geworden und der zer⸗ ſetzende Verſtand vorherrſcht, gehören die aufrichtigen Bekehrungen zu den Seltenheiten. Im Mittelalter ging der wilde Raubritter in ein Kloſter und wurde ein from⸗ 6⁵ mer Mönch, indem er die eiſerne Rüſtung mit dem hä⸗ renen Büßergewande vertauſchte. Damit war es abgethan, da ſeine innere Gläubigkeit vor wie nach dieſelbe blieb, er auch niemals aufgehört hatte, der Kirche anzugehören und trotz ſeines ſträflichen Lebenswandels keine ihrer Wahrheiten je bezweifelt hatte. Wie anders iſt es jetzt, wo mit einer derartigen Umkehr alle unſere bisherigen Anſchauungen, Ueberzeugungen und ſelbſt wiſſenſchaft⸗ liche Anſichten eine ſo weſentliche Umänderung erfahren, wo wir, was wir bisher für wahr gehalten, oft als ſchwere Irrthümer erklären und all' unſere geprieſene Weisheit als eitles Blendwerk anerkennen müſſen. Dazu kommt noch das nicht immer ungerechte Mißtrauen, womit dieſe neu Bekehrten von ihren aufgeklärten Gegnern an⸗ geſehen werden, da ihnen in den meiſten Fällen Neben⸗ abſichten und irdiſche Verſorgungszwecke untergeſchoben, ihre edelſten Gründe angezweifelt werden. Mit all' dieſen Bedenklichkeiten hatte auch Martha's Seele einen ſchweren Kampf zu beſtehen, als ſie nach lan⸗ ger, langer Zeit wieder zu dem verlaſſenen, faſt nie ge⸗ nügend erkannten Glauben zurückkehren wollte. All ihr Denken und Fühlen ſträubte ſich gegen die religiöſe An⸗ ſchauungsweiſe ihrer jetzigen Umgebung, indem ſie nur zu geneigt war die überall ſich geltend machende Fröm⸗ migkeit für eine übereinkommende Heuchelei zu halten. 66 Sicher wäre ſie bei der Meinung geblieben, wenn ſie nicht der Zufall mit Getrud zuſammengeführt hätte, an deren aufrichtige Geſinnung ſie nicht zweifeln konnte. An ihrer neuen Freundin lernte ſie die hohe Kraft, die ſüße Einfalt, den wunderbaren Troſt kennen, den dieſe aus den heiligen Lehren des Chriſtenthums ſchöpfte. Wenn Getrud vor ihr mit leuchtenden Augen und ver⸗ klärtem Antlitz von der unerſchöpflichen Liebe des Hei⸗ lands ſprach, da kam ſie ihr wie einer jener reinen En⸗ gel des Himmels vor, der herabgeſtiegen ſei, um ihr das Evangelium der chriſtlichen Liebe und Barmherzigkeit zu offenbaren und ihr den ſehnlichſt erwünſchten Frieden zu bringen. Vor dieſer fanften Ueberzeugung ſchwiegen alle Zweifel, alb die zerſetzenden Gedanken, welche ſie in ihrer Berührung mit der Welt aufgenommen hatte. Eine innere Stimme ſagte ihr, daß ein ſolcher Glaube den Beſitzer unendlich beglücken müſſe, und ſie hütete ſich daher aus natürlicher Scheu, ihre dann und wann noch aufſteigende Einwände dagegen auszuſprechen, noch weniger erlaubte ſie ſich, wie es früher in ihrem Kreiſe ſo oft geſchehen, irgend eine ſpöttiſche Bemerkung laut werden zu laſſen. Nur zuweilen regte ſich der alte Trotz und ſie flü⸗ ſterte für ſich die kühnen Verſe aus der„Götterdämme⸗ rung“ von Heine: Wenn ich Euch jetzt dadroben ſchaue, Verlaſſene Götter, Todte, nachtwandelnde Schatten, Nebelſchwache, die der Wind verſcheucht— Und wenn ich bedenke, wie feig und windig Die Götter ſind, die Euch beſiegten, Die neuen, herrſchenden, triſten Götter, Die Schadenfrohen im Schafpelz der Demuth: O da faßt mich ein düſterer Groll, Und brechen möcht, ich die neuen Tempel Und kämpfen für Euch, Ihr alten Götter, Für Euch und Eurr gutes, ambroſiſches Recht.— Derartige Anwandlungen der alten Frivolität wa⸗ ren jedoch nur vorübergehend und ſchwanden bald wieder vor der beſſeren Ueberzeugung, die ſich nach und nach bei ihr geltend machte. Anfänglich griff ſie auf Zureden der neuen Freundin und mehr um ſich dieſer gefällig zu erweiſen, nach dem neuen Teſtament, das in keiner Zelle und eben ſo wenig in den Sälen der Kranken fehlen durfte. Sie las darin und fühlte ſich immer mehr von dem ſchon halb vergeſſenen Inhalte gefeſſelt. Die Berg⸗ predigt des Heilands verfehlte auch auf ihre für alles Schöne und Erhabene, ungeachtet aller Irrthümer noch immer empfängliche Seele nicht die volle Wirkung zu thun. „Dagegen,“ ſagte ſie zu Getrud,„verſchwindet alle Weisheit und Poeſie, die ich in meinen Büchern gefun⸗ 68 den habe. Es klingt darin Alles ſo einfach, als hätte es ein Kind ſagen können, und iſt doch ſo wunderbar tief und wahr, daß ein Menſchenleben nicht ausreicht, um darüber nachzudenken.“ „Gottlob!“ entgegnete die fromme Diakoniſſin, „daß die Gnade bei Dir zum Durchbruch kommt und das Licht des Himmels Dir erſchienen iſt.“ „Das ſoll von nun an meine Religion ſein und ich will von keiner andern wiſſen.“ Es waren dies nicht etwa leere Worte von Martha; ſie dachte von nun an viel über das Chriſtenthum nach, immer aber kam ſie auf den göttlichen Inhalt der Berg⸗ predigt zurück, die ſie allen andern Lehren und Offenba⸗ rungen vorzog.— Auch dem äußeren Gottesdienſte begann ſie Ge⸗ ſchmack abzugewinnen. Es war an einem Sonntagsmor⸗ gen, als ſie zum Erſtenmale nach langer Zeit wieder eine Kirche betrat. Der feierliche Klang der mächtigen Orgel, die alten, ſchlichten Kirchenlieder mit ihren wür⸗ digen Melodien, die fromme Stimmung der Gemeinde rührten ſie auf das tiefſte. Thränen entſtürzten ihren Augen und ein heiliger Schauer erfüllte ihre ganze Seele. Der Prediger der Anſtalt hatte den angemeſſenen Bibel⸗ tert gewählt:„Kommt her zu mir Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid.“ Der Redner führte dieſen Gedanken 69 in anſprechender Weiſe nach allen Seiten aus, indem er Chriſtus als den wahren Arzt für alle Leiden des Kör⸗ pers und der Seele pries. Bei den letzteren verweilte der Geiſtliche am längſten, indem er ſeine Zuhörer zur Geduld, Ausdauer und Vertrauen auf den Erlöſer er⸗ mahnte. „Der Glaube,“ ſagte der Redner zum Schluße ſeiner Predigt, den ganzen Inhalt derſelben noch einmal zuſammenfaſſend,„iſt der lindernde Balſam, welcher die tiefſten Wunden heilt und alle Schmerzen von uns nimmt. Der Kranke auf ſeinem Lager lernt ihn in einſamen, ſchlafloſen Nächten kennen und ſieht, welche Macht ihm gegeben iſt. Mit ſeiner Hilfe trotzen wir den namen⸗ loſen Qualen und fürchten uns nicht vor den Schreckniſſen des Grabes. Wo iſt dein Stachel, Tod? fragt der from⸗ me Dulder und ſtirbt mit einem ſeligen Lächeln auf den Lippen. Als der Heiland noch auf Erden wandelte, heilte 5 er die Kranken am Leibe und die Ausſätzigen, die ihm gebracht wurden, durch die bloße Berührung ſeiner Hände gab er ihnen die Geſundheit zurück; ſo hat er ſelber den Beruf des Arztes geheiligt und durch ſein eigenes Beiſpiel zu einem erhabenen gemacht. Er pries das Beiſpiel des mitleidigen Samaritaners, der den armen Reiſenden aufhob, deſſen Wunden er verband und den er pflegte, bis er geneſen war; denn ſelig ſind die, welche Barm⸗ 70 herzigkeit üben und des leidenden Bruders ſich annehmen. Aber es giebt Elende, welche weit unglücklicher ſind, als die von den ſchwerſten Krankheiten Heimgeſuchten, Qualen von weit ſchlimmerer Art als die des Körpers ſind. Sor⸗ gen und Noth brechen über den Menſchen hinein und ſchmettern ihn zu Boden. Wenn der Arbeiter vergebens ſich nach Brod umſieht, wenn der Wohlſtand der Familie durch ein unvorgeſehenes Mißgeſchick über Nacht ver⸗ nichtet wird, wenn der Hunger an die Thüren pocht und der Mann ſein treues Weib, der Vater ſeine Kinder dem drückenden Mangel Preis gegeben ſieht, dann faßt ihn die furchtbare Verzweiflung. Zu der Armuth geſellt ſich nur zu leicht die Sünde und die Schande, die in ihrem Gefolge ziehen. Im dunklen Kerker auf faulendem Stroh liegt der Verbrecher und ſieht der Strafe ent⸗ gegen; vor ſeinen ſchaudernden Blicken baut ſich das Blutgericht auf und Zittern ergreift ihn vor dem Richter auf dieſer und in jener Welt; aber auch der Unſchuldige ſchmachtet zuweilen mit Ketten beladen und ringt die Hände nach den verlaſſenen Seinigen. Die Welt ver⸗ dammt ihn und das Bewußtſein ſeiner Unſchuld vermag ihn nicht zu retten.— Selbſt der Fürſt auf ſeinem Throne iſt nicht befreit von den Schlägen des Schickſals und den Prüfungen der Vorſehung. Seine beſten Abſichten werden verkannt, ſeine weiſeſten Einrichtungen getadelt, 71 die Feinde erheben ſich wider ihn und ſein eigenes Volk empört ſich. Welcher Menſch ſteht ſo hoch und feſt, daß ihn nicht die Hand Gottes erreichen kann?— In dem Innern der Familie erhebt die Zwietracht ihr Haupt, das ungetreue und doch heiß geliebte Weib verläßt den Gatten, die eigenen Kinder lehnen ſich gegen ihre Eltern auf, der Bruder verräth den Bruder und der Freund den Freund. Giebt es wohl einen Schmerz, der ſich mit dieſem vergleichen läßt?“— Hier machte der Prediger eine Pauſe, als erwarte er eine Antwort. „Und doch,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, „iſt damit der Abgrund menſchlicher Leiden noch nicht er⸗ ſchöpft. Was bedeuten dieſe äußeren Unglücksfälle neben den unerträglichen Qualen der Seele, die von ihrem Schöpfer abgefallen iſt und den Pfad des Glaubens und der Tugend verlaſſen hat, wenn ſie erſt zum Bewußtſein erwacht und die Zeit der Reue kommt, die niemals aus⸗ zubleiben pflegt? Was iſt der Ausſatz des Körpers gegen den Ausſatz des Geiſtes, was der Verrath von Weib und Kind gegen den Verrath, den wir an unſerem eigenen Ich, an unſerer Seligkeit begangen haben? Der hun⸗ gernde Bettler iſt dagegen reich, der Gefangene glücklich zu preiſen, der Fürſt, gegen den ſich ſein Volk empört, beneidenswerther als der Menſch, gegen den ſich ſeine ei⸗ 72 genen Gedanken auflehnen. Vergebens bemüht er ſich die innere Stimme zu betäuben, umſonſt ſucht er Troſt bei den eitlen Vergnügungen und Zerſtreuungen der Welt, flüchtet er zu den trügeriſchen Sophismen des irdiſchen Verſtandes. Nirgends ſieht er ein Entrinnen, denn vor ſich ſelber kann er nicht entfliehen und vor ſeinen Au⸗ gen ſich nicht verbergen. Da tönt aus ſeinen ſeeligen Kindertagen auch für ihn die vergeſſene Mahnung an ſein Ohr: Kommt her zu mir Alle, die Ihr mühſelig und beladen ſeid, denn ich will Euch erquicken. Nehm't auf euch mein Joch, und lernt von mir, denn ich bin ſanftmüthig und von Herzen demüthig; ſo werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch iſt ſanft und meine Laſt iſt leicht. Amen!“ Gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit hatte der Prediger, welcher ſich zu der ſtreng kirchlichen Partei bekannte und zu den eifernden Geiſtlichen der neueren Richtung ge⸗ hörte, gerade diesmal einen überaus milden und verſöhn⸗ lichen Ton angeſchlagen, der auf alle Zuhörer einen um ſo bedeutenderen Eindruck machte. Niemand von ihnen war indeß ſo tief ergriffen wie Martha, wozu allerdings die bereits erfolgte Umſtimmung durch Getrud, die neue 73 Umgebung und ihr eigenes Nachdenken weſentlich bei⸗ trugen. e: Sie erfuhr an ſich jene gewaltige Macht, welche mehr oder minder jeder gottesdienſtlichen Feier und der kirchlichen Gemeinſchaft eigen iſt, die oft ſchon allein im Stande iſt die Gleichgültigkeit und ſelbſt den Widerſtand des Unglaubens zu beſiegen. Wenn die hellen Kirchen⸗ glocken tönen, die erſchütternden Töne der Orgel klingen, die Blicke Aller ſich nach Oben richten, von den gläubigen Lippen ein heiliger Geſang zum Himmel ſteigt, und dann wieder eine ernſte Stille durch die hohen Hallen der Kirche ſchwebt, als neigte ſich der Geiſt Gottes ungeſehen zu der betenden Gemeinde nieder; wenn dann der wür⸗ dige Geiſtliche, der Verkünder des Heils und der ewigen Wahrheiten, ſeine Stimme erhebt und bald mahnend, bald tröſtend das ihm gegebene Wort gebraucht: dann wird auch der Widerſtrebende von der Geſammtheit dieſer erhebenden Eindrücke unwillkürlich fortgeriſſen und er vermag ſich nicht länger dieſem Glauben zu entziehen. Das ſtolze Herz demüthigt ſich, die Rinde ſchmilzt und wider Willen faltet er die Hände und beugt die Kniee, wie er all' die Andern thun ſieht; denn was Alle beſeligt, kann auch er nicht abweiſen, und wie die irdiſche Körper⸗ welt von dem geheimnißvollen Mittelpunkte der Erde angezogen wird und in ihrem Schooße Ruhe findet, ſo 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 5 74 zieht es auch die Geiſter der Menſchen nach Oben zu dem noch geheimnißvolleren Mittelpunkte aller Seligkeit. Das iſt die Macht, die jedem Cultus innewohnt und aus der Gemeinſchaft der Gläubiger entſpringt. Die Gemeinde in der Kirche der Diakoniſſinnen⸗An⸗ ſtalt bot noch ein beſonders rührendes Schauſpiel dar, da ſie zum größten Theil aus armen Kranken und Leidenden beſtand, auf die das Wort des heutigen Textes aus⸗ ſchließlich paßte. Mit blaſſen, eingefallenen Wangen und abgezehrten Gliedern ſaßen ſie in den Kirchenſtühlen und ſchöpften Troſt, Stärke und neuen Lebensmuth aus der Rede des Geiſtlichen. Es waren wirklich die„Mühſeligen und Beladenen“, von denen das Evangelium ſprach, und Mitten unter ihnen befand ſich Martha, vielleicht die Unglücklichſte in dem ganzen Kreiſe der ſchwer Ge⸗ prüften. Als der Prediger geendet hatte und mit leiſerer Stimme das Gebet ſprach, betete auch ſie mit einer In⸗ nigkeit, wie ſie früher nie gebetet hatte. Es war ihr, als hätte ſie endlich den erſehnten Frie⸗ den gefunden, und als ſie aufſtand und aus der Kirche ging, ſchien ſie der ſtaunenden Getrud auch äußerlich wie umgewandelt. Der düſter ſtolze Ausdruck in ihrem Ge⸗ ſichte war geſchwunden und hatte einer milden Demuth Platz gemacht, der wilde feurige Blick ihrer Augen, der 75 ihr eigen war, hatte ſich verloren und war einer ſanft leuchtenden Verklärung gewichen. Wie nach einem wohl⸗ thätigen Gewitterregen die erfriſchenden Tropfen an den Grashalmen, ſo hingen noch Thränen an den dunklen, langen Augenwimpern Martha's. Schweigend ſchritt ſie neben der Freundin her; erſt als ſie in ihre gemeinſame Zelle gekommen war, ſank ſie dieſer unerwartet an die Bruſt und küßte ſie. „Was iſt Dir geſchehen?“ fragte die überraſchte Diakoniſſin. „Ich habe mich,“ entgegnete Martha,„mit meinem Erlöſer ausgeſöhnt und glaube an ſeine Barmherzigkeit.“ „Haſt Du je daran gezweifelt?“ „O! ich kann Dir nicht ſagen, was ich gelitten habe. Du reine, unſchuldsvolle Seele würdeſt mich doch nicht verſtehen. Es gab Augenblicke und Tage in meinem Le⸗ ben, wo ich an Allem gezweifelt habe und der Stunde fluchte, die mich zur Welt gebracht. Das kannſt Du nicht faſſen, weil Dein ganzes Leben ohne Kampf und Zwie⸗ ſpalt Dir verfloſſen iſt. Wohl Dir, daß der Himmel Dich mit ſeinen Prüfungen verſchont und Dich vor den Ver⸗ ſuchungen der Welt behütet hat! Ich hielt mich für ver⸗ loren und in einem Anfalle wilder Verzweiflung ſchwankte ich zwiſchen dem Tode und der Schande. Da führte mich ein guter Geiſt hierher und zu Dir. Durch Dich lernte 5* 76 ich die befänftigende Macht des Glaubens kennen, der noch oft auf meinen Lippen ſchwebende Spott mußte vor der Wahrheit und Lauterkeit Deines Weſens verſtummen. In meiner Bruſt regte ſich der ſtille Neid, wenn ich Dich ſo innerlich befriedigt, ſo glücklich in Deiner religiöſen Ueberzeugung ſah. Zuweilen wandelte mich dann wohl auch die hölliſche Luſt an, Dir dieſen Talisman zu rau⸗ ben, aber all' meine Verſuche ſcheiterten an der heiligen Einfalt, der Treue und Feſtigkeit, womit Du mir entge⸗ gen traſt. Getrud! kannſt Du mir verzeihen?“ „Von ganzem Herzen,“ entgegnete die treue Freun⸗ din.„Nur glaube ich nicht, daß Du ſo ſchlimme Gedan⸗ ken hatteſt, wie Du Dir ſelbſt Schuld gibſt. Du gehſt in Deinen Selbſtbeſchuldigungen vielleicht zu weit.“ „Doch, es war ſo, wie ich Dir geſagt. Was Dich beſeligte, hielt ich für Heuchelei, den ganzen Glauben für Lüge. Du haſt mich eines Beſſeren belehrt, und Dir allein habe ich es zu verdanken, daß ich ſelbſt zur Erkenntniß gekommen bin und mich wieder gefunden habe. Aber erſt heute in der Kirche und an Deiner Seite offenbarte ſich mir die heilige Macht der Religion. Noch immer trotzig zweifelnd und mit einem verwöhnten Geiſte käm⸗ pfend, trat ich in die Verſammlung der Gläubigen. Schon der Anblick der vielen Menſchen, welche ſich gemeinſchaft⸗ lich erhoben, um aus innerem Herzen Gott zu preiſen, 77 machte auf mich einen tiefen Eindruck, zumal wie ich die Kranken und kaum Geneſenen darunter erblickte und be⸗ merken konnte, wie ſie ſo ſichtlich ſich geſtärkt und beſeligt fühlten. Als aber der Geſang ertönte, dazwiſchen die ſchwachen, und doch ſo freudig bewegten Stimmen dieſer Armen, welche Gott für die an ihnen erwieſene Gnade dankten, da konnt' ich mich der Thränen nicht entwehren und ein Gefühl, für das ich keinen Namen habe, durch⸗ zitterte mein ganzes Herz. Ein Schauer erfaßte mich und meine Nerven bebten wie die Saiten der Aeolsharfe, wenn ſie der Wind bald im Sturme bald im linden Wehen be⸗ rührt. Eine geheimnißvolle Stimme rief mir zu: Thue wie die Uebrigen und beuge dich vor dem Herrn!“ Die Erzählerin hielt einen Augenblick inne, als durchlebte ſie noch einmal den erhabenen Augenblick, deſſen Eindruck ſie noch in der Erinnerung ſo mächtig erſchütterte, daß ſie ſich erſt wieder ſammeln mußte, um fortzufahren. „Jetzt betrat,“ ſetzte ſie nach dieſer kurzen Pauſe ihre Rede fort,„der Prediger die Kanzel. Du weißt, daß ich nach dem Aeußern urtheilend, Vorliebe für ihn nie degreifen konnte. Meinem Gefühle widerſprach dieſe Mi⸗ ſchung von geiſtlichem Stolz und erkünſtelter Demuth, die ich an ihm zu bemerken glaubte, noch mehr die Strenge und der Eifer, die vielfach an ihm getadelt werden. Aber 78 all' dieſe Bedenken verſchwanden, als er ſeine Augen zum Himmel erhob und ſeine mächtig ergreifende Stimme erſchallen ließ. Ich vergaß meinen Widerwillen gegen ihn und ſah in ihm nur noch den Boten des Himmels, an dem all' dieſe Troſt bedürftigen Herzen hingen. Welche Gewalt iſt doch dem Worte gegeben, wenn es an heiliger Stätte erſchallt! Wie ſoll ich Dir die Empfindung ſchil⸗ dern, die mich im Verlaufe ſeiner Rede überkamen, die meinem Zuſtande ſo vollkommen angepaßt war, als hätte er ſie eigends für mich allein gehalten. Mir war zu Muthe, als richtete er ſeine klaren, durchdringenden Blicke nur auf mich, als läſe er damit in meiner Seele und ſchilderte meine eigenen Leiden und die Qualen meines Innern. Als er aber von dem Troſte ſprach, der im Glauben an den Erlöſer liegt, fühlte ich, wie ſich eine göttliche Ruhe in mein Herz ſenkte und daß der ver⸗ heißene Friede über mich ſchwebte. Die unendliche Liebe und Barmherzigkeit, welche in den zum Schluße wieder⸗ holten Worten des Textes lag, bewährte ſich auch an mir. Kommt her zu mir Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid, denn ich will euch erquicken: tönte fort und fort in meine Ohren. Da erſt wurde mir die Offenbarung der himmliſchen Gnade zu Theil; es war, als ob die ver⸗ hüllende Binde von meinen Augen gefallen wäre, als würde ich von einem ſchweren Drucke befreit, als hätte 79 ſich ein Theil meiner Seele von den andern losge⸗ riſſen.“ „Es waren die böſen Geiſter,“ ſchaltete Getrud ein, „die Dich verlaſſen haben.“ „Ja! es waren die böſen Geiſter des Trotzes und des Unglaubens, die für immer von mir wichen. Mein ſtarrer Sinn ſchmolz dahin, meine ungewohnten Hände falteten ſich, und aus der Tiefe meines Herzens ſtrömte wie ein bis dahin verſchütteter und wieder aufgefundener Quell das verlorene Gebet hervor. Getrud! ich betete und war glücklich.“ „Gott ſei geprieſen!