,—-——-———— (Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . — 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von(. 3 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————. 4 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 1 u 17—, 9 7— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen( der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A bBUV. Bibliothek deutſcher Hriginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von J. L. Keber. Zwölfter Jahrgang. Dreizehnter Band. Der Geheimrath. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober.— Sin Lebensild von Mar King. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Erſtes Kapitel. Wir befinden uns in einem neuen Theile der Hauptſtadt, welcher vorzugsweiſe mit dem Namen„das Geheimrathviertel“ halb im Ernſt, halb im Scherz belegt wird. Die Häuſer ſehen einander meiſt ähnlich, große ſtattliche Gebäude mit hellen Fenſterſcheiben, vor denen Blumentöpfe ſtehen. Die Straßen ſind ſtill ohne Geräuſch; nur zuweilen hört man durch die halbgeöffneten Fenſter den Ton eines Klaviers und erhaſcht die Bruchſtücke eines beliebten Salonſtückes oder eines Schubert'ſchen Liedes. Dann und wann begegnet man einem Manne in ſchwarzem Leibrock mit weißer Binde, der mit abgemeſſenen Schritten und im vollſten Bewußtſein ſeiner Würde an uns vorüberſchreitet. Man ſieht ihm ſchon von weitem an, daß er auf ſeinen Schultern die Laſt des Staates Der Geheimrath. 1 2 tragen hilft, daß er ein Rad in der mächtigen Regierungsmaſchine iſt. Er eilt nicht wie der ſchnelle Geſchäftsmann, noch ſchlendert er wie der bedächtige Bürger; ſein Schritt hält die richtige Mitte zwiſchen einem mäßigen Pflichteifer und behaglicher Selbſt⸗ beſchauung. Er weiß, daß er nicht zu ſpät kommt, daß er ſich bei ſeinen Arbeiten nicht zu übereilen braucht. Die Kontrole iſt nicht allzuſtreng, und da er auf ſeinem Bureau die erſte Stelle einnimmt, ſo iſt er vollkommen Herr ſeiner Zeit. Zugleich gibt ihm der Gedanke, daß er vierteljährig ſeinen beſtimm⸗ ten Gehalt bezieht, ein feſtes und ſicheres Auftreten. Freilich reicht das Geld nicht immer aus, beſonders wenn man eine zahlreiche Familie beſitzt, die man ſtandesgemäß,“ erziehen will. Dann fehlt es nicht. an Sorgen, und der klingende Titel entſchädigt nicht für die mangelnden Mittel. Trotz den breiten, eleganten Straßen der feinen Wohnungen, der ele⸗ ganten Einrichtung findet man ſo manche traurige und betrühte, Exiſtenz in dem ſchönen Geheimrath⸗ giertel⸗ Es iſt, Aiche glles HKold, was glänzt, und der dußere Schein der, Wohlhabenh eit und ſelbſt des Luxu vexbhirgt⸗, äufig, mp ei Ele nd dasn unerträglicher wird, da e Sch nicht, ffen 38i9 9 darf. Die Söhne wollen die großen ſenn ſpielen, 3 die Töchter wachſen heran und verlangen eine theuere Erziehung, eine koſtſpielige Toilette. Man will ſie an den Mann bringen und führt ſie in die Geſell⸗ ſchaft ein; ſie gehen auf Bälle, und man gibt ſelbſt im Intereſſe der Kinder wieder Geſellſchaften, Thé danſants und Familienbälle, wenn man auch noch ſo ſchmal das Abendbrot einrichtet und die Gäſte hungern läßt, die gemietheten Klavierſpieler noch ſo ſchlecht bezahlt; es koſtet doch und die mäßigen Einnahmen wollen nicht ausreichen. Dann kommen Schulden, tauſend Verlegenheiten und fortwährende Unruhe im Hauſe.— Gewiß thut daher der Viktualienhändler, der da unten im Keller wohnt und ſeine reichliche Nah⸗ rung hat, Unrecht, den Geheimrath um ſeine Stellung zu beneiden; dennoch thut er es. So ſind einmal die Menſchen; keiner iſt mit ſeiner Stellung zufrieden, und doch hat der Mann alle Urſache ſein Geſchick zu preiſen. Er hat bereits in ſeinem Geſchäft eine für ſeine Verhältniſſe anſehnliche Summe erſpart, und wenn er ſo fortfährt, kann er mit der Zeit noch ein wohlhabender Mann werden. Er muß frei⸗ lich den ganzen Tag ſich plagen und arbeiten, aber dafür ſchmeckt das Eſſen umſo beſſer und er ſchläft vollkommen ſorgenfrei. Jetzt hat er gerade einen 1 Augenblick freie Zeit und er ſteht vor der Kellerthür mit ſeiner Frau, er ſieht die Straße herunter und denkt ſich gar nichts, denn er iſt kein Freund von vielem Denken. Zuweilen thut er einen Zug aus ſeiner Pfeife, ie ihm ganz vortrefflich mundet; er bläſt den blauen Rauch vor ſich her und freut ſich, wie dieſer allerlei zierliche Kreiſe, Schleifen und Figuren bildet, bis er in der klaren Luft verſchwindet. Zu ſeinen Füßen ſpielt ſein Knabe von vier Jahren mit dem Haushund und wälzt ſich mit dem zottigen Buſen⸗ freund auf dem Trottoir herum. Die Frau des Vik⸗ tualienhändlers ſteht dabei und entſcheidet die kleinen Zwiſtigkeiten, welche ſelbſt zwiſchen den beſten Freun⸗ den nicht ausbleiben, mit der größten Unparteilich⸗ keit, indem ſie bald den Hund und bald das Kind mit einem leichten Schlage zur Ruhe bringt. Sonſt iſt es auf der ganzen Straße und beſonders in dem Hauſe vollkommen ruhig, wie es immer in den hei⸗ ßen Nachmittagsſtunden eines Julitages hier zu ſein pflegt. Selbſt das vielgequälte Klavier der Geheimrathstöchter feiert ſeine Sieſta, die ihm ge⸗ wiß zu gönnen iſt.— Dieſe Stille wurde jedoch mit einemmale durch das Rollen eines Wagens unterbrochen, er kam immer näher und näher, bis er vor der Thür des Hauſes hielt. Der Viktualien⸗ 5 händler wurde durch dieſes Ereigniß aus ſeinen Träumen aufgerüttelt, denn der Kutſcher verlangte ein Glas Weißbier, das er faſt mit einem Zuge hinunterſtürzte, wobei ihm die flüchtige Kohlenſäure dermaßen in die Naſe prickelte, daß er mehrere⸗ male laut nieſen mußte. Unterdeß war der mit der Equipage angekommene Lohnbediente in das Haus getreten und die breite Treppe hinaufgeeilt. Die Frau wehrte dem Knaben, der durchaus mit den Pferden näher bekannt zu werden wünſchte; was ſie jedoch nicht abhielt, mit dem Roſſelenker ein Geſpräch an⸗ zuknüpfen, um mit echt weiblicher Neugierde den Grund ſeiner Anweſenheit vor dem Hauſe zu erfahren. „Wen holen Sie denn eigentlich ab?“ fragte ſie, nachdem die nöthige Einleitung bereits getrof⸗ fen war. „Na! den Herrn Geheimrath Reisland, wie mir mein Herr befohlen hat. Wir ſahren ins eng⸗ liſche Haus, wo heute eine große Feterei gegeben wird. Ich ſage ſchon, ſo ein Geheimrath hat das ſchönſte Leben von der Welt, wenig zu thun, an⸗ ſtändige Bezahlung und alle Tage das beſte Eſſen und Trinken, während Unſereins kaum ſatt wird bei die ſchlechte Zeiten.“ „Da haben Sie ganz recht, Kutſcher!“ bemerkte 6 der Viktualienhändler.„So ein Geheimrath weiß gar nicht, wie er ſeinem Schöpfer danken ſoll. Er ſteht um acht Uhr auf, zündet ſich ſeine feine Zieh⸗ garre an, trinkt ſeinen Mokka und geht dann um Zehn oder gar erſt um halber Elf auf ſein Bureau, wo er ſich auch nicht wehthut. Da ſchreibt er ein paarmal ſeinen Namen drunter, dann ſagt er guten Morgen und geht wieder nach Hauſe. Wenn der Erſte kommt, holt er ſich ſein Geld von der Kaſſe ab, oder läßt es ſich gar vom Regierungsboten brin⸗ gen. So ein Leben könnte mir auch gefallen.“ „Und die Akten, die er zu Hauſe durchleſen muß,“ entgegnete die Frau,„die rechneſt Du für gar nichts. Jeden Tag kommt der Wagen angefahren und der Diener trägt einen ganzen Berg hinauf.“ „Bah! Es wird wohl auch nicht ſo ſchlimm ſein. Etwas muß doch der Menſch fürs Geld thun. Wenn der Herr Geheimrath auch nicht fertig wird, ſo ſchadet's ihm nichts. Er läßt die Akten liegen, ſo⸗ lang es ihm gefällt. Das weiß ich beſſer; denn ich habe ſchon mehr wie einen Prozeß geführt. Da kann Einer warten, bis er ſchwarz wird, wenn die Herren keine Zeit haben, oder nicht arbeiten wollen.“— Der Kutſcher nickte beiſtimmend mit dem Kopf und die Frau des Viktualienhändlers ſchickte ſich an, 7 ihrem Mann, wie gewöhnlich, zu widerſprechen, als ſich die Thüre des Hauſes öffnete und der Geheim⸗ rath, von dem Lohnbedienten gefolgt, unter derſelben in eigener Perſon erſchien. Er mochte ein angehen⸗ der Fünßziger ſein, eine hohe, faſt impoſante Figur, welche durch die prächtige Uniform, die er zu Ehren des heutigen Feſteſſens trug, nur noch mehr hervor⸗ gehoben wurde. In dem Knopfloche des geſtickten Leibrockes hing eine kleine goldene Kette, an der ſchon einige Orden ſich ſchaukelten, die aber noch Platz für die noch zu erwartenden Auszeichnungen zu bieten ſchien. Sein glatt raſirtes Geſicht ſteckte zum⸗ theil in einer ſtattlichen weißen Binde. Ein Gala⸗ hut, mit Federn beſetzt, bedeckte die hohe, gefurchte Stirn und das ins graue ſpielende Haar. Dieſer ungewohnte Staat vermehrte noch den Ausdruck von Vornehmheit, den ſein ganzes Weſen zur Schau trug und gab ihm das Gepräge einer ſelbſtbewußten Wichtigkeit. Nur dem tieferen Menſchenkenner mochte ſich die Bemerkung im längeren Umgange mit ihm aufdrängen, daß dieſe angenommene Würde vielleicht nur der Deckmantel eines nicht allzufeſten Charak⸗ ters war. Den grauen, aber unruhigen Augen fehlte es nicht an Bedeutſamkeit und geiſtigem Leben, wäͤh⸗ rend die untere Partie des Mundes und beſonders das herabhängende Kinn eine bedenkliche Schlaffheit zeigte. Indeß galt der Geheimrath als ein geſchick⸗ ter und gewandter Arbeiter, der die Zufriedenheit ſeiner Vorgeſetzten im vollſten Maße genoß, und bei der Regierung wegen ſeiner Brauchbarkeit und Verwendbarkeit vorzüglich angeſchrieben ſtand. Er hatte vermöge dieſer Eigenſchaften eine im ganzen ſehr ſchnelle Karriére gemacht und die erſte offene Präſidentenſtelle war ihm bereits ſogut wie zuge⸗ ſichert. Seine Neider, und ſolche hat wohl auch der beſte Mann, ſchrieben die allerdings auffallend raſche Beförderung dem Einfluſſe ſeiner Frau zu, der er, wie man ſich im Vertrauen zuflüſterte, ſeine ganze Stellung zu verdanken hatte. Sie war nämlich die Tochter des verſtorbenen Kabinetsraths Arnold, der bis zu ſeinem Tode das ganze Vertrauen und den ſteten Zutritt bei der hohen Perſon des Fürſten ſel⸗ ber genoß. Als junger Aſſeſſor war Reisland in das Haus des einflußreichen Mannes gekommen, wo er ſich um die Hand der älteſten Tochter bewarb. 5 erhielt dieſelbe und legte ſomit den Grundſtein zu ſeinem Glück, denn in kurzer Zeit fehlte es ihm nicht an Anerkennung, Beförderung und beſſerer Be⸗ ſoldung. Es wurden ihm verſchiedene Kommiſſionen oft ſehr delikater Natur übertragen, welche er jedoch 9 ſämmtlich zur Zufriedenheit der Regierung führte, und die ihn häuſig in perſönliche Berührung mit dem Hofe und ſelbſt mit dem Monarchen brachten. Durch den Tod ſeines Schwiegervaters wurde weſentlich nichts geändert; Reisland ſtand bereits ſo feſt, daß er keine weitere Stütze brauchte und ſeinen Weg allein ohne jede Beihilfe verfolgen konnte. Der Ka⸗ binetsrath hatte zwar nicht ein ſo großes Vermögen hinterlaſſen, als ſein Schwiegerſohn vielleicht erwar⸗ tete; aber die Summe von fünfzigtauſend Thalern, welche aus der Erbſchaft ihm oder vielmehr ſeiner Frau zufiel, war ein ganz angenehmer Zuſchuß zu den ſich mehrenden Ausgaben ſeiner mit der Zeit herangewachſenen Familie.— Mit den Zinſen die⸗ ſes Kapitals und ſeinem nicht unanſehnlichen Gehalt führte der Geheimrath allerdings bisher ein ſehr glückliches Leben, und der Viktualienhändler, welcher Stiefke hieß, ſchien keineswegs ſo ganz Unrecht zu haben, wenn er mit einer Miſchung von Verehrung und ſtillem Neide zu dem Geheimrath emporſchaute. Dieſes Gefühl war in dem Augenblick beſonders rege, wo Reisland ſich mit vornehmer Nachläſſigkeit auf die Polſter des Wagens niederfallen ließ und dem Kutſcher den Befehl ertheilte, nach dem engli⸗ 10 ſchen Hauſe zu fahren, wo ein köſtliches Diner ſei⸗ ner wartete. Geblendet von der glänzenden Erſcheinung ſtarrte der Viktualienhändler ihr noch lange nach, bis die elegante Equipage um die Ecke bog. Die Summe ſeiner Gedanken machte ſich durch einen tiefen Seuf⸗ zer Luft. „Wird der wieder eſſen,“ ſagte er zu ſeiner da⸗ neben ſtehenden Ehehälfte.„Und trinken wird er die feinſten Weine. Da iſt nichts gut genug: Cham⸗ pagner, wo die Flaſche zwei Thaler und zehn Gro⸗ ſchen koſtet, und das ſchöne Gefrorene. Das Waſſer läuft Einem ordentlich im Munde zuſammen, wenn man nur daran denkt. Ja, ja, Unſereiner muß ſich plagen und ſchinden und dem fliegen, ſozuſagen, die gebratenen Tauben ins Maul.“ Plötzlich fielen die Augen des Redners auf ſeinen Knaben, der wieder mit dem Hunde ſpielte, nachdem die Pferde, welche ihn für einige Zeit ſei⸗ nem Buſenfreunde entführt hatten, verſchwunden waren. 3 „Der Junge muß mir auch ſtudiren,“ rief der Viktualienhändler laut und mit der Beſtimmtheit aus, welche ein feſt gefaßter Entſchluß zu geben pflegt. „Wo denkſt Du hin, Chriſtian!“ wandte die 4 11 vernünftigere Frau ein.„Studiren koſtet Geld und nicht alle ſtudirte Leute ſind darum glücklich. Ich kenne ſo manchen gelehrten Hungerleider, der gern mit uns tauſchen möchte.“. „Dann hat er's nur nicht recht verſtanden. Unſer Junge hat ſchon heute einen guten und anſtelligen Kopf. Wo er ein Buch erwiſcht, da ſteckt er die Naſe 'rein. Weißt Du noch, wie er neulich das Zeitungs⸗ blatt nahm und uns daraus vorgeleſen hat, als verſtünde er wirklich etwas davon? Du ſelber haſt die Hände über den Kopf vor Verwunderung zu⸗ ſammengeſchlagen. Es bleibt dabei, der Schelm muß mir ſtudiren, damit er einmal etwas Großes wird.“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ erwiederte ſie anſcheinend nachgiebig.„Wir wollen uns nicht um ungelegte Eier kümmern. Wer weiß, wie Du dar⸗ über denken wirſt, wenn es erſt ſoweit mit dem Jungen iſt. Komm lieber ſtatt da zu ſpintiſiren und hilf mir die Bierflaſchen rein machen. Dann wollen wir Kafe trinken.“ Damit ging die Frau in den Keller und der Viktualienhändler folgte ihr ge⸗ horſam nach, indem er den künftigen Geheimrath oder gar Staatsminiſter an der Hand nahm und trotz ſeinen ſchreienden Proteſtationen von der Straße in den Keller führte. Unterdeß fuhr der Wagen mit dem Geheimrath Reisland durch das Thor und gelangte ſo aus dem ſtilleren Stadttheil in die lebendigeren Straßen der Reſidenz. Bekannte grüßten, die ihn begegnenden Subalternen zogen tief den Hut; wohin er blicken mochte, überall fand er befreundete oder unterthänige Geſichter und es fehlten ihm nicht die Beweiſe da⸗ für, daß er in allgemeiner Achtung ſtand. Er fühlte, daß er Etwas zu bedeuten habe, daß er eine hervorragende Stellung in der Hauptſtadt ein⸗ nehme. Dieſes Bewußtſein verſetzte ihn in eine hei⸗ tere Stimmung, und wie er ſo dahin rollte in der ſchönen Equipage, von allen Seiten geehrt und auch gekannt, überkam ihn ein gewiſſer Stolz, wie er es bereits ſo weit gebracht; und die Hoffnung, daß er noch nicht am Ziele ſeiner Laufbahn ſtehe. Dieſe angenehme Empfindung wurde noch wo möglich er⸗ höht, als er auf ſeinem Wege dem Monarchen ſelbſt begegnete und dieſer den ehrfurchtsvollen Gruß des Geheimraths durch eine herablaſſende Kopfbewegung und ein wohlwollendes Lächeln erwiederte. Reisland hatte ſich gewiß nicht getäuſcht, wenn er annahm, daß der gnädige Fürſt ſich ſeiner treuen Dienſte er⸗ innerte und ihm perſönlich wohlwollte. Es konnte ihm gar nicht fehlen und in Gedanken ſah er ſich bereits als Präſident.— Während er ſich noch in dieſen angenehmen Träumen wiegte, drohte bereits ein Ungewitter an dem Horizonte ſeiner heiteren Laune aufzuſteigen. Zufällig fielen ſeine Augen auf die Ge⸗ ſtalt eines jungen Mannes oon ſechs⸗ bis achtund⸗ zwanzig Jahren, der aus einem an der Straße lie⸗ genden Kaufladen trat. Beider Blicke kreuzten ſich in demſelben Moment und dieſes Zuſammentreffen ſchien eine gleiche erſchütternde Empfindung bei den betheiligten Perſonen hervorzubringen. Der junge Mann grüßte mit unverkennbarer Befangenheit und ſah faſt mit bittenden Geberden, wie um Verzeihung flehend, zu dem Geheimrath empor, der ſich zürnend und kalt abwendete, als wollte er von dem Grüßen⸗ den auch nicht die geringſte Notiz nehmen. Dieſer ſtarrte dem dahineilenden Wagen tief erſchüttert nach und fuhr mit der Hand über die feuchten Augen, um eine hervorquellende Thräne zu verwiſchen; dann, wie von einem plötzlichen Entſchluß gefaßt, ſchlug er die entgegengeſetzte Richtung nach dem Thore ein.— Auch den Geheimrath ſchien dieſe unerwartete Be⸗ gegnung unangenehm berührt zu haben. Eine fin⸗ ſtere Wolke des Unmuths lagerte ſich auf ſeiner 14 Stirn und das frühere ſelbſtgefällige Lächeln war von ſeinen ſchmalen Lippen verſchwunden. Sogar ein Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt; die Verſtim⸗ mung, welche ſich ſeiner Seele bemächtigt hatte, machte ſich in den Worten Luft:„Muß der Unglücks⸗ menſch mir gerade jetzt begegnen!“— Er ſuchte jedoch bald wieder Herr ſeiner Stimmung zu werden und als der Wagen vor dem Portale des engliſchen Hauſes hielt, war ſein Geſicht glatt und ungetrübt wie der Spiegel des Meeres, dem man auch nicht den eben vertobten Sturm anzuſehen vermag; nur um den ſchlaffen Mund zitterte die eben erlebte Aufregung in einem leiſen, unheimlichen Zucken nach. In feſter Haltung trat er jetzt in den Saal, wo das Jubiläum eines achtungswerthen Staatsdieners mit einem glänzenden Feſteſſen gefeiert werden ſollte. Bereits hatten ſich die Spitzen der Behörden hier verſammelt, darunter der Miniſter ſelbſt, um dem würdigen Greiſe ihre Glückwünſche darzubringen. Der Geheimrath zählte zu den intimeren Freunden desſelben und ſein Srſcheinen machte ſichtlich auf den Jubilar den angenehmſten Eindruck. „Ich habe Sie erwartet,“ ſagte dieſer, ihm die Hand entgegenſtreckend.„Wußt' ich doch, daß Sie nicht ausbleiben würden an meinem Ehrentage. Sie 15 ſind ſeit Jahren ſchon mein beſter Freund, ich möchte faſt ſagen, mein einziger.“ „Und ich bin ſtolz auf dieſen Vorzug; nur wünſche ich noch meine Freundſchaft in irgendeiner Weiſe Ihnen bethätigen zu können.“ „Das kann ſchneller kommen als Sie denken. Ich habe dieſe Tage mein Teſtament gemacht und Sie zum Vollſtrecker desſelben ernannt. Den Dienſt dürfen Sie mir nicht abſchlagen.“ „Gewiß nicht; nur begreife ich nicht, wie Sie gerade heute und an einem ſolchen Freudentage daran denken?“ „Ich fürchte,“ bemerkte mit einem leiſen Anflug von Humor der Jubilar,„daß die allzugroße Ehre und Freude, die mir von allen Seiten heute zutheil geworden iſt, mich noch erdrücken wird. Wäre es nach mir gegangen, ſo hätte ich am liebſten den ſeltenen Tag in tiefſter Zurückgezogenheit mit meinen alten Freunden und meinen alten Erinnerungen zugebracht. Das ging aber nicht an und ſo muß ich denn mit meinem ſchwachen Magen einem Feſteſſen beiwohnen, das ich nicht mehr vertragen kann und das mich tödten würde, wenn ich wirklich von dem Speiſezettel Ge⸗ brauch machen ſollte. Ja, ja, mein lieber Freund! Göthe hal ganz Recht: ‚Was man in der Jugend ſich wünſcht, hat das Alter in Fülle.“ Freilich dann kann man keinen Gebrauch mehr davon machen. Was nützen Einem die ſchönſten Genüſſe, wenn unſere Organe abgeſtumpft ſind, wenn wir keine Zähne mehr zum Beißen haben und die Zunge nicht mehr zum Schmecken taugt?“ „Sie ſcherzen doch nur; ich finde Sie rüſtiger als je.“ „Der Schein trügt und die ſiebzig Jahre, die ich auf dem Rücken trage, ſind eine ſchwere Laſt; ſie drücken Einen zu Boden und endlich führen ſie ins Grab. Daran hab' ich auch gedacht und darum mein Haus in Zeiten beſtellt. Sie thun mir einen großen Gefallen, wenn Sie meinen letzten Willen ausführen wollen. Es iſt dieß der einzige Freund⸗ ſchaftsdienſt, den ich von Ihnen verlange. Wenn Sie das Amt übernehmen und für meine minoren⸗ nen Erben das Bißchen Vermögen verwalten, das ich ihnen hiuterlaſſen werde, ſo machen Sie mir das Scheiden leicht.“ „Von Herzen gern und ich danke Ihnen für 4 dieß ehrenvolle Vertrauen, welches Sie in mich ſetzen.“ „Ich kenne Sie ſeit Jahren und ſchätze Sie als einen vollkommenen Ehrenmann. Alſo die Sache 17 iſt zwiſchen uns abgemacht; Sie werden mein Te⸗ ſtamentsexekutor.“ Der Greis hielt dem Geheimrath die zitternde Hand entgegen, welche dieſer mit Rührung ergriff und in der ſeinigen drückte. Leider hatte der Ju⸗ bilar nur zu richtig die Nähe ſeines Todes geahnt; vierzehn Tage ſpäter war er nicht mehr am Leben. Ein plötzlicher Schlagfluß hatte ihn getroffen, er ſtarb allgemein bedauert, in ſeinem Teſtament war der Geheimrath zum Vormund der noch minorennen Enkel und zum unumſchränkten Verwalter des nicht unbedeutenden Vermögens derſelben eingeſetzt.— Zweites Kapitel. Zu derſelben Zeit, wo Reisland dem Jubelfeſte ſeines alten Freundes beiwohnte, eilte derſelbe junge Mann, deſſen Begegnung ihn ſo unangenehm ergrif⸗ fen hatte, durch das Thor und nach dem Hauſe des Geheimraths ſelbſt. Sein Herz pochte vor gewalti⸗ ger Aufregung, als er die Treppe hinaufſtieg und den Klingelzug mit ſeiner zitternden Hand ergriff. Wie ein Dieb ſchrak er zuſammen, ſobald die Thür ſich öffnete. Eine junge Dame von ungefähr drei⸗ Der Geheimrath. 2 18 undzwanzig bis vierundzwanzig Jahren im einfachen Hauskleide ſtand vor ihm. Das nicht ſchöne, aber ſanfte Geſicht ließ auf innere Herzensgüte ſchließen, gepaart mit einer muthvollen Energie. Eine gewiſſe Aehnlichkeit war zwiſchen beiden leicht herauszufinden und deutete auf ein nahes verwandtſchaftliches Ver⸗ hältniß hin. Sie war die älteſte Tochter des Ge⸗ heimraths, Namens Martha, und der junge Mann ihr Bruder Friedrich. Es war eine lange Zeit ſchon vergangen, ſeitdem ſich die Geſchwiſter geſehen hatten; dieß durfte nur in Abweſenheit des Vaters und heimlich geſchehen, da dieſer aus mannigfachen Grün⸗ den dem Sohne ſein Haus verboten und jede Ver⸗ bindung mit ihm abgebrochen hatte. Friedrich war dem Geheimrath ein Dorn im Auge, weil er nach deſſen Meinung der ganzen Familie nur Schande machte, obgleich man ihm eine wirklich ſtraffällige Handlung nicht nachweiſen konnte. Er ſollte ſtudi⸗ ren, die große Karriére einſchlagen und einſt wo mög⸗ lich eine reiche Partie ſchließen. All dieſe Wünſche, Ausſichten und Hoffnungen gingen jedoch nicht in Erfüllung. Der Sohn hatte die Univerſität beſucht und ſeine erſte Staatsprüfung ehrenvoll beſtanden; 3 bei den Verbindungen des Geheimraths konnte ihm nach einigen Jahren eine vortheilhafte Anſtellung 19 nicht entgehen. Dazu waren alle Ausſichten vorhan⸗ den und umſomehr wurde der Vater gekränkt und erbittert, als der Sohn vielleicht durch eigene Schuld alle dieſe glänzenden Ausſichten nach und nach ver⸗ nichtete. Wie viele junge Leute in der Hauptſtadt ließ er ſich anfänglich von dem Strudel der Vergnü⸗ gungen und Zerſtreuungen hinreißen; er vernach⸗ läßigte ſeine Arbeiten und ſein Studium, wodurch er die Unzufriedenheit ſeiner Vorgeſetzten erregte. Da⸗ bei fehlte es ihm keineswegs an Geiſt und Talent, aber die mechaniſche Thätigkeit ſagte ihm nicht zu und er glaubte zu etwas Höherem geboren zu ſein, als einen gewöhnlichen Aktenmenſchen einmal abzu⸗ geben. Er theilte in dieſer Beziehung den allgemei⸗ nen Fehler der Jugend, welche fliegen will, bevor ſie noch das Gehen gelernt hat, und die nicht begreift, daß das Genie zum großen Theile ſeine Erfolge dem von ihr verachteten und für philiſterhaft ver⸗ ſchrieenen Fleiße verdankt. Das Beiſpiel und die Ermahnungen des Vaters waren umſonſt, da der Sohn in ihm nur den Typus des veralteten Beam⸗ tenthums, einen Repräſentanten des herrſchenden Zo⸗ pfes ſah. So nahte die Zeit des zweiten Examens, der eigentlichen Staatsprüfung, womit die wirkliche Anſtellung verbunden iſt. Friedrich war nicht genü⸗ 2* 20 gend vorbereitet und hatte das Unglück bei der Prü⸗ fung durchzufallen. Der Geheimrath ſah in dieſem nicht ſeltenen Unfall eine perſönliche Kränkung, eine ihm ſelber und der ganzen Familie widerfahrene Schmach. Statt den damals gebeugten Sohn, der jetzt den beſſeren Rathſchlägen zugänglich geworden war, aufzurichten, überhäufte er dieſen mit Vorwür⸗ fen und drohte ſeine Hand von ihm gänzlich abzu⸗ ziehen. Dadurch wurde die Kluft zwiſchen beiden nur immer größer und Friedrich dem elterlichen Hauſe nach und nach gänzlich entfremdet. Er kehrte zu ſei⸗ nen alten Vergnügungen zurück, mehr um ſich zu betäuben, als aus wahrer Neigung. Weil ſeine Mit⸗ tel nicht ausreichten, ſo machte er Schulden, die ſchließlich der Vater bezahlen mußte. Es kam zu neuen heftigen Auftritten und der faſt unvermeidliche Bruch wurde nur durch die Bitten der Mutter und der Geſchwiſter noch aufgehalten. Plötzlich ſchien jedoch eine überaus günſtige Veränderung mit dem bereits für verloren gehaltenen Sohne eingetreten zu ſein; er gab ſeinen bisherigen leichten Lebenswan⸗ del auf, zog ſich von allen Zeit und Geld koſten⸗* den Vergnügungen zurück und ſchien auch an der ihm verhaßten Arbeit wieder Freude zu gewinnen. Bald wurde auch der Grund dieſer wohlthätigen Ver⸗ 21 änderung bekannt. Friedrich hatte die Bekanntſchaft eines jungen Mädchens gemacht, welches dieſen gün⸗ ſtigen Einfluß auf ihn ausübte. Roſalie war die Tochter einer Subalternenwitwe und ernährte ſich und ihre Mutter von ihrer Händearbeit. Das war freilich nicht die reiche Schwiegertochter, wie ſie ſich der Geheimrath wünſchte; deßhalb weigerte er ſich auch entſchieden, ſeine Einwilligung zu einer Verbin⸗ dung ſeines Sohnes mit der ‚Nätherin’ zu geben, als dieſer ſeinen Segen forderte. Das Maß war voll; da Friedrich ſeine Liebe nicht aufopfern wollte, und das Mädchen gegen den Willen ſeiner Eltern zum Altare führte, ſo wurde er für immer aus dem Hauſe geſtoßen und der Geheimrath zog ſeine Hand gänzlich von ihm ab. Ohne Geld und ohne Anſtellung hätte er mit ſeiner Frau verkommen müſſen, wäre dieſe nicht ſo tüchtig geweſen. Sie arbeitete nur noch un⸗ ermüdlicher als zuvor und erhielt das kleine Haus⸗ weſen lediglich durch ihren Fleiß; aber die übertrie⸗ bene Anſtrengung drohte ſie aufzureiben und ihre Geſundheit begann ſichtlich zu leiden. Friedrich, der ſeine Frau von ganzer Seele liebte, dachte jetzt ernſtlich einen Beruf zu wählen, um ſich und die Seinigen zu ernähren. Die Beamtenkarriére war ihm zuwider, auch hatte er vor Jahr und Tag keine 22 Ausſicht auf eine Anſtellung, da er nicht mehr auf die Protektion des Vaters rechnen durfte. Gern hätte er bei einem beſchäftigten Rechtsanwalt oder Notar die Stelle eines Hilfarbeiters, ſelbſt eines gewöhn⸗ lichen Abſchreibers angenommen, aber alle derartigen Poſten waren beſetzt und ſeine desfallſigen Schritte nutzlos. Zum Glücke ſiel ihm bei, ein kleines Ta⸗ lent auszubeuten, von dem er bisher gar keinen Ge⸗ brauch gemacht hatte. Er zeichnete und malte be⸗ ſonders ſchöne Blumenſtücke, und Roſalie hatte ſchon öfters nach dieſen Muſtern Stickereien angefertigt, welche großen Beifall fanden. Sie ſelbſt machte ihn darauf aufmerkſam, wie geſucht geſchickte Zeichner in dieſem Fache wären, und forderte ihn auf, einige Blumenſtücke, welche müſſig in ſeiner Mappe lagen, einem bekannten Fabrikanten anzubieten. Die Arbeit geſtel und Friedrich erhielt ſogleich eine Reihe von Beſtel⸗ lungen, die nicht allein hinreichten, ihn vor Mangel zu ſchützen, ſondern ihm ſogar geſtatteten, mit der Zeit eine kleine Summe zu erſparen. Mit dieſer und einer zwar unbedeutenden, aber doch willkommenen Erb⸗ ſchaft, welche ſeiner Frau vonſeiten eines alten Va⸗ terbruders zufiel, begründete er auf Roſaliens Zure⸗ den ein eigenes Geſchäft mit Stickereien und Stick⸗ muſtern. Sein feines Benehmen, ſeine künſtleriſche 23 Bildung verſchafften ihm bald einen bedeutenden Zu⸗ ſpruch, und ſeine Umſtände verbeſſerten ſich mit jedem Tage. Freilich hatte er im Anfange einen harten Kampf mit ſeinem eigenen Stolze und den Vorur⸗ theilen der Welt zu beſtehen, ehe er ſich zu dieſem ungewohnten Auskunftsmittel entſchloß und ſtatt ein Staatsdiener nur ein gewöhnlicher kleiner Kaufmann und Muſterhändler wurde. Bald aber ſöhnte er ſich mit ſeiner jetzigen Beſchäftigung aus, beſonders da ſie ihm eine zwar beſchränkte, aber ſichere und ange⸗ nehme Eriſtenz verſchaffte.— Mit dieſem Schritte hatte ſich jedoch Friedrich den letzten Weg zur Aus⸗ ſöhnung mit ſeinem Vater abgeſchnitten. Vielleicht hätte ihm der Geheimrath noch ſeine Heirat mit der mißliebigen Nätherin verziehen, nie aber konnte und wollte er ihm dieſe Erniedrigung und Beſchim⸗ pfung vergeben, wofür er die Handlungsweiſe ſeines Sohnes nahm. Der bloße Gedanke, daß der Name „Reisland“ auf einem gewöhnlichen Aushängeſchilde ſtand, daß ſein eigener Sohn, von dem er ſich einſt ſo viel verſprochen hatte, jetzt ein gemeiner Krämer geworden war, verſetzte ihn in unausſprechliche Wuth. Erſt jetzt hielt er ſich für den unglücklichſten Vater auf der Welt, für beſchimpft und auf jede mögliche Weiſe gekränkt. Kein Mitglied ſeiner Familie durfte 24 in ſeiner Gegenwart von Friedrich ſprechen, jede Erinnerung an ihn war auf das ſtrengſte unterſagt und den übrigen Geſchwiſtern der Umgang mit dem ungerathenen Bruder förmlich verboten. Vergebens ſchrieb dieſer die rührendſten Briefe an ſeinen Vater; er erhielt dieſelben unerbrochen zurück; umſonſt wandte er ſich an die Mutter; die Geheimräthin theilte in dieſer Beziehung ganz und gar die Anſichten ihres Gatten und lehnte entſchieden jede Vermittlung ab. Nur ſeine Schweſter Martha kehrte ſich nicht an das väterliche Verbot und war Friedrich treu geblieben. Dieß geſchah nicht aus Trotz, obgleich ſie einen ge⸗ wiſſen Widerſpruchsgeiſt beſaß, als vielmehr in der Ueberzeugung, daß der Bruder bereits hinlänglich für ſeine Verirrungen gebüßt habe. Sie hatte ſich von Jugend auf gewöhnt, ſelbſtſtändig zu beobachten und zu prüfen. Darum gerieth ſie häufig in Zwieſpalt mit der übrigen Familie, aber ſie hatte es auch ver⸗ ſtanden, durch ihre geiſtige Ueberlegenheit und uner⸗ müdliche Thätigkeit ſich allen und beſonders der kränkelnden Mutter unentbehrlich zu machen, ſo daß man ſie ihren eigenen Weg gehen ließ. So kam es, daß ſie Friedrich ſah, daß ſie die Bekanntſchaft ihrer Schwägerin machte und dieſelbe trotz aller Vor⸗ urtheile achten und lieben lernte. Sie beſuchte ihren 25 Bruder zuweilen, obgleich dieß nur heimlich geſche⸗ hen konnte, und unterhielt ſo noch einigermaßen ſeine Verbindung mit dem elterlichen Hauſe. Bisher hatte es jedoch Friedrich nicht gewagt, ſeit ſeiner Verſto⸗ ßung dasſelbe zu betreten; nicht mit Unrecht ſchrieb daher Martha dieſe unerwartete Erſcheinung einem außerordentlichen Ereigniſſe zu. „Friedrich!“ rief ſie überraſcht und erſchrocken dem Eintretenden entgegen.„Wie kommſt Du hierher? Denke an den Auftritt, den es gegeben hätte, wenn Du dem Vater begegnet wärſt. Das iſt nicht recht von Dir.“— „Ich wußte, daß der Vater fortgefahren iſt; ich habe ihn unterwegs getroffen. Ach! er wandte ſich ab, als ich ihn grüßen wollte. Es gab mir einen Stich durchs Herz und ich konnte mich kaum auf meinen Füßen erhalten. Wird denn dieſer Haß niemals ſchwinden?“ „Nicht ſo bald; die Wunde iſt noch für ihn zu neu. Es müſſen erſt Jahre darüber vergehen, ehe er ſich mit dem Gedanken vertraut macht und ſeine durch Dich getäuſchte Hoffnungen vergißt. Dein An⸗ blick reizt ihn immer nur aufs neue und erinnert ihn an die Vergangenheit. Du thäteſt daher beſſer, ihm noch vorläufig aus dem Wege zu gehen.“ 26 „Und ich bin voll Erwartungen hierher gekom⸗ men. Ich habe Dir ein freudiges Ereigniß mitzutheilen, an das ich die ſchönſten Hoffnungen knüpfte. Meine gute Frau hatte mich mit einem Knaben beſchenkt und zum glücklichen Vater gemacht. Dieſe Gelegenheit wollte ich benutzen, um das Herz der Eltern zu rüh⸗ ren. Es iſt das erſte Enkelkind, das ihnen geboren wird und in der Freude meines Herzens eilte ich hierher, alles vergeſſend, um ihnen dieſe Nachricht zu bringen.“ „Ich fürchte, daß auch dieſe Mittheilung nichts ändern wird, doch will und kann ich Dir nicht ab⸗ rathen, wenigſtens bei der Mutter einen Verſuch zu wagen. Komm herein, wir wollen mit einander über⸗ legen, was ſich thun läßt.“ An der Hand der Schweſter betrat Friedrich zum erſtenmal wieder die Wohnung, welche er ſeit Jahren nicht geſehen hatte. Eine tiefe Rührung ergriff ihn, als er die bekannten Räume abermals erblickte. Dort an der Wand hingen die Bilder ſeiner Großeltern, darunter war früher ſein eigenes Porträt, als Knabe von zehn Jahren gemalt. Man hatte es entfernt und nur der leere Fleck war wie ein ſtiller Vorwurf für ihn zurückgeblieben. In der Ecke ſtand noch der Lehnſtuhl, worin der Geheimrath ſeine Nachmittags⸗ ruhe zu halten pflegte; wie oft hatte Friedrich bei 27 ſeinem Erwachen auf ſeinem Schooß geſeſſen und ihm ein Geldſtück, oder ein Geſchenk in ſolchen Stunden der guten Laune abgeſchmeichelt. Jeder Stuhl, jeder Tiſch war eine wehmüthige Erinnerung für ihn. Die alte Uhr auf der Konſole mahnte ihn an die vergangene Zeit und wie es einſt ſein höchſter Wunſch geweſen, auch einmal ein ſolches Wunderwerk zu be⸗ ſitzen. Das alles fiel ihm jetzt ein und machte ihn ſo weich, daß er kaum die Thränen zu unterdrücken vermochte. Dann dachte er wieder an ſein neuge⸗ borenes Kind, an ſeine eigene Vaterſchaft, an all die Ausſichten und Hoffnungen, die er damit verband, und ſein Herz wurde ſo voll und ſeine Seele ſo ge⸗ läutert und erſchüttert, daß er gern jedes Opfer ge⸗ bracht, jede Demüthigung erlitten hätte, um endlich die Verzeihung ſeiner Eltern zu erlangen. Martha ahnte wohl, was in ſeinem Innern vorging, ſie nahm ſeine Hand in die ihrige und legte wie beruhigend ihren Arm um ſeinen Hals. Endlich machte ſich der Sturm ſeiner Empfindungen in einem heißen Thrä⸗ nenſtrome Luft. Er weinte zuerſt heftig, krampfhaft ſchluchzend, dann immer leiſer, bis er, männlich gefaßt, die nöthige Ruhe wiedergewann. Die Schweſter war nicht minder erſchüttert, aber von Jugend auf mehr gewohnt ihre Stimmung zu beherrſchen. Man 28 hätte ſie leicht bei einer oberflächlichen Beurtheilung für kalt und herzlos halten können, doch wäre ihr damit ein ſchweres Unrecht geſchehen. Sie gehörte zu jenen ſeltenen weiblichen Naturen, welche ihre tiefe Empfindung faſt abſichtlich unter einer ſcheinbaren Kälte zu verbergen ſuchen. Solche Frauen haben ge⸗ wöhnlich von der Natur ein weiches und warmes Herz erhalten, das ſich aber in der Berührung mit der Außenwelt gekränkt und beleidigt auf ſich ſelbſt zurückgezogen hat und nur unter einer Eisdecke wie der junge Frühling zu ſchlummern ſcheint. Meiſt trägt eine verkannte oder übelangebrachte Liebe die Schuld, daß ſie ſich mit einer derartigen unnahbaren Hülle umgeben und darum für egoiſtiſch gelten. Auch Martha hatte ein ähnliches widriges Schickſal zu erdulden gehabt. Sie fand nach allen Seiten ihre Liebe ſchlecht vergolten, und ſelbſt bei ihren Eltern und jüngeren Geſchwiſtern nur ſelten Anerkennung und Erwiederung. Die Natur hatte ihr die Gabe des Gefallens, der ſchnell einnehmenden und bezaubernden Liebenswürdig⸗ keit verſagt, welche ihrer zweiten Schweſter Eugenie in hohem Maße zutheil geworden. Dieſe war der Liebling des Vaters, der ſie ihrer Schönheit willen bevorzugte, während die Geheimräthin in ihr die ei⸗ gene Jugend und ein Abbild ihrer längſt verſchwun⸗ 29 denen Reize ſah. Zum Glück war Eugenie zwar leicht⸗ ſinnig, aber auch gutmüthig und harmlos, ſo daß ſie das ihr eingeräumte Uebergewicht der Schweſter ge⸗ genüber nicht zum Uebermuth verleitete. Neidlos freute ſich Martha mit den Reizen und Eroberungen des verzogenen Mädchens, deſſen Vertraute ſie war und auch fortwährend blieb. Sie ſelbſt hatte für das ge⸗ ſellſchaftliche Treiben im elterlichen Hauſe nur wenig Sinn und Zeit, da bei der fortwährenden, oielleicht nur eingebildeten Kränklichkeit der Mutter die ganze Laſt der Wirthſchaft auf ihren Schultern ruhte. Sie mußte den Thee und das Eſſen beſorgen, wenn der Geheimrath Leute bei ſich ſah; ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit war nur darauf gerichtet, daß es an nichts fehlte und kein Verſtoß vorkam. Kein Wunder, daß ſie deßhalb von ihren eigenen Angehörigen, ſowie von den eingeladenen Gäſten nur wie eine ‚höhere Wirthſchafterin angeſehen wurde, während Eugenie die Stelle der gefeierten Haustochter einnahm. Selten traf es ſich, daß ein Hausfreund einige Worte an das ihm unbedeutend ſcheinende Mädchen im freund⸗ lichen Tone richtete, noch ſeltener, daß einer der jun⸗ gen Herren der fahlen und blaſſen Blondine, welche ſich meiſt zurückgezogen im Hintergrunde hielt, eine Aufmerkſamkeit als ein Almoſen zukommen ließ. Nur 30 Friedrich kannte und ſchätzte von jeher Martha's Herz und ihren Geiſt nach ihrem vollen Werthe. Nachdem er ſich mühſam oon ſeiner natürlichen Er⸗ ſchütterung erholt hatte, wiederholte er nochmals ſein Geſuch, wenigſtens durch ihre Vermittlung die Mutter zu ſehen und zu ſprechen. „Es wird ſchwer halten,“ ſagte Martha, nach⸗ dem ſie einige Augenblicke überlegt hatte.„Du kennſt die Mutter und weißt ſelbſt, wie ſehr ſie jede Auf⸗ regung wegen ihrer Nervenzufälle vermeidet. Doch ich will mein Möglichſtes thun, daß ſie Dich wenigſtens vorläßt. Trotz manchen Schwächen hat ſie ein gutes Herz, und wenn ſie es erſt über ſich gebracht, Dich zu ſehen, ſo iſt damit ſchon viel, wenn auch nicht alles gewonnen. Schließlich thut der Vater doch immer, was ſie wünſcht. Ich will den Verſuch wagen, wenn ich Dir auch nicht für den Erfolg ſtehen kann.“ „Gute Schweſter! Wie kann ich Dir für Deine Liebe danken. Ich weiß, daß Du meinetwegen ſchon ſoviel hier im Hauſe geduldet haſt.“ „Davon kann nicht die Rede ſein. Ich komme hier am wenigſten in Betracht, wenn ich Dir nur helfen kann. Schade, daß Eugenie ausgegangen iſt. Der ſchlägt die Mutter ſelten etwas ab.“ „Sie iſt der verzogene Liebling, während Du“— 31 „Still! ich laſſe auf Eugenie nichts kommen. Sie mag einwenig faatterhaft und leichtſinnig ſein, aber böſe iſt ſie nicht. Du haſt einmal ein Vorurtheil gegen ſie.“. „Hat ſie ſich jemals um mich gekümmert, je nach mir gefragt? Wenn ich ihr auf der Straße be⸗ gegnet, wendet ſie ſich nicht weg und thut ſie nicht, als ob ſie mich nicht kennt?— Pfut! das iſt ſchlecht und zeigt von keinem guten Herzen.“ „Das beweiſt nur, daß ſie eine beſſere Tochter iſt als ich. Doch im Ernſte, lieber Bruder! Sie hat keine Schuld. War ſie nicht noch ein halbes Kind, als Du aus dem elterlichen Hauſe kamſt? Sie beſitzt noch heute kein eigenes Urtheil und glaubt nur den Schilderungen, die der Vater ihr von Dir gemacht hat.“ „Schlimm genug, daß es ſo iſt, daß ſich kein Funke von geſchwiſterlicher Liebe in ihrer Seele regt. Aber die eitle Prinzeſſin könnte meinetwegen um⸗ kommen, ich würde Ihretwegen keinen Schritt thun und wenn ich ſie mit Darreichung eines Strohhalms retten könnte.“ „Das wirſt Du nicht. Ich kenne Dich beſſer wie Du Dich ſelber kennſt. Wenn Du mich nicht ernſtlich böſe machen willſt, ſo laß dieſe ſchlechten Redensarten, deren Du Dich ſchämen ſollteſt. Mit ſolchen Geſin⸗ 3²2 nungen kommſt Du hierher und verlangſt Verzeihung von den Eltern, während Du ſelbſt nicht zu vergeben vermagſt?— Friedrich! Friedrich! Was ſoll ich von Dir denken?“ „Martha! Verzeih meine Heftigkeit. Ich will ja alles thun, was Du mir ſagſt; ich will alles vergeſſen, die jahrelange Verachtung, die mir von⸗ ſeiten meiner Familie zutheil geworden iſt, jede Kränkung, jede Demüthigung. Hier auf meinen Knieen will ich ſo lange liegen, bis ſie wund werden, wenn ich nur damit die Verzeihung der Eltern erlange. Ich weiß nicht, ſeit ich ſelber Vater geworden bin, iſt mit mir eine vollſtändige Veränderung vorgegangen. Jetzt fühle ich erſt, wie tief der Menſch in der Fa⸗ milie wurzelt, welche hohe und heilige Bedeutung in dem Worte ‚Eltern’ liegt. Ich muß mich mit ihnen endlich ausſöhnen, eher habe ich keine Ruhe und keine Freude mehr auf dieſer Welt.“ Es lag eine ſolche überwältigende Wahrheit in den Worten Friedrichs, daß auch das letzte Beden⸗ ken in der Seele ſeiner Schweſter ſchwand. Obgleich ſie wußte, daß ſie durch den Schritt, den ſie thun wollte, möglicherweiſe bei ihren Eltern anſtoßen würde, ſo dachte ſie wie gewöhnlich an ſich zuletzt. Sie galt für den allgemeinen Sündenbock der Familie, 33 und wo es darauf ankam, den erſten Sturm auszu⸗ halten, wurde ſie faſt immer vorgeſchoben. Für ſich hatte ſie ſelten etwas zu erbitten, umſomehr für Andere. Ganz von dem Gedanken erfüllt, ihren ver⸗ ſtoßenen Bruder mit der Familie wieder auszuſöhnen, begab ſie ſich in das Zimmer ihrer Mutter. Die Geheimräthin war eine kleine kränkliche Frau, welche den größten Theil des Tages auf dem Sopha lie⸗ gend zubrachte. Wenn man ihr Glauben ſchenken wollte, ſo war ſie außer Stande, ein Glied ihres zar⸗ ten Körpers vor Schwäche zu bewegen. Nichtsdeſto⸗ weniger beſaß ſie eine ſolche Herrſchaft über ihre Gebrechlichkeit, daß ſie ſelten eine Einladung zu ei⸗ nem Damenkafé oder einem Familienballe ausſchlug. Oft ſchleppte ſich die arme Frau zu Tode krank nach ihrer Toilette, um ſich für die Geſellſchaft in den größten Staat zu werfen. Das alles that ſie nur für ihren Mann und für ihre Kinder, um dieſen nicht die Freude zu ſtören. Sie war das fortwäh⸗ rende Opfer ihrer Mutterliebe und ihr ganzes Leben nur eine große Kette von rührender Hingebung und Selbſtvergeſſenheit. Natürlich wurde ſie darum von ihrem Gatten wie eine Heilige verehrt, und ſie übte vermöge der Schonung, welche ihre Kränklichkeit er⸗ forderte, eine unbegrenzte Herrſchaft, die faſt an Der Geheimrath. 34 Tyrannei grenzte, über das ganze Haus und ihre Fa⸗ milie aus. Außerdem beſaß ſie große weibliche Klug⸗ heit und eine ungewöhnliche Bildung, da ſie viel geleſen und geſehen hatte. In ihren verblaßten Zügen waren noch die Spuren der früheren Schönheit zu entdecken, welche freilich jetzt einen ſcharfen, ſpitzen Ausdruck angenommen hatten; aber noch immer lag viel Geiſt in dem blei⸗ chen ſchmalen Geſicht und beſonders in den dunklen, feurigen Augen. Sie war ſelbſt heute noch eine in⸗ tereſſante Frau zu nennen und trotz des vorgerückte⸗ ren Alters nicht frei von jeder Eitelkeit. Auch wenn ſie leidend auf dem Sopha lag, erſchien ſie in ſau⸗ berer und ſehr gewählter Toilette. Ein Rock von grauer Seide bekleidete die zwar kleine, aber überaus graziöſe Geſtalt; feine Spitzenmanſchetten verhüllten den Arm, ließen jedoch die ariſtokratiſch weiße Hand mit den langen dünnen Fingern gehörig hervortreten. Die Geheimraͤthin verſtand es, dieſen Vorzug in das gehörige Licht zu ſtellen; ſie ſah es gern, wenn ältere und noch jüngere Herren dieſe ſchöne Hand bewun⸗ derten und küßten; es war ja die einzige Reliquie ihrer dahingeſchwundenen Reize, welche den Ver⸗ wüſtungen der Zeit noch glücklich entgangen war. Ein Spitzenhäubchen ſchloß ſich um Schläfe und 3⁵ Kinn zierlich an und verlieh ihrem Geſicht eine ge⸗ wiſſe matronenhafte Würde, ohne jedoch die Dame älter zu machen als ſie wirklich war. Ihr urſprüng⸗ lich dunkel ſchwarzes Haar zeigte bereits einen grauen Schimmer, aber die Geheimräthin war zu klug, um nach Art der gewöhnlichen alten Koketten ihr Haar zu färben oder eine falſche Haartour zu tragen, lie⸗ ber wollte ſie den kleinen Uebelſtand dulden, als ſich lächerlich machen. Bei dem plötzlichen Eintritt ihrer Tochter ſchlug ſie ihre ſchwarzen Augen von dem Buche auf, in dem ſie las; es waren die ‚Briefe Wilhelm von Humboldt's an eine Freundin.“ Die Unterbrechung in der für ſie höchſt intereſſanten Be⸗ ſchäftigung ſchien ihr nicht angenehm zu ſein und ſie fragte deßhalb zwar leiſe, aber doch im gereizten Tone:„Was gibt es denn ſchon wieder; kann ich denn keinen Augenblick Ruhe haben?“ „Verzeihen Sie, liebe Mutter!“ antwortete Martha mit möglichſter Schonung.„Es wartet je⸗ mand im Vorzimmer, der Sie dringend zu ſprechen wünſcht.“ „Du weißt, daß ich um dieſe Stunde keinen Beſuch annehme, außer den Sanitätsrath und allen⸗ falls den alten Herrn von Wallberg. Warum haſt Du ihn nicht abgewieſen, wenn es ein Fremder iſt.“ 3* 36 „Es iſt kein Fremder.“ „Auch für Bekannte bin ich nicht zu ſprechen, noch dazu in dieſem Negligee. Wer iſt denn der Zudringliche?“ „Ich weiß in der That nicht,“ entgegnete die Tochter voll Verlegenheit,„ob ich Recht thue; jedoch er hat mich ſo gebeten, daß ich es ihm nicht ab⸗ zuſchlagen vermochte. Sie dürfen nicht böſe ſein; aber Friedrich ſteht draußen. Seine Frau hat ihn mit einem Knaben beſchenkt und in der Freude ſei⸗ 3 nes Herzens iſt er hierhergeeilt, um—“ — Mit einer raſchen Bewegung, die man der Ge⸗ heimräthin bei ihrer Kränklichkeit kaum zugetraut V hätte, ſprang dieſe vom Sopha auf und ſtand plötz⸗ Ii 8 enlühendem Geſicht der erſchrockenen artha gegenüber. „Das hat er gewagt?“ ſchrie ſie jetzt mit ſchar⸗ fer Stimme.„Sein Glück, daß der Vater nicht zu Pauſe iſt Der Ungerathene ſoll machen, daß er fort⸗ kommt.“ „Aber, Mutter!“ 3 „Und Du ſollſt mich noch kennenlernen.“ „Ich war nicht im Stande, ſeinen Wunſch ihm abzuſchlagen. O! wenn Sie ihn geſehen, wenn Sie 6 ihn gehört hätten, ſowie ich. Die Geburt des Kindes 37 hat ihn vollkommen umgewandelt, er iſt nicht der alte Friedrich mehr. Ich verbürge mich für ihn und ſeine Beſſerung.“ „Sprich für Dich und nicht für Andere, aber freilich, Dir ſteht Dein Bruder Liederlich näher, als Deine arme, kranke Mutter. Der Auftritt wird mir noch das Leben koſten. Um Gotteswillen! meine Nerven, der Anfall kommt ſchon wieder.“ In der That ſank die Geheimräthin auf ihr Sopha zurück und verfiel, wie dieß gewöhnlich bei jeder, oft auch bei der geringſten Aufregung, geſchah, in ein heftiges, krampfhaftes Schlüuchzen. Martha wollte ihr erſchrocken beiſpringen, doch die Mutter wandte ſich von ihr ab und winkte ihr befehlend, das Zimmer zu verlaſſen. Jene wußte, daß ſich unter ſolchen Umſtänden nichts anderes thun ließ, als zu gehorchen, wollte ſie nicht den Anfall noch ver⸗ ſchlimmern. Auf dieſe Weiſe verfuhr die Geheim⸗ räthin bei ähnlichen Gelegenheiten; ſie beſaß in ihren Nerven ein ſicheres Mittel, ſowohl ihren Gatten wie ihre Kinder vollkommen zu beherrſchen und in allen Fällen ihren Willen durchzuſetzen.— Voll Spannung erwartete indeß Friedrich den Ausgang des ihn be⸗ treffenden Geſprächs; mit heftigen Schritten durch⸗ maß er die Stube, dann näherte er ſich der Thür, um wenigſtens ein Wort zu erlauſchen. Hoffnung und Verzweiflung beſtürmten ſeine Bruſt, bald glaubte er, was er ſo ſehnlichſt wünſchte, zu erlangen; bald ver⸗ ließ ihn wieder der Muth. Je länger Martha's Ab⸗ weſenheit dauerte, deſto mehr erwartete er ſeine Bitte erfüllt zu ſehen; zuletzt hielt er eine abſchlä⸗ gige Antwort für eine Unmöglichkeit. In Gedanken erblickte er ſich bereits zu den Füßen ſeiner Mutter mit ihr und dem Vater völlig ausgeſöhnt. Ein hei⸗ teres Familienfeſt ſollte dieſes Glück feiern und ſeine Eltern den eben geborenen Sohn ihm aus der Taufe heben. Wie ſchlug ſein Herz, wenn er ſich die Szene ausmalte, wie der Großvater ſegnend ſeine Hand auf das Haupt des Enkels legen würde. Dann dachte Friedrich auch an ſeine Frau und wie ſich Roſalie mit der fröhlichen Botſchaft freuen müßte; ſie litt am meiſten unter dieſem verwandtſchaftlichen Zwiſt, da ſie ſich im Stillen als die eigentliche, wenn auch unſchuldige Urſache dieſer Feindſchaft an⸗ ſah. So träumte noch der verſtoßene Sohn, als die Thür ſich öffnete und die Schweſter wieder vor ihm ſtand. Ein Blick in ihr theilnehmendes Geſicht ſagte ihm deutlich, daß auch dieſer Schritt vergeblich war. „Nun, liebe Martha?“ fragte er mehr mecha⸗ 39 niſch und nur, um die Beſtätigung ſeiner Befürch⸗ tungen zu hören. „Ich kann Dir keinen Troſt geben. Die Mut⸗ ter bleibt unerbittlich. Bei der bloßen Erwähnung Deiner Gegenwart verfiel ſie in ihre gewöhnlichen Krämpfe.“ „Gut, gut!“ murmelte Friedrich, die Decke an⸗ ſtarrend.„Ich habe gethan, was in meinen Kräften ſtand, Gott weiß es, daß ich mit den beſten Vor⸗ ſätzen hergekommen bin; aber ich will verdammt ſein, wenn ich jetzt noch einen Schritt thue. Ich bin nun fertig und habe keine Eltern mehr.“. „Nein! das iſt nicht recht von Dir. Die Pflich⸗ ten der Kinder gegen ihre Eltern hören niemals auf; mag auch kommen, was da will. Bedenke, was ſie für Dich früher gethan haben und daß Du zum großen Theil Dein Geſchick verſchuldet haſt.“ „Und habe ich nicht ſeitdem mein Vergehen ſchwer gebüßt? Wenn ein Funke von Gefühl in der Mutter wäre, ſo müßte ſie mir ſchon längſt verge⸗ ben haben. Aber freilich ſie ſchämt ſich meiner, ſeit⸗ dem ich mir auf ehrliche Weiſe mein Brot durch meine Händearbeit verdiene. Der Hochmuthsteufel un⸗ terdrückt jedes beſſere Gefühl in ihr.“ „Friedrich!“ bat die Schweſter,„höre auf. Ich — 2—— 40 darf und kann ſolche Worte nicht anhören. Wenn wir Freunde bleiben ſollen, ſo mäßige Dich und rede nicht ſchlecht von unſeren Eltern in meiner Gegen⸗ wart. Ich muß Dich ſonſt verlaſſen.“ „Ich will ja ruhig ſein um Deinetwillen, Du verdienſt es um mich. Verzeih' mir, liebe, einzige Schweſter! Aber denke Dich nur in meine Lage herein. Ich komme mit einem Herzen voll Liebe und Verſöhnung hierher, und meine Mutter, die mich un⸗ ter ihrem Herzen getragen hat, ſtößt mich kalt von ihrer Thür. Iſt das nicht mehr, als ein Menſch ertragen kann? O! ich fühle mich unausſprechlich elend.“ Der Schmerz des Bruders ging Martha in Wahrheit nahe und ſie bot alle Vernunftgründe auf, um ihn zu beruhigen; aber dieſe neue Vereitlung ſeiner Wuͤnſche hatte ihn zu tief verletzt. Er ver⸗ mochte nicht ſeinen Groll zu bekämpfen, der immer von neuem hervorbrach. Iſt doch keine Wunde ſchmerzlicher und ſchwerer zu ertragen, als die, welche Einem von befreundeten oder gar verwandter Hand geſchlagen wird. Es miſcht ſich ein geheimes Gift darein, das keine Heilung ſo leicht zuläßt. Das Un⸗ recht, das uns Fremde zufügen, können wir weit eher vergeſſen; aber je größer die Liebe iſt, deſto größer 41 auch der Haß, wenn ſiee ſich verrathen und verletzt glaubt. Martha litt unausſprechlich bei den Leiden ihres Bruders; ſie konnte ihm nicht Unrecht geben und ebenſowenig vermochte ſie das Benehmen ihrer Eltern zu verdammen. Ihrer Sanftmuth und Theil⸗ nahme gelang es nur mit Mühe, die Ausbrüche ſei⸗ nes Zorns einigermaßen zu beruhigen. Sie that, was in ihren Kräften ſtand, um den unglücklichen Bruder zu tröſten. Friedrich erkannte auch dieß voll⸗ kommen an und nachdem er ſeinen Schmerz zum Theil wenigſtens überwunden hatte, ergriff er mit aufrichtiger Rührung die Hand der Schweſter. „Ich will jetzt gehen,“ ſagte er gefaßt.„Es iſt beſtimmt das letztemal, daß ich hier geweſen bin, da ich mich keiner neuen Beſchimpfung ausſetzen will. Doch bevor ich von Dir Abſchied nehme, habe ich noch eine Bitte, deren Erfüllung mich glücklich ma⸗ chen würde. Willſt Du ſie mir gewähren?“ „Gewiß, went ſie in meinen Kräften ſteht und ſich mit meinen Pflichten vereinigen läßt.“ „Ich habe mich ſo ſehr darauf gefreut, die El⸗ tern zur Taufe meines Sohnes einzuladen, ſie ſoll⸗ ten ſeine Pathen ſein. Nun muß ich auch darauf verzichten. Aber Du ſollſt wenigſtens zugegen ſein. Willſt Du kommen?“ 42 Einige Augenblicke überlegte Martha ſchweigend, ſie dachte an die unangenehmen Auftritte im Hauſe und an den Zorn der Eltern, wenn ſie den Wunſch des Bruders erfüllen würde, aber all dieſe Bedenk⸗ lichkeiten verſchwanden vor ihrer Liebe und ihrem Edelmuth. Sie ſah nichts Strafbares in einer ſolchen Handlung und ſagte daher zu. „Ich komme,“ rief ſie mit ihrer gewohnten Entſchiedenheit.„Wann iſt die Taufe?“ „Nächſten Donnerſtag, ſollte jedoch ein Hin⸗ derniß eintreten, ſo ſchreibe ich Dir Ich danke Dir auch im voraus, denn ich weiß, daß Du ein großes Opfer bringſt.“ „Davon kann nicht die Rede ſein. Alſo am nächſten Donnerſtag bin ich bei Dir. Grüße Roſalie und küſſe Dein Kind von mir.“ „Du biſt und bleibſt das beſte Herz auf dieſer Welt.“ Friedrich konnte ſich nicht enthalten, ſie noch einmal ſtürmiſch an ſeine Bruſt zu drücken; dann trat er mit einer Miſchung von Bitterkeit und Weh⸗ muth ſeinen Rückweg aus dem elterlichen Hauſe an. Martha begleitete ihn bis an die Treppe und rief ihm noch von oben nach:„Ich komme, rechne ganz beſtimmt auf mich.“— 43 Unten vor der Hausthür ſaß der Viktualien⸗ händler Stiefke und ſpielte mit ſeinem Knaben, den er auf ſeinen Knieen reiten ließ. Der Mann hatte keine Ahnung von der traurigen Szene, welche ſo⸗ eben in dem Zimmer des von ihm beneideten Ge⸗ heimraths ſtattgefunden hatte. Drittes Kapitel. Der Viktualienhändler ſtand noch immer vor der Thür und ſchaute die Straße hinunter. Er hielt die Hand vor ſeinen Augen, da ihn die Strahlen der untergehenden Sonne blendeten. Es mußte aber gewiß ein intereſſantes Schauſpiel ſein, das ihn der⸗ maßen feſſelte, denn er winkte ſeiner Frau und rief ſie endlich laut, da ſie nicht gleich kommen wollte. „Was haſt Du denn ſchon wieder?“ fragte ſie unwillig, da ſie ſich nicht gern bei der Arbeit ſtören ließ. „Es gibt was für Dich zu ſehen,“ antwortete der Mann mit dem Finger nach der Straße weiſend. Dort bog um die Ecke ein reizendes Mädchen von achtzehn Jahren. Unter dem breiten Strohhut guckten zwei braune, muthwillige Augen hervor. Sie 4 trug einen friſchen Blumenſtrauß in der Haud, hin⸗ ter dem ſie von Zeit zu Zeit ihre erröthenden Wan⸗ gen verbarg, um ihre Verlegenheit zu verſtecken. Neben ihr ging ein ſchlanker Gardeofftzier in kleidſa⸗ mer Uniform; er redete ſo angelegentlich mit ihr und ſie ſchien ihn gern zu hören, olbgleich ſie faſt ängſtlich ſich umſah, weil ſie nicht gern beobach⸗ tet ſein wollte. Zuweilen lachte ſie bei ſeinen Be⸗ merkungen, dann wurde ſie wieder ernſt, wenn dieß lebensluſtige, ſchalkhafte Geſicht überhaupt des Ern⸗ ſtes fähig war. „Fräulein Eugenie,“ flüſterte die Frau des Vik⸗ tualienhändlers.„Sieh' einmal an, die hat ſich alſo ſchon einen Schatz angeſchafft. Wie lang iſt es denn her, daß ſie erſt eingeſegnet worden iſt.“A— „Es gibt keine Kinder mehr,“ ſagte der wür⸗ dige Gatte.„Schau nur, jetzt küßt er ihr die Hand.“. Das geſchah auch in der That und der Lieute⸗ nant küßte mit vieler Zärtlichkeit; dann grüßte er und verſchwand um die Ecke. Mit klopfendem Her⸗ zen eilte die liebenswürdige Eugenie an dem Che⸗ paar voruͤber, ohne dasſelbe weiter zu beachten. „Iſt die ſtolz,“ bemerkte der Mann;„ſie kann 45 über Einen ſtolpern ohne zu grüßen. Da lob' ich mir das Fräulein Martha.“ „Das will ich meinen,“ bekräftigte die Frau. „Die iſt die Güte und Höflichkeit ſelber. Wenn ich eine Mannsperſon wäre, wüßte ich, was ich thätz'; aber freilich die Männer ſehen nur auf ein hübſches Geſicht, und kümmern ſich nicht weiter d'rum, ob eine Frau auch etwas in der Wirthſchaft und im Hauſe taugt.“ Mit dieſer Kritik ging Madame Stiefke in den Keller herab, gefolgt von ihrem Gatten und dem Kleinen, der, müde vom Spielen, auf ſeinen Armen eingeſchlafen war.— Eungenie ſtieg dagegen die Treppe eilig hinauf in die Belétage; ihr Fuß ſchwebte mehr als er ging, und ihre glühenden Wangen ver⸗ riethen ein geheimes Glück. So traf ſie Martha und dem ſcharfen Auge der Schweſter vermochte ſie nicht ihre innere Aufregung zu verbergen. „Wie erhitzt Du biſt,“ ſagte dieſe mit mütter⸗ licher Zärtlichkeit.„Was iſt Dir denn begegnet?“ Eugenie ſchwankte, ob ſie ihr alles geſtehen ſollte, aber ihr Herz war zu voll und dann beſaß ſie trotz manchen Schwächen und Fehlern eine anerkennungs⸗ werthe Offenheit; ſie verſtand noch nicht ihre Ge⸗ 46 fühle zu verbergen und eine Ruhe zu heucheln, die ihr nicht gegeben war. „Ich habe Blumfeld geſprochen und er hat mir heute eine förmliche Erklärung gemacht.“ „Haſt Du Dich auch nicht getäuſcht?“ fragte Martha im beſorgten Tone.„Man hört ſtets das, was man zu hören wünſcht.“ „Du trauſt mir auch gar zu wenig Verſtand zu,“ entgegnete Eugenie faſt gereizt.„Ich bin kein Kind mehr und beſitze hinlängliche Menſchenkenntniß, um eine gewöhnliche Artigkeit von einer ordentlichen Bewerbung zu unterſcheiden.“ „Umſo beſſer; ich habe dem Lieutenant, unter uns geſagt, keine ernſten Abſichten zugetraut und ihn für einen gewöhnlichen Courſchneider gehalten. Ich freue mich, wenn ich ihn falſch beurtheilt habe und bitte ihm mein Unrecht hiermit im Stillen ab. Doch was haſt Du ihm geantwortet?“ „Mein Gott! ich war ſo verlegen und über⸗ raſcht, daß ich wirklich nicht mehr weiß, was ich ihm geſagt habe.“ 3 „Du liebſt ihn?“ „Ich finde ihn reizend, beſonders wenn er zu Pferde ſitzt. Haſt Du bemerkt, was für ſchöne Au⸗ gen er hat, und ſein Schnurrbart, der Schnurrbart iſt 47 himmliſch, beſonders wenn er ihn ſo an den Spiz⸗ zen dreht.“ Und Eungenie konnte ſich nicht verſagen, mit ihren Fingern über ihre roſigen Lippen zu fahren und dabei die Bewegungen des Lieutenants nachzu⸗ ahmen, worüber ſie ſelber in ein lautes Gelächter ausbrach. Es dauerte erſt einige Zeit, ehe ſie ſich von ihrer Luſtigkeit wieder ſo weit erholte, um auf die ernſten Bemerkungen und Einwürfe der Schwe⸗ ſter zu hören. „Soviel mir bekannt iſt,“ ſagte dieſe nach einer Pauſe,„beſitzt Blumfeld kein Vermögen. Du weißt, daß ein Offizier nicht ohne Vermögen heira⸗ ten kann.“ „Dafür laß' nur den Vater ſorgen; der wird ſchon alles arrangiren.“ „Und haſt Du auch genügend den Mann Dei⸗ ner Wahl geprüft? Du kennſt Blumfeld erſt ſeit kurzer Zeit. Beſitzt er auch die noͤthigen Eigenſchaf⸗ ten, um eine Frau glücklich zu machen? Man kann ſehr gut zu Pferde ſitzen, ein ausgezeichneter Kotil⸗ lontänzer ſein und doch zum Ehemann nichts tau⸗ gen. Offen geſtanden, flößt mir ſein Charakter kein beſonderes Zutrauen ein; er ſcheint mir ſchwankend, unzuverläſſig und vor allem vermiſſe ich an ihm 48 jene Würde und Zutrauen erweckende Feſtigkeit, ohne die ich keinen Mann zu achten, verſchweige zu lie⸗ ben vermag.“ „Das hab' ich mir gleich gedacht,“ ſagte Eu⸗ genie mit komiſchem Aerger.„Wenn Du erſt ins Kritiſiren kommſt, dann hörſt Du gar nicht auf. Was hat Dir denn der arme Blumfeld gethan? Aber ſo machſt Du es immer; Du verbitterſt mir jede Freude, und ich habe mir beſtimmt vorgenom⸗ men, Dir nichts mehr zu ſagen.“ Schmollend wie ein verzogenes Kind ſetzte ſich Eugenie an das Fenſter und drehte der liebevollen Schweſter den Rücken zu, wobei ein kleines Thrän⸗ chen zwiſchen ihren ſeidenweichen Wimpern zerdrückt wurde. Martha hatte Nachſicht mit ihrer Unart; ſie wußte, daß das leicht bewegte Mädchen bald wieder zur Beſinnung kommen und ſein Unrecht ein⸗ ſehen würde. Dieß geſchah auch ſchon nach kurzer Zeit; denn Eugenie war bis jetzt keines dauernden Eindruckes fähig und nicht im Stande, eine unan⸗ genehme Spannung längere Zeit auszuhalten. Ihr ganzes Weſen verrieth eine liebenswürdige Schwäche und Gutmüthigkeit, ſie vermochte weder tief zu haſſen, noch tief zu lieben. Trotz der Verſchiedenheit der Char⸗ aktere fühlten ſich die Schweſtern immer wieder zu 49 einander hingezogen; ſie ſchienen ſich gegenſeitig zu ergänzen. Eugenie war gewohnt, an der älteren Martha eine Stütze zu finden, da ſie ſo wenig eigene Selbſt⸗ ſtändigkeit beſaß und ſich ſtets an einen Andern an⸗ zulehnen ſuchte. Ohne Martha konnte ſie ſich nicht anziehen, kein Band kaufen, kein Kleid wählen; dieſe war, ſeitdem die Mutter kränkelte, vollkommen an deren Stelle getreten und ſorgte für all die klei⸗ nen Bedürfniſſe der jüngeren, rathloſen Schweſter. Gerade dieſe Hilfloſigkeit machte ſie ihr theuer und ſie fand ein beſonderes Vergnügen daran, dem jun⸗ gen Springinsfeld beizuſtehen. Solange Eugenie in die Schule ging, ſah Martha ihre Arbeiten durch und erſparte ihr ſo manchen Tadel und beſchämende Strafen; ſpäter nahm ſie ſich ihrer Toilette an und leiſtete ihr auch hier die beſten Dienſte. So war ſie für die jüngere Schweſter eine Art Vorſehung und derſelben unentbehrlich geworden. Dafür zeigte ſich dieſelbe, ſoweit dieß in ihrer Natur lag, auch dankbar und ergeben. Wie ein zärtliches Kätzchen ſchmeichelte ſie ſich um Martha herum, beſonders wenn ſie etwas von ihr haben wollte, und oft ge⸗ lang es ihr durch ihre natürliche Heiterkeit und An⸗ muth, den frühzeitigen Ernſt und den Trübſinn der Schwermüthigen hinwegzuſcherzen.— Der Geheimrath. 4 Schon nach kurzer Zeit ſaßen wieder die Ge⸗ ſchwiſter neben einander in vertraulicher Unterhal⸗ tung und ſprachen, wie ſich das wohl denken läßt, noch immer von dem Lieutenant und ſeiner Bewer⸗ bung. Martha rieth zur Vorſicht und zur genaue⸗ ren Prüfung, auch wollte ſie zuerſt den Vater aus⸗ zuforſchen ſuchen; Eugenie dagegen verſprach, vor⸗ läufig jede neue Begegnung mit Blumfeld zu ver⸗ meiden und ſeine ferneren Schritte ruhig abzuwar⸗ ten. Damit ſchloſſen vorläufig die geheimen, weib⸗ lichen Konferenzen bis auf weiteres. Es war bereits dunkel geworden, als der Ge⸗ heimrath von der Jubelfeier ſeines alten Freundes zurückkehrte und in das Wohnzimmer ſeiner Frau trat. Um ihre Nerven zu ſchonen, ſchlich er leiſe auf den Zehen herein und grüßte mit kaum hörba⸗ rer Stimme, einen Kuß auf ihre weiße Hand drük⸗ kend. Nicht mit Unrecht galt er für das Muſter eines guten Ehemanns und Familienvaters. Höch⸗ ſtens traf ihn der Vorwurf, daß er als ſolcher eher zu viel als zu wenig Nachſicht mit den Schwächen und Launen ſeiner Gattin zeigte. Der Gedanke, daß er ihr faſt alles zu verdanken hatte und daß ſie ſchon ſeit Jahren leidend war, hinderte ihn meiſt ihr gegenüber ſeinen feſten Willen zu behaupten. Wus 51 ſie wünſchte, geſchah, und ein Wink von ihr genügte vollkommen, ſeine ſchon gefaßten Entſchlüſſe wieder aufzugeben. Aus ihrem Munde erfuhr er jetzt auch, daß Friedrich da geweſen war und einen neuen Schritt zur Verſöhnung mit ſeinen Eltern gethan hatte. Er billigte vollkommen ihr Verfahren und daß ſie ihn entſchieden zurückgewieſen. „Du haſt recht gethan,“ ſagte er, noch immer ihre Hand in der ſeinigen haltend.„Ich will nie mehr etwas von ihm wiſſen und werde mit Martha ein ernſtes Wort reden. Wie konnte ſie ſich unter⸗ ſtehen, Dir eine ſolche Szene zu bereiten! Arme Frau! Was haſt Du wieder leiden müſſen.“ „Ich fühle mich in der That ſo ſchwach wie nie zuvor. Meine Nerven ſind aufs höchſte an⸗ gegriffen.“ „Sobald Du einigermaßen wohler biſt, mußt Du wieder das Bad beſuchen.“ „Das nützt mir nichts, wenn ich im Hauſe keine Ruhe finde. Dieſe ewigen Aufregungen wer⸗ den mich noch tödten. Der Sanitätsrath meint, daß mir nur noch ein längerer Aufenthalt auf dem Lande helfen kann.“ S „Ich will ſogleich noch eine Sommerwohnung miethen.“ 4* „Ach! die fatalen Sommerwohnungen ſind mir in der Seele verhaßt. Ich habe noch vom vorigen Jahre genug daran; die dünnen Wände, wo man jedes Wort hören kann, das geſprochen wird, die zugigen Fenſter und Thüren, die naſſen Mauern! Ich ſchaudere, wenn ich nur daran denke. Und gar die unvermeidliche Geſellſchaft und die Nachbarſchaft dieſe Judenfrauen mit ihrem Jargon und ihrer Ar⸗ roganz. Wer nimmt nicht heutzutage eine Som⸗ merwohnung; jede Regiſtratorsfrau zieht jetzt aufs Land, und wo man hinſieht, begegnet man den Sub⸗ alternen. Du kannſt doch nicht verlangen, daß ich mit den Familien Deiner Untergebenen freundſchaft⸗ lichen Umgang pflege?“ „Du haſt ganz Recht, liebe Selma! Aber lei⸗ der läßt ſich dieſer Uebelſtand nicht ändern.“ „Doch, wenn Du meinem Rath gefolgt wärſt. Du hätteſt die Villa kaufen ſollen, die Dir im vori⸗ gen Jahre angeboten wurde. Die Beſitzung liegt reizend, in der beſten und geſundeſten Gegend; das Landhaus iſt himmliſch gebaut und mit allem mög⸗ lichen Komfort verſehen.“ „Du weißt, daß mich nur der Preis damals abgehalten hat. Ich fürchte außerdem, daß man noch eine bedeutende Summe hineinſtecken muß, um 53 den vernachläßigten Park und die Weinberge wie⸗ der in Stand zu ſetzen. Das Wohnhaus ſoll auch baufällig ſein und müßte gänzlich renovirt werden. Aus dieſem Grunde hat ſich auch bis jetzt kein Käu⸗ fer gefunden; die Villa iſt noch zu haben.“ „Dann wollen wir ſie ſobald als möglich kaufen. Wir können ja in dem nächſten Tage die kleine Reiſe unternehmen und die Beſitzung beſichtigen. Der Aus⸗ flug wird mir gewiß wohlthun und die Bewe⸗ gung in der freien Luft mich ſtärken. Gefällt uns das Haus, ſo können wir den Handel gleich an Ort und Stelle abſchließen. Ob mein Geld bei unſerem Bankier liegt, oder auf dieſe Weiſe an⸗ gelegt wird, macht keinen Unterſchied. Mir ſcheint es ſo nur ſicherer.“ „Aber wir können es nicht ſo leicht flüſſig machen,“ wandte der Geheimrath ſchüchtern ein.„Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, daß wir bald in den Fall kommen werden, davon Gebrauch zu machen. Die Mädchen ſind herangewachſen; Martha iſt bereits dreiundzwanzig Jahre alt und Eugenie ebenfalls vollkommen heiratsfähig. Wir müſſen ihnen doch wenigſtens eine anſtändige Ausſteuer mitgeben und die koſtet einige tauſend Thaler.“ — 54 „Daran hab' ich in der That noch gar nicht gedacht.“ „Woher ſollen wir das Geld nehmen, wenn wir unſer Kapital in Grund und Boden ſtecken haben? Von meinem Gehalt allein können wir kaum leben, verſchweige ein Haus ausmachen und Geſell⸗ ſchaft bei uns ſehen. Wir müßten uns wenigſtens ſehr einſchränken.“ Der Geheimrath hielt einen Augenblick inne, um die Wirkung ſeiner Worte abzuwarten, ehe er weiter fortfahren wollte. Aengſtlich belauſchte er das Geſicht und die Mienen ſeiner Frau, welche wieder jenen leidenden Zug annahmen, der gewöhnlich ihren Ner⸗ venanfällen voranzugehen pflegte. Deßwegen lenkte er bei Zeiten ein und ließ das Geſpräch fallen, oder bemühte ſich wenigſtens, demſelben eine andere Wen⸗ dung zu geben, um die reizbare Patientin zu ſchonen. „Jedenfalls können wir ja in den nächſten Tagen einen Ausflug nach Hainberg machen, wo die Villa liegt und dieſe beſichtigen. Das Anſehen haben wir um⸗ ſonſt; wir ſind ja dadurch noch keineswegs gebunden.“ Es wäre gewiß für jeden Arzt intereſſant geweſen, die plötzliche Veränderung zu beobachten, welche dieſe Rede auf das zerrüttete Nervenſyſtem der Geheim⸗ räthin hervorbrachte. Augenblicklich ſchwanden die 55 drohenden Symptome, die abgeſpannten Züge belebten ſich; das matte Auge nahm ſeinen alten Glanz an und um den Mund ſchwebte ein überaus freundliches Lächeln. In dieſer angenehmen Stimmung verblieb auch die Patientin, bis die Stunde ſchlug, wo ſie gewöhnlich zu Bette ging. Sie vermochte ſogar ohne beſondere Beihilfe, welche ſonſt unumgänglich noth⸗ wendig war, ſich vom Sopha zu erheben und ihr Schlafzimmer aufzuſuchen. Im Traume erſchien ihr Lieblingswunſch erfüllt; ſie ſah ſich als Beſitzerin der reizendſten Villa und vollkommen glücklich.— Ja, die Nachwirkung war eine ſo günſtige, daß ihre Beſſerung auch in den nächſten Tagen noch anhielt, ſo daß der Hausarzt keinen Anſtand nahm, ihr den kleinen Ausflug nach Hainberg nicht allein zu geſtatten, ſon⸗ dern ſogar dringend zu empfehlen. Eugenie ſollte mit bei der Partie ſein, während Martha, trotzdem ſie älter war, wie immer zurückbleiben mußte.— Der Tag war ganz geeignet zu einer Reiſe; ein nächt⸗ liches Gewitter hatte die ſchwüle Sommerhitze abge⸗ kühlt und die Luft gereinigt. Der Himmel war voll⸗ kommen klar und blau, kein Wölkchen zeigte ſich am Ho⸗ rizont, und das Sonnenlicht ergoß ſich wie ein gol⸗ dener Strom über die Straßen und Häuſer der Stadt, die im wahren Feſttagsglanze erſchienen. Die Luft hatte einen balſamiſchen Hauch angenommen und jene friſche Beweglichkeit erhalten, welche dem abge⸗ ſpannten Körper ſo wohlthut. Das ſchöne Wetter übte ſeinen günſtigen Einfluß aus auf alle Welt, die Geſichter ſahen ordentlich weit freundlicher aus als ſonſt. Auf dem Peron der Eiſenbahn herrſchte ein fröhliches Gewimmel von Reiſenden, welche nach allen Weltgegenden flogen; Studenten mit kleinen Reiſetaſchen und noch kleineren Börſen, aber dafür mit heiterem Sinn und friſcher Lebensluſt; reiche Ruſſen und Engländer mit ſchwerem Gepäck und oft noch ſchwereren Leiden. Je näher die Stunde zur Abfahrt rückte, deſto mehr und ſchneller kamen die Droſchken und eleganten Equipagen herangerollt. Bald ſtieg ein Bankier aus, der im Hochgebirge mit ſeiner Familie den Sommer verleben und auf einige Zeit die Börſe und ihre launenhaften Schwankungen vergeſſen wollte, bald ein Gelehrter, deſſen angegriffene Geſundheit eine Badereiſe nöthig machte. Wie beſorgt folgte ihm das Auge der liebenden Gattin nach und wie ange⸗ legentlich empfahl ſie ihm, ja auf ſeinen Körper und auf ſeine Wäſche Acht zu geben, ſich nicht zu erkälten und die Schnupftücher nicht zu verlieren. Er hörte, aber freilich nur mit halbem Ohr, da er in ſteter Furcht lebte, den Zug zu verſäumen, obgleich noch 57 länger als eine halbe Stunde Zeit war. Alle Au⸗ genblicke zog er verſtohlen ſeine Uhr aus der Taſche, um nachzuſehen, und jeden vorübergehenden Eiſenbahn⸗ träger frug er nach ſeinem Gepäck.. Man ſah ihm ſchon von weitem an, daß dieß vielleicht ſeine erſte größere Reiſe war. Mit welcher Sicherheit trat da⸗ gegen dort der junge Mann auf, welcher wahrſcheinlich in Wein oder Zigarren machte. Keck und verwegen ſaß die bunte ſchottiſche Reiſemütze auf ſeinem Kopf; in der einen Hand hielt er den unvermeidlichen Pro⸗ bekaſten, während er mit der eingekniffenen Lorgnette die mitreiſenden Damen muſterte Da waren junge Mädchen, welche mit und ohne Begleitung einen Ausflug wagten nach dem benachbarten Gebirge oder nach einem beliebten Sommeraufenthalt, wo ſie in der Natur zu ſchwärmen gedachten und von allerlei kleinen intereſſanten Reiſeabenteuern träumten. Sie trippelten ungeduldig auf und ab, oder unterhielten ſich mit dem Kouſin oder einer Freundin, der ſie regelmäßig zu ſchreiben verſprachen. Mitten unter ihnen befand ſich die liebenswürdige Eugenie im ele⸗ ganten Reiſekleide. Der braune Strohhut beſchattete das holde Geſicht, unter dem das dunkle Haar in üppiger Fülle hervorquoll. Mit den loſen Bändern und Locken ſpielte muthwillig der friſche Morgenwind. Ihre glänzenden Augen waren auf die Auffahrt ge⸗ richtet und mit einer gewiſſen Erwartung ſchien ſie die ankommenden Perſonen zu muſtern. Plötzlich färbten ſich ihre Wangen mit flammendem Purpur, denn aus einer Droſchke ſah ſie den Lieutenant von Blumfeld in Begleitung ſeines Burſchen ſteigen, der das Gepäck und den Säbel ſeines Herrn trug. Sie wechſelte mit demſelben einen Blick des Einverſtänd⸗ niſſes, aus dem man ſchließen konnte, daß ſeine An⸗ weſenheit doch nicht ganz zufällig war, und daß ſie das ihrer Schweſter gegebene Wort, keinen aufmun⸗ ternden Schritt zu thun, nicht ſo gewiſſenhaft ge⸗ halten hatte. Jetzt kam er näher und begrüßte die ihm bekannten Eltern, denen er ſeine Freude ausſprach, ihnen hier zu begegnen; dann wandte er ſich an Eugenie und that ungemein erſtaunt, ſie hier zu finden. Sie unterdrückte ein ſchalkhaftes Lächeln und benahm ſich mit anerkennungswerther Unbefangenheit.— Schwerfällig keuchte die Lokomotive bald heran und ſchnaubte wie unwillig über die ihr aufgebürdete Ar⸗ beit, dunkle Rauchwolken ausſtoßend, welche von der Luft wie ein Schleier hin⸗ und hergeweht wurden. Ein greller Pfiff ertönte, worüber die Geheimräthin natürlich ſehr zuſammenfuhr und erſchrak; bald jedoch hatte ſie ſich wieder von ihrem Schreck erholt, ſo daß ſie 59 ſogar über eine witzige Bemerkung des Lieutenants lächeln konnte, die dieſer über die komiſche Figur eines Mitreiſenden machte. Er verſtand es überhaupt, ſich ſchnell ihre Gunſt zu erwerben, indem er es nicht an den Aufmerkſamkeiten fehlen ließ, welche ältere Damen gern von jüngeren Herren beanſpruchen; bald gab er ihr den leichten Reiſemantel um, bald beſorgte er irgendeine vergeſſene Kleinigkeit mit der größten Zu⸗ vorkommenheit. In der Unterhaltung entwickelte er eine größere Kenntniß der Literatur, wie man ihm zuge⸗ traut hatte. Er beſaß keine ganz gewöhnliche Bildung und hatte nicht ohne Nutzen die neueſten Schriftſteller geleſen und das Theater beſucht; er wußte von Muſik ganz angenehm zu plaudern; auch verrieth er, daß er ſelbſt ganz leidlich ſingen konnte. Sein Urtheil war meiſt ſcharf und nicht ohne Witz; wenn dieſer auch nicht immer aus ſeinem eigenen Kopf entſprungen war; er verſtand es wenigſtens, ſich mit fremden Federn gut zu ſchmücken. Kurz die Geheimräthin fand an ihm mehr Wohlgefallen als aft den meiſten jungen Leuten ihrer Bekanntſchaft, und ſprach ſein Lob ziemlich unumwunden aus, als der Lieutenant ſich auf einen Augenblick entfernt hatte. „Ein charmanter Menſch,“ ſagte ſie, zu Eugenie gewendet.„Der Lieutenant gefällt mir; er beſitzt ſo — etwas Piquantes und Geiſtreiches in ſeinem ganzen Weſen.“ Die gute Tochter hütete ſich ihrer Mutter zu widerſprechen; ſie freute ſich nur im Stillen über den günſtigen Eindruck, den Blumfeld auf ihre Eltern hervorbrachte, denn auch der Vater pflichtete der Mei⸗ nung ſeiner Gattin bei.— Die Geheimräthin gehörte ganz beſonders zu den Frauen, welche, ſei es aus Laune oder von Natur, ebenſo ſchnell eine Neigung wie eine Sympathie für oder gegen einen Menſchen faſſen konnte, ohne ſich der Gründe bewußt zu werden; ſie gab ſehr viel auf den erſten Eindruck und hing in dieſer Beziehung ganz und gar von ihrer Stim⸗ mung ab. War ſie aber erſt für jemand eingenommen, ſo war ſie ſeines Lobes voll, ſowie ſie im Gegen⸗ theil auch keine Grenzen kannte. In ihrer Zuneigung wie in ihrer Abneigung lag etwas Krankhaftes und Gereiztes. Als der Lieutenant zurückkehrte, gab die Glocke das Zeichen zum Einſteigen und das Publikum ſtürzte aus den Wartezimmern und vom Peron nach dem Zuge; Bekannte nahmen noch ſchnell einen zärtlichen Abſchied; junge Damen wehten mit den Schnupf⸗ tüchern den zurückbleibenden Freundinnen einen Gruß zu und empfingen das ſchüchtern dargebotene Blu⸗ 61 menbouquet oder die Düte, mit Bonbons und anderen Süßigkeiten gefüllt, aus den Händen ihrer männli⸗ chen Begleiter. Der kranke Gelehrte ſaß ſchon ſeit einer halben Stunde in dem Wagen, um ja nicht die Abfahrt zu verſäumen, und neben ihm ſtand die bekümmerte Frau mit naſſen Augen und ihm gewiß zum hundertſtenmale die Wäſche und ſeine Geſund⸗ heit auf die Seele bindend; während der Weinrei⸗ ſende noch immer ruhig auf⸗ und abſpazierte und ſeine Zigarre rauchte, worüber der arme, des Reiſens ungewohnte Philologe eine wahre Seelenangſt em⸗ pfand. Gepäckträger ſchleppten noch ſchwere Koffer, und hier und da ſtürzte noch ein zu ſpät Gekomme⸗ ner in einen Wagen, Platz ſuchend, rechts und links den bereits Sitzenden auf die Füße tretend, um Ent⸗ ſchuldigung bittend und von neuem anſtoßend. Durch das Gedränge und den anfänglichen Wirrwar hatte der Lieutenant wie ein kühner Steuermann durch die aufgeregten Wogen ſich und der Familie des Geheim⸗ raths Bahn gemacht und dieſelbe glücklich zu einem noch unbeſetzten Coupée geleitet, das ſein Falkenauge zum Glück entdeckte. Mit welcher Galanterie half er jetzt den Damen beim Einſteigen und wie ſchlau wußte er die übrigen Reiſenden, welche noch einen Platz umherirrend ſuchten, durch die vorzeitige Schlie⸗ 62 ßung der Thüre und durch Ausbreitung von Tüchern, Mänteln und Taſchen ſo zu täuſchen, daß dieſe in dem Glauben lebten, das Coupee ſei bereits vollſtändig mit Beſchlag belegt und eingenommen. Natürlich hatte er dabei durch ein geſchickt und zur rechten Zeit angebrachtes Geldſtuͤck den Kondukteur der Eiſenbahn in ſein Vertrauen gezogen. Wie beſorgt zeigte er ſich nicht beſonders für die leidende Geheimräthin, die er durch das Heraufziehen der Fenſter vor jedem Zuge und durch das Herablaſſen der Vorhänge vor dem grellen Sonnenlichte ſchützte; wie errieth er ihre ge⸗ heimſten Gedanken und Wünſche, als er die denk⸗ würdigen Worte ſprach:„Ich fahre und lebe nur gern in guter Geſellſchaft. Die Eiſenbahnen ſind ein durchaus demokratiſches Inſtitut; man muß darum Sorge tragen, daß man ſowenig als möglich mit unangenehmen Perſonen in Berührung kommt und die ſtrenge Scheidewand der Stände aufrechtzuer⸗ halten ſuchen.