“ entgegnete die Diakoniſſin und umſchlang die tief erſchütterte Freundin mit ihren weichen Armen. Ein neuer Thränenſtrom ſtürzte aus Martha's Augen hervor und benetzte ihre Wangen. An dem Buſen der treuen Getrud wiederholte ſie die Worte der Schrift mit zitternder Stimme:„Kommt her zu mir Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid, denn ich will euch erquicken.“ „Denn mein Joch iſt ſanft und meine Laſt iſt leicht,“ fügte die treue Freundin hinzu die Gerettete feſt um⸗ ſchlingend. Fünftes Canitel. Seit jenem Sonntage hatte Martha keinen andern Wunſch, als für immer in dem Hauſe der Diakoniſſinnen zu bleiben; ſie war vollkommen mit ihrem Schickſal aus⸗ geſöhnt und verrichtete die niedrigſten Dienſte in der Küche und der Wirthſchaft der Anſtalt mit einer Freudig⸗ keit, die ihr das höchſte Lob von Seiten der Schweſter Veronika und die Billigung der Oberin ſicherte, von der ſie unbemerkt beobachtet wurde. Dieſe ließ ſie eines Tages zu ſich beſcheiden, wor⸗ über Martha nicht wenig erſchrack, da jede mögliche Aen⸗ derung ihrer Lage ſie mit Furcht und Schrecken erfüllte. „Ich habe Sie rufen laſſen,“ ſagte die Dame, ohne durch eine Spur von Theilnahme ihre wahre Geſinnung zu verrathen. Martha verneigte ſich und warf einen ſchüchtern fragenden Blick ihr zu. 81 „Sie ſind nun,“ fuhr die Oberin in ihrer kalten Weiſe fort,„bereits einige Wochen in unſerer Anſtalt, ohne derſelben förmlich anzugehören. Ein derartiger un⸗ klarer Zuſtand verträgt ſich mit der Ordnung und den Beſtimmungen des Hauſes nicht länger.“ „Die gnädige Oberin hat mir die Ausſicht eröffnet, daß ich nach einer Zeit der Prüfung für immer bleiben könne.“ „Sie haben dieſe Prüfungszeit zwar zu meiner Zu⸗ friedenheit beſtanden, aber mir fehlt noch immer die Ue⸗ berzeugung, daß Sie wirklich den innern Beruf haben, der für unſere Anſtalt und die ſchweren Pflichten, die Sie übernehmen ſollen, nothwendig iſt und gefordert wird. So weit ich nach dem erſten Eindruck urtheile, hat Sie damals nicht der feſte Wille, unſerem Erlöſer und der leidenden Menſchheit zu dienen, ſondern äußere Verhält⸗ niſſe, wahrſcheinlich Noth und Verzweiflung hierher geführt. Sie werden mir einräumen, daß derartige Trieb⸗ federn mich mit gerechter Beſorgniß erfüllen müſſen und daß mir jede fernere Bürgſchaft fehlt, zumal über Ihre Vergangenheit ein noch nicht aufgeklärtes Dunkel ſchwebt.“ Hier hielt die Oberin einen Augenblick inne, als er⸗ warte ſie ein Geſtändniß, das Martha ihr ablegen ſollte. Dieſe zögerte indeß, da ihre Stimmung eine andere war, wo ſie zum Erſtenmale der Oberin gegenüber ſtand, von 8² dem heißen Drange beſeelt, jener ihr vergangenes Leben zu entdecken. Sie hatte in ſich ſelber und in ihrem Glau⸗ ben die erſehnte Verſöhnung gefunden. Das ſtrenge, ei⸗ ſige Weſen der Dame ſchreckte ſie von Neuem zurück und verſchloß ihre Lippen. „Ich leugne nicht,“ entgegnete ſie nach einer kurzen Pauſe,„daß mich äußere Verhältniſſe hierher geführt haben, aber gegenwärtig bin ich mir bewußt, daß nur die reinſten Motive mich hier zurück halten. Ich bin ent⸗ ſchloſſen, wenn es mir meine gnädige Oberin geſtattet, fortan meine ſchwachen Kräfte der Anſtalt zu widmen. Keine Beſchäftigung ſoll mir zu gering, keine Arbeit zu niedrig ſein. Legen Sie mir das Schwerſte auf, und ich werde es mit Freudigkeit erfüllen.“ Die Ruhe und die Feſtigkeit, womit Martha ihre Rede vorbrachte, ſchien der Oberin zu gefallen. Nach ei⸗ nigem Bedenken nahm ſie wieder das Wort. „Ich will es wagen und Ihnen eine angemeſſene Stellung geben, obgleich Sie es immer noch an dem nö⸗ thigen Vertrauen fehlen laſſen. Doch zuvor muß ich noch eine wichtige Frage an Sie richten; werden Sie mir die⸗ ſelbe auch offen und ohne Umſchweife beantworten?“ „So weit dies in meiner Macht ſteht und nur mich allein betrifft.“ „Ich will dieſe Einſchränkung mir gefallen laſſen, 83 obgleich ich das Recht habe, Alles zu wiſſen. So ſagen Sie aufrichtig, haben Sie den rechten Glauben an den Erlöſer, ſind Sie eine Chriſtin in der vollen Bedeutung des Wortes?“ „Ich glaube an den Erlöſer und bin eine Chriſtin durch die Gnade des Herrn,“ erwiederte Martha aus der vollſten Ueberzeugung ihres Herzens. „Ich weiß, daß Sie mich nicht belügen. Nach die⸗ ſem Geſtändniſſe ſteht Ihrer Aufnahme ferner nichts ent⸗ gegen. Kraft der mir übertragenen Gewalt nehme ich Sie zur Diakoniſſin unſerer Anſtalt auf. Der Herr gebe ſei⸗ nen Segen.“ In überſtrömender Dankbarkeit neigte ſich Martha auf die ihr entgegengeſtreckte Hand der Oberin und küßte ſie.. Ihr innigſter Wunſch war ſomit erfüllt. „Fortan,“ fügte die Dame ernſt hinzu,„gehören Sie nicht mehr ſich ſelber an, ſondern unſerer Gemein⸗ ſchaft; ſo lange Sie in der Anſtalt verweilen, müſſen Sie auf alle Ihre früheren Beziehungen zur Welt verzichten. Sie übernehmen ſchwere Pflichten, welche Ihnen Ihre neue Stellung auferlegt. Ich fordere Gehorſam, Demuth und Geduld, vor Allem aber jene gläubige Hingebung und Opferfähigkeit, ohne die nichts Großes geleiſtet wer⸗ den kann. Der Einzelne muß ſich dem Ganzen unter⸗ 84 ordnen. Mit Strenge muß ich über die mir anvertraute Heerde wachen, damit kein Aergerniß gegeben wird, denn die Kinder der Welt ſind gegen uns und wir haben mit großen Vorurtheilen zu kämpfen. Sie werden ſtets an mir eine gerechte, aber auch ſtrenge Beurtheilerin finden. Als Chriſtin kann ich eine mir angethanene Beleidigung verzeihen, niemals aber einen Fehltritt, wodurch das An⸗ ſehen der mir anvertrauten Anſtalt leiden muß. Jetzt ge⸗ hen Sie mit Gott; ich werde Sie noch heute in Ihr neues Amt einführen und Sie den übrigen Schweſtern vorſtellen.“ Seit dieſem Tage war Martha erſt förmlich zur Diakoniſſin aufgenommen, zugleich wurde ſie ihrer bis⸗ herigen Dienſtleiſtungen enthoben und ihr die Pflege der Kranken überwieſen. Sie widmete ſich ihrem neuen Be⸗ rufe mit dem hingebendſten Eifer; bald hatte ſie die na⸗ türliche Scheu vor dem Anblick der Leidenden mit der ihr eigenen Energie überwunden. Sie beſtätigte die Voraus⸗ ſetzungen der Oberin, welche ihr einen hohen Grad von Tüchtigkeit und Aufopferungsfähigkeit zutraute. Keine der Schweſtern zeigte ſo viel Liebe, Ausdauer und Geduld als ſie. Jetzt erſt fühlte ſie ſich vollkommen ſicher und zu⸗ frieden, ſeitdem ſie eine angemeſſene Thätigkeit entfalten konnte. Die inneren Kämpfe ſchienen für immer ver⸗ 8⁵ ſchwunden und ſie genoß eine ungetrübte Ruhe und Hei⸗ terkeit, die ſie kaum mehr für ſich gehofft hatte.— Ihr Verhältniß zu Getrud blieb in derſelben Weiſe; auch die andern Schweſtern lernte ſie genauer kennen und fand unter ihnen manche anſprechende Perſönlichkeit, ohne je⸗ doch für Eine dieſelbe innige Neigung zu empfinden, wie für ihre erſte Freundin. Im Ganzen beobachtete ſie eine gewiſſe Zurückhaltung, die ihr von verſchiedenen Seiten für Stolz ausgelegt wurde, obgleich man ihr damit Un⸗ recht that. Ihrem ſcharfen, beobachtenden Verſtande drängten ſich nach und nach auch die mannigfachen Gebrechen und Uebelſtände auf, welche mehr oder minder jeder, ſelbſt der beſten menſchlichen Einrichtung ankleben, und die auch dieſe fromme Anſtalt hier und da aufzuweiſen hatte. In⸗ deß urtheilte ſie in milder Weiſe über die vorhandenen Schwächen und blieb dem ungeachtet für die ihr gewährte Zuflucht dankbar. In ihrer neuen Stellung kam ſie faſt täglich jetzt mit der Oberin in Berührung, von der ſie mit ſichtbarer Achtung und Auszeichnung behandelt wurde, da die kluge Frau nach jeder Unterhaltung mit Martha einen höheren Begriff von ihrem Geiſte und ihrer Bildung erhielt. Weil die meiſten Schweſtern mehr dem mittleren und unteren Bürgerſtande angehörten und demgemäß eine in vielen 86 Beziehungen mangelhafte Erziehung erhalten hatten, ſo ragte Martha durch ihre Kenntniſſe und geiſtige Fähig⸗ keit vortheilhaft unter ihnen hervor. Dieſem Umſtande hatte ſie jene Bevorzugung von Seiten der Oberin zu verdanken, die nicht unbemerkt bleiben konnte. Trotz aller Frömmigkeit waren die Schweſtern doch nur Menſchen und vor allen Dingen Frauen, die durch Anerkennung fremder Verdienſte insbeſonders bei Ihres⸗ gleichen ſich eben nicht auszuzeichnen pflegen. Hier und da regte ſich der Neid, und Martha ſah ſich von ſcharfen Augen beobachtet und ihr Thun und Laſſen einer nicht immer chriſtlich milden Beurtheilung unterworfen. Dieſe gerade in ſolch' abgeſchloſſenen Geſellſchaften ſich um ſo ſtärker entwickelte Stimmung fand bei einem allerhöchſten Beſuche von Neuem eine reichlige Neigung. Die erhabene Fürſtin, unter deren beſonderem Schutze und Patronat die Anſtalt ſtand, erſchien von Zeit zu Zeit in derſelben, um ſich durch den Augenſchein von ihrem Gedeihen zu überzeugen. Man kann ſich wohl denken, daß jeder dieſer Beſuche ein Ereigniß für die ganze Ge⸗ meinſchaft war, und vor wie nach vielfach darüber ge⸗ ſprochen wurde. Die hohe Beſchützerin ließ ſich von der Oberin nach den Krankenſälen führen, wo ſie an die Lei⸗ denden ein Wort des Troſtes richtete; zuweilen redete ſie auch mit den gerade zufällig anweſenden Schweſtern und ließ ſich mit dieſen in ein Geſpräch ein. Dies war auch das Letztemal geſchehen und Martha hatte das Glück gehabt, von der gnädigen Monarchin an⸗ geſprochen zu werden. Ihre Antworten und vielleicht auch ihr vortheilhaftes Ausſehen erregten ſichtlich das Wohl⸗ gefallen der Fürſtin, welche ihr offen und vor Allen ihre Zufriedenheit zu erkennen gab. Die anweſende Oberin ſtimmte natürlich mit überein und rühmte die Tüchtigkeit und das Talent der jungen Diakoniſſin. „Fahren Sie ſo fort in Ihrem ſchweren Berufe,“ ſagte die Fürſtin zum Abſchiede.„Ich werde mich Ihrer erinnern.“ Einige Tage ſpäter überreichte die Oberin im Na⸗ men der Monarchin der überraſchten Martha ein einfa⸗ ches goldenes Kreuz an einem ſchwarzen Sammtbande, das durch die Gnade der hohen Geberin beſonders werth⸗ voll erſt erſcheinen mußte. Die Oberin verband damit eine kleine Anſprache, worin ſie Martha's bisherige Lei⸗ ſtungen rührend hervorhob und ſie ermahnte, ſich der ihr erwieſenen Auszeichnung auch ferner würdig zu machen. Dieſer Vorfall war aber nicht geeignet, die übrigen Schweſtern günſtiger zu ſtimmen, nur Getrud freute ſich neidlos mit der Anerkennung, die ihrer Freundin zu Theil wurde. Die ſchon längere Zeit in der Anſtalt ver⸗ 88 weilenden Diakoniſſinnen hielten ſich dagegen zurückgeſetzt, keine aber mehr als die Oberaufſeherin des Krankenſaals, auf dem Martha beſchäftigt war; ſie klagte im Geheimen über Ungerechtigkeit und faßte einen natürlichen Groll gegen die unſchuldige Urſache dieſer vermeintlichen Be⸗ einträchtigung. Schweſter Suſanna, ſo hieß die Oberaufſeherin, hatte bisher ſo manche Bevorzugung genoſſen, da ſie eine Landsmännin der Oberin und mit dieſer aufgewachſen war; ſie that ſich nicht wenig auf deren Gunſt zu gut und pochte auf dieſen Umſtand. Um ſo unangenehmer mußte es ihr jetzt ſein, daß Martha ſie zu verdrängen ſchien. Sie beſaß indeß eine hinlängliche Verſtellungs⸗ kunſt, um ihre wahren Geſinnungen zu verbergen, und je erbitterter ſie war, um ſo mehr heuchelte ſie die innigſte Freundſchaft. Vorläufig wartete ſie nur auf die Gelegen⸗ heit, um ihrer Nebenbuhlerin zu ſchaden, und während ihre Lippen von ſanften Redensarten überfloßen, brütete ſie über deren Verderben.— Die Gelegenheit ließ nicht allzulange auf ſich warten. Der bisherige Arzt der Anſtalt war mit einem Male ſchwer erkrankt; man ſah täglich ſeinem Tode entgegen. Die Oberin war genöthigt, einen Stellvertreter anzu⸗ nehmen; ihre Wahl fiel auf einen noch jungen Doktor, Namens Philipp, der durch wiſſenſchaftliche Bildung, 89 gediegene Kenntniſſe und außerordentliche Geſchicklichkeit in kurzer Zeit ſich berühmt gemacht hatte. Allerdings ſchien ſeine allzugroße Jugend ihr Bedenken zu erregen, dagegen aber fiel ſein bedeutender Ruf um ſo mehr in die Wagſchaale, da eine ſolche ärztliche Autorität der Anſtalt zum beſonderen Nutzen gereichen mußte. Dieſer Umſtand machte dem Schwanken der, alle Vortheile und Nachtheile ſtreng erwägenden Frau ein Ende. Sie ent⸗ ſchied ſich für ſeine vorläufige Anſtellung, und als der frühere Arzt wirklich nach einiger Zeit ſtarb, ſo erhielt Doktor Philipp hauptſächlich auf den Antrag der Oberin dieſen bedeutenden Poſten. Der junge Arzt rechtfertigte vollkommen das in ihn geſetzte Vertrauen, er trat mit eben ſo großer Beſchei⸗ denheit als Sicherheit auf. Bald gab ihm ſein neuer Wirkungskreis Gelegenheit, durch eine Reihe glücklicher Kuren und beſonders glänzender Operationen ſeinen er⸗ langten Ruf nicht nur zu rechtfertigen, ſondern noch immer mehr auszubreiten. Von nah und fern ſtrömten die Kranken herbei und die Anſtalt erhielt durch ihn einen merkbaren Aufſchwung. Sämmtliche Diakoniſſinnen und an ihrer Spitze die Oberin waren ſtolz auf den ausge⸗ zeichneten Arzt und ließen es nicht an Beweiſen ihrer Erkenntlchkeit und Verehrung fehlen. Mit der Zeit entwickelte ſich daraus tin förmlicher 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 90 Cultus, wie dies einmal in der Natur der Frauen liegt, welche ſich leicht für jede hervorragende Erſcheinung enthu⸗ ſiasmiren. Derartige Vorkommniſſe werden häufig in Penſionen, Schulen und ähnlichen Inſtituten beobachtet, wo viele Mädchen zuſammen leben; bald iſt es ein Lehrer, bald ein Prediger mit beſonderer Beredſamkeit begabt, dem die jugendlichen Herzen entgegenſchlagen. Für ihn werden die ſchönſten Blumenſträuße heimlich auf ſeinen Sitz ge⸗ legt, koſtbare Stickereien zu ſeinem Geburtstage ange⸗ fertigt, und jede Gelegenheit geſucht, ihm die allgemeine Liebe und Verehrung erkennen zu geben. Es herrſcht eine Art von allgemeiner Epidemie in dieſer Beziehung, ein Wetteifer, der ſich oft in der wunderſamſten Weiſe äußert und leicht zu ſchwärmeriſchen Uebertreibungen führt. Bald miſcht ſich in den Enthuſiasmus, deſſen ſchöne Seiten wir nicht verkennen wollen, Neid und Eiferſucht; man be⸗ obachtet ſich gegenſeitig, jeder Anblick, jedes Wort wird ſtreng geprüft und zur Anklage erhoben. Aus dem an⸗ fänglich unſchuldigen Spiele entſtehen mit der Zeit wohl auch gefährliche Leidenſchaften, die zuweilen mit unerwar⸗ teter Gewalt hervorbrechen. Aehnliche Symptome zeigten ſich auch unter den Diakoniſſinnen, ſeitdem der junge Arzt in der Anſtalt er⸗ ſchienen war. Es fand ein allgemeiner Wetteifer ſtatt, ſich ihm gefällig zu erweiſen und ihm das Leben ſo an⸗ 91 genehm als möglich zu geſtalten. Oft fand er auf ſeinem Zimmer irgend ein heimlich hingelegtes Geſchenk, eine weiche Schlummerrolle, eine Vaſe mit friſchen Blumen gefüllt, ohne daß er den verborgenen Geber zu errathen im Stande war. Dieſe Schwärmerei erſtreckte ſich ſelbſt auf die Küche, wo Schweſter Veronika dafür ſorgte, daß er ſeine ſchnell bemerkten Lieblingsſpeiſen täglich auf den Tiſch bekam.. Der Doktor war aber nicht nur ein bedeutender und geiſtreicher Arzt, ſondern auch ein ſchöner und lie⸗ benswürdiger Mann mit einer hohen Stirn, klaren blauen Augen und einem ſtets angenehmen Lächeln um den friſchen, rothen Mund. Dazu war er ſehr gut gewachſen, nicht zu groß und nicht zu klein, breitſchultrig und doch nicht plump, ſondern eher zierlich und gewandt. Er hatte auch ein beſonders feines Benehmen und eine ſich immer gleich bleibende Freundlichkeit für Alle, mit denen er in Berührung kam. Solche Vorzüge konnten ſelbſt den Augen der frommen Schweſtern nicht ganz verborgen bleiben; ſogar die Oberin ließ ihren gewöhnlich kalten Ton ſchwin⸗ den, wenn ſie mit ihm ſprach. Nächſt dem Geiſtlichen der Anſtalt war der junge Arzt ſchnell die bedeutendſte Perſon geworden, ein Ge⸗ genſtand der allgemeinen Sorgfalt und Verehrung. Er war klug genug, das Eigenthümliche ſeiner Stellung zu 5 6* 92 begreifen und einzuſehn, daß Aller Augen auf ihn gerichtet waren; deshalb beobachtete er bei all ſeiner Freundlichkeit eine gewiſſe Zurückhaltung und angenommene Würde, welche ohnehin der religiöſe Charakter des Hauſes for⸗ derte. Dieſe Rolle durchzuführen, fiel ihm um ſo we⸗ niger ſchwer, da er wirklich ſeinem Berufe enthuſiaſtiſch ergeben war und für alles Uebrige, was nicht damit zuſammenhing, ſich wenig oder gar nicht zu intereſſiren ſchien. Die Wiſſenſchaft war ſeine Geliebte; ihr widmete er ſein ganzes Leben, ſeine Zeit, ſein Studium, die Ruhe ſeiner Nächte. Er beſaß jenen Fanatismus, der ſo häufig bei jungen Medizinern gefunden wird, die ein anatomi⸗ ſches Präparat der größten lebenden Schönheit, einen intereſſanten Krankheitsfall der reizendſten weiblichen Er⸗ ſcheinung vorziehen. Für ſie hat ein entzündetes Auge weit mehr Reiz als das geſunde mit all ſeinem Seelen⸗ zauber, eine verrenkte Hand mehr Werth als der Arm einer Venus. Doktor Philipp war ein ſolcher Schwärmer der Wiſſenſchaft, ein Enthuſiaſt am Krankenbette. Wenn er nicht mit ſeinen Patienten beſchäftigt war, oder Conſul⸗ zettunen mit andern Aerzten in der Stadt abhielt, wozu er ſeiner anerkannten Thätigkeit wegen häufig gezogen wurde, ſo ſaß er auf ſeinem Arbeitszimmer mit irgend einer mikroſkopiſchen Unterſuchung oder mit Niederſchrei⸗ bung ſeiner Erfahrungen beſchäftigt. 93 Vor jener pedantiſchen Einſeitigkeit, welcher jeder andere Gelehrte auf ſeiner einſamen Studienſtube ver⸗ fallen muß, wird der Arzt meiſt durch den fortwährenden Verkehr mit der Außenwelt und durch die Berührung mit der lebendigen Natur geſchützt; dagegen kann er leicht bei einer ſolch ausſchließlich wiſſenſchaftlicher Richtung zum Egoiſten erſtarren, dem der Menſch zu einem bloßen Heilobjekte, zu einem Gegenſtande der Wißbegierde und der Unterſuchung wird. Das Herz mit ſeinen tauſeud Freu⸗ den und Leiden ſchrumpft ihm zu einem gewöhnlichen Muskel zuſammen, der einzig und allein die Bedeutung hat, als phyſikaliſches Saug⸗ und Pumpwerk die rothe Blutwelle durch den Körper zu treiben; in der unſterbli⸗ chen Seele ſieht er nur eine Thätigkeit der verſchiedenen Gehirntheile, von derer größerer oder geringerer Schwere, vielen oder wenig Windungen die Klarheit und Schärfe unſeres Denkens, die Energie unſeres Willens und die Tiefe unſererer Empfindungen abhängen. Das Reſultat dieſer Anſchauungsweiſe iſt der kraſſeſte Marterialismus unſerer Zeit, mit dem wieder der Egoismus Hand in Hand zu gehen pflegt. Wehe dem armen Frauenherzen, das auf ſeinem Le⸗ benswege einem ſolchen Manne begegnet; er kann die Liebe nicht faſſen, in der er höchſtens einen abnormen Zu⸗ 94 ſtand, eine ſieberhafte Störung ſieht, wenn ſie ihm nicht noch als etwas Schlimmeres erſcheint. Es lag in der Natur der Sache, daß der junge Arzt häufig mit Martha und Getrud am Krankenbette zuſam⸗ mentraf, was nicht geſchehen konnte, ohne daß er mit ihnen einige Worte wechſelte. Er hatte ihnen verſchiedene Anweiſungen zu ertheilen, dieſen oder jenen beſondern Auftrag bei der Pflege ſeiner Patienten zu geben. Beide waren ihm von Anfang an vortheilhaft aufgefallen, da er bald an Martha eine ungewöhnliche Intelligenz wahrzu⸗ nehmen glaubte, während ihre Freundin ſich durch ihr ſtilles Weſen, ihre Aufmerkſamkeit und Geduld auszeich⸗ nete. Seitdem Doktor Philipp in der Anſtalt war, ver⸗ doppelte die Letztere ihre Thätigkeit; kein noch ſo unan⸗ genehmer Dienſt fiel ihr zu ſchwer; ſie zeigte bei jeder Gelegenheit eine Hingebung, eine Aufopferung ohne Grenzen. Keine der andern Schweſtern gab ſich eine ſolche Mühe, ſeine Abſichten zu errathen und ſeinen Wün⸗ ſchen zuvorzukommen, keine leiſtete ſeinen Anordnungen eine ſo pünktliche Folgſamkeit und zeigte einen ſo uner⸗ müdlichen Eifer. Deshalb vertraute er auch ihrer Pflege die gefährlichſten Fälle an und bei allen großen und ſchwierigen Operationen mußte ſie ihm aſſiſtiren. „Sie haben,“ pflegte er zu ſagen,„eine glückliche Hand, und alle Kranken, die ich Ihnen übergebe, kommen 95 durch; weil Niemand ſo ſorgſam mit ihnen umgeht, wie Schweſter Getrud. Ohne Sie möchte ich nicht hier Arzt ſein wollen.“ Wenn Getrud dieſes Lob aus dem Munde des verehrten Mannes hörte, überzogen ſich ihre Wangen mit einer lieblichen Röthe und ein unnennbares Glück ſtrahlte aus den ſanften, blauen Augen. Doktor Philipp hatte freilich keine Ahnung von der Wirkung dieſer Worte, welche höchſtens darauf berechnet waren, ihr ſeine Anerkennung auszuſprechen und ihren Eifer nicht erkalten zu laſſen. Sie dagegen hätte ſein Lob nicht mit der höchſten Auszeichnung vertauſchen wollen; den ganzen Tag ging ſie dann wie gehoben umher, als trüge ſie ungeſehen eine Krone auf ihrem Haupt. Sonſt ſo ſtill und in ſich ge⸗ kehrt, erſchien ſie mit einem Male wie umgewandelt, hei⸗ ter und geſprächig zum Erſtaunen Martha's, die ſich eine ſolche Veränderung nicht zu erklären vermochte. „Was iſt mit Dir vorgegangen?“ fragte ſie wohl, ohne jedoch eine genügende Antwort zu erhalten. Mit dieſen Anwandlungen einer unerklärlichen Fröh⸗ lichkeit wechſelte dann eben ſo unerwartet eine trübe Me⸗ lancholie, die gewöhnlich dann einzutreten pflegte, wenn Getrud Gleichgültigkeit oder Unzufriedenheit in den Mie⸗ nen des Arztes zu beobachten glaubte, oder wenn er gar 96 ſein Lob einer andern Diakoniſſin ertheilte. Es war ihr dabei zu Muthe, als würde ihr ein Dolch in's Herz ge⸗ ſtoßen. Sie hätte laut aufſchreien mögen, und trotz ihrer Sanftmuth regte ſich in ihrer Bruſt ein geheimes Ge⸗ fühl von Haß gegen den Gegenſtand einer ſolchen Aus⸗ zeichnung. Eine derartige, ihrem ſonſtigen Charakter durchaus fern liegende, widerwärtige Empfindung ging zwar ſchnell wieder vorüber, ohne in dem Taubenherzen irgend eine andere Spur zurückzulaſſen, als die tiefſte Reue über ihr eigenes Thun; nichtsdeſtoweniger wiederholte ſich ganz derſelbe Vorgang bei der nächſten ähnlichen Gelegenheit. Selbſt die Freundſchaft war nicht ſtark genug, die⸗ ſes Gefühl gänzlich zu bewältigen. Martha's höhere Bil⸗ dung und hervorragender Geiſt waren dem Doktor nicht entgangen; er ſchien Vergnügen an ihrer Unterhaltung zu finden, und während er mit den übrigen Schweſtern nur über Dinge ſprach, welche mit der Krankenpflege und ihren ſonſtigen Verrichtungen im genaueſten Zuſammen⸗ hange ſtanden, pflegte er bei ihr eine Ausnahme zu ma⸗ chen. Gern verweilte er in ihrer Geſellſchaft auch länger, als es gerade unumgänglich nothwendig war, um ſich nach den ihr zugetheilten Patienten zu erkundigen und ihr den oder jenen Auftrag zu geben. Ihre treffenden Ant⸗ worten, ſo wie der eigene Zauber ihres Weſens, dem ſich nicht leicht ein Mann und ſelbſt Frauen zu entziehen ver⸗ mochten, feſſelten auch ihn, ohne jedoch mehr als ein flüch⸗ tiges Wohlgefallen ihm zu erregen. Martha ſelbſt verhehlte nicht das Vergnügen, wel⸗ ches ſie aus dieſem Umgang ſchöpfte; ſie hatte ſchon ſo lange Zeit das Geſpräch mit einem geiſtreichen Manne entbehren müſſen, um ſich nicht dieſem durch die Entbeh⸗ rung doppelt werth gewordenen Genuße zu überlaſſen. Unbeſchadet ihrer jetzigen Stimmung hatte ſie noch nicht auf derartige unſchuldige Freuden verzichtet, und ſie er⸗ griff daher gern jede Gelegenheit, ſich dem Doktor zu nä⸗ hern und mit ihm zu ſprechen. Eines Tages, als ſie ſo eben in einer derartigen Unterhaltung, welche an ſich gleichgültige Gegenſtände betraf, von Getrud gefunden wurde, konnte dieſe ihren Unmuth nicht mehr verbergen. Sonſt voll Liebe und Zärtlichkeit für Martha zeigte ſie ſich plötzlich verſtimmt, wortkarg und launenhaft. Augenſcheinlich ſuchte ſie der Freundin auszuweichen und jede Annäherung zu vermei⸗ den. Dieſer konnte die Veränderung nicht entgehen, ob⸗ gleich ſie ſich die Urſache eines ſolchen Betragens nicht zu erklären wußte. Am Abend, als Beide in ihrer Zelle wieder ſaßen, herrſchte eine peinliche Stille; Getrud hatte ſich ab⸗ gewendet und ſtarrte durch das Fenſter in den Mond, der 98 abwechſelnd aus dem dunklen Gewölk hervortauchte und wieder verſchwand. Die Luft in dem Zimmer war ſchwül und drückend wie die ganze Stimmung der darin Verwei⸗ lenden, da ein Gewitter am Himmel ſtand. Die lebhaf⸗ tere Martha konnte dieſen unangenehmen Zuſtand nicht länger ertragen, ſie ſprang von ihrem Stuhle auf und legte ihre Hand auf die Schulter der Freundin, welche vor dieſer Berührung zuſammenſchrack. „Getrud!“ fragte Martha,„was iſt geſchehen, was hab' ich Dir gethan, daß Du vor mir fliehſt und er⸗ ſchrickſt, wenn ich Dir nahe?“ „Laß' mich,“ murmelte die Unglückliche, ihre Hand zurückſtoßend. „Hab' ich Dich beleidigt, bin ich Dir mit einem Worte nur zu nahe getreten? Klage mich an, wenn Du Etwas gegen mich haſt, aber martere mich nicht mit Dei⸗ nem unerklärlichen Stillſchweigen. Was bedeutet Dein räthſelhaftes Betragen?“ „Ich weiß es ſelber nicht. Nein, nein! Du haſt mir nichts gethan, Du haſt keine Schuld an meinen Leiden. Verzeih' mir, wenn ich Dir weh' gethan habe. Ich kenne mich ſelber nicht mehr; ich muß wohl krank ſein.“ Mit einer Heftigkeit, die ſonſt nicht in ihrem ſtillen Weſen lag, ſtürzte ſie dabei in die Arn der überraſchten 99 Freundin, welche ſie mit ihren Thränen benetzte. Eine Fluth von Klagen und Selbſtbeſchuldigungen wechſelte jetzt mit den rührendſten Beweiſen einer ſtürmiſchen Zärt⸗ lichkeit. Feſter drückte ſie Martha an ihr Herz und be⸗ deckte ihren Mund mit heißen, leidenſchaftlichen Küſſen. „Ich bin,“ ſagte ſie ſchluchzend,„Deiner Liebe gar nicht werth. O! Du biſt weit beſſer als ich. Wenn Du wüßteſt, wie ſchlecht ich geworden bin, ſo müßteſt Du mich verachten.“ „Du redeſt irre. Ich glaube wirklich, daß Du krank biſt; Deine Lippen brennen, Dein Herz pocht ſo laut und ſtark, als hätteſt Du das Fieber. Ich will den Doktor Philipp rufen.“ „Nein, nein!“ ſchrie Getrud bei der Nennung die⸗ ſes Namens ſo laut, daß Martha zuſammenfuhr.„Rufe ihn nicht; Du willſt mich tödten.“ Ein Blitzſtrahl zuckte Draußen am Firmament und erhellte die dunkle Nacht. Getrud bedeckte mit beiden Händen ihr Geſicht. Schrecklicher war der Blitz, der in dieſem Augen⸗ blick durch ihre Seele flammte und das Geheimniß ihres Herzens plötzlich aufdeckte. Die Beiden ſchwiegen erſchrocken, nur der rollende Donner ließ ſich hören. 100 4 Zu den Füßen Martha's lag die Diakoniſſin und barg ihr glühendes Geſicht in den Schooß der Freundin. Draußen rauſchte in ſchweren Tropfen der Regen, wäh⸗ rend in der ſtillen Zelle ſich die Beiden weinend um⸗ ſchlungen hielten. Hechstes Capitel. Je ſtiller und ungeſtörter das Leben eines Menſchen dahingefloſſen, je weniger ſein Herz von Leidenſchaften und Kämpfen heimgeſucht worden war, deſto eher wird er ihnen erliegen, deſto ſchwächer ſein Widerſtand ſein. Wie der Körper ſo wird auch die Seele durch andauernde Ruhe kraftlos, durch Streit und Ringen aber abgehärtet und geſtählt. In friedlicher Abgeſchloſſenheit, in treuer Pflicht⸗ erfüllung war Getrud aufgewachſen; ihr feſter Glaube hatte ſie vor allen Verſuchungen geſchützt, die Mauern der Anſtalt ſie vor den Verlockungen der Welt bewahrt. Sie glich der ahnungsloſen Knospe in ſicherer Blätter⸗ hülle, ohne die Stürme des Lebens zu kennen. Durch den Umgang mit Martha, deren abſichtsloſe Erzählungen ſie begierig in ſich aufnahm, war bereits der Zwieſpalt in ihrer Seele erwacht, ihr Herz mit fremden Empfindun⸗ 10² gen, ihre Phantaſie mit verführeriſchen Bildern erfüllt worden. Der Menſch iſt nicht geſchaffen, um in paradiſiſcher Unſchuld zu verharren. Die Sünde lauert ihm auf, da⸗ mit er ſie überwindet und als Sieger hervorgeht. Für die arme Diakoniſſin war eine ſolche Zeit des Kampfes gekommen, Liebe und Religion, Leidenſchaft und ſchwärmeriſche Aszetik rangen mit einander in der jung⸗ fräulichen Bruſt. Die natürlichen Regungen eines weib⸗ lichen Herzens mußte ſie nach ihren Anſichten für ſträf⸗ liche Empörung und Abfall von Gott anſehen, in ihrer Liebe nur die Verſuchungen der Hölle erkennen. Vergebens ſuchte Martha dieſen frommen Wahn ihr zu benehmen; ſie hörte nicht auf die beſchwichtigenden Gegengründe und auf das freundliche Zureden der Freundin. In ihrer Be⸗ ſchränktheit, eine Folge ihrer bisherigen einſeitigen Er⸗ ziehung, beharrte ſie nur um ſo feſter auf ihre finſtere Auffaſſung. „Ich bin verdammt,“ murmelte ſie in ſich gekehrt; „die Gnade des Herrn hat mich verlaſſen.“ „Wie kannſt Du,“ entgegnete ihr Martha,„nur ſo Etwas ſagen.— Wozu hätte uns Gott die Liebe in das Herz gepflanzt, wenn ſie eine Sünde wäre? Iſt das Weib nicht geſchaffen, um zu lieben und— zu leiden?“ ſetzte ſie ſtill für ſich hinzu. — — „Aber meine Liebe iſt ſträflich, das fühle ich. In meinem Herzen brennt das hölliſche Feuer, das ich nicht zu löſchen vermag. Wenn ich beten will, drängt ſich ſein Bild mir auf und meine Sinne verwirren ſich. Am Krankenbett, ſelbſt in der Kirche ſehe ich nur ihn. O! ich bin ein verworfenes Geſchöpf.“ „Armes Kind! Du thuſt Dir ſelber das größte Unrecht. Ach! Du weißt nicht, was Sünde iſt.“ „Ich weiß es jetzt, und darum bin ich unglücklich. Seitdem ich dieſen Mann geſehen habe, iſt meine Ruhe hin. Ich bin meinem Heiland untreu geworden, und dar⸗ um hat auch er ſich von mir abgewendet und mich ver⸗ ſtoßen.“ Dieſe ſchreckliche Idee ſetzte ſich in Getrud feſt und nahm nach und nach ihre ganze Seele ein, ſo ſehr auch Martha bemüht war, dagegen anzukämpfen. Nothwendi⸗ ger Weiſe mußte unter ſolchen Verhältniſſen die Geſund⸗ heit der Diakoniſſin leiden; ſie brachte meiſt die Nächte ſchlaflos zu, von den Bildern ihrer aufgeregten Phantaſie gequält. Oft ſchrie ſie aus dem Traume auf, weil ſie den Abgrund der Hölle zu ihren Füßen brennen ſah. Ihre Wangen überzogen ſich mit einer auffallenden Bläſſe, ihre ſanften Augen waren eingefallen und brannten in un⸗ heimlicher Glut. Martha war aufrichtig über den Zuſtand der Freun⸗ 104 din bekümmert und ſann auf Abhilfe, ohne ein geeignetes Mittel zu finden. Hätte ſie mehr Zutrauen zu der Oberin gehabt, ſo hätte ſie ſich wohl zunächſt an dieſe ge⸗ wendet, aber die kalte Strenge derſelben ſchreckte ſie zu⸗ rück, ihr das Geheimniß zu entdecken. Eben ſo wenig hielt ſie den Prediger der Anſtalt für geeignet, das liebekranke Herz durch ſeinen Zuſpruch zu heilen; ſie hatte ihn jetzt genauer kennen gelernt und glaubte an ihm einen Grad von Unduldſamkeit und finſtern Eifer zu entdecken, der ſtatt Nutzen nur Verderben ſtiften konnte. Einen Augen⸗ blick ſchwankte ſie, ob ſie nicht den jungen Arzt, als die eigentliche, wenn auch unſchuldige Urſache all' dieſer Ver⸗ wirrung, aufſuchen und mit dem von ihm unbewußt an⸗ gerichteten Unheil bekannt machen ſollte, aber ihr natür⸗ liches Gefühl ſträubte ſich gegen einen ſolchen unweiblichen Schritt, durch den ſie außerdem dem Ruf der Freundin zu vergeben fürchtete. So blieb ihr nichts übrig, als durch ihren allei⸗ nigen Zuſpruch die Unglückliche zu beruhigen und zu tröſten; was für ſie keine leichte Aufgabe war, da Ge⸗ trud immermehr den finſteren Mächten einer Melancholie verfiel, die bereits in Wahnſinn überzugehen drohte. Auf Tage der höchſten Aufregung folgte bei dieſer die tiefſte Erſchöpfung, wo ſie dann Stunden lang dumpf brütend mit gefalteten Händen und ſtarren Blicken ſaß. 105 Zuweilen raffte ſie ſich noch wieder auf, um ihren gewohn⸗ ten Beſchäftigungen nachzugehen, mit fieberhaftem Eifer widmete ſie ſich der Pflege ihrer Kranken; aber die un⸗ vermeidliche Nähe des jungen Arztes vernichtete wieder den wohlthätigen Einfluß, welchen die Erfüllung ihrer Pflichten unter andern Verhältniſſen wahrſcheinlich herbei⸗ geführt hätte. Ihr Zuſtand konnte nicht länger verborgen bleiben. Die Oberin ließ ſie kommen und forſchte nach dem Grunde dieſer Veränderung. Sie ſchätzte Getrud wegen ihrer Frömmigkeit und übrigen vortrefflichen Eigenſchaften. „Was fehlt Ihnen, meine Tochter?“ fragte ſie mit mehr Theilnahme, als ſonſt in ihrer Natur lag. Die Diakoniſſin ſchwieg, während ſie abwechſelnd erröthete und erbleichte; ſie vermochte nicht den ſcharfen Blick dieſer durchdringenden Augen auszuhalten, vor denen ſie die ihrigen niederſchlagen mußte. „Sind Sie krank?“ forſchte die Dame weiter. „Ich muß wohl krank ſein,“ ſtammelte die Diako⸗ niſſin, indem ſie begierig den ihr gebotenen Ausweg er⸗ griff, um einem offenen Geſtändniß zu entgehen. „Sie haben ſich in letzterer Zeit zu ſehr angeſtrengt und bedürfen der Ruhe. Ich will ſie auf einige Zeit von ihrem Amte entbinden, bis ſie ſich wieder erholt haben. Soll ich Ihnen den Arzt ſchicken?“ 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 7 Weſen dazu, um einem jugendlichen Gemüthe Vertrauen 106 „Ich glaube, daß ich ihn nicht nöthig habe. Hoffent⸗ lich wird mein Zuſtand wieder vorübergehen,“ antwortete Getrud mit gewaltſamer Faſſung, um ſich nicht zu ver⸗ rathen. Ihre Ehrfurcht vor der Oberin war ſo groß, daß ſie um keinen Preis der Welt dieſer einen Blick in ihr Inneres geſtattet hätte. Sie würde eher geſtorben und vor Scham vergangen ſein, ehe ſie den Mund geöffnet hätte. Mit einer ihr ſonſt ungewohnten Verſtellung be⸗ antwortete ſie noch einige Fragen, welche auf ihre Ge⸗ ſundheit ſich bezogen, worauf ſie mit einem herablaſſenden Gruße und frommen Wunſche für ihre baldige Geneſung verabſchiedet wurde. Ungeachtet ihrer Klugheit beſaß die Oberin nicht das nöthige Verſtändniß für die geheimen Regungen des weiblichen Herzens; ſie ſelbſt hatte nie die Liebe kennen gelernt, wie ſollte ſie die Aeußerungen der Leidenſchaft an Andern entdecken und richtig beurtheilen. Der bloße Ge⸗ danke, daß eine ihrer Untergebenen der Stimme der Na⸗ tur folgen könnte, kam ihr ſo unwahrſcheinlich vor, daß ſie an einen ſolchen Fall nie gedacht haben würde, ſelbſt wenn noch dringendere Verdachtsgründe ihr aufgeſtoßen wären. Ebenſo wenig eignete ſich ihr ſtrenges, eiſiges 107 einzuflößen; ſie ſtand in einer unnahbaren Ferne und auf einer ſittlichen Höhe, die das Mitleid und die Nachſicht mit den menſchlichen Schwächen ausſchloß und den Schuld⸗ bewußten zurückſchreckte. Dazu kam noch jene ariſtokrati⸗ ſche Abgeſchloſſenheit und Vornehmheit, welche ſie unbe⸗ ſchadet ihrer ſonſtigen Frömmigkeit in ihre neue Stellung mit hinübergenommen und bewahrt hatte. Sie hatte ihre Unterredung mit Getrud bald wieder vergeſſen, da ſie wichtigere Dinge nach ihrer Meinung zu thun hatte. Mußte ſie nicht die verſchiedenen Rechnungen durchſehen, Briefe ſchreiben, weitläufige Correſpondenzen mit hochge⸗ ſtellten Perſonen im Intereſſe ihrer Anſtalt führen? Die⸗ ſes ging doch allem Andern vor; ſie ſetzte ihren Ruhm und Stolz darein, das ihr anvertraute Inſtitut nach allen Seiten hin zu heben und ſeinen ſich immer mehr verbrei⸗ tenden Ruf zu mehren. Das betrachtete ſie als die Haupt⸗ aufgabe ihres Lebens, und ſie ſelbſt kam ſich wie die Herr⸗ ſcherin eines Reiches vor, die das Ganze im Auge be⸗ halten muß und ſich weniger um die Einzelheiten küm⸗ mern kann. Die Sache und nicht die Perſonen durften ihr gelten; ſie glaubte vollkommen ihrer Pflicht genügt zu haben, daß ſie überhaupt nur Notiz von Getrud's Zu⸗ ſtand nahm. Die arme Diakoniſſin kehrte ohne einen Troſt auf ihre Zelle zurück; ihr Gewiſſen war nun noch durch die Lüge beſchwert, welche ſie der Oberin geſagt hatte; ſie machte ſich neue, bittere Vorwürfe über ihre Verſtellung. „, Ich habe,“ ſagte ſie zu Martha,„unſere Oberin belogen; ich bin zur Heuchlerin geworden und darf nicht mehr meine Augen zu der würdigen Dame erheben.“ „Sie hätte Dich doch nicht begriffen und Dein Ge⸗ ſtändniß nicht mit der liebevollen Nachſicht aufgenommen, die Du verdienſt,“ beſchwichtigte die Freundin. „Ich wäre auch nicht im Stande geweſen, ihr ein Wort zu ſagen, obgleich ich mit dem Entſchluße gekom⸗ men war, ihr Alles zu geſtehn. Wie ſie mich aber ſo feſt und ſtarr anblickte, verſchloß ſich krampfhaft mein Mund. Der böſe Feind ſtand an meiner Seite; er hielt mich zu⸗ rück, mich von der Laſt meines Herzens zu befreien; er blies mir die Lüge ein und lehrte mich ſeine Verſtellungs⸗ künſte.“ „Rede nicht ſo, der Böſe hat keine Gewalt über Dich.“ „Ich hab' ihn geſehen; er ſtieß ein hölliſches Ge⸗ lächter aus, als ich ſeinen Rath befolgte. Sein Lachen klingt noch jetzt in meinen Ohren. Hör'ſt Du es denn nicht, wie er ſich ſeines Sieges freut?“ „Um Gottes Willen!“ rief die Freundin erſchrocken; „rede nicht ſo und überlaſſe Dich nicht den Eingebungen 109 Deiner kranken Einbildungskraft. Lege Dich lieber zu Bette; die Ruhe wird Dir wohl thun.“ Nur mit Mühe ließ ſich Getrud auskleiden und zu ihrem Lager bringen, aber die Spuren einer geiſtigen Störung traten immer deutlicher an ihr hervor. In der⸗ ſelben Nacht ſprang ſie aus ihrem Bette auf und weckte die kaum eingeſchlafene Martha. „Bete,“ ſchrie ſie,„bete mit mir, denn die Hölle will mich verſchlingen. Schon thut ſie ihren feurigen Ra⸗ chen auf; der Fürſt der Finſterniß ſtreckt ſeine Arme nach mir aus.“ Halb angekleidet, wie ſie war, ſtürzte ſie mit auf⸗ gelösten Haaren und gerungenen Händen auf den kalten Fußboden, die Freundin mit ſich ziehend. Sie verſuchte auch ein Gebet zu ſprechen, aber in der Mitte brach ſie plötzlich ab und ſang in wilden Tönen eines jener Lieder von Heine, die ſie durch Martha kennen gelernt hatte; dann klammerte ſie ſich mit dem Ausbruch der höchſten Angſt an dieſe und zeigte, am ganzen Körper ſchaudernd, auf eine dunkle Stelle am Ofen. „Hul dort ſitzt der Schwarze und grinst mich an.“ „Das iſt Wahnſinn!“ ſchrie Martha entſetzt.„Ge⸗ trud! beſinne Dich!“ Ihre Hilfloſigkeit und der Jammer über die Lage der Unglücklichen entpreßten ihr heiße Thränen. Als Ge⸗ trud ſie weinen ſah, ſchien ſie wieder zur Beſinnung zu kommen; ihre natürliche Güte und Sanftmuth ſiegte noch einmal über die geiſtige Nacht, welche ſich ſchon über ihre Seele lagerte; ſie näherte ſich bittend mit gefaltenen Händen. „Warum weinſt Du?“ fragte ſie.„Haſt Du auch wie ich geliebt?“ „Ja! ich habe wie Du geliebt und weit ſchwerer ge⸗ fehlt, als Du in Deiner Unſchuld nur ahnen kannſt, den⸗ noch zweifle ich nicht an Gottes Güte und Barmherzig⸗ keit; er vergibt den Schuldigen und nimmt die Reuigen wieder gnädig auf.“ 1 „Sag' mir das noch einmal,“ flüſterte Getrud. „Es klingt ſo ſchön und thut mir wohl.“ Martha wiederholte die Worte mit einer Wahrheit und Innigkeit, die ſelbſt dieſem bereits geſtörten Geiſte nicht entgingen. „Gott wird auch mir wieder gnädig ſein,“ betete die Unglückliche. Erſt gegen Morgen ſchlief ſie wieder ein. Martha benutzte dieſe Zeit, um mit dem Arzte Rückſprache zu nehmen, da ihr kein anderer Ausweg mehr übrig blieb. Sie that dies in der ſchonendſten Weiſe, indem ſie nur leiſe und mit der größten Vorſicht den eigentlichen Grund 111 der Krankheit berührte. Doktor Philipp hörte ſie ruhig an, ohne eine beſondere Bewegung zu verrathen. „Ein intereſſanter Fall,“ ſagte er nach kurzer Ue⸗ berlegung.„Religiöſer Wahnſinn mit Erotomanie ver⸗ bunden; Reizung des Rückenmarks und des kleinen Ge⸗ hirns.“ „Was ſoll aber aus der Aermſten werden?