“ „Sie haben Recht,“ entgegnete die Geheim⸗ räthin,„ich kann darum auch die Eiſenbahnen nicht leiden. Das Pfeifen der Lokomotive, das Dröhnen der Maſchine greifen meine Nerven an und haben für mein Ohr etwas Beleidigendes O Gott! da pfeift es ſchon wieder“ ——-8 ð¼* 63 In der That erſchallte wie zur Strafe von neuem ein greller Pfiff und die Lokomotive ſetzte ſich An⸗ fangs nur langſam, dann immer ſchneller und ſchneller in Bewegung, bis ſie in raſender Eile, wie der ver⸗ körperte raſtloſe Geiſt der Zeit dahinſſchoß, zuweilen eine dunkle Rauchwolke ausſtoßend, die ſich wie eine rieſige Schlange durch die Lüfte in allerhand aben⸗ teuerlichen Windungen wälzte. Vorbei flogen die Häuſer der Stadt, dann kamen nur noch wüſte Bauplätze, grüne Felder und vereinzelte Bäuine, welche ebenſo ſchnell wieder verſchwanden. Die Gegend wurde freier und auch anmuthiger; zwiſchen ſetten Wieſen ſchlängelte ſich der blaue Strom, über deſſen Fluten eine kühne Brücke führte. Donnernd, dröh⸗ nend bewegte ſich der Zug weiter durch den ſchattigen Wald, deſſen heilige Stille durch das laute Getöſe unterbrochen wurde. Erſchrocken flatterten die Vögel aus den Zweigen auf, ein ſcheues Häschen ſetzte geängſtigt über die blanken Schienen und verſchwand am Rande der jungen Schonung. Die zarten Birken zitterten bis zu ihrer Wurzel vor der neuen Kraft der Elemente, während die alten Eichen trotzig ihre knorrigen Aeſte gleich drohenden Armen dem Zuge entgegenſtreckten. Unaufhaltſam ſauſte die Maſchine vorüber an dem Dörfchen und ſeinem ſpitzen Kirch⸗ thurm; verwundert ſchauten ihr die Dorfkinder am Wege nach, und erhoben bei ihrem Anblick ein un⸗ artikulirtes Jauchzen, womit ſie die noch immer fremdartige Erſcheinung begrüßten. Eine weite Strecke war ſo zurückgelegt und am Hortzont tauchten bereits die blauen Berge empor, ein ungewohnter Anblick für den Bewohner der flachen Reſidenz. Die Schön⸗ heit der Natur regte unſere Reiſenden zu neuer Un⸗ terhaltung an. Die Geheimräthin machte Blumfeld, der ſich immer mehr in ihrer Gunſt feſtzuſetzen wußte, mit dem eigentlichen Zweck und dem Ziele dieſes Ausfluges bekannt. „Auf Ehre,“ ſagte der Lieutenant, mit Eugenie einen verſtohlenen Blick wechſelnd;„das trifft ſich ganz wunderbar. Auch meine Reiſe geht nur bis nach Hainberg und ich werde daher das Glück haben, Sie zu begleiten. Ich beſuche meinen Onkel Herrn von Bohſe.“ „Den Forſtrath von Bohſe?“ fragte der Ge⸗ heimrath.„Ich kenne ihn, wenigſtens dem Namen nach. Soviel ich weiß, hat er ſich penſioniren laſſen.“ „Er lebt jetzt in Hainberg, wo er ſich angekauft hat, weil er kein anderes Vergnügen kennt, als die 65 Jagd. Die großen Waldungen bieten ihm die ſchönſte Gelegenheit.“ „Hat Ihr Onkel denn keine Familie?“ forſchte die Geheimräthin, die ſich jetzt dunkel erinnerte, daß Herr von Bohſe für einen wohlhabenden, ſogar rei⸗ chen Mann gehalten wurde. „Er iſt kinderlos und ich ſein einziger Neffe. Von Zeit zu Zeit ſeh' ich den Alten gern,“ zitirte der Lieutenant, um ſeine klaſſiſche Beleſenheit zu zei⸗ gen, mit einem Lächeln, das in feiner Weiſe die Hoffnungen andeuten ſollte, welche er an dieſen Um⸗ ſtand knüpfte.. Jedenfalls ſchadete ihm dieſe Nachricht nicht in den Augen der weltklugen Dame, die den Vor⸗ theil einer guten Erbſchaft wohl zu würdigen wußte und ſich mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit für den Lieutenant zu intereſſiren ſchien.* „Aber Frau von Bohſe lebt doch noch?“ fragte ſie, um ihre Theilnahme an ſeinen Verhältniſſen zu bethätigen. „Meine Tante lebt noch, eine vortreffliche Frau, die faſt Mutterſtelle an mir vertritt. Ich achte und liebe ſie von ganzem Herzen.“ „Sie ſind gewiß häufig bei Ihrem Onkel?“ Der Geheimrath. 5 „So oft ich Urlaub bekomme, bringe ich den⸗ ſelben in Hainberg zu.“ „Dann kennen Sie gewiß auch die Beſitzung, welche wir zu kaufen beabſichtigen, und wiſſen, wo ſie liegt.“ „Gewiß, und wenn Sie es erlauben, ſo führe ich Sie dahin.“ „Das können wir nicht annehmen. Was wüͤrde Ihr Onkel ſagen, der Sie ſicher erwartet!“ „Ich werde nur meine Sachen hinbringen laſſen und dann ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten. Mein Onkel wird mich entſchuldigen, da ich ohnehin einige Tage bei ihm zu bleiben gedenke. Ich habe noch immer Zeit, mit ihm auf die Jagd zu gehen und Abends eine Partie Schach zu ſpielen.“ So ſehr ſich auch die Geheimräthin aus Höf⸗ lichkeit weigerte, das freundliche Anerbieten des Lieu⸗ tenants anzunehmen, ſo mußte ſie doch ſchließlich ſeinen dringenden Bitten und Vorſtellungen nach⸗ geben. Eugenie lächelte nur im Stillen über die gegenſeitigen Komplimente; ſie wußte am Beſten, daß die ganze Reiſe zu dem Onkel nur eine Liſt des ſchlauen Lieutenants war, der keineswegs eine ſo große Sehnſucht empfand, ſich mit ſeinen ihm gleich⸗ giltigen Verwandten in dem Neſte zu langweilen. 67 Sie empfand jenen kleinen Triumph mädchenhaſter Eitelkeit, der gewiß verzeihlich war, aber ſie hütete ſich nur durch einen Blick oder eine Miene ihre Mitwiſſenſchaft zu verrathen. Die kleine Heuchlerin that ſo gleichgiltig als möglich und als ginge ſie die ganze Sache gar nichts an.— So wurde eine Station zurückgelegt und bald auch die zweite; mit jeder Meile gewann der Lieutenant immer mehr in den Augen der Geheimräthin, die bald nicht mehr in ihm nur den liebenswürdigen Geſellſchafter, ſon⸗ dern auch den muthmaßlichen Erben eines bedeuten⸗ den Vermögens ſchätzen lernte. Schon tauchte zwi⸗ ſchen den waldbekränzten Bergen das anmuthig ge⸗ legene Städtchen Hainberg empor. Nach einigen Minuten hielt der Zug an und die Familie verließ in Begleitung Blumfeld's die Eiſenbahn, um ſich vorläufig nach einem benachbarten Gaſthofe zu be⸗ geben. Der Lieutenant empfahl ſich mit dem Ver⸗ ſprechen bald wiederzukehren und ſeine Freunde nach der nicht allzufern gelegenen Villa zu führen, welche dieſe zu kaufen beabſichtigten. Kaum war derſelbe gegangen, als die Geheimräthin ihm die enthuſia⸗ ſtiſchen Lobſprüche ertheilte. „Ich habe ſelten,“ ſagte ſie,„einen ſo durch 5: und durch gebildeten Offizier kennengelernt. Biſt Du nicht auch derſelben Meinung, lieber Reisland?“ „In der That ein hoffnungsvoller, junger Menſch,“ antwortete dieſer etwas zerſtreut. Er dachte in dem Augenblick an den Ankauf der Beſitzung, der doch nicht ganz mit ſeinen Anſichten und Wünſchen über⸗ einſtimmte, trotzdem er nicht den Muth hatte, ent⸗ ſchieden dagegen aufzutreten. „Und wie gefällt er Dir?“ fragte die Geheim⸗ räthin ihre Tochter. „Ich finde ihn ganz nett und amuſant,“ ant⸗ wortete Eugenie die Augen niederſchlagend. „Ganz nett und amuſant,“ zankte die reizbare Mutter.„Was das für gewöhnliche Ausdrücke ſind. Du haſt Dir noch immer nicht die Sprache der Schulmädchen abgewöhnt. Ueberhaupt bemerke ich an Dir eine übelangebrachte Schuchternheit im Um⸗ gange mit Männern. Es gibt eine geyiſſe feine Grenzlinie zwiſchen auffallender Koketterie und lin⸗ kiſcher Blödigkeit. Beide ſind mir gleich verhaßt. Wenn der Lieutenant mit Dir ſpricht, ſo lachſt Du entweder wie eine alberne Gans, oder ſiehſt auf die Erde, als wenn Du dort etwas zu ſuchen hätteſt. Du weißt Dich noch immer nicht richtig zu benehmen.“ So eiferte die Geheimräthin und überhäufte 69 Eugenie mit Vorwürfen, welche dieſe gewiß nicht verdient zu haben glaubte. Zur rechten Zeit wurde das Geſpräch von dem Kellner des Hotels unter⸗ brochen, der die Meldung machte, daß das beſtellte Eſſen angerichtet ſei. Die Geheimräthin fand, einmal aus ihrer Laune gekommen, natürlich alles in dem kleinen Neſte viel ſchlechter als in der Hauptſtadt, die Suppe nicht zu genießen, den Braten verbrannt, das Ge⸗ müſe erbärmlich und die Bedienung über alle Maßen ſchlecht, worin ihr Gatte vollkommen mit ihr über⸗ einſtimmte. Erſt mit der Zurückkunft Blumfeld's kehrte auch ihre frühere beſſere Stimmung wieder und ſie unterließ nicht, ſich ſehr angelegentlich nach dem Befinden ſeines Onkels und der Tante zu er⸗ kundigen. Natürlich waren beide ſehr wohl und munter und hatten ihm die ſchönſten Grüße an die Familie und beſonders für die Frau Geheimräthin aufgetragen, wobei ſie nur bedauerten, wegen der Kürze des Aufenthalts auf die Ehre ihres Beſuches verzichten zu müſſen, ſie hofften jedoch dafür bei der nächſten Gelegenheit entſchädigt zu werden.— Nach⸗ dem dieſe höflichen Redensarten gewechſelt waren, trat die Familie ihre Wanderung an. Der Weg führte zu dem alterthümlichen Stadtthore hinaus durch eine ſchattige Lindenallee ins Freie und ſchlängelte ſich an einem rauſchenden Bache hin. Nach einer halben Stunde erreichte man die auf einem Hügel male⸗ riſch gelegene Villa, welche von einem weitläufigen und etwas verwilderten Park umgeben war. Die Aus⸗ ſicht erſchien allen wunderbar ſchön. Zu ihren Füßen lag das Städtchen mit ſeinen rothen Ziegeldächern in einem überaus fruchtbaren Thale, das von präch⸗ tigen Wäldern begrenzt wurde. Der balſamiſche Duft des Nadelholzes ſtieg zu ihnen empor und von den nicht allzu entfernt liegenden Bergen ſtrömte eine reine und erfriſchende Luft. Das Haus ſelbſt ſchien von außen geſchmackvoll, in einem edlen Style ge⸗ baut, und war mit einem Balkon und großen Glas⸗ thüren verſehen. Auf ihr Klingeln wurde ſogleich geöffnet und der gegenwärtige Beſitzer herbeigerufen. Der Geheimrath ſtellte ſich dieſem als Käufer vor, worauf ihm ein überaus freundlicher Empfang zu⸗ theil wurde. Bei der Beſichtigung der Gebäulich⸗ keiten ſtellten ſich allerdings manche Uebelſtände her⸗ aus: hier war eine Mauer ſchadhaft geworden, dort eine Decke geſprungen, die Tapeten waren nicht ganz neu und fleckig, die Fenſter ſchloßen nicht und das Holzwerk hatte vielfach gelitten, aber der Verkäufer wußte alle dieſe Fehler ſo geſchickt zu entſchuldigen und die Koſten der nothwendigen Reparaturen ſo 71 äußerſt gering zu veranſchlagen, daß all dieſe kleine⸗ ren und größeren Bedenklichkeiten ſchwinden mußten. Umſo beſſer verſtand er es, die allerdings nicht weg⸗ zuläugnenden Schönheiten und Vortheile hervorzu⸗ heben; er wurde dabei förmlich beredt und entwickelte eine Anlage für poetiſche Naturſchilderungen, welche man dem trockenen Geſchäftsmann kaum zugetraut hätte. Wie reizend klang das Loblied, welches er dem Park und ſeinen Schönheiten ſang; vor jedem einzelnen Baum blieb er mit Entzücken ſtehen und machte ſeine Gäſte auf den ſchlanken Stamm und die herrlich grüne Krone aufmerkſam;. dann wies er wieder auf den friſchen Raſen zu ihren Füßen und ſchien bei ſeinem Anblick zum Dichter zu werden. „Hören Sie nur die lieben Vögelchen,“ rief er begeiſtert der Geheimräthin zu.„So ſingen ſie den langen Tag und machen das ſchönſte Konzert. Meine Nachtigallen ſind die erſten und die letzten in der ganzen Nachbarſchaft. Ach Gott! wie ſchön das klingt, ſo etwas bekommt freilich nur hier bei uns, auf dem Lande zu hören.“ Im Stillen berechnete der ſchlaue Wirth jeden Eindruck und taxirte die Nachtigallen, die Bäume und den Raſen, um den Kaufſchilling ſo hoch als möglich zu beſtimmen. Er hatte ſogleich mit ſeinem gewohnlichen Scharfblick in der Geheimräthin die eigentliche Käuferin herausgeſpürt und richtete deß⸗ halb hauptſächlich an dieſe ſeine Rede. „Und eine Luft finden ſie hier, meine Gnädige,“ fuhr er unermüdlich fort;„reiner Balſam. Wie ich hieherzog, waren meine Lungen ſo angegriffen, daß mein Hausarzt mir keine zwei Jahre mehr zu leben gab. Kaum war ich drei Monate hier, ſo konnte ich alle Medizin bei Seite ſtellen. Geben Sie Acht, gnädige Frau, wie bald Sie ſich erholen werden, wenn Sie das Haus kaufen.“ „In der That, man athmet hier freier und ich fühle mich ſchon viel wohler, lieber Reisland.“ Während die Eltern mit dem Beſitzer das Grund⸗ ſtück ſo in Augenſchein nahmen und ganz damit be⸗ ſchäftigt waren, benutzte der gewandte Lieutenant die Gelegenheit, ſich ungeſtört mit Eugenie zu unterhal⸗ ten. Beide vertieften ſich dermaßen in die Schön⸗ heiten der Natur, daß ſie immer eine ziemliche Strecke zurückblieben und nur langſam nachfolgten. Dabei geſchah es, daß Blumfeld bald Eugenien ſeinen Arm bot, um ſie über den ſchlüpfrigen Raſen zu führen, bald ihr einige Worte zuflüſterte, welche ihre zarten Wangen mit einer lieblichen Röthe färbten. Sie hatte augenſcheinlich die Ermahnungen ihrer klugen Mutter beherzigt und ſogleich befolgt, denn von der früheren Schüchternheit zeigte ſie mehr keine Spur; ſie lachte und ſcherzte, ſie lieh ſeinen Worten und ſelbſt ſeinen Schwüren ein geneigtes Ohr; ſie zürnte ihm nicht, wenn er ſogar von ſeiner Liébe ſprach, und zog ihre Hand nicht zurück, wenn er Miene machte, dieſelbe zu küſſen. Im Gegentheil war ſie nie ſo heiter, ſo überſelig und überglücklich geweſen, als in der Geſellſchaft des Lieutenants, den ſie in Gegen⸗ wart der Eltern kaum zu beachten ſchien und nur verſtohlen von der Seite anzuſehen wagte. Selbſt dieſe kleine Liſt erhöhte nur noch ihr Vergnügen, denn welches junge Mädchen freut ſich nicht, ſolch ein zartes Herzensgeheimniß zu beſitzen und ſchlau dasſelbe vor den Späherblicken der Umgebung zu verſtecken?— Ohnehin hoffte ſie von dem heutigen Tage die Erfüllung ihrer Wünſche; der Lieutenant hatte ihrer Mutter zu gefallen gewußt und damit war der Sieg ſogut ſchon wie geſichert. Darum überließ ſich Eugenie ganz und gar ihrer angebore⸗ nen Heiterkeit, ohne weiter ſich Sorgen über den ernſten Schritt zu machen, den ſie vorhatte; ohne ferner den Mann zu prüfen, dem ſie im Begriffe ſtand, ihr Herz und ihre Hand zu ſchenken. Sie glich dem bunten, leichtbeſchwingten Schmetterlinge, der vor ihr her im Sonnenſchein gaukelte, aus jeder Blume am Wege Honig ſaugend, unbekümmert um den morgigen Tag, nur der Gegenwart und ihren Freuden lebend. Es war ein ſchöner, reizender Schmet⸗ terling mit ſchlankem Leib und blau ſchillernden Flü⸗ geldecken, welche über und über mit goldenen Punkten beſäet waren; jetzt ſchien er ſich in eitler Selbſtbe⸗ friedigung zu wiegen und mit ſeiner bunten Pracht zu prahlen; dann ruhte er wieder, in Genuß verſun⸗ ken, auf einer rothen Kleeblüte aus und ſchlürfte den ſüßen Nektar aus den kleinen purpurnen Ge⸗ fäßen; im nächſten Augenblick jagte er ſpielend mit einem zweiten Schmetterling, den er angetroffen, und drehte ſich wie zum Tanz in luftigen Kreiſen. Eu⸗ genie lief muthwillig hintendrein; ſie wollte ihr Eben⸗ bild haſchen und glitt dabei auf dem Raſen aus; ſie fiel und zwar ſo glücklich, daß ſie dem zu Hilfe eilenden Lieutenant in die Arme ſank, der die Ge⸗ legenheit benutzte und einen Kuß auf ihre ſchwellen⸗ den Lippen drückte. Sie wollte wirklich zürnen, aber ſie vermochte es nicht und bald waren ſie wieder verſöhnt, aber ſie hielt es doch für gerathen, ihre Schritte zu beſchleunigen, um den vorangeeilten El⸗ tern nachzufolgen.— Sie traf dieſelben im eifrigen Geſpräch mit dem Eigenthümer der Villa: die Ver⸗ 7⁵ handlungen waren ſchon ziemlich weit vorgerückt. Die Geheimräthin fand die Beſitzung entzückend, himmliſch, allen ihren Wünſchen entſprechend; wo⸗ gegen der Gemahl viel ruhiger erſchien und allerlei Ausſtellungen zu machen hatte. Wie wir wiſſen, hatte die Villa ihre Fehler und Mängel, welche der Geheimrath ziemlich ſtark hervorhob; auch ſchien ihm der geforderte Preis viel zu hoch, beſonders wenn man die unumgänglich nothwendigen Reparaturen be⸗ rückſichtigte, deren Koſten ſich noch nicht berechnen ließen. Alle dieſe Bedenken ſtellte er ſeiner Frau vor, ohne ſie jedoch vollkommen zu überzeugen. Wie ſie ſich ſchnell für Menſchen begeiſterte, ſo konnte ſie ſich auch für lebloſe Gegenſtände in einer wunderba⸗ ren Weiſe enthuſiasmiren, dann hörte ſie auf keine Einwendung, keine Abmahnung und ihr Wille mußte geſchehen. Zum Ueberfluß hatte ſie an Blumenſeld, der mit Eugenie ſich eingefunden, einen ausgezeich⸗ neten Bundesgenoſſen; er theilte ganz und gar ihr Entzücken und ſchwärmte wie ſie für die reizende Lage, die himmliſche Ausſicht, den ſchönen Park und die herrliche Villa. So von allen Seiten gedrängt und überſtimmt, mußte ſich der Geheimrath gegen ſeine beſſere Ueberzeugung zu dem von ihm noch gern vermiedenen Ankauf entſchließen. Seine Frau 76 war ſo leidenſchaftlich für die neue Konquiſition ein⸗ genommen, daß ſie nicht einmal das Urtheil von einem ſachverſtändigen Baumeiſter abwarten wollte, das er zuvor einzuholen vorſchlug. Da der bisherige Beſitzer ſeinerſeits nur eine mäßige Anzahlung vor⸗ läufig verlangte und die übrige Summe noch ſtehen laſſen wollte, ſo gab der Geheimrath endlich wenn auch mit Widerſtreben nach und der Handel kam noch an demſelben Tage zuſtande. Der Lieute⸗ nant begleitete ſelbſtverſtändlich die Familie in ihr Hotel und von da zur Eiſenbahn zurück, wo er ſich verabſchiedete, um wirklich einige Tage bei ſeinen Verwandten in Hainberg zuzubringen. Für ſein ge⸗ ſchicktes, diplomatiſches Benehmen und zur Belohnung ſeiner geleiſteten Dienſte erhielt er von der Geheim⸗ räthin eine Einladung für den nächſten Sonntag, wo ſie gewöhnlich, wie ſie ihm lächelnd ſagte, einen ausgewählten Kreis geiſtreicher und liebenswürdiger Männer bei ſich verſammelte.— Als die Familie mit dem nächſten Zug vorüberflog, ſah ihr Blumfeld mit einem ſelbſtzufriedenen Lächeln nach; dann ſteckte er ſich eine Zigarre an, die ihm nie beſſer geſchmeckt hatte als in dieſem Augenblick— 8 77 Viertes Kapitel. Am nächſten Donnerſtage verließ Martha unter einem paſſenden Vorwande das Haus, um ihrem Bruder das gegebene Verſprechen zu halten und Zeugin bei der Taufe ſeines Erſtgeborenen zu ſein. Um nicht Verdacht zu erregen, hatte ſie das einſachſte Kleid aus ihrer ohnehin nicht allzureich bedachten Garderobe wäͤhlen müſſen und ihr blondes Haar nur mit einer blauen Schleife ſchmücken können, aber gerade dieſe Einfachheit ſagte ihrem ganzen Weſen zu und paßte ſo recht zu ihrer innerſten Natur. Am Thore nahm ſie eine Droſchke, um noch ſchnell nach einem Silberladen zu fahren und dort für den Täufling das übliche Pathengeſchenk zu kaufen; ſie wählte ein ſilbernes Beſteck, wofür ſie den verlang⸗ ten Preis dießmal ohne zu handeln bezahlte, damit ſie nicht die Zeit verſäumte. Das Geld dafür hatte ſie aus ihrer Sparkaſſe genommen. Die Töchter des Geheimraths erhielten für ihre Bedürfniſſe an Putz und Bändern monatlich eine kleine Summe, welche zur Noth ausreichte. Martha, die an derartigen Gegenſtänden wenig oder gar keine Freude fand, hatte natürlich immer einige Thaler übrig, welche ſie zu kleinen Geſchenken für ihre Freundinnen und 78 Geſchwiſter verwendete, während die leichtſinnigere Engenie gewöhnlich ſchon in der Mitte des Monats mit ihrem Gelde zu Ende war und dann Schulden machte. Für die Schwägerin hatte das gute Mäd⸗ chen heimlich und wenn alles ſchlief, einen ſchönen Kragen mit kunſtfertiger Hand geſtickt, den ſie ihr zum Andenken überreichen wollte. Sie liebte es nicht, mit leeren Händen zu kommen, und ſchenkte umſo freudiger, da ſie ſelbſt ſo wenig für ſich bedurfte. Nachdem ſie dieſes Geſchäft beendet und ihre Ein⸗ käufe gemacht hatte, beeilte ſie ſich in die Wohnung des Bruders zu kommen, der ſie mit Ungeduld er⸗ wartete. Bei ihrem Eintritte fand ſie bereits die eingeladenen Zeugen und Gäſte vor, denen ſie noch ſchnell vorgeſtellt wurde. Die Eile und die Verle⸗ genheit, die ſie meiſt in fremder Geſellſchaft zeigte, hatten ihre blaſſen Wangen mit einer lieblichen Röthe gefärbt, ſo daß ſie beſſer und ſchöner ausſah als gewöhnlich. Auf dem Sopha ſaß die junge Wöchnerin zwar noch matt und angegriffen, aber glücklich und vor Freude ſtrahlend über die Geburt des Sohnes. Das Kind lag ſchon geputzt und an⸗ gezogen in den blühend weißen Kiſſen; es ſchlief ruhig trotz des Geräuſches, eine junge zarte Men⸗ ſchenpflanze in rührender Unſchuld und Hilfloſigkeit. Martha beugte ſich zu ihm herab, ihr Auge füllte ſich unwillkürlich mit Thränen; ſie wußte ſelber nicht, warum ſie weinte; ihr Herz war ſo voll von zärtli⸗ cher Wehmuth, kaum daß ſie den gewöhnlichen Glück⸗ wunſch für ihren Bruder und die Wöchnerin vorbrin⸗ gen konnte. Sie küßte dieſen und Roſalie, welche unter Thränen lächelnd ihr vom Herzen dankte. „Ihre Schweſter muß ſehr gut ſein,“ flüſterte einer der Gäſte dem ſeligen Friedrich zu. „Sie iſt das beſte Mädchen auf der Welt,“ antwortete dieſer.„Ein Herz ſo rein wie Gold.“ Derſelbe nicht mehr ganz junge Mann hörte mit Theilnahme das enthuſiaſtiſche Lob des Bruders, dann nahte er ſich Martha und begrüßte ſie als der ihr beſtimmte Begleiter, mit dem ſie das Kind aus der Taufe heben ſollte. Sein männliches Weſen, das ſich in den offenen Zügen ausprägte, flößte ihr Vertrauen ein; ſie reichte ihm ohne jede Ziererei die Hand und folgte ihm zu dem Wagen, der ſie nach der Kirche bringen ſollte. Auch der Täuf⸗ ling wurde jetzt der Mutter noch einmal gebracht, die ihn mit einem innigen Kuſſe entließ, von ihrem ſtillen Segen gefolgt.— Unterwegs lernte Martha erſt ihren Begleiter näher kennen; er war der Beſitzer 80 des Hauſes, in welchem Friedrich wohnte, und deſſen beſter Freund. „Ihr Bruder,“ ſagte er im Laufe des Geſprächs, „hat mir bereits ſoviel von Ihnen erzählt, daß Sie mir keine Fremde mehr ſind. Friedrich hat keine Geheimniſſe vor mir und ich weiß, welche Freude Sie ihm durch Ihre Gegenwart heute bereiten, ihm und uns allen mit.“ „Mein Bruder überſchätzt ſicher mein Verdienſt um ihn. Ich glaube nur eine Pflicht zu erfüllen, indem ich ſeinem Wunſche nachgekommen bin.“ „Nicht immer wird die Erfüllung unſerer Pflicht uns leicht gemacht. Ich bin, wie Sie wohl vermu⸗ then, hinlänglich unterrichtet, um zu wiſſen, daß ihr Hierſein mit keinem geringen Opfer verbunden iſt. Indeß verdient Ihr Bruder jede Rückſicht; er liebt Sie mit einer Zärtlichkeit ohne Grenzen, er ſpricht von Ihnen mit einem Enthuſiasmus, der mich in der That neugierig auf Ihre nähere Bekanntſchaft werden ließ. In einer Zeit, wo ſich die Bande der Familie immer mehr lockern, iſt das Beiſpiel, wel⸗ ches Sie geben, gewiß doppelt anerkennungswerth.“ „Finden Sie es denn nicht natürlich, daß wir die lieben, von denen wir geliebt werden?“ „Gewiß, mein Fräulein! Und doch wie ſelten 8¹1 4 wird die wahre Liebe noch angetroffen. Der Egyois⸗ mus herrſcht in allen Verhältniſſen jetzt vor und ver⸗ nichtet jedes beſſere Gefühl. Die heiligſten Bande werden durch die Selbſtſucht erſchüttert und aufge⸗ löst. Kinder hadern mit ihren Eltern, Brüder ſtehen gegen Brüder auf, wenn die materiellen Intereſſen ſie entzweien. Und doch gibt es nach meiner Mei⸗ nung kein natürlicheres und heiligeres Bündniß, als das aus der Familie ſelber hervorgeht.“ „Sie ſprechen nur meine innerſten Gedanken aus. Doppelt ſchmerzlich iſt darum jeder Zwieſpalt in der Familie.“. „Ich wollte Sie nicht betrüben. Verzeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich Sie verletzt habe.“ „Sie haben nur den Finger auf die Wunde gelegt. Ich weiß, daß mein Bruder ſich vor Ihnen beklagt hat, daß er leidet, wenn auch nicht ganz ohne eigene Schuld. Ich ſelber maße mir kein Urtheil über die Handlungsweiſe meiner Eltern an, aber ich fühle, daß Friedrich durch ſein jetziges Leben ihre Verzeihung verdient hat. Unbeſchadet meiner kindli⸗ chen Pflicht folge ich hierin meinem eigenen Urtheil.“ „Und Sie thun wohl daran, da ich mich für die vollſtändige Beſſerung Ihres Bruders verbür⸗ gen kann.“ Der Geheimrath. 6 82² Martha konnte ſelber nicht begreifen, wie es kam, daß ſie vor einem Fremden, der doch ihr Be⸗ gleiter war, ſo unbefangen über dieſe innerſten Ver⸗ hältniſſe ihrer Familie ſprach, ſie, die ſonſt ſo ſcheu und verſchloſſen war; aber ſein ganzes Weſen flößte ihr das größte Zutrauen ein. Bormann, ſo hieß ihr Begleiter, ſchien ihr kein gewöhnlicher Menſch; jedes ſeiner Worte ſprach ſeine innerſte Ueberzeugung aus und dazu ſah er ſie ſo treuherzig mit ſeinen ehrli⸗ chen Augen an, daß ſie ihm ebenfalls mit derſelben Offenheit entgegenkam. Es gibt Menſchen, zu denen wir uns unwillkürlich hingezogen fühlen, die in der erſten Stunde des Beiſammenſeins uns wie alte Freunde und Bekannte vorkommen; wir ſchlie⸗ ßen vor ihnen unſer Herz auf und geſtatten ihnen einen Einblick in unſer innerſtes Weſen, ohne uns immer des Grundes bewußt zu ſein. So erging es auch Martha mit ihrem Begleiter; es kam aller⸗ dings noch der Umſtand hinzu, daß er der Freund ihres Bruders und in alle Verhältniſſe desſelben eingeweiht war. Er verrieth ſoviel wahre Theil⸗ nahme und ſein ganzer Charakter bürgte ihr für ſeine Aufrichtigkeit. Unbefangen gab auch ſie ſich dieſem Eindruck hin, ſo daß ſie ihre gewöhnliche Zurückhaltung vergaß und die reiche Welt ihrer Ge⸗ 83 danken und Gefühle ihm nicht vorenthielt. Kein Wunder, daß beiden der Weg zur Kirche ſo kurz vorkam, als der Wagen vor derſelben hielt. Hier empfing Martha das liebliche Kind, welches verwun⸗ dert ſeine blauen Augen aufſchlug und ſie anſtarrte. Ein ſüßer Schauer durchſtrömte ſie bei der Berüh⸗ rung des kleinen Weſens, das in ihren Armen ruhte; ſie erröthete in jungfräulicher Befangenheit und Bormann, der ihr zur Seite ſtand, fand ſie ſchön in dieſem Augenblick und verglich ſie im Stillen mit dem Bilde der Madonna, oon deren Reizen ſie wenigſtens den ſchönſten, für ihn beſaß, nämlich den der weiblichen Demuth und Beſchei⸗ denheit.— Sobald die heilige Handlung beendet war, kehrten die Taufzeugen und Gäſte in die Wohnung der Eltern zurück. Martha trug das Kind und legte es in den Schooß der Mutter, welche es nach die⸗ ſer erſten Trennung an ihr Herz druckte und mit Liebkoſungen überhäufte. Der glückliche Vater nö⸗ thigte die Eingeladenen zu einem kleinen Frühſtück; bald löste der Wein die Zungen und es herrſchte eine gemüthliche Heiterkeit. Da die Wöchnerin noch zu ſchwach war, um die Pflichten der Wirthin zu übernehmen, ſo verſah Martha ihre Stelle und zwar 6* 84 zur vollkommenen Zufriedenheit aller Anweſenden. Die Geſellſchaft beſtand aus der Mutter Roſaliens, deren Brüdern, Anverwandten und einigen Freunden des Hauſes. Die Meiſten gehörten dem ehrenwer⸗ then Bürgerſtande an und erſetzten, was ihnen an höherer Bildung und Abgeſchliffenheit abging, durch Herzlichkeit und freundſchaftliche Geſinnung; aber auch an Bildung mangelte es vielen nicht, freilich war dieſelbe mehr das Reſultat des Lebens als der Schule und mehr auf Geſchäftsreiſen und im Um⸗ gange mit Andern, als durch Bücher und Studium erworben. Beſonders zeichnete ſich Bormann durch ſeine gründlichen Kenntniſſe aus; er hatte manche fremde Länder mit Nutzen geſehen und nicht umſonſt Paris, Brüſſel und London mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtet. Sein Urtheil über Menſchen und Dinge war klar und beſtimmt; zuweilen konnte er auch ſcharf ſein, aber meiſt waltete eine gewiſſe Milde vorz nur die Heuchelei und Lüge ſowohl in der bürgerlichen Geſellſchaft, wie im Leben des Staates, bekämpfte er mit unnachſichtlicher Strenge. Was er ſprach, zeigte von reiflichem Nachdenken und von einer Ge⸗ diegenheit, die unwillkürlich die Aufmerkſamkeit und Achtung der Zuhörer ſich zu verſchaffen wußte. Im ganzen fühlte ſich Martha bald in dem ihr bisher 8⁵ fremden Kreiſe heimiſch; ſie verglich im Stillen den Ton dieſer Geſellſchaft mit dem in ihrem elterlichen Hauſe herrſchenden. In dieſem war allerdings mehr geiſtige Anregung, ein höheres Intereſſe für Kunſt und Wiſſenſchaft; aber der Abſtand ſchien ihr keines⸗ wegs ſo bedeutend, wie ſie früher irrthümlich ange⸗ nommen hatte. Vorzüglich fand ſie unter den männ⸗ lichen Freunden ihres Bruders ein tüchtiges Stre⸗ ben und oft ſolidere Kenntniſſe, als in den geiſtrei⸗ chen Zirkeln der Ihrigen. War auch der Horizont dieſer Leute beſchränkter, ihr Wiſſen nicht ſo ausge⸗ breitet und vielſeitig, ſo beſaßen ſie dafür eine wohl⸗ thuende Sicherheit und Gründlichkeit in ihrem enge⸗ ren Kreiſe; ſie vermieden mit ihren Kenntniſſen Staat zu machen und durch paradoxe Behauptungen aufzufallen. Minder bedeutend und intereſſant er⸗ ſchienen die anweſenden Frauen, welche ſich zunächſt nur über ihre Wirthſchaft, die Koſten der Haus⸗ haltung und beſonders über das beliebte Kapitel der Dienſtmädchen unterhielten; aber auch unter ihnen gab es Einzelne, welche vielen natürlichen Verſtand und angeborenen Mutterwitz verriethen. Am meiſten fühlte ſich Martha zu ihrer Schwägerin und deren Mutter hingezogen, einer würdigen Matrone mit wohlwollenden Zügen und klugen Augen, in denen 86 die Freude über das Glück ihrer Kinder zu leſen war. Sie nahm bei Tiſch den Ehrenplatz ein und alle Welt bemüthe ſich, der ‚Großmuttere, wie ſie von jedermann genannt wurde, die höchſte Ehrer⸗ bietung und Achtung zu erweiſen. Dieß ſchloß jedoch keineswegs einen harmloſen Scherz aus, den ſie in derſelben Weiſe zu erwiedern wußte. Beſonders wurde ſie mit ihrem Anbeter geneckt, der auch bei Tiſch ihr nächſter Nachbar war; ein alter Junggeſelle, Herr Fleiſcher, welcher als Porträtmaler von ſeiner Kunſt und den Zinſen eines kleinen Kapitals lebte. In der letzten Zeit hatte ‚Großmutter“ fortwährend mit ihm heimlich zu verkehren gehabt und auch bei Tiſche flüſterte ſie leiſe mit ihrem alten Courſchneider. „Großmütterchen!“ rief ihr Friedrich ſcherzend zu, „nehmen Sie ſich vor dieſem Don Juan in Acht. Er hat es auf Sie abgeſehen. Alter ſchützt vor Thorheit nicht.“ „Geh nur, geh!“ entgegnete ſie in demſelben Tone.„Du biſt und bleibſt ein Flauſenmacher.“ „Sie ſind jetzt hinlänglich gewarnt und ich waſche meine Hände in Unſchuld, wenn Ihnen et⸗ was paſſiren ſollte.“ Alle lachten und die ſchon vorhandene Heiterkeit wurde noch dadurch vermehrt, daß Herr Fleiſcher 87 plötzlich verſchwand und die Matrone ebenſo heimlich ihm nachfolgte. „Bei Gott,“ ſchrie der ausgelaſſene Friedrich ſeiner Frau über den Tiſch zu;„Deine Mutter läßt ſich von ihrem alten Anbeter am Ende noch ent⸗ führen.“ „Sorge nur nicht,“ entgegnete dieſe lächelnd; „fie wird ſchon zurückkommen.“ Einige Augenblicke ſpäter erſchien auch das Paar; Herr Fleiſcher führte an der einen Hand die Großmutter in ehrerbietigem Mennetſchritt, während er in der andern einen verhüllten Gegenſtand trug, den er mit geheimnißvollen Mienen auf den Tiſch ſetzte. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte Friedrich neugierig. „Das ſollt Ihr gleich ſehen,“ erwiederte neckend der alte Junggeſelle.„Zuvor aber müßt Ihr rathen, und wenn Ihr es nicht trefft, ſo gebt Ihr uns noch eine Flaſche Wein zum Beſten.“ „So iſt es recht,“ ſetzte die Matrone hinzu. „Nun ſtrenge einmal Deinen Scharfſinn an!“ „Was wird es ſein? Ein Stiefelknecht, ein Haubenkopf, oder ſonſt etwas.“ 88 „Fehlgeſchoſſen,“ lachte der Maler und entfernte die verhüllenden Decken von einem Bilde. Dasſelbe wurde mit einem allgemeinen, freudi⸗ gen„Ah!“ begrüßt. Aus dem goldenen Rahmen ſchaute das wohlgetroffene Porträt der Großmutter mit dem freundlichen Geſicht und dem gutmüthigen Lächeln. Stolz blickte der Maler auf ſein Werk und freute ſich an der gelungenen Ueberraſchung. „Das ſchenk' ich Ihnen,“ ſagte er zu der jun⸗ gen Frau,„zur Erinnerung an den heutigen Tag als Bild und Vorbild für Sie und Ihre Kinder.“ Roſalie dankte mit tiefer Rührung dem wun⸗ derlichen Freunde und küßte das Original, indem ſie die geliebten Züge desſelben mit dem Bilde verglich. „Es iſt wirklich zum Sprechen ähnlich,“ ſagte ſie lächelnd,„und ſie konnten mir keine größere Freude machen.“ „Das hab' ich auch gewußt,“ entgegnete der Maler ſchmunzelnd.„Bei jedem Striche hab' ich auch nur an Sie gedacht und ich darf wohl ſagen, daß mir ſelten ein Bild ſo gelungen iſt, wie dieß.“ „Das macht, weil er es mit verliebten Augen gemalt hat; dafür ſoll Er auch ſeine Flaſche Wein 89 4 jetzt bekommen; Er hat ſie redlich verdient,“ rief Friedrich in der heiterſten Laune. Die Flaſche wurde gebracht und auf das Wohl des alten Künſtlers und der Großmutter geleert, die ſich unter Kniren und mit freundlichem Lächeln für die ihr widerfahrene Ehre bedankte.— So fehlte es nicht an heiteren Szenen und anmuthigen Scherzen, welche ſtets ein dankbares Publikum fanden und im⸗ mer in den gehörigen Schranken blieben. Hier wurde nichts bekritelt und verſpottet, es herrſchte vom An⸗ fang bis zum Ende des Mahles eine wohlthuende Harmloſigkeit, welche beſonders auf Martha einen angenehmen Eindruck machte. Sie gab ſich willig der frohen Stimmung hin und trat aus ihrer gewöhn⸗ lichen Abgeſchloſſenheit gänzlich heraus. Indem ſie aber ihre Sprödigkeit verlor, wurde ſie ſelbſt immer liebenswürdiger, ohne es zu wiſſen. Freundlich nahm ſie ſelbſt die kleinen Neckereien hin, die ihr als der einzigen Unverheirateten bei dieſer Gelegenheit zu⸗ theil wurden; ſie ließ ſich ſolche kleine Scherze gern gefallen und erwiederte oft dieſelben in dem gleichen Tone. Mit ihrem Nachbar unterhielt ſie ſich ſehr angelegentlich; ihre günſtige Meinung von ihm wurde durch ein längeres Geſpräch mit ihm nur be⸗ feſtigt. Alles, was er that und ſagte, trug den 8 90 4 Stempel eines durchgebildeten Charakters, und er⸗ höhte nur die Achtung, welche ſie für ihn hatte. Auch ſein Intereſſe an ihr ſtieg mit jedem Augen⸗ blicke; er freute ſich an ihrer Natürlichkeit und an dem echt weiblichen Sinn voll Feinheit, der ihm fern von jeder gewöhnlichen Eitelkeit und Selbſtüberſchäz⸗ zung ſchien. Seine Bewunderung für ihren Geiſt trug ſich auch unwillkürlich auf ihre körperliche Er⸗ ſcheinung über, und er fand ſie trotz ihrer Bläſſe und einer gewiſſen Verblütheit mindeſtens intereſſant, ſo⸗ gar in manchen Augenblicken ſchön. Sie war es auch dann, wann ihre Züge ſich im Laufe des Ge⸗ ſprächs belebten, ihre blauen Augen feuriger wurden und ein gewinnendes Lächeln um ihre fein geſchnit⸗ tenen Lippen ſpielte. Dazu beſaß ſie eine edle Stirn, eine kleine Hand und einen zierlichen Fuß, Reize, die dem ſcharfen Auge des Herrn Bormann nicht entgangen waren.— Die Zeit verſchwand indeß mit geflügelter Eile und Martha mußte an ihren Rückweg denken, wäh⸗ rend die übrigen Gäſte noch länger zu verweilen 4 ſchienen und keineswegs ſo bald zum Aufbruch eine Miene machten. Sie erhob ſich und wollte ſich ſtill entfernen; aber das war ſo leicht nicht möglich. Friedrich und alle Anweſenden merkten ihre Abſicht 91* und beſtürmten ſie ſo lange mit Bitten, bis ſie ihre Einwilligung gab, wenigſtens noch ein Viertelſtündchen zu verweilen; aber das Viertelſtündchen dehnte ſich zur halben und zur ganzen Stunde aus, bis es ſo ſpät wurde, daß ſie ernſte Unannehmlichkeiten wegen ihres Ausbleibens vonſeiten ihrer Eltern befürchtete. „Ich muß jetzt gehen,“ flüſterte ſie ihrem Bru⸗ der zu.„Du weißt, daß zu Hauſe niemand eine Ahnung haben darf, wo ich geweſen bin.“ Seine Stirne verfinſterte ſich; es war der ein⸗ zige Wermuthstropfen in dem Freudenbecher des heu⸗ tigen Tages. „Ol ich wollte,“ ſagte er unmuthig,„daß ich Dich immer hier behalten könnte, daß wir uns nie zu trennen brauchten. Du biſt doch nur das Aſchen⸗ brödel der Familie und keiner ſchätzt Dich ſo, wie Du es verdienſt.“ „Laß es gut ſein, ich bin mit meiner Stellung ganz zufrieden. Jetzt aber muß ich fort; halte mich nicht länger auf, denn es iſt ſchon ſpät geworden.“ „Ich will Dich wenigſtens begleiten; es iſt ſchon dunkel auf den Straßen.“ „Wo denkſt Du hin? Du darfſt nicht Deine Gäſte verlaſſen. Was würden dieſe zu einem ſolchen Benehmen ſagen? Ich werde ſchon allein gehen, da ich mich nicht im geringſten fürchte.“ Das leiſe geführte Geſpräch wurde durch Bor⸗ mann's Dazwiſchenkunft unterbrochen, er hatte nur die letzten Worte vernommen und wandte ſich deßhalb an ſeinen Freund. 1 „Ihre Schweſter hat Recht,“ ſagte er zu Fried⸗ rich.„Als Wirth müſſen Sie hier bleiben. Wenn ſie es aber erlaubt, werde ich Ihre Stelle einneh⸗ men und das Fräulein nach Hauſe bringen.“ Der Bruder nahm ſogleich das freundſchaftliche Anerbieten an, während Martha verlegen die Augen zu Boden ſchlug und erröthete. „Ich möchte nicht gern zudringlich erſcheinen,“ fuhr Bormann mit einiger Empfindlichkeit fort.„Ver⸗ zeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich Sie durch mei⸗ nen wohlgemeinten Antrag beleidigt habe.“ Er wollte ſich gekränkt zurückziehen, doch ein bittender Blick aus ihren Augen hielt ihn zurück. „Ich nehme mit Vergnügen Ihre Begleitung an,“ fügte ſie hinzu, indem ſie wie zur Entſchuldi⸗ gung und Verſöhnung ihm ihre Hand entgegenſtreckte. Er nahm ſie und hielt ſie länger, als dieß nöthig war, in der ſeinigen, unſchlüſſig, ob er ſie küſſen durfte. Wahrſcheinlich hätte ſie ihm dieſes neue 92 93 Verſehen nicht uͤbel genommen, doch Bormann be⸗ kämpfte dieſes aufſteigende Verlangen, da er keines⸗ wegs mit ſolchen Galanterien ſo verſchwenderiſch wie andere Männer den Damen gegenüber war. Er legte ein gewiſſes Gewicht ſelbſt auf dieſe äußeren Zei⸗ chen der Neigung und ſchrieb ihnen nicht mit Unrecht eine höhere Bedeutung zu, als dieß gewöhnlich geſchieht.