“ unter⸗ brach ſie ſeine gelehrten Auseinanderſetzungen. „Ich werde kalte Begießungen bei ihr bis zur Er⸗ ſchöpfung anwenden; eine ſtarke Blutentziehung unmit⸗ telbar an dem Kopf angebracht hat mir in ähnlichen Fällen ausgezeichnete Dienſte geleiſtet.“ „Und fürchten Sie nicht, daß Ihre Nähe eine ſtär⸗ kere Aufregung hervorbringen wird?“ fragte Martha empört über ſeine Gleichgültigkeit. „Es kommt auf einen Verſuch an; jeden Falls muß ich die Patientin ſehen, um über ihren Zuſtand zu ur⸗ theilen.“ Dagegen konnte Martha keine Einwendungen ma⸗ chen; ſie erſuchte nur den Arzt in ſeinem eigenen Inter⸗ eſſe um Geheimhaltung des verfänglichen Zuſtandes; ihre Gründe ſchienen ihm auch einzuleuchten, da er ungeachtet ſeiner Schuldloſigkeit doch mancherlei Mißdeutungen zu fürchten hatte. Indeß beſchäftigte er ſich weit mehr mit⸗ der wiſſenſchaftlichen Seite ſeines Gegenſtandes, die er 212 keinen Moment aus den Augen ließ. Auf dem ganzen Wege von ſeiner Wohnung bis zu der Zelle, worin die Diakoniſſin lag, entwickelte er der ungeduldigen Martha ſeine Anſicht von den verſchiedenen Arten des Wahnſinns mit großer Selbſtgefälligkeit, wobei er es nicht an zu⸗ treffenden Bemerkungen und Einfällen fehlen ließ, welche freilich beſſer in ein Collegium und für das Catheder ge⸗ paßt hätten. „Der religiöſe Wahnſinn,“ ſagte er unter Andern, „kommt gegenwärtig mehr ſperadiſch und vereinzelt vor, während er in früherer Zeit meiſt in epidemiſcher Form aufzutreten pflegte, wie das Beiſpiel der Geißelbrüder in Deutſchland und der Convulſionäre in Paris beweiſtt. Es gibt ſolche Perioden, wo der Wahnſinn in der Luft zu liegen ſcheint; jedes Jahrhundert hat ſeine eigene beſondere Manie. So war zur Zeit der erſten Revolution in Frankreich der politiſche Wahnſinn an der Tages⸗ ordnung, kein Wunder; wo ſolche Umwälzungen ſtattfin⸗ den, kann ſich auch der menſchliche Geiſt ihrem Einfluße nicht entziehen. In neueſter Zeit wollen einige Irrenärzte wieder eine Zunahme des religiöſen Wahnſinnes bemerkt haben; es hängt dies nothwendiger Weiſe mit dem Wie⸗ dererwachen des kirchlichen Sinnes zuſammen. Da gibt es immer Kämpfe, ſchwärmeriſche Erhebungen und Ver⸗ zückungen, welche ganz abnorme Täuſchungen hervor⸗ 113 bringen. So habe ich einen Mann gekannt, der ſich in allem Ernſte für Chriſtus hielt und von dieſer fixen Idee nicht abzubringen war. Das größte Unheil aber ſtiftet der Teufelsglaube, welcher neuerdings von einzel⸗ nen Geiſtlichen ſehr befördert wird. Mich ſoll es gar nicht wundern, wenn es bald wieder eine Legion von Beſeſſe⸗ nen geben wird. Der religiöſe Fanatismus arbeitet dem Wahnſinn in die Hände, zumal wenn ſich wie in dieſem Falle eine anderweitige Aufregung dazu geſellt und einen Zwieſpalt des Gemüths herbeiführt. Dadurch entſteht eine jener ſchweren Complikationen, die eine beſonders ſorgſame Behandlung erfordert.“ Wahrſcheinlich wäre der junge Arzt noch länger in ſeinen wiſſenſchaftlichen Erörterungen fortgefahren, wenn ihn ſeine Begleiterin nicht darauf aufmerkſam gemacht hätte, daß er ſich in der Nähe der Patientin befinde. Getrud ſaß auf ihrem Bett halbaufgerichtet, den ſtieren Blick nach der Decke gerichtet, ſo daß ſie anfänglich die leiſe Eintretenden nicht bemerken konnte. Plötzlich wandte ſie ſich um und ſah jetzt den Arzt. Mit einem lauten Freudenſchrei ſprang ſie halb angekleidet von dem Lager auf, ohne irgend eine Rückſicht auf ihre Lage zu nehmen, ihre ſonſtige weibliche Schamhaftigkeit ver⸗ leugnend. Che ſie noch Martha hindern konnte, hatte ſie ihn 114 ſchon mit ihren Armen feſt umſchlungen, überhäufte ſie ihn mit ihren Liebkoſungen, die zärtlichſten Namen ihm gebend und ſich den Ausbrüchen ihrer wahnſinnigen Lie⸗ besglut überlaſſend. „Mein, mein!“ ſtammelte ſie, ihn an ſich preſſend. „Ich will Dich lieben, wenn auch ewige Verdammniß mich bedroht.“ Es war ein eben ſo entſetzliches, als rührendes Schauſpiel. Die arme Wahnſinnige lachte und weinte zu glei⸗ cher Zeit von eingebildeter Seligkeit, weil ſie des Glau⸗ bens war, daß der Arzt gekommen ſei, um ihr ſeine Liebe zu geſtehen. Sie ſelbſt hatte jede Zurückhaltung abgelegt, das ſo lang bewahrte Geheimniß ihres jungfräulichen Herzens brach jetzt mit ungeſtümer, durch Nichts gebän⸗ 'digter Kraft hervor, um ſo ſtürmiſcher, je mehr ſie es früher zu verbergen geſucht hatte. Die Leidenſchaft ihrer Gebärden und Worte war von einer dämoniſchen Poeſie begleitet, von einer ſchauerlichen Schönheit umgeben. Das lange blonde Haar flatterte in wilden, loſen Locken um die weißen, nackten Schultern, von denen ſich das Nacht⸗ gewand verſchoben hatte. Verzehrende Glut flammte in den blauen Augen und auf den ſieberhaft gerötheten Wan⸗ gen, den Anſchein der Geſundheit und eines überirdiſchen Glückes heuchelnd. Ein ſeliges Lächeln ſpielte irr um ihre 115 heißen Lippen, jenes ſüß verlangende Lächeln, womit die ſehnende Braut den Geliebten begrüßt; aber hinter dieſem reizenden Bilde lauerte der Wahnſinn in ſeiner ganzen Furchtbarkeit. Selbſt der für derartige Erſcheinungen abgeſtumpfte Arzt konnte ſich dem erſchütternden Eindrucke nicht ent⸗ ziehen; erſt nach einiger Zeit verſuchte er, ſich ſanft aus den Armen der Unglücklichen loszuwinden und ihr auf gü⸗ tige Weiſe zuzureden. „Ach!“ ſeufzte ſie, als er Miene machte, ſich von ihr zu entfernen,„Du liebſt mich nicht, Du liebſt nur Dich und Deine Bücher, Deine Inſtrumente. Verflucht die Bücher, die mir Dein Herz geſtohlen haben!“ Es lag in dieſem ſchmerzhaften Ausruf eine tiefe, ſchneidende Wahrheit, wie ſie häufig bei Wahnſinnigen gefunden wird, die zuweilen in überraſchender Weiſe die wichtigſten Urtheile über Perſonen und Zuſtände abgeben, als wären ſie plötzlich von einem höheren Geiſte inſpirirt. Es ſind das nur Blitze, welche die darauf folgende Nacht um ſo dunkler erſcheinen laſſen.— Wie gewöhnlich lag Getrud's Bibel auf dem Tiſch, die ſie ſchon lange nicht in die Hand genommen hatte. Im Zuſammenhange mit ihren eben erſt ausgeſprochenen Ge⸗ danken griff ſie in wilder Haſt nach dem heiligen Buche, das ſie mit wüthender Gebärde auf die Erde ſchleuderte. „Fort mit allen Büchern!“ ſchrie ſie in raſendem Tone.„Sie ſind allein an allem Unglück Schuld; ſie machen uns ſtolz und hochmüthig, ſchwach und krank. Wie Schlangen ringeln ſich die Zeilen, wie kleine Teufel krie⸗ chen die Buchſtaben und ſchleichen ſich durch die Augen in das Hirn. Dort brüten ſie nichts als Unheil aus; die kleinen Teufel, wie ſie ſich aufblähen und wachſen, bis ſie ſo groß und ſtark geworden ſind, daß ſie uns zur Hölle ſchleppen. Schlagt die Bücher todt, alle Bücher todt!“— Martha bückte ſich, um das verehrte Buch von dem Boden wieder aufzuheben, und legte die Bibel wieder auf den Tiſch; erſt jetzt ſchien Getrud den bekannten Einband wieder zu erkennen. „Recht ſo,“ ſagte ſie mit einem ſchmerzlichen Lä⸗ cheln.„Ich habe das Wort Gottes mit Füßen getreten. Ol ich bin die größte Sünderin und auf ewig verdammt.“ Mit den Zeichen der tiefſten Reue und Zerknirſchung küßte ſie darauf das Buch, deſſen Blätter ſie mit ihren Thränen benetzte. „Nimm es,“ fügte ſie zu Martha gewendet hinzu; „hebe es auf; denn ich bin nicht mehr werth, darin zu leſen. In der Hölle lieſ't man andere Bücher, hört man andere Worte: 117 Du haſt Diamanten und Perlen, Haſt Alles, was Menſchenbegehr, Und haſt die ſchönſten Augen— Mein Liebchen, was willſt Du noch mehr?“ Die Verſe ſang ſie mit ſo lauter Stimme, daß die vorübergehenden Schweſtern aufmerkſam wurden und ſte⸗ hen blieben. Es war nicht mehr möglich, den Zuſtand der Unglücklichen zu verbergen; wie ein Lauffeuer ver⸗ breitete ſich die Nachricht von Mund zu Mund, bis ſie zu den Ohren der Oberin gelangte, die ſogleich herbeieilte. Nach einem kurzen Geſpräche mit dem Arzte gab dieſe den Befehl, die Kranke in eine beſondere Zelle zu bringen und von Martha zu trennen, was nicht ohne Widerſtand geſchah. Eine Stunde ſpäter beſuchte der Geiſtliche der An⸗ ſtalt die Patientin, um die Macht des Glaubens und die Kraft ſeiner heiligen Beredſamkeit an ihr zu erpro⸗ ben. Als er ſie nach einiger Zeit wieder verließ, hatte ſich ihr Zuſtand weſentlich verſchlimmert; ſie verfiel erſt jetzt in vollſtändige Raſerei. Siebentes Capitel. In der darauf folgenden Nacht hatte Martha die unter den Diakoniſſinnen abwechſelnde Wache auf dem Krankenſaale der ihr zugewieſenen Abtheilung. Es war dies der beſchwerlichſte Dienſt, da ſie verpflichtet war von neun Uhr Abends bis zum andern Morgen wach zu bleiben und für die Bedürfniſſe der Leidenden zu ſorgen. Schweſter Suſanne, die Oberaufſeherin, hatte ſich, nach⸗ dem ſie ihr in mürriſcher Weiſe die nöthigen Anweiſun⸗ gen gegeben, entfernt, um ſich zu Bette zu legen. Die Diakoniſſin blieb allein zurück, umgeben von Kranken und Sterbenden. Zu beiden Seiten des Saales ſtand eine Reihe von Betten, in denen die Unglücklichen von ihren hundert⸗ fachen Schmerzen gefoltert lagen und vergebens auf den beruhigenden Schlaf warteten. Hier ſchaute aus der wei⸗ ßen Decke das verzerrte Geſicht eines am Nervenſieber * 119 Leidenden hervor mit gläſernen Augen, unnatürlich ge⸗ rötheten Wangen und trockenen, aufgeſprungenen Lippen. Die Hände ſpielten gedankenlos in der Luft, oder zupften an dem Tuche, worin er gehüllt war. Dort rang ein Aſthmatiſcher nach Luft und ſtrengte alle ſeine Muskeln ſo an, daß die Adern zu dicken blauen Strängen an Hals und Schläfen anſchwollen, während der bleiche Schwind⸗ ſüchtige aus dem erſten Schlaf von einem entſetzlichen Huſtenanfalle aufgeſchreckt ſeine jammernden, um Hilfe flehenden Blicke nach allen Seiten wendete. Dieſe traurigen Geſtalten wurden von dem bleichen Schein der Nachtlampe beleuchtet, deren gedämpftes Licht von der Decke niederfiel, auf den dunklen Boden ihre ſchwankenden, hellen Kreiſe malend, während den übrigen Raum nur ein ſchwacher Schimmer traf. Wohin aber auch immer dieſe zuckenden Lichtſtreifen fielen, zeigten ſie nur Jammer, Elend und Noth. Es herrſchte eine ſchauerliche Stille, nur zuweilen unterbrochen durch den Huſten des Schwindſüchtigen oder das Murmeln des Nervenfieberkranken, der ohne Aufhör in furchtbarer Eintönigkeit ſeinen Mund zu unverſtänd⸗ lichen Lauten gebrauchte, welche mit dem Lallen eines Kindes die größte Aehnlichkeit hatten. Hier und da tönte noch ein banger Seufzer, ein Stöhnen aus tiefer Bruſt; 120 dann wurde es wieder ſo ruhig, daß man die Athemzüge der Eingeſchlafenen zählen konnte. Martha ſaß in dem alten, braunen Lederſtuhl, auf jede Regung der ihr anvertrauten Kranken mit ange⸗ ſtrengter Aufmerkſamkeit lauſchend und bereit ihren noch ſo leiſe ausgeſprochenen Willen zu erfüllen. Von Zeit zu Zeit ſtand ſie auf und ſah nach der Uhr, welche ühr gegenüber an der Wand hing, um pünktlich den vor⸗ geſchriebenen Anordnungen nachzukommen. Mit leiſer Hand erneuerte ſie den kühlenden Umſchlag des Nerven⸗ fieberkranken, indem ſie zugleich dem herabgeſunkenen Kopf eine beſſere Lagerung zu geben ſuchte. Der Bewußt⸗ loſe ſtieß zum Dank ihre hilfreiche Hand zurück; ſie ach⸗ tete nicht darauf und vollendete ohne Scheu vor der nahe liegenden Anſteckung, ohne Furcht vor den Ausbrü⸗ chen einer ſinnloſen Wuth ihr barmherziges Werk. Wohl gehört ein hoher Grad von menſchlicher Kraft dazu, um ſo ſchwere, freiwillig übernommene Pflich⸗ ten zu erfüllen, mitten unter den Kranken Tag und Nacht zu leben, ihre Klagen mit Ruhe und Geduld an⸗ zuhören, ihre ſchreckliche und oft entſtellende Leiden liebe⸗ voll zu warten, täglich und ſtündlich dem Tod in ſeinen ſchrecklichen Geſtalten zu begegnen. Wir bewundern die treue Gattin, welche nicht von dem Lager des kranken Mannes weicht und ſich bereitwillig für ihn den ſchwer⸗ 121 ſten Dienſten unterzieht; wir preiſen die zärtliche Mutter, welche das leidende Kind bei Tag und Nacht mit immer gleicher Liebe pflegt, ihm ihren Schlaf opfert, keine An⸗ ſtrengung ſcheut, um den Liebling ihres Herzens zu er⸗ halten. Was bedeutet aber ihre Hingebung neben dem göttlichen Mitleid, womit die wahre Menſchenliebe oder echte Frömmigkeit an dem fremden Lager wacht und für die Armen und Verlaſſenen ſorgt? Wer zeigt einen hö⸗ heren Muth, der Krieger, welcher den feindlichen Ge⸗ ſchoſſen trotzt und den ehrenvollen Tod auf dem Schlacht⸗ felde nicht ſcheut, oder das ſchwache Weib, das die An⸗ ſteckung und Peſt aushauchenden Wunden verbindet und in ihrem heiligen Berufe ſtirbt? Es war eine finſtere, unheimliche Nacht; dunkles Gewölk lagerte am Himmel und verhüllte die tröſtenden Sterne. Der Nachtwind brauste und heulte um das ver⸗ einzelte Gebäude; zuweilen klang es wie das ängſtliche Wimmern eines hilflos ausgeſetzten Kindes. Langſam ſchlichen die Stunden, welche ſich bei einer ſolchen Wache zu einer unerträglichen Länge auszudehnen ſcheinen. Der Zeiger an der Uhr wollte nicht vom Flecke rücken, und die einförmigen Pendelſchläge dienten nur dazu, die Trägheit der Zeit zu meſſen. Martha war von düſteren Gedanken erfüllt, welche durch die traurige Umgebung nicht gemildert wurden. Das 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 8 Schickſal der unglücklichen Freundin beſchäftigte ſie aus⸗ ſchließlich, und unwillkürlich ſtiegen in ihrem Geiſte bange Zweifel und Fragen bei dem Looſe Getrud's auf. Was hatte die Unſchuldige verbrochen, daß ſie ſo ſchwer heim⸗ geſucht wurde und dem entſetzlichen Wahnſinn verfallen mußte? War es ihre Schuld, daß ſie dem Triebe ihres Herzens folgte und der Beſtimmung des Weibes nach⸗ ging?— Kann ſelbſt Frömmigkeit und feſter Glaube nicht vor der Sünde und dem Verſuchen ſchützen, und war es denn Sünde, was die Arme ſo elend machte? Einmal angeregt ließ ſie ſich immer weiter von ihren Gedanken fortführen, wie der Stein, der in's Waſſer fällt, immer weitere und weitere Kreiſe zieht. In ihrem bisherigen Aſyl hatte ſie Ruhe und Frieden geſucht, und nun gelangte ſie von Neuem zu der Ueberzeugung, daß auch hier der Zwieſpalt zwiſchen Gott und Welt, zwiſchen Glaube und Leidenſchaft nicht ausgeglichen ſei. Was mit und an Getrud geſchehen, erſchütterte ihr bisheriges Ver⸗ trauen; ſelbſt gegen den wahren Beruf und Nutzen der ganzen Anſtalt regte ſich in ihrer Bruſt manches gewich⸗ tige Bedenken, mehr aber noch gegen den hier zu Grunde liegenden, pietiſtiſchen Geiſt. Nicht in einſeitiger Abge⸗ ſchloſſenheit und im beſchränkten Sinne ſollte ſich die Menſchenliebe bethätigen; Martha verlangte eine freiere religiöſe Auffaſſung und Wechſelwirkung mit der Außen⸗ welt. 123 Sie ſuchte nach der Beſtimmung des Weibes, und fand dieſelbe innerhalb der Familie als Gattin und Mut⸗ ter, im freien Verkehr mit der Welt, den Ueberſchuß der Kraft nach Erfüllung der zunächſt liegenden Pflichten den Hilfsbedürftigen zuwendend. Das war ungefähr der Schluß, zu dem ſie durch ihr Nachdenken gelangt war, nur entbehrte dieſe gewon⸗ nene Anſchauung noch der nöthigen Klarheit. Das Alles beſtand mehr aus einzelnen abgeriſſenen Einfällen, Gei⸗ ſtesblitzen und lichtvollen Ahnungen, wie dies in dem Weſen und dem ganzen Entwickelungsgange dieſer eigen⸗ thümlichen Natur lag. Mitternacht war indeß herangerückt, als Martha's Ideenflug durch den lauten Ton der Hofglocke unterbro⸗ chen wurde; ihr gellender Klang verkündigte die Ankunft eines neuen Patienten, wahrſcheinlich eines plötzlich ſchwer Erkrankten, da ſeine Aufnahme zu ſo ungewohnter Stunde verlangt wurde. Die Diakoniſſin trat an das Fenſter, um nachzuſehen; beim Scheine der ſtets vor dem Portale brennenden Gaslaternen bemerkte ſie den ominöſen Korb, worin die Verunglückten aus der Stadt nach der Anſtalt befördert wurden. Bei dieſem Anblick konnte ſie ſich eines leiſen Schau⸗ ders nicht erwehren, obgleich ſie bereits daran ge⸗ wohnt war. 8* Einige Minuten ſpäter wurde von den handfeſten Dienern ein bewußtloſer Mann hereingetragen und auf ein gerade leer ſtehendes Bett gelegt; zugleich erſchien auch der Arzt, welcher, wie dies immer bei dringenden Fällen geſchah, ohne Säumen herbeigerufen wurde. Er näherte ſich dem Kranken, um ſeinen anſcheinend höchſt gefährlichen Zuſtand zu unterſuchen; Martha mußte ihm dabei behilflich ſein. Sie brachte ein angezündetes Licht und ein Waſchbecken herbei, für den Fall, daß dieſes ge⸗ braucht werden ſollte. Der Patient lag noch immer wie leblos da, ohne jede Bewegung; nur der ſchwache Herz⸗ ſchlag und der langſam ausſetzende Puls verriethen, daß noch das Leben nicht gänzlich erloſchen ſei; ſein Geſicht war nicht zu erkennen, da ein ſchmutziges Tuch, das um den Kopf gewunden war, ſeine Züge zum großen Theil bedeckten. „Nehmen Sie das Tuch fort!“ ſagte der Arzt, „damit ich das Auge und die Zunge exploriren kann.“ Martha gehorchte und warf dabei einen flüchtigen Blick auf den Leidenden. Unwilllkürlich ſtieß ſie einen leiſen Schrei der Ueber⸗ raſchung aus, den der Arzt, ganz mit Ergründung der ſchwierigen Diagnoſe beſchäftigt, nicht gehört zu haben ſchien. Eben ſo wenig bemerkte er, wie alle ihre Glieder zitterten. Der Schreck hatte das Blut von ihren Wangen —0 8 125⁵5 vertrieben, ſie war leichenblaß geworden und ihre Augen ſtarrten entſetzt, als hätte ſie ein Geſpenſt geſehen. Der Arzt ſetzte ruhig ſeine Bemühungen fort, ohne zu einem ſichern Reſultate zu gelangen, da der Kranke eben ſo wenig hören wie ſprechen konnte. „Ich glaube,“ ſagte der Doktor nach einigem Nach⸗ denken,„daß wir es hier mit einer narkotiſchen Vergiftung zu thun haben; geröthetes Geſicht, unbewegliche Pupille, angeſchwollene Venen, Bewußtloſigkeit; alle Symptome ſprechen dafür. Iſt denn Niemand hier, der den Kranken kennt und uns Aufſchluß geben kann?“ Ein Polizeibeamte meldete ſich und ſtattete ſeinen Bericht ab. Nach ſeiner Angabe war er des Nachts nach einem in zweideutigem Rufe ſtehenden Gaſthofe gerufen worden, wo der Fremde unter dem muthmaßlich ange⸗ nommenen Namen von Hahnſtein ſeit einigen Tagen logirte. Dem Wirth war das verdächtige Treiben desſel⸗ ben aufgefallen, beſonders aber daß er an dem letzten Tage weder zum Mittag noch zum Abendbrote erſchienen war. Er fürchtete daher, daß ſein Gaſt ſich entweder heimlich entfernt habe, oder ihm ein Unglück zugeſtoßen ſei, um ſo mehr, da auch das Stubenmädchen, welches wie gewöhnlich des Abends die Betten aufdecken wollte, die Thür verſchloſſen fand und auf ihr wiederholtes Klopfen und Rufen keine Antwort erhielt. Noch ſpät in der Nacht wendete er ſich deshalb mit ſeinen Befürchtungen an die Ppolizei des Reviers, welche mit Hilfe eines Schloſſers die Thür öffnete und die nöthigen Nachforſchungen an⸗ ſtellte. Man fand auch den Fremden, aber im bewußtloſen Zuſtande auf ſeinem Bette liegen; in ſeinen Händen hielt er ein halbgeleertes Fläſchchen, welches der Beamte jetzt aus ſeiner Taſche hervorzog und dem Arzte überreichte. Die Unterſuchung des Inhaltes beſtärkte ihn in ſeiner be⸗ reits ausgeſprochenen Meinung. „Vergiftung mit Opium,“ ſagte er mit einem triumphirenden Blick auf die zitternde Martha.„Der Fall iſt äußerſt intereſſant. Schade, daß wir nicht die Magenpumpe anwenden können, um das Gift heraus⸗ zuſchaffen; auch ein Brechmittel dürfte zu ſpät kommen. Es iſt ſchon zu viel Zeit verſtrichen, um die Urſache zu beſeitigen. Wir haben es nur noch mit der Wirkung des Giftes zu thun, und da müſſen wir energiſch einſchreiten, um der drohenden Apoplexie zu begegnen. Großer Ader⸗ laß, Blutegel an den Kopf, Eisblaſe, Senfteige an die Waden und ableitende Mixtur können vielleicht noch die eingetretene Lähmung aufhalten, obgleich ich trotz aller Gegenmittel an den Erfolg zweifeln möchte, weil, wie in den meiſten Fällen der Arzt nicht zur richtigen Zeit ge⸗ rufen wurde. Nichts deſto weniger bleibt der Fall bemer⸗ kenswerth, weil ich meine Diagnoſe glänzend beſtätigt finde.“ 127 Wahrſcheinlich hätte dem Arzt Martha's Verwir⸗ rung nicht entgehen können, wenn er nicht durch den Tri⸗ umph, den ſeine Wiſſenſchaft feierte, allzuſehr in Anſpruch genommen worden wäre. So beachtete er nicht die Span⸗ nung, mit der ſie ſeinem Ausſpruch lauſchte, eben ſo we⸗ nig wie das raſche Aufblitzen eines Hoffnungsſchimmers in ihren Augen, als er den Kranken ſo gut wie verloren gab. Nachdem der Doktor die nöthigen Anordnungen ge⸗ troffen und der Diakoniſſin noch einmal empfohlen hatte, bei dem erſten Lebenszeichen, das der Bewußtloſe von ſich geben würde, ihn rufen zu laſſen, entfernte er ſich in Be⸗ gleitung des Polizeibeamten und der Träger. Sie war allein mit dem Patienten, deſſen blaſſer Anblick ſie mit Entſetzen erfüllte; dennoch bezwang ſie ihren Widerwillen und näherte ſich ihrem Pflege⸗ befohlenen. Er war noch immer ohne Bewußtſein; die verzerr⸗ ten Linien ſeines Geſichtes zeigten trotz ihrer krampfhaf⸗ ten Verunſtaltung die Spuren früherer Schönheit, aber auch den Stempel eines wüſten Lebens voll zerſtörender Leidenſchaften, die ihre Furchen zurückgelaſſen hatten. Wie er ſo da lag mit den ſchwarzen, klebrigen Locken, gleich feuchten, dunklen Schlangen um die geiſterbleiche, von Schweiß bedeckte Stirn geringelt; mit den feſt gekniffenen Lippen, um die ein trotziges Lächeln zu ſpielen ſchien, mit 128 dem ihr wohlbekannten frechen Zug um Naſe und Kinn, den ſelbſt die Nähe des Todes nicht verwiſchen konnte: erſchien er ihr wie der böſe Geiſt ihrer Vergangenheit. Furcht und Haß waren die einzigen Gefühle, welche alle andern Gedanken in ihr verdrängten. Wenn er doch noch einmal erwachte und ſie wieder erkannte, war ſie verloren und der Schande preisgegeben. Unwillkürlich mußte ſie ſeinen Tod wünſchen, da für ſie kein anderer Ausweg blieb, ſeinem verderblichen Einfluße zu entgehen. So hatte ſie noch nie einen Menſchen gefürchtet und gehaßt. Mit angehaltenem Athem beugte ſie ſich jetzt über ihn, um ſich ſelbſt von ſeinem rettungsloſen Zuſtande zu überzeugen. Zitternd legte ſie ihre Hand auf ſeine nackte Bruſt, um die Schläge ſeines Herzens zu unterſuchen und nach derem ſchwächeren oder lauterem Klopfen die Gefahr abzumeſſen. Dann ergriff ſie das brennende Licht und fuhr, wie ſie es ſchon oft von dem Arzt geſehen hatte, damit dicht an ſeinen Augen mehrere Mal vorüber, um die Empfindlichkeit derſelben zu prüfen und darnach die Möglichkeit ſeines Wiederaufkommens zu beurtheilen. Starr und regungslos blieb die zuſammengezogene Pupille, ohne nur durch das leiſeſte Zucken den Eindruck der faſt ſengenden Flamme zu verrathen. Ein wilder Freudenſchimmer flog über ihr Antlitz, 129 als ſie dieſes Zeichen gänzlicher Abweſenheit ſeines Gei⸗ ſtes ſah. „Er wird und muß ſterben,“ flüſterte ſie leiſe vor ſich hin. Selbſtvergeſſen verharrte ſie in dieſer Stellung noch einige Augenblicke; in der Hand hielt ſie das Licht, von dem ſie ſelbſt und der Kopf des Patienten beleuchtet wurde, während ringsumher Alles dunkel blieb. In dem ſchönen Geſicht kämpfte Abſcheu und Entſetzen, Furcht und Hoffnung; eine dunkle Wolke lagerte um die finſtere Stirn und um die zuſammengezogenen Brauen, unter denen die düſter flammenden Augen wie eine ſchwüle Gewitternacht hervorblitzten. Es war ein Bild, wie ſich der Maler eine Judith denkt, wenn ſie den Schlaf des Holofernes belauſcht, voll entſetzlicher Majeſtät, erfüllt von Scham und Rache wegen der ihr angethanen Schmach, während noch die Erinnerung der genoſſenen Freuden über den ganzen Körper zittert. Alle guten Geiſter ſchienen von ihr gewichen, nur der Engel der Rache und der Vergeltung ſtand an ihrer Seite. Für den Fall, daß der Kranke wieder erwachen ſollte, hatte der Doktor eine Medizin verordnet, die auf dem Tiſchchen neben ſeinem Bette ſtand. Dicht dabei befand ſich eine Flaſche mit Opium für den Lungenſchwindſüchti⸗ gen, der ſich bereits an dies beruhigende Mittel ſo ſehr gewöhnt hatte, daß er die größten Gaben vertragen konnte, hinreichend einen andern Menſchen zu tödten. Wie leicht war eine Verwechslung geſchehen, ohne daß jemand einen ſolchen Mißgriff bemerkt hätte. Ein furchtbarer Gedanke ſchoß durch ihre Seele, unwillkürlich richtete ſie ihre Blicke auf die Flaſche mit ihrem tödtlichen Inhalt; ſie brauchte nur ihre Hand dar⸗ nach auszuſtrecken, um ſich von dem Verhaßten zu be⸗ freien. Vor Verrath war ſie ſicher, da im Saale Alles ſchlief, und ſelbſt wenn ſie und ihr Thun bemerkt wurden, ſo war ſie doch vor jeder Strafe geſchützt, da eine der⸗ artige abſichtliche Verwechslung ihr nicht nachzuweiſen war. Ihre Augen ruhten wie gebannt auf der braunen Flaſche, in der ſie die Rettung vor Schande ſah. Das dunkle Gefäß übte eine dämoniſche Anziehungskraft auf ihren Geiſt; es ſchien, als ob die narkotiſchen Dünſte, die es aushauchte, ihr Gewiſſen betäubt hätten. Sie war jetzt ruhiger geworden und auf Alles gefaßt. Todtenſtille lagerte über die Schläfer, ſelbſt der Nervenfieberkranke hatte ſein eintöniges Murmeln ein⸗ geſtellt. Da tönte ein tiefer Seufzer in Martha's nächſter 131 Nähe; ſie ſchrack zuſammen und lauſchte mit der ängſtlich⸗ ſten Spannung. Sicher hatte ſie ihre aufgeregte Phanta⸗ ſie getäuſcht. Wieder war es ſtill geworden, ſo ſtill, daß ſie die heftigen Schläge ihres eigenen Herzens hören konnte. Eine bange Minute war verſtrichen, ohne daß ſich Etwas regte. Jetzt aber ſeufzte es zum Zweitenmale ſo deutlich und vernehmlich, daß von einem Irrthum keine Rede ſein konnte. Zugleich fuhr der Beſinnungsloſe mit der bisher ſchlaff herniederhängenden Hand nach dem Kopfe, als wollte er die läſtige Eisblaſe, die der Arzt verordnet hatte, ſich abreißen. Es war kein Zweifel mehr, das bereits ſchwindende Leben ſchien zurückzukehren und auch die Spuren des wie⸗ dererwachten Bewußtſeins zeigten ſich allmälig in unzwei⸗ deutiger Weiſe. „Waſſer! Trinken!“ ſtöhnte er zwar dumpf, aber doch vernehmlich. Dabei ſchlug er ſeine Augen auf und ſtarrte die fremde Umgebung an, ohne jedoch zu wiſſen, wo er ſich befand. Sein irrer Blick fiel auf Martha, welche ihm zur Seite ſtand, die er jedoch eben ſo wenig erkannte, da noch eine trübe Wolke über ſeine Sinne lagerte und alle Ge⸗ genſtände von ihm verſchwammen. 132 „Trinken!“ forderte er noch dringender, indem er erſchöpft den halb erhobenen Kopf in das Kiſſen ſeines La⸗ gers zurückſinken ließ. Ein dumpfes Röcheln folgte der ungewohnten An⸗ ſtrengung. Die Diakoniſſin ſtand noch immer wie unter dem Einfluße eines böſen Zaubers, den Blick auf die ver⸗ hängnißvolle Flaſche gerichtet. Der Augenblick war ge⸗ kommen, um den ſchwankenden Entſchluß auszuführen— jetzt oder nie mußte die That geſchehen. Wenn er ſie erſt wiedererkannt hatte, ſo war Alles verloren. Ungeduldig über ihr Zögern ſtreckte er ſelbſt die Hand nach der Flaſche aus, ohne dieſelbe jedoch errei⸗ chen zu können; ſie brauchte ihm nur das von ihm ge⸗ wünſchte Glas unterzuſchieben, und er ſelbſt trank ſich den Tod daraus, ohne daß ſie die geringſte Schuld traf. Schon hob ſie ihren Arm, ſchon berührte ſie den Tod bringenden Saft; nur noch ſchwach kämpfte ihr Ge⸗ wiſſen gegen den Verſucher, der ſie ungeſehen umſchwebte und ihr zuflüſterte:„Was beſinnſt Du Dich? Niemand ſieht Dich, kein Menſch wird Dich anklagen, und die Welt verliert nichts an dieſem Elenden, der Dich ſo unaus⸗ ſprechlich unglücklich gemacht hat. Handle, ehe die Zeit verſtreicht; jeder noch ſo kurzer Aufſchub muß Dich verderben.“ 133 Der Kranke ſtieß über ihr unerklärliches Zaudern einen rohen Fluch aus, vor dem ſie zuſammenſchauderte. Der letzte Reſt von Mitleid, der in ihrer Bruſt zu ſei⸗ nen Gunſten ſprach, ſchwand vor dieſem Ausbruche ſeiner ungebändigten Wuth, von der ſie ſo viel in früherer Zeit gelitten hatte. Wie giftige Schlangen regten ſich die alten Erinnerungen in ihrer Bruſt, jeder Schimpf, den er ihr einſt angethan, ſtand jetzt lebendig vor ihrer Seele und forderte ſie auf, ſich an dem Erbärmlichen zu rächen. Die Furien, welche dem Verbrechen zur Seite ſtehen, über⸗ täubten mit ihrem Ziſcheln die letzten Mahnungen ihres Gewiſſens und leiteten ihre Hand zum Verderben. Jetzt nahm ſie das Glas— krampfhaft hielt ſie es umfaßt. Da rief eine Stimme mit wunderbarer Kraft und unbeſchreiblichem Ausdrucke einen einzigen Namen, vor dem alle böſen Geiſter weichen müſſen. „Gott!“ „Gott!“ tönte es immer lauter und lauter wie eine Warnung des Himmels, wie die Stimme des Gerichtes. Es war der Nervenfieberkranke, der ſich in ſeinem Bette aufgerichtet hatte und in ſeinen Phantaſien den Na⸗ men Gottes wiederholt ausſprach. Er hatte die Hände gefaltet und betete in rührender Weiſe ein halbvergeſſe⸗ 134 nes Gebet aus den Kindertagen, das plötzlich wieder in ſeiner Erinnerung auftauchte. Unwillkürlich ließ Martha das bereits ergriffene Glas fallen, daß es zerbrach. Auch ſie faltete ihre Hände und flüſterte:„Gott!“ Thränen der tiefſten Reue überſtrömten ihr Geſicht— ſie war gerettet. „Und vergib uns unſere Schuld, ſo wie wir vergeben unſeren Schuldigern,“ betete ſie leiſe, indem ſie dem Feinde den von dem Arzte verordneten Trank reichte, den er be⸗ gierig hinunterſchluckte. Die günſtige Wirkung des ihm gereichten Mittels ließ ſich nicht verkennen; der furchtbare Andrang des Blutes nach dem Kopfe hatte aufgehört, ſeine Sinne wur⸗ den freier. Noch hatte er die Diakoniſſin nicht erkannt, welche jetzt zu ihrer Pflicht zurückgekehrt, ihm die liebevollſte Pflege widmete und unabläſſig um ihn bemüht war. Sie wußte, daß neue Verwicklungen ihrer warteten, daß dieſer Mann von dem Augenblicke, wo er erſt ſein Bewußtſein vollſtändig wiedererhalten, den mühſam errungenen Frie⸗ den ihr rauben würde. Demungeachtet ſorgte ſie für ihn wie die Schweſter für den leidenden Bruder, wie die Mut⸗ ter für ihr krankes Kind. Mochte ihr auch geſchehen, was da wolle, was der 135⁵ Himmel über ſie verhängt, ſie war entſchloſſen, geduldig an dem Lager des Kranken auszuharren bis zu ſeiner Ge⸗ neſung— das war die Buße, welche ſie ſich ſelber für ihre ſtrafbaren Gedanken auferlegte. Er war von Neuem auf ſein Bett zurückgeſunken und eingeſchlafen; diesmal aber war es nicht der bleierne Todesſchlaf, durch den Genuß des Giftes hervorgebracht, ſondern der wunderthätige Schlummer der Geneſung, wo⸗ mit die gütige Natur den geſchwächten Körper wieder kräftigt und herſtellt. Als der Arzt gegen Morgen von ihr gerufen wurde, war er erſtaunt, den aufgegebenen Patienten noch am Le⸗ ben zu finden. „Das iſt der wunderbarſte Fall,“ ſagte er,„der mir in meiner Praxis vorgekommen iſt. Opiumvergiftun⸗ gen in einem ſo hohen Grade enden gewöhnlich tödtlich. Nur unſeren außerordentlichen Bemühungen iſt das glück⸗ liche Reſultat zuzuſchreiben. Wir haben ihn gerettet.“ „Nicht wir, ſondern Gott hat ihn gerettet,“ ent⸗ gegnete Martha tief bewegt. Achtes Capitel. Die helle Morgenſonne ſchien bereits durch die ho⸗ hen Bogenfenſter und ihre goldene Strahlen ſpielten um die Betten der Kranken, während die nur ſchwach bren⸗ nende Nachtlampe zu erlöſchen drohte. Mit dem jungen Tage kehrte nicht nur das Licht, ſondern auch neue Hoff⸗ nung wieder in das Gemüth der Leidenden zurück. Das Fieber wich, der ſtürmiſche Puls ging ruhiger, das wilde Klopfen des Herzens hörte auf, der umflorte Blick er⸗ hellte ſich; denn mit der Nacht fliehen all' die ſchlimmen Geiſter. Hier und da richtete ſich bereits ein Patient in ſeinem Bette auf, geſtärkt durch den erquickenden Schlum⸗ mer und den belebenden Einfluß der herrlichen Sonne. Auch der Gerettete ſchlug jetzt ſeine Augen auf; ſeine Beſinnung war vollkommen wiedergekehrt; die Ge⸗ genwart der Diakoniſſin konnte ihm nicht länger ver⸗ borgen bleiben, trotz der veränderten Geſtalt hatte er ſie erkannt. 137 „Martha!“ rief er mit ſchwacher Stimme voll Er⸗ ſtaunen. Mit großen, überraſchten Blicken ſtarrte er ſie an, als wenn er ſeinen Sinnen nicht traute. Er glaubte noch zu träumen und hielt ihre Erſcheinung für ein Gebilde ſeiner durch das Opium aufgeregten Phantaſie, von de⸗ nen er ſeit vierundzwanzig Stunden gequält worden war. „Martha!“ fragte er zweifelnd,„biſt Du es, oder ein Geſpenſt?“ „Ich bin es,“ flüſterte ſie leiſe,„aber rede nicht ſo laut, da wir nicht allein ſind.“ Ein eigenthümliches Lächeln ſpielte um die zucken⸗ den Lippen, ein Lächeln der boshaften Freude und des ſpöttiſchen Hohns. Kaum dem Tode entronnen zeigte er, daß die jüngſten Ereigniſſe nicht dazu beigetragen hatten, ihn zu beſſern und ſeinen verdorbenen Charakter zu ändern. „Komm näher!“ ſagte er in befehlendem Tone. „Ich habe Dich viel zu fragen.“ Sie gehorchte wie der zitternde Vogel, den die Klapperſchlange mit ihrem bezauberten Blick beherrſcht. Er hatte bereits wieder ſchnell begriffen, daß ſie durch die Verhältniſſe in ſeiner Gewalt war und ihm nicht mehr entfliehen konnte; ſogleich faßte er den Vor⸗ ſatz aus ihrer Lage und dieſem Haſammentreffen den mög⸗ 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 9 138 lichſten Nutzen zu ziehen. Die durch das Gift hervor⸗ gebrachte Betäubung war nach dem geſunden Schlummer gänzlich gewichen und hatte nur einer Reizbarkeit Platz gemacht, wie man ſie häufig bei Trunkenen beobachtet, wenn ſie ihren Rauſch erſt ausgeſchlafen haben. „Zum Henker!“ fragte er,„wo bin ich und wie bin ich hierher gekommen in dies verfluchte Krankenloch?“ „Du biſt in Gethſemane in der Diakoniſſinnen⸗An⸗ ſtalt.“ „Und was machſt Du hier?“ „Ich bin Diakoniſſin, wie Du ſiehſt.“ Der Kranke ſchlug ein lautes, rohes Gelächter auf, das zum Glück von den übrigen Patienten theils nicht beachtet, theils auf Rechnung ſeines aufgeregten Zuſtan⸗ des geſchrieben wurde. Die bebende Martha warf ihm einen bittenden Blick zu, ſeine Schonung anrufend. „Ich verſtehe,“ murmelte er,„Du willſt nicht ver⸗ rathen ſein. Gut! Ich werde ſchweigen, mein frommes Schäfchen, bis wir uns erſt verſtändigt haben werden. Doch zuvor möchte ich von Dir wiſſen, was in den letz⸗ ten vierundzwanzig Stunden mit mir vorgegangen iſt?“ „Du biſt beſinnungslos in dieſer Nacht hierher ge⸗ bracht worden. Der Arzt erklärte Deinen Zuſtand für lebensgefährlich.“ „Dein Arzt iſt ein Eſel, wie Du Dich durch den — u—— 139 Augenſchein überzeugt haſt. Laß mich einmal nachden⸗ ken; ich muß erſt meine Gedanken zuſammenklauben— mein Kopf iſt ſo wüſt, als hätte ich drei Tage hinter⸗ einander nichts wie Grog getrunken.— Hal jetzt erinnere ich mich— ich hatte wieder einmal die ganze Nacht ge⸗ ſpielt und Alles verloren.— Wer Teufel hieß mich auch auf die Dame ſetzen!— Die Damen haben mir immer Unglück gebracht; nicht wahr, mein Schätzchen?— Ich kam ohne einen Groſchen in die Spelunke zurück und hatte außerdem den Katzenjammer, nicht nur den gewöhn⸗ lich kleinen, ſondern auch den großen moraliſchen, der ſich immer einzuſtellen pflegt, wenn das Geld fehlt.— Der Menſch iſt doch ein erhärmlicher Thor, daß er das verfluchte Gold und Silber zu ſeinem Tyrannen gemacht hat.— Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte längſt der Plunder getheilt werden müſſen. Gemeinſchaft der Güter und der Frauen— verſteht ſich.“ „Ferdinand!“ mahnte die erſchrockene Martha, „ſchone mich, bedenke, wo Du Dich befindeſt. Wenn Du nicht aus einem andern Tone mit mir ſprichſt, muß ich Dich verlaſſen. Deine Nachbarn können uns hören.“ „Haſt Recht,“ fuhr er leiſer wieder fort.„Wie man mit den Wölfen heulen muß, ſo muß man hier mit den Schafen blöcken, was mir freilich ſchwerer fällt. Zur Sache! Ich hatte Alles bis auf den letzten Heller 9 140 verloren und dazu noch den jämmerlichſten Katzenjammer von der Welt. Das Leben war mir zum Ekel, ſo ſchal und nüchtern wie ein Glas abgeſtandenes Waſſer.— Willſt es einmal mit der andern Welt probiren, dachte ich mir da, willſt ſehen, wie es da ausſieht und ob die Pfaffen oder Philoſophen Recht haben. Du weißt, daß ich ſelbſt ein Stück von einem Philoſophen war und mich mit Kant und Fichte, Hegel und Schelling herum⸗ geſchleppt habe, bis ich ihr Geſchwätz ſatt bekommen habe. Alles Lüge, nichts als Worte; denn wo Begriffe fehlen, da ſtellt ein Wort zur rechten Zeit ſich ein, wie Vater Göthe ſagt. Aus purer Neugierde wollte ich mich einmal von dem Ungrund aller Syſteme, Theorien und der ganzen Gelehrſamkeit überzeugen. Ich kannte einen Saft, der ſchnell trunken macht. Ein Fläſchchen mit Opium führe ich immer bei mir, weil ich ſeit einiger Zeit an einer verdammten Schlafloſigkeit leide. Es iſt ein ausgezeichnetes Mittel, um uns von den dummen Ge⸗ danken zu befreien, die ſich wie ungebetene Gäſte Einem aufdrängen. Verſuch' es nur mit Opium, das hilft; es iſt ein wahres Zaubermittel. Zuerſt träumt man, und was für Träume! Einige Tropfen— und ich werde zum Krö⸗ ſus, der ſich in Gold wälzt, zum Sultan, der von den ſchönſten Frauen ſeines Harems umgeben iſt. Ich brauche nur zu winken, und die reizendſte Tſcherkeſſin ſinkt an 141 meine Bruſt und umſchlingt mich mit ihren weichen Armen.“ „Ferdinand!“ mahnte die Diakoniſſin, um die üppigen Bilder ſeiner noch berauſchten Phantaſie zu zü⸗ geln, vor denen ſie ein Grauen empfand. „Laß' gut ſein!“ entgegnete er.„Die Träume ſind noch das Beſte an dem lumpigen Leben und der Schlaf rtngt Vergeſſenheit. Es gibt ſo viel, was ich gern ver⸗ geſſen möchte. Dafür nahm ich das Opium, um einmal Alles und mich ſelber zu vergeſſen. Die Gabe muß zu groß geweſen ſein; wie Wallenſtein gedacht' ich einen lan⸗ gen Schlaf zu thun. Wie es ſcheint, wollte mich der Tod noch nicht— auch gut— Königin! Das Leben iſt doch ſchön, rufe ich mit Marquis Poſa, um wie dieſer Schwärmer mit einem Piſtolenſchuß ein andermal zu anden 4 „Du ſollteſt Gott für Deine Rettung danken und nicht ſolche läſterliche Reden führen.“ „Aha! Biſt Du auch ſchon angeſteckt,“ höhnte er, „von der frommen Luft, die hier zu wehen ſcheint? Kleine Heuchlerin! Ich kenne Dich beſſer, mir ſtreuſt Du keinen Sand in die Augen. Ich weiß, wie Du über ſolche Dinge denkſt; haſt ja den Feuerbach und Bruno Bauer mit mir geleſen und von meinem Unterricht gehörig profitirt. Alle Religion iſt nur Selbſtvergötterung; der dumme 142 Pöbel kniet und zittert vor ſeinem ſelbſtgeſchaffenen Po⸗ panz, Leute wie wir ſpotten über ſolchen Kühlerglauben und fürchten ſich nicht vor Geſpenſtern ohne Fleiſch und Bein.“ Ein eiſiger Schauer überfiel Martha, als ſie wie⸗ der dieſe vermeſſenen Reden hörte, welche ſie aus dem⸗ ſelben Munde früher ſchon vernommen und in die ſie in vergangenen Tagen ſelbſt mit eingeſtimmt. Furcht und Reue erfüllten ihre Bruſt; ſie glaubte, es müßte ein Blitz aus heiterem Himmel niederfahren und den Frevler zerſchmettern. „Hör' auf!“ flehte ſie mit erhobenen Händen.„Ich beſchwöre Dich bei Allem, was Dir noch heilig iſt, rede nicht in dieſem Tone weiter, oder ich muß gehen.“ „Bleib!“ herrſchte er ihr zu im Gefühle ſeiner Uebermacht.„Du wirſt bleiben, ich befehle es Dir. Deine Ohren ſind verdammt zart und klitzlich geworden, ſeit⸗ dem wir uns zum Letztenmale geſehen haben. Sonſt haſt Du mit mir über die Vorurtheile der Welt gelacht. Soll⸗ teſt Du wirklich fromm geworden ſein und die reuige Magdalena in allem Ernſte ſpielen wollen?