— Nachdem Martha von ihren Verwand⸗ ten und der ganzen Geſellſchaft ſich auf das herz⸗ lichſte verabſchiedet hatte, verließ ſie in Begleitung Bormann's das ihr doppelt liebgewordene Haus. Es war eine eigenthümliche Empfindung, die ſie auf der Straße hatte, als ſie ſo an der Seite eines ihr bisher fremden Mannes ging. Sie war zwar früher ſchon von Andern auch begleitet worden, aber ohne Aehnliches zu fühlen. Sie wußte ſelber nicht, warum ihr dießmal das Herz ſo heftig ſchlug, als wäre ſie im Begriff, ein Verbrechen zu begehen; ſie zitterte einem Bekannten zu begegnen, und es war ihr immer, als ſtarrten ſie alle Vorübergehenden mit fragenden Augen an. Die Straßen, welche ſie doch von ihrer Kindheit kannte, erſchienen ihr mit einem⸗ male wie verwandelt und die Häuſer gänzlich um⸗ getauſcht. Es lag wie eine Zentnerlaſt auf ihrer Bruſt und doch war ſie innerlich nicht traurig, ſon⸗ 94 dern eher froh; unruhig und wieder voll unnennba⸗ rer Seligkeit. Es war bereits dunkel geworden, aber die ſilberne Mondſichel und einzelne ſchimmernden Sterne verbreiteten ein dämmerndes Licht an dem warmen Junihimmel. Der ſanfte Dämmerſchein paßte ſo recht zu ihrer innerſten, wehmüthig freudigen Stimmung. In weiter Ferne mochte es wohl ge⸗ wittert haben, denn am Horizonte zuckte von Zeit zu Zeit ein röthlicher Feuerſchimmer von dem Wet⸗ terleuchten und die ſchwüle Hitze des Tages wurde dadurch abgekühlt. Der muthwillige Nachtwind fä⸗ chelte um Martha's brennende Wangen und legte ſich wie eine ſanfte, kühlende Hand auf ihre heiße Stirn, ſo daß ſie nach und nach wieder zur Beſin⸗ nung kam und die Reden ihres unerwarteten Be⸗ gleiters zu beantworten vermochte. Nach und nach verlor ſich ihre Befangenheit, ſie wurde dreiſter und im Stande, zu ihm wieder emporzuſehen; ja ſie fühlte ſich wohl und ſicher in ſeinem Schutz, wenn ſie ſich an ſeine männliche Geſtalt anlehnte oder zufällig ihn berührte; nur kam es ihr vor, als dürfte dieſe nächtliche Wanderung niemals enden, als könnte ſie nie wieder in das Haus ihrer Eltern zurückkehren, als müßte dieſes eigenthümliche Verhältniß ewig ſo fortdauern ohne Aufhör, ohne Veränderung, ohne — 9⁵5 Ende.— Auf den Straßen herrſchte faſt ein regeres Treiben als am Tage ſelbſt, wo die Hitze und die Arbeit die meiſten Einwohner zurückhielt; jetzt erſt eilte der fleißige Handwerker, der beſchäftigte Kaufmann vor das Thor und ins Freie, um ſich mit ihren Familien in der Natur und in einer reineren Luft zu erholen. Mehrere Männer und Frauen in einfacher Arbeitertracht gingen an Bormann vorüber; ſie mußten ihn kennen, denn ſie grüßten ihn höflich und mit Ehrerbietung. „Guten Abend,“ erwiederte er freundlich.„So i*ſt es Recht,“ fügte er hinzu,„nach der Arbeit ſchmeckt der Feierabend, nicht wahr, Kinder?“ „Das wollen wir meinen,“ entgegnete Einer von ihnen, der für die Uebrigen das Wort führte. „Es gab heute in der Fabrik genug zu thun und wir haben uns gewundert, daß Sie nicht da waren, Herr Bormann.“ „Hat Euch denn der Werkmeiſter nicht geſagt, daß ich eine Abhaltung hatte?“ „Freilich, aber Sie ſehlten uns doch überall, es geht alles noch einmal ſo gut, wenn Sie zuge⸗ gen ſind.“ „Morgen bin ich wieder unter Euch; bis dahin mit Gott!“ 96 „Leben Sie wohl, Herr Bormann.“ Von neuem grüßend entfernten ſich die Leute; im Vorübergehen hörte Martha, wie die Frau, auf ſie deutend, dem Manne leiſe zuraunte:„Das wird wohl die Liebſte des Herrn ſein.“ In ſolchen Din⸗ gen haben die Frauen einen ganz beſonderen Scharf⸗ blick. Auch Bormann ſchien die Bemerkung gehört zu haben, denn ein verlegenes Lächeln umſchwebte ſeine Lippen, doch ſuchte er dasſelbe vor ſeiner Begleiterin zu verbergen. „ Es waren das die Arbeiter aus meiner Fa⸗ brik,“ bemerkte er, indem er ſich bemühte, das durch dieſe Unterbrechung ſtockende Geſpräch wieder an⸗ zuknüpfen. „Ich wußte nicht, daß Sie Fabrikant ſind,“ antwortete Martha zerſtreut. „Urſprünglich war ich wie mein verſtorbener Va⸗ ter Handwerker und zwar Poſamentier, nach und nach hat ſich mein Geſchäft dermaßen vergrößert, daß die kleine Werkſtätte nicht mehr ausreichte und ich eine Fabrik anlegen mußte. Gegenwärtig beſchäftige ich mehr als hundert Menſchen.“ „Es muß für einen Mann ein angenehmes Gefühl ſein, wenn er ſich ſagen kann, daß er ſich ſelber alles zu verdanken hat. Wir armen Frauen 97 ſind in dieſer Beziehung zu beklagen. Was vermö⸗ gen wir zu thun, was können wir leiſten, das eini⸗ germaßen ſich der Mühe lohnt?“ „O! ſagen Sie das nicht. Die Frau wirkt in ihrem Kreiſe ebenſo Großes, wie der Mann in dem ſeinigen; er iſt der Kopf und ſie das Herz der Geſellſchaft; ihm gehört die Welt und ihr das Haus.“ „Und iſt die Welt nicht umſo größer als das Haus?“ „Weiter wohl, aber nicht größer. Das Haus bleibt immer der Mittelpunkt unſeres Daſeins, von dem wir ausgehen, zu dem wir wieder zurückkehren; alle Radien der entfernten Peripherie ſtreben dieſem ewigen Ziele zu. Aus dieſem heiligen Quell ſchö⸗ pfen wir Liebe, Begeiſterung, die edelſten Güter der Menſchheit. Hier empfängt das Kind die erſten und darum auch die bleibendſten Eindrücke; das Beiſpiel, das ihm hier gegeben wird, iſt entſcheidend für ſein künftiges Leben. Der Jüngling freilich reißt ſich los und ſtürmt wild in die Welt hinaus, aber als gereifter Mann ſucht er Erholung, Troſt und Freude im Schooß der Häuslichkeit. Den Frauen allein verdanken wir es, daß wir nicht in dem äußern Trei⸗ ben verwildern und untergehen. Das iſt der ſchöne Beruf, den ihnen die Natur angewieſen hat, und wer Der Geheimrath. 7 98 möchte zweifeln, daß ſie auf dieſem Gebiete das Höchſte leiſten; ſie übertreffen uns durch die Tiefe ihres Gefühls, durch die Reinheit ihrer Sitten und vor allem durch eine Opferfähigkeit ohne Grenzen.“ Mit niedergeſchlagenen Augen hörte Martha das Lob, welches ihr Begleiter mit beredtem Munde ihrem Geſchlechte ſpendete. So konnte nur ein edler Mann von den Frauen ſprechen, umſomehr wunderte ſie ſich im Stillen, daß er noch nicht ein Herz ge⸗ funden zu haben ſchien, das ſeiner würdig war. Seine ideale Auffa ſſung der Familie ſtimmte voll⸗ kommen mit ihren eigenen Anſichten überein, obgleich ihr praktiſcher Sinn und ihre Erfahrungen von dem weiblichen Geſchlecht ihr eine andere und minder günſtige Meinung aufdrängten. „Sie ſchildern,“ ſagte ſie mit ihrer gewohnten Offenheit,„die Frauen, wie ſie ſein ſollten, nicht wie ſie ſind. Ich kenne mein Geſchlecht zu gut, um ſo unbedingt in das ihm ertheilte Lob einzuſtimmen. Allerdings liegen unſere Schwächen und Fehler we⸗ niger in unſerer Natur als in der Erziehung, die uns zutheil wird. Beſtimmt, durch unſere äußere Er⸗ ſcheinung zu gefallen, angewieſen auf den ſchönen Schein, wenden die meiſten von uns zuletzt nur ihre ganze Aufmerkſamkeit auß dieſe Aeußerlichkeiten und 99 ſuchen ſich und Andere zu täuſchen. Ich finde im ganzen bei den Männern ein höheres, geiſtiges Streben, mehr Wahrheit und innere Ehrlichkeit. Am meiſten aber beneide ich Ihr Geſchlecht, daß es ohne Neid und kleinliche Eiferſucht das Große und Bedeutende an Anderen bewundern kann; was wir Frauen nur ſelten und ausnahmsweiſe unter uns vermögen. Darauf gründet ſich auch das Gefühl für Freundſchaft, welches nur bei den Männern in ſeiner ganzen Reinheit und Stärke angetroffen wird. Ich wünſchte mir oft nur darum allein ein Mann zu ſein, und wenn ich einen Neid empfand, ſo geſchah es nur deßwegen.“ Bormann dachte im Stillen: wie gern wollte ich ihr Freund ſein; doch er fühlte, daß es nicht an der Zeit ſei, dieſem Gedanken Worte zu leihen. Martha's ganzes Weſen flößte ihm einen ſo hohen Grad von Achtung ein, daß er es nicht gewagt hätte, irgendeine banale Phraſe in ihrer Gegenwart zu äußern, ſelbſt wenn er dieß im Stande geweſen wäre. Dazu ſchätzte er ſie ſchon viel zu hoch als ein Weib, wie er es bisher noch nirgends in der Geſellſchaft geſehen zu haben glaubte.— Auch war er viel zu beſonnen und vorſichtig, um nach Art ſovieler Mäuner, ſeine augenblicklichen Empfindungen ohne Bedenken auszuſprechen, lieber ſchwieg er ſtill und galt darum 78— ₰ 100 oft für unhöflich oder gar beſchränkt. Er prüfte bei ſolchen Gelegenheiten ſich und ſeine Gefühle mit einer faſt peinlichen und hypochondriſchen Strenge, um jeder Täuſchung zu entgehen. Dieſe angeborene Aengſtlichkeit war wohl auch der Grund, daß er trotz ſeiner günſtigen Verhältniſſe bereits das dreißigſte Jahr erreicht hatte, ohne an eine ernſtliche Verbindung zu denken. Er ſchien noch mißtrauiſcher in dieſer Beziehung gegen ſich, als gegen Andere und hatte darmnn oft die günſtigſten Gelegenheiten vorübergehen laſſen, weil er ſie entweder nicht bemerkte, oder, wenn er ſie bemerkte, mit ſelbſtquäleriſcher Gewiſſenhaftigkeit von ſich wies. Nach und nach war er zu der Ueber⸗ zeugung gelangt, daß er niemals heiraten würde, weil er nicht zum Ehemann taugez eine Anſicht, welche oft gerade die vorzüglichſten Männer in einem gewiſſen vorgerückteren Alter von ſich ſelber haben. So war Bormann auf dem beſten Wege, ein alter Junggeſelle wie der Maler Fleiſcher zu werden, ob⸗ gleich niemand ſo ſehr das Bedürfniß nach Liebe empfand, als gerade er. Schon wurde er von ſeinen Freunden damit aufgezogen, von den jungen Mädchen als„Eheſcheuer’ nicht mehr beachtet und ſogar von den Müttern heiratsfähiger Töchter als unverbeſſerlich aufgegeben. Dadurch beſtärkte er ſich nur immer mehr 10¹1 in ſeinem Wahn; er zog ſich faſt gänzlich von jeder Geſellſchaft zurück, wo er Frauen oder Mädchen zu begegnen wußte, und wurde nur noch mißtrauiſcher gegen ſich ſelber. Am liebſten verweilte er zu Hauſe bei ſeinen Büchern und techniſchen Arbeiten, die ihn für den Mangel des häuslichen Glückes entſchädigen ſollten. Allerdings vermehrte er dadurch ſeine Kennt⸗ niſſe; er erwarb eine für ſeinen Stand gewiß höchſt ſeltene Bildung, da er ſich nicht nur auf ſein Fach beſchränkte, ſondern an allen wiſſenſchaftlichen Lei⸗ ſtungen der Gegenwart den lebendigſten Antheil nahm. Selbſt geſchichtliche und ſtreng philoſophiſche Studien trieb er mit jener Beharrlichkeit und Ausdauer, die man meiſt bei Autodidakten findet. Je geringer die Anſprüche waren, welche man an ſeinen Stand zu machen glaubte, deſto höher ſtieg die Achtung ſeiner Bekannten und auch Fremder, welche ihnen dieſe un⸗ erwartete Bildung Bormann's einflößte. Er wurde durch ſeine Tüchtigkeit zunächſt in den bürgerlichen und ihm näher ſtehenden Kreiſen bekannt und bald auch zu mehreren ſtädtiſchen Ehrenämtern gewählt. Die Regierung ſelber wurde auf ihn aufmerkſam und zog ihn mehrfach bei der Geſetzgebung und in vielen Fäͤllen zu Rathe, welche das Fabrikweſen betrafen. Alle dieſe wohlverdienten Auszeichnungen vermochten 102 jedoch nicht, die innere Leere ſeines Herzens und die Unzufriedenheit mit ſich ſelber zu beſeitigen. Hätte er Angehörige, eine Familie gehabt, ſo wäre er glücklicher geweſen; ſo ſtand er nach dem Tode ſeiner Eltern faſt ganz allein und ohne allen Anhalt. Fried⸗ rich, der mit ihm geſchäftlich verbunden war, indem er für Bormann Muſter und Zeichnungen lieferte, wurde mit der Zeit ſein einziger Freund und endlich auch ſein Hausgenoſſe. Einen Theil dieſer Freund⸗ ſchaft ſchien jetzt Bormann auf die Schweſter über⸗ tragen zu wollen, denn es war ihm ſonſt unerklärlich, wie es mit einemmale kam, daß er ſeine gewöhn⸗ liche ‚Mädchenſcheue ſo weit vergeſſen konnte, um Martha ſeine Begleitung von freien Stücken anzu⸗ bieten. Es kam ihm ordentlich wunderlich vor, daß er jetzt an ihrer Seite in ſo angelegentlichem Ge⸗ ſpräche ging, und zuweilen mußte er ſich förmlich be⸗ ſinnen, ob er noch derſelbe Mann ſei, der er heute früh geweſen. In ſeinem ganzen Leben hatte er bis jetzt kein Mädchen gefunden, das ihm ein ſolches Zutrauen einflößte wie ſeine Begleiterin; ſie erſchien ihm nicht wie eine Fremde, ſondern wie eine alte Bekannte. Tief innerlich wünſchte er, daß er ſolch eine Schweſter hätte, für die er ſorgen und arbeiten könnte; das wäre ihm eine rechte Freude geweſen. 103 Daß ſie aber einmal ſein Weib werden ſollte, daran dachte er in ſeiner ſchüchternen Befangenheit nicht, dazu fehlte ihm der Muth. Deßhalb unterließ er es auch, in ſeinen Geſprächen nur im entfernteſten die gewöhnlichen Artigkeiten und Komplimente anzubringen, womit ſonſt ein junger Mann ſich den Damen zu nähern pflegt; und gerade dadurch gewann er nur in ihren Augen an Achtung und Würde. Sie konnte dieſe meiſt unwahren Redensarten ebenſowenig leiden, wie das Schmachten und die Zudringlichkeit derar⸗ tiger Gecken. Indem aber beide die gewöhnliche und verbrauchte Galanterie fallen ließen, näherten ſie ſich unwillkürlich einander mehr, als dieß ſonſt geſchehen wäre; ſie verkehrten viel freier und unbe⸗ fangener, weil ſie vonſeiten ihres Herzens nichts zu fürchten glaubten. Zwar klagte Bormann über ſeine Einſamkeit und Verlaſſenheit, über den Mangel einer theilnehmenden Seele, aber er that es ſo ab⸗ ſichtslos, daß Martha auch nicht im geringſten die naheliegenden Beziehungen erfaßte. Sie fühlte nur Mitleid mit ſeiner Lage und gab ihm den wohlge⸗ meinten Rath, ſich zu zerſtreuen und mehr in der Geſellſchaft zu leben. „Sie müſſen nicht ſoviel arbeiten,“ ſagte ſie theilnehmend.„Auch das beſte Buch kann uns nicht 104 das Leben und die Menſchen erſetzen, ſie mögen ſein, wie ſie wollen. Ich glaube, daß Sie viel zu viel zu Hauſe ſitzen, das dürfen Sie nicht thun; Sie werden mit der Zeit dabei zum Hypochonder.“ „Ich glaube, daß ich bereits ein ſolcher ge⸗ worden bin.“ „Sobald Sie Ihren Zuſtand kennen, ſo werden Sie auch das Uebel beſeitigen. Ich traue Ihnen die nöthige Willenskraft zu.“ „Wie viele Fehler ſieht man klar ein und doch fehlt uns der Muth dazu, ſie zu bekämpfen.“ „Das dürfen Sie nicht ſagen. Ein wahrer Mann wird ſtets Herr ſeiner Schwächen ſein; dafür gehören Sie ja zu dem ſtärkeren Geſchlecht. Wir Frauen haben ſchon weit eher das Recht, von unſeren Launen abhängig zu ſein; die Natur hat uns aus einem weicheren Stoff gebildet, unſere Nerven ſo leicht verſtimmbar geſchaffen, daß wir oft bei dem beſten Willen uns nicht beherrſchen können. Ich geſtehe Ihnen, daß mir ein Hypochonder faſt immer den Eindruck eines Schwächlings macht, der bemitleidet zu werden wünſcht. In den meiſten Fällen liegt die Schuld an ihm; einwenig Energie, eine geregeltere Lebensweiſe, zweckmäßige Zerſtreuung und das ganze Heer der eingebildeten Leiden verſchwindet mit der Zeit.“ 105 „Sie ſind ein trefflicher Arzt und ich werde Ihre Vorſchriften getreu befolgen. Das verſpreche ich Ihnen.“ „Und Sie ſollen ſehen, wie wohl Sie ſich dabei befinden werden. Ich will mich freuen, wenn meine Kur bei Ihnen gelingt.“ So rückten beide einander immer näher und die Scheidewand, welche theils in den Verhältniſſen, theils in ihrem Weſen lag, verſchwand nach und nach immer mehr. Je abgeſchloſſener und je weniger mit⸗ theilſam ihre Charaktere von Natur waren, umſomehr gaben ſie ſich jetzt dem Drange nach gegenſeitiger Mittheilung hin. Es war für ſie ein Bedürfniß, ſich auszuſprechen, und indem ſie dieß thaten, lernten ſie ſich in kurzer Zeit beſſer kennen, als es ſonſt oft ſelbſt bei einem längeren Umgange möglich iſt.— Im emſigen Austauſch ihrer Gedanken bemerkten ſie kaum, daß das Thor bereits hinter ihnen lag, daß ſie ſich ſchon in dem ſogenannten ‚Geheimrathsviertel“ be⸗ fanden. Erſt in der Nähe des elterlichen Hauſes blieb Martha wie erſchrocken ſtehen. „Hier wohne ich,“ ſagte ſie einigermaßen wieder beſangen.„Meine Eltern erwarten mich.“ „Schon!“ murmelte ihr Begleiter in ungewohnter Selbſtvergeſſenheit. Er zögerte mit dem Abſchiede, denn es war ihm 106 zu Muthe, als hätte er ihr noch vieles mitzutheilen, was er bisher vergeſſen, als müßte er ihr noch etwas ſagen, was er bis jetzt verſchwiegen hatte. Vergebens ſuchte er ſich zu beſinnen, er fand kein einziges Wort, das ihm paſſend ſchien. Martha wurde ängſtlich; ſie fürchtete von den Ihrigen bemerkt zu werden. Die Begleitung eines fremden Mannes konnte für ſie läſtige Fragen und Erörterungen vonſeiten ihrer Eltern herbeiführen; deßhalb beeilte ſie ſich fortzukom⸗ men. Sie that einen ſchnellen Schritt nach der Haus⸗ thür, welche zum Glück noch offen ſtand; bald aber ſchien ſie ſich über ihre kindiſche Furcht zu ſchämen und ſie wartete, bis Bormann wieder an ihrer Seite war. Selbſt die Anweſenheit des Viktualtenhändlers, der mit ſeiner Frau vor dem Keller ſaß und die Abendkühle gemächlich genoß, hielt ſie nicht länger ab, ihm ihre Hand zu reichen. „Auf Wiederſehen!“ flüſterte ſie ihm freundlich zu. „Bei ihrem Bruder?“ entgegnete er ebenſo leiſe. „Sie werden doch nach ihrem Pathchen ſehen?“ „Gewiß! ich komme. Gute Nacht, Herr Bormann!“ „Gute Nacht nach einem ſchönen Tage, der mir unvergeßlich bleiben wird.“ 3 Er wollte noch mehr ſagen, weit mehr; aber die Anweſenheit des Keller bewohnenden Ehepaars 107 legte ihm einen unwillkommenen Zwang auf; ſelbſt der Kuß auf ihre Hand, den er ihr jetzt ſo gern ge⸗ geben hätte, mußte aus demſelben Grunde unterblei⸗ ben. Trotz ſeiner Menſchenfreundlichkeit wünſchte er die Störer dahin, wo der Pfeffer wächſt. Endlich riß ſich Martha los und verſchwand vor ſeinen Blicken wie ein ſchöner Traum; er aber blieb noch immer ſtehen und ſtarrte der ihm liebgewordenen Erſcheinung nach; dann wendete er ſich ab und kehrte zu der Geſellſchaft zurück, die noch einige Zeit bei Friedrich verweilte. „Nun, Bormann,“ fragte dieſer,„haben Sie Mar⸗ tha gut nach Hauſe gebracht?— Sie iſt ein treffli⸗ ches Mädchen.“ „Ich könnte Sie um eine ſolche Schweſter beneiden!“ „Kommen Sie, wir wollen auf ihr Wohl anſtoßen und zugleich auf treue Brüderſchaft.“ „Vom Herzen gern.“ Das geſchah und die Gläſer klangen ſo friſch und hell wie ein feſtliches Glockengeläute; die Freunde leerten dieſelben bis zum letzten Tropfen, darauf reichten ſie einander ſtumm die Hände; ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, hatten ſie ſich vollkommen verſtanden. Der Viktualienhändler Stiefke ſagte aber zu ſeiner Frau beim Zubettegehen:„Das hätte ich von 108 Fräulein Martha nicht gedacht. Sieh einmal Einer an; die hat alſo auch einen Sponſeur ſich angeſchafft. Freilich, ſtille Wäſſer ſind tief.“ „Na warum ſoll ſie nicht?“ antwortete die klü⸗ gere Ehehälfte, indem ſie ſich die Nachthaube auf⸗ 4 ſetzte.„Ich gönne dem Fräulein vom Herzen einen guten Mann; ſie verdient ihn; denn im Hauſe hat ſie ohnehin nur wenig Freude. Die Geheimräthin iſt immer krank und läßt ſich vorn und hinten bedienen. Fräulein Eugenie kümmert ſich um nichts als um ihren Staat und ihr Vergnügen, da muß die Aermſte alles thun, und noch macht ſie es keinem Recht. Die wird einmal recht froh ſein, wenn ſie fortkommt. Dann werden erſt die Andern ſehen, was ſie an ihr hatten.“ Die Frau hätte noch länger ſo fortgeredet, aber das Schnarchen des Mannes belehrte ſie, daß ſie nur Selbſtgeſpräche hielt.„Die Schlafmütze!“ mur⸗ melte ſie und drehte ſich nach der Wand, um wie er zu ſchnarchen.— 109 Fünftes Kapitel. Im Hauſe des Geheimraths ging alles wieder ſeinen gewohnten Gang; Reisland wanderte zur be⸗ ſtimmten Stunde mit Würde auf ſein Bureau, die Frau Geheimräthin lag auf dem Sopha und las die neueſten engliſchen und franzöſiſchen Romane. Ihr Geſundheitszuſtand hatte ſich ſeit dem Ausfluge nach Hainberg bedeutend gebeſſert, beſonders ſeitdem der Ankauf der Villa ſogut wie abgeſchloſſen war. Eugenie konnte nicht genug der Schweſter von ihrem Zuſammentreffen mit dem Lieutenant und von dem herrlichen mit ihm verlebten Tage erzählen; ſie er⸗ wartete ſeine baldige Rückkehr und ſeinen Beſuch bei ihren Eltern. Gerne hätte Martha dieß Vertrauen in ähnlicher Weiſe vergolten, aber ſie ſcheute ſich ihre Anweſenheit bei der Taufe einzugeſtehen, noch weit mehr aber ihr Zuſammentreffen mit Bormann mit⸗ zutheilen. Es war dieß weniger Mangel an Zärt⸗ lichkeit für die Schweſter, als Vorſicht bei der ihr bekannten Plauderhaftigkeit Eugeniens, und eine ge⸗ wiſſe mädchenhafte Scheu. Im Stillen dachte ſie wohl öfters an den ſchönen Tag, der einen Lichtpunkt in ihrem Leben bildete; aber ſie war keine träumeriſche und ſchwärmende Natur. Außerdem 110 laſtete das ganze Hausweſen wegen der Kränklichkeit der Mutter auf ihren Schultern, ſo daß ihr nur wenig Zeit übrig blieb, den Roman ihres Herzens fortzuſpinnen. Die täglichen Geſchäfte und Sorgen nahmen ſie in Anſpruch und drängten all die auf⸗ keimenden Blüten und Blättchen einer beginnenden Neigung zurück, auch wenn ſie denſelben Raum zur Entfaltung geben wollte.— So verging die Woche; der Sonntag kam heran und mit ihm die ihr gleich⸗ giltige Geſellſchaft, welche ſich zum Souper regel⸗ mäßig einzufinden pflegte. In der Dämmerung er⸗ ſchienen die Gäſte, einige Kollegen des Geheimraths mit ihren Frauen, jüngere Aſſeſſoren, von denen der eine oder der andere neben ſeinen juriſtiſchen Stu⸗ dien den Muſen huldigte, kleine Gedichte und be⸗ liebte Märchenbilder ſchrieb à la„Was ſich der Wald erzählt,“ und„Was ich den Vöglein abgelauſcht.“ Andere dankten die Ehre ihrer Einladung ihrem Klavierſpiel oder einem anſprechenden Geſang und trugen ſomit zur Unterhaltung der Geſellſchaft bei. Die Geheimräthin liebte es, ihrem Kreiſe einen ge⸗ wiſſen künſtleriſchen und äſthetiſchen Anſtrich zu geben, und im Winter wurden ſtets noch fremde Virtuoſen von der fein gebildeten Dame herbeigezogen. Muſik war überhaupt an der Tagesordnung, vor und nach 111 Tiſch wurde geſungen, weit mehr als es manchem alten Herrn lieb war, der am Whiſttiſch mehr Be⸗ hagen fand.— Auch unter den anweſenden Damen gab es verſchiedene hervorragende Talente, eine Ma⸗ jorin, welche mit Hilfe ihrer verſchiedenen Lehrer malte, dichtete und komponirte, ſonſt an hyſteriſchen Zufällen litt und ihren gutmüthigen Mann zur Verzweiflung brachte; die Fran Profeſſorin, wirkliche Mitarbeiterin an verſchiedenen belletriſtiſchen Jour⸗ nalen, und die jetzt im Begriffe ſtand, einen mehr⸗ bändigen Roman zu veröffentlichen. Dann erſchien auch eine Baronin aus guter Familie, welche in keiner Geſellſchaft fehlen durfte, obgleich niemand einen Grund dafür anzugeben wußte; außerdem waren mehrere Freundinnen von Eugenien zugegen, junge Mädchen, die überaus laut und luſtig werden konnten, die Köpfe viel zuſammenſteckten, fortwährend mit einander zu ziſcheln und zu lachen hatten. Dar⸗ unter beſaßen einige ganz ſchöne Stimmen; ſie dienten zur Staffage und füllten durch ihren Geſang die Zwiſchenpauſen aus, bis man zu Tiſche ging. Eine neue Erſcheinung in dieſem Kreiſe war der Lieutenant von Blumfeld, der jetzt eintrat und mit ſelbſtbewußter Grazie der Geheimräthin entgegenging, um einen Kuß auf ihre noch immer ſchöne Hand zu 112 drücken. Eugenie erröthete nur ganz wenig bei ſeiner Erſcheinung, ſie hatte ihn ja doch erwartet und kleine Heuchlerin erwiederte ſeinen Gruß mit der größten Unbefangenheit, beantwortete im ſcherzhaften Tone ſeine geſuchte Anrede und wandte ſich dann mit der unſchuldigſten Miene zu ihren Freundinnen, um dieſelben über den Eindruck auszuhorchen, den der Lieutenant hervorbrachte. Wahrſcheinlich hätte ihre Liebe bedeutend gelitten, vielleicht wäre ſie ganz vernichtet worden, wenn das Urtheil der jungen Damen minder günſtig ausgefallen wäre. Zum Glück vereinten ſich alle die weiblichen Kritiker zu ſeinem Lobe: Franziska fand ihn herrlich gewachſen, Thusnelda lobte ſeine ſchwarzen Augen, Emilie ſeinen Schnurrbart, Agnes wußte bereits, daß er ein aus⸗ gezeichneter Tänzer war; kurz von allen Seiten fand der Lieutenant Gnade vor den ſchönen Kunſt⸗ oder viel⸗ mehr Naturrichterinnen.— Wenig Männer wiſſen die Bedeutung eines ſolchen weiblichen Aeropag zu würdi⸗ gen, von deſſen Ausſpruch oft Leben oder Tod ihrer Liebe abhängt. Das ſpöttiſche Lächeln einer Jugend⸗ freundin, ihr mitleidiges Achſelzucken, ein verächtlicher Blick hat ſchon manche keimende Neigung zerſtört Viele junge Mädchen fragen weit weniger ihr Herz, war vollkommen vorbereitet auf ſeine Ankunft. Die —— V b 113. als ihre Freundinnen bei der Wahl eines Mannes um Rath; ſie wollen jedoch von dieſen nicht ein gegründetes Urtheil wiſſen, als vielmehr ihren Neid erregen. Auch Eugenie hatte dieſe kleine Schwäche und es ſchmeichelte daher ihrer Eitelkeit, als ſie ſah, wie groß der Beifall war, den Blumfeld von allen Seiten ſich zu erwerben wußte. Richt minder günſtig war der Eindruck, den er auf die Geheimräthin machte, indem er ihr günſtiges Vorurtheil von dem Ausfluge nach Hainberg her nach ihrer Meinung nur vollkommen rechtfertigte. Er beſaß die nöthige geſellſchaftliche Bildung, wußte über alles mitzureden, da es ihm keineswegs an natürlichem Verſtande und ſelbſt an witzigen Einfällen nicht mangelte. Beſonders aber empfahl er ſich durch ſein Geſangstalent, das er zur rechten Zeit entwickelte. Das Duett aus den Hugenotten, welches er mit Eugenie ſang, erntete einen ſo großen Beifall, daß die Herren im Reben⸗ zimmer bei ihrem Whiſt erſchrocken emporfuhren und der bisherige erſte Tenor, Herr Aſſeſſor Lieber, ein höchſt verzweifeltes Geſicht ſchnitt. „Für einen Lieutenant und Naturſänger gar nicht übel,“ flüſterte er ſeiner Nachbarin der Baro⸗ nin zu. „Ich habe Herrn von Blumfeld ſchon in ver⸗ Der Geheimrath. 8 114 ſchiedenen Geſellſchaften gehört, aber ſtets nur in demſelben Duett, das er heut geſungen hat.“ „Er ſcheint darauf zu reiſen; die Stimme iſt nicht ſchlecht, aber ohne Schule. Finden Sie nicht auch, meine Gnädige?“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ antwortete die Baronin, welche in alle Geſellſchaften gebeten wurde. Sie pflegte immer dieſelbe Meinung zu haben, wie derjenige, mit dem ſie zuletzt ſprach. Das hinderte ſie jedoch nicht, der entzückten Geheimräthin ebenſo entzückt zuzunicken. Darin beſtand eben das Ge⸗ heimniß, warum man die Baronin in allen Kreiſen ſo gerne ſah und überall einlud, weil ſie allen zuſtimmte. 4 „Eine charmante Frau,“ ſagte der Aſſeſſor Lieber zu einem naheſtehenden Freunde.„Die Baronin hat Geſchmack und ein bedeutendes Kunſturtheilz; ſie findet den Vortrag des Lieutenants entſetzlich.“ „Liebe Baronin,“ flüſterte ihr die Geheimräthin zu:„Sie ſind Kennerin. Was ſagen Sie zu dem Geſange des Lieutenants?“ 3 „Ein herrlicher Tenor.“ „Sie verſtehen ſich darauf.“ „Ausgezeichneter Vortrag. Welch ein Feuer, welch eine Schule!“ 115 Eugenie war entzückt von dem Beifalle, welchen Blumfeld fand, und zwar in dem Grade, daß ſie darüber ihre eigene Eitelkeit vergaß und das ihr ebenfalls reichlich geſpendete Lob kaum beachtete. Der Lieutenant konnte wie Cäſar von ſich ſagen: ich kam, ſah und ſiegte. Nebenbei beſaß er hin⸗ länglich praktiſchen Verſtand, um die Vortheile einer ſolchen Verbindung zu würdigen; er wußte, daß der Geheimrath ein wohlhabender, wo nicht gar ein reicher Mann war, obgleich er im ganzen wohl das Vermögen ſeines zukünftigen Schwiegervaters und deſſen Einkünfte überſchätzen mochte. Der Gedanke aber, eine glänzende Partie zu ſchließen, war ſtets die Haupttriebfeder ſeiner Handlungen geweſen; all ſein Streben war nur nach dem einen Ziele ge⸗ richtet. Wie viele junge Männer wollte er in der CEhe ſich gut verſorgt wiſſen und ein angenehmes Leben führen. Er rechnete auf einen anſehnlichen Zuſchuß zu ſeiner geringen Lieutenantsgage. Aller⸗ dings geſiel ihm auch Eugenie und er glaubte ſie auch von ganzem Herzen zu lieben, ſoweit dieß bei ſeinen ziemlich egoiſtiſchen Grundſätzen ihm möglich war. Jetzt entfaltete er ſeine ganze Liebenswürdig⸗ keit, um ſich ihrer zu bemächtigen. Zu Tiſche bot er ihr ſeinen Arm an, und der Aſſeſſor Lieber mußte 116 es dulden, daß ſeine bisherige Angebetete ihm von dem kühnen Lieutenant vor der Naſe entführt wurde. „O! dieſe Herren vom Militär ſind Einem überall im Wege,“ murmelte er ingrimmig, indem er ſeinen Arm der von ihm früher vernachläſſigten Martha anbot. Im Stillen freute ſich Eugenie über die Eifer⸗ ſucht des Aſſeſſors, denn ſo etwas ſieht ein junges Mädchen immer gern, und es gibt für ſie kein größerer Triumph, als einen verſchmähten Liebhaber in ihrer Nähe zu wiſſen. Es wurde warm gegeſſen; ein Lurus, den man nicht in allen Geheimrathsfamilien findet, aber Reisland hielt auf einen guten Tiſch und machte ein ſplendides Haus aus. Er ſah gern bei ſich Geſellſchaft, und außerdem dachte er daran, daß ein gewiſſer Aufwand keineswegs ſeinem Kredite ſchaden könnte. Bei Tiſch bemühte ſich der Aſſeſſor, Martha ſogut als möglich zu unterhalten; er ent⸗ deckte jetzt mit einemmale, daß ſie weit mehr Geiſt beſitze, als er früher bei ihr bemerkte. Es war dieß ganz natürlich, da er ſie bis jetzt über die glänzen⸗ dere Erſcheinung der Schweſter überſehen hatte; nun aber fand er lauter gute Eigenſchaften an ihr und er wunderte ſich, wo er ſeine Augen nur gehabt. Freilich trug der Aerger über ſeine verſchmähte Liebe 117 viel dazu bei, plötzlich in Martha eine Menge von Tugenden und Vorzügen zu entdecken; er ſuchte ſich über ſeinen Verluſt durch ſie zu tröſten und bewies dabei ſogar eine gewiſſe Familienanhänglichkeit. Der Aſſeſſor war auch kein übler Mann; er ſchien ſogar auf dem beſten Wege ſeine Karriére zu machen, da es ihm nicht an Fleiß und Talent fehlte. Gegen ſein Aeußeres ließ ſich auch nichts einwenden; er beſaß eine ganz paſſable Figur, ein nicht geiſtloſes Geſicht und ſogar einen wohlgepflegten Backenbart. Eugenie hatte ihn früher ſehr nett und liebenswürdig gefunden, ſolange ſie noch nicht den Lieutenant kannte. Wegen ſeiner muſtkaliſchen Bildung wurde er in allen Geſellſchaften gern geſehen und im Hauſe des Geheimraths war er ſchon ſeit mehreren Jahren ein willkommener Sonntagsgaſt. Kein Wunder, daß er im Stillen ſich mit der Hoffnung ſchmeichelte, einſt die liebenswürdige Eugenie heimzuführen; jetzt ſollte es ihm wie dem Erzvater Jakob gehen, der ſieben Jahre ſich um Rahels Hand bewarb und zuletzt die minder ſchöne Lea heimführen mußte. Der Aſſeſſor hatte ſich bereits in ſein Schickſal er⸗ geben und machte als ein verſtändiger Mann gute Miene zum böſen Spiel, indem er ſich mit Martha's trefflichen Eigenſchaften zu tröſten ſuchte. Vielleicht wäre dieſer Tauſch ihm auch geglückt, hätte er nur früher und zur rechten Zeit daran gedacht; jetzt bemerkte ſie kaum ſeine Artigkeiten, und die Huldigungen, die er ihr zu ſpät darbrachte, waren nur eine neue ver⸗ lorene Mühe. Eugenie, welche ihm gegenüberſaß und die er durch gänzliche Nichtbeachtung zu ſtrafen ſuchte, weidete ſich im Stillen an ihrem Triumph und warnte von Zeit zu Zeit die ältere Schweſter ſchalkhaft mit drohendem Finger. Nach dem Eſſen wurde noch ein Tänzchen vorgeſchlagen und von dem jungen Volke mit vielem Beifall angenommen, wor⸗ über die reſpektiven Eltern, welche ſich nach Ruhe ſehnten, ſehr verdrießliche Geſichter ſchnitten. Wie gewöhnlich ſetzte ſich Martha an das Klavier, um die nöthigen Quadrillen, Walzer und Galopaden zu ſpielen; es war dieß ſtets ihr Loos, zuzuſehen und für das Vergnügen der Andern zu ſorgen. Sie ſelbſt fand das ganz in der Ordnung, da der Tanz ſie nur wenig oder gar nicht anſprach. Dafür über⸗ ließ ſich Eugenie umſo leidenſchaftlicher dieſer Luſt; ſte ſchwebte an dem Arme des Lieutenants in un⸗ ausſprechlicher Seligkeit, bis ſie athemlos nicht weiter konnte. Blumfeld war erſt jetzt ganz an ſeinem Platz: er tanzte, wie ſie einer Freundin in das Ohr raunte, entzückend wie ein Gott. Dabei war 119 ſie doch gutmüthig genug, im Vorüberfliegen der Schweſter einen freundlichen Blick oder ein Lächeln für ihre Mühe zu ſchenken; auch trat ſie während der Pauſe an das Klavier und gab Martha einen Kuß, der ihr zeigen ſollte, wie ſie ſo überglücklich war.— Endlich brachen die Gäſte auf; die alten Herren rechneten gegenſeitig ab und bezahlten ihre verlorenen Robber; der jüngere Theil der Geſellſchaft nahm lachend und ſcherzend Abſchied; jeder behaup⸗ tete, ſich noch nie ſo gut amuſirt zu haben. Die ge⸗ fällige Baronin umarmte die Geheimräthin mit der Verſicherung, einen göttlichen Abend verlebt zu haben. Der Lieutenant benutzte die Verwirrung des allge⸗ meinen Aufbruchs, um Eugenien ewige Liebe und Treue zu ſchwören, während der muſikaliſche Aſſeſſor Martha ein Billet für die nächſte Aufführung des Meſſias“ zu bringen verſprach, wo er eine Solopartie übernommen hatte. Die Damen küßten ſich zum Schluß ſehr zärtlich und blieben, wie das einmal bei ihnen Gewohnheit iſt, noch in der Thüre ſtehen, ehe ſie ſich entſchließen konnten, wirklich aufzubrechen; die Herren ſchüttelten einander die Hände und ſteckten ſich die unvermeidlichen Zigarren an. Der Bediente leuchtete endlich und nahm mit ausgeſtreckter Hand das will⸗ kommene Trinkgeld in Empfang, auf das er zum großen Theile bei ſeinem geringen Gehalte angewieſen war. Darauf wurden die überflüſſigen Lichter ausge⸗ löſcht, die Neigen aus den Weinflaſchen zuſammen⸗ gegoſſen und die Tafel abgeräumt. Bei all dieſen Verrichtungen war Martha vorzugsweiſe beſchäftigt, während Eugenie ermüdet auf dem gepolſterten Lehn⸗ ſtuhle niederſank und mit geſchloſſenen Augen an all die Artigkeiten, Liebesſchwüre und Verſicherungen des Lieutenants dachte, und ſich an ſeiner Seite ſchon halb im Traume ſah.— Reisland ging mit ſeiner Gattin zu Bette; ſie war wie immer nach jeder größeren Geſellſchaft über⸗ aus aufgeregt und gut geſtimmt. „Eugenie,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Nachttoi⸗ lette machte und die Locken ſorgfältig einwickelte, „ſah heute entzückend aus. Alle Welt fand ſie be⸗ zaubernd.“ „Ich finde, daß ſie Dir ähnlich ſieht,“ antwor⸗ tete der muſterhafte Ehemann. „Dafür verdienſt Du einen Kuß, oder einen Schlag,“ lächelte die Geheimräthin, indem ſie mit wirklicher Zärtlichkeit ihm ihre Lippen hinreichte. „Es iſt wirklich Zeit, daß wir an eine gute Partie für das Mädchen denken,“ bemerkte Reis⸗ land.„Sie iſt vollkommen heiratsfähig. Was meinſt 121 Du zu dem Aſſeſſor Lieber? Ich hätte nichts dage⸗ gen, wenn er ſich erklärt; er hat die beſten Ausſich⸗ ten, in zwei Bhien, kaun er Rath ſein.“ „Ich glaube, daß Eugenie bereits gewählt ha „Hoffentlich doch nicht hinter unſerem Rücken? Hat ſie mit Dir bereits geſprochen?“ „Nicht geradezu, aber doch gab ſie mir durch Andeutungen ihre Neigung zu erkennen. Das Auge einer Mutter ſieht in dieſer Beziehung ſcharf und läßt ſich nicht täuſchen.“ „Und Du ſcheinſt ihre Wahl zu billigen. Iſt es ein Mann, den ich kenne?“ „Lieutenant Blumfeld!“ „Ein Lieutenant.— Ich geſtehe Dir, daß ich dazu meine Einwilligung nicht gern geben würde. Soviel ich weiß, beſitzt er kein Vermögen.“ „Aber er hat reiche Anverwandte, die er ein⸗ mal beerben wird.“ „Das iſt immer ungewiß. Wir werden ihn bis dahin unterhalten, oder wenigſtens einen bedeuten⸗ den Zuſchuß geben müſſen. Bei unſeren Verhält⸗ niſſen würden wir uns ein großes Opfer auferlegen.“ „Auch der Aſſeſſor kann noch nicht von ſeinem Gehalte leben.“ t. 4 „Das iſt wahr, aber in zwei Jahren ſteigen ſeine Einkünfte um das Doppelte.“ „Der Lieutenant wird nicht ewig Lieutenant blei⸗ ben; er iſt von Adel und ſeine Familie iſt bei Hofe angeſehen. Vielleicht ſchlägt er ſpäter, wie er mir mitgetheilt hat, die diplomatiſche Karrieére ein. Bei ſeinem Savoir viver und ſeinem Talente kann es ihm nicht fehlen.“ „Du ſcheinſt ja ſehr für ihn eingenommen zu ſein.“ „Er iſt ein liebenswürdiger Mann und vor allen Dingen denke ich an das Glück Eugeniens; ſie liebt ihn, wie es mir ſcheint, mit Leidenſchaft. Ich hätte nicht den Muth, ihr das Herz zu brechen. Das vermagſt Du ebenſo wenig; nicht wahr, Vä⸗ terchen? Du biſt ja immer ſo gut.“ „Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt. Du weißt, daß ich mich nicht gern übereile. Wir müſſen doch zuerſt den jungen Mann genauer kennenlernen und uns nach ſeinen Verhältniſſen erkundigen.“ „Ich gebe Dir vollkommen Recht; unterdeß kann der Lieutenant unſer Haus beſuchen; ich werde ihn mit dem Auge einer Mutter prüfen, obgleich ich mich in ihm nicht zu täuſchen glaube. Mein Inſtinkt führt mich ſelten irre.“ 123 „Auch Martha macht mir viele Sorgen. Sie iſt bereits dreiundzwanzig Jahre und noch immer hat ſich kein Mann für ſie gefunden.“ „Leider iſt ſie nicht ſo ſchön und liebenswürdig als Eugenie. Der Aſſeſſor ſchien ihr heute mehr Aufmerkſamkeit als ſonſt zu ſchenken. Vielleicht nimmt er ſie noch und dann wären wir jeder Sorge überhoben.“ „Die Ausſtattung der beiden Mädchen wird uns viel koſten, wenn beide zu gleicher Zeit heira⸗ ten ſollten.“ „Daran iſt nicht zu denken. Martha kann noch warten.“. „Sie iſt die ältere.“ „Aber ich kann ſie vorläufig noch nicht entbeh⸗ ren, ſie führt das ganze Hausweſen. Der Aſſeſſor kann ohnehin erſt in zwei Jahren eine Frau ernäh⸗ ren. Wenn er um ſie anhalten ſollte, ſo können wir ſie mit ihm verloben unter der Bedingung, daß die Hochzeit erſt dann ſtattfindet, wenn er Rath ge⸗ worden iſt. Bis dahin haben wir uns von unſeren Ausgaben wieder erholt und eine Zulage brauchen wir ihm dann nicht mehr zu geben.“ „Damit bin ich vollkommen einverſtanden. 124 Deine Anſicht iſt immer die richtige und ich füge mich im voraus Deinen Wünſchen.“ Trotz dieſer ſcheinbaren Nachgiebigkeit hatte der Geheimrath doch ſeine Hintergedanken und er ſchien keineswegs vollkommen mit den Anſichten ſeiner Frau übereinzuſtimmen; aber er war bereits daran gewohnt, ihr ſelbſt dann nicht zu widerſprechen, wenn er vollkommen im Rechte zu ſein glaubte, um ſie bei ihrer andauernden Kränklichkeit nicht aufzuregen. Seine Schonung in dieſer Beziehung ging ſo weit, daß ſie an Schwäche grenzte, und daß er ſeine beſſere Ueberzeugung aus Liebe für ſie unterdrückte; denn er liebte ſeine Frau, weil er ihr alles zu ver⸗ danken hatte, und weil ſie wirklich neben ihren Feh⸗ lern ſo manche treffliche Eigenſchaft beſaß. Sie hatte ihm große Opfer in früherer Zeit gebracht, ſeinet⸗ wegen weit glänzendere Partieen ausgeſchlagen, ihn geiſtig gefördert und gehoben. Bevor ſie an ihren Nervenzufällen litt, und dieß war erſt ſeit wenigen Jahren, hatte ſie auch dem Hausweſen in anerken⸗ nungswerther Weiſe vorgeſtanden, durch treffliche Wirthſchaft ohne große Koſten ihm das Leben an⸗ genehm zu machen gewußt, die Kinder ſorgſam erzo⸗ gen und alle Pflichten eines guten und getreuen Weibes an ihm und den Ihrigen geübt. Erſt in 125 ſpäterer Zeit und mit ihrer Kränklichkeit war aller⸗ dings eine nachtheilige Veränderung in ihrem gan⸗ zen Weſen eingetreten, nichtsdeſtoweniger brachen oft wieder ihre beſſeren und edleren Eigenſchaften wie Sonnenblicke aus dem dunklen Nebelſchleier her⸗ vor, der ihren reich begabten Geiſt und ihr Herz gänzlich zu verhüllen drohte. Es gab Momente, wo der Egoismus ihrer Seele vollkommen der größten Opferfähigkeit wich, wo die Liebe zu ihrem Gatten und zu ihren Kindern über ihre eingebildeten Leiden und Vorurtheile den Sieg davon trug, wo ſie die beſte Frau und Mutter wieder ward. Solche Mo⸗ mente waren es, die Martha mit der Mutter voll⸗ kommen ausſöhnten und all ihr zugefügtes Unrecht, die wiederholte Zurückſetzung vergeſſen machten.