— Der Spaß iſt einzig und nicht mit Gold zu bezahlen. Du willſt wohl einmal gar heilig geſprochen werden?— Immer beſſer; das überſteigt doch das Tollſte, was ich in meinem tollen 143 Leben ſchon geſehen. Aengſtige Dich aber nicht, ich will Dich nicht verrathen, wenn Du meinen Willen thuſt.“ „Was verlangſt Du von mir?“ „Das wird ſich finden, ich muß es mir erſt über⸗ legen. Wir haben ja Zeit, da ich wohl noch einige Tage hier bleiben und das Vergnügen Deiner Unterhaltung ge⸗ nießen werde. Hier iſt auch nicht der paſſende Ort, um ſich ordentlich auszuſprechen. Dein Ruf könnte darunter leiden, und ich will Dich durchaus nicht in Deiner from⸗ men Carriere ſtören. Du ſollſt ſehen, daß ich ein guter Kerl bin und eine alte Freundin zu ſchonen weiß. Eine Gelegenheit wird ſich ſchon ſinden, irgend ein heimlicher Winkel in dem Hauſe, wo man ungeſtört ein Wörtchen verplaudern kann. Wir haben noch allerlei alte Rechnun⸗ gen mit einander abzumachen. Jetzt aber laß mich; das viele Reden hat mich angeſtrengt; ich fühle, daß ich wie⸗ der ſchläfrig werde. Geh', aber mache keinen Verſuch, mir fortzulaufen, ſonſt thue ich den Mund auf und ſage aller Welt, daß die fromme Diakoniſſin—“ Die letzten Worte ſprach er ſo leiſe, daß ſelbſt Martha ſie kaum hören konnte, aber die Wirkung derſel⸗ ben war eine ſchreckliche. Nur mit Mühe und Noth hielt ſie ſich noch aufrecht; jeden Augenblick drohte ſie umzu⸗ ſinken; es bedurfte ihrer ganzen Energie, um ſich nicht durch einen lauten Schrei zu verrathen. Krampfhaft biß 144 ſie die Zähne zuſammen und mit beiden Händen bedeckte ſie das Geſicht, um ihre von Scham und Schmerz entſtell⸗ ten Züge zu verbergen. Als ſie aufſah, ſchlief der fürchterliche Menſch be⸗ reits wieder ſo ruhig, als wenn nichts geſchehen wäre. Geknickt und an allen Gliedern wie gebrochen ent⸗ fernte ſie ſich, da ihre Wache beendet war, um ſich in ihre Zelle zur Ruhe zu begeben. Beim Ausgange aus dem Saale traf ſie mit der Oberaufſeherin zuſammen, die ſich mit erheucheltem Mitleiden ihr näherte. „Um des Himmels Willen,“ ſagte dieſe in ihrer höflichen Weiſe.„Schweſter Martha! Du ſiehſt ja bleich wie der leibhaftige Tod aus. Was iſt Dir begegnet?“ „Nichts!“ entgegnete ſie ausweichend. „Kann es mir wohl denken; die böſen Nachtwachen. Freilich, daran muß man ſich erſt gewöhnen, die ſind auch nicht nach Jedermanns Geſchmack und für ſolche zarte Conſtitutionen wie die Deinige gemacht. Und dann der Kummer um die arme Getrud; ihr waret ja immer die beſten Freundinnen, ein Herz und eine Seele. Wer hätte das von dem ſtillen, guten Mädchen denken ſollen? Aber ſtille Waſſer ſind tief.“ „Was iſt mit ihr?“ fragte Martha, die über ihre eigenen furchtbaren Erlebniſſe das Schickſal der Freundin 145 faſt vergeſſen hatte und ſich jetzt im Stillen darüber Vor⸗ würfe machte. „Was mit ihr iſt?“ wiederholte Schweſter Suſanna mit eigenthümlichem Lächeln.„Ich dachte, das müßteſt Du beſſer wiſſen, da Du faſt nie von ihrer Seite ge⸗ kommen biſt. Die Aermſte iſt beſeſſen, der böſe Feind hat ſie in ſeine Gewalt bekommen. Sie raſ't und ſingt fort⸗ während die abſcheulichſten Lieder, ſtößt die gottesläſter⸗ lichſten Reden aus. Wie das unſchuldige Kind nur dazu gekommen ſein mag?“ Dieſe anſcheinend ganz harmloſe Frage war mit ei⸗ nem boshaften Seitenblick auf Martha gerichtet, die indeß von allen Seiten beſtürmt nichts zu hören und zu bemer⸗ ken ſchien. „Ja, ja!“ fuhr die Oberaufſeherin fort, welche ſich an ihrer Verwirrung zu weiden ſchien.„Unſer würdiger Seelſorger hat erklärt, daß über Nacht Satan ſein Un⸗ kraut in den Weizen geſtreut, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen ſein kann. Er hat mit der armen Ge⸗ trud geſprochen und von ihr haarſträubende Geſchichten gehört. Die Ehre unſerer Anſtalt fordert eine genaue Unterſuchung, die auch nicht ausbleiben wird. Einſtweilen hält die gnädige Oberin die Sache noch geheim, weil ſie kein Aergerniß zu geben liebt; aber es wird Alles noch an den Tag kommen, und über die Schuldigen ſoll ein 146 ſtrenges Gericht gehalten werden. Doch ich will Dich nicht länger aufhalten, Du wirſt müde ſein und der Ruhe be⸗ dürfen. Der Herr ſchenke Dir einen geſunden Schlaf.“ Martha ging oder ſchwankte vielmehr, da ihre Kniee von all' dem eben Gehörten und Erlebten zuſammen⸗ knickten; die Oberaufſeherin begleitete ſie mit ihren ſte⸗ chenden Blicken, bis ſie verſchwunden war. „Wenn die kein räudiges Schaf in unſerer Heerde iſt,“ murmelte ſie ihr nach,„ſo verſtehe ich mich nicht darauf. Sie hat ja nicht einmal gewagt die Augen auf⸗ zuſchlagen, als ich mit ihr redete, und dabei zitterte ſie am ganzen Leibe. Ich hab' es immer der Oberin geſagt, daß ſie ihr nicht trauen ſoll. Die„Gebildete“ muß von hier fort, ihr letztes Brod iſt wohl gebacken. Ich will ſie ſchon beobachten, und wenn ich etwas Verdächtiges bemerke, weiß ich, was ich zu thun habe.“ Mit dieſem guten Vorſatze begab ſich Schweſter Suſanna auf ihren Poſten, innerlich erfreut, daß ihre Nebenbuhlerin in der Gunſt der Oberin, die ſie ſelbſt als ihr ausſchließliches Eigenthum beanſpruchte, durch die letzten Vorgänge einen Stoß erhalten und ihrem Falle nahe ſchien. Zugleich nahm ſie ſich vor, Martha auf jedem Schritt zu belauſchen und Alles, was ſie entdecken würde, ſogleich der Oberin zu hinterbringen. 8 Als Martha bis nach ihrer Zelle ſich mühſam ge⸗ 147 ſchleppt hatte, warf ſie ſich angekleidet, wie ſie war, voll Erſchöpfung auf ihr Bett. Erſt jetzt geſtattete ſie ihren Thränen, die ſie bisher mühſam unterdrückt hatte, den freien Lauf. Laut ſchluchzend überließ ſie ſich dem Aus⸗ bruche der tiefſten Verzweiflung; in kurzer Zeit hatte ſie mehr erfahren, als ein Menſch zu ertragen vermag. Die einzige Freundin, welche ſie noch auf der Welt beſaß, war dem Wahnſinn verfallen; ſie ſelbſt ſah ſich in der Gewalt eines Mannes, der ihre Jugend vergiftet hatte und jetzt erſchienen war, um ihr die letzte, ihr übrig gebliebene Zu⸗ flucht zu rauben. Dazu kam noch das Bewußtſein ihrer Schuld; wie wenig hatte nur noch gefehlt, und ſie war— eine Verbrecherin. Dieſer Gedanke lähmte vollends den letzten Reſt des Widerſtandes und brach ihre moraliſche Kraft. Wenn ſie ſich der Vorgänge dieſer Nacht erinnerte, ſo erfaßte ſie ein Grauen vor ſich ſelber, ſie mußte ſich verachten und verabſcheuen. Was ſollte ſie beginnen? Wilde, abenteuerliche Entſchlüſſe und verzweiflungs⸗ volle Entwürfe kreuzten ſich in ihrem Gehirn, eben ſo ſchnell entſtanden, als wieder verworfen. Bald wollte ſie entfliehen, aber wohin? Ihre nächſten Verwandten hatten ſich von ihr losgeſagt und ſie verſtoßen; ſie kannte keinen Menſchen, dem ſie ſich anvertrauen konnte. Hatte nicht 148 der Entſetzliche gedroht, ihr überall zu folgen und nicht von ihr abzulaſſen; war ſie nicht an ihn gebunden und in dieſem Augenblicke mehr als je, da ſie ſich ihm gegenüber ſchuldig wußte?— Sie hatte den Entſchluß gehabt, ihn zu tödten; nur die Dazwiſchenkunft der Vorſehung hin⸗ derte ſie an der Ausführung ihres gräßlichen Vorhabens. War nicht der Gedanke eben ſo ſträflich wie die That?— Die tiefſte Reue konnte nicht genügen, einen ſolchen Frevel zu ſühnen. Welche Buße reichte hin, um ſie von einer ſo großen Schuld wieder rein zu waſchen?— Je mehr ſie über dies Ereigniß nachdachte, deſto mehr war ſie bei ihrer gegenwärtigen Stimmung geneigt, in dem ganzen Vorgange eine höhere Leitung und die Hand des Himmels zu erkennen. Der Zufall gewann für ſie den Anſchein der weiſeſten Abſicht, der wunderbarſten Lenkung. Gott hatte ſie dazu erwählt, den gefallenen Sünder wieder aufzurichten, den Atheiſten zu bekehren, den Selbſtmörder zu retten.— Durfte ſie ſich dieſem göttlichen Rufe entziehen? Damit hoffte ſie auch ihr Verbrechen zu ſühnen. Sie verkannte nicht die Schwierigkeit einer ſolchen Aufgabe, aber gerade eine Natur wie die ihrige ließ ſich von Schwierigkeiten nicht abſchrecken; alle Hinderniſſe verſchwanden vor ihrer lebhaften Phantaſie und ihrer wiedererwachten Willenskraft. Sich ſelber gelobte ſie, den 149 Verlorenen wieder zu gewinnen und nicht eher von ihm abzulaſſen, bis ihr Werk gelungen und ſie ihn der Tugend zurückgegeben.— Alle Bedenklichkeiten ſchwanden fortan vor dieſem frommen Vorſatze, der aus ihrer neuen Glaubensrichtung hervorgegangen war. Wie ſie ihm das Leben anfänglich rauben wollte: ſo ſollte er jetzt durch ſie einem neuen, beſſeren Leben gewonnen werden, indem ſie ſich ſelbſt und ihr Glück für ihn zum Opfer brachte.— Das Beiſpiel des Erlöſers, ſein Leiden und ſein heiliger Tod ſchwebten in dieſem Augenblicke, wenn auch nur in verworrener Ge⸗ ſtalt und unklarer Ahnung vor ihrer Seele. Wie dieſer war ſie bereit zu dulden und das ſich ſelber aufgelegte Kreuz zu tragen, obgleich ſie ſich nicht werth fühlte, in ſeine göttliche Fußſtapfen zu treten. Unwillkürlich richtete ſie ihren Blick auf den Chriſtus⸗ kopf von Carlo Dolce, ein Geſchenk der Oberin, das in ihrer Zelle hing. Mit dem gefaßten Entſchluße kehrte ihre frühere Ruhe zurück; ſie war bereit dem Manne wieder zu fol⸗ gen, den ſie als die einzige Urſache aller ihrer Leiden an⸗ ſehen mußte. Keinen Augenblick verhehlte ſie ſich die neuen Verwirrungen, denen ſie dadurch entgegenging; muthig bekämpfte ſie den unüberwindlichen Abſcheu, den er ihr in ſeiner jetzigen Geſtalt einflößte; ſie täuſchte ſich nicht über 150 die Gefährlichkeit eines ſolchen Schrittes, über die Miß⸗ deutungen der Welt, über die Größe des zu bringenden Opfers. Noch heute wollte ſie ihn ſelbſt davon in Kennt⸗ niß ſetzen und Alles anwenden, um ihn zu retten. Zu dieſem Behufe begab ſie ſich nach dem Kranken⸗ ſaale, wo ſie die Gelegenheit zu finden hoffte, mit ihm allein und von den Andern ungehört zu ſprechen; was um ſo leichter war, da zwiſchen dem einen und dem andern Bette ein Zwiſchenraum von einigen Schritten war. Als ſie eintrat, fand ſie die Oberaufſeherin mit Fer⸗ dinand im heftigen Wortwechſel; dieſer hatte die ſchmale Krankenkoſt verſchmäht und verlangte ungeſtüm nach kräfti⸗ ger Nahrung. „Glaubt ihr denn,“ ſchrie der ungebändigte Menſch, „daß mein Magen ſich mit euren dummen Waſſerſuppen abſpeiſen läßt. Ich habe einen Wolfsappetit und ihr wollt mich verhungern laſſen.“ „Sie werden eſſen,“ entgegnete die kreiſchende Stim⸗ me Suſanna's,„was Ihnen der Arzt vorgeſchrieben hat; Sie ſind auf halbe Portion geſetzt, und damit Baſta!“ „So eine halbe Portion iſt für eine Mücke gut, aber nicht für einen Kerl wie ich. Denkt ihr denn, daß ihr ſo einen frommen, waſchlappigen Webergeſellen hier vor euch hab't, der mit euren Traktätlein ſich abfuttern läßt 151 und mit der Ausſicht auf die himmliſche Seligkeit ſeinen knurrenden Magen beruhigt?“ „Schweigen Sie ſtill!“ rief die Oberaufſeherin, in⸗ dem ſie vor Entſetzen über ſeine gottloſen Reden die Hände über den Kopf zuſammenſchlug.„Schweigen Sie ſtill, oder ich werde Ihr ungebührliches Betragen der gnädigen Oberin melden, die Sie wegen Ihres Benehmens aus der Anſtalt entfernen laſſen kann.“ „Hoho!“ lachte der Kranke,„ich gehe nicht ſo ſchnell; vorläufig gefällt es mir hier ganz gut und ich wäre auch in Verlegenheit wegen eines andern Quartiers. Nur das Eſſen muß noch reichlicher und beſſer werden. Wo iſt Martha, ich meine Schweſter Martha?“ fügte er ſich beſinnend hinzu. „Schweſter Martha iſt müde und ruht in ihrer Zelle aus. Was wollen Sie von ihr?“ „Sie ſoll herkommen; ich will es. Sagen Sie nur, daß Ferdinand ſie zu ſprechen wünſcht, und ich wette dar⸗ auf, daß ſie ſich nicht zweimal rufen laſſen wird.“ „Sie ſcheinen Schweſter Martha von früher zu kennen,“ entgegnete die Oberaufſeherin aufhorchend. „Wenigſtens läßt Ihre Sprache auf eine alte Bekannt⸗ ſchaft ſchließen.“ „Das will ich meinen,“ bekräftigte er mit rohem Gelächter. 152 In dieſem Augenblicke gewahrte er die Diakoniſſin, welche bleich, mit erhobenen Händen auf der Schwelle ſte⸗ hen geblieben war und ihm ein verſtändliches Zeichen machte. Ihre ſtille Reſignation, der flehende Blick ihrer thränenſchweren Augen ſchienen ſelbſt dieſe verwilderte Natur zu rühren. Mit einem ſpöttiſchen Lächeln wendete er ſich auf die Oberaufſeherin, welche voll Neugier den gehofften Enthüllungen entgegenſah und darüber ihre anfängliche Wuth gänzlich vergeſſen zu haben ſchien, ja ſogar ihr gelbes Geſicht zu einem freundlich grinſenden Lächeln ſchon verzogen hatte. „Wenn Ihr mehr wiſſen wollt, müßt Ihr ſie ſchon ſelber fragen,“ ſagte er mit dem Finger nach der Thüre deutend.„Sie wird Ihnen die gewünſchte Auskunft am beſten geben können.“ Die Oberaufſeherin war nicht wenig überraſcht, als ſie in der angegebenen Richtung die Diakoniſſin ſah, wel⸗ che ſie noch auf ihrem Zimmer ſchlafend glaubte. Die Störung war ihr doppelt unangenehm, da ſie auf dem beſten Wege war, von dem Kranken Manches über Mar⸗ tha und deren räthſelhafte Vergangenheit zu erfahren. Dieſe Hoffnung war nun wieder vereitelt, und außerdem mochte die würdige Frau wohl am beſten fühlen, daß ſie als ertappte Aufhorcherin ſich eben nicht im vortheilhafte⸗ ſten Lichte zeigte. 153 „Ha, ha!“ begrüßte ſie die Diakoniſſin mit einem erzwungenen Lächeln.„Schweſter Martha! Du findeſt mich in der Unterhaltung mit einem Deiner Jugend⸗ freunde; ein ganz angenehmer Mann, nur noch ein wenig zu weltlich geſinnt. Legt auch ein zu großes Gewicht noch auf irdiſche Speiſen.“ „Weil man von den himmliſchen nicht ſatt wird,“ ſchaltete Ferdinand ſpöttiſch ein. „Da hörſt Du, wie noch der Böſe aus ihm ſpricht; aber ich zweifle nicht daran, daß es Dir gelingen wird, ihn auf beſſere Gedanken zu bringen. Wir wiſſen ja, was Deine Geſellſchaft vermag. Darum will ich auch nicht ſtören und Dir die Ehre der Bekehrung überlaſſen. Alte Bekannte haben ſich ohnehin Mittheilungen zu machen, die ein Dritter nicht zu hören braucht. Kann es mir denken; da gibt es angenehme Erinnerungen, Fragen und Ant⸗ worten, die man nicht gern vor Andern laut werden läßt. Nun, ich wünſche viel Vergnügen.“ Innerlich mehr als je über Martha ergrimmt, von der ſie keiner Antwort gewürdigt wurde, entfernte ſich die Oberaufſeherin mit dem feſten Entſchluße, nicht eher zu ruhen, bis ſie ihre Feindin geſtürzt haben würde, wozu die Gegenwart Ferdinand's ihr die erwünſchte Gelegenheit zu bieten ſchien, da es dem ſchlauen, intriguanten Weibe nicht entgangen war, daß zwiſchen ihm und Martha eine 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 10 geheimnißvolle Verbindung ſtattfinde, deren genauere Kenntniß ſie vielleicht zu dem ſo ſehnlichſt erwarteten Ziele führen könnte. „Den Burſchen,“ dachte ſie im Stillen,„muß ich noch zum Sprechen bringen; vielleicht öffnet er den Mund, wenn ich ihm Morgen zu Mittag eine ganze Portion ſtatt ſeiner halben verabreiche. Hinter dieſer Bekanntſchaft ſcheint mir mehr zu ſtecken, als Schweſter Martha glauben machen will. Aber es iſt nichts ſo fein geſponnen, endlich kommt es an das Licht der Sonnen.“ Nenntes Capitel. Wieder war es dunkle Nacht, als Martha leiſe die Thüre ihrer Zelle öffnete; vorſichtig lauſchte ſie, ob ſich nichts Verdächtiges regte, aber Alles blieb ſtill, da die Bewohner des Hauſes bis auf die Wärterinnen, welche die Wache hatten, längſt ſchon ſchliefen. Auf den Fuß⸗ zehen ſchlich ſie mit angehaltenem Athem über die matt erleuchteten Gänge die Treppe hinunter, welche nach dem inneren Hofe führte. Dort ſtand ein kleines niedriges Haus mit matt ge⸗ ſchliffenen Fenſterſcheiben, deſſen Beſtimmung ſich ſchwer errathen ließ; es lag abgeſondert von den übrigen grö⸗ ßeren Gebäuden wie ein verlorener Poſten, wie ein Aus⸗ geſtoßener. Wer irgendwie es kannte, vermied daran vor⸗ überzugehen und machte ſelbſt am Tage lieber einen Um⸗ weg, verſchweige des Nachts, die keines Menſchen Freund iſt. 10* 156 Es war die Leichenkammer, wo die Geſtorbenen in ihren Särgen bis zur Stunde des Begräbniſſes lagen. Daſelbſt wurden auch die Sektionen an den Todten von der geübten Hand des Arztes auf dem rothen Tiſche vorgenommen. Dahin lenkte die Diakoniſſin jetzt ihre Schritte, weil es der einzige Ort war, wo ſie ungeſtört und un⸗ belauſcht mit Ferdinand zuſammenkommen konnte. Ob⸗ gleich es ihr nicht an Muth fehlte, ſo ſchlug ihr doch das Herz ſtärker, und ein Schauer überlief ſie zuweilen eiſig kalt, je mehr ſie ſich dem ſchrecklichen Aufenthalte der Geſtorbenen näherte. Beim blaſſen Scheine des eben hervortretenden Mondes konnte ſie jetzt durch die Fenſter mehrere Särge ſehen, in welchen die angekleideten Todten in den weißen Sterbekitteln ruhten; ein nackter Leichnam war auf dem Tiſch ausgeſtreckt, um am frühen Morgen ſezirt zu wer⸗ den. Beim Anblick dieſer furchtbaren Geſtalten, die ſie deutlich erkennen konnte und deren ſtarre Züge ihr zu dro⸗ hen ſchienen, ſchloß ſie unwillkürlich ihre Augen; ihre Kniee wankten, ihre Glieder zitterten. Faſt bereute ſie es, hierher gekommen zu ſein; aber ſie hatte Ferdinand ihr Verſprechen gegeben, ihn an die⸗ ſem abgelegenen Ort zu treffen, wo kein anderer Menſch ſich ſo leicht hinwagte. An dem Leichenhauſe befand ſich eine Art von Vor⸗ bau, wo verſchiedene Utenſilien, Todtenbahren, Schau⸗ feln, Stricke und ähnlicher Zubehör des Grabes auf⸗ bewahrt wurden. Die Thür war nicht verſchloſſen, da ſich ſchwerlich ein Dieb gefunden hätte, der hier auf Raub ausgegangen wäre; denn die Furcht vor dem un⸗ heimlichen Orte war der beſte Wächter. Dieſe Vorhalle hatte Martha für ihre Zuſammen⸗ kunft mit Ferdinand abſichtlich gewählt, und ihm die Lage des Ortes ſo genau beſchrieben, daß er nicht fehlen konnte. Einige Minuten, die ihr eine Ewigkeit ſcheinen mußten, waren bereits über die beſtimmte Zeit verſtrichen, ohne daß er ſich ſehen ließ. Sie hatte die Thür nur leiſe an⸗ gelehnt, um ſogleich die Schritte des Nahenden zu hören. Mit ängſtlicher Spannung ſah ſie dem gefürchteten Au⸗ genblick entgegen, umringt von den Schrecken des Todes, der ihr jedoch minder Entſetzen einjagte als die Begeg⸗ nung mit dem Lebenden. Sie ſtand zuſammengekauert und von Froſt ge⸗ ſchüttelt auf der Schwelle der Vorhalle und ſpähte in die dunkle Nacht hinaus. Um nicht erkannt zu werden, hatte ſie ein Tuch über das Haupt genommen, welches ihr Ge⸗ ſicht faſt vollſtändig verhüllte. So harrte ſie noch im⸗ mer auf den Zögernden, der ſonſt kein Weib bei einem Stelldichein ſo leicht warten ließ. 158 Endlich ließen ſich über den Hof ſeine dumpfe Tritte hören; ein Schatten kam näher, ſie konnte deutlich die Umriſſe einer männlichen Geſtalt erkennen. „Wo ſteckſt Du?“ frug ſeine gedämpfte Stimme. „Hier bin ich,“ entgegnete ſie vortretend und ſtreckte ihm die Hand entgegen, um ihn zu leiten. Er faßte ſie und fand ſie kalt wie Eis. „Zum Teufel,“ fluchte er über eine Todtenbahre ſtolpernd.„Du haſt uns da einen reizenden Ort zum Rendezvous ausgewählt. Ich wittere Leichenduft. Ein ſchöner Aufenthalt für Liebende. Romeo und Julie in ei⸗ ner Gruft, dicht neben an der grauſame Tybald mit breiter Wunde in der Bruſt; zur Geſellſchaft Würmer⸗ ſpeiſe und Verweſung. Man könnte ordentlich eine Gänſe⸗ haut bekommen. Du ſcheinſt auch zu frieren, ſüßer Schatz! Komm her, ich will Dich erwärmen.“ „Ferdinand!“ antwortete ſie, ſeiner Umarmung ausweichend.„Ich habe ernſte Dinge mit Dir zu be⸗ ſprechen, und dazu ſcheint mir der Ort hier mehr ge⸗ eignet, als jeder andere.“ „Aha! Du glaubſt mir mit der finſtern Majeſtät des Todes zu imponiren und mich zu ſchrecken. Solch' ein Einfall ſieht Deinem romantiſchen Kopfe ähnlich und ge⸗ reicht Deiner Phantaſie zur Ehre. Du haſt aber wieder 159 einmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Tod⸗ ten beißen nicht und die Geſtorbenen kommen nicht wie⸗ der; die in ihren Särgen rühren ſich nicht, und wenn ſie ſprechen könnten, ſo würden ſie uns nur erzählen, daß die ganze Lehre von der Unſterblichkeit und dem Jenſeits auch nur eine Chimäre iſt, um die großen Kinder in Re⸗ ſpekt zu halten. Spare Deine Einwendungen auf gelege⸗ nere Zeit, denn ich habe keine Luſt eine Moralpredigt von Dir zu hören, und noch dazu an einem Orte, den ich je eher je lieber wieder verlaſſen möchte, um mich in mein warmes Bett zu legen. Was haſt Du mir zu ſagen?“ „Ich möchte dieſelbe Frage an Dich richten. Was verlangſt Du von mir, wozu haſt Du mich her beſchie⸗ den?“ „Das iſt bald geſagt; ich will mich ſo kurz als möglich faſſen. Haſt Du Geld?“ „Nein!“ „Aber Du kannſt Dir doch eine Summe be⸗ ſchaffen?“ „Ich glaube nicht.“ „Du haſt doch, ſo viel ich weiß, noch beim Gericht einen Theil Deiner Erbſchaft ſtehen?“ „Mein Vormund hat darauf Beſchlag gelegt.“ 160 „Zum Henker mit dem Schuft! Ich habe ſicher auf das Geld von Dir gerechnet; ich beſitze keinen Heller mehr und kann in dem verwünſchten Krankenneſt doch nicht ewig bleiben, ſelbſt wenn ich wollte. Du mußt Rath ſchaffen, ſonſt rücke ich mit der Sprache heraus und er⸗ zähle Alles. Da iſt eine Schweſter Suſanna, die vor Be⸗ gierde brennt, etwas Näheres über Deine Vergangenheit zu erfahren. Was meinſt Du, wenn ich ihr ſo eine oder die andere Geſchichte mittheilte?“ „Das wirſt Du nicht thun, ſchon um Deinetwillen nicht.“ „Du kennſt die Menſchen noch nicht. Dem Manne wird viel verziehen, den Frauen nichts und am wenigſten von ihrem eigenen Geſchlechte. Selbſt die tugendhafteſte Frau beneidet die Sünderin, indem ſie ſie verdammt, zu⸗ mal wenn ſie ſchöner iſt als ſie ſelber. Und ſchön biſt Du noch immer, wenn Du auch in der letzten Zeit blaſſer und magerer geworden biſt. Das gibt Dir ein intereſſan⸗ tes Ausſehen; wenn Du nur wollteſt, könnteſt Du noch manchem Manne den Kopf verdrehen. Doch ich bin nicht hier, um Dir Komplimente zu machen, ſondern um Dein letztes Wort zu hören. Thu' Geld in Deinen Beutel, Martha! Thu' Geld in Deinen Beutel, oder es paſſirt Dir etwas Unangenehmes.“ 161 „Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich kein Vermö⸗ gen beſitze, aber ich will Dir einen Vorſchlag machen.“ „Laß hören, ob dabei Etwas für mich heraus⸗ kommt.“ „Ich werde mit Dir gehen,“ ſagte ſie mit einer Feſtigkeit, die keinen Zweifel an der Wahrheit ihrer Worte aufkommen laſſen konnte. „Du?“ fragte er überraſcht;„Du willſt mit mir gehen? Das hab' ich nicht erwartet.“ „Ich will es Dir glauben,“ entgegnete ſie trau⸗ rig lächelnd.„Doch was meinſt Du zu dieſem Vor⸗ ſchlage?“ „Er läßt ſich hören, wenn es Dir wirklich Ernſt iſt, was mir indeß nicht einleuchten will.“ „Ich ſchwöre es Dir bei dem Andenken an un⸗ ſer— ℳq Sie vollendete nicht den angefangenen Satz; ein plötzliches Schluchzen erſtickte die letzten Worte, welche ungehört verhallten. Auch Ferdinand ſchien von dieſem leidenſchaftlichen Ausbruch ihres Gefühles tiefer erſchüt⸗ tert, als es ſonſt in ſeiner blaſirten Natur lag. Seine Stimme nahm einen weicheren Klang, ſein ganzes Be⸗ nehmen eine mildere Färbung an. Man ſah es, daß trotz ſeiner inneren Verhärtung Augenblicke kamen, wo er 162 ſelbſt weich werden konnte, daß ihm dann eine verführe⸗ riſche Liebenswürgigkeit zu Gebote ſtand, die an beſſere Zeiten mahnte. „Laß es gut ſein!“ ſagte er mit ungewohnter Freundlichkeit.„Wozu uns an die Vergangenheit erin⸗ nern; wozu die Todten wieder aus dem Grabe herauf⸗ beſchwören? Was verloren iſt, kehrt doch nicht wieder. Wir haben Beide viel gelitten und noch mehr zu bereuen. Ich weiß, was Dein Vorſchlag ſagen will, welches Opfer Du mir damit bringſt. Darum will ich nichts mehr da⸗ von hören. Ich werde ſchon allein meinen Weg finden, und was liegt daran, wenn ein Kerl wie ich auch aus Mangel zu Grunde geht.“ „Das ſollſt Du nicht,“ antwortete Martha, er⸗ griffen von dieſen Spuren einer noch nicht gänzlich unter⸗ gegangenen Natur.„Ich will Dich retten und Dir zur Seite ſtehen; die Vorſehung hat Dich mir wieder zu⸗ geführt und ich werde Dich nicht verlaſſen. Ich gehöre zu Dir, wie Du zu mir.“ „Thorheit! Wo ich ſelber nichts zu leben habe, wie ſoll ich Zweie ernähren?“ „Ich werde es thun. Du weißt, was ich vermag; ich will für Dich arbeiten, durch Nähen und Sticken un⸗ ſer Brod verdienen, Stunden geben, Geſangunterricht er⸗ 163 theilen. Mir ſtehen unzählige Hilfsquellen zu Gebote, die Du noch nicht kennſt. Hab' ich nicht ſchon früher und unter ganz andern Verhältniſſen eine ganze Familie er⸗ halten? Bin ich nicht noch jung, kräftig und zu jeder Arbeit geſchickt? Und im äußerſten Nothfalle thue ich, was ich früher Dir ſtets verweigert habe: ich will mei⸗ nen Widerwillen bekämpfen und mit Dir zum Theater gehen und Schauſpielerin werden. Du ſelbſt haſt mir geſagt, daß ich Talent habe und es weit bringen könnte. Ich habe auch mit Dir früher ſchon einige Rollen ein⸗ ſtudirt und bin Dir zu Gefallen auf einigen Liebhaber⸗ bühnen mit dem größten Beifalle aufgetreten. Trotzdem konnte ich mich nicht entſchließen, Deinem Beiſpiele zu folgen, da das Treiben hinter den Couliſſen mir einen unüberwindlichen Ekel einflößte. Was Du ſonſt ver⸗ geblich und unter Drohungen nicht von mir erlan⸗ gen konnteſt, will ich jetzt von freien Stücken thun, wenn ich damit Dich retten, Dich Dir ſelber wieder⸗ geben kann.“ Es lag etwas unendlich Rührendes in der faſt de⸗ müthigen Weiſe, womit ſie ihm dieſen Vorſchlag that, der ſeinen ganzen Beifall zu haben ſchien. „Das laß' ich mir gefallen,“ ſagte er mit ungekün⸗ ſtelter Heiterkeit.„Wärſt Du nur früher ſo klug und nachgiebig geweſen, ſo hätte Alles anders kommen müſſen. 6 5 8 8 8 4 3 9 * 164 Mit Deiner Figur und Deinem Talent wird es Dir nicht ſchwer fallen ein Engagement zu finden. Ich ſehe ſchon, wie ſich dieſe Schufte von Direktoren um Dich reißen werden. Du wirſt eine prächtige Maria Stuart ſein; man wird Dir glauben, wenn Du ſagſt: ich bin beſſer als mein Ruf. Ich will mit Dir neue Rollen einſtudiren, Clärchen im Egmont, die Gräfin Orſina, Gretchen im Fauſt; den letzten Akt bin ich überzeugt wirſt Du mit einem Ausdruck ſpielen, wie keine zweite Künſtlerin der Welt. Du brauchſt ja nur das zu geben, was Du ſelber erlebt und empfunden haſt. Armes Gretchen!— Elender Fauſt!“—. „Ferdinand! Wozu dieſe Erinnerungen?“ „Haſt Recht! Ich will nicht mehr daran denken und mich aufraffen. Es lebe die Kunſt, die göttliche Kunſt! An Deiner Seite werde ich wieder einmal die Bretter betreten; ich hätte ſie nie verlaſſen ſollen, aber der Lump von einem Intendanten hat mich fortgeſchickt, weil ich einmal zu viel getrunken hatte, wie der große Ludwig Devrient. Woher ſoll den die Begeiſterung kommen? Die nüchternen, von Ordnung ſtinkenden Geſellen, dieſe ge⸗ ſchniegelten und gebiegelten Hofſchauſpieler mit ihren Penſionen, Alterverſorgungsanſtalten, reinen Oberhem⸗ den und ſauber gebürſteten Leibröcken haben die Kunſt ruinirt. Als noch der verachtete Komödiant von Ort zu 165 Ort zog und in einer Scheuer oder auf der alten Rath⸗ haushalle in den kleinen Städten ſpielte, da gab es noch Männer wie Eckhof, Schröder, Fleck. Aber ich möchte Dich für Deinen Einfall küſſen, daß Du zum Theater gehen willſt. Wir müſſen je eher je lieber das verdammte, ſcheinheilige Neſt verlaſſen und ein Engagement ſuchen, das Dir ſicher nicht fehlen kann.“ Der Schauſpieler, denn ein ſolcher war früher Fer⸗ dinand geweſen, und zwar kein ganz unbedeutender, ſo⸗ lange er noch jünger war und ſich noch nicht gänzlich die⸗ ſem wüſten Lebenswandel ergeben hatte, überließ ſich ganz und gar ſeinem wiedererwachten Enthuſiasmus für die Kunſt. Mit Stolz ſprach er von ſeinen eigenen, ehe⸗ maligen Leiſtungen, von den Triumphen, die er während ſeiner Laufbahn an den verſchiedenſten Orten gefeiert, von den Eroberungen, die er gemacht, von den Verwü⸗ ſtungen, die er in ſo manchem Frauenherzen angerichtet hatte. War er doch mit Martha ſelbſt auf dieſe Weiſe bekannt geworden, indem er ſie durch den Zauber ſeiner künſtleriſchen Erſcheinung für ſich gewonnen hatte.— Damals galt Ferdinand freilich für einen durch Liebens⸗ würdigkeit und Talent ausgezeichneten Künſtler, für den alle Damen ſchwärmten, wenn er als Romeo oder Don Carlos auf der Bühne erſchien. Martha, welche zu jener Zeit noch ein Kind zu 8 6 6 6 — — 166 nennen war, ſchwärmte, ohne die Gefahr zu ahnen, für den jugendlichen Helden mit, welcher ihr im Zauber der ihn umgebenden Poeſie entgegentrat. Wie die meiſten, unerfahrenen Mädchen in dieſem Alter verwechſelte ſie den Schauſpieler mit den edlen Charakteren, die er vor⸗ führte, übertrug ſie ihre romantiſche Liebe für die Schöpfungen der dichteriſchen Phantaſie auf den Dar⸗ ſteller derſelben. Sie verſäumte keine Vorſtellung, worin Ferdinand auftrat, ſie klatſchte ihm Beifall und warf ihm ſchüchtern aus ihrer Loge die ſchönſten Blumenſträuße zu. Unmöglich konnte ſie glauben, damit etwas Unrechtes zu thun, da ihre Schweſtern wie die ganze Stadt ihren En⸗ thuſiasmus theilten. Sprach man nicht in allen Geſell⸗ ſchaften nur von Ferdinand, hing nicht ſein wohlgetroffe⸗ nes Bild in allen Schaufenſtern und ſelbſt in den Prunk⸗ ſtuben der feinſten Damen, wurde er nicht in die beſten und ehrenwertheſten Familien eingeladen? Ach! nur einmal wollte ſie ihn ſehen und ſprechen; für einen ſolchen Augenblick hätte das fünfzehnjährige Mädchen die übrige Zeit ihres Lebens mit tauſend Freu⸗ den hingegeben. Zu ihrem Unglück ſollte dieſer Herzenswunſch nur zu zeitig ihr erfüllt werden. Als ſie eines Tages in das Zimmer ihrer Mutter trat, fand ſie Ferdinand in leb⸗ 167 hafter Unterhaltung mit ihren Schweſtern; er hatte ſich der Familie durch einen bereits mit ihr bekannten Freund vorſtellen laſſen und bald war er der tägliche Gaſt der⸗ ſelben. Ueber die Reize der älteren Schweſtern hatte er anfänglich Martha's aufblühende Schönheit überſehen, bald jedoch reizte den blaſirten, überſättigten Mann die jugendliche Friſche und Unerfahrenheit der unſchuldsvollen Knospe. Ferdinand beſaß damals noch alle Eigenſchaften, um ein unerfahrenes Frauenherz zu verführen; er war mit jener dämoniſchen Schönheit ausgeſtattet, welche durch den eigenen Zauber, der ſie umgibt, eine gefähr⸗ liche Anziehungskraft ausübt. Das bleiche, ſcharf ge⸗ ſchnittene Geſicht hatte zwar einen etwas verlebten Aus⸗ druck, die dunklen Augen glichen erloſchenen Vulkanen, aber es gab Augenblicke, wo ſich die abgeſpannten Züge wunderbar belebten, ſeine Blicke einen faſt unerträglichen Glanz annehmen konnten. Meiſt jedoch war dieſe Auf⸗ regung eine künſtliche, zuweilen ſelbſt durch einige Glä⸗ ſer Wein hervorgebracht, zu dem er häufig ſeine Zuflucht nahm, um ſeine erſchlafften Lebensgeiſter zu beleben. Die Bläſſe ſeiner Wangen gab ihm einen leidenden Anſtrich, der ihn intereſſant machte und vorzüglich das Mitleid der Damenwelt erregte. Dieſen Eindruck ſuchte er ab⸗ ſichtlich durch einen melancholiſchen Zug zu verſtärken, 168 den er vor dem Spiegel einſtudirt und völlig in ſeiner Gewalt hatte. Er ſpielte mit anerkennungswerther Vir⸗ tuoſität jede beliebige Rolle, die er wollte, und heuchelte gewöhnlich einen tiefen Schmerz, deſſen ſein leichtſinniger Charakter am wenigſten fähig war. Eine mehr als gewöhnliche Bildung, denn er hatte einige Jahre die Univerſität beſucht, um Philoſophie zu ſtudiren, zeichnete ihn vor ſeinen meiſt in dieſer Be⸗ ziehung verwahrlosten Fachgenoſſen vortheilhaft aus; doch waren ſeine Kenntniſſe mehr oberflächlich blendend, als gründlich und tief. Er hatte früher viel und ohne be⸗ ſondere Auswahl geleſen, ſo daß er über Alles mitſpre⸗ chen konnte, wodurch er den Anſchein einer imponirenden Gelehrſamkeit erhielt. Sein Wiſſen war indeß nur frag⸗ mentariſch ungeordnet und ohne Zuſammenhang, weßhalb es ihm auch keine wahre Befriedigung geben konnte. Als junger Student hatte er im raſchen Fluge alle Phaſen der modernen Geiſtesentwickelung durchgemacht; von dem höchſten und feinſten Spiritualismus ausgehend war er zuletzt bei dem kraſſeſten Materialismus angelangt, wo der ſich ſelbſt vergötternde Geiſt im Schlamme der Ge⸗ meinheit unterſinkt, da nach einer alten Erfahrung ein Extrem an das andere grenzt. Wie er früher für die abſolute Idee geſchwärmt, ſo predigte er jetzt mit dem⸗ ſelben Eifer die gröbſte Genußſucht, den furchtbarſten 169 Egoismus. Das eigene„Ich“ war der Gott, den er nur noch allein anerkannte und verehrte. Ein ſolcher Mann mußte natürlicher Weiſe einem jungen, unerfahrenen Mädchen, wie Martha damals war, doppelt gefährlich werden, da er mit einem intereſſanten Aeußern noch die Macht einer weit gefährlicherer geiſtiger Ueberlegenheit verband, welche weder in ſeinem Charakter noch in ſeinem Gemüthe ein Gegengewicht fand. Dazu kam der Nimbus, womit ihn ſeine Kunſt umgab und eine ſeltene Ueberredungskraft, die er zum großen Theil dem hinreißenden Zauber ſeines ſchmelzenden Organs verdankte. Seine Stimme klang wie verführiſche Muſik, die ſüßeſten Schmeicheltöne ſtanden ihr ebenſo zu Gebot wie der brauſende Sturm der wildeſten Leidenſchaft. Wie begierig lauſchte Martha ſeinen Worten, mit welcher Luſt ſchlürfte ſie das verderbliche Gift ſeiner An⸗ ſichten und Paradoxen ein, womit er ſyſtematiſch ihr un⸗ ſchuldiges Herz zu verderben, ihre Sinne zu beſtricken, die ſchwachen Reſte ihres kindlichen Glaubens, ihren jung⸗ fräulicher Scham zu vernichten ſuchte.— Sie hatte kei⸗ nen Menſchen, der ſie warnen konnte, keine Mutter, die mit zärtlicher Sorge über ſie wachte; ihre älteren Schwe⸗ ſtern befanden ſich ſelbſt in ähnlicher Gefahr und mehr oder minder in gleicher Lage. 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 11 170 Ehe ſie ſelbſt nur eine Ahnung hatte, war ſie verloren.— Jahre waren ſeit jener erſten Begegnung verſtrichen, Jahre voll ſchwerer Leiden, ſchrecklicher Erfahrungen und bitterer Enttäuſchungen. Sie hatte ſeinen verdorbenen Charakter in ſeiner ganzen Erbärmlichkeit kennen und verachten gelernt, ſich von ihm mit tief verwundetem Herzen endlich losgeſagt, um einen beſſeren Weg einzu⸗ ſchlagen. Aber ein dunkles Verhängniß ſchien ihr nicht die heiß erſehnte Ruhe gönnen zu wollen und hatte ihr von Neuem und unter unabweisbaren Verhältniſſen dieſen Mann zugeführt, als ſie ihn bereits für immer vergeſſen glaubte. Sie fühlte jetzt ihm gegenüber eine ungeheuere Verſchuldung, die ſie durch das größte Opfer büßen wollte; darum hatte ſie in dieſe nächtliche Zuſammenkunft einge⸗ willigt, um ihn mit ihrem vielleicht zu ſchwärmeriſchen Entſchluße bekannt zu machen. Ferdinand konnte freilich nicht die geheimen Beweg⸗ gründe ihrer ſeltſamen Handlunsweiſe kennen; anfänglich überraſcht war er bald mit ihrem Vorhaben vollkommen einverſtanden, da er ſchnell alle für ihn daraus erwach⸗ ſende Vortheile berechnete. Er ſelbſt hatte nur geringe Ausſichten als Schauſpieler ein Engagement zu finden, da er mit der verlorenen Tugend auch ſeine früheren Vor⸗ 171 züge eingebüßt hatte. Er war älter geworden, ſein wüſtes Leben hatte ihm die Friſche und Elaſtizität ſeiner Geſtalt und das dem Schauſpieler unentbehrliche Gedächtniß ge⸗ koſtet; ſein einſt ſo intereſſantes und anſprechendes Geſicht war durch die Spuren des Laſters entſtellt, bleifarben und gedunſen; der üppige Haarwuchs geſchwunden und die ſchwarzen, glänzenden Locken, einſt ſein Stolz und das Entzücken der Damenwelt, ſtarb mit einem verdächtigen Grau vermiſcht. In ſeiner ganzen Erſcheinung gab ſich ſogleich der heruntergekommene Komödiant zu erkennen, auf zehn Schritte ſah man ihm den verdorbenen Künſtler an, den ſelbſt der Direktor einer kleinen Bühne dritten Ranges nicht mehr auftreten läßt, wenn er ſich im ſchäbi⸗ gen Leibrock und mit dem abgeriebenen Hut in der Hand zu einem Gaſtſpiele demüthig meldet. Dieſes nicht ungewöhnliche Loos theilte Ferdinand ſelbſt mit ſolchen Künſtlern, deren Name einſt in den Analen der Theaterwelt noch weit mehr geglänzt als der ſeinige. Wie bei dieſen, trugen auch bei ihm Liederlich⸗ keit, Ausſchweifung, Selbſtüberſchätzung und Faulheit ganz allein die Schuld eines ſolchen gänzlichen Verfalles. Dennoch hatte er der Bühne, die ihn ſo ſchnöde in der letzten Zeit zurückgeſtoßen, ſtets ſeine alte Anhänglichkeit bewahrt, und der einzige Wunſch, den er noch zu hegen im Stande war, ging darauf hin, noch einmal die Bretter, 3 11* 172 welche die Welt bedeuten, wieder zu betreten. Dieſer Ge⸗ danke ſtimmte ihn ſo heiter, daß er vollſtändig umgewan⸗ delt war; ein Schimmer ſeiner beſſeren Vergangenheit glänzte über ſein Geſicht wie ein Sonnenſtrahl, der die Trümmer eines halb untergegangenen Wracks am öden Meeresſtrand beleuchtet. Seine vernachläſſigte Figur nahm eine zwar theatra⸗ liſche, aber doch edlere und feſtere Haltung an; aus der rauh gewordenen, heiſeren Stimme ſprach ein Anklang an den früheren, zauberhaften Schmelz. „Schnell!“ rief er jetzt mit fieberhafter Haſt.„Was zögern wir? Weib! den Gedanken blies Dir nicht die Hölle, ſondern der Himmel ſelber ein. Wir wollen in die böhmiſchen Wälder ziehen, das heißt: geraden Weges auf ein Theater losſteuern. Mit dem frühen Morgen müſſen wir aufbrechen. Fort! ehe die Schläfer erwachen und der Feind unſere Flucht bemerken kann. Warum ge⸗ hen wir nicht?“ „Ich habe noch einige Vorbereitungen zu treffen; auch will ich mich nicht wie ein Dieb von hier fortſchlei⸗ chen, wo ich liebevoll aufgenommen worden bin. Morgen werde ich mit der Oberin ſprechen und ſie mit meinem Entſchluße, die Anſtalt zu verlaſſen, bekannt machen. Das bin ich ihr und mir ſelber ſchuldig.“ 173 „Dummheit! Wozu dieſe Umſtände. Die Betſchwe⸗ ſtern werden Dich nicht gehen laſſen und Dir die Ohren ſo lange vollheulen, bis Du wieder bleiben wirſt.“ „Bin ich nicht in Deiner Gewalt, habe ich Dir nicht geſchworen, Dir zu folgen?“ „Aber wenn ſie Dich mit Gewalt zurückhalten? Dem Pfaffenvolke traue ich alles Mögliche zu.“ „Das wird nicht geſchehen; Niemand kann mich zwingen, wenn ich gehen will. Sollte es zum Aeußerſten kommen, ſo bin ich entſchloſſen, der Oberin Alles zu ge⸗ ſtehen. So wie ich ſie kenne, wird ſie dann ſelbſt mir die Thore mit Freuden öffnen und Gott danken, wenn ich mich, ohne Aufſehen zu erregen, wieder entferne.“ „Meinetwegen! Thue, was Du willſt, wenn Du nur Dein Verſprechen hälſt. Leid thut es mir nur, daß Du mir mit Deiner philiſterhaften Denkungsweiſe einen Hauptſpaß verdirbſt. Eine Entführung aus Gethſemance, eine fromme Schweſter, die mit einem fremden Manne durchgegangen! Das hätte Aufſehen in der Reſidenz ge⸗ macht, das wäre ein gottvoller Skandal geworden. Ich habe mir ſchon das Geſicht der Frau Oberin und die Viſage der Schweſter Suſanna im Stillen ausgemalt. Schade um den guten Witz!“ „Laß uns gehen,“ mahnte Martha ernſtlich;„wir werden Beide der Ruhe bedürfen. Ich will vorangehen 174 und Du kannſt mir leiſe folgen, damit uns Niemand bei einander ſehen kann, wenn uns zufällig doch noch Jemand begegnen ſollte.