— Die Geheimräthin war bereits eingeſchlafen, wäh⸗ rend Reisland noch immer wachte und über ihre Worte nachdachte. Die Verbindung mit dem Lieu⸗ tenant war ihm keineswegs angenehm; er beſaß hin⸗ länglichen Scharfblick, um denſelben zu durchſchauen. Die äußere Politur konnte den erfahrenen Mann nicht blenden; auch ſah er die Verhältniſſe nicht in ſo günſtigem Lichte wie ſeine allzuſanguiniſche Umge⸗ bung; dennoch fehlte ihm der Muth, entſchieden gegen Blumfeld's Bewerbung aufzutreten. Er war ³ 126 ein ebenſo guter Vater wie Ehemann und er liebte Eungenie mit wahrer Zärtlichkeit; deßhalb wollte er ſie nicht betrüben, beſonders da ſeine Gattin voll⸗ kommen mit der Tochter ihm einverſtanden zu ſein ſchien. Auch Martha's Schickſal lag ihm am Her⸗ zen, und vielleicht wirkte die Ausſicht, ſie durch den Aſſeſſor verſorgt zu ſehen, mit darauf hin, daß er Eu⸗ geniens Wahl wenn auch nicht billigte, doch wenig⸗ ſtens von nun an zu dulden beſchloß. Mancherlei andere Bedenken ſtiegen in ſeinem Geiſte auf und raubten ihm die nöthige Ruhe. Der Ankauf der Villa verurſachte einen ziemlichen Ausfall in ſeinen Einkünften, obgleich ihm immer noch genug blieb, um hei einigen Einſchränkungen ganz gut und an⸗ ſtändig zu leben. Nun kam aber noch die Ausſtat⸗ tung der Töchter und die jährliche Zulage für den Lieutenant hinzu, ohne die derſelbe nicht auskommen konnte. Das alles machte ihn bekümmert umſo mehr, da er bisher keine Sorgen gekannt hatte, außer der mit ſeinem Sohne. Jetzt ſah er mit einemmale ſeine Einkünfte geſchmälert, eine Reihe von Ausgaben entſtehen, auf die er nicht ſo bald gerechnet hatte; es mangelte ihm die nöthige Be⸗ ſonnenheit, und wohin er blickte, fand er nur neue und faſt unüberwindliche Schwierigkeiten.— Am 127 nächſten Morgen ſchon ſollte er die erſte Anzahlung für die Villa an den bisherigen Eigenthümer leiſten; er hatte ſeinem Bankier, bei dem ſein Vermögen untergebracht war, den Auftrag ertheilt, durch den Verkauf von einigen Werthpapieren die benöthigte Summe herbeizuſchaffen. Früh am Tage ſchon be⸗ gab er ſich auf das Comptoir, um das Kapital in Empfang zu nehmen. Der Beſitzer des Geſchäfts empfing den Geheimrath als einen alten und ein⸗ träglichen Kunden mit ganz beſonderer Höflichkeit; er nöthigte ihn zum Niederſitzen, während er die Rechnung für ihn anfertigen ließ. Herr Hirſch war ein tüchtiger Geſchäftsmann, ein Bankier, in deſſen Einſicht und Redlichkeit Reisland ſein vollſtes Ver⸗ trauen ſetzte. „Ich gratulire,“ ſagte dieſer,„zum Ankauf der Villa. Sie ſind wirklich zu beneiden, mein lieber Herr Geheimrath!“ 3 „Wie ſo, Herr Hirſch?“ „Sie können ſich ankaufen, wie und wo Sie wollen. Dazu bringt es Unſereiner nicht.“ „Sie ſcherzen nur; bei Ihrem Vermögen—“ „Ein Geſchäftsmann kann ſein Geld nicht in Grund und Boden ſtecken, wo es Einem im beſten Falle fünf Prozente trägt.“ 128 „Das iſt auch meine Anſicht, aber meine Frau wünſchte ſich die Villa ſo ſehr. Ich glaube wirklich, daß ſich das Kapital hätte beſſer verzinſen laſſen.“ „Ob es ſich hätte beſſer verzinſt; zehn, zwan⸗ zig, dreißig Prozent ſind damit zu gewinnen, wenn ſie meinem Rathe folgen. Das Geld liegt auf der Straße, wenn man es nur aufheben will. So eine Zeit kommt ſo leicht nicht wieder.“ „Wie meinen Sie das, beſter Herr Hirſch?“ „Alles geht in die Höhe und es läßt ſich gar nicht abſehen, wie hoch noch die Papiere ſteigen werden. Seitdem der Friede feſtſteht, wirft ſich alles wieder auf die Spekulation. In einer Woche ſind Tau⸗ ſende mit kleinem Riſiko zu verdienen.“ „Aber immer doch mit Riſiko!“ „Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts: das iſt ein altes Sprüchwort. Wollen Sie keine Gefahr laufen, ſo müſſen Sie freilich mit vier und fünf. Prozent vorlieb nehmen. Mir thut nur das ſchöne Geld leid, wenn ich denke, was Sie damit verdie⸗ nen könnten. Wenn ich die zehntauſend Thaler ab⸗ rechne, die Sie heut erheben, bleiben Ihnen immer noch zwanzigtauſend bar. In einem Jahre kön⸗ nen Sie das Doppelte haben, wenn das Glück Ihnen nur ein Bißchen günſtig iſt.“ 129 Der Geheimrath wurde nachdenklich; die lockende Ausſicht war zwar verführeriſch genug, aber auf der anderen Seite erhoben ſich mancherlei Bedenken in ſeiner Seele. Urſprünglich gehörte das Geld ſeiner Frau und er hatte ſich bisher gleichſam nur als der Verwalter desſelben angeſehen; ohne ihre Bewilligung ſcheute er ſich irgendeinen gewagten Schritt zu thun. Außerdem fürchtete er die Mög⸗ lichkeit eines Verluſtes, obgleich er vollkommenes Zutrauen in die Worte ſeines Bankiers ſetzte, mit dem er ſchon ſeit langen Jahren in Verbindung ſtand; er achtete deſſen Ehrlichkeit, Geſchäftskennt⸗ niſſe und Vorſicht, von der er bereits manche Pro⸗ ben hatte. Während Reisland noch ſo ſchwankte, füllte ſich das Comptoir immer mehr mit Menſchen; die Kommis hatten alle Hände voll zu thun. Es war damals wirklich für die Börſe eine höchſt gün⸗ ſtige Periode eingetreten; das überflüſſige Kapital ſtrömte mit Macht derſelben zu und trieb die Kurſe täglich und bedeutend in die Höhe. Die Ausſicht an einen längeren Frieden gab der Spekulation eine größere Zuverſicht, und nach aller menſchlichen Be⸗ rechnung ließ es ſich wohl annehmen, daß der Zu⸗ ſtand noch längere Zeit andauern würde. Herr Hirſch ſprach nur die allgemein verbreitete Ueberzeugung Der Geheimrath. 9 aus und glaubte ſeinem Klienten den beſten Rath zu ertheilen. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit ver⸗ folgte der Geheimrath das geſchäftige Treiben auf dem Comptoir. Der Kaſſirer ſchloß jetzt den feuer⸗ ſicheren, eiſernen Geldſpind auf, der ſowohl das bare Geld, wie die Werthpapiere und Depoſita enthielt. Mechaniſch griff er in die mit Geld gefüllten Schwin⸗ gen und zählte mit bewunderungswürdiger Schnel⸗ ligkeit die verlangten, oft höchſt bedeutenden Sum⸗ men aus; ebenſo ruhig nahm er das ihm ge⸗ brachte Geld in Empfang. Ein Kaſſendiener ſchleppte die ſchweren Beutel oft keuchend unter dieſer Laſt; ſie wurden ſchnell gewogen und mit einem Zeichen verſehen; worauf ſie in dem Geldſchrank verſchwan⸗ den, der einen unerſchöpflichen Schatz zu bergen ſchien. Tauſende und aber Tauſende kreiſten ſo in kurzer Zeit wie ein goldener Strom vor Reisland's Blicken, der von einem förmlichen Schwindel bei dieſem Anblick ergriffen ward. Es ruht ein dämo⸗ niſcher Zauber in dem edlen Metall, gleich ſtrahlen⸗ den Augen glänzten die Münzen und blinzelten ihn an, als wollten ſie ihn auffordern, nur die Hand nach ihnen auszuſtrecken. Das gleißte und ſchim⸗ merte in verführeriſcher Pracht, klang und klingelte eine Sinne bethörende Muſik, die Louisd'ore rollten, 131 die Thaler klapperten und jedes Geldſtück bekam ein eigenthümliches Leben, als hätte es eine Seele, ſeinen eigenen Trieb und ſeine beſondere Leidenſchaft. Das waren keine todten Weſen mehr, ſondern ver⸗ körperte Wünſche, beſeelte Geiſter, welche ſich in die Welt hinausſtürzten, um die Menſchen zu verſuchen, bald zu beglücken, bald zur Verzweiflung zu treiben. — Wenn aber der Kaſſirer ein Päckchen mit Kaſſen⸗ ſcheinen hervorlangte, die einzelnen Stücke hinwarf und mit einer faſt verächtlichen Handbewegung zu⸗ zählte, da konnte ſich der Geheimrath kaum eines leiſen Schauers wehren. Alles kam ihm hier wie ein Zaubermärchen vor, die Sage von dem Gold⸗ lande war in Erfüllung gegangen; das Geld lag wirklich auf der Straße, wie Herr Hirſch zu ſagen pflegte. Welche ungeheuere Zahlen ſchrieb nicht der alte Buchhalter theilnahmlos in das dicke Hauptbuch, Summen, deren bloße Erwähnung dem Geheimrath Kopfſchmerz verurſachte; er konnte es gar nicht be⸗ greifen, wie Herr Hirſch dabei ruhig ſeine Zigarre rauchen konnte und daß dieſe ihm nicht vor Schreck ausging; aber der Bankier war bereits daran ge⸗ wohnt und ſaß in ſeinem bequemen Schreibſtuhl mit einer bewunderungswürdigen Seelenruhe. Von hier aus ertheilte er wie ein Feldherr während der Schlacht 9 —m——õõn 132 ſeine Befehle und Anordnungen; bald ſetzte er ſeinen Namen auf ein Blatt Papier und verwandelte das⸗ ſelbe durch ſeine bloße Unterſchrift wie ein Zauberer in eine bedeutende Geldſumme, welche den Vorzei⸗ ger auf der Bank ſofort erheben konnte; bald em⸗ pfing er aus der Hand eines Kommis eine telegraphi⸗ ſche Depeſche oder eine Nachricht von der größten Wichtigkeit, ohne ſein Geſpräch mit Reisland deßhalb zu unterbrechen. Dazwiſchen ertheilte er auch ab und zu auch andern Kunden eine Audienz und gab ihnen gute Rathſchläge für die Zukunft. Einzelnen dieſer Klienten wies er anſehnliche Summen an, welche ſie durch ſeine Operationen erworben hatten. Mit ſtil⸗ lem Neide betrachtete der Geheimrath einen bekann⸗ ten Rentier, der lächelnd den bedeutenden Gewinnſt einſtrich und dem Bankier einen neuen Auftrag gab. „Sehen Sie,“ ſagte Herr Hirſch, als ſich der glückliche Spekulant entfernt hatte.„Das können Sie auch haben. Der Mann hat in den letzten Wochen über viertauſend Thaler gewonnen. Wie gern würde ich Ihnen einmal ſo einen Zug gönnen, mein lieber Herr Geheimrath!“ „Ich geſtehe Ihnen, daß ich es jetzt gerade brau⸗ chen kann. Ich habe zwei Töchter zu verheiraten. 133 Die ſtandesgemäße Ausſtattung koſtet viel, und dann iſt es damit noch keineswegs abgethan.“ „Das weiß ich am beſten. Kinder koſten Einem Geld, viel Geld und am Ende hat man keinen Dank davon.“ 1 „Ich wäre in der That nicht abgeneigt, mein Kapital mir beſſer zu intereſſiren als bisher.“ „Das müſſen Sie auch thun. Mir blutet im⸗ mer das Herz, wenn ich das ſchöne Geld ſo unbe⸗ nutzt im Schrank faulen ſehe. Fünf Prozent, ich bitte Sie, fünf Prozent in heutiger Zeit ſind ſogut wie Selbſtmord, wo man dreißig und vierzig ver⸗ dienen kann.“ „Sie denken aber nicht an die Möglichkeit eines Verluſtes. Sie wiſſen, daß ich gern ſicher gehe; ich bin kein Spekulant und verſtehe ſogut wie gar nichts von den Börſengeſchäften.“ „Das iſt auch nicht nöthig. Wozu bin ich Ihr Bankier? Sie kennen mich ſchon ſeit Jahren, mein Ruf ſteht Gott ſei Dank ſo feſt, daß ich nicht nöthig habe, mich ſelbſt zu rühmen. Was kann mir daran gelegen ſein, ob Sie Ihr Geld zu fünf oder zu fünfzig Prozent ausbringen? Ich gewinne und verliere nichts dabei; aber Sie ſollen ſehen, daß ich Ihr Freund bin. Ich achte und ſchätze Sie, und darum möchte 134 ich Ihnen gern einmal ein anſtändiges Profitchen zuwenden. Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich und Sie werden gut dabei fahren. Bis Morgen verſchaffe ich Ihnen fünfhundert Thaler; heißen Sie mich einen Schurken, wenn ich nicht Wort halte.“ Dieſe Sprache verfehlte ihre Wirkung nicht und machte dem Schwanken des Geheimraths ein Ende; er hatte keinen Grund, den Worten des Ban⸗ kiers zu mißtrauen. Herr Hirſch war bei Juden und Chriſten als ein ehrenwerther und tüchtiger Geſchäfts⸗ mann bekannt und hatte, wie geſagt, weder ein In⸗ tereſſe, noch einen Vortheil von ſeinem Rathe zu erwarten. „Nun meinetwegen,“ ſagte Reisland nach kur⸗ zem Beſinnen.„Wir können ja einen kleinen Ver⸗ ſuch machen, aber ich geſtehe Ihnen, daß ich von der Sache ſogut wie gar nichts verſtehe.“ „Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich, und Sie ſollen gut dabei fahren. Ich kaufe Ihnen ein ſeines Papier und, um ganz ſicher zu gehen, mit Prämie. Dabei ſind im ſchlimmſten Falle Hundert zu verlieren und Tauſend zu gewinnen.“ „Das läßt ſich hören,“ antwortete ſchmunzelnd der Geheimrath, indem er bereits in Gedauken die gewonnenen Goldſtücke einſtrich. 135 „Sie geben mir alſo Vollmacht?“ fragte der vorſichtige Bankier. „Allerdings, aber ich bitte Sie nochmals, vor⸗ ſichtig zu ſein. Das Kapital darf nicht angegrif⸗ fen werden.“ „Seien Sie ganz unbeſorgt. Ihr Geld bleibt ruhig liegen; wir kaufen gegen Prämie auf Lieferung. Dazu braucht man keinen Groſchen bar. Das iſt eine ſchöne Erfindung; nicht wahr, Herr Geheimrath? Ich kenne Leute, die ohne einen Heller an die Börſe gegangen ſind und heute über Hunderttauſend kom⸗ mandiren. Sie brauchen ſich nur mir gegenüber zu verpflichten, die Differenzen zu bezahlen, wenn wir verlieren.“ „Ich hoffe doch nicht“— unterbrach der Geheim⸗ rath wieder ängſtlich gemacht. „Ein Geſchäftsmann muß an alles denken,“ entgegnete Herr Hirſch.„Die Börſe kommt mir wie das Wetter vor, heute iſt es ſchön und Morgen reg⸗ net es; niemand weiß warum. Aber Sie brauchen ſich nicht zu fürchten; ich bin ein guter Barometer, und weiß immer, woher der Wind weht. Vorige Woche habe ich dem Herrn Bengenberger, den Sie hier geſehen haben, den Rath gegeben, Köln⸗Mindner zu kaufen und er hat viertauſend Thaler in einem 136 Handumdrehn verdient. Ich werde Ihnen nicht ſchlecht rathen und an Ihnen handeln wie an einem leib⸗ lichen Bruder. Dieſen Ultimo hoffe ich Ihnen ſchon ein rundes Sümmchen zu bringen, an dem Sie Ihre Freude haben werden. Noch eine Zigarre gefällig, Herr Geheimrath? Es iſt was ausgezeichne⸗ tes, echte Havannah, die ich Ihnen empfehlen kann.“ Der Geheimrath ſteckte ſich eine neue Zigarre an und nahm von dem Bankier Abſchied in der Hoffnung eines anſehnlichen Gewinns. An die Mög⸗ lichkeit eines Verluſtes dachte er nicht mehr, da er ſein vollkommenes Vertrauen in die Erfahrung des Herrn Hirſch ſetzte, der ihn mit der größten Höflich⸗ keit bis vor die Thür begleitete. 5 Sechstes Kapitel. Reisland war ein viel zu guter Gatte, um vor ſeiner Frau ein Geheimniß zu haben; dennoch fürch⸗ tete er ſie mit dem eben gethanen Schritt bekannt zu machen. Es war das erſtemal in ſeinem Leben, daß er ohne ihre Bewilligung über das Kapital ver⸗ fügte, welches er bis jetzt gewohnt war, ausſchließlich als ihr Eigenthum zu betrachten. Der Gedanke 137 machte ihn unruhig; mit ſichtbarer Verlegenheit trat er in das Zimmer der Geheimräthin. Ihrem ſcharf⸗ blickenden Auge entging nicht ſeine Befangenheit. „Wo biſt Du denn ſo zeitig geweſen?“ fragte ſie ihn ausforſchend.. „Bei unſerem Bankier, mein liebes Kind,“ ant⸗ wortete er die Augen zu Boden ſchlagend.„Ich habe das Kapital erhoben, welches wir heute abſchläglich für die Villa zahlen müſſen.“ „Weiter nichts? Du ſiehſt ſo aus, als ob Du mir noch etwas zu ſagen hätteſt. Reisland! was iſt vorgefallen?“ „Ich weiß wirklich nicht, ob ich recht gethan habe. Herr Hirſch hat mir den Vorſchlag gemacht, unſer Geld zu höheren Zinſen anzubringen.“ „Du haſt Dich doch nicht von ihm verleiten laſſen, an der Börſe zu ſpekuliren?“ „Wo denkſt Du hin? Nur ein kleines und ganz ſicheres Geſchäft bin ich mit ihm eingegangen, wobei ich nichts verlieren und möglicherweiſe in kurzer Zeit einige hundert Thaler gewinnen kann.“ „Haſt Du Dich nur nicht von ihm beſchwatzen laſſen?“ „Du kennſt meine Vorſicht; es iſt nicht das ge⸗ ringſte Riſiko dabei.“ 138 „Wenn das der Fall iſt, habe ich nichts da⸗ gegen einzuwenden. Wir können das Geld jetzt brauchen.“ 8 „Das hab' ich auch gedacht. Es wäre gewiß auch Dir recht angenehm, wenn wir ſoviel gewin⸗ nen, als unſere Mädchen uns bald koſten werden. Meinſt Du nicht auch?“ „Gewiß, aber nimm Dich nur in Acht, liebes Väterchen. Ich fürchte nur, daß Du vom Geſchäft nicht viel verſtehſt und daß wir leicht um unſer Geld dabei kommen können.“ „Kümmere Dich nicht; Herr Hirſch iſt ein vor⸗ ſichtiger und tüchtiger Mann, er wird mir keinen ſchlechten Rath gegeben haben.— Du biſt mir doch nicht böſe, liebe Selma, daß ich einmal eigenmächtig und ohne Dich zu fragen, gehandelt habe? Es ſoll künftig gewiß nicht wieder geſchehen.“ Die Geheimräthin hatte heute ihren guten Tag; die Unterwürfigkeit ihres Gatten rührte ſie und ſie billigte deßhalb ſein eigenmächtiges Verfahren mit der größten Sanftmuth. Er mußte ihr erklären, auf welche Weiſe das Geld ohne jede Gefahr gewon⸗ nen werden ſollte, wovon er ſelbſt freilich keinen rech⸗ ten Begriff hatte. Er zog ſich jedoch ſogut als möglich aus dieſer Verlegenheit und gab ihr eine 139 ziemlich verworrene Auseinanderſetzung von dem Kaufe mit Prämie, von Differenzenzahlung und ähnlichen Börſenmanoeuvres, aus denen ſie ſich ſelbſt das Beſte nehmen konnte. Die Hauptſache blieb jedoch, daß ſie ſich vollkommen beruhigte und alles billigte, was er bisher gethan. „Das Geld gehört Dir,“ ſagte ſie zärtlich,„ſo⸗ gut wie mir. Als Mann haſt Du die Verwaltung desſelben, und es ſteht Dir frei damit zu ſchalten, wie Dir beliebt. Ich weiß, daß Du ein zu guter Vater biſt, um leichtſinnig mit unſerm Vermögen zu handeln. Es ſoll einmal der Nothgroſchen für unſere alten Tage ſein. Wenn Du Dich penſioniren läßt, ſo ziehen wir gänzlich auf unſere Villa und leben dort in ſtiller Zurückgezogenheit. Von Zeit zu Zeit beſuchen uns die Kinder und wenn wir einmal ſterben, ſo hinterlaſſen wir ihnen ſoviel, daß ſie dann ohne Sorge leben können.“ Reisland fiel ein Stein vom Herzen, als er ſeine Frau ſo ruhig und freundlich ſprechen hörte; er war auf einen Sturm gefaßt und fand ſie zu ſei⸗ ner Verwunderung ſanft und nachgiebig. Natürlich zeigte auch er ſeinerſeits dieſelbe Toleranz, als ſie mit ihm über die nöthigen Reparaturen der Villa⸗ ſprach. Noch heute wollte er mit einem bekannten 140 Baumeiſter ſprechen und von dieſem die Anſchläge zu dem Umbau des Hauſes machen laſſen, auch ein Gärtner ſollte angenommen werden, der den verwil⸗ derten Park und die Weinberge in Stand ſetzen ſollte. So herrſchte zwiſchen beiden in jeder Bezie⸗ hung das innigſte Einverſtändniß und das Glück ſchien in dem Hauſe des Geheimraths zu wohnen. — Der Lieutenant trat ebenfalls mit ſeinen Be⸗ werbungen um Eugeniens Hand immer beſtimmter hervor; er war faſt ein täglicher Gaſt und nach Ab⸗ lauf eines Monats der erklärte Bräutigam des lie⸗ benswürdigen Mädchens. Die Verlobung wurde durch ein glänzendes Diner gefeiert, wozu alle Freunde des Hauſes eingeladen waren. Eugenie ſchwamm, wie ſich das von ſelbſt verſteht, in einem Meer von Glück und wurde, wie ſich das ebenfalls von ſelber verſteht, von allen ihren Freundinnen beneidet. Der Lieutenant war der aufmerkſamſte Bräutigam, tagtäg⸗ lich erſchien er mit einem reizenden Bouquet, oder irgendeinem eleganten Geſchenk; er voeranſtaltete kleine Landpartien und ſorgte für eine ſolche Menge von Zerſtreuungen, daß die kleine Braut gar nicht zur Beſinnung kam und am wenigſten den Charak⸗ ter ihres Zukünftigen kennenlernte. Außerdem war ihre Zeit ſo ſehr in Anſpruch genommen, wenn Blum⸗ 141 feld nicht zugegen war. Ausſtattung und Einrichtung mußte ſchnell beſorgt werden, da der ungeduldige Bräutigam die Hochzeit ſobald als möglich zu feiern wünſchte. Da gab es den ganzen Tag zu lau⸗ fen und zu fahren, für Eugenie und die Geheimrä⸗ thin die angenehmſte Beſchäftigung. Die Damen zogen von einem Laden zu dem andern, vom Ge⸗ wölbe zu Gewölbe. In der Leinwandhandlung wurde das feinſte Linnen geprüft und ausgewählt, die zar⸗ teſten Stickereien betrachtet und wieder betrachtet, ge⸗ handelt, gefeilſcht; und mit welchem ſchüchternen Er⸗ röthen das Brauthemd mit echtem Spitzenbeſatze be⸗ ſtellt. Taſchentücher von Battiſt, die von Elfen aus Mondſtrahlen gewebt ſchienen, wurden mit Gold aufge⸗ wogen; Eugenie brach bei jedem neuen Stücke in Ent⸗ zücken aus und küßte der Mutter in ſeligſter Dank⸗ barkeit die Hand.— In dem größten Modewaaren⸗ geſchäft der Reſidenz flogen jetzt die Kommis auf ihren Wint und ſchleppten ganze Ballen von Seidenſtoffen für ſie herbei; alle Farben des Regenbogens ſchimmerten vor ihren trunkenen Augen, das ſanfte Blau des Himmels, die angehauchte Röthe der zarten Pfirſichblüte, das ſchmachtende Lila und der ſtolze Purpur. Die Wahl fiel ihr ſchwer und wie ein Schmetterling irrte ihr Blick von einem Prachtgewande zu dem andern, un⸗ 142 ſchlüſſig, auf welchem er verweilen ſollte. Schon glaubte ſie das Schönſte und Modernſte geſehen zu haben, ſchon wollte ſie ſich entſcheiden; doch neuere und ſchönere Muſter nahmen ihre Aufmerkſamkeit wieder in Anſpruch und gaben ihren Wünſchen eine andere Richtung. Vor dem hohen Trumeaur ließ ſie ſich von der dienſtfertigen Ladenmamſell bald eine Sammtmantille, bald einen Spitzenkragen anprobiren, die ihr wie angegoſſen ſtanden. So ſagte wenigſtens die Mamſell und der Herr des Ladens, und ſämmt⸗ liche Kommis ſtimmten ihr bei und bewunderten ſie, ihren Wuchs und wie ihr alles ſo ganz beſonders kleidete. „Einen ſolchen Mantel hat die Baroneſſe Wall⸗ berg ebenfalls zu ihrer Ausſtattung genommen, dieſen Kragen hat die Frau Präſidentin von Zmader für ihre Tochter beſtellt, dasſelbe Tuch trägt die Gam⸗ teſſe von Arenberg und die ruſſiſche Geſandtin,“ be⸗ merkte der ſchlaue Kaufmann, der auf die Citelkeit des ſchwachen Geſchlechtes ſpekulirte und die Frauen aus langem Umgange mit ihnen kannte. Darauf wurde das Brautkleid genommen von Moiré⸗antique; die Farbe war ein mattes Weiß wie geſponnenes Silber und Eugenie ſchauerte vor Freude und ahnungsvollem Entzücken, wenn ſie ſich im Geiſte 143 bereits am Altare erblickte mit dem Myrthenkranze in dem dunklen Haar, angethan mit dem koſtbaren Gewande von rauſchender Seide, umringt von Freun⸗ den und Anverwandten, umgeben von der ſchauluſti⸗ gen Menge. Das waren Gefühle, die ſich nicht ſchildern laſſen. Auch die Geheimräthin kam ſich or⸗ dentlich verjüngt wieder vor, und niemals hatte ſie weniger von ihren Nervenzufällen gelitten als in dieſer Zeit. Beim Ausſuchen der Möbel durfte der Lieutenant die Damen begleiten; in ſeiner Gegen⸗ wart überließ ſich die holde Braut ganz und gar ihrer angeborenen Heiterkeit. Sie warf ſich lachend und ſcherzend in die elaſtiſchen Seſſel, und Blumfeld mußte das Gleiche thun. Jedes Stück der Einrich⸗ tung wurde ſo beſehen, geprüft und in Gebrauch ge⸗ zogen. „Auf dem Sopha,“ ſagte Eugenie zu ihm, „werden Sie Ihre Zigarre rauchen und nach dem Exerziren ausruhen, mein Herr! Dieſer Fauteuill kommt in Ihr Kabinet, und der Silberſpind wird in meinem Boudoir ſtehen. Wie gefällt Ihnen die Cauſeuſe? Wenn Sie recht artig ſind, dürfen Sie darauf Platz nehmen, und bei mir Ihren Thee trinken.“ 144 „O! ich will ſchon artig ſein,“ antwortete der Lieutenant in demſelben Tone. Ein koſtbarer Tolilettenſpiegel verſetzte ſie in neues Entzücken, doch war der geforderte Preis der Geheimräthin zu hoch. „Einzige, himmliſche Mutter,“ bat die kleine Schmeichlerin,„den Toilettenſpiegel mußt Du mir kaufen; lieber will ich auf den Schrank verzichten.“ „Der Schrank iſt weit nöthiger. Wo willſt Du denn mit Deinen Kleidern hin? Ein einfacher Toi⸗ lettenſpiegel verrichtet Dir dieſelben Dienſte.“ Aber davon wollte das Mädchen nichts hören; ſie bat und drängte ſo lange, bis die ſchwache Mutter ihren Wünſchen nachgab. „Nun meinetwegen,“ ſagte ſie,„aber der Vater darf davon nichts wiſſen. Ich werde Dir den Toi⸗ lettenſpiegel kaufen und von meinem Gelde bezahlen.“ „Ol Du biſt ſo gut, ſo gut,“ jubelte Eugenie, und küßte von neuem dankbar der Mutter die Hände. So wurden die verſchiedenen Einkäufe beſorgt und jeden Tag wanderten die Ballen mit Kleidungs⸗ ſtoffen und Weißwäſche nach dem Hauſe des Ge⸗ heimraths, der mitunter freilich über die großen Rech⸗ nungen einen tiefen Seufzer ausſtieß. Nätherin und Schneiderin ſchlugen daſelbſt förmlich ihr Lager auf, 145 vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend flogen die Nadeln, klirrten die Scheeren, Seide und Sammt wurden zugeſchnitten und verwandelten ſich in den fleißigen, kunſtreichen Händen zu eleganten Klei⸗ dern. Da wurde noch ein Band, dort Beſatz und Spitzen verlangt. Der Ausputz koſtete wieder Geld und Reisland ſeufzte von neuem über die geſteigerten Ausgaben. Dann berechnete er im Stillen die Koſten der Hochzeit, den Zuſchuß von ſechshundert Thalern, die er dem Lieutenant zugeſichert hatte. Das alles machte ihn beſorgt und verdrießlich. Bis jetzt hatte er ſo glücklich gelebt, er war immer reichlich mit ſeinen Zinſen und ſeinem Gehalte ausgekommen; nun aber hatte ſich alles geändert, die Koſten ſeines Hausſtandes ſich bedeutend gemehrt und noch größere Ausgaben drohten für die Zukunft. Er war an der⸗ gleichen Sorgen nicht gewohnt, und wußte ſich nicht recht zu rathen und zu helfen. Dabei ſah er ſich genö⸗ thigt, fortwährend noch eine heitere Miene zu machen, um die reizbare Frau zu ſchonen und das Glück ſeiner Lieblingstochter nicht zu trüben. Unter dieſen Umſtänden erhielt er einen Brief von ſeinem Bankier, der die ganze Zeit über geſchwiegen hatte. Herr Hirſch zeigte ihm an, daß die von ihm vorgeſchlagene Operation vollkommen geglückt ſei, und daß ſein ge⸗ Der Geheimrath. 10 146 und er beeilte 8 kne Gattin aamn in n Rennnß zu ſetzen. „Herr Hirſch iſt ein Ehrenmann,“ ſagte er freu⸗ dig.„Wir haüben burch ihn fünfhundert Thaler ver⸗ dient, die uns bei den gegenwärtigen Verhältniſſen recht zuſtatten kommen.“ Sie nahm die Nachricht weit ruhiger auf, als er erwartet hatte. Bei ihr ſtand nämlich die Mei⸗ nung feſt, daß man bei einem Geſchäfte nur verdienen könne. Die Möglichkeit des Verlierens kam ihr gar nicht in Gedanken. „Aber Du ſcheinſt Dich gar Micht mit mir zu freuen, liebe Selma!“ bemerkte er voll Verwunderung. „Fünfhundert Thaler ſpielen bei unſerem Ver⸗ mögen keine ſo große Rolle. Schade, daß Du nicht dem Bankier einen größeren Auftrag gegeben haſt. Wir hätten ebenſogut das Zehnfache jetzt ſchon ge⸗ winnen können.“ „Ich wollte ſo wenig als möglich riſkiren. 4 „Das iſt Schade. Es fehlt Dir immer an Muth, lieber Freund! Was man unternimmt, muß man ganz, oder gar nicht thun.“ 4 9 4 147 „Du meinſt alſo, daß ich einmal mit einer grö⸗ ßeren Summe ſpekulire?“ „Das mußt Du beſſer wiſſen als ich. Ich ver⸗ ſtehe mich nicht auf Eure Geſchäfte. Thue, was Du willſt, ich gebe zu allem meine Einwilligung, voraus⸗ geſetzt, daß Du mit der nöthigen Vorſicht verfährſt.“ „Ich fürchte nur, daß die günſtige Stimmung an der Börſe nicht immer vorhält; es können Schwan⸗ kungen eintreten“— „Umſo mehr muß man den jetzigen Augenblick wahrnehmen. Herr Hirſch ſcheint mir ein ehrlicher und tüchtiger Mann zu ſein, der es gut mit Dir meint; ich würde an Deiner Stelle ganz nach ſeinen Vorſchlägen mich richten.— Was meinſt Du, lieber Reisland, wenn wir ihn einmal einladen? Zwar paßt er nicht ganz in unſere Geſellſchaft, aber als Bankier nimmt er doch immer eine gewiſſe Stellung ein und er wird ſich ſehr geſchmeichelt fühlen.“ „Ich wollte Dir ſchon längſt den Vorſchlag machen, aber ich wagte wirklich nicht.“ „Wo unſer Vortheil es verlangt, darf man nicht allzu ſkrupulös ſein. Fordere ihn auf, uns zu beſuchen.“ „Das will ich noch heute thun. Du biſt in jeder Beziehung ein Engel.“ 10* 2 148 Noch an demſelben Tage begab ſich der Geheim⸗ rath auf das Comptoir ſeines Bankiers, um das gewonnene Geld in Empfang zu nehmen. Es kam ihm zur gelegenen Zeit, da er eine Menge von größeren und kleineren Rechnungen für die Ausſtattung Euge⸗ niens wieder zu bezahlen hatte. Nun brauchte er nicht erſt vom Kapital zu nehmen und konnte mit dem ihm ſo plötzlich zugefallenen Gelde alle besherigen Ausgaben beſtreiten. Herr Hirſch empfing ſeinen Kun⸗ den mit der zuvorkommendſten Freundlichkeit. „Nun, Herr Geheimrath,“ ſagte er,„war mein Rath nicht gut?“ „Ich komme nur, um Ihnen zu danken und Ihre fernere Hilfe in Anſpruch zu nehmen.“ „Sie ſcheinen Geſchmack daran gefunden zu haben,“ ſcherzte der Bankier im vertraulichen Tone. „Nicht wahr, ſo etwas läßt man ſich gefallen? l'ap- petit vient en mangeant. Das Geld ſteht zu Ihren Dienſten und ſoll Ihnen ſogleich ausgezahlt werden.“ Der Kaſſirer griff in den eiſernen Geldſchrank und zählte wieder mit bewunderungswürdiger Schnel⸗ ligkeit und Sicherheit die blanken Geldſtücke hin, welche Reisland mit einem behaglichen Gefühl einſtrich. „Hoffentlich machen wir bald wieder ein Geſchäft mitſammen,“ bemerkte Herr Hirſch mit gemüthlichem 149 Schmunzeln.„Sie werden mich doch mit einem neuen Auftrage beehren?“ „Darüber wollte ich eben mit Ihnen ſprechen.“ „So lieb' ich es, wenn die Leute Courage haben. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſolang es warm iſt.“ „Ich möchte allerdings dießmal eine größere Summe wagen. Auf ein Paar tauſend Thaler ſoll es mir nicht ankommen, vorausgeſetzt, daß Sie mir wieder einen ſo guten Rath geben.“ „Ich werde mich ſtets bemühen, Ihre Intereſſen wahrzunehmen; aber ich muß Sie darauf aufmerkſam machen, daß ich ebenſowenig wie irgendein Menſch für den Ausgang ſtehen kann. Die Börſe hat ihre Launen, heute hoch, Morgen niedrig. Das läßt ſich nicht mit Beſtimmtheit vorausſehen, denn ſonſt wäre es ja leicht, ein reicher Mann zu werden.“ „Natürlich, aber die gegenwärtige Konjektur ſcheint doch eine überaus günſtige zu ſein.“ „Das iſt wahr. So eine Zeit kommt ſo leicht nicht wieder. Ich wollte Sie auch nicht abſchrecken, aber als Ihr Freund muß ich Sie auf alle Eventua⸗ litäten aufmerkſam machen.“ „Sie erhöhen dadurch nur das Vertrauen, welches ich in Ihre Einſicht ſetze.“ „Aeußerſt ſchmeichelhaft.— Alſo, ſagen Sie nur, 150 womit ich Ihnen dienen kann, mein verehrter Herr Geheimrath?“ „Sie werden am beſten wiſſen, welche Effekten und Papiere jetzt die beſte Ausſicht haben. Ich ver⸗ laſſe mich ganz auf Ihre Geſchäftskenntniß.“ „Nun, wir wollen ſehen. Dießmal beabſichtigen Sie, wie ich merke, einen ordentlichen Schritt zu machen. Wie Teufel fangen wir das an? Sie müſſen einmal es mit holländiſchen Papieren verſuchen; die ſtehen gerade niedrig, aber ſie werden nach meiner Berechnung in der nächſten Woche ſteigen. Bis jetzt ſind ſie allerdings nicht heraufgekommen, ſie können jedoch nicht liegen bleiben und müſſen ebenfalls in die Höhe gehen. Wir kaufen dießmal wieder mit Prä⸗ mie. Im ſchlimmſten Falle ſind fünfzehnhundert bis zweitauſend Thaler zu verlieren. Das kann doch den Hals nicht koſten.“ „Ich verlaſſe mich, wie geſagt, ganz und gar auf Ihren Rath.“ „Laſſen Sie mich nur machen; Sie ſolen ſchon mit mir zufrieden ſein.“ „Ich weiß, daß Sie meine Intereſſen ſ ſtets wahr⸗ nehmen werden.“ „Straf' mich Gott, wenn ich nicht an Ihnen handle wie ein Bruder an dem andern; es iſt mir — O——,.,— — 151 nur um die Ehre zu thun. Sonſt haben Sie nichts zu befehlen, Herr Geheimrath?“ „Nur noch eine Bitte. Meine Frau hat mir den Auftrag gegeben, Sie für nächſten Sonntag mit Ihrer Gemalin einzuladen. Sie finden einige Freunde meines Hauſes, zu denen ich Sie gewiß auch rechnen darf.“. Das Geſicht des Bankiers nahm den Aus⸗ druck der freudigſten Ueberraſchung an und ſeine Ei⸗ telkeit fühlte ſich nicht wenig durch die ihm zutheil gewordene Ehre geſchmeichelt. Er wußte, daß der Geheimrath ein ausgezeichnetes Haus ausmachte und die beſte Geſellſchaft bei ſich ſah. Schon lange war es der heißeſte Wunſch des reichgewordenen Parve⸗ nue's, in die Kreiſe zu kommen, welche ihm bisher verſchloſſen waren. Beſonders aber dachte er im Stillen an ſeine eigene Gattin und die Freude, die er ihr durch dieſe Nachricht bereiten würde. Madame Hirſch blickte mit einer Miſchung von Neid und Sehnſucht auf die höhere Geſellſchaft; ſie langweilte ſich in ihrer bisherigen Umgebung, welche meiſt nur aus den Ge⸗ ſchäftsfreunden ihres Mannes und deren Frauen be⸗ ſtand. Welch ein Triumph für ihre Eitelkeit und ihr Streben nach Auszeichnung! „Gott!“ rief entzückt Herr Hirſch aus.„Wie wird ſich meine gute Roſa freuen; ſie hat ſich ſchon lange darnach geſehnt, mit den Ihrigen bekannt zu werden und ſich einer ſo feinen Familie anzuſchließen. Ihr bisheriger Umgang genügt ihr nicht, denn meine Roſa iſt eine ſehr gebildete Frau. Sie lieſt, und unter uns geſagt, macht ſie ſelbſt Gedichte; neulich zu mei⸗ nem Geburtstage hat ſie meiner jüngſten Tochter ein Carmen einſtudirt; ich ſage Ihnen, nicht Schiller hätt' es beſſer machen können. Die Thränen ſtanden mir in den Augen, wie das Kind es deklamirte; es war wirklich rührend. Und Klavier müſſen Sie ſie einmal ſpielen hören, ausgezeichnet, aber nur klaſſiſche Muſik, Beethoven und Schumann. Von den Andern will ſie nichts wiſſen. Sie ſingt immer in der Akademie und in der Garniſonkirche führt ſie jedes Jahr den „Tod Jeſu“ auf. Wie geſagt, Roſa beſitzt eine große Bildung und ſie wird gewiß Ihnen und Ihrer Frau Gemalin gefallen. Doch ich will ſie nicht rühmen; Sie werden ſie ja kennenlernen.“ So ſprach der überglückliche Bankier und pries bald die Talente ſeiner Frau, bald den günſtigen Stand der Börſe, indem er dem Geheimrath wiederholt die Hand drückte und ſeine Intereſſen wahrzunehmen verſprach, als ob dieſer ſein leiblicher Bruder wäre, wie Herr Hirſch ſtets ihm wiederholte.— Bei ſeiner Rückkehr fand — 153 Reisland eine Menge von Geſchäften vor, welche ihn bald ausſchließlich in Anſpruch nahmen, darunter ein amtliches Schreiben vom Obervormundſchaftge⸗ richt, worin ihm angezeigt wurde, daß er von ſeinem alten Freunde, dem Abtheilungsdirektor, zum Teſta⸗ mentsexekutor ernannt und zum Verwalter des nicht unbedeutenden Vermögens der minorennen Erben gerichtlich beſtellt ſei, mit der Bedingung, jährlich der betreffenden Behörde Rechenſchaft abzulegen. Zu⸗ gleich wurde ihm aufgegeben, ſich über die Annahme oder Ablehnung des ihm übertragenen Ehrenamtes binnen kurzer Friſt zu äußern. Indem er ſich an das Verſprechen erinnerte, welches er dem Jubilar ge⸗ geben, antwortete er ſogleich im bejahenden Sinne und er erklärte ſich gern bereit, die Pflicht eines Vormundes für die hinterlaſſenen Enkelkinder ſeines Freundes zu übernehmen.— Kaum war dieß abge⸗ than, ſo erſchien der Baumeiſter mit den Plänen und Riſſen zum Umbau der Villa, welcher ohne Zeitverluſt in Angriff genommen werden ſollte. Die Geheimräthin hatte mit dem Architekten zuvor Rück⸗ ſprache genommen und die neuen Einrichtungen, die dieſer vorſchlug, waren ganz nach ihrem Sinn ge⸗ macht. Das Wohnhaus ſollte demgemäß in ein kleines gothiſches Schloß mit Spitzbogen, Söllern, Thürmchen 154 und gemalten Fenſtern verwandelt werden. Die zu⸗ künftige Burgfrau hatte dabei allerdings den Koſten⸗ punkt nicht ganz in Erwägung gezogen und mehr ihrem Schönheitsſinne als den praktiſchen Intereſſen gehuldigt. Reisland gerieth über die Berechnung des Baumeiſters in kein geringes Erſtaunen; ſo theuer hatte er ſich den Umbau nicht im entfernteſten vor⸗ geſtellt. „Aber mein Gott!“ rief er entſetzt.„Da reichen ja noch nicht zehntauſend Thaler hin. 4 „Ich habe alles auf das Billigſte berechnet,“ entgegnete der Architekt.„Auch kann ich nicht dafür bürgen, daß die Summe genügen wird, wenn ich mich genau nach den Angaben der gnädigen Frau richten foll.“ „Laſſen Sie mir Ihre Pläne und den Anſchlag hier; ich werde erſt mit meiner Frau noch Rück⸗ ſprache nehmen.“ Der Baumeiſter ging und Reisland faßte den feſten Entſchluß, den koſtſpieligen Bau, wenn auch nicht gänzlich aufzugeben, doch wenigſtens auf ein beſcheideneres Maß zurückzuführen. Dießmal wollte er unter keinen Umſtänden nachgeben und trotz aller Nervenzufälle bei ſeinem Vorhaben verharren. Er machte ein ſehr ernſthaftes Geſicht und begab ſich f 155 mit den Riſſen und Berechnungen in das Zimmer ſeiner Frau. Bei ſeinem Eintritt erhob ſie ihr Haupt einwenig von dem Sophakiſſen und ſtreckte ihm ihre Hand mit dem freundlichſten Lächeln von der Welt entgegen. Wäre nur dieſes Lächeln nicht geweſen, ſo hätte Reisland ſogleich angefangen und ihr ſeine Meinung geſagt. Unter dieſen Umſtänden konnte er doch unmöglich mit der Thüre in das Haus fallen und ihr ohne jede Einleitung eine unangenehme Szene bereiten; er mußte doch erſt auf die paſſende Gelegenheit warten. „Nun, Väterchen,“ fragte ſie in der beſten Laune, „Du biſt bei Deinem Bankier geweſen? Haſt Du das Geld von ihm Dir geben laſſen?“ „Ich habe damit bereits die Rechnungen für die Ausſtattung Eugeniens bezahlt; die ganze Summe iſt faſt d'raufgegangen.“ „Dabei haben wir doch wenigſtens erſpart, das Geld aus unſerer Taſche zu nehmen. Das haſt Du gut gemacht, mein Freund! Es war dieß ein über⸗ aus glücklicher Einfall. Komm her und gib mir einen Kuß dafür!“ Dieſer unerwartete Ausbruch ehelicher Zärtlich⸗ keit raubte dem Geheimrath vollſtändig ſeine Faſſung. Jetzt konnte er doch unmöglich den unangenehmen 156 Gegenſtand zur Sprache bringen und ihr die ſelten frohe Laune verbittern. Hätte er das gethan, er wäre ein Barbar geweſen. „Wie ſchön ſich das fügt,“ fuhr ſie in beſter Stimmung fort.„Wenn das neue Geſchäft ebenſo glücklich verläuft, ſo koſtet uns Eugeniens Verheira⸗ tung ſogut wie nichts. Wir erſparen einige tau⸗ ſend Thaler, die wir ſonſt ausgegeben hätten. Da⸗ mit können wir unſere Villa umſo ſchöner aus⸗ bauen und comfortable einrichten.“ Reisland war froh, daß ſie ſelbſt das Geſpräch auf den Punkt brachte, welchen er bisher aus Schonung und übertriebener Delikateſſe vermieden hatte. Er ergriff daher ohne Zaudern die paſſende Gelegenheit. „Gut,“ ſagte er,„daß Du mich darauf bringſt. Der Baumeiſter iſt eben bei mir geweſen und hat mir ſeine Pläne vorgelegt.“ „Ich finde ſie ganz ausgezeichnet. Du weißt, daß ich immer für den gothiſchen Styl geſchwärmt habe; es liegt etwas ſo Charakteriſtiſches und Rit⸗ terliches darin. Nicht wahr, mein Freund?“ G „Allerdings; aber ich fürchte nur, daß die Koſten dadurch bedeutend vermehrt werden. Ich muß Dir geſtehen, daß mich die Berechnung unſeres Architek⸗ 157 ten ganz ſtutzig gemacht hat, umſo mehr, wenn ich daran denke, daß der Anſchlag gewöhnlich weit nied⸗ riger geſtellt zu werden pflegt, als die Ausführung zu ſtehen kommt. Ich wollte Dir daher den Vor⸗ ſchlag thun, vorläufig nur die nothwendigſten Repa⸗ raturen an der Beſitzung vorzunehmen und den Um⸗ bau auf eine gelegenere Zeit noch zu verſchieben.“ „Wo denkſt Du hin, lieber Reisland? Das Geld für die Reparaturen wäre nur hinausgeworfen und dieſelben würden nicht viel weniger koſten.“ „Vielleicht läßt ſich noch ein Ausweg finden. Wir können ja von einem andern Baumeiſter einen billigern Plan entwerfen laſſen.“ „Dagegen bin ich entſchieden; entweder wird die Villa im gothiſchen Style gebaut, oder gar nicht.“ Die aufſteigende Röthe auf den Wangen ſeiner Frau ließ Reisland einen nahen Nervenzufall ver⸗ muthen und deßhalb beeilte er ſich in der Zeit noch einzulenken. „Wir können ja an einem andern Tage dar⸗ über weiter ſprechen,“ bemerkte er ausweichend. „Das bleibt ſich ganz gleich; ich werde Mor⸗ gen ſowie heute bei meiner Meinung bleiben. Ich bin keine Wetterfahne, die ſich von jedem Windſtoß 158 hin⸗ und herbewegen läßt. Außerdem haben wir keine Zeit zu verlieren, wenn die Villa im nächſten Som⸗ mer noch von uns bezogen werden ſoll. Ich habe mich ſo ſehr darauf gefreut, den neuen Bau mit Eugeniens Hochzeit einzuweihen, aber freilich mir muß jede Freude zu Waſſer werden.“ Die feurige Röthe der Wangen ſchien nur die Vorläuferin des beginnenden Sturmes; ein Unge⸗ witter war im Anzuge und ſchwere Tropfen fielen bereits und verkündeten den folgenden Donner und Blitz. Aber zum Einſchlagen ließ es der Geheim⸗ rath trotz aller guten Vorſätze nicht kommen. Einige Thränen genügten ſchon, um ſeine feſteſten Ent⸗ ſchlüſſe zu ſchmelzen, und er beeilte ſich ſogleich, ſein vermeintliches Unrecht— durch Nachgiebigkeit wie⸗ der gut zu machen. „Aber, Selma!“ bat er mit einem wahren Ar⸗ menſündergeſicht.„Du biſt doch nicht böſe? Ich ſehe ja ein, daß ich Unrecht gehabt habe; wenn ich dagegen ſpreche, ſo geſchieht es nur zu Deinem Nutzen. Ich kann mich auch geirrt haben, der Umbau wird ſich vielleicht nicht ſo hoch ſtellen, als ich be⸗ fürchte, und dann wird Herr Hirſch ſchon dafür ſor⸗ gen, daß wir unſer Kapital darum nicht anzugreifen brauchen. So gib Dich doch zufrieden und weine 159 nicht mehr. Du weißt, daß ich keine Thränen ſehen kann. Mein Gott! ich weiß ja am beſten, was ich Dir zu verdanken habe. Was wäre ich ohne Dich?— Das Geld gehört ja Dir und Du kannſt damit ma⸗ chen, was Du willſt.“ Dieſe Sprache verfehlte auch heute ihre Wir⸗ kung nicht. Nach und nach beruhigte ſich die Auf⸗ regung der Geheimräthin, der ſchwarze Horizont wurde lichter, und bald brach ein freundlicher Blick aus ihren Augen und ein Lächeln wie heitere Sonnen⸗ ſtrahlen aus dunklem Gewölk hervor. Der Bau der Villa wurde nach den Plänen des Architekten im gothiſchen Style beſchloſſen und ſofort auch in Angriff genom⸗ men. Herr Hirſch aber machte mit ſeiner Gattin Roſa am nächſten Sonntag einen Beſuch bei Reis⸗ land zur Verwunderung aller Gäſte und Hausfreunde, welche vornehm über das wunderliche Paar die Naſe rümpften.— Siebentes Kapitel. Ebenfalls vor dem Thore der Stadt, aber in einer ganz entgegengeſetzten Richtung lag das Fabrikge⸗ bäude des Poſamentiers Bormann. Die ganze Ge⸗ 160 gend dort zeigt eine verſchiedene Phyſtognomie und gleicht in keiner Beziehung dem ſogenannten Geheim⸗ rathsviertel. Verſchwunden ſind die feinen Häuſer mit den glänzenden Spiegelſcheiben; dafür ſieht man große Etabliſſements, rieſige Schornſteine, die Pyra⸗ miden der Induſtrie. Statt der behaglichen und vornehmen Ruhe herrſcht ein reges und geſchäftiges Treiben; die Dampfmaſchinen ächzen und ſtöhnen, brauſen und ſauſen den ganzen Tag. Die Spindeln ſchwirren, die Räder raſſeln, die Walzen ſchreien und quitſchen ohne Aufhör. Man begegnet nur ſel⸗ ten dem ſchwarzen Leibrock und der weißen Binde des Beamten, dafür deſto häufiger der Blouſe und dem lofe geſchlungenen Halstuche des Arbeiters. Schaaren von Männern, einfach gekleideten Frauen und Mädchen wandern ſchon am frühen Morgen durch die Straßen zu der Stunde, wo im Geheim⸗ rathsviertel alles noch in tiefer Ruhe liegt. Die Sonne iſt ſoeben erſt aufgegangen und beleuchtet die rothen Ziegeldächer, die hohen Schornſteine mit ihrem goldenen Glanz; nur mit Mühe dringen die hellen Strahlen durch die dunklen Rauchwolken, welche in der ganzen Atmoſphäre ſchweben. Trotzdem iſt der Anblick keineswegs ein unfreundlicher; die ſtattli⸗ chen Fabrikgebäude, der nah gelegene Strom, von — 161 Kähnen belebt, und die größeren und kleineren Gär⸗ ten, von denen die Etabliſſements umgeben ſind, ge⸗ ben ein anſprechendes Bild. Ab und zu erhebt ſich wohl auch ein geſchmackvolles Wohnhaus mit ſchat⸗ tiger Veranda, oder eine Sommerwohnung, welche hier ein reichgewordener Jabrikant ſich erbauen ließ, und das jetzt Zeugniß für ſeinen Kunſtgeſchmack ab⸗ legt— Meiſt wohnen jedoch die Herren in der Stadt und kommen erſt ſpäter zu Fuß, oder in ihren Equi⸗ pagen, um ſelber nachzuſehen und durch ihre Gegen⸗ wart die Arbeit zu fördern. Dieß that auch Herr Bormann Tag für Tag, und es mußten ſchon ſehr gewichtige Gründe ſein, wenn er zu ſpät kam, oder gar einmal ganz wegblieb. Die Fabrik, welche er ſelbſt begründet und nach franzöſiſchen und engliſchen Muſtern eingerichtet hatte, lag ihm wie ein Kind am Herzen Es war nicht bloß der Gewinn, den er dabei im Auge hatte, ſondern weit mehr die Freude, welche der tüchtige Mann an ſeinem Werke, an ſeiner Schöpfung hat. Fortwährend war er dar⸗ um thätig und auf neue Verbeſſerungen bedacht; er ließ es weder an Fleiß noch Mühe fehlen und ſchon jetzt galt ſeine Fabrik für die erſte in dieſem Fach. Das Geſchäft war blühend und ernährte ihn hinreichend; freilich mußte er tüchtig dahinter her ſein, Der Geheimrath. 11 * 162 4 denn die Konkurrenz machte ihm viel zu ſchaffen. Schon in der Frühe wanderte er hinaus und richtete ſein Augenmerk auf alles, was noththat; er ſelbſt prüfte jedes neue Muſter, unterſuchte die Webſtühle und feuerte durch ſein Beiſpiel und ſeine Gegenwart die Arbeiter an. Seit einigen Tagen aber war eine merkwürdige Veränderung mit ihm vorgegangen, welche auch ſeiner Umgebung auffallen mußte. Der ſonſt ſo praktiſche und tüchtige Mann ſchien gänz⸗ lich umgewandelt; oft ſaß er Stunden lang in ſei⸗ nem Comptoir und ſchien zu träumen. Der alte Buchhalter und der Oberaufſeher der Fabrik ſchüt⸗ telten bedenklich mit dem Kopf. Sonſt war Bor⸗ mann die Seele des Ganzen, alle Briefe und Be⸗ ſtellungen gingen durch ſeine Hand, kein Paket wurde verſendet, von dem er nicht wußte, kein Ein⸗ kauf von Seide und Wolle gemacht, den er nicht beſorgte. Jetzt aber geſchah es wohl öfters, daß er ſeinen Leuten, auf die er ſich verlaſſen konnte, die Beſorgung der Geſchäfte faſt gänzlich überließ. Mehr aus Gewohnheit beſuchte er die Fabrik und nur me⸗ chaniſch nahm er noch an derſelben theil. Zur Ar⸗ beit war er nicht aufgelegt und ſeine Gedanken ſchweiften ganz wo anders herum. Er fragte ſich dann oft, wozu erwerbe ich, für wen alle dieſe An⸗ 163 ſtrengung und Mühe?— Dann verſank er wieder in ein dumpfes Brüten und ſein ganzes Leben kam ihm ſchaal und nichtig vor. Wohl kannte er den Grund dieſer trüben Laune, aber es fehlte ihm der Muth, einen entſcheidenden Schritt zu thun. Eine unerklär⸗ liche Angſt befiel ihn, wenn er daran dachte, und ſeine Hypochondrie quälte ihn mit ihren eingebil⸗ deten Leiden. In dieſer Stimmung traf ihn Fried⸗ rich Reisland an, der dem Freunde die verſprochenen, neuen Muſter brachte. Ohne dieſelben anzuſehen, legte ſie Bormann bei Seite. „Du würdigſt,“ ſagte Friedrich faſt empfindlich, „meine Arbeit keines Blickes; und doch glaub' ich mich dießmal ſelber übertroffen zu haben.“ „Ich bin es überzeugt. Verzeih, aber ich bin heute ſo zerſtreut.“ Um den Freund nicht zu beleidigen, nahm der Fabrikant die Zeichnungen wieder in die Hand und ſchien dieſelben ſehr aufmerkſam zu ſtudiren. „Zum Teufel!“ rief dieſer.„Du hältſt ja das Blatt verkehrt; ſo kannſt Du freilich nicht wiſſen, ob Dir die Muſter paſſen werden. Bormann! was fällt Dir ein?“ Eine dunkle Röthe färbte die Wange des An⸗ geredeten und ein tiefer Seufzer entrang ſich unwill⸗ 11 164 kürlich ſeiner Bruſt. Verlegen ſuchte er dem for⸗ ſchenden Blicke des Freundes auszuweichen und ſicht⸗ lich zeigte er ſich bemüht, irgendein gleichgiltiges Geſpräch anzuknüpfen. „Was macht Deine Frau?“ fragte er, mit den Knöpfen ſeines Rockes ſpielend.„Der Junge iſt doch geſund?“ „Friſch und geſund wie ein Fiſch im Waſſer. Du glaubſt gar nicht, was mir der kleine Bengel ſchon für Freude macht. Er gedeiht prächtig und ich beobachte ihn bei Tag und Nacht. Es iſt ein eigener Genuß, dieſes allmälige Werden und Bilden einer Menſchenſeele zu ſehen. Freut man ſich doch mit jedem neuen Blättchen einer ſelbſtgepflanzten Blume, mit jedem friſchen Keim, und nun gar mit dem eigenen Kinde und ſeiner Entfaltung. Ich geſtehe Dir, daß ich früher kein Wunder gelten laſſen wollte, und nun ſehe ich täglich das größte Wunder ſich in meiner Nähe begeben. Mein Herz iſt ſo voll davon, 4 daß ich mich faſt fürchte, Dir lächerlich zu erſcheinen. Was weiß ſo ein alter Junggeſelle von den Freuden eines Vaters?“ 3 3 „Du biſt ein glücklicher Mann und zu beneiden,“ antwortete Bormann, indem er ſich abwendete, um ſeine Schmerzen zu verbergen. 165 „Mein Gott! Was hindert Dich denn ebenſo glücklich zu ſein? Mach' es wie ich, nimm Dir ein Weib, das Dir gefällt, und an einem Kinde oder mehreren wird es Dir dann auch nicht fehlen.“ „Das iſt leicht geſagt und ſchwer gethan. Ich glaube, es geht mit der Liebe und mit der Ehe wie mit dem Pflanzen und Säen. Der Frühling i*ſt die rechte Jahreszeit dafür, ich habe ſie verpaßt und nun darf ich mich nicht beklagen, wenn mein Feld keine Früchte trägt.“ „Dummes Zeug! Du biſt ein Mann in den beſten Jahren; wohlhabend, unabhängig, gut und ge⸗ bildet. Kein vernünftiges Mädchen wird ſich weigern, Dir die Hand zu reichen.“ „Du haſt eine zu günſtige Meinung von mir, aber die Frauen urtheilen wahrſcheinlich anders. Ich glaube auch, daß ich noch eine ſogenannte, anſtändige Partie abgebe. Für ein Mädchen, welches in der Ehe eine Verſorgungsanſtalt ſieht, würde ich viel⸗ leicht noch wünſchenswerth erſcheinen; aber dazu kann ich mich nicht entſchließen. Eine derartige Ehe iſt mir zuwider. Ich weiß nur zu gut, daß mich ein Weib nur nehmen wird, um mein Vermögen, meine Stellung mit mir zu theilen. Ich habe aber einen zu hohen, zu heiligen Begriff von der Ehe, um eine 166 ſolch frivole Verbindung einzugehen. Auch fürchte ich mich, offen geſtanden, vor dem Weſen und Treiben unſerer meiſten Mädchen, noch mehr aber vor meiner eigenen Stimmung. Ich bin ſchon zu alt, zu ſpröde und zu wenig ſchmiegſam geworden; ich verſtehe mich weder darauf, um eine Frau zu werben, noch ihr zu genügen.“ „So reden alle alten Junggeſellen. Freilich die gebratenen Tauben fliegen Einem nicht in den Mund. Wenn Du aber nur einmal den feſten Entſchluß ge⸗ faßt haſt; ſo wird ſich alles andere ſchon geben. Die Hauptſache bleibt, daß Du ernſtlich daran denkſt, Dich zu verheiraten. Unter uns geſagt; Du haſt die höchſte Zeit dazu.“— „Das iſt auch meine Anſicht von der Sache,“ antwortete Bormann mit naivem Lächeln. „Fürs zweite handelt es ſich darum, ob Du bereits Deine Wahl getroffen haſt? Du antworteſt mir nicht, Du ſchlägſt die Augen nieder wie eine züchtige, verſchämte Jungfer. Alter Junge! Jetzt weiß ich, was die Glocke bei Dir geſchlagen hat; Du biſt verliebt.“ „Wo denkſt Du hin?“ ſagte Bormann vor Ver⸗ legenheit erröthend. „Ich bin meiner Sache ganz gewiß. Nun be⸗ 167 greife ich erſt Deine Stimmung, Deine hypochondri⸗ ſche Laune und Deine Zerſtreutheit. Nur ein Ver⸗ liebter kann meine Zeichnung ſo verkehrt halten. Aber jetzt rücke ehrlich mit der Sprache heraus und nenne mir den Namen Deiner Dulcinea. Ich will Dein Freiwerber ſein. Wer iſt ſie, wie heißt ſie und was ſind ihre Eltern?“ Auf all dieſe Fragen vermochte Bormann nicht zu antworten; aber Friedrich, deſſen Theilnahme le⸗ bendig erregt war, ließ nicht ab, in den Freund ſo lange zu dringen, bis derſelbe nach vielfachem Wei⸗ gern und Widerſtreben ihm das Geheimniß ſeiner Liebe anvertraute. „Deine Schweſter Martha,“ brachte er nach und nach vor,„hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht.“ „Meine Schweſter!“ rief Friedrich überraſcht. „Schon an dem Tage,“ fuhr Bormann fort, „wo ich ſie zum erſtenmale in Deinem Hauſe ſah, hat ſie mich in einer Weiſe angeſprochen, wie nie ein Mädchen zuvor.“ „O! ſie iſt das beſte, edelſte Geſchöpfauf Got⸗ tes Welt.“ „Seitdem lernte ich immer mehr und mehr ſie kennen und verehren. Bei jedem Beſuche in Deiner Familie zeigte ſie mir neue, treffliche Eigenſchaften“ 168 „Alſo darum biſt Du ſo oft des Abends jetzt bei mir geweſen? Sieh einmal, Du Duckmäuſer.“ „Ich begleitete ſie ſtets nach ihrer Woh⸗ nung und itre Geſpräche eröffneten mir einen Ein⸗ blick in ihren gediegenen Charakter. Ihr Geiſt und noch mehr ihr Herz feſſelten mich an ſie und bald kam der Wunſch, ſie für immer zu beſitzen.“ „Und Du haſt nicht mit ihr davon geſprochen?“ „Du keunſt meine Schüchternheit und außerdem fühlte ich den Abſtand unſerer geſellſchaftlichen Stel⸗ lung zu lebhaft, um mit meiner Bewerbung hervor⸗ zutreten“ „Martha iſt zu vernünftig, um auf den Ge⸗ heimrathstitel des Vaters irgendeinen Werth zu legen.“ „Ich hielt mich nicht für würdig, um ſie zu werben.“ „Ich bitte Dich, ſei nicht allzu beſcheiden. Du ſcheinſt mir ganz der Mann für meine Schweſter. Sowie ich ſie kenne, glaube ich, daß ſie Dich nicht zurückweiſen wird.“ 1 „Friedrich! Iſt das wirklich Dein Ernſt? Ich kann es mir nicht denken.“ „Zum Teufel mit Deinen ewigen Zweifeln. Du biſt der tollſte Hypochonder, der mir vorgekommen ——; 169 iſt. Rede mit Martha, thu' den Mund auf und Du wirſt ja hören, was ſie Dir ſagen wird. Ich ſelber, oder noch beſſer meine Frau, kann einmal bei ihr zu⸗ vor auf den Buſch klopfen.“ „Ich werde es Dir nie vergeſſen, was auch das Reſultat ſein mag.“ „Faſt möchte ich mich dafür verbürgen, daß Du von ihr keinen Korb bekommſt.“ „Du machſt mich zum glücklichſten Menſchen.“ „Heute Abend kommt Martha zu uns und Du kannſt ſie ſelber fragen.“ „Und Deine Eltern, was werden ſie ſagen?“ „Das iſt allerdings eine andere Sache. Du weißt, daß ich ihnen ſeit Jahren fremd geworden bin; ich kann Dir alſo in dieſer Beziehung weder rathen, noch helfen. Der Vater dürfte vielleicht ſich durch Deine äußeren Verhältniſſe günſtig ſtimmen laſſen; einen ſchwereren Stand wirſt Du mit der Mutter haben, die ſich wahrſcheinlich an den ‚Po⸗ ſamentier’ ſtoßen wird. Auch hat mir Martha ver⸗ traut, daß ſich ein Aſſeſſor Lieber um ihre Hand bewirbt, doch ſie will ihn nicht. Vor allen Dingen ſuche mit ihr ins Reine zu kommen, alles Uebrige findet ſich.“ „Du haſt Recht; ich werde noch heute mit 170 Deiner Schweſter offen reden. Auf den Abend bin ich bei Dir.“ „Auf Wiederſehen, Herr Schwager!“ „Ich wollte, wir wären ſchon ſo weit.“ „Nun mit der Zeit pflückt man Roſen. Wie aber auch der Ausgang der Sache ſein mag, wir bleiben die Alten in allen Fällen.“ Die Freunde ſchüttelten einander herzlich die Hand; Friedrich ging ganz erfreut über dieſe uner⸗ wartete Nachricht fort. Die Schweſter mit Bormann verbunden zu ſehen, war ſchon längſt der ſtille Wunſch ſeines Herzens geweſen, deſſen Erfüllung er ſelbſt aber kaum für möglich hielt. Nun ſah er die Mög⸗ lichkeit gegeben, und er nahm ſich vor, mit allen ihm zugebote ſtehenden Mitteln die Bewerbung des Freundes zu unterſtützen. In ſeligſter Stimmung eilte er nach Hauſe; es drängte ihn, ſeiner Frau das ſchöne Geheimniß mitzutheilen; er fand ſie mit dem Säugling ſpielend, den ſie auf ihrem Schooß hielt und jetzt dem Vater zum Kuſſe hinhielt. „Was gibſt Du mir,“ fragte er neckend,„wenn ich Dir eine Neuigkeit mittheile, die Dich gewiß überraſchen wird?“ „Erſt muß ich wiſſen,“ ſcherzte Roſalie,„was Dein Geheimniß werth iſt. Ich kaufe nicht die Katze im Sack.“ 171 „Es iſt wirklich unbezahlbar.“ „Folglich kann ich es Dir nicht bezahlen. Du weißt, daß ich ſo arm wie eine Kirchenmaus bin.“ „Umſonſt iſt der Tod. Wenn ich Dir mein Ge⸗ heimniß verrathen ſoll, ſo muß ich etwas dafür haben.“ „Eigennütziger Menſch! Wie kannſt Du mich ſo quälen.“ „Gut! Du ſollſt ſehen, daß ich großmüthig ſein kann. Ich will Dir alles unentgeltlich anvertrauen, aber verſprich mir, nicht außer Dir zu gerathen.“ „Nun heraus mit der Sprache! Ich ſehe ja, daß Dir Dein Geheimniß das Herz abdrückt.“ „Denke Dir nur, Freund Bormann liebt unſere Schweſter Martha und will um ihre Hand anhal⸗ ten.“ „Das hab' ich mir längſt gedacht,“ antwortete Roſalie mit feinem Lächeln. „Wie, Du biſt nicht einmal überraſcht?“ fragte Friedrich faſt ärgerlich.„Du freuſt Dich nicht? Da komme ich und glaube, daß Du bei meiner Neuig⸗ keit in die Höhe ſpringen wirſt, und nun rührſt Du Dich nicht und verziehſt kaum Deine Lippen zu ei⸗ nem ſchwachen Lächeln. Der Teufel werde aus den Prannin klug.“ „Nur nicht gleich wieder hitzig. Ich habe alles 172 ſo kommen geſehen. Wir Weiber haben für ſolche Dinge ein beſſeres Auge als Ihr Männer, die Ihr den Wald nicht vor Bäumen erblickt.“ „Und Du haſt mir kein Wort geſagt,“ entgeg⸗ nete er vorwurfsvoll. „Weil man ſich in ſolche Dinge nicht miſchen darf, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Mit der Liebe iſt es eine eigene Sache; ſie gleicht dem Sa⸗ menkorn, das in der dunklen Erde unberührt und ungeſehen liegen muß, bis es von ſelber Wurzeln ſchlägt. Kein dritter darf ſich da hineinmiſchen, ſonſt geht es wie den unartigen Kindern, welche eine Bohne in die Erde ſtecken und vor Ungeduld ſie im⸗ mer wieder ausgraben, um zu erforſchen, ob ſie auch wirklich keimt. Das verträgt ſolch eine junge Pflanze nicht und geht darum ein. Deßwegen habe ich mich auch gehütet, mit Martha und am wenigſten mit Bormann darüber zu ſprechen, weil ich ſeine miß⸗ trauiſche und hypochondriſche Gemüthsart kenne.“ „Aber mit mir hätteſt Du wohl eine Ausnahme machen können, Frau Klugſprecherin!“ „Auch mit Dir nicht. Ich kenne Deinen Unge⸗ ſtüm und fürchtete, daß Du nicht reinen Mund hal⸗ ten würdeſt. Deßwegen habe ich geſchwiegen, ſo ſchwer es mir auch fiel.“ 173 „Sieh einmal, das hätt' ich nicht Dir zuge⸗ traut. Die Frauen pflegen doch ſonſt nicht ſo ver⸗ ſchwiegen zu ſein.“ „Wo es darauf ankommt, beſſer wie die Män⸗ ner. Die Natur hat uns auf das Verheimlichen und Verſtecken angewieſen.“ „Schöne Dinge, die ich da zu hören bekomme.“ „Nun, beruhige Dich nur Ich freue mich ge⸗ wiß über das Creigniß, vielleicht noch mehr wie Du, da ich es von ſeinem Entſtehen beobachten konnte. Ich liebe Martha wie eine Schweſter und gönne ihr von ganzem Herzen das Glück.“ „Man wird ſie aber vorbereiten müſſen; oder hat ſie bereits mit Dir geſprochen?“ „Nicht eine Sylbe und doch bin ich überzeugt, daß Bormann ihr nicht gleichgiltig iſt.“ „Woraus ſchließt Du das?“ „Lehre Du mich die Frauen kennen. So oft ich das Geſpräch mit Abſicht auf Bormann brachte, wich ſie mir aus, oder machte ſich mit unſerem Jun⸗ gen zu ſchaffen, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Ich konnte mich dann nicht bezwingen und wurde boshaft. Das nächſte Mal, wenn ſie kam, erwähnte ich dann ſeiner auch nicht mit einem Sterbenswörtchen. Da hätteſt Du ſehen ſollen, wie ſie das Geſpräch 174 ſo lange zu drehen und zu wenden wußte, bis es wieder unwillkürlich auf ihn kam. Mir kam es grad ſo vor, wie wenn Kinder mit einander Verſtecken ſpielen. 2 „Ich hätte Dich nicht für ſo boshaft gehalten; man muß ſich ja vor Dir ordentlich in Acht nehmen.“ „Das will ich Dir auch gerathen haben,“ lachte Roſalie mit drohend aufgehobenem Finger. Während des Geſpräches war der Knabe auf ihrem Schooße eingeſchlafen und ſie beeilte ſich den⸗ ſelben in die Wiege zu legen. Friedrich ſtand dane⸗ ben und weidete ſich an dem Anblick des ſchlum⸗ mernden Kindes, deſſen roſig ſchimmernden Wangen ein Zeugniß für die Geſundheit und das Behagen des kleinen Weltbürgers ablegten. Dennoch konnte er einen Seußzer nicht unterdrücken, da er gerade in ſol⸗ chen Augenblicken an ſein Zerwürfniß mit den eige⸗ nen Eltern gemahnt wurde. Roſ ſalie verſtand ihn und legte wie zum Troſt ihre Hand auf ſeine Schul⸗ tern, mit liebevollem Auge zu ihm emporſehend. „Habe Geduld!“ ſagte ſie mild zuſprechend. „Deine Eltern werden mit der Zeit wohl auch ihr Unrecht einſehen. Vorläufig haſt Du gethan, was einem Sohne zukommt. Darum vergiß das, was nicht zu ändern iſt. Vielleicht wird Martha der gute Engel 175 ſein, der uns Verſöhnung bringt. Ihre Verbindung mit Bormann kann leicht in dieſer Beziehung eine günſtige Veränderung auch für uns herbeiführen.“ Friedrich ſchüttelte nur leiſe mit dem Kopf; er wollte dem geliebten Weibe nicht die Hoffnung rau⸗ ben, die ihm ſelber fehlte. Auch in Beziehung auf Bormann's Bewerbung theilte er nicht ihre ſanguini⸗ ſchen Anſichten, indem er bei den Vorurtheilen ſeiner Eltern die günſtige Aufnahme bezweifelte und für die Schweſter wie für den Freund neue Kämpfe und Hinderniſſe aller Art vorausſah.— Gegen Abend erſchien Martha in der Wohnung des Bruders; ſie hatte natürlich keine Ahnung von der Erklärung, welche ihr bevorſtand. Unbefangen legte ſie Hut und Shawl ab; ihr erſter Gang galt der Wiege, worin ihr kleiner Pathe lag, der ſie mit den großen, un⸗ ſchuldigen Kinderaugen anſtarrte. „Ich glaube,“ ſagte ſie,„daß der Engel mich ſchon kennt.“ „Es wäre kein Wunder,“ antwortete die Schwä⸗ gerin,„da Du Dich ſo viel mit dem Kinde beſchäf⸗ tigſt. Auch Bormann hängt an dem Kleinen und kommt nie, ohne ihm etwas mitzubringen,“ fügte ſie diplomatiſch ſchlau hinzu. Martha that, als ob ſie nicht gehört hätte und * 176 beugte ſich erröthend über das Kind, welches ſie, da es unruhig wurde, aus dem Bettchen hob und auf⸗ und abtänzelnd in ihren Armen wiegte. „Sieh nur, ſieh!“ rief Roſalie neckend ihr zu. „Wie Du mit dem Kinde umzugehen ſchon verſtehſt. Du wirſt einmal eine ausgezeichnete Mutter abgeben. Nun, was nicht iſt, kann ja werden. Ich glaube, uaß es nicht mehr lange dauern wird und Du biſt au verheiratet.“ „Was fällt Dir ein? Ich wüßte nicht mit wem?“ „Verſtelle Dich nur nicht. Du haſt Deine Schäf⸗ chen bereits im Trockenen.“ „Ich weiß nicht, liebe Roſalie! wie Du mir heute vorkommſt. Du ſprichſt ſo ſeltſam, wie ich es ſonſt nicht von Dir gewohnt bin.“ „Man wird doch mit Dir von der Ehe reden dürfen? Du willſt doch nicht als alte Jungfer ſterben?“ „Wahrſcheinlich! ich ſehe daran kein ſo großes Unglück.“ „Du redeſt gerade wie unſer Freund Bormann und doch will ich eine Wette machen, daß Ihr beide, wenn es darauf ankommt, nicht Wort halten werdet.“ „Du ſcheinſt wirklich die Abſicht zu haben, mich zu quälen. Aber ſage mir nur, wo Friedrich ſteckt?“ fragte ſie ausweichend.„Ich habe ihn noch nicht 177 geſehen und muß bald wieder nach Hauſe zurückkeh⸗ ren, damit man meine Abweſenheit dort nicht be⸗ merkt.“ „Friedrich hat noch im Geſchäft zu thun, aber ich erwarte ihn in jedem Augenblick. So lang wirſt Du doch wenigſtens verweilen können. Vielleicht ißt Du mit uns Abendbrot, es iſt niemand zuge⸗ gen, als meine Mutter und Bormann.“ Die häufige und wie es ſchien abſichtliche Er⸗ wähnung dieſes Namens verſetzte heute Martha in eine zunehmende Unruhe; es lag in dem Tone und dem ganzen Weſen der Schwägerin etwas Necken⸗ des und Spottendes, was ſie ſich nicht zu erklären vermochte. Die Nachricht, daß Bormann bald kom⸗ men würde und ihr begegnen könne, war ein Grund mehr, ſich zu entfernen, und doch wäre ſie ebenſo gern geblieben. Sie fürchtete und hoffte zu gleicher Zeit mit ihm zuſammenzutreffen. Roſalie bemerkte mit weiblicher Schadenfreude ihr Schwanken und nahm den Hut und Shawl, den ſie bereits wieder ergriffen hatte, der ſcheinbar Widerſtrebenden aus der Hand. „Bleib,“ ſagte die Schwägerin mit mehr Ernſt als zuvor,„und höre mich ruhig an. Du willſt Der Geheimrath⸗ 12 178 gehen, weil Bormann kommt. Nicht wahr, ich hab' es getroffen?“ „Ich begreife nicht, wie Du nur ſo reden kannſt. Ich habe keinen Grund, Herrn Bormann zu ver⸗ meinden; er hat mich mit keinem Wort, keinem Blicke je beleidigt.“ „Davon iſt auch nicht die Rede. Du willſt mich nur täuſchen, aber das gelingt Dir nicht; ich halte Dich feſt und wärſt Du geſchmeidiger noch wie ein Aal. Ich ſelber bin ein Mädchen geweſen und ver⸗ ſtehe mich auf Eure Künſte; deßhalb laſſe ich mir kein& für ein U machen. Bormann iſt Dir nicht gleichgiltig und darum weichſt Du ihm jetzt aus.“ „Mit welchem Grunde behaupteſt Du das?“ fragte Martha beſtürzt, ihr Geheimniß errathen zu ehen. 3„Vor mir,“ fuhr Roſalie fort,„brauchſt Du Dich nicht zu verbergen. Gott Lob! ich beſitze ein Paar geſunde Augen und was ich ſehe, laſſe ich mir nicht abſtreiten. Du liebſt ihn und das ſchon ſeit langer Zeit.“ „Ich bitte Dich, ſprich nicht ſo laut. Wenn uns jemand hörte,“ flüſterte das Mädchen beſorgt. „Du brauchſt Dich Deiner Neigung nicht zu 179 ſchämen. Bormann iſt ein Ehrenmann, wie ich kei⸗ nen Zweiten kenne.“ „Das iſt wahr, und darum habe ich das vollſte Vertrauen zu ihm. Ich achte und ſchätze ihn hoch.“ „Und liebſt ihn auch ein Bißchen; denn von der Achtung zur Liebe iſt bei uns Frauen nur ein kleiner Schritt.“ „Wohin ſoll das aber führen? Ich glaube nicht, daß Bormann an mich denkt, und deßhalb bin ich entſchloſſen, ſelbſt wenn mein Herz eine Neigung für ihn hat, dieſelbe zu bekämpfen.“ „Das ſollſt Du hübſch bleiben laſſen; denn wenn mich nicht alles täuſcht, ſo liebt er Dich von ganzer Seele. Ich weiß ſogar, daß er die ernſteſten Abſichten hat und ſich vielleicht in kurzer Friſt um Deine Hand feierlich bewerben wird.“ „Du treibſt nur Deinen Spott mit mir. Ich bitte Dich, laß' mich jetzt nach Hauſe gehen; ich kann wirklich nicht hier bleiben.“. Dießmal machte Martha im vollen Ernſt Miene, ſich zu entfernen; vergebens bemühte ſich Roſalie, ſie feſtzuhalten; ſie riß ſich los und eilte nach der Thür in demſelben Augenblicke, wo Bormann dieſelbe öff⸗ nete und ihr gegenüber ſtand. „Sie wollen gehen?“ fragte er das beiroſſene 12 180 Mädchen.„und ich rechnete darauf, mit Ihnen ge⸗ rade heute zu ſprechen.“ „In der That,“ ſtammelte ſie verlegen,„ich muß nach Hauſe, wo man mich erwartet.“ „Bleiben Sie nur noch einen Augenblick,“ bat er dringend, indem er ihre Hand ergriff. Unwillkürlich folgte ſie ſeiner Aufforderung und ſie ſtand wie feſtgebannt. In ihrer Verwirrung be⸗ merkte ſie nicht, daß Roſalie mit einem flüchtigen Gruße verſchwunden war. Er hielt noch immer ihre Hand in der ſeinigen, ſie wollte ihm dieſelbe ent⸗ ziehen. „Laſſen Sie mir dieſe Hand,“ ſagte er nach⸗ drücklich,„für immer.“— „Für immer,“ wiederholte ſie, ohne recht zu wiſſen, was ſie ſprach. „Ich bin nur ein einfach ſchlichter Mann,“ fügte er hinzu,„und ich verſtehe nicht, viele Worte zu machen. Was ich Ihnen zu bieten vermag, iſt nur wenig und kann Ihnen nicht genügen. Ich weiß, daß ich Ihrer nicht würdig bin.“ „Sie thuen ſich ſelber Unrecht,“ flüſterte ſie kaum vernehmbar. 3 „Ihre Worte geben mir neuen Muth. Sie 181* zurnen mir nicht, theure Martha, und ich darf mich um Ihre Hand bewerben?“ Ein leiſes„Ja!“ entſchlüpfte ihren Lippen und das kleine Wörtchen verſetzte den ſonſt ſo beſonnenen Mann in die ſeligſte Stimmung; auch Martha war wie verwandelt; ihre bisherige Feſtigkeit hatte ſie verlaſſen und ſie fühlte ſich von einer unnennbaren Verwirrung ergriffen; ihre Schläfen pochten, ihr Auge füllte ſich mit Thränen, kaum vermochte ſie ſich mehr aufrecht zu erhalten. Es war dieß nur die Wirkung der plötzlichen Ueberraſchung; zugleich drängte ſich ihr die Wichtigkeit des eben durchlebten Augenblickes auf. Ein feierlicher Moment der tief⸗ ſten, innerſten Bewegung und Erſchütterung war an ſie herangetreten und zitterte in ihrer Seele nach. In jedem wahrhaft weiblichen Gemüthe miſcht ſich ſtets in den Freudentaumel dieſer ſeligen Stunde eine tiefere, religiöſe Empfindung, welche der irdi⸗ ſchen Neigung die himmliſche Weihe ertheilt. Selbſt der Schmerz und die Thränen ſind nicht ausge⸗ ſchloſſen. Die Hingabe an den Mann ihrer Wahl erfüllt das Herz der Jungfrau zugleich mit der höch⸗ ſten Wonne und der tiefſten Wehmuth; ſie bringt ſich ſelbſt und ihre ganze bisherige Welt, ihre Träume, Anſichten und Empfindungen zum Opfer dar. Sie 182 muß ſich verlieren, um ſich mit dem Geliebten wieder zu finden, ſich aufgeben, um in ihm von neuem zu erſtehen. Ein für ſie vollkommen unbekanntes Leben beginnt mit dieſem Augenblick, die Brücke, welche in das Land der glücklichen Jugendzeit, in das elter⸗ liche Haus ſie führte, iſt hinter ihr abgebrochen, Ge⸗ ſchwiſter, Freundinnen und Geſpielen rufen ihr ver⸗ gebens vom andern Ufer zu und ſtrecken ihre Arme nach ihr aus; ſie darf ihnen nicht mehr folgen, ſie gehört ſich ſelber nicht mehr an, der Fremde führt ſie mit ſich fort und ſie hat keine andere Stütze als ihn. Dem abgeſchnittenen Reiſe gleicht ſie jetzt, das, vom väterlichen Stamm getrennt, in einem anderen Boden Wurzeln ſchlagen ſoll. Der Schnitt ſchmerzt und aus der Wunde ſtrömt der junge Saft den Thränen gleich. Bormann faßte und ehrte dieſen Schmerz; er ließ Martha ruhig weinen, denn auch er war tief erſchüttert. Draußen lauſchte die neu⸗ gierige Schwägerin mit dem Bruder an der Thür, beide harrten voll Spannung und bemühten ſich ein oder das andere Wort zu hören, aber alles blieb ſtill und ſtumm. Das Schweigen wurde ihnen läſtig und Roſaliens weibliche Ungeduld bei ſolchen Gelegenheiten litt keinen längeren Aufſchub. „Ich glaube gar,“ ſagte ſie,„daß unſere V 183 blöden Schäfer aus Furcht vor einander geſtorben ſind. Wollen wir nicht einmal nachſehen?“ „Bleib!“ befahl Friedrich.„Du ſtörſt ſie nur am Ende durch Dein vorzeitiges Erſcheinen in ihrem gegenſeitigen Geſtändniß.“ „Bah! Sie haben Zeit genug gehabt, ſich drei⸗ mal ihre Liebe zu geſtehen, aber ich kenne unſeren Freund Bormann. Vor lauter Bedenklichkeit wird er noch nicht zu Wort gekommen ſein. Ich ſehe ſchon, daß ich interveniren muß.“ Ehe der Mann ſie zurückhalten konnte, war die kleine, entſchloſſene Frau in das Zimmer eingetreten, wo das Liebespaar eben in tiefſter Rührung ſich befand. Ein Blick der erfahrenen Roſalie belehrte ſie, daß ihre beabſichtigte Intervention nicht mehr nöthig war. Martha ſank inſtinktartig an die Bruſt des Weibes, das ihre Bewegung voollkommen ver⸗ ſtand und trotz der muthwilligen Heiterkeit ſich jetzt die ſtrömenden Thränen mit der Küchenſchürze aus den Augen wiſchte. Ein kräftiger Händedruck Bor⸗ mann's gab dem Freunde die Ueberzeugung des un⸗ ausſprechlichen Glücks. Nachdem aber der Ernſt verſchwunden war, der auch die höchſte menſchliche Freude als eine Mahnung der Vergänglichkeit zu begleiten pflegt, 184 bemächtigte ſich der kleinen Geſellſchaft ein unendli⸗ cher Jubel, an dem auch die ſchnell herbeigerufene Großmutter und ſelbſt der Säugling in der Wiege theilnehmen mußten. Das Kind ſchlug verwundert die großen Augen auf und lachte, weil es die Mutter lachen ſah.„So recht, mein Sohn!“ ſcherzte Ro⸗ ſalie.„Du freuſt Dich mit dem Glück, das wir alle Dir allein zu verdanken haben; denn ohne Dich kein Kindtaufen und ohne Kindtaufen keine Pathen, die ſich durch Dich kennenlernten und bei der Ge⸗ legenheit verliebt haben. Du biſt der wahre Ehe⸗ ſtifter und haſt redlich Deinen Kuppelpelz verdient.“— Achtes Kapitel. Wunderbar iſt das menſchliche Leben geartet und nicht mit Unrecht einem Schauſpiel zu verglei⸗ chen, worin das Schickſal die Rollen austheilt; der Eine lacht, weil der Andere weint, hier wird geju⸗ belt, dort verzweifelt und in demſelben Augenblicke, wo Dein Bruder untergeht, ſchüttet das launiſche Glück ſein Füllhorn über Dich und Deine Angehö⸗ rigen aus. Zu dieſer Stunde, wo Martha das Ge⸗ ſtändniß von den Lippen des Geliebten mit der 185⁵5 höchſten Wonne empfing, wo Friedrich mit der Schweſter und dem Freunde jubelte, erhielt der Ge⸗ heimrath eine Nachricht, welche ihn in die unange⸗ nehmſte Stimmung verſetzte. Ein Kommis des Herrn Hirſch war der Ueberbringer dieſer wahren Hiobs⸗ poſt geweſen. Schon ſeit einigen Wochen herrſchte an der Börſe eine Mißſtimmung, für die ſich eigent⸗ lich kein vernünftiger Grund auffinden ließ. Das Vertrauen zu den bisherigen Zuſtänden war nach und nach geſchwunden; verſchiedene, keineswegs be⸗ gründete Gerüchte tauchten auf und wurden, ſo un⸗ wahrſcheinlich ſie auch klangen, von dem großen Publikum geglaubt. Derartige plötzliche Verände⸗ rungen in der öffentlichen Meinung der Geſchäfts⸗ welt ſind ein ebenſowenig aufgeklärtes, ſeltſames Phänomen, wie der überraſchende Temperaturwech⸗ ſel, oder der Umſprung von einer Mode zu der andern. Sie haben wahrſcheinlich einen tieferen Grund und hängen zumtheil mit der Unbeſtändig⸗ keit der menſchlichen Natur zuſammen, welche ſich nach Wechſel auch im Glücke ſehnt; oder gründen ſich auf noch unbekannte Verhältniſſe der geheim⸗ nißvollen Macht, welche man Kredit nennt und die wie das Meer ſeine Flut und Ebbe zu haben ſcheint. Nicht das Geld, ſondern der Kredit, nicht das 186 materielle Kapital, ſondern eine geiſtigere Potenz be⸗ herrſcht die Welt: ſie iſt aber wie jede Idee zu ge⸗ wiſſen Zeiten bald mächtiger, bald ſchwächer, bald ſteigend und bald wieder vom Verfall bedroht, in fortwährender Bewegung, Veränderung und Entwick⸗ lung begriffen und dadurch ihr geiſtiges Weſen be⸗ thätigend. Die öffentliche Meinung hat ihre Stim⸗ mung, ihre Vorurtheile, ihren Glauben und auch ihren Aberglauben. Unerwartet taucht ein Gerücht empor und gewinnt eine faſt dämoniſche Gewalt über die Gemüther; wie ein Anſteckungsſtoff verbrei⸗ tet ſich dieſe oder jene Anſicht in der Menge; das Unſinnigſte wird geglaubt, Tiſchrücken und Geiſter⸗ klopfen als ausgemachte Thatſachen angeſehen, bis die alles ſichtende und die Wahrheit lehrende Zeit den Irrthum beſeitigt, um für neue Irrthümer Platz zu machen. Unter dem Einfluß dieſer noch unerklär⸗ ten Erſcheinung ſtand jetzt wieder einmal die Börſe und folgte der geheimnißvollen Gewalt, gegen die ſie vergebens anzukämpfen verſuchte. Das Kapital ſchien mit einemmale wie verſchwunden und zog ſich entweder ganz vom Markte zurück, oder nahm ſeine Strömung nach einer entgegengeſetzten Rich⸗ tung; der Kredit war erſchüttert und ſelbſt die werth⸗ vollſten Papiere hatten das Vertrauen zu ihnen ein⸗ — 187 gebüßt. Unter dieſer allgemein en Kataſtrophe litt auch der Geheimrath Reisland, obgleich der Verluſt, welcher ihn betraf, keineswegs ſo bedeurend war. Die ganze Summe belief ſich auf höchſtens fünfzehn⸗ hundert Thaler; aber es war das erſtemal, daß er überhaupt Geld einbüßte, und zwar zu einer Zeit, wo ohnehin ſeine Ausgaben ſich vermehrt hatten. Die unerwartete Nachricht verſetzte ihn daher in die peinlichſte Stimmung, umſomehr, da er das Kapital als eine Art unantaſtbaren Eigenthums ſeiner Frau betrachtete, und ob er auch im vollkommenſten Ein⸗ verſtändniſſe mit ihr gehandelt und ihre Bewilligung eingeholt hatte, ſo fürchtete er doch, ihr die Wahr⸗ heit zu geſtehen. Die ganze Nacht wälzte er ſich ſchlaflos auf dem Lager und überlegte, was zu thun ſei; bald wollte er ihr alles unumwunden ſagen, bald hielt er es wieder für beſſer zu ſchweigen, um ſie nicht zu betrüben, oder gar ihre Nervenzufälle, an denen ſie ſchon längere Zeit nicht mehr gelitten hatte, aufs neue hervorzurufen. Es gibt eine übel angebrachte Schonung, welche ſtets mehr Unheil au⸗ richtet, als die härteſte Wahrheit, eine Nachſicht, die weniger vielleicht aus Liebe, als aus dem gewöhn⸗ lichen Egoismus ſtammt, mit der die meiſten Men⸗ ſchen jeder unangenehmen Erörterung mehr in Rück⸗ 188 ſicht auf ſich ſelber, als auf ihre Umgebung aus dem Wege gehen. Man nennt dann Zartheit, was nur Schwäche iſt, und preiſt als Aufopferung den Man⸗ gel an Muth und die Furcht vor unangenehmen Auf⸗ tritten. Ein ſolches Verſchweigen, Bemänteln und Beſchönigen kommt ziemlich einer Lüge gleich und es läßt ſich hier wie dort nicht abſehen, welche miß⸗ lichen Verwicklungen daraus entſtehen können. Nicht der Arzt, der mit ſchonungsloſer Hand den geheimen Schaden aufdeckt, ſondern der Pfuſcher, der ihn ent⸗ weder verkennt, oder aus Rückſicht auf den Patienten verſchweigt, verdient, daß er jedes Vertrauen verliert. In einer ähnlichen Lage befand ſich der Geheimrath ſeiner Gattin gegenüber, indem er ihr ſeinen Verluſt zu verbergen ſuchte. Seine Unruhe konnte ihr zwar nicht entgehen und ſie fragte wiederholt nach dem Grunde derſelben; worauf er mit allerhand Ausflüch⸗ ten antwortete, von denen ſie ſich vollkommen beru⸗ higen ließ. So verging die Nacht in banger Sorge und düſterer Spannung für ihn; erſt gegen Morgen ſtellte ſich ein kurzer und unerquicklicher Schlaf ein, durch allerhand ſchwere und erſchreckende Träume unterbrochen. Er fühlte wohl, daß ihn ein unum⸗ wundenes Geſtändniß erleichtern würde, aber dazu war die Gelegenheit nicht günſtig, da Martha und 189 Eugenie das Frühſtück gemeinſchaftlich mit den El⸗ tern einnahmen. Als dieſelben ſich entfernt hatten, kam das Dienſtmädchen, um das Geſchirr hinwegzu⸗ räumen. So lange wollte er mit der fatalen Nach⸗ richt wenigſtens noch warten. Die Köchin war heute merkwürdig ungeſchickt, und während der Geheimrath ſich auf eine paſſende Anrede vorbereitete, warf ſie eine Taſſe herab, die ſogleich in hundert Scherben zer⸗ trümmert auf den Boden ſiel. Die Geheimräthin erſchrak und gerieth in einen Zuſtand der höchſten Aufregung; ſie ſchalt das weinende Mädchen über den Verluſt der Taſſe mit einer Heftigkeit, als han⸗ delte es ſich um die größte Koſtbarkeit der Welt. Der Vorfall ſchüchterte ihn wieder ein und er ließ den günſtigen Moment vorübergehen. Im Grunde genommen, war es ihm nicht ſo ganz unangenehm, daß er einen Vorwand gefunden hatte, um die un⸗ angenehme Geſchichte aufzuſchieben. Es wird ſich wohl noch im Laufe des Tages ein beſſerer Zeitpunkt ſinden, dachte er im Stillen, und eine ſchlechte Nachricht kommt immer zu früh. So ſchlich er fort, um ſich auf ſein Bureau zu begeben, wo er ſich in ſeine Arbeiten zu vertiefen ſuchte, aber der Verluſt und die bevorſtehenden Erörterungen mit ſeiner Gattin ließen ihm keine Ruhe und ſtörten ihn fortwährend. 190 Er hatte es mit einem weitläufigen Prozeß zu thun, der zu jeder andern Zeit ihm das größte Intereſſe abgewonnen hätte; heute widerte ihn alles und nur mechaniſch durchflog er das ihm läſtige Akltenſtück. Seine Gedanken ſchweiften weit ab, immer wieder ſah er ſeine Frau vor ſich ſtehen, unglücklich über den Verluſt einer gewöhnlichen Taſſe. Die verwünſchte Taſſe kam nicht aus ſeinem Sinn; er hätte viel darum geſchenkt, wenn ſie die Köchin nicht zerbro⸗ chen hätte. Das Geſicht der Geheimräthin bei dieſem unbedeutenden Unfall ließ eine noch weit ſchrecklichere Szene erwarten, wenn er ihr erſt die volle Wahrheit geſtanden haben würde. Von neuem wurde er ſchwankend, ob er es dahin kommen laſſen ſollte; er beſann ſich auf einen Ausweg, und einſtweilen hielt er es für gerathen, noch ein tiefes Stillſchweigen über ſein Mißgeſchick zu beobach⸗ ten. Vor allen Dingen mußte er doch den Bankier zuvor ſprechen und mit ihm Abrechnung halten; auf dem Heimweg ſuchte er ihn auf, aber er fand ihn nicht zu Hauſe, da Herr Hirſch an der Börſe beſchäf⸗ tigt war. Es war ihm faſt lieb, daß er ihn nicht getroffen hatte; das gab einen neuen Entſchuldigungs⸗ grund für ihn. Bei Tiſch zwang er ſich ſo heiterals möͤglich zu erſcheinen, da der Lieutenant mitſpeiſte; 191 er durfte ſich nicht verrathen, am wenigſten in Ge⸗ genwart ſeines künftigen Schwiegerſohnes. Einige Gläſer Wein verfehlten ihre gewöhnliche Wirkung nicht, und die erkünſtelte Stimmung wurde bald bei ihm eine natürliche; er ſah die Dinge in einem viel freundliche⸗ ren Lichte, ſein Verluſt kam ihm ſo unbedeutend, faſt lächerlich vor und er konnte gar nicht ſeine frü⸗ here Angſt begreifen. Seine gute Laune war wie⸗ der zurückgekehrt; er ſcherzte, als wenn gar nichts geſchehen wäre, und neckte die Geheimräthin mit der zerbrochenen Taſſe. „Du weißt,“ ſagte ſie zu ihrer Entſchuldigung, „daß mich eine Kleinigkeit, wie die Ungeſchicklichkeit eines Dienſtmädchens, im höchſten Grade aufregen kann, während ich einen weit größeren Verluſt mit Ruhe ertragen würde.“ Ihre Worte enthielten wirklich eine bedingte Wahrheit. Wie alle nervöſen Frauen beſaß die Ge⸗ heimräthin weit mehr Selbſtbeherrſchung und Kraft, wenn ihre Energie herausgefordert ward, als ihr zugetraut wurde, während ſie bei ganz gewöhnlichen Vorfällen ſich nur zu ſehr den heftigen Ausbrüchen ihrer Reizbarkeit zu überlaſſen pflegte. Reisland athmete bei dieſem Geſtändniſſe vollkommen auf; er fühlte ſich erleichtert, als wäre ihm eine Zentnerlaſt 192 von der Bruſt genommen. Unter dem anhaltenden Eindruck dieſer gehobenen Stimmung begab er ſich am andern Morgen auf das Comptoir des Herrn Hirſch. Zu ſeiner Verwunderung empfing ihn der⸗ ſelbe mit einem Gleichmuth, als wenn gar nichts ge⸗ ſchehen wäre, ja er ſcherzte ſogar über den erlittenen Verluſt in der heiterſten Weiſe, als Reisland den⸗ ſelben zur Sprache bringen wollte. „Bange machen gilt nicht,“ ſagte der Bankier, „heute mir, Morgen Dir; das iſt einmal der Lauf der Welt. Die fünfzehnhundert Thaler ſpielen doch bei Ihnen keine Rolle; Sie ſehen mir nicht aus, als ob Sie ſich dadurch abſchrecken laſſen.“ „Ich geſtehe Ihnen, daß mir der Vorfall in mehr als einer Beziehung fatal iſt.“ „Das glaub' ich Ihnen gern; kein Menſch ver⸗ liert gern ſein Geld und ich am allerwenigſten. Sie müſſen den Schaden wieder einbringen. Ich fühle 8 ordentlich verpflichtet, Ihnen einen Erſatz zu geben.“. „Wie kämen Sie dazu? Sie ſind mir nichts ſchuldig.“ „So eigentlich nicht, aber ich betrachte mich doch gleichſam als die moraliſche Urſache Ihrer Handlungsweiſe und deßhalb darf ich Sie nicht 193 ſtecken laſſen. Sie müſſen Ihre fünfzehnhundert Thaler zurückbekommen, und noch eine anſtändige Summe dazu.“ „Ich kann mir nur nicht denken, auf welche Weiſe das geſchehen ſoll?“ „Das laſſen Sie meine Sorge ſein. Hier, mein lieber Herr Geheimrath, beſitze ich einen Ta⸗ lisman, mit dem ſich Tauſende gewinnen laſſen.“ „Sie ſprechen in Räthſeln.“ „Da leſen Sie zu Hauſe den Proſpektus von dem neuen Unternehmen, das hier zuſtande ge⸗ kommen iſt. Die erſten und ſolideſten Häuſer ſtehen an der Spitze, und ich habe die Ehre eins davon zu ſein. Grafen und Fürſten ſitzen im Komit. Was ſagen Sie zu ſolchen Namen? Das zieht, das erweckt Vertrauen. Vorige Woche haben wir unſere Aktien ausgegeben, und heute ſtehen ſie auf zehn; ſie werden aber trotz der gegenwärtigen Kriſe noch ſteigen und ſie werden kommen auf dreißig, vierzig und mit Gottes Hilfe auch auf hundert Prozent. Die Leute reißen darum ſich und das Papier iſt gar nicht mehr zu bekommen.“ Der Geheimrath wußte, daß der Bankier nur die Wahrheit ſprach; denn während der Zeit, daß er hier ſaß, füllte ſich das Comptoir mit Leuten aus allen Der Geheimrath. 13 194 Ständen, welche ſich bei dem neuen Unternehmen zu betheiligen gedachten. Der Raum faßte nicht die Menge, welche bis auf dem Hausflur ſtand und gewaltſam andrängte. Männer und ſelbſt Frauen beſtürmten die Kommis, ihre Zeichnungen und das Geld dafür in Empfang zu nehmen. Auch bei dieſer Gelegenheit machte ſich jener dämoniſche Schwindel wieder bemerkbar, von dem zu Zeiten die Bevölke⸗ rung einer Stadt ergriffen wird. Damen in der feinſten Toilette, die jede plebeiſche Bexührung ſonſt verabſcheuten, machten ſich mit ausgeſtreckten Elbogen Platz und verſchwendeten ihre zärtlichſten Schmeiche⸗ leien an gewöhnliche Comptoirmenſchen, um einen OQuittungsbogen zu erhalten; Handwerker und kleine Krämer trugen ihre Erſparniſſe herbei und bettelten um Abnahme des ſchwer erworbenen Geldes; pen⸗ ſionirte Offiziere, Beamte, bemittelte Witwen ließen ſich drücken und ſtoßen, treten und inſultiren, um nur eine Aktie zu erlangen. Immer neue Schaaren ſtrömten herbei und nahmen den Platz der Abge⸗ tretenen ein, als gelte es ſeine Seligkeit zu gewinnen, oder nach ſtundenlangem Schmachten in der Wüſte den Durſt an einem friſchen Quell zu ſtillen. Der Bankier ſah auf dieß Treiben mit gleichgiltiger Miene und rauchte gemächlich ſeine Zigarre dazu, während 195 Reisland ſich der Anſteckung nicht zu entziehen ver⸗ mochte, welche in dieſer allgemeinen Krankheit der Gegenwart liegt. „Alle dieſe Leute,“ fragte er,„wollen Aktien von Ihnen, Herr Hirſch?“ „Allerdings!: So geht es ſchon die ganze Woche, wie Sie da ſehen, und der Kopf ſchwirrt mir. Außer⸗ dem bekomme ich mit der Poſt täglich hundert Briefe, und von was für Leuten! Ich ſage Ihnen, Sie würden ſich wundern, wenn ich Ihnen die Namen ſagen wollte. Der Eine beruft ſich auf ſeine alte Bekannt⸗ ſchaft, der Andere auf ſeine Verdienſte, auf vergan⸗ gene und zukünftige Leiſtungen. Erzellenzen laſſen ſich herab und behandeln mich als ihresgleichen; man ſchmeichelt mir, man ſagt mir die ſchönſten Artig⸗ keiten und macht mir die verſchiedenſten Anerbietun⸗ gen. Am tollſten ſind die Frauen, und wenn ich nicht ein ſo guter Ehemann wäre, ſo dürfte meine Roſa wirklich nicht ohne Grund eiferſüchtig werden. Warum? Weil die ganze Welt lieber dreißig Prozent wie fünfe nimmt, und ich einer von den Direktoren bin. Natürlich können nicht Alle Aktien bekommen; wer fünfzigtauſend zeichnet, muß ſich mit fünf begnügen. Aber für meine Freunde habe ich geſorgt, und wenn Sie befehlen, Herr Geheimrath, ſo liegen dreißigtauſend für Sie 13 196 da. In acht Tagen haben Sie die verlorenen fünf⸗ zehnhundert Thaler eingebracht, und außerdem noch einen anſtändigen Proſit ohne jede Gefahr.“ Die Sache klang ſo einleuchtend, das Beiſpiel war ſo verführeriſch, und der Proſpektus, in dem er geblättert hatte, war ſo klar und überzeugend, die unterſchriebenen Namen der Direktoren hatten einen ſolch guten Klang, daß Reisland trotz der eben ge⸗ machten Erfahrung nicht abgeneigt ſchien, dem Rathe des Herrn Hirſch zu folgen. Trotzdem konnte er ſich nicht ſo ſchnell entſchließen; er zögerte, von manchem natürlichen Bedenken beſtürmt, das Anerbieten des Bankiers anzunehmen. „Greifen Sie zu,“ ſagte dieſer,„Morgen dürfte es ſchon zu ſpät ſein. Sie ſehen ſelber, wie ſtark die Nachfrage iſt, und der kleine Reſt von fünfmal hunderttauſend Thalern, über den ich noch zu disponiren habe, iſt ſchnell vergriffen. Zum Bedenken haben Sie keine Zeit. Ich meine es gut mit Ihnen, und möchte Ihnen gern Revange geben, aber zureden will ich Ihnen nicht mehr. Gott behüte! Sie können gar glauben, daß ich ein Intereſſe habe. Doch Sie werden ſich ſelber überzeugt haben, daß das nicht der Fall iſt, denn das Papier iſt ſogut wie bares 197 Geld. Die Leute reißen es mir aus der Hand, und wenn Sie es nicht ſind, iſt es ein Anderer.“ Solcher Worte bedurfte es kaum mehr, um den Geheimrath zu beſtimmen. Der Vortheil lag ſo klar auf der Hand, die Gelegenheit war ſo gün⸗ ſtig, der Gewinnſt vollkommen geſichert. Zugleich erhielt er den gewünſchten Aufſchub und brauchte erſt nicht mit ſeiner Frau über die fünfzehnhundert Thaler zu reden, die gar nicht mehr in Betracht kamen, da er die Summe durch das neue Unter⸗ nehmen bereits wieder ſogut wie in der Taſche hatte. Dieſer Umſtand gab den Ausſchlag, und Reis⸗ land betheiligte ſich mit dreißigtauſend Thalern an dem Geſchäft. Erſt, als er wieder auf der Straße ſich befand und der eigenthümlichen Atmoſphäre des Comptoirs entrückt war, überfiel ihn eine natürliche Aengſtlichkeit. Gern wäre er zurückgekehrt, um den Handel rückgängig zu machen, doch es war zu ſpät und er ſchämte ſich auch vor Herrn Hirſch, ſo ſchwan⸗ kend und unentſchloſſen zu erſcheinen.— In ſeiner Wohnung fand er ein Schreiben vor, das ſeine Auf⸗ merkſamkeit im höchſten Grade in Anſpruch nahm, und ſeinen Gedanken eine andere Richtung gab. Der Brief kam von Bormann und enthielt in aller Form einen förmlichen Heiratsantrag für Martha. 198 Reisland war wie aus den Wolken gefallen und eilte zu der Geheimräthin, um ihr den Inhalt ſogleich mitzutheilen; auch ſie war nicht wenig von dieſem unerwarteten Antrage überraſcht. Beide hielten eine kurze Berathung und beſchloſſen fürs erſte, die Tochter ſelber zu befragen. Aus dem Briefe hatte der Geheimrath erſehen, welche bürgerliche Stellung Bormann eigentlich ein⸗ nahm, indem dieſer es für ſeine erſte Pflicht hielt, unumwunden und offen ſowohl den Stand ſeines Vermögens, wie ſeine übrigen Verhältniſſe den Eltern der Geliebten darzulegen. Dieſer Umſtand war jedoch keineswegs geeignet, Reisland und ſeine Frau bei ihren bekannten Vorurtheilen günſtig zu ſtimmen, abgeſehen davon, daß ſie die Bewerbungen des Aſſeſſors Lieber um die Hand ihrer älteſten Tochter in der letzteren Zeit begünſtigten. Im Grunde genommen blieb Bormann in ihren Augen trotz ſei⸗ ner günſtigen Verhältniſſe immer nur ein Hand⸗ werker, und der bloße Gedanke an eine derartige Mesalliance war ſchon im Stande, beide mit dem größten Widerwillen zu erfüllen. „Eine ſolche Partie dürfen wir niemals zuge⸗ ben,“ ſagte die Geheimräthin entrüſtet.„Kraft Dei⸗ ner väterlichen Autorität mußt Du ihr verbieten, 199 nur daran zu denken. Es bleibt mir nur vollkom⸗ men unbegreiflich, wo das Mädchen zu ſolch gemei⸗ ner Bekanntſchaft gekommen iſt.“ „Du fragſt noch? Bei ihrem ſauberen Bruder, den ſie trotz unſeres Verbotes noch immer heimlich beſucht hat. Das kommt davon, wenn man den Kindern zu viel Selbſtſtändigkeit einräumt. Bei Fried⸗ rich hat ſie den ‚Poſamentier’ geſehen und ihm ihr Jawort gegeben. Das geht aus dem Schreiben dieſes Bormann hervor. Martha iſt immer eine überſpannte Phantaſtin geweſen; daß ſie ſich aber ſo weit vergeſſen könnte, hätte ich ihr niemals zu⸗ getraut“ „Wir müſſen der fatalen Geſchichte ein⸗ und für allemal ein Ende machen. Ich bitte Dich, Reis⸗ land, bleib nur dießmal feſt und laß Dich nicht durch Bitten und Thränen erweichen.“ „Darüber kannſt Du ganz ruhig ſein: Ich habe eine Warnung erhalten. Hätte ich Friedrich von Anfang an ſtrenger behandelt, ſo wäre es nicht ſo weit gekommen. Ich habe an der Schwiegertochter und ihrer Sippſchaft genug und danke für einen ähnlichen Schwiegerſohn.“ Das Geſpräch der Eltern wurde jetzt durch Martha's Eintritt unterbrochen. Sie ahnte, oder 200 wußte vielmehr, um was es ſich handelte, da Bor⸗ mann ſie von ſeinem Vorhaben unterrichtet und mit ihrer Einwilligung den Schritt gethan hatte. Die Mienen der Eltern verkündigten nichts Gutes. Die Geheimräthin wandte ſich ab und Reisland bemühte ſich, ſeinem Geſichte einen ſtrengen Ausdruck zu geben, was ihm nicht ganz gelingen wollte. In ſeinen Händen hielt er das eben von Bormann empfan⸗ gene Schreiben. „Ich habe da,“ ſagte er die Stirn runzelnd, weinen wunderlichen Brief empfangen, über den Du mir vielleicht die nöthige Aufklärung geben kannſt. Vor allen Dingen muß ich Dich fragen, ob Du einen ‚Poſamentiere Bormann kennſt?“ „Ich kenne Herrn Bormann,“ antwortete Martha mit feſter Stimme. 4 „So! Und wo haſt Du die Bekanntſchaft dieſes Herrn Bormann gemacht?“ „In dem Hauſe meines Bruders“— „Und hinter dem Rücken Deiner Eltern,“ fügte die Geheimräthin hinzu.„Trotzdem wir es Dir aus⸗ drücklich unterſagt haben. Ein ſchöner Gehorſam!“ „Davon ſpäter,“ unterbrach Reisland die Rede ſeiner Gattin.„Vorläufig handelt es ſich um wich⸗ tigere Dinge. Dieſer Herr Bormann hat ſich 201 unterfangen, um Deine Hand bei mir anzuhalten. Ge⸗ ſchah das mit Deinem Wiſſen?“ „Ja!“ erwiederte die Tochter, ohne die Augen vor den entrüſteten Blicken ihrer Umgebung nie⸗ derzuſchlagen.„Ich habe Herrn Bormann achten und ſchätzen gelernt und bin von ſeinem Schritt vollkommen unterrichtet.“ „Und das wagſt Du mir und Deiner leiden⸗ den Mutter ins Geſicht zu ſagen? Du ſollteſt Dich ſchämen, ein Verhältniß mit einem ſolchen Mann angeknüpft zu haben.“ „Sie kennen Herrn Bormann nicht, ſonſt wür⸗ den Sie anders über ihn urtheilen; er beſitzt eine ebenſo gediegene Bildung, wie er einer der tüchtig⸗ ſten Charaktere iſt. Wenn Sie mir nicht glauben und meinem Urtheile nicht trauen wollen, ſo ziehen Sie über ihn Erkundigungen ein. Ich bin überzeugt, daß Sie dann Ihre Meinung über ihn ändern werden.“ „Sweig rief der Vater ihr zornig zu.„Ich will nichts mehr wiſſen. Noch heute werde ich dem „Poſamentier’ ſchreiben und ihn für immer abweiſen.“ „Vater!“ flehte Martha mit inniger Stimme. „Prüfen Sie zuvor, ehe Sie einen ſolchen Entſchluß faſſen. Es handelt ſich um mein Lebensglück und 202 ich habe Herrn Bormann bereits mein Wort ge⸗ geben.“ Das war zu viel für die ſchwachen Nerven der Geheimräthin; ſie ſank mit geſchloſſenen Augen in ihr Sopha zurück und verfiel in ihr gewohntes, krampfhaftes Schluchzen. Reisland ſprang herbei, um ihr beizuſtehen, dann wandte er ſich an das ſchmerzerfüllte Mädchen. „Sieh her!“ rief er mit pathetiſcher Stimme. „Das iſt Dein Werk— wenn Du nicht Deine Mutter tödten willſt, ſo verſprich mir, dieſes unſe⸗ lige Verhältniß aufzugeben.“ Martha antwortete nicht im bitteren Kampfe ihrer Liebe mit der kindlichen Pflicht; ihr Stillſchwei⸗ gen aber galt dem Geheimrath als eine Einwilli⸗ gung. Er entließ ſie, nachdem die Patientin ſich wieder erholt hatte, in ruhigerer Stimmung, und begleitet von ſeinen väterlichen Ermahnungen begab ſie ſich auf ihr Zimmer, um ihren unterdrückten Thränen freien Lauf zu laſſen. Die Eltern blieben noch zurück und beſprachen die ferneren nöthigen Schritte, um ein ſolch drohendes Mißgeſchick von der Familie abzuwenden. Beide glaubten nicht nur im Recht zu ſein, ſondern wahrhaft für das Glück der Tochter durch ihr Benehmen in dieſer Angele⸗ I V 203 genheit geſorgt zu haben. Dabei geſchah es, daß es ihnen wie den meiſten Eltern ging, welche bei allen minder wichtigen Ereigniſſen liebevoll und zärtlich den Geſchmack und die Neigung ihrer Kinder ſorg⸗ fältig berückſichtigen; nur nicht in dem wichtigſten Augenblicke, der über ihr ganzes Leben entſcheidet. Reisland kam nach kurzer Berathung mit ſeiner Frau überein, Bormann’s Brief in einer Art und Weiſe zu beantworten, die ihm jede fernere Hoff⸗ nung benehmen mußte. Unter der kalten Höflichkeit dieſer Antwort verbarg ſich die beleidigendſte Ver⸗ wunderung über die Keckheit und Selbſtüberhebung, mit der es ein Mann dieſes Standes gewagt habe, an eine hochgeſtellte Familie derartige Zumuthungen zu erheben. Alles war darauf berechnet, den gegen⸗ ſeitigen Abſtand in das grellſte Licht zu ſtellen, um Bormann zu demüthigen und für immer abzuſchrek⸗ ken. Als dieſer das Schreiben geleſen hatte, ver⸗ ſank er in die tiefſte Schwermuth; zugleich regte ſich ſein Stolz und erfüllte ihn mit gerechtfertigtem Zorne gegen den Geheimrath und ſein Haus. Nur Martha's Bild erhielt ſich ungetrübt in ſeiner Seele und die Gewißheit ihrer Liebe gab ihm Kraft zum Dulden. —— 204 Neuntes Kapitel. Ein längerer Zeitraum war ſeit jener Begeben⸗ heit vergangen; im Hauſe des Geheimraths ſchien alles zur gewohnten Ordnung zurückgekehrt zu ſein; auch Martha erfüllte wieder wie immer ihre Pflicht und keine Bewegung verrieth den geheimen Kum⸗ mer, der an ihrer Seele nagte. Sie hatte entſchie⸗ den jede Begegnung mit Bormann im Hauſe ihres Bruders abgelehnt, indem ſie dem Geliebten und ſich durch jede heimliche Zuſammenkunft an Achtung zu vergeben glaubte, ebenſo entſchieden aber auch die Bewerbungen des Aſſeſſors Lieber zurückgewieſen. Ihr klarer Sinn und ihr beſonnener Geiſt ſchrieb ihr den einzig richtigen Weg vor, den ſie von nun an zu wandeln hatte. Die Eltern ließen ihr hierin wenigſtens den freien Willen, indem ſie der Zeit und dem mächtigen Einfluſſe der Gewohnheit die Erfüllung ihres Lieblingswunſches überließen, hin⸗ länglich zufrieden, vorläufig der ihnen drohenden Verbindung entgegen zu ſein. Eugeniens nahe be⸗ vorſtehende Hochzeit nahm außerdem ihre ganze Sorge und Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Dazu kam noch der koſtſpielige Bau der Villa, der eine kaum geahnte Ausdehnung gewann und weit mehr Zeit 205 und Geld erforderte, als urſprünglich gerechnet war. Der frühere Beſitzer mußte auch noch befriedigt wer⸗ den, da er erſt eine Abſchlagszahlung erhalten hatte und eine plötzlich gekündigte Hypothek von mehreren tauſend Thalern, welche auf dem Grundſtück laſtete, führte neue und ganz unerwartete Verwicklungen für Reisland herbei, die er wie immer ſeiner Frau ſorgfältig zu verbergen ſuchte. Es war mit ihm eine auffallende Veränderung in der letzten Zeit ein⸗ getreten; er ſchien gealtert, ſein Haar war vor der Zeit grau geworden und in ſeinem ganzen Weſen that ſich unverkennbar ein hoher Grad von Reizbar⸗ keit kund. Oft war er zerſtreut, oder er fuhr heftig wegen einer Kleinigkeit auf; dann zwang er ſich wieder heiter zu ſcheinen und übertrieb in dieſer ge⸗ machten Luſtigkeit. Seine Stimmung war einem ſteten Wechſel unterworfen und ſchwankte zwiſchen einem Extrem und dem anderen ohne ſichtbaren Grund. Wenn er Früh Morgens die Zeitungen las, war dieſe Erſcheinung am auffallendſten, und er konnte dann mit einemmale in den tiefſten Trübſinn ver⸗ fallen. Fühlte er ſich beobachtet, ſo ſuchte er durch ein falſches Lächeln, oder irgendeine gleichgiltige Aeußerung ſeine Umgebung zu täuſchen und ihren Verdacht abzulenken. Die Geheimräthin ließ ſich 206 leicht beſchwichtigen und der Vorwand eines körper⸗ lichen Unwohlſeins genügte ihr vollkommen. Sie hatte deßhalb auch Rückſprache mit ihrem Hausarzte genommen, welcher den Patienten unterſuchte, die Schuld auf den Mangel an Bewegung ſchob und den Gebrauch eines leichten Mineralbrunnens ver⸗ ordnete. Minder ſchnell konnte ſich Martha beruhigen; ein unbeſtimmtes Gefühl drohenden Mißgeſchicks ſtieg von Zeit zu Zeit in ihrer ahnungsvollen Seele auf. Sie bemerkte, daß der Vater ab und zu Briefe und ſchriftliche Nachrichten empfing, die er vor Allen zu verbergen und zu vernichten ſuchte. Beim Aufräumen ſeines Arbeitszimmers, das ſie beſorgte, hatte ſie einen halbzerriſſenen Brief gefunden, auf den ſie einen flüchtigen Blick warf, um ſich zu über⸗ zeugen, ob das Papier noch des Aufhebens werth ſei. Der dunkle Inhalt hatte ſie in Unruhe verſetzt; er enthielt eine ihr nicht vollkommen verſtändliche Aufforderung, gewiſſen Verpflichtungen nachzukommen. Zuweilen erſchienen jetzt verdächtig ausſehende Män⸗ ner, welche dringend und geheimnißvoll den Geheim⸗ rath zu ſprechen wünſchten, und nicht immer beobach⸗ teten dieſe Gäſte den Anſtand und Reſpekt, den ihr Vater vermöge ſeiner Stellung zu fordern hatte. Das Alles deutete auf eigenthümliche und keineswegs be⸗ 207 ruhigende Zuſtände hin, obgleich kein wirklich erſchrek⸗ kendes Zeichen oder Ereigniß zum Vorſchein kam. Im Hauſe ſelbſt herrſchte noch immer der frühere Grad von Wohlhabenheit und behaglicher Exiſtenz, keine Einſchränkung machte ſich bemerkbar, im Ge⸗ gentheil waren die Geſellſchaften, welche Reisland gab, nie glänzender, ſeine Diners und Soupers nie verſchwenderiſcher geweſen. Er verſagte ſeinen Kin⸗ dern und am wenigſten der Frau nicht den geringſten Wunſch und trotz der vermehrten Ausgaben ſchien alles im gewohnten Ueberfluß zu ſchwimmen. Martha wußte nicht dieſe oft ſich widerſprechenden Umſtände mit einander zu vereinen, und zuletzt glaubte auch ſie in ihrer Beſorgniß zu weit gegangen zu ſein und ſich geirrt zu haben.— Gerade in der ſogenann⸗ ten beſſeren Geſellſchaft gibt es Verhältniſſe, welche an gewiſſe Sumpfgegenden mahnen. Die Oberfläche ſcheint in üppigſter Fülle und mit dem Reichthum der kräftigſten Vegetation geſchmückt, während in der Tiefe die unheimlichen, ſchmutzigen Geiſter brudeln und nagen, jeden Augenblick bereit, hervorzubrechen und das täuſchende Leben zu vernichten. So gibt es Häuſer und Familien, in deren Schooße die Welt das Glück und den Frieden vermuthet, die aber be⸗ reits innerlich vollkommen zerfallen und dem Untergange 208 geweiht ſind. Das ſchärfſte Auge vermag nicht dieſe tief liegende Fäulniß zu entdecken, denn keine äußere Spur verräth den drohenden Verfall. Wochen, Monate und oft Jahre lang dauert der ungeſehene Kampf, dieß Ringen mit dem hereinbrechenden Elend. Fort⸗ während werden im Stillen die Abgründe ausgefüllt, welche ſich immer von neuem aufthun, die klaffen⸗ den Wunden verſteckt, die geheimen Schäden verbor⸗ gen, bis endlich die Kraft erlahmt oder ein plötz⸗ liches Ereigniß den langjährigen Ruin zur Ueberra⸗ ſchung der Welt aufdeckt und den bald ſchadenfrohen, bald mitleidigen Blicken der Menge preisgibt. Aber ehe es ſo weit kommt, ehe die zuletzt ſaſt erwünſchte Kriſis eintritt, leiden die Betheiligten die Qualen der Hölle. Dieſes Ringen eines Ertrinkenden, dieſes Anklammern an einen Strohhalm, dieſes unausge⸗ ſetzte Schwanken zwiſchen Hoffnung und Verzweif⸗ lung läßt ſich mit keinem Schmerz der ausgeſuchte⸗ ſten Tortur vergleichen. Man muß lächeln den Tod im Herzen; ſcherzen, während man vor Jammer laut aufſchreien möchte, und das Alles, weil man ſich nicht verrathen darf, und den Schein bewahren will. Das ganze Leben wird zu einer großen Lüge und läuft lediglich auf Heuchelei und Täuſchung hinaus, die ſich ſelbſt auf die nächſten Angehörigen erſtrecken muß. 209 Der offenkundige Bettler darf wenigſtens vor den Seinigen und innerhalb der Familie ſich über ſein Schickſal beklagen und ſein Unglück durch Thränen erleichtern. Die Theilnahme eines treuen Weibes, die Liebe der Kinder lindern das Elend und helfen es ertragen; aber dieſe Märtyrer des Scheins, die ruinirten Glieder der ſogenannten guten Geſellſchaft müſſen auch auf dieſen Troſt verzichten; ſie ſtehen allein, verlaſſen von der ganzen Welt; ſie haben kei⸗ nen Freund, dem ſie ſich entdecken, keine Familie, mit der ſie weinen können. In ſolcher furchtbaren Ein⸗ ſamkeit tritt dann der Verſucher an ſie heran und findet ſie wehrlos; nur wenig Charaktere vermögen ihm zu widerſtehen, denn der ununterbrochene Kampf hat ihre moraliſche Kraft gebrochen, ihre Grundſätze gelockert. Der Augenblick findet ſie ſchwach; ſie un⸗ terliegen und das Elend läßt ſie zum Verbrechen greifen. Das Alles hatte der Geheimrath in kurzer Zeit an ſich ſelber erfahren, von Stufe zu Stufe war er von ſeiner früheren Stellung herabgeſunken; Verluſte auf Verluſte hatten ihn getroffen und wie laſtende Ge⸗ wichte ihn immer tiefer herabgezogen. Aus Liebe für ſeine kränkelnde Gattin hatte er ihr den erſten Unfall verſchwiegen, den er durch neues Wagen zu erſetzen ſuchte; auch dieſer Verſuch war ihm mißlun⸗ Der Geheimrath. 14 210 gen, ebenſo all die folgenden, zu denen er Schritt für Schritt ſich verleiten ließ. Das Geſchick des Menſchen hängt oft von unſcheinbaren Kleinigkeiten ab, man fällt nicht über Felſen, ſondern über den kleinen Stein, der unbeachtet am Wege liegt. Nur der erſte unbedeutende Schritt liegt in unſerer Gewalt, jeder folgende gibt uns in die Hand des lauernden Schickſals und wird zur zwingenden Nothwendigkeit. Eine kleine und entſchuldbare Verheimlichung, eine Lüge, welche aus liebevoller Schwäche entſprang, verwickelte Reisland in ein Syſtem von täglich ge⸗ ſteigerten Widerwärtigkeiten, unterhöhlte den Boden ſeiner Exiſtenz ſo lange, bis dieſer endlich unter ihm zuſammenbrach. Er glich dem verzweifelten Spieler, der den erſten Verluſt durch immer erhöhten Einſatz zurückzugewinnen trachtet, dem dämoniſchen Triebe folgend zuletzt alles, ſein Glück, ſein Vermögen, ſeine Ehre einſetzt und— verliert. Wohl ſah er das Un⸗ heil mit offenen Augen kommen, aber auf der ein⸗ mal betretenen Bahn konnte er nicht mehr zurück. Das neue Unternehmen, in welches er ſich auf den Rath des Herrn Hirſch eingelaſſen hatte, war ge⸗ ſcheitert, die Aktien ſanken, und ein Verluſt von mehreren tauſend Thalern war die Folge. Um jeden Preis mußte er die beträchtliche Summe erſetzt 211 haben und er ſuchte den Schaden durch andere, wo⸗ möglich noch gewagtere Spekulationen einzubringen. Auch dieſe mißglückten wie die früheren und führten noch tiefere und unangenehmere Verwicklungen her⸗ bei, welche er unter keiner Bedingung der ahnungs⸗ loſen Gattin geſtehen konnte. Der Bau und die übri⸗ gen Ausgaben für den Ankauf der Villa forderten ebenfalls große Summen, der Reſt des Vermögens ging darauf und ſelbſt eine nicht unbeträchtliche Schul⸗ denlaſt kam noch hinzu. Er ſah ſich genöthigt Wech⸗ ſel auszuſtellen, obgleich er nicht wußte, wie er das Geld herbeiſchaffen ſollte. Noch genoß er vermöge ſeiner Stellung einigen Kredit, aber auch dieſer be⸗ gann zu ſchwinden; die Gläubiger drängten mit Un⸗ geſtüm und drohten mit Klagen. Nur durch große Opfer vermochte er ihr Stillſchweigen für kurze Zeit zu erkaufen und Aufſchub zu erlangen; oft ſah er ſich genöthigt, um eine Verlängerungsfriſt der fäl⸗ ligen Wechſel zu ermöglichen, zehnfache Intereſſen zu bezahlen. Dazu mußte er ſeine Verlegenheit und den Kummer ſorgfältig vor aller Welt verbergen, eine Heiterkeit im Hauſe und der Geſellſchaft heucheln, die er nicht empfand, in ewiger Angſt vor einer un⸗ erwarteten Entdeckung ſchweben und doch ſeine Furcht wie ſeine Verzweiflung tief in ſich verſchließen. Oft 1 212 glaubte er unter der ſchweren Laſt zuſammenzubre⸗ chen, aber immer wieder raffte er ſich zu neuer An⸗ ſtrengung empor und kämpfte muthig wenn auch faſt verzweifelnd gegen ſein Geſchick. Wahrſcheinlich hätte er dieſen Zuſtand nicht ſo lange ertragen, wenn er nicht noch durch die Ausſicht auf irgendeine plötz⸗ liche Wendung in dem Stande ſeiner Angelegenhei⸗ ten aufrecht erhalten worden wäre. Bald rechnete er auf einen beſonderen Glücksfall, auf ein Steigen an der Börſe, ſelbſt auf einen Gewinnſt in der Lotterie, bald auf den Beiſtand einiger Freunde, die er zu beſitzen glaubte. Zuweilen war er entſchloſſen, mit dieſen Rückſprache zu nehmen, im entſcheidenden Augenblicke aber fehlte ihm der Muth und eine falſche Scham hielt ihn zurück. Sein Stolz empörte ſich bei dem Gedanken, vor ihren Augen als ein Bettler und leichtſinniger Spekulant zu ſcheinen, nachdem er bisher einen ſo hohen Rang in ihrer Meinung ein⸗ genommen hatte. Auch war er keineswegs ſo voll⸗ kommen von ihrer Bereitwilligkeit überzeugt; bei ge⸗ nauerer Prüfung hielten ſie nicht Stich und die Meiſten ſchienen ihm weit eher geeignet, an ſeiner Tafel als an ſeinem Mißgeſchicke theilzunehmen. Er kannte ſich ſelbſt und die Welt zu genau, um ihre Hilfe mit Beſtimmtheit zu erwarten, aber er 213 ſuchte ſich darüber noch zu täuſchen, um nicht jede Hoffnung aufzugeben. Im Moment der äußerſten Noth erwartete er doch von dieſer Seite Rath und Unterſtützung; darum ſcheute er ſich, vorläufig einen Verſuch zu machen, der ihm vielleicht auch dieſe letzte Ausſicht benommen häͤtte. So verging ihm Tag auf Tag in namenloſer Pein, umſo trauriger, da er keinem Menſchen ſich anzuvertrauen wagte und der Schein, den er behaupten mußte, ihm neue und im⸗ mer ſchwerere Opfer auferlegte. In einer ſolch ſteten Verwirrung der äußeren Verhältniſſe vermag ſich nur ſelten ſelbſt der ſtärkſte Charakter ohne An⸗ fechtung zu erhalten; die moraliſchen Begriffe müſſen nothwendigerweiſe darunter leiden und die Noth des Augenblicks drängt oft zu verzweifelten Hilfs⸗ mitteln. Nur wenig Menſchen beſitzen den Grad von Energie, um die ſtrengen Grundſätze von Recht und Unrecht, ſowie den Begriff der Ehre unter allen Umſtänden zu bewahren; darum beten wir auch täg⸗ lich:„Herr! führe uns nicht in Verſuchung!“ Es gibt ſolche unbewachte Stunden und Minuten, wo auch der Beſte unterliegt, verſchweige ein Mann, der im ſteten Kampfe mit den feindſeligen Gewalten und den gemeinen Bedürfniſſen des Lebens einen großen Theil ſeiner Kraft bereits eingebüßt hat. Um ein baufälliges Haus umzuſtürzen, bedarf es keines Erd⸗ bebens und der faulende Baum wird auch ohne Axt zuſammenbrechen.. In einem ſolch entſcheidenden Momente trat Herr Hirſch in das Zimmer des Geheimraths, um eine nicht unbedeutende Forderung geltend zu machen. Dem aufmerkſamen Beobachter konnte es nicht ent⸗ gehen, daß der Bankier mit ſeinem früheren Gön⸗ ner und Klienten jetzt in einem minder achtungsvol⸗ len Tone ſprach, und ſich allerlei kleine Vertraulichkeiten herausnahm, welche dieſer ſchon ſeit längerer Zeit ruhig ertragen mußte. „Nun, mein lieber Herr Geheimrath!“ ſagte er. „Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um unſere An⸗ gelegenheiten endlich einmal in Ordnung zu bringen. Da Sie nicht gekommen ſind, ſo habe ich mir die Freiheit genommen und Sie aufgeſucht. Sie wiſſen, daß ich noch einen kleinen Poſten bei Ihnen zu gut habe; aber Ihr Gedächtniß ſcheint in neueſter Zeit ſehr gelitten zu haben.“ „Ich rechnete auf Ihre freundſchaftliche Nach⸗ ſicht, umſomehr, da Sie meine Verhältniſſe ge⸗ nauer kennen. Sie ſind der einzige Menſch, dem ich meine Lage anvertraut habe.“ „Aeußerſt ſchmeichelhaft, aber Handelſchaft iſt 215 keine Freundſchaft und ſchöne Worte keine Bezahlung. Mein Freund Hanſemann hat ſehr richtig geſagt, in Geldſachen hört die Gemüthlichkeit auf. Ein aus⸗ gezeichneter Witz, nicht wahr?“ Der zum Scherzen aufgelegte Herr Hirſch ver⸗ zog den Mund zu einem plumpen Lachen, während Reisland traurig vor ſich niederſchaute und dem unbarm⸗ herzigen Gläubiger kaum in das gemein pfiffige Ge⸗ ſicht zu blicken wagte. „Sie müſſen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„mit mir Geduld haben. Ich darf dieß gerade von Ihnen fordern, da ich leider durch Ihren Rath ſo weit ge⸗ kommen bin.“ „Durch meinen Rath?“ brauſte der Bankier auf.„Sagen Sie lieber durch Ihre Thorheit. Wer hat Sie denn geheißen, über Ihre Kräfte zu ſpekuli⸗ ren? Das hat man von ſeiner Freundſchaft, noch Vor⸗ würfe und außerdem das Vergnügen, ſein Geld zu verlieren. Sie wären längſt ſchon bankerott, wenn ich nicht für die letzten Differenzen gut geſagt hätte. Ihre Gläubiger halten ſich an mich und verlangen jetzt das Geld von mir. Glauben Sie, daß ich ru⸗ hig zuſehen werde, wenn ich ein Paar tauſend Tha⸗ ler für Sie zahlen muß? Entweder geben Sie mir 216 die nöthige Deckung, oder ich ſchreie laut und werde klagbar.“ „Herr Hirſch! Ich kann es nicht glauben, daß Sie mich ruiniren wollen. Ich würde mich genöthigt ſehen, meinen Abſchied zu nehmen.“ „Das weiß ich, und eben darum will ich klagen, wenn ich nicht mein Geld bekomme.“ „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſtöhnte der Geheim⸗ rath.„Ich werde Sie bezahlen, noch heute, aber ver⸗ ſchonen Sie mich mit Ihrer ferneren Gegenwart. Gehen Sie, verlaſſen Sie mich.“ Noch einmal raffte ſich Reisland zu einer un⸗ gewohnten Energie empor, und deutete ſo gebieteriſch auf die Thür, daß der Bankier es für gerathen fand, ſich mit wüthenden Blicken zu entfernen. Nach die⸗ ſem plötzlichen Aufflackern der Willenskraft verſank der Geheimrath in ein dumpfes Brüten. Er hatte ſeinen Gläubiger dermaßen beleidigt, daß dieſer ſich nicht mehr verbunden halten konnte, die geringſte Schonung oder Rückſicht noch auf ihn zu nehmen, und doch vermochte Reisland die ſchuldige Summe nicht zu bezahlen. Es war ihm nur darum zu thun geweſen, den lang verhaltenen Groll gegen Hirſch, den er als die alleinige Urſache aller ſeiner Leiden anſah, zu befriedigen. Damit war aber ſeine That⸗ 217 kraft erſchöpft und umſomehr überließ er ſich ſei⸗ ner Verzweiflung. Ein leiſes Klopfen an der Thür ſchreckte ihn aus dieſer traurigen Selbſtpeinigung auf. Es war bereits ſo weit gekommen, daß er in jedem Beſuch nur einen neuen Gläubiger fürchtete. Auf ſein zaghaftes„Herein lu öffnete ſich nur halb die Thür und die behagliche Figur des Viktualienhänd⸗ lers Siefke ſtand vor ihm. Verlegen drehte der Mann ſeine Mütze, und blickte zuweilen in den Grund derſelben, als ſuchte er da die Anrede, auf die er ſich ſchon längſt vorbereitet, aber vor lauter Reſpekt wieder vergeſſen hatte. „Was wünſchen Sie?“ fragte Reisland ver⸗ wundert über den ſeltſamen Beſuch. „Entſchuldigen Sie nur,“ antwortete der ehr⸗ liche Viktualienhändler.„Herr Geheimrath! Sie kennen mich ja; ich bin der Stiefke unten aus dem Keller, wo ſie auch Ihr Bier holen laſſen, und immer damit zufrieden ſind. Da bin ich nun ſo dreiſt ge⸗ weſen und habe mir die Ehre gegeben, Sie um einen guten Rath zu fragen, weil Sie doch ſozuſagen unſer Nachbar ſind.“ 3„Und womit kann ich Ihnen dienen?“ „Ich habe mir,“ fügte Stiefke, jetzt ſchon drei⸗ ſter gemacht, hinzu,„ſo ein Paar hundert Thälerchen 218 bei meinem Geſchäft erſpart. Das Geld macht mir Sorgen und ich weiß nicht, was ich damit anfangen ſoll. Da hab' ich mir im Stillen gedacht, der Herr Geheimrath ſind der rechte Mann, mir einen guten Rath zu geben. Sie verſtehen ſich darauf und wiſ⸗ ſen, wo Barthel Moſt holt.“ Die Worte des ehrlichen Viktualienhändlers klan⸗ gen gerade in dieſem Augenblick wie eine Ironie für Reisland's Ohren und er wußte nicht, was er ihm auf die ſeltſame Zumuthung antworten ſollte. „Sie müſſen ſich an einen Bankier wenden,“ ſagte er nach einigem Beſinnen. „Das hab' ich mir auch ſchon gedacht, aber offen geſtanden, ich habe zu dem Schwindel an der Börſe kein rechtes Zutrauen und meine Frau noch weniger. Lieber möchte ich das Geld auf eine ſichere Hy⸗ pothek geben. Ich habe es mir ſo ausgedacht, daß Sie vielleicht es mir abnehmen und auf Ihr großes Grundſtück einſchreiben laſſen. Das wäre mir lieb und Sie thäten mir einen großen Gefallen, den ich Ihnen mein Lebtag nicht vergeſſen würde. Was mei⸗ nen Sie, Herr Geheimrath?“ „Ich weiß wirklich nicht,“ antwortete dieſer aus⸗ weichend,„ob ich Ihr Geld benutzen kann.“ „Nehmen Sie es nur,“ drängte der brave Stiefke, 219 durch den Widerſtand nur noch mehr in ſeinem Ver⸗ trauen beſtärkt.„Ich habe den ganzen Schwarm gleich mitgebracht, zwölfhundert Thaler lauter neue Kaſſenanweiſungen.“ Ehe der Geheimrath ihn hindern konnte, hatte der Viktualienhändler das Geld auf den Tiſch ge⸗ zählt. Die Summe reichte zwar nicht vollſtändig hin, den Bankier zu befriedigen, aber ſie konnte we⸗ nigſtens für den Moment ihm Ruhe verſchaffen. Reisland hatte nicht den Muth, den Antrag zurück⸗ zuweiſen und nahm das Geld allerdings mit dem be⸗ ſten Willen, wenn es gefordert würde, zurückzubezahlen. „Nur wegen Leben und Sterben,“ bat Stiefke, „möchte ich eine kleine Quittung. Die gerichtliche Eintragung der Hypothek können wir ja zu einer andern Zeit vornehmen. Ich bin nur froh, daß ich die Sorge losbin, denn bei Ihnen iſt mein Geld ſo ſicher, wie auf der Bank und ich bekomme noch fünf Prozent dafür.