“ „Alſo auf Wiederſehen! um uns nicht mehr zu tren⸗ nen. Die Loſung heißt: Es lebe die Kunſt und Martha, die zukünftige Stütze des deutſchen Theaters.“ Zehutes Capitel. Martha näherte ſich vorſichtig der Hinterthüre, welche von dem Hof über die Treppe und den Corridor nach ihrer Zelle führte. Dieſer Eingang ſtand ſonſt ge⸗ wöhnlich und ſelbſt auch in der Nacht offen, da die dreißig Fuß hohe Mauer einen hinlänglichen Schutz nach Innen und nach Außen gewährte. Zu ihrem nicht geringen Schrecken fand die Diakoniſſin jetzt die Thüre feſt ver⸗ ſchloſſen; ſie konnte ſich dieſen Umſtand, der ſie in die größte Beſtürzung verſetzte, um ſo weniger erklären, da ſie kaum vor einer Stunde noch ungehindert das Haus verlaſſen hatte. Dies war jedoch keineswegs ſo unbeobachtet ge⸗ ſchehen, wie ſie ſelber glaubte. Schweſter Suſanna, die ſeit einigen Tagen mit anerkennungswerther Ausdauer jeden ihrer Schritte verfolgte, hatte trotz aller Vorſicht ſie belauert und aus ihrer Zelle kommen ſehen. Eben ſo 176 wenig war es dieſen ſcharfen Augen entgangen, daß Fer⸗ dinand den Krankenſaal heimlich verlaſſen hatte. Sie fol⸗ gerte mit logiſcher Gewißheit einen natürlichen Zuſam⸗ menhang zwiſchen den beiden Ereigniſſen. Mit dem from⸗ men Vorſatz, Martha zu entlarven und ihr die verdiente Beſchimpfung zu Theil werden zu laſſen, war ſie ihr leiſe nachgeſchlichen und hatte den am Schloſſe der Thüre befindlichen Riegel vorgeſchoben, um ihr die Möglichkeit der unbemerkten Rückkehr abzuſchneiden. Natürlich hatte die Gute dabei keinen andern Zweck im Auge, als die Ehre der Anſtalt zu wahren und den einzigen Wunſch, die fromme Heerde von einem räudigen Schafe zu befreien, das noch ganz beſonders ihr im Wege ſtand. Mit dem frommen Vorſatz, daß die Schuldige ertappt und auch exemplariſch gezüchtigt werden ſollte, begab ſie ſich ſogleich zu der Oberin, welche ſie aus ihrem Schlafe weckte, um ihr von dem ungeheueren Fre⸗ vel die nöthige Anzeige zu machen.— Dieſe ließ ſogleich den Geiſtlichen rufen, um mit ihm die zu treffenden Maß⸗ regeln für einen ſo außerordentlichen Fall zu berathen. Darüber war eine geraume Zeit verſtrichen, welche Martha vor der verſchloſſenen Thür zubringen mußte, da ſie nicht anzuklopfen wagte, aus Furcht, ſich zu ver⸗ rathen. „Ich bin verloren,“ flüſterte ſie zu Ferdinand, der unterdeß ebenfalls herbeigekommen war. „Was iſt geſchehen?“ fragte er verwundert über die ſtattfindende Verzögerung. „Die Thür iſt verſchloſſen, der Riegel vorgeſcho⸗ ben.“ „Das iſt ja ein herrlicher Spaß.“ „Scherze nicht; der Vorfall kann für mich die ſchlimmſten Folgen haben. Die Oberin wird mir niemals das gegebene Aergerniß verzeihen.“ „Was kümmert Dich das ganze Muckerpack; Du kannſt ihm getroſt ein Schnippchen ſchlagen, da Du ohnehin Morgen mit mir gehſt.“ „Aber die Schande, wenn man mich hier mit einem fremden Manne trifft! Was werden die übrigen Schwe⸗ ſtern dazu ſagen? Ich werde beſchimpft und für immer entehrt in ihren Augen da ſtehen.“ „Thorheit! Du hängſt, wie ich ſehe, noch an Vor⸗ urtheilen. Beruhige Dich! Vielleicht gibt es noch einen andern Eingang.“ „Ich weiß keinen,“ entgegnete ſie verzweiflungsvoll, „durch den wir, ohne Aufſehen zu erregen, in das Haus gelangen können.“ „So werde ich klopfen. Ich ſtehe Dir gut dafür, daß uns aufgemacht wird.“ 178 „Damit die ganze Anſtalt aufwacht und Zeuge mei⸗ ner Schande wird.“ „Zum Henker! Du kannſt doch nicht verlangen, daß ich die ganze Nacht auf dem Hofe hier zubringen ſoll, ſo angenehm mir auch Deine Geſelſſchaft iſt.“ Ehe Martha ihn noch hindern konnte, hatte er ſich ſchon der Thüre genähert, gegen die er jetzt mehrere Male mit geballter Fauſt anſchlug. Niemand ließ ſich aber hören, Alles blieb ſtumm wie zuvor. „Wenn nicht geöffnet wird,“ ſchrie Ferdinand un⸗ geduldig,„ſo mache ich einen Skandal, daß das ganze fromme Neſt zuſammenſtürzt. Aufgethan! oder ich breche die alte Thüre mit Gewalt ein.“ Ehe er jedoch mit dieſer unvernünftigen Drohung Ernſt machen konnte, wurde der Riegel von Innen leiſe wie mit einer geheimnißvollen Geiſterhand zurückgeſcho⸗ ben. Keine menſchliche Seele wurde ſichtbar, kein ver⸗ dächtiger Ton laut, und doch empfand Martha eine un⸗ beſchreibliche Angſt, welche durch dies unheimliche Schweigen nur noch geſteigert wurde. Wie ein gehetztes Wild eilte ſie athemlos durch den Corridor nach ihrer Zelle zu, ohne ſich nach dem ihr fluchend folgenden Be⸗ gleiter umzuſehen. Jeden Augenblick erwartete ſie, von dem Hohn⸗ 179 gelächter der Schweſtern empfangen zu werden, oder dem gelben Geſichte der Oberaufſeherin zu begegnen. Es rührte ſich nichts, Alles blieb ſtill. Wie ſie ſo athemlos den Gang dahinflog, zuweilen ſich nur ſcheu umblickend! Schon glaubte ſie ihr Ziel er⸗ reicht zu haben— nur noch wenige Schritte, und ſie befand ſich unbemerkt in ihrer Zelle; da bewegte ſich ein weißer Schatten; er kam immer näher, eine hohe Geſtalt, welche einem Geſpenſte glich. Es war die Oberin im langen Nachtgewande, in ihrer Hand hielt ſie eine brennende Kerze. Martha bedeckte mit beiden Händen ihr Geſicht und ſtieß einen leiſen Schrei aus. Lieber hätte ſie den Tod geſehen, als dieſen ver⸗ ächtlichen, kalten Blick ertragen, der ſie zu vernichten drohte. 3 „Folgen Sie mir!“ gebot ihr eine harte Stimme. Mechaniſch gehorchte ſie dem ſtrengen Befehle, laut⸗ los ging ſie hinter der Gebietenden her, die endlich vor ihrer eigenen Wohnung ſtehen blieb. In dem bekannten Vorzimmer wartete Schweſter Suſanna, die mit ſchlecht verhehlter Schadenfreude vor Begierde brennte, Zeugin einer nach ihrer Meinung noch immer viel zu gelinden Beſchimpfung zu ſein. Leider je⸗ doch wurde ihr dieſer fromme Triumph nicht gegönnt, da 180 ſie auf einen Wink der Oberin ſich entfernen mußte, was ſie auch brummend that. Martha blieb mit dieſer und dem ebenfalls anwe⸗ ſenden Geiſtlichen allein zurück. Im Bewußtſein ihrer Schuld war ſie der Oberin näher getreten, um ihre Vergebung anzuflehen; dieſe machte dagegen eine abwehrende Bewegung und wich ei⸗ nige Schritte zurück, als fürchtete ſie durch die Berüh⸗ rung einer Verpeſteten angeſteckt zu werden. Auch der Prediger wandte ſein Geſicht ab, als ſie ihre Augen zu ihm mit rührender Bitte aufſchlug. Ach! nur ein Blick des Mitleids, nur ein freund⸗ lich ernſtes Wort, wie ſie der Heiland in ſeiner unend⸗ lichen Barmherzigkeit ſelbſt an den ſchwerſten Sünder richtete— und ſie wäre auf ihre Kniee geſunken, hin⸗ geſchmolzen in tiefſter Reue, gebadet in Thränen der aufrichtigſten Zerknirſchung. Einige peinvolle Minuten vergingen, ehe die Oberin das Wort ergriff und von ihrer ariſtokratiſchen und ſittli⸗ chen Höhe herab ſchauend, wie der unerbittliche Richter einem überwieſenen Verbrecher gegenüber mit Martha verhandelte. „Wo ſind Sie geweſen?“ fragte ſie im inquiſitori⸗ ſchen Tone. 181 „Auf dem Hof der Anſtalt,“ entgegnete die Diako⸗ niſſin mit niedergeſchlagenen Augen. „Was hatten Sie zu ſo ungewohnter Stunde da zu ſuchen?“ Martha ſchwieg, obwohl ſie manchen mildernden Grund für ihr Betragen vorbringen konnte; aber dieſe hochmüthige Strenge weckte auch ihren Stolz und ſie war entſchloſſen, lieber das Aeußerſte zu dulden, als ſich vor der Erbarmungsloſen zu demüthigen. „Antworten Sie,“ fuhr die Oberin in ihrer Weiſe fort.„Können Sie leugnen, daß Sie mit einem fremden Manne gefunden worden ſind?“ „Ich leugne dieſen Umſtand nicht.“ „Wer iſt dieſer Mann und in welchem Verhältniſſe ſtehen Sie zu demſelben?“ „Das iſt mein Geheimniß, das ich freiwillig nie verrathen werde.“ 3 „Ich werde Sie zu zwingen wiſſen. Sie ſcheinen 1 nicht die Mittel zu kennen, die mir zu Gebote ſtehen, um Ihre Widerſpänſtigkeit und Ihren Trotz zu brechen?“ „Ich erwarte keine Schonung und werde geduldig zu ertragen wiſſen, was über mich verhängt iſt.“ 4 „Wiſſen Sie auch, daß ich Sie der Polizei über⸗ geben kann, welche liederliche Dirnen in das Arbeitshaus bringt?“ 182 Bei dieſen Worten wurden Martha's Wangen von einer glühenden Röthe überzogen, welche bald wieder der Bläße des Todes wich; ihre Augen füllten ſich mit Thränen und ein krampfhaftes Zittern verrieth den tiefen Schmerz, der bei dieſem Schimpf durch ihre Seele tobte. Als hätte ſie ein mörderiſcher Dolch getroffen, ſo zuckte ſie zuſammen und griff mit beiden Händen nach ihrer Bruſt. Eine Ohnmacht wandelte ſie an und ſie mußte ſich an die Wand lehnen, um nicht zu fallen. Trotz ſeines frommen Eifers fühlte der Geiſtliche mehr Mitleid mit ihrem Zuſtande als die kalte Oberin, welche ungerührt dieſer Szene mit beiwohnte.. „Sie gehen zu weit, liebe Tochter!“ ſagte er ihr leiſe.„Laſſen Sie mich mit dem Mädchen reden; viel⸗ leicht gelingt es mir, dies verſtockte Herz zu rühren.“ „Martha!“ begann er im milderen Tone;„geſte⸗ hen Sie Ihre Schuld, nur ein offenes Bekenntniß und die aufrichtigſte Reue kann Sie vor der verdienten Be⸗ ſchimpfung retten. Sie haben eine Reihe ſchwerer Sün⸗ den auf ſich geladen, für die Sie Buße thun und Strafe leiden müſſen; das fordert die göttliche Gerechtigkeit. Ich beſchwöre Sie bei ihrem zeitigen und ewigen Wohle, geben Sie der Wahrheit die Ehre und legen Sie ein offenes Geſtändniß vor mir und Ihrer würdigen Oberin 183 hier ab. Vor allen Dingen verlangen wir zunächſt Re⸗ chenſchaft über Ihr Zuſammenleben mit der unglücklichen Schweſter Getrud, die durch Ihre Schuld in die Klauen des Böſen gerathen iſt. Welche Mittel haben Sie ange⸗ wendet, um dieſe ſchuldlos fromme Seele zu umſtricken und von ihrem Gotte abwendig zu machen?“ Von dieſer neuen, unerwarteten Anklage tief er⸗ griffen, war Martha nicht im Stande, ein Wort zu ihrer eigenen Vertheidigung vorzubringen; ihre Zunge ſchien gelähmt zu ſein. Die bloße Erinnerung an die unglück⸗ liche Freundin erſchütterte ſie ſo ſehr, daß ſie die Beſchul⸗ digung des Predigers kaum beachtete. Statt jeder Ant⸗ wort richtete ſie ihr dunkles Auge zum Himmel empor, als wollte ſie dieſen zum Zeugen ihrer Unſchuld anrufen. Ihr Stillſchweigen galt jedoch dem Geiſtlichen als Ver⸗ ſtocktheit des Herzens, theils als vollſtändiges Bekennt⸗ niß ihrer Schuld. „Unglückliche!“ rief dieſer ſalbungsvoll.„Am Tage des Gerichtes wird der Herr dieſe verlorene Seele von Dir fordern. Was willſt Du ihm antworten, wenn er Dich fragen wird: Wo iſt Deine Schweſter?— Ruch⸗ loſer als Kain haſt Du nicht ihren Körper, ſondern ihren unſterblichen Geiſt durch Dein hölliſches Beiſpiel getödtet. Haſt Du ihr nicht jene dämoniſche Worte und Lieder 184 eingegeben, womit ſie jetzt die zum Gebet geſchaffenen Lippen entweihet? Warſt Du es nicht, die das unſchul⸗ dige Herz vergiftet und mit unreinen Gedanken an⸗ gefüllt?“ „Nein, nein!“ ſtöhnte Martha vor einer ſolchen Beſchuldigung zurückſchaudernd.„Das iſt mehr, als ein Menſch ertragen kann. Gott weiß es, daß ich Getrud wie eine Schweſter geliebt habe. Was kann ich dafür, wenn ihr Herz aus ſeinem Schlummer endlich erwacht und ein lang unterdrücktes Gefühl um ſo gewaltſamer hervorgebrochen iſt? Wenn meine arme Freundin wahn⸗ ſinnig geworden iſt, ſo bin ich nicht anzuklagen, ſondern jener finſtere Geiſt der Schwärmerei, dem ſie zum Opfer werden mußte.“ „Ich höre nur, wie der Böſe aus Dir redet; das iſt die Sprache des modernen Unglaubens. Geht nun hin und folgt der ſo genannten Stimme der Natur, wälzt euch im Schlamme der gemeinſten Sinnlichkeit, überlaßt euch ohne Rückhalt der Begierde, ſeid thieriſcher als ſelbſt das unvernünftige Thier. Das iſt die neue Lehre, welche von den Jüngern des Materialismus auf den Straßen laut gepredigt wird, dem die ſittenloſen Buben und die entarteten Dirnen ihren Beifall jauchzen. Das iſt der Weg, den Du wandelſt und der zu Deinem zeitlichen und ewigen Verderben Dich ſicher führen wird. Statt der 185 Reue finde ich nur Trotz an Dir, ſtatt demüthiger Buße Frechheit und Gottesläſterung. Du gehörſt nicht mehr in das reine Haus des Herrn, das durch Deine Gegenwart entweiht wird.“ „Das iſt auch meine Abſicht,“ pflichtete die Oberin bei.„Auch ich ſtimme für ſofortige Ausſtoßung der Un⸗ verbeſſerlichen. Wir können uns das Zeugniß geben, daß wir nichts unverſucht gelaſſen haben, was die chriſtliche Liebe dem Sünder gegenüber gebietet. Machen wir ein Ende; es handelt ſich nur noch um die Art und Weiſe der Vollſtreckung unſeres übereinſtimmenden Urtheils.“ Indem ſie dem Prediger einige leiſe Worte zu⸗ flüſterte, zog ſie ſich mit dieſem zu einer gemeinſchaft⸗ lichen Berathung in eine Ecke des Fenſters zurück. Wenn auch Beide wegen der Ausſtoßung Martha's aus der Diakoniſſinnen⸗Anſtalt einig waren, ſo wichen ſie jedoch wegen den zu beobachtenden Formen von einander ab. Der Geiſtliche, welcher bei jeder Gelegenheit die Auto⸗ rität der Kirche im Auge behielt und dieſer die alte Straf⸗ gewalt vindicirte, ſtimmte für eine öffentliche, ſchimpfliche Entfernung, wobei er eine Beſſerung durch die Strafe ſelbſt noch zu bewirken hoffte. Dagegen war die Oberin einzig und allein nur auf den Ruf der Anſtalt bedacht, der durch einen derartigen Akt in der That leiden konnte. 1859. XXI. Eine arme Seele. I. 12 186 Deshalb neigte ſie zu einem heimlichen Verfahren hin, weniger aus Schonung und chriſtlicher Liebe, als aus Rückſicht auf die öffentliche Meinung. Nur mit Wider⸗ ſtreben gab der eifrige Prediger den Gründen der klugen Frau endlich nach, welche gern jedes Aergerniß vermied. Sie übernahm es, Martha mit dieſem Beſchluße bekannt zu machen, was ſie ſo ſtreng und hart als mög⸗ lich that. „Sie werden noch vor Tagesanbruch die Anſtalt verlaſſen, um nie dieſelbe wieder zu betreten, da Sie ſich der Ihnen erzeugten Güte im höchſten Grade unwürdig gemacht haben. Wichtige Gründe beſtimmen mich, von jeder andern wohlverdienten Strafe abzuſehen und Ihnen die öffentliche Beſchämung zu erſparen. Ich verlange kei⸗ nen andern Dank dafür, als daß Sie ſich ſo ſchnell als geräuſchlos wie möglich entfernen. Ihr eigenes Scham⸗ gefühl, ſofern Ihnen ein Reſt noch verblieben iſt, wird Ihnen Stillſchweigen über Ihren hieſigen Aufenthalt für immer auferlegen. Ich werde Schweſter Suſanna beauf⸗ tragen, Sie bis vor das Thor zu begleiten und für Ihre Entfernung Sorge zu tragen. Machen Sie ſich der un⸗ verdienten Schonung durch ein Leben voll Reue und Zer⸗ knirſchung würdig.“ Aehnliche Wünſche, die jedoch weit feuriger klangen e— 187 und wirklich aus der Tiefe eines Herzens kamen, das trotz der Unduldſamkeit eines warmen und innigen Gefühls nicht entbehrte, äußerte der würdige Seelſorger, indem er nun im Intereſſe der vermeintlich Schuldigen bedauerte, daß die ihr zugedachte ſchimpfliche Kirchenbuße auf Wunſch der von ihm hochgeehrten Oberin unterbleiben mußte. Beide waren aber nicht wenig verwundert und em⸗ pört, daß Martha ihr Schickſal mit einer ſtolzen Ruhe hinnahm, die ſie ihr natürlich für Verhärtung des Her⸗ zens und ſchamloſe Frechheit auslegten. Erſt als ſie durch eine hochmüthige Handbewegung der Oberin verabſchiedet das Zimmer verlaſſen hatte, brach ihre mühſam behauptete Faſſung zuſammen. Sie weinte und klagte auch jetzt nicht, aber ihr ſtum⸗ mer Schmerz war um ſo rührender. Bleich, mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Augen glich ſie dem Bilde einer Märtyrerin, die ſoeben ihr Todesurtheil ver⸗ nommen und voll Ergebung zu der Richtſtätte ſchreitet. Ergreifend war der Abſchied, den ſie von ihrer ſtillen Zelle nahm, wo ſie mit der unglücklichen Getrud die ſchönſten und auch die traurigſten Stunden in ihrem bewegten Daſein durchlebt hatte. Alles erinnerte ſie an die arme Freundin, deren entſetzliches Loos ihr ebenfalls aufgebürdet wurde. 12* 188 „Nein! Du wirſt mich nicht anklagen,“ flüſterte ſie, als könnte dieſe ſie hören und verſtehen.„Du kennſt die Liebe, welche die andern Leute nur im Munde aber nicht im Herzen führen, die Liebe, die uns frei macht von aller Schuld. Du wirſt mir verzeihen, ſelbſt wenn ich in meine Unwiſſenheit Deine reine Seele gekränkt haben ſollte.“ Sie lauſchte, in melancholiſcher Srufterxäfeh auf eine Antwort wartend. Nichts ließ ſich hören, als die Stimme des Kenen Kanarienvogels, der einſt Getrud gehört und den ſie kurz vor ihrer Krankheit an Martha zum Geſchenk gemacht hatte. Jetzt klang ihr ſein leiſer ſchmetternder Ton wie ein ſtiller Troſt, wie ein Zuſpruch aus dem Munde der Freundin ſelbſt. „Komm, Du Treuer!“ rief ſie dem Vogel zu; „Du ſollſt mich begleiten und mir in die Verbannung fol⸗ gen, als eine ſchmerzlich theuere Erinnerug.“ Erſt als ſie ihr Diakoniſſinnen⸗Gewand ablegte und mit ihren alten Kleidern vertauſchte, fingen ihre Thränen wieder zu fließen an. Sie fühlte, daß ſie für immer Ab⸗ ſchied von dem friedlich⸗ſtillen Aſyle nahm, das ſie hier gefunden zu haben glaubte; von Neuem ſah ſie ſich in die Welt hinaugeſtoßen und den Stürmen des Lebens preisgegeben. Die alte Tracht konnte ſie nur mit Schau⸗ der anſehen, da ſie dadurch an eine trübe Vergangenheit erinnert wurde. Das Kreuz, welches ſie aus der Hand der Fürſtin ſelbſt erhalten hatte, glaubte ſie behalten zu dürfen; ſie verſteckte es jedoch tief an ihrem Buſen, um es den ſpähenden Blicken der Schweſter Suſanna zu entziehen, die ſich bereits eingefunden hatte, um auf Anordnung der Oberin Martha aus der Anſtalt zu begleiten. Die Würdige machte dazu ein wahrhaftes Büttel⸗ geſicht, indem ſie ſo viel als möglich den eiſigen Ton und die vornehme Haltung der Oberin zu kopiren ſuchte, was ihr natürlich einen höchſt komiſchen Ausdruck verlieh, ſo daß Martha trotz ihrer Leiden lächeln mußte. In ihrer Begleitung ging ſie jetzt über den Hof denſelben Weg, den ſie vor wenigen Monaten gekom⸗ men war. Es war ein trüber, regneriſcher Morgen; feuchte Nebel lagerten ſo dicht um das Gebäude und den daran gränzenden Canal, daß Alles in eine trübe, graue Maſſe aufgelöſ't, die ſchmutzige Erde mit dem wolkenſchweren 190 Himmel zu verſchmelzen ſchien. Ein feiner, vurchdringen der Regen rieſelte ohne Aufhör nieder und drang durch Mark und Bein mit eiſiger Näſſe. Hinter Martha ſchloß ſich das Thor und mit ihm die einzige Zufluchtsſtätte, die ſie noch beſeſſen; vor ihr lag wie ein wüſtes chaotiſches Bild die große Stadt mit ihren dunklen Häuſern, düſter brennenden Gaslaternen und rauchenden Schornſteinen, welche aus dem ogen⸗ den Nebelmeere emportauchten. Nathlos ſtand ſie da, ohne zu wiſſen, wohin ſie ihre Schritte lenken ſollte. In der einen Hand hielt ſie ein Bündel mit den nothwendigſten Kleidungsſtücken, in der andern das Vogelbauer, welches ſie um keinen Preis zurückgelaſſen hätte. Das arme, wie ſie frierende Thier⸗ chen ſtieß einen bangen Klagelaut aus. Ein Gefühl der troſtloſen Einſamkeit überkam die Ausgeſtoßene. Da tauchte ein Schatten neben ihr empor, eine ſchwankende, in der herrſchenden Dämmerung fremdar⸗ tige, über das gewöhnliche Maß hinauswachſende Geſtalt ſtand an ihrer Seite. Sie zitterte davor wie vor einem böſen Geiſte. „Komm!“ ſagte die bekannte, heiſere Stimme Fer⸗ dinand's.„Wir müſſen ein Unterkommen bei dem ver⸗ 191 wünſchten Regen ſuchen, und dann geht es in die weite, weite Welt.“ 4 Stumm wanderte ſie an ſeiner Seite durch den finſteren Nebel der noch dunkleren Zukunft entgegen. Ende des erſten Bandes. Prag, Druck von Jarosl. Poſpisil. —— — — n“ — 3 3 8 s 5 Vnenmlſſſſſſſſſſſſſſſi 6 7 8 9 10 11 ö