“ Mit dem aufrichtigſten Danke ſchied der ehrliche Viktualienhändler, als hätte der Geheimrath ihm den größten Gefallen erwieſen. Dieſer raffte die Kaſſen⸗ ſcheine zuſammen, ſteckte ſie in ein Couvert und ſchickte ſie an den Bankier als eine vorläufige Abſchlags⸗ zahlung ſeiner Schuld. Er hatte damit allerdings 220 wieder eine kurze Friſt gewonnen, aber bald meldeten ſich neue Gläubiger und auch Herr Hirſch drängte auf die Bezahlung des Reſtes. Wenige Tage ſpäter wurde Reisland der fällige Wechſel präſentirt, er ſah ſich dießmal gänzlich außer Stande, ſeinen Verpflich⸗ tungen nachzukommen. Der unbarmherzige Gläubiger drohte mit Proteſt und einer Klage, die unter den Verhältniſſen des Geheimraths nothwendigerweiſe ſeine Stellung als Beamter bedrohte. In dieſer trau⸗ rigen Lage fiel ſein Blick auf ein geheimes Schub⸗ fach in ſeinem Schreibſekretär. Dort bewahrte er eine Summe, welche ihn aus aller Verlegenheit rei⸗ ßen konnte, ſie gehörte nicht ihm, ſondern den Erben ſeines verſtorbenen Freundes. Ein geheimer Schauer erfaßte ihn, als er ſich dem Orte näherte, ſeine Hand zitterte, indem er an die Feder drückte, ein leiſer Druck mit dem Finger und der bisher unberührte Schatz lag vor ihm, mehr als hinreichend, um ihn mit einemmale aller Sorgen zu überheben. Laut klopfte ſein Herz bei dieſem Anblicke und als wollte er der Verſuchuug dadurch entfliehen, warf er die Thüre des Sekretärs haſtig zu und verließ das Zim⸗ mer. In dieſem aufgeregten Zuſtande eilte er auf ſein Bureau, um bei der Arbeit wenigſtens für kurze Zeit ſeine Verlegenheit und all die peinigenden 221 Gedanken zu vergeſſen. Dort fand er den ehrwürdigen Präſidenten des Gerichts, der ihm ſeine Ernennung zum Vorſitzenden der nächſten Schwurgerichtsperiode im Laufe des Geſprächs anzeigte und zugleich ſeine nahe bevorſtehende Erhöhung zum Dirigenten ſeiner Abtheilung im Vertrauen mittheilte. „Es freut mich,“ ſagte der wohlwollende Vor⸗ geſetzte,„daß ich Ihnen, mein lieber Kollege, dieſe freudige Nachricht mittheilen kann, da ich Sie ſchon vor längerer Zeit zu dieſem Poſten wegen ihrer Ver⸗ dienſte vorgeſc=hlagen habe. Der Miniſter hat mein Geſuch gnädigſt befürwortet und das Patent liegt bereits Seiner Majeſtät zur Unterſchrift vor. Bei der günſtigen Meinung, welche der Fürſt von Ihrem Talente hegt, dürfen Sie die Ausfertigung in kürze⸗ ſter Friſt erwarten. Nehmen Sie im voraus von mir den herzlichſten Glückwunſch zu Ihrer wohlver⸗ dienten Erhöhung an. Ich ſelbſt werde wohl wegen meines vorgerückten Alters den Dienſt verlaſſen und mich penſioniren laſſen; dann hoffe ich in Ihnen einſt meinen Nachfolger noch zu ſehen.“ Verwirrt ſtammelte Reisland ſeinen Dank dem würdigen Greiſe, der ihn in einer unbeſchreiblichen Aufregung wegen dieſer Nachricht zurückließ. 222 Zehntes Kapitel. In der That ſchien auch der Geheimrath ſeine frühere Ruhe zurückgewonnen zu haben, und er unter⸗ zog ſich mit anerkennungswerthem Eifer den ſchwie⸗ rigen Geſchäften ſeines neuen Amtes. Mehrere überaus verwickelte Prozeſſe kamen im Laufe der Schwurgerichtsſitzung zur Verhandlung und er be⸗ wies als Vorſitzender eine ſeltene Umſicht und Klar⸗ heit in der Auseinanderſetzung und Zuſammenfaſſung der Thatſachen. Seine Kollegen bewunderten den juriſtiſchen Scharfblick und die ausgezeichneten Kennt⸗ niſſe des Mannes, der die ſchwierigſten Fälle mit der größten Sicherheit zu behandeln wußte und das Vertrauen vollkommen rechtfertigte, das man in ihn ſetzte. Nur zuweilen machte ſich an ihm eine ge⸗ wiſſe Reizbarkeit noch bemerkbar, die man theils auf die mit ſeinem Beruf verbundene Anſtrengung, theils auf ſeine leidende Geſundheit zu ſchieben geneigt war. Mitten in den Verhandlungen überkam ihn von Zeit zu Zeit eine eigene Schwäche; ſeine Wan⸗ gen überzogen ſich mit auffallender Bläſſe, ſeine Glieder zitterten und ſeine Gedanken verwirrten ſich; doch pflegten dieſe Unfälle ſchnell wieder vorüber⸗ zugehen und nach wenigen Augenblicken wieder zu verſchwinden, ohne eine auffallende Störung zu hin⸗ 223 terlaſſen. Nur ein einzigesmal ſah er ſich genöthigt, deßhalb die Verhandlungen auf einige Zeit abzu⸗ brechen und die Sitzung aufzuheben. Es war dieß bei einem an ſich unbedeutenden Prozeſſe, der gegen einen bisher unbeſcholtenen Mann geführt wurde. Derſelbe hatte ihm anvertraute Gelder unterſchlagen, und obgleich die Summe keineswegs ſo groß war und viele mildernde Umſtände zu Gunſten des An⸗ geklagten ſprachen, ſo wurde derſelbe dennoch des angeſchuldigten Verbrechens überwieſen zu einer län⸗ geren Zuchthausſtrafe verurtheilt. Schon während der ganzen Vernehmung verrieth Reisland einen hohen Grad von Aufgeregtheit, die ſich im Verlaufe des Prozeſſes noch ſteigerte. Die Fragen, welche er an den Angeklagten und die Zeugen richtete, klangen kaum verſtändlich, ſeine Sprache zitterte und nur mit der höchſten Anſtrengung vermochte er kaum die Worte hervorzubringen. Er war auch in der That ſehr angegriffen, und das Schickſal des mehr unglück⸗ lichen als ſchuldigen Mannes ſchien ihm eine ungewöhn⸗ liche Theilnahme abzulocken. In die ihm obliegende Zuſammenfaſſung der Thatſachen und Beſchuldigun⸗ gen miſchte er ſo viele mildernde Gründe und hob dieſelben ſo ſtark hervor, daß ſeine Rede faſt wie 224 eine Vertheidigung lautete und allerdings den Ver⸗ dacht der Parteinahme für den Angeklagten erregen konnte. Als die Geſchwornen ſich zurückzogen, um den Wahrſpruch zu fällen, verfolgte er ſie mit faſt ängſtlichen Blicken, ſein Herz pochte lauter noch wie das des Angeſchuldigten, und ſeine Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiße. Bei ihrer Rückkehr ſchrak er ſichtbar zuſammen, und als ihr Spruch auf„Schul⸗ dig!“ lautete, vermochte er ſich kaum noch aufrecht zu erhalten. Vor ſeinen Augen wurde es dunkel, ſeine Glieder verſagten ihm den Dienſt, nur mit der größ⸗ ten Anſtrengung hielt er ſich noch aufrecht. Als Vor⸗ ſitzender lag ihm noch die Verpflichtung auf, das Urtheil zu verkünden. Mit Mühe richtete er ſich empor, aber plötzlich wurde er von einem jähen Schwindel ergriffen, alles drehte ſich mit ihm im Kreiſe; er glaubte dort ſelber auf der Anklagebank zu ſitzen und die Augen der ganzen Verſammlung und ſeiner Kollegen auf ſich gerichtet zu ſehen. Es war ihm, als müßte er vor aller Welt mit eigenem Munde ſein Urtheil ausſprechen und ſich ſelber zu dieſer ſchimpflichen Strafe verdammen. Dieſer Verwirxung konnte er nicht Meiſter werden, ſie raubte ihm ſeine ſonſtige Beſonnenheit, mit der er bisher derartige Aufwallungen bekämpft hatte; mit einem lauten unartikulirten Schrei ſank er zuſammen; ein anderer Richter mußte die abgebrochene Verhandlung zu Ende führen und ſeine Stelle für heute einnehmen. Der unangenehme Unfall ging jedoch bald wieder und ohne weitere Störung vorüber; er wiederholte ſich auch nicht mehr im Laufe der ferneren Verhandlun⸗ gen, welche Reisland zur vollkommenen Zufrieden⸗ heit zu Ende führte.— Die nahe bevorſtehende Vermälung Eugeniens mit dem Lieutenant trugen auch das Ihrige bei, um dem Hauſe wieder ein fröhliches Anſehen zu verleihen und den Geheimrath zu zerſtreuen, ſo daß er faſt ſeine ganze frühere Hei⸗ terkeit zur Schau trug. Er ſelber ließ es ſich nicht nehmen, das Brautpaar zu dem Prediger zu begleiten, welcher die Trauung vollziehen ſollte. Derſelbe war ein alter Freund des Hauſes und freute ſich mit dem Glücke der ihm liebgewordenen Familie. Er richtete einige wohlmeinende und gefühlvolle Worte an Engenie, die er ſchon als Kind gekannt und am Altar des Herrn eingeſegnet hatte. Reisland war von einem wirklich religiöſen Gefühl beſeelt und ſein weiches Gemüth wurde durch die Worte des verehrten und befreundeten Geiſtlichen bis zu Thränen gerührt. Ueberhaupt neigte er ſich in der letzten Zeit zu einer auffallenden Frömmigkeit hin; er ging noch häufiger Der Geheimrath. 15 226 als ſonſt in die Kirche und ſuchte im Gebete Troſt und Stärke. Viele ſeiner Kollegen ſahen darin nur ein Anſchließen an die herrſchende fromme Richtung, welche von oben herab ausging, und mit manchen irdiſchen Vortheilen verbunden war, während er ſel⸗ ber doch nur einem tiefgefühlten Bedürfniſſe zu folgen glaubte und wirklich in der Religion eine ihm nö⸗ thige Stütze fand. Der Beſuch bei dem Prediger und die herzlich fromme Zuſprache desſelben ſchienen ihm überaus wohlgethan zu haben; ein ſchon lange nicht mehr gekannter Friede kehrte in ſein Herz zu⸗ rück, und er überließ ſich einer beruhigten und hoff⸗ nungsvollen Stimmung. Er war ſoeben in ſeine Wohnung angelangt, als der Wagen des würdigen Präſidenten vorfuhr. Die unerwartete Ankunft ſeines hohen Gönners verſetzte ihn in die freudigſte Auf⸗ regung, da er dieſen Beſuch mit der ihm bereits angekündigten und nahe bevorſtehenden Beförderung in Verbindung brachte. Mit ſchnellen Schritten eilte er dem verehrten Gaſt entgegen, um ihn zu begrü⸗ ßen und zu dem bequemen Seſſel hinzuleiten. In ſeiner vorgefaßten Meinung überſah er nur zu leicht die ernſte, faſt traurige Miene des würdigen Greiſes, der mit einer ſonſt nicht bemerkten Abgemeſſenheit für alle ihm aufgedrungenen Höflichkeiten dankte. 227 „Ich komme,“ ſagte nach einer kurzen Pauſe der Präſident,„um einer Pflicht mich zu entledigen.“ „Seine Majeſtät,“ unterbrach ihn der Geheim⸗ rath raſch,„haben auf Ihre Empfehlung mein Pa⸗ tent unterzeichnet, und Sie ſelber wollen der Ueber⸗ bringer dieſer freudigen Botſchaft ſein? Sie über⸗ häufen und beſchämen mich mit Ihrer Güte.“ Statt dieſe Hoffnung zu beſtätigen, ſchwieg der Vorgeſetzte, von einem menſchlich ſchmerzlichen Ge⸗ fühl ergriffen. Es that ihm ſichtbar weh, die von ihm ſelber angeregten Ausſichten mit einem Worte zu vernichten. Erſt jetzt ſtieg in der Seele des Ge⸗ heimraths eine furchtbare Ahnung auf; ein unwill⸗ kürlicher Schauer faßte ſeine Glieder. Das ſtrenge Geſicht des Präſidenten benahm ihm auch die letzte Täuſchung. Dieſer fuhr nach einiger Zeit in einem amtsmäßigen Tone fort, der jedoch nicht gänzlich die tiefſte Theilnahme verbergen konnte. „ Ich habe vonſeiten des Vormundſchaftsgerichts einen Bericht erhalten, der die Ihnen anvertrauten Mündelgelder betrifft. Nicht nur ein bloßes Gerücht, ſondern vielfache Beweiſe, daß Ihre Vermögensver⸗ hältniſſe in Unordnung gerathen ſind, haben in letz⸗ ter Zeit Befürchtungen bei der betreffenden Behörde erregt. Es iſt zu unſeren Ohren gekommen, daß 15* 228 Sie ſich in Spekulationen eingelaſſen haben, welche bei weitem die Ihnen zugebote ſtehenden Mittel überſchreiten; man weiß, daß viele Wechſelſchulden auf Sie laufen und ſelbſt einige Klagen über be⸗ deutendere Summen ſind bei unſerem Gericht gegen Sie in letzter Zeit angebracht worden. Können Sie dieſe Umſtände leugnen? Es ſoll mir gewiß lieb ſein, wenn Sie den Beweis liefern, daß von unſerer Seite ein Irrthum obwaltet. Vertheidigen Sie ſich, wenn Sie können.“. Reisland rang nach einem Worte, aber die vertrocknete Zunge klebte ihm am Gaumen; er ver⸗ mochte nicht ſeine ſchuldbewußten Blicke zu den rei⸗ nen, klaren Augen des würdigen Greiſes emporzu⸗ heben. Der unerwartete Schlag kam ſo plötzlich wie aus blauem Himmel, daß er gelähmt daſtand und die Sprache verloren zu haben ſchien. „Reden Sie, verantworten Sie ſich,“ mahnte ihn der Richter, der noch immer nicht an den gan⸗ zen Umfang ſeiner Schuld glauben wollte. „Ich kann nicht,“ ſtöhnte der Uuglückliche. „Unter dieſen Umſtänden ſehe ich mich genö⸗ thigt, Rechenſchaft über die Ihnen anvertrauten Mündelgelder zu fordern und Ihnen die längere Verwaltung derſelben zu entziehen, da Sie nicht 229 mehr die nöthige Garantie uns bieten. Im Namen des Gerichts verlange ich von Ihnen das Ihnen übergebene Geld zurück.“ Der Geheimrath bedeckte mit beiden Händen das aſchgraue Geſicht und bekannte hinlänglich durch ſein Schweigen das von niemandem bisher geahnte Verbrechen. Es herrſchte eine grauenvolle Stille, denn auch der alte Präſident war zu tief ergriffen, um das furchtbare Schweigen, welches einem vollkommenen Geſtändniſſe gleich kam, zu unterbrechen. Er mußte ſich erſt wieder ſammeln, ehe er weiter ſprach. „Unglücklicher!“ rief er erſchüttert aus.„Sie haben ſich ſelber Ihr Urtheil geſprochen, meine trau⸗ rige Ahnung hat ſich leider beſtätigt, ich muß in meiner Eigenſchaft als Richter ſogleich die nöthigen Schritte thun.“ „Erbarmen!“ keuchte Reisland aus der gepreßten Bruſt hervor.„Herr Präſident! Haben Sie Mitleid mit meiner Frau und meinen Kindern. Gibt es keine Hilfe, keine Rettung mehr vor der Schande?“ Das Herz des würdigen Greiſes war ergriffen; er vergaß nicht über dem Richter den Menſchen und empfand das innigſte Mitleid mit dem Gefallenen; aber er fühlte auch die hohe Verantwortung, welche 230 ihm ſein Amt gerade in einem Falle auferlegte, wo es ſich um ein Verbrechen eines Mitgliedes aus dem Richterkollegium ſelbſt handelte. Mannigfache Zweifel beſtürmten die Seele des Präſidenten in dieſem Augenblick; er bedauerte das Schickſal des Unglücklichen, er fürchtete nicht mit Unrecht die Schande, welche auf den ganzen Stand zurückfallen, das Rechtsbewußtſein im Volke ſelbſt untergraben und einen öffentlichen Skandal geben mußte; auf der andern Seite aber dachte er an die hohe Auf⸗ gabe der Gerechtigkeit, ohne Anſehen der Perſon und ohne Schonung der Verhältniſſe das Verbrechen zu beſtrafen. In ſeinem ganzen mühevollen Leben war ihm noch nie die Erfüllung ſeiner Pflicht ſo ſchwer gefallen. Endlich kam er bei der Wichtigkeit des Falles und dem tiefen Eingreifen desſelben zu dem Entſchluß, dem Fürſten ſelbſt Vortrag zu halten und deſſen Willensmeinung zuvor einzuholen, obgleich er ſonſt kein Freund der Kabinetsjuſtiz war. Einſt⸗ weilen ordnete er dem Geheimrath an, ſich bis auf weiteres als Gefangener in ſeinem eigenen Hauſe zu betrachten, indem er ihn der polizeilichen Aufſicht unter der ſchonendſten Form übergab. So blieb Reisland allein zurück mit ſeinem unſäglichen Elend, 231 mit der ſchweren Laſt ſeiner Schuld und der Ver⸗ zweiflung im Herzen.. Nachdem ihn der Präſident verlaſſen, erwachte er erſt aus ſeinem dumpfen Brüten und überließ ſich dem grenzenloſeſten Jammer über die eigene Schande und den Ruin, den er über ſeine unſchuldige Fa⸗ milie gebracht hatte. Der Gedanke an ſeine Frau, welche er auf der Welt am meiſten liebte, bereitete ihm den größten Schmerz und der Tod erſchien ihm als die höchſte Wohlthat. Immer mehr befreundete er ſich mit der ſchrecklichen Idee; das Leben hatte keinen Werth mehr für ihn; ein plötzliches Ende konnte vielleicht auch ſeiner Familie nützen und die Schande des von ihm begangenen Verbrechens ab⸗ wenden. Er ſuchte nach einer Waffe, aber zum Glück fand er keine in dem Zimmer, um ſeinen raſchen Entſchluß auszuführen; dann wollte er mit dem Halstuch, das er trug, ſich erdroſſeln. Mechaniſch band er dasſelbe ab und bildete eine Schlinge, welche er an das Fenſterkreuz zu befeſtigen gedachte, um ſo gewaltſam ſeinen Tod herbeizuführen. Im ent⸗ ſcheidenden Augenblick überſiel ihn jedoch eine na⸗ türliche Schwäche; der Trieb der Selbſterhaltung verſteckte ſich unbewußt hinter ſeine religiöſe Bedenken und trug den Sieg davon. Als junger Aſſeſſor hatte 232 er einmal den Leichnam eines erdroſſelten Selbſtmörders geſehen; die hervorgequollenen, mit Blut unterlaufenen Augen, die blaurothe Färbung des verzerrten Geſichts, das ganze widrig gräßliche Bild hatte ſich ſeiner Seele eingeprägt, und trat jetzt in abſchreckender Lebendigkeit vor ſeine Augen. Ein dumpfes äſthe⸗ tiſches Bewußtſein erfüllte ihn mit Widerwillen vor dieſer Todesart, die einzige, welche er zu wählen hatte.— Auch an Flucht dachte er und das Beneh⸗ men des Präſidenten ſchien ihm faſt darauf berechnet, ihm dieſen Ausweg offen zu laſſen; denn ſeine Wäch⸗ ter hielten vorläufig nicht das Haus beſetzt, ſondern begnügten ſich lediglich mit der Beobachtung ſeiner Perſon aus einer gewiſſen Entfernung, um jedes Aufſehen bis zur erfolgten Entſcheidung durch den Fürſten zu vermeiden. Daher kam es auch, daß weder die Nachbarſchaft, noch ein Mitglied ſeiner eigenen Familie von dem Vorfall eine Ahnung hatte. Es ſchien förmlich darauf angelegt, ihm ſeine heimliche Entfernung zu erleichtern, da die betreffenden Beamten eine auffallende Läſſigkeit in der Ausübung ihrer Pflicht verriethen. Er brauchte nur den Moment ab⸗ zuwarten, wo dieſe ſich abwendeten, um unerkannt und wahrſcheinlich auch unverfolgt das Haus zu ver⸗ laſſen. Von ſeinem Fenſter aus konnte er ihre Be⸗ wegungen und den Mangel an Aufmerkſamkeit genau beobachten und mehr als einmal ſtand er auf dem Punkte, dieſen möglichen Rettungsweg einzuſchlagen; aber auch hierzu fehlte ihm der Muth; er fühlte ſich wie gelähmt und traute ſich ſelber nicht die nö⸗ thige Kraft für einen ſolchen Schritt zu. Vielleicht hielt ihn auch noch eine geheime Hoffnung zurück, daß ſeine Angelegenheit eine für ihn günſtige Wen⸗ dung nehmen könne. Trotz ſeines richterlichen Scharf⸗ ſinns und ſeiner vielfachen Erfahrung urtheilte er über ſeinen Fall weit milder; nach und nach fand er immer mehr Gründe für ſeine Vertheidigung und zuletzt glaubte er, wenn auch nicht an ſeine Schuld⸗ loſigkeit, doch wenigſtens an die Möglichkeit ſeiner Freiſprechung. Einige hingeworfene Worte des Prä⸗ ſidenten, die hohe Meinung von ſeiner bisherigen Stellung, die oft erprobte Gnade des Fürſten und vor allem die Wichtigkeit und Bedeutung des Falls für den geſammten Richterſtand, ſelbſt die Art und Weiſe ſeiner Bewachung beſtärkten ihn in der Hoff⸗ nung, daß die ganze Sache noch vor der einzulei⸗ tenden Unterſuchung niedergeſchlagen würde. Aller⸗ dings rechnete er dabei auf ſeine Entlaſſung aus dem Staatsdienſt, um die er ſelber einkommen wollte. Mit derſelben war auch eine Schmälerung ſeiner Ein⸗ 234 tünfte verbunden; aber er konnte ja die Reſidenz verlaſſen und mit dem Reſt des Vermögens in eine kleine Stadt ziehen, dort ſich einſchränken und durch wiſſenſchaftliche Arbeiten ſich zwar eine minder glän⸗ zende, doch ruhigere Exiſtenz begründen. Es machte ihm ſogar Vergnügen in ſeiner gegenwärtigen Lage dieſen Gedanken immer weiter auszuſpinnen und dieß künftige einſam beſchauliche Leben gleichſam als eine Buße ſeiner Schuld zu betrachten, die er durch Gebet und religiöſe Zerknirſchung vollends dann zu tilgen glaubte. So ſchwankte der ſchwache, aber kei⸗ neswegs verlorene Mann, der gewiß eher Mitleid als Verachtung verdiente, von dem Ertrem der tief⸗ ſten Verzweiflung zu einer faſt verhältnißmäßig be⸗ haglichen Stimmung, wobei die nothwendigen Uebergänge der ſchreienden Gegenſätze nicht in jähem Sprunge, ſondern in zerfließender Unbeſtimmtheit ſich entwickelten und aufs neue Zeugniß für die man⸗ gelhafte Willenskraft des Charakters ablegten.— Unterdeß hatte der alte Präſident dem Fürſten Be⸗ richt erſtattet und erwartete aus dem hohen Munde die Entſcheidung. Dieſer billigte die bisher befolgten Maßregeln und lobte das ſchonende Verfahren. „Sie haben ihm hinlänglich Zeit gelaſſen?“ fragte er, einen bedeutſamen Blick mit dem wür⸗ digen Diener wechſelnd. „Ich habe alles gethan, was mir meine Pflicht gebietet und erwarte nur den Ausſpruch Eurer Ma⸗ jeſtät.“ „Die Gerechtigkeit ſoll ihren freien Lauf haben, obgleich der Fall in mehr als einer Beziehung mich tief bekümmert und verletzt.“ Der Präſident verneigte ſich, den Schmerz des Fürſten und ſeine Bedenken vollkommen theilend, aber innerlich erfreut, daß kein Machtwort dem Gange der Gerechtigkeit hemmend in den Weg tre⸗ ten ſollte. Er hatte nur noch die traurige Verpflich⸗ tung, Reisland's Verhaftung anzuordnen und die ganze Angelegenheit den Händen des Staatsanwal⸗ tes zu übergeben. Darüber verging eine hinläng⸗ liche Zeit, welche der Angeſchuldigte zur Flucht be⸗ nutzen konnte. Ein anonymes Schreiben ſetzte dieſen ſogar von den betreffenden Maßregeln in Kenntniß; es war dieß der letzte Verſuch, der öffentlichen Mei⸗ nung eine Verhandlung zu entziehen, welche dem geſammten Richterſtande zum Nachtheil gereichen konnte. Von welcher Hand auch die Warnung kam; ſie war keineswegs in der Abſicht ertheilt, um den Schuldigen zu retten, ſondern mehr darauf berech⸗ 236 net, ein Aergerniß zu vermeiden. Leider wiegte ſich Reisland trotz der empfangenen Nachricht noch immer in einer gewiſſen Sorgloſigkeit, ſo daß ihn ſeine Verhaftung ebenſo unvorbereitet traf, wie die ganze Wendung ſeines Schickſals in den letzten vierund⸗ zwanzig Stunden. Er hatte noch immer nicht die Hoffnung auf einen günſtigeren Ausgang aufgege⸗ ben; er ſollte erſt aus ſeiner Täuſchung in einem Gefängniſſe erwachen. Die Beſetzung des Hauſes vonſeiten der Polizei, das Erſcheinen des Staats⸗ anwalts und einiger Gerichtsperſonen, die Beſchlag⸗ nahme und die Verſieglung der betreffenden Papiere konnten auch der übrigen Familie nicht verborgen bleiben. Die Geheimräthin ſtieß einen lauten Schrei aus, als ſie die grauenvolle Wahrheit in ihrem vollen Umfange erfuhr; eine wohlthätige Ohnmacht er⸗ ſparte ihr den Schmerz der Trennung und ihm das Geſtändniß ſeiner Schuld vor der geſammten Fami⸗ lie. Martha beſchäftigte ſich mit der auf einen Stuhl hingeſunkenen Mutter, während Engenie in maßloſer Heftigkeit ſich an den Vater klammerte und nur mit ſchonender Gewalt von den Beamten entfernt werden konnte. Dieſe verließen endlich mit Reisland das Haus tief erſchüttert bei der Aus⸗ übung ihrer traurigen Pflicht, hinter ſich troſtloſe Verwirrung und Verzweiflung laſſend. Der Gefan⸗ gene wurde in einen bereit ſtehenden Wagen geſetzt und ohne Aufſehen zu erregen vorläufig auf die Polizei gebracht.— Die Nachricht verbreitete ſich mit Blitzesſchnelligkeit durch die ganze Stadt und erregte, wie man ſich denken kann, das größte Auf⸗ ſehen. Der Geheimrath war eine allgemein be⸗ kannte Perſönlichkeit; er hatte bisher die größte Achtung genoſſen; auch ſtand er mit den angeſehen⸗ ſten Familien der Reſidenz in Verbindung. Die Theilnahme ſprach ſich wie immer bei ſolchen Gele⸗ genheiten in der verſchiedenſten Weiſe aus. Die höheren Stände, denen er angehörte, waren beſtürzt über das Verbrechen eines Mannes, der bisher mit ihnen Umgang gepflogen hatte. Niemand hatte eine Ahnung von den zerrütteten Verhältniſſen; das Ereigniß warf ein trübes Licht auf eine Welt voll Schein und Täuſchung und deckte ſchonungslos mit einemmale die geheimen Schäden der Geſellſchaft auf. Die große Menge genoß eine augenblickliche Befriedigung, daß die Gerechtigkeit ohne Anſehen der Perſon verfuhr; die Meiſten bedauerten die An⸗ gehörigen des Schuldigen und nur wenige empfan⸗ gen wahres Mitleid mit dem Unglücklichen ſelbſt. Die zurückgebliebene Familie machte all die trauri⸗ 238 gen Erfahrungen, welche mit dem Mißgeſchick faſt ſtets verbunden ſind und die Laſt desſelben doppelt ſchwer empfinden laſſen. Alte Freunde zogen ſich zurück und flohen jede Berührung mit dem betroffe⸗ nen Hauſe, von engherziger Furcht geleitet, um nicht auf eine oder die andere Weiſe in Anſpruch genom⸗ men zu werden; nähere Bekannte fanden es un⸗ ſchicklich, ſich den Betrübten aufzudrängen und flüch⸗ teten mit ihrem Egoismus hinter derartige Schein⸗ gründe. Die gemeine, menſchliche Natur zeigte ſich in all ihrer Nacktheit, aber auch die edleren Ele⸗ mente fehlten nicht und nahten mit dem wohlthuen⸗ den Balſam des Troſtes, mit aufopferndem Beiſtande und erhebendem Mitgefühl. Es liegt eine eigene, heilbringende Macht in der plötzlichen Erſcheinung eines großen Unglücks. Das Schickſal ſcheidet in ſolcher Zeit an uns und unſerer Umgebung, das Gold von der Schlacke, das Zufällige und Vergäng⸗ liche von dem Weſentlichen und Ewigen. All die kleinen Schwächen, Mängel und Fehler fallen wie Spreu im Winde und nur der innere und beſſere Kern geht aus dieſem wahren Läuterungsprozeß in unantaſtbarer Kraft und Gediegenheit hervor. Das ſollte die Geheimräthin und das ganze Haus der⸗ ſelben an ſich erfahren; ſie wurde, nachdem ſie ſich V — 239 von dem erſten betäubenden Schlage wieder erholt hatte, eine andere und beſſere Frau; ſie fand ſich ſelbſt im Unglück wieder und zugleich eine nie ge⸗ ahnte Selbſtverleugnung. Keine Klage kam mehr über ihre Lippen; den unglücklichen Mann entſchuldigte ſie nicht nur vor der Welt, ſondern auch in ihrem Innern, indem ſie ſich ſelbſt, ihren geſteigerten An⸗ ſprüchen, ihren verkehrten Wünſchen, die er aus mißverſtandener Liebe unter jeder Bedingung zu er⸗ füllen ſtrebte, den größten Theil der Schuld beimaß; aber ſie überließ ſich darum nicht einer unthätigen Verzweiflung, ſondern ſie ſuchte theils in wahrhaft religiöſer Hingebung an einen höheren Willen, theils in der ſtrengſten Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten den inneren Troſt, welchen uns kein Anderer zu ge⸗ ben vermag. Mit dieſer geiſtigen Erhebung gewann ſie auch eine nie geahnte Herrſchaft über ihre kör⸗ perlichen Zuſtände zurück. Nach und nach verſchwand jenes Nervenleiden, das durch Unthätigkeit und müſſige Einbildung bereits einen hohen Grad er⸗ reicht hatte. Es trat auch hier eine jener wunder⸗ baren Heilungen ein, welche erfahrene Aerzte öfters bei außerordentlichen Unglücksfällen beobachtet haben und die ſich auf ein plötzliches Aufraffen der bisher gelähmten Energie zurückführen laſſen. In jeder Beziehung würdig ſtand ihr Martha zur Seite; ihre edlen Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes entfalteten ſich umſo ſchöner und kräftiger, je mehr dieſelben durch die Ungunſt der Verhältniſſe heraus⸗ gefordert wurden. Charaktere wie der ihrige erpro⸗ ben ſich im Mißgeſchick wie die Eiche im Sturm und ſtehen feſt als eine Stütze und ein Schirm der Schwächeren da. Am wenigſten vermochte ſich noch Eugenie in die veränderte Lage zu finden; ſie litt auch am meiſten, da der lachende Traum ihres Glük⸗ kes und ihrer Liebe zugleich betroffen und zerſtört— wurde. Was die ältere Schweſter mit ahnendem Geiſte vorausgeſehen, geſchah; Blumfeld beſtand die Prüfung nicht und lockerte nach und nach das Band, welches Sinnlichkeit, Eitelkeit und Eigennutz geknüpft hatten, unter allerlei nichtigen Vorwänden. Geſchah dieß auch in ſchonender Weiſe und mit dem An⸗ ſtande, welchen der ſogenannte gute Ton fordert, ſo war der Schmerz darum nicht minder groß. Vor ſich ſelber ſuchte der Lieutenant ſein Benehmen mit dem Phantom der Standesehre zu entſchuldigen, die ihm ſeine Liebe zu opfern befahl, da er die un⸗ ſchuldige Tochter eines Verbrechers unmöglich zum Altare führen konnte. Martha hatte nun die doppelt ſchwere Aufgabe, ihr eigenes Leid zu tragen und 241 die verlaſſene Schweſter außerdem zu tröſten. Zum Glück beſaß Eugenie ein Herz, das aus leichterem Stoff geformt, nicht unter dieſer erſten Täuſchung erlag, obgleich ihr Schmerz darum nicht minder leb⸗ haft vielleicht, nur umſo heftiger war, je kürzere Zeit er dauerte.— Am tiefſten wurde Friedrich von der Verhaftung des Vaters betroffen; im Augen⸗ blick hatte er alles vergeſſen, ſeine Verſtoßung aus dem elterlichen Hauſe, das jahrelange Unrecht, wel⸗ ches er erlitten, den aufgehäuften Groll in ſeinem Herzen. Auf die erſte Nachricht davon ſtürzte er, nur ſeiner unterdrückten Liebe und dem kindlichen Gefühle folgend, zu den Seinigen. „Mutter! Mutter!“ rief er im herzergreifen⸗ den Tone.„Iſt es wahr, was ich gehört habe?“ Ihr ſchmerzliches Stillſchweigen beſtätigte nur ſeine Befürchtungen. Er ſprach nichts mehr, ſon⸗ dern ergriff ihre Hand, welche er mit ſeinen Thrä⸗ nen benetzte; ſie vermochte ihm dieſelbe nicht zu ent⸗ ziehen. Der Schmerz und das Unglück hatten ſie mild geſtimmt und der verlorene Sohn ſank an das wieder geöffnete Mutterherz. Nur ein ſtilles Schluchzen wurde gehört.— So war der Friede der Familie durch das trau⸗ rige Ereigniß wieder hergeſtellt: ein Sonnenſtrahl Der Geheimrath. 16 in der dunklen Finſterniß. Durch den Sohn ge⸗ wann das ganze Haus einen feſteren Halt, er war den Hilfloſen im erſten Augenblick eine willkom⸗ mene Stütze und beſonders der noch ſchwachen Mut⸗ ter ein wahrer Schatz in ihrer dermaligen Rathlo⸗ ſigkeit. Zunächſt ſorgte er für das Nöthigſte; er tröſtete, half und ordnete nach allen Seiten, wobei er an Martha einen tüchtigen Beiſtand fand. Sie wußte über alles Auskunft zu ertheilen, die Verhält⸗ niſſe aufzuklären und beſaß allein die nöthige Faſ⸗ ſung, um das verwirrte Hausweſen nach wie vor zu leiten. Nachdem ſo das Nächſte für die Zurückge⸗ bliebenen gethan war, beeilte ſich Friedrich das Loos des gefangenen Vaters zu mildern. Noch war es ihm nicht geſtattet, ihn zu ſehen; auch hielt er den Zeit⸗ punkt für eine gegenſeitige Verſtändigung nicht ge⸗ eignet, aber er that die nöthigen Schritte bei den Behörden im Vereine mit ſeinem Freunde Bormann, um eine oorläufige Freilaſſung gegen angemeſſene Bürgſchaft zu ermöglichen. Beide erboten ſich zu einer bedeutenden Kaution, die jedoch nicht angenommen wurde, dagegen wurde ihnen die möglichſt ſchonendſte Behandlung des Gefangenen zugeſichert und die Hoffnung eröffnet, daß ſchon in den nächſten Tagen der Familie der Zutritt geſtattet werden ſollte.— 243 Tief erſchütternd war dieß Wiederſehen.— Unter dem Gewicht der letzten Ereigniſſe war Reisland zu⸗ ſammengebrochen, ſeine hohe, impoſante Geſtalt ge⸗ knickt, der Glanz ſeiner Augen erloſchen, ſeine Wangen bleich und abgezehrt; aber auch ihn hatte das ver⸗ diente Geſchick im gewiſſen Sinne veredelt und geklärt. Der aufreibende Kampf, welcher Monate lang ge⸗ dauert hatte, war zur Ruhe gekommen; die Span⸗ nung hatte nachgelaſſen und ſeine zwar leidenden Züge drückten eine ſtille, fromme Reſignation aus. Er hatte mit der Welt abgeſchloſſen, alle irdiſche Eitelkeit voll⸗ kommen abgeſtreift und den wahren Werth der Dinge kennengelernt. Rang, Stellung, Auszeichnung und Achtung, das Alles, worauf einſt ſein ganzes Stre⸗ ben gerichtet geweſen, war von ihm, wenn auch durch eigene Schuld, abgefallen und nichts übrig geblie⸗ ben als die Liebe der Seinigen, die Treue der Fa⸗ milie und die Hoffnung auf die himmliſche Barmher⸗ zigkeit.— Der Beamte, in deſſen Gegenwart das Wiederſehen ſtattfand, hatte ſich ſchonend ſo weit zu⸗ rückgezogen, als dieß ſeine Pflicht geſtattete, um durch ſeine Anweſenheit den erſten Erguß nicht zu ſtören. Ein freundlicher Sonnenſtrahl drang durch die ei⸗ ſernen Gitter und beleuchtete die einfachen weißen, aber reinlichen Wände des Gefängniſſes. Reisland 16* 244 hatte eine Bibel verlangt, die ihm auch geſtattet wurde; die Seinigen fanden ihn beim Leſen des heiligen Buches; er hatte die Pſalmen aufgeſchlagen und ſchöpfte Troſt und Frieden aus den Worten des kö⸗ niglichen Sängers. „Selma!“ rief er überraſcht beim Eintritte der Frau und ſeiner Kinder.„Du kommſt zu mir, Du haſt mir vergeben? O! das iſt mehr, als ich erwarten durfte.“ „Was die Liebe verſchuldet hat, weiß auch die Liebe zu verzeihen. Klage Dich nicht an, denn auch ich trage ſchwer mit an Deiner Schuld.“ Er hatte Vorwürfe erwartet, verzweifelte Aus⸗ brüche des tiefſten Schmerzes und fand die hinge⸗ bendſte Liebe und eine Faſſung, die alle ſeine Hoff⸗ nungen bei weitem überſtieg. Die Rührung überwäl⸗ tigte ihn und weinend druückte er die treue Gattin an ſein Herz. Seine Thränen floſſen, nicht mehr die Thränen der Trauer, ſondern der himmliſche Thau, der den Unglücklichen erquickt und die verdorrten Blüten des Gemüthes wieder aufrichtet. Er hatte ihre Hand ergriffen, die er nicht mehr losließ und mit ſeinen Küſſen bedeckt. Noch wagte Friedrich nicht hervorzutreten, ſein Anblik wurde durch Martha und Eugenie, welche den Vater umringten, verdeckt; er —,— 245 hielt ſich im Hintergrunde ſo lange verborgen, bis die Mutter für ihn geſprochen haben würde. Sie that es und pries dem ſtaunenden Reisland die Hingebung und Selbſtoerleugnung des Sohnes, deſſen Aufopfe⸗ rung ſie ihm nicht genug zu rühmen wußte. Die Worte der Frau ſchmolzen das Eis, welches ſich um das Vaterherz im Lauf der Zeit gelagert hatte, wie linder Frühlingshauch hinweg; ſein väterliches Gefühl erwachte mit verdoppelter Stärke. Das Unglück hatte ihn ohnehin weicher und nachgiebiger gemacht, nachſichtig mit den Schwächen Anderer, da er ſelbſt ſich nicht frei wußte von ſchwerer Schuld. Nur die Scham hielt ihn noch zurück, der Gedanke, vor dem Sohn erröthen zu müſſen: aber auch dieſe mußte überwunden werden. „Wo iſt er?“ fragte der Gefangene, ſeine Arme ihm entgegenbreitend. Die Mutter führte ihn an ihrer Hand dem Vater zu, der mit zitternden Armen ihn umſchlang. „Gott ſegne Dich,“ ſtammelte der Unglückliche tief ergriffen,„Gott ſegne Dich, mein Sohn!“ Die untergehende Sonne goß vor ihrem Scheiden durch das niedere Fenſter ihre flammende Purpurglut und verwandelte das Gefängniß in ein ſtrahlendes Heiligthum, in eine ſtille Friedenskirche, wo die Liebe und Verſöhnung ihre heiligen Myſterien feierten. Auch 246 hier war Gott und der Gefangene fand das wahre Glück im Kerker wieder, das er draußen in der großen Welt verloren hatte.— Die eintretende Dämmerung erinnerte erſt an die Trennung, welche alle Anwe⸗ ſenden vergeſſen zu haben ſchienen, bis der Wache haltende Beamte ſie wiederholt daran mahnte. Reisland blieb allein zurück, aber er war nicht mehr elend. Mit Geduld und Sanftmuth ertrug er ſein Geſchick, mit Ergebung ſah er die Entwickelung eines körperlichen Leidens, das die Folge ſeiner viel⸗ fachen Gemüthsbewegungen war und ſeine baldige Auflöſung herbeizuführen drohte. Mit jedem Tage wurde er ſchwächer, ſo daß er in die Krankenanſtalt des Gefängniſſes gebracht werden mußte. Bald konnte er nicht mehr das Bett verlaſſen, von dem die treue Gattin nicht mehr weichen wollte. Sie hatte die Er⸗ laubniß ſich erwirkt, ihn pflegen zu dürfen und lebte nur noch dieſer Pflicht; Tag und Nacht wachte ſie bei ihm, ohne ihre früheren Leiden und die eigene Schwäche zu bedenken. Sie reichte ihm die Medizin, las ihm aus ſeinem Lieblingsbuche der Bibel vor und ertrug jedes Opfer mit hingebenſter Geduld und Liebe. Nur zuweilen durfte Martha, wenn die Er⸗ ſchöpfung ſie zu überwältigen drohte, die Mutter ab⸗ löſen. Oefters kam auch Friedrich mit ſeiner Frau 247 und dem Kinde, das Reisland unendlich liebgewann; er küßte ſeinen Enkel und ſegnete im Stillen die junge Menſchenpflanze, indem er ein glücklicheres Loos als das ſeinige für ſie vom Himmel flehte. Der würdige Prediger, der ſein alter Freund und zugleich der Seelſorger des Gefängniſſes war, verweilte gern und häufig an dem Lager des Kranken, Troſt und Frieden in die Seele desſelben gießend und ſeine Gedanken immer mehr auf das Ewige und Unſterb⸗ liche hinlenkend. Sein Tod kam in einer ſtillen Abendſtunde und befreite ihn zugleich aus dem Gefängniſſe und von der Schande eines, wie ſich vorausſehen ließ, ſchimpflichen Urtheils; er ſtarb bei vollem Bewußt⸗ ſein in den Armen ſeiner treuen Gattin, welche ihm die Augen zudrückte. Nur die nächſten Angehörigen folgten der Leiche, welche ſtill nach ſeinem Wunſche auf dem Armenkirchhofe begraben wurde; von ſeinen vielen Freunden war keiner erſchienen; die Meiſten wußten nicht einmal, daß er geſtorben war. Man vergißt die Unglücklichen und Todten ſchnell in einer großen Stadt. Unter den Leidtragenden bemerkte man den Fabrikherrn Bormann, der ſeinen Freund Friedrich am Arme führte. Die Geheimräthin über⸗ lebte ihren Mann nur noch kurze Zeit; ſie folgte 248 ihm ſtill ergeben nach. Mit ſeinem Tode brach ihre Energie zuſammen und ihr wirklich ſchwacher Körper erlag den vielfachen Leiden, die ſie in ſo kunzer Zeit erfahren hatte. Mit Hilfe des Bruders ſorgte Martha für das Andenken des Vaters und bezahlte die Schulden desſelben, um den Beeinträchtigten den Schaden zu erſetzen. Die Villa wurde zu einem guten Preiſe noch verkauft und mit dem erlösten Gelde das Ver⸗ mögen der übervortheilten Mündel wieder hergeſtellt; auch der Viktualienhändler Stiefke erhielt ſeine fünf⸗ hundert Thaler zurück, die er zweckmäßig in Grund⸗ beſitz anlegte. Lieutenant Blumfeld hatte die Tochter des Herrn Hirſch geheiratet, welche ſich taufen ließ und ihm eine reiche Mitgift brachte. Wie die Chro⸗ nique ſcandaleuſe behauptet, ſollen jedoch die jungen Eheleute nicht im beſten Einvernehmen leben, da Blumfeld ſeine Frau vernachläſſigt und ein Verhält⸗ 49 mit einer renommirten Operntänzerin angeknüpft atte.— Ein Jahr nach dieſem Ereigniſſe beſuchte Martha das Grab ihrer Eltern auf dem Armenkirchhofe; die grünen Hügel waren auf ihre Veranlaſſung mit Blumen und Epheu bepflanzt; ſie legte friſche Kränze auf die einfachen Leichenſteine und benetzte ſie mit 249 ihren Thränen, den Zoll ihrer kindlichen Liebe dar⸗ 1 bringend. Beim Weggehen reichte ſie ihre Hand einem Manne mit wehmuͤthigem Lächeln. Das reinſte Glück ſtrahlte aus ihren Augen, als ſie zu dem treu gebliebenen Geliebten emporblickte, der, wie man wohl errathen haben wird, kein Anderer als der wackere Bormann war. Beide falteten die Hände 1 zum ſtillen Gebet. In dieſem Augenblick drang die Sonne aus dem bisher finſteren Gewölk des Him⸗ . mels und ihr Licht vergoldete die ſchwarze Inſchrift auf dem Leichenſteine des Geheimraths und die be⸗ deutungsvollen Worte:„F ühre uns nicht in V Verſuchung.“ Ende. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. — — In meinem Verlage iſt erſchienen: Vier Jahre Memoiren. Porträts und Erlebniſſe von Eduard Schmidi=Weissenfels. 19 Zagen 8. Geh. 1 Thlr.= 1 fl. 30 kr. K. M. Dieſe Aufzeichnungen aus den bewegten Jahren 1848— 1851 bieten vornehmlich eine Schilderung der wichtigſten Ereigniſſe aus Selbſtanſchauung und daher mit vielfach un⸗ bekannten Details: ſo die Februgrrevolution, das Ende des ſchleswig⸗holſteiniſchen Feldzuges, den Staats⸗ ſtreich vom Dezember 1851 u. ſ. w. Außerdem enthält dieß Werk die Begegniſſe des Autors mit vielen, beſonders franzöſiſchen Schriftſtellern, als mit Lamennais, Marraſt, Lonis Blanc, Gerard, Merle, Lireux, Balzac, Sue, Dumas, Girardin, Delphine von Girardin, George Sand, Lamar⸗ tine, V. Hugo, der Malerin Roſa Bonheur, mit den Flücht⸗ lingen in Tondon: Ledru Rollin, Pyat, Harro Harring u. ſ. w. nebſt mannichfachen, zur Sitten⸗ und Volkskenntniß dienenden Erlebniſſen in Frankreich, Italien, Schleswig, England und Schottland. Die Verlagshuchhandlung J. L. Kober in Prag. Für Frauen! In meinem Verlage ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: 4 Gedi ch t e von Julie Burow. (Frau Pfannenſchmidt.) 14 Bogen Miniaturformat, 1eg. geheftet, 1 fl. 21 kr. K. M. 7 Ngr. Dasſelbe in engl. Leinwand 1ch gebunden mit 1 Vergoldungen nach L. Claſen's Zeichnung 2 fl. K. M.= 1 ⁄ Thlr. Dieſe Senurlung enthaͤlt in ihren vier Abthei⸗ lungen:„Aus der Jugend, 4„Naturlieder,“„Ver⸗ miſchte Gedichte“ und„Im grauen Haar,“ ſoviel des Echtpoetiſchen und Zartſinnigen, verbunden mit einer ſeltenen aungeinſtelten Meiſterſchaft in der Hand⸗ habung des Verſes, und durchhaucht von der Rein⸗ heit hoͤchſter Weiblichkeit, daß die zahlreichen Freunde der Erzählerin Julie Burow dieſelbe gewiß auch 315 Dichterin liebgewinnen werden. 328 Verlagsbuchhandlung J. L. Kober in Prag. ——— ——— . 8 1„ „—** 1 4 1.. ſnn